—.— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — ¹ Leih- und Feſebedingungen. ¹ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ rinenahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von i federn Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſpe den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet l weirh. 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betuzgr 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: )—— ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Indem ich bemerke, daß die Scene des folgenden Gedichtes Irland iſt, ſo ent⸗ haͤlt dieſes zugleich den Grund und die Entſchuldigung meiner Zueignung dieſes Werkchens an Sie. Taͤuſchen Sie ſich jedoch nicht, wenn Sie etwa vorausſetzen, daß ich damit bloß einen Beweis der Ach⸗ tung und Bewunderung fuͤr ein einziges Individuum beabſichtige. Verzeihen Sie meinen Verſtoß gegen die Galanterie, wenn ich den Wunſch geſtehe, dieſes unbedeutende — VI— Produkt als ein geringes Opfer allgemei⸗ nerer Verehrung darzubringen. Sie haben die ausgezeichnetſten Vorzuͤge Ihrer Lands⸗ maͤnninnen in der ſeltenen Gewalt Ihrer Schoͤnheit, welche weder von Nebenbuhle⸗ rinnen, noch von Maͤngeln weiß— in der Anmuth und Lebhaftigkeit Ihres Geiſtes und in den hoͤheren Eigenſchaften Ihres Herzens(jenes ewigen Quells reiner, war⸗ mer und edelmuͤthiger Gefuͤhle) vereinigt, und ich weiß, daß ich den Schoͤnheiten ei⸗ ner ganzen Nation huldige, wie die Be⸗ wunderer von Apelles Meiſterwerk, indem ich die Vollkommenheiten einer Einzi⸗ gen bewundere. Vorrede. Als dieſes Gedicht begonnen wurde, ge⸗ ſchah es in der Abſicht, einen Helden fuͤr daſſelbe zu waͤhlen, deſſen eigenthuͤmliches und romantiſches Schickſal mit einer ereig⸗ nißreichen Zeit in der Geſchichte eines uns verwandten Landes in Verbindung ſteht. Dieſen Vorſatz gab jedoch der Verfaſſer ſpaͤ⸗ terhin aus mehreren Gruͤnden auf, und vielleicht ſtehn auch jene unruhigen Zeiten der Gegenwart noch zu nahe, als daß we⸗ der das Individuum, noch die Verſchwoͤ⸗ — vII— rung, in welche daſſelbe verwickelt war, fuͤr den Gegenſtand eines Werkes der Fiktion ſich eigneten. Die Zeitperiode der Erzaͤhlung blieb da⸗ her unbeſtimmt; die Zurechnungsfaͤhigkeit des Helden wird durch ſeine Grundſaͤtze, welche die Uebertretung der Geſetze ſubjectiv motiviren, gemildert, und der Verfaſſer hat ſich beſtrebt, aus der poetiſchen, Erfindung das Intereſſe zu entwickeln, welches er zu⸗ erſt den Thatſachen zu entnehmen beab⸗ ſichtigte. O'Meill oder der RKebell. Erſter Geſang. Erſter Geſang. Inhal. Beſchreibung der Nacht und Landſchaft.— Der Zu⸗ ſtand des Landvolkes.— Aufruͤhreriſche Zuſammenkuͤnfte und Raubzuͤge.— Deren plöͤtzliches Aufhoͤren und der moͤgliche Grund dafuͤr.— Feſtlichkeiten bei Lord Ullin.— Seine Tochter Ellen und ihr Geliebter Desmond.— Trennung der Liebenden in Folge von Nachrichten, welche Desmond erhaͤlt.— Abſchieds⸗Scene im Garten.— Desmonds geheimnißvolles Verſchwinden.— Erneuerte Unthaten der Rebellen.— Marlow wird ein Anbeter Ellens.— Die Inſchrift an Ullin's Thor.— ullin's Gruͤnde, die Bewerbungen Marlow's zu beguͤnſtigen.— Ellens abgedrungene Einwilligung und nachtheilige Fol⸗ gen fuͤr ihre Geſundheit. I. Stiu war die Luft; nicht eine Wolk umhuͤll Im weiten Himmelsraum der Sterne Zahl, 1* — Des Juni holde Pflanzenwelt erfuͤllt Mit ſuͤßen Wohlgeruͤchen Berg und Thal; Die ſtillſte Nacht, von Mondesglanz erhellt, Schwebt wie ein Geiſt durch jenes ſchoͤne Land, O! waͤr' uns doch auch fuͤr die inn're Welt Der Zauber in der Außenwelt bekannt. Wie er verlor'ne Ruh' uns wiederbringt, Sei's in der Sterne mildem, heitrem Licht, Sei's, wo der Bach durch Waldes⸗Dickicht dringt, Und ſich die Waſſer⸗Nymphe Kraͤnze flicht.— Hienieden iſt nicht Alles Heil, wie dort, In ird'ſcher Liebe endet reine ſich— Fuͤhrt uns ſelbſt des Propheten Wagen fort Nach oben— wenn der Koͤrper nicht erblich, So bleibt ſelbſt da noch irdiſch unſer Herz, Verwandelnd Licht in Dunkel, Freud' in Schmerz. 2. „ So manche Huͤtte liegt in jenem Thal, Wo Laͤſt'rung flucht und Hunger ſchreit nach Brod, Hier ſtellt Nothwendigkeit die ſtrenge Wahl, — 5— Die Hoffnung ſelbſt bleibt dem Leibeignen todt, Nachdenken malt ihm ſeines Schickſals Bild, Und in der Arbeit ſieht er nur die Qual; Weil er gezaͤhmt nicht wurde, bleibt er wild, Und die Verzweiflung mehrt der Kinder Zahl, Bis ſtille Wuth in Wahnſinn uͤbergeht, Er raubt die Gabe, die er ſonſt erfleht. 3. Der Mangel bindet ihn an ſein Geſchlecht, Doch nur des Blutes Banden kennt ſein Herz, Weil das Geſetz ihm goͤnnt kein andres Recht, Als Ruh' im Grabe nach des Lebens Schmerz. Es ſammelt ſich, dem Lande harter Fluch, r. Die rohe Bande, ungeordnet zwar, Doch wenn die Stunde der Vergeltung ſchlug, Dann waren ſie die Helden der Gefahr; Des Kampfes Luſt iſt auch ſein einz'ger Lohn, od, Wenn von des Lebens Qual erloͤſ't der Tod, Und nur gewinnen kann der Schande Sohn, — 6— Wenn ihm der Glaube ſchon Vergebung bot.— Das gleiche Loos und ſtrenger Eid verband Zu gleicher Schuld, die im Wetteifer wuchs,— Wo ſich der Sklave ſonſt im Staube wand, Da fuͤhlt man jetzt die Folgen ſeines Fluchs. Die Schlange kriecht, doch ſtraft ihr gift'ger Zahn, Des Unterdruͤckers uͤbermuͤth'gen Wahn. 4. Die Bande ſammelt ſich, wo in dem Thal Die alte Sage ſingt von jedem Ort, Dort feiern ſie das naͤchtlich rohe Mahl, Auf das Verwuͤſtung folgt und Raub und Mord. Des Rechtes ſpotten ſie, das ſie verfehlt, Das ſie nicht ſchreckt, weil es nicht auch ſie ſchuͤtzt, Und wenn Beſtechung ſtatt Gewalt es waͤhlt, So lehrt Erfahrung, daß auch ſie nicht nuͤtzt, Wenn auch der Hauptmann, deſſen wildem Sinn Die Herrſchaft wurde nach der Thaten Maaß, Sich dem Verrath darbietet als Gewinn, Fuͤr den oft beſſ'rer Glaube ſich vergaß; Doch ſeit Verrath ſich bruͤſtet im Palaſt, Iſt er in Huͤtten nur ein ſeltner Gaſt.— 5. Seit Kurzem ruhte das Verbrechen aus, Daß des Geſetzes froher Spaͤher glaubt, Verzweiflung fordre ihn nicht mehr heraus, Und Feſte nur und Jubel ſich erlaubt; Der Reiche auch vergißt in traͤger Ruh Der Schlange, die im Dunkeln ſinnt auf Mord, Die Zeit bringt zechend er und ſchlafend zu, . Wie es geziemet einem britt'ſchen Lord. Nicht mehr erblickt mit angſterfuͤllter Bruſt “ Das Maͤdchen jetzt des Weſten Liebesſtern, Es gruͤßet ihn mit ungetruͤbter Luſt, Was ſonſt es fuͤrchtete, glaubt es ſich fern. n Kein wilder Boͤſewicht ſchleicht mehr im Wald, Und was die Liebe giebt, raubt nicht Gewalt. 6. Vergebens muͤhte ſich der Scharfſinn ab Zu finden dieſes Waffenſtillſtands Grund, Indeß die Richter, die die Wahl nicht gab, Der alten Satzung Wahrheit machten kund, Der gruͤnen Inſel Herrſchern ſchien es Pflicht, Zu heilen Wunden, die der Vorfahr ſchlug, Und ihrem hellern Blick entging es nicht, Daß das Geſetz der Knechtſchaft Farben trug. Vielleicht auch dachten ſie, es ſei erlaubt, Dem Himmel ſich zu nah'n auf anderm Pfad, Und daß der Menſch nicht gilt nur, was er glaubt, Daß auch ſein Werth beſtimmt wird durch die That, Daß heiliger der Glaube nicht kann ſein, Der Millionen ſich zum Opfer weiht, Und daß Religion ein leerer Schein, Wenn ſie der Unterdruͤckung Huͤlfe beut. Es ging der Inſel auf ein Hoffnungsſtern, Dem Un8gluͤck ſelbſt lockt er ein Laͤcheln ab, Das willige Geruͤcht vergroͤßert gern, Wenn es dem Elend beſſ're Zukunft gab. Leicht ward der Sinn, und freud'ger der Will⸗ komm! Den man dem Nachbar wie dem Fremden bot, Deshalb vielleicht ward auch der Boͤſe fromm, Und jede Nacht ſah nicht mehr Raub und Tod; Denn nur das Ungluͤck freut ſich ſchwarzer That, Und findet ſelbſt in ihr den ſtolzen Lohn, Der Ausgeſtoß'ne irrt auf wildem Pfad, Doch es bekehrt die Hoffnung ihren Sohn. Wie der Ungluͤcklichſte am Kuͤhnſten wagt, 2 Und die Verzweiflung das Verbrechen zeugt, ie So ſchnell auch, wenn die goldne Hoffnung tagt, Der Leidenſchaften grauſes Heer entfleucht.— Dem Himmel faͤllt die Erde wieder heim, Und es gedeiht der edlen Liebe Keim. 7. Die Freude flog von Huͤtte zu Palaſt, Und ſie verſammelt in dem hellen Saal, 1** — 10— Was Schoͤnheit ſchmuͤckt— und ſelbſt der Groͤße Laſt Wird wieder neidenswerth fuͤr eig'ne Wahl. So gaſtfrei wie ſein Land iſt Ullin's Feſt, Des Weines Alter leiht den Engels⸗Flug, Der ſchnell und leicht das Leben brauſen laͤßt, Und jeden Sinn umſpielt mit holdem Trug; Der Jugend wallend Blut draͤngt ſchon zum Tanz, Zu dem Muſik mit ſuͤßen Toͤnen ruft, Der Frohſinn windet ſeinen bunten Kranz, Und jede Sorge findet ihre Gruft. Lord Ullin's Tochter war die ſchoͤne Braut Von Desmond, dem der Jungfrau zarter Sinn Der reinſten Liebe Altar laͤngſt erbaut, In treuer Unſchuld gab ſie ihm ſich hin.— Auch in ihr Ohr drang jetzt der ſuͤße Ton, Der ſchoͤner jedes Maͤdchens Wange ſchmuͤckt, Es warb das Auge um der Liebe Lohn, In das die Liebe mit Entzuͤcken blickt, Denn wie ein Stern lockt es in ſeinen Strahl, — 11— Deß' Glanz verkuͤndet eine beſſere Welt, uUnd folgt der Blick beſeligt ſeiner Wahl, Daß ihn das Irdiſche kaum laͤnger haͤlt, So ſaugt er, wie aus heil'gem, klaren Born, Der Tugend Reinheit in das kranke Herz, Er pfluͤckt die Roſe ohne ihren Dorn, Und irdſche Leidenſchaft entflieht und Schmerz.— Wenn Ullin's Tochter Sorge nie genaht, So hatte ſie doch willig ſie geſucht; Und wie das Licht auf des Begluͤckens Pfad, Mit ſeinem Strahl oft Hoͤhlen ſelbſt beſucht; So kannte ſie der Huͤtten Thraͤnen auch, Der Armuth Weh, des Landes große Noth, Des Kampfs und der Verzweiflung wilden Brauch, Und den Beduͤrft'gen gab ſie mehr als Brod, Dem Ungluͤck Troſt, der Schuld des Glaubens Gluͤck, Sie ſegnet Alles, wie des Engels Blick. 8. Es gattet ſanfte Schwermuth ſich der Macht, Die ihre tadelloſe Schoͤnheit uͤbt, 7 — 12— Der Eindruck, den das herbe Leiden macht, Hat ihr das helle Auge oft getruͤbt. Dem Faatterſinn blieb fremd das ſanfte Herz, Und ſolchen Thron waͤhlt ſich die Liebe gern, Denn Schoͤnheit waͤchſt durch mitempfund'nen Schmerz, Dies bildet ihres Weſens Frucht und Kern; Und dieſer Altar traͤgt der Ketten viel, Die willig ihm die Liebe hat gebracht, Es wird das Leben Eines Wunſches Ziel, Und dieſer Traum erfuͤllet Tag und Nacht. Doch iſt nicht gluͤcklicher das leichte Herz, Das von der Blume zu der Blume ſchwaͤrmt, Als das nur Eine kennt, in ſuͤßem Schmerz Anbetet— hofft und— ſich zu Tode haͤrmt?— Wohl gluͤcklicher mag's fuͤr dies Leben ſein, Doch wahre Liebe weiht fuͤr jenes ein. 9. Und auch ſie liebte, wie ſie ward geliebt— Die Wange gluͤhte, wenn ſein Auge blitzt, — 13— Wenn Eiferſucht die Wonne wohl getruͤbt, So iſt's ein Dorn nur, der die Roſe ſchuͤtzt. Man warf ihm vor, er habe oft die Treu Verletzt, bis ihm ihr holdes Bild erſchien, Und der gebroch'ne Schwur ſei ihm nicht neu, Den Maͤnner ſich als eig'nes Recht verliehn. Doch wenig wußte die geſchwaͤtz'ge Welt Von ſeiner erſten wilden Jugendzeit, Und daß der Vorfahr'n Spruch gefangen haͤlt Der gruͤnen Inſel Recht in alter Zeit. Dies kuͤndete der alten Burgen Zahl, Die ſich als Chronik hat die Zeit gewaͤhlt, Daß die Ruine noch als feſtes Maal Des koͤniglichen Stammes Macht erzaͤhlt. Einſam und vaterlos von Kindheit an, Blieb offen er des Eindrucks erſter Macht. Die Glut, die wild ihm durch die Adern rann, Ward mehr noch durch Erinn'rung angefacht. Er lebte, wo der erſte Knabentraum Ein wahres Paradies im Geiſte ſieht, Und wo des reifern Alters Weisheit kaum — 112— Der ſchoͤnen Maͤhrchen Wahrheit ſich entzieht.— Wo Bard' und Krieger ruhen unter'm Gras, Wo Geiſterſtimme aus dem Nebel ſchallt, Wo noch im Tode wirken Lieb' und Haß, Und ſelbſt der Leichnam lebt, wenn er auch kalt. Durch ſeine Vorfahr'n ward das Reich regiert, a Oſſian's Harfe an den Ufern toͤnt, Noch eh' der Normann, als ob's ihm gebuͤhrt, Durch Macht und Jahre an ſein Recht gewoͤhnt. Und Ruhmgedanken aus der alten Zeit Entzuͤndeten des edlen Stammes Blut, Ergreifen will er, was das Gluͤck ihm beut, Um zu erobern das verlorne Gut, Das Vaterland vom harten Druck befrei'n, Dem innern Zwiſte kraͤft'gen Einhalt thun, Den hoͤchſten Zwecken Gut und Leben weih'n, Und vor erreichtem Ziele nicht mehr ruh'n; Wo er des Strebens Kranz zu finden glaubt— Dies war der Hoffnung truͤgeriſcher Stern, Der immer mehr ihm Ruh' und Frohſinn raubt, Denn immer blieb er ihm in gleicher Fern! Und wen ſo grauſam hat ſein Wahn getaͤuſcht, Wem nie der Ehre Lorbeer wurde gruͤn, Weß' edlen Sinn das Heimathland zerfleiſcht, Wird der nicht willig in die Fremde ziehn, Um dort zu bergen das gedruͤckte Herz, Und auszuweinen den gerechten Schmerz? 10. Die Jahre floh'n— ein jeder Geiſt ruft wohl Die Zeit zuruͤck, da ſeine Stunde ſchlug, Und Jeder kennt des Daſeins feſten Pol, Wo er die Wahl des Schickſals in ſich trug, Unſcheinbar oft, fuͤhlt er doch den Moment, Und weiß, daß er dem Leben Farbe leiht, Ol gluͤcklich, wer den Wendepunkt erkennt, Wo ſich das Ungluͤck an den Gluͤcksſtern reiht. Das Buch der Zeit liegt offen vor uns da, Doch nimmer goͤnnt ſie uns den Weg zuruͤck, Die Wahl iſt unſer; was durch ſie geſchah, Entſcheidet unerbittlich das Geſchick; In einer Stunde liegt die Ewigkeit. — 16— Wir treiben fort, was auch die Stunde gab, Zum Thron— zum Blutgeruͤſt— zur Seligkeit, Zu Ruhm und Schande, und zuletzt— zum Grab. Doch wo wird enden der Beſtimmung Loos? Verfallen wir dem ird'ſchen Tode bloß? 1I. Die Jahre floh'n— der Wandrer kehrt zuruͤck, Und Freude winkt ihm in der Heimath ſchon, Suͤß war dem Mann des Vaterlandes Gluͤck, Es war der Knabentraͤume ſchoͤnſter Lohn. Beliebt bei Allen, ſtand er nicht allein, Nicht wie ein Lara, nur gefuͤrchtet bloß, Die Herzen, die er liebte, waren ſein, Und durch die Liebe nur fuͤhlt er ſich groß. Sanft war ſein Antlitz, freundlich war ſein Blick, Und leicht ſein Fuß im ſchnellen Wechſeltanz, Und Alles ſpiegelt einen Geiſt zuruͤck, Der Edles will und kann, weil er— es muß. Und jener Zauber, der ſelbſt unbewußt 17 Das, was er will, in ſeine Kreiſe zieht, it, Theilnahme weckt in jeder fremden Bruſt, im In friſcher Anmuth unverwelklich bluͤht; Er war ſein eigen, und das Selbſtgefuͤhl Blickt nur aus hoher Haltung und dem Ton, Den er verwandelt wie im leichten Spiel, Daß er der Liebe und der Herrſchaft Sohn. Mit dieſen Ketten feſſelt Herzen er, k, Wie Amors Bande waren ſie nicht ſchwer. 12. Und wie des Mannes ſchoͤnſte Bildung ſich Der Griechen Kunſt gedacht und dargeſtellt, Dem Ideal Lord Desmond's Auß'res glich, Wie es der Anmuth und der Kraft gefaͤllt. Der reinen Formen Einklang deutet an lick, Die inn're, nie geſtoͤrte Harmonie, Doch was im Blick oft ſagt der kuͤhne Mann, Verraͤth der Mund, wenn Schweigen ziemet, ß. nie.— Oft flammt ſein Auge der Erinn'rung auf, — 18— Doch feſte Ruhe zaͤhmt den wilden Geiſt, Laͤßt er auch den Gedanken freien Lauf, So wiſſen Wen'ge, was im Innern kreiſt. Wenn auch gewohnt, was heilig ſtets ihm bleibt, Geſchmaͤht⸗zu hoͤren und verwuͤnſcht ſogar, Wenn, wie der Spott mit Ungluͤck oft es treibt, Sein feiges Ziel das Land der Vaͤter war; Doch woͤlkt die Stirne ſelten Leidenſchaft, Noch zeigt Entruͤſtung er in Wort und Blick, Und wer ihn fruͤher ſah in wilder Kraft, Glaubt, wie er ſcheint, ihn kalt fuͤr ſein Geſchick, Vielleicht mit Recht!— mit jedem Jahre loͤſt Ein Blatt ſich von des Herzens Bluͤthen ab, Der Jugend roſge, goldne Traͤume ſtoͤßt Mit kalter Hand das Leben in ihr Grab. Die liebſten Wuͤnſche ſterben in der Bruſt, Die Hochgedanken welken in dem Hirn, Der Glanz der Tugend ſchwindet unbewußt, Hart wird das Herz und eiſern wird die Stirn; Die feſte Stuͤtze in uns ſelbſt giebt nach, Dem Allgemeinen ſchließen wir uns an, — 19— Weil aͤuß'rer Anklang unſerm Sinn gebrach, Und ſo verfaͤllt dem Poͤbel mancher— Mann. Die zahme Sitte zwaͤngt ihn endlich ein, Dem großen, leeren Haufen wird er gleich, Denn abgeſchloſſen will das Hoͤchſte ſein, Klein iſt, doch auserwaͤhlt, des Edlen Reich. Wer ihm nicht treu bleibt, traͤgt die eig'ne Schuld, Die Welt zog ihn hernieder, und— er ſinkt. Das Himmliſche gewaͤhrt nur ſeine Huld Dem Sieger, der ausdauernd es erringt. Je mehr jedoch der Geiſt ſich abwaͤrts kehrt, Um ſo viel ſtumpfer wird die inn're Kraft, Geluͤbde, die der Juͤngling willig ſchwoͤrt, Sind bald dem Manne eitle Leidenſchaft; Mit jedem Tage wendet ſich der Geiſt Von Allem mehr ab, dem er ſonſt geneigt, Bis er zuletzt ſich uͤbergluͤcklich preiſt, Wenn milder ſich des Todes Senſe zeigt. Er ſinkt in's Grab und klammert ſich noch an, Und weiß nicht mehr, daß er einſt war— ein Mann. — 20— 13. Lord Desmond's Geiſt blieb, wenn er fruͤher auch So manches Herz und manch Geluͤbde brach, Wenn er ſelbſt huldigte der Zeiten Brauch, Dem feſten Willen treu, der in ihm lagz Und wenn die Liebe je geſprochen wahr, Wenn ſie der Treue Eide nie verletzt, Wenn ihre Zeichen deutlich ſind und klar, 3 So muß den heil'gen Schwur er halten jetzt. Der Lippen Stammeln und der Augen Glut, Sie zeigen, was ihm tief im Herzen ruht. 14. Doch weſſen finſtrer Blick durchbohret ihn, Und forſchet lauernd ſeine Zuͤge aus?— Ein roher, unbekannter Gaſt erſchien, Geeignet nicht fuͤr feiner Bildung Haus. Er achtet's nicht, daß uͤber ihn man ſtaunt, Und daß den Ungebet'nen Niemand kennt, Daß man ſich fluͤſternd in die Ohren raunt, — 21— Und Keiner iſt, der ſeinen Namen nennt. Langſam naht er ſich Desmond— ſtarr ſein Blick Und roh ſein Gruß— darauf ein Schreiben nahm Er aus dem Buſen, gab's und trat zuruͤck, In kaltem, duͤſterm Schweigen, wie er kam. Desmond entfaͤrbte ſich, als er den Brief Durchlief mit irrem und getruͤbtem Blick, Daß jede Leidenſchaft, die in ihm ſchlief, Der Zuͤge reges Spiel treu wirft zuruͤck. Und als er ausgeleſen, kam ein Geiſt Der Finſterniß und Ahnung uͤber ihn, Wie wenn des Frohſinn's bunter Kranz zerreißt, Und ſchwere Wolken ſich zuſammenziehn.— Drauf langſam naͤhert er Lord Ullin ſich, Der uͤber jener Botſchaft Inhalt ſinnt: „Von Cromla Nachricht, daß aus England mich „Beſuch erwartet, eh' der Tag beginnt. „Gleich muß ich fort; es traͤgt mein ſchnellſtes Pferd „Nach Cromla mich noch vor dem Morgenroth. „Die fremde Huͤlfe wird uns nicht gewaͤhrt, „Und Hoffnung ſchwand, die ſich dem Lande bot, „Der Rettung Stern war nur ein Metoeor, „Und Erin's Nacht bleibt dunkel, wie zuvor.“— 15. Des alten Chefs Erwidrung hoͤrt er nicht, Begegnend Ellens ahnungsvollem Blick, Der Troſt ſich ſucht in ſeiner Augen Licht, Erſchrocken aber wieder kehrt zuruͤck.— Er naht ſich ihr, und ſagt ihr ſtammelnd nun, Was ihm die finſtre Botſchaft hat gebracht, In ihren Wimpern ſieht er Thraͤnen ruhn, Und ihren Blick umſchattet dunkle Nacht; Er fluͤſtert leiſe ihr die Hoffnung zu, In ungeſtoͤrtem Abſchied ſie zu ſehn, Drauf heuchelt er die angewoͤhnte Ruh, Und mit dem Fremden ſieht man ſchnell ihn gehn; Beachtend Niemand, ſchweigend, wie er kam, Entfernt ſich Jener, der kaum Abſchied nahm. t, ihn 23 16. Sie hoͤrte nicht, ſie fuͤhlte ſeinen Schritt, Und folgte ihm mit angſterfuͤlltem Sinn, Und wenn auch Scheu mit reiner Liebe ſtritt, So zog ſie's doch unwiderſtehlich hin; Und in den Garten tritt ſie durch das Thor, Den er beſtimmte als der Trennung Ort, Und lauſchend horcht ihr aufmerkſames Ohr, Auf des Geliebten langerſehntes Wort. Der Mond ſchien durch der Zweige dichtes Gruͤn, Der Boden ſaugt erfriſcht den Morgenthau, Lebhafter wird die Blume bald erbluͤh'n, Sobald der Sonne Strahl beſcheint die Au'; Des Baches Rauſchen und der Voͤgel Sang, Das liebliche Aufathmen der Natur, Erweckend der Gefuͤhle innern Drang, Laͤßt ſie gedenken des Geliebten nur. Sie eilte fort, und ſah und hoͤrte nichts, Nur ein Gedanke fuͤllt ihr Geiſt und Herz, Und riefen die Poſaunen des Gerichts, — 24— Sie wuͤrde fuͤhlen nichts als ihren Schmerz, Wie, wen der Schatten eines Traumes plagt, Blind iſt dem Lichtſtrahl, wenn es auch ſchon tagt. 17. Lord Desmond lehnt an einem alten Baum, Feſt wie ein Steinbild, und das Auge blickt( Starr in den Himmel, daß das Leben kaum 4 Noch aus ihm ſpricht, und ſeine Braut erſchrickt. „Ach,“ ſagte Ellen,„weshalb ſcheiden wir?— „Mußt Du ſo ſchnell zuruͤck zum Vaterhaus?— „Sonſt gabſt Du Troſt bei kurzer Trennung mir; „Wie lange bleibt mein lieber Wandrer aus?— „Nichts Gutes deutet dieſes Schweigen an; „O! ſprich die Wahrheit, wenn das Herz auch bricht,„ „Doch nein! verbirg ſie, daß ich glauben kann, „Nicht was Dein Auge, was Dein Mund mir ſpricht.“— 9! Theure,“ ſagt er,„nie, ſeit Dich mein Herz ir rz „Gefunden, um zu bleiben ewig Dein, „Fuͤhlt ich beim Scheiden dieſen bittern Schmerz; „Und Du verlangſt, ich ſelbſt ſoll ruhig ſein?“— Bei dieſen Worten hob von ſeiner Bruſt Sie thraͤnenfeucht das ſanfte Aug' empor, Und Beider Blicke ſchworen unbewußt, Was oft bewußt ſchon Herz und Lippe ſchwor.— Es ſcheint im Uebermaß des Ungluͤcks oft, Als dulde fuͤhllos, wer es tragen muß, Weil ſtets der Geiſt die beſſre Zukunft hofft Und wen'ger ſchaͤtzt der Gegenwart Genuß; Unſchaͤtzbar dieſe Wahrheit, die beweiſt Gewißheit der Unſterblichkeit dem Geiſt. 18. „Ich bin,“ ſprach Desmond,„was ich ſcheine, nicht, „Zum Mind/ſten nicht, ſo wie die Welt es glaubt, „Auch reizt mich nimmer, was die Menge ſpricht, „Wenn ſie ihr Urtheil vorlaut ſich erlaubt.— „Wer ſteigt auf Berge, wo der Adler wohnt? „Wer holt die luftigen Gedanken ein? 2 „Nur Eines kenn' ich, was im Herzen thront, „Hier wird die Liebe ewig herrſchend ſein. „Doch im Gehirn wohnt mir ein duͤſtrer Geiſt, „Der mich entfernt haͤlt von der Freude Mahl, „Und Alles, was die Menge gluͤcklich preiſt, „War nimmer Gegenſtand der eignen Wahl. „Oft ruft mir eine Stimme aus der Luft, „Bevoͤlkert ſcheint ſie mit Daͤmonen mir; „Die Erde zeigt mir nichts als Tod und Gruft, „Daß ich ſie liebe, danke ich nur— Dir. „Doch Schrecken auch ertrag' ich— und mein 3 Geiſt „Erwartet ruhig, was die Zukunft bringt; „Da meines Strebens hohes Ziel verheißt, „Daß mein Geſchick das Vaterland umſchlingt; „Wenn ich mit Wuͤrfeln ſpiele, deren Fall „Aufbauen kann, was mehr iſt werth, als ich, „Dann iſt Bewußtſein mir der feſte Wall, „Und wie ich ende, end' ich ritterlich. „Nun ſtill davon! ſeh'n wir uns hier nicht mehr, „Doch bleib' ich ſtets, wie ich geweſen, Dein!— ruft, mein gt; mehr, n!— — 22— „Und wenn das Leben auch mich pruͤfte ſchwer, „Wenn Suͤnde ſelbſt befleckt, was bisher rein, „Wenn falſch der Freund, die Wahrheit untreu wirdz „Den Kelch der Leiden leer' ich dennoch nicht, „Denn nimmer hab' ich mich in Dir geirrt. „Noch lebt Erinn'rung, wenn dies Auge bricht.— „Und wenn das erſte Zeichen, das von Dir „Ich immer trage, einſt Dir wiederkehrt, „Dann brach, wie es, mein Herz, und nimmer hier, „Iſt mir des Wiederſehens Gluͤck gewaͤhrt. „Des Lebens Rolle iſt dann ausgeſpielt, „Doch ewig bleibt, was ich fuͤr Dich gefuͤhlt.“— 19. Feſt ſchloß er die Geliebte an die Bruſt, Und Jahre lagen in der Spanne Zeit, Hoffnung und Furcht, gemiſcht mit Freud und Luſt, Und alle Farben, die das Leben beut.— Der Sonne erſter, milder Strahl erſcheint, Als Lippe noch an Lippe feurig bebt; — 28 ꝛ— Selene ſah nur ſolche Treu vereint, Als ſie noch uͤber Latmos Huͤgel ſchwebt. So jung noch waren ſie, und auch ſo ſchoͤn, Und ihre Neigung ſpricht ſo rein und wahr; Darf Niemand gluͤcklich treue Liebe ſehn? Und droht ſtets unter Bluͤthen die Gefahr? Und giebt es keine Freude ohne Schmerz, Warum giebt's nicht auch Lethe fuͤr das Herz? 20. Die Zeit entfloh— er kam nicht, doch der Tag, Der ihn verbinden ſollte ſeiner Braut— Doch wo iſt Feſtlichkeit und Tanz?— wer mag Ihr Kraͤnze winden, die ſo traurig ſchaut?— Lord Desmond war verſchwunden, und es ſtrebt Vergeblich aufzuhellen, wer ihn ehrt, Den Schleier, der ſein dunkles Schickſal webt, Da ohne Spur die Forſchung wiederkehrt. Die wilden Zeiten kehrten auch zuruͤck, Von Waffen traͤumt man nur, von Mord und Blut, 74—— und — 29— Und als der Schein verſchwand von Erin's Gluͤck, Gewannen Raub und Pluͤnd'rung neuen Muth. Die rothe Flamme wuͤthet in der Nacht, Was ſie verſchont, wird kalt durch Stahl gemacht. 21. Doch der Verlorne kam nicht— und es ſchwand Hoffnung und Forſchen ſeiner Treuen ſchon, Und es bewarb ſich Marlow um die Hand Der Braut, da Geld und Gut der Minne Lohn; Der Vater ſorgt, daß in der Jahre Flucht, Verlaſſen einſt die Tochter ſtehen muß, Und was er ſelbſt ſich zu verbergen ſucht, Die Furcht auch noch bewegt ihn zum Entſchluß⸗ Denn kuͤhne Hand, die Trotz dem Waͤchter bot, Schrieb dreimal auf dem Thor die Worte an: „Bedenke wohl, Lord Ullin, dies Gebot, „Marlow ſei nimmer Deiner Tochter Mann; „Doch wird ſie's oder eines Andern Braut, „So wird der ſchnoͤde Bund ſofort geloͤſ't;— „Dieſelbe Stunde eine That dann ſchaut, — 30— „Wodurch die Braut vom Braͤut'gam wird erloͤßt; un „Doch, wenn ſich Deine Tochter je vermaͤhlt, Lie „So ſei zum Gatten unſer Chef gewaͤhlt!“— D D 22. d. Verwerflich ſchienen dieſe Worte zwar, De Allein Lord Ullin wurde alt und ſchwach, W Und er erblickt Geſpenſter der Gefahr, So Dem ſonſt es nicht an kuͤhnem Muth gebrach. Er ſchien zu ſpotten nur des leeren Droh'ns, Doch im Geheim haͤrmt er und graͤmt ſich abz— Er ſtarb— nicht ſah er mehr die Frucht des Hohns Und alle ſeine Sorgen deckt das Grab; Nachdem er Ellens abgeneigtes Ohr, Bewegt, daß ſie den Braͤutigam erkor. 23. Wer fuͤhlte nicht der Ueberredung Kraft, Wie ſie tyranniſch das Gemuͤth regiert? Im eignen Willen ſchnellen Wechſel ſchafft, Und uns zu ganz verſchied'nem Ziele fuͤhrt?— öͤſt; — 31— Und wer kann widerſtehn, wenn, was die Welt Liebes und Theures fuͤr uns in ſich ſchließt, Die Wahl fuͤr unſer Heil zutraͤglich haͤlt, Die es nach eigner Einſicht ſich erkieſt?— Den Worten zwar entgeh'n wir; doch der Blick, Der Ton, der aus dem innern Herzen kommt, Wer reißt hartherzig ihn wohl je zuruͤck, Selbſt im Bewußtſein, daß es nimmer frommt?— Auch Ellens Widerſtreben uͤberwand Die Nuͤckſicht fuͤr des Vaters ſanftes Wort— Der Einz'ge, der ſie an dies Leben band, War vielleicht ſchon— wohin ſie folgte— dort. Dies war ihr Troſt— und die Geſundheit brach, Sie welkte hin— die Wange wurde bleich, Wenn ſie auch laͤchelnd mit dem Vater ſprach, Doch blieb das Auge ſtarr und thraͤnenreich;— War ſie allein, ſo ſaß ſie Stunden lang uUnd dachte an das letzte Morgenroth, Schwerfaͤllig war der fruͤher leichte Gang, Nachts traͤumte ſie von Wiederſehn und— Tod. Nichts fuͤhlte ſie, wenn weiter der Termin — 32— Des neuen Bundes ward hinausgeſetzt, Nicht Schaam ſah man die Wangen uͤberziehn, Wie ſie der Mann an der Verlobten ſchaͤtzt. Sie wuͤnſchte nur, daß ihrer Lieb' und Treu Ein bald'ger Tod der Schutz und Retter ſei. Oneill oder der RKebell. Zweiter Geſang. Zweiter Geſang. Inhals. Zwielicht.— Die Thurm⸗Ruine.— Eintritt des Frem⸗ den.— Beſchreibung des Innern.— Die verborgenen Eingaͤnge.— Verſammlungsort der Rebellen.— ONeill's Rede.— Beſchreibung der Wirkung, welche ſie hervor⸗ bringt.— Des Chefs Wohnſtube; ſeine Unterredung mit Normann.— Darlegung der Gruͤnde, welche O'Neill in dieſes Verhaͤltniß gebracht.— Beſchreibung der Nacht und die Erſcheinung des Geiſtes ſeiner Mutter.— Die Erinnerungen aus der Kindheit.— Vergleichung des Geiſtes mit dem Element des Feuers. 1. Der Abend naht— und Zwielicht deckt das Moor, Deß todtes Grau ſich in die Ferne dehnt, Und weder Gras, noch Blume ſproßt empor, Die mit der ſtillen Einſamkeit verſoͤhnt— ( 8 8 2 8 79 704 S 22—8 88 72 8 r, — 3656— Ein alter Thurm nur zeugt, daß einſt auch hier, Der Menſch die oͤde Heimath ſich gewann, Vielleicht auch, daß ſich Raubes wilde Gier In unfruchtbarer Wuͤſte baute an.— Woher auch die Ruine ſtammen mag, Jetzt war ſie ein unheimlich, ſtarres Bild, Die, wenn des Abends Schleier auf ihr lag, Den Wanderer mit Grauſen ſtets erfuͤllt; Nur gift'ge Pflanzen wuchern im Geſtein, Wie es der Zeiten Zahn hat abgenagt, Das Innre flieht der helle Tagesſchein, In es zu dringen, nur der Frevel wagt.— Und Alles war ſo ſtill und ſchauerlich, Daß Angſt und Schreck das bange Herz beſchlich. 2. Und Leben zu begruͤßen an dem Ort, Wuͤnſcht, wer Genoſſe noch des Lebens war, Wen aus der Menſchen Mitte nicht trieb fort Verzweiflung in die Schrecken der Gefahr; Doch jener Mann, der finſter ſchleicht herbei, — 36— Der ſich mit ſchnellem, leiſem Schritte naht, In Deß Bild einſamer macht die Wuͤſtenei, Ke Scheint nicht zu wandeln auf des Lichtes Pfad. M Sein Anblick ſchreckt, wie, wenn im wilden Traum Di Uns ploͤtzlich ein Geſpenſt erſchaudern laͤßt, Un Daß wir auffahren, und der Geiſt ſich kaum De Bewußt noch, daß das Ird'ſche ihn haͤlt feſt; No Doch nicht nach oben zog des Geiſtes Flug, Her Tief ſank er nieder in des Todes Reich, Ein Daß, wenn Erinnerung zuruͤck ihn trug, Di Der Koͤrper ſtarr noch und die Wange bleich, De Und es begruͤßt des Herzens ſchnell rer Schlag Un Mit Wonne dann der Erde lichten Tag. Sc b b Und V 3. De Der Fremde naht dem Thurm' und ſchaut empor, Er Und ſpaͤhend lauſchet er auf einen Ton Du V Mit jener Spannung in Geſicht und Ohr Du Geheimniß deutend, oder Ungluͤcks Droh'n. Die Alles ſcheint ſicher;— in den alten Bau Scl Tritt er, und bald erreicht er ein Gemach, aum por, — 37.— In dem ſein Fuß vom Mooſe ſtreift den Thau; Kein Echo hallt die leiſen Schritte nach. Mit ſtarrem Auge hockt die Kroͤte hier, Durch's Eiſengitter fliegt die Fledermaus, Und das Gemaͤuer birgt noch manches Thier, Deß Anblick Abſcheu nur erweckt und Graus; Noch einmal ſchaut der Fremde um,— und ſchnell Hebt die verborg'ne Fallthuͤr er empor: Ein Strahl dringt ein und macht die Oede hell, Die ſich nur Finſterniß zum Sitz erkor. Der Wendeltreppe Stufen ſucht ſein Fuß, Und als die Fallthuͤr dumpf ſich wieder ſchließt, Schwand dem Gemach des Lichtſtrahls ſeltner Gruß, Und Alles war, wie vorher, todt und wuͤſt. Der Stufen Windung kennt ſein ſichrer Gang, Er ſteigt hinab, bis einer Lampe Schein Durch eine Thuͤre, halb geoͤffnet, drang; Durch ſie tritt er in ein Gewoͤlbe ein. Die Gruppe, die ſich hier dem Blicke beut, Scheint, wie der Ort, nur der Gefahr geweiht. 4. Die rohe Bande, wie Salpvator ſie Mit kuͤhnem Pinſel treu uns dargeſtellt, „ Und wie des Dichters kuͤhner Phantaſie Sie lebhaft uns zu malen oft gefaͤllt; Umlagert einen Tiſch, ſo plump als ſchwer, Den noch ein halbgenoß'nes Mahl bedeckt, Dazwiſchen lag manch Schwerdt und and're Wehr, Daß die Gefahr nicht unbewaffnet ſchreckt. Doch als der Fremde durch die Thuͤre tritt Und ihres Chefs bekannter Blick ſie gruͤßt, Verbreitet Freude in der Halle ſich, Die man in jedem wilden Antlitz lieſt; Ein lauter Willkomm' toͤnt aus jedem Mund, Daß das Gewoͤlbe vom Geſchrei erſchallt, Und der gefuͤllte Becher kreiſ't im Rund, Und Freude ſich in jedem Zuge malt, Der truͤben Lampe Schein erloͤſcht ſchon halb, Weil von der Toͤne Schwingung bebt die Luft, Und ungewiß wird jede Farb' und falb, Un Eir Er Und Der Er Der Von In Darg Und Wehr, dd, uft, 39 Und Leben fuͤhlt das Ohr, das Auge Gruft. Ein beſſ'rer Sitz war fuͤr den Chef bereit, Er nahm ihn ein, und Alles wurde ſtill, Und aufmerkſam Gehoͤr ein Jeder leiht; Denn ein Befehl iſt Allen, was er will. Er ſprach von Erin's ungluͤcklichem Loos, Der Nacht, die nur das Meteor erhellt, Von dem Geſetz, das ſich in Thraͤnen blos, In Ungerechtigkeit und Schreck gefaͤllt; Darauf, mit tiefem Ton und wildem Blick, Der Jedem drang in ſeiner Seele Mark, Rief er der Taͤuſchung Zeiten auch zuruͤck, Da ſie geduldet, als ſie waren ſtark.— Und ſeine Worte riefen Muth hervor, Daß ſchon ſein Opfer Mancher ſich erkor. 5. Die Leidenſchaft in ihrem kuͤhnen Drang Erfaßt ihn ſelbſt, je mehr der Rede Geiſt In ſtrebender Begeiſt'rung raſchen Gang Wie ſeine Hoͤrer, ihn auch mit ſich reißt: — 40— „Ja, ſtill ſaßt Ihr an Eurem heim'ſchen Heerd, „Die Kinder ſaht Ihr hungern, doch es blieb „In traͤger Scheide das ſonſt raſche Schwert, „Weil zur Geduld der Hoffnung Warten trieb; „Den letzten Schutz der Krankheit und des Tod's, „Das letzte Bett nahm Euch der Fremde fort, „Des Richters feiler Urtheilſpruch gebot's, „Doch Ihr gehorchtet des Geſetzes Wort; „Ihr hoͤrtet, wie der Kranke huͤlflos klagt, „Saht, wie dem Sterbenden man weigert Ruh, „und wie der reiche Fremde Alles wagt, „Doch ſtraflos blieb er— ruhig ſaht Ihr zu. „Der thatenloſe Trotz ertrug, was er „Vermag zu tragen— Ungluͤck und Gewalt, „Dem Mangel Trotz zu bieten iſt zwar ſchwer; „Doch hofftet Lind'rung Ihr und Rettung bald. „Bedraͤngt und finſter war Vergangenheit „Und ſchwuͤl und dunkel war die Gegenwart; „Doch teoͤſtete der beſſern Zukunft Zeit, „Ihr hofftet, und vergaßet, was Ihr war't. „Ihr murrtet nicht, und glaubtet, daß der Stern, —— „Der aufzugehen ſchien am Horizont, „Euch fuͤhren werde, wie aus weiter Fern „Nach Bethlehem einſt, wo Verheißung wohnt. „Ihr glaubtet, daß Gerechtigkeit noch nicht „Und Mitleid fuͤr des Armen traurig Loos rt,„Vergeſſen habe, was die Milde ſpricht, „Und trautet eigenem Bewußtſein blos. „Doch durften wir wohl hoffen, daß das Land, „Das ſtets Verbrechen mit dem Meineid paart, „Und mit dem Unrecht uns den Hohn geſandt, „Der Unterdruͤckung Mittel jemals ſpart? t Ruh, „Und wenn wir glaubten, daß die Tyrannei, „Wenn ſie der eignen Freiheit Gluͤck auch preiſt, alt,„Dem Unterdruͤckten nicht die Ketten neu hwerz„Stets ſchmiedet— und ſich gnaͤdig nie erweiſt, bald.„Dann kannten wir der Welt Beginnen ſchlecht, „Und uns geſchah, wie wir verdienten, Recht. art; 6. et.„Der Leiden Becher haben wir geleert, Stern,„Ja, ſelbſt gelitten jeden bittern Hohn; — 42— „Des Ungluͤcks Klagen blieben unerhoͤrt, „Und der Erob'rung Recht des Duldens Lohn; „Dies war das Loos, das Euch der Fremde bot, „Ihr habt's gefuͤhlt und trugt's— jetzt ſeid Ihr hier— „Schon Mancher brachte ſeinem Feinde Tod; „Erin's Erniedrigung nur raͤchen wir. „Bereu't es nicht, denn Euer Opfer war „Der engliſche Tyrann, der Henkersknecht, „Der feile Richter und der Sklaven Schar, „Die willig dienet dem verletzten Recht. „Fluch jedem Suͤnder, der das Unrecht wagt „Und ruhig ſchlaͤft, und Fluch der Tyrannei! „Fluch jedem Sklaven, der nur muthlos klagt, „Und willig duldet, vor der Rache ſcheu. „Doch der Vergeltung ſich're Stunde ſchlug, „Und nur das Schwert loͤſit den gerechten Fluch. 7. „In dieſer Nacht erneuern wir den Eid, „Der zur Vergeltung feſter uns vereint; Fluch. — 43ñ— „Nie band mit ſolchem Eifer ich, als heut⸗ „Euch durch Geluͤbde gegen unſern Feind. „Bei dem Gedaͤchtniß der erlittnen Schmach, „Des Mangels, der Euch lange ſchon gequaͤlt, „So manches Edlen, der in Ketten lag „Und andern Tod ſich, als den Strang, gewaͤhlt, „Bei dieſem Schwert, roth von Tyrannenblut, „Und dieſer Hand, die oft ſchon es vergoß, „Bei der Verzweiflung fieberhafter Glut, „Bei jeder Thraͤne, die dem Ungluͤck floß, „Bei allen heil'gen Banden der Natur „Ruf' ich Euch jetzt zu der Vergeltung Schwur!“ 8. Er ſchwieg— und Jeder ſpringt vom Sitz empor, Erhebt die rechte Hand, und jener Eid, Den ſich der wilden Rache Droh'n erkor, Die bange Lippe nachzuſprechen ſcheut, Erſchallt in des Gewoͤlbes weitem Raum, Und grauſe Worte bergen einen Sinn, Wie in norweg'ſcher Hexenhoͤle kaum — 44— Des Teufels Ohr ſie oft ſind ein Gewinn. Am Der Lampe duͤſt rer truͤber Schein erhoͤht An Der wilden Leidenſchaften finſt'res Bild, Und Und jedes Ungluͤck, das der Feind geſaͤ't, Der Der Rache Ruͤckblick nochmals ſich enthuͤllt;— Je Und als der grauſe Schwur geleiſtet war, Waͤ Erneuert ſich das unterbroch'ne Mahl, Und Keiner denkt an Kampf mehr und Gefahr, Die oͤde Zelle wird der Freude Saal, Doch Und mancher volle Becher wird geleert Sche Im duͤſtern Raum, den Bacchus ſelten ehrt. 9. Der Chef nimmt Theil an Lachen, Scherz und Luſt, Auch ſeiner Stimme heller Klang ertoͤnt, Der Herrſchaft Kuͤnſte war er ſich bewußt, Und wie die Menſchen man an ſie gewoͤhnt. Wohl wußt' er, daß der Suͤnde Ungluͤcksſaat Aufgeht durch Witz und zeitigt mit dem Scherz, Und Daß ſich durch Worte leiten laͤßt die That, Und daß den Kopf ſehr oft regiert das Herz. fahr, d Luſt, 4⁵ Am Mahle nahm er Theil mit leichtem Sinn, An Laune uͤberbot er jeden Gaſt, Und jeder Einfall war ihm ein Gewinn, Der des Humors vielſeitig Sein erfaßt, Je mehr der Becher in der Bande kreiſtt, Waͤchſt wilder Rache und der Thatkraft Geiſt. 10. Doch als es ſpaͤter wurde, und der Wein Schon manche ſchwere Zunge ſtammeln macht, Und mancher Fluch ertoͤnt, der Mark und Bein Durchbebt, und uͤber den der Teufel lacht, Erhebt der Chef mit ſeinem Nachbar ſich, Und Bacchus nun das Weitre uͤberlaͤßt. Gewohnt war er, daß er davon ſich ſchlich, Wenn ſeiner Huͤlfe leicht entbehrt das Feſt; Doch ſtets der Erſte in des Frohſinns Reih'n, Zog er die Freude in der Wiege groß Und naͤhrte ſie, bis Uebermuth und Wein Sie heim ließ fallen der Gemeinheit Loos; Denn des Gebieters Herrſchermacht entweicht, — 46— Wenn er der Menge Roheit an ſich ſchließt, Da dem Befehl' ſich nur die Bande beugt, Wenn eigne Selbſtbeherrſchung ihn verſuͤßt.— Auf einer Treppe, die noch ſteiler war, Als jene, die gefuͤhrt den Chef hinab, Steigt er hinan, und laͤßt die wilde Schar, Wohl wiſſend, daß die Luſt ſchon ſucht ihr Grab. Hoch auf dem Thurm betritt er ein Gemach Mit dem Begleiter, den er ſich erkor, Der Lampe Schein erhellt die Zelle ſchwach, In die das Licht ſich ſelten nur verlor: „Was giebt es Neues, Normann?“ fragt er ihn— „Zum Handeln, braver O' Neill, ſei bereit, „Der Rache dunkle Wolken ſeh' ich ziehn; „Denn der Vermaͤhlung Stunde iſt nicht weit, „Um Mitternacht, wie man berichtet, wird „Marlow“—„Schon gut, ich komme ihm zuvor, „In der Berechnung hat er ſich geirrt, „Erfahren ſoll's der uͤbermuͤth'ge Thor!— „Schon lange wuͤnſcht' ich dieſer Stunde Ruf, „Und doch— gruͤßt ſie mit jener Hoffnung nicht, 47 „Die eine beſſere Ahnung ſonſt mir ſchuf; Doch handeln will ich, was auch Kleinmuth ſpricht.“— uUnd finſt're Sorge deckt die hohe Stirn, Sein ſtarres Auge ſinnt, die Lippe bebt, Gewitter draͤut, wie wenn des Berges Firn Der ſturmgetrieb'nen Wolken Heer umſchwebt. „Die Mitternacht,“ ſprach er,„verſamm'le hier, „Wer von der Bande ſich bewaͤhrt zur That, „Die Kuͤhnſten und die Schlau'ſten waͤhl' ich mir, „Modred, der Spaͤher, folge unſerm Pfad, „Genau gieb Acht, wenn der Verrath ſich regt, „Und laß ihn ſterben ſchnellen, ſichern Tod, „Den er als eignes Recht ſchon in ſich traͤgt, „Wenn ihn Nothwendigkeit auch nicht gebot; „Leb' wohl bis dahin!“— und die Thuͤr von Stein Schließt wieder ſich, und O' Neill iſt allein. II. Und dies war jener Chef, deß Name ſchon Galt als des Schrecks und der Verwuͤſtung Bild, — 48— Als harter Unterdruͤckung ſchneller Lohn, Als der verfolgten Unſchuld ſich'res Schild; Und ſeine Macht vergroͤßert das Geruͤcht, Dem bange Furcht Gehoͤr und Glauben leih't. Und was am ſtillen Heerd die Sage ſpricht, Gleicht Wundern, wie das Maͤhrchen ſie uns beut; Der Knabe horcht, wie, wenn um Mitternacht Von grauer Vorwelt Thaten wird erzaͤhlt, Des bangen Dulders Kraft und Muth erwacht, Vergeltung ruft, und O'Neill wird ihr Held; Denn fuͤr die Rache war er ein Genoß, Wie ſelten ihn gebildet die Natur, Proteus Gewandtheit wurde ihm zum Loos, Und ſeine Feinde taͤuſcht ſtets ſeine Spur; Kalt im Entwurf und feurig in der That, Und eines Zaubers Herr, der jedes Herz Unwiderſtehlich feſſelt, dem er naht, War ihm der Kampf ein Spiel, der Ernſt ein Scherz, Und es gelang ihm, was er unternahm, Sein war das Gluͤck; er ſiegte, wo er kam. enſt ein Und wenn er wollte, war des Wechſels Wahl, Wie es die Lage bot, ſein ſichres Pfand, Streng' als Gebieter, ſchien beim frohen Mahl Ihm Milde nur und heitrer Scherz bekannt; Selbſt das Verbrechen naͤhrt er in der Bruſt, Die ſich verſchloß der Tugend reinem Glanz, Daß es, der dunkeln Pfade nicht bewußt, Sein Ziel nur ſieht und ihm ſich widmet ganz, Und wenn Erfolg die ſchwarze That nicht kroͤnt, So weiß er, was die Hoffnung wieder lockt, Wie aͤußrer Schein mit Laſtern ſelbſt verſoͤhnt, Und wie der Suͤnder hart wird und verſcockt. Der Furien Antlitz, des Gewiſſens Droh'n Beherrſcht er, daß ihr ſtarrer Todes⸗Blick Dem Miſſethaͤter nicht der Thaten Lohn, Nur Ruhm und falſche Ehre ſtrahlt zuruͤck. Und wenn ihn ſuchte des Geſetzes Schwerdt, So war er nicht, wo Dunkel wohnt und Schuld; Im heitern Kreiſe, den Verdacht nicht ſtoͤrt, 3 Wenn ſeine Bande roh und wild auch war, — 50— Erwarb er leicht und ſchnell der Herzen Huld; Wenn der Gerechtigkeit ſein Thun verfiel, Dann ſaß er, wo ſie ſelbſt haͤlt das Gericht, Mit Freunden, wie mit Feinden trieb er Spiel, Man fand ihn nur, wo man geſucht ihn nicht; Die Rache macht er blind, das Mißtrau'n taub, Selbſt des Gerichtes Pfade leitet er, Und Niemand wagt an Dem der Ehre Raub, Der ſicher im geſelligen Verkehr,— In andern Zeiten lohnte ſolche Kunſt Der Tugend, nicht des Laſters Lohn und Gunſt. 13. So zaͤhlte ſie Genoſſen doch, die nie Geſucht auf jenem Felde der Gefahr, War Freiheit ſelbſt vergoͤnnt der Phantaſie. So Mancher, dem Geburt ein Vorrecht gab, Das ſchwerer nur durch Unrecht ward verletzt, Glaubt zu erſtehen aus der Schande Grab, Je mehr er uͤber ſie hinaus ſich ſetzt; — 51— Und Mancher, dem der Ehrgeiz Lorbeer nicht Das Vaterland und ſeine Sache bot, Trotzt dem Geſetz und hoͤhnet das Gericht, Das der Verirrung, wie der Abſicht droht; Denn die der Ruhmſucht zehrend Feuer plagt, Treibt vorwaͤrts nach dem Ziel des Strebens Drang, Was ſonſt der kuͤhnſte Frevel nimmer wagt, Dazu verlockt des Ruhms Syrenen⸗Sang; Wie der Titan nur eine Wolke faßt, Und eine Goͤttin zu umarmen glaubt, So greifen ſie nach Nebeln ohne Raſt, Daß neuer Traum ſtets ihnen Ruhe raubt; Geſchmiedet an das Rad, wie der Titan, Wird ihnen immer auch ſein bitt'res Loos, Im Kreiſe dreht des Ruhmes eitle Bahn, Und nimmer laͤßt das Rad ſein Opfer los.— Die Unterſtuͤtzung, die das Ausland bot, Verdankte Erin ſeinem Ungluͤck nicht, Die Staatsklugheit weiß nichts von fremder Noth Berechnend waͤgt ſie, was der Vortheil ſpricht, 2* 2 — — 52— Nur Eiferſucht und finſtre Selbſtſucht kann, Was eine heil'ge Sache nie gewann. 14.— Wie auch das Schickſal O'Neill's fruͤher war, Nicht ſchien's in Einklang mit der Gegenwart, Beſſ're Erinn'rung lebte, wenn Gefahr Sein Herz auch fuͤhlte und es machte hart; Wie Reue traurig, aber ſtolz dennoch Zeigt ſich im dunkeln Blick oft ein Gefuͤhl, Das, wenn die Lippe Scherz und Luſt nur log, Oft deutlich zeigte, wie ein Engel— fiel. Auf ſeinem Antlitz ruht die Majeſtaͤt, Die der Geburt oft nur ein Erbtheil iſt, und Ketten zu vergolden wohl verſteht, Daß, wer ſie traͤgt, der Feſſeln leicht vergißt, Der Herrſchaft Zauber wirkt, wie unſichtbar, und ſelbſt der Stolz bringt ihm ſein Opfer dar. 53 15. Nicht zum Verbrecher ſtempelte Natur Den Geiſt und das Gemuͤth, die ſie ihm gab, Das Suchen nach dem„Nichts des Ruhmes“ nur Zog ihn im eitlen Drange mit hinab, Der erſten Jugend Traͤume, die der Zeit Und der Erfahrung ſelbſt oft widerſtehn, Die Hoffnung, die ſich beſſrem Ziele weiht, Und oft der Mittel Wahl ſchon uͤberſehn, Rechtfertigen zwar nimmer den Verrath, Wenn den Geſetzen er entgegentritt; Doch eitle Ruhmſucht bahnt ſich ihren Pfad Unwiderſtehlich nach dem erſten Schritt; Und fand ſie auch die gute Sache nicht, Doch haͤlt ſie Handeln fuͤr die erſte Pflicht. log, 16. Durch einen Glauben, der geduldet nur, Von Allem fern hielt, was Geburt verſprach, Folgt der Verdacht ihm, wenn auch ohne Spur — 54— Und ohne Grund ſelbſt blieb das Mißtrau'n wach. Und dieſer Fluch ermuͤdet die Geduld, Wie er den ſtolzen Sinn nur mehr erhebt, Wal V V Verdacht und Mißtrau'n haben oft der Schuld Der Schon des Verderbens Ungluͤcks⸗Netz gewebt. Wer V Auch O Neill trug geduldig jenen Hohn, Ver Bis ihm der Hoffnung letzter Strahl erblich, Der Vergeblich wartend auf des Duldens Lohn, Und Bis ihn der Nache duͤſterer Geiſt umſchlich. Bis Und wie der Schiffer, der auf fernen Strand Und V Geworfen, viele Segel ziehen ſieht, Bis V Von keinem aber Huͤlf' und Rettung fand, Und Da jedes ſeinen Blicken ſchnell entflieht: Par So ſah auch er die Klippen nur zuletzt, Nich Die ihn umgaben in der Einſamkeit. Reb V Der eig'nen Huͤlfe Rettung traut er jetzt, Als Daß ſelbſt der Taͤuſchung Warten ihn gereut; Nur Und handeln muß er, ſobald er erwacht, Nac Da ihm der Traum nicht, was er ſucht, gebracht. 5⁵ 17. War's zu verwundern, wenn dem Traum er flucht, Der ſeine Thatkraft nur hat eingewiegt? Wenn alle Bluͤthen blieben ohne Frucht, Vergeblich er den innern Stolz beſiegt? Der Leidenſchaften Stachel treibt ihn jetzt, Und jedes Ungluͤck druͤckt ihn doppelt ſchwer, Bis er der Rache blutig Meſſer wetzt, Und jedem finſtern Geiſte giebt Gehoͤr, Bis er mißachtet der Geſellſchaft Band, Und es zu loͤſen ſelbſt haͤlt fuͤr gerecht Parteienhaß; in Pluͤnderung und Brand Nicht mehr ſieht, als der Krieger im Gefecht, Rebellion der Freiheit Name traͤgt, Als Ruhm jetzt winkt, was das Geſetz verletzt 4 b Nur der Erfolg den harten Sinn bewegt, Nach dem der Thaten innern Werth er ſchaͤtzt. acht. Doch wenn wir tadeln, ſpricht uns unſer Herz Von jeder Warnung des Gewiſſens frei? Verſaͤumten wir, zu helfen fremdem Schmerz, — 56— Daß ſich der erſte Irrthum nicht erneu'? Gehorchten wir der Tugend Mahnung ſtets, Und folgten nie der Leidenſchaften Drang?— Und gab es keinen Koͤder und kein Netz, Fuͤr die ſie einmal waren ſichrer Fang?— Denn nur dem Gluͤcke dankt's der Erdenſohn, Wenn dieſes:„einmal“ nicht ſich ſchon beſtraft, Der Zufall miſchet wunderlich den Lohn, Und oft beſtraft er nur die groͤßre Kraft; Jedoch der Finſterling ſchleicht ſeinen Pfad, Und ſchließt das bloͤde Auge vor dem Licht, Und wenn der Wahrheit heller Strahl ihm naht, Haͤlt ihn fuͤr einen Blitz der arme Wicht; Und wenn ein kuͤhler Wind die Luft bewegt, So ſieht er einen Sturm, und windet ſich In ſeine Hoͤle, wie die Schlange pflegt, Bis ihm der Sonne letzter Strahl erblich; Des Engels Stimme ſelbſt erweckt ihn nicht, Und jede Wahrheit draͤut als Suͤnde gar, Was ſeiner Lehre Saͤtzen nicht entſpricht Traͤgt dort Verderben, und hier droht Gefahr.— Doch kehren wir zu O'Neill jetzt zuruͤck, Der in der Zelle ſchreitet auf und ab, Nachdenkend uͤber dieſer Nacht Geſchick, Von Außen ſtill und ruhig, wie das Grab, Wie Einer, der durch aͤußern Gleichmuths⸗Schein Der innern Stuͤrme Drang will wiegen ein. 18. Der Mond beſchien das Gitter;— ſchweigend lehnt Er dort— athmend des Abends friſche Luft; Des ſternbeſaͤten Himmels Glanz verſoͤhnt Mit ſeines Zimmers finſtrer, kalter Gruft; Er ſchaut nach oben, und es folgt ſein Blick Der Wolken Treiben,— wie im Himmelsraum Sie ſchweben, und der Mond bald kehrt zuruͤck, Bald ſie bedecken ſeiner Sichel Saum. Und hinter ihm lag die Vergangenheit ht, Wie die Ruine, die ihn jetzt verbarg, Und es erſchien ihm gegen jene Zeit Sein jetz'ges Leben wie ein leerer Sarg, 3 3**% — 58— Der wartet auf den Leichnam, der ihn fuͤllt; Und wie das ferne Ierlicht wandernd huͤpft, Scheint's ihm das Meteor, das ihm enthuͤllt, Wie bald dem Horizont ſein Stern entſchluͤpft. Und ſchweigend ſaß er, und er folgt dem Gang Der ſchwarzen Geiſter, die ihm Ahnung malt, Nicht uͤberwaͤltigen kann er den Drang Des innern Sinnens, das die Schuld bezahlt. Und am Kamin, dem Freund der Einſamkeit, Hat bald des Feuers Glut er angefacht, Deß myſt'ſcher Geiſt dem unſern Manches beut, Das ihm erſchließt des Daſeins innern Schacht;— Der Geiſt verwandelt, wie das Feuer auch, Irdiſche Stoffe, daß erneuert ſie, Wie jenes auf ſie loͤſ't in leichten Rauch, Ihm Nahrung werden fuͤr die Phantaſie. In jedem Koͤrper uͤbt des Feuers Macht, So wie der Geiſt, die herrſchende Gewalt, Bald ſtill durchgluͤhend, bald in Flammenpracht, Sobald ſie ihn verlaſſen, wird er kalt. Sie waͤrmen und durchdringen, dehnen aus, ht, Veredeln ſelbſt, was ſie vernichtet faſt, und oft in dem durch ſie zerſtoͤrten Haus Erſcheint ein andrer, aber beſſ'rer Gaſt. Und wenn der Koͤrper iſt verzehrt, wer ruft Den Geiſt zuruͤck?— Antworte mir, o Luft!— 19. Noch ſaß O'Neill am Feuer und vergaß, Da er der Jugendtage Zeit gedenkt, Ob ihrer Unſchuldglanz des Mannes Haß, Und wie die Stunde der Vergeltung draͤngt. Er fuͤhlte— der Verderbte ſelbſt noch fuͤhlt— Wie eine Thraͤne in ſein Auge tritt, Und wie Verzweiflung ihm im Herzen wuͤhlt, Daß er gethan den erſten grauſen Schritt.— Und auf dem Tiſche lag des Vaters Schwerdt, O! ſagt' ihm jemals wohl der Jugend Traum, Daß gegen das Geſetz es einſt ſich kehrt?— Dieſes Gedankens Laſt ertraͤgt er kaum; Fort! fort!— Die Mutter gab ihm jenes Schwerdt, Wie war ſein Stern geſunken ſeit dem Tag, — 60— Als ſie zuerſt Ehrgeizes Fleh'n erhoͤrt, Und dankbar er an ihrem Buſen lag. Von ſeiner Stirne ſtreicht die Locken ſie, Kuͤßt innig ihn und betet fuͤr ſein Gluͤck, Und ſchreckt ſie auch wohl bange Phantaſie, Nicht den Rebellen ſpiegelt ſie zuruͤck. Zwar als ſie in das kuͤhne Auge ſchaut, Und in der Zuͤge ſtolzen Übermuth, Der nur ſich ſelbſt und jenem Schwerdt vertraut, Und nimmer vor erreichtem Ziele ruh't; Verſchwindet jede Hoffnung, der ſie Raum Im muͤtterlichen Herzen willig gab, Und was der Ehre und des Ruhmes Traum Ihr zeigte, ſank als Irrlicht nun hinab. O! wenn kein Strahl der fruͤhern goldnen Zeit In unſer kaltes Mannes⸗Alter bricht, Wenn uns kein Anker mehr Erloͤſung beut, Und Nacht uns einhuͤllt ohne Stern und Licht;— Und wenn in der Erinn'rung Kette je Ein Ring noch feſthaͤlt, der den erſten Traum — 6— Zuruͤckſtrahlt wieder aus des Himmels Hoͤh', Daß unbewoͤlkt uns wieder iſt ſein Raum; Wenn ein Gedanke je zuruͤck uns traͤgt Und uns das erſte, reine Gluͤck erneut, Wenn je den Geiſt ein edles Bild bewegt, Iſt's jenes, welches Mutterliebe beut. Und ob erniedrigt auch durch eigne Schuld, Fuͤhlt dieſer Wahrheit Groͤße ganz der Sohn, traut, Er denkt der Mutter Lieb' und ſanfter Huld, Und heiße Thraͤnen ſind der Reue Lohn; Zwar ſchaͤmt er ſich der weichen Regung faſt, Doch mild empfaͤngt er den ſo ſeltnen Gaſt. 20. Horch! welcher unheimliche Ton erſchallt? zeit Und wieder!— nochmals!— tief, gedehnt und lang; Daß O'Neills Blut rinnt in den Adern kalt, ht;— Sein irres Auge blicket ſcheu und bang. Denn ſein Gemach lag hoch in jenem Thurm, Der weit die kahle Eb'ne uͤberſchaut, Kein andrer Schall war hier als Wind und Sturm Und wilder Voͤgel Flug, dem Ohr vertraut; Und langſam wendet er den ſtarren Blick, Und ſeines Lebens Blut wird faſt zu Eis, Geſpenſtergleich erſcheint ihm ſein Geſchick, Der Mutter Antlitz, geiſterhaft und weiß. Wie aus dem Grabe ſchien erſtiegen ſie, Der Luͤfte Weh'n bewegt die Locken nicht, Und jeder Schrecken wilder Phantaſie Erfaßt den Sohn und ſpricht ihm ſein Gericht. Doch das gebrochne Auge, das nicht lebt, Der athemloſe, blaſſe, ſtumme Mund, Der Grabesduft, der die Geſtalt umweht, Macht nur des Todes ſtille Sprache kund. Aus des Rebellen blaſſem Antlitz dringt Ein kalter Schweiß— des Pulſes Schlag hoͤrt auf, Bis kuͤhn er mit des Schrecks Gewalten ringt, Und bald erneut ſein Blut den wilden Lauf, Mit ihm kehrt auch der alte Trotz zuruͤck, — 63— Er greift zum Schwerdt,— der Zauber war ge⸗ loͤſt— Ein tiefes Weh durchdringt des Geiſtes Blick, Der ihn mit einem lauten Schrei verlaͤßt. Es drang der Ton ihm gellend in das Ohr, So ſtieß ihn ſeine Mutter ſterbend aus, Und er erkannte, was ihm ſtand bevor, Es war der Todesruf von ſeinem Haus. Bald kehrt zuruͤck des Mondes lichter Strahl, Den duͤſtre Wolken hatten ſchwarz verhuͤllt, Und O'Neill blieb nur eine letzte Wahl, Er wußte, daß ſein Schickſal war erfuͤllt. Und bitt're Reue dieſe Stunde beut Mit dem Gewiſſen in der Einſamkeit. OMeill oder der RKebell. Dritter Geſang. Dritter Geſang. Inhalt. Vorbereitungen fuͤr die Vermaͤhlung Ellen's und Mar⸗ low's.— Marlow's Unterredung mit ſeinem Vertrau⸗ ten Carlton in Beziehung auf die Einleitung der fol⸗ genden Scene.— Der Character Marlow's.— Unter⸗ brechung der Vermaͤhlung in der Kapelle.— Der Kampf.— Tages Anbruch.— Gegenſatz der Natur mit unſeren Leidenſchaften.— O'Neill wird verwundet.— Eindruck, den dieſes auf Ellen macht.— Marlow's Beſorgniß, O'Neill werde ſeine fruͤhere Verbindung mit ihm offenbaren.— Scene im Gefängniß, und Unterre⸗ dung zwiſchen Marlow und O'Neill.— Verurtheilung des Rebellen.— Seine Ruͤckkehr in das Gefaͤngniß.— Ein Fremder beſucht ihn.— Der Tag der Hinrich⸗ tung.— O'Neill's Benehmen und letzte Worte.— Marlow's ſchneller Tod, und wie er herbeigefuͤhrt wurde.— Ellen's Schickſal.— Schluß. 1. „Ich ruf' Euch auf, Ihr Geiſter in der Luft, Und deren Mutter, Erde,— und den Mond, — 68ñ— Deß Silberſtrahl der Schwermuth Wonne ruft, In deſſen Schein Melancholie gern throntz uUnd jenen Abendſtern, deß mildes Licht Der Nacht das erſte Laͤcheln abgewinnt, Und als der ew'gen Treue Bote ſpricht, Die nie, ſelbſt nach dem Grabe nicht, verrinnt. Du, Mutter Erde, und was Dir gehoͤrt, Felſen und Berge, Fluß und Thal und Hain, O! wuͤrde doch von Euch mein Fleh'n erhoͤrt, Wollt Ihr mich der Begeiſt'rung Freuden weih'n?— Der Jugend Zeiten zaubert die Natur In das verſtorb'ne, kalte Herz zuruͤck, Und gern und willig folg' ich ihrer Spur, Ich weiß, ſie fuͤhrt mich zum verlornen Gluͤck. Ich rief die Todten, und ſie nah'ten mir, Des Lebens Fruͤhling dank' ich wieder Dir. 2. Nur Eines bleibt aus der Vergangenheit, Erinn'rung— doch wenn tiefe Reue ſie Beraubt des Glanzes, den ihr Ruͤckblick beut: — 4) 700) 0 nt. ick. — 69— In's off'ne Grab ſchaut dann nur Phantaſie. Und die Natur wird unſer Leichenſtein, Sie hat kein Echo mehr fuͤr Geiſt und Herz, Ruinen nur beſtrahlt der Sonne Schein, Und jedes Leben weckt den alten Schmerz. Die Harfe nimmt der Dichter nur zur Hand, Weil ſie beruhigt jenen finſtern Sinn, Und wird ſein Lied auch ſonſt nicht anerkannt, Iſt's doch ihm ſelbſt ein ſicherer Gewinn; Der Traͤume Labyrinthen folgt er gern, Weil ihm die oͤde Wirklichkeit dann fern. 3. In Marlow's Schloß ſtrahlt heller Kerzen Glanz, Und ſchoͤn geſchmuͤckt ſaß Ellen in dem Saal, Muſik verkuͤndet Feſtlichkeit und Tanz, Und wachſend ſteigt der Gaͤſte frohe Zahl; Doch theilnahmlos war Ellens finſtrer Blick, Und Marlow fuͤhlt an ihrer kalten Hand, Die aus der ſeinigen ſie zog zuruͤck, Daß ſelbſt des Lebens Waͤrme ſchon ihr ſchwand. — 70— Geſchloſſen war der Mund, und doch umſpuͤlt Der Anmuth Laͤcheln noch der Zuͤge Reiz— Wenn Schoͤnheit Gram und bittres Weh' gefuͤhlt, Hebt ſie die Folie des empfund'nen Leids. Der Jugend Glanz behauptet nur ſein Licht, Daß es in Wolken ſich und Thraͤnen bricht. 4. Marlow durchlaͤuft mit gift'gem Blick den Brief, Der, wenn er wenig Worte auch enthaͤlt, Doch des Gewiſſens Drachen, der faſt ſchlief, Mit ihm hinabzieht in die Unterwelt. Doch die entſchwund'ne Farbe kehrt zuruͤck, Der alte Stolz behauptet ſeinen Sitz Auf frecher Stirn, und in dem trotz'gen Blick, Der feuriger entbrennt in Hohnes Blitz. Und zu dem Guͤnſtling wendet er ſich ſchnell: „Carlton, noch eh' der naͤchſte Morgen tagt, „Hoͤrt jene Braut vielleicht, was ihrem Ohr „Nicht als Muſik ertoͤnt, wenn's Jener wagt— „Doch nimmer ſoll es ſtraflos thun der Thor!— „uUn — 2— „Und die Soldaten, Carlton“—„Sind be⸗ reit.“— fuͤhlt,„Gut!— Kommt der rohe Gaſt, ſei roh der Gruß, „Jetzt ſchnell an's Werk— benutze Deine Zeit, „Weil nicht zu ſpaͤt die Mine ſpringen muß. „Vorſichtig lege den Verſteck— nicht eh' „Brecht Ihr hervor, als bis mein Zeichen ſchallt, Brief,„Ruhig werd' ich erwarten, was geſcheh', „In dem Geſchick erkenn' ich die Gewalt.— f„Wie in der Fabel einſt des Adlers Bruſt, „Traͤgt Jeder ſeinen Pfeil, ſich unbewußt.“— 5. ck, Marlow gehoͤrt zu Jenen, deren Sinn Niemals zuruͤckweiſt, was der Abſicht froͤhnt, Was ihr kann dienen, war ihm ein Gewinn, Wenn es auch Tugend und Geſetz verhoͤhnt. Der Rede truͤgeriſche Kunſt war ſein— 62. Wenn er der Hoͤrer Herzen auch nicht ruͤhrt, So blendete ſie doch der Wahrheit Schein, — 22— Der ſchneller oft zum ſichern Ziele fuͤhrt. Dö Ein Cromwell ſeiner Zeit, erſtieg er kuͤhn Des Ruhmes Stufen— jedes Mittel war Fu Ihm gleich, ſobald es ausfuͤhrbar nur ſchien, De Nur wenn ſie zwecklos, mied er die Gefahr. Un Der Neid, der oft der Wahrheit ſelbſt ſich naht, De Erzaͤhlte, daß in ſeiner Jugend Zeit Pa Gewandelt er auf ganz verſchiednem Pfad, Als dem ſein jetz'ges Streben ſchien geweiht; Er zog, hieß es, des rohen Volkes Gunſt Es Des Hofes feiner Staatskunſt damals vor, Ge Und ſeiner Rede vielgewandte Kunſt Verfluchte jetzt, was fruͤher ſie beſchwor. Einſt war die Freiheit ihm das hoͤchſte Gut, Mit eines Roͤmers Eifer ruͤhmt er ſie, Fuͤr ſie verpfaͤndet er des Herzens Blut, Doch jetzt gedenkt er auch des Wortes nie. Auch ſagten Viele, daß ſelbſt dem Verrath Sein erſtes, wildes Treiben war geweiht, Daß er begangen manche ſchwarze That, Der das Geſetz mit ſtrengſter Strafe draͤu't. naht, — 33— Doch auch der Neid ſchwieg, weil des Gluͤckes Stern Fuͤr Marlow ſtieg— ſprach wahr auch das Geruͤcht Doch huld'gen dem Erfolg die Menſchen gern, Und wer gewinnt, die goldnen Fruͤchte bricht; Des Gluͤckes Taufe nennet unſre That Patriotismus bald und bald Verrath. 7 6. Es naht die Mitternacht— die ſtille Braut, Gefuͤhrt durch Marlow, deſſen ſcheuer Blick Dem nahen Gluͤcke noch nicht ganz vertraut, Folgt, wie der Unſchuld Opfer, dem Geſchick. In die Kapelle treten bald ſie ein, Die theils der Kerzen lichter Strahl erhellt Und theils des vollen Mondes milder Schein, Der durch die buntbemalten Scheiben faͤllt. Schon ſind ſie am Altare— doch wer naht Im Schatten eines Pfeilers dorten ſich? Kuͤhn mußte ſein, wer waͤhlte ſolchen Pfad, Und in den heil'gen Ort verwegen ſchlich; 4 — 4 ·— An einem Grabmahl lehnte die Geſtalt, In einen weiten Mantel eingehuͤllt, Unheimlich, duͤſter, und der Schrecken malt In jedem Blick ſich, der das Herz erfuͤllt. Des Todes Stille feſſelt jeden Mund, Und Leben giebt kaum leiſes Athmen kund. 7. Es nah't ſich die Geſtalt, und laut ertoͤnt Jetzt ſeine Rede:„Falſcher Braͤutigam, „Und bange, ſtille Braut, warum verhoͤhnt „Ihr fruͤheres Geluͤbde ohne Schaam?— „Noch vor zwoͤlf Monden war es Desmond nur, „Dem, was gebrochen jetzt ſoll werden, galt, „Ließ Marlow Dich vergeſſen jenen Schwur? „Loͤſt' Desmond's Tod ihn? oder zwingt Gewalt?“ Und Marlow drauf verſetzt mit gift gem Blick: „Weshalb, Du Unverſchaͤmter, biſt Du hier? „Bald treibt der Rache Strafe Dich zuruͤck, „Wen kuͤmmerts, was das Gluͤck geeignet mir?“— Ruhig verſetzt der Fremde:„Haſt Du ſchon 75 „Vergeſſen, wie des Schwiegervaters Thor „Die Inſchrift trug, daß fuͤr den Chef zum Lohn „Die Raͤuberbande ſich die Braut erkor? „Bei jedem heil'gen Schwure werde ſie „Die Meine jetzt, und eines Andern nie!“— 8. Er ſagt's und ſprang— ſie lag in ſeinem Arm Und ruhig, wie das Opfer, das ſchon fiel— Es tritt zuruͤck der ſcheuen Gaͤſte Schwarm, Und nach der Pforte draͤngt ſich das Gewuͤhl. Nur Marlow weiß, wie ſicher er den Feind Umſtellt, und ſpricht mit bittren Hohnes Ton: „Du kommſt, o edler Chef, wie es mir ſcheint, „Zu fordern, was die Bande gab zum Lohn? „Mehr halt' fuͤr tapfer ich Dich, als fuͤr klug, „Wenn zu der Heldenthat Du kommſt allein.“— Und O' Neill lacht; doch wie ein Hoͤllenfluch Dringt das Gelaͤchter in die Ohren ein. Drauf zeigt er nach dem Eiſengitter hin, Das eine ffnung in der Mauer ſchließt; 4* 76 Woher die rothe Flamme, die dort ſchien? uUnd woher die Geſtalten, wild und wuͤſt?— Der Fackeln, die ſie tragen, heller Strahl Beleuchtet Maͤnner, wie ſie will die That, Und jede kraͤft'ge Fauſt ſchwingt einen Stahl, Des Kampfs begierig, wenn die Zeit genaht. Als der Rebell dazu das Zeichen gab, Erwidert ihrer rauhen Stimmen Chor, Das Gitter bricht, in's Innere hinab Springt Mann fuͤr Mann und dringt zum Al⸗ tar vor. „Marlow, gefallen die Brautfuͤhrer Dir?“— So ſprach der Chef,„und zweifelſt Du jetzt noch, „Daß nach des Maͤdchens Mitgift Deine Gier, „Wenn ſie nur wollten, ſich nur ſelbſt betrog? „Doch freue Dich, daß heute unſre Wahl „Die Schaͤtze ſchmaͤht, die Dir vom groͤßten Werth. „Abtruͤnniger!— gebrochner Eide Zahl „Soll jetzt um einen werden noch vermehrt? „Nun geh' und bruͤte wieder den Verrath, Sie d Marle —— „Denn noch verſchonen wir Dich und Dein Gold, „Doch bald erreicht Dich ſichrer Rache That, „Irland und ich dann zahlen ihren Sold.“— Er ſagt's und ſchnell ſpringt er fort vom Altar, Der ſchoͤnen Beute Laſt ſcheint federleicht— Doch als er faſt entronnen der Gefahr, Ihn ſeines Feindes Kugel noch erreicht. Er wankte,— ſtoͤhnte leiſ, und ſank hinab, Den kalten Stein benetzt ſein warmes Blut, Al⸗ Auch Marlow ſieht jetzt ſchon ſein offnes Grab, Die ganze Bande drang auf ihn mit Wuth. In jenen Haͤnden, die noch nie verſchont, och, Lag jetzt der Rache Geiſt und ſein Geſchick, r, Um ſchnoͤdern Preis zu morden laͤngſt gewohnt, 2 Hielt nun die Raſenden nichts mehr zuruͤck. Ein lauter Schrei, wie Schickſals eignes Drohn, Erſchallet und verheißt ihm ſeinen Lohn. 9. Sie drangen vor— doch nicht ihr Opfer fiel, Marlow's Verſteck gehorchte dem Signal, — 78— Veraͤndert wurde jetzt des Angriffs Ziel, Und zwiſchen Sieg und Tod nur blieb die Wahl. Der wilde Kampf entbrennt— die Leidenſchaft Bleibt bis zum letzten Hauche ſich getreu, Und wenn der Sterbende ſich auf noch rafft, Geſchieht's, daß er das blut'ge Werk erneu. Ein jeder Fluch ertoͤnt nur dem Geſchick, Kein Laut der Angſt, nur Trotz und kecker Hohn, Verzweiflung zeigt der Kampf, doch nicht der Blick, Der Furcht erpreßt der Tod ſelbſt keinen Ton. Des Blutdurſts Gier vermehrt das Morden nur, Und wie dem Tiger Grauſamkeit zur Luſt, Macht ſie Gewohnheit ihnen zur Natur, Ertoͤdtend alles Beſſ're in der Bruſt, Nur wilder macht ſie der Verzweiflung Wuth Und raſender noch das vergoßne Blut. 10. Ein milder Morgen folgt der Schreckens⸗Nacht, Kein Woͤlkchen ſchwebt im weiten Himmelsraum, Die Sonne ſteigt empor in ihrer Pracht, Un Jahl. ft um, — 79— Und was geſcheh'n, erſcheint jetzt wie ein Traum. Die Schwalbe fliegt zu der Kapelle Dach, Wo ſie im Neſt den Jungen Nahrung bringt, Und jeder heil'ge Lebenston wird wach, Der der Natur ein frohes Loblied ſingt. Die Lerche hebt ſich trillernd hoch empor, An Baches Ufer ſchlaͤgt die Nachtigall, Wetteifernd ſingt im Hain der Voͤgel Chor, Und jeden Baum belebt der Freude Schall; An Blluͤthen haͤngt die fleiß'ge Biene ſich, Der leichte Schmetterling die Blumen ſucht— Der Miſſethaͤter letzte Spur entwich; Es iſt der Menſch nur, der ſich ſelbſt verflucht; Wir aͤndern nichts im Tempel der Natur, Er bleibt von unſern Suͤnden unbefleckt, Die Leidenſchaft zieht wie die Wolke nur Voruͤber, die der Sonne Glanz verdeckt, Doch dieſe ſtrahlt bald wieder, wie vorher, Und jeder Mißton ſchwindet dem Gehoͤr.— — 80— II. Von den Rebellen, die am Kampfe Theil Genommen, rettete das Leben nur Normann, der in der Flucht geſucht ſein Heil Und O'Neill zeigt noch Athmens leiſe Spur; Des Kriegers Tod, den er ſo oft geſucht, War nicht ſein Loos— der Rache Sorgfalt pflegt Die Wunden deſſen, dem ſie oft geflucht, Ihn naͤhrt die Schmach, daß er ſie laͤnger traͤgt.— Und es erhoͤht der Pfleger Grauſamkeit Das Schickſal, das ſein wartet, noch durch Hohn, Der Troſt ſelbſt flieht, den das Bewußtſein beut, Und finſter droht ihm ſeiner Thaten Lohn, Der Schande Tod erblickt er uͤberall, Wie ſein Verbrechen, zeigt ſich ihm ſein Fall. 12. Noch einer beſſern Kranken pflegt die Kunſt, Die der Natur zu folgen ſich beſtrebt. Warum gewaͤhrt ſo ſelten beider Gunſt, legt — 81— Daß das erſterbe, was im Herzen lebt? Oft waͤre ſich're Heilung ſolcher Mord— Denn welches Gluͤck gewaͤhrt Geſundheit noch, Wenn wir uns aus dem Daſein wuͤnſchen fort, Und es uns nur erſcheint als hartes Joch?— Wenn alles Ird'ſche ſeinen Glanz verlor, Ein ſchwarzer Schleier es uns uͤberdeckt, Und Alles, was die Unterwelt beſchwor, Am lichten Tag uns mit Geſpenſtern ſchreckte— Wem hier der Hoffnung Sonne untergeht, Dem bleibt im Leben noch ein Segen nur, Vergeſſen— wer die ſchwere Kunſt verſteht, Dem wird lebendig wieder die Natur.— Ward deshalb nur von des Rebellen Bruſt Ellen gerettet, wo in ſeinem Blut, Sie lange lag erſtarrt und unbewußt, Daß ſie erwache zu der Thraͤnen Fluth?— Geſundheit kehrte nimmer ihr zuruͤck, Erſchuͤttert war der ſchwache Bau und ſank; Zwar jeder Tag macht matter ihren Blick, 4** — 82— Doch langſam nur der Tod die Fackel ſchwang; Der Jugendfriſche goldne Zeit war hin, Und Sterben war ihr Gluͤck nur und Gewinn. 13. Wahr ſang der Dichter:„Maͤnner ſterben nicht Durch Liebe“— Stolz erdruͤckt des Mann's Gefuͤhl, Das in dem Weib unwiderſtehlich ſpricht, Und ſichrer trifft die Sorge hier ihr Ziel. Wenn dieſe ſchweigt und ſelbſt zu ſchlafen ſcheint, Zehrt ſie am Leben doch, und nimmer ruht Wie ſchleichend Gift der unſichtbare Feind, Bis er geſogen alles Lebensblut; Wohl ward durch ihn gebrochen manches Herz, Das niemals hat erzaͤhlt von ſeinem Schmerz. 14. Durch ſeiner Braut langſam Hinwelken ſah Marlow getaͤuſcht die Hoffnung auf ihr Gut, Im eig'nen Selbſt war ihm ein Raͤcher nah, 8 22 s 70) 74 75 7 73 22 73 8 7₰ 9; heint, rz, — 83— Der in der Schuld Bewußtſein nimmer ruht; Denn manch' Geheimniß band ihn an O Neill Aus ſeines fruͤhern Lebens finſtrer Zeit, Und er verflucht die Kunſt, die dem Rebell Der Heilung Pflege und Geneſung beut; Und der Piſtole flucht er, die ihr Ziel Nicht beſſer traf, je mehr die Stunde naht, Wo dem Geſetz anheim ſein Opfer fiel, Und es beleuchtet ſeiner Thaten Pfad, Erinn'rung weckt ihm Reue in der Bruſt, Die Schuld wird ihrer Folgen ſich bewußt. 15. Es war die Nacht vor jenem Schreckenstag, Der loͤſen ſollte des Geſetzes Spruch, Als der Rebell in dunkler Kammer lag, Die oft gehoͤrt ſchon des Verbrechens Fluch. Das harte Lager weigerte den Schlaf Schon manchem Suͤnder, der ſich ihn erfleht, Wenn der Gerechtigkeit Vergeltung traf, Doch Unſchuld fand oft Troſt hier im Gebet. An jenem Bett, in ſtiller Mitternacht Saß Marlow— ſeiner Worte leiſer Ton, Wenn auch kein naher Horcher ſie bewacht, Verhallte vor den dicken Mauern ſchon. „O'Neill,“ ſo ſprach er,„Rettung biet' ich Dir, „Wenn Du verſchweigſt, was ich nur weiß und Du, „Zwecklos iſt die Verſtellung, ſobald wir „Allein ſind, und hier herrſcht des Grabes Ruh.— „Aufrichtig will ich ſein— Du glaubſt vielleicht „Die Rache zu erkaufen durch Verrath, „Wenn Dein Geſtaͤndniß die Verbindung zeigt, „In der ich fruͤher ſtand mit Deiner That. „Doch hoͤre!— jener einz'ge Zeuge ſtarb, „Durch den der Klage moͤglich wird Beweis,— „Madred, der doppelte Spion, erwarb „Dein und mein Zutrau'n, und auch Doppel⸗ preis.— „Dir macht er zwar, was ich beſchloſſen, kund, „Doch Dein Geheimniß auch verrieth er mir, „Und Jedem nur entdeckt ſein frecher Mund, — 85— „Was nutzen kann der feilen Habſucht Gier;— „Die Stunde wußteſt Du in jener Nacht, „Die zur Vermaͤhlung war beſtimmt, durch ihn, „Auch er war's eben, der mir hinterbracht, „Wie Du geordnet Deinen Plan ſo kuͤhn.— „Und den Genoſſen ward er beigeſellt, „Die als Brautfuͤhrer Du Dir auserwaͤhlt, „Denn zu gut waren ſie durch mich umſtellt, „Du weißt, daß meine Kugel ſelten fehlt.— „Der einz'ge Zeuge ruht im Grabe nun, „Sicher bin ich— denn wo iſt der Beweis? „Doch altgeword'nes Mißtrau'n will nicht ruh'n, „Und Neid und Rache lauern, wie ich weiß. „Zwar ſchuͤtzet ſeinen Guͤnſtling auch das Gluͤck, „Daß des Verworf'nen Zeugniß ihn nicht trifft, „Doch Zweifel ſelbſt fuͤhrt mich vom Ziel zuruͤck, „Denn der Verdacht verwandelt ihn in Gift.— „Verſchweige unſern Bund— und Du biſt frei, „Du weißt, was ich vermag— mein Einfluß ſoll „Bewirken, daß die Strafe milder ſei, „Und bald wird des Verſprechens Maaß dann voll. — 86— „Noch eh' des Mondes Wechſel ſich erneut, „Erreiche ich mein Ziel— es iſt der Thron, „Den als des Strebens Frucht Fortuna beut, „Und dann iſt Freiheit Dir der ſichre Lohn. „Nun, ſprich! willſt Du mir Freund ſein oder Feind?“— Von ſeinem Lager ſpringt jetzt ſchnell O'Neill, Wo er bisher nur ſtill zu bruͤten ſcheint, Und ſtolz und feſt erwidert der Rebell: „Marlow, die laͤngſtverheißne Stunde naht, „Denn wer dem Schickſal trotzt, verfaͤllt ihm auch,— „Doch nicht erkaufen will ich's durch Verrath, „Treu bleib' dem Schwur ich bis zum letzten Hauch;— „Eitel iſt Dein Verſprechen,— und das Grab „Liegt offen vor mir, wie mein Urtheilsſpruch; „Der Troſt, den mein Beginnen Erin gab, „Sinkt nicht mit mir, wenn er auch wird mein Fluch. „Wen England fuͤrchtet, rettet Irland nicht,— „Doch glaubſt Du wirklich, daß der Rede Kunſt oder — 8— „Mich taͤuſchet noch?— und ſpraͤchſt Du mein Gericht, „So kenn' ich, was mir bietet Deine Gunſt, „Ich weiß, waͤrſt Du mein Henker, was dies heißt.— „Der einz'ge Zeuge ruht im Grabe ſchon, „Sicher biſt Du, denn wo iſt, der be⸗ weiſt? „Die eig'nen Worte ſprachen meinen Lohn.— „Als uns vereinte gleichen Zweckes Ziel, „War es die Hoffnung auch, die uns verband, „Doch unſer Eid ward Dir des Wechſels Spiel, „Als jener Stern am Horizont verſchwand. „Und Dein Verlaͤugnen brachte Dir Gewinn, „Wie des Beharrens Lohn Du jetzt ſiehſt— hier; „Wenn ich dem Schwur treu bis zum Tode bin, „So danke unſrer Sache es, nicht— Dir! „Kampf war mein Daſein, dunkel war mein Loos, „Mein Streben ward durch Suͤnde ſelbſt befleckt, „Und wenn man mein gedenkt, geſchieht es bloß, „In wilder Sage, die die Furcht erſchreckt. — 88— „Doch wenn ſie auch Verbrechers That erzaͤhlt, „Vergißt ſie nicht, was ich einſt war als Mann; „Zum Mittel hab' ich Eidbruch nie gewaͤhlt, „Der, was das Vaterland verlor, gewann. „Wenn Du auch glaubſt, daß jeder Zeuge todt, „Doch iſt ein ſicherer Beweis noch mein, „Der Unterſchrift und Siegel von Dir bot, „Ihn deckt, nur mir bekannt, im Wald ein Stein. „Auch dieſes Zeugniß werde Dir zuruͤck, „Doch auf dem Blutgeruͤſt nur— zittre nicht!— „Noch eh' erfuͤllt mein irdiſches Geſchick, „Loͤſ't O'Neill's Wort Dir, was es jetzt verſpricht. „Nun waͤhle! denn ich ſchwoͤr's bei unſerm Eid, „Nur dann und dort geſchieht, was ich ver⸗ hieß!— „Du willſt?— Genug!— erwarte denn die Zeit!“— Und Marlow bang' und ſchweigend ihn verließ. Einſam lag der Rebell nun, wie vorher, Der Rache Jubel giebt er froh Gehoͤr. dt, ein 89 16. Verbrechen giebt oft Muth— hart wird das Herz, Und wenn der Hoffnung letzter Strahl erbleicht, So flieht die Furcht, und jeder andre Schmerz Und Alles, was dem Irdiſchen ſich beugt. Das Schwerſte aber muß erſt uͤberſtehn, Wer durch Verzweiflung ſeine Kraͤfte ſtaͤhlt, Und muß der Tod den Weg der Schande gehn, So ſchreckt er den, der beſſ'res Ziel verfehlt— Sterben iſt nichts— des Lebens Ueberdruß Ruft oft die Stunde, die den Kampf beſchließt; Nur wer als Schau der Menge dienen muß, Daß Mitgefuͤhl das Leiden nicht verſuͤßt, Und freche Neugier ſich ein Schauſpiel ſucht, Das Mitleid ſelbſt den Stolz noch tiefer beugt, Und das Geſetz dem Ausgeſtoßnen flucht, Die Gnade kaum in ſchnellem Tode zeigt, Wenn jede Schmach vorher das Opfer fuͤhlt, Dann zittert, wer ſonſt mit dem Schreck geſpielt. — 90— 17. Die Stunde kam— ſein harret das Gericht, Neugierig draͤngt ſich der Zuhoͤrer Schaar, Wenn ſeine Ahnung auch ſein Urtheil ſpricht, Doch zeigt O'Neill jetzt wieder, was er war. Die Menge pflegt des Menſchen Aeußres gern Zu bilden ſich nach ſeiner Thaten Ruf, Doch blieb, als er erſchien, die Wahrheit fern Von dem, was bange Phantaſie ſich ſchuf, Und das Erſtaunen regt in Vielen ſich, Daß ſo verzerrt man hat gemalt ſein Bild; Wenn auch der fruͤhern Schoͤnheit Reiz erblich, Doch war ſein Antlitz ſchrecklich nicht und wild. Zwar durch der Wunden Leiden abgezehrt, Blieb Sieger doch die eiſerne Natur; Und wenn, durch Berges friſche Luft genaͤhrt, Des Kerkers Dunſt er jetzt geathmet nur, Dennoch bluͤht Jugend⸗Kraft in der Geſtalt, Noch zeigt der Blick ſich ſanft und doch voll Gluth, Und jeder Zug noch athmet die Gewalt, ith, 91 Die einſt in Maͤdchen⸗Wangen trieb das Blut, Die reichen Locken nur beſchatten wild Die kuͤhne Stirne, welche Trotz erfuͤllt. 18. Auch des Geſetzes Huͤlfe ward verſchmaͤht Durch ihn, der ſeine Sache fuͤhrt allein, Des Hohnes Geiſt, der in den Worten weht, Zeigt, daß er jetzt verſchmaͤht der Reue Schein. Er fragt die Zeugen ſelbſt,— und jene Kunſt, Die aus der Wahrheit baut ein Labyrinth, Sie war ihm eigen— und die ſeltne Gunſt, Die der Gewandtheit Wagniß ſich gewinnt, Ward ihm von jenen ſelbſt, die Schein und Lug Laͤngſt werden ließ in ihrem Dienſte grau;— Und jeden kleinen Umſtand nutzt er klug Zu ſeines Trugbilds wohlerdachten Bau; Des Widerſpruches Schein lockt er hervor, Daß ſich der Zeuge unbewußt verwirrt, Und ſchon glaubt manches Hoͤrers willig Ohr, Daß der Gerechtigkeit Verdacht ſich irrt; 9² Vergeblich aber blieb der Liſt Bemuͤh'n, Zu ſtark war der Beweis, zu klar die Schuld, Und wenn Theilnahme auch ſein Schickſal weckt, Und ihm erwirbt der Menge Gunſt und Huld, Daß manche Thraͤne ſelbſt ihm fließt verſteckt, 6 Doch weiß er es, und ruhig hoͤrt' er's an, Daß das Geſetz ihn frei nicht ſprechen kann. 19. Sie fuͤhrten ihn zuruͤck, und an dem Thor Sagt er zu Marlow, den er dort erblickt: „Ich halte, was und wie ich's Dir beſchwor“— Und zweifelnd nicht, daß ihm der Anſchlag gluͤckt, Den er der letzten Rache hat geweiht, Daß Jenen noch er mit ſich zieht hinab, Ward ihm ertraͤglicher die Einſamkeit; V Sie zeigt des Feindes, nicht ſein eignes Grab, 1 Sein letztes Handeln gilt nur dieſem Plan, Auch untergehn will er, wie ein Vulkan. —ͤ— 5 0 232 kt, 93³ 20. Ein Fremder kam, ſobald die Sonne ſank, In ſeinen Kerker, und der frohe Blick ONeill's verrieth, wie wohl ſein Gruß ihm klang— Der ungeduld'ge Waͤchter trat zuruͤck; Und O'Neill fluͤſtert in des Fremden Ohr, Und inhaltsſchwerer wird ein jedes Wort, Sein wilder Hoͤrer mit Geberden ſchwor, Was ſeiner Zunge nicht geſtattet dort, Die Lippe zuckt; er ballt die kraͤft'ge Fauſt, Der Rache Glut zieht uͤber ſein Geſicht, Und was im kuͤhnen Herzen kocht und brauſt, Nur in des Blicks Erwidrung deutlich ſpricht. Auch waren Worte zwecklos— in dem Blick Lag eine Antwort, die der Sprache fehlt— Das Auge ſpiegelt deutlicher zuruͤck, Als jeder Dollmetſch, den der Geiſt ſich waͤhlt. Des Blitzes Leuchten zeigt uns ſchneller nicht, In welcher finſtern Wolke er gezeugt, Als mancher Blick, der aus dem Innern ſpricht, —— Und uns die Hoͤlle, die dort wuͤthet, zeigt, Wie er den Himmel auch uns offenbart, Und Jedes malt, ſei rauh es oder zart. 21. O'Neill hielt inne— als des Waͤchters Wort Zum Schluß der langen Unterredung draͤngt, Und eifriger und ſchneller faͤhrt er fort, Zu ſagen noch, was ihm das Herz beengt. Gedanken, die erſtorben, wachen auf, In ſeinem Auge zeigt der Lampe Schein Die Thraͤne, der er wehrt nicht ihren Lauf, Und Liebe nimmt der Rache Stelle ein. Mit ſanfter Stimme giebt den Auftrag er, Den er, den theuerſten, noch aufgeſpart, Und einen Schatz— die Trennung wird ihm ſchwer— Zieht er hervor, den dort er ſtets verwahrt, Wo ſeinem Herzblut er am naͤchſten war; Dies Angedenken war ſein Heiligthum, Es theilte mit ihm Hoffnung und Gefahr, rt — 95— Noch theurer war's ihm, als dem Juͤngling— Ruhm. Und zitternd— mit dem feuchten Trennungs⸗ Blick, Der noch zu ſcheiden zoͤgert von dem Gut, Das ihm gewaͤhrt des Lebens Heil und Gluͤck, und ohne das ſelbſt weicht der Hoffnung Muth, Reicht er dem Fremden dieſes Zeichen dar; Und ſchweigend winkt er ihm den letzten Gruß, Und kaum bemerkend, daß er fort ſchon war, Schwelgend in der Erinnerung Genuß. Aus ſeinem Kerker floh entzuͤckt der Geiſt In eine Welt, die Beſſeres verheißt. 22. Der Tag erſchien— und finſter war ſein Bild— In Nebeln huͤllte ſich die Sonne ein, Von ſchweren Duͤnſten war die Luft erfuͤllt, Mit denen kaͤmpft des Strahles lichter Schein, Und ſchwarz und dunkel, wie ein großer Sarg, War die Natur, und alles Leben ſchweigt, — 96— uUnd ſelbſt der Voͤgel muntrer Chor verbarg Sich wie vor'm Tode, der die Fackel neigt. Der finſtre Geiſt, der auf der Erde lag, Schien jedem Weſen, wie ſein letzter Tag. 23. Die Menge wogte vor dem Blutgeruͤſt, und unheilſchwanger, wie in hoher See, Wenn ſie den Sturm verkuͤndet,— laut und wuͤſt, Ruft mancher Ton das unheimliche Weh;— Ein Haus ſtand weiter, als die andern, vor, Am Fenſter ſaßen zwei Geſtalten dort— Normann und Jemand, den er ſich erkor Zu einer That, fuͤr die er waͤhlt den Ort; Denn die Rebellen kannten jenes Haus, Das unterirdiſche Gewoͤlbe deckt: So mancher finſtre Gang fuͤhrt ein und aus Zu fernen Orten, wo Verdacht nicht ſchreckt, Zwei Roſſe, ſchnell und ſicher, ſtanden heut An einem ſolchen zu der Flucht bereit. — 97— 24. Horch! durch die Menge toͤnt Gefluͤſter nun Schnell wie ein Wind, der ploͤtlich ſich erhebt, Doch wie die Stuͤrme in der Luft jetzt ruh'n, Und wolkenfrei die Sonne wieder ſchwebt, So war bald Alles ſtill,— und das Schaffot Beſtieg O'Neill— gleichguͤltig uͤberblickt t und Er keck die Menge— ſein Erſcheinen bot Den Gegenſatz, vor dem das Herz erſchrickt. 8 Deer Jugend Bluͤthe und der Schoͤnheit Glanz 1 Und das Geoͤdaͤchtniß mancher ſchwarzen That;— Die ſtolze Wuͤrde und der Blick des Manns, Die nicht geeignet ſind zu ſolchem Pfad.— Hinter ihm ſtand der Prieſter— Marlow ſtieg Hinauf und ſtellt ſich neben den Rebell, Er uͤberblickt die Menge— Alles ſchwieg, 8 Und ſeine letzte Rede ſprach O'Neill. Tief rollte ſeiner Stimme feſter Ton, Er ſchien der Herrſchaft, nicht der Schande Sohn. — 9gs— 25. „Nicht Euer Mitleid fleh' ich an— noch will „Ich Thraͤnen fuͤr mein Urtheil und mein Loos, „Kampf gegen Unterdruͤckung war mein Ziel, „Ich unterlag— die Schuld iſt ſicher groß.— „Doch zwecklos iſt's, zu ſtrafen dieſe Schuld, „Sie bleibt, ſo lange Unterdruͤckung bleibt— „Mein Schickſal warnt nur, daß nicht Ungeduld „Zu fruͤh Euch zu der Rache Thaten treibt. „Wenn Euch der letzte Hoffnungsanker bricht, Wenn Ihr in Nacht nur wandelt und in Pein, „Doch kommt der Geiſt, der ſpricht: es werde Licht! „Und Licht wird einſtens auch fuͤr Irland ſein!— „Ihr, die mich ſeht, wenn einſt zu ſpaͤtrer Zeit, „Die dunkle Sage meinen Namen trug, „und meinen Thaten falſche Gruͤnde leiht, „Daß nichts ihm bleibt, als ſeiner Suͤnden Fluch, „Sagt Euren Soͤhnen, daß fuͤr Euch ich ihn „Getragen willig— und daß die Gewalt 4/j „Die der Rebellen Wahl mir einſt verlieh'n, „Nur Erin's Feinden, nie dem Lande galt, —„Und nur des Vaterlands Geſchick vermag 8,„Zu beugen mich, doch nimmer dieſer Tag.“ — 26. Als er ſich wendet, ſchaut ſein feſter Blick — Nach jenem Hauſe, wo Erwartung bebt, uld Vom Gitter ſchnell faͤhrt Normann jetzt zuruͤck, Er weiß nun, was das finſtre Schickſal webt; In Marlow's Ohr drauf fluͤſtert der Rebell, ein, Dem manche ſtille Thraͤne heimlich fließt, verde Und ungehoͤrt erhob ſich fuͤr O'Neill Der Rache Schrei, den nur im Blick man lieſ't; 1— Doch der Gefuͤhle Ausbruch wird erſtickt, Zeit, Wie wenn ein Alp die bange Menge druͤckt. V 27. Kluch, Horch!— welcher Knall!— ein leichter Rauch n I erhebt 3 1 — 100— Sich vom Schaffot— es fiel ein Schuß!— ein — Schrei Schallt dumpf hinab— und kuͤhne Hoffnung lebt In Jedem, der ein Feind der Tyrannei.— Es waͤlzet Marlow ſich in ſeinem Blut, Und widerſtrebend kaͤmpft er mit dem Tod, Doch mehr und mehr entweicht des Lebens Fluth, Scheu folgt der Geiſt, wohin ſein Loos gebot. Die Lippen ziehen zuckend ſich zuruͤck, Die Zaͤhne knirſchen,— noch ein ſcharfer Schrei— Er ſchaudert krampfhaft, und der wuͤſte Blick Im ſtarren Auge ſtirbt— es iſt vorbei!— Der Nache letzte Luſt noch fuͤhlt O'Neill, Doch es erfuͤllet ſich auch jetzt ſein Loos, Wie er gelebt, ſo ſtarb auch der Rebell, Befleckt mit Suͤnde zwar, doch kuͤhn und groß. Ein Troſt war's ihm, daß Normann traf ſein Ziel, und daß ſein Feind mit ihm zugleich noch fiel. ith, ſein Es ſank ein heitrer Abend auf die Flur, Die Nebel, die den Tag umwoͤlkten, floh'n, In neuem Reiz ſtrahlt wieder die Natur, Und alles Leben huldigt ihrem Thron; In jenes Zimmer dringt ein linder Weſt, Wo Ellen auf dem Krankenlager ruht, Er. kuͤßt die Blumen, die ſie pflegen laͤßt, Und bringt ihr Kuͤhlung in des Fiebers Glut; Sie war allein, und das vergang'ne Gluͤck Goͤnnt der Erinnerung noch einen Blick⸗ 29. Die Phantaſie ſchwaͤrmt in der fruͤhern Zeit, Es leuchtet jener Lichtblick ihrem Geiſt, Der ſich dem Leben, wie von jenſeits, beut, Und uns ein beß'res Daſein dort verheißt;— Die Pflegerin trat leiſe ein und gab Ellen ein Kaͤſtchen, das von fremder Hand Gebracht ward— ſie eroͤffnet's— und das Grab — 102— Sich ihr— ſie ſieht der Liebe erſtes Pfand;— Gebrochen war es, und ihr Herz auch brach, Denn O Neill's Schickſal war ihr jetzt bekannt, Und ſchnell und willig folgt ſie dorthin nach, Wohin ihr Geiſt ſich ſehnt, in's beſſ're Land. Ein Blick zeigt ihrem Herzen ſein Geſchick, Und toͤdtlich ward ihm dieſer eine Blick. Arasmanes. Erstes Capitel. In den weiten Ebenen von Chaldaͤa ſah der ehrwuͤrdige Chosphor, nicht der unberuͤhmteſte jener Patriarchen der Vorzeit, denen wir un⸗ ſere erſten Kenntniſſe uͤber die Geſtirne des Himmels verdanken, dem Ende ſeiner Tage entgegen. Auf ſeinem Todesbette ſprach er Fol⸗ gendes zu ſeinem einzigen Sohn, dem jungen Aras⸗ manes, deſſen Froͤmmigkeit ſelbſt in jener dunk⸗ len Stunde ihm ein Troſt und ein Segen war, und fuͤr deſſen wachſenden Ruhm, ſeiner Klug⸗ heit und Tapferkeit wegen, die ſchwachen Pulſe des entweichenden Lebens noch mit vaͤterlichem Stolze ſchlugen. — 106— „Arasmanes,“ ſagte er,„ich ſtehe im Be⸗ griff, das einzige Geheimniß Dir mitzutheilen, welches, nachdem ich achtzig Jahre den Myſte⸗ rien des Wiſſens gewidmet, ich fuͤr wuͤrdig halte, auf mein Kind zu vererben. Du weißt, daß ich viele Laͤnder geſehen und alle Wechſel des Lebens in ſeinem Ungluͤck und ſeinen Freu⸗ den erfahren habe. So wiſſe denn, daß die Erde nichts darbietet, welches das Streben dar⸗ nach belohnen oder dem menſchlichen Verlangen genuͤgen koͤnnte. Wenn Du den Widerſchein der Sterne im Waſſer beobachteſt, ſo erblickſt Du ein Bild des truͤgeriſchen Glanzes der Hoff⸗ nung; das Licht funkelt in der Welle, doch kann es weder erwaͤrmen, wenn es auch leuch⸗ tet, noch vermag es, auch nur fuͤr einen Au⸗ genblick, des Stromes Fortgang zu hemmen, welcher dem Abgrunde zueilt, in den er ſich ſtuͤrzen und verlieren wird. Nur in meinen alten Tagen befeſtigte dieſe Ueberzeugung ſich in meinem Gemuͤth, und in dieſer Zeit entdeckte — 107— ich auch in einem jener heiligen Buͤcher, denen damals meine Forſchungen gewidmet waren, das Geheimniß, welches ich jetzt Dir anvertrauen will. So erfahre denn, mein Sohn, daß in der entfernteſten Gegend Aſiens ein Garten ſich befindet, welchen Gott den erſten Menſchen zu ihrem Aufenthalte anwies. In dieſem Garten geht die Sonne niemals unter, und es herrſcht in demſelben ein ewiger Fruͤhling. Dort plagt weder Ruhmſucht, noch andere Leidenſchaf⸗ ten, weder taͤuſchende Hoffnungen, noch deren Frucht, die Reue. Dort kennt man weder die Gebrechen des Alters, noch die Leiden und Qua⸗ len der Krankheiten; jeder ſchaͤdliche Einfluß iſt verbannt aus der Luft; ewige Jugend und die Heiterkeit eines ungeſtoͤrten Gluͤckes ſind die Vorrechte aller dort athmenden Weſen. Unſere erſten Aeltern wurden, einer unbekannten Suͤnde wegen, aus dieſer herrlichen Gegend verbannt, und ihre Kinder verbreiteten ſich uͤber die Erde. Der Eingang zu dieſem Garten wird jetzt durch — 108s— Geiſter bewacht, und Wolken und Finſternß verbergen ihn den Augen gewoͤhnlicher Menſcheni Den Tugendhaften und Kuͤhnen jedoch wurde der Anblick Gottes nicht verſagt; ſie vermoͤgen die Dunkelheit zu durchdringen, die ſtrengen Huͤter zu beſaͤnftigen und einzugehen in die Pforten des Paradieſes. Dahin alſo, mein Sohn— da Du ſo fruͤh Dich zu uͤberzeugen Gelegenheit haſt, daß in dem uͤbrigen Theile der Erde nur Sorgen und Plagen zu finden ſind— dahin richte Deinen Weg!— Wie gluͤcklich wuͤrde ich in meinen maͤnnlichen Jah⸗ ren mich gefuͤhlt haben, als meine Kraͤfte mei⸗ nem Willen noch unterwuͤrfig waren, wenn da⸗ mals dieſes heilige Geheimniß mir bekannt ge⸗ worden, und ich ſelbſt das Paradies aufzuſuchen vermocht haͤtte. Benutze Du jetzt mein Wiſſen, und in der Hoffnung Deines Gluͤckes werde ich zufrieden ſterben.“— Der fromme Sohn druͤckte die Hand ſeines Vaters und verſprach, ſeinen letzten Anweiſungen zu folgen. — 109— „Doch wie werde ich,“ ſagte er,„die Rich⸗ tung finden, in welcher jener Garten des Gluͤ⸗ ckes liegt? wer wird mein Fuͤhrer dorthin ſein? Koͤnnen Schiffe, erbaut durch ſterbliche Haͤnde, an ſeiner Kuͤſte landen, oder koͤnnen wir dem Ka⸗ meeltreiber ſagen: Du naͤherſt Dich dem Ziel?“ Der Sterbende zeigte nach Oſten. „Im Oſten,“ ſagte er,„geht die Sonne auf, ein Bild des Fortſchrittes menſchlicher Weis⸗ heit: von Oſten kommt unſer Wiſſen. Suche dieſe Richtung zu verfolgen, und Du wirſt das Eden zuletzt erreichen, welches Deine Muͤhe be⸗ ohnt.“ Und Chosphor ſtarb und wurde begraben bei ſeinen Vaͤtern. 4 Nach einer kurzen Trauer nahm Arasmanes Abſchied von ſeinen Freunden, und ſuchte, in⸗ dem er ſich gegen Morgen wendete, den Ein⸗ gang zum Paradieſe auf. Mehrere Wochen lang reiſte er allein, und die Sterne waren ſeine einzigen Fuͤhrer. — 110— Je weiter er vordrang, deſto mehr waren die Menſchen von dem Daſein des Paradieſes unterrichtet. Von ſeiner fruͤheſten Jugend ge⸗ wohnt, mit weiſen Maͤnnern umzugehn, ſuchte es ſie in allen Orten auf, durch die ihn ſein Weg fuͤhrte. Ihre Ausſagen vermehrten ſeinen Eifer; denn ſie Alle kannten jene uralte Sage von einer ſchoͤnen Gegend im fernſten Oſten, aus welcher das jetzt lebende Menſchengeſchlecht verbannt ſei. Theilte er jedoch Jemanden ſein verwegenes Vorhaben mit, ſo hatte er die De⸗ muͤthigung, blos dem Laͤcheln des Spottes oder dem unglaͤubigen Staunen der Verwunderung zu begegnen; einige hielten ihn fuͤr einen Ver⸗ ruͤckten, andere wieder fuͤr einen Betruͤger, ſo daß zuletzt er ſeine eigentlichen Abſichten vor⸗ ſichtig verbarg, und ſich begnuͤgte, ſein Wiſſen zu vermehren und die Mittheilungen Anderer anzuhoͤren. Zweites Capitel. Endlich verließ der Wanderer einen großen Wald, durch den ſeit mehreren Tagen ſein er⸗ muͤdender Weg ihn gefuͤhrt hatte, und ſchoͤn uͤber alle Beſchreibung war die Landſchaft, welche ſeinen Blicken ſich darbot. Eine Ebene, bedeckt von der uͤppigſten Vegetation, lag vor ihm; durch die Baͤume, welche hie und dort uͤber dem ſmaragdenen Boden ſich erhoben, lie⸗ fen Alleen, uͤberwoͤlbt von Blumengewinden, deren Farbenpracht aus dem dunkeln Laub er⸗ glaͤnzte, und deren ſuͤße Duͤfte die Luft balſa⸗ miſch erfuͤllten. Ein Fluß, klar wie Kriſtall, floß uͤber Goldſand, und wo der Raſen am — 112— gruͤnſten war, erhoben ſich kuͤhlende Spring⸗ brunnen, die ihren zerſtaͤubenden Strahl in die Luft ſandten. Voll von Entzuͤcken und Be⸗ geiſterung, blieb der Wanderer ſtehen; ein Ge— fuͤhl wolluͤſtiger Wonne, welches er fruͤher nie empfunden hatte, durchbebte ihn.„Sieh,“ ſagte er,„ſchon iſt mein Ziel erreicht, und Eden, das Land des Gluͤcks und der Jugend, liegt vor mir!“— Als er ſo ſprach, erwiderte eine ſanfte Stimme: „Ja, gluͤcklicher Fremdling; Dein Ziel iſt erreicht; dieſes iſt das Land des Gluͤcks und der Jugend!“— Er ſchaute ſich um, und ein Maͤdchen von blendender Schoͤnheit ſtand ihm zur Seite. „Genieße der Gegenwart,“ ſagte ſie,„dann wirſt Du der Zukunft trotz bieten! Noch ehe die Welt erſchaffen war, bruͤtete die Liebe ſchon uͤber dem dunkeln Chaos, bis unter dem Schat⸗ ten ihrer Fluͤgel das Leben des werdenden Ge⸗ — 25— 82 — 113— ſchlechtes ſich bildete. Liebe nur iſt der wahre Gott, und wer ihm dient, wird eingeweiht in die Geheimniſſe eines Glaubens, der noch aͤlter iſt, als die Sterne. Sieh! Du betrittſt jetzt die Schwelle des Tempels; Du biſt eingetreten in das Land des Gluͤckes und der Jugend!“— Bezaubert durch dieſe Worte, uͤberließ ſich Arasmanes ganz dem ſuͤßen Rauſche, in den ſie ſeine Sinne wiegten. Er duldete, daß die Nymphe ihn weiter in den Garten fuͤhrte, und von allen Seiten erſchienen jetzt Weſen in dem Hain, einige von beſonderer, manche von der ſchoͤnſten Bildung. Der Satyr und der Faun kamen hervor, wie der jugendliche Bacchus, gemiſcht mit den mannigfach geſtalteten Gott⸗ heiten Indiens und Aegyptens; doch am zahl⸗ reichſten waren die Nymphenchoͤre, welche die Gebilde der Schoͤnheit, wie ſie nur ſonſt den Traͤumen der Kuͤnſtler ſich darbietet, in der Wirklichkeit erſcheinen ließen; und wohin er auch blickte, uͤberall ſchien aus dem dichten Laub ein — 114— laͤchelndes Antlitz ihn zu begruͤßen und aus dem frohen, doch ſanften Blick Luſt und Wonne uͤber Alles zu verbreiten. Er fragte, wie die⸗ ſes Weſen, welches die Macht zu haben ſchien, uͤberall ſich zu vervielfaͤltigen, genannt werde?— Und ſein Name war Eros. Eine Zeitlang, deren Dauer ihm jedoch nicht bewußt war— da in jenem Lande kein Zeit⸗ maß gilt— war Arasmanes vollkommen uͤber⸗ zeugt, daß er Eden ſelbſt erreicht habe. Er fuͤhlte ſeine Jugend inniger und lebhafter; Alles war ihm neu— ſelbſt in der Geſtalt der Blaͤt⸗ ter und dem Fluͤſtern der balſamiſchen Luͤfte fand er Gegenſtaͤnde des Staunens und der Bewunderung. Das Naͤdchen liebend, welches zuerſt ihn angeredet hatte, war er bereit, jeden ihrer klein⸗ ſten Wuͤnſche(und ihrer Launen waren nicht wenige) zu befriedigen. Er drang bis in die entfernteſten Gegenden des Gartens, welcher ihm jetzt unbegraͤnzt erſchien. Niemals hatte er — 115— Langeweile, dieſe ſchien ihm ſogar ganz unmög⸗ lich, und fortwaͤhrend wiederholte ſich der Ge⸗ danke:„ich bin ein Bewohner des Landes des Gluͤcks und der Jugend.“ Eines Tages, als er mit ſeiner Geliebten ſich unterhielt und in ihr Antlitz blickte, bemerkte er mit Erſtaunen, daß, ſeit er zum letzten Mal ſie angeſehen, eine Runzel auf der weißen Flaͤche ihrer Stirne ſich gebildet hatte; und indem er kaum dem Zeugniß ſeiner Augen traute, erſchie⸗ nen ſchnell immer mehr Runzeln, und die Ro⸗ ſenglut der Wangen begann zu welken und zu erbleichen.— Er verbarg, ſo gut er konnte, ſeine Verwunderung und ſein Mißvergnuͤgen uͤber dieſes ſeltſame Ereigniß, und da er nicht laͤnger wagte, in ein Antlitz zu blicken, welches fruͤher die Quelle ſeines Entzuͤckens geweſen, ſuchte er Entſchuldigungen, um ſich von ihr zu trennen, und wanderte, verwirrt und mit ſeinem eigenen Selbſt zerfallen, in den Wald. Die Faunen und Dryaden und die jugendliche Ge⸗ — 116— ſtalt des Bacchus begegneten ihm zwar wieder, und auch des Eros laͤchelnde Zuͤge erſchienen ihm von Zeit zu Zeit, aber der Zauber, der ſie mit dem Glanze des Wundervollen uͤber⸗ ſtrahlte, war in ſeiner Bruſt erſtorben. Ja, es ſchien ihm ſogar, als trage der Gott des Weins eine gewiſſe Gemeinheit in ſeinen Zuͤgen, und er gaͤhnte faſt hoͤrbar den Eros an. So oft er ſeiner Lieblings⸗Nymphe wieder begegnete, merkte er jedesmal mit Verdruß, daß die Runzeln ſich vermehrt hatten; die Jugend ſchien ihr mit ſchnellen Schritten zu entfliehen; und ſtatt eines jungen Maͤdchens, war es nun eine alte Kokette, in die er ſich ſo leidenſchaft⸗ lich verliebt hatte. Eines Tages konnte er ſich nicht uͤberwinden, wenn auch mit einiger Verlegenheit, ihr zu ſagen: „Wohnſt Du ſchon viele Jahre in dieſem ſchoͤnen Garten, liebes Kind?“— „O gewiß, ſchon ſehr lange,“ erwiderte ſie laͤchelnd. — 117— „Dann biſt Du alſo nicht mehr ſehr jung?“ fuhr Arasmanes, unhoͤflich genug, fort. „Was?“ ſchrie die Nymphe, indem ſie die Farbe wechſelte,„zeigt Dir mein Anblick das herannahende Alter? Iſt ſchon eine Runzel auf meiner Stirne erſchienen? Du ſchweigſt. O, grauſames Schickſal, willſt Du ſelbſt dieſen Geliebten mir rauben?“ und die arme Nymphe brach in Thraͤnen aus. „Liebes Kind,“ ſagte Arasmanes,„aller⸗ dings beginnſt Du, aͤlter zu werden; aber meine Freundſchaft wird ewig ſein.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als die Nymphe einen langen, traurigen Blick auf ihn heftete, und dann mit einem lauten Schrei ſich entfernte. Dicke Finſterniß bedeckte, wie ein Schleier, die Ebene; der Jugendreiz des Lebens mit ſeiner Begleiterin, der Poeſie, war dem Wanderer fuͤr immer entflohen. Ein tiefer Schlaf uͤberfiel ihn; er erwachte verſtoͤrt und ohne ſich erquickt zu fuͤhlen. Vor — 118— ihm lag eine bergigte Gegend; die gruͤnen Thaͤ⸗ ler wurden durch Stroͤme bewaͤſſert, welche von den Hoͤhen rauſchten. Von dem Garten, den er fuͤr Eden gehalten hatte, war keine Spur mehr vorhanden. Er befand ſich wieder auf der wirklichen Erde. Thaͤ⸗ von den Spur auf Drittes Capitel. Mehrere Tage verfolgte nun der junge Aben⸗ teurer, unzufrieden und ſich ungluͤcklich fuͤhlend, ſeinen Weg, immer der Richtung gegen Oſten folgend, und verſuchte, die ſuͤßen Taͤuſchungen der Vergangenheit zu uͤbertaͤuben, indem er die Hoffnung naͤhrte, das wirkliche Eden jetzt bald zu finden. Der Abend war heiter und mild; der Abend⸗ ſtern erſchien am Horizont dieſer ungeheuren Flaͤchen— welche noch frei von den Wohnun⸗ gen und dem Anbau der Menſchen waren; ein ſchmaler Fluß drang aus einer Felſenſpalte und durchfloß die Ebene, bis er ſich in dem Dunkel 7 — 120— eines Palmenwaldes verlor. An der Quelle dieſes Fluſſes ſaßen ein alter Mann und ein junges Maͤdchen. Ochtor, der Greis, unterrich⸗ tete ſeine Tochter Azraaph in den erſten Lehren der Weisheit, und aufmerkſam hoͤrte das Maͤd⸗ chen zu, und mild beſchien der Abendſtern den ſtillen Ernſt in ihren ſchoͤnen Zuͤgen. Auch der Fremde, hinabſteigend von den Huͤgeln, welche die große Ebene begraͤnzten, kam, ermattet durch ſeine lange Reiſe, zu der Quelle, um ſeinen brennenden Durſt zu loͤſchen. Zuerſt bemerkte er noch nicht den Greis und ſeine Tochter, denn der Schatten des Felſens verbarg ſie ſeinem Anblick. Ochtor, der zu je⸗ nen erſten Einſiedlern gehoͤrte, welche in der Einſamkeit die Weisheit ſuchen, hatte, uͤber⸗ druͤßig des wilden Treibens in der Welt, laͤngſt in eine Hoͤhle, unweit der Quelle jenes Fluſ⸗ ſes, ſich zuruͤckgezogen. Der naͤhere Umgang mit der Natur machte ihn gluͤcklich, die Be⸗ trachtungen uͤber die Geheimniſſe der Zukunft — 121— beſchaͤftigten ihn mehr, als das Andenken an eine unruhige Vergangenheit. Gewohnt, die ſeltenen Wanderer, die von Zeit zu Zeit von den Bergen kamen, um die Staͤdte des Mor⸗ genlandes zu beſuchen, gaſtfreundlich aufzuneh⸗ men, und ihnen Speiſe und Lager anzubieten, brach er zuerſt das Stillſchweigen. Arasmanes nahm dankbar die Anerbietun⸗ gen des Einſiedlers an, und wurde Ochtor's Gaſt. In dem Felſen befanden ſich mehrere Hoͤhlen, theils durch die Natur, theils durch Jaͤger von den Bergen gebildet, und in eine derſelben fuͤhrte der Greis den Wanderer, nach⸗ dem dieſer das einfache Mahl genoſſen hatte.— Der Boden der Hoͤhle war mit trockenem Mooſe belegt, der Schlaf des Arasmanes war erqui⸗ ckend und mit manchem entzuͤckenden Traume durchwebt. Als er am naͤchſten Morgen aufſtand, fand er den Greis und ſeine Tochter wieder an der Quelle des Fluſſes, welche die aufgehende Sonne 6 — 122— beſchien, und wo ſie gewohnt waren, am Mor⸗ gen und am Abend die Gottheit anzubeten. „Du wirſt uns doch ſo bald nicht verlaſſen,“ ſagte der Einſiedler;„denn wer von den Ber⸗ gen kommt, muß eine beſchwerliche Reiſe ge⸗ macht haben, und bedarf der Ruhe.“ Arasmanes erwiederte, indem er einen Blick auf die ſchoͤne Azraaph warf:„Wenn ich nicht fuͤrchtete, Deine heiligen Betrachtungen zu ſtoͤ⸗ ren, ſo wuͤrde dieſe ſtille, erfriſchende Gegend, und vor Allem Dein Umgang den Wunſch in mir erregen, noch manchen Tag bei Dir zu bleiben.“ „Sieh, wie dem ſtillen Baume die wan⸗ dernden Voͤgel Leben und Luſt bringen,“ ſagte der Weiſe,„und ſo erfreulich wird auch dem Einſamen die Geſellſchaft von ſeines Gleichen.“ — Uund Arasmanes blieb bei Ochtor, dem Greiſe. Mor⸗ ſen,“ Ber⸗ ge⸗ Blick nicht 1 ſtoͤ⸗ gend, ch in ir zu wan⸗ ſagte dem chen.“ Greiſe. Viertes Capitel. „Alſo dies ſind Deine Schickſale,“ ſagte Och⸗ tor,„und immer noch glaubſt Du an die truͤge⸗ riſchen Traͤume Deines Vaters uͤber das vor⸗ gebliche Eden? Ohne Zweifel gab es einſt fuͤr unſere gluͤcklicheren Voraͤltern eine ſolche Gegend; denn wie ſollte ſonſt die Sage davon zu uns gelangt ſein? Aber Schatten umhuͤllen jetzt das Paradies, und Engel bewachen ſeinen Eingang. Vergeude nicht Deine Kraͤfte in einem Streben ohne Ziel, ſuche nicht vergeblich, was Du nim⸗ mer finden kannſt. Gieb nicht die Freuden der Erde auf, indem Du denen Edens nachjagſt. Bleibe bei uns, mein Sohn, in unſerer Ein⸗ 6* — 124— ſamkeit. Hier iſt das wahre Paradies, von dem Dein Vater ſprach; denn hier kennen wir weder Leidenſchaft, noch Sorge. Vor den De⸗ muͤthigungen und Enttaͤuſchungen der Erde iſt der Einſame ſicher. Sieh, meine Tochter hat Gunſt gefunden vor Deinen Augen— ſie liebt Dich— ſie iſt ſchoͤn und ſanften Gemuͤthes. Bleibe bei uns, mein Sohn, und vergeſſe, was Dein Vater, uͤberdruͤßig einer Welt, die er zu verlaſſen nicht den Muth hatte, von der fal⸗ ſchen Weisheit der Unzufriedenheit Dir mitge⸗ theilt hat.“ „Du haſt Recht, ehrwuͤrdiger Ochtor,“ rief Arasmanes mit Entzuͤcken,„gieb mir nur Deine Tochter, und ich will kein anderes Eden ſuchen, als dieſe Ebenen.“ Fünktes Capitel. Schon ſechsmal hatte die Sonne ihren Lauf erneuert, und immer noch wohnte Arasmanes in Ochtor's Hoͤhle. In dem ſchoͤnen Antlitz der Azraaph entdeckte er keine Runzeln— ihre unſchuldige Liebe blieb ihm ſtets neu; die maje⸗ ſtaͤlſche Ruhe der Natur erfuͤllte auch ſein Ge⸗ muͤth mit einer heiligen Stille, und die Lehren Ochtor's zeigten ihm den Weg zum wahren Gluͤcke. Er fand in denſelben Beruhigung der Leidenſchaften und Erhebung des Geiſtes zu⸗ gleich. Mitunter jedoch, und ſeit Kurzem mehr als jemals, fuͤhlte er wieder einen heftigen Drang nach dem ſo lange vergeblich geſuchten Eden. — 126— Es plagte ihn die Einfoͤrmigkeit, dieſe unab⸗ wendbare Folge der Ruhe. Gegen das Ende des ſechsten Jahres, als ſie eines Morgens vor ihrer Hoͤhle ſtanden, und ihre Heerden ruhig um ſie weideten, erſchienen ploͤtzlich auf den weſtlichen Huͤgeln viele Maͤnner. Sie waren ſchon durch dieſe bemerkt worden, bevor ſie Zeit gehabt, zu berathen, ob ſie ſich verber⸗ gen ſollten; doch war auch keine Urſache zur Beſorgniß vorhanden, denn die Fremden wuͤnſch⸗ ten bloß Speiſe und Lager. Der Vornehmſte dieſer Geſellſchaft war ein alter, ehrwuͤrdiger Mann, gekleidet in die reich⸗ ſten Stoffe des Oſten. Leicht umfloß ihn das purpurne Gewand, und leuchtend glaͤnzten die Edelſteine an ſeinem Guͤrtel und an ſeinem Schwert. Als er ſich Ochtor naͤherte, um ihn anzureden, malte ſich immer mehr in den Zuͤgen eines jeden der beiden Greiſe Zweifel, Verwun⸗ derung, Wiedererkennung und Freude.„Mein Bruder!“ ertoͤnte es zugleich von Beider Lip⸗ — 127— pen, und der alte Anfuͤhrer druͤckte Ochtor an ſeine Bruſt und weinte laut. Den ganzen Tag blieben die Bruͤder zu⸗ ſammen, und am Abend trennten ſie ſich mit Thraͤnen. Zamielides, der Sohn des alten An⸗ fuͤhrers, kniete vor Ochtor, und dieſer ſegnete ihn. Als nun Alle wieder fort waren, und die alte Einſamkeit und Stille zuruͤckkehrte, hing Ochtor allein ſeinen Gedanken nach, und Azraaph ſagte zu ihrem Gatten:„Meines Vaters Ge⸗ muͤth ſcheint unruhig und voll Sorge; geh, mein Geliebter, ich bitte Dich, und troͤſte ihn; der Thau liegt ſchwer auf dem Graſe, und mein Vater iſt ſchon alt.“ Ochtor ſtand an dem Ufer des Fluſſes; die wilden Zebra's kamen, um ihren Durſt zu loͤſchen; in einiger Entfernung hoͤrte man die Flußpferde wiehern, und die Gegenwart der Thiere machte dem alten Manne ſeine Einſamkeit noch fuͤhlbarer. „Weshalb biſt Du betruͤbt, mein Vater?“— ſagte Arasmanes. — 128— „Habe ich mich nicht von meinen Verwand⸗ ten trennen muͤſſen?“ „Aber Du hoffteſt fruͤher niemals, ſie wie⸗ der zu ſehen, und bleiben Dir nicht Deine Kinder?“ Ochtor erwiederte:„Hoͤre mich, Arasmanes. Wiſſe, daß Zamiel, mein Bruder, und ich, beide lebhaft und feurig, in unſerer Jugend nach der Herrſchaft trachteten, und Jeder glaubte die zu dem Befehlen noͤthigen Eigenſchaften zu beſitzen; aber mein Arm war ſtaͤrker im Kampf, und mein Geiſt gewandter im Rath. Wir ſtreb⸗ ten und waren thaͤtig, und unſer Name wurde beruͤhmt in unſerem Stamm; aber auch der Neid ruhte nicht. Unſere Heerden wurden eine Beute der Feinde, und wir ſelbſt ſanken bis zu der Erniedrigung unſerer Sklaven. Ich verließ die Menſchen, und vergaß in dieſer weiten Ein⸗ ſamkeit, wo ich Ruhe und Zufriedenheit fand, den Ehrgeiz. Mein Bruder jedoch gab ſeine Hoffnungen nicht auf, geduldig ertrug er ſein — 129— Schickſal, beſſere Zeiten erwartend. Und ſeine Ausdauer wurde belohnt! Die Stunde der Rache kam— er verſammelte im Geheimen ſeine fruͤ⸗ heren Anhaͤnger— uͤberfiel unſere Feinde im Dunkel der Nacht, und am naͤchſten Morgen wurde er zum Anfuͤhrer des Stammes erwaͤhlt. Jetzt reiſt er mit ſeinem Sohne zu dem Koͤnig der„Stadt des Reichthums,“ deſſen Tochter Za⸗ mielides heirathen wird. Haͤtte ich nicht meinem Stamme entſagt und mich hieher gefluͤchtet, ſo waͤre dieſes ruhmvolle Loos das meinige, und meine Tochter eine Koͤnigin geworden. Wun⸗ dert es Dich jetzt noch, daß ich unruhig und ſorgenvoll bin?“—— Und Arasmanes uͤberzeugte ſich, daß der Einſiedler die Welt nur verachtet habe, weil er den Muth verloren hatte, in ihr zu leben. Ochtor aber blieb unzufrieden und traurig bis zu ſeinem Tode; und nach drei Monaten begrub ihn Aras⸗ manes an der Quelle des rauſchenden Fluſſes. 6** Gechstes Capitel. Die Geſtaͤndniſſe Ochtor's und ſein Tod mach⸗ ten einen lebhaften Eindruck auf Arasmanes. Er erwachte wie aus einem langen Schlaf. Die Einſamkeit hatte ihren Zauber verloren; und er fuͤhlte, daß ſchon die Unthaͤtigkeit mit der Reue verwandt iſt.„Wenn,“ dachte er,„ein ſo weiſes und tiefſinniges Gemuͤth, als Ochtor's, fuͤr die Erinnerungen des Ehrgeizes ſo empfaͤnglich iſt— wenn am Rande des Todes ſelbſt, er der Ein⸗ ſamkeit fluchte, in die er ſich ſo lange vergra⸗ ben, und bei den erſten Nachrichten, die ihm aus der Welt wieder wurden, fuͤhlte, daß er, was des Lebens Gluͤckswechſel ihm bieten konn⸗ — 13³1— ten, vernachlaͤſſigt habe, um wie viel mehr muß ich in der Fuͤlle meiner maͤnnlichen Kraft ſol⸗ chen Gefuͤhlen zugaͤnglich ſein, waͤhrend ich noch nicht einmal das eine große Ziel erreicht habe, welches ich meinem Vater zu verfolgen verſprach? Nicht laͤnger darf ich meine Zeit vergeuden in dieſer menſchenleeren Einoͤde; fort muß ich, meine Lenden guͤrten, und mit Azraaph, meinem Weibe, jenes Eden ſuchen, in welches wir zuſammen eintreten wollen!“ Dieſer Gedanke reifte bald zum Entſchluß, und um ſo ſchneller, da nach dem Tode Och⸗ tor's Arasmanes keinen Gefaͤhrten und Theil⸗ nehmer ſeiner hoͤheren Betrachtungen mehr hatte. Azraaph war ſchoͤn und freundlich, aber ſo⸗ bald er von den Sternen an zu reden fing, gaͤhnte ſie ihn an. Sie war zufrieden mit der Einſamkeit, weil ſie von der Welt weiter nichts kannte; und die Heerden, der Fluß und jeder Baum waren ihr Geſellſchaft; aber ihre Zufrie⸗ denheit war, wie Arasmanes zu entdecken an⸗ — 13³32— fing, die der Unwiſſenheit, und nicht die der Weisheit. Azraaph weinte bitterlich, als ſie die Hoͤhle verließ, doch bald verſoͤhnte ſie, je weiter ſie kamen, die Neuheit deſſen, was ſie ſah, mit dem Wechſel, und ihre Sehnſucht nach dem Fluß und dem Felſen verſchwand. Mehrere Wochen lang reiſten ſie gegen Oſten, und be⸗ gegneten keinem lebenden Weſen, außer einigen Schlangen und einem Trupp wilder Pferde. Endlich langten ſie eines Abends in den Vor⸗ ſtaͤdten einer praͤchtigen Stadt an. Als ſie ſich den Thoren naͤherten, verblendete ſie faſt deren Glanz, denn ſie waren aus gediegenem Golde, auf welches die vielen Naphtalampen, die es beleuchteten, einen herrlichen Schein warfen. Sie fragten, als ſie durch das Thor gin⸗ gen, nach dem Namen der Stadt, und hoͤrten mit einigem Erſtaunen und noch mehr Freude, daß es„die Stadt des Reichthums“ ſei. „Hier,“ ſagte Azraaph,„werden wir gewiß g1 er gin⸗ ten ide, wiß — 133— gut aufgenommen, denn der Sohn des Bruders meines Vaters iſt Gemahl der Tochter des Koͤnigs.“ „Und hier,“ dachte Arasmanes,„werden gewiß viele Weiſe ſein, bei denen ich uͤber die wahre Lage Edens mich unterrichten kann.“ Sie waren, als ſie durch die Straßen gin⸗ gen, erſtaunt uͤber das Gedraͤnge, Geraͤuſch und die Bewegung in einer ſo ſpaͤten Stunde. Mit der Einfalt von Perſonen, welche ſo lange in der Einoͤde gelebt hatten, fragten ſie ſogleich nach dem Palaſte des Koͤnigs. Der erſte, den Arasmanes fragte, war ein junger Herr, praͤchtig gekleidet, der mit großer Sorgfalt einher ſchritt, um ſeines Rockes Saum nicht zu beſchmutzen. Der junge Herr blickte ihn ſtolz und verwundert an, und ging weiter. Der naͤchſte, den er fragte, war ein roher Bauer, der ein Bund Holz auf den Schultern trug. Dieſer lachte ihm ins Geſicht, und Aras⸗ manes, empoͤrt daruͤber, ſchlug ihn zu Boden. — 134— Es kam ſo eben ein Richter vorbei, und Aras⸗ manes that an ihn dieſelbe Frage. „Der Palaſt des Koͤnigs?“ ſagte der Rich⸗ ter,„und was wollt Ihr in des Koͤnigs Pa⸗ laſte?“— „Die Tochter des Koͤnigs iſt vermaͤhlt mit dem Vetter meiner Frau.“ „Deiner Frauen Vetter! Du mußt ver⸗ ruͤckt ſein; doch halt! Deine Kleider ſind zer⸗ riſſen und abgetragen. Ich glaube(und hier ſchoß der Richter einen ſchrecklichen Blick auf ihn), Du beſitzeſt weder Silber noch Gold.“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Arasmanes, „ich habe keines von beiden.“ „Ho, ho!“ ſagte darauf der Richter hoͤh⸗ niſch;„er bekennt ſeine Schuld; er geſteht, daß er weder Silber noch Gold beſitzt. Hier, ihr Soldaten, ergreift dieſen Mann und dieſe Frau. Fort mit ihnen ins Gefaͤngniß, daß wir mor⸗ gen das Todesurtheil uͤber ſie faͤllen. Wir wollen dann beſtimmen, ob ſie durch Hunger od er⸗ or⸗ ger — 133— oder am Galgen ſterben ſollen. Die Boͤſewichte haben wirklich weder Silber, noch Gold; und was noch ſchlimmer iſt, ſie geſtehn es ſogar!“— „Iſt es moͤglich?“ rief die Menge; und ein Schauder des Abſcheu's ergriff jeden Anweſen⸗ den.„Fort mit ihnen ins Gefaͤngniß! Lange lebe der Richter Kaly, deſſen Auge immer wacht, und der uns befreit von den Armen!“ Der Richter ſetzte ſeinen Weg fort, Thraͤnen tugendhaften Entzuͤckens vergießend uͤber den Ruf, den er ſich erworben hatte. Arasmanes und Azraaph wurden in das Gefaͤngniß geſchleppt, wo Jener ſeinen Gedan⸗ ken uͤber die ſonderbaren Begriffe nachhing welche die Bewohner der Stadt des Reichthums uͤber Tugend und Laſter zu haben ſchienen. Am naͤchſten Morgen wurden ſie durch lautes Geſchrei unter den Fenſtern ihres Gefaͤngniſſes beunru⸗ higt. Es war ein fuͤrchterlicher Laͤrm, doch ſchien es nur ein Ausbruch der Freude zu ſein. In der That war an jenem Morgen die Prin⸗ — 136— zeſſin, welche Azraaph's Vetter geheirathet hatte, von ihrem erſten Kinde gluͤcklich entbunden wor⸗ den, und groß war der Jubel und das Ent⸗ zuͤcken daruͤber in der Stadt. Nun herrſchte aber der Gebrauch dort, daß, wenn ein Mit⸗ glied der koͤniglichen Familie die Bevoͤlkerung zu vermehren geruhte, der Vater des Neuge⸗ bornen alle Gefaͤngniſſe beſuchte und die Gefan⸗ genen befreite. Welches Gluͤck fuͤr Arasmanes und Azraaph, daß die Prinzeſſin entbunden wurde, bevor ſie gehangen waren! Unter Zymbeln⸗ und Paukenklang, mit we⸗ henden Fahnen und von ſeiner Leibwache be⸗ gleitet, kam der junge Vater auch zu dem Ge⸗ faͤngniß, in welches unſer ungluͤckliches Paar gebracht worden war. „Habt Ihr ſchwere Verbrecher in Eurem Gefaͤngniß?“ fragte der Prinz den erſten Auf⸗ feher; denn er bemuͤhte ſich damals um die Gunſt des Volkes. „Bloß einen Mann, Ew. Hoheit, der ſeit — 137— der vorigen Nacht hier iſt, und der mit kaltem Blute und ohne Zwang oder Tortur freiwillig geſtanden hat, er beſitze weder Silber noch Gold. Es waͤre Schade, wenn ſolch' ein Boͤſewicht nicht beſtraft wuͤrde!“— „Ihr habt Recht,“ ſagte der Prinz,„und welche Unverſchaͤmtheit, das Verbrechen zu be⸗ kennen! Einen ſo ſeltſamen Mann muß ich doch ſehen.“ Indem er dieſes ſagte, ſtieg der Prinz ab, und folgte dem Aufſeher in die Zelle, welche Arasmanes und ſein Weib verſchloß. Sie er⸗ kannten ſogleich ihren Verwandten; denn in jenen alten Zeiten hatten Ungluͤckliche ein außer⸗ ordentlich gutes Gedaͤchtniß, wenn es darauf ankam, maͤchtige Verwandte wieder zu erkennen. Azraaph wollte dem Prinzen um den Hals fallen, welches die Wache verhinderte, und Aras⸗ manes fing an, fuͤr den Beſuch ſeinen Dank zu ſtottern. „Dieſe Menſchen ſind verruͤckt,“ rief ſchnell — 138— der Prinz.„Befreit ſie, aber erſt will ich mich entfernen.“ Mit dieſen Worten lief er ſo ſchnell die Treppen hinunter, daß er faſt geſtuͤrzt waͤre; darauf beſtieg er ſein Pferd, und verfolgte ſeinen Weg in die andern Gefaͤngniſſe, begleitet von dem Freudengeſchrei des Volkes. Arasmanes und Azraaph wurden nun frei gelaſſen; ſie hatten großen Hunger, und gingen in den erſten Baͤckerladen, den ſie ſahen, und baten um Gaſtfreundſchaft. „Gewiß,“ ſagte der Baͤcker;„doch zuerſt das Geld!“— Arasmanes, durch Erfahrung vorſichtiger geworden, huͤtete ſich wohl, zu geſtehen, daß er kein Geld habe, ſondern ſagte, er habe es zu Hauſe vergeſſen.„Jetzt gieb mir nur das Brod,“ fuhr er fort,„und morgen will ich bezahlen.“ „Sehr wohl,“ erwiederte der Baͤcker,„aber das Schwert, welches Du traͤgſt, hat einen koſtbaren Griff; laſſe mir es hier, bis Du mit dem Gelde zuruͤckkehrſt.“ — 139— Arasmanes nahm das Brod, und ließ ihm das Schwert. Als ſie geſaͤttigt waren, beſchloſſen ſie, eine ſo gefaͤhrliche Stadt ſo ſchnell als moͤglich zu verlaſſen; doch als ſie eben in eine enge Straße einbogen, wurden ſie ploͤtzlich durch ſechs Sol⸗ daten ergriffen, und die Augen ihnen ſchnell ver⸗ bunden. Man ſchleppte ſie fort; ſie wußten nicht, wohin. Endlich ſtiegen ſie eine Treppe hinauf; bald wurden ihnen die Binden von den Augen genommen, und ſie befanden ſich in einem praͤchtigen Zimmer, allein mit ihrem Vet⸗ ter, dem Prinzen. Er umarmte ſie zaͤrtlich.„Vergebt mir,“ ſagte er,„wenn ich Euch vergeſſen zu haben ſchien; aber mein Ruf in dieſer Stadt waͤre gaͤnzlich verloren geweſen, wenn ich Verwandte anerkannt haͤtte, die ſelbſt geſtanden, daß ſie weder Gold, noch Silber beſaͤßen. Bei dem Barte meines Großvaters, wie konntet Ihr ſo unvorſichtig ſein? Wißt Ihr nicht, daß Ihr in — 10— einem Lande ſeid, in welchem das Volk nur eine Gottheit anbetet, den Gott der koſtbaren Metalle?— Wer keine koſtbaren Metalle be⸗ ſitzt, iſt laſterhaft; wer es bekennt, ein Gottes⸗ laͤugner. Keine Macht haͤtte Euch vom Tode durch Hunger oder am Galgen errettet, wenn die Prinzeſſin, meine Gemahlin, nicht gluͤck⸗ licherweiſe heute morgen entbunden worden waͤre.“ „Welches ſeltſame, barbariſche Land?“— ſprach Arasmanes. „Barbariſch!“ wiederholte der Prinz.„Die⸗ ſes iſt das civiliſirteſte Volk in der ganzen Welt — ja, die ganze Welt giebt dieſes ſogar zu.— In keinem Staate iſt das Volk ſo reich, und folglich ſo gluͤcklich. Fuͤr Diejenigen, welche kein Gold haben, iſt es allerdings ein ſchlechter Aufenthalt, fuͤr die Reichen aber iſt es das Land der Seligkeit ſelbſt. Ja, es iſt das wahre Eden!“— al — 141— „Eden! wie, alſo auch Ihr habt von Eden gehoͤrt?“— „Gewiß! Und hier iſt es— das Land der Freiheit— des Gluͤckes— des Goldes!“ rief der Prinz mit Entzuͤcken;„bleibe bei uns, und uͤberzeuge Dich!“— „Allerdings,“ dachte Arasmanes,„liegt die⸗ ſes Land im fernen Oſten: es hat mich zuerſt ungaſtlich aufgenommen; vielleicht aber war die Gefahr, der ich entronnen bin, bloß ein Sinn⸗ bild und Gleichniß des Engels mit dem Schwert, von dem die Sage erzaͤhlt.“ „Aber,“ ſagte er laut,„ich habe kein Gold und Silber.“ „Laß Dich das nicht kuͤmmern,“ erwiederte Zamielides;„ich habe genug fuͤr Euch. Noch heute will ich Euch damit verſorgen.“ „Aber wird das Volk mich nicht als den armen Fremdling wiedererkennen?“ Der Prinz lachte einige Minuten lang ſo — 12— heftig, daß ſie fuͤrchteten, er werde den Lach⸗ krampf bekommen. „Was fuͤr ein Sonderling biſt Du, Aras⸗ manes?“ ſagte er, nachdem er wieder ſprechen konnte.„Weißt Du nicht, daß die Bewohner dieſer Stadt niemals deſſen ſich erinnern, was Jemand fruͤher war, ſobald er nur reich wird? — Erſcheine morgen im Purpur, und Keinem wird es einfallen, daß er Dich geſtern in Lum⸗ pen geſehen hat.“— Siebentes Capitel. Zamielides fuͤhrte ſeine Verwandten in ſein eigenes Gemach, und dort fanden ſie praͤchtige Anzuͤge, welche er fuͤr ſie beſtimmt hatte. Er machte ihnen außerdem einen eigenen Palaſt und große Lagerhaͤuſer, mit Waaren angefuͤllt, zum Geſchenk.„Sieh,“ ſagte er, indem er Arasmanes auf die Spitze eines hohen Thur⸗ mes fuͤhrte, von dem man das Meer uͤber⸗ blickte,„betrachte jene Schiffe, die den geraͤu⸗ migen Hafen mit einem Walde von Maſten er⸗ fuͤllen: die ſechs Fahrzeuge mit den gruͤnen Flaggen ſind Dein. Ich werde Dich in die Geheimniſſe des Handels einweihen, und bald wirſt Du ſo reich ſein, als ich.“ — 144— „Und was iſt der Handel?“ fragte Aras⸗ manes. „Es iſt der Gottesdienſt, den das Volk dieſes Landes ſeinem Gotte darbringt,“ erwie⸗ derte der Prinz. Achtes Capitel. Arasmanes war allgemein beliebt;— einen ſo klugen, vortrefflichen, liebenswuͤrdigen Mann hatte man in der„Stadt des Reichthums“ noch nie geſehen; und ſeine Gattin Azraaph wurde fuͤr die erſte Schoͤnheit erklaͤrt. Berauſcht durch die Huldigungen, welche ihnen dargebracht wurden, und verblendet durch den Glanz, in dem ſie lebten, entfloh ihnen die Zeit in ſuͤßem Taumel. „Du haſt Recht, o Zamielides!“ ſagte Arasmanes, als ſeine Schiffe mit Schaͤtzen be⸗ laden zuruͤckkehrten,„die Stadt des Reichthums iſt das wahre Eden.“ Ueuntes Capitel. Arasmanes war nun bereits drei Jahre in der Stadt. In ſeiner Perſon war eine auffallende Veraͤnderung erfolgt; die Farbe der Geſundheit war von ſeinen Wangen entwichen; ſeine Stirn war mit den Furchen der Sorge bedeckt— ſein Gang ſchleppend, ſeine Lippen zuſammengeknif⸗ fen. Er glaubte zwar nicht laͤnger, daß er das wahre Eden gefunden habe, aber doch haͤtte er die Stadt des Reichthums ſchwerlich fuͤr Eden ſelbſt verlaſſen. Bloß mit dem Streben be⸗ ſchaͤftigt, ſeinen Beſitz fortwaͤhrend zu vermeh⸗ ren, quaͤlte ihn auch unaufhoͤrlich die Furcht des Verluſtes. Er zitterte bei jeder dunkleren eren — 147— Wolke, die am Himmel erſchien; er wurde bleich bei jedem rauheren Winde, der die See unruhig machte. Er lebte in einem glaͤnzenden Elend; und die Zerſtreuungen, die es darbot, waren, ihres beſtaͤndigen Einerlei wegen, er⸗ muͤdend. Mit ſeiner einſt ſo angebeteten Azraaph kam er nur wenig zuſammen. Ihre Beſchaͤf⸗ tigungen trennten ſie von ihm. In einem ſo civi⸗ liſirten Lande konnten ſie nicht immer zuſammen ſein. Wenn er von ſeinen Schiffen ſprach, ſo langweilte er ſie zu Tode; wenn ſie dagegen von den Feſten erzaͤhlte, deren Zierde ſie gewe⸗ ſen, ſo konnte dies eben ſo wenig ſeine Theil⸗ nahme erregen. . 7* Zehntes Capitel. Der Hof war in Trauer, weil Zamielides an einem Fieber darniederlag. Die geſchickteſten Aerzte behandelten ihn, aber vergeblich; er ſtarb. Arasmanes trauerte aufrichtiger um ihn, als irgend Jemand; denn nicht allein hatte er große Urſache, ihm dankbar zu ſein, ſondern er wußte auch, daß, wenn ſeinen Schiffen ein Unfall zu⸗ ſtieße, er keinen Freund mehr beſitze, der ſeinen Verluſt zu erſetzen geneigt waͤre. Dies machte ihn beſorgter als jemals uͤber ſeine Lage. Ein Jahr nach dieſem Ereigniß wurde der Koͤnig der Stadt des Reichthums zu einem Kriege veranlaßt, welcher fuͤnf Jahre dauerte. Von ter nig der „er vo gri die ten Ro fra tun — 149— beiden Seiten wurden zwei Millionen Menſchen getoͤdtet. Im zweiten Jahre dieſes Krieges be⸗ fand ſich Arasmanes auf einem glaͤnzenden Feſte bei Hofe. Ein Bote kam athemlos und zit⸗ ternd an. Eine große Seeſchlacht war gefoch⸗ ten worden, und 10,000 Mann von des Koͤ⸗ nigs Unterthanen waren geblieben. „Aber wer gewann die Schlacht?“ fragte der Koͤnig. „Eure Majeſtaͤt.“ Die Luft wurde mit Freudengeſchrei erfuͤllt. „Am naͤchſten Tage,“ fuhr der Herold fort, „ereignete ſich bloß ein kleines Ungluͤck. Drei von den zerſtreuten Kriegsſchiffen des Feindes griffen die Schiffe einiger unſerer Kaufleute an, die mit Schaͤtzen beladen aus Ophir zuruͤckkehr⸗ ten, und verbrannten und verſenkten ſie aus Rache.“ „Waren meine Schiffe unter denſelben?“ fragte Arasmanes mit aller Furcht der Erwar⸗ tung. — 150— „Von Deinen Schiffen ſpreche ich,“ erwie⸗ derte der Bote. Aber Niemand dachte an Arasmanes, oder an die 10,000 Mann, die geblieben waren. Die Stadt war voll Freude und Jubel, daß Seine Majeſtaͤt geſiegt hatten. „Ach, ich bin ein verlorner Mann!“ ſagte Arasmanes, als er mit Aſche auf dem Haupt, trauernd in ſeinem Hauſe ſaß. „Und wir koͤnnen keine Feſte mehr geben,“ ſeufzte ſeine Frau. „Und Jeder wird uns verachten,“ fuhr Arasmanes fort „Und wir muͤſſen unſern Palaſt verlaſſen, ſchluchzte die zaͤrtliche Azraaph. „Aber noch beſitze ich ein Schiff,“ rief Arasmanes, indem er aufſprang.„Es iſt jetzt im Hafen. Ich ſelbſt will es nach Ophir fuͤh⸗ ren. Entweder will ich mein Vermoͤgen retten, oder in dieſem Beſtreben untergehn.“ „Und ich will Dich begleiten, mein Herz,“ — 151— ſagte Azraaph, indem ſie ihn umarmte,„denn es iſt mir unmoͤglich, jetzt das Mitleid der Wei⸗ ber zu ertragen, die mir nun den Rang abge⸗ winnen.“ Die See war ruhig, und der Wind guͤn⸗ ſtig, als das ungluͤckliche Paar das Schiff be⸗ trat, und waͤhrend einer ganzen Woche wurde bei Hofe von nichts, als der Thorheit des Aras⸗ manes und der ſeltenen Treue ſeiner Frau ge⸗ ſprochen. Eilktes Capitel. Nachdem ſie einige Wochen auf der See ge⸗ weſen, erhob ſich ein widriger Wind, der ſie gaͤnzlich von ihrer Richtung ablenkte. Verge⸗ bens ſtrengte der Steuermann alle ſeine Kraͤfte an, vergeblich waren alle Bemuͤhungen des Arasmanes; ſie wurden gegen Oſten getrieben, und zuletzt erklaͤrten ſelbſt die aͤlteſten und er⸗ fahrenſten Seeleute, daß ſie in ein ihnen gaͤnz⸗ lich unbekanntes Meer verſchlagen worden ſeien. Als ihr Waſſervorrath und ihre Lebensmittel bereits erſchoͤpft waren, entdeckten ſie Land, und gegen Abend ankerte das Schiff an einem gruͤ⸗ nen und angenehmen Ufer. Die Einwohner, — 153— halb nackt, und kaum aus dem erſten rohen Naturzuſtand getreten, liefen hinzu, um ihnen beizuſtehen: an großen Feuern trockneten die er⸗ matteten Seeleute ihre naſſen Kleider, und verga⸗ ßen bald in dieſem ſichern Hafen der Ruhe die Muͤhſeligkeiten, welche ſie erduldet hatten. Sie blieben mehrere Tage bei dieſen gaſtfreien Wil⸗ den, beſſerten ihr Schiff wieder aus, und ver⸗ ſorgten ſich mit Waſſer und Lebensmitteln. Was aber beſonders die Aufmerkſamkeit des Arasmanes erregte, waren mehrere koſtbare Dia⸗ manten in einer plump gearbeiteten Krone, wel⸗ che der Anfuͤhrer der Wilden auf dem Haupte trug. Durch Zeichen erfuhr er, daß dieſe Dia⸗ manten in einer Inſel im fernſten Oſten ſehr haͤufig ſeien; und daß von Zeit zu Zeit die Wogen des Meeres große Felſenſtuͤcke an das Ufer ſpuͤlten, in denen ſie ſich faͤnden. Als aber Arasmanes die Abſicht andeutete, dieſe Inſel aufzuſuchen, beſtrebten ſich die Wilden, durch Zeichen von Schrecken und Abſcheu, die 7 — 154— Gefahren darzuſtellen, mit denen dieſe Unter⸗ nehmung verbunden ſei, und ihn von derſelben abzuhalten. Dieſe Zeichen machten nur wenig Eindruck auf den Chaldaͤer, der von Natur kuͤhn, durch ſeinen Golddurſt noch mehr angetrieben wurde. Mit guͤnſtigem Winde ſtets gegen Oſten ſegelnd, erblickten ſie am zehnten Tage einen großen Felſen, welcher in ſolchem Glanz ſich uͤber das Meer erhob, daß er die Augen der Seeleute verblendete. Diamanten und Rubi⸗ nen, Smaragde und Karfunkel ſtrahlten aus dem ſchwarzen Grunde des Felſen, und verſpra⸗ chen dem Geringſten der Abentheurer eiaen un⸗ ermeßlichen Reichthum. Nie war eine menſch⸗ liche Freude begeiſternder, als die der Mann⸗ ſchaft, da das Schiff ſich der Felſenkuͤſte naͤ— herte. Die See war an dieſer Stelle eng ein⸗ geſchloſſen; das gegenſeitige Ufer erſchien rauh und unfruchtbar, mit vorſpringenden Klippen, um welche die Wellen brandend empor ſpritz⸗ ten. Doch die Augen des Schiffsvolkes waren Leb maꝛ 23 A* 1 38 3T — 155— bloß auf die„Inſel der koſtbaren Steine“ ge⸗ richtet. Sie waren ſchon mitten in der Meer⸗ enge, als die Wogen ploͤtzlich unruhig wurden; das Schiff bewegte ſich ſchwankend; etwas Glaͤn⸗ zendes erſchien uͤber der Oberflaͤche, und zuletzt ſahen ſie deutlich die Schuppen und den Schweif einer ungeheuren Schlange. Ein ploͤtzlicher Schreck bemaͤchtigte ſich der ganzen Mannſchaft; ſie erkannten jetzt die Wahr⸗ heit jener, damals allen Schiffern bekannten Sage, daß im fernſten Oſten die große Schlange des Meeres lebe, der noch kein Schiff ſich je⸗ mals ungeſtraft genaht habe. Sie vergaßen jetzt alle Gedanken an den Diamantenfelſen, und fielen auf die Knie, unbewußt Gebete zum Himmel ſtotternd. Ueber Allen aber erhob ſich die hohe Geſtalt des Arasmanes; wenig kuͤm⸗ merte ihn die Schlange oder die Sage. Gluͤck, Leben und Ruhm, Alles ſtand jetzt auf einem Wuͤrfel.„Ermanne Dich,“ ſagte er zum Steuer⸗ mann,„oder wir werden auf das jenſeitige Ufer — 156— geworfen. Sieh, die Inſel unerſchoͤpflichen Reichthums glaͤnzt uns entgegen!“— Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als mit ei⸗ nem fuͤrchterlichen Geziſch die Schlange des Oſten ihr Haupt aus dem Waſſer erhob. Hoch und finſter, wie irgend eine Hoͤhle, in der jemals Afrite wohnte, war der Abgrund ihres Rachens, und die leuchtenden und ſchrecklichen Augen uͤberſtrahlten noch den Glanz des Diamanten⸗ felſens. „Ich trotze Dir,“ ſagte Arasmanes, indem er ſein Schwerdt uͤber dem Haupte ſchwang; als ploͤtzlich das Schiff, wie in einem Strudel, ſich drehte; der kuͤhne Chaldaͤer wurde mit Ge⸗ walt vom Verdeck geworfen; er fuͤhlte noch, wie die Wellen uͤber ihm zuſammenſchlugen, und ploͤtzlich entfloh ihm das Bewußtſein. Als er wieder zu ſich kam, lag Arasmanes auf dem heißen Sande, dem Ufer der Dia⸗ manteninſel gegenuͤber; Ueberbleibſel des Schif⸗ fes und hin und wieder die Leichen ſeiner Schiffs⸗ — 157— leute lagen um ihn her. Zu ſeinen Fuͤßen aber erblickte er, entſtellt und geſchwollen, die Ge⸗ ſtalt ſeiner ſchoͤnen Azraaph, bedeckt mit See⸗ graͤſern und Muſcheln. Und Thraͤnen ſammel⸗ ten ſich in den Augen des Chaldaͤers; ſeine fruͤhere Liebe fuͤr Azraaph kehrte in ihrer gan⸗ zen Staͤrke zuruͤck, und er warf ſich neben ihre Leiche, und riß ſich die Haare aus; die Bilder der letzten Jahre waren wie Traͤume aus ſei⸗ nem Gedaͤchtniß verſchwunden, und er erinnerte ſich bloß noch an die einſame Hoͤhle und an ſeine angebetete Braut. Die Zeit verging; Azraaph lag begraben im Sande; Arasmanes verließ das einſame Grab, und, indem er, von der Kuͤſte ſich entfernend, in das Innere drang, ſuchte er nochmals menſch⸗ lichen Wohnungen ſich zu naͤhern. Er wan⸗ derte weit unter einer brennenden Sonne, und Nachts umgab er ſein Lager mit einem Kreiſe von Feuern, damit die wilden Thiere und die großen Schlangen ihn nicht angriffen; kaͤrglich — 158s— und ungeſund war die Nahrung, welche nur Beeren und Wurzeln ihm darboten, die hier und da in der oͤden Wuͤſte ſich fanden, und unter dieſen Beſchwerden und Muͤhſeligkeiten wurde ihm die Stimme ſeines Herzens wieder hoͤrbar. Er fuͤhlte ſich wie fuͤr immer von allen Leiden⸗ ſchaften geheilt. Der Geiz war entwichen aus ſeiner Bruſt, und es ſchien ihm, als koͤnnte kein gemeines irdiſches Verlangen deſſen Stelle wieder einnehmen. Eines Tages entdeckte er fern in der Wuͤſte einen glaͤnzenden Trupp Reiter— glaͤnzend er⸗ ſchienen ſie in der That, denn ſie waren mit Ruͤſtungen von Eiſen und Stahl bedeckt, und in ſchneller Annaͤherung erſchien der Zug wie ein Strahl der leuchtenden Sonne ſelbſt. Aras⸗ manes fuͤhlte ſeine Bruſt ſich heben, als er durch die weite Ebene die kriegeriſchen Toͤne der Trompete erſchallen hoͤrte. Der Anfuͤhrer der Geſellſchaft hielt an, als er verwundert die edle, ſtolze Geſtalt und den — 159— kuͤhnen Blick des Chaldaͤers gewahrte. Er rief ſeinen Dollmetſcher, und zu jener Zeit waren die Sprachen des Oſten nur wenig verſchieden; ſo daß er leicht ſich mit ihm verſtaͤndigen konnte. „Wiſſe,“ ſagte er,„daß wir in der ruhmvoll⸗ ſten Unternehmung begriffen ſind, die jemals durch Menſchenkinder ausgefuͤhrt wurde. Im fernſten Oſten liegt ein Land, von dem Dein Vater Dir vielleicht erzaͤhlt hat— das Land ewigen Gluͤckes und ewiger Jugend, und ſein Name iſt Eden.“ Arasmanes ſtaunte; er konnte kaum ſeinen Ohren trauen. Der Krieger fuhr fort:„Wir gehoͤren zu dem Stamm, der dem Oſten am Naͤchſten liegt, und dieſes Land iſt deshalb ein Erbtheil, auf welches wir die mei⸗ ſten Anſpruͤche haben. Mehrere junge Leute un⸗ ter uns haben zu verſchiedenen Zeiten es auf⸗ ſuchen wollen, doch uͤbernatuͤrliche Kraͤfte haben jedesmal den Verſuch vereitelt. Jetzt, da ich den Thron meiner Vaͤter beſtiegen habe, will ich, dies iſt mein feſter Entſchluß, mit Gewalt — 160— der Waffen in daſſelbe eindringen und es ero⸗ bern. Sieh meine Geſellſchaft an! Sahſt Du jemals ſo kraͤftige Maͤnner, ſo vollſtaͤndig zum Angriff und zur Vertheidigung bewaffnet? Kannſt Du Dir Maͤnner denken, die eines ſolchen Sie⸗ ges wuͤrdiger, oder ſicherer waͤren, ihn zu er⸗ reichen? Auch Du beſitzeſt, wie Dein Aeuße⸗ res zeigt, ungewoͤhnliche Kraͤfte— Du ver⸗ dienſt, einer der Unſern zu ſein. Komm, ſchlage ein, und Du ſollſt bewaffnet und in Stahl gekleidet werden, und zu meiner rechten Seite reiten.“ Das Gewieher der Roſſe, das Ertoͤnen der Muſik, die kraͤftige Stimme des Anfuͤh⸗ rers, Alles entzuͤndete das Blut des Arasma⸗ nes. Er dachte nicht an die Verwegenheit des Verſuchs— er dachte bloß an den Ruhm: das Ziel ſeines ganzen Strebens ſchien vor ihm zu liegen. Er nahm freudig das Aner⸗ bieten des Kriegers an; der Waffenſchmied — 161— kleidete ihn in Stahl, die Straußenfeder wehte uͤber ſeiner Stirn, und er ritt zur Rechten des kriegeriſchen Koͤnigs. Zwölktes Capitel. Die Geſellſchaft war nicht ohne Fuͤhrer, denn was Andern die Sage, das zeigte ihnen, die der aufgehenden Sonne ſo nahe wohnten, die Weisheit; und Manche von ihnen waren be⸗ reits an der Grenze von Eden geweſen und hatten die ſchwarze Wolke erblickt, die es be⸗ deckt, und das Rauſchen der unſichtbaren Fluͤ⸗ gel gehoͤrt, die uͤber ihr ſchweben. Arasmanes erzaͤhlte dem Krieger ſeine Geſchichte; ſie ſchwo⸗ ren ſich ewige Freundſchaft; und die andern Genoſſen betrachteten den Chaldaͤer als einen, von der Vorſehung zu ihrer Huͤlfe abgeſchickten Mann. Denn, was ſehr ſeltſam war, kein no ſie waren gewohnt, Blutvergießen als eine Tu⸗ — 163— Einziger ſchien zu fuͤrchten, daß ihr verwegenes Unternehmen Gott nicht wohlgefaͤllig ſein duͤrfte; gend zu betrachten: konnte die Eroberung des Paradieſes durch Gewalt ihnen daher wohl als ein Verbrechen erſcheinen? Durch Einoͤden und Wuͤſten fuͤhrte ſie ihr Weg; und obgleich ihre Anzahl taͤglich durch Mangel an Nahrung, die brennenden Winde, und andere Beſchwerden abnahm, ſo ſchien den⸗ noch ihr Muth nicht zu ſinken. Dreizehntes Capitel. Finſterniß trat wie eine hohe Mauer ihnen ent⸗ gegen! Vom Himmel bis zur Erde reichte die ſchwarze Nacht, welche die Grenze des Landes Eden war. Kein Gegenſtand leuchtete durch das undurchdringliche Dunkel; kein Banner drohte von dieſen gipfelloſen Waͤllen; kein menſch⸗ licher Krieger vertheidigte ſie; Alles wuͤrde in tiefer Ruhe begraben geweſen ſein, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Schall, wie das Brau⸗ ſen eines aufgeregten Meeres ſich haͤtte hoͤren laſſen, und ſie wußten, daß dieſes das Rau⸗ ſchen der Fluͤgel von den bewachenden Engeln ſei. Die Krieger hielten an, ſtumm und er⸗ — 165— ſchrocken; ihre Augen kehrten ſich ab von der Finſterniß und ſchauten in das kuͤhne Antlitz ihres Anfuͤhrers. Er befahl ihnen, die Naph⸗ ta⸗Fackeln, welche ſie mitgebracht hatten, an⸗ zuzuͤnden, ihre Schwerdter zu ziehen, und auf das gegebene Zeichen drangen Roß und Reiter ein in die Mauern der Finſterniß. Fuͤr einen Augenblick zwar glimmten die Fackeln noch in der Dunkelheit, doch bald erloͤſchten ſie; durch den ſchwarzen Nebel griff eine Rieſenhand mit einem Flammenſchwerdt, und wohin ſie ſich wen⸗ dete, toͤdtete der Nachbar ſeinen Naͤchſten— der Vater ſtarb durch ſeinen Sohn— der Bru⸗ der durch den Bruder; Geſchrei und Huͤlferuf und das Getrampel der ſcheuen Roſſe drang durch die Kluft, welche in der Mauer der Finſterniß bloß durch jenes maͤchtige Schwerdt entſtanden war, als es von Glied zu Glied wuͤthete, und die Dunkelheit ſeinen Strahlen wich. Vierzehntes Capitel. Gegen Abend war Alles vorbei; nur wenige Krieger entgingen dem allgemeinen Schickſal und lagen entkraͤftet auf dem Boden vor der Mauer der Finſterniß. Arasmanes war der Letzte in dem Wirrwarr des Kampfes geblieben; und als er, zu Boden geworfen, unter den Sterbenden und Todten lag, ſchien die Dun⸗ kelheit auf einen Augenblick zu weichen, und er that einen weiten Blick in die wunderbare Lieb⸗ lichkeit Edens. Ueber Thaͤlern, welche das an⸗ muthigſte Gruͤn ſchmuͤckte, glaͤnzte ein purpur⸗ nes Sonnenlicht, heiter und unbewoͤlkt, denn es war das Laͤcheln Gottes. Und uͤberall er⸗ — 167— blickte man gluͤckliche Weſen, in deren Antlitz die Freuden ungetruͤbter Gluͤckſeligkeit leuchteten. Schon bei dem Anſchauen ihrer Wonne, drang himmliſches Entzuͤcken in das Gemuͤth des Chal⸗ daͤers, ohnerachtet der Schrecken und Verwuͤ⸗ ſtungen dieſer Stunde. Bittend ſtreckte er ſeine Arme aus, doch fuͤr immer verſchwand das ſchoͤne Bild ſeinen Blicken. Funkzehntes Capitel. Der Koͤnig und alle Haupt⸗Anfuͤhrer waren geblieben, und einſtimmig wurde Arasmanes zu ihrem Hauptmann erwaͤhlt. Traurig und nie⸗ dergeſchlagen fuͤhrte er den geringen Ueberreſt der Geſellſchaft durch die Wuͤſten nach dem Lande zuruͤck, welches ſie ſo uͤbermuͤthig verlaſ⸗ ſen hatten. Dreimal wurden ſie auf dieſem Ruͤckzuge durch feindliche Staͤmme angegriffen, aber ihr Muth und die Klugheit des Arasma⸗ nes retteten ſie aus dieſen Gefahren. Als ſie in ihrer Geburtsſtadt ankamen, hatte ſich der Bruder ihres Koͤnigs der Regierung bemaͤchtigt. Dies Heer, welches ihn haßte, erklaͤrte ſich fuͤr — 169— den Fremden, der ihre Gefaͤhrten zuruͤckgefuͤhrt hatte. Arasmanes willigte ein; eine große Schlacht wurde gefochten, der Uſurpator erſchla⸗ gen, und Arasmanes, ein neuer Uſurpator, be⸗ ſtieg an ſeiner Stelle den Thron. Sechzehntes Capitel. Der Chaldaͤer wurde alt; die Beſchwerden, die er in der Wuͤſte ertragen, verbunden mit den Sorgen, die waͤhrend ſeines Aufenthaltes in der Stadt des Reichthums an ihm genagt hatten, ließen ſchnell ſeine Jugendbluͤthe hinwelken. Er war im Beſitz aller Quellen des Vergnuͤ⸗ gens, zu der Zeit, wenn wir es nicht laͤnger genießen koͤnnen. Trotz dem bemuͤhte er ſich, in ſeinem Gerichtshofe ſich zu zerſtreuen, den Jeder unzufrieden verließ, und auf ſeinen Fe⸗ ſten, welche die Hoͤflinge zu wenig glaͤnzend fanden, ſo wie das Volk dagegen ſie fuͤr zu verſchwenderiſch erklaͤrte. Durch Erfahrung klug — 171— geworden, behauptete er ſeine Krone, indem er dem Heere ſchmeichelte, und von Ueberfluß um⸗ geben, ſeine Stuͤtze in der bewaffneten Macht ſuchte. An den Hof des Arasmanes kam damals ein fremder Wanderer; es war ein kleiner, al⸗ ter Mann, und wenn auch von gewoͤhnlichem Aeußeren, doch einer der beruͤhmteſten Weiſen „die des Morgenlandes. Seine Unterhaltung war, den obgleich meiſt melancholiſch und ernſt, dennoch der ſehr anziehend fuͤr Arasmanes, der ſich oft ge⸗ tten, gen ihn uͤber die Beſchwerden der koͤniglichen Er Wuͤrde und uͤber die Langweiligkeit des Lebens gnuͤ⸗ uͤberhaupt beklagte.„Ach, wie viel gluͤcklicher,“ nger ſagte der Koͤnig,„ſind Diejenigen, welche nicht ſich, ſo hoch ſtehen. Wie viel gluͤcklicher war ich den ſelbſt in der Einſamkeit, als ich meine Heerden Fe⸗ huͤtete und der ſuͤßen Stimme meiner Azraaph zend horchte! Koͤnnte ich doch dieſe Tage wieder r zu zuruͤck rufen!“ klug Ich kann Dir dazu behuͤlflich ſein, großer 8* — 172— Koͤnig,“ ſagte der Weiſe,„blicke in dieſen Spie⸗ gel, wenn Du wuͤnſcheſt, die Vergangenheit zuruͤckzurufen, und jeder verlangte Zeitabſchnitt derſelben wird ſich Dir im Bilde erneuen.“ Siebenzehntes Capitel. Arasmanes war durch den Weiſen nicht ge⸗ taͤuſcht worden. Der Spiegel ſtrahlte ihm alle Scenen ſeines fruͤheren Lebens zuruͤck: jetzt ſaß er, ein gluͤcklicher Knabe, zu den Fuͤßen Chos⸗ phor's— nun trat er entzuͤckt in das Thal der b Nymphe ein, bevor er noch wußte, wie bald ihre Schoͤnheit welken wuͤrde— darauf war V er an der Quelle des Fluſſes, und blickte bei dem Strahl der aufgehenden Sonne in das holde Antlitz ſeiner Azraaph; jede Scene, deren Wiederholung er wuͤnſchte, erſchien treu und mit lebendigen Farben in dem magiſchen Spie⸗ gel. Umgeben durch Pracht und Ueberfluß, ſuchte — 174— er doch ſeinen einzigen Troſt in der Vergangen⸗ heit.„Du ſiehſt, daß ich Recht habe,“ ſagte er zu dem Fremden;„ich war in jenen Zeiten weit gluͤcklicher; warum wuͤrde ich ſonſt ſo gern in der Erinnerung ſie erneuern?“ „Weil,“ ſagte der Weiſe mit einem bittern Laͤcheln,„Du, o großer Koͤnig, jene Scenen erblickſt, ohne die Gefuͤhle, welche ſie damals begleiteten; Du betrachteſt die Vergangenheit mit Deinen jetzigen Empfindungen, und Alles, was damals die Gegenwart truͤbte, wurde durch die Zeit gemildert. Urtheile ſelbſt, ob ich Recht habe.“ Er hauchte nun uͤber den Spiegel und bat Arasmanes, nochmals in ihn zu ſchauen. Die⸗ ſer ſah dieſelben Scenen, doch jede Taͤuſchung der Zeit war verſchwunden. Er war nochmals ein Knabe, aber voll Unruhe und Ungeduld, geplagt von tauſend kleinen Sorgen im Her⸗ zen; er war wieder in der Hoͤhle mit Azraaph, aber im Geheimen ermuͤdet durch die langwei⸗ — 175— lige Gleichfoͤrmigkeit dieſes Lebens; er uͤberzeugte ſich nun, daß in allen Scenen, die er fuͤr die gluͤcklicſſten in der Erinnerung hielt, er die Gegenwart nicht genoſſen habe; immer hatte die Zukunft nur ſein ganzes Gemuͤth erfuͤllt und beſchaͤftigt, ſo wie der Traum des unerreichba⸗ ren Landes Eden.„Ach,“ ſagte er, indem er den Spiegel zertruͤmmerte,„ich war getaͤuſcht, und Du, o Weiſer! haſt ſelbſt die Genuͤſſe der Erinnerung mir jetzt geraubt!“ Achtzehntes Capitel. Arasmanes vergaß nie den kurzen Blick, den er auf ſeiner verwegenen Unternehmung in den Garten von Eden gethan hatte; und da jetzt der Zauber der Ruͤckerinnerung von ihm gewi⸗ chen war, ſo erneuerte ſich dafuͤr nur deſto leb⸗ hafter der Wunſch, das uneroberte Land den⸗ noch zu erreichen. Er befragte den Weiſen uͤber die Moͤglichkeit der Befriedigung dieſer Sehnſucht. „Es iſt Dir bloß noch ein Verſuch geſtat⸗ tet,“ erwiederte der Weiſe,„und in dieſem kann ich Dir nicht nuͤtzlich ſein; aber eine Per⸗ ſon, die, wenn ich zu meinen Vaͤtern gegan⸗ den den jetzt wi⸗ leb⸗ — 177— gen bin, Dich beſuchen wird, kann darin Dich unterſtuͤtzen.“ „Kann dieſe Perſon nur nach Deinem Tode erſcheinen?“ fragte Arasmanes. „Nur nach meinem Tode,“ antwortete der Weiſe. Dieſe Kunde verwirrte das Gemuͤth des Arasmanes. Er fand allerdings nirgends ſo viel Beruhigung, als in der Geſellſchaft ſeines Freundes— er war ſein einziger Troſt; aber auch der Gedanke war ihm eine druͤckende Laſt, daß er Eden(das Ziel ſeines ganzen Lebens) nur nach dem Tode dieſes Freundes beſuchen duͤrfe. Er fing jetzt an, den Weiſen als ein Hinderniß der Erfuͤllung ſeiner innigſten Wuͤn⸗ ſche zu betrachten. Jeden Morgen erkundigte er ſich nach ſeiner Geſundheit; ſie ſchien unzer⸗ ruͤttbar zu ſein. Die Wuͤnſche fuͤr ſein baldiges Ende gingen bald in ſchwarze Gedanken uͤber; und Arasmanes beſchloß zuletzt deren Ausfuͤh⸗ 8** rung. — 178— Eines Morgens wurde der Weiſe todt in ſeinem Bette gefunden; er war auf Befehl des Koͤnigs erdroſſelt worden. wi Reunzehntes Capitel. An demſelben Tage, als der Koͤnig in ſeinem Rathe ſaß, hoͤrte man außerhalb der Thore ei⸗ nen furchtbaren Laͤrm; und aus der Menge trat ploͤtzlich ein altes Weib, in weiße Gewaͤn⸗ der von einem fremden Schnitt gehuͤllt, und von abſchreckendem und zuruͤckſtoßendem Aeußern, hervor und erſchien vor dem Koͤnige.„Sie wollten mich nicht einlaſſen, weil ich haͤßlich und alt bin,“ ſagte ſie mit kreiſchender und mißtoͤnender Stimme,„aber ich bin ſchon fruͤ⸗ her in Koͤnigs⸗Palaͤſten geweſen.“— „Was willſt Du, Weib?“ fragte Arasma⸗ nes, und er fuͤhlte einen kalten Schauder ſein Herz durchdringen. — 180— „Ich bin die Perſon,“ erwiederte ſie,„von welcher der Weiſe ſprach, und wuͤnſche Dich allein zu ſprechen.“— Arasmanes fuͤhlte ſich, wie durch eine fremde Gewalt ergriffen, der er nicht zu widerſtehen vermochte; er erhob ſich von ſeinem Thron, die Verſammlung ging im hoͤchſten Erſtaunen aus einander, und die Alte wurde allein mit dem Koͤnige gelaſſen. „Du wuͤnſcheſt, Eden, das Land des Gluͤcks und der Wahrheit, wieder zu ſuchen?“ fragte ſie mit grinſendem Laͤcheln. „Ja,“ antwortete der Koͤnig, und ſeine Stimme zitterte. „Ich will Dich dorthin fuͤhren.“ „Und wann?“ „Morgen, wenn Du willſt,“ und die Alte lachte laut. Es lag etwas in der Erſcheinung, der Stimme und den Geberden dieſes Weſens, welches dem Koͤnige ſo widerlich war, daß er es kaum ertragen konnte. In Begleitung einer — 181— ſolchen Fuͤhrerin ſchien Eden ſelbſt ihm nicht mehr wuͤnſchenswerth. Ohne eine Antwort zu geben, verließ er ſchnell den Saal, und befahl den Wachen, die Alte fernerhin nicht mehr vor ihm erſcheinen zu laſſen. In der darauf folgenden Nacht war der Schlaf des Arasmanes ungewoͤhnlich feſt, und er erwachte erſt ſpaͤt am andern Morgen. Von dieſem Augenblick an ſchien es ihm, als ſei in ſeinem Gedankengange eine vollkommene Ver⸗ aͤnderung eingetreten. Er wuͤnſchte nicht mehr, Eden aufzuſuchen; ſei es, daß die Erſcheinung der Alten ihm jetzt einen Widerwillen dagegen eingefloͤßt; ſo viel aber war gewiß, er fuͤhlte, daß das Verlangen ſeines ganzen Lebens ihn ploͤtzlich verlaſſen habe; und jetzt war ſein ein⸗ ziges Streben nur darauf gerichtet, ſo lange und vollkommen die Freuden zu genießen, die in ſeinem Bereich lagen, als es ihm moͤglich wurde. „Welcher Thor war ich doch,“ ſagte er zu — 182— ſich ſelbſt,„daß ich ſo viele Jahre mit dem Wun⸗ ſche verlor, die Erde zu verlaſſen! Muß ich erſt in meinem Alter mich uͤberzeugen, wie viel Angenehmes ſie darzubieten vermag?“— „Komm, komm, komm!“— rief eine krei⸗ ſchende Stimme; und der erſchrockene Arasma⸗ nes erblickte, als er um ſich ſah, das ſchreckliche Antlitz der Alten wieder. „Komm,“ ſagte ſie, mit dem Fuße ſtam⸗ pfend,„ich bin bereit, Dich nach Eden zu fuͤhren.“ „Ungluͤckliche!“ erwiederte der Koͤnig mit zit⸗ ternden Lippen,„wie haſt Du meine Wachen getaͤuſcht?— Aber ich will ſie Alle erdroſſeln laſſen!“— „Du haſt ſchon genug erdroſſeln laſſen,“ kreiſchte die Alte mit boshaftem Blick.—„Haſt Du nicht Deinen beſten Freund erdroſſelt?“— „Wie, willſt Du mich verhoͤhnen?“ rief der Koͤnig; und mit gezuͤcktem Schwerdt ſprang er auf ſie zu; der Stahl durchſchnitt die Luft; die — 183— Alte war dem Hiebe ausgewichen, in demſelben Augenblick umfaßte ſie durch eine ſchnelle Wen⸗ dung den Koͤnig von hinten und druͤckte ihre langen hagern Finger in ſeine Bruſt; wie Geier⸗ krallen drangen ſie durch das Purpurkleid, und Arasmanes ſchrie laut auf vor Entſetzen und Pein. Schnell erſchienen auf dieſes Geraͤuſch die Wachen. „Elende Wichte,“ ſagte er, und kalter Schweiß floß von ſeiner Stirne;„wollt Ihr mich hier ermorden laſſen? Schlagt die Hoͤllen-Hexe zu Boden; nur ihr Tod kann Euch das Leben retten!“— „Wir ſahen ſie, o Koͤnig! nicht eintre⸗ ten,“ ſagte erſchrocken der Hauptmann der Wache,„doch jetzt ſoll ſie ſterben.“ Die Sol— daten griffen alle zugleich die Alte an, welche wie eine verfolgte Tigerin, grimmige Blicke auf ſie ſchoß. „Ihr Thoren,“ ſagte ſie,„wißt, daß we⸗ —y— — 184— der ſteinerne Mauern, noch bewaffnete Maͤnner meiner Gewalt trotzen.“ Sie hoͤrten die Stimme— ſie ſahen nicht, woher ſie kam— die Alte war verſchwunden. t ——: G 280 — /—— Zwanzigstes Capitel. Die Wunden von den Krallen dieſes ſchreckli⸗ chen Geſpenſtes in der Bruſt des Koͤnigs woll⸗ ten nicht heilen; ſie machten ihm unausſtehliche Schmerzen. Vergebens war jeder Verband und eben ſo zwecklos jede Ermahnung zur Geduld. Was ihn noch mehr aufregte, als die Schmer⸗ zen, war die Beleidigung, welche ihm wider⸗ fahren war— daß eine ſo abſcheuliche Kreatur an der Perſon eines Koͤnigs ſich vergriffen hatte— dieſer Gedanke war nicht zu ertragen. Sonderbar aber war es, daß, je mehr Qualen der Koͤnig litt, deſto groͤßer ſeine Sucht nach irdiſchen Genuͤſſen war; das Leben ſchien ihm — — 186— nie ſo reizend, als jetzt, da es ſo ſchwer auf ihm lag. Seine Guͤnſtlinge, die gewohnt wa⸗ ren, ſeiner fruͤhern Schwaͤche zu ſchmeicheln, in⸗ dem ſie uͤber die Gluͤckſeligkeit Edens und uͤber die Moͤglichkeit, in daſſelbe zu dringen, ihn un— terhielten, fanden jetzt, daß ſelbſt die Erwaͤh⸗ nung dieſes Gegenſtandes ihren koͤniglichen Herrn raſend machte. Schon bei dem Wort: Eden, ſchaͤumte er vor Wuth— er wuͤnſchte, ja er verſuchte ſogar, ſich einzubilden, daß ein ſolcher Ort gar in der Welt nicht vorhanden ſei. Einundzwanzigstes Capitel. Endlich verſicherte ein Arzt, der mehr Ver⸗ trauen zu ſeiner Kunſt beſaß, als die uͤbrigen, den Koͤnig, daß er die Wunde zu heilen ver⸗ moͤge. „Wiſſe, o Koͤnig,“ ſagte er,„daß der Strom Athron in dem Thal Mithra die Eigenſchaft hat, alle Krankheiten der Koͤnige zu heilen. Du brauchſt bloß Deine goldene Gondel zu beſtei⸗ gen und zwanzig Tagreiſen den Strom hinab zu gleiten, indem Du unterwegs Myrrhen und Weihrauch opferſt, und Du wirſt vollkommen wieder hergeſtellt ſein. Lange lebe der Koͤnig!“— Zweiundzwanzigstes Capitel. Der Strom Athron ſchlich truͤbe, tief und ſtille; die Hoͤflinge, Wachen und Aerzte verſam⸗ melten ſich an den Ufern, und der Koͤnig be⸗ ſtieg ſeine goldene Gondel. Nur der Arzt, wel⸗ cher ihm den Rath ertheilt, begleitete ihn in die⸗ ſelbe—„Denn,“ ſagte er,„die Gottheit des Stromes darf nicht entheiligt werden, nur fuͤr Koͤnige beſitzt er ſeine Heilkraft.“— Und der Koͤnig lag mitten in dem Fahrzeug, der Arzt aber ließ den Duft des koͤſtlichen Weihrauchs zum Himmel ſteigen; und die Gondel gleitete ſanft den Strom hinab, waͤhrend die am Ufer verſammelte Menge weinte und betete. — 189— „Taͤuſchen mich meine Augen nicht,“ ſagte der Koͤnig mit ſchwacher Stimme,„ſo ſcheint der Strom wie in einen großen See ſich aus⸗ zudehnen, und die Ufer verſchwinden immer A mehr von beiden Seiten.“— „So iſt es,“ erwiederte der Arzt—„und V ſiehſt Du jene ſchwarzen Felſen ſich uͤber die V Fluth erheben?“— „Ja,“ entgegnete der Koͤnig.— „Dies iſt der Eingang zu Eden, dem Ziele Deiner Wuͤnſche.“— „Elender Hund!“ rief der Koͤnig wuͤthend, „nenne mir dieſes gehaͤſſige Wort nicht.“— Waͤhrend er ſprach, verwandelte ſich ploͤtzlich der angebliche Arzt, und an ſeiner Stelle er⸗ blickte der Koͤnig entſetzt die ſchreckliche Alte. Die Gondel trieb fort, und die an den Ufern verſammelte Menge ſah, wie die Alte den Koͤ⸗ nig feſt umſchlang; ſein Geſchrei erſchallte uͤber den Waſſern, als die goldene Gondel ſchnell durch einen finſtern Bogen in den Felſen ein⸗ — 190— fuhr. Als ſie verſchwand, ſchloſſen ſich die Fel⸗ ſenwaͤnde wieder, aber noch hoͤrte man das furchtbare Gelaͤchter der Hexe, indem ſie das eine Wort nur ausſprach: Niemals!— Seit jener Stunde ſah man den Koͤnig nicht wieder. Und dieſes iſt die wahre Geſchichte von Arasmanes, dem Chaldaͤer. Die Stadt des Reichthums. Ein Nachtrag zu Arasmanes. Die Stadt des Reichthums verdient, daß wir noch laͤnger in ihr verweilen, wenn nicht des moraliſchen Werthes, doch der Eigenthuͤmlich⸗ keit dieſer Erſcheinung wegen. Folgen wir den aͤlteſten hiſtoriſchen Nachrichten, ſo finden wir, daß jene Stadt durch die Phoͤnizier begruͤndet, der Mutterſtadt ſo lange treu blieb, bis der Kultus des Reichthums eingefuͤhrt wurde. Dieſe neue Religion unterſchied ſich auch dadurch von den uͤbrigen, daß ſie weder uͤbernatuͤrlichen Ur⸗ ſprungs war, noch durch Wunder ſich offen⸗ barte, noch durch das Schwerdt verbreitet, oder durch Weiſe ausgebildet wurde, noch uͤberhaupt den Glauben an etwas Hoͤheres in Anſpruch nahm. Sie wurde geſtiftet durch einen kalten — 194— Stein. Unglaublich faſt und doch wahr! Die Bewohner der„Stadt des Reichthums“ hatten fruͤher in vielen Richtungen menſchlicher Thaͤ⸗ tigkeit ſich ausgezeichnet; gluͤckliche Kriege mit den benachbarten Landſchaften vergroͤßerten das Gebiet, und in dieſer Zeit war der Kultus„der Ehre“ vorherrſchend; Wiſſenſchaft und Kunſt bluͤhten eine Zeit lang, und„dem Geiſt und der Bildung“ wurden Opfer der Verehrung ge⸗ bracht; aber je mehr die Anbetung des„metal⸗ lenen Goͤtzen“ wuchs, deſto mehr trat jede an⸗ dere in den Hintergrund. Den erſten Tempel baute dieſem Goͤtzen ein reich gewordener Wu⸗ cherer, und ein Fragment aus der Geſchichte jener Stadt hat uns noch Folgendes aus der Rede aufbewahrt, welche bei dieſer Gelegenheit gehalten wurde. „Wir haben uns,“ heißt es darin unter Anderm,„lange bemuͤht, liebe Mitbuͤrger, den Stein der Weiſen zu finden. Was davon ge⸗ fabelt wird, hat ſich als unwahr erwieſen; aber daf Ri iſt gel Zer we zug del den nan kan ſie unf obe nan von der die ſ elb Sit gen — 195— daß es ein Stein iſt, hat ſeine vollkommene Richtigkeit. Dieſe Wahrheit Euch zu beweiſen, iſt der Zweck meiner Rede, und wenn es mir gelingt, ſo ſei fernerhin dieſer goldne Altar Zeuge und Sinnbild unſeres Glaubens. Und welcher andere Glaube bietet ein Sinnbild, das zugleich die Wirklichkeit darſtellt?— Lange wan⸗ delten wir auf falſchem Pfade, um zu ſuchen den Stein der Weiſen. Die ſich ſelbſt Weiſe nannten, verirrten ſich am meiſten. Sie ver⸗ kannten die Bedingungen des irdiſchen Daſeins; ſie wollten reiſen in ein unbekanntes Land, das unſerer Forſchung ſich verſchließt; ſie wollten er⸗ obern ein Reich, das ſie ſelbſt das unſichtbare nannten, und alle dieſe Beſtrebungen zogen ſie von der Erde ab, ohne daß ſie irgendwo an⸗ ders feſten Boden gewinnen konnten. Schon die Wirklichkeit giebt uns ſo viele Taͤuſchungen, ſelbſt das Zeugniß einiger von den wenigen Sinnen, welche die karge irdiſche Natur uns gewaͤhrte, iſt unſicher, und wenn wir nicht ewig 9* — 196— kaͤmpfen wollen mit Nebeln und Traͤumen, ſo muͤſſen wir uns beſchraͤnken auf das Zeugniß des Sinnes, dem wir am Meiſten glauben duͤr⸗ fen. Der Sinn des unmittelbaren Taſtens und Erfaſſens, im Allgemeinen„Gefuͤhlsſinn“ genannt, iſt unſtreitig der ſicherſte, ja er er⸗ ſetzt und berichtigt oft die andern, und die Un⸗ terſuchungen unſerer Weiſen haben wenigſtens ſo viel erwieſen, daß er nicht allein mit allen andern Sinnen in naher Verbindung ſteht, ſon⸗ dern daß ſogar dieſelben eigentlich nur deſſen Offenbarungen unter veraͤnderter Form ſind. So viel haben uns doch alle jene eitle Traͤumereien und Verſuche uͤber Magnetismus und derglei⸗ chen Unbegreiflichkeiten genutzt, daß ſie dieſes beſtaͤtigen. Auf das Gefuͤhl daher, meine lieben Mitbuͤrger, muͤſſen wir uns einzig und allein verlaſſen. Aber wohl zu bemerken iſt es, daß jene angeblichen Weiſen auch unſere Sprache ſchon verderbt, und den Worten falſche Begriffe untergelegt haben. Auch das urſpruͤnglich ſo — 197— deutliche Wort„Gefuͤhl“ war der Gegenſtand ihrer Verirrungen. Mit Vorbedacht bediente ich ſchon vorhin mich des klaren Wortes„Un⸗ begreiflichkeit,“ weil es am Deutlicſten zeigt, woran wir uns halten muͤſſen. Sobald wir Worte, die dem Sinn des reinen koͤrperli⸗ chen Erfaſſens und Ergreifens ihren erſten Ur⸗ ſprung verdanken, auf Erſcheinungen aus einer Welt uͤbertragen wollen, die uns hienieden nie erſchloſſen werden wird, gerathen wir in Wi⸗ derſpruͤche und Mißverſtaͤndniſſe. Ihr Alle wißt, meine verehrten Mitbuͤrger, daß die ſchoͤne Sage vom babyloniſchen Thurmbau dieſe wichtige Wahrheit in einem gelungenen Sinnbilde uns darzuſtellen beabſichtigt. Die Menſchen woll⸗ ten dem Himmel immer naͤher kommen, deß⸗ halb verwirrten ſich ihre Sprachen, und Keiner verſtand den Andern.— Laßt uns daher ver⸗ meiden, einen Thurm, wenn auch nur mit Worten, in den Himmel zu bauen; laßt uns hier unten bleiben, wo wir einmal heimiſch — 198— ſind, auf unſerer lieben Erde.— Anzuerkennen, was iſt, und in den Schranken, die es ſelbſt zog, ganz ſich ihm hinzugeben, das bleibt zu⸗ letzt unſer wahrer Beruf, und die Weisheit, die ſich ihm entfremdet, kann uns nichts nutzen. Auch das Wort„Nutzen,“ meine lieben Mit⸗ buͤrger, iſt ein ſchoͤnes Wort. Unſer Kultus bedarf eines neuen Woͤrterbuchs, und auch die Ordnung des Alphabets muß veraͤndert werden; ich ſchlage vor, daß es mit dem goldenen Buch⸗ ſtaben„G“ beginne.„Gold, Geben, Ge⸗ winn, Geld, Gut,“ was fuͤr ſchoͤne Worte! Auch der Geiſt, das Gemuͤth, die Gelehr⸗ ſamkeit wurden unter dieſen Buchſtaben ein⸗ geſchwaͤrzt, aber unſer Lexikon wird ihnen die gebuͤhrende Stelle anweiſen. Selbſt unſere Grammatik bedarf bedeutender Verbeſſerungen. Zweckmaͤßig iſt es allerdings, daß die Zeitwoͤr⸗ ter mit der Perſoͤnlichkeit beginnen.„Ich habe,“ ſo konnte nur Jemand das Zeitwort anfangen, der die Bedingungen des Irdiſchen genau kannte. — 199— Wie ſchoͤn auch hier das H auf das G folgt! Haben, ein goldnes Wort! Was nutzt uns alles Wiſſen, wenn wir nichts haben. Ue⸗ berhaupt muͤſſen wir uns beſtreben, von dem Irdiſchen nur das anzuerkennen, was fuͤr uns auch wirklich da iſt, und mir duͤnkt die Be⸗ hauptung einiger Gelehrten ſehr ſeicht, daß die Bildung des Zeitworts: ſein, ſchon einige gei⸗ ſtige Thaͤtigkeit vorausſetze. Ich bin und ich habe, mußte das Erſte ſein, worauf der Menſch fiel, und der ſogenannte Suͤndenfall war am Ende grade der richtige Weg zur Erkenntniß, denn er brachte die erſten Menſchen zum Be⸗ wußtſein ihrer ſelbſt. Das ſogenannte Para⸗ dies mußte fuͤr die Menſchen⸗Natur verſchloſ⸗ ſen werden, damit ſie auf dem Wege des Stre⸗ bens es wieder faͤnde. Die verbotene Frucht war ein Sinnbild des eiteln Suchens nach dem, was fuͤr uns nicht da iſt, und wir werden das verlorne Paradies wieder gewinnen, wenn wir uns auf das beſchraͤnken, was fuͤr uns da — 200— iſt. Die Gegenſtaͤnde unſerer Thaͤtigkeit und unſeres Wirkens muͤſſen daher diejenigen ſein, welche die irdiſche Natur am deutlichſten aus⸗ ſprechen. Welcher Koͤrper aber iſt ſchwerer, fe⸗ ſter, dehnbarer, undurchdringlicher, gediegener, als das Gold?— Und ſind das nicht Alles die ſolideſten irdiſchen Eigenſchaften?— Schon lange erkannten die meiſten Voͤlker das Gold nicht allein als ein Sinnbild und als eine An⸗ deutung, nein, als einen ſichern Buͤrgen und unumſtoͤßlichen Beweis des Beſitzes, des Ha⸗ bens, an.— Es fuͤhrt uns zuruͤck in das ver⸗ lorne Paradies! Es iſt und ſoll bleiben der Gegenſtand unſerer Verehrung! Dieſer Altar redet durch ſich ſelbſt! Seine Geruchloſigkeit iſt der ſuͤßeſte Weihrauch; ſein Anblick, der leuch⸗ tenden Sonne verwandt, das ſchoͤnſte Bild; der Klang ſeines Metalls dem Ohre der wohl⸗ gefaͤlligſte Ton, und ohne truͤgende Beweis⸗ ſchluͤſſe begreift die fuͤhlende Hand, wenn ſie — 201— ihm anbetend ſich naht, daß ſie dem wirklichen Leben ihr Opfer darbringt!“— Mit allgemeinem Beifall wurde dieſe Rede angehoͤrt, um ſo mehr, da die Zuhoͤrer alle ſchon natuͤrliche Prieſter des neuen Kultus wa⸗ ren. Sie beſchloſſen, ihre Sekte auszubilden. Die Chronik„der Stadt des Reichthums“ wurde uns nicht vollſtaͤndig erhalten, deshalb fehlt die hiſtoriſche Entwickelung ihrer buͤrgerlichen Ver⸗ faſſung, deren Weſen jedoch ziemlich vollſtaͤndig uns noch vorliegt. Es war eine Art von Wahl⸗ reich; der Wuͤrdigſte, das heißt der Reichſte, wurde naͤmlich jaͤhrlich zum Herrſcher gewaͤhlt, und war zugleich Oberprieſter des neuen Kul⸗ tus. Die Wahl wurde durch das Gewicht beſtimmt, nicht der Perſon, ſondern des Gol⸗ des. Jeder Bewerber um den Thron mußte die Summe ſeines wirklichen Beſitzes nachwei⸗ ſen, und der Schwerſte oder Reichſte wurde, wie geſagt, Koͤnig. Oft ſchon beſtimmte der Unterſchied eines Quentchens die Faͤhigkeit zur — 202— hoͤchſten Wuͤrde im Staat, und die naͤchſten Bewerber wurden Großwuͤrdentraͤger. Kein Staatsdiener leiſtete einen Eid, weil Beſtechung, ſo wie Beſtechlichkeit erlaubt, und ſogar Tu⸗ genden waren. Ueberhaupt blieb es ganz fol⸗ gerichtig, daß, je mehr dieſer neue Kultus ſich ausbildete, die Begriffe von Tugend und La⸗ ſter, von gut und boͤſe, ſich gaͤnzlich veraͤnder⸗ ten. Das Gold war Gegenſtand der Anbetung, ihm zu nahen, es zu erlangen, Religion des Landes. Der Tugendhafteſte war, der am Mei⸗ ſten beſaß, Armuth ein Laſter, gaͤnzliche Beſitz⸗ loſigkeit ein Verbrechen, welches mit dem Tode beſtraft wurde. Daher ſuchte Jeder wenigſtens den Schein des Beſitzes zu erſtreben, und je⸗ des Mitglied dieſes Staates war von Jugend auf gewoͤhnt, die Verleihung irdiſcher Guͤter als ein Zeichen der Huld ſeiner Gottheit zu be⸗ trachten, und dieſe in ihren Lieblingen, den Rei⸗ chen, zu verehren und anzubeten. Das blinde Schickſal anderer Glaubensbekenntniſſe wurde 8¶ 88 — 203— hier durch das ſichtbare Gold dargeſtellt. Es beſtand ein„Senat der Alten,“ welcher aus denen gewaͤhlt wurde, die durch gluͤckliche Taͤu⸗ ſchungen, indem ſie den Schein des Reich⸗ thums mit Erfolg vorſpiegelten, wirklich reich, folglich gluͤcklich und Lieblinge ihrer Gottheit geworden waren. Dieſe hatten den Beruf, jaͤhr⸗ lich den Vermoͤgenszuſtand eines jeden Staats⸗ buͤrgers genau zu unterſuchen, wonach deſſen Gewicht und Wuͤrde fuͤr das naͤchſte Jahr be⸗ ſtimmt wurde. Es gab 100 verſchiedene Ver⸗ moͤgensklaſſen, die durch Nummern unterſchie⸗ den wurden, und da die Inhaber der letzten Nummern, die gaͤnzlicher Beſitzloſigkeit ſich naͤ⸗ herten, wegen ihres Lebens beſtaͤndig in Angſt und Schrecken ſein mußten, wenn es ihnen nicht gelang, ihre Lage zu verbeſſern, oder wenig⸗ ſtens den Schein dieſer Vervollkommnung(wie man es nannte) vorzuſpiegeln, ſo erfolgte ge⸗ woͤhnlich in jedem Jahr eine große Auswan⸗ derung, die jedoch durch die Ankunft zahlreicher — 204— Fremden, denen dieſe Staatsverfaſſung beſon⸗ ders zuſagte, fortwaͤhrend mehr als erſetzt wurde. Daß nur Reiche einwanderten, oder Solche, die ſich die Faͤhigkeit zutrauten, es werden zu koͤnnen, laͤßt ſich denken, ſo daß durch dieſe vortreffliche Einrichtung die ſchlechten Stoffe aus dem Staatskoͤrper abgefuͤhrt, die guten da⸗ gegen eingebracht wurden. Uebrigens ward es immer mehr erſchwert, durch den Schein des Reichthums dieſen zu gewinnen, da der Scharf⸗ ſinn des Senats der Alten grenzenlos war, und uͤberdem nur der wirkliche Beſitz ihre Beſtech⸗ lichkeit reizen konnte. Sehr haͤufig trug es ſich zu, daß aus dem Senat der Alten der Koͤnig gewaͤhlt wurde. Man haͤtte glauben ſollen, daß der einmal gewaͤhlte Koͤnig ſich lange haͤtte be⸗ haupten koͤnnen, aber der Thron des Reichs hatte ſeit lange jaͤhrlich ſeinen Inhaber gewech⸗ ſelt, und der zureichende Grund dafuͤr findet ſich in dem Ehrgeiz der Nebenbuhler, und in dem Beſtreben, waͤhrend der Regierungszeit des Koͤ⸗ — 205— nigs ſeinen Sturz vorzubereiten, das heißt, ihn aͤrmer zu machen. Die Reichswuͤrdentraͤger ver⸗ einigten ſich, um auf alle moͤgliche Weiſe ſein Vermoͤgen zu ſchmaͤlern, und auch hierbei kam es darauf an, wer den Andern uͤberliſtete, und im edlen Wetteifer den Genoſſen ſeines Stre⸗ bens in Verluſte brachte, die er ſelbſt vermied. Ueberhaupt wurde bei dieſem regſamen Volke der Scharfſinn, die Liſt und raſtloſes Ueberbie⸗ ten jeder Erwerbungsthaͤtigkeit in unglaublichem Grade geweckt. Der Beſitz bildete das Gluͤck, der Mangel irdiſcher Guͤter das Ungluͤck; jede Art und Weiſe, zu jenen zu gelangen, war er⸗ laubt, nur nicht die Gewalt, und in letzterer Beziehung waren die Polizeieinrichtungen vor⸗ trefflich, und die ſtrafende und ausuͤbende Macht mit den genuͤgendſten Mitteln verſehen. Die Juſtiz wurde durch die ſchlauſten Koͤpfe ver⸗ waltet, und dieſer Beruf war bei geeigneter Faͤ⸗ higkeit der ſicherſte Weg, Gluͤck zu machen, naͤmlich Gold.— Das weibliche Geſchlecht trat, — 206— wie in den meiſten bisherigen Staatsverfaſſun⸗ gen, in den Hintergrund, und ſelbſt die Schoͤn⸗ heit und Jugend waren ſelten ein Capital. Ueber weſſen Gewiſſen(wie man das Streben nach Reichthum nannte) dieſe Reize den Sieg davon trugen, der galt fuͤr einen charakterloſen Menſchen, und wenn ſeine Schwaͤche von un⸗ gluͤcklichem Erfolge war, das heißt, ihn aͤrmer machte, oder reicher zu werden verhinderte, ſo ſank er um deſto tiefer in der Achtung ſeiner Mitbuͤrger. Die Ehen wurden daher gewoͤhn⸗ lich nur unter den Inhabern gleicher Nummern beiderlei Geſchlechts geſchloſſen, das gleiche Loos, wie es hier ohne figuͤrlichen Wortſinn genannt werden konnte, knuͤpfte die Verbindungen nur deſto feſter. Die Ausſteuer war nach dem Ver⸗ moͤgen des Vaters geſetzlich beſtimmt, denn frei⸗ willig gab kein Vater ſeiner Tochter Etwas mit, und wenn es geſchah, mußte es verheim⸗ licht werden, da es als eine Verletzung der Staatsreligion ſogar beſtraft wurde. Eben ſo Verbrechen, wenn er entdeckt wurde. Die Be⸗ — 207— war das Erbrecht genau feſtgeſtellt. Der Dieb⸗ ſtahl war, wie bei den Spartanern, nur ein weiſe fuͤr jede gewaltloſe Entfernung und Ge⸗ faͤhrdung des Eigenthums waren jedoch außer⸗ ordentlich erſchwert, und wurden es durch die Beſtechlichkeit der Richter und Zeugen noch mehr, weshalb denn auch, wie es ganz folgerichtig nach dieſem Syſtem war, der Reichſte immer die meiſten Ausſichten hatte, Recht zu behalten, und man uͤberhaupt ſelten ihn zur Rechenſchaft ziehen konnte. Alle Diejenigen, welche durch eigenes Verdienſt hoͤhere Nummern erreicht hat⸗ ten, waren auch gewoͤhnlich fuͤr dieſe Staats⸗ einrichtungen durch fruͤhere Erfahrungen und lange Uebung ſo gebildet, daß ſie, wenn auch noch ſo haͤufig und heftig angefochten, immer Recht behielten, und je mehr Proceſſe gegen ſie verloren wurden, oder ſie gegen Andere gewan⸗ nen, deſto hoͤher ſtieg ihre Nummer, und folg— lich ihr Ruhm. Die einzigen Vortheile der — 208— Geburt waren die der geſetzlichen Vererbung des Beſitzes, und auch dieſe vermochte nur eigenes Verdienſt zu behaupten, denn ohne daſſelbe ging das auf dieſe Weiſe angeſtammte Gut ſehr bald wieder verloren, und der reiche Erbe ſank zu den niedrigeren Nummern hinunter. Vaͤter, die es mit ihren Kindern gut meinten, denn die Aelternliebe trat nicht immer ganz in den Hintergrund, verwendeten daher in dieſer Be⸗ ziehung viele Sorgfalt auf eine zweckmaͤßige Erziehung ihrer Soͤhne, wofuͤr ſie aber oft be⸗ ſorgen mußten, daß dieſe die Kuͤnſte des Scheins (jener Ausſtrahlung des Gegenſtandes allgemei⸗ ner Verehrung) gegen ſie ſelbſt anwenden, und dadurch auf ihre Unkoſten empor ſteigen wuͤrden, denn die Dankbarkeit war dieſem Volke eine laͤcherliche Eigenſchaft, weil ſie auf eine Perſon die Wohlthat uͤbertraͤgt, welche der Gottheit des Landes, dem irdiſchen Gluͤck und dem Golde, allein zu verdanken war.— Die Literatur der „Stadt des Reichthums“ und ihres großen Ge⸗ —„— — 209— bietes war ebenfalls ſehr eigenthuͤmlich. Bei den meiſten civiliſirten Nationen bildet der Kampf der Tugend und erhabener Gefuͤhle mit dem rohen und gemeinen Irdiſchen den Gegenſtand vieler romantiſchen Fictionen. Hier war es um⸗ gekehrt. In den Trauerſpielen und ſentimen⸗ talen Romanen wurde der Held ſtets vom Gluͤck oder Reichthum gekroͤnt; er war der ge⸗ borne Feind aller Gefuͤhle, die keinen Zweck fuͤr die Erlangung des Beſitzes und der Macht ha⸗ ben, je größer ſein Kampf gegen alle Hinder⸗ niſſe, deſto mehr wurde er bewundert, doch nur der gluͤckliche Erfolg ſtempelte ihn ganz zum Helden. Die Einheit in dieſen Producten war nicht zu verfehlen, denn alle Eigenſchaften des Geiſtes und Gemuͤths, die ſonſt in ver⸗ ſchiedenen Richtungen ſich zeigen, vereinigten ſich hier in einem Glanzpunkt, den der religioͤſe Glaube des Volks wunderbar umſtrahlte. Die Vaterlandsliebe mußte in Jedem feſte Wurzel faſſen, der reich wurde und— nicht auszuwan⸗ 10 — 210— dern gezwungen war, und die Reichſten waren natuͤrlich die groͤßten Patrioten;— die Ruhm⸗ ſucht und der Ehrgeiz wirkten im wohlverſtan⸗ denen Intereſſe des Vaterlandes und— gewan⸗ nen zugleich die Fruͤchte ihres Strebens fuͤr ſich ſelbſt;— Aeltern⸗ und Kindesliebe, ſo wie alle Bande des Blutes und der Geſellſchaft, waren den hoͤheren Staatszwecken untergeordnet; die Dankbarkeit galt nicht dem mittelbaren Wohl⸗ thaͤter, ſondern dem unmittelbaren, als deren Ausfluß die Wohlthat anerkannt wurde, dem Golde, und dieſes war das Symbol des Staats und der Religion zugleich; ja es war noch mehr, denn es ſtellte Beide in der Wirklichkeit dar. Wo will man mehr Einheit in menſchlichen Ein⸗ richtungen erwarten und erſtreben?— Alle Lei⸗ denſchaften wurden veraͤndert oder vielmehr durch die Richtung nach einem Ziele zu einer einzi⸗ gen verſchmolzen. Die Rache wendete ſich ge⸗ gen Diejenigen, welche den Beſitz ſtoͤrten oder ſchmaͤlerten; nicht gewaltſam brach ſie aus, Liſt — bn — — 211— und Verſtellung waren ihre Waffen;— das Geſpenſt der Furcht war der Verluſt;— das gute oder boͤſe Gewiſſen wurde durch die Num— mer klaſſificirt, die der Menſch im Staate ein⸗ nahm, und welche Jeder auf ſeiner Kopfbede⸗ ckung tragen mußte. Das Tragen einer falſchen Nummer wurde mit dem Tode beſtraft.— Die Literatur des Luſtſpiels war ſehr ausgebildet. Der Held war immer ein feiner Betruͤger, und je taͤuſchender er ſeine Aufgabe durchfuͤhrte, deſto mehr wurde der Betrogene ausgelacht. Die Rolle des Bedienten in dem komiſchen Theater anderer Nationen naͤhert ſich oft der des Helden in der„Stadt des Reichthums,“ und der eigentliche Held, der mehr ſeinen Ge⸗ fuͤhlen Luft macht, als handelt, wuͤrde dort jederzeit einen klaͤglichen Eindruck gemacht ha⸗ ben. Ueber die Thorheiten des„edlen Ritters von der traurigen Geſtalt“ wuͤrden die Buͤrger der„Stadt des Reichthums“ nicht ſo viel ge⸗ lacht haben, als viele andere civiliſirte Nationen, 40* — — 212— ſondern ſie wuͤrden ihnen hoͤchſt veraͤchtlich er⸗ ſchienen ſein, und zwar die Triebfedern ſeiner Verirrungen noch mehr, als dieſe ſelbſt.— Selbſtmorde waren nur Folge einer bedeutenden und ploͤtzlichen Erniedrigung der Nummer, oder gaͤnzlicher Nummerloſigkeit, wenn die Auswan⸗ derung nicht vorgezogen wurde. Duelle fanden nie Statt; perſoͤnliche Beleidigungen hoͤherer Nummern durch niedere wurden ſtrenge, niederer durch hoͤhere aber nur milde oder gar nicht be⸗ ſtraft. Schmaͤhungen durch Worte und Ver⸗ laͤumdungen wurden gleichguͤltig aufgenommen und nicht beachtet, ſo lange ſie den Goͤtzen des Landes, den Reichthum und Beſitz, nicht be⸗ trafen. In dieſem Falle aber wurden ſie als Re⸗ ligionslaͤſterung betrachtet und verfielen einem eigenen Ketzergericht. Dieſes war uͤberhaupt die letzte Inſtanz fuͤr alle Verbrechen, weil jede Untugend vermoͤge der feſten Einheit von Staat und Kirche, in dieſe Kategorie gehoͤrte. Der Kredit war Jedem etwas Heiliges, da er auf — — 213— den Schein begruͤndet, und dieſer die aͤußere Er⸗ ſcheinung des Gediegenen iſt. Die Metallſtufe bildete ja zugleich die Stufe zu Gluͤck, Macht, Ehre und Verdienſt nach den Begriffen der Buͤrger der„Stadt des Reichthums.“— Wenn daher Jemandem nachgewieſen werden konnte, daß er faͤlſchlicher Weiſe dem Kredit eines An⸗ dern geſchadet hatte, ſo wurde er hart beſtraft. Jeder dachte uͤbrigens von den Vermoͤgensum⸗ ſtaͤnden des Andern das Seinige, und kein Klu⸗ ger traute dem Scheine, aber man aͤußerte ſich ſehr vorſichtig, da die Nummer nur auf ein Jahr als Bezeichnung galt, und bei ſo vielen Antrieben zur Vervollkommnung in dieſer Zeit Vieles ſich veraͤndern konnte. Aus demſelben Grunde war das Verhaͤltniß der 100 verſchie⸗ denen Staͤnde(wenn man ſie ſo nennen will) zu einander nicht ſo ſchroff, als man glauben ſollte, da Keiner wußte, was aus ihm und jedem Andern im naͤchſten Jahre oder fernerhin werden moͤchte. Man ſieht, daß auch dieſe 10** — 214— Einrichtung mehr fuͤr die„Befoͤrderung der Hu⸗ manitaͤt“ wirkte, als auf den erſten Blick vor⸗ aus zu ſetzen war. Wer jedoch, ſelbſt in einer hoͤheren Nummer, mit den abſtracten Wiſſen⸗ ſchaften, in ſo weit ſie keinen wirklichen Ertrag fuͤr das praktiſche Leben verſprechen, ſich zu be⸗ ſchaͤftigen anfing, und daruͤber ſeine irdiſchen Angelegenheiten vernachlaͤſſigte, von dem zog man ſich zuruͤck, wenn man nicht etwa glaubte, ſeine Zerſtreuungen zu eigenem Beſten benutzen zu koͤnnen, und prophezeihte ihm einen baldigen Sturz. Doch auch ſolche Verirrungen konnten durch einen neuen Gluͤcksfall wieder gut ge⸗ macht werden. Es war naͤmlich eine eigene Staatslotterie eingefuͤhrt, und dieſe bildete ſo⸗ gar einen Theil des Kultus; da ſie dem Gluͤck einen Tempel eroͤffnete. Jeder Staatsbuͤrger mußte jaͤhrlich den zwanzigſten Theil ſeines Vermoͤgens einſetzen; fuͤr jede der 100 Klaſſen wurde aber beſonders gezogen, und der Gewinnſt ſtieg daher mit dem — — 215— Vermoͤgen des Spielers. Jedes Mitglied einer hoͤheren Nummer hatte jaͤhrlich Ausſicht auf einen beſonderen Gluͤcksfall, und man konnte nicht wiſſen, wen er treffen wuͤrde. Daß bei dieſer Lotterie kein Betrug Statt finden konnte, dafuͤr war durch alle moͤglichen Vorkehrungen geſorgt. Uebrigens waren alle Arten von Spie⸗ len erlaubt, weil ſie, wie man ſagte, dem Gluͤcke die Thuͤr eroͤffneten. Wer demſelben zu ſehr vertraute, und ſich taͤuſchen ließ, trug nach den Begriffen des Landes ſeine eigene Schuld, denn dieſe war ja gleichbedeutend mit dem Ungluͤck, ſo wie das Gluͤck die Unſchuld darſtellte. Fuͤr Diejenigen, welche noch mehr wagen wollten, beſtanden andere Lotterien, deren Unternehmer jedoch meiſt in dem Rufe ſtanden, daß ſie zu gewiſſenhaft ſeien. Man weiß, was dieſes in der Sprache der„Stadt des Reichthums“ be⸗ deutete. Niemand verargte es ihnen, doch wer es merkte, zog ſich zuruͤck, und ſo ging es in allen Geſchaͤften und Unternehmungen, ſo daß — 216— hier oft auf entgegengeſetztem Wege daſſelbe Ziel erreicht wurde, welches der buͤrgerliche Verkehr durch andere Rechtlichkeitsbegriffe und geſetzliche Einrichtungen gewinnt. Ueberhaupt war das Leben und Treiben in der„Stadt des Reich⸗ thums“ von dem in andern großen Staͤdten und Laͤndern nicht ſo verſchieden, als Viele glauben moͤchten, und Mancher wuͤrde, wenn er ſich dort laͤngere Zeit aufgehalten haͤtte, ver⸗ wundert ausgerufen haben: c'est tout comme chez nous!— Die meiſten Wiſſenſchaften, und ſelbſt die Kunſt fanden Aufmunterung und Be⸗ lohnung, weil ſie doch meiſtens mit irgend einem praktiſchen Zweck mittelbar oder unmittelbar in Verbindung ſtehen. Auch der Lurxus hatte ſeine Goͤnner, weil der Schein ſo viel galt. Die ſogenannte feine Lebensart, und die aͤußere Hoͤf⸗ lichkeit taͤuſchten und verblendeten zwar Nieman⸗ den, aber ſie galten immer als eine Schaumuͤnze von gutem Gepraͤge, wenn auch von leichtem Gewicht, und obgleich ſie nur den Klang von ◻ ſN 2 — ⸗—— 1 8„ — 217— Rechenpfennigen hat, ſo wußte man doch allge⸗ mein, daß ſie bloß fuͤr das Spiel und den . Schein gemacht iſt. Vielleicht waren die guten Buͤrger der„Stadt des Reichthums“ hier am Wenigſten im Irrthum. Viele werden zweifeln, wie ein Staat auf die Dauer ſich habe erhal⸗ ten koͤnnen, worin alle Begriffe von Tugend, Vaterlandsliebe, Geiſtesadel und allen hoͤheren Eigenſchaften des Gemuͤths und des Herzens nach unſeren Anſichten ſo verkehrt waren, doch 4 dieſen Unglaͤubigen laͤßt ſich Vieles entgegnen. Erſtens lehrt die Geſchichte, daß, ſobald der geſellige Verband einer feſten Grundidee, ſei ſie auch an und fuͤr ſich verwerflich, ſich hin⸗ giebt, und nach ihr conſequent ſich ausbildet, alles Andere dieſer Idee freiwillig oder gezwun⸗ gen ſich anſchließen muß, und durch die Dauer ſolcher Verhaͤltniſſe deren Einheit und die da⸗ durch bedingte Kraft nur gewinnen wird. Zweitens wiſſen wir aus der Chronik der „Stadt des Reichthums,“ daß ihre Einrichtun⸗ * — 218— gen eine lange Reihe von Jahren unveraͤndert ſich erhalten haben, und dieſer Grund wird uns der ferneren Entwickelung aller noch uͤbrigen bei allen denjenigen Leſern entheben, die auf hiſto⸗ riſche Wahrheit noch Etwas geben. Aber alles Menſchliche erreicht ſein Ende!— Und ſo ging es auch der„Stadt des Reichthums“ mit ihren goldenen Altaͤren, ihrem Senat der Alten, ihrer Nummerneintheilung und ihrem Kultus. So lange das Gold ſelbſt den Goͤtzen darſtellte, ging es noch gut, weil alle buͤrgerlichen Ein⸗ richtungen mit ihm in Verbindung geſetzt wa⸗ ren. Nachzuholen iſt auch noch, daß„die Stadt des Reichthums“ nur durch Handelsverkehr mit entfernten Laͤndern in Verbindung ſtand, und wenn ſie auch durch ihre Schaͤtze fremde Erobe⸗ rungsluſt reizen konnte, ſo war ſie doch zu ent⸗ fernt von andern Staaten.— Nur Diejenigen kamen in dieſes Land, welche Handel mit dem⸗ ſelben trieben, oder Buͤrger dort werden wollten, und das Mutterland, ſo wie deſſen Colonieen, —— A. — 219— verloren aus letzterem Grunde viele ihrer Soͤhne; ſo wie die Auswanderer meiſt dorthin gingen, um in Staaten, wo die Eintheilung nach Reich⸗ thumsnummern wenigſtens keine Geſetzeskraft hatte, ſich wieder die Mittel zu erwerben, welche die Ruͤckkehr in das Vaterland und beſſere Aus⸗ ſichten in demſelben ihnen geſtatteten. Dieſe Abgeſchloſſenheit der„Stadt des Reichthums“ war zugleich einer von den Gruͤnden der laͤn⸗ geren Dauer ihrer Inſtitutionen. Was dage⸗ gen beſonders den Grund zu dem Verfall der⸗ ſelben legte, war der zu große Werth, den dort immer mehr der Schein gewann. Dieſer Ab⸗ glanz der aͤußeren Huͤlle ſeiner Gottheit galt jenem Volke zuletzt als das Hoͤchſte ſelbſt, und die Verwirrung wurde immer groͤßer, als der Schein ſogar von dem ſchweren Golde in das leichte Papier uͤbertreten mußte. Jetzt verbuͤrgte nicht mehr das Gewicht des edlen Metalles den Reichthum, das Verdienſt, die Macht und die Tugend, ſondern die geſchriebene Zahl— und —— — 220— wo war jedesmal der Beweis, daß ihre Anga⸗ ben durch das wirkliche Gewicht, deſſen einge⸗ bildete Traͤger ſie ſein ſollten, Beſtaͤtigung faͤn⸗ den? Um dieſen Glauben oder Credit einzufuͤh⸗ ren und annehmbar zu machen, ſetzte zwar die damalige Regierung, welche vielleicht die ge⸗ heime Abſicht hatte, durch dieſe Neuerung ſich laͤnger, als die Geſetze es beſtimmten, zu be— haupten, Todesſtrafe auf jede erwieſene Ver⸗ faͤlſchung der neuen Papierſcheine; doch ein großer Theil der Buͤrger, ſelbſt aus den erſten Nummern fuͤrchtete mit Recht einen gaͤnzlichen Umſturz der ſo feſt begruͤndeten Verfaſſung, wenn dieſe Darſtellung ihres Goͤtzen unter ei⸗ ner andern Form loder vielmehr Materie) durch⸗ ginge, und es ſtanden ſich bald zwei Religions⸗ ſekten gegenuͤber, welches in dieſem Lande eben ſo viel ſagen wollte, als zwei politiſche Par⸗ theien. Die Folge davon war ein buͤrgerlicher Krieg, der mit der groͤßten Wuth gefuͤhrt wurde. Die Gold⸗ und die Papier⸗Sekte, wie man — 221— beide nannte, waren ſich Anfangs an Kraͤften ziemlich gleich. Die Anhaͤnger der Goldſekte nannten die der Papierſekte Laͤſterer der Reli⸗ gion und des Kultus, weil ſie von dem Glau⸗ ben der Vaͤter abgewichen ſeien; dieſe dagegen behaupteten, indem ſie den Gegenſtand der An⸗ betung, wenn auch in anderer Form, doch im Weſen unveraͤndert, vervielfaͤltigten und ver⸗ mehrten, ſo blieben ſie den Grundſaͤtzen ihres Glaubens durchaus getreu. Anfangs wurde der Streit nur durch Schrift und Rede gefuͤhrt, aber bald bezahlten die Anhaͤnger der Goldſekte keine Abgaben mehr,— die in ziemlich unglei⸗ chem Verhaͤltniß auf die Nummern vertheilt wa⸗ ren, ſo daß auch dadurch der Antrieb, in eine hoͤhere Klaſſe zu gelangen, geſteigert wurde— und die Papierſekte konnte nicht mehr ganz ſicher auf die bewaffnete Macht rechnen, weil dieſe dem Metall den Vorzug gab. Viele behaup⸗ ten, daß in jenem Jahr in Folge groͤßerer Ge⸗ ſchaͤftsumwaͤlzungen einem Theil der Mitglieder 11 —= 222— vieler hoͤheren Nummern eine nachtheilige, und manchen Traͤgern der niedern Nummern(wenn ſie auch der Ziffer und Zahl nach die hoͤchſten waren) eine guͤnſtige Veraͤnderung bevor geſtan⸗ den habe; dem ſei aber, wie ihm wolle; ſo viel iſt gewiß, daß die Bewohner des Gebiets mei⸗ ſtens dem Goldkultus treu blieben, die der „Stadt des Reichthums“ aber groͤßtentheils der Papierſekte anhingen. Als der Jahrestag der Koͤnigswahl und Buͤrgerklaſſifikation heran nahte, der immer mit großen Zeremonien und Feſtlich⸗ keiten gefeiert wurde, wendeten beide Parteien alles Moͤgliche an, die eine, um die Guͤltig⸗ keit der papiernen Scheine bei der Vermoͤgens⸗ ſchaͤtzung durchzuſetzen, die andere, um ſie zu verhindern. Die Papierſekte hatte faſt ihren Zweck erreicht, als die Goldſekte ihre geheime Mine ſpringen ließ. In dem Haupttempel des goldenen Goͤtzen waren naͤmlich alle bereits in Umlauf geſetzten papiernen Scheine gegen zehn⸗ fach kontrolirte Beſcheinigungen niedergelegt, — 223— um vor der Klaſſifikation unterſucht und ein⸗ getragen zu werden, als ploͤtzlich auf unbegreif⸗ liche Weiſe dort in der Nacht Feuer ausbrach, und alles Papier ein Raub der Flammen wurde. Die altglaͤubigen Anhaͤnger der Goldſekte hiel⸗ ten dieſes fuͤr die raͤchende eigene That ihres Goͤtzen; die Papierſekte gerieth in Verwirrung und ſelbſt in Zwieſpalt, da Jeder ſeinen Ver⸗ luſt hoͤher anzugeben verſuchte, und faſt alle papiernen Anſpruͤche und Forderungen, mit oder ohne Grund, geleugnet wurden, wenn nicht ſchlagende Beweiſe vorlagen, und dies wollte in dieſem Staate, wie man weiß, viel ſagen. Alle Bande der Geſellſchaft wurden ploͤtzich geloͤſt. Ein allgemeiner Kampf entbrannte, der in ei⸗ ner Reihe von Jahren hin und her wogte. Eine neue Generation wuchs heran; in der„Stadt des Reichthums“ gelang es eine Zeit lang ei⸗ nigen blutduͤrſtigen Koͤpfen, ſich an die Spitze zu ſtellen, durch Hinrichtungen und Schrecken ſich zu behaupten, und heuchleriſch„der Gleich⸗ heit“ einen Tempel zu erbauen. Alle Nummern von den Kopfbedeckungen verſchwanden, und ein neues Zeichen, welches den gleichen Werth Aller darſtellen ſollte, nahm deren Stelle ein. Im Lande ſelbſt aber war es einem kuͤhnen Krieger gelungen, ſich durch militairiſche Talente und gluͤckliche Erfolge an die Spitze zu ſtellen; er ſetzte dem Kultus der angeblichen„Gleichheit“ wirklich einen neuen, den der„Soldatenehre und des Ruhms“ entgegen, und nachdem die Bevoͤlkerung der„Stadt des Reichthums“ er⸗ ſchoͤpft und gelichtet war, gelang es ihm, auch 2 dort anerkannt zu werden, und ſich und ſeinen ſe neuen Kultus zu behaupten, der dem Eiſen b ſ mehr huldigte, als dem Golde, aber ſo wie je⸗ V ſ nes kalt ließ fuͤr jedes hoͤhere Gefuͤhl im Her⸗ 9 zen und im Gemuͤthe. Durch den Kultus des d Stahls aber wurde die„Stadt des Reichthums,“ 1 1 wenigſtens nach den Begriffen uͤber irdiſches Wohl, die dort einmal Wurzel gefaßt hatten, V fuͤr eine Zeit lang faſt gluͤcklicher, als durch den — 225— Kultus des Goldes. Der Stifter der neuen Sekte wagte auswaͤrtige Kriege, war lange gluͤck⸗ lich, traute jedoch ſeinem Sterne zu ſehr, und die Kaͤlte, welche er im Herzen trug und unter ſeinen Anhaͤngern verbreitete, wurde zugleich in der Natur ſelbſt ſeine Strafe. Aus der Ver⸗ gleichung gleichzeitiger Schriftſteller uͤber dieſe Ereigniſſe ſcheint uns jedoch hervor zu gehen, daß ein ſpaͤterer Hiſtoriker, vielleicht verfuͤhrt durch eine Namenverwechſelung, Ereigniſſe in die„Stadt des Reichthums“ uͤbertragen hat, die, wie uns beduͤnken will, in einem andern Lande Statt gefunden haben muͤſſen. Wie dem auch ſei; bis zum Kampfe der Gold- und Papier⸗ ſekte fuͤhrt uns mit ziemlicher Sicherheit die hi— ſtoriſche Kritik.— Welche Veraͤnderungen dieſe Nation ſpaͤter erfahren, ob ſie noch exiſtirt, und die Ruͤckkehr zum Kultus des Goldes, der da⸗ mit in Verbindung ſtehenden Staatsverfaſſung, Eintheilung der Buͤrger nach Nummern, Be⸗ ſtimmung ihres Werthes und Verdienſtes nach dem Beſitzſtand u. ſ. w., etwa wieder einge treten iſt, oder bevorſteht, und ob durch dieſel ben Urſachen dieſelben Erſcheinungen ſich vorhe ſehen laſſen, daruͤber koͤnnen wir nicht berich⸗ ten, und glauben unſere Pflicht erfuͤllt zu ha⸗ ben, wenn wir aus der Geſchichte der„Stadt des Reichthums“ mittheilen, was zu unſerer Kunde gelangen konnte. Schließlich uͤberlaſſen wir beſcheiden die Nutzanwendungen, die aus dieſem fragmentariſchen Abriß ſich etwa entwickeln ließen, dem unbefangenen Urtheil unſerer ge⸗ neigten Leſer. ———— ——,——