4 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. Rückgabe eines geliehenen Buches wird ſteht zur Em⸗ von Morgens 2. Lesepreis. Bei jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit e den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus be⸗ beträgt: von ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ gegennahme zahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Büchen: ——.— 3——,— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5„— u 5 9—„ 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 3 — — 4 9, 8 b 2 = e e eͤͤ — Bilder aus dem Leben. SEine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders für Frauenzimmer. Fuͤnfter Theil. Der Schiffbruch nach Mrs. S. H. Burney. Jena, bei Friedrich Frommann, 1 8 2 4 — Schiffbruch ein Roman nach dem Engliſchen der Mr s. S. H. Burney. Jena, bei Friedrich Frommannm, — 1832 1. Erſtes Kapitel. Ein großer Oſtindien⸗Fahrer, der in Geſell⸗ ſchaft mehrerer Schiffe nach Bengalen ſegelte, die einen ſuͤdlichern Weg als gewoͤhnlich einſchlugen, um der Gefahr zu entgehen, zur Zeit des Krie⸗ ges auf feindliche Flaggen zu ſtoßen, wurde durch einen heftigen Sturm von dem uͤbrigen Theil der Flotte getrennt, und litt im Angeſicht der Inſel Amſterdam, zwiſchen dem Vorgebirge der guten Hoffnung und Neu⸗Holland, Schiff⸗ bruch, indem er, nordoͤſtlich ſteuernd, auf eine Reihe von Felſenklippen gerieth, die eine kleine, einſam liegende Inſel des Indiſchen Oceans um⸗ gaben. Nur wenige der am Bord befindlichen Paſſa⸗ giere entgingen dem Tode in den Wellen, da die groͤßere Anzahl entweder auf dem ſinkenden Schif⸗ fe ſelbſt, oder in den uͤberladenen Boͤten ihren Untergang fand. Unter den wenigen, welchen noch das Leben gefriſtet wurde, befand ſich eine Mutter und Tochter, die ſich eingeſchifft hatten, um ſich mit einem geliebten Gatten und Vater wieder zu vereinen, der einen bedeutenden Poſten der eng⸗ liſchen Regierung in Hindoſtan bekleidete. Lady Earlingford, eine Frau von großer Gegen⸗ wart des Geiſtes und vielen vorzuͤglichen Eigen⸗ ſchaften, folgte, im Augenblicke der nahen, un⸗ vermeidlichen Gefahr, da ſie die Boͤte ſchon uͤber⸗ fuͤllt durch die ſich hineindraͤngende Menge ſah, dem Rathe eines erfahrenen Seemanns, und be⸗ fahl ihren Leuten, ihre vor Schreck faſt lebloſe Tochter, an die Truͤmmer eines zerbrochenen Ma⸗ ſtes zu befeſtigen. Nachdem dieſes vor ihren Augen geſchehen war, beſchwor ſie ihre Diener, als einen letzten Beweis der Anhaͤnglichkeit an ihre Herrſchaft, noch ehe ſie in die Boͤte ſpraͤn⸗ gen, auch ſie an denſelben Maſt, der das geliebte Kind trug, zu binden. Ihrem Befehl wurde ge⸗ horcht, und der Erfolg zeigte, daß dies Mittel, —— 7 ſo hoffnungslos und verzweifelt es auch ſchien, den⸗ noch klug gewaͤhlt war. Wenig Augenblicke nachdem man ihren Wil⸗ len vollzogen hatte, vermehrte ſich der Tumult um ſie herum auf eine fuͤrchterliche Weiſe; der Auf⸗ ruhr der Elemente, das Geſchrei der verzweifeln⸗ den Mannſchaft, das Krachen des Schiffes, be⸗ taͤubten ſie in ſolchem Grade, daß auch ſie die Beſinnung verlor, und erſt alsdann Zeichen des Bewußtſeins wieder ſpuͤrte, als ſie ſich in voͤlli⸗ ger Finſterniß, von der Fluth fortbewegt, ſchwim⸗ mend auf den Wellen befand, ohne ſich der Um⸗ ſtaͤnde naͤher erinnern zu koͤnnen, die ſie vom ſin⸗ kenden Schiffe getrennt hatten. Ihr erſter Ge⸗ danke war die Hand auszuſtrecken, um ſich der Naͤhe ihrer Tochter zu verſichern, und nachdem ſie ſich uͤberzeugt hatte nicht von dem geliebten Weſen getrennt zu ſein, ſtieg ein Seufzer des Danks von ihren Lippen gen Himmel, und mit ruhigem Muthe unterwarf ſie ſich in dieſer hoͤchſt unſichern Lage jeder noch drohenden Gefahr. Nach einer ſchrecklichen Nacht, deren man auch ſpaͤter nie ohne Schauder gedenken konnte, ſah Lady Earlingford ſich bei Anbruch des Tages in der Naͤhe einer ſandigen Kuͤſte, die ei⸗ ne kleine reizende Inſel zu begrenzen ſchien. Den Mittelpunkt dieſes anmuthigen Fleckes, welcher in tiefer Stille ſich feierlich vor ihren Augen aus dem Meere erhob, machte ein kegelfoͤrmig empor⸗ ſteigender, hoher Berg, deſſen Seiten durch tiefe Flußbette geſpalten waren. Die Geſtalt und das Anſehen des Berges bezeichneten ihn als vulkaniſch, aber die am Abhange herrſchende Fruchtbarkeit ließ ſchließen, daß lange kein Aus⸗ bruch Statt gefunden haben muͤſſe.— Schon befand ſich das eine Ende des Maſtes, an wel⸗ chem die Mutter gebunden war, auf dem Trocke⸗ nen, und fuͤrchtend, jede heranſchlagende Welle moͤge ihn noch einmal in die offene See treiben, eilte Lady Earlingford die Stricke zu loͤſen, mit denen ſie an demſelben befeſtigt war. Dann ſtieg ſie in die hier ſeichte Fluth, und ſtrengte alle ihre Kraͤfte zur Befreiung ihrer jungen Ge⸗ faͤhrtin an, die noch immer ihrer Sinne gaͤnzlich beraubt, auch dann nicht im Stande war ſich ſelbſt zu helfen, als man ihre Bande geloͤſt hatte. Mit großer Anſtrengung gelang es der Mutter endlich, ſie aus der See zu ziehen, und 9 die theure Laſt am Uſer unter einigen Buͤſchen, auf weichen Sand niederzulegen. Der warme, trockene Fleck, welcher in der Entfernung von wenigen Schritten durch hohe Palmbaͤume ge⸗ ſchuͤtzt war, hinter welchen ſich jetzt die Sonne am oͤſtlichen Horizont majeſtaͤtiſch aus dem Meere erhob, ſchien voͤllig geeignet die Entſchlummerte mit neuer Kraft zu beleben. Waͤhrend die Mutter die naſſen Oberkleider im Sande vor ſich ausgebreitet hatte, und nun das Haupt der Tochter in ihren Schooß legte, um durch unzaͤhlige Liebkoſungen der noch immer Blaf⸗ ſen, Sprachloſen, einen Ton der Stimme zu ent⸗ locken, der ſie voͤllig von ihrem Leben uͤberzeugte, ſtiegen tauſend traurige Gedanken in ihrer Seele auf. Das Gefuͤhl des Dankes gegen die Vor⸗ ſehung, welche ſie dem Tode in den Wellen ent⸗ riſſen hatte, war in dieſem Augenblicke nicht ſtark genug ihr die bange Furcht vor der Zukunft zu benehmen.— Einſamkeit, Abgeſchiedenheit von der Welt war nicht das was ſie, waͤre ſie allein geweſen, am meiſten gefuͤrchtet haben wuͤr⸗ de; wohl aber ſchauderte ſie bei dem bloßen Ge⸗ danken, die Inſel koͤnne vielleicht von Wilden 16 bewohnt ſein. Ihre Thraͤnen benetzten bei dieſer Vorſtellung die bleichen Wangen des ſonſt ſo bluͤ⸗ henden, ſchoͤnen Maͤdchens, das noch immer in ihrem Schooße zu ſchlummern ſchien, und welches nun allen Anſpruch auf die Welt, alle Freuden der Geſelligkeit, wozu ſie durch Stand und Jugend berechtigt war, aufgeben, und nur zu un⸗ zaͤhligen Gefahren in dieſer oͤden Einſamkeit wie⸗ der erwachen ſollte. Kaum hatte Viola ihr ſieb⸗ zehntes Jahr erreicht, liebend und geliebt war ſie hei⸗ ter ins Leben eingetreten, und hier ſchon ſollte dies ſchoͤne Leben vielleicht ſpurlos enden? Ein Strom von Thraͤnen machte endlich dem bangen Mutterherzen Luft; ihre Seele erhob ſich im Gebet zu Gott, der ſie wunderbar gerettet hatte, und ferner beſchuͤtzen werde; geſtaͤrkt ſtand ſie jetzt von ihrem Sitze auf, legte ſanft das ſchoͤ⸗ ne Marmorbild in die erwaͤrmenden Strahlen der Sonne, um ſich in der Naͤhe nach Huͤlfsmitteln umzuſehen, die dem erwachenden Kinde zur La⸗ bung dienen konnten. Oft den Blick nach dem zuruͤckgelaſſenen Kleinod wendend, nahete Lady Earlingford ſich der Baumgruppe, die ſie ſchon von ihrem Sitze aus geſehen hatte. Ein 11 uppig ſchoͤner Raſen zeigte ſich ihrem Auge, und bald entdeckte ſie ein klares, murmelndes Baͤch⸗ lein, welches ſich, durch dichtes Geſtraͤuch lieblich beſchattet, in ſeinen mannigfaltigen Windungen faſt dem Blicke des Wanderers entzog. Die Ufer des Baͤchleins waren mit mannigfaltigen Kraͤutern bewachſen, worunter ſie vorzuͤglich die Waſſer⸗ Kreſſe, als auch in ihrem Lande heimiſch erkannte, ſite auf den erſten Verſuch ſehr ſchmackhaft fand, und keinen Zweifel hegte, daß ſie als geſundes Nahrungsmittel anwendbar ſei. Nachdem ſie nun einige Haͤnde voll davon gepfluͤckt hatte, war ihre naͤchſte Sorge, der Tochter einen friſchen Trunk aus der labenden Quelle mitzubringen; und indem ihr Auge nach einem ſchicklichen Gefaͤ⸗ ße herumirrte, endeckte ſie endlich einen von der Sonne geſpaltenen Kuͤrbis, der voͤllig dienlich zu dieſem Zwecke ſchien. Schnell ihn mit dem kla⸗ ren Waſſer fuͤllend, eilte die zaͤrtliche Mutter jetzt nach dem Flecke zuruͤck, wo ſie die Tochter noch in demſelben Zuſtande antraf, in welchem ſie ſie verlaſſen hatte. Einige Tropfen des kuͤhlen⸗ den Getraͤnks, auf Viola's Stirn und Lippen ge⸗ ſtrichen, riefen ſie indeß bald ins Leben zuruͤck. Schwach hoben ſich die ſo lange feſtgeſchloſſenen Augenlieder empor, ein Seufzer bewegte den Bu⸗ ſen, und obgleich die Lippen ſich noch nicht zum Reden oͤffueten, ſchienen doch ſo ſchreckliche Bilder vor der Erinnerung des armen Maͤdchens aufzu⸗ ſteigen, daß ſie, das matte Haupt auf beide Ar⸗ me ſtuͤtzend, in einen Strom von Thraͤnen aus⸗ brach.— Freundlich weigerte ſie ſich die ihr angebotene Nahrung anzunehmen, bat aber bald darauf mit kaum hoͤrbarer Stimme um einige Tropfen Waſſer. Liebevoll eilte die Mutter den Wunſch zu erfuͤllen, und nicht ſo bald hatte Vio⸗ la den ſie verzehrenden, brennenden Durſt ge⸗ löſcht, als ſie traurig um ſich herumblickte, dann wieder auf ſich ſelbſt zeh, nun furchtſam auf das Meer ſchauete, und endlich mit gepreßtem Her⸗ zen ſragte:„Mutter, theure Mutter! an welche unbekannte Küſte ſind wir geworfen?— Wie kamen wir hierher, und wie kannſt du den An⸗ blick des fuͤrchterlichen Elements ertragen, das uns ſo viel Unheil brachte?“ „Seine Wuth verfolgt uns hier nicht mehr, mein geliebtes Kind; der Kampf iſt voruͤber, alle augenblickliche Gefahr verſchwunden, und der 13 himmliſche Vater, welcher uns geholfen hat die „Noth der vergangenen Nacht zu uͤberſtehen, wird ſeinen Schutz auch hier uns angedeihen laſſen.“ „Wo, wo aber ſind wir?“— fragte Viola mit einem Tone herzzerreißender Angſt;„ſind wir die einzigen menſchlichen Weſen, welche den Sturm uůͤberlebten?“ „Vielleicht nicht; doch bin ich in dieſem Punkte eben ſo unwiſſend als du.“— „Haſt du denn keinen geſehen, keine Stimme gehoͤrt, ſeit dem letzten verzweiflungsvollen Ges ſchrei der Ungluͤcklichen, die wie wir den Tod vor Augen ſahen?— Ach, dies Geſchrei toͤnt un⸗ aufhoͤrlich in meinen Ohren, es verfolgt mich, es treibt mich faſt zum Wahnſinn.“— Bei dieſen Worten verbarg ſie das Geſicht an der Mutter Buſen, und ſchlang die Arme hef⸗ tig um ihren Nacken, als wolle ſie hier Zuflucht und Schutz ſuchen. Lady Earlingford troͤ⸗ ſtete ſie, und beſtrebte ſich ihr Muth einzuſprechen, doch dauerte es lanige, bis es ihr gelang der Tochter Herz in etwas zu beruhigen. Voll Mitleid für die ſo ungluͤcklich Umgekommenen, nannte ſie ihre Namen unaufhoͤrlich, beklagte ihr Schickſal, zaͤhlte 14 die Verdienſte mancher unter ihnen auf, und jammerte uͤber den Schmerz ihrer Angehoͤrigen. Wiederholt rief ſie aus:„Warum bin ich gerettet, da ſo manche Menſchen, deren Leben einen weit groͤßern Werth hat, ein Opfer geworden ſind!“— Ein langes Stillſchweigen folgte, dann aber hob ſie das Haupt mit feierlicher Bewegung empor, und ſagte:„So ſind wir denn alſo verbannt von dem uͤbrigen Theil der Schoͤpfung?— Kein an⸗ deres menſchliches Auge wird uns hier begegnen, keine Toͤne, als die unſrigen, zu unſerm Ohre dringen!— Und wenn uun eins von uns ſtirbt, und das andere———— Oh, es iſt zu ſchreck⸗ lich!“— Ueberwaͤltigt von Angſt und banger Furcht vor der Zukunft, warf ſie ſich weinend auf den Boden.— Die Mutter ſuchte aufs Neue ihr Muth und Vertrauen auf die Fuͤhrungen einer hoͤ⸗ hern Macht einzuſprechen, der ſie ſich beide unter⸗ werfen muͤßten, um ſich eines beſſeren Schickſals wuͤrdig zu machen.„Fuͤr dich beſonders ſchmerzt mich unſere Verbannung,“ ſetzte ſie hinzu,„fuͤr dich und den uns vergebens erwartenden, ach, nun bald tief trauernden Vater!“— 13 Bei dieſen Worten ſtarrte Wiola empor. „Ach,“ rief ſie,„mein armer, armer Vater!— Wie wird dein Herz den harten Schlag ertragen?— Aber ſage mir, theure Mutter, glaubſt du denn, daß wir hier unſer ganzes Leben zubringen muͤſ⸗ ſen?— Kann wirklich ein ſo ſchreckliches Loos unſer warten?— Gott des Erbarmens,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich auf ihre Knie warf, und die weinenden Augen gen Himmel richtete,„rechne mir dieſe Thraͤnen, dies Straͤuben nicht als Ver⸗ brechen an!— Schwach, huͤlſlos, niedergebeugt als ich es bin, kann ich kaum fuͤr meine Worte verantwortlich ſein.— In meinem Gemuͤth iſt ein unaufhoͤrlich wildes Toben, ich habe nur ein be⸗ ſtimmtes Gefuͤhl, das eines Ungluͤcks, welches mei⸗ ne Kraͤfte uͤberſteigt!“— Mit naſſem Blick nahm die Mutter das ſo ge⸗ beugte Kind in ihre Arme, ſprach ihr noch ein⸗ mal ernſt ans Herz, und ſetzte dann hinzu:„Be⸗ denke, ſo lange du mir bleibſt, iſt mir das Leben ſo⸗ gar in dieſer Vuͤſte ertraͤglich. Du biſt jetzt mein Alles, und nur von dir haͤngt mein Daſein ab. Hebe alſo den Blick, theures Maͤdchen, ſei mein Troſt, meine Stuͤtze!— Banne dieſen uͤber⸗ 16 triebenen Punkrer, lerne dein Geſchick ertragen, und flehe mit mir den Allmaͤchtigen um Erge⸗ bung an; er wird uns dann erretten, oder, ſollen wir nach ſeinem unerforſchlichen Willen hier unſer Leben enden, ſo wird er uns die Gnade ertheilen, es in derſelben Stunde mit einander auszuhauchen, damit keins ſich ganz verlaſſen fuͤhle.“ Dies waren die erſten Worte, welche Eindruck auf das bis zur Verzweiflung geſpannte Maͤdchen zu machen ſchlenen.— Amen, Amen! rief ſie heftig weinend aus. Die Mutter, ſie noch immer in ihren Armen haltend, fuhr fort in demſelben Sin⸗ ne mit ihr zu reden, und hatte endlich die unaus⸗ ſprechliche Freude, ſie wenigſtens etwas beruhigt zu ſehen. Die Sonne war waͤhrend dieſer Zeit weit hoͤher am Horizonte geſtiegen, und die zaͤrtliche Mutter, aͤngſtlich beſorgt dem theuren Kinde beſſere Nah⸗ rung zu verſchaffen, als ſie ihr am Morgen geboten hatte, entſchloß ſich endlich ſich darnach umzu⸗ ſehen.„Doch erſt laß uns an die Stelle wieder zuruͤckgehen, wo wir ans Land getrieben wur⸗ den,“ ſagte ſie.„Es ſchwebt mir ſchwach in der Erinnerung, als haͤtte ich eine Art Koffer oder 17 Kiſte neben uns ſchwimmen ſehen; und ſollte meine Vermuthung gluͤcklicher Weiſe gegruͤnder ſein, ſo koͤnnten vielleicht einige Bequemlichkei⸗ ten fuͤr uns daraus erwachſen, die wir ſonſt ſchwerlich im Stande ſein wuͤrden, uns hier zu verſchaffen. Stuͤtze dich auf mich, liebe Voola, und laß uns dorthin gehen, damit wir uns naͤher uͤberzeugen.“ 3 1 Schwach erhob Viola ſich vom Boden; die Sonne, welche ihr laͤngſt Haar und Gewand ge⸗ trocknet hatte, verſchoͤnerte jetzt durch ihre Strah⸗ len die einſame Gegend; nichts aber vermogte die Niedergeſchlagenheit des armen Maͤdchens zu ver⸗ ſcheuchen. Schlug ſie einmal die faſt immer zur Erde geſenkten Augen empor, ſo ſchien es nur als erneuere ſich ihr Schrecken, indem ſie die ihr ſo voͤllig fremden Gegenſtaͤnde um ſich her betrachtete, und leiſe floſſen nicht zu unterdruͤckende Thraͤnen uͤber ihre Wangen. Die Mutter ſtellte ſich als bemerke ſie dieſe Zeichen innrer Trauer nicht, ſon⸗ dern ſuchte ſie auf eine Menge am Strande lie⸗ gender Schalthiere aufmerkſam zu machen, wo⸗ durch ſie im Stande ſein wuͤrden ihren Hunger zu ſtillen. Viola aber wandte den Blick mit B. Sch. 2 Ekel, davon ab, und verſicherte noch zu neu in der Schule des Elends zu ſein, um ſich ſolcher Nahrung zu bedienen, wozu erſt der nagende Hunger ſie zwingen muͤſſe. Jetzt kamen ſie dem Orte nahe, wo ſie ans Land getrieben waren, und ſahen mit nicht ge⸗ ringer Freude wirklich eine Kiſte auf dem jetzt trockenen Sande ſtehen, welche Lady Earling⸗ ford bei naͤhexer Unterſuchung als das Eigenthum ihres Neffen erkannte. Dieſer Juͤngling, der V als Cadett in demſelben Schiffe mit ihnen aus⸗ geſegelt war, und einige Stunden vor dem Stur⸗ me Erlaubniß erhielt, ſich an Bord eines der an⸗ dern Schiffe zu begeben, um einen bekannten Of⸗ ſieier daſelbſt zu beſuchen, hatte nur einige un⸗ entbehrliche Kleinigkeiten mit dahin genommen, und dieſe Kiſte mußte nun, durch ein gluͤckliches Zuſam⸗ mentreffen, ſeinen nahen Verwandten in die Haͤn⸗ de fallen, denen ſie, in der gegenwaͤrtig huͤlfloſen Lage, durch ihren Inhalt von der groͤßten Wich⸗ tigkeit ward. Als man ſie mit großer Muͤhe ge⸗ oͤffnet hatte, entdeckte man darin, außer vieler Waͤſche, noch ein Stuͤck Tuch zur Uniform, eine Flinte, mehrere Feuerzeuge, Schuhe, Wachslichter, 19 einen Kaſten mit Inſtrumenten, einige Buͤcher in engliſcher, franzoͤſiſcher, perſiſcher und mauri⸗ ſcher Sprache, Meſſer, Scheeren, Naͤhnadeln und Zwirn, und einen fertigen, ganz vollſtaͤndi⸗ gen Maͤnneranzug. Dies, nebſt einigen andern Sachen von geringerem Werthe, unter welchen ſich auch noch eine kleine Saͤge und ein Vor⸗ rath von Schreibmaterialien befanden, machten die in dieſer Kiſte enthaltenen Reichthuͤmer aus, welche Lady Earlingford mit Entzuͤcken be⸗ trachtete. Sie ſah ſie als Pfaͤnder goͤttlicher Gnade an, die ihnen von der Vorſehung ge⸗ ſandt wurden, um in ihrer gegenwaͤrtigen Lage nicht zu verzweifeln, ſondern ferner auf den Bei⸗ ſtand des Himmels waͤhrend der harten Pruͤ⸗ fungszeit zu trauen. Durch dieſen Gedanken ſuchte ſie gleichfalls Viola aufzurichten, die aber nur ſtillſchweigend der Mutter Hand an ihr Herz druͤckte, jedoch nicht im Stande war, Freude und Hoffnung mit ihr im gleichen Ma⸗ ße zu theilen. Aengſtlich beſorgt, das neu erlangte Eigenthum vor Unfaͤllen zu ſichern, ließ die raſtloſe Mutter es ihre erſte Sorge ſein, nachdem ſie die ſchwer⸗ 2* ſten Sachen am Strande ausgebreitet hatte, die Kiſte ſelbſt hoͤher ans Land zu ziehen, um ſie ge⸗ gen die wiedereintretende Fluth ſicher zu ſtellen. Dann zuͤndete ſie, mit Huͤlfe eines der Feuerzeuge, einen Haufen zuſammengeraffter duͤrrer Blaͤtter an, verſorgte die hellauflodernde Flamme emßig mit Reiſig, um daran einige der am Strande liegenden Schalthiere zu kochen, die dann, nebſt der ſchon fruͤher geſammelten Kreſſe und einem friſchen Trunk aus der klaren Quelle, das erſte Mahl des einſamen Paares in der neuen Reſi⸗ denz ausmachten. Geſtaͤrkt am Koͤrper durch die zu ſich genom⸗ mene Nahrung, wenn auch nicht erheitert im Gemüth, ließ Viola es ſich gefallen, in Geſell⸗ ſchaft der Mutter eine kleine Wanderung in das Innre der Inſel anzutreten, doch achtete man ſorgſam auf die nun ſchon bekannten, ſie umge⸗ benden Gegenſtaͤnde, um bei der Ruͤckkehr nicht die Stelle zu verfehlen, wo die Kiſte zuruͤckblieb, und Arm in Arm begaben ſich nun Mutter und Tochter auf die kleine Entdeckungsreiſe. — —— —— Zweites Kapitel. Schon in nicht großer Entfernung von der Kuͤſte fing der Boden an ſich merklich zu erhe⸗ ben; die Waͤlder wurden dicker, ſchattiger, eine unendlich groͤßere Verſchiedenheit von Baͤumen, Stauden und Pflanzen zeigte ſich ihrem Blicke. Viele derſelben waren zwar den Frauen voͤllig un⸗ bekannt, jedoch entdeckten ſie einige, deren Namen und Nutzen ihnen nicht fremd waren. Unter dieſen letzteren befand ſich das Zuckerrohr, hier wild, in duͤnnen Buͤſcheln wachſend, ferner der Piſang, bekannt durch ſeine Krone von breiten, lichtgruͤ⸗ nen Blaͤttern und geſunde, mehlige Frucht, der Banyanbaum, der allein ſchon einen ganzen Luſtwald zu bilden ſcheint, der Mango, und die kuͤhlenee Tamarinde. Laͤngs dem Rande des Baͤchleins, deſſen Lauf ſie beſchloſſen ſo lange als moͤglich zu verfolgen, entdecken ſie weite Raͤume, 22 welche mit einer ſpinataͤhnlichen Pflanze beſaͤet ſchienen, die ſelbſt roh dem Gaumen nicht un⸗ ſchmackhaft war. Gruppen von Cocos⸗ und Ci⸗ tronenbaͤumen, und eine andre Art hoher, pal⸗ menartiger Baͤume zeigten ſich ihnen zu ihrer nicht geringen Freude von allen Seiten. Um den Reiz der Sinne bei dieſem Anblick noch zu erhoͤhen, waren die Schatten, durch welche ſie wanderten, von unzaͤhlichen, buntgefiederten Voͤ⸗ geln bewohnt, die durch ihre lieblichen, hellen Töoͤne das Ohr ergoͤtzten. Oft ſtand Lady Earlingford ſtille, um mit Dank und Bewunderung die ſie umgebenden Naturſchoͤnheiten zu betrachten, und liebend ſuch⸗ te das muͤtterliche Auge den faſt immer geſenkten Blick der Tochter, als wolle es fragen:„Giebt es nicht auch hier einen Reiz des Lebens?“— Doch nichts ſchien einen merklich erheiternden Ein⸗ druck auf das Maͤdchen zu machen.—„Sind wir doch allein, verbannt auf immer von der menſchlichen Geſellſchaft, vom Vaterland, von Verwandten, Freunden,“ war ihre Antwort;„und waͤre dieſer einſame Fleck ein Paradies, ich koͤnn⸗ te mich ſeiner Schoͤnheit nicht erfreuen!“— 23 „Kannſt du denn glauben, mein Kind ent⸗ gegnete die Mutter,„daß ich mich nicht ganz in deine Lage verſetze, und ſie mehr beklage als die meinige? In deinem Alter iſt die Einſamkeit, die gaͤnzliche Abgeſchiedenheit von der Welt, al⸗ lerdings weit ſchwerer zu ertragen, als in dem meinigen. Ich habe in meinem ſo viel laͤngeyen Leben des Guten ſchon unendlich mehr genoſſen, habe als Gattin eines geachteten Mannes die Auszeichnung, die ihm ward, getheilt. Dies alles zu entbehren, wird freilich auch mir nicht leicht; doch ſind es nicht die Freuden der großen Welt, die mich locken, weil meine reifere Erfahrung ihnen nicht mehr den zauberiſchen Reiz leiht, den ſie fuͤr deine jugendliche, noch unbefriedigte Einbildungskraft haben.— Gelaͤnge es mir al⸗ ſo nur, dich ergeben in dein Geſchick zu ſehen, ſo wuͤrde ich mich ſelbſt hier noch gluͤcklich nen⸗ nen, weil im Laufe mancher, faſt ununterbrochen ruhig dahingefloſſenen Jahre, kein Gefuͤhl mein Herz ſo erhoben, ſo beſeligt hat, als das, deſ⸗ ſen ich mich auch hier noch erfreuen koͤnnte, das Gefuͤhl Mutter zu ſein!“— Tief geruͤhrt uͤber dieſe zaͤrtlichen Worte, warf Viola ſich ſanft weinend in die Arme der Mut⸗ ter, die ſie mit Innigkeit an ihr Herz druͤckte, und im freundlichſten Tone fortfuhr:„In dem 1 was ich dir eben ſagte, verſuchte ich nur die Quellen zu zeigen, aus welchen mir Troſt zuflie⸗ 1 ßen koͤnnte; laß mich dir nun die Beweggruͤnde darlegen, welche auch auf dich ſelbſt bezogen, ſtark genug ſein ſollten, dich aus dieſer dumpfen Nie⸗ dergeſchlagenheit zu reißen.— Wie weit wir durch den Sturm von dem graden Wege der nach Indien fuͤhrt, fortgetrieben ſind, kann ich nicht beſtimmen; aber was uns begegnet iſt, kann vielleicht von weniger ſchrecklichen Folgen beglei⸗ tet, auch andern begegnen. Andere europaͤiſche Schiffe koͤnnen, aus ihrer Richtung getrieben, ſich dieſer kleinen Inſel nahen, jedoch dem Un⸗ tergange entgehen, in Sicherheit ankern, unſere verlaſſene Lage entdecken, uns Huͤlfe leiſten, und uns zu allem was wir lieben, und unwiederbring⸗ lich verloren zu haben glauben, endlich zuruͤckfuͤh⸗ ren. Erheitre dein Gemuͤth durch dieſen Ge⸗ danken, meine Viola, und wenn die Bitter⸗ keit deiner gegenwaͤrtigen Stimmung dadurch ge⸗ mildert iſt, wenn du mit der wiedererlangten 25 Kraft deiner Seele ruhig unſere ganze Lage uͤberſchauſt, ſo wirſt du erſtaunen, ja ſogar be⸗ ſchaͤmt ſein, wie du auch nur einen Augenblick an der Barmherzigkeit und Guͤte des Weſens zwei⸗ feln konnteſt, das uns ſo wunderbar vom Unter⸗ tergange gerettet hat.“ Viola befand ſich in dem Alter, wo trau⸗ rige Eindruͤcke, ſo ſtark ſie auch ſein moͤgen, dennoch nicht bleibend ſind. Sie horchte endlich auf die erheiternden Vorſtellungen der Mutter, verſprach ihre Klagen zu unterdruͤcken, und es ihre einzige Sorge ſein zu laſſen, die unzaͤhligen Beweiſe muͤtterlicher Liebe, die ſie von der zarte⸗ ſten Kindheit an genoſſen hatte, zu vergelten. Dieſe liebevollen Verſicherungen erfreuten das Herz der Mutter, und beſeelten ſie mit neuer Kraft, alle Widerwaͤrtigkeiten des Ge Beſchicks mu⸗ thig zu tragen. Obgleich ihre Wanderung nur langſam waͤh⸗ rend dieſes Geſpraͤchs fortgeſetzt war, hatten ſie doch bald ein Drittheil des Berges beſtiegen, und ruheten nun aus, ſich an der ſchoͤnen Aus⸗ ſicht labend. Ueber ihnen ſchienen die Felſen kahl, ſchroff und unzugaͤnglich, aber auf dem ſchmalen, 26 gruͤnen Abhange, den ſie jetzt erſtiegen hatten, fanden ſie einen ſchoͤnen Ruheplatz, und weideten den Blick an den mannigfaltigen Reizen, die die Natur dieſem kleinen, unbekannten Eilande ver⸗ liehen hatte, deſſen alleinige Bewunderer und Beherrſcher ſie höchſt wahrſcheinlich waren. Zwi⸗ ſchen zwei, bis uͤber die Haͤlfte des Gipfels uͤp⸗ pig bewachſenen Steinmaſſen, floß ein klarer Bach, deſſen Lauf, durch öͤftere Waſſerfaͤlle unterbrochen, ſich endlich ſilberhell und friedlich, gleich einem reinen Kryſtall dahin ſchlaͤngelte. Sinnend horch⸗ ten die beiden einſamen Wanderer auf das Rau⸗ ſchen der Gewaͤſſer, die von Abgrund zu Abgrund ſchaͤumend uͤber die Steine hinſprudelten, waͤhrend dichte Gruppen von wohlriechenden Orangenbaͤu⸗ men, Tamarinden und Palmen ihnen Schatten und Kuͤhlung gewaͤhrten. Weiter von ihrem Bli⸗ cke entfernt, erhob ſich das in jener ungluͤcklichen Nacht ſo fuͤrchterlich tobende Meer, jetzt ruhig und majeſtaͤtiſch, und ſchien, durch die Strahlen einer wolkenlofen Sonne auf ſeiner Oberflaͤche be⸗ leuchtet, im reinſten ſmaragdnen Farbenſchmuck magiſch wiederzuglaͤnzen. „So ruhig jetzt,“ ſagte Viola leiſe, indem ſie ——Zp⁊&—— 27 den Blick abwendete von dem unermeßlichen Ocean, „ſo ruhig und friedlich heute, und geſtern ſo fuͤrch⸗ kterlich? Du haſt nun deine Opfer verſchlungen, und laͤchelſt im ſchrecklichen Selbſtbewuſtſein uͤber die Groͤße deiner Gewalt!“— Um die Thraͤnen zu verbergen, welche ſich ihr unwillkuͤhrlich bei dieſer Erinnerung wieder auf⸗ drangen, raffte ſie ſich vom Boden auf und ent⸗ fernte ſich einige Schritte, unter dem Vorwande, eine aus der Spalte eines Felſens hervorragende Staude naͤher unterſuchen zu wollen. Lady Sarlingford, ganz im Anblick der Neuheit der Scene, welche ſich ihren Blicken darbot, verloren, bemerkte waͤhrend einiger Minuten die Abweſenheit der Tochter nicht; als ſie ſich aber zu ihr wenden wollte, und die theure Geſtalt nirgend gewahr wurde, ſtieß ſie einen durchdringenden Schrei aus, der das erſchrockene Maͤdchen ſchnell wieder zuruͤckbrachte, um die Urſache davon zu erfahren. Bleich und zitternd, jedoch ein Laͤcheln her⸗ vorzwingend, ſagte die Mutter, indem ſie der wiedergefundenen Tochter Hand druͤckte:„Sieh hier, Viola, auch einen Beweis meiner Schwaͤ⸗ che; kaum hatte ich dich wenige Secunden aus dem 28 Geſicht verloren, als die Furcht vor deinem Ver⸗ luſt ſchon machte, daß ich mich wie ein Kind ge⸗ baͤhrdete.— Verlaß mich nicht wieder, theures Maͤdchen, entferne dich nicht, ich beſchwoͤre dich darum! Dieſer einzige Verſuch, kurz wie er war, hat mich hinlaͤnglich uͤberzeugt, daß wenn ein un⸗ vorhergeſehener Fall mich deiner Gegenwart be⸗ raubte, es auch um meine Vernunft geſchehen ſein wuͤrde.“— 3 Zaͤrtlich die ſo um ſie beſorgte Mutter lieb⸗ koſend, erwiederte Viola:„Vielleicht wirſt du mir eher meinen kleinen Fehler verzeihen, wenn du hoͤrſt, daß meine kurze Abweſenheit eine Ent⸗ deckung veranlaßt hat, die uns von großem Nu⸗ tzen ſein kann. Hinter jenem uͤberhaͤngenden Ge⸗ ſtraͤuch, faſt gaͤnzlich verdeckt durch den vorſtehen⸗ den Felſen, iſt eine trockene, geraͤumige Hoͤhle, geſchuͤtzt gegen den Einfluß der Witterung.— Bei Naͤſſe oder Kaͤlte, Wind oder Hitze wer⸗ den wir dort geborgen ſein. Dazu ſcheint ſie mir, ſo viel ich beim erſten Blicke davon ur⸗ theilen konnte, aus zwei Abtheilungen zu beſte⸗ hen, wovon die vordere, kuͤhlere, uns als Auf⸗ enthalt bei Tage, die andere waͤhrend der Nacht — 29 dienen koͤnnte. Komm mit mir, ſie naͤher zu be⸗ trachten, und ich wette, du ſegneſt den geheimen Zug, der mich zur Entdeckung eines ſo willkom⸗ menen Zufluchtsorts fuͤhrte.“— Durch dieſe Beſchreibung neugierig gemacht, folgte Lady Earlingford ſchnell der Tochter, um die Hoͤhle naͤher zu unterſuchen, die in je⸗ der Hinſicht alles uͤbertraf, was ſie an dieſem einſamen, unangebauten Erdſtriche, von einem Wohnorte erwarten konnte. Da es noch lange nicht Abend war, blieb ihnen hinlaͤngliche Zeit, das meiſte ihres durch die Kiſte erworbenen Eigenthums vor Sonnen⸗ untergang in die Hoͤhle zu bringen, um ſich in der naͤchſten Nacht der Ruhe in ihrer neuen Wohnung erfreuen zu koͤnnen. Die Kiſte ſelbſt waren ſie zwar genoͤthigt am Strande zu laſſen, da das Gewicht derſelben das Maß ihrer Kraͤfte weit uͤberſtieg; der Inhalt aber war ſchnell an den beſtimmten Ort gebracht, und man erfreute ſich bald einiger Ordnung und Bequemlichkeit. Als jetzt die Sonne ſich neigte, pfluͤckte man ei⸗ 4 niges Obſt zur Abendkoſt, und Hand in Hand legten ſich nun Mutter und Tochter, unter in⸗ bruͤnſtigem Gebet, auf die von Blaͤttern und weichem Moos bereitete Lagerſtaͤtte nieder. Obgleich nach einigen Stunden erquickenden Schlafs der Morgen wieder das Gefuͤhl in ih⸗ nen erneuerte, welches ſich uns gewoͤhnlich in einer ungluͤcklichen, oder verlaſſenen Lage mit verſtaͤrkter Gewalt aufd raͤngt, wenn aus dem fuͤßen Schlummer der Vergeſſenheit erwachend, der ganze Umfang unſeres Ungluͤcks gleich einer Zentnerlaſt auf unſer Herz faͤllt: ſo ſuchten ſie ſich doch bald zu troͤſten und zu beruhigen, und das Unvermeidliche ohne Murren zu ertragen; ja ein Gefuͤhl des Danks ſteoͤmte bald uͤber ihre Lip⸗ pen, als ſie Arm in Arm in das Gebuͤſch traten, welches ihre Hoͤhle umgab. Der Morgen war eben ſo heiter und klar, als es der vergangene Abend geweſen war; die Stimmen der Vöoͤgel prieſen die erſten Strahlen der alles belebenden Sonne, die durch den Thau erfriſchten Pflanzen hauchten in unzaͤhligen Trop⸗ fen ihre Wohlgeruͤche aus. Man wanderte 4 zu dem Platze, wo man ſich am vorigen Tage gelagert hatte, und Mutter und Tochter be⸗ gannen nun eine einfache Eintheilung ihrer Zeit 31 zu entwerfen, und uͤber den zweckmaͤßigſten Ge⸗ brauch der europaͤiſchen Koſtbarkeiten zu ſprechen, welche ein guͤtiges Geſchick ihnen hier verliehen hatte. Jede beeiferte ſich, den Nutzen dieſer Dinge hoͤher anzuſchlagen, wie ſie ihn wahrſcheinlich ſelbſt fuͤhlte, um nur das Herz der andern mehr noch dadurch zu erfreuen; was gleich gebraucht, was fuͤr unvorhergeſehene Zufaͤlle aufbewahrt werden ſollte, wurde weislich geſondert, und einiges Obſt, welches Viola von den ſie umſchattenden Baͤumen pfluͤckte, ſaͤttigte und erquickte ſie waͤhrend dieſer Unterhaltung.— Am Nachmittage wanderte man zum Strande, um zur Zeit der Ebbe einige Nahrungsmittel zu ſammeln, welche das Meer dort zuruͤckgelaſſen hatte. Viola erfreute ſich an der Schoͤnheit unzaͤhliger Muſcheln, die, waͤre ſie noch in Europa geweſen, ſie ſorgſam fuͤr ihr kleines Naturalien⸗Kabinett geſammelt haben wuͤrde, denn ſo wie bei ihrer fruͤheren Erziehung und Bildung in keinem Stuͤcke fetwas vernachlaͤſſigt war, ſo war auch durch die Kenntniß der Naturerzeugniſſe, ihr Sinn fuͤr die Schoͤnheiten derſelben geweckt und erhoͤht. 32 Gegen Abend beſchloß man eine neue Wande⸗ rung um den Fuß des Berges, theils um ſich mit dem eigentlichen Umfange der Inſel genauer be⸗ kannt zu machen, theils um ſich immer mehr zu uͤberzeugen, daß dies Eiland wenigſtens nicht von Wilden bewohnt ſei, eine Ungewißheit, die vorzuͤg⸗ lich fuͤr die Mutter noch immity peinlich und quaͤ⸗ lend war. In Viola's Herzen war vom erſten Augenblicke ihres ſchrecklichen Erwachens an die Ueberzeugung, daß es hier keine andere menſchlichen Weſen gebe, ſo beſtimmt, daß ſie in dieſer Hin⸗ ſicht nicht die mindeſte Furcht empfand. Gluͤcklicher Weiſe fand ſich auf der ganzen Wanderung auch keine Spur, die die Mutter in ihrer noch immer ge⸗ hegten Angſt beſtaͤtigen konnte. Da, wo ſie, von einer Auhoͤhe hinab, das ganze Thal zwiſchen dem Berge und der See uͤberſehen konnten, zeigte ſich weder ein Huͤtte, noch ein anderes Zeichen irgend eines menſchlichen Bewohners; alles war ſtill, unangebaut, bluͤhend, ohne bearbeitet zu ſein, furchtbar wegen der Grabesruhe, die uͤberall herrſchte, doch wieder lieblich durch die tile Schoͤnheit, in der es prangte. Die an Hoͤhe und Geſtalt ſo verſchiedenen Baumgruppen gaben 33 der Landſchaft Mannigfaltigkeit und Pracht, und ſchienen von Anbeginn der Schoͤpfung an hier Wurzel gefaßt zu haben; auf dem uͤberall uͤppigen, ebenen Raſen ſah man keine Spur irgend eines menſchlichen Geſchoͤpfs, nichts gab dem einſam wandelnden Paare ein Zeichen, daß außer ihnen der Erdball noch bewohnt ſei, und faſt konnte es ihnen ſcheinen, als waͤren ſie, nach einer allge⸗ meinen Vernichtung des Menſchengeſchlechts, die einzigen uͤbriggebliebenen Weſen ihrer Art.— „Theure Mutter,“ rief Viola,„wird denn die Zeit jemals kommen, wo dieſe bittere Sehnſucht nach verlaſſenen Freunden und genoſſenen Freuden etwas von ihrem Stachel verliert, und wir es ler⸗ nen unſere gegenwaͤrtige Lage ohne innere Scheu und Abneigung zu betrachten?— Wird uns jemals dieſes an ſich anmuthige Eiland auch nur ertraͤg⸗ lich erſcheinen, indem das Herz mit dem Auge in Anerkennung der mannigfaltigen Naturſchoͤnhei⸗ ten uͤbereinſtimmt?— Iſt das menſchliche Ge⸗ muͤth nachgebend genug, um ſich mit einem ſo furchtbaren Wechſel der Dinge ausſoͤhnen zu koͤn⸗ nen?“— „Nur Erfahrung allein,“ erwiederte Lady B. Sch. 3 34 ESarlingford, iſt im Stande uns einen Begriff von dem zu geben, was Gewohnheit und Noth⸗ wendigkeit uͤber uns vermoͤgen. Erzaͤhlt man doch von einem Staatsgefangenen, der, nachdem er eine unendlich lange Zeit im Kerker geſchmach⸗ tet hatte, ſich weigerte, als man ihn ihm end⸗ lich oͤffnete, wieder an die freie Luft zu treten. Gewiß giebt es unter den allgemein anerkannten Sprichwoͤrtern keins, welches ſich guͤnſtiger auf unſern Zuſtand anwenden ließe, als: Gewohn⸗ heit iſt die andere Natur.“ „So muß ich denn dieſen mechaniſchen, lang⸗ weiligen Gang der Dinge als meine einzige Hoff⸗ nung betrachten,“ entgegnete Viola ſeufzend. „Nein, es iſt nicht allein Ungeduld, es iſt Furcht vor einem Zuſtande der Verzweiflung, welches mein Leiden erhoͤht. Waͤre ich ein Mann gewor⸗ den, Mutter, ſo wuͤrden meine ſtaͤrkern Nerven mich gelehrt haben, dies beſſer zu tragen. Der hoͤhere Grad von Kraft und Energie, der dem maͤnnlichen Charakter eigen iſt, wuͤrde gewiß die⸗ ſer oͤden Wildniß einen großen Theil ihrer dum⸗ pfen Grabesſtille nehmen.“ 33 „Hier bin ich nicht deiner Meinung, liebe Tochter. Die eigenthuͤmliche Natur des Mannes iſt raſtlos und ehrgeizig; ſein Streben geht nach Auszeichnung, ſein Vorrecht beſteht in Macht, ſein Gebiet liegt in der Anſtrengung ſeiner Kraͤfte. Wuͤrde nun das Streben eines wahrhaft maͤnnli⸗ chen Geiſtes geduldig dieſes unthaͤtige, wechſello⸗ ſe, einfoͤrmige Leben ertragen? Schwerlich; auch muß ich bekennen, wuͤrde ich den Mann, der in der Fuͤlle der Kraft ſich in ein ſolches unthaͤti⸗ ges, dunkles, nutzloſes Leben ohne Murren fuͤgen koͤnnte, nicht beſonders achten.— Wir Wei⸗ ber, liebe Viola, ſind nicht allein mehr zur Zuruͤckgezogenheit beſtimmt, ſondern wir lernen auch von Jugend an beſſer uns in die Umſtaͤnde fuͤgen, uns der Nothwendigkeit mit mehr Faſ⸗ ſung unterwerfen, als unſere ungeſtuͤmen Gebieter es je zu koͤnnen glauben. Frauen, im gewoͤhnlichen Laufe der Dinge verzagt, verſtehen es dennoch, in bedeutenden Augenblicken der Verzweiflung zu wi⸗ derſtehen, und obgleich ſie allen thaͤtigen Streit ver⸗ meiden, und ihre Kraft ſich nur leidend verhaͤlt, iſt ſie dennoch ausdauernd und beharrlich. Ploͤtzliche Gefahr kann ſie ſchrecken; aber Leiden, Entbeh⸗ 3* 3 rungen, Taͤuſchungen, Sorgen ertragen ſie oft mit wahrer Seelengroͤße, waͤhrend die Maͤnner in aͤhnlichen Lagen erliegen, und zu nußloſem graͤm⸗ lichen Schwachkoͤpfen ausarten.“ „Du haſt mir wahrlich die Ueberzeugung abge⸗ wonnen, liebe Mutter,“ rief Viola laͤchelnd, „daß nur wenige Helden gute Einſiedler abgeben wuͤrden; aber leider ſagt mir mein eigenes Gefuͤhl, daß es eben ſo moͤglich iſt ein ſchlechter Einſiedler zu ſein, wenn man auch keine der Eigenſchaften beſitzt, die einen Helden adeln.“ In dieſen nnd aͤhnlichen Geſpraͤchen waren Stunden verfloſſen; ſchon neigte ſich die Sonne am weſtlichen Horizont, und Lady Earling⸗ ford hielt es gerathen, zu dem Orte zuruͤckzuge⸗ hen, den ſie jetzt als ihre Wohnung betrachtete. Die ganze Wanderung, welche ſie heute mit An⸗ ſtrengung aller ihrer Kraͤfte gemacht hatten, ſchien doch kaum den dritten Theil des Umfangs des Berges zu betragen; an manchen Stellen waren ihre Schritte theils durch Ungleichheit des Bodens, theils durch hervorragende Felsmaſſen, oder her⸗ abſtuͤrzende tiefe, wenn auch nur ſchmale Baͤche ge⸗ . 37 hemmt worden, welche ſie oft nur mit großer Muͤ⸗ he umgehen konnten. Jetzt in der einſamen Heimath angelangt, wo ſie alles in der naͤmlichen Beſchaffenheit fanden, wie ſie es verlaſſen hatten, und ermuͤdet von der Laſt des Tages, ſchliefen ſie mit einem inbruͤnſtigen Gebete zu dem, der ihnen allein Beiſtand und Troſt gewaͤhren konnte, ſanft auf ihrem einfachen Lager ein. Drittes Kapitel. 1 Der darauf folgende Tag und manche anbere ver⸗ floſſen ungefaͤhr auf dieſelbe Weiſe, unausgezeichnet durch andere Begebenheiten, als etwa durch die Entdeckung einer Pflanze, die zur Nahrung dienen, oder das Auffinden einer neuen, romantiſchen Stelle, an der ſich das Auge weiden konnte. Nach und nach lernten die beiden Einſamen auch aus man⸗ chem Dinge Nutzen ziehen, von dem ſie fruͤher keinen Begriff gehabt hatten. 3 So preßten ſie aus der Cocosnuß ein Oel, ſammelten es in einer am Strande gefundenen, tiefen Muſchel, und hatten nun eine Art von Lampe. Die Calabaſſe, oder der Flaſchenkuͤrbis, war ihnen gleichfalls von unendli⸗ chem Nutzen. Verſchiedentlich hatten ſie geleſen, daß die duͤnne, enggenaͤrbte Schale desſelben den Be⸗ wohnern von Weſtindien und Afrika vielfaͤltig zum 39 Geſchirr diene; ſie machten auch hiermit den Ver⸗ ſuch, und fanden ſogar, daß man mehrere Male Waſ⸗ ſer darin kochen koͤnne, ohne daß dieſelbe im gering⸗ ſten beſchaͤdigt wurde. Aus den Blaͤttern des Co⸗ cosbaums und den nachgebenden Zweigen des Bambusrohrs lernte Viola Koͤrbchen von man⸗ cherlei Geſtalt flechten, welche zur Aufbewahrung von Obſt dienten, und uͤberdies noch den Nutzen hatten, daß die Zeit ihr waͤhrend der Verfertigung derſelben angenehm verſchwand. Dieſe und an⸗ dere Beſchaͤftigungen ſtimmten bald das Gemuͤth des Maͤdchens heiterer, und die Mutter ſorgte, ſo viel wie moͤglich, ſie in beſtaͤndiger Thaͤtigkeit zu erhalten. Nur am Abend erlaubten ſie ſich den Gebrauch ihrer kleinen, wiewohl koſtbaren Buͤcher⸗ ſammlung. Die Werke, aus welchen dieſe groͤßten⸗ theils beſtand, waren: eine Bibel, ein Gebetbuch, Miltons verlornes Paradies, einige Theile des Shakespeare, andere aus Plutarchs Leben, Anſon's und Cook's Reiſen, und mehrere wiſſenſchaftliche, doch fuͤr ſie weniger anziehende Autoren. Obgleich viele unter den erſteren ſchon oft und wiederholt in fruͤheren Zeiten von ihnen geleſen waren, enthielten ſie dennoch einen nie ver⸗ 1 40 ſtegenden Ouell der Weisheit und Unterhaltung, und Viola, welche zwar immer gerne geleſen hatte, fand hier, in der Abgeſchiedenheit von der ganzen uͤbrigen Welt, einen ſo hohen Genuß dar⸗ an, daß waͤhrend ſie ſich auf dieſe Weiſe be⸗ ſchaͤftigte, jede Furcht, jede Qual ihrer gegenwaͤr⸗ tigen Lage ſchwand, und ſie, in voͤlliger Vergeſ⸗ ſenheit ihrer ſelbſt, nur in der Phantaſie des Dichters lebte, und ſich mit den Geſtalten ſei⸗ ner Einbildungskraft freuete oder betruͤbte. Zu dieſen Freuden geſellte ſich bald eine andere Beſchaͤftigung, die das jugendliche Gemuͤth gleich⸗ falls anzog. Sie erkohr ſich unter den mannigfal⸗ tigen, geſiederten Bewohnern der Waͤlder einige Lieblinge, die durch ihre Lockungen ſo zahm wur⸗ den, daß ſie das Futter aus ihrer Hand holten, ſie begleiteten, wohin ſie ging, ja ſie ſogar waͤhrend der Nacht nicht verließen, wo ſie ſich auf die von ihr dazu befeſtigten Bambusrohre um ihre Lager⸗ ſtaͤtte herumſetzten, und ſie am Morgen mit ih⸗ rem Geſange erweckten. Sie gab den kleinen Geſellſchaftern beſondere Namen, es war ihr Be⸗ duͤrfniß lebendige Weſen um ſich zu haben, mit denen ſie ſpielen, die ſie liebkoſen konnte, und ——,.— 41 bei dieſem unſchuldigen Zeitvertreibe ſah die Mutter das heitere Laͤcheln ſich wieder auf dem Antlitz der Tochter verbreiten. Schon uͤber drei Wochen hatte das einſame Paar nun in dieſer Abgeſchiedenheit gelebt; der erſte, bittere Kummer war geſchwunden, und ſo⸗ gar Viola, obgleich noch nicht immer in gleicher Laune, fuͤhlte ſich doch wieder lebensluſtiger. An einem vorzuͤglich ſchoͤnen, milden Abende bat ſie die Mutter, ſie auf einen ihrer Lieblingsplaͤtze zu begleiten, wo man, nach einem Wege, der durch Felſenkruͤmmungen fuͤhrte, an einen Abhang kam, von welchem man auf einmal der herrlichſten Ausſicht genoß.„Wir wollen unſern Lieblings⸗ dichter Shakespeare mit dahin nehmen,“ ſagte ſie,„und wenn wir an den ſchoͤnen Fleck gelangt ſind, will ich dir einige Scenen aus ſei⸗ nem immer gleich genußreichen Sturm voorle⸗ ſen, Scenen, die mir jetzt noch um vieles an⸗ ziehender durch die Uebereinſtimmung unſerer eige⸗ nen Lage geworden ſind, von der fie oft das treueſte Bild liefern, indem ſie zugleich meine Einbildungskraft durch die zauberiſchen Geſtalten 1 42 erheben, die ich gleichfalls alsdann in meinem Inneren hervorzurufen ſtrebe.“— „Deine Einbildungskraft ſchafft dir alſo wohl,“ fragte Lady Earlingford laͤchelnd, indem ſie ruhig nebeneinander fortſchlenderten,„mit Huͤlfe der maͤchtigen Zauberin Phantaſie, eine Luft⸗ geſtalt des zarten, aetheriſchen Ariel's, wie er ſich vor dir, als vor ſeinem großen Meiſter beugt, und die Worte des Dichters an dich richtet: „Ich komme zu vollziehn all dein Begehr: „Ich flieg', ich ſchwimm', ich tauch' in Flamm, ich fahr“ „Auf Wirrgewölk hin. Deinem Machtgebot „Frohnt Ariel beſtmöglich.“ „Faſt iſt es ſo, liebe Mutter, und ſaſt moͤgte ich mit dem Ferdinand weinen bei der poetiſchen Beſchreibung des Geiſtes von der Verwandlung des Vaters dieſes armen Prinzen; ich koͤnnte mich uͤberreden, daß ich den troſtloſen Wanderer mit verſchraͤnkten Armen am Strande auf und nie⸗ der wandeln ſaͤhe, horchend auf die falſchen Toͤne, welche ihm die grauſame Kunde bringen, daß er nicht laͤnger einen Vater beſitze.“— „Und verwandelſt du dein eignes, theures Selbſt nicht manchmal, durch dieſelbe Gewalt der Einbil⸗ 43 dungskraft, in die Geſtalt der Miranda, um ſe den armen Prinzen troͤſten zu koͤnnen?“— „Nein, gewiß nicht, liebe Mutter; es wuͤrde mir ſogar ſchmerzlich ſein, irgend ein maͤnnliches Weſen als Theilnehmer unſerer Verbannung zu haben. Du haſt mir die Ueberzeugung gegeben, daß jeder Mann, auf dieſe Weiſe verbannt, ſo unbeſchreiblich ungluͤcklich, ſo widrig, ſo muͤr⸗ riſch ſein wuͤrde, daß ich in meinen ſchoͤnen, gold⸗ nen Traͤumen gewiß keinem den Zutritt in mein Zauberreich geſtatte.— Nein, wir beduͤrfen keiner klagenden Fernando's hier, die die Luft mit ihren Seufzern kuͤhlen!— An Seußzern fehlt es ohnedies unter uns ſchon nicht.“— Als ſie am beſtimmten Orte angelangt waren, fuͤhlte Viola ſich ſo wunderbar ergriffen durch die Schoͤnheit der Gegend, die gerade von den letz⸗ ten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet wurde, daß ſie das mitgenommene Buch neben ſich auf den Raſen legte, und ganz verloren im An⸗ ſchauen war. Lady Earlingford thellte ſtill⸗ ſchweigend ihre Gefuͤhle, und wandte abwechſelnd das Auge bald auf die herrliche Landſchaft, bald aber weilte es noch mit hoͤherem Intereſſe auf dem ſchoͤnen, ausdrucksvollen Antlitz der gelieb⸗ ten Tochter.— Nur zu ſchnell aber ſollte dies ſtille Entzuͤ⸗ cken unterbrochen werden. Ploͤtzlich raffte ſich die Mutter in der groͤßten Haſt auf, eilte auf das, einige Schritte von ihnen befindliche Dickigt des Waldes zu, und ſuchte dort aͤngſtlich nach einem Pfeil, welcher, ihrer Meinung nach, den Augen⸗ blick vorher durch die Luͤfte ziſchte, und in dieſer Entfernung niedergefallen ſein mußte. Viola, die nach einer entgegengeſetzten Richtung ſchauete, hatte weder irgend etwas dergleichen gehoͤrt noch ge⸗ ſehen; aber waͤhrend die Mutter noch ihre aͤngſt⸗ lichen Nachforſchungen fortſetzte, fiel ein verwun⸗ deter Vogel, in der Groͤße eines Faſans, aͤngſt⸗ lich mit den Fluͤgeln ſchlagend, zu ihren Fuͤßen nieder. Es blieb ihr weder Zeit, ſeinen Zuſtand genauer zu unterſuchen, noch ihm Huͤlfe zu ver⸗ leihen, denn als ſie ſich eben mitleidsvoll uͤber ihn beugen wollte, ſtand Lady Earlingford leichenblaß und zitternd vor ihr, und vermogte kaum hoͤrbar die Worte zu ſagen:„Viola, wir muͤſſen unverzuͤglich von hier ſorteilen; frage 45 5⸗ mich nicht weiter, ſondern folge, ſo ſchnell du kannſt.“ Erſchrocken, ohne ſich die Urſache davon erklaͤ⸗ ⸗ ren zu koͤnnen, ergriff das Maͤdchen den Arm ie der Mutter, doch hob ſie noch ſchnell den keu⸗ s, chenden Vogel vom Boden auf, und eilte nun s mit ihrer Gefaͤhrtin in ſchnellen Schritten der m Hoͤhle zu. n⸗ Wirklich hatte Lady Earlingford den er Pfeil deutlich durch die Luͤfte ziſchen gehoͤrt, und a, indem ſie den Kopf nach der Gegend wandte, e, woher das Geraͤuſch zu kommen ſchien, glaubte es ſie aus dem Dickigt einen Bogen hervorſchim⸗ ⸗ mmern zu ſehen, in Form ganz denen gleich, wel⸗ cher die Indianer ſich zu bedienen pflegen; auch 3 beſtaͤrkte der zu Violas Fuͤßen niedergefallene Vogel ſie noch in ihrer Vermuthung. Nun war, d ihrer Meinung nach, kein Zweifel mehr daran, ⸗ daß die Inſel bewohnt, und ihre fruͤher gehegte r Furcht gegruͤndet ſei. Dennoch ſuchte ſie ſich auf d dem Heimwege ſo viel als moͤglich zu faſſen, und wenn Viola die Urſache des ploͤtzlichen Auf⸗ , bruchs von ihr erforſchen wollte, legte ſie ſtill⸗ ſchweigend den Finger auf den Mund, um das 45 arme Maͤdchen nicht unvorbereitet in Schrecken zu ſetzen. Kaum aber waren ſie in der einſa⸗ men Zelle angelangt, als Viola auf's Neue heftiger in die Mutter drang, ſie mit der Urſache ihres Schreckens bekannt zu machen.„Ich glau⸗ be wirklich,“ ſetzte ſie halb ſcherzend hinzu,„du haſt in dem Gebuͤſch irgend eine ſurchtbare Er⸗ ſcheinung gehabt, denn eine unbedeutende Klei⸗ nigkeit haͤtte dich doch nicht ſo außer Faſſung bringen koͤnnen. Sprich, theure Mutter, erklaͤre dich; was haſt du entdeckt, giebt es giftige Schlangen, oder wilde Thiere auf der Inſel?“— Noch immer nicht entſchloſſen, was ſie der Tochter uͤber ihre Vermuthung mittheilen wollte, widerſprach ſie wenigſtens ihren Worten nicht, und jene, ſich das ſelbſtgeſchaffene Bild ausmaa⸗ lend, war zu beſchaͤftigt mit der Vorſtellung von reißenden Thieren und giftigen Schlangen, als daß ſie der Mutter Verlegenheit haͤtte bemerken ſollen.„Ach nun begreife ich auch,“ ſagte ſie, „wodurch der arme Vogel ſo geſcheucht wurde; gewiß ſtellte irgend ein wildes Thier ihm nach, und er war klug genug, ſich zu ſeiner Rettung in unſern Schutz zu begeben.— Armes, unſchul⸗ 47 diges Ding, wie liebe ich dich wegen deines Zu⸗ trauens!— Aber ich fuͤrchte, ſein Fluͤgel iſt ge⸗ brochen, kaum vermag er noch die Augen auf⸗ zuſchlagen.— Mutter, willſt du mir nicht hel⸗ fen fuͤr ihn Sorge zu tragen?“— Die Mutter fuͤhlte ſich in dieſem Augenblicke wenig geneigt, die Rolle eines Wundarztes bei dem Vogel zu ſpielen; indeß um der Tochter zu willfahren, wollte ſie eben Hand ans Werk legen, als das arme Thier auf die Seite ſiel, und bald darauf auf Viola's Schooße ſtarb. Blaß und ſchaudernd ſah das geaͤngſtete Kind auf ihn her⸗ ab, blieb einige Augenblicke ſprachlos ſitzen, be⸗ deckte dann ihr Geſicht mit beiden Haͤnden, und rief traurig:„Ach, liebe Mutter, der Anblick des Todes, ſelbſt der eines armen, ſterbenden Vogels, erregt in dieſer Einſamkeit fuͤrchterliche Gedanken in meinem Innern!— Der Tag muß doch kom⸗ men, wo eine von uns ſo vor den Augen der andern ſterben wird!— Wie groß, wie grenzen⸗ los wird dann der Schmerz der Ueberlebenden ſein!“— Schon aufgeregt durch ihre heimliche Beſorg⸗ niß, fuͤhlte die arme Mutter ſich vollends gebengt durch dieſe traurige, und nur zu wahre Bemer⸗ kung; ſie ſetzte ſich an der Seite ihrer Tochter nieder, ſchlang die Arme um ſie, und weinte heiße, bittre Thraͤnen. Viola warf es ſich zwar vor, die Mutter ſo geruͤhrt zu haben, doch dauerte es lange, ehe beide ihre Faſſung wieder erlangen konnten. Endlich ermannte ſich Lady Earlingford, kuͤßte die Tochter, und bat ſie, dieſen traurigen Gedanken zu bekaͤmpfen; raſch erhob ſie ſich dann vom Boden, und ging nun mit bedaͤchtlichen Schritten die geraͤumige Hoͤhle auf und ab, um uͤber die beſten Mittel nachzu⸗ ſinnen, wie dem Gegenſtand ihrer Furcht nachzu⸗ ſpaͤhen ſei. Bei dem Gedanken, der Pfeil, welcher ſie ſo ſehr in Schrecken geſetzt hatte, koͤnne vielleicht von keinem eigentlichen Bewohner der Inſel, ſondern nur von einem, durch irgend einen Zufall dort gelandeten Indianer abgeſchoſſen ſein, drang ein Strahl von Hoffnung in ihre Seele. Der Ort, wo er ſiel, war keineswegs ſo weit von der Kuͤſte entfernt, um dieſen Umſtand unmoͤglich zu machen.— Vielleicht war der Gefuͤrchtete laͤngſt in ſeinem Canoe wieder von dannen gefahren, ng gſt en, 49 denn die voͤllige Stille, die im Augenblicke des Schreckens an dem Orte herrſchte, ſicherte ihr die Vermuthung, daß es nicht mehrere Menſchen zu⸗ ſammen geweſen ſein koͤnnten. Dieſe Hoffnung ergreifend, beſchloß ſie alle ihre Kraͤfte zu ſammeln, und bei dem ſchoͤnen, hellen Lichte des Vollmonds nach der Stelle zuruͤckzukehren, ſobald Viola eingeſchlafen ſein wuͤrde. Wahrſcheinlich ſchien es ihr, daß der Fremde ſeine erlegte Beute auf dem Vorſprunge, wo ſie geſeſſen hatten, geſucht haben wuͤrde, und noch ein Umſtand ſollte ſie dann von dem Grund oder Ungrund ihrer Furcht uͤberzeugen. Viola hatte naͤmlich, im Augen⸗ blicke ihrer eiligen Flucht vergeſſen, das auf den Naſen hingelegte Buch mitzunehmen; ſollte nun Jemand nach ihnen dageweſen ſein, ſo ſchien es ihr außer allem Zweifel, daß das Buch ſich ent⸗ weder gar nicht mehr da befinden, oder doch von der Stelle genommen und durchblaͤttert ſein wuͤrde. So grundlos dieſe Vorausſetzung auch ſein mogte, ſo ſuchte ſie ſich doch daran zu halten, und beſchloß ihren Plan auszufuͤhren, um ſo bald als moͤglich aus dieſem ſchrecklichen Zuſtande der Ungewißheit zu kommen. B. Sch. 50 Als ſich Viola mit bekuͤmmertem Herzen auf ihre Lagerſtaͤtte niedergeworfen, und endlich feſt eingeſchlafen war, begab ſich die Mutter, nach⸗ dem ſie ſich noch einmal lauſchend uͤber das ſuͤß ſchlummernde Maͤdchen gebeugt, und ſie nebſt ſich dem Schutz des Allmaͤchtigen befohlen hatte, auf die einſame, naͤchtliche Wanderung. Viertes Kapitel. So reizend auch jeder Gegenſtand ſich ihrem Auge darſtellte, im Glanze eines helleren Mondes und klareren Himmels, als ſie ihn je zuvor in Europa geſchaut hatte, ſo befluͤgelte doch Ahnung und bange Furcht zu ſehr ihre Schritte, um ſie an etwas anderes, als das Ziel ihrer Wall⸗ fahrt denken zu laſſen. Feierliche Stille lag uͤber der ganzen Inſel verbreitet, die Luft, obwohl milder als am Tage, war ſo ruhig, daß ſich kein Blatt auf den Wipfeln der hohen Baͤume bewegte; kaum erreichte von Zeit zu Zeit das entfernte Geraͤuſch der ſich am Ufer brechenden Welle ihr Ohr. Jeder Vogel ſchwieg, ſogar die mannig⸗ faltigen Inſecten, welche noch ſo geſchaͤftig und froͤhlich in den Strahlen der untergehenden Sonne herumgeſchwirrt waren, hatten ſich in ihre verborgenſten Schlupfwinkel zuruͤckgezogen, ſo — 4* 5² daß in dieſer gaͤnzlichen Ruhe der Natur nur der leiſe Fußtritt der einſamen Wanderin wieder⸗ hallte. Endlich erreichte ſie die Stelle, wohin eine unuͤberwindliche Neugierde ſie lockte, und in⸗ dem ſie ſchnell einen angſtvollen Blick nach dem Platze warf, wo das Buch gelegen hatte, uͤber⸗ fiel ſie ein Todesſchauder bei der Ueberzeugung, daß es nicht mehr da ſei.— Unfaͤhig ſich auf⸗ recht zu erhalten, lehnte ſie ſich an einen Baum; ihr Herz ſchlug ſo heftig, daß ſie deutlich ſein un⸗ geſtuͤmes Pochen zu vernehmen glaubte.„Jeder Zweifel iſt nun gehoben,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „wir ſind in der Naͤhe eines Weſens, in deſſen Gewalt wir taͤglich fallen, deſſen Raub wir ſtuͤnd⸗ lich werden koͤnnen!— Wie wird es mir fer⸗ ner moͤglich ſein, mich gegen die arme, ſorgloſe Viola zu verſtellen, und wie werde ich ihre Angſt ertragen koͤnnen, wenn ich die Wahrheit nicht laͤnger verbergen kann!— Waͤhrend dieſe Gedanken ſich ihr aufdrangen, fiel ihr ein bisher unbemerkter Gegenſtand ins Auge, der genau an demſelben Flecke lag, wo das Buch fruͤher gelegen hatte. Sie nahete ſich, 53 und entdeckte einige zuſammengebundene todte Voͤgel, von einer aͤhnlichen Geſtalt als der war, den Viola zur Hoͤhle getragen hatte.—„Soll dies ein Gegengeſchenk fuͤr das Buch bedeuten, oder iſt es nur zufaͤllig dort vergeſſen?“— fragte ſich Lady Earlingford; jedoch be⸗ ſchloß ſie, es nicht anzuruͤhren, damit der Eigner nicht durch irgend ein Zeichen entdecken koͤnne, daß die Stelle aufs Neue beſucht worden ſei, und mit dieſem Entſchluß und der fuͤr ſie trau⸗ rigen Gewißheit, daß ſie nicht allein auf dieſer Inſel waͤren, kehrte ſie zur Hoͤhle zuruͤck, wo ſie Viola noch ſchlafend antraf, und ſich ermuͤdet zu ihr auf das Lager warf. Der folgende Tag verfloß, ohne daß man et⸗ was Naͤheres erfuhr. Die zwar noch immer be⸗ ſorgte, indeß jetzt weniger aufgeregte Mutter hielt jeden ihrer Blicke, jeden Ton ihrer Stim⸗ me ſo ſehr in der Gewalt, daß Viola keine neue Anreizung zur Furcht bekommen konnte, doch erlaubte ſie ihr nicht, ſich weit von der Hoͤhle zu entfernen, und als ſie gegen Abend ſich der Zer⸗ ſtrenung in ihrem Lieblingsdichter uͤberlaſſen wollte, und ihn erſt dann vermißte, ward es erblickt?“— 34 ihr, ungeachtet ihrer Bitten, unterſagt, ihn an dem Orte zu ſuchen, wo ſie uͤberzeugt war, ihn zuruͤckgelaſſen zu haben. Wieder ein neuer Tag brach an; die vorſich⸗ tige Mutter, ihrem einmal gefaßten Vorſatze ge⸗ treu, beſtand auch heute beſtimmt darauf, daß Viola die Grenzen ihres ſehr verborgenen Aufent⸗ halts nicht verlaſſen ſolle, und entſchloß ſich, ge⸗ gen Nachmittag allein auszugehen, um einige unentbehrliche Nahrungsmittel zuſammen zu ho⸗ len. Ihre Abweſenheit, obwohl kurz, ſchien der Tochter unendlich lange zu dauern; ſo wie ſie nur eben ihre Ankunft durch das Rauſchen der Blaͤtter und Zweige vernahm, ſtuͤrzte ſie ihr mit Blicken des Entzuͤckens entgegen, indem ſie aus⸗ rief:„Mutter, theure Mutter, wir ſind nicht allein auf dieſer einſamen Erdſcholle! der koͤſtli⸗ che Klang einer andern menſchlichen Stimme iſt wieder einmal zu meinem Ohre gedrungen!“— Eben wollte ſie, weiter reden, als Lady Earling ford erſchrocken ihre Hand ergriff und mit zitternder Stimme fragte:„Hat man dich 35 „Nein, auch habe ich ſelbſt das Weſen nicht geſehen, von dem dieſe ſuͤßen Toͤne herruͤhrten; aber denke dir mein Entzuͤcken, es war die Stim⸗ me eines froͤhlichen, unſchuldigen Kindes! Nie, nie werde ich vergeſſen, welchen Eindruck dieſer wohlthaͤtige Klang auf mich machte. Manchmal ſchien es mir ſogar, als hoͤre ich im Echo ein heiteres Gelaͤchter dazwiſchen erſchallen, und un⸗ willkuͤhrlich ſtimmte ich in die Luſt mit ein.“ „Und hoͤrteſt du keine andere Stimme?“ „Einmal duͤnkte mich, als wenn aus weiter Ferne ein aͤngſtlicher, ungeduldiger Ruf, oder vielmehr ein lauter Schrei ertoͤnte; aber entweder taͤuſchte mich meine Einbildungskraft, oder die Perſon ent⸗ ſernte ſich auch immer mehr, und konnte alſo nicht wieder von mir gehoͤrt werden.“ Nachdenkend ſetzte ſich Lady Earlingford nach dieſer Mittheilung auf ein niedriges Fels⸗ ſtuͤkk vor dem Eingang der Hoͤhle, ohne ein Wort zu erwiedern. Viola betrachtete die Mutter einige Augenblicke mit Erſtaunen, dann machte ſie ſich an ihrer Seite Raum, ſchlang ei⸗ nen Arm um ſie, und fragte liebkoſend:„Warum biſt du ſo ſtill, und ſchlaͤgſt dadurch alle meine froͤh⸗ lichen Hoffnungen nieber?— Sieh, ich ſchmei⸗ chelte mir, auch dir wuͤrde dieſe Nachricht Freude ins Herz bringen; ich malte mir ſchon die Se⸗ ligkeit aus, auf deinem lieben Antlitz wieder ein heitres Laͤcheln zu ſehen!— Woher kommt es 5 denn, daß du nun noch ernſter, noch trauriger wirſt?“— Die Mutter, welche jetzt glaubte das Still⸗ ſchweigen brechen zu muͤſſen, erwiederte ſo ge⸗ faßt als moͤglich:„Hoͤre, mein theures Kind, was mich beunruhiget: Es ſcheint mir aus deiner Erzaͤhlung moͤglich, ja wahrſcheinlich, daß ſich Weſen in unſerer Naͤhe befinden, mit deren Gebraͤuchen, Geſinnungen und Vorurtheilen wir voͤllig fremd ſind. Vielleicht werden ſie uns als ungebetene Gaͤſte betrachten, und uns mit ſchelem Auge anſehen; vielleicht koͤnnen ſie uns hart druͤcken, ja ſelbſt zu ihren Sclaven machen. Wie ſollen wir ihnen widerſtehen? Viola, ich muß endlich ohne Ruͤckhalt mit dir ſprechen. Du erinnerſt dich des Vorfalls vor einigen Tagen, als ich dich ſo ſchnell zwang, mit mir von jenem ſchoͤnen Platze hinwegzueilen. Kein wildes Thier 3 erregte damals meine Furcht, ich ſah einen Pfeil * O 9 77— — 57 durch die Luͤfte fliegen, deſſen Beute der arme Vogel wurde. Die Ueberzeugung, daß wir uns in naher Gefahr befaͤnden, uͤberwaͤltigte mich in dem Augenblicke; dennoch beſchloß ich, dir kein neues Grauſen vor die Seele zu bringen; ich uͤberwand meine Furcht, und eilte, um naͤhere Aufklaͤrung zu erhalten, noch in der naͤmlichen Nacht nach dem Orte zuruͤck.— Unſer Buch lag nicht mehr an der Stelle, wo wir es gelaſſen hatten; aber zum Erſatz dafuͤr war ein Haufen getoͤdteter Voͤgel hingelegt, gleichſam als wolle man dadurch einen Tauſch mit uns eingehen.“— Anſtatt erſchrocken uͤber dieſe Erzaͤhlung zu werden, heiterte ſich Violas Antlitz immer mehr auf; ſie ſuchte ihre Mutter zu bereden, daß der ſchon nicht ſeindſelig gegen ſie geſinnt ſein koͤnne, der fuͤr eine zwar genommene Gabe, doch wenigſtens eine andere wieder reiche.„Ge⸗ wiß, Mutter,“ ſetzte ſie hinzu,„die Wilden, die hier vielleicht wohnen, ſind ein gutmuͤthiges Voͤlk⸗ chen, und,— entzuͤckender Gedanke!— dann koͤnnen ſie uns behuͤlflich ſein, uns mit ihren Fahrzeugen an eine Kuͤſte zu bringen, an welcher europaͤiſche Schiffe landen, und ſo gelangen wir 58 durch ſie wieder zu Freunden und Vaterland!“— Hoffnung, gleichwie Sorge, wenn geliebte Lip⸗ pen ſie auf uns uͤbertragen, verfehlt ſelten den Weg zum theilnehmenden Herzen. Die Mutter fuͤhlte ſich wenigſtens erheitert durch die froͤh⸗ lichen Ausſichten der Tochter; geſtaͤrkt durch ihre Hoffnung, betrachtete ſie die Dinge von einer weniger ſchwarzen Seite, und ließ ſich ſogar von den roſenfarbnen Plaͤnen und Ausſichten der Ju⸗ gend in ſo ferne hinreißen, daß ſie ihnen das Laͤcheln des Beifalls nicht verſagen konnte. Die noch uͤbrigen Stunden des Tages brachte man im Geſpraͤche uͤber die wahrſcheinlich in ih⸗ rer Naͤhe lebenden Mitbewohner der Inſel zu. Viola dachte am liebſten an die kindliche Stim⸗ me, die am Morgen ihr Ohr entzuͤckt hatte; es ſchien ihr ſogar von guter Vorbedeutung, dieſen Ton der Unſchuld zuerſt vernommen zu haben. „Und ſollte es denen,“ ſetzte ſie hinzu,„welche willig zur Froͤhlichkeit eines Kindes beitragen, ſeine Pfleger und Beſchuͤtzer ſind, an Großmuth feh⸗ len, zwei huͤlfloſen, verlaſſenen, weiblichen We⸗ ſen ihren Schutz und Beiſtand angedeihen zu laſſen?— Nein, theure Mutter, wo dieſe ſchoͤ⸗ 59 nen Bande natuͤrlicher Neigung herrſchen, wo es gute und zaͤrtliche Eltern giebt, da darf der ungluͤcklich Verbannte auch gewiß hoffen Schutz zu finden.“— So ſehr Lady Earlingford's Seele ſich auch durch die lieblichen Plaͤne der Tochter gehoben fuͤhlte, konnte ſie ſich dennoch nicht uͤber⸗ winden, dieſe der Gefahr der erſten Entdeckung Preis zu geben, und theilte ihr alſo ihren ge⸗ faßten Vorſatz mit, allein auszugehen, um die Spur der Einwohner zu verfolgen.— Auch in dieſen Vorſchlag fuͤgte ſich Viola, aus deren Gemuͤth nun auf einmal alle Furcht verbannt ſchien, und die nur vor Verlangen brannte, ihre kuͤnftigen Befreier aus dieſer Abgeſchiedenheit von der uͤbrigen Welt naͤher kennen zu lernen. Sobald alſo die Abendluͤfte kuͤhler zu faͤcheln begannen, nahmen Mutter und Tochter freudig von einander Abſchied, und Erſtere wandelte abermals dem Orte zu, wo ſie glaubte, fruͤher die Spur menſchlicher Weſen bemerkt zu haben. Ohne irgend etwas Ungewoͤhnliches zu entde⸗ cken, war ſie ſchon eine Weile fortgeſchlendert; mit geſpannter Erwartung und klopfendem Herzen und Zuͤgen das Gepraͤge der lieblichſten Unſchuld nahete ſie ſich jetzt dem letzten rauhen Pfade, der durch Felsmaſſen auf den Vorſprung fuͤhrte. Forſchend ſuchte ihr Auge, ob auch hier voͤllige Sicherheit herrſche; wer aber beſchreibt ihr Erſtaunen, als dieſer erſte Blick auf zwei menſchliche Geſtalten fiel, welche unter dem Schatten eines Tamarin⸗ denbaumes lagen, und dem Anſcheine nach bei⸗ de keine Wilde, ſondern Europaͤer waren. Ei⸗ ner derſelben, ein Mann, der ſich mit dem Ar⸗ me auf den Raſen lehnte, waͤhrend die Hand das ſchoͤngeformte, unbedeckte Haupt ſtuͤtzte, ſchien gaͤnzlich mit dem Leſen eines vor ihm liegenden Buchs beſchaͤftigt, und dieſes Buch war daſſelbe, welches Viola vermißt hatte. Bogen und Pfeile ruheten an ſeiner Seite, und an ſeine Bruſt gelehnt, ſchlummerte ein Kind von unge⸗ faͤhr vier oder fuͤnf Jahren, das in Form trug. Bewegungslos ſtand Lady Earlingford einige Augenblicke ſtille, um ſich an dem ſo ganz unerwarteten Anblick zu weiden. Der Fremde ſchien ſie durchaus nicht zu bemerken, ſein Blick ruhete unverwandt auf dem Buche. Die Stellung, 61 in welcher er lag, verbarg zwar ſein Geſicht ihrem Auge; aber die Geſtalt verrieth die Fuͤlle der Jugend, ſo wie Form und Farbe der Hand zeig⸗ ten, daß dieſe fruͤher gewiß nicht an harte Arbeit gewoͤhnt geweſen ſei, und man in der ganzen Er⸗ ſcheinung den Mann aus dem gebildeteren Stande nicht verkennen konnte. Indem unſere Dame jetzt eine leichte Bewe⸗ gung machte, ward der Fremde ploͤtzlich durch ein zufaͤlliges Geraͤuſch aus ſeinen einſamen Be⸗ trachtungen gezogen; er wandte das Haupt nach der Seite, woher jenes zu kommen ſchien, bei⸗ der Augen begegneten ſich, ſie erkannten einander, und mit einem Ausdruck ſchmerzhafter Taͤuſchung und nicht zu verkennenden Verdruſſes bereitete ſich Lady Earlingford, ſchnell davon zu ei⸗ len. Waͤhrend der Zeit aber hatte der Fremde ſich emporgerafft; einen Augenblick ſtand er unent⸗ ſchloſſen, dann faltete er bittend ſeine Haͤnde, als wolle er ſie beſchwoͤren zu bleiben, und rief mit einem halb vorwurfsvollen Tone:„Iſt meine Gegenwart ihnen denn ſogar in einer menſchenleeren Wuͤſte unertraͤglich?— Auch hier, 62 wo ſie keinen ihres Gleichen erblicken, behandeln ſie mich feindlich? Iſt das nicht zu rachfuͤchtig, ja ſogar barbariſch, unmenſchlich, unchriſtlich?“— „Seindſchaft iſt nicht das vorherrſchende Gefuͤhl meiner Seele,“ erwiederte die Lady;„es thut mir leid, ſie in einer ſo verlaſſenen Lage zu ſehen, und mein fruͤher gegen ſie gehegter Groll verliert ſich in Mittleid daruͤber. Welche Erleichterung aber kann mein Hierbleiben ihnen verurſachen?— Nein, Herr Fitz Aymer, ſie ſelbſt ſtellten eine Schei⸗ dewand zwiſchen uns auf; ihr Betragen kann un⸗ ſer Zuſammentreffen an keinem Flecke der Erde wuͤnſchenswerth machen.“— „Sie beklagen meine Lage,“ wiederholte er bitter;„unmenſchlicher Spott! Welch ein Herz muß in ihrem Buſen ſchlagen, wie erſtorben muͤſſen alle Gefuͤhle der Geſelligkeit in ihnen ſein, daß ſie, nach dem was wir beiderſeits erfahren haben, die einzige Moͤglichkeit eines menſchlichen Umganges von ſich ſtoßen!— Hoͤren ſie mich,“ fuhr er ſort,„und dann ſtaunen ſie uͤber dieſe Vorwuͤrfe, wenn es ihnen moͤglich iſt! So groß iſt mein Verlangen nach dem Anblicke eines menſchlichen Geſchöpfes, daß ſelbſt der verruchteſte 63 Naͤuber oder Moͤrder, traͤfe ich ihn hier, mir willkommen ſein wuͤrde.— Mit Freuden wuͤrde ich ihn betrachtet, der Ton ſeiner Stimme wuͤrde wenigſtens die druͤckende Eintoͤnigkeit dieſer ſchreck⸗ lichen Oede unterbrochen haben. Kann mein An⸗ blick ihnen denn widriger ſein, als ein ſolcher Elender es mir geweſen ſein wuͤrde?“— „Dies iſt eine Frage, welche in jeder Hinſicht uͤberfluͤſſig zu beantworten iſt. Ich habe ihr Be⸗ tragen getadelt, und ſie ſelbſt wiſſen, wie ſehr ich Urſache dazu hatte; andere aber haben lobend von ihnen geredet, andere, denen ſie nicht gleiche Ur⸗ ſache zur Beſchwerde gegeben, haben laut ihre Verdienſte geprieſen. Warum mußten ſie ſelbſt mich von der Anzahl derer ausſchließen, die die⸗ ſen Verdienſten auf aͤhnliche Weiſe Gerechtigkeit wiederfahren laſſen konnten?“ „Erlauben ſie mir zu bemerken, daß wohl Uebertreibungen auf der einen wie auf der andern Seite ſtatt gefunden haben moͤgen; aber, um des Himmels willen, ſtreiten wir in einem Augen⸗ blicke, wie der gegenwaͤrtige iſt, nicht uͤber verſchie⸗ dene Meinungen! Betrachten ſie mich jetzt einzig als den Gefaͤhrten ihres Ungluͤcks, dem es zur hoͤchſten Freude gereichen wird, ihnen auch nur im geringſten nuͤtzlich ſein zu koͤnnen. Gebieten ſie uͤber mich, ſetzen ſie alle meine Faͤhigkeiten auf die Probe! Ich werde nichts, was nur ir⸗ gend in meiner Macht ſteht, unverſucht laſſen, ihr gegenwaͤrtiges Schickſal zu erleichtern.“— Gegen ihren Willen beſtochen durch die freundli⸗ chen Worte des jungen Mannes, ſchien der Ausdruck der Strenge immer mehr von Lady Earling⸗ fords Stirn zu ſchwinden; ſie dankte ihm ſogar in verbindlichen Ausdruͤcken. So wie er den uͤber ſie erlangten Vortheil bemerkte, bat er ſie, nicht ſo ſchnell von hinnen zu eilen, und erkun⸗ digte ſich theilnehmend nach der Art ihrer Rettung von dem zertruͤmmerten Schiffe. Sie theilte ihm die naͤheren Umſtände davon mit, und wuͤnſchte gleichfalls zu wiſſen, wie er der. nahen Todesge⸗ fahr entgangen ſei. „Theils durch Schwimmen,“ antwortete er, „theils weil ich mich an ein Brett anklammerte, auf welchem ich an dieſe Inſel geworfen wurde. Wahrſcheinlich erreichte ich das Ufer an einer von der ſehr entlegenen Stelle, wo ſie ans Land ge⸗ trieben wurden, ſonſt muͤßten wir uns fruͤher be⸗ 65 gegnet ſein; doch bis vorgeſtern hegte ich auch nicht die leiſeſte Vermuthung, daß dies Eiland ir⸗ gend einen andern Bewohner enthalte, außer die⸗ ſem Kinde und mir.“ „Und wer iſt dieſer liebe, kleine Knabe,“ fragte Lady Earlingford, mit einem Blicke, der voll Bewunderung und Mitleid auf dem Kinde ruhete.„Sie haben doch keinen juͤngeren Bruder?“— „Nein, wir Beide ſind durchaus nicht mit einander verwandt. Er iſt der Sohn einer Dame die auf dem Schiffe umkam, ſich waͤhrend der ganzen Reiſe ſchon ſehr krank fuͤhlte, und daher ſelten auf dem Verdecke unter den Paſſagieren er⸗ ſchien. Ich kannte ihren Mann, ehe er nach In⸗ dien ging; er war Offizier in demſelben Regiment, in dem mein Bruder ſtand, und ich hatte, bei meinem erſten Eintritt in die Armee, unter ihm gedient. Dies gab mir einen Vorwand die Be⸗ kanntſchaft ſeiner Frau zu ſuchen, und da mich uͤberhaupt eine groͤßere Geſelligkeit nicht anſprach, indem ich eben erſt von einer ſchweren Krankheit geneſen war, wurden wir bald unzertrennliche Gefaͤhrten waͤhrend der Reiſe, aßen von denſel⸗ B. Sch. 5 ben Speiſen und freuten uns als Kranke denſel⸗ ben Zuſtand der Ruhe zu genießen. Als das Angſtgeſchrei der nahen Todesgefahr das Schiff durchdrang, empfahl ſie mir ihren Sohn auf das dringendſte, umarmte und ſegnete ihn, und beſchwor mich, nicht zu zoͤgern, um ihn und mich, wenn es moͤglich ſei, zu retten. Jedoch vermogte ich es nicht eher mich von ihr loszureißen, bis der letz⸗ te, fuͤrchterliche Augenblick ſich nahete; da, als kei⸗ ene andere Rettung mehr moͤglich war, legte ſie mir ihr Kind aufs Neue in die Arme, und trieb mich mit einer Art Begeiſterung hinweg.— Faſt außer mir, umſchlang ich den Knaben feſt, klammerte mich mit ihm an ein Brett, und uͤber⸗ gab mich den Wellen.“— 4 Aufgeregt durch die Erinnerung eines ſo ſchrecklichen Momentes, hielt Fitz Aymer hier mit Reden inne; eine Thraͤne des tiefſten Schmerzes rollte uͤber ſeine maͤnnliche Wange. Auch Lady Earlingford vermogte kein Wort zu erwiedern; das mutterloſe Kind war indeß er⸗ wacht, und hatte ſich ſchmeichelnd an ſie gedraͤngt; ſie zog es an ihre Bruſt, und ſchaͤmte ſich in die⸗ ſem Augenblicke der feindlichen Gefuͤhle, die ſie 67 gegen ſeinen Erretter hatte naͤhren koͤnnen. Nachdem Fitz Aymer ſich etwas gefaßt hatte, fuhr er fort:„Wenn irgend ein Verdienſt in der Angſt und dem Kampfe liegt, welche ich des Knaben wegen erduldet habe, ſo iſt mir alles tauſendfaͤltig durch ihn belohnt. Seine unbe⸗ grenzte Anhaͤnglichkeit an mich, ſein kindliches Hingeben, ſein heitres Weſen, ſeine gaͤnzliche Sorgloſigkeit für die Zukunft, ſeine Zufriedenheit mit der Gegenwart, ſind oft ſchon Quellen des Troſtes fuͤr mich geweſen. Nie fuͤhlte ich bis jetzt den Segen fuͤr ein geliebtes Geſchoͤpf zu ſor⸗ gen, nicht allein fuͤr mich da zu ſtehn, in ſolchem Maße. Waͤre ich einſam an dieſe unbewohnte Kuͤſte getrieben, mein Daſein wuͤrde mir ſo ſchrecklich, ſo zwecklos erſchienen ſein, daß ich es kaum der Muͤhe werth geachtet haben wuͤrde, fuͤr die Erhaltung deſſelben zu ſorgen.— Aber ich fuͤrchte, ihre Geduld auf eine zu harte Probe zu ſetzen, indem ich ſo lange von mir rede; er⸗ lauben ſie mir jetzt zu fragen, wo ſie ſich bisher verborgen gehalten, wo ſie ein Obdach waͤhrend der Nacht gefunden haben?— Ihr Aufenthalt muß ſo verſteckt ſein, daß vermuthlich nichts 5*† mir die Freude ihnen zu begegnen verſchafft haben koͤnnte, als das Verlangen dieſen verlornen Schatz wiederzufinden, den ſie an demſelben Orte aufſuchten, wo ſie ihn zuruͤckgelaſſen hatten.— Koͤnnen ſie mir verzeihen, daß ich mich ſeiner be⸗ maͤchtigte?— Wenn ſie wuͤßten, welch einen Troſt ich in dieſem Buche gefunden, welche Freude es mir ſchon gewaͤhrt hat, wuͤrden ſie ſelbſt mir dieſen kleinen Raub nicht zu hoch anrechnen.“— Lady Earlingford, weit entfernt, ihn deshalb zu tadeln, bat ihn vielmehr das Buch fuͤrs erſte ruhig zu behalten, da es ihr nicht an andern ähnlichen Quellen der Erheiterung fehle. Sie erzaͤhlte ihm nun den gluͤcklichen Zufall mit der Kiſte ihres Neffen. „Ich ſah ſeinen Namen vorne im Buche ge⸗ ſchrieben,“ erwiederte Fitz Aymer;„aber bleibt ihnen nicht der Troſt, ihn unter den Ge⸗ retteten zu wiſſen?“— Schon war ſie im Begriffe zu antworten, als er, ihre ſich ploͤtzlich erheiternde Miene auf dieſen Gegenſtand deutend, raſch einfiel:„Er lebt!— ich leſe es in ihrem Auge!— Vielleicht iſt er ſogar der Gefaͤhrte ihrer Einſamkeit?“— 2 er 69 Ein Gedanke war jetzt gleich einem Blitzſtrahl durch die Seele der Mutter gefahren; ein gluͤck⸗ licher Irrthum ſollte ſie vor vielen Leiden bewah⸗ ren, und ein Wink der Vorſehung ſchien ihr das Mittel aus dem Munde des jungen Mannes dazu eingegeben zu haben.— Mitt halb ſcherzhafter, zweideutiger Miene antwortete ſie ſchnell:„Sie werden ſich ſelbſt bald genug uͤberzeugen, daß ich nicht ohne Gefaͤhrten bin, doch muͤſſen ſie ihre Un⸗ geduld zu erfahren von welchem Geſchlecht dieſe ſind, bis morgen verſparen.“ Nach dieſen heiter hingeworfenen Worten wollte ſie ſich eiligſt entfernen, als er ſie heftig zuruͤckhielt, und faſt außer ſich rief:„Koͤnnen ſie grauſam genug ſein, von mir zu verlangen, daß ich, nachdem ich erfahren habe, daß ich nicht mehr allein auf dieſem Eilande bin, mich mit die⸗ ſem Beſcheid begnuͤgen ſollte?— Nein, Myla⸗ dy, ſie ſollen, ſie duͤrfen ſich nicht entfernen, ehe ſie mir nicht genau die Stelle bezeichnet, wo ſie ſich aufhalten, und die Zeit beſtimmt haben, wann ich ſie wiederſehen darf. Lieber, tauſend⸗ mal lieber moͤgte ich mich von ihnen mit der groͤßten Abneigung, mit der ſtrengſten Haͤrte be⸗ handelt ſehen, als jetzt aufs Neue wieder zu der ſchrecklichen Einſamkeit verdammt werden, aus welcher ein gluͤckliches Geſchick mich ſo eben zu reißen ſcheint.— Obgleich Lady Earlingford keinen Gefal⸗ len an dem gebieteriſchen Tone fand, in welchem dieſe Worte ausgeſprochen wurden, hielt ſie es dennoch der Klugheit wenig gemaͤß, den heftigen jungen Mann durch eine harte Antwort noch mehr aufzubringen, ſondern erwiederte gelaſſen: „Da ich gewiß nicht ohne Mitgefuͤhl fuͤr ihre Lage bin, entſchuldige ich den Ungeſtuͤm ihrer Worte, voͤllig uͤberzeugt, daß ſie ſich, was auch uͤbrigens ihre herrſchenden Fehler ſein moͤgen, in keiner andern Lage ſo vergeſſen wuͤrden, die ei⸗ ner Frau gebuͤhrende Achtung aus den Augen zu ſetzen. Rufen ſie aber jetzt ihre fruͤhere gute Laune zuruͤck, und erlauben ſie mir friedlich von dannen zu gehen. Morgen, gegen Nachmittag werde ich wieder hier ſein, und nicht allein; bis dahin leben ſie wohl.“— „Aber darf ich ſie nicht nach dem Orte ihres Aufenthalts begleiten, oder wenigſtens waͤhrend einer Strecke des Weges ihr Fuͤhrer ſein?“— 71 „Sie duͤrfen es ohne Zweifel, ſobald ſie dar⸗ auf beſtehen; aber ich wuͤnſchte daß ſie es un⸗ terließen. Sie haben mir ihre Dienſte in jeder Hinſicht angeboten; ich bitte jetzt nur um die Ach⸗ tung, die der Mann von Ehre den Wuͤnſchen einer Frau ſchuldig iſt, welche ſich in ſeiner Ge⸗ walt befindet.“ Es ſchien fuͤr Fitz Aymer etwas ſo außer⸗ ordentliches in der hartnaͤckigen Weigerung einer an ſich ſo unbedeutende Sache zu liegen, daß ein Verdacht der wahren Urſache dieſer Weigerung ploͤtzlich ſein Gemuͤth entflammte, und ſeine dunk⸗ len Augen vor Freude glaͤnzen machte.— Er ſchlug ſie zu Boden, um ſeine innere Bewegung zu verbergen, verſicherte die Dame, daß ihr Wille ſein Geſetz ſein ſolle, und geſtattete ihr ſich fort⸗ zubegeben, ohne es zu wagen, ergend eine weitere Vorſtellung zu aͤußern. Fuͤnftes Kapitel. — Da die Abweſenheit der Mutter diesmal weit laͤnger gedauert, als Viola erwartet hatte, warf ſie ſich ihr bei ihrer Wiederkunft mit einer Mi⸗ ſchung von freudiger Ruͤhrung um den Hals, in wel⸗ cher ſie ſich, waͤhrend der erſten Augenblicke nur durch Thraͤnen, Laͤcheln und Liebkoſungen verſtaͤnd⸗ lich machen konnte. „Nie, nie darfſt du mich wieder ſo lange ver⸗ laſſen,“ rief ſie endlich;„nie meinen Gehorſam wieder auf eine ſo harte Probe ſtellen! Ich habe deinetwillen eine unbeſchreibliche Angſt ausge⸗ ſtanden! Was kann dich ſo lange zuruͤckgehalten haben?“—. Lady Earlingford, die waͤhrend ihres einſamen Heimweges ſchon den ganzen Plan ihrer Handlungsweiſe entworfen hatte, war nun hin⸗ 73 laͤnglich auf die ihrer Tochter zu gebende Antwort vorbereitet. „Liebes Kind,“ erwiederte ſie,„ich habe dir einen Vorfall mitzutheilen, der, wenn er auch nicht gerade geeignet iſt, viel zu unſerer Zufrieden⸗ heit beizutragen, uns doch, ſobald wir uns klug benehmen, nicht eben ſchaden kann. Wir ſind nicht die einzigen vom Schiffbruch geretteten Per⸗ ſonen; zwey andere Europaͤer beſinden ſich gleich⸗ falls auf dieſer Inſel.“ Entzuͤcken leuchtete aus Viola's klarem Auge, als ſie dieſe Worte vernahm.„Koͤſtliche Nach⸗ richt!“ rief ſie;„und wer ſind dieſe geretteten Un⸗ gluͤcksgefaͤhrten?“— „Steigere deine Erwartungen nicht zu ſehr,“ fiel die Mutter ein;„die Taͤnſchung moͤgte ſonſt zu bitter ſein. Einer von ihnen iſt ein Officier, den du vielleicht zufaͤllig einmal waͤhrend der Reiſe auf dem Verdecke geſehen haben kannſt. Er heißt Fitz Aymer; erinnerſt du dich ſei⸗ ner?“— „Nicht im geringſten; aber wir gingen ſo ſel⸗ ten vor der Abenddaͤmmerung aufs Verdeck, und es befanden ſich ſo viele Officiere an Bord, daß 74 ich vielleicht oft an ihm kann vorbeigegangen ſein, ohne zu wiſſen wer er war.“ „Der Wunſch, dieſem Manne nicht zu begeg⸗ nen, war gerade eine der Haupturſachen, wes⸗ halb ich mich ſo ſelten unter die Geſellſchaft miſchte. Auch er freilich ließ ſich nicht oft blicken, da er ſich in einem kraͤnklichen Zuſtande befand; doch bemaͤchtigte ſich meiner von dem Augenblicke an, da ich hoͤrte daß er mit unter den Paſſagieren ſei, eine gewiſſe Furcht ihn zu treffen. Unſere Familie hat ſich ſchwer uͤber ihn zu beklagen, und beſonders dein Vater hegt einen Groll gegen ihn, den die Zeit ſchwerlich je erloͤſchen wird. Haͤtte ich gewußt, daß er die Reiſe in demſelben Schiffe un⸗ ternehmen wuͤrde, ſo haͤtte ich lieber Verzicht dar⸗ auf geleiſtet, als mich ſeiner Geſellſchaft auszu⸗ ſetzen. Doch wurde dieſe Entdeckung zu ſpaͤt ge⸗ macht, und ſo nahm ich deinen Unterricht zum Vorwand, mich faſt immer mit dir in der Cajuͤte aufzuhalten, um nicht bei zufaͤlligem Zuſammen⸗ treffen einen Mann, der, wie ich ſah, den vor⸗ theilhafteſten Eindruck auf die uͤbrige Reiſegeſell⸗ ſchaft gemacht hatte, mit auffallender Kaͤlte be⸗ handeln, und dir vielleicht den Grund meines Be⸗ —OO— 75 tragens durch Aufdeckung einer Geſchichte ange⸗ ben zu muͤſſen, die dein junges Gemuͤth nur mit Abſcheu haͤtte erfuͤllen koͤnnen. Auch jetzt will ich blos auf dieſe hindeuten, uͤm dir die Norh⸗ wendigkeit eines hoͤchſt vorſichtigen Verfahrens einzuſchaͤrfen. Du darfſt dich ihm in unſerer Lage mit keinem aͤußern Zeichen des Mißtrauens nahen, denn das erlittene Elend ſcheint ſeinem ganzen Charakter eine ungewoͤhnliche Rauheit ge⸗ geben zu haben. Ungluͤck macht einige Menſchen ſanfter, andere bringt es auf; aber eben weil es Ungluͤck iſt, welches beide Veraͤnderungen im menſchlichen Gemuͤth erzeugt, iſt es die Pflicht de⸗ rer, die mehr Kraft der Seele beſitzen, Schonung auszuuͤben, und jeden Umſtand zu vermeiden, der die Leiden unſeres Nebenmenſchen noch vergroͤ⸗ ßern kann. So moͤgte ich, daß du dich freundlich gegen Fitz Aymer zeigteſt; immer aber bedaͤch⸗ teſt, daß ſeinen Grundſaͤtzen nicht zu trauen, und daß er uͤberhaupt von allen Maͤnnern am wenig⸗ ſten dazu geeignet iſt, der Freund und Beſchuͤtzer eines jungen Maͤdchens in deiner Lage zu ſein.“— „Ach, liebe Mutter, gewiß du haſt mir durch deine Schildecung alle Luſt benommen, ihn zu ſehen.— Ein Mann, der den Unwillen meines Vaters in ſolchem Grade auf ſich gezogen hat, deſſen Sitten ſchlecht ſind, und deſſen aͤu⸗ ßeres Betragen icht viel beſſer ſcheint, iſt ein Gegenſtand, der weit eher Abſcheu als Neugierde erwecken kann.“ 3 „Vermeiden koͤnnen wir ihn hier einmal nicht; aber ich kann dir ein Mittel an die Hand geben, wodurch du jeder Gefahr einer vertrauteren Be⸗ kanntſchaft mit ihm entgehſt. Er weiß, daß ich einen Gefaͤhrten habe, und vermuthet es ſei der Vetter Edmund, den er gleichfalls nur fluͤchtig waͤhrend der Reiſe geſehen, und alſo kein getreues Bild von ihm im Gedaͤchtniß be⸗ halten hat. Ein vollkommner Anzug Edmunds befindet ſich in unſerm Beſitze, du biſt genau von ſeiner Groͤße, es iſt Familienaͤhnlichkeit in euren Zuͤgen, und ich bin uͤberzeugt daß uns die Taͤuſchung voͤllig gelingt, ſobald du dich dazu entſchließen kannſt in dieſe Verwandlung zu wil⸗ ligen.“— Es war Viola voͤllig gleichguͤltig, in wel⸗ cher Geſtalt ſie vor dem ihr ſo ſchwarz geſchilder⸗ ten Manne auftraͤte, ja ſie behauptete, am lieb⸗ 77 ſten gar nicht vor ihm erſcheinen zu moͤgen. Sie hing das Koͤpfchen; ihre Freude uͤber die neue Entdeckung war voͤllig verſchwunden, als ſie mit einem Male nach einigem Nachſinnen, wie aus einem Traume erwachend, ausrief: „Aber, Mutter, du ſprachſt von zwei Euro⸗ paͤern!— Sollte vielleicht Wahrheit in dem froͤhlichen Tone, den ich am Morgen hoͤrte, gele⸗ gen haben, oder war auch das ein Hirngeſpinſt, oder etwas Uebernatuͤrliches, ein zauberiſches Blendwerk; denn immer noch duͤnkt es mich, als muͤſſe ich mit Caliban ausrufen; „——— Die Inſel tönt von Klang Und ſüßem Sang, der Luſt, nicht Schaden bringt.“ „Befinden wir uns auf bezaubertem Boden, oder hoͤrte ich wirklich heute die Toͤne eines froͤh⸗ lichen Kindes?“— „Du hoͤrteſt ſie wahrlich, meine Liebe. Dies Kind befindet ſich unter Fitz Aymer's Schutze; er rettete es aus dem ſinkenden Schiffe, und e ſchwamm mit ihm an dieſe Kuͤſte. Die Mutter des lieblichen Knaben kam bei dem Schiffbruche um. Sie und ihr Kind ſegelten in derſelben Hoffnung wie wir aus, einen geliebten Gatten und Vater in Indien wieder zu umarmen, wur⸗ den aber nicht wie wir fuͤr einander erhalten.“ Viola feufzte uͤber das Schickſal des armen Kleinen, machte Plaͤne, wie ſie ihn lieben, fuͤr— ihn ſorgen wolle, und in der geſpannten Erwar⸗ tung, das Kind zu ſehen, wuͤnſchte ſie ſehnlich den Augenblick des Zuſammentreffens herbei. Um nur die Stunden der Ungeduld bis zum morgenden Tage ſchneller voruͤber zu fuͤhren, ſchlug ſie jetzt vor die Probe der Verkleidung gleich anzuſtellen, um ſich beſſer in die veraͤnderte Tracht fuͤgen zu lernen. Man nahm folglich ſeine Zuflucht zu den Reichthuͤmern der Kiſte; ein vollſtaͤndiger Manneranzug wurde ſorgfältig an⸗ gelegt, der aber leider keine andere Wirkung her⸗ vorbrachte, als die Grazie keines anmuthigen, lieblichen Maͤdchens in die Geſtalt eines ſcheuen, bloͤden, linkiſch ausſehenden Knaben zu verwan⸗ deln.— Selbſt die Mutter mußte geſtehen, daß die Verwandlung hoͤchſt unguͤnſtig, das ganze We⸗ ſen wie umgeſchaffen, und in der jetzigen Tracht — 79 nichts weniger als vortheilhaft erſcheine. Um⸗ ſonſt bat ſie das Maͤdchen, den Blick wieder frei wie zuvor zu erheben, ſich raſch zu bewegen, in⸗ dem ſie ſo, wie ſie ſich jetzt halte und betruͤge, voͤllig das Bild eines eben aus der Schule ge⸗ laufenen, in die Hoͤhe geſchoſſenen Jungen dar⸗ ſtelle, dem keines ſeiner Gliedmaßen zu Gebote ſtehe, und der auf keine Frage zu antworten vermoͤge. Viola hoͤrte alle dieſe Bemerkungen mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit an; da ſie ein⸗ mal in die Verkleidung gewilligt hatte, war es ihr hier auf dem wuͤſten Eilande, wo ſie nur von dem garſtigen Mann, dem ſie nicht gefallen ſollte, und dem Kinde, bei dem ſie ſich ſchon beliebt machen wollte, geſehen werden wuͤrde, voͤllig gleich, in welcher Geſtalt ſie erſcheine.— Auch hatte ſie nichts dawider, ſich ihre ſchoͤnen, langen Haar⸗ flechten abſchneiden zu laſſen, welche zu dieſem Anzuge wenig paſſend waren.„Du kennſt deine Viola doch,“ ſagte ſie, die Arme zaͤrtlich um den Hals der Mutter ſchlingend. Jetzt fing ſie ihre Uebungen in dem kleinen Bezirk der ſie um⸗ gab, im Laufen und Klettern an, um wenigſtens etwas mehr Freiheit in der Bewegung zu erhal⸗ ten, und ſo wurden Proben gemacht, bis man ſich auf das Lager legte. An der beſtimmten Stunde des folgenden Tages gingen Mutter und Tochter mit halb zoͤ gernden Schritten nach dem Vorſprunge. Klug darauf bedacht, ſich den neuen Mitbewohner zum Freunde zu machen, hatte Erſtere in einem Korbe von Violen's Arbeit einiges Leinengeraͤthe und mehrere andere Kleinigkeiten aus der Kiſte mitgenommen, um ſie Fitz Aymer'n zu uͤber⸗ reichen. Nur als auch Buͤcher hineingepackt wer⸗ den ſollten, bemerkte das Maͤdchen, daß er ſich in dieſer Hinſicht ſchon reichlich ſelbſt verſehen habe.—„Wenn du durchaus noch welche hin⸗ zufuͤgen willſt,“ ſagte ſie laͤchelnd,„ſo nimm we⸗ nigſtens keine andern, als die alte lateiniſche Grammatik und das Woͤrterbuch, und dieſe zwei oder drei Baͤnde in perſiſcher und mauriſcher Sprache, welche mich doch nur in Reriegenhait bringen, ſo oft ich ſie anſehe.“ „Außerordentlich großmuͤthig,“ verſetzte die Mutter;„wuͤrde der Fremde ſich aber nicht mit Recht uͤber einen wohlunterrichteten Juͤngling wun⸗ 81 dern, der ſich entſchließen koͤnnte, dieſe Quellen der Weisheit aus den Haͤnden zu geben?“ „Das moͤgte er ſreilich wohl; ich hatte den Reſpect vergeſſen, den ich von nun an fuͤr alte Sprachen fuͤhlen muß.“— Den Korb zwiſchen ſich tragend gelangten ſie bald auf den ſchmalen Weg, welcher nach dem Abhange fuͤhrte, an deſſem aͤußerſten Ende Fitz Aymer ſchon ungeduldig ihrer harrete. Sobald er ſie nur von weitem erblickte, lief er den ſteilen Pfad hinunter, eilte ihnen entgegen, warf nur einen fluͤchtigen Blick auf Viola, und ſchauete dann begierig vorwaͤrts, in der eiteln Hoffnung, noch ein drittes Weſen herannahen zu ſehen; als aber niemand kam, verbreitete ſich das Gefuͤhl bittrer Taͤuſchung uͤber ſeine Geſichtszuͤge, und er ver⸗ mogte in der erſten Verlegenheit kein freundliches Wort der Begruͤßung hervorzubringen. Lady Earlingford brach zuerſt das Stillſchweigen, indem ſie ihm den Korb mit der Bitte darreich⸗ te, dieſe Kleinigkeiten, die ihm in ſeiner gegen⸗ waͤrtigen Lage von einigem Nutzen ſein koͤnnten, von ihrem Ueberfluſſe anzunehmen. Noch ehe er B. Sch. 6 82² danken konnte, fragte ſie nach ſeinem kleinen Ge⸗ faͤhrten. „Er iſt im Herabklettern beſchaͤftigt,“ erwie⸗ derte er;„doch fuͤrchte ich, es moͤge ihm ohne Huͤlfe ſchwerlich gelingen; ſie werden es mir alſo verzeihen, wenn ich ſie auf einen Augenblick ver⸗ laſſe.“ Pfeilſchnell entfernte er ſich jetzt wieder von ihnen, unter dem Vorwande dem Knaben entge⸗ gen zu laufen, eigentlich aber im Herzen erfreut, ſich waͤhrend der wenigen Minuten uͤber die bit⸗ tere Taͤuſchung faſſen zu koͤnnen, und ließ nun Mutter und Tochter hinlaͤnglich Zeit, ihm mit Muͤße zu folgen. 3 * Durch die Schilderung der Mutter einmal gegen den Mann eingenommen, hatte Viola es fruͤher gar nicht der Muͤhe werth geachtet, ſich weiter nach ſeiner Geſtalt oder ſeinem Alter zu erkundigen; vielmehr hatte ſie vorausgeſetzt, ein ſolcher Menſch muͤſſe, wenn auch nicht durchaus alt, doch gewiß garſtig ſein. Die Entdeckung, daß er nun nicht allein jung ſei, ſondern auch eine maͤnnlich ſchoͤne Figur, einen edlen Ausdruck habe, ſetzte ſie zwar in Erſtaunen, vermogte 4 9 * 83 aber nicht ſie fuͤr den erſten Augenblick zu er⸗ freuen, weil ſie unmoͤglich unterlaſſen konnte, ihre eigne erborgte, traurige Geſtalt, gegen die ſeine berechnet, hoͤchſt unbedeutend zu finden.„Liebe Mutter,“ fluͤſterte ſie leiſe,„wie wird er mich verachten!“— 3 „Dich verachten, Viola? Was koͤnnte ihm ein Recht dazu geben; biſt du nicht weit beſſer als er?— Wo iſt das menſchliche Weſen, das du je betruͤbt oder beleidiget haͤtteſt?“— Eine hohe Roͤthe uͤberzog bei dieſen Worten der Mutter Geſicht, ſo daß Fitz Aymer, der ſich jetzt wieder nahete, glaubte in ihrem Auge Unwillen zu leſen, den er auf Rechnung der gaͤnzlichen Vernachlaͤſſigung ihres jungen Beglei⸗ ters ſchrieb. Bereitwillig dieſen Fehler wieder gut zu machen, ging er auf Viola zu, ſchuͤttelte ihr treuherzig die Hand, verſichernd, es wuͤrde ihm zur Freude gereichen, wenn er erſt naͤher mit ihr bekannt waͤre, und irgend etwas zu ihrem Nutzen oder Vergnuͤgen beitragen koͤnne. Viola zog ſcheu die Hand zuruͤck, die er maͤnnlich druͤckte, und vermogte kein Wort zu er⸗ wiedern. 6* 84 Hierauf wandte er ſich wieder zur Mutter, die eben den Kleinen liebkoſete, und fragte neu⸗ gierig forſchend:„Iſt denn dieſer Juͤngling ihr einziger Gefaͤhrte?“— Die Lady wagte nicht, die Frage durch etwas mehr als eine bejahende Verbeugung zu beant⸗ worten, und nun entſtand abermals eine Pauſe, die Fitz Aymer jedoch unterbrach, indem er etwas ſtammelnd fortfuhr:„Ich geſtehe, daß ich die Hoffnung hegte, ihr Gefaͤhrte ſei— ſei ein anderer Gegenſtand.—— Dieſer junge Mann iſt, wie ich vermuthe, der Eigenthuͤmer des von mir entwendeten Shakespeare, Edmund Ear⸗ lingford?“— Mit aller nur zu erkuͤnſtelnden Feſtigkeit be⸗ ſtaͤtigte die Dame die Wahrheit dieſer Vermuthung, waͤhrend Viola, ihr Koͤpſchen abwendend, ſich bemuͤhete ihr Erroͤthen uͤber die Unwahrheit zu verbergen. Allen Partheien ſchien es jetzt aber⸗ mals an Stoff zur Unterhaltung zu gebrechen, wel⸗ ches aus verſchiedenen Urſachen herruͤhren mogte, ſo daß keines am Ende bei dem Zuwachs der Be⸗ voͤlkerung der Inſel gewonnen zu haben glaubte; vorzuͤglich deitlich kas man dies auf Fitz Aymer's 85 Zuͤgen, deſſen Stirn ſich nur gezwungen entfaltete, als die Mutter endlich, um das Geſpraͤch wieder zu beleben, ſich erkundigte, wo er denn hier ein Obdach gefunden habe?— Er erbot ſich, ihr die von ihm muͤhſam bereitete Huͤtte zu zeigen, als er ihr aber den Arm geben wollte, um ſie dahin zu fuͤhren, ſchlug ſie es un⸗ ter dem Vorwande aus, auf dieſer Inſel Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit genug errungen zu haben, um jeden ſchroffen Pfad allein gehen zu koͤnnen.— Na⸗ tuͤrlich wurde Viola in ihrer angenommenen Geſtalt kein aͤhnliches Anerbieten gemacht; man behandelte ſie ohne alle Ceremonie, und den Korb mit den Geſchenken tragend, ging ſie, den kleinen Felix an der Hand haltend, ſchweigend hin⸗ terher. Ein Weg von einer halben Stunde, der am Fuße des Gebirges laͤngs dem Meere fortlief, fuͤhrte ſie endlich an einen mit Wald bewachſenen Huͤgel, an deſſem ſchattigſten Ende Fitz Aymer ſeine Wohnung eingerichtet hatte. Sobald Viola dieſelbe nur von ferne erblickte, ließ ſie Felixens Hand los, und haſtig vorwaͤrts eilend, wollte ſie bereits uͤber die Schwelle huͤpfen, als ſie ihren Schritten auf einmal gewaltſam Einhalt that, einfaͤltig und beſchaͤmt ſtehen blieb, und Lady Earlingſord Platz machte, zuerſt einzutreten. „Immer vorwaͤrts, junger Freund,“ rief Fitz Aymer,„es iſt niemand da, der dich an⸗ melden kann, und keiner wird durch deinen ploͤtz⸗ lichen Eintritt uͤberraſcht oder erſchreckt wer⸗ den.“— Durch unuͤberwindliche Bloͤdigkeit noch immer ſtumm, ergriff Viola jetzt den Arm der Mut⸗ ter, um mit ihr zugleich einzutreten.— Alles was ſie im Innern der Huͤtte erblickten, erfullte ſie mit Erſtaunen und unwillkuͤhrlicher Bewunderung uͤber den erfinderiſchen Geiſt des Erbauers. Das Dach des kleinen Gebaͤudes, mit Palmblaͤttern bedeckt, ruhete auf in die Erde gerammelten Pfaͤhlen; die Waͤnde beſtanden aus den biegſamen Zweigen des Bambusrohres, durch⸗ flochten mit Cocosblaͤttern, die durch ihre kunſt⸗ reiche Vereinigung die brennenden Strahlen der Sonne abhielten, und dennoch den Vortheilen des Lichtes und der friſchen Luft hinlaͤnglich Eingang geſtatteten. Eine Menge Werkzeuge, als: Beile, Meißel und dergleichen, aus Muſcheln oder 87 ſcharfen Steinen verfertigt, und mit Griffen und Stielen verſehen, hingen umher, und eine Bank, ein Tiſch und ein Bettgeſtelle fuͤr den kleinen Felix machten das einfache Hausgeraͤthe aus.— In einer andern Ecke befand ſich Fitz Aymer's eigenes Lager, ein Haufen Gras und Blaͤtter; neben dieſem lagen ſein Bogen, ſeine Pfeile, ſein Fiſchergeraͤthe und der Theil von Shakes⸗ peare, den er nicht weniger ſchaͤtzte, als die fruͤ⸗ here Eigenthuͤmerin ihn geſchaͤtzt hatte. „Und dies alles iſt das Werk ihrer eigenen Haͤnde?“— rief Lady Earlingford in der hoͤchſten Verwunderung aus.„Sie ſelbſt haben dies alles verfertigt, ſie, der ſie fruͤher nur zum vornehmen Muͤßiggange gewöhnt waren, und kein anderes Geſchaͤft, keine andere Anſtrengung kann⸗ ten, als hoͤchſtens die, welche der Dienſt des Koͤnigs je zuweilen von ihnen forderte!“— „Ich habe nur zu oft ſchon Urſache gehabt zu bemerken, daß ſie, gnaͤdige Frau, nie geneigt ſind ein guͤnſtiges Urtheil uͤber mich zu fäͤllen,“ antwortete Fitz Aymer ctwas gereizt,„ſonſt moͤgte wohl nicht leicht einen Mann der Vorwurf des vornehmen Muͤßigganges ungerechterer Weiſe treffen koͤnnen, als mich. Schon im achtzehnten Jahre kam ich zur Armee, und habe einen har⸗ ten Dienſt ausgeſtanden, in welchem meine Ge⸗ ſundheit, theils durch Wunden, theils durch Wechſel des Klima's ſehr gelitten hat. Ich bin gefangen geweſen, und gewohnt an jede Erfah⸗ rung, die man in ſolcher Lage machen kann. Wenn ich mich nun in kurzen Zwiſchenraͤumen von Ruhe und mehrerer Ungebundenheit, den geſelli⸗ gen Freuden hingegeben habe, welche mir Ju⸗ gend, Vermoͤgen und Stand erlaubten, braucht man mich deshalb als einen ſchwachen Wuͤſtling zu bezeichnen, der, nur einzig auf Genuß bedacht, jeder maͤnnlichen Anſtrengung unfaͤhig iſt?“— „Sie geben meinen Worten eine zu harte Deutung,“ rief Lady Earlingford;„ich wollte keineswegs ihren Charakter dadurch herabwuͤrdi⸗ gen, ſondern vielmehr meine Bewunderung und mein Erſtaunen zeigen, wie ein Mann, der durch⸗ aus nicht an dieſe Lebensart gewohnt iſt, in ſo kurzer Zeit ſich die aͤußern Verhaͤltniſſe auf dieſe Weiſe hat anpaſſen, ja Herr Klhes Sihiceals werden koͤnnen.“— 89 Um dem Geſpraͤche eine andere Wendung zu geben, bat ſie ihn nun, ihnen zu ſagen, wie er es dahin gebracht, wie er Muth genng gehabt, dieſe ſchwere Aufgabe zu beginnen und zu loͤſen. „In den erſten drei oder vier Tagen meiner unumſchraͤnkten Herrſchaft uͤber dies Eiland,“ erwiederte er,„gebrach mir wahrlich dieſer Muth, ja, ich war oft der Verzweiflung nahe, und ver⸗ fiel dadurch in einen Zuſtand, deſſen ich mich, Dank ſei es dem Himmel, bald ſchaͤmte. Die Hoffnung, daß vielleicht doch ein Tag der Be⸗ freiung aus dieſer Verbannung wieder erſcheinen könne, fing an meine Bruſt aufs Neue zu be⸗ leben, und der Gedanke, die Mittel, welche mir hier zu einer ertraͤglichen Exiſtenz wuͤrden, nicht unbenutzt laſſen zu duͤrfen, ſtaͤhlte meinen Arm. Ein Blick auf das Kind, fuͤr welches ich ſorgen, dem ich mit gutem Beiſpiele vorgehen mußte, ſtaͤrkte mich in jedem guten Entſchluß. Ihm wollte ich ein ſicheres Obdach geben, ihm, ſo viel es mir moͤglich waͤre, europaͤiſche Bequemlich⸗ keiten verſchaffen, ihn wollte ich zur Thaͤtigkeit erziehen, und ſeinen Koͤrper nach Maßgabe ab⸗ zuhaͤrten ſuchen. So fing ich an zu ſchaffen, zu bauen, zu zimmern, zu fiſchen, zu jagen, und fuͤhlte mich bald ſelbſt in dieſen mannigfaltigen Brſchaͤftigungen, wenn auch nicht gluͤcklich, doch ruhig und ergeben. Dies war mein Zuſtand, bis ich zuerſt die Naͤhe anderer menſchlicher We⸗ ſen auf dieſer Inſel ahnete.— Von dem Au⸗ genblicke an aber ergriff mich eine fieberhafte Gluth, eine Ungeduld, gegen welche alle mir bisher angeeignete Philoſophie nicht Stand hal⸗ ten wollte.— Und als ich ſie, Mylady, nun wirklich erblickte, als ſie mir geſtanden, nicht allein hier zu ſein, welche liebliche Bilder belebten da meine Phantaſie, welche ſuͤße Traͤume umgau⸗ kelten mich!“— Ruhig theilnehmend hatten Mutter und Toch⸗ ter den Anfang dieſer Erzaͤhlung angehoͤrt; je⸗ doch fiel der Schluß derſelben Viola nicht we⸗ nig auf; ſie fragte ſich mehrere Male ſelbſt, was dies denn wohl fuͤr liebliche Bilder, fuͤr ſuͤße Traͤume geweſen ſein moͤgten, und ſuchte deshalb Aufklaͤrung bei der Mutter, die jedoch ihren Fragen gefliſſentlich auswich, obgleich ſie ſich dieſen Theil der Rede nur zu gut erklaͤren konnte. So ſelten Viola auch waͤhrend der Reiſe 91 aufs Verdeck gekommen war, mußte ihre Anwe⸗ ſenheit auf dem Schiffe doch dem jungen Manne bekannt geweſen ſein, vielleicht hatte er ſie geſe⸗ hen, oder doch wenigſtens von ihr reden gehoͤrt. Lady Earlingford kannte den Eindruck, den weibliche Schoͤnheit auf ſein Gemuͤth machte, nur zu gut, und ſetzte voraus, die Hoffnung, ſie hier in dieſer Einſamkeit zu treffen, habe die Bilder und Traͤume in ſeinem Gehirne veranlaßt. Je mehr ſie hiervon im Innern uͤberzeugt war, um deſto mehr beharrte ſie in ihrem Entſchluß, die Taͤuſchung fortzuſetzen. In jeder Lage des Le⸗ bens wuͤrden ihr die Bewerbungen dieſes Man⸗ nes um die Liebe ihrer Tochter unertraͤglich gewe⸗ ſen ſein; ſie hielt ſeine Grundſaͤtze und Sitten fuͤr verderbt, weil ſein Betragen gegen eine ihrer Nichten, eine junge, ſchoͤne, verheirathete Frau, ihr hoͤchſt tadelnswerth erſchienen war. Auch gab man ihm Schuld, den Bruder dieſer Frau, der unter Sir William's Vormundſchaft ſtand, zum Spiel und zu Ausſchweifungen aller Art verfuͤhrt zu haben, die dieſen Juͤngling an den Rand des Verderbens gebracht hatten. Mit ſolchen Graͤueln in ihren Augen beladen, wuͤrde ſie ihm nie den Zutritt in ihr Haus in England geſtattet haben, und obgleich nun freilich durch die Nothwendigkeit gezwungen, hier mit ihm umzugehen, mußte ſie ihn ihrer Anſicht nach fuͤr die gefaͤhrlichſte Bekanntſchaft halten, welche ein unguͤnſtiges Geſchick ihrer Tochter in den Weg gefuͤhrt haben koͤnne. Sechſtes Kapitel. — Nachdem ſie alſo dem Erbauer der Huͤtte al⸗ les nur moͤgliche und gerechte Lob ertheilt, und alle in der Wohnung zur Begnemlichkeit ange⸗ brachten Dinge betrachtet hatte, ſchien die Lady geneigt, den Aufenthalt wieder verlaſſen zu wol⸗ len; ſobald ſie aber nur Miene dazu machte, zog ſich eine finſtere Wolke uͤber Fitz Aymers Stirn; er bat ſie mit ſichtbarer Bewegung, ein ſo feindſeliges Betragen nicht gegen ihn fortzu⸗ ſetzen, hier, wo ſie die einzigen Menſchen waͤren, die ſich einander nahen, Troſt und Erheiterung aus dem gegenſeitigen Umgange ſchoͤpfen koͤnnten. Er beſchwur ſie, ihn mit muͤtterlicher Nachſicht zu behandeln, da wahrhaft kindliche Empfindungen ſich ſeiner bei ihrem erſten Anblicke auf dieſem wuͤſten Eilande bemeiſtert haͤtten. 3 94 Lady Earlingford warf, waͤhrend dieſe Worte an ſie gerichtet wurden, einen Blick auf ihre Tochter, um die Wirkung derſelben auf ih⸗ rem Angeſichte zu leſen. Viola ſtand noch im⸗ mer an die Thuͤre der Huͤtte gelehnt, und be⸗ trachtere den bittenden jungen Mann mit ſo viel unverſtellter Theilnahme, daß die Mutter es fuͤr kluͤger hielt, dieſen Bitten, die einen ſo tiefen Eindruck im zartfuͤhlenden Herzen des Maͤdchens erregten, baldmoͤglichſt ein Ende zu machen. Halb ſcherzend gab ſie ihre Einwilligung, noch ein Weilchen zu bleiben, waͤhrend ſie ihm prophezei⸗ hete, daß das Verlangen, ihre Geſellſchaft auf laͤn⸗ gere Zeit zu genießen, jetzt durch die Neuheit er⸗ zeugt, ohnehin bald durch Ueberdruß geſtillt ſein werde. Nachdem Fitz Aymer fein und richtig hierauf geantwortet hatte, holte er zur Erfriſchung ſeiner Gaͤſte einiges kalte Gefluͤgel und friſch gepfluͤck⸗ tes Obſt herbei.— Man wunderte ſich, wie er die Vögel habe am Feuer bereiten koͤnnen, da er weder Schießgewehr noch Feuerzeug beſitze, und er zeigte ihnen, wie er das Holz durch Reiben zum Brennen bringe, ſo wie er oft in Neiſebe⸗ 93 ſchreibungen geleſen habe, daß die Wilden es machten. Unvermerkt reiheten ſich eine Menge anderer von ihm gluͤcklich nachgeahmter Verſuche an dieſen an, und das kleine Mahl wurde unter heiteren Geſpraͤchen verzehrt.— Nun ſchlug Lady Earlingford einen Spatziergang nach der Kuͤſte vor.„Dort, am Abhange der Klip⸗ pen iſt es immer kuͤhl,“ ſetzte ſie hinzu,„und ſelbſt mein Edmund hat dieſen Weg jetzt lieb gewonnen.“ „Jetzt erſt; und warum nicht fruͤher?“— „Gleich anfangs bei unſerer Ankunft hier, reiheten ſich fuͤr ihn ſo manche traurige Erinne⸗ rungen an den Anblick des Meers, daß kein Ge⸗ genſtand ihm furchtbarer war als dieſer. Ge⸗ wohnheit hat auch in dieſem Falle ihre allbe⸗ kannte Macht ausgeuͤbt, und ſo ſind uns dieſe Abendwanderungen jetzt faſt die liebſten gewor⸗ den.“— „Sollte dies Beiſpiel ſie nicht darauf ſuͤhren, gnaͤdige Frau,“ entgegnete Fitz Aymer bedeu⸗ tend,„daß ein Widerwille nicht unuͤberwindlich iſt, ſobald der, welcher ihn naͤhret, nur den —— 96 auten Willen in ſich traͤgt, dagegen anzukaͤm⸗ pfen?“— Dieſe Frage ward weislich mit Stillſchwei⸗ gen uͤbergangen, und man trat jetzt die Wan⸗ derung faſt in derſelben Ordnung an, in welcher man zur Huͤtte gegangen war. Geſpraͤche uͤber die Lage der Inſel, deren muthmaßlichen Um⸗ fang, und die Beſchaffenheit derſelben, kuͤrzten den Weg; doch verſteht es ſich, daß dieſe faſt ein⸗ zig von der oͤlteren Dame und Fitz Aymer ge⸗ fuͤhrt wurden, indem Viola und der Knabe hin⸗ tenan ſchlenderten. Als ſich der Abend nahete, wuͤnſchte Lady Earlingford zu ihrer Woh⸗ nung zuruͤckzukehren, ehe die hereinbrechende Dunkelheit den Weg beſchwerlich, ja an einigen Stellen gefahrlich machen wuͤrde. Fitz Aymer erbot ſich ihr einen naͤheren Weg zu zeigen, wenn ſie ſich, ſeiner Leitung anvertrauen wolle, da die Bergſchluchten auf der ganzen Inſel ihm bekannt waͤren. „Und wollten ſie den armen Felix allein zu⸗ ruͤck laſſen?“ fragte die Lady. „Keineswegs,“ entgegnete er,„ich trage ihn.— Gewohnheit hat mich ſchon ſo vertraut 92 mit dieſer Laſt gemacht, daß tauſendmal lieber, als ihn huͤlflos zuruͤckzulaſſen, ich ihn auf mei⸗ nem Arm mit mir herumtrage, und kaum fuͤhle ich die Buͤrde mehr. Erlauben ſie mir alſo ſie zuruͤckzufuͤhren.“— Da das Anerbieten doch diesmal einer Bitte aͤhnlich ſah, hielt man es kluͤger ſeine Einwilli⸗ gung zu geben, als ſich auch ohne dieſe mit Ge⸗ walt begleiten zu laſſen, und man ſetzte der Hoͤf⸗ lichkeit gemaͤß, nur noch ein artiges Bedauern uͤber die Bemuͤhung und Anſtrengung hinzu. „Anſtrengung!“— rief Fitz Aymer;— „welche Anſtrengung haͤtte ich denn heute ge⸗ habt?— Habe ich nicht den ganzen Tag in Ruhe und gemaͤchlicher Unthaͤtigkeit verlebt?— Wann haͤtte ich wohl einen ſolchen Tag genoſſen!— Liebe gnaͤdige Frau, ſie muͤſſen mir die morgende Wiederholung deſſelben nicht verſagen. Ich kann die einſamen Mahlzeiten nicht mehr ertragen; ſie muͤſſen es mir von jetzt an erlauben fuͤr die Her⸗ beiſchaffung des noͤthigen Unterhalts zu ſorgen, und dann beim Mahle ihr Gaſt oder ihr Wirth zu ſein. Ihre Morgenſtunden will ich nicht unter⸗ brechen, ich will die meinigen zum Jagen oder Fi⸗ B. Sch. 7 ſchen anwenden; aber meine Mittags⸗, meine Abendſtunden muͤſſen in ihrer Geſellſchaft zuge⸗ bracht werden.“ „Es ſcheint,“ erwiederte die Dame laͤchelnd, „als wenn kein Theil der Rede ihnen ſo gelauſig waͤre, als der befehlende.“— „Verzeihung,“ unterbrach er ſie;„ich erroͤthe, die Bemerkung verdient zu haben. Aber darf ich es ſagen?— Aus ihrem ganzen Weſen gegen mich geht leider! ſo wenig zuvorkommende Guͤte hervor, daß ich, um nicht gaͤnzlich an dem Erfolg meiner Wuͤnſche verzweifeln zu müͤſſen, wohl in den Fehler verfallen kann, zu herriſch zu ſprechen. Sein ſie aber uͤberzeugt, daß ſo wie ſie an Strenge nachlaſſen, ich an Artigkeit zunehmen werde, und daß ihre Nachſicht weder an einen Undankbaren noch Uebermuͤthigen verſchwendet werden wird.“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs war man bei der Hoͤhle angekommen; noch warf das Tageslicht ſeine Strahlen hell genug hinein, um Fitz Ay⸗ mer'n den Eingang derſelben deutlich zu zeigen; doch wagte er es nicht, ſich den Zutritt ins Innere zu erbitten, ſondern beurlaubte ſich, nachdem er 99 2 an das Verſprechen, Morgen mit ihm zu Mittage zu eſſen, nochmals erinnert hatte. Viola's Stillſchweigen waͤhrend des ganzen Tages war auffallend geweſen, und die Mutter, be⸗ gierig die wahre Urſache davon zu erfahren, wandte ſich, ſobald der Fremde ſich entfernt hatte, mit fol⸗ genden Worten freundlich zu ihr:„Deine Heiter⸗ keit, mein Kind, ſcheint durch den Zuwachs an Geſelligkeit eher vermindert als vermehrt geworden zu ſein; du biſt durchaus nicht bei Laune heute Abend, biſt es den ganzen Tag nicht geweſen. Sage mir, iſt Fitz Aymer's Gegenwart dir zuwi⸗ der?— Welch einen Eindruck hat er auf dich gemacht?“— „Einen recht traurigen,“ antwortete Viola nach einem Augenblick des Stillſchweigens.„Ich kann ihn nie anblicken, ohne zu beklagen, daß ein Mann, begabt mit allen Faͤhigkeiten recht innige Theilnahme zu erregen, dieſe ſo wenig verdienen ſollte. Aber dies iſt noch nicht alles,“ fuhr ſte mit heſtiger Bewegung fort,“ ich verabſcheue mich ſelbſt in dieſer luͤgneriſchen Mumme⸗ rei!— Sie benimmt mir allen Muth, die Au⸗ gen frei in die Hoͤhe zu richten, ſie giebt mir 7* * 100 das Gefuͤhl einer Betruͤgerinn, und hindert mich unwillkuͤhrlich, die Lippen zum Reden zu oͤffnen, aus Furcht jedes Wort, ja ſogar der Ton meiner Stimme, moͤge eine Entdeckung unſeres falſchen Spiels an den Tag bringen. In dieſer verhaßten Tracht beſitze ich eben ſo wenig die Gewandtheit, Geſchicklichkeit, noch den Muth eines Knaben, oder die ſtattliche Wuͤrde eines Mannes, als ich darin auf die Vorzuͤge und Aufmerkſamkeiten, die einem Maͤdchen gebuͤhren, Anſpruch machen darf. Ich bin eine wahre Null; ein armes, huͤlfloſes Gewuͤrm, welches natuͤrlich nie auch nur im Ge⸗ ringſten in Erwaͤgung gezogen wird.“ Kaum konnte Lady Earlingford ſich des Laͤchelns uͤber den ſo wenig verſteckten Grimm der Kleinen enthalten, welchen ſie bei Fitz Aymer's Vernachlaͤſſigung empfunden hatte. Gewohnt, wo ſie vormals unter Maͤnnern erſchien, von den jungen Herrn mit Auszeichnung behandelt zu wer⸗ den, hatte Viola doch ſchon, ſo jung ſie auch war, die Gewalt ihrer Reize bemerkt, und der ihr ganz neue Vorfall, ſo gaͤnzlich uͤberſehen zu werden, empoͤrte ihre Eitelkeit. Dies fuͤhlte die Mutter, welche ſich noch lebhaft in die Lage eines 101 aufbluͤhenden, huͤbſchen Maͤdchens verſetzen konnte, allerdings gewiſſermaßen ſchmerzlich fuͤr die Toch⸗ ter; doch ſchien ihr hier kein anderer Ausweg moͤglich, und ſie hoffte, Zeit und Gewohnheit wuͤr⸗ den ſie mit der Vernachlaͤſſigung des einzigen Man⸗ nes, den ſie hier ſah, verſoͤhnen. Zugleich hoffte ſie, daß Fitz Aymer, wenn er ihre guten Eigen⸗ genſchaften beſſer kennen lernte, ihr auch unter der Maske des Edmund mehr Aufmerkſam⸗ keit beweiſen werde, und dieſe hingeworfenen Vermuthungen ſchienen Viola's tief verwunde⸗ tes Herz etwas zu erleichtern. Zu der Zeit, als Fitz Aymer am folgenden Tage hoffte, daß die Bewohner der Hoͤhle ſich auf den Weg zu ihm begeben wuͤrden, fand er ſich bei ihnen ein, um ſie zu begleiten. Viola ſaß auf dem Raſen, im Schatten eines Baumes, be⸗ ſchaͤftigt einen Hut von denſelben Beſtandtheilen zu verfertigen, aus denen ſie ſo geſchickt die Koͤrbe zu fiechten verſtand. Der junge Mann betrachtete ſie einige Augenblicke ſtillſchweigend; die Zierlich⸗ keit ihrer Haͤnde, der ſanfte Ausdruck in ihrem Geſicht, das zarte Roth, welches ſich bei ſeinem Anblick uͤber ihre Wangen verbreitete, gaben ihr, 102² ungeachtet ihrer Kleidung, ein ſo wahrhaft weibli⸗ ches Anſehen, daß er ſich nicht enthalten konnte in ſeinem Innern auszurufen:„Wie hat man dies Weſen zu einer kriegeriſchen Laufbahn be⸗ ſtimmen koͤnnen, und es in die brennenden Ebe⸗ nen Indiens ſenden wollen!— Der erſte Mo⸗ nat im Dienſt verlebt, wuͤrde ſeinen Untergang herbeigefährt haben, und es mag ſeinem Schoͤp⸗ fer wegen des Schiffbruchs danken, der es davon befreit hat!— Ich erinnere mich nur dunkel, den jungen Menſchen einmal am Bord geſehen zu haben; doch da ſchien es mir, als ſei er dunkler von Farbe, und kraͤftiger.— Hier waͤre die beſte Schule fuͤr ihn, um ihn unternehmender zu machen; wenn ich ihn mit mir uͤber Berg und Thal nehme, und ihn allem Wetter ausſetze, wird er wohl dies weibiſche Anſehen verlieren, das bei einem Knaben immer Mitleid erregt. Ich will ihn zur Jagd abrichten, ihn gewoͤhnen den Bogen zu ſpannen, Ermuͤdung zu ertragen, und Schwie⸗ rigkeiten uͤberwinden zu lernen. Jetzt taugt er zu nichts, als Koͤrbe zu flechten, und unter den Fluͤgeln ſeiner Fran Muhme zu leben.“— Waͤhrend Fitz Aymer dieſes leiſe Selbſtge⸗ 103 ſpraͤch mit ſich hielt, trat die Lady aus der Hoͤhle. Nach den erſten Begruͤßungen fuͤhrte ſie ihn ins Innre ihres gegenwaͤrtigen haͤuslichen Aufenthalts, und nachdem dort alles beſehen war, trat man gemeinſchaftlich die Wanderung zur Huͤtte an. Der junge Mann machte waͤhrend des Wegs verſchiedene Verſuche, ſich Viola'n zu naͤ⸗ hern; jedes ſeiner Worte aber erfuͤllte ſie mit in⸗ nerm Schauder, denn alles, was er ihr ſagte, ſchien ihr ſo roh, ſo hart. Er machte ſie mit ſeinem Vorhaben, ein Floß zu bauen, bekannt, und fragte ſie, ob ſie wohl darauf mit ihm auf einen Fiſchfang ausgehen wolle?— Er bat ſie, längere Wanderungen anzuſtellen, um ſich abzu⸗ haͤrten, und ſchloß endlich damit, daß wenn ſie ihre Schüͤtzenkunſt uͤben wolle, er ihr gerne be⸗ huͤlflich ſein wuͤrde, und ſie es ihm gewiß bald als guter Waidmann gleich thun werde.— Sie hoͤrte ſtillſchweigend zu, und konnte ſich unter ihrem Grimm doch oft eines kleinen Läͤchelns kaum enthalten uͤber den Ernſt, mit welchem er ſie zu dieſen amazonenartigen Beſchaͤftigungen aufforderte. Man brachte den noch uͤbrigen Theil des Tages mit einander hin; gegen Abend geleitete Fitz Aymer ſie wieder zur Hoͤhle, ſaß eine Weile mit ihnen am Eingange derſelben, und ging in der Hoffnung ſie morgen wiederzuſehen, froͤhlich hinweg. Mehrere Tage vergingen, ohne eine merkliche Aenderung in der einmal angenommenen Lebens⸗ weiſe hervorzubringen. So wie die Zeit die beſſe⸗ ren Eigenſchaften des jungen Mannes den Au⸗ gen der Lady entwickelte, ihr die Waͤrme ſeines Herzens, die Lebendigkeit ſeines Geiſtes und die Offenheit ſeines Gemuͤths zeigte, ſchwand ihr zu⸗ ruͤckhaltendes Betragen immer mehr, und von dem Augenblicke an, da er ein groͤßeres Zutrauen zu ihm in ihr gewahr wurde, zeigte er eine ſo grenzenloſe Dankbarkeit, eine ſo freundliche Hin⸗ gebung zu ihrem Dienſte, daß dadurch bald Wi⸗ derwille und Mißtrauen, in Freundſchaft und Ver⸗ trauen verwandelt wurden. Mit Viola gelang es ihm nicht in dem Grade. Sie fuͤrchtete ſeine Vorwuͤrfe uͤber das, was er feige Traͤgheit in ihr nannte. So wie ſie ſich nur ſahen, hatte er ihr einen neuen Plan vorzulegen, wobei er ſie als Theilnehmer wuͤnſch⸗ 103 te, um ihre Thaͤtigkeit rege zu machen. Das Floß war nun fertig, und ſeinen wiederholten Aufforderungen endlich nachgebend, entſchloß ſie ſich, mit ihm an den Strand zu gehen, um es in Augenſchein zu nehmen. Es war aus feſt verbundenem Bambusrohre zuſammengeſetzt, und mit einem aus Gras geflochtenen Stricke am Ufer befeſtigt. „Was denkſt du, Edmund,“ rief Fitz Ay⸗ mer,„von dieſem einfachen Fahrzeuge?— Moͤgteſt du mich wohl eine kleine Fahrt daranf unternehmen ſehen?“— „Um aller Welt willen nicht; es ſcheint zwar ſehr feſt verbunden zu ſein, doch iſt es gewiß hoͤchſt gefaͤhrlich darauf zu ſtehen. „Ein herrlicher Einwurf,“ erwiederte er,„der in Lady Earlingfords Munde weit beſſer klingen wuͤrde, als in dem deinigen. Sinken oder Schwimmen!— ich gehe davon!“— Bei dieſen Worten band er das Floß los, ſprang hinauf, und indem er es vom Lande ſtieß und damit hinſchwamm, rief er lachend:„Sollte mir ein Unfall begegnen, Edmund, ſo unterlaß ja nicht, ein reduis fuͤr mich zu ſingen, oder ich er⸗ 106 ſcheine dir kuͤnftig zur Geiſterſtunde immer in der Geſtalt eines wandernden Floſſes.“— Ueber ſeinen Spott beleidigt, durch ſeine Kuͤhnheit erſchreckt, wandte Viola ſich von ihm; doch that es ihr in dieſem Augenblicke faſt Leid, die Gefahr nicht mit ihm getheilt zu haben. Gewandt und beſonnen, wußte Fitz Aymer ſein ſchwimmendes Rohr ſo geſchickt zu lenken, daß er ohne alle Faͤhrlichkeit ſich zur beſtimmten Stunde wieder vor Viola hinſtellte, ſie von der Muͤhe, ſein Schwanenlied zu ſingen, ſcherz⸗ haft entband, und ein vorrreffliches Gericht Fi⸗ ſche zu ihrem Mittagseſſen vor ihr hinlegte. Seit ihrer erſten Bekanntſchaft hatte er die Frauen ſo ſehr daran gewoͤhnt, ſie regelmaͤßig zum Mittagseſſen abzuholen, daß man ſeine Ankunft als eine einmal ausgemachte Sache be⸗ trachtete. 3 Ungefaͤhr eine Woche nach dem Abentheuer mit dem Floß, kam er zuerſt nicht zur gewohn⸗ ten Stunde. Lady Earlingford, ſeine lan⸗ gen Wanderungen uͤber Berg und Thal kennend, glaubte, er ſei vielleicht ſehr ermuͤdet in die Huͤtte zuruͤck gekommen, und wolle ſich bei dieſer 107 Gelegenheit vom taͤglichen Dienſte los machen. „Es war eine uͤbertriebene Hoͤflichkeit von ihm,“ ſagte ſie zu Viola,„und von uns iſt es zu viel gefordert, dies immer zu erwarten. Wir wollen ihm zeigen, daß wir allein kommen koͤn⸗ nen; ich moͤgte nicht gerne daß er mich fuͤr zu föͤrmlich hielte.— Viola ſagte wenig; aber ſie ſah ungewoͤhn⸗ lich ernſt aus, und eine nicht zu beſiegende Furcht machte ihr armes Herz ſchwer. Schnell legte man den Weg zur Huͤtte zuruͤck.— Fitz Aymer war nicht da, und keine der ſonſt ge⸗ woͤhnlichen Vorbereitungen zum Mahle zeigten, daß man ihrer wartete, nichts deutete darauf hin, daß er ſeit dem fruͤhen Morgen hier geweſen ſei; alles ſah traurig, einſam und verlaſſen aus. Erſtaunt und einigermaßen erſchreckt, wandte die Lady den fragenden Blick zur Tochter, die aber nicht im Stande war zu antworten. Jeder Gegenſtand, auf welchen ſie das Auge richtete, rief den in ihr Gedaͤchtniß zuruͤck, dem ſie ſo manche erheiternde Stunde dankte, den ſie oft mit Un⸗ dankbarkeit behandelt, und den vielleicht jetzt ein neuer Unſtern auf immer aus ihrer Geſell⸗ 108 ſchaft geriſſen hatte. In dieſem Augenblicke fiel das ungluͤckliche Floß ihr ein; ſie ſtieß einen Schrei aus, und flog nach der Stelle, wo ſie es vor einigen Tagen geſehen hatte. Es befand ſich noch ruhig da.—„Gott ſei gelobt,“ rief ſie laut aus,„was ihn auch getroffen hat, ſo iſt er doch wenigſtens nicht in Gefahr, auf dieſem treuloſen Elemente umzukommen!“— Sie beeilte ſich jetzt zur Huͤtte zuruͤckzukehren, und hatte ſie faſt ſchon erreicht, als Spuren von Blut, welche ſie im Graſe erblickte, ihr Herz krampfhaft zuſammenpreßten. Feliy, den ſie in dieſem Augenblicke weinend und ſcheu auf ſich zu kommen ſah, beſtaͤrkte ſie in ihren ſchlimmen Ahnungen.„Sprich, lieber Junge,“ rief ſie faſt außer Alhem,„wo iſt er, was iſt ihm be⸗ gegnet?“— „Ach, er blutet,“ antwortete das Kind, „und iſt ſo fuͤrchterlich beſchaͤbigt!— Komm ſchnell, lieber Edmund, und ſieh, ob du ihm nicht helfen kannſt.— Da iſt er,“ fuͤgte er hinzu, indem er mit dem Finger auf die Huͤtte zeigte. 109 Viola flog vorwaͤrts, und ſchnell wie der Blitz ſtand ſie an Fitz Aymer s Seite, der auf ſeinem niedern Lager ſitzend verſuchte, aus der ihm von der Lady geſchenkten Leinewand einige Streifen zu reißen, um ſein ſchwer verwundetes Bein damit zu verbinden. Noch ſloß das Blut ſtark aus der Wunde, und die dadurch verur⸗ ſachte Entkraͤftung geſtattete ihm kaum ſein auge⸗ fangenes Werk zu vollenden. „Laßt mich euch helfen!“— rief Viola mit einem Ton, der zugleich Mitleid und Schrecken verrieth. „Thue es, lieber Edmund,“ antwortete er mit ſchwacher Stimme.„Der Blutverluſt hat mich zu ſehr angegriffen.“ Bleich ſank er bei dieſen Worten auf ſein La⸗ ger zuruͤck, und das erſchrockene Maͤdchen glaubte ſchon, ihn in den Armen des Todes zu ſehen. Sie fiel an ſeiner Seite auf ihre Kniee nieder, rief ihn bei den ſuͤßen Namen: Bruder, Freund, Beſchuͤtzer!— und waͤhrend Herz und Lippen ſich zum Gebet um ſeine Rettung erhoben, rieb ſie mit ihren weichen Haͤndchen ſeine Schlaͤfe, ſeine Hand, und fuͤhlte nur an den ſchwachen 4 110 Pulsſchlaͤgen, daß noch Leben in dieſer geiſter⸗ aͤhnlichen Geſtalt ſei.— Jetzt ſprang ſie auf, holte Waſſer herbei, und als ſie damit ſein Ge⸗ ſicht beſprengt hatte, kniete ſie wieder nieder, nahm ſein Haupt in ihren Arm, und verſuchte einige Tropfen an ſeine Lippen zu bringen. Die kuͤhlende Friſche belebte ihn wieder; er oͤffnete die Augen, dankte ihr, nannte ſie ſeinen lieben Edmund, und eine leichte Roͤthe ſlog jetzt uͤber die eben noch ſo bleichen Wangen. — —— Siebentes Kapitel. Durch das ploͤtzliche Davonlaufen in Schre⸗ cken geſetzt, war Lady Earlingford ihrer Tochter gefolgt, doch weder ſchnell genug, ſie zu ereilen, noch der Richtung gewiß, welche dieſe ge⸗ nommen, hatte ſie den Weg verſehlt, und nach⸗ dem ſie vergebens an verſchiedenen Stellen ihren Namen ausgerufen, kehrte ſie nun athemlos zur Huͤtte zuruͤck, in der Hoffnung Fitz Aymer heimgekehrt, und durch ſeinen Beiſtand die Fluͤch⸗ tige wiederzufinden. So wie ſie ihn aber ſo blaß und leidend da⸗ liegen ſah, ſchwand jeder andere Gedanke; die ganze Thaͤtigkeit ihrer Kraͤfte ſchien ſich einzig darauf zu beſchraͤnken, ihm Huͤlfe zu leiſten, und mit aller Geſchicklichkeit eines erfahrenen Wund⸗ arztes und der Zaͤrtlichkeit einer Mutter, legte ſie 112 den Verband um ſein Bein. Der Kranke ver⸗ mogte kaum die Erkenntlichkeit auszudruͤcken, welche er uͤber ihre freundlich ſorgfaͤltige Behandlung em⸗ pfand;z er zog wiederholte Male die wohlthuende Hand an ſeine Lippen, und waͤhrend er die durch ſie erhaltene Erleichterung empfand, glaͤnzte eine helle Thraͤne des Danks in ſeinem Auge. Beim Eintritte der Mutter hatte Viola ſo⸗ gleich ihre Dienſtleiſtungen eingeſtellt, und ſich an die Thuͤre der Huͤtte zuruͤckgezogen, auf deren Schwelle der arme Felix allein und verlaſſen ſaß, den Blick von Zeit zu Zeit ſcheu nach den Spuren des Blutes wendend. Viola zog ihn freundlich an ſich, ſetzte ſich in einiger Entfernung mit ihm auf den Raſen nieder, und verſuchte nun, einige naͤhere Umſtaͤnde uͤber den ungluͤckli⸗ chen Vorfall aus dem Knaben herauszulocken. Alles was ſie aber aus ſeiner unvollkommenen Er⸗ zaͤhlung verſtehen konnte, war: daß, nachdem ſie mehrere Stunden auf der Jagd geweſen, Felix muͤde geworden ſei, und ſich an einen Ort zum Schlafen hingelegt habe, den der Freund wohl ſo gefaͤhrlich gehalten haben muͤſſe, daß er, anſtatt ihn zu rufen, ſchnell von einem ſteilen Felſen 113 herab geklettert ſei, um den Knaben in Sicherheit zu bringen. Die innere Bewegung, in welcher er hinunter eilte, hatte ihn wahrſcheinlich ſeiner gewoͤhnlichen Feſtigkeit des Schrittes beraubt, er glitt aus, und indem er von einer betraͤchtlichen Hoͤhe auf den ſteinigten Grund fiel, hatte er ſein Bein ſo ſchwer verwundet, daß der Schmerz ihn einige Zeit hinderte, ſein Vorhaben auszufuͤh⸗ ren.„Als er mich aufweckte,“ fuhr das Kind fort,„hatte er ein Taſchentuch um ſeine Wunde gebunden; aber es war ganz blutig, und er blu⸗ tete auch immerfort waͤhrend des ganzen Heim⸗ weges.“ „Und trug ſich dies ſehr fern von der Huͤtte zu,“ fragte Viola;„hattet ihr noch einen lan⸗ gen Ruͤckweg?“— „Ach ja; wenigſtens ſchien es mir ſo, denn ich war ſehr muͤde und hungrig; und ihm muß der Weg auch recht lang geworden ſein, doch ungeachtet er ſo matt war, wollte er mich dennoch tragen.“ Viola fuͤhrte nun den Kleinen in die Huͤtte, um ihm etwas zu eſſen zu verſchaffen. Sobald Fitz Aymer ſie erblickte, reichte er ihr B. Sch. 8 114 die Hand entgegen, und ſagte:„Ich werde nie dein freundliches Betragen gegen mich vergeſſen, lieber Edmund. Wenn du auch kein ſo ge⸗ ſchickter Wundarzt biſt, als deine Tante, ſo haſt du mir doch nicht weniger Mitleid gezeigt, und ich geſtehe daß der Antheil, den du an meinem Unfall genommen haſt, mich eben ſo ſehr uͤberraſcht, als erfreut hat.“ „Ueberraſcht!“ wiederholte Lady Earling⸗ ford;“ glaubten Sie denn, Edmund ſei ohne menſchliches Gefuͤhl?“— „Ich bin uͤberzeugt,“ antwortete er laͤchelnd, „nichts als dies elende, blutende Bein wuͤrde im Stande geweſen ſein, irgend ein Zeichen des An⸗ theils an mir aus ihm hervorzulocken, denn bis dahin hat er mich ja noch mit keinem freundli⸗ chen Blicke angeſehen. Von nun an aber hoffe ich, wird er mich lieber gewinnen.“ Viola wandte ihr Geſicht weg, und beſchaͤf⸗ tigte ſich, ohne zu antworten, mit dem Knaben, welchem ſie ein Stuͤck Gefluͤgel zerlegen half. Nie mehr erſtaunt, obgleich oft verdrießlich uͤber ihr ſchweigſames Weſen, ſuchte Fitz Aymer dem Geſpraͤche eine andere Wendung zu geben, 115 indem er, den Blick auf Felix gerichtet, aus⸗ rief:„Ich darf den kleinen Mann da nicht mehr mit mir nehmen, wenn ich weite Wande⸗ rungen anſtellen will. Waͤhrend ich das Wild verfolge, begiebt er ſich in tauſenderlei Gefahren, und es koͤnnte leicht kommen, daß ich einmal ei⸗ nen todten Knaben, anſtatt eines todten Vogels heimtragen muͤßte. Wollten ſie mir erlauben, Mylady, ihn bei ſolchen Gelegenheiten unter ih⸗ ren Schutz zu geben?“— „Sehr gerne; aber bilden ſie ſich nicht ein, daß dies in den erſten Tagen der Fall ſein darf; ſie muͤſſen ſich bereiten, wenigſtens eine Woche ganz ruhig zu bleiben.“ „Eine Woche!— Um des Himmels willen, wie ſoll ich dieſe einſame, langweilige Zeit hinbrin⸗ gen? „ Sie koͤnnen leicht denken, daß wir ſie in ihren Leiden nicht verlaſſen werden, und uͤberdies ſteht ihnen der Gebrauch aller unſerer Buͤcher zu Dien⸗ ſten.“ „Buͤcher ſind jetzt nicht im Stande, mir das Vergnuͤgen der Geſellſchaft zu erſetzen. Sie erin⸗ nern ſich gewiß, wie ich den Augenblick, da ich 8* 116 ſie in dieſer Einſamkeit ſah, als den gluͤcklichſten meines Lebens pries. Wenn der Eindruck, wel⸗ chen ihre Gegenwart auf mich machte, nun da⸗ mals ſchon ſo groß war, damals, wo ich ſo we⸗ nig von ihrer Guͤte gegen mich hoffen durfte, um wie weit groͤßer muß er jetzt ſein, da ſie mir ſo viele Freundſchaft, eine ſo zaͤrtliche Theilnahmne bewieſen haben.“ Die Dame legte dem Kranken Stillſchweigen auf, w weil nur durch Ruhe die Heilung ſeiner Wunde ſchneller gelingen koͤnne; ſtellte dann kuͤh⸗ jendes Obſt in ſeine Naͤhe, perſprach die Huͤtte nicht zu verlaſſen, bis er er hergeſtellt ſein wuͤrde, und begann nun mit Viola einige Erfriſchungen einzunehmen, deren ſie beide ſo ſehr bedurften. Gegen Abend zeigte ſich ein ſo ſtarkes Wund⸗ ſieber bei dem Kranken, daß ſie beſchloß, die Nacht bei ihm zu wachen; doch vermied ſie ab⸗ ſichtlich, der Tochter den Grund ihrer Beſorgniſſe mitzutheilen, ſagte nur, daß man ihn in der huͤlf⸗ loſen Lage nicht allein laſſen koͤnne, und bat ſie, mit Felix zur Hoͤhle zuruͤckzugehen, damit die aͤußerſte Ruhe hier herrſche. der Hoͤhle hinbringen.— 117 Viola war es zwar gewohnt, den Befehlen ihrer Mutter zu folgen, doch gehorchte ſie dies⸗ mal ungerne. Ein Ausdruck des Schmerzes zeigte ſich auf ihrem Geſicht; zoͤgernd weilte ſie noch einige Augenblicke, nahete ſich dann lang⸗ ſam dem Kranken, und indem ſie ihm leiſe eine gute Nacht zurief, fuͤgte ſie den Wunſch hinz u, ihn Morgen beſſer zu finden. „Habe Dank, lieber Junge,“ entgegnete er freundlich,„fuͤr dieſen Wunſch und alles Gute, das du mir erzeigt haſt!“— Bei dieſen Worten reichte er ihr die brennende Hand, welche Biola nicht ohne Schauder ſo heiß in der ihrigen gloͤ⸗ hen fuͤhlte. Jetzt dräͤngte ſich Felix herbei, den er umarmte, und ihm befahl, nicht von Ed⸗ munds Seite zu weichen. Zum erſten Male, ſeit Viola ſich auf dieſer Inſel befand, ſollte ſie ſich auf ſo lange Zeit von der Mutter trennen, die Nacht ohne ſie in Das ſchien ihr eine ſchwere Aufgabe.— Noch vor der Thuͤr der Huͤtte, wohin die Mutter ſie begleitet hatte, hing ſie ſich an ihren Hals, und konnte die Thraͤ nen nicht zuruͤckhalten.„Liebes Kind,“ ſagte 118 Lady Earlingford befaͤnftigend zu ihr, „du machſt, daß ich mein Verſprechen hier iu bleiben faſt bereue.“— „Nein, nein, theure Mutter, laß ihn um des Himmels willen nicht allein!— Sieh, ich gehe ja ſchon; nur mogte ich noch———— „Und was, mein Kind?“— „Ich moͤgte— ach, weiß ich doch kaum, was ich ſagen wollte. Darf ich morgen recht fruͤh wieder hier ſein?“— „So fruͤh du willſt.“— „Nun noch einmal gute Nacht!— der Him⸗ mel behuͤte— Euch Beide, wollte ſie hinzu⸗ ſetzen, aber ſie verſchluckte die letzten Worte, nahm Felix bei der Hand, und wanderte langſam nit ihm davon. Nie hatte Viola ſich mit ſchmerzlichern Gefäh⸗ len auf ihr einfaches Lager geworfen, als heute; doch waren dieſe Gefuͤhle weit von denen ver⸗ ſchieden, mit welchen ſie ſich fruͤher oft nieder⸗ gelegt hatte. Ihr eignes Selbſt kam bei die⸗ ſem Schmerz faſt in gar keine Betrachtung, und ſo waren dieſe Sorgen, wenn auch vielleicht eben. ſo ſchwer, doch demiger ſhxeceuch, da ſie aus — 119 Mitgefuͤhl, aus ſteigender Neigung zu einem an⸗ dern Weſen entſprangen. Ihre Bruſt wurde nicht laͤnger einzig durch Kummer uͤber ihr eigenes un⸗ gluͤckliches Geſchick beengt, es war nicht mehr das nur auf ſich beſchraͤnkte Bewußtſein der Troſt⸗ loſigkeit, welches ihren Geiſt ſonſt ſo ſchwer niederbeugte; nein es war mitten unter dieſen Sorgen ein erhebendes Gefuͤhl, es lag etwas ſuͤ⸗ ßes in ihrer gegenwaͤrtigen Trauer, da ſie hinge⸗ gen vormals in aͤhnlichen Stunden nur Furcht, Zerruͤttung und Verzweiflung empfunden hatte. Noch vor dem Schlafengehen ließ ſie den Kleinen niederknien und beten. Das Kind ſchien durchaus nicht unbekannt damit, ſondern faltete gleich ſeine kleinen Haͤnde, und ſagte mit vieler Andacht einige wenige, ihm ſelbſt verſtaͤndliche Worte her, die ſie tief ruͤhrten. Als er ſich wie⸗ der erhob, kuͤßte ihn Viola, und fragte, wer ihn das ſchoͤne Gebet gelehrt habe. Eine tiefe Roͤthe uͤberzog ſeine Wangen, die Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, waͤhrend die Lippen zitternd hervorſtammelten:„die gute Mut⸗ ter, welche nun da oben beim lieben Gott iſt.“— 120 Viola zog das Kind inniger an ihre Bruſt, indem ſie zu ſich ſelbſt ſagte:„das haͤtte ich wohl vorausſetzen koͤnnen!— Nur eine Mutter kann ſo beten lehren.“— Doch wuͤnſchte ſie noch uͤber etwas Aufklaͤrung zu haben, die ſie nur von dem Kinde erhalten konnte. Sie fragte alſo:„Laͤßt dein Freund dich wohl dies Gebet wiederho⸗ len?“— „Ach freilich!— jeden Abend.“ Dieſe kurze Antwort erfuͤllte ſie mit einer Wonne, welche ſie in dieſer traurigen Nacht nicht erwartet hatte. Er kann unmoͤglich der verwor⸗ fene Menſch ſein, fuͤr den die Mutter ihn haͤlt,— dachte ſie, und ſchlief unter Gebet und ſuͤßen Traͤumen ein. Mit dem erſten Sonnenſtrahl erwachten Bei⸗ de. Geſunde Kinder ſuchen, gleich den Voͤgeln, ſich beim Anbruch des Tageslichts aus den Ban⸗ den des Schlafs zu befreien, um die wiederbelebte Schoͤpfung aufs Neue zu begruͤßen.— Vio⸗ la's Schlummer war zwar nicht ſo erfriſchend geweſen, als der ihres kleinen Kameraden; ver⸗ wirrte Bilder ſchmerzlicher Erinnerung draͤngten ſich beim Erwachen vor ihre Seele, und fuͤhrten 121 ſie zu einer nicht weniger ſchmerzlichen Wahr⸗ heit.— Dennoch ſprang ſie ſchnell von ihrem Lager auf, um die Ungewißheit, in welcher ſie uͤber Fitz Aymer's Zuſtand ſchwebte, nicht zu ver⸗ laͤngern. Leiſe trat ſie in die Huͤtte, und eben ſo leiſe folgte der Kleine ihr. Noch ſaß die Mutter ne⸗ ben dem Kranken, der jetzt in einen ruhigen Schlummer gefallen war, in den erſten Stunden der Nacht aber ſehr gelitten hatte. Viola, die es bisher nie wagte, ihn laͤngere Zeit anzublicken, heftete zum erſtenmale ihre Augen waͤhrend eini⸗ ger Minuten auf ſein Antlitz, und ſtand in ernſten Betrachtungen verloren vor ihm. Seine Blaͤſſe konnte ſie nicht in Erſtaunen ſetzen; doch ſchien es ihr, als habe ſie ſich noch vermehrt, und dies ſchmerzte ſie tief. Aber der ſchoͤne Ausdruck ſeines Geſichts, die hohe Stirn, der liebliche Zug um den Mund, das ganze Gepraͤge eines edlen Lei⸗ denden, erfuͤllte ſie mit ſolcher Bewunderung, daß ſie den Blick nicht wieder von ihm abwenden konn⸗ te, ungeachtet der Mutter Auge mit ſtummer Be⸗ truͤbniß auf ihr weilte. Noch ſtand ſie bewe⸗ gungslos da, als Fitz Aymer erwachte. Schnell 1²2² wie ein Gedanke erroͤthete ſie, und wandte das Köpfchen zur Seite; doch hatte er ihr ploͤtzliches Wegwenden bemerkt, richtete ſich in die Hoͤhe und ſagte:„warum erſchrickſt du, lieber Ed⸗ mund, als ob du dich fuͤrchteteſt, mir dein Wit⸗ gefuͤhl zu zeigen? Es kann nur wohlthuend auf mich wirken, ſolche freundliche Geſinnungen fuͤr mich in deinem Herzen zu leſen.— Komm naͤ⸗ her, lieber Junge, und frage mich frei und of⸗ fen, wie es mir geht.“— „Ohne dieſe Frage an ſie zu richten,“ fiel die Lady ſchnell ein,„kann Edmund ſchon durch den Ton ihrer Stimme uͤberzeugt ſein, daß es ihnen beſſer geht.— Habe ich nicht recht?“— Fitz Ay mer geſtand es ihr dankbar ein. Der letzte ruhige Schlaf hatte ihn wunderbar er⸗ quickt; er druͤckte ſeine Erkenntlichkeit fuͤr ihre an ihm bewieſene Pflege und Sorgfalt in den be⸗ redteſten Worten aus, und bat ſie, nun auch ſel⸗ ber die Ruhe zu genießen, welcher ſie ſo ſehr be⸗ duͤrfe. Endlich entſchloß ſie ſich, ihn auf eine Stunde zu verlaſſen, nicht um zu ſchlafen, ſon⸗ dern um an dem heitern Morgen ſich durch einen Spatziergang an der Kuͤſte zu ſtaͤrken. 123 Viola begleitete ſie, und ganz gegen ihre Gewohnheit ſuchte ſie das Geſpraͤch auf Fitz Ay⸗ mer zu lenken. Sie begann damit, der Mutter zu erzaͤhlen, was ſich am vorigen Abend mit ihr und dem kleinen Felix zugetragen habe.— „Glaubſt du nicht auch,“ ſagte ſie,„daß dieſe Aufmerkſamkeit auf des Kindes erſte und heiligſte Pflicht fuͤr ſeine eigenen Geſinnungen zeugt?— Floͤßt dies dir nicht eine beſſere Meinung uͤber ihn ein?— Ich weiß gar wohl, daß es bei dir nur der allgemeinen Menſchenliebe bedarf, um dich zu alle dem anzutreiben, was du fuͤr ihn thuſt; aber wuͤrdeſt du es nicht lieber thun, wenn du uͤber⸗ zeugt waͤreſt, daß der Gegenſtand nicht allein deine Sorgfalt forderte, ſondern ſie auch verdiente?“— Lady Earlingford kannte das weibliche Herz zu gut, um nicht uͤberzeugt zu ſein, daß nichts einer aufkeimenden Neigung mehr Nah⸗ rung giebt, als der geringſte Schein der Unge⸗ rechtigkeit gegen das Weſen, welches dieſe Nei⸗ gung hervorbringt. Sie war alſo klug genug, hei⸗ ter und unbefangen in das Lob einzuſtimmen, welches der junge Mann in Hinſicht ſeines Be⸗ tragens gegen das Kind verdiene.— Sie ſprach 124 auch im Ganzen von ihm mit allgemeinem, jedoch maͤßigem Lobe, indem ſie ſeine Auffuͤhrung gegen ſie als voͤllig tadellos hinſtellte.„Doch duͤrfen wir uns deshalb nicht uͤber ſeine Fehler taͤuſchen, liebes Kind,“ ſetzte ſie hinzu.—„Fitz Ay⸗ mer zeigt hier manche gute Eigenſchaft, und vielleicht wuͤrde ſein Betragen immer daſſelbe Lob verdienen, wenn er ſtets in dieſer Eingezo⸗ genheit bliebe; ich aber habe ihn in der großen Welt gekannt, und nur zu viele Gelegenheit ge⸗ habt mich zu uͤberzeugen, daß er zu ſchwach iſt, Verſuchungen zu widerſtehen.“ „Wirſt du mir denn nie die naͤheren Umſtaͤnde ſeiner fruͤheren Geſchichte anvertrauen, auf welche du ſo oft hindeuteſt?— fragte Viola. „Es widerſteht mir, ſie dir mitzutheilen,“ antwortete die Mutter,„und nicht ſowohl um Fitz Aymer's willen, als aus Schonung ge⸗ gen andere Perſonen, die in dieſe unſelige Ge⸗ ſchichte verwickelt ſind, und deren Irrungen dir bekannt gemacht zu haben, ich mir vorwerfen wuͤr⸗ de, im Falle, daß wir je wieder ſo gluͤcklich ſein ſollten, daſſelbe Land mit ihnen zu bewoh⸗ nen.— 4 1 125 Viola drang zwar jetzt nicht weiter in die Mutter, doch als ſie ſich der Huͤtte wieder nahe⸗ te, that es ihr Leid, daß ihre Gefuͤhle fuͤr den Bewohner derſelben um ein Betraͤchtliches an Waͤrme verloren, und die Hindeutungen auf Ver⸗ gehen, die man zwar nicht ausſprach, dennoch einen Theil des guͤnſtigen Eindrucks fuͤr den jun⸗ gen Mann verwiſcht hatten; jedoch ſagte ſie ſich, daß ſie dies den Verwundeten durchaus nicht duͤrfe entgelten laſſen, und ihre Sorgfal fuͤr ihn ſchien ſich eher zu vermehren als zu vermin⸗ dern.. Unter den in der Kiſte enthaltenen Sachen hatte ſich auch ein kleines Schachbrett gefunden. Dies war ſuͤr Fitz Aymer in ſeiner gegen⸗ waͤrtigen Lage ein unendlicher Schatz, vorzuͤglich wenn er ſich mit Viola darauf verſuchen konnte, die dies Spiel leidenſchaftlich liebte, und in der er keinen ſo geuͤbten und ſchlanen Gegner zu fin⸗ den gehofft hatte. Waͤhrend Beide auf dieſe Weiſe beſchaͤftigt waren, ſaß Lady Earling⸗ ford in einer andern Ecke bei ihrer Arbeit, und der kleine Felixr trieb ſein Weſen heiter und lachend um ſie herum. Doch als gegen Abend 126 Fit Aymer bemerkte, wie ſehr ſeine ſorgliche Pflegerinn ermuͤdet ſein muͤſſe und der Ruhe be⸗ duͤrſe, ward dem muthwilligen Knaben das Laͤr⸗ men unterfagt; jedes verhielt ſich ſtill, und un⸗ willkuͤhrlich ſchloſſen ſich die Augen der Lady, die endlich in einen ſanften Schlummer fiel. Auch das Spiel war geendet; Viola glaubend, der Kranke werde dem Beiſpiel der Mutter folgen, hatte ein Buch in die Hand genommen, und ſetzte ſich an die Ecke des Lagers. Bald aber richtete ſich Fitz Aymer in die Hoͤhe, und den Schlummer der Lady bemerkend lehnte er ſein Haupt nahe an das Maͤdchen, leiſe fragend: „Sage mir doch, lieber Edmund, was iſt aus deiner huͤbſchen Baaſe, Viola, geworden?“— Hochroth faͤrbten ſich des Maͤdchens Wangen bei dieſer ſo ganz unerwarteten Frage, und kaum konnte ſie die Worte hervorſtammeln: „Was aus ihr geworden iſt?— Wie kann ſie dies intereſſiren?“— „Schon aus Menſchlichkeit muͤßte jedes fuͤh⸗ lende Weſen Antheil daran nehmen.— Alle ſich am Bord befindlichen Paſſagiere konnten ihre Schoͤnheit und Anmuth nicht genug preiſen; und I b b b 127 obgleich ich ſie nie voͤllig in der Naͤhe ſah, nie ein Wort mit ihr gewechſelt habe, ſo uͤberzeugte mich doch ſchon die Grazie und Zartheit, welche in ihrer ganzen Geſtalt lag, daß das Geruͤcht nicht zu viel von ihr ſage. Die Haͤlfte der jungen Maͤnner auf dem Schiffe waren in ſie verliebt, und haͤtte die Mutter ſie nicht ſo ſorgfaͤltig vor mir gehuͤtet, moͤgte ich ſicher die Anzahl ihrer Anbeter noch vermehrt haben. Nie erſchien ſie vor der Abenddaͤmmerung auf dem Verdeck, und da ich nicht mit den Geſunden und Froͤhlichen zu Mittage aß, ſo ſah ich ſie nie anders als im Halbdunkel, wenn ſie am Abend der freien Luft genoß. Sage mir, lieber Edmund, ob ſie ge⸗ rettet iſt, denn weder du, noch vorzuͤglich ihre Mutter koͤnnten ſo ruhig ſein, wenn ihr nicht gerechte Urſache zu glauben haͤttet, daß ſie der Gefahr gluͤcklich entronnen ſei.“ Viola, welche bis zu dieſem Angenblicke es ſich nie hatte einfallen laſſen, daß Fitz Ay⸗ wer auch nur je im mindeſten an ſie gedacht ha⸗ be, war innerlich nicht wenig geſchmeichelt uͤber die Art, wie ihrer erwaͤhnt wurde; doch ſetzte es ſie in Verlegenheit, wie ſie die Fragen beantwor⸗ 128 ten ſollte, und Unwahrheit haſſend, ſagte ſie endlich nicht ohne vielen innern Zwang:„Wir haben alle moͤgliche Urſache zu hoffen, daß meine Baaſe jetzt gluͤcklich in Bengalen angekommen iſt, und ſich ſicher unter Sir William Earling⸗ ford's Schutze befindet.“ „Wie aber iſt ihre Rettung möglich ge⸗ weſen?“— „Danach muͤſſen ſie die Lady fragen,“ ver⸗ ſetzte Viola ſchnell,„die alle Veranſtaltungen dazu getroffen hat. Ich kann ihnen weiter nichts ſagen, als daß ihre Tochter in Sicherheit iſt.“— „Indem du mich an die Lady verweiſeſt, be⸗ nimmſt du mir alle Moͤglichkeit, jemals ein Wort weiter uͤber dieſen Gegenſtand zu hoͤren. Sie kann es nicht einmal ertragen, wenn ich ihrer Toch⸗ ter Namen nenne, und ein paarmal, da ich mir Muͤhe gab das Geſpraͤch darauf zu leiten, hat ſie meine Fragen ſo ſcharf abgeſchnitten, daß ich faſt nicht anders als glauben kann, ſie habe eine geheime, ungluͤckliche Urſache, zu wuͤnſchen, es moͤge nie wieder von Viola geſprochen werden.“ „Sie bilden ſich doch hoffentlich nicht ein,“ fagte der vermeintliche Edmund,„daß je 129 Kaͤlte, oder irgend ein Mißverſtaͤndniß zwiſchen Mutter und Tochter geherrſcht habe?“— „Es ſind wohl unter dem Monde noch ſonder⸗ barere Dinge begegnet; doch ſind dies Sachen, die mich nichts angehen. Mich befremdet einzig das Geheimnißvolle, mit dem man es vermeidet, ihres Schickſals zu erwaͤhnen, und ich beklage es oft, daß waͤhrend du und ihre Mutter an dieſe Kuͤſte getrieben ſind, ſie an eine entgegengeſetzte verſchla⸗ gen iſt. Ich geſtehe dir, als ich zuerſt vernahm, Lady Earlingford habe noch einen Ungluͤcks⸗ gefaͤhrten, bildete ich mir ſo feſt ein, es muͤſſe ihre Tochter ſein, daß dein erſter Anblick, guter Ed⸗ mund, mir eine recht bittere Taͤuſchung gewaͤhr⸗ te. Aber kannſt du mir nicht ſagen, was Sir William uͤberhaupt vermogte ſie nach Indien kommen zu laſſen?“— „Doch wohl Ungeduld ſie wiederzuſehen; ſie ſind ſchon uͤber zwei Jahre getrennt geweſen.“ „Glaubſt du daß ſie ſehr an ihm haͤngt?“ „Keine Tochter hatte wohl je mehr hrache dazu; er iſt der zaͤrtlichſte Vater.“— „Und doch gab es nie einen Mann, der unver⸗ ſöhnlicher haßte.“— B. Sch. 9 130 „Es wuͤrde mir recht, recht Leid ſein, wenn ſie Urſache haͤtten, dies von ihm zu denken.— Warum aber häͤtte er ſie haſſen koͤnnen?“— „Hat Lady Earlingford dir dies nie ge⸗ geſagt?“— „Nein; dies ſſt e ein Gegenſtand, uͤber den ſie ſtets alle meine Fragen zuruͤckweiſt.“— „Sie hat recht, lieber Edmund, und es iſt beſſer, daß auch ich gegen dich daruͤber ſchweige. Ich halte dich fuͤr einen braven Jungen, und habe dich recht lieb; doch wenn ich mir einen Ver⸗ trauten waͤhlen wollte, muͤßte er reifer an Jahren ſein. 74 3 Hier ſchwiegen Beide. Viola, fuͤrchtend, es moͤge irgend ein unvorſichtiges Wort ihren Lippen entſchluͤpfen, war froh, daß das Geſpraͤch ein Ende nahm, und Fitz Aymer, der ſeiner Meinung nach, alles aus ihr herausgebracht hat⸗ te was ſie wußte, empfand keine Luſt, weitere Fragen an ſie zu richten.—. Bald hierauf er⸗ wachte die Mutter, und begab ſich fruͤher als ge⸗ woͤhnlich mit der Tochter hinweg, um ſich auf ihrem eigenen Lager zur Ruhe zu begeben. Sobald Viola ſich mit ihr allein befand, ————— 131 theilte ſie ihr die mit Fitz Aymer gehabte Un⸗ terhaltung unverhohlen mit. Dieſe Mittheilung aber erfuͤllte die Lady mit Sorge fuͤr ihr Kind, da ſie ſchon verſchiedene Spuren einer wachſenden Neigung zu dem jungen Manne in ihr entdeckt hatte, und deſſen aufrichtiges Geſtaͤndniß von dem Antheil, den ſie in ihm erregt, gewiß jene nicht vermindern wuͤrde. Ihr deshalb Vorſtellungen zu machen, ſie zu warnen, haͤtte nicht allein frucht⸗ los, ſondern ſogar gefaͤhrlich werden koͤnnen. Bis zu dieſem Augenblicke war Viola voͤllig aufrichtig geweſen; ſie hatte der Mutter keinen Gedanken ihres Herzens verhehlt, war ihrem Rathe ſtets mit der Willfaͤhrigkeit eines Kindes gefolgt. Wahr⸗ ſcheinlich war die Natur ihrer Gefuͤhle fuͤr Fitz Aymer ihr ſelbſt bis jetzt voͤllig fremd; uͤbelan⸗ gebrachte Warnung, indem ſie ihr die Augen oͤff⸗ nete, haͤtte ſie leicht Verſtellung lehren, ihre kind⸗ liche Zaͤrtlichkeit unterdruͤcken, und ihr den Weg zu kuͤnftigen Unannehmlichkeiten bahnen koͤnnen. Wann wurde auch wahre Liebe wohl je durch Vernunftgruͤnde unterdruͤckt?— Und doch, aus wie vieken Gruͤn⸗ den gebot hier die Vernunſt, der Netgung, welche 9*† 13² ſich jetzt in der Tochter zu bilden ſchien, zuvor⸗ zukommen! Viola's Hand war, ſobald ihnen das Gluͤck wurde einmal wieder zur menſchlichen Geſellſchaft zuruͤckzukommen, ſchon durch des Vaters Willen verſagt, und allein dies gegebene Wort haͤtte Fitz Aymer'n alle Hoffnung ſie je zu beſitzen, benom⸗ men, wenn auch kein perſoͤnlicher Haß gegen ihn im Spiele geweſen waͤre. Viola war noch mit ihrer kuͤnftigen Beſtimmung voͤllig unbekannt, der fur ſie erwaͤhlte Braͤutigam befand ſich gegenwaͤr⸗ tig in Indien; ſie hatte ihn nie geſehen, nie et⸗ was Naͤheres von ihm gehoͤrt, und war eben ſo unwiſſend uͤber ihre Beſtimmung, als Braut ins väterliche Haus treten zu ſollen, an Bord gegan⸗ gen, als ſie das Schickſal ahnen konnte, welches dieſen Vorſatz zertruͤmmerte. Doch konnte jede Stunde ihre Lage wieder aͤndern; die jetzt ſchein⸗ bar voͤllig abgeriſſenen Bande mit derz uͤbrigen menſchlichen Geſellſchaft, konnten dennoch wieder angeknuͤpft werden, und ſie, die hier allein dem Himmel und ihrer Mutter fuͤr ihr Betragen ver⸗ antwortlich war, konnte ſchnell wieder unter die Gewalt eines Vaters verſetzt werden, der, ob⸗ 133 gleich er ſie liebte, jeden Gedanken an eine Ver⸗ bindung mit Fitz Aymer verwerfen wuͤrde. Das einzige Mittel, wodurch Lady Ear⸗ lingford glaubte dieſe werdende Neigung noch im Keime unterdruͤcken zu koͤnnen, war, indem ſie ihre Tochter mit dem Heirathsplane des Va⸗ ters bekannt machte; doch wuͤnſchte ſie jeden Schein einer Abſicht dabei zu vermeiden, und verſchob es alſo auf einen guͤnſtigen Augenblick, der ungeſucht eine ſolche Mittheilung herbeifuͤhren ſollte, Dann zweifelte ſie aber nicht an dem guͤn⸗ ſtigen Erſolg, da Viola ihren Vater liebte, und von Kindheit an zu ſtrengem Gehorſam in ſeinen Willen gewohnt war. Auf des Maͤdchens dringende Bitten, wie ſie Fitz Aymer's weitern Erkundigungen nach Viola's Rettung ausweichen ſolle, antwortete ſie:„Wir wollen uns nicht um Dinge quaͤlen, die vielleicht gar nicht Statt ſinden. Vermuth⸗ lich iſt ſeine Neugierde uͤber dieſen Punkt jetzt hinlaͤnglich befriedigt, und er gedenkt ferner we⸗ der der Sache, noch des Namens mehr, da das Maͤdchen ihm doch in der That ſo fremd war, daß er keinen großen Werth auf ihre Errettung 134 legen kann. Sollte die Rede indeß jemals wie⸗ der darauf kommen, ſo verweiſe ihn nur an mich, wie du es heute gethan haſt. Ich werde ſeine Fragen mit weniger Verlegenheit zu beant⸗ worten wiſſen; denn gewiß, meine Viola kann es nicht wuͤnſchen, ſich ihm in dem Augenblicke zu verrathen, da er ſich gewiſſermaßen fuͤr ihren Bewunderer erklaͤrt hat, wozu ſie ihn weder auf dieſer wuͤſten Inſel, noch in der bewohnten Welt, wo eines Vaters Willen ſich beſtimmt ihm ent⸗ gegenſetzen wuͤrde, annehmen kann. Viola ſchien die Richtigkeit dieſer Bemer⸗ kung zu fuͤhlen, und verſprach dem Rathe der Mutter zu folgen. Achtes Kapiceel. Sobald der Kranke die Lady am folgenden Norgen allein zu ſich in die Huͤtte treten ſah, um ſich theilnehmend nach ſeinem Befinden zu erkundigen, fragte er haſtig: wo Edmund ſei?— Man ſuchte der Frage auszuweichen, behaup⸗ tete nur wenige Minuten bleiben zu koͤnnen, und ſchnell zur Hoͤhle zuruͤckkehren zu muͤſſen. Kei⸗ neswegs durch dieſe Antwort befriedigt, drang er nur mehr in ſie, und ſie ſah ſich endlich genoͤ⸗ thigt, ihm naͤhere Rechenſchaft uͤber die Urſache ihrer Eile zu geben. „Seit wir an dieſe Inſel geworfen wurden,“ hub ſie an,„halten wir ein genaues Regiſter der Zeit; wir wiſſen den Tag, an dem wir hier landeten, ſo wie die Tage und Wochen welche einander 136 folgten, und feiern jeden Sonntag, als wenn das Gelaͤute der Glocken uns noch zur Kirche riefe. Die Buͤcher welche uns wurden, dienen uns an dem Tage zur hoͤherern Erbauung; und da es heute Sonntag iſt, ſo erlauben ſie ihrem Fe⸗ lix wohl mit mir zu gehen, um unſerm haͤusli⸗ chen Gottesdienſte beizuwohnen.“ „ und wodurch hat ſein Freund es verdient,“ rief Fitz Aymer haſtig,„von dieſer Erhebung der Herzen zum Schoͤpfer ausgeſchloſſen zu wer⸗ den?— Erzeigen ſie mir die Wohlthat, ihre Buͤcher hierher zu bringen; weihen ſie dieſe ein⸗ fache Huͤtte zum Tempel, und halten ſie mich nicht fuͤr ſo voͤllig unwuͤrdig, um mein Gebet nicht mit dem ihrigen vereinigen zu duͤrfen.“ Lady Earlingford wußte dem Ernſt die⸗ ſer Bitte keine Weigerung entgegen zu ſetzen; als ſie ſich aber auf dem Heimwege befand, um Viola mit den Buͤchern zu holen, ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„Der junge Mann ſcheint feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich uns immer liebenswerther zu ma⸗ chen! Ach, meine arme Tochter, ſeine Tugenden vermehren ſtets deine Gefahr!“— Das liebe Maͤdchen trieb waͤhrend der Mut⸗ 137 ter Abweſenheit ihr ſchuldloſes Spiel mit den Voͤgeln, deren Geſellſchaft ſie ſeit kurzem ziemlich vernachlaͤſſiget hatte. Fitz Aymer hatte ihr das Verſprechen geben muͤſſen, nie in der Naͤhe der Huͤtte zu ſchießen, um ihre kleinen Saͤnger nicht zu verſcheuchen. Gerade war ſie beſchaͤftigt ihnen Futter zu ſtreuen und ſie zu liebkoſen, als ſie die Mutter ſich nahen ſah. „Warum bringſt du uns den Felix nicht mit,“ fragte ſie ſchnell;„ich hoffe nicht, daß ſein Freund ihn davon abhielt?“— „Nein, aber er ſcheint zu wuͤnſchen, daß wir unſere Sonntagsandacht in ſeiner Huͤtte halten.“ Das reinſte Entzuͤcken glaͤnzte bei dieſer Ant⸗ wort aus Viola's Augen; ſie faltete die Haͤnde und hob ſie mit Blicken zum Himmel, als wolle ſie ihm danken, daß der einzige Freund den ſie hier haͤtte, ihm nicht fremd ſei, daß er ſich mit ihr im Gebet vereinen wolle.— Schon dieſer Blick wuͤrde der Mutter fruͤhere Vermuthungen beſtaͤtigt haben. Sie ſah ihn mit ſorgenſchwerem Herzen; doch vermied ſie jede Bemerkung, holte die Buͤcher, und ging am Arme der Tochter nach der Huͤtte. ſſich mit ſo unwiderſtehlicher Gewalt zu Gott ge⸗ naen verſetzt gefuͤhlt. Auch als ſie ſchon aufge⸗ dioͤrt hatte zu leſen, toͤnten die ſuͤßen Klaͤnge der in feinem Namen verſammelten Gemeinde. Eben ſo wenig aber konnte es ihre Abſicht ſein, alles was die reinen Sitten und guren Grund⸗ ſaͤze ihres jungen Gefaͤhrten in eit ernſtes Licht ſtellte, vor Fitz Aymer verbergen zu wollen. Da Viola bisher die Vorleſung an jedem Sonn⸗ tage gehalten hatte, gab ſie ihr auch heute das Buch in die Hand. Zitternd nahm das Maͤd⸗ chen es, las anfangs mit kaum hoͤrbarer Stimme; ſo wie aber wahre Andacht ſie begeiſterte, di⸗ Snliaß it der Sache ihre ganze Aufmerkſamkeit n. ſich zog, ſchien eine hoͤhere Kraft ſie zu beſee⸗ len. Die Gedanken vöͤllig von dem abgezogen, mit welchem ſie betete, und ſie nur auf den rich⸗ tend, zu welchem ihr Gebet emporſtieg, bekam ihr Vortrag etwas unbeſchreiblich Ruͤhrendes, Seel und Herz Erhebendes. Nie hatte Fitz Aymer zogen, ſo auf Seraphſittigen in hoͤhere Regio⸗ Andacht noch lange in ihm nach, und eine feier⸗ liche Stille ſchloß den Gottesdienſt der kleinen, Endlich brach der junge Mann das Stillſchwei⸗ 139 gen, indem er in ungewohnlich fanftem, hinge⸗ benden Tone ſagte:„Mein gegenwaͤrtiges Leben in der Geſellſchaft ſo edler Menſchen, das Bei⸗ ſpiel welches ich taͤglich vor Augen habe, die alt⸗ vaͤterliche Einfachheit der Sitten, welche mich hier umgiebt, werden fuͤr mein ganzes noch zukuͤnfti⸗ ges Leben vortheilhaft auf meinen Charakter wirkon. Sollte ich je wieder in den Strudel der Welt verſetzt werden, ſo kehre ich ſicher als ein beſſerer Menſch dahin zuruͤck, und ihnen, theure Frau, danke ich dann einen großen Theil dieſer Veredlung.“— „Moͤgte der Himmel mich zum ſchwachen Werkzeuge ſo vieles Guten erſehen,“ antwortete die Lady.„Aufrichtig geſagt, habe ich immer gedacht, daß, wenn ſie fruͤher an Selbſtbeherr⸗ ſchung gewoͤhnt worden, oder zu ihrem Heil mit weniger aͤußern Mttteln, ihre Leidenſchaften zu be⸗ friedigen, verſehen geweſen waͤren, die beſſern Neigungen ihrer Seele die Oberhand gewonnen, und ſie zu einem der vorzuͤglichſten Maͤnner ge⸗ macht haben wuͤrden; ein Vorzug, deſſen ſie ſich jetzt, bei wahrer Pruͤfung ihres vergangenen Le⸗ bens, gewiß auf keine Weiſe ruͤhmen koͤnnen. „Lady Earlingford,“ erwiederte der junge Mann, indem eine hohe Roͤthe ſeine Wangen uͤberzog,„ich kann mich unmoͤglich fuͤr ſo verworfen halten, als ſie es glauben, obgleich ich weit entfernt bin, jede meiner vergangenen Handlungen rechtfertigen zu wollen. In vielen Faͤllen meines Lebens habe ich thoͤricht und un⸗ beſonnen gehandelt, ich habe mich dadurch tau⸗ ſend Verlaͤumdungen Preis gegeben, habe viel zu wenig auf meinen guten Ruf geachtet, die öffentliche Meinung zu niedrig geſtellt, und die Folgen, welche dies uͤber mich herbeiziehen wuͤrde, zu gering geſchaͤtzt. Sie ſchienen vorhin andeuten zu wollen, daß ich mich ohne Fuͤhrer befunden haͤtte, und nichts kann wahrer ſein. Ich verlor Vater und Mutter als ich noch ein Kind war, und ausge⸗ nommen eines aͤlteren Bruders, den ich zaͤrtlich liebte, der aber keine Gewalt uͤber mich hatte, beſaß ich keine maͤnnlichen Verwandten, die die Zucht uͤber mich unternommen haͤtten. Ich wurde in eine öffentliche Schule gethan, und waͤhrend mein Bruder ſich außerhalb Landes im Dienſte befand, brachte ich meine Feſttage im Hauſe ei⸗ ner reichen, nachgiebigen und, moͤge ſie es mir ver⸗ 141 zeihen, nicht ſehr weiſen Tante zu. Sie ließ mich ganz nach Gefallen mein Weſen treiben, fuͤllte mir die Taſchen mit Geld, kam allen mei⸗ nen kleinen Geluͤſten zuvor, lachte uͤber meine Unarten, und mit einem Worte geſagt, hinter⸗ ließ mir nach ihrem Tode ein unermeßliches Vermoͤgen, als ich kaum mein achtzehntes Jahr erreicht hatte. Ich liebte Aufwand und Pracht, doch keineswegs den Muͤßiggang, und ſo viele Mittel ich auch jetzt in Haͤnden hatte, mir ein bequemes Leben zu verſchaffen, ruhete ich doch nicht eher, bis ich bei der Armee angeſtellt wurde, und zu demſelben Regimente, in welchem mein Bruder diente, ſtoßen konnte. Nicht einzig die Eitelkeit, eine ſchoͤne Uniform zu tragen, zog mich zu dieſem Stande; ich wollte die Muͤhſelig⸗ keiten und die Ehre des militaͤriſchen Lebens thei⸗ len, und wenigſtens in erſterer Hinſicht wurden meine Erwartungen hinlaͤnglich erfuͤllt, ja oft uͤbertroffen. Die Liebe indeß, welche ich fuͤr mei⸗ nen Bruder fuͤhlte, die Hoffnung, mich auszu⸗ zeichnen, und die Frende, welche ich an einem bunten, immer wechſelnden Leben empfand, ſtaͤrk⸗ ten mich jede Schwierigkeit zu uͤberwinden, mit 14² welcher ich zu kaͤmpfen hatte. Nachdem ich un⸗ zaͤhlichen Wechſel erlebt, vielfaͤltige Gefahren be⸗ ſtanden hatte, warf mich eine Krankheit danieder, und noͤthigte mich, meinen Bruder, deſſen Re⸗ giment nach Indien beordert war, ſich ohne mich einſchiffen zu laſſen. Sobald ich nur genaß, und die nöthigen Kraͤfte zur Reiſe in mir ſpuͤrte, war es mein Wunſch ihm zu folgen. In dieſer Abſicht beſtieg ich daſſelbe Schiff, in welchem ſie ſich befanden.— Den weitern Erfolg kennen ſie, ſo wie ihnen nun auch eine treue Skizze mei⸗ nes Lebens bekannt iſt, deſſen genauere Umſtande zu ſchildern, ich weder den Muth beſitze, noch ſie Neigung haben moͤgten zu hoͤren. Nur ſo viel erlauben ſie mir noch hinzuzufuͤgen, daß, unge⸗ achtet der fruͤhen Unabhaͤngigkeit, die mir zu Theil wurde, ungeachtet der unzaͤhligen Lockungen, welche Jugend, Reichthum, ein hochfahrender Geiſt und der Stolz einer vornehmen Geburt um mich herumſtellten, ich mir doch keine einzige Handlung vorzuwerfen habe,(ſo ſehr der Schein auch gegen mich zeugen moͤge,) deren mich der ſtrengſte Sittenrichter als vorſaͤtzlicher Suͤnde, als wahrhaft ſtrafbar zeihen koͤnnte.“— 143 Lady Earlingford fuͤhlte ſich nicht beru⸗ fen, dieſe Behauptung zu widerlegen, obgleich ſie ſich uͤber die Kuͤhnheit wunderte, mit welcher er ſie vorbrachte, und faſt geneigt war zu glauben, ſie habe ihm entweder in ihrem Urtheile unrecht gethan, oder er habe durch die lange Gewohnheit eines wuͤſten Lebens, die zarte Scheidewand zwi⸗ ſchen Tugend und Laſter zu ziehen verlernt. Mit ganz andern Geſinnungen hatte Viola dieſer Schilderung ſeines vergangenen Lebens zuge⸗ hoͤrt Der innigſte Antheil, von keinem Zweifel getruͤbt, praͤgte jedes Wort unausloͤſchlich in ihr Gedaͤchtniß. Heitre Ruhe und ſchuldloſe Froͤhlich⸗ keit eines wahrhaft kindlich frommen Gemuͤths, das ſich uͤber die Reinheit Anderer freut, glaͤnzten in ihren Augen; in jedem Worte, in jedem Blicke, den ſie an Fitz Aymer richtete, lag ein ſo hingebendes Vertrauen, eine ſo beſondere Zu⸗ friedenheit und Freude, als er fruͤher nie an ihr bemerkt hatte. Die wahre Urſache davon wenig ahnend, ſchrieb er dieſes befeligende Gefuͤhl einzig dem wohlthaͤtigen Einſtuße der Religion auf ihr reines, ſchuldlofes Gemuͤth zu, und ſeine Blicke weilten auf dem, von faſt uͤberirdiſcher Wonne 144 ſtrahlenden Antlitze des Maͤdchens, mit jener Be⸗ wunderung und Ehrfurcht, die man fuͤr ein Weſen aus hoͤheren Regionen empfinden wuͤrde. Nach wenigen Tagen war er ſeiner Haft ent⸗ laſſen, und fuͤhlte ſich aufs Neue im Stande, weite Wanderungen anzutreten. Ehe er dieſe aber jeden Morgen begann, fuͤhrte er ſeinen Felix nach der Hoͤhle, um ihn der Sorgfalt der Frauen zu uͤbergeben. Manchmal brachte ihm das Verſprechen, ſich nicht zu ſehr auszuſetzen, das Vergnuͤgen zu We⸗ ge in Violas Geſellſchaft zu wandern, deren eigene Einwilligung zu dieſen kleinen Ausfluͤchten nicht ſchwer zu erhalten war, obgleich die Mut⸗ ter oft nur gezwungen, aus Jurcht, durch ihre Weigerung Verdacht zu erregen, ihre Erlaub⸗ niß dazu gab. Seine Aufmerkſamkeit gegen den jungen Ge⸗ faͤhrten waͤhrend ſolcher Wanderungen, haͤtte kaum zarter, kaum groͤßer ſein koͤnnen, wenn er ihr Geſchlecht gekannt haͤtte. Aengſtlich darauf bedacht, alle zu große Anſtrengung fuͤr ſie zu ver⸗ meiden, waͤhlte er die am wenigſten beſchwerlichen Wege, und ſo wie ſich eine unvermeidliche 143 Schwierigkeit zeigte, war er ſo freundlich zur Huͤlfe bereit, daß ſie waͤhrend jeder Wander⸗ ſchaft ſich inniger zu ihm hingezogen fuͤhlte, und nur die Gegenwart mehr Reiz fuͤr ſie zu haben ſchien, jeder Kummer aber uͤber die Vergangen⸗ heit, jede aͤngſtliche Sorge fuͤr die Zukunft ih⸗ rem heiteren Blicke entſchwand. Darin hatte Lady Earlingford ſich nicht geirrt, daß er den Gegenſtand des gluͤcklichen Entkommens ihrer Tochter nicht weiter beruͤhren wuͤrde; zufrieden ſie außer Gefahr zu wiſſen, ſtillte ſich jede Neugierde in ihm, ſo daß er ihrer nicht ferner erwaͤhnte. Oft aber fiel ſein Geſpraͤch auf ſeine fruͤhe⸗ ren, in der militaͤriſchen Laufbahn zugebrachten Jahre. Viola zog gerne mit ihm in die Schlacht; und obgleich ſie innerlich ſchanderte uͤber die Verwuͤſtungen des Krieges, uͤber die mannigfaltigen Gefahren, in welchen der Freund geſchwebt habe, ſo that es ihr doch wohl, auf die Lorbeeren zu blicken, welche er geerndtet, die einzelnen Zuͤge von Menſchlichkeit gegen den ge⸗ ſchlagenen Feind zu bewundern, ja, oft glaubte ſie die erſteren mit ihm zu theilen, und als hel⸗ ſender Engel bei den andern ihm zur Seite zu B. Sch. 10 ſtehen. Aus der Innigkeit und Waͤrme des Ge⸗ fuͤhls, mit welchem er von mehreren ſeiner Ca⸗ meraden ſprach, ſchloß ſie, daß er auch Aller Lieb⸗ ling geweſen ſein muͤſſe; und wenn ſie dann uͤber ſeine heitere Laune, ſeine Bereitwillikeit Andern zu dienen, ſeine vielfaͤltig geſelligen Ta⸗ lente nachdachte, ſchien es ihr faſt ein Wunder, wie es auch anders haͤtte ſein koͤnnen. So waren ſie einſt an einem ſchoͤnen Mor⸗ gen am Fuße einer hohen Klippe eintraͤch⸗ tig neben einander hergeſchlendert, beide gleich beſchaͤftigt, er im Erzaͤhlen, ſie im Anhoͤren, als der Schall eines Flintenſchußes, zwar aus ei⸗ niger Entfernung, indeß doch klar und beſtimmt, zu ihren Ohren drang. Beide ſtutzten, indem ſie ſich anſahen, als wolle einer aus des andern Blücke die Ueberzeugung erhalten, daß es nicht Blendwerk der Sinne geweſen ſei, und faſt zu⸗ gleich fragten ſie einander:„Hoͤrtet ihr den faſt unglaublichen Schall?“— „Ich hoͤrte ihn,“ rief Fitz Aymer mit ſichtlicher Bewegung,„er kuͤndet uns die Naͤhe einiger Europaͤer an, und verheißt uns Be⸗ freiung.— Edmund, wie ſchlaͤgt mein Herz 147 bei dieſem Gedanken!— Aber der Schall kam von der Hoͤhe dieſer Klippe; ich muß einen Pfad ſu⸗ chen, der mich dahin fuͤhrt. Geh zu der Hoͤhle zuruͤck, lteber Junge, du kannſt mich bei einer ſo gefaͤhrlichen Unternehmung nicht begleiten; geh zuruͤck, und ſei verſichert mich wiederzuſehen, ſobald ich im Stande bin dir einige naͤhere Kunde daruͤber zu geben.“ „Oh, laßt mich mit euch gehen!“ rief Viola bittend.„Fitz Aymer, ich beſchwoͤre euch mich mitzunehmen!— Ich kann jetzt ſchon faſt eben ſo gut einen Felſen hinanklimmen als ihr, ich kann alles, alles, ausgenommen dem unbekannten Ei⸗ genthuͤmer der Flinte allein begegnen!“— „Nun komm, ſo wollen wir vereint auf dies Abentheuer ausgehen; aber, lieber Junge, einen wohlmeinenden Rath moͤgte ich dir doch geben: bilde dir nicht ein Soldat werden zu wollen, bis deine Nerven ſtark genug ſind einen Mann mit einer Flinte anblicken zu koͤnnen.“— So erſchrocken Viola auch war, konnte ſie doch dieſen wohlgemeinten Rath nicht ohne Laͤcheln anhoͤren.„Welchen Stand,“ fragte ſie,„wuͤrdet ihr mir denn rathen zu erwaͤhlen?“ 10* 148 „Du ſollteſt Geiſtlicher werden; du ſcheinſt von der Natur ſchon beſtimmt Suͤnder zu bekehren, Trauernde zu troͤſten, und das wahre Chriſtenthum zu predigen.“— „Wolltet ihr meine Predigten anhoͤren?“— „Verſteht ſich; ſowohl als Suͤnder wie als Traurender.— Und wenn ich jemals heieurhe ſollſt du die Trauung verrichten.“— „Soll ich?“— fuͤſterte das Maͤdchen in einem ſo leiſen, ſonderbar bewegten Tone, daß der vor ihr aufgehende Freund einen Augenblick ſtille ſtand, und ſich umwandte um ſie anzuſehen. Sie aber, ſeinen Blick vermeidend, ſprang ſchnell zur Seite, und fing ſo eilig an die ſteile Hoͤhe zu erklettern, daß er, um ihr nur zu folgen, keine Zeit hatte, dem ſonderbaren Ton der Frage wei⸗ ter nachzudenken. Mit vereintem Eifer ſuchten ſie jetzt den Gip⸗ fel des Felſens zu erklimmen. Obgleich der ge⸗ waͤhlte Pfad noch der am wenigſten ſteilſte ſchien, war er doch beſchwerlich genug, um alle nur moͤgliche Anſtrengung und Beharrlichkeit zu fors⸗ dern. Hier und dort keimten ſpaͤrliche Zeichen einer Vegetation aus den Spalten der Felſen her⸗ 149 vor, die, obwohl durch die brennenden Strahlen der Sonne verſengt, doch dem Fuß der Wande⸗ derer einigen Halt gewaͤhrten. Fitz Aymer lei⸗ ſtete feinem jungen Gefaͤhrten alle nur moͤgliche Huͤlfe; aber die Beſchwerlichkeiten des Weges wurden ſo groß, daß keins ohne die groͤßte Ge⸗ fahr das Auge auch nur einen Augenblick vom Pfade abwenden durfte. Dabei ſchoſſen die Strahlen einer gluͤhenden Sonne auf ſie hernie⸗ der; ein brennender Durſt quaͤlte die Wanderey; dennoch ließ Viola keine Klage von ſich hoͤren, ihre groͤßte Sorge war nur, dem Gefaͤhrten ſo nahe als moͤglich zu bleiben. Mehr fuͤr ihn, als fuͤr ſich ſelbſt fuͤhlend, fuͤrchtete ſie nur immer, daß ihm dieſe Anſtrengung, nach den ſo kuͤrzlich erſt ausgeſtandenen Leiden, ſchaͤdlich werden koͤnne, und ihre groͤßte Sorge war, ihn vor jedem Unfall zu bewahren. Endlich waren alle Schwierigkeiten uͤberwun⸗ den; man hatte den Rand einer weiten Ebene er⸗ reicht, die, obwohl ſteinigt, und an manchen Stellen unzugaͤnglich, doch hier und dort eine weite Ausſicht in die Ferne geſtattete. Kein Zei⸗ chen eines menſchlichen Fußtrittes ließ ſich erſpaͤhen, kein Thier zeigte ſich dem Blick, ausgenommen ein paar Voͤgel; nirgend war eine Spur von Dampf, noch auf dem weiten Ocean, der ſich an drei Seiten vor ihnen oͤffnete, irgend ein europaͤi⸗ ſches Schiff, oder indianiſches Canoe zu unter⸗ ſcheiden.— Alles lag todt, wild und einſam vor ihrem Blicke da. Die Ausſicht gegen Oſten wurde durch die benachbarten Hoͤhen, den Mittel⸗ punkt des Gebirges, beſchraͤnkt, die mit der An⸗ hoͤhe auf welcher ſie ſtanden, in Verbindung zu ſein ſchienen, und das Anſehen hatten, als waͤre vor Zeiten Feuer aus ihrer Schluͤnden geworfen worden. Nachdem ſie vergebens nach allen Seiten ge⸗ ſchauet, und ſich dann ein wenig in dem Schat⸗ ten halb verdorrter Baͤume ausgeruht hatten, fin⸗ gen ſie an auf ihre Ruͤckkehr zu denken. Gluͤck⸗ licher Weiſe zeigte ſich ihnen ein leichterer Fuß⸗ pfad, der aber auf einem großen Umwege hin⸗ unterfuͤhrte, und als Viola endlich unten am Felſen, unweit der Hoͤhle anlangte, fuͤhlte ſie ſich ſo erſchoͤpft, daß ſie ſich auf den Raſen nieder⸗ legen mußte, ehe ſie im Stande war die Heimath voͤllig erreichen zu koͤnnen. Eine leiſe Furcht be⸗ 131 maͤchtigte ſich ihrer, dies Geſtaͤndniß moͤge ihr von Fitz Aymer's Seite den Vorwurf der Weichlichkeit zuziehen; aber im Gegentheil klagte er ſich an, ihre Kraͤfte zu ſehr angeſtrengt, und ſie einer zu großen Ermuͤdung ausgeſetzt zu haben, und Beide begannen in Sorgfalt und Entſchuldi⸗ gungen mit einander zu wetteifern. Hierauf bat er ſie, der Klugheit wegen, in der Hoͤhle das ſtrengſte Stillſchweigen uͤber das zu beobachten, was ſie zu dieſer Wanderung ver⸗ leitet habe. Er verſprach ſeine Nachforſchungen waͤhrend des ganzen Nachmittags fortzuſetzen, und bei ſeiner Ruͤckkehr ihr treuen Bericht zu erſtatten. „Doch ſcheint es mir jekt faſt wahrſcheinlich,“ fuhr er fort,„daß das, was wir fuͤr den Knall ei⸗ ner Flinte hielten, nichts anders als der Fall ei⸗ nes Felsſtuͤcks war, deſſen Sturz aus den Tiefen wiederhallte. Und geſetzt, es waͤre auch ein Schuß geweſen, ſo iſt es mir glaublicher, daß der Schall vom Meere zu uns heruͤber gedrungen ſei, als daß Jemand, der auf dieſer Inſel verborgen iſt, ihn verurfacht haben koͤnne.. „Ihr vergeßt,“ bemerkte Viola,„wie viele Tage hindurch eure Wanderſchaften in den Hoͤhen 132 und Tiefen der Inſel eingeſtellt geweſen ſind. Der Weg von der Hoͤhle zur Huͤtte iſt die ein⸗ zige Richtung, welche unſere Schritte waͤhrend die⸗ ſer Zeit genommen haben; bedenkt alſo, wie leicht es moͤglich iſt, daß in dieſem Zwiſchenraume neue Coloniſten an dieſem Eiland gelandet ſind, und ſich angeſiedelt haben, ohne weiter von uns be⸗ merkt worden zu ſein.“ Jetzt ſahen ſie Lady Earlingford und Feliy nahen, die von weitem ihre Stimmen ge⸗ hoͤrt hatten, und beide Wanderer erhoben ſich, um ihnen entgegen zu gehen. „Du biſt unerhoͤrt lange abweſend geweſen,“ ſagte erſtere in einem matten Tone zu Viola. „Wie haſt du die Hitze ertragen koͤnnen, die ich nie ſo unertraͤglich als heute gefunden habe. Ob⸗ gleich ich im dichteſten Schatten ſaß, bin ich doch faſt erſtickt.“. Beide waren in dieſem Augenblicke erſchrocken uͤber den kranken, voͤlligerſchoͤpften Ausdruck, der in den Zuͤgen der Lady lag, welchen ſie nicht einzig der Ungeduld, mit welcher ſie ihrer geharret hatte, zuſchreiben konnten. Viola vermogte kaum die Angen von der geliebten Mutter zu wenden, und 133 konnte es ſich nicht vergeben, ſie waͤhrend ſo vie⸗ ler Stunden allein gelaſſen zu haben. 6 Auch Fitz Aymer, obgleich ungeduldig ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen, wagte es nicht die guͤtige Freundinn, welche ſo treu bei ihm gewacht, ihn gepflegt hatte, in dieſem Zuſtande gleich wieder zu verlaſſen. Erſt als die Kuͤhle des Abends ei⸗ nen guͤnſtigen Eindruck auf ſie zu machen ſchien, und ihr wenigſtens ſcheinbar einen Theil ihrer ge⸗ wohnten Heiterkeit wieder gab, ſchlich er ſich hin⸗ weg, um die letzten Strahlen der Sonne noch zu ferneren Unterſuchungen zu benutzen. Neuntes Kapitel. Mit ſchwerem Herzen, und ſo aͤngſtlich beſorgt fuͤr die geliebte Mutter, ſah Viola den Freund fortgehen, daß ſie faſt daruͤber die Urſache ſeiner Entfernung vergaß.— Erſt in der voͤlligen Dunkelheit der Nacht kehrte er wieder, weilte aber auch nur kurz, um ſie nicht von der ſo nothwen⸗ dig ſcheinenden Ruhe abzuhalten. Aus ſeinem Stillſchweigen ſchloß Viola, daß ſeine ferneren Nachforſchungen vergeblich geweſen ſein mußten, und ſchlug ſich die ganze Sache aus dem Sinne. Am folgenden Morgen aber erſchien er viel fruͤher als gewoͤhnlich mit Felix am Eingange der Hoͤhle. Traurig trat Viola ihm entgegen, berichtete ihm, daß die Mutter noch immer ſehr unwohl ſei, und ein ſo blaſſes Anſehen habe, als ſei ſie ſchon viele Tage krank geweſen. 133 Mit niedergeſchlagenen Blicken ſtand Fitz Aymer einige Augenblicke zoͤgernd vor ihr, dann nahm er ihre Hand, und ſagte freundlich:„Haſſe mich nicht, lieber Edmund, wenn ich deine Beſorgniß jetzt noch vermehre; aber die Umſtaͤnde zwingen mich dazu. Ich haͤtte dir alles ſchon am geſtrigen Abende mittheilen koͤnnen, doch fuͤrchtete ich die Ruhe der Nacht dir dadurch zu rauben.“ Er fuhr nun fort, ihr zu berichten, daß er die Urheber ihres geſtrigen Schreckens entdeckt habe. „Gerade hatte ich am vergangenen Abend einen die⸗ ſer Menſchen verlaſſen, als ich zu euch zuruͤckkehr⸗ te.— Und nun, Edmund, erlaß mir alle weitere Vorrede von dem, was unumgaͤnglich noth⸗ wendig iſt dir mitzutheilen.“— „Sprecht, ſprecht!“— rief Viola.„Die ſchrecklichſte Gewißheit iſt weniger marternd, als dieſe fuͤrchterlichen Vermuthungen. Was ſind es fuͤr Menſchen?— Sind es Indianer, ſind ſie feindſelig und wild?„Iſt ihre Anzahl groß?“— „Nein, es ſind nur zwey Menſchen, ein Va⸗ ter und ein Sohn, beides Europaͤer, aus Frank⸗ reich gebuͤrtig. Was ich aus den Erzaͤhlungen des Juͤngeren erfuhr, iſt kurz folgendes: Sein 136 Vater, wie er mir ſagte, war Befehlshaber ei⸗ nes kleinen Kapers, mit welchem er in den letzten Monaten in den indianiſchen Meeren herumkreuz⸗ te, viele Beute machte, und der Schrecken aller Kauffahrteiſchiffe wurde, welche dieſen Weg nah⸗ men. Mit vielen Fluͤchen erwaͤhnte der Sohn, der unter dem Vater gedient hatte, einer Ver⸗ ſchwoͤrung des Schiffsvolks gegen jenen und ihn, zu Folge welcher vor kurzer Zeit ein halbes Dutzend der entſchloſſenſten unter der Mannſchaft uͤber ſie beide hergefallen ſei, ſie uͤber Bord in ein elendes Boot geworfen habe, und nun mit dem Schiff in vollem Segeln davon geeilt waͤre. Ohne Compaß, oder einige andere Huͤlfsmittel, nur mit wenigem eingeſalzenen Fleiſche, einem kleinen Faͤß⸗ chen Num und etwas friſchem Waſſer verſehen, waͤren ſie beide den Wellen Preis gegeben wor⸗ den.“ „Die armen Menſchen!— rief Viola; wel⸗ che traurige Lage!“— „ So hart auch ihr Schickſal ſcheint,“ fuhr Fitz Aymer fort,„kann ich doch kaum daran zweifeln, daß ſie es nicht voͤllig verdient haben. Wenn du ſie nur einmal geſehen haſt, wirſt du 1 4 — b a 9 157 den Haß des Schiffsvolks gegen ſie nicht laͤnger uns begreiflich finden. Nie ſah ich Boͤſewichter, denen das Gepraͤge der Bosheit deutlicher auf dem Geſichte geſchrieben ſteht. Der Vater, finſter und Rache ſchnaubend, ſchießt ſo grimmige Blicke unter den buſchigen Augenbraunen hervor, als ein Tiger, der bereit iſt auf ſeine Beute zu ſpringen; ſeine Sprache gleicht einem Bruͤllen, und nur der Ge⸗ danke daß er krank ſei, kann mich abhalten, ihn als den boͤſen Geiſt dieſes Ortes zu verfol⸗ gen.“— „Aber der Sohn?“— fiel Viola zitternd ein,„iſt der nicht wenigſtens etwas minder ab⸗ ſchreckend in ſeinem Anblicke?“— „Der Sohn iſt liſtiger, und giebt ſich Muͤhe etwas geſitteter zu ſcheinen; aber der Ausdruck ſei⸗ ner Augen kuͤndigt einen ungeſtuͤmen, grauſamen, rohen, jeder Greuelthat faͤhigen Menſchen an. Er iſt mit einer fuͤrchterlichen Stimme und wahrer Athletenkraft im Gliederbau begabt. Er ſpricht von ſeinem und des Vaters fruͤheren Gewerbe, als ſei es von der Regierung beguͤnſtigt geweſen; doch machen mir manche Winke, die ihm in ſei⸗ ner Wuth entſchluͤpften, es viel glaubwuͤrdiger, daß beide nur ganz gemeine Seeraͤuber waren, die aus eigenem Antrieb, ohne Anſehen von Freund oder Feind, raubten und pluͤnderten, wo ſich ih⸗ rem gierigen Blicke eine Beute darbot, und ge⸗ gen die jedes ehrlichen Mannes Hand ſich be⸗ waffnen ſollte, weil ſie die ihrige ohne Ausnahme nach Allem ausſtrecken.“— „Haltet ein, Fitz Aymer,“ rief das er⸗ ſchrockene Maͤdchen.„Wahrlich, ihr trauet mir zu viel Kraft zu, wenn ihr glaubt, ich ſei ſtark genug ſolche Schilderung mit Ruhe anhoͤren zu koͤnnen. Wie iſt es moͤglich, der Lady dieſe Nach⸗ richt mit Vorſicht anzubringen?— Ich fuͤhle mich nicht im Stande dazu. Ach verachtet mich nicht wegen dieſes Bekenntniſſes meiner Schwaͤche; gewiß, haͤttet ihr mir irgend ein an⸗ deres Uebel verkuͤndet, ein ſich nahendes Erdbe⸗ ben, den Ausbruch eines Vulkans, ich wuͤrde mich ruhiger, ergebener dabei gezeigt haben. Wir ſchwachen Geſchoͤpfe muͤſſen uns den Geſetzen der Natur unterwerfen; ſich aber in den Haͤnden, in der Macht ſolcher Ruchloſen zu wiſſen, ihrer Willkuͤhr Preis gegeben zu ſein, das iſt das Haͤrteſte, was uns betreffen kann.“— 139 „Lieber Edmund,“ unterbrach ſie Fitz Aymer ernſt,„nimm hier das feierliche Ver⸗ ſprechen von mir an, dich und Lady Earling⸗ ford bis auf meinen letzten Blutstropfen zu ver⸗ theidigen. Auch wird mir dies nicht ſo ſchwer ſein, da dieſe beiden uͤberlaͤſtigen Gaͤſte unbewaff⸗ net ſind, und ſo hoffe ich, im Falle eines An⸗ griffs ihrer Meiſter zu werden.“ „Unbewaffnet!“ rief Viola.„Nennt ihr einen Mann, der eine Flinte fuͤhrt, unbewaff⸗ net?— „Die Flinte, welche ihm als Verguͤnſtigung mitgegeben wurde; war zwar geladen, aber der geſtrige Schuß, den wir hoͤrten, nahm die ganze Munition weg, da er weiter weder Pulver noch Blei bei ſich hat.— Auch beſitzen ſie weder Saͤbel, Hirſchfaͤnger, noch ſonſt eine andere Waffe.“ „Doch ſind es immer zwei gegen einen; denn der Vater kann leicht noch mehr Kraft haben, als ihr ihm zutrauet.“— „Ich verſichere dich,“ erwiederte Fitz Ay⸗ mer laͤchelnd,„daß du es ſogar jetzt mit dem aufnehmen koͤnnteſt. Um ſich augenblicklich zu 160 ſtaͤrken, gießt er ſo ſtarke Portionen Rum in ſich hinein, daß er immer in einem taumelnden, halb trunknen Zuſtande iſt. Der Sohn beklagt ſich ſogar, daß er nicht einmal faͤhig ſet, ihm die zur Erhaltnng des Lebens nothwendigen Mittel her⸗ beiſchaffen zu helfen, weil er den groͤßten Theil des Tages wie hetaͤubt unter einem Baume laͤge, und ehe nicht die Kuͤhlung mit den Schatten der Nacht hereinbraͤche, ſich nicht die Muͤhe ge⸗ be, von demſelben Flecke aufzuſtehen. Dann freilich, um ſich doch etwas gelenkig wieder zu machen, geht er ganze Stunden an der Kuͤſte herum, oder zieht unter fuͤrchterlichem Fluchen und ſchrecklichem Geheul uͤber die Huͤgel. Unge⸗ achtet aller ſeiner Wuth aber iſt er ſo ſchwach, daß ein Kind ihn niederſtoßen koͤnnte.“— „Wie lange haben dieſe Ungeheuer denn ſchon die friedliche Stille unſeres Aufenthaltes ent⸗ weiht?“— „Seit zwei oder drei Tagen. Ihr faſt zer⸗ truͤmmertes Fahrzeug wurde wahrſcheinlich mehr durch die Fluth, als durch ihre eigene Anſtren⸗ gung hier ans Land getrieben, und liegt jetzt, ohne in dieſem Zuſtande weiter gebraucht werden 161 zu koͤnnen, zwiſchen den niedern Klippen, an der oͤſtlichen Seite der Inſel, eingeklemmt.“ „Wiſſen ſie, daß es hier mehrere Menſchen giebt? „Sie haben Felix geſehen; weiter habe ich aber abſichtlich Niemand's erwaͤhnt. Eure Hoͤhle iſt ziemlich gegen jede Entdeckung geſichert, nur muͤßt ihr euch nicht weit davon entfernen, und es vermeiden, eure Stimmen hoͤren zu laſſen. Gluͤcklicher Weiſe kann Felix kein Geheimniß verrathen, denn ſie verſtehen eben ſo wenig Eng⸗ liſch, als er Franzoͤſiſch verſteht. Meine Sorge iſt es euch mit allen Nahrungsmitteln zu verſehen, und ſo wie die Sachen jetzt ſtehen, iſt dies die ein⸗ zige, mir noch bleibende Freude. Dieſe Verruch⸗ ten haben mir den uͤbrigen ganzen Fleck Erde un⸗ ertraͤglich gemacht, an den ich mich ſchon gewoͤhn⸗ te, der ſogar anfing, mir leidlich wohl zu gefallen, welches ich fruͤher fuͤr eine Unmoͤglichkeit an⸗ ſah.“— „und ich,“ dachte Viola,„fing ſchon an ihn jedem andern Fleck der Erde vorzuziehen!“ ſich hier⸗ auf zu Fitz Aymer wendend, bat ſie ihn, der kranken Lady die Nachricht ſo ſchonend als B. Sch. I1 16² moͤglich beizubringen, worauf ſie ihrerſeits ver⸗ ſprach ſich zu faſſen, um nicht durch ihre Unruhe die Beſorgniſſe der Leidenden zu vermehren. Ihrem beiderſeitigen Beſtreben gelang dies Unternehmen wenigſtens in ſo ſern, daß Lady Earlingford anſcheinend ruhig blieb, und die Faſſung behielt, ihre Sorgen nicht laut werden zu laſſen. Je mehr ſie aber ihre Unruhe zu verber⸗ gen ſuchte, deſto heftiger wurde ſie im Innern erſchuͤttert. Kein Wort entſchluͤpfte ihren Lippen, keine Thraͤne ihrem Auge; aber den Blick mit un⸗ beſchreiblicher Angſt auf Viola geheftet, ſaß ſie mit gefalteten Haͤnden ſtumm da, und der ganze Ausdruck ihres Geſichtes zeigte die heftige Erſchuͤt⸗ terung ihrer Seele, welcher der Koͤrper zu unter⸗ liegen drohete. Tief bewegt blickten beide auf die Leidende; Fitz Aymer glaubte in ihren Augen ein wildes Feuer zu entdecken, das ſich nicht mit der aͤußer⸗ lich bewieſenen Ruhe reimen, und ihn das Schrecklichſte ahnen ließ. Auch Viola fuͤhlte eine ſo unbeſchreibliche Beklemmung, daß nur des Freundes Gegenwart ihr Kraft verlieh, ihrem / 163 Kummer nicht durch bittere Thraͤnen Luft zu machen. Er war endlich der Erſte, welcher den Muth hatte, dies fuͤrchterliche Stillſchweigen zu brechen. Mit den zaͤrtlichſten Worten bat er ſie, dem Schu⸗ tze des Himmels und ihm zu vertrauen, verſprach ſie ſo wenig als moͤglich zu verlaſſen, ſtellte ihr ihre Sicherheit vor, ſobald ſie nur innerhalb des Bezirks der Hoͤhle blieben, und erbot ſich endlich, wenn ſie glaube, daß Edmund auf die Laͤnge der Mangel an Bewegung ſchaͤdlich ſein koͤnne, ihn auf ſeinen kleinen, nothwendigen Streifereien mitzunehmen, ihn fuͤr ſeinen Bruder auszugeben, und ihn vor jeder Beleidigung zu ſchuͤtzen.. Erſchreckt durch ein Vorhaben, das ſo wenig ihren Wuͤnſchen entſprach, rief Lady Earling⸗ ford in der größten Bewegung, indem ſie die zitternde Hand auf des jungen Mannes Arm leg⸗ te:„Nie, nie, kann ich dazu meine Einwilli⸗ gung geben!— Verſprechen ſie mir, das Ge⸗ muͤth ihres jungen, unſchuldigen Freundes vor der Befleckung zu bewahren, welcher es in der Geſellſchaft dieſer Verworfenen ausgeſetzt ſein 11* 164 wuͤrde. Das heiligſte Verſprechen, was ich von ih⸗ nen fordere, iſt: Edmunds Jugend eben ſo hoch zu achten, als goͤlte es den Ruf, die Tugend eines unſchuldigen Maͤdchens.“— Obgleich ihm der Sinn dieſer Worte, der feierliche Ton, mit welchem ſie geſagt wurden, auffiel, verſprach Fitz Aymer doch blindlings Gehorſam in ihren Willen, und verließ bald dar⸗ auf die Hoͤhle mit der Bemerkung, daß, wenn er von den uͤberlaͤſtigen Gaͤſten geſehen wuͤrde, es ihm der Klugheit wegen vielleicht nicht moͤg⸗ lich waͤre, vor Abend wieder zu kommen, um da⸗ durch ihren Nachſpaͤhungen zu entgehen. Felix wurde zuruͤckgelaſſen, ihm aber ſtrenge jedes Laͤr⸗ men unterſagt. Als der fort war, den ſie in ihrer gegenwaͤr⸗ tigen Lage als ihren einzigen Beſchuͤtzer betrachten mußte, verſank die leidende Mutter wieder in das tiefſte Stillſchweigen, und bewegte ſich nur, um die Thraͤnen zu trocknen, welche haͤufig ihre Wangen benetzten. Bei dem geringſten Geraͤuſch fuhr ſie krampfhaft zuſammen, und ergriff dann haſtig die Hand der tief bekuͤmmerten Tochter, als wollte ſie ſogar noch mit der letzten Anſtrengung verſuchen, les dies auf die ſchon kranke, ſehr leidende Mut⸗ ſie zu beſchuͤtzen. Zwiſchenraͤumen herausſtieß, waren ſo ſehr von dem ſonſtigen Klange ihrer hellen, reinen Stimme verſchieden, daß ſie ſogar dem kindlichen Ohre nn⸗ verſtaͤndlich wurden. Auf dieſe ſchreckliche Weiſe verfloß faſt der ganze Tag; Viola weinte ſtill an der Seite der Mutter. Felix wurde nur mit Gewalt abge⸗ halten ſeinem Freunde nachzulaufen; die Todten⸗ ſtille in der Hoͤhle, das geiſteraͤhnliche Anſehen der ſonſt ſo freundlichen Frau, die jetzt nur von Zeit zu Zeit einen faſt erſtorbenen Blick auf ihn warf, machte ihn bange; endlich legte er ſich wei⸗ nend in eine Ecke und verſuchte einzuſchlafen. Zur Vermehrung der Qual war die Hitze an dieſem Tage ſo groß, wie ſie ſie noch nie in dieſer Ge⸗ gend empfunden hatten; zwar ſchien die Sonne nicht; aber eine feuchte, erſchlaffende Schwuͤle er⸗ fuͤllte die ganze Atmosphaͤre, und machte die Luft zu ſchwer zum Athmen. Von den Waͤnden der Hoͤhte troͤpfelten ungeſunde Duͤnſte; jeder Gegen⸗ ſtand den die Hand zufaͤllig beruͤhrte, war kleb⸗ rig, obgleich brennend heiß. Natuͤrlich hatte al⸗ Einzelne Worte, die ſie in 166 ter einen ſo unguͤnſtigen Einfluß, daß ſie bald nicht mehr im Stande war, ſich aufrecht zu erhal⸗ ten, und ſich auf ihr feuchtes Lager werfen mußte. Auch Viola, in voller Kraft der Jugend und Geſundheit, fuͤhlte ſchmerzhaft den Eindruck dieſer erſtickenden Schwaͤle; ſelbſt am Ausgange der Hoͤhle erhob ſich kein kuͤhlendes Luͤftchen; eine ungluͤcksſchwangere Todtenſtille herſchte durch die ganze Schoͤpfung. Aus dem Meere ſtieg ein dicker Nebel in die Hoͤhe; eine Maſſe ſchwerer, ſtillſtehender, aſchgrauer Wolken ſchien am Himmel feſt zu haͤngen, und jeden Gegenſtand in der Natur in daſſelbe traurige, farbloſe Gewand zu kleiden. Erſchoͤpft begab Viola ſich wieder ins Innre der Wohnung, und ſank endlich ermattet zu den Fuͤßen des Lagers der Mutter nieder, doch ohne daß ein Schlummer ſie erquickte, oder auch nur der Vergeſſenheit uͤbergab, denn aͤngſtlich horchte ſie auf die immer ſchwerer werdenden Athemzuͤge der geliebten Mutter. Schon war es faſt Nacht, als ſie endlich die Stimme des Freundes hoͤrte, ſich aufraffte und ihm entgegen eilte. Auch er ſchien matt, und faſt eben ſo leidend als ſie. Seine erſten Worte wa⸗ 3 167 ren:„Wie ſollen wir das Leben behalten, lie⸗ ber Edmund, wenn dieſe unertraͤgliche Hitze anhaͤlt!— Ich kann mich kaum mehr fortſchlep⸗ pen. Wie haſt du es ertragen, was macht Lady Earlingford? „Geht hinein, ſprecht mit ihr, ſucht ſie zu er⸗ heitern,“ ſagte Viola, indem ſie ihn vorwaͤrts zog.„Sie hat ihre Lippen den ganzen Tag kaum geoͤffnet; troͤſtet ſie, ſorcht ihr Muth und Hoffnung ein.“— Fitz Aymer ſeufzte; doch um ſte nicht noch mehr durch ſeine Ahnungen zu beunruhigen, fragte er blos:„warum ſeid ihr denn in dieſer Dunkel⸗ heit?— Ich habe friſches Obſt mitgebracht, welches die Kranke vielleicht kuͤhlen und beleben könnte; aber es iſt ſo finſter hier, daß ich es ihr kaum reichen kann.“— Sobald Viola die Lampe angezuͤndet hatte, kniete er am Lager nieder, und war eben im Be⸗ griff der Leidenden einige freundliche Worte zu ſa⸗ gen, als der Schein des Lichts, der auf ihr Antlitz fiel, ihm eine ſo geiſterartige Geſtalt, ſo voͤllig er⸗ ſtorbene Zuͤge zeigte, daß er ſeiner nicht mehr maͤchtig, vom Schrecken hingeriſſen, gegen ſeinen 168 zungen Freund gewandt, ausrief:„Gott, Ed⸗ mund, ſie ſtirbt!“— Gleich einem vom Blitz Getroffenen, ſtuͤrzten dieſe Worte Viola beſinnungslos zu Boden. Sich ſeine Unvorſichtigkeit bitter vorwerfend, nahm er das erſtarrte Maͤdchen in ſeine Arme, trug es an die Oeffnung der Hoͤhle, und verſuchte, es ins Leben zuruͤckzurufen; kaum oͤffnete ſie die Augen wieder, kaum kehrte mit der Beſinnung das Bewußtſein des ihr drohenden Verluſtes in ihr zu⸗ ruͤck, als ſie zur Mutter verlangte, wohin er ſie geleitete, und nun mit nicht weniger ſchmerzlichen Gefuͤhlen mit ihr am Lager der Leidenden nieder⸗ kniete. Vereint verſuchten jetzt beide ihre bren⸗ nenden Lippen mit dem ausgepreßten Saft der Zitrone anzufeuchten; die Kranke ſchien ſich zu erho⸗ len, machte eine Bewegung als ſuche ſie die Tropfen hinunter zu ſchluͤrfen, und gewann bald die Kraft wieder einige Worte hervorzuſtammeln. „Fitz Aymer,“ hub ſie nach einer Weile mit zitternder Stimme an,„ich fuͤhle mein En⸗ de!— Der Schrecken hat meinen durch Krank⸗ heit ſchon erſchuͤtterten Koͤrper voͤllig zerruͤttet, und meine Lebenskraft iſt erloſchen. Ich ſterbe, und 169 dies ungluͤckliche Kind wird bald auf der Welt kei⸗ nen Freund, keinen Beſchuͤtzer mehr haben, als euch.— Darf ich euch dies theure Pfand anver⸗ trauen?— Wollt ihr mir hier in dieſem feier⸗ lichen Augenblicke, und in der Gegenwart des Gottes, zu dem ihr erſt kuͤrzlich euer Gebet mit uns erhoben habt, das Verſprechen ablegen, uͤber dies ungluͤckliche Geſchoͤpf zu wachen, es aufrecht zu erhalten in ſeinem Knimnüt, und ſein Vertheidiger zu ſein?“— Viola warf ſich weinend uͤber die Mutter und bedeckte eine ihrer Haͤnde mit heißen Kuͤſſen, waͤhrend Fitz Aymer, nur zu ſehr von ihrem herannahenden Ende uͤberzeugt, ſich feierlich ver⸗ band, ihren Willen auf das puͤnktlichſte zu befolgen. Der Ausdruck ſeiner Blicke und Worte, und der ungeheuchelte Schmerz, der in allen ſeinen Zuͤgen lag, ruͤhrte ſie tief. Schwach druͤckte ſie ſeine Hand, eine Thraͤne fiel aus dem ſchon vom Tode verdunkelten Auge, ſie ſchoͤpfte noch einmal nach Kraft, und fuhr fort zu reden:„Seit wir uns hier auf dieſem Eilande beiſammen befinden, habt ihr euch in jeder Hinſicht beſſer gezeigt, als die Welt euch haͤlt. Wir verdanken ench viel, und 170 ich bin euch ſterbend das Geſtaͤndniß ſchuldig, daß mein Vorurtheil gegen euch verſchwunden iſt, daß ich euch fuͤr einen edeldenkenden Mann halte. Dieſe Ueberzeugung giebt mir den Muth, euch mein ganzes Herz zu eroͤffnen. Jede Taͤuſchung ſei in dieſem Augenblicke ferne von mir; ihr muͤßt nun alles wiſſen, ihr muͤßt erfahren, daß das huͤlfloſe Weſen, welches ich eurer Ehre anver⸗ traue, welches ich ſterbend eurem Schutze uͤber⸗ gebe— meine Tochter iſt.“— Aus der knieenden Stellung aufſpringend, kaum glauben wollend, was noch den Tag vorher ihn in das hoͤchſte Entzuͤcken verſetzt haben wuͤrde, ſtand Fitz Aymer in ſprachloſem Erſtaunen, den Blick feſt auf das bebende, noch immer uͤber die Mutter gebeugte Maͤdchen heftend. Er ſah das ſanfte Roth der Scham ſich uͤber ihr Antlitz ergießen, ſah, wie ſich uͤber ihre Zuͤge die zarte⸗ ſſte, jungfraͤuliche Beſcheidenheit verbreitete, und jetzt erſt kam die volle Ueberzeugung, daß er nicht getaͤuſcht ſei, in ſein Herz. In der tiefſten Be⸗ wegung wandte er ſich zu ihr, und ſagte mit ſanftem Tone:„Es iſt alſo wirklich Viola!— Sie, die noch vor kurzem im Beſitz jedes Gluͤckes 171 war, das die Welt zu geben vermag. Sie, die allgemein Geliebte, Bewunderte, der ſich tauſend glaͤnzende Ausſichten oͤffneten!— Und nun— —— arme, arme Viola!— Koͤnnteſt du nur in meinem Herzen leſen, da wuͤrdeſt du we⸗ nigſtens volles, ungetheiltes Mitleid ſinden!“— Nuͤhrung verhinderte ihn weiter zu reden; doch bald faßte er ſich wieder, und ſagte mit feſter Stimme, indem er ihre Hand ergriff, und den Blick zum Himmel wandte:„Ich ſchwoͤre hier bei allem, was mir heilig iſt, euch ein treuer Bruder zu ſein, euch als das groͤßte Heiligthum auf dieſer Erde zu achten und zu ehren, und euch, ſo lange ich lebe, vor jedem Uebel, was menſchliche Gewalt uͤber euch bringen kann, ſo viel es nur immer in meinen Kraͤften ſteht, zu ſchuͤtzen!“— Unmoͤglich iſt es, Viola's Gefuͤhle waͤhrend dieſer ſo feierlich geſprochnen Worte zu beſchreiben. Jedes derſelben drang tief in ihr Herz, und er⸗ fuͤllte es mit Dankbarkeit. Sie druͤckte die Hand, welche die ihrige noch immer hielt, und, indem ſie ihn unter Thraͤnen freundlich, und mit voͤlligem Vertranen anblickte, ſagte ſie:„Ihre troͤſtenden 172² Verſicherungen, großmuͤthiger Freund, ſind ganz wie ich ſie von ihnen erwartet⸗habe; und wann haͤtten ſie wohl mehr Balſam in mein tiefverwun⸗ detes Gemuͤth gießen koͤnnen!“— Soſ ſchwach die Lady auch war, zog ſie doch R⸗ Tochter feſter an ſich, um einen zaͤrtlichen Kuß auf ihre Wange zu druͤcken. Dann das ſchwere Auge zu Fitz Aymer empor richtend, ſprach ſie:„Mir wird hienieden keine Sonne wieder aufgehen; dieſem ſchuldloſen Weſen wird die kommende nur Jammer bringen. Ertragen ſie freundlich die erſte Heftigkeit ihres Schmerzes; ſein ſie ihr Troͤſter!— Hauchen ſie Frieden in ihr zerriſſenes Herz, und ach! wenn es moglich iſt, verbergen ſie ſie vor den Scheuſalen, welche jetzt dieſe Inſel verpeſten.“ 4 „Es bedarf hieruͤber weiter keiner Ermahnung, theure Frau; ich ſchauderte ſchon vor dem Gedan⸗ ken, Edmund ihrem Anblicke auszuſetzen, Vio⸗ lazn ſollen ſie ſich nicht anders als uͤber mei⸗ nem blutenden Leichnam nahen duͤrfen.“— „Wo haben ſie ſie zuletzt verlaſſen?“ „Um ſie ſo viel als möglich von hier entfernt zu halten, bot ich ihnen an, meine Huͤtte mit mir 83 zu theilen, bis die, welche ſie im Sinne haben ſich zu bauen, fertig ſein wuͤrde. Ich habe ſie Beide ausgeſtreckt darin verlaſſen.“ Durch dieſe Nachricht einigermaßen beruhigt, ſchien ſich Lady Earlingford zum Schlummer niederlegen zu wollen. Beinahe eine Stunde lang lag ſie voͤllig ſtill, und nur einzelne Zuckungen der Haͤnde und ein ſchwerer Athem verriethen, daß noch Leben in ihr ſei. Viola wandte kein Auge von dem ge⸗ liebten Gegenſtand, waͤhrend Fitz Aymer, an ihrer Seite ſitzend, ſie von Zeit zu Zeit durch ei⸗ nige Worte des Troſtes aufzurichten ſuchte. Endlich vernahmen ſie wieder die ſuͤßen Toͤne der Stimme, die ſie ſchon auf immer verhallt ge⸗ glaubt hatten. Sie verlangte empor gerichtet zu werden, um einige Zeilen an ihren Gemahl zu ſchreiben. Ich habe Gott gebeten, mir Kraͤfte dazu zu verleihen, ſprach ſie.„Von dem Erfolg dieſes Verſuchs haͤngt wahrſcheinlich dein kuͤnftiges Schickſal ab, mein geliebtes Kind. Bete fuͤr mich, daß es mir gelingen moͤge.— Wir be⸗ finden uns nicht ohne Mittel zum Schreiben: gieb mir, was dazu erforderlich iſt, und unter⸗ ſtuͤtze mich waͤhrend ich es unternehme.“ 174 Man gehorchte ihrem Willen. Fitz Ay⸗ mer begab ſich an den Eingang der Hoͤhle, um ſie nicht durch ſeine Gegenwart zu hindern, und Viola wandte, indem ſie die Mutter in den Armen hielt, den Kopf zur Seite, damit ſie kei⸗ ne Verſuchung zum Leſen der Zeilen haͤtte, welche die Sterbende in den letzten Augenblicken an den ſo weit entfernten Gefaͤhrten ihres fruͤheren Le⸗ bens richtete. Als ſie geendigt hatte, legte ſie das Papier zuſammengefaltet, aber unverſiegelt, in die Hand der Tochter.„Sollteſt du je ſo gluͤck⸗ lich ſein deinen Vater wieder zu erblicken,“ ſagte ſie,„ſo gieb ihm dieſen Brief;— ſage ihm, daß ich ihn in meinen letzten Augenblicken ſchrieb, daß er meine letzten Wuͤnſche, meine letzte Bitte ent⸗ haͤlt.— Doch lies ihn ſelbſt, ehe du ihn uͤber⸗ giebſt, und wenn er dann irgend etwas enthaͤlt, was in dem Augenblicke nicht mit deinen Wuͤnſchen uͤbereinſtimmen ſollte, ſo vernichte ihn— ſeine Abſicht iſt dann vereitelt.“— Viola vermogte nur durch Blicke Gehor⸗ ſam zu geloben; ihre Stimme war durch Seuf⸗ zer und Thraͤnen erſtickt. Lady Earling⸗ ford gab jetzt ein Zeichen, daß Fitz Aymer 173 ſich naͤhern ſollte, und bat in kaum hoͤrbaren Worten, daß er mit ihr beten moͤge. Kaum hatte er begonnen, als ein fremdes, die Luft durchkrei⸗ ſendes Geraͤuſch aus der Ferne zu ihnen heruͤber ſchallte, und die feierliche Todtenſtille der Nacht unterbrach. Mutter und Tochter fuhren zuſam⸗ men, und erwarteten mit feſt in einander ge⸗ ſchlungenen Haͤnden, was folgen wuͤrde. Nach wenigen Secunden ließ ſich der Ton wieder ver⸗ nehmen, und nie hatte man ein fuͤrchterlicheres Geheul gehoͤrt. Bald ſchien es auf einer Stelle zu verweilen, bald ſich zu entfernen, und allmaͤh⸗ lich zu verhallen, doch nur, um mit verdoppelter Wuth in der naͤchſten Minute wieder zu beginnen. Fitz Aymer, die Urſache davon ahnend, war gleich an den Eingang der Hoͤhle getreten, und kam jetzt zuruͤck, um die Frauen, ſo viel als moͤglich, zu beruhigen.„Dies Hoͤllengeſchrei,“ rief er,„wird von dem aͤlteren der beiden Fran⸗ zoſen ausgeſtoßen, wenn er trunken iſt. So wandert er waͤhrend des groͤßten Theils der Nacht umher, und im Augenblicke, da ich es hoͤrte, ver⸗ muthete ich, wer es hervorbringe. Ich ſtellte mich ſogleich auf den Ueberhang der Hoͤhle, um 176 ſeine Schritte zu belauſchen.— Er ging am Fuße des Huͤgels voruͤber, machte aber keine Ver⸗ ſuche herunter zu ſteigen, und hat ſich nun auf einen ganz entgegengeſetzen Weg begeben.“ Lady Earlingford höoͤrte ihn nicht mehr. Der Schrecken hatte den letzten zarten Lebensfa⸗ den abgeſchnitten, und ſchon vor ſeiner Ruͤckkehr war ſie entſchlummert, um nie wieder auf dieſer Erde zu erwachen. Zehntes Kapitel. Ein ſo ſchmerzhafter, harter Verluſt druͤckte nicht allein die arme Viola gaͤnzlich zu Boden, ſondern ſogar der ſtaͤrkere Mann ſchien ihm im er⸗ ſten Augenblicke zu erliegen; doch ſuchte er ſich zu faſſen, um alle Kraͤfte zum Troſte des ihm ſo heilig anvertrauten Unterpfandes anwenden zu koͤn⸗ nen. Der ſtille Jammer des Maͤdchens zerriß ihm faſt die Seele. Noch immer neben dem Leich⸗ name der geliebten Mutter liegend, die kalten Haͤnde mit ihren Kuͤſſen bedeckend, entſchluͤpfte kein anderer Ton, als das Wort Mutter, ihren bebenden Lippen, und bei jeder neuen Ueberzeu⸗ gung, daß kein Hauch der Liebe dieſen ſtarren Koͤrper hienieden wieder beleben koͤnne, floß ein heißer Thraͤnenſtrom aus ihren Augen. B. Sch⸗ 12 Ihren kindlichen Schmerz ehrend, unterbrach ſie Fitz Aymer nicht in den erſten Ausbruͤchen deſſelben, ſondern ſaß in einiger Entfernung ſtumm neben ihr. Waͤhrend dieſer Zeit war Fe⸗ lix zu ſeiner gewohnlichen Stunde erwacht; den traurigen Vorfall der Nacht wenig ahnend, ſah er nun zuerſt die blaſſe, lebloſe Geſtalt und die arme„ weinende Viola neben derſelben. Eine unbeſchreibliche Angſt bemaͤchtigte ſich des Kna⸗ ben; leiſe kroch er von ſeinem Lager fort und fluͤchtete ſich in die Arme des Freundes, bei dem er Schutz zu ſuchen und zu finden gewohnt war. So gewaltſame Erſchuͤtterungen des Schmer⸗ zes, wie Viola ſie empfand, konnten nicht ohne nachtheilige Folgen fuͤr ihre eigene Geſundheit ſein. Das unnatuͤrliche Gluͤhen ihrer Wangen, ihr krampfhaftes Zittern, erfuͤllte den Freund mit ängſtlicher Beſorgniß fuͤr ſie. Er durfte ſie jetzt nicht laͤnger dieſer Hingebung uͤberlaſſen, ſetzte Felix von ſeinem Schoße auf die Erde, nahm ſie mit freundlicher Gewalt in ſeine Arme, und trug ſie, ohne ihr Zeit zu Einwendungen zu ver⸗ goͤnnen, an den Eingang der Hoͤhle. Hier legte er ſie auf den friſchen Rafen, und beſchwor ſie 179 mit den liebevollſten Worten, ſich dem Schmerze nicht laͤnger ſo voͤllig zu ergeben, erinnerte ſie an das der Mutter heilig gethane Verſprechen, ihr Freund, ihr Beſchuͤtzer zu ſein, bat ſie, ihm zu zeigen, daß auch ſie ihn dafuͤr anerkenne, und das dumpfe Stillſchweigen zu brechen. Anfangs ſchien ſie zu verſunken zu ſein, um auf ihn hoͤren zu koͤnnen; die Innigkeit aber, mit welcher er ſprach, weckte nach und nach ihre Anf⸗ merkſamkeit, ſo wie die anmuthigen Toͤne ſeiner Stimme an ihr Herz drangen. Mildere Thraͤ⸗ nen fingen an ihre Wangen zu benetzen, ſie lehnte das von Kummer ſchwere Haupt an ſeine Schul⸗ ter, und fuͤhlte ſelbſt in dieſem ungluͤcklichen Au⸗ genblicke den Werth eines troͤſtenden Freundes. „Habet Geduld mit mir,“ fuuͤſterte ſie endlich leiſe,“ mein Schmerz iſt ſo neu, daß ich die ganze Groͤße deſſelben nicht zu uͤberſehen ver⸗ mag, und es mir noch an Faſſung gebricht, ihn zu ertragen. Ich kann noch nicht ſo ergeben ſein, als ihr es wuͤnſchet.“— Ein neuer Strom von Thraͤnen unterbrach ſie hier, doch bald ſammelte ſie ſich wieder, und fuhr fort: 3. 1² „Viele haben den Schmerz empfunden, eine Mutter zu verlieren, und ihn ertragen muͤſſen; wie doppelt hart iſt es aber, ſie unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden zu verlieren!— So lange ſie mir noch zur Seite war, gab es ſelbſt in dieſer Wuͤſte kei⸗ nen Kuminer, keine Sorge fuͤr mich, die ihre Liebe nicht zu mildern wußte. Auf ihre Einſicht bauete ich, in ihrer Erfahrung war meine Sicherheit be⸗ gruͤndet, ihrer Leitung unterwarf ich meine Hand⸗ lungen. Wenn nur ein Luͤftchen meine Wange zu rauh beruͤhrte, fuͤhlte ſie es fuͤr mich; wenn ein Traum die Ruhe meines Schlummers unter⸗ brach, ſuchte ſie die Angſt, eingebildet oder wirk⸗ lich, von mir zu verſcheuchen. Keine Stunde konnte ſie mich ohne Zittern aus ihrer Naͤhe laſ⸗ ſen.— Und ſoll ich nun nicht klagen, trauern, da ſo viel Liebe hienieden auf immer von mir ge⸗ ſchieden iſt!“— „Deine Thraͤnen, deine Klagen ſind gerecht und natuͤrlich, liebe Viola,“ ſagte Fitz Ay⸗ mer.„Schuͤtte ſie in den Buſen deines treuen Freundes aus, der mit dir fuͤhlt. Sie, die du beweinſt, ſie, die nun unſichtbar uͤber uns ſchwebt, war ſie mir nicht auch eine treue Mutter, eine 6 181 Troͤſterin als ich krank war?— Ich ehrte ſie, ich liebte ſie, als wenn ſie auch mir das Leben gege⸗ ben haͤtte; es wird mir immer ein fuͤßer Troſt ſein, von ihr zu reden, und dich ihre Tugenden mit der Zaͤrtlichkeit erwaͤhnen zu hoͤren, die ſie ſo voͤllig verdienten.“ Ein hoͤchſt unwillkommnes lautes Rufen, in welchem Fitz Aymer's Name mehrere Male wiederholt wurde, unterbrach hier ihr trauliches Wechſelgeſpraͤch, und ſcheuchte Viola ins Innere der Hoͤhle. „Ich muß dich auf kurze Zeit verlaſſen,“ ſagte der um ſie bekuͤmmerte Freund.„Es iſt die Stimme des juͤngeren der beiden Franzoſen, dem ich geſtern Abend, unſern ſo nahen Verluſt nicht ahnend, verſprach, ihn heute nach den Klippen zu begleiten, wo ſein zertruͤmmertes Boot liegt. tü Ich ſoll es unterſuchen und ihm helfen es wieder b 2 in Stand zu ſetzen. Ihn voͤllig in ſeiner Erwar⸗ 1 tung zu taͤuſchen, darf ich bei ſeiner heftigen Ge⸗ 1 1 muͤthsart nicht wagen, da er vielleicht dann wei⸗ ter nachſpuͤren, und dieſen Aufenthalt entdecken 4 koͤnnte. * 18² Liola ſah die Nothwendigkeit dieſer Tren⸗ nung ein, und beſchwor ihn, nur nicht laͤnger, als es durchaus erforderlich ſei, von ihr entfernt zu blelben.. z. Nun wieder ſo voͤllig einſam zuruͤckgelaſſen bei der Leiche der Mutter, denn Felix war dem Freunde nachgelaufen, uͤberwaͤltigte ſie die Schwere ihres Kummers aufs Neue. Sie fiel neben den theuern Ueberreſten auf ihre Kniee nie⸗ der, und verſetzte ſich ganz wieder in die Groͤße ihres Schmerzes.— Jeder Augenblick ihres Le⸗ bens, wo ſie um die Theure geweſen, wo ſie ihre Liebe genoſſen, kam wieder vor ihre See⸗ le, und ein bittrer Schmerz bemaͤchtigte ſich ihrer, dieſe Liebe nicht immer erwiedert zu haben, wie ſie es geſollt haͤtte. So in dieſen dumpfen Gefuͤhlen des Kum⸗ mers und der Reue verſunken uͤber verlorne Augenblicke, die nie wiederkehren koͤnnen, wurde ſie aus ihren Traͤumen durch ein Geraͤuſch geriſſen, das wie durch die Luͤfte zu ihr gefuͤhrt zu wer⸗ den ſchien. Einzelne Laute, gleich einem heftigen Wortwechſel klingend, drangen zu ihrem Ohr. We⸗ nige Momente reichten hin ſie zu überzeugen, daßß es keine Taͤuſchung ſei. Die Toͤne wurden deut⸗ licher, ſie ſchallten vom Geſtade zu ihr heruͤber, und Fitz Aymer's Stimme ſchien ihr ver⸗ nehmlich darunter zu werden. Das Blut draͤngte ſich ihr gewaltſam zum Herzen; kaum wiſſend was ſie that, was ſie wollte, kroch ſie an den Ausgang der Hoͤhle, horchte wieder, ging end⸗ lich auf die aͤuſſerſte Spitze des Abhanges, warf einen ſcheuen Blick von dort hinunter, und ſchau⸗ derte beim Anblick deſſen, was ſie unten gewahrte, faſt erſtarrt zuruͤck.— Fitz Aymer rang mit einem Manne von gigantiſcher Groͤße, befand ſich anſcheinend in der aͤußerſten Gefahr, und, was ihren Schauder noch vermehrte, er wurde noch von einem zweiten Feinde bedroht, der ſich ihm in der Entfernung hinterruͤcks mit einer Art von Dolchſtock nahete. Die augenſcheinliche Gefahr, in welcher ſich der Freund befand, hatte eine faſt uͤbernatuͤrliche Wirkung auf Viola. Ihre Nerven ſchienen ſich zu ſtaͤhlen; jede Maͤdchenhafte Scheu ver⸗ ſchwand; ſie fuͤhlte die Kraft der Verzweiflung in ſich. Schnell wie ein Gedanke eilte ſie in die Hoͤhle zuruͤck, ergriff eine der Piſtolen, die Fitz 184 Aymer wenige Tage zuvor geladen hatte, flog den ſteilen Abhang hinab, und gerade als der aͤltere der Maͤnner nahe genug war, ſeine Beute erei⸗ len zu koͤnnen, gerade als Fitz Aymer faſt ſchon den herkuliſchen Kraͤften ſeines andern Geg⸗ ners erlag, ſtand ſie wie ein rettender Engel ihm zur Seite und rief, die Piſtole ihm reichend, mit unerſchrockner Stimme: „Vertheidige dein Leben!— Ein Feind lauert im Hinterhalte; vertheidige dich!“— So teufliſch geſinnt der alte Raͤuber auch ſein mochte, fiel doch im Augenblicke, da er dieſe un⸗ erwartete Erſcheinung ſah, die ſchon aufgehobene Waffe aus ſeiner Hand. Ein aberglaͤubiſcher Schauder ergriff ihn. Als der Sohn den Geg⸗ ner mit einem furchtbaren Vertheidigungsmittel verſehen ſah, gab er den ungleichen Kampf auf, warf einen ſcheußlichen Blick auf Viola, und lief ſchnell davon. Wenig auf alles andere, außer der Befrei⸗ ung ihres Freundes, achtend, richtete ſie den Blick dankend zum Himmel, und wollte ſich eilig wie⸗ der in ihre Hoͤhle zuruͤck begeben, als Fitz Ay⸗ mer, der in den erſten Momenten vor Erſtau⸗ nen ſprachlos dageſtanden hatte, ſie zuruͤck hielt. „Beſchuͤtzerin! Wohlthaͤterin!“ rief er aus, „wie ſoll ich Worte finden, dir meine Gefuͤhle auszudruͤcken! Was haſt du um meinetwillen gewagt, wie haſt du, um mich zu retten, den Abſcheu gegen den Anblick dieſer Elenden, deine natuͤrliche Furchtſamkeit, alles, alles, großmuͤthig uͤberwunden!— Ach, moͤge es mir einſt aufbe⸗ halten ſein, dir mit der That zu beweiſen, wie innig ich es dir danke!“— Jetzt da die Gefahr voruͤber war, welche Viola'n ſo uͤbernatuͤrliche Kraͤfte verliehen hatte, ſchienen alle ihre Lebensgeiſter wieder erſchoͤpft. Sie ſank auf eine kleine Anhoͤhe nieder und rief, in ihre vorige Muthloſigkeit zuruͤckverſetzt: Ach, Fitz Aymer. preiſe eine Handlung nicht ſo hoch, wozu mich blos ein unwiderſtehlicher Zug, raſch im Augenblicke der Gefahr, hin⸗ riß.— Ich ſah die Hand des Meuchelmoͤr⸗ ders auf dich gezuckt, und ſtuͤrzte inſtinktmaͤßig zu deiner Rettung herbei; eigentlich aber bin ich ſehr, ſehr feige. Die Wildheit dieſer Ungeheuer macht mich zittern, und ſie jemals wiederzuſehen, wuͤrde wahrſcheinlich alle meine Kraͤfte uͤberſtei⸗ 286 gen. Gehe nie wieder unbewaffnet!— Wir ſind hier mit Moͤrdern umgeben, und dein Le⸗ ben iſt in ſteter Gefahr.— Aber wo iſt dein Felix?— „Er muß dir begegnet ſein, als du aus der Hoͤhle gingſt. Mein Streit mit dem juͤngeren Franzoſen kam groͤßtentheils uͤber ihn her, und als ich Hand an jenen legen mußte, befahl ich dem erſchrockenen Knaben, ſich zu dir zu fluͤch⸗ ten.— Laßt uns ihn aufſuchen, und waͤhrend des Weges will ich dir das Weitere meines Abentheuers erzaͤhlen. Viola lehnte ſich auf den Arm des Freun⸗ des, und er ſuhr fort:„Als ich, nachdem ich mich ſo ſchwer von dir trennte, zu dem unver⸗ ſchaͤmten Lamotte kam, trat er mir in der hoͤch⸗ ſten Wuth entgegen, weil ich ſeiner Meinung nach, nicht fruͤh genug gekommen ſei, um ihm bei ſeinem Boot zu helfen. Er machte mir mei⸗ nes Zoͤgerns wegen die groͤbſten Vorwuͤrfe, und obgleich ich ſonſt nicht gewohnt bin, ſolche Belei⸗ digungen zu ertragen, faßte ich mich dennoch, und ſagte ihm, daß ich bei einem kranken Freunde geweſen, und ſein Boot mir aus dem Sinne ge⸗ e kommen ſei. Er fragte wiederholt unverſchaͤmt: woher dieſer unſichtbare Freund auf einmal gekom⸗ men ſei, und verlangte ihn zu ſehen. Jetzt verlor ich die Geduld, und verſicherte, daß ich nicht noͤ⸗ thig habe ihm Rechenſchaft abzulegen, voͤllig un⸗ abhaͤngig von ihm ſei, und mich von aller fer⸗ nern Dienſtleiſtung gegen ihn losſage. Er koͤnne meine Huͤtte allenfalls behalten, doch mache ich es zur Bedingung, diejenigen Sachen, die mir nuͤtzlich ſein koͤnnten, herauszunehmen.— Der Elende fluchte fuͤrchterlich bei dieſer Erklaͤ⸗ rung, ich ſchien aber nicht weiter darauf zu ach⸗ ten, nahm Felix bei der Hand, und wollte mich entfernen. In dieſem Augenblick riß der Nichtswuͤrdige den erſchrockenen Knaben an ſich und ſchwur, daß er ihn nie loslaſſen wuͤrde, bis ich jedes meiner eben geſprochenen Worte zuruͤckge⸗ nommen haͤtte. Dies war nicht zu ertragen, ich verlor vollens alle Maͤßigung, verſetzte ihm ei⸗ nen derben Schlag, der alſobald erwiedert wur⸗ de, und ſo entſtand der Kampf, von dem du Zeu⸗ gin geworden biſt.“— 4 „Und nun da er dein erklaͤrter Feind iſt,“ rief VWiola zitternd,“ wie wird er alle deine 2 188 Schritte belauſchen!— Theurer Fitz Aymer, ſei auf deiner Huth!— Laß mich nicht auch dich noch verlieren!“— Indem Fitz Aymer ihr das heiligſte Verſprechen gegeben hatte, ſich fuͤr ſie zu erhalten, waren ſie in der Naͤhe der Hoͤhle angelangt, und riefen aͤngſtlich nach allen Seiten Felix Namen aus. Das arme erſchrockene Kind ſaß zitternd hinter einem dichten Buſche verſteckt, und wagte kaum, ein Zeichen ſeines Lebens von ſich zu geben. Wahrſcheinlich hatte er dieſen Zufluchtsort dem in der Hoͤhle vorgezogen, wo die Gegenwart der Todten ihm neues Grauen erweckte. Raſch flog er nun, nach dem er den Freund nicht von dem garſtigen Manne begleitet ſah, auf jenen loß, klammerte ſich feſt an ihn an, und ward mit 3 herzlicher Freude von ihm umſchlungen. — — Eilftes Kapitel. Als es Nacht geworden war, begab ſich Viola mit dem Knaben ins Innre der Hoͤhle, um einige Stunden Ruhe zu ſuchen, waͤhrend der Freund ſich vor dem Eingange derſelben nie⸗ derwarf, ſie im Falle der Noth zu beſchuͤtzen. Die Piſtolen lagen geladen an ſeiner Seite; doch ſollte diesmal nichts die Stille der Nacht unter⸗ brechen, als der fernher rollende Donner, wel⸗ cher von ſtarken Regenguͤſſen begleitet ward. Am darauf folgenden Morgen wurde Fitz Ay⸗ mer nicht wenig durch die ploͤtzliche Veraͤnderung der ſo theuren Leiche uͤberraſcht, die ſchon deutliche Spuren der Verweſung an ſich trug. Obgleich er Viola nicht darauf aufmerkſam machen mog⸗ te, ſah er die Nothwendigkeit ein, ſo bald als 190 moͤglich eine Ruheſtaͤtte fuͤr dieſelbe zu bereiten, und entfernte ſich nicht lange darauf mit Felix, um einen ſchicklichen Platz dazu auszuſuchen. Er waͤhlte einen erhabenen, von drei Seiten mit Felſen umgebenen, friſch gruͤnenden Fleck Er⸗ de, von dem man die freie Ausſicht auf das Meer hatte, und uͤber welchen ein indianiſcher Feigenbaum ſeine breiten Schatten warf. Der Platz befand ſich in keiner ſehr großen Entfer⸗ nung von der Hoͤhle, und die Verſtorbene hatte unter dieſem Baume ſtets vorzuͤglich gerne geſeſ⸗ ſen, um der Ausſicht zu genießen. Einige, ſehr unvollkommen zuſammengeſetzte Gartenwerkzeuge, die er fruͤher fuͤr Viola verfertigt hatte, dien⸗ ten ihm jetzt, das Grab zu graben; die Arbeit war in jeder Hinſicht muͤhevoll und ſchmerzlich, doch ehe er noch halb damit zu Stande war, kam der munter um ihn herumſpringende Knabe froͤhlich herbei gelaufen.„Sieh doch,“ rief er, mit dem Finger auf das Meer hindeutend,“ ſieh das huͤbſche, große Boot dort unten auf dem Waſſer!“— Den Blick ſchnell emporrichtend fiel der Spa⸗ ten aus Fitz Aymer's Hand, als er wirklich A 191 in der Ferne deutlich ein europaͤiſches Schiff gewahrte, welches majeſtaͤtiſch uͤber die Wellen glitt.— Ohne ein Wort zu erwiedern, lief er den nach der Kuͤſte fuͤhrenden Felſen hinunter, wohin Felix ihm blindlings folgte. Waͤhrend dieſer Zeit ſaß die arme, von allem nichts ahnende Viola, traurig und allein in ihrer Hoͤhle. Sie glaubte, der Freund ſei zur Huͤtte gegangen, um die dort gelaſſenen Sachen herbeizuholen, und da ſie ihn bewaffnet wußte, war ſie anfangs weniger fuͤr ihn beſorgt, doch je laͤnger ſich ſeine Wiederkunft verzoͤgerte, deſto mehr bange Zweifel ſtellten ſich wegen ſeiner Sicherheit bei ihr ein. Unruhe um ihn fuͤhrte ſie auf den Ueberhang der Hoͤhle, von wo aus ſie einen Theil der Kuͤſte uͤberſehen konnte; ſo angſtlich ſie aber auch ſchauete und horchte, ſiel weder dem Ohr noch Auge etwas auf, das ſie in ihrer Furcht beſtaͤtigt haͤtte. Doch ſah ſie die ſchweren, ſchwarzen Wolken ſich immermehr in Maſſen thuͤrmen, ſah wie die Seevoͤgel aͤngſtlich und gedruͤckt dem Lande zuflogen, und dies ſo⸗ wohl, als das hohle Geraͤuſch der Wellen, ſchien ihr einen nahen Sturm zu verkuͤnden. 192 Der Anblick des empoͤrten Oceans hatte in dieſem Augenblicke etwas beſonders Schauerliches fuͤr ſie, indem er alle Scenen in ihre Seele zu⸗ ruͤckrief, welche damals dem Schiffbruche voran⸗ gegangen waren; dies war das naͤmliche Getoͤſe in der Luft, dieſelbe Schwere in der Atmosphaͤ⸗ re, die ſich gleich einem dicken Nebel uͤber das Meer auszubreiten ſchien, und alles in ein graues Dunkel huͤllte, durch welches nur einige helle Punkte grell hervor leuchteten. Sie vermogte den Anblick nicht lange zu ertragen, und ſchlich beklommenen Herzens in ihre Hoͤhle zuruͤck.— Aber auch hier, unthaͤtig und allein, fand ſie es unmoͤglich zu weilen. Der Gedanke, daß von der Anhoͤhe, wo der Feigenbaum ſtand, ſie die Ausſicht nach einem andern Theil der Kuͤſte habe, ergriff ſie ploͤtzlich, und dahin beſchloß ſie ihre Schritte zu richten. So wie ſie ſich dem wohlbekannten Orte na⸗ hete, ſah ſie mit tiefer Bewegung die von Fitz Aymer begonnene Arbeit. Ein Blick darauf ließ ſie nicht laͤnger an dem Zweck derſelben zwei⸗ feln.„Warum dieſe fuͤrchterliche Eile,“ ſagte ſie unter haͤufigen Thraͤnen zu ſich ſelbſt,„mir die 193 theuren Ueberreſte der Geliebten zu rauben, die, ſo ſtumm und bewegungslos ſie mir auch zur Seite liegen, mir dennoch ſuͤßen Troſt gewaͤhren. Wenn ich ſie betrachte, vergeſſe ich wenigſtens auf Augenblicke, daß ich eine Waiſe bin!— Hoͤrt die Theure mich auch nicht mehr, ſo richte ich doch meine Worte an ſie, und es iſt mir als vernaͤhme ich noch den freundlichen Klang ihrer Stimme; iſt das Auge auch fuͤr mich geſchloſſen, ſo male ich mir, indem ich ſie anſehe, den Blick, mit dem ſie den meinigen erwiederte!— Grauſamer Freund, kannſt du mich des Einzigen, was mir von ihr hienieden bleibt, ſchon ſo ſchnell berauben wollen!“— Waͤhrend ſie dieſe Worte im Innern ihrer Seele ſprach, fiel unwillkuͤhrlich ihr Blick noch einmal auf das Meer, und auch ſie gewahrte in dieſem Augenblicke das ſtolz daher gleitende Schiff. Als Vorboten einer moͤglichen Befreiung begruͤßte ſie es mit dankbarem Entzuͤcken; doch bald drang der Gedanke, daß die geliebte Mutter den ſo oft erſehnten Anblick nicht mehr mit ihr theilen koͤn⸗ ne, ſchmerzlich in ihr Herz. B. Sch. 194 „Nur wenige Tage fruͤher,“ rief ſie,“ wuͤrde die Hoffnung vielleicht ihre ſchwachen Lebensgei⸗ ſter in dem Grade geſtaͤrkt haben, daß die Theure uns erhalten worden waͤre. Arme Mutter, wie unendlich wuͤrde deine Freude geweſen ſein!“— Viola trocknete die ſtark hervorquillenden Thraͤnen hinweg, um das Schiff ferner mit ihren Augen verfolgen za koͤnnen. Der Aufruhr des Meer's ſchien ſich mit jeder Minute zu vermehren; dicke, ſchwarze Maſſen von Wolken, aus denen hin und wieder feuerrothe Blitze ſchoſſen, hingen ſchwer uͤber demſelben; ſtarke Regentropfen fin⸗ gen an niederzufallen, der Wind heulte durch die Luͤfte, und alles verkuͤndete ein nahes Ungewit⸗ ter, deſſen Annaͤherung Viola mit neuem Grau⸗ ſen erfuͤllte. Den Blick noch immer ſtarr auf das Schiff gerichtet, vernahm ſie deutlich das dum⸗ pfe Geroͤſe der hochemporſchlagenden Wellen, em⸗ pfand die zunehmende Gewalt des Sturmes, bis ſie endlich in halber Verzweiflung ausrief:„Gro⸗ ßer Gott, auch dies Fahrzeug wird verſchlungen werden!— Arme Ungluͤckliche, koͤnnte ich euch nur warnen!— Warum mußtet ihr auch dieſer unheilbringenden Kuͤſte nahen!— Ich werde euch ſinken ſehen, und has⸗ nicht die Kraft euch zu helfen!“— Indem ſie ſo mit dem Schickſal anderer menſch⸗ lichen Weſen beſchaͤftigt war, auf deren Huͤlfe fuͤr ſich ſie nicht mehr zu rechnen wagte, feſſelte ein neuer Gegenſtand, der ſich ihrem Blicke dar⸗ bot, ihre volle Aufmerkſamkeit. Ein kleines V Boot kam ſchnell, links von dem Punkte wo ſie ſtand, hinter einem Vorgebirge hervor, und 1 ruderte mit unglaublicher Schnelligkeit dem Schiffe zu, auf welches ihre Augen ſo aͤngſtlich gerichtet waren. — Daß Fitz Aymer eben ſo wohl wie ſie das Schiff geſehen hatte, war ihr ſchon dadurch glaub⸗ 1 lich, weil er alles an dem Orte unbeendet hatte liegen f laſſen. Sie war uͤberzeugt, er ſei von ſeiner begon⸗ nenen Arbeit hinweg nach der Kuͤſte geeilt, und ſo dachte ſie ſich ihn nun gleichfalls in ſeiner ſuͤßen 5 Hoffnung getaͤuſcht. Es zog ſie unwiderſtehlich, ihm nachzueilen, ihn zu troͤſten, von ihm zu erfahren, n was er mit den Leuten im Boot verhandelt habe, h ob alle Hoffnung verloren ſei, oder ob ſich noch r eine Wahrſcheinlichkeit zum Entkommen zeige, ſo⸗ e bald der Sturm ſich nur lege. 12* 4 196 Die Furcht indeß einem der Franzoſen zu be⸗ gegnen, machte ſie noch zoͤgern in ihrem Ent⸗ ſchluſſe ihn aufzuſuchen. Der Sturm ward im⸗ mer heftiger, und waͤre der Aufruhr in ihrem Innern nicht faſt dem in den empoͤrten Elementen gleich geweſen, ſo wuͤrde ſie keinen Augenblick an⸗ geſtanden haben, lieber eine Zuflucht in der Hoͤhle zu ſuchen. Aufgeregt aber wie ſie war, befahl ſie ſich dem Schutze des Himmels, und rann den Felspfad hinunter. Alles war oͤde und leer an der Kuͤſte, die ſie jetzt unter ihren Fuͤßen erblickte, doch vernahm ſie hier das Getoͤſe der Wellen noch furchtbarer, de⸗ ren Brandung mit ſolcher Gewalt gegen das Ufer ſchlug, daß der hochaufſpritzende, ſchaͤumende Giſcht jeden andern Gegenſtand unkenntlich fuͤr ſie machte. Kaum vermogte ſie ſich aufrecht zu er⸗ halten, doch alle ihre noch uͤbrigen Kraͤfte anſtren⸗ gend, gelang es ihr bis zu dem Punkte vorzudrin⸗ gen, von wo aus ſie das Boot hatte abſteuern ſe⸗ hen. Nicht ohne große Gefahr ging ſie um die kleine Erdzunge, und fand an der andern Seite eine Art von Bucht, welche der ſeichte Fluß bei ſeiner Muͤndung ins Meer bildete. An beiden — 197 Seiten derſelben befanden ſich hohe Klippen, ſo, daß ſelbſt in dieſem ſurchtbaren Sturme geſchuͤtzt, die Stroͤmung hier ruhiger war. Hier war es auch, wo die zertruͤmmerte Barke lag, welche die beiden Seeraͤuber an das Eiland gebracht hatte; aber auch hier erblickte ſie keine Spur ihres Freundes, obgleich die friſchen Fußſtapfen mehre⸗ rer Maͤnner in dem naſſen, ſchluͤpfrigen Sande unverkennbar waren. Ihn hier nicht zu finden, erfuͤllte ſie jedoch nur mit augenblicklicher Unruhe; gewiß hatte es ihm nutzlos geſchienen, laͤnger in dieſem Wetter, nach der Abfahrt des Boots, an der Muͤndung zu weilen, ſicher war er auf einem andern Wege zur Hoͤhle zuruͤckgeeilt, um ſie zu beruhigen, und dahin war nun auch ihr Ziel ge⸗ richtet. Um ihn jedoch nicht wieder zu verfehlen, be⸗ ſchloß ſie einen Weg einzuſchlagen, den er ihr einſt gezeigt hatte, der mehr landeinwaͤrts zuruͤck⸗ fuͤhrte. Auf dieſem Wege kam ſie auch in keiner großen Entfernung von der Huͤtte vorbei, und ſollte er noch dort ſein, ſo war ſie ſicher ſeine, oder Felix Simme zu hoͤren. Obgleich der Pfad muͤhſam und rauh war, begab ſie ſich dennoch, in dieſen Gedanken verloren, auf die Wanderung; doch bald ſollte das Toſen des Wetters ihre Feſtigkeit auf eine ſchwere Probe ſtellen. Kaum vermoͤgend gegen den fuͤrchterlichen Sturm anzuſtreben, fuhr ein Blitzſtrahl nach dem andorn vor ihr nieder, und blendete ſie dergeſtalt, daß ſie oft genoͤthigt war, die Augen zu ſchließen, und ſich eine Weile gegen die Erde zu neigen; dann aber ſchien auch dieſe wieder waͤhrend des fuͤrch⸗ terlich rollenden Donners unter ihren Fuͤßen zu erbeben, und ihr keine Sicherheit zu gewaͤhren. Der Aufruhr in der Natur nahm mit jedem Au⸗ genblicke an Furchtbarkeit zu; ſtarke Baͤume wurden mit ihren Wurzeln aus dem ſie ſo lange naͤhren⸗ den Boden geriſſen, andere beugten ſich vor der Gewalt; Zerſtoͤrung umgab die arme Wandernde von allen Seiten.— Oft ſuchte ſie Zuflucht in irgend einer Felshöhle, und wagte es dann, aus ihrem Schlupfwinkel wieder hervor zu kommen, wenn das Toben der Elemente ſich auf Angenaia⸗ gelegt zu haben ſchien. Endlich, als die Huͤtte ſich ihrem Blicke zeigte, ſtand ſie wieder ſtill, um ſie genauer zu betrachten. 199 Es war nicht mehr dieſelbe, unter derem Dache ſie ſo manche ruhig heitere Stunde verlebt hatte; auch hier hatte die Wuth der Elemente ihre verhee⸗ rende Kraft gezeigt, und nur Truͤmmer ſtanden mehr davon da. Hier konnte der Freund nicht ſein; das Aeußere wie das Innre war verwan⸗ delt. Als ſie nun langſam, traurig, auch in die⸗ ſer Erwartung bitter getaͤuſcht, voruͤber ſchlich, hoͤrte ſie ein fuͤrchterliches Stoͤhnen aus dieſen Truͤmmern zu ſich heruͤber ſchallen, welches ihrem Beduͤnken nach, ohnfehlbar von dem Aelteren der beiden Franzoſen herruͤhren mußte. Sie verab⸗ ſcheuete dieſen Menſchen, doch konnte ſie die Toͤne des Schmerzes nicht ungeruͤhrt hoͤren. Vielleicht hatte der ſchlechte Sohn den huͤlfloſen Vater allein gelaſſen, dem es nun an Nahrung fehlte; viel⸗ leicht war er durch einen Theil des niedergefallenen Gebaͤudes ſchwer beſchaͤdigt.— Sie hielt es fuͤr unmenſchlich, hier nicht Huͤlfe zu leiſten, ſo viel es in ihren Kraͤften ſtehe. Mit dieſem Gefuͤhle na⸗ hete ſie ſich, obgleich ſcheu und zitternd, der ver⸗ fallenen Huͤtte. In dem einzigen Winkel, der noch im Stande war Schutz zu gewaͤhren, lag der alte Mann auf einem Stuͤck Segeltuch hinge⸗ 200 ſtreckt; die Augen waren halb geſchloſſen, die Lip⸗ pen bewegten ſich, ohne deutliche Toͤne hervorzn⸗ bringen, die finſter zuſammen gezogenen Aug⸗ braunen ſchienen mit dem uͤbrigen Ausdruck des Geſichts von Wuth und innrer Bewegung zu zeugen. 3 „Kann ich euch auf irgend eine Weiſe behuͤlf⸗ lich ſein,“ ſagte Viola nicht ohne Furcht, auf franzoͤſiſch zu ihm, indem ſie etwas naͤher trat. „Seid ihr krank, hat euch ein ungluͤcklicher Zu⸗ fall getroffen?“— Ohne den Kopf in die Hoͤhe zu richten, oder ſie auch nur anzublicken, murmelte er: Nein. „Wo iſt euer Sohn? Warum laͤßt er euch allein?“— Dieſe Frage ſchien ſeine ganze ſchlummernde Wildheit auf einmal wieder zu wecken; mit Feuer⸗ ſpruͤhenden Augen erwiederte er im heulenden Ton:„Mein Sohn!— Verflucht ſei der Un⸗ menſch!— Iſt fort von hier!— Er hat die Inſel verlaſſen; ich ſah ihn im Boot, als dieſes ſchon eine gute Strecke von der Kuͤſte entfernt war!“— . 201 Die Anzahl Fluͤche, welche dieſen Worten als Zuſatz folgten, machten Viola faſt erſtarren, und obgleich ſie ihm ihr Mitleid in dieſem verlaſ⸗ ſenen Zuſtande nicht verſagen konnte, war ſie doch ſchon im Begriff, ſich mit Abſcheu von ihm zu wen⸗ den, als er mit einer Art von teuſliſcher Freude hinzuſetzte:„Auch du biſt verlaſſen!— Dein Schurke von Beuder iſt gleichſalls davon gefah⸗ ren!“— Haͤtte Viola auch nur einen Angenblick die⸗ ſer Nachricht Glauben beigemeſſen, wuͤrde ſie be⸗ ſinnungslos zu Boden geſunken ſein. Es aber ein⸗ zig nur fuͤr die Beſchuldigung der Bosheit haltend, ſetzte ſie zu feſtes Vertrauen in Fitz Aymer's Treue, um dem Worte eines Raſenden zu trauen. Ohne weiter auf Wind und Wetter u achten, lief ſie eilends aus der Naͤhe des dollen ſert, und ſuchte nun ſo ſchnell als moͤglich die Höhle zu er⸗ reichen, wo ſie gewiß war, den Freund zu ſinden, an deſſen Seite alles Grauſen ſchwinden wuͤrde, welches dieſer Beſuch bei ihr erregt hatte. Die Schwierigkeiten des Weges wurden in die⸗ ſer Vorausſetzung gluͤcklich uͤberwunden, ſie ſprang uͤber Kluͤfte, denen ſie ſonſt nur ſich zitternd ge⸗ naht haben wuͤrde, und ertrug die Gewalt des Sturmes, der Blitze und des Regens, die in ihrem Ungeſtuͤme noch nicht nachließen. So ge⸗ langte ſie endlich an das Ziel ihrer Wuͤnſche; doch keine befreundete Stimme rief ihr Willkommen ent⸗ gegen, und vergebens ſuchten ihre geblendeten Au⸗ gen jetzt in der tiefen Dunkelheit die geliebte Ge⸗ ſtalt, nach der ſich ihr Herz ſehnte. Noch war Fitz Aymer nicht da, und was auch Liebe und Vertrauen ihr zu ihrem Troſte zufluͤſtern mochten, ſo begann doch ein leiſer Verdacht ſich in ihre Seele zu ſchleichen. Wohl ſuchte ſie anfaͤnglich jeden Ge⸗ danken der Art als eine Suͤnde von ſich zu ſcheu⸗ chen, je laͤnger aber die Stunden wurden, je mehr bemaͤchtigte er ſich ihres Herzens, und die Be⸗ klemmung deſſelben nahm endlich ſo zu, daß ſie ſich kaum erwehren konnte, in ein lautes Angſt⸗ geſchrei auszubrechen. Des Alten Beſchuldigung, ſo veraͤchtlich ſie ſie aufangs von ſich geſtoßen hatte, fing an, gleich dem Ungluͤck verkuͤndenden Kraͤchzen eines Raben, unaufhoͤrlich in ihr Ohr zu toͤnen. Auch du biſt verlaſſen!“ ſchallte es von den hohlen Waͤnden wie⸗ der.—„Wenn er wahr geſprochen hat,“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„ſo iſt mein Schickſal entſchieden!— Ich muß ſterben!— Und moͤchte dies nur fruͤher geſchehen, ehe ich den Verſtand verliere, ehe ich in dieſen Waͤldern gleich einer Wahnſinnigen um⸗ herirre!“— 1 Dieſe Vorſtellung machte ihr Blut erſtarren; vergebens ſuchte ſie beſaͤnftigende Gedanken in ih⸗ rer Seele hervorzurufen, um jenes ſchreckliche Bild zu verſcheuchen.„Er iſt edel, großmuͤthig,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„unmoͤglich kann er mich auf dieſe Weiſe verlaſſen! Gewiß, er kehrt noch vor der Nacht zuruͤck.“— Aber auch nach dieſen Verſicherungen, die ſie ſich mehreremale zu wiederholen ſtrebte, kam die Ruhe nicht in ihr Gemuͤth zuruͤck. Jetzt beſchloß ſie, am Lager der Entſeelten Ergebung fuͤr ſich zu erflehen;„deine lieben Zuͤge ſollen mein Ver⸗ trauen zu dem ſtaͤrken,“ ſprach ſie,„deſſem Schutze du mich ſterbend anbefohlen haſt.“— Kaum aber hatte ſie ſich der Staͤtte genaht, hatte einen Blick auf die ſonſt ſo theure Geſtalt ge⸗ worfen, als ein unbeſchreibliches Entſetzen ſie ergriff, und Schauder ſie zuruͤckbeben machte. Die ſenſt⸗ ſo edlen Zuͤge waren binnen einem kurzen Zeitraume 204 mit ſo ſtarken Schritten der Verweſung entgegen⸗ geeilt, daß ſie faſt nicht nehr kenntlich waren. Als Viola die Hoͤhle verließ, hatte ſie die Spu⸗ ren davon, die ſchon dem Freunde ſichtbar wurden, nicht bemerkt; in wenigen Stunden aber war der Koͤrper voͤllig ein Raub derſelben geworden, und konnte ſelbſt dem liebenden, kindlichen Auge nur Grauen erwecken. Ein eiskalter Schauder bemaͤchtigte ſich ihrer, als ſie, noch immer nicht vermoͤgend den Blick von der Geſtalt abzuwenden, gleich einer Bildſaͤule daran gefeſſelt ſtand. Kein wohlthaͤtiger Thraͤnen⸗ ſtrom machte dem gepreßten Herzen Luft. Endlich faltete ſie die Haͤnde und rief im hoͤchſten Jam⸗ mer:„O Gott, der du mich auch dies erleben laͤſſeſt, gieb mir Kraft es zu tragen, oder ſchließe meine muͤden Augen auf immer!— uUund du, geliebte Mutter, die du in einer verklaͤrten Geſtalt aus beſſern Regionen jetzt auf dein verlaßnes Kind herunter ſchauſt, genieße den Frieden, den du ſo ſehr verdienſt. Wo du biſt, ſind alle Thraͤnen ge⸗ trocknet! Moͤge deine Viola bald deiner Selig⸗ ligkeit dort theilhaftig werden!“— — 205 Geſtaͤrkt durch dieſe wenigen Worte, die wie ein Gebet zum Himmel geſtiegen waren, ſuchte ſie nun mit kindlicher Ehrfurcht durch eine leichte Huͤlle die entſtellten Zuͤge der geliebten Mutter zu bedecken, aus denen nicht mehr das Ebenbild der Verlornen ihr entgegenſtrahlte.—„Selbſt mei⸗ nem Blick,“ ſagte ſie leiſe,„ſei dieſe Anſicht von nun an verborgen; in dieſem Herzen iſt ein weit anderes Bild von dir auf ewig eingegraben!“— Dann entſernte ſie ſich langſam, gedankenvoll, bis an den Eingang der Hoͤhle, und von dort bis zu dem Orte, der zum Grabe ihrer Mutter be⸗ ſtimmt war. Noch lag der von Fitz Aymer niedergeworfene Spaten an der naͤmlichen Stelle. Viola hob ihn ſchwermuͤthig auf, hielt ihn lange in der Hand, ohne zu einem Entſchluſſe kommen zu koͤnnen, und erſt nach einem innern, harten Kampfe ſchien ſie Muth genug zu faſſen, ihn in die Erde zu ſtoßen, um die begonnene Arbeit fortzuſetzen. Kaum wich das harte Erdreich ih⸗ ren geringen Kraͤften.„Ich koͤnnte dies Grab wohl beſſer mit meinen Thraͤnen aushoͤhlen,“ ſagte ſie, von der traurigen Arbeit wieder inne haltend.“ 206 Grauſamer! haͤtteſt du dieſes Geſchaͤft der Vuaßter hinterlaſſen ſollen?“— Bei dem Gedanken an ihn, an ſeine Treu⸗ loſigkeit, ſchwand vollens alle Kraft in ihr; ſie konnte jetzt nicht laͤnger an ſeiner Abreiſe von der Inſel zweifeln, und dieſer Verrath durchbohrte ihr Herz aufs Neue. Der Spaten entfiel der zit⸗ ternden Hand; ſie ſank an dem Grabe nieder, und bittre Vorwuͤrfe gegen den Treuloſen machten dem beklommenen Buſen Luft. Der Sturm, welcher ſich eine Weile gelegt zu haben ſchien, ſing an mit erneuter Gewalt die Gipfel der Baͤume zu bewe⸗ gen; ſie ſchien es eben ſo wenig zu bemerken, als die wiederholten, ſchlangenfoͤrmig vom Himmel herniederfahrenden Blitze ſie zu ſchrecken ſchienen. Auf einmal traf einer dieſer feuerrothen Strahlen eine, in geringer Entfernung von ihr ſtehende, hohe Palme, und in einem Augenblick war der pracht⸗ volle Baum in einen Aſchenhaufen verwandelt, von dem nur wenige Spuren uͤbrig blieben. 4 Viola hob das ſchwere, noch immer zur Erde gebeugte Haupt, empor, und betrachtete die Verheerung ohne Schrecken, ja ſogar mit ei⸗ nem Gefuͤhl von Neid.„Die Pfeile der Zerſto⸗ —— rung ſchwirren noch in den Luͤften umher,“ rief ſie,“ und dennoch trifft mich keiner! Die Flamme des Himmels verſchlingt alles rings um mich her, ich aber bleibe ein Raub langſam verzehrenden Grams!— Vater unſer Aller, erbarme dich mein!— Wen habe ich außer dir im Himmel oder auf Erden?— Bas Auge, welches ſonſt uͤber mich wachte, der mein Gefaͤhrte; Fuͤhrer, mein Freund war, hat mich verlaſſen!— Ich bin ganz, ganz allein auf dieſer Erde, ohne Hoffnung, ohne Stuͤ⸗ bel— Allein in der Schoͤpfung 5 — Ihr Haui uk nieder an den feuchten Grabhuͤgel, u iſe Worte in wilder Verzweiflung an fen hälle; eine wohlthaͤtige Betaͤubung bemaͤchtigte ſi ſi s udie ſien wenig⸗ Schmerz und Leiden machte. 8:1 Stroͤmen auf ſie nieder, ſchwere e ber ihr hinweg, Blitze flammten lch„ ſie ſah es nicht, ſie fuͤhlte es nicht. † Bewußtlos lag der Köͤrper dem Toben der Elemente ausgeſetzt, die Seele ſchien in beſſere Welten entflohen.— Zwoͤlftes Kapitel. ihre Schatten uͤber das Eiland zu werfen, und jeden Gegenſtand in Dunkel zu huͤllen; noch immer lag Viola an dem Grabhuͤgel der Mutter hingeſtpeckt, als zwei Maͤnner ſich dem Dris ha en, und beim rnſ, Zwielichte, die ekten. In Ver⸗ zweiflung 2 r derſelben,— es war der Freund, Zgerechter Weiſe beſchuldigt hatte, Phob ſie von der feuchten Erde a Fin die Hoͤhle. Hier ſie verſuchte er ſchneg ein Licht anzuzuͤnden, und nahm, nachdem ihm dieſes gelungen war, die theure Buͤrde wieder in ſeine Arme. Geſchloſſen blieben noch immer die ihm ſonſt hell ſtrah⸗ c 209 lenden Augen, farblos ruhete die bleiche Wange an ſeiner Schulter, und indem er die liebe Ge⸗ ſtalt nun leiſe auf ein Lager niederzulegen bemuͤht war, knieete er neben demſelben nieder, und ver⸗ ſuchte aus einer kleinen Flaſche, die ihm der Ge⸗ fäͤhrte reichte, ihr einige ſtaͤrkende Tropfen einzu⸗ foͤßen.— Die Lampe, welche der Fremde hielt, um ihm ſeinen Verſe erleichtern, warf ihr Licht nicht auf den o ſondern leuchtete hell auf ſein eigenes, von der Sonne braun gebranntes Antlitz, und beſchien ſeine kleine, breitſchulterige Geſtalt, welche durch einen groben Schifferanzug bekleidet war 3u duͤnne Haar hing unordent⸗ lich um die und die nervigten, ſtarken Haͤnde t die Mrbe der rauhen Ei⸗ chenrinde.* Das Viola'n eingge. zungsmittel rief ſie nach und nach zuruͤck. Sie ſeufzte tief, oͤſfnete die Au⸗ gen; aber der erſte Blicktichut i eens ſollte auf die fremde, abſchreckende Geſtalt fallen, welche die Lampe in der Hand hielt.„Laßt mich ſterben!“ rief ſie kaum hoͤrbar, waͤhrend ſie die Augen wieder ſchloß, und mit der matten Rech⸗ B. Sc.. 14 210 ten die unbekannte Erſcheinung aus ihrer Naͤhe zu winken ſchien. Fitz Aymer, deſſen Arm ſie noch immer unterſtuͤtzte, ohne daß ſie es wußte, gab dem Manne ein Zeichen ſich zu entfernen; dieſer ſetzte gleich darauf ſeine Lampe nieder, und begab ſich in das Innre der Hoͤhle, wo der Leich⸗ nam lag. Bald kehrte er mit demſelben, in ein Segeltuch gehuͤllt zuruͤ leiſe an Viola's Seite damit 4* ihn vor die Hoͤhle, und von dort, unter dem matten Lichte des blaß ſcheinenden Mondes, nach dem beſtimmten Ru⸗ heplabze. Nicht lange darauf oͤffnete e aufs Neue; die ſchre ft ſtalt war ver⸗ ſchwunden. Sie v uchte leiſe, ſich in die Hoͤhe zu richten Aler es war ihr, als fuͤhle ſie ſich ſauft g, und zu gleicher Zeit be⸗ merkte Arm, der ſich um ihren hauder uͤberfiel ſie, doch opf ſeitwaͤrts zu wenden, und einen ſcheuen Blick auf das Weſen zu wer⸗ fen, das ſie umſchlungen hielt. Gleich einem maͤchtigen Zauberſchlag belebte dieſer Blick ihre Kraͤfte; mit einem durchdringen⸗ ola die Augen 211 den Schrei wand ſie ſich aus dem Arm, der ſie hielt, fiel auf ihre Kniee, umſchlang die des ge⸗ liebten Freundes, und rief in einer Art Verzuͤ⸗ ckung:“ Er iſt es!— Es iſt Fitz Aymer? Guͤtiger Himmel, vergieb mir meine ſuͤndhafte Verzweiflung, und ſegne, begluͤcke ihn in dem Maße, wie er die ewig dankbare Viola be⸗ gluͤckt!“— Sie ſanft auffh dd und an ſein Herz zie⸗ hend, ſagte Fitz Aymer mit der zaͤrtlichſten Ruͤhrung:„Theure Viola, wer anders wie du, haͤtte mich wohl nach einer ſo langen und anſcheinend grauſamen Entfernung, ſo liebevoll wieder n eze,— Er vermogte nichts mehr hi ſetzen, auch unterbrach ihn Fe⸗ lix, den er, als er Vio am Grabhuͤgel auf⸗ ſuchte, ſchlafend in der kgelaſſen hat⸗ te. Der Knabe war lief jetzt auf Viola zu ſeinen Kuͤſſen, und Sie ſchloß das Kind geruͤhrt in e Arme; Worte fehlten ihr. Der Uebergang von der groͤß⸗ ten Verzweiflung zur hoͤchſten Freude war zu ploͤt⸗ lich; ſie vermogte nur mit ſeligem Blick an den .* 14 212 geliebten Weſen zu hangen, die ſich ihres Daſeins ſo aufrichtig erfreuten. Sobald Fitz Aymer ihre fortdauernde Schwaͤche bemerkte und vor einem Ruͤckfalle be⸗ ſorgt ward, trug er ſie auf einen der niedern Si⸗ tze am Ausgang der Hoͤhle, ſetzte ſich hier neben ſie, waͤhrend Felix ſich zu ihren Fuͤßen lagerte, und an des Freundes Knie gelehnt, ſanft wieder einſchlummerte. 3 „Ich habe dir eine lange, traurige Geſchichte zu berichten, meine Viola,“ hob Fitz Aymer an, nachdem er ihr Zeit zum Erholen gegoͤnnt hatte, und doch, um mich zu rechtfertigen, wuͤnſchte ich, du koͤnnteſt ſie bald vernehmen.“— „Du biſt laͤngſt gerechtfertigt,“ rief Viola im traulichſten Tone.„Deine liebe Naͤhe ver ſcheucht jede Wl t mich der Heiterkeit, der Hoffnung ich auf immer fuͤr ver⸗ ſchwunden t mich mit unnennba⸗ rem Entzuͤcken! Der Blick der Liebe, den Fitz Aymer bei⸗ dieſen bezaubernden Worten auf ſie heftete, wuͤrde ſie zu jeder andern Zeit in Verlegenheit geſetzt ha⸗ ben; jetzt aber nach dieſen Stunden der unnenn⸗ baren Angſt, weidete ſie ſich nur im Sonnen⸗ ſcheine ihres wiedergekehrten Gluͤcks, und glaubte einzig bruͤderliche Liebe in ihm zu leſen, das Ge⸗ fuͤhl, das ſie gab, erwiedert zu ſehen. „Es iſt jetzt nicht die Zeit, theure Viola,“ ſagte er endlich, nachdem er ſich einigermaßen ge⸗ faßt hatte,„dir den Himmel zu malen, welchen du mir oͤffneſt; ich darf nicht von den Gefuͤhlen re⸗ den, die du mir einfloͤßeſt.— Hoͤre jetzt die Be⸗ gebenheiten des vergangenen Tages, und wann ich dann ſpaͤter mir erlaube, des theuren Gegen⸗ ſtandes zu erwaͤhnen, den ich nun gewaltſam in mein Innres zuruͤckdraͤnge, ſo laß mir wenigſtens die Gerechtigkeit wiederfahren, daß ich gelernt habe meine Wuͤnſche zu bekaͤmpfen.“— Viola ſchlug in zarter nnſchuld das Auge nie⸗ der; ihre Hand zitterte einigen. Das liebliche Roth aber, we st uͤber ihre Wange verbreitete, das Lacheln, das kaum bemerkbar um die Zuͤge des freundlichen Mundes ſpielte, gab ihrem ganzen Ausdruck einen unbe⸗ ſchreiblichen Reiz. Fitz Aymer betrachtete ſie einige Augenblicke in ſtillem Entzuͤcken verloren, dann ſuchte er mit Gewalt die Gedanken von die⸗ 214 ſem Gegenſtande ab und auf die Begebenheiten des vergangenen Tages zu lenken, indem er die naͤheren Umſtaͤnde ſeiner Erzaͤhlung begann. „Als ich geſtern beim Anblick des europaͤi⸗ ſchen Schiffes von jenem Platze nach der Kuͤſte lief,“ ſprach er,“ fand ich dort den juͤngeren Franzoſen, der das Schiff ſchon fruͤher bemerkt haben mogte, eifrig beſchaͤftigt, einen Pfahl mit einem daran befeſtigten Tuche als Zeichen fuͤr das Schiffsvolk auf einer kleinen Anhoͤhe zu er⸗ richten. Er gebot mir, eine Piſtole in derſelben Abſicht abzufeuern, da ich aber fuͤrchtete, dich durch den Schuß zu erſchrecken, ſchlug ich dies ab. Indeß nicht weniger begierig, als er, die Aufmerk⸗ ſamkeit der Seefahrer auf mich zu ziehen, zuͤndete ich ein Feuer an, deſſen hochſteigender Rauch, meiner Meinung na dieſelbe Wirkung hervor⸗ bringen wa s gläck war's, daß ich nur Rauch bedurfte, denn älle Holz, was ich herbeitrug, befand ſich in einem ſo feuchten Zuſtande, daß an keine hellodernde Flamme zu denken war. Nach einem Zwiſchenraume der quaͤlendſten Ungewißheit, ſahen wir endlich ein Boot vom Schiffe abſetzen, und auf die Inſel zurudern. Das Meer ging 8 ſehr hoch, und da ich uͤberzeugt war, daß die klei⸗ ne Barke, wenn ſie die gerade Richtung behielte, Gefahr laufen wuͤrde, von der ſchaͤumenden Bran⸗ dung verſchlungen zu werden, ließ ich es mir an⸗ gelegen ſein, dem darauf befindlichen Schiffs⸗ volk verſtaͤndlich zu machen, daß ſie ſich mehr oͤſt⸗ lich halten muͤßten. Es gelang mir, und waͤhrend das Schiff beilegte, nahete das Boot ſich dem von mir bezeichneten Orte. Lamotte und ich waren in dieſem Zwiſchenraume ſo nahe als moͤglich dem Laufe deſſelben am Strande gefolgt, indem wir den Gegenſtand unſerer Erwartung keinen Augen⸗ blick aus dem Auge verlohren. Endlich kam man der Muͤndung des Flußes gegenuͤber, fuhr hin⸗ ein, und die Matroſen ſtiegen ans Land. Die ganze im Boote befindliche Mannſchaft be⸗ ſtand aus fuünf Matroſen und einem Schiffsjun⸗ gen. Ich fand es ſchwer zu entthſeln, aus wel⸗ chem Lande dieſe Leute ſein mogten; ſie redeten eine mir voͤllig unbekannte Sprache, und hatten die braungelbe Farbe und nationellen Geſichtszuͤge der indianiſchen Matroſen. Bald ward ich uͤber⸗ zeugt, daß ſie wirklich zu dieſen gehoͤrten, ei⸗ nen Mann ausgenommen, welcher Anfuͤhrer der 216 uͤbrigen zu ſein ſchien, engliſch ſprach, und das ehrliche, obwohl rohe Gepraͤge unſerer Lanbsleute dieſer Claſſe trug. Lamotte verſtand die Sprache der Andern, und waͤhrend er ſich angelegentlich mit dieſen unterhielt, ließ ich mich mit meinem Landsmann ein, der ſich frei und zutraulich ge⸗ gen mich bezeigte, mir aber rieth, falls mein Wunſch ſei die Inſel zu verlaſſen, mich ſo ſchuell als moͤglich einzuſchiffen, da er einen Sturm heran⸗ nahen ſehe, der noch gefaͤhrlicher, als der ſchon er⸗ lebte, werden koͤnne, durch den ſie bereits ſo weit aus der beabſichtigten Nichtung ihrer Fahrt getrie⸗ ben worden waͤren. Ich ſagte, daß ein Freund im Innern der Inſel meiner warte, den ich durch⸗ aus erſt herbeiholen muͤſſe. Seine Blicke verrie⸗ then mir, wie ſehr er an der Einwilligung ſeiner Cameraden in dieſe Zoͤgerung zweifle, doch wandte er ſich augenölicich mi meiner Bitte an ſie, und ſicher wuͤrde es ihm 1ee ſein, ſie zu uͤberre⸗ den, wenn der teufliſch geſinnte Franzoſe nicht ge⸗ weſen waͤre. Zwar konnte ich ſeine Worte nicht verſtehen; aber durch die Lebhaftigkeit ſeines Ge⸗ behrdenſpiels, durch ſein immerwaͤhrendes Hin⸗ zeigen auf das Schiff, und auf die herannahenden * 217 ſchwarzen Wolken begriff ich nur zu deutlich, daß er ihre Furcht rege machen, und ſie zur ſchleuni⸗ gen Abfahrt bereden wollte. Aufs Aeußerſte ge⸗ bracht uͤber den boshaften Eifer, mit dem er mei⸗ ne Wuͤnſche zu vereiteln ſtrebte, und faſt von Sin⸗ nen bei dem Gedanken, deine Befreiung durch dieſen Elenden verhindert zu ſehen, vermogte ich meinen Zorn nicht laͤnger zu unterdruͤcken, ergriff ihn beim Kragen, ſetzte eine Piſtole auf ſeine Bruſt, und ſchwur ihn niederzuſchießen, ſobald er nur im mindeſten die Abfahrt beſchleunige. Eitel aber waren meine Drohungen, da ich nicht auf dem Flecke weilen konnte, um ihn in Furcht zu erhal⸗ ten, denn Felix weigerte ſich hartnaͤckig mit dem fremden Manne zu gehen, der dich holen follte, und kroch immer aͤngſtlich an mich herau. Es blieb mir nun kein Mittel uͤbrig, als meinem Landsmann die Verſicherung zu geben, daß einmal in mein Vaterland zuruͤckgekehrt, ich im Stande ſein wuͤrde, ſeinen mir erzeigten Dienſt auf alle Weiſe zu belohnen, und ihn zu beſchwoͤren, ſeinen ganzen Einfluß auf das Schiffsvolk geltend zu machen, um es zuruͤckzuhalten, bis ich dich ſo ſchnell als moͤgich herbeigefuͤhrt haͤtte. Um ihn 2.3 —19 beſſer in den Stand zu ſetzen, uͤber La motte zu wachen, gab ich ihm eine der Piſtolen, und verlies eilig die Kuͤſte. Doch der verraͤtheriſche Franzoſe war nicht ſo leicht kirre zu machen. Kaum glaubte er mich weit genug entfernt, als er ſchlau einen Augen⸗ blick benutzte, wo der von mir ausgeſtellte Po⸗ ſten nicht voͤllig auf ſeiner Huth ſein mogte, die Piſtole aus ſeiner Hand riß, ins Boot ſprang, und die uͤbrige Mannſchaft leicht beredete ihm zu folgen. Der Englaͤnder Watſon geſtand mir nachher, daß, da er alle habe ſich einſchiffen geſehen, er ihrem Beiſpiele gewiß geſolgt ſein wuͤrde, wenn ſie ſich nicht einmuͤthig, vermuthlich auf Lamot⸗ te'o Anſtiften, mit ungeſtuͤmen Geſchrei ſeinem Eintritt ins Boot wiedorſetzt haͤtten, und mit ſol⸗ cher Schnelligkeit davon gerudert waͤren, daß er, als kein vorzüglicher Schwimmer, nicht im Stande geweſen ſei, ihnen zu folgen. Von dieſem Vorgange nichts ahnend, ſetzte ich meinen Lauf zu dir in der groͤßten Eile fort, als ich ungefaͤhr auf halbem Wege, von der Hoͤhe eines Felſens hinunter, glaubte das Geraͤuſch meh⸗ rerer Stimmen zu vernehmen. Ich ſtand ſtille, 219 ſah mich um, und ſah wirklich das Boot mit der groͤßten Schnelligkeit die hochſchaͤumenden Wo⸗ gen durchſchneiden. Erlaß mir die Beſchreibung der Wuth, die mich bei dieſem Anblicke ergriff! Deinem zarten, mit dem Kummer nur ſchon zu bekannten Herzen, iſt dennoch die zerſtoͤrendſte al⸗ ler Leidenſchaften, der Zorn, voͤllig fremd, und moͤgeſt du mich nie unter ſeiner Herrſchaft er⸗ blicken!— Es ſcheint mir zwar unmoͤglich, in deiner Gegenwart je davon ergriffen werden zu koͤnnen, denn es iſt mir als muͤſſe dein liebes Auge jede ſolche Aufwallung in mir hinweglaͤcheln, deine ſuͤße Stimme den Frieden in meine Bruſt zuruͤck⸗ fuͤhren.“ „Ach, wie wenig verdiene ich dieſe ſchmei⸗ chelhaften Lobpreiſungen,“ antwortete Viola. „Bin ich nicht noch heute von feindſeligeren Ge⸗ fuͤhlen ergriffen worden, als ich jemals geglaubt haͤtte empfinden zu koͤnnen.— Aber Fitz Ay⸗ mer, laß uns nicht bei dieſen ſchmerzlichen Er⸗ innerungen weilen; ende deine Erzaͤhlung, ſage mir was aus dem Englaͤnder geworden iſt. War er es, den ich zuerſt bei meinem Erwachen er⸗ hlickte 2 ie?:— 220 „Er war es. Durchaus nicht ahnend, daß irgend einer von der Mannſchaſt zuruͤck geblieben ſei, doch zugleich mich ſcheuend, in dieſem Zuſtande der Aufwallung vor dich zu treten, und dich von der Vernichtung unſerer Hoffnungen zu benach⸗ richtigen, lief ich noch einmal an die Kuͤſte. Der alte Lamotte war die erſte menſchliche Geſtalt, die ich daſelbſt erblicken ſollte. Langſam. kroch er wieder vom Geſtade fort, wohin ihn vermuthlich das Geſchrei der Matroſen gelockt hatte; ich mogte ihm weder ein Wort ſagen, noch ſeinem Ruͤckzuge nach der Huͤtte Einhalt thun. Kaum war er mir aus den Augen, als ein des Mitleids wuͤrdigerer Gegenſtand ſich meinem Blicke darſtellte. Ich ſah den hier zuruͤckgelaſſe⸗ nen, ungluͤcklichen Englaͤnder; ſein Anblick jam⸗ merte mich. Doch lag auf ſeinem traurigen Ge⸗ ſicht weder der unmaͤnnliche Ausdruck eines uͤber⸗ triebenen Schmerzes, noch wilde Verzweiſlung. Er erzaͤhlte mir mit mehr Zuſammenhang, als ich in dieſer Lage von ihm erwarten konnte, den ganzen Vorgang zwiſchen ihm und den uͤbrigen Matroſen, die er mir als eine elende, ſelaviſche 221 Menſchengattung ſchilderte, welche nun wohl an dem Franzoſen ihren Spießgeſellen gefunden ha⸗ ben moͤgte. Seine Lage unter dieſem Volk ſei ihm, vom erſten Eintritt in das Schiff an, zu⸗ wider geweſen, nur Nothwendigkeit habe ihn zwingen koͤnnen ihr Camerad zu werden, und ſo habe er geſucht, ſich ſein Loos ſo ertraͤglich als moͤglich zu machen. Er ſei fruͤher im Dienſt ei⸗ nes koͤniglichen Schiffes geweſen, das Kauffarthei⸗ ſchiffen als Convoy gedient habe; durch Krank⸗ heit gezwungen, ſei er in Indien zuruͤckgeblieben, bei ſeiner Geneſung habe Armuth ihn genoͤthigt, Dienſte an Bord dieſes Schiffes zu nehmen, da ſich gerade kein anderes zum Abgange im Hafen bereit gefunden haͤtte.„Die Schurken haben mich jetzt hintergangen,“ ſetzte er hinzu,„aber ich moͤgte wetten, falls das Wetter dem Capitain erlaubt in dieſer Gegend zu weilen, er ließe ein Boot ausſetzen, um mich abzuholen; es war ein ganz guter Mann, der einen geſchickten Kerl zu ſchaͤ⸗ tzen wußte, denn ſeine verwuͤnſchten indiſchen Matroſen verſtehen den Henker nichts von der ganzen Schifffahrt.“— 222 „Erfreut, daß der ehrliche Menſch ſich an die⸗ ſer Hoffnung hielt,“ fuhr Fitz Aymer in ſei⸗ ner Erzaͤhlung weiter fort,„ſuchte ich ihn darin zu beſtaͤrken, obgleich es mir eben nicht wahr⸗ ſcheinlich ſchien, da gewiß weder Lamotte noch ſeine Gefaͤhrten der Art erwaͤhnen wuͤrden, wie Watſon zuruͤckgelaſſen ſei. Um ihn naͤher an mich zu ziehen, theilte ich ihm manches aus mei⸗ ner Geſchichte mit, und lud ihn ein, mich zu dem Freunde zu begleiten, ohne den ich meine Befreiung nicht wuͤnſchenswerth gefunden haͤtte. Wir kamen hierher, theure Viola, feſt uͤber⸗ zeugt dich hier zu finden; urtheile nun von mei⸗ nem Erſtaunen, meinem Schrecken, als ich dich nicht fand!— Dich ooͤllig unwiſſend uͤber die Naͤhe des Schiffes waͤhnend, war es mir unbe⸗ greiflich, was dich in ſolchem Wetter vermogt ha⸗ ben konnte, die Hoͤhle zu verlaſſen?— Verge⸗ bens rief ich deinen Namen, vergebens ſuchten wir dich nach allen Seiten hin, und meine Angſt begann auf das Hoͤchſte zu ſteigen. Endlich glaubte ich, Sorge um einen neuen Streit zwi⸗ ſchen mir und dem Franzoſen, koͤnne dich vielleicht in die Gegend der Huͤtte gezogen haben.— F 223 Schnell wie der Blitz flog ich dahin.— Aber, vergieb es mir, Theure, der Anblick, welcher meiner dort wartete, war ſogar vermoͤgend, dein Bild, wenigſtens auf Augenblicke, aus meiner Er⸗ innerung zu verdraͤngen. Der Alte rang mit dem Tode; das Fortgehen ſeines Sohnes hatte ihm wahrſcheinlich den letzten Stoß gegeben. Er lag in fuͤrchterlichen Zuckungen, und ich konnte nichts als ſein Ende herbei wuͤnſchen.— War es nun moͤglich, ihn in dieſer Lage allein zu laſſen? Ge⸗ wiß dein Herz ſpricht Nein!— Doch ſo ſehn⸗ lich verlangte mich dich wiederzufinden, daß ich in dem Lungeubiht als Watſon mir nachkam, den Sterbenden ſeiner Sorgfalt uͤberließ, und meine Nachſuchungen nach dir aufs Neue begann. Es wuͤrde uͤberfluͤßig ſein, dir jeden Winkel zu be⸗ ſchreiben, den ich durchkroch, noch uͤberfluͤßiger, dir die Angſt zu ſchildern, die mich erfuͤllte. Die ſonderbarſten Ahnungen ergriffen mich; oſt fuͤrchtete ich, du ſeiſt an die Kuͤſte gegangen, und die Leute im Boot haͤtten dich mit Gewalt fortge⸗ ſchleppt; dann wieder kam mir der ſchreckliche Ge⸗ danke, ein Blitzſtrahl habe dich getoͤdtet, und du laͤgeſt irgend wo unter einem Baum erſchlagen. 224 Ach Viola, fuͤhlſt du nicht die Verzweiflung, die mich bei dieſen Vorſtellungen ergriff! Faſt be⸗ neidete ich den ſterbenden Lamo tte, denn wenn du nicht mehr fuͤr mich lebteſt, was blieb mir dann noch auf dieſer Welt uͤbrig? Violal fuhr er ſo lebhaft hingeriſſen von den ihn jetzt beſtuͤrmenden Geſuͤhlen fort, daß er daruͤber den fruͤher gefaß⸗ ten Vorſatz vergaß, Viola, was ich damals litt, und die Freude ‚die ich empfand, als ich dich dem Leben, mir wiedergegeben ſah, machten mich klar uͤber die Empfindungen, die lange in Ge⸗ heim fuͤr dich in meinem Herzen ſchlummerten. Ich bin jetzt voͤllig uͤberzeugt, daß Freude oder Schmerz meines kuͤnftigen Lebens einzig von dir abhaͤngen; nur mit dir kann ich jedem Sturme, der vielleicht noch meiner wartet, trotzen. Du biſt mein Alles, und der Werth, den ich auf dein Vertrauen, deine Liebe lege— laß mich immer dies ſuͤße Wort ausſprechen,— iſt hoͤher, als je⸗ des andere irdiſche Gut.— Erſchrick nicht uͤber dieſe dir ungewohnte Sprache; du kennſt mich hinlaͤnglich, um mich keines unreinen Gedan⸗ ens faͤhig zu halten. Noch einmal ſchwoͤre ich es dir, ſo lange wir hier ſind, auf keine andere Rechte als die eines Bruders Anſpruch zu ma⸗ chen; aber mein Herz ſagt mir, wir koͤnnen, wir werden nicht auf immer hier in der Verban⸗ nung bleiben. Du haſt mein Leben vor dem Stoße eines Meuchelmoͤrders geſchuͤtzt, du haſt mir ein Vertrauen bewieſen, das mich ehrt; dein ganzes Betragen gegen mich fordert mich zur waͤrmſten Dankbarkeit, zur graͤnzenloſeſten Be⸗ wunderung und Zaͤrtlichkeit auf. Ich liebe dich, Viola, als kein anderes menſchliches Weſen dich je lieben koͤnnte; ich habe dich in Lagen und Verhaͤltniſſen geſehen, die von denen des gewoͤhn⸗ lichen Lebens ſehr abweichen; in Lagen, die mein Herz mit einem Grade von Theilnahme fuͤr dich erfuͤllt haben, die unmoͤglich je ein anderer Mann fuͤr dich fuͤhlen kann. Ein gleiches Ge⸗ ſchick hat uns durch tauſend Bande enger vereint; tauſend ſuͤße Erinnerungen werden auch noch nach Jahren um uns ſchweben, die uns naͤher als die ganze uͤbrige Welt, mit einander verbinden. Wir ſind Gefaͤhrten im Ungluͤcke geweſen, wir haben durch unzaͤhlige gegenſeitige Gefaͤlligkeiten uns im⸗ mer enger zu einander hingezogen gefuͤhlt; unſere Herzen ſind von denſelben Hoffnungen, der naͤm⸗ B. Sch. 226 lichen Furcht bewegt worden, wir haben gleiche Entbehrungen und gleiche Leiden mit einander ge⸗ tragen.— So laß uns dann, Geliebte, zu wel⸗ cher Zeit auch unſere Befreiung erfolgen moͤge, auch dann nur durch ein Schickſal vereint blei⸗ ben!— Sprich das ſuͤße Wort aus, daß du dann mein ſein willſt, daß mir dieſe Hand, dieſes Herz gehoͤren ſollen!“— Haͤuſige Thraͤnen liefen uͤber Viola's Wan⸗ gen, waͤhrend ſie dieſen ſuͤß uͤberredenden Toͤnen des Geliebten ihr Ohr lieh; doch es waren Thraͤ⸗ nen, bei denen ſie gleich der Miranda haͤtte ausrufen moͤgen:„Ich albern Ding, ich wein' um was mich froh macht!“ Das Geſtaͤndniß von Fitz Aymer's Liebe, ſo theuer er auch ihrem eigenen Herzen lange war, ſchien ja alles zu ſein, deſſen ſie noch beduͤrfe zu der Beſtaͤtigung des ſchon oft im Innern gefaßten Entſchlußes, ihm ihr ganzes kuͤnftiges Leben zu weihen.— Als er mit Reden inne hielt, und ernſtlich in ihren Au⸗ gen die Antwort zu leſen ſuchte, reichte ſie ihm ihre Hand, und erwiederte mit dem Gefuͤhl kindli⸗ cher Sicherheit und beſcheidener, doch unverho⸗ lener Zaͤrtlichkeit:„Wahrlich, theurer Fitz Ay⸗ 7 — 227 mer,“ es bedurfte nur dieſer voͤlligen Ueberzeu⸗ gung, daß du mich liebteſt, um dir das feierliche Verſprechen abzulegen, nie einem Andern als dir anzugehoͤren. Ich fuͤhle wie du, daß vergangene Ungluͤcksfaͤlle, gemeinſchaftliche Gefahren, mit ein⸗ ander erlebte Pruͤfungen, Bande unter uns knuͤ⸗ pfen, die ſelbſt im Gluͤck, wenn dies uns noch je zu Theil werden ſollte, ſchwer und unnatuͤrlich zu loͤſen ſein wuͤrden. Wenn ich dir geſtehe, daß eine Ahnung dieſes Gedankens mich ſchon ergriff, als ich dich gleich einem zaͤrtlichen Sohne um meine leidende Mutter beſchaͤftigt ſah, ſo wirſt du uͤber⸗ zeugt ſein, daß das heute mir gebrachte Opfer, mich nur um ſo mehr darin beſtaͤrkt. Waͤre ich nicht geweſen, ſo wuͤrdeſt du dich jetzt ſchon auf dem Wege nach Europa befinden, und waͤrſt du nicht, ſo wuͤrde ich jetzt ſchon meine Wanderung zu den Regionen der Geiſter angetreten haben, denn wahrlich gehoͤrte ich ihnen bereits zur Haͤlfte an, als es deiner zaͤrtlichen Sorgfalt gelang, mich wie⸗ der ins Leben zu rufen.— Gott, wie bitter wa⸗ ren die Gefuͤhle, die dieſer Bewußtloſigkeit voran⸗ gingen! als ich dich treulos glaubte, als ich mich hintergangen waͤhnte!— Gewiß, dies war die 15* 228 haͤrteſte aller Pruͤfungen!— Aber ſtille von dieſen uͤberſtandenen Leiden; auch an Trennung wollen wir nie denken!— Doch giebt es in der That noch einen andern, nicht weniger ſchmerzlichen Gegenſtand, auf den ich dennoch deine Aufmerkſamkeit lenken muß. Meine Mut⸗ ter!— Ach, Fitz Aymer, wie ſoll ich Worte finden, dir dies zu ſagen?— Ich wollte Troſt in ihrem Anblicke ſuchen!— Ach erlaß mir das Uebrige—— du hatteſt ein Grab fuͤr ſie zu bereiten begonnen—— ich verſuchte die traurige Arbeit weiter zu foͤrdern.“——— Hier verſagte ihr die Stimme; ſanft fiel Fitz Aymer ein:„Alles was du in Ordnung gebracht zu haben wuͤnſcheſt, iſt bereits geſchehen. Unſer neuer Gefaͤhrte, Watſon, iſt von mir zu allem beauftragt worden, und um dir den letz⸗ ten, bittern Schmerz zu erſparen, ſind die theu⸗ ren Ueberreſte zur Ruhe gebracht, ehe du dein Bewußtſein wieder erhieltſt.“— Viola faltete bei dieſer Nachricht die Haͤn⸗ de, und ſaß in ſich verſunken, ohne daß der Freund ihre kindliche Trauer zu unterbrechen wagte, bis der engliſche Matroſe von Ferne er⸗ 229 ſchien. Als ſie ihn ſich nahen hoͤrte, fuhr ſie in die Hoͤhe und wollte ins Innre der Hoͤhle flie⸗ hen, doch Fitz Aymer hielt ſie zuruͤck und ſtellte ihr mit den ſanfteſten Worten vor, daß, wenn ſein Anblick auch Schmerzen in ihr erneuerte, ſie ſich dennoch uͤberwinden und bedenken muͤſſe, wie ſie ihm doch eigentlich Dank fuͤr die Vollzie⸗ hung dieſes traurigen Gefchaͤfts ſchuldig ſei. „Ich habe dich ihm als meine Schweſter ge⸗ nannt,“ ſetzte er hinzu,“ und er nimmt deine Verkleidung fuͤr Mangel an einem weiblichen An⸗ zuge.“— In dieſem Augenblicke trat der Mann voͤllig herein; Fitz Aymer ging ihm freundlich ent⸗ gegen, um ihm ſeinen Dank zu ſagen; Viola folgte in einiger Entfernung. „Herr,“ rief Watſon,„ich habe manchen ehrlichen Schiffscameraden, auf dem Brettlein gebunden, mit uͤber Bord ins Meer geholfen, ſo iſt es mir nichts Neues mit Todten Verkehr zu treiben, und wahrhaftig moͤgte ich Manchem lie⸗ ber behuͤlflich ſein, wenn kein Athem mehr in ihm iſt, als wenn er noch nach Luft ſchnappen kann. Da iſt zum Beiſpiel der alte Franzoſe, 230 deſſen Todtengraͤber ich zehnmal lieber ſein will als fein Waͤrter!“— „Sind Anzeichen zu ſeiner Beſſerung da?“— fragte Violal „Fuͤr dieſe Welt nicht,“ fiel der Matroſe ein,“ denn ſeine Seele iſt bereits in jene Welt gegangen, und ſein Leib ein Raub der Wuͤrmer geworden,“ „Er iſt alſo todt?— „Ja, erwiederte Fitz Aymer, der Arme hat vollendet!— Nachdem ich dich damals an allen Orten vergebens geſucht hatte, zum zweiten Male in der Hoͤhle geweſen war, und ſie aber⸗ mals lee fand, begab ich mich wieder zur Huͤt⸗ te.— Ich traf den Alten ſchon im letzten To⸗ deskampfe, der auch nicht lange dauerte.“— Wahrſcheinlich hatte der Schreck uͤber das ſo ſchnelle Davongehen ſeines Sohnes und die Angſt nun, ohne Huͤlfe allein gelaſſen zu ſein, deſes Zeitpunkt beſchleunigt. „Nun da es mit ihm vorbei iſt,“ murmelte der Seemann,„wollen wir uns auch nicht weiter den Kopf zetbeechen.— Der Vater mag wahr⸗ ſcheinlich uͤm nichts beſſer geweſen ſein, als det Sohn, und der war, mein Seel, der aͤrgſte Spitz⸗ bube!— Aber Herr,“ ſetzte er begierig um ſich ſchauend hinzu,„habt ihr vielleicht nicht et⸗ was derberes Futter fuͤr einen hungrigen Ma⸗ gen? Von euerm Obſt und euern Kraͤutern, oh⸗ ne ein tuͤchtiges Stuͤck Fleiſch und etwas Zwie⸗ back dazu, laͤßt es ſich ſchwer leben.“— Man beeiferte ſich dem neuen Gefaͤhrten die beſten Nahrungsmittel vorzuſetzen, welche vorhan⸗ den waren, und fand endlich ſelbſt, daß einige körperliche Nahrung, nach ſo viel Muͤhſeligkeit und Seelenanſtrengung, nicht unheilſam ſei. So⸗ bald Watſon ſich hinlaͤnglich geſaͤttigt hatte, zog er ſeine Jacke aus, machte ein Kopfkiſſen davon, und warf ſich in eine Ecke zum Schlafe nieder. Viola legte ſich im Innern der Hoͤh⸗ le, neben Felix, auf ihr Lager, und der Freund fand Ruhe an der Seite des ehrlichen Matro⸗ ſen. Kein Feind war mehr auf der Inſel zu fuͤrchten.. Dreizehntes Kapitel. — Von der ganzen kleinen Geſellſchaft erwachte Viola am ſpaͤteſten; doch ſchien der Schlaf, ſo feſt und betaͤubend er geweſen war, ſie weder er⸗ quickt noch geſtaͤrkt zu haben. Ihr Kopf brannte von heftigem Schmerz, ihre Lippen lechzten nach einem Tropfen fluͤſſiger Nahrung. So wie ſie es verſuchte, ſich in die Hoͤhe zu richten, verſag⸗ ten die Glieder ihren Dienſt, und ſie fiel er⸗ ſchoͤpft wieder auf das Lager zuruͤck.„Ach Gott, ich bin gewiß recht, recht krank,“ ſeufzte ſie in⸗ nerlich;„armer Freund, wie willſt du den neuen Unfall tragen!“— Sie ſchloß die in Thraͤnen ſchwimmenden Augen, zog das leicht auf ſie ge⸗ breitete Tuch voͤllig uͤber ſich, und verlohr ſich in fieberhaften Traͤumen uͤber das abermals herannna hende Mißgeſchick. 233 Waͤhrend ſie im heftigen Fieber noch immer ſtille da lag, war Fitz Aymer ſchon laͤngſt mit dem ruͤſtigen Matroſen zum Grabe der Mutter ge⸗ eilt, um alles dort vor dem Beſuche der Tochter, in gehoͤrige Ordnung zu bringen. Bei ſeiner Ruͤckkehr kam ihm Felix mit der Nachricht ent⸗ gegen geſchlichen, daß die gute Viola immer noch ſchlafe; dies fuͤr ein guͤnſtiges Zeichen hal⸗ tend, nahm er beide Gefaͤhrten mit ſich hinweg, um durch nichts die Ruhe der Geliebten zu ſtoͤren, und begab ſich mit ihnen zur Huͤtte. Man unter⸗ nahm jetzt das nicht erfreuliche Geſchaͤft, den Koͤrper des alten Franzoſen unter die Erde zu bringen; als dies beendet war, wanderte Wat⸗ ſon noch eine Weile am Strande herum, wäh⸗ rend Fitz Aymer ſich eilig wieder zur Hoͤhle begab, in der Hoffnung den Morgengruß des ge⸗ liebten Maͤdchens zu empfangen. Er trat leiſe hinein, obgleich er hoffte ſie ſchon am Eingange ſeiner harrend zu finden; aber noch war hier alles leer, und der Ort erſchien ihm bei dieſer getaͤuſchten Erwartung, ungemein oͤde und traurig. Alles erinnerte ihn an die Angſt, mit welcher er am porigen Tage die Staͤtte gleichfalls leer gefunden hatte.— In dieſem Augenblicke glaubte er einen tiefen Seufzer zu hoͤren; nicht laͤnger im Stande ſeine Beſorgniß zuruͤckzudräͤn⸗ gen, ging er ins Innre, und erblickte da Viola in der Fiebergluth, mit von Krankheit entſtellten Zuͤgen, an der naͤmlichen Stelle liegen, wo die Mutter vor ſo kurzer Zeit geſtorben war. Alles rief dieſe Schreckbilder in ſein Gedaͤchtniß zuruͤck; er warf es ſich ſchwer vor, ſie in derſelben Luft ſchla⸗ fen gelaſſen zu haben, die er begann fuͤr anſte⸗ ckend zu halten; er fuͤhlte ihre Hand, und ſchau⸗ derte zuruͤck bei der brennenden Hitze derſelben. „Ach Viola„rief er, indem er ſich vom Schmerze betaͤubt an ihre Seite niederwarf, und gleich ei⸗ nem Kinde weinte,“ welch ein neues Mißgeſchick droht wieder uͤber uns einzubrechen!“— Viola, obwohl zu ſehr angegriffen, um gleich antworten zu koͤnnen, fand doch endlich die Kraft in ſich, ihn in ſeinem Schmerze zu erheben. „Faſſe Muth, geliebter Freund, Bruder, mein Alles in dieſer verlaßnen Einoͤde!“ ſprach ſie lei⸗ ſe;„wenn du verzweifelſt, wer ſoll mich dann aufrecht erhalten?— Deiner Fuͤrſorge, deiner Pflege, muß ich ja, nebſt dem Schutze der Vorſe⸗ hung, mein Leben anvertrauen!“— Fitz Aymer ermante ſich bei dieſen Wor⸗ ten, und gelobte, ſich ganz ihrer Wartung zu wei⸗ hen; er holte ihr kuͤhlendes Getraͤnk herbei, und aͤußerte lebhaft den Wunſch, ſie ſobald als moͤg⸗ lich in eine reinere Luft zu bringen. Sie willigte in alles, was er fuͤr gut halten wuͤrde, und alſobald bereitete er ihr ein Lager, naͤher dem Ausgange der Hoͤhle, wohin er ſie mit der groͤßten Sorgfalt trug. Die freiere, reinere Luft, die unausgeſetzte Auf⸗ merkſamkeit des Freundes, zeigten bald den guͤnſtig⸗ ſten Einfluß auf den Zuſtand der Kranken. Ob⸗ gleich ſie noch mehrere Tage ſehr ſchwach und an⸗ gegriffen war, ſah man doch bald die Heftigkeit des Fiebers ſchwinden; ſie konnte ſich ſchon mit dem treuen Waͤrter wieder unterhalten, ſeine Freundlichkeit im vollen Maße anerkennen, zuhs⸗ ren wenn er ihr vorlas, und er genoß in vollen Zuͤgen die Seligkeit, die ihm jetzt ſchon aus jeder ihrer Mienen hervorſtrahlete, und die er als ein gluͤckliches Vorbild jener Zeit nahm, wo es ihm einſt vergoͤnnt ſein wuͤrde, immer ſo ungeſtoͤrt in 236 ihrer Geſellſchaft zu leben, und jedem ihrer Wuͤnſche zuvorzukommen. Waͤhrend die Liebenden nur fuͤr einander lebten, hatte der, auf das Entkommen von die⸗ ſem Eilande ſtets bedachte, Seemann das von den beiden Seeraͤubern zuruͤckgelaſſene Boot ge⸗ nauer unterſucht, und alle ſeine Geſchicklichkeit aufgeboten, es in einen beſſern Stand zu ſetzen. Mancherlei waren zwar der Schwierigkeiten, die ſich ihm bei dieſer Unternehmung entgegenſtell⸗ ten; es fehlte ihm an Vielem, an brauchbaren Werkzeugen zur Arbeit, ſo wie an nothwendigen Materialien zur Ausbeſſerung; jedoch Geſchick⸗ lichkeit und Ausdauer helfen oft die groͤßten Schwierigkeiten uͤberwinden. Er ermuͤdete nie bei ſeinem Unternehmen, und erfinderiſch in Huͤlfsauellen, bot ſich ihm bald das durchaus Errforderliche, theils in den Producten der In⸗ ſel, theils in Manchem noch in der Kiſte bisher ungenutzt Gebliebenen dar. So gedieh er mit ſeiner Arbeit ſo weit, daß an dem Tage, wo Viola ſich hinlaͤnglich geſtaͤrkt fuͤhlte, um mit Fitz Aymers Huͤlfe nach der Stelle gehen zu knnen, wo der thaͤtige Mann ſeine Werkſtatt 8e aufgeſchlagen hatte, ſie uͤber ſeine Forkſchritte ganz uͤberraſcht wurde. Zu ihrer mehreren Be⸗ quemlichkeit war eine leichte Huͤtte, mit einem Laubdache verſehn, fuͤr ſie an dem Platze errich⸗ tet, worin ſie nun taͤglich ſaß, ſich der fortſchrei⸗ tenden Arbeit freuend, denn jetzt war Fitz Ay⸗ mer eben ſo thaͤtig beſchaͤſtigt, als der Matroſe. Nach vollendeter Arbeit, oder bei zu großer Er⸗ muͤdung, ſuchte der Freund dann ſeine Kraͤfte in ihrer Nähe, unter dem freundlichen Laubdach wieder zu ſtaͤrken, und ihr liebliches Laͤcheln, ihr herzlicher Haͤndedruck, lohnten ihm uͤberſchweng⸗ lich jede, auch noch ſo große Anſtrengung. Obwohl das Wetter ſich noch keineswegs ſo beſtaͤndig zeigte, als bei ihrer fruͤheren Anwe⸗ ſenheit auf der Inſel, war es dennoch bei wei⸗ tem weniger ſtuͤrmiſch, als in der letzten Zeit, und vorzuͤglich waren die Abende oſt ſehr heiter und ruhig.« An einem dieſer Abende wanderten Vio⸗ la und Fitz Aymer einſt eintraͤchtlich im wei⸗ chen Sande, nahe an der Kuͤſte, waͤhrend die ganze Umgebung im lieblichen Daͤmmerlichte des Vollmondes vor ihnen lag. Das weite, ruhige Meer erſchien gleich einem klaren Spiegel; die 238 milde Luft war von Wohlgeruͤchen erfuͤllt; jeder Gegenſtand in der Schoöpfung trug das Gepraͤge des Friedens und der Ruhe, und goß jenen ſuͤ⸗ ßen Einklang in ihre Herzen, der keine Zuruͤck⸗ haltung vor dem gleichgeſtimmten Gemuͤth mehr kennt, ſondern ihm im ſchoͤnſten Vertrauen die innerſten Gedanken der Seele mittheilt. „Noch nie haſt du, liebe Viola,“ ſagte Fitz Aymer in dieſem Augenblicke,„Dich naͤ⸗ her nach der Urſache des Vorurtheils erkundigt, welches deine mir ewig theure Mutter, waͤhrend der erſten Zeit unſeres Beiſammenlebens auf der Inſel, gegen mich aͤußerte. Doch erinnere ich mich, daß du damals, als ich dich noch Ed⸗ mund nannte, einmal von ferne darauf hin⸗ zeigteſt, und die Entſtehung davon zu erfahren wuͤnſchteſt, worauf ich dir aber unter jenem Namen 3 die Antwort ſchuldig blieb. Fuͤhlſt du jetzt keine Neugierde, das Geheimniß geloͤſt zu wiſſen?“— „Die Furcht, du koͤnnteſt dich vielleicht nicht gaͤnzlich uͤber eine Sache rechtfertigen, die mir als Unrecht vorgeſtellt war, iſt jetzt zwar voͤllig aus meiner Bruſt geſchwunden,“ erwiederte Vioo la traulich,„doch werde ich nie aufhoͤren, den leb⸗ hafteſten Antheil an allem, was dich betrifft, zu nehmen, obgleich mein Glaube an dich ſo unerſchuͤt⸗ terlich iſt, daß ich keinen Wunſch mehr hege, tie⸗ fer in deine Geheimniſſe zu dringen, wie es dir fuͤr dich und mich heilſam ſcheint. Die feſte Ue⸗ berzeugung, mein Schickſal in die Haͤnde eines redlichen Mannes gelegt zu haben, giebt mir vollkommne Sicherheit, und laͤßt mich, durch die Erfahrung des Vergangenen begruͤndet, mit ru⸗ higem, heitern Blick in die Zukunft ſchauen.“— „Liebe, freundliche Violal“— rief Fitz Aymer;„um wie vieles theurer macht dich dies ruͤhrende, hingebende Vertrauen meinem Her⸗ zen!— Nichts koͤnnte mich maͤchtiger treiben es voͤllig zu verdienen, als die Ueberzeugung, daß du es mir freiwillig ſo großmuͤthig gewaͤhrſt. Glaube mir, ich war nie ein Wuͤſtling, und doch habe ich ſelbſt die leichtſinnigſten Menſchen dieſer Art behaupten gehoͤrt, daß das ganze Lehrgebaͤude ih⸗ rer Grundſätze in keiner Lage mehr in Gefahr ge⸗ weſen ſei, erſchuͤttert zu werden, als wenn eine durchaus ſchuloloſe Natur ſich ihnen mit vollem Glauben ergeben habe. 240 Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatte er die Ges liebte unvermerkt an einen niedern Felsabhang gefuͤhrt, der, da er voͤllig trocken bei dem an⸗ ſchwellenden Waſſer geblieben war, ihnen jetzt zum anmuthigen Sitze diente. Der Mond warf ſeine Strahlen ſo klar auf das Antlitz des jun⸗ gen Mannes, daß jeder Ausdruck deſſelben in ſeinen Mienen eben ſo deutlich wurde, als ſei es heller Tag geweſen. „Um mich dir voͤllig verſtaͤndlich zu machen, theure Viola,“ hob er an,„muß ich leider Umſtaͤnde beruͤhren, die deine zarte Anhaͤnglich⸗ keit an einige Glieder deiner Famille vielleicht etwas verletzen koͤnnen; aber unſer gegenwaͤrti⸗ ges Verhaͤltniß macht mir Offenheit zur erſten Pflicht. Ich weiß, daß deine Mutter auf dieſen Gegenſtand ſchon einmal von ferne gegen dich hindeutete, den aber ſowohl ſie, und weit mehr noch dein Vater, aus dem nachtheilichſten Lichte fuͤr mich betrachteten; ich bin mir eine Rechtfer⸗ tigung gegen dich ſchuldig, und bedaure nur, daß dadurch der Wahrheit gemaͤß, zwei deiner naͤch⸗ ſten Anverwandten, deine Baſe Melroß und ihr Bruder Friedrich Germaine, wahr⸗ ſcheinlich in deiner guten Meinung etwas ſinken werden.“ „Frau Melroß!“ wiederholte Biola; „iſt es moͤglich irgend etwas Nachtheiliges uͤber ſie zu ſagen?— „Hoͤre mich ruhig an, meine Viola, und ſpare mir zu Liebe dein Urtheil bis zum Ende der Erzaͤhlung auf.— Frau Melroß war mir durchaus fremd, als ich zufaͤllig auf einem Club, den ich ſeit langer Zeit beſuchte, die Be⸗ kanntſchaft ihres Bruders machte, der ſich eben erſt unter den Mitgliedern hatte aufnehmen laſ⸗ ſen. Vorſchnell, eigenwillig, wie er war, unbe⸗ ſonnen im aͤußerſten Grade, uͤberſtieg ſeine Lei⸗ denſchaft zum Spiel jede Leidenſchaft der Art, die ich bis jetzt ſelbſt an den reichſten, ſpielſuͤchtig⸗ ſten Menſchen bemerkt hatte. Ich ſah ihn jeden Abend große Summen wagen, und faſt immer in Gefahr ſie zu verlieren. Anfangs hatte ich ſelbſt mit ihm geſpielt, und obgleich ich bei wei⸗ tem nicht die Geſchicklichkeit in dieſer Kunſt be⸗ ſaß, deren mehrere unſerer Mitglieder ſich ruͤh⸗ men konnten, war ich doch immer der Gewin⸗ nende gegen ihn geweſen. Es ward mir wider⸗ B. Sch. 16 242 waͤrtig, einen Gegner zu haben, deſſen Ruin ich vor Augen ſah, daher entfernte ich mich abſicht⸗ lich von dem Tiſche, an dem er ſpielte; ſo blieb er mein Schuldner, und da er bald gewahr wer, den mogte, daß ich ihn weniger mahnte, als die Andern, denen er gleichfalls betraͤchtliche Summen ſchuldig war, wandte er ſich in mancher dringen⸗ den Verlegenheit an mich, und ich war Zeuge wie man ihm das eben von mir geborgte Geld ſchon wieder abnahm, ehe er noch das Zimmer verließ. Solche Thorheit laͤnger zu naͤhren, konnte unmoͤglich meine Neigung ſein; als er ſich daher zum dritten oder vierten Male an mich wandte, ſchlug ich ihm meine Huͤlfe rund ab. Er ertrug die abſchlaͤgige Antwort beſſer, als ich erwartet hatte, denn bei allen ſeinen Fehlern beſaß er eine unzerſtoͤrbar gute Laune, und ſeine Fröhlichkeit, ſein Wit, machten ihn mir, ausge⸗ nommen am Spieltiſche, zum angenehmen Ge⸗ ſellſchafter. Wir vollfuͤhrten mit einander tauſend tolle Streiche, mit deren Erzaͤhlung ich dein Ohr nicht beleidigen will, doch zweifle ich nicht, daß das Geruͤcht davon nicht wenig zu der ſchlechten Meinung beitrug, die deine Eltern von meinen . Grundſaͤtzen faßten; wer mich aber fuͤr ſeinen Verfuͤhrer hielt, that mir wahrlich zu viel Ehre an, denn obwohl er ein oder zwei Jahre juͤnger war, als ich, bedurfte er meiner Anleitung in kei⸗ nem Falle. Er beſaß leider einen ſo unuͤberwind⸗ lichen Hang zu Zerſtreuungen aller Art, daß das Beiſpiel eines Andern nicht noͤthig war ihn hin⸗ zureißen. Unterhaltend, wohin er kam, und leicht von jedem aͤußern Gegenſtande unterhalten, ward ſeine Geſellſchaft von allen jungen Maͤn⸗ nern, die ſich im Stande fuͤhlten, es mit ihm aufnehmen zu koͤnnen, geſucht. Allenthalben, nur nicht am Spieltiſche, gelang es ihm bald die Haͤlfte ſeiner luſtigen Bruͤder zu uͤberſehen, und ſo trieb er ſein Leben im beſtaͤndigen Genuſſe fort, ohne an den folgenden Tag zu denken. Bald aber ließen ihm die Schuldner keine Ruhe mehr, und das Mittel, welches er damals er⸗ griff um jene zu befriedigen, zeugt entweder von einem ſchlechten Herzen, oder von Unerfahrenheit, und einem Mangel an Nachdenken, das alle Be⸗ griffe uͤberſteigt. Als ich mich eines Abends mit ihm in der Oper befand, trat eine Dame in eine Loge neben 16* ——õ—— 244 uns, deren außerordentliche Schoͤnheit mir auf⸗ fiel. Ich machte ihn auf ſie aufmerkſam mit eſ⸗ ner Bemerkung, die meine Bewunderung hin⸗ laͤnglich ausdruͤckte. Das iſt meine Schweſter, ſagte er, ſichtlich erfreut durch das Lob, welches ich ihr ertheilte; und der alte Kerl da hinter ih⸗ rem Stuhle, ſetzte er hinzu, iſt ihr Eheherr.— Iſt es nicht Suͤnd und Jammer, ſie einem ſol⸗ chen Pavian uͤberlaſſen zu haben?— Er iſt uͤber funfzig, und ſie kaum ein und zwanzig; doch iſt ſie ſchon zwei Jahre mit ihm verheirathet ge⸗ weſen; aber jetzt erſcheint ſie zum erſtenmale in der großen Welt. Komm, ich will dich zu ihr fuͤhren; gluͤcklicher Weiſe hat der alte Melroß keine eiferſuͤchtigen Grillen, und ihr Haus iſt eins der angenehmſten in der Stadt.— Waͤh⸗ rend er mir ſchnell dies fluͤchtige Bild der Schwe⸗ ſter gab, hatte er mich ſchon unter den Arm ge⸗ faßt, und in die Loge gezogen. Ich ward mit ungemein vieler Freundlichkeit empfangen, da die Schweſter den Bruder, trotz aller ſeiner Aus⸗ ſchweifungen, grenzenlos liebte. Er ſagte ihr in meinem Beiſein, daß er unter einer Laſt von Verbindlichkeiten gegen mich ſchmachte, und ſie ſchien mich als ſeinen Schutzengel zu betrachten, obgleich ich geſtehen muß, daß mein Stolz eher gedemuͤthigt als geſchmeichelt ward, wenn ich die Natur dieſer Verbindlichkeiten erwog. Einem un⸗ verbeſſerlichen Spieler immer durch neue Geld⸗ ſummen auszuhelfen, war weit eher ein Beweis von Schwaͤche, als von Großmuth, und ich ſchaͤmte mich wahrhaftig der Lobeserhebungen, die Germaine fuͤr gut fand, uͤber mein Haupt aus⸗ zuſchuͤtten. Um dich, liebe Viola, aber mit allen dieſen Umſtaͤnden nicht zu langweilen, moͤge es dir genuͤgen zu wiſſen, daß einige Bekannt⸗ ſchaft mit dem Ehepaar von dem Abende an, bald zur genaueſten Vertraulichkeit wurde. Mel⸗ roß, freilich zu alt fuͤr ſeine bluͤhende Gattin, ſchien ihre Freundſchaft in vollem Maße zu beſi⸗ tzen, und beide lebten anſcheinend in vollkomm⸗ ner Zufriedenheit. Nach und nach aber ward ich einen truͤben Schatten auf Mathildens ſonſt ſo heiterer Stirn gewahr; ſie geſtand mir, daß der Kummer, kein Geld mehr von ihrem Manne be⸗ kommen zu koͤnnen, um ihrem Bruder zu helfen, Urſache davon ſei. Ich ſuchte ihr zu beweiſen, wie gefaͤhrlich es waͤre, Friedrich immer mit 246 neuen Mitteln fuͤr ſeine Spielwuth zu verſehen, ſagte ihr, daß er ein Raub falſcher Spieler wer⸗ de, und eine Summe nach der andern an ſie ver⸗ lieren wuͤrde. Sie hoͤrte meine Vorſtellungen mit anſcheinender Ueberzeugung an; doch durch die Klagen und Bitten ihres Bruders immer wieder aufs Neue aufgeregt, wagte ſie nach ein⸗ ander manchen vergeblichen Verſuch, ihren Mann zu Gunſten ſeiner zu erweichen, und als er auf ſeiner Weigerung beharrte, zeigte ſich eine merk⸗ liche Kaͤlte in ihrem Benehmen gegen ihn.— Mehr als einmal uͤberraſchte ich ſie in Thraͤnen; zu weich um ſie laͤnger leiden ſehen zu koͤnnen, unterdruͤckte ich meinen gerechten Unwillen gegen des Bruders Verſchwendungen, und war ſchwach genug, der Schweſter einen anſehnlichen Wechſel einzuhaͤndigen, um dadurch ihrer Unruhe fuͤrs Erſte ein Ende zu machen.“ „ und die arme Mathilde konnte unvor⸗ ſichtig genug ſein, dies von dir anzunehmen?“— unterbrach ihn Viola hier. „Wohl magſt du ſie mit Recht: arme Ma⸗ thilde nennen,“ erwiederte Fitz Aymer ſeuf⸗ zend. Durch urgend eine ungluͤckliche Nachlaͤßig⸗ keit von ihrer Seite wurde dieſer Wechſel von Herrn Melroß bei ihr auf dem Tiſche liegend von jetzt an auf immer verſchloſſen ſein ſolle. 3 gefunden. Er gerieth in Zorn, vernichtete ihn V augenblicklich, und ohne weiter auf ihre Vorſtel⸗ 5 lungen zu hoͤren, machte er ihr die bitterſten r Vorwuͤrfe, von einem Manne in meinem Alter . 8 Geld zu borgen, und ſchwur, daß ſeine Thuͤr mir V 1 f Durch dies Betragen, welches ſie ſchwarze Un⸗ V . dankbarkeit gegen den Freund ihres Bruders nannte, aufs Aeuſſerſte getrieben, nahm ſie ſich ;. vor, allen Folgen zu trotzen, und ſich einzig unter 1, meinen Schutz zu begeben. Dieſem raſchen Ent⸗ n ſchluſſe folgend ſtahl ſie ſich, ſobald Melroß - das Zimmer verlaſſen hatte, in der Daͤmmerung el aus dem Hauſe, warf ſich in eine Miethkutſche, s und fuhr gerade nach meiner Wohnung. So wie ſie ſah, daß einer meiner Bedienten den Schlag r⸗ oͤffnete, ſprang ſie, ohne weitere Nachfrage, aus — dem Wagen, und wollte eben ins Haus rennen, als ein Voruͤbergehender ſie unſanft beim Arme a⸗ ergriff, und ſie zuruͤck hielt. Den Kopf mit ei⸗ ffe nem Schrei umwendend, um den anzuſehen, der *ſich dieſes Recht uͤber ſie anmaßte, erkannte ſie 248 beim ſchwachen Schimmer des Lichtes das ern⸗ ſte, entſchloſſene Antlitz ihres Oheims,— deines Vaters, Violal“— Zu ſehr ergriffen, um reden zu koͤnnen, ver⸗ barg Viola ihr Geſicht mit den Haͤnden, und nach einer kurzen Pauſe fuhr Fitz Aymer fort: „Zufaͤllig ſollte ich gerade an dem Tage, wo die⸗ ſer hoͤchſt unbedachtſame, mir aber ungerechter Weiſe zur Laſt gelegte Schritt geſchah, bei einem Freunde auf dem Lande eſſen, und erſt am fol⸗ genden Morgen zur Stadt zuruͤckkehren. In ei⸗ niger Entfernung von meiner Wohnung, ſtieg ich aus dem Wagen, um bei einem Buchhaͤndler vor zu gehen; wie ich die Thuͤr des Ladens oͤff⸗ nete, trat dein Vater heraus. Ich wußte zwar, daß er mir eben nicht ſehr gewogen war, da ich indeß nicht die mindeſte Ahnung einer ſo ſehr vermehr⸗ ten Feindſchaft gegen mich haben konnte, griff ich im Voruͤbergehen an meinen Hut, indem es mir ſogar herzlich leid that, daß meine wohl et⸗ was leichtſinnige Auffuͤhrung mich um die Ach⸗ tung eines Mannes von ſo ausgezeichneten Ver⸗ dienſten gebracht habe. Er ſah mich einen Augen⸗ blick mit vornehmer Befremdung an, und ging dann ſeine Wege, ohne mich auch nur im minde⸗ ſten eines Gegengrußes zu wuͤrdigen. Ich muß geſtehen, daß ich nie in meinem Leben geneigter war, dem augenblicklichen Gefuͤhle meines beleidig⸗ ten Stolzes Genuͤge zu leiſten; ich blieb wie auf der Stelle feſt gebannt ſtehen, mein Kopf brann⸗ te, meine Glieder zitterten vor Wuth. Schon wollte ich deinem Vater nacheilen, als Major Beauchamp, der Vater des kleinen Felix, der die ganze Scene durch das Fenſter des Ladens beobachtet hatte, heraus ſprang, mich beim Arme ergriff, meinen Schritten eine andere Richtung zu geben bemuͤht war, und alles nur Moͤgliche anwandte, um die ungluͤcklichen Folgen dieſes Vor⸗ gangs abzuwenden.„Wenn du dich durchaus mit einem aus der Familie Earlingford ſchla⸗ gen mußt,“ rief er,„ſo waͤhle den Neffen da⸗ zu, ſchlag dich mit Germaine, und wenn du ihn uͤber den Haufen ſtoßen ſollteſt, ſo wird die menſchliche Geſellſchaft dadurch von einem ſehr unnuͤtzen Mitgliede befreit! Aber waͤlze keine, nie zu vertilgende Schmach auf deinen eigenen Character, indem du das achtungswertheſte Glied dieſer Familie zu deinem Gegner waͤhlſt, einen —.— — — 230 ſo allgemein geehrten und geliebten Mann, der uͤberdies wenigſtens dreißig Jahre aͤlter iſt, als du, der an der Gicht leidet, und durch deſſen Ausforderung du auf jeden Fall die oͤffentliche Meinung voͤllig gegen dich bekommſt!“ „Oh, vortrefflicher Beauchampl rief Vio⸗ la aus;“— wie liebe ich ihn fuͤr dieſes maͤnn⸗ liche Dazwiſchentreten, fuͤr dieſes hohe Lob meines edlen Vaters!— Gewiß, Fitz Aymer, eine ſo gerechte Vorſtellung konnte ihren Zweck nicht verfehlen!“— „Sie entwaffnete mich auf einmal, wenn auch nicht von dem Groll, der im Innern noch mein Herz erfuͤllte, doch von aller Abſicht, ihm auf ir⸗ gend eine blutige Weiſe Genuͤge zu leiſten. Ich begab mich auf der Stelle nach Hauſe, und die Meldung, welche mir mein Bedienter von dem mir zugedachten, außerordentlichen Beſuch ab⸗ ſtattete, klaͤrte mich voͤllig auf uͤber den Blick des erhoͤhten Mißfallens, mit dem Sir Willi⸗ am an mir voruͤber gegangen war. Dennoch be⸗ fand ich mich in großer Unruhe uͤber den un⸗ uͤberlegten Schritt Mathildens, und nach⸗ dem ich dem Bedienten das ſtrengſte Stillſchwei⸗ 251 gen uͤber die ganze Sache auferlegt hatte, flog ich nach Germaine's Wohnung, um dort et⸗ was Naͤheres zu erfahren. Er zeigte mir einen Brief voll Unwillen und Zorn, den er eben von ſeinem Oheim erhalten hatte, den er aber ſehr leicht nahm, und auf eine Weiſe uͤber den Inhalt ſcherzte, welche mir den Menſchen⸗ mehr als je zuwider machte. Der Brief enthielt un⸗ ter andern, wie ſeine Schweſter am vergangenen Abend nur durch das gluͤckliche Dazwiſchentre⸗ ten des Oheims, vor der Schande bewahrt ſei, ſich ihrem Verfuͤhrer in die Arme zu werfen. Ich fuͤhlte die Ungerechtigkeit dieſes Aus⸗ drucks, doch ohne mich gegen Germaine dar⸗ uͤber zu aͤußern, las ich weiter. Ihm, als dem eigentlichen Unterhaͤndler, wurden nun die bitter⸗ ſten Vorwuͤrfe gemacht, er ward beſchuldigt ſie dem ausſchweifendſten ſeiner Spießgeſellen in die Haͤnde geliefert zu haben.— Man habe ſie auf der That ertappt, von dieſem betraͤchtliche Sum⸗ men angenommen zu haben, um ihrem liederli⸗ chen Bruder damit auszuhelfen, und es ſei wohl kein Zweifel, daß ſie dieſe Summen mit dem groͤß⸗ ten Kleinod einer Frau, ihrer Ehre, erkauft ha⸗ be.—— Nie, theure Viola, konnten Be⸗ ſchuldigungen ſchwaͤrzer und beleidigender ſein; mein Blut kochte, und in der Wuth des Augen⸗ blicks forderte ich Germaine auf, ſich mit Pi⸗ ſtolen zu bewaffnen, um an des Oheims Stelle mir Rede fuͤr dieſe Beleidigungen zu ſtehen.— Lachend erwiederte er, wie er durchaus keine Luſt habe, ſich fuͤr anderer Suͤnden herumzuſchießen, da ſeine eigenen ſchon hinlaͤnglich auf ihm laſte⸗ ten. Sage mir lieber, ſetzte er ſcherzend hinzu, was das mit den betraͤchtlichen Summen ſagen will, die Mathilde von dir fuͤr mich erhalten haben ſoll. Wo zum Teufel, mag ſie damit geblieben ſein, da ich nie etwas mehr, als unbedeutende Kleinigkeiten von ihr erhalten habe.— Gewiß har ihr alter Eheherr dieſe eben ſo bereitwillig eingeſteckt, als jede andere ihm von dir erwieſene Guͤte.“— „Dieſe abſcheuliche Rede,“ fuhr Fitz Aymer fort,“ machte das Maas meiner Verachtung ge⸗ gen den unwuͤrdigen Menſchen voll. Ich ſtand auf, ſagte kurz, daß wenn der Wechſel, den ich ſei⸗ ner Schweſter fuͤr ihn gegeben habe, zerriſſen ſei, ar bei meinem Geſchaͤftsmann die Summe fuͤr 253 ſich bereit finden werde; dies aber ſei das letzte, was er von mir zu hoffen habe, auch wuͤnſche ich ſein Angeſicht nie wieder zu ſehen.— Ganz gleichguͤltig uͤber meine Aeußerung, ließ er mich fortgehen, und kaum hatte ich die Thuͤre in der Hand, ſo fing er an ein luſtiges Liedchen zu trillern.“. „Und dies iſt der Menſch, deſſen Verderben meine Familie dir Schuld giebt!“— rief Viola, „Wie wenig mußten ſie ihn kennen!— Wie wenig bedachteſt du aber ungluͤcklicher Weiſe auch, was du deiner eigenen Ehre, deinem guten Rufe ſchuldig ſeiſt, indem du dich zu einer Vertrau⸗ lichkeit mit ihm herabließeſt.— Doch ſage mir, fiel nichts weiter zwiſchen dir und meinem Vater vor; thaſt du keinen Schritt, um dich zu rechtfer⸗ tigen?“— „Keinen,“ erwiederte er.„Es lag Ma thil⸗ den ob, meine Ehre von dieſen Flecken zu reinigen, in einem Falle wie dieſer war, konnte ich nichts vorbringen, dem die ungluͤckliche Flucht aus dem Hauſe ihres Mannes nicht zu widerſprechen ſchien. Dieſe Flucht mußte jedem Verdacht das Siegel der Ueberzeugung anfdruͤcken; nur ſie hatte ein fuͤr alle ihrem Bruder geleiſteten Gefaͤlligkeiten, 254 Recht dies Siegel zu loͤſen; die Beſchuldigung von mir abwaͤlzen, und ſie dadurch nur noch tie⸗ fer verwickeln, das konnte mein Wunſch nicht ſein. Auch muß ich dir geſtehen, daß ich wenig Nei⸗ gung empfand, mich mit meiner Rechtfertigung vor deinem Vater zu demuͤthigen; ſein Haß ge⸗ gen mich ſchien ſo eingewurzelt, daß ich alle Hoff⸗ nung, ja alles Verlangen, verlohr ihn zu verſoͤh⸗ nen. Hierzu kam noch, daß ich kurze Zeit darauf Befehl erhielt, mich unverzuͤglich zu meinem Regi⸗ mente zu begeben, welches, wie ich hoͤrte, in fremden Dienſt geſandt werden ſollte.“ „Schiffteſt du dich denn wirklich ein,“ fragte Viola nach einigem Zoͤgern,„ohne weiter von Mathilden etwas geſehen oder gehoͤrt zu ha⸗ ben?“— „Gerade als ich mich an Bord begeben wollte, ward mir ein kurzer, trauriger Brief von ihr ein⸗ gehaͤndigt. Sie benachrichtigte mich darin, wie ihr Oheim es fuͤr gut befunden, ſie nach dem Hauſe ihres Gatten zuruͤckzufuͤhren, der von dem unvor⸗ ſichtigen Schritte es zu verlaſſen, durchaus keine Ahnung habe. Sie dankte mir warm und herzlich 255 klagte uͤber ſeinen unvermeidlichen Untergang, be⸗ tete fuͤr mein Leben und Gluͤck, und ſagte mir in ſo freundlichen Worten Lebewohl, daß mich der Gedanke ergriff, wie wunderbar es ſei, daß gerade ſie, der ich allein von der ganzen Familie Ear⸗ lingford, wenn auch ohne meine Abſicht, wehe gethan hatte, die einzige ſein muͤſſe, die wohlwol⸗ lende Geſinnungen gegen mich hege.“ „Und ſchließt deine Geſchichte, oder wenigſtens der Theil derſelben, welcher Bezug auf Mathil⸗ den hat, hier?“— fragte Viola aufs Neue. „Sahſt du ſie bei deiner Ruͤckkehr nach England nicht wieder?“— „Nein, ſie und ihr Mann befanden ſich da⸗ mals in Schottland.“— Eine kurze Pauſe erfolgte, nach welcher Vio⸗ la mit muͤhſam gehaltener Stimme, und eine Thraͤne im Auge zuruͤckdruͤckend ſagte:„Fitz Ay⸗ mer, ich glaube,— ja, ich bin davon uͤberzeugt, wenn Mathilde nicht verheirathet geweſen waͤre, wuͤrde ſie die Erwaͤhlte deines Herzens geworden ſein.— Gewiß, du liebteſt ſie.“— Entzuͤckt uͤber dieſen unwillkuͤhrlich entſchluͤpften kleinen eiferſuͤchtigen Zweiſel, ergriff Fitz Ay⸗ Irrthum, den ich begehen koͤnnte, vor deinen in dein freundliches Auge zu blicken, den ſuͤßen 256 mer die Hand der Geliebten, und antwortete laͤchelnd:„Ich glaube,— ja, ich bin davon uͤber⸗ zeugt, meine Viola iſt hier gaͤnzlich im Irrthu⸗ me. Gewiß liegt in Mathildens ganzem We⸗ ſen viel Hinreißendes; aber wenig Maͤnner, und ich unter allen am wenigſten, wuͤnſchen in ihrer Gattin ſolche ungeregelte Macht der Phantaſie, einen ſo uͤbertriebenen Grad des Gefuͤhls anzutref⸗ fen, wie ſie nur zu oft verraͤth. Nein,“ fuhr er fort,„mein Herz wuͤrde nie ſeine eigentliche Hei⸗ math in ihrem Buſen gefunden haben, dieſen ru⸗ higen Hafen gegen jede Auffwallung der Leiden⸗ ſchaft, dieſen Himmel des Friedens, den ich ſicher bin in dem deinigen zu finden.— Du biſt das einzige Weſen, bei dem ich dies Gluͤck hoffen kann, und ſo grenzenlos iſt mein Vertrauen zu dir, daß ich keinen Augenblick anſtehen wuͤrde, jeden Richtſtuhl zu bringen, uͤberzeugt, von dir nur das Rechte zu hoͤren. Du biſt mir ſo theuer, ſo unentbehrlich geworden, daß ſchon bei dem blo⸗ ben Gedanken, es koͤnne eine Zeit kommen, wo es mir nicht mehr wie jetzt vergoͤnnt ſein wuͤrde, Ton deiner Stimme zu hoͤren, Welt und Leben farblos vor mir da liegen.“ „Fuͤrchte das nicht, du einziger Freund,“ ſagte Viola, indem ſie ihm die eben zuruckgezogene Hand gleich einem Unterpfande des Verſprechens, noch einmal reichte,„fuͤrchte nicht, daß Zeit oder Veraͤnderung der aͤußern Umſtaͤnde je einen Wechſel in meiner Neigung hervorbringen koͤnn⸗ ten! Zwar kenne ich die Welt wenig, habe noch wenige deines Geſchlechts geſehen, die der Aus⸗ zeichnung werth waren; aber ich fuͤhle es, daß ich nie einen Andern ſo wie dich lieben koͤnnte. Meine Ueberzeugung, daß deine Liebe zu mir hoͤher, edler daſteht, als ſie je ein anderer Mann fuͤr mich empfinden koͤnnte, iſt ſo feſt, daß, wuͤrde ich auch wieder unter die menſchliche Geſellſchaft verſetzt, ſaͤhe ich mich umgeben von allem, was Rang und Reichthum bieten koͤnnen, meine Ge⸗ fuͤhle fuͤr dich dennoch unerſchuͤtterlich dieſelben bleiben, und mein Herz jeder Verſuchung wider⸗ ſtehen wuͤrde.“ „Ich zweifle nicht an deinem Verſprechen, meine Viola,“ ſagte Fitz Aymer;„doch waͤre mein Glaube an deine Treue geringer, als der B. Sch. 17 eine Auszeichnung zu bemerken, oder zu gewaͤh⸗ ſchick, was uns hier zuſammenfuͤhrte, dich erſt 258 eines frommen Pilgrims zu ſeinem Heiligenbil⸗ 3 de, ſo moͤgte ich wohl zittern, wenn ich mir dich mit dieſem reinen, unerfahrnen Herzen, in den Strudel der Welt zuruͤckgeworfen denke. Ehe du in dieſe Wuͤſte verſchlagen wurdeſt, warſt du noch zu jung, um um dich zu ſchauen, und irgend ren; ſo war es natuͤrlich, daß ein gleiches Ge⸗ zum Mitleid gegen mich hinzog, aus dem nach und nach Achtung und Zaͤrtlichkeit entſtanden. Wie aber wird es mir in jedem Augenblicke mög⸗ lich ſein, die bange Beſorgniß in mir zu unter⸗ druͤcken, daß dieſer ſuͤße Vorzug, den ich mehr dem gluͤcklichen Zufall als der freien Wahl danke, dieſe Partheilichkeit fuͤr mich, die noch nie die Vergleichung zwiſchen meinem und Anderer Werth beſtanden hat, in der Folge nie der gefaͤhrlichen Probe unterliegen werde?— Gewiß, Viola, ſo ernſtlich ich auch gegen jeden Zweifel der Art kaͤmpfen will, ſo vielſeitig wird doch die Furcht ſein, die mich oft quaͤlend zebreißen wird.“— „Wohlan denn,“ entgegnete Viola kaͤ⸗ chelnd,““ ſo laß uns die Zweifel, welche du in meine Beſtaͤndigkeit ſetzeſt, und meine Beſorgniß, daß dein Herz, wenigſtens zum Theil, ſchon Mathil⸗ den gehoͤre, gegen einander aufgehen; auf keine Weiſe wird dann einer dem andern einſei⸗ tige Vorwuͤrfe des Mißtrauens zu machen ha⸗ ben.— Waͤhrend ſie nun von ihrem Sitze aufgeſtan⸗ den waren und eintraͤchtlich auf dem Wege zur Hoͤhle fortſchlenderten, aͤußerte Viola noch ihr Bedauern uͤber Friedrichs Leichtſinn und ſchlechte Auffuͤhrung.“ Er hatte es fruͤher ſo ſehr in ſeiner Gewalt, ſich beliebt zu machen,“ ſagte ſie,„daß, haͤtte er nur ein beſſeres Herz, oder vielmehr richtiger geleitete Grundſaͤtze gehabt, er der Stolz und die Freude der ganzen Familie geworden ſein wuͤrde. In den letzten drei oder vier Jahren habe ich ihn wenig geſchen; aber ich erinnere mich der Zeit noch ſehr wohl, wo ſeine Beſuche immer eine allgemeine Freude im ganzen Hauſe verbreiteten. Mit freundlichem Laͤcheln wurde er vom Herrn an bis zur Dienerſchaft hinab empfangen. Doch weiß ich es noch, daß mein Vater, ehe er England verließ, ſehr gegen ihn aufgebracht war, und ſich ſeine Beſuche gaͤnz⸗ 12* 260 lich verbat. Der guten Mutter war ohne Zwei⸗ fel die Urſache davon bekannt, aber ſie vermied immer ſorgfaͤltig uͤber Jemand zu ſprechen, von dem ſie Grund hatte Boͤſes zu denken, und beoh⸗ achtete alſo auch uͤber ihn das tiefſte Stillſchweigen. Ich moͤgte doch gerne wiſſen, was jetzt mohl aus ihm geworden waͤre!”“— „Ohne eben allwiſſend zu ſein,“ erwiederte Fitz Aymer,„moͤgte ich behaupten, daß er ſich jetzt wahrſcheinlich in irgend einem Gefaͤngniſſe befindet.— Die Laufbahn, die er erwaͤhlte, mußte ihn um deſto ſicherer zum Verderben fuͤh⸗ rrn, da ſein Vermoͤgen durchaus nicht bedeutend iſt, und er weder Kenntniſſe noch Fleiß beſitzt, um zu irgend einer Anſtellung faͤhig zu ſein.— eberdies hat er zu viel Stolz, ſich dem Handelsſtand zu widmen, und gluͤcklicher Weiſe zu wenig Ta⸗ lent und Kaltbluͤtigkeit, um beim Spiele ſeinen Ver⸗ luſt auf Unkoſten Anderer wieder herbeizutreiben.“ Vierzehntes Kapitel. — Die thaͤtige Ausdauer, wit welcher Fitz Ay⸗ mer und der Matroſe bei der Ausbeſſerung ih⸗ res Boots beharrten, kroͤnte endlich das Werk mit einem gluͤcklichen Erfolge. Man benachrich⸗ tigte Viola, daß alles nun ſo viel moͤglich in den Stand geſetzt, das kleine Fahrzeug waſſer⸗ dicht gemacht ſei, und man nur eine beſtaͤndig guͤnſtige Witterung zur Abfahrt erwarte. „Ich kann dieſe Nachricht nicht mit gaͤnzlich ungetruͤbter Freude aufnehmen, lieber Fitz Ay⸗ mer,“ entgegnete Viola.„Wohl faͤhle ich, wie wir Urſache haben uns der Ausſicht zu freuen, wieder mit der menſchlichen Geſellſchaft vereinigt zu werden; doch liebe ich dieſe Inſel, ſo viel ich auch darauf gelitten habe. Die Ueberreſte meiner theuren Mutter ruhen in dieſer Erde, die mir dadurch geheiligt worden iſt; hier lernte ich dich kennen, dich lieben, und hier vielleicht haben wir, ungeachtet mancher Entbehrung, ein reine⸗ res Gluͤck genoſſen, als uns unter einem andern Himmelsſtriche zu Theil werden wird.— Aber, wenn du mich auch traurig bei dem Gedanken ſtehſt, dieſen Fleck Erde zu verlaſſen, ſo glaube nicht, daß ich dir nicht willig folge, wohin du auch gehſt.— Deine Gegenwart allein iſt im Stande mir jede Ausſicht zu erheitern; auf dem wild bewegten Meere ſowohl als in jedem Lande iſt dein Anblick hinreichend, meinem Leben Werth zu geben.— Doch ſage mir, welchen Plan haſt du bei der Einſchiffung? Haſt du mit Wat⸗ ſon das Unternehmen reiflich erwogen, wißt ihr nach welcher Richtung ihr ſteuern wollt, oder ver⸗ traut ihr euch blindlings den fuͤrmiſchen Wel⸗ len?2— „Nein, liebe Seele, ſo untzedachtſam ſind wir nicht. Unſere eigentliche Abſicht iſt laͤngſt der Gegenſtand unſeres Nachdenkens und unſerer Geſpraͤche geweſen, wo Watſon, als der Er⸗ fahrenſte von uns beiden, mir Hoffnung gemacht hat, wahrſcheinlich bald, wenn wir unſere Fahrt noͤrdlich richteten, auf irgend ein Schiff zu ſio⸗ ßen, das entweder im Begriff ſei nach Indien zu ſegeln, oder von dort herkaͤme, und auf wel⸗ chem wir dann einen ſichern Zufluchtsort, bis zu dem Hafen ſeiner Beſtimmung, finden koͤnnten. Wir werden unſer Boot mit hinlaͤnglichen Nah⸗ rungsmitteln verſehen; fuͤr dich und Felix alles ſo bequem als moͤglich einrichten, und dann— wenn der Himmel heiter ſcheint, wenn der Wind unsr guͤnſtig iſt, und wenn du, meine Viola, hin⸗ laͤnglichen Muth geſammelt haſt, wollen wir uns dem Schutze der Vorſehung vertrauen, und ge⸗ troſt die Fahrt beginnen.“— „So lange ich uͤberzeugt bin, nicht von dir getrennt zu werden, wird mein Muth mich nie verlaſſen,“ antwortete Viola mit lieblichem Ernſte.. Ein zaͤrtlicher Haͤndedruck des Freundes ſprach den Dank ſeines Herzens aus. Hinlaͤnglich von ihrer Bereitwilligkeit uͤberzeugt, erwartele er jetzt mit Ungeduld den guͤnſtigen Augenblick zur Ein⸗ ſchiffung. Endlich, zu Anfange des Auguſt Monat's, ungefaͤhr vierzehn Tage nach dieſer Unterredung, glaubte Watſon aus verſchiedenen Zeichen des Himmels auf gaͤnſtige Witterung ſchließen zu koͤnnen, und trieb zur Abfahrt an. Viola be⸗ fand ſich nicht gegenwaͤrtig, als der entſcheidende Ausſpruch geſchah; Fitz Aymer aber lief zur Hoͤhle, um ihr dieſe Freudenbotſchaft mit einem Entzuͤcken zu verkuͤnden, das ihn kaum Worte finden ließ. Ihre Freude war gehaltener, war mit wehmuͤthigen Gefuͤhlen untermiſcht, doch gab ſie ſich Muͤhe, jede Aeußerung zu unterdruͤcken, wodurch ſie ſeinen Jubel nur haͤtte truͤben können. ¹ Schon am folgenden Morgen, mit Tagesan⸗ bruch follte die Unternehmung vor ſich gehen; al⸗ les war bereit, das Boot mit Vorraͤthen reichlich beladen, ein Zelt uͤber den einen Theil deſſelben ausgebreitet, ſie und Felix vor dem Thau der Nacht, und den brennenden Strahlen der Mit⸗ tagsſonne zu ſchuͤtzen; nichts blieb mehr zu thun uͤbrig, als die Kiſte des jungen Sarlingford an Bord zu ſchaffen, denn dies hatte Viola ge⸗ beten, bis auf den letzten Augenblick zu verſchie⸗ ben. Ihr leiſeſter Wunſch galt als Befehl; man kam alſo uͤberein, daß beide Maͤnner am fruͤhen 265 Morgen noch zur Kuͤſte gehen wollten, um zu ſe⸗ hen, ob es nicht moͤglich ſei, die Einrichtungen fuͤr ſie noch bequemer zu troffen, und daß man dann zuruͤckkehren wuͤrde, um ſie ans Geſtade zu ge⸗ leiten, und die Kiſte ins Boot zu bringen. BViola vermogte waͤhrend der ganzen Nacht kaum ein Auge zu ſchließen, und auch Fitz Ay⸗ mer, obgleich auf andere Weiſe bewegt, traͤumte lebhaft und unruhig; nur Watſon, ſeit langer Zeit an den Wechſel der Dinge, und gefahrvolle Unternehmungen gewoͤhnt, ſchlief ohne die mindeſte Unruhe bis an den Morgen. Bei Sonnenaufgang begaben ſich die Maͤnner ans Geſtabe. Langſam zögernd erhob ſich dann Viola; ihr Herz war ſchwer, ſie konnte es ſich nicht verber⸗ gen, daß ein entſcheidender Zeitpunkt fuͤr ihr ei⸗ genes und des Geliebten Schickſal herannahe, und daß vielleicht Pruͤfungen, haͤrter wie der Tod, ihrer warteten.„Gieb mir Kraft, guͤtiger Him⸗ mel,“ rief ſie aus,„dieſe weibiſche Furcht zu verbergen, wenn ich ſie auch nicht uͤberwinden kann! Laß die Andeutungen derſelben nicht den Muth meines kuͤhnen Fuͤhrers ſchwaͤchen!— Ich kann ja ohnehin keine der Muͤhſeligkeiten ſei⸗ 266 ner Arbeit mit ihm theilen, laß mich ihn wenig⸗ ſtens durch meine Heiterkeit aufrichten!“— Nicht umſonſt hatte ſie dieſen Wunſch gefaßt und ausgeſprochen; es gelang ihr ihre innre Be⸗ wegung zu unterdruͤcken, und ſich mit Ruhe zu dem entſcheidenden Schritte zu bereiten. Der ge⸗ genwaͤrtige Augenblick ſchien ihr guͤnſtig, auf im⸗ mer die maͤnnliche Kleidung abzulegen; in der Kiſte befand ſich noch das Gewand, welches ſie fruͤher getragen hatte, mit dieſem bekleidete ſie ſich, und ging nun zum letzten Male zum Grabe ihrer Mutter, wo ſie, knieend im inbruͤnſtigen Gebet, die noch bis zu ihrer Abfahrt uͤbrige Zeit hinbrin⸗ gen wollte. Eben hatte ſie ſich wieder von der Erde erho⸗ ben, und ſtand gedankenvoll an die Zweige gelehnt, welche die Ruheſtaͤtte der theuren Mutter beſchatte⸗ ten, als Fitz Aymer, vom Geſtade zuruͤckkeh⸗ rend, und ſie nicht in der Hoͤhle ſindend, die Schritte nach der Gegend lenkte, wo er ſie mit Recht vermuthete. Der Anblick einer zarten, ſchoͤn geformten, weiblichen Geſtalt, erfuͤllte ſei⸗ ne, ſeit ſo langer Zeit von dieſem Anblick ent⸗ woͤhnten Augen mit Erſtaunen. Viola erſchien in dieſer Kleidung um vieles ſchlanker, groͤßer; dies machte ihn anfangs ungewiß, ob es nicht ein Trugbild der Phantaſie ſei; ſobald er ſich aber uͤberzeugte, daß ſeine Sinne ihn nicht taͤuſchten, ſprang er, entzuͤckt uͤber die Verwandlung, hinzu, und rief, das ſchoͤne Maͤdchen innig an ſein Herz druͤckend:„Theure, geliebte Viola, warum haſt du mir ſo lange die Fuͤlle deiner Schoͤnheit durch das maͤnnliche Gewand verhuͤllt, mich ſo mancher koͤſtlichen Augenblicke beraubt, in denen ich mich an dieſer lieblichen Geſtalt haͤtte weiden koͤnnen?— Welche Augen koͤnnteſt du lieber mit alle dieſem Reiz bezaubern, als die meini⸗ gen!— Ein Gefuͤhl der Eiferſucht erwacht in mir, daß du erſt jetzt dieſe Verwandlung vor⸗ nimmſt, jetzt, da vielleicht nur zu bald ich mit Andern den Vorzug, dich zu bewundern, theilen muß; ſage mir, verſprich es mir, Geliebte, daß der Weihrauch, den man in der Welt deinen Rei⸗ zen ſtreuen wird, nicht deine Liebe zu mir verrin⸗ gern ſoll. Die Natur bildete nie vollkommenere Formen, iſt die Seele die ſie belebt, aber auch dem ſchaͤdlichen Einfluſſe der Eitelkeit voͤllig unzugaͤng⸗ lich?— Iſt ſie ſo beſtaͤndig, ſo treu, ſo un⸗ 268 veraͤnderlich, als es meine Liebe fordern wird?— Vergieb mir dieſe Frage, dieſe unwillkuͤhrlichen Zweifel, jetzt in dieſem Augenblicke, wo du zu⸗ erſt meinem Auge in allem Reiz der Weiblichkeit erſcheinſt, wo die gerechte Furcht ſich meiner be⸗ meiſtert, daß Mehrere dich nicht gleichguͤltig be⸗ trachten werden, und leider zugleich die Ueberzeu⸗ gung in mir erwacht, wie wenig ich auf den Bei⸗ ſtand deines Vaters rechnen darf.— Iſt es da nicht natuͤrlich, daß ich vor der Gefahr zittern muß, beinte ausſchließenden Neigung beraubt z9 werden? Viola Has⸗ beim erſten, feurigen Ausbruch dieſes leidenſchaſelichen Lobes, die erroͤthende Wange an des Juͤnglings Schulter zu verbergen gefucht; nun aber erhob ſie ihr Haupt und ſagte mit dem Tone des ſanften Vorwurfs:„Theurer Fitz Aymer, wie ſoll ich es verſuchen einem dem Argwohne ſo ergebenen Gemuͤth Glauben einzufloͤßen?— Dieſe Zweifel, wenn du ſie nicht ſelbſt unwillkuͤhrlich nennteſt, wuͤrden mich tief in der Seele verwunden. Nie konnten ſie in einem Augenblick ke ausgeſprochen werden, wo mein ganzes Herz ſich mehr zu dir hingeneigt 269 fuͤhlte, und nie koͤnnten ſie mich alſo mit groͤße⸗ rer Ungerechtigkeit treffen. Ich ſehe aber wohl, daß ich es der Zeit und meinem Betragen uͤber⸗ laſſen muß, deinen Glauben an mich zu befeſtigen; Worte ſind unnuͤtz. Ich habe dir fruͤher ſchon alles geſagt, was ich zu ſagen vermag, und mehr als du leider! fuͤr wahr zu halten ſcheinſt.“— „Mit welcher Gleichguͤltigkeit, mit welcher toͤdtenden Kaͤlte, ſprichſt du von der Unruhe, die mein Herz zerreißt!“— Sie blickte ihn bei dieſen Worten mit einem Laͤcheln an, das auf einmal wieder den Frieden in ſeine Seele hauchte, und ſagte:„Mußt du nicht geſtehen, daß wenn ich mich uͤber die Ur⸗ ſache derſelben einlaſſen wollte, ich zum wenig⸗ ſten gezwungen waͤre meiner Perſon recht ſchale Lobeserhebungen zu machen? Du zerreißſt dein Herz mit Zweifein uͤber meine Treue, die nach meiner Ueberzeugung voͤllig unvernuͤnftig ſind.— Ich vergebe es dir; aber kannſt du erwarten, daß ich ſie mit dir theile?— Deine Unruhe iſt mir leid; duͤrfteſt du aber wuͤnſchen, daß ich ſie gerecht hieße?— 276 In ihr klares, reines Auge ſchauend, und ſie mit erneuter Zaͤrtlichkeit an ſeine Bruſt druͤckend, rief er:„Freundin, Gebieterin, Geliebte meines Herzens!— Erfuͤlle mir jetzt nur noch einen Wunſch, und alles Mißtrauen ſei dann auf immer aus meiner Seele verbannt!— Hier, an dieſem ge⸗ heitigten Orte, ernenre mir deine Geluͤbde!— Gelobe es mir, daß in dem Gewirre der Welt, unter der bunten Menge, die uns nun wahr⸗ ſcheinlich bald umgeben wird, du mir ſtets treu blei⸗ ben willſt. Der Schatten deiner Mutter um⸗ ſchwebt uns, er winkt der Liebe, die du mir ſchwoͤrſt, Beifall zul“— Biola hob mit Thraͤnen im Auge, ihre Hand, die in der ſeinigen ruhete, zum Himmel empor, und mehr durch Blick, als durch Worte, leiſtete ſie ihm das wiederholte Geluͤbde ihrer Treue. Er verſtand ſie, unz an ihrer Seite niederknieend, nahmen ſie Beide einen ſtummen Abſchied von dem einfachen Raſenhuͤgel, unter welchem die Mutter ſchlummerte.— Dann zog er das weinende Maͤdchen ſanft von dort fort, zu dem Eingang der Höhle, wo Watſon ſchon ihrer harrete, um die Kiſte an den Strand zu 271 bringen, und Felix dem Freunde ungeduldig entgegen lief. Beide ſtaunten beim Anblicke Viola's; der Knabe erkannte ſie kaum in der jetzigen Tracht, aber der alte Seeman betrachtete ſie mit wohlgefaͤlligen Blicken, zog inſtinktmaͤßig den Hut vom Kopf und ſagte, zu Fitz Aymer gewendet:„Mein Seel“, Ihr Gnaden, es mög⸗ ten wohl Wenige, die ſo ſchmuck in ihren eige⸗ nen Federn ausſehen, ſich ſo lange mit fremden ausſtaffirt haben!“ „Gewiß Wenige,“ erwiederte jener froͤhlich; „wenn es nicht Lagen gaͤbe, wo ihnen entweder alles gleichguͤltig waͤre, oder wo es ihnen an Bewunderung ſehlte. Welches war dein Fall, liebe Viola?“ Sie zwang ein Läͤcheln in ihre Mienen, ant⸗ wortete aber nicht, waͤhrend Watſon die Kiſte nahm und ſie ans Geſtade trug.— Noch ein⸗ mal heftete ſie den Blick auf die Hoͤhle, auf den lieblichen Raſenplatz vor derſelben, auf die vielen befreundeten Gegenſtaͤnde, auf die Voͤgel, die ſie geliebt, auf die Blumen, welche ſie ge⸗ pflegt hatte, zoͤgerte noch einige Minuten, und 272 6 folgte dann langſam und in Gedanken verloren dem Freunde. Endlich befand ſich die ganze kleine Geſellſchaft im Boot. Der Morgen war wunderſchoͤn, ein leichtes Luͤftchen bewegte ſanft die Oberflaͤche des Waſſers, und ſpielte in den gruͤnen Zweigen der am Ufer ſtehenden Gebuͤſche. Die noch nicht all⸗ zu brennende Sonne leuchtete freundlich und Gluͤck verkuͤndend auf das Unternehmen unſerer Abentheurer herab; jede Welle ſpiegelte ſich viel⸗ farbig in dem friſchen Glanze der Morgenſtrah⸗ len, und das liebliche, einſame Eiland, von dem ſie ſich mit jedem Ruderſchlage mehr entfernten, lag mit ſeinen hohen Waͤldern und mannigfachen Naturſchönheiten, gleich einem ſtrahlenden Juweel, im Hintergrunde, als ſei es beſtimmt zum bezau⸗ berten Aufenthalt der Nympfen und Faunen zu dienen. 6 So lange man die Ufer noch ſehen konnte, hielt Viola den Blick unverwandt darauf gerich⸗ tet, obgleich die Erinnerung an die theure, dort zuruͤckgelaſſene Mutter, das Auge oft durch Thraͤs nen verdunkelte. Fitz Aymer entzuͤckter, auſ⸗ merkſamer als je, hatte nur Augen fuͤr ſie; die ———— 273 weibliche Kleidung, in der er nicht ſatt werden konnte die Geliebte zu betrachten, ſchien ihr noch tauſend erhoͤhete Reize zu leihen. Sie ſah ſo unſchuldig, ſo huͤlflos darin aus; ihre Jugend, ihr Geſchlecht, ihre Schoͤnheit forderten ſo un⸗ widerſtehlich zum Schutz auf, daß er die edel⸗ ſten Kraͤfte ſeiner Seele durch ihren Anblick er⸗ weckt fuͤhlte. So zaͤrtlich er ſie immer geliebt hatte, ſo wenig hatte er bis jetzt auf ihre koͤrper⸗ lichen Reize geachtet; um deſto mehr Eindruck aber machten ſie nun auf ihn. Aengſtlich wachte er uͤber jede ihrer Bewegungen, entdeckte ſtets neue Schoͤnheiten an der ſo anmuthigen Geſtalt, ja, ſelbſt der ſanfte, melodiſche Ton ihrer Stimme ſchien ihm neu, weil er erſt jetzt voͤllig mit ih⸗ rem ganzen Weſen uͤbereinſtimmend war. Leicht und ſchnell glitt die kleine Barke uͤber die Wellen; der Wind war ſo beſtaͤndig, daß ſo wie nur einmal das Segel aufgezogen war, es keiner andern Arbeit be durfte. Den ganzen Tag uͤber ging die Fahrt gluͤcklich von Statten, und waͤhrend der Nacht dienten die helſimmernden Sterne den Schiffern zu Fuͤhrern. Viola ſchlief unter ihrem Zelt weit ruhiger, als ſie in der vori⸗ B. So. 18 1 274 gen Nacht geſchlafen hatte. Schwer laſtet oft das noch Zukuͤnftige auf unſerer Seele, und leichter iſt meiſtens die Wirklichkeit zu tragen, als die Einbildungskraft es uns vor der Entſchei⸗ ¹ dung in finſtern Bildern malt. In dieſem Falle befand ſich auch Viola jetzt. Weder Gefahren noch Schrecken ſchienen ihr mehr zu drohen; die Luft, die Wolken, das Meer, alles war hei⸗ ter und friedlich. Ihre Gefaͤhrten, weit entfernt durch immerwaͤhrende Arbeit, durch beſtaͤndige Wachſamkeit, ermuͤdet zu werden, hatten kaum ſo viel zu thun, als an den muͤßigſten Tagen, die ſie auf der Inſel verlebten. Fitz Aymer, das Steuterruder der Sorgfalt des Matroſen Aberlaſſend, ſetzte ſich an Viola's Seite, las ihr vor, unterhielt ſich mit ihr, forderte ſie zu einer Parthie Schach auf, und auf dieſe Weiſe ſchwanden die Stunden mit eitor Schnelle dahin, wie ſie es fruͤher nie in ihrem Leben verſpuͤrt hat⸗ 3 te. Als der Schlaf ſich endlich auf ihre Augen⸗ lieder ſenkte, breitete der ſtets fuͤr ſie ſorgende Freund dieſelbe Decke aͤber ſie aus, unter wel⸗ cher ſie in der Hoͤhle geſchlafen hatte, und wachte uͤber ſte mit wahrer Freude und Dankharkeit 275 des Herzens, hochbegluͤckt uͤber den Schutz, den er ihr durch ſeine Sorgſalt angedeihen laſſen koͤnne. So ſchwand die Nacht ruhig dahin wie der Tag. Der am Steuer ſitzende Watſon ſchlief oft auf ſeinem Ehrenpoſten ein; aber dennoch Wellen, und obgleich Fitz licher Wachſamkeit waͤh oft von ſeinem ſchoͤnen „ auf das Meer geſchauet hatte, zeigten ſich doch weder Sandbaͤnke noch Klippen, die ihrer Fahrt haͤtten gefaͤhrlich werden koͤnnen.— Endlich, als er den Seemann bei Tagesanbruch wieder wach werden ſah, gab er der Ermuͤdung nach, die ſich allmaͤh⸗ lich auch bei ihm einſtellte, und indem er ſich an der Spitze des Bootes, nahe dein Orte, wo Viola ruhete, niederlegte, umgaukelten ihn, waͤhrend eines leichten Schlummers, die heiter⸗ ſten Traumbilder. Mitten in dem ſchoͤnſten aller Traͤume, in welchem er ſich mit Viola vor dem Altare ſtehend waͤhnte, erweckte ihn ein lautes Geſchrei.— Augenblicklich ſprang er auf; auch Viola richtete ſich erſchrocken empor, und beide drangen in Watſon, ihnen die Urſache zu ſa⸗ 10* 18 276 gen, der aber, ſtatt aller Antwort, auf ein gro ßes Schiff mit vollen Segeln zeigte, und tan Freudengeſchrei wiederholte. 1 Nach Verlauf einer Viertelſtunde hatte man das Schiff voͤllig erreicht, und die Abentheurer wurden freundlich an Bord eines großen, beque⸗ men Oſtindienfahrers genommen, der mit reicher Ladung, und vielen Paſſagieren verſehen, im Begriff war nach England zu ſegeln. Die ſich am Bord befindlichen Damen, worunter manche ſelbſt Muͤtter waren, umringten Viola mit wohſwollendem Dienſteifer. Zitternd vor Freude, bald weinend, bald lachend, ſtand das holde Maͤd⸗ chen da, und konnte kaum Worte finden ihren Dank auszuſprechen, aber ihre edle, einnehmende Geſtalt, der beſcheidene, ruͤhrende Ausdruck ih⸗ res Geſichts, bedurfte auch der Worte nicht, un jedes Herz ihr geneigt zu machen. Nachdem ei⸗ nige Zeit unter laͤrmenden Gluͤckwuͤnſchungen auf dem Verdeck verſtrichen war, ſchlug eine ihrer neuen Freundinnen ihr vor, ſie mit ſich in die fuͤr ſie und ihre Kinder beſtimmte Kajuͤte zu fuͤh⸗ ren, welchen Vorſchlag Viola im Begriff war mit Freuden anzunehmen, als Fitz Aymer, der eines ſo gluͤcklichen Ereigniſſes, ſie ſich noch fuͤr 277 ſeinerſeits von dem maͤnnlichen Theile der Geſell⸗ ſchaft eben ſo freundlich empfangen war, ſich durch die Menge draͤngte, und ihr zuſtuͤſterte, wie er hier am Bord ſchon einen Areund Major Beauchamp, den Vater ſeines F elir, wiede gefunden habe. Noch waͤhrend er dieſe Worte in freudiger Bewegung ſprach, ſah ſie einen Mann, deſſen Auge von zaͤrtlicher Ruͤhrung glaͤnzte, mit Fe⸗ lix auf dem Arme ſich ihr nahen. Ohne zu wiſſen, wer ſie ſei, wuͤnſchte er ihr Gluͤck uͤber ihre Befreiung aus der Gefahr, und fuͤgte hinzu, wie er den innigen Dank, den er ihr für die ſei⸗ nem Felix erzeigte Liebe abzuſtatten habe, bis zu einem ſchicklicheren Augenblicke verſparen wol⸗ le. Er entfernte ſich dann mit einer ehrerbieti⸗ gen Verbeugung, um der Frau Sidney, ihrer muͤtterlichen Freundinn, Raum zu geſtatten ſie in ihre Kajuͤte zu geleiten. Sobald ſie ſich hier ein wenig erholt hatte, erzaͤhlte ſie ihre Geſchich⸗ te, jedoch ohne weiter ihres Namens dabei zu er⸗ waͤhnen, weil ſie am vergangenen Tage mit Fitz Aymer uͤberein gekonunen war, daß im Falle Geſchwiſter aus geben wollten, um dadurch man⸗ cher fpoͤttelnden Beizeceen zu entgehen. Ob die⸗ ſer kleine unſchuldi ge Betr da ein alter Bekannter ihres Freundes„der Mazjor, ſich hier befinde, Statt haben koͤnnne, dante 5 nicht zu beſtimmen, doch eben ſo wenig wagte ſie ſich zu entdecken, bevor ſie mit Fitz Aymer daruͤber weiter geſprochen hatte. Ihre Exzaͤhlung erhoͤhete noch den Antheil, den man gleich bei ihrer erſten Erſcheinung fuͤr ſie gefaßt hatte. Aus jedem ihrer Zuͤge leuchtete ſo viel Wahrheit und Au frichtigkeit, in ihrer Sprache, ihrem ganzen Betragen, lagen ſo un⸗ verkennbare Spuren einer edlen Herkunft, einer ſorgſaͤltigen Erziehung, daß alle, die ſie anhoͤrten ſich um die Wetie beeiferten, ihr nicht allein mit allgemeinem Wohlwo Uen, fondern mit ausgezeich⸗ netet Acheung zu begegnen. 8 Waͤhrend dieſer Zeit befand ſich Fitz Ay⸗ mer mit ſeinem Freunde, dem jetzigen Obriſt Beaucham p, eing geſchloſſen, dem er die naͤhern umſtände jenes Schiffsbruchs mittheilte, der ihm die Guttin, und Felix die Mutter geraubt hatte. Der zunge Mann ſprach mit Begeiſterung von 3 9 M————· 279 dem muͤtterlichen Heldenmuthe, den dieſe ungluͤck⸗ liche Frau in jenem entſcheidenden Augenblicke bewies, der Felix gaͤnzlich unter ſeinen Schutz brachte; nicht minder weilte er bei der Freund⸗ lichkeit, die ſie ihm waͤhrend ſeiner Reiſe bewie⸗ ſen habe, und zollte ihrem Andenken den hoͤchſten, aber wohlverdienten Tribut der Achtung.— Lange hatte Beauch amp ſchon die Gattin als todt betrauert; andere Schiffe, die in Geſell⸗ ſchaft des geſcheiterten ausgeſegelt waren, und deſſen Untergang von Ferne geſehen, brachten die Trauerpoſt nach Indien. Fitz Aymer's ge⸗ naue Schilderung fuͤhrte indeß alle jene Bilder mit lebhaften Farben wieder vor ſeine Seele, und riß die Wunden ſeines Herzens aufs Neue auf, welche Zeit und maͤnnliche Faſſung ſchon ver⸗ narbt hatte.—. Um ihn aus ſeinem Schmerz herauszureißen, und ſeine Aufmerkſamkeit auf andere Dinge zu lenken, ſing Fitz Aymer jetzt allmaͤhlig an, von ſeinem eigenen Entkommen, und ſeinem Auf⸗ enthalto auf der Inſel zu reden. Er erwaͤhnte Viola's, ihrer Mutter; ſchilderte die Kaͤlte, mit welcher man ihm in der erſten Zeit begegnet 280 und wie erſt nach und nach mehr Zutrauen unter ihnen entſtanden ſei.— Dann ging er zu Lady Earlingford's Krankheit uͤber, waͤh⸗ rend welcher ſie ihm die Verkleidung Viola's geſtand, und vor ihrem Ende die ſchutzloſe Waiſe ſeiner Ehre anvertrauete.—„Seit dieſem trau⸗ rigen Ereigniß,“ fuhr er zum Freunde gewendet fort,„iſt Viola der erſte, und wenn ich es ſagen darf, der einzige Gegenſtand meiner Gedan⸗ ken und Wuͤnſche geweſen. Dir durch Worte ei⸗ nen Begriff von meiner grenzenloſen Liebe zu ihr machen zu wollen, wuͤrde voͤllig unnuͤtz ſein, da du nicht alle die Beweggruͤnde kennſt, welche all⸗ maͤhlich dieſe heftige Leidenſchaft in meinem Bu⸗ fen entzuͤndeten.— Das Maͤdchen vereint alles in ſich, was man ſich nur Unſchuldiges, Geiſt⸗ volles, Anmuthiges und Bezauberndes denken kann; alles was den Mann unbezwinglich an das Weib zu feſſeln vermag. In ihr finde ich die zaͤrtlichſte Freundin, eine kluge Rathgeberin, die ſuͤßeſte Troͤſterin! Mit einem Wort, durch ih⸗ ren Beſitz erlange ich das hoͤchſte Gluͤck, was dem Sterblichen hienieden im ſuͤßen Austauſch ſich voͤllig verſtehender Herzen beſchleden ſein 2871 kann.— Und dennoch laufe ich Gefahr, dies Kleinod mir entriſſen zu ſehen!— Dir iſt das Vorurtheil ihres Vaters gegen mich bekannt, du kennſt die unbiegſame Haͤxte ſeines Charakters.— Wo, wo mag er jetzt fein?— Um des Hinm⸗ mels willen, lieber Beauchamp, antworte mir nicht, daß er ſich in England befindet!— Waͤre er noch abweſend, ſo koͤnnte Viola vielleicht ver⸗ mogt werden, mir ihre Hand ſogleich zu reichen; hoͤrt ſie aber, daß er dort iſt, ſo werden tauſend kindliche Bedenklichkeiten ſich in ihrem Buſen er⸗ heben, die ich vergebens zu uͤberwinden ſtreben wuͤrde.— Sie wird ſich unter ſeinen Schutz begeben, und ich habe ſie auf immer verlo⸗ ren!“— Fitz Aymer haätte ſich⸗keinem waͤrmeren, theilnehmenderen Freunde anvertrauen koͤnnen, kei⸗ nem, der mehr Eifer fuͤhlte ihm zu dienen. Schon von zartem Knabenalter an, hatte der Obriſt ihn gekannt und geliebt; obgleich er ihn oft ſeiner Heftigkeit, ſeines Leichtſinnes wegen tadeln mußte, hatte er ihn dennoch nie auf einer enteh⸗ renden Handlung betroffen. Die große Verbind⸗ lichkeit, welche er als Vater nun noch in Hinſicht 282 ſeines Kindes fuͤr den jungen Mann fuͤhlte, er⸗ hoͤhete um oieles die perſonliche Neigung, die er ſtets fuͤr ihn empfunden hatte, und ließ ihn al⸗ les, was er fuͤr ihn thun konnte, als die heiligſte Pflicht betrachten. Er ſagte ihm, daß Sir William, tief gebeugt durch das erlebte Un⸗ gluͤck, ſich gaͤnzlich von den Geſchaͤften des Staats zuruͤck gezogen, und ihm, als er im Begriff ge⸗ weſen ſei Indien zu verlaſſen, ſeinen Entſchluß mitgetheilt habe, ſich nach England zu begeben, ſobald er ſeinen Poſten verlahen koͤnne.—„Es iſt alſo moͤglich,“ fuhr Beauchamp fort,“ daß er gegenwaͤrtig ſchon auf ſeiner Ruͤckreiſe be⸗ griſfen iſt. Ich weiß, daß er bald nach der trauri⸗ un Nachricht, die ihn ganz zu Boden druͤckte, um en Nachfolger angehalten hat; wahrſcheinlich iſt der jeßt lange ernannt, vielleicht ſchon am Orte ſeiner Beſtimmung angelangt. Das Schiff, auf welchem wir uns befinden, iſt kein ſchneller Seg⸗ ler, und iſt uͤberdies durch unguͤnſtiges Wetter oft in ſeinem Laufe aufgehalten. So machen mehrere Umſtaͤnde es mir ſehr wahrſcheinlich, daß Sir William England zum wenigſten eben ſo bald, wenn nicht ſruͤher erreichen kann, als wir. ——ä— 2 mir, deine Vio la ſei jetzt alles, was man ſich wahr⸗ 283 Verliere aber deshalb nicht den Muth, lieber Freund; umſonſt ſollſt du nicht die Tochter dieſes Mannes ſo edelmuͤthig beſchuͤtzt, mir den Sohn ſo großmuͤthig errettet und erhalten haben! Ge⸗ denke unſerer alten Freundſchaft, erinnere dich der gerechten Anſpr ücst, die du an me keit haſt, und vergiß nich 8. ine 2 Dankbar⸗ 1 Sir William mich ſtets ſeiner mern Achtang wuͤrdigte, und daß die Art, wie wir mit einander ſtehen, mich in den Stand ſetzt, zwiſchen dir und ihm den Vermitt⸗ rer zu machen, und wo moͤglich eine vollkommne Verſoͤhnung heebeizufuͤhren.“ „So muß ich mich alſo leider! wohl uͤberzeu⸗ gen,“ fiel der in ſeinen Hoffnungen getaͤuſchte Fitz Aymer ein,„daß du mein Recht, Vio⸗ la zu heirathen, ehe ſie den Vater wiederſieht, nicht fuͤr guͤltig erklaͤren willſt?— „Seit langer Zeit iſt es ſchon meine feſte ne⸗ berzeugung,“ erwiederte der Obriſt,„daß ein Maͤdchen nie ihre Abſicht, eine gute Frau werden zu wollen, deutlicher beweiſen kann, als indem ſie ihre Pflichten als Tochter ſtrenge erfuͤllt. Du ſagſt haft Liebenswuͤrdiges denken koͤnne; ſo beſtaͤrke ſie, 284 ſowohl um deinet als anderer willen, in ihren Tu⸗ genden, und ſuche ſie durch keinen Schritt herab⸗ zuwuͤrdigen. Dulde es nicht allein, ſondern lobe es, wenn ſie ihrem Vater, der ſie jetzt ſo ſchmerzlich be⸗ trauert, und ſie, aufs Neue wiedergefunden, mit dem groͤßten Entzuͤcken an ſein Herz druͤcken wird, die ſchuldige Ehrfurcht beweiſt. Dir mag er wohl hart und allzuſtrenge erſchienen ſein, gegen ſie iſt er immer der zaͤrtlichſte, liebreichſte Bater geweſen; ſie war ſein Stolz, ſeine Freude; auf ſie bauete er ſeine hoͤchſten irdiſchen Hoffnungen. Wenn ſie nun gegen einen ſolchen Vater irgend eine Art Vernachlaͤſſigung, oder Mangel an Achtung zeigen koͤnnte, ſo wuͤrde ich ſie wahrlich eben ſo unwerth halten ſeine Tochter zu ſein, als deine Gattin zu werden.“— „Ich hoffe,“ fiel der junge Mann etwas un⸗ geduldig ein,“ alle deine da geaͤußerten Saͤtze von Pflicht und Unterwerfung ſind nur auf die Ver⸗ muthung zu beziehen, daß der Vater bereits in England angekommen iſt, oder mit uns zugleich eintrifft?— Es kann unmoͤglich deine Meinung ſein, daß wenn er ſich noch in Indien, oder auf der Reiſe beſindet, ſie auf eine ſchriftliche Einwil⸗ — ————————ÿ— 7 283 ligung von ihm warten, und ich, mit der ſaſt voͤlligen Ueberzeugung, daß dieſe unguͤnſtig au sfalle, allen Schreckniſſen der Verzoͤgerung, der Unge⸗ wißheit, und am Ende einer abſchlaͤgigen Antwort Preis gegeben werden ſoll!“— „Nein,“ verſetzte der Oörtſt ruhig.„Sobald wir mit Beſtimmtheit erfahren, daß unvorherge⸗ ſehene Umſtaͤnde Earlingfords Reiſe verzoͤgert haben, und faſt ein Jahr verſließen kann, ehe du Antwort auf deine Aufrage erhaͤltſt, ſo heirathe „ 84 ſeine Tochter, ſobald du ihre Ei willigung dazu er⸗ langſt. Du haſt den Preis ihrer Haud auf eine zu edle Weiſe verdient, als daß man dich tadeln koͤnnte, wenn du nun den langen Zeitraum pein⸗ licher Ungewißheit abzukuͤrzen ſuchſt. Nur gegen die Unſchicklichkeit des Schrittes, deine kuͤnſtige Gattin dahin zu bewegen, ihren Vater mit der Art Geringſchaͤtzung zu behandeln, die ſich deutlich ausſprechen wuͤrde, wenn ſie dir in ſeiner Naͤhe, ja faſt unter ſeinen Augen, ihre Hand reichte, ohne einmal die Bitte um ſeine Einwilligung z verſuchen, habe ich geſprochen.“— „Und dennoch iſt es moͤglich,“ rief Fitz Ay⸗ mer,„daß dies noch die am wenigſten belel⸗ 7 286 digende und Aufſehen erregende Art ſein koͤnnte, denn ich bin feſt entſchloſſen nie auf Viola's Beſitz Verzicht zu leiſten. Ein gleiches heiliges Verſprechen habe ich von ihr; und wenn nun Sir William auf ſeiner Weigerung beſtehen ſollte, und wir uns dennoch heiratheten, wird er dann ſich nicht berechtigt glauben zu ſagen, ſeine Tochter habe Beleidigung und Geringſchaͤtzung mit Ungehorſam verbunden?“ „Nein; dann muß er ſich ſelbſt des ſchwaͤr⸗ zeſten Undanks, der Unverſoͤhnlichkeit gegen einen Mann anklagen, der ſein Wohlthaͤter geworden iſt, der in Augenblicken der groͤßten Verſuchung worein ein Menſch gefuͤhrt werden kann, dieſer Verſuchung widerſtand, und der redliche Beſchuͤ⸗ tzer der Ehre ſeiner Tochter blieb. In meinen Augen kann keine Verbindlichkeit hoͤher ſein, als die, welche du ihm dadurch auferlegt haſt; ſelbſt das meinem Sohne erzeigte, großmuͤthige Wohl⸗ wollen iſt nichts gegen das Verdienſt, welches du dir in Hinſicht Viola's erworben haſt, und ich kenne keinen Ausdruck, der dies hoch genug ſtellen kann.“— ——;; ö 287 Innerlich geſchmeichelt durch dies Zeugniß des Beifalls, und durch den letztern Theil der Un⸗ terredung wenigſteus um ein Großes erleichtert, zog Fitz Aymer den Freund nun ferner zu Rathe, ob er Viola, ihrem Wunſch gemaͤß, waͤhrend der noch uͤbrigen Reiſe, fortwaͤhrend fuͤr ſeine Schweſter ausgeben ſolle.“ Du, Beau⸗ champ,“ ſagte er, weißt zwar ſehr wohl, daß ich keine Shhtſee⸗ aie vielleicht aber hat keiner der andern Mitreiſenden fruͤher je meiner. Namen nennen ir, n und die Uebrigen ſind alſo voͤl⸗ lig unwiſſend, ob ich dergleichen Blutsverwandte beſitze, oder nicht.— Siehſt du einen weſent⸗ lichen Grund, den unſchuldigen Betrug nicht noch dieſe Zeit hindurch fortzuſetzen?“— Im Allgemeinen haſſe ich Betrug jeder Art,“ antwortete der Obriſt;„dieſen aber glaube ich, wuͤrde ſogar ihr Vater gut heißen, und dir Dank dafuͤr wiſſen. Je weniger Menſchen davon un⸗ terrichtet ſind, daß Fraͤulein Earlingford waͤhrend mehrerer Monate mit einem Manne, der ſich fuͤr ihren Liebhaber bekennt, auf einer wuͤſten Inſel gelebt hat, deſto beſſer iſt es. nenne ſie alſo jetzt immer bei deinem Namen, „ und ſei verſichert, daß Niemand eifriger als ich wuͤnſcht, du moͤgeſt ſie bald fuͤr dein ganzes Le⸗ hen mit vollem Nechte dabei nennen koͤnnen.“ Herzlich dankte Fitz Aymer dem Freund fuͤr dieſen Wunſch, worauf die Unterhaltung bald auf andere Gegenſtaͤnde uͤberging.— Funfzehntes Kapitel. — Als Viola und Fitz Aymer ſich wieder⸗ ſahen, waren Beide, durch die Vermittlung ih⸗ rer neuen Freunde mit einem andern Anzuge ver⸗ ſehen. Sie erſchien in voller Trauer, und es gewaͤhrte ihr eine ſuͤße Befriedigung ihn in der naͤm⸗ lichen Farbe gekleidet zu erblicken. Lange gingen ſie traulich mit einander auf dem Verdecke auf und nieder; Viola zog Erkundigungen uͤber den bra⸗ ven Watſon ein, der eben ſo freundlich, als ſie, aufgenommen war, und ſich jetzt voͤllig in ſeiner Sphaͤre befand. Der Hauptinhalt von Fitz Ay⸗ mer's Unterhaltung mit dem Obriſt wurde ihr gleichfalls mitgetheilt, und ungeachtet alles deſſen, was der Freund fuͤr ihre Verbindung fuͤrchtete, freuete ſie ſich des nahen Wiederſehens ihres Va⸗ ters mit wahrhaft kindlicher Zaͤrtlichkeit. Gerne B. Sch. 19 290 hoͤrte ſie, daß Beauchamp den kleinen Betrug, ſie ferner als die Schweſter ihres Geliebten erſchei⸗ nen zu laſſen, nicht mißbillige. Dann fragte ſie, wie Felix ſich darein finde, jetzt auf einmal dem Schutze eines ihm voͤllig unbekannten Vaters uͤber⸗ geben zu ſein. Fitz Aymer verſicherte, das Kind zeige durchaus keine Abneigung ſich an den Obriſt anzuſchließen, obgleich es ſonſt eine ſo merkliche Scheu gegen jedes andere Weſen beweiſe, daß es ſich durchaus nicht entſchließen koͤnne, mit einem der auf dem Schiffe befindlichen Kinder zu ſpielen, ja ſie nicht einmal anzublicken wagte. ESs ſand ſich an beiden Seiten ſo viel zu fra⸗ gen, ſo viel zu berichtigen, daß die Zeit der Tren⸗ nung herannahete, ehe man es ſich verfah; doch ſchied man nicht von einander, ohne eine aͤhnliche Stunde fuͤr jeden Tag feſt geſetzt zu haben, da ohne dieſe taͤgliche, trauliche Mittheilung, ihnen ihr Entkommen von der Inſel unmoͤglich als ein Gluͤck erſcheinen konnte. Auf dieſe Weiſe verfloß eine Woche, in der je⸗ der aͤußere und innre Umſtand zu ihrer Zufrieden⸗ heit beitrug. Das Wetter war ſo guͤnſtig wie man es nur wuͤnſchen konnte; alles was nur entfernt zu 201 4 ihrer Bequemlichkeit gerechnet werden konnte, 2 ſchien ihnen von der auserlefenſten Art, da ſie an „ lange Entbehrungen auf der Inſel gewohnt waren. n Die Deschſgeſ in der ſie ſich befanden, war im 2 Allgemeinen, Vider⸗ unterrichtet und heiter, und 8— ohne daß ſie es ſelbſt bemerkten, ſtimmte ihr Ton 1 bald mit dem der uͤbrigen Reiſenden uͤberein, ſo ſo daß ſie ſich im vollkommenſten Einklange mit ihrer ſe, ganzen Umgebung zu befinden glaubten; bald aber 1it ſollte eine finſtre Wolke den anſcheinend reinen Himmel wenigſtens auf Augenblicke truͤben. Unter den ſich an Bord befindlichen Maͤnnern zeichnete ſich ein Englaͤnder, Namens vorzuͤglich aus; er hatte mehrere Jahre einen an⸗ bch ſehnlichen Poſten in Bengalen bekleidet, ſich 1 dort ein betraͤchtliches Vermoͤgen und allgemeine Achtung erworben, und war jetzt im Begriff in Melbourne 88 en ſein Vaterland zuruͤckzukehren. Fitz Aymer, in bald lebhaft fuͤr ihn eingenommen, hatte ihn ſeiner vermeinten Schweſter vorgeſtellt, und ſie zugleich je⸗ gebeten, ihn nach Werth zu ſchaͤtzen, und die vor⸗ en⸗ zuͤglichen Eigenſchaften ſeines Geiſtes und Charak⸗ es kers nicht zu verkennen. Zwar war der Fruͤhling ſeines Lebens bereits voruͤber; man konnte Mel⸗ * 19 292 bourne nicht mehr jung nennen; aber ſowohl ſeine regelmaͤßigen Zuͤge, als ſeine maͤnnlich ſchoͤ⸗ ne, kraͤftige Figur ließen auch ſein Aeußeres noch immer hoͤchſt vortheilhaft erſcheinen.— Beauchamp, ohne jedoch ſeine eigentlichen Gruͤnde dafuͤr anzugeben, hatte ſchon ein paar⸗ mal den zuͤngeren Freund laͤchelnd gewarnt, nicht die Hand zu einem zu haͤufigen Umgang zwiſchen dieſem gefaͤhrlichen Mann und ſeiner Schweſter zu bieten.„Du biſt zur Eiferſucht geneigt,“ ſetzte er hinzu,„und thaͤteſt kluͤger al⸗ les zu vermeiden, um nicht in dieſe ungluͤckſelige Schwaͤche zu verfallen.— „Warum aber,“ fragte Fitz Aymer, „warnſt du mich ſo vorzuͤglich vor Mel⸗ ourne. Kennſt du ihn als einen Wuͤſtling, einen b Verfuͤhrer?“— habe ich alle moͤgliche Urſache, ihn fuͤr einen ſtreng rechtſchaffnen Mann zu halten.“— 4 Dies war alles, was man in dieſer Hinſicht aus dem in dieſem Punkt verſchloſſenen Obriſt herausbringen konnte, diente aber dazu den arge wöhniſch gewordenen Liebhaber zum geheimen zu machen, die Mel⸗ Waͤchter aller Blicke bourne von nun an auf Viola richtete. Er glaubte bald zu bemerken, daß ſo behutſam die⸗ ſer auch jedes ſeiner Worte waͤhlte, die Augen ſich nicht immer unter gleichem Zwange befanden, da dieſe oft mit einem ſo unverkennbaren Aus⸗ drucke von zaͤrtlicher Bewunderung auf Viola's Angeſicht geheftet waren, daß des eiferfuͤchtigen Juͤnglings Seele dadurch in volle Flammen geſetzt wurde. Er zog das Maͤdchen bei Seite, machte ſie mit dem Gegenſtand ſeiner Unruhe bekannt, und beſchwor fie, ſich ſo ſelten als moͤgli dieſen verliebten Blicken Preis zu geben.— Viola nachgebend und freundlich, nur gluͤcklich, wenn ſie den Freund ihrer Seele gluͤcklich ſah, ſtand keinen Augenblick an, ihm jedes Verſpre⸗ chen zu leiſten, obgleich ſie ein kleines, vorwurfs⸗ volles Laͤcheln nicht von ihren Lippen verſcheuchen konnte. Einige Tage ging nun alles ſeinen ru⸗ higen Gang, bis eine ungluͤckliche Entdeckung Fitz Aymer aufs Neue in Schrecken ſetzte. Er hoͤrte einſt zufaͤllig einen der Reifenden eine hoͤchſt anziehende Schilderung von dem allge⸗ meinen Schmerz machen, den die Nachricht von 204 Melben ene's Abreiſe aus Indien in jedem Gemuͤth erregt habe. Wie aber fing ſein Blut an zu kochen, als ein anderer neben ihm ſtehender Mann die Bemerkung hinzufuͤgte, daß auf dem naͤmlichen Schiffe, mit welchem Herr Fitz Ay⸗ mer Schiffbruch gelitten, ſich auch eine junge Dame, die Tochter des Sir William Ear⸗ lingford befunden habe, die, wenn ſie am Le⸗ ben geblieben waͤre, Herru Melbourne's Ge⸗ mahlin geworden ſeyn wuͤrde. Fitz Aymer wandte ſich ſchnell zum Sprecher und fragte, wel⸗ chen Grund er zu dieſer Behauptung habe. Der Mann, obgleich erſtaunt uͤber die auffallende Hef⸗ tigkeit, mit welcher dieſe Frage geäußert wurde, antwortete dennoch unverzuͤglich: er habe ſich oft mit Sir William in Geſellſchaft befunden, und haͤtte ihn fruͤher laut von dieſer beabſichtigten Verbindung veden hoͤren. 2 M „War Melbourne's ſchnelle Abreiſe denn Folge dieſes zerſtoͤrten Plans? 24 unterbrach ihn Fiz Aymer. „So viel ich weiß, zeftunte. ihn dies nicht allein,“ erwiederte der Fremde;„er gab wenig⸗ ſtens Familien⸗Angelegenheiten vor. Doch iſt es 295 moͤglich daß, wenn dieſe Heirath wirkli lich geſchloſ⸗ ſen worden waͤre, er vielleicht gern noch mehrere Jahre in Indien geblieben ſeyn wuͤrde.“— Fitz Aymer eilte zu Beauchamp, um ihm dieſe hoͤchſt peinigende Nachricht mitzutheilen. „Mir war dies laͤngſt vorher bekannt,“ ſagte der freundliche Kriegsmann;„von weſchem Nutzen aber konnte dir eine ſolche Mittheilung ſeyn?— Es hat dir dein Blut in eine fuͤrchterliche Wallung gebracht, und alle den Schaden geſtiftet, welchen dieſe geſchaͤftigen Neuigkeits⸗Kraͤmer nur zu oft, mit und ohne boͤſen Willen anrichten. Nan aber, junger Freund, hoͤre mich ruhig an, und ſuche deine Heſtigkeit zu maͤßigen. So ſchoͤn deine Viola auch ſſt, ſo ſind es dennoch nicht ihre ei⸗ genen Reize, die Melbourne's Aufmerkſamkeit ſo unwiderſtehlich feſſeln, ſondern der hoͤchſte Zau⸗ ber liegt fuͤr ihn in einer Aehnlichkeit, die er zwi⸗ ſchen ihr und einer Dame, die er fruͤher liebte, zu entdocken glaubt. Dies geſtand er mir, als ich ihn kuͤrzlich wegen ſeiner verliebten Blicke, die er auf deine vermeinte Schweſter wirſe, ſcherzhaft zur Rede ſtellte. Ich hoffe alſo, da du meinem erſten Winke zufolge, Viola aufmerkſam gemacht ——— haſt, ſich ſeinen Blicken nicht zu oſt auszuſetzen, es keine Gefahr haben ſoll, daß er dein wirkli⸗ cher Nebenbuhler werde.“ „Auch nicht wenn er erfaͤhrt, wer ſie iſt?“ rief der heftig bewegte Juͤngling.„Wenn er findet, daß ſie die ihm beſtimmte Braut iſt?“— Oh Beauchamp, wie oberflaͤchlich beurtheilſt du ei⸗ nen Umſtand, der mir mit den fuͤrchterlichſten Folgen zu drohen ſcheint!— Welch einen Anſtrich er auch ſeinem Betragen gegen Viola geben mag, ſo iſt doch die eigentliche Quelle nichts als Liebe, Liehe zu dem Maͤdchen ſelbſt!— Und dieſer Mann,“ fuhr er ſort, indem er den kleinen Raum der Cajuͤte mit ſtarken Schritten maß, „und dieſer Mann muß Wochen, Monate mit ihr in demſelben Schiffe eingeſchloſſen ſein, muß, ungeachtet aller meiner Vorſorge, taͤglich, ſtuͤnd⸗ lich Gelegenheit haben, ſie zu ſehen, zu hoͤren, ſich mit ihr zu unterhalten. Sie hat keine Cajuͤte fuͤr ſich, und dieſer ſo fuͤrchterliche Melbourne ſchmeichelt ſich immer mehr in die Freundſchaft der Frau ein, mit weicher ſie den Aufenthalt theilt. — Wie iſt es moͤglich, daß mein unerfahrenes Maͤdchen den abſichtlichen Bemuͤhungen eines 297 Mannes von ſolchen Vollkommenheiten und Ta⸗ lenten widerſteht!— Dies iſt die Klippe, vor der ich lange geſchaudert habe. Viola hat wenig von der Welt geſehen, und als ſie mir ihr ſchuldloſes Herz weihete, war ihr keine Wahl gelaſſen; ſie war de da unbekannt mit den Eigenſchaften, die, e ſie in der menſchlichen Geſellſchaft gelebt, ihre 1. nah in dieſer Hinſicht geleitet haben wuͤr⸗ den.— Kann ich nun wohl anders als bey dem Gedanken zittern, welchen Eindruck die Huldigun⸗ gen eines ſo allgemein geachteten 2 Mannes auf ihr junges, unerfahrnes Gemuͤth machen muͤſſen!“— „In der Ungewißheit uͤber den Einſtuß, den ein Mitbewerber auf ihr Herz haben kann,“ er⸗ wiederte der Obriſt,„finde ich es ſogar gluͤcklich fuͤr euch Beide, daß ſich eine Gelegenheit darbie⸗ tet dies Herz zu pruͤfen, ehe ihr unaufloͤslich an einander gebunden ſeid. Iſt ſie jetzt im Stande, ihre Geſinnungen gegen dich zu aͤndern, dir untreu zu werden, ſo haͤtte dies ſpaͤter eben ſo gut der Fall ſeyn koͤnnen, und um wie vieles groͤßer wuͤrde dann dein Ungluͤck gewefen ſeyn.“— „Nein,“ verſetzte Fitz Aymer ernſthaft, „waͤren wir wirklich ſchon verbunden, ſo 298 mir die Gefahr bei weitem nicht ſo groß. Welcher rechtliche Mann, ſo wie du mir Melbourne ſchilderſt, koͤnnte wohl eine verheirathete Frau ſo entſchieden zum Gegenſtande ſeiner ausgezeichneten Aufmerkſamkeit machen?— Sogar ein erklarter Wuͤſtling wuͤrde ſich ſcheuen, ihr ausſchließend zu huldigen, ſobald er ſie unter dem Schutz eines Mannes ſahe, der gerechte Anſpruͤche auf ihre Treue hätte, und dieſe gehorig zu vertheidigen wuͤß⸗ te.— Aber beim Himmel, waͤre ſie meine Frau geworden, ſo wuͤrde ich ſchon die bloße Moͤglichkeit, ihre Neigung je auf einen andern Mann werfen zu koͤnnen, aus ihrem Herzen vertilgt haben! Meine treue Zuneigung, mein Gluͤck in ihrer Naͤhe zu leben, meine Sorgfalt, jeden, ihrer leiſe⸗ ſten Wuͤnſche zu befriedigen, wuͤrden unbemerkt ſo ſtarke Bande um uns gezogen haben, die uns mit jedem Tage enger vereint haͤtten!“— „Ich zweifle keinen Augenblick, daß dieſe Liebe, dieſe Bemühungen ein Weib von Viola's Natur an dich gefeſſelt haben wuͤrden; im Allge⸗ meinen moͤgte dies a ber nicht hinreichend ſeyn, ihr Geſchlecht zu feſſeln. Ich habe ausgemachte Buhl⸗ ſchweſtern getannt, welche die zaͤrtlichſten Ehemaͤn⸗ 212 5— 2 ner befaßen. Auf das wahrhaft edle, weibliche Gemuͤth werden freundliche Nachſicht und redliche ign gewiß ihren Einfluß nicht verfehlen; ber muß im Grunde des Gemuͤths thro⸗ nen, ein ſtrenges Gefuͤhl der Pflicht muß gewiſ⸗ ſermaßen dieſen Einfluß nicht einmal nothwendig machen, ſondern das Weib ſchon an und fuͤr ſich, es moͤge vom Manne geliebt werden oder nicht, zur tadelloſen Auffuͤhrung beſtimmen.“ Nur wenig durch dieſe Unterredung beruhigt, ſuchte Fitz Aymer jebt Viola auf, um ihr al⸗ les, was er in Hinſicht Melbourne's und der Abſicht ihres Vaters gehoͤrt hatte, mitzutheilen. Waͤhrend er ſprach, heftete er ſeine Blicke mit nicht zu verkennender Unruhe und tieſem Schmerz auf ſie.„So iſt die Stunde meiner Pruͤfung denn gekommen!“ erwiederte ſie ſanft.—„Sag⸗ teſt du nicht immer, daß bei einem Neulinge gleich mir, ſolche Stunde nicht ausbleiben wuͤrde. Er⸗ trage ſie mit maͤnnlichem Muth, im Bwußtſein deines Werths und meiner Liebe; verdamme mich nicht, bis du findeſt, daß ich wirklich das leichtſin⸗ nige, flatterhafte Geſchoͤpf bin, welches deine Einbildungskraft nur zu bereit iſt, ſich in mir vor⸗ — 360 zuſtellen. Mache dich nicht ſelbſt ungluͤcklich, und mich nicht, indem ich dich ungluͤcklich ſehe, bis du Beweiſe haſt, daß dein Herz getaͤuſcht iſt.— Und nun,“ fuhr ſie zaͤrtlich fort,„ſage mir wie ich mich gegen Melbourne betragen ſoll. Wuͤn⸗ ſcheſt du etwas in meiner Auffuͤhrung gegen ihn geaͤndert zu ſehen, ſo bedarf es nur des leiſeſten Winks von deiner Seite.— Ich will nichts als dein Gluͤck, deine Zufriedenheit, deine Ruhe, und folge blindlings deinen Wuͤnſchen. Ehe ich dich kannte fuͤhite ich wohl oft eine kleine Befriedigung in dem Gedanken, meinem eigenen Willen zu ſol⸗ gen; jetzt iſt meine hoͤchſte Beſriedigung, ganz dir zu leben.“ „Du Engelgleiches Weſen!“ rief Fitz Ay⸗ mer geruͤhrt; ſo ſuͤße Worte, ein ſo grenzen⸗ los licbevolles Verzichtleiſten auf eignen freien Willen muͤßte wohl den ſchwaͤrzeſten Verdacht verſcheuchen— Du haſt uͤberwunden, ich will von nun an dir unbedingt trauen! Von Mel⸗ bourne's immer ſteigender Leidenſchaft fuͤr dich bin ich indeß voͤllig uͤberzeugt, und meine beſtaͤn⸗ dige Furcht iſt, daß, ſobald wir England errei⸗ chen und er hoͤrt, wer du wirklich biſt, er alles d b 301 daran ſetzen wird, ſeine Anſpruͤche an deine Hand bei deinem Vater geltend zu machen.“ „Geliebter,“ erwiederte Viola, indem ſi ſie ein beſchriebenes T Bintt hervorzog,„ſieh hier in meinen Haͤnden einen Talismann gegen alle deine Furcht, durch den du dich inniger als je zum Andenken der theuern Hingeſchiedenen wirſt gezogen fuͤhlen. Dies iſt der Brief, den die unvergeßliche Mutter in ihren letzten Augenblicken ſchrieb.— Da die Zeit, wo ich den Vater wieder ſehen ſoll, nun ſo nahe her⸗ anruͤckt, geſtattete ich mir, dies Blatt am heutigen Morgen zu entfalten. Obgleich die Buchſtaben kaum leſerlich ſind, iſt der Inhalt deutlich genug, und wird dich bis ins Innerſte der Seele bewe⸗ gen.— Lies es, theurer Freund; es ſpricht fuͤr ſich ſelbſt.“— Nachdem ſie das Blatt mit kindlicher Vereh⸗ rung an die Lippen gedruͤckt, und eine heiße Thraͤne darauf hatte fallen laſſen, üͤberreichte ſie es ihm. Der Inhalt war folgender: „Wenn das theure Kind, um deſſentwillen ich „ſterbend noch dieſe Worte an Dich richte, die „tauſendfaͤltigen Gefahren uͤberlebt, denen ſie von „allen Seiten ausgeſetzt iſt, ſo wird ſie Din ſagen, 302 „wie furchtbar die Umſtaͤnde waren, unter denen nich dieſe Zeilen ſchrieb. Es fehlt mir an Kraft, „Dir einen genauern Bericht zu erſtatten; auch „ſind meine Augenblicke gezaͤhlt, und der Todes⸗ „ſchauer, welcher ſchon meine matten Gebeine be⸗ rührt, fagt mir, daß ich bald ausgelitten habe. „So erlaube mir denn, theurer, geliebter Mann, „ehe ich voͤllig von hinnen ſcheide, noch eine Bitte „kfuͤr die beiden geliobten Weſen zu wagen, die in „Zaͤrtlichkeit um meinen ſchon halbentflohenen Geiſt „wetteifern, auf denen mein letzter ſterbender Blick „weilen, auf die mein letzter Gedanke gerichtet „ſeyn wird.— In ihren Armen werde ich aufhoͤ⸗ „ren fuͤr dieſe Welt zu leben, und ohl wie ruhig „wuͤrde ich ſcheiden, koͤnnte ich ihres kuͤnftigen „Gluͤckes gewiß ſeyn!— Earlingford, wenn g 9 4 „Dein Kind Dir je wiedergegeben wird, ſo haͤngt „ihr kuͤnftiges Gluͤck einzig von der Art ab, wie „Du den Juͤngling auſnimmſt, deſſen heiligem „Schutz ich ihre Ehre, ihre Sicherheit ſcheidend „uͤbergeben muß— Ihr ganzes, ſchuldloſes Herz „iſt ihm geweiht, und, laß mich es geſtehen, er „hat meine vöͤllige Achtung gewonnen.— Wenn „er ſeinem Schwure treu bleibt, wenn er ſie Dir enen raft, auch des⸗ be⸗ abe. ann, Bitte te in Beiſt Blick chtet fhoͤ⸗ uhig tigen venn zaͤngt wie igem dend Herz „ er Venn Dir 63 „ſo rein, ſo unſchuldig wieder in die vaͤterlichen „Arme liefert, als ich ſie ſeiner bruͤderlichen Sorg⸗ „falt uͤbergeben habe, wie utte craug viel wirſt „Du ihm zu verdanken haben!— Ss verbanne „dann, in dieſem Falle, jeden Schatten der Er⸗ „innerung an fruͤhere Beleidigungen aus Deinem „Gemuͤth; nimm ihn an Dein Vaterherz, ſegne, Hachte, liebe ihn, und mache ihn „Sohne, ſobald Du ſiehſe zu Deinem , daß er die Geſuͤhle un⸗ „ſerer Tochter theiſt! Sein ſei dann die Sorge, Weſen ſo gluͤcklich zu machen, als nihre dantoare Mutter es durch Dich geworden iſt— Earlingford, wir ſehen uns in die⸗ „ſer Welt nicht wieder!— Hienieden wirſt Du „nicht mehr den Dank fuͤr deine Liebe von mir „vernehmen, der warm aus meinem Herzen zu „Dir ſtroͤmt, und im Gebet fuͤr Deine Wohl⸗ „fahrt zum Himmel ſteigt— Lebe wohl, gelieb⸗ „ter Gatte, Vater meiner Viola, Lebe wohl! Deine La ſebine Mit wehmuͤthig dankbaren Gefuͤhlen gab Fitz Aymer jetzt dieſen fuͤr ihn unſchaͤtzbaren Brief an Viola zuruͤck, die, ſeine innere Bewegung be⸗ 804 merkend, ihm freundlich ins Auge ſchauete, und ſagte:„Hegſt du noch Zweifel, daß mein Vater dir ſeine Einwilligung gewaͤhren werde; glaubſt du es moͤglich, daß er einer ſolchen Fuͤrbitte widerſtehen koͤnne?— Nein, ſei gerechter gegen ihn!— Er wird auf meine Bitten hoͤren, wird den ietzten Willen der geliebten Mutter erfuͤllen, uns Beiden ſeine Arme oͤffnen, und unſer Gluͤck wird durch die Beſtaͤtigung von ſeinen Lippen erſt die hoͤchſte Weihe erlangen.“ „Suͤße Freundin!“ rief Fitz Aymer, in⸗ dem er mit Entzuͤcken den hohen Ernſt und die Begeiſterung, welche bei dieſen Worten alle ihre Zuͤge belebten, beobachtete,„es ſoll mein eifriges Beſtreben ſeyn, auf alle dieſe Hoffnungen mit glei⸗ cher Zuverſicht zu bauen, wie du es thuſt. Welch olne beſſere Troͤſterin, als die Hoffnung, bleibt mir auch waͤhrend dieſes peinlichen Aufſchub's, der mei⸗ ner noch wartet?— Leichter wuͤrde es mir freilich, wenn dieſer Melbourne ſich nicht im Spiele bofaͤnde; doch, ſo ſchwer es mir auch werden mag, will ich dennoch ſo viel wie moͤglich alle heiteren Gedanken in mir hervorrufen; Glaube, Liebe und Hoffnung ſollen wieder die Oberhand in meinem 3⁰5 Innern gewinnen, und ich will es mir feſt vor⸗ nehmen, dich nicht mehr durch meine Zweifel und Klagen zu quaͤlen.“ Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muͤſſen wir bekennen, daß er, waͤhrend des noch uͤbrigen Theils der Reiſe, ſeinem lobenswerthen Entſchluſſe groͤßtentheils treu blieb. Zwar konnte er nicht zu allen Zeiten gleichmaͤßig ruhig die nach⸗ gebende Freundlichkeit anſehen, mit welcher Viola ſich den Anmaßungen der Frau Sidney unter⸗ warf, die nie gluͤcklicher ſchien, als wenn es in ihrer Gewalt lag, Plaͤne zu entwerfen, um Mel⸗ bourne's Umgang mit ihrem jungen Schuͤtzling zu erleichtern. Die kalte Foͤrmlichkeit indeß, mit der Viola alle Aufmerkſamkeiten dieſes Mannes annahm, theilte ſeinem Betragen eine Art von ſcheuer Zuruͤckhaltung mit, weiche die geſchaͤftige Freundin, ungeachtet alles Eifers, nicht im Stan⸗ de war zu uͤberwinden. Dieſe Verwandlung goß Balſam in Fitz Aymers leicht verwundbares Herz; er ſelbſt vermogte nun wieder Melbourne mit unpartheiiſchen Augen zu betrachten, ſich in ein Geſpraͤch mit ihm einzulaſſen, und geſtand es ſich gern, daß dieſer Mann der angenehmſte B. Sch. 20 306 Geſellſchafter ſei, auegenommen da, wo er in der Rolle ſeines Nebenbuhlers auftraͤte. Endlich brachte der kleine Felix eines Mor⸗ gens fruͤh die hoͤchſt willkommene Nachricht an Viola, daß man die engliſche Kuͤſte erblicke. Erfreut und beſtuͤrzt, ſo daß Laͤcheln und Throö⸗ nen um den Vorrang auf ihrem bewegten Autlit zu ſtreiten ſchienen, warf ſie ſchnell die noͤthigen Kleidungsſtuͤcke uͤber, um auf dem Verdecke er⸗ ſcheinen zu koͤnnen. So wie ſie aus ihrer Ca⸗ jaͤte trat, kamen ihr der Freund und Beau⸗ champ entgegen, um die Nachricht zu beſtaͤtigen, und ihr Gluͤck zu wuͤnſchen; doch wollten dieſe Worte kaum uͤber Fitz Aymer's Lippen; ſein Gemuͤth war in ſolcher Bewegung, daß alles, was es bisher auf dem Schiffe empfunden hatte, ihm Kleinigkeit ſchien, gegen die Unruhe, welche ihn beim Anblicke des Landes ergriff, wo ſein Schick⸗ ſal nun ſo bald auf immer entſchieden werden ſollte. Kaum vermogte er zufammenhaͤngend zu reden, doch ſchwatzte er viel, und ſchnell durch⸗ einander, alles aber mit einer erzwungenen Leb⸗ haftigkeit. Oft wechſelte die Farbe ſeines Ge⸗ ſichts, und endlich ſeiner nicht mehr maͤchtig, 307 fuͤhrte er Biola auf eine andere Seite des Ver⸗ decks. Hier nun, fern von allen Beobachtern, hier, wo er reden wollte, ſiel er anf einmal in ein ſo tiefes Verſtummen, in eine ſo gaͤnzliche Zerſtreuung, daß auch Viola, nachdem ſie einige Minuten gleichfalls ſtumm neben ihm geſtanden hatte, und ihn nun nach der Urſache fragte, warum er ſie bei Seite gezogen habe, aus ſeinen verwirrten Antworten durchaus keine Aufklaͤrung erhalten konnte. Faſt erſchrocken uͤber die Wild⸗ heit, welche in ſeinen Zuͤgen ſichtbar ward, bat ſie ihn ſanft und ernſt, ſich zu faſſen. Nicht lange vermochte er dem ſuͤßen Ton ih⸗ rer Stimme zu widerſtehen. Von dem fernen Punkte, auf dem ſein Blick bisher unſtaͤt her⸗ umgeirrt war, wandte er das Auge nun auf ſie, und kaum hatte es wenige Momente mit unbe⸗ ſchreiblicher Trauer auf ihrem lieblichen Antlitze geweilt, ſo rief er tief bewegt:„Ich fuͤhrte dich hierher, theure Viola, um mit mir jene, uns nicht mehr ferne Kuͤſte, zu betrachten, um mir in der Entraͤthſelung des Schickſals beizuſtehen, welches unſerer in dem Lande wartet, das ich ſonſt mit Stolz und Liebe mein Vaterland nann⸗ 25* 28 308 te. In dieſem Augenblick will kein Strahl der Freude beim Anblick dieſes Landes in meine Seele dringen; alle theuern Bande, die mich vormals dort hinzogen, ſcheinen aus der Erinnerung ge⸗ ſchwunden zu ſeyn; ſelbſt der Bruder, den ich ſo zaͤrtlich liebte, Freunde, Bekannte, die ich mich ſonſt mit Entzuͤcken ſehnete wieder zu um⸗ armen, erſcheinen mir in dieſem Augenblicke wie nichts, ſo hart und unnatuͤrlich dir das auch klin⸗ gen mag. Mich beſeelt nur ein Gedanke, ein Wunſch; ein Gegenſtand der Hoffnung oder Furcht zeigt ſich nur meinem Blicke— Ohne dich, Biola, wird dies Land meiner Geburt, dies Land, in deſſen Naͤhe mein Herz vor Ent⸗ zuͤcken ſchlagen ſollte, mir nur als eine Wuͤſte erſcheinen!— Wenn du mir entriſſen wirſt, wird mir nie eine heitere Stunde dort wieder werden, nie wird ſich mein Auge freudig im Auge eines andern Weſeus ſpiegeln, nie wird dann der Ton einer Stimme mein Ohr dort erfreuen!“— Jetzt von Leidenſchaft hingeriſſen, beſchwor er ſie mit der aͤußerſten Heſtigkeit, was auch Beauchamp geaͤußert haben moͤge, um ſie von dieſen Gedan⸗ ken abzubringen, ihn dennoch, ſo wie ſie die Kuͤſte erreicht haͤtten, zum Altare zu begleiten. Dem geliebten Juͤnglinge ſich zu widerſetzen, ihm etwas abzuſchlagen, war eine ſo neue, ſchmerz⸗ liche Pruͤfung fuͤr Viola, daß es ihr faſt an Kraft dazu gebrach. Doch ſo ganz ſie auch ſein eigen war, hatten dennoch des erfahrenern Freun⸗ des geſunde Einwuͤrfe gegen dieſen Plan eine fo feſte Ueberzeugung des Beſſeren in ihr Ge⸗ muͤth gelegt, und dort einen ſo unausloͤſchlichen Eindruck hinterlaſſen, daß ſie nun gleich einem Talismann wirkten, und ſie vor der eignen Schwaͤche des Herzens bewahrten. Sobald ſie ſich nur einige Augenblicke geſammelt hatte, er⸗ neuete ſie dem Geliebten das Geluͤbde unerſchuͤt⸗ terlicher Treue, beharrte aber feſt darauf, nicht ſeine Gattin zu werden, bis die Einwilligung ihres Vaters dazu geſucht ſei. Vergebens ſtrebte Fitz Aymer ihren Entſchluß wankend zu ma⸗ chen; vergebens bemuͤhete er ſich ſogar, ſich durch ihre abſchlaͤgige Antwort beleidigt zu finden. Sie war mit ſo ſanften Worten, ſo fuͤßen Blicken, in einem ſo zaͤrtlich kummervollen Tone ausge⸗ ſprochen, daß man ſie unmöͤglich fuͤr Mangel au 310 Gefuͤhl auslegen, und noch weniger die Grund⸗ ſaͤtze tadeln konnte, aus denen ſie hervorging. Als er begeiſtert von der Gewalt, welche dies herrliche Maͤdchen uͤber ihn ausuͤbte, Beau⸗ champ mit dieſer Unterredung, und der Feſtig⸗ keit, mit der ſie alle ſeine Angriffe zuruͤckgeſchla⸗ gen hatte, bekannt machte, rief dieſer voller Freude:„ich kann meinem Jungen kein hoͤheres Gluͤck wuͤnſchen, als daß er einſt, wenn er auch ein ſo hirnverbrannter, leidenſchaftlicher Liebhaber als du werden ſollte, auf ein eben ſo zart fuͤh⸗ lendes, und doch ſo feſt entſchloſſenes, im Guten beharrliches Weſen ſeine Neigung werfen moͤge, als deine Viola in aller Hinſicht iſt.“— In reiner, gehaltener Freude, die nur ſelten durch leichte, nicht immer zu vermeidende Beſorg⸗ niſſe getruͤbt wurde, flogen die Stunden ſchnell dahin, welche Viola noch am Bord des Schif⸗ fes zuzubringen hatte. Bald war der Angenblick der Landung da, und mit klopfendem Herzen be⸗ 9 traten ſie und Fitz Aymer nach ſo langer, ver⸗ haͤngnißvoller Trennung, aufs Nage den vater⸗ laͤndiſchen Boden. Chaiſe dießelbe Straße. Sechszehntes Kapitel. 4 Man war uͤbereingekommen, daß Viola und Fitz Aymer, nachdem ſie von den Freunden auf dem Schiffe Abſchied genommen haben wuͤr⸗ den, den Obriſt nach London begleiten ſollten, wo er Erſtere dem Schutze ſeiner Schweſter uͤber⸗ geben wollte, die ſeit dem Tode ihres Mannes in ſeinem Haufe wohnte, und fruͤher ſehr genau mit Viola's Mutter hekannt geweſen war. Wat⸗ ſon ſaß neben des Obriſten Bedienten auf dem Bocke, gluͤcklich durch das von Fitz Aymer erhaltene Verſprechen, ihn nie zu verlaſſen, und ſich ſeiner fuͤrs ganze Leben anzunehmen, falls er der Seefahrten muͤde geworden ſei. Unſer kleiner Felix nahm den vierten Platz im Wagen ein, und Melbourne fuhr in einer andern Poß⸗ 312 Bei jeder zuruͤckgelegten Meile nahm die in⸗ nere Bewegung der beiden Liebenden zu, und ſo unterhaltend der Weg, ſo entzuͤckend das Gefuͤhl, ſich wieder auf heimiſchem Boden zu befinden, ihnen in jeder andern Lage geſchienen haben waͤrde, konnte die Unruhe, in der ſie ſich jetzt befanden, keinem froͤhlichen Eindrucke Raum geſtatten. Nur ſelten, wenn der Anblick bekannter Gegen⸗ ſtaͤnde, an die ſich fruͤhere Erinnerungen knuͤpf⸗ ten, an ihrem Auge voruͤbergingen, füͤhlten ſie ſich von der Gegenwart abgezogen, und lebten in einzelnen Momenten der Vergangenheit. So fiel es Viola bei einem der Wirthshaͤuſer am Wege lebhaſt ein, daß ſie hier mit der theuern Mut⸗ ter, vor der Einſchiffung zu ihrem entfernten Grabe, die letzte Nacht geſchlafen habe, und mit Theänen zeigte ſie dies Haus ihren Gefaͤhrten. Auch Fitz Aymer ſowohl als der Obriſt, fuͤhlten ſich nicht frei von aͤhnlichen ſchwermuͤthi⸗ gen Erinnerungen; oft ſchon hatten ſie dieſen Weg zuruͤckgelegt, ſelten aber in einer heitern Gemuͤthsſtimmung. Hatte man ſich der See⸗ Kuͤſte zugewandt, fo waren die Herzen noch ſchwer vom Abſchiede theurer Freunde, und eilte man, nach langen beſchwerlichen Reiſen, aus Bedeuten⸗ den Kriegen der Vaterſtadt wieder entgegen, ſo truͤbte entweder ſtille Trauer um gefallene Came⸗ raden die eigene gluͤckliche Heimkehr, oder em⸗ pfangene Wunden ſchmerzten noch und ließen eine Enkkraͤftung zuruͤck, die durch die ausgeſtandenen Muͤhſeligkeiten im fernen, ungewohnten Himmels⸗ ſtriche bedeutend erhoͤht ward.— Alle jene Er⸗ innerungen eigneten ſich nun freilich nicht, das Gemuͤth heiter zu ſtimmen. Als man die Stadt endlich erreicht hatte, und Beauchamp's Wohnung zufuhr, erblickte Viola auf einmal, ohne vorher genauer auf den Weg geachtet zu haben, das voͤllig erleuchtete Haus ihres Vaters an einer Ecke der Gaſſe, und in der halb geoͤffneten Thuͤr deſſelben einen Be⸗ dienten, in der ihr ſo wohl bekannten Livree— „Um des Himmels willen,“ rief ſie, haſtig des Obriſten Arm ergreifend,„mein Vater iſt ange⸗ kommen! Laſſen ſie halten, und ziehen ſie Erkun⸗ digungen ein. Ich kann das Haus in dieſem guaͤlenden Zuſtand der Ungewißheit nicht aus den Augen verlieren!“ 3 314 Beauchamp gewaͤhrte ihre Bitte augen⸗ blicklich; er ſprang aus dem Wagen, und Fitz Aymer hielt ſie ſelbſt nur durch die Vorſtellung ab ihm zu folgen, daß ihr unerwarteter Anblick dem Vater toͤdtlich ſeyn koͤnne. Mit aͤngſtlich pochendem Herzen unterwarf ſie ſich ſeinen Bit⸗ ten, lehnte ſich aber aus dem Wagen, um jede Bewegung des, mit dem Obriſten ſprechenden Bedienten, wenigſtens von Ferne beobachten zu koͤngen. Als der Obriſt zuruͤck kam, rief ſie ihm atheinlos entgegen;„Sagen ſie mir ſchnell, iſt er ſchon da?“— 3 „Er wird ſtuͤndlich erwartet.“— „Nur erwartet?“— entgegnete Fitz Ay⸗ mer Vreitelhäſte„warum denn alle dieſe Lich⸗ ter2— Beauchamp, er iſt ſicher ſchon da!“— Der Obriſt ſchwieg, und Viola, dies Still⸗ ſchweigen als Bejahung nehmend, fuͤhlte ſich von Schmerz und Freude, Erwartung und Beſorgniß, auf einmal ſo keinn ergriffen, daß ſie einer Ohnmacht nahe war. Ein Strom von Thraͤnen machte endlich ihrem gepreßten Herzen Luft; es war ihr unmoͤglich, ein Wort hervorzubringen, 315 und ſie uͤberließ es gaͤnzlich dem Geliebten, fer⸗ nere Fragen an den Freund zu richten. Dieſer berichtete nun, daß Sir Witliam. ſchon ſeit drei Tagen angekommen 7, der Be⸗ diente habe ihm auf ſeine Erkundigung geſagt, daß er durchaus nicht klage, aber blaß und elend ausſaͤhe, ſehr niedergeſchlagen iiu, und davon ſpraͤche, ſobald es ſeine Geſchaͤſte erlaubten, aufs Land zu gehen.„So wie ich höre,⸗ ſetzte der Oöriſt hinzu,„iſt Frau Melroß bei ihm, und ich bat deshalb den Bedienten, mich jetzt nicht zu melden, ſondern ſerrein d cheien, wenn er al⸗ lein ſei, zu ſagen, ich hoffe Morgen mit ihm zu fruͤhſtuͤcken.“ Viola luͤhlte, wie krampfhaft ſcc bei dieſen Worten Fitz Aymer's Hand in der ihrigen zuſammenzog; keiner von ihnen vermogte ein Wort hervorzubringen, und Beauchamp, innig fuͤr die jungen Freunde fuͤhlend, freute ſich, als er bei ſeiner Ankunft im Hauſe vernahm, ſeine Schweſter, die ihn nicht mehr an dem Tage er⸗ wartet habe, ſei ausgefahren, weil dadurch dem geaͤngſteten Maͤdchen weniger Swang durch das Beiſein einer Freinen auferlegt ward. 316 Obgleich Fitz Aymer willens war, die Nacht in einem Gaſthofe zuzubringen, fuͤhrte er doch die zitternde Geliebte erſt hinauf, und be⸗ ſchwor ſie, Muth zu faſſen, und ihm wieder ein Laͤcheln der Hoffnung blicken zu laſſen.— In dieſem Augenblicke aber war der Muth von dem oft ſchon ſo ſtarken Maͤdchen gaͤnzlich gewichen. Sie bot dem Juͤnglinge ein trauriges Lebewohl, und eilte in das ihr angewieſene Zimmer, um vielleicht nicht noch den Blicken der zuruͤckkom⸗ menden Frau Villiers, des Obriſten Schweſter, usgeſetzt zu werden. Hier brachte ſie in ban⸗ ger Erwartung des morgenden Tages, in kind⸗ lichem Verlangen, den theuren Vater zu umar⸗ men, und in ſorgenvollen Betrachtungen, was ſie Fitz Aymer ſchuldig ſei, im Falle daß der Va⸗ ter ſich ihrer Vereinigung widerſetzte, eine der qualvollſten Naͤchte zu, die ſie je erlebt hatte. Schon fruͤh am naͤchſten Morgen kam Beau⸗ champ zu ihr, um ſie zu bitten, nicht beim Fruͤhſtuͤcke ſeiner Schweſter zu erſcheinen, ſobald ihr dies nur im mindeſten laͤſtig waͤre.„Befehlen ſie ſelbſt als Frau im Hauſe, uͤber alles, was ſie zu ihrer Bequemlichkeit wuͤnſchen,“ ſetzte er auf die freundlichſte Weiſe hinzu. Frau Villiers nimmt es mit dem Decorum durchaus nicht ſo ſtrenge; ſie weiß, daß Sie ſich jetzt in keiner Stimmung befinden, in der man den aͤußern Förmlichkeiten mit Leichtigkeit Genuͤge leiſtet z handeln Sie alſo hierin gaͤnzlich nach Ihrer Will⸗ kuͤhr. Eins aber muß ich mir von Ihnen, liebe Freundinn, erbitten; naͤmlich mit allen nur mög⸗ lichen Beglaubigungszeichen verſehen zu werden, ehe ich mich zu der wichtigen Geſandſchaft an⸗ ſchicke.— Geben ſie mir alſo vor allen Din⸗ gen den Brief, welchen ihre Frau Mutter vor ihrem Scheiden an Sir William ſchrieb.“ Mit dem innigen Wunſche, daß dieſer Brief ſeine Abſicht nicht verfehlen moͤge, uͤberreichte Viola denſelben, und der freundliche Vermitt⸗ ler begab ſich unter dem waͤrmſten Danke von ihr. Als er eben im Begriffe war, das Haus zu verlaſſen, begegnete er dem gleichfalls durch die Nacht wenig beruhigten Fitz Aymer. Eben ſo ſehr von Mitleid fuͤr ihn, als fuͤr die ſchoͤne Freundin durchdrungen, bat er ihn gleichfalls, alle hergebrachte Foͤrmlichkeit fuͤr ſeine Schweſter in dieſem Augenblicke aus den Augen zu ſetzen, 318 und ſich nur gleich zu Viola zu begeben, um ſie in dieſer entſchetdenden Stunde zu tröſten. Hierauf ging er zu Fuß nach Sir Williams Wohnung.— Der Bediente wollte voran eilen, um ihm die Thuͤr zu ſeines Herrn Zimmer zu oͤff⸗ nen; aber der Obriſt hielt ihn zuruͤck, und er⸗ ſuchte ihn, nur dafuͤr zu ſorgen, daß der Wagen bereit ſei, in jeder Minute vorzufahren. Nach dieſem Befehl begab er ſich unverzuͤglich in das Biblio⸗ thekzimmer ſeines Freundes, wo er ſicher war, ihn zu treffen. Sir William, der ſich erſt ſpaͤt verheira⸗ thet hatte, war jetzt ſchon ein Mann gegen ſechzig Jahre. Sein ernſtes, nachdenkendes, biederes Anſehen mußte Jedem, der ſich ihm nahete, Ehrfurcht einfloͤßen. Obgleich Alter, und mehr noch Sorge, die lange, hagre Geſtalt etwas ge⸗ bengt hatten, ſah man doch noch Spuren einer ehemaligen maͤnnlichen Schoͤnheit darin, die eine gewiſſe Wuͤrde uͤber ſein ganzes Weſen verbrei⸗ tete. Mit freundlicher Höoͤflichkeit empfing er den Hereintretenden, dankte ihm fuͤr den Beweis des Verlangens, einen alten Bekannten bald wieder“ zuſehen, und ſetzte laͤchelnd hinzu:„Dch ſchlug um Ihrentwillen den Beſuch zweier andern Gaͤſte aus, die gleichfalls bei meinem Fruͤhſtuͤcke gegen⸗ waͤrtig ſein wollten, naͤmlich den meiner Nichte und Melbourne's. Dieſer ſchrieb mir geſtern Abend ein paar Zeilen, um mich von ſeiner Ankunft zu benachrichtigen, und ſich zugleich auf dieſe Stunde bei mir anzumelden; da ich aber durch meinen Bedienten erfuhr, daß Sie geſtern nicht hatten herauf kommen wollen, weil meine Nichte bei mir war, und alſo ſchließen mußte, baß Sie in Geſchaͤften mit mir zu ſprechen haͤtten, ließ ich ihn bitten, ſeinen Beſuch bis auf den Naͤcht mittag zu verſchieben.“ 81*— „Ich danke Ihnen,“ erwiederte der Obriſt; „denn obgleich ich nun zwar nicht von Geſchaͤften zu reden habe, die ſich nicht mit dem Genuſſe des Fruͤhſtuͤcks vertruͤgen, haͤtte ich doch wohl Luſt, ehe ich mich wieder von Ihnen entferne, Sie um einen guten Rath fuͤr ein paar Freunde anzii⸗ ſprechen, welche eben mit mir aus Indien ge⸗ kommen, und in viele Schwierigkeiten verwi⸗ ckelt ſind. Die Geſchichte wird Sie vielleicht inte⸗ reſſiren. Doch, mit leerem Magen iſt ſchlecht in die naͤheren Verhaͤltniſſe Anderer eingehen; — — ÿöÿo—— 320 ich denke alſo, da Sie mir wohl erlauben werden, ein Stuͤndchen zu bleiben, wir verſchieben die Sache bis das Fruͤhſtuͤck voͤllig beiengahrnchi iſt.— Ailes wurde bereitet, ünd wahtend man nun behaglich den Thee genoß, beſchraͤnkte ſich das Geſpraͤch nur auf allgemeine Gegenſtaͤnde. Sir William unterhielt ſeinem Gaſt von den Ge⸗ ſchaͤften, die er eben niedergelegt hatte, theilte ihm deu Plan mit, ſi ich kuͤnftig ganz einſam auf dem Lande niederzulaſſen, und dort in der Ge⸗ ſellſchaft guter Buͤcher und der Beſchaͤftigung des Ackerbaues ſein einſames Leben zu beſchließen. Beauchamp widerſprach ihm durchaus nicht, ſchmeichelte ſich aber im Stillen mit der Hoſfnung, den Talismann bei ſich zu fuͤhren, durch deſſen Zau⸗⸗ ber dieſer ſo thaͤtige, einfichtsvolle, und fuͤr den Staat noch ſo brauchbare Mann von einem Vorhaben abgehalten werden wuͤrde, welches uͤb ri⸗ gens auch ſchlecht mit ſeiner eigentlichen Reigung uͤbereinſtimmte. Nachdem das Fruͤhſtuͤck beendet war, wandte ſich der alte Herr mit der ihm ſo eigenen ver⸗ bindlichen Art, ſobald es darauf antam Andern 321 zu dienen, an den Obriſt:„Nun, lieber Freund,“ ſagte er,„werden Sie mir hoffentlich nicht laͤnger vorenthalten, worin ich im Stande bin, Ihren Freunden durch Wort oder That nuͤtzlich zu ſein. Befehlen Sie nach Gefallen uͤber mich.“— „Nie kann ich Ihnen hinlaͤnglich fuͤr Ihre freundliche Bereitwilligkeit danken,“ verſetzte der Obriſt.„Doch ehe Sie entſcheiden, in wiefern Ihr maͤchtiger Beiſtand meinen Freunden nuͤtzen kann, wird es nothwendig ſein, meine eigenen Angele⸗ genheiten in etwas zu beruͤhren, die, in ſofern ein ungluͤcklicher Schlag des Schickſals uns da⸗ mals traf, wohl auch in Ihnen wehmuͤthige Gefuͤhle wieder aufregen koͤnnen; doch bitte ich Sie dabei zu bedenken, daß ich Ihnen ſo wohl als mir, dieſen Schmerz erſparen wuͤrde, wenn es nicht unerlaͤßlich nothwendig waͤre, um den gegenwaͤrti⸗ gen Fall, der meine Freunde betrifft, aufzuklaͤren. Sir William leicht ahnend, wovon die Rede ſein ſollte, ſtuͤtzte den Kopf auf die Hand, heftete den Blick zu Boden, und ſuchte ſich die nothwendige Feſtigkeit zu geben, das unvermeid⸗ lich Schmerzliche mit ruhiger Faſſung zu hoͤren. B. Sch. 21 322 Nach einer kurzem Pauſe fuhr Beaucha mp, jedoch in einem weniger feſten Tone fort:— „Wir Beide, theurer Freund, hatten in dem Schiffe, das damals verungluͤckte, Frau und Kind!— Am Bord dieſes naͤmlichen Schiffes befand ſich ein junger Officier, ein Mann von Nang, Fainllie, berechtigt zu hohen Erwartungen. Dieſer bezeigte meinem armen Jungen waͤhrend der Reiſe, tanſend kleine Gefalligkeiten, und betrug ſich mit Achtung und Zaͤrtlichkeit eines Sohnes gegen die ungluͤckliche Mutter deſſelben. Der naͤmliche junge Mann nun wurde durch ein hal⸗ bes Wunder gerettet, und rettete meinen Sohn.“— Bei dieſen Worten richtete Sir William ſich ſchnell aus ſeiner nachdenkenden Stellung em⸗ por, und wandte ſich mit einem gluͤckwuͤnſchenden, aber noch zweifelnden Blick zu dem Obriſt, als wolle er fragen:„Iſt die Sache auch wirklich wahr?“ „Ja,“ verſetzte dieſer,„er ward der Retter meines Sohnes, und die Vorſehung rettete auf eine gleich wunderbare Weiſe, noch zwei andere Frauenzimmer von Stande, eine Mutter und Tochter.“ Hier fuhr der Obriſt fort mit weni⸗ NN, 17 323 gen Worten das ganze Ereigniß, das Zuſammen⸗ treffen dieſer Menſchen auf der unbekannten In⸗ ſel zu berichten. Er hub das Betragen des jun⸗ gen Mannes gegen die Frauen mit den lehafteſten Farben heraus, ſchilderte das erlittene Ungemach, ging nun zum Tode der Mutter uͤber, und erzaͤhlte, Wie ſie ſterbend die Tochter dem Schutze des Juͤng⸗ liugs anvertrauet, wie dieſer, obgleich mit der zaͤrtlichſten Neigung zu ihr gezogen, dennoch dem der Mutter geleiſtetem Eide gemaͤß, ihre Un⸗ ſchuld als ein Heiligthum betrachtet, und ihr nur als liebender Bruder zur Seite geſtanden habe.“ Derſelbe junge Mann nun,“ ſetzte der Obriſt endlich hinzu,„und ſeine voͤllig tadelloſe Gefaͤhrtin wagten ſich auf einem ſelbſt gezim⸗ merten Fahrzeuge in den indiſchen Ocean, und wurden am Bord des Schiffes aufgenommen, das mich jetzt nach England zuruͤckfuͤhrte. Sie befinden ſich gegenwaͤrtig in London, in meinem Hauſe, ſo wie mein Sohn, deſſen Leben ich der großmuͤthigen Rettung des jungen Officiers ver⸗ danke.“— 4 N Waͤhrend des weiteren Verfolgs der Erzuͤh⸗ lung, war die angenommene Nuhe, welche Sir 21 324 William anfaͤnglich zeigte, laͤngſt von ihm ge⸗ wichen. Hier unterbrach er endlich den Obriſten mit dem Ausruf:„uUnd dies ſind die Freunde, denen ich nuͤtzlich ſein ſoll?— Sagen Sie, in wie ferne es in meinen Kraͤften ſteht, ihnen zu dienen, und mein ganzes Beſtreben wird nicht allein jetzt, ſondern ſo lange ich lebe, darauf ge⸗ richtet ſein, Ihnen, theurer Freund, die Schuld der Dankbarkeit abtragen zu helfen!“— Beauchamp wiederholte ſeinen Dank; ſo wie er aber den tiefen Eindruck bemerkte, den die Erzaͤhlung auf den alten Freund gemacht hat⸗ te, fuhr er folgendermaßen ſort:„Auf Ihrem Einfluß auf den Vater des jungen Maͤdchens, einen Mann von großem Anſehen, beruht unſere einzige Hoffnung, da wir gerechte Urſache zu fuͤrchten haben, daß dieſer ſich ihrer Verbindung mit ihrem Beſchuͤtzer widerſetzen wird.“ „Kenne ich denn ihren Vater?— Wo iſt er?“ „Sie kennen ihn, glaube ich behaupten zu koͤnnen, beſſer, als viele Menſchen ſich ſelbſt kennen moͤgen; doch bleibt mir noch eins hinzu⸗ zuſetzen uͤbrig. Der junge Officier naͤmlich zog 325 vor einigen Jahren ungluͤcklicher Weiſe das Mißfallen des Vaters dieſes Maͤdchens in einem hohen Grade auf ſich, und fuͤrchtet nun bil⸗ liger Weiſe, nie die Einwilligung zu ſeiner Ver⸗ bindung von ihm zu erlangen. Wollen Sie die Großmuth haben, ſich fuͤr ihn zu verwenden? Wollen Sie es uͤber ſich nehmen, dem bisher durch Vorurtheil verblendeten Vater den Werth der Auffuͤhrung des jungen Mannes ſo einleuchtend zu machen, als Sie ſelbſt davon durchdrungen zu ſein ſcheinen, und ihn dadurch zu uͤberzeugen ſu⸗ chen, daß, wenn er in ſeiner vorigen Feindſelig⸗ keit beharrt, er der Welt ein Beiſpiel ſtrafbaren Undanks, unerbittlicher Haͤrte giebt, das nothwen⸗ dig ſeinen hochſtehenden Ruf ſchmaͤlern, und von ſeinen eifrigſten Bewunderern verdammt, von ſei⸗ nen Feinden kaum glaublich gehalten werden wird.“ „Lieber Freund,“ ſiel Sir William ein, n„gehen Sie ſelbſt zum Vater; der Auftrag kann ſich nie in beſſern Haͤnden befinden. Erzaͤhlen Sie ihm die reine, ungeſchmuͤckte Wahrheit, wie Sie ſie mir geſchildert haben, und die Sache wird fuͤr ſich ſelbſt ſprechen. Es iſt kein anderes In⸗ 326 tereſſe, keine hohere Beredſamkeit noͤthig, um ei⸗ ner ſolchen Erzählung den erwünſchten Erfolg zu geben, und es ſcheint mir durchaus unmoͤglich daß ein wahrhaft vaͤterlich fuͤhlendes Herz ſie un⸗ geruͤhrt anhoͤren koͤnne. Ach!“ ſetzte er bewegt hinzu,„wo iſt der Feind, dem ich den verlornen Liebling meines Herzens verſagen koͤnnte, haͤtte es dem Himmel gefallen, ihr einen ſolchen Erhalter zuzufuͤhren!“— „Wirklich, Sir William?“— rief Beauchamp mit ausdrucksvollem Tone. „Woher dieſer Zweifel, lieber Obriſt?— Bin ich Ihrer Meinung nach ſo voͤllig unverſoͤhnli⸗ cher Natur?“ 4 „Sie ſind meiner Meinung nach ein ſo war⸗ mer Freund ihrer Freunde, ein ſo mitleidig geſinn⸗ ter Nebenmenſch der Ungluͤcklichen, als es nur ir⸗ gend einen geben kann; daß aber, einmal beleidigt, Sie nicht keicht zu verſoͤhnen ſind, daß Ihr Haß faſt eben ſo ſtark als Ihre Liebe iſt, leidet, wie ich fuͤrchte, gleichfalls keinen Zweifel. Erinnern Sie ſich nur Ihrer Gefuͤhle gegen Einige, die in fruͤ⸗ hern Zeiten das Ungluͤck hatten, unter ihre Feinde ge⸗ gezaͤhlt zu werden; erinnern ſie ſich zum Beiſpiel Ihres Unwillens gegen den jungen Fitz Aymer, und ſagen Sie mir dann, ob der eben erzaͤhlte Fall, wenn er ſich zwiſchen dieſem und ihrer liebenswuͤr⸗ digen Tochter ereignet haͤtte, im Stande geweſen ſein wuͤrde, Ihre Abneigung zu uͤberwinden, und Sie dahin haͤtte bringen koͤnnen, den jungen Mann freundlich als Ihren Schwiegerſohn auf⸗ zunehmen?“. „Der Fall grenzt leider! ſo an das Unmog⸗ liche, daß ich kaum weiß eine beſtimmte Antwort darauf zu geben. In ſo fern ich aber aus der Wirkung, die Ihre Erzaͤhlung auf mein Herz ge⸗ macht hat, wagen darf einen Schluß zu ziehen, moͤgte ich behaupten, daß ſogar Fitz Aymer V unter den erwaͤhnten Umſtaͤnden mein Kind ſicher V von mir erhalten wuͤrde.“— Beauchamp's heimliches Frohlocken, ſeinen Zuhoͤrer bis auf dieſen Punkt gebracht zu haben, war ſo groß, daß einige Augenblicke der ruhigen L. elegung ihm durchaus noͤthig waren, ehe er es wagen durfte, in der Verhandlung weiter zu — gehen. Als er ſich wieder im Stande fuͤhlte, — wenigſtens ruhig zu ſcheinen, zog er langſam, 3 und mit faſt aͤngſtlicher Vorſicht, Lady Ear⸗ 328 lingford's Brief aus der Taſche, und ihn noch immer ſorgfaͤltig mit der Hand verdeckt haltend, ſagte er endlich:„Dies, Blatt hier wurde in den letzten Augenblicken von der Mutter der jungen Dame, deren Geſchichte Sie gehoͤrt haben, an ihren Gemahl geſchrieben. Ich habe die Er⸗ laubniß erhalten es zu leſen, und nur die Furcht, Sie zu ſehr dadurch anzugreifen, kannm ich abhal⸗ ten, ein Gleiches von Ihnen zu wuͤnſchen. Die Handſchrift ſchon wird Sie beſtürzt machen, denn, waͤren die Zuͤge etwas regelmaͤßiger, moͤgte ich beinahe behaupten—— ſie glichen denen Ihrer unvergeßlichen Gemahlin.“— „Meiner Frau!“ rief Sir William, ploͤtz⸗ lich die Farbe wechſelnd und ſich ſchnell von ſei⸗ nem Sitze erhebend.„Gerechter Himmel, was will dies ſagen? „Ruhig, theurer Freund!— Es ſoll ihnen nichts Boͤſes verkuͤnden. Ich meine es ſo gut mit Ihnen, als es nur in den Kraͤften eines Men⸗ ſchen ſteht, der nicht recht weiß, wie er ſich dabei betragen ſoll, einen Andern auf ein großes, nicht geahnetes Gluͤck vorzubereiten. Schmeicheln Sie ſich immerhin mit der Hoffnung, 329 einen verloren geglaubten Schatz widerzufinden; geſtatten Sie Ihrer Einbildungskraft ohne Furcht Raum, denn ſchwerlich kann ſie Ihnen ein hoͤhe⸗ res Gluͤck malen, als die Wirklichkeit Ihnen ge⸗ ben wird!“ Als der Obriſt dieſe Worte geſagt hatte und nun den Brief uͤberreichen wollte, ſah er den ehrwuͤrdigen alten Mann in Thraͤnen gebadet, mit zum Himmel gehobenen Augen, zitternd und in aͤngſtlicher Erwartung, vor ſich ſtehen.— Kaum hatte er Kraft, ſich aufrecht zu erhalten, und mit faſt gebrochener Stimme rief er, ſich an die Schulter des Freundes lehnend: „Iſt es keine Taͤuſchung, oh, ſo eilen Sie ihr Werk zu vollenden; bringen Sie ſchnell die ge⸗ rettete, mir aufs Neue geſchenkte Tochter in die vaͤterlichen Arme!“ Alles iſt gewiſſermaßen ſchon hierauf vorbe⸗ reitet,“ erwiederte der Obriſt;„Ihr Wagen war⸗ tet, um Sie entweder im Augenblicke nach meinem Hauſe zu Ihrer Tochter, oder dieſe zu Ihnen zu fahren. Beſtimmen Sie was geſchehen ſoll.“ „Was mich am ſchnellſten mit ihr vereint; ich will zu ihr fahren.“ 330 „Beauchamp klingelts, und binnen wenigen Minuten war der Wagen vor der Thuͤr. In dieſem Zwiſchenraume verlangte Sir William den Brief ſeiner Frau zu ſehen. Der Obriſt uͤberreichte ihm denſelben, bat aber, ihn jetzt nicht zu leſen,„Verſchieben Sie das auf einen ruhigeren Augenblick, und truͤben Sie ſich nicht ein ſo lang entbehrtes Gluͤck durch den Eindruck, welchen natuͤrlich die letzten Worte einer ſo gelieb⸗ ten Gattin in Ihnen hervorbringen muͤſſen. Daß ich der Ueberbringer dieſer Zeilen bin, muß Ih⸗ nen hinlaͤnglich beweiſen, wie ſehr ſie fuͤr mei⸗ nen jungen Freund ſprechen, und ſo hoffe ich, ſind auch Sie ihm ſchon freundlich geſinnt, und werden ſich nicht weigern ihn zu ſehen, ſobald die erſte Zuſammenkunft mit Ihrer Tochter vorüber iſt.“ „Mich weigern, ihn zu ſehen!— Gewiß nicht; ich brenne vor Verlangen Sohn und Toch⸗ ter vereint in meine vaͤterlichen Arme zu ſchließen.“ Beauchamp führte jetzt den vor freudiger Ruͤhrung zitternden Vater an den Wagen; der Kutſcher trieb die Pferde mit einer Haſt an, als ahne er, wie viel von jeder Minute abhinge. In einiger Entfernung von ſeinem Hauſe ließ der Obriſt halten, ging hinein, ſeinen Bedienten vor⸗ zubereiten, keinen Laͤrmen zu verurſachen, und be⸗ gab ſich dann zuruͤck, um Sir William ohne alles Auffehen in ſeine Wohnung zu geleiten. Dieſe Vorſichtsmaßregeln waren ſehr weislich gewaͤhlt geweſen, denn ſchon der Anblick des Ob⸗ riſten, der erſt allein zu ihr ins Zimmer trat, erſchuͤtterte Viola auf das Heftigſte; ſie vermogte keine Frage an ihn zu richten, das Auge aber blieb ſtarr auf ihn geheftet, und das Ohr ſchien nur auf ſeine Toͤne zu lauſchen. So wie er nun nach und nach, als Antwort auf Fitz Aymers abgebrochene Fragen, den gluͤcklichen Erfolg ſeiner Geſandtſchaft eingeleitet hatte, verklaͤrte ſich ihr⸗ Geſicht allmaͤhlich bis zum hoͤchſten Entzuͤcken; ihr erſtes Gefuͤhl war auf die Kniee zu ſinken und Gott fuͤr die gluͤckliche Wendung ihres Schickſals zu danken, dann erhob ſie ſich raſch wieder, ergriff des Geliebten Arm, zog ihn zum Obriſten, und bat ihn, ihr Worte finden zu helfen, um dem Freund, der ihnen ſo treu beigeſtanden, ihren F 16 pEnn„ Snnhar Dank ausdrücken zu koͤnnen. 332 Fitz Aymer vermogte im erſten Freuden⸗ Rauſche nichts, als die Hand des Freundes zu druͤ⸗ cken, dann zog er das geliebte Maͤdchen entzuͤckt an ſein Herz, und hielt ſie lange ſtumm und innig um⸗ ſaßt. Mit lieblichem Erröthen entzog ſie ſich end⸗ lich ſeiner Umarmung, wandte ſich zum Obriſten und beſchwor ihn, ihr nicht laͤnger den Anblick des Vaters vorzuenthalten.„Fuͤhren Sie mich zu ihm,“ ſagte ſie,„es bedarf keiner weiteren Vor⸗ bereitung; ich ſehne mich unbeſchreiblich, ihn zu ſe⸗ hen, die Worte des Segens fuͤr mich und Fitz Aymer von ſeinen Lippen zu vernehmen. Wo, wo iſt er? Ich bin ſtark genug zu gehen, ja es ſcheint mir als koͤnne ich fliegen, um in ſeine Arme zu kommen!“ Beauchamp bot ihr den Arm, winkte dem Freunde zu folgen, und fuͤhrte ſie aus dem Zimmer. Siebzehntes Kapitel. — Beim Hinunterſteigen der Treppe bereitete der Obriſt das zitternde Maͤdchen ſchon freundlich dar⸗ auf vor, daß der Vater ſich bereits im Hauſe be⸗ finde, und in ſeinem Studierzimmer die Tochter er⸗ warte. Mehr bedurfte es nicht; mit einem Freu⸗ dengeſchrei riß Vi ola ſich vom Arme ihres Fuͤh⸗ rers los, ſprang die noch uͤbrigen Stiegen hin⸗ unter, flog in die offne Thuͤr des Zimmers, und warf ſich mit dem Ausrufe!„Vater, geliebter Vater!“— zu Sir William's Fuͤßen. Ein heftiges Schluchzen verhinderte ſie mehr zu ſagen. Mit gleichfalls faſt von Thraͤnen erſtickter Stimme zog der Vater ſie an ſeine Bruſt, und nur die ah⸗ gebrochenen Worte wurden vernehmlich:„Toch⸗ ter! Violal— Iſt es keine Taͤuſchung, druͤcke ich dich wirklich an mein vaͤterliches 334 Herz?— Wo, wo iſſt dein edler Beſchuͤ⸗ tzer?“— 3 Fitz Aymer, der bisher noch in einiger Entfernung geſtanden hatte, eilte auf dieſe Worte herbei, und der entzuͤckte Vater oͤffnete auch ihm die Arme.„Kinder, meine Kinder,“ rief er, „ſeid geſegnet eins in des andern Liebe! der Him⸗ mel hat mir die hoͤchſte aller irdiſchen Freuden aufgeſpart, indem er mich zum Zeugen eures Gluͤcks macht. Fitz Aymer, umarme mich als deinen Vater, deinen waͤrmſten Freund!— Hof⸗ fentlich habe ich nicht zu ſpaͤt den Werth deines edlen Herzens ſchaͤtzen gelernt, und es bleibt mir noch Zeit, meine fruͤhere Ungerechtigkeit gegen dich wieder gut zu machen. Du biſt jetzt der Sohn meiner Wahl, und beſaͤße ich die Schaͤtze In⸗ diens, ich wuͤrde ſie willig der Gabe beifuͤgen, die du in dieſem Augenblick aus meiner Hand em⸗ pfaͤngſt!“— Das vor Ruͤhrung glaͤnzende Auge des jun⸗ gen Mannes zeigte beredter als Worte, wie tief er die Guͤte des Vaters empfand. Innig druͤckte er die Hand, welche noch immer in der ſeinigen ruhete, und ſagte endlich: Die einzig moͤgliche n Art, wodurch meine Dankbarkeit fuͤr den hohen Preis, deſſen Sie mich werth achten, noch erhoͤhet werden koͤnnte, waͤre, wenn Sie den Augenbliek beſchleunigten, in welchem ich Viola ganz mein nennen darf.“ Mit freundlichem Laͤcheln blickte der Vater auf die lieblich erroͤthende Tochter;„das darf nur vor dieſem Richtſtuhl entſchieden werden,“ ſagte er,„von meiner Seite wird der Verbin⸗ dung meiner Kinder kein anderer Aufſchub entge⸗ gen geſetzt werden, als den einige hergebrachte, gerichtliche Foͤrmlichkeiten, die jedoch bei der ſo unbeſtimmten Dauer alles irdiſchen Gluͤcks noth⸗ wendig ſind, unerlaͤßlich machen. Aber Kinder,“ fuhr er fort, indem er beide zum Sopha fuͤhrte, und ſich in ihre Mitte ſetzte,„ehe wir von zu⸗ kuͤnſtigen Dingen reden, laßt mich die Gegen⸗ wart rein genießen. Erlaubt mir, daß ich meiner Viola, die ich faſt als Kind zuruͤck ließ, und nun als bluͤhendes, ſchoͤnes Maͤdchen wiederfinde, recht ins klare Auge ſchaue. Erzaͤhlt mir nun alles, was euch begegnet iſt, genau; nichts kann zu umſtaͤndlich fuͤr mich ſein, da es ſolche Lippen mir berichten, ein Ton der Stimme es mir ver⸗ kuͤndet, den ich nie wiederzuhoͤren hoffen durfte.— Ach, der noch uͤbrige Reſt meines Lebens lag ſo freudenleer vor mir, daß mir die Seligkeit jetzt faſt zu groß daͤucht, von zwei geliebten Aelen bis ans Grab begleitet zu werden.“— „Iſt dies der Vater,“ rief Viola innig ge⸗ ruͤhrt, indem ſie ſich zaͤrtlich an ihn ſchmiegte, „ der naͤmliche Vater, vor dem ich mich fuͤrchtete, obgleich ich ſo ſehnlich wuͤnſchte ihn wiederzu⸗ ſehen?— Wie guͤtig, wie liebreich iſt jedes Wort von ihm! Ach, wie viel Dank, wie viel Liebe bin ich dir, theurer Vater, ſchuldig, um nur einigermaßen mein unnatuͤrliches Mißtrauen gegen dich wider gut zu machen!“— 1.5 Eine lange, umſtaͤndliche Erzaͤhlung folgte nun, die, obgleich in gewiſſer Hinſicht fuͤr beide Theile ſchmerzhaft, doch vorzuͤglich fuͤr Sir William unendlichen Werth hatte, weil ſie ihn Vvoͤllig mit dem Schickſal, welches Frau und Kind ſeit der langen Trennung von ihm betroffen hatte, bekannt machte. Oft fuͤllte ſich ſein Auge mit Thraͤnen, wenn die Erinnerung an die geliebte Gattin mit allem Kummer, den ſie erlitten, mit allen Entbehrungen, denen ſie ausgeſetzt geweſen „—. g ſo jetzt zeſen 3 ge⸗ egte, tete, erzu⸗ edes viel um auen war, vor ſeine Seele trat. Doch hoͤrte er ja die Stimme der gleichfalls verloren geglaubten, und ihm jetzt wiedergeſchenkten Tochter, in deren Bilde ſich ihm die theure Abgeſchiedene erneuete, und in der Gegenwart dieſer Tochter wagte er es endlich auch das ihm von der Verſtorbenen hinter⸗ laſſene Blatt zu entfalten. Tief ruͤhrte ihn zwar der Inhalt deſſelben, doch hielt er es fuͤr heilige Pflicht mit maͤnnlichem Muthe bis ans Ende zu leſen, und fand ſeinen ſchoͤnſten Troſt in dem Zeugniß, welches die geliebte Frau in dem ernſten, verhaͤngnißvollen Augenblicke dem Manne gege⸗ ben hatte, den er nun mit erhoͤheter Liebe Sohn nannte. Jedes Vorurtheil, durch die gewaltige Macht des Augenblicks unterdruͤckt, und dennoch vielleicht noch im Innern ſeines Buſens ſchlum⸗ mernd, war nun voͤllig verwiſcht, und vormals gehegte Zweifel wandelten ſich in Dank gegen die Vorſehung, die dieſen edlen, von ihm verkannten jungen Mann zwar auf dornigen und rauhen Pfaden, doch endlich an ſein Vaterherz gefuͤhrt hatte. In Erzaͤhlungen und Betrachtungen flogen die Stunden gleich Minuten dahin, und immer B. Sch. 22 338 ſchien noch etwas zu fragen, zu berichten uͤbrig. Der Obriſt, welcher lange dieſe drei Gluͤcklichen ohne Zeugen gelaſſen hatte, glaubte endlich, da die Stunde des Mittagseſſens herannahete, ſie wieder an Zeit und Raum erinnern zu muͤſſen. Mit Erſtaunen vernahmen ſie ſeine Einladung ihm ſchon jetzt in den Eßſaal folgen zu ſollen; Sir William aber, ſich ſeines zu Hauſe war⸗ tenden Gaſtes erinnernd, ſtand ſchnell auf, um ſich zu entfernen.“ Melbourne wird ſich puͤnkt⸗ lich einſtellen,“ ſagte er laͤchelnd,„und ich darf nicht ſo ſelbſtſuͤchtig ſein, ihn vergebens harren zu laſſen. Sobald er ſort iſt werde ich meinen Wa⸗ gen ſchicken, um dich, meine Viola, aufs Neue in die vaͤterliche Wohnung einzufuͤhren, der du wieder Reiz durch deine Gegenwart leihen wirſt, und die du erſt dann verlaſſen darfſt, wenn der Mann deiner Wahl und deines Herzens, dich als Frau in ſein Haus fuͤhrt. Beide gegenwaͤrtige Freunde ſind aber, wie es ſich von ſelbſt verſteht, eingeladen, dich zu begleiten, und den Abend des gluͤcklichen Tages unter meinem Dache zu fei⸗ ern, und wenn Frau Villiers beredet werden kann, den froͤhlichen Kreis zu vermehren, ſo bitte ich ſie, lieber Obriſt, ihr zu ſagen, wie dank⸗ bar ich dieſe Freundlichkeit anerkennen wuͤrde.“ „Wir ſind dieſer Dame ſo voͤllig als ungebe⸗ tene, unhoͤfliche Gaͤſte ins Haus gefallen,“ fiel Viola ein,„daß ich mich faſt ſchaͤme ſie zu ſehen.“ Sie iſt jetzt von dem ganzen Zuſammenhange der Dinge unterrichtet,“ unterbrach der Obriſt ſie, und fuͤhlt eine ſo warme Freude uͤber die guͤnſtige Wendung derſelben, daß ſie begierig iſt ihnen den Antheil, den ſie an ihrem Gluͤcke nimmt, ſelbſt zu ſagen. Aber,“ fuhr er laͤchelnd fort, ſich zu Fitz Aymer wendend,“ ſage mir um des Himmels willen, wie ertraͤgſt du die Meldung von dem Beſuche deines furchtbaren Nebenbuhlers? Faͤhrt der Teufel der Eiferſucht nicht auf's Neue in dich? Biſt du jetzt, da die gefuͤrchtete Zuſam⸗ menkunft gewiß iſt, noch eben ſo ſicher, deine ſchoͤne Viola wirklich in die Wohnung deiner Vaͤter einfuͤhren zu duͤrfen?“— „Nun ich das Wort des edlen Sir Willi⸗ ams habe,“ erwiederte Fitz Aymer, mit ei⸗ nem vertrauensvollen Blicke auf dieſen gerichtet, „fuͤrchte ich Niemand. Dies Wort iſt mir Buͤrge fuͤr alles; ich achte es hoͤher, als das Verſprechen 22 340 aller gekroͤnten Hͤupter auf Erden, und verlaſſe mich mit einer Ruhe darauf, die durch nichts erſchuͤttert werden kann.“ Geſchmeichelt durch die Waͤrme, mit welcher der junge Mann dieſe Worte ausgeſprochen hatte, reichte Sir William ihm freundlich die Hand, waͤhrend der Obriſt, noch immer geſpannt, wie jener ſich von dem Melbourne geleiſteten Verſprechen loß machen werde, ſchalkhaft hinzu⸗ ſetzte:„Alles gut, alles ſchdn!— Aber Freund, erinnere dich, daß ſchon ein fruͤheres Verſprechen von Seiten des Vaters da war, das doch auch ſeine Guͤltigkeit haben mag.“— „Dies war nur ein bedingungsweiſe geſchloſ⸗ ſener Contrakt,“ ſiel Sir William ein.„Das liebe Maͤdchen muß nicht glauben, daß ich, ohne ſie zu Rathe zu ziehen, uͤber ihre Hand feſt be⸗ ſtimmte. Waͤren die Sachen anders gekommen, und haͤtte ihr Melbourne damals gefallen, ſo leugne ich nicht, daß es mir zu der Zeit zur Freude gereicht haben wuͤrde, ſie mit ihm verbun⸗ den zu ſehen. Ich war ihm allen, nur in mei⸗ ner Macht ſtehenden Erſatz fuͤr einen willkuͤhrlich von mir ausgeuͤbten Gewaltſtreich ſchuldig, der ſo 341 manchen Kummer uͤber ihn und Andere herbei⸗ gefuͤhrt hat, daß ich ihn immer als eine der ta⸗ delnswuͤrdigſten Handlungen meines Lebens be⸗ trachten werde. Doch,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu, „befindet ſich der Erſatz fuͤr dieſen fruͤheren Ge⸗ waltſtreich ſowohl, als fuͤr meine gegenwaͤrtige Wortbruͤchigkeit jetzt in meinen Haͤnden. Die Frau welche er liebte, und die ich gebietriſch ei⸗ nem Andern gab, weil ich ihn zu arm zu einer Verbindung mit ihr glaubte, iſt wieder frei, und kann vielleicht dahin gebracht werden, ſeine fruͤ⸗ heren Wuͤnſche jetzt zu krönen. Meine Nitchte Melroß war ſeine erſte Liebe; ſie iſt gegenwaͤr⸗ tig Wittwe.“— Kaum mogte wohl Fitz Aymer die Be⸗ ſtaͤtigung, daß kein Hinderniß mehr ſeiner Ver⸗ bindung im Wege laͤge, mit groͤßerer Freude aus Sir Williams Munde vernehmen, als Viola uͤber die Nachricht empfand, daß Ma⸗ thilde bald wieder verheirathet ſeyn wuͤrde. Es tiegt vielleicht in der Natur des Weibes, daß, obgleich von der innigen Neigung des Geliebten, des Gatten uͤberzeugt, es doch nicht ganz ruhig fuͤr die Zukunft iſt, ſo lange der Gegenſtand ſei⸗ 842 ner fruͤheren Neigung ſich nicht durch heilige Pflichten anderweitig gebunden fuͤhlt. Wenig⸗ ſtens empfand Viola dieſe kleine Schwaͤche. Als Sir William Allen das Naͤthſel ge⸗ loͤſt hatte, konnte der muthwillige Beauchamp nicht umhin auf die Halsſtarrigkeit hinzudeuten, mit welcher Melbourne waͤhrend der Reiſe kein Auge von Viola gewandt, und dies immer nur auf eine Aehnlichkeit mit einer Andern ge⸗ ſchoben habe.„Ich bin nun ſelbſt voͤllig uͤber⸗ zeugt,“ ſetzte er, das Maͤdchen mit einem For⸗ ſcherblicke betrachtend, hinzu,„daß wirklich viel Grund in dieſer angeblichen Aehnlichkeit liegt. Gewiß beſteht zwiſchen dieſen beiden lieblichen Baſen ein hoher Grad von Familien⸗Gleichheit in den Zuͤgen, die, wenn ſie auch dem Blicke des gewoͤhnlichen Beobachters entgeht, einem Lieb⸗ haber gewiß ſehr auffallend ſeyn muß. Im Na⸗ men des kleinen Gottes mit der Binde, frage ich dich, Fitz Aymer, auf dein Gewiſſen, ob du das nicht auch fuͤr dich anzuͤglich geſunden haſt?“— „Selbſt jetzt, da du ſo frtundlich biſt, mich darauf hinzuweiſen, fuͤhle ich mich nicht im min⸗ deſten geneigt, deine feine Bemerkung zu unter⸗ ſchreiben. Viola und Mathilde gleichen ſich nicht allein durchaus nicht in der Farbe der Haut, der Augen und des Haar's, ſondern ſie ſind auch himmelweit im Ausdruck, im Ton der Stimme, im Mienenſpiel, in der Bewegung und tauſend andern Dingen von einander verſchieden. Jedoch,“ ſetzte er heiter hinzu,„bin ich voͤllig damit zu⸗ frieden, wenn die unverkennbaren Huldigungen, welche Melbourne der einen dieſer Baſen zoll⸗ te, im Grunde nur aus ſeiner unerſchuͤtterlichen Treue gegen die Andere herruͤhrten, und ich ſehe es gewiß nicht als einen Ehrenpunkt an, jemals die Erklaͤrung von ihm zu erhalten, daß er Viola ihrer eigenen Reize wegen, ſo beſonders auszeichnete,“ Endlich wieder eingefuͤhrt in die Heimath ih⸗ rer Kindheit, dem theuren Aufenthalte, in dem ſie von fruͤheſter Jugend an, die zaͤrtlichſte Liebe und Sorgfalt genoſſen hatte, wuͤrde Viola kei⸗ nen Wunſch unbefriedigt gefuͤhlt haben, wenn ihre Mutter ihr noch zur Seite geſtanden haͤtte. Der Anblick der Zimmer, welche dieſe vormals bewohnte, und tauſend andere Gegenſtaͤnde, die 344 ſich einzig auf ſie bezogen, am meiſten aber ein wohlgetroffenes Gemaͤlde, das im Wohnzimmer hing, erfuͤllten das Herz der Tochter, ſelbſt in dieſem Zeitraume, oft mit einer Wehmuth, über die ſie nicht vermogte zu herrſchen. Nach und nach indeß verwandelte ſich dieſe Trauer in ein fuͤßes, ruhiges Gefuͤhl des kindlichen Andenkens, in welchem die theure Mutter ſie auch unſichtbar immer umgab, ihre Schritte leitete, und das Beſtreben, in jedem Sinne in ihrem Geiſte zu handeln, hob ſie, und ſtaͤrkte ſie zu allem Guten. Ja, es ſchien ihr oft, als trage ſie alle Liebe, welche ſie fuͤr die Mutter hegte, jetzt auf den Vater uͤber, indem ſie ihm alles Verlorne durch die groͤßte Aufmerkſamkeit auf den kleinſten ſeiner Wuͤnſche zu erſetzen ſtrebte. Der Aufſchub, welchen Sir William ver⸗ langt hatte, um den Heiraths⸗Contrakt in geho⸗ riger Form aufzuſetzen, diente dazu, Fitz Ay⸗ mer's Gluͤck noch zu erhoͤhen, da ſein geliebter Bruder nun noch zur rechten Zeit in England ankommen konnte, um bei der Hochzeit gegen⸗ waͤrtig zu ſeyn. Dieſer Bruder, in welchem Viola alle Vorzuͤge beſtaͤtigt fand, die Fitz Aymer ihr ſo oft an ihm geprieſen hatte, er⸗ warb ſich bald die volle Liebe ſeiner neuen Schweſter. Nach Verlauf weniger Wochen wurde die Verbindung des jungen, gluͤcklichen Paares auf dem Lande vollzogen, wo der Vater und Bruder, in Geſellſchaft des Obriſten, faſt den ganzen folgenden Winter mit ihnen zubrachten. Einige Wochen nach Viola's Verheirathung, gab Mathilde dem treuen Melbourne ihre Hand, und mit dieſer die alte Liebe zuruͤck, deren fruͤhere, gewaltſame Zerſtoͤrung, ſie faſt auf Irrwege gefuͤhrt haͤtte. Auf eine harte Weiſe, noch vor ihrem zwanzigſten Jahre, von dem Ge⸗ genſtande ihrer erſten Neigung, von einem Manne getrennt, an dem ſie mit ganzer Seele hing, und aus ehrſuͤchtigen Beweggruͤnden einem Andern verkauft, dem ſie nie mehr als kalte Achtung zu geben vermogte, fehlte es ihr ſowohl an gehoͤriger Feſtigkeit des Charakters, um ſich in ihr Schick⸗ ſal mit Ergebung zu fuͤgen, als an Grundſaͤtzen, um richtig unterſcheiden zu koͤnnen, daß das ein⸗ mal herbeigefuͤhrte Uebel durch eigne Schuld nur noch vergroͤßert werden koͤnne. Ihre Leidenſchaf fuͤr Fitz Aymer entſtand mehr aus uͤbertriebe⸗ 346 ner Dankbarkeit, und einer uͤberſpannten Einbil⸗ dungskraft, als daß wahre Neigung, oder Hang zum Boͤſen zum Grunde gelegen haͤtten. Sie fuͤhlte ſich als Frau ungluͤcklich, der Gegenſtand ihrer erſten Liebe war weit entfernt, die Leere im eigenen Herzen ſchien ihr unertraͤglich, und unbedachtſamer Weiſe Verbindlichkeiten von einem großmuͤthigen, lebhaften, aber leichtſinnigen jun⸗ gen Mann annehmend, der, ihrer Meinung nach, ſo bedeutende Opfer nur aus Liebe zu ihr brin⸗ gen konnte, fuͤhrte ſie jener gefaͤhrliche Rauſch eines uͤbelverſtandenen Enthuſiasmus ſo weit, daß, wenn auch noch nicht ſtrafbar an ſich ſelbſt, ſie doch in der oͤffentlichen Meinung, die faſt immer nur nach dem Scheine urtheilt, ſtrafbar erſchie⸗ nen ſeyn wuͤrde, haͤtte ſie ihren Vorſatz, ſich völ⸗ lig in den Schutz dieſes jungen Mannes zu begeben, ausgefuͤhrt. Als ſie von der Ausfuͤhrung dieſes entehrenden Schrittes abgehalten, und zum Hauſe ihres Gatten zuruͤckgefuͤhrt wurde, verdankte ſie einzig die Erhaltung ihres guten Rufs, ſo wie die Erkenntuiß ihres Fehlers, den freundlichen Vorſtellungen der Lady Earlingford, die ihr ganzes Anſehen aufbot, um das Gefuuͤſter der — Menge uͤber die Nichte mit Wuͤrde niederzu⸗ ſchlagen. Melroß ſelbſt erfuhr nie dieſe kleine Verirrung ſeiner Gattin; der Oheim, durch ei⸗ gene Vorwuͤrfe gemartert, ſie in einem ſo zarten Alter dem Ehrgeitze und der Geldgier geopfert zu haben, vergab ihr, und Mathilde, mehr dem Guten als dem Boͤſen geneigt, lernte jetzt ſich in ihr Geſchick mit Ergebung finden. Strenge ihren Pflichten getreu, blieb ſie ihrem Gemahl eine freundliche, aufmerkſame Pflegerin bis an ſeinen Tod, der zwei Jahre nach dieſem Vorfall erfolgte. Der ehrliche Watſon, der vormalige treue Ungluͤcksgefaͤhrte unſeres jetzt ſo gluͤcklichen Paa⸗ res, wurde dringend von demſelben eingeladen, ihnen auf ihren Landſitz zu folgen. Als er dort nun ſeine fruͤheren Kenntniſſe der Landwirthſchaft verrieth, zu der er eigentlich auferzogen war, gab man ihm eine kleine Pachtung, auf welche ſeine einzige Tochter, die Wittwe eines Landmanns zu ihm zog, und ihm ſein herannahendes Alter er⸗ leichterte. Obgleich es eben nicht angenehm iſt, ſich um das Ende der Gottloſen zu bekuͤmmern, ſo ſehen 348 wir doch auch daraus, wie ſehr das Boͤſe oft ſchon hienieden beſtraft wird; wenigſtens war dies bei dem juͤngern Lamotte der Fall. Kaum hatte er ſich drei Tage am Bord des Schiffes befunden, welches ihn von dem Eilande befreite, als er in einen Streit mit einen der indiani⸗ ſchen Matroſen gerieth, und von dieſem einen gefaͤhrlichen Dolchſtich erhielt, der in wenigen Stunden ſeinem Leben ein Ende machte. Ster⸗ bend bekannte er dem Kapitain, in welchem huͤlf⸗ loſan Zuſtande er Watſon zuruͤckgelaſſen habe. Dieſer ließ einen Verſuch machen, den ehrlichen Seſemann aus ſeiner ungluͤcklichen Lage zu be⸗ freien; Wind und Wetter waren aber ſo durch⸗ ausz unguͤnſtig, daß die Landung unmoͤglich war. Als Watſon ſich einſt in Geſchaͤften in Lon⸗ don befand, erfuhr er dies von einem alten Ca⸗ meraden, und obgleich ſein biederes Herz eigent⸗ lich weder Haß noch Groll kannte, empfand er doch einige Befriedigung uͤber die baloige Beſtra⸗ fung des Boͤfewichts, ſo daß er, indem er Fitz Aymer den Vorfall mittheilte, nicht unterlaſſen konnte hinzuzuſetzen:„Ich hoffe, Euer Gnaden, es iſt keine Suͤnde zu denken, daß, da wir den 349 Kerl doch nicht auf brittiſchem Boden rechtmaͤßi⸗ ger Weiſe an den Galgen zu bringen vermogten, der Indier der Welt einen Dienſt geleiſtet hat, indem er ſie ſchleunig von dieſem Scheuſale be⸗ freite. Gott ſei ſeiner armen Seele gnaͤdig!“— Fitz Aymer ſelbſt machte ſeine fruͤhere Be⸗ hauptung gegen Viola's Mutter, daß die widri⸗ gen Schickſale guͤnſtig auf ſeinen Charakter wir⸗ ken wuͤrden, in jedem Sinne wahr. Die harte Schule der Erfahrung hatte ſeine Leidenſchaften gemaͤßigt, ſeinen Glauben an Gott und Vorſe⸗ hung erhoͤht, ſeinen ganzen Sinn gelaͤutert. Vie⸗ 3 les mogte auch wohl die tugendhafte Neigung zu einem reinen, unſchuldigen Weſen hierzu bei⸗ getragen haben, das in einer ſo huͤlfloſen Lage einzig ſeinem Schutze anvertraut war. Sein fer⸗ neres Leben zog ihm die Achtung und Liebe aller beſſeren Menſchen zu, und ſo fuͤhrte er in dem Schoße der Seinen, wahrhaft liebend und ge⸗ liebt, ein ſo gluͤckliches Leben, wie es nur dem Sterblichen vergoͤnnt ſeyn kann. In mancher Hinſicht verſchieden war die Wir⸗ kung, welche Mißgeſchick in dem Charakter ſei⸗ nes ehemaligen Jugendgenoſſen, Friedrich Ger⸗ 330 — maine, hervorgebracht hatte, doch war es auch an dieſem nicht ganz fruchtlos voruͤbergegangen. Das erſte Geld, woruͤber ſeine, gegen ihn ſo guͤtig geſinnte Schweſter, nach dem Tode ihres Mannes, frei ſchalten konnte, wurde angewandt 3 ſeine dringendſten Schuldner zu befriedigen, ihn aus dem Gefaͤngniſſe zu befreien, und eine Offi⸗ ciers⸗Stelle fuͤr ihn in einem Regimente zu kau⸗ fen, das zum auswaͤrtigen Dienſt beſtimmt war. Auf dieſe Weiſe wurde er aus der ſchlechten Ge⸗ ſellſchaft geriſſen, die ihn bisher umgeben hatte, und es lag nur an ihm, ſich für die Zukunft V beſſere zu waͤhlen. Seine geſelligen Talente mach⸗ ten, daß man ihn uͤberall ſuchte, und obgleich er nun zwar nie ein wahrhaft vorzuͤglicher Menſch ward, ging er doch nicht voͤllig auf dem fruͤher betretenen Pfade des Laſters fort, und hoͤrte* wenigſtens auf, eine Peſt der Geſellſchaft, und ein Schandfleck ſeiner Familie zu ſein. ——— Bilder aus dem Leben. Eine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders fuͤr Frauenzim⸗ mer. 5 Theile in 8. 18 ¹9. 20. 21. In h al. Erſter Theil. Mrs. Opie kleine Romane und Erzaͤhlungen. Erſter Theil. S. 1. Frau Arlington oder es iſt nicht alles Gold was glaͤnzit.. r 2. Heinrich Woodwille.. 242 3. Der Quaͤker und das Weltkind. 379 Zweiter Theil. Mers. Opie kleine Ro⸗ mane und Erzaͤhlungen. Zweiter Theil. 1. Die Heimkehr oder der Ball.. S r a. Geraldi Duval... 66 3. Luͤge und Wahrheit.. 198 35²2 Dritter Theil. Auswahl kleiner Erzaͤh⸗ lungen nach dem Engliſchen der Maria Ed⸗ geworth. Erſter Theil. r. Morgen... 2. Die Handſchuhe aus Limmerick. 3. Murad der Ungluͤckliche.. Vierter Theil. Auswahl kleiner Erzaͤh⸗ . lungen nach dem Engliſchen der Maria Ed⸗ geworth. Zweiter Thell. x. Der Contraſt... 2. Der dankbare Neger.. 3. Die Fabrikanten. Fuͤnfter Theil. Der Schiffbruch, ein Ro⸗ man nach dem Engliſchen der Mrs. S. H. Burney. ——