hek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens .7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Ghinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— Helas Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und deträgt: für wöchentlich 2eBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Ff. 53 5. Auswärtige Abonnenten’haben für Kin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſij lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. f 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 34 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird bboeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen P der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. nAᷓÖ— 4 — 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und —y— E. Tytton Dulwer's ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. e Hundert und zweiter Theil. DSo⸗ Was wird er damit machen? V von Piſiſtratus Carton. Sechster Theil. Oo Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 1859. Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Caxton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. 02 Aus dem Engliſchen von Dr. Gottlob Fink. Sechster Theil. 5O Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1859. —— —— — — Zwanzigſtes Kapitel. Jede Generation hat ihre eigenen kritiſchen Canone, ſowohl in der Poeſie als in politiſchen Glaubensſachen, in finanziellen Syſtemen und über⸗ haupt in all den veränderlichen Geſchmacksſachen, die man ausgemachte Fragen und feſtgeſtellte Meinungen nennt. George begab ſich, unter beſtändigen Gedanken über Alles was ſein Onkel ihm von Darrell geſagt hatte, in Lionels Wohnung. Der junge Mann empfing ihn mit der herzlichen Begrüßung, die ein Ver⸗ wandter Darrells dem Neffen des Oberſten Morley ſchuldete, aber gemäßigt durch die Ehrerbietung, die nicht minder der ausgezeichneten Stellung und dem Ruf des beredten Predigers gebührte. Lionel wurde ſichtlich ſehr ergriffen durch die Nachricht, daß Darrell ſo plötzlich nach den düſtern Buchenwäldern von Fawley zu⸗ rückgekehrt ſey, und er bewies ſeine ängſtliche Theilnahme für ſeinen Wohlthäter mit einem ſo natürlichen Ausbruch zärtlichen Gefühls, daß George gleichfalls ſympathiſch erwarmte.„Ich kann,“ ſagte er, „Eure Neigung zu Mr. Darrell wohl begreifen. Ich erinnere mich aus meiner Knabenzeit, welch gewaltigen Eindruck er auf mich machte, obſchon ich ihn nur ſelten zu ſehen bekam. Er ſtand damals im Zenith ſeiner Laufbahn und hatte einem Jungen wie ich war nur wenige Augenblicke zu ſchenken; aber der Klang ſeiner Stimme und das Leuchten ſeines Auges machten, daß ich träumend von Ruhm und auf Preiſe erpicht in die Schule zurückkehrte. Ich verbrachte einmal 6 einen Theil der Oſtervakanz in ſeinem Hauſe in der Stadt; er ließ mich durch ſeinen Sohn, der mein Schulkamerad war, einladen.“ Lionel.—„Ihr kanntet ſeinen Sohn? Wie hat Mr. Darrell dieſen Verluſt empfunden?“ George.—„Der Himmel verhüllt oft ſeine vorſorglichſte Barmherzigkeit in Dingen, worin der Menſch ſeine ſchwerſten Heim⸗ ſuchungen findet. Dieſer arme Junge hätte ſeine ganze Natur ver⸗ ändern müſſen, wenn ſein Leben nicht einem Vater wie Mr. Darrell bittereren Kummer hätte bereiten ſollen als ſein Tod.“ Lionel.—„Ihr ſetzt mich in Staunen. Mr. Darrell ſprach von ihm als von einem hoffnungsvollen Knaben.“ George.—„Er hatte diejenige Art von Thatkraft, von welcher ein Vater ſich Etwas verſprechen zu dürfen glaubt, und die ſelbſt ältere Perſonen täuſchen könnte; er war ein hübſcher Junge von glän⸗ zenden Augen, kecker Zunge, und hatte vor ſeinem Vater juſt die nöthige Scheu, um in deſſen Gegenwart ſeine ſchlimmſten Eigen⸗ ſchaften zu zügeln.“ Lionel.—„Worin beſtanden dieſe?“ George.—„In halsſtarriger Anmaßung und unbarmherziger Grauſamkeit. Er hatte einen Stolz, worüber ſich ſein ſtolzer Vater tief geſchämt haben würde, wenn Guy Darrell die Natur deſſelben entdeckt hätte— den Geldſtolz! Ich erinnere mich, daß ſein Vater mit halbem Lachen zu mir ſagte: Mein Junge braucht ſich nicht, wie ich während meiner ganzen Schulzeit, über geflickte Hoſen und leere Taſchen zu ärgern und zu grämen.“ Und ſo gerieth Mr. Darrell aus mißverſtandener Güte in das entgegengeſetzte Ertrem, und der Sohn war ſtolz, nicht auf den Ruhm, ſondern auf das Geld ſeines Vaters, übrigens nicht generös, auch nicht geradezu ausſchweifend, ſondern er benützte das Geld als eine Macht— als eine Macht, die ihm geſtattete einen Gleichen zu beſchimpfen oder einen Sklaven zu kaufen; mit einem Wort, ſein Spitzname in der Schule war Sir Giles Großhans. Sein Tod war die Folge ſeiner ſeltſamen Leidenſchaft Andere zu 7 quälen. Er hatte einen Packeſel, der nicht ſchwimmen konnte und die größte Angſt vor dem Waſſer hatte; und während er dieſes Kind in den Fluß hineintrieb, ſo daß das Waſſer über den armen Jungen hinausging, bekam er ſelbſt einen Krampf und ertrank. Ja, wenn ich daran denke, was dieſer Junge als Mann geworden wäre, wenn er Darrells Reichthum und, im Fall Darrell(was er vielleicht gethan hätte, wenn der Junge am Leben geblieben wäre) bei ſeiner ſtaats⸗ männiſchen Laufbahn verharrte, den Rang und die Titel geerbt hätte, die ihm wahrſcheinlich zugefallen wären, dann ſage ich noch einmal, in der Betrübniß des Menſchen offenbart ſich oft die Barmherzigkeit des Himmels.“ 1 Lionel lauſchte angſtvoll. George fuhr fort:„Ich wollte, ich könnte mit Mr. Darrell ſelbſt ſo offen ſprechen, denn wir finden be⸗ ſtändig in der Welt, daß kein Irrthum uns ſo ſehr mißleitet, wie der⸗ jenige, der eine halbe, von der andern Hälfte weggeriſſene Wahrheit iſt, und nirgends iſt ein ſolcher Irrthum ſo gewöhnlich, als wenn man ein Ereigniß aus ſeinem eigenen Leben beurtheilt, wobei er dem Un⸗ glück allen Troſt abſchneidet.“ Lionel.—„Wohl wahr; aber wer könnte das Herz haben einem trauernden Vater zu ſagen, daß ſein verſtorbener Sohn ein Taugenichts geweſen ſey?“ George.—„Ach, mein junger Freund, der Prediger muß zu⸗ weilen ſein eigenes Herz verhärten, wenn er die Seele eines Andern ſtark treffen will. Aber ich bin nicht überzeugt, daß Mr. Darrell eines ſo grauſamen Freundſchaftsdienſtes bedürfen würde. Ich glaube, daß ſein klarer Verſtand einige Theile von der Natur ſeines Sohnes geahnt haben muß, was ihn in den Stand ſetzte den Verluſt mannhaft zu ertragen. Und er ertrug ihn mit wackerem Muthe. Aber jetzt, Mr. Haughton, wenn Ihr den Reſt des Tages frei habt, ſo möchte ich Euch ohne alle Umſtände einen Vorſchlag machen. Eine Lady, die in ihrer zarten Jugend Mr. Darrell kannte, wünſcht ſehr Eure Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Sie wohnt an den Ufern der Themſe, ein wenig 8 oberhalb Twickenham. Ich habe ihr auf heute Abend einen Beſuch verſprochen. Wollen wir mit einander in Richmond diniren? und hernach können wir ein Boot zu ihrer Villa nehmen.“ Lionel nahm ſogleich an, dachte aber ſo wenig an die Lady, daß er nicht einmal nach ihrem Namen fragte. Er freute ſich einen Ge⸗ ſellſchafter zu haben, mit dem er von Darrell ſprechen konnte. Er ver⸗ langte blos die noͤthige Friſt um ſeinem Verwandten in Fawley einige Zeilen liebevoller Nachfrage zu ſchreiben, und während er damit be⸗ ſchäftigt war, zog George die Gedichte Arthur Branthwaites heraus und begann von Neuem darin zu leſen. Als Lionel ſeinen Brief ver⸗ ſiegelt hatte, hielt George ihm das Buch hin.„Hier ſind einige aus⸗ gezeichnete Gedichte von einem Schwager des ausgezeichneten Malers Frank Vance.“ „Frank Vance!, Es iſt wahr, er hatte einen Schwager, der Dichter war. Ich bewundere Frank ſehr, und obſchon er die Poeſie immer verhöhnen will, ſo iſt er doch in meinem Geiſt dermaßen mit poetiſchen Bildern vergeſellſchaftet, daß ich zum Voraus für Alles ein⸗ genommen bin, was ihn, ihm ſelbſt zum Trotz, mit Poeſie in Verbin⸗ dung bringt.“ „So ſagt mir,“ ſprach George, indem er eine Stelle in dem Buch bezeichnete,„was Ihr von dieſen Zeilen da denket. Mein guter Onkel würde ſie kauderwelſch nennen. Ich bin nicht überzeugt, daß ich ſie recht verſtehe; aber in Eurem Alter würde ich ſie, glaube ich, verſtanden haben— Was ſagt Ihr?“ 1 Lionel ſchaute hin.„In der That vortrefflich! Nichts kann klarer ſeyn— ſie drücken genau ein Gefuͤhl in mir ſelbſt aus, das ich mir nie erklären konnte.“ „Juſt ſo,“ ſagte George lachend.„Die Jugend hat ein Gefühl, das ſie nicht erklären kann, und das Gefühl wird in einer poetiſchen Form ausgedrückt, welche das mittlere Alter nicht verſteht. Es iſt wahr, daß die Poeſie der großen Art alle Alter gleich ſehr intereſſirt; aber die Welt verwirft immer eine Poeſie, die nicht zu der allergrößten 9 Art gehört, die nicht beſtimmt iſt dauernd und univerſell zu ſeyn, ſondern die den Wechſeln und Veränderungen des menſchlichen Ge⸗ fühles folgt, und juſt jenen hübſchen Sonnenuhren aus Blumen gleicht, welche blühen um die Stunde anzuzeigen, zu dieſem Behuf ihre Knoſpen öffnen und während des Anzeigens für immer dahin⸗ welken.“ Ohne auf die Kritik zu hören, fuhr Lionel fort die Gedichte zu leſen, und rief ein Mal ums andere:„Wie herrlich! wie wahr!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Im Leben, wie in der Kunſt, bewegt ſich das Schöne in krummen Linien. Sie haben dinirt. George Morley ergreift die Ruder, und das Boot durchſchneidet den Tanz der von dem goldenen Sonnenuntergang gerötheten Wogen. Schöner Fluß! der dem engliſchen Mährchen⸗ erzähler Legenden liefern könnte, wild wie diejenigen die man an den Ufern geſammelt, welche der Hydaſpes beleckt, und hold gleich denen die der Cephiſſus jemals mit den Geſängen der Nachtigallen und dem Odem der Veilchen vermengt hat! Aber welcher wahre engliſche Poet nennt jemals dich, oh Vater Thames, ohne einen melodiſchen Tribut? Und welches Kind hat je einen Sommernachmittag an deinen graſigen Ufern vertändelt, ohne deine Erinnerung unter den feenhaften Tagen des Lebens heilig zu halten? Schweigend beugte ſich Lionel über das gleitende Boot hin, und ſein Geiſt wurde zu demſelben ſanften Strom vor fünf Jahren zurück⸗ geführt. Welch einen unermeßlichen Spielraum in ſeinem kurzen Daſein ſchienen dieſe fünf Jahre auszufüllen! Und wie fern, wie unendlich fern von dem jungen Mann, dem Reichthümer zu Gebot ſtanden, und der mit allen Waffen der Auszeichnung ausgerüſtet war, ſchien die Stunde zu liegen, wo der Knabe laut geſeufzt hatte:„Das — 10 Glück iſt ſo fern, der Ruhm ſo unmöglich!“ Ferner und noch ferner als ſeine gegenwärtige weltliche Stellung von ſeiner Vergangenheit lag, ſchien das Bild, das zum erſten Mal in ſeiner Bruſt das träu⸗ meriſche Gefühl hervorgerufen hatte, welches ſelbſt die Härteſten unter uns im ſpätern Leben nie ganz vergeſſen. Leidenſchaften toben und verſchwinden, und wenn alle ihre Stürme verbraust ſind, ja vielleicht noch am Rande des Grabes ſchauen wir zurück und ſehen gleich einem Stern das weibliche Geſicht, wenn es auch nur das eines Kindes iſt, das uns zuerſt eine unbeſtimmte Verwunderung über den Zauber in einem menſchlichen Weſen, über die Leere in einem entzogenen Lächeln erregt hat. Wie Viele von uns könnten durch die Abgründe ver⸗ nichteter Hoffnung eine Beatrice zurückrufen, geſehen wie der Floren⸗ tiner ſie ſah, auf Erden als ein ſchuldloſes Kind, im Himmel als ein verklärter Geiſt! Ja, Laura war eine Affektation— Beatrice eine Wirklichkeit. Georges Stimme unterbrach etwas unangenehm Lionels Träu⸗ merei.„Wir nähern uns unſerm Ziel, und Ihr habt mich noch nicht einmal um den Namen der Lady gefragt, der Ihr Eure Aufwartung machen ſollt. Es iſt Lady Montfort, die Wittwe des letzten Marquis. Ihr habt ohne Zweifel Mr. Darrell von ihr ſprechen gehört?“ „Mr. Darrell nie— Oberſt Morley oft. Und in Geſellſchaft habe ich ſie als vielleicht die hübſcheſte und gewiß die hochmüthigſte Frau in England ſchildern gehört.“ „Mr. Darrell ſollte nie von ihr geſprochen haben! Das iſt in der That ſeltſam,“ ſagte George Morley, der ſich an Lionels erſte Worte hielt und von ſeinem ſpätern Commentar keine Notiz nahm. „Sie war als Kind viel in ſeinem Hauſe, ſie nahm Antheil an der Erziehung ſeiner Tochter.“ „Vielleicht ſcheute er gerade aus dieſem Grund ihren Namen. Ich hörte ihn nur ein einziges Mal auf ſeine Tochter anſpielen, auch kann ich mich darüber nicht wundern, wenn es wahr iſt was mir Leute geſagt haben die, von den nähern Umſtänden ſehr wenig zu wiſſen —— 11 ſcheinen, nämlich daß ſie, kaum der Kinderſtube entwachſen, mit einem gemeinen Abenteurer, einem Mr. Hammond, aus ſeinem Hauſe ent⸗ flohen und ſchon im erſten Jahr dieſer unglücklichen Ehe im Ausland geſtorben ſey.“ „Ja, das iſt der richtige Umriß der Geſchichte, und wie Ihr muthmaßt, es erklärt, warum Mr. Darrell die Erwähnung einer Perſon vermeidet, die er mit dem Namen ſeiner Tochter in Verbindung bringt. Ganz anders aber verhält es ſich mit Lady Montfort. Kein Thema iſt ihr lieber, Nichts intereſſirt ihr dankbares Herz inniger als das Lob des Mannes, der ihre Mutter vor Mangel ſchützte und ihr ſelbſt die Kenntniſſe und die Belehrung verſchaffte, die ihren hauptſäch⸗ lichen Troſt ausgemacht haben.“ „Ihren hauptſächlichen Troſt! War ſie nicht glücklich mit Lord Montfort? Was für ein Mann war er?“ „Ich verdanke Lord Montfort meine Pfründe und kann mich nur der guten Eigenſchaften eines Wohlthäters erinnern. Wenn Lady Montfort mit ihm nicht glücklich war, ſo muß doch zum Lobe Beider geſagt werden, daß ſie ſich niemals beklagte. Aber es liegt in Lady Montforts Charakter viel was der Marquis augenſcheinlich nicht ge⸗ bührend würdigte; jedenfalls hatten ſie wenig mit einander gemein, und was man Lady Montforts Hochmuth nannte, war blos die Würde, womit eine hochſinnige Frau das Mitleid, welches ſie herabſetzen, die Bewunderung, welche ſie beflecken würde, zurückweist, ihre Schönheit für ſich behält und den Namen ihres Gatten ſchützt. Wir ſind an Ort und Stelle. Wollt Ihr einige Minuten im Boote warten, während ich hingehe und Lady Montfort auf Euren Beſuch vorbereite?“ George ſprang ans Ufer und Lionel blieb unter dem Schutz ge⸗ waltiger Weiden, die ihre Blätter ins Waſſer tunkten. Durch die grünen Zwiſchenräume des Laubwerks ſchauend, ſah er am fernen Ende der Lichtung auf einer gebogenen Bank, an welcher der blitzende Strom ſchief vorüberlief, eine einfache Laube— eine Laube derjenigen ähnlich, von welcher er vor fünf Jahren zu den Sternen des Sommer⸗ Bulwer, was wird er damit machen? VI. 2 himmels emporgeſchaut— nicht ſo dicht mit Geißblatt überwachſen; gleichwohl ſchlingelte ſich das Geißblatt friſch gezogen an den Sei⸗ ten hinauf; und zwiſchen dem Lattenwerk ſowie den Blättern des blühenden Strauches hindurch konnte er juſt die Umriſſe einer darin befindlichen Geſtalt erhaſchen— das weiße Kleid einer weiblichen Geſtalt in langſamer ſanfter Bewegung— vielleicht die Blumen pflegend, welche die Laube umwanden. Bald war ſie ruhig, bald bewegie ſie ſich wieder; auf einmal verlor er ſie ganz aus dem Auge. Hatte ſie die Laube verlaſſen? War dieß Lady Montfort? George Morley hatte ſich nicht nach dieſer Richtung begeben. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Eine ruhige Secene— ein unruhiges Herz. Mittlerweile fand George Morley Lady Montfort nicht fern von dem weidenbewachſenen Ufer, das Lionel ſchützte, aber doch fern genug, daß ſie ihn weder ſehen noch hören konnte. Sie ſaß ganz allein da, auf einem Platz, wohin Milton die Lady im Comus hätte verſetzen können— einem abgerundeten Stück vom glatteſten Raſenland, auf allen Seiten(mit Ausnahme der einen Oeffnung, die einen vollen Blick auf das ſchimmernde Ufer geſtattete) mit dichten Gebüſchen von dunklem Immergrün und Stauden von lebhafterem Grün einge⸗ ſchloſſen, während im Hintergrund Eichen und Kaſtanien ſtanden, die Alles überhingen. Auch Blumen prangten in ländlichen Reihen da; eine ſchwache Quelle ſprudelte aus einem mit Waſſerlilien beſternten Baſſin; auf einem ländlichen Tiſch lagen Bücher und die Werkzeuge grazioͤſer Frauenarbeit, ſo daß der Platz das heimiſche Ausſehen eines Zimmers hatte und jene innige Liebe zum Leben im Freien verrieth, die ſich in unſern alten Dichtern kundgibt, von Chaucer herab bis auf den Tag, wo Minneſänger, zu Witzbolden abgeſchliffen, in Wills Cafe —— 13 kamen, und die Lerche nicht mehr den Barden„von ihrem Wachtthurm in den Wolken aus guten Morgen“ zurief. Aber, Gott ſey Dank, wir haben ſeit langer Zeit die engliſche Poeſie wieder bekommen, welche mit dem Geplätſcher der Waſſer und dem Gelärme der Vögel harmonirt, und juſt weil dieſe Poeſie die friſcheſte und durch das Leben im Freien am meiſten genährte iſt, ſo glaube ich, daß es für die reiche Lebenskraft, die ihre ſtärkſten Freuden in den unſchuldigſten Quellen findet, kein ſichereres Zeichen gibt als den kindlichen Geſchmack an dieſem ſelben Leben im Freien. Ob das Schickſal Euch den Palaſt oder die Hütte zugewieſen hat, füget zu Euern Zimmern eine Halle in den Höfen der Natur. Mag die Erde Euch blos Raum geben um darauf zu ſtehen; gut, ſchaut empor— iſt es denn Nichts, daß Ihr den Himmel als Dach beſitzet? Caroline Montfort(ihre Titel mögen wegbleiben) hat ſich ver⸗ ändert, ſeit wir ſie das letzte Mal ſahen. Die Schönheit hat nicht im Grad abgenommen, aber ſie hat in einer Eigenſchaft gewonnen, in einer andern verloren; ſie gebietet weniger, ſie rührt mehr. Fort⸗ während in tiefer Trauer, wirft das düſtere Kleid einen bläſſeren Schatten über die Wange. Die Augen ſind unter der Braue mehr eingeſunken und erſcheinen größer und ſanfter. Man ſieht den Aus⸗ druck von Ermüdung, der entweder geſtörte Geſundheit begleitet oder auf geiſtige Kämpfe und Unruhe folgt. Aber die kalte oder ſtolze Miene, die Carolinen als Ehefrau eigen war, iſt verſchwunden, wie wenn ſie ihrer im Wittwenſtand nicht mehr bedürfte. Etwas wie Demuth hat die Oberhand gewonnen über die Miene und Haltung, die in ſo ruhiger Majeſtät geſtrahlt. Als ſte bei der Annäherung ihres Vetters von ihrem Sitze auffuhr, verrieth ſich ein nervöſes Zittern an ihrem Eifer; das Blut ſchoß ihr in die Wangen, die Lippen bebten ängſtlich und die holde leiſe Stimme fiüſterte unſicher: „Nun, George?“ „Mr. Darrell iſt nicht in London, er iſt vor drei Tagen nach Fawley gegangen; wenigſtens iſt er jetzt dort. Ich habe dieß von 2* 14 meinem Onkel, dem er geſchrieben, und den ſeine Abreiſe geärgert und betrübt hat.“ „Vor drei Tagen! Dann muß er es alſo geweſen ſeyn! Ich habe mich nicht getäuſcht,“ murmelte Caroline und ihre Augen ſchweiften umher. „Das Gerücht, das Ihr gehört habt, daß er Honoria Vipont heirathen werde, iſt ganz falſch. Mein Onkel meint, er werde nie wieder heirathen, und gibt zu verſtehen, daß er ſein Einſiedlerleben in Fawley wieder begonnen habe, mit der Abſicht es nie mehr auf⸗ zugeben.“ Lady Montfort lauſchte ſtill, ihr Geſicht über die Quelle geneigt, in deren ſpielenden Schaum ſie die Blätter einer Roſe fallen ließ, welche ſie zerſtreut abgepflückt hatte, während George ſprach. „Ich habe alſo Euern Auftrag in ſo weit erfüllt,“ begann George Morley wieder.„Ich habe ausgemittelt, daß Mr. Darrell noch lebt und ſich ohne Zweifel wohl befindet, ſo daß es alſo nicht ſein Geiſt ſein konnte, was Euch mitten in dem Dickicht dort aufgeſchreckt hat. Aber ich habe noch mehr gethan: ich bin dem von Euch aus⸗ geſprochenen Wunſch die Bekanntſchaft des jungen Haughton zu machen entgegengekommen, und da der Grund, warum Ihr die Er⸗ füllung dieſes Wunſches während der Anweſenheit Mr. Darrells in der Stadt hinausſchobet, nunmehr mit ſeiner Abreiſe weggefallen iſt, ſo habe ichs gewagt den jungen Mann mitzubringen. Er ſitzt im Boote dort. Wollt Ihr ihn empfangen? Oder— aber, meine liebe Baſe, ſeyd Ihr nicht heute zu unwohl? Wie ſtehts? Oh ich kann Euch bei Haughton leicht entſchuldigen. Ich will hingehen und es thun.“ „Nein, George, nein. Ich bin ſo wohl wie gewöhnlich. Ich will Mr. Haughton ſehen. Alles was Ihr von ihm gehört und mir erzählt habt, intereſſirt mich ſo ſehr zu ſeinen Gunſten; und über⸗ dieß—“ Sie vollendete den Satz nicht, ſondern fragte, von einem andern Gedanken abgelenkt,„habt Ihr keine Nachrichten von unſerm vermißten Freunde?“ 1⁵ „Bis jetzt nicht, aber ich werde in einigen Tagen meine Nach⸗ forſchungen erneuern. Und nun will ich Haughton herbeiholen.“ „Thut das, und, George, wenn Ihr mir ihn vorgeſtellt habt, wollt Ihr dann ſo freundlich ſeyn zu dem theuern, bangen Kinde dort zu gehen? Sie iſt in der neuen Laube oder in der Nähe derſelben— dieß iſt ihr Lieblingsplätzchen. Ihr müßt ihren Muth aufrecht er⸗ halten und ihr Hoffnung beibringen. Ihr könnt Euch gar nicht denken, wie begierig ſie Euern Beſuchen entgegenſieht und wie dankbar ſie ſich auf Eure Bemühungen verläßt.“ George ſchüttelte halb verzagend den Kopf, bemerkte kurz: „Meine Bemühungen haben bis jetzt noch keinen Anſpruch auf ihre Dankbarkeit begründet,“ und ging ſchnell zu Lionel zurück. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Etwas über einen alten Gegenſtand, was noch nie geſagt worden iſt. Obſchon Lionel darauf vorbereitet war in Lady Montfort eine ſehr hübſche Frau zu erblicken, ſo wurde er doch durch die Schönheit ihres Geſichtes überraſcht. Keine Vorbereitung durch lobpreiſende Beſchreibungen kann die Wirkung ſchwächen, welche der erſte Anblick eines ſchönen Gegenſtandes auf einen Geiſt hervorbringt, dem feine und hohe Bildung einen richtigen und ſchnellen Begriff von der Schönheit gibt. Sey es ein Kunſtwerk, eine Naturſcene oder, das ſeltenſte von Allem, ein gottbeſeeltes Menſchengeſicht, eine nie zuvor geſehene Schönheit erfüllt uns mit geheimem Vergnügen wie ein Ausbruch von Licht, und dieſes Vergnügen iſt von erhebender Art. Die Einbildungskraft fühlt ſich um eine neue Idee von Vortrefflichkeit bereichert, denn nicht blos iſt wirkliche Schönheit vollkommen originell, da ſie kein Urbild hat, ſondern auch ihr unmittelbarer Einfluß iſt geiſtig. Es mag ſeltſam ſcheinen— ich appellire an jeden beobach⸗ tenden Künſtler, ob die Behauptung nicht wahr iſt— aber der erſte Anblick der vollkommenſten Art von weiblicher Schönheit wirkt auf alle gröberen Inſtinkte, womit die Bewunderung ſich verſetzen könnte, nicht nur nicht aufmunternd, ſondern vielmehr abſtoßend und zurück⸗ weiſend. Es muß eine gewiſſe Gemeinheit und ein Makel an der Schönheit ſeyn, die bei dem Senſualiſten ſogleich Gelüſte erweckt. In der höhern Incarnation der abſtrakten Idee, die ſich durch all unſere Begrifſe von moraliſcher Güte und himmliſcher Reinheit hindurchzieht — ſelbſt wenn in dem Moment wo das Auge das Bild ſieht das Herz daſſelbe liebt, hat die Liebe Etwas von der Verehrung in ſich, welche, wie man ſagt, die Zauber der Tugend hervorbringen würden, wenn ihre Form ſichtbar gemacht werden könnte, und bloße menſchliche Liebe könnte ſich nicht aufdrängen, bis die holde Scheu der erſten Wirkung in der Vertraulichkeit ſich verloren hätte. Und ich fürchte, daß dieſes erhebende oder ätheriſche Attribut der Schönheit es iſt, was alle Poeten, alle Schriftſteller, welche die Wirklichkeiten des Lebens poe⸗ tiſiren möchten, unbewußt zur Huldigung drängt, und wozu ſie das⸗ jenige erheben, was, eines ſolchen Attributs entkleidet, blos ein ſchimmerndes Idol von gemaltem Thon ſeyn würde. Wenn von der ſchwungvollſten Epik bis zur abgedroſchenſten Novelle eine Heldin oft nicht viel mehr iſt als ein Name, vor welchem wir, als vor einem die Schönheit vertretenden Symbol, uns zu verbeugen aufgefordert werden, und wenn wir ſelbſt(ſeyen wir auch in unſerem gewöhnlichen Leben noch ſo gleichgültig gegen ſchöne Geſichter) fühlen, daß in der Kunſt wenigſtens die Einbildungskraft eines Bildes vom Schönen bedarf— wenn mit einem Wort Dichter und Leſer hier nicht ohne Entſchuldigung daſtänden, ſo geſchieht dieß, weil in unſern innerſten Herzen ein Gefühl lebt, welches das Ideal der Schönheit mit dem Ueberſinnlichen verkettet. Wenn Du Dir zum Beiſpiel irgend einen unbeſtimmten Begriff von der Geſtalt bildeteſt, die eine reine erlöste Seele getragen, würdeſt Du ihr dann Aehnlichkeit mit einer garſtigen Hexe geben? Oder würdeſt Du nicht alle Deine Erinnerungen, alle Deine Begriffe von ſchönſten Formen plündern, um das heilige Bild zu 17 kleiden? Thue das und bring es ſo, mit der reichſten Grazie bekleidet, vor das Auge Deines Geiſtes. Nun, ſiehſt Du jetzt die Entſchuldigung, welche die Poeten haben, wenn ſie der Schönheit dieſen Rang ein⸗ räumen? Siehſt Du jetzt, wie hoch über dem Reich der Sinne das geheimnißvolle Urbild ſchwebt? Konnteſt Du ohne die Idee der Schönheit Dir eine Form denken, in welche eine Seele einzukleiden wäre, die in den Himmel eingegangen iſt? Vierundzwanzigſtes Kapitel. Angenehme Ueberraſchungen ſind die Accidenzien der Jugend. Wenn Lady Montforts ſchönes Geſicht Lionel überraſchte, ſo wunderte er ſich noch mehr über die gewinnende Güte ihres Benehmens — eine Freundlichkeit in Blick, Manier und Stimme, die ihn nicht als einen zufälligen Bekannten, ſondern als einen neugefundenen Ver⸗ wandten zu bewillkommnen ſchien. Schon die erſten paar Sätze führten, indem ſie ihnen einen Gegenſtand von gemeinſchaftlichem Intereſſe gaben, eine Art vertrauensvoller Familiarität in ihre Unter⸗ haltung ein. Denn Lionel, der Lady Montforts huldvollen Empfang ihren Jugenderinnerungen an ſeinen Vetter zuſchrieb, begann ſogleich von Guy Darrell zu ſprechen; und bald gingen ſie mit einander über den Raſen oder durch die gewundenen Gänge des Gartens, das Ge⸗ ſpräch fortwährend an demſelben Thema feſthaltend, ſie durch Fragen, er durch Antworten— er hocherfreut ſich ausbreiten zu können, ſie mit dem größten Vergnügen zuhörend— Beide einander immer mehr gefallend, da ſie in Allem was er ſagte ein glänzendes junges Herz, überſtrömend von dankbarer und ſtolzer Liebe, erkannte, und er inſtinkt⸗ mäßig fühlte, daß er ſich bei einer Perſon befand, die mit ſeiner Be⸗ geiſterung ſympathiſirte, einer Perſon, die den großen Mann in ſeinen geſchäftigen Tagen, mitten im Ungeſtüm ſeiner Laufbahn gekannt, 18 und deren Kindheit dem Hauſe des großen Mannes ein Lächeln ge⸗ liehen, bevor Kindheit und Lächeln es verlaſſen hatten. Während ſie ſich ſo unterhielten, bekam Lionel von Zeit zu Zeit in den Biegungen des Wegs in der Ferne George Morley zu ſehen, der ebenfalls an der Seite einer jungen Gefährtin einherſchritt, und ſo oft er dieſen Anblick erhaſchte, ſchoß eine ſeltſame unruhige Neugierde durch ſeinen Geiſt und lenkte ihn ſogar vom Lobe Guy Darrells ab. Wer konnte dieſe Dame bei George ſeyn? War es eine Verwandte von Lady Montfort? Die Geſtalt trug keine Trauer; ſie ſchien ſchlank und jugendlich— jetzt geht ſie an dieſem Akazienbaum vorbei— ſteht einen Augenblick bei Seite und abgeſondert von Georges Schatten, aber ihr eigener Umriß wird dunkler in dem überhandnehmenden Zwielicht— jetzt iſt ſie vorübergegangen und hat ſich unter den Lor⸗ beeren verloren. Lionel und Lady Montfort kamen nunmehr vor die Fenſter des Hauſes, das für den Rang der Eigenthümerin nicht groß, aber bequem war und keine Anſprüche auf architektoniſche Schönheit machte— dunkelrothe Ziegel— anderthalb Jahrhunderte alt— unregelmäßig; da hervorſtehend, dort zurücktretend, ſo daß jene Tiefe von Licht und Schatten erzielt wurde, welche ſelbſt den am wenigſten geſchmückten Gebäuden einen gewiſſen pittoresken Zauber leiht— einen Zauber, dem die gothiſche Architektur die Hälfte ihrer Schönheit verdankt. Jasmin, Roſen, Geißblatt, Epheu zogen ſich an den Ecken und zwiſchen den Fenſtern hinauf. Das Haus hatte vollſtändig jenen heimiſchen Anſtrich, welcher der königlichen Steifheit von Montfort Court gefehlt hatte. Eines der Fenſter, das um eine kurze Wendel⸗ treppe über den Boden emporragte, ſtand offen. Lichter waren offenbar ſo eben in das Zimmer hereingebracht worden, und Lionels Auge wurde von dem Schimmer getroffen. Lady Montfort ging die Treppe hinan, und Lionel folgte ihr in das Zimmer. Eine Harfe ſtand in einer Ecke— nicht fern davon das Piano und der Muſikſtänder. Auf einem der Tiſche lag ein —— U 19 Zeichnungsapparat, ſowie eine halbvollendete Skizze in Waſſer⸗ farben. „Unſere Werkſtatt,“ ſagte Lady Montfort mit einem warmen heitern Lächeln, und doch konnte Lionel ſehen, daß ihr Thränen in den Augen ſtanden—„meine und meiner theuren Mündel Werkſtatt. Ja, dieſe Harfe gehört ihr. Iſt er noch immer ein Freund von Muſik— ich meine Mr. Darrell?“ „Ja, obſchon er in großer Geſellſchaft nicht viel darnach fragt; aber er kann ſtundenlang der Flöte Fairthorns zuhören. Ihr erinnert Euch des Mr. Fairthorn?“ „Ja, ich erinnere mich ſeiner,“ antwortete Lady Montfort ſanft. „Mr. Darrell liebt alſo ſeine Muſik noch immer?“ Lionel ſtieß hier einen Ruf aus, der mehr als Ueberraſchung ver⸗ rieth. Er hatte die Skizze in Waſſerfarben angeſehen— ein länd⸗ liches Wirthshaus, eine Geißblattlaube, ein Fluß in der Front, ein Nachen dort— juſt angefangen. „Ich kenne den Ort!“ rief er.„Habt Ihr dieſe Skizze gemacht?“ „Ich? Nein; ſie gehört ihr— meiner Mündel— meinem Adoptivkind.“ Lionels dunkle Augen wandten ſich ernſt und fragend auf Lady Montfort; ſie fragten was ſeine Lippen nicht zu fragen wagen konnten. „Euer Adoptivkind— was iſt ſie?— wer?“ Als ob ſie den Augen antwortete, ſagte Lady Montfort: „Wartet hier eine Weile; ich will ſie holen.“ Sie verließ ihn, ging in den Garten hinab, ſuchte George Morley und ſeine Begleiterin auf, nahm den Erſteren bei Seite, flüſterte ihm Etwas zu, zog dann den Arm der Letzteren in ihren eigenen und führte ſie in das Zimmer zurück, während George Morley im Garten blieb, ſich auf eine Bank warf und zu den Sternen emporſchaute, die eben jetzt ſchnell und zahlreich, obwohl einer um den andern, zum Vorſchein kamen. e————— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Quem Fors dierum cunque dabit Lucro appone.“ Horaz. Lionel ſtand erwartungsvoll mitten im Zimmer, und als die beiden Frauengeſtalten eintraten, ergoß ſich der Kerzenſchein voll über ihre Geſichter. Dieſes jüngere Geſicht— das iſt ſie— ſie, die Un⸗ vergeſſene— die Langverlorene. Inſtinktmäßig, als wären keine Jahre zwiſchen ihnen dahingerollt— als wäre ſie noch das kleine Kind, er der Knabe, der ſich eine ſolche Schweſter gewünſcht hatte— ſprang er vor und öffnete ſeine Arme, hielt aber eben ſo plötzlich ein und ließ erröthend, verwirrt, beſchämt die Arme hinabſinken.„Sie, dieſes Vagabundenkind! Sie! dieſe ſo elegante Geſtalt— dieſe Mündel einer vornehmen Peerin— ihre Adoptivtochter, ſie! die arme herumziehende Sophy! ſie!— unmöglich!“ Aber ihre Augen, Anfangs zu Boden geſchlagen, ſind jetzt auf ihn geheftet. Auch ſie fährt zuſammen— aber ſie bewegt ſich nicht vorwärts, ſondern weicht zurück; auch ſie erhebt ihre Arme, aber nicht ſie zu öffnen, ſondern ſie feſt auf ihre Bruſt zu drücken; auch ſie be⸗ meiſtert einen innern Drang und ſteht gleich ihm erröthend, verwirrt, beſchämt da. „Ja,“ ſagte Caroline Montfort, indem ſie Sophy näher an ihre Bruſt zog,„ja, Ihr werdet mir Beide die Ueberraſchung verzeihen. Ja, Ihr ſehet vor Euch, herangewachſen zum Stolz derjenigen, die ſie lieben, dieſe Sophy, die—“ „Sophy!“ rief Lionel vortretend,„es iſt alſo doch ſo! Ich wußte, daß Ihr nicht die Enkelin eines Dorfcomödianten waret.“ Sophy richtete ſich auf.—„Nein, ich bin, ich bin ſeine Enkelin, und bin noch eben ſo ſtolz darauf wie ich es damals war.“ „Verzeiht mir, verzeiht mir. Ich wollte ſagen, daß auch er nicht dasjenige ſey was er geſchienen habe. Ihr verzeiht mir?“ Er ſtreckte ſeine Hand aus, und Sophys ſanfte Hand fiel verzeihend in die ſeinige. ———————— ht te „Aber er lebt? iſt wohl? iſt hier? iſt—“ Sophy brach in Thränen aus, und Lady Montfort gab Lionel ein Zeichen in den Garten zu gehen und ſie allein zu laſſen. Widerſtrebend und ſchwin⸗ delnd, wie ein Träumender gehorchte er und überließ die Enkelin des Vagabunden den beſchwichtigenden, liebreichen Armen der Lady, die er vor ein paar Stunden blos nach den Titeln ihres Ranges und dem Ruf ihres Stolzes gekannt hatte. Nach einigen Minuten kam Lady Montfort wieder zu ihnen. „Ihr habt,“ ſagte ſie,„unbewußt die ängſtlichſte Urſache der Bekümmerniſſe des armen Kindes berührt. Ihr Großvater, dem ſie eine ſo innige und leidenſchaftliche Liebe widmet, iſt verſchwunden. Ich werde ſpäter davon ſprechen, und wenn Ihr es wünſchet, werdet Ihr zu unſern Berathungen zugezogen werden. Aber—“ ſie pauſirte, ſchaute ihm in ſein Geſicht— ein offenes, biederes Geſicht, ein Gentlemansgeſicht mit dem Herzen des Mannes in ſeinen Augen, der Seele des Mannes auf ſeinen Brauen;— ein Geſicht, geſchaffen um zu den Sternen emporzuſchauen, die es jetzt beſchienen; dann legte ſie ihre Hand leicht auf ſeine Schulter und fuhr mit zögernder Stimme fort:„Aber es iſt mir wie einer Verbrecherin zu Muth, indem ich Euch um Etwas bitte, um was ich Euch nichtsdeſtoweniger als uner⸗ läßliche Bedingung bitten muß, wenn Ihr Eure Beſuche hier zu er⸗ neuern und auf einen vertrauten Fuß mit uns zu kommen wünſchet. Und wenn Ihr auf dieſe Bedingung nicht eingehet, ſo kommet nicht mehr; wir können kein Vertrauen zu einander faſſen.“ „Oh, Lady Montfort legt jede Bedingung auf. Ich verſpreche zum Voraus.“ „Nicht zum Voraus. Die Bedingung lautet: unverbrüchliche Verſchwiegenheit. Ihr werdet von Euern Beſuchen dahier, von Eurer Einführung bei mir, von Eurer Entdeckung, daß meine Adoptiv⸗ tochter die Enkelin des Comödianten iſt, Niemand ein Wort ſagen.“ „Auch Mr. Darrell nicht?“ „Ihm am allerwenigſten; aber ich füge noch hinzu, daß ich um Mr. Darrells willen auf dieſer Geheimhaltung beſtehe, die übrigens, wie ich hoffe, nicht mehr lange währen wird.“ 22 „Um Mr. Darrells willen!“ „Um ſeines Glückes willen,“ rief Lady Montfort, ihre Hände zu⸗ ſammenſchlagend.„Meine Schuld gegen ihn iſt weit größer als die Eurige, und indem ich auf ſolche Art an Euch appellire, gedenke ich einen Theil derſelben abzubezahlen. Trauet Ihr mir?“ „Oh ja, ja.“— Und von dieſem Abend an wurde Lionel Haughton der beſtändige Beſucher des Hauſes. Zwei oder drei Tage ſpäter reiste Oberſt Morley nach einem deutſchen Bad, wo er jährlich einige Wochen lang neue Kräfte ſam⸗ melte, und befreite Lionel von der Verlegenheit etwaiger Fragen, welche dieſer ſchlaue Beobachter ſonſt an ihn hätte richten können. London ſelbſt war jetzt leer. Lionel fand eine ſtille Wohnung in der Nähe von Twickenham. Und wenn ſein Fuß den ſchattigen Gang durch das Pförtchen dort in dieſer Region von Raſen und Blumen hinwandelte, ſo war ihm zu Muthe, wie es dem berühmten Minſtrel von Ercildoun zu Muthe ſeyn mochte, wenn dieſer Reimſchmied, der das Vorrecht beſaß das Feenland nach Belieben zu betreten, ſich am graſigen Hügel hinſtahl und den Zauber murmelte, welcher die Thore Oberons erſchließt. Achtes Buch. Erſtes Kapitel.. „Ein kleines Feuer verbrennt einen großen Kornhaufen.“— Altes Sprichwort. Guy Darrell nahm den Faden des Einſiedlerlebens in Fawley mit einer Ruhe wieder auf, die in ihrer Düſterheit tiefer war als ſie zuvor geweſen. Das Experiment mit der Rückkehr in die geſellſchaft⸗ liche Welt hatte fehlgeſchlagen. Den Entſchlüſſen, welche es herbei⸗ geführt hatten, wurde für immer Valet geſagt. Fünf Jahre näher dem Tod, und die letzte Hoffnung, welche über den ſich verengenden n troſtloſen Pfad zu dem Grabe geflattert; gleich einer treuloſen Fackel e ſeiner eigenen Hand entfallen und von ſeinem eigenen Fuß ausge⸗ treten. Es lag entſchieden in Darrells Natur ſeine eigenen Angelegen⸗ heiten mit der Nachwelt in Verbindung zu bringen— einen hervor⸗ ragenden Platz in der Gegenwart blos als einen Leuchtthurm zu be⸗ trachten, von wo aus er den in der Vergangenheit gewonnenen Namen auf die Zukunft übergehen laſſen konnte. All ſein ehemaliger Ehr⸗ geiz, der ſchwerer Arbeit das Vergnügen geopfert, hatte ſein Ziel in eine Ferne gerückt, die dem Beifallsjauchzen der Umſtehenden aus dem Wege lag; und der Ehrgeiz machte jetzt enttäuſcht und verzagend Halt. Kinderlos, ſollte ſeine Linie mit ihm erſterben— mit ihm, der ſo prahleriſch ihre Wiederherſtellung im Lande angekündigt hatte! 8 8——— 88 — Sein Genie war gleichfalls kinderlos— es ſollte kein Geiſteserzeug⸗ niß hinterlaſſen. Durch Arbeit hatte er namhaften Reichthum er⸗ worben; durch Talent hatte er ſich einen glänzenden Ruf geſchaffen. Aber der Ruf war ſo vergänglich wie der Reichthum. Laßt ein halbes Jahrhundert über ſein Grab hingehen, und Nichts ſollte übrig blei⸗ ben, um von dem erfolgreichen Advokaten, dem mit Beifall über⸗ ſchütteten Redner zu ſprechen, Nichts als traditionelle Anekdoten und eine lobende Notiz in zeitgenöſſiſchen Memoiren— vielleicht meiſt Citate beredter Sprüche, die an vergeſſene und veraltete Debatten ver⸗ ſchwendet worden— Schnitzel und Bruchſtücke einer großen Intelli⸗ genz, die in der andern Hälfte des Jahrhunderts in die Tiefen der Zeit ſinken ſollte, ohne ein Bläschen zu hinterlaſſen.“ Er hatte keine Geſetze durchgebracht— er hatte keinen Staat verwaltet— er hatte keine Buͤcher verfaßt. Gleich der Figur an einer Uhr, welche das Gehäuſe ſchmückt und mit der Bewegung in keiner Verbindung ſteht, hatte er, eine ſo hervorragende Zierde der Zeit, keinen Theil an ihren Werken. Entfernt, würde das Auge ihn eine Weile vermiſſen; aber die Literatur und die Geſchichte einer Nation war dieſelbe, ob mit ihm, ob ohne ihn. Einige haben mit einem Zehntheil ſeiner Fähig⸗ keiten das Glück ihren Namen mit Dingen zu verbinden, die Dauer beſitzen; ſie ſind verantwortlich geworden für Maßregeln, welche ſie nicht erfanden, und die auf lange Generationen, gut oder ſchädlich, einwirken. Sie haben Bände geſchrieben, aus denen ein Verschen, eine proſaiſche Periode ſich an dem Fels der Zeitalter anklammern kann wie eine Muſchel, die eine Sündfluth überlebt. Aber der Red⸗ ner, deſſen Wirkungen unmittelbar ſind— der ſeine Zuhörerſchaft in * So verhält es ſich mit manchem Pollio des Gerichts und Senats. Fünf⸗ zig Jahre ſpäter, und wie ſchwach werden auf den Hanſardſchen Blättern die Spuren eines Follett ſeyn; Keine Druckerstype kann ſeine anſtandsvolle Grazie, die überzeugende Macht ſeiner ſilbernen Zunge verewigen. Fünfzig Jahre ſpater, und ſelbſt Plunkett, der bedeutendſte Redner, über ſeine eigene Sache, in der Verſammlung, die einen Canning und einen Brougham enthielt, wird für unſere Enkel eine Mythe ſeyn. — —— 7 ——.„—, ——.— 1 72 ᷣ0 0 2⁵ dem Maße unterjocht, wie er die Stunde zu treffen weiß— der, wenn er, wie Burke, Etwas ſpräche was vom Hauptgegenſtand abläge, aber das vollſte Lob der Stubengelehrten erwerben würde, gleich Burke ſeine Zuhörerſchaft verdünnen und gegenwärtigen oratoriſchen Erfolg gegen bleibende intellektuelle Berühmtheit vertauſchen müßte— kurz ein Mann, deſſen Redekunſt ſich hauptſächlich in der Debatte aus⸗ weist, wird, gleich einem Schauſpieler, mit lautem Beifall und gänz⸗ licher Vergeſſenheit belohnt. Waife auf dem Dorſtheater würde kei⸗ nen minder lauten Beifall gewinnen, und auf den Beifall könnte keine vollſtändigere Vergeſſenheit folgen. Darrell war nicht blind gegen die Kürze ſeines Ruhmes. In ſeiner früheren Abgeſchloſſenheit hatte er ſich ergebungsvoll dieſer Ueberzeugung gefügt— jetzt betrübte ſie ihn. Damals hatte, ohne daß er es ſich ſelbſt geſtand, die Idee, daß er dennoch im thätigen Leben wieder auftreten und Etwas thun könnte was die Welt nicht gerne ſterben laſſen würde, das Angeſicht dieſer ruhigen Natur ge⸗ ſänftigt, aus deren Bereich und Sehkreis er jetzt bald entrückt werden ſollte. Am Baume der Zeit war er ein bereits auf dem Zweige ver⸗ dorrtes Blatt— ohne daß eine Inſchrift in die Rinde eingegraben war. Immer langſam, wenn es ſich darum handelte ſchwachem Be⸗ dauern nachzugeben— immer ſeine eigenen inneren Feinde zu be⸗ kämpfen ſuchend— ſagte Darrell eines Nachts, als Fairthorns Flöte die Melodie einer Romanze durch die melancholiſchen Mauern hin⸗ ſäuſeln ließ, zu ſich ſelbſt:„Iſt es zu ſpät, um dieſes noch immer geſchäftige Hirn zu Werken anzuwenden, welche leben werden, wenn ich Staub bin, und um durch die Nachwelt den Erben zu erſetzen, der meinem Hauſe fehlt?“ Er ſchloß ſich mit unſterblichen Autoren ein— er ſann über die Wahl eines Themas nach; ſeine Kenntniſſe waren umfaſſend, ſein Ge⸗ ſchmack fein gebildet;— Worte! an Worten konnte es ihm nicht fehlen!— Warum ſollte er nicht ſchreiben? Ach ja, warum?— Er, der in ſeiner Jugend nie ein Schriftſteller geweſen, kann in ſeinem Alter eben ſo wenig ein Schriftſteller ſeyn, als er ein Maler oder ein Muſiker ſeyn kann. Was! kein Buch ſchreiben? Oh ja— wie er ein Bild malen oder ein Lied componiren kann. Aber ein Schriftſteller im höheren Sinne des Worts— ein Schriftſteller wie Darrell ein Redner war— oh nein! Und am allerwenigſten wird er ein Schrift⸗ ſteller ſeyn, wenn er durch innern Drang und Gewohnheit ein Redner geweſen iſt— ein Redner, zu glücklich begabt um der langweiligen Unterſtützung geſchriebener Vorbereitung zu bedürfen, und zu ange⸗ ſtrengt beſchäftigt um ſich auf ſolche einzulaſſen— ein Redner wie das moderne Leben Redner bildet— natürlich kein Redner wie die der klaſſiſchen Welt, die vor Beſteigung der Bühne Sentenzen aus⸗ arbeiteten und nach dem Vortrag jedes ertemporirte Zwiſchenſpiel zu rhetoriſcher Genauigkeit und muſikaliſcher Vollendung abglätteten. Und wie eng begränzt iſt das Gebiet der Schriftſtellerei für einen Mann, der bereits mit einem bedeutenden Ruf belaſtet iſt! Er kann nicht die ſelbſtvergeſſene Hingebung haben— er kann nicht den unge⸗ ſtümmen Anlauf wagen, womit die Jugend dem Genie die Zügel über⸗ wirft und in die Reihen des Ruhmes hineinpoltert. Wenig und ſtreng ſind ſeine Themata— heikel und zögernd ſein Geſchmack. Beengt ſind die Bewegungen des Mannes, der zum erſten Mal auf das Forum der Literatur ſchreitet mit dem Purpurſaum an ſeiner Senatorentoga. Guy Darrell ſoll in ſeinem Alter als Novize unter die Autoren treten!— Er, der große Juriſt, welchem Kronanwälte keine Ausar⸗ beitungen zugeſchickt haben würden, wenn er des Cokettirens mit einer Muſe verdächtig geweſen wäre— er, der große Redner, der nach Maß⸗ gabe der plötzlichen Wirkungen, welche mündliche Begeiſterung von geſchriebener Beredtſamkeit unterſcheiden, Zuhörerſchaften elektriſirt hatte— er ſoll jetzt in einer Kunſt, die er ſein Lebenlang vernachläſſigt, einen Erfolg erringen, der ſeinem zeitgenöſſiſchen Ruf angemeſſen wäre;— wie unwahrſcheinlich! Aber ein Erfolg, welcher dieſen Ruf überleben, welcher das„dauernde Erbe“ gewinnen würde, das ihn allein zu entſprechender Anſtrengung hätte ſtärken können— wie 1☛ 27 unmöglich! Er konnte ſelbſt nicht begreifen warum, während er dos niemals um eine glücklich gewählte oder reich geſchmückte Sprache, wenn ſie blos von ſeinen Gedanken auf ſeine Zunge zu fließen hatte, verlegen war, und während es ihm in vertrauensvoll familiärer Corre⸗ ſpondenz keineswegs an Leichtigkeit und ſogar Beredtſamkeit mangelte, ſeinen Worten die Ideen und den Ideen die Worte ſehlen ſollten, ſobald ſeine Feder ein Zauberſtab wurde, welcher den Geiſt des ſchreck⸗ lichen Publikums heraufbeſchwor! Je reicher ſeine Gedanken waren, um ſo größer die Verlegenheit wegen ihrer Auswahl; je ausgeſuchter ſeine Wahrnehmung der Vortrefflichkeit an Andern, um ſo ſchüchterner und unmächtiger ſeine Anſtrengungen in fehlloſem Styl. Es würde dem geſchickteſten Autor eben ſo gehen, wenn der Geiſt des Publikums nicht ſchon lange aufgehört hätte ihn zu beunruhigen. Während er ſchreibt, iſt die Einſamkeit des wahren Autors unverbrüchlich oder nach ſeinem Gutdünken bevölkert. Aber nehmt einem Redner ſeine Zuhörerſchaft weg, was iſt er? Er befehligt das lebendige Publikum — der Geiſt des Publikums erregt ihm Grauen. „Ganz gewiß,“ ſeufzte Darrell, indem er ſeine beklecksten Blätter den Flammen übergab, ganz gewiß beſaß ich einmal ein bischen Schriftſtellertalent und habe es über Prozeſſen vergeudet.“ Das Talent des Autors beſaß Guy Darrell ohne Zweifel einmal— das Temperament des Autors beſaß er nie. Was iſt das Tempera⸗ ment des Autors? Eine allzu lange Aufgabe es zu definiren. Aber ohne es kann ein Mann ein hübſches Buch ſchreiben, ein nützliches Buch, ein Buch, das ein, zehn, fünfzig Jahre lang leben kann. Vor entfernten Zeitaltern wird er nicht als Vertreter der Zeit daſtehen, die mehr in ihm lebte als er in ihr. Das Temperament des Autors iſt Dasjenige was ihn zu einer ganzen, ernſten, originellen Einheit macht, unterſchieden von Allem was vor ihm dageweſen, und Allem was nach ihm kommen wird. Und, wie ein Kirchenvater geſagt hat, daß das Bewußtſeyn des perſönlichen Seyns das Zeichen der Unſterblichkeit ſey, das den niedrigeren Geſchöpfen nicht bewilligt worden, ſo iſt es Bulwer, was wird er damit machen? VI. 3 28. mit dieſem einen und untheilbaren individuellen Temperament; und in der innigen Ueberzeugung von demſelben, mehr als in allen Werken, die es hervorbringen mag, wird der Autor unſterblich. Ja, ſeine Werke mögen untergehen gleich denen von Orpheus oder Pythagoras;“ aber er ſelbſt, in ſeinem Namen, in der Spur ſeines Daſeyns, bleibt wie Orpheus oder Pythagoras unzerſtört, unzerſtörbar. Auf die Literatur verzichtend, kehrte der Einſiedler zur Wiſſen⸗ ſchaft zurück. Hier war er mehr zu Hauſe. Er hatte in ſeiner blen⸗ denden akademiſchen Laufbahn mit Eiſer und Erfolg die Wiſſenſchaft kultivirt; er hatte in ſeiner Zurückgezogenheit nach Fawley das Stu⸗ dium erneuert, um gegen quälende Erinnerungen oder unerloſchene Leidenſchaften eine Zerſtreuung zu haben. Jetzt zum erſtenmal be⸗ trachtete er die abſorbirende, abſtruſe Beſchäftigung als eine mögliche Quelle des Ruhmes. Der ſternigen Prozeſſion jener Söhne des Lichtes anzugehören, die ein neues Geſetz in dem Statutenbuch des Himmels zur Klarheit gebracht haben, ſicherlich ein großer Ehrgeiz, nicht ungeziemend für ſeine Jahre und ſeine Stellung, und in ſeinen Arbeiten angenehm für einen Mann, welcher die äußere Scenerie der Natur mit poetiſcher Leidenſchaft liebte und ihre inneren Geheimniſſe mit der pünktlichen Forſchung eines Weiſen ſtudirt hatte. Die Wiſſ en⸗ ſchaft bedarf der Kunſt des Autors nicht— ſie verwirft die Grazien derſelben— ſie weicht ſchaudernd vor ihren Phantaſien zurück. Aber die Wiſſenſchaft erfordert eine lichtvolle Ruhe im Geiſte des Ent⸗ deckers. Die Blitze, welche Diespiter enthüllen, müſſen in heiterem Himmel flammen. Keine Wolken verſchließen den Donnner— „Quo bruta tellus, et vaga flumina, Quo Styx, et invisi horrida Tænari Sedes, Atlanteusque finis Concutitur!“ * Es braucht wohl kaum geſagt zu werden, daß die Orpheus oder Py⸗ thagoras zugeſchriebenen Werke im Allgemeinen nicht als ächt angenommen werden. ·, zy⸗ nen 29 So lang Ihr die Wiſſenſchaft blos als eine Zerſtreuung anſeht, wird ſie Euch nicht zur Entdeckung führen. Und aus dem einen oder andern Grund war Guy Darrell in ſeiner gegenwärtigen Abgeſchloſſen⸗ heit unruhiger und geſtörter als in der früheren. Die Wiſeenſchaft bot ihm jetzt nicht einmal eine Zerſtreuung. Mitten in erhabenen Betrachtungen, in wichtigen Experimenten fuhr irgend ein quälender, ärgerlicher Gedanke aus der fernen Welt mit rauhem Schatten zwiſchen ſeinen Verſtand und die Wahrheit— das Herz verdunkelte den Geiſt. Thatſache iſt, daß Darrells Genius für das handelnde Leben geſchaffen war. Er hatte das Temperament des wahren Redners mit den Eigen⸗ ſchaften, die dazu gehören— dem raſchen Ergreifen der Geſchäfte— dem ſichern Verſtändniß der Menſchen und Staaten— den aufbauenden adminiſtrativen Fähigkeiten. In einer ſolchen Laufbahn und nur in einer ſolchen hätte er alle ſeine Talente entwickeln und einen unver⸗ gänglichen Namen erringen können. Allmählig, als die Wiſſenſchaft ihr Intereſſe verlor, zog er ſich von all ſeinen früheren Beſchäftigungen zurück und konnte ſtundenlang über die wilden, unbevölkerten Land⸗ ſchaften um ihn her hinſchweifen. Als wäre es ſeine Abſicht den Körper zu ermüden, um dadurch auch das ruheloſe Gehirn abzu⸗ matten, nahm er ſeine Flinte zum Vorwand dafür, daß er von Sonnen⸗ aufgang bis zum Zwielicht über die Felder hinſchweifte, die er vor Jahren aufgekauft hatte, und die manche Meile von Fawley ablagen. Es gibt Zeiten, wo ein Mann, der ſein Leben mit Ausbildung ſeines Geiſtes zugebracht hat, findet, daß er, je mehr er die phyſiſche Exiſtenz zur Oberherrſchaft bringen, je mehr er ſich ſelbſt zu der rohen Kraft ſeines Wildhüters oder ſeines Taglöhners erniedrigen kann, um ſo mehr auch ſeine Nerven abhärtet, damit ſie das Gewicht ſeiner Be⸗ trachtungen ertragen. Bei dieſen Streifzügen war er nicht immer allein. Fairthorn wußte ſich weit eher denn früher als gewöhnlicher Geſellſchafter ſeines Herrn zu inſinuiren. Der getreue Burſche hatte Darrell während ſeiner ununterbrochenen Abweſenheit von fünf Jahren ſo ſchmerzlich 3 K 30 vermißt, daß er, als er ihn wieder erhielt, entſchloſſen ſchien ſich für die verlorene Zeit ſchadlos zu halten. Von ſeinen eigenen Gewohn⸗ heiten abgehend, konnte er daher Guy Darrell auflauern und wie ein Spiritus familiaris unter einer Staude oder aus einem Gebüſch her⸗ vorkriechen, und dann ließ er ſich nicht mehr durch kurze Sylben oder gerunzelte Brauen zurückſchrecken. Und Darrell, der ſich Anfangs widerſtrebend und nur aus mitleidiger Güte der aufdringlichen Ge⸗ ſellſchaft des Flötenbläſers unterwarf, kam allmählig ſo weit, daß er ſie willkommen hieß und ſich daran erfreute. Fairthorn kannte die großen Geheimniſſe ſeines Lebens. Zu Fairthorn allein auf der gan⸗ zen Erde konnte er ohne Rückhalt von einem gewiſſen Namen und einem gewiſſen Kummer ſprechen. Wenn er mit Fairthorn ſprach, war es als ſpräche er mit ſich ſelbſt oder mit ſeinen Hühnerhunden oder mit ſeinem Lieblingsreh, welchem letztern er ein neues Halsband ſchenkte mit einer Inſchrift, die von der wahren Urſache, welche ihn zum zweiten Mal in die Schatten von Fawley getrieben hatte, mehr errathen ließ als er Alban Morley oder ſelbſt Lionel Haughton gerne geſtanden haben würde. Alban war zu alt für dieſes Vertrauen— Lionel viel zu jung. Aber der Muſiker gehoͤrte wie die Kunſt ſelbſt keinem Alter an, und wenn je der düſtere Herr ſeine äußere Verdrieß⸗ lichkeit und ſeinen geheimen Spleen in einer Anwandlung von Heiter⸗ keit bei Seite ließ, ſo geſchah es in einer Art von ſchwermüthigem Scherz mit dieſem grotesken großen Kind. Sie ſuchten und ſie quälten einander. Seite an Seite über die unüberſehbaren Brach⸗ felder hinſchreitend, konnte Darrell zuweilen ſeine ganze Seele er⸗ gießen, wie ein Dichter gegen ſeine Muſe thut; und auf eine plötzliche Unterbrechung oder Antwort Fairthorns konnte er ſich mit grimmigem Vorwurfoder vernichtendem Spott, oder auch was der Flötenbläſer mehr als alles Andere verabſcheute, mit einem ſchrecklichen Citat aus Horaz gegen ihn wenden, was Fairthorn in irgend ein Gebüſch oder eine Höhlung trieb, aus welcher Darrell ihn hervorlocken mußte, überzeugt, daß Fairthorn zur Vergeltung eine ſchlaue Gelegenheit ergreifen für hn⸗ ein her⸗ dder ngs ß er die gan⸗ und ach, iden dand ihn nehr erne 1— elbſt rieß⸗ iter⸗ gem ſie rach⸗ er⸗ liche igem nehr voraz eine eugt, eifen 31 würde ihm einen rächenden Stachel in die Seite zu ſtoßen. Aber⸗ wenn Beide im Sternenlicht nach Hauſe kamen, die Hunde todmüde und der arme Fairthorn auch, da war zehn gegen eins zu wetten, daß der Muſiker ſich mit ſeinem ganzen Gewicht an den kräftigen Arm ſeines Herrn lehnte, und Darrell mit zärtlicher Güte in das Geſicht des einzigen Menſchen ſah, der noch übrig war um ſich an ihn anzu⸗ lehnen. Eines Abends, als die beiden Eremiten, jeder in ſeiner Ecke, mit⸗ einander in der Bibliothek ſaßen, ſagte der Flötenbläſer nach einem langen Schweigen ganz plötzlich: „Ich habe gedacht—“ „Gedacht!“ fiel Darrell mit ſeiner mechaniſchen Ironie ein,„das thut mir leid um Euch. Verſucht es nicht wieder zu thun.“ Fairthorn.—„Euer armer lieber Vater—“ Darrell wand ſich, fuhr auf und fragte, einen Stich erwartend— „Nun? mein Vater—“ Fairthorn.—„War ein großer Antiquar. Wie würde es ihn gefreut haben, wenn er der Nation eine ſchöne Antiquitätenſamm⸗ lung als Erbe hätte hinterlaſſen können!— Sein Name wäre auf ſolche Art für Jahrhunderte aufbewahrt und in ſteter Verbindung mit den Studien ſeines Lebens geblieben. Da ſind die Elginſchen Mar⸗ morwerke. Der Pfarrer erzählte mir geſtern von einer neuen Ver⸗ nongallerie; warum ſollte nicht im britiſchen Muſeum ein ewiger Darrellſaal ſeyn? Vorrath genug zu ſeiner Ausrüſtung modert dort in den Zimmern, welche Ihr niemals vollenden werdet.“ „Mein lieber Dick,“ rief Darrell aufſpringend,„gebt mir Eure Hand. Welch ein glänzender Gedanke! Ich könnte ſonſt Nichts thun um den Namen meines theuren Vaters zu erhalten. Euögyna! Ihr habt Recht. Laßt die Zimmerleute morgen mit der Arbeit be⸗ ginnen. Entfernet die Tiſche; öffnet die Zimmer; wir wollen ihre Vorräthe beſichtigen und eine würdige Ausſtattung für einen Darrell⸗ ſaal auswählen. Mag Guy Darrell, der Advokat, zu Grunde 32 gehen! Philipp Darrell, der Antiquar, wird wenigſtens am Leben bleiben.“ Es iſt merkwürdig, mit welchem Zauber Fairthorns glückliche Idee Darrells Gemüth ergriff. Den ganzen folgenden Tag verbrachte er in dem verlorenen Skelett des unvollendeten Hauſes, das langſam neben ſeiner kleinen ſchlichten Wohnung verfiel. Die Gemälde, unter denen viele die ſeltenſten Originale von früher flämiſcher und italieni⸗ ſcher Kunſt waren, wurden mit zärtlicher Sorgfalt abgeſtäubt und an die kahlen geiſterhaften Wände gehängt. Feine Elfenbeinſchnitzeleien, von der unvergleichlichen Hand eines Cellini gearbeitet, frühe floren⸗ tiniſche Bronzearbeiten— unſchätzbare Proben von Raphaelſcher Waare und venetianiſchem Glas, kurz die koſtbaren Tändeleien, welche der Sammler mittelalterlicher Curioſitäten für ſeine Erben anhäuft, um in den Paläſten von Königen und in den Kabinetten von Nationen zerſtreut zu werden, wurden von Neuem an das ungewohnte Licht ge⸗ zogen. Das beſtürmte Grabgebäude ſchien ein wahres Pompeji von den Cinque Cento zu ſeyn. Solche gemiſchte Schätze zu prüfen, methodiſch zu ordnen und zu nationalen Zwecken auszuwählen, war das Werk von Wochen. Um den Zugang zu erleichtern, ließ Darrell in der Eile einen ſchmalen Gang über den Abgrund zwiſchen den beiden Gebäuden werfen. Er führte von dem im Giebeldach des alten Hauſes liegenden Zimmer aus, das, urſprünglich zu wiſſen⸗ ſchaftlichen Studien ausgerüſtet, jetzt eine gewöhnliche Wohnung wurde, in das größte der unvollendeten Zimmer, das zur großen Em⸗ pfanggallerie des neuen Hauſes bezeichnet worden war. In die pom⸗ pöſe Gallerie, die ſomit an ſeine mönchsartige Zelle ſtieß, ſchaffte er allmählig die ausgewählteſten Proben ſeiner Sammlung. Die Dünſte wurden durch Feuer auf roſtloſen Herden vertrieben. Der Sonnenſchein, der jetzt zum erſten Mal durch das Fenſter hereingelaſſen wurde, fiel nunmehr auf Glas ſtatt auf bloße Bretter; rohe eiſerne Leuchter, in der nächſten Schmiede verfertigt, wurden in die Wände eingeſchlagen und zuweilen bei Nacht angezündet, während Darrell und Fairthorn 33 n Arm in Arm in Geſellſchaft mit Holbeins Edelleuten und Peruginos Jungfrauen auf den ungehobelten Böden ſpazieren gingen. Einige he von dieſer hochgeborenen Geſellſchaft wurden am ſolgenden Tag an⸗ te ders locirt und verbannt, wenn wiederholte Beſichtigung den Ge⸗ m ſchmack ſtrenger und ausſchließlicher machte. Darrell hatte einen Lebens⸗ 5 zweck, Vergnügen und Beſchäftigung gefunden— gehaltlos im Ver⸗ ⸗ gleich mit jenen Linſen, Gläſern und algebraiſchen Krizeleien, welche 43 einſt einſame Stunden in der Attike dicht daneben verweilt hatten; aber n, nicht gehaltlos, ſogar für das Urtheil des ſtrengſten Weiſen, wenn n⸗ dieſer Weiſe nicht ſein Herz hinwegraiſonnirt hatte. Denn hier war er es nicht Darrells Geſchmack was erfreut wurde; ſondern Darrells he immer hungriges Herz hatte Nahrung gefunden. Sein Herz brachte ſt, dieſe lang vernachläſſigten Erinnerungen eines getäuſchten und aufge⸗ en gebenen Ehrgeizes hier mit einer Nation, dort mit ſeines Vaters ge⸗ Grab in Verbindung. Wie ſeine Augen funkelten! wie ſeine Lippen 34 lächelten! Niemand würde es errathen haben— Niemand von uns en, kennt den Andern; am allerwenigſten kennen wir das innere Weſen ar Derjenigen, die wir nach ihrem öffentlichen Ruf beurtheilen;— aber ell welch eine Welt von einfacher zärtlicher Liebe lag aufgeſtapelt und 5 verwüſtet in dieſes ſtolzen Mannes einſamer Bruſt! e en⸗—— ng n⸗ Zweites Kapitel. m⸗ Die Gelehrten berechnen, daß ſiebenhundert und ſieben Millionen Millionen 55 von Vibrationen das Auge durchdrungen haben, bevor es die Tinten eines ſte Veilchens unterſcheiden kann. Welche Philoſophie kann die Vibrationen in, des Herzens berechnen, bevor es die Farben der Liebe zu unterſcheideye fiel vermag? 1 in Während Guy Darrell auf ſolche Art ſeine Stunden in den gen unvollendeten Bruchſtücken einer für die Nachwelt gebauten Wohmung und unter den ſtillen Reliquien entfernter Generationen verbyrachte, 34 woben Liebe und Jugend ihre warme ewige Idylle auf den ſonnigen Lichtungen bei dem hingleitenden Strom. Da ſind ſie, Liebe und Jugend, Lionel und Sophy, in der Laube, um welche her die zarten Hände des Mädchens das Geiß⸗ blatt geſchlungen, einer zärtlichen Nachahmung jener andern Laube, welche durch die Erinnerung an ihren früheſten Feſttag theuer gewor⸗ den— ſie züchtig da ſitzend, er auf dem Boden zu ihren Füßen, wie zur Zeit da Titania ſeinen Schlaf überwacht hatte. Er hat ihr vor⸗ geleſen, das Buch iſt ſeiner Hand entfallen. Welches Buch? Jener Band Poeſien, die ſo unverſtändlich dunkel ſind für Alle, nur nicht für die träumeriſchen jungen Leute, die ſich ſelbſt ſo unverſtändlich dunkel ſind. Aber was den Werth jener Poeſien betrifft, ſo zweifle ich, ob ſelbſt George ihnen volle Gerechtigkeit anthat. Es iſt nicht wahr, glaube ich, daß ſie nicht dauernd ſind. Einſt wenn all das von Oberſt Morley ſo herzlich verwünſchte Kauderwelſch von Aeſthetik, von Ob⸗ jektiv und Subjektiv in ſeine lange Heimath eingegangen iſt, wird irgend ein Kritiker, der engliſch ſchreiben kann, wahrſcheinlich dieſes arme Büch⸗ lein ehrlich vor das Publikum bringen, und mit all ſeinen mannigfachen Fehlern wird es einen Platz einnehmen in den Neigungen, nicht einer ein⸗ zigen Generation der Jugend, ſondern der ewigen, immer träumenden, immer heranwachſenden Jugend. Aber du und ich, Leſer, wir haben kein anderes Intereſſe für dieſe Gedichte als das, daß ſie von dem Schwager dieſes launenhaften knickerigen Frank Vance geſchrieben worden, der vielleicht ohne dieſen Schwager ſich niemals der Mühe unterzogen hätte, durch welche er das Genie ausgebildet hat, das ihm ſeinen Ruf eerrungen; und wenn er dieſes Genie nicht ausgebildet hätte, ſo hätte er vielleicht Lionel nicht kennen gelernt; und wenn er Lionel nicht kennen gelernt hätte, ſo wäre er vielleicht nie in das Dorf in Surrey gekommen, wo er das Phänomen ſah, und um die Voltaireſche Wenn⸗ philoſophie noch weiter zu treiben, wenn Lionel und Frank Vance in Sophys Geiſt nicht in ſo inniger Verbindung mit dem goldenen Feſt⸗ tag an dem ſchönen Fluß geſtanden hätten, ſo hätten Sophy und 3⁵ Lionel wohl nicht ſo oft an dieſe Poeſien gedacht; und wenn ſie nicht ſo oft an dieſe Poeſten gedacht hätten, ſo hätte wohl zwiſchen ihnen nicht dieſes poetiſche Verbindungsglied ſtattgefunden, ohne welches die Liebe zweier jungen Leute immerhin, es iſt wohl wahr, ein recht hübſches Gefuhl iſt, aber viel zu alltäglich, um beſondere Erwähnung in einem ſo ungewöhnlich langen Werk zu verdienen, wie dieſes wahr⸗ ſcheinlich ausfallen wird. Und ſo iſt es klar, daß Frank Vance keine überflüſſige und epiſodiſche Perſon unter den Charakteren dieſer Ge⸗ ſchichte iſt, ſondern, wenn auch indirekt, doch weſentlich, eines der⸗ jenigen Weſen, ohne welche der Autor eine ganz verſchiedene Antwort hätte auf die Frage geben müſſen:„Was wird er damit machen?“ Kehren wir zu Lionel und Sophy zurück. Die Gedichte haben ihre Herzen einander immer näher gebracht. Und als das Buch aus Lionels Hand ſiel, wußte Sophy, daß ſeine Augen auf ihr Geſicht gerichtet waren, und ihre eigenen Augen ſchauten weg. Und das Schweigen war ſo tief und ſo ſüß! Keines hatte dem Andern noch ein Wort von Liebe geſagt. Und in dieſem Schweigen fühlten Beide, daß ſie liebten und geliebt wurden. Sophy! wie kindlich ſie noch immer ausſah! Wie wenig ſie ſich verändert hat!— Außer daß die ſanften blauen Augen weit gedankenvoller ſind, und daß ihr fröhliches Lachen jetzt nie gehört wird. In dieſem herrlichen Hauſe, wo ſie von ſeiner bezaubernden Beſitzerin mit der zärtlichſten Sorgfalt gepflegt wird, wo ſie den Roman ihrer Kindheit verwirklicht ſieht und Lionel an ihrer Seite hat, vermißt ſie den alten verkrüppelten Vagabunden. Und daher kommt es, daß ihr froͤhliches Lachen nicht mehr gehört wird.„Ah!“ ſagte Lionel, indem er die Pauſe endlich unterbrach, „wendet Eure Augen nicht von mir, ſonſt werde ich glauben, daß Thränen darin ſind.“ Sophys Bruſt hob ſich, aber ihre Augen blieben abgewendet. Lionel ſtand ſachte auf und kam auf die andere Seite ihrer ruhigen Geſtalt.„Pfui, das ſind doch Thränen, und Ihr wolltet ſie vor mir verbergen. Undankbare!“ Sophy ſchaute ihn jetzt mit aufrichtiger, unausſprechlicher, arg⸗ 36 loſer Liebe in dieſen ſchwimmenden Augen an, und ſagte mit rührender Sanftmuth:„Undankbar! Würde ichs nicht ſeyn, wenn ich fröhlich und glücklich wäre?“ Und mit einem Selbſtvorwurf darüber, daß ſie nicht unglücklich genug war, während dieſer junge Tröſter ſich an ihrer Seite befand, erhob ſie ſich ebenfalls, verließ die Laube und ſchaute ernſt den Fluß entlang. George Morley wurde erwartet; er konnte Nachrichten von dem Abweſenden bringen. Und jetzt, während Lionel, der wieder zu ihr getreten iſt, all ſeine Beredtſamkeit aufbietet, um ihre Angſt zu beſchwichtigen und ihre Hoffnungen zu ermuthigen, und während ſie auf ſolche Art, in dieſem göttlichſten Stadium der Liebe, ehe die Zunge wiederholt was die Augen geſagt haben, hier im Sonnenlicht, bei ſchmachtenden Blumen— dort im Schatten unter trauernden Weiden, deren Blätter immer am ſpäteſten fallen, dahingleiten, laßt uns erklären, durch welche Verkettung von Umſtänden Sophy der Gaſt der großen Lady und Waife wieder einmal ein heimathloſer Wanderer geworden iſt. Drittes Kapitel. Enthält viele nöthige Erklärungen zur Beleuchtung weiſer Sprichwörter, wie zum Beiſpiel:„Wer einen übeln Namen hat, iſt halb gehenkt;“ „Wer von einer Schlange gebiſſen worden iſt, fürchtet ſich vor einem Strick;“„Wer nach einem Stern ſieht, löſcht ſeine Lichter aus;“ und: „So Gott will, bringen alle Winde Regen.“ Der Leſer iſt bereits darüber benachrichtigt worden, wie Arabella Crane in Folge einer Regung von Weiblichkeit und Menſchlichkeit aus einer Verfolgerin ſich zu einer Beſchützerin von Waife und Sophy bekehrt hat. Dieſe Revolution in ihrem moraliſchen Weſen datirte ſich von dem Abend, wo ſie das Verſteck des Krüppels aufgeſucht hatte, um ihn vor Jaſpers Plänen zu warnen. Wir haben geſehen, durch 37 welche Kriegsliſt ſie den Anſchein verbreitet hatte, daß Waife und ſeine Enkelin aus dem Bereich aller Beläſtigung fortgeſegelt ſeyen; mit welcher Liberalität ſie das Geld vorgeſtreckt, das Sophy von den An⸗ ſprüchen des Direktors befreite; und wie umſichtig ſie ihren Agenten ermächtigt hatte die Aufſchlüſſe zu ertheilen, die Waiſe das Aſyl ſicherten, wo wir ihn zuletzt geſehen. In wenigen ſtrengen Sätzen hatte ſie Waife ihren furchtlos unerſchütterlichen Entſchluß angekündigt ihr Schickſal hinfort mit dem Leben ſeines heilloſen Sohnes zu verge⸗ ſellſchaften, und ihn durch Vereitlung all ſeiner boshaften Plün⸗ derungspläne zuletzt zu zwingen, daß er von ihrer Gnade eine Exiſtenz annehme, die weder unſicher noch ſchmutzig wäre, aber auch nicht un⸗ ehrlich ſeyn ſollte. Im Augenblick, wo ſie dieſe Abſicht enthüllte, war Waifes Vertrauen zu ihr gewonnen. Sein eigenes Herz befähigte ihn die Wirkung zu begreifen, die eine ſolch großartige Selbſtauf⸗ opferung und die gänzliche Hingabe an einen einzigen Gedanken heroiſcher Ergebenheit auf einen ſonſt unliebenswürdigen und rauhen Charakter hervorbringen konnten. In der Stärke und Bitterkeit der Leidenſchaft, die auf ſolche Art ihre eigene Exiſtenz für die Rettung einer andern verpfändete, erhielt er den Schlüſſel zu ihrer heftigen und eiferſüchtigen Natur; ſah, warum ſie gegen das Kind einer Neben⸗ buhlerin ſo grauſam geweſen; warum ſie in demſelben Maß, wie die unnatürliche Gleichgiltigkeit des Vaters den Zorn ihrer eigenen Selbſt⸗ liebe gedämpft, Mitleid mit dieſem Kinde gefaßt hatte, und vor allen Dingen warum, als die Idee den Mann, der wohl oder übel zum allesbeherrſchenden Gegenſtand ihres Lebens geworden war, in An⸗ ſpruch zu nehmen und ſich ſelbſt gänzlich zuzueignen, mehr und mehr Herrſchaft über ihr Gemüth gewonnen hatte, dieſe Idee die kleineren und niedrigeren Leidenſchaften verdrängte, und die alte gemeine Rache gegen ein Kind vor dem Licht dieſes erwachenden Gewiſſens ver⸗ ſchwand, das oft durch die Funken eines einzigen beſſeren und tugend⸗ hafteren Gedankens aus der Aſche wieder zum Auflodern gebracht wird. Und in der feſtbeſchloſſenen Abſicht Jaſper Loſely für ſich in 38 Anſpruch zu nehmen, kam Arabella mit einem Mal auf gemeinſchaft⸗ lichen Boden mit ſeinem Vater und ſeinem Kind. Oh, wie würde der alte Mann ſich ihr verpflichtet fühlen, wie groß würde ſeine Dankbar⸗ keit, ſeine Freude ſeyn, wenn ſie nicht blos ſeine fleckenloſe Sophy vor Unglück bewahrte, ſondern auch ſeinen ſchuldbeladenen Sohn aus dem bodenloſen Abgrund rettete! Als daher Arabella Crane vor etwa fünf Jahren Waifes entdecktes Verſteck in der Nähe des alten blutbe⸗ fleckten Tower aufgeſucht, da hatten gegenſeitige Intereſſen und Sym⸗ pathien zwiſchen ihnen eine Allianz geſtiftet, die um Nichts weniger feſt war, weil ſie mehr ſchweigend anerkannt als offen ausgeſprochen wurde. Arabella hatte Waife vom Feſtland aus im erſten Jahr ziemlich oft geſchrieben und etwas ſanguiniſche Hoffnungen in Betreff der endlichen Beſſerung Loſelys ausgeſprochen; dann traten allmählig längere Pauſen in der Correſpondenz ein, und die Briefe wurden kürzer. Aber noch immer, ob nun vom Wunſche geleitet den alten Mann nicht unnöthig zu betrüben, oder, was bei ihrem Charakter, der, ſelbſt in ſeinem beſten Lichte betrachtet, nichts Freundliches hatte, natürlicher erſcheinen würde, in Folge eines ſtolzen Widerwillens ein fehlgeſchlagenes Unternehmen zu geſtehen, ſagte ſie Nichts von dem böſen Wandel, den Jaſper von Neuem begonnen hatte. Offenbar war ſie fortwährend in ſeiner Nähe. Ofſenbar ſtand durch das eine oder andere Mittel ſein verſtohlenes und dunkles Leben fortwährend unter dem wilden durchdringenden Blick ihrer wachſamen Augen. Mittlerweile war Sophy bei Caroline Montfort vorgeſtellt worden. Wie Waife ſo liebreich vorausgeſetzt, hatte ſich die einſame kinderloſe Lady mit gütiger Theilnahme des ſchönen mutterloſen Kindes angenommen. Oſt Monate lang ſich ſelbſt überlaſſen in dem großen verlorenen Hauſe, fand Caroline bald in der Hütte des Korb⸗ machers ein Ziel für ihre nachdenkli en Spaziergänge. Sophys reizendes Geſicht und bezauberndes Benehmen ſchlich ſich immer mehr in Neigungen ein, denen zu Haus alle Nahrung verſagt wurde. Sie ging auf Waifes Wunſch eine ſo ausgeſuchte Natur durch Erziehung 39 zu veredeln ein, und als die Vertraulichkeit allmählig wuchs, wurde Sophy zuletzt in das große Haus gelockt, und während der Stunden, die Waife auf ſeine Streifzüge verwandte(denn ſelbſt bei ſeiner ge⸗ ſetzten Induſtrie konnte er ſeine vagabundirenden Neigungen nicht ganz überwinden, ſondern flocht ſein Rohr oder ſeine Korbweiden gerne, während er über verlaſſene Raſenplätze oder Waldungen hin⸗ ſchlenderte) wurde ſie die gelehrige, hocherfreute Schülerin in dem einfachen Zimmer mit den Zizvorhängen, das Lady Montfort aus der Einöde ihres umgebenden Palaſtes für ſich behalten hatte. Lady Montfort war kein neugieriges Weib; gänzlich gleichgiltig ſogar gegen das Geklatſche der Salons, hatte ſie keinen quälenden Wunſch die Geheimniſſe von Dorffamilien zu erfahren. Selbſt mit der großen Welt wenig bekannt, überhaupt kaum mit irgend einer Welt unter derjenigen bekannt, in welcher ſie ſelbſt ihre Exiſtenz hatte, außer daß ſie ſich niedrigen Sorgen aus zarter Menſchenliebe näherte— erregte der Contraſt zwiſchen Waifes Beruf und ſeiner Unterhaltung keinen wachſamen Verdacht bei ihr. Ein Mann von einiger Erziehung und in einem Rang geboren, der an die Klaſſe der Gentlemen gränzte, aber von keiner praktiſchen oder profeſſionellen Bildung— mit launenhaften Liebhabereien— mit Gewohnheiten excentriſcher Wan⸗ derluſt— hatte im Verlauf ſeines Lebens manche harmloſe Weisheit aufgepickt, aber vielleicht aus Mangel an weltlicher Klugheit ſein Glück verfehlt. Zufrieden mit einem dunkeln Plätzchen und einem beſcheidenen Auskommen, konnte er natürlich keine große Luſt haben Andern die peinliche Geſchichte eines Herunterkommens im Leben an⸗ zuvertrauen. Er konnte in einer höhern Sphäre Verwandte haben, die durch das Bekenntniß beſchämt wurden; er konnte ſchweigen in dem männlichen Stolz, der vor Almoſen, Mitleid und einer Erzählung beſtändig zunehmenden Verfalls zurückbebt. Ja, ſelbſt das Schlimmſte angenommen— angenommen daß Waife ſowohl im Ruf als im Ver⸗ mögen gelitten hatte— angenommen daß ſein Name durch irgend plauſible, in den Umſtänden gelegene Beweiſe befleckt worden war, die 40 er nicht zur Befriedigung ſeiner Freunde oder zu ſeiner gänzlichen Rechtfertigung in den Augen einer kurzſichtigen Welt hinwegerklären konnte— waren nicht ſchon viele unſchuldige Männer auf ähnliche Art beimgeſucht worden, und kommen ſolche Fälle nicht immer vor? Und wer konnte Waife ſprechen hören oder ſein ſchalkhaftes Lächeln ſehen, ohne daß ſein Gefühl ihm ſagte, dieſer Mann ſey unſchuldig? So dachte wenigſtens Caroline Montfort. Natürlich; denn wenn es in ihrem weſentlich weiblichen Charakter eine ſich durch Alles hin⸗ ziehende und Alles beherrſchende Eigenſchaft gab, ſo war es Mitleid. Hätte das Schickſal ſie in Umſtände verſetzt, die geeignet geweſen wären all die ausgeſuchten Kräfte ihrer Seele in angemeſſener Ent⸗ wicklung zur Reife zu bringen, ſo wäre ihr wahrer Poſten in dieſem Leben der einer Tröſterin geweſen. Welch ein Kind für einen gram⸗ verzehrten Vater! Welch ein Weib für einen ſchwerarbeitenden, ſtrebenden, fühlenden Mann von Genie! Welch eine Mutter für ein leidendes Kind! Es ſchien, als ob es für ſie ein Bedürfniß wäre Etwas zum Bemitleiden und Verpflegen zu haben. Sie war betrübt, wenn es Niemand zum Tröſten gab; aber ihr Lächeln war wie ein Sonnenſtrahl aus Eden, wenn es auf einen Kummer ſiel, den es hin⸗ wegſchmelzen konnte. Eben aus dieſer Sympathie gingen auch ihre Fehler hervor, Fehler des Verſtandes und Urtheils. Klug auf ihrem eigenen kalten Pfad durch das was die Welt Verſuchung nennt, weil ſo unausſprechlich rein— weil für die leichtfertigen Verführer der Faſhion ſchon ihr Gedanke ſo verſchloſſen war, wie unter der kühlen durchſichtigen Welle das Ohr Sabrinas für die Kameraden des Comus — durfte man ihr nur irgend einen menſchenfreundlichen Plan vorlegen, aus welchem ein Segen für Andere hervorſchaute, ſo umfaßte ihre Phantaſie ihn ſogleich, ihre Klugheit ſchwand— ſie ſah die Hinderniſſe nicht, wog die entgegenſtehenden Chancen nicht ab. Die Menſchenliebe kam zu ihr nicht allein, ſondern mit ihren Zwillingsgeſchwiſtern, der Hoffnung und dem Glauben. So rollten, freundlich für den alten Mann und das ſchöne Kind, N 2— n 8 82 8—' 8 α— 11 Jahre dahin bis zu Lord Montforts plötzlichem Tod, und nun wurde ſeine Wittwe aufgefordert Montfort Court(das an den neuen Erben überging) gegen den fernen Wittwenſitz Houſe Twickenham zu ver⸗ tauſchen. Mittlerweile war ſie ſo anhänglich an Sophy geworden, und Sophy war ihr mit ſo dankbarer Liebe zugethan, daß ſie Waife den Vorſchlag machte ſeine holde Enkelin als ihre bleibende Geſell⸗ ſchafterin zu ſich zu nehmen, ihre Erziehung zu vollenden und ihre Zukunft ſicher zu ſtellen. Dieß war des alten Mannes Lieblings⸗ traum bei Tag und bei Nacht geweſen; aber er hatte an die Ver⸗ wirklichung deſſelben erſt dann gedacht, wenn er ſelbſt im Grabe läge. Er erblaßte, er ſchwankte, als ihm der Vorſchlag, der ihn von ſeiner Enkelin trennen ſollte, zum erſten Mal gemacht wurde. Aber er erholte ſich, ehe Lady Montfort die Herbheit der Qual, die ſie bereitete, gewahren konnte, und er nahm das großmüthige Anerbieten mit warmen Verſicherungen von Freude und Dankbarkeit an. Aber Sophy! Sophy ſollte ſich dazu hergeben ihren alten Großvater fern in ſeiner einſamen Hütte zu laſſen! Beide kannten Sophy mit ihrem ſanften Herzen und ihrer entſchloſſenen Seele ſchlecht, wenn ſie einen ſolchen Egoismus bei ihr möglich glaubten. Waife drängte— Waife wurde zornig— Waife wollte ſeine Autorität gebrauchen— Waifſe flehte— Waife ward pathetiſch— Alles vergebens! Aber um allem Diſput ein Ende zu machen, ging das Mädchen kühn zu Lady Mont⸗ fort und ſagte:„Wenn ich ihn verließe, würde ihm das Herz brechen — verlanget es nie.“ Lady Montfort küßte Sophy zärtlich, wie je eine Mutter ein Kind für irgend einen ſanften liebenden Zug einer edlen Natur geküßt hat, und ſagte einfach:„Aber er ſoll nicht verlaſſen werden— er ſoll auch kommen.“ Sie bot Waife Zimmer in ihrem Twickenhamer Haus an— ſie wünſche eine Bücherſammlung anzulegen— er ſolle Bibliothekar ſeyn. Der alte Mann ſchauderte und lehnte ab— lehnte feſt ab. Er habe ein Gelübde gethan in keinem Hauſe als Gaſt zu ſeyn. Endlich wurde die Sache auf einem Mittelweg beigelegt: Waife ſollte in die 42 Nähe von Twickenham ziehen, dort ein Häuschen miethen und ſeine Kunſt treiben; und Sophy ſollte bei ihm wohnen, aber wie jetzt einen Theil jedes Tags bei Lady Montfort zubringen. So wurde es beſchloſſen. Waife verſtand ſich dazu ein noch auf den Gütern des Wittwenſitzes gelegenes Häuschen zu bewohnen, unter der Bedingung, daß er einen Zins dafür bezahle. Und George Morley beſtand auf dem Vorrecht dieſes Haus zum Empfang ſeines alten Lehrers vorzubereiten, indem er es in ſeiner äußern Erſcheinung einfach und ländlich ließ, aber ſeine angenehmen Zimmer mit all dem Comfort und beſcheidenen Luxus ausſtattete, den ſeine Kenntniß der Liebhabereien und Gewohnheiten des alten Mannes ihm eingab; ein Zimmer für Sophy, mit den zierlichſten Tapeten behangen, nebſt einer umfaſſenden Ausſicht auf den Fluß. Waife konnte trotz ſeiner ſtolzen Bedenklichkeiten ſolche Gaben von einem Manne nicht ab⸗ lehnen, deſſen Glück und Laufbahn er durch ſeine kunſtreichen Lektionen begründet hatte. In der That hatte er George bereits erlaubt ihm wenigſtens durch einige Beiträge zur Rückbezahlung der hundert Pfund behilflich zu ſeyn, die Mrs. Crane vorgeſchoſſen. Die Jahre, welche er einem Gewerbe gewidmet, das durch ſeine Geſchicklichkeit einträglich wurde, hatten den Korbmacher juſt in den Stand geſetzt mit Hilfe ſeines Schülers dieſe Schuld ratenweiſe abzutragen. Er hatte die Befriedigung zu denken, daß ſeine Induſtrie die Summe beſchafft habe, der ſeine Enkelin ihre Befreiung von dem fluchwürdigen Rugge verdankte. Lady Montforts Abzug(welcher der Wegreiſe Waifes um einige Wochen voranging) wurde von den Armen in ihrer unmittelbaren Nachbarſchaft mehr betrauert, als von den reicheren Familien, welche die ſogenannte Geſellſchaft einer Provinz ausmachten; und die Düſter⸗ keit, welche durch dieſes Ereigniß über das Dörfchen in der Umgebung der königlichen Wohnung geworfen wurde, nahm noch zu, als Waife und ſeine Enkelin ebenfalls wanderten. Während der letzten drei Jahre hatte der alte Mann, kühn 43 gemacht durch Lady Montforts Schutz und die Ueberzeugung, daß er nicht mehr verfolgt oder beſpäht werde, in ſeinen früheren Gewohn⸗ heiten abgeſchloſſener Rückhaltung etwas nachgelaſſen. Von Natur geſellig, hatte er mit ſeinen beſcheideneren Nachbarn Bekanntſchaft ge⸗ macht, war auf ſeinen Streifereien über die Felder hin bei den Zaͤunen vor ihren Häuschen ſtehen geblieben, hatte ihre. Kinder mit Sir Iſaaks Kunſtſtücken ergötzt oder mit Nüſſen und Aepfeln aus ſeinem kleinen Obſtgarten bewirthet, hatte den fleißigeren Arbeitern manchen werth⸗ vollen Wink gegeben, wie ſie ihren täglichen Erwerb durch Garten⸗ erzeugniſſe, durch Bienenzucht oder Aufziehung von Geflügel erhöhen könnten; hatte die Kühe der Bauern kurirt und ſogar das Herz des Stallmeiſters vom Schloſſe durch eine geheimnißvolle beruhigende Pille gewonnen, welche ein ſehr nervöſes und bisher unbändig ge⸗ bliebenes Pferd von vier Jahren zahm und geſchmeidig gemacht. Sophy war nicht minder beliebt geweſen. Niemand mißgönnte ihr die Gunſt von Lady Montfort, Niemand wunderte ſich darüber. Sie wurden geliebt und geehrt. Vielleicht die glücklichſten Jahre, die Waife ſeit dem Hinſcheiden ſeiner jungen Frau gekannt, wurden in dem Dörſchen verbracht, wo, wie er ſich einbildete, ihr Schatten weilte; denn war es nicht da— da in dieſem Häuschen— da im Angeſicht dieſer grünen Weiden geweſen, wo ihre erſten, ſittſam jung⸗ fräulichen Antworten auf ſeine Briefe voll Liebe und Hoffnung ſeine Abſperrung von der Welt getröſtet und ihn— der bisher wenig Luſt zu ſitzenden Arbeiten gezeigt— gerade zu dieſer Induſtrie aufgemuntert hatten, die, zum Vergnügen erlernt, ihm jetzt ſeinen Unterhalt und eine Heimath verſchafften? In dieſes Häuschen war die Verfolgung nicht gedrungen— Klatſcherei hatte ſeine ruhige Abgeſchloſſenheit nicht ausgeſpäht, ſogar eine zufällig drohende Entdeckung war un⸗ ſchädlich vorübergegangen. Denn einmal— etwa ein Jahr vor ſeinem Wegzug— hatte ſich ein Ereigniß zugetragen, das ihn damals beunruhigte, aber keine unangenehmen Folgen nach ſich zog Die Ufer des großen Sees in Montfort Park wurden gelegentlich von den Fa⸗ Bulwer, was wird er damit machen? VI. 4 G 44 milien benachbarter Pächter oder Handwerksleute zum Schauplatz ländlicher Pickenicks auserſehen. Eines Tags wurde Waife, während er ſorglos auf ſeinem Lieblingsplätzchen ſeine Körbe modelte, von einer Geſellſchaft auf dem entgegengeſetzten Ufer, die er ſelbſt nicht beachtet hatte, erkannt. Am folgenden Tag ſagte ihm die Wirthin im Dorfe, deren Hauptkamin er vom Rauchen zu kuriren unternommen hatte, eine Lady aus der Pickenickgeſellſchaft des geſtrigen Tages habe allerlei Fragen über ihn und ſeine Enkelin an ſie gerichtet und, wie es ge⸗ ſchienen, mit Vergnügen vernommen, daß Beide ſich ſo comfortabel befinden. Sie ſeyen in einer Büſe angefahren, welche ſie zu dieſer Gelegenheit gemiethet. Sie waren aus Humberſton am Tag nach den famöſen Wettrennen gekommen, welche dieſe Stadt jährlich mit Frem⸗ den anfüllten— und zwar in der Jahreszeit, wo Rugges große Theatervorſtellungen dieſe alte Stadt erfreuten. Nach der Beſchreibung der beiden Ladies vermuthete Waife, daß ſie zu Rugges Geſellſchaft gehörten. Aber ſie hatten Waife nicht als ihren ehemaligen Kameraden bezeichnet, ſie hatten von Sophy nicht als von dem Phänomen oder der Flüchtlingin geſprochen. Keine Beläſtigung folgte auf dieſes Ereigniß, und im Ganzen beſaß auch der hartherzige Baron keine Anſprüche mehr auf den verfolgten Räuber oder auf Juliet Araminta. Aber der Excomödiant iſt weggegangen von den Weiden— von dem Dörſchen. Er befindet ſich in ſeinem neuen Wohnſitz an dem ſtattlichen Fluß— blos eine Stunde von dem Rauch und Gewühl der lärmenden Hauptſtadt entfernt. Er verſucht heiter und glücklich aus⸗ zuſehen, aber ſeine Ruhe iſt geſtört— ſein Herz iſt ängſtlich. Seit Sophy um ſeinetwillen das Anerbieten ausgeſchlagen, welches ſie nicht für wenige Stunden des Tags, ſondern für bleibenden Aufenthalt aus eines Korbmachers Hütte in all die Eleganzen und Annehmlichleiten einer Sphäre verſetzt haben würde, wo ihre Reize und ihre Tugenden, wenn ſie von ihm befreit war, ihr zu einer Verbindung verhelfen konnten, die unmöglich ſchien, ſo lange er ſie auf ſolche Art zu ſeinem eigenen RNiveau herabzog— ſeit dieſem Tag hatte der alte Mann zu 15 ſich ſelbſt geſagt:„Ich lebe zu lang.“ So lange Sophy an ſeiner Seite war, ſchien er eifrig zu arbeiten und zeigte heitern Humor; im Augenblick, wo ſie ihn verließ um zu Lady Montfort zu gehen, entfiel die Arbeit ſeinen Händen und er verſank in düſtere Gedanken. Waife hatte bei ſeinem Umzug nach Twickenham an Mrs. Crane (ihre Adreſſe war damals in Paris) geſchrieben und ſie erſucht, ſie mochte ihn, falls Jaſper an eine Rückkehr nach England denken ſollte, durch einen Brief warnen, den ſie ihm poste restante nach London ſchicke. Trotz ſeines ſpätern Vertrauens zu Mrs. Crane hielt er es nicht für räthlich ihr Lady Montforts Anerbieten gegen Sophy, oder das liebreiche Benehmen dieſer Lady gegen das nun zur Jungfrau herangewachſene Mädchen anzuvertrauen. Mit ſeiner Einſicht in das Menſchenherz, die ſich zwar nicht fortwährend klar und zuverläßig genug erwieſen hatte, um ſtets ſeinen Nutzen zu wahren, die aber zuweilen, wenn auch nur vorübergehend, merkwürdig lichtvoll war, konnte er ſich nicht dem beruhigenden Gedanken hingeben, daß Arabella Cranes ehemaliger Haß gegen Sophy(welcher im Verhältniß zu der Verlaſſenheit des Mädchens abgenommen und erſt dann aufgehört hatte, als das harte Weib mit einem an Rache gränzenden Gefühl ſich ſelbſt ſagen konnte, daß Sophy ihr dunkles, beſcheidenes Aſyl ihr ver⸗ danke) nicht wieder aufleben würde, wenn ſie erführe, daß das Kind einer verabſcheuten Nebenbuhlerin über die Nothwendigkeit ihres Schutzes erhoben ſey und Ausſichten auf eine Stellung habe, die hoch über ihrer eigenen ſtehe, während ſie ſelbſt ſich einſt mit dem Gedanken getröſtet, daß der Sprößling einer Ehe, die ihr Leben verdunkelt habe, davon ausgeſchloſſen ſey. Denn in der That hatte Arabella Crane nur auf Waifes Verſprechen, daß er ſeinen ſo unglücklich ausgefallenen Verſuch Sophys Anſprüche an Guy Darrelll geltend zu machen nicht wiederholen wolle, bei der erſten Gelegenheit das Kind ſeiner Obhut überlaſſen. Seiner Obhut— der Obhut eines entehrten Auswürf⸗ lings! So lange Arabella Crane in Sophy blos einen Gegenſtand des Mitleids erblicken konnte, mochte ſie ihr hochmüthig ihren Schutz . 4* verleihen; aber ob wohl dieſer Schutz noch fortwährte, wenn Sophy ein Gegenſtand des Neides werden konnte? Nein, er wagte es nicht, Mrs. Crane mehr anzuvertrauen, als daß er und Sophy aus dem Dorfe Montfort hinweg und in die Nähe von London gezogen ſeyen. Zeit genug mehr zu ſagen, wenn Mrs. Crane nach England zurück⸗ kehrte, und dann nicht ſchriftlich, ſondern in perſönlicher Beſprechung. Einmal monatlich ging der alte Mann nach London, um auf dem Generalpoſtamt nachzufragen, ob etwa Mittheilungen von ſeiner Correſpondentin für ihn da ſeyn möchten. Nur ein einziges Mal jedoch hatte er von Mrs. Crane, ſeit er ihr ſeine Wanderung ange⸗ zeigt, Nachricht und zwar eine äußerſt kurze Antwort erhalten, bis in dem fatalen Monat Juni Guy Darrell und Jaſper Loſely am gleichen Tag nach der Hauptſtadt zurückkamen, und dann erhielt der alte Mann von ihr einen Brief, der ihm gewaltige Unruhe verurſachte. Sie meldete ihm nicht blos, daß ſein ſchrecklicher Sohn in England— in London ſey; ſondern daß Jaſper auch ausgemittelt habe, daß die nach Amerika fortgeſchickten Perſonen nicht der wahre Waife und die wahre Sophy ſeyen, deren Namen ſie angenommen hatten. Mrs. Crane ſchloß mit unheilverkündenden Worten:—„Ich fühle mich verpflichtet jetzt zu ſagen, daß er immer tiefer und tiefer herabge⸗ kommen iſt. Könntet Ihr ihn ſehen, Ihr würdet Euch wundern, daß ich weder ihn noch meinen Entſchluß aufgebe. Er haßt mich ärger als den Galgen. Mir und nicht dem Galgen ſoll er zufallen— eine an⸗ gemeſſene Strafe für Beide. Ich bin in London nicht in meinem alten 1 Hauſe, ſondern in Jaſpers Nähe. Sein Vertrauter ſteht in meinem * Sold. Sein Leben und ſeine Pläne ſind für meine Augen klar— ſo klar als ob er in einem Glaskaſten wohnte. Sophy hat jetzt ein Alter erreicht, wo ſie, wenn ſie unter der Obhut einer Perſon von unbeſtreit⸗ barer Achtbarkeit ſtände, geſetzlich nicht gegen ihren Willen von ihr hinweggenommen werden könnte; aber ſo lange ſie unter Eurem Dache weilt, können diejenigen, die Jaſper zu Nachſuchungen aufgeſtellt hat, zu deren thätiger Betreibung er indeſſen nicht die Mittel beſitzt, An⸗ — 5 8 4 —— ‿ 85 47 gaben machen, wodurch ſie(wie Ihr bereits erfahren habt) andere, wenn auch wohlmeinende Leute überreden dürften ihm zu einer Tren⸗ nung des Mädchens von Euch behilflich zu ſeyn. Er würde ſich ſogar nicht ſcheuen öffentlich vor einem Polizeigericht zu erſcheinen, wenn er hoffen könnte den reichen Mann dadurch ſo zu Schanden zu machen, daß er ihm einen unerträglichen Scandal abkaufte. Er könnte in erſter Linie und mit mehr Wahrſcheinlichkeit das Mädchen durch Dieb⸗ ſtahl in ſeine Gewalt bringen, und was würde dann aus ihr werden, bevor man ſie wiederbekäme? Trennet Euch ſelbſt auf einige Zeit von ihr. Ihr könnt trotz Eurer Vermummungskünſte nur um ſo leichter aufgeſpürt werden, wenn Ihr bei ihr bleibt. Sie, die jetzt beinahe ein Weib geworden iſt, wird ſo herangewachſen ſeyn, daß man ſie nicht mehr erkennt. Bringt ſie in ein ſicheres Aſyl, bis Ihr wenigſtens neue Nachrichten von mir erhaltet.“ Waife las dieſe Epiſtel(der keine Adreſſe beigefügt war, die ihm eine Antwort möglich machte) zu wiederholten Malen im Privatzimmer eines kleinen Cafe, wohin er ſich zurückgezogen hatte, um die gaffenden Blicke und das Gedränge auf den Straßen loszuwerden. Der Ent⸗ ſchluß, über dem er ſchon lange gebrütet, begann jetzt Geſtalt zu ge⸗ winnen und mußte zu einer raſchen Entſcheidung gelangen. Nachdem er ſich von ſeiner erſten Erſchütterung erholt hatte, entwarf er ſeine Pläne und brachte ſie zur Reife. Noch am ſelben Abend beſuchte er Lady Montſort. Er fühlte, daß die Zeit gekommen war, wo er um Sophys willen den Schleier von der Schande lüften mußte, die ſeinem eigenen Namen anklebte. Um ſie vor derſelben Nachgiebigkeit gegen Jaſpers Autorität zu ſchützen, wodurch ſie in Gatesboro' verrathen worden, war es nothwendig, daß er Lady Montfort das Geheimniß von Sophys Verwandtſchaft und Stellung erklärte und die Seelen⸗ qual durchmachte ſeinen eigenen Sohn als denjenigen Menſchen zu bezeichnen, dem ſie am allerwenigſten übergeben werden dürfe. Er machte ſich an dieſen Gegenſtand nicht blos mit einem Gefühl tiefer Demüthigung, ſondern auch mit einer nicht ungegründeten Furcht, 48 Lady Montfort möchte geradezu eine Laſt ablehnen, die ihren einſamen Wohnſitz möglicher Weiſe einer höchſt widrigen Invaſion ausſetzen könnte. Aber zu ſeiner Ueberraſchung und großen Herzenserleichterung hatte er kaum Sophys Verwandtſchaft genannt, als Lady Montfort die unverholenſte Freude äußerte, welche alle peinlicheren oder ſchimpf⸗ licheren Gedanken gänzlich in den Schatten drängte.„Glaubt mir,“ ſagte ſie,„von nun an ſoll Eure Sophy mein eigenes Kind, mein eigener theurer Liebling ſeyn!— Keine niedrige Geſellſchafterin— ſondern mir gleich und dabei meine Schutzbefohlene. Fürchtet nicht, daß irgend Jemand ſie von mir reißen werde. Ihr habt Recht, wenn Ihr denkt, daß meine Wohnung die ihrige ſeyn— daß ſie die Erzie⸗ hung und Stellung erhalten ſollte, welche zu ſchmücken ſie ſo wohl berechtigt und befähigt iſt. Aber Ihr müßt Euch nicht von ihr trennen. Ich habe Eure Erzählung gehört; meine lange Bekannt⸗ ſchaft mit Euch erſetzt die Vertheidigung, die Ihr unterlaßt— ſie ſtößt das Urtheil um, das Euch befleckt hat. Und noch dringender als vorher beſtürme ich Euch, eine Zuflucht in dem Hauſe anzunehmen, das Eurer Enkelin Schutz gewähren wird.“ Edelherziges Weib! Und noch edler wegen ihrer Unkenntniß der praktiſchen Welt, wo ihr Aner⸗ bieten den tiefſten Abſcheu erregt und der Perſonifikation aller feier⸗ lichen Plauſibilitäten, dem Hauſe Vipont, die brennendſte Scham⸗ röthe in die Wangen getrieben haben würde. Gentleman Waife war nicht ſchuftig genug, um aus einer Unwiſſenheit, die aus großherziger Tugend entſprang, Nutzen zu ziehen. Er enthielt ſich aller Gegen⸗ vorſtellungen, ſchien auf die Möglichkeit einer ſolchen Einrichtung ein⸗ zugehen, ließ ihre wohlwollende Freude ungetrübt— und ehe der Morgen kam, war er gegangen. Verſtohlen und beim Sternenſchein weggegangen, wie vor Jahren aus dem Hauſe des Verwalters— weggegangen, ſo daß Sophy beim Erwachen wie ehemals einen Ab⸗ ſchiedsbrief vorfand, welcher Hoffnung empfahl und Kummer verbot. Ihr beiderſeitiges Intereſſe, ſchrieb er, erheiſche es, daß er wieder einmal einen Vergnügungsausflug mache. Dieß ſey ihm ein Be⸗ 19 dürfniß; er habe wohl gefühlt, wie ſeine Lebensgeiſter in der letzten Zeit bei einem ſo ſchläfrigen und geſetzten Leben nachgelaſſen. Und dann drohe Gefahr von außen— eine Gefahr, die durch ſeine kurze Abweſenheit beſeitigt werden könne. Er habe Lady Montfort alle ſeine Geheimniſſe anvertraut; ſie müſſe dieſe gütige Lady als ihre einzige Beſchützerin betrachten, bis er zurückkomme— denn das werde er gewiß; und hernach würden ſie immer glücklich zuſammenleben, wie in Feenmährchen. Er würde es ihr nie vergeben, wenn ſie ſo einfältig wäre ſich um ihn zu grämen. Er werde nicht allein ſeyn; Sir Iſaak werde für ihn Sorge tragen. Er beſitze Geld im Ueberfluß durch die Erſparniſſe mehrerer Monate; wenn er mehr brauche, werde er ſich an George Morley wenden. Er werde ihr gelegentlich ſchreiben, aber ſie dürfe nicht viele Briefe erwarten. Er könne Monate lang ausbleiben — was das zu bedeuten habe? Er ſey alt genug, um für ſich ſelbſt zu ſorgen; ſie ſey kein Kind mehr, um ſich die Augen auszuweinen, wenn ſie ein ſinnloſes Spielzeug oder einen ſtupiden alten Krüppel verliere. Sie ſey eine junge Lady, und er erwarte bei ſeiner Rückkehr eine famöſe Gelehrte in ihr zu finden. Mit ſolchen großſprecheriſchen Floskeln und mit Unterdrückung jedes Verſuchs zum Pathos ging der alte Mann ſeines Wegs, und Sophy, die weinend, halb verrückt zu Lady Montfort eilte und ſie anflehte nach allen Richtungen Leute aus⸗ zuſchicken, um den Flüchtling zu entdecken und zurückzubringen, wurde als gefangener Gaſt zurückbehalten. Aber Waife hinterließ auch einen Brief an Lady Montfort, worin er ſie warnte und beſchwor, wenn ſie Sophy vor dem Scandal der Jaſperſchen Anſprüche geſichert zu ſehen wünſche, ſo möchte ſie keine unklugen Verſuche machen ihn zu ent⸗ decken. Ein ſolcher Verſuch würde blos gerade die Publicität hervor⸗ bringen, vor deren Wahrſcheinlichkeit er jetzt entfliehe. Die Noth⸗ wendigkeit dieſer Vorſicht war ſo handgreiflich, daß Lady Montfort blos ihren vertrauteſten Diener abſchicken konnte, um ganz verdeckt und behutſam in der Nachbarſchaft herumzufragen, bis ſie George Morley aus Humberſton zu ſich beſchieden und zu Rathe gezogen 50 hatte. Waife hatte ihr erlaubt ihm gegen das Verſprechen ſtrengſter Verſchwiegenheit die Geſchichte zu erzählen, die er ihr anvertraut hatte. George ging mit der innigſten Sympathie auf Sophys Jammer ein, machte ihr aber begreiflich, wie unvernünftig und ge⸗ fährlich es wäre lärmende Nachforſchungen anzuſtellen. Er verſprach, daß er ſelbſt keine Mühe ſparen wolle, um das Verſteck des alten Mannes auszumitteln und wenigſtens zu ſehen, ob er ſich nicht bereden laſſe, entweder zurückzukehren oder ihr zu geſtatten, daß ſie zu ihm komme, damit er nicht ganz verlaſſen und troſtlos ſey. Auch war dieß kein leeres Verſprechen. George beſaß, obſchon ſeine Nachforſchungen unaufhörlich durch die ihnen auferlegte Beſchränkung ſehr beengt waren, ein ſo ſcharfes Divinationsvermögen, und betrieb jeden Leit⸗ faden zu den künſtlichen Schlichen des Vagabunden ſo eifrig, daß er in der That mehr als einmal auf die Spur gekommen war und wirklich den Platz aufgefunden hatte, wo Waife und Sir Iſaak einige Tage vorher geſehen worden. Gleichwohl hatte bis zu dem Tag, wo Morley ſeine letzten Fortſchritte gemeldet, der ingeniöſe Exſchauſpieler, frucht⸗ bar an allen Mitteln der Kriegsliſt und Vermummung ſeine Nach⸗, forſchungen vereitelt. Im Anfang indeß hatte Waife durch heitere, aber kurze Briefe ſeine ängſtlichen Freunde ſehr getröſtet und ſogar Sophys ſchweres Herz erfreut. Da jedoch dieſe Briefe durch ihre Poſtmarken auf ſeine Spur geführt, ſo hatte er in ſcheinbarem Zorn dieß als Grund angegeben, warum er nicht weiter ſchrieb. Und in den letzten ſechs Wochen war keine Zeile von ihm eingetroffen. In der That bemühte ſich der alte Mann, der einmal entſchloſſen war ſeine Selbſtverleugnung zu vollenden, mehr und mehr die Gedanken ſeiner Enkelin von ſeinem Bilde zu entwöhnen. Er glaubte es für ihre ganze Zukunft hoͤchſt weſentlich, daß ſie ſich jetzt, nachdem ſie in einer ſo ſichern und ſo erhabenen Sphäre eine Heimath gefunden, allmählig an einen neuen Rang im Leben gewöhnen ſolle, von welchem er ſelbſt ewig ausgeſchloſſen bleiben werde; daß ſie daher jede Spur auch nur von ſeiner Exiſtenz verlieren und eine Verbindung ganz in Vergeſſenheit 51 bringen müſſe, die, nachdem ſie aufgehöͤrt habe ſchützend zu ſeyn, künf⸗ tig ihr nur noch Schaden und Schande bringen könne, und deßhalb verſuchte er es um jeden Preis ſich ſelbſt der Welt, die ihr jetzt zu⸗ lächelte, gänzlich zu entziehen. Er ſchlug ihren Kummer in ſeiner erſten Friſche nicht zu gering an; er wußte, daß ſie, wenn ſie ſeinen Aufenthalt erfahren könnte, alles Andere vergeſſen und darauf beſtehen würde zu ihm zu fliehen. Aber er murmelte beſtändig vor ſich hin: „Die Jugend hat ſprichwörtlich immer ein kurzes Gedächtniß; ihre Bekümmerniſſe ſind herb, aber nicht von Dauer; jetzt vernarben die Wunden bereits— wenn man ſie zuheilen läßt, werden ſie ſich nicht wieder öffnen.“ Er hatte Anfangs daran gedacht ſich irgendwo in der Nähe zu verſtecken, ſo daß er einmal wöchentlich oder wenigſtens monatlich ſich auf das Gut ſchleichen, das Haus, das ſeinen Liebling enthielt, anſehen und vielleicht auf ihren Spaziergängen irgend ein kleines Zeichen von ſich hinterlaſſen könnte. Aber bei näherer Ueberlegung ſah er ein, daß dieſe Freude durch eine allzu große Unvorſichtigkeit erkauft werden müßte, und ſie hörte auf ihn zu verlocken, je mehr er zu der herben Weisheit gelangte, daß er Alles vermeiden müſſe, was ihren Kummer um ihn auffriſchen könnte. Im Anfang dieſer Erzählung, in der Skizze dieſes großen Melodramas, worin Juliet Araminta das Räuber⸗ kind ſpielte, wurden ihre Bemühungen die Verfolger durch Liſt von der Spur des gehetzten Mimen abzulenken mit den Kunſtgriffen der Feldlerche verglichen, welche Auge und Hand von dem Neſt ihrer Jungen hinwegzulocken verſucht. Dieſes Bild paßt jetzt beſſer für den Vogel Vater als für das Junge. Weiter und weiter von dem Neſte, worin alle ſeine Liebe concentrirt war, floh der alte Mann. Was war es auch, wenn Jaſper ihn jetzt entdeckte? Gerade dieſe Ent⸗ deckung mußte die Verfolgung von Sophy ableiten. Es war höchſt unwahrſcheinlich, daß Loſely jemals errieth, daß ſie ſich haben trennen können; und wenn nicht Waife durch unvorſichtiges Lauern in der Nähe ihres Wohnſitzes den Vermuthungen einen Fingerzeig gab, ſo 5² war es noch unwahrſcheinlicher, daß Loſely je davon träumte unter dem Dach der erhabenen Peerin das Kind zu ſuchen, das von Mr. Rugge entflohen war. 8 Der arme alte Mann! ſein Herz war dem Brechen nahe; aber ſeine Seele war ſo herrlich getröſtet, daß da wo ich ihn, viele viele lange Meilen entfernt, kummervoll und geduldig in der Ecke jenes vollgedrängten Marktplatzes ſtehen ſehe, Sir Iſaak mit gleichgiltiger Hand an lockerer Schnur haltend— Sir Iſaak ungeſchoren, müde voon der Reiſe, voll Schmutz, mit hängendem Kopf und melancholiſchen Augen— ja wie ich ihn da ſehe, herumgeſtoßen unter der Menge, welcher er dann und wann, auf den großen, mit plumpen Hauſirerwaaren angefüllten Korb an ſeinem Arm deutend, mechaniſch zuflüſtert: „Kaufet!“— ja ſage ich, wahrhaftig, wenn ich ihn ſo ſehe, ſo kann ich ihn nicht bemitleiden— ich ſehe was der große Haufe nicht ſieht— den Schatten eines Engelsfittigs über ſeinem grauen Haupt; und ich bleibe verehrungsvoll fern ſtehen mit angehaltenem Athem und ge⸗ beugtem Knie. Viertes Kapitel. Das Weib raiſonnirt gar zu oft aus dem Herzen— daher zwei Drittheile ihrer Mißgriffe und ihrer Trübſale. Ein Mann von Genie raiſonnirt ebenfalls oft aus dem Herzen— daher ebenfalls zwei Drittheile ſeiner Trübſale und Mißgriffe. Folglich beſteht zwiſchen einem Weib und einem Mann von Genie eine ſympathiſche Verwandtſchaft; Jedes hat einen gewiſſen Anſchanungsbegriff von den Geheimniſſen des Andern, und je weiblicher das Weib, je ausgeſuchter das Genie iſt, um ſo feiner das Verſtändniß zwiſchen Beiden. Aber man merke ſichs wohl, daß dieſes ſtille Einverſtändniß verdunkelt wird, wenn menſchliche Liebe die Be⸗ ziehungen durchkreuzt. Shakeſpeare deutet die verwickeltſten Räthſel im Weibe ganz richtig. Ein Weib war die erſte Perſon, welche die in Shake⸗ ſpeare verborgene Kunſt richtig deutete. Aber haben Anne Hathaway und Shakeſpeare einander verſtanden? Unbemerkt von den zwei jungen Leutchen, ſaß Lady Montfort da und beobachtete ſie, wie ſie am Ufer entlang hinwandelten. Sie ſaß 4* 53³ da, wo Lionel ſie zum erſten Mal geſehen hatte— in einer Art von grünem Zimmer, das dem Laubwerk und Raſen abgewonnen worden, rundum mit verſchlungenen Herbſtzweigen eingefaßt, ausgenommen an der Stelle wo es ſich gegen das Waſſer zu öffnete. Wenn je ein weibliches Gehirn einen Plan faſſen und entwerfen kann, der durchaus von jedem unzarten, ſelbſtſüchtigen Faden in ſeinem Gewebe rein iſt, ſo hatte Caroline Montfort in einem ſolchen Plan dieſe zwei ſchönen jungen Naturen zuſammengebracht. Und doch waren ſie nicht das Höchſte in den Gedanken der Lady, die ihnen jetzt zuſchaute; und es galt nicht ganz ihnen, wenn ihre Augen ſich mit Thränen füllten, die zugleich ſüß und doch voll tiefer Trauer— heilig und doch im höchſten Grade menſchlich waren. Die Frauen glauben ſich gerne unbegriffen und haben oft nicht ganz Unrecht in dieſer Schwäche; denn der Mann, ſo ſcharfſinnig er ſeyn mag, begreift dennoch die Frau, ſo einfach ſie ſeyn mag, ſelten ganz. Und darin hat ihr Geſchlecht den Vortheil vor dem unſern. Unſere Herzen liegen blos vor ihren Augen, ſelbſt wenn ſie nicht wiſſen können, welcher Art unſer Leben war. Wir jedoch können jede Hand⸗ lung ihres bewachten und von conventionellen Formen begränzten Lebens ſehen, während ihre Herzen viele Geheimniſſe haben werden, zu denen wir niemals den Schlüſſel bekommen können. Aber in mehr als dem gewöhnlichen Sinn des Wortes war Caroline Montfort ſtets ein unbegriffenes Weib geweſen. Selbſt in ihrem eigenen Geſchlecht beſaß ſie keine Vertraute. Nur die äußeren Blätter dieſer ſchönen Blume öffneten ſich dem Sonnenlicht. Die Blätter um das Herz her zogen ſich Falte um Falte dicht zuſammen, wie wenn das Leben ſelbſt in der Knoſpe wäre. Wie während ihres ganzen verheiratheten Lebens ihrem Herzen die natürliche Haushaltungsluft verſagt geweſen war, ſo ſchien in Folge eines ſeltſamen und unerklärlichen Zufalls auch ihr Verſtand in ſeiner gebührenden Freiheit und Entfaltung gehemmt worden zu ſeyn. Während dieſer unfruchtbaren Jahre hatte ſie geleſen— ſie hatte nachgedacht— ſie hatte den Umgang mit Leuten genoſſen, deren Geiſt Andere unterrichtet, und gleichwohl ſchien ihre eigene Intelli⸗ genz, die in früher Jugend durch eine merkwürdige Lebhaftigkeit und Schärfe charakteriſirt und im Laufe der Zeit mit allen Mitteln ausge⸗ zeichneter weiblicher Bildung bereichert worden, erkaltet und ziellos zu ſeyn. Es iſt nicht genug, daß ein Geiſt kultivirt wird— er muß eben ſo gut Bewegung haben wie Kultur. Caroline Montforts Geiſt lag ruhig wie eine ſchöne Geſtalt, die in Folge einer Verzauberung aſtet, aber nicht ſchläft. Bei ihrem Anblick ſagte einſt ein Dichter, der mitten in einer großen Geſellſchaft ſtand, die von ihrer Schoͤnheit geblendet wurde, ganz auf einmal:„Wäre meine Vermuthung nicht ein Sacrilegium gegen eine ſo fleckenloſe und ſtolze Perſon, ſo würde ich ſagen, ich habe die Löſung eines Räthſels gefunden, worüber ich mir lange den Kopf zerbrochen, und im Herzen dieſer Königin der Lilien würden wir, wenn wir die Blätter ringsumher abriſſen, Reue finden.“ Lady Montfort fuhr auf; der Schatten einer andern Geſtalt als ihre eigene ſiel auf den Raſen. George Morley ſtand hinter ihr, den Finger auf ſeinen Lippen.„Still,“ ſagte er flüſternd;„ſeht, Sophy ſchaut nach mir den Fluß hinauf. Ich wußte, daß ſie dieß thun würde— ich ſchlich mich abſichtlich auf dieſem Wege hieher— denn ich möchte Euch ſprechen, bevor ich ihren Fragen die Stirne bie⸗ ten kann.“ „Was gibts? Ihr beunruhigt mich,“ ſagte Lady Montfort, in⸗ dem ſie einen Theil des vom Fluſſe entfernteren Platzes erreichte, wo⸗ hin George ſchweigend vorangegangen war. „Nein, meine liebe Baſe, es iſt weniger Urſache zu Beunruhi⸗ gung als zu ängſtlicher Berathung vorhanden, und zwar noch über andere Gegenſtände, als diejenigen, die ſich unmittelbar auf unſern armen Flüchtling beziehen. Ihr wißt, daß ich lange davor zurückge⸗ bebt habe die Polizei bei unſern Nachforſchungen zu Hilfe zu nehmen. Ich fühlte zu gut, welchen Schmerz und welche Kränkung ein ſolcher ——,—.——.,—. r—‧;—,——-——— 5656&“ — 5⁵ Gebrauch derſelben Waife(laßt uns ihn fortwährend ſo nennen) ver⸗ urſachen würde, und die Entdeckung dieſes Umſtandes könnte ihn ſo⸗ gar veranlaſſen, ſich außer unſern Bereich zu begeben und England zu verlaſſen. Aber ſein langes Schweigen und meine Befürchtung, er möchte krank geworden ſeyn oder irgend einen Unfall gehabt haben, wie auch meine ernſten Beſorgniſſe vor der Wirkung, die eine uner⸗ leichterte Angſt auf Sophys Geſundheit hervorbringen könnte, veran⸗ laßten mich von meinen früheren Bedenklichkeiten abzugehen. Seit meinem letzten Beſuche hier habe ich mich an einen der höheren Poli⸗ zeibeamten gewendet, die an vertrauliche Nachforſchungen ähnlicher Art gewöhnt ſind. Tags darauf konnte er mir ſchon ſagen, er habe in Erfahrung gebracht, daß einer ſeiner Freunde, ein ehemaliger aus⸗ gezeichneter Agent der Entdeckungspolizei, ſchon ſeit Monaten beauf⸗ tragt ſei eine Perſon auszumitteln, die nach ſeiner Vermuthung die⸗ ſelbe ſey, um deren Entdeckung ich ihn angegangen, und zwar habe man ſeinem Freund etwas weniger Vorſicht und Delikateſſe zur Pflicht gemacht, als ich ihm aufgegeben habe. Der wahre Name des Flücht⸗ lings ſey dieſem Exagenten genannt worden— die Urſache des Suchens ſey, daß er ſeine Enkelin abgeführt habe und vor ihrem Vater ver⸗ berge. Ich konnte leicht bemerken, warum dieſe neue Aufſuchung bis⸗ her fehlgeſchlagen hatte, da Niemand daran gedacht, daß Waife ſich von Sophy getrennt haben könnte, und weil deßhalb die Nachforſchung weniger auf die Enkelin als auf den Großvater gerichtet war. Aber dieſe Nachforſchung hatte in letzter Zeit gänzlich aufgehört und zwar aus dem ſchrecklichen Grund, weil eine andere Abtheilung der Polizei ihr Auge auf den Vater gerichtet hatte, zu deſſen Gunſten die Nach⸗ ſuchung angeſtellt worden war. Dieſer Jaſper Loſely(ach, unſer armer Freund durfte wohl ſchaudern bei dem Gedanken, daß Sophy in ſeine Hände fallen könnte) beſucht die Höhlen der heilloſeſten und furchtbarſten Taugenichtſe von London. Er ſcheint eine Art Autori⸗ tät unter ihnen zu ſeyn; aber man hat keinen Beweis, daß er ſich bis jetzt irgendwie an ihren gewöhnlichen Unternehmungen betheiligt habe. — Er lebt verſchwenderiſch für eine Perſon in ſolcher Geſellſchaft(er bewirthet freche Geſellen, denen er durch eine Stärke und einen Muth, die als außerordentlich geſchildert werden, Furcht einjagt), aber ohne alle ſichtbare Mittel. Es ſcheint, daß der Exagent, der auf ſolche Art früher in Jaſper Loſelys Namen gebraucht worden, nicht von Jaſper ſelbſt in Pflicht genommen worden war, ſondern von einem Mr. Poole, einem Mann in ſehr reſpektabeln Umſtänden. Und der Exagent hielt es für recht dieſen Mr. Poole von Jaſpers üblem Ruf und zweideutiger Lebensweiſe in Kenntniß zu ſetzen und ſeinem Auf⸗ traggeber zu bemerken, daß es nicht gerathen ſeyn dürfte irgend eine Verbindung mit einem ſolchen Mann zu unterhalten, und daß es noch weniger geeignet erſcheine zur Zurückſtellung eines jungen Mädchens unter ſeine Obhut die Hand zu bieten. Darüber wurde Mr. Poole ſo unruhig und äußerte ſich ſo verworren über ſeine Beziehungen zu Jaſper, daß der Exagent gegen Poole ſelbſt Verdacht ſchöpfte und ſämmtliche Umſtände einem der Chefs ſeines früheren Dienſtes er⸗ zählte, durch welchen ſie zu dem Manne gelangten, den ich ſelbſt ange⸗ gangen hatte. Aber dieſer Exagent, der nach ſeiner letzten Be⸗ ſprechung mit Poole alle weitere Vermittlung abgelehnt, hatte ſeit⸗ dem durch einen Correſpondenten in einer Landſtadt, den er Anfangs angewandt, einen Leitfaden zu den neueren Wanderungen meines lieben alten Freundes erhalten, und ich denke, daß davon mehr zu hofſen iſt, als von Allem was ich bis jetzt in Erfahrung gebracht habe. Ihr erinnert Euch, daß Sophy, als wir ſie in Bezug auf etwaige Freunde in ihrem früheren Leben ausfragten, an die ſich Waife möglicher Weiſe gewendet haben könnte, als das Wahrſcheinlichſte erklärte, daß er zu einem Schuhflicker Namens Merle gegangen ſey, bei welchem ſie Beide einmal gewohnt hatten, und von dem er ihr oft mit großer Dankbar⸗ keit erzählt, daß er ihm zu ihrer eigenen Wiederauffindung geholfen und bei dieſer Gelegenheit eine ganz beſondere vertrauensvolle Freund⸗ lichkeit bewieſen habe. Aber Ihr werdet Euch auch erinnern, daß ich dieſen Merle nicht auffinden konnte; er hatte das Dorf in der Nähe 57 des Platzes, wo er den größeren Theil ſeines Lebens zugebracht, ver⸗ laſſen, nachdem er ſein beſcheidenes Handwerk vernachläſſigt in Folge ſonderbarer abergläubiſcher Beſchäftigungen, in welche er ſich, als er älter geworden, immer mehr verrannt hatte. Er war in Armuth verſunken; ſeine Effekten waren verkauft worden; er war wegge⸗ gangen, Niemand wußte wohin. Nun, der Exagent, den ſein Auf⸗ traggeber auch auf dieſen Merle aufmerkſam gemacht, hatte durch ſei⸗ nen Correſpondenten in Erfahrung gebracht, daß der Schuhflicker in Norwich lebe, wo er unter dem Namen„der weiſe Mann“ bekannt ſey, aber in beſtändiger Gefahr ſchwebe ins Zuchthaus geſchickt zu werden, weil er ſich mit Aſtrologie, Kryſtallſeherei und ſolchen einfäl⸗ tigen oder unerlaubten Kniffen abgebe. Sehr ſeltſam in der That und auch ſehr betrübend,“ fügte der Gelehrte hinzu, indem er Hände und Augen emporhob,„daß ein ſo begabter Mann wie unſer armer Freund jemals Bekanntſchaft mit einem Schuhflicker gepflogen haben ſoll, der ſich mit der Schwarzkunſt befaßt.“ „Sophy hat mir viel von dieſem Schuhflicker erzählt,“ ſagte Lady Montfort mit ihrem holdſeligen halben Lächeln.„Unter ſeinem Dach hat ſie Lionel Haughton zum erſten Mal geſehen. Aber wenn der arme Mann auch ein unwiſſender Enthuſiaſt ſeyn mag, ſo iſt er doch ihrer Darſtellung zufolge ein zu gutmüthiger und herzenseinfäl⸗ tiger Menſch, um abſichtlich zu betrügen.“ „George.—„Möͤglich. Aber um in meiner Geſchichte fortzu⸗ fahren: vor wenigen Wochen wohnte ein ältlicher lahmer Mann, be⸗ gleitet von einem Hund, der offenbar der arme liebe Sir Iſaak war, zwei Tage lang bei Merle in Norwich. Als ich dieß hörte, ging ich geſtern ſelbſt nach Norwich, ſah und ſprach Merle, und durch dieſen Mann hoffe ich leichter, delikater und ſchneller unſer Ziel zu erreichen. Offenbar kann er uns beiſtehen, und eben ſo offenbar hat Waife zu ihm nicht geſagt, daß er vor Sophy und vor Freunden, ſondern daß er vor Feinden und Verfolgern fliehe. Denn Merle, der für Ge⸗ ſchenke unzugänglich iſt und zuerſt unfreundlich und rauh war, wurde — — 58 beſänftigt, als meine ehrliche Neigung zu dem Flüchtling ihm klar wurde, und noch mehr, als ich ihm ſagte, wie unglücklich Sophy über das Verſchwinden ihres Großvaters ſey, und daß ihr Gram leicht ihrer Geſundheit ſchaden könnte. Und ſo trennten wir uns mit dem Verſprechen von ſeiner Seite, daß er, wenn ich ihm entweder Sophy ſelbſt(wovon natürlich nicht die Rede ſeyn kann) oder einige Zeilen von ihr bringe, die ihm durch Bezugnahme auf einige Umſtände, welche ſich zur Zeit ihres Aufenthalts unter ſeinem Dach zugetragen und da⸗ her blos ihr und ihm bekannt ſeyn können, beweiſen, daß der Brie von ihrer Hand ſey, und die Verſicherung enthalten, daß er zu Waifes Beſtem und auf ihre Bitte die Nachforſchungen nach ihrem Großvater ördern ſolle, und daß er mir unbedingt vertrauen könne, daß er dann alles Mögliche thun wolle um uns zu unterſtützen. So weit iſt alſo die Sache gut. Aber ich habe jetzt noch mehr zu ſagen und zwar in Bezug auf Sophy ſelbſt. Während wir ihren Großvater ſuchen, iſt die Gefahr für ſie nicht kleiner geworden. Dieſe Gefahr wurde mir nie ganz deutlich vor Augen geführt, bis ich wirklich von dem Polizei⸗ agenten den ſchrecklichen Charakter und die abſcheulichen Verbindungen des Mannes erfahren habe, der als Vater Anſprüche an ſie machen kann. Waife hat Euch allerdings geſagt, ſein Sohn ſey ein Ver⸗ ſchwender, ein ruchloſer, verworfener Menſch, der das Mädchen nicht aus natürlicher Liebe ſuche, ſondern nur als ein Werkzeug, das er roh und plump gebrauchen würde, um Mr. Darrell Geld abzupreſſen. Aber dieß bleibt ſehr weit hinter der furchtbaren Wirklichkeit zurück. Denkt Euch die Wirkung auf ihre bereits ſo herabgeſtimmten Nerven, ja ſogar auf ihr Leben, wenn dieſer freche Böſewicht ſich hier eindrängen und ſagen würde:„Kommt mit mir, Ihr ſeyd mein Kind.“ Und ſind wir ganz ſicher, daß ſie nicht aus irgend einem zarten und hoch⸗ herzigen Gewiſſensſkrupel ſich einbilden würde, es ſey ihre Pflicht zu gehorchen und ihm zu folgen? Je elender und freundloſer ſeine Lage iſt, um ſo eher könnte ſie es für ihre Pflicht anſehen ihm zur Seite zu ſtehen. Ich habe ſie von ihrer Kindheit auf ſtudirt. Sie iſt zu jedem klar ber icht dem phy ilen lche da⸗ Brie ifes ater ann alſo r in iſt mir izei⸗ agen chen Ver⸗ nicht roh ſſen. rück. ven, ngen Und hoch⸗ ht zu Lage te zu edem 59 Irrthum im Urtheil fähig, ſobald man ihr die Sache als die hin⸗ gebende Aufopferung einer Märtyrerin vor Augen führen kann. Ihr dürft wohl ſchaudern, liebe Baſe. Aber angenommen, ſie ließe ſich durch uns und hauptſächlich durch die Vorſtellung beherrſchen, daß ſie dadurch ihren geliebten Großvater verrathen und tödten würde, welche gewaltſamen und peinlichen Scenen könnten ſich nicht immerhin beim Widerſtand gegen die väterliche Gewalt dieſes Unholds zutragen! Welche ſchreckliche Publicität würde ſich für immer an ihren Namen heften! Und dieß iſt noch nicht Alles. Angenommen, ihr Vater ent⸗ decke ſie nicht, werde aber von ſeinen Genoſſen zu irgend einem Ver⸗ brechen verleitet und müſſe die geſetzliche Strafe erleiden— und bei dieſer Gelegenheit werde ihre Verwandtſchaft ſowohl mit dem Menſchen, vor welchem Ihr ſie ſchützen wollt, als mit dem Manne, deſſen Herd zu ſchmücken Ihr ſie ſo zärtlich auferzogen habt, plötzlich ans Licht ge⸗ zogen— würde nicht die Scham ſie tödten? Und welch ein qualvolles Herzeleid würde dieſe Entdeckung über Darrell bringen!“ „Oh Himmel!“ rief Caroline Montfort, weiß wie die Wand und ihre Hände ringend,„es überläuft mich eiskalt vor Angſt. Aber die⸗ ſer Mann kann nicht ſo tief geſunken ſeyn, wie Ihr beſchreibt. Ich habe ihn geſehen— habe mit ihm geſprochen in ſeiner Jugend— ich hoffte ihm damals in einem Werk der Verſöhnung, der Verzeihung beizuſtehen. Nichts an ihm ließ damals eine ſo furchtbare Verdorben⸗ heit ahnen. Er mochte eitel, ausſchweifend, ſelbſtſüchtig, falſch ſeyn — ach ja, falſch war er allerdings!— aber immerhin kann der Böſewicht, den Ihr ſchildert, der Spießgeſelle gemeiner Verbrecher nicht derſelbe ſeyn wie der fröhliche, geſchniegelte, parfümirte, hübſche Abenteurer, mit welchem meine unglückliche Spielgenoſſin aus ihres Vaters Haus entflohen iſt. Ihr ſchüttelt den Kopf— was rathet Ihr?“ „Euern eigenen Plan ſchnell auszuführen— auf einmal den ent⸗ ſchloſſenen Verſuch zu machen, dieſem armen Kinde ſeinen beſten, ſei⸗ nen rechtmäßigſten Beſchützer zu verſchaffen— Alles was geſchehen kann, um ſie vor Gefahr zu bewahren oder ihren Vater von etwaigen Bulwer, was wird er damit machen? VI. 5 — — 2—— —————— 60 Verzweiflungsſtreichen abzuhalten, Alles das, ſage ich, durch die Per⸗ ſon thun zu laſſen, die wirklich ein ſo überwiegendes Intereſſe dabei hat, deren Fähigkeit zur Beurtheilung und Beſchließung der weiſeſten Mittel ſo unendlich über Alles erhaben iſt, was innerhalb unſerer eigenen beſchränkten Lebenserfahrung liegt.“ „Aber Ihr vergeßt, daß unſer Freund mir geſagt hat, er habe ſich bei ſeiner Rückkehr nach England an Mr. Darrell gewendet, Mr. Darrell aber habe ſich entſchieden geweigert an die vorgebrachten An⸗ ſprüche zu glauben, und ihm im härteſten Tone erklärt, daß er, ſelbſt wenn Sophys Geburt bewieſen werden könnte, die Enkelin von William Loſely nicht unter ſeines Vaters Dach aufnehmen würde.“ „Es iſt wahr, und dennoch hofftet Ihr mit gutem Grund, daß Euch gelingen würde, was ihm, dem armen Auswürfling, fehlge⸗ ſchlagen hatte.“ „Ja, ja; ich hoffte, daß Sophy.— wenn ihre Manieren gebildet, ihre Erziehung vollendet, ihre ausgeſuchte natürliche Grazie ſo kulti⸗ virt und verfeinert wäre, daß die ſtolzeſte Verwandtſchaft noch ſtolz auf ſie ſeyn müßte— ich hoffte, daß ſie dann wie zufällig ihm unter die Augen gebracht werden könnte; daß ſie ihn intereſſiren und bezaubern, und daß auf ſolche Art der Anſpruch, wenn man ihn erhöbe, mit Entzücken willkommen geheißen würde. Mr. Darrells plötzliche Rückkehr in eine ſo ſtrenge Abgeſchloſſenheit ſchneidet die Gelegenheit ab, die man leicht hätte finden oder machen können, wenn er in London geblieben wäre. Aber plötzlich gewaltſam einen An⸗ ſpruch zu erneuern, den ein ſolcher Mann verworfen hat, ihn zu er⸗ neuern, bevor er das liebe Kind geſehen— bevor ſein Herz und ſein Geſchmack für das Mädchen geſprochen haben— wer möchte das wagen? oder wer könnte, wenn er es wagte, auf Erfolg hoffen?“ „Meine liebe Lady Montfort, meine edle Baſe, mit einem Ruf ſo fleckenlos wie der Hermelin Eures Kleides— wer anders als Ihr?“ „Wer anders als ich? Jedermann beſſer. Mr. Darrell würde einen Brief von mir nicht einmal durchleſen.“ ☛ 98 2 AAͤú S.——„ 61 George ſchaute erſtaunt auf. Carolinens Geſicht war ein Bild der Betrübniß— ihre Haltung verkündete tiefe gedemüthigte Nieder⸗ geſchlagenheit. „Unglaublich!“ ſagte er endlich.„Ich habe immer vermuthet, und das meinte auch mein Onkel, daß Darrell irgend einen Grund habe ſich über Eure Mutter zu beklagen. Vielleicht mochte er ange⸗ nommen haben, ſie habe ſeine Tochter nicht genügend überwacht oder über den Charakter der Gouvernante, welche ſie ihm empfahl, nicht die hinreichenden Erkundigungen eingezogen; dieß mochte dann zwiſchen Darrell und Eurer Mutter eine Entfremdung herbeigeführt haben, welche nicht ermangeln konnte ſich einigermaßen auf Euch ſelbſt zu erſtrecken. Aber ſolche Mißverſtändniſſe koͤnnen ſicherlich jetzt leicht beſeitigt werden. Wie könnt Ihl davon ſprechen, daß er einen Brief von Euch nicht leſen würde? Als ob ich mich nicht aus der Zeit, wo ich bei meinem Schulkameraden, ſeinem Sohn, auf Beſuch war, ganz genau erinnerte, welchen Einfluß Ihr, ſelbſt noch ein bloßes Kind, auf dieſen ernſten beſchäftigten Mann hattet, der ſich damals auf dem Höhepunkt ſeiner Laufbahn befand— wie Ihr allein ohne Angſt in ſein Arbeitszimmer rennen konntet— wie Ihr allein das Vorrecht hattet ſeine Bücher zu ordnen, ſeine Papiere zu ſortiren, ſo daß wir zwei Jungen Euch mit feierlicher Verehrung anſchauten als die Ver⸗ wahrerin aller ſeiner Staatsgeheimniſſe— wie vergebens Ihr dieſe arme ſchüchterne Matilda zu einer Betheiligung bei Eurer eigenen Kühnheit zu verlocken ſuchtet!— Iſt nicht alles das wahr?“ „Oh ja, ja— alte Tage, entſchwunden für immer!“ „Erinnere ich mich nicht, wie Ihr mir verſprachet, ich ſolle, bevor ich nach der Schule zurückgehe, Darrell vorleſen hören— wie Ihr ihm Abends einen Band von Milton brachtet— wie er ſagte: Nein, morgen Nacht; ich muß jetzt ins Unterhaus gehen; wie ich mich ver⸗ wunderte, als ich Euch kühn antworten hörte: Morgen Nacht wird George uns verlaſſen haben, und ich habe ihm verſprochen, er ſolle Euch vorleſen hören— und wie er, mit ſanſtem Ernſt unter dieſen dunkeln 5* 62 Brauen Euch anſchauend ſagte: Ganz recht; Verſprechungen müſſen, wenn ſie einmal gegeben ſind, gehalten werden. Aber war es nicht voreilig im Namen eines Andern Etwas zu verſprechen?? Worauf Ihr halb freundlich, halb trotzig erwiedertet: Als ob Ihr mir Etwas abſchlagen könntet! Er nahm das Buch ohne ein weiteres Wort und las. Welch ein Vorleſen war das! Und erinnert Ihr Euch nicht, wie Ihr ein andermal—“ Lady Montfort(mit nervöſer Ungeduld ins Wort fallend).— „Ja, ja— ich brauche mir nicht erſt Alles ins Gedächtniß zurück⸗ zurufen! Er war der gütigſte, edelſte, ſanftmüthigſte Freund gegen ein ausgelaſſenes unbeſonnenes Kind, das nicht im Stande war dieſen Segen zu ſchätzen. Aber jetzt, George, wage ich es nicht an Mr. Darrell zu ſchreiben, ich kann ihm tcht ſchreiben.“ George ſann einen Augenblick nach und kam auf die Ver⸗ muthung, Lady Montfort habe in unbedachtem Jugenddrang zu der heimlichen Verheirathung von Darrells Tochter mitgeholfen, und erinnere ihn ſomit nothwendig an all den Kummer, der ſeine Exiſtenz verbittert hatte. Wenn es ſich ſo verhielt, ſo war ſie allerdings nicht die geeignete Vermittlerin zu Gunſten Sophys. Er dachte jetzt an ſeinen Onkel, Darrells früheſten Freund, denn er ahnte nicht, daß Oberſt Morley wirklich derjenige Mann war, welchen Darrell bereits als ſeinen Rathgeber und Vertreter bei allen etwaigen Verhandlungen über die in Frage ſtehende Angelegenheit aufgeſtellt hatte. Aber juſt als er den Vorſchlag machen wollte an Alban zu ſchreiben, daß er nach England zurückkomme, um ihn ins Vertrauen und zur Berathung ziehen zu koͤnnen, ſagte Lady Montfort in ruhigerem Ton und mit weniger aufgeregtem Geſicht:„Wer ſollte die Sache einer Perſon, deren Anſprüche im Fall ihrer Anerkennung ſeine eigenen Glücksum⸗ ſtände aufs Innigſte berühren würden, beſſer verfechten können, als Lionel Haughton? Halt! Schauet dorthin, wo ſie jetzt zum Vor⸗ ſchein kommen— dort bei der Oeffnung im Immergrün. Dürfen wir nicht hoffen, daß die Vorſehung, indem ſie dieſe zwei ſchönen Leben iſſen, nicht vrauf twas t und nicht, .— trück⸗ gegen dieſen Mr. Ver⸗ u der und iſtenz nicht zt an daß ereits ngen r juſt nach hung Smit erſon, sum⸗ „ als Vor⸗ mwir Leben 63 zuſammenbringt, eine Löſung der Schwierigkeiten gibt, die unſer Handeln durchkreuzen und unſer Urtheil hemmen? Ich erdachte und entwarf einen wonnevollen Roman im erſten Augenblick, wo ich aus Sophys kunſtloſen Mittheilungen die Wirkung erſah, welche ihr erſtes Zuſammentreffen mit Lionel in ihrer Kindheit, ſeine brüderliche ritter⸗ liche Freundlichkeit und vor Allem die zufälligen Worte, die er fallen ließ, die ihr ein Leben voll Wechſel und Verſtellung entleideten und ihr die Inſtinkte ihrer eigenen ehrlichen wahrhaftigen Natur ent⸗ hüllten, auf ihre ganze Art zu denken und zu fühlen hervorgebracht hatten. Eine Verbindung zwiſchen Lionel Haughton und Sophy ſchien mir das allerglücklichſte Ereigniß zu ſeyn, was Guy Darrell je zuſtoßen könnte. Die beiden Zweige ſeiner Familie vereinigt— ein peinliches Familiengeheimniß auf den Kreis ſeiner eigenen Verwandt⸗ ſchaft beſchränkt— ſelbſt bei der Annahme, daß Sophys Anſprüche nicht vollkommen aufgeklärt würden, ſondern einem qualvollen Zweifel unterworfen blieben, dennoch ihre Zukunft geſichert, ihre möglichen Rechte feſtgeſtellt— Darrells Gewiſſen und Stolz mit einander ver⸗ ſöhnt. Und wie würde er, ſelbſt wenn er ſie nur als Frau ſeines jungen Vetters betrachtete, dieſe ſo ausgeſuchte, ſo herrliche Natur lieben lernen!“ Lady Montfort pauſirte einen Augenblick und fuhr dann fort:„Als ich hörte, daß Darrell im Begriff ſtehe wieder zu heirathen, gerieth mein Plan nothwendig ins Stocken.“ „Allerdings,“ ſagte George,„wenn er eine neue Verbindung einginge, ſo würde Sophy weniger Bedeutung in ſeiner Exiſtenz haben, ob er nun ihre Geburt anerkennen würde oder nicht. Die Vermählung zwiſchen ihr und Lionel würde viel von ihren Vortheilen verlieren, und jede Vorſtellung, die man zu Sophys Gunſten an ihn richten könnte, würde noch unfreundlicher aufgenommen werden.“ Lady Montfort.—„In dieſem Fall hatte ich beſchloſſen Sophy förmlich zu adoptiren; von meinem überflüſſigen Einkommen eine anſehnliche Mitgift für ſie bei Seite zu legen; und ob nun Mr. Darrell es je erfahren hätte oder nicht, ſo hätte ich wenigſtens die — — — 64 geheime Freude gehabt zu denken, daß ich ihn vor der Gefahr ſpäter Reue beſchütze, im Fall ſie, wie wir glauben, wirklich ſeiner Tochter Kind iſt und verlaſſen in die Welt hinausgeſtoßen worden wäre;— ja, ich hätte mich an dem ſtillen Bewußtſeyn erfreut als Mutter ein Kind geſchützt und gepflegt zu haben, deſſen rechtmäßige Heimath bei Dem⸗ jenigen wäre, der mich ſelbſt in meiner Kindheit beſchützt und gepflegt hatte.“ George(ſehr ergriffen).—„Wie doch, je mehr wir Euch kennen lernen, die Schönheit, die Ihr vor der Welt verhüllet, diejenige ver⸗ dunkelt, deren Anblick Ihr der Welt nicht zu entziehen vermöget! Aber Ihr müßt Euer beſſeres Urtheil nicht durch dieſen dankbaren Enthuſiasmus blenden laſſen. Ihr denket, daß dieſe jungen Leute jetzt anfangen wirklich an einander anhänglich zu werden. Dann iſt es um ſo nöthiger, daß man ſo bald als möglich erfährt, wie Mr. Darrell eine ſolche Verbindung anſehen würde. Ich bin ſeiner Ein⸗ willigung nicht ſo ſicher, wie Ihr zu ſeyn ſcheint. Jedenfalls müßte dieß genau ermittelt werden, bevor ihr Glück ernſtlich in die Sache verwickelt wird. Ich gebe Euch zu, daß Lionel der beſte Vermittler iſt, um für Sophy zu ſprechen, und ſchon ſeine Großmuth in Betrei⸗ bung ihrer früheren Anſprüche auf ein Vermögen, das im andern Fall ihm ſelbſt zufallen könnte, wird wahrſcheinlich Gewicht haben bei einem Mann, der ſelbſt ſo großherzig iſt, wie Jedermann von Guy Darrell glaubt. Aber weiß Lionel ſchon Alles? Habt Ihr es ſchon gewagt ihm oder auch Sophy ſelbſt den Charakter ihrer Anſprüche an den Mann anzuvertrauen, der dieſe Anſprüche ſo ſtolz verleugnet?“ „Nein— ich glaubte es Sophys Geſchlechtsſtolz ſchuldig zu ſeyn, ihr zu verſtehen zu geben, daß ſie in Bezug auf Vermögen und ſociale Stellung zur Gleichheit mit Denjenigen berechtigt wäre, mit denen ſie hier zuſammentreffen könnte. Und das iſt wahr, wenn man ſie auch blos als das Kind betrachtet, das ich adoptire und reich mache. Mehr habe ich nicht geſagt. Und erſt ſeit Lionel zum Vorſchein ge⸗ kommen iſt, hat ſie einiges Intereſſe für ihre etwaigen verwandtſchaft⸗ —— e A 6⁵ lichen Verhaͤltniſſe an den Tag gelegt. Vor der Erinnerung an ihren Vater bebt ſie natürlich zurück— ſie erwähnt ſeinen Namen nie. Aber vor zwei Tagen fragte ſie ängſtlich und mit einem ſtarken Far⸗ benwechſel auf ihrem Geſicht, ob ſie durch ihre Mutter zu einem höheren Rang berechtigt ſey, als ſie bisher gewußt habe; und als ich es bejahte, da ſeufzte ſie und ſagte: Aber mein lieber Großvater hat mir niemals von ihr erzählt; er hat ſogar meine Mutter nie ge⸗ ſehen.“ George.—„Und vermuthlich ſprecht auch Ihr nicht gerne von dieſer Mutter. Ich habe, ohne daß Ihr es ſelbſt bemerktet, von Euch erfahren, daß ſie keine Perſon war, die großes Lob von Euch verdiente; und mir als Knaben ſchien ſie bei all ihrer Schüchternheit launenhaft und heimtückiſch zu ſeyn.“ Lady Montfort.—„Ach! wie bitter muß ſie gelitten haben — und wie jung war ſie noch! Aber Ihr habt Recht; ich kann mit Sophy nicht von ihrer Mutter ſprechen, dieſer Gegenſtand regt allzu vielen Kummer auf. Aber ich ſagte ihr, ſie werde bald Alles er⸗ fahren, und da antwortete ſie mit holdſeliger und melancholiſcher Ge⸗ duld: Wenn mein armer Großvater dabei ſeyn wird und es hören kann; ich kann warten.“ George.—„Aber iſt Lionel mit ſeinem raſchen Verſtand und ſeiner geſchäftigen Einbildungskraft eben ſo geduldig? Erräth er die Wahrheit nicht? Ihr habt ihm geſagt, daß Ihr auf einen Plan ſinnet, der Guy Darrell berühre, und Ihr habt ihm das Verſprechen abgenommen ſeine Beſuche in dieſem Hauſe gegen Darrell zu ver⸗ ſchweigen.“ Lady Montfort.—„Er weiß, daß Sophys Großvater väter⸗ licher Seite William Loſely war. Von Eurem Onkel hat er William Loſelys Geſchichte gehört und—“ George.—„Von meinem Onkel Alban?“ Lady Montfort.—„Ja; der Oberſt war mit dem ältern Loſely in frühern Tagen wohl bekannt, und hat ſich gegen Lionel mit großer 66 Zuneigung über ihn ausgeſprochen. Es ſcheint, daß Lionels Vater ihn ebenfalls kannte und ihn durch Leichtſtnn in ſeine eigenen pe⸗ kuniären Schwulitäten verwickelte. Lionel war noch nicht lange mein Hausfreund, als er mich ganz auf einmal fragte, ob Mr. Waifes wahrer Name nicht Loſely ſey? Ich mußte es geſtehen, bat ihn aber mich für den Augenblick nicht weiter zu fragen. Er ſagte dann mit großer Bewegung, er habe eine ererbte Schuld an William Loſely ab⸗ zutragen, und er ſey der Letzte, der den Glauben an die Unſchuld des alten Mannes bei einem Verbrechen, wofür das Geſetz ihn beſtraft habe, aufgeben oder, im Fall die Unſchuld ſich nicht beweiſen ließe, hart über ihn urtheilen würde. Ihr erinnert Euch, mit welchem Eifer er ſich bei Eurer Nachforſchung betheiligte, bis Ihr ihm entſchieden jedes Dazwiſchentreten verbotet, weil Ihr fürchtetet, unſer armer Freund möchte, wenn er von Nachfragen von Seiten eines Menſchen hörte, den er nicht als Freund anerkennen, ſondern möglicher Weiſe als einen Sendling ſeines Sohnes betrachten könnte, ſich noch größere Mühe geben um im Verborgenen zu bleiben. Aber von dem Augen⸗ blick an, wo Lionel erfuhr, daß Sophys Großvater William Loſely ſey, wurde ſein Benehmen gegen Sophy noch zarter und ehrerbietiger. Dieſer junge Mann iſt eine herrliche Natur. Aber hat Euer Onkel Euch nie von William Loſely erzählt?“ „Nein. Ich wundere mich nicht darüber. Mein Onkel Alban vermeidet peinliche Gegenſtände. Ich wundere mich blos darüber, daß er im Geſpräch mit Lionel einen peinlichen Gegenſtand wieder hervorgerufen hat. Aber jetzt begreife ich, warum Waife, als er mei⸗ nen Namen zum erſten Mal hörte, ſo ergriffen ſchien und mir ſo dringend ans Herz gelegt hat, bei meinen Freunden und Verwandten ſeiner nicht zu erwähnen und ihn nicht zu beſchreiben. Dann weiß Lionel alſo Loſelys Geſchichte, aber die Verbindung ſeines Sohnes mit Darrell wird er wohl nicht wiſſen?“ „Gewiß nicht. Er weiß blos, was man ſich allgemein erzählt, daß Darrells Tochter mit einem Mr. Hammond, einem Mann von 67 untergeordneter Geburt, entflohen und im Ausland geſtorben ſey mit Hinterlaſſung eines einzigen Kindes, das ebenfalls nicht mehr lebe. Gleichwohl vermuthet Lionel— und die Art, wie ich ihm Verſchwiegen⸗ heit einſchärfte, muß ihn in dieſer Vermuthung beſtärken— daß die Loſelys auf die eine oder andere Art mit Darrells Familiengeſchichte in Verbindung ſtehen. Still! Ich höre dort ſeine Stimme— ſie kommen.“ „Meine liebe Baſe, laßt es alſo zwiſchen uns ausgemacht ſeyn, daß Ihr Lionel offen und unverzüglich die ganze Wahrheit, ſo weit ſie uns ſelbſt bekannt iſt, mittheilet und es ihm anheimſtellet, wie er am beſten und rührendſten Darrell zu Gunſten dieſes Kindes ſtimmen will, für deſſen natürlichen Beſchützer wir ihn halten. Ich will mei⸗ nen Onkel erſuchen nach England zurückzukommen und uns in dieſem guten Werk zu unterſtützen. Mittlerweile werde ich Sophy blos gute Nachrichten mitzutheilen haben, da ich neue Hoffnungen beſitze ihren Großvater durch Merle ausfindig zu machen.“ Hier traten Lionel und Sophy, als die Sonne eben unterging, hervor;— über ihren Häuptern die weſtlichen Wolken in Gold und Purpur gebadet. Als Sophy George bemerkte, ſprang ſie heran und gelangte athemlos an ſeine Seite. Fünftes Kapitel. Nachdem Lionel Haughton ſein Herz verloren hat, iſt es keine Frage mehr, was Er damit machen wird. Aber was damit gemacht werden wird, iſt wirklich eine ſehr wichtige Frage. Lionel kam Lady Montfort in der delikaten und ſchwierigen An⸗ gelegenheit, um deren Mittheilung ihr Vetter ſie ſo dringend gebeten hatte, zuvor. Denn während George Sophy wegführte, und ihr von ſeiner Reiſe nach Norwich, ſo wie von ſeiner Beſprechung mit Merle erzählte, zog Lionel Lady Montfort ins Haus und flehte ſie mit großer 68 Aufregung und in ſehr haſtiger Sprache um Zurücknahme des Ver⸗ ſprechens an, das ihm verbot ſeinem Wohlthäter mitzutheilen, wie und wo er ſeine letztverfloſſene Zeit zugebracht habe. Er brach mit einer Erklärung der Liebe hervor, die Sophy ihm eingeflößt habe, einer Erklärung, auf welche Lady Montfort wohl gefaßt ſeyn mußte „Nur die Ehrfurcht vor ihrer mehr als kindlichen Angſt in dieſem Augenblick,“ ſagte er,„konnte mein Herz ſo lange ſchweigend erhalten. — Aber dieſes Herz iſt ſo gründlich vergeben— es gehört ſo vollſtändig ihr— daß es eine Undankbarkeit, eine Unehrerbietigkeit gegen meinen großmüthigen Vetter wäre, wenn ich ihm noch länger die Gefühle ver⸗ ſchweigen wollte, die meinem ganzen künftigen Leben ſeine Farbe geben b müſſen. Auch kann ich nicht zu ihr ſagen: Könnt Ihr meine Nei⸗ gung erwiedern?— wollt Ihr meine Gelübde anhören?— wollt Ihr ſie am Altar annehmen?— bis ich die Einwilligung des Mannes, der mir mehr als Vater iſt, gewonnen habe, woran ich gar nicht zweifle.“ „Ihr ſeyd überzeugt, daß Ihr dieſe Einwilligung gewinnen wer⸗ det, trotz des Fleckens, der an ihres Großvaters Namen haftet?“ „Wenn Darrell erfährt, daß dieſer Name ohne meines armen Vaters Verſchuldung jetzt fleckenlos ſeyn könnte— ja! Ich bin nicht Mr. Darrells Sohn— der Fortpflanzer ſeiner Linie. Ich glaube noch, daß er ſich neu verheirathen wird. Von meiner Mutter Seite her kann ich mich keiner Ahnen rühmen, und Ihr habt mir ſelbſt zu⸗ 8 gegeben, daß Sophys Mutter von edler Geburt war. Alban Morley ſagte mir, als ich ihn das letzte Mal ſah, Darrell wünſche mich zu verheirathen und laſſe mir die Wahl meiner Braut vollkommen frei. Ja; — 5 ich zweifle nicht an Mr. Darrells Einwilligung. Meine liebe Mutter wird an ihrem Herzen das Kleinod, nach welchem ſich das meinige ſo 4 innig ſehnt, willkommen heißen, und Charles Haughtons Sohn wird für William Loſelys alte Tage Platz an ſeinem Herde haben. Nehmt W — 8 Euer Verbot ſogleich zurück, theuerſte Lady Montfort, und vertrauet mir Alles, was Ihr bisher unerklärt gelaſſen, aber zu enthüllen ver⸗ 1 ſprochen habt, wenn die Zeit käme. Die Zeit iſt gekommen.“ „Sie iſt gekommen,“ ſagte Lady Montfort feierlich,„und Gott gebe, daß ſie die geſegneten Reſultate bringe, welche ich vor Augen hatte, als ich Sophy als meine eigene Adoptivtochter aufnahm, und in Euch den Verſöhner widerſtreitender Verhältniſſe begrüßte. Nicht unter dieſem Dach ſollt Ihr um William Loſelys Enkelin freien. Ihr ſeyd doppelt verpflichtet Guy Darrells Einwilligung und Segen zu erbitten. An ſeinem Herde werbet um Eure Sophy, von ſeinen Hän⸗ den verlanget eine Braut in ſeiner Tochter Kind.“ Und Caroline Montfort entwickelte ihrem ſtaunenden Zuhörer ihre Gründe für den Glauben, daß die letzte der Darrells und die Enkelin des Verbrechers eine und dieſelbe Perſon ſeyen. Sechstes Kapitel. Leichtgläubige Kryſtallſeher, junge Liebhaber und ernſte weiſe Männer— Alle in derſelben Kategorie. George Morley reiste am nächſten Tag nach Norwich, in welcher alten Stadt ſeit der Zeit, daß der Däne ſie bevölkerte, immer ein Zau⸗ berer oder eine Hexe, ein Sternleſer oder Kryſtallſeher einen geheim⸗ nißvollen Ruhm genoſſen, und auf ſolche Art durch alle Wechſel im geſellſchaftlichen Fortſchritt unſeres Landes hindurch die lange Linie der Wala und Saga fortgepflanzt hat, die mit den Raben und Wal⸗ kyren von Skandinaviens ſichtenbewachſenen Ufern kamen. Merles Rückhaltſamkeit verſchwand, als er Sophys Brief geleſen hatte. Er ſagte George, Waife habe erklärt, daß er Geld im Ueberfluß beſitze, und er habe ſogar ihm, Merle, ein Anlehen aufgedrungen; aber Waife habe ihm auch geſagt, daß er ein thätiges herumziehendes Leben liebe; dieß bewahre ihn vor dem Denken, und ein Hauſtrerspack verſchaffe ihm nicht blos einen Freiſchein zum Vagabundiren, ſondern auch ein Budget, um die Koſten dieſes Lebens zu beſtreiten; er habe Merle 3 70 über die Wahl leichter, populärer Waaren, ſo wie über den Weg, wo b er wohl am wenigſten Concurrenten finden würde, um Rath gefragt. Merle verſtand ſich bereitwillig dazu George bei der Aufſuchung des Landſtreichers zu begleiten, den er mit Hilfe ſeines Kryſtalls auszu⸗ mitteln und ausfindig zu machen vollkommen überzeugt ſchien. Dem⸗ gemäß brachen ſie nach dem etwas abgelegenen und ungeebneten Wege auf, welchen Merle, der unter der uralten Profeſſion der Hauſirer viel⸗ jährige Bekanntſchaften beſaß, Waife angerathen hatte. Da jedoch Merle unglücklicher Weiſe mehr auf ſeinen Kryſtall als auf Waifes feſtes Beharren bei der vorgeſchriebenen Bahn vertraute, ſo veran⸗ laßte er den Orforder Gelehrten zum Leben eines Irrwiſches; ſie ſchoſſen im Zickzack auf und ab und hin und her, bis Merle zufällig, als George alle Geduld verloren hatte, nicht im Kryſtall, ſondern auf dem Nacken einer Pächterstochter eine Pelerine erblickte, von welcher er moraliſch gewiß war, daß er ſie ſelbſt für Waifes Korb ausgewählt hatte. Da nun das Madchen auf ſeine Fragen zur Antwort gab, ihr Vater habe dieſe Pelerine vor wenigen Tagen als Geſchenk für ſie von einem Hauſirer in einer benachbarten Stadt gekauft, auf deren Markt der Pächter wöchentlich komme, ſo entwarf Merle ein Stunden⸗ ſchema, und da er das dritte Haus(von kurzen Tagen) in günſtigem Aſpekt zu dem ſiebenten Haus(welches den gewünſchten Gegenſtand enthielt), und in Verbindung mit dem eilften Hauſe(Freunde) fand, ſo erklärte er dem Gelehrten mit großem Ernſt, daß ihre Mühſelig⸗ keiten zu Ende, und daß die Stunde und der Mann nahe bei der Hand ſeyen. Nicht allzu ſanguiniſch vertraute George ſich ſelbſt und den Seher einem Frühzug an und erreichte die famöſe Stadt Ouzel⸗ ford, wohin wir, ſobald die chronologiſche Ordnung unſerer Erzählung (der wir in ſo fern etwas vorgegriffen haben) es geſtatten wird, den wißbegierigen Leſer zu führen gedenken. — Mittlerweile kehrte Lionel, der ſich ohne Murren in Lady Mont⸗ forts Verlangen fügte, daß er Sophy nicht mehr ſehen ſolle, bis er bei Darrell angefragt und ſeine Zuſtimmung gewonnen habe, voll von ſanguiniſchen Hoffnungen und in freudiger Aufregung nach ſeiner Wohnung in London zurück. Seine Abſicht war ſogleich nach Faw⸗ ley aufzubrechen; aber als er in die Stadt kam, traf er dort einige Zeilen von Darrell ſelbſt als Antwort auf einen langen und liebreichen Brief, welchen Lionel wenige Tage vorher geſchrieben, und worin er um Erlaubniß gebeten hatte das alte Schloß zu beſuchen; denn in⸗ mitten all ſeiner abſorbirenden Liebe zu Sophy erhob ſich das Bild ſeines einſamen Wohlthäters in dieſer düſteren Einſiedelei oft vor ſei⸗ nen Augen. In dieſem Brieſchen lehnte Darrell nicht unfreundlich, aber doch ſehr entſchieden Lionels Vorſchläge ab.„In Wahrheit, mein lieber junger Vetter,“ ſchrieb der Klausner,„in Wahrheit, ich befinde mich in einer langſamen und mit häufigen Rückfällen verbun⸗ denen Reconvalescenz von einem moraliſchen Fieber. Meine Nerven ſind noch abgeſpannt. Ich bin wie ein Menſch, dem die vollſtändigſte Ruhe vorgeſchrieben iſt. Beſuche, ſelbſt der theuerſten Freunde, ſind als eine gefährliche Aufregung verboten. Euer Anblick— der An⸗ blick irgend einer Perſönlichkeit aus der vornehmen Welt— aber be⸗ ſonders der Anblick eines Menſchen, deſſen reiche Lebenskraft voll Jugend und Hoffnung meiner eigenen matten Erſchöpfung Trotz bietet und ihrer ſpottet, würde mich blos aufreizen, ſtören und quälen. Wenn ich ganz wohl bin, werde ich Euch erſuchen zu kommen. Ich werde mich an Eurem Beſuch erfreuen. Bis dahin laßt unter keinen Um⸗ ſtänden und unter keinem Vorwand mein krankhaftes Ohr den Ton Eures Fußtrittes auf meinem ſtillen Boden vernehmen. Schreibet mir oft, aber Nichts von den Neuigkeiten und Klatſchereien der Welt. Erzählet mir blos von Euch ſelbſt, von Euern Studien, Euern Ge⸗ danken, Euern Gefühlen, Euern Wünſchen. Und vergeßt meine Mah⸗ nungen nicht. Heirathet jung, heirathet aus Liebe; laßt kein ehr⸗ geiziges Verlangen nach Macht, keine Begierde nach Gold Euch je verleiten Eurem Leben eine Gefährtin zu geben, die nicht die Hälfte Eurer Seele iſt. Wählet mit dem Herzen eines Mannes; ich weiß,⸗ daß Ihr mit der Selbſtachtung eines Gentleman wählen werdet; und —————— — ſeyd zum Voraus verſichert der Sympathie und Genehmigung Eures „groben, aber liebenden Vetters.“ Nach dieſem Brief ſah Lionel ein, daß er unter allen Umſtänden nicht ſogleich und dem Verbote zum Trotz nach dem alten Schloß rei⸗ ſen konnte. Er ſchrieb eine kurze Antwort. Er bat Darrell um Ver⸗ zeihung, wenn er auf der Bitte beharre in Fawley empfangen zu werden, aber ſein Verlangen nach einer perſönlichen Beſprechung ſey jetzt auf einmal beſonders dringend geworden; es betreſſe nicht blos ihn ſelbſt, ſondern gehe auch ſeinen Wohlthäter an. Darrell erwie⸗ derte umgehend mit kurzer Kälte, und wiederholte ſogar mit Strenge ſeine Weigerung Lionel zu empfangen, erklärte ſich jedoch bereit Alles zu beachten, was ſein Vetter ihm ſchriftlich melden würde.„Wenn es,“ ſchrieb Darrell mit ſeiner gewöhnlichen Ironie,„wie Ihr ſagt, eine Sache iſt, die mich ſelbſt angeht, ſo verlange ich als Advokat in meinen eigenen Angelegenheiten— eine Vorſichtsmaßregel, die ich einſt meinen Clienten zur Pflicht machte— daß immer ein geſchriebener Brief einer perſönlichen Berathung vorangehe.“ In der That vermuthete der ſtolze Mann, Lionel möchte mittel⸗ bar oder unmittelbar zu Gunſten Jaſper Loſelys angegangen worden ſeyn, und dieß war wahrlich der letzte Gegenſtand, über welchen er ſeinem jungen Vetter eine Beſprechung bewilligt haben würde. Unſerm Lionel war es indeß vielleicht nicht unlieb, daß er auf ſolche Art ge⸗ zwungen war ſeine eigene und Sophys Sache dem Papier anzuver⸗ trauen. Darrell gehörte zu den Männern, deren Gegenwart eine gewiſſe Scheu einflößt— zu den Männern, die wir bei großen Ver⸗ anlaſſungen mit weit weniger Verlegenheit ſchriftlich, als in Perſon angehen. Lionels Feder bewegte ſich raſch— ſein ganzes Herz, ſeine ganze Seele ergoſſen ſich im Gefühl, und mit raſchen Zügen erinnerte er Darrell an den Tag, wo er dem reichen Manne von dem lieblichen Vagabundenkind erzählt hatte, und wie aus ſeinem Mitgefühl für dieſes Kind Darrells beifällige, väterlich pflegende Zärtlichkeit gegen ihn ſelbſt erwachſen war. So habe er mittelbar ihrer verlaſſenen ——A=» 2☛ Lage den Beginn ſeines eigenen Glückes zu verdanken gehabt. Er erzählte die Geſchichte William Loſelys, wie er ſie von Alban Morley gehört hatte, und berührte pathetiſch ſeines eigenen Vaters Antheil an dieſer dunkeln Angelegenheit. Wenn William Loſely ſich wirklich durch die verſucheriſche Noth um eine vergleichungsweiſe unbedeutende Summe zu einem Verbrechen hatte treiben laſſen, würde denn ohne Charles Haughton dieſe Noth entſtanden ſeyn? Beredt vereinigte dann der Liebhaber Großvater und Enkelin in einem und demſelben rührenden Gemälde— er ſchilderte ihre gegenſeitige Liebe, ihr unbe⸗ dingtes Vertrauen zu einander. Er verbreitete ſich über Sophys höchſt einnehmenden, unſelbſtſüchtigen, einfachen, edlen Charakter; er erzählte, wie er ſie wieder gefunden; er verweilte bei den Vorzügen feinſter Bildung, welche ſie der Sorgfalt Lady Montforts verdanke. Wie kam ſie zu Lady Montfort? Warum hatte Lady Montfort ſie liebgewonnen, ſie an Kindesſtatt angenommen? Weil Lady Mont⸗ fort ihm ſagte, wie viel ihre eigene Kindheit Darrell verdanke; weil, wenn Sophy, wie behauptet wurde, das Kind ſeiner Tochter, die Erbin ſeiner Linie war, Caroline Montfort ihre Freude darein ſetzte ſie vor Gefahr zu ſchützen, vor Armuth zu bewahren und endlich fähig zu machen, daß er ſie nicht blos mit Freuden, ſondern auch mit Stolz anerkennen konnte. Warum hatte man ihm eingeſchärft Darrell Nichts davon zu ſagen, daß er das Kind, welches Darrell ſelbſt, ohne noch von ſeinen Anſprüchen zu wiſſen, vergebens und mit Abſichten wohlwollender Unterſtützung hatte aufſuchen laſſen, wieder gefunden, und zwar unter Lady Montforts Dach gefunden habe? Weil Lady Montfort ihre Aufgabe zu erfüllen, Sophys Erziehung, die durch den Kummer um ihren vermißten Großvater unterbrochen wurde, zu ver⸗ vollſtändigen und für den Fall, daß William Loſely zurückkehrte, wirk⸗ lich einige Beweiſe(wenn ſolche vorhanden waren) für die behauptete Verwandtſchaft Sophys zu erhalten wünſchte.„Und,“ fügte Lionel hinzu,„Lady Montfort ſcheint zu fürchten, daß ſie Euch Urſache zu Mißvergnügen gegeben habe— was ich nicht weiß, was aber Euch veranlaßt haben könnte die Bekanntſchaft zu mißbilligen, die ich mit ihr begonnen habe. Dem ſey wie ihm wolle, ich wünſchte nur. Ihr könntet die Ehrerbietung hören, womit ſie immer auf Euern Werth anſpielt— die Dankbarkeit, womit ſie ihrer Mutter und ihre eigenen aus ihrer Jugendzeit ſtammenden Verpflichtungen gegen Euern Ver⸗ ſtand und Euer Herz zu erkennen gibt.“ Schließlich verwob Lionel alle ſeine Erzählungsfäden in das Bekenntniß der innigen Liebe, zu welcher ſeine romantiſchen Erinnerungen an Sophys wandernde Kind⸗ heit durch den Anblick ihrer anmuthvollen ausgebildeten Jugend ge⸗ reift ſeyen.„Angenommen,“ ſagte er,„die Erzählung ihres Vaters ſey falſch— und ohne Zweifel habt Ihr Gründe genug ihr zu miß⸗ trauen— ſo laßt ſie immerhin, wenn Ihr ſie nicht als Eurer Tochter Kind lieben, empfangen, anerkennen könnt— laßt ſie, ich flehe Euch an, als mein Weib Euch lieben und verehren! Ueberlaßt es mir, ſie vor einem Unholde von Vater zu ſchützen— überlaßt es mir, durch einige Akte der Loyalität und Ehre etwaige Flecke auszumerzen, welche der Urtheilsſpruch gegen ihren Großvater unſerer Verbindung anzu⸗ heften ſcheinen kann. O! wenn ich ſchon vorher ehrgeizig war, wie ehrgeizig würde ich jetzt ſeyn, wie würde ich Alles daran ſetzen, um ſo⸗ wohl ihret⸗ als meinetwegen die Schmach ihres Großvaters, die Ver⸗ irrungen meines Vaters zu tilgen! Aber wenn andererſeits durch die erforderlichen Nachforſchungen bewieſen werden ſollte, daß ſie wirklich von Euern Ahnen ſtammt— daß Eures Vaters Blut in ihren reinen Adern fließt, dann weiß ich leider, daß ich kein Recht hätte nach einer ſolchen Verbindung zu ſtreben. Wer würde auch nur an ihre Ab⸗ ſtammung von einem William Loſely denken? Wer würde nicht allzu ſtolz ſeyn, blos ihre Abſtammung von Euch im Auge zu haben? Alle Flecke würden im Glanze Eurer Berühmtheit verſchwinden; die Höchſten im Lande würden um ihre Hand werben. Und ich bin blos der Penſionär Eurer Güte und blos von meines Vaters Seite von edler Geburt. Aber gleichwohl denke ich, Ihr würdet mich nicht ver⸗ werfen— Ihr würdet mir die Zukunft zu gut ſchreiben, und ich würde —— — ½ ½— 6 ͤ—-= mit Ihr erth enen Ver⸗ onel „zu eind⸗ ge⸗ aters miß⸗ chter Euch ſte zurch elche izu⸗ wie n ſo⸗ Ver⸗ h die rklich einen einer Ab⸗ allzu Alle die blos von ver⸗ bürde warten, geduldig warten, bis ich als Soldat einen Namen erworben hätte, der mich berechtigen würde um eine Tochter der Darrells in die Schranken zu treten.“ Bogen um Bogen ergoß ſich die jugendliche Beredtſamkeit, mit einer Kunſt, deren ſich der Schreiber nicht bewußt war, alle Beweiſe und Geſichtspunkte aufſuchend, welche für den hochgemutheten Stolz oder die ausgeſuchte Zartheit, die Lionel als die vorherrſchenden Ele⸗ mente in Darrells Charakter betrachtete, am feſſelndſten ſeyn konnten. Er hatte nicht lang auf eine Antwort zu warten. Gleich beim erſten Blick auf die Adreſſe ſank ihm der Muth; die Hoffnungen, die bisher ſeine Bruſt geſchwellt, wichen plötzlichen Unglücksahnungen. Darrells Handſchrift ſtand gewöhnlich im Einklang mit den Be⸗ tonungen ſeiner Stimme— ſie war ausnehmend deutlich, mit einer beſondern und originellen Eleganz geformt, dabei aber mit der Leich⸗ tigkeit eines natürlichen, aufrichtigen, thatkräftigen Charakters ausge⸗ ſtattet. Und jene anſtandsvolle Sorgfalt in bloßen Kleinigkeiten, wie z. B. das Siegeln eines Briefs, die von ſinnenden Poeten und ab⸗ ſtrakten Autoren vernachläſſigt wird, aber bei Männern von hoher öffentlicher Stellung beobachtet werden kann, bedeutete bei Guy Darrell die patrieiſche Würde, die ſeinen gewöhnlichſten Handlungen eine ge⸗ wiſſe Stattlichkeit mittheilte. Aber an dem Brief, der in Lionels Hand lag, war der Schreiber kaum erkennbar— die Auſſchrift verwiſcht, die Buchſtaben aus einer grimmigen, aber doch zitternden Feder herausgeſchüttelt, das Siegel ein großer Wachsfleck; das Bild des Reihers mit dem hochklingenden Wahlſpruch undeutlich und verſtümmelt, gleich als wäre der Stempel zornig weggeriſſen worden, bevor das Wachs ſich abgekühlt hatters Und als Lionel den Brief öffnete, da zeugte die Handſchrift innen noch deutlicher von geiſtiger Zerrüttung. Schon die Dinte ſah zornig und drohend aus, um ſo ſchwärzer, weil die Feder mit Gewalt ins Papier hineingeſtoßen worden war. „Unglücklicher Knabe!“ begann die unheilvolle Epiſtel,„alſo Bulwer, was wird er damit machen? VI. 6 2 durch Euch ſucht dieſes falſche und abſcheuliche Weib, welches den Mittag meines Lebens verſengt hat, auch noch ſeinen verheerten Abend zu entehren? Sprecht mir nicht von Lady Montforts Dankbarkeit und Verehrung! Sprecht mir nicht von ihrer liebreichen, zärtlichen, heiligen Abſicht meinem kinderloſen Hauſe die Enkelin eines über⸗ wieſenen Verbrechers aufzudrängen! Zeigt ihr dieſe Zeilen und fraget ſie, kraft welcher Kenntniß meiner Natur ſie annehmen könne, daß ein Schimpf für meinen Namen ein Segen für meinen Herd ſeyn würde? Fragt ſie in der That, wie ſie es wagen könne ſich noch immer meinen Gedanken aufzudrängen— ſich einzubilden, daß ſie mich zu verpflichten vermöchte— zu meinen, daß ſie immer noch in meiner verlorenen Exiſtenz Etwas ſeyn könnte. Lionel Haughton, ich befehle Euch im Namen aller Todten, die wir als gemeinſchaftliche Ahnen r anſprechen können, dieſes Bild, das Eure Vernunft behext hat, aus Eurem Herzen zu reißen, wie Ihr einen Gedanken der Schande her⸗ n ausreißen würdet. Meine Tochter hat, Gott ſey Dank, kein Pfand 3 einer fluchwürdigen Verbindung hinterlaſſen. Aber ein Mädchen, das 3 von einem Dieb auferzogen worden iſt— ein Mädchen, das ein ſo tl ehrloſer Wicht wie Jaſper Loſely zum Werkzeug des Betrugs, um al mich zu quälen und zu entehren, machen wollte, ein ſolches Mädchen Y könnte ich, mögen ihre Tugenden und ihre Schönheit ſeyn wie ſie ol wollen, nicht ohne unerträgliche Herzensangſt als Lionel Haughtons wi Weib betrachten. Aber ſie als Euer Weib empfangen! Sie inner⸗ halb dieſer Mauern zulaſſen! Nie, nie; ich verachte es Euch mit dem ſo Verluſt meiner Gunſt, mit dem Verluſt von Vermögen zu bedrohen. we Heirathet ſie, wenn Ihr wollt. Ihr werdet immer ein reichliches Ei „ Einkommen haben, das Euch geſichert bleibt. Aber von dieſem Augen⸗ der * blick an ſind unſere Leben getrennt— unſere Verwandtſchaft hört auf. die Ihr werdet mich nie wieder ſehen noch ſprechen. Aber, oh Lionel, faf könnt Ihr— könnt Ihr mir dieſes größte aller Leide zufügen? Könnt ent Ihr um eines Mädchens willen, von dem Ihr nur wenig geſehen habt, no oder in der Donquixotiſchen Meinung den Fehler Eures Vaters zu mo den end keit jen, ber⸗ und ine, eyn mer zu iner ehle nen aus her⸗ and das 1 ſo um chen ſie tons ner⸗ dem hen. ches gen⸗ auf. onel, önnt dabt, 3 zu 77 büßen, die Undankbarkeit vollenden, w habe, die mir am meiſten verdanken? elche ich von denjenigen erfahren Ich kann es nicht denken. Es freut mich, daß Ihr geſchrieben, daß Ihr dieſes Geſuch nicht per⸗ ſönlich betrieben habt. Ich wäre nicht im Stande ſ geweſen meine Leidenſchaft zu beherrſchen; wir hätten als Feinde ſcheiden können. Schon ſo bezwinge ich mich nur mit Mühe. Dieſes Weib, dieſes Kind, die ſich auf ſolche Art verbündet haben, um mir die letzte Nei⸗ gung zu entreißen, die meinem ruinirten Herzen übrig geblieben iſt! Nein! Ihr werdet nicht ſo grauſam ſeyn! Schickt dieſes Schreiben, ich befehle es Euch, Lady Montfort. Beſuchet weder ſie noch die Be⸗ trügerin mehr, welche ſie zu meiner Schande liebgewonnen hat. Dieſer Brief wird Euch als Entſchuldigung dienen, um mit Beiden zu brechen, mit Beiden! Guy Darrell.“ Lionel war betäubt. Mehrere Stunden lang konnte er nicht die nöthige Selbſtbeherrſchung gewinnen, um ſeine eigenen Empfindungen zu analyſiren oder die einzige Bahn zu erkennen, die ihm jetzt vorge⸗ zeichnet war. Nach einem ſolchen Brief von einem ſolchen Wohl⸗ thäter blieb keine Wahl übrig. Sophy mußte aufgegeben werden; aber das Opfer drückte ihn ſchwer zu Boden— erd Manneskraft. Er warf ſich ſchluchzend zur Erde ob Leib und Seele in krampfhaften Zuckungen würden. Aber dieſen Brief an Lady Montfort zu ſchicken! einen Brief, der ſo gänzlich der Charakterwürde Darrells widerſprach— einen Brief, worin die Wuth bis zu unvernünftigem Wahnwitz getrieben ſchien. Eine ſolch bittere Sprache des Haſſes und der Verachtung, ja ſogar der Beſchimpfung gegen eine Dame, und zwar gegen dieſelbe Dame, die nach Lionels Dafürhalten ſo verehrungsvoll den Namen des Ver⸗ faſſers liebte— mit ſo inniger Zartheit Pläne für das Glück deſſelben entwarf! Konnte er einem Befehl gehorchen, welcher Darrell ſelbſt noch mehr zu erniedrigen ſchien, als er diejenige zu demüthigen ver⸗ mochte, an die er abgeſchickt werden ſollte? rückte ſeine ganze — er ſchluchzte, als auseinander geriſſen 6* Aber Ungehorſam! Was Anderes als der Brief ſelbſt konnte zu einer Erklärung helfen? Ach— und ſchimmerte daraus nicht irgend ein ſeltſames Mißverſtändniß in Bezug auf Lady Montfort hervor, ein Mißverſtändniß, zu deſſen Löſung der Brief ſelbſt und nichts An⸗ deres als der Brief ſie zu befähigen vermochte? und konnte nicht, wenn es gelöst war, Darrells ganze Anſchauungsweiſe einer Veränderung unterliegen? Ein Blitz von Freude zuckte plötzlich durch ſeine aufge⸗ regten ſtürmiſchen Gedanken. Er zwang ſich die beklecksten unge⸗ ſtümmen Zeilen noch einmal zu leſen. Offenbar— offenbar hatte, während er an Lionel ſchrieb und Sophy das Thema bildete, das zorn⸗ volle Herz des Mannes weder ihn noch ſie gemeint. Ein Verdacht beſchlich ihn, mit dieſem Verdacht kam die Hoffnung. Er wollte den Brief abſenden und ihm nur wenige Worte beifügen— Worte, die ſeine namenloſe Verzweiflung bei dem Gedanken, Sophy zu verlaſſen, enthielten— ſeinen Glauben zu erkennen gaben, daß Darrell hier in Folge eines Urtheilsfehlers, den Lionel nicht begreifen könne, ſich an Lady Montfort räche, und mit der Bitte an ſie ſchloßen, ſte möchte in dieſem Fall einen durch unüberlegte Leidenſchaft gefärbten Brief ver⸗ zeihen, und im Intereſſe Aller jene Selbſtvertheidigung nicht ver⸗ ſchmähen, welche vielleicht eine Natur noch beſchwichtigen könne, die, trotz ihrer dermaligen grauſamen und bittern Auslaſſung, ſo reiche Schätze innigſter Liebe berge. Er wollte noch nicht verzagen— er wollte ſie noch nicht beauftragen Sophy ſein letztes Lebewohl zu ver⸗ kündigen. »————,.,——⁴¹„-+„—9,—2— ſ 79 Siebentes Kapitel. Der Menſchenfreſſer fährt fort, ſich in aller Ruhe ſeinen Braten von Dolly Poole herauszunehmen, und wird ſeinerſeits dem anatomiſchen Meſſer des ſecirenden Autors unterworfen. Zwei Fallen werden ihm gelegt— eine von ſeinen Mitmenſchenfreſſern— die andere von ſeiner tödtlichen Verfolgerin, dem Weibe, das ihn trotz Allem was er thun mag, vor dem Galgen zu retten verſucht. Mittlerweile war der unglückliche Adolphus Poole die wider⸗ ſtrebende, aber unfehlbare Quelle geweſen, von welcher Jaſper Loſely woͤchentlich die Mittel zu ſeiner werth⸗ und arbeitsloſen Exiſtenz be⸗ zogen hatte. Nie war ein Mann gezwungener wohlwollend und für ſeine Geldopfer weniger durch die Zuſtimmung ſeines Gewiſſens be⸗ lohnt, als der verurtheilte Bewohner der Alhambra Villa. Bei dem gänzlichen Fehlſchlagen ſeiner Verſuche, um Sophy zu entdecken oder Jaſper zur Annahme von Oberſt Morleys Vorſchlägen zu veranlaſſen, ſah er dieſes ſchmarozeriſche Ungeheuer in ſeine Eingeweide eingebiſſen, gleich dem Geier des klaſſiſchen Dulders in mythologiſchen Erzäh⸗ lungen. Jaſper hatte ſich in der That in dieſe regelmäßige und ar⸗ beitsloſe Art„ſein armes Leben zu verdienen“ vollkommen eingefun⸗ den. Einmal in der Woche ſeinen alten Bekannten zu beſuchen, ihn durch einige Drohungen einzuſchüchtern oder ſeinen angſtgequälten Lippen durch einige garſtige Scherze ein todesmattes Lächeln abzu⸗ ringen, ſeine vier Souveräne davonzutragen und ſichs damit wohl „ſeyn zu laſſen, bis der Zahltag pflichtlich wiederkehrte, dieß war eine Lage der Dinge, deren Verbeſſerung Jaſper ſich nicht ſehr angelegen ſeyn ließ, und er hatte mit voller Wahrheit zu Poole geſagt, daß ſeine frühere Thatkraft ihn verlaſſen habe. Wenn ein ſinnlicher Menſch von Jaſpers Gepräge älter wird und tiefer ſinkt, ſo nimmt Indolenz allmälig die Stelle ein, die früher Eitelkeit oder Ehrgeiz ausgefüllt hatten. Jaſper bemerkte mit bitterem Gefühl, daß ſeine ehemalige Hübſchheit verſchwunden war; daß er jetzt kein Mädchenherz und keiner Wittwe Gold mehr zu verſtricken vermochte. Und als dieſe Wahrheit ihm vollkommen zum Bewußtſeyn kam, rief ſie eine ſeltſame Revo⸗ lution in allen ſeinen Gewohnheiten hervor. Er bekümmerte ſich Nichts mehr um Kleider und Putz— er ſuchte ſich eher zu verbergen als zu paradiren. In der Vernachläſſigung ſeiner Perſon, mit wel⸗ cher er ſonſt Abgötterei getrieben— in der plumpen Rauhheit, die jetzt ſein Aeußeres kennzeichnete, lag die verdrießliche Verzweiflung, die nur eitle Leute kennen, wenn das, was ſie zierlich und einnehmend gemacht hat, für immer vorüber iſt. Der menſchliche Geiſt paßt ſich in ſeinem Verſchlechterungsprozeß der Sphäre an, zu welcher er ſich herabneigt. Jaſper würde jetzt, ſelbſt wenn er gekonnt hätte, nicht im Cabriolet die St. James Street hinabgefahren ſeyn. Er hatte ſich nach und nach das Laſter des Trunks angewöhnt, als die Auf⸗ regung des Spiels ihm genommen war. Denn wie ſollte er mit Leu⸗ ten ſpielen, die Nichts zu verlieren hatten, und bei denen er ſelbſt mehr die Taube als den Habicht vorgeſtellt haben würde? Und da er fand, daß er mit ſeiner regelmäßigen Ausbeute von Dolly Poole all die Comforts erlangen konnte, nach denen ſein verthierter Geſchmack jetzt verlangte, ſo kam ihn mit dem, was er als ein feſtes Einkommen zu betrachten beliebte, zum erſten Mal in ſeinem Leben eine ſonderbare Art von Klugheit an. Er geſellte ſich zu Banditen in ihren nächt⸗ lichen Orgien; er regalirte ſie mit wohlfeilen Getränken, er ſpielte unter ihnen den Renommiſten und Eiſenfreſſer, aber er betheiligte ſich bei keinem ihrer Pläne, wodurch das Leben, das Dolly Poole ihm ſo annehmlich und ſicher machte, in Gefahr gebracht werden konnte. Sein ſonſt ſo raſtloſer Thätigkeitsdrang wurde theils durch die Gewohnheit der Betrunkenheit, theils durch die phyſiſchen Schmerzen, die ſich in ſeine kräftigen Fibern eingeniſtet hatten, Anſtrengungen einer ungeheuern und noch immer zähen Lebenskraft, um Krankheiten auszuſtoßen, die der angebornen Pracht ihrer Geſundheit widerſtrebten, eingelullt. Die beſten Conſtitutionen ſind diejenigen die, wenn ſie einmal ernſt⸗ lich Schaden leiden, die ſchrecklichſten Schmerzen verurſachen; aber ſie ———23+——,+A—-+——— 2e— „— — N 1. 8 8 uu—-— 81 ſetzen den Dulder auch in den Stand Schmerzen zu ertragen, die ſchwächliche Naturen bald wegraffen würden. Und Jaſper ertrug ſeine Leiden mannhaft, obſchon ſie zuweilen ſein Gemüth dermaßen aufreizten, daß ich keinem ſeiner Kameraden hätte rathen mögen, ihm durch Unvorſichtigkeit oder Mangel an Reſpekt Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen im Zorn eine Erleichterung zu ſuchen. Seine Hand war ſo ſchwer, ſein Arm ſo ſtahlfeſt wie nur je. George Morley war recht unterrichtet worden. Selbſt von Nachtdieben und Gurgelabſchneidern, deren Gefahren er ſcheute, während er ſich furchtlos unter ihnen um⸗ hertrieb, wurde Jaſper Loſely mit Angſt betrachtet. Der Schrecken frecher Männer zu ſeyn, wie er die Bewunderung närriſcher Weiber geweſen, war eine Wonne für ſeine Eitelkeit, die letzte, die ihr übrig blieb. Aber er rief dadurch eine Gefahr hervor, für welche ſeine An⸗ maßung blind war. Seine luſtigen Kameraden begannen ſeiner müde zu werden. Er war kraft des Loſungswortes oder Paſſes, welchen Verbündete in Paris ihm mitgetheilt, ſo wie wegen ſeines Rufes für große Kühnheit und ſchwache Bedenken, den er Cutts verdankte, der unter ihren geheimnißvollen Stämmen einer hohen Kaſte angehörte und jetzt von Zeit zu Zeit, ſicher und verflucht wie der ewige Jude, nach dem Continent wanderte, in ihren Verſammlungsorten bewill⸗ kommt werden. Aber als ſie fanden, daß dieſer Achilles der Griechen blos große Worte im Mund führte, und daß er ſeinen Witz zu Privat⸗ brandſchatzungen, ſeine Muskelkraft gegen ſie ſelbſt gebrauchte, da be⸗ gannen ſie nicht blos ſeiner herriſchen Manier überdrüſſig zu werden, ſondern auch ſeine Treue gegen die Sache in Zweifel zu ziehen. Und ganz auf einmal änderte Cutts, der Jaſper Anfangs als eine wahr⸗ ſcheinlich ſehr werthvolle Erwerbung für die Familie der Nacht ge⸗ prieſen hatte, ſeinen Ton und gab zu verſtehen, daß man dem Ban⸗ diten nicht trauen könne, daß ſein leichtfertiges Weſen und unvorſich⸗ tiges Gerede im Rauſch ihn zu einem ſichern Theilhaber an irgend einem geſchickten Plünderungsplan unfähig mache, daß er ſo wenig Gewiſſen und ſo wenig Sympathie mit ihrer Claſſe habe, daß er voll⸗ kommen im Stande wäre den Spion zu machen oder vor Gericht als Zeuge gegen ſie aufzutreten; kurz, daß es wohlgethan wäre, wenn man ſich ſeiner herrſchſüchtigen Gegenwart entledigte. Gleichwohl war die phyſiſche Kraft bei dieſem Herkules noch immer ſo achtung⸗ gebietend— gleichwohl war er, wenn er auch Nichts that, noch immer ſo trotzig und furchtlos, daß ſie es ungeachtet ihrer numeriſchen Ueberlegen⸗ heit nicht wagten ihm offen Fehde zu verkünden und ihn herauszufordern. Niemand wollte der Katze, und ſolch einer Katze, die Schelle anhängen. Sie begannen Pläne zu entwerfen, wie ſie ihn auf gerichtlichem Weg loswerden könnten. Nichts konnte für ſo ſchlaue Verbrecher leichter ſeyn, als irgend eine Gewaltthat, die Jemand von ihrer eigenen Bande begangen hatte, ihm in die Schuhe zu ſchieben— verdammende Um⸗ ſtände um ihn her zu häufen— die Juſtiz heimlich in Kenntniß zu ſetzen— ihn durch falſche Eide ums Leben zu bringen. Kurz, der Mann war ihnen im Weg, wie die Weſpe, die ſich in ein Ameiſenneſt verirrt hat; und während ſie über die Größe des Eindringlings er⸗ ſchracken, waren dieſe ehrlichen Ameiſen entſchloſſen ihn lebendig oder todt aus ihrer Citadelle hinauszuſchaffen. Es war wahrſcheinlich, daß Jaſper Loſely am Ende für ein Verbrechen, woran er ſo unſchul⸗ dig war wie ein ungeborenes Kind, den Lohn ſeiner Verdienſte erndten ſollte. Unter ſolchen Umſtänden ſehen wir Arabella Crane wieder auf dem Schauplatz erſcheinen. Sie ſtand an einem Fenſter im obern Stock eines Hauſes, das in einer engen Straße lag. Der Vorhang war hinabgelaſſen, aber ſie hatte ihn ein wenig auf die Seite gezogen und ſchaute hinaus. Am Kamin ſaß eine dünne, ſchmächtige, gnomartige Figur comfortlos auf der Ecke eines Binſenſtuhles, ihre ſchattenhaften Kniee hinaufge⸗ zogen, bis ſie beinahe das ſchattenhafte Kinn erreichten. In den Um⸗ riſſen dieſer ſo unbeſtimmten und unweſenhaften Figur lag Etwas von der Art, daß Ihr ſie für eine optiſche Täuſchung, für eine geſpenſtiſche Erſcheinung, die im Begriff ſtand zu verſchwinden, nehmen konntet. 83 Dieſes Ding beſaß gleichwohl eine Stimme und ſprach in einem leiſen, aber deutlichen ziſchenden Geflüſter. Als das Geflüſter aufhörte, ſprach Arabella Crane, ohne ihr Geſicht abzuwenden, ebenfalls leiſe. „Ihr ſeyd überzeugt, daß Loſely, ſo lange er ſeinen Wochenlohn von dem Manne bezieht, den er in ſeiner Gewalt hat, in ſeiner alten Lebensweiſe beharren wird. Könnt Ihr ihn nicht vor der Gefahr warnen?“ „Ich darf wahrhaftig nicht. Man kann ihm nicht trauen. Er könnte einmal in einem ſeiner tollen Branntweinräuſche einen höͤlli⸗ ſchen Skandal anfangen, zwei oder drei an der Kehle nehmen, ihre Koͤpfe an einander zerſchlagen, lärmen und toben, dann köoͤnnte ein Meſſer herauskommen, ein paar Gurgeln würden abgeſchnitten, ein paar Leichname würden in die Themſe geworfen, der meinige gewiß— der ſeinige vielleicht.“ „Ihr ſagt, Ihr könnet dieſes Complott gegen ihn nicht zwei oder drei Tage zurückhalten?“ „Zwei Tage— ja. Es würde mich freuen General Jas zu retten. Er hat die Knochen eines ſchönen Burſchen, und wenn er ſich nicht durch Branntwein zerſtört hätte, ſo hätte er ſich in unſerer Pro⸗ feſſton auf den Gipfel des Baumes emporſchwingen können.“ „Ah! und Ihr ſagt, der Branntwein tödte ihn?“ „Nein, er wird nicht durch den Branntwein getödtet werden, wenn er fortfährt ihn in derſelben luſtigen Geſellſchaft zu trinken.“ „Und wenn man ihm das Geld entzöge, das er unter dieſen furchtbaren Kameraden zu verbrauchen gewöhnt iſt, ſo würde er nicht mehr in ihre Verſammlungen kommen? Darin habt Ihr Recht. Die⸗ ſelbe Eitelkeit, die ihn ſeine Freude darin finden läßt der große Mann in dieſer Geſellſchaft zu ſeyn, würde machen, daß er davor zurückbebte als Bettler unter ihnen zu erſcheinen.“ „Und wenn er die wöchentliche Subſcription nicht bezahlen könnte, ſo wäre ein Grund vorhanden ihm die Thüre vor der Naſe zuzu⸗ ſchlagen. All dieſe Burſche wünſchen es zu thun, um ihn loszuwerden, 8 ——— 84 und wenn es auf gütlichem Wege geſchehen kann, ſo ſind die un⸗ angenehmen Mittel erſpart. Die einzige Gefahr wäre diejenige, vor welcher Ihr ihn ſo oft gerettet habt. Würde er nicht in der Verzweif⸗ lung irgend eine unüberlegte Gewaltthat verüben— einen Straßen⸗ raub oder etwas Aehnliches? E⸗ hat den Muth zu jeder Gewaltthat, aber er beſitzt nicht mehr den kalten Kopf, um einen Plan zu ent⸗ werfen, der nicht entdeckt würde. Ihr ſeht, ich kann meine Geſellen verhindern ſich bei gefährlichen Unternehmungen, die er etwa vor⸗ ſchlüge, zu betheiligen, oder ihn an irgend einem ihrer eigenen Aben⸗ teuer, im Fall er es wünſchen ſollte, Theil nehmen zu laſſen, denn ſie wiſſen, daß ich ein zuverläſſiger Rathgeber bin; ſie reſpektiren mich; das Geſetz iſt nie im Stande geweſen Hand an mich zu legen, und wenn ich zu ihnen ſage: Dieſer Kerl ſauft, ſchwatzt, prahlt und, würde uns Alle in Verlegenheit bringen, ſo wollen ſte Nichts mit ihm zu thun haben; aber ich kann ihn nicht verhindern das zu thun, was ſei⸗ nem eigenen benebelten Kopfe einfällt, und wornach es ſeine eigene leichtfertige Hand juckt.“ „Aber Ihr werdet Euch in ſeinem Vertrauen erhalten und mich Alles wiſſen laſſen, was er vorhat? „Ja.“ „Und mittlerweile muß er zu mir kommen. Und dießmal habe ich mehr Hoffnung als je, da ſeine Geſundheit nachläßt, und er des Verbrechens ſelbſt müde iſt. Mr. Cutts, kommt näher— ſachte, ſachte. Schaut— nein, nein, er kann Euch von unten nicht ſehen, und Ihr ſeyd durch den Vorhang geſchützt. Schaut, ſage ich, wo er ſitzt.“ Sie deutete auf ein Parterrezimmer im gegenüberſtehenden Haus, wo man dunkel ein trübes rothes Feuer auf einem ſchmutzigen Roſt und einen Mann ſah, deſſen Kopf auf ſeinen Armen lag, die auf einem kleinen Tiſch ruhten. Daneben ein Glas und eine Flaſche. „So verbringt er ſeine Vormittage,“ ſagte Arabella Crane mit einem grimmigen, bittern Mitleid im Tone ihrer Stimme.„Schaut hin, ſage ich, iſt er jetzt furchtbar? Könnt Ihr ihn fürchten?“ 8⁵ „Allerdings ſehr,“ murmelte Cutts.„Er iſt blos betäubt und er kann eine Schlafbetäubung ſo ſchnell abſchütteln wie ein Bulldog, wenn man eine Ratte in ſeinen Stall läßt.“ „Mr. Cutts, Ihr ſagt mir, daß er beſtändig dieſelbe alte Brief⸗ taſche bei ſich führe, die nach ſeiner Behauptung ſein Glück enthält; mit andern Worten die Papiere, wodurch er ſeinem Opfer das Geld abängſtigt, das jetzt die Urſache ſeiner Gefährlichkeit iſt. Es gibt offenbar keine Taſche, die Ihr nicht ſelbſt ausplündern oder durch Eure Leute ausplündern laſſen könntet, Mr. Cutts. Fünfzig Pfund für dieſes Buch in drei Stunden.“ „Fünfzig Pfund ſind nicht genug; der Mann, den er ausſaugt, würde mehr geben, um dieſe Papiere in ſeine Macht zu bekommen.“ „Möglich; aber Loſely war nicht einfältig genug Euch ſo viel anzuvertrauen, daß Ihr wiſſen könntet, wie Ihr die Unterhandlungen einleiten müßt. Selbſt wenn Name und Adreſſe des Mannes ſich unter dieſen Papieren befänden, ſo könntet Ihr keinen Gebrauch da⸗ von machen, ohne Euch Jaſper ſelbſt auf den Hals zu laden, und wenn auch Jaſper nicht um den Weg wäre, ſo könntet Ihr Euch nicht auf dieſelbe Art an ſein Opfer halten; Ihr wißt die Umſtände nicht; Ihr könntet nicht aus einigen unzuſammenhängenden unbeſtimmten Briefen eine Geſchichte machen, und der Mann, der, das kann ich Euch ſagen, von Natur ein Eiſenfreſſer und im Vergleich mit jedem andern Mann als mit Jaſper ſtark iſt, würde Euch beim Kragen packen; Ihr müßtet Euch glücklich ſchätzen, wenn Ihr ohne einen andern Verluſt als die Briefe, und ohne einen andern Gewinn als ein gebrochenes Bein, aus dem Hauſe kämet. Bah! Ihr wißt das Alles, ſonſt würdet Ihr das Buch ſchon lange geſtohlen und davon Gebrauch gemacht haben. Fünf⸗ zig Pfund für dieſes Buch in drei Stunden; und wenn Jaſper Loſely in ſechs Monaten noch ſicher und am Leben iſt, weitere fünfzig Pfund, Mr. Cutts. Seht! er regt ſich nicht— er muß feſt ſchlafen. Jetzt iſt der Augenblick.“ „Was, in ſeinem eigenen Zimmer!“ ſagte Cutts mit Verachtung. ———— —.—— —— ͤͤ— 86 „Ei, da würde er erfahren, wer es gethan hat; und wo wäre ich dann morgen? Nein— auf den Straßen; Jedermann hat das Recht auf den Hochſtraßen der Königin eine Taſche auszuplündern. In drei Stunden ſollt Ihr das Buch haben.“ Achtes Kapitel. Mereurius iſt der Schutzgott kaufmänniſcher Spekulanten ſowohl als hirn⸗ verbrannter Poeten; er iſt in der That der erſteren Claſſe ſeiner Schütz⸗ linge wohlgeneigter und erzeigt ſich ihr freundlicher in einer Klemme als der letzteren. „Poolum per hostes Mercurius celer Denso paventem sustulit aere.“ Poole ſaß mit ſeiner Frau nach dem Diner noch bei Tiſche. Er hatte an dieſem Tage eine gute Spekulation gemacht; der kleine Johnny ſollte ſich in Folge derſelben binnen weniger Jahre um ſo wohler be⸗ finden und anderer Leute kleine Johnnys um ſo ſchlimmer— Jeder für ſich in dieſer Welt! Poole ſonnte ſich alſo im Licht des beifälligen Lächelns ſeiner freundlichen Gehülfin. Er hatte ein Extraglas von einem verehrungswürdigen Portwein genoſſen, der aus den Schränken Onkel Sams in ſeinen Keller übergegangen war. Gedeihlicher Han⸗ del außerhalb, eheliche Glückſeligkeit innerhalb der Mauern der Al⸗ hambra Villa; wahrhaftig Adolphus Poole iſt ein beneidenswerther Mann! Sieht er auch ſo aus? Er iſt nur noch der Geiſt deſſen, was er vor wenigen Monaten geweſen. Seine Wangen ſind eingefallen; ſeine Kleider hängen wie Säcke an ihm herab; ſeine Augen haben einen gequälten verſtörten Ausdruck; auf ſeinen Lippen wiederholt ſich ein nervöſes Zucken, und jeden Augenblick ſchaut er nach der hübſchen Pariſer Standuhr auf dem Kaminſimms, und dann ändert er ſeine Poſttur, ſchnaubt ſeinen ehelichen Engel an, welcher fragt, was ihm fehle, füllt ſein Glas wieder und ſtarrt in das Feuer, wo er in den ,„ „.— nn uf rei 1 6⸗ 87 veränderlichen Erſcheinungen der Kohlen ſonderbare Geſtalten er⸗ blickt. Der morgende Tag bringt dieſes wöchentliche Geſpenſt zurück! Morgen kehrt Jaſper Loſely pünktlich Schlag eilf Uhr wieder, ihn an die Vergangenheit zu erinnern, die, wenn ſie ans Tageslicht kommt, die Zukunft zerſtören wird. Und ans Tageslicht kommen kann ſie zu jeder Stunde trotz des Schweigegeldes, das er mit ſeinen eigenen Händen unter ſeinem eigenen Dache bezahlen muß. Könnte er einem Andern das Geheimniß dieſer Bezahlung anvertrauen?— O um Alles in der Welt nicht! Könnte er Loſely in ſeiner eigenen Wohnung beſuchen und ihn dort bezahlen?— Lieber ſterben Könnte er ihn irgend wohin auf die Straße beſtellen, ſich der Gefahr ausſetzen mit einem ſolchen Freund geſehen zu werden? Hochachtbarkeit in vertraulichem Geplauder mit Abſchaum!— Welche Schande! Und Jaſper war bei den zwei oder drei letzten Beſuchen beſonders unangenehm geweſen. Er hatte laut ge⸗ ſprochen. Poole fürchtete, ſeine Frau könnte ihr Ohr am Schlüſſelloch haben. Jaſper hatte beim Hinausgehen im Oehrn das Stubenmädchen geſehen und ſie um den Leib gefaßt. Das Stubenmädchen hatte ſich bei Mrs. Poole beklagt und geſagt, ſie werde das Haus verlaſſen, wenn ſie von einem ſolchen abſcheulichen Lumpenkerl noch einmal auf ſolche Art beſchimpft werde. Denkt Euch, wie der arme Damen⸗ würger herabgekommen ſeyn mußte! Mrs. Poole war immer neu⸗ gieriger und zudringlicher in Betreff des Zweckes ſolcher außerordent⸗ lichen Beſuche geworden; und jetzt, als ihr Gatte in das Feuer ſtierte, nachdem er zuvor ihren geheimen Zorn durch unmännliches Anſchnau⸗ ben erregt hatte, da begann Mrs. Poole, welche zu jenen unvergleich⸗ lichen Weibern gehörte, die ihr Gemüth vollkommen in ihrer Gewalt haben, die auf zornige Worte im Augenblick nie Etwas erwiedern, aber immer mit ausgeſuchter Ruhe und Selbſtbeherrſchung jedes zor⸗ nige Wort durch einen freundlichen Stich im rechten Moment ver⸗ gelten, Mrs. Poole, ſage ich, begann in ſanftem Tone wie folgt: „Sammy, mein lieber Schatz, wir wiſſen was Euch ſo verdrieß⸗ 88 lich macht; aber es ſoll Euch nicht lange mehr quaͤlen. Dieſer ſchreck⸗ liche Mann kommt morgen. Er kommt immer am gleichen Wochentag.“ „Haltet Euer Maul, Mrs. Poole.“ „Ja, lieber Sammy, ich will mein Maul halten. Aber, Sammy, Ihr ſolltet Euch nicht von Bettlern beläſtigen laſſen; denn ich weiß, er iſt ein Bettler, einer jener Gauner oder Betrüger, von denen Ihr, armer unſchuldiger Sam, in Euern wilden Junggeſellentagen Euch dran kriegen ließet, und Euer gutes Herz kann es nicht ertragen ihn in Noth zu ſehen; aber Alles muß ein Ende nehmen.“ „Mrs. Poole— Mrs. Poole— wollt Ihr Eure Narrenkinn⸗ backen zuſammenhalten?“ „Mein armes liebes Männchen,“ ſagte der Engel, eine ſanfie Thräne herausdruckend,„Ihr werdet in guten Händen ſeyn, um Euch zu rathen; denn ich bin bei Papa geweſen und habe mit ihm ge⸗ ſprochen.“ „Habt Ihr das gethan?“ ſtammelte Poole.„Habt Ihr mit Eurem Vater geſprochen?“ Und der Ausdruck ſeines Geſichtes wurde ſo geiſterhaft, daß Mrs. Poole ernſtlich in Angſt gerieth. Sie hatte ſchon lange eingeſehen, daß in der Unterwürfigkeit ihres Gatten gegen die Unverſchämtheit eines ſo rohen Beſuchers etwas ſehr Verdaͤchtiges lag. Aber ſie wußte, daß er kein Held war; der Mann konnte ihn durch Drohungen mit perſönlicher Gewalt einſchüchtern. Der Mann konnte vermuthlich ein armer Verwandter ſeyn, oder irgend Jemand, den Poole entweder in früheren unehrenhaften Sportmanstagen oder in reſpektabeln kaufmänniſchen Spekulationen der neuen Zeit ruinirt hatte. Aber bei dieſem geiſterhaften Blick kam ihr Etwas von der wirklichen Wahrheit zum Bewußtſeyn, und ſie ſtand ſprachlos und in größter Angſt da. In dieſem Augenblick läutete es ſtark an der Haus⸗ glocke. Poole raffte ſich auf und taumelte aus dem Zimmer in den Gang. Sein Weib blieb bewegungslos; zum erſten Mal bekam ſie Angſt vor ihrem Manne. Auf einmal hörte ſie eine rauhe weibliche Stimme in der Halle und dann einen Freudenruf von Poole ſelbſt. Bei dieſen 89 unerwarteten Tönen faßte ſie ſich wieder und ging mechaniſch in den Gang hinaus, juſt zur rechten Zeit um noch den Saum eines dunkeln eiſengrauen Kleides in Pooles Arbeitszimmer verſchwinden zu ſehen, wahrend Poole, der die Thüre deſſelben geöffnet und unter gehorſamen Bücklingen das eiſengraue Kleid zuerſt hineingelaſſen hatte, ſein Auge auf ſeine Frau richtete, ihr einige Schritte entgegenging und zuflüſterte: „Geht die Treppe hinauf und rühret Euch nicht!“ Dieß aber auf eine Art, die ſeinem gewöhnlichen groben Commandoton ſo wenig glich, daß ſie ſeine eheherrliche Auktorität nicht wie ſonſt mit tiefer Verach⸗ tung, ſondern mit bangem, lächelndem Gehorſam aufnahm. Poole verſchwand in ſeinem Arbeitszimmer, verſchloß es ſorgfäl⸗ tig und wollte die Lady, die ihn mit ihrem Beſuche beehrte, bei beiden Händen faſſen; aber ſie machte eine abwehrende Bewegung, lehnte einen Sitz ab und blieb finſter ſtehen. „Mr. Poole, ich habe Euch nur wenige Worte zu ſagen. Die Briefe, die Jaſper Loſely in den Stand ſetzten Euch Geld abzupreſſen, befinden ſich nicht mehr in ſeinem Beſitz, ſondern in dem meinigen. Ihr braucht ihn nicht mehr zu fürchten— Ihr werdet ihn nicht mehr beſolden.“ „Oh!“ rief Poole auf ſeine Kniee fallend,„der Segen eines Familienvaters— eines Kindes von nicht vollen ſechs Wochen— ſey über Eurem gottgeſegneten Haupt!“ „Stehet auf und ſchwatzt keinen Unſinn. Ich gebe Euch dieſe Papiere jetzt nicht und verbrenne ſie auch nicht. Statt in der Gewalt eines benebelten, unentſchloſſenen Trunkenbolds zu ſeyn, befindet Ihr Euch in der Gewalt eines wachſamen Weibes, das helle Augen im Kopfe hat. Ihr ſeyd in meiner Gewalt und Ihr werdet thun, was ich Euch ſage.“ 1 „Ihr könnt gewiß nichts Schlimmes verlangen,“ ſagte Poole, deſſen dankbare Begeiſterung ſehr niedergeſchlagen war.„Gebietet über mich; aber die Papiere können Euch Nichts nützen; ich werde ſie hübſch bezahlen.“ , — — —— 90 „Schweigt und hört. Ich behalte dieſe Papiere, erſtens weil Jaſper Loſely nicht wiſſen kann, daß ſie je in meine Hände überge⸗ gangen ſind; zweitens weil Ihr Jaſper Loſely ſelbſt kein Leid zufügen dürfet. Verrathet mich an ihn oder ſuchet ihn ſelbſt den Gerichten zu überantworten, dann werden die Dokumente unbarmherzig gegen Euch gebraucht werden. Gehorcht Ihr aber, dann habt Ihr Nichts zu fürchten und Nichts zu zahlen. Wenn Jaſper Loſely morgen zu Euch kommt, ſo verlanget von ihm, er ſolle Euch die Briefe zeigen. Er kann es nicht thun; er wird Entſchuldigungen vorbringen. Lehnet entſchieden, aber ohne Beleidigungen(denn er iſt von grimmiger Ge⸗ müthsart) jede weitere Zahlung an ihn ab. Er wird Euch vielleicht beſchuldigen, Ihr habet Jemand gedungen, um ſeine Brieftaſche zu ſtehlen; laßt ihn auf dieſem Glauben. Halt— Euer Fenſter hier geht auf den Boden hinaus; ein Garten draußen:— ah, beſtellet drei von der Polizei in dieſen Garten, ſo daß man ſie vom Fenſter aus ſehen kann. Deutet auf ſte, wenn er Euch bedroht; rufet ſie zu Eurer Hilfe herbei oder gehet zu ihnen hinaus, wenn er wirklich Ge⸗ walt verſucht. Aber wenn er das Haus verlaſſen hat, ſo dürft Ihr keinen Angriff auf ihn veranlaſſen; er muß unverletzt von dannen gehen. Ihr könnt um eine Entſchuldigung wegen dieſer Gnade nicht verlegen ſeyn: ein Freund aus früheren Zeiten— bedürftig, unglück⸗ lich, durch Trunkenheit für den Augenblick wahnſinnig gemacht, noth⸗ wendig ihn hinauszuwerfen, unmenſchlich ihn zu verfolgen— irgend eine Geſchichte, die Ihr wollt. Am folgenden Tag könnt Ihr, wenn Ihr Luſt habt, London auf kurze Zeit verlaſſen; ich rathe es Euch. Aber die Zähne werden ihm ausgezogen ſeyn, er wird Euch höͤchſt wahrſcheinlich nie wieder beläſtigen. Ich kenne ſeinen Charakter. Ich bin fertig; öffnet die Thüre, Sir.“ “„ ÿj———* ͤ—eeun Neuntes Kapitel. Das Wrack und das Rettungsboot in einem Nebel. Am folgenden Mittag kurz nach zwölf, als Jaſper Loſely raſend, verzweiflungsvoll, nicht wiſſend wohin er ſich um Brod wenden, oder an wem er ſeine Wuth auslaſſen könnte, von Alhambra Villa zurück⸗ kam, ſah er plötzlich in einer ſtillen, halbgebauten Straße, die aus der Vorſtadt in die New⸗Road führte, Arabella Crane gerade auf ſeinem Wege ſtehen. Sie war aus einem der vielen engen Nebengäßchen aufgetaucht, welche dieſes rohe Nebelbild von einer zukünftigen City kennzeichnen; und das Weib und der Mann trafen einander ſo von Angeſicht zu Angeſicht; kein anderer Menſch war auf der Straße ſicht⸗ bar; in einiger Entfernung befand ſich eine Station träger Mieth⸗ kutſcher, rings herum Gerippe von Ziegeln und Mörtel— einige mit magerem Gerüſte in ihren Rippen ſteckend, und alle noch etwas ge⸗ ſpenſterhaft ausſehend in ihrem rohen Kampf, um durch den trübſelig gelben Nebel hindurch eine Geſtaltung zu gewinnen. Loſely wich zurück, als er Arabella auf ſolche Art in ſeinem Weg aufgepflanzt ſah, und der Aberglaube, worin er ihr Bild mit vereitel⸗ ten Plänen und Stunden der Gefahr in Verbindung gebracht, trieb ihm das zornige Blut ſo raſch durch die Adern, daß er ſein eigenes Herz klopfen hörte. Mrs. Crane.—„So! Ihr ſeht, wir müſſen immer wieder zu⸗ ſammentreffen, lieber Jaſper, Ihr mögt thun was Ihr wollt, um mir auszuweichen.“ Loſely.—„Ich— ich— Ihr erſchreckt mich immer ſo!— Ihr ſeyd alſo in der Stadt?— Um da zu bleiben?— Eure alte Wohnung?“ 3 „Warum fragen? Ihr könnt nicht wünſchen zu wiſſen, wo ich bin— Ihr würdet ja doch nicht kommen. Aber wie geht es?— Was macht Ihr? wie lebt Ihr? Ihr ſehet ſchlecht aus, armer Jaſper!“ Bulwer, was wird er damit machen? VI. 7 92 Loſely(grimmig).—„Hol der Teufel Euer Mitleid und gebt mir einiges Geld.“ Mrs. Crane(ruhig ihre dürre Hand auf den Arm legend, der mehr drohend als bittend vorgeſtreckt wurde, und den Gladiator wirk⸗ lich erſchreckend, als ſie dieſen tödtlichen Arm mit dem ihrigen ver⸗ ſchlang).—„Ich ſagte, ich würde Euch immer finden, wenn Ihr in der ärgſten Trübſal wäret, und ſo, Jaſper, wird es ſeyn, bis dieſe Eure rechte Hand kraftlos iſt wie der Thon zu Euren Füßen. Kommt — kommt; Ihr fürchtet mich doch nicht?— Kommt, erzählt mir Alles. Wo ſeyd Ihr ſo eben geweſen?“. Jaſper, der dadurch an die erlittene Beleidigung erinnert wurde, ergoß eine Salve von Schmähungen über Poole, während er Mrs. Crane die ganze Geſchichte ſeiner Anſprüche an dieſen Gentleman er⸗ zählte— wie ihm dann ſeine Brieſtaſche geſtohlen worden ſey, und wie Poole erfahren haben müſſe, daß er ſomit entwaffnet worden. „Und der Feigling,“ ſagte er mit ſeinen Zähnen knirſchend, trat zu ſeinem Fenſter hinaus— und drei Polizeimänner ſtanden in ſei⸗ nem Garten. Er muß einen Taſchendieb beſtochen haben— der nieder⸗ trächtige Halunke. Aber ich werde ihn zu finden wiſſen— und dann—“ „Und dann, Jaſper, was wird Euch das helfen?— Die Briefe ſind verſchwunden und Poole hat Euch in ſeiner Gewalt, wenn Ihr ihn wieder bedrohet. Jetzt höret wohl; Ihr habt den Italiener nicht ermordet, der vor acht Tagen auf den Feldern dort erſtochen gefunden worden iſt? Hundert Pfund Belohnung für denjenigen, der den Mör⸗ der anzeigt!“ „Ich— nein. Wie kalt Ihr das fragt! Ich habe in ehrlichem Kampf hart getroffen— gemordet niemals. Wenn ich je daran komme, werde ich mit Poole beginnen.“ „Aber ich ſage Euch, Jaſper, daß Ihr dieſes Mordes verdächtig ſeyd; daß man Euch wegen dieſes Mordes anklagen wird; und hätte ich Euch nicht zufällig jetzt getroffen, ſo würdet Ihr wegen dieſes Mordes in Unterſuchung gezogen und gehenkt werden.“ 93 „Sprecht Ihr im Ernſt? Wer konnte mich anklagen?“ „Leute, welche genau wiſſen, daß Ihr nicht ſchuldig ſeyd— Leute, welche den Anſchein auf Euch bringen können, daß Ihr es ſeyet— die Schurken, mit denen Ihr herumziehet, trinket und kra⸗ kehlet! Habe ich jemals bis jetzt Unrecht gehabt, wenn ich Euch warnte?“ „Dieß iſt gar zu abſcheulich,“ ſtammelte Loſely, der nicht an die Verſchwörung gegen ſein Leben dachte, ſondern an die Art, wie ſie Alles vorherwußte und in Erfahrung brachte.„Es muß Hexerei ſeyn und nichts Anderes; wie konntet Ihr das erfahren, was Ihr mir ſaget?“ „Das iſt meine Sache; es muß Euch genügen, daß ich Recht habe; geht nicht mehr in dieſe finſteren Höhlen; ſie ſind jetzt voll von Schlingen und Fallſtricken für Euch. Verlaßt London und Ihr ſeyd gerettet. Traut mir!“ „Und wohin ſoll ich gehen?“ „Seht, Jaſper; Ihr habt dieſe alte Welt abgenützt— es gibt keine Zuflucht für Euch, außer in der neuen. Wohin Euer Vater ging, dahin müßt Ihr auch gehen. Willigt ein und Ihr ſollt keinen Mangel leiden. Ihr könnt Sophy nicht entdecken. Alle Eure Ver⸗ ſuche auf Darrells Börſe haben fehlgeſchlagen. Aber verſteht Euch dazu nach Auſtralaſien zu ſegeln, ſo will ich Euch ein größeres Ein⸗ kommen zuſichern, als Ihr nach Eurer eigenen Behauptung von Poole auspreßtet, und das Ihr an jenen ſichereren Geſtaden verbrauchen könnt.“ „Und Ihr werdet vermuthlich mit mir gehen?“ ſagte Loſely mit unverbindlicher Verdrießlichkeit. „Ich werde mit Euch gehen, wie Ihr wollt. Ich werde da ſeyn wo Ihr ſeyd— ja.“ Der Unhold ſprang in die Höhe vor Wuth und Ueberdruß. „Weib, tretet mir nicht mehr in den Weg, oder ich koͤnnte mich verleiten laſſen Euch—“ 7* 94 „Mich umzubringen— Ihr wagt es nicht! Schauet mir ins Auge, wenn Ihr könnt— Ihr wagt es nicht! Thut mir ein Leid an, krümmt nur ein Haar von meinem Haupte und Eure Augenblicke ſind gezählt— Euer Urtheil beſtegelt. Wären wir Beide zuſammen in einer Wüſte, wo kein menſchliches Auge die That ſehen, kein menſch⸗ liches Ohr mein Aechzen vernehmen könnte, dennoch würde ich un⸗ verletzt an Eurer Seite ſtehen. Ich, die ich die von Euch erlittenen Beleidigungen durch unabläſſige Wachſamkeit und unverdroſſenes Wohlthun vergolten— ich, die ich Euch vor ſo vielen Feinden und Gefahren gerettet habe— ich, die ich jetzt, wo die ganze übrige Welt Euch ausweist, wo alle andern Hilfsquellen Euch im Stich laſſen— ich, die ich jetzt zu Euch ſage: Theilt mein Einkommen, aber ſeyd ehrlich! ich ſollte eine Beleidigung von dieſer Hand empfangen! Nein; das Verbrechen wäre allzu unnatürlich— der Himmel würde es nicht zugeben. Verſucht es, und Euer Arm wird gelähmt an Eurer Seite herabfallen.“ Jaſpers blutunterlaufene Augen ſenkten ſich unter dem ſtarren und verſengenden Blick des Weibes, und ſeine Lippen, die weiß und zitternd waren, verſagten ihren Dienſt für den grimmigen Fluch, in welchen ſeine brutale Natur ihre Befürchtungen und ihren Haß con⸗ centrirte. Er ging in düſterem Schweigen weiter, aber einige Worte, welche ſie hatte fallen laſſen, brachten ihn auf den Gedanken, es zum letzten Mal mit ſeiner eigenen Kuhnheit zu verſuchen. Sie war in ihn gedrungen, daß er die alte Welt mit der neuen vertauſchen ſolle, aber dieß war gerade der Vorſchlag, den ihm auch Darrell hatte machen laſſen. Wenn dieſer Vorſchlag, welcher dex in ihm zur Herrſchaft gelangten Indolenz ſo ſehr zuwider war, ange⸗ nommen werden mußte, ſo war es wenigſtens beſſer allein als ſein eigener Herr fortzuſegeln, als der abhängige Sklave dieſer verabſcheu⸗ ten und unabläſſig verfolgenden Wohlthäterin zu ſeyn. Seine Ver⸗ zweiflung gab ihm die Entſchloſſenheit, die ihm bisher gefehlt hatte. Er wollte Darrell ſelbſt aufſuchen und den beſtmöglichen Vergleich ——-——- —— 9⁵ 8 mit ihm abſchließen. Dieſer Entſchluß reifte in ihm, während er , durch den gelben Nebel dahinſchritt, und ſeine Nerven erholten ſich d von ihrer Aufreizung, ſeine Gedanken gewannen wieder Etwas von n ihrer ehemaligen Schlauheit, als die Idee ſich der Obhut und chriſt⸗ 5 lichen Liebe von Mrs. Crane zu entziehen eine beſtimmte Geſtalt an⸗ nahm. 3„Nun,“ ſagte er endlich, ſeinen Widerwillen verbergend, und mit 5 einer Bemühung ſich wieder in ſeine alten halb koſenden, halb rollen⸗ — den Töne hineinzufinden,„Ihr ſeyd wahrhaftig das beſte aller Ge⸗ ſchöpfe und, wie Ihr ſagt, „Hätt ich ein Herz für Falſchheit offen, d„Euch könnt ich nimmer wehe thun, ſo ein undankbarer Hund ich auch ſcheinen muß und ſehr wahrſchein⸗ 2 lich bin. Ich geſtehe, ich habe einen Abſcheu vor Auſtralien— ſo eine lange Seereiſe! Neue Landſchaften ziehen mich nicht mehr an; ich bin nimmer jung, obſchon ich es noch ſeyn ſollte; aber wenn Ihr darauf beſteht und Euch wirklich dazu hergeben wollt, trotz aller meiner b Sünden gegen Euch mich zu begleiten, ſo kann ich mich dazu ent⸗ ſchließen. Und was die Ehrlichkeit betrifft, ſo fraget dieſe hölliſchen Schurken, die, wie Ihr ſagt, mein Leben wegſchwören würden, und ſie werden Euch ſagen, daß ich ſeit meiner Rückkehr nach England ſo un⸗ ſchuldig wie ein Lamm geweſen bin; und das iſt mein Verbrechen in ihren Gauneraugen. So lange dieſer infame Poole mir das Nöthige für meine beſcheidenen Bedürfniſſe gab, war ich ein gebeſſerter Mann Ich wünſche gebeſſert zu bleiben. Sehr wenig genügt mir jetzt. Au⸗ ſtralien mag, wie Ihr ſagt, der beſte Platz für mich ſeyn. Wann werden wir abſegeln?“ „Sprecht Ihr im Ernſt? „Allerdings.“ „Dann will ich mich erkundigen, an welchen Tagen die Schiffe abgehen. Ihr könnt mich in meinem alten Haus beſuchen, dann wird Alles in Ordnung gebracht werden. O, Jaſper Loſely, verſäumet dieſe letzte Möglichkeit nicht den Gefahren zu entgehen, die ſich um Euch ſammeln.“ „Nein; ich bin des Lebens überdrüſſig. Alles iſt mir zuwider, nur die Ruhe nicht. Arabella, ich leide ſchreckliche Qualen.“ Er ſtohnte, denn er ſprach die Wahrheit. In dieſem Augenblick war das Nagen der monſtröſen Qual, die ſich wie ein Wolfszahn in die Nerven feſtbeißt, ſo ſchmerzhaft, daß er hätte laut aufbrüllen mögen. Die alte Fabel von Herkules in dem vergifteten Gewande wurde ſicherlich von irgend einem gewandten Phyſiologen erfunden, um die Wahrheit zu veranſchaulichen, daß blos in den ſtärkſten Na⸗ turen der Schmerz bis zu ſeinen äußerſten Folterqualen getrieben werden kann. Das Herz des grimmigen Weibes wurde augenblicklich und vollſtändig beſänftigt. Sie hielt inne; ſie ließ ihn an ihren Arm ſich lehnen; ſie wiſchte die Tropfen von ſeiner Stirne, ſie redete in den begütigendſten Tönen des Mitleids zu ihm. Der Krampf verging plötzlich, wie dieß bei den Nervenſchmerzen der Fall iſt, und mit ihm ſchwand alle Dankbarkeit oder Reue in der Bruſt des Dulders. „Ja,“ ſagte er,„ich will zu Euch kommen; aber mittlerweile bin ich ohne einen Heller. O, fürchtet nicht, daß ich, wenn Ihr mir jetzt hälfet, Euch wieder ausweichen würde. Es bleibt mir keine an⸗ dere Hülfsquelle übrig; auch beſitze ich den Lebensmuth nicht mehr, den ich einſt hatte. Ich lache jetzt nicht mehr über Strapazen und Gefahren.“ „Aber wollt Ihr bei Allem was Ihr noch heilig haltet— wenn leider überhaupt noch Etwas für Euch heilig iſt— mir ſchwören, daß Ihr die Geſellſchaft dieſer Leute nicht mehr ſuchen wollt, die ſich ver⸗ ſchworen haben Euch durch Fallſtricke in die Hände des Henkers zu liefern?“ „Sie wieder aufſuchen, dieſe undankbaren feigen Halunken! Nein, nein; das verſpreche ich Euch feierlich; ärztliche Hilfe iſt es, was mir Noth thut; Ruhe, ſage ich Euch— Ruhe, Ruhe, Ruhe.“ Arabella Crane zog ihre Boͤrſe hervor.„Nehmt was Ihr 97 wollt,“ ſagte ſie freundlich. Jaſper, ob er nun ſie zu taͤuſchen wünſchte, oder weil ihre Almoſen ſeiner ſeltſamen Art von Stolz ſo zuwider waren, daß er die Berufung an ſte auf die nackte Nothwendigkeit be⸗ ſchränkte, begnügte ſich mit dem dritten oder vierten Theil der Sou⸗ veräne, welche die Börſe enthielt, und nach wenigen Worten des Dankes und der Verſprechungen verließ er ſie und verſchwand bald in dem Nebel, der immer dunkler wurde, als der nachtähnliche Wintertag ſich über die ſchweigſamen Straßen herabneigte. Das Weib ging ihren Weg durch die Nebel und war voll Hoff⸗ nung— durch die Nebel ging der Mann, ebenfalls voll Hoffnung. Nachdem er ſich in einer Schenke auf ſeinem Weg mit leichten Speiſen und ſtarkem Getränke erquickt hatte, begab er ſich nach Darrells Haus in Carlton Gardens, und als er dort erfuhr, daß Darrell in Fawley ſey, eilte er zu der Station, von wo der Zug nach der dem alten Schloß zunächſt gelegenen Stadt aufbrach, kam wohlbehalten in dieſer Stadt an und übernachtete daſelbſt. * Neuntes Buch. Erſtes Kapitel. Das Geheimniß, welches Guy Darrell ſelbſt Alban Morley nicht 3 anvertraute. Es war ein heiterer Nachmittag in dieſem trübſeligen Zwiſchen⸗ ſpiel der Jahreszeiten, wo der Herbſt gänzlich aufgehört, der Winter aber noch nicht ſichtlich begonnen hat. Derſelbe Miethwagen, wel⸗ cher Lionel vor mehr als fünf Jahren nach Fawley gebracht, hielt vor dem Thore des wilden, ſchattigen Grasplatzes, der das alte Herren⸗ haus umgab. Er war an der nächſten Eiſenbahnſtation auf der Lon⸗ doner Straße von einer Lady genommen worden, welche eine Beglei⸗ terin bei ſich hatte, die ihre Dienerin zu ſeyn ſchien. Der Kutſcher ſtieg ab, öffnete den Wagenſchlag, und die Lady befahl ihm bis zu ihrer Rückkehr da zu warten, ſagte ihrer Begleiterin einige Worte, ſtieg dann aus und ſchritt, ihren Mantel dicht um ſich ziehend, allein gegen das Herrenhaus zu. Im Anfang war ihr Schritt feſt und raſch. Sie befand ſich noch unter der Aufregung des Entſchluſſes, in welcher die Reiſe plötzlich ausgedacht und raſch ausgeführt worden war. Aber als der Pfad ſich durch die Stille ehrwürdiger Haine wand, da begann ihr Muth zu ſchwinden. Ihr Fuß zögerte, ihr Auge ſchweifte vag und ſchüchtern umher. Die Landſchaft war ihr nicht neu. Als ſie darüber hinſchaute, drängten ſich ihrem kummervoll bebenden Geiſt 99 e auf, die ſie in ihrer Kindheit mitten unter dieſen Raſen und Schatten verbracht— noch aufregen⸗ Erinnerungen an glückliche Sommertag dere Erinnerungen an den letzten Beſuch(die Kindheit reifte damals zu blühender Jugend heran) in der alten Wohnung, die, ihrem Blicke noch verborgen durch die wellenförmigen Schwellungen des Bodens und die gelben Zweige der Rieſenbäume, gleichwohl ihre Lage durch den Rauch verrieth, der dünn und matt nach der luftigen Atmoſphäre emporſtieg. Sie neigte ihr Haupt, ſie ſchloß ihre Augen, als ob ſie weniger die Landſchaft als die Bilder, die ſich geiſterhaft erhoben, um dieſelbe zu bevoͤlkern, zu meiden wünſchte, und ſeufzte ſchwer, ſchwer. Jetzt, dicht daneben aus ſeinem Bett im Farnkraut aufgeſchreckt, hatte das Reh, welches Darrell gezähmt und zu ſeinem Begleiter gemacht, neugierig dieſe fremde Eindringlingin auf ſe einem einſamen Pfade beobachtet. Aber bei dem Ton dieſes ſchweren Seufzers verließ das Thier, kühn gemacht, ſeinen Standplatz, ſchlich ſich nahe zu dem be⸗ trübten Weibe und ſchmiegte ſich an ſeine Kleider. Ohne Zweifel war das Reh, als Darrells Begleiter in ſeinen Stunden tiefſten Nach⸗ ſinnens, mit dem Getöne von Seufzern vertraut geworden und brachte daſſelbe mit ſeinen freundlichſten Begriffen von der Menſchheit in Ver⸗ bindung. Die Lady fuhr zuſammen, ſchlug ihre geſenkten Wimpern auf und begegnete dieſen ſanften dunkeln Augen, dunkel und ſanft wie ihre eigenen. Um den Hals des Thieres war ein einfaches Band ge⸗ ſchlungen mit einer Silberplatte, friſch und neu, augenſcheinlich aus der letzten Zeit ſtammend. Und als das niedliche Geſchöpf ſeinen Kopf vorſtreckte, als begehre es die Liebkoſung von einer gewohnten Hand, da las die Lady die Inſchrift. Die Worte waren italieniſch und ließen ſich ſo überſetzen:„Weiblich, doch nicht treulos; mit Liebe ge⸗ pflegt, doch nicht undankbar.“ Als ſie dieß las, ſchwoll ihr Herz der⸗ maßen, und ihre Entſchloſſenheit verließ ſte ſo gänzlich, daß ſie ſich umwandte, als hätte ſie einen Wegweiſungsbefehl erhalten, und ſchnell 100 einige Schritte zurückging. Das Reh folgte ihr, bis ſie wieder Halt machte, und dann ging es langſam einen ſchmalen Pfad links hinab, der zu den Ufern des kleinen Sees führte. Die Lady hatte ſich jetzt wieder erholt.„Es iſt eine Pflicht, und ſie muß erfüllt werden,“ murmelte ſie, und indem ſie den Schleier hinabließ, den ſie beim Eintritt in das Gut zurückgeſchlagen hatte, eilte ſie weiter, aber nicht auf dem früheren Weg, ſondern auf dem⸗ jenigen, welchen das Reh eingeſchlagen hatte, vielleicht im unklaren Mißgriff eines gänzlich in ſich verſunkenen und abweſenden Geiſtes— vielleicht in der neubelebten Erinnerung an die Lokalitäten, denn dieſer Weg nach dem Hauſe war kürzer als der mit Unkraut überwachſene Fahrweg. Der See wurde ſichtbar, heiter und glänzend; halb unbe⸗ laubtes Waldland ſpiegelte ſich fern auf ſeinen ruhigen Waſſern ab; das Reh machte Halt, erhob ſeinen Kopf und ſchnüffelte in der Luft, dann aber beſchleunigte es ſeine Schritte ein wenig und verſchwand hinter einem der kleinen, mit Buſchwerk bewachſenen Hügel, die dem alten Boden einen ſo urſprünglichen und waldähnlichen Charakter gaben. Als ſie nun rechts weiter ſchritt, ſah ſie die edeln Thürme des unvollendeten Gebäudes ſich aus der Landſchaft erheben, und dicht zu ihrer Linken unter einem knorrigen phantaſtiſchen Dornſtrauch, wo der ſtille See zu ſeinen Füßen ſeinen noch ſtilleren Schatten zurückſtrahlte, lag Guy Darrell, das Reh ruhig an ſeiner Seite. Bei dieſem unerwarteten Anblick, als die Lady den Mann, den ſie zu ſuchen kam, aber doch zu ſehen fürchtete, ſo nahe an ihrem Weg erblickte, ſtieß ſie einen ſchwachen, aber ſcharfen Schrei aus, und Darrell ſprang auf ſeine Füße. Sie ſtand vor ihm, verſchleiert, in ihren Mantel gehüllt, gebeugt als eine Flehende. „Hinweg!“ ſtammelte er wild.„Iſt dieß ein Geiſt, den meine eigene ſchwarze Einſamkeit heraufbeſchwört— oder iſt es eine Täu⸗. ſchung, ein Traum?“ „Ich bins— ich!— Die Caroline, die Euch einſt theuer 101 geweſen, wenn Ihr ſte auch jetzt verabſcheut! Vergebt mir! Ich komme nicht um meiner ſelbſt willen.“ Sie ſchlug ihren Schleier. zurück, ihre Augen ſuchten bittend die ſeinigen. „So,“ ſagte Darrell, indem er mit der ihm eigenthümlichen Geberde, wenn er entweder eine ſtürmiſchere Bewegung beſchwichtigen oder einen härteren Entſchluß ſeines Herzens beſtätigen wollte, ſeine Arme um ſeine Bruſt ſchlug—„ſo! Caroline, Marquiſe von Mont⸗ fort, wir ſind alſo vom Schickſal beſtimmt uns endlich von Angeſicht zu Angeſicht zu treffen! Ich verſtehe— Lionel Haughton hat Euch meinen Brief geſchickt oder gezeigt?“ „O, Mr. Darrell, wie konntet Ihr das Herz haben in ſolchen Ausdrücken von einer Perſon zu ſchreiben, die—“ „Von einer Perſon, die das Herz aus meinem Buſen genommen und es in die Pfütze getreten hat. Es iſt wahr, alberne Gecken werden ſagen: Pfui! das Wörterbuch feiner Gentlemen hat keine harten Ausdrücke für Damen.“ Bei Zierbengeln, welchen die Liebe blos ein Zeitvertreib iſt, ſieht man ſtets noch einen eleganten Kummer und höfliche Verbeugungen, wenn ſie ihre Damen verlaſſen oder von ihnen verlaſſen werden. Madame, ich war niemals ein ſolcher luftiger Galan. Ich bin blos ein Mann, der es unglücklicher Weiſe ernſt gemeint— ein Mann, der ſein innerſtes Leben in dieſe Hände gelegt — der, während er noch in ſeiner Blüthe ſtand, zu Euch geſagt hat: Hier iſt meine Zukunft— nehmt ſie, bis ſie von der Erde ver⸗ ſchwindet! Ihr habt dieſes Leben weſenlos wie ein Geiſt— dieſe Zukunft unfruchtbar gemacht wie das Grab. Und wenn Ihr es waget Euch wieder auf meinen Weg zu drängen, und wenn Ihr an meinem eigenen Herd Geſetze diktiren möchtet— da ſpreche ich wie ein Mann, was ſchlichte und aufrichtige Männer fühlen müſſen.— O, Mr. Darrell, ſagt Eure beleidigte Herrlichkeit, wie könnt Ihr das Herz haben?“ Weib! waret Ihr nicht falſch wie die Falſcheſte? Falſchheit hat keine Würde, vor welcher der Tadel zurückweicht— Falſchheit hat kein Vorrecht des Geſchlechtes.“ 102 „Darrell— Darrell— Darrell— ſchonet mich, ſchonet tgüchn Ich bin ſo ſchwer geſtraft worden— ich bin ſo elend!“ „Ihr!— geſtraft!— Was! Ihr habt Euch an Ingend und ein glattes Geſichtchen, an große Titel und die Schmeichelei einer Welt verkauft; und Eure Roſenblätter wurden zerknittert in dem prunkvollen Ehebett. Angemeſſene Beſtrafung!— ein zerknittertes Roſenblatt! Wahrlich, der Mann war ein— Aber warum ſollte ich übel von ihm reden? Er ſelbſt trug die Strafe, wenn Ihr bei Annahme ſeines Ranges in ihm eine Null erkanntet, die Ihr weder lieben noch ehren konntet. Falſch und undankbar in gleicher Weiſe gegen den Mann, den Ihr wähltet, wie gegen den Mann, den Ihr im Stiche ließet! Und nun habt Ihr den Einen begraben und ein Plän⸗ chen ausgedacht, um den Andern herabzuwürdigen.“ „Herabzuwürdigen!— O! dieſe Beſchuldigung hat mich am ſchmerzlichſten verletzt, alle andern verdiene ich. Aber dieſer Vor⸗ wurf! Hört— Ihr ſollt hören!“ „Ich habe mich darein ergeben Euch anzuhören. Sagt jetzt Alles was Ihr wollt, denn es iſt das letzte Mal auf Erden, daß ich meine Ohren Eurer Stimme leihe.“ „Mag es ſeyn— das letzte Mal.“ Sie hielt inne, um ihre Sprache wieder zu gewinnen, um Gedanken und Kräfte zu ſammeln; und ſo ſeltſam es denjenigen erſcheinen mag, die nie geliebt haben, inmitten all ihrer Bekümmerniß und Demüthigung lag eine bange Wonne über ein Wiederſehen, das ihr ſeit ihrer Jugend verwehrt ge⸗ weſen— ja eine ihr ſelbſt unerklärliche Wonne ſogar in dieſem rauhen, heftigen, bittern Sturm von Vorwürfen; denn ein Inſtinkt ſagte ihr, daß kein Haß in der Sprache geweſen wäre, wenn nicht Liebe noch immer in der Seele geweilt hätte. „Sprecht,“ ſagte Darrell, gegen ſeinen Willen mild und beſänf⸗ tigt durch den ſichtlichen Kampf, womit ſie ihre Aufregung zu be⸗ meiſtern verſuchte. Zweimal begann ſie— zweimal verſagte ihr die Stimme. End⸗ ——— Q 1 103 lich kamen ihre Worte hörbar hervor. Sie begann mit ihrer Schutz⸗ rede für Lionel und Sophy und gewann Kühnheit durch ihren Eifer für ihre Schützlinge. Sodann ſuchte ſie ihre eigenen Motive zu recht⸗ fertigen— ſich von ſeinem Vorwurf zu reinigen. Sie ſollte auf ſeine Erniedrigung ſinnen! ſie habe ſich vielmehr durch ihren Wunſch ſein Gluͤck zu fördern, ihn vor der Möglichkeit eines Selbſtvorwurfs zu bewahren, gar zu weit fortreißen laſſen. Im Anfang hörte er ſie mit hochmüthiger Ruhe an und ſagte blos in Beziehung auf Sophy und Lionel:„Ich habe dem Beſchluß, den ich Lionel mitgetheilt habe, Nichts beizufügen und Nichts daran zu ändern.“ Aber als ſie ſo un⸗ merklich die Sache der jungen Leute mit ihrer eigenen vermiſchte, da brach ſeine Ungeduld aus.„Mein Glück! oh! wohl habt Ihr die Aufrichtigkeit bewieſen, womit Ihr auf dieſes bedacht waret! Mich vor Selbſtvorwürfen bewahren!— mich! Hat Lady Montfort ſo gänzlich vergeſſen, daß ſie einſt Caroline Lyndſay geweſen, daß ſie ſich die Rolle eines Engels der Warnung vor den Schreckniſſen der Selbſt⸗ vorwürfe anmaßen kann?“ „Ach!“ murmelte ſie ſchwach,„könnt Ihr, wenn ich Euch auch unbeſtändig und gedankenlos ſ cheinen mag—“ „Scheinen!“ wiederholte er. „Scheinen!“ ſagte ſte wieder, aber weich und demüthig— „ſcheinen und mit Recht ſcheinen! Könnt Ihr jedoch annehmen, daß ich, als ich die Freiheit erhielt meine Reue zu äußern— von Dank⸗ barkeit, von Verehrung zu ſprechen— daß ich da unaufrichtig war? Darrell, Darrell, Ihr könnt nicht ſo denken! Dieſer Brief, der Euch vor beinahe einem Jahr in der Fremde traf, und worin ich meinen Frauenſtolz zu Euern Füßen legte, wie ich jetzt durch mein Hieher⸗ kommen thue— dieſer Brief, worin ich fragte, ob es Euch unmöglich wäre zu verzeihen, für mich zu ſpät um wieder gut zu machen— war auf meinen Knien geſchrieben. Er war der Ausbruch meines innerſten Herzens. Nein, nein, höret mich zu Ende. Glaubet nicht, daß ich von Neuem mit einer Hoffnung hervorkommen möchte, die ſo ver⸗ achtungsvoll zermalmt worden iſt!(Ein tiefes Erröthen kam über ihre Wangen.) Ich tadle Euch nicht, aber laßt mich es ſagen, Eure Strenge brachte auch nicht diejenige Scham hervor, die ich mit Recht empfunden haben müßte, wenn ich an irgend einen andern Mann auf Erden ſo geſchrieben hätte als an Euch— an Euch, den ich von meiner Kindheit an ſo verehrte, daß—“ „Ja,“ fiel Darrell grimmig ein,„ja, fürchtet nicht, daß ich Euch falſch verſtehen könnte; Ihr würdet dem Jungen, dem Schönen, dem Glücklichen nicht ſo geſchrieben haben. Nein! Ihr, ſtolze Schönheit, ohne Zweifel mit Heeren von flehenden Anbetern, würdet dieſe Hand eher in die Flammen geworfen haben, als daß ſie einem jungen Mann, der geliebt worden wäre wie die Jungen geliebt werden, Dinge ge⸗ ſchrieben hätte, die ſie ohne Scham dem alten Manne ſchrieb, der verehrt wurde wie die Alten verehrt werden. Aber mein Herz iſt nicht alt, und Eure geprieſene Verehrung war ein beleidigender Spott. Euer Brief wurde Euch in Stücke zerriſſen ohne ein Wort zurückgeſandt— Beſchimpfung um Beſchimpfung! Ihr empfandet keine Scham darüber, daß ich Euer Mitleid auf ſo rohe Weiſe ver⸗ warf. Warun ſolltet Ihr auch? Verworfenes Mitleid iſt nicht ver⸗ worfene Liebe. Der Mann war nicht wenigeralt, weil er mit dem Alter nicht ausgeſöhnt war.“ Dieſe Deutung ihrer zärtlichen Buße— dieſe Erklärung ſeiner bittern Verachtung überraſchte Caroline Montfort im höchſten Grad. Aus welchen qualvollen Kämpfen zerriſſener Selbſtliebe kam dieſer Stolz, der blos Selbſtherabſetzung war? Er gab einen Blick in die tiefern Riſſe ſeines verſengten und verheerten Weſens, einen Blick, der zu gleicher Zeit ihre ſehnſüchtig bange Neigung und ihre leiden⸗ ſchaftliche Verzweiflung erhöhte. Vergebens verſuchte ſie die Gefühle auszuſprechen, die auf ſie einſtürmten!— vergebens, vergebens! Das Weib kann murmeln:„Ich habe Euch Unrecht gethan— vergebt!“ Allein ſie kann nicht rufen:„Ihr verſchmähet mich, aber ich liebe!“ Vergebens, vergebens hob ſich ihr Buſen, und ihre Lippen bewegten —— 103 ſich unter dem Schrecken ſeiner flammenden Augen und der Größe ſeines entrüſteten Stirnrunzelns. „Ah!“ begann er wieder, indem er ſeine eigenen Gedanken mit einer düſtern Beharrlichkeit der Leidenſchaft verfolgte, die ihn ihre Gegenwart beinahe vergeſſen ließ.„Ah! ich ſagte zu mir ſelbſt: Oh, ſie glaubt, ſie ſey ſo betrauert und vermißt worden, daß meine Seele zu ihrem falſchen Lächeln zurückſpringen würde, daß ich ein ſo nieder⸗ trächtiger Sklave meiner Sinne ſeyn würde, um der Verrätherin zu verzeihen, weil ihr Geſicht ſchön genug war, um meine Träume zu beunruhigen. Sie täuſcht ſich; ſie iſt keine Nothwendigkeit für meine Erxiſtenz. Ich habe dieſelbe ſchon vor Jahren, vor langen Jahren aus ihrer Macht losgeriſſen. Ich will ihr, da ſie ſich meiner zu erinnern beliebt, zeigen, daß ich nicht ſo alt bin, um für die Ueberreſte eines Herzens dankbar zu ſeyn. Ich will eine Andere lieben— ich will geliebt werden. Sie ſoll nicht mit geheimem Triumph ſagen: Der alte Mann iſt ein Narr, indem er mich verwirft.““ „Darrell, Darrell— wie ungerecht— wie grauſam! Töodtet mich lieber, als daß Ihr ſo ſprechet!“ Er achtete nicht auf ihr Weinen. Seine Worte rollten dahin in jener wundervollen wechſelreichen Muſik, die, ob in Zärtlichkeit oder in Zorn, ſeiner Stimme eine magiſche Gewalt verlieh— menſchliche Seelen bezaubernd, beſchwichtigend, überwältigend. „Aber Ihr habt den Triumph; ſehet, ich bin noch immer allein. Ich beſuchte die Welt der Jugend— den Eheſtandsmarkt der Schöͤnen noch einmal. Ach! wenn mein Auge für eine Weile gefeſſelt wurde, ſo geſchah es durch Etwas, das mich an Euch erinnerte. Ich ſah ein fehlerloſes Geſicht, ſtrahlend in ſeinem jungfräulichen Erröthen; zu ihm hingezogen näherte ich mich— ſeufzend wandte ich mich ab. Ihr waret es nicht! Ich hoͤrte das ſilberne Lachen eines Lebens, ſo friſch wie ein Aprilmorgen. Horch! ſagte ich, iſt das nicht der holde Freu⸗ denton, der all meine Sorgen verſcheuchte? Lauſchend vergaß ich das Gewicht meiner Jahre. Warum? Weil ich im Lauſchen Euer 106 gedachte. Achte nicht auf das verrätheriſche Erröthen und das trü⸗ geriſche Lachen,' flüſterte die Klugheit. Suche in einer gleichgeſtimm⸗ ten Seele eine ſtille Genoſſin für deine eigene. Seele!— Oh kalte Pedanterie! Seele!— war nicht die Eurige ein offenes Buch vor meinen Augen geweſen? auf jeder Seite, wie mich dünkte, irgend eine liebliche poetiſche Wahrheit, wie ſie ſich nie zuvor menſchlichem Sinn geoffenbart! Nein; Ihr habt für mich alle Weiblichkeit getödtet. Eine Andere freien! eine Andere heirathen! Still,' ſagte ich, des wird gehen. Es ſind achtzehn Jahre, ſeit wir uns getrennt haben— wenn ich ſie nicht ſehe, bleibt ſie ewig dieſelbe. Wenn ich ſie wieder⸗ ſehe, ſo wird ſchon die Veränderung, welche die Zeit gebracht haben muß, die Heilung bewerkſtelligen.)“ Ich ſah Euch— die ganze Ver⸗ gangenheit rauſchte zurück in dieſem verſtohlenen Augenblick. Ich floh — um nie mehr davon zu träumen, daß ich den Fluch der Erinnerung abſchütteln könnte— denn ſie iſt mit jedem Tropfen meines Blutes vermiſcht— mit jedem Gewebe verwoben— ſie pulſirt in jeder Nerve — ſie iſt Bein von meinem Bein, Fleiſch von meinem Fleiſch— die Giftwurzel, aus welcher jeder Gedanke aufkeimt, um zu verwelken— der Fluch Euch geliebt und Euch vertraut zu haben!“ „Barmherziger Himmel! kann ich dieß ertragen?“ rief Caroline, die Hände an ihren Buſen drückend.„Und iſt meine Sünde ſo groß — iſt ſie ſo unverzeihlich? O wenn ich die unausſprechliche Ehre hatte in einem ſo edeln Herzen, in einer ſo großen Natur eine ſo dauernde Neigung einzuflößen, muß es blos— blos als ein Fluch ſeyn? Warum kann ich die Vergangenheit nicht wieder gutmachen? Ihr habt nicht aufgehört mich zu lieben. Nennet es Haß— es iſt dennoch Liebe! Und nun, da keine Schranke zwiſchen unſern Leben beſteht, kann ich nie, nie wieder, jetzt, da ich mich Euer weniger un⸗ würdig weiß in Folge der Qualen, die ich über meine ſchwere Belei⸗ digung gegen Euch empfinde— kann ich nie wieder die Caroline von ehemals ſeyn?“ „Ha, ha,“ brach der unbarmherzige Mann mit bitterm Lachen 107 hervor—„ſeht die wahrhaftige Plumpheit einer Weibernatur unter all ihrem fein geſponnenen Trödelkram! Schaut dieſe zartherzigen Geſchöpfe, um die wir kaum zu freien wagen! Wie wenig ſie auch nur den Götzendienſt begreifen, den ſie einflößen! Die Caroline von ehemals! Schaut, die Jungfrau, deren Hand wir mit ritterlicher Huldigung berührten, deren erſter verſchämter Kuß heilig gehalten wurde wie der Wind aus dem Paradieſe, verläßt uns— verkauft ſich am Altar— läßt dort ihrer Untreue gegen uns die Weihe der Religion ertheilen, und wenn Jahre vergangen ſind und ein Todesfall ihr die Freiheit wieder gegeben hat, da kommt ſie zu uns, als hätte ſie nie⸗ mals ihr Haupt an eines Andern Buſen gelegt, und ſagt: Kann ich nicht wieder die Caroline von ehemals ſeyn? Wir Männer ſind zu rauh, um den Treuloſen zu verzeihen. Wo iſt die Caroline, die ich liebte? Ihr ſeyd Mylady Montfort! Schaut um Euch. Auf dieſen Raſenplätzen ſpieltet Ihr, damals ein Kind neben meinen Kindern. Sie ſind todt, aber weniger todt für mich als Ihr. Nie träumte ich damals, daß ein ſo ſchönes Geſchöpf für meine gereifte und ernſte Eriſtenz etwas Anderes als ein Kind ſeyn würde. Damals machte es mir, wenn ich Eurer Zukunft entgegenſchaute, keine Pein Euch zur Jungfrau herangewachſen, Euch als die Braut eines Andern zu denken. Mein Herd war ſeit Jahren verwittwet geweſen. Ich hatte keinen Gedanken an eine zweite Ehe. Mein Sohn wuchs ja heran, um ſich meines Reichthums zu erfreuen und meine Lieblingsträume zu verwirklichen— er wurde mir entriſſen! Wer allein hatte die Macht zu tröſten?— Wer allein hatte den Muth in das verdunkelte Zimmer zu ſchleichen, wo ich trauernd ſaß? Ueberzeugt, daß in ihrer Stimme Troſt liegen und der Anblick ihrer ſympathiſirenden Thränen die Bitterkeit der meinigen hinwegſchelten würde?— wer anders als die Caroline von ehmals! Ach, Ihr weinet jetzt. Aber Lady Montforts Thränen haben keinen Talisman für mich. Ihr waret damals noch ein Kind— als ein Kind mein beſchwichtigender Engel. Noch ein paar Jahre, und meine Tochter, auf die ich all meinen Familienſtolz, 3 8 twer, was wird er damit machen? VI. 108 all meine Geſchlechtshoffnungen übertragen— ſie, deren Glück ich um ſo viel höher als meinen Ehrgeiz ſchätzte, daß ich ihre Hand Eurem jungen Lord von Montfort verweigert hatte— dieſer Puppe, die, des Trödelkrams der Titel entkleidet, nicht würdig war eine gewöhnliche Puppe zu erſetzen!— meine Tochter, ich ſchloß ſie eines Nachts in meine Arme— ich bat ſie dringend mir zu vertrauen, wenn ſie je eine Hoffnung hegte, die ich fördern— einen Kummer hätte, den ich ver⸗ bannen könnte; und ſie verſprach— und ſie neigte ihre Stirne meinem Segen— und vor Tagesanbruch war ſie entflohen mit einem Mann, deſſen Berührung allein ſchon Unehre und Befleckung war, und war auf immer für mich verloren.... Dann, als ich hieherkam, um auf meines Vaters Grab dem entrüſteten Kummer Luft zu ſchaffen, den ich der Welt nicht zu ſehen geſtattete, da kamet Ihr und Eure Mutter(ſie, die eine ſolch ehrliche Freundſchaft, eine ſolch unſägliche Dankbarkeit gegen mich bekannte), Ihr Beide kamet freundlich meine Einſamkeit zu theilen, und damals— damals waret Ihr kein Kind mehr!— und eine Sonne, die mein Leben nie vergoldet hatte, ſtrahlte aus dem Ge⸗ ſicht der Caroline von ehmals!“ Er pauſirte einen Augenblick, ohne auf ihr bitteres Weinen zu achten; er wurde von der gegenwärtigen Stunde ſelbſt hinweggeriſſen durch das Uebermaß jener Pein, welche für den Schmerz iſt was die Ertaſe für die Freude— hinwegge⸗ ſchwemmt durch die Fluth von Gedanken, die einſame Tage und qual⸗ volle Nächte hindurch in ſeiner Bruſt verſchloſſen geweſen, die den langen Uebergangszuſtand vom Nachmittag ſeiner Mannheit zu ſeinem mit Macht herankommenden Abend gebildet hatten. Und in dieſer Pauſe kam von Ferne ein melodiſches ſchwermüthiges Getöne— ſanft, ſanft über die blauen kalten Waſſer getragen, ſanft, ſanft durch die dürren Herbſtblätter—- die Muſik der Zauberflöte! „Horcht!“ ſagte er,„erinnert Ihr Euch nicht? Schauet dieſe Buche dort an! Erinnert Ihr Euch nicht, wie wir unter dieſem Baume ſtanden, wie dieſer ſelbe, ſelbe Ton muſtkaliſch wie jetzt, ſchwellend in Steigung und Fall, kam, als wollte er durch eine Stimme 109 aus dem Feenland die Schläge meines eigenen geheimnißvollen Her⸗ zens deuten. Ihr hattet um Verzeihung gefleht für ein Geſchöpf, das weniger undankbar, weniger verrätheriſch war, als meine Tröſterin ſelbſt ſich erwies. Ich hatte Euch angehört, mich wundernd, wie Zorn und Gefühl für erlittenes Unrecht aus der Welt verbannt ſchienen; und ich murmelte als Antwort ohne bewußten Gedanken an mich ſelbſt: Glücklich der Mann, deſſen Fehler Eure herrliche Menſchen⸗ liebe verweiſen— deſſen Bekümmerniſſe Eure Zärtlichkeit verſcheuchen, wird! Aber wenn Euch in Jahren Kinder geboren werden, ſo über⸗ laſſet mir dasjenige, das Euch am meiſten gleichen wird, um die Tochter zu erſetzen, der ich nur dann aufrichtig zu verzeihen vermag, wenn etwas Anderes für mein troſtloſes Daſein erblüht— Etwas das ich ohne die Erinnerung an Falſchheit und die Furcht vor Schande lieben kann. Ja, als ich aufhörte, kam dieſe Muſik; und als ſie durch die Sommerluft bebte, wandte ich mich um und begegnete Euern Augen— wandte mich um und ſah Euer Erröthen— wandte mich um und hörte einige ſchwache ſtammelnde Worte, welche die Muſik mit noch göttlicherer Lieblichkeit übertönten, und plötzlich wußte ich's wie durch eine Offenbarung, daß das Kind, das ich gepflegt, zu dem Weib herangewachſen war, das ich liebte.— Meine eigene Seele wurde nur durch den Blitz der Hoffnung blosgelegt. Ueber die ganze Welt ſtrömte Licht und Farbe! O die Caroline von ehmals! Was Wunder, daß ſie mit ſolcher Schickſalsnothwendigkeit, daß ſie ſo un⸗ ausſprechlich geliebt wurde! Wie ein Mann in der alten Geſchichte, den ſein Vaterland verbannt, von einem Orakel angewieſen wird eine glücklichere Inſel in unentdeckten Seen zu ſuchen— er befrachtet eine einzige Barke mit ſeiner ganzen Habe— ſammelt auf ſeinen unſteten Altar die letzte Aſche ſeines verlaſſenen Herdes— ſtellt ſeine ver⸗ bannten Hausgötter daneben; ſo bewahrte ich Alles was mir mein Leben gelaſſen, heiligend und geheiligt in Euch auf.... Ich riß mich von meinem alten heimiſchen Boden, von den alien kühnen Wolken los. Durch der Zeit weiten Ocean ſah ich nur die verheißene 8* goldene Inſel. Fabeln, Fabeln!— Lügneriſches Orakel!— Ge⸗ ſunkenes Schiff!— Die Inſel hatte nur im Traum beſtanden! Und das Leben war für mich bis dahin gänzlich ohne Liebe geweſen!— war in ſolch trockenen Arbeiten, ohne einen romantiſchen Feiertag verfloſſen — alle Quellen der ungekannten Leidenſchaft verſtegelt, bis der Zauberſtab an den Fels ſchlug und jede Welle jeder Tropfen zu einem einzigen Sterne friſch hervorfunkelte. Und doch hatte meine Kindheit gleich der anderer Männer von ihrem Ideal geträumt. Hier blühte endlich dieſes Ideal zum Leben gekommen vor mir: hier unter dieſen Buchen— die Caroline von ehmals. O unglückſeliges Weib, das jetzt an meiner Seite weint, wohl mögt Ihr weinen! Nie kann die Erde Euch ſolche Liebe zurückgeben, wie Ihr in der meinigen verloren habt.“ „Ich weiß es, ich weiß es— Närrin die ich war— unſelige Närrin!“ „Ja, aber tröſtet Euch— noch wilder und trauriger iſt die Narr⸗ heit in mir. Eure Mutter hatte Recht. Das eitle Kind, ſagte ſie, kennt ihr eigenes Herz nicht. Sie weiß Nichts von der Welt— hat Niemand von ihren eigenen Jahren geſehen. Um ihretwillen muß ich auf der Probe der Abweſenheit beſtehen. Ein Verſuch von einem einzigen Jahr— dann ſehet, ob ſie noch eben ſo denkt.) Ich wunderte mich über ihre Kälte; ſtolz unterwarf ich mich ihrem Raiſonnement; furchtlos vertraute ich das Ergebniß Euch an. Ah! wie ſtrahlend war Euer Lächeln, als ich in der Abſchiedsſtunde ſagte: Auf den Sommer werdet Ihr wiederkehren.’ Vergebens führte Euch Eure Mutter, unter dem Vörwand die Probe müſſe vollſtändig ſeyn, außer Lands und nahm uns Beiden das feierliche Verſprechen ab, daß nicht einmal ein Brief zwiſchen uns gewechſelt werden ſolle— daß unſer Verlöbniß, das ſomit zu einem bedingten wurde, für Jedermann ein Geheimniß bleiben müſſe— es war vergebens, wenn es darauf an⸗ gelegt war mich durch Zweifel zu quälen. Nach meinem Catechismus iſt ſchon ein Zweifel Verrath. Wie lieblich wurde das herbe Geſicht 111 des Ehrgeizes!— Wie betrachtete ich die Fama als eine Botin von mir an Euch! Im Beifallsgeräuſche ſagte ich: Sie können die Luft nicht ausſchließen, die dieſes Getöne zu ihren Ohren bringen wird. Alles was ich an Ehre gewinnen kann, ſoll meine Morgengabe ſeyn für meine königliche Braut! Schaut dieſes unvollendete Gebäude— begonnen bei der Geburt meines Sohnes, eine Weile aufgehalten bei ſeinem Tod, nach einem ſtattlicheren Plan wieder aufgenommen, als⸗ ich an Euern Fußtritt auf ſeinen Böden, an Euern Schatten an ſeinen Wänden dachte. Jetzt für immer unterbrochen. Architekten können einen Palaſt bauen; aber können ſie auch ein Haus bauen? Aber Ihr — Ihr— Ihr— dieſe ganze Zeit über gehörte Euer Lächeln der Be⸗ werbung eines Andern— Eure Gedanken waren dem Herd eines An⸗ dern zugewandt.“ „Nein, nicht ſo!— nicht ſo. Euer Bild verließ mich nie. Ich war ſchwindlich, gedankenlos, geblendet, verſtrickt; und ich ſagte Euch in dem Brief, den Ihr mir zurückſchicktet— da ſagte ich Euch, daß ich getäuſcht worden war.“ „Geduld— Geduld! Bildet Ihr Euch ein, ich könne nicht, wie in einem Zauberglas, Alles ſehen, wie es vor ſich gegangen iſt? Caroline Montfort, Ihr habt mich nie geliebt; Ihr habt nie gewußt, was Liebe war. Plötzlich in die heitere Welt hineingeworfen, berauſcht durch die Wirkung Eurer eigenen Schoͤnheit, ließet Ihr meine düſtere Geſtalt allmählig vor Euch verblaſſen, ſie war wirklich ein bleicher Geiſt in der Atmoſphäre von Blumen und Kronleuchtern, ſtinkend vom Athem der Schmeichler. Dann kam Mylord, der Marquis— als Vetter zu vertraulichem Umgang bevorrechtet; er durfte Euch beſuchen, wann es ihm einfiel, durfte mit Euch reiten, mit Euch tanzen, in ſtillen Ecken gedrängt voller Ballſäle neben Euch ſitzen, Euch Caroline nennen. Pfui, pfui— Ihr ſeyd blos Verwandte, und Verwandte ſind wie Brüder und Schweſtern in dem liebevollen Hauſe Vipont, und Gevatterinnen ſchwatzen und junge Ladies werden neidiſch— die ſchönſte Partie in ganz England iſt Lord Montfort mit ——— *————— — — — dem hübſchen Geſichtchen. Und Eure Mutter, die zu Guy Darrell geſagt hatte: Wartet ein Jahr, muß von dem Vetter geträumt und Plänchen auf ſeine Grafenkrone geſchmiedet haben, als ſie das ſagte. Und ich wurde nicht geſehen, und ich durfte nicht ſchreiben; und die Abweſenden ſind immer im Unrecht— und ich höre Eure Mutter von mir ſprechen, höre das ſanfte Getöne ihrer ſchadenſtiftenden Lobprei⸗ ſungen. Wieder eine lange Rede von Eurem geiſtreichen Bewunderer! Bildet Euch nicht ein, daß er ſich gräme; Männer dieſer Art denken an Nichts als Blaubücher und Politik. Und Euer Vetter ſtellt ſeinen Antrag, und Ihr ſagt mit einem Seufzer: Nein, ich bin an Guy Darrell gebunden; und Eure Mutter ſagt zu Mylord: Wartet und kommet beſtändig— als Vetter!' Und dann träufelt Euch die ſüße Mrs. Lyndſay Tag für Tag die Andeutungen ins Ohr, die Euer Herz vergiften ſollen. Irgend eine Fabel wird vorgebracht, um mich zu verleumden, und Ihr rufet: Es iſt nicht wahr; beweist, daß es wahr iſt, oder ich werde Guy Darrell mein Wort fortwährend halten.“ Dann kommt der freundliche Vertrag— wenn die Geſchichte falſch i*ſt, ſo muß mein Vetter ziehen; und wenn ſie wahr iſt, ſo werdet Ihr mein liebes gehorſames Kind ſeyn. Ach, Eurem armen Vetter bricht ſein Herz. Ein Advokat von wierzig hat ein Herz von Pergament.“ Aha! Ihr wurdet verſtrickt und folglich getäuſcht! Euer Brief erklärte nicht, welches Mährchen man Euch vorſchwatzte. Ich frage keinen Pfifferling darnach, was es war. Mir genügt es zu wiſſen, daß Ihr, wenn Ihr mich geliebt hättet, mich um jedes Mährchen, das übet mich log, noch mehr geliebt haben würdet. So wurde das Mährchen geglaubt, weil es eine Herzenserleichterung war daran zu glauben. So wurde der Vertrag gehalten— ſo der ganze Handel in eleganter Heimlichkeit überſtürzt— Tauſchplatz eine Geſandtſchafts⸗ kapelle, Tand um Tand— das Jawort einer Cokette für das Grafen⸗ krönchen eines Hampelmanns. Das Prüfungsjahr war bis auf vier Tage verſtrichen: Nur noch vier Tage!' rief ich trunken von Ent⸗ zücken. Die ournale liegen vor mir. Drei Spalten für Guy 113 Darrells Rede in der letzten Nacht; eine weitere Spalte über ihre Wirkung auf einen Senat, auf ein Reich; und zwei Zeilen— zwei kleine Zeilen für den Urtheilsſpruch, welcher Guy Darrell aus der Welt der Menſchen hinaustrieb! Vermählung in der vornehmen Welt.— Marquis von Montfort— Caroline Lyndſay“ Und die Sonne ſiel nicht vom Himmel herab! Gemeinſtes der Enden für den abgedroſchenſten der Romane! In der fröhlichen Welt ereignen ſich dieſe Dinge tagtäglich. Junge Ladies genießen das Vorrecht dem einen Mann Hoffnungen zu geben— einem andern ihre Hände. Iſt die Sünde ſo unverzeihlich?' fragt Ihr mit treuherziger Einfachheit. Lady Montfort, das kommt darauf an! Denket nach! Was war mein Leben, bevor ich es in Eure Verwahrung gab? Leer an Glück, das gebe ich zu— getrübt, einſam— für mich ſelbſt eine Sache von geringem Werth. Aber was war dieſes Leben für Andere?— Eine Sache voll von warmer Wohlthätigkeit, von nützlichem Gebrauch, von ſtattlichen Fähigkeiten, geeignet zu edlen Zwecken! Darin daß Ihr dieſes Leben, ſo wie es für Andere war, lähmtet, darin mag eine größere und dunklere Sünde liegen als in der bloßen Untreue gegen die Liebe. Und nun wagt Ihrs zu fragen: Kann ich wieder die Caroline von ehmals ſeyn?““ „Ich frage und bitte um Nichts mehr— ich bitte nicht einmal um Verzeihung,“ ſagte das unglückliche Weib.„Ich möchte Etwas ſagen, um zu zeigen, wo Ihr mich falſch beurtheiltet, Etwas das zur Beſchönigung dienen könnte; aber nein, laßt es ſeyn.“ Ihre Töne waren ſo ſchrecklich hoffnungslos, daß Darrell plötzlich ſeine Augen von ihrem Geſicht abwandte, als fürchtete er, der Anblick ihres Herze⸗ leides möchte ſeine Entſchloſſenheit ſchwächen. Sie hatte ſich me⸗ chaniſch umgekehrt. In düſterem Schweigen ſchritten ſie jetzt neben einander von dem See weg— zurück unter dem zackigen Dornbaum, zurück— zurück an der moosbewachſenen Felſenſpitze vorbei— zurück an den hohlen Stämmen und über die gefallenen Blätter der Bäume, welche den Stürmen von Jahrhunderten Trotz geboten haben, um 111 vielleicht ſchwach und ſaftlos an einem ruhigen Tag, wenn alle Winde eingelullt ſind, umzuſinken. Die Flöte hatte ihre Muſik eingeſtellt; die Luft war kalt und ſchneidend geworden; der kleine Park war bald durchſchritten; das Thor wurde ſichtbar und das beſcheidene Fuhrwerk vor demſelben. Dann blieben unwillkürlich Beide ſtehen, und über Jedes kam auf einmal das Bewußtſein, daß ſie im Begriff ſtanden zu ſcheiden, um ſich vielleicht nie wieder zu begegnen in dieſer Welt; und bei Allem was geſagt worden, blieb noch ſo Vieles ungeſprochen— ihre Herzen waren ſo voll von Etwas, was ihre Lippen leider nicht zu ſprechen vermochten. „Lady Montfort,“ ſagte endlich Darrell. Beim Klang ihres Namens ſchauerte ſie. „Ich habe rauh—„ic heb⸗ hart zu Euch geſprochen— „Nein— nein— „Aber dieß war die letzte Ausübung eines Rechtes, auf das ich jetzt für immer verzichte. Ich ſprach zu derjenigen, die einſt Caroline Lyndſay geweſen. Einige freundlichere Worte gebühren der Wittwe des Lord Montfort. Wie groß, wie unſühnbar auch das Leid ſeyn mag, das Ihr mir zugefügt habt, ſo erkenne ich nichtsdeſtoweniger in Eurer allgemeinen Natur Eigenſchaften, welche Euch für einen Mann, den Ihr wirklich liebtet und nie getäuſcht hättet, zu dem Segen machen würden, den ich mir ſelbſt einſt in Euch verſprochen hatte.“ Sie ſchüttelte ungeduldig, kummervoll ihren Kopf. „Ich weiß, daß in einer unglücklichen Ehe und inmitten aller Verſuchungen, denen umſchmeichelte Schönheit ausgeſetzt iſt, Euer Benehmen tadellos geblieben iſt. Vergeßt den alten Mann, deſſen Gedanken jetzt ſeinem Grab zugekehrt ſeyn ſollten.“ „Still, ſtill— habt menſchliches Erbarmen!“ „Ich widerrufe und bereue meine Ungerechtigkeit gegen Eure Motive bei dem Schutz, welchen Ihr dem armen Maͤdchen geſchenkt habt, das Lionel heirathen möchte; ich danke Euch für dieſen Schutz —(—— 2 — obſchon ich meine Einwilligung in die Bitte meines Verwandten verſage. Was auch ihre Geburt ſeyn mag, ſo muß es mich freuen zu wiſſen, daß Diejenige, die mein Vetter ſo innig liebt, vor einem Elenden, wie Loſely, geſichert iſt. Noch ein einziges Wort— wartet — es iſt hart für mich es auszuſprechen— ſeyd glücklich— ich kann Euch nicht verzeihen, aber ich kann Euch ſegnen. Lebt wohl für immer!“ Ueberwältigender zermalmt durch ſeine Zärtlichkeit als durch ſei⸗ nen Zorn, hatte ſich Caroline noch nicht von ihrem heftigen Schluch⸗ zen erholen können, als er bereits aufgehört hatte und hinweggegangen war, verloren im Düſter eines nahen Dickichts, wo ſein haſtiger, un⸗ geſtümmer Gang verrathen wurde durch das Geraſſel trauernder Zweige, die ſich mit ihren verwelkten Blättern zurückſchnellten. Zweites Kapitel. Rückblick. Es gibt einen Platz, wo drei Straßen zuſammentreffen, jener myſteriöſen Göttin geheiligt, die auf Erden Diana, im Himmel Luna oder Mond und in den hölliſchen Regionen Hekate genannt wird. Auf dieſem Platz machen die Jungfrauen Halt, welchen die Wahl zwiſchen den drei Straßen freigeſtellt iſt. Wenige geben ihren Vorzug derjenigen, welche der Göt⸗ tin unter ihrem Namen Diana geweiht iſt: dieſe Straße, kalt und un⸗ fruchtbar, iſt nicht mit Roſen und Myrten bewachſen. Roſen und Myr⸗ ten verhüllen den Zugang zu den beiden andern, und in beiden andern hat Hymen beinahe dieſelben Tempel von heiterem Ausſehen. Aber welche von dieſen beiden zu der himmliſchen Luna oder welche von ihnen zu der hölliſchen Hekate führt, das erräth nicht eine Nymphe unter fünf⸗ zig. Wenn dein Herz von banger Ahnung erfüllt iſt, o Nymphe!— wenn, obſchon Wolken den Pfad zu dem Mond verhüllen und Sonnen⸗ ſchein den zu der bleichen Hekate vergoldet, dein Inſtinkt von dem Sonnen⸗ ſchein zurückweicht, während du nicht den Muth haſt dich zu der Wolke zu wagen— ſo bleibt dir noch immer eine Wahl übrig— du haſt noch immer die ſichere Straße Dianas. Hekate, o Nymphe, iſt die Göttin der Geiſter. Wenn du ihren Pfad einſchlägſt, ſo ſchau nicht zurück, denn die Geiſter ſind hinter dir. Wenn wir uns langſam von dem Tumult und der Leidenſchaft eines heftigen Kummers erholen, ſo ſenkt ſich eine eigenthümliche Stille über den Geiſt herab, und die Atmoſphäre ringsumher wird in dieſer Stille zum Erſchrecken klar. So lange wir mit unſerm Herze⸗ leid rangen, kannten wir die Ausdehnung ſeiner Verwüſtungen nicht. Wie ein Land am Tag nach einer Fluth, wie ein Feld am Tag nach einer Schlacht, ſo iſt der Anblick unſeres eigenen Kummers, wenn wir nicht mehr ſeiner Wuth Einhalt zu thun, ſondern die angerichtete Zer⸗ ſtörung zu ertragen haben. Klar dehnte ſich vor Caroline Mont⸗ forts Blicken die Wüſte ihres Elends aus— Vergangenheit, Gegen⸗ wart und Zukunft, Alles ſchien ſich in einer und derſelben Ver⸗ ödung zu vermiſchen. Seltſam iſt es, wie die ganze Zeit im Brenn⸗ glas eines Augenblicks zuſammenzulaufen ſcheint. Es gibt einen — ͤſ— — dNüUn 1 —— „ 8N—◻— weitverbreiteten Aberglauben, daß es im Augenblick des Todes ſo ſey; daß unſere ganze Exiſtenz— ein Panorama von Allem was wir auf Erden gethan haben— ſich vor dem verglaſenden Auge zuſammen⸗ dränge, juſt wenn die Seele der Erde ihr Gewand zurückgebe. Ge⸗ wiß gibt es Stunden in unſerm Daſeyn, und zwar lange vor der letz⸗ ten und gefürchteten, wo dieſes Phänomen uns zeigt, daß, wenn die Erinnerung immer thätig wäre, die Zeit niemals dahingegangen ſeyn würde. Vor dieſer Frau, welche bei aller Gerechtigkeit in Darrells bittern Vorwürfen eine Natur beſaß, liebenswürdig genug um ſein namenloſes Herzeleid über ihren Verluſt zu rechtfertigen, erhob ſich ihr eigenes Bild in jenem Wendepunkt des Lebens, wo die Morgen⸗ nebel trüb über unſerem Wege hängen, aber dennoch ein gewählter Pfad ein entſchiedenes Schickſal iſt. Ja; ſie hatte Entſchuldigungen, welche bei dem Richter, der ſein Urtheil geſprochen, nicht geltend ge⸗ macht, und nicht in ihrer vollen Ausdehnung von der ſtrengen Billig⸗ keit geprüft worden waren, womit er mitten unter Leiden und Zorn ihre Sache zu wägen gewünſcht hatte. Carolinens Mutter, Mrs. Lyndſay, gehörte zu denjenigen Müt⸗ tern, die ſich durch die Vereinigung liebkoſender Manieren mit hart⸗ näckigen Entſchlüſſen einen außerordentlichen Einfluß auf ihre Kinder erwerben. Sie verlor niemals ihre Gemüthsruhe und hielt ihr Ziel beſtändig vor Augen. Dabei war ſie ein ſchwächliches, ſchmächtiges Geſchöpſchen, das ſich ſicherlich aufzehren mußte, wenn man ihm un⸗ freundlich über den Weg trat. Bei einer ſtarken Doſis geſunden Menſchenverſtandes und einer feinen Kenntniß der menſchlichen Natur egoiſtiſch, weltlich, intrigant, herzlos, aber neben allem dem ſo ange⸗ nehm, ſo ſanft, ſo bezaubernd despotiſch, daß es war als lebte man mit einem Elektrobiologiſten zuſammen, der Euch mit einem Blick ent⸗ nervt, um Euch mit einer Feder zu Boden zu ſchlagen. Nur in einem einzigen großen Zweck ihres Lebens war es Mrs. Lyndſay nicht gelungen. Als Darrell, reich durch die Honorare ſeines Berufes und das Ver⸗ mächtniß ſeines Namensvetters, in das Parlament getreten war und ſich zu dem Ruf emporgeſchwungen hatte, der eine geſicherte und glän⸗ zende Stellung verleiht, kam Mrs. Lyndſay auf die Idee ſeine Chren und Reichthumer durch einen zweiten Ehebund ſich ſelbſt zu eigen zu machen. Nachdem ſie zu Lebzeiten von Mrs. Darrell ſo lange in ſei⸗ nem Hauſe heimiſch geweſen, hatte ſich ein vertrauter Verkehr als unter nahen Verwandten zwiſchen ihnen geſtaltet. Ihre ſanften Manieren gewannen ihr ſeine Kinder, und nachdem Mrs. Darrells Tod für ſie die Nothwendigkeit herbeigeführt eine eigene Heimath auf⸗ zuſuchen, hatte ſie in Matildas Zuneigung zu ihr und Caroline eine Ent⸗ ſchuldigung, um häufiger vor Darrells Augen zu erſcheinen und noch häufiger von ihm um Rath gefragt zu werden, als zur Zeit, wo ſie wirklich in ſeinem Haus wohnte. Ihr vertraute es Darrell an, daß die alte Marquiſe von Montſort ihm wegen einer Verbindung zwiſchen ihrem jungen Enkel und ſeinem einzigen überlebenden Kind Anträge gemacht hatte. So reich das Haus Vipont war, ſo lag es doch in ſei⸗ nen traditionellen Maximen, daß der Reichthum abnehme, wenn er nicht unaufhörlich neu ergänzt werde. Späteſtens bei jeder dritten Generation wurde es Pflicht für dieſes Haus eine Erbin zu heirathen. Darrells Tochter, die juſt ſiebzehn Jahre alt und noch nicht hinaus⸗ gekommen war, konnte, wenn es ihrem Vater ſo beliebte, eine Erbin werden, die keiner andern nachſtand, ſo weit die Forſchungen der Mar⸗ quiſe in den Salons und in den Kinderſtuben der drei Königreiche ge⸗ reicht hatten. Der Antrag der verehrungswürdigen Peerin gewährte Darrell ſehr natürlich im Anfang ungemeine Befriedigung. Es war eine gewaltige Ehre für die alte Ritterfamilie in einem Haus zu er⸗ ſterben, das eine Inſtitution im Reiche war, und phönirgleich in einer Linie von Peers wieder aufzuleben, welche den Namen der Erbin ver⸗ ewigen, das Wappen derſelben ihrem eigenen Schilde einfügen, und ſich Darrell Montfort unterzeichnen würden.„Im Ganzen,“ ſprach Darrell bei ſich,„würde eine ſolche Verbindung meinem armen Vater gefallen haben.“ Sie gefiel Mrs. Lyndſay nicht. War einmal der Haupttheil von Darrells Vermögen auf ſolche Art weggegeben, ſo — eeee— 2 ————— wurde er ſelbſt eine ganz andere Partie für Mrs. Lyndſay; auch ſagte es ihr nicht zu, daß Matilda ſo ſchnell an den Mann gebracht, und damit das ſtärkſte Verbindungsglied zwiſchen Fulham und Carlton Gardens abgeriſſen werden ſollte. Mrs. Lyndſay hatte eine goldene Regel, welche ich reſpektvoll ſolchen Ladies bezeichne, die es nach Po⸗ pularität und Macht gelüſtet: ſie ſprach nie übel von einer Perſen, der ſie zu ſchaden wünſchte. Sie ſprach daher auch von dem Marquis nicht übel zu Darrell, ſondern lobte ihn ſo, daß ihr Lob beunruhigte. Sie mufßte ja den jungen Peer wohl kennen: ſie hielt ſich ja einen auten Theil ihrer Zeit bei der Marquiſe auf, die ihre angenehmen Manieren liebte. Bis dahin hatie Darrell blos dieſes unreife Ober⸗ haupt der Vipon's als einen hubſchen Kopf beachtet, der zu beſcheiden ſey um ſeine Lippen zu öffnen. Aber jetzt prüfte er den Kopf mit ängſtlicherer Erwägung und als er fand, daß er vom möglickſt arm⸗ ſeligen Holze war und das Herz nicht minder, ſo hatte Guy Darrell die Verwegenheit, daß er die Idee die letzte Pflanze ſeiner Linie auf einen ſo markloſen Stamm zu pfropfen ablehnte, wenn auch mit grofer Höflichkeit. Obſchon er, wie Männer, die zu gleicher Zeit ſehr lieb⸗ reich und ſehr geſchäftig ſind, an ſeinen Kindern oder uͤberhaupt an irgend einer Perſon, die er wirklich liebte, wenig Fehler ſah, bis ihm ſolche handgreiflich vor die Augen gehalten wurden, ſo hatte er doch bemerken müſſen, daß Matildas einzige Ausſicht auf zuverläſſiges ehe⸗ liches Glück darin beſtehe, daß er ſie mit einem Manne verbinde, der zugleich ihr Vertrauen gewänne und ihr Achtung geböte. Er zitterte, wenn er ſie als die Frau eines Mannes dachte, deſſen Rang ſie allen faſhionabeln Verſuchungen ausſetzen und deſſen Charakter ſie ohne Führer und Schutz laſſen würde. Der Marquis, der ſeiner Großmutter aus Gewohnheit gehorchte und ihre Bewerbung bei Darrell lethargiſch gutgeheißen hatte, zeigte bei der Nachricht, daß ſeine Hand verſchmäht wurde, die lebhafteſte Aufregung, die er noch je verrathen hatte. Und, wenn es ihm möglich war ein ſo kleines Gefühl wie Aerger bis zu einer ſo großen Leiden⸗ ſchaft wie Haß zu ſteigern, ſo erhöhte er von dieſem Augenblick an ſeiner Beſitzungen dafür gegeben, um Guy Darrell zu ärgern. Mrs. Lyndſay trug Sorge, daß ſie bei der Hand war um ihn zu tröſten, und die Marquiſe war ihr dankbar dafür, daß ſie dieſe mühſame Aufgabe übernahm. Und im Verlauf ihrer Beſprechungen wußte Mrs. Lynd⸗ ſay in ſeinen Geiſt das Ci eines Projektes fallen zu laſſen, das ſte bei einer ſpätern Gelegenheit unter ihren Flaumfedern ausbrütete. Es gibt nur eine einzige Art von Frau, mein lieber Montfort, die Eure Bedeutſamkeit noch erhöhen könnte; Ihr müßt eine Schönheit hei⸗ rathen; gleich nach dem Königthum kommt die Schönheit.“ Das Haupt nickte und ſchien einige Augenblicke nachzufinnen, dann ließ es à propos des bottes das geheimnißvolle Wörtchen Schuhe fallen. Durch welchen Denkprozeß das Haupt auf ſolche Art bei den Füßen angelangt war, darüber kann ich keine Muthmaßung aufſtellen. Ich weiß nur ſo viel, daß Mrs. Lyndſay von dieſem Augenblick an auf Carolinens Beſchuhung ſo viel Nachdenken verwandte, als ob, wie bei Aſchenbrödel, Carolinens ganzes Schickſal in dieſer Welt von ihrem Pantoffel abhinge. Bei den nunmehr angedeuteten Geſinnungen und Plänen kann man ſich die Kränkung dieſer empfindſamen Lady wohl denken, als Darrell ſie mit einem Antrag erſchreckte, der nicht ihr ſelbſt, ſondern ihrer Tochter galt. Ihr Egoismus wurde tief er⸗ ſchüttert, ihre Eitelkeit grauſam durchkreuzt. Mit Guy Darrell als ihrem Gemahl und dem Marquis von Montfort als ihrem Schwieger⸗ ſohn, wäre Mrs. Lyndſay wirklich eine bedeutende Perſon in der Welt geweſen. Aber Darrell für ſich und dabei auch den Marquis zu ver⸗ lieren— dieſe Idee war unerträglich. Da es jedoch unmöglich war für ihre unbemittelte Tochter einen Mann von ſo hoher Stellung, und gegen den ſie ſelbſt ſo große Verpflichtungen hatte, geradewegs abzu⸗ lehnen, ſo nahm ſie eine Politik an, die vermöge der Schlauheit ihres Entwurfs und der Gewandtheit ihrer Ausführung alle Bewunderung verdiente. Indem ſie einjährige Friſt als Bedingung verlangte, ließ ſeine Natur um die ganze Größe ſeines Haſſes. Er hätte die Hälfte ſie ihre Motive in einem ſo erhaben uneigennützigen, ſo großmüthig freundſchaftlichen Gewand erſcheinen! Sie könnte ſichs nie verzeihen, wenn er— er— der größte, der beſte der Männer, durch ihre Unbe⸗ ſonnenheit(während ſie ihm ja Alles verdanke) aufs Neue in der Ehe unglücklich gemacht würde, und unbeſonnen ſey es in der That von ihr geweſen, daß ſie ihm ein hübſches cokettes Mädchen geradezu in den Weg geworfen(„denn Caroline iſt cokett, Mr. Darrell; die meiſten ſo hübſchen Mädchen ſind es in dieſem einfältigen Alter“). Kurz, ſie führte ihre Sache gegen alle Beredtſamkeit, welche Darrell aufbieten konnte, durch, bedeckte ihre Pläne mit dem Schein der zartſinnigſten Bedenken und dem Opfer weltlicher Vortheile, der Klugheit darge⸗ bracht, welche hoher Grundſatzfeſtigkeit und liebevoller Umſicht an⸗ gehört. Und was waren Carolinens wirkliche Empfindungen für Guy Darrell? Sie verſtand ſie jetzt, wenn ſie zurückblickte— ſie ſah ſich, wie ſie damals war, wie ſie unter der Buche geſtanden, als das himm⸗ liſche Mitleid, das den innerſten Kern ihrer Natur bildete— als die verehrungsvolle dankbare Zuneigung, die mit ihr groß gewachſen war, in ihr das ſehnſüchtige Verlangen erweckte dieſem großen und ein⸗ ſamen Leben ein Troſt und eine Freude zu ſeyn. Ihn lieben! O ge⸗ wiß liebte ſte ihn, hingebungsvoll, zärtlich; aber es war die Liebe eines Kindes. Sie war damals noch nicht zur Liebe eines Weibes ferwacht. Aus ſeinen Blicken entfernt, plötzlich in die große Welt geworfen— ja, Darrell hatte das Bild mit ſtrenger, aber nicht ganz unwahrer Hand ſkizzirt. Er hatte jedoch den unvermeidlichen Einfluß, welchen eine Mutter wie Wrs. Lyndſay auf ein ſo gänzlich unerfahrenes, ſo arg⸗ und ahnungsloſes, ſo kindlich ergebenes Mäd⸗ chen ausüben würde, nicht gebührend in Anſchlag gebracht. Er konnte die ganze Macht weiblicher Verſchlagenheit nicht würdigen— kein Mann kann das. Er konnte nicht ſehen, wie die ſanfte Mrs. Lyndſay(das hübſche Weib mit den hübſchen Manieren) ihr Gewebe um die beiden„Verwandten“ wob, bis Caroline, welche im Anfang an den ſtillen blondköpfigen jungen Mann blos als an das Haupt ihres Hauſes gedacht hatte, erfreut über Aufmerkſamkeiten, welche Bewun⸗ derer ferne hielten, die, wie ſie dachte, mit mehr Grund Guy Darrells Eiferſucht erregen könnten, zu ihrem Schrecken ihre Mutter zu ſich ſagen hörte, ſie ſey entweder die herzloſeſte Cokette, oder der arme Montfort ſey der mißhandeltſte aller Männer. Aber um dieſe Zeit brachte Jaſper Loſely unter ſeinem Namen Hammond ſeine Frau aus der franzöſiſchen Stadt, wo ſie ſeit ihrer Verheirathung gewohnt hatten, nach Paris, um Mrs. Lyndſay und Caroline zu beſuchen, und ſie um ihren Einfluß zu einer Verſöhnung mit ihrem Vater anzu⸗ flehen. Matilda erfuhr bald von Mrs. Lyndſay, welche die bezauberndſte Aufrichtigkeit zur Schau trug, die Art des Verhältniſſes zwiſchen Caroline und Darrell. Sie theilte dieſe Nachricht Jaſper mit, der mit ſehr natürlicher Beſorgniß darauf hinblickte. Unter einer Ver⸗ ſöhnung mit Guy Darrell verſtand Jaſper etwas Solides und Prak⸗ tiſches— keine bloße ſentimentale Verzeihung, wozu dieſe armſelige Unterſtützungsſumme von 700 Pfund jährlich kam, die er ſo eben ausgewirkt— ſondern ihre Wiedereinſetzung in all ihre Rechte und Hoffnungen als die Erbin, die er zu heirathen gemeint hatte. Er hatte keineswegs den Glauben aufgegeben, daß Darrell früher oder ſpäter auf die Stimme der Natur hoͤren und all ſein Vermögen ſeinem einzigen Kinde vermachen wurde. Aber wenn die Stimme der Natur freien Spielraum gewinnen ſollte, ſo war es klar, daß ſie für kein an⸗ deres Kind zu ſprechen haben durfte. Und wenn Darrell wieder hei⸗ rathete und Söhne bekam, welch ein ſchreckliches Dilemma mußte dann nicht für die Stimme der Natur daraus entſtehen! Jaſper ent⸗ deckte ſehr bald, daß Carolinens Verhältniß Mrs. Lyndſay nicht min⸗ der unwillkommen war als ihm ſelbſt, und daß ſie geneigt war ſich auf alle Mittel einzulaſſen, wodurch es rückgängig gemacht werden konnte. Matilda wurde zuerſt dazu gebraucht das Band zu ſchwächen, deſſen Trennung ſo wünſchenswerth war. Matilda machte keine Vor⸗ würfe, aber ſie weinte. Sie ſey jetzt überzeugt, daß ſie verſtoßen 123 bleiben, daß ihre Kinder Bettler werden ſollen. Mrs. Lyndſay ver⸗ arbeitete dieſe Klage mit der größten Gewandtheit und Geſchicklichkeit. Ob Caroline die Ueberzeugung habe, daß es nicht höchſt unehrenhaft, höchſt verrätheriſch ſey, ihre eigene älteſte Freundin des Erbguts zu berauben, das ſonſt mit Darrells Verzeihung an Matilda zurückfallen würde? Dieſe Idee wurde äußerſt ſchmerzlich für die hochſinnige Caroline, vermochte aber die Ueberzeugung von dem größern Schmerz nicht aufzuwägen, welchen ſie durch Treubrüchigkeit dem Manne ver⸗ urſachen würde, der ſo feſt auf ihre Treue baute. Schritt für Schritt nahm die Intrigue gegen den Abweſenden ihren Fortgang. Mrs. Lyndſay war eine vollendete Meiſterin in der Kunſt Zweiſel einzu⸗ flüſtern. Wie denn Guy Darrell, einem Weltmann, einem kaltblütigen Advokaten, einem geſchäftigen Politiker um eines Mädchens willen das Herz brechen könnte! Nein, nur bei jungen und zwar nicht ſon⸗ derlich begabten jungen Leuten komme es vor, daß ihnen über ſolchen Kleinigkeiten das Herz breche. Montfort allerdings, das ſey ein Mann, deſſen Herz gebrochen, deſſen Glück zerſtört werden könne. Der liebe Guy Darrell habe ſich blos durch Großmuth zu ſeinen An⸗ trägen beſtimmen laſſen:—„In Euern kunſtloſen Worten und Ma⸗ nieren, mein liebes Kind, lag Etwas, das ihn auf die Meinung brachte, er habe Eure Neigung gewonnen, ohne daß Ihr es ſelbſt gewußt!— eine Idee, daß er als Gentleman verbunden ſey ſich auszuſprechen. Es ſieht ihm ſo gleich. Er beſitzt wirklich dieſen ritterlichen Geiſt. Aber mein Glaube iſt, daß er ſich inzwiſchen vollkommen überzeugt hat, wie thöricht eine ſolche Ehe wäre, und daß er Euch herzlich danken würde, wenn er ſich nach Jahresſchluß frei fände, und Ihr anderwärts glücklich untergebracht wäret“ u. ſ. w. u. ſ. w. Das Drama rückte voran. Mrs. Lyndſay zeigte entſchiedene Symptome von Lungen⸗ ſucht. Ihr hektiſcher Huſten kehrte wieder; ſie konnte nicht ſchlafen; ihre Tage waren gezählt— ein geheimer Kummer. Caroline flehte um Offenheit, und an ihrer Mutter Buſen gedrückt, mitleidig mit Thränen bethaut, ließ ſie ſich Winke ins Ohr träufeln, die zwar dem Bulwer, was wird er damit machen? VI. 9 12⁴¾ Wortlaut nach die nachſichtigſte Schonung für Darrell an den Tag legten und mehr Mitleid für ſeine Schwäche, als Abſcheu vor ſeiner Treubrüchigkeit kundthaten, aber doch zur Folge hatten, daß Caroline mit der Entrüſtung empörter Reinheit und beſchimpften Stolzes auf⸗ fuhr:„Wenn dieß wahr wäre, ſo wäre in der That Alles aus zwiſchen uns! Aber es iſt nicht wahr. Man beweiſe es.“—„Aber mein liebes, liebes Kind, ich könnte in einer ſo delikaten Sache keinen Schritt thun. Ich könnte zur Abbrechung einer Heirath, die Euch ſo viele weltliche Vortheile verhieß, nur dann helfen, wenn Ihr verſpre⸗ chen wolltet, daß Ihr nach Zurückweiſung Mr. Darrells Euern Vetter annehmen würdet. Bei meinem elenden Geſundheitszuſtand würde der ängſtliche Gedanke, daß ich Euch buchſtäblich ohne einen Pfennig in der Welt zurücklaſſe, mich auf der Stelle tödten.“ „Oh, wenn Guy Darrell falſch iſt(aber das iſt unmöglich!), ſo macht mit mir Alles was Ihr wollt; Euch zu gehorchen und zu will⸗ ahren würde der einzige Troſt ſeyn, der mir übrig bliebe.“ So wurde Alles für die Endentwicklung vorbereitet. Mrs. Lyndſay war nicht ſo weit gegangen, ohne ſich auf die Mittel zur Er⸗ reichung ihres Zweckes verlaſſen zu können, und um dieſer Mittel willen hatte ſie ſich erniedrigt, die praktiſchere Schlechtigkeit von Ma⸗ tildas Gatten anzugehen. Jaſper hatte bei dieſem Beſuch in Paris zum erſten Mal die Bekanntſchaft, welche der Ruchloſigkeit ſeiner verderbten Natur die Krroone auſſetzte, mit der unheilvollen Abenteurerin gemacht, die ſchattengleich durch einen Theil dieſer wechſelreichen Erzählung ge⸗ ſpuckt hat. Gabriele Desmarets ſtand damals in der Blüthe ihrer Jugend und war blos durch die Art und Weiſe, wie ſie ihre bewun⸗ dernden Opfer zu Grunde richtete, ſowie durch die ſtolze Ueppigkeit, worin ſie von ihrem Raub ſchwelgte, berüchtigt. Gefeſſelt durch die perſönlichen Vorzüge, wodurch Jaſper damals in ausgezeichnetem Grade hervorſtach, zeigte ſie ſich gerne bereit, ihr Schickſal mit dem ſeinigen zu verknüpfen. Gabriele war eine jener Incarnationen des 125 Böſen, die in keiner Stadt bis zu derſelben epikuräiſchen Verfeinerung gedeihen und bis zu derſelben eyniſchen Verdorbenheit herabſinken können, wie in Paris. Sie war außerordentlich witzig, mit ſcharfer Verſchlagenheit ausgeſtattet, fähig jede Rolle zu ſpielen, jeden An⸗ ſchlag auszuführen; und wenn es ihr geſiel die anſtandsvolle und unbefleckte Dame von Stand darzuſtellen, ſo hätte ſie den erfahrenſten Rouè täuſchen können. Jaſper ſtellte dieſe Künſtlerin ſeinem argloſen Weibe als eine Wittwe von Stand vor, die im Begriff ſtehe London zu beſuchen, und die man in den Stand ſetzen könnte Mr. Darrells Bekanntſchaft zu machen, um ſich für ſie zu verwenden. Matilda ver⸗ fing ſich leicht in der Falle; die Franzöſin ging mit angenommenem Namen und Titel ſowie mit Dienſtboten, die vollkommen in ihr Ver⸗ trauen eingeweiht waren, nach London. Und ſolcher Art(wie der Leſer bereits weiß) war dieſe beredte Baronin, die bei Darrell die Sache ſeiner bußfertigen Tochter verfochten hatte. Ohne Zweifel hatte die verſchmitzte Pariſerin auf die Wirkung ihrer Künſte und Reize gerechnet, um ihn wenigſtens zu einem vorübergehenden Ver⸗ geſſen ſeines einer Andern verpfändeten Wortes zu verlocken. Aber wenn ihr das auch nicht gelang, ſo konnte es für den beabſichtigten Zweck eben ſo förderlich ſeyn, wenn ſie nur die Leute glauben machte, es ſey ihr gelungen. Demgemäß ſchrieb ſte an eine ihrer Freundinnen in Paris Briefe, worin ſie erzählte, ſie habe einen ſehr reichen Be⸗ wunderer in einem gefeierten engliſchen Staatsmann gefunden, dem ſie ihre Einrichtung u. ſ. w. verdanke; zugleich ſpielte ſie in ſehr witzigen und ſatyriſchen Ausdrücken auf ſeine ehelichen Verſprechungen gegen die junge engliſche Schönheit in Paris an, die zur Zeit ſo großes Aufſehen mache, und verſicherte, daß ihr Bewunderer dieſes Verhältniſſes herzlich überdrüſſig ſey und daſſelbe im höchſten Grad bereue. Ohne daß ſie Namen nannte, waren ihre Beſchreibungen von der Ark, daß ſie keine Täuſchung zuließen. Jaſper zeigte natürlich Mrs. Lyndſay dieſe Briefe(welche, wie er ſagte, die Empfängerin einem ihrer heitern Freunde mitgetheilt habe) und gab zu verſtehen, . 9- 126 daß ſelbſt Miß Lyndſay darin einen vollſtaͤndigen Beweis gegen Dar⸗ rell finden müßte, wenn eine Perſon, deren Wahrhaftigkeit Caroline nicht zu bezweifeln vermöchte, die Verſicherungen der Briefe beſtätigen könnte; es würde vollkommen genügen, wenn man nur Mr. Darrell im Hauſe eines Frauenzimmers von ſo notoriſchem Lebenswandel aus⸗ und eingehen ſähe. Mrs. Lyndſay, die mit ihrer vollendeten Schlauheit ihre Würde durch affektirte Blindheit gegen Kunſtgriffe, zu denen ſie mithalf, rettete, erklärte, daß ſie in einer Unterſuchungsſache, welche den Privatcharakter eines ſo ausgezeichneten Mannes betreffe, dem ſie noch überdieß ſo viel zu verdanken habe, ſeinen Namen nicht dem Geklatſche Anderer anvertrauen könne. Sie wolle deßhalb ſelbſt nach London gehen. Sie könne dieſe abſcheuliche, aber allzu be⸗ zaubernde Gabriele vom Sehen(wie Jedermann, der in die Oper gehe oder im Boulognerwald ſpazieren fahre). Jaſper unternahm es, dafür zu ſorgen, daß die Pariſerin ſich an einem gewiſſen Tag, zu einer gewiſſen Stunde auf ihrem Balkon zeigen, und daß in dieſer Stunde Darrell bei ihr vorſprechen und Zutritt erhalten ſolle; Mrs. Lyndſay ihrerſeits gab zu, daß dieſer Beweis genügen würde. Im Bewußtſein der Macht, welche ſie über Caroline erhalten würde, wenn ſie mit ihrem ſchmachtenden Weſen und ihrer ſchwächlichen Geſundheit ſagen könnte, ſie habe eine ſolche Reiſe unternommen, um ſich mit ihren eigenen Augen von einer Anſchuldigung zu überzeugen, die, wenn ſie wahr wäre, den größten Einfluß auf das Benehmen und Schickſal ihrer Tochter ausüben müßte, ging Mrs. Lyndſay nach London— ſah Gabriele Desmarets auf ihrem Balkon— ſah Darrell in das Haus gehen. Als ſie dann nach Paris zurückkam, ſo bearbeitete ſie, aus⸗ gerüſtet mit dieſem Zeugniß und den Briefen, die zu der Entdeckung geführt hatten, ihre Tochter dermaßen, daß der Marquis von Montfort am folgenden Tag angenommen wurde. Aber Darrells Probejahr war nahezu verſtrichen; jeder Aufſchub wurde gefährlich, jede Erklä⸗ rung konnte Unheil bringen und mußte alſo abgeſchnitten werden. Auch konnte eine lange Bewerbung nicht verſchwiegen bleiben; Darrell 127 konnte davon hören und auf einmal herüberkommen; deßgleichen würden die ehrgeizigen Verwandten des Marquis ganz ſicherlich ein⸗ ſchreiten, wenn die Kunde von ſeiner beabſichtigten Vermählung mit einer unbemittelten Verwandten ihnen zu Ohren käme. Dem jungen Lord Montfort, der von Carr eingeängſtigt war und ſeine Großmutter ungemein fürchtete, war es eben ſo ſehr um Geheimhaltung und ſchleunige Abmachung der Sache zu thun, wie Mrs. Lyndſay ſelbſt. So triumphirte denn Mrs. Lyndſay, und während ihre Tochter ſich noch immer unter dem Einfluß einer Aufregung befand, die ihr Urtheil umwölkte und ſie zu raſcher That ſtachelte, um nur der Qual der Ueberlegung zu entgehen, wurde Carolinens glänzende und un⸗ glückliche Hochzeit gefeiert. Der Marquis miethete eine Villa in der herrlichen Umgebung von Fontainebleau, um da ſeinen Honigmond zu verbringen; dieſer Mond war noch jung, als der Marquis zu ſich ſelbſt ſagte:„Ich finde nicht, daß er Honig bringt.“ Als er ſich zum erſten Mal zu Caroline angezogen gefühlt hatte, war ſie ganz Leben und Freudigkeit— noch zu ſehr Kind, um ſich wegen der Abweſenheit Darrells zu härmen, weil ſie gläubig auf ihre künftige Verbindung vertraute— ihre Lebensgeiſter von Natur wild und munter, und die Welt, die ſich zu ihren Füßen öffnete, ſo neu und ſo glänzend. Dieſe friſche Heiterkeit hatte den Marquis ergötzt. Er fühlte ſich betrogen, als er fand, daß ſie verſchwunden war. Caroline mochte ſanft, freund⸗ lich, unterwürfig ſeyn; aber dieſe Tugenden ſind, wenn auch von höherer Art als ausgelaſſene Fröhlichkeit, doch nicht ſo unterhaltend. Seine eigene ſchreckliche Unfruchtbarkeit des Geiſtes und Gemüths kam erſt in den tétes⸗à-téte des ehelichen Lebens recht zum Vorſchein. Ein hübſcher junger Mann mit vollkommen anſtändigem Benehmen, der gut reitet, gut tanzt und ſeine Zunge im Zaum hält, kann in allen gemiſchten Geſellſchaften für einen ſcheuen Jüngling von einer gewiſſen Begabung gelten. Aber wenn er dein Gefährte für das ganze Leben und Alles für Dich iſt, und Du findeſt, daß er, wenn er ſpricht, weder eine Idee noch ein Gefühl hat, dann Ach und Weh über Dich, junge 128 Braut, falls Du jemals den Zauber hohen Verſtandes oder die Süßigkeit innigen Mitgefühls gekannt haſt. Aber es kam Caroline nicht zu, ſich zu beklagen; kämpfend gegen das Gewicht ihres eigenen Kummers, hatte ſie keine unmittelbare Wahrnehmung von der Schal⸗ heit ihres Lebensgefährten. Er war es, der arme Mann, der ſich beklagte. Er entdeckte juſt genug von ihrer geiſtigen Ueberlegenheit, um zu argwöhnen, daß er gedemüthigt werde, während er mit Sicher⸗ heit wußte, daß man ihn langweilte. Ein Zwiſchenfall verwandelte ſchon wenige Tage nach der Hochzeit ſeine zunehmende Gleichgiltigkeit in bleibenden Widerwillen. Als Lord Montfort eines Tags in Carolinens Zimmer ſchlen⸗ derte, fand er ſie bewußtlos auf dem Boden liegend, mit einem offenen Brief an ihrer Seite. Er rief ihre Zofe zu Hilfe und machte dann von dem eheherrlichen Vorrecht Gebrauch, den Brief zu leſen, der augenſcheinlich ihre Ohnmacht herbeigeführt hatte. Er war von Matilda und in einem Zuſtand wahnſinniger Aufregung geſchrieben. Matilda beſaß wenig genug von dem, was man Herz nennt; aber ſie hatte eine ſtarke Selbſtſucht, die im Punkt des Leidens die Stelle eines Herzens vertritt. Wenn ſie auch für das Andern angethane Unrecht kein Gefühl hatte, ſo empfand ſie es um Nichts weniger ſchmerzlich, ſobald ſie ſelbſt welches zu erleiden meinte. Arabella war gerächt. Die kaltblütige Schlange, von der ſie geſtochen worden, war in die Zähne der Cobra⸗Capella gerathen. Matilda hatte durch eine anonyme Correſpondentin(vermuthlich eine Nebenbuhlerin Gabrielens) von Jaſpers Verhältniß zu dieſer Abenteurerin erfahren. Nur halb wie⸗ derhergeſtellt von ihrer Entbindung, war ſte von ihrem Bett aufge⸗ ſtanden— nach Paris geeilt(ihr Gemahl hatte ſie allein gelaſſen, um dort den Vergnügungen nachzuziehen)— hatte dieſe elende Gabriele geſehen— in ihr die falſche Baronin erkannt, welcher Jaſper ſie vor⸗ geſtellt— an die er ihr ſo liebevolle Briefe diktirt— deren Vermitt⸗ lung bei ihrem Vater ſie ſelbſt in Anſpruch genommen;— hatte Gabriele geſehen— ſie in ihrer eigenen prunkvollen Wohnung geſehen 129 und Jaſper getroffen, der da wie zu Hauſe war— ſie war in einen heftigen Zorn ausgebrochen, hatte die Cobra⸗Capella gereizt, und auf ihre Erklärung, daß ſie ſich von ihrem Manne trennen, daß ſie zu ihrem Vater zurückgehen, ihre Sünden bekennen, ſeine Gnade anrufen wolle, antwortete Gabriele ganz ruhig:„Thut das, und ich will Euern Vater wiſſen laſſen, daß Euer Verzeihungsgeſuch durch die Frau Baronin blos ein Anſchlag war, um ſeinen Namen zu ver⸗ ſchwärzen und ſeine Heirath zu vereiteln. Glaubt nicht, daß er an⸗ nehmen werde, Ihr hättet bei dieſem ſchlauen Plänchen nicht mitge⸗ wirkt; er muß Euch zu gut kennen, ſchöne Unſchuldige!“ Einer Gabriele Desmarets nicht gewachſen, rannte Matilda aus dem Hauſe, während Jaſper eine Melodie aus dem Figaro pfiff, und kehrte allein nach der franzöſiſchen Stadt zurück, von wo aus ſie jetzt an Caroline ſchrieb und ihr ihre Leiden klagte. Davon daß man auch gegen Caroline ſchwer geſündigt hatte, nahm ſie keine Notiz, ſondern äußerte nur ihre Befürchtung, ihr Vater moͤchte an ihre Mitſchuld an Jaſpers Anſchlag glauben und ihr die Mittel verweigern, von dieſem Elenden getrennt zu leben, den ſie jetzt mit allen Beinamen überſchüttete, die nur gerechte Entrüſtung einem ſchwachen Geiſt eingeben konnte. Der letztere Theil des Briefs war beklext und verwiſcht, hatte keinen Zu⸗ ſammenhang und ließ beinahe auf Wahnſinn ſchließen. In der That wurde Matilda jetzt von der tödtlichen Krankheit befallen, die ſie in ihr frühes Grab ſtürzte. Dem Marquis war viel von dieſem Brief höchſt unintereſſant— viel davon ganz unverſtändlich. Er konnte nicht einſehen, warum dieſes Schreiben ſeine Frau ſo überwältigend afficirte. Blos diejenigen Stellen, welche einen Plan zur Vereitelung einer von Mr. Darrell beabſichtigten Che verriethen, beunruhigten ihn ein wenig und ſchienen ihm eine Erklärung zu erheiſchen. Aber Caroline, in der Herzensangſt, mit welcher ſie erwachte, kam ſeinen Fragen entgegen. Ihr ſchwebten nur zwei Gedanken vor: wie ſie gegen Darrell geſündigt habe, wie undankbar und treulos ſie ihm er⸗ ſcheinen müſſe; und im Drang ihrer Reue, ſowie in der kindlichen 1 ———* — — 130 Aufrichtigkeit ihrer Seele ergoß ſte ungekünſtelt und treuherzig ihre Gefühle gegen ihren Gatten, den ſie zum Rathgeber und Führer ge⸗ nommen hatte, als ſuchte ſte all ihren Kummer um die Vergangenheit vor einem Gefühl zu bewahren, das ſie weniger loyal gegenüber den Verantwortlichkeiten machen könnte, die ihre Zukunft mit der eines Andern verknüpften. Ein verſtändiger Mann würde in einem ſo edeln Vertrauen(ſo ſchmerzhaft es ihm auch im erſten Augenblick hätte ſeyn mögen) eine Bürgſchaft für das Glück und die Sicherheit ſeiner ganzen Exiſtenz begrüßt haben. Er würde geſehen haben, wie verſchieden von dieſer glühenden Liebe, die in Carolinens neuem Lebensverhältniß an Schuld gegrenzt und mit der Behutſamkeit des Schuldbewußtſeins ſich gegen Entdeckung ihrer Geheimniſſe geſchützt haben würde, die kindliche verehrungsvolle Zuneigung war, welche ſie für einen durch Jahre und Bildungsgrad ihr ſo ferne ſtehenden Mann empfunden hatte, eine Zuneigung, die ein junger Ehemann, dem man jeden Ge⸗ danken, jedes Gefühl anvertraut, leicht in den Schatten zu ſtellen hoffen konnte. Einige Nachſicht, einige delikate und großmüthige Zärtlichkeit in dieſem Augenblick würde Lord Montfort die warme Ergebenheit eines dankbaren Herzens geſichert haben, in welchem der überfließende Kummer nicht dem unerſetzlichen Verluſt eines früheren Liebhabers, ſondern der reumüthigen Scham wegen Unrechts und Verraths an einem vertrauenden Freund gegolten hätte. Aber es iſt vergebens von einem Menſchen Etwas zu verlangen, was nicht in ihm iſt. Lord Montfort hörte mit mürriſchem dummem Mißvergnügen zu. Daß Caroline den mindeſten Schmerz über irgend eine Urſache empfinden konnte, welche ihr Verhältniß zu dieſem verhaßten Darrell gelöst und ſie zum Rang einer Marquiſe von Montfort erhoben hatte, war in ſeinen Augen ein ewig unſühnbares Verbrechen. Er bedachte nicht mit Unrecht, daß Mrs. Lyndſay ihn ſchmählich betrogen habe, und glaubte feſt, daß ſie Jaſpers Mitſchuldige bei jenem Anſchlag geweſen ſey, der, wie er vollkommen Gentleman genug war einzuſehen, ſämmtliche Betheiligte außer den Bereich ſeiner — ð—— 8 131 Bekanntſchaft ſtellte. Und als Caroline, die zu heftig geweint hatte, um im Geſicht ihres Gemahls zu leſen, zu Ende kam, da nahm Lord Montfort ſeinen Hut und ſagte:„Ich wünſche nie wieder von dieſem Advokaten und ſeinen höchſt unreputirlichen Familienverbindungen zu hören. Wie Ihr ſagt, Ihr und Eure Mutter habt Euch ſehr ſchlecht gegen ihn benommen; aber Ihr ſcheinet nicht einzuſehen, daß Ihr Euch noch weit ſchlechter gegen mich benommen habt. Wenn Ihr Euch herabließet ihm zu ſchreiben und auf Erklärungen einzugehen, wie Ihr dazu gekommen ſeyet Lady Montfort zu werden, ſo wäre dieß für mich eine ſolche Erniedrigung, daß ich ſie Euch nie, nie ver⸗ zeihen würde. Eben ſo lieb, ja noch lieber wäre es mir, wenn Ihr ſogleich davonliefet. Was Mrs. Lyndſay betrifft, ſo werde ich ihr mein Haus verbieten. Wenn Ihr ausgeweint habt, ſo laßt Eure Sachen zuſammenpacken. Ich werde morgen nach England zurück⸗ kehren.“ Dieß war vielleicht die längſte Rede, welche Lord Montfort je an ſeine Frau hielt; vielleicht auch die rauheſte. Von dieſer Zeit an betrachtete er ſie, wie ein Spanier aus alten Zeiten einen Gaſt be⸗ trachten mochte, dem er die Gebräuche der Gaſtfreundſchaft zu ge⸗ waͤhren gezwungen war— dem er einen Sitz an ſeinem Tiſche, einen Stuhl an ſeinem Herde gab, gegen den er aber einen gründlichen Widerwillen hegte, ſo daß er ihn mit aller Ceremonie würdevoller Ab⸗ neigung in unüberwindlicher Ferne hielt. Nur ein einziges Mal während ihres ehelichen Lebens ſah Caroline Darrell wieder. Es war unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach England, nicht viel mehr als einen Monat nach ihrer Heirath. Es war am Tag, wo das Parla⸗ ment als Vorbereitung zu ſeiner Auflöſung vertagt worden— das letzte Parlament, deſſen Mitglied Guy Darrell war. Lady Montforts Wagen wurde in dem Gedränge, womit das Ceremoniell die Straßen gefüllt hatte, aufgehalten, und Darrell kam zu Pferde daran vorüber. Es war nur ein einziger Blick in dieſem einzigen Moment; und der Blick hörte niemals auf, ſie zu beunruhigen— ein Blick ſolch ſtrenger 132 Verachtung, aber auch ſolch tiefer Verzweiflung. Keine Sprache vermag die Beredtſamkeit zu übertreiben, die in einem menſchlichen Geſichte liegt, wenn ein großer und gequälter Geiſt daraus anklagend zu einer Seele ſpricht, welche begreift. Das zermalmte Herz, die verwüſtete Exiſtenz wurden ihr in dieſem Blicke ſo klar vor Augen gelegt, wie einem Wanderer in der Nacht die Spalten des Abgrunds im Flammen des Blitzes. So begegneten ſie ſich— ſo trennten ſie ſich ohne ein Wort. Für ihn entſchied dieſer Augenblick die Flucht aus dem thätigen Leben, zu welcher ſeine Hoffnungsloſigkeit den ab⸗ gehezten müden Mann ſeit der letzten Zeit eingeladen hatte. Ruhig in ſeinem Bewußtſein, wollte er ſich nicht der Gewißheit ausſetzen, auf ſolche Art mit einer Perſon zuſammenzutreffen, die er ſich nicht ohne krampfhafte Zuckungen durch ſein ganzes Weſen als die Frau eines Andern denken konnte. In dieſer höchſten und engſten Sphäre der großen Londoner Welt, zu welcher Guy Darrells politiſche Aus⸗ zeichnung ſein geſellſchaftliches Leben verurtheilte, war es unmöglich, häufige Berührungen mit Lord Montfort zu vermeiden, dem Haupt eines Hauſes, mit welchem Darrell ſelbſt verwandt war, dem mäch⸗ tigſten Patrizier der Partei, die in Darrell einen ſo hervorragenden Führer verehrte. Konnte er auch einem perſönlichen Zuſammentreffen mit Lady Montfort entgehen, ſo mußte doch ihr Name beſtändig in ſeinen Ohren klingen. Vor dieſer fatalen Schönheit konnte er ſich ſo wenig verbergen als vor der Sonne. Dieſer Gedanke und die Furcht, die er in ihm hervorrief, voll⸗ endeten ſeinen Entſchluß augenblicklich. Am folgenden Tag befand er ſich in den Hainen von Fawley und ſetzte die Welt durch einen aus dieſem Landſitz datirten Abſchied von ſeinen Wählern in Erſtaunen. Wenige Tage nachher erreichte ihn die Nachricht vom Tode ſeiner Tochter, und als dieſes Ereigniß bekannt wurde, erblickten Viele darin eine Erklärung, warum er ſich auf einige Zeit vom öffentlichen Leben zurückgezogen habe. Aber Caroline Montfort und ihr allein war das Geheimniß einer 133 zerſtörten Laufbahn, eines Ruhmes, welchem entſagt worden war, ſo klar geoffenbart, daß ſie ſich nicht darüber täuſchen konnte. Einige Zeit lang wurde ſie in jeder Geſellſchaft, wohin ſie kam, durch Muth⸗ maßungen und Klatſchereien gequält, welche ihr die Erinnerung an ſein Genie, den anklagenden Klang ſeines Namens zurückriefen. Aber den Mann, der ſich von der Welt zurückzieht, vergißt die Welt bald, und allmählig wurde von Darrell ſo wenig geſprochen wie von den Todten. Mrs. Lyndſay hatte während ihrer Anſchläge auf Lord Montfort ihren eigenen urſprünglichen Plan auf Darrell niemals aufgegeben. Und als zu ihrer unendlichen Verblüffung und Kränkung Lord Mont⸗ fort, ſchon ehe der erſte Monat ſeiner Ehe verfloſſen war, in möglichſt kurzen Worten ihren Traum verſcheucht hatte, das Haus Vipont zu beherrſchen und in ſeinen Paläſten zu reſidiren als rechtmäßige Re⸗ gentin während der lebenslangen Minderjährigkeit, wozu ſie ſowohl die unterwürfige Caroline als den lethargiſchen Marquis verurtheilte, da beeilte ſie ſich an Darrell ein Entſchuldigungsſchreiben zu ſchicken, worin ſie natürlich allen Tadel auf Caroline warf. Ach! hatte ſie ihn nicht immer gewarnt, daß Caroline ſeiner nicht würdig ſey?— Er, der größte, der beſte der Männer u. ſ. w. Darrell antwortete mit einem einzigen Stückchen ſeines ſchneidenden Sarcasmus— eines Sarcasmus, der wie Saladins Schwert ihr Flaumkiſſen und ihren Gasſchleier durchſchnitt. Die alte Marquiſe kehrte Mrs. Lynd⸗ ſay den Rücken. Lady Selina war von zermalmender Höflichkeit. Die hübſche Frau mit den hübſchen Manieren gewann alſo Nichts mit all dem Jammer, den ſie angerichtet; ſie ging nach Rom, er⸗ kältete ſich, und da ſie Niemand beſaß, der ſie ſo gut verpflegte wie Caroline gethan, ſo verfiel ſie zuletzt in eine wirkliche Aus⸗ zehrung und welkte elegant und tückiſch aus der Welt dahin, wie eine Roſe hinwelkt, die noch immer ihre Dornen zurückläßt. Carolinens Natur entwickelte und hob ſich durch die Verant⸗ wortlichkeiten, die ſie übernommen hatte, und durch die Reinheit 134 ihres⸗Kummers. Sie unterwarf ſich der Einſamkeit und Demü⸗ thigung ihres ehelichen Looſes als einer gerechten Sühne; ſie rang voll Ernſt und Tugend, um aus ihrem Herzen jedes Gefühl zu bannen, das ihr von Darrell mehr zurückrufen konnte, als die Reue darüber, daß ſie ein Leben ſo verdüſtert, das gegen ihre Kindheit ſo ungemein gütig und gegen ihre Jugend ſo vertrauensvoll geweſen. Wie wir ſie bei der Erwähnung von Darrells Namen, bei der Anſpielung auf ſeine Kümmerniſſe zu ihrem unfreundlichen Gemahl fliehen ſahen, obſchon er ihr weiter Nichts war als der Beſitzer des Namens, den ſie trug, ſo war es der rettende Drang eines zarten wachſamen Gewiſſens, was ihre Gedanken eben ſo tugendhaft er⸗ hielt, als ihr Benehmen tadellos war. Aber vergebens hatte ſie, indem ſie ihren Verſtand zur Unterſtützung ihres Herzens aufbot, in der Welt Freundſchaften, Genoſſenſchaften zu finden geſucht, welche das Andenken des in ſeinem antiken Gepräge ſo erhabenen, in ſeinen Tiefen ungeahnter Milde und Lieblichkeit ſo zärtlichen Geiſtes verdunkeln konnten, der von ihrer Exiſtenz weggenommen worden war, bevor ſie ſeine Seltenheit vollkommen begreifen oder ſeinen Werth würdigen konnte. Endlich wurde ſie wieder frei, und nun hatte ſie es gewagt, ihr eigenes Herz ſowie die Natur der Anhänglichkeit, womit Dar⸗ rells Bild ihren Erinnerungen verwachſen blieb, aufs Genaueſte zu prüfen. Und gerade weil ſie überzeugt war, daß es ihr gelungen ſey, ihre alte kindliche Zuneigung zu ihm vor der Steigerung zu jener warmen Liebe zu bewahren, deren Aufmunterung unter ſolchen Umſtänden ein Verbrechen geweſen wäre, fühlte ſie ſich um ſo freier aus eigenem Antrieb die Sühne anzubieten, die ihr geſtatten konnte, ſich ſeinen noch übrigen Jahren zu widmen. So hatte Caroline eines Tags nach einer Unterredung mit Alban Morley, worin dieſer von Darrell als dem Freund, ja beinahe dem eigentlichen Beſchützer ihrer Kindheit geſprochen, und durch Anſpielung auf einige juſt von ihm empfangene Zeilen das Bild von Darrells melancholiſchen 185 Wanderungen und ſeinem zerſtörten Daſein ihr lebhaft vor Augen geführt, im Drange des Augenblicks den Brief geſchrieben, welcher Darrell auf Malta erreicht hatte. Sie bezog ſich darin nur indirekt auf den Betrug, den man an ihr ſelbſt verübt, denn ſie war viel zu zartſinnig, auf die Einzelheiten eines Seandals einzugehen, worin ſie eine Beſchimpfung ſeiner Würde erblickte, und bei wel⸗ chem überdieß die täuſchenden Parteien der Gatte ſeiner Tochter und ihre eigene Mutter waren. Ohne Zweifel verſteht jedes wahre Weib, warum ſie auf ſolche Art an Darrell ſchrieb, und auf gleiche Weiſe begreift ohne Zweifel jeder wahre Mann, warum dieſer Brief ſein Ziel verfehlte und ihr mit Verachtung zurückgeſchickt wurde. Ihr gebührte das ſchmerzliche Sehnen weicher leidenſchaftsloſer Zunei⸗ gung, ihm der zurückweiſende Ton empfindlicher, verbitterter, ent⸗ rüſteter Liebe. Aber jetzt, da ihre ganze Vergangenheit mit ihrem innern Leben an ihr vorbeiglitt, erſah das Weib aus dem unerträglichſten Kummer, den ſie je gekannt hatte, daß es nicht mehr Reue um den beleidigten Freund, ſondern Verzweiflung über den verlorenen Lieb⸗ haber war. In dieſer ſtürmiſchen Beſprechung war außerhalb all der verworrenen und ſtreitenden Elemente ihres lebenslangen Selbſt⸗ vorwurfes Liebe— die Liebe des Weibes— plötzlich lichtvoll wie eine Jugendliebe beim erſten Blick aufgeblitzt. Seltſam— aber ſelbſt die Verſchiedenheit der Jahre ſchien verſchwunden zu ſeyn. Sie, die gereifte kummervolle Frau, ſtand ſo dem Manne, der von Herzen noch immer jung war und von Perſon ſich wenig verändert hatte, weit näher als das fröhliche Mädchen von ſiebzehn dem ernſten Freund von vierzig geſtanden. Seltſam, aber dieſe heftigen Vor⸗ würfe hatten im Innern der wilden ſterblichen Bruſt tiefere Gefühle erweckt, als all die früheren ritterlichen Huldigungen, welche ſie zum Ideal träumender Poeten erhoben hatten. Seltſam, ſeltſam, ſelt⸗ ſam! aber wo nichts Seltſames iſt, findet da jemals Liebe ſtatt? Und mit dieſer Offenbarung ihres eigenen veränderten Herzens ———— 136 kam die klarere und friſchere Einſicht in die Natur und den Charakter des Mannes, den ſie liebte. Bisher hatte ſie nur ſeine Tugenden er⸗ kannt— jetzt ſah ſie auch ſeine Fehler; ſie betrachtete dieſelben, als ob ſie Tugenden wären, und liebte ihn nur um ſo mehr; aber weil ſie ihn liebte, ſo verzweifelte ſte auch um ſo mehr. Sie erkannte den Alles durchziehenden unbeugſamen Stolz, der, mit ſeinem Gefühl von Ehre verwoben, eben ſo unbarmherzig wurde, als er ohne Rache war. Sie begriff jetzt, daß er, je mehr er ſie liebte, um ſo weniger verzeihen würde, und indem ſie ſich die unerwartete Milde ſeiner Abſchiedsworte zurückrief, fühlte ſie, daß in ſeinem verſprochenen Segen der Urtheils⸗ ſpruch lag, der jede Hoffnung vernichtete. 4 —— —· 4 — ——— — ——. — ————— ———— E. Tytton Bulwer's ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. S⸗ Hundert und dritter Theil. So- Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. 0 Siebenter Theil. OSo⸗ Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1859. Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. 50 Aus dem Engliſchen von Dr. Gottlob Fink. Siebenter Theil. 02 Stuttg art. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1859. ———— —,—————ͤͤͤͤ Drittes Kapitel. Wie groß auch die Anzahl der Freunde eines Mannes ſeyn mag, ſo wird es Zeiten in ſeinem Leben geben, wo er einen zu wenig hat; aber wenn er nur einen einzigen Feind hat, ſo darf er wirklich von Glück ſagen, wenn er nicht einen zu viel hat. 1 Eine kalte Nacht; ſcharfer Froſt; der Winter mit Macht ange⸗ rückt. Die Läden ſind geſchloſſen, die Vorhänge zugezogen, das Feuer brennt hell und die Lichter ſind ſanft beſchattet in Alban Mor⸗ leys Salon. Der alte Hageſtolz iſt wieder zu Hauſe. Er war an dieſem Tag zurückgekehrt, hatte nach Lionel geſchickt, und Lionel hatte ihm bereits Alles geſagt, was in ſeiner Abweſenheit verlautet hatte, von der Identität Waifes mit William Loſely an bis zu Lady Mont⸗ forts Beſuch in Fawley, der zwei Tage vorher ſtattgefunden, und wovon ſie Lionel durch einige haſtige Zeilen benachrichtigt hatte. Sie ſchilderte ihm, daß es ihr unmöglich geweſen ſey, Mr. Darrells Ein⸗ würfe gegen die Verbindung zwiſchen Lionel und Sophy zu mildern; ſie tadelte ſich ſtreng, daß ſie ſich ſelbſt dieſe Einwürfe nicht ſtärker ver⸗ gegenwärtigt habe; dann ſchloß ſie mit Aeußerungen des Mitgefühls und Ermahnungen zur Standhaftigkeit. So kurz ihr Brief war, ſo verbreitete doch die ausgeſuchte Freundlichkeit ihrer Natur dermaßen ihren Zauber darin, daß die ſanften Worte allmählig beſänftigten, gleich jenen Tönen, welche in der Natur ſelbſt uns beſänftigen, ohne daß wir wiſſen wie. Der arme Oberſt befand ſich inmitten peinlicher Gegenſtände, 2* Obſchon er kein ſehr ſtarkes Mitgefühl für die Bekümmerniſſe von Liebenden und keinen gewaltigen Glauben an ewig dauernde Nei⸗ gungen hatte, ſo hatte doch Lionels Schilderung von dem jungen Mädchen, das ein ſo geheimnißvolles Verbindungsglied zwiſchen den beiden Männern bildete, die auf verſchiedene Arten die feinſten Saiten ſeines eigenen Herzens angeſchlagen, eine mitleidsvolle und ritterliche Theilnahme in ihm erweckt, und Lionels ſtille Niedergeſchlagenheit machte tiefen Eindruck auf ihn. Der junge Mann äußerte keine Klagen über die Unbeugſamkeit, womit Darrell ſein Elyſium zerſtört hatte. Er beugte ſich unter den Willen, mit welchem zu rechten ver⸗ geblich war, und welchem zu trotzen ſtrafbare Undankbarkeit geweſen wäre. Aber ſeine Jugend ſchien verwelkt; mit niedergeſchlagenen Augen und gleichgiltig verſank er in jene Betäubung der Verzagtheit, die auf eine ſo ſchreckliche Art die Ruhe der Ergebung heuchelt. „Ich habe jetzt nur einen einzigen Wunſch,“ ſagte er,„nämlich zu einem Regiment im activen Dienſt verſetzt zu werden. Ich ſpreche nicht davon, daß ich der Gefahr entgegengehen und den Tod ſuchen wolle. Das wäre entweder eine ſinnlos abgedroſchene Redensart oder beinahe eine Drohung gegen den Himmel. Aber ich bedarf einer gewiſſen heftigen Thätigkeit— eines beſtimmten und unwiderſtehlichen Aufrufs an Ehre oder Pflicht, der mich zwingen kann gegen die eigen⸗ thümliche Schwere anzukämpfen, die ſich auf mein ganzes Leben legt. Deßhalb bitte ich Euch, es ſo für mich einzurichten und Mr. Darrell die Sache in ſolchen Ausdrücken vorzulegen, daß er nicht unnöthig durch Vorhaltung meiner Leiden betrübt wird. Denn während ich ihn gut genug kenne, um überzeugt zu ſeyn, daß Nichts ihn von Be⸗ ſchlüſſen abbringen könnte, worin er wie in einer Citadelle ſeinen Stolz oder ſeinen Catechismus der Ehre verſchanzt hat, ſo bin ich doch auf der andern Seite auch überzeugt, daß er ſich all den Kummer, den dieſe Beſchlüſſe Andern verurſachen, ſehr zu Herzen nehmen würde.“ „Ihr laßt ihm hierin Gerechtigkeit widerfahren,“ rief Alban; „Ihr ſeyd ein edler Junge, daß Ihr ihn ſo wohl verſtehet. Sir, Ihr habt das Zeug in Euch, das engliſche Gentlemen zu ſo großmüthigen Soldaten macht.“ „Handlung, Handlung, Handlung!“ rief Lionel.„Kampf, Kampf! Keine andere Ausſicht auf Heilung. Ruhe iſt ſo zermal⸗ mend, Einſamkeit ſo traurig.“ Man ſehe, wie verſchieden die gleiche Urſache zu Kummer in ver⸗ ſchiedenen Stadien des Lebens wirkt. Verjaget die erſten Lieblings⸗ träume unſerer Jugend, und wir rufen: Handlung! Kampf! In dieſem Ruf ſpricht, uns ſelbſt unbewußt, die Hoffnung und verheißt Welten von noch unerſchöpfter Aufregung. Zerſtreuet die letzte goldene Illuſion, in welcher das Bild des Glückes unſere erfahrungsreiche Mannheit betrügt, und die Hoffnung ſchweigt. Sie hat keine Welten mehr, anzubieten, außer allerdings wenn ſie ihre irdiſchen Attribute fallen läßt, ihren weniger feierlichen Namen verändert und als Glaube dem Auge entſchwebt. Alban antwortete Lionel nicht ſogleich; aber indem er ſich noch behaglicher in ſeinen Stuhl ſetzte, indem er ſeine Füße noch bequemer auf das Feuergitter ſtellte, überlegte der freundliche Weltmann alle möglichen Mittel, wodurch Darrell beſänftigt und Lionel wieder glück⸗ lich gemacht werden könnte. Seine Betrachtungen betrübten ihn. „Hat es je einen ſo widerlichen Zufall gegeben,“ ſagte er endlich in ärgerlichem Tone,„daß Ihr Euch von der ganzen Welt gerade in dieſes Mädchen verlieben mußtet, gegen welches Darrells Gefühle (Vorurtheile, wenn Ihr wollt) in Diamant gepanzert ſeyn müſſen! Ueberzeugt, und augenſcheinlich mit vollem Recht, daß ſie nicht das Kind ſeiner Tochter, ſondern, wenn auch unſchuldig, eine Betrügerin ſey, wie kann er ſie als die Braut ſeines jungen Vetters annehmen? wie können wir das erwarten?“ „Aber,“ ſagte Lionel,„wenn ſie ſich bei genaueren Nachforſchun⸗ gen als das Kind ſeiner Tochter— als die einzige noch lebende Ver⸗ treterin ſeiner Linie und ſeines Namens ausweist?“ „Seines Namens! Nein! Des Namens Loſely— des Namens dieſes ungeſtümen Gauners, der noch am Galgen ſterben kann— dieſes armen theuern liebenswürdigen Schuftes Willy, der einfältig genug war, ſich wegen Diebſtahls deportiren zu laſeen!— Die En⸗ gelin eines Verbrechers als Vertreterin von Darrells Linie! Ei, wie kam doch Lady Montfort dazu einen ſo ſchwärmeriſchen Plan zu be⸗ günſtigen und Euch zur Theilnahme daran zu ermuntern? Sie hätte doch Darrell beſſer kennen müſſen.“ „Ach! ſie ſah nur Sophys ausgeſuchte einfache Tugenden und angeborene Grazie. Da ſie nun an ihre Anſprüche auf Darrellſche Abſtammung glaubte, ſo dachte Lady Montfort nur daran, welche Wonne und welchen Segen ein ſo gutes und ſo liebendes Weſen ſei⸗ nem freudloſen Herd bringen möchte. Sie dachte nicht an krank⸗ haften Stolz und modernde Ahnen, ſondern an beſchwichtigende Pflege und liebende Bande. Und Lady Montfort hatte, wie ich jetzt ver⸗ muthe, bei ihrem Plan für unſer und Darrells Glück ein Intereſſe, das ihr eigenes Glück in ſich ſchloß.“ „Ihr eigenes?“ „Ja; ich ſehe jetzt Alles.“ „Was ſeht Ihr? Ihr ſetzet mich in Staunen.“ „Ich ſagte Euch, daß Darrell in ſeinem Brief an mich mit großer Bitterkeit von Lady Montfort ſchrieb.“ „Sehr natürlich. Wer würde nicht ein ſolches Dazwiſchentreten übel nehmen?“ „Hört. Ich ſagte Euch, daß ich auf ſeinen eigenen Befehl ihr dieſen Brief ſchickte; daß ſie bei Empfang des Schreibens ſelbſt nach Fawley ging, um unſere Sache zu verfechten. Ich verſprach mir den beſten Erfolg von dieſem Schritte.“ „Warum?“ „Weil ein Verliebter einen wunderbaren Einblick in alle Liebes⸗ geheimniſſe Anderer beſitzt; und als ich Darrells Brief las, war ich n 9 überzeugt, daß er die Frau, der er ſo heftige Vorwürfe machte, einſt geliebt habe, ja vielleicht noch liebe.“ „Ha!“ ſagte der Weltmann, der ſchon von ſeinen Schultagen her mit Darrell vertraut geweſen—„ha! iſts möglich! und die Leute ſagen, ich wiſſe Alles! Ihr waret voll von Hoffnungen— ich ver⸗ ſtehe. Ja, wenn Euer Glaube wahr wäre— wenn wirklich eine alte Neigung beſtände, die wieder ins Leben gerufen— wenn ein altes Mißverſtändniß erklärt und gehoben werden könnte— halt; laßt mich nachdenken. Wahr, wahr— unmittelbar nach ihrer Vermählung iſt er aus der Welt entflohen. Ah, mein lieber Lionel, Licht! Licht! Das Licht bricht für mich an! Nicht ohne Grund verſprachet Ihr Euch guten Erfolg. Eure Hand, mein lieber Junge, ich ſehe endlich Hoffnung für Euch. Denn wenn der einzige Grund, der Darrell an Abſchließung einer zweiten Ehe verhinderte, die unüberwundene Er⸗ innerung an eine Frau wie Lady Montfort war(wo gleicht ihr in der That eine Andere an Schönheit und an Eigenſchaften, die ſeinem eigenen Ideal von weiblicher Vortrefflichkeit ſo nahe kommen) und wenn auch ſie entſprechende Gefühle gegen ihn hat, nun ſo würdet Ihr freilich alle Ausſicht verlieren Darrells einziger Erbe zu werden; Eure Sophy würde den gehäſſigen Anſpruch verwirken der einzige Sprößling ſeines alten Baumes zu ſeyn. Aber gerade durch dieſe Verluſte würde Lionel Haughton die Braut gewinnen, nach welcher er begehrt, und wenn es ſich ausweist, daß das Mädchen das iſt, was dieſe Loſelys behaupten, ſo würde gerade dieſe Verbindung, die jetzt Darrell ſo zu⸗ wider iſt, ſeinen Segen ſichern. Wenn er ſelbſt wieder heirathete— wenn er in ſeinen eigenen Söhnen geſetzliche Vertreter und Erben be⸗ fäme— ſo würde er ſich über eine Verbindung freuen, die dem Kind ſeiner Tochter einen ſo ehrenvollen Namen und einen ſo zärtlichen Be⸗ ſchützer ſicherte. Und was die Erbſchaft betrifft, ſo ſeyd Ihr nicht zu Hoffnungen auf dieſelbe erzogen worden. Ihr habt nie darauf ge⸗ rechnet. Ihr würdet ein Vermögen erhalten, das vollkommen ge⸗ nügte, um den Stand Eurer Ahnen wieder herzuſtellen; Eure Lauf⸗ bahn wird zu dem Vermögen noch Ehren beifügen. Ja, ja; dieß iſt der einzige Weg, der über all dieſe Schwierigkeiten hinausführt. Darrell muß wieder heirathen; Lady Montfort muß ſeine Frau wer⸗ den. Lionel wird diejenige wählen dürfen, die Lady Montforts Bei⸗ ſtimmung und Freundſchaft beſitzt— gleichviel, wie es mit ihrer Ge⸗ burt beſtellt ſyn mag; und ich— ich— Alban Morley— werde an zwei freundlichen Herden einen Lehnſtuhl beſitzen.“ In dieſem Augenblick hörte man ein heftiges Geklingel, ſo wie ein lautes Pochen an die Hausthüre. Und unmittelbar darauf, dem Diener auf der Ferſe folgend und ihn auf die Seite ſchiebend, als er fragte, welchen Namen er melden ſolle, ſtürzte eine Frau, ſtreng in Eiſengrau gekleidet, mit ſtark markirtem verſtörtem Geſicht ins Zimmer, ſchritt gerade auf Alban Morley, als er von ſeinem Sitz aufſtand, zu, ergriff ſeinen Arm und flüſterte ihm ins Ohr:„Verlieret keine Mi⸗ nute— kommt augenblicklich mit mir— wenn Euch an der Sicher⸗ heit, vielleicht dem Leben Guy Darrells Etwas gelegen iſt.“ „Guy Darrells!“ rief Lionel, der ſie trotz ihres Geflüſters ge⸗ hört hatte. „Wer ſeyd Ihr?“ ſagte ſte, ſich grimmig umwendend;„gehört Ihr zu ſeiner Familie?“ „Sein Verwandter— beinahe ſein Adoptivſohn Mr. Lionel Haughton,“ ſagte der Oberſt;„aber verzeiht mir, Madame, wer ſeyd Ihr?“ „Erinnert Ihr Euch meiner nicht? Ihr waret doch ſo oft in Darrells Haus, daß Ihr mein Geſicht geſehen haben müßt, wie Ihr von Eurem Freund erfahren habt, daß ich ſehr wenig Urſache habe, mich um ihn oder die Seinigen anzunehmen. Schaut noch einmal; ich bin jene Arabella Foſſett, die—“ „Ah, ich erinnere mich jetzt; aber—“ „Aber ich ſage Euch, daß Darrell in Gefahr iſt, und zwar heute Nacht. Nehmet Geld; um zeitig anzukommen, müßt Ihr einen Ertrazug miethen. Nehmet Waffen, die Ihr aber blos zur Selbſt⸗ 11 vertheidigung brauchen müßt. Nehmet Euern Diener, wenn er tapfer iſt. Laßt dieſen jungen Verwandten auch mitkommen. Es iſt blos ein einziger Mann, der Widerſtand leiſten wird; aber dieſer Mann,“ ſagte ſie mit einer wilden Art von Stolz,„würde die Kraft und den Muth von zehn haben, wäre ſeine Sache nicht eine ſolche, die den ſtarken Mann ſchwach und den kühnen zur Memme machen kann. Es iſt kein Handel für die Gerichtsbeamten, für Prozeß und Skandal: der Dienſt muß im Geheimen geleiſtet werden, von Freunden, von Verwandten; denn die Gefahr, welche Darrell bedroht— bückt Euch — bückt Euch— Oberſt Morley— leiſe in Euer Ohr;“ und ſie flüſterte in ſein Ohr:„denn die Gefahr, welche Darrell heute Nacht in ſeinem Hauſe bedroht, kommt von dem Manne, deſſen Namen ſeine Tochter trug. Das iſt der Grund, warum ich zu Euch komme. Euch brauche ich nicht zu ſagen: ſchonet ſein Leben— Jaſper Loſelys Leben. Jaſper Loſelys Tod als mitternächtlicher Räuber würde Darrells un⸗ erträgliche Schande ſeyn. Geſchwind, geſchwind, geſchwind!— Kommt, kommt!“ Zehntes Juch. — Erſtes Kapitel. Rohe Kraft. Wir verließen Jaſper Loſely, wie er in dem Städtchen nahe bei Fawley übernachtete. Am nächſten Morgen begab er ſich nach dem alten Herrenhaus. Es war derſelbe Morgen, an welchem Lady Mont⸗ fort ihre peinliche Beſprechung mit Darrell gehalten hatte, und juſt als Loſely ſich dem Thor näberte, das in den kleinen Park führte, ſah er ſie wieder in den Miethwagen ſteigen, der auf ſie wartete. Als der Wagen raſch an dem Unhold vorüberfuhr, ſchaute Lady Montfort aus dem Fenſter, um auf die Scenen, die ihr ſtets ſo theuer geweſen, einen letzten Blick zu werfen, aus Augen, die durch Thränen der Ver⸗ zweiflung geblendet waren. Auf dieſe Art bekam Jaſper ihr Geſicht zu ſehen und erkannte ſie, obſchon ſie ihrerſeits ihn nicht einmal be⸗ merkte. Ueberraſcht durch den Anblick, blieb er beim Zaune ſtehen. Was mochte Lady Montfort hiehergeführt haben? Konnte die innige Freundſchaft, die ſein Betrug vor ſo vielen Jahren abgebrochen hatte, erneuert worden ſeyn? In dieſem Fall warum die außerordentliche Betrübniß, die ſo augenſcheinlich auf dem Geſichte lag, von welchem er nur einen haſtigen flüchtigen Blick gewonnen hatte? Dem mochte ſeyn wie ihm wollte, es war für ihn nicht mehr von demſelben Intereſſe ——— 8—— —2 8 13 wie einſt, und nachdem er ein paar Minuten lang über den Umſtand nachgeſonnen, ſchritt er gegen das Thor vor. Aber während ſeine Hand auf dem Drücker lag, pauſirte er wieder; wie ſollte er Zutritt bei Darrell erlangen?— wie ſich anmelden? Wenn unter ſeinem eigenen Namen, war da nicht ſeine Ausſchließung ſicher? wenn als Fremder in Geſchäftsſachen, ob ihn dann Darrell wohl empfing? Während er ſo nachdachte, hörte er— denn ſein Ohr war nebſt all ſeinen andern Sinnesorganen von Natur ſo fein wie bei einem Wilden — ein ſchwaches Geraſchel unter den Zweigen eines dichten Gebüſches, das einen Theil des kleinen Parkes bedeckte und an ſeinem Zaun auf⸗ hörte. Das Geräuſche kam immer näher, die Zweige wurden derb auseinander gebogen, und in einigen Minuten kam Darrell ſelbſt aus dem Gebüſch hervor, ganz nahe bei dem Thor, das er ſchnell öffnete, ſo daß er jetzt ſeinem verabſcheuten Schwiegerſohn Angeſicht vor An⸗ geſicht gegenüberſtand. Jaſper erſchrack, aber die Gelegenheit durfte nicht hinausgelaſſen werden.„Mr. Darrell,“ ſagte er,„ich komme da wieder zu Euch; ſchenket mir dießmal ein ruhigeres Gehör.“ Lo⸗ ſely war ſo verändert, Darrell dermaßen in ſeine eigenen Gemüths⸗ bewegungen verſunken, daß die Worte nicht ſogleich ſeine Erinnerung wach riefen.„Ein andermal,“ ſagte Darrell, indem er haſtig auf die Straße vortrat;„ich habe jetzt keine Zeit.“ „Verzeiht mir, jetzt,“ ſagte Loſely, indem er unbewußt zu den Tönen und Manieren ſeiner früheren civiliſirteren Jahre zurückkehrte. „Ihr erinnert Euch meiner nicht, Sir; kein Wunder. Aber mein Name iſt Jaſper Loſely.“ Darrell blieb ſtehen; dann ſchaute er noch immer wie verzaubert die breitſchulterige dicke Geſtalt in ihrer plumpen Erbſenjacke an, und in dieſer rohen Form, in dieſem entſtellten aufgedunſenen Geſicht ent⸗ deckte er, obſchon mit großer Anſtrengung, die Trümmer der männ⸗ lichen Schönheit, von welcher ſeine ränkevolle Tochter ſich hatte ver⸗ ſtricken laſſen. Jaſper hätte keinen ungünſtigeren Augenblick für ſeine Sache wählen können. Darrell befand ſich noch zu ſehr unter dem 14 Einfluß friſcher Aufregung und ungeheuren Kummers, um ſeinen Zorn mit jener Klugheit zu beherrſchen, welche ihn allein veranlaſſen konnte Eröffnungen von Jaſper Loſely willig anzuhören. Und die ganze Er⸗ ſcheinung des Mannes, deſſen Verwandtſchaft mit ihm ein Gedanke ſo bitterer Schmach war, trug jetzt ſo unverkennbar das Gepräge tiefſter Herabgekommenheit, daß alle Gentlemansinſtinkte Darrells ſich empörten, zumal in dieſem Augenblick, wo kaum zuvor ſein Stolz durch die qualvolle Erinnerung an Alles, was ihm ſchon den Namen Jaſper Loſely ſo verhaßt machte, im höchſten Grad aufgeregt und be⸗ ſtürmt worden war. Was! War es dieſes Mannes angebliches Kind, das Lionel Haughton zum Weib begehrte?— Sollte die Verbindung mit dieſem Manne auf ſolche Art erneuert und beſtärkt werden?— Dieſer Mann ſollte kraft ſeiner Verwandtſchaft mit der Braut ſeines nächſten Angehörigen einen weitern Anſpruch auf ihn und ſein Eigen⸗ thum erhalten? Was! Man wollte ihm die Zumuthung machen dieſes Mannes Kind als ſein eigen Fleiſch und Blut anzuerkennen? als den letzten Vertreter ſeiner Linie? Dieſer Mann! dieſer! Ein Blitz ſchoß aus ſeinem leuchtenden Auge, deſſen Grau eine dunklere Färbung an⸗ nahm; er drehte ſich auf ſeinem Abſatz um und ſagte durch ſeine ein⸗ gekniffenen Lippen hindurch. „Ihr habt, glaube ich, von Oberſt Morley gehört, Sir, daß ich nur unter der Bedingung Eures bleibenden Aufenthalts in einer unſerer entlegenen Colonien oder in Amerika, wenn Ihr es vorzieht, mich dazu verſtehen werde Euch zu unterſtützen. Ich denke noch eben ſo wie früher. Ich ſelbſt kann mit Euch nicht unterhandeln. Oberſt Morley iſt, ſo viel ich weiß, verreist. Ich verweiſe Euch an meinen Anwalt. Ihr habt ihn vor Jahren geſehen; Ihr wißt ſeine Adreſſe. Damit Punktum, Sir.“ „Dieß genügt nicht, Mr. Darrell,“ ſagte Loſely verdrießlich, und ndem er ſich gerade vor Darrell aufpflanzte, fuhr er fort:„Ich bin hieher gekommen, um alle Differenzen mit Euch perſönlich auszu⸗ gleichen— und ich will—“ A— 800 89— A——, Co?an 890 1—* 1⁵ „Ihr wollt!“ ſagte Darrell, blaß vor hochmüthigem Zorn, und im Drang ſeiner Leidenſchaft ballte ſich ſeine Hand. In ſeiner natür⸗ lichen Unerſchrockenheit und der Wärme ſeines lebhaften Temperaments dachte er nicht an die Stärke und Maſſenhaftigkeit des unverſchämten Aufdringlings— nicht an die Gefahr ſo ungleicher Chancen bei einem perſönlichen Kampf. Aber die Würde, die alle ſeine Gewohnheiten durchdrang und bei ihm oft die Stelle der Beſonnenheit erſetzte, kam ihm jetzt glücklicher Weiſe zu Hilfe. Er einen Mann ſchlagen, den er ſo tief verachtete!— Er dieſen Mann durch die Ehre eines Streiches von ſeiner Hand zu ſeinem eigenen Niveau erheben! Unmöglich!„Ihr wollt!“ ſagte er.„Gut, es ſey. Seyd Ihr wieder gekommen, um mir zu ſagen, daß ein Kind von meiner Tochter lebe, und daß Ihr das Vermögen meiner Tochter durch eine wohl ausgeſonnene Lüge ge⸗ wonnen habt?“ „Ich bin nicht gekommen um von dieſem Mädchen zu ſprechen, ſondern von mir ſelbſt. Ich ſage, daß ich einen Anſpruch an Euch habe, Mr. Darrell, ich ſage, daß Ihr, Ihr möget die Wahrheit drehen und wenden wie Ihr wollt, immerhin mein Schwiegervater ſeyd, und daß es unerträglich iſt, daß es mir an Brod fehlen, oder daß ich zu wirklichem Raub getrieben werden ſoll, während der Vaters meines Weibes ein Mann von unermeßlichem Vermögen iſt und keinen Erben hat außer— aber ich will jetzt nicht die Sache dieſes Kindes be⸗ treiben; ich bins zufrieden dieſe Sache aufzugeben, wenn ſie Euch ſo verhaßt iſt. Wünſchet Ihr, daß ich eine Kehle abſchneiden und mich hängen laſſen ſoll, damit alle Welt die Sterbrede und das Sünden⸗ bekenntniß von Guy Darrells Tochtermann hören kann? Antwortet mir, Sir.“ „Ich antworte Euch kurz und klar. Lediglich darum, weil ich Guy Darrells Namen mit dieſer letzten Schmach verſchonen möchte, biete ich Euch eine Exiſtenz in Ländern an, wo Ihr weniger ſolchen Verſuchungen ausgeſetzt ſeyn werdet, die Euch veranlaßt haben, die Summen, die Ihr nach Eurem eigenen Geſtändniß unter falſchen Vor⸗ 6 16 wänden von mir bekommen habt, im Pfuhl eines Pariſer Spielhauſes anzulegen. Eine Eriſtenz, die, wenn ſie auch das Laſter nicht mäſtet, Euch wenigſtens über die Nothwendigkeit des Verbrechens erhebt, iſt Euch freigeſtellt. Wählet oder verwerfet ſie, wie Ihr wollt.“ „Seht, Mr. Darrell,“ ſagte Jaſper, der unter der kalten und bittern Verachtung, womit er auf die Seite geworfen wurde, ſchnell ſeine Ruhe verlor,„ich befinde mich in einem ſo verzweifelten Zuſtand, daß ich, ehe ich Hunger ſterbe, lieber annehmen will, was Ihr ſo ver⸗ achtungsvoll dem— Manne Eurer Tochter hinwerft; aber—“ „Schurke!“ rief Darrell ihn unterbrechend,„wollt Ihr immer und immer wieder als Anſpruch an mich geltend machen, daß Ihr mein einziges Kind unter einem falſchen Namen aus dem Hauſe ge⸗ lockt habt? Daß ſie in einem fremden Lande geſtorben iſt— am ge⸗ brochenen Herzen, wenn ich recht gehört habe: iſt das ein Anſpruch an den Vater Eures bethörten Opfers?“ „Es ſcheint ſo, da Euer Stolz zu dem Geſtändniß gezwungen iſt, daß die Welt es dafür halten würde, wenn der Gefängnißkaplan die letzten Worte Eures Schwiegerſohnes entgegennähme. Aber baſta, baſta! Hört mich zu Ende und ſparet harte Namen, denn das Blut ſteigt mir ins Gehirn und ich könnte gefährlich werden. Hätte irgend ein anderer Mann mich ſo angeſehen, gehöhnt und geſcholten, wie Ihr gethan habt, er läge todt und ſtumm wie dieſer Stein zu meinen Füßen; aber Ihr— ſeyd mein Schwiegervater. Jetzt will ich nicht lange mit Euch um den genauen Betrag meiner Unterſtützung mark⸗ ten, wenn ich Eurem Wunſche gehorche und mich elend in einem jener rauhen troſtloſen Winkel niederlaſſe, wo man Diejenigen die dieſe alte Welt beläſtigen in Vergeſſenheit begräbt. Ich möchte lieber meine Zeit in dieſem Lande ausleben— ſie im Frieden ausleben, und zwar für die Hälfte der Summe, die Ihr mir bewilligen würdet, wenn ich mich transportiren ließe. Wenn Ihr Etwas für mich thun wollt, ſo iſt es beſſer, Ihr ſtellt mich unter leichten Bedingungen für Eure eige⸗ nen Taſchen zufrieden, als daß Ihr mich unbefriedigt laßt, und ich 17 8 immer wieder Luſt bekomme Euch Widerwärtigkeiten zu bereiten, was t, ich auf die eine oder andere Weiſe auch jenſeits des Häringsteiches ſt thun könnte. Ich könnte am Buchſtaben eines Vertrags feſthalten, in Phillips Town oder Adelaide leben, Euer Geld nehmen und Euch d dennoch durch Abgeſandte beläſtigen oder beunruhigen. Dieſes Mäd⸗ l chen z. B.— Eure Enkelin; gut, gut, verleugnet ſie, wenn Ihr wollt; d, aber wenn ich herausbringe wo ſie iſt, was mir, ich geſtehe es, noch nicht gelingen wollte, ſo könnte ich ſie zur Qual Eures Lebens machen, ſelbſt wenn ich in Auſtralien wäre.“ E„Ja,“ ſagte Darrell murmelnd;„ja, ja; aber— ſich plötzlich or„ aufraffend—„nein! Mann, wenn ſie meine Enkelin, Euer eigenes 1 ⸗ Kind wäre, könntet Ihr auf dieſe Art von ihr ſprechen?— Könntet A 5 Ihr ſie zum Gegenſtand eines ſo niederträchtigen Handels und einer ch ſo erbärmlichen Drohung machen? So ruchlos Ihr ſeyn möget, ſo wäre doch dieß gegen die Natur— ſelbſt in der Verworfenheit der ſ Natur— ſelbſt im Sohne eines Verbrechers und im Gauner einer ie Spielhölle. Bah! ich verachte Eure Bosheit. Ich will Euch nicht a, länger anhören. Aus meinem Weg!“ 3 ut„Nein!“ nd„Nein?“ 8 hr„Nein, Guy Darrell, ich bin noch nicht fertig; Ihr ſollt meine en Bedingungen hören und ſie annehmen. Eine mäßige Summe; ſagt 4 4 ht einige Hunderte, zweihundert jährlich, die ich in London nach meinem k⸗ Belieben verzehren kann, aber außerhalb Eures Reviers, außerhalb 3 Eurer Seh⸗ und Hörweite. Bewilliget dieß, ſo will ich Euch nie te wieder in den Weg treten, will dieſes Vagabundenmädchen nie wieder 4 ne aufzufinden ſuchen, und wenn ich ſie zufällig finde, ſie nicht als mein ar Kind von Eurer Tochter anſprechen. Ich will Euch nie durch Nennung ch unſerer Verwandtſchaft beſchämen. Ich will nicht den Geſetzen zu⸗ ſo wider handeln und nicht von Henkershand ſterben; aber ich würde e⸗ nicht lange leben, denn ich leide ſehr und trinke ſtark.“ Die letzten Worte wurden düſter, nicht ganz ohne ein eigenthüm⸗ —— ———— 8————— 18 lich trauriges Pathos geſprochen. Und inmitten all ſeiner gerechten Verachtung und Entrüſtung wurde Guy Darrells weites Menſchen⸗ herz für den Augenblick gerührt. Er ſchwieg— er war unſchlüſſig; war es nicht vielleicht wohlgethan, konnte es nicht ſowohl zu ſeinem eigenen Frieden, als zu dem Frieden des armen Kindes, welches Dar⸗ rell, ganz abgeſehen von allen Verwandtſchaftsverhältniſſen, von den Anſprüchen eines ſo kecken Banditen befreit zu ſehen wünſchen mußte — konnte es nicht zu ihrem beiderſeitigen Frieden dienen, wenn er Loſelys Wunſch befriedigte und ihn mit einer Unterſtützung, die für ſein Auskommen genügte, in England bleiben ließ? Während jedoch dieſer Zweifel durch Darrells ſich beſänftigenden Geiſt zog, glaubte unglücklicher Weiſe der Unhold, der ſchlau genug war, um zu ſehen, daß er Boden gewonnen hatte, aber zu plump um ſeinen Vortheil ſeiner rechten Urſache zuzuſchreiben, ſeine Sache durch weitere Be⸗ weismittel unterſtützen zu müſſen.„Ihr ſehet, Sir,“ fuhr Jaſper in beinahe vertraulichem Tone fort,„kein Hund iſt ſo zahnlos, daß er nicht beißen könnte, und kein Hund iſt ſo wild, daß er Euch nicht dienen würde, wenn Ihr ihm vollauf zu freſſen gebt.“ Darrell ſchaute auf, und ſeine Braue verdüſterte ſich allmählig. Jaſper fuhr fort:„Ich habe Euch die Art und Weiſe angedeutet, wie ich Euch quälen könnte; vielleicht könnte ich Euch auf der andern Seite auch einen Gefallen thun mit der hübſchen Lady, die von Eurem Parkthor wegfuhr, als ich herkam. Ah! Ihr wolltet ſie einmal hei⸗ rathen. Ich leſe in den Zeitungen, daß ſie Wittwe geworden iſt: Ihr könnt ſie noch heirathen. Es war einmal eine Geſchichte gegen Euch im Umlauf; ihre Mutter machte Gebrauch davon und zerſtörte ein altes Verhältniß. Ich kann dieſe Geſchichte wieder ins Geleiſe bringen.“ „Ihr könnt das?“ ſagte Darrell mit der maßloſen Ruhe, die von maßloſem Zorn kommt;„und vielleicht, Sir, habt Ihr dieſe Ge⸗ ſchichte, wie ſie nun immer ſeyn mochte, erfunden. Kein Hund ſo zahnlos, um nicht zu beißen— he, Sir?“ „Nun ja,“ verſetzte Jaſper, der ſich in Darrells Faſſung täuſchte. 19 „Damals ſchien es allerdings mein Intereſſe zu ſeyn, daß Ihr nicht wieder heirathen ſolltet;— aber baſta! baſta! genug von vergan⸗ genen Dingen. Wenn ich einſt gebiſſen habe, ſo will ich jetzt Dienſte leiſten. Kommt, Sir, Ihr ſeyd ein Mann von Welt, laßt uns den Handel abſchließen.“ Darrells ganze Seele kam jetzt in Harniſch. Was! Dieſer infame Schurke war der Erfinder des Mährchens, wodurch das Weib, das er geliebt, wie noch nie zuvor ein Weib geliebt wurde, ihren Treubruch entſchuldigt hatte und auf immer für ihn verloren gegangen war? Und er erfuhr dieß, während er eben von ihr geſchieden war, während er aufs Neue die qualvolle Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ſein Herz noch liebte, abermicht verzeihen konnte. Mit einem ſo plötzlichen Sprung, daß Loſely förmlich überrumpelt wurde, ſtürzte er auf den Bravo los; ſtieß dieſen Coloß, von welchem Jaſper gerühmt hatte, daß vier Fuhrleute ihn nicht gegen ſeinen Willen von der Stelle rücken könnten, auf die Seite und bahnte ſich ſeinen Weg; dann wandte er ſich, ehe Loſely ſich von ſeiner Verblüfftheit erholt hatte, noch einmal um und rief:„Fluchwürdiger Schurke! Ich wider⸗ rufe jedes Anerbieten, ein Leben zuaunterſtützen, das blos exiſtirt hat, um diejenigen, denen es nahen durfte, zu verdüſtern und zu verheeren. Verhungert oder raubet! Gehet elend zu Grunde! Und wenn ich nicht über Euer Haupt meinen Abſchiedsfluch ausſchütte, ſo geſchieht es blos, weil ich weiß, daß der Menſch kein Recht hat zu fluchen; die einzige Rache, die mir mein Glaube an den Himmel geſtattet, beſteht darin, daß ich Euch auf Euer eigenes böſes Selbſt zurückwerfe.“ So ſprechend ſchritt Darrell weiter— flink, aber nicht wie ein Fliehender. Jaſper machte drei lange Sprünge und war beinahe an ſeiner Seite, als er durch einen Flintenſchuß erſchreckt wurde. Ein Faſan ſiel auf den Weg, und Darrells Wildſchütz kam mit einer Flinte in der Hand durch eine Oeffnung in dem Gehege gegenüber vom Parkzaun; als er ſeinen Herrn dicht vor ſich ſah, trat er näher und entſchuldigte ſich wegen der Plötzlichkeit des Schuſſes. Bulwer, was wird er damit machen? VII. 3 20 Was immer Loſelys Abſicht geweſen ſeyn mochte, als er Darrell nacheilte, es blieb ihm keine andere Wahl, als die Verfolgung aufzu⸗ geben und zurückzubleiben. Das Dorf ſelbſt war blos einige hundert Schritte entfernt, und was hätte er im Ganzen mit einer Gewaltthat bezwecken können, als höchſtens die Befriedigung ſeiner augenblick⸗ lichen Wuth? Eine Gewaltthat konnte Jaſper Loſely nicht das Ein⸗ kommen verſchaffen, das ſo eben innerhalb des Griffes ſeiner Hand geweſen und ihr ſo unerwartet entſchlüpft war. Er blieb daher im Wege ſtille ſtehen und ſah, wie Darrell durch eine andere Pforte, dicht bei dem Herrenhaus, ruhig in ſeinen Park zurückging. Der Wild⸗ ſchütz hob mittlerweile ſeinen Vogel auf, lud ſeine Flinte wieder und ſah Jaſper mit argwöhniſchen ſcheelen Blicken an. Der getäuſchte Gladiator kehrte endlich um und ging langſam nach der Stadt zurück, die er verlaſſen hatte. Es war ſpät Nachmittags, als er ſeine Ecke im Cafezimmer des Wirthshauſes wieder einnahm, und zu ſeinem Verdruß war das Zimmer gedrängt voll— es war Markttag. Pächter, die ihr Geſchäft zu Ende gebracht hatten, gingen in raſcher Folge aus und ein. Diejenigen, die nicht am Wirthstiſch ſpeisten, nahmen haſtig einen Imbiß zu ſich oder genoſſen einen Abſchiedstrunk, während ihre Pferde geſattelt wurden; Andere ſahen in die Zeitungen oder wechſelten etliche Worte über den Zuſtand der Märkte und der Nation. Jaſper mußte, müde und verdrießlich, auf die beſtellten Erfriſchungen warten und verſank mittlerweile in eine Art von Halbſchlaf, wie er jetzt in den Zwiſchenzeiten zwiſchen Nahrung und Unfug bei ihm nicht ungewöhnlich war. Aus dieſer ſchleichenden Betäubung wurde er plötzlich durch den Klang von Darrells Namen aufgeweckt. Drei Pächter, die nahe bei ihm ſtanden und ihre Rücken dem Feuer zuge⸗ kehrt hatten, waren Miethleute von Darrell— zwei von ihnen auf den Gütern, welche Darrell in den Jahren ſeines territorialen Ehr⸗ geizes gekauft hatte; der dritte wohnte in dem Weiler Fawley und hatte den größern Theil der vergleichungsweiſe unfruchtbaren Aecker gepachtet, auf welche das altererbte Gut beſchränkt war. Die Pächter ſprachen von der Rückkehr ihres Gutsherrn nach der Graf⸗ ſchaft, von ſeiner abgeſchloſſenen Lebensweiſe— von ſeinen eigen⸗ thümlichen Gewohnheiten— von dem großen unvollendeten Hauſe, das er vermodern ließ. Der von Fawley ſagte darauf, daß man das Haus im Ganzen doch nicht vermodern laſſe, in der letzten Zeit ſeyen die Arbeiter vom Dorf beſchäftigt geweſen und ſeyen es noch jetzt, um einige Zimmer in eine rohe Ordnung zu bringen; und dann ſprach er von der langen Gallerie, in welcher der Squire ſeine ſchönen Gemälde aufgehängt, und wie er einen Gang zwiſchen dieſer Gallerie und ſeinem eigenen Zimmer hergeſtellt, ferner wie er bei Tag und auch bei Nacht ganze Stunden in dieſem ſchrecklich langen Zimmer zubringe, das ſo verlaſſen ſey wie ein Kirchhof; und Mr. Mills habe geſagt, daß ſein Herr jetzt beinahe ganz entweder in dieſer Gallerie oder in dem Dachzimmer des alten Hauſes lebe— ſo zu ſagen ganz abge⸗ ſchnitten und ohne andere Geſellſchaft, als dieſe todten Gemälde oder die Ratten, welche durch dieſen Einfall in ihr Quartier im neuen Gebäude ſo aufgeregt worden, daß Ihr ſie, wenn Ihr in Mondſchein⸗ nächten zu den Fenſtern hineinſchautet, zu Dutzenden daſitzen ſehen konntet, wie wenn ſie Rath hielten oder die curioſen alten Dinge an⸗ ſtierten, die neben den Körben lagen, aus denen man ſie genommen hatte. Dann kamen die ländlichen Gevatter auf den Zinstag zu ſprechen, der bevorſtehe, auf den Abhörſchmauß, der einem unvordenk⸗ lichen Brauche gemäß an dieſem ſelben Zinstag im alten Herrenhaus gegeben wurde— ſie vermutheten, Mr. Fairthorn würde präſtdiren— der Squire ſelbſt würde nicht erſcheinen— machten einige beiläufige Bemerkungen über ihre reſpektiven Pachtpreiſe und Waizenerndten— bemerkten, ſie würden zum Heimritt vom Abhörſchmaus ſchönen Mondſchein bekommen— warnten einander lachend, nicht zu viel von Mr. Fairthorns Punſch zu trinken, und zogen ſchließlich ihres Wegs. Für Jaſper Loſely, der, ſeinen anſchlagreichen Kopf auf ſeine mächtige Hand gelehnt, die ganze Weile in dumpfem Schlaf zu liegen geſchienen hatte, waren aus dem Geſpräch folgende zwei Thatſachen klar ge⸗ 3 A8 2² worden: erſtens daß am dritten Tag von demſenigen an, der ſich zu Ende neigte, Summen im Betrag von Tauſenden ihren Weg ins Herrenhaus ven Fawley finden würden; und zweitens daß eine Ver⸗ bindung zwiſchen dem unxollendeten unbewohnten Gebäude und Dar⸗ rells eigenem einſamem Zimmer beſtand. Sobald Jaſper ſich durch Speiſe und Trank geſtärkt hatte, ſtand er auf, bezahlte ſeine Zeche und ging weg. Geräuſchles und ſchnell, an den Hecken neben dem Wege hin, der nach Fawley fuhrte, und kaum erkenntlich unter ihrem Schatten, ſchritt das wilde Menſchenthier in Witterung ſeines Raubes dahin. Es war Nacht, als Jaſper von Neuem den morsbewachſenen Zaun erreichte, der das Gut um das alte Herrenhaus her umſchloß. In wenigen Minuten ſtand er unter dem ſchwarzen Schatten der Strebepfeiler des unvollendeten Gebäudes. Seine Akſicht war jetzt nicht anzugreifen, ſondern zu recognesciren. Er ſtrich um die unregel⸗ mäßigen Mauern her, in ſeiner Muſterung dann und wann ſchwach durch die Sterne geleitet— beſtändiger und heller durch die Lichter aus dem anſtoßenden Herrenhaus, ganz beſonders durch das aus dem hohen Giebelzimmer, neben welchem das dünne Holzgerüſte hinging, das die zwei ſteinernen Gebäude verband, juſt wie ein ſchwacher Plan die Vergangenheit, welche der Menſch nicht genoſſen hat, mit der Zu⸗ kunft verbindet, die er nicht vollenden wird. Jaſper kam an ein großes braunes glasloſes Fenſter, deſſen Sims bles einige Fuß über dem Boden ſtand, von welchem die über die Fenſterkreuze genagelten Bretter von den Handwerksleuten, die Darrell im Innern beſchäftigt hatte, weggeſchafft worden und nur durch ein loſes Theertuch erſetzt waren. Jaſper zog dieſes unbedeutende Hinderniß auf die Seite und ſtieg ohne Schwierigkeit durch die weiten Fenſterkreuze in das öde Gebäude. Da er ſich in tiefer Finſterniß befand, zog er ein Zünd⸗ hölzchenbüchschen aus der Taſche, und der Verbrauch von einem Dutzend Schwefelchen ſetzte ihn in den Stand, das Terrain zu unter⸗ ſuchen. Er befand ſich in einem Raum, welchen der Baumeiſter zur Haupttreppe beſtimmt hatte; eine hohe Leiter, welche die Handwerks⸗ 23 leute in der letzten Zeit gebraucht, ſtand noch an der Mauer, mit ihrem obern Ende an einem Abſatz gegenüber einem Thurweg, der, nach der Pracht des halbvollendeten Architravs zu ſchließen, offenbar nach den Prunkzimmern hätte fuhren ſollen. Zwiſchen den Giebeln ſtand eine leichte vorläufige Thüre von rohen Brettern. Zufrieden mit ſeiner Recognoscirung, verließ Loſely das Hausſkelett und ging nach dem Wirthshaus zurück, aus dem er gekommen war. Seine Betrachtungen unterwegs leiteten ihn auf die Zweckdienlichkeit, ja ſogar Nothwendigkeit eines Mitſchuldigen. Werkzeuge konnten erfor⸗ derlich— Vermummungen konnten wunſchenswerth ſeyn— ſchnelle Pferde zur Flucht mußten gemiethet werden— und wenn der Raub gelang, ſo beſtand die Hauptbeute ohne Zweiſel aus Banknoten, die eine andere Hand als ſeine eigene erforderten, um ſie entweder am nächſten Morgen zur früheſten Stunde auf der Bank auszuwechſeln oder ins Ausland zu ſchicken. Als paſſenden Gehülfen bei allem dem kannte Jaſper Niemand, der ſich mit Cutts vergleichen ließ; auch hegte er gegen ſeinen alten Bundesgenoſſen keinen Verdacht wegen etwaiger Theilnahme an der gegen ihn gerichteten Verſchwörung, vor welcher Mrs. Crane ihn gewarnt hatte. Indem er daher beſchloß, dieſen langbewährten Freund in ſein Vertrauen zu ziehen, beſchleunigte er ſeinen Schritt, kam rech'zeitig zu einem letzten Zug nach London auf den Bahnhof, und da er die Gefahren verachtete, womit er bei ſeinem Wiedererſcheinen in den Höhlen ſeiner ehemaligen Spießgeſellen bedroht war, begab er ſich nach dem dunkeln Hof, wo er in der Nacht nach ſeiner Ruckkehr nach London eine Wohnung gefunden hatte, weckte Cutts aus dem Schlaf und malte ihm ein ſo verheißungsreiches Unternehmen vor, daß der kleine Mann ſeine alte Bewunderung fur das Genie wieder zu faſſen begann, vor welchem er ſich in Paris ge⸗ beugt, das ſich aber in London ſeine Verach ung zugezogen hatte. Mr. Cutts behauptete eine ſehr eigenthumliche Stellung in der⸗ jenigen Abtheilung der großen Welt, welcher er angehörte. Er beſaß den Vortheil einer Erziehung, die ihn weit uüber die große Mehrzahl 24 ſeiner Genoſſen ſtellte, denn er war urſprünglich Schreiber eines Ad⸗ vokaten in Old Bailey geweſen und hatte ſchon ſeit jener frühen Zeit ſeine natürliche Schlauheit durch allerlei ſpekulative Unternehmungen, ſowohl im In⸗ als im Ausland, vervollkommnet. Bei dieſen Aben⸗ teuern hatte er nicht blos Geld zu machen, ſondern auch, was bei den Feinden des Geſetzes ſehr ſelten iſt, es zu erhalten gewußt. Als Hage⸗ ſtolz hatte er nicht viele Ausgaben; aber neben ſeiner Junggeſellen⸗ wohnung in dem dunkeln Hof beſaß er ein Haus im Herzen der City, in der Nähe der Themſe, das der Obhut einer unverheiratheten Schweſter, eben ſo gierig und verſchmitzt wie er ſelbſt, anvertraut war. In dieſem Etabliſſement, das oſtenſibel eine Pfandleihanſtalt war, wurden die Waaren in Empfang genommen, von denen Cutts aus ſeiner Reſidenz im Hofe wußte, daß ſie wohlfeil verkauft werden ſollten, da man ſie umſonſt erhalten hatte. Durch dieſes Geſchäft hauptſäch⸗ lich hatte der Mann ſich bereichert. Aber ſein Netz war ſo beſchaffen, daß es Fiſche von allen Arten einnahm. Er war der allgemeine Be⸗ rather für die Bekämpfer des Geſetzes. Wenn er bei Anſchlägen, zu denen er rieth, ſich ſelbſt betheiligte, ſo konnte man mit ſolcher Sicher⸗ heit auf Erfolg rechnen, daß er den höchſten Ruf für Glück genoß. Aber nur ſelten nahm er thätigen Antheil an ſolchen Plänen— er war eben ſo glücklich im Meiden wie im Ausführen. Nicht unwahr hatte er gegen Mrs. Crane die Geſchicklichkeit gerühmt, womit er ſich außerhalb der Klauen der Juſtiz erhalten hatte. Mit einem gewiſſen Theil der Polizei ſtand er ſogar auf dem freundlichſten Fuße; denn war Etwas auf eine geheimnißvolle Art„verloren gegangen“, und der Eigenthümer wollte eine dem wirklichen Kaufwerth entſprechende Belohnung bezahlen, ſo war Cutts der Mann, der die Sache wieder auf den Platz ſchaffte. Gegen Gewaltthat hegte er eine heilſame Ab⸗ neigung; nicht als ob er Kraft bei Andern nicht bewundert hätte— nicht als ob er phyſiſch ein Feigling geweſen wäre— aber dieſe Vor⸗ ſicht war ſein vorherrſchender Charakterzug. Gewalt brauchte er nur, wenn ſie durchaus erforderlich war— er legte ihr den verdienten 2⁵ Werth bei— er entwarf den Plan zu einem Nachtdiebſtahl und ver⸗ theilte die Beute; aber nur wo der Preis groß und die Gefahr klein war, lieh er ſeine Hand zu dem Werk, das ſein Kopf guthieß. Als Loſely ihm die Plünderung eines einſamen Landhauſes vorſchlug und, mit dem Bemerken, daß ſo viel als gar keine Gefahr vorhanden ſey, hauptſächlich die Bilder von etlichen tauſend Pfund in Gold und Noten vorhielt, die von einem ältlichen Gentleman verwahrt würden, und zu denen man ganz bequem durch ein unbewohntes Gebäude ge⸗ langen könne, da dachte Cutts, die Sache ſey einer perſönlichen Unter⸗ ſuchung wohl werth. Und er glaubte ſich durch ſeine allgemeine Ver⸗ pflichtung gegen Mrs. Crane nicht verbunden, die Ausſicht auf eine Summe zu verlieren, die ſo unendlich größer war als diejenige, die er für die Enthüllung des Anſchlags und ſeine Beihilfe zur Vereitelung deſſelben von ihr erwarten durfte. Cutts war ein höchſt getreuer und intelligenter Agent, wenn er hübſch bezahlt wurde, und er hatte dieß Mrs. Crane bei verſchiedenen Gelegenheiten bewieſen. Aber jetzt winkte ihm ein groͤßerer Gewinn, wenn er Dienſte leiſtete, als wenn er ſeine Dienſte entzog. Bisher war es äußerſt vortheilhaft geweſen, Mrs. Crane zu gehorchen, indem er Jaſper vor Verbrechen und Ge⸗ fahr ſchützte. Beim gegebenen Fall jedoch ſchien der Nutzen ganz in der andern Richtung zu liegen. Als er daher am nächſten Morgen eine Satteltaſche mit verſchiedenen nothwendigen Gegenſtänden, wie Feilen, Dietrichen, Masken, angefüllt und noch eine hübſche Auswahl von politiſchen Abhandlungen und Zeitungen beigelegt hatte, brachen er und Jaſper auf zwei kräftigen und flinken Miethroſſen nach der Gegend von Fawley auf. Sie verweilten in einer Stadt auf der andern Seite des Herrenhauſes, als auf derjenigen von wo Jaſper ſich genähert hatte, und ungefähr in derſelben Entfernung. Nachdem ſie ihre Pferde gefüttert, ritten ſie, dem ſtillen Fingerzeig eines Weg⸗ weiſers folgend, weiter nach Fawley und gelangten in die Nähe des Parkes. Hier ſtieg Cutts ab, ſchlich über den Raſenplatz hin und ver⸗ ſenkte ſich in die Hoͤhlungen des unvollendeten Gebäudes, während 26 Jaſper in einer Ecke des Waldweges die Pferde hütete. Cutts, dem der Anblick des verlaſſenen Innern wohl geſiel, wagte ſich in der ringsumher herrſchenden Stille die Leiter hinauf, ſteckte einen Dieterich in die Thüre oben, öffnete ſie mit Leichtigkeit und ſchlich in die lange Gallerie, deren Wände mit Gemälden behangen waren. Durch die Spalten in einer andern Thüre am äußerſten Ende ſchimmerte ein ſchwaches Licht. Cutts hielt ſeine Augen ſowohl an dieſe Spalten als an das Schlüſſelloch und ſah, daß das Licht aus einem Zimmer auf der andern Seite des ſchmalen Ganges kam, der das neue Haus mit dem alten verband. Die Thüre dieſes Zimmers war offen, Kerzen ſtanden auf dem Tiſch, und neben dem Tiſch konnte Cutts die Umriſſe einer ſitzenden Mannesgeſtalt, ohne Zweifel des Eigenthümers er⸗ kennen; aber die Geſtalt ſchien nicht ältlich. Wenn ſie Jaſper an phyſiſcher Kraft nachſtand, ſo zeugte ſie gleichwohl immerhin von feſter und ungebrochener Mannheit. Dem Meiſter Cutts wollte dieſe Ge⸗ ſtalt gar nicht gefallen, und er zog ſich mit bangen Ahnungen ins Freie zurück. Als er jedoch zu Loſely zurückkam, ſagte er:„Bis jetzt ſieht Alles verlockend aus— der Platz ſtill wie das Grab— nur eine eine einzige Thüre geſchloſſen, und zwar das gewöhnliche Landſchloß⸗ das jeder Schuljunge mit ſeinem Meſſer öffnen kann.“ „Oder mit einem krummen Nagel,“ ſagte Jaſper. „Ja, kein beſſerer Dieterich in guten Händen. Aber es gibt noch an andere Sachen zu denken, als an Schlöſſer.“ Cutts warf jetzt ſchnell hin, es ſey juſt die Stunde, wo vielleicht einige der auf den Grundſtücken beſchäftigten Arbeiter im Wirthshaus von Fawley zu finden ſeyen; er wolle hinreiten, dort abſteigen und verſuchen, ob er nicht einige nützliche Aufſchlüſſe über Lokalitäten und Haushalt erlangen könne. Er wolle ſich für einen Handelsreiſenden ausgeben, der auf dem Weg nach der Stadt begriffen ſey, von wo ſie gekommen; er wolle ſeine wohlfeilen Abhandlungen und Zeitungen herausziehen; er wolle von Politik ſprechen— alle Handwerker ſeyen Liebhaber davon, beſonders von der Politik wohlfeiler Zei⸗ 27 tungen und Abhandlungen. In etwa einer Stunde werde er bei Loſely zurück ſeyn. Der Bravo wartete— ſein Pferd graste, der Mond kam hervor, ſich durch die Baͤume ſtehlend, das melancholiſche alte Wohnhaus und das noch melancholiſchere neue Gebäude in ein phantaſtiſches Licht bringend. Jaſper war, wie wir geſehen haben, nicht ohne gewiſſe abergläubiſche Einbildungen, und ſie hatten in der letzten Zeit, wo ſein Gehirn chroniſch erhitzt und ſeine Nerven durch Leiden abgeſpannt waren, mehr überhand genommen. Er begann das Grauen der Stille und des Mondlichtes zu empfinden, und einige unbeſtimmte Erinne⸗ rungen an fruhere ſchuldloſe Tage— an eines Vaters heitere Liebe — an freudige Gefuhle bei dem unſchätzbaren Beſitz von Jugend und Kraft, an bewunderungsvolles Lächeln und herzliche Händedrucke, die ihm ſeine Schönheit, ſeine Kuhnheit und hohe Lebensluſt eingetragen — kurz an Alles was er geweſen, vermiſcht mit dem Bewußtſein deſſen was er jetzt war, und einer unbehaglichen Vermuthung über die wahrſcheinliche Tiefe des endlichen Falles, kamen truͤbe uber ſeine Gedanken und ſchienen gleich Stimmen der Reue zu fluſtern. Aber es iſt ſelten, daß ein Menſch lange Zeit den Tadel auf ſich ſelbſt wirft; und Jaſper eilte zu thun, wie viele beſſere Leute ohne Erroͤthen über ihre Thorheit thun, d. h. er wälzte auf die unſchuldigen Schultern von Mitmenſchen oder auf die nebeligen Umriſſe jener Wolkengeſtalt, welche alte Schulen und moderne Plagiarii zuweilen Umſtand, zu⸗ weilen Zufall, zuweilen Schickſal nennen, all die Schuld, die ſeinem eigenen ſtarrköpfigen Mißbrauch unwiderruflicher Stunden zufiel. Mit dieſem troſtreichen Glauben kam nothwendig des Teufels großer Hochgenuß— die Rache. Sagt zu Euch ſelbſt:„Für meine Leiden verurtheile ich einen andern Mann oder ich klage den Erzun⸗ ſichtbaren an, ſey er nun ein Schickſal oder ein Schöpfer!“ und die logiſche Folge iſt, daß Ihr Böſes zu Böſem, Thorheit zu Thorheit füget, daß Ihr dem Mann, der Euch ſo großen Schaden bringt, oder dem Erzunſichtbaren, der Euch ſo ſchwer betrübt, zu vergelten ſuchet. 28 Iſt nicht unter allen unſern Leidenſchaften die Rache die einzige, an welcher ein Teufel mit der groͤßten Vorliebe ſich betheiligt? denn was iſt ein Teufel?— Ein Weſen, deſſen einziges Geſchäft auf Erden eine Rache an Gott iſt. Jaſper Loſely war von Gemüth nicht rachſüchtig; er war wie eitle Leute dem Zorn ergeben, ſtreitluſtig, zu Angriffen geneigt, unge⸗ ſtüm in Folge des Dranges animaliſcher Lebenskraft; aber vorbedachte Rache war einem Leichtſinn und Egoismus fremd, welche der Selbſt⸗ aufopferung entſagt hatten, die für den Haß und die Liebe gleich noth⸗ wendig iſt. Allein Guy Darrell hatte in ſein moraliſches Syſtem eine Leidenſchaft hineingetrieben, die ihm nicht angeboren war. Jaſper hatte von ſeiner Heirath mit der Tochter des großen Mannes ſo viel erwartet, er hatte ſo vollkommen darauf gerechnet, daß ſie im Stande ſeyn werde Verzeihung zu erlangen und Reichthümer zu erwerben, und ſeine Enttäuſchung war ſo peinlich, mit ſolchen Kränkungen begleitet geweſen, daß er den Mann, den er am meiſten beleidigt hatte, als den Mann betrachtete, der ihn am meiſten beleidigt habe. Aber bis jetzt hatten ſeine Gefühle des Zornes noch nicht die Geſtalt einer entſchiedenen Rache angenommen. So lange Ausſicht vorhanden war, daß er von Darrell das zu ſeinem Leben nothwendige Geld erpreſſen könne, wies er alle Gedanken an eine nutzloſe Befriedigung ſeiner Wuth zurück. Aber jetzt, nachdem Darrell ſo verachtungsvoll und ſo unerbittlich alle Zugeſtändniſſe verſchmäht hatte— jetzt, da man ihm nur noch mit Gewalt Etwas entreißen konnte, tauchten Gewalt und Rache zuſammen in ſeinen Plänen auf. Und dennoch ſtand ſelbſt bei dem kühnen Frevel, auf den er ſann, ein Mordgedanke noch nicht feſt — nein; was ſeiner wilden und trüben Einbildungskraft gefiel, das war die Idee, durch Schrecken den Mann zu demüthigen, der ihn durch Verſchmähung erniedrigt hatte. In das Haus dieſes hoch⸗ müthigen Verächters zu dringen— ihm in ſeinem eigenen Zimmer in der Stille der Nacht, Mann gegen Mann, Kraft gegen Kraft, die Stirne zu bieten; zu ihm zu ſagen: Niemand kann Euch jetzt von mir ͤ——.——ͤ—— 29 befreien— ich komme nicht mehr als ein demüthig Bittender— ich befehle Euch meine Bedingungen anzunehmen; ſich an der Furcht zu weiden, welche, wie der ſtarke Mann feſt überzeugt war, den reichen Mann ſo darniederbeugen würde, daß er fußfällig um Gnade bäte;— dieß war das Bild, das Jaſper Loſely heraufbeſchworen hatte, und ſelbſt der durch Gewaltthat zu erringende Raub lockte ihn weniger, als die große Stellung, welche er durch die Gewalt ſelbſt erhalten müßte. Sind nicht neun Morde unter zehn von ſolchen Gedanken zur That gediehen?„O daß mir mein Feind nur Angeſicht von Angeſicht gegenüber ſtände, ſo daß Niemand zwiſchen uns treten könnte!“ ſagt der rachſüchtige Träumer. Nun, und was dann? Hier hält ſeine Einbildungskraft inne— hier läßt er den ſchwarzen Vorhang fallen; er geht nicht ſo weit, zu ſagen:„Ei nun, dann wird ein neuer Mord dem langen Verzeithniß von Kain an beigefügt werden.“ Er täuſcht ſich über ſein Todesverlangen und murmelt vielleicht höchſtens:„Und nun komme was da mag.“ Loſely fuhr fort die blaſſen Mauern anzuſchauen, welche durch die Winterzweige ſchimmerten, als der Mond höher und höher ſtieg. Und nun brach das Licht aus Darrells hohem Fenſter hervor, und Lo⸗ ſely lächelte grimmig und murmelte— Horch! dieſelben Worte— „Und nun komme was damag.“ Hufſchläge werden jetzt auf der harten Straße zehön und Jaſ⸗ pers Mitſchuldiger kehrt zurück. „Nun?“ ſagte Jaſper. „Aufgeſeſſen,“ erwiederte Cutts;„ich habe Euch während des Rittes viel zu ſagen.“ „Die Sache geht nicht,“ begann Cutts wieder, als ſie den Weg hinab eilten;„Ihr habt mir nicht alle Hinderniſſe geſagt; es ſind nicht weniger als vier Männer im Hauſe— zwei Diener außer dem Herrn und ſeinem Sekretär; und einer dieſer Diener, der Hausmeiſter oder der Lakai, hat Feuerwaffen und weiß ſie zu führen.“ — 7 2 ——yy — — 30 „Bah!“ ſagte Jaſper höhniſch;„iſt das Alles? Bin ich nicht der Mann für vier?“ „Nein, es iſt nicht Alles; Ihr ſagtet mir, der Herr des Hauſes ſey ein zurückgezogener ältlicher Mann, und Ihr erwäͤhntet ſeinen Namen. Aber Ihr ſagtet mir nicht, daß Euer Mr. Darrell der be⸗ rühmte Advokat und Parlamentsmann iſt— ein Mann, von welchem die Zeitungen in den letzten ſechs Monaten geſchrieben haben.“ „Was hat das zu bedeuten?“ „Es hat zu bedeuten, daß man über die von Euch vorgeſchlagene Sache zehnmal mehr Spektakel machen wird, als wenn ſie einen dummen alten Landedelmann anginge, und daß alſo zehnmal mehr Gefahr dabei iſt. Ueberdieß habe ich aus Grundſatz nicht gerne mit Advokaten zu ſchaffen— unangenehme, widerwärtige Geſellen. Und dieſer Guy Darrell! Ei, General Jas, ich habe den Mann geſehen. Er hat mich einmal, als ich in einer Betrugsſache Zeuge war, verhört und mir mein Inneres mit ſolcher Leichtigkeit herausgekehrt, als wäre ich ein altes mit Kleie ausgeſtopftes Nähk'ſſen geweſen. Ich meine ſein Auge noch zu ſehen, und ich moͤchte eben ſo gerne ein geladenes Piſtol an meinem Kopf, als dieſes Auge wieder auf das meinige ge⸗ heftet haben.“ „Bah! Ihr habt eine Maske mitgebracht; und überdieß brauchet Ihr ihn nicht zu ſehen; ich kann allein vor ihn treten.“ „Nein, nein; es könnte zu einem Mord kommen. Ich miſche mich aus Grundſatz nicht in Dinge dieſer Art: Cuer Plan geht nicht. Ein ganz anderer Anſchlag verſpricht viel ſecherere Ausſichten auf Er⸗ folg. Ich höre, daß die Gemälde in dieſem geiſterhaft langen Zimmer, durch das ich geſchlichen bin, ungeheure Summen werth ſind. Nun ſind werthvolle Gemälde wohl bekannt, und es gibt im Ausland Samm⸗ ler, die fur gewiſſe Gemälde beinahe jeden Preis bezahlen würden, ohne je zu frogen, woher ſie kommen. Wir müßten ſie vielleicht einige Jahre verbergen und könnten ſie erſt dann zum Vorſchein bringen, wenn alles Gerede, das uns nachtheilig werden könnte, vergeſſen wäre. —— nccht uſes inen be⸗ hem gene inen nehr mit Und hen. hört väre eine enes ge⸗ ichet iſche icht. Er⸗ mer, Nun mm⸗ den, nige gen, äre. 31 Dieß würde ſicher ſeyn, ſage ich. Wenn die Gemäͤlde klein ſind, ſo braucht Niemand in dem alten Haus geſtört zu werden. Ich kann von Händlern erfahren, welche Gemälde von hohem Preis Darrell wirklich hat, und dann kann ich mich im Ausland nach Liebhabern um⸗ ſehen. Dieß wird wenig Zeit wegnehmen, und das Warten wird die Mühe wohl verlohnen.“ „Ich will nicht warten,“ ſagte Jaſper zornig,„und Ihr ſeyd ein Feigling. Ich habe beſchloſſen, daß ich morgen Nacht im Zimmer dieſes Mannes ſeyn will, und dieſer Mann ſoll vor mir auf den Knieen liegen.“ Cutts drehte ſich ſcharf auf ſeinem Sattel um und betrachtete mit Hilfe des Mondſcheins Loſelys Geſicht.„O ich ſehe,“ ſagte er,„Ihr habt mehr als Raub im Sinne. Ihr habt irgend ein Gefühl des Haſſes, der Rache; der Mann hat Euch beleidigt?“ „Er hat mich wie einen Hund behandelt,“ ſagte Jaſper;„und ein Hund kann beißen.“ Cutts ſann einige Augenblicke nach.„Ich habe Euch zuweilen von einem reichen Verwandten oder Bekannten ſprechen hören, an den Ihr Anſprüche hättet; iſt etwa Darrell dieſer Mann?“ „Ja; und hört Ihrs, Cutts, wenn Ihr mich dießmal zu täuſchen verſuchet, ſo drehe ich Cuch den Hals um, und da ich Cuch ſo viel ge⸗ ſagt habe, ſo will ich Euch auch noch ſagen, daß mir die Gefahr, von der Ihr ſprechet, nicht vorhanden zu ſeyn ſcheint, denn ich gedenke Darrells Blut nicht zu vergießen, und ich glaube, daß er das meinige nicht vergießen würde.“ „Aber es kann zu einem Kampf kommen— und dann 23 „Nun in dieſem Fall ſtehen wir Mann gegen Mann,“ murmelte Jaſper. 3 Es wurde Nichts mehr geſprochen, ſondern Beide ſpornten ihre Pferde zu raſcherem Lauf. Die Funken ſtoben von den Hufen. Bald im Mondſchein, bald im Schatten der Zweige flogen die Reiter dahin. Loſelys breite Bruſt und markirtes, einſt ſchön geweſenes, jetzt ſchreck⸗ 3²2 liches Geſicht ſelbſt im Schatten furchtbar abgezeichnet— ſeines Kameraden ſchmächtige Geſtalt und geſpenſtiſche Züge ſelbſt im Mond⸗ ſchein kaum erkenntlich und verſchwimmend. Die Stadt, die ſie verlaſſen hatten, wurde ſichtbar, und inzwiſchen hatte Cutts den Entſchluß gefaßt, den ſeine Klugheit ihm anrieth. Die Entdeckung, daß Loſely bei dem beabſichtigten Unternehmen ein perſönliches Gefühl der Rache zu befriedigen wünſchte, hatte genügt, um ſeinen Mitſchuldigen zur entſchiedenen Losſagung von der Sache zu beſtimmen. Es war bei ihm Regel ſich aller Geſchäfte zu enthal⸗ ten, wobei zornige Leidenſchaften ins Spiel kamen. Und Streitigkeiten zwiſchen Verwandten waren nach ſeiner Erfahrungskenntniß der menſch⸗ lichen Natur ganz beſonders geeignet über alle Vermittler Gefahr zu bringen. Aber er ſah, daß Jaſper in Verzweiflung war; daß die Wuth des Bravo ſich leicht gegen ihn ſelbſt kehren konnte; und da ſo⸗ mit alles Rechten Nichts half, ſo ſchien es ihm gerathen ſich zu ver⸗ ſtellen. Als ſie daher ihr Wirthshaus erreichten und bei ihrem Grog ſaßen, nahm Cutts die Unterhaltung wieder auf, ſchien allmäͤhlig Jaſpers Gründen nachzugeben, ſprach den ganzen Operationsplan für die kommende Nacht mit ihm(durch und trug mittlerweile Sorge mit dem Brandy aufzuräumen. Der Tag war kaum angebrochen, als Cutts mit ſeiner Taſche voll von Werkzeugen und Abhandlungen ver⸗ ſchwunden war. Er hätte gerne auch beide Pferde mitgenommen; aber der Hausknecht, den es ärgerte, daß er ſo früh aus dem Schlaf geklopft wurde, hätte ihm möglicher Weiſe das Thier Jaſpers ohne deſſen eigenen Befehl nicht gegeben. Cutts ſagte indeß dem Haus⸗ knecht, er ſolle ruhig ſeyn und dem Gentleman vor ſeinem Weggehen melden, daß er, Cutts, ihm dringend rathe, ſich Nichts mit den Ochſen zu thun zu machen. Als Cutts nach London kam, begab er ſich ſogleich in Mrs. Cranes alte Wohnung, gegenüber der Jaſperſchen. Aber ſie war jetzt nach Podden Place gezogen und hatte keine Adreſſe hinterlaſſen. Als Cutts jedoch in ſein eigenes Haus kam, fand er ein Billet von 33 ihr, worin ſte ihm meldete, ſie würde dieſen Abend in ihrer alten Woh⸗ nung ſeyn, wenn er um halb zehn bei ihr vorſprechen wollte; denn ſie hatte wirklich Jaſpers verſprochenen Beſuch erwartet, hatte erfahren, daß er ſeine Wohnung verlaſſen, und war natürlich ſehr begierig von Cutts zu vernehmen, was aus ihm geworden ſey. Als Cutts zur be⸗ ſtimmten Stunde erſchien und ſeine Geſchichte erzählte, erkannte Ara⸗ bella Crane augenblicklich die ganze Gefahr, der ihr Berichterſtatter ſo klüglich ausgewichen war. Sie beruhigte ſich nicht bei ſeiner Ver⸗ ſicherung, daß Jaſper, wenn er ſich verlaſſen ſehe, keine andere Wahl haben werde, als ein Unternehmen, das ihm ſelbſt bei ſeiner leichtfer⸗ tigen Verwegenheit für einen einzigen Mann zu riskirt erſcheinen müſſe, entweder ganz aufzugeben oder doch zu verſchieben. Da es nun für ſie Lebensaufgabe geworden war, Loſely aus den Händen der Juſtiz zu retten, ſo bebte ſie auch jetzt vor dem Gedanken zurück, ſein beabſichtigtes Verbrechen bei Gericht anzuzeigen, und glücklicher Weiſe blitzte die Idee in ihr auf, ſich an Oberſt Morley zu wenden. Nachdem wir hiemit dem Leſer dieſe Vorgänge in der Erzählung erklärt haben, kehren wir zu Jaſper zurück. Er ſtand erſt ſpät Nach⸗ mittags auf, und da er beim Aufſtehen gewöhnlich durch die in der vorhergehenden Nacht genoſſenen Getränke, ſo wie durch Hirncon⸗ geſtionen, welche die Schwere eines ſolchen Schlafes hervorbrachten, etwas betäubt war, ſo konnte er Anfangs nicht glauben, daß Cutts das Unternehmen gänzlich aufgegeben habe; er dachte eher, dieſer Ulyſſes des Handwerks ſey mit ſeiner gewohnten Schlauheit wegge⸗ gangen, um in der Nähe des beabſichtigten Schauplatzes der That weitere Erkundigungen einzuziehen. Von dieſem Glauben ließ er ſich erſt etwas ſpät am Tage ganz abbringen, als er in den Viehhof ſchlenderte, und der Hausknecht, der aus dem ſtattlichen Umfang und der maſſenhaften Geſtalt des Gentleman auf einen Viehmäſter aus dem Norden des Landes ſchloß, Cutts allegoriſche Warnung vor den Ochſen ihm mittheilte. Auf dieſe Art im Stich gelaſſen, erhielt Jaſpers verzweifelter —— —— — —— 34 Plan eine noch concentrirtere Entſchiedenheit, ſo wie eine rauhere Ein⸗ fachheit der Ausfuhrung. Seine urſprüngliche Idee war geweſen vermummt und maskirt bei Darrell zu erſcheinen. Aber ſchon ehe Cutts ſich abtrünnig gezeigt, war die bloße Hoffnung auf Plünderung dem Wunſch eines perſönlichen Triumphes untergeordnet worden, und nun da Cutts ihn ſich ſelbſt überlaſſen und die Mittel zur Ver⸗ mummuug mitgenommen hatte, freute ſich Jaſper eigentlich über den Gedanken, daß ſein Plan keines der charakteriſtiſchen Merkmale eines gemeinen Nachtdiebſtahls habe. Keine Maske jetzt; ſeine Stirne ſollte ſo offen ſeyn wie ſeine Forderung. Cutts Bericht von der Leichtigkeit, womit man in Darrells eigenes Zimmer dringen könne, verringerte ebenfalls die Nothwendigkeit eines Mitſchuldigen. Und wenn er ſeinen erſten übereilten Anſchlag auf einen ganz gewöhnlichen mitternächtlichen Einbruchsdiebſtahl umorgelte, ſo bedurfte er auch keines Gehilfen mehr, mit welchem er nachher den Raub theilen mußte. Darrell ſollte jetzt ſeinen Forderungen nachgeben, wie eine überrum⸗ pelte Garniſon die Bedingungen ihres Ueberwinders annimmt. Es war an keine Flucht, an kein Verſtecken zu denken, keine Schwierigkeiten bei Incaſſo an den Banken zu fürchten. Er würde, die Hand in der Hufte, mit all den Anrechten auf Beute, die zu den Ehren des Krieges gehören, abziehen. Indem Jaſper ſeinen Eigendünkel mit einer ſo herr⸗ lichen Auffaſſung ſeiner beabſichtigten Heldenthat kitzelte, ſchlenderte er im Dunkeln in die Stadt, kauſte einige lange ſchmale Nägel und einen kleinen Hammer, kehrte in ſein Zimmer zurück und verwandelte durch Feuer, Zange und Hammer dieſe Nägel mit einer Leichtigkeit und Geſchwindigkeit, die den erfahrenen Praktiker verriethen, in In⸗ ſtrumente, womit man alle Hinderniſſe eines gewöhnlichen auf dem Lande gemachten Schloſſes ſchnell beſeitigen konnte. Um Waffen be⸗ kümmerte er ſich nicht. Er verließ ſich für den Nothfall auf ſeine eige⸗ nen gewaltigen Hände. Es war auch nicht mehr die Sache eines un⸗ bekannten unerrathenen Räubers, der ſich etwa mit Gewalt durch eine unruhig gewordene Hausgenoſſenſchaft durchſchlagen mußte. Es — 35 wor bles der Beſuch, welchen er, Jaſper Loſely Csq., wenn cuch in etwas unregelmäfiger Weiſe und zu ungewohnter Stunde, im Heuſe eines Schwiegerraters abzuſtatten geeignet fand. Im ſchlimmſten Fall wenn er Darrell nicht finden und keine Beſprechung ohne Zeugen haben konnte— wenn dieſer vielmehr ſeine Hausgenoſſenſchaft guf⸗ bieten ſollte, würde es ein Beweis von der Reinheit ſeiner Abſcchten ſeyn, daß er keine andern Waffen bei ſich hätte, als diejenigen, welche die Natur dem wilden Manne, als der mächtigſten unter ihren wilden Beſtien, verleiht. In der Nacht beſtieg er ſein Pferd, ging aber von ſeinem Wege ab, und blieb ein paar Stunden cuf der Hauptſtrafe, damit die Pächter Zeit im Vollauf hätten vom Zinsſchmaus heiwzu⸗ ziehen, und damit das alte Herrenhaus ſich in den Schlaf einwiegen könnte. Endlich, als er das Feld rein und die Stunde gekommen glaubte, bog er wieder in den Weg nach Fawley ein. Und als die Thurmſpitze der Dorfkirche in der kalten ſeernhellen Nacht ſichtbar wurde, ſtieg er ab, fuhrte ſein Pferd in eines der dichten Buchenge⸗ hölze, welche die vorherrſchende Eigenſchaft der wilden Landſchaft um das abgeſchloſſene Haus her bildeten, band es an einen Beum und ſchritt auf den Parkzaun zu. Leicht, wie ein Wolf unter eine Schaf⸗ herde tritt, ſchwang er ſich uber den moosbewachſenen Zaun, erreichte die Strebepfeiler des großen unvollendeten Gebäudes; hoch und klar von Darrells Zimmer herab ſtroͤmte das Licht; der ganze Reſt des alten Hauſes war in dichte Finſterniß gehullt, ohne Zweifel in Schlummer begraben. Er befindet ſich jetzt in den Hoͤhlungen des ſkelettartigen Gebäu⸗ des; er ſteigt die Leiter hinan; das Schloß der Thüre vor ihm weicht ſeinen kunſtloſen Werkzeugen, die von kunſtvoller Hand gefuhrt wer⸗ den. Er iſt in der langen Gallerie; das Mondlicht kommt breit und hell durch die weiten Fenſterflügel. Welcher Reichthum von Kunſt iſt an den Wänden! aber wie nutzlos fur des Räubers Gier! Hier, durch dieſelben Hallen, welche der Hausherr am Tage ſeines Ehrgeizes ge⸗ baut hat, zu ſich ſelbſt ſprechend:„Dieſe ſind für die ferne Nach⸗ Bulwer, was wird er damit machen? VII. 4 36 kommenſchaft gemünzt,“ nimmt der Tritt der Gewaltthat, vielleicht des Mordes, ſeinen verſtohlenen Weg nach dem Zimmer des kinderloſen Mannes. Durch das unvollendete Gebäude, gegen das unvollendete Leben ſchreitet der furchtbare Tritt. Die letzte Thüre weicht geräuſchlos. Der kleine hölzerne Gang, ſchmal wie die Zugbrücke, die in den alten Feſtungen zwiſchen dem Zimmer des Kommandanten im oberſten Stock und einer gegenüber⸗ ſtehenden Mauer geworfen war, liegt vor ihm. Und Darrells eigene Thüre iſt halb offen; Lichter ſtehen auf dem Tiſch, Klötze brennen hell im Kamin. Loſely ſchaute vorſichtig durch die Oeffnung. Darrell war nicht da; das Zimmer war verlaſſen: aber die entgegengeſetzte Thure ſtand ebenfalls offen. Loſelys feines Ohr hörte das Getöne eines leichten Fußtritts im Zimmer juſt unten, zu welchem dieſe ent⸗ gegengeſetzte Thüre führte. Im Nu ſchlüpfte der Räuber in das Zimmer, ſchloß die Thüre, durch welche er hereingekommen war, ab und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Der nächſte Schritt brachte ihn an das Kamin. Neben demſelben hing die Klingelſchnur, die man ge⸗ wöhnlich in altmodiſchen Häuſern trifft. Loſely ſchaute rings umher; auf dem Tiſch lag neben den Schreibmaterialien ein Federmeſſer. In einem andern Augenblick war die Schnur abgeſchnitten, hoch über Darrells Bereich, und auf die Seite geworfen. Das Kamin, das blos für Feuer von Klotzholz eingerichtet war, lieferte nicht diejenigen Werkzeuge, worin der Eigenthümer in einem Augenblick der Noth eine brauchbare Waffe ſinden konnte— blos eine leichte meſſingene Feuerzange und eine Schaufel, die eben ſo wenig maſſiv war. Gleich⸗ wohl ſchaffte Jaſper in aller Stille beide weg, und verbarg ſie hinter einem alten ſchweren Schreibtiſch. Man hörte jetzt Tritte die Treppe heraufkommen, die in das Zimmer führte. Loſely duckte ſich in die Ecke neben dem Kaminſims. Darrell kam herein mit einem Buch in der Hand, dem zu Lieb er wirklich ſein Zimmer verlaſſen hatte— einem Band enthaltend den letzten Parlamentsbeſchluß in Betreff öffentlicher Depoſiten, und ihm von ſeinem Anwalt zugeſandt, denn er 1. ſteht im Begriff eine Akte aufzuſetzen, kraft welcher er der Nation die Darrellſchen Antiquitäten im Namen ſeines Vaters, des Antiquars, vermachen will. Darrell ſchritt auf den Schreibtiſch zu, der in der Mitte des Zimmers ſtand, legte das Buch nieder und ſeufzte— der kurze, ſchnelle, ungeduldige Seufzer, der eine ſeiner eigenthümlichen Ge⸗ wohnheiten geworden war. Der Räuber ſtahl ſich aus dem Verſteck, ſchlich bis zur Thüre herum, zu welcher Darrell eingetreten war, während dieſer ihm noch immer den Rücken zukehrte, ſchloß ſie ab und ſteckte auch dieſen Schlüſſel zu ſich. Obſchon dieſe Operation nur geringes Geräuſch verurſachte, ſo weckte ſie doch Darrell aus ſeinen tiefen Gedanken. Er kehrte ſich ſchnell um, und in demſelben Augen⸗ blick ſchritt Loſely auf ihn zu. Darrell begriff ſeine, Gefahr ſogleich. Sein flüchtiger Blick erfaßte all die Vorſichtsmaßregeln, wodurch der Eindringling ſeine ruchloſe Abſicht zu erkennen gab— die geſchloſſene Thüre, die abge⸗ ſchnittene Klingelſchnur. Hier, zwiſchen dieſen vier geheimen Wänden mußte die Beſprechung zwiſchen ihm und dem Banditen ſtattfinden. Er war unbewaffnet, aber nicht eingeſchüchtert. Es galt jetzt blos Mann gegen Mann. Loſely hatte ſeine gewaltige phyſiſche Kraft, ſein Elend, ſeine Verzweiflung und ſeine Abſicht der Rache für ſich. Darrell hatte zu ſeinen Gunſten den Verſtand, welchen Geiſtesgegenwart verleiht, die Nervenkraft, die in den Sehnen und Knochen ebenſowenig geſehen werden kann, als das elektriſche Fluidum in den Drähten, und jenen hochmüthigen Stolz, der, ſelbſt wenn Angſt vorhanden iſt, ihr Wirken unmöglich macht, weil es Schande brächte, und unerſchrockenes Auftreten ganz einfach deßhalb gebietet, weil es eine Ehre iſt. Als der Bravo herannahte, zog ſich Darrell durch eine ruhige und leichte Bewegung auf die andere Seite des Tiſches, ſo daß er dieſes Hinderniß zwiſchen ſich und Loſely ſtellte; dann ſtreckte er ſeinen Arm aus und ſprach:„Haltet ein, Sir; ich verbiete Euch noch einen 4* 38 Schritt näher zu kommen. Ihr ſeyd hier, gleichviel auf welche Weiſe, um Eure Forderungen an mich von Neuem vorzubringen. Setzet Euch; ich will Euch anhören.“ 3 Darrells Faſſung überraſchte Loſely dermaßen, daß er mechaniſch dem Befehl, der ihm ſo ruhig auferlegt wurde, Folge leiſtete und in einen Stuhl ſank, von wo er unter ſeinen düſtern Brauen hervor feind⸗ ſelige Blicke auf Darrell ſchleuderte.„Ah!“ ſagte er,„Ihr wollt mich jetzt anhören; aber meine Bedingungen ſind geſtiegen.“ Darrell, der ſich ebenfalls geſetzt hatte, gab keine Antwort; aber ſein Geſicht war entſchloſſen und ſein Auge wachſam. Der Bandit wiederholte in noch gröberem Ton:„Meine Bedingungen ſind ge⸗ ſtiegen, Mr. Darrell.“ „Sind ſie das, Sir? und warum?“ „Warum! Weil Niemand Euch hier zu Hilfe kommen kann: weil Ihr hier nicht entkommen könnt; weil Ihr hier in meiner Ge⸗ walt ſeyd.“ „Ich höre Euch v'elmehr an, Sir, weil Ihr hier unter meinem Dache ſeyd; und Ihr ſeyd in meiner Gewalt.“ „In der Eurigen! ſchaut doch umher; die Thüren ſind hinter Euch geſchloſſen. Ihr denket vielleicht durch Geſchrei Hilfe herbei⸗ locken zu können. Verſuchet es— erhebet Eure Stimme— und ich erdroſſele Euch mit dieſen Händen.“ „Wenn ich meine Stimme nichterhebe, ſo geſchieht es erſtens, weil ich mich ſchämen würde gegen einen einzigen Mann Hilfe zu verlangen, und zweitens, weil ich meinen Hausgenoſſen keinen Mörder in dem Mann blosſtellen möchte, den mein verlorenes Kind ihren Gatten nannte. Still, Sir, ſtill, ſonſt wird Eure eigene Stimme die unten ſchlafenden Perſonen aufſchrecken. Und nun, was begehrt Ihr? Faßt Euch deutlich und kurz, Sir.“ „Nun, wenn Ihr die Sache kühl behandeln wollt, ſo habe ich Nichts dagegen. Meine Bedingungen lauten wie folgt. Ihr habt heute große Summen in Empfang genommen. Dieſe Summen 1 — 8& ———ſ———* liegen in Eurem Hauſe, wahrſcheinlich in dieſem Pulte da; und Euer Leben ſteht in meiner Willkühr.“ „Ihr verlanget die heute eingegangenen Zinsgelder. Es iſt wahr, ſie ſind im Hauſe; aber ſie ſind nicht in meinen Zimmern. Sie wurden von einem Andern in Empfang genommen; ſie werden von einem Andern verwahrt. Vergebens würdet Ihr durch die Windungen und Gänge dieſes alten Hauſes das Zimmer zu finden ſuchen, wo er ſie aufgehoben hat. Ihr müßtet zu dieſem Behuf an der Thüre eines Dieners vorbeikommen, der ſo leicht ſchläft, daß er Euch höchſt wahr⸗ ſcheinlich hören würde; er iſt mit einer Büchſe und mit Piſtolen be⸗ waffnet. Ihr ſagt zu mir: Euer Geld oder Euer Leben. Ich er⸗ wiedere Euch: Keines von beiden! Verſuchet das Geld zu nehmen, und Euer eigenes Leben iſt verloren.“ „Geizhals! Ich glaube nicht, daß ſo große Summen nicht in Eurer eigenen Verwahrung ſind. Und ſelbſt wenn ſie es nicht ſind, ſo werdet Ihr mir zeigen, wo ſie ſind; Ihr ſollt mich mit meiner Hand an Eurer Kehle durch dieſe Windungen und Gänge führen, vor denen Ihr mich ſo zärtlich warnet. Und wenn Dienſtboten erwachen oder Gefahr mich bedroht, ſo ſollt Ihr ſelbſt mich retten oder ſterben! Ha! Ihr fürchtet mich nicht— he, Mr. Darrell!“ Und Loſely erhob ſich. „Ich fürchte Euch nicht,“ erwiederte Darrell, indem er ſitzen blieb.„Ich kann nicht annehmen, daß Ihr ohne eine andere Abſicht als einen nutzloſen Mord hiehergekommen ſeyd. Ihr ſeyd hier, wie Ihr ſagt, um Bedingungen zu machen; wenn Ihr alle Eure Vor⸗ ſchläge genannt habt, wird es Zeit genug ſeyn zu ſehen, weſſen Leben in Gefahr iſt. Bis jetzt habt Ihr blos einen Raub in Ausſicht geſtellt, zu welchem Ihr meine Beihilfe verlanget. Unmöglich! Selbſt zu⸗ gegeben, daß Ihr im Stande wäret mich zu ermorden, ſo würdet Ihr noch eben ſo weit von Eurer Beute entfernt ſeyn als vorher. Und doch ſaget Ihr, Eure Bedingungen ſeyen geſtiegen. Mir ſcheinen ſie zu Nichts heruntergeſunken zu ſeyn. Habt Ihr ſonſt noch Etwas zu ſagen?“ Darrells Ruhe, die ſich ſo überſchwänglich in dieſer Ironie kund⸗ that, begann dem Banditen zu imponiren— der Magnetismus im Auge und in der Stimme des großen Mannes, ſowie ſein ſtandhafter Muth, gewannen allmählig Gewalt über das wilde niedrigere Thier. Jaſper, der ſeine angeborene Frechheit wieder zu erlangen verſuchte, ſagte mit einem Ton ſeiner alten rollenden Stimme:„Nun, Mr. Darrell, mir gilt es ganz gleich, wie ich von Euch in Eurem eigenen Hauſe das herauspreſſe, was Ihr mir verweigertet, als ich auf der Straße demüthig bat. Gütliche Mittel ſind angenehmer als gewalt⸗ ſame. Ich bin ein Gentleman— der Enkel des Sir Julian Loſely von Loſely Hall; ich bin Euer Schwiegerſohn; und ich verhungere. Dieß darf nicht ſeyn; ſchreibt mir eine Anweiſung.“ Darrell tunkte ſeine Feder ein und zog das Papier gegen ſich. „Oho! Ihr fürchtet mich nicht, he? Dieß geſchieht alſo nicht aus Furcht, ſondern Alles aus purer Liebe und Barmherzigkeit, mein gütiger Schwiegerpapa! Ihr werdet mir eine Anweiſung auf 5000 Pfund ſchreiben— ſeht, ich bin gemäßigt— Euer Leben iſt unendlich mehr werth als das. Gebt mir die Anweiſung— ich will Eurer Ehre ſo viel vertrauen, daß Ihr mir beim Einkaſſiren keine Ungelegenheiten macht, und will Euch dann gute Nacht ſagen, mein — Schwiegerpapa.“. Als Loſely mit einem ſpöttiſchen Gelächter aufhörte, ſprang Darrell ſchnell empor, ſtieß das kleine Fenſter, das in ſeinem Bereich war, auf, und warf das Papier, das er beſchrieben und ſodann um das ſchwere Wappenſiegel, welches auf dem Tiſch lag, gewickelt hatte, hinaus. Loſely ſtürzte auf ihn zu.„Was bedeutet das?— Was habt Ihr gethan?“ „Ich habe Euer und mein Leben gerettet, Jaſper Loſely,“ ſagte Darrell feierlich, indem er den Arm ergriff, der gegen ihn erhoben war.„Wir ſtehen jetzt auf gleichen Füßen.“ „Ich verſtehe,“ heulte der Tiger, indem ihm der Geifer auf die 41 Lippen trat,„Ihr wollt durch dieſes Papier Jemand zu Hilfe rufen.“ „Nein— dieſes Papier hat keinen Werth, ſo lang ich lebe. Schauet dahin— der Mond ſcheint auf die Dächer dort. Könnt Ihr ſehen, wohin das Papier gefallen iſt? Auf den Rand einer Bruſt⸗ wehr, die Euer Fuß nicht erreichen könnte. Es liegt vor dem Fenſter eines Zimmers, wo Jemand von meiner Hausgenoſſenſchaft ſchläft; es wird ihm am Morgen, wenn er die Läden öffnet, in die Augen fallen; und auf dieſem Papier ſtehen die Worte geſchrieben: Wenn ich heute Nacht ermordet werde, ſo iſt der Mörder Jaſper Loſely. Und das Papier iſt mit meinem Namen unterzeichnet. Zurück, Sir— wollt Ihr Euch ſelbſt zum Galgen verurtheilen?“ Darrell ließ den ſchrecklichen Arm, den er aufgehalten hatte, los, und Loſely ſtarrte ihn verblüfft und verwirrt an. Darrell fuhr fort:„Und nun erkläre ich Euch offen, daß ich auf keine Bedingungen eingehen kann, die mir auf dieſe Art geſtellt werden. Ich kann keinen Befehl von Euch unterzeichnen, weil ich ſonſt unterzeichnen würde, daß ich eine Memme ſey— und mein Name iſt Darrell.“ 2 „Auf Eure Kniee, ſtolzer Mann— unterzeichnen ſollt Ihr, und zwar auf Euren Knieen! Ich frage jetzt Nichts mehr nach Gold— ich frage keinen Pfifferling mehr nach meinem Leben. Ich bin hieher⸗ gekommen, um den Mann zu demüthigen, der mich vom erſten bis zum letzten Augenblick ſo verachtungsvoll gedemüthigt hat— und ich will, ich will es thun! Auf Eure Kniee— auf Eure Kniee!“ Der Räuber warf ſich vorwärts; aber Darrell, deſſen Auge nie vom Feinde abgelaſſen hatte, war auf den Angriff gefaßt und wich ihm aus. Loſely verfehlte ſein Ziel, verlor ſein Gleichgewicht, gerieth gegen die Ecke des Tiſches, der theilweiſe zwiſchen ihm und ſeiner Beute ſtand, und wurde vom Fall blos durch die Nähe der Wand ge⸗ rettet, an welche er mit einer Erſchütterung gerieth, die ihn für den Augenblick beinahe betäubte. Mittlerweile hatte Darrell das Kamin — erreicht und ein großes halbbrennendes Scheit herausgeriſſen. Jaſper ſtrich, als er ſich wieder erholt hatte, ſein langes zuſammengepreßtes Haar aus ſeinen Augen, und indem er unerſchrocken die furchtbare Waffe anſah, womit er bedroht wurde, holte er zu einem zweiten, noch tödtlicheren Sprunge aus. „Halt, halt, halt, wahnſinniger Vatermörder!“ rief Darrell, deſſen Augen noch heller flammten als der Brand.„Nicht fur mein Leben ſpreche ich, ſondern fur das Eurige. Bedenket, wenn ich von Eurer Hand falle, ſo gibt es keine Hoffnung und keine Zuflucht mehr fur Euch. Im Namen meines todten Kindes und unter dem Auge des rächenden Himmels ſchlage ich die Wuth nieder, die Euch blendet, und ſcheuche Eure Seele von dem Abgrund zurück.“ So unausſprechlich groß waren der Blick und die Geberde des Mannes— ſo furchtbar klangvoll das Schwellen ſeiner unvergleich⸗ lichen, Alles überwindenden Stimme, daß Loſely mitten in ſeiner Wuth geängſtigt und wie bezaubert ſtehen blieb. Seine Bruſt hob ſich, ſein Auge ſank, ſeine Geſtalt brach zuſammen, ſelbſt ſeine Zunge ſchien an ſeinem verdorrten Gaumen anzukleben. Ob die ſo plötzlich hervorgebrachte Wirkung angedauert oder ob der erſchrockene Unhold ſich nicht in neue Wuth und zu unſuhnbarem Verbrechen getrieben hätte, geht über die Muthmaßung hinaus. In dieſem Augenblick hörte man gleichzeitig haſtige Fußtritte im Gang außen, hef. ige Schläge an die Thure und Stimmen, welche riefen:„Oeffnet, öffnet — Darrell, Darrell!“ während die Glocke am Portal des alten Hauſes ſchnell und ſchrill erlönte. 3 „Ho!— ſteht es ſo?“ heulte Loſely, indem er ſich bei dieſem unwillkommenen Gelöne wieder aufraffte.„Aber glaubet nicht, daß ich mich ſo fangen laſſen werde wie eine Ratte in der Falle. Nein— ich will—“. „S. ill!“ unterbrach Darrell, indem er den Brand fallen ließ und raſch auf den Banditen zuſchritt;„ſtill! Laßt Niemand erfahren, daß meiner Tochter Gatte in verbrecheriſcher Abſicht hieher gekommen iſt. 43 Setzt Euch— ſetzt Euch, ſage ich! um der Ehre meines Hauſes willen müßt Ihr gerettet werden.“ Und indem er plötzlich beide Hände auf Loſelys breite Schulter druckte, zwang er ihn auf einen Sitz. Während dieſer wenigen haſtigen Worte hatten die Schläge an die Thüre und das Geſchrei außen fortgewährt, und die Thure zitterte in ihren weichenden Angeln.. „Den Schlüſſel— den Schlüſſel!“ flüſterte Darrell. Aber der Bravo war betäubt durch die Plötzlichkeit, womit ſeine Wuth eingeſchüchtert, ſein Plan vereitelt und ſeine Stellung ſo gänz⸗ lich verändert worden war, daß ſein beabſichtigtes Opfer, dem er Geſetze hatte diktiren wollen, deſſen Leben er bedroht hatte, ihn jetzt beſchützen mußte. Und er begriff ſogar ſo langſam den Sinn von Darrells Befehl, daß Darrell kaum die Schluſſel, weniger aus ſeiner Hand als aus der Taſche, auf welche er zuletzt mechaniſch deutete, geriſſen hatte, als die Thüre auffuhr und Lionel Haughton, Alban Morley und der Diener des Oberſten im Zimmer ſtanden. Nicht Einer von ihnen bemerkte auf den erſten Blick die Anweſenden, die rechts von ihrem Eingang an der Ecke der Wand und im Schatten waren. Aber Darrells ruhige Stimme ertönte. „Alban! Lionel!— immer willkommen; aber was bringt Euch zu einer ſolchen Stunde und mit ſolchem Geſchrei hieher? Ueberdieß bewaffnet!“ Die drei Männer blieben verſteint ſtehen. Da ſaß friedlich genug eine große dunkle Geſtalt, die Hände auf ihren Knieen, den Kopf niedergebeugt, ſo daß die Züge nicht erkennbar waren, und über den Stuhl, in welchem dieſe gebeugte Geſtalt ſich mühſam aufrecht erhielt, lehnte ſich Guy Darrell mit ruhigem Behagen— keine Spur von Furcht oder von uberſtandener Gefahr in ſeinem Geſicht, welches, obſchon ſehr blaß, doch heiter war, mit einei leichten Lächeln auf den feſten Lippen. „Hm,“ murmelte Alban Morley, langſam ſein Piſtol ſenkend, ————— 44 „hm, ich bin überraſcht!— Ja, zum erſten Mal in zwanzig Jahren bin ich wirklich überraſcht.“ „Ueberraſcht vielleicht, mich zu dieſer Stunde noch auf zu finden und mit einer Perſon in Geſchäften— bei verſchloſſener Thüre. In⸗ zwiſchen gegenſeitige Erklärungen ſpäter. Ihr bleibt natürlich heute Nacht hier. Mein Geſchäft mit dieſem— dieſem Beſucher iſt jetzt vorüber. Lionel, öffnet dieſe Thüre— hier iſt der Schlüſſel. Sir (er berührte Loſely bei der Schulter und flüſterte ihm ins Ohr: „Stehet auf und ſprecht nicht, dann laut) Sir, ich brauche Euch nicht länger aufzuhalten. Erlaubet mir, Euch den Weg aus dieſem un⸗ regelmäßigen alten Hauſe zu zeigen.“ Jaſper erhob ſich wie ein Halbſchlafender, und fortwährend ge⸗ beugt, ſein Geſicht bedeckend, folgte er Darrell die verborgene Treppe hinab, durch das Arbeitszimmer und die Bibliothek in die Halle, während der Bediente des Oberſten leuchtete, Lionel und Morley aber, noch immer zu verblüfſt, um Worte zu finden, den Nachtrab bildeten. Der Bediente ſchob die ſchweren Riegel an der Hausthüre zurück, und nun waren auch die Hausbewohner aufgeſchreckt worden. Mills er⸗ ſchien zuerſt mit der Büchſe, dann der Lakai, dann Fairthorn. „Bleibet zurück!“ rief Darrell und öffnete Loſely ſelbſt die Thüre. „Sir,“ ſagte er dann, als ſie im Mondlicht ſtanden,„bemerket, daß ich Euch die Wahrheit ſagte— Ihr waret in meiner Gewalt; und wenn die Ereigniſſe dieſer Nacht Euch dazu führen können, eine wa⸗ chende Vorſehung anzuerkennen und mit Schauder des Verbrechens zu gedenken, vor welchem Ihr bewahrt worden ſeyd, nun ſo kann auch ich aus Dankbarkeit gegen den Himmel auf Mittel ſinnen, um Andere vor der Gefahr Eurer Verzweiflung zu befreien.“ Loſely gab keine Antwort, ſondern ſchlich ſchnellen verſtohlenen Schrittes davon und eilte von dem mondbeſchienenen Raſen hinweg in das Düſter der laubloſen Bäume. 45 Zweites Kapitel. Wenn der Löwe je die Fuchshaut trägt, ſo trägt er ſie doch immer als Löwe. ₰ Als Daxrell mit Lionel und Alban Morley allein war, da ver⸗ ſchwand die Ruhe, wodurch er ſie vorher in Staunen geſetzt hatte. Er erg oß Line Dankſagungen mit tiefer Rührung.„Vergebt mir; in Gegen eines Dieners konnte ich nicht ſagen: Ihr habt mich von einem unnatürlichen Kampf und meinen Tochtermann vom Ende eines Mörders gerettet. Aber durch welche wunderbare Fügung des Himmels habt Ihr meine Gefahr vernommen? Wurdet Ihr zu meiner Hilfe abgeſchickt?“. Alban erklärte ſich kurz.„Ihr könnt Euch denken,“ ſagte er zum Schluß,„wie groß unſere Angſt war, als wir, den Anweiſungen unſerer Führerin folgend, während unſer Kutſcher am vordern Portal Lärm läutete, in die Steingerippe dort eindrangen, die Thüre bereits offen fanden und fürchten mußten, wir möchten zu ſpät gekommen feyn. Aber inzwiſchen wartet das arme Weib draußen in dem Wagen, der uns von der Station herbrachte. Ich muß gehen und ſie beruhigen.“ „Und bringt ſie hieher,“ rief Darrell,„um meinen Dank zu empfangen. Hört, Alban, während Ihr mich mit ihr allein laßt, müßt Ihr Mills auf die Seite nehmen; ſagt ihm, Ihr hättet gehört, daß ein Angriff auf das Haus gemacht werden ſolle, und Ihr ſeyet ge⸗ kommen, um ihn zu vereiteln, aber Eure Befürchtungen ſeyen über⸗ trieben geweſen; der Mann ſey mehr ein halbverrückter Bettler als ein Räuber. Sorget wenigſtens dafür, daß ſeine Identität mit Loſely nicht vermuthet wird, und befehlet Mills die Sache leicht zu behan⸗ deln. Staatsmänner ſind, wie Ihr wißt, Angriffen von hirnver⸗ brannten Enthuſiaſten ausgeſetzt, oder halt— ich war einſt Advokat und(fuhr Darrell fort, deſſen Ironie eine ſo integrirende Eigenſchaft ſeines Geiſtes geworden war, daß ſie gegen alle Proben Stand hielt) 5—õy— — 46 es gibt wirklich Leute, die einfältig genug ſind ſich einzubilden, daß ein Advokat ſie ruinirt habe. Lionel, ſagt dem armen Dick Fairthorn, er ſolle zu mir kommen.“ Als der Muſtker eintrat, fluſterte Darrell ihm zu:„Geht aaf Euer Zimmer zurück— öffnet Gier Fenſter— ſchreitet bis zur Bruſtwehr hinaus— Ihr werdet etwas Weißes ſehen; es iſt ein um mein altes Wappenſiegel gewickelte Papierſtreif. Bringt ihn mir juſt wie er iſt, Dick. Dieſer arme jung Lionel, wir müſſen ihn ein paar Tage hier behalten; wir müſſen ih. e rgnügen zu machen ſuchen, Dick.“ Drittes Kapitel. Arabella Crane vorsus Guy Darrell; oder Weib versus Advokat. Bei den Gerichtshöfen würde der Advokat gewinnen; aber in einem Privat⸗ zimmer, Fuß gegen Fuß und Zunge gegen Zunge, hat der Advokat keine Ausſicht. Arabella Crane trat in das Zimmer; Darrell zögerte— die Erinnerungen, die ſich an ſie knüpften, waren ſo peinlich und ab⸗ ſtoßend; aber verdankte er ihr nicht vielleicht jetzt ſein Leben? Er fuhr mit der Hand raſch über ſeine Braue, als wollte er alle früheren Erinnerungen wegſtreichen, trat dann raſch vor und ſtreckte dieſe Hand gegen ſie aus. Das finſtere Weib ſchüttelte ihren Kopf und ſtieß die angebotene Begrüßung zurück. „Ihr ſeyd mir keinen Dank ſchuldig,“ ſagte ſie mit ihrem barſchen unfreundlichen Ton;„ich ſuchte nicht Euch zu retten, ſondern ihn.“ „Wie!“ ſagte Darrell ſtutzend,„Ihr hättet keinen Groll gegen den Mann, der Euch ſo ſchwer beleidigt und verrathen hat?“ „Was meine Gefuühle gegen ihn ſeyn mögen, darüber habt Ihr keine Vermuthungen aufzuſtellen; ein Mann kann ſie nicht errathen; ich bin ein Weib. Ueber das, was ſie einſt waren, könnte ich erröthen; 1 8 47 was ſie jetzt ſind, könnte ich ohne Scham geſtehen. Aber Ihr, Mr. Darrell— Ihr hattet in der Stunde meiner höchſten Seelenqual, als meine ganze Zukunft zerſtört, meine ganze Welt zermalmt zu meinen Füßen lag, da hattet Ihr— Mann, ritterlicher Mann!— Ihr hattet kein menſchliches Mitleid für mich— Ihr ſtießet mich in Verachtung von Euern Thüren— Ihr erblicktet in meinem Herzeleid Nichts als meine Verirrung— Ihr ſchicktet mich meines guten Rufes beraubt, gebrandmarkt durch Eure Verachtung, dem Hungertod oder Selbſt⸗ mord entgegen. Und Ihr wundert Euch, daß ich weniger Groll gegen ihn hege, der mir Unrecht gethan hat, als gegen Euch, der Ihr das mir widerfahrene Unrecht kannet und meinen Kummer blos ver⸗ ſchmähtet? Die Antwort iſt einfach— die Verachtung des Mannes, welchen ein Weib blos verehrt hatte, hinterläßt ihr keine Erinne⸗ rung, um ihre Bitterkeit und Herbheit zu mildern. Das Unrecht, das ſie von dem Mann erleidet, den ſie liebte, kann, wie es bei mir der Fall iſt, ein unvergängliches Gefuhl einer vergangenen Exiſtenz hinterlaſſen, welche ſtrahlend, voll Freude und Hoffnung war; einer Zeit, wo die Erde mit Bluthen bedeckt ſchien, die juſt im Begriff ſtanden aufzubrechen: wo der Himmel trotz allem Nebel die Reſen⸗ farben hatte, wie wenn die oufgehende Sonne ihn vergoldete. Die Er⸗ innerung, daß ich wenigſtens damals gluͤcklich geweſen, verdanke ich ihm, der mich ſchwer verletzt und verrathen hat. Was verdanke ich Euch, als das Glück fur mich auf immer verloren war? Sprecht.“ Betroffen von ihren Worten und mehr noch von ihrer eindruck⸗ ſamen Manier, obſchon die Beweisfuhrung nicht anerkennend, wo⸗ durch die Beklagte ſich hiemit zur Anklägerin erhob, antwortete Dar⸗ rell ſanft:„Verzeiht mir: es iſt kein Augenblick, um meinerſeits Er⸗ innerungen des Zornes wieder aufzufriſchen. Aber überleget, ich bitte Euch, und Ihr werdet einſehen, daß ich nicht zu hart war. In der⸗ ſelben Stellung würde jeder andere Mann nicht minder ſtreng ge⸗ weſen ſeyn.“ „Jeder andere Mann!“ rief ſie;„ja, möglich! Aber würde die 48 Verachtung jedes andern Mannes alle Selbſtachtung ſo zermalmt haben? Die Beleidigungen der Schlechten verbittern uns nicht gegen die Guten; aber die Verachtung der Guten macht uns boshaft gegen die Tugend ſelbſt. Jeder andere Mann! Pfui! Das Genie iſt zur Nachſicht verpflichtet. Es muß menſchliche Verirrungen ſo gut kennen — es hat bei ſeiner umfaſſenden Einſicht ſelbſt ſolche Verirrungen, wenn es ſich herabläßt menſchlich zu ſeyn, daß da, wo Andere ver⸗ achten mögen, das Genie blos bemitleiden ſollte.“ Sie hielt einen Augenblick inne, dann begann ſie langſam wieder:„Und Mitleid war man mir ſchuldig. Hättet Ihr, oder hätte irgend ein anderer an Ehre und Ruf eben ſo hoch geſtellter Mann nur zu mir geſagt: Du haſt geſündigt— Du mußt leiden; aber die Sünde ſelbſt bedarf des Mit⸗ leids, und Mitleid verbietet Dir zu verzweifeln; nun dann wäre ich vielleicht ſanfter gegen die Dinge der Erde und weniger gegen die Einflüſſe des Himmels geſtählt geweſen, als ich war. Das Alles iſt jetzt gleichgillig. Mr. Darrell, ich möchte nicht mit zornigen und bittern Gefühlen von Euch ſcheiden. Oberſt Morley ſagt mir, daß Ihr nicht blos den Mann, den wir nicht zu nennen brauchen, frei gehen ließet, ſondern auch das Geheimniß ſeiner Abſichten bewahrt habt. Dafür danke ich Euch. Ich danke Euch, weil ich das, was von dieſer zerſtörten und verwüſteten Exiſtenz noch übrig iſt, in die meinige aufgenommen habe. Und ich möchte dieſen Mann vor ſeinen eigenen Anſchlägen retten, wie ich meine Seele vor ihren eigenen Verſuchun⸗ gen retten möchte. Seyd Ihr weitherzig genug, mich zu begreifen? Schaut in mein Geſicht— Ihr habt das ſeinige geſehen— alle irdiſche Liebe iſt aus beiden vertilgt und verwiſcht.“ Guy Darrell beugte ſeinen Kopf mit einer Achtung, die an Ehr⸗ furcht gränzte. „Auch Ihr,“ ſagte das grimme Weib nach einer Pauſe, indem ſie ihm näher trat,„auch Ihr habt geliebt, wie man mir ſagte, und auch Ihr ſeyd verlaſſen worden.“ Er fuhr zurück und ſchauderte. 49 „Was iſt Eurem Herzen von ſeiner alten Thorheit übrig ge⸗ blieben? Ich möchte es gerne wiſſen. Ich bin begierig zu erfahren, ob es einen Mann gibt, der fühlen kann wie ein Weib. Habt Ihr blos Groll? Habt Ihr blos Verachtung? Habt Ihr blos Rache? Habt Ihr Mitleid? Oder habt Ihr den eiferſüchtigen, Alles ver⸗ ſchlingenden Wunſch, der die Neigung, aus welcher er entſprungen iſt, überlebt, daß das von Euch losgeriſſene Leben unwillkührlich noch immer eine melancholiſche Ergebenheit gegen das Eurige hegen ſoll?“ Darrell winkte ungeduldig mit der Hand, um weitere Fragen abzuſchneiden, und es bedurfte ſein ganzes Gefühl für den Dienſt, welchen dieſes Weib ihm juſt erwieſen hatte, um ſein hochmüthiges Mißfallen über eine ſo nahe Berührung ſeiner martervollen Geheim⸗ niſſe zu unterdrücken. Arabellas dunkle glühende Augen ruhten eine Weile ernſt und ſinnend auf ſeiner gerunzelten Braue. Dann ſagte ſie:„Ich ſehe! Unbeugſamer Mannesſtolz— keine Verzeihung hier! Aber geſtehet wenigſtens, daß Ihr gelitten habt.“ „Gelitten!“ ſtöhnte Darrell unwillkührlich und die Hand an ſein Herz preſſend. „Ihr habt gelitten! und Ihr geſteht es! Mitdulder, ich habe keinen Zorn mehr gegen Euch. Keines von uns braucht das Andere zu bemitleiden, aber laßt uns einander reſpektiren. Nur wenige Worte noch— dieſes Kind!“ „Ja— ja— dieſes Kind! Ihr werdet die Wahrheit ſagen— Ihr werdet mich nicht zu täuſchen ſuchen— Ihr wißt, daß ſie— ſie — die von dieſem Mörder in Anſpruch genommen wird und von ſeinem als Verbrecher geſtraften Vater erzogen worden iſt, daß ſie keine Tochter aus meiner Linie iſt.“ „Was! Würde es Euch denn keine Freude ſeyn zu wiſſen, daß Eure Linie nicht mit Euch ſchließt— daß Euer Kind vielleicht—“ „Höret auf, Madame, höret auf. Es liegt Nichts daran, ob ein Mann oder eine Familie zu Grunde geht, nur ſoll ſie zuletzt mit Ehren 50 zu Grunde gehen. Wer könnte für ſich oder ſeiren Stamm noch einen Tag zu leben wünſchen, wenn ſein Wappenſchild verlöſcht und der Name geſchändet iſt? Nein; wenn dieß Matildas Kind iſt, ſo ſagt es mir, und ich will als Mann das letzte Unglück ertragen, das der Wille des Himmels mir auferlegen mag. Wenn, wie ich allen Grund zu vermuthen habe, die ganze Geſchichte ein Betrug iſt, ſo ſprecht und gebt mir den einzigen Troſt, an welchen ich mich mitten im Ruin aller andern Hoffnungen feſtklammern möchte.“ „Wahrlich,“ ſagte Arabella mit einer Art nachdenklicher Ver⸗ wunderung im Tone ihrer beſänftigten Stimme,„wahrlich, hat eines Mannes Herz daſſelbe Pochen, dieſelben Fibern, wie ein Weiberherz? Hätte ich ein Kind wie dieſe blauäugige Vagabundin mit dem ſchwächlichen ſchutzbedürftigen Körper und dem wackern Geiſt, der die Sanftheit adelt, wie groß würde mein Stolz, meine Wonne ſeyn! Ihr ſprecht von Schande, von Schmach! Pfui— pfni— je mehr das Unrecht Anderer ein ſo unſchuldiges Geſchöpf in Schatten geſtellt hat, um ſo mehr Urſache es zu lieben und zu ſchutzen. Aber ich— bin kinderlos! Soll ich Euch ſagen, daß die Sunde, die am ſchwerſten auf meinem Gewiſſen liegt, meine Grauſamkeit gegen dieſes Märchen geweſen iſt? Sie wurde als Kind meiner Obhut übergeben. Ich erblickte in ihr die Tochter dieſer falſchen, falſchen, niederträchtigen, betrügeriſchen Freundin, die ſich in mein Vertrauen eingeſtohlen und mit ihrem vermeintlichen Erbe den Mann gekauft hatte, der mir mit allen Eiden zugeſchworen war. Ich erblickte in ihr auch Eure Ab⸗ kömmlingin, Eure rechtmäßige Erbin. Ich freute mich über eine Rache an Eurer Tochter und an Euch ſelbſt. Glaubet nicht, daß ich ſte unter Eure Augen geſchmuggelt haben würde. Nein, ich würde ſie ohne Bildung, ohne Bewußtſein eines höhern Looſes gehalten haben, und als ich ſie ihrem Großvater, dem Verbrecher, übergab, da war es fur mich ein triumphirender Gedanke, daß Matildas Kind eine Aus⸗ würflingin werden ſolle. Schrecklich! aber ich war damals wahn⸗ ſinnig. Aber dieſer arme Verbrecher, den Ihr in Eurer weltlichen ——9——— 51 Anmaßung ſo hochmüthig verachtet, er nahm an ſeine Bruſt, was als ein werthloſes Unkraut weggeworfen wurde. Und wenn die Blume das Verſprechen der Knoſpe hält, ſo hat nie eine ſo ſchöne Blume von Eurem geprieſenen Stamme herabgeprangt. Und dennoch würdet Ihr mich ſegnen, wenn ich ſagte: Gehet vorüber, kinderloſer Mann; ſie geht Euch Nichts an.“ „Madame, laßt uns nicht ſtreiten. Ihr habt Recht; des Mannes wie des Weibes Herz muß jedes Schläge kennen, die dem andern nie⸗ mals vertraut ſind und nie vertraut ſeyn ſollten. Ich wiederhole meine Frage und flehe von Neuem um Eure Antwort.“ „Ich kann nicht für gewiß antworten und ich ſcheue mich über⸗ haupt zu antworten, weil ich Euch in einem ſo wichtigen Punkt nicht irreleiten möchte. Matildas Kind? Jaſper verſicherte es mir. Sein Vater glaubte ihm— ich glaubte ihm. Ich hegte nie den leiſeſten Zweifel, bis—“ „Bis was? Ums Himmelswillen ſprecht!“ „Bis ich vor etwa fünf Jahren oder etwas mehr einen Brief an Gabriele Desmarets ſah und—“ „Ah! Der Euch vermuthen machte, wie ich auch vermuthe, daß das Kind die Tochter von Gabriele Desmarets ſey?“— Arabella erhob ihren Kopf wie eine Schlange, bevor ſie beißt. „Gabrielens Tochter! Ihr denkt ſo. Ihrem Kind hätte ich Obdach gewährt! Für ihr Kind hätte ich ſo eben zu Euch geſprochen! Für das ihrige!“ Sie wurde plötzlich ſtille. Augenſcheinlich war dieſe Idee ihr noch nicht gekommen; augenſcheinlich empörte ſie ſich jetzt darob; augenſcheinlich ging in ihrer Seele Etwas vor, was nicht er⸗ laubte, daß dieſe Idee verlaſſen wurde. Als Darrell ſie anreden wollte, rief ſie plötzlich:„Nein, ſagt jetzt Nichts mehr. Ihr könnt von mir wieder hören, wenn ich Etwas erfahren ſollte, was wenigſtens dieſen Zweifel auf die eine oder andere Art entſcheiden kann. Lebt wohl, Sir.“ Bulwer, was wird er damit machen? VII. 5 5² „Noch nicht. Erlaubt mir Euch zu erinnern, daß Ihr das Leben eines unermeßlich reichen Mannes gerettet habt.“ „Mr. Darrell, mein Reichthum iſt im Verhältniß zu meinen Be⸗ dürfniſſen vielleicht eben ſo unermeßlich wie der Eurige, denn ich ver⸗ brauche nicht, was ich beſitze.“ „Aber dieſer unglückliche Bandit, den Ihr vor ſich ſelbſt retten wolltet, kann in Zukunft nur noch eine Bürde und eine Laſt für Euch ſeyn. Nach den Vorgängen der heutigen Nacht zittere ich bei dem Gedanken, daß die Noth ihm einflüſtern könnte andere Häuſer zu be⸗ rauben, andere Leben zu bedrohen. Laßt mich deßhalb zu Eurer un⸗ bedingten Verfügung eine Summe ſtellen, die etwa genügen mag, um einen Zweck zu ſichern, den wir hier gemeinſchaftlich haben können.“ „Nein, Mr. Darrell,“ ſagte Arabella trotzig;„was Jaſper Loſely auch ſeyn mag, mit meiner Einwilligung ſoll er niemals Euch für Almoſen verpflichtet ſeyn. Wenn Geld ihn vor Schande und einem ſchrecklichen Tod erretten kann, ſo ſoll es mein Geld ſeyn. Ich habe es geſagt. Und hört Ihr, Mr. Darrell, was iſt Reue ohne Gut⸗ machung? Ich ſage nicht, daß ich bereue; aber ich weiß, daß ich gut⸗ zumachen ſuche.“ Das eiſengraue Kleid flatterte einen Augenblick und verſchwand dann aus dem Zimmer. Als Alban Morley in die Bibliothek zurückkehrte, ſah er Darrell in der fernen Ecke des Zimmers auf ſeinen Knieen liegen. Wohl mochte Guy Darrell dem Himmel für die Gnade danken, die ihm in dieſer Nacht erwieſen worden. Das Leben gerettet? Iſt das Alles? Konnte das Leben noch beſſer und froher gemacht werden? Lag in den Worten des grimmen Weibes Etwas, was Gedanken hinterlaſſen mochte, welche bei näherer Ueberlegung zu Einflüſſen auf das Handeln reifen konnten?— Etwas, was die Fälle vergegenwärtigen mochte, in welchen auf nicht unedle Art Mitleid über Verachtung obſiegen konnte? Befeſtigt in der königlichen Wohnung dieſer Seele nur der Stolz die Ehre? Iſt er nur der milde König, nicht der kaiſerliche Deſpot? + Würde er die Vernunft als eine Nebenbuhlerin blenden? Würde er das Herz als einen Rebellen feſſerln? Würde er die Reiche, die ver⸗ möge der Schätze, die er verſchwendet, heiter ſeyn könnten, zerſtören durch die Kriege, die er hervorruft? Selbſterkenntniß! Selbſter⸗ kenntniß! Vom Himmel wahrhaftig kommt die Lehre: Erkenne Dich ſelbſt. Dieſe Wahrheit wurde uns von dem alten heidniſchen Orakel verkündet. Aber was hat uns das alte heidniſche Orakel über die Art und Weiſe geſagt, wie wir zu erkennen vermögen? Viertes Kapitel. Der Menſchenfreſſer gedemüthigt. Er trifft einen alten Bekannten in einem Reiſenden, der wie Shakeſpeares Jaques ein melancholiſcher Ge⸗ ſelle iſt, der auch wie Jaques große Urſache hat betrübt zu ſeyn, und der, immer wie Jaques, voll von Dingen iſt. Jaſper Loſely ritt langſam in der hellen kalten Nacht dahin; nicht nach der Landſtadt zurück, die er mit ſeiner ruchloſen Abſicht ver⸗ laſſen hatte, auch nicht auf der breiten Straße nach London. Mit einem ſeltſamen Verlangen, die Wohnungen der Menſchen zu ver⸗ meiden, wählte er, ſo oft es bei den vielen Wegen, die ſich nach rechts und links verzweigten, zwiſchen offenem Land und Waldland zu wählen gab— denjenigen Weg, der ihm der ſchmalſte und trübſeligſte ſchien. Es war nicht Reue, was an ihm nagte, auch nicht der bloße Aerger über ein verfehltes Geldgeſchäft, und eben ſo wenig die Qual ver⸗ eitelter Rache— es war die tiefe Demüthigung gekränkter Selbſtliebe, die Ueberzeugung, daß er mit all ſeiner rohen Kraft gerade in der Zeit und der Scene, wo er ſich einen ſo vollſtändigen Triumph vorge⸗ ſpiegelt hatte, Nichts auszurichten vermocht. Sogar die Sicherheit, mit welcher er entwiſcht war, quälte ihn. Selbſt Gefangenſchaft, voraus⸗ geſetzt, daß Lärm und Kampf, kurz eine Kundgebung ſeiner Kühnheit und Stärke ihr vorangegangen, wäre vorzuziehen geweſen. Duüſter 5* 51 über den Nacken ſeines Pferdes gebeugt, verfluchte er ſich ſelbſt als Narren und Feigling. Was würde er gehabt haben?— Ein neues Verbrechen auf ſeiner Seele? Vielleicht hätte er geantwortet:„Alles lieber als dieſes demüthigende Fehlſchlagen.“ Er quälte ſein Hirn nicht mit Muthmaßungen, ob Cutts ihn verrathen habe, oder auf welche andere Art Darrell juſt im Augenblick der höchſten Noth Hilfe geſchickt worden ſey. Auch empfand er nicht jenen Durſt nach Rache, weder an Darrell noch an ſeinem Mitſchuldigen(im Fall dieſer den Verräther gemacht hätte), den man bei ſeiner charakteriſtiſchen Wild⸗ heit hätte erwarten ſollen. Im Gegentheil, der Gedanke an Gewalt⸗ that und ihre Aufregungen hatte etwas Krankhaftes an ſich wie von Scham. Darrell hätte in dieſer Stunde ungefährdet neben ihm reiten können. Cutts hätte höhnen und ſagen können:„Ich habe Euer Ge⸗ heimniß ausgeſchwatzt und die Hilfe geſchickt, die es vereitelte;“ und Loſely würde nach wie vor den Kopf gehängt, er würde die herkuliſche Hand nicht erhoben haben, die kraftlos auf der Mähne des Pferdes lag. Iſt es nicht gewöhnlich ſo bei jedem Rückſchlag von Aufregun⸗ gen, bei welchen die Selbſtliebe peinlich gequält worden iſt? Geſellt ſich nicht Eitelkeit zu der Luſt des Verbrechens, wie zu dem Verlangen nach Ruhm? Mit Sonnenaufgang befand ſich Loſely auf der Hauptſtraße, in welche ein Labyrinth von Wegen ihn geführt hatte, und einem Meilen⸗ ſtein gegenüber, dem er abſah, daß er lange der Hauptſtadt ſeinen Rücken zugekehrt hatte, und ſich ungefähr zehn Meilen von der Pro⸗ vinzialſtadt Ouzelford befand. Mittlerweile war ſein Pferd gänzlich erſchöpft, und ſeine eigenen chroniſchen Leiden begannen ſich herb ein⸗ zuſtellen, ſo daß er, als er etwas weiter hinweg vor ein Wirthshaus an der Straße kam, ſich freute, Halt machen zu können. Nach einem ſtarken Schnaps, der als Opiat wirkte, begab er ſich dann zu Bette und ſchlief bis tief in den Mittag. Als Loſely die Treppe herabkam, fand er das gemeinſchaftliche Wirthszimmer von einer Verſammlung von Straßenaufſehern beſetzt, 5⁵ und als er ein Frühſtück verlangte, wies man ihn in ein kleines mit Sand beworfenes Zimmer, zunächſt der Küche. Zwei andere Gäſte waren bereits da, über einer Pinte half-and-half an einem Tiſch neben dem Kamin ſitzend. Loſely, der ſich am Herd wärmte, nahm kaum mit einem flüchtigen Blick Notiz von dieſen beſcheidenen Schwelgern. Dieſe nahmen, nachdem ſie mißvergnügt zu der koloſſalen Geſtalt auf⸗ geſchaut, welche die angenehme Gluth verdunkelte, woran ſie ſich bisher allein hatten erfreuen dürfen, ein leiſes Geſpräch wieder auf, wovon wie auch von dem Vile modicum, das ihre Lippen erfriſchte, der Mann den Löwentheil an ſich zog. Schuftig und kläglich ſahen die Kleider dieſes Mannes aus— gewendet, geſtürzt, geflickt, geſtopft, verwittert und ſchmierig, doch trugen ſie noch immer Spuren von einer gewiſſen großartigen unächten Gentilität, welche andeutet, daß der Träger beſſere Tage gekannt hat, und daß er bei dem ſteten Sinken des Glückes, ſo bald es einmal ins Fallen gerathen iſt, vermuthlich noch ſchlimmere kennen lernen wird. Das Weib war einige Jahre älter als ihr Gefährte und ſah noch ſchuftiger und zerlumpter aus. Ihre Kleider ſchienen buchſtäblich aus Theilchen von zuſammengeleimtem Staub zu beſtehen; ihr Geſicht war von der Art, daß jede rechtſchaffene Jury zur Regierungszeit Königs Jacob I ſie unbedingt als Hexe ver⸗ urtheilt hätte. Man ſetzte jetzt Loſely ſein Frühſtück vor, ſtellte die Branntweinflaſche neben den Laib, und als er ſich mit ärgerlicher Miene zum Eſſen zwang, ſchweifte ſein Auge noch einmal nach dem ſchäbigen Mann und verweilte jetzt auf ihm mit der Art von Intereſſe, womit ein heruntergekommener Schuft einen andern anſchaut. Als Jaſper ſo blickte, tauchte in ihm allmählig eine Erinnerung an dieſe plumpen breiten Züge, an dieſe ſchmutzige unreputirliche Perrücke auf. Die Erkennung war indeß nicht gegenſeitig, und jetzt erhob ſich nach einem Geflüſter zwiſchen dem Mann und dem Weib das letztere, trat auf Loſely zu, machte einen Knir und ſagte mit einem hexenartigen Geflüſter:„Fremdling! es ſteht Euch Glück bevor. Ich will Euch wahrſagen.“ So ſprechend zog ſie aus einem Staubloch in ihren ——-—— 56 Kleidern ein paar Karten hervor, auf deren halbverwiſchten Bildern der Schmutz von Jahrhunderten inkruſtirt ſchien. Dieſe Antiquitäten unter Jaſpers Naſe hinwerfend, fügte ſie hinzu:„Befehlet und hebt ab.“ „Bah!“ ſagte Jaſper, der, obſchon abergläubiſch genug in einigen Dingen und in Bezug auf gewiſſe Perſonen, doch nicht ſo voll⸗ ſtändig unter dem Einfluß dieſer Phantaſiekrankheit ſtand, daß er das Geſchöpf vor ihm für eine Sibylle genommen hätte.„Geht weg; Ihr macht mir übel. Eure Karten ſtinken; Ihr auch.“ „Vergebt ihr, würdiger Herr,“ ſagte der Mann, indem er ſich vorwärts lehnte.„Die Hexe mag übel riechen, aber ſie iſt weiſe. Die drei Schweſtern, die den ſchottiſchen Than anredeten, Sir(Macbeth — Ihr habt es wohl auf der Bühne geſehen?), waren nicht wohl⸗ riechend. Eingeſchrumpft und wild in ihrem Aufzug, Sir, aber ſie wußten Allerlei. Sie ſieht Glück in Eurem Geſicht. Reicht ihr die Hand und laßt es zum Vorſchein kommen.“ „Larifari!“ ſagte der unehrerbietige Loſely.„Nehmt ſie weg, oder ich brühe ſie,“ und er griff nach dem Keſſel. Die Hexe zog ſich brummend zurück, und Loſely, der ſein Mahl bald vollendete, ſtellte ſeine Füße an den Rücken des Kamins und begann nachzuſinnen, wie er jetzt für eine augenblickliche Exiſtenz ſorgen könne. Er hatte das letzte Pfund angebrochen, das ihm noch von dem Geld übrig war, welches er vor einigen Tagen aus Mrs. Cranes Börſe gezogen. Er ſchauderte vor dem Gedanken, in die Stadt zurückzukehren und ſich ihrer Gnade zu überantworten. Aber was blieb ihm für eine Wahl? Während er ſo nachſann, wandte er ſich ungeduldig um und ſah, daß der ſchäbige Mann und die ſtaubige Hexe mit denſelben Karten, die ſeine Geruchsorgane ſo ſehr beleidigt hatten, in aller Freundſchaft Ecarté ſpielten. Bei dieſem Anblick regte ſich der alte Inſtinkt des Spielers wieder; er ſtand auf und ſchaute über die Karten. Die armen Tröpfe ſpielten natürlich um Nichts, und Loſely ſah auf den erſten Blick, daß der Mann nichts⸗ 57 deſtoweniger das Weib zu betrügen ſuchte. Dieß flößte ihm entſchieden etwas mehr Reſpekt vor ihm ein, und als dieſer Mann das Intereſſe bemerkte, womit Loſely das Spiel beobachtete, ſchaute er auf und ſagte:„Ein Zeitvertreib, Sir? Ein Spielchen oder zwei? Ich kann meine Piſtolen einſetzen, das heißt, Sir, jedesmal um vier Pfennige. Wenn Ihr dieſes franzöſiſche Spiel nicht kennet, Sir, Cribbage oder alle vier.“ „Nein,“ ſagte Loſely traurig,„es iſt bei Euch nichts zu holen; ſonſt—“ er hielt inne und ſeufzte.„Aber ich habe Euch unter andern Umſtänden geſehen. Was iſt aus Eurer Theatereinrichtung geworden? Alles verſpielt? Und doch hättet Ihr nach dem, was ich von Eurem Spiel ſehe, nicht verlieren ſollen, Mr. Rugge.“. Der Erdirektor fuhr zurück. „Was! Ihr kanntet mich vor dem Sturm!— Ehe der Blitz mich erſchlug, wie ich wohl ſagen kann, Sir— ehe ich in Schwierig⸗ keiten gerieth und ein Wrack wurde? Ihr kanntet mich?— nicht von der Geſellſchaft? ein Zuſchauer?“ „Wie Ihr ſagt— ein Zuſchauer. Ihr hattet in Euern Dienſten einmal einen Schauſpieler— einen geſcheidten alten Burſchen. Waife, glaube ich, nannte er ſich?“ „Ha! halt! Bei dieſem Namen, Sir, blutet meine Wunde von Neuem. An dieſem fluchwürdigen Namen, Sir, hängt eine ganze Erzählung.“ „Wirklich? Dann wird es Euch ſelbſt eine Erleichterung ge⸗ währen, ſie mitzutheilen, ſagte Loſely, indem er ſeine Füße wieder auf den Rücken des Kamins ſtellte und begierig nach jeder Diverſtion griff, die man ſeinen eigenen Betrachtungen machen konnte. „Sir, wenn ein Gentleman, der ein Gentleman iſt, ſich als Gunſt eine Probe von meinem Erzählungstalent und zwar nicht im Berufs⸗ wege erbittet und den ſprudelnden Becher vor ſich hat, ohne daß er mich zur Theilnahme einlädt, ſo beſchimpft er mein geſunkenes Glück. Sir, ich bin arm— ich geſtehe es; ich bin ins dürre und gelbe Laub 58 gefallen, Sir; aber ich habe in dieſem verwelkten Buſen noch das Herz eines Briten.“ „Erwärmt es, Mr. Rugge. Greift zu bei dem Brandy— und die Lady auch.“ „Sir, Ihr ſeyd ein Gentleman; Sir, Eure Geſundheit. Hexe, trinket auf beſſere Tage für uns Beide. Dieſes Weib, Sir, iſt eine Here, aber ſie iſt eine Ehre ihres Geſchlechtes, treu!“ „Es iſt erſtaunlich, wie treu Ladies ſind, wenn man ſie nicht ſchön nennen kann. Ich ſpreche aus peinlicher Erfahrung,“ ſagte Loſely, der, als das Getränke ſeine Düſterkeit etwas verſcheuchte, treuherzig wurde und jene Leichtigkeit der Zunge wieder gewann, die zuweilen an Witz ſtreifte und, urſprünglich der Fülle ſeiner Lebens⸗ geiſter und ſeiner überſprudelnden Geſundheit entſtammend, ſich me⸗ chaniſch wieder einſtellte, ſo oft er durch Geſellſchaft aus den abwech⸗ ſelnden Zwiſchenzeiten von Lethargie und Schmerz aufgeweckt wurde. Aber jetzt, Mr. Rugge, bin ich ganz Ohr; vielleicht werdet Ihr die Freundlichkeit haben, ganz Erzählung zu ſeyn.“ Mit tragiſcher Miene, gegen welche dieſes Wortſpiel Nichts ver⸗ mochte, und noch immer in der maſſiven Geſtalt und dem blaſſen auf⸗ gedunſenen Geſicht des grobgekleideten Fremden die eleganten Ver⸗ hältniſſe, die geſunde, blühende, glänzende Miene und die ſorgſame Aufgeputztheit des Jaſper Loſely nicht erkennend, der ein Phänomen ſo ſchnell verſchwindender Art an ihn verkauft hatte, begann Rugge ausführlich zu erzählen, welch ungeheuern Schaden er durch Waife, Loſely und Sophy erlitten habe. Nur von Mrs. Crane ſprach er mit Achtung, und Jaſper erfuhr jetzt zum erſten Mal— und zwar eher mit Zorn über ihr Einſchreiten, als mit Dankbarkeit für ihre Groß⸗ muth— daß ſie die 100 Pfund zurückbezahlt und ſomit Rugges An⸗ ſprüche auf das Kind getilgt hatte. Der Erdirektor kam nun auf ſeine ſpätern Unfälle zu ſprechen, die er insgeſammt wiederum Waife und dem Phänomen zur Laſt legte.„Sir,“ ſagte er,„ich war ehr⸗ geizig. Von Kindesbeinen an träumte ich von dem großen Yorker „„8?r— 59 Theater— träumte buchſtäblich dreimal davon. Unſelige Viſion! Aber wie andere Träume, würde auch dieſer verſchwunden, würde in der werktäglichen Welt vergeſſen worden ſeyn— und ich wäre nicht in das Dürre und Gelbe gefallen, ſondern hätte wie früher Schaaren von Freunden gehabt, wäre nicht zu den Abſ ſcheulichkeiten der Armuth und einer treuen Hexe herabgeſunken. Aber, Sir, als ich zum erſten Mal dieſen Satan, William Waife, an meinen Buſen nahm, da be⸗ kundete er ein Genie, Sir, daß Dowton(Ihr habt Dowton geſehen? — groß!) im Vergleich mit ihm ein Holzklotz war; da entzündete ſich mein Ehrgeiz, Sir, und flackerte geräuſchvoll auf, und meiner Kindheit Traum ſuchte mich heim, und ich begann nachzuſinnen—(Hexe, Ihr erinnert Euch!) und zu murmeln: Das königliche Theater in York! Aber ſo unglaublich es erſcheinen mag, der undankbare Scorpion ver⸗ ließ mich in der verrätheriſchen Abſicht die Rollen zu ſpielen, die ich auf den Londoner Brettern geſchaffen hatte, und die unparteiiſche Ge⸗ rechtigkeit, Sir, führte den vergifteten Kelch an ſeine Lippen zurück, indem ſie verurſachte, daß er ein Auge verlor und nunmehr humpeln mußte, wie auch daß ſeine Stimme ihres Klanges verluſtig ging— was ihm ganz recht geſchah. Und wiederum nahm ich den Scorpion um des Phänomens willen. Ich hatte einmal ſelbſt ein Kind, Sir, obſchon Ihr es vielleicht nicht glaubet. Gormerick(das iſt dieſe treue Herxe—) gab dem Kind Daffys Elixir beim Zahnen, aber es ſtarb— Krämpfe— ich tröſtete mich, als dieſes Phänomen auf meiner Bühne heraustrat— in blaßrothem Atlas und Perlen. Ha! ſagte ich, das große Yorker Theater wird doch noch mein werden. Dieſe unabläßige Idee wurde zur Manie, Sir. Die Gelehrten ſagen, es gäbe eine Manie, genannt Money Mania“, wo Einer nur an das einzige Ding denken kann, was Noth thut— wie der ſchuldbefleckte Than den Dolch ſah, Sir— Ihr verſteht. Und als das Phänomen verſchwun⸗ den und, wie man mir geſagt hat, nach Amerika gegangen war, wohin * Statt Monomania. ——— 4 60 ich mich ſelbſt jetzt wünſche, um in New⸗York oder ſonſt wo vor einem freien und aufgeklärten Volk den Rolla zu ſpielen— da, Sir, wurde die Manie immer ſtärker und ſtärker. Es lag ein Stolz darin— ein britiſcher Stolz. Ich ſagte zu dieſer treuen Hexe: Was— ſoll ich York nicht haben, weil dieſes falſche Kind mir abtrünnig geworden iſt? Bin ich nicht im Stand eines Briten Ehrgeiz zu befriedigen, ohne einem Phänomen im Flitterſtaat zum Dank verpflichtet zu ſeyn? Sir, ich nahm York! Ich nahm es allein.“ „Und,“ ſagte Loſely, der mit einer gewiſſen trübſeligen Befrie⸗ digung die grotesken Bekümmerniſſe eines Mannes anhörte, deſſen Lage noch weit elender ſchien als ſeine eigene,„und das Yorker Theater hat Euch vielleicht ruinirt?“ „Ganz richtig, Sir,“ ſagte Rugge halb ſchmerzlich und halb triumphirend.„Es war eine große Angelegenheit und hätte die Bank von England aufzehren können. Es verſchlang ein Kapital mit ſolcher Leichtigkeit, Sir, wie ich eine Auſter verſchlingen könnte, wenn eine auf dieſem Teller läge. Ich ſah ſchon in der erſten Woche, wie es gehen würde, als ich ſelbſt voll Zuverſicht herauskam— Keans eigene Rolle im eiſernen Kaſten— Mortimer, Sir; es waren nicht drei Pfund zehn Schillinge im Hauſe— ein Lumpenpack von einer Zuhörerſchaft, Sir, und ſie hatten die Dreiſtigkeit mich auszuziſchen. Here, ſagte ich zu Mrs. Gormerick, dieſes Theater iſt eine heulende Wildniß. Aber es liegt ein Zauber in einem großen Geſchäft, deſſen Haupt man iſt— man verſucht Das und Jenes. Alle Erſparniſſe eines dem britiſchen Drama und den Erzeugniſſen des heimiſchen Genius geweihten Lebens gingen in einem Nu darauf. Aber es war kein gewöhnlicher Gegenſtand, Sir, der ſich Euern Blicken darbot, ſondern, Sir, was ich berufe mich auf die Hexe) ſelbſt der Himmel mit Vergnügen betrachtete!— ein großer Mann, Sir, im Kampf mit den Stürmen des Schickſals, und groß fallend, Sir, mit einer Sen⸗ ſation! York erinnert ſich deſſen bis auf den heutigen Tag. Ich nahm den Ertrag des Stückes— es war das einzige Beneſiz, das ich ee u Ihr Waife nie wieder geſehen und eben ſo wenig den Burſchen, von 61 hatte— und Niemand gewann Etwas dabei. Aber ich bereue es nicht— ich verwirklichte meinen Traum: Das iſt mehr als man ſagen kann. Seit der Zeit ging es mit mir immer bergab und nie mehr hinauf. Ich bin Bote geweſen, Sir— Souffleur, Sir, in meinem eigenen Theater— wo mein eigener Clown, nachdem er ſich im tra⸗ giſchen Fach verheirathet, mir als Eigenthümer nachgefolgt iſt, Sir; er kaufte mir Theater, Scenerie und Effekten ſammt dem Recht, ſich fortwährend Rugges große Theateraufführung zu nennen für eine Kleinigkeit ab, Sir— ich wurde tyranniſirt, angeſchnautzt und ge⸗ hunzt von einem Geſchöpf, das ſich in einer kurzen Autorität ſpreizte und in meinen eigenen Hoſen— ſcharlach— wie ich ſie in meiner eigenen vielbeklatſchten Rolle als hartherziger Baron getragen. End⸗ lich mit dieſem einzigen treuen Geſchöpfe beſchloß ich die Kette zu brechen— frei zu ſeyn wie die Luft— kurz, ein losgelaſſener Sklave, Sir. Wir haben nicht viel, aber, Dank den unſterblichen Göttern, wir ſind unabhängig, Sir— die Herxe und ich, freigelaſſene Sklaven. Und wir leben noch immer, worüber ich, im ſtrengen Vertrauen und offen geſtanden, erſtaunt bin.“ „Ja, Ihr lebt,“ ſagte Jaſper mit großer Theilnahme, denn, wie man überhaupt leben könne, war in dieſem Augenblick für ihn ſelbſt Gegenſtand bedeutenden Zweifels;„Ihr lebt— es iſt in der That zum Erſtaunen. Wie?“ „Die Treue ſagt wahr; und zuweilen fällt uns irgend ein guter Fund zu— Wittwen und unverheirathete ältliche Ladies— aber es iſt gefährlich. Arbeit iſt ſüß, Sir, aber nicht harte Arbeit in den Kerkern von Bridewell. Sie hat dieſe Arbeit gekannt, Sir, und in dieſen Zwiſchenzeiten vermißte ich ſie ſehr. Weinet nicht, Here; ich wiederhole, daß ich lebe.“ „Ich verſtehe jetzt; Ihr lebet von ihr! Sie ſind allerdings die beſten der Geſchöpfe, dieſe Hexen, wie Ihr ſie nennt. Nun, nun, man kann nie ſagen, wozu ein Mann kommen kann. Vermuthlich habt 62 dem Ihr ſagt, er ſey ſo wohl gekleidet geweſen und habe ſo gut aus⸗ geſehen, und der das Phänomen an Euch verkaufte; auch das Phä⸗ nomen ſelbſt nicht, he?“ fügte Loſely hinzu, indem er ſich ſtreckte und gähnte, als er ſah, daß die Branntweinflaſche zu Ende war. „Ich habe Waife geſehen— das einäugige Ungeheuer! Ja, ja, ich habe ihn geſehen und zwar erſt geſtern; und es war ein großer Troſt für mich.“ „Ihr habt Waife geſtern geſehen— wo?“ „In Ouzelford, das ich und die Treue dieſen Morgen ver⸗ ließen.“ „Und was macht er?“ fragte Loſely mit gutgeſpielter Gleich⸗ giltigkeit.„Bettelt er, klopft er Steine oder was?“ „Nein,“ ſagte Rugge betrübt,„ich konnte nicht klug daraus werden; es war, wie man in der Poſſe ſagt, für mich eine Nuß auf⸗ zuknacken. Jedenfalls war er nichts Großes— er ſchien ein Hauſirer zu ſeyn, er verkaufte aus einem Korb auf dem Rialto— ich meine den Kornmarkt, Sir— nicht einmal eine Hexe an ſeiner Seite, blos ein großer franzöſiſcher Hund. Ein britiſcher Hund würde eine ſolche Kameradſchaft verachtet haben. Und er ſah nicht fröhlich aus wie einſt, als er in meiner Geſellſchaft war, nicht wahr, Hexe?“ „Sein Gewiſſen ſchlägt ihn,“ ſagte die Hexe feierlich. „Sprachet Ihr mit ihm?“ „Oh nein, ich würde es gern gethan haben, aber wir konnten in dieſem Augenblick nicht, da wir uns nicht in unſerm gewöhnlichen Zu⸗ ſtand der Unabhängigkeit befanden. Dieſes getreue Geſchöpf wurde vor den Magiſtrat geführt und ich auch; die Anklage lautete auf Be⸗ trug en einer Köchin, zu welcher die Hexe blos geſagt hatte, wenn die Karten wahrſprechen, ſo werde ſie in eigener Equipage fahren. Man ließ die Anklage fallen, aber wir wurden über Nacht in die Zellen der Inquiſition gebracht, von Neuem verhört, dieſen Morgen aus der Stadt verbannt, und nun befinden wir uns auf unſerem Weg nach— irgend einer andern Stadt;— he, Here?“ ͤͤ.——— a ú in 1⸗ de — 8 8 R 1 63 „Und der alte Mann war nicht mit dem Phänomen? Was iſt denn aus ihr geworden?“ „Vielleicht iſt ſie bei ihm in ſeinem Hauſe, wenn er eines hat, nur war ſie auf dem Rialto oder Kornmarkt nicht bei ihm. Vor zwei Jahren war ſie bei ihm, das weiß ich, und vermuthlich waren er und ſte damals beſſer daran als jetzt. Wahrlich, es that mir wohl, Sir, ihn als Hauſirer, als gemeinen Hauſirer zu ſehen— in das Dürre gefallen wie der Mann, den er im Stich gelaſſen hat.“ „Hum— wo waren ſie denn vor zwei Jahren?“ „In einem Dorfe nicht weit von Humberſton. Er hatte ein hübſches Häuschen, Sir, und verkaufte Körbe, und das Mädchen war auch dort, ſehr in Gunſt bei einer großen Lady, einer Marquiſe, Sir. Götter!“ „Marquiſe? bei Humberſton? die Marquiſe von Montfort, ver⸗ muthlich?“ „Höchſt wahrſcheinlich; ich erinnere mich nicht. Alles was ich weiß iſt, daß vor zwei Jahren mein alter Clown mein tyranniſcher Direktor war; und er ſagte mit einem Hohnlächeln zu mir: Der alte Gentleman Waife, den Ihr zu chicaniren pflegtet, und ſeine Juliet Araminta ſitzen dick in der Wolle. Und nun erzählte der ſpöttiſche Schurke weiter, als er das letzte Mal in der Wettrennwoche Humber⸗ ſton beſucht, da habe ein junger Kaufmann, welcher der Columbine den Hof machte, die alle Ideen in ihrem phantaſtiſchen Köpſchen nur meinem bildenden Unterricht verdankt, dieſe Columbine und eine ihrer Colleginnen(es war ihre Tante, die ſpäter in Surrey als Desdemona auftrat) mit einem Picknick in einem ſchönen Park regalirt(das iſt Disciplin, ha, ha!), und da, Sir, ſahen Columbine und ihre Tante dieſen Waife auf der andern Seite eines Stroms, an welchem ſie ſaßen und zechten.“ „Der Clown ſagte es vielleicht nur, um Euch zu ärgern.“ „Columbine beſtätigte ſelbſt ſeine Erzählung und fügte hinzu, als ſie in das Dorſwirthshaus zu dem Triumphwagen, welcher ſie — —— 64 gebracht, zurückgekehrt ſeyen, da habe ſie gefragt, ob ein Mr. Waife in der Gegend wohne, und man habe ihr geantwortet: Ja, mit ſeiner Enkelin. Und nun fragte ſie weiter, bis Alles ſo herauskam, wie der Clown erzählte. Und Columbine hatte nicht einmal Dankbarkeit, nicht einmal Rechtsgefühl genug, um dieſen Schurken an den Pranger zu ſtellen, ja, ſie ſagte nicht einmal, daß er mein verrätheriſcher Diener geweſen ſey. Sie hatte die Stirne gegen mich zu behaupten, ſie habe gedacht, es könnte ihm Schaden bringen und er ſey eine freundliche alte Seele. Sir, eine Columbine, welcher ich das ganze dramatiſche A⸗B⸗C hatte eintrichtern müſſen, war unter meiner Verachtung; aber als mein eigener Clown ſo über mich triumphirte und mir voll Scha⸗ denfreude die aufgedunſene Wohlfahrt meines Feindes vorſpiegelte, da ging es mir wie ein Meſſer ans Herz; und wir zankten uns darüber, Sir, und— ich überließ ihn ſeinem Schickſal. Aber ein Hauſirer! Gentleman Waife iſt dazu herabgekommen! Der Himmel iſt gerecht, Sir, und aus unſern näͤrriſchen Laſtern, Sir, macht er Werkzeuge, um — um— „Uns zu geißeln,“ fiel die Hexe in ſtrengem Tone ein. Loſely klingelte; die Kellnerin erſchien.„Mein Pferd und die Rechnung! He, Mr. Rugge, ich muß Eure angenehme Geſellſchaft jetzt verlaſſen. Ich bin in dieſem Augenblick nicht überflüſſig mit Reichthum geſegnet, ſonſt würde ich Euch erſuchen Etwas von mir an⸗ zunehmen—“. „Die geringſte Kleinigkeit,“ fiel die Hexe mit der gewöhnlichen Feierlichkeit ihrer Miene ein.. 1 Loſely, der nach ſeinem geringen Maßſtab die ganze Freigebigkeit eines Catilina hatte,„alieni appetens, sui profusus,“ zog die paar Silbermünzen, die ihm noch blieben, hervor, und obſchon er berechnet haben mußte, daß nach Bezahlung ſeiner Rechnung kaum noch drei Schillinge übrig ſeyn konnten, ſo ſchob er doch zwei davon der Hexe zu, welche gierig mit einem tiefen Knix darnach griff und ſie ſodann dem gefallenen Monarchen an ihrer Seite einhändigte, mit einer — 6⁵ loyalen Thräne und einem plötzlichen Geſchluchze, das den eyniſchſten Republikaner hätte rühren können. Wenige Minuten ſpäter war Loſely wieder zu Pferde, und als er gegen Ouzelford ritt, ſchleppten ſich Rugge und ſeine ſtaubige Getreue in der entgegengeſetzten Richtung fort— ſchleppten ſich fußwund und hinkend auf dem weiten öden Winterweg dahin— und verſchwanden aus dem Auge, wie ihre Schickſale nunmehr aus dieſer Geſchichte ver⸗ ſchwinden. Da gehen ſie an dem weißen harten Meilenſtein vorbei; noch weiter an dem Baumſtamm der Hecke vorüber, der gekappt und laublos daliegt, den Weg verſperrend, bis die Zeit kommt, wo man ihn in den dunkeln Holzhof wirft; noch weiter, da wo der Graben ſich bis zu jenem ſtagnirenden Pfuhl erweitert mit dem großen Dung⸗ haufen an der Seite. Dort wendet ſich die Straße ſchief: der Dung⸗ haufe verbirgt ſie. Dahingegangen! und keine Spur auf dem unvor⸗ denklichen univerſellen Wege. Fünftes Kapitel. Kein Wind ſo ſchneidend wie derjenige, der ſich in der Richtung ſetzt, von wo die Sonne aufgeht. Die Stadt, welcher ich den fingirten Namen Ouzelford leihe, die in früheren Jahren von Guy Darrell vertreten war und ſpäter ſein Bildniß auf Leinwand oder in Stein in der Halle ihres Gemeinde⸗ hauſes aufbewahren mag, iſt eine der hübſcheſten in England. Wenn Ihr Euch von der Londoner Straße her ihren Vorſtädten nähert, erhebt ſie ſich klar und weit vor Euern Augen, die Hochebene krönend, auf der ſie erbaut iſt;— eine ſchöne Ausſicht auf beiden Seiten, prächtige Hecken, die noch nicht den ſtrengen Anforderungen moderner Agricultur geopfert worden— ehrwürdige Waldungen und grünes Waideland um manches ländlichen Thans freie gaſtliche Halle her. Nicht ein einziges übervornehmes Haus, das auf Meilen weit die 66 Wohnungen von Knight und Squire verbannte oder die Abſtimmungen rebelliſcher Bürger mit dem geſetzlichen Einfluß des Eigenthums be⸗ drohte. Ueberall könnt Ihr gleich Wegzeigern zum Himmel die Kirch⸗ thürme ländlicher Weiler erblicken, die behaglich in hübſchen Thälern liegen oder an ſanften Abhängen hinanklimmen. Am Horizont ver⸗ mengt ſich der blaue phantaſtiſche Umriß umgürtender Hügel mit den Wolken. Eine berühmte alte Kathedrale, welche die romantiſchen epheuüberwachſenen Mauern einer Schloßruine zu Nachbarn hat, ſchwingt ſich aus dem Centrum der Stadt empor und beherrſcht die ganze Ausſicht— ruhig wie in ſelbſtbewußter Kraft. In der Nähe der Stadt faſſen die Villen von Kaufleuten und Induſtriellen, die vielleicht vom Geſchäfte erlöst ſind, mit hübſchen Gärten und glatt⸗ geſchorenen Lichtungen die Straße ein. Jetzt ſtiehlt ſich der kleine Fluß oder vielmehr Bach Ouzel, von welchem die Stadt ihren Namen führt, unter tiefen mit Buſchwerk oder alten Bäumen bedeckten Ufern hervor und gleitet, zu kurzer Bedeutſamkeit ſich erweiternd, unter den Bögen einer alten Brücke hin, lauft hell und ſeicht weiter, um niedrige fruchtbare Wieſen zu erfriſchen, auf denen Kühe waiden, und ent⸗ ſchwindet endlich den Blicken, wo Farnkrautſträuche und andere Ge⸗ büſche ſich um ſeinen ſchmal werdenden, gewundenen Weg ſchließen, ſo daß, was unter der Stadtbrücke ein achtunggebietender geräuſch⸗ voller Strom geweſen, inmitten ländlicher Einſamkeiten ein unbedeu⸗ tendes plätſcherndes Bächlein wird. Aus einer der anſehnlichſten Villen in dieſen reizenden Vorſtädten kam ein Gentleman von mittlerem Alter und von ſehr ſanften gewinnen⸗ den Geſichtszügen hervor. Eine junge Lady, ohne Hut, aber mit einem Tüchlein über ihr glattes dunkles Haar geworfen, begleitete ihn bis zum Gartenthor, zärtlich mit beiden Händen ſeinen Arm umfaſſend und ihn bittend, nicht in den Zug zu ſtehen und ſich zu erkälten, nicht in Pfützen zu treten und naſſe Füße zu bekommen, dann ſicher aber vor Anbruch der Nacht wieder daheim zu ſein, da die Zeitungen ſo empörende Erzählungen von Perſonen bringen, die ſelbſt auf den ———— 67 frequenteſten Straßen beraubt und geknebelt wurden; und vor allen Dingen nicht auf die Bettler in der Straße zu hören und ſich nicht drankriegen zu laſſen. Ehe ſie ihn endlich am Thore entließ, knöpfte ſie ihm den Rock bis ans Kinn zu, ſteckte zwei Baumwollekügelchen in ſeine Ohren und gab ihm einen Abſchiedskuß. Dann ſchaute ſie ihm zärtlich etwa eine Minute nach, als er mit dem Schritte eines Mannes, der all dieſer liebreichen Mahnungen und verhätſchelnden Sorgſamkeit nicht bedurfte, dahinging. Sobald der Gentleman aus dem Geſichtskreis der Lady und der Villafenſter war, knöpfte er behutſam ſeinen Rock auf und nahm die Baumwolle wieder aus ſeinen Ohren.„Sie ſchlägt gänzlich ihrer Mutter nach, meine Anna Maria,“ murmelte der Gentleman;„und ich bin recht vergnügt, daß ſie ſo gut verheirathet iſt.“ Er hatte noch nicht viele Schritte gemacht, als aus einer Neben⸗ ſtraße rechts, die zur Eiſenbahnſtation führte, ein anderer weit jün⸗ gerer Gentleman, den ſeine Kleidung unzweideutig als einen Geiſt⸗ lichen unſerer Kirche verkündete, plötzlich auf ihn zukam. Jeder er⸗ kannte den Andern mit Ueberraſchung. „Was!— Mr. George Morley!“ „Mr. Hartopp!— Wie gehts Euch, mein lieber Sir?— Was führte Euch ſo weit von der Heimath weg?“ „Ich bin auf Beſuch bei meiner Tochter Anna Maria. Sie hat ſich unlängſt mit dem jungen Jeſſop verheirathet. Der alte Jeſſop iſt einer der angeſehenſten Kaufleute von Ouzelford— ſehr reſpektable würdige Familie. Das junge Paar lebt ganz glücklich in einer aller⸗ liebſten Villa— jene dort mit der Säulenhalle, keine hundert Schritte hinter uns zur Rechten. Sehr hübſche Stadt, Ouzelford; Ihr ſeyd natürlich auf dem Wege dahin— wir können zuſammengehen. Ich will eben die Zeitungen im ſtädtiſchen Caſino leſen— ſehr hübſche Zimmer dort. Aber Ihr kommt vielleicht gerade von London und habt die heutigen Journale geſehen? Kein Bericht über das Meeting zu Gunſten der Armenſchulen?“ Bulwer, was wird er damit machen? VII. 6 ——— —— —— 68 „Meines Wiſſens nicht. Ich komme heute früh nicht von London her und habe die Journale nicht geſehen.“ „Oh, da kommt ein Burſche von ſeltſamem Ausſehen hinter uns her; aber vielleicht iſt es Euer Diener?“ „Nein, aber mein Reiſegefährte— in der That mein Führer. In Wahrheit komme ich nach Ouzelford in der ſchwachen Hoffnung, da⸗ ſelbſt einen armen alten Freund zu entdecken, auf den ich ſchon lange fahnde.“ „Vielleicht können Jeſſops Euch behülflich ſein; ſie kennen Je⸗ dermann in Ouzelford. Aber jetzt, da ich Euch ſo unerwartet treffe, Mr. George, möchte ich ſehr gerne Euern Rath über einen Gegenſtand vernehmen, der mich in den letzten vierundzwanzig Stunden ſehr be⸗ ſchäftigt hat und eine Perſon betrifft, welche ich zufällig in Ouzelford entdeckt habe, obſchon ich ſie wahrlich nicht ſuchte— eine Perſon, über welche wir Beide vor einigen Jahren eine Beſprechung hatten, als Ihr noch bei Eurem würdigen Vater wohntet.“ „Nun,“ ſagte George ſchnell,„wen meinet Ihr?“ „Den eigenthümlichen Vagabunden, der mich drangekriegt hat, Ihr erinnert Euch— nannte ſich Chapman— wirklicher Name Wil⸗ liam Loſely, ein heimgekehrter Sträfling. Ihr behauptetet, er ſei un⸗ ſchuldig, obſchon der Mann ſelbſt bei der Unterſuchung ſich als ſchul⸗ dig bekannte.“ „Sein ganzer Charakter ſtrafte damals ſeine Lippen Lüge. O, Mr. Hartopp, wie konnte dieſer Mann das ihm aufgebürdete Verbre⸗ chen begehen!— Einen wohlüberlegten ausgedachten Raub— einen undankbaren ehrloſen Vertrauensbruch— dieſer Mann, dieſer!— Er, der das Geld, das er nicht erworben hat, zurückſtößt, ſelbſt wenn es ihm von ängſtlich bittenden Freunden aufgedrungen wird— er, der jetzt, alt und einſam, freiwillig ausgezogen iſt, um ſein Brod lieber mit dem demüthigſten Beruf zu erwerben, als daß er ſich der Gefahr ausſetzte, dem Kind zu ſchaden, mit deſſen Erxiſtenz er ſich belaſtet hat! — Er ein lichtſcheuer mitternächtiger Dieb! Glaubet ihm nicht, wenn ☛(.2 ̈☛ 22 — 1 ͤ—,—,—. c 2 »———-——,. 69 auch ſein eigener Mund es ſagt. Um vielleicht irgend einen andern Mann zu ſchützen, ſagt er Euch eine großherzige Lüge. Aber was iſt’s mit ihm? Habt Ihr ihn wirklich geſehen und in Ouzelford 74 „Ja.“ „Wann?“ „Geſtern. Ich war im Muſeum und ſah zum Fenſter hinaus. Ich ſah einen großen weißen Hund auf der Straße unten;— ich kannte den Hund früher, Sir, obſchon er durch Wiederherſtellung ſei⸗ nes natürlichen Felles jetzt verändert iſt und ſo langes Haar hat wie ein peruvianiſches Lama. Dieß iſt Sir Iſaak, ſagte ich zu mir ſelbſt, und hinter Sir Iſaak ſah ich Chapman, um ihn ſo zu nennen, einen Korb mit Hauſirwaaren tragend, und zu meiner Ueberraſchung den alten Jeſſop, der ein förmlicher Mann iſt, von gewaltiger Rückhaltung und Würde, wahrhaft pompös(aber ſagt das nicht weiter), ganz freundlich mit Chapman ſprechend und wirklich Etwas aus dem Korb kaufend. Chapman ging jetzt weg und verſchwand bald aus meinen Blicken. Jeſſop kommt ins Leſezimmer.„Ich ſah Euch, ſagte ich, rmit einem alten Mann ſprechen, der einen Pudel bei ſich hat. Ein ſolch guter alter Kerl, antwortete Jeſſop; hat Etwas an ſich, was Euch zu Herzen dringt, wenn er ſpricht. Ich möchte Euch gerne mit ihm bekannt machen“ Danke ſchönſtens, ſagte ich, ich könnte dran⸗ gekriegt werden. Fürchtet Nichts, ſagt Jeſſop, er würde keine Fliege drankriegen— er iſt der einfachſte Kerl von der Welt. Ich geſtehe, daß ich darüber lachen mußte, Mr. George. Und wohnt er hier?“ fragte ich, oder iſt er bloß ein herumziehender Hauſirer 2* Dann ſagte mir Jeſſop, er habe ihn zum erſten Mal vor zwei oder drei Wochen geſehen und ihn rauh angelaſſen, weil er einen bloßen Landſtreicher in ihm erblickt habe; aber Chapman antwortete ſo gut und zeigte ſo viele hübſche Dinge in ſeinem Korb, daß Jeſſop ſich bald veranlaßt fand, ein Paar Manchetten für Anna Maria zu kaufen, und im Verlauf des Geſprächs ſtellte es ſich vermuthlich durch ein Zeichen heraus, daß Chapman ein Freimaurer war, und Jeſſop iſt ein Enthuſiaſt für dieſen 6* 70 Unſinn, Meiſter einer Loge oder ſo Etwas, und das übte eine neue An⸗ M ziehungskraft. Kurz und gut, Jeſſop fand großes Gefallen an ihm, V we nahm ſich ſeiner an, verſprach ihm Schutz und empfahl ihn wirklich er zur Wohnung im Hauſe einer alten Wittwe, die in der Vorſtadt wohnt M und früher Amme in der Familie Jeſſop geweſen war. Und was glaubt ge 4 Ihr, daß Jeſſop juſt von dieſem einfachen Geſchöpf gekauft hatte? Ein me paar wollene Fauſthandſchuhe als Geſchenk für mich, und was noch mehr iſt, ich habe ſie in dieſem Augenblick an— ſchaut! ganz nett, b G denke ich, und ungeheuer warm. Nun bin ich bisher meinem eigenen V M Rathe gefolgt. Ich habe nicht zu Jeſſop geſagt: Nehmt Euch in Acht, enn das iſt der Mann, der mich drangekriegt hat. Aber dieſe Verhehlung tef 4 laſtet ein wenig auf meinem Gewiſſen. Auf der einen Seite ſcheint b es, ſelbſt wenn der Mann, trotz Eurer menſchenfreundlichen Ueberzeu⸗ Lo gung vom Gegentheil, einmal ein Verbrechen begangen hat, ſehr de 8 grauſam, wenn ich ſein Verbrechen ausſchwatzen und vielleicht ſein ich Auskommen zerſtören würde. Auf der andern Seite ſollte ich, wenn a0 er wirklich noch immer ein Schurke, ja vielleicht ein gefährlicher Räu⸗ ge ber wäre, da ſollte ich— kurz— Ihr ſeid ein Geiſtlicher und ein b T 4 großer Gelehrter, Sir— was ſollte ich thun?“ fe „Mein lieber Mr. Hartopp, quälet Euch ſelbſt nicht mit dieſem ſehr ehrenwerthen Gewiſſensdilemma. Laßt mich nur meinen armen alten Freund, meinen Wohlthäter kann ich ihn nennen, finden, und ich de hoffe ihn zu bereden, daß er, wenn auch nicht in das Haus, das ihn 85 erwartet, zurückkehrt, doch wenigſtens mein Gaſt wird oder ſich unter ar 1 meine Obhut ſtellt. Wißt Ihr den Namen der Wittwe, bei welcher er 3. wohnt?“ V „Ja— Halſe; und ich kenne die Stadt gut genug, um Euch, wo g. nicht bis vor das Haus ſelbſt, doch wenigſtens in die unmittelbare Nähe de zu führen. Bitte, erlaubt mir, Euch zu begleiten; ich würde es ſehr b„ gerne thun— denn obſchon Ihr es nach meinen wegwerfenden Aeuße⸗ rungen über Chapman vielleicht nicht glaubet, ſo habe ich mich gleich⸗ d wohl noch nie für einen Mann ſo intereſſirt, nie ſo ſehr von einem gingen an ihm vorüber, mit einiger Aufmerkſamkeit ſein düſteres un⸗ 71 4 Manne angezogen gefühlt, und es hat mich oft in der Nacht gequält, wenn ich daran dachte, daß ich zu hart gegen ihn verfahren ſei und daß er in der weiten Welt umherſchweife, ein Auswürfling, ſeines kleinen Mädchens beraubt, das er mir anvertraut hatte. Und ich würde ihm geſtern nachgelaufen oder heute früh zu ihm gegangen ſein und ihm meine Dienſte angeboten haben, wenn man nicht allgemein von ihm und ſeinem Sohn ſehr übel ſpräche, und wenn ich nicht ſchon bei bloßer Erwähnung ihrer Namen hart angelaſſen worden wäre von einem Manne, vor deſſen Meinung ich und das ganze Land die höchſte Ach⸗ tung haben müſſen, einem Mann vom feinſten Ehrgefühl und gewieg⸗ teſten Charakter— ich meine Guy Darrell, den großen Darrell.“ George Morley ſeufzte.„Ich glaube, Darrell kennt den älteren Loſely nicht und iſt gegen ihn eingenommen wegen der Miſſethaten des jüngeren, deſſen Obhut Ihr(und ich kann Euch nicht tadeln, denn ich ſelbſt war zu dieſer Auslieferung behilflich, die ſo jammervoll un⸗ glücklich hätte ausfallen können) das arme mutterloſe Mädchen über⸗ geben habt.“ „Sie iſt jetzt nicht bei ihrem Großvater? Sie lebt doch noch hof⸗ fentlich? Sie war ſehr ſchwächlich.“ „Sie lebt und iſt in Sicherheit. Ha— nehmt Euch in Acht!“ Dieſe letzten Worte wurden geſprochen, als ein Reiter, der auf der Straße her raſch gegen die Brücke trabte, die jetzt dicht bei der Hand war, ohne einen Warnungsruf und ohne alle Achtſamkeit ſo nahe auf unſere beiden Fußgänger zukam, daß George Morley juſt noch Zeit hatte, Hartopp von den Hufen des Pferdes wegzureißen. „Wahrhaftig ein unverſchämter, fahrläßiger, ſchuftiger Schlin⸗ gel!“ ſagte der ſanfte Hartopp entrüſtet, indem er von ſeinem Aermel den Kothſpritzer abwiſchte, womit der Reitersmann ihn bedacht hatte. „Er muß betrunken ſein.“. Als der Reiter die Brücke erreichte, wurde er am Schlagbaum durch einige Karren und Wagen aufgehalten, und die zwei Gentlemen —y———ÿ — — 7²2 achtſames Geſicht ſo wie die mächtige Geſtalt betrachtend, an welcher, trotz der groben Kleider und der durch jahrelange maßloſe Schlemmerei hervorgebrachten Veränderung, noch immer die Spur jenes glückſeli⸗ gen Ebenmaßes ſichtbar war, das einſt auf bewundernswürdige Weiſe herculiſche Stärke mit elaſtiſcher Eleganz vereinigt hatte. Als der Reiter in die Stadt kam, wandte er ſich dem Hofe des nächſten Wirths⸗ hauſes zu. George Morley und Hartopp, in kleiner Entfernung ge⸗ folgt von Morley's Reiſegefährten Merle, gingen nach dem andern Ende der Stadt, und nachdem ſie ein paar Mal nach der Wittwe Halſe in der Ausſichtgaſſe gefragt, kamen ſie zu einigen abgeſonderten Häus⸗ chen, ſehr hübſch auf einem ſanften Hügel gelegen, welcher in der Front die Dächer der Stadt und die ſchimmernden Fenſter der großen Cathedrale beherrſchte, und mit ziemlich großen Gärten dahinter. Mrs. Halſes Wohnung war am äußerſten Ende dieſer Gaſſe. Das Haus war jedoch verſchloſſen, und ein Weib, das an der Thüre des Nachbarhauſes ſtand und Stroh flocht, belehrte die Beſucher, Mrs. Halſe ſei im Taglohn ausgegangen und ihr Miethsmann, der ſeinen eigenen Schlüſſel habe, komme ſelten vor Nacht nach Hauſe, ſei aber in dieſer Stunde beinahe ſicher auf dem Kornmarkt oder in den anlie⸗ genden Straßen zu finden; ſie wolle ihren kleinen Jungen mitſchicken, um ihn aufzutreiben und zu holen. George berieth ſich bei Seite mit Merle und beſchloß, den Schuhflicker, mit dem Jungen als Führer, zur Aufſuchung des Hauſirers abzuſchicken, wobei Merle natürlich da⸗ hin inſtruirt wurde, daß er nicht verlauten laſſen dürfe, wer bei ihm ſei, damit Waife nicht in ſeiner Hartnäckigkeit ſich lieber verberge, als mit den Freunden zuſammentreffe, von denen er geflohen war. Merle und ein krausköpfiger kleiner Schalk, der hoch erfreut ſchien bei dem Gedanken, Sir Iſaak und deſſen Herrn aufzutreiben, machten ſich auf den Weg und entſchwanden bald aus den Blicken. Hartopp und George öffneten die kleine Gartenthür, ſchlenderten im Garten hinter dem Häuschen herum und ſetzten ſich geduldig auf eine Bank unter einem alten Apfelbaum. Hier warteten ſie und plauderten einige Minuten, ———— —ͤœ —. —.——/,— 73 bis George bemerkte, daß eines der Fenſter auf dieſer Seite des Häus⸗ chens offen gelaſſen war, worauf er ſich unwillkürlich erhob und hin⸗ einſchaute; er überblickte mit Intereſſe das Zimmer, welches, wie er ſich auf den erſten Blick überzeugte, dasjenige war, das ſein ſelbſtver⸗ bannter Freund bewohnte: ein niedliches freundliches Stübchen— ein Blutfink in einem geflochtenen Käfig auf einem Geſimmsvorſprung innerhalb des Fenſters— ein Blumentopf daneben. Ohne Zweifel war das Fenſter, welches die ſüdliche Sonne hatte, von dem guten alten Mann offen gelaſſen worden, um den Vogel zu erfreuen und die Pflanze zu erquicken. Waifes wohlbekannte Pfeife und ein Tabaks⸗ beutel, welchen Sophys Feenfinger für ihn geſtrickt hatten, lag auf einem Tiſch neben dem Kamin zwiſchen Fenſter und Thüre, und George ſah mit Rührung die Bibel, welche er ſelbſt dem Wanderer geſchenkt, SPebenfalls auf dem Tiſch liegen und daneben das Vergrößerungsglas, deſſen ſich Waife ſeit einiger Zeit beim Leſen bedienen mußte. Waifes gewöhnliche Reinlichkeitsliebe that ſich im ganzen Zimmer kund. Für George war es ganz klar, daß er ſelbſt die Stiege hergerichtet; daß ſeine freundliche Hand dieſen friſchen Firnißüberzug dem elenden Por⸗ trait eines Mannes in blauem Rock und Büffelweſte gegeben, das ohne Zweifel den beweinten Gatten der gaſtfreundlichen Wittwe dar⸗ ſtellte. George winkte Hartopp ebenfalls zu kommen und hineinzu⸗ ſchauen, und als der würdige Handelsmann über ſeine Schulter hin⸗ ſah, ſagte der Geiſtliche flüͤſternd:„Liegt nicht in der Wohnnng eines Menſchen Etwas, was für ſeinen Charakter Zeugniß ablegt? Spricht das Alles nicht deutlich für die Unſchuld des Mannes?“ Hartopp war im Begriff zu antworten, als ſie den Schlüſſel in der äußern Thüre ſcharf herumdrehen hörten, und ſie hatten kaum Zeit, ſich etwas vom Fenſter zurückzuziehen, als Waife haſtig ins Zimmer kam, gefolgt nicht von Merle, ſondern von dem großen bengelhaften Reiter, den ſie auf der Landſtraße getroffen hatten.„Dem Himmel ſei Dank!“ rief Waife auf einen Stuhl ſinkend,„hier ſieht und hört uns Niemand. Jetzt mögt Ihr ſprechen; jetzt kann ich hören! O, unſeliger — 3— ———ͤ—— 2 ———— —— —— 74 Sohn meines verlorenen Engels, mein Sohn, den ich ſo vergebens durch Aufopferung aller meiner Anſprüche auf die Achtung der Men⸗ ſchen zu retten ſuchte, in welcher Abſicht ſuchet Ihr mich auf? Ich habe Nichts mehr, das Ihr nehmen könntet! Iſt es wieder das Kind? Sehet— ſehet— ſchauet um Euch— ſuchet das Haus aus, wenn Ihr wollt— ſie iſt nicht hier.“ „Seyd nachſichtig gegen mich, wenn Ihr könnt, Sir,“ ſagte Jaſper in Tönen, die beinahe weich waren;„Ihr wenigſtens könnt Nichts ſagen, was ich nicht ertragen werde. Aber ich bin in meinem Recht, wenn ich Euch erſuche, mir ohne Zweideutigkeit oder Rückhalt zu ſagen, ob Sophy, wenn auch nicht gerade innerhalb dieſer Mauern, doch in Eurer Nähe, in dieſer Stadt oder in der Umgegend iſt, kurz, ob ſie noch immer unter Eurem Schutze ſteht.“ „Nicht in dieſer Stadt— nicht in der Nähe— nicht unter mei⸗ nem Schutze; das beſchwöre ich.“ „Schwöret nicht, Vater; ich habe keinen Glauben an die Schwüre anderer Männer. Ich glaube an Euer einfaches Wort. Jetzt kommt meine zweite Frage— bedenket, daß ich noch immer ſtreng in meinem Rechte bin— wo iſt ſte?— und unter weſſen Obhut?“ „Ich will es nicht ſagen. Ein Grund, warum ich ſogar die Luft, die ſie athmet, verlaſſen habe, beſtand darin, daß Ihr nicht, wenn Ihr mich auſſuchtet, auch auf ihre Spur kommen ſolltet. Aber es ſteht jetzt außer Eurer Macht ſie wieder zu ſtehlen und zu verkaufen. Ihr könnt ſie beläſtigen, quälen, beſchämen, indem Ihr Euch öffentlich als ihren Vater erkläret; aber ſie wieder in Eure Verwahrung be⸗ kommen, ſie der Schande und dem Laſter hinwerfen— nie, nie! Sie iſt jetzt bei keinem machtloſen elenden Verbrecher, auf welchen das Geſetz keine Rückſicht nimmt. Sie iſt jetzt kein hilfloſes Kind mehr, das keine Wahl und keinen Willen hätte. Sie iſt ſicher vor Allem, außer vor muthwilligen und nutzloſen Verſuchen ſie mit Schande zu bedecken. O, Jaſper, Jaſper, ſeyd menſchlich— ſie iſt von ſo zarter Conſtitution— ſie hat ein ſo feines Gefühl für Vorwürfe, eine ſo 7⁵ ängſtliche Empfindung für Ehre— ich— ich bin jetzt nicht mehr ge⸗ eignet in ihrer Nähe zu ſeyn. Ich bin ein verſchmitzter unſtäter Va⸗ gabund geweſen, und trotz aller meiner Unſchuld haftet das Brandmal des Verbrechers an mir. Aber Ihr, Ihr, der Ihr ſie nie liebtet, der Ihr ſie nicht vermiſſen könnt, deſſen Herz über ihren Verluſt nicht bricht, wie das meinige jetzt bricht— Ihr wolltet jetzt aus dem rau⸗ chenden Peſthauſe, wo Ihr aus eigener Wahl gewohnt habt, Euch er⸗ heben und ſprechen: Steig aus Gottes ſchöner Sonne mit mir hier herab'— Jaſper, Jaſper, nein, das wollt, das könnt Ihr nicht thun; es wäre die Bosheit eines Teufels!“ „Vater, haltet ein!“ rief Jaſper ſich krümmend und leichenblaß; „ich bin Euch mehr ſchuldig als dieſem Gemiſch von roſenroth und weiß. Ich kenne beſſer als Ihr die Flitterhaftigkeit all dieſer Wachs⸗ püppchen, aus denen Narren ihre Götzenbilder machen. An jeder Straßenecke könnt Ihr ſie korbvollweiſe finden, blauäugig oder ſchwarz⸗ äugig, juſt derſelbe werth⸗ und ſinnloſe Tand; aber Jedermann, der ſein Püppchen, ob er es nun Schätzchen oder Tochter nennt, auf ſeinen Knieen ſchaukelt, erlaubt ſich daſſelbe krankhafte Geprahle, daß er in ſeinem Wachsfigürchen einen Engel von Reinheit beſitze. Nein, hört mich! Dieſem Mädchen ſchulde ich Nichts. Ihr wißt was ich Euch ſchulde. Ihr verbietet mir ſie zu ſuchen und ſprecht: Ich bin Euer Vater.’ Haltet Ihr es nicht für noch unziemlicher, und kann es Euch weniger verletzen, wenn ich zu Euch komme und Euch erinnere, daß ich Euer Sohn bin?“ 1 „Jaſper!“ ſtammelte der alte Mann, indem er wegblickte, denn der Anflug von Gefühl gegen ihn ſelbſt, das gegen den Cynismus ab⸗ ſtach, womit Jaſper von andern nicht weniger heiligen Banden ſprach, überraſchte den Vater. „Und,“ fuhr Jaſper fort,„wenn ich bedenke, wie Ihr mich einſt liebtet, mit welcher Selbſtaufopferung Ihr dieſe Liebe bewieſet, ſo kann ich nicht ohne bittern Groll gegen dieſes Mädchen mitanſehen, daß ſie auf ſolche Art dieſen Platz in Eurer Neigung einnimmt, der ———õ—————O——,—— 76 nur wage ihr nahe zu kommen. Was! Ich habe die Bosheit eines Teufels, weil ich nicht ruhig in den Goſſen liegen und verhungern oder auf die Stufe derjenigen herabſinken möchte, die ein eleganter b Dieb verachtet, die auf unbewachten öffentlichen Plätzen lauern oder ſich feig an blinden Mauern verborgen halten, während ich in dem 4 einſt mein war, und daß Ihr ſo empört über mich ſeyd, wenn ich es 1 armſeligen Mädchen, das nach Eurer Verſicherung ſo wohl verſorgt iſt, das letzte und einzige Mittel erblicke, das verhindern kann, daß Ihr durch Euern Sohn noch mehr herabgewürdigt, noch tiefer betrübt werdet.“ „Was verlanget Ihr denn? Selbſt wenn Sophy ſich in Eurer Macht befände, ſo würde Darrell nicht geneigter ſeyn Euch zu be⸗ 1 reichern oder zu unterſtützen. Er wird niemals an Eure Behauptung glauben, ja ſich nicht einmal dazu hergeben die Beweiſe zu prüfen.“ „Er dürfte es vielleicht doch thun,“ ſagte Jaſper ausweichend. „Wahrhaftig, mit all dieſem Reichthum, ohne einen näheren Erben als einen entfernten Verwandten in dem Sohn eines zum Bettler herabgekommenen Verſchwenders und der Tochter eines Leinwand⸗ händlers, würde er einer Enkelin mehr bedürfen als Ihr; aber die Beweiſe, von denen Ihr ſprecht, haben Euch ſelbſt überzeugt; Ihr glaubet an meine Erzählung.“ „Glauben— ja, denn dieſer Glaube war mein Alles in der Welt. Ach, erinnert Ihr Euch, wie vergnügt ich nach überſtandener Strafzeit nach Paris eilte, getäuſcht durch die ſeltenen Briefe, mit denen Ihr mich zu erheitern beliebt hattet, in dem lieblichen Traum, daß ich, nachdem ich Euer Verbrechen gefühnt, meine Belohnung in Eurer Erlöſung finden— daß ich es erleben würde einen geehrten, rechtſchaffenen, braven Mann in Euch zu ſehen— daß Eure Mutter im Himmel lächelnd auf uns Beide herabſehen könnte, und daß wir Beide uns zuletzt mit ihr vereinigen würden— Ihr geläutert durch meine Buße! O, und als ich Euch ſo geſunken, ſo verhärtet, froh⸗ lockend über das Laſter, als ob es Euch Ehre und Ruhm brächte— —ñ +⁸+— 8 ☛☛ 77 als ich einen Bravo und Theilnehmer an einer Spielhölle in Euch ſah— oder noch ſchlimmer, als ich Euch vom Raub verächtlicher Weiber, ja ſogar vom Almoſen dieſer elenden Desmarets leben ſah— als ich meinen Sohn, meinen Sohn, meiner verlorenen Lizzy Sohn für immer aus meiner Welt geſtrichen ſah, da, da würde ich geſtorben ſeyn, wenn Ihr nicht, Euch rühmend der Lüge, womit Ihr von Dar⸗ rell Gold erpreßtet, geſagt hättet: Aber das Kind lebt noch. Ich glaubte Euch— oh ja, ja!— denn in dieſem Glauben blieb mir noch Etwas, was ich theuer halten, was ich lieben, wofür ich leben konnte.“ Hier erſtarb des alten Mannes haſtige Stimme in einem ſchmerz⸗ lichen Schluchzen, und der ſchreckliche Sohn, ſo verworfen er war, glitt von ſeinem Stuhl, beugte ſich auf ſeines Vaters Knie und be⸗ deckte ſein Geſicht mit den grauſamen Händen, die zitterten.„Sir, Sir,“ ſagte er in gebrochenen ehrerbietigen Tönen,„laßt mich Euch nicht weinen ſehen. Ihr könnt mir nicht glauben, aber ich ſage Euch feierlich, daß, wenn ein einziger Reſt von Neigung für irgend ein menſchliches Weſen noch in mir iſt, Ihr der Gegenſtand derſelben ſeyd. Als ich mich dazu verſtand Euch das Urtheil ertragen zu laſſen, das auf mich hätte fallen müſſen, da that ich es wahrlich nicht ſowohl aus niederträchtigem Egoismus als aus abſurder Eitelkeit. Ich bildete mir ein, ich ſey ſo offenbar zu hohem Glück geboren!— ſo geſchaffen, um irgend ein reiches Mädchen zu feſſeln!— und Ihr ſolltet bei Eurer Rückkehr meinen Wohlſtand mit mir theilen; der Abend Eurer Tage ſollte glücklich ſeyn; Ihr ſolltet durch meinen Glanz für Eure eigene Schande entſchädigt werden. Und als ich hei⸗ rathete und zuletzt von dem Schwiegervater, der mich mit Füßen trat, das Kapital vom Vermögen ſeiner Tochter erhielt, das freilich im Vergleich mit meinen Erwartungen erbärmlich klein war, da war mein erſter Gedanke Euch die Hälfte dieſer Summe zu ſchicken. Aber— aber— ich lebte mit Leuten, die Nichts für ſo einfältig hielten wie eine gute Abſicht— Nichts für ſo ſchlecht wie eine gute That. Dieſe ——————— ——— ſpottſüchtige Teufelin Gabriele beſonders! Dann der Hexenzauber dieſes verdammten grünen Tiſches! Verſuchet doch einmal Euer Glück— wartet! verdoppelt das Kapital, ehe Ihr die Hälſfte abſchickt. Das Glück kann auf einmal kommen; warum das Kapital juſt in dem Augenblick, wo es ſich verdoppeln kann, zerſtückeln? Bald wurde es mir ſogar widerwärtig an Euch zu denken, aber ſo oft ich es that, ſagte ich immer: Das Leben iſt lang, ich werde Reichthümer ge⸗ winnen; er ſoll ſie früher oder ſpäter mit mir theilen.— Baſta, baſta!— Als welch ein eitles Geſchwatze oder leeres Geprahle muß Euch dieß Alles erſcheinen?“ „Nein,“ ſagte Waiſe ſchwach, und ſeine Hand ſenkte ſich, bis ſie Jaſpers gebeugte Schulter berührte, aber bei der Berührung fuhr ſie wie mit einem elektriſchen Krampfe zurück. „So fandet Ihr mich, wie Ihr ſagt, in Paris. Ich erzählte Euch, wo ich das Kind untergebracht hatte, denn ich dachte mir nicht, daß Arabella ſich von ihm trennen würde, oder daß Ihr den Wunſch haben könntet Euch mit einer Bürde zu belaſten— nein, ich hielt es für ausgemacht, daß Ihr wie früher bei irgend einem alten Freund oder Vetter auf dem Land eine Heimath finden würdet; ich meinte aber, gelegentliche Beſuche bei dem Kind würden Euch einigen Troſt gewähren, da Ihr ſo erfreut ſchienet, als ich Euch ſagte, daß es noch lebe. So trennten wir uns— Ihr, wie es ſcheint, blos von dem Ver⸗ langen beſeelt dieſes Kind für immer davor zu bewahren, daß es mir oder Gabriele Desmarets in die Hände falle; ich aber vergaß ſchnell Alles, nur nicht das ſchwelgeriſche Leben um mich her, bis—“ „Bis Ihr nach England zurückkamet, um mir das Lächeln des einzigen Geſichtes zu rauben, von dem ich wußte, daß es niemals Ver⸗ achtung zeigen würde, und um dem guten Mann, bei dem ich ſie ſo ſicher geborgen glaubte, zu ſagen, daß ich ein verurtheilter Dieb ſey, durch deſſen Liebe ſogar ihre Kindheit befleckt werde. O Jaſper! Jaſper!“ „Ich ſagte das nie— es iſt mir nie eingefallen es zu ſagen. 79 Arabella Crane ſagte es in ihrem leichtfertigen Weibereigenſinn, um ihren Zweck zu erreichen. Aber ich nahm das Kind von Euch. Warum? Theils weil ich in ſolcher Geldnoth war, daß ich eine He⸗ katombe von Kindern für die Hälfte der Summe verkauft haben würde, die man mir dafür anbot, daß ich das Mädchen zu einem Dienſt beſtimmte, der nicht ſehr ſchrecklich ſeyn konnte, da Ihr ſie ſelbſt dabei untergebracht hattet; und theils weil Ihr, wie es ſcheint, Euch ge⸗ ſcheut hattet Eure alten Freunde anzuſprechen; Ihr lebtet, wie ich ſelbſt, von der Hand in den Mund— was konnte dieſes Kind anders für Euch ſeyn, als eine Laſt und ein Hinderniß?“ „Ihr wollt mir alſo vermuthlich ſagen,“ verſetzte Waife mit un⸗ gläubiger bitterer Ironie, die ihn, während er ſie ausſprach, ſelbſt zu zermalmen ſchien, ſo fuhr ſein ganzer Körper bebend zurück—„Ihr— wollt mir ſagen, es ſey aus derſelben rückſichtsvollen Zärtlichkeit ge⸗ 2 ſchehen, wenn Ihr ſie mir einige Monate ſpäter wiederum ſtehlen wolltet, um ſie zu der Teufelin zu bringen, die ſich abermals an Eurer Seite befand, um ſie zu erziehen und zu verkaufen zu— o Gräuel! — Gräuel!— undenkbarer Gräuel!— Dieſes reine hilfloſe Kind! — Ihr mit dem Vaternamen bewaffnet!— ſtark in dieſer mächtigen Mannesgeſtalt!—“ „Was meinet Ihr? O, ich erinnere mich jetzt! Als Gabriele in London war und ich Euch auf der Brücke geſehen hatte. Wer kann Euch geſagt haben, daß ich damals darauf ausging das Kind von Euch zu nehmen?“ Waife ſchwieg. Er konnte Arabella Crane nicht verrathen, und Jaſper ſah verblüfft und gedankenvoll aus. Dann ſchien ihm die ſchreckliche Natur der Anklage ſeines Vaters allmählig klarer zu werden, und er rief, indem er heftig zuſammenfuhr und dunkelroth wurde:„Aber wer immer Euch geſagt haben mag, daß ich die Abſicht gehegt hätte, vor deren Andeutung Eure Lippe zurückbebt, der hat gelogen, ſchändlich gelogen. Höret, Sir, viele Jahre vorher hatte Gabriele unter einem andern Namen als Matildas Freundin mit — Darrell Bekanntſchaft gemacht(eine lange Geſchichte jetzt, nicht des Erzählens werth); er hatte, glaube ich, den Betrug nie entdeckt. Juſt in der Zeit, auf die Ihr Bezug nehmt, hörte ich, daß Darrell in Frank⸗ reich geweſen ſey und ſich über Thatſachen erkundigt habe, welche mit meiner früheren Geſchichte, daß Matildas Kind todt ſey, in Verbin⸗ dung ſtanden. Schon dieſe Erkundigung ſchien zu beweiſen, daß er ſich gegen meine Behauptungen in Bezug auf Sophys Anſprüche an ihn nicht ſo ungläubig verhielt, wie er ſich ſpäter anſtellte, als ich die⸗ ſelben perſönlich betrieb. Er ging damals nach Italien. Als ich mit Gabriele darüber ſprach, erklärte ſie, wenn das Kind in ihren Beſitz gebracht werden könnte, ſo wolle ſie mit demſelben Darrell aufſuchen und zu dieſem Behuf den Namen, unter dem ſie ihn früher gekannt, ſowie den Titel und das Vorrecht als Matildas Freundin wieder an⸗ nehmen. In dieſer Eigenſchaft würde er vielleicht ihr Gehör ſchenken, während er mich nicht anhören wollte. Sie würde meine Angaben beſtätigen, ſein Herz erweichen und ihm ſo ſchmeicheln, daß er ſicher auf einen Vergleich einginge. Sie war das geſcheidteſte⸗Geſchöpf von der Welt. Ich würde Sophy verkauft haben, das iſt wahr. Für was? für ein Auskommen, das mich über Mangel und Verbrechen geſtellt hätte. An wen verkauft? An den Mann, der ſeiner Tochter Kind in ihr erblicken, ſie zur Erbin ſeines Reichthums heranziehen, ſie wie ſeine eigene Ehre hüten mußte. Wie! war dieß der Plan, der Euch ſo empört? Baſta, baſta! Ich ſage noch einmal: genug. Ich hätte nie geglaubt, daß es mir ſo leicht würde, Entſchuldigungen für mein Benehmen vorzubringen. Und wenn ich es jetzt thue, ſo iſt es mir, als würden mir die Worte gegen meinen Willen abgenöthigt, gleich als wäre ich bei Eurem Anblick wieder blos ein wilder, meiſter⸗ loſer, eigenwilliger Junge, der es bedauerte Ench über ſeine Fehler betrübt zu ſehen, obſchon er ſeinen Kummer vergaß, ſobald er Euch nicht mehr vor Augen hatte.“ „O Jaſper,“ rief Waife, der jetzt wirklich ſeine Hand auf des Sohnes ſchuldiges Haupt legte und ſein ſtrahlendes ſanftes Auge, —— 8—— — —& 81 ſchwimmend in Thränen, auf dieſes niedergeſchlagene düſtere Geſicht heftete.„Ihr bereuet! Ihr bereuet! Ja; rufet Eure Kindheit zurück— rufet ſie zurück! Laßt ſie jetzt vor Euch ſtehen, ſichtbar, handgreiflich! Schauet, ich ſehe ſie! Ihr nicht auch? Ein furcht⸗ loſes fröhliches Bild! Wild, meiſterlos, eigenwillig, wie Ihr ſagt. Wild aus Ueberfülle der Lebenskraft; meiſterlos wie ein Vogel frei iſt, weil die Luft ſchrankenlos iſt für unverſuchte triumphirende Flügel; eigenwillig in Folge der Leichtigkeit, womit die Tapferkeit und Schön⸗ heit des ſtrahlenden Lieblings der Natur ſich für jede heitere Laune durch unſere nachgiebigen Herzen Bahn brach! Stille! es iſt ſo! Ich ſehe es, wie ich es in die leere Luft verfliegen ſah, als Schuld und Schande ſich zum erſten Mal um Euch her verdunkelten und mein Herz laut rief: Nicht auf ihn, nicht auf ihn, nicht auf dieſe herrliche Geſtalt voll von Hoffnungen und Verheißungen— auf mich, deſſen Leben, bisher nutzlos, jetzt alle Ausſicht verloren hat— auf mich laßt die Schande fallen!! Und meine Lippen gehorchten meinem Herzen, und ich ſagte: Laßt den Willen des Geſetzes geſchehen— ich bin der ſchuldige Mann. Grauſamer— grauſamer Sohn! War dieſe ſonnige Kindheit denn ſchon ſo lang von Euch entſchwunden? In der erſten Blüthe der Jugend, und ſolche Reife in Verſtellung und Betrug — als Ihr Euch an jenem dunkeln Winterabend in mein Zimmer ſtahlet, Euch zu meinen Füßen warfet, blos von leichtſinnigen Schul⸗ den ſprachet und von der Befürchtung, Ihr möchtet aus einem ehr⸗ lichen Beruf verſtoßen werden, und ich— ich ſagte— Nein, nein; fürchtet Nichts; der Vorſtand Eurer Firma liebt Euch; er hat mir geſchrieben, ich bin bereits beſchäftigt das nöthige Geld aufzubringen, und es wird aufgebracht werden, was es mich auch koſten mag; Ihr ſollt gerettet werden, meiner Lizzy Sohn ſoll niemals den Boden eines Gefängniſſes kennen lernen; meidet künftig alle Verſuchungen: ſeyd nur ehrlich und ich werde bezahlt ſeyn!— Was, ſelbſt damals ſannet Ihr kaltblütig auf das Verbrechen, das noch mein Grab mit Schande bedecken wird!“ „Sinnen— nein! Wie konnte ich? Erſt nachdem dieß zwiſchen uns vorgefallen war, nachdem Ihr mit ſolcher nachſichtiger Güte ge⸗ ſprochen hattet, erfuhr ich, daß ich mehr als gerettet werden konnte— und zwar durch Gelder, die nicht auf Euer Riſico und mit Eurem Verluſt erhoben werden mußten. Erinnert Euch, Ihr hattet mich im innern Zimmer gelaſſen, während Ihr voranginget, um mit Gunſton zu ſprechen. Da höͤrte ich ihn von Banknoten reden, die er nie ge⸗ zählt hatte und daher auch nicht vermiſſen konnte; ich hörte ihn den Platz beſchreiben, wo ſie aufbewahrt wurden; und nun kam mir un⸗ widerſtehlich die Idee: Beſſer ihn beſtehlen als meinen eigenen groß⸗ müthigen Vater ausplündern. Sir, ich will mich nicht für beſſer ausgeben als ich war. Ich war nicht ganz der Neuling, den Ihr ver⸗ muthetet. Lüſtern nach Vergnügungen und Prunk, die nicht in meinem Bereich waren, bebte ich vor dem Gedanken zurück Euch durch An⸗ ſchaffung der nöthigen Mittel zu Grunde zu richten; ich hatte nicht dieſelbe Nachſicht gegen den überflüſſigen Reichthum Anderer. Ich hatte gelernt, mit welchen einfachen Werkzeugen alte Schlöſſer ſich ſprengen laſſen; und Niemand hatte mich je verdächtigt, ich brauchte alſo keine Gefahr zu fürchten, ich bedurfte keiner langen Ueberlegung; ein Nagel auf Eurem Kaminſims, das geſpaltene Ende des Hammers, der daneben lag, um ihn zu biegen, nachdem er in dem Feuer geglüht war, das vor mir brannte. Ich ſage dieß, um Euch zu beweiſen, daß ich mich nicht vorgeſehen hatte; Nichts war vorher beſchloſſen; Plan und Ausführung waren Sache eines Augenblicks. So groß war meine Eile, daß ich, als ich mich mit dem glühenden Eiſen bis aufs Bein brannte, keinen Schmerz empfand, oder vielmehr in dieſem Alter ertrug ich allen Schmerz ohne zu winſeln. Ehe Gunſton Euch ver⸗ ließ, war alſo mein ganzer Plan beſchloſſen, mein einziges Werkzeug verfertigt. Ihr ſtöhnet. Aber wie konnte ich mir denken, daß Ent⸗ deckung möglich wäre? Wie konnte ich mir einbilden, daß, ſelbſt wenn ungezählte Gelder vermißt würden, ein Verdacht auf Euch fallen könnte— einen beſſern Gentleman, als derjenige war, dem Ihr 83 dientet? Und ohne dieſen verfluchten Mantel, den Ihr ſo zärtlich um mich hülltet, als ich aufbrach, um noch auf den Nachtzug zu kommen, ohne dieſen Mantel, ſage ich, wäre gar keine Indizie zu einer An⸗ ſchuldigung gegen Euch oder mich vorhanden geweſen— ausgenom⸗ men dieſe unglückſelige Fünfpfundnote, die ich Euch aufdrängte, als wir in— zuſammentrafen, wo ich mich verbergen ſollte, bis Ihr die Sache mit meinen Brummern ins Reine gebracht hättet. Und warum drängte ich ſte Euch auf? Weil Ihr mich gefragt hattet, ob ich die nöthigen Mittel beſäße, um inzwiſchen zu leben. Und nun ſagte ich, damit Ihr nicht Eure eigene Börſe leeren ſolltet: Ja', zeigte Euch einiges Gold und drängte Euch die Banknote auf, deren ich, wie ich ſagte, zu meinen Schulden nicht bedurfte; es war ein kindiſcher wider⸗ ſinniger Wunſch Euch eine Freude zu machen, und Ihr ſchienet auch mit ſolcher Freude darin einen Beweis von kindlicher Sorgfalt für Euch zu erblicken.“ „Für mich!— Nein, nein; für Ehre— für Ehre— für Ehre! Ich dachte, Ihr ſorget für die Ehre; und der Beweis für dieſe Sorg⸗ ſamkeit war, daß Ihr den Antheil an Eurem mitternächtlichen Raub in dieſe leichtgläubigen Hände ſtecktet.“ „Sir,“ verſetzte Jaſper, bei welchem die überraſchende Vereini⸗ gung von Gefühl, ſanfter und ehrerbietiger, als man für die Länge bei ihm vorausſetzen konnte, und der moraliſchen Abſtumpfung, die nur in ſchnell verſchwindenden Schimmern zwiſchen Verbrechen und ſeinen Folgen, zwiſchen Unehre und Entdeckung zu unterſcheiden ver⸗ mochte, noch andauerte—„Sir, ich erkläre, daß ich niemals daran dachte, daß ich Euch einer Gefahr ausſetzte; nein, ich beabſichtigte vielmehr von dem geſtohlenen Geld den Betrag, den Ihr ſoeben auf⸗ nehmen wolltet, Euch zurückzuerſtatten, ſobald ich eine plauſible Ge⸗ ſchichte von ehrlicher Erwerbung dieſes Geldes erfinden könnte. Dumme Begriffe und unbeholfene Pläne, wenn ich jetzt darauf zurück⸗ ſchaue; aber wie Ihr ſagt, ich war noch nicht weit über die Kinder⸗ jahre hinaus, und obſchon ich mir viel auf meine Tiefe und Schlauheit Bulwer, was wird er damit machen? VII. 7 bpin. Dieſe ſchöne Lady kannte ich einſt; ſie iſt reich— ich half ihr 84 einbildete, war ich noch ganz ungeſchickt in dem Handwerk, das ich getrieben hatte. Baſta, baſta, baſta!“ Jaſper, der ſich während des Sprecheus von ſeinen Knieen er⸗ hoben hatte, ſtampfte hier ſchwer auf den Boden, wie wenn er ſich über den Anblick der tiefen Gebeugtheit ſeines ſchweigenden Vaters ärgerte; dann fuhr er mit einer Stimme, welche ſich zu bemühen ſchien ihre ehemalige gebieteriſche, rollende und bramarbaſirende An⸗ ſchwellung wieder zu erhalten, alſo fort: „Das Geſchehene kann nicht ungeſchehen gemacht werden. Werft es auf die Seite, Sir— ſchaut in die Zukunft; Ihr mit Eurem Hauſirerspack, ich mit meinen leeren Taſchen. Was kann Euch vor dem Arbeitshaus, mich vor den Galeeren oder dem Galgen ſchützen? Ich weiß nichts Anderes, als daß die Perſonen, die ſich dieſes Mäd⸗ chens angenommen haben, es mir für eine Summe abkaufen, die zwi⸗ ſchen uns getheilt werden mag. Sagt mir alſo, wo ſie iſt; überlaßt es mir den Handel ſo gut abzuſchließen als es möglich iſt. Bah! warum erſchreckt Ihr ſo? Ich will ſie weder ängſtigen noch ſtehlen; ich werde die Kruſte von einem Lumpenhund, die ſich um mich her ver⸗ härtet hat, abſchaufeln. Ich werde glatt und ſanft ſeyn, als wäre ich noch immer jener ausgeſuchte Lothario, den angehende Renommiſten nachäfften und willfährige Schönheiten verhätſchelten. O, ich kann noch den Gentleman ſpielen, wenigſtens auf ein paar Stündchen, wenn es ſich der Mühe lohnt. Kommt, Sir, kommt; vertrauet mir; heraus mit dem Geheimniß von dieſem verborgenen Mädchen, deſſen Intereſſen bei Euch wahrlich nicht ſchwerer wägen ſollten als die eines verhungernden Sohnes. Wie? Ihr wollt nicht? Sey es ſo. Ich meine zu wiſſen, wo ich nach ihr ſchauen, auf welche hochadeligen Schwellen ich meinen waghaften Fuß ſetzen muß; welche ſchöne Lady in Erinnerung an frühere Tage— mädchenhafter Freundſchaft und jungfräulicher Liebe— Guy Darrells verſtoßene Erbin in mitleidigen Lurus hüllt. Ah, Eure Blicke ſagen mir, daß ich ſtark auf der Fährte 8⁵ ch dazu. Sie iſt mir einigen Dank ſchuldig. Ich will hingehen und ſie daran erinnern und— pfui, Sir, pfui— Ihr ſollt nicht ins Arbeits⸗ r⸗ haus kommen und ich nicht auf die Galeeren.“ ch Hier erhob ſich der alte Mann, der bisher geſeſſen, langſam, 4 rs ſchwach und mit Anſtrengung, bis er ſeine volle Höhe erreichte; dann en ſchienen Alter, Gebrechen und Schwäche zu verſchwinden. In dem 5 n⸗ emporgerichteten Haupt, in der breiten maſſiven Bruſt, in der ganzen Erſcheinung lag Würde, lag Macht. rft„Hört mich an, unglücklicher Verworfener, und achtet wohl auf m mich! Um dieſes Kind vor dem Athem der Schande zu ſchützen— 1 or um es in die Rechte einzuſetzen, die ihm nach Euren eigenen Ver⸗ 12 ſicherungen unter denjenigen zukommen, in deren Wohnungen zu⸗ d⸗ weilen ich das Vorrecht verlor, als ich Eure ſchreckliche Laſt auf mich vi⸗ nahm, beabſichtigte ich die Obhut über ſie in dieſer Welt für immer aßt aufzugeben. Glaubet nicht, daß ich jetzt, da Ihr heranzieht, von ihr h! fliehen werde. Nein— da meine Bitten Euch nicht rühren können — da mein Opfer für Euch ſo fruchtlos geweſen iſt— da meine Ab⸗ er⸗ V weſenheit von ihr den Zweck nicht erreicht, nun ſo werdet Ihr da, wo ich V Ihr ſie findet, wiederum mit mir zuſammentreffen. Und wenn wir da ten zuſammentreffen, und Ihr kommt in der Abſicht ihren Frieden zu zer⸗ nn ſtören und ihr Glück zu vernichten, dann bin ich, William Loſely, en, nicht mehr der Verbrecher. Im Angeſicht des Tags werde ich die ir; Wahrheit verkünden und ſagen: Räuber, wechsle den Platz in der ſen Verachtung der Erde mit mir; ſteh in die Docke, wo Dein Vater ver⸗ nes gebens geſtanden hat, um Dich zu retten.““ Ich„Bah, Sir— zu ſpät jetzt; wer würde auf Euch hören?“ gen„Alle die mich einſt gekannt haben— Alle werden auf mich ady hören. Freunde von Macht und hoher Stellung werden meine Sache ind. aufnehmen. Man wird eine neue Unterſuchung über Thatſachen ein⸗ gen leiten, die ich zurückhielt— ich werde Beweiſe vorbringen, die ich, als lrte ich mich ſchuldig bekannte, nicht anführte, um von Euch, undankbarer ihr Menſch, jeden Verdacht abzuwälzen.“ 7* 86 „Sagt was Ihr wollt,“ erwiederte Jaſper, indem er ſeine maſſive Geſtalt mit einer rollenden Bewegung, die kalten Trotz verkündete, hin⸗ und herſchwenkte;„ich bin kein Heuchler in gutem Ruf, daß ich über ſolche Drohungen erſchrecken ſollte. Wenn Ihr meine Pläne in Bezug auf das, was ich ſtets als mein letztes Mittel zu Speiſe und Trank betrachtet habe, durchkreuzen wollt, ſo muß ich vielleicht wegen einer ſchwereren als einer ſo veralteten Anklage in die Docke ſtehen. Jeder für ſich; thut Euer Schlimmſtes— was liegt daran?“ „Was daran liegt, daß ein Vater ſeinen Sohn anklagen muß! Nein, nein— Sohn, Sohn, Sohn— dieß darf nicht geſchehen!— Laßt es nicht geſchehen!— Laßt mich mein Märtyrerthum vollenden! Ich verlange keine Umſtoßung menſchlichen Urtheils, außer vor dem Richterſtuhl Gottes. Jaſper, Jaſper— Kind meiner Liebe, ſchonet das Einzige, was geblieben iſt, um den Abgrund in dem Herzen aus⸗ zufüllen, das Ihr wüſte gelegt habt. Sprecht nicht von Verhungern oder von neuen Verbrechen. Bleibt— theilet dieſen Zufluchtsort! Ich will für Beide arbeiten.“ Abermals und dießmal vollſtändig wich Jaſpers ſcheußliche Leicht⸗ fertigkeit und plumpe Großſprecherei vor dem Reſt menſchlichen Ge⸗ fühls, der ihn noch mit ſeiner Kindheit verknüpfte, welche der Anblick und die Stimme ſeines ſchwer gekränkten Vaters unter Zuckungen und Wehen in ſein Gedächtniß zurückgerufen hatte, wie ein Seher den Langbegrabenen aus ſeinem Grabe ruft. Und als der alte Mann flehend ſeine Arme gegen ihn ausſtreckte, da ergriff Jaſper mit einem keuchenden Ton, halb ſtöhnend, halb ſchluchzend, beide Hände mit ſeiner eigenen ſtarken Fauſt, hob ſie zu ſeinen Lippen empor, küßte ſie, ging dann raſch auf die Thüre zu und ſagte in heiſeren gebrochenen Tönen:„Euern Zufluchtsort theilen! Nein— nein— es würde Euch geradezu das Herz brechen, wenn Ihr mich täglich, ſtündlich ſo ſehen müßtet, wie ich bin! Ihr für Beide arbeiten!— Ihr— Ihr!“ Seine Stimme ſtockte und verſagte einen kurzen Augenblick, dann fuhr er haſtig fort:„Was dieſes Mädchen betrifft, ſo ſeyd Ihr— Ihr— — Ihr— doch gleichviel, ich will Euch zu gehorchen verſuchen— will wo möglich kämpfen gegen Hunger, Verzweiflung und Gedanken, welche unterſinkenden Menſchen mit Teufelszungen zuflüſtern. Ich wills verſuchen— ich wills verſuchen; wenn es mir nicht gelingt, ſo führet Eure Drohung aus— verklaget mich— überliefert mich der Juſtiz— reiniget Euch; aber wenn Ihr mich nicht mehr als mit dem ſchwerſten Fluche zermalmen wollt, ſo ſprecht nie wieder mit ſolch ſchrecklicher Zärtlichkeit zu mir! Klammert Euch nicht an mich, alter Mann; laßt mich los, ſage ich;— da— da;— fort! Ah! ich that Euch doch nicht weh? Unvernünftiges Vieh, das ich bin— Ihr ſegnet mich— Ihr— Ihr! Und ich wage nicht wieder zu ſegnen! Laßt mich gehen— laßt mich gehen— laßt mich gehen!“ Er riß ſich aus ſeines Vaters Armen los— übertönte durch lautes Ge⸗ ſchluchze die pathetiſchen Tröſtungen des alten Mannes— ſtürzte aus dem Haus— eilte die Anhöhe hinan und verſchwand in den Schatten des einbrechenden Abends. Sechstes Kapitel. Gentleman Waife vergißt einen alten Freund nicht. Der alte Freund ver⸗ ſöhnt Aſtrologie mit Klugheit und ſteht unter dem Einfluß wohlthätiger Geiſter. Mr. Hartopp mit dem Hut in der Hand vor Gentleman Waife. Waife ſank rufend, ſchluchzend, ſtöhnend, bis ſeine Stimme all⸗ mählig erſtarrte, auf ſeiner Thürſchwelle nieder. Der Hund, der vom Hauſe ausgeſchloſſen geweſen und mit geſpitzten Ohren, niederhängen⸗ dem Kopf dicht vor der Thüre geblieben war, ſtürzte herein, als Jaſper hinausrannte. Die zwei Lauſcher am offenen Fenſter ſchlichen jetzt um das Haus; da war der Hund, der ſeine Tatze auf die Schulter des alten Mannes gelegt hatte und leiſe winſelnd ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen ſuchte. Zärtlich, ehrerbietig heben ſie den armen Märtyrer auf, der in ihren Augen immer mehr von Flecken und Zweifeln rein gewaſchen worden;— das entehrende Brandmal iſt in das heiligende Kreuz um⸗ gewandelt. Und als der alte Mann endlich wieder zum Bewußtſein kam, da ruhte ſein Haupt an der Bruſt des fleckenloſen edlen Pre⸗ digers, und der anſtandsvolle engliſche Handelsmann, mit inſtinkt⸗ mäßiger Ehrfurcht vor gutem Ruf und Hochachtung vor dem Geſetz, kniete an ſeiner Seite und hielt ſeine Hand umfaßt; als dann Waife mit wirrer Verwunderung hinabſchaute, rief Hartopp mit halbem Schluchzen:„Vergebt mir; Ihr ſagtet, ich würde bereuen, wenn ich Alles wüßte. Ich bereue! Ich bereue wahrhaftig! Verzeiht mir — ich ſelbſt werde mir nie verzeihen.“ „Habe ich geträumt? Was bedeutet alles Das? Auch Ihr hier, Mr. George! Aber— aber, es war ein Anderer da. Ge⸗ gangen! Ach— gegangen— gegangen! Verloren, verloren! Ha! Habt Ihr uns belauſcht?“ „Wir belauſchten Euch— an dieſem Fenſter! Sehet, gegen Euern eigenen Willen läßt der Himmel Eure Unſchuld und in dieſer Unſchuld Eure erhabene Selbſtaufopferung bekannt werden.“ „Still! Ihr werdet mich nie verrathen, Keiner von Euch— nie! Ein Vater gegen ſeinen Sohn auftreten!— ſchrecklich!“ Er ſchien auf dem Punkt von Neuem in Ohnmacht zu fallen. Nach einigen weiteren Augenblicken begann ſein Geiſt ſichtlich ein wenig in der Irre umherzuſchweifen; und juſt als Merle(der mit ſeinem kleinen Führer vergebens die ganze Stadt nach dem Hauſirer durchſtreift hatte, bis man ihm ſagte, derſelbe ſey in einer Nebenſtraße geſehen, von einem großen Mann in grobem Ueberrock angehalten und angeredet worden, worauf er in Begleitung des Fremden haſtig weg⸗ gegangen ſey) zurückkam, um ſeinen ſchlechten Erfolg zu melden, hatten Hartopp und George den alten Mann die Treppe hinauf in ſein Schlafzimmer geführt, ihn auf ſein Bett gelegt und blieben bei ihm ſtehen, ſein unruhiges Geſicht beobachtend und voll Beſorgniß einander zuflüſternd. 89 Als Waife hörte, daß Hartopp den Vorſchlag machte ärztliche Hilfe zu holen, rief er in kläglichem Ton:„Nein, das würde mich zu Tode ängſtigen. Keine Doktoren— keine Lauſcher. Ueberlaßt mich mir ſelbſt— Ruhe und Dunkelheit; ich werde morgen wohl ſeyn.“ George zog die Vorhänge um das Bett und Waife ergriff ihn beim Arm.„Ich weiß, Ihr werdet nicht ausſagen, was Ihr gehört habt; Ihr begreifet, wie wenig ich mich jetzt um menſchliche Urtheile bekümmern kann; aber wie ſchrecklich wäre es alles Geſchehene unge⸗ ſchehen zu machen!— Ich gegen meiner Lizzy Kind zeugen! Ich— ich! Ich vertraue Euch— lieber, lieber Mr. Morley; macht Mr. Hartopp begreiflich, daß, wenn er mich nicht zum Wahnſinn treiben wolle, keine Sylbe von dem, was er gehört hat, verlauten dürfe;— es wäre niederträchtig von ihm.“ „Nein!“ ſagte Hartopp, ebenfalls im Finſtern flüſternd— „fürchtet mich nicht; ich werde mich ruhig halten, obſchon es ſehr hart iſt nicht wenigſtens zu Williams ſagen zu dürfen, daß Ihr mich nicht getäuſcht habet. Aber man wird Euch Gehorſam leiſten.“ Sie zogen Merle weg, der ſich über das Geflüſter verwunderte und von Zeit zu Zeit ein paar Worte auffing; dann entfernten ſie ſich, ohne den alten Mann gänzlicher Einſamkeit zu überlaſſen. Waifes Hand ſank, als George ſie losließ, auf den Kopf des Hundes. Hartopp ging ſehr aufgeregt in ſeiner Tochter Haus zurück, trank über Tiſch mehr Wein als gewöhnlich, führte eine herriſchere Sprache, als man je von ihm gehört hatte, ſpottete ganz miſanthropiſch über die Welt, bemerkte, daß Williams unerträglich anmaßend geworden ſey und penſionirt werden müſſe, kurz verſetzte die ganze Familie in die größte Beſtürzung, weil ſie ſich nicht erklären konnte, was den ſanften Mann angewandelt hatte. Merle fand für ſich eine Wohnung und entwarf ein Stundenſchema über das, was Waife und ihm in den nächſten drei Monaten begegnen würde, fand aber alle Aſpekten ſo verkehrt widerſprechend, daß er geſtand, er ſey in Bezug auf die Zu⸗ kunft nicht weiſer geworden, als vor Befragung ſeines Schema. 90 George Morley blieb im Hauſe und ſchlich von Zeit zu Zeit in Waifes Zimmer, ermüdete ihn aber nicht durch Sprechen. Vor Mitternacht entſchlummerte der alte Mann, aber ſein Schlaf war ſehr unruhig, wie wenn er furchtbare Träume hätte. Gleichwohl erhob er ſich am Morgen ſehr ſchwach, aber frei von Fieber und im vollen Beſitz ſeiner Vernunft. Zu Georges Entzücken waren Waifes erſte Worte der Wunſch zu Sophy zurückzukehren. Er habe, ſagte er, im Traum ihre Stimme gehört, die ihn um Hilfe angerufen. Auf die Scene mit Jaſper wollte er nicht zurückkommen. George wagte es ein einziges Mal dieſe Erinnerung zu berühren, aber der Blick des alten Mannes wurde ſo flehend, daß er abſtand. Nichtsdeſtoweniger war es dem Paſtor klar, daß Jaſpers Wunſch zurückzukehren durch ſeinen Glauben veranlaßt wurde, er ſey zu Sophys Schutz nothwendig geworden. Jaſper, deſſen Reue vermuthlich höchſt kurzlebig war, hatte offenbar Sophys Aufenthalt entdeckt, und eben ſo offenbar war, daß Waiſe, und nur Waife allein noch immer einigen Einfluß auf ſein verthiertes Gemüth beſaß. Vielleicht hatte der alte Mann auch nicht mehr die⸗ ſelbe Furcht vor einer Begegnung mit Jaſper; vielleicht hegte er ſogar vielmehr eine ſchwache Hoffnung, daß er bei einem zweiten Zuſammen⸗ treffen das Herz ſeines Sohnes wirkſamer rühren könnte. Er hatte jetzt nicht blos den Willen, ſondern ſogar ein eifriges Verlangen ab⸗ zureiſen, und er gewann wieder oder zeigte wenigſtens viel von ſeiner alten Munterkeit, als er mit ſeiner Wirthin abrechnete und ſich von Merle verabſchiedete, dem er ſeine letzten Erſparniſſe ſowie den ge⸗ ſchmackvollen Inhalt ſeines Korbes aufnöthigte. Dann nahm er George bei Seite und flüſterte ihm ins Ohr:„Ein ſehr ehrlicher gut⸗ herziger Mann, Sir; könnt Ihr ihn von den Planeten befreien?— ſte bringen ihn in traurige Bedrängniß. Gibt es in Humberſton keine Arbeit für einen Schuhflicker?“ George nickte und ging zu Merle zurück, der ſich mit ſeinem Rockärmel die Augen wiſchte.„Mein lieber Freund,“ ſagte der Ge⸗ lehrte,„erweiſet mir zwei Gefälligkeiten außer der groͤßeren, die Ihr ⸗——— ͤ8 oͤ 8 d* d——m unuõ& u ℛα u ⏑◻—— 91 mir bereits erwieſen habt, indem Ihr mich zu einem verehrten Freunde führtet. Erſtens laßt mich den Inhalt dieſes Korbes Euch abkaufen; ich habe Kinder, unter welche ich dieſe Dinge als Erbſtücke vertheilen möchte; ſodann habt Ihr mir auf der Hieherreiſe geſagt, daß Ihr in Euern jüngeren Tagen, bevor Ihr ein Handwerk angefangen, das Euch keinen Segen gebracht zu haben ſcheint, zu ländlichen Beſchäf⸗ tigungen auferzogen worden ſeyet und Euch ganz gut auf Kühe und Schafe, ihre Behandlung und ihre Krankheiten verſtehet. Nun habe ich über einige Morgen Land zu verfügen, nicht genug für einen Ver⸗ walter— zu viel für einen Gärtner— und ein hübſches Häuschen dabei, das einſt einem Schulmeiſter gehörte, aber wir haben ihm ein größeres gebaut; jetzt ſteht es leer und zu Euern Dienſten. Kommt und nehmt mir alle Mühe mit dem Land und Viehſtand ab; über die Bezahlung werden wir keinen Streit bekommen. Aber hört Ihr, mein Freund, ich mache Euch eine Bedingung: Den Cryſtall müßt Ihr aufgeben, und die Sterne müßt Ihr ihre Geſchäfte ſelbſt ab⸗ machen laſſen.“. „Euer Hochwürden haltens zu Gnaden,“ ſagte Merle, der beim erſten Theil dieſes Vorſchlags die dankbarſte Rührung gezeigt hatte, bei der angehängten Clauſel aber würdevoll und unmuthig ſeinen Kopf emporwarf.„Euer Hochwürden, haltens zu Gnaden, nein! Kit Merle iſt nicht ſo unnatürlich, daß er ſeinen Geburtsanzeiger für eine Suppenſchüſſel wegwerfen ſollte. Da war ein Mann in fremden Landen, Gally⸗Leo, er hing den Sternen an oder der Sonne, was das Gleiche iſt— und die Sterne hingen ihm an und brachten ihm Ehre und Ruhm, obſchon die Geiſtlichen über ihn ergrimmt waren. Er hatte böſe Geiſter in ſeinem neunten Hauſe, welches den Geiſtlichen angehört.“ „Kann die Sache nicht ausgeglichen werden, lieber Mr. George?“ ſagte Waife in überzeugendem Tone.„Nehmen wir an, Merle ver⸗ ſpreche ſeinen Cryſtall und ſeine aſtrologiſchen Schemata für ſich zu behalten oder wenigſtens nur mit Euch davon zu ſprechen;— ſie 92 können Euch keinen Schaden bringen, ſollte ich meinen, Sir. Und die Wiſſenſchaft iſt ein heiliges Ding, Merle; und die Chaldäer, welche die großen Sternſeher waren, würdigten ſich niemals dadurch herab, daß ſie ihre Kunſt vor dem Pöbel zeigten. Mr. George, der ein Ge⸗ lehrter iſt, wird Euch von dieſer Thatſache überzeugen.“ „Ich bins zufrieden,“ ſagte George.„So lange Mr. Merle meine Kinder und mein Geſinde, wie auch die ganze Gemeinde im Allgemeinen, in glücklicher Unwiſſenheit über die Zukunft laſſen will, gebe ich ihm die vollſte Erlaubniß ſeine Wiſſenſchaft mit mir ſelbſt zu erörtern, wenn wir an Sommernachmittagen oder Winterabenden mit einander plaudern; und vielleicht kann ich—“ „Bekehrt werden?“ ſagte Waife mit einem Hervorblicken des ſchalkhaften Humors, der ſtets auf ſeinem dornigen Wege an der Seite des Kummers geſpielt hatte. „Das meinte ich nicht,“ verſetzte der Geiſtliche lächelnd;„eher das Gegentheil. Was ſagt Ihr, Merle? Iſt der Handel nicht ab⸗ geſchloſſen?“ „Sir— Gott ſegne Euch!“ rief Merle einfach;„ich ſehe, Ihr werdet mich nicht in meinem eigenen Licht ſtehen laſſen. Und was Gentleman Waife über den Pöbel ſagt, iſt außer ordentlich wahr.“ Nachdem die Sache ins Reine gebracht und Merles Zukunft auf eine Art ſicher geſtellt worden, die ſeine Sterne oder ſeine Auslegung ihrer Sprache ihm nicht vorhergeſagt hatten, gingen George und Waife nach der Station, während Merle den kleinen Mantelſack des Geiſtlichen und Sir Iſaak den Bündel Waifes nachtrug. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ſie Hartopp begegneten, der ſich wirk⸗ lich auf dem Weg nach der Ausſichtsgaſſe befand. Es verdroß ihn, als er erfuhr, daß Waife ſo plötzlich abreiſen wolle; er hatte ſein Herz daran geſetzt ihn zu verlocken, daß er mit ihm nach Gatesboro' zurück⸗ kehren ſolle— er hätte gar zu gerne Williams und Mrs. Hartopp in Erſtaunen geſetzt, auf dem Marktplatz und auf der Straße laut ver⸗ kündet, daß er, Joſiah Hartopp, ſich nicht getäuſcht, als er Mr. Chap⸗ x☛—ꝑꝙ—,——— 93 man für einen braven und großen Mann erklärt, der ſich nur verſtellt habe. Er tröſtete ſich über Waifes Ablehnung dieſer freundlichen Ein⸗ ladung und ſeine unerwartete Abreiſe ein wenig damit, daß er ſtolz an ſeiner Seite bis auf die Station ging und, als er ſie voll von Paſſa⸗ gieren fand, worunter auch einige angeſehene Bürger von Ouzelford, in Gegenwart derſelben allen Worten Waifes die höchſte Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte. Er rief den Aufſeher, der ſeinen eigenen Namen und ſeine Bedeutung wohl kannte, und gab ihm mit großem Nachdruck zu verſtehen, daß er gegen dieſen ältlichen Gentleman ganz beſonders aufmerkſam ſeyn und dafür ſorgen möge, daß er und ſein Begleiter auf dem ganzen Weg einen eigenen Wagen bekommen, und daß Sir Iſaak einen ganz beſonders comfortabeln Stall erhalte.„Ein ſehr großer Mann,“ ſagte er mit dem Finger an ſeinen Lippen,„nur will er es gerade jetzt nicht wiſſen laſſen.“ Der Inſpektor blickt erſtaunt und verſpricht die ehrerbietigſte Zuvorkommenheit— öffnet einen Mittelwagen erſter Klaſſe— verſichert Waife, daß er und ſein Freund durch keine andere Paſſagiere geſtört werden ſollen. Der Zug ſetzt ſich in Bewegung, Hartopp läuft noch einige Schritte daneben her— er hat ſeinen Hut herabgezogen und wirft dem Scheidenden Kußhände zu; dann, als der Zug unter jenen dunkeln Tunnel hineinſchießt und den Blicken entſchwindet, wendet er ſich zurück, und als er Merle ſieht, ſagt er zu ihm:„Ihr kennt dieſen Gentleman— den alten?“ „Ja, ſchon manches Jahr.“ „Habt Ihr je Etwas gegen ihn gehört?“ „Ja, ein einziges Mal— in Gatesboro'.“ „In Gatesboro'!— Ah! Und Ihr glaubtet es nicht?“ „Blos einen einzigen flüchtigen Augenblick.“ „Ich beneide Euch,“ ſagte Hartopp und ging mit einem Seufzer ſeines Wegs. 94 Siebentes Kapitel. Iaſper Loſely in ſeinem Element. O, junger Leſer, wer Du auch ſeyn magſt, dem die Natur das herrliche Geſchenk phyſiſcher Kraft nebſt den Freuden, worüber ſie gebietet, nebſt der Kühnheit, die daraus entſpringt, verliehen hat— am Schluß dieſes Kapitels halte einen Augenblick inne und denke: Was wirſt Du damit machen? Wird es viehähnlich ſeyn oder gottgleich? Mit welchen Vortheilen für das Leben— ſeinen Freu⸗ den oder ſeinen Gefahren— leicht ertragenen Mühſeligkeiten oder wohl⸗ feil erkauften Ehren— brichſt Du im Anbeginn des Lebens auf? Gib Deinen Sehnen einen Geiſt, der das Heroiſche begreift, und welche edlen Dinge magſt Du ausführen! Aber wenn Du Deine Sehnen blos um ihrer rohen Kraft willen ſchätzeſt, dann kann dieſe Kraft zu Deiner Schande und Deiner Qual ausſchlagen. Der Reichthum Deines Lebens wird blos zu ſeiner Verwüſtung verlocken. Mißbrauch wird, Anfangs nicht empfunden, den Gebrauch des Sinnes vergiften. Wilde Bullen durchbohren und zertreten ihre Feinde. Du haſt eine Seele! Willſt Du ſie durchbohren und zertreten? Jaſper Loſely verbrauchte, als er ſeinen Vater verließ, ſeine letzten Münzen zur Bezahlung eines Futters für ſein Pferd und eines feurigen Trankes für ſich ſelbſt. Eilig ſtieg er auf— eilig jagte er nach London; er beſaß nicht einmal mehr die Pfennige für die Schlagbäume. Wo er die Thore offen fand, jagte er köpflings hindurch; wo ſie bei Annäherung der Nacht geſchloſſen waren, zwang er ſein Pferd über die Felder, über Hecken und Gräben. Mehr als einmal ſiel das Thier ſammt ihm nieder, mehr als einmal wurde er aus dem Sattel geworfen, denn er war zwar ein höchſt verwegener, doch kein ſehr geübter Reiter; aber es war nicht leicht, ſo ſtarke Beine zu brechen, und obſchon geſchunden und ſchwindelig, ſetzte er ſeinen raſenden Ritt fort. Am Morgen war ſein Pferd gänzlich erſchöpft; im erſten Dorf, das er nach Sonnen⸗ aufgang erreichte, ließ er alſo das arme Thier in einem Wirthshaus, und es gelang ihm von dem Wirth gegen Verpfändung des Pferdes ein Pfund geborgt zu erhalten. Entſchloſſen, dieſe Summe zu Rathe zu halten, legte er den Reſt ſeiner Reiſe zu Fuße zurück. Er erreichte London bei Nacht und ging geradewegs in Cutts Wohnung. Cutts befand ſich jedoch im Clubzimmer jener lichtſcheuen Genoſſen, vor wel⸗ chen Loſely gewarnt worden war. Jaſper, der an ſein feierliches Ver⸗ ſprechen gegen Arabella nicht mehr dachte, ſetzte die Saufbrüder da⸗ durch in Staunen, daß er ins Zimmer herein und auf den Ehrenſtuhl am fernen Ende deſſelben zuſchritt, aus welchem er die rohen Gruppen, die er für Pooles Geld bewirthet hatte, zu beherrſchen gewohnt ge⸗ weſen. Einer der Stärkſten und Gefürchtetſten von der ſchwarzen Familie befand ſich jetzt auf dieſem Sitz der Würde, und da er ſich ver⸗ drießlich weigerte ihn auf Jaſpers rohe Aufforderung abzutreten,— 3 wurde er am Nacken ergriffen und buchſtäblich auf den davor ſtehenden Tiſch geworfen, ſo daß er mit Geklirr und Gekrache unter Krügen und Gläſern niederfiel. Jaſper ſetzte ſich kaltblütig, während der Lärm zu toſen begann, und brüllte um einen Trunk. Ein alter Mann, der dieſe Cavaliere bediente, ging hinaus, um dem Befehl zu gehorchen, e und als er gegangen war, ſchoben die zunächſt an der Thüre Befind⸗ 8 b lichen einen ſchweren Riegel vor. Der Zorn über den herrſchſüchtigen Eindringling ſammelte ſich an und wartete nur auf den Augenblick t des Ausbruches. Jaſper, der ſeine blutunterlaufenen Augen umher⸗ e rollen ließ, ſah Cutts nur einige Stühle von ſich entfernt und bemüht r ſich ſeinen Blicken zu entziehen. r„Cutts, kommt hieher,“ rief er gebieteriſch. n Cutts rührte ſich nicht. „Werft mir dieſen Lumpenhund daher— Ihr die Ihr zunächſt +— O— 88A AᷣES8ARnn r r I bei ihm ſitzet.“ n„Thut es nicht, thut es nicht; er hat ſeinen Wuthanfall; er will r mich ermorden— mich, der ich Euch alle ſo oft unterſtützt und gerettet 2 habe. Steht mir bei.“ „Ja, das werden wir,“ ſagten ſeine beiden Nachbarn, indem 8 der Eine nach ſeinem Meſſer, der Andere nach ſeinem Revolver griff. e„Fürchtet Ihr, ich könnte Euch die Ohren abſchneiden, Hund?“ e rief Jaſper,„weil Ihr ſo von mir zurückweichet und Euern Schwanz 96 zwiſchen die Beine klemmt? Pfui! Ich verachte es an ein ſo er⸗ bärmliches Ding Kraft zu verſchwenden. Im Ganzen bin ich froh⸗ daß Ihr mich verlaſſen habt; ich bedurfte Euer nicht. Euer Pferd werdet Ihr in einem Wirthshaus im Dorfe— finden. Ich werde es bezahlen, ſobald wir uns wieder treffen. Mittlerweile ſuchet einen andern Meiſter— ich entlaſſe Euch. Mille tonnerres! Warum bringt mir dieſe wieſelköpfige Schnecke den Brandy nicht? Mit Eurer Erlaubniß—“ und er eignete ſich das volle Glas ſeines nächſten Nachbars zu. So erfriſcht ſchaute er ſich durch die Dünſte des Tabaks⸗ rauches um; er erblickte den Mann, den er ausquartiert hatte, und der, mehr erſtaunt als betäubt durch ſeinen Fall, ſchweigend aufgeſtanden war und jetzt leiſe mit zwei von ſeinen Kameraden flüſterte, die eben⸗ falls auf ihren Beinen ſtanden. Jaſper wandte ſich verachtungsvoll von ihnen. Mit ſteigender Verachtung in ſeinem harten grimmigen Hohnlächeln bemerkte er das überhandnehmende Stirnrunzeln auf allen Seiten des Pandämoniums; und nur mit einem zornigen Blitz aus ſeinen Augen gewahrte er am Schluß ſeiner Umſchau den vorgeſchobenen Riegel an der Thüre, ſowie zwei Geſtalten, die ſich mit Meſſern in den Händen an der Schwelle aufgepflanzt hatten. „Ah ha, meine luſtigen Genoſſen,“ ſagte er dann,„Ihr habt Recht, daß Ihr die Thüre verriegelt. Kluge Familien machen ihre Streitigkeiten am allerbequemſten unter ſich aus. Ich bin hieherge⸗ kommen, um Euch alle zuſammen tüchtig auszuſchelten, und wenn Einige von Euch nicht ſchon vorher aus Scham die Köpfe hängen, ſo beweist dieß nur, daß Ihr für alle Scham abgeſtorben ſeyd.“ So ſprechend erhob er ſich und faltete ſeine ſehnigen Arme über der breiten Bruſt. Die meiſten der Leute waren ebenfalls aufgeſtan⸗ den, Einige jedoch blieben ſitzen; es mochten im Ganzen achtzehn oder zwanzig ſeyn. Alle Augen waren auf ihn geheftet, und manche Hand lag an einer tödtlichen Waffe. „Abſchaum der Erde!“ brach Jaſper mit einer donnerähnlichen Stimme hervor,„ich habe mich herabgelaſſen unter Euch zu kommen franzoͤſiſchen Art das Geſchäft zu betreiben— große Preiſe und viel 97 — ich vertheilte mein Geld unter Euch. War Einer von Euch zu arm, um ſein Clubgeld zu bezahlen, um ſich einen Trank Vergeſſenheit zu kaufen, ſo ſagte ich:„Da, Bruder, nehmt!' Brach Streit bei Euern Gelagen aus— wurden Meſſer gezogen— war eine Kehle in Gefahr— ſo ſchlug dieſe rechte Hand den Aufruhr nieder, verhinderte den feigen Mord. Wenn ich mich bei Euern Schurkereien nicht be⸗ theiligte, ſo geſchah es, weil ſie ſchleichend und jämmerlich waren. Ich kam als Euer Patron, nicht als Euer Client; ich miſchte mich nicht in Eure Geheimniſſe, berührte Euern Raub nicht. Ich ſchuldete Euch Nichts. Auswurf, der Ihr ſeyd! Mir verdankt Ihr Speiſe und Trank und gute Kameradſchaft. Ich gab Euch Freude und ich gab Euch Geſetze; und zum Dank entwarfet Ihr ein Complott unter Euch, um mich loszuwerden; aber wie, Ihr niedrigen Schufte? Oho! nicht mit dieſen Fäuſten, nicht mit Meſſern und Knitteln. Dazu war nicht Mannheit genug in Eurer Taubenbruſt. Aber irgend eine feige That von Euch ſelbſt durch Fallſtricke, durch falſche Beweiſe, auch falſche Eide ohne Zweifel auf mich zu wälzen, mich in die Hände des Henkers zu ſchmuggeln, das war Euer köſtlicher Plan. Einmal noch bin ich hier; aber nur dieſes einzige Mal. Warum?— Nun, um Euch aus⸗ zulachen, um Euch anzuſpeien, um Euch mit Füßen zu treten. Und wenn ein Einziger unter Euch eine Unze Männerblut in ſich hat, ſo zeige er mir die Verräther, die dieſen jämmerlichen Plan ausgeſonnen haben, und wenn ſie ein Dutzend ſind, ſo werden ſie die Spur dieſer Hand tragen, bis ihre Gerippe unter das Scalpel des Chirurgen wandeln.“ Er hörte auf. Obſchon Jeder jetzt den Andern gegen ihn hin⸗ trieb und das ganze Hallunkenpack ſich um ihn drängte, wie Hunde um einen gehetzten wilden Eber, ſo war doch der Einzige, der einen hör⸗ baren Laut von ſich gab, dieſer dünne Lebensſplitter, genannt Cutts. „Schaut, General Jas, Eure ganze Erſcheinung unter uns war ein Mißgriff. Ihr waret einſt ein wackerer Burſche, beſonders in der 98 Spektakel. Das paßt nicht für uns; wir ſind ruhige Engländer. Ihr prahlet damit, daß Ihr die Gentlemen, die Euch unter ſich aufnehmen, ſchlaget, grob behandelt und Euch bei ihren Plänen und Gefahren nicht betheiliget? Aber dieſes Benehmen iſt ganz ordnungswidrig— kein Präcedenzfall dafür vorhanden. Wie können wir wiſſen, daß Ihr kein Spion ſeyd oder nicht dazu gemacht werden könnt, wenn Ihr be⸗ hauptet, daß Ihr uns Nichts verdanket, und wenn Ihr uns ſo tief verachtet? Die Wahrheit iſt: Wir ſind alleſammt Euer überdrüſſig. Ihr ſagt, Ihr kommet nur noch dießmal: ſehr gut, Ihr habt Euer Garn abgeſponnen— jetzt geht. Das iſt Alles, was wir verlangen. Gehet in Frieden und beunruhiget uns nie mehr. Gentlemen, ich ſtelle den Antrag, daß General Jas aus dieſem Club geſtoßen und erſucht werde ſich zu entfernen.“ „Ich unterſtütze den Vorſchlag,“ ſagte der Manu, welchen Jaſper auf den Tiſch geworfen hatte. „Wer für den Beſchluß iſt, halte die Hand in die Höhe!— Alle— einſtimmig durchgegangen. General Jas iſt ausgeſtoßen.“ „Mich ausſtoßen!“ ſagte Jaſper, der mittlerweile, ſeine muskel⸗ kräftige Maſſe hin⸗ und herbewegend, den Platz um ſich her geſäubert hatte und ſeine Hände auf dem ſchweren Lehnſtuhl ruhen ließ, von dem er aufgeſtanden war. Eine gleichzeitige feindſelige Bewegung der Gruppe brachte vier oder fünf der Vorderſten in ſeine Nähe. Der Stuhl, auf welchen Jaſper ſich gelehnt hatte, flog in die Höhe, er flog in ſeiner rechten Hand umher, und zwei der Angreifer fielen, wie ein Ochſe unter dem Beil des Fleiſchers fällt. Mit ſeiner linken Hand entriß er einem dritten Feind ſein Meſſer, und ſo mit Klinge und Schild bewaffnet, ſprang er auf den Tiſch, wo er Alles überragte. Vor ihm war der Mann mit dem Revolver, ein etwas feinerer Gauner als die Uebrigen, der wegen Falſchmünzerei deportirt und vom Strafplatz entlaſſen worden war.„Soll ich ihn zuſammenſchießen?“ flüſterte dieſer Schurke gegen Cutts. Cutts hielt den zögernden Arm zurück.„Nein! 99 zu viel Lärm! Knittel ſind ſicherer.“ Während Cutts noch flüſterte, ſchoß Jaſper, wie ein Habicht auf ſeine Beute herabſtößt, auf den Falſchmünzer zu, und im nächſten Augenblick war er, ſeinen Stuhl denjenigen in die Geſichter ſchlagend, die jetzt in Maſſe den Tiſch be⸗ lagerten, mit dem Revolver bewaffnet, den er ſeinem erſchrockenen Be⸗ ſitzer entriſſen hatte, und ſeine ſechs Läufe drohten Tod, rechts und links, von der Seite und vor und um ihn her, während er ſich brum⸗ mend umwandte. Augenblicklich entſtand allgemeine Stille, augen⸗ blicklich hörte der Angriff auf. Jeder fühlte, daß hier keine Schwäche die Hand zittern oder die Kugel fehlen machen würde. Ueberall wohin Jaſper ſich wandte, wichen die Feinde zurück. Er lachte mit frechem Spott, indem er die feigen Wichte überſchaute. „Nieder mit Euern Waffen, Alle zuſammen— nieder mit dieſem Meſſer, nieder mit dieſem Knittel! So iſts recht. Nieder, Ihr dort — und Ihr— und Ihr. Nieder mit allen zuſammen. Häufet ſie hier auf dem Tiſch zu meinen Füßen auf. Hunde, was fürchtet Ihr? — den Tod? Der Erſte, der ſich weigert, ſtirbt.“ e. Stumm und knechtiſch wie eine bußfertige Legion bei eines Cäſars Befehl, legten die Schurken ihre Waffen auf einen Haufen. „Riegelt die Thüre auf, Ihr zwei. Ihr, Redner Cutts, geht voraus; zündet ein Licht an— öffnet die Hausthüre. So— ſo — ſo. Wer will mich mit einem Abſchiedstrunk auf Eure Geſundheit bewirthen? Danke Euch, Sir. Tretet zurück dort; ſtellt Euch Alle zuſammen an die Wand. Macht mir den Weg frei. Hoho!— Ihr mir ein Leid zufügen— Ihr mir Angſt einjagen— Ihr— Ihr! Halt— ich habe noch einen Antrag zu ſtellen. Hört ihn und applau⸗ diret. Daß dieſe Verſammlung den Ausſtoßungsbeſchluß gegen Ge⸗ neral Jaſper zurücknimmt und ihn demüthig erſucht zu bleiben, als der Stolz und die Zierde des Clubs! Diejenigen, die für den Antrag ſind, halten die Hände in die Höhe— diejenigen, die dagegen ſind, die ihrigen nachher. Einſtimmig angenommen. Gentlemen, ich danke Euch— der ſtolzeſte Tag meines Lebens— aber ich will Euch Bulwer, was wird er damit machen? VII. 8 100 zuerſt hängen ſehen, und bis dieſer Anblick mich erfreut, Gentlemen, Eure Geſundheit!“ Von ſeiner Höhe herabſteigend ging er langſam, unbeſchädigt und unbedroht das Zimmer hinab, machte auf der Schwelle noch einen tiefen ſpöttiſchen Bückling und ſchritt dann den Gang entlang nach der Hausthüre. Als er dort Cutts mit dem Licht in ſeiner Hand ſah, ſtellte er den Hahn in die Ruhe, nahm die Zündhütchen ab und gab das Gewehr ſeinem ehemaligen Aſſocié zurück mit den Worten:„Gebt dieß dem Eigenthümer wieder nebſt meinen Komplimenten. Noch ein einziges Wort— ſprecht die Wahrheit und fürchtet Nichts. Habt Ihr Darrell Hülfe geſchickt?“ „Nein; ich ſchwöre es.“ „Das thut mir leid. Ich würde dieſen einzigen Gefallen gerne einem ſo treuen Freund verdankt haben. Geht zu Euern Spießge⸗ ſellen zurück. Begreifet jetzt, warum ich es verſchmähte, mit ſolchen wurmſtichigen Werkzeugen zu arbeiten.“ „Ein wundervoller Kerl in der That!“ murmelte Cutts, indem er der hinſcheidenden Geſtalt des triumphirenden Banditen nachſchaute. „Ganz London müßte auf ſeiner Hut ſeyn, wenn er ein ſolideres Ge⸗ hirn und weniger flüſſiges Feuer darin hätte.“ Achtes Kapitel. Jaſper Loſely ſchläft unter der Säulenhalle, aus welcher die Falſchheit von ſchwarzen Roſſen weggetragen worden war. Er vergißt ein Verſprechen, zettelt von Neuem einen Plan an, beſucht eine Flußſeite; und eine Thüre ſchließt ſich hinter dem ſtarken Mann und dem grimmen Weib. Jaſper hatte dem wilden Verlangen ſeiner verletzten Eitelkeit Genüge geleiſtet. Er hatte ſeinen Anſpruch auf Kühnheit und Ge⸗ wandtheit, den er in ſeiner Verhandlung mit Darrell verwirkt zu haben meinte, gerechtfertigt. Mit geſchwollenem Kamm und einem ent⸗ ſchiedenen Hochgefühl, einem Gefühl animaliſcher Freude, das Hunger, Ermüdung und Reue überherrſchte, ſchritt er ſeines Wegs— er wußte nicht wohin. In ſeine frühere Wohnung wollte er nicht zurück⸗ gehen, ſie war gar zu wohl der Bande bekannt, die er ſo eben von ſich geſchleudert hatte, mit einem vagen Entſchluß hinfort allen Mitſchul⸗ digen abzuſchwören und nur noch ſich allein zu vertrauen. Es war jetzt ſpät— die Straßen verlaſſen— die Luft ſchneidend kalt. Mußte er ſich endlich in die verabſcheute Herrſchaft dieſer Arabella Crane er⸗ geben? Nun, ſogar dieß war ihm jetzt lieber, als wenn er ſich nach den letzten Vorgängen vor Darrell hätte demüthigen ſollen. Darrells Abſchiedsworte hatten allerdings zu verſtehen gegeben, daß er gegen Bitten nicht ſo verhärtet ſeyn würde, wie er ſich gegen Drohungen er⸗ wieſen hatte. Aber Jaſper war nicht in der Laune zu bitten. Mechaniſch ſchritt er weiter nach dem einſamen Bezirk, in welchem Arabella ihr Hausweſen führte; aber die Nacht war jetzt ſo weit vorangeſchritten, daß er vor einer Störung des grimmen Weibes zu dieſer Stunde zurückbebte, indem er ihr dunkles Auge und ihre harte Stimme beinahe ſo reſpektvoll ſcheute, wie die Banditen, von denen er kam, ſeine eigene zermalmende Hand und ſein gezieltes Piſtol geſcheut hatten. Als er ſich daher in einem der breiten Squares von Bloomsbury befand, ſtellte er ſich unter die Stützen der Säulenhalle eines geräumigen Hauſes, ohne zu wiſſen, daß dieß dieſelbe Wohnung war, welche Darrell einſt innegehabt, und daß von dieſer Säulenhalle hinweg die ſchwarzen Roſſe die Mutter ſeines Weibes davongetragen hatten. In wenigen Minuten lag er in feſtem Schlummer, in einem ſo ſchweren todähnlichen Schlaf, daß der Polizeimann, der auf ſeiner Runde an ihm vorbeikam, nach einigen vergeblichen Verſuchen ihn aufzuwecken, von einem ſeltenen Mitleid ergriffen wurde und dem müden Auswürfling ſeine Ruhe gönnte. Als Jaſper endlich in der grauen Dämmerung erwachte, verſpürte er eine ſeltſame Erſtarrung in ſeinen Gliedern; es koſtete ihn ſogar viel Mühe ſich nur aufzurichten. Dieſe Empfindung verlor ſich zwar allmählig, aber dann ſtellte ſich ein lebhaftes Prickeln an den Armen 1 8⸗ ———— —— — 102 hinab bis zu den Fingerſpitzen ein. Ein düſteres Getöne klang in ſeinen Ohren, gleich dem Bimbam von Leichenglocken, und es war ihm, als ob das Pflaſter unter ihm wegglitte. Ohne ſich viel an dieſe Symptome zu kehren, welche er der Kälte, ſowie dem Mangel an Nahrung zuſchrieb, und eher angenehm überraſcht, daß ſeine gewohn⸗ ten Schmerzen ihn freiließen, begab ſich Jaſper jetzt nach Podden Place. Das Haus war noch verſchloſſen, und Jaſper mußte ſein Ge⸗ klopfe ziemlich oft wiederholen, bis die Riegel von der Thüre zurück⸗ geſchoben wurden und Bridgett Greggs zum Vorſchein kam.„O, Ihr ſeyds, Mr. Loſely!“ ſagte ſie ſehr verdrießlich, aber ohne ſichtliche Ueberraſchung. Mrs. dachte, Ihr würdet während ihrer Abweſenheit kommen, und ich will Euch in das Schlafzimmer führen, das Ihr vor ſechs Jahren innehattet, wenn Ihr es wünſchet. Ihr werdet Eure Mahlzeiten hier nehmen und aufs beſte bedient werden; das ſind die Befehle von Mrs.“ „O, Mrs. Crane iſt nicht in der Stadt?“ ſagte Jaſper ſehr er⸗ leichtert;„wohin iſt ſie gegangen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wann wird ſie zurückkommen?“ „In einigen Tagen; ſo ſagte ſie zu mir. Wollt Ihr herein treten und frühſtücken? Mrs. ſagte, es ſolle immer Vorrath genug im Hauſe ſeyn— Ihr könntet jeden Augenblick kommen. Bitte, kratzet Eure Füße ab.“ Jaſper ſtieg mit ſchweren Schritten in den Salon hinauf und wartete mit Ungeduld auf die nahrhaften Erfriſchungen, die ihm bald vorgeſetzt wurden. Das Zimmer ſah unverändert aus, wie wenn er es erſt Tags zuvor verlaſſen hätte— die zierlichen Bücherbretter— der leere Vogelkäfig— die gebrochene Laute— der bequeme Sorgen⸗ ſtuhl— der Fußſchemel— der Sopha, der zu ſeiner ausdrücklichen Bequemlichkeit den urſprünglichen Möbeln beigefügt worden in den Tagen, wo man ihn zum erſten Mal als Sohn adoptirte— ja, auf dem Kaminteppich dieſelben Pantoffeln, auf der Stuhllehne derſelbe Schlafrock, den er graziös getragen, als noch die Schönheit ſeiner Ge⸗ ſtalt eine zärtliche Rückſichtsnahme auf dieſelbe rechtfertigte. Für dieſen Tag begnügte er ſich mit dem negativen Hochgenuß vollſtändiger Ruhe, um ſo mehr, als er bei jedem Verſuch ſich zu be⸗ wegen dieſelbe Erſtarrung der Glieder verſpürte, wie bei ſeinem Er⸗ wachen, begleitet von einer gewiſſen ſchmerzlichen Schwere im Hinter⸗ kopf und in der Vereinigung, welche der Hauptſitz der Intelligenz im Rückgrath mit dem Hauptſitz der Kraft bildet; überhaupt empfand er einen Widerwillen gegen jede Bewegung und eine ungewöhnliche Schlummerſucht. Am folgenden Tag währten dieſe unangenehmen Empfindungen zwar noch fort, allein ſeine Ungeduld gegen alles Denken und ſein Haß gegen die Einſamkeit drängten ihn fortzugehen und Zerſtreuungen zu ſuchen. Es blieb ihm keine andere als der Spieltiſch— keine Gefährten als Mitopfer in dieſem Alles ver⸗ ſchlingenden Strudel. Er kannte ein geringes Spielhaus, das den ganzen Tag wie die ganze Nacht offen war. Da er den elenden Ueber⸗ reſten ſeines auf das Pferd geborgten Pfundes, die ſein ganzes Kapital ausmachten, Einiges beizufügen wünſchte, ſo erſuchte er Bridgett in gleichgiltigem Ton, ſie möͤchte ihm mit zwei oder drei Souveränen aushelfen; im Fall ſie ſelbſt das Geld nicht hätte, könnte ſie es ja in der Nachbarſchaft entlehnen, bis ihre Gebieterin zurückkäme. Brid⸗ gett antwortete mit ſchlecht verſtelltem Vergnügen, ihre Gebieterin habe ihr beſtimmte Befehle ertheilt, daß Mr. Loſely Alles erhalten ſolle, was er verlange, ausgenommen Geld. Jaſper wurde roth vor Zorn und Scham; aber er ſagte Nichts mehr— er pfiff— nahm ſei⸗ nen Hut— ging aus— begab ſich nach dem Spielhaus— verlor ſeinen letzten Schilling und kehrte verdrießlich nach Podden Place zu⸗ rück, um zu diniren. Die Strenge des Zimmers, ſowie die Einſam⸗ keit des Abends begannen ihm jetzt einen unwiderſtehlichen Abſcheu einzuflößen, der als friſcher Poſten auf die alte Rechnung ſeines Wider⸗ willens gegen die abweſende Arabella eingetragen wurde. Die Be⸗ leidigung, welche in den Befehlen lag, die Bridgett ſo getreu wieder⸗ 104 holt hatte, ließ ihn jetzt die ſchreckliche Nothwendigkeit, unter den harten Despotismus dieſer entſchloſſenen Wächterin zu fallen, mit noch größerem Ingrimm betrachten, und es war ihm, als müßte er in eine Vorbereitungsſchule zurückgehen, ſich am Taſchengeld ſtrafen laſſen und in einer dunkeln Ecke ſtehen. Aber was blieb ihm Anderes übrig? Nichts als ein Anruf an Darrell— doch dieß war noch unerträglicher; ausgenommen— er pauſirte in ſeinem Gedankengang, ſchüttelte ſei⸗ nen Kopf, murmelte:„Nein, nein.“ Aber dieſes„ausgenommen“ drängte ſich von Neuem auf. Ausgenommen, er vergaß ſeines Vaters Bitte und ſein eigenes Verſprechen— ausgenommen, er trieb Sophy auf und erlangte von der Großmuth, dem Mitleid oder der Furcht ihrer Beſchützerin ſolche Bedingungen, wie er ſie von Darrell erpreßt haben würde. Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß das Mädchen bei Lady Montfort ſey; er dachte, daß er, wenn ſie Sophy wirklich liebe und ſie aus irgend einer zärtlichen Erinnerung, ſey es an Ma⸗ tilda oder an Darrell ſelbſt, in ihren Schutz nehme, weit leichter auf die zarten Nerven eines vor jedem Geräuſch und Skandal zurückbeben⸗ den Weibes wirken könnte, als auf den hartnäckigen Stolz ſeines ent⸗ ſchloſſenen Schwiegervaters. Vielleicht war Lady Montfort um Sophys willen, um für ſie das Wort zu führen, nach Fawley gegangen; vielleicht konnte der augenſcheinliche Kummer auf dem Geſicht dieſer Lady, als er es ſo flüchtig zu ſehen bekam, durch das Fehlſchlagen ihrer Sendung verurſacht worden ſeyn. In dieſem Fall konnte zwiſchen ihr und Darrell ein Bruch oder ein Zwieſpalt ſtattfinden, welcher die Marquiſe noch zugänglicher für ſeine Forderungen machen konnte. Was ſeinen Vater betraf, ſo konnte dieſer, wenn Jaſper ſeine Karten geſchickt und glücklich ſpielte, ſeinen Ungehorſam möglicher Weiſe gar nicht erfahren; er konnte Lady Montfort vielleicht durch Schmeiche⸗ leien oder Einſchüchterung zum Stillſchweigen bringen. Es konnte für ihn ſogar ganz unnöthig ſeyn Sophy zu ſehen. Wenn ſie ihn zu Geſicht bekam, ſo würde ſie ſeine entſtellten Züge ſicherlich eben ſo wenig erkennen, als Rugge gethan hatte. Dieſe Gedanken machten 105 ſich den ganzen Abend immer ſtärker geltend und wuchſen am nächſten Morgen zu Entſchlüſſen an. Er brach nach dem Frühſtück auf; die⸗ ſelbe Erſtarrung, aber er lief ſie weg. Die Adreſſe der Marquiſe von Montfort war nicht ſchwer aufzufinden. Er erfragte ſie kühn bei dem Portier in dem wohlbekannten Hauſe des gegenwärtigen Lords, und als er ſie erfahren hatte, ging er ſogleich zu Fuß nach Richmond, und von da in den kleinen verzettelten Weiler, der unmittelbar an Lady Montforts Villa ſtieß. Hier fand er zwei oder drei müßige Schiffer, die in der Nähe des Fluſſes herumlungerten; er ließ ſich mit ihnen in ein Geſpräch über ihr Gewerbe ein, das ihm ſelbſt wohl vertraut war, denn er hatte in den Feſttagen ſeiner Jugend das ſtärkſte Ruder auf dieſem Fluß gehandhabt, und dann rückte er mit Fragen hervor, die bereitwillig und arglos beantwortet wurden.„Ja, es war eine junge Lady bei Lady Montfort; ſie wußten ihren Namen nicht. Sie hatten ſie oft in der Lichtung wie auch in der Kirche geſehen. Sie war ſehr hübſch; ja, ſie hatte blaue Augen und helle Haare.“ Ueber ſeinen Vater hörte er blos, es ſey ein alter Gentleman dageweſen, der ſeiner Beſchreibung entſprach— lahm und mit einem einzigen Auge— er habe vor einigen Monaten in einem Häuschen auf Lady Montforts Beſitzungen gewohnt. So viel ſie gehört, ſey er weggegangen. Er habe Körbe gemacht— ſie wiſſen nicht, ob zum Verkauf; in dieſem Fall vielleicht zu irgend einem mildthätigen Zweck. Vermuthlich ſey er ein Gentleman, denn ſie haben gehört, daß er mit der jungen Lady verwandt ſey. Aber Lady Montforts Oberkutſcher wohne in dem Dorf und könne ihm ohne Zweifel alle Aufſchlüſſe geben, die er wünſche. Jaſper war zu ſchlau, um ſich an den Kutſcher zu wenden; er hatte für den Augenblick genug erfahren. Hätte er ſeine Nach⸗ forſchungen weiter getrieben, ſo hätte er nur ſich ſelbſt Fragen ausge⸗ ſetzt, und dann konnte Lady Montfort von irgend Jemand aus ihrer Dienerſchaft ſeine Erkundigungen erfahren und dadurch zur Vorſicht gemahnt werden, denn ohne Zweifel hatte ſein Vater ſie vor ihm ge⸗ warnt. Es fiel ihm nie ein, daß der alte Mann bereits zurückgekehrt —— — 106 ſeyn könnte, und die Leute, auf welche er ſeine Fragen beſchränkte, wußten nicht das Mindeſte von dieſer Thatſache. Jaſper hatte nicht die Abſicht an dieſem Tag ſich bei Lady Montfort aufzudrängen. Seine Eigenliebe bebte vor dem Gedanken zurück bei einer Lady von ſolchem Rang, mit welcher er einſt als Bräutigam ihrer Freundin und ver⸗ trauter Beſucher ihrer Mutter auf gleichem Fuße geſtanden, in einem Aufzug zu erſcheinen, der eine ſo gänzliche Herabgekommenheit ver⸗ rieth. Auch war es unter allen Umſtänden beſſer etwas gentleman⸗ artig aufzutreten; es war wahrſcheinlicher, daß er dann Mitgefühl für ſeine Leiden erweckte— es war weniger wahrſcheinlich, daß man dann ohne Weiteres ſeine Anſprüche zurückwies und ihm die Thüre zeigte. Und in der That würde wohl in dieſem Aufzug, in dieſer garſtigen Erbſenjacke, der alle übrigen Kleidungsſtücke entſprachen, irgend ein Bedienter ihn einlaſſen?— Konnte er vor Lady Montforts Augen gelangen? Er mußte zurückgehen und Mrs. Cranes Rückkehr abwar⸗ ten. Ohne Zweifel würde ſie ſeinen Wunſch, der ſchon an ſich auf eine halbe Beſſerung deutete, die äußern Zeichen einer Herabwürdi⸗ gung abzuwerfen, die er bis jetzt auf ſich genommen hatte, willkommen heißen. Demgemäß ging er in weit beſſerer Laune nach der Stadt zurück und war dermaßen in ſeine Hoffnungen verſunken, daß er bei ſeiner Ankunft auf Podden Place es nicht beachtete, wie in Folge einer ge⸗ wiſſen Schiefheit ſeines Blicks oder aus Mangel an der normalen Correſpondenz zwiſchen Willen und Muskel ſeine Hand zweimal den Klopfer verfehlte, indem ſie erſt zu hoch, dann zu nieder griff; und daß er, als er das feſte Eiſen wirklich erfaßt hatte, es dennoch nicht ſpürte: der Taſtſinn ſchien ihm abhanden gekommen zu ſeyn. Brid⸗ gett zeigte ſich.„Mrs. iſt nach Hauſe gekommen und will Euch ſehen.“ Jaſper ſah nicht entzückt aus; er krümmte ſich, bot aber ſeinen ganzen Muth auf und ſtieg langſam, ſchweren Tritts die Treppen hinan. Von dem Abſatz oben ſtarrten die dunkeln glänzenden Augen herab, die vor etwa ſechs Jahren ſeinen kühnen Geiſt beinahe gebän⸗ d 107 digt, und ungefähr mit denſelben Worten, wie damals, ſagte eine eben ſo frohlockende, aber weniger harte Stimme:„So kommt Ihr end⸗ lich zu mir, Jaſper Loſely— Ihr ſeyd gekommen?“ Schnell, flüchtig, mit einem geräuſchloſen Tritt wie ein Geſpenſt ſtieg Arabella Crane die Treppen herab, ergriff aber nicht wie vor Jahren, als er zum erſten Mal dieſes Haus ſuchte, ſeine Hand und ſchaute ihm nicht ins Geſicht. Sie ſchien vielmehr mit einem gewiſſen Schauder vor ſeiner Berührung zurückzubeben, während ſie an ihm vorbei in den offenen Salon glitt und ihm winkte ihr zu folgen. Er hielt einen Augenblick an; er fühlte eine Sehnſucht zurückzutreten, aus dem Hauſe zu entfliehen; ſeine abergläubiſche Scheu vor ihren Wohlthaten ſogar kam ſtärker als je über ihn. Aber ihre Hülfe im Augenblick war durchaus noth⸗ wendig, wenn ihm noch eine Hoffnung bleiben ſollte, ſie je entbehren zu können; er trat alſo, obſchon mit einer unbeſtimmten Ahnung un⸗ berechenbaren Uebels, in das Zimmer, und die Thüre verſchloß ſich hinter Beiden. Eilftes Buch. Erſtes Kapitel. Der Verlauf wahrer Liebe geht niemals ſo glatt ab. Dürfte dieß nicht vielleicht darum ſeyn, weil, wo keine Hinderniſſe ſind, da auch keine Zeu⸗ gen für die Wahrheit der Liebe vorhanden ſind? Wo der Gang glatt iſt, da füllt ſich der Strom mit Vergnügungsbooten. Wo die Woge ſchwillt, wo die Untiefen drohen und der Himmel finſter herabhängt, da ſind die Vergnügungsboote in den Hafen zurückgegangen. Für rauhes Wetter eignen ſich diejenigen Schiffe, die zu einer langen Reiſe gebaut und aus⸗ gerüſtet worden ſind. Ich übergehe das freudvolle Zuſammentreffen zwiſchen Waife und Sophy. Ich übergehe Georges Bericht an ſeine ſchöne Baſe von der Scene, welcher er und Hartopp angewohnt, worin Waifes Unſchuld ans Tageslicht gekommen war und ſeine Gründe, warum er die Strafe des Verbrechens auf ſich genommen, ihre Erklärung gefunden hatten. Die erſten aufgeregten Tage, die auf Waifes Rückkehr folgten, ſind hinweggerollt. Er iſt wieder heimiſch in dem Häuschen, aus welchem er entflohen war; er weigert ſich, wie früher, ſeine Wohnung in Lady Montforts Haus zu nehmen. Aber Sophy iſt beinahe beſtändig ſeine Gefährtin geweſen, und Lady Montfort ſelbſt hat täglich Stunden bei ihm verbracht— zuweilen in ſeinem ländlichen Beſuchszimmer, zu⸗ weilen in der kleinen Gartenanlage um ſein Häuschen her, auf welche ſeine Spaziergänge ſich beſchränken. George iſt zu ſeiner Familie und ſeinen Amtspflichten nach Humberſton zurückgekehrt, mit dem Verſprechen ſeinen alten Freund recht bald wieder zu beſuchen und Zukunftspläne zu erörtern. Der Gelehrte hatte, obſchon mit herbem Schmerz, Waife in ſo fern nachgegeben, daß jeder Verſuch ſeinen guten Namen auf Koſten der Umſtoßung des von ihm gebrachten Opfers öffentlich zu reinigen, unterbleiben müſſe: aber er konnte nicht dazu gebracht werden ſich zu unbedingtem Schweigen zu verpflichten. Gegrge ſah ein, daß wenig⸗ ſtens einige andere Perſonen vorhanden waren, denen man eine Auf⸗ klärung über Waifes Unſchuld ſchlechterdings ſchuldete. Waife ſitzt an ſeinem offenen Fenſter. Es iſt Mittag; die Sonne glänzt an dem blaſſen blauen Himmel— die Winterluft iſt ungewöhn⸗ lich mild. Seine Bibel liegt auf dem Tiſch neben ihm. Er hat juſt ſein Zeichen in das Blatt gelegt und verehrungsvoll das Buch ge⸗ ſchloſſen. Er iſt allein. Lady Montfort, die ſeit ihrer Rückkehr von Fawley an einer Art von hektiſchem Fieber gelitten hat, begleitet von einer Mattigkeit, die ſogar den Gang nach Waifes Häuschen zu einer Anſtrengung für ſie machte, der ſie in der Holdſeligkeit ihrer freund⸗ lichen Natur Trotz bot und wovon ſie Nichts eingeſtand, iſt dieſen Morgen um ſo viel ſchlimmer geworden, daß ſie ihr Zimmer nicht ver⸗ laſſen kann. Sophy iſt fortgegangen ſie zu beſuchen. Waife lehnt jetzt ſein Geſicht auf ſeine Hand, und dieſes Geſicht iſt betrübter und unruhiger, als es vielleicht auf allen ſeinen Wanderungen geweſen. Sein Liebling Sophy iſt augenſcheinlich unglücklich. Ihr Kummer iſt in den erſten zwei oder drei Tagen nach ſeiner Rückkehr nicht ſicht⸗ bar geweſen, denn er wurde verſcheucht durch die Freude ihn zu ſehen, durch die Aufregung zärtlicher Vorwürfe und Fragen, durch Thränen, die eben ſo freudvoll ſchienen wie das filberne Lachen, welches der Heiterkeit entſprach, die um die Tiefe des Gefühles ſcherzte, womit er ſie wieder einmal an ſeine Seite feſtgeklammert oder auf dem Schemel zu ſeinen Füßen ſitzen ſah, die Augen voll Liebe zu ihm aufgeſchlagen. Dennoch hatte er ſie ſchon auf den erſten Blick verändert gefunden; ihre Wange war dünner, ihre Farbe abgeblaßt. Das konnte von ihrem Gram um ihn kommen. Jetzt, da ihre zärtliche Angſt gehoben war, mußte ſie wieder ſie ſelbſt werden. Aber ſie wurde nicht wieder ſie ſelbſt. Die ſchalkhafte heitere Sophy, die er verlaſſen hatte, war verſchwunden, als ſollte ſte nie wiederkehren. Er bemerkte, daß ihr einſt ſo hüpfender Tritt langſam und leblos geworden war. Oft wenn ſie ſcheinbar leſend oder arbeitend neben ihm ſaß, gewahrte er, daß ihre Augen nicht auf dem Blatt weilten, daß die Arbeit plötzlich in verdroſſenen Händen ruhte; und dann konnte er ſie ſeufzen hören— ein ſchwerer, aber kürzer, ungeduldiger Seufzer. Ueber dieſen Seufzer vermochte ſich, wer Kummer ſtudirt hatte, nicht zu täuſchen. Ob bei einem Mädchen oder einem Mann, bei Jung oder Alt, bei der ſanften Sophy, die im Leben noch ſo unerfahren, oder bei dem hochmüthigen Darrell, welcher der Welt müde war und vor ihren Ehren zurückſchau⸗ derte— dieſer Seufzer hatte denſelben Charakter, ein gleiches Krank⸗ heitsſymptom gemeinſchaftlich; dieſelbe Anſtrengung das Herz von einer drückenden Laſt zu befreien; daſſelbe Zeichen einer herben qual⸗ vollen Erinnerung, tief ſitzend in dem feinſten Nervengewebe des Seins, wo kein ſchmerzſtillendes Mittel wirken kann— ein Schmerz, der ohne ſichtbare Urſache kommt und den man ohne ſelbſtbewußte An⸗ ſtrengung zu vertreiben ſucht. Der alte Mann fürchtete zuerſt, ſie möchte auf die eine oder an⸗ dere Art während ſeiner Abweſenheit von dem Brandmal auf ſeinem eigenen Namen, von dem Urtheilsſpruch, der ſeinen Ruf geſchwärzt und ihn aus ſeiner natürlichen Sphäre getrieben, gehört, oder ſie möchte jetzt, da ihre Vernunft allmälig gereift war, bei dem Gedanken an das ganze Geheimniß, das ihn umgab, an ſeine Incognitos, ſeine Verſtecke, die Abſtände zwiſchen ſeinem geſellſchaftlichen Grad und ſeiner Erziehung oder Haltung, ſowie an ſeine wiederholten Zugeſtänd⸗ niſſe, daß Anklagen gegen ihn vorliegen, die ihn nöthigen ſich zu ver⸗ ſtecken, und von denen er auf Erden nie gereinigt werden könne; ſie — 2 —6—,— — ͤ—?p S moͤchte beim Gedanken an all dieſe Beweiſe zu ſeinen Ungunſten ent⸗ weder heimlich in ihre Bruſt eine Ueberzeugung von ſeiner Schuld aufgenommen, oder bei ihrem Heranwachſen zum Weib gefühlt haben, daß durch ihn die Schande auch auf ſie falle. Oder wenn dieß nicht die Urſachen ihrer Traurigkeit waren, hatte ſie vielleicht mehr von den Schlechtigkeiten ihres Vaters erfahren, hatte irgend ein Emiſſär von Jaſper auf ihre Empfindlichkeit oder ihre Befürchtungen eingewirkt? Nein, dieß konnte nicht der Fall ſeyn, denn, wie auch Jaſper ſeine Vermuthung, daß Sophy bei Lady Montfort ſey, begründet haben mochte, ſo hatte doch er ſelbſt offenbar an der Richtigkeit dieſer Ver⸗ muthung gezweifelt, denn warum würde er ſonſt Waife ſo angelegent⸗ lich ausgefragt haben? Hatte ſie erfahren, daß ſie die Enkelin und natürliche Erbin eines reichen und berühmten Mannes, eines Hauptes unter den Häuptern Englands war, der ſie mit Verachtung zurück⸗ ſtieß? Härmte ſie ſich um eine wahre Stellung? oder fühlte ſie ſich gekränkt durch die Verſchmähung eines Verwandten, deſſen Rang ſo ſtark mit dem Vagabundenthum des Großvaters contraſtirte, von wel⸗ chem ſie allein anerkannt wurde? Von dieſen Zweifeln gequält, war er unfähig, ſie durch ſolche behutſame und delikate Fragen zu löſen, wie er an Sophy ſelbſt rich⸗ tete, denn wenn er ſtammelnd fragte, was ſeinem Liebling fehle, ſo ſprang ſie auf, erheiterte ihr Geſicht für einen Augenblick, antwortete: Nichts mehr, nachdem er jetzt zurückgekommen ſey, küßte ihn auf die Stirne, ſpielte mit Sir Iſaak und ſchlich ſich dann verſtohlen hinaus. Aber am Tag vor dieſem, wo wir ihn jetzt allein ſehen, hatte er ſie plötzlich gefragt, ob während ſeiner Abweſenheit irgend Jemand außer George Morley zu Lady Montfort gekommen ſey— irgend Jemand, den ſie geſehen habe? Und Sophys Wange war ſo plötzlich carminroth, dann todesblaß geworden; und zuerſt ſagte ſie„Nein“ und dann„Ja“, und nach einer Pauſe fügte ſie, von ihm wegblickend, hinzu:„Der junge Gentleman, der— der uns zum Ankauf von Sir Iſaak verhalf; er hat Lady Montfort beſucht, iſt mit einer ihr theuer befreundeten Perſon verwandt.“ „Was, der Maler?“ „Nein— der Andere mit den dunkeln Augen.“ „Haughton!“ ſagte Waife mit einem Ausdruck großen Kummers in ſeinem Geſichte. „Ja— Mr. Haughton; aber er iſt lange lange nicht hier geweſen. Er wird nicht wieder kommen, glaube ich.“ Ihre Stimme zitterte trotz ihrer Anſtrengung bei den letzten Worten, und ſie begann ſich im Zimmer umher zu beſchäftigen— ſtopfte Waifes Pfeife, ſteckte ſie ihm in die Hand mit einem Lachen, deſſen falſche Heiterkeit ihm tief zu Herzen drang, dann trat ſie aus dem oſſenen Fenſter in das Gärtchen hinaus und begann eines von den einfachen alten Lieblingsliedern Waifes zu ſingen; aber bevor ſie die erſte Zeile herausgebracht hatte, hörte der Geſang auf, und ſie ging ſeinen Blicken verloren, wie eine Ringeltaube, deren Töne ſo ſchnell in dem undurchdringlichen Dickicht kommen und vergehen. Aber Waife hatte genug gehört, um tiefe Beſorgniß für Sophys Seelenfrieden zu rechtfertigen und in ſeinem eigenen Herzen eine ſei⸗ ner peinlichſten Erinnerungen wach zu rufen. Der Leſer, welcher das Herzeleid kennt, das Lionel Haughtons Vater unſerm William Loſely an⸗ gethan, und wodurch er alles ſpätere Mißgeſchick des armen Willy her⸗ beigeführt hatte, kann begreifen, daß ſchon der Name Haughton ſein Ohr verletzte; und als bei ſeinem kurzen einſamen und bittern Ge⸗ ſpräch mit Darrell der Letztere die Worte hatte fallen laſſen, daß Lionel Haughton, obſchon nur ein entfernter Verwandter, ihm ein an⸗ genehmerer Erbe ſeyn würde als die Enkelin eines überführten Ver⸗ brechers— wenn da Willys ſanfte Natur einen augenblicklichen Haß hätte zulaſſen können, ſo wäre es gegen den auf ſolche Art geprieſenen Sohn des Mannes geweſen, der ihm die beſcheidene Habe geraubt, womit er vielleicht ſein eigenes Kind vor dem Verbrechen des Dieb⸗ ſtahls und ſich⸗ſelbſt vor der Verurtheilung als Dieb geſchützt haben 113 würde. Der Leſer wird daher ſchon lang begriffen haben, warum, als Waife Sophy am Fluß abholte und im Wirthshaus daneben erfahren hatte, daß der Name ihres jüngeren Begleiters Lionel Haughton ſey, warum er, ſage ich, ſo mürriſch von dem Knaben weggelaufen war und ſo gebieteriſch Sophy aufgefordert hatte, allen Gedanken an ein weiteres Zuſammentreffen mit dem„hübſchen jungen Gentleman“ zu entſagen. Und nun ſollte wieder gerade dieſer Lionel Haughton ſich in die Zufluchtsſtättte geſchlichen haben, wo der arme Waife ſeinen Schatz ſo ſicher geborgen glaubte! War er darum geflohen? Mußte er bei ſeiner Rückkehr ihre Jugend vernichtet, ihre Neigungen ihm ſelbſt durch Charles Haughtons Sohn entwendet finden? Der Vater hatte ſein Mannesalter um ſeine Unabhängigkeit betrogen; mußte es der Sohn ſeyn, der ſeinem Greiſenalter ſeinen einzigen Troſt raubte? Selbſt zugegeben, daß Lionel Sophys würdig war— zugegeben, daß er in allen Treuen und Ehren um ſie warb, mußte nicht dieſe Neigung fruchtlos ſeyn oder gar Unheil bringen? Wenn Lionel wirklich jetzt von Darrell adoptirt wurde, ſo kannte Waife die menſchliche Natur zu gut, um zu glauben, daß Darrell es wohlgefällig anhören würde, wenn Lionel eine Perſon zum Weib begehrte, deren Anſprüche auf Ab⸗ ſtammung von ihm ſein Leben ſo verbittert und ſeinen Zorn ſo heftig aufgeregt hatten. Während er in dieſe martervollen Betrachtungen verſunken daſaß, war Lady Montfort(wenige Minuten, nachdem Sophys Geſang aufgehört hatte und ihre Geſtalt entſchwunden war) zu ihm gekommen, und nun beſtürmte er ſie ſogleich mit unruhevollen Fragen— wann Mr. Haughton zum erſten Mal gekommen ſey?— wie oft er Sophy geſehen habe?— was zwiſchen ihnen vorgefallen ſey?— ob Lady Montfort nicht geſehen habe, daß ſeinem Liebling das Herz breche? Aber ſo ſchnell er ſich in dieſes dornige Labyrinth von Fragen geſtürzt hatte, eben ſo ſchnell that er ſich Einhalt; denn als er flehend in Caroline Montforts Geſicht ſchaute, erblickte er darin zuverläßigere Zeichen eines brechenden Herzens, als Sophy trotz ihrer Bläſſe und ihrer Seufzer bis jetzt verrathen hatte. Traurig in der That war die Veränderung auf ihrem Geſicht, ſeit er den Platz vor Monaten ver⸗ laſſen, obſchon Waife, der ſich einzig und allein mit Sophy beſchäftigte, nicht viel bemerkt hatte, bis er jetzt darin Geheimniſſe zu leſen ſuchte, die ſeines Lieblings Wohlfahrt betrafen. Lady Montforts Schönheit war ſo vollkommen in jener ſeltenen Harmonie der Züge, welche Poeten ſchon vor Byron mit Muſik verglichen haben, daß Kummer die Wirkung dieſer Schönheit auf das Auge eben ſo wenig verderben konnte, als das Pathos die Wirkung der Muſik auf das Ohr verderben kann. Aber die Veränderung in ihrem Geſicht ſchien von einem Kummer herzurühren, der alle irdiſche Hoffnung verloren hat. Waife hörte daher auf mit Fragen, die den Ton von Vorwürfen an⸗ nahmen, und murmelte unwillkührlich: Verzeiht! Nun erzählte ihm Caroline Montfort all die zärtlichen Pläne, welche ſie für das Glück ſeiner Enkelin entworfen hatte— wie ſie, als ſie Lionel ſo uneigennützig gefunden, in ihm den providentiellen Agenten zu erblicken gemeint, der Sophy in die Stellung einführen ſollte, zu welcher Waife ſie zu erheben gewünſcht hatte; Lionel ſollte mit ihr das Erbe theilen, um welches er ſie auf andere Weiſe berauben könnte— Beide ſollten die vereinigte Quelle von Freude und Stolz für den kinderloſen Mann werden, der jetzt den Einen begünſtigte, um die Andere auszuſchließen. Auch der abweſende Wanderer war bei dieſen Plänen nicht vergeſſen worden. Nein; konnten nur einmal Sophys Tugenden Darrell vor Augen geführt und ihre angebliche Geburt von ihm anerkannt werden— konnte der Hüter, der, indem er dieſe Tugenden pflegte, um an Darrells Herd zu erblühen, einen zwar gegen Verrath unbarmherzigen, aber für den geringſten Dienſt dank⸗ baren Mann aufs Tieſſte verpflichtet hatte— konnte dieſer Hüter den Glauben an ſeine Unſchuld rechtfertigen, welchen George Morley immer und, wie es ſich jetzt zeigte, mit Recht feſtgehalten hatte— wo in aller Welt war denn ein Mann wie Guy Darrell, der William 115 Loſelys befleckte Ehre wiederherſtellen, oder von welchem William Loſely innige Freundſchaft und unabhängigen Wohlſtand mit ſo un⸗ beſtreitbarem Recht auf Beide annehmen konnte! Solcher Art war das Gemälde geweſen, das die liebevolle und ſanguiniſche Einbildungs⸗ kraft von Caroline Montfort aus großherziger Hoffnung entworfen und mit zärtlichen Phantaſien gefärbt hatte. Aber ach, welche Luft⸗ ſchlöſſer! Alles hatte fehlgeſchlagen. Sie hatte blos ſich ſelbſt zu tadeln. Statt Sophys Wohlfahrt ſicher zu ſtellen, hatte ſie Sophys Glück in Gefahr gebracht. Diejenigen, welche ſie zu vereinigen ge⸗ wünſcht hatte, waren unwiderruflich getrennt. Bitter klagte ſie ſich ſelbſt an— ihren Irrthum, daß ſie ſich ſo ſehr auf Lionels Einfluß bei Darrell, auf ihre eigenen Jugenderinnerungen an Darrells lieb⸗ reiche Natur und die ungemeinen Sympathien, die er ihr als Mädchen a gewidmet, verlaſſen und in Folge deß geduldet hatte, daß Lionel und Sophy bei ihren beiderſeitigen einnehmenden Charakteren mit einander vertraut geworden waren und kindliche Romantik zu einem reiferen Gefühl getrieben hatten. Sie ſprach, obſchon nur kurz, von ihrem Beſuch bei Darrell und ſeinem ſchlechten Erfolge— von den wenigen Briefen, die ſeitdem zwiſchen ihr und Lionel gewechſelt worden ſeyen, und worin man ſich dahin verſtändigt habe, daß er keine Abſchieds⸗ beſprechung mit Sophy ſuchen ſolle. Er hatte Sophy keinen förm⸗ lichen Heirathsantrag gemacht— ſie hatten keine Liebesgelübde aus⸗ getauſcht. Deßhalb wäre es blos eine entehrende Grauſamkeit gegen ſie zu ſagen:„Ich komme Euch zu erklären, daß ich Euch liebe und daß wir für immer ſcheiden müſſen.“ Und wie den Grund geſtehen— dieſen Grund, der ſie bis in den Staub demüthigen mußte? Es war Lionel verboten eine Perſon zu heirathen, die Jaſper Loſely Tochter nannte, und die der Hüter, welchen ſie ſo innig verehrte, für ſeine Enkelin hielt. Der ganze Troſt, welchen Lady Montfort vorbringen konnte, beſtand darin, daß Sophy ſo jung ſey, um ein vielleicht blos mädchenhaft romantiſches oder, ſelbſt wenn eine ernſthaftere Neigung Bulwer, was wird er damit machen? VII. 9 ₰ 116 zu Grunde liege, jedenfalls noch nicht durch Verlöbniß feſtgekittetes Gefühl für einen Jüngling überwinden zu können, den ſie wohl Jahre lang nicht mehr ſehen werde, denn Lionel betrieb ſeine Verſetzung zu einem Regiment im aktiven Dienſt.„Mittlerweile,“ ſagte Lady Montfort,„werde ich nicht wieder heirathen. Ich werde es bekannt machen, daß ich Eure Sophy als meine Adoptivtochter betrachte. Wenn ich nicht lange genug lebe, um von einem Einkommen, das meine Bedürfniſſe um mehr als das Dreifache überſteigt, die genügende Summe für ſie zu erſparen, ſo habe ich meine Advokaten dahin in⸗ ſtruirt, daß ſie mein Leben zu Sophys Gunſten verſichern ſollen; dieß wird eine ſchöne Summe geben. Mancher Freier, einnehmend wie Lionel und frei von den Bedenklichkeiten, die ſeine Wahl feſſeln, wird aſtolz ſeyn zu den Füßen einer ſo lieblichen Perſon zu knien. Dieſer mein Rang, der mir noch nie Freude gewährt hat, wird jetzt von Werth, denn er wird Würde verleihen der— Tochter Matildas und—“ Lady Montfort ſchluchzte. Waife lauſchte ehrerbietig und war für dießmal getröſtet. Er freute ſich, daß Lionel Haughton für die Dauer von Sophy getrennt wurde. Es gab auf Erden kaum einen Mann von ſchöner Stellung und Reputation, welchem er Sophy mit ſo herbem Schmerz übergeben haben würde, wie dem Sohne Charles Haughtons. Die armen jungen Liebenden! Alle Sterne ſchienen gegen ſie verſchworen! War es nicht genug, daß Guy Darrell ſich ſo verhärtet zeigte? mußte auch der ſanſtherzige William Loſely unglückbringend auf ihr Horoſcop einwirken?. Aber als der alte Mann an demſelben Abend mit ängſtlicherer Aufmerkſamkeit denn je ſeine Enkelin beobachtete, da verſchwand ſein Troſt— trübe Ahnungen kamen über ihn, er gewann die Ueberzeugung, daß der tödtliche Pfeil in der Wunde abgebrochen ſey und daß das Herz innerlich blute. Wahrlich nicht ohne prophetiſche Einſicht hatte Arabella Crane zu dem ſich abhärmenden, aber entſchloſſenen ſtillen Kinde hinter Mr. Rugges Couliſſen geſagt:„Wie werdet Ihr eines Tags lieben!“ Dieſe ganze Nacht lag Waife ſchlaflos da, all die wunderbar reichen Hilfsmittel ſeines erfindſamen Gehirns hin und her erwägend, nach allen Seiten drehend und erſchöpfend. Vergebens! Und nun(am Tag nach dieſer Beſprechung mit Lady Montfort, deren Unpäßlichkeit ihn betrübt, aber nicht überraſcht) nun, wie er daſitzt und denkt, in den fernen blaſſen Winterhimmel ſtarrend, nun ſinnt der alte Mann fortwährend darauf, wie er ein liebendes Menſchen⸗ herz mit dem ewigen Verluſt der Neigung verſöhnen ſoll, die ſo viele vergängliche Conterfeie hat, die aber, wenn ſie in allen ihren Ele⸗ menten wahr, in all ihrem mannigfachen Reichthum des Gefühls voll⸗ ſtändig iſt, niemals vergeſſen und niemals erſetzt werden kann. Zweites Kapitel. Ein den Manen dargebrachtes Opfer. Drei Seiten von Waifes Häuschen lagen auf Lady Montforts Gut; die vierte Seite mit ihrem mehr öffentlichen Eingang grenzte an den Weg. Jetzt, als er ſo daſaß, wurde er durch ein leiſes ſchüch⸗ ternes Geklingel an der Thüre gegen den Weg zu aufgeſchreckt. Wer konnte es ſeyn?— doch nicht Jaſper! Er begann zu zittern. Das Ge⸗ klingel wiederholte ſich. Eine Dienerin bildete ſeinen ganzen Hausſtand. Er hörte ſie die Thüre öffnen— hörte eine leiſe Stimme; es ſchien eine ſanfte friſche junge Stimme zu ſeyn. Seine Zimmerthüre öffnete ſich, und die Magd, welche den Beſucher natürlich von Geſicht und Namen kannte, da ſie ihn oft mit Lady Montfort und Sophy auf dem Gut bemerkt hatte, ſagte in heiterem Tone, als brächte ſie frohe Bot⸗ ſchaft:„Mr. Lionel Haughton!“ . 9 2 24 118 Kaum war die Thüre zugemacht, kaum war der junge Mann im Zimmer, als Lionel mit all ſeiner einnehmenden leidenſchaftlichen Treuherzigkeit Waifes widerſtrebende Hand in die ſeinigen gedrückt und mit thränenden Augen und ſchluchzender Stimme Sätze hervor⸗ geſtoßen hatte, die ſo loſe mit einander verknüpft waren, daß ſie bei⸗ nahe unzuſammenhängend ſchienen;— bald ein Erguß der Beglück⸗ wünſchung— bald ein Stammeln des Beileids— bald Worte, die, gleichſam wegen einer Beleidigung von ſeiner Seite, um Verzeihung zu flehen ſchienen— raſche Uebergänge von Enthuſiasmus zu Mitleid — von Freude zu Kummer— veränderlich mit dem ſtürmiſchen April einer jungen friſchen herzlichen Natur. Auf ſolche Art gänzlich überrumpelt, bemühte ſich Waife ver⸗ gebens kalt und fern zu erſcheinen, und da er nur ſehr unklar begriff, was der unwillkommene Gaſt ſo verworren ausdrückte, ſo ſuchte er, als er endlich ſeine Stimme fand, Lionels ungeſtüme Gemüthsbe⸗ wegungen in ihrem heftigen Erguß zu unterbrechen, und ſagte ſo trocken als möglich:„Ich vermag in der That alles Das, was Glück⸗ wünſche gegen mich und Vorwürfe gegen Euch vorzuſtellen ſcheint, nicht zu begreifen, Mr.— Mr. Haught.-— z“ ſeine Lippen konnten den widerlichen Namen nicht vollenden. „Mein Name empört Euch— kein Wunder,“ ſagte Lionel, tief gekränkt und ſein Haupt beugend, indem er langſam die Hand des alten Mannes fahren ließ.„Vorwürfe gegen mich ſelbſt!— Ach, Sir, ich bin hier als Charles Haughtons Sohn!“ „Was!“ rief Waife,„Ihr wißt? Wie konntet Ihr erfahren, daß Charles Haughton—“ Lionel(unterbrechend).—„Ich weiß! Seine eigenen Lippen bekannten ſeine Scham darüber, daß er Euch ſo ſchweres Leid zu⸗ gefügt.“* Waife.—„Wem hat er es bekannt?“ Lionel.—„Alban Morley. Glaubt mir, meines Vaters Reue 119 iſt bitter; ſie ſtirbt nicht in ſeinem Grab, ſie lebt in mir. Ich habe mich ſo innig geſehnt mit William Loſely zuſammenzutreffen.“ Waife ſetzte ſich ſchweigend, indem er ſein Geſicht mit der einen Hand beſchattete, während er mit der andern eine kurze Bewegung machte, als wollte er weitere Anſpielungen auf altes Leid entmuthigen oder abwehren. Lionel fuhr raſch und in beſſerem Zuſammenhang alſo fort: „Ich komme ſo eben von Mr. Darrell, bei welchem ich und Oberſt Morley(hier verdüſterte und trübte ſich Lionels Geſicht) uns einige Tage aufgehalten haben. Vor zwei Tagen erhielt ich dieſen Brief von George Morley, der mir aus London zugeſchickt wurde. Er lautet— laßt mich ihn vorleſen— Ihr werdet mit Vergnügen ver⸗ nehmen, daß unſer lieber Waife— verzeiht dieſen Namen.“ „Ich habe keinen andern— fahret fort.“ „Wieder bei ſeiner Enkelin iſt.(Hier ſeufzte Lionel ſchwer— ein Seufzer wie Sophys ihre.) Mit noch größerer Freude werdet Ihr vernehmen, daß es dem Himmel gefallen hat, mich und einen andern Zeugen, der ſich vor einigen Jahren verleiten ließ, den Stab über Waife zu brechen, in den Stand zu ſetzen, daß wir ein unverwerfliches Zeugniß für die vollſtändige Unſchuld meines geliebten Freundes aus⸗ ſtellen können; ja, noch mehr— ich ſage Euch auſs Feierlichſte, daß in Allem, was für ſein Verbrechen zu zeugen ſchien, eine Tugend zu Tag gekommen iſt, welche Mr. Darrell, wenn er ſie erführe, veran⸗ laſſen würde, ſich in Ehrfurcht vor dieſem alten Manne zu beugen. Saget dieß Mr. Darrell von mir und füget hinzu, daß ich damit meine Ueberzeugung von ſeiner eigenen bewundernden Sympathie für alles Edle und Heroiſche ausdrücke.“ „Zu viel— das iſt zu viel, zu viel,“ ſtammelte Waife, indem er ſich unruhig wegwandte;„aber— aber, Ihr legt den Brief wieder zuſammen. Das iſt Alles?— Er ſagt nicht mehr? er erwähnt Niemand ſonſt?— He— he?“ „Nein, Sir; das iſt Alles.“ 120 „Gott ſey Dank! Er iſt ein ehrenwerther Mann! Dennoch hat er mehr geſagt als er ſollte— weit mehr als er beweiſen kann oder als ich—“ Er brach ab und fragte ſchnell:„Wie nahm Mr. Darrell dieſe Behauptungen auf? mit einem unglaubigen Lachen— he? Ei, der alte Schurke hatte ſich ja ſchuldig bekannt P „Sir, Alban Morley war da und ſprach von dem William Lo⸗ ſely, den er gekannt hatte; er erklärte aus Thatſachen, die er zur Zeit geſammelt hatte, welcher Art die Beweiſe waren, die nicht vorge⸗ bracht worden. Den Grund, der Euch veranlaßte, Euch als ſchuldig zu bekennen, hatte ich ſchon lange errathen; er wurde Guy Darrell augenblicklich klar; bei ihm war es keine bloße Vermuthung. Ihr fraget mich, was er ſagte? Das: Eine große Natur! George hat Recht! und ich beuge mein Haupt in Ehrfurcht.“ „Er ſagte das?— Guy Darrell? Bei Eurer Ehre, er ſagte das?“ „Könnt Ihr daran zweifeln? Iſt er nicht ein Gentleman?“ Waife war gänzlich überwältigt. „Aber, Sir,“ fuhr Lionel fort,„ich darf Euch nicht verhehlen, daß, obſchon Georges Brief und Alban Morleys Mittheilungen ge⸗ nügten, um Darrell ohne weitere Fragen zu befriedigen, Euer alter Freund natürlich einen vollſtändigeren Bericht wünſchte, in der Hoff⸗ nung Eure Unſchuld gerichtlich beweiſen zu können. Er ließ daher an ſeinen Neffen telegraphiſch die Bitte ergehen, er möchte ſogleich nach Fawley kommen. George traf geſtern dort ein. Tadelt ihn nicht darum, Sir, daß wir ſein Geheimniß theilen.“ „Ihr wißt es? gütiger Himmel! Und dieſer Advokat wird auch barbariſch genug ſeyn; doch nein— er hat ein Intereſſe dabei den Mann ſeiner Tochter nicht mitternächtlichen Diebſtahls anzuklagen; Jaſpers Geheimniß iſt ſicher bei ihm. Und Oberſt Morley— ſicher⸗ lich wird ſein grauſamer Neffe ihm nicht geſtatten, daß er mich— mich, der ich ſchon mit einem Fuß im Grabe ſtehe, als Zeugen gegen meiner Lizzy Sohn aufruft.“ „Oberſt Morley kam auf Darrells Eingebung mit mir nach ———— 4 121 mich nicht zu Euch begleitete, ſo geſchah es, weil er eben jetzt beſchäftigt iſt, Euern Sohn aufzufinden, nicht um den Zweck Eurer Selbſtaufopferung zu vernichten, ſondern um ihn zu vervollſtändigen. Alle andern Rückſichten, ſagte Guy Darrell, rmüſſen ſchwinden vor dem einzigen Gedanken, daß ein ſolcher Vater nicht vergebens Märtyrer geweſen ſeyn darf. Oberſt Morley iſt be⸗ vollmächtigt mit Eurem Sohn unter allen Bedingungen zu unterhan⸗ deln; nur muß dafür geſorgt werden, daß der Reſt ſeines Lebens Euch keinen weiteren Kummer, keine weitere Furcht bereiten ſolle. Dieß iſt der einzige Gebrauch, welchen wir ohne Eure Einwilligung von dem Geheimniß zu machen wagten, das wir in Erfahrung gebracht haben. Verzeihet Ihr jetzt George?“ Waifes Lippen murmelten unhörbar, aber ſein Geſicht wurde ganz ſtrahlend, und als er es wieder erhob, da hörte Lionel einen Namen flüſtern— es war nicht„Jaſper“, ſondern es war„Lizzy“. „Ach, warum,“ ſagte Lionel traurig und nach einer kurzen Pauſe, „warum war es mir nicht geſtattet, der Einzige zu ſeyn, der Eure Un⸗ ſchuld ans Tageslicht und Euern Namen wieder zu Ehren brachte! Habe ich doch eine ſo ungeheure erbliche Schuld an Euch abzutragen! Und nun— lieber, lieber Mr. Loſely—“ „Still! Waife!— Nennt mich immer und überall Waife.“ „Gern! Dieß iſt der Name, unter welchem ich mich gewöhnt habe Euch zu lieben. Nun höret mich an. Ich bin entehrt, bis wenigſtens die bloße pekuniäre Schuld, die mein Vater an Euch hatte, bezahlt iſt. Still, ſtill!— Alban Morley ſagt es— Darrell ſagt es. Darrell ſagt, er könne mich nicht als Verwandten anerkennen, bis dieſe Schuld getilgt ſey. Darrell leiht mir die Mittel dazu; er würde die Schmach ſeines Verwandten theilen, wenn er es nicht thäte. Ehe ich es noch wagen konnte, hieher zu kommen, wurde die Summe, die mein Vater Euch ſchuldete, zurückbezahlt. Ich eilte geſtern Abend in die Stadt— ich ging zu Mr. Darrells Anwalt. Ich habe mir eine große Freiheit herausgenommen— ich habe dieſe Summe bereits London; und wenn er 122 zum Ankauf einer Leibrente für Euch angelegt. Mr. Darrells Anwalt hatte einen Clienten, der die Euch ſchuldige Summe augenblicklich bedurfte; da er nun ſein Gut nicht für die Dauer mit Pfändern be⸗ laſten wollte, ſo erbot er ſich in Form einer Jahresrente einen größern Zins zu bezahlen, als man auf öffentlichen Bureaux ſonſt erhalten würde— es iſt eine vortreffliche, in Grundbeſitz angelegte Sicherheit. Der Anwalt ſagte, es wäre Schade, wenn man die Gelegenheit hin- ausließe, und ſo wagte ich für Euch zu handeln. Dieſen Morgen wurde Alles ins Reine gebracht. Die näheren Beſtimmungen ſind in dieſem Papier enthalten, das ich bei Euch zurücklaſſen werde. Natürlich iſt die Euch ſchuldige Summe nicht genau dieſelbe, die mein Vater ſchon vor meiner Geburt von Euch entlehnte. Es ſind die Zinſen und Zinſeszinſen dazu gekommen; mehr aber nicht. Ich ver⸗ ſtehe mich nicht auf ſolche Dinge; Darrells Anwalt macht die Berech⸗ nung— ſie muß richtig ſeyn.“ Waife hatte das Papier genommen, aber nachdem er es durch⸗ geſehen, ließ er es beſchämt, verblüfft fallen. Die geliehenen Hun⸗ derte waren jetzt zu all dieſen Tauſenden angeſchwollen, die man ihm zurückbezahlte! Und Alles methodiſch— zierlich— arithmetiſch be⸗ rechnet bis auf die Brüche, ſo daß jeder Heller ſein rechtliches Gut⸗ haben zu ſeyn ſchien und in der That war. Und dieſe Summe in eine Jahresrente von 500 Pfund verwandelt, ein Einkommen, das dem armen Gentleman Waife prinzlich erſchien. „Es iſt eine ganz geſchäftsmäßige Berechnung, ſage ich Euch, Sir; Alles von einem Anwalt aufgeſetzt. Es iſt wirklich ſo,“ rief Lionel, erſchrocken über Waifes Blick und Geberde.„Die Zinſes⸗ zinſen machen einen Betrag aus, der auf den erſten Blick bedeutend erſcheint; jedes Kind weiß das. Ihr kennt Cocker, die Berechnungs⸗ tafeln und alle dieſe Dinge nicht wegleugnen. William Loſely, Ihr könnt nicht eine ewige Laſt der Schande auf dem Haupte von Charles Haughtons Sohn laſſen!“ „Armer Charlie Haughton!“ murmelte Waife.„Und ich war ö——öaööͤa——————E .. 8 bitter geſtimmt gegen ſein Gedächtniß— bitter gegen ſeinen Sohn. Wie liebt es der Himmel uns die Ungerechtigkeit einſehen zu lehren, die im Zorne liegt! Aber— aber— dieß kann nicht ſeyn. Ich danke Mr. Darrell in aller Demuth— ich kann ſein Geld nicht nehmen.“ „Es iſt nicht ſein Geld, ſondern das meinige; er ſtreckt es mir . nur vor. Es koſtet ihn in Wirklichkeit Nichts, denn er zieht die Rente von 500 Pfund von dem Jahrgeld ab, das er mir ausſetzt. b uUnd ich bedarf keiner ſolchen abſurden Summe, wie ich ſie hatte, bevor ich aus der Garde in die Linie trat— ich gedenke nämlich jetzt im Ernſt Soldat zu werden. Zu viel Taſchengeld verderbt einen Soldaten— bringt Einen blos in Klemmen. Alban Morley ſagt daſſelbe. Auch Darrell ſagt: Ganz recht, kein Geld könnte einen Hochgenuß erkaufen, welcher der Bezahlung einer väterlichen Schuld gleichkäme. Ihr könnt mir dieſen Hochgenuß nicht mißgonnen— Ihr wagt es nicht!— Warum? weil Ihr ein rechtſchaffener Mann ſeyd.“ „Sachte, ſachte, ſachte,“ verſetzte Waife.„Laßt mich Euch an⸗ ſchauen. Sprecht jetzt nicht von Geld— laßt uns nicht an Geld denken! Wie Ihr Eurem Vater gleichet! Er iſt es, er iſt es, den ich hier vor mir ſehe! Charlies freundliche ſtrahlende heitere Augen 8½ — die einen finſtern Conſtabler vom Wege der Pflicht hätten ver⸗ 8 4 locken können. Ach! und auch Charlies glückliches Lachen beim un⸗ bedeutendſten Scherz! Aber dieß da iſt nicht von Charlie— es iſt ganz Euch eigen(mit zartem Finger Lionels breite ehrliche Stirne 3 berührend). Armer Charlie, er hatte Kummer— Ihr habt Recht— ich erinnere mich.“ „Sir, ſagte Lionel, der jetzt vor Waifes Stuhl, auf einem Knie lag,„Sir, ich habe noch nie einen Menſchen um ſeinen Segen ge⸗ beten— nicht einmal Guy Darrell. Wollt Ihr Eure Hand auf 1 mein Haupt legen? Und oh! moge in der myſtiſchen Welt jenſeits —— 8—— von uns irgend ein Engel Charles Haughton ſagen, daß William Loſely ſeinen Sohn geſegnet hat!“ Feierlich, aber mit tiefer Demuth— die eine Hand auf der Bibel neben ihm, die andere auf dem geſenkten Haupt des jungen Kriegers— ſegnete William Loſely den Sohn Charles Haughtons— dann öffneten ſich ſeine Arme unwillkürlich, und auf den Segen folgte eine herzliche Umſchließung.“ E. Wytton Bulwer's ſämmtliche Nomane. Aus dem Engliſchen. Hundert vierter und hundert fünfter Theil. SSo⸗ Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. Achter und neunter Theil. 9 Stuttgart Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. ———-— ————— *. Was wird er damit machenrnn: von *——. Piſiſtratus Caxton. —— If Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Aus dem Engliſchen von Dr. Gottlob Fink. Achter und neunter Theil. SO 4 Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1859. 4 —-————r Drittes Kapitel.. Nichts ſo hartnäckig wie eines jungen Mannes Hoffnung; Nichts ſo beredt wie eines Liebhabers Zunge. Bisher war auf Sophy kein Bezug genommen worden. Nicht Sophys Liebhaber, ſondern Charles Haughtons Sohn hatte vor Waife gekniet und den Segen des alten Mannes empfangen. Aber Waife konnte ſeinen Liebling und ſeine Angſt um denſelben nicht lange ver⸗ geſſen. Der Ausdruck ſeines veränderlichen Geſichtes wechſelte plötz⸗ lich. Vor nicht ganz einer halben Stunde war Lionel Haughton der letzte Mann in der Welt, dem er ſeine Enkelin gerne anvertraut hätte. Jetzt wäre unter allen Männern in der Welt Lionel Haughton ſeine Wahl geweſen. Er ſeufzte ſchwer; er begriff aus ſeinen eigenen veränderten Gefühlen, welche zärtliche und tiefe Neigung Lionel Haugh⸗ ton einem ſo friſchen und an den empfangenen Eindrücken ſo feſthal⸗ tenden Herzen wie Sophy einflößen konnte. Aber ſie waren für immer getrennt; Sophy ſollte ihn ſogar nicht einmal mehr ſehen. Unbehag⸗ lich blickte Waife nach dem offenen Fenſter— dann erhob er ſich un⸗ willkürlich, ſchloß es und zog den Vorhang herab. „Ihr müßt jetzt gehen, junger Gentleman,“ iipis er beinahe V unfreundlich. Der klare Liebhabersblick Lionels errieth, warum der Vorhang herabgezogen und der Abſchied ſo plötzlich gegeben wurde. „Gebt mir Eure Adreſſe,“ ſagte Waife;„ich will Euch wegen ———— ꝛ—— -—— 85—— bitte.“ dieſes Papiers da ſchreiben. Bleibt jetzt nicht länger— bitte— „Fürchtet Nichts, Sir. Ich bleibe hier nicht mit dem Wunſch ſie zu ſehen.“ Waife ſchaute zur Erde. „Ehe ich die Magd erſuchte mich anzumelden, gebrauchte ich die Vorſicht mich zu erkundigen, ob Ihr allein ſeyet. Aber nur noch wenige Worte— höret ſie mit Geduld an. Habt Ihr irgend einen Beweis, der Mr. Darrell überzeugen könnte, daß Eure Sophy ſeiner Tochter Kind ſey?“ „Ich habe Jaſpers Verſicherung, daß ſie es ſey, und die Abſchrift von der Ausſage der Amme, die daſſelbe behauptet. Sie genügten mir. Ich würde Mr. Darrell nicht erſucht haben ſich eben ſo leicht zu begnügen: ich hätte ihn nur erſuchen können Erkundigungen ein⸗ zuziehen und ſich Gewißheit zu verſchaffen. Aber er würde mich nicht einmal anhören.“ „Er wird Euch jetzt hören und zwar mit Ehrerbietung.“ „Er wird!“ rief Waife erfreut.„Und wenn er Nachforſchungen anſtellte, und wenn es ſich erwieſe, daß Sophy, wie ich immer ge⸗ glaubt habe, ſeiner Tochter Kind iſt, würde er ſie dann nicht aner⸗ kennen, aufnehmen und liebgewinnen?“ „Ach, Sir, ich möchte Euch keinen Schmnerz bereiten, aber das iſt nicht meine Hoffnung. Wenn es ſich nur erwieſe, daß Euer Sohn Euch getäuſcht hat— daß Sophy durchaus nicht mit ihm verwandt iſt— wenn ſie das Kind von Bauersleuten, aber von ehrlichen Bauers⸗ leuten wäre— ſehet, Sir, das iſt meine Hoffnung, meine letzte Hoff⸗ nung, denn dann würde ich abermals zu Euern Füßen niederknien und Euch um Erlaubniß anflehen, ihre Neigung zu gewinnen und um ihre Hand zu bitten.“ „Was! Mr. Darrell würde Eure Verbindung mit dem Kind von Bauersleuten zugeben, aber nicht mit ſeiner eigenen Enkelin?“ „Sir, Sir, Ihr ſpannt mich auf die Folter; aber wenn Ihr ————,+⁸₰ 2 Zö„ 7 Alles wüßtet, ſo würdet Ihr Euch nicht wundern, mich ſagen zu hoͤren: Ich wage es nicht, Mr. Darrell zu bitten, daß er meine Verbindung mit der Tochter von Jaſper Loſely ſegne.“ Waife unterdrückte ein Stöhnen und begann haſtig im Zimmer auf und ab zu ſchreiten. „Aber,“ fuhr Lionel fort,„gehet ſelbſt nach Fawley. Suchet Darrell auf; vergleichet die Gründe für Euern Glauben mit den ſei⸗ nigen für das Gegentheil. In dieſem Augenblick iſt ſein Stolz mehr gedämpft als je ſeit ich ihn kenne. Er wird ruhig auf die Unter⸗ ſuchung von Thatſachen eingehen; die Wahrheit wird klar werden. Sir— theurer, theurer Sir— ich bin nicht ohne eine Hoffnung.“ „Eine Hoffnung, daß das Kind, das ich ſo innig geliebt habe, Nichts in der Welt für mich ſeyn werde!“ „Nichts für Euch! Iſt die Erinnerung ein ſolcher Schatten?— Iſt die Neigung ein ſolcher Wetterhahn? War die Liebe zwiſchen Euch und Sophy blos der Inſtinkt von Blutsverwandtſchaft? Iſt ſie nicht geheiligt worden durch Alles, was das Alter und die Kindheit zu einem ſo reinen Segen für einander macht, zumal wenn er in gemein⸗ ſam überſtandenen Prüfungen feſtgewurzelt iſt? Waret Ihr nicht der Erſte, der ſie auf Wanderungen, unter Entbehrungen lehrte in der Natur eine Mutter zu erblicken und zu einem Vater zu beten, der im Himmel iſt? Würde alles das ſich aus Euern Seelen verwiſchen, wenn ſie nicht das Kind dieſes Sohnes wäre, deſſen Erinnerung in Euch kalten Schauder erregt? Sir, wenn das bloße Band der Ver⸗ wandtſchaft ſich durch kein anderes erſetzen läßt, warum habt Ihr all Eure Mühe und Wachſamkeit aufgeboten, um ein Kind von demjenigen zu trennen, den Ihr für ſeinen Vater haltet?“ Waife ſtand regungs⸗ und ſprachlos da. Dieſer leidenſchaftliche Aufruf machte einen gewaltigen Eindruck auf ihn. „Und, Sir,“ fügte Lionel in leiſerem betrübterem Tone hinzu, „kann ich Euch, deſſen ſpäteres Leben eine einzige erhabene Selbſt⸗ aufopferung war, fragen, ob Ihr lieber Sophy Eure Enkelin zu& Bulwer, was wird er damit machen? VIII. 2 — ͤ— —„* 8 2*— 8 das Engelskind erkennet, das der Himmel Euch zugeſandt hat, als Ihr beraubt und verlaſſen waret, und daß Ihr ſie glücklich wiſſet? O, William Loſely, betet mit mir, daß Sophy nicht Eure Enkelin ſeyn möge. Ihr Haus wird um Nichts weniger das Eurige ſeyn— ihre Neigung wird Euch um Nichts weniger Euern verlorenen Sohn erſetzen, und auf Eurem Schoß werden ihre Kinder dieſelben Gebete lispeln lernen, die Ihr ſie lehrtet. Gehet zu Darrell— gehet— gehet! und nehmt mich mit!“ „Ja, das will ich,“ rief Waife, indem er nach Stock und Hut griff,„kommt— kommt! Aber Sophy darf nicht erfahren, daß Ihr hier geweſen ſeyd, und daß ich mit Euch fortgegangen bin; dieß könnte ſie auf Gedanken, auf Träume und Hoffnungen bringen, die zuletzt doch mit noch größerem Kummer enden würden.“ Er eilte aus dem Zimmer, um die alte Magd zu warnen und einige haſtige Zeilen an * Sophy ſelbſt zu ſchreiben, die er feierlichſt bei ſeiner Ehre verſicherte, —. daß er jetzt nicht von ihr fliehe, um ſein Vagabundenleben wieder an⸗ 8 zufangen, ſondern daß er mit Gottes Hülfe unfehlbar ſchon in der — Nacht oder am folgenden Tag zurückkehren werde. Nach einigen Minuten öffnete er die Thüre wieder, winkte Lionel leiſe und ſtahl ſich raſch in die ſtille Straße hinaus. Viertes Kapitel. Guy Darrells Abſichten bei der Einladung an Waife. Lionel hatte den tieſen Eindruck, welchen George Morleys Ent⸗ hüllungen auf Guy Darrell hervorgebracht, nur unzulänglich darge⸗ ſtellt, denn er konnte ihn nur unvollkommen begreifen. Darrell war bei ſeiner eigenen hohen Opferfähigkeit vor allen Andern der Mann mit bewunderungsvoller, an Ehrfurcht gränzender Hochachtung eine nennen und ſie unglücklich zu wiſſen wünſchet, als daß Ihr in ihr blos — —————— „—ͤ—/— ᷣ——,,.——/ 9 Selbſtaufopferung zu betrachten, die ihm bei ſeiner überſchwänglichen Hochſchätzung für guten Namen und unbefleckten Ruf beinahe über⸗ menſchlich erſchien. Er hatte Lionel nicht blos gerne erlaubt, ſondern ihn ſogar dringend aufgefordert zu Waife zu gehen und den alten Mann zu einem Beſuch in Fawley zu bereden. Mit Waife war er bereit auf eine gründliche Erörterung von Sophys angeblicher Ver⸗ wandtſchaft einzugehen. Aber ſelbſt abgeſehen von Rückſichten auf eine mißliche Sache, die ihn ſelbſt beunruhigte, wünſchte Darrell ſehr den Dulder, in welchem er die Würde eines Helden erkannte, zu ſehen und ihm ſeine Huldigung darzubringen. Und wenn er Waife nicht durch Lionel einen Brief geſchickt hatte, ſo geſchah dieß blos, weil er bei der ausgeſuchten Zartſinnigkeit, die ihn kennzeichnete, wenn ſeine beſten Gefühle geweckt waren, es für billig hielt, daß das ganze Ver⸗ dienſt und die ganze Wonne der Wiedergutmachung des Leides, das William Loſely zugefügt worden, ohne ſein eigenes unmittelbares Dazwiſchentreten ausſchließlich dem Sohne Charles Haughtons über⸗ laſſen werde. In ſo fern wird man anerkennen, daß Guy Darrell keiner von denjenigen Menſchen war, die, einmal zu großherzigem Drange erwärmt, ſich durch hausbackene Klugheitsrückſichten abkühlen laſſen, wenn aus dem Drange eine Handlung erwächst. Guy Darrell konnte nicht drachmen⸗ und ſerupelweiſe großmüthig ſeyn. Er ſagte nicht leicht:„Ich bitte um Entſchuldigung“— er verſtand ſich ſchwer zu dem Bekenntniß:„Ich bereue“; es koſtete ihn einen harten, wirk⸗ lich ſehr harten Kampf zu ſagen:„Ich verzeihe“; aber laßt ihn ein⸗ mal ſagen:„Ich bereue“,„ich bitte um Entſchuldigung“ oder„ich verzeihe“, ſo ſagt er es auch mit ſeinem ganzen Herzen und ſeiner ganzen Seele. 1 Man darf indeſſen nicht annehmen, daß Darrell, indem er Lionel zu der Botſchaft bei Waife ermächtigte oder in Vorausſicht deſſen, was zwiſchen Waife und ihm ſelbſt vorgehen könnte, falls Erſterer ſich entſchloß das alte Haus wieder zu beſuchen, aus dem er ſo verach⸗ tungsvoll getrieben worden, auch nur ein Jota von ſeinen Beſchlüſſen —— ꝙ— gegen eine Verbindung zwiſchen Lionel und Sophy verändert oder zu verändern gemeint hatte. Allerdings hatte Lionel ihn ſo weit ge⸗ bracht, daß er ſagte:„Könnte es unwiderleglich bewieſen werden, daß kein Tropfen von Jaſpers Loſelys Blut in den Adern dieſes Mäd⸗ chens flöße, daß ſie das rechtmäßige Kind ehrlicher, wenn auch ge⸗ ringer Eltern wäre— ſo würde mein Recht zwiſchen ſie und Euch zu al ſtehen aufhören.“ Aber eines Advokaten Erfahrung iſt weniger leicht⸗ H gläubig, als eines Liebhabers Hoffnung. Und nach Darrells Urtheil al war es höchſt unwahrſcheinlich, daß rechtſchaffene, wenn auch geringe A Eltern ihr Kind einem Schurken wie Jaſper abgetreten haben ſollten, ſe während es ſo wahrſcheinlich klang, daß ſeine eigene Ueberzeugung le ſich als begründet erwies, und daß Sophy Jaſpers, wenn auch nicht p Matildas Tochter war. v. Der Winterabend hatte ſich ſeinem Schluß zugeneigt. George ſo und Darrell beſprachen ſich in der Bibliothek, das Thema war natür⸗ ſe lich Waife; und Darrell lauſchte mit lebhaftem Intereſſe Georges an⸗ ſt ziehenden Erzählungen von dem freundlichen ſchalkhaften Humor des alten Mannes mit ſeinen flüchtigen Lichtſchimmern von poetiſcher ei Phantaſie oder ſpitzfindiger Weisheit. Aber als George auf Sophys herzgewinnende liebliche Natur zu ſprechen kam und, wenn auch be⸗ ſe hutſam, an Darrells Pflichtgefühl oder Empfänglichkeit für freund⸗„ liche Regungen zu ihren Gunſten zu appelliren ſchien, da runzelte ſich ſe die Braue des ſtolzen Mannes, und ſeine ſtattliche Miene verkündete ſi Mißvergnügen. Glücklicher Weiſe vernahmen ſie juſt im Augenblick, ſe wo weitere Worte zu einer bleibenden Kälte zwiſchen Männern führen u konnten, die ſo geſchaffen waren einander hochzuſchätzen, Rädergeraſſel ti auf dem gefrorenen Boden und das gelle Geklingel an der Portal⸗ thüre. — —— ͦ———— . 1 Fünftes Kapitel. Der Vagabund im Herrenhaus zu Fawley empfangen. Sehr lahm, ſehr ſchwach, Lionels Arm ablehnend, aber ſchwer auf ſeinen Krückenſtock geſtützt, überſchritt Waife die Schwelle des Herrenhauſes. George ſprang vor, um ihn zu bewillkommnen. Der alte Mann ſchaute mit einer Art von irrer Ungewißheit in ſeinem Auge dem Prediger ins Geſicht, und George ſah, daß ſeine Wange ſehr ſtark geröthet war. Er hinkte, fortwährend auf ſeinen Stab ge⸗ lehnt, mit George und Lionel auf beiden Seiten, durch die Halle. Ein paar Schritte, und da ſtand Darrell! Sprang er, der Wirth, nicht vor, um einen Arm anzubieten, eine Hand auszuſtrecken? Nein, ein ſolcher Gruß würde bei Darrell nur alltägliche Höflichkeit geweſen ſeyn. Als des alten Mannes Auge auf ihm ruhte, beugte ſich der ſtolze Gentleman tief— beugte ſich, wie wir vor Königen uns verbeugen. Sie traten in die Bibliothek. Darrell gab George und Lionel einen Wink. Sie verſtanden ihn und ließen Gaſt und Wirth allein. Lionel zog George in die ſchmucke alte Speiſehalle.„Ich bin ſehr unruhig um unſern lieben Freund,“ ſagte er in großer Aufregung. „Ich fürchte, daß ich zu wenig eaen ſeine Jahre ſo wie auf ſeine empfindſame Natur genommen, und daß die 33 des Ge⸗ ſprächs, das zwiſchen uns ſtattfand, und die Anſtrengung der Reiſe ſeine Nerven zerrüttet haben. Als win noch nicht halbwege waren und eben die Eiſenbahn genommen hatten, ſprach i 9. mit unvorſich⸗ tigem Eifer zu ihm, und da begann er auf eitmtal am ganzen Leibe zu zittern, und verfiel in einen hyſteriſchen Paroxismus, worin er unter⸗ einander weinte und lachte. Ich wünſchte auf der nächſten Station anzuhalten, aber er hatte ſich kaum erſt erholt und beſtand darauf, daß wir weiter fahren ſollten. Als wir uns Fawley näherten, ver⸗ ſank er, nachdem er leiſe und unzuſammenhängend, ſo weit ich ſeine Worte auffaſſen konnte, vor ſich hin gemurmelt, in einen Zuſtand 12 ſchwerer Lethargie oder Erſtarrung, wobei ſein Kopf auf meiner Schulter ruhte. Nur mit Mühe erweckte ich ihn, als wir in den Park kamen.“ „Armer alter Mann,“ ſagte George mit innigem Gefühle;„ohne Zweifel hat die raſche Aufeinanderfolge von Aufregungen, die er in der letzten Zeit durchmachte, ihn dießmal überwältigt. Aber das Schlimmſte iſt jetzt vorüber. Seine Beſprechung mit Darrell muß ſein Herz erfreuen und ſeinen Geiſt beſchwichtigen, und wenn dieſe Beſprechung vorüber iſt, müſſen wir ihm alle Ruhe und Pflege ange⸗ deihen laſſen. Aber ſagt mir, was zwiſchen Euch vorgefallen iſt— ob er ſehr entrüſtet war, weil ich nicht dulden konnte, daß Männer wie Ihr, mein Onkel Alban und Guy Darrell ihn für einen Schloß⸗ erbrecher und Dieb halten ſollten.“ Lionel begann ſeine Erzählung, war aber noch nicht weit voran⸗ gekommen, als ſie Darrell laut rufen hörten, und die Klingel in der Bibliothek haſtig ertönte. Sie eilten hin, und Lionels Befürchtungen erzeigten ſich als wahr. Waife lag in heftigen Zuckungen da, und als dieſe allmälig aufhörten, als er ohne Kampf halb auf dem Boden, halb in Darrells Armen lag, hatte er augenſcheinlich kein Bewußtſeyn von ſeiner ganzen Umgebung. Sein Auge ſtand offen, war aber ſtarr und gläſern auf einen Punkt geheftet. Die Dienſtboten drangen in das Zimmer; einer wurde ſogleich fortge ickt, um den nächſten Arzt zu holen. „Helft mir— George— Lionel,“ ſagte Darrell,„ihn die Treppe hinauftragen. Mills, leuchtet uns.“ Als ſie den Abſatz erreichten, fragte Mills:„Wehhes Zimmer, Sir?“ Darrell zögerte einen Augenblick, dann erglänzte ſein graues Auge in ſeinem dunkeln Feuer.„Meines Vaters Zimmer— er ſoll in meines Vaters Bett ruhen.“— Als der Arzt kam, erklärte er Waife in dringender Gefahr— Druck auf das Hirn. Er verordnete raſche und kräftige Mittel, welche allerdings ſchon vor ſeiner Ankunft von Darrell angerathen und theil⸗ 13 weiſe in Anwendung gebracht worden waren, denn Darrell hatte eine zu mannigfaltige Schule der Erfahrung durchgemacht, um nicht in den Anfangsgründen der Heilkunde bewandert zu ſeyn.„Wenn ich mich im Zuſtande meines Gaſtes befände,“ fragte Darrell den Arzt, „was würdet Ihr thun?“ „Augenblicklich nach Dr. F— telegraphiren.“ „Lionel— Ihr hört? Nehmt mein eigenes Pferd— es wird Euch wie der Wind dahintragen. Fort nach***; das iſt die nächſte Telegraphenſtation.“ Darrell bewegte ſich dieſe ganze angſtvolle Nacht hindurch nicht von Waifes Bett hinweg. Dr. F— kam erſt am Morgen. Er billigte Alles was man gethan hatte, änderte aber nichtsdeſtoweniger die Be⸗ handlung, und nachdem er einige Stunden geblieben, ſagte er zu Darrell:„Ich muß Euch jetzt verlaſſen, könnte Euch auch durch mein längeres Bleiben Nichts nützen. Ich habe der Natur alle Hülfe ge⸗ geben, die in meiner Macht ſtand— das Uebrige müſſen wir der Na⸗ tur ſelbſt überlaſſen. Dieſes Fieber, dieſe ſchrecklichen Krämpfe und Zuckungen ſind blos Anſtrengungen der Natur, um den Griff des Feindes wegzuſtoßen, den wir nicht ſehen. Es hängt jetzt davon ab, welcher Grad von Erholungskraft dem Patienten übrig bleibt. Glück⸗ licher Weiſe iſt ſein Körper kräſtig, wiewohl nicht vollſäftig. Kennt Ihr ſeine Gewohnheiten?“ „Ich kenne ſie,“ antwortete George—„höchſt mäßig, höͤchſt un⸗ ſchuldig.“ „Dann kann er bei beſtändiger Sorgfalt und ganz genauer Be⸗ folgung meiner Verordnungen davonkommen.“ „Wenn Sorgfalt und Aufmerkſamkeit meinem Gaſt das Leben retten können, ſo wird er nicht ſterben,“ ſagte Darrell. 1 Der Arzt betrachtete das blaſſe Geſicht und die eingedrückten Lippen des Sprechers.„Aber, Mr. Darrell, ich darf nicht Euch auch auf den Hals bekommen. Ihr dürft dieſe Nacht nicht wieder außer Eurem Bett zubringen.“ 14¾ „Gewiß nicht,“ ſagte George.„Ich werde allein wachen.“ „Nein,“ rief Lionel,„das iſt auch mein Poſten.“ „Bah!“ ſagte Darrell;„junge Männer, die dem Tod ſo fern ſtehen, ſind keine ſo aufmerkſame Schildwachen gegen ſeine Anfälle, wie Männer in meinen Jahren, die ihn in allen Geſtalten erblickt haben; und überdieß iſt derjenige ein niederträchtiger Wirth, der das Krankenzimmer ſeines eigenen Gaſtes verläßt. Fürchtet nicht für mich, Doktor; kein Menſch bedarf weniger Schlaf als ich.“ Dr. F— ließ ſeine Hand an Darrells Puls gleiten.„Unregel⸗ mäßig— raſch; aber welche Lebenskraft! welche Stärke!— eines jungen Mannes Puls. Mr. Darrell, viele Jahre für den Dienſt Eures Landes liegen noch in dieſen kräftigen Schlägen.“ Darrell ſtieß ſeinen chroniſchen Seufzer aus, und indem er an Waifes Bett zurückkehrte, ſagte er:„Wann werdet Ihr wieder kommen?“ „Uebermorgen.“ Als der Doktor wieder kam, befand ſich Waife außer unmittel⸗ barer Gefahr. Die Natur, geſtärkt durch die mäßigen unſchuldigen Gewohnheiten, welche ihre Kräfte haushälteriſch verwalten, hatte wenigſtens für dießmal ihren Feind verdrängt; aber der Anfall hatte eine äußerſte Schwäche zur Folge. Es war klar, daß der Vagabund auf Tage, vielleicht ſogar auf Wochen unter Darrells Dach bleiben mußte. Lionel hatte zu oft an Sophys Angſt gedacht, als daß er es ver⸗ ſäumt hätte, ſchon am Tag nach Waifes Anfall an Lady Montfort zu ſchreiben. Aber er konnte es nicht über ſich gewinnen, die Gefahr des alten Mannes zu melden, und mit den ſanguiniſchen Neigungen ſeiner jugendlichen Natur klammerte er ſich ſelbſt im ſchlimmſten Augenblick an den Glauben feſt, daß Alles aufs Beſte gehen werde. Er enthielt ſich jeder abgeſonderten und privaten Mittheilung über Waifes Zu⸗ ſtand an Lady Montfort, damit nicht die Betrübniß, worein eine ſolche Nachricht ſie unfehlbar verſetzen würde, für Sophy merklich werden 1 ☛ 0 — 9² 98¼½— J 8—=ꝛ 15 und ſie dazu führen könnte, die Urſache zu errathen. Er begnügte ſich alſo zu melden, daß Waife ihn zu Mr. Darrell begleitet habe, wo man ihn mit aller Freundlichkeit und Ehre behandle und vermuthlich einige Tage zurückhalten werde. Sophy fühlte ſich ſehr getröſtet durch dieſe Nachricht, die zugleich ihre ganze Neugierde erweckte und ſie auf die verſchiedenſten Muth⸗ maßungen leitete. Daß Waife, der ſich ſo hartnäckig geweigert hatte, unter irgend eines Mannes Dach als Gaſt zu wohnen, jetzt auf Tage die Gaſtfreundſchaft des reichen und mächtigen Vetters von Lionel Haughton annehmen ſollte, war in der That geheimnißvoll. Aber was immer Waife und Lionel in ſolch vertrauten Verkehr gebracht haben mochte, es konnte nur um ſo lebhafter die Hoffnungen erneuern, welche ſie in der letzten Zeit zu erſticken bemüht geweſen war. Und indem ſie viele flüchtige Erinnerungen an Worte, die theils Lionel, theils Lady Montfort, theils Waife ſelbſt unbemerkt entſchlüpft waren, zuſammenhielt, wurde die Wahrheit, die ihrem natürlichen Scharfblick ſchon da und dort vorgeflimmert hatte, ihr beinahe klar. War nicht Mr. Darrell jener Verwandte ihrer verlorenen Mutter, an welchen ſie Anſprüche beſaß, die bis jetzt nicht zugeſtanden worden? Lionel und Waiſe jetzt beide bei dieſem Verwandten! Wahrlich, die Wolken, die über ihrer Zukunft gehangen, ließen jetzt die Sonne durch ihre ſich öffnenden Riſſe durch, und Sophy erröthete, als ſie den Sonnenſtrahl auffing. Sechstes Kapitel. Perſönliche Zugeſtändniſſe ſind wie politiſche; wenn Ihr einmal beginnet, ſo kann kein Menſch ſagen, wo Ihr innehalten werdet. Waifes erſte Worte, als er wieder zum Bewußtſeyn kam, waren Gedanken an Sophy gewidmet. Er hatte ihr verſprochen ſpäteſtens am nächſten Tag zurückzukommen; ſie mußte unruhig ſeyn— er 16 mußte aufbrechen— er mußte ſogleich gehen. Kräfte ihm nicht geſtatteten aufzuſtehen, vergoß er Thränen. Erſt ſehr allmählig und in langen Zwiſchenzeiten wurde er mit der Dauer und Bedenklichkeit ſeines Anfalles bekannt und kam zum vollen Be⸗ wußtſeyn, daß er ſich in Darrells Haus befand, daß dieſe Geſtalt, von welcher er unbeſtimmte Traumerinnerungen behalten, wie ſie über ſei⸗ nem Kiſſen geſchwebt, ihm ſeine Stirne abgewiſcht und ihn mit den holdeſten Tönen der holden Menſchenſtimme beſchwichtigt— daß dieſe ſo freundliche, ſo brüderliche Geſtalt der Mann ſey, der ihm einſt be⸗ fohlen hatte, ſein fleckenloſes Haus nicht durch ſeine Gegenwart zu beſudeln. Alles was in den letzten Tagen vorgefallen war, wurde ihm end⸗ lich in einer kurzen rührenden Beſprechung, die er unter vier Augen mit ſeinem Wirth hatte, klar gemacht; nach dieſer Beſprechung wurde es indeß allmälig ſchlimmer mit ihm, ſein Geiſt blieb klar, war aber äußerſt darniedergedrückt; ſeine phyſiſche Kraft ſchwand zuſehends. Dr. F— wurde in Eile von Neuem berufen. Dieſer große Arzt war, was jeder große Arzt ſeyn ſollte, ein tiefer Philoſoph, obſchon mit ver⸗ traulichen zwangloſen Manieren und einem leichten treuherzigen Ge⸗ rede, wodurch die Philoſophie für den Geſchmack weniger wahrnehm⸗ bar wurde, als jedes andere Ingrediens in ſeiner Pharmacopöe. Er wies alle Andern aus dem Zimmer, unterſuchte ſeinen Patienten allein, ſondirte die Lebensorgane des alten Mannes mit dem Ohr und dem Stethoſcop, ſprach zu ihm bald von ſeinen Gefühlen, bald von den Tagesneuigkeiten, und dann trat er zu Darrell hinaus. „Etwas auf dem Herzen, mein lieber Sir; ich kann darüber nicht ins Klare kommen; vielleicht könnt Ihrs. Nehmt dieſes Etwas weg, und die Springfedern werden wieder wirken, und mein Patient wird bald geneſen. Alles an ihm iſt kerngeſund— nur das Herz nicht; dieſes iſt ſchrecklich gequält; irgend Etwas quält es jetzt. Sein Herz kann in ſeinem Auge geſehen werden. Beobachtet ſein Auge; es ver⸗ mißt ein Geſicht, an deſſen Anblick es gewöhnt iſt.“ Als er fand, daß ſeine d 8 ———· Q— A 17 Darrell wechſelte die Farbe. Er ſchlich in Waiſes Zimmer zu⸗ rück und ergriff die Hand des alten Mannes. Waife erwiederte den Druck und ſagte:„Ich betete eben für Euch— und— und— es geht mit mir raſch zu Ende. Laßt mich nicht ſterben, Sir, ohne der armen Sophy ein letztes Lebewohl zu wünſchen.“ Darrell ging an den Treppenabſatz zurück, wo George und Lionel ſtanden, während Dr. F— im Bibliothekzimmer in aller Eile eine Er⸗ friſchung nahm, ehe er in die Stadt zurückkehrte. Darrell legte ſeine Hand auf Lionels Schulter.„Lionel, Ihr müßt mit Dr. F— nach London zurückgehen. Ich kann Euch nicht länger hier behalten. Ich bedarf Eures Zimmers.“„ „Sir,“ ſagte Lionel erſchrocken,„ſo lange Waife noch ſo krank iſt! Ihr könnt nicht ſo unfreundlich ſeyn.“ „Unverſtändiger Egoiſt! Wolltet Ihr den armen Mann einer Gegenwart berauben, die ihm theurer iſt als die Eurige! George, Ihr werdet auch gehen, aber Ihr werdet zurückkommen. Ihr ſagtet mir geſtern, daß Eure Frau auf einige Tage in London ſey; erſuchet ſie Euch hieher zu begleiten; erſuchet ſie die arme junge Lady mitzu⸗ bringen, die mein Gaſt an ſeinem Bette zu ſehen ſich ſo ſchmerzlich ſehnt— das Geſicht, das ſein Auge vermißt.“ Siebentes Kapitel. Sophy, Darrell und der Flötenbläſer. Darrell bereitet eine Ueberraſchung für Waife vor. Sophy iſt gekommen. Sie hat dieſe unerbittliche Schwelle über⸗ ſchritten. Sie iſt Gaſt in dem Hauſe, das ſie als ſeine Tochter zu⸗ rückſtößt. Sie weilt ſeit einigen Tagen da. Waife hat bei dem erſten Anblick ihres zärtlichen Geſichtes wieder aufgelebt. Er hat ſein Bett verlaſſen; er kann auf einige Stunden täglich in ein an⸗ ———- 18 ſtoßendes Zimmer gehen, das haſtig zu ſeinem Privatſalon eingerichtet worden iſt, und er kann ſich darin mit einem Schritt ergehen, der täg⸗ lich feſter wird in der Wonne ſich auf Sophys Arm zu lehnen. Seit der Ankunft des Mädchens hat Darrell in ſeiner Wachſam⸗ keit über den Patienten nachgelaſſen. Er betritt jetzt das Zimmer ſeines Gaſtes nie, ohne ſich vorher anzumelden, und in Folge jenes unnennbaren Inſtinktes, welcher in Haushaltungen zwiſchen einer ſtillen Bruſt und einer andern vorwaltet, ſowie eines Geſetzes, das eben ſo ſtark im Anziehen als im Abſtoßen iſt, indem es hier zuſammen⸗ führt, dort auseinander hält, obſchon in beiden Fällen keine Regel feſt⸗ ſteht;— kraft dieſes ſeltſamen Einverſtändniſſes befindet ſich Sophy nicht im Zimmer des alten Mannes, wenn Darrell eintritt. Selten in den vierundzwanzig Stunden des Tags begegnen ſich der Wirth und der ſchöne junge Gaſt. Aber Darrell iſt ein raſcher und ſcharfer Beobachter. Er hat genug von Sophy geſehen, um für ihren Zauber empfänglich zu ſeyn— um die einfache natürliche Lieblichkeit ihres Charakters zu durchſchauen— um eine innige Theilnahme für ſie zu empfinden und ein noch innigeres Mitleid mit Lionel. Er ſelbſt ſchließt ſich möglichſt in ſeinem Privatzimmer ab oder treibt ſich allein in ſeinen laubloſen Wäldern herum, und ſeine Träumereien werden immer düſterer, Nichts entrunzelt ſeine unmuthige Stirne, als Fair⸗ thorns Flöte oder Fairthorns vertrauliches Geſpräch. Es iſt ſchon früher geſagt worden, daß Fairthorn ſeine Geheim⸗ niſſe kannte. Fairthorn hatte Caroline Lyndſay abgöttiſch verehrt. Fairthorn war das einzige Geſchöpf in der Welt, mit welchem Guy Darrell von Caroline Lyndſay ſprechen— welchem er die unüber⸗ windliche, aber nicht verzeihende Liebe geſtehen konnte, die ihn zwei⸗ mal aus der geſellſchaftlichen Welt getrieben hatte. Natürlich konnte ſelbſt Fairthorn nicht Alles geſagt werden. Darrell konnte nicht von dem Brief, den er in Malta empfangen, und eben ſo wenig von Caro⸗ linens Beſuch in Fawley ſprechen; denn eine ſolche Mittheilung ſelbſt gegen Fairthorn war in ſeinen Augen ein Verrath an der Würde des ——.— 19 geliebten Weibes. Und Guy Darrell konnte über ihre Unbeſtändig⸗ keit, über ihre Herzloſigkeit ſpotten; aber ſich rühmen, daß ſie ſich durch Anträge erniedrigt habe, die von der Reue dictirt wurden, das konnte Guy Darrell nicht;— er war ein Gentleman. Gleichwohl blieb viel zu ſagen übrig. Er konnte geſtehen, daß er glaubte, ſie würde jetzt ſeine Hand annehmen, und wenn Fairthorn über dieſen Gedanken ganz glücklich ſchien und Entſchuldigungen wegen ihres früheren Wankelmuths andeutete, ſo war es für Darrell eine große Herzenserleichterung in Wuth auszubrechen; aber wenn der Flöten⸗ bläſer niederträchtiger Weiſe den Stiel umdrehte und ſelbſt als Caro⸗ linens Ankläger auftrat, dann wurde der arme Mann wirklich in Angſt gejagt, denn Darrells zitternde Lippe oder melancholiſche Hal⸗ tung überwältigte ihn mit Selbſtvorwürfen und trieb ihn ſeitwärts in eines ſeiner verborgenen Gebüſche. Aber in dieſem Augenblick war Fairthorn eine Stütze für ihn bei andern Heimſuchungen— Fairthorn, welcher die Heiligkeit der Darrell⸗ ſchen Linie reſpektirt, wie nur er und kein Anderer thun kann— der gleich ihm ſelbſt vor dem Gedanken zurückbeben würde, daß die Tochter von Jaſper Loſely und höchſt wahrſcheinlich keine Tochter von Ma⸗ tilda Darrell jemals die Gebieterin dieſes Ahnenſchloſſes, ſo niedrig, dunkel und vermodert es war, werden, und daß das Kind eines Be⸗ trügers, eines Diebes, eines mitternächtigen Räubers das Geſchlecht von Rittern und Kriegern fortſetzen ſollte, auf deren fleckenloſen Wappenſchilden an manchem gothiſchen Grab oder über den Portalen ver⸗ fallener Burgen die Heraldik von Bräuten prangte, die aus den Lenden von Löwenkönigen hervorgegangen waren! Darrell wurde dann, während er der ganzen Schönheit und Grazie, Reinheit und Herzensgüte Sophys volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, immer mehr durch die Ueberzeu⸗ gung gequält, daß ſie niemals die Frau des Mannes werden könne, dem in Ermangelung aller näheren Verwandtſchaft das Erbe des Darrell'ſchen Namens zufallen ſollte. Auf der andern Seite waren Sophys Gefühle gegen ihren Wirth 20 beinahe eben ſo peinlich und verbittert. Die Zärtlichkeit und Chrer⸗ bietung, die er ihrem geliebten Großvater bewieſen hatte, die rührende Dankbarkeit, womit Waife von ihm ſprach, beſtärkten ſie nothwendig in ihrer vorgefaßten günſtigen Meinung von Lionels Vetter, und ob⸗ ſchon ſie ihn ſo ſelten ſah, ſo hatte ſie doch, wenn ſie einander begeg⸗ neten, kein Recht über ſein Benehmen zu klagen. Es mochte fern, ſchweigſam ſeyn; aber es war freundlich, höflich— das Benehmen, das man bei einem Wirth von abgeſchloſſenen Gewohnheiten gegen⸗ über einer jungen Gaſtfreundin erwarten konnte, deren Sympathien er durch ſeine Jahre entrückt war, auf deren Comforts er aber ohne alle Aufdringlichkeit die größte Rückſicht nahm, deren Wünſchen er auf zartſinnige Weiſe entgegenkam. Aber war dieß Alles was ihre Einbildungskraft ihr vorzumalen gewagt hatte, als ſie in dieſen grauen Mauern einzog? Wo war der Beweis für die Verwandtſchaft, von welcher ſie geträumt hatte— wo auch nur eine einzige Spur davon, daß ſie in dieſem Hauſe mehr als ein bloßer Gaſt ſey?— wo, ach! ein Zeichen, daß Lionel ihrer auch nur gegen ſeinen Verwandten er⸗ wähnt habe, und daß dieſer Verwandte ſie um Lionels willen will⸗ kommen heiße? Und auch Lionel— war er nicht juſt am Tage vor ihrer Ankunft abgereist? Dieß erfuhr ſie zufällig von der Dienerin, die ſte in ihr Zimmer führte. Abgereist, und hatte nicht eine Zeile für ſie hinterlaſſen, kein Beileid wegen der Krankheit ihres Großvaters, keinen Glückwunſch, daß dieſe Krankheit ſein Leben verſchont habe! Sie fühlte ſich im innerſten Herzen verletzt. Als Waifes fortſchrei⸗ tende Beſſerung ihren Gedanken geſtattete ſich ſo mancherlei Urſachen von Kummer und Pein zuzuwenden, da vereitelte das Geheimniß, das über Allem ſchwebte was mit ihrem eigenen und Waifes Aufenthalt unter dieſem Dach zuſammenhing, ihre Verſuche um Muthmaßunge: aufzuſtellen. Der alte Mann wollte nicht mit Erklärungen heraus⸗ rücken. Schüchtern befragte ſie ihn; aber ſeine Nerven waren noch ſo angegrifſen, und ihre Fragen peinigten ihn ſo augenſcheinlich, daß ſte nur ein einziges Mal dieſen Verſuch machte ihrer ſtaunenden Neu⸗ 21 gierde Genüge zu leiſten, und daß ſie wie zufriedengeſtellt lächelte, als er nach einer langen Pauſe ſagte:„Habt noch Geduld, mein Kind; laßt mich ein wenig kräftiger werden. Ihr ſehet, Mr. Darrell wird mir nicht erlauben mit ihm über Dinge zu ſprechen, die erörtert werden müſſen, bevor ich gehe; und dann— und dann— bis dahin Geduld, Sophy!“ Weder George noch ſeine Frau gaben ihr einen Leitfaden zu den Fragen, die an ihrer Seele nagten. Die letztere, ein freundliches vor⸗ treffliches Weib, voll ſanftmüthiger Ergebenheit gegen ihren Gatten, wußte entweder Nichts oder ſtellte ſich wenigſtens, als wiſſe ſie Nichts von den Urſachen, die Waife nach Fawley geführt hatten, außer ganz im Allgemeinen, daß Darrell ihm einmal durch ein irrthümliches Ur⸗ theil Unrecht gethan und ſich nunmehr beeilt habe daſſelbe zu tilgen. Und dann küßte ſie Sophy zärtlich und ſagte ihr, daß ſchönere Tage für den alten Mann und ſie ſelbſt im Anzug ſeyen. George ſagte mit mehr Auctorität, der Auctorität des Prieſters:„Fraget Nichts. Die Zeit, die alle Räthſel löst, eilt raſch dahin, und der Himmel lenkt ihre Bewegungen.“ Ihr ganzes Herz war verſchloſſen, ausgenommen wenn es ſich— und auch dann nicht in voller Fluth— in Briefen an Lady Montfort ergießen konnte. Caroline hatte von Georges Frau mit tiefer Be⸗ wegung gehört, daß Sophy in Darrells Haus beſchieden worden ſey, aber die Bedenklichkeit von Waifes Krankheit war wohlweislich ver⸗ ſchwiegen worden. Lady Montſort konnte blos annehmen, daß Dar⸗ rells Ueberzeugungen erſchüttert, ſeine Entſchließungen milder ge⸗ worden ſeyen; daß er eine Entſchuldigung ſuche, um Sophy zu ſehen und ſelbſt über ſie zu urtheilen. Unter dieſem Eindruck erſuchte Caroline ihre junge Schutzbefohlene, ſie möchte ihr beſtändig und ganz offen ſchreiben. Für Sophy war dieſe Correſpondenz eine unaus⸗ ſprechliche Herzenserleichterung. Aber Lady Montfort war in ihren Antworten nicht mittheilſamer als Waife oder Morleys, nur ſchien ſie planmäßiger darauf hinzuarbeiten, daß Sophy ſich der Aufgabe widmen 22 ſollte die Neigungen ihres Wirthes zu gewinnen. Sie rieth ihr dringend, ſie ſolle es verſuchen ſeine Rückhaltung zu durchbrechen, ihn mehr zu ſehen; wie wenn dieß möglich geweſen wäre! Und ihre Briefe waren voller von Fragen über Darrell, als ſogar von Ermahnungen und Beſchwichtigungen für Sophy. Die in Fawley einlaufende Cor⸗ reſpondenz wurde in einem Felleiſen gebracht, das Darrell öffnete; aber Sophy bemerkte, daß er mit einer eigenthümlichen Einkneifung der Lippen und einem auffallenden Farbenwechſel die Handſchrift auf Lady Montforts erſtem Brief an ſie wahrgenommen hatte, ſo wie daß nach dieſem erſten Mal ihre Briefe nicht mehr im Felleiſen, ſondern abgeſondert kamen und ihr nie wieder von ihrem Wirth überreicht wurden. So vergingen Tage, an denen Sophy ihre Zeit hauptſächlich in Waifes Krankenzimmer zubrachte. Aber jetzt kommt er mit jeder Stunde wieder zu neuen Kräften. In ſeinem Salon ſtellt ſich häufig George ein, um Sophy in ihrer Wache abzulöſen. Hieher kommt einmal des Tags Guy Darrell, und was da zwiſchen den beiden Männern vorgeht, ſieht und hört Nie⸗ mand. In dieſen Stunden beſtand Waife darauf, daß Sophy in die friſche Luft gehe und ſich Bewegung mache. Sie iſt froh ſich allein fortſtehlen zu können an den Ufern des ruhigen Sees hin oder im Düſter der trauervollen Wälder. Hier trifft ſie nicht ſelten mit Fair⸗ thorn zuſammen, der jetzt häufiger als je zu ſeiner Flöte greift und häufiger als je in Wald und Feldern herumſchlendert, denn man hat ihm im Hauſe ſelbſt ſeinen melodienreichen Zeitvertreib verboten, damit er den Patienten nicht ſtören ſolle. So machten Fairthorn und Sophy mit einander Bekanntſchaft, die auf beiden Seiten im Anfang fern und ſcheu war, allmählig aber offener und herzlicher wurde. Fairthorn hatte keine ganz freundſchaft⸗ liche Abſicht, indem er zu dieſer Vertraulichkeit die Hand bot. Der arme Mann meinte, er würde im Stande ſeyn Sophy einige Ent⸗ hüllungen über ihr früheres Leben abzulocken, welche das über ihrer —9— 1 23 Verwandtſchaft ſchwebende Geheimniß nicht zu Gunſten ihrer vorgeb⸗ lichen Anſprüche aufklären würden. Aber wäre Dick Fairthorn auch der ſchlaueſte aller Diplomaten geweſen, ſo hätte er ſich doch in dieſer Hoffnung getäuſcht geſehen. Sophy hatte Nichts mitzutheilen. Ihre Treuherzigkeit verblüffte den armen Flötenbläſer gänzlich. Aus einer unſchuldigen unbewußten Art von Aerger begann er, als er ſeine Nachforſchungen über Sophys Abſtammung einſtellte, ſich über die Würde des Darrell'ſchen Hauſes auszubreiten. Er quälte ſie mit der langgewundenen Geſchlechtstafel, durch deren Vorſagung er ſchon früher einmal Lionel Haughton beinahe aus Fawley vertrieben hatte. Er führte ſie ans Grab des Antiquars. Als ſie dort ſtanden, ſprach er zu ihr von Darrells ehrgeiziger Knabenzeit— von ſeinem trockenen arbeitſamen Mannesalter, von ſeiner Entſchloſſenheit die gefallene Linie wiederherzuſtellen— von dem Gelübde, das er ſeinem Vater gethan, den er mit ſo frommem Mitleid verehrt hatte. Er ſuchte ihr das Bewußtſein beizubringen, daß ſie der Gaſt eines Mannes ſey, der einem Geſchlecht angehöre, bei welchem fleckenloſe Ehre Alles in Allem geweſen, und der unter bittern Kümmerniſſen durch das Leben gewandelt, aber ſtets dieſes Geſchlecht verehrt und dieſe Ehre zu ſchützen gewußt habe; dann zitterte Fairthorns Auge und funkelte auf ſie herab, wäh⸗ rend er ſo ſprach. Sie, das arme Kind, konnte nicht errathen warum; aber ſie fühlte, daß er ärgerlich über ſie war, wenn er ſolche Reden führte. In der That war Fairthorns ſtachelige Zunge ganz nahe daran auszurufen:„Und wie könnt Ihr es wagen Euch in dieſes un⸗ befleckte Geſchlecht einzuſchmuggeln!— wie könnt Ihr es wagen zu glauben, daß die Todten ſich nicht in ihren Gräbern herumdrehen würden, ehe ſie im Gewölbe der Darrells für die Tochter eines Jaſper Loſely Platz machten!“ Aber obſchon Sophy den verdeckten Sinn in dieſem heraldiſchen Gerede des Muſtkers nicht begreifen konnte, ſo wußte ſie doch mit einer Richtigkeit des Urtheils, die auf innerer An⸗ ſchauung beruhen mußte, von den mehr phantaſtiſchen Deklamationen des grotesken Genealogen das zu unterſcheiden, was bei einem alten Bulwer, was wird er damit machen? VIII. 3 24¾ und allmählig verfallenen Geſchlecht Aechtes und Pathetiſches in dem einfachen Bilde des letzten Sprößlings lag, der es auf mühevollen Schultern noch einmal zu Macht und Anſehen erhob und am Abend ſeiner Tage mit dem melancholiſchen Bewußtſein ſtand, daß die An⸗ ſtrengung blos für ſein flüchtiges Leben geglückt ſey; daß bei all ſeinem Gold, bei all ſeinem Ruhm die Hoffnung auf Fortbeſtand dieſes Goldes und Ruhmes ein lügneriſcher Spott ſey, und daß Name und Ge⸗ ſchlecht mit ihm ſelbſt zu Grunde gehen werden, ſobald ſich neben dem Grab des Antiquars die Erde für ihn öffne. Und ſolche Reden flößten ihr allmählig eine ſanftere und zärtlichere Theilnahme für Guy Dar⸗ rell ein, als ſie vorher hatte aufkommen laſſen; ſie erklärten ihr das trauervolle Düſter ſeiner Stirne, ſie milderten ihre unwillkührliche Scheu vor dieſer ſtattlichen Haltung, welche vorher als Beweis von Stolz blos ihre Kälte hervorgerufen hatte. Während Fairthorn und Sophy auf ſolche Art ihre Bekanntſchaft befeſtigten, ſchloßen Darrell und Waife ſich immer näher an einander. Sicherlich würde Niemand geneigt ſeyn eine Uebereinſtimmung des Geſchmacks, der Verſtandesrichtung, der Erfahrung oder des Gefühls zwiſchen zwei Männern anzunehmen, deren Leben ſo unendlich ver⸗ ſchieden geweſen— in deren Fehlern oder Vorzügen der gewoͤhnliche Beobachter Nichts als Gegenſatz und Widerſpiel erblickt haben würde. Unſtreitig waren ihre Charaktere auffallend unähnlich, doch lag in Jedem Etwas, worin der Andere eine nahe Verwandtſchaft mit ſeiner eigenen Natur erkannte. Jeder war das Opfer ſeines Herzens ge⸗ weſen; Jeder war durch den Schmelztiegel der Selbſtaufopferung ge⸗ gangen. Darrell hatte ſeine Jugend geopfert— Waife ſein Alter; Darrell einem Vater und dem Tod, der keine Vergeltung bietet, Waife einem Sohn, deſſen Leben ſein Schrecken geworden war. Dem Einen war der Name ein Jdol geweſen, dem Andern ein Unkraut, das in die Pfütze geworfen worden. Dem Einen freudloſer, verſchwindender Ruhm — dem Andern eine Schande, die mit ſchalkhafter Heiterkeit ertra⸗ gen worden war und ſich nur dann in Kummer verwandelte, wenn die — 19[ A 0 o 2 — 2. ; 3 1 . 1 . ————p beſchimpfende Behandlung der Welt dem liebevollen Herzen ſeine Nahrung zu rauben drohte. Aber es gab etwas Verwandtes in ihrer wereinigten Erfahrung irdiſcher Eitelkeiten;— ſo wenig Troſt in weltlichen Ehren für den triumphirenden Redner— ſo wenig Elend für den vagabundirenden Mimen, wenn ſein Gewiſſen ſtumm vom Urtheil von Seinesgleichen an den Himmel appellirte. Und wie unter all der Leichtfertigkeit und Schalkhaftigkeit des Mannes, welcher aufge⸗ wachſen, auferzogen und durch ſeine charakteriſtiſche Neigungen in den Stand geſetzt war, um das Leben von ſeiner humoriſtiſchen, nicht von ſeiner pathetiſchen Seite zu betrachten, noch immer eine tiefe unter⸗ ſeeiſche Strömung von gründlichem, ernſtem Verſtand und Gefühl floß, ſo fand ſich auch mitten unter dem ſtrengeren und ſtattlicheren Gewebe des ehemals ehrgeizigen, arbeitſamen Geiſtes, welcher Darrell zu Ruhm geführt hatte— mitten unter all dieſer angeſammelten Stärke der Leidenſchaft, welche keinen Scherz beim Kummer zuließ und in der Liebe nur das Bild des Fatums erblickte— mitten unter all dieſem erhabenen Ernſt der Seele fand ſich noch eine lebendige Genuß⸗ fähigkeit, jene feine Empfänglichkeit für die heitern Sonnenſtrahlen des Lebens, die jedem Genie angeboren iſt, wie ernſt auch ſeine Be⸗ rufspflichten ſeyn mögen. Es iſt wahr, die Betrübniß kann ſie zuletzt abſtumpfen, wie ſie alles Andere abſtumpft, was wir von der Natur empfingen, als ſie uns für das Leben ausrüſtete. In Darrells Geiſt jedoch hatte der Kummer die am ſchmerzlichſten erſehnten Dinge zer⸗ trümmert, und zwar noch mehr, als er ſeine wahrnehmende Erkenntniß der Sympathien zwiſchen Phantaſien, die ein Lächeln hervorrufen, und Gedanken, die feierliche Lehren vermachen oder zu nicht eiteln Thränen zerſchmelzen, getrübt hatte. Wäre Darrell in Umſtände verſetzt worden, welche das Heimweſen ernſter Männer glücklich machen, ſo würde Darrell jovial geweſen ſeyn; wäre Waife in Umſtände verſetzt worden, welche das Talent concentriren und ihm mit friſchen Lorbeeren ent⸗ gegenwinken, ſo würde Waife ernſt geweſen ſeyn. In den erſten Conferenzen, die in Waifes Zimmer ſtattfanden, — 26 kam der Gegenſtand, welcher den alten Mann nach Fawley geführt hatte, nicht zur Erörterung. Als Waife ihn aufs Tapet zu bringen geſucht— als er nach Sophys Ankunft aufmerkſam in Darrells Ge⸗ ſicht geſchaut hatte, um darin den Eindruck zu leſen, den ſie hervor⸗ gebracht, und als er, unfähig denſelben zu entdecken, mit zitternder Stimme die Sache wieder vorzubringen begonnen hatte, die ihm ſo ſchwer auf dem Herzen lag, da unterbrach Darrell ihn ſogleich.„Still — noch nicht; bedenket, daß in dem Augenblick, wo Ihr bei Eurer Ankunft dahier zum erſten Mal dieſen peinlichen Punkt zur Sprache brachtet und die Verſchiedenheit der Geſichtspunkte wahrnahmet, aus welcher wir Beide ihn betrachten müſſen, Eure Kräfte Euch verließen, Eure Krankheit über Euch hereinbrach. Wartet, nicht blos bis Ihr ſtärker ſeyd, ſondern auch bis wir einander beſſer kennen. Es iſt dieß ein Gegenſtand, den wir mit aller Kraft unſerer Vernunft behandeln müſſen, mit all der Ruhe, die Jeder von uns den Gefühlen auferlegen kann, welche das Urtheil beirren. Laßt uns für jetzt von Allem ſprechen, nur von dieſem Punkt nicht, der aber, das gelobe ich Euch, zuletzt ehrlich und redlich erörtert werden ſoll.“ Darrell fand indeß, daß ſeine wirkſamſte Ablenkung von dem Gegenſtand, der mit Sophy zuſammenhing, durch einen andern Canal in den Neigungen, Hoffnungen und Befürchtungen des alten Mannes ging. George Morley hatte, indem er das Geſpräch erzählte, das er zwiſchen Waife und Jaſper belauſcht, natürlicher Weiſe, während er den Vater von aller Schuld reinigte, einigermaßen auch den wilden Trotz und Cynismus in der Sprache des Sohnes gemildert, und ganz beſonders die Anklänge von natürlichem Gefühl, womit dieſer Trotz und Cynismus verſetzt waren, hervorgehoben. Und Darrell beſaß Großherzigkeit genug, um den Widerwillen, womit er ſich einem Manne näherte, der mit ſo vielen dunkeln und gehäſſigen Erinnerungen in Verbindung ſtand, zu überwinden und mit möglichſter Vermeidung deutlicher Bezugnahme auf Jaſpers vergangenes Leben eine Berathung darüber herbeizuführen, wie es möglich wäre das noch übrig gebliebene Leben vor dem Allerſchlimmſten zu retten. In der That, mit wem anders als mit Jaſpers Vater konnte Darrell ſo paſſend und ſo rück⸗ haltslos einen Gegenſtand erörtern, bei welchem ihre Intereſſen und Befürchtungen gemeinſchaftlich waren?— Als wollte er Waife eine Entſchädigung für die Enttäuſchung geben, die ihn erwartete, wenn Sophys Anſprüche zur Erörterung kamen, im Falle er dazu helfen konnte, den alten Mann über das endliche Schickſal des Sohnes zu beruhigen, für welchen er ein ſo großartiges Opfer gebracht hatte, ging Darrell bei ſeinem Gaſt einigermaßen ins Detail der Abſichten ein, womit er Oberſt Morley beauſtragt hatte Jaſper ausfindig zu machen und mit ihm zu unterhandeln. Er erhielt von dem Oberſten beinahe täglich Nachrichten. Alban hatte Jaſper noch nicht entdeckt, und es war ihm noch nicht einmal gelungen Mrs. Crane aufzuſpüren. Aber eine Erzählung von Jaſpers wildem Abſchiedsbeſuch in jener Räuberhöhle, aus welcher er unverletzt und ſiegreich hervorgegangen, war einem Entdeckungsmann, den der Oberſt verwendete und der auf leidlich gutem Fuß mit Cutts ſtand, zu Ohren gekommen, und es war kein geringer Troſt zu wiſſen, daß Jaſper für immer mit dieſen ver⸗ brecheriſchen Kameraden gebrochen hatte und nie wieder in ihren Ver⸗ ſtecken geſehen worden war. Da Arabella ſich bei Alban unter ihrem früheren Namen eingeführt hatte, und weder er noch Darrell denjenigen kannte, den ſie jetzt führte, da ferner an Waife während der früheren Perioden ſeiner Krankheit keine Fragen über dieſen Gegenſtand ge⸗ richtet werden konnten, ſo hatte es mehrere Tage angeſtanden, bis es dem Oberſten gelang, ſie als Mrs. Crane von Podden Place ausfindig zu machen. Dieſe Entdeckung verdankte er einem entfernten Ver⸗ wandten, an welchen er in der berühmten Schule gewieſen worden, deren Stolz Arabella einſt geweſen, und der ohne Zweifel der Beſitzer jener ſchafledernen Rechnungsbücher war, mit welchen das arme grimme Weib einſt Jaſper vergebens zu ehrlicher Arbeit zu verlocken geſucht hatte. Aber das Haus in Podden Place war verſchloſſen— keine Seele befand ſich darin. Die unmittelbar anſtoßenden Häͤuſer ſtanden gleichfalls leer. Gleichwohl erfuhr der Oberſt von einer Magd in einem gegenüberſtehenden Haus, ſie habe vor einigen Tagen einen großen, ſehr kräftig ausſehenden Mann zu Mrs. Cranes Hausthüre hineingehen und nicht wieder herauskommen geſehen; einige Abende ſpäter, als ſie das Haus geſchloſſen, wo ſie diente, habe ſie einen großen Privatwagen von Mrs. Cranes Thüre wegfahren geſehen; es ſey zu dunkel geweſen, um zu ſehen, wer im Wagen ſitze, aber auf dem Bock neben dem Kutſcher habe ſie ein Frauenzimmer bemerkt, das nach ihrer feſten Ueberzeugung Mrs. Cranes Dienerin, Bridgett Greggs, geweſen. Alban war zu dem Agenten gegangen, durch welchen Mrs. Crane ihre Häuſer vermiethen ließ, hatte aber dort keinen Aufſchluß erhalten. Der Oberſt glaubte, es ſey Mrs. Crane gelungen, Jaſper aus London zu entfernen, und ſie habe ihn vielleicht ins Ausland begleitet. Wenn er ſich bei ihr befand, ſo war er jedenfalls für den Augenblick vor den Qualen des Mangels geſchützt und von einer Perſon umgeben, die geſchworen hatte, ihn von ſeinem eigenen verbrecheriſchen Selbſt zu retten. Wenn er ſich indeß noch immer in England befand, ſo zweifelte Alban nicht daran, daß er ihn früher oder ſpäter auftreiben würde. So unbefriedigend dieſer lediglich auf Muthmaßungen beruhende Aufſchluß war, ſo beſchwichtigte er doch im Ganzen viele Angſt. Dar⸗ rell legte in ſeinen Vorſtellungen bei Waife großes Gewicht darauf. Und der alte Mann war, wie wir wiſſen, nicht ſchwer zu tröſten, er haderte nie unwiderruflich mit der Hoffnung. Und jetzt erholt ſich Waife raſch. Darrell iſt, nachdem er den größern Theil mehrerer Tage fleißig über einer Art von Studium zu⸗ gebracht, häufig den ganzen Tag abweſend, geht mit dem früheſten Zug nach London, kommt mit dem ſpäteſten zurück. Auch George Morley geht auf einige Stunden nach London. Darrell macht bei ſeiner Rückkehr keine Anſpielung auf das Geſchäft, das ihn in die Hauptſtadt geführt; George auch nicht, aber der Letztere ſcheint unge⸗ wöhnlich belebt und aufgeregt. Endlich treten nach einem dieſer Aus⸗ ———hhhſſ —¼ ———— 5 —„—,— ——*☛—— £ε☛———9— 29. flüge, die ſeinen Gewohnheiten ſo fremd waren, er und George zu⸗ ſammen in das Zimmer des alten Mannes, kurz vor der frühen Stunde, wo der Reconvalescent ſich zur Ruhe begibt. Sophy ſaß auf dem Schemel an Waifes Knie und las ihm aus der Bibel vor, während ſeine Hand leicht auf ihrem gebeugten Kopf ruhte. Der Anblick rührte ſowohl George als Darrell; aber Darrell war am meiſten er⸗ griffen. Welche junge reine Stimme wird ihm das Buch der Hoff⸗ nung vorleſen am Abend einſamen Alters? Sophy fuhr etwas er⸗ ſchrocken auf, und als ſie beim Weggehen aus dem Zimmer an Darrell vorüberkam, ergriff er ſanft ihre Hand und erforſchte ihre Züge auf⸗ merkſamer, ernſter als er je zu thun geſchienen; dann ſeufzte er und ließ die Hand ſinken, indem er murmelte:„Verzeiht mir.“ Wollte er in dieſem ſchönen Geſicht eine Aehnlichkeit mit den Darrellſchen Zügen leſen? Wenn er ſie gefunden hatte, was dann? Aber als Sophy gegangen war, kam Darrell mit heiterer Miene und flammen⸗ dem Auge auf Waife zu. „William Loſely,“ ſagte er. „Waife, wenn ich bitten darf, Sir,“ unterbrach der alte Mann. „William Loſely,“ wiederholte Darrell,„die Juſtiz ſucht, ſo weit es jetzt noch geſchehen kann, das Unrecht wieder gutzumachen, das an dem Namen William Loſely verübt worden iſt. Euer alter Freund Alban Morley hat mich mit den Notizen verſehen, die er in Eurer Prozeßſache aufgeſetzt, und ſo habe ich die Beweiſe zuſammengeſtellt, die ſich daraus ergaben. Der Miniſter des Innern iſt einer meiner genaueſten politiſchen Freunde— ein Mann von menſchenfreundlicher Geſinnung und Gefühl. Ich legte ihm dieſe Beweisführung vor. Ich, George und Mr. Hartopp ſahen ihn, nachdem er ſie durchleſen hatte—“ „Mein— Sohn— Lizzys Sohn!“ „Sein Geheimniß wird bewahrt werden. Die Frage war nicht, wer die That begangen habe, für welche Ihr littet, ſondern ob Ihr klar, unbeſtreitbar an der That unſchuldig ſeyet, und bei Eurem Ge⸗ 30 ſtändniß nicht blos auf eine erhabene Art die Strafe eines Andern b auf Euch genommen habet. Es wird keine neue Unterſuchung einge⸗ leitet werden, es ſind keine Kläger vorhanden. Ich bringe Euch die Gnade der Königin unter dem großen Siegel mit. Ich muß Euch erklären, daß dieſe Form der königlichen Gnade ſo ſelten ausgeſtellt wird, daß es all der ergreifenden Umſtände Eures eigenthümlichen Falles bedurfte, um den Miniſter des Innern zu rechtfertigen, wenn er nicht blos die intereſſanten Vorlagen, die ich zu Euern Gunſten machen konnte, gebührend berückſichtigte, ſondern ſich auch durch ſeine eigene humane Geſinnung beſtimmen ließ. Die Begnadigung unter dem großen Siegel unterſcheidet ſich von einer gewöhnlichen Begnadi⸗ gung. Sie reinigt das Blut von den Flecken des Verbrechens— ſie hebt alle bürgerlichen Unfähigkeiten auf, welche durch die bloße Ab⸗ büßung eines Strafurtheils nicht beſeitigt werden. Kurz, ſie wird in ihrer Anwendbarkeit auf Euern Fall wirklich ein vollſtändiges und förmliches Atteſtat Eurer Unſchuld. Alban Morley wird dafür ſorgen, 1 diejenigen Eurer alten Freunde, die etwa noch am Leben ſind, von dem in dieſem königlichen Dokument enthaltenen Widerruf ungerechter Schande in Kenntniß zu ſetzen— und Alban Morley würde einem b Prinzen von Geblüt den Rücken kehren, wenn er ſich irgend eines Jockeykniffes auf dem Raſen ſchuldig machte. Lebt hinfort offen und im hellen Tageslicht, wenn Ihr wollt; verlaſſet Euch auf uns drei— den Soldaten, den Advokaten, den Geiſtlichen— daß wir dieſem Pa⸗ pier denjenigen Werth verſchaffen werden, welchen es nach der Abſicht der Rathgeber Eurer Souveränin erhalten ſoll.“ „Eure Hand jetzt, theurer alter Freund!“ rief George.„Ihr erinnert Euch, ich forderte Euch einſt auf, die meinige als Menſch und Gentleman zu ergreifen— als Menſch und Gentleman beehrt mich jetzt mit der Eurigen.“ „Iſts möglich?“ ſtammelte Waife, indem er die eine Hand in Georges Hand legte, die andere in flehender Anrufung gegen Darrell ausſtreckte—„iſts möglich? Ich gerechtfertigt— ich gereinigt— und dennoch keine Verbrechersgaleere für Jaſper! Der Sohn nicht in Unterſuchung gezogen in Folge der Freiſprechung des Vaters! 11 Sagt mir das! wieder— wieder!“— „Es iſt ſo, Ihr dürft mirs glauben; jetzt bleibt nur noch übrig dieſem Sohn, wenn er ein menſchliches Herz hat, die Ueberzeugung beizubringen, daß er ſchlimmer als ein Vatermörder wäre, wenn er nicht ſich ſelbſt retten würde.“ „Und das wird er— er wird es thun. O, daß ich zu ihm ge⸗ langen könnte!“ rief der Prediger. „Und nun,“ ſagte Darrell,„nun verlaſſet uns, George; denn jetzt können wir zwei Väter auf gleichem Fuß Familiendifferenzen be⸗ ſprechen.“ . 6 Achtes Kapitel. 3 Sophys Anſpruch geprüft und erörtert. „Ich benütze dieſen Augenblick,“ ſagte Darrell, als er mit Waife (ach, Leſer, laßt uns dieſen vertraulichen Namen bis zuletzt beibehalten!) allein gelaſſen war,„ich benütze dieſen Augenblick, den erſten Augen⸗ blick, wo Ihr vollkommen überzeugt ſeyn könnt, daß kein Vorurtheil gegen Euch ſelbſt mein Urtheil in Bezug auf diejenige umwölkt, die Ihr für Eure Enkelin haltet, um den Gegenſtand, der Euch zweimal hiehergeführt hat, zur Sprache zu bringen und hoſſentlich für immer abzumachen. In der Nacht Eurer neulichen Ankunft dahier gabet Ihr mir dieſe abſchriftliche Erklärung einer Franzöſin, daß zwei Kin⸗ der ihr zum Stillen übergeben worden; daß eines von ihnen das Kind b meiner armen Tochter geweſen ſey und demnächſt von ihr wegge⸗ nommen werden ſollte; daß das andere ihr von ihrer Mutter anver⸗ traut worden ſey, einer franzöſiſchen Dame, die als eine höchſt liberale und diſtinguirte Perſon bezeichnet wird, deren Name aber in der Ur⸗ kunde nicht aufgeführt iſt.“ Waife.—„Die Beichte bezeichnet dieſe Dame als eine Kün ſt⸗ 31 32 lerin; ausgezeichnete Künſtlerin iſt der Ausdruck— das heißt eine Perſon, die einen Beruf treibt— eine Malerin— eine Schauſpielerin — eine Sängerin— oder—“ Darrell(trocken).—„Eine Ballettänzerin! Ich verſtehe das Wort vollkommen. Und ich nehme an, der Name ſey aus Gründen der Delikateſſe in der Urkunde nicht aufgeführt; das Kind einer aus⸗ gezeichneten franzöſiſchen Künſtlerin iſt nicht nothwendig in der Ehe geboren. Aber dieſe Dame war der Amme ſehr dankbar für die Sorg⸗ falt, die ſie ihrem Kinde erwies, das ſehr kränklich war; und ſie ver⸗ ſprach die Amme nebſt ihrem Manne in ihren Dienſt zu nehmen. Die Amme gibt an, ſie ſelbſt ſey ſehr arm geweſen, das Anerbieten der Dame ſey ihr als eine bleibende Verſorgung erſchienen; das Leben des Kindes dieſer Künſtlerin habe den höchſten Werth, das Leben des Kindes meiner armen Tochter vergleichungsweiſe nur eine geringe Bedeutung für ſie gehabt. Aber das Kind der Künſtlerin ſtarb, und der Mann der Amme ſetzte es ſeinem Weib in den Kopf, Eurem Sohne(der damals Wittwer war, und ſein Kind ſo wenig geſehen hatte, daß er leicht getäuſcht werden konnte) zu ſagen, daß ſein Kind geſtorben ſey. Kurz darauf zog die Amme nach Paris und brachte das Kind, das in Wirklichkeit meiner Tochter gehörte, in das Haus der Künſtlerin.“ „Dieß iſt ſehr wahrſcheinlich, nicht wahr— nicht wahr?“ ſagte der Excomoͤdiant eifrig. „Es ſcheint mir,“ erwiederte der Eradvokat,„daß ein Zeuge, der mit dem Bekenntniſſe einer niederträchtigen Lüge vor Gericht auf⸗ tritt, ſich nicht ſehr bedenken würde, auch eine andere zu ſagen. Aber ich fahre fort. Dieſe reiche und liberale Künſtlerin ſtirbt. Das Gewiſſen der Amme erwacht jetzt plötzlich— ſie ſieht Mr. Hammond — ſie benachrichtigt ihn von dem Betrug, deſſen ſie ſich ſchuldig ge⸗ macht hat. Eine Dame von Stand, die Matilda gekannt, wie auch beide Kinder, ſo lange ſie noch lebten, unter der Obhut der Amme ge⸗ ſehen und ſie aufmerkſamer betrachtet hatte als Euer Sohn, beſtätigt 0 + N&ðe£ G u ‿ A 4 833 die Geſchichte der Frau und gibt an, das Kind der Kün ſtlerin habe dunkle Augen gehabt, keine blauen; die Künſtlerin ſelbſt habe ſich nicht täuſchen laſſen— da ſie aber große Neigung zu dem unterſchobe⸗ nen Kind gefaßt, ſo ſey ſie Willens geweſen es aufzunehmen und wie ihr eigenes zu lieben; auch kenne ſie mehrere Perſonen, die bezeugen werden, ſie haben die Künſtlerin ſagen gehört, daß das Kind nicht ihr eigenes ſey. Auf dieſen Beweis hin nimmt Euer Sohn dieſes Kind zu ſich— und dieſes Kind iſt Eure Sophy, und Ihr wünſchet, daß ich ſie als den Sprößling meiner Tochter anerkennen ſoll. Schaut mir nicht ſo ernſthaft ins Geſicht, mein theurer und verehrter Gaſt. Als Ihr neulich in meinem Geſichte laſet, was meine Lippen auszu⸗ ſprechen ſich ſcheuten, da überwältigte Euch Eure Gemüthsbewegung, und Ihr verloret ſogar das Bewußtſeyn. Seyd jetzt feſter. Eure Sophy bedarf meiner nicht— ſie ſteht unter Eurer Obhut und Euer Name iſt wieder zur vollen Ehre gebracht. Sie hat eine Freundin, eine Beſchützerin in ihrem eigenen Geſchlechte gefunden. Lady Mont⸗ forts Rang verleiht ihr eine eben ſo hohe Stellung in der Welt, als ich ihr bieten könnte, und in Betreff ihrer blos pekuniären Verſorgung könnt Ihr ganz ruhig ſeyn— ſie wird ſicher geſtellt werden. Aber verzeiht mir, wenn ich entſchloſſen und ruhig hinzufüge, daß dieſes Zeugniß der Amme für mich ein plumperer und armſeligerer Betrugs⸗ verſuch iſt, als ich vorausgeſetzt hätte; und ich muß mich wundern, daß ein Mann von Euren Talenten ſich damit begnügen konnte.“ „O, Mr. Darrell, ſprecht nicht ſo! Als mein Sohn für mich verloren war, fand ich eine ſolche Wonne in dem Gedanken, daß die Leere in meinem Herzen durch ein unſchuldiges liebendes Kind aus⸗ gefüllt werden könnte. Sprecht nicht von meinen Talenten. Wenn Ihr, deſſen Talente Niemand beſtreiten kann, Euch ſo ſchmerzlich nach einer ſolchen Tröſterin geſehnt, wenn Ihr gewünſcht hättet und jetzt wünſchtet, daß dieſe Erzählung wahr wäre, ſo würdet Ihr ſie auch geglaubt haben; Ihr würdet ſie ganz ſicher jetzt glauben. Zwei Männer ſehen eine und dieſelbe Geſchichte ſo verſchieden an— der —— ——— 2 — * 34 Eine iſt tief dabei intereſſirt, daß ſie wahr ſey— der Andere iſt ent⸗ ſchloſſen, ſie wo möglich falſch zu finden. Iſt es nicht ſo?“ Darrell lächelte ein wenig, konnte aber nicht dazu gebracht wer⸗ den, einem ſo allgemeinen Satz ſeine Zuſtimmung zu geben. Es war ihm zu Muth, als ſtände er einem Advokaten gegenüber, der aus jedem Zugeſtändniß Vortheil ziehen würde.“ Waife fuhr fort.„Und was am unwahrſcheinlichſten bei dieſem Geſtändniß erſcheint, wird auf einmal wahrſcheinlich gemacht— wenn — wenn— wir annehmen wollen, daß mein unglücklicher Sohn, ver⸗ lockt durch den Wunſch— den Wunſch—“ „Schonet Euch, ich verſtehe— wenn Euer Sohn das Vermögen ſeiner Frau zu erhalten wünſchte, wenn er deßhalb in die Vertauſchung der Kinder willigte, und dadurch auch in den Stand geſetzt wurde, die Geſchichte dieſes Tauſches zu beſtätigen, ſobald es ihm paßte, das Kind in Anſpruch zu nehmen. Ich gebe dieß zu— und ich gebe auch zu, daß die Vermuthung plauſibel genug iſt, um das große Gewicht zu rechtfertigen, das Ihr darauf leget. Wir wollen anerkennen, daß es zu einer Zeit ſein Intereſſe war, ſein Kind, obſchon es noch lebte, als geſtorben darzuſtellen; aber Ihr müßt auch zugeben, daß er es ſpäter für ſein Intereſſe gehalten haben würde, mir ein Kind, das meine Tochter nicht geboren hatte, als Enkelin aufzuhalſen. Hier verwickeln wir uns in einen Streit ohne Data und Fakta. Laßt uns ihn enden. Glaubt was Ihr wollt. Warunm ſollte ich Ueberzeugungen erſchüttern, die Euch glücklich machen? Seyd eben ſo duldſam gegen mich! Ich laſſe den bezaubernden Eigenſchaften Eurer Sophy volles Recht widerfahren; der ſtolzeſte Vater könnte ſie mit Freuden als ſein Kind erklären, aber ich kann ſie nicht als die Tochter von Matilda Darrell anerkennen. Und die Geſchichte, die Euch die Gewißheit gab, daß ſie Eure Enkelin ſey, beſtärkt mich immer mehr in der Ueberzeu⸗ gung, daß ſie die meinige nicht iſt.“ „Aber ſeyd nicht ſo unbeugſam, ich flehe Euch an;— Ihr könnt ſo gütig, ſo freundlich ſeyn;— ſie würde ein ſolcher Segen für Euch ſeyn; ſpäter— vielleicht wenn ich todt bin. Ich verfechte Eure eigene Sache— ich verdanke Euch ſo viel! Ich würde Euch heimbezahlen, wenn ich Euch nur veranlaſſen könnte nachzuforſchen— und wenn die Nachforſchung bewieſe, daß ich Recht habe.“ „Ich habe genug nachgeforſcht.“ „Dann will ich hingehen und die Amme aufſuchen. Ich will ſie ins Verhör nehmen. Ich will—“ „Haltet ein. Seyd überzeugt! Bleibet bei Eurem Glauben! Forſchet nicht weiter.“* „Warum— warum?“ Darrell verſtummte. Waife fuhr mit der Hand über ſeine Stirne hin und her, dann rief er plötzlich:„Aber wenn ich beweiſen könnte, daß ſie nicht meine Enkelin wäre, dann würde ſie glücklich ſeyn!— dann— dann— ach, Sir, der junge Haughton ſagt mir, daß Ihr, wenn ſie nur die Tochter ehr⸗ licher Eltern, wenn ſie nicht Jaſpers Kind, nicht meine Enkelin wäre — daß Ihr dann nicht zu ſtolz ſeyn würdet, ſie wenigſtens als ſeine Braut zu ſegnen. Und, Sir, das arme Kind liebt den jungen Mann. Wie könnte ſie anders? Und in ihrem Alter iſt das Leben ohne Hoff⸗ nung entweder ſehr kurz oder ſehr, ſehr lang. Laßt mich nachforſchen! Ich würde ſogar glücklich ſeyn zu erfahren, daß ſie nicht meine Enkelin wäre. Ich würde ſie nicht weniger lieben; und dann würde ſie An⸗ dere haben, die ſie lieben würden, wenn ich zu Lizzy gegangen bin.“ Darrell war tief ergriffen. Für ihn lag in dieſem alten Mann, der immer ſich ſelbſt vergaß, immer ſo haſtig von ſeinem Herzen vor⸗ angedrängt wurde, für ihn, ſage ich, lag in dieſem alten Mann Et⸗ was, wodurch er ſeinen eigenen Verſtand überwältigt fühlte, wodurch ſein Stolz zum Schweigen gebracht und beſchämt wurde. „Ja, Sir,“ ſagte Waife nachſinnend, laßt es ſo ſeyn. Ich bin jetzt wohl. Ich will morgen nach Frankreich abgehen.“ Darrell nahm all ſeinen Muth zuſammen. Er hatte Waife den Schmerz zu erſparen gewünſcht, den ſeine eigenen Ueberzeugungen ihm 36 ſelbſt bereiteten. Es war jetzt beſſer, wenn er ſich ganz oſſen ausſprach. Er legte ſeine Hand auf Waifes Schulter, und indem er ihm ins Ge⸗ ſicht ſchaute, ſagte er feierlich:„Ich will Euch nicht bitten. Glaubet Ihr, daß ich nicht perſönlich die Nachforſchung wieder aufnehmen und ohne Ruhe und Raſt betreiben würde, bis die Wahrheit ans volle Tageslicht käme, wenn ich nicht ſtarken Grund hätte, den Zweifel der Wahrheit vorzuziehen?“ „Was meinet Ihr, Sir?“ „Da iſt eine Dirne, deren Lebenslauf, glaube ich, in dieſem Augenblick als Heldin eines Dramas auf der Pariſer Bühne dem Publikum aufs Neue in Erinnerung gebracht wird, eine durch die Narren, die ſie an den Bettelſtab gebracht, ſo wie die jungen Herzen, die ſie verdorben, zu einer gewiſſen Berühmtheit gekommene Buhlerin, die, als ihr Ruhm mit der Zeit nachließ und ihre Einkommensquellen ins Stocken geriethen, ihr Raubſyſtem durch Verbrechen fortſetzte, gegen welche das Geſetz weniger gelind iſt: des Schwindels, des Be⸗ trugs, der Fälſchung angeklagt, und zuletzt mehr als verdächtig eine geübte Giftmiſcherin zu ſeyn, entzog ſie ſich durch Selbſtmord dem Urtheilsſpruch der menſchlichen Gerichte.“ „Ich weiß von wem Ihr ſprecht— von dieſer ſchrecklichen Gabriele Desmarets, ohne welche meine Aufopferung für Jaſpers Zukunft viel⸗ leicht nicht vergeblich geweſen wäre. Um Sophy vor der Gefahr zu ſchützen durch Jaſper einmal in Berührung mit dieſem Weib gebracht zu werden und in den Bereich ihres Beiſpieles zu kommen, habe ich ſie weggenommen.“ „Iſt es dann nicht beſſer gar nicht zu fragen, wer die Eltern Eurer Sophy waren, als durch Erkundigungen auszumitteln, daß ſie wirklich Eure Enkelin iſt und daß ihre Mutter Gabriele Des⸗ marets war?“ Waife ſtieß eine Art von Angſtſchrei aus, dann blieb er in ſtum⸗ mer Beſtürzung ſitzen. Endlich rief er:„Ich bin überzeugt, daß es nicht ſo iſt. Habt Ihr dieſes Weib je geſehen?“ ———— —+½ ☛&—2— 1 22— AMB. 37 „Meines Wiſſens nie; aber George ſagte mir, er habe Euern Sohn zu Euch ſagen gehört, ſie habe unter einem andern Namen Be⸗ kanntſchaft mit mir gemacht, und wenn dieß in der Abſicht geſchah ſie zur Beſtätigung ſeines Mährchens zu gebrauchen— wenn er damals die Wahrheit zu Euch ſprach, ſo war ohne Zweifel dieß die Dame von Stand, die in dem Bekenntniß der Amme gemeint iſt— ſie war ohne Zweifel die Frau, die man mir einmal als Matildas Vertraute auf⸗ heſten wollte. In dieſem Fall habe ich ſie geſehen. Was dann?“ „Mutter war nicht in ihr Geſicht geſchrieben! Sie konnte nie Mutter geweſen ſeyn. O, Ihr mögt lächeln, Sir; aber ich habe mein ganzes Leben lang im menſchlichen Geſichte geleſen, und der Anblick gewiſſer Weiber verkündete eine ſteinerne Unfruchtbarkeit— kein Mutterherz in ihrem Buſen— kein Mutterkuß auf ihren Lippen.“ „Ich verſtehe mich nur ſchlecht auf Weibergeſichter,“ ſagte Dar⸗ rell:„aber diejenige muß den Weibern im Allgemeinen ſehr unähnlich ſeyn, die Euch erlaubt ſie ein bischen beſſer zu kennen, wenn Ihr auch bis zum jüngſten Tag daſteht und ihr ins Geſicht ſchauet. Ueberdieß hat zur Zeit, wo Ihr Gabriele Desmarets ſahet, ihre Lebensweiſe ihr vielleicht ein Ausſehen gegeben, das nicht urſprünglich in ihrem Ge⸗ ſichte lag. Und ich kann Eure poetiſche Idee nur durch ein poetiſches Beiſpiel beantworten— Niobe wurde zu Stein; aber ſie hatte ſehr viele Töchter, bevor ſie verſteinte. Verzeiht mir, wenn ich mit einem Scherz einen Gedanken beſeitigen wollte, der Euch, wie ich ſehe, eben ſo ſehr wie mich ſelbſt empören würde, wenn man ihm ernſthaft Vor⸗ ſchub leiſtete. Leiſtet ihm keinen Vorſchub. Laßt uns blos die Mög⸗ lichkeit annehmen, daß weitere Nachforſchungen dieſe Vermuthung beſtätigen könnten; aber laßt uns dieſe Moglichkeit ſcheuen. Wenn indeß eine Nachforſchung anzuſtellen iſt, ſo hat eine Perſon, die wahr⸗ ſcheinlicher als Einer von uns die Wahrheit ermitteln kann, dieß zu thun verſprochen, und wir werden früher oder ſpäter von ihr das Er⸗ gebniß vernehmen— ich meine jene unglückſelige Arabella Foſſett, die Ihr als Mrs. Crane kanntet.“—. 38 Waife ſchwieg; aber er drehte beinahe troſtlos das Dokument, das ihn vom Brandmal des Verbrechers reinigte, in ſeiner Hand herum und ſagte endlich, als Darrell im Begriff ſtand aufzubrechen: „Und dieſes Ding ſoll alſo für ſie keinen Nutzen haben?“ Darrell kam an den Stuhl des alten Mannes zurück und ſagte ſanft:„Freund, bildet Euch nicht ein, daß die Jugend nur einen ein⸗ zigen Pfad zum Glücke habe. Ihr grämet Euch, daß ich in Lionels Heirath mit Eurer Sophy nicht willigen kann. Entſaget dem Wunſch nach dem Unmöglichen. Entwöhnet ſie allmählig von einer Neigung, die nur eines Mädchens erſte Grille iſt.“. „Es iſt eines Mädchens erſte Liebe.“ „Und wenn es ſo wäre,“ ſagte Darrell ruhig,„ſo gibt es keinen Kummer, der ſo zuverläßig einer Luftveränderung weichen wird, wie dieſer. Ich habe ein Mädchen gekannt, das eben ſo liebreich, eben ſo rein, eben ſo voll von allen weiblichen Tugenden war, als Eure Sophy (und ein höheres Lob kann ich ihr nicht ertheilen)— ſie wurde inniger geliebt als Lionel lieben kann; ſie erklärte, ſte glaubte damals ohne Zweifel, daß ſie ebenfalls für das ganze Leben liebe; ſie war ſogar verlobt; ihre Treue feierlich verpfändet; dennoch war ſie binnen weniger als Jahresfriſt eines Andern Weib. Luftveränderung Herzensver⸗ änderung! Ich unterſchätze die Wirkung nicht, welche ein ſo ein⸗ nehmender junger Mann wie Lionel natürlich auf die Gefühle eines Mädchens hervorbringen mußte, das bis jetzt noch keine andern geſehen hat; aber Jugendeindrücke ſind Buchſtaben im Sand. Grabet ſie noch ſo tief ein, die Fluth rollt darüber hin; und wenn die Ebbe wieder die Oberfläche zeigt, ſo ſind die Buchſtaben verſchwunden, denn die Sand⸗ körner haben gewechſelt. Muth! Lady Montfort wird ihr Andere vorſtellen, die eben ſo ſchön, eben ſo elegant gekleidet ſind wie Lionel. Bei den vielen ausgezeichneten Eigenſchaften des Mädchens werden ſich junge Patrizier genug finden, die keinen Pfifferling nach ihrer Geburt fragen;— junge Lords— Lady Montfort weiß recht wohl, ——= 4—— ——y—— ——.———-,—o—2 10/ 39 wie bezaubernd junge Lords ſeyn können— ehe ein Jahr um iſt, werdet Ihr neue Buchſtaben in den Sand geſchrieben finden.“ „Ihr kennt Sophy nicht, Sir,“ ſagte Waife einfach;„und ich ſehe, daß Ihr entſchloſſen ſeyd ſie nicht kennen zu lernen. Aber Ihr ſagt, Arabella Crane werde Erkundigungen einziehen; und ſollte daraus hervorgehen, daß ſie kein Kind von Gabriele Desmarets— daß ſie entweder Eure eigene Enkelin oder nicht die meinige iſt— daß—“ „Laßt mich Euch unterbrechen. Wenn es ein grauſames und verrätheriſches Ding in der Welt gibt, ſo iſt es eine falſche Hoffnung. Gebet für immer Euern ſehnſüchtigen Glauben auf, daß das arme Mädchen ſich als eine Perſon auszuweiſen vermöge, die mein Vetter mit meiner Einwilligung heirathen könne. Lionel Haughton iſt mein einziger Verwandter, dem ich dieſes Haus und dieſe Güter vermachen kann, die für mich geheiligt ſind, weil ſie mit meinem früheſten Unter⸗ richt in Ehre und mit den Träumen, die mein Leben geleitet, in Ver⸗ bindung ſtehen. Er muß mit der Erbſchaft den Namen übernehmen, den ſie repräſentirt. Nur in ſeinen Kindern kann der Name Darrell im Lande fortleben. Ich ſage Euch, daß meine Tochter, ſelbſt wenn ſie jetzt noch lebte, nicht meine Nachfolgerin würde, daß ſie dieſen Namen nicht erben noch fortpflanzen dürfte. Warum?— nicht weil ich einer chriſtlichen Vergebung unfähig bin, ſondern weil ich nicht begreife, wie ein Gentleman an ſeinen Ahnen und ſich ſelbſt zum Ver⸗ räther werden kann;— weil Matilda Darrell falſch und treulos war; — weil ſie für die Ehre abgeſtorben war und dadurch ihr Geburtsrecht auf einen Erbtheil von Ehre unwiderruflich verwirkt hatte. Und weil Ihr mich zu einer rauhen Sprache zwinget, während ich in Euch einen Mann verehre, den ſelbſt das Geſetz nicht herabzuwürdigen ver⸗ mag— während ich, wenn wir eine Generation übergehen könnten und Sophy Euer Kind von Eurer Lizzy wäre, mit Stolz eine Ver⸗ bindung bewillkommnen würde, die uns Beide zu Brüdern machte— ſo kann ich dennoch— es geht ſchlechterdings über meine Kraft— Bulwer, was wird er damit machen? VIII. 4 40 mich nie mit dem Gedanken verſöhnen Jaſper Loſelys Tochter, ſelbſt von meinem eigenen Kind, als die Gebieterin in meines Vaters Haus, als die Trägerin von meines Vaters Namen zu ſehen. Alles Erörtern iſt hier vergebens. Erklärt mich als den Sklaven eines Vorurtheils — erklart dieſe Ideen als veraltete Bigotterie— ich bin zu alt, um mich zu ändern. Ich verlange von Andern kein Opfer, das ich nicht ſelbſt gebracht habe. Und wie groß auch Lionels Kummer über meinen Entſchluß ſeyn mag, Kummer wird mein Begleiter ſeyn, wenn er längſt vergeſſen hat, daß er je getrauert.“ Neuntes Kapitel. Arme Sophy! Mills überreichte am folgenden Morgen Sophy einen Brief von Lady Montfort und übergab ihr zugleich einen für Waife, auf deſſen Adreſſe ſie Lionel Haughtons Handſchrift erkannte. Sie ging gerade⸗ wegs in Waifes Beſuchzimmer, denn der alte Mann hatte ſeine frü⸗ heren Gewohnheiten wieder angenommen und war bereits aufgeſtanden und angekleidet. Sie überreichte ihm den Brief ohne ein Wort zu ſagen, und blieb, während er ihn öffnete, mit einer gewiſſen ſtillen Feſtigkeit im Ausdruck ihres Geſichtes, wie wenn ſie ſich zu irgend einer großen Anſtrengung entſchlöße, neben ihm ſtehen. Der Brief war oſtenſibel ein Glückwunſchſchreiben. Lionel hatte Darrell Tags zuvor, als dieſer aus dem Miniſterium des Innern kam, geſehen und von ihm erfahren, daß Alles geſchehen war, was die Juſtiz thun konnte, um ausgeübtes Unrecht wieder gutzumachen. Hier waren Lionels Worte, obſchon kurz, doch herzlich und beinahe vergnügt; aber dann kamen einige Sätze, die in tiefes Düſter getaucht waren. Da war eine unbeſtimmte und an ſich delikate Anſpielung auf die ereig⸗ nißreiche Beſprechung mit Waife in Bezug auf Sophy— ein düſteres feierliches Lebewohl, das ihr und der Hoffnung geſagt wurde— ein inniges Gebet für ihr Glück— und dann eine plötzliche gewaltſame Losreißung von einem Gegenſtand, bei welchem ein längeres Ver⸗ weilen allzu unerträglich und ſchmerzlich war— eine Anzeige, daß es ihm gelungen ſey in ein Regiment verſetzt zu werden, das ſehr bald zu aktivem Dienſt verſchickt werden ſolle; daß er am nächſten Tag aufbrechen werde, um zu dieſem Regiment in einem abgelegenen Theile des Landes zu ſtoßen; endlich die Ueberzeugung, daß er, im Fall der Krieg ſein Leben verſchone, erſt in vielen Jahren nach Eng⸗ land zurückkommen werde. Der Sinn des Briefes war ergreifender in dem was er verſchwieg, als in dem was er ausdrückte. Augen⸗ ſcheinlich wünſchte Lionel Waife mitzutheilen und durch ihn Sophy benachrichtigen zu laſſen, daß ſie den Schreiber hinfort als aus ihrer Exiſtenz verſchwunden zu betrachten habe— als unwiderruflich da⸗ hingegangen, wie die Todten dahingehen. Während Waife las, hatte er ſich von Sophy ab auf die Seite gewendet; er war aufgeſtanden, er war in die tiefe Niſche des alten Kreuzfenſters gegangen und hatte ſich halb hinter dem Vorhang ver⸗ borgen. Geräuſchlos folgte Sophy, und als er zu Ende war, legte ſte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte ſehr ruhig:„Großvater, darf ich dieſen Brief leſen?“ Waife fuhr zuſammen und antwortete augenblicklich:„Nein, meine Liebe.“ „Es iſt beſſer, wenn ich ihn leſe,“ ſagte ſie mit derſelben ruhigen Feſtigkeit, und dann, als ſie den Jammer auf ſeinem Geſichte ſah, fügte ſie mit ihrer gewöhnlichen holdſeligen Folgſamkeit, jedoch mit einem verzweiflungsvollen Hängen des Kopfes hinzu—„aber wie Ihr wollt, Großvater.“ Waife zögerte einen Augenblick. Hatte ſie nicht Recht?— konnte es nicht beſſer ſeyn den Brief zu zeigen? Einmal mußte ſie ja doch der Thatſache, daß Lionel hinfort Nichts für ſie ſeyn konnte, die Stirne bieten; und würden nicht Lionels eigene Worte ſie weniger ver⸗ 4* letzen, als Alles was Waife ſagen konnte? Er überreichte ihr alſo den Brief und ſetzte ſich nieder, um ihre Haltung zu beobachten. Bei den einleitenden Glückwünſchen ſchaute ſie fragend auf. Der arme Mann hatte ihr Nichts von dem geſagt, wovon er zu einer an⸗ dern Zeit mit ſolcher Freude geſprochen haben würde; und jetzt ſagte er in Beantwortung ihres Blickes beinahe traurig:„Dieß betrifft blos mich, Sophy: was liegt daran?“ Aber bevor das Mädchen eine Zeile weiter las, lächelte ſie ihm zu und küßte zärtlich ſeine ge⸗ furchte Braue. „Leſet nicht weiter, Sophy,“ ſagte er ſchnell. Sie ſchüttelte ihren Kopf und fuhr fort. Sein Auge fortwährend auf ihr Geſicht geheſtet, bemerkte er, wie es ſich, als der Sinn des Briefes ihr klar wurde, veränderte, und als ſie ohne ein Wort, mit kaum einer ſicht⸗ baren Hebung des Buſens den Brief auf ſeinen Schoß legte, da war die Veränderung ſo vollſtändig geworden, daß es ſchien, als ſtände eine Andere an ihrer Stelle. Bei ſehr jungen und fühlenden Per⸗ ſonen, beſonders Mädchen(obſchon ich es auch bei unſerem harten Geſchlecht geſehen habe), offenbart ſich eine große und plötzliche Er⸗ ſchütterung oder Hemmung des Gefühls auf ſolche Art durch eine bei⸗ nahe übernatürliche Entſtellung des Geſichtes. Es iſt keine bloße Bläſſe— kein oberflächliches Verſchwinden der Farbe es iſt, als ob die ganze Jugendblüthe weggeflogen wäre; Hoͤhlungen, die man früher nie geſehen, kommen auf der ſonſt ſo runden und glatten Wange zum Vorſchein; die Muskeln erlahmen wie in tödtlicher Krankheit; eine jahrelange Verheerung ſcheint in einem Augenblick angerichtet zu ſeyn; die Flamme ſelbſt verwüſtet nicht ſo plötzlich— entſtellt nicht ſo plötzlich— hinterläßt kein ſo unſägliches Gepräge von Verheerung und Verfall. Waife ſprang vor und drückte ſie an ſeine Bruſt. „Ihr werdet es ertragen, Sophy! Das Schlimmſte iſt jetzt vor⸗ über. Feſtigkeit, mein Kind!— Feſtigkeit! Das menſchliche Herz wird wunderbar aufrecht erhalten, wenn nicht das Gewiſſen es iſt, was auf ihm laſtet— Kummerniſſe, von denen wir im Augenblick meinen, denn auch ich habe gelitten.“ „Armer Großvater,“ ſagte Sophy leiſe, und mehr ſagte ſie nicht. Aber als er fortfahren wollte ihr Troſt zuzuſprechen oder ſie zur Ge⸗ duld zu ermahnen, drückte ſie ſeine Hand feſt und legte ihren Finger auf ihre Lippe. Er war im Augenblick zum Schweigen gebracht. Alsbald begann ſie ſich im Zimmer umher zu bewegen und ſich wie gewöhnlich mit jenen unbedeutenden kaum bemerklichen Anordnungen zu beſchäftigen, wodurch ſie zum einfachen Comfort des alten Mannes mitzuwirken ſo gerne glaubte. Sie ſtellte den Lehnſtuhl in ſeine Lieb⸗ lingsecke am Fenſter und vor denſelben den Schemel für den armen lahmen Fuß; ſie zog den Tiſch nahe an den Stuhl, überſchaute die Bücher, welche George aus Darrells Bibliothek für ihn ausgeſucht hatte, legte den Band, worin ſie ſein Zeichen erblickte, zunächſt an ſeine Hand und wiſchte zärtlich den Nebel von ſeinem Leſeglas; dann ent⸗ fernte ſie noch einige verwelkte oder kränkelnde Schneeglöckchen von dem kleinen Winterbouquet, das ſie Tags zuvor für ihn gepfluckt hatte — er aber beobachtete ſie die ganze Zeit eben ſo ſchweigend wie ſie ſelbſt, denn er wagte wirklich nicht zu ſprechen, damit ſein Herz nicht überflöße. Als dieſe kleinen Liebesgeſchäfte vollbracht waren, kam ſie einige Schritte auf ihn zu und ſagte:„Bitte, lieber Großvater, erzählet mir Alles, was Euch zugeſtoßen iſt, und was uns froh machen ſollte— das heißt bei Gelegenheit; aber Nichts von dem übrigen Inhalt dieſes Briefes. Ich will eben jetzt für mich ſelbſt darüber nachdenken, aber laßt uns nie davon ſprechen, lieber Großvater, nie mehr— nie mehr!“ ſie müſſen uns tödten, vergehen von ſelbſt. Ich ſpreche die Wahrheit Zehntes Kapitel. Bäume, welche wie die Pappel alle ihre Zweige aufwärts richten, verleihen trotz ihrer Höhe weder Schatten noch Schutz. Diejenigen Bäume ſchützen und beſchatten uns am liebreichſten, die gleich der Weide, je höher ihre Gipfel emporragen, um ſo tiefer ihre Zweige herabhängen laſſen. Wenn Sophy Morgens Waife verließ, ging ſie gewöhnlich ins Freie, und er konnte ſie an ſeinem Fenſter vorbeikommen ſehen; oder auch ſchaute ſie in die Bibliothek hinein, die beinahe ausſchließlich dem Morleyſchen Ehepaar überlaſſen war, und er konnte ihren Tritt auf den alten krachenden Treppen hören. Aber jetzt hatte ſie ſich in ihr eigenes Stübchen geſchlichen, das von ſeinem Salon nur durch ein kleines Vorzimmer getrennt war, und dort blieb ſie ſo lange, daß er ängſtlich wurde. Er ſtahl ſich leiſe an ihre Thüre und lauſchte. Er hatte ein beinahe ſo feines Gehör wie ſein Sohn; aber er konnte kein Schluchzen— keinen Athemzug vernehmen. Endlich öffnete er ſachte die Thüre und ſchaute behutſam hinein.. 34 4 Das Mädchen ſaß ganz ſtill am Fuß ihres Bettes; ihre Augen waren auf den Boden geheftet, und ihr Finger ruhte auf ihrer Lippe, juſt wie ſie ihn hingelegt hatte, als ſie um Stille flehte. Sie war ſo ſtill, als ob ſie ſchlummerte. Alle welche Kummer gehabt haben, reſpektiren ihn. Waife wollte nicht zu ihr hintreten, aber er ſagte von ſeinem Platz auf der Schwelle aus:„Es iſt jetzt ſehr ſchöner Sonnenſchein, Sophy; geht ein wenig aus, mein liebſtes Kind.“ Sie blickte nicht um ſich— ſie bewegte ſich nicht; aber ſte ant⸗ wortete bereitwillig:„Ja, ſogleich.“ Er machte alſo die Thüre zu und verließ ſie. Eine Stunde ging vorüber; er blickte wieder hinein; ſie war noch da— auf demſelben Platz, in derſelben Haltung. „Sophy, liebes Kind, es iſt Zeit, daß Ihr Euern Spaziergang macht; geht— Mrs. Morley iſt unten vor meinem Fenſter. Ich habe ſie erſucht auf Euch zu warten.“ ———nWn— 45 „Ja— ſogleich,“ antwortete Sophy, und ſie bewegte ſich nicht. Waife wurde ernſtlich unruhig. Er blieb einen Augenblick ſtehen — dann ging er auf ſein Zimmer zurück— nahm Hut und Stock— kam von Neuem. „Sophy, ich möchte gerne ein wenig ausgehen und friſche Luft einathmen; ſie wird mir wohl thun. Wollt Ihr mir Euern Arm geben? ich bin noch ſehr ſchwach.“ Sophy fuhr jetzt auf— ſchüttelte ihre ſchoͤnen Locken zurück— erhob ſich— ſetzte ihren Hut auf, und in weniger als einer Minute war ſie an der Seite des alten Mannes. Seinen Arm zärtlich in den ihrigen ziehend, geleitet ſie ihn die Treppe hinab; ſie ſind im Garten; Mrs. Morley kommt zu ihnen— dann George. Waife bemüht ſich zu ſprechen— heiter zu ſeyn— durch ſeinen eigenen thätigen, überall umherhüpfenden Humor Sophys in ſich verſunkene Schweigſamkeit zu ſchützen. Zwei oder drei Mal, wäͤhrend er ſich auf Sophys Arm lehnt, zieht ſie ihn noch näher an ſich und drückt ihn zärtlich. Sie verſteht— ſie dankt ihm. Horch! aus irgend einem unentdeckten Verſteck in der Nähe des Waſſers ertönt Fairthorns Flöte. Die Muſik erfüllt die Landſchaft, wie wenn ſie leibhaftig da wäre; die Schwäne bleiben ruhig auf dem ſtillen See ſitzen— das zahme Reh ſchleicht dort unter den laubloſen Bäumen umher, und jetzt kommt ſinnend und langſam der Herr des Rehs unter denſelben verödeten Gebüſchen hervor. Die Muſik bezaubert ſie Alle. Guy Darrell er⸗ blickt ſeine Gaͤſte, die bei der ſteinernen Sonnenuhr Halt gemacht haben. Er ſchreitet voran— geſellt ſich zu ihnen— wünſcht Waife Glück zu ſeinem erſten Ausgang als Reconvalescent. Er citirt Grays wohlbekannte Verſe über dieſes Ereigniß, und als er mit dieſer Stimme, die ſo lieblich iſt wie die Flöte ſelbſt, an die Zeilen kommt: „Ihm ſind Himmel, Luft und Sonne Reinſte Paradieſeswonne“— da erhob Sophy, als würde ſie plötzlich von Reue ergriffen bei dem ——. 4—— ———— — ö —— 5 —— Gedanken, daß ſie und ſie allein das dem alten Mann, bei ſeinem Ent⸗ rinnen aus dem Krankenzimmer nach dem Himmel, der Luft und der Sonne, ſich eröffnende Paradies verderbe, auf einmal ihre Blicke vom Boden und richtete ſie voll auf das Geſicht ihres Begleiters, während in ihrem zitternden Lächeln ein Verſuch zur Fröhlichkeit lag, der, ab⸗ geſehen von ſeiner Wirkung auf Waife, Guy Darrells innerſtes Herz ergriff. Im Augenblick erkannte er, wie durch intuitive Sympathie, die Seelenqual, aus welcher dieſes Lächeln ſich herausrang— wußte, daß Sophy jetzt den Kummer erfuhr, der tief in ihm ſelbſt lag— die⸗ ſen Kummer, der die ganze äußere Welt zu einem Krankenzimmer macht und in den gemeinſchaftlichen Wohlthaten der Natur nicht mehr das ſich eröffnende Paradies wiedergewonnener Hoffnung begrüßt! Sein Auge weilte auf ihrem Geſicht, während das Lächeln von dem⸗ ſelben ſchwand, und bemerkte die Veränderung, die Waife ſo ſehr er⸗ ſchreckt hatte. Unwillkürlich trat er an ihre Seite— unwillkürlich zog er ihren Arm in den ſeinigen— ſo daß ſie den einen Mann, der ſie ſo innig liebte, ſtützte, von dem andern, der ſie verleugnete, geſtützt wurde. Guy Darrell konnte in Beſchlüſſen, die Andere betrübten, hart ſeyn, wie er hart war, wenn er ſich ſelbſt betrübte; aber für An⸗ dere hatte er wenigſtens Mitleid. Der arme Waife mit einer ſo verſchiedenen Natur bemerkte Dar⸗ rells Bewegung, und ſtets bereit Troſt zu erblicken, ſagte er bei ſich: „Er wird weich. Ich will morgen noch nicht abreiſen, wie ich beab⸗ ſichtigt hatte. Sophy muß ihr Ziel erreichen. Wer kann ihr wider⸗ ſtehen?“. Die Unterhaltung erlahmte— die Winterſonne begann ſich ab⸗ wärts zu neigen— die Luft wurde ſcharf— Waife ließ ſich ins Haus führen— Morleys gingen auf ſein Zimmer, um ihm Geſellſchaft zu leiſten— Sophy entſchlüpfte wieder auf ihr eigenes. Darrell ſetzte ſeinen Spaziergang fort und verſenkte ſich, gefolgt von dem Reh, tief in das Labyrinth von Buchenwäldern. Die Schwäne tauchen ihre Hälſe unter das Waſſergras; die Flöte hat aufgehört, und trübſelig — 9 R — 47 ſtill iſt der graue Horizont, geſehen durch die ſkelettartigen Zweige; noch düſterer aber ſieht ſich das Palaſtſkelett an. Darrell kommt an dieſem Tag nicht auf Waifes Zimmer. Er denkt ſich, daß Waife und Sophy ſehr wünſchen allein zu ſeyn; er fürchtet die Wiederaufnahme des einzigen Gegenſtands, über welchen er kein erfreuliches Wort zu ſagen hat. Sophys Lächeln, Sophys Geſicht ſchwebten ihm beſtändig vor den Augen. Vergebens wieder⸗ holte er ſich:„Fort damit, es wird bald vorübergehen— nur eines Mädchens erſte Grille!“ Aber Sophy kommt nicht in Waifes Zimmer zurück, als Morleys es verlaſſen haben; Waife ſchleicht ſich wieder in das ihrige, und wie vorher ſitzt ſie noch immer wie ſchlummernd da. Sie kommt jedoch aus eigenem Antrieb, um wie gewoͤhnlich dem Mahl anzuwohnen, das er abgeſondert auf ſeinem Zimmer einnimmt ſie bedient ihn, ſie be⸗ dient ſich, aber ſie ißt Nichts. Sie ſpricht jedoch beinahe heiter; hofft, er werde ſich wohl genug fühlen, um am folgenden Tag abzureiſen; iſt begierig, ob Sir Iſaak ſie Beide ſehr vermißt hat, liest ihm Lady Montforts liebreichen Brief an ſie ſelbſt vor; und als das Mahl vor⸗ über und Waifes Stuhl an das Kamin gerückt iſt, da nimmt ſie ihren alten gewöhnlichen Platz auf dem Stuhl neben ihm ein und ſagt: „Jetzt, lieber Großvater— jetzt erzählt mir von Euch— was für ein glücklicher Umſtand iſt Euch zugeſtoßen?“ Ach, der arme Waife hat nur wenig Luſt zu ſprechen; aber er zwingt ſich; was er zu ſagen hat, kann ſie erfreuen. „Ihr wißt, daß ich für meine eigene Perſon Gründe zum Ge⸗ heimthun, zur Veränderung meines Namens hatte. Ich wich allen meinen früheren Bekannten aus; konnte keinen Lebensberuf wählen, bei welchem ich erkannt worden wäre; erachtete es als eine ſegens⸗ reiche Barmherzigkeit der Vorſehung, daß, als ich in Folge unwider⸗ ſtehlicher Anerbietungen, die mich in den Stand geſetzt hätten, für Euch zu ſorgen, wie ich ſonſt nie hätte thun können, es riskirte ein Engagement bei einem Londoner Theater anzunehmen— ich hoffte ———— 48 nämlich durch ſchauſpieleriſche Vermummungskünſte mein Incognito zu wahren— daß, ſage ich, jener Unfall kam, welcher der Verſuchung, in die ich mich hatte führen laſſen, von ſelbſt ein Ende machte. Denn ſehet, liebes Kind, hätte man erfahren, wer und was der William Waife war, deſſen Bühnenkünſte harmloſe Freude oder Thränen des Vergnügens hervorriefen, ſo würde das Publikum ſich erhoben haben, aber nicht um zu klatſchen, ſondern um zu heulen: hinaus, hinaus! Hinaus aus beiden Welten, aus der mimiſchen wie aus der wirklichen! Nun, wäre ich wirklich unehrlich geweſen, ſo hättet Ihr, Ihr allein gefühlt, daß ich es nicht gewagt hätte, Euch, ſchuldloſes Kind, bei der Hand zu nehmen. Ihr erinnert Euch, daß ich bei meiner Rückkehr zu Rugges Wandertheater, als ich Euch mitbrachte, die Wirkungen meines Unfalls übertrieb, daß ich mich anſtellte, als hätte ich die Stimme verloren, und daß ich die Bedingung machte nicht auf ſeiner Bühne auftreten zu müſſen. Dieß war nicht der bloße Mannesſtolz, der vor der Schauſtellung phyſiſcher Gebrechen zurückbebte. Nein. Im erſten Dorf, in das wir kamen, erkannte ich einen alten Freund und ſah, daß er trotz der Zeit und trotz des Unfalls, der mich entſtellt hatte, mich gleichfalls erkannte und wie mit Ekel ſein Geſicht ab⸗ wandte. Ein alter Freund, Sophy— ein alter Freund! O, es ſchnitt mir ins Herz, und von dieſem Tage an beſchloß ich von Rugges Bühne zu entfliehen, und bis die Mittel zur Flucht, ſo wie ein weniger abhängiger Unterhalt gefunden waren, ließ ich mirs gefallen von Eurem Erwerbe zu leben, liebes Kind, denn wenn ich von andern al⸗ ten Freunden entdeckt wurde und ſie es ausſagten, ſo mußte meine Schande auf Euch zurückfallen, und ich wollte alſo lieber von Euch Unterſtützung nehmen, als dieß riskiren. Ach! Der Schein ſprach ſo ſtark gegen mich, ich hätte nie geglaubt, daß die Sache ſelbſt bei meinen nächſten Freunden ſo gut aufgeklärt werden könnte. Aber die Vorſehung iſt, wie Ihr wißt, bisher ſo gütig gegen uns geweſen, und ſo wird die Vorſehung auch wieder gütig gegen uns ſeyn, Sophy. Und nun iſt derſelbe Mann, den ich für den härteſten gegen mich ———— 4 49 hielt— dieſer ſelbe Guy Darrell, unter deſſen Dach wir weilen— derjenige geweſen, welcher den Leuten, auf deren Meinung ich den höchſten Werth lege, zu wiſſen gethan hat, daß ich nicht unehrlich bin; und die Vorſehung hat einen Zeugen zu meinen Gunſten in demſelben Mr. Hartopp auferweckt, welcher mich(und Jedermann ſonſt würde daſſelbe gethan haben) für zu ſchlecht hielt, um ein paſſender Geſell⸗ ſchafter für Euch zu ſeyn. Dazu wird mir jetzt Glück gewünſcht. Und, o Sophy, obſchon ich es ertragen habe, wie der Himmel uns in den Stand ſetzt Dinge zu ertragen, die wir aus eigener Kraft nicht zu er⸗ tragen vermöchten, und obſchon man ein geduldiges Achſelzucken der Schmach entgegenzuſtellen lernt, die von der ſogenannten Welt, d. h. von einem Haufen Leute, welche uns ſelbſt und einander fremd ſind, über uns gehäuft werden mag, ſo iſt es doch etwas Schreckliches aus den Augen eines Freundes wegſchleichen zu müſſen, wie wenn man ſorgfältiger zu meiden wäre als ein Feind— wie ein Feigling die Peitſchenhiebe der Verachtung hinzunehmen— mit Wunden und Ge⸗ ſchwüren bedeckt ſich vor der Güte des Mitleids zu krümmen— zu fühlen, daß im Leben der einzige Zweck jedes Kunſtgriffes und An⸗ ſchlags nur derjenige ſeyn kann, dem Geſichtskreis zu entſchlüpfen und in ein ſchmuckloſes Grab auf Pfaden zu gelangen, die ſo verſtohlen und ſchlau ſind, wie der arme gehetzte Fuchs, wenn ſeine letzte und einzige Hoffnung darin beſteht, durch Krümmungen und Windungen unter die Erde zu kommen; zu wiſſen, daß es ein undankbarer Betrug waͤre, einen Stuhl an dem Tiſch und Herd des Mannes anzunehmen, der aus Unkenntniß unſeres Geheimniſſes ſagt: Freund, ſeyd geſellig; — nicht eine Kruſte anzunehmen, ohne daß man ſie bezahlt, um nicht als Schwindler gegenüber dem freundlichen Mitgeſchöpf zu erſcheinen, dem wir nicht als gleich und gleich zur Seite treten dürfen— alles Das— alles Das, Sophy, quälte und verbitterte mich manchmal weit mehr, als ich hätte geſchehen laſſen ſollen, in Anbetracht, daß Einer da war, der Alles ſah und gewiß— Weinet nicht, Sophy; es iſt jetzt Alles vorüber.“ — — . ———— —— 50 „Nicht weinen! O, es macht mir ſo wohl.“ „Alles vorüber jetzt! Ich wohne unter dieſem Dach ohne Scham oder Bedenken; und wenn Guy Darrell, der meine ganze Vergangen⸗ heit kennt, meine Unſchuld in den Augen derjenigen bewieſen hat, an deren Urtheil mir allein Etwas lag, ſo iſt es mir, als hätte ich das Recht, vor jede Verſammlung aufrechter und unbeſchämter Männer, wiederum ein Mann bei Männern, zu treten. O, meine Theuerſte, laßt mich nur Euer altes glückliches Lächeln wieder ſehen! Das glück⸗ liche Lächeln der Jugend iſt der Sonnenſchein des Alters. Seyd ge⸗ duldig— ſeyd feſt; die Vorſehung iſt ſo überaus gütig, Sophy!“ Eilftes Kapitel. Waife verlangt von George Morley die Erfüllung einer jener Berſprechun⸗ gen, die Nichts oder Alles bedeuten. Am folgenden Morgen kam George Morley früher als gewöhnlich in Waifes Zimmer. Waife hatte nach ihm geſchickt. Sophy ſaß bei ihrem Großvater— ſeine Hand ruhte in der ihrigen. Sie hatte ſich die größte Mühe gegeben, um heiter zu ſprechen, um jede Wolke des Kummers von ihrer ganzen Erſcheinung abzuſchütteln. Aber noch immer war dieſe Veränderung da, ſie trat ſogar noch deutlicher hervor als am vorhergehenden Tag. Einige wenige Stunden heftigen Kampfes, eine einzige gänzlich ſchlafloſe Nacht verrathen ſich auf dem Geſichte früher Jugend. Erſt wenn wir abgehärtete Veteranen ſolche Kämpfe durchgemacht haben, welche das Leben der unbedeutenden Ver⸗ antwortlichkeit neuer Rekruten nicht geſtattet— erſt wenn ſchlafloſe Nächte uns vertraut geworden ſind— wird der Gedanke aus unnach⸗ läßiger Uebung Kraft zu gewinnen ſcheinen, ohne Erſchöpfung zu kennen— er wird das Gehirn ernähren, die Geſtalt aufrecht erhalten durch ſeine nie ermattende fleiſchloſe, geiſtige Unſterblichkeit; erſt wenn mancher Winter die Blätter abgeſtreift hat, erſt wenn die Wurzeln, die den Stamm aufrecht halten, ſich tief und weit über den Sehkreis 51 hinaus ausbreiten, erſt dann wird das Pfeifen des Oſtwindes kein Zeichen auf der Rinde hinterlaſſen. George hatte wirklich Tags zuvor die Art von verheerendem Mehlthau, der über das Geſicht des Mädchens hingegangen war, nicht bemerkt; aber er bemerkte es jetzt, als ſie ſeinem Auge feſter begegnete und in ihrem Benehmen wieder etwas von der offenen heitern kind⸗ lichen Grazie angenommen hatte, die ihren eigenthümlichen Zauber ausmachte und ſich nicht leicht mit tieferem Kummer, als ſolchem wie er der Kindheit angehört, in Verbindung ſetzen ließ. „Ihr müßt meinen Großvater ausſchelten,“ ſagte ſie.„Er bildet ſich auf einmal ein, daß er noch nicht wohl genug ſey um abzureiſen, und ich bin doch überzeugt, daß er es iſt, und daß er daheim viel ſchneller wieder zu Kräften kommen wird als hier.“ „Bah!“ ſagte Waife;„Ihr jungen Geſchöpfe meint, wir alten Leute können eben ſo friſch ſeyn wie Ihr ſelbſt; aber wenn ich ausge⸗ ſcholten werden ſoll, ſo dürft Ihr Mr. George nicht durch Eure Gegen⸗ wart erſchrecken; geht jetzt aus, meine Liebe, ſo lange die Sonne am Himmel ſcheint; ich erſehe aus dem Geſang dieſer Amſel, daß am Mittag anderes Wetter eintritt.“ Sobald ſie allein waren, ſagte George ohne alles Weitere:„Eure Sophy ſieht ſehr ſchlecht aus, und wenn Ihr wohl genug ſeyd, um ab⸗ zureiſen, ſo wird es für ſie das Beſte ſeyn dieſes düſtere Haus zu ver⸗ laſſen. Die Bewegung an und für ſich ſelbſt iſt ſchon eine große Heilkraft,“ fügte George mit Nachdruck hinzu. „Ihr ſehet alſo, daß ſie ſchlecht ausſieht— ſehr ſchlecht,“ ſagte Waiſe bedächtig,„und es liegt in Eurem Benehmen Etwas, woraus ich erſehe, daß Ihr die Urſache errathet.“ „Ich errathe ſie aus dem flüchtigen Blick, den ich vor zwei Tagen in meines Onkels Haus auf Lionels Geſicht werfen konnte, nachdem er kurze Zeit mit Mr. Darrell eingeſchloſſen geweſen war. Ich errathe ſie auch aus einem Brief, den ich von meinem Onkel erhalten habe.“ „Ihr rathet richtig— ſehr richtig,“ ſagte Waife, fortwährend in ——— — — ——— derſelben ruhigen Art und Weiſe.„Ich zeigte ihr dieſen Brief von dem jungen Haughton. Leſet ihn.“ George überflog den Brief und gab ihn ſchweigend zurück. Waife fuhr fort:. „Geſtern erſchrack ich über die ſeltſame Ruhe, die ſie zeigte. Nur in ihrem Geſicht ſtand zu leſen was ſie litt. Wir beſprachen uns geſtern Nacht. Ich ſprach von mir ſelbſt— von meinen alten Küm⸗ merniſſen— um ihr die Kraft zu geben die ihrigen zu ertragen; und das Mädchen hat eine heroiſche Natur, Mr. George— und ſie iſt entſchloſſen zu ſiegen oder zu ſterben. Aber ſie wird nicht ſiegen.“ George begann das bei ſolchen Prüfungen gewöhnliche Troſtlied. Waife that ihm Einhalt.„Alles was Ihr ſagen könnt, Mr. George, weiß ich zum Voraus. Und ſie wird keiner Aufmunterung zu Gebet und Feſtigkeit bedürfen. Ich ſchlich aus meinem Zimmer, als es bei⸗ nahe Morgendämmerung war. Unter ihrer Thüre hindurch ſah ich Licht. Ich ſchaute hinein— leiſe— unbemerkt. Sie war nicht zu Bette gegangen. Sie befand ſich am offenen Fenſter— die Sterne erſtarben am Himmel— ſie kniete auf dem Boden, ihr Geſicht war in ihre Hände begraben. Sie betete. Seyd überzeugt, daß ſie in dieſem Augenblick in ihrer Seele betet. Sie wird ſich mir aufopfern — ſie wird heiter ſeyn— Ihr werdet ihr Lachen hören, Mr. George; aber ſie wird in dieſer Welt nicht ſtegen; lange bevor das neue Jahr aus iſt, wird ſie mit ihrem ſtrahlenden Lächeln auf unſern Kummer herniederſchauen; aber wir werden ſie nicht ſehen, Mr. George. Glaubet nicht, daß dieß die närriſche Angſt eines alten Mannes ſey; ich kenne den Kummer, wie ein Arzt die Krankheit kennt; er hat ſeine tödtlichen Symptome. Still! höret mich zu Ende. Ich habe noch eine einzige Hoffnung— ſie beruht auf Euch.“ „Auf mir?“ „Ja. Erinnert Ihr Euch, daß Ihr ſagtet, wenn es mir gelänge, Eurer Intelligenz ihre ſchöne Laufbahn zu eröffnen, ſo würdet Ihr mir der beſte Freund ſeyn, den ein Menſch je gehabt? und ich ſagte: „Einverſtanden, aber ändert eine Perſon in dem Vertrag; ſchenket „„—· 28 ☛ +— 2—9ð—+ K+—= —ͤ——G ͤ 5³ Eure Freundſchaft meiner Sophy ſtatt mir, und wenn ich je Euch anrufe, ſo helfet mir in Etwas, was zu ihrer Wohlfahrt und ihrem Glücke dient; und Ihr ſagtetz: Mit Herz und Seele. Das war der Vertrag, Mr. George. Jetzt habt Ihr Alles, woran Ihr damals verzweifeltet; Ihr habt die Würde Eures heiligen Berufs— Ihr habt die Beredtſamkeit des Predigers. Ich kann mit Mr. Darrell nicht rechten— Ihr könnt es. Er hat ein Herz— es kann erweicht werden; er hat eine Seele— ſie kann befreit werden von den Weiden⸗ ſtricken, womit ſie gebunden iſt; er hat die Tugenden, an die Ihr ap⸗ pelliren könnt; und er hat den Stolz, welchen Ihr als chriſtlicher Geiſtlicher ihm als Sünde vorzuhalten berechtigt ſeyd. Ich kann nicht mit ihm ſtreiten; ich kann dem Mann, dem ich ſo viel verdanke, keine Vorwürfe machen. Alle Klaſſen von Menſchen und von Geiſtern müſſen für Euch, den Seelenhirten, den Gottesgelehrten, gleich ſeyn. Ihr Diener des Evangeliums wendet Euch unbeſchämt an die Armen, die Niedrigen, die Ununterrichteten. Hat der Himmel Euch Macht und Herrſchaft nur über dieſe gegeben? Geht, Prediger! geht! Sprecht mit derſelben Machtvollkommenheit zu dem Großen, zu dem Hochmüthigen, zu dem Weiſen!“ Des alten Mannes Blick und Gebärde waren erhaben. Dem Prediger lief ein Schauer vom Ohr bis ins Herz; aber ſeine Vernunft war weniger ergriffen, als ſein Herz. Er ſchüttelte traurig ſeinen Kopf. Die ihm auf ſolche Art angewieſene Aufgabe ging über die Grenzen, welche der Gebrauch dem Prieſter der eng⸗ liſchen Kirche vorzeichnet— Vorſtellungen bei einem Manne, der nicht einmal ſeiner eigenen Gemeinde angehörte, und in Betreff von Angelegenheiten, die den Privatherd und das Haus dieſes Mannes aufs Innigſte berührten! Unſere Geſellſchaft geſtattet kein ſolches Vor⸗ recht, und unſere Geſellſchaft hat Recht. Waife, der das Geſicht des Geiſtlichen genau beobachtete, ſah ſogleich, was in ſeinem Innern vorging, und fuhr, als ob er Georges eigenen Gedanken beantwortete, alſo fort: 54 „Ja, wenn Ihr nur der alltägliche Prieſter wäret! Aber Ihr ſeyd etwas mehr; Ihr ſeyd der Prieſter, der ſpeciell für alle ſpeciell guten Zwecke begabt iſt. Ihr habt den Geiſt um zu denken, die Zunge um zu überreden— den majeſtätiſchen Ernſt leidenſchaftlichen Eifers. Auch ſeyd Ihr hier nicht der Prieſter allein; Ihr ſeyd hier der Freund, der Vertraute Aller, für welche Ihr Eure Fähigkeiten aufbieten möget. O, George Morley, ich bin ein armer unwiſſender Stümper, wenn ich mirs herausnehme Euch als einen chriſtlichen Prediger zu ermahnen; aber, um Eure eigenen Worte zu gebrauchen— ich wende mich an Euch als Menſch und Gentleman— Ihr erklärtet, daß Ge⸗ danke und Eifer nicht ſtammeln ſollten, wenn ich je ſagte: Haltet Euer Verſprechen. Ich ſage es jetzt— haltet Treue dem Kind, deſſen Freund zu werden Ihr mir geſchworen habt.“ „Ich will gehen— und zwar ſogleich,“ ſagte George, indem er ſich erhob.„Aber ſeyd nicht ſanguiniſch. Ich ſehe keine Ausſicht auf Erfolg. Ein Mann, der in Bezug auf Jahre, Stellung, Fähigkeiten und Ruf ſo hoch über mir ſteht!“ „Wo wäre das Chriſtenthum,“ ſagte Waife,„wenn die früheſten Prediger ſolche Fragen erhoben hätten? Es gibt einen Soldaten⸗ muth— gibt es nicht auch einen Prieſtermuth?“ George antwortete nicht, aber mit gedankenſchwerem Auge, ge⸗ runzelter Braue und langſamem ſinnendem Schritt verließ er das Zimmer und ſuchte Guy Darrell. Zwälftes Juch. Erſtes Kapitel. Der Mann von Welt zeigt ſich gegen die Dinge und Lehren der Welt gleich⸗ giltiger, als man annehmen ſollte.— Aber er behauptet ſeine Ehre, welche ſonſt in Gefahr gebracht werden könnte, durch die Gewandtheit, womit er, nachdem er beſchloſſen hat ſeine Kaſtanien in der Aſche eines fremden Herdes zu röſten, ſie in ihrem heißeſten Zuſtand mit Hilfe einer Katzenpfote herausholt. 2 In dem Brief, welchen George, wie er Waife mitgetheilt, von ſeinem Onkel erhalten hatte, beſaß er in Betreff der kitzlichen und ſchwierigen Sendung, die er übernahm, eine Entſchuldigung, die er dem alten Mann nicht anvertraute, um ihn nicht zu allzu großen Hoffnungen zu veranlaſſen. In dieſem Brief erzählte Alban mit einem Grad von Gefühl, den er nur ſelten kundgab, ſeine Abſchiedsbeſpre⸗ chung mit Lionel, der ſo eben zu ſeinem neuen Regiment abgereist war. Der arme junge Mann hatte ſich durch wonnevolle Erwartungen von dem Reſultat, das Sophys verlängerter Aufenthalt unter Darrells Dach hervorbringen müßte, aufrecht erhalten; er hatte ſich eingeredet, Darrell müſſe ſich, da er auf ſolche Art in den Stand geſetzt worden, ſie in eigener Perſon zu ſehen und zu beurtheilen, unwiderſtehlich zu ihr hingezogen fühlen; die Unſchuld müſſe gleich der Wahrheit Macht und zuletzt die Oberhand gewinnen;— war doch Darrell mit dem Verſuche beſchäftigt, William Loſelys Namen und Blut vom Flecken Bulwer, was wird er damit machen? VIII. 5 Schlußbeſprechung mit dem Miniſter erzählt, zu ihm ſagte:„Ich hoffe, ———õönn—·. — 56 des Verbrechens zu reinigen;— war doch Alban beauftragt, mit Jaſper Loſely auf jede Bedingung hin zu unterhandeln, wodurch alle Möglichkeit künftiger Schande von dieſer Seite her entfernt würde. Ach ja! in des armen Lionel Augen verſchwanden die Hinderniſſe, die Zukunft wurde Licht. Als daher Darrell, nachdem er ihm ſeine daß ich, wenn ich William Loſely dieſe Nachricht bringe, wenigſtens einigermaßen ſeinen Kummer darüber lindern werde, daß ich ihm klar beweiſen muß, wie unmöglich es iſt, daß ſeine Sophy für mich— für uns— je etwas mehr werden kann, als eine Fremde, deren Tugenden ein Intereſſe für ihre Wohlfahrt erregen“— da war Lionel betäubt, als hätte man ihn auf die Stirne geſchlagen. Kaum konnte er murmeln: „Ihr habt ſie geſehen— und Euer Entſchluß bleibt derſelbe!“ „Könnt Ihr daran zweifeln?“ antwortete Darrell, wie wenn er überraſcht wäre.„Der Beſchluß mag mir jetzt um meiner ſelbſt willen Kummer machen, wie er mir früher um Euretwillen Kummer machte. Aber wenn ich mich durch Euern Kummer nicht bewegen ließ, kann ich mich dann durch den meinigen bewegen laſſen? Das wäre eine Niederträchtigkeit.“ Der Oberſt ſchilderte jetzt Lionels Gemüthszuſtand, nachdem er Waife ſein Lebewohl geſchrieben, und unmittelbar bevor er London verlaſſen hatte. Er ſprach ſehr düſtere Ahnungen aus.„Ich will nicht ſagen,“ ſchrieb er,„daß Lionel böswillig den Tod im Felde ſuchen wird; auch kommt der Tod nicht häufiger zu denen, die ihn ſuchen, als zu denen, die ihn ſcheuen; aber er wird beim Antritt ſeines Dienſtes mehr als den gewöhnlichen Leiden, mehr als den gewöhnlichen Ent⸗ behrungen und Krankheiten ausgeſetzt ſeyn— und zwar ohne die ſtärkende Kraft der Hoffnung, ohne jenen Willen und jenen Wunſch zu leben, welche die Hauptſtärke der Jugend ausmachen. Und ich habe immer ein ſchwarzes Zeichen für diejenigen gelegt, welche freudlos und mit Verzweiflung im Herzen in den Krieg gehen. Schickt einen jungen Geſellen mit gebrochenen Lebensgeiſtern, mit einem Herzen ſo ſchwer ö—ͤG—ö—öooö———— 57 wie ein Bleiklumpen ins Lager, und die erſte jener Epidemien, welche die Reihen noch ſtärker lichten als die Kanone, ſagt zu ſich ſelbſt: Da iſt ein Mann für mich! Jeder Doktor wird Euch ſagen, daß der heitere und leichtherzige Menſch ſicher durch die Peſtilenz hingeht, die ſich über den Betrübten niederläßt, wie die Malaria über ein Marſch⸗ land. Zum Henker mit Guy Darrells Ahnen! ſie haben die Königin Victoria eines ſo guten jungen Soldaten beraubt, wie nur je Einer ein Schwert an ſeiner Seite getragen. Wie fröhlich ſah nicht Lionel Haughton vor ſechs Monaten der Zukunft entgegen!— Lauter Lor⸗ beeren!— keine Cypreſſe! Und nun iſt es mir zu Muthe, als hätte ich einem Opfer, das der Aberglaube auf den Gräbern der Todten ſchlachtete, die Hände geſchüttelt. Ich kann Darrell nicht tadeln: ich ſage ſogar, daß ich in derſelben Stellung daſſelbe thun würde. Doch nein; bei reiferer Ueberlegung würde ich es nicht thun. Wenn Dar⸗ rell nicht heirathen und eigene Söhne bekommen will, ſo hat er kein 3 Recht, einen armen Jungen mit Wohlthaten zu belaſten und zu ſagen: Ihr habt nur ein einziges Mittel Eure Dankbarkeit zu beweiſen: ge⸗ denket meiner Ahnen und ſeyd für den Reſt Eurer Tage unglücklich. Darrell beabſichtigt allerdings Lionel die Fortpflanzung des alten Namens Darrell zu überlaſſen, und der alte Name Darrell darf nicht durch die Heicath befleckt werden, an welche Lionel unglücklicher Weiſe ſein Herz geſetzt hat. Ich reſpektire den alten Namen; aber er iſt nicht wie das Haus Vipont— eine britiſche Inſtitution. Und wenn irgend eine demokratiſche Cholera, die ſich keinen Pfifferling um alte Namen bekümmert, Lionel wegrafft, was wird dann aus dem alten— Namen? Lionel iſt nicht Darrells Sohn; Lionel braucht nicht noth⸗ wendig den alten Namen anzunehmen. Laßt den jungen Mann als Lionel Haughton leben und den alten Namen mit Guy Darrell ſterben. „Was die Geburt und Verwandtſchaft des armen Mädchens be⸗ trifft, ſo glaube ich, daß wir ſie niemals erfahren werden. Ich bin ganz mit Darrell darin einverſtanden, daß es das Weiſeſte ſeyn wird 5*⅔ 58 gar keine Nachforſchungen anzuſtellen. Aber für ganz grundlos halte ich ſeine Vermuthung, daß ſie die Tochter von Gabriele Desmarets ſey. Für mich iſt es unendlich wahrſcheinlicher, entweder daß die Ammenausſage, welche der arme Willy unſerem Darrell mittheilte und welche Darrell mir zeigte, wahr iſt(nur daß Jaſper in die zeit⸗ weilige Suſpenſion der Eriſtenz eines Kindes willigte, weil ſie in ſeinen Kram paßte) oder daß die myſteriöſe junge Lady im ſchlimmſten Fall die Tochter der Künſtlerin iſt. Bei der erſten Annahme iſt, wie ich ſchon lang und breit auseinandergeſetzt habe, eine Heirath zwiſchen Lionel und Sophy gerade das was Darrell wünſchen ſollte; im letztern Fall könnte natürlich, wenn Lionel das Haupt des Hauſes Vipont wäre, eine ſolche Verbindung gar nicht zur Sprache kommen. Aber Lionel iſt entre nous der Sohn eines ruinirten Verſchwenders von der Tochter eines Leinwandhändlers. Und Darrell hat blos dem hübſchen jungen Paar fünf⸗ oder ſechstauſend Pfund jährlich zu geben, ſo kenne ich die Welt gut genug, um zu wiſſen, daß die Welt ſich ſehr wenig um den Stammbaum dieſer Leutchen bekümmern wird. Wahrhaftig, man ſollte es Lionel gänzlich freiſtellen, ob er ein Mädchen, das er von ganzem Herzen liebt, fünf⸗ oder ſechstauſend Pfund jährlich, Glück und die Ausſicht auf Ehren in einem glorreichen Beruf, dem er ſich dann mit frohem Muth widmen wird, vorziehen will, oder aber ein lebenslanges Elend mit dem Recht nach Darrells Tod— der, wie ich hoffe, in den nächſten dreißig Jahren noch nicht eintreten wird— den Namen Darrell zu führen ſtatt Haughton, was, wenn ich der Letzte der Haughtons wäre und irgend Familienſtolz hätte— wie ich Gott ſey Dank keinen habe— für mich ein peinlicher Austauſch wäre und theuer erkauft durch den Zuwachs von etlichen weiteren Tauſend jähr⸗ lich, wenn ich vielleicht eben ſo wenig geneigt worden wäre ſie zu ver⸗ brauchen, als Guy Darrell ſelbſt es iſt. Aber am Ende gibt es eine Perſon, die ich ſogar noch mehr bemitleide als den jungen Haughton. Meine Morgenritte haben in der letzten Zeit großentheils in der Rich⸗ tung von Twickenham ſtattgefunden, wo ich unſere ſchöne Baſe Lady Montfort beſuchte. Ich ging Anfangs hin, um ihr Vorwürfe darüber zu machen, daß ſie dieſe jungen Leute einander ſo oft ſehen ließ. Aber mein Zorn ſchmolz in Bewunderung und Mitgefühl, als ich fand, mit welcher zärtlichen ausgeſuchten unvergleichlichen Freundſchaft ſie die ganze Zeit über Pläne für Darrells Glück entworfen, und mit welcher Reue ſie jetzt auf den Kummer blickte, den eine ſo dankbare Freund⸗ ſchaft und ein ſo natürlicher Glaube unſchuldiger Weiſe verurſacht hatten. Und dieſe Reue reibt ſie auf und tödtet ſie. Doktor F—, der den armen theuern Willy behandelte, beſucht auch ſie; und er ſagte mir unter vier Augen, ſeine Kunſt ſey vergebens, ihr Fall verblüſſe ihn, und er hege ſehr ernſte Beſorgniſſe. Darrell ſchuldet einer ſolchen Freundin einige Berückſichtigung. Und wenn man bedenkt, daß hier mehrere Leben bleibend verbittert, wo nicht in Gefahr gebracht werden durch die unbarmherzige Hartnäckigkeit des beſtherzigen Mannes, den ich je getroffen! Obſchon ich nun meine Meinungen Darrell bereits mit einer Aufrichtigkeit zu erkennen gegeben, wie ich ſie dem älteſten und theuerſten meiner Freunde ſchulde, ſo habe ich mich doch natürlich niemals, weder in meinen Briefen an ihn, noch in unſern Unterredun⸗ gen, ſo deutlich ausgeſprochen, wie jetzt Euch gegenüber. Und nach⸗ dem ich dieß ohne Furcht vor ſeinem grauen Auge und ſeiner dunkeln Braue geſchrieben, hätte ich beinahe Luſt hinzuzufügen: Ergreifet ihn in einem glücklichen Augenblick und zeiget ihm dieſen Brief. Ja ich gebe Euch Vollmacht dazu. Zeiget ihm den Brief, wenn Ihr glaubet, daß er Etwas nützen könne. Wo nicht, ſo werfet ihn ins Feuer und betet zum Himmel für Diejenigen, denen wir arme Sterbliche nicht dienen können.“ Auf dem Umſchlag hatte Alban die Worte hinzugefügt:„Aber natürlich werdet Ihr, bevor Ihr das Inliegende zeiget, Darrells Geiſt auf die Erwägung ſeines Inhalts vorbereiten.“ Und es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß der feine Weltmann in dieſer kurzen und einfachen Auf⸗ forderung die Schlauheit bewies, wovon im Briefe ſelbſt keine Spur ſichtbar wurde. DObſchon Albans Mittheilung ſeinen Neffen ſehr aufgeregt, ſo hatte George es doch nicht für diseret gehalten von der Erlaubniß zur Vorzeigung derſelben Gebrauch zu machen. Es ſchien ihm, als ob der Stolz ſeines Wirthes ſich weit mehr an der Uebermachung der⸗ ſelben durch eine dritte Perſon, als an dem offenen Ton, womit der Briefſteller die ganze Sache behandelte, ſtoßen könnte. Und George hatte beſchloſſen, den Brief an den Oberſten zurückzuſchicken mit der dringenden Bitte, er möchte ihn juſt, ſo wie er war, ſelbſt an Darrell befördern, aber in kurzen Worten noch beifügen, bei näherer Ueber⸗ legung habe Alban die Erwägungen und Befürchtungen, die er ſo rückhaltslos in einem Brief ausgeſprochen, der ohne die Abſicht ange⸗ fangen worden, zu welcher der Verfaſſer am Schluſſe gelangt ſey, ſei⸗ nem alten Schulkameraden lieber direkt vorlegen wollen. Aber jetzt nachdem der Prediger das Advokatenamt übernommen hatte, wurde der Brief ſeine Vollmacht. George ging durch die Bibliothek, durch das Studirzimmer und dann die ſchmale Treppe hinauf, die ſchließlich zu derſelben hohen Zelle führte, wo Darrell dem mitternächtlichen Näuber, der in Sophy ein Kind anſprach, die Stirne geboten hatte. Mit kräftiger Hand klopfte George an der Thüre. Nicht gewöhnt von Seiten der Gäſte oder der Hausgenoſſenſchaft in dieſem einſamen Aufenthalt geſtört zu werden, beantwortete Dar⸗ rells Stimme das Klopfen etwas ſcharf, wie im Zorn. „Wer iſt da?“ „George Morley.“ Darrell öffnete die Thüre. Zweites Kapitel. „Ein guter Schütze iſt nicht durch ſeine Pfeile bekannt, ſondern durch ſein Ziel.“„Ein guter Mann iſt ſo wenig zu fürchten als ein Schaf.“„Ein guter Chirurg muß eines Adlers Auge, eines Löwen Herz und einer Lady Hand haben.“„Eine gute Zunge iſt eine gute Waffe.“ Und trotz der nützlichen Winke oder Aufmunterungen, die in dieſen Sprichwörtern liegen, hat George Morley Etwas unternommen, was aller ſprichwörtlichen Philoſophie ſo entgegengeſetzt iſt, daß die ernſtliche Frage entſteht, was er damit machen wird. „Ich komme,“ begann George,„Euch um eine der größten Gunſt⸗ bezeugungen zu erſuchen, die ein Menſch einem andern gewähren kann; meine Auseinanderſetzung wird einige wenige Zeit erfordern. Habt Ihr Muße?“ Darrells Stirne entrunzelte ſich. „Setzt Euch bequem, mein lieber George. Wenn es in meiner Macht ſteht Alban Morleys Neffen einen Dienſt oder einen Gefallen zu erweiſen, ſo bin ich Derjenige, der die Gunſtbezeugung empfängt.“ Darrell dachte bei ſich:„Der junge Mann iſt ehrgeizig— ich ſoll ihm wohl auf ſeinem Weg zu einem Bisthum behilflich ſeyn.“ George Morley.—„Zuerſt laßt mich ſagen, daß ich Euern Verſtand über einen Gegenſtand zu Rath ziehen möchte, der den mei⸗ nigen gewöhnlich anzieht und beſchäftigt— über die alte vielbe⸗ ſprochene Frage von dem Urſprung und dem Nutzen des Uebels nicht blos in der phyſiſchen, ſondern auch in der moraliſchen Welt; ſie ſchließt Probleme in ſich, worüber ich als jung ſtundenlang brüten konnte— worüber ich als Schulgelehrter Abhandlungen ſchrieb— worüber ich beſtändig Beiſpiele ſammle, um meine Anſichten als Theo⸗ log zu bekräftigen.“ „Er ſchreibt ein Buch,“ dachte Darrell neidiſch;„und ein Buch über einen ſolchen Gegenſtand wird ihn ſein ganzes Lebenlang be⸗ ſchäftigen. Glücklicher Mann!“— George Morley.—„Der Geiſtliche wird, wie Ihr wißt, häufig von den Leidenden und Unterdrückten um Rath angegangen, er wird häufig aufgefordert die Frage zu beantworten, mit welcher der Skepticismus der Geringen und Unwiſſenden gewöhnlich beginnt— warum leide ich? warum bin ich unterdrückt? iſt dieß die Gerechtig⸗ keit der Vorſehung? Hat der große Vater wirklich dieſes gütige Mit⸗ leid, dieſe wachſame Sorgfalt für ſeine Kinder, wovon Ihr Prediger uns vorſprecht? Der Prieſter, welcher mit Betrübniß zu rechten hat, die durch keinen augenſcheinlichen Fehler herbeigeführt worden, muß ſtets darauf bedacht ſeyn, ſeine Beiſpiele aus ſolchen Leben zu wählen, zu welchen der Schlüſſel augenſcheinlich geworden iſt; und wo, wenn der Maßſtab menſchlicher Gerechtigkeit angelegt wird, Wolken und Finſterniß den Geiſtlichen umhüllen, da muß er immerhin das Ver⸗ fahren Gottes gegen den Menſchen rechtfertigen.“ Darrell.—„Eine Philoſophie, die allen andern Schulen vor⸗ herging und ſie überleben wird. Sie iſt die Zwillingsſchweſter der Welt ſelbſt. Fahret fort; obſchon das Thema unerſchöpflich iſt, ſo mindert ſich doch ſein Intereſſe nie.“ George Morley.—„Habt Ihr auch ſchon daran gedacht, Mr. Darrell, daß wenige Leben Euch je unter die Augen gekommen ſind, in welchen die unausſprechliche Zärtlichkeit des Allwiſſenden auf eine ſichtbarere Art klar geworden wäre, als im Leben Eures Gaſtes William Loſely?“ Darrell(überraſcht).—„Klar? klar? Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß, wenn es je ein Beiſpiel gab, wo die göttliche Zärt⸗ lichkeit, die göttliche Gerechtigkeit, woran ich mir nie einen Zweifel er⸗ lauben werde, für mein beſchränktes Auge doch unerkenntlich blieb, dieß gerade bei demſelben Leben iſt, das Ihr anführet. Ich ſehe einen Mann von bewundernswürdigen Tugenden— von einer kind⸗ lichen Einfachheit des Charakters, in Folge deren er ſich der Größe ſeiner eigenen Seele beinahe unbewußt iſt— durch eine erhabene Selbſtaufopferung— durch eine Tugend, nicht durch einen Fehler— ☛——⁸— 63 in das ſchrecklichſte Unglück, das einem Menſchen widerfahren kann, in ſchmachvolle Herabwürdigung geſtürzt— im Mittag ſeines Lebens mit einem Verbrechersbrandmal auf ſeinem Namen aus der Sphäre ehrlicher Menſchen ausgeſtoßen— in ſeinem Alter genöthigt obdach⸗ los herumzuirren; endlich widerfährt ihm Gerechtigkeit, aber ſpät und knickerig, ſo daß ſie ihm nur wenig Freude macht, als ſie kommt, weil er, ſtets nur an Andere denkend, ſein ganzes Herz an ein Kind ge⸗ hängt hat, das er nicht auf die Art, wie er wünſcht und hofft, glücklich machen kann!— Nein, George, Euer Beiſpiel könnte von einem Skeptiker zu einem Beweis gegen Euch umgewandelt werden.“ George Morley.—„Nein, außer wenn der Skeptiker den elementariſchen Ausgangspunkt verwirft, von welchem aus Ihr und ich raiſonniren können; nein, wenn zugegeben wird, daß der Menſch eine Seele hat, deren Bereicherung und Entwicklung für ein anderes Leben die Aufgabe dieſes Lebens iſt. Wir wiſſen von meinem Onkel, was William Loſely war, bevor dieſes Unglück über ihn hereinbrach — ein fröhlicher Kumpan— ein ſorgloſer offener guter Kerl, in wel⸗ chem alle Tugenden, die Ihr jetzt an ihm preiſet, ſogar von ihm ſelbſt ungeahnt noch ſchlummerten. Plötzlich kam das Unglück!— plötz⸗ lich erhob ſich die Seele! Beſchimpfung des Namens und mit ihr Würde der Natur! Wie armſelig, wie gering, wie unbedeutend iſt nicht William Loſely, der Schmarotzer ländlicher Thane, im Vergleich mit dieſem William Waife, deſſen Eintritt in Euer Haus Ihr trotz eines Verbrechersbrandmals, ſobald Ihr wußtet, daß es eine Mär⸗ tyrerglorie war, mit edler Ehrerbietung begrüßtet, den Ihr, als ſein Geiſt ſelbſt zu Boden geſchlagen, als nur die Seele dem Wrack des Körpers übrig geblieben war, mit ſo frommer Sorgfalt verpflegtet, ſo lange er in Eures Vaters Bett lag! Und wie könnt Ihr, der Ihr Seelenadel ſo hoch in Ehren haltet, wie könnt gerade Ihr mir ſagen, daß Ihr die himmliſche Zärtlichkeit, die einen Geiſt für alle Ewigkeit adelte, nicht zu erkennen vermöget?“ „George, Ihr habt Recht!“ rief Darrell;„und ich war ein 64 Dummkopf, ein Stümper, wie man immer iſt, wenn man einen Klecks in ſeinem Teleſcop für einen Flecken im Sonnenſyſtem hält.“ George Morley.—„Aber ſchwieriger iſt es die geheimniß⸗ vollen Wirkungsmittel himmliſcher Liebe zu erkennen, wenn kein großes weltliches Unglück uns zwingt innezuhalten und zu fragen. Laßt das Schickſal ein Opfer zu Boden ſchlagen, und ſelbſt der Heide ruft: Das iſt die Hand Gottes! Aber wo das Schickſal keinen Wechſel bringt, wo ſein Rad glatt hinläuft und in ſeinem Rollen Reichthum oder Ehren herabfallen läßt, wo die Betrübniß ihr Werk im geheimen Nichts offenbarenden Herzen concentrirt— da wird ſelbſt der weiſeſte Mann nicht ſogleich bemerken, durch welche Mittel der Himmel ihn ermahnt, zwingt oder näher zu ſich winkt. Ich ſetze den Fall eines Mannes, in welchem der Himmel einen begünſtigten Sohn anerkennt. Ich denke mir ſein äußeres Leben mit Erfolgen gekrönt, ſeinen Geiſt mit reichen Gaben ausgeſtattet, ſeine Natur mit hohen Tugenden be⸗ gabt; welch ein Erbe, um ihn durch die kurze Erdenſchule für den ge⸗ bührenden Platz in den Jahrhunderten heranzuziehen, die für immer dahinrollen! Aber dieſer Mann hat in jedem Beet einer an Blumen reichen Seele ein ſchmarotzeriſches Unkraut;— Unkraut und Blumen find Stamm an Stamm miteinander verſchlungen— ihre Faſern bis tief hinab zu der Wurzel in einander verwachſen. Könnt Ihr nicht begreifen, mit welcher unermüdenden wachſamen Sorgfalt der Himmel die Blume vom Unkraut loszumachen ſuchen wird?— Wie(um eine unzulängliche Metapher fallen zu laſſen), der Himmel für ſeine war⸗ nenden Züchtigungen denſelben Irrthum auswählen wird, welchen der Mann dermaßen mit ſeinen Tugenden vermengt hat, daß er ihn ſelbſt für eine Tugend hält— wie er allmälig, langſam, beharrlich dieſe ſchöne Natur ganz für ſich gewinnen will und auf einem Opfer beſteht, das er von einer andern nicht verlangen würde? Um die wahre Na⸗ tur des armen William Loſely zu vervollſtändigen, befahl der Himmel die Aufopferung weltlichen Rufes; um die wahre Natur Guy Darrells zu vervollſtändigen, befiehlt ihm Gott die Aufopferung des Stolzes.“ 65⁵ Darrell fuhr zuſammen— richtete ſich halb auf; ſein Auge flammte, ſeine Wangen erblaßten; aber er blieb ſtill. „Ich bin der Gunſtbezeugung nahe gekommen, um die ich flehe,“ begann George wieder, indem er tief Athem holte, wie wenn er ſich erleichtert fühlte.„Eine größere Gunſt kann ein Menſch ſeinem Mit⸗ menſchen kaum gewähren. Ich bitte Euch zu glauben, daß ich Euch genügend reſpektire, liebe und ehre, um für einen Augenblick ſo hoch in Eurer Freundſchaft emporgehoben zu werden, daß ich das Vorrecht anſprechen darf, ohne welches die Freundſchaft nur eine Form iſt;— juſt wie keine Freiheit tadelnswerther iſt, als wenn man ſich einem zurückhaltenden Vertrauen aufdringen will, ſo iſt, ich wiederhole es, keine Gunſt koſtbarer, als das Vertrauen, das ein rechtſchaffener Mann einem Andern ſchenkt, der keine andere Berechtigung dazu nachweiſen kann als die Ehrlichkeit ſeiner Beweggründe.“ Weich, aber mit Stolz antwortete Darrell:„Alle menſchliche Leben ſind wie getrennte Kreiſe; ſie können ſich an einem Punkt in freundlicher Annäherung berühren, aber ſelbſt wo ſie ſich berühren, dreht ſich jeder vom andern hinweg um ſich ſelbſt. Mit dieſer An⸗ deutung begnüge ich mich zu fragen, welchen Punkt in meinem Kreiſe Ihr berühren möchtet?“ 1 George Morley.—„Ich danke Euch herzlich; ich nehme Euer Beiſpiel an. Der Punkt iſt berührt; ich bedarf keines andern.“ Er pauſirte einen Augenblick, als wollte er alle ſeine Gedanken zu⸗ ſammenfaſſen, und dann ſagte er in nachſinnendem Tone:„Ja, ich nehme Euer Beiſpiel an; ich will ſogar die Kraft der darin liegenden Wahrheit durch ein eigenes noch einfacheres Beiſpiel verſtärken. Wir geben den Kindern kleine fkelettartige Abriſſe der Geſchichte. In dem und dem Jahr wurde ein König gekrönt, eine Schlacht geſchlagen; in dieſes Jahr ſiel ein großes Unglück oder irgend ein großer Sieg. Vom wahren Fortſchritt und von der wahren Entwicklung der Nation, deren Geſchichte auf ſolche Art auszüglich gegeben wird— von den verwickelten Urſachen, die zu dieſen hervorſpringenden Ereigniſſen 66 führen— von dem erregten, wechſelreichen, mannigfaltigen Leben, das von Epoche zu Epoche dahingerauſcht iſt, ſagt der Abriß Nichts. Eben ſo verhält es ſich mit dem Leben jedes einzelnen Menſchen: das Leben, ſo wie es vor uns ſteht, iſt nur ein unfruchtbarer Auszug— die Aufregungen, welche das Volk des Herzens bilden, ſind unſern Blicken verborgen. In dieſem und dieſem Jahr kam ein ſichtbares Etwas vor— ein Gewinn— ein Verluſt— ein Erfolg— eine Ent⸗ täuſchung; das Volk des Herzens krönte oder entthronte einen König. Dieß iſt Alles was wir wiſſen, und die bändereichſte Biographie, die je geſchrieben worden, muß noch immer ein magerer Abriß alles deſſen ſeyn, was wirklich einen Menſchen individualiſirte und bildete. Ich verlange Euer Vertrauen nicht für ein einzelnes Detail oder Faktum in Eurer Exiſtenz, das jenſeits meines Sehkreiſes liegt. Fern ſey von mir eine ſo neugierige Anmaßung; aber ich frage Euch das: Wenn Ihr Euer vergangenes Leben al e Ganzes betrachtet, haben dann nicht Eure Hauptbekümmerniſſe eine gemeinſchaftliche Idioſyn⸗ kraſie gehabt? ſind ſie nicht auf eine ſeltſame Weiſe zur Vereitlung irgend eines einzelnen Zweckes geleitet worden, den Eure früheſten Hoffnungen mit Liebe umfaßten, und an den Ihr Euch, gleichſam dem Schickſal zum Trotz, noch jetzt entſchloſſen feſtklammert?“ „Es iſt wahr,“ murmelte Darrell.„Ihr beleidigt mich nicht; fahret fort.“ 1 „Und haben nicht dieſe Bekümmerniſſe, indem ſie Euer Ziel vereitelten, oft auch eine gewiſſe Einförmigkeit in den Waffen, die ſie führen, in den Gegenden, die ſie beunruhigen oder überziehen, beinahe als ob eine ſtrategiſche Politik ſie dahin leitete, wo ſie einen Feind, gegen den ſie beordert waren, am ſchmerzlichſten verletzen, ihn de⸗ müthigen oder hinauswerfen konnten? Herabwürdigen konnten ſie Euch nicht; Dieß war nicht ihre Sendung. Der Himmel hat Euch eine königliche Stattlichkeit der Natur unangetaſtet, eine Erhabenheit des Geiſtes ungeſchwächt durch Angriffe gelaſſen, die nicht gegen Euch ſelbſt, ſondern gegen Euern Stolz gerichtet waren; Eure perſönliche 102—+½——— àg18 —,„ò— u————— ͤ—,„ 2— +(—.——(ũ dd L1 67 Würde blieb, obſchon ausnehmend empfindlich, obſchon bitter vergällt, feuerfeſt ſtehen. Was geringere Männer erniedrigen konnte, hat Euch nicht erniedrigt; der Himmel ließ Euch dieſe Würde, denn ſie gehört auf gleiche Weiſe Eurem Verſtand und Euern Tugenden an; aber er duldete, daß ſie eine Quelle Eurer Seelenqual wurde. Warum? Weil ſie nicht blos Eure Tugenden ſchmückte, ſondern auch den Fehler bedeckte, gegen welchen die Bekümmerniſſe gerichtet waren. Ihr run⸗ zelt die Stirne— verzeiht mir.“ „Ihr geht nicht zu weit, außer in Euem Schmeicheleien. Wenn ich die Stirne runzelte, ſo geſchah es unbewußt— ein Zeichen des Nachdenkens, nicht des Zornes. Haltet ein!— Mein Geiſt hat Euch für einen Augenblick verlaſſen; er blickt in die Vergangenheit.“ Die Vergangenheit!— War es nicht wahr? Jenes Haus, vor deſſen Portal bei Zeiten die ſchwarzen Pferde kamen, juſt zur Zeit, um vor der letzten ſchlimmſten Unehre zu retten, aber nicht um die jahre⸗ langen Folterqualen aller Art abzuwenden, wodurch des Mannes Würde in täglichen Angriffen auf die Feſtung des Männerſtolzes ge⸗ peinigt worden; die tückiſche verrätheriſche Tochter— ihre furchtbare Heirath, der Mann, deſſen Schande ſie in ihr Blut aufgenommen, und deſſen Leben noch immer ein Schimpf und eine Bedrohung für ſein eigenes war. Allerdings, welch ein Krieg gegen den Stolz! Und ſelbſt in dieſer geheimen und unglückſeligen Liebe, der einflußreichſten und andauerndſten aller ſeiner Kümmerniſſe, würde da wohl, wenn ſein Stolz weniger bitter verletzt worden und dieſer Stolz weniger in ſeinem Weſen feſtgewurzelt geweſen wäre, ſein Gram ſich ſo unbarm⸗ herzig, würden ſeine Verſuche zur Ueberwindung deſſelben ſich ſo eitel erwieſen haben? Und dann auch jetzt noch— was ſagte die Worte: Ich kann ſegnen?— Heilige Liebe! Was fügte hinzu: Aber nicht verzeihen?— Finſterer Stolz. Und ſo fort bis zu dieſen letzten Umwälzungen unfruchtbaren Lebens. War er nicht elend in Lionels und Sophys Elend? Verloren in dieſer Citadelle des Stolzes— umzingelt und berennt von Sorgen— und die letzten Hoffnungen, ——————— 68 welche in die Feſtung geflohen waren, niedergemacht in Vertheidigung ihrer Außenwerke. Mit der Hand ſein Geſicht beſchattend, blieb Dar⸗ rell einige Minuten ſchweigend. Endlich erhob er ſein Haupt, und ſein Auge war ſicher, ſeine Lippe feſt. „George Morley,“ ſagte er, nich erkenne viel Gerechtigkeit an in dem Tadel, den Ihr mit einem ſo kunſtvollen Zartgefühl ausgeſprochen habt, daß er, falls er nicht beſſert, doch nicht mißfallen kann und der ernſten Erwägung in einſamer Selbſtbeichte viel übrig läßt. Aber obſchon ich geſtehen will, daß der Stolz dem Manne nicht anſteht, und daß ich in der Blindheit menſchlichen Urtheils oft Stolz mit Pflicht⸗ gefühl verwechſelt und für dieſen Mißgriff gelitten haben mag, ſo kann ich doch dieſen einen vorherrſchenden Zweck meines Lebens, wel⸗ chen, wie Ihr mit ſo erſchütternder Wahrheit ſagt, der Himmel zu vereiteln für gut befunden hat, an und für ſich nicht für einen Irr⸗ thum halten. Ihr habt von Eurem Onkel genug gehört und mit Euern eigenen Augen genug von mir geſehen, um zu wiſſen, welcher Art dieſer Zweck war. Ihr ſeyd Gelehrter genug, um mir zuzugeben, daß es keine unedle Huldigung iſt, welche ſowohl Nationen als Indi⸗ viduen ihren verſtorbenen Ahnen darbringen— dieſe Huldigung iſt ein Inſtinkt in allen, außer in gemeinen und ſchmutzigen Naturen. Beſitzt ein Mann keine eigenen Ahnen, ſo kann er, wenn er eigene Verdienſte aufzuweiſen vermag, mit Fug und Recht alle Helden, Bar⸗ den und Patrioten ſeines Vaterlandes ſeinem Geſchlechte zueignen. Ein freier Bürger hat ſeine Ahnen in all den glorreichen Häuptern, welche den Staat geſchmückt, unter der einzigen Bedingung, daß er ihre Gräber verehren und ihr Andenken als ein Sohn wahren ſoll. Wenn daher diejenigen, die mit Poſaunenſtimmen zu großen Demo⸗ kratien ſprechen, eine verzagende Generation zu heroiſcher That und Aufopferung emporrütteln möchten, ſo erlaſſen ſie ihren Aufruf im Namen der Ahnen und fordern die Lebenden auf, daß ſie der Todten würdig ſeyen. Was bei der Maſſe ein ſo lobenswerthes, ja ein ſo nothwendiges Gefühl iſt, kann beim Einzelnen kein Fehler ſeyn, der ——— ————„—.——— ⏑ d 69 den Himmel erzürnt. Gleich allen hohen Gefühlen kann es herbe und rauhe Pflichten auferlegen; es kann die harte Unterdrückung man⸗ cher ſanften Regung, manches lieblichen Wunſches nöthig machen. Aber wir müſſen es in ſeinem Verdienſt und ſeiner Berechtigung als Ganzes betrachten. Und wenn, mein beredter und ſcharfſinniger Freund, Alles was Ihr bisher geſagt habt, blos ein Plaidoyer für dieſelbe Sache ſeyn ſoll, die ich bereits gegen den Advokaten in mei⸗ nem eigenen Herzen entſchieden habe, welcher der großſinnigen Liebe Lionels und der treuherzigen rührenden Grazie dieſes ſchönen Mäd⸗ chens günſtig iſt, ſo laßt uns die Sitzung aufheben: der Richter hat keine andere Wahl als das Geſetz, das ſein Urtheil gebieteriſch be⸗ herrſcht.“ George Morley.—„Ich habe mir bisher noch keine ſpecielle Anwendung der allgemeinen Beweisgründe erlaubt, deren Entwick⸗ lung zu Gunſten meiner Theorie Ihr mir ſo nachſichtig geſtattet, meiner Theorie nämlich, daß in der Welt des menſchlichen Herzens bei genauer Prüfung dieſelbe Harmonie des Planes ſtattfinde, wie im äußern Univerſum. Ertraget mich noch ein wenig länger, wenn ich mit demſelben Raiſonnement fortfahre. Ich werde nicht die An⸗ maßung haben einen ſpeciellen Fall zu premiren und zu ſagen: Dieß ſolltet Ihr thun, dieß ſolltet Ihr nicht thun. Ich bitte Euch blos um Erlaubniß Eurer eigenen umfaſſenden und aufrichtigen Erfahrung noch einige weitere Andeutungen zu unterbreiten.“ Darrell fühlte ſich unwiderſtehlich angezogen, ſagte aber mit einem Anſtrich ſeiner ernſten Ironie:„Ihr beſitzt das ächte Kanzel⸗ genie, und ich bewillige Euch die Rechte der Kanzel. Ich will zu⸗ hören mit dem Wunſch zu profitiren— um ſo empfänglicher für Ueber⸗ zeugung, weil der Nothwendigkeit des Antwortens überhoben.“ George Morley.—„Ihr vertheidiget das Ziel, welches den Hauptehrgeiz Eures Lebens gebildet hat. Ihr ſagt: kein unedles Ziel. Allerdings! unedle Ziele ſind nicht für Euch. Die Frage iſt die: Gibt es in der Seele, welche die Vorſehung Euch angewieſen 0 4. 70 hat, nicht edlere Ziele, die einen höheren Werth erreicht und zu größeren Reſultaten geführt haben würden? War nicht die eigent⸗ liche Rolle des Zieles, das Ihr vertheidiget, vielmehr die eines Ver⸗ bündeten, eines Untergeordneten, als die des Allen lenkenden, ſich ſelbſt genügenden Führers und Selbſtherrſchers ſolcher mannigfachen Geiſtesfähigkeiten? Ich denke mir Euch als einſamen kühnherzigen Jungen in dieſer alten Halle, inmitten dieſer primitiven Landſchaften, wo alte Ideen ſo wenig durch die modernen geſtört werden— wo der wilde Raſen unbebauter Ländereien tief in Labyrinthen feierlicher Waldungen verſchwindet und den Träumen von dahingegangenen Tagen einen Schauplatz leiht— wie Ihr da Abenteuer und Ritter⸗ ſchaft ſammt all den poetiſchen Farben alter Zeiten herbeibringt, um die den todten Ahnen gebührende Huldigung mit dem zukünftigen Ehrgeiz des Lebens zu vereinigen— ein Bild voll Intereſſe und Pathos— das freundloſe Kind eines juſt wegen ſeines Verfalls noch inniger geliebten Geſchlechtes, unverzagt auf Armuth und Mühſal ſchauend, mit jener Ueberzeugung von eigener Kraft, die aus feſtem Vorſatz und ernſtem Willen geboren wird; und ſeines geheimen Ge⸗ lübdes eingedenk, auf eigene Fauſt, mit eigener Kraft das Werk zer⸗ ſtörender Jahrhunderte zu vernichten und ſeine Linie wieder in ihren Ehrenplatz im Lande einzuſetzen.“ George pauſirte und Thränen ſtanden in Darrells Augen. „Ja,“ fuhr der Gelehrte fort—„ja für das Kind, für den Jüng⸗ ling, für den Mann in ſeinem erſten kühnen Streit in der Wirkſamkeit des Lebens gebietet dieſes Ziel unſere ehrfurchtsvollen Sympathien. Aber wartet einige Jahre. Hat dieſes Ziel ſich erweitert? Hat es zu Zielen geführt, welche die Menſchheit umfaßten? Bleibt es allein und unfruchtbar im Buſen eines erfolgreichen Genies? Oder iſt es fruchtbar und erzeugt großherzigere Abſichten— eine weiter ſich verbreitende Nützlichkeit? Laßt das Genie Erfolg haben, und alle Menſchen haben das Recht zu ſagen: Bruder, hilf uns! Was! immer noch kein anderes Ziel als ein Haus aufzubauen!— Eine 71 Familie wiederherzuſtellen! Was in einem Stadium einer auf das Vorwärts gerichteten Laufbahn groß war, iſt in einem andern ſchmal und klein. Der Ehrgeiz auf die Erhebung einer Familie begrenzt? Können unſere Sympathien das noch immer verehren? Nein! bei dem erfolgreichen Guy Darrell war dieſer Ehrgeiz Verrath an der Erde! Das Menſchengeſchlecht war jetzt ſeine Familie! Darum vereitelte der Himmel das Ziel, das ſeinen eigenen Abſichten bei Eurer Erſchaffung widerſtrebte! Darum ſtehet Ihr kinderlos an Eurem verödeten Herde!— Darum, ſehet! Seite an Seite, das unvollendete Gebäude dort— Euer eigenes unvollendetes Leben!“ Darrell ſaß ſtumm da. Er war von Schrecken ergriffen. George Morley.—„Hat nicht dieſes Ziel ſogar Euern Ver⸗ ſtand eingeengt? Hat es Euch nicht, indem es in ſeinem eigenen Mittelpunkt vereitelt wurde, des Ruhmes beraubt, nach welchem Eure Jugend ſich geſehnt und den Eure Mannheit hätte gewinnen können? Während Ihr abgöttiſch dem Glauben an eines Ahnherrn Namen anhinget, hat ſich da Euer eigener Name das Recht auf die dankbare Verehrung der Zukunft erworben, welche die Menſchen immer dem Genie widmen, deſſen Abſichten mit der Menſchheit ſelbſt verwachſen ſind? Plötzlich im Zenith des Lebens, mitten unter Beifallsjubel, nicht ächtem Ruhm, ſondern Beifallsjubel laut und kurz wie eines Pöbels Hurrahgeſchrei, unterbrechen Unglücksfälle, die ich nicht alle kenne oder muthmaße, Eure Laufbahn; und als Euer eigenes lebenslanges Ziel gehemmt oder vielmehr Eurem Blicke entriſſen iſt, da entſagt Euer Genie aller nützlichen Thätigkeit. Ewiger Ruf war noch immer vor Euch, wären Eure Ziele diejenigen geweſen, für welche Genie ver⸗ liehen wird. Ihr ſinnet nach. Der Himmel erlaubt dieſen rauhen Worten zu treffen. Guy Darrell, es iſt nicht zu ſpät, die Warnungen des Himmels kommen immer zur Zeit. Für uns als Chriſten oder Denker findet nicht jede Pflicht ſchon in dieſer Welt ihren beſondern Lohn; aber in Folge deſſelben myſtiſchen Geſetzes, welches die Wiſſen⸗ ſchaft des Kummers bildet, ſind Belohnungen oft nur die normale Bulwer, was wird er damit machen? VIII. 6 7² Wirkung erhabener Pflichterfüllung. Iſt aus Eurem Stolz und Eurem einzigen geliebten Ziele Glück hervorgewachſen? Hat der Er⸗ folg, der Euch nicht verſagt war, die Verbindungskette mit der Nach⸗ welt vollendet, die Eure Hand, wenn ſie nicht gefeſſelt geweſen wäre, ſchon längſt geſchmiedet haben würde? Nehmet an, der Himmel ſage: „Hartnäckiges Kind, weiche endlich den Warnungen, die von meiner Liebe kamen! Von einem ſo begünſtigten und ſtarken Sohn verlange ich das größte Opfer! Du haſt viel geopfert, aber nicht für Zwecke, die in meinem Geſetz vorgeſchrieben waren; opfere jetzt mir das Ding, woran du dich am meiſten feſtklammerſt— den Stolz. Ich mache die Qual, die ich verlange, abſichtlich bitter. Was für andere Männer keine Pflicht wäre, iſt Pflicht für dich, weil es eine triumphirende Selbſtüberwindung erfordert und der Menſchheit die Rückſtände einer längſt vernachläßigten rechtmäßigen Schuld bezahlt. Nehmen wir an, das harte Opfer ſey gebracht; ich muß denken, daß der Himmel auch hier Zwecke für Eure Freude hat, wenn er von Euch verlangt, daß Ihr Euch von der Urſache Eurer Kümmerniſſe trennen ſollt;— ich muß denken, daß der Abend Eures Lebens den Sonnenſchein haben werde, der ſeinem Mittag verſagt war. Aber Gott läßt nicht mit ſich markten. Eine Tugend, die um ſo ſchwieriger iſt, weil ſie dasjenige niedertreten muß, was Euer Leben bisher als Tugend hochgeſtellt hat, liegt vor Euch— unangenehm, herb, abſtoßend. Die einladendſten Be⸗ weiſe zu ihren Gunſten beſtehen darin, daß ſie keine Beſtechungen bie⸗ tet; die Menſchen würden Euch freiſprechen, wenn Ihr ſie verwärfet; nach dem gewöhnlichen Maßſtab der Welt hätten die Menſchen Recht Euch freizuſprechen. Aber wenn Ihr bei näherer Ueberlegung in Eurem innerſten Herzen ſagt: Das iſt eine Tugend, ſo werdet Ihr ihrem geräuſchloſen Pfad hinauf zum Lächeln Gottes folgen.“ Der Prediger hörte auf. Darrell ſtieß einen langen Seufzer aus, erhob ſich langſam, er⸗ griff Georges Hand, drückte ſie warm in der ſeinigen und wandte ſich raſch und ſchweigend weg. Er trat in die Vertieſung, wo der Schein 73 der Winterſonne durch das ſchmale Fenſter ſchief und blaß auf die maſſive Wand hereinſiel; er öffnete das Fenſter, ſchaute hinaus auf die altvererbten Bäume, auf den gothiſchen Kirchthurm— auf das dunkle Immergrün, das ſeines Vaters Grab umgürtete. Wiederum ſeufzte er, aber dießmal hatte der Seufzer einen hochfahrenden Ton in ſeiner abgeriſſenen Ungeduld; und George fühlte, daß geſchriebene Worte die Wirkung der geſprochenen beſtärken und beſtätigen mußten. Er hatte wenigſtens der weiſen Aufforderung ſeines Onkels gehorcht — er hatte Darrells Geiſt darauf vorbereitet den Inhalt eines Briefes zu erwägen, der, in erſter Inſtanz gegeben, Darrells Entſchluß viel⸗ leicht nicht weniger hartnäckig gemacht und dabei nur noch den Schmerz vergrößert hätte, welchen der Entſchluß ſelbſt bereits gekoſtet. Darrell drehte ſich um und ſah gegen George, als wäre er über⸗ raſcht ihn noch immer hier zu ſehen. „Ich habe Euch jetzt nur noch dieſen Brief meines Onkels an mich vorzulegen; er geht auf die Details ein, deren ſpecielle Erörte⸗ rung mir nicht zugeſtanden hätte. Ich bitte Euch, bedenket beim Leſen wohl, daß er von Eurem älteſten Freund geſchrieben iſt— von einem Manrn, der über die Wirrſale des Lebens und die kitzlichen Forderungen 1 der Ehre ein vollwichtiges Urtheil beſitzt.“ Darrell nickte zuſtimmend und nahm den Brief. George wollte das Zimmer verlaſſen. „Bleibt,“ ſagte Darrell;„es iſt am beſten nur eine einzige Be⸗ ſprechung über den Gegenſtand zu haben, der mir jetzt ſo dringend nahe gelegt worden iſt; und der Brief kann eine Erläuterung oder eine 9 Botſchaft an Euern Onkel nöthig machen.“ Er blieb zögernd mit dem offenen Brief in ſeiner Hand ſtehen, und indem er ſein ſcharfes Auge auf Georges blaſſes kräftiges Geſicht heftete, ſagte er: Wie kommt es, daß Ihr mit einer Menſchenkenntniß, die ich, Ihr werdet mirs ver⸗ zeihen, für beſchränkt halte, dennoch ſo wundervoll in dem verwickelten Menſchenherzen leſet?“ „Wenn ich wirklich dieſe Gabe beſitze,“ ſagte George,„ſo will 6* 2—,— à4 ich Eure Frage mit einer andern beantworien: Lernen wir durch Er⸗ fahrung das menſchliche Herz leſen— oder lernen wirs durch Sym⸗ pathie? Wenn es Erfahrung iſt, was wird dann aus dem Dichter? Wenn der Dichter geboren, nicht herangebildet wird, geſchieht dieß nicht deßhalb, weil er geboren wird, um mit Dingen zu ſympathiſtren, die er niemals erfahren hat?“ „Ich ſehe! Es gibt geborene Prediger!“ Darrell ſetzte ſich wieder und begann Albans Brief. Er wurde ſichtlich ergriffen von der Art, wie der Oberſt Lionels Gram ſchil⸗ derte— er murmelte vor ſich hin—„Armer Junge! aber er iſt wacker— er iſt jung.“ Als er an Albans Ahnungen kam, an die Einwirkungen der Betrübniß auf die Hauptſtützen des Lebens, da drückte er ſeine Hand ſchnell gegen die Bruſt, als hätte er einen Stoß empfangen. Er ſann eine Weile nach, bevor er ſeine Lektüre wieder aufnahm; dann las er raſch und ſchweigend weiter, bis ſein Geſicht erröthete und er in einem hohlen, unausſprechlich traurigen Ton wieder⸗ holte:„Laßt den jungen Mann leben und den alten Namen mit Guy Darrell ſterben! Ach, ach! Seht, wie die Welt es mit der Jugend hält! Was liegt an allem Andern, wenn nur die Jugend ihr Spiel⸗ zeug hat!“ Wiederum flog ſein Auge ungeduldig weiter, bis er an die Stelle kam, die Lady Montfort gewidmet war. Dann ſah George, daß das Papier heftig in ſeiner Hand zitterte, und daß ſogar ſeine Lippen weiß wurden.„Ernſtliche Beſorgniſſe,“ murmelte er,„ich ſchulde keiner ſolchen Freundin einige Rückſicht. Dieſer Mann iſt ohne Herz.“ Err hielt das Papier feſt in ſeiner Hand, ohne weiterzuleſen. „Laßt mir dieſen Brief, George; ich will Alban und Euch noch heute antworten.“ So ſprechend riß er ſeinen Hut an ſich, ging in die leb⸗ loſe Gemäldegallerie und von da hinaus in die friſche Luft. George ſuchte zweifelhaft und angſtlich die Einſaakeit ſeines eigenen Zimmers und verſchloß die Thüre. 7⁵ Drittes Kapitel. Endlich wird die große peinliche Frage ohne Weiteres bei Guy Darrell an⸗ gewandt. Was wird er damit machen? Was wird Guy Darrell mit dem Gedanken machen, der auf ſeinem Gehirn laſtet, in ſeinem Herzen brennt, ſein zweifelhaftes Gewiſſen verwirrt? Was wird er mit dem Geſetze machen, das ſein vergangenes Leben beherrſcht hat? Was wird er mit dieſem Schatten eines Namens machen, der eben⸗ ſo unter dichten Volkshaufen wie an einſamen Begräbnißplätzen ſein Auge bezaubert und wie ein winkender Geiſt ſeinen Schritt angelockt hat? Was wird er mit dem Stolz machen, welchem auf ſo rauhe Art die Maske abgeriſſen worden iſt? Was wird er mit Götzen machen, die er ſo lange Zeit verehrt hatte? Sind ſie wirklich Götzen oder ſind ſie blos Symbole und Bilder heiliger Wahrheiten? Was wird er mit dem marternden Problem machen, von deſſen Löſung die Ehre ab⸗ hängt, die man geweihter Aſche, und die Rechte, die man pochenden Herzen ſchuldet? Da geht er unruhig, den Pfeil dieſer Frage in ſeiner Seite tragend, hin, bald über die weiten unbebauten Felder, bald durch die düſteren Wälder, oft ſtehen bleibend mit kurzem ſchnellem Seufzer, mit der Hand über die Stirne wiſchend, als wollte er eine Wolke wegſtreichen— bald unſern Blicken entzogen durch das Immer⸗ grün um das Grab in dieſem ſtillen Friedhof— bald langſam auf⸗ tauchend, die melancholiſchen Augen auf den alten Dachſtuhl geheftet! Was wird er damit machen? Die Frage der Fragen, auf welche die ganze Zukunft hinausläuft, hat ihn auf ihrer Folterbank. Was wird er damit machens Laßt uns ſehen. Viertes Kapitel. Immunis aram si tetigit manus, Non sumptuosa blandior hostia, Mollivit aversos Penates, Farre pio et saliente mica.— Horaz. Es iſt Abenddämmerung. Fairthorn ſchlendert etwas verdrieß⸗ lich an den Ufern des Sees hin. Er hat in den letzten drei Tagen ſei⸗ nen Spaziergang mit Sophy vermißt— ihm fehlte die angenehme Aufregung zu ihr zu ſprechen, ihr von den veralteten Herrlichkeiten der Familie zu erzählen, für welche ſie ſich nach ſeinem Dafürhalten nur in Folge einer aufdringlichen Impertinenz ſo ſehr intereſſiren konnte. Er hat auch ſeine gewöhnlichere und weniger aufreizende Beſprechung mit Darrell ſehr vermißt. Kurz und gut, er iſt ganz auf die Seite geſchoben worden und er läßt ſeinen Spleen an den Schwänen aus, die ihm, während er auf dem Rande einherſchreitet, die Wellen entlang folgen und entweder ihre Neigung zu ihm oder ihre Vorausſetzung der mit ſeinem Bild in Verbindung ſtehenden Broſamen durch jenes liebliche Getöne, halb Geſchnarche und halb Gegrunze, zu verſtehen geben, auf welches die Veränderung der Zeit oder des Klima die reichen Stimmmittel dieſer klaſſiſchen Vögel her⸗ untergebracht hat, die in den Zeiten des Moſchus und an den Geſtaden des Cayſter ſo pathetiſche Melodien erklingen ließen. „Nicht eine einzige Broſame, ihr grundſatzloſen Bettler!“ brummte der Muſtker.„Ihr bildet Euch ein, der Menſch habe an nichts Anderes zu denken, als Euch mit Leckerbiſſen zu verſehen! Und wenn man Euch in einem Concursexamen aufforderte von mir, Eurem Wohlthäter, eine Definition zu geben, ſo würdet Ihr ſagen: Ein auf der Leiter der Schöpfung ſehr niedrig ſtehendes Ding, ohne Flügel oder auch nur Federn, aber von der Vorſehung mit einem beſondern Inſtinkt dafür begabt, dem gewöhnlichen Futter der Schwäne nahr⸗ 0 77 hafte und wohlſchmeckende Biſſen beizufügen. Ja grunzet wie Ihr wollt, ich wünſchte, ich hätte Euch— in einer Paſtete.“ Langſam durch die Oeffnung zwiſchen jener Felſenſpitze und dem Dornſtrauch hinaus ſchreitet das Reh und hält juſt da zum Trinken an, wo der ſchwache Abendſtern ſeinen Schimmer über die Woge ent⸗ lang ergießt. Der Muſiker vergißt die Schwäne und beſchleunigt ſeinen Schritt, indem er den gewöhnlichen Begleiter des Rehs zu treffen erwartet. Er ſieht ſich nicht getäuſcht. Er ſtößt auf Guy Darrell, da wo der Dämmerungsſchatten am dunkelſten zwiſchen dem grauen Felſen und dem Dornſtrauch hereinfällt. „Lieber Miteremit,“ ſagte Darrell beinahe heiter, jedoch mit un⸗ gewöhnlicher Herzlichkeit in Gruß und Stimme,„Ihr findet mich juſt wo ich Euer bedarf. Ich bin wie ein Menſch, deſſen Augen durch einen heftigen Widerſtreit von Blumen zu ſehr angeſtrengt worden ſind, und Eure ruhige Erſcheinung gleicht einer erquickenden Wieder⸗ kehr ins Grüne. Ich habe Neuigkeiten für Euch, Fairthorn. Ihr, der Ihr von meinen Geheimniſſen mehr wißt als irgend ein anderer Menſch, ſollt auch vor Allen zuerſt einen Entſchluß erfahren, der Euch und mich noch feſter an einander binden muß— aber nicht in dieſen Landſchaften, Dick. „Ibimus— ibimus! Supremum Carpere iter, comites, parati!“ „Was meint Ihr, Sir?“ fragte Fairthorn.„Mich überſchleicht immer eine Unglücksahnung, wenn ich Euch Horaz citiren höre. Es folgt dann gewiß irgend eine Betrachtung über die Gewißheit des Todes oder andere unangenehme Gegenſtände.“ „Tod! Nein, Dick— jetzt nicht. Hochzeitsglocken und Freude, Dick! Wir werden eine Hochzeit haben.“— „Was! Ihr wollt endlich heirathen! und das muß dieſe ſchöne Caroline Lyndſay ſeyn! Es muß— es muß! Ihr könnt nie eine 6 1 4 — ————— 4„ — 8 1 v 78. Andere lieben! Ihr wißt das, mein theurer— theurer Gebieter! Ich werde Euch alſo glücklich ſehen, bevor ich ſterbe!“ „Still, närriſcher alter Freund!“ ſagte Darrell, indem er ſeinen Arm zärtlich auf Fairthorns Schultern lehnte und langſam gegen das Haus zuſchritt.„Wie oft muß ich Euch ſagen, daß für mich keine Hochzeitsglocken ertönen können!“ „Aber Ihr habt mir auch geſagt, daß Ihr nach Twickenham ge⸗ gangen ſeyd, um wieder einen flüchtigen Blick von ihr zu erhaſchen, und daß ihr Anblick Euch auf den Entſchluß gebracht hat keine An⸗ dere zu heirathen. Und als ich über ihre Unbeſtändigkeit ſpottete, habt Ihr mich dann nicht beinahe bis zum Wahnſinn geängſtigt, als ob Niemand das Recht hätte über ſie zu ſpotten als Ihr ſelbſt? Und nun iſt ſie frei— und habt Ihr nicht zugegeben, daß ſie Eure Hand nicht ausſchlagen und daß ſie in Zukunft beſtändig und treu ſeyn würde? Und dennoch beſtehet Ihr darauf Granit zu ſeyn!“ „Nein, Dick, kein Granit; ich wollte, ich wäre es!“ „Granit und Stolz,“ verſetzte Dick mit muthiger Beharrlichkeit. „Wenn man von dem Granit ein Stück abſchaben kann, ſo zerbricht man am Stolz nur ſeinen Spaten.“ „Stolz!— auch Du!“ murmelte Darrell traurig; dann fuhr er laut fort:„Nein, es iſt jetzt nicht Stolz, was es auch geſtern noch geweſen ſeyn mag. Aber ich moͤchte lieber alle Folterqualen, welche fromme Inquiſitoren je aus Mitleid für hartnäckige Ketzer erfunden haben, über mich ergehen laſſen, als die Frau, die ich ſo fataler Weiſe geliebt, zu einer Buße verurtheilen, deren Elend ſie nicht vorherſehen kann. Ob ſie mich annehmen würde?— Gewiß! Warum? Weil ſie mir Genugthuung zu ſchulden glaubt, weil ſie mich bemitleidet. Und mein Herz ſagt mir, daß ich grauſam, gemein und rachſüchtig werden könnte, wenn ich Tag für Tag mit einer Perſon zu leben hätte, welche, ſo lange mein Leben im Mittag war, eine Liebe in mir hervor⸗ gerufen, die ich in ſeinem Morgen nicht gekannt hatte, und wenn ich fühlen müßte, daß ich die Wiederkehr dieſer Liebe einzig und allein ———:;ʒ——-— —— — 4 79 dem Mitleid verdankte, das der einbrechenden Nacht meines Alters gewidmet würde. Nein; wenn ſie mich bemitleidete, aber nicht liebte, als wir vor achtzehn Jahren unter jener Buche dort Abſchied nahmen, da müßte ich ein Tollhäusler ſeyn, wenn ich mir träumen laſſen wollte, daß das Mitleid eines Weibes zur Liebe zerſchmelze, wenn unſere Locken grau werden und Jugend unſere Gelübde lächerlich macht. Es iſt nicht Stolz was hier ſpricht; es iſt eher Demuth, Dick! Aber wir müſſen jetzt nicht von Alter und von entſchwundenen Dingen ſprechen. Jugend und Hochzeit locken, Dick! Wißt, daß ich mich ſtundenlang beſonnen habe, wie ich das Glück des theuern Lionel mit meinen alt⸗ moddiſchen Begriffen in Einklang bringen könnte. Wir müſſen ſowohl an die Lebendigen denken als an die Todten, Dick. Ich habe das Problem gelöst. Ich bin glücklich, und die jungen Leutchen ſollen es auch ſeyn.“. „Ihr wollt doch nicht ſagen, daß Ihr Eure Einwilligung gebet zu—“ „Ja, zu Lionels Verbindung mit dieſem ſchönen Mädchen, deren Verwandtſchaft wir niemals erfragen wollen. Große Männer ſind ihre eigenen Ahnen; warum nicht zuweilen ſchöne Weiber? Genug— ich willige ein. Ich werde natürlich meinem Vetter und ſeiner Braut ein ſchönes Vermögen übermachen. Lionel wird Zeit zu ſeinem Honig⸗ mond haben, bevor er in den Krieg zieht. Er wird jetzt mit fröhlichem Herzen fechten, Dick. Junge Leute vom heutigen Schlag können nicht gegen den Kummer Stand halten, wie wir zu meiner Zeit heran⸗ gezogen wurden. Und dieſe liebenswürdige Lady, die ſoviel Mitleid für mich hegt, hat natürlich noch mehr Mitleid für ein prächtiges junges Paar, für deſſen Verbindung ſie Pläne entwarf, um mir einen heimiſchen Herd zu verſchaffen, Dick. Und ehe ſie ſich abhärmen und krank werden ſoll und— doch gleichviel; Alles ſoll aufs Beſte für das Glück der Lebenden angeordnet werden. Aber noch etwas An⸗ deres muß in Ordnung gebracht werden; wir müſſen an die Todten ſo gut denken wie an die Lebenden; und dieſer Name Darrell ſoll mit mir in dem Grabe neben meinem Vater beerdigt werden. Lionel Haughton wird ſeinen eigenen Namen aufrecht erhalten, es leben die Haughtons! Mögen die Darrells zu Grunde gehen, aber ohne eine Makel an ihrem Schild! Wie, was iſt das? Thränen, Dick? Pfui! — ſeyd ein Mann! Und ich bedarf Eurer ganzen Stärke; denn auch Ihr müßt einen Theil an dem Opfer tragen. Was jetzt folgt, iſt keine Eingebung des Stolzes, wenn ich ſelbſt recht in meinem Innern leſen kann. Nein, es iſt die ſchließliche Vollendung und Aufgebung des Gegenſtandes, an welchen ſo viel von meinem Leben vergeudet worden iſt; aber eine Aufgebung, die meinen Grillen von Ehre Ge⸗ nüge leiſtet. Unter allen Umſtänden wird es, wenn es nur vermumm⸗ ter Stolz iſt, kein Opfer von Andern fordern; Ihr und ich mögen einen herben Schmerz erleiden— wir müſſen ihn ertragen, Dick.“ „Was in aller Welt kommt jetzt?“ ſagte Dick kläglich. „Die Pflicht gegen die Todten, Richard Fairthorn. Dieſer Winkel des ſchönen Englands, wo ich von den Todten gelernt habe die Ehre zu lieben— dieſe arme Herrſchaft Fawley— ſoll dem Colle⸗ gium vermacht werden, wo ich auferzogen worden bin.“ „Sir!“ „Sie wird zu ein paar Collegiaten für ehrliche wackere junge Gelehrte ausreichen. Sie wird alſo, ſo lange engliſche Inſtitutionen währen mögen, der Gelehrſamkeit und Ehre gewidmet ſeyn. Sie mag zum Wohle der Menſchheit irgend einen großherzigeren Ehrgeiz unterſtützen, als der meinige, wie es ſcheint, jemals war— und ſoll nicht in meinem, ſondern in meines theuern Vaters Namen fortbe⸗ ſtehen, wie das Darrell'ſche Muſeum. Dieß ſind meine Pflichten gegen die Todten, Dick! Und das alte Haus wird auf dieſe Art nutz⸗ los. Das neue Haus war immer eine Narrheit. Sie müſſen beide zu Grunde gehen, ſobald die jungen Leute verheirathet ſind;— kein Stein darf auf dem andern ſtehen bleiben. Die Pflugſchaar ſoll über ihre Plätze dahinziehen. Und die Beaufſichtigung dieſer Arbeit übertrage ich Euch. Ich habe nicht die Kraft dazu. Ihr werdet —— dann ſchleunigſt zu mir nach Sorrent kommen, in jenen Winkel der Erde, wo Horaz ſeinen letzten Seufzer auszuhauchen wünſchte: „Ille te mecum locus et beatae Postulant arces— ibi— tu—* „O nicht doch, Sir, nicht doch, ſchon wieder Horaz! Das iſt zu viel.“ Fairthorn war dem Erſticken nahe, aber als ob die Idee, die ihm vorgetragen wurde, in Wahrheit zu monſtrös wäre um ſie glauben zu können, griff er nach Darrell mit einer ſo unſichern und heftigen Hand, daß er ihn beinahe an der Kehle packte, und konnte nur noch herausſchluchzen:„Ihr müßt ſcherzen!“ „Ernſthaft und feierlich, Richard Fairthorn,“ ſagte Darrell, in⸗ dem er ſachte die Finger losmachte, die ihn mit Erdroſſelung bedroh⸗ ten,„ernſthaft und feierlich habe ich meinen wohlüberlegten Vorſatz gegen Euch ausgeſprochen. Ich bitte Euch im Namen unſerer lebens⸗ langen Freundſchaft dringend dieſem Schmerz eben ſo wie ich, ent⸗ ſchloſſen und heiter, die Stirne zu bieten. Ich bitte Euch dringend Buchſtäblich die Inſtruktion zu vollziehen, die ich Euch bei meiner Ab⸗ reiſe aus England, d. h. am Hochzeittag Lionels hinterlaſſen werde; und dann, theurer alter Freund, ruhige Tage, klare Gewiſſen:— unter Himmelsſtrichen, wo ganze Geſchlechter verſchwunden— wo ſogar ſtolze Städte in Gräber geſunken ſind— wo wir Beide uns ſchämen werden unſerem kleinlichen Kummer um ein verlorenes Land⸗ junkerhaus nachzuhängen— da wollen wir moraliſiren, über leere Träume und eiteln Stolz ſpotten, Weinberge und Orangenbäume pflegen, mit Horaz— ja, ja, Dick, und mit der Flöte!“ . ——— „Fünftes Kapitel. Sanfter fließen die Bäche, wenn das Eis, das ihre Fluth verſchloſſen, in ihren Waſſern zerſchmilzt. Und wenn ſchöne Naturen nachgeben, ſo wird ihre Güte geſchwellt durch den Thau. Darrell entfloh in das Haus; Fairthorn ſank zu Boden und gab ſich einige Minuten unmännlichen Wehklagen hin. Plötzlich fuhr er auf; ein Gedanke kam in ſein Hirn— eine Hoffnung in ſeine Bruſt. Er machte einen Bocksſprung— ſchoß in jähem Zickzack da⸗ hin— erreichte die Hallenthüre— verſenkte ſich in ſein eigenes ge⸗ 1 heimnißvolles Verſteck— und in weniger als einer Stunde tauchte er wieder auf, in ſeiner Hand einen Brief haltend, mit welchem er juſt noch Zeit hatte den Poſtmann zu erhaſchen, als derſelbe mit dem offi⸗ ziellen Felleiſen aus dem Hinterhof wegſchritt. Nach dieſer Heldenthat ſetzte ſich Fairthorn zur Mittagstafel, als George Morley das Tiſchgebet vollendete, welches dem Mahl vorher⸗ ging, das nach Fairthorns Dafürhalten gewöhnlich das Hauptereigniß des laufenden Tages bildete. Aber der Appetit des armen Mannes war dahin. Da Sophy mit Waife ſpeiste, ſo theilten nur Morleys mit dem Wirth und dem Sekretär das melancholiſche Mahl. George war nicht minder ſchweigſam als Fairthorn; Darrells Benehmen maͤchte ihn ganz wirr. Mrs. Morley, die von ihrem Gemahl nie⸗ 4 mals in fremde Geheimniſſe eingeweiht wurde, obſchon er in den ſei⸗ nigen für das eheliche Auge pellucidior vitro war, führte das große Wort, und da ſie die beſte Frau von der Welt war und ſtets etwas Angenehmes zu ſagen wünſchte, ſo begann ſie die lieben alten Fami⸗ liengemälde zu preiſen, die finſter von der Wand auf ſie herabſahen, und benachrichtigte Fairthorn, ſie ſey mit ihrer Skizze des alten Hauſes, von der Seeſeite betrachtet, weit vorangeſchritten, aber noch nicht mit ſich im Reinen, ob ſie nicht im Vordergrund einige Figuren aus der alten Zeit anbringen ſolle, wie in Naſhs Anſichten freiherr⸗ 8 8EÆ&& nnNA — ⏑ H N— licher Wohnungen. Aber ſie vermochte kein Wort aus Fairthorn her⸗ vorzulocken, und als ſie ſich von ihm ab zu Darrell wandte, da richtete der Hausherr plötzlich an George eine Frage über die Texte und Auc⸗ toritäten, womit die päbſtliche Kirche ihre Lehre vom Fegfeuer ver⸗ theidigt. Dieß erforderte eine lange und ohne Zweifel gelehrte Ant⸗ wort, welche nicht blos den Reſt der Eſſenszeit wegnahm, ſondern ſo lange währte, bis Mrs. Morley, erbaut von dem Discurs und hoch⸗ erfreut über die unverbrüchliche Aufmerkſamkeit, welche Darrell ihrem ausgezeichneten Gemahl zollte, die erſte volle Pauſe benützte und ſich zurückzog. Fairthorn leerte ſeine Flaſche Portwein vollends, und weit entfernt von der Ueberzeugung, daß es kein Fegfeuer gebe, viel⸗ mehr geneigt die neue Ketzerei aufzuſtellen, daß das Fegfeuer zu⸗ weilen dieſſeits des Grabes beginne, ſchlich er ſich weg und ließ ſich an dieſem Abend nicht mehr blicken. Auch ſeine Flöte wurde nicht mehr gehört. Dann erhob ſich Darrell und ſagte:„Ich will auf einige Minu⸗ ten zu unſerm kranken Freund hinaufgehen. Werde ich Euch an⸗ treffen, wenn ich zurückkomme? Ihr könnt Euern Beſuch bei ihm nach mir machen.“ Als Darrell in Waifes Zimmer trat, ging er unmittelbar auf Sophy zu und ſchnitt ihr den Rückzug ab. „Schöner Gaſt,“ ſagte er mit einer Grazie und Zartheit, die, wenn er wollte, unausſprechlich bezaubernd ſeyn konnten,„lehret mich die Kunſt, wie ich in Zukunft eine Erſcheinung, in welcher ein ab⸗ geſtumpfteres Alter als das meinige noch immer die Zauber zu er⸗ kennen vermöchte, welche die Jugend unterjochen, feſſeln kann ſtatt ſie zu verſcheuchen.“ Er führte ſie ſachte zu dem Stuhl zurück, den ſie verlaſſen hatte, ſetzte ſich an ihre Seite— richtete an Waife einige herzliche Fragen über ſeine Geſundheit und ſeine Comforts— und dann ſagte er:„Ihr dürft mich noch einige Tage nicht verlaſſen. Ich habe mit dieſer Poſt an meinen Vetter Lionel Haughton geſchrieben. Ich habe mich geweigert ſein Botſchafter an einem Hofe zu ſeyn, an RAEE“ x 8ʃ⁴ welchem er ſich dem Völkerrecht zufolge ſelbſt ſeinem Sieger unter⸗ werfen muß. Ich kann ſogar nicht einmal hoffen, daß er mit ſeiner Freiheit davonkomme. Nein! Ketten für das Leben! Dreimal glück⸗ lich in der That, wenn dieß das gnädige Urtheil iſt, das Ihr aus⸗ ſprechet.“ Als er endete, erhob er Sophys Hand an ſeine Lippen, und be⸗ vor ſie noch den Sinn ſeiner Worte ganz begreifen konnte— ſo über⸗ raſcht, ſo verwirrt, ſo ungläubig traf ſie dieſer plötzliche Schickſals⸗ wechſel— hatte die Thüre ſich hinter Darrell geſchloſſen, und Waife hatte ſie an ſeine Bruſt gedrückt, indem er murmelte:„Iſt die Vor⸗ ſehung nicht gütig?“ Darrell ging zu dem Gelehrten zurück.„George,“ ſagte er, „habt die Güte Alban zu melden, daß Ihr mir ſeinen Brief gezeigt habt. Habt auch die Güte Lady Montfort zu ſchreiben, daß ich dank⸗ bar ihren Wunſch anerkenne mir die Verluſte zu erſetzen, in deren Folge ich allein dem Alter und Grab entgegenſehen muß. Schreibt ihr, daß ihr alter Freund(Ihr erinnert Euch, George, ich kannte ſie als Kind) in dieſem Wunſch dieſelbe holdſelige Herzensgüte erblicke, die ihn beſchwichtigte, als ſein Sohn ſtarb und ſeine Tochter entfloh. Meldet ihr ferner, daß ihr Wunſch befriedigt ſey. Zu dieſer Ehe, in welcher ſie mitleidig den beſten Troſt vorherſah, der meiner beraubten und vernichteten Exiſtenz übrig geblieben, zu dieſer Ehe gebe ich meine Einwilligung.“ „Ihr thut das! O, Mr. Darrell, wie ehre ich Euch!“ „Nein, ich verdiene eben ſo wenig Ehre für meine Einwilligung, als ich Verachtung verdient haben würde, wenn ich auf meiner Wei⸗ gerung beſtanden hätte. Ich wünſchte vor zwölf Stunden ſchon eben ſo innig wie jetzt Dasjenige zu thuͤn, was ich für recht hielt. Was eine ſo plötzliche Aenderung des Entſchluſſes von Seiten eines Mannes, der ſeine Entſchlüſſe ſehr ſelten ändert, herbeigeführt hat, ob Lady Montfort, ob Alban oder die metaphyſiſche Geſchicklichkeit, womit Ihr meine Vernunft umſtricktet und mich zwanget alle ihre Urtheile Revue — ſ/.oy—,y,—,— M——9—e ei⸗ 8⁵ paſſtren zu laſſen, das verſuche ich nicht zu beſtimmen; aber ich dachte, daß der Weg, den ich eingeſchlagen habe, lediglich meiner eigenen Meinung entſpreche. Nein; die Billigkeit gegen Euch erfordert, daß ich Euch das Hauptverdienſt laſſe; Ihr erregtet den Wunſch in mir, Ihr brachtet mich zu dem Entſchluß eine Wahl zu finden— ich habe eine gefunden. Und jetzt machet Euern Beſuch da, wo ich ſo eben den meinigen gemacht habe. Ich vermuthe, es wird drei Tage anſtehen, bevor Lionel, der bei ſeinem neuen Regiment in X eingetroffen iſt, hier ſeyn kann. Und dann wird es, glaube ich, Wochen anſtehen, be⸗ vor ſein Regiment abſegelt;— und ich bin ganz für kurze Braut⸗ werbungen.“ Sechstes Kapitel. Fairthorn ängſtigt Sophy. Sir Iſaak wird von Darrell eingeladen und bildet ein Mitglied des Familienkreiſes. Welch eine holde Singſtimme erklingt unter jenen laubloſen Buchen hervor! Waife hört ſie am Mittag von ſeinem Fenſter aus. Horch! Sophy hat wieder einmal einen Geſang gefunden. Sie ſitzt auf einer Gartenbank und blickt über den See nach dem düſtern alten Herrenhaus und dem hohen geſpenſtiſchen Palaſt daneben hinüber. Mrs. Morley befindet ſich ebenfalls auf der Bank und ar⸗ beitet fleißig an ihrer Skizze; Fairthorn ſchweift in dem Dickicht hinter ihnen herum; er wandert ruhelos einher und iſt über alle Be⸗ ſchreibung unglücklich und zornig. Er hört dieſe ſingende Stimme, bleibt plötzlich ſtehen und iſt vollkommen raſend vor Entrüſtung.„Da ſingt ſie,“ murmelte er,„ſingt ein Triumphlied und ſtarrt dabei zu demſelben Haus hinüber, das ſie zur Zerſtörung verurtheilt. Aerger als Nero, der mitten im Brande Roms ſeine Leier ſchlägt.“ Allmählig geht Sophy, die aus dem einen oder andern Grund nicht lange an einem Platz ſitzen kann und heute jeder Geſellſchaft —y——— J²²²²²²²²à² 86 müde wird, vom See weg und kommt gerade Fairthorn in den Weg. In ihrer unausſprechlichen geheimen Wonne den Muſtker begrüßend, der in den Tagen unausgeſprochener geheimer Traurigkeit ſo oft mit ihr umhergeſchweift war, ſprang ſie auf ihn zu mit Willkomm und Freudigkeit auf einem Geſichte, das ſelbſt Diogenes aus ſeinem Faß gelockt haben würde. Fairthorn wich ſeitwärts zurück und brummte: „Nicht doch, nicht doch!“ Dabei ſchnitt er ſeine wildeſte Grimaſſe und zeigte alle ſeine Zähne wie ein Wolf; und als ſie ſtumm vor Ver⸗ wunderung, vielleicht auch vor Angſt ſtehen blieb, ſchlenderte er ſeit⸗ wärts fort, wie wenn er ſich ſeiner eigenen mörderiſchen Neigung be⸗ wußt wäre, drehte jedoch ſeinen Kopf mehr als einmal und ſchüttelte ihn gegen ſie; ſodann verſchwand er mit der gewohnten Heimlichkeit, die ſeine Abgänge umhüllte— verſchwand hinter einem Fels oder in⸗ mitten eines Buſches oder in einer Höhle, Gott weiß; aber wie die Dame in der Belagerung von Corinth, die dem Renegaten Alp ſein herannahendes Ende verkündete, war er dahingegangen. Noch zweimal an dieſem Tag begegnete Sophy dem wüthenden Muſiker; jedes Mal derſelbe drohende Anblick und daſſelbe zauberhafte Verſchwinden. „Iſt Mr. Fairthorn immer ein wenig— ſonderbar?“ fragte Sophy ſchüchtern George Morley. „Immer,“ antwortete George trocken. Sophy fühlte ſich erleichtert durch dieſe Antwort. Was im Be⸗ nehmen eines Menſchen gewöhnlich, wenn auch unangenehm iſt, das iſt ſelten furchtbar. Gleichwohl konnte Sophy nicht umhin zu ſagen: „Ich wollte, der arme Sir Iſaak wäre hier!“ „Wünſchet Ihr das?“ fragte eine ſanfte Stimme hinter ihr; „und bitte, wer iſt Sir Iſaak?“ Der Sprecher war Darrell, der mit der entſchloſſenen Abſicht ge⸗ kommen war, Sophy noch näher kennen zu lernen, und ſich ſo liebens⸗ würdig geſellig zu machen, als er nur konnte. Guy Darrell konnte niemals nur halb gütig ſeyn. ——— 87 „Sir Iſaak iſt der wundervolle Hund, von dem ich Euch erzaͤhlt habe,“ verſetzte George. „Würde er meinem Reh ein Leid zufügen, wenn er hieher käme?“ fragte Darrell. „O nein,“ rief Sophy,„er fügt niemals ein Leid zu. Er fand einmal einen verwundeten Haſen, und er brachte ihn uns ſo zärtlich in ſeinem Maul und ſchien ſo ſehnlich zu wünſchen, daß wir ihn kuriren ſollten, was der Großvater auch that, und der Haſe beleidigte ihn manchmal, aber er beleidigte niemals den Haſen.“ George bemerkte mit klangvoller Stimme: „Ingenuas didicisse fideliter artes Emollit mores, nec sinit esse feros.“ Darrell zog Sophys Arm in den ſeinigen.„Wollt Ihr mit mir an den See zurück,“ ſagte er,„und mir die Schwäne füttern helfen? George, ſchickt Euern Bedienten expreß um Sir Iſaak fort. Ich bin ungeduldig ſeine Bekanntſchaft zu machen.“ Sophys Hand drückte unwillkürlich Darrells Arm. Sie ſchaute mit unſchuldiger freudiger Dankbarkeit zu ſeinem Geſichte auf; ſie fühlte auf einmal und wie durch Zauber, daß ihre Scheu vor ihm ver⸗ ſchwunden war. Darrell und Sophy ſchweiften ſo länger als eine Stunde mit⸗ einander herum. Er ſuchte ihren Geiſt zu erforſchen, ohne daß ſie es ſelbſt bemerkte, und es gelang ihm. Mit Verwunderung fand er eine gewiſſe einfache Poeſie des Denkens, die ſich durch alle ihre Ideen zog — keine künſtliche Sentimentalität, ſondern eine Neigung in allem Leben etwas Zartes oder Schönes zu entdecken, was dem gewöhnlichen Sinn verborgen bleibt. Er fand, daß ſie, Dank Lady Montfort, zwar keineswegs gelehrt, aber doch mit der Literatur beſſer bekannt war als er vermuthet hatte. Und zuweilen wechſelte er die Farbe oder ſtieß einen kurzen ſchnellen Seufzer aus, wenn er ihre Vertrautheit mit Stellen in ſeinen Lieblingsautoren erkannte, welche er ſelbſt der Caro⸗ line von ehemals empfohlen oder vorgeleſen hatte. Bulwer, was wird er damit machen? VIII.. 7 88 Am folgenden Tag ging Waife, der jetzt wie durch Zauber voll⸗ kommen geneſen ſchien, mit George ſpazieren, Darrell wieder mit Sophy. Sir Iſaak kam— ungeheure Freude; das Reh ſtoßt Sir Iſaak, dieſer zieht ſich zurück, ſteht auf ſeine Hinterbeine, bemächtigt ſich der Krücke Waifes und legt an; jetzt zieht ſich ſeinerſeits das Reh zurück; eine halbe Stunde nachher ſind Reh und Hund Freunde. Waife läßt ſich ohne viel Ueberredung dazu bringen mit der üb⸗ rigen Geſellſchaft zu diniren. Am Abend ſetzen ſich Alle(mit Aus⸗ nahme Fairthorns) um das Feuer. Waife wird von George erſucht einige Scenen aus Shakeſpeare vorzuleſen. Er wählt den letzten Theil von König Lear. Darrell, der nie ein Theatergänger geweſen war und, zu ſeiner Schande ſey es geſagt, ſeit ſeinen Studentenzeiten ſehr wenig in Shakeſpeare hineingeſehen hatte, war von Bewunderung ergriffen. Er ſelbſt las ſchön— alle großen Redner thun das, ver⸗ muthe ich— aber ſein Talent war nicht mimiſch, erſtreckte ſich nicht auf die Nachahmungskunſt; er hätte nie ein Schauſpieler werden, nie⸗ mals ſich ſelbſt in ganz fremde oder ſeiner eigenen Natur widerſtre⸗ bende Erxiſtenzen hineinwerfen können. Ernſt oder heiter, finſter oder freundlich, blieb Guy Darrell, wenn er ſich auch oft veränderte, immer Guy Darrell. Aber wenn Waife ſich einmal in dieſer magiſchen Welt der Kunſt befand, da war Waife weg— Nichts blieb von ihm übrig; die Rolle lebte, als ob ſie nicht blos dargeſtellt würde;— es war der Narr— es war wirklich Lear. Zum erſten Mal fühlte Darrell, was für ein großes Geſchöpf ein großer Schauſpieler wirklich iſt— welch ein lichtvoller unbewuß⸗ ter Kritiker, wenn er Schönheiten zu Tage bringt, von denen kein Commentator je geträumt hatte! Als die Lektüre vorüber war, währte die Unterhaltung noch lange fort; der düſtere alte Herd kannte den Zauber eines häuslichen Cirkels. Alle fuhren ungläubig auf, als es ein Uhr ſchlug. Juſt als Sophy nach der Thüre ging, ſtarrte hinter dem Vorhang ein rachſüchtiges tückiſches Auge hervor. Fair⸗ ——-ãõ 2 g„e„ — 89 thorn ſchnitt ihr eine Grimaſſe, von welcher es Schade war, daß Waife ſie nicht ſah— ſie wäre eine Studie für Caliban geweſen. Sie ſtieß einen kurzen Schrei aus. „Was gibts?“ rief der Wirth. „Nichts,“ ſagte ſie ſchnell, da ſie viel zu großmüthig war, um die feindſeligen Sonderbarkeiten des Muſikers zu verrathen— „Sir Iſaak war mir im Weg, das war Alles.“ „An einem andern Abend müſſen wir Fairthorns Flöte haben,“ ſagte Darrell.„Wie Schade, daß er heute Nacht nicht hier war! Er würde ſich an einem ſolchen Vorleſen ſehr erquickt haben— Nie⸗ mand mehr als er.“ Mrs. Morley bemerkte:„Er war während des Abends ein paar Mal da, aber er iſt verſchwunden.“ „Das Verſchwinden ſcheint ſeine Hauptſtärke zu ſeyn,“ ſagte George. Darrell ſah verdrießlich aus. Es war ſeine Eigenthümlichkeit, daß er jeden, wenn auch noch ſo unbedeutenden Scherz über einen ab⸗ weſenden Freund übel aufnahm; und in dieſem Augenblick ſchlug ſein Herz vielleicht wärmer für Fairthorn, als für irgend einen lebendigen Menſchen. Hätte er nicht beſchloſſen gehabt ſo liebenswürdig und mild gegen ſeine Gäſte zu ſeyn, als ſeine Natur immer geſtattete, ſo wäre George wahrſcheinlich mit einem Sarcasmus bedient worden, der ihn einen ganzen Monat lang gejuckt hätte. Aber ſo wie die Sache ſtand, begnügte ſich Darrell ernſthaft zu ſagen: „Nein, George; das Verſchwinden iſt Fairthorns Schwäche; ſeine Stärke iſt die Treue. Würde mein Glück verſchwinden, ſo würde Fairthorn ſich nie unſichtbar machen; und das iſt mehr als ich ſagen moͤchte, wenn ich ein König wäre und Fairthorn— ein Biſchof.“ Nach dieſer außerordentlichen Redefigur ſagte man ſich etwas haſtig Gute Nacht, und Fairthorn blieb hinter dem Vorhang, indem er gegen ſämmtliche Gäſte ſeines Herrn Gefühle nährte, von denen zu 7* 90 hoffen ſteht, daß ſie denen eines chriſtlichen Biſchofs gegen ſeine Mit⸗ menſchen möglichſt unähnlich waren. Siebentes Kapitel. „Domus et placens Uxor.“ Fairthorn findet Nichts placens in der Uxor, welcher Domus ſeine Zer⸗ ſtörung verdankt. Abermals ein Tag! Lionel wird um ein oder zwei Uhr Nach⸗ mittags erwartet. Darrell iſt in ſeinem Zimmer— ſein Teſta⸗ ment liegt abermals vor ihm. Er hat in der Schnelligkeit eine Ab⸗ ſchrift von dem Codicill genommen, kraft deſſen Fawley verſchwinden und der Name Darrell der Obhut dankbarer Gelehrſamkeit überlaſſen bleiben, mit Preiſen und Collegiaten in Verbindung gebracht werden ſoll;— ein öffentliches Eigenthum, auf immer verloren für Privat⸗ vertreter ſeiner im Grabe ruhenden Inhaber. Vorbereitungen zur Abreiſe aus der dem Untergang geweihten Wohnſtätte haben begonnen. Auf dem Boden ſtehen große Kiſten, und Lieblingsbücher— haupt⸗ ſächlich wiſſenſchaftliche Werke oder Claſſiker— liegen neben ihnen zur Auswahl aufgehäuft. Was liegt wirklich auf dem Grund von Guy Darrells Herzen? Fühlt er ſich ausgeſöhnt mit ſeinem Entſchluß? Iſt die Tugend ſei⸗ ner neuen Selbſtaufopferung an und für ſich eine tröſtende Belohnung? Iſt dieſe herzliche Urbanität, dieſe heitere Freundlichkeit, wodurch er ſich ſeinen Gäſten noch theurer gemacht hat, aufrichtig oder ange⸗ nommen? Wenn er ſeine Feder bei Seite wirft und ſeine Wange an ſeine Hand lehnt, mag vielleicht der Ausdruck ſeines Geſichtes dieſe Fragen am beſten beantworten. Es hat mehr ungemiſchte Melan⸗ cholie als gewöhnlich ſelbſt in ſeinen düſterſten Stimmungen darin lag; aber dieſe Melancholie iſt weit ſanfter und gedämpfter; es iſt die Melancholie der Ergebung— die eines Mannes, der einen langen —8& ₰⏑ 8△ 8οω—, 8 α—+—= ͤ 2e ₰4— ☛— 91 Kampf aufgegeben, der der beſchwichtigten Nemeſis ſein Opfer dar⸗ gebracht hat, indem er ſein Theuerſtes in die See geworfen. Aber in der Ergebung, ſelbſt wenn ſie vollſtändig iſt, liegt immer eine eigenthümliche Erleichterung. Trotz dieſer Melancholie iſt Darrell weniger unglücklich, als er ſeit Jahren geweſen. Es iſt ihm, als ſey er von banger Zweifelsqual befreit, als ſey eine ſchwere Laſt von ſei⸗ ner Bruſt gehoben. Hat er ja doch nach ſeinem beſten Urtheil das Glück der Lebenden ſicher geſtellt, und indem er dem Ziel entſagte, dem ſein eigenes Leben vergebens geweiht geweſen, indem er den Stolz opferte, der ſich daran feſtgehängt, hat er, um ſeine eigenen Worte zu gebrauchen, ſeine Schuld an die Todten bezahlt. Keine Nachkommin eines Jaſper Loſely und einer Gabriele Desmarets wird in dem Hauſe, wo Loyalität und Ehre, mit den Trümmern des Vermögens, die Er⸗ innerungen an ritterlichen Ruf aufgeſpeichert hatten, als Gebieterin thronen und den Namen Darrell durch Kinder fortpflanzen, deren Blut ſeine Quelle in der Schundgrube der Schande und des Betrugs hat. Auch war dieß nicht der Troſt eines unerlaubten Stolzes; er wurde erkauft durch die Verzichtleiſtung auf einen Stolz, deſſen Vorurtheile ſich der Würdigkeit und dem Glück lebender Perſonen entgegengeſtellt hatten. Sophy ſollte nicht für fremde Sünden geſtraft, Lionel nicht eines Preiſes beraubt werden, welchen die Erde nicht zu erſetzen ver⸗ mochte. Was lag ihnen an einem vermoderten alten verödeten Herren⸗ haus, an einigen hundert armſeligen Morgen Landes? Ihre Kinder würden nicht weniger blühen, wenn ihre Sommerfeiertage nicht von dieſen düſtern Bäumen beſchattet wurden— ihr Verſtand würde ſich nicht weniger entwickeln, wenn ſie ihre Schulpenſen mit dem Namen Haughton unterzeichneten, ſtatt Darrell. Ein leiſes zitterndes Klopfen an die Thüre. Darrell hat Fair⸗ thorn zu ſich beſchieden; Fairthorn tritt ein. Darrell nimmt ein Pa⸗ pier zur Hand; es enthält umſtändliche Inſtruktionen über die Ein⸗ reißung der beiden Gebäude. Die Materialien des neuen Baues können veräußert, verkauft, weggeführt werden— irgendwie, irgend⸗ 9² wohin. Die des alten Hauſes ſind heilig— nicht ein Ziegel darf aus dem Umkreis deſſelben wegkommen. Nein, vom Grundſtein bis zum Dach ſoll Alles fromm entfernt werden, um ſeine förmliche Beerdigung tief im ſtillen Schoße des kleinen Sees zu empfangen, und der See ſoll aufgefüllt und in Raſenland verwandelt werden. Die für das Dar⸗ rell'ſche Muſeum ausgewählten Gemälde und Antiquitäten ſollen natürlich ſorgfältig nach London geſchafft und ſicher verwahrt werden, bis das Geſchenk des Eigenthümers an die Nation geſetzlich ratificirt iſt. Die Gemälde und Artikel von wenigem Werth ſollen in eine Auktion geſchickt werden. Aber als man zu den alten Familienporträts im Herrenhauſe und zu den alten Hausgeräthſchaften kam, die er von Kindheit auf geſehen, gebraucht und geliebt hatte, da war Darrell in Verlegenheit; ſeine Erfindſamkeit ließ ihn im Stich. Dieſe Frage wurde für weitere Ueberlegung vorbehalten. „Warum,“ ſagt Fairthorn mürriſch und grob, indem er wenig⸗ ſtens Aufſchub verlangt,„warum wollt Ihr nicht, wenn es überhaupt ſeyn muß, warten bis Ihr nicht mehr ſeyd? Warum muß das alte Haus vor Euch begraben werden?“ „Weil,“ antwortete Darrell,„ein ſolcher Befehl, teſtamentariſch hinterlaſſen, meinen Erben als ein Vorwurf erſcheinen, weil Lionel ſich dadurch tief verletzt fühlen würde. Ertheile ich ihn aber zu meinen Lebzeiten und juſt nachdem ich meinen Segen zu ſeiner Ehe gegeben habe, ſo kann ich tauſend Gründe für die Grille eines launiſchen alten Mannes anführen, und mein Benehmen allein wird jede Idee an einen verdeckten Schimpf für ſeine bezaubernde unſchuldige Braut im Keime erſticken.“ „Ich wollte von ganzem Herzen, ſie wäre am Galgen,“ murmelte Fairthorn,„weil ſie hieherkommt, um ſo erſtaunliches Unheil zu ſtif⸗ ten. Ach, Sir,“ fuhr er laut fort,„ich kann Euch nicht gehorchen; alles Reden hilft da Nichts. Ihr müßt Jemand anders bekommen. Pfarrer Morley wird es thun— ſogar mit Vergnügen, glaube ich; oder dieſer alte Hinkenbein, in welchem ich einen Verſchwörer ver⸗ — ͦ— —— 93 muthe. Wer weiß, was er nicht noch auf den Kopf bekommt, wenn er ſo mit ſeinem ſpitzbübiſchen einzigen Auge herumſieht, und dann wird er ein Ende nehmen, das zu großer Befriedigung gereichen würde.“. „Pfui, mein lieber Dick; ich kann Niemand darum erſuchen als Euch; der Geiſtliche würde Demonſtrationen machen; ich habe an ſei⸗ nen Demonſtrationen genug bekommen; und der alte Mann iſt der Letzte, der ſich durch meine eigenen Gründe täuſchen ließe. Fiat justitia.“ „Thut es nicht, Sir, thut es nicht; Ihr brechet mir das Herz! — Es iſt eine Schande, Sir!“ ſchluchzte der arme treue Rebell. „Je nun, Dick, dann muß ich die Sache ſelbſt beaufſichtigen; und Ihr müßt zuerſt nach Sorrent gehen und eine paſſende Villa für uns miethen. Ich ſehe nicht ein, warum Lionel nicht in der nächſten Woche heirathen ſollte; dann wird das Haus leer werden. Und— ja — es war feig von mir, daß ich davor zurückbebte. Die Aufgabe kommt mir zu. Eine Schande für mich, ſie einem Andern zu über⸗ laſſen! Geht zu Eurer Flöte zurück, Dick. Neque tibias Euterpe cohibet, nec Polyhymnia Lesboum refugit tendere barbiton hs Bei dieſem letzten unbarmherzigen Pfeil aus dem horaziſchen Köcher„Venenatis gravida sagittis“ konnte es Fairthorn nicht mehr aushalten; er ſchlich ſich weg— er ſtürzte fort— und abermals war der Mann verſchwunden. . Achtes Kapitel. Der Flötenſpieler zeigt, wie unfähig die Poeſie iſt zur Beſchwichtigung der wilden Bruſt— eines Muſikers.. Fairthorn befand ſich auf demſelben Platz, wo vor mehr als fünf Jahren Lionel, verletzt durch Fairthorns eigene fortwährende Stiche⸗ 94 leien, von Darrell entdeckt worden war. Hier warf er ſich, wie der Knabe gethan hatte, auf den Boden; hier brütete er, wie der Knabe, trübſelig und bitter, voll Aerger über die Welt und ſich ſelbſt. Auf den Brief, welchen er an dem Tage geſchrieben, wo Darrell ihn ſo außer aller Faſſung gebracht, einen Brief, auf den er als auf den letzten verlorenen Poſten gerechnet hatte, war keine Antwort einge⸗ troffen. In ungefähr einer Stunde ſollte Lionel kommen; dieſe ver⸗ haßte Heirath, wodurch Fawley zum Untergang verurtheilt wurde, wie einſt Troja durch die Heirath zwiſchen Paris und Helena, ſollte auf endgiltige Weiſe ins Reine gebracht werden. In der darauf folgenden Woche ſollte das Werk der Zerſtörung beginnen. Er war keineswegs gemeint, die Beaufſichtigung dieſes Werkes Darrell zu überlaſſen. Nein; wenn er auch bis zum letzten Augenblick brummte und ſich wei⸗ gerte, ſo wußte er doch recht gut, daß er, Richard Fairthorn, jede Folterqual ertragen mußte, welche Guy Darrell einen Schmerz er⸗ ſparen konnte. Eine Stimme kommt ſingend durch den Hain. Man hört Fußtritte auf dem verdorrten Laub. Er ſchaut auf; Sir Iſaak prüft ihn mit critiſchem Ernſt— hinter Sir Iſaak kommt Darrells eigenes Reh, das ſich geduldig von Sophy führen läßt, ja ſogar ſeinen treuloſen Nacken der zerſtörenden Hand dieſer Verbrecherin darbietet. Dieſen Anblick, der zum Unrecht noch Beſchimpfung fügte, konnte er nicht ertragen. Er raffte ſich auf, verſetzte Sir Iſaak einen Fußſtoß, riß das Reh dem Mädchen aus der Hand und ſchaute ihm ins Geſicht mit einem Vorwurf, der ihm(nämlich dem Reh, nicht dem Mädchen) ins Herz hätte ſchneiden müſſen, wenn das Thier nicht alles und jedes Schaamgefühl verloren gehabt hätte; dann wandte er ſich zu Sophy und ſagte:„Nein, Miß! Ich habe dieſes Geſchöpf auferzogen— habe es mit meinen eigenen Händen gefüttert, Miß. Ich gab es Guy Darrell, Miß; und Ihr ſollt es ihm nicht ſtehlen, was Ihr auch ſonſt thun möget, Miß.“ Sophy.—„Wahrhaftig, Mr. Fairthorn, um Mr. Darrells willen wünſchte ich mit dem Reh Freundſchaft zu ſchließen— wie Ihr —, ͤ—= 40 A + 18— 95 es mit dem armen Sir Ifaak thun würdet, wenn Ihr es nur verſuchen und mich ein wenig lieben wolltet, nur ein ganz klein wenig, Mr. Fairthorn.“ Fairthorn.—„Ich mag nicht.“ Sophy.—„Warum nicht? Ich ſehe mit inniger Betrübniß, daß ich Euch auf irgend eine Weiſe vor den Kopf geſtoßen habe. Ihr waret ſeit den letzten zwei oder drei Tagen gar nicht mehr gegen mich wie ſonſt. Sagt mir, welches Unrecht ich gethan habe; ſcheltet mich aus, aber macht die Sache fertig.“ Fairthorn.—„Haltet Eure Hand mir nicht entgegen! Lächelt mir nicht ins Geſicht! Ich liebe das nicht. Geht mir aus den Augen! Ihr ſtehet zwiſchen mir und dem alten Hauſe— Ihr raubet mir ſogar den letzten Blick auf das Haus, das Ihr—“ Sophy.—„Das ich— was?“ Fairthorn.—„Ich ſage Euch, führet mich nicht in Ver⸗ ſuchung. Ihr würdet beſſer thun nicht zu fragen— das iſt Alles. Ich werde Euch die Wahrheit ſagen; ich weiß, daß ich dieß thun werde; es juckt meine Zunge ſie auszuſprechen. Bitte, gehet Eures Wegs.“ Trotz der grotesken Manier und der erſtaunlichen Barſchheit des Floͤtenbläſers war ſein Kummer ſo augenſcheinlich— ſeinem comiſchen Aerger lag etwas ſo Aechtes und Ernſtes zu Grunde— daß Sophy eine unklare Unglücksahnung zu empfinden anfing. Daß ſie die ge⸗ heimnißvolle Urſache irgend eines großen Leidens für dieſen ſeltſamen Feind war, den ſie unbewußt herausgefordert hatte, war klar; und ſie ſagte daher mit mehr Ernſt als ſie bisher gezeigt hatte: „Mr. Fairthorn, ſagt mir, wodurch ich mir Euer Mißfallen zu⸗ gezogen habe. Ich bitte Euch darum; gleichviel wie peinlich die Wahrheit ſeyn mag, Ihr ſeyd es uns Beiden ſchuldig, ſie nicht zu verhehlen.“. Ein Strahl von Hoffnung ſchoß durch Fairthorns entrüſtetes und verwirrtes Gemüth. Er ſchaute Rechts— er ſchaute Links; Niemand war in der Nähe. Er ließ das Reh los, ſchoß ſeitwärts auf 96 Sophy zu und ſagte:„Still! Fraget Ihr wirklich darnach, was aus Darrell wird?“ „Allerdings.“ „Ihr würdet nicht wünſchen, daß er in einem fremden Land am gebrochenen Herzen ſtärbe— daß dieſes alte Haus dem Erdboden gleichgemacht und im See begraben würde? He, Miß, he?“ „Wie könnt Ihr mich ſolche Dinge fragen!“ ſagte Sophy mit ſchwacher Stimme.„Sprecht offen und ſogleich.“ „Gut, ich will es thun, Miß. Ich glaube, daß Ihr im Ganzen eine gute junge Lady ſeyd und wirklich nicht wünſchet, Schande über Alle zu bringen, deren größte Sorge es iſt, Euch im Dunkeln zu er⸗ halten und—“ „Schande!“ ſiel Sophy ein, und ihr reiner Geiſt erhob ſich und das ſanfte blaue Auge funkelte wie eine Sternſchnuppe. „Nein, ich bin überzeugt, daß Ihr das nicht thun möchtet; und früher oder ſpäter müßtet Ihrs ja doch erfahren und würdet Euch ſehr darüber betrüben. Und dieſer Knabe Lionel, der ſo ſtolz war wie Guy Darrell ſelbſt, als ich ihn das letzte Mal ſah(wahrhaſtig noch ſtolzer), daß er ſo undankbar gegen ſeinen Wohlthäter ſeyn ſollte! Und wahr⸗ lich der Tag kann kommen, wo er Euch oder den lahmen alten Gentle⸗ man anſehen und ſagen würde, er ſey in Schande gebracht worden. Sollte mich gar nicht wundern! Junge Leute, wenn ſie verliebt ſind, ſprechen blos von Roſen und Engeln und derlei Dingen, aber wenn Ehemänner und Frauen ſich zanken, wie ſie früher oder ſpäter immer thun, dann geben ſie es nicht mehr verblümt und nehmen juſt das Schärfſte, was ſie auf ihrer Zungenſpitze finden. So könnt Ihr Euch darauf verlaſſen, meine liebe Miß, daß der junge Haughton irgend einmal zu Euch ſagen wird, Ihr habet ihn um das alte Herrenhaus und um den alten Namen Darrell gebracht und ſeyet ſeine Schande geweſen; das iſt das rechte Wort, Miß; ich habe es Männer und Frauen ſchon gar oft zu einander ſagen gehört.“ Sophy.—„O, Mr. Fairthorn, Mr. Fairthorn! Dieſe ſchreck⸗ 97 lichen Worte können mich nicht betreffen. Ich will zu Mr. Darrell gehen— ich will ihn fragen, wie es möglich ſey, daß ich eine Scha—.“ Ihre Lippen konnten das Wort nicht herauszwingen. Fairthorn.—„Ja ja, geht nur zu Mr. Darrell, wenn Ihr wollt. Er wird Alles ableugnen; er wird nie mehr ein Wort mit mir ſprechen. Ich frage Nichts darnach— ich bin unbekümmert. Aber wenn Ihr mich auch zum Bettler machen könnt, ſo bleibt es doch um nichts weniger wahr, daß Ihr ihn in die Verbannung treibet.“ Sophy(ihre Hände ringend).—„Habt Ihr keine Barmherzig⸗ keit, Mr. Fairthorn? Wollt Ihr mirs nicht erklären?“ Fairthorn.—„Ja, wenn Ihr mir verſprecht, daß Ihr es wenigſtens in den nächſten ſechs Monaten geheim halten wollt.“ Sophy(ungeduldig).—„Ich verſpreche, ich verſpreche; aber jetzt ſagt es mir!“ Und nun ſprach Fairthorn. Er ſprach von Jaſper Loſely— ſeinem Charakter— ſeiner tiefen Verſunkenheit— ſogar von ſeinem mitternächtlichen Beſuch im Zimmer ihres Wirthes. Er ſprach von dem Kind, das man Darrell betrügeriſcher Weiſe aufzuhalſen geſucht habe— von Darrells gerechter Entrüſtung und ſeinem Ekel. Der Mann war unbarmherzig; wenn er auch keine Idee von der Seelen⸗ qual hatte, die er bereitete, ſo ſchaffte er doch ſeiner eigenen Seelen⸗ qual Luft. Das ganze Geheimniß ihres vergangenen Lebens wurde dem unglücklichen Mädchen auf einmal klar— ſie erfuhr jetzt Alles, wovor ſchützende Liebe ſie bewahrt hatte. Alle ihre unbeſtimmten Ver⸗ muthungen wurden jetzt eine ſchreckliche Gewißheit— jetzt war ihr erklärt, warum Lionel vor ihr geflohen war— warum er dieſen Brief geſchrieben, über deſſen Inhalt ſie ſo ſchwer nachgeſonnen hatte, den Finger auf ihre Lippe haltend, gleich als wollte ſie ihre eigenen Seufzer zum Schweigen bringen— Alles, Alles lag jetzt unverhüllt vor ihren Augen. Sie jetzt Lionel heirathen! unmöglich! Sie Schande über ihn bringen zum Dank für eine ſolch edelherzige, ſolch groß⸗ üthige Neigung! Sie ſeinen Wohlthäter, den Beſchützer ihres —— Großvaters von ſeinem eigenen Herde treiben! Sie— ſie— dieſe Sophy, die ſchon als zartes Kind vor dem Gedanken an einen ſcherz⸗ haften Nothbehelf und an die entfernteſte Abweichung vor der offenen, ehrlichen Wahrheit zurückgebebt war! Sie erhob ſich, bevor Fairthorn geendet hatte, und in der That würde der Quäler, wenn man ihn ſich ſelbſt überlaſſen hätte, vor Einbruch der Nacht nicht aufgehört haben. „Fürchtet Nichts, Mr. Fairthorn,“ ſagte ſie entſchloſſen,„Mr. Darrell wird nicht in die Verbannung gehen, ſein Haus wird nicht zerſtört werden. Lionel Haughton ſoll das Kind der Schande nicht heirathen. Fürchtet Nichts, Sir; Alles iſt gerettet.“ Sie vergoß nicht eine einzige Thräne, auch kam auf ihrem Ge⸗ ſichte nicht jene Veränderung zum Vorſchein, die von vernichteter Hoff⸗ nung zeugt und ſich bei dem ſchwermüthigen Lebewohl ihres jungen Liebhabers eingeſtellt hatte. Nein, jetzt fühlte ſie ſich aufrecht erhalten, jetzt ſtand eine Tugend einem Kummer zur Seite— jetzt mußte die Liebe den Geliebten vor Schande ſchützen und retten— vor Schande! Bei dieſem Gedanken fiel die Schande harmlos von ihr weg, wie der Regen von den Federn eines Vogels. Mit glühenden Wangen und aufrechter Geſtalt ging ſie von dannen. An der Hausthüre traf ſie Waife und Morleys. Mit einer Art wilden Ungeſtüms ergriff ſie den Arm des alten Mannes und zog ihn zärtlich, feſt andrückend, in den ihrigen. Hinfort ſollten ſie Beide wie in vergangenen Jahren einander Alles in Allem ſeyn. George Morley betrachtete ihr Geſicht mit gedankenvoller Ueberraſchung. Mrs. Morley, die wie gewöhnlich etwas Paſſendes und Freundliches zu ſagen wünſchte, brach in eine Lobeserhebung ihrer glänzenden Farbe aus. So gingen ſie nach der Gartenſeite des Hauſes zu. Räder— Hufſchläge, voller Galopp; und George Morley rief auf⸗ ſchauend:„Ah! da kommt Lionel!— und ſehet, Darrell eilt hinaus ihn zu bewillkommnen.“ ——— 99 Neuntes Kapitel. Der Brief, von welchem ſich Richard Fairthorn die Niederlage der Ver⸗ ſchwörung gegen das Fawley'ſche Herrenhaus verſprach. Schlimme Aſpecten für Häuſer. Das Haus Vipont iſt bedroht. Ein Arzt verſucht ein krankes Gemüth zu heilen. Eine ſeltſame Mittheilung, welche den Leſer ſchnell zum nächſten Kapitel führt. Es iſt geſagt worden, daß Fairthorn einem gewiſſen Brief ſeine letzte verzweifelte Hoffnung anvertraut hatte, daß noch irgend Etwas Fawley vor Zerſtörung ſchützen könnte, ihn ſelbſt und ſeinen Gebieter aber vor lebenslänglicher Verbannung nach dem lachenden Winkel der Erde, wohin Horaz ſeinen Freund Septimius einlud, mit der Ver⸗ ſicherung, daß derſelbe die Vortheile eines milden Clima, vortrefflichen Hammelsfleiſches und herrlichen Weines vereinige, wobei Septimius noch das Vorrecht in Ausſicht geſtellt wurde, eine Thräne über der Aſche ſeines poetiſchen Freundes zu vergießen, ſo lang dieſe Aſche noch warm ſey; Verlockungen, die ganz und gar keinen Reiz für Fairthorn hatten, denn er fühlte ſich mit den Schätzen von Fawley vollkommen befriedigt, er hegte gerechten Abſcheu vor allen geringen und leichten Weinen, und hatte nicht den entfernteſten Wunſch, Darrell in Aſche verwandelt zu ſehen, damit er ſelbſt das Vergnügen hätte, dieſe Aſche mit einer Thräne zu befeuchten. Der fragliche Brief war an Lady Montfort gerichtet. Unbedenk⸗ lich das heilige Vertrauen ſeines Herrn verletzend, begann der ver⸗ rätheriſche Wicht damit, daß er ſie in einer Sprache, worin die dem ſchönen Geſchlecht ſchuldige Achtung nicht viel beſſer feſtgehalten wurde als in ſeinen Vorſtellungen an Sophy, für all den Jammer verantwortlich machte, welchen die verrätheriſche Heirath von Caro⸗ line Lyndſay über Guy Darrell gebracht habe, und dann erklärte er ihr, das Wenigſte was Lady Montfort thun könne, um das von Ca⸗ roline Lyndſay zugefügte Unrecht wieder gut zu machen, ſey, daß ſie ſeinen Herrn nicht bemitleide, denn ihr Mitleid tödte ihn. Er wiederholte mit einigenggrotesken Commentaren, die er auf eigene 100 Fauſt, aber im Ganzen nicht unwahr dazu machte, was Darrell zu ihm über ihr Mitleid geſagt hatte. Dann benachrichtigte er ſie von Darrells Einwilligung in Lionels Verbindung mit Sophy, ein ver⸗ brecheriſches Verlöbniß, an welchem Lady Montfort, wie aus Dar⸗ rells Aeußerungen klar hervorgehe, verruchten Antheil gehabt habe. Mit den kläglichſten Farben führte er ihr die Folgen dieſer Heirath vor Augen— den erloſchenen Namen, das eingeriſſene Wohnhaus, die Verzichtleiſtung auf den vaterländiſchen Boden ſogar. Er be⸗ ſchwor ſie bei Allem was heilig iſt, Mittel zu erſinnen, um das furcht⸗ bare Unheil abzuwenden, welches ſie urſprünglich veranlaßt und in der neueſten Zeit zu vollenden geholfen habe. Seine Epiſtel ſchloß mit einem Verſuch zu verſöhnen und zu liebkoſen. Er rief das Bild jener wilden Caroline zurück, welcher er niemals eine Gunſt abge⸗ ſchlagen habe, deren früheſte Summen er addiren geholfen— deren jungem Köpfchen er die Elementarbegriffe der muſicaliſchen Tonleiter beigebracht— welcher er an Winterabenden und Sommernachmit⸗ tagen ſtundenlang auf ſeiner Flöte vorgeſpielt; jener Caroline Lynd⸗ ſay, welche als zartes Kind Guy Darrell ganz nach ihrem Willen wie mit einem ſeidenen Faden geleitet habe. Ach, wie war Fairthorn hoch aufgeſprungen vor Freude, als er vor achtzehn Jahren gedacht hatte, dieſe Caroline Lyndſay werde der Sonnenſchein und die Wonne des Hauſes werden, dem ſie nunmehr nur Wolken und Kummer ge⸗ bracht habe! Und bei all dieſen Erinnerungen beſchwor Fairthorn ſie, entweder die Heirath rückgängig zu machen, bei deren Zuſtandebrin⸗ gung ſie offenbar mitgeholſen habe, oder doch wenigſtens Guy Dar⸗ rell zu überzeugen, daß er nicht der Gegenſtand ihres reuevollen und liebereichen Mitleids ſey. Caroline gerieth über dieſen Brief beinahe außer ſich. Das Bild Guy Darrells, der ſeinem Vaterland für immer den Rücken kehren und die letzten Denkmale ſeines Geburtsrechtes und ſeiner Wohnſtätte zerſtören wollte— die Ueberzeugung von dem Einfluß, den ſie noch immer auf ſein verblaßtes vereinſamtes Daſein 101 beſaß— ihre bereits erworbene Erfahrung, daß der Einfluß da fehlgeſchlagen, wo er ihrer zärtlichen Hoffnung zufolge das Werk der Wiedergutmachung und Segnung hätte beginnen ſollen, alles das überwältigte ſie mit Erregungen ſehnſuchtsvoller Zärtlichkeit und maßloſer Verzweiflung. Was konnte ſie thun? Sie konnte doch nicht ſich ſelbſt anbieten, um abermals verworfen zu werden. Sie konnte nicht wieder ſchreiben, um den Mann ihrer Reue zu ver⸗ ſichern, der zwar die Unüberwindlichkeit ſeiner Liebe eingeſtanden, aber doch ſo entſchloſſen ſich geweigert hatte in dem Weib, das ein⸗ mal ſein Vertrauen getäuſcht, die Caroline von ehemals zu erblicken! Ach, wenn er ſich blos unter der Täuſchung befand, daß ihr Mit⸗ leid an die Stelle der Liebe getreten und nicht der Begleiter der⸗ ſelben ſey, wie konnte ſie ihn enttäuſchen? wie ſagen, wie ſchreiben: „Nehmet mich an, denn ich liebe Euch.“ Caroline Montfort hatte keinen Rangſtolz, aber ſie hatte Geſchlechtsſtolz; dieſer Stolz war durch alle Jahre ihres verheiratheten Lebens hindurch hervorgerufen, aufgemuntert, verſtärkt worden. Um Guy Darrells willen und nur ihm allein zu Liebe hatte ſie dieſen Stolz weggeworfen, ja mit Füßen getreten; eine ſolche Demuth war ſie ihm ſchuldig. Aber nachdem die Demuth einmal vergeblich geweſen, konnte ſie dann wiederholt werden — artete ſie nicht in Entwürdigung aus? Beim erſten Verſuch hatte ſie ſich blos unter ſeine Vorwürfe zu beugen— bei einem zweiten Verſuch konnte ſie vielleicht nur ſeine Verachtung zu ertragen haben. Und dennoch, wie verlangte ſie mit ihrer holdſeligen, ernſten, liebe⸗ reichen Natur— wie verlangte ſie nur noch nach einer einzigen wei⸗ teren Beſprechung, nur noch nach einer einzigen weiteren Erklärung! Wenn nur der Zufall ſie zu Stande bringen könnte, wenn ſie nur einen Vorwand, irgend einen ſtichhaltigen, mit ihren eigenen Inter⸗ eſſen nicht zuſammenhängenden Grund finden könnte, um ihm noch einmal unter die Augen zu treten! Aber in wenigen Tagen wollte er alſo England für immer verlaſſen, und ſein Herz war alſo durch das letzte Opfer, worin er mit ſo finſterer Strenge eine Pflicht gegen An⸗ 102 dere erkannte, noch mehr in ſeinen Entſchlüſſen verhärtet. Ihn nie mehr zu ſehen— nie! zu wiſſen, wie ſchmerzlich er bei dieſem Opfer jetzt litt, wie noch ſchmerzlicher er vielleicht ſpäter unter dem Rück⸗ ſchlag leiden würde, der auf alle übermäßige Anſtrengung folgt— und dennoch kein Wort des Troſtes von ihr— von ihr, die ſich zu ſeiner Tröſterin geboren fühlte! Aber dieſe Heirath, die ihn ſo viel koſtete, mußte ſie ſtattfinden? Konnte ſie, ſogar um ſeinetwillen, es wagen, zwiſchen zwei ſo ſchöne junge Leben, wie die von Lionel und Sophy, zu treten— ihnen an⸗ zuvertrauen, was Fairthorn erklärt hatte— an ihren Edelmuth zu appelliren? Sie bebte zurück vor dem unerträglichen Herzeleid, das ſie zufügen würde. Konnte es ihre Pflicht ſeyn? In ihrer Unfähig⸗ keit, dieſes letzte Problem zu löſen, erinnerte ſie ſich an Alban Morley; hier wenigſtens konnte er vielleicht Rath ertheilen— einen Wink an die Hand geben. Sie ſchickte in ſein Haus und ließ ihn um einen Beſuch bitten. Der Bote brauchte einige Stunden, bis er den Ober⸗ ſten fand, und dann brachte er blos einige wenige haſtige Zeilen zu⸗ rück:„Unmöglich heute zu kommen. Die Criſis war endlich einge⸗ treten, und das Land, das Haus Vipont und das britiſche Reich zit⸗ terten in der Wagſchale. Der Oberſt war für die nächſten zwölf Stunden jeden Augenblick in Anſpruch genommen. Er mußte den Grafen von Montfort, welcher über allen Begriff untractabel und ſtupid war, ſehen und bereden; Carr Vipont war ſtark mit den Mate⸗ rialien für das neue Cabinet beſchäftigt— Alban unterſtützte Carr Vipont. Wenn das Haus Vipont in dieſem Augenblick England fehlte, ſo gab es nicht eine Criſis, ſondern einen Krach. Der Oberſt hoffte am folgenden Tag auf ein paar Minuten eine Beſprechung mit Lady Montfort zu Stande zu bringen. Aber vielleicht würde ſie ihm eine Reiſe nach Twickenham erſparen und ſelbſt in die Stadt fahren, um ihn zu beſuchen; wenn er nicht zu Hauſe wäre, ſo würde er hinter⸗ laſſen, wo er zu finden ſey.“ Beim Bart des Jupiter Capitolinus, es gibt im Herzen einer — B 103 Frau oft Revolutionen, während welcher ſie gegen eine Criſis unem⸗ pfindlich iſt und ſogar einen Krach nicht fürchtet. Am folgenden Tag erſchien Georges Brief an Caroline mit der freundlichen Botſchaft von Darrell; und als Doctor F—, deſſen Be⸗ ſorgniſſe um ihren Geſundheitszuſtand Oberſt Morley keineswegs übertrieben hatte, Nachmittags kam, um die Wirkung ſeiner letzten Verordnung zu ſehen, traf er ſie in einer ſolch gänzlichen Erſchlaffung der Nerven und Lebensgeiſter, daß er eine Doſis, die vornehmen Ladies nicht ſehr bekannt iſt, nämlich drei Gran aufrichtiger Sprache, nebſt einem Minimum von Einſchüchterung, zu wagen beſchloß. „Meine theure Lady,“ ſagte er,„Euer Fall iſt ein ſolcher, bei welchem Aerzte ſehr wenig nützen können. Es iſt Etwas auf dem Gemüth, wo meine Recepte nicht beikommen, eine Oual irgend einer Art, entſchieden eine Qual. Und wenn Ihr ſie nicht ſelber heilen könnt oder ihr Stand halten wollt, ſo wird dieſe Qual, meine theure Lady Montfort, nicht mit Auszehrung enden— Ihr ſeyd zu fein gebildet, um Euch durch Seelenqual Löcher in die Lungen freſſen zu laſſen— ſondern mit einem vollſtändigen Aneurismus des Herzens, und die erſte plötzliche Erſchütterung kann Euch dann unmittelbar den Tod bringen. Das Herz iſt ein edles Organ— es erträgt viel— aber auch ſeine Ertragungsfähigkeit hat ihre Grenzen. Herzleiden ſind jetzt gewöhnlicher als früher;— Uebererziehung und Ueberbildung, vermuthe ich. Sehr junge Leute ſind ihnen nicht ausgeſetzt; ſie haben plötzliche Anflüge von Unruhe, keine Qual— ein großer Unterſchied. Ein guter chroniſcher ſtiller Kummer von etlichen Jahren, der in dem Alter, wo das Gefühl nicht mehr Phantaſie iſt, zu einer hitzigen Entzündung umſchlägt, ſtoßt eine Herzkrankheit aus, welche zuweilen ohne Warnung tödtet oder zuweilen auch, wenn der Kummer beſeitigt werden kann, das Leben eher verlängern als verkürzen wird, weil er eine kluge Vermeidung aller Seelenqual für die Zukunft veranlaßt. Da iſt dieſer würdige alte Gentleman, der in Fawley einen ſo ſchlimmen Anfall hatte und um deſſen willen Ihr ſo ängſtlich waret; Bulwer, was wird er damit machen? VIII. 8 —=— — —õ —— 101 in ſeinem Fall hatte gewiß chroniſcher Kummer ſtattgefunden, dann kam acute Qual, und das Herz konnte ſeine Verrichtungen nicht er⸗ füllen. Vor fünfzig Jahren würden die Doctoren gerufen haben: Schlagfluß! Heutzutage wiſſen wir, daß das Herz den Kopf rettet. Nun, er war bei meinem letzten Beſuch weit munterer, und Dank ſeiner Mäßigkeit, ſowie ſeiner conſtitutionellen Abneigung einer Qual allzu ſehr nachzuhängen, kann er, dem Stethoſcop zum Trotz, bis zu achtzig Jahren einherhumpeln. Uebermaß in den moraliſchen Auf⸗ regungen veranlaßt Herzkrankheit; Misbrauch phyſiſcher Kräfte Läh⸗ mung; beide jetzt gewöhnlicher als früher, die erſte bei Eurem zarten Geſchlecht, die zweite bei unſerem rauhen. Beide lauern auch beim Eintritt in das mittlere Alter ihren Opfern auf. Ich habe eben jetzt einen ſehr ſchönen Fall von Lähmung; ein Mann, der von der Natur gebaut iſt, um hundert Jahre zu leben; habe nie eine ſo prächtige Bildung, ſolche Beine und ſolche Muskeln geſehen. Ich wollte ihm Van Amburgh mit ſeinen zwei beſten Löwen gegeben haben, und mein Mann wäre in fuünf Minuten mit allen drei fertig geworden. Nur um ſo ſchlimmer für ihn, meine theure Lady, nur um ſo ſchlim⸗ mer. Seine Stärke verleitete ihn zum Mißbrauch der Hauptquellen des Lebens, und heraus ſpringt rächende Lähmung und wirft ihn mit einem Schlag zur Erde. Dieſen Euern Hercules liebt die Lähmung; ſie verachtet den ſchwachen Invaliden, der klüglich jede Ausſchweifung ſcheut. Und ſo, meine theure Lady, lauert dieſer Mörder, genannt Aneurismus, auf die Herzen, die ihre eigene Erregungskraft miß⸗ brauchen; er verſchont Herzen, die bei geringerer Lebensfähigkeit ſpar⸗ ſam im Verbrauchen und Ergänzen ſind. Aber Ihr höret mich nicht an, und dennoch dürfte mein Patient Eurer Herrlichkeit nicht ganz unbekannt ſeyn, denn als ich zufällig neulich gegen die Lady, die ihm abwartet und ihn verpflegt, äußerte, ich könne dieſen Morgen nicht kommen, weil ich bei Lady Montfort in Twickenham einen Beſuch ab⸗ zuſtatten habe, ſo wurde ſie ſehr ängſtlich um Euch und ſchrieb dieſes Briefchen, das ſie mir mit der Bitte überreichte, es Euch zu bringen. Sie ſcheint meinem Patienten ungemein zugethan zu ſeyn— nicht ſeine Frau und auch nicht ſeine Schweſter. Sie intereſſirt mich;— eine herrliche Krankenwärterin— dabei ein geſcheidtes Weib. O, hier iſt das Brieſchen.“ Caroline, die dieſe Erzählung nur wenig beachtet hatte, empfing gleichgiltig das Brieſchen— ſah kaum die Adreſſe an— und war im Begriff, es auf die Seite zu legen, als der gute Doctor, dem Alles daran lag, ſie auf irgend eine Weiſe aufzumuntern, ſagte:„Nein, meine theure Lady, ich verſprach zuzuſehen, wie Ihr das Brief⸗ chen leſet; überdieß bin ich der neugierigſte Menſch von der Welt und moͤchte gar zu gern näher wiſſen, wer und was die Schreibe⸗ rin iſt.“ Caroline erbrach das Siegel und las wie folgt: „Wenn Lady Montfort ſich an Arabella Foſſett erinnert und in ihrem erſten freien Augenblick nach Clare Cottage, Geſundheitsthal, Hampſtead, kommen und nach Mrs. Crane fragen will, ſo wird ein Aufſchluß ertheilt werden, der vielleicht nicht für Lady Montfort, wohl aber fuͤr Mr. Darrell von der höchſten Wichtigkeit iſt.“ Lady Montfort ſetzte den Doctor in Staunen durch die Flinkig⸗ keit, womit ſie auf ihre Füße ſprang und klingelte. „Was iſt es?“ fragte er. „Augenblicklich den Wagen,“ rief Lady Montfort dem hereinge⸗ tretenen Bedienten zu. „Ah, Ihr wollt die arme Lady, Mrs. Crane, beſuchen, he? Gut, es iſt eine prächtige Fahrt und juſt was ich Euch empfohlen haben würde. Jede Bewegung wird Euch gut thun. Erlaubet mir;— ei ei, Cuer Puls geht bereits um fünfzig Procent beſſer. Bitte, in wel⸗ cher Beziehung ſteht Mrs. Crane zu meinem Patienten?“„ „Ich weiß es wirklich nicht; bitte, entſchuldiget mich, mein lieber Doctor F—.“ 8 „Gewiß; geht, ſo lang der Tag ſchön iſt. Hüllt Euch gut ein; 8* — —— ——j—— — „* 106 — ein verſchloſſener Wagen natürlich;— ich will morgen wieder vor⸗ ſprechen.“ 8 Zehntes Kapitel. Worin das höchſte Compliment für die Frau enthalten iſt, das der Verfaſſer dieſes Werkes ihrem Geſchlechte jemals gezollt hat. Lady Montfort iſt in Clare Cottage angekommen. Bridgett Greggs weist ſie in ein kleines Zimmer im erſten Stock. Flügelthü⸗ ren in ein anderes feſt verſchloſſenes Zimmer— Zeichen von Krank⸗ heit im Hauſe— Kolben auf dem Caminſims— ein Präſentirteller mit einer Bouillontaſſe auf dem Tiſch— ein Saucenapf auf dem Rücken des Camins— der Sopha einer von denen, die als ein vom Schlafe wenig beſuchtes Bett für eine Perſon dienen, welche bei einem hilfloſen Dulder die Nacht durchwachen will— ein Frauenſhawl nachläſſig über ſein hartes, ſchmales Kiſſen geworfen— kurz Alles verräth jene pathetiſche Unzierlichkeit und Comfortloſigkeit, welche verkünden, daß im Hauſe ein Despot iſt, deſſen Willen Ordnung und Form untergeordnet ſind; daß die gebieteriſche Tyrannei der Krankheit ſich in einem Leben feſtgeſetzt hat, das innerhalb dieſer vier Wände einen Werth beſitzt, welcher nicht nach ſeinem Werth in der andern Welt gemeſſen werden darf. Je ſchwächer und hilfloſer der Dulder, um ſo ſouveräner der Despotismus, um ſo unterwürfiger die Knecht⸗ ſchaft. Nach etlichen Minuten wird eine der Flügelthüren leiſe geöffnet, eben ſo leiſe wieder zugemacht, und ein grimmes Weib in Eiſengrau erſcheint vor Lady Montfort. Cuaroline konnte auf den erſten Blick jene Arabella Foſſett nicht erkennen, von deren hübſchem, wenn auch etwas zu ſtark gezeichnetem und düſterem Geſicht ſie eine treue Erinnerung behalten hatte. Aber Arabella beſaß noch immer dieſelbe imponirende Manier, welche häufig die heitern Lebensgeiſter ihrer jungen Schülerin gedämpft hatte, und 2———— —., ———————–– 107 als ſie jetzt der vornehmen Lady einen Sitz anwies und ſich neben ſie ſetzte, da beugte eine ſcheue Erinnerung an das Schulzimmer Caro⸗ linens lieblichen Kopf in ſtummer Ehrfurcht. Mrs. Crane.—„Auch Ihr ſeyd verändert, ſeit ich Euch, es war dieß vor mehr als fünf Jahren, zum letzten Mal ſah, aber Ihr ſeyd nicht weniger ſchön. Ihr könnt noch immer geliebt werden;— Ihr würdet den Mann, den Ihr zu erhalten wünſchen mochtet, nicht verſcheuchen. Der Kummer hat ſeine Parteilichkeiten. Wißt Ihr, daß ich eine Urſache habe Euch dankbar zu ſeyn, ohne daß Euch deßhalb ein Verdienſt zukommt? In einem ſehr dunkeln Augenblick meines Lebens— wo nur rachſüchtige und böſe Leidenſchaften in mir herrſch⸗ ten— kam Euer Geſicht an meinen Augen vorüber. Die Güte darin erſchien ſo ſchön— und in dieſem Geſicht ſah das Böſe ſo häßlich aus! Unterbrecht mich nicht. Ich habe Euch nur wenige Minuten zu wid⸗ men. Ja; beim Anblick dieſes Geſichtes erwachten ſanfte Erinnerun⸗ gen. Ihr waret immer gütig gegen mich; und wahr, Caroline Lynd⸗ ſay— wahr. Andere Gedanken kamen beim Strahl dieſes Geſichtes, wie andere Gedanken kommen, wenn eine unerwartete Melodie uns an frühere Tage erinnert. Ich kann nicht ſagen, wie es zuging, aber von dieſem Augenblick an kam etwas mehr Weiblichkeit, als ich ſeit Jahren gekannt hatte, in mein Herz. In dieſer ſelben Stunde wurde ich ſchmerzlich heimgeſucht, im tiefſten Grund meines Herzens gekränkt. Hätte ich nicht vorher Euch geſehen, ich würde auf Nichts als eine fin⸗ ſtere ſchreckliche Rache geſonnen haben. Und ich entwarf wirklich einen Nacheplan. Aber er war nicht auf Zerſtörung, ſondern auf Rettung gerichtet. Ich beſchloß, daß der Mann, welcher die Erinnerung an ſeine Gelübde gegen mich— Gelübde lebenslänglicher Vereinigung — mit wegwerfendem Hohn zurückgewieſen hatte, dennoch früher oder ſpäter eben ſo ſicher mein werden ſollte, wie wenn er ſein Wort ge⸗ halten hätte; daß mein Wort wenigſtens ihm gehalten werden ſollte, wie wenn es am Altar ausgeſprochen worden wäre. Still, hört Ihr ein Stöhnen?— Nein! Er liegt dort, Caroline Lyndſay— mein in der — That, bis das Grab uns ſcheidet. Dieſe Hände haben ſich über ihm geſchloſſen, und er liegt in ihrem Griff hilflos wie ein Kind.“ Un⸗ willkürlich bebte Caroline zurück. Aber als ſie in dieſes abgehärmte Geſicht ſchaute, lag darin ein ſo wildes Gemiſch melancholiſcher Zärt⸗ lichkeit mit einem entſchloſſenen und trotzigen Ausdruck des Trium⸗ phes, daß, mehr durch die Zärtlichkeit als durch den Triumph beein⸗ druckt, das Weib mit dem Weib ſympathiſirte; und Caroline rückte näher, und in ihren tiefen ſanften Augen war Nichts als Mitleid zu ſehen. In dieſe Augen ſchaute Arabella wie verzaubert, und der dunk⸗ lere, finſterere Ausdruck in ihrem eigenen Geſicht ließ allmälig nach und entfloh, ſo daß nur die melancholiſche Zärtlichkeit zurückblieb. Sie fuhr fort: „Ich ſagte zu Guy Darrell, daß ich wo möglich ausmitteln wolle, ob das arme Kind, das ich in meinen gottloſeſten Tagen miß⸗ handelte, und das Ihr, wie es ſcheint, ſo gütig in Euern Schutz nah⸗ met, die Tochter Matildas oder, wie er glaubte, einer noch abſcheu⸗ licheren Mutter ſey. Schon lange hatte ich einen Verdacht gefaßt, daß einiger Grund vorhanden ſey, an der Ausſage des armen Jaſper zu zweifeln, denn ich hatte zufällig zwei Briefe an ihn zu Geſicht be⸗ kommen, wovon der eine von dieſer Gabriele Desmarets war, die einen ſo unglückſeligen Einfluß auf ſein Leben ausgeübt hatte; ſie ſchrieb ihm von einem verbrecheriſchen Raub, mit welchem ſie nach London komme, und lud ihn ein, ſein Schickſal wieder mit dem ihrigen zu vereinigen. O, aber die kalte blutloſe Niederträchtigkeit des Tones! — die Leichtigkeit, womit galgenwürdige Verbrechen als Gegenſtände des Witzes behandelt wurden!“ Arabella hielt inne derſelbe Schauder kam über ſie, wie in dem Augenblick, wo⸗ſte die aus dem zierlichen Taſchenbuch entwendeten Briefe zu Ende geleſen hatte. „Aber in dem Brief ſtanden auch Anſpielungen auf Sophy, ſo wie auf einen andern Verſuch, den Gabriele ſelbſt auf Darrell machen ſollte. Nichts war ganz klar; aber es drängte ſich ein Zweiſel auf, ob ſie ihm über ſein eigenes Kind ſchrieb Der andere Brief war von der 109 franzöſiſchen Amme, bei welcher Sophy als Kind untergebracht wor⸗ den war. Er bezog ſich auf perſönliche, mit einem Beſuch in ihrem eigenen Haus verbundene Nachfragen, welche Mr. Darrell in neueſter Zeit angeſtellt habe. Dieſer Brief ſchien ebenfalls eine Täuſchung anzudeuten, obſchon nur mit wenigen zweifelhaften Worten. Damals beſtand die Hauptwirkung des Verdachtes, welchen dieſe Briefe er⸗ regten, blos darin, daß ich geneigter wurde, die Grauſamkeiten wieder gutzumachen, die ich an Sophy während ihrer Kindheit begangen hatte. Wie, wenn ich gegen ein Kind grauſam geweſen wäre, das am Ende doch nicht die Tochter dieſer falſchen, falſchen Matilda Dar⸗ rell war! Ich behielt die Adreſſe der franzöſiſchen Amme wohl im Gedächtniß. Ich dachte, daß ich, wenn ich nach Frankreich käme, ſie aufſuchen und ausfragen könnte. Aber ich lebte blos für einen ein⸗ zigen Zweck, der alle meine Gedanken verſchlang. Sophy war da⸗ mals nicht in Gefahr, und ſelbſt mein Argwohn in Betreff ihrer Ge⸗ burt verſchwand. Laßt uns jetzt auf Guy Darrell übergehen. Ach, Lady Montfort! ſein Leben iſt verbittert worden wie das meinige; aber er war Mann und konnte es beſſer ertragen. Er hat den Jam⸗ mer gebrochener Treue, verrathener Neigung, wofür er ſo wenig Mitleid hatte, als deſſen Mehlthau auf mich fiel, ſelbſt kennen ge⸗ lernt. Aber Ihr habt eine Entſchuldigung für Eure Wortbrüchigkeit — Ihr wurdet ſelbſt betrogen; und ich verzeihe ihm, denn er verzieh Jaſper, und wir ſind Mitdulder. Ihr weinet! Verzeiht meine Rau⸗ higkeit. Ich wollte Euch nicht wehthun. Verſucht es, mich ruhig anzuhören— ich muß mich beeilen. Als ich Mr. Darrell verließ, reiste ich nach Frankreich. Ich ſah die Amme; ich habe die Wahrheit ausgemittelt; hier ſind die Beweiſe in dieſem Paket. Ich kam zurück — ich ſah Jaſper Loſely. Er war im Begriff Euch aufzuſuchen, nachdem er ſich bereits ſo ſchwer gegen Euch vergangen hatte— er wollte das Kind in Anſpruch nehmen oder vielmehr für die Aufgebung ſeiner Anſprüche an ein Kind, das Ihr adoptirt hattet, Geld erpreſſen. Ich ſagte ihm, wie vergebens ß bisher mir zu entfliehen geſucht 110 habe. Ich zählte ihm der Reihe nach die verbrecheriſchen Pläne, bei denen ich ſeine Abſicht vereitelt, und all die Gefahren her, aus denen ich ſein Leben gerettet hatte. Ich befahl ihm den Plan aufzugeben, den er damals eingeleitet hatte. Ich ſagte ihm, ich würde dieſen Plan vereiteln, wie ich andere vereitelt hätte. Ach, ach! Warum iſt dieſe Zunge ſo herb?— warum ſtraft dieſes Geſicht die Idee menſchlicher Güte Lügen? Ich trieb ihn blos in Wuth und Wahnſinn; er beküm⸗ merte ſich um nichts mehr, ſondern fühlte nur noch einen Drang, das Leben zu zerſtören, das damals zwiſchen ihm und den Gegenſtänden ſtand, durch welche er ſeine eigene Selbſtzerſtörung ſicher herbeige⸗ führt hätte. Ich glaubte von ſeiner Hand ſterben zu müſſen. Ich bebte nicht. Ach! die gräßliche Veränderung, die über ſein Geſicht kam— jener Blick voll Beſtürzung und abergläubiſchen Schauders; ſein Arm gehorchte ihm nicht; ſeine Stärke, ſeine Glieder verſagten ihm; er ſiel zu meinen Füßen nieder— er war auf der einen Seite gänzlich gelähmt! Still! das iſt ſeine Stimme— verzeiht mir.“ Und Arabella eilte aus dem Zimmer, indem ſie die Thüre ange⸗ lehnt ließ. Eine ſchwache Stimme, gleich dem Discant eines kranken alten Mannes, kam kläglich an Carolinens Ohr. „Ich möchte mich umdrehen; helft mir. Warum werde ich allein gelaſſen? Es iſt grauſam mich ſo zu laſſen— grauſam!“ In den ſanfteſten Tönen, deren dieſe herbe Stimme fähig war, entſchuldigte ſich das grimme Weib und beſchwichtigte. „Ihr habt mirs ja erlaubt, lieber Jaſper. Ihr ſagtet, es würde Euch ein Troſt ſeyn, wenn ſie Euch auch verziehe, wie die Andern.“ „Wer?“ fragte die Stimme kläglich. „Caroline Lyndſay— Lady Montfort.“ „Unſinn! Was habe ich ihr je zu Leide gethan? Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Quälet mich nicht mehr damit. Ja— ſie ver⸗ zeiht mir, vermuthe ich. Gebt mir meine Fleiſchbrühe und macht es kurz.“ 11I Arabella kam zurück, indem ſie die Thüre zumachte; und wäh⸗ rend ſie ſich mit dieſem koſtbaren Brühenapf auf dem Camin beſchäf⸗ tigte, gegen welchen die Marquiſe von Montfort ein ſehr unterge⸗ ordneter Gegenſtand geworden war, ſagte ſie, unter ihren eiſengrauen Locken hervor gegen Caroline ſehend: „Ihr habts gehört— er vermißt mich! Er kann es nicht aushalten, wenn er mich nicht ſi aht. mich, mich! Ihr habts ge⸗ hört.“ Lady Montfort trat ſachte vor, in ihrer Hand den Präſentirteller mit der Bouillontaſſe bringend. „Ja, ich habs gehört! Ich darf Euch nicht aufhalten; aber laßt 1 mich helfen, ſo lang ich da bin.“ So wurde die Fleiſchbrühe eingegoſſen und zubereitet, und mit ihr verſchwand Arabella. Sie kam in wenigen Minuten zurück, winkte Caroline und ſagte leiſe: „Kommt herein— ſaget, Ihr verzeihet ihm! O, Ihr braucht V ihn nicht zu fürchten; ein kleines Kind könnte ihn jetzt nicht fürchten.“ Caroline folgte Arabella ins Krankenzimmer. Hier herrſchte die größte Sauberkeit; Alles war ſo ſorgfältig, ſo gedankenvoll ange⸗ ordnet— ein angenehmes Zimmer— mit Fenſtern, die voll nach der ſonnigſten Seite des Geſundheitsthales hinausſahen; das Camin ſo freundlich hell, ſo blank geſcheuert— ſogar keine Aſche ſichtbar; Blu⸗ men— koſtbare exotiſche Pflanzen— auf dem Tiſch, auf dem Camin⸗ ſims; das Bett gegen das Fenſter hingezogen, und auf dieſem Bett, in dem heitern koſtbaren Schlafrock früherer Tage, warme Decken über die Füße gebreitet, ſchneeweiße Kiſſen unter dem Kopf, lag was Anfangs eine unbeſtimmte, unkenntliche Maſſe ſchien, hernach aber, als man näher kam und das Auge genauer ſuchte, als Zaſpen Loſely ſich herausſtellte. Ja! da lag, wirklich zu ſchwach, um einem kleinen Kind Furcht einzujagen, Alles was von dem ſtarken Mann übrig geblieben. Kein Feind als er ſelbſt hatte ihn ſo weit heruntergebracht— den Ver⸗ ſchwender, den Schwindler und Räuber ſeiner eigenen unbezahlbaren Schätze— Geſundheit und Stärke— dieſer großen Zinsbücher der Freude, mit deren Erbe die Natur ihn bedacht hatte. Wie ein Baum, der unter ſeiner knorrigen Rinde in Staub zerfällt, noch im Augen⸗ blick vor ſeinem Fall gegen Zeit und Sturm Stand zu halten ſcheint, ſo hatte, innerlich ganz zerfallen, dieſes Bild der Kraft dageſtanden— ſo war es niedergeſunken, während kaum ein Lüftchen ſich regte. „Und der Krug zerbrach am Brunnen, und das Rad zerbrach an der Ciſterne; Eitelkeit der Eitelkeiten!“ ſagt der Prediger. Jaſper wandte ſein trübes Auge gegen Caroline, als ſie leiſe an ſeine Seite kam, und ſchaute ſie mit kläglichem Blicke an. Der Schlag, welcher die Geſtalt gebrochen, hatte das Geſicht verſchont; und Krankheit, ſo wie die gezwungene Enthaltung von den gewöhn⸗ lichen Reizmitteln hatten ſeinem Ausſehen viel von der Plumpheit ſowohl der Geſtalt als der Farbe, wodurch ſeine Umriſſe in den letzten Jahren entſtellt worden, genommen; ſie hatten die Zartheit, die mit der Jugend endet, durch diejenige Zartheit erſetzt, die ſich beim Heran⸗ nahen des Todes einſtellt. So war denn die Schönheit, die für ihn eine ſo unheilvolle Gabe geweſen, in nicht geringem Grad aufs Neue ſichtbar, denn die Züge wurden wieder deutlich, als Bläſſe auf die Farben der Unmäßigkeit und Magerkeit auf aufgedunſene Wangen und geſchwollene Muskeln folgte. Die Göttin, deren Geſchenke die äußere Schale des menſchlichen Geiſtes ſchmücken, kam an das Todten⸗ bett ihres Lieblings zurück, wie ſie ſich bei ſeiner Wiege eingefunden hatte— jedoch jetzt nicht als die Venus Erycina, die Göttin des Lächelns und Scherzes, ſondern als die warnende Venus Libitina, die Göttin des Gerichts und der Leichenbeſtattung. „Ich bin ein ſehr armes Geſchöpf,“ ſagte Jaſper nach einer Pauſe.„Ich kann nicht aufſtehen, ich kann mich nicht bewegen ohne Hilfe. Sehr ſeltſam!— Uebernatürlich! Sie ſagte immer, wenn ich meine Hand gegen ſie erhöbe, ſo würde ſie lahm herunterfallen.“ Er richtete ſein Auge mit einem Blick zornigen Schreckens gegen Arabella. 8— 113 „Sie iſt eine Hexe,“ ſagte er, und begrub ſein Geſicht im Kiſſen. Thränen rollten über die Wangen des grimmen Weibes. Lady Montfort.—„Sie iſt vielmehr Euer guter, hilfreicher Geiſt. Seyd nicht unfreundlich gegen ſie. Ueber ſie habt Ihr jetzt mehr Macht als zur Zeit, wo Ihr geſund und ſtark waret. Sie lebt blos, um Euch zu dienen; behandelt ſie ſanft!“ Jaſper konnte gegen dieſe holde Stimme nicht Stand halten. Mit Mühe riß er ſich herum und ſchaute wieder lang Caroline Mont⸗ fort an, als ob ihr Anblick ihm wohl thäte; dann winkte er Arabella, die an ſeine Seite flog und ihn aufrichtete. „Ich bin ein ſchlechter Hund geweſen,“ ſagte er mit einem trau⸗ rigen Verſuch, ſeinen alten heitern Ton wieder zu finden—„ein ganz ſchlechter Hund— kurz ein Hallunke. Aber alle Ladies ſind nach⸗ ſichtig gegen Hallunken— in der That ziehen ſie vor. Kannte nie eine Lady, die einen guten jungen Mann ausſtehen konnte— nie! Deßhalb bin ich überzeugt, daß Ihr mir verzeihen werdet, Miß— Ma'am. Wer iſt dieſe Lady? Wenn es ans Verzeihen geht, ſo ſind ſo viele da. O, ich erinnere mich jetzt— Euer Herrlichkeit wird mir verzeihen— es iſt Alles ſchwarz auf weiß, was ich gethan habe— Bella hat es. Ihr ſehet dieſe Hand— ich kann mit dieſer Hand ſchreiben— ſie iſt nicht gelähmt. Dieß iſt nicht die Hand, die ich gegen ſie zu erheben verſuchte, aber basta, basta, wo war ich? Mein armer Kopf! Ich weiß jetzt, was es heißt einen Kopf zu haben! Schmerz, Schmerz— ein ſchreckliches Gebrauſe— ein Gewicht, ein Gewicht— ſchwer wie eine Kirchenglocke— hohl wie eine Kirchen⸗ glocke— geräuſchvoll wie eine Kirchenglocke! Branntwein! Gebt mir Branntwein, Hexe! Wollte ſagen Bella, gute Bella, gebt mir Branntwein!“ „Noch nicht, lieber Jaſper. Ihr bekommt ihn alle drei Stun⸗ den; es iſt noch nicht Zeit, Liebſter; Ihr müßt auf den Doctor war⸗ ten; Ihr müßt verſuchen geſund zu werden und Eure Stärke wieder zu erlangen. Ihr erinnert Euch, ich habe Euch erzählt, wie gütig 9 4 111 Lady Montfort gegen Euern Vater war, und Ihr wünſchtet ſie zu ſehen und ihr zu danken.“ „Mein Vater— mein armer, armer Vater! Ihr ſeyd gütig gegen ihn geweſen! Gott ſegne Euch, Gott ſegne Euch! Und Ihr werdet ihn ſehen? Ich bedarf ſeiner Verzeihung, bevor ich ſterbe. Vergeßt es nicht und— und—“ „Die arme Sophy!“ ſagte Mrs. Crane. „Ach ja! aber ſie iſt jetzt gut daran, wie Ihr mir ſagt. Ich kann nicht glauben, daß ich ſie beleidigt habe. Und wirklich, die Mäd⸗ chen und Frauen ſind beſtimmt Einem ein Bischen nützlich zu ſeyn. Basta, basta.“ „Mr. Darrell—“ „Ja, ja, ja! Ich verzeihe ihm, oder er verzeiht mir; ordnet es wie Ihr wollt. Aber meines Vaters Verzeihung, Lady Montfort, werdet Ihr mir dieſe verſchaffen?“ „Ganz gewiß.“ Er ſchaute ſie wieder an und lächelte. Arabella ließ ſachte ſeinen Kopf auf das Kiſſen zurückfallen. „Werft mir ein Handtuch über das Geſicht,“ ſagte er ſchwach, „und verlaßt mich; aber bleibt in der Nähe; ich bin ſchläfrig.“ Seine Augen ſchloßen ſich; er ſchien eingeſchlafen, noch ehe ſie ſich aus dem Zimmer geſchlichen hatten. „Ihr werdet ihm ſeinen Vater bringen?“ ſagte Arabella, als ſie und Lady Montfort wieder allein waren.„In dieſem Paket iſt Ja⸗ ſpers Geſtändniß über den Diebſtahl, wegen deſſen der arme alte Mann gelitten hatte. Ich wußte dieß früher nicht. Aber Ihr ſehet, wie ſanft er jetzt iſt!— wie ſein Herz verändert iſt! Es iſt wirklich ſtärker verändert, als er zeigt; nur habt Ihr ihn im ſchlimmſten Augenblick geſehen— er delirirt heute ein wenig; dieß geſchieht zu⸗ weilen. Ich habe Euch um eine Gunſt zu bitten. Ich hörte vor etlichen Monaten einmal einen Prediger; er ergriff mich, wie noch nie zuvor ein anderer. Man ſagte mir, er ſey Oberſt Morleys Neffe. 115 Wollt Ihr Oberſt Morley erſuchen, daß er ihn überrede, zu Jaſper zu kommen?“ „Mein Vetter George Morley! Er wird kommen, das ver⸗ ſpreche ich Euch; ebenſo auch Eures armen Patienten veizeibender Vater. Kann ich noch mehr thun?“ „Erkläret Mr. Darrell den Grund, warum ich ihm die Mitthei⸗ lung ſo lange nicht geſchickt habe, die Ihr in dem Paket finden werdet, das ich Euch gegeben. Oeffnet es zuerſt und leſet ſeinen Inhalt, denn wenigſtens ein Theil davon, wie z. B. Jaſpers Geſtändniß über ſeinen Anſchlag zur Vereitelung Eurer Heirath mit Mr. Darrell, kann Euch noch jetzt von einigem Werth ſeyn— Ihr werdet wohl thun, die Papiere auch Oberſt Morley zu zeigen, er mag die Aufgabe vollenden. Ich hatte bei meiner Rückkehr nach England, oder bevor ich Mr. Darrell geſehen hätte, die Nachforſchungen anzuſtellen beabſichtigt, die, wie Ihr ſehen werdet, noch nöthig ſind. Aber da kam dieſe furcht⸗ bare Betrübniß. Ich konnte an nichts Anderes mehr denken, als an Jaſper. Es wäre mir etwas Schreckliches, das Haus, wo er liegt, auch nur auf eine Stunde zu verlaſſen;— als aber Doctor F— mir ſagte, daß er Euch beſuche, daß Ihr unwohl und leidend ſeyet, da beſchloß ich Jaſpers eigenes Geſtändniß dieſem Paket beizufügen. Ach, und er gab es ſo bereitwillig, und unterzog ſich geſtern ſo gut⸗ herzig der Anſtrengung des Schreibens. Ich ſage Euch, es iſt eine Veränderung in ihm vorgegangen; wirklich, wirklich.— Nun, ich beſchloß das Paket Euch zu übergeben, damit Ihr es Mr. Darrell übermachet, denn ich ſetzte auf die eine oder andere Weiſe Eure Krank⸗ heit mit Eurem Beſuch bei ihm in Fawley in Verbindung.“ „Mit meinem Beſuch bei Mr. Darrell!“ „Jaſper ſah Euch vor nicht gar langer Zeit, als Euer Wagen vom Parkthor wegfuhr. Ah, Ihr wechſelt die Farbe! Ihr habt die⸗ ſem Mann Unrecht gethan; macht es wieder gut; Ihr habt die Macht dazu.“ „Ach nein,“ murmelte Caroline,„ich habe nicht die Macht.“ 116 „Bah— er liebt Euch noch immer. Ihr gehöret nicht zu Den⸗ jenigen, die ein Mann vergißt.“ Caroline ſchwieg, ließ aber unwillkürlich ihren Schleier fallen. Im Nu entdeckte der ſcharfe Sinn des grimmen Weibes die Wahrheit. „Ah! Stolz— Stolz bei Beiden!“ ſagte ſle.„Ich verſtehe— ich wage ihn hier nicht zu tadeln, aber Ihr— Ihr waret der belei⸗ digende Theil; Ihr habt kein Recht zu Stolz;— Ihr werdet ihn wieder ſehen.“ „Nein— nie— nie!“ ſtammelte Caroline kaum hörbar unter ihrem Schleier. Arabella ſchwieg einen Augenblick, und Lady Montfort erhob ſich haſtig um wegzufahren. „Ihr werdet ihn wieder ſehen, ſage ich Euch;“ und ſie an die Thüre begleitend, fügte Arabella hinzu: „Noch ein Wort. Glaubet Ihr, daß er ſterben wird?“ „Gütiger Himmel! Mr. Darrell?“ „Nein, nein— Jaſper Loſely!“ „Ich hoffe nicht. Was ſagt Doctor F—?“ „Er will es mir nicht ſagen. Aber es iſt nicht die Lähmung allein; von dieſer könnte er ſich erholen, da er noch ſo jung iſt. Es ſind noch andere Symptome vorhanden; dieſe ſchreckliche Gewohnheit an Stimulanzen. Er ſinkt zuſammen, wenn er ſie nicht bekommt— ſie beſchleunigen ſeinen Tod, wenn er ſie bekommt. Aber— aber— aber er iſt jetzt mein und nur mein bis ins Grab.“ Eilftes Kapitel. Die Eriſis— öffentliche und private. Lady Montforts Wagen hielt vor Oberſt Morleys Thüre, juſt als Carr Vipont herauskam. Carr, der ſie flüchtig ſah, eilte ſogleich an das Wagenfenſter. —,———— —. ☛& — 0 Sͤ=dSSͤ—, ̊ — luſt eich 117 „Meine liebe Lady Montfort!— Habe Euch ſeit einem Jahr⸗ hundert nicht geſehen! In was für Zeiten leben wir! Wie plötzlich iſt die Criſis über uns gekommen! Betrübter Verluſt um den armen lieben Montfort; kein Wunder, daß Ihr um ihn trauert! Hatte ſeine Fehler, wohl wahr— wer iſt nicht ſterblich?— Aber ſtimmte immer recht, immer zuverläſſig in Zeiten der Criſis. Aber dieſer hinterliſtige Geſell, der zu ſo großem Unglück für Alle, nur nicht für ihn ſelbſt, in das Beſitzthum hineingekommen, iſt der allerunzuverläſſigſte Burſche. Und was iſt ein Haus, wenn es in ſich ſelbſt geſpalten iſt? Nie war die Conſtitution in größerer Gefahr!— ich ſage es gerade heraus!— Und da zögert und zaudert das Haupt der Viponts, und fragt, ob Guy Darrell ins Cabinet eintreten wolle. Und wenn Guy Darrell nicht will, ſo müſſen wir wie Schuljungen zuſehen, wie das Montfort'⸗ ſche Intereſſe gänzlich verwahrlost wird. Aber entſchuldigt mich— ich muß fort; jeder Augenblick iſt koſtbar in Zeiten der Criſis. Be⸗ denkt, wenn wir bis morgen Abend nicht ein Cabinet zu Stande bringen— bedenkt nur, was geſchehen kann, dann werden die andern Burſche hineinkommen und dann— die Sündfluth!“ Carr iſt fortgegangen, um ſchiefe Geſichter zu finden, welche die Sündfluth abwehren wollen. Oberſt Morley hat Lady Montforts Aufforderung Folge geleiſtet und iſt in den Wagen geſtiegen. Bevor ſie jedoch ſprechen kann, hat er ſich in den Gegenſtand hineingeſtürzt, von dem er ſelbſt voll iſt.„Bedenkt nur— ich wußte, daß es ſo gehen würde, wenn der Augenblick käme— Alles hängt von Guy Darrell ab; Montfort, der immer in Angſt zu ſchweben ſcheint, eine Zeitung möchte ihm auf den Kopf fallen und ihn zerſchmettern, behauptet, wenn Darrell, den er blos deßwegen begünſtigt, weil die Zeitungen es thun, die Ernennung ablehne, ſo werden die Journale ſagen, die Criſis ſey eine künſtliche Mäklerei. Lord Mowbray de l'Arco und Sir Joſtah Snodge, die Beide für eine einige Regierung nothwendig ſind, aber unglücklicher Weiſe einander verabſcheuen, weigern ſich, in einem und demſelben Cabinet zu ſitzen, wenn nicht Darrell dazwiſchen „ . o—— 118 ſitze— vermuthlich um ſie vor dem Schickſal der Katzen von Kilkenny zu retten. Sir John Cautly, unſer verrücktes Graſſchaftsmitglied, erklärt, wenn Darrell nicht hineinkomme, ſo geſchehe dieß, weil die Criſis zu weit gehe. Harry Bold, unſer populärſter Sprecher, ſagt, wenn Darrell wegbleibe, ſo ſey dieß ein Zeichen, daß die Criſis eine retrograde Bewegung ſey; kurz und gut, ohne Darrell wird die Criſis gänzlich fehlſchlagen und das Haus Vipont wird zerſchmettert werden — Lady Montfort— zerſchmettert! Ich ſchickte ein Telegramm(o, daß ichs erleben mußte, ein ſolches Wort in die engliſche Sprache ein⸗ geführt zu ſehen!— aber, wie Carr ſagt, was ſind das für Zeiten!) heute früh nach Fawley und erſuchte Guy, ſogleich in die Stadt zu kommen. Er antwortete mit einer Zeile aus Horaz, welche beſagen ſoll, daß er zuerſt mich ſehen wolle. Ich muß alſo zu ihm hinab und warte nur noch das Ergebniß gewiſſer Unterhandlungen in Betreff der Maßregeln ab. Ich habe nur noch eine einzige Hoffnung. Es gibt eine Maßregel, welche Darrell immer ganz beſonders verfocht— die er von Grund aus verſteht, die, in ſeine Hände gelegt, triumphi⸗ rend durchgeſetzt würde; eine jener Maßregeln, Lady Montfort, die, wenn ſie mangelhaft ſind, eine Regierung ſcheitern machen, die aber, ſo ausgeſonnen wie Guy Darrell ſie ausſinnen könnte, dem Miniſter, der ſie entwirft und durchſetzt, unſterbliche Ehre bereiten. Dieß iſt Alles was Darrell braucht, um ſeinen Ruf und ſeine Laufbahn zu vervollſtändigen. Dieß iſt endlich eine Gelegenheit, um ihm einen dauernden Namen in der Geſchichte ſeines Landes zu ſichern; laßt ihn ſie zurückweiſen, ſo will ich Euch offen ſagen, daß ſein Leben nur ein glänzender Bankrott geweſen iſt. Da er keinen Sitz im Parlament hat, und der Gebrauch den wirklichen Beſitz dieſer Qualification für den Eintritt ins Cabinet fordert, ſo müſſen wir ſeine Stimme im Unterhaus verlieren. Aber wir können dieß einrichten, denn wenn Darrell nur in die Regierung und ins Oberhaus eintritt, ſo wird Sir Joſiah Snodge, der eine wackere Stimme und viel Eiferſucht beſitzt, ebenfalls eintreten— die Vipont'ſchen Intereſſen im Unterhaus ——————— —— — 119 wahrnehmen und zu dem Lande ſprechen— jede Nacht und erforder⸗ lichen Falls die ganze Nacht hindurch ſprechen. Ja; Darrell muß die Pairswürde annehmen— muß ſich ein Jahr oder zwei dieſer großen Maßregel— der Befeſtigung ſeines Rufes— der Erlöſung des Hauſes Vipont— der Rettung des Reiches widmen; und dann, wenn er Luſt hat, solve senescentem— das heißt, dann mag er ſeinen Harniſch ablegen, und für den Reſt ſeiner Tage auf Lorbeeren aus⸗ ruhen.“ Oberſt Morley hielt dieſe lange Rede ohne alle Unterbrechung von Seiten einer Zuhörerin, welche bei jedem Wort, das ſich auf Guy Darrell bezog, und bei jeder Hoffnung, die ihn wieder für eine heilſame Thätigkeit gewinnen konnte, im höchſten Grad inter⸗ eſſirt war. Jetzt kam die Reihe zu ſprechen an Lady Montfort, obſchon nach ſo wichtigen Gegenſtänden wie die Criſis Privatangelegenheiten, die ſich auf ein armes kleines Mädchen wie Sophy bezogen, ja ſogar die bloßen Privatangelegenheiten Darrells ſelbſt, von kläglicher Bedeu⸗ tungsloſigkeit zu ſeyn ſchienen. Gleichwohl beeilte ſich Lady Mont⸗ fort nach einigen wenigen Worten weiblicher Erläuterung über den einzigen Theil in Albans Rede, der ihr Herz berührte, ihre Beſprechung mit Arabella ſo wie den betrübten Zuſtand von Darrells einſt ſo furcht⸗ barem Tochtermann zu ſchildern. In Bezug auf dieſen letzteren zeigte der Oberſt ebenſowenig Mitgefühl, als in dieſem Augenblick irgend ein ächter Engländer für einen mörderiſchen Sepoy zeigen würde, der vor die Oeffnung einer Kanone gebunden wäre. „Eine ſehr gute Art ihn loszuwerden,“ ſagte der Oberſt.„Große Erleichterung für Darrell und für Jedermann ſonſt, den dieſes Un⸗ geheuer quälte und ausplünderte; mit ſeinem Leben wird auch das einzige Hinderniß verſchwinden, das der vollkommenen Wiederher⸗ ſtellung des guten Namens des armen Willy noch im Wege ſteht. Ich hoffe es noch zu erleben, daß ich aus allen Gegenden des Landes Willys alte Freunde zuſammenbringe und ihnen ein Souper gebe, bei Bulwer, was wird er damit machen? VII. 9 — — — —————— — 120 welchem ich mich vermuthlich nicht betrinken werde, obſchon ich es lieber thun möchte als nicht. Aber ich unterbreche Euch; fahret fort.“ Lady Montfort berichtete ihm nun vom Hauptinhalt der Papiere, welche ſie in Betreff des Geheimniſſes geleſen hatte, das die Urſache von ſo viel Unruhe und Bitterkeit geweſen war. Der Oberſt ſtreckte begierig ſeine Hand nach den angeführten Do⸗ cumenten aus. Er überflog haſtig den Inhalt des erſten Papiers, auf das er ſtieß, dann zog er ſeine Uhr heraus und ſagte:„Nun, ich habe noch eine halbe Stunde übrig, um dieſe Gegenſtände mit Euch zu er⸗ örtern.— Darf ich Eurem Kutſcher befehlen, um den Regentspark zu fahren?— Beſſer als daß wir ſo vor meiner Thüre warten, während ich vier alte Jungfern zu Nachbarinnen gegenüber habe. Der Befehl wurde gegeben, und der Oberſt kehrte zu den Papieren zurück. Plötzlich ſchaute er auf— ſchaute Lady Montfort voll in's Geſicht mit einem gedankenvollen, ſuchenden Blick, vor welchem ſie ihre eigenen Augen ſenkte; und ſie ſah, daß er Jaſpers Bekenntniß in Betreff ſeines An⸗ ſchlags zur Vereitelung ihrer Verbindung mit Darrell geleſen, denn in ihrer Haſt und Aufregung hatte ſie verſäumt dieſes Document von den andern abzuſondern.„O, nicht dieſes Papier, Ihr dürft das nicht leſen,“ rief ſie, indem ſie ſchnell die Schrift mit ihrer Hand bedeckte. „Zu ſpät, meine liebe Baſe. Ich habe es geleſen. Alles iſt jetzt klar. Lionel hatte Recht, und ich hatte auch Recht in meinen Ueber⸗ zeugungen, obſchon Darrell meine Fragen ſo kühl auf die Seite ſchob, als ich zum letzten Mal in Fawley war. Ich bin jetzt gerechtfertigt mit all den Mühen, die ich mir nahm, um in meinem ſchlau grau⸗ ſamen Brief an George die Heirath Lionels ſicher zu ſtellen. Wißt, Lady Montfort, daß, wenn Lionel ſein Glück der Rückſicht auf Guys Ahnenverehrung geopfert hätte, Guy Darrell ſich bei ſeiner Ehre ver⸗ pflichtet geglaubt haben würde, nie wieder zu heirathen. Er ſagte mir das— er ſagte mir, er würde ſich für einen Betrüger halten, wenn er irgend einen Schritt thäte, um einen jungen Mann, von dem er ein ſolches Opfer gefordert hätte, des Namens und Erbes zu berauben, 121 um deren willen das Opfer gebracht worden ſey. Und da beſchloß ich, daß Guy nicht auf ſolche Art unwiderruflich ſeinem eigenen Glück die Thure verſchließen ſolle. Lady Montfort, Ihr wißt, daß dieſer Mann Euch liebt, wie, ich glaube es wahrhaftig, nie ein anderer Mann⸗ in unſerem kalten Jahrhundert ein Weib geliebt hat;— durch Ver⸗ laſſung, durch Veränderung hindurch— mitten unter Kummer— mitten unter Unmuth— dem Stolze zu Trotz— todt für alle andere Liebe, vor allen andern Banden zurückſchaudernd— fort und fort— in der Tiefe ſeiner Seele bis an den Rand des Alters, geheim und ver⸗ ſchloſſen, die hoffnungsloſe Leidenſchaft ſeines Mannesalters mit ſich tragend. Seht Ihr nicht, daß Ihr und Ihr allein die Schuld traget, wenn Guy Darrell ſiebzehn Jahre lang für das Land verloren ging, dem zu dienen und das zu ſchmücken er beſtimmt war? Fühlet Ihr nicht, daß, wenn er jetzt dieſe letzte Gelegenheit von ſich ſtößt, die auf ſolche Art verwüſteten Jahre wieder hereinzubringen und einen Ruf zu vollenden, welcher wirklich ſeinen ahnherrlichen Namen mit den Ehren der Nachwelt in Verbindung bringen kann, Ihr und Ihr allein die Urſache ſeyd? „Ach— ach— aber was kann ich thun?“ „Thun!— Ach ja, es iſt wahr. Der arme Mann iſt jetzt alt; Ihr koͤnnt Euch nichts um ihn bekümmern!— Ihr, die Ihr noch⸗ immer jung und ſo unglücklich ſchön ſeyd! Ihr, um deren Hand junge Fürſten werben könnten! Es iſt wahr; Ihr könnt für Guy Darrell kein Gefühl haben, außer Mitleid.“ „Mitleid! Ich haſſe dieſes Wort!“ rief Lady Montfort mit eben ſo großem Ungeſtüm, wie wenn ſie noch immer die launiſche, leb⸗ hafte Caroline von ehemals geweſen wäre. WVWiieederum richtete der Weltmann ſeine ſchlauen Augen gegen ihr Geſicht und ließ die Worte fallen:„Sehet ihn!“. „Aber ich habe ihn ja geſehen. Ihr erinnert Euch, daß ich hin⸗ ging um für Lionel und Sophy zu ſprechen— es war vergebens.“ „Nicht vergebens. George ſchreibt mir, er habe Euch von Dar⸗ 9* 4* 122 rells Einwilligung in ihre Heirath in Kenntniß geſetzt. Und ich müßte mich ſehr täͤuſchen, wenn ſein größter Troſt bei dem Schmerz, welchen dieſe Einwilligung ihn gekoſtet haben muß, nicht der Gedanke war, daß ſie Euch von dem Kummer und der Reue erlöſe, die ſeine Weigerung bei Euch hervorgerufen hatte. Ach, es gibt nur eine ein⸗ zige Perſon, die unſern Darrell der Welt zurückgeben kann— und das ſeyd Ihr.“ Lady Montfort ſchüttelte traurig den Kopf. „Wenn ich nur eine Entſchuldigung hätte— mit Würde— mit Selbſtachtung— zu— zu—“ „Eine Entſchuldigung! Ihr habt eine abſolute Nothwendigkeit um mit Darrell zu verkehren. Ihr habt ihm dieſe Documente zu geben— zu erklären, wie Ihr dazu gekommen ſeyd. Sophy iſt bei ihm; Ihr ſeyd verpflichtet, ſie in einer Sache zu beſuchen, die für ſie von ſo unendlicher Wichtigkeit iſt. Bedenklichkeiten der Prüderie! Ihr, Caroline Lyndſay, die Freundin ſeiner Tochter— Ihr, deren Kindheit in ſeinem eigenen Hauſe auferzogen worden iſt— Ihr, deren Mutter ihm ſolche Verpflichtungen ſchuldete— Ihr ſolltet Euch durch einen Scrupel abhalten laſſen, die Erſte zu ſeyn, welche ihm Auf⸗ ſchlüſſe bringt, die ihn ſo nahe angehen! Und warum bei Gott? Weil, wie es ſcheint, vor Jahrhunderten Eure Hand ihm zugeſagt war, und weil Ihr Euch damals als einfältiges junges Maͤdchen durch allerlei falſchen Schein täuſchen ließet.“ Wiederum ſchüttelte Lady Montfort ihren Kopf traurig— traurig. „Nun,“ ſagte der Oberſt ſeinen Ton verändernd,„ich will zu⸗ geben, daß dieſe früheren Bande jetzt nicht erneuert werden können. Der Mann iſt jetzt alt wie die Hügel, und Ihr hattet kein Recht zu erwarten, daß er ſich ſo ſehr grämen würde, wenn er ganz natürlich einem hübſchen jungen Marquis zu Liebe zum Beſten gehalten wurde.“ „Höret auf, Sir, höret auf!“ rief Caroline zornig. Der Oberſt verharrte kalten Blutes bei ſeinem Thema. „Ich ſehe jetzt, daß von einer ſolchen Heirath nicht mehr die 42 Rede ſeyn kann. Aber iſt es denn ſo weit in der Welt gekommen, daß Einer nicht in jedem beliebigen Alter eine Freundin haben kann, ohne daß ſie ihn heirathet? Da tragt Ihr Bedenken, mich— mich, Euern Vetter— mich, Euern nächſten noch lebenden Verwandten, zu be⸗ gleiten, um die junge Lady abzuholen, die Ihr wirklich an Kindesſtatt angenommen habt!— Ihr tragt Bedenken, Euch auf ein halbes Stündchen dieſem baufälligen alten Fawley anzuvertrauen! Fürchtet Ihr etwa, die Gevatterinnen werden ſagen, Ihr, die Marquiſe von Montfort, laufet einem ſauertöpfiſchen alten Wittwer nach und ent⸗ werfet Pläne, um die Gebieterin eines Herrenhauſes zu werden, das mehr einer Geiſterhöhle als einer Wohnung für civiliſirte Weſen gleich ſieht? Oder fürchtet Ihr etwa, Guy Darrell werde Narr und Geck ge⸗ nug ſeyn zu glauben, Ihr ſeyet gekommen um ihm Eure Hand aufzu⸗ zwingen? Bah, Bah! Solche Scrupel würden am Platze ſeyn, wenn Ihr ein armes naſeweiſes Mädchen, oder wenn er ein eingebildeter junger Zierbengel oder auch ein argwöhniſcher alter Roué wäre. Aber Guy Darrell— ein Mann von ſeiner Stellung, ſeinem Charakter, ſeinen Jahren! Und Ihr, Baſe Caroline, was ſeyd Ihr? Wahrlich über all ſolche jämmerliche Kniffe hoch erhaben durch einen Rang in⸗ mitten der höchſten adeligen Damen Englands;— durch ein präch⸗ tiges Vermögen, durch eine Schönheit, die an und für ſich ſelbſt Rang und Vermögen iſt: und vor allen Dingen durch einen Charakter, der mit ſolch verehrter Reinheit durch ein Gottesurtheil hindurchgegangen iſt, bei welchem jedes Auge einen Fleck ſucht, jedes Ohr einen Scandal herbeilocken möchte. Aber wie Ihr wollt. Ich ſage weiter Nichts, als daß Darrells Zukunft in Euren Händen liegt; daß noch morgen die Gelegenheit, einem Geiſt, der ſich ſelbſt verzehrt und ſein Genie erſtickt, wenigſtens edle Beſchäftigung und dauernden Ruhm zu geben, unwiderruflich verloren ſein kann, und daß ich glaube, wenn Ihr morgen zu Guy Darrell ſagtet: Ihr habt mir Gehör verweigert, als ich Etwas verfocht, was Ihr als eine Schande für Euern Namen be⸗ trachtetet, und dennoch auch Etwas, was Ihr zuletzt der Stimme der 2———— 8 ———õ— ò d—— 2* 1 84 Neigung zugabet, wie wenn es Euch von der Pflicht geboten waͤre— jetzt höret mich an, wenn ich an der Seite Eures älteſten Freundes zu Gunſten Eurer Ehre und im Namen Eurer Väter ſpreche’— wenn Ihr das ſaget, ſo iſt er für ſein Land gewonnen. Ihr werdet ein Unrecht gut gemacht haben; und bitte, werdet Ihr Eure Würde blos⸗ geſtellt haben?“ Cuaroline hatte ſich in die Ecke des Wagens geduckt, ihren Mantel feſt um ihre Bruſt gezogen, ihren Schleier herabgelaſſen; aber kein ſchützendes Kleid, kein Schleier vermochte ihre Aufregung zu verbergen. Der Oberſt zog die Haltſchnur.„Nichts natürlicher als das; Ihr ſeyd die Wittwe des Oberhauptes vom Hauſe Vipont. Ihr ſeyd bei ſeinem Schickſal tief intereſſirt oder ſolltet es wenigſtens ſeyn. Eine lang erwartete ſchreckliche Criſis iſt eingetreten. Das Haus zittert. Ein Verwandter dieſes Hauſes kann ihm einen unſchätzbaren Dienſt leiſten; dieſer Verwandte iſt ein Mann, an deſſen Herd Eure Kindheit erzogen worden; und Ihr— Ihr gehet mit mir— mit mir, der ich dafür bekannt bin, daß ich Himmel und Erde für jede Stimme aufrege, wodurch das Haus befeſtigt werden kann— um dieſen ſchwan⸗ kenden Verwandten um ſeine Unterſtützung und ſeinen Beiſtand anzu⸗ gehen. Ich ſage Euch, Nichts iſt ſo natürlich, und dennoch hegt Ihr Scrupel dem Hauſe Vipont zu dienen— Euer Land zu retten! Ihr möget wohl aufgeregt ſeyn. Ich überlaſſe Euch Euern eigenen Be⸗ trachtungen. Meine Zeit geht nahe zuſammen; ich will hier aus⸗ ſteigen. Laßt mir dieſe Documente. Ich will ſehen, was mit dem Reſt dieſes langen peinlichen Gegenſtandes zu machen iſt. Ich werde Euch heute Abend einen beſonderen Bericht ſchicken, und Ihr werdet mit einer einzigen Zeile die Bitte beantworten, die ich an Gich zu richten gewagt habe.“ 125 Zwölftes und letztes Kapitel, in welchem der Autor alle ſeine Mittel aufbietet, um eine Schlußantwort auf die Frage zu finden:„Was wird er damit machen.“ Schauplatz— die Ufer des Sees von Fawley. George leiht ſeinen Arm Waife; Mrs Morley, die auf der entgegengeſetzten Seite des Waſſers auf ihrem Feldſtuhl ſitzt, legt die letzte Hand an ihre Skizze von dem Herrenhauſe; Sir Iſaak liegt da und betrachtet gravi⸗ tätiſch die Schwäne; das Reh beugt ſich über ihn und nagt gelegent⸗ lich an ſeinem Ohr; Fairthorn hat ſich unbehaglich in einen Winkel des Hauſes zwiſchen zwei Strebepfeiler gedrückt und beobachtet mit boshaftem Auge zwei jugendliche Geſtalten in einiger Entfernung, wie ſie langſam Seite an Seite, aber ohne ſich zu führen, einher⸗ wandeln und zwiſchen den melancholiſchen laubloſen Bäumen bald verloren gehen, bald in den Lichtungen wieder auftauchen. Darrell, der ſo eben Waife und George verlaſſen hat, deren langſamem Gang er ſeine ungeduldigen Schritte nicht anpaſſen konnte, wundert ſich, warum Lionel, den er bei ſeiner Ankunft mit kurzen herzlichen Worten wegen ſeines Schickſals an Sophy gewieſen, mehr als eine Stunde gebraucht hat, um eine einfache Frage zu ſtellen, auf welche man die Antwort ſo ziemlich zum Voraus wiſſen kann. Er rückt gegen dieſe melancholiſchen Bäume vor. Plötzlich verläßt die eine jugendliche Ge⸗ ſtalt die andere und kommt mit raſchem Schritt durch das verwelkte Farnkraut einher. Blaß wie der Tod, ergreift Lionel mit krampfhafter Feſtigkeit Darrells Hand und ſagt:„Ich muß Euch verlaſſen, Sir. Gott ſegne Euch! Alles iſt vorüber. Ich war der blindeſte Narr— ſte weist mich zurück.“ „Sie weist Euch zurück!— unmöglich! Aus welchem Grund?“ „Sie kann mich nicht genug lieben, um zu heirathen,“ antwortete Lionel mit zitternder Lippe und einem Verſuch zu jener Ironie, in welcher jede äußerſte Seelenqual, wenigſtens bei unſerem hochmüthigen Geſchlecht, ſo gerne eine Zuflucht oder Bemäntelung ſucht.„Ich bin * 126 ihr als Freund, als Bruder und ſo fort lieb und werth, aber mehr nicht. Alles ein Irrthum, Sir— Alles mit Ausnahme Eurer aus⸗ gezeichneten Güte gegen mich und ſie, wofür der Himmel Euch ewig ſegnen möge.“ „Ja Alles ein Irrthum von Euch ſelbſt, närriſcher Junge,“ ſagte Darrell zärtlich, und indem er ſich ſcharf umwandte, ſah er Sophy raſch und feſt, gerade in den Raum hinaus vor ſich hinſehend, vorüber⸗ eilen. Er warf ſich ihr in den Weg. „Sagt meinem einfältigen Vetter da, daß ein ſchwaches Herz nie eine ſchöne Dame gewonnen hat. Ihr könnt doch nicht allen Ernſtes bei guter Ueberlegung die Abſicht haben, ein Herz zu verwerfen, das niemals vor einer geringeren Furcht als der, Euch zu verlieren, er⸗ beben wird?“ Arme Sophy! Sie hielt ihre blauen Augen fortwährend auf den kalten grauen Raum geheftet, und ihre Antwort beſtand aus einigen kaum hörbaren Worten, die Mädchen, welche Nein zu ſagen beab⸗ ſichtigen, in jedem Alter zu lernen ſcheinen, wie Vögel ihren Geſang lernen, kein Menſch weiß, wer ſie gelehrt hat, aber ſie gehen alle aus derſelben Tonart.„Verbunden für die Ehre“—„dankbar“—„eine würdigere Perſon“ u. ſ. w. u. ſ. w. Darrell that dieſem verlegenen Kauderwelſch Einhalt.„Meine Frage, junge Lady, iſt feierlich; ſie umfaßt das Schickſal zweier Leben. Wollt Ihr ſagen, daß Ihr Lionel Haughton nicht innig genug liebet, um ihm Eure Hand zu reichen und die ächte Treue zu erwiedern, die er mit der ſeinigen verpfändet?“ „Ja,“ ſagte Lionel, der an die Seite ſeines Vetters gekommen war;„ja ſo iſt's. O Sophy— ja oder nein?“ „Nein!“ fiel von ihren blaſſen feſten Lippen— und im nächſten Augenblick war ſie an Waifes Seite und hatte ihn von George weg⸗ gezogen.„Großvater, Großvater!— heim, heim! Laßt uns ſogleich heimreiſen, oder ich ſterbe.“ Darrell hat ihre Bewegungen und ihr Geſicht ſcharf im Auge 127 behalten. Er ſieht ihr Geberdenſpiel— ihren Blick— wie ſie ſich jetzt an ihren Großvater anklammert. Die blauen Augen ſtarren jetzt nicht kalt in die leere Luft, ſondern ſind aufwärts gerichtet, als er⸗ flehten ſie Stärke von oben. Das jugendliche Geſicht iſt erhaben mit ſeinem Jammer und ſeiner Entſchloſſenheit. „Edles Kind,“ murmelte Darrell,„ich glaube in ihr Herz zu ſehen. In dieſem Fall allerdings, armer Lionel! Mein Stolz hat nachgegeben, der ihrige wird es nie.“ Mittlerweile ſtampfte Lionel mit dem Fuß auf den Boden und drängte unwillig die Thränen zurück, die ſich in ſeinen Augen zu ſammeln ſuchten. Darrell ſchlang ſeinen Arm um die Schulter des jungen Mannes und führte ihn ſachte, langſam hinweg, an dem zacki⸗ gen Dornbaum, an den moosbewachſenen Felſen vorüber. Inzwiſchen leiht Waife den Lippen Sophy's ſein Ohr. Der ab⸗ ſcheuliche Fairthorn taucht zwiſchen den Strebepfeilern hervor und ſchleudert zu George, denn er dürſtet, die Beſtätigung ſeiner Hoff⸗ nungen zu vernehmen, und ſchaut zurück, um dem düſtern alten Hauſe, das er vom See gerettet zu haben glaubt, Glückwünſche zuzulächeln. Sophy hat endlich Waife überzeugt, daß ſeine Sinne ihn nicht täuſchen und daß ſie ſelbſt nicht delirirt. Sie hat geſagt:„O Groß⸗ vater, laßt uns hinfort einander für immer Alles in Allem ſeyn. Ihr ſchämet Euch meiner nicht— ich bin ſo ſtolz auf Euch. Aber es gibt andere Verwandte von mir, Großvater, die wir nicht erwähnen wollen; und Ihr würdet Euch meiner ſchämen, wenn ich Schande über einen Mann brächte, der mir ſeinen Namen und ſeine Ehre an⸗ vertrauen möchte; und würde ich ſo ſtolz auf Euch ſeyn, wenn Ihr mir zumuthetet es zu thun?“ Bei dieſen Worten verſteht Waife Alles und findet kein Beweis⸗ mittel zu ſeinem Gebot; er duldet, daß Sophy ihn gegen das Haus führt. Ja ſie wollen weggehen— ja es ſoll von keinen Heirathsplä⸗ nen mehr die Rede ſeyn. Sie hatten beinahe die Thüre erreicht, als dieſe heftig aufgeriſſen wurde und ein Mann herausſtürzte, Sophy 128 in ſeine Arme nahm und ſie auf Stirne und Wange mit einer Herz⸗ lichkeit küßte, bei der es gut war, daß Lionel nicht zuſah. Sprach⸗ und athemlos vor Unmuth ſträubte ſich Sophy, aber vergebens, bis Waife den Mann beim Kragen packte und ihn wegſchleuderte mit den Worten:„Wie könnt Ihrs wagen, Sir!“ einem Zornesruf, der von den Hügeln wiederſcholl, Sir Iſaak in vollem Galopp vom See her kommen machte— Fairthorn zu ſeinen Strebepfeilern zurückſcheuchte — Mrs. Morley von ihrer Skizze aufjagte— und, als er an die Ohren Lionels und Darrells ſchlug, Beide mechaniſch nach dem Platze trieb, von wo dieſes Donnergeroll ertönt hatte. „Wie ich es wagen kann?“ ſagte der Mann, indem er ſeinen zerzausten Rock wieder in Ordnung brachte—„wie ich es wagen kann meine eigene Nichte zu küſſen?— meiner eigenen Schweſter ver⸗ waistes Kind? Verehrungswürdiger Bandit, ich habe ein weit beſ⸗ ſeres Recht als Ihr. O meine theure, ſchwer mißhandelte Sophy, wenn ich daran denke, daß ich mich an Eurem armen Cattunröckchen ſchämte— wenn ich daran denke, daß ich Eurem hübſchen Geſichtchen Ruf und Vermögen verdanke— und Ihr, Ihr zoget in der Welt herum— Kind der Schweſter, auf deren Schönheit ich ſo ſtolz war, dieſer Schweſter, für welche ich, leider vergebens, Watteaus und Greu⸗ zes auf Ofenſchirme und Fächer malte?“ Wiederum drückte er ſie an ſeine Bruſt, und Waife ſtand dießmal ſtumm und Sophy paſſiv da, denn die Thränen des Mannes floßen über ihr Geſicht und wuſchen jede Schamröthe über den Kuß ab, den ſie heiligten. „Aber wo iſt mein alter Freund William Loſely?— wo iſt Willy?“ rief eine andere Stimme, während ein hochgewachſenex ſchmächtiger Mann aus der Halle ſchritt und dem armen Waife un⸗ bewußt ins Geſicht ſchaute. „Alban Morley!“ ſtammelte Waife;„Ihr habt Euch nur we⸗ nig verändert.“ 1 Der Oberſt blickte wieder, und in dem aͤltlichen, lahmen, einäugi⸗ gen, nüchtern ausſehenden Mann erkannte er den wilden jovialen N R 88 ☛ NR [ο 8 8 8A3 Willy, der die ungebärdigſten Füllen gezähmt, die wahnſinnigſten Sprünge gewagt, die fröhlichſten Lieder gejubelt hatte, den tollköpfi⸗ gen heitern Cumpan, den kindlichen Liebling der Fröhlichen und Ern⸗ ſten, der Jungen und Alten! „Eheu, fugaces, Postume, Postume, Labuntur anni, ſagte der Oberſt, der unvermerkt eine jener horaziſchen Sentenzen ein⸗ geſogen, die fortwährend in dieſer claſſiſchen Atmoſphäre ſchwebten und guf Darrell wie Medicin wirkten, Fairthorn aber krank machten.„Die Jahre entſchwinden, Willy, ſtumm wie Vögel durch die Luft hinſtrei⸗ chen; aber wenn Freund mit Freund nach langer Abweſenheit zuſam⸗ mentrifft, da ſieht Jeder das Gepräge ihrer Krähenfüße auf dem Ge⸗ ſichte des Andern. Doch wir ſind noch nicht zu alt, Willy, um uns noch manchmal am traulichen Kamin zu treffen. Wir können noch immer unſere Klepper beſteigen und werden uns ſelbſt im Tod als gutes Vollblut ausweiſen. Doch Ihr ſeyd begierig zu erfahren, mit welchem Titel und Namen dieſer Fremde ſeinen Anſpruch auf eine ſo unvergleichliche Nichte begründet. So wiſſet denn— ah, hier kommt Darrell. Guy Darrell, in dieſer jungen Lady werdet Ihr die Enkelin von Sidney Branthwaite, unſerem alten Etoner Schulfreund, einem Gentleman von ſo gutem Blut wie nur einer im Lande, bewill⸗ kommnen.“ „Es gibt kein beſſeres Blut,“ rief Fairthorn, der ſich in die Gruppe hereingeſchlichen hatte;„in Eures Vaters großem Werk über eherne Denkmäler findet ſich eine Notiz über, die Genealogie der Branthwaite, Sir.“ „Erlaubt mir zu ſchließen, Mr. Fairthorn,“ fuhr der Oberſt fort;„eherne Denkmäler ſind peinliche Gegenſtände. Ja Darrell, ja Lionel; dieſes ſchöne Geſchöpf, das Lady Montfort wohl zu adop⸗ tiren wünſchen mochte, iſt die Tochter von Arthur Branthwaite aus ſeiner Ehe mit der Schweſter von Frank Vance, deſſen Namen, wie ich ſcharffinnig vermuthe, Nationen preiſen, und deſſen Werke Fürſten 180 ſammeln werden, wenn ſchon manche lange Genealogie, deren Wappen⸗ ſchilder in Azur und Gold prangen, keinen Fetzen für die Motten mehr hinterlaſſen haben wird.“ „Ah!“ murmelte Lionel,„war nicht ich es, Sophy, der Euch 1 Eures Vaters Genius lieben lehrte? Erinnert Ihr Euch nicht, wie ſein Buch, als wir es zuſammen laſen, uns unſere eigenen Gefühle zu überſetzen, uns näher zu einander hinzuziehen ſchien? Er ſprach zu uns von ſeinem Grabe aus.“ Sophy gab keine Antwort; ihr Geſicht war an der Bruſt des alten Mannes verborgen, an den ſie ſich immer feſter anklammerte. „Iſt es ſo?“ iſt es gewiß? Beſteht kein Zweifel, daß ſie das Kind dieſer geehrten Eltern iſt?“ fragte Waife zitternd. „Keiner,“ antwortete Alban;„wir bringen Beweiſe mit, die meine ganze Geſchichte aufklären werden.“ Der alte Mann beugte eine Weile ſein Haupt über Sophy's ſchöne Locken; dann erhob er es heiter und würdevoll:„Ihr ſeyd noch für einen Augenblick mein, Sophy,“ ſagte er. „Euer für immer— zärtlicher, dankbarer als je!“ rief Sophy. „Es gibt nur einen einzigen Mann, dem ich Euch mit meinem Willen abtrete. Sohn von Charles Haughton, nehmet meinen Schatz!“ „Ich willige ein,“ rief Vance,„obſchon ich auf die Seite ge⸗ 1 ſchoben werde wie ein hartherziger Baron. Und Lionello mio, wenn Frank Vance ein Knicker iſt, ſo iſt es um ſo beſſer für ſeine Nichte.“ .„Aber,“ ſtammelte Lionel. 48 O ſtammle nicht. Schau in dieſe Augen; lies dieſes Erröthen 1 jetzt! Sie blickt ſcheu, nicht widerſtrebend drein. Sie neigt ſich vor. ihm, geſchmückt wie zur Liebe mit all ihrer angeborenen Grazie. Die Luft ſcheint aufgeheitert durch ihr Erblühen. Nicht mehr das 3 4 außer dem Geſetz ſtehende Kind der Schande und des Betrugs, ſon⸗ dern die ſternglänzende Tochter der Poeſie und Kunſt! Seht! wie ſie dahingleiten unter den laubloſen melancholiſchen Bäumen. Laublos ——— 131 und melancholiſch? Nein! Grün und Blüthe und das Lächeln des Lenzes kommen auf jedem Zweige zum Vorſchein. „Ich vermuthe,“ ſagte Alban,„es wird jetzt Lionel nicht das Herz brechen, wenn er erfährt, daß ich kaum eine Stunde vor meiner Abreiſe aus London von einem Freund im Kriegsminiſterium erfahren habe, es ſey beſchloſſen worden das— Regiment ſtatt des Lionel'ſchen fortzu⸗ ſchicken; und ſo wird er ſich wahrſcheinlich noch eine gute Zeit zu einem ruhmloſen Gluck bequemen müſſen. Kommt her, George: ich habe Euch ein Wort ins Ohr zu ſagen.“ Und Alban zog ſeinen Neffen bei Seite und ſchilderte ihm Jaſpers Zuſtand ſo wie Arabella's Wunſch. „Kein Wort heute über dieſe traurigen Gegenſtände zu dem armen Willy. Heute laßt uns ſeinem Schmerz über den Verluſt einer En⸗ kelin Nichts beifügen oder ſeine Wonne über das Glück und die Sicher⸗ heit, die ſeine Sophy bei dieſem Verluſte gewinnt, durch Nichts dämpfen. Aber morgen werdet Ihr hingehen, dieſen niedergeſchmet⸗ terten Sünder beſuchen und den Vater aufs Schlimmſte vorbereiten. Ich habe ausdrücklich geſtern Nacht Doctor F. aufgeſucht. Er gibt Jaſper nur noch wenige Wochen. Er vergleicht ihn mit einem Berg, der nicht blos durch ein Erdbeben erſchüttert, ſondern auch durch ſeine eigenen inneren Feuer ausgebrannt ſey.“ „Nur noch wenige Wochen,“ ſeufzte George.„Nun, die Zeit, die dem Menſchen Alles zu ſeyn ſcheint, exiſtirt nicht einmal in den Augen Gottes. Dieſem alten Mann verdanke ich die Kraft der Sprache, um Vorſtellungen zu machen, zu ermahnen und zu tröſten! — erbildete mich heran, um am Todtenbett ſeines Soh⸗ nes zu knieen.“ „Ihr glaubet,“ fragte der Weltmann,„an die Wirkſamkeit einer Todtenbettsreue, wenn ein Sünder geſündigt hat, bis die Kraft zur Sünde ihn verließ?“ „Ich glaube,“ antwortete der Prediger,„daß es für einen Ge⸗ ſunden nichts ſo Unſicheres gibt, als wenn er ſeine Reue bis zum Todtenbett verſchiebt; ich glaube, daß die Reue auf dem Todtenbett nicht nutzlos ſeyn kann.“ Alban ſah nachdenklich aus, und George wandte ſich wieder zu Waiſe, welchem Vance die Entdeckung von Sophy'’s Verwandtſchaft erzählte, während Fairthorn im Zuhören ſeine Flöte aus der Taſche zog und ſie einzuſchrauben begann, da es ihn drängte in zarter Muſik Gefühlen Luft zu ſchaffen, die er für ſeine täppiſche unmelodiſche Zunge nicht hätte in Worte bringen können. Der Oberſt geht zu Darrell und beeilt ſich ihm die Geſchichte, welche Vance eben Waife vorträgt, vollſtändiger zu entwickeln. Wir wollen die dem Leſer ſchuldige Erklärung möglichſt kurz machen. Vance's Schweſter war im Kindbett geſtorben. Der arme junge Poet, unfähig mit dem Mangel zu kämpfen— ſeine gefühlvolle Na⸗ tur hatte es mit einem Körper zu thun, welcher der Anſtrengung er⸗ ſchöpfender Aufregungen nur ſchwach widerſtehen konnte— enttäuſcht in ſeinen Hoffnungen auf Ruhm, verzweifelnd an allem Glück, wegen ſeines Brods auf den noch ganz jungen Bruder ſeiner Frau angewie⸗ ſen und von kleinen Schulden gequält in einem fremden Lande, hatte ſich ſchnell abgehärmt, noch ehe dieſes letzte Unglück kam, gegen wel⸗ ches alles Andere als Nichts erſchien. Bei dieſem Jammer brach er auf einmal zuſammen und ſtarb wenige Tage nach ſeiner Frau, mit Hinterlaſſung eines Kindes, das noch keine Woche alt war. Eine franzöſiſche Theaterſängerin von einigem Ruf, die eine Kunſtreiſe in der Provinz machte, wohnte in demſelben Haus wie das junge Paar. Sie beſaß jenes mitleidige Herz, das bei den Stämmen, welche die proſaiſche wahre Welt verlaſſen, um ſich der leichtern, funkelnden und falſchen zuzuwenden, gewohnlicher iſt als Klugheit oder allzu ſtrenge Grundſätze. Sie hatte dem jungen Paar in ſeinen letzten Tagen mit ihrer Börſe und freundlichen Dienſtleiſtungen beigeſtanden; ſie war bei der Geburt des Kindes und dem Tode der Mutter zugegen gewe⸗ ſen, und ſie hatte Arthur Branthwaite verſprochen, ſie wolle ſein Kind + 8 8 8n— —— 133 in ihre Obhut nehmen, bis ſie es ſicher zu den Verwandten ſeiner Frau ſchaffen könne, während er unter Thränen geſtand, daß dieſelben, eben ſo arm wie er, eine ſolche Aufgabe nur als eine Laſt betrachten könnten. Die Sängerin ſchrieb Mrs. Vance den Tod ihrer Tochter und ihres Schwiegerſohns, ſo wie die Geburt des Kindes, das ſie in Bälde nach England zu ſchicken verſprach. Aber das Kleine, das ſie mittler⸗ weile zu ſich nahm, gewann ihre Neigungen; mit ſener ſehnſüchtigen Kinderliebe, die eine ſo merkwürdige und beinahe allgemeine charak⸗ teriſtiſche Eigenſchaft der Franzöſinnen(wenn ſie ſelbſt kinderlos ſind) unter der wandernden Klaſſe der Bohémiens ausmacht, die ſich von den gewöhnlichen häuslichen Neigungen ausgeſchloſſen ſieht, welche im Herzen des Weibes nicht ſterben, bis die Weiblichkeit ſelbſt erſtorben iſt, ſchloß ſich die Sängerin an die kleine Waiſe an, der ſie für den Augenblick die Pflege einer Mutter widmete. Sie konnte es nicht übers Herz bringen ſich von ihr zu trennen, und beſchloß daher ſie zu adoptiren. Die Kenntniß von Mrs. Vance's Umſtänden, ſo wie die Idee, daß die Waiſe, die ihr ſelbſt eine Wonne war, für ihre eigenen Ver⸗ wandten nur eine unwillkommene Laſt ſeyn würde, beſeitigten jeden Scrupel in einem Gemüth, das nicht gewöhnt war ſich durch ernſte Ueberlegung in der Befriedigung eines innern Dranges ſtören zu laſſen. Sie ſchrieb Mrs. Vance, das Kind ſey geſtorben. Sie hoffte, ihr Brief würde ohne weitere Beweiſe ſo armen Verwandten genügen, die ſich nicht denken konnten, daß man ein Intereſſe dabei hätte ſie zu täuſchen. Ihr Glaube war wohl begründet. Mrs. Vance und der Knabe Frank, deren volles Vertrauen und innige Dankbarkeit ihrer Correſpondentin bereits für ihre freundlichen Dienſtleiſtungen gegen die jungen Eltern gewonnen waren, nahmen die Nachricht vom Tode des Kindes ohne Bedenken und Zweifel auf. Die Sängerin zog nach der nächſten Stadt, wo ſie engagirt war. Das Kind, das man bisher ohne Muttermilch auferzogen hatte, wurde kränklich. Der herbeige⸗ 134 rufene Arzt empfahl die natürliche Nahrung und fand in einem be⸗ nachbarten Dorf die Amme, welcher Jaſper Loſely kurz vorher ſeine eigene Tochter übergeben hatte. Die letztere ſtarb; die Amme zog hierauf nach Paris, um bei der Sängerin zu wohnen, die an einem der hauptſtädtiſchen Theater ein vortheilhaftes Engagement erhalten hatte. In weniger als zwei Jahren erlag die Sängerin ſelbſt einer graſſirenden Epidemie. Sie hatte ohne Gedanken an den morgenden Tag dahingelebt. Ihre Schulden überſtiegen ihre Mittel; ihre Effecten wurden verkauft. Die Amme, die mittlerweile Wittwe geworden war, kam um Rath und Zuflucht zu ihrer Schweſter, die ſich im Dienſt von Gabriele Desmarets befand. Gahriele, an die man ſich natürlich wandte, ſah das Kind, hörte die Geſchichte, las den Bericht, welchen die Sängerin in Form einer Beichte gegeben und in Gegenwart eines Notars kurz vor ihrem Tod unterzeichnet hatte; las die von der Sän⸗ gerin ſorgfältig aufbewahrten Briefe von Mrs. Vance und die Schul⸗ jungenkritzeleien von Frank ſowohl an die Sängerin als an die Eltern des Kindes; überzeugte ſich von der Armuth und Dunkelheit der na⸗ türlichen Verſorger und nächſten Verwandten des Kindes, und ſagte zu Jaſper, der eben das Vermögen verſchleuderte, das ihm als Erben ſeiner Frau und ſeines Kindes ausgefolgt worden war:„Da iſt Et⸗ was, was Euch bei geſchickter Behandlung in den Stand ſetzt einem reichen Schwiegervater zu Leibe zu gehen, wenn alles Andere fehlge⸗ ſchlagen hat. Ihr braucht nur zu ſagen, dieß Kind ſey ſeine Enkelin, die Amme können wir leicht beſtechen oder bereden, daß ſie das Mähr⸗ chen beſtätigt. Ich, die er bereits als jene reſpectable Baronin und Freundin Eurer Matilda kennt, kann der Geſchichte einige wahrſchein⸗ liche Anſtriche geben. Der einſame kinderloſe Mann muß ſich freuen bei dem Gedanken, daß ihm noch ein Band übrig bleibt. Die Kleine iſt ausnehmend hübſch; ihr Geſichtchen wird für ſie ſprechen. Seinem Herzen wird die Idee zu gut gefallen, als daß er allzu ſtrenge Nach⸗ forſchungen anſtellen ſollte. Nehmet das Kind. Ohne Zweifel könnt Ihr in Eurem eigenen Land eine Perſon finden, die es wohlfeil oder 135 umſonſt aufzieht, bis die Zeit kommt, wo Ihr Euch an Euern Schwie⸗ gervater wenden könnt, wenn kein anderer Anſpruch auf ſeine Börſe übrig bleibt.“ Jaſper kging mit der ſorgloſen Gelehrigkeit, wodurch er Gabrie⸗ leus überlegene Schlauheit immer anerkannte, auf die Sache ein. Er ſah die Amme; es war klar, daß ſie Nichts zu gewinnen hatte, wenn ſie das Kind für ſo arme engliſche Verwandte aufbewahrte. Sie konnten ihr den Glauben verweigern und jedenfalls keine Belohnung geben. Um das Kind los zu werden und die Mittel zur Rückkehr in ihr Ge⸗ burtsdorf mit einigen hundert Franken in ihrer Börſe zu erhalten, gab es kein Verſprechen das ſie nicht zu leiſten bereit, keine Erzählung zu deren Vortrag ſie zu ehrlich, kein Papier zu deſſen Unterzeichnung ſie zu ängſtlich war. Jaſper ging nach London, wo er für ſeine eigene Perſon ein Abenteuer hatte. Er nahm das Kind— ſtieß zufällig auf Arabella— das Uebrige weiß der Leſer. Die Gleichgültigkeit, welche Jaſper ſtets gegen ein Kind an den Tag legte, das nicht ſein eigen war— die Härte, womit er die Trennung ſeines Vaters von einem Geſchöpf eingeleitet, das er durch falſche Vorwände der Liebe des alten Mannes aufgedrängt hatte und nur als eine fremde Beläſtigung für die dürftigen Mittel ihres getäuſchten Beſchützers betrachtete— die launiſche und unbeſtändige Art, wie er, als(ganz dem Raiſonnement entgegen, welches Gabriele auf eine ſehr umfaſſende Erfahrungs⸗ kenntniß der Leichtgläubigkeit menſchlicher Natur im Allgemeinen, je⸗ doch bei gänzlicher Unkenntniß der Darrell ſchen Natur im Beſondern begründet hatte) ſein erſter Betrugsverſuch ſo verachtungsvoll von ſeinem entrüſteten Schwiegervater abgewehrt worden war, mit einem Erpreſſungsmittel geſpielt hatte, das er zwar nicht aus der Hand laſ⸗ ſen wollte, von dem er aber wohl wußte, daß es keine ſtrenge Unter⸗ ſuchung aushielt;— alles Das iſt dem Leſer jetzt klar. Und der Leſer wird auch begreifen, wie Jaſper bei ſeiner letzten Beſprechung mit ſeinem Vater, theils aus Furcht, dieſer möchte ihn verrathen, theils in Folge eines gewiſſen Mitleids, das ihm nicht geſtattete den alten Bulwer, was wird er damit machen? VIII. 10 Mann eines Glaubens zu berauben, worin William Loſely einen ſolchen Troſt zu finden verſicherte, vor der Erklärung zurückbebte: „Aber ſie iſt ja nicht Eure Enkelin.“ Die Idee ſich an die wahren Verwandten des Kindes zu wenden, kam natürlich Jaſper gar nicht in den Kopf. Er hielt ſie für eben ſo arm, als er ſelbſt war. Wie ſollten ſie ihm das Kind von Eltern abkaufen, denen zu Liebe ſie ſelbſt, wie aus ihren Briefen klar hervorging, die größten Opfer ge⸗ bracht hatten, ohne ſie jedoch vor gänzlichem Mangel ſchützen zu kön⸗ nen! Dieſer Gedanke erſchien ſo abenteuerlich, daß Jaſper die Exiſtenz ſo nutzloſer Verwandten ſchon lange vergeſſen hatte. Glücklicherweiſe hatte die Amme die ſchriftliche Darſtellung der Sängerin aufbewahrt; ebenſo die Briefe von Mrs. Vance und Frank— den Geburts⸗ und Taufſchein des Kindes— einige arme Reliquien von Sophy's un⸗ glücklichen Eltern— Manuſcripte von Arthurs Gedichten— Kinder⸗ häubchen mit Anfangsbuchſtaben und Wappenzierrathen, welche die junge Frau vor ihrer Entbindung hineingeſtickt: alles Das hatte die Sängerin der Amme übergeben, und die Amme ſtellte es bereitwillig Mrs. Crane zur Verfügung, nebſt ihren eigenen förmlichen Ausſagen über die Thatſachen, beſtätigt durch ihre Schweſter, Gabrielens alte vertraute Dienerin, die, glücklicher als ihre Gebieterin, in den länd⸗ lichen Scenen ihrer früheren Unſchuld friedlich vom Zins der Summen lebte, die ſie in nicht unſchuldigem Dienſt erſpart hatte— noch weiter beſtätigt durch Anfragen bei vielen Perſonen, deren Zeugniſſe Schritt für Schritt die Geſchichte des Kindes von ſeiner Geburt bis zu ſeiner Ueberlieferung an Jaſper nachweiſen konnten, ſo wie endlich durch das kurze aber deutliche Bekenntniß, das Jaſper ſelbſt mit zitternder Hand niedergeſchrieben. Wie ein verworrener Garnſtrahn, wenn der letzte Knoten gelöst iſt, plötzlich frei dahingleitet, ſo wurde dieſes lange Ge⸗ heimniß, das ſo viel Kopfzerbrechen gekoſtet, jetzt klar wie eine all⸗ tägliche Geſchichte. Welche jahrelange Leiden hätte Darrell ſich er⸗ ſparen können, wenn er ſelbſt die Amme geſehen und befragt hätte— wenn ſeine Unterſuchung weniger durch die Befürchtungen ſeines 137 Stolzes beengt geweſen wäre— wenn der große Advocat nicht ſich ſelbſt zum Clienten gehabt hätte! Darrell ſtellte Alban Morley ſchweigend die Papiere zurück, auf die er einen Blick geworfen hatte, als ſie langſam an dem abhängigen Ufer des Sees auf⸗ und abwandelten. „Es iſt gut,“ ſagte er, indem er, wie Fairthorn vor ihm, einen zärtlichen Blick auf das alte Haus warf, das jetzt vom Todesurtheil befreit war und Erlaubniß erhielt ſeine Zeit auszuleben.„Es iſt gut,“ wiederholte er, indem er auf denjenigen Theil der Landſchaft ſchaute, wo er juſt einen Schimmer von Sophys lichter Erſcheinung hinter dem zackigen Dornſtrauch erblickte;„es iſt gut,“ wiederholte er dreimal mit einem Seufzer.„Arme menſchliche Natur! Alban, könnt Ihr begreifen, daß ich, der ich einſt ſo ſehr fürchtete, dieſes arme Kind möchte ſich als Blutverwandte von mir ausweiſen können, jetzt da ich weiß, daß ſie es nicht iſt, eine gewiſſe Leere, einen gewiſſen Ver⸗ luſt empfinde! Mit Lionel bin ich nur ſo weitläufig verwandt— was kann ich für ſeine Frau, für ſeine Kinder ſeyn? Ein reicher alter Mann; je früher er in ſein Grab ſinkt, um ſo beſſer. Ein paar Thränen und dann das Teſtament! Aber, wie Ihr mir geſagt, dieſes Leben iſt nur eine Schule; der neue Ankömmling in der letzten Klaſſe hält den juſt austretenden Schüler der erſten für ſo alt, und was uns betrifft, ſo ſcheint es mir bei einem Rückblick, als wären wir erſt ge⸗ ſtern zuletzt angekommen oder aus der oberſten Klaſſe ausgetreten.“ „Ich dachte,“ ſagte Alban kläglich,„daß ich wenigſtens für kurze Zeit mit peinlichen Gegenſtänden fertig wäre. Ihr ſchwelget darin. Mein lieber Guy, Ihr habt die Schule noch nicht verlaſſen; tretet mit Ehre aus; gewinnt den beſten Preis.“ Und Alban verſenkte ſich auf einmal in die Criſis. Er wurde beredt; die Partei, das Land, die große Maßregel, die Darrell anvertraut werden ſollte, wenn er ſie nur als Mitglied des Cabinets unternehmen wollte; die Pairsſchaft, das Haus Vipont und unſterblicher Ruhm!— beredt wie Ulyſſes, der den Sohn des Peleus in Troilus und Creſſida haranguirt. 10* 138 Darrell hörte kaltblütig zu; nur ſo lange Alban bei der Maß⸗ regel verweilte, welcher er, während ſie für praktiſche Staatsmänner noch zu unreif war, als Denker angehangen hatte, flammte des Red⸗ ners Auge von jugendlichem Feuer. Eine große Wahrheit iſt ewig wahr für ein großes Herz, das einmal ihren Keim genährt und ihre Früchte vorhergeſehen hat. Aber als Alban von dieſem Theil ſeines Thema abging, da ſchien alles Uebrige ſeinen Zuhörer zu langweilen. Sdiee hatten jetzt ihren Spaziergang nach der entgegengeſetzten Seite des Sees gedreht und verweilten in der Nähe der dicken Buchen, welche dem trauernden Eigenthümer durch ſo geheime Erinnerungen geheiligt und verdüſtert wurden. „Nein, mein lieber Alban,“ ſagte Darrell,„ich kann nicht Ju⸗ gend und Geiſtesfriſche genug aufbieten, um von Neuem die ſtürmiſche Arena zu betreten, die ich verlaſſen habe. Ach! ſchaut dorthin, wo Lionel und Sophy einherwandeln. Gebt mir, ich ſage nicht Lionels Jahre, aber Lionels Reichthum an Hoffnungen, und ich möchte noch immer einen Wunſch nach Ruhm und eine Stimme für England haben; aber es iſt eine ſcharfſinnige Wahrheit, daß, wenn ein Mann keinen heimiſchen Herd beſitzt, ein Verbindungsglied zwiſchen ſeinem Lande und ihm ſelbſt verloren iſt. Gemeiner Ehrgeiz mag vorhanden ſeyn— der ſelbſtſüchtige Wunſch nach Macht; ſie waren in mir nie⸗ mals ſehr ſtark und ſind jetzt weniger ſtark, als der Wunſch nach Ruhe; aber dieſe ſchöne heitere glorreiche Vereinigung aller Neigungen eines geſellſchaftlichen Bürgers, die am Herde beginnt und ſich rings über das Land ausbreitet, iſt nicht für des Eremiten Zelle.“ Alban war nahe daran in ärgerlicher Verzweiflung den Kampf aufzugeben, als er bei einem zufälligen Blick nach der entfernteren Tiefe des Buchenhains einen Schimmer— gleichviel von was— er⸗ haſchte; aber er beſchleunigte ſeinen Schritt in der Richtung, nach welcher ſein Blick geſchweift hatte, ſetzte ſich auf die knorrigen Wur⸗ zeln eines Baumes, welcher der Monarch des Waldes zu ſeyn ſchien und ſich weit ausbreitete, wie derjenige unter dem einſt Tityrus geruht, 139 und hier, außer dem Sehkreis der Gruppen auf dem entgegengeſetzten Ufer des Sees, hier ließ er, als ob er für das was ihm noch zu ſagen blieb den düſterſten und geheimſten Platz gewählt hätte, in den deut⸗ lichſten, jedoch matten Tönen ſeiner ausgezeichnet feinen und gebildeten Sprache die Worte fallen:„Ich habe eine Botſchaft für Euch von Lady Montfort. Ruheloſer Mann, kommt näher und ſteht ſtill, ich bin todmüde.“ Darrell näherte ſich, und indem er ſich an den Stamm des Rieſenbaums anlehnte, ſagte er mit verſchränkten Armen und zu⸗ ſammengepreßten Lippen: „Eine Botſchaft von Lady Montfort!“ „Ja. Ich hätte Euch beiläufig ſagen ſollen, daß ſie es war, die als Frau natürlich Etwas durchſetzte, was mir als Mann trotz un⸗ glaublicher Mühen und Anſtrengungen gänzlich mißlang, nämlich daß ſie Arabella Foſſett alias Crane entdeckte und von ihr die Dokumente erhielt, die Euer Leben für immer von einer läſtigen und qualvollen Furcht befreien. Ich beſtürmte ſie mich hieherzubegleiten und die Do⸗ kumente ſelbſt in Eure Hand zu geben. Sie weigerte ſich; Ihr waret nicht ſo viel Mühe werth, mein lieber Guy. Ich bat ſie mir wenig⸗ ſtens zu geſtatten, daß ich Euch ein Papier zeige, das Jaſper Loſelys Beichte in Betreff einer Verſchwörung enthielt, wodurch ſie vor einigen Jahren gegen Euch eingenommen werden ſollte— einer ſo ſpitzbübiſch ingeniöſen Verſchwörung, daß ſie jede zartſinnige und ſtolze Dame gänzlich von dem Vorwurf der Unbeſtändigkeit entlaſtete, wenn ſie einer Regung des Aergers und der Verzweiflung nachgab. Aber Lady Montfort wünſchte nicht entlaſtet zu werden; Eure gute Meinung hat nicht den geringſten Werth mehr für ſie. Doch, um zur Sache zu kommen. Sie bat mich Euch zu ſagen, daß Ihr, wenn Ihr darauf beſtehet Euch in einer Eremitenzelle vor jeder Begegnung mit ihr zu ſchützen— wenn ſie für Euern Frieden ſo gefährlich ſey, einer ſolch albernen Befürchtung entſagen könnet. Sie geht ins Ausland, und unter uns geſagt, mein lieber Kamerad, ich zweifle nicht daran, daß ſie ſich, bevor ſechs Monate um ſind, wieder verheirathen wird. Ich ſprach von Euern Leiden; ſie ſagte mir, daß ſie nicht das mindeſte Mitleid für dieſelben habe.“ „Alban Morley, Ihr unterſtandet Euch ſo von mir zu reden?“ rief Darrell blaß vor Wuth. „Schlaget zu, aber höret mich. Es iſt wahr, Ihr wolltet, als ich das letzte Mal in Fawley war, es nicht geſtehen, daß ſie die Ur⸗ ſache Eures abgeſchloſſenen Lebens, Eurer zerſtörten Laufbahn iſt; aber ich wußte es beſſer. Inzwiſchen laßt mich fortfahren, bevor Ihr mich erdroſſelt. Lady Montforts frühere freundſchaftlichen Gefühle gegen Euch haben ſich augenſcheinlich gänzlich verändert, und ſie be⸗ auftragte mich hinzuzufügen, ſie hoffe in der That, daß Ihr Euern geſunden Verſtand und Euern Stolz(wovon Ihr, Gott weiß, eine ſchöne Portion beſitzet) dazu aufbieten werdet, um ein albernes und romantiſches Gefühl auszurotten, das ihr ſo mißfällig ſey und ſo—“ „Es iſt nicht wahr! es iſt nicht wahr! Was habe ich Euch gethan, Oberſt Morley, daß Ihr mich ſo verleumden könnt? Ich Euch höhniſche und beleidigende Botſchaften zuſchicken, Mr. Darrell! Ich — ich! Ihr könnt es nicht glauben— Ihr könnt nicht!“ 1 Caroline Montfort ſtand zwiſchen Beiden, wie wenn ſie vom Himmel herabgefallen wäre. Ein halb triumphirendes, halb ſpöttiſches Lächeln ſpielte auf den Lippen des feinen Gentleman. Es verſchwand augenblicklich, als ſein Auge von dem Geſicht des ernſten Weibes auf das des ernſten Mannes ſchweifte. Alban Morley neigte unwillkürlich ſein Haupt, murmelte einige ungehörte Worte und machte ſich unbemerkt davon. Es war keine Verabredung und kein Vorbedacht, was Caroline Montfort auf dieſen Platz führte; ſie hatte ſich dazu verſtanden ihren Vetter nach Fawley zu begleiten, aber bevor ſie die Parkthüren er⸗ reichte, entfiel ihr der Muth; ſie wollte im Wagen bleiben; der Oberſt, deſſen man, was nun auch das Ergebniß ſeiner politiſchen Sendung zu Darrell ſeyn mochte, möglichſt bald in London bedurfte, konnte ſich nicht lang in Fawley aufhalten, und ſie wollte mit ihm zurückkehren. 141 Vances Anweſenheit und ungeduldiges Verlangen ſeine Nichte zu umarmen geſtattete dem Oberſt keine Gelegenheit zu Beweisführungen und Unterhandlungen. Aufgebracht über dieſe neue Erfahrung von der launiſchen Unbeſtändigkeit des Weibes, war er mit Vance nach dem Herrenhaus gegangen. Allein gelaſſen, konnte Caroline die Stille und Unthätigkeit nicht ertragen, die den Tumult ihrer Gedanken noch vergrößerte; ſie wollte wenigſtens noch einen Blick— es mochte ja der letzte ſeyn— auf die Landſchaften werfen, wo ihre Kindheit geſpielt, wo ihre Jugend die erſten glücklichen Träume geträumt hatte. Nur einen kurzen Gang durch dieſes begrenzte Gut, durch dieſe ſchattigen kleinen Haine, und ſie wollte ſich unbemerkt in die Nähe des Hauſes um den geliebten See hin ſchleichen, vielleicht auch noch ein einziges Mal einen flüchtigen Blick auf den Eigenthümer erhaſchen. Sie be⸗ ſchloß, ſie glitt dahin; ſie erreichte den Buchenhain, als bei der raſchen Biegung des Ufers Darrell und Alban plötzlich auf denſelben Platz kamen. Das Flattern ihres Kleides, als ſie umkehrte, um ſich zurück⸗ zuziehen, fiel Alban ins Auge. Der Leſer begreift, mit welchem ſchlauen Plan, der im Nu entworfen wurde, dieſer gewiſſenloſe Ränke⸗ ſchmied die Worte einrichtete, die ihren Fußtritt feſſelten und ſie dann zur Selbſtentdeckung anreizten. Zitternd und erröthend ſtand ſie jetzt vor dem verblüfften Manne, der für den Augenblick keine andere Em⸗ pfindung hatte, als das Gefühl unſäglicher namenloſer Wonne ſich wieder einmal in ihrer Nähe zu befinden, während Caroline nach ihrem erſten leidenſchaftlichen Ausbruch ſich beeilte in verworrenen abge⸗ brochenen Worten zu erklären, daß ſie blos durch Zufall hier ſey; ihre Verwirrung wurde aber immer größer, denn wie ſollte ſie den Grund erklären, der ihre Tritte an dieſen Platz gezaubert hatte? Plötzlich kam vom entgegengeſetzten Ufer die Muſik der Zauber⸗ flöte, und eben ſo plötzlich ſtockte Carolinens Stimme und verſagte ihr. „Wieder— wieder,“ ſagte Darrell träumeriſch.„Dieſelbe Muſik! dieſelbe Melodie! und dieß derſelbe Platz, wo wir Beide bei⸗ ſammen ſtanden, als ich zum erſten Mal die Worte wagte: Ich liebe! 1¹² Seht, wir ſtehen unter demſelben Baum! ſeht, da iſt das Datum, das ich in die Rinde einſchnitt, als Ihr abgereist waret, aber die Hoffnung zurückgelaſſen hattet. Ach, Caroline, warum kann ich mich jetzt nicht in das Alter ergeben? Warum rauſcht, während ich ſpreche, die Jugend in mein Herz, in meine Seele zurück? Warum kann ich nicht ſagen: Ich nehme Eure zärtliche Freundſchaft dankbar an; laßt das Vergangene vergeſſen ſeyn; ſeyd mir für den Reſt meiner Zukunft auf Erden wie ein Kind. Ich kann nicht— ich kann nicht— geht!“ Sie trat ſanft und ſchüchtern näher zu ihm.„Auch Das, Dar⸗ rell— auch Das; irgend Etwas in Eurem Leben— laßt mich noch immer Etwas ſeyn.“ „Ja,“ ſagte er mit ſchwermüthiger Bitterkeit,„Ihr täuſchet mich jetzt nicht mehr. Ihr geſtehet, daß, als wir das letzte Mal hier ſtan⸗ den und einander Treue gelobten, Ihr in der Blüthe und ich in der erſten Reife des Lebens— Ihr geſtehet, daß es damals keine Weibes⸗ liebe, taub gegen alle Verleumdung, unzugänglich für alle Kunſtgriffe, die dem Abweſenden ſchaden konnten, daß es keine Weibesliebe, warm wie das Herz, unſterblich wie die Seele war, was Ihr mir da ver⸗ pfändetet?“ „Darrell, dieß war es nicht— obſchon ich es damals dachte.“ „Ja, ja,“ fuhr er mit einem Lächeln fort, wie wenn er in ſeinen eigenen Qualen ſchwelgte,„ſo wird dieſe Wahrheit endlich einge⸗ ſtanden! Und als Ihr, wieder frei, mir den Brief ſchriebet, den ich Euch zerriſſen zurückſchickte— oder als Ihr, meine rohe Beleidigung und meine grimmigen Vorwürfe verzeihend, vor etlichen Worten dort in dieſen einſamen Schatten ſo ſanft mit mir ſprachet, was waren damals Eure Gefühle, Eure Beweggründe? War es nicht ein lang unterdrückter freundlicher Gewiſſensbiß?— Eine Menſchenliebe, ähnlich derjenigen, welche den Reichen an den Armen bindet, das Glück veranlaßt, ſich zu dem Leiden herabzuneigen— einige Erinne⸗ rungen der Dankbarkeit— ja vielleicht kindlicher Zuneigung?— Alles liebenswürdig, Alles großmüthig, Alles in dieſe Holdſeligkeit einer Natur getaucht, welcher ich unbewußt Gerechtigkeit widerfahren ließ in der Seelenqual, die ich erduldete, als ich Euch verlor; aber ſaget mir nicht, daß ich ſelbſt damals unter dem Einfluß der Weibes⸗ liebe geſtanden habe.“ „Darrell, es iſt wie Ihr ſagt.“ „Ihr geſtehet es und Ihr duldet, daß ich Euch wiederſehe! Läp⸗ piſches und grauſames Weib, thut Ihr es blos um das Gefühl Eurer ungeſchwächten, unabänderlichen Gewalt zu genießen?“ „Ach, Darrell, ach! warum bin ich hier? warum ſehne ich mich, warum fürchtete ich mich ſo ſehr zu kommen? warum entfiel mir mein Herz, als ich dieſe Bäume gegen den Himmel emporragen ſah?— warum, warum— warum wurde es durch den Zauber hiehergezogen, dem ich nicht widerſtehen konnte? Ach, Darrell, ach! Ich bin jetzt Weib— und— und dieß iſt—“ Sie ſenkte ihren Schleier und wandte ſich weg; ihre Lippen konnten das Wort nicht ausſprechen, weil das Wort nicht Mitleid, nicht Reue, nicht Erinnerung, auch nicht Neigung war; und das Weib liebte jetzt zu ſehr, um ihre Liebe der zufälligen Möglichkeit der Verwerfung preiszugeben. „Bleibt, o bleibt!“ rief Darrell.„O daß ich es wagen könnte, Euch um Vollendung Eures Satzes zu bitten! Ich weiß— ich weiß durch die geheimnißvolle Sympathie meiner eigenen Seele, daß Ihr mich jetzt nie mehr täuſchen könntet! Iſt es— iſt es—“ Seine Lippen ſtammeln gleichfalls, aber ihre Hand wird in der ſeinigen ge⸗ drückt; ihr Kopf ruht an ſeiner Bruſt; der Schleier wird weggezogen von dem holden niedergeſenkten Geſicht; und ſanft ſtehlen ſich an ihr Ohr die gemurmelten Worte:„Wieder und jetzt bis zum Grab— o, bei dieſem heiligenden Kuß wieder— die Caroline von ehemals!“ Voller und voller, Woge um Woge durch die Luft ſich verbreitend, bis er mit dem Athem der Hörenden vermengt ſcheint, ſtrömt der Flöte weicher Erguß entlang. Die Sonne neigt ſich friedlich gen Weſten, keine Wolke an dieſem Himmel, der ſich klarer anſieht durch jene blätterloſen ————— ———————— Zweige und das Immergrün der Gebüſche und Lorbeeren lebhafter erſcheinen läßt. Lionel und Sophy ſitzen jetzt auf jenem moosbewachſenen Stamm; zwiſchen ihnen der alte grauhaarige Mann, und die jungen Leute ſcheinen auf eine Weile übereingekommen zu ſeyn einander ſelbſt zu vergeſſen, um ihn fühlen zu laſſen, mit welch zärtlicher Liebe man ſein gedenkt. Sophy hat ihre beiden Hände auf die Schulter des alten Mannes gelegt, ſchaut ihm ins Geſicht und flüſtert ihm ins Ohr mit einer Stimme, die dem Gegurre einer glücklichen Taube gleicht. O fürchte Nichts, Sophy. Er iſt auch glücklich, er der nie⸗ mals an ſich ſelbſt denkt. Sieh das heitere Lächeln um ſeine ſchalk⸗ haften Lippen, ſteh— jetzt weist er Sir Iſaak zu Vance; mit ſtrenger Feierlichkeit macht der Hund ſeine Kunſtſtücke, und Vance, der mit der Hand ſein Kinn ſtreicht, moraliſirt über Alles was hätte geſchehen können, wann er ſich ſeine drei Pfund für das famöͤſe Unternehmen hätte verdrießen laſſen. Hinter dieſer Gruppe, von dem Dornſtrauch beſchattet, ſteht der Prediger, gedankenvoll und ernſt den Kummer vorherſehend, der morgen über den alten Mann kommen muß, wenn er erfährt, daß ſein verbrecheriſcher Sohn ſeinem Ende nahe iſt, und wenn er forteilen wird, um Jaſpers letzte Tage durch Verzeihung zu tröſten. Aber der Prediger blickt nicht blos hinab auf das Todtenbett; weiter und hoch über den Tod hinaus blickt der Prediger! Mit welchen Worten, die himmliſche Barmherzigkeit ſeinen Lippen leihen mag, wird er noch rechtzeitig der Seele des Sterbenden einen Weg bahnen und das Ge⸗ flüſter der Hoffnung am Schluß eines Lebens rechtfertigen, das durch die Schatten ſeiner Vergangenheit ſo ſehr verdunkelt iſt? Und zu ihm, dem Prediger, werden die Ueberlebenden— die zwei Leidtragen⸗ den in der Friſche ihrer Trauer kommen! Er, der alte Mann? Ja, für ihn wird Troſt vorhanden ſeyn. Seinen Geiſt hat des Himmels Güte zu Anfechtungen geſtählt, und ach, was konnte für dieſen Sohn ein Vater Beſſeres hoffen, als einen von Schande freien Tod und eine der Reue noch gewährte Ausſicht? Aber ſie, das grimme eiſen⸗ graue Weib? Des Predigers Theilnahme wird ſich, das weiß ich, bald auf ſie concentriren— und Balſam mag noch auf Deine Wunden tropfen, Du armes, grimmes, eiſengraues, liebendes Weib! Seht! dieſer Verräther, der Flötenbläſer, über welchen der tiefe dankbare Schatten von den Rinnen des geretteten Daches fällt, obſchon noch unbewußt der glücklichen Veränderung im Schickſale des Herrn, der binnen Kurzem jenen ſkelettartigen Bau(und viel⸗ leicht für Söhne, die in Wahrheit aus Darrellſchem Blute ent⸗ ſproſſen ſind) vollenden und zu weit edleren Zwecken den Plan eines unvollkommenen großen Lebens ausführen wird;— obſchon⸗ der Muſtker bis jetzt die Freude, die ſein ſchändlicher Verrath an 3 Sophy ſo wenig verdient, weder kennt noch ahnt, ſo ſcheinen ſich jene feineren Wahrnehmungen des Sinnes, denen ſich Verände⸗ rungen in Freud und Leid, ſchon ehe ſie eintreten, kundthun, und welche die Kunſt ſo geheimnißvoll den Geiſtern verleiht, aus denen Muſik geboren wird, auch bei ihm zu bethätigen, denn ſeine Me⸗ lodien ſchwimmen von ſelbſt in Freude: die Fröhlichkeit macht ihn— melodiſch wie einen Vogel beim Herannahen des Frühlings.. Und Alban Morley, der ſcheinbar die Skizze betrachtet, die ſeine liebenswürdige Nichte ſeinem kritiſchen Geſchmack unterbreitet, ehe ſie dieſelbe Vance zu zeigen wagt, ſchaut unter ſeinen Brauen hervor nach dem Hain, aus welchem der alte vielerfahrene Buchen⸗ baum über all ſeine dunkeln Brüder hervorragt, und er ſagt zu ſich ſelbſt:„Zehn gegen eins, daß das alte Haus Vipont jetzt die Criſis überſteht; und tauſend gegen eins, daß ich zuletzt meinen Lehnſtuhl am Herde meines alten Schulfreundes Guy Darrell finde.“ Und der See iſt ſpiegelglatt; und die Schwäne ruhen noch immer, der Muſik lauſchend, mit ihren weißen Brüſten am Gras des Randes; und das Reh, das mit ſeinen Vorderfüßen im Waſſer ſteht, erhebt nachdenklich ſeinen Kopf mit ausgeſpannten Naſen⸗ ——— 1 flügeln und verwunderungsvollen ſanften Augen, welche den Herrn b vermiſſen. Voll auf den Buchenhain ſcheint jetzt die weſtlich ge⸗ hende Sonne; heraus aus dem düſtern Buchenhain in das goldene Sonnenlicht kommen ſie, ſie kommen— der Mann und die Gehilfin, zwei neuverlobte Leben— zwei wiedervereinigte Seelen. Sey es auf immer! Amen! Ende. Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. * 4 —