——— 84 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. t 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————-——— auf 1 Monat: 4 Mk. Pf. 1 Mtk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 3 41 2 · 2 9 . 2„„ 5„=„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ꝑ= ‧=Ne= ‿U —,— 22 ——õ— E. Iytton DYulwer's ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. So- Neunundneunzigſter Theil. SDSo⸗ Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. Dritter Theil. OSe Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1858. —jj—y———— ööe————— Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Caxton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. FBO Aus dem Engliſchen 3 4 von Dr. Gottlob Fink. —— Dritter Theil. os 3 Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. V 1 1858. —— Zwölftes Kapitel. Der Taſchenkannibal legt Liebesbriefe als Köder in ſeine Weiberfalle, und eine angeköderte Wittwe ſchleicht ſich ſchüchtern unter dem Unkraut darauf zu. Jaſper Loſely beginnt übel daran zu ſeyn. Die unfehlbare Be⸗ rechnung in rouge et noir hat das ganze Kapital weggerafft, das aus den Erſparniſſen der jungen Gentlemen, welche Dolly Poole ſeiner brandſchatzenden Hand überantwortet hatte, angehäuft worden war. Poole ſelbſt wird von Brummern gequält und bemerkt pathetiſch, er habe drei Stein an Gewicht verloren, und er glaube, daß ſeine Waden ihm von den Beinen in die Leber gezogen ſeyen. Jaſper ſieht ſich genöthigt ſein Kabriolet abzuſchaffen, ſeinen Groom zu entlaffen, ſeiner faſhionablen Wohnung Valet zu ſagen, und juſt als die Ausſicht ſogar auf ein Diner ſich ſehr verdunkelt, ent⸗ ſinnt er ſich an Arabella Crane und erinnert ſich, daß ſie ihm 5, ja ſo⸗ gar 10 Pfund verſprochen hat, die ſie ihm noch immer ſchuldet. Er ſpricht vor und wird empfangen wie der verlorene Sohn. Ja zu ſeiner Ueberraſchung findet er, daß Mrs. Crane ihr Haus weit ein⸗ ladender gemacht hat: die Salons ſind freundlich aufgeputzt, es ſind einige neue angenehme Möbel hinzugekommen, die ihnen ein ganz comfortables Anſehen verleihen. Sie ſelbſt coſtümirt ſich beſſer, ob⸗ ſchon ihre Lieblingsfarbe fortwährend eiſengrau bleibt. Sie belehrt Jaſper, daß ſie ihn mit Sicherheit erwartet habe— daß dieſe Ein⸗ richtungen ihm zu Ehren getroffen ſeyen— daß ſie eine ſehr gute Köchin in ihren Dienſt genommen habe— daß ſie hoffe, er werde mit 4 1——. —————ͤ 4—— 5 6 ihr diniren, wenn er nicht an einen beſſern Ort verſagt ſey; kurz, ſie thut Alles, damit er ſich in Podden Place heimiſch fühlen ſolle. Jaſper argwöhnte unter all den Freundlichkeiten, deren ihn ſein Gewiſſen als unwürdig erklärte, zuerſt eine unſelige Abſicht— eine Abſicht, ihn in die Ehebande zu verſtricken, die er mit ſo ungalantem Spott von ſich gewieſen hatte, und vor denen er noch immer mit einem Abſcheu zurückbebte, zu welchem ein Mann gegenüber einer Heiraths⸗ prätendentin niemals berechtigt iſt, wenn ſie nicht ſo übernatürlich ſchauerlich iſt wie die Hexe von Endor oder die blutende Nonne. Aber Mrs. Crane beeilte ſich ſeine ungroßmüthigen Beſorgniſſe aufrichtig zu zerſtreuen. Sie habe, ſagte ſie, alle ſo widerſinnigen Ideen aufgegeben, Liebe und Ehe liegen ihren Abſichten gleich fern. Aber ſo übel er ſich gegen ſie benommen habe, ſo könne ſie ſich doch einer herzlich gemeinten Rückſicht für ihn, einer innigen Theilnahme an ſeinem Schickſal nicht erwehren. Er könne noch immer eine glän⸗ zende Heirath machen— ob denn dieſe Idee ihm nicht ganz klar ſey? Sie könne ihn mit ihrem Weiberwitz dabei unterſtützen.„Kurz,“ ſagte Mrs. Crane ihre Lippen einkneifend,„kurz, Jaſper, ich fühle wie eine Mutter für Euch. Betrachtet mich als ſolche!“ Dieſe reine und liebevolle Erklärung kitzelte Jaſper Loſely wunder⸗ bar und erfreute ihn ungemein.„Euch als Mutter betrachten! Ja das will ich,“ ſagte er mit Nachdruck.„Beſtes aller Geſchöpfe!“ Und obſchon er in ſeinem Innern nicht daran zweifelte, daß ſie ihn noch immer anbetete(nicht wie eine Mutter), ſo glaubte er doch, es ſey dieß eine uneigennützige, hingebungsvolle Anbetung, dergleichen der ſchöne Unhold wirklich mehr als einmal in ſeinem abſcheulichen Leben eingeflößt hatte. Demgemäß zog er in die Nähe von Podden Place, begnügte ſich mit einem Schlafzimmer im zweiten Stock in einem Haus, das Mrs. Crane ihm empfohlen hatte, und nahm ſeine Mahlzeiten mit kindlicher Vertraulichkeit bei ſeiner Adoptivmutter. Sie äußerte einen Wunſch, die Bekanntſchaft von Mr. Poole zu machen— Jaſper eilte den Ehrenmann vorzuſtellen. Mrs. Crane — 7 lud Samuel Dolly auf den einen Tag zum Diner, auf den nächſten zum Souper ein; ſie lieh ihm 3 Pfund, um ſeinen Staatsrock aus dem Pfandhaus zu holen, und ſie gab ihm Medicamente zur Linderung ſeines Kopfwehs. Samuel Dolly verehrte ſie wie ein höheres Weſen und beneidete Jaſper um eine ſolche Mutter. Auf dieſe Art bemächtigte ſich Ara⸗ bella Crane ohne Mühe der ganzen Exiſtenz Jaſper Loſely's. Ihre Finger ſchloßen ſich leicht darüber— leicht wie die Finger des Fiſchers über der gefangenen Forelle. Und wie groß auch ihr Edelmuth ſeyn mochte, ſo wurde er doch nicht bis zur Unklugheit getrieben. Sie gab Jaſper juſt genug um ihn in ihre Gewalt zu bringen— es fiel ihr gar nicht ein durch größere Zuſchüſſe ſich ſelbſt zu ruiniren— ſie verbarg vor ihm den Betrag ihres Einkommens(das hauptſächlich aus Häuſerzinſen beſtand), die Summe ihrer Erſparniſſe, ſogar den Namen ihres Bankiers. Und wenn er die Goldſtücke, die er von ihr erhielt, an den rouge et noir Tiſch trug und dann noch mehr verlangte, ſo nahm Mrs. Crane die Miene einer entrüſteten Mutter an— ſanft aber ehrfurchtgebietend— und ſchalt wie Mütter zuweilen ſchelten können. Jaſper Loſely begann über Mrs. Cranes Schelten zu er⸗ ſchrecken. Und er beſaß nicht die Gewalt über ſie, die zwar ein Lieb⸗ haber ſich anmaßen darf, die man aber einem Adoptivſohn verweigert. Wenn ſein Geiſt von der gewöhnlichen Zerſtreuung des Spieltiſches, wozu die Mittel fehlten, erlöst war, ſo wandte er ſich mit erneuter Inbrunſt wieder dem Bilde von Mrs. Haughton zu. Er hatte mehrere Male ſeit dem fatalen Tag, wo er mit Oberſt Morley zuſammenge⸗ troffen, in ihrem Haus vorgeſprochen, aber Mrs. Haughton war nie daheim. Und da er, wenn der Lakai ihm dieſe Antwort gegeben, mehr als einmal beim Hinübergehen über die Straße ſie ſelbſt hinter dem Fenſter geſehen hatte, ſo lag es klar am Tag, daß ſeine nähere Be⸗ kanntſchaft nicht gerade geſucht wurde. Jaſper Loſely war von Ge⸗ wohnheit das Widerſpiel eines hartnäckigen und zudringlichen Freiers— der Himmel weiß es, nicht aus Mangel an Kühnheit, ſondern aus — 8 maßloſer Eigenliebe. Wo ein ſtattlicher Lovelace ſich herabließ An⸗ träge zu machen, da verdiente und erfuhr eine Clariſſa, die geſchmack⸗ los genug war ſie abzulehnen, weiter nichts als ſeine Verachtung. Ueberdieß vertrug ſich ſtandhafte und andauernde Verfolgung eines Gegenſtandes, ſo wichtig und anziehend er ſeyn mochte, nicht mit der Leichtfertigkeit und Flatterhaftigkeit ſeines Charakters. Aber im gegebenen Fall hatte er für ungewöhnliche Ausdauer andere Motive als diejenigen, die auf der Oberfläche lagen. Ein Mann wie Jaſper Loſely ſetzt niemals unbedingtes Ver⸗ trauen auf einen andern Menſchen. Er iſt ſchwatzhaft, unvorſichtig— läßt viel heraus, was Macchiavelli ihm nicht zu enthüllen gerathen hätte; aber er hat immer auch ſeine Ecken und Winkel in ſeinem In⸗ nern, die er für ſich behält. Jaſper vertraute ſeiner Adoptivmutter ſeine Pläne auf ſeine beabſichtigte Braut nicht an. Aber ſte kannte dieſelben durch Poole, gegen welchen er offener war; und als ſie ſah, daß er ihre ausgewählte und ſtreng geſichtete Bibliothek eines Blickes würdigte, daß er den höflichen Briefſchreiber und die elegan⸗ ten Auszüge herausnahm, da errieth Mrs. Crane ſogleich, daß Jaſper Loſely einen epiſtolariſchen Verführungsverſuch auf die Wittwe in Glouceſter Place im Schild führte. Jaſper ſchrieb keinen ſchlechten Liebesbrief im blühenden Styl. Beſonders ſtanden ihm gewiſſe poetiſche Citate zu Gebot, deren Wir⸗ kung auf die weibliche Bruſt er aus wiederholter Erfahrung als eben ſo mächtig kannte wie die Zauberſprüche oder Carmina der vorzeitigen Hexerei. Zum Beiſpiel folgendes Sprüchlein: „Hätt ich ein Herz für Falſchheit offen, Doch könnt ich Dir nie wehe thun.“ Eine andere Phraſe, die gewöhnlich angewandt wurde, wenn er bekannte, daß ſeine Laufbahn intereſſant wild geweſen, und daß ſie, wofern man ihm Mitleid verſage, pathetiſch kurz ſein werde, lautete: „Iſt von dem Mann, der Dich ſo hoch verehret, Nichts übrig mehr als ſeiner Fehler Namen.“ 9 Bewaffnet mit ſolchen Citaten, ſo wie manchem Sprüchlein aus dem höflichen Briefſteller oder den eleganten Auszügen und einem Buch roſeneckigen Papiers, ſetzte ſich Loſely zu einer Ovidiſchen Compoſition nieder. Aber als er ſich dem Schluß der erſten Epiſtel näherte, ſiel es ihm ein, daß ſeine Unterſchrift und Adreſſe nöthig ſeyen. Die Adreſſe war nicht ſchwer. Er konnte die von Poole an⸗ geben(daher ſein Vertrauen zu dieſem Gentleman). Poole hatte eine Wohnung in Bury Street, St. James, eine faſhionable Localität für unverheirathete Männer. Aber der Name erforderte mehr Ueber⸗ legung. Unüberſteigliche Hinderniſſe verboten ihm ſeinen eigenen zu unterzeichnen, einer Perſon gegenüber, die mit Mr. Darrell in Ver⸗ bindung ſtehen konnte— recht Schade— denn es gab eine gute alte Familie mit Namen Loſely. Ein Name von ariſtokratiſchem Klang konnte allerdings leicht von irgend einem ſtolzen Eigenthümer geborgt werden, ohne daß man ſeine förmliche Einwilligung verlangte. Aber dieſes Anlehen war nicht ohne Gefahr. Mrs. Haughton mußteſehr natürlich einen ſolchen Namen, als vom Freunde ihres Mannes geführt, gegen Oberſt Morley erwähnen, und Oberſt Morley mußte höchſt wahrſcheinlich die Familienverbindungen und Verwandtſchaft eines ſo geehrten Peers gut genug kennen, um zu ſagen:„Es gibt keinen ſolchen Greville, Cavendiſh oder Talbot.“ Aber Jaſper Loſely beſaß eine fruchtbare Erfindungsgabe und war um Mittel und Wege nicht verlegen. Eine große meiſterwürdige Idee, welche beweist, daß der Mann, wenn er nicht ein abgefeimter Spitzbube geweſen wäre, zu einem ſehr wackern Politiker hätte herangezogen werden können, blitzte ihm durch den Kopf. Er wollte ſich Smith nennen. Niemand konnte ſagen, es gebe keinen ſolchen Smith; Niemand konnte ſagen, ein Smith könne nicht ein höchſt reſpectabler, faſhionabler Mann von ſehr ehrenwerthen Familienbeziehungen ſeyn. Es gibt Smiths, die Mil⸗ lionäre ſind— Smiths, die Landedelleute von ungeheuern Beſitzungen ſind— vermögliche Baronets— Peers von England und Pfeiler des Staates— ſogar Mitglieder des brittiſchen Cabinets. Ihr könnt Bulwer, was wird er damit machen? III. 2 ——— 10 eben ſo wenig die Rechte eines Mannes auf den Namen Smith in Zweifel ſtellen, als ſein Recht auf die Bezeichnung als Britte, und ſo groß die Verſchiedenheit an Rang, Abſtammung, Tugend und Genie bei den Britten iſt, eben ſo groß iſt die Verſchiedenheit unter den Smiths. Aber immerhin berührte ein ſo generiſcher Name oft einen deſinitiven Vorläufer. Jaſper unterzeichnete ſich J. Courtenay Smith. Er ſprach vor und ließ die erſte Epiſtel mit ſeiner eigenen bocks⸗ lederbeſchuhten Hand zurück, indem er ſich zuerſt erkundigte, ob Mrs. Haughton zu Hauſe ſey, und auf die verneinende Antwort dieß⸗ mal nach ihrem Sohn fragte.„Ihr Sohn war mit Oberſt Morley außer Lands gegangen.“ So ſehr es Jaſper verdroß, daß er für den Augenblick dem Jungen nichts anhaben konnte, ſo tröſtete er ſich doch mit der Nachricht, daß der Oberſt den Platz geräumt habe. Mit froheren Siegeshoffnungen ſchaute er zum Fenſter empor, und über⸗ zeugt, daß Mrs. Haughton da war, obſchon er ſie nicht ſah, lüpfte er ſeinen Hut mit einem ſo ſchwermüthig vorwurfsvollen Ausdruck, als er nur in ſein Geſicht zu legen vermochte. Der Hallunke hätte in Mrs. Haughtons ganzem Wittwenleben keinen günſtigeren Augenblick für ſeine Pläne finden können. In ihrer Wohnung zu Pimlico hatte ſich die gute Lady allzu unabläſſig einer müßigen Träumerei hingegeben, in welcher, wie die Poeten uns ver⸗ ſichern, Cupido alle nöthige Zeit findet, um ſeine Pfeile zu wetzen und ſein Ziel aufs Korn zu nehmen. Hätte ſich Lionel noch an ihrer Seite befunden, wäre auch nur Oberſt Morley in der Stadt geweſen, ſo würde ihre Liebe zum Einen und ihre Ehrfurcht vor dem Andern ſie geſchützt haben. Aber allein in dieſem ſchönen neuen Haus— ohne Freunde, ohne Bekannte bis jetzt— ohne einen lieben Kreis von Gäſten, bei denen das Verlangen zu ſprechen und die Freude an einer unſchuldigen Aufregung, welche bei Ladies von thätigem Geiſt und nervöſem Temperament ſo natürlich ſind, Befriedigung finden konnten, da mußte das plötzliche Auftauchen eines ſo reſpektvoll glühenden „ Bewerbers— oh es iſt nicht zu läͤugnen— ſeine Erſcheinung mußte eine ungeheure Verſuchung ſeyn! Und als dieſes Brieſchen, ſo zierlich zuſammengelegt, ſo elegant geſiegelt, in ihrer unſchlüſſigen Hand lag, da konnte ſich die Wittwe des Gefühls nicht erwehren, daß ſie noch immer jung, noch immer hübſch ſey; und ihr Herz flog zurück zu dem Tag, wo des Leinwand⸗ händlers ſchöne Tochter der große Magnet in der provinzſtädtiſchen High Street geweſen— wo junge Offiziere auf dem Trottoir auf und ab gebummelt und in ihr Fenſter hineingeſchaut hatten— wo ver⸗ ſtohlene Liebesblicke und Brieſchen ſie auf gleiche Weiſe beſtürmt, und die dunkeln Augen des unwiderſtehlichen Charlie Haughton ihren Puls zuerſt zittern gelehrt hatten. Und in ihrer Hand liegt der Brief von Charlie Haughtons intimem Freund. Sie erbricht das Sigel, ſie liest— eine Erklärung! Fünf Briefe in fünf Tagen ſchrieb Jaſper. Im Verlauf dieſer Briefe weiß er die Urſachen zum Verdacht, welchen Oberſt Morley ſo ungroßmüthig eingeflößt hatte, zu beſeitigen. Er iſt kein Anonymus mehr— er iſt J. Courtenay Smith. Er ſpielt gelegentlich auf das frühreife Alter an, wo er„Herr ſeiner ſelbſt und dieſer Erbſchaft voll Weh“ geworden. Dieß erklärt ſeine Freundſchaft mit einem Mann, der an Alter ſo hoch über ihm ſtand wie der verſtorbene Charlie. Er bekennt, daß im Wirbel der Zerſtreuung ſeine Erbgüter verſchwunden ſind; aber er beſitzt immer noch eine anſtändige Unabhängigkeit, und mit dem Weib ſeines Herzens u. ſ. w. u. ſ. w. Er hatte nie vorher gewußt, was wirkliche Liebe war u. ſ. w. Das Vergnügen hatte ſeine wahnſinnige Seele entzündet; aber das Herz— das Herz war ſtets vereinſamt geblieben. Er bat nur um eine perſönliche Beſpre⸗ chung, ſelbſt wenn er zurückgeſtoßen, verachtet werden ſollte. Immer⸗ hin iſt„von dem Mann, der Dich ſo hoch verehret“ u. ſ. w. u. ſ. w. Ach! ach! Als Mrs. Haughton den fünften Brief weglegte, da be⸗ dachte ſie ſich, und das Weib, das in einem ſolchen Fall ſich bedenkt, wird ganz gewiß wenigſtens eine höfliche Antwort ſchreiben. 2* Mrs. Haughton ſchrieb nur drei Zeilen, aber ſie waren wirklich höflich und bewilligten eine Beſprechung für den folgenden Tag, ob⸗ ſchon ſie zu verſtehen gab, daß dieß nur geſchehe, um Mr. J. Courte⸗ nay Smith in Perſon von ihrer unwandelbaren Treue gegen den Schatten ſeines vielbeklagten Freundes zu überzeugen. Hocherfreut zeigte Jaſper die Antwort Mrs. Haughtons ſeinem Freund Poole und begann ernſtliche Berechnungen über den wahr⸗ ſcheinlichen Betrag des Einkommens der Wittwe und den Werth ihres Mobiliars in Glouceſter Place anzuſtellen. Sodann begab er ſich zu Mrs. Crane, und kühn gemacht durch die Hoffnung für immer ihrer mütterlichen Vormundſchaft zu entrinnen, trotzte er ihrem Schelten und verlangte einige Sovereigns. Er war überzeugt, daß er heute Nacht Glück haben würde. Sie gab ihm die Summe und verſchonte ihn mit Scheltreden. Aber ſobald er gegangen war, ſetzte Mrs. Crane, die aus ſeinem renommiſttiſchen Weſen Schlüſſe auf den wahren Sach⸗ verhalt zog, ihren Hut auf und ging aus. Dreizehntes Kapitel. Unglücklich der Mann, der ſein Vertrauen auf— ein Weib ſetzt. Spät an dieſem Abend klopfte eine ſchwarz verſchleierte Lady in Nro** Glouceſter Place an und verlangte Mrs. Haughton in einer dringenden Angelegenheit zu ſehen. Sie wurde eingelaſſen. Sie blieb blos fünf Minuten. Am folgenden Tag, als Jaſper Loſely vheiter wie ein Bräutigam, der zu ſeiner Braut ſtolzirt“, ſich an der Thüre der Wittwe einſtellte, gab der Diener ihm ein Paket in die Hand und erklärte ihm unhöflich, Mrs. Haughton habe die Stadt verlaſſen. Jaſper unterdrückte mit Mühe ſeine Wuth und öffnete das Paket. Es waren ſeine eigenen Briefe, die ihm zurückgegeben wurden in Beglei⸗ tung der Worte:„Sir, Euer Name iſt nicht Courtenay Smith. Wenn Ihr mich wieder belaͤſtigt, ſo werde ich mich an die Polizei wenden.“ 13 Nie hatte Jaſper Loſely's Stolz von weiblicher Hand einen ſolchen Schlag ins Geſicht bekommen. Er war buchſtäblich betäubt. Me⸗ chaniſch eilte er zu Arabella Crane, und da er keinen Grund zum Geheimthun mehr hatte, ſondern im Gegentheil ein hoͤchſt dringendes Sehnen nach Mitgefühl empfand, ſo goß er ſeine Entrüſtung über das erlittene Unrecht bei ihr aus. Keine Mutter konnte troſtreicher ſeyn als Mrs. Crane. Sie beſchwichtigte, ſie ſchmeichelte, ſie gab ihm ein vortreffliches Diner, dann ließ ſie ihn in einen Sorgenſtuhl ſitzen und ſagte ihm ſo viel Schönes und Angenehmes, daß Jaſper, als er end⸗ lich aufſtand, um in ſeine Wohnung zurückzukehren, bemerkte:„Wahr⸗ haftig, wenn ich buckelig, dumm und ſchwächlich geweſen wäre, ſo würde ich ein äußerſt hausbackener Charakter geworden ſeyn.“ Vierzehntes Kapitel. Kein Autor hat je einen mit der menſchlichen Natur verträglichen Cha⸗ rakter entworfen, ohne daß er genöthigt war ihm allerlei Widerſprüche zuzuſchreiben. Ob aus Rührung über dieſe pathetiſche Sprache Jaſpers oder in Folge einer andern nicht minder weiblichen Regung, kurz Arabella Crane ſchien plötzlich den lobenswerthen und ſchwierigen Plan zu ent⸗ werfen, dieſen ſchrecklichen Böſewicht zu beſſern. Sie beſaß einige entfernte Verwandte in London, welche ſie ſelten mit einem Beſuch behelligte, und die ihr, im Fall ſie Etwas von ihnen bedurft hätte, die Thüren vor der Naſe zugeſchlagen haben würden. Da ſie aber im Gegentheil wohlhabend, dabei ledig war und ihr Geld vermachen konnte wem ſie wollte, ſo waren dieſe entfernten Verwandten ſtets freundlich in ihrem Benehmen und verſchwenderiſch in ihren Dienſt⸗ anerbietungen. Am nächſten Tag begab ſie ſich zu einem dieſer Vetter, der ein großer Geſchäftsmann war, und kam mit zwei großen, in ——— ————— 3 1 —,— M1 weißes Schafleder gebundenen Büchern nach Hauſe. Und als Loſely zum Diner kam, ſagte ſie in den fanfteſten Tönen, die eine zärtliche Mutter an einen liebenswürdigen Taugenichts richten kann:„Jaſper, Ihr habt große Fähigkeiten— am Spieltiſch ſind Fähigkeiten augen⸗ ſcheinlich nutzlos— Eure Stärke iſt das Rechnen— Ihr waret darin immer ſehr flink. Ich bin ſo glücklich geweſen Euch eine leichte Rech⸗ nungsarbeit zu verſchaffen, wofür Ihr reichlich bezahlt werden ſollt. Ein Freund von mir wünſcht dieſe Bücher von einem tüchtigen Rechner durchſehen zu laſſen. Er hegt den Verdacht, daß ein Commis ihn betrogen habe, aber er kann nicht ſagen wie oder wo. Ihr verſteht Euch vortrefflich auf Rechnungen— kein Menſch beſſer— und die Belohnung wird 10 Guineen ausmachen.“ Jaſper ſchnitt, obſchon ſein früheres Leben ihm die einfache und doppelte Buchführung vertraut und leicht gemacht hatte, dennoch eine Grimaſſe bei der empörenden Idee an eine ehrliche Arbeit, ſo mühelos und gut bezahlt ſie auch war. Aber 10 Guineen waren eine unge⸗ heure Verſuchung, und am Abend beſchwatzte ihn Mrs. Crane zu der Aufgabe. Sie hatte keine weibliche Kunſt verabſäumt, damit der meiſter⸗ loſe Nomade ſich unter ihrem Dach heimiſch fühlen ſollte; ſie hatte ihm für ſein Behagen und ſeinen Comfort Saſtanpantoffeln und einen prächtigen Schlafrock von koſtbarem Material und anſtändigen Farben angeſchafft. Unverheirathete und materiell geſinnte Männer ſind ge⸗ wöhnt die Idee angenehmer Häuslichkeit mit Nachtrock und Pantoffeln in Verbindung zu bringen, beſonders wenn ſie ſich nach dem Mittag⸗ eſſen(wie jetzt Jaſper Loſely) an Geſchäfte machen, bei welchen das Hirn thätig, der Leib aber in Ruhe iſt. Welche literariſche oder wiſ⸗ ſenſchaftliche Großthat iſt je von einem Muſenjünger vollbracht wor⸗ den, der an unnachgiebige Stiefel gebunden und in einen Rock einge⸗ zwängt iſt, welcher ihm wie Wachs angegoſſen ſitzt? Während der zahmer gewordene hübſche Böſewicht, in das angenehme warme Ge⸗ wand gehüllt, das den heiligen Familiengöttern geweiht iſt, im ſtillen 1⁵ Zimmer ſaß, ſein noch immer regelmäßiges Profil über die ſchafleder⸗ gebundenen Bücher hinabbeugend, die harmloſe Feder in dieſer ſtarken wohlgeformten Hand haltend, beobachtete ihn Mrs. Crane mit ſanſtem Ausdruck. Um ihm Geſellſchaft zu leiſten, hatte ſie ſelbſt eine Arbeit vorgenommen— der goldene Fingerhut wurde aus ſeiner langen Kuhe hervorgezogen— und ſo nähte und ſaͤumte ſie mit flinken arti⸗ ſtiſchen Fingern neue Halsbinden für den Adoptivſohn. Ein ſeltſames Geſchöpf iſt das Weib! So undankbar und verrätheriſch dieſer glatte Tiger vor ihr ſich oft erwieſen hatte— obſchon kein Menſch ein freund⸗ liches Gefühl in einem Weiberherzen weniger verdienen konnte— obſchon ſie wußte, daß er ſich nichts um ſie bekümmerte, ſo war es ihr doch angenehm zu wiſſen, daß er ſich um keine Andere bekümmerte, daß er in demſelben Zimmer ſaß— und Arabella Crane fühlte, daß ſie, wenn dieſe Exiſtenz fortzudauern vermöchte, die Vergangenheit vergeſſen und der Zukunft zufrieden entgegenſchauen könnte. Ich ſage es noch einmal, ein ſeltſames Geſchöpf iſt das Weib, und im vor⸗ liegenden Fall iſt das Geſchöpf um ſo ſeltſamer, weil es ſo grimmig iſt. Aber ſo wie ihre Augen ſich beſänftigen, ihre Finger arbeiten und ihr Geiſt Pläne entwirft, um dieſe unbändige wilde Beſtie in ein unſchuldiges zahmes Thier umzuwandeln, wer kann ſich da eines Mit⸗ gefühls mit der grimmigen Arabella Crane erwehren? Armes Weib! Und wird nicht das Experiment gelingen? Drei Abende weiht Jaſper Loſely dieſem ſündloſen Leben und ſeiner fried⸗ lichen Beſchäftigung. Er vollendet ſeine Aufgabe— er empfängt die zehn Guineen.(Wie viel von dieſem Honorar iſt aus Mrs. Cranes Privatbörſe gekommen?) Er entdeckt drei Fehler, welche den Arg⸗ wohn gegen die Rechtſchaffenheit des Buchhalters rechtfertigen. Ge⸗ brauchet einen Dieb, um Diebe zu fangen! Er wird wegen ſeines Scharfblicks geprieſen, und man verſpricht ihm eine noch leichtere Be⸗ ſchäftigung, die noch beſſer bezahlt werden ſoll. Er entfernt ſich mit der Erklärung, daß er am folgenden Tag früher als gewöhnlich kommen werde— er gibt aus freien Stücken eine Lobrede auf das Arbeiten im Allgemeinen zum Beſten— er erklärt, dieſe Abende ſeyen ſo glücklich geweſen, wie er ſeit Jahren keine verbracht; er verläßt Mrs. Crane mit ſo guten Hoffnungen auf ſeine Beſſerung, daß ſie, wenn ein wackerer Geiſtlicher ſie juſt in dieſem Augenblick getroffen hätte, ſich beinahe verſucht gefühlt haben würde zu beten. Aber— „Heu quoties fidem Mutatosque deos flebit!“— Jaſper Loſely kehrt nicht zurück, weder nach Podden Place, noch nach ſeiner Wohnung in der Nachbarſchaft. Tage vergehen; er kommt immer noch nicht; ſelbſt Poole weiß nicht, wohin er gegangen iſt; ſelbſt Poole hat ihn nicht geſehen! Aber letztgenannter Ehrenmann wird jetzt durch ein ernſthaftes rheumatiſches Fieber auf das Krankenlager geworfen— er iſt auf ſein Zimmer und auf Haferſchleim angewieſen. Und Jaſper Loſely iſt nicht der Mann, der ſich in die Heimlichkeit einer Krankenſtube eindrängen würde. Mrs. Crane, die freundlicher denkt, beſucht Poole— heitert ihn auf— verſchafft ihm eine Wärterin — ſchreibt an Onkel Sam. Poole ſegnet ſie. Er hofft, Onkel Sam werde, gerührt durch den Anblick ſeines Krankenbettes, ſagen:„Laßt Euch Eure Schulden nicht anfechten— ich will ſie bezahlen!“ Wie groß auch ihr Aerger oder Unmuth über Jaſpers undankbares und geheimnißvolles Entrinnen ſeyn mag, ſo ſieht Arabella Crane dennoch mit ruhiger Zuverſicht ſeiner Rückkehr entgegen. Zu ihrer Dienerin, Bridgett Greggs, vielleicht der einzigen Perſon in der Welt, die dem alleinſtehenden hagern Weib einige Liebe widmete und Jaſper Loſely gründlich verabſcheute, ſagte ſie mit gelaſſener Strenge:„Dieſer Mann hat mein Leben durchkreuzt und es verdunkelt. Er iſt hinweg⸗ gegangen und hat Nacht hinter ſich gelaſſen. Er hat es gewagt zu⸗ rückzukommen. Er wird mir nicht wieder entwiſchen, bis das Grab ſich für Eines von uns Beiden öffnet.“ „Aber Gott ſteh Euch bei, Miß, Ihr werdet Euch doch nicht in die Gewalt eines ſolchen ſchwarzherzigen Schuftes geben wollen?“ „In ſeine Gewalt! Nein, Bridgett; fürchtet nichts, er muß 17 in der meinigen ſeyn— früher oder ſpäter in der meinigen— mit Haͤnden und Füßen. Geduld!“ Während ſie ſo ſprach, pochte es an die Thüre:„Er iſt's— ich ſagte Euch's ja— geſchwind!“ Aber es war nicht Jaſper Loſely. Es war Mr. Rugge. Fünfzehntes Kapitel. Wenn Gott will, bringen alle Winde Regen.— Altes Sprichwort. Der Direktor hatte ſich in den Verluſt ſeines Eigenthums an Sophy und hundert Pfund nicht ergeben, ohne daß er ſich viele nutz⸗ loſe Mühe genommen hätte die eine oder die andern wieder zu be⸗ kommen. Er hatte Jaſper beſucht, ſo lange dieſer Gentleman in St. James wohnte, aber im Augenblick, wo er auf die Zurückerſtattung der hundert Pfund andeutete, öffnete Mr. Loſely Thüre und Fenſter zugleich, und erſuchte den Direktor unverzüglich zwiſchen beiden zu wählen. Mr. Rugge entſchloß ſich zu der üblicheren Art des Hinaus⸗ gehens und machte ſeiner gerechten Entrüſtung in einem Advokaten⸗ ſchreiben Luft, worin er Mr. Loſely mit einer Klage wegen Verſchwö⸗ rung und Betrugs bedrohte. Er hatte auch zu verſchiedenen Malen Mrs. Crane beſucht, die ihn einigermaßen beſänftigte, indem ſie zu⸗ gab, daß man ihm ſehr übel mitgeſpielt habe, und daß man ihm jeden⸗ falls ſein Geld zurückgeben ſollte, wie ſie denn auch ihr Beſtes zu thun verſprach, um Mr. Loſely zu überreden, daß er„ſich wie ein Gentle⸗ man benehme“. In Bezug auf Sophy ſelbſt ſchien Mrs. Crane gänz⸗ lich gleichgültig zu ſeyn. In der That wurde der Haß, welchen Mrs. Crane unſtreitig gegen Sophy gefaßt hatte, ſo lange ſie unter ihrer Obhut ſtand, durch Loſelys unnatürliches Benehmen gegen das Kind bedeutend gemindert. Für ſie war es vermuthlich ohne alles Intereſſe, ob Sophy ſich in Rugges oder in Waifes Händen befand; es genügte ihr, daß die Tochter einer Perſon, gegen deren Gedächtniß ihre grim⸗ —— ——uZöZöZöZö—ö—E 18 migſten Leidenſchaften im Felde ſtanden, im einen wie im andern Fall auf der geſellſchaftlichen Leiter ſo tief unter ihr ſelbſt ſtand. Vielleicht würde ſie unter den beiden Protektoren Sophys— Rugge und Waife— blos aus Groll dem letztern den Vorzug gegeben haben. Er ſtand auf einer noch niedrigeren Sproſſe der Leiter, als der herumziehende Direktor. Auch hatte ſie, ſo tödtliches Unrecht ſie dem hülfloſen Krüppel bei Mr. Hartopp angethan, dennoch gegen ihn keinen wohlüberlegten Racheplan auszuführen. Im Gegentheil, wenn ſie ihn mit⸗Verachtung anſah, ſo war dieſe Verachtung nicht ohne eine Beimiſchung von Mitleid. Sie hatte dem Mayor die er⸗ wähnten Mittheilungen machen müſſen, ſonſt würde dieſer würdige Beamte das ihm anvertraute Kind nicht herausgegeben haben, wenig⸗ ſtens nicht vor Waifes Rückkehr. Und es war wirklich freundlich gegen den alten Mann gehandelt, daß ſie ihm ſowohl eine höchſt qual⸗ volle Scene mit Jaſper, als auch die mehr öffentliche Schmach er⸗ ſparte, die ſein vorausſichtlicher Widerſtand gegen Jaſpers Autorität oder ein zwiſchen Beiden entſtehender Streit zur Folge haben mußte. Und da ihre Hauptabſicht damals darauf ging ſich Loſelys Ergebenheit zu ſichern, indem ſie ihre Fähigkeit bewies ihm nützlich zu ſeyn, ſo waren alle Waifes und Sophys, alle Mayors und Direktoren für ſie blos Bauern, die ſie der leitenden Strategie ihres Spieles gemäß zog und opferte. Rugge kam jetzt aufgeregt und athemlos, um Mrs. Crane zu melden, daß Waife in London erblickt worden ſey. Mr. Rugges Clown hatte ihn nicht weit vom Tower geſehen, aber der Krüppel war verſchwunden, bevor der Clown, der ſich oben auf einem Omnibus befand, Zeit hatte herabzuſteigen.„Und wenn er auch Mr. Waife wirklich feſtgehalten hätte,“ bemerkte Mrs. Crane,„was dann? Ihr habt keinen Anſpruch an Mr. Waife.“ „Aber das Phänomen muß bei dieſem räuberiſchen Hallunken ſeyn,“ ſagte Mr. Rugge.„Für alle Fälle habe ich einen Juſtizbe⸗ amten— das heißt, Ma'am, einen Mann von der Entdeckungspolizei 19 — in Thätigkeit geſetzt: und was ich jetzt von Euch begehre, iſt ein⸗ fach das: Sollte es für Mr. Loſely nothwendig werden mit mir vor dem Senat— das heißt, Ma'am, vor einem hauptſtädtiſchen Polizei⸗ amt— zu erſcheinen, um mein unbeſtreitbares Eigenthumsrecht auf mein eigenes, gekauftes und bezahltes Phänomen zu beweiſen, wollt Ihr dann dieſen kühnen, böſen Mann dazu bringen, daß er mir nicht von Neuem den vergifteten Kelch an die Lippen hält?“ „Ich weiß nicht einmal, wo Mr. Loſely iſt— vielleicht gar nicht in London.“ „Ma'am, ich ſah ihn geſtern Nacht im Princeß⸗Theater. Ich war auf der Schillinggallerie. Er, der mir hundert Pfund ſchuldet, Ma'am— er ſaß in einer Privatloge.“ „Ha! ſeyd Ihr deſſen gewiß? war er es wirklich?“ „Mit einer Lady, Ma'am— mit einer Lady in einem Shawl von Ingee. Ich kenne dieſe Shawle. Mein Vater lehrte ſie mich ſchon in früher Jugend kennen, denn er war eine Zierde des britiſchen Handels— ein Pfandleiher, Ma'am. Und,“ fuhr Rugge mit einem zermalmenden Lächeln fort,„dieſer Mann in einer Privatloge, die im Princeß⸗Theater zwei Pfund zwei Schillinge koſtet, und mit den Spolien von Ingee an ſeiner Seite, erhob ſein Opernglas und ſchaute mich an— mich auf der Schillinggallerie!— und ſein Gewiſſen ſagte ihm nicht: Würden wir nicht die Plätze wechſeln, wenn ich dieſem Gentleman hundert Pfund bezahlte? Können ſolche Dinge geſchehen und gleich einer Sommerwolke uns überfallen, ohne unſere ganz be⸗ ſondere Verwunderung rege zu machen?— das frage ich Euch, Ma'am.“ „Oh, mit einer Lady war er da!“ rief Arabella Crane, und ihr Zorn, der ſich während der Erzählung des Direktors raſch geſammelt und zuſammengedrängt hatte, brach jetzt in die Worte aus:„Seine Ladies ſollen den Mann kennen lernen, der ſein eigen Kind verkauft, um Komodie zu ſpielen— findet nur heraus, wo das Mädchen iſt, dann kommt wieder hierher, bevor Ihr weitere Schritte thut. Oh, —— — “ “ 1n —,———— —— A. —— ——y——— —— ——. —y— mit einer Lady! Geht zu Eurem Entdeckungspolizeimann oder viel⸗ mehr ſchicket ihn zu mir; wir wollen zuerſt Mr. Loſelys Adreſſe aus⸗ findig machen. Ich bezahle alle Koſten. Verlaßt Euch auf meinen Eifer, Mr. Rugge.“ Sehr getröſtet ging der Direktor ſeines Wegs. Er war noch nicht lange gegangen, als Jaſper ſelbſt zum Vorſchein kam. Der Verräther trat mit einer ganz ungewöhnlich renommiſtiſchen Manier ein, wie wenn er einen Zank fürchtete und bereit wäre ihm die Stirne zu bieten; aber Mrs. Crane warf ihm weder ſein langes Wegbleiben vor, noch äußerte ſie eine Verwunderung über ſeine Wiederkehr. Mit ächt weiblicher Falſchheit empfing ſie ihn, wie wenn Nichts geſchehen wäre. Jaſper, dem es leichter zu Muthe wurde, begann jetzt aus eigenem Antrieb ſich zu entſchuldigen und zu erklären; augenſcheinlich wünſchte er Etwas von Mrs. Crane.„Die Sache iſt die, meine liebe Freundin,“ ſagte er in einen Stuhl ſinkend,„daß ich am Tag, nach⸗ dem ich Euch zum letzten Mal geſehen, zufällig auf das Hauptpoſtamt ging, um zu fragen, ob nicht Briefe für mich da ſeyen. Ihr lächelt— Ihr glaubt mir nicht. Auf Ehre— da ſind ſie;“ und Jaſper zog aus der Seitentaſche ſeines Rocks eine Brieftaſche hervor— eine neue, eine glänzende Brieftaſche— duftiges ruſſiſches Leder— feine getriebene Arbeit— goldenes Schloß— ſeidenes Futter— juwelen⸗ beſetzter Bleiſtifthalter— Federmeſſer mit Malachitheft— ein Arſenal von allerliebſten Kleinigkeiten in zierlichen Behältern; ſolch eine Brief⸗ taſche, wie niemals ein Mann ſie ſich ſelbſt ſchenkt. Sardanapal würde dieſe Brieftaſche nicht für ſich ſelbſt gekauft haben! Eine ſolche Brieftaſche gelangt an Euch, Ihr beneidenswerthen Lotharios, nicht anders denn als tributgemäßes Angedenken an die Zauberinnen, die Euch anbeten. Grimmig ſchaute die Adoptivmutter dieſe Brieftaſche an. Sie hatte dieſelbe nie zuvor geſehen. Grimmig kniff ſie ihre Lippen ein. Aus dieſem niedlichen Buche, das vermöge ſeiner Größe einem ſchmächtigen marzipanenen Stutzer läſtig geweſen wäre, aber die atlantiſche Fläche von Jaſper Loſelys prächtigem Bruſtkaſten kaum ———— 21 ein wenig kräuſelte, zog das Ungeheuer zwei Briefe hervor auf fran⸗ zöſiſchem Papier, mit ausländiſchen Poſtmarken. Er legte ſie ſchnell wieder hinein, nachdem er ihrem Auge blos geſtattet hatte über ihre Adreſſen hinzuſchweifen, und fuhr fort:„Denkt Euch! dieſer börſen⸗ ſtolze Großtürk von einem Ungläubigen iſt, da er mir nicht glauben wollte, ſelbſt nach Frankreich gereist— ja, er befindet ſich gegenwärtig in**r und zieht offenbar Erkundigungen über Sophy ein. Die Frau, die ihn hätte gänzlich bekehren ſollen, hat jedoch die Flucht ergriffen und ihn nicht zu ſehen bekommen. Hol ſie der Teufel! ich hätte dort ſeyn ſollen. So zweifle ich für den Augenblick nicht daran, daß der Heide halsſtarrig bleibt. Nach Italien gegangen, höre ich; ruinirt mich, verletzt die Geſetze der Natur und ſchweift in der Welt umher mit ſeinen eigenen einſamen Händen in ſeinen bodenloſen Taſchen— wie der ewige Jude! Aber als einen geringen Erſatz für all dieſe Mißgeſchicke finde ich auf der Poſt einen angenehmeren Brief, als den⸗ jenigen, der mir dieſe Neuigkeiten bringt. Eine reiche ältliche Lady, die keine Familie hat, wünſcht ein hübſches Kind zu adoptiren und will Sophy nehmen; es iſt alſo wohl der Mühe werth, daß ich Sophy zu ihr bringe. Es iſt in tauſenderlei Beziehungen angemeſſen ſein Kind comfortabel in einem reichen Haus unterzubringen— dieß be⸗ gründet Rechte und hat natürlich auch Bankanweiſungen zur Folge, die man mir als Vater nicht abſchlagen kann. Aber die Hauptſache iſt, daß man jetzt Sophy bekommt; hiezu erſuche ich Euch um Eure Hilfe— Ihr ſeyd ein ſo geſcheidtes Weib. Beſtes aller Geſchöpfe! was könnte ich ohne Euch thun? Wie Ihr ſagt, ſo oft ich freund⸗ licher Aushülfe bedarf, komme ich zu Euch, Bella.“ Mrs. Crane beobachtete Jaſpers Geſicht aufmerkſam. Es iſt ſonderbar, wie weit ſchneller Weiber die Gedanken der Männer leſen, als Männer die Gedanken der Weiber errathen.„Ihr wißt, wo das Kind iſt,“ ſagte ſie langſam. „Nun ja, ich halte es für ausgemacht, daß ſie bei dem alten Mann iſt; und ich habe ihn geſehen— habe ihn geſtern geſehen.“ „Weiter; Ihr ſahet ihn— wo?“ „In der Nähe von London Bridge.“ „Was für ein Geſchäft konntet Ihr möglicher Weiſe in dieſer Gegend haben! Ah, ich errathe, die Eiſenbahnſtation— nach Dover — Ihr wollt über Land gehen?“ „Ganz und gar nicht— Ihr ſeyd ſo ſchrecklich argwöhniſch. Aber es iſt wahr, ich war auf der Station, um nach verſchiedenem Gepäck zu fragen, das eine Freundin von mir dort zu laſſen befohlen hatte— unterbrecht mich jetzt nicht. Am Fuß der Brücke ſah ich auf einmal den alten Mann— verändert— entſtellt— gealtert— ein Auge verloren. Ihr hattet geſagt, ich würde ihn nicht wieder er⸗ kennen, aber ich kannte ihn doch; freilich ſein Geſicht würde ich nicht erkannt haben. Ich erkannte ihn am Bau ſeiner Schultern, an einer gewiſſen Haltung der Arme— ich weiß ſelbſt nicht an was; man erkennt einen Mann, der Einem von Geburt aus vertraut iſt, ohne daß man ſein Geſicht ſieht. O Bella! ich erkläre Euch, daß ich ſo weich ums Herz wurde— ſo weich wie der einfältigſte Muff, der je—“ Jaſper vollendete ſeine Vergleichung nicht, ſondern pauſirte einen Augenblick, indem er ſtark athmete, und begann dann einen andern Satz.„Er verkaufte Etwas in einem Korb— Zündhölzchen, Stege, der Teufel weiß was. Er! auch ein geſcheidter Mann! Ich hätte ihm gar zu gern in ſeinen verdammten Korb alles Geld hineinge⸗ worfen, was ich bei mir hatte.“ „Warum thatet Ihr es nicht?“ „Warum? wie konnte ich? Er würde mich erkannt haben. Es hätte eine Scene gegeben, ein Spektakel— einen Auflauf— eine Maſſe Volks würde ſich um uns geſammelt haben. Ich hatte keine Idee davon, daß die Sache mich ſo aufregen würde; muß ich ihn noch Zündhölzchen verkaufen ſehen;— ich bin nur froh, daß wir einander in Gatesboro' nicht getroffen haben. Ich hätte ihm, glaube ich, auch wegen dieſer hundert Pfund nicht ins Geſicht ſehen können. Nein— 28 wie er ſagte, als wir uns das letzte Mal trennten, die Welt iſt weit genug für Beide. Gebt mir etwas Brandy— danke.“ „Ihr ſprachet nicht mit dem alten Mann— er ſah Euch nicht — aber Ihr wünſchtet das Kind zurückzubekommen; Ihr waret über⸗ zeugt, daß ſie bei ihm ſeyn müſſe; Ihr folgtet ihm nach Hauſe?“ „Ich? Nein; da hätte ich Stunden lang warten müſſen. Wie kann ein Mann gleich mir in der Nähe von London Bridge herum⸗ lungern! Ich würde zu ſehr ins Auge gefallen ſeyn— er würde mich bald geſehen haben, obſchon ich mich auf ſeiner blinden Seite hielt. Ich gab einem zerlumpten Jungen den Auftrag ihn zu beob⸗ achten und ihm zu folgen, und da iſt die Adreſſe. Wollt Ihr jetzt Sophy für mich zurückbekommen, ohne daß es mir Ungelegenheiten macht, ohne daß ich ſelbſt öffentlich vortreten muß? Ich wollte lieber ein ganzes Garderegiment angreifen, als mich mit dieſem alten Mann herumbeißen.“ „Und doch möchtet Ihr ihm dieſes Kind rauben— ſeinen ein⸗ zigen Troſt?“ „Poſſen!“ rief Loſely ungeduldig:„das Kind kann nur eine Laſt für ihn ſeyn; es wäre ihm wohl fort; um dieſes Kindes willen ver⸗ kauft er Schwefelhölzchen! Es wäre die größte Wohlthat, die wir ihm erweiſen könnten, wenn wir ihn von dieſem Kind befreiten, das ihn ausſaugt und niederzerrt; ohne ſie würde er ſchon Mittel und Wege finden ſich durchzubringen. Er hat mehr Fähigkeiten als ich! Und da— da— gebt ihm dieſes Geld, aber ſagt nicht, daß es von mir komme.“ Er warf ungezählt verſchiedene Sovereigns— wenigſtens zwölf oder vierzehn— in Mrs. Cranes Hand; und einen ſo mächtigen Zauber beſitzt ſelbſt die geringſte Herzensgüte auch auf die ſchlimmſten Naturen, daß dieſer ungewöhnliche, excentriſche, gleichſam ohne allen Zuſammenhang daſtehende Schimmer menſchlichen Mitleids in Jaſper Loſelys umnachteter Seele ſeinen lindernden Einfluß auf die verdrieß⸗ lichen, zornigen und rachſüchtigen Gefühle ausübte, womit Mrs. 24 Crane einen Augenblick vorher den treuloſen Böſewicht betrachtet hatte. Sie ſchaute ihn jetzt mit einer Art von ſchwermüthiger Ver⸗ wunderung an. Wie! obſchon er ſo wenig liebevolle Sympathie be⸗ ſaß, daß er nicht begreifen konnte, daß er im Begriff war den alten Mann eines Troſtes zu berauben, welchen kein Gold zu bezahlen ver⸗ mochte,— wie! obſchon er gegen ſein eigenes Kind ſo verhärtet war und ſo verächtlich von ihm dachte, ſo lag doch jetzt in ihrer Hand das unverkennbare Zeichen, daß etwas von Menſchlichkeit, Zerknirſchung, Mitleid noch immer in der Bruſt des gierigen Cynikers wohnte, und bei dieſem Gedanken regten ſich die ſanfteſten Gefühle in ihrer eigenen menſchlichen Natur voll Nachſicht und Freundlichkeit gegen ihn. Aber in den raſchen Wechſeln des weiblichen Herzens brachte daſſelbe Ge⸗ fühl, das an Liebe ſtreifte, die Eiferſucht zurück, die an Haß gränzte. Wie kam er zu ſo vielem Geld? Es war mehr als der unerſättliche Verſchwender vor Tagen für ſeine Arbeit erhalten hatte. Und dieſe Brieftaſche! 3 „Ihr ſeyd plötzlich reich geworden, Jaſper?“ Einen Augenblick ſah er betreten aus, doch antwortete er, indem er ſich wieder den Brandy zu Gemüth führte:„Ja, rouge et noir — Glück. Jetzt geht hin und ſeht nach dieſer Sache, ſeyd ein liebes, gutes Weib. Holt das Kind noch heute, wenn Ihr könnt, ich will auf den Abend wiederkommen.“ „Wollt Ihr dann ſogleich mit ihr zu dieſer würdigen Lady reiſen, die ſie adoptiren will? In dieſem Fall werden wir wohl nie mehr zuſammentreffen; und ich bin Euch behülflich, daß Ihr vergeſſen könnt, daß ich noch lebe.“ „Verreiſen— das iſt wieder ſo ein Einfall von Euch. Ihr täuſchet Euch gänzlich— in Wahrheit, die Lady iſt in London. Um ihrer Effekten willen ging ich auf die Station. Oh ſeyd nicht eifer⸗ ſüchtig— ganz ältlich.“ „Eiferſüchtig, mein lieber Jaſper; Ihr vergeßt Etwas. Ich bin wie Eure Mutter. Einer Eurer Briefe verkündete alſo die beabſichtigte 2⁵ Ankunft dieſer Lady; Ihr ſtandet in Correſpondenz mit dieſer— ältlichen Lady?“ „Nun, nicht gerade in Correſpondenz. Aber als ich Paris ver⸗ ließ, gab ich einigen wenigen Freunden in Frankreich das Hauptpoſtamt als meine Adreſſe an. Und dieſe Lady, die ein Intereſſe an meinen Angelegenheiten nahm(Ladies, ob alt oder jung, die mich einmal ge⸗ kannt haben, thun dieß immer), bemerkte, daß ich Erwartungen in Bezug auf das Kind hatte. Ich ſchrieb ihr daher vor einigen Tagen, als ich ſo übel daran war, ein paar Zeilen, daß es mit Sophy nichts geworden ſey, und daß ich ohne eine theure Freundin(das ſeyd Ihr) jetzt auf dem Pflaſter ſeyn könnte. In ihrer Antwort ſagte ſie, ſie werde in London ſeyn, ſobald ich ihren Brief empfangen habe, und gab mir eine Adreſſe hier, bei welcher ich erfahren könnte, wo ich ſie nach ihrer Ankunft zu finden hätte. Eine gute alte Seele, aber fremd in London. Ich war ſehr geſchäftig, half ihr ein Haus finden, empfahl ihr Handelsleute u. ſ. w. Sie lebt gerne auf großem Fuß und kann es wohl machen. Ein recht angenehmes Haus; aber unſere ruhigen Abende hier verderben mich für alles Andere. Jetzt ſetzet Euren Hut auf und gehet.“ „Unter einer Bedingung, mein lieber Jaſper, daß Ihr hier bleibet, bis ich zurückkomme.“ Jaſper ſchnitt ein ſchiefes Geſicht. Aber da die Eſſenszeit nahe war und es ihm nie an Appetit fehlte, ſo entſchloß er ſich endlich dazu die Zeit ihrer Abweſenheit auf ein Mahl zu verwenden, das Mrs. Cranes neue Köchin, wie er aus Erfahrung wußte, nicht ungeſchickt, wenn auch in Eile bereiten würde. Mrs. Crane überließ es ihm das Mahl zu beſtellen, warf ihren Shawl um und ſetzte ihren Hut auf. Aber in ihrem eigenen Zimmer angekommen, klingelte ſie Bridgett Greggs. Und als dieſe vertraute Dienerin erſchien, ſprach ſie:„In der Seitentaſche von Mr. Loſelys Rock iſt eine Brieftaſche; darin ſind einige Briefe, die ich ſehen muß. Ich werde ſcheinbar ausgehen; laßt die Hausthüre angelehnt, damit ich unbemerkt wieder herein⸗ Bulwer, was wird er damit machen? II. 3 26 ſchlüpfen kann. Ihr werdet das Mahl ſo bald als moglich auftragen. Und wenn Mr. Loſely wie gewöhnlich ſeinen Rock mit dem Schlafrock vertauſcht, ſo ſuchet dieſe Brieftaſche herauszunehmen, ohne daß er es bemerkt. Bringt ſie mir hieher in dieſes Zimmer; Ihr könnt ſie dann eben ſo leicht wieder hineinlegen. Ein Augenblick wird für meinen Zweck genügen.“ Bridgett nickte und verſtand. Jaſper, der ſich ans Fenſter geſtellt hatte, ſah Mrs. Crane das Haus verlaſſen und munter vorwärtsſchreiten. Er warf ſich jetzt auf den Sopha und begann einzuſchlummern: der Schlummer wurde zu einem tiefen Schlaf. So fand ihn Bridgett, als ſie hereinkam, um den Tiſch zu decken. Sie ſchlich ſich auf den Zehen heran, ſchnüffelte den Wohlgeruch der Brieftaſche heraus— ſah ihre vergoldeten Ecken aus ihrem Verſteck hervorſchauen. Sie zögerte— ſie zitterte— ſie war in Todesangſt vor dieſem ſchrecklichen Schläfer; aber der Schlaf verringert die ehrfurchtsvolle Scheu, welche Diebe empfinden oder Helden einflößen. Sie hat die Brieftaſche ge⸗ nommen— ſie iſt mit der Beute entflohen— ſie befindet ſich in Mrs. Cranes Zimmer, und keine fünf Minuten nachher hat Mrs. Crane ihre Schwelle wieder überſchritten. Schnell unterſuchte das eiferſüchtige Weib die Brieftaſche— ſie fuhr zuſammen, als ſie elegant mit Goldfäden in das Futter geſtickt die Worte ſah: Souviens-toi de ta Gabrielle— keine andern Briefe außer den zweien, wovon Jaſper ihr nur einen flüchtigen Anblick ver⸗ gönnt hatte. Ueber dieſe ließ ſie haſtig ihre funkelnden Augen hin⸗ ſchweben, und als ſie dieſelben wieder an ihren Platz legte und die Brieftaſche der alten Bridgett zurückgab, die athemlos daſtand, voll Angſt, daß Jaſper erwachen könnte, da war ihr Geſicht farblos und eine Art von Schauder ſchien über ſie zu kommen. Allein gelaſſen, legte ſie ihr Geſicht in ihre Hand, und ihre Lippen bewegten ſich wie im Selbſtgeſpräch. Dann ſchlich ſie geräuſchlos die Treppen hinab, erreichte die Straße wieder und zog raſch ihres Wegs. Bridgett hatte nicht Zeit das Büchlein in Jaſpers Taſche zurück⸗ 27 zuſtecken, denn als ſie wieder ins Zimmer kam, drehte er ſich eben um und ſtreckte ſich zwiſchen Schlaf und Wachen. Aber ſie ließ die Brief⸗ taſche geſchickt auf den Boden dicht neben dem Sopha gleiten; ſo konnte er beim Erwachen glauben, ſie ſey ihm in den natürlichen Be⸗ wegungen des Schlafes herausgefallen. Und in der That, als er erwachte und die Mahlzeit jetzt auf dem Tiſche ſtand, hob er die Brieftaſche ohne Argwohn auf. Aber es war ein Glück, daß Bridgett nicht die Gelegenheit abgewartet hatte, die ihre Gebieterin ihr angegeben. Denn als Jaſper den Schlafrock an⸗ zog, bemerkte er, daß ſein eigener Rock des Bürſtens bedürftig war, und indem er ihn zu dieſem Behuf der Dienerin übergab, gebrauchte er die Vorſicht die Brieftaſche herauszunehmen und in irgend einen andern Behälter ſeiner Kleidung zu ſtecken. Mrs. Crane kehrte in weniger als zwei Stunden zurück. Sie kam mit einer betrübten Miene, welche Jaſper ſogleich auf die Nach⸗ richt vorbereitete, daß die Vögel, die gefangen werden ſollten, ent⸗ flogen ſeyen. „Sie ſind heute Nachmittag auf und davongegangen,“ ſagte Mrs. Crane, indem ſie Jaſpers Sovereigns auf den Tiſch warf, als ob ſie ihr die Finger verbrennten.„Aber überlaßt die Flüchtlinge mir. Ich werde ſie finden.“ Jaſper machte ſeinem Aerger durch eine Reihenfolge von bös⸗ gemeinten, aber nichtsſagenden Füllwörtern Luft; und dann, als er kein weiteres Geſchäft ſah, zu welchem Mrs. Cranes Witz für den Augenblick angewandt werden konnte, trank er ihren Brandy vollends aus und wünſchte ihr gute Nacht, mit dem Verſprechen wieder zu kom⸗ men, aber ohne allen Fingerzeig in Bezug auf ſeine eigene Adreſſe. So⸗ bald er gegangen war, beſchied Mrs. Crane von Neuem Bridgett vor ſich. „ Ihr ſagten mir in voriger Woche, Euer Schwager Simpſon wünſche nach Amerika zu gehen, es ſey ihm dort Beſchäftigung an⸗ geboten, aber er könne die Ueberfahrtskoſten nicht erſchwingen. Ich verſprach ihm zu helfen, wenn Euch damit ein Dienſt geſchehe.“ 3* 28 „Ihr ſeyd ein Engel, Miß!“ rief Bridgett mit einem tiefen Knix, ſo tief, daß es ausſah, als ob ſie auf ihren Knien ginge.„Und möge Euch Euer Lohn in der andern beſſern Welt zu Theil werden, wo keine ſchwarzherzigen Schurken ſind!“ „Genug, genug,“ ſagte Mrs. Crane, die vielleicht vor dieſem dankbaren Segenswunſch zurückbebte.„Ihr ſeyd mir treu geweſen wie Niemand ſonſt; aber dießmal vergelte ich Euch noch nicht in dem Maß wie ich es zu thun gedachte. Der Dienſt iſt gegenſeitig, wenn Euer Schwager mir einen Gefallen erweiſen will. Er nimmt ſeine Tochter mit ſich, die noch ein Kind iſt. Bridgett, laßt ſie ihre Namen als William und Sophy Waife auf dem Dampſſcchiff einſchreiben. Sie können natürlich ihren eigenen Namen wieder annehmen, wenn die Reiſe vorüber iſt. Hier iſt das Fahrgeld für ſie und noch etwas mehr. Bah, keinen Dank. Ich kann das Geld entbehren. Geht morgen in aller Früh zu Eurem Schwager und bedenket, daß ſte mit dem nächſten Schiff, das am Donnerſtag von Liverpool wegfährt, abreiſen müſſen.“ Sechszehntes Kapitel. Dieſe armen Taſchenkannibalen, wie grauſam die Geſellſchaft ſie verfolgt! Selbſt ein gemeiner Diener würde ſich's nicht gefallen laſſen, wenn man ihn bei ſeinen Mahlzeiten ſtörte. Aber Euer Menſchenfreſſer iſt das weichmüthigſte aller Geſchöpfe; er läßt Alles mit ſich anfangen. Wie auch die Quelle beſchaffen ſeyn mochte, die Jaſper Loſely mit dem Gelde verſehen hatte, von welchem er ſo großmüthig diverſe Sovereigns dazu beſtimmte, Waife, für den Verluſt Sophys zu tröſten, ſo mußte dieſe Quelle entweder vertrocknet oder ſeinen Bedürfniſſen gänz⸗ lich unangemeſſen geworden ſeyn. Denn Glaſticität war die glückliche Eigenthümlichkeit von Mr. Loſelys Bedürfniſſen. Sie ſchmiegten ſich mit mathematiſcher Genauigkeit dem Stand ſeiner Finanzen an, indem ſie immer genau den fünffachen Betrag der Mittel forderten, die zu ſeiner Verfügung geſtellt waren. Von einem Schilling bis zu einer Million müßtet Ihr ſeine Bedürfniſſe fünfmal mit dem Totalbetrag ſeiner Mittel multipliciren, um zu einem richtigen Schluß zu gelangen. Jaſper beſuchte Poole, der ſich langſam erholte, aber ſein Zimmer noch nicht verlaſſen konnte; und als er dieſen Gentleman in einer ungewöhnlich trüben Stimmung fand, verurſacht durch Onkel Sams brutale Erklärung, daß er zwar für die Sünden, nicht aber für die Schulden ſeines Täuflings verantwortlich ſey, und daß er in der That glaube, Samuel Dolly könne nichts Beſſeres thun, als für eine kurze Zeit ins Gefängniß zu gehen und ſich weiß waſchen zu laſſen, da begann Jaſper ſein eigenes hartes Schickſal zu beklagen.„Und juſt nachdem eines der ſchönſten Weiber von Paris herübergekommen iſt, um mich zu beſuchen,“ ſagte der Herzensräuber,„eine Lady, die ihren Wagen hält, Dolly! Würde Euch eingeführt haben, wenn Ihr wohl genug geweſen wäret, um auszugehen. Man kann doch nicht immer von ihr borgen. Ich wollte, das ginge an. Da iſt Mutter Crane, die ihren Rock vom Leib für mich verkaufen würde; aber wahrhaftig, Sir, ſie ſchilt mich aus, ſo daß ich die größte Angſt bekomme. Ueber⸗ dieß legt ſie mir Fallen, um mich herabzuwürdigen— will mich zur Arbeit anhalten wie einen Commis!(Nicht als ob ich Eure Gefühle verletzen wollte, Dolly. Wenn Ihr ein Commis oder etwas von dieſer Art ſeyd, ſo ſeyd Ihr doch von Herzen ein Gentleman.) Kurz und gut, wir ſind Beide vollſtändig abgebrannt, und meine entſchiedene Meinung iſt, daß uns nichts übrig bleibt als ein kühner Streich.“ „Ich habe Nichts gegen kühne Streiche einzuwenden, aber ich ſehe keine Gelegenheit, und Onkel Sams kühner Streich mit dem Fleet⸗ gefängniß will mir gar nicht behagen.“ „Fleetgefängniß! Narrenpoſſen! Ihr ſeyd nie in Rußland ge⸗ weſen? Warum ſollen wir nicht Beide dahin gehen? Meine Pariſer Freundin, Madame Caumartin, wollte nach Italien reiſen, hat aber ihre Pläne geändert und iſt jetzt ganz für St. Petersburg einge⸗ nommen. Sie will ein paar Tage auf Euch warten, bis Ihr ganz 30 hergeſtellt ſeyd. Wir wollen Alle zuſammen hingehen und unſer Leben genießen. Die Ruſſen ſind wahre Narren mit dem Whiſt. Wir werden in ihre reichen Geſellſchaften hineinkommen und wie die Fürſten leben.“ Und nun ergoß ſich Jaſper in ſo glühenden Ausdrücken über das Leben in Rußland, daß Dolly Poole ſeine ſchmerzenden Augen ſchloß und phantaſirte, er fahre mit Pelzwerk bedeckt die Newa hin⸗ unter Schlitten— eine Gräfin erwarte ihn zum Diner, und Dutzende von Grafen ſeyen bereit fabelhaft hohe Wetten einzugehen, daß Jaſper Loſely den Robber verliere.⸗ Nachdem Jaſper ſeinen Freund in dieſe Region der Luftſchlöſſer emporgehoben, ſtieg er wieder in die praktiſche Welt herab und begann mit dem traurigen Factum, daß man nicht nach Petersburg gehen und dort nicht in reiche Geſellſchaften gelangen könne, wenn man nicht ein kleines Kapital zur Hand habe. „Ich ſage Euch was wir thun wollen. Madame Caumartin lebt auf ſehr vornehmem Fuß. Veranlaßt den alten Latham, Euern Principal, daß er ihr einen auf drei Monate ausgeſtellten Wechſel von fünfhundert Pfund discontire; dann können wir uns Alle auf und davonmachen.“ Poole ſchüttelte den Kopf.„Der alte Latham iſt ein zu ſchlauer Geſelle— eine Fremde! er würde Bürgſchaft ver⸗ langen.“ „Ich bin Bürge.“ Dolly ſchüttelte ſeinen Kopf zum zweiten Mal, und zwar bedeut⸗ ſamer als das erſte Mal. „Aber Ihr ſagt ja, daß er Papiere discontire und damit reich werde.“. „Ja, er wird reich dabei, aber er dürfte es nicht werden, wenn er den Wechſel discontirte, den Ihr vorſchlagt; ohne Beleidigung.“ „Oh unter Freunden gibt es keine Beleidigung. Ihr habt ihm Wechſel gebracht, die er discontirt hat?“ „Ja— gute Papiere.“ „Jedes Papier, das von guten Namen unterzeichnet iſt, iſt gutes 31 Papier. Wir können gute Namen unterzeichnen, wenn wir ihre Hand⸗ ſchriften kennen.“ Dolly erſchrack und wurde ſchneeweiß. Er war ein Schurke— er betrog im Kartenſpiel, er gaunerte auf dem Raſenplatz— aber Fälſchung! dieſes Verbrechen war ihm neu. Schon der Gedanke daran machte ihm von Neuem Fieber. Und während Jaſper ſeine Krankheit dadurch verſchlimmerte, daß er ſeine Beſorgniſſe zu bekäm⸗ pfen ſuchte, kam zum Glück für Poole Onkel Sam herein. Onkel Sam, ein kluger alter Handelsmann, hatte den ſchimmernden Loſely kaum angeſchaut, als er einen mißtrauiſchen Widerwillen gegen ihn faßte, demjenigen ähnlich, womit etwa ein erfahrener Gänſerich einen Fuchs in vertrautem Geſpräch mit ſeinem Sprößling erblicken mag. Er hatte bereits genug vom Treiben und von der ausgewählten Ge⸗ ſellſchaft ſeines Täuflings erfahren, um überzeugt zu ſeyn, daß Samuel Dolly ſehr anticommerciellen Liebhabereien nachgehangen habe und von ſehr anticommerciellen Freunden auf eine traurige Art angeſteckt worden ſey. Er war überzeugt, daß es für Dolly kein anderes Ziel gebe, als wenn man ſein Gemüth bearbeite, ſo lange ſein Körper noch leide, ſo daß Poole nach ſeiner Geneſung mit ſeiner ganzen früheren Kameradſchaft breche. Als er Jaſper im Aufzug eines Stutzers, mit den kräftigen Muskeln eines Preisfechters erblickte, da glaubte Onkel Sam die leibhaftige Incarnation aller Sünden zu ſehen, vor welchen ein Pathe ſeinen Täufling zu bewahren am Altar gelobt hat. Er machte ſich daher ſo widerwärtig, daß Loſely in großem Aerger plötz⸗ lich aufbrach. Und Onkel Sam, als er der Krankenwärterin half Dolly wieder ins Bett zu bringen, hatte die Brutalität ſeinem Neffen in dürren Worten zu erklären, wenn er je wieder ein ſolches Brum⸗ magempack in Pooles Zimmer finde, ſo werde Poole nie mehr die Farbe von Onkel Sams Geld ſehen. Als Dolly zu flennen begann, ſtimmte der gute Mann mildere Saiten an, tätſchelte ihn auf den Rücken und ſagte:„Aber ſobald Ihr wieder wohl ſeyd, werde ich Euch auf meinen Landſitz bringen und dort vor allem Uebel bewahren, bis —— 3² ich ein Weib für Euch finde, das Euch den Kopf auskämmt“— bei welcher heitern Ausſicht Poole noch kläglicher flennte als zuvor. Als Onkel Sam ſich nach ſeiner Wohnung im Glouceſter Cafe zurückbegab, ertheilte er, um ganz ſicher zu gehen, Pooles Wirthin, die in Onkel Sam den Mann erblickte, der Pooles Schuld bezahlen werde, be⸗ ſtimmte Befehle unter keinen Umſtänden einen von Dollys liederlichen Freunden hereinzulaſſen, ganz beſonders aber nicht den Kerl, den er da angetroffen habe. Er fügte hinzu:„Ich ſage Euch dieß, ſo lieb Euch meines Neffen Leben und, was noch mehr wirken könnte, ſo lieb Euch das Geld für Eure Rechnung iſt.“ Als daher Jaſper noch am ſelben Abend vor Pooles Thüre erſchien, theilte die Wirthin ihm ihre Befehle mit und verſchloß ihm, taub gegen ſeine einſchmeichelnden Vorſtellungen, die Thüre vor der Naſe. Aber ein franzöſiſcher Chroniſt hat erzählt, daß, als Heinrich IV Paris belagerte, zwar kein Brodlaib über die Mauern kommen konnte, Liebesbriefe aber zwiſchen der Stadt und dem Lager ſo leicht hin⸗ und herpaſſirten, wie wenn gar keine Belagerung ſtattgefunden hätte. Und herrſcht nicht Merkur im Reiche des Geldes wie im Reich der Liebe? Aufgeſpornt von Madame Caumartin, die ſich ungemein ſehnte London ſo bald als möglich mit Petersburg zu vertauſchen, unterhielt Jaſper mit Poole eine eifrige Correſpondenz durch Vermittlung der Krankenwärterin, welche glück⸗ licher Weiſe über Beſtechung durch Schillinge nicht erhaben war. Poole fuhr fort die von Jaſper vorgeſchlagene Schurkerei zurückzu⸗ weiſen, aber im Verlauf der Correſpondenz ließ er etwas unzuſammen⸗ hängend— denn ſein Geiſt begann einigermaßen in der Irre herum⸗ zuſchweifen— einen nicht minder laſterhaften Plan fallen, welchen Jaſper, vielleicht unterſtützt durch Madame Caumartins noch ſchärferen Witz, aufgriff und ſchnell auf eine wohlüberlegte Methode zurückführte. Der alte Mr. Latham behielt unter den Wechſeln, die er discontirte, die Papiere ſeiner verſchämteren Kunden, welche ausdrücklich ver⸗ langten, daß ihr Begehren zeitweiliger Aushulfe ein tiefes Geheimniß bleiben ſolle, in ſeiner eigenen Verwahrung. Unter dieſen Wechſeln 33 befand ſich, wie Poole wußte, einer von tauſend Pfund, von einem jungen Edelmann ausgeſtellt, deſſen unermeßliche Beſitzungen fidei⸗ commiſſariſch ſo verklauſulirt waren, daß er ſie weder verkaufen noch verpfänden konnte und daher oft um einige wenige Hunderte als Taſchengeld in Noth war. Der Name des Edelmanns ſtand in hohem Anſehen. Sein Vermögen war allgemein bekannt, ſeine Ehre makel⸗ los. Einen Wechſel von ihm kaſſirte Jedermann auf Sicht ein. Könnte Poole nur dieſen Wechſel erhalten! Er hatte, glaubte Poole, nur noch wenige Wochen zu laufen. Jaſper oder Madame Caumartin konnten ihn ſogar durch Lord—s eigenen Bankier oder, wenn dieß zu kühn war, durch irgend einen Wechſelmakler von Profeſſion discontiren laſſen, und alle Drei konnten ſich aus dem Staub machen, ehe ein Verdacht ſich erhob. Aber um zu dieſem Depoſitum zu gelangen, durfte ein falſcher Schlüſſel nothwendig ſeyn. Poole meinte, mit einem Wachsabdruck vom Schloſſer würde ſich das Ding machen laſſen. Jaſper ſchickte ihm eine ſchneller zum Ziel führende Erfindung, eine Art von Querhaken, der wie ein Folterinſtrument ausſah. Das Nothwendigſte für Poole war jetzt, daß er ſich genügend erholte, um wieder an die Arbeit gehen zu können, und daß er Onkel Sam durch ein Verſprechen los wurde auf das Land zu kommen, ſobald er ge⸗ wiſſenhaft einige nothwendige rückſtändige Arbeiten ins Reine gebracht hätte. Während dieſe Correſpondenz ihren Verlauf nahm, mied Jaſper Loſely Mrs. Crane, und nahm ſeine Mahlzeiten und verbrachte ſeine Mußeſtunden bei Madame Caumartin. Er bedurfte weder Schlafrock noch Pantoffeln, um ſich da heimiſch zu fühlen. Madame Caumartin hatte wirklich ein prächtiges Haus in einer gentilen Straße genommen. Ihre eigene Erſcheinung war in hervorragendem Grad was die Franzoſen distingué nennen. Von Kopf zu Fuß aufs feinſte gekleidet; niedlich und vollendet wie ein Epigramm. Ihr Geſicht hatte die Form einer Vollblut⸗Cobra⸗Capella— niedrige glatte Stirne, nach oben ſich erweiternd; Kinn ſpitz zulaufend, aber Kinnbacken ſtark; Zähne wundervoll weiß, klein und ſcharf geſpitzt, wie man ſie im ———— 34 Magen des ſogenannten Seeteufels oder Krötenfiſches findet; Augen gleich dunkeln Smaragden, worin die Pupillen, wenn ſie zornig war oder einen Plan entwarf, ſich aufwärts gegen die Schläfe zogen und einen leuchtenden grünen Strahl auswarfen, welcher gleich dem Schim⸗ mer einer Diebslaterne durch den Raum ſchoß; Hautfarbe ſuperlativ weiblich— nennet es nicht blaß, ſondern weiß, wie wenn ſie von ge⸗ ſchälten Mandeln, Pfirſichſteinen und Arſenik lebte; Hände ſo fein und blutlos, mit Fingern ſo zugeſpitzt, daß ihre Enden wie Stacheln er⸗ ſchienen; das Benehmen einer Dame, die ſich auf allen Rangſtufen der Geſellſchaft von der höchſten bis zu der niederſten bewegt und die Schlaueſten in jeder von ihnen übertölpelt hatte. Wenn es ihr gefiel, ſo hätte ein Kronprinz glauben können, ſie müſſe ihre Jugend in den Zimmern von Porphyr zugebracht haben. Wenn es ihr gefiel, ſo würde ein alter Soldat geſchworen haben, das Geſchöpſchen müſſe Marketenderin geweſen ſeyn. Alter vielleicht nahe an vierzig. Sie ſah jünger aus, aber wäre ſie hundertundzwanzig Jahre alt geweſen, ſo hätte ſie nicht ruchloſer ſeyn können. Ach es war wirklich ein Glück für Sophy, wenn der verkrüppelte Vagabund, um ihre Jugend vor der Erziehung in eleganten Boudoirs durch ſolche blutloſe Hände zu ſchützen, ſie von Arabellas weniger grauſamer Unfreundlichkeit hinweggetragen hatte; noch weit beſſer war Rugges Dorfbühne; weit beſſer verſtohlene Seitengäßchen, falſche Namen und Sir Iſaaks gelehrte Kunſtſtücke! Aber immerhin iſt man es auch Jaſper Loſely ſchuldig hier an⸗ zuführen, daß der Gauner, bei ſeinem neueſten Plan Sophy von Waife wegzunehmen und unter die Obhut von Madame Caumartin zu ſtellen, keine Idee von einer ſo fluchwürdigen Schurkerei hegte, wie die eifer⸗ ſüchtige Arabella nach dem Charakter der Pariſerin argwöhnte. Sein wirklicher Zweck bei ſeinem Bemühen das Kind aufs Neue in ſeine Gewalt zu bekommen war jedenfalls harmlos im Vergleich mit dem mildeſten von Arabellas düſtern Zweifeln. Aber immerhin, wenn Sophy wieder eingebracht und der Zweck ihrer Einbringung vereitelt worden wäͤre(wie dieß wahrſcheinlich geſchehen mußte), was hätte 3⁵ dann aus ihr werden ſollen? Verloren vielleicht auf immer für Waife— in einem fremden Land— und unter ſolcher Vormundſchaft! Eine hochwichtige Frage, mit welcher ſich Jaſper Loſely, der in der Haupt⸗ frage, nämlich was eines Tags aus ihm ſelbſt werden ſolle, ſo wenig Vorſicht zeigte, vermuthlich nicht lange den Kopf zerbrochen hätte. Nittlerweile war Mrs. Crane wachſam auf ihrem Poſten. Der Officiant der Entdeckungspolizei, welchen Mr. Rugge ihr geſchickt hatte, konnte ihr den Aufſchluß nicht geben, den Rugge wünſchte und deſſen ſie nicht länger bedurfte. Sie gab dem Entdeckungsmann einige Notizen über Madame Caumartin. Eines Tags gegen Abend wurde ſie von Onkel Sam durch einen Beſuch überraſcht. Er kam angeblich, um für ihre Freundlichkeit gegen ſeinen Täufling und Neſſen zu danken und ſie zu bitten, daß ſie es nicht übel nehmen möchte, wenn er gegen Mr. Loſely grob geweſen, der, wie er von Dolly erfahren, ein genauer Freund von ihr ſey.„Ihr ſehet, Ma'am, Samuel Dolly iſt ein ſchwacher junger Mann und läßt ſich leicht irreleiten; aber zu ſeinem Glück hat er kein Geld und keinen Trotz. So mag er bei Zeiten be⸗ reuen, und wenn ich ein Weib finden könnte, das ihn in die nöthige Zucht nähme, ſo dürfte er noch ein praktiſcher Mann werden, denn er hat für die Hauptſache keinen ſchlechten Kopf. Ich habe ihm zu wie⸗ derholten Malen zugeſprochen ins Gefängniß zu gehen, aber damit wollte ich ihn nur ſchrecken; die Thatſache iſt, daß ich ihn gerne aufs Land nehmen möchte, und dazu hat er keine Luſt. So bin ich genö⸗ thigt zu ſagen: Mein Landhaus, ſelbſtgebrautes Bier und Haus⸗ mannskoſt, Samuel Dolly, oder ein Londoner Gefängniß und Schuld⸗ gefangenenkoſt! Man muß einem jungen Mann ſeine Wahl laſſen, meine liebe Lady.“ Als Mrs. Crane bemerkte, daß Alles was er ſage im höchſten Grad verſtändig ſey, erwarmte Onkel Sam in ſeiner Herzensergießung. „Und ich meinte ihn für meinen Plan gewonnen zu haben, bis ich Mr. Loſely in ſeinem Krankenzimmer antraf, aber ſeit dieſem Tag hat der Junge, ich weiß ſelbſt nicht wie es zugeht, immer etwas an —— —— ——ꝛ—— ———— 36 ſich gehabt was mir nur halb gefällt— ein wenig verrückt, glaube ich, meine liebe Lady, ein wenig verrückt. Ich vermuthe, daß dieſe alte Krankenwärterin Briefe ſchmuggelt. Ich hielt es ihr vor, und da verlangte ſie augenblicklich ihren Bibeleid abzulegen und roch nach Wachholderbranntwein— zwei Dinge, die zuſammen genommen ver⸗ dächtig ausſehen.“ „Aber“, ſagte Mrs. Crane, die ſich immer mehr intereſſirte, „wenn Mr. Loſely und Mr. Poole correſpondiren, was dann?“ „Eben das wünſchte ich zu wiſſen, Ma'am. Entſchuldigt mich; ich will Mr. Loſely nicht zu nahe treten— ein Windbeutel und nichts Schlimmeres, denke ich mir. Aber das bin ich überzeugt, daß er Samuel Dolly etwas ins Hirn geſetzt hat, was ihn rappelköpfiſch macht. Da iſt der Junge jetzt auf und vollſtändig angekleidet, wäh⸗ rend er im Bett ſeyn ſollte, und ſchwört, er werde morgen zu dem alten Latham gehen, und dieſe langen Arbeitsrückſtände laſten ſchwer auf ſeinem Gewiſſen. Hörte ihn nie früher von Gewiſſen ſprechen— das ſieht verdächtig aus. Und es erſchreckt ihn nicht mehr, wenn ich ſage, er müſſe wegen ſeiner Schulden ins Gefängniß wandern; und er wünſcht ſehr mich aus London hinauszubekommen; und als ich ein Wort über Mr. Loſely hinwarf(ganz ſchlau, meine gute Lady— juſt um die Wirkung zu ſehen), da wurde er ſo weiß wie dieſes Papier; und dann begann er herumzuſtolziren und ſich in die Bruſt zu werfen und ſagte, Mr. Loſely werde ein großer Mann werden, er ſollte ſchon ein großer Mann ſeyn, und er ſelbſt frage Nichts nach meinem Geld— er könne ſo viel Geld bekommen als er nur wolle. Dieß ſieht ver⸗ dächtig aus, meine liebe Lady, und oh“, rief Onkel Sam, indem er ſeine Hände zuſammenſchlug,„ich fürchte, er denkt an etwas Schlim⸗ meres als er je zuvor gethan hat, und ſein Gehirn kann ihm nicht Stand halten. Und Ma'am, er hat große Hochachtung vor Euch und Ihr habt eine Freundſchaft für Mr. Loſely. Nehmt jetzt an, Mr. Loſely habe Etwas ausgedacht was Eure windbeuteligen Sportsmen einen harmloſen Scherz nennen, und meiner Schweſter Sohn würde 37 in ſeiner Verrücktheit etwas Verbrecheriſches daraus machen. Oh Mrs. Crane, gehet, beſuchet Mr. Loſely und ſagt ihm, mit Samuel Dolly ſey es nicht richtig.“ „Es iſt weit beſſer, wenn ich zu Eurem Neffen gehe“, antwortete Mrs. Crane,„und mit Eurer Erlaubniß will ich das ſogleich thun. Laßt mich ihn allein ſehen. Wo werde ich Euch hernach finden?“ „Im Glouceſter Cafe. Oh meine theure Lady, wie kann ich Euch genug danken! Der Junge kann Euch nichts ſeyn; aber für mich iſt er meiner Schweſter Sohn— der Lumpenkerl!“ Siebenzehntes Kapitel. „Dices laborantes in uno Penelopen vitreamque Circen.“— Horaz. Mrs. Crane fand Poole in ſeinem kleinen Wohnzimmer, das ringsum mit Kupferſtichen von Operntänzerinnen, Preisfechtern, Race⸗ pferden und dem Hund Billy behangen war. Samuel Dolly war vollſtändig angekleidet. Seine ſonſt ſo blaſſen Wangen ſahen ſehr erhitzt aus. Er befand ſich augenſcheinlich in einem Zuſtand großer Aufregung, verbeugte ſich äußerſt tief gegen Mrs. Crane, nannte ſie Gräfin, fragte, ob ſie in der letzten Zeit auf dem Continent geweſen ſey und ob ſie Madame Caumartin kenne; ferner ob der Adel von St. Petersburg ein luſtiges Völkchen oder ob es triſte Geſellen ſeien, die ſich nur in die Bruſt werfen wollen, und er wartete ihre Antwort nicht ab. Sein Geiſt befand ſich unſtreitig in Unordnung. Arabella Crane legte auf einmal ihre Hand auf ſeine Schulter. „Ihr ſeyd auf dem Weg zum Galgen“, ſagte ſie plötzlich.„Hinab auf Eure Kniee und erzählt mir Alles, dann will ich Euer Geheimniß bewahren und Euch retten; wenn Ihr lüget, ſo ſeyd Ihr verloren.“ Poole brach in Thränen aus und ſank auf ſeine Kniee, wie man ihn geheißen hatte. —,.———4, In zehn Minuten wußte Mrs. Crane Alles was ſie zu wiſſen wünſchte, nahm Beſitz von Loſely's Briefen, dann ließ ſie Poole mit weniger hellem Kopf und leichterem Herzen allein und eilte zu Onkel Sam ins Glouceſter Cafe.„Nehmt Euern Neffen heute Abend noch aus der Stadt und laßt ihn in den nächſten ſechs Monaten nicht aus den Augen. Hört Ihr, er wird niemals ein braver Mann werden; aber Ihr könnt ihn vor den Galeeren retten. Thut das. Befolget meinen Rath.“ Sie war gegangen, ehe Onkel Sam antworten konnte. Sofort begab ſie ſich in die Privatwohnung des Entdeckungs⸗ officianten, mit dem ſie ſchon vorher verkehrt hatte— dießmal we⸗ niger um Aufſchlüſſe zu geben als zu empfangen. Noch war keine halbe Stunde nach ihrer Beſprechung mit ihm verſtrichen, ſo ſtand Arabella Crane in der Straße, wo das prächtige Haus von Madame Caumartin ſich befand. Die Laternen waren jetzt angezündet— die ſchon bei Tage ruhige Straße war vergleichungsweiſe ver⸗ laſſen. Alle Fenſter im Hauſe der Franzöſin waren mit Läden und Vorhängen verſchloſſen, außer auf dem Boden, wo der Salon ſich befand. Von dieſen Fenſtern her ſtrömten die Lichter drinnen über einen Balcon, wo eine Menge lebendiger Pflanzen prangten; einer der Fenſterflügel war theilweiſe offen. Und von Zeit zu Zeit konnte die Schildwache von ihrem Platz aus eine hinter den mouſſelinenen Vorhängen vorbeikommende Geſtalt ein wenig erblicken oder ein lautes Gelächter ſchallen hören. In ihrem dunkelgrauen Kleid und noch dunkleren Mantel ſtand Arabella Crane bewegungslos da, ihre Augen ſtarr auf dieſe Fenſter geheftet. Die wenigen Fußgänger, die an ihr vorbeiſtreiften, wandten ſich unwillkührlich, um das Geſicht einer ſo ſtillen Perſon anzuſchauen und dann eben ſo unwillkührlich das Haus zu betrachten, dem dieſes Geſicht zugekehrt war. Kein Beobachter war ſo gleichgiltig, daß er nicht eine Vermuthung gewagt hätte, wel⸗ ches Unglück wohl dieſem Hauſe von den dunkeln unheimlichen Augen prophezeit werde, die es mit einer ſo entſchiedenen Drohung be⸗ wachten. So blieb ſie ſtehen, obſchon ſie ſich auch zuweilen von ihrem 39 Poſten hinwegbewegte, wie eine Schildwache von dem ihrigen, und langſam ein paar Tritte hin und herſchritt, dann zu demſelben Platz zurückkehrte und wieder bewegungslos daſtand; ſo blieb ſie ſtunden⸗ lang. Aus Abend wurde Nacht, aus der Nacht Dämmerung; ſie ſtand noch immer in dieſer Straße und noch immer hafteten ihre Augen auf dieſem Hauſe. Endlich öffnete ſich die Thüre geräuſchlos— ein ſchlanker Mann ſtolperte leichten Tritts einher, die Melodie eines hei⸗ tern franzöſiſchen Liedes ſummend. Da er gerade auf den Platz zu⸗ kam, wo Arabella Crane auf der Wache ſtand, ſtreckte ſie aus ihrem dunkeln Mantel ihren langen Arm und ihre ſchmächtige Hand hervor und ergriff ihn. Er erſchrack und erkannte ſie. „Ihr hier!“ rief er,„Ihr!— zu ſolcher Stunde!— Ihr!“ „Ja, Jaſper Loſely, ich bin hier, um Euch zu warnen. Morgen werden die Officianten der Juſtiz in dieſem verfluchten Hauſe ſeyn. Morgen wird dieſes Weib— nicht für ihre ſchlimmſten Verbrechen; dieſe entgehen dem Geſetz, ſondern für ihr geringſtes, um deſſen willen das Geſetz auf ſie Jagd macht— im Gefängniſſe ſeyn. Nein— Ihr ſollt nicht zurückkehren, um ſie zu warnen wie ich Euch warne (denn Jaſper wollte aufbrechen und ging einige Schritte gegen das Haus zurück): oder wenn Ihr es thut, ſo ſollt Ihr ihr Schickſal theilen. Ich werfe Euch hinweg.“ „Was meinet Ihr?“ ſagte Jaſper, indem er Halt machte, bis ſie mit langſamen Schritten ſeine Seite wieder erreichte.„Sprecht deutlicher. Wenn die arme Madame Caumartin in eine Patſche gerathen iſt, was ich nicht für wahrſcheinlich halte, was habe ich damit zu ſchaffen?“ „Die Frau, die Ihr Caumartin nennt, iſt aus Paris entflohen, um ſich den dortigen Gerichten zu entziehen. Man hat ihr nachge⸗ ſpürt; die franzöſiſche Regierung hat ſie reclamirt.— Ho! Ihr lächelt. Dieß berührt Euch nicht.“ „Gewiß nicht.“ „Aber es liegen Klagen von engliſchen Kaufleuten gegen ſie vor, 40 und wenn es bewieſen iſt, daß Ihr ſie bei ihrem wahren Namen kanntet— dieſe infame Gabriele Desmarets— wenn es bewieſen iſt, daß Ihr die franzöſiſchen Bankſcheine, die ſie geſtohlen, untergebracht habt— wenn Ihr dazu geholfen habt, daß ſie unter ihrem falſchen Namen Waaren bekam— wenn Ihr, bereichert durch ihre Räube⸗ reien, dieſer Perſon als einer Schwindlerin hier Hilfe und Vorſchub geleiſtet habt, ſo möget Ihr zwar vor dem franzöſiſchen Geſetz ſicher ſeyn, aber werdet Ihr es auch vor dem engliſchen ſeyn? Ihr könnt unſchuldig ſeyn, Jaſper Loſely; in dieſem Fall fürchtet nichts. Ihr könnt ſchuldig ſeyn; in dieſem Fall verberget Euch oder folget mir.“ Jaſper blieb ſchweigend ſtehen. Seine erſte Regung war unbe⸗ dingt Mrs. Crane zu vertrauen und ſich unverzüglich diejenigen Rath⸗ ſchläge in Bezug auf Verbergung oder Flucht zu Nutze zu machen, die eine der ſeinigen ſo weit überlegene Intelligenz eingeben möchte. Aber plötzlich erinnerte er ſich, daß Poole es unternommen hatte den Wechſel von 1000 Pfund am nächſten Tag herzuſchaffen— er dachte, wenn eine Flucht nöthig ſey, ſo ſey noch Ausſicht auf eine ſolche mit vollen Taſchen vorhanden— und ſo brachte ſeine angeborene Keckheit und die heftige Geldgier, wovon ſie begleitet war, ihn zu dem Ent⸗ ſchluß wenigſtens einen Aufſchub von etlichen Stunden zu wagen. Und konnte nicht auch am Ende Mrs. Crane übertreiben? War dieß nicht der Rath eines eiferſüchtigen Weibes?„Bitte“, ſagte er vor⸗ wärtsſchreitend und lebhafte ſcharfe Augen auf ſie heftend, während ſie an ſeiner Seite ging—„bitte, wie habt Ihr all dieſe Einzelheiten erfahren?“ „Von einem Entdeckungspolizeimann, der angewandt wurde, um Sophy ausfindig zu machen. Im Geſpräch mit ihm wurde natürlich Jaſper Loſely als ihr geſetzlicher Beſchützer aufgeführt: dieſer Name war bereits mit dem Namen der falſchen Caumartin in Verbindung gebracht worden. So rettet das Kind, das Ihr dieſem Weib über⸗ antworten wolltet, indirekt Euch ſelbſt davor, daß Ihr die Schmach und Verurtheilung dieſes Weibes nicht theilen müßt.“ 4½ 11 „Dummes Zeug!“ ſagte Jaſper verſtockt, obſchon er ſich krümmte bei ihren Worten;„wenn ich die Sache näher betrachte, ſo ſehe ich nicht ein, wie etwas gegen mich bewieſen werden könnte. Ich bin nicht verpflichtet zu wiſſen, warum eine Lady ihren Namen ändert oder wie ſie zu ihrem Gelde kommt. Und was ihren Credit bei Kauf⸗ leuten betrifft, ſo iſt davon nichts zu ſagen; das Meiſte was ſie er⸗ halten hat, iſt bezahlt— das Nichtbezahlte iſt weniger als der Werth ihrer Effekten ausmacht. Bah— ich laſſe mich nicht ſo leicht er⸗ ſchrecken— bin Euch übrigens ſehr verbunden. Gehet jetzt nach Hauſe; es iſt ſchrecklich ſpät. Gute Nacht oder vielmehr guten Morgen!“ „Jaſper, merket wohl was ich Euch ſage. Wenn Ihr dieſes Weib wieder ſehet, wenn Ihr ſie zu retten oder zu beſchützen verſuchet— ich werde Alles erfahren— dann verlieret Ihr in mir Eure letzte Freundin— Eure letzte Hoffnung— das letzte Brett in einer Alles verſchlingenden See.“ Dieſe Worte wurden ſo feierlich ausgeſprochen, daß ſie eiskalt durch das Herz des ſorgloſen Mannes drangen.„Ich habe nicht den Wunſch ſie zu retten oder zu ſchützen“, ſagte er mit ſelbſtſüchtiger Auf⸗ richtigkeit.„Und nach Allem was Ihr geſagt habt, würde ich eben ſo gern einen Brander betreten als dieſes Haus. Aber gönnet mir einige Stundeu, um zu überlegen was zu thun iſt.“ „Ja überleget— ich werde Euch morgen erwarten.“ Er ging im Zwielicht ſeines Wegs nach einer neuen Wohnung, die er unfern von dem glänzenden Hauſe gemiethet hatte. Sie zog ihren Mantel dichter um ihre hagere Geſtalt und ſchritt in der ent⸗ gegengeſetzten Richtung auf noch einſameren Straßen hin, bis ſie ihre Thüre erreichte und von der getreuen Bridgett bewillkommt wurde. Bulwer, was wird er damit machen? III. 42 Achtzehntes Kapitel. Hoffnung erzählt Mr. Rugge ein ſchmeichleriſches Märchen. Er wird durch einen Anwalt enttäuſcht und der Trauer überlaſſen; aber ſeinerſeits täuſcht Mr. Rugge, obſchon unbewußt, den Anwalt, und der Anwalt täuſcht ſeinen Klienten, was 6 Sch. und 8 D. in die Taſche des Anwalts ausmacht. Am nächſten Morgen war Arabella Crane kaum angekleidet, als Mr. Rugge an ihre Thüre klopfte. Tags zuvor hatte der Entdeckungs⸗ mann ihn benachrichtigt, es habe ſich herausgeſtellt, daß William und Sophy Waife nach Amerika abgeſegelt ſeyen. Wahnſinnig ſtürzte der unglückliche Director zu der Dampfſchiffverwaltung, wo man ihm Einſicht in die Bücher geſtattete, welche die abſcheuliche Kunde beſtä⸗ tigten. Es erſchien ihm wie ein Spott auf ſeinen betäubten und be⸗ trogenen Zuſtand, als er bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe ein höfliches Billet von Mr. Gotobed antraf, worin er erſucht wurde auf das Bu⸗ reau dieſes ausgezeichneten Anwalts zu kommen, in Sachen einer jungen Schauſpielerin Namens Sophy Waife. Dabei wurde ange⸗ deutet, daß der Beſuch für ihn vortheilhaft ſeyn dürfte. Er träumte einen wirren Augenblick, Mr. Loſely werde ihm, von ſeinem Gewiſſen geſchlagen, durch dieſen Anwalt ſeine hundert Pfund zurückbezahlen laſſen, ſtürzte unverzüglich auf Mr. Gotobeds Bureau und wurde ſo⸗ gleich vor dieſen ſtattlichen Praeticus zugelaſſen. „Ich bitte Euch um Verzeihung, Sir“, ſagte Mr. Gotobed mit förmlicher Höflichkeit,„aber ich hörte vor ein paar Tagen zufällig von meinem Oberſchreiber, der es ebenfalls zufällig von einem ihm befreundeten Sportsman erfahren hatte, daß Ihr in Humberſton wäh⸗ rend der Wettrennwoche eine junge Schauſpielerin vorgeführt, die auf den Theaterzetteln(hier iſt einer) Juliet Araminta genannt wurde, und die Ihr, wie ich erfahren habe, ſchon früher in Surrey und ander⸗ wärts vorgeführt hattet; aber man glaubte, ſie habe dieſes frühere Engagement aufgegeben und nebſt ihrem Großvater, William Waife, Eure Bühne verlaſſen. Ich bin von einem ausgezeichneten Klienten, 24 48 der reich iſt und ſich aus Gründen reinen Wohlwollens für beſagte William und Sophy Waife intereſſirt, beauftragt ihren Aufenthalt ausfindig zu machen. Habt daher die Güte das Kind meiner Obhut zu übergeben und mich auch von der Adreſſe des Großvaters in Kennt⸗ niß zu ſetzen, im Fall er nicht bei Euch iſt; ohne auf weitere In⸗ ſtructionen von meinem Klienten zu warten, der ſich im Ausland be⸗ findet, will ich zu ſagen wagen, daß Ihr für jedes Opfer, welches Euch durch den Verluſt Eurer jugendlichen Schauſpielerin auferlegt wird, aufs Liberalſte entſchädigt werden ſollt.“ „Sir,“ rief der unglückſelige Rugge in ſeiner Unvorſichtigkeit,„ich habe für dieſes abſcheuliche Kind 100 Pfund bezahlt— ein dreijähriges Engagement— und ich bin beſtohlen worden. Gebt mir die 100 Pfund zurück, ſo will ich Euch ſagen, wo ſie iſt, und ihr ſchuftiger Großvater ebenfalls.“ Als der ſchlaue Anwalt dieſes ſchlechte Prädikat von Gegenſtän⸗ den hörte, welche der uneigennützigen Mildherzigkeit ſeines Klienten empfohlen waren, zog er ſeine pecuniären Hörner ein. „Mr. Rugge,“ ſagte er,„ich entnehme aus Euern Worten, daß Ihr das Kind Sophy, alias Juliet Araminta, nicht in meine Hände ſchaffen könnt. Ihr verlanget 100 Pfund, um mir mitzutheilen wo ſie iſt. Habt Ihr einen rechtlichen Anſpruch auf ſie?“ „Allerdings, Sir; ſie iſt mein Eigenthum.“ „Dann iſt es ganz klar, daß Ihr, wenn Ihr auch wiſſen möget, wo ſie iſt, ſie dennoch ſelbſt nicht bekommen und folglich auch nicht in meine Hände ſchaffen könnt. Vielleicht iſt ſie— im Himmel!“ „Hol ſie der Teufel, Sir! Nein— in Amerika oder auf den Meeren dahin.“ „Seyd Ihr deſſen gewiß?“ „Ich komme ſo eben von der Dampfſchiffverwaltung und habe die Namen in ihrem Buch geſehen. William und Sophy Waife ſind letzten Donnerſtag von Liverpool abgeſegelt.“ 4* der Junge ſei durch ein hübſches Geſichtchen und ſein eigenes uner⸗ 11 „Und ſie haben ein Engagement mit Euch eingegangen— Euer Geld angenommen; das erſtere gebrochen, ſind mit dem letztern davon⸗ gegangen. Schlechte Leute allerdings!“ „Schlecht! das dürft Ihr wohl ſagen— eine Bande ſchwind⸗ leriſcher Schufte, die ganze Sippſchaft. Und die Undankbarkeit!“ fuhr Rugge fort.„Ich war dieſem Kind mehr als ein Vater(er begann zu winſeln); ich hatte ſelbſt einmal ein Kind— ſtarb an Krämpfen im Zahnen. Ich dachte, dieſes Kind würde ſeine Stelle vertreten, und ich träumte von dem Yorker Theater, aber—“ hier verlor ſich ſeine Stimme in den Falten eines ungemein ſchmutzigen, rothen Taſchentuchs. Mr. Gotobed, der indeß jetzt Alles erfahren hatte was er zu er⸗ fahren wünſchte und kein ſanftherziger Mann war(Anwälte erſten Rangs ſind es ſelten), zog hier ſchnell ſeine Uhr heraus und ſagte: „Sir, Ihr ſeyd ſehr ſchlecht behandelt worden, wie ich merke. Ich muß Euch guten Tag wünſchen; ich habe ein Geſchäft in der City. Ich kann Euch zu Euern hundert Pfund nicht verhelfen, aber nehmt dieſe Kleinigkeit(eine Fünfpfundnote) für Euern Zeitverluſt durch dieſen Beſuch an.(Heftig klingelnd.) Zeigt dieſem Gentleman den Weg.“ An dieſem Abend ſchrieb Mr. Gotobed ausführlich an Guy Dar⸗ rell und meldete ihm, daß er nach vielen Mühen und langem Forſchen ſo glücklich geweſen ſei zu ermitteln, daß der herumziehende Schau⸗ ſpieler und das kleine Mädchen, welche Mr. Darrell ſo wohlwollend ſeiner Aufmerkſamkeit empfohlen, ganz ſchlechte Leute ſeien und ſich nach den Vereinigten Staaten davongemacht haben, wie zum Glück für England ſchlechte Leute zu thun gewohnt ſeyen. Dieſer Brief erreichte Guy Darrell, als er ſich in weiter Ferne, mitten unter der verödeten Pracht irgend einer alten italieniſchen Stadt, befand und Lionels Erzählung von dem kleinen Mädchen in ſeinen düſtern Gedanken nicht mehr ſehr friſch war. Natürlich nahm er an, 43 fahrenes, freundliches Herz übertölpelt worden und ſo und ſo— ja ſo endet die Hälfte der Anſtrengungen von Leuten, welche Andern die mühſame Ausführung menſchenfreundlicher Abſichten anvertrauen. Die Wagſchalen irdiſcher Gerechtigkeit werden in ihrem zitternden Gleichgewicht nicht durch ungeheure Hundertpfundſteine erhalten, ſon⸗ dern durch unendlich kleine Körnchen, welche nur mittelſt der behut⸗ ſamſten Vorſicht, der überlegteſten Geduld, der zarteſten Berührung in Ordnung gebracht oder zurechtgelegt werden können. Wenige von unſern Irrthümern, nationalen oder perſönlichen, entſpringen aus der Abſicht ungerecht zu ſeyn— die meiſten entſtehen aus Faulheit oder aus Unfähigkeit die Schwierigkeiten gerechten Handelns zu bekämpfen. Uebertretungsſünden mögen vielleicht den Rückblick des Gewiſſens nicht erſchweren. Sind ſie groß und augenfällig, ſo haben wir ſie eingeſtanden, betrauert, bereut, möglicher Weiſe geſühnt. Unterlaſ⸗ ſungsſünden, ſo verſchleiert inmitten unſerer ſtündlichen Gemüths⸗ bewegungen, vermengt, ungeſehen in dem conventionellen Schlendrian des Lebens, ach! könnten dieſe plötzlich aus ihrem Schatten auf⸗ tauchen, ſich in gedrängter Maſſe und anklagender Reihenfolge zu⸗ ſammengruppiren— ach, ach! würden dann nicht die Beſten von uns zaghaft zurückbeben, und würde nicht der Stolzeſte ſich demüthigen vor dem Throne der Barmherzigkeit? Neunzehntes Kapitel. Freude kehrt nichtsdeſtoweniger zu Mr. Rugge zurück und Hoffnung drängt ſich jetzt Mrs. Crane auf. Eine ſehr hübſche Hoffnung überdieß— ſechs Fuß ein Zoll— ſtark wie Achilles und eben ſo ſchnellfüßig. Aber wir haben Mr. Rugge vor Mrs. Cranes Thüre gelaſſen; gönnen wir ihm den Eintritt. Er ſtürzt in ihren Salon ſeine Brauen abwiſchend. „Ma'am, ſie ſind fort nach Amerika!“ ——— —— 146 „So habe ich gehört. Ihr habt jetzt alles Recht auf Zurück⸗ erſtattung Eures Geldes—“ „Das Recht natürlich— aber—“ „Da iſt es; gebt mir den Dienſtvertrag des Kindes zurück.“ Rugge ſchaute eine Rolle Banknoten an und konnte ſeinen Au⸗ gen kaum trauen. Er warf ſeine Hand vor, die Banknoten wichen zurück wie der Dolch in Macbeth.—„Zuerſt den Vertrag“, ſagte Mrs. Crane. Rugge zog ſeine ſchmierige Brieftaſche hervor und nahm den werthloſen Contract heraus. „Von nun an alſo,“ ſagte Mrs. Crane,„habt Ihr kein Recht mehr Euch zu beklagen; und ob das Mädchen Euch wieder in den Weg kommt oder nicht, Euer Anſpruch auf ſie hört auf.“ „Die Götter ſeyen geprieſen, ſo iſt's, Ma'am; ich habe voll— kommen genug an ihr gehabt. Aber Ihr ſeyd jeder Zoll eine Lady, und erlaubt mir hinzuzufügen, daß ich Euch für Lebenszeit auf meine Freiliſte ſetze.“ Als Rugge gegangen war, beſchied Arabella Crane die alte Bridgett vor ſich. „Mein Gott, Miß,“ rief Bridgett überraſcht.„Wer ſollte glau⸗ ben, daß Ihr die ganze Nacht herumgeſchweift ſeyd! Ihr habt ſeit manchem Jahr nicht mehr ſo gut ausgeſehen wie jetzt.“ „Ah!“ ſagte Arabella Crane,„ich will Euch ſagen warum. Ich habe gethan was ich ſeit manchem Jahr nie mehr zu thun dachte— eine gute That. Dieſes Kind— dieſe Sophy— Ihr erinnert Euch wie grauſam ich ſie behandelt habe.“ „Oh Miß! macht Euch deßhalb keine Vorwürfe; Ihr habt ſie gefüttert, Ihr habt ſie gekleidet, als ihr eigener Vater, der Schuft, ſie von ſich ſtieß und zu Euch brachte— unter allen Leuten gerade zu Euch. Wie konntet Ihr ſein Kind— ihr Kind liebkoſen und herzen?“ Mrs. Crane ließ düſter den Kopf hängen.„Was vergangen iſt, iſt vergangen. Ich habe dieſes Kind gerettet, und es iſt mir als wäre ein Fluch von meiner Seele genommen. Jetzt höret. Ich werde 47 London— England verlaſſen, wahrſcheinlich ſchon heute Abend. Ihr werdet dieſes Haus halten; es muß für mich jeden Augenblick bereit ſeyn, wenn ich zurückkomme. Der Agent, der meine Häuſerzinſen ein⸗ zieht, wird Euch Geld geben, wie Ihr deſſen bedürfet. Haltet Euch nicht zu karg, Bridgett. Ich habe ſchreckliche Jahre hindurch geſpart, geſpart und geſpart— ſonſt Nichts was mich intereſſirt— und ich bin reicher als ich ſcheine.“ „Aber wohin gehet Ihr denn, Miß?“ fragte Bridgett, die ſich langſam von dem Staunen erholte, worein die Ankündigung ihrer Gebieterin ſie verſetzt hatte. „Ich weiß nicht— ich frage nichts darnach.“ „Oh himmliſche Sterne! Geht Ihr mit dieſem ſchrecklichen Jaſper Loſely?— Es iſt ſo, es iſt ſo. Ihr ſeyd verrückt, Ihr ſeyd behert, Miß.“ „Möoglich daß ich verrückt— möglich daß ich behext bin; aber ich nehme dieſes Mannes Leben zu dem meinigen als Buße für alles Boͤſe was das meinige je gethan hat; und vor ein paar Tagen noch würde ich mit Wuth und Schaam geſagt haben: ich kann nicht helfen; ich bin mir ſelbſt zum Ekel, daß ich darnach fragen kann was aus ihm wird. Jetzt ſage ich ohne Wuth, ohne Schaam: der Mann, den ich einſt ſo liebte, ſoll nicht an einem Galgen ſterben, wenn ich abhelfen kann; und Gott ſey geprieſen, ich werde abhelfen.“ Das grimmige Weib kreuzte die Arme über der Bruſt, und als ſie ihren Kopf zu ſeiner vollen Höhe emporrichtete, da war in ihrem Geſicht und ihrem Weſen eine ſtrenge, düſtere Größe, welche man nicht ohne eine Miſchung von Mitleid und Furcht anſehen konnte. „Geht jetzt, Bridgett; ich habe Alles geſagt. Er wird bald hier ſeyn; er wird kommen— er muß kommen— er hat keine Wahl; und dann— und dann—“ ſie ſchloß ihre Augen, ſenkte ihren Kopf und ſchauerte. Arabella Crane hatte wie gewöhnlich Recht mit ihrer Vorher⸗ ſagung. Ehe die Mittagsſtunde ſchlug, kam Jaſper— kam nicht 18 mit ſeinem fröhlichen Geprahle, ſondern mit jenem ſcheuen, unheim⸗ lichen Anſehen— dem Anſehen des Mannes, welchen die Welt von ſich ſtößt— das jetzt ſeinen frühern Platz auf ſeinem Geſicht trium⸗ phirend wieder eingenommen hatte. Madame Caumartin war ver⸗ haftet worden; Poole war mit Onkel Sam aufs Land gegangen; Jaſper hatte einen Polizeioffizianten an der Thüre ſeiner eigenen Wohnung geſehen. Er ſchlich fern von den Wegen der faſhionablen Welt hinweg, ſchlich nach den Verſtecken von Podden Place— ſchlich in Arabella Cranes zierlichen Salon und ſagte verdrießlich:„Alles iſt hin, hier bin ich!“ Drei Tage ſpäter ſaß Jaſper Loſely in einer ſtillen Straße einer ſtillen belgiſchen Stadt, wo ein Gauner, der von ſeiner Profeſſion leben wollte, bald zum Skelett geworden wäre, in einer bequemen luftigen Wohnung, die auf eine prächtige, nichts weniger als geräuſch⸗ volle Straße hinausſchaute, ſicher, unſchädlich und im tiefſten Herzen unglücklich. In einem andern Haus, deſſen Fenſter von einem obern Stock unmittelbar auf die von Jaſpers Salon gingen und einen ſo guten Einblick in denſelben gewährten, daß ſie ihn unter eine ähnliche Aufſicht ſtellten wie in Mr. Benthams reformatoriſchem Panopticon, ſaß Arabella Crane. Was auch ihre wirklichen Gefühle gegen Jaſper Loſely ſeyn mochten(und welcher Art dieſe Gefühle waren, kann keine männliche Feder mit vollem Recht zu beſchreiben behaupten; denn hat je ein Mann gelebt, der ein Weib ganz und vollſtändig verſtand?) oder welche Bewandtniß es auch im frühern Leben mit ihren gegenſeitigen Gelübden ewiger Liebe gehabt haben mag, ſo war nicht blos von dem Tag an, wo Jaſper nach ſeiner Rückkehr zu den heimiſchen Geſtaden ſich in Podden Place einſtellte, ihr vertrauter Umgang auf die ſtrengſten Gränzen der Freundſchaft beſchränkt worden, ſondern Arabella Crane hatte auch, nachdem Jaſper auf ſo rohe Weiſe die Hand abgelehnt, die ihn jetzt fütterte, vermuthlich bemerkt, daß ihre einzige Ausſicht auf Behauptung einer intellectuellen Gewalt über ſein meiſterloſes Weſen die gänzliche Verzichtleiſtung auf jede Hoffnung und jeden Plan, 49 wodurch ſie ſich aufs Neue ſeiner Verachtung ausſetzen konnte, noth⸗ wendig machte. Um alſo den äußern Schein mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen, war das Decorum eines abgeſonderten Hauſes weſentlich fuͤr die Aufrechterhaltung einer Autorität, womit die ſtrenge Natur ihres Verkehrs ſie bekleidet hatte. Die dadurch verurſachten weiteren Koſten ſtrengten ihre pekuniären Mittel an, aber ſie ſparte an ihrer eigenen Bequemlichkeit, damit Jaſper keinen Grund hatte ſich irgendwie über Kargheit zu beklagen. Dort ſaß ſie alſo an ihrem Fenſter, ſelbſt ungeſehen, ihn betrachtend in ſeiner Einſamkeit gegen⸗ über, für ihr eigenes Leben ein unfruchtbares Opfer annehmend, aber eine eiferfüchtige Schildwache vor dem ſeinigen. Während ſie ſo daſaß und ihn anſchaute, ſann ſie beſtändig nach, welche Beſchäftigung mit verlockendem Gehalt, den ſie heimlich ſelbſt bezahlen würde, ſich für dieſe ſtarken Hände finden ließe, die einen Ochſen gefällt hätten, aber nicht die Kraft hatten einen ehrlichen Pfennig umzudrehen, und für dieſen raſtloſen Geiſt, der nach Thätigkeit hungerte, mit der Ver⸗ dauung eines Straußes für Würfel und Ausſchweifungen, Spektakel und Gaunerei, aber heikel wie ein erſchöpfter Verdauungskranker, wenn es ſich um ein unſchuldiges Vergnügen, um eine ehrenwerthe Arbeit handelte. Während indeß dieſes Weib beſtändig auf Mittel ſinnt, wie dieſer fluchwürdige Mann von Galeeren oder Strick gerettet werden kann, wer darf da ſagen, daß er kein Glück habe? Er hat Glück— was wird er damit machen? ———— Fünftes Buch. Erſtes Kapitel. Neid wird eine Wiſſenſchaft ſeyn, wenn er den Gebrauch des Mikroſcops lernt. Wenn die Blätter fallen und die Blumen welken, ſind die vor⸗ nehmen Leute auf ihren Landſitzen zu finden. Schaut!— das iſt Montfort Court. Ein Platz von königlicher Pracht, in ſo weit eine Maſſe von Gebäuden und der weite Umfang des Gebiets den Beſitzers⸗ ſtolz befriedigen oder dem Beſucher den ſchuldigen Reſpekt vor Wohl⸗ habenheit und Macht einflößen konnte. Ein Künſtler hätte nichts daraus machen können. Ueberall Pracht— nirgends etwas Pittoreskes. Das Haus war unter der Regierung Georgs I erbaut, als jener Abſcheu vor dem Schönen, das für ſchlechten Geſchmack galt, begann, der gemäß unſerer natürlichen Liebe zum Fortſchritt unter den Regie⸗ rungen der folgenden George fortſchreitend um ſich griff. Eine unge⸗ heure Fagade in trübſeligen braunen Ziegeln, zwei Flügel und ein Centrum mit doppelter Treppe nach der Hallenthüre von der Auffahrt her. Keine Bäume durften zu nahe bei dem Hauſe wachſen; in der Front eine ſtattliche Fläche mit ſteinernen Geländern. Aber wohin das Auge ſich wandte, da war Nichts zu ſehen als Park— Meilen um Meilen eitel Park; kein Kornfeld— kein Dachgiebel— kein Kirch⸗ thurm— nur dieſe lata silentia— ſtille Raſenflächen und, etwas dünn zerſtreut und fern, dieſe Haine von Rieſenbäumen. Die ganze Ausſicht ſo weit und ſo eintönig, daß Ihr nie in Verſuchung geriethet 51 einen Spaziergang zu machen. Kein poetiſches Dickicht in der Nähe, in das man ſich vertiefen konnte, ohne zu wiſſen, wo man wieder her⸗ vorkommen würde; kein irregehender Strom, dem man folgen konnte. Selbſt die Hirſche, fett und ſchwerfällig, ſchienen ſich zu langweilen an Waiden, zu deren Durchſpringung eine Woche erforderlich war. Leute von gemäßigten Wünſchen und beſcheidenen Glücksverhältniſſen wünſchten ſich niemals Montfort Court; ſie bewunderten es, ſie waren ſtolz zu ſagen, daß ſie es geſehen hatten. Aber niemals ſagten ſie: „Oh daß mir eine ſolche Heimath winkte!“ Nicht ſo— ſehr— ſehr vornehme Leute! Dieſe ſehnten ſich eher als ſie bemunderten. Dieſe ſo gewaltigen, noch ſo unverfallenen Eichbäume— dieſer Park von wenigſtens achtzehn Meilen im Um⸗ kreis— dieſer ſolide Palaſt, der ohne Unbequemlichkeit einen König und ſeinen ganzen Hof unterhalten und aufbewahren konnte— kurz all dieſe Beweiſe eines fürſtlichen Gebietes, und dazu ein gewichtiges Zinſenbuch, erregten bei engliſchen Herzogen einen reſpektvollen Neid und bei fremden Potentaten eine für den Beſitzer befriedigende Eiferſucht. Aber wenden wir uns ab von der Front. Oeffnet die Thüre in dieſer ſteinernen Baluſtrade. Kommt ſüdlich nach der Gartenſeite des Hauſes. Lady Montforts Blumengarten. Ja; nicht ſo trübſelig! Blumen, ſelbſt Herbſtblumen beleben jeden Raſenplatz. Gleichwohl iſt Alles in ſo großartigem Maßſtab und ſo wenig Abwechslung; ſo wenig Geheimnißvolles um dieſe breiten Kiesgänge her; nirgends ein geſchlungener Weg. Oh um ein gewöhnliches Sommerhaus; um eine Laube mit lauter Geißblatt und Epheu! Aber die Dahlien ſind prächtig! Sehr wahr; nur ſind Dahlien im beſten Fall ſo un⸗ intereſſante proſaiſche Dinge. Welcher Poet hat je über eine Dahlie geſchrieben? Wahrlich Lady Montfort hätte etwas mehr Geſchmack einführen, etwas mehr Phantaſie zeigen können. Lady Montfort! Ich hätte Mylords Geſicht ſehen mögen, wenn Lady Montfort ſich eine ſolche Freiheit herausgenommen hätte. Aber da iſt Lady wandt— er hatte ſie von ſeiner Kindheit auf gekannt. Montfort, ſie ſpaziert langſam dieſen breiten, breiten, breiten Kiesweg entlang, mit den prächtigen Dahlien auf beiden Seiten in ihren wohl⸗ geordneten Blumenbeeten. Da ſpaziert ſie, vollkommen ſichtbar aus all dieſen ſechzig unbarmherzigen Fenſtern in der Gartenfront, wovon jedes dem andern aufs genaueſte gleicht. Da ſpaziert ſie, begierig nach dem fernen Ende ſchauend(es iſt ein langer Weg), wo glücklicher Weiſe ein Pförtchen iſt, das einen beharrlichen Fußgänger aus der Sehweite der ſechzig Fenſter in ſchattige Gänge führt, nach den Ufern dieſes unermeßlichen Sees, zwei Meilen von dem Hauſe. Mylord iſt nicht von ſeinem Moor in Schottland zurückgekehrt— Mylady iſt allein. Keine Geſellſchaft im Hauſe. Es iſt wie wenn man ſagt: keine Bekanntſchaft in einer Stadt. Aber die Dienerſchaft vollzählig. Obſchon Mylady allein dinirte, ſo hätte ſie ſich doch, wenn ſie gewollt hätte, von eben ſo vielen Domeſtiken zuſchauen laſſen können, als jetzt Fenſter mit ihren gläſernen, geſpenſtiſchen Augen auf ihren einſamen Spaziergang herabſtarrten. Juſt als Lady Montfort das Pförtchen erreicht, wird ſie von einem Gaſt eingeholt, der ſchnell den Kiesweg herab von der vorderen Thüre herkommt, wo er abgeſtiegen iſt und von wo er ſie geſehen hat; Jeder der dort abſtieg, hätte ſie ſehen müſſen, da war nicht zu helfen. Dieſe ſchönen Gärten waren ausdrücklich gemacht, daß ſchöne Leute, die darin ſpazierten, geſehen wurden. „Ah Lady Montfort,“ ſagte der Gaſt mit peinlichem Stammeln, „ich bin ſehr erfreut, daß ich Euch zu Hauſe treffe.“ „Natürlich zu Hauſe, George,“ antwortete die Lady ihre Hand ausſtreckend,„wo kann man mich ſonſt zu finden glauben? Aber wie blaß Ihr ſeyd! Was iſt vorgefallen?“ Sie ſetzte ſich auf eine Bank unter einer Ceder, juſt außerhalb des Pförtchens, und George Morley, unſer alter Freund der Oxrforder, nahm vertraulich, jedoch mit einer gewiſſen Ehrerbietung an ihrer Seite Platz. Lady Montfort war einige Jahre älter als er— ſie war mit ihm ver⸗ 58 „Was vorgefallen iſt!“ wiederholte er;„nichts Neues. Ich komme ſo eben von einem Beſuch bei dem guten Biſchof.“ „Er nimmt keinen Anſtand Euch zu ordiniren?“ „Nein— aber ich werde ihn niemals darum erſuchen.“ „Mein lieber Vetter, ſeyd Ihr nicht allzu ſcrupulös? Ihr würdet eine Zierde der Kirche ſeyn und in allem Uebrigen vollkommen die un⸗ freiwillige Unterlaſſung einer einzigen Pflicht rechtfertigen, welche ein Unterpfarrer für Euch erfüllen könnte.“ Morley ſchüttelte betrübt ſeinen Kopf.„Eine einzige unter⸗ laſſene Pflicht!“ ſagte er.„Aber iſt es nicht gerade dieſe Pflicht, welche den Prieſter von dem Laien unterſcheidet? und wie weit er⸗ ſtreckt ſich dieſe Pflicht? Ueberall wo eine Stimme nöthig iſt, um das Wort zu ſprechen— nicht blos auf der Kanzel, ſondern am Herd, am Krankenbett— da ſoll der Paſtor ſeyn! Nein— ich kann, ich ſoll, ich darf nicht. Wie kann ich als unzulänglicher Arbeiter des Lohnes würdig ſeyn?“ Es koſtete ihn lange Zeit dieſe Worte herauszubringen: ſeine Aufregung vermehrte ſein Gebrechen. Lady Montfort hörte ihm mit ausgeſuchter Hochachtung zu, die ſich in ihrem Mitleid kundthat, und pauſirte lang, bevor ſie antwortete. George Morley war der jüngere Sohn eines Landedelmanns, deſſen ſchönes Gut auf den ältern Sohn uͤberging. Georges Vater war ein Buſenfreund ſeines Verwandten, des Marquis von Montfort (Vorfahrers und Ahnherrn des gegenwärtigen Lords) geweſen, und der Marquis hatte, wie er glaubte, reichlich für George geſorgt, indem er ihm nach Erreichung des angemeſſenen Alters die Pfarrei Humber⸗ ſton, die einträglichſte Pfründe, die er zu vergeben hatte, zu ſichern ſuchte. Dieſe Pfründe hatte in den letzten fünfzehn Jahren ein jetzt ſehr alter Geiſtlicher innegehabt, unter der ehrenwerthen Ueberein⸗ kunft, daß er zu Gunſten Georges verzichten müſſe, im Fall dieſer die Weihen nehme. Der junge Mann, der auf ſolche Art von ſeiner frü⸗ heſten Kindheit an für die Kirche beſtimmt war, widmete der Ausſicht auf dieſen Beruf alle ſeine Studien und Gedanken. Erſt in ſeinem —— ————— 54 ſechzehnten Jahr machte ſich ſein Sprachfehler ernſtlich bemerkbar, und dann unternahmen es Sprachlehrer ihn zu kuriren, allein vergebens. Gleichwohl fuhr Georges Geiſt in der Richtung fort, in die man ihn ſo ſyſtematiſch hineingelenkt hatte. Als er nach Oxford kam, vertiefte er ſich in ſeinen akademiſchen Schatten. Unter ſeinen Büchern vergaß er ſein Sprachhinderniß beinahe. Scheu, ſchweigſam und einſiedleriſch, vermiſchte er ſich zu wenig mit Andern, als daß es ihm recht deutlich zum Bewußtſeyn gekommen wäre. Er trug Preiſe davon— er er⸗ warb hohe Ehren. Als er, ein gründlicher Theolog, ein enthuſia⸗ ſtiſcher Kirchenmann, voll vom ernſteſten Gefühl für den feierlichen Beruf des Seelenhirten, die Univerſität verließ, ſagte der Archimandrit ſeines Collegiums, nachdem er ihm viele Complimente gemacht, zu ihm:„Wie Schade, daß Ihr nicht in die Kirche treten könnt!“ „Nicht können— ich trete aber in die Kirche.“ „Ihr! iſt's möglich? Aber vielleicht iſt Euch eine Pfründe zu⸗ geſichert?“ „Ja— Humberſton.“ „Eine ausgezeichnete Pfründe, aber eine ſehr große Bevölkerung⸗ Es ſteht allerdings in der discretionären Gewalt des Biſchofs Euch zu ordiniren, und für alle Amtspflichten könnt Ihr einen Unterpfarrer halten. Aber—“ der Magniſicus hielt inne und nahm eine Priſe. Dieſes Aber ſagte ſo deutlich als Worte es ausſprechen könnten: „Es mag eine gute Sache für Euch ſeyn, aber iſt es auch ehrlich gegen die Kirche?“ So faßte wenigſtens George Morley dieſes Aber auf. Sein Gewiſſen beunruhigte ſich. Er war ein durchaus edles Herz, und man konnte um ſo größere Gewiſſenszartheit von ihm erwarten, wenn weltliche Intereſſen ihn verſuchten. Mit dieſer Pfründe war er reich, ohne ſie ſehr arm. Aber einen Beruf aufgeben, an deſſen Idee er ſich mit aller Kraft einer ſtarken und eifrigen Natur gewöhnt hatte, das hieß den ganzen Plan und Traum ſeiner Exiſtenz aufgeben. Er blieb einige Zeit unentſchloſſen; endlich ſchrieb er an den gegenwärtigen 5⁵ Lord Montfort, gab ihm ſeine Zweifel zu erkennen und entband den Marquis von dem Verſprechen, welches der Vorfahrer Sr. Lordſchaft gegeben hatte. Der gegenwärtige Marquis war nicht der Mann, der ſolche Bedenken verſtand. Aber vielleicht zum Glück für George und für die Kirche wurden die wichtigeren Angelegenheiten des Hauſes Montfort nicht von dem Marquis verwaltet. Die parlamentariſchen Einflüſſe, die kirchlichen Pfründen, nebſt dem praktiſchen Befehl über die kleineren Beamten der umfaſſenden und verwickelten Beſitzungen, die mit dem Titel verknüpft waren, ſtanden damals unter der Leitung von Mr. Carr Vipont, einem mächtigen Parlamentsmitglied und Ge⸗ mahl jener Lady Selina, deren Herablaſſung die Nerven Frank Vances, des Künſtlers, ſo ſehr gereizt hatte. Mr. Carr Vipont beherrſchte dieſes Vicekönigreich gemäß den Regeln und Ueberlieferungen, durch welche das Haus Montfort groß und wohlhabend geworden war. Denn nicht blos jeder Staat, ſondern auch jedes große herrſchaftliche Haus hat ſeine erblichen politiſchen Marimen, das Haus Montfort nicht weniger als das Haus Habsburg. Nun ſtellte das Haus Mont⸗ fort als Regel auf, daß alle Diejenigen, die als Familienmitglieder zugelaſſen wurden, einander helfen ſollen, daß das Haupt des Hauſes niemals, wenn es ſich vermeiden ließ, dulden ſolle, daß einer der Zweige in Verfall gerieth und in Armuth verſank. Das Haus Mont⸗ fort hielt es auch für Pflicht jede Art von Talent, die den Einfluß erhöhen oder die Annalen der Familie ſchmücken konnte, zu pflegen und möglichſt nutzbringend zu machen. Da es Rang und Reichthümer beſaß, ſo ſuchte es ſich auch Intelligenz zu ſichern und durch alle Ver⸗ zweigungen der Verwandtſchaft hindurch jede Schattirung von Ruf und Macht, wodurch der alte Baum noch feſter im Lande einwurzeln konnte, zu einem feſten Bund zu verknüpfen. Gemäß dieſer traditio⸗ nellen Politik wünſchte Mr. Carr Vipont nicht blos, daß ein Vipont Morley eine ſehr gute Sache nicht verlieren ſolle, ſondern auch daß eine ſehr gute Sache nicht einen Vipont Morley von hoher akade⸗ miſcher Auszeichnung verliere— einen Vipont Morley, der ein Biſchof —— 1— 5 5——— ——— 56 werden konnte! Er entwarf daher einen bewundernswürdigen Brief, welchen der Marquis unterzeichnete— daß der Marquis ſich die Mühe nehmen ſollte ihn abzuſchreiben, davon konnte nicht die Rede ſeyn. Lord Montfort ſprach darin große Bewunderung für das uneigennützige Zartgefühl aus, welches beweiſe, daß George Vipont Morley nur um ſo geeigneter für die Seelſorge ſey, und indem er ihm Zimmer in Montfort Court zur Verfügung ſtellte(während der Marquis ſelbſt für den Augenblick nicht da war), gab er zu verſtehen, George ſolle die Sache mit dem gegenwärtigen Pfarrer von Humberſton(dieſe Stadt ſey nur wenige Meilen von Montfort Court entfernt) be⸗ ſprechen, denn dieſer Mann, der keinen Sprachfehler habe, predige dennoch in Folge eines Luftröhrenübels niemals ſelber, verleſe auch nie ein Gebet und ſey gleichwohl ein höchſt wirkſamer Geiſtlicher. George Morley war daher ſchon vor einigen Monaten, juſt nach ſeiner Beſprechung mit Mrs. Crane, nach Montfort Court gegangen. Er hatte damals eine Einladung angenommen einige Wochen bei dem hochwürdigen Mr. Allſop, Pfarrer von Humberſton, zuzubringen, einem Geiſtlichen von der alten Schule, einem tüchtigen Gelehrten, einem vollendeten Gentleman, einem Mann von der höchſten Ehren⸗ haftigkeit, gutmüthig und mildherzig, der aber die geiſtlichen Pflichten weit leichter nahm als gute Geiſtliche von der neuen Schule— hoch oder niedrig— zu thun geneigt ſind. Mr. Allſop, der damals in ſeinem achtzigſten Jahre ſtand und ein Hageſtolz mit ſehr ſchönem eigenem Vermögen war, erklärte ſich vollkommen bereit die Verpflich⸗ tung zu erfüllen, in Folge welcher er ſeine Pfründe erhalten hatte, und dieſelbe an George abzutreten; aber er wurde gerührt durch den Ernſt, womit George ihn verſicherte, daß er ſich jedenfalls nicht dazu verſtehen könnte den ehrwürdigen Inhaber der Pfründe von einem Platz zu verdrängen, den er ſo lange und ſo ehrenvoll behauptet habe; daß er alſo warten wolle, bis die Pfründe nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur erledigt werde. Mr. Allſop faßte eine warme Neigung für den jungen Gelehrten. Er hatte eine Großnichte, die bei ihm auf 57 Beſuch war und weniger offen, aber nicht weniger warm dieſe Neigung theilte, und in ſie verliebte ſich George Morley mit banger Schüchternheit. Mit dieſer Pfründe war er reich genug zu heirathen — ohne ſie nicht. Ohne ſie bekam er Nichts als eine Collegiatur, welche durch die Ehe verwirkt werden konnte, und ſeinen armſeligen Antheil als jüngerer Sohn eines Landedelmannes. Die junge Lady ſelbſt war unbemittelt, denn Allſop hatte über ſein Vermögen zum Voraus ſo verfügt, daß kein Theil davon auf ſeine Großnichte kam. Ein anderer Gewiſſensgrund, um dieſes unglückſelige Sprachhinderniß hinunterzuſchlucken! Allerdings ließen während dieſes Beſuches Morleys Serupel nach; aber als er nach Haus zurückkehrte, kamen ſie mit größerer Macht denn je wieder— mit größerer Macht, weil er fühlte, daß jetzt nicht blos ein geiſtlicher Ehrgeiz, ſondern eine menſch⸗ liche Liebe zu Gunſten des eigenen Intereſſes den Caſuiſten machte. Er war ungefähr eine Woche vor dem Datum dieſes Kapitels nach dem Humberſtoner Pfarrhaus auf Beſuch zurückgekehrt— die Nichte war nicht da. Mit Strenge hatte er ſich ſelbſt gezwungen etwas genauer die Stellung der Heerde zu prüfen, die er(wenn er das Amt annahm) zu leiten hatte, ſo wie die Pflichten, die dem Hauptpaſtor einer ſtark bevölkerten Handel treibenden Stadt zukamen. Er er⸗ ſchrack. Humberſton war wie die meiſten Städte, die unter dem poli⸗ tiſchen Einfluß eines großen Hauſes ſtehen, von Parteien zerriſſen. Die eine Partei, welcher es gelang eines der beiden Mitglieder für das Parlament durchzuſetzen, war ganz für das Haus Montfort; die andere Partei, die ihr Mitglied ebenfalls durchſetzte, war ganz gegen daſſelbe. Von der einen Hälfte der Stadt wurde Alles was von Montfort Court kam unnachſichtlich mit den boshafteſten Augen be⸗ trachtet und verdreht. Mittlerweile war, obſchon Mr. Allſop bei den höhern Claſſen, wie auch bei den ärmſten Schichten, die er in ſeiner Menſchenliebe unterſtützte, beliebt war, ſein pfarrherrlicher Einfluß im Allgemeinen ein todter Buchſtabe. Sein Unterpfarrer, der für ihn predigte, ein recht guter junger Mann, aber ſchrecklich langweilig, Bulwer, was wird er damit machen? III. 5 58 gehörte nicht zu Denjenigen, die eine Kirche voll zu machen verſtehen. Die Handelsleute ſuchten nach einer Entſchuldigung wegzubleiben oder einen andern Platz zu ihrem Gottesdienſt zu wählen, und fie ge⸗ riethen auf den Ausweg einige Stellen der Predigten anzuhören, über welchen ſie, ſo lange der Pfarrer ſie herunterleierte, gewöhnlich ein⸗ ſchliefen— ſie erklärten, das heiße ein Puſeyit ſeyn. Die Kirche wurde verödet, und um dieſelbe Zeit erſchien ein ſehr beredter diſſen⸗ tirender Prediger in Humberſton, zu welchem ſelbſt anerkannte An⸗ hänger der Hochkirche ſtrömten. George Morley bemerkte leider, daß in Humberſton, wenn die Kirche ihren Stand ſollte behaupten können, ein gewaltiger und volksthümlicher Prediger weſentlich nöthig war. Er war jetzt entſchloſſen. Auf Carr Viponts Eingebung hatte der Biſchof der Diöceſe, der ſich damals in ſeinem Palaſt befand, nach ihm geſchickt, und während er die Bedeutung ſeiner Serupel zugab, hatte er dennoch geſagt:„Die Hauptverantwortlichkeit fällt auf mich. Aber wenn Ihr wünſchet, daß ich Euch ordinire, ſo werde ich es ohne Bedenken thun; denn wenn die Kirche Prediger bedarf, ſo bedarf ſie auch gründlicher Gelehrten und tugendhafter Seelenhirten.“ Friſch von dieſer Beſprechung hinweg kam George Morley, um Lady Mont⸗ fort mitzutheilen, daß ſein Entſchluß nicht erſchüttert worden ſey. Sie machte, wie ich geſagt habe, eine lange Pauſe, bevor ſie antwortete. „George,“ begann ſie zuletzt mit einer ſo rührend ſanften Stimme, daß ſchon ihr Ton Balſam für einen verwundeten Geiſt war—„ich darf nicht mit Euch rechten— ich beuge mich vor der Größe Eurer Motive, und ich will nicht ſagen, daß Ihr Unrecht habet. Eines fühle ich, daß Ihr, wenn Ihr auf ſolche Art Eure Neigungen und Intereſſen ſo reinen und heiligen Bedenken zum Opfer bringt, niemals zu bemitleiden ſeyn werdet— Ihr werdet nie Reue kennen. Arm oder reich, ledig oder verheirathet, eine Seele, welche auf ſolche Art den Himmel abzuſpiegeln ſucht, wird immer heiter und geſegnet ſeyn.“ So fuhr ſie fort einige Zeit zu ihm zu ſprechen, und er fühlte ſich un⸗ ausſprechlich beruhigt und getröſtet; dann ließ ſie allmählig auch Hoffnungen von weltlicher und zeitlicher Art eingleiten— die Literatur bleibe ihm überlaſſen— die Feder des Gelehrten, wenn auch nicht die Stimme des Predigers. In der Literatur könne er einen Weg machen, der zu Glück führen werde. Auch im Staatsdienſt gebe es Stellen, bei welchen ein Sprachfehler kein Hinderniß ſey. Sie kannte ſeine geheime beſcheidene Neigung; ſie ſpielte darauf juſt genug an, um Standhaftigkeit aufzumuntern und Verzagtheit zurückzuweiſen. Als ſie aufhörte, lenkte ſein bewunderungsvolles und dankbares Be⸗ wußtſeyn der ſeltenen Vorzüge ſeiner Baſe die Fluth ſeiner aufge⸗ regten Gefühle gänzlich von ihm ſelbſt weg auf ſie, und er rief mit einem Ernſt, der ſein Stottern beinahe vollſtändig bezwang: „Welch eine Rathgeberin Ihr ſeyd, wie Ihr zu beſchwichtigen verſtehet! Wäre Montfort nur weniger glücklich oder ehrgeiziger, welch einen Schatz, entweder zum Tröſten oder zum Aufrechthalten, würde er in einem Geiſt wie der Eurige finden!“ Als dieſe Worte geſagt waren, da hättet Ihr auf einmal ſehen können, warum Lady Montfort für hochmüthig und rückhaltend galt. Ihre Lippe ſchien plötzlich ihr holdſeliges Lächeln zurückzuhaſchen— ihr dunkles Auge, das bisher ſo reine, ſanfte Freundlichkeit geſtrahlt, wurde kalt und fremd— die Töne ihrer Stimme waren nicht dieſelben, als ſie antwortete: „Lord Montfort ſchätzt mich auch ſo weit über meine Verdienſte: — weit,“ fügte ſie mit einer verſchiedenen, ernſt trauervollen Beto⸗ nung hinzu „Vergebt mir; ich habe Euch betrübt. Es war nicht meine Ab⸗ ſicht. Der Himmel verhüte, daß ich mir's herausnehmen ſollte Lord Montfort zu nahe zu treten— oder— oder—“ er hielt inne und ver⸗ deckte den Hiatus durch ein zeitden ien S Stottern.„Nur,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„nur dieß einzige Mal vergebt mir. Bedenket, ich war ein kleiner Junge, als Ihr eine junge Lady waret, und ich habe Euch mit Schneeballen geworfen und Caroline genannt.“ Lady Montfort unterdrückte einen Seufzer und ſchenkte dem jungen Gelehrten 5* ——— 22 — ————— S 5— ——— —— ⁴j y— ——=— e — ihr graziöſes Lächeln wieder, aber kein Lächeln, das ihm erlaubt hätte ſie wieder Caroline zu nennen. Sie blieb in der That etwas fremder als gewöhnlich während des Reſtes der Beſprechung, die nicht mehr lang fortgeſetzt wurde, denn Morley war unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß er ſie ſo indiscret beleidigt hatte, und ergriff eine Entſchuldigung, um zu entwiſchen.„Apropos,“ ſagte er,„ich habe einen Brief von Mr. Carr Vipont, der mich erſucht ihm eine Skizze zu einer gothiſchen Brücke über das Waſſer dort zu entwerfen. Ich will mit Eurer Er⸗ laubniß hinabgehen und die betreffende Lage anſehen. Nur ſagt, daß Ihr mir verzeihet.“ „Euch verzeihen, Vetter George, oh ja. Nur noch ein Wort— es iſt wahr, Ihr waret noch ein Kind, als ich mir einbildete ſchon ein Weib zu ſeyn, und Ihr habt ein Recht mit mir über alle Dinge zu ſprechen, nur nicht über diejenigen, die ſich auf mich und Lord Mont⸗ fort beziehen, außer allerdings,“ fügte ſie mit einem bezaubernden halben Lachen hinzu,„außer wenn Ihr eine Urſache findet mich aus⸗ zuſchelten. Lebt wohl, Vetter, und verzeihet jetzt Ihr mir, wenn ich ſo unfreundlich war. Die Caroline, die Ihr mit Schneeballen warfet, war immer ein launiſches, eigenwilliges Geſchöpf, ſchnell beleidigt, ſtets bereit zu Mißverſtändniſſen und— zur Reue.“ Zurück auf dem breiten, breiten Kiesweg ging Lady Montfort langſamer als vorher. Wieder ſtarrten die ſechzig geiſterhaften Fenſter mit allen ihren Augen auf ſie herab— von dem Kiesweg ging ſie durch eine Seitenthüre in die pompöſe Einſamkeit des ſtattlichen Hauſes— dann durch lange Zimmer, wo die Spiegel ihre Geſtalt zurückſtrahlten und die großen Stühle in ihrem prunkenden Damaſt und ſchimmernden Gold ſteif auf verödeten Fußböden ſtanden, in ihr eigenes Privatzimmer, das ſeinerſeits weder groß noch glänzend war: einfache Zitzvorhänge, ſchlichte Bücherſtänder. Sie hätte nicht die Marquiſe von Montfort zu ſeyn gebraucht, um ein eben ſo angenehmes als lururiöſes Zimmer zu bewohnen. Und die Zimmer, welche ſie nur als Marquiſe beſitzen konnte, was waren dieſe werth für ihr Glück? 61 Ich weiß nicht. Nichts! werden ſchöne Ladies vielleicht antworten. Aber dieſe ſelben ſchönen Ladies werden ihre Töchter geneigt zu machen ſuchen, daß ſie antworten: Alles. In ihrem eigenen Zimmer ſank Lady Montfort auf ihren Stuhl; ſie war müde;— müde ſchaute ſie auf die Uhr— müde auf die Bücher in den Ständern— auf die Harfe neben dem Fenſter. Dann lehnte ſie ihr Geſicht auf ihre Hand, und dieſes Geſicht war ſo betrübt und ſo demuthsvoll betrübt, daß Ihr Euch gewundert haben würdet, wie irgend Jemand Lady Montfort ſtolz nennen konnte. „Ein Schatz! Ich!— ich!— eine werthloſe, wankelmüthige, leichtgläubige Thörin!— Ich— ich!“ Der Kammerdiener trat mit den Briefen der Nachmittagspoſt herein. Dieſes große Haus behelligte ſich ſelbſt mit zwei Poſten täglich. Ein königlicher Befehl nach Windſor— „Ich werde an einem Hof noch einſamer ſeyn als hier,“ murmelte Lady Montfort. Zweites Kapitel. Wahr ſagt das Sprichwort:„Viel Korn liegt ungeſehen unter dem Stroh.“ Mittlerweile wandelte George Morley den langen ſchattigen Weg hin— einen ſehr hübſchen Weg, voll von Preisroſen und ſeltenen exotiſchen Pflanzen— dabei kunſtvoll gewunden— ein Weg ſo wohl gehalten, daß ſeine Erhaltung vierunddreißig Männer beſchäftigte— ein vornehmer, langweiliger Weg— bis er ihn zu dem großen See brachte, der vielleicht viermal im Jahr von den vornehmen Herr⸗ ſchaften in dem vornehmen Hauſe beſucht wurde. Und da der große See ſomit außerhalb des unmittelbaren Patronats der Faſhion ſtand, ſo ſah er wirklich natürlich, geſellſchaftlich, erfriſchend aus— Ihr be⸗ gannet zu athmen, Eure Weſte aufzuknöpfen, Euer Halstuch zu lockern — Ihr deklamirtet aus Chaucer, wenn Ihr Euch ſeiner erinnern konntet, oder aus Cowper, oder aus Shakeſpeare, oder aus Thomſons 6² Jahreszeiten, kurz irgend welche Verslein, die Euch gerade in den Kopf kamen, während Eure Füße ſich luſtig im Farnkraut verwickelten — während die Bäume ſich waldartig vor und um Euch her gruppirten — Bäume, welche hier, da ſie außer der Sehweite waren, zu alt werden durften, um fünf Schillinge werth zu ſeyn, moosbewachſen, hohlſtämmig, zum Theil gekappt— unſchätzbare Bäume! Ha, der Haſe! wie er davonläuft! Seht den Hirſch, wie er zum Waſſer hinabſchreitet! Welche Haine von großen Binſen— Inſeln von Waſſerlilien! Und hier eine gothiſche Brücke zu ſchlagen, einen großen Kiesweg über die Brücke zu führen! Oh Schande, Schande! So würde der Gelehrte geſprochen haben, denn er beſaß ein wahres Gefühl für die Natur, wenn die Brücke ihm nicht gänzlich aus dem Kopf entſchwunden wäre. Allein wandernd, kam er zuletzt an das ſchattigſte und abgelegenſte Ufer des weiten Waſſers, das auf allen Seiten von Gebüſch oder von ſtillen patriarchaliſchen Bäumen umſchloſſen war. Plötzlich hielt er an— eine Idee fuhr ihm durch den Kopf, eine jener ſonderbaren, wunderlichen, grotesken Ideen, welche oft, wenn wir allein ſind, ſelbſt in unſern ruhigſten oder ängſtlichſten Stim⸗ mungen über uns kommen. War ſein Gebrechen wirklich unheilbar? Sprachmeiſter hatten geſagt: gewiß nicht; allein ſie hatten nichts Gutes mit ihm ausgerichtet. Aber hatte denn nicht der größte Redner, welchen die Welt je gekannt, einen Fehler in der Ausſprache? Auch er, Demoſthenes, hatte ohne Zweifel Sprachmeiſtern, den beſten in Athen, wo die Sprachmeiſter ihre Kunſt ad unguem ſtudirt haben müſſen, Honorare bezahlt, und ſein Fehler hatte ihrer Bemühungen geſpottet. Aber verzweifelte Demoſthenes? Nein, er beſchloß ſich ſelbſt zu kuriren. Wie? Gehörte es nicht zu ſeinen Methoden, daß er ſeinen Mund mit Kieſelſteinen füllte und mannhaft gegen die brauſende See ankämpfte? George Morley hatte die Wirkung der Kieſelſteine noch nie erprobt. Wohnte ihnen wirklich eine Kraft inne? Warum es nicht verſuchen? Allerdings war kein Meer da; aber ein Meer 63 war nur dazu nützlich, um das Getöſe einer ſtürmiſchen demokratiſchen Zahörerſchaft darzuſtellen. Eine friedliche Verſammlung konnte eben ſo gut durch dieſe ſtille Waſſerfläche dargeſtellt werden. Kieſel waren juſt in Menge vorhanden in dieſer ſandigen Bucht, neben welcher ein junger Hecht lag und ſeinen grünen Rücken ſonnte. Halb im Scherz, halb im Ernſt las der Gelehrte eine Handvoll Steine auf, wiſchte Sand und Erde davon ab, ſchob ſie vorſichtig zwiſchen ſeine Zähne, und nachdem er rings umhergeſchaut, um ſich zu verſichern, daß Nie⸗ mand um den Weg ſey, begann er eine Rede zu ertemporiren. Er intereſſirte ſich dermaßen für dieſes klaſſiſche Erperiment, daß er länger als eine halbe Stunde die Luft gequält und die Elſtern(deren drei aus einem benachbarten Dickicht ganz bezaubert horchten) in Staunen verſetzt haben mochte, als er, von Schaam über die komiſche Unmacht ſeiner Bemühungen ergriffen— in Verzweiflung darüber, daß eine ſo unglückſelige Schranke zwiſchen ſeinem Geiſt und deſſen Ausdruck ſtehen ſollte— die Kieſel wegwarf, auf den Boden ſank und bitterlich weinte— weinte wie ein Kind, dem man ſeinen Willen nicht thut. Die Sache war die, daß Morley wirklich alle Anlagen zu einem Redner hatte; er beſaß Rednertalent in der Wärme der Leidenſchaft, im rauſchenden Strom der Gedanken, in der logiſchen Anordnung; es wohnte das Genie eines großen Predigers in ihm. Er fühlte, er wußte es, und in dieſer Verzweiflung, welche nur der Genius kennt, wenn eine beklagenswerthe Urſache ſeine Kräfte lähmt und ſeine Fähig⸗ keiten niederſchlägt, machte er die Einſamkeit zu ſeiner Vertrauten und weinte laut und friſch vom Herzen weg. „Verzaget nicht, Sir, ich unternehme es Euch zu kuriren,“ ſagte eine Stimme hinter ihm. George fuhr beſchämt auf. Ein ältlicher, aber friſcher und kräf⸗ tiger Mann ſtand neben ihm in einer hellen Barchentjacke, einer blauen Schürze und mit Binſen in ſeinen Händen, welche er flink und munter zu flechten fortfuhr, während er ſich gegen den betretenen Gelehrten verbeugte. 64 „Ich war im Schatten jenes Dickichts dort, Sir; verzeiht anir ich konnte nicht umhin Euch zu hören.“ Der Orforder rieb ſich die Augen und fixirte den Mann mit einem unbeſtimmten Eindruck, daß er ihn ſchon geſehen habe: wann? wo? „Ihr könnt mich kuriren?“ ſtotterte er heraus;„von was? von der Thorheit öffentlich ſprechen zu wollen? ich danke Euch, ich bin kurirt.“ „Nein, Sir, Ihr ſehet einen Mann vor Euch, der Euch zu einem ſehr guten Redner machen kann. Eure Stimme iſt von Natur ſchön. Ich wiederhole, ich kann einen Fehler kurixen, der nicht im Organ, ſondern in der Behandlung liegt.“ „Ihr könnt das? Ihr— wer und was ſeyd Ihr?“ „Ein Korbmacher, Sir; ich hoffe auf Eure Kundſchaft.“ „Offenbar iſt es nicht das erſte Mal, daß ich Euch ſehe?“ „Es iſt wahr, Ihr waret einmal ſo gütig, mir auf Eures Vaters Land ein Ruheplätzchen zu borgen.“ In dieſem Augenblick ſchaute Sir Iſaak durch das Geſtrüppe hervor, und ſeiner urſprünglichen Weiße zurückgegeben, von ſeinen falſchen hornartigen Ohren befreit, ſchritt er gravitätiſch gegen das Waſſer, beſchnüffelte den Gelehrten, wedelte ein wenig mit dem Schweif und begrub ſich unter dem Schilf, um eine Waſſerratte auf⸗ zuſuchen, die er vor einer Woche dort aufgeſtört hatte und immer wieder zu finden erwartete. Der Anblick des Hundes klärte augenblicklich die Wolke im Ge⸗ dächtniß des Gelehrten wieder auf; aber mit der Wiedererkennung kam zugleich eine ſtarke Neugierde und ein ſcharfer Gewiſſensbiß. „Und Euer kleines Mädchen?“ fragte er, indem er beſchämt zur Erde ſchaute. „Sie iſt beſſer als bei unſerer letzten Begegnung. Die Vor⸗ ſehung iſt ſo gütig gegen uns.“ . Der arme Waife, er ahnte nicht, daß er dem Manne, dem er ſich auf ſolche Art enthüllte, den Kummer wegen der Entführung Sophys 6⁵ zuzuſchreiben hatte. Er konnte ſich keinen Grund für die erröthenden Wangen und die verlegenen Manieren des Gelehrten denken. „Ja, Sir, wir haben uns juſt in dieſer Gegend niedergelaſſen. Ich habe ein hübſches Häuschen dort am äußerſten Rande des Dorfes und in der Nähe des Parkzaunes. Ich erkannte Euch ſogleich, und da ich Euch jetzt hörte, erinnerte ich mich, daß Ihr, als wir uns das erſte Mal trafen, mir ſagtet, Euer Beruf würde die Kirche ſeyn, wenn Ihr dieſe Schwierigkeit im Ausſprechen nicht hättet; und da ſagte ich zu mir ſelbſt, dieſe Kieſelſteine wären nicht übel, wenn ſeine Aus⸗ ſprache undeutlich wäre, was ſie nicht iſt; und ich zweifle nicht daran, Sir, daß der wahre Fehler des Demoſthenes, den Ihr vermuthlich nachahmen wolltet, darin beſtand, daß er durch die Naſe ſprach.“ „He!“ ſagte der Gelehrte,„durch die Naſe? Ich wußte das nicht!— und ich—“ „Und Ihr verſuchet ohne die Lungen zu ſprechen, d. h. ohne Luft darin. Ihr rauchet nicht, vermuthe ich?“ „Nein— gewiß nicht.“ „Ihr müßt es lernen— ſprechet zwiſchen jedem langſamen Zug aus Eurer Pfeife. Alles was Ihr brauchet iſt Zeit, Zeit um die Nerven zu beruhigen, Zeit um zu denken, Zeit um zu athmen. So bald Ihr zu ſtammeln anfanget, haltet inne— füllet die Lungen ſo, dann verſuchet es wieder. Nur ein geſcheidter Mann kann ſchreiben, d. h. componiren lernen; aber das Sprechen kann man jedem Narren beibringen. Habt guten Muth!“ „Wenn Ihr mich's wirklich lehren könnet,“ rief der gelehrte Mann, indem er alle Selbſtvorwürfe wegen ſeines Verrathes an Waife in dem abſorbirenden Intereſſe der Hoffnung vergaß, die ſich in ihm regte—„wenn Ihr mich's lehren könnet— wenn ich nur dieſes Hin— Hin—Hin— Hind—“ „Langſam— langſam— Athem und Zeit— nehmt einen Zug aus meiner Pfeife— ſo iſt's recht— ja Ihr könnt dieſes Hin⸗ derniß überwinden.“ 66 „Dann werde ich Euch der beſte Freund ſeyn, den ein Menſch je gehabt hat. Da iſt meine Hand darauf.“ „Ich nehme ſie, aber ich bitte um Erlaubniß die Perſonen im Vertrag abzuändern. Ich bedarf keines Freundes und verdiene keinen Freund. Ihr ſollt ſtatt deſſen meinem kleinen Mädchen ein Freund ſeyn, und wenn ich Euch je erſuche mir in irgend Etwas zu ihrer Wohlfahrt und ihrem Glück behülflich zu ſeyn—“ „So will ich helfen mit Herz und Seele! Wahrlich jeder Dienſt, den ich ihr oder Euch leiſte, iſt gering im Vergleich mit demjenigen, den Ihr mir leiſtet. Befreiet dieſe unglückſelige Zunge von ihrem Stammeln, ſo werden Gedanken und Eifer nicht ſtammeln, wenn Ihr je zu mir ſagt: Haltet Euer Verſprechen! Ich bin ſo froh, daß Euer kleines Mädchen fortwährend bei Euch iſt.“ Waife ſah überraſcht aus.„Daß ſie fortwährend bei mir iſt! warum denn nicht?“ Der Gelehrte biß ſich auf die Zunge. Dieß war nicht der Augen⸗ blick zu beichten; es konnte Waifes ganzes Vertrauen zu ihm zerſtören. Er wollte dieß ſpäter thun.—„Wann werde ich meine Lektionen beginnen?“ „Jetzt, wenn Ihr wollt. Aber habt Ihr ein Buch in Eurer Taſche?“ „Ich habe immer eines.“ „Hoffentlich nicht Griechiſch, Sir?“ „Nein, einen Band von Barrows Predigten. Lord Chatham empfahl dieſe Predigten ſeinem großen Sohn als Studium der Be⸗ redtſamkeit.“ „Gut! Wollt Ihr mir den Band leihen, Sir? Und jetzt zur Sache, höret mich an— einen einzigen Satz auf einmal— holet 8 Athem, wenn ich es thue.“ Die drei Elſtern ſpitzten ihre Ohren wieder und wunderten ſich ungemein, indem ſie lauſchten. 67 Drittes Kapitel. Könnten wir wiſſen, durch welche ſeltſamen Umſtände das Genie eines Menſchen zu praktiſchem Erfolg vorbereitet wird, ſo würden wir ent⸗ decken, daß die förderlichſten Items in ſeiner Erziehung niemals auf die Rechnungen gekommen ſind, die ſein Vater dafür bezahlte. Schon nach der erſten Lektion ſah George Morley, daß alle Sprachmeiſter, an deren Geſchicklichkeit man ihn überwieſen hatte, Stümper waren im Vergleich mit dem Korbmacher. Waife verwirrte ihn nicht mit wiſſenſchaftlichen Theorien. Alles was der große Schauſpieler von ihm verlangte war, daß er beobachten und nachahmen ſollte. Beobachtung, Nachahmung, ſeht, das ſind die Grundlagen aller Kunſt! die erſten Elemente alles Genies! Man darf da allerdings nicht anhalten, ſondern muß immer von Neuem an⸗ fangen. Was bleibt dann übrig, um den Verſtand zur Meiſterſchaft zu bringen? Zwei Schritte— zu überlegen, zu reproduciren. Be⸗ obachtung, Nachahmung, Ueberlegung, Reproduction. Durch dieſe wird ein Geiſt vollſtändig und vollendet, fähig aller Arbeit die Spitze zu bieten, jeden Erfolg zu erringen. Nach der erſten Lektion fühlte George Morley, daß ſeine Cur möglich war. Man beſtellte ſich auf den nächſten Tag an denſelben Platz, und dann kam er verſtohlen, und ſo von Tag zu Tag. Am Ende einer Woche fühlte er, daß die Cur beinahe ſicher war; nach Verfluß eines Monats war ſie vollkommen klar. Ihm ſollte alſo das Glück zu Theil werden das Wort zu predigen. Es iſt wahr, daß er ſich unaufhörlich privatim übte. Nicht einen Augenblick in ſeinen wachenden Stunden war dieſer eine Gedanke, dieſer eine Zweck ſeinem Geiſte fern; wohl wahr, daß bei all ſeiner Geduld, bei all ſeinem Ab⸗ mühen das Hinderniß immer noch bedeutend blieb und ſich vielleicht nie ganz überwinden ließ. Nervöſe Haſtigkeit— übermäpige Raſch⸗ heit der Aktion— Heftigkeit des Gefühls brachte in unbewachten Augenblicken den ſchnappenden Athem, die leeren Lungen, den käm⸗ pfenden Ausdruck zurück und konnte ihn immer wieder zurückbringen. Aber der Rückfall, der jetzt bei jeder Probe immer ſeltener wurde, konnte zuletzt kaum mehr ein großes Hinderniß ſeyn.„Nein,“ ſagte Waife,„ganz und gar kein Hinderniß; werdet nur ein Redner, ſo werdet Ihr ein Gebrechen in eine Schönheit verwandeln.“ Da nun der Gelehrte auf dieſe Art die beſten Hoffnungen hatte ſein ausgewähltes Lebensziel zu erreichen, ſo war ſeine Dankbarkeit gegen Waife unausſprechlich. Und als er den Mann zuletzt täglich in ſeiner eigenen Hütte ſah, als er auf Sophys Wangen wieder Ge⸗ ſundheit blühen, auf ihren Lippen wieder das freundliche Lächeln ſah und ſich überzeugte, wie ſie ſich neben dem Lehnſtuhl ihres Großvaters an ihrer leichten niedlichen Arbeit erfreute, während Feenlegenden aus ſeinem Munde ihr vielleicht goldene Wahrheiten einträufelten— als er Waife ſo ſah, da vermiſchte ſich mit ſeiner Dankbarkeit eine eigen⸗ thümlich zärtliche Hochachtung. Er wußte nichts von der Vergangen⸗ heit des Vagabunden— ſeine Vernunft mußte zugeben, daß in einer Lebensſtellung, die ſo auffallend gegen die natürlichen und erworbenen Talente des eigenthümlichen Korbmachers abſtach, etwas Geheimniß⸗ volles und Verdächtiges war. Aber er erröthete bei dem Gedanken, daß er jemals die Excentricitäten glorreichen Humors einem geſtörten oder irregehenden Verſtand zugeſchrieben, daß er einen Verſuch unter⸗ ſtützt hatte ein ſo unſchuldiges und geniales hohes Alter von einer Kindheit zu trennen, die ſolche Pflege empfing und ertheilte. Und ich bin feſt überzeugt, wenn die ganze Welt ſich erhoben hätte, um mit dem Finger der Verachtung auf den einäugigen Krüppel zu deuten, ſo würde George Morley, der wohlgeborene Gentleman— der feinge⸗ bildete Gelehrte— der makelloſe Kirchenmann— ihm ſeinen Arm als Stütze geboten haben und unbeſchämt an ſeiner Seite einherge⸗ ſchritten ſeyn. 69 Viertes Kapitel. Um den menſchlichen Charakter recht zu beurtheilen, braucht Einer zuweilen ſehr geringe Erfahrung zu haben, wenn er nur ein ſehr weites Herz beſitzt. Numa Pompilius hielt die Lektionen, die er von Egeria empfing, nicht geheimer, als George Morley diejenigen, die ihm der Korb⸗ macher ertheilte. Und in der That mußte ſein Wunſch, daß die Sache ein Geheimniß bleibe, natürlich ſeyn— es wäre eine hübſche Ge⸗ ſchichte in Humberſton geweſen, wenn man erfahren hätte, daß der künftige Pfarrer bei einem alten Korbmacher Unterricht im Predigen genommen. Aber er hatte einen noch edleren und dringenderen Grund zur Verſchwiegenheit— ſeine Ehre war dabei verpfändet. Waife hatte ihm das Verſprechen abgenommen ihren beiderſeitigen Verkehr als eine bloße Privat⸗ und ſtrenge Vertrauensſache zu be⸗ trachten. „Ich verlange dieß um meiner ſelbſt willen,“ ſagte Waife offen, „obſchon ich ſagen könnte, es geſchehe Euretwegen.“ Der Orforder verſprach und war gebunden. Da glücklicher Weiſe Lady Montfort ſchon einen Tag, nachdem George mit dem Korbmacher zuſammen⸗ getroffen, abgereist war und ein paar Zeilen hinterlaſſen hatte, daß ſie erſt in einigen Wochen zurückkommen werde, ſo konnte George ganz ungenirt von der allgemeinen Einladung des Lords in Montfort Court zu wohnen, wenn er in der Nähe wäre, Gebrauch machen, was ihm die angenommenen Ziemlichkeitsgrundſätze der Welt nicht geſtattet hätten, ſo lange Lady Montfort ohne ihren Gemahl oder weibliche Gäſte da war. Er nahm demgemäß ſeine Wohnung in einem Winkel des großen Palaſtes und konnte ganz leicht, ſo oft er wollte, unbeob⸗ achtet durch die Oeden des Parkes gehen, die Waſſerſeite erreichen oder von dort durch das dichte Gebüſch ſchlendern, das zu Waifes Häuschen führte, welches an den Parkzaun gränzte, einſam, abge⸗ ſchloſſen, außer der Sehweite des benachbarten Dorfes. Da das große Haus ganz ihm ſelbſt überlaſſen war, ſo kam George mit Niemand in 70 3 Berührung, dem er in unbewachten Augenblicken auch nur einen Wink von ſeiner neuen Bekanntſchaft hätte geben können, ausgenommen mit dem Geiſtlichen der Gemeinde, einem würdigen Mann, der in ſtrenger Abgeſchloſſenheit von einer kärglichen Beſoldung lebte. Denn der Marquis war der weltliche Pfründenbeſitzer; die Pfründe war daher blos eine armſelige Unterpfarrſtelle, wie ſie ein Vipont oder auch nur ein Vipont'ſcher Hauslehrer nicht hätte annehmen können, und die daher ſicher auf einen ſtillen, rechtſchaffenen Mann überging, der ge⸗ nöthigt war in ſtrenger Abgeſchiedenheit zu leben. George ſah dieſen Geiſtlichen zu wenig, um ihm ſeine Geheimniſſe mitzutheilen oder Aufſchlüſſe bei ihm zu holen. Gleichwohl erfuhr George gelegentlich durch ihn, daß Waife einige Monate vorher das Dorf beſucht und dem Vogt den Vorſchlag gemacht hatte das Häuschen und das Weiden⸗ land, das er jetzt im Pacht hatte, zu miethen— daß er ihm vorgeſtellt, er habe einen alten Korbmacher, der vor vielen Jahren da gewohnt, gut gekannt und von dieſem längſt geſtorbenen Handwerker das Korb⸗ machen gelernt. Da er einen höheren Zins anbot als der Vogt an⸗ derweitig erhalten konnte, und da letzterer ſich bei Mr. Carr Vipont das Lob erwerben wollte, daß er das Gut verbeſſere, indem er eine ganz außer Gewohnheit gekommene Kunſt auf demſelben wieder ins Leben rufe, ſo wurde der Handel abgeſchloſſen, vorausgeſetzt daß der Candidat als Ortsfremder dem Vogt alle genügenden Referenzen bringen könnte. Waife war weggegangen mit der Erklärung, er werde bald mit dem erforderlichen Zeugniß zurückkommen. In der That rechnete der arme Mann, wie wir wiſſen, damals auf ein gutes Wort von Mr. Hartopp. Er war indeß einige Monate nicht zurück⸗ gekommen. Mittlerweile blieb das Häuschen, da man es zeitweilig für einen untergeordneten Wildhüter brauchte, deſſen eigene Wohnung reparirt werden mußte, glücklicher Weiſe unvermiethet. Waife hatte, als er in Begleitung ſeines kleinen Mädchens zurückkam, ſich bei dem Vogt auf einen reſpektablen Häuſeragenten und Miethzinsſammler in Bloomsbury berufen, der es ihm ſchriftlich gab, daß eine damals AWe — ——·—* —— 1 1 8 2 71 außer Lands befindliche Lady ihn als den Verwalter eines ihr eigen⸗ thümlichen Hauſes, von welchem ſie einen großen Theil ihres Ein⸗ kommens beziehe, ermächtigt habe nicht blos zu erklären, daß Waife ein ſehr intelligenter Mann ſey, der ſicherlich Alles gut machen werde, was er unternehme, ſondern auch erforderlichen Falls die pünktliche Bezahlung des Zinſes für Alles was er in Pacht nehme zu garantiren. Auf dieſes hin wurde der Vertrag abgeſchloſſen und der Korbmacher inſtallirt. In der unmittelbaren Nachbarſchaft war kein Verſchluß für Korbmacherei, aber Waifes Arbeiten waren ſo hübſch, einige davon ſo elegant und zierlich, daß es ihn keine Mühe koſtete mit einem großen Kaufmann(nicht in Humberſton, ſondern in einer entfernteren und wohlhabenderen Stadt zwanzig Meilen davon) einen Vertrag über Alles abzuſchließen, was er ihm liefern könnte. Jede Woche nahm der Fuhrmann ſeine Waaren fort und brachte die Bezahlung dafür; der Gewinn genügte reichlich für Waife's und Sophys tägliches Brod, ja es blieb noch ein Ueberſchuß übrig, der für den Miethzins bei Seite gelegt wurde. Uebrigens war, da das Häuschen des Korbmachers am fernſten Ende des einſamen, nur von einer ackerbauenden Bevölkerung bewohnten Dorfes lag, ſeine Lebensweiſe nicht viel bekannt, und es wurde ihm wenig nachgefragt. Man hielt ihn für einen harmloſen, hart arbeitenden Mann, der nie im Bierhaus, Sonntags aber immer mit ſeiner zierlich gekleideten kleinen Enkelin in ſeiner ſtillen Ecke in der Kirche geſehen wurde— dabei galt er für einen höflichen Mann von guter Lebensart, der vor dem Vogt ſeinen Hut berührte und vor dem Pfarrer ihn abzog. Eine Idee herrſchte vor, daß der Korbmacher einen großen Theil ſeines Lebens in fremden Ländern verbracht habe, und dieſe wurde theils durch eine Nüchternheit der Gewohnheiten begünſtigt, die nicht ganz national iſt, theils durch Etwas in ſeiner Erſcheinung, was, ohne gerade hoch über ſeinem niedrigen Berufe zu ſtehen, doch nicht ganz im Einklang mit demſelben, Pu ausländiſch zu ſeyn ſchien, ganz beſonders aber durch das Faktum, daß er ſeit ſeiner Ankunft zwei Idee — ——— — —— —— —— — — Briefe mit fremder Poſtmarke erhalten hatte. Die Idee war dem alten Mann günſtig, denn ſie geſtattete die Vermuthung, daß er ohne Zweifel die Freunde, die er früher in England zurückgelaſſen, über⸗ lebt habe und nun bei ſeiner Rückkehr von ſeinen Streifzügen ſo müde ſey, daß er ſich zufrieden in irgend einem Winkel ſeines Heimathlandes niedergelaſſen, wo er ein ruhiges Heimweſen finden und ſich durch leichte Arbeit einen anſtändigen Unterhalt erwerben könne. Obſchon George natürlich begierig war zu erfahren, welchen Er⸗ folg ſeine Mittheilung gegen Mrs. Crane gehabt, ob ſie zu Waifes Entdeckung geführt oder ihm Unannehmlichkeiten verurſacht habe, ſo hatte er ſich doch bisher geſcheut einen Punkt zu berühren, der ihm ein unangenehmes Geſtändniß offtziöſer Zwiſchenträgerei abnöthigte und als eine indirekte und undelikate Art erſcheinen konnte peinliche Familienangelegenheiten ausforſchen zu wollen. Aber eines Tags erhielt er von ſeinem Vater einen Brief, der ihn ſehr beunruhigte und veranlaßte ohne weitere Umſtände offen mit ſeinem Lehrer zu ſprechen. In dieſem Brief erwähnte der ältere Mr. Morley gelegent⸗ lich unter andern lokalen Neuigkeiten, er habe Mr. Hartopp geſehen, der ganz betrübt ſey, indem ſein gutes Herz ſich noch nicht von dem Schlag erholt habe, welchen ihm die abſcheuliche Ueberliſtung durch einen Betrüger verſetzt, zu dem er große Zuneigung gefaßt und zu deſſen Entdeckung George ſelbſt ihn durch eine providentielle Fügung geleitet habe(der Vater bezog ſich hier auf das was George ihm von ſeiner erſten Begegnung mit Waife und von ſeinem Beſuch bei Mrs. Crane erzählt hatte); dieſer Betrüger ſey, wie aus Mr. Hartopps Aeußerungen hervorgehe, keineswegs etwas verrückt, wie George ge⸗ glaubt, ſondern entſchieden ein ſehr ſchlechter Charakter.„In der That,“ fügte der ältere Morley hinzu,„ein ſo ſchlechter Charakter, daß Mr. Hartopp ſeelenfroh war das Kind, das er irgendwo abgeführt zu haben ſcheint, ſeinen rechtmäßigen Beſchützern übergeben zu koͤnnen; und nach den Aeußerungen Hartopps, obſchon er nicht gerne geſteht, daß er ſich auf eine ſo plumpe Art habe täuſchen laſſen, vermuthe ich, —————½— 73 er habe ſeinen Mitbürgern wirklich einen föoͤrmlichen Zuchthäusler vorgeführt, ja vielleicht mit einem Nachtdieb vertrauten Umgang ge⸗ pflogen. Welches Glück für dieſen armen, ſanftherzigen, vortrefflichen Jos Hartopp— von dem man wohl ſagen kann, daß es eine poſitive Unmenſchlichkeit ſey ihn zu täuſchen, wie wenn er ein geborener Idiot wäre— daß die Lady, welche Du ſaheſt, zur rechten Zeit angekommen iſt, um die Schlingen aufzudecken, die ſeiner wohlwollenden Leichtgläu⸗ bigkeit gelegt wurden! Sonſt hätte Jos den Kerl in ſein eigenes Haus nehmen können(es ſieht ihm ſo gleich!) und wäre dießmal ohne Zweifel beraubt, ja, der Himmel weiß es, vielleicht ſogar ermordet worden.“ Ungläubig und entrüſtet, voll Verlangen in den Stand geſetzt zu werden den ehrlichen Namen ſeines Freundes zu ſchützen, ergriff George ſeinen Hut und ſchritt raſch auf das Häuschen des Korbma⸗ chers zu. Als er an den See kam, bemerkte er Waife ſelbſt, der unter einem knorrigen, phantaſtiſchen Dornbuſch auf einer Moosbank ſaß, einen Hirſch, welcher zu trinken kam, beobachtete und eine ſanfte, weiche Melodie— die Melodie eines alten engliſchen Uferliedes— pfiff. Der Hirſch hob ſeine Weidſproſſen von dem Waſſer empor und richtete ernſt lauſchend ſeine großen glänzenden Augen nach dem ent⸗ gegengeſetzten Ufer, von wo die Melodie kam. Als Georges Tritte den wilden Thymian zerdrückten, welchen der Dornbuſch beſchattete, ſagte Waife:„Still! und bemerkt, wie der roheſte muſikaliſche Ton die unvernünftige Schöpfung afficiren kann.“ Er begann aufs Neue zu pfeifen— eine hellere, lautere, wildere Melodie— die von einem lebhaften Jagdlied. Der Hirſch wandte ſich ſchnell um, ſchüttelte un⸗ behaglich, unruhig ſeine Enden und ſprang durch das Farnkraut. Waife änderte ſeine Tonart abermals— er begann ein melancholiſches Schreien, gleich dem Geröhre eines melancholiſchen Hirſches, aber mit ſanfteren Modulationen. Der Hirſch hielt auf ſeiner Flucht ein, und angelockt von dem mimiſchen Getöne, kehrte er langſam und ſeattlich zu dem Waſſer zurück. Bulwer, was wird er damit machen? III. 6 74 „Ich halte die Geſchichte von Orpheus, wie er die Thiere be⸗ zauberte, für keine Fabel— was ſagt Ihr, Sir 2“ ſagte Waife.„Die Kaninchen in der Nähe kennen mich bereits, und wenn ich nur eine Geige hätte, ſo würde ich mit dieſer rückhaltſamen und ungeſelligen Waſſerratte, welcher Sir Iſaak vergebens ſeine Bekanntſchaft aufzu⸗ drängen bemüht iſt, Freundſchaft ſchließen. Der Menſch begeht einen Mißgriff, indem er nicht mit den andern Zweigen der großen Erden⸗ familie innigere und freundſchaftlichere Verbindungen unterhält. Wenige von ihnen ſind nicht amüſanter als wir ſelbſt— natürlich, denn ſie haben unſere Sorgen nicht. Und dann eine ſolche Verſchie⸗ denheit der Charaktere, wo Ihr es am wenigſten erwarten würdet.“ George Morley.—„Sehr wahr: Cowper beobachtete ganz auffallende Charakterverſchiedenheiten bei ſeinen Lieblingshaſen.“ Waife.—„Haſen! Ich bin überzeugt, daß nicht zwei Fliegen an einer Fenſterſcheibe, nicht zwei Elrizen in dieſem Waſſer ſind, die uns nicht intereſſante Contraſte in Bezug auf Temperament und Cha⸗ rakter darböten. Wenn Mücken und Elrizen nur Geld prägen oder eine Manufaktur treiben, kurz wenn ſie Etwas zu kaufen oder zu ver⸗ kaufen erfinden könnten, was den angelſächſiſchen Unternehmungsgeiſt und Verſtand anzöge, ſo würden wir natürlich bald diplomatiſche Ver⸗ bindungen mit ihnen haben, und unſere Depeſchen und Zeitungen würden uns haarklein über die Charaktere und Neigungen ihrer lei⸗ tenden Perſonen unterrichten. Aber wo der Menſch keine pekuniären oder ehrgeizigen Intereſſen bei ſeinem Verkehr mit irgend einer Claſſe ſeiner Mitgeſchöpfe im Spiel hat, da iſt ſeine Kenntniß von ihnen äußerſt verworren und oberflächlich. Die beſten Naturforſcher gene⸗ raliſtren blos und meinen Wunder was gethan zu haben, wenn ſie eine Species claſſificiren. Was würden wir von dem Menſchenge⸗ ſchlecht wiſſen, wenn wir blos die Definition eines Naturforſchers von den Menſchen hätten? Wir kennen das Menſchengeſchlecht blos da⸗ durch, daß wir die Claſſifikation auf den Kopf ſchlagen und jeden Menſchen als eine Claſſe an und für ſich ſtudiren. Vergleichet Buffon mit Shakeſpeare! Ach, Sir, können wir nie einen Shakeſpeare für Fliegen und Elrizen haben?“ George Morley.—„Bei allem Reſpekt vor Elrizen und Fliegen mochte doch ein zweiter Shakeſpeare, wenn wir einen fänden, beſſer dazu verwendet werden, daß er wie ſein Vorfahrer Individua⸗ litäten aus den Claſſiſikationen des Menſchen auswählte.“ Waife.—„Ihr denkt ſo, weil Ihr ſelbſt ein Menſch ſeyd— eine Fliege dürfte anderer Anſicht ſeyn. Aber erlaubt mir wenigſtens zu zweifeln, ob ein ſolcher Forſcher in Bezug auf ſein eigenes Glück beſſer angewandt wäre, obſchon ich zugebe, daß er es in Bezug auf Euer intellektuelles Vergnügen und Eure geſellſchaftlichen Intereſſen wäre. Armer Shakeſpeare! Wie viel muß er gelitten haben!“ George Morley.—„Ihr meint, er müſſe durch die Leiden⸗ ſchaften, die er beſchreibt, gefoltert, durch den Zuſammenſtoß mit den Herzen, die er ſecirt, zerrieben worden ſeyn. Das iſt nicht nöthig für den Genius. Der Richter auf ſeiner Bank, wenn er die Zeugen auf⸗ ruft und die Geſchworenen anredet, braucht die Verſuchungen des Ge⸗ fangenen vor den Schranken nicht getheilt zu haben und mit ſeinen Handlungen nicht vertraut geweſen zu ſeyn. Und doch wie vollendet kann ſeine Analyſe ſeyn!“ „Nein,“ rief Waife eifrig.„Nein. Euer Beiſpiel vernichtet Euern Beweis. Der Richter weiß Nichts von dem Gefangenen. Da ſind die Umſtände— da iſt das Geſetz. Nach dieſen generaliſirt er— nach dieſen richtet er. Aber von dem Individuum vor den Schranken — von der Welt— von der ſchrecklichen Welt in dieſem individuellen Herzen— weiß er— ich wiederhole es— Nichts. Wüßte er Etwas davon, ſo würden Geſetz und Umſtände verſchwinden, die menſchliche Juſtiz würde gelähmt werden. He da, ſtellt dieſen ſchwarzgeſichtigen, verdächtig ausſehenden Fremden vor die Schranken und laßt den Ge⸗ richtshof die Sache eröffnen— hört was die Zeugen ausſagen. Oh der abſcheuliche Böſewicht!— ein Mörder— ein unmenſchlicher Mörder!l ein ſchutzloſes Weib mit frevleriſcher Hand erwürgt! Hänget 6* — — —— —— — ——— 3——— —ÿ———. 2. 76 ihn— hänget ihn! Nur ſachte, flüſtert der Poet und lüftet den Schleier vom Herzen des Mörders. Schaut, es iſt Othello, der Mohr! Welche Jury wagt es jetzt noch dieſen Verbrecher ſchuldig zu finden?— welcher Richter wird ihm jetzt die ſchwarze Kappe auf⸗ ſetzen? wer ſagt jetzt: ehänget ihn— hänget ihn!“ Mit ſo lebendiger Kraft machte der Schauſpieler dieſem leiden⸗ ſchaftlichen Ausruf Luft, daß es ſeinen Zuhörer mit einer ähnlichen Angſt durchſchauerte, wie in dem Augenblick, wo der Mohr am Schluß des erhabenen Dramas überwieſen iſt und das Publikum angſtvoll zu⸗ ſammenbebt. Selbſt Sir Iſaak erſchrack; er gab ſeine hoffnungsloſe Jagd auf die Waſſerratte auf, ſtieß ein leiſes Gebelle aus, kam zu ſeinem Herrn und ſchaute ihm mit feierlicher Neugierde ins Geſicht. Waife(in den Geſprächston zurückverfallend).—„Warum ſympathiſiren wir mit Denjenigen, die über uns ſtehen, mehr als mit Geringeren? Warum mit den Kümmerniſſen eines Königs mehr als mit denen eines Bettlers? Warum ſympathiſirt Sir Iſaak(wie ſehr ihn dieſe Waſſerratte jetzt quälen mag) mit mir mehr als ich möglicher⸗ weiſe mit ihm ſympathiſiren kann? Was auch die Urſache ſeyn mag, Mr. Morley, ſo ſehet wenigſtens einen Grund, warum ein armes Ge⸗ ſchöpf gleich mir beſſer zu thun glaubt, wenn es die Freundſchaft der un⸗ vernünftigen Thiere kultivirt, als wenn es das Studium der Menſchen verfolgt. Unter den Menſchen ſind alle zu hoch, um mit mir zu ſympa⸗ thiſtren; aber ich habe zwei Freunde gekannt, die mich nie beleidigten noch verriethen. Sir Iſaak iſt einer, Wamba hieß der andere. Wamba, Sir, der Eingeborene eines entfernten Theils der Weltkugel(das civi⸗ liſirte Europa iſt nicht groß genug, um einem einzigen Manne zwei Freunde zu liefern) Wamba, Sir, war von Natur weniger begabt, durch Erziehung weniger fein gebildet als Sir Iſaak; aber er war ein ſicherer und zuverläßiger Gefährte. Wamba, Sir, war— ein Opoſſum.“ George Morley.—„Ach, mein lieber Mr. Waife, ich fürchte, die Menſchen müſſen ſich ſehr ſchlecht gegen Euch benommen haben.“ Waife.—„Ich habe kein Recht zu klagen. Ich habe mich ſehr ſchlecht gegen mich ſelbſt benommen. Wenn ein Menſch ſein eigener Feind iſt, ſo iſt es ſehr unvernünftig von ihm von andern Menſchen zu erwarten, daß ſie ſeine Wohlthäter ſeyen.“ George Morley(mit Rührung).—„Hört, ich habe Euch ein Bekenntniß abzulegen. Ich fürchte Euch ein Leid zugefügt zu haben, während ich Euch allen Ernſtes eine Freundſchaft zu erweiſen meinte.“ Der Gelehrte erzählte ſchnell die näheren Umſtände ſeines Beſuches bei Mrs. Crane. Beim Schluß fügte er hinzu:„Als ich Euch wieder traf und erfuhr, daß Eure Sophy bei Euch ſey, fühlte ich mich unaus⸗ ſprechlich erleichtert. Es war alſo klar, dachte ich, daß man Eure Enkelin unbeläſtigt in Eurer Obhut gelaſſen hatte, ſey es nun daß Ihr bewieſet, daß Ihr nicht der Mann waret, welchen die Leute ſuchten, ſey es daß Familienangelegenheiten ſich ſo verſöhnlich ent⸗ wirrt hatten, daß mein Einſchreiten Euch nicht ſchaden konnte. Aber heute habe ich von meinem Vater einen Brief erhalten, der mich ſehr beunruhigt. Es ſcheint, daß die fraglichen Perſonen Gatesboro' be⸗ ſucht und Euch bei Mr. Hartopp angeſchwärzt haben. Verſtehet mich wohl, ich verlange keine vertraulichen Mittheilungen, die Ihr nicht gerne geben möchtet; aber wenn Ihr mich mit der Macht aus⸗ rüſten wollt Euern Namen gegen Verleumdungen zu ſchützen, die ich ohne alle Verſicherungen von Euch für unrecht und falſch halte, ſo werde ich nicht ruhen, bis ich dieſe Aufgabe ſiegreich vollbracht habe.“ Waife(in einem ruhigen, aber ſehr herabgeſtimmten Tone).— „Ich danke Euch von ganzem Herzen. Aber da iſt Nichts zu machen. Ich bin froh, daß die Sache nicht zwiſchen uns zur Sprache kam, bis der kleine Dienſt, den ich Euch leiſten konnte, Mr. Morley, ſo ziemlich vorüber war. Es wäre Schade geweſen, wenn Ihr allen Verkehr mit einem Manne von beflecktem Ruf hättet abbrechen müſſen, bevor Ihr den Gebrauch der Fähigkeiten gelernt hättet, welche Euch ſpäter in den Stand ſetzen werden ſchlimmere Sünder zu ermahnen als ich geweſen bin. Still, Sir! Ihr ſehet ein, daß ich wenigſtens jetzt ein harmloſer alter Mann bin, der für einen beſcheidenen Unterhalt ar⸗ beitet. Ihr werdet hier nicht wiederholen was Ihr zum Nachtheil für mein früheres Leben gehört haben oder noch hören könnt? Ihr werdet mich und meine Enkelin nicht aus unſerer dunkeln Zufluchts⸗ ſtätte hinausſtoßen, um einer Welt entgegenzutreten, mit welcher zu kämpfen wir nicht die Kraft haben? Und in dieſem Glauben bleibt mir nur noch übrig Euch Lebewohl zu ſagen, Sir.“ „Ich würde verdienen die Spr—Spr— Sprache wieder ganz zu verlieren,“ rief der Oxforder keuchend und ſchrecklich ſtammelnd, indem er Waife feſt beim Arm ergriff,„wenn ich zugäbe— zug— zug— zug—“ „Eins, zwei! nehmt Euch Zeit, Sir!“ ſagte der Schauſpieler milde. Und mit ſanfter Geduld ſetzte er ſich wieder auf die Bank. Der Orforder warf ſich endlich an die Seite des Auswürflings nieder, und mit der edlen Zartheit einer ſo ritterlich chriſtlichen Natur, wie der Himmel nur je einem Prieſter verliehen hat, ließ er ſeine ge⸗ falteten Hände auf Waifes Schulter ruhen und ſagte, indem er ihm voll und feſt ins Geſicht blickte, langſam, bedächtig, ohne zu ſtam⸗ meln: „Ihr ahnet nicht was Ihr für mich gethan habt; Ihr habt mir eine Wohnſtätte und eine Laufbahn geſichert— das Weib, an deſſen Erringung ich ſonſt hätte verzweifeln müſſen— der göttliche Beruf, auf welchen alle meine irdiſchen Hoffnungen gerichtet waren und dem ich zu entſagen im Begriff ſtand— glaubet nicht, daß dieß Verbindlich⸗ keiten ſeyen, die ſich leicht abſchütteln laſſen. Wenn es Umſtände gibt, die mir verbieten Andere über Eindrücke zu enttäuſchen, die Euch Un⸗ recht thun, ſo glaubet nicht, daß ihre falſchen Begriffe meine eigene Dankbarkeit gegen Euch, meine eigene Hochachtung vor Euch beein⸗ trächtigen werden!“ „Nein, Sir, ſie werden— ſie müſſen das. Vielleicht nicht Eure übertriebene Dankbarkeit für einen Dienſt, welchen Ihr indeß nicht nach ſeinen Wirkungen auf Euch ſelbſt, ſondern nach der geringen 79 Mühe, die er mir machte, bemeſſen ſolltet; vielleicht nicht Eure Dank⸗ barkeit— aber Eure Hochachtung, ja.“ „Ich ſage Euch nein! Glaubet Ihr, ich könne die Natur eines Menſchen nicht beurtheilen, ohne daß ich ihn auffordere mir alle Ge⸗ heimniſſe, alle Verirrungen, wenn Ihr wollt, ſeines vergangenen Lebens anzuvertrauen? Wird nicht der Beruf, zu welchem ich mich jetzt beſtimmt glauben darf, mir die Macht und den Befehl geben alle Diejenigen freizuſprechen, die wahrhaft bereuen und ungeheuchelt glauben? Oh Mr. Waife! wenn Ihr in früheren Tagen geſündigt habt, bereuet Ihr jetzt nicht? Und wie oft habe ich nicht aus man⸗ chem lieblichen, ſchönen Spruch, der unbewußt von Euern Lippen ſiel, erſehen können, daß Ihr ungeheuchelt glaubet! Wäre ich jetzt mit heiliger Autorität bekleidet, könnte ich Euch nicht als Prieſter frei⸗ ſprechen? Glaubt Ihr, daß ich es mittlerweile wage Euch als Menſch zu richten? Ich— des Lebens neuer Rekrut, bisher durch ſorgſame Eltern und günſtige Umſtände vor Verſuchungen bewahrt— ich ſollte mirs herausnehmen den grauhaarigen, vom Marſche ermüdeten, in der Schlacht verwundeten Veteran zu richten und lieblos zu richten!“ „Ihr ſeyd ein edelherziges menſchliches Weſen!“ ſagte Waife innig ergriffen,„und— merkt meine Worte— einen ſo weiten Mantel chriſtlicher Liebe werdet Ihr als Ehrenkleid tragen. Aber hört mich an, Sir! Mr. Harxtopp i*ſt auch ein unendlich menſchenfreundlicher, wohlwollender, gütiger und trotz all ſeiner Einfachheit mit ſcharfem Verſtande begabter Mann. Mr. Hartopp hat, als er hörte was gegen mich geſagt wurde, mich unfähig geglaubt meine Enkelin zu behalten, er hat den Schatz, den ich ihm anvertraut hatte, heraus⸗ gegeben, und er würde mir ohne Zweiſel ein Almoſen gereicht haben, wenn ich ihn darum erſucht hätte, aber nicht ſeine Hand. Nehmt Eure Hände. von meiner Schulter weg, Sir, damit die Berührung Euch nicht beſchmutze.“ George nahm ſeine Hände von der Schulter des Vagabunden weg, aber nur um die Hand zu ergreifen, welche ſie abwehrte und ihrem —————— ——— —— 35 80 Druck zu entgehen ſich bemühte.„Ihr ſeyd unſchuldig, Ihr ſeyd un⸗ ſchuldig! Vergebt mir, daß ich zu Euch von Reue ſprach, wie wenn Ihr ſchuldig geweſen wäret. Ich fühle, daß Ihr unſchuldig ſeyd— ich fühle es in meinem eigenen Herzen. Ihr wendet Euch ab. Ich fordere Euch heraus, ob Ihr ſagen könnt, daß Ihr deſſen ſchuldig ſeyd, was man Euch zur Laſt gelegt, was Euern guten Namen verdunkelt hat, was Mr. Hartopp zu Eurem Nachtheil glaubte. Schaut mir ins Geſicht und ſprechet: Ich bin nicht unſchuldig, ich bin nicht ver⸗ leumdet worden.“ Waife blieb ſtumm— bewegungslos. Der junge Mann, in deſſen Natur noch unerprobt all die großen Eigenſchaften des Herzens lagen, ohne welche es nie einen großen Redner oder einen großen Prediger gegeben hat— Eigenſchaften, welche die Reſultate des Beweiſes erhaſchen und durch plötzlichen Im⸗ puls zum Ziel eines ausſtudirten Raiſonnements gelangen— ließ hier Waifes Hand los, erhob ſich, ſtellte ſich dem alten Mann, der mit abgewandtem Geſichte, niedergeſchlagenen Augen und wallender Bruſt daſaß, feſt gegenüber und ſprach mit gehobener Stimme: „Vergeßt, daß ich bald der chriſtliche Prediger ſeyn werde, deſſen Amtspflicht ſein Ohr zu den Lippen der Scham und Schuld neigt— deſſen Hand, wenn ſie zum Himmel deutet, durch keine ſterbliche Be⸗ rührung befleckt werden kann— deſſen erhabenſter Poſten an der Seite des Sünders iſt. Schaut mich an, aber als Menſch und Gent⸗ leman. Sehet, ich ſtrecke jetzt dieſe Hand gegen Euch aus. Wenn Ihr als Menſch und Gentleman gethan habt, was, wenn alle Herzen geleſen, alle Geheimniſſe aufgedeckt werden könnten, wenn Menſchen⸗ urtheil durch göttliche Allwiſſenheit umgeſtoßen würde, Euch verböte dieſe Hand zu ergreifen— dann ſtoßet ſie zurück— gehet von dan⸗ nen— wir ſcheiden! Aber wenn keine ſolche Handlung auf Eurem Gewiſſen laſtet— obſchon Ihr Euch darein ergebet, daß ſie Euch angerechnet wird— dann, im Namen der Wahrheit, als Menſch und Gentleman dem Menſchen und Gentleman gegenüber, befehle ich Euch dieſe Rechte zu ergreifen, und im Namen der Ehre, die keine Un⸗ redlichkeit verträgt, verbiete ich Euch mir Gehorſam zu verweigern.“ Der Vagabund erhob ſich wie der Todte auf den Spruch eines Zauberers und ergriff in unwiderſtehlichem Drang die Hand, die ihm dargeboten wurde. Bruſt und umarmte ihn wie ein Sohn. „Ihr wißt,“ ſagte George in zitternden Tönen,„daß die Hand, die Ihr ergriffen habt, Euch niemals verrathen, niemals verlaſſen wird; aber iſt ſie denn— iſt ſie denn wirklich machtlos Euch emporzurichten und wieder auf Euern Platz zu ſtellen?“ „Allerdings machtlos hiezu unter Euresgleichen,“ antwortete Waife, deſſen Stimme noch ſtärker zitterte.„Alle Könige der Erde ſind nicht ſtark genug einen Namen zu erheben, der einmal in den Koth getreten worden iſt. Vernehmet, daß es mir nicht blos unmöglich iſt mich ſelbſt zu reinigen, ſondern daß es mir eben ſo unmöglich iſt irgend einem ſterblichen Weſen ein einziges Motiv zur Vertheidigung wenn ich unſchuldig, zur Milderung wenn ich ſchuldig bin, anzuver⸗ trauen. Und indem ich dieß ſage und Euch bitte, daß Ihr es für barmherziger haltet mich zu verurtheilen als mich auszufragen— denn Frage iſt Folterqual— kann ich Euer Mitleid nicht verwerfen; aber Spott würde es ſeyn mir Achtung anzubieten.“ 4 „Was! keine Achtung der Seelenſtärke, die ſich durch Verleum⸗ dung nicht zertreten läßt? Wäre dieſe Seelenſtärke möglich, wenn Ihr nicht das beruhigende Bewußtſeyn hättet, daß der ewige Richter ſich nicht durch falſche Zeugniſſe irreleiten läßt? Achtung Euch! Ja— weil ich Euch trotz der Menſchen glücklich geſehen habe, und darum weiß ich, daß das Gewölke um Euch nicht das Mißfallen des Himmels iſt.“ „Oh!“ rief Waife, indem die Thränen über ſeine Wangen rollten, „und vor kaum einer Stunde ſpottete ich der menſchlichen Freundſchaft, ergoß gottloſen Unmuth über meine Mitmenſchen! Und jetzt— jetzt — ach Sir, die Vorſehung iſt ſo gütig gegen mich! Und,“ ſagte er, 81 Und der Gelehrte ſank überglücklich an ſeine 82 ſeine Thränen wegwiſchend, während das alte ſchalkhafte Lächeln um ſeinen Mundwinkel zu ſpielen begann,„und gütig gegen mich gerade da, wo Unfreundlichkeit mich am ſchwerſten verletzt hatte. Es iſt wahr, Ihr wieſet das Weib auf meine Spuren, das mir meine Enke⸗ lin weggenommen— das mich in der Achtung des guten Mr. Hartopp vernichtet hat. Jetzt, ſehet Ihr, habe ich meine holde Sophy wieder; wir ſind in dem Hauſe, das ich vor allen andern am meiſten erſehnte; und dieſes Weib— ja ich kann Euch wenigſtens ſo weit meine Ge⸗ heimniſſe anvertrauen, daß Ihr Euch keine Vorwürfe darüber macht ſte nach Gatesboro' geſchickt zu haben— dieſes ſelbe Weib weiß um meinen Zufluchtsort— hat mich mit den nöthigen Zeugniſſen, um ihn zu erhalten, verſehen— hat meine Enkelin von einer abſcheulichen Knechtſchaft befreit, gegen die ich keinen rechtlichen Widerſtand hätte leiſten können; und ſollten neue Verfolgungen uns verjagen, ſo wird ſie wachen, warnen und uns helfen. Und wenn Ihr mich fraget, wie dieſe Veränderung in ihr bewerkſtelligt worden iſt— wie, als wir alle Hoffnung auf grüne Felder aufgegeben hatten und glaubten, daß wir nur im Gedränge einer Stadt unſern Verfolgern entgehen köͤnn⸗ ten, wenn wir dort entdeckt würden, obſchon ich mir einbildete ein Meiſter in der Verſtellungskunſt zu ſeyn, und obſchon das Kind und der Hund niemals außer den vier Wänden des Dachſtübchens geſehen wurden, wo ich ſie verbarg; wenn Ihr mich um eine Erklärung fraget, wie dieſe ſelbe Frau ſich plötzlich aus einer unbarmherzigen Feindin in eine Zeſchützerin und Retterin verwandelte, ſo kann ich Euch blos antworten: durch keinen Witz, durch keinen Kunſtgriff, durch keine Ueberredungskunſt von meiner Seite. Die Vorſehung ſänftigte ihr Herz und machte es gütig juſt in dem Augenblick wo keine andere Vermittlung auf Erden uns hätte retten können vor— vor—“ „Sprecht nicht mehr— ich errathe! Das Papier, das dieſe Frau mir zeigte, war eine rechtliche Vollmacht, der zu Folge Eure arme kleine Sophy der Obhut eines Vaters übergeben werden ſollte. Ich errathe! von dieſem Vater wolltet Ihr nicht übel zu mir reden; 83 doch wolltet Ihr Eure Enkelin vor dieſem Vater ſchützen. Sprecht nicht mehr. Und jenes ſtille Häuschen— Eure beſcheidene Beſchäfti⸗ gung befriedigen Euch wirklich?“ „Oh wenn ein ſolches Leben nur dauern könnte! Sophy iſt ſo wohl, ſo heiter, ſo glücklich. Hörtet Ihr ſie nicht neulich ſingen? Sie pflegte nie zu ſingen! Aber wir waren noch keine Woche hier, ſo brach der Geſang von ihr aus, ungelehrt wie von einem Vogel. Aber wenn von Gatesboro' oder ſonſt woher ſchlimme Nachrichten über mich hieher gelangten, ſo würden wir weggeſchickt werden, und der Vogel würde in meinem Dornbuſch verſtummen— Sophy würde nicht mehr ſingen.“ „Fürchtet nicht, daß Verleumdung Euch von hier vertreiben werde. Lady Montfort iſt, wie Ihr wißt, meine Baſe, aber das wißt Ihr nicht und nur Wenige wiſſen es, wie ungemein großmüthig und ſanftherzig ſie iſt. Ich will mit ihr von Euch ſprechen— oh beun⸗ ruhiget Euch nicht. Sie wird mir aufs Wort glauben, wenn ich ihr ſage: das iſt ein guter Mann; und wenn ſie mehr fragt, ſo wird es genügen zu ſagen: Diejenigen die beſſere Tage gekannt haben, ſprechen zu Fremden nicht gerne von der Vergangenheit.“ „Ich danke Euch innig und aufrichtig,“ ſagte Waife, indem ſein Geſicht ſich erheiterte.„Noch eine Gunſt— wenn Ihr in der Rechts⸗ urkunde, die man Euch gezeigt, den Namen des Mannes, der berechtigt iſt Sophy als ſein Kind in Anſpruch zu nehmen, geſehen und im Ge⸗ dächtniß behalten habt, ſo werdet Ihr ihn gegen Lady Möontfort nicht erwähnen. Ich weiß nicht ſicher, ob ſie dieſen Namen je gehört hat, aber ſie kann ihn gehört haben und— und—“ er hielt einen Augen⸗ blick inne und ſchien nachzuſinnen; dann fuhr er, ohne ſeinen Satz zu vollenden, fort:„Ihr ſeyd ſo gut gegen mich, Mr. Morley, daß ich Euch zu vertrauen wünſche, ſo weit ich kann. Nun ſehet Ihr, ich bin bereits ein alter Mann, und mein höchſter Wunſch iſt einen Freund für Sophy zu finden, wenn ich nicht mehr bin, einen Freund von ihrem eigenen Geſchlecht, Sir. Oh Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, wie —— 1 ——-— ich mich ſehne, wie ich darnach ſchmachte dieſes Kind unter den hei⸗ ligen, pflegenden Augen eines Weibes zu ſehen. Vielleicht wenn Lady Montfort meine hübſche Sophy ſähe, würde ſie Gefallen an ihr finden. Oh wenn das geſchähe— wenn das geſchähe! Und Sophy,“ fügte Waife ſtolz hinzu, hat ein Recht auf Hochachtung. Sie iſt nicht wie ich— für mich iſt jeder Schuppen gut genug: aber für ſie! — Wißt Ihr, daß ich dieſe Hoffnung faßte— daß die Hoffnung mich hierher zurückführen half, als ich vor Monaten in Humberſton war, um Sophy zu erretten, und als ich da, obſchon ich,“ bemerkte Waife mit einer ſchlauen Verziehung der Muskeln um ſeinen Mund,„gerade in dieſem Augenblick kein Recht hatte irgend etwas zu ſehen, Lady Montforts menſchliche Furcht um einen blinden alten Gauner ſah, der ſeinen Hund— einen ſchwarzen Hund, Sir, der ſein Haar gefärbt hatte— aus ihren Wagenrädern zu retten verſuchte. Und die Hoff⸗ nung wurde noch ſtärker, als ich am erſten Sonntag, wo ich die Dorf⸗ kirche dort beſuchte, dieſes ſchöne, wunderbar ſchöne Geſicht— ſchoͤn wie das Mondlicht und eben ſo ſchwermüthig— am entgegengeſetzten Ende wiederſah. Es iſt ſeltſam, Sir, daß ich, von Natur ein unge⸗ ſtümer heiterer Mann und jetzt ein ſcheuer ſchleichender Flüchtling, mich zu einem Geſicht um ſo mehr angezogen und verlockt fühle, wenn ich die Spur von Traurigkeit darin leſe. Ich fühle mich weniger beſchämt durch meine eigene Nichtigkeit— ich werde kühner hinan⸗ zutreten und zu ſagen: Du ſtehſt mir nicht ſo fern, auch Du haſt ge⸗ litten! Wie kommt das?“ George Morley.—„Der Narr hat geſagt in ſeinem Herzen, es iſt kein Gott; aber der Narr hat nicht geſagt in ſeinem Herzen, daß es keinen Kummer gebe— ein markiger und ſehr tiefer Spruch, der die unwiderlegbare Kette beweist, welche die Menſchen an den Vater bindet. Und wo die Kette ſich feſtzieht, da ſind die Kinder enger zu einander hingezogen. Aber was Euern Wunſch betrifft, ſo werde ich daran denken. Und wenn meine Baſe zurückkommt, ſo wird ſie Eure Sophy ſehen.“ — 8⁵ Fünftes Kapitel. Mr. Waife, der von Natur unglücklich iſt, glaubt, daß, wenn das Schickſal ihm Glück bringe, die Natur es in Unglück verwandle. Er duldet, daß Mr. George Morley als ſein Schuldner von ihm geht, und Sophy fürchtet, dieß werde ihn in der Folge verdrießlich machen. Wenige Wochen nach der eben mitgetheilten Beſprechung reiste George Morley von Montfort Court ab und traf ohne alle Gewiſſens⸗ ſcrupel Anſtalten den freundlichen Biſchof um Einſetzung anzugehen. Waife hatte er mehr als die Heilung eines unfähigmachenden Ge⸗ brechens zu verdanken: er erhielt von ihm Winke, welche einem Mann, der die natürliche Anlage zu einem Redner beſitzt, die ſo ſelten mit der Anlage zum Gelehrten zuſammentrifft, die Meiſterſchaft in der Kunſt erleichtern, wodurch die fließende menſchliche Stimme zu einer blei⸗ benden, unvergänglichen Macht erhoben wird. Der dankbare Lehrer verſchwendete all ſeine Gelehrſamkeit an den Schüler, deſſen Genius er befreit, deſſen Herz ihn bezwungen hatte. Ehe George Abſchied nahm, war er in großer Verlegenheit, wie er Waife irgend eine andere Belohnung bieten ſollte als diejenige, die in Waifes Augen bereits alle empfangenen Vortheile mehr als reichlich bezahlt hatte, nämlich zweifelloſe Freundſchaft und zuverläßigen Schutz. Es braucht kaum geſagt zu werden, daß George glaubte, der Mann, welchem er ſeine Laufbahn und ſein Glück verdankte, ſey zu etwas mehr als zu dieſer moraliſchen Belohnung berechtigt. Aber beim erſten zarten Wink fand er, daß Waife nichts von Geld hören wollte, obſchon der Ex⸗ komödiant keine ſehr donquixotiſchen Anſichten über dieſen praktiſchen Gegenſtand zur Schau trug.„Um Euch die Wahrheit zu ſagen, Sir, ich habe eine Art von Aberglauben dagegen, mehr Geld in meinen Händen zu haben als ich augenblicklich zu verwenden weiß. Es hat mir immer Unglück gebracht. Und was ſehr hart iſt, das Unglück bleibt, aber das Geld geht. Da war dieſe glänzende Summe, die ich in Gatesboro' machte. Ihr hättet mich ſehen ſollen, wie ich ſie über⸗ ——— ——— ——. — 5*☛ 12 7 — B — —— 86 zählte. Mein Herz hätte nicht ſtolzer ſchwellen können, wenn ich der große Mann Mr. Elwes, der Geizhals, geweſen wäre. Und wie viel Unglück brachte es mir, und wie iſt es Alles zuſammen vertändelt worden! Ich konnte nichts dafür aufweiſen als eine ſeidene Strick⸗ leiter und eine alte Drehklimper, und dieſe beiden verkaufte ich hernach um den halben Preis. Dann als ich das Unglück hatte, das mich dieſes Auge koſtete, zeigte ſich die Eiſenbahnverwaltung ſo großmüthig und gab mir 120 Pfund— denkt Euch das! Und bevor drei Tage vergingen, war das Geld alles dahin.“ „Wie ging das zu?“ fragte Georg, der ſich halb ergötzte, halb ſchmerzlich berührt fühlte—„geſtohlen vielleicht?“ „Nein,“ antwortete Waife etwas düſter,„aber zurückgegeben. Ein armer lieber alter Mann, der ſehr übel von mir dachte— und ich wundere mich nicht darüber— kam von großem Reichthum zu großer Armuth herab. Während ich das Bett hütete, las mir meine Wirthin eine Zeitung vor, und in dieſer Zeitung ſtand ein Bericht vom Um⸗ ſchlag ſeines Glückes und von ſeiner Verlaſſenheit. Aber ich war ihm noch mit dem Saldo von einer alten Schuld verpflichtet, und dieſe nahm nebſt der Doktorsrechnung meine 120 Pfund vollſtändig weg. Hoffentlich denkt er jetzt nicht mehr ganz ſo übel von mir. Das Geld brachte ihm Glück, weit eher als mir. Sehet, Sir, wenn Ihr mir jetzt Geld geben wolltet, ſo würde ich irgend einem trauervollen Un⸗ glück entgegenſehen. Das Gold hat keinen natürlichen Zug zu mir. Später jedoch einmal und beiläufig, wenn Ihr in Eure Pfarre ein⸗ geſetzt, ein berühmter Prediger geworden ſeyd und eine Menge Geld erſparen könnt; wenn Euch dann eine Idee kommt, daß Ihr Euch in Eurem Gemüth comfortabler fühlen würdet, wenn Ihr etwas König⸗ liches für den Korbmacher gethan hättet, dann will ich Euch erſuchen mir zur Ergänzung einer Summe zu verhelfen, die ich allmählig zu erſparen verſuche— einer ungeheuren Summo, ſo groß wie diejenige, die ich von meiner Eiſenbahnentſchädigung bezahlte— ich ſchulde ſie der Lady, welche ſie vorgeſchoſſen hat, um Sophy von einem Engage⸗ 87 ment zu erlöſen, zu deſſen Bruch ich ſie— allerdings ohne den min⸗ deſten Gewiſſensbiß— veranlaßt habe.“ „Oh ja! wie groß iſt der Betrag? Laßt mich wenigſtens dieſe Schuld bezahlen.“ „Noch nicht. Die Lady kann warten— und ſie wird gerne warten, weil ſie zu warten verdient— es wäre unfreundlich gegen ſie, wenn man das Ding ſogleich abbezahlte. Aber mittlerweile, wenn Ihr mir ein paar gute Bücher für Sophy ſchicken könntet? Lehr⸗ reiche Bücher, aber nicht ſehr, ſehr trocken. Und ein franzoͤſiſches Wörterbuch— ich kann ſie franzöſiſch lehren, wenn die Wintertage hereinbrechen. Ihr ſeht, ich bin nicht über das Bezahltwerden er⸗ haben, Sir. Aber Mr. Morley, Ihr könnt mir eine große Gunſt erweiſen.“ „Worin beſteht ſie? Sprecht.“ „Seyd wohl auf Eurer Hut, daß Ihr mir nicht ein großes Leid zufüget. Ihr gehet zu Euern Freunden und Verwandten zurück; ſprecht mit ihnen nie von mir. Beſchreibet niemals mich und mein ſonderbares Treiben. Nennet die Perſonen nicht, die Sophy recla⸗ mirten, die Lady nicht und ganz beſonders nicht den Mann. Eure Freunde würden mir wohl nichts Böſes thun, aber vielleicht andere Leute. Ein Gerede kommt weit herum. Der Haſe iſt nicht lang in ſeinem Lager, wenn er einen Hund zum Freunde hat, welcher bellt. Verſprecht um was ich Euch bitte. Verſprecht es als Menſch und Gentleman.“ „Gewiß. Doch habe ich einen Verwandten, mit welchem ich mit Eurer Erlaubniß von Euch ſprechen, mit dem ich Euch gerne bekannt machen möchte. Er iſt ein ſo ausgezeichneter Mann von Welt, daß er gewiß zum Behuf der Wiederherſtellung Eures guten Namens irgend eine Methode angeben könnte, die Ihr ſelbſt gutheißen würdet. Mein Onkel, Oberſt Morley—“ „Unter keinen Umſtänden!“ rief Waife beinahe wild, und er zeigte einen ſolchen Aerger, ein ſolches Unbehagen, daß George einige 88 Zeit brauchte, bis er ihn durch die ernſteſten Verſicherungen, daß ſein Geheimuiß unverletzt gehalten und ſeine dringenden Wünſche getreulich erfüllt werden ſollen, wieder beruhigen konnte. Keine Leute von Welt ſollten um Rath gefragt werden, wie man ihn in die Welt von Leuten zurücknöthigen könne, welchen er entflohen war! Keine Oberſten ſollten ihn mit Disciplinaraugen muſtern, um ihm anzudeuten, wie er einen Schmutzfleck zu überkreiden habe! Nachdem Waifes Beſorg⸗ niſſe ſich allmählig gelegt hatten und ſein Vertrauen wiederhergeſtellt war, verabſchiedete ſich George eines ſchönen Morgens von ſeinem excentriſchen Wohlthäter. Waife und Sophy ſtanden an ihrem Gartenthor und blickten ihm nach. Der Krüppel lehnte ſich leicht an den Arm des Kindes. Sie ſchaute mit ängſtlicher Zärtlichkeit in das gedankenvolle Geſicht des alten Mannes und klammerte ſich immer feſter an ihn. „Werdet Ihr nicht verdrießlich werden, armer Großvater?— Werdet Ihr ihn nicht vermiſſen?“ „Im Anfang ein wenig,“ ſagte Waife, ſich aufraffend.„Bil⸗ dung iſt ein großes Ding. Ein gebildeter Geiſt, vorausgeſetzt daß er uns kein Leid zufügt— was nicht immer der Fall iſt— kann nicht aus unſerer Exiſtenz hinweggenommen werden, ohne eine Leere zu hinterlaſſen. Sophy, wir müſſen ernſtlich ans Werk gehen und uns bilden.“ „Ja, das wollen wir, lieber Großvater,“ ſagte Sophy mit Be⸗ ſtimmtheit, und nach wenigen Minuten fügte ſie hinzu:„Wenn ich recht, recht geſchickt werden kann, ſo werdet Ihr Euch nicht ſo ſehr um dieſen Gentleman grämen, nicht wahr, Großvater?“ —- 89 Sechstes Kapitel. Iſt ein Kapitel, das zu einem unzeitigen Ende kommt. Der Winter war weit vorgerückt, als Montfort Court wieder durch die Gegenwart ſeiner Herrin erfreut wurde. Ein höflicher Brief von Mr. Carr Vipont war ihr vor ihrer Abreiſe von Windſor zugekommen und hatte ihr zu verſtehen gegeben, wie ſehr es im Vi⸗ pontſchen Intereſſe liegen würde, wenn ſie ſich entſchließen könnte auf einen oder zwei Monate ihren Sitz in Irland zu beſuchen, der allzu lang vernachläſſigt worden ſey, und wo Mylord, wenn er von ſeinen hochländiſchen Mooren komme, mit ihr zuſammentreffen würde. Lady Montfort ging alſo nach Irland. Mylord ſuchte ſie dort nicht auf; aber Mr. Carr Vipont hielt es im Vipontſchen Intereſſe für wün⸗ ſchenswerth, daß die Eheleute in Montfort Court zuſammenkämen, wohin die ganze Familie Vipont eingeladen war, um das Glück der⸗ ſelben zu bezeugen oder ihre lange Weile zu mildern. Aber bevor wir zu einem andern Stadium dieſer Geſchichte ſchreiten, wird es zu einem gerechten Tribut der Hochachtung vor dem großen Hauſe Vipont, daß wir inne halten und ſeine Erinnerungen aus der Vergangenheit ſo wie ſeine gegenwärtige Größe dem ehr⸗ furchtsvollen Leſer in vollerer Entwicklung vor die Augen führen. Das Haus Vipont!— Was beginne ich?— Das Haus Vipont er⸗ fordert für ſich allein ein Kapitel. Siebentes Kapitel. Das Haus Vipont.— Majora canamus. Das Haus Vipont! Wenn man durch Jahrhunderte zurückſchaut, ſo ſcheint es, als ſey das Haus Vipont eine einzige, fortwährend lebende Idioſynkraſie, die in ihrer fortſchreitenden Entwicklung eine zuſammenhängende Einheit des Gedankens und Handelns habe, ſo Bulwer, was wird er damit machen? III. 7 — ——— A ——— daß ſie durch alle Wechſel ihrer äußeren Form hindurch beſtändig von einem und demſelben Geiſt in Bewegung erhalten und geleitet worden ſey, von dem Geiſt: Le roi est mort— vive le roi! Ein Vipont ſtirbt — es lebe der Vipont! Trotz ſeines hochtönenden normänniſchen Namens war das Haus Vipont noch mehrere Generationen nach der Eroberung hindurch ganz und gar kein Haus. Der erſte Vipont, der aus dem Dunkel der Zeit emportauchte, war ein rauher Soldat gas⸗ cogniſchen Urſprungs unter der Regierung Heinrichs II— einer der tauſend Kämpfer, die mit dem kühnen Grafen von Pembroke aus Milford Haven zu der ſeltſamen Expedition abſegelten, welche mit der Eroberung Irlands endete. Dieſer tapfere Mann erhielt große Län⸗ dereien auf der fruchtbaren Inſel— einige Mac oder O' verſchwanden, und das Haus Vipont ſtieg empor. Während der Regierung Richards I lehnte das Haus Vipont, obſchon nach England zurückgerufen(ſeine iriſchen Erwerbungen ließ es unter der Obhut eines trotzigen jüngern Sohnes, der als Ver⸗ mittler diente), ſeine Betheiligung bei dem Kreuzzug ab und wurde durch Verheirathung mit einer reichen Goldſchmiedstochter in den Stand geſetzt denjenigen, die ſich zu dieſer aufregenden, aber koſtbaren Pilgerfahrt hergaben, Gelder zu leihen. Unter der Regierung Jo⸗ hanns erklärte das Haus Vipont die ihm auf ſolche Art verpfändeten Ländereien für verfallen und wurde Beſitzer eines ſehr ſchönen Eigen⸗ thums in England, wie auch ſeiner Lehen auf der Schweſterinſel. Das Haus Vipont nahm keinen Antheil an der läſtigen Politik jener Zeit. In beſcheidenem Dunkel lag es der Vergrößerung ſeines Vermögens ob und fühlte geringes Intereſſe für die Magna Charta. Während der Regierungen der Plantagenetſchen Eduarde, welche mer⸗ kantiliſche Wagniſſe ſehr aufmunterten, mied das Haus Vipont Crecy, Bannockburn und ähnliche unprofitable Zänkereien, ſchloß Wechſel⸗ heirathen mit Londoner Kaufleuten und bekam manche gute Dinge von den Genueſern. Unter der Regierung Heinrichs IV erntete das Haus Vipont die Vortheile ſeiner früheren Zurückhaltung und Be⸗ ⏑⸗— 91 ſcheidenheit. Jetzt zum erſten Mal erſcheinen die Viponts als um⸗ gürtete Ritter— ſie haben Wappenbilder— ſie ſind lancaſteriſch bis in den Rückgrath— ſie ſind außerordentlich entrüſtet über Ketzer— ſie verbrennen die Lollardiſten— ſie haben Plätze im Haushalt der Königin Johanna, die eine Hexe genannt wurde, aber eine Hexe iſt eine ſehr gute Freundin, wenn ſie einen Scepter führt anſtatt eines Beſenſtiels. Und zum Beweis ſeiner ſteigenden Bedeutung heirathet das Haus Vipont eine Tochter des damals mächtigen Hauſes Darrell. Unter der Regierung Heinrichs V, während der Invaſion in Frank⸗ reich, wußte es das Haus Vipont aus Furcht vor der Ruhr, die mehr brave Burſche wegraffte als das Schlachtfeld von Agincourt, ſo ein⸗ zurichten, daß es minderjährig war. Die Kriege der Roſen brachte das Haus Vipont in ſchwere Verlegenheiten. Aber es überſtand dieſes gefährliche Gottesurtheil mit eigenthümlichem Takt und Erfolg. Die Art wie es die Parteien wechſelte, ſo daß jeder Wechſel ſicher und die meiſten gewinnreich waren, iſt über alles Lob erhaben. Im Ganzen zog es die Yorkiſten vor; es war unmöglich mit Wort und That lancaſteriſch zu ſeyn, wenn Heinrich VI von Lancaſter beſtändig im Gefängniß ſaß. Und ſo war bei dem Tode Eduards IV das Haus Vipont Baron Vipont von Vipont mit zwanzig Ritter⸗ gütern. Richard III rechnete auf das Haus Vipont, als er London verließ, um Richmond nach Bosworth entgegenzuziehen— er rechnete ohne ſeinen Wirth. Das Haus Vipont wurde wieder mit großem Eifer lancaſteriſch und war unter den erſten, welche die Sänfte um⸗ drängten, worin Heinrich VII in der Hauptſtadt einzog. Während dieſer Regierung heirathete das große Haus Vipont eine Verwandte von Empſon; und da Edelleute von älterem Datum. ſelten und arm geworden waren, ſo geſiel es Heinrich VII das Haus Vipont zum Grafen zu machen— zum Grafen von Montfort. Unter der Regie⸗ rung Heinrichs VIII war das Haus Vipont, ſtatt Lollardiſten zu ver⸗ brennen, ganz für die Reformation— es erhielt die Güter von zwei Prioreien und einer Abtei. Vollgeſtopft von dieſem Raub that das 7⸗ “ ——— ———— —„ 9² Haus Vipont einen langen Schlaf, wie eine Anaconda im Verdauungs⸗ prozeß. Doch nein, es ſchlief nicht. Obſchon es ſich während der Regierung der blutigen Königin Mary mäuschenſtill hielt(indem es nur bei Hof wiſſen ließ, daß das Haus Vipont ſtarke papiſtiſche Nei⸗ gungen habe), obſchon es während der Regierungen Eliſabeths und Jakobs keinen Lärm machte, ſo blies das Haus Vipont doch in der Stille ſeine Lungen auf und verbeſſerte ganz heimlich ſeine Con⸗ ſtitution. Schlafen, warum nicht gar? es wachte und hielt beide Augen offen. Damals war es, daß es ſyſtematiſch ſeine große Hei⸗ rathspolitik begann; damals impfte es emſig ſeine Oelzweige auf die Stämme der fruchtbaren neuen Häuſer, die mit den Tudors emporge⸗ ſchoſſen waren; damals wob es mit genauer Einſicht in den Geiſt des heutigen und in Vorausſicht der Bedürfniſſe des morgenden Tages über die Länge und Breite des Landes das verflechtende Netzwerk nütz⸗ licher Vetterſchaft. Damals begann es auch Paläſte zu bauen, Pärke zu umzäunen— es reiste auch ein wenig, das Haus Vipont! Es be⸗ ſuchte Italien, es bekam Geſchmack; das Haus Vipont wurde ein ſehr elegantes Haus! Und unter der Regierung Jakobs erhielt das Haus Vipont zum erſten Mal das Hoſenband. Die Bürgerkriege brachen aus— England war zerriſſen. Peers und Ritter nahmen auf der einen oder andern Seite Partei. Das Haus Vipont kam von Neuem in Verlegenheit. Allerdings war es im Anfang ganz für König Carl. Aber als König Carl ſich's einfallen ließ zu fechten, da ſchüttelte das Haus Vipont ſein kluges Haupt, ging wie Lord Falkland herum und ſeufzte: Frieden! Frieden! Endlich erinnerte es ſich ſeiner vernach⸗ läßigten Beſitzungen in Irland— ſeine Pflichten riefen es dahin. Es ging in ſtiller Betrübniß nach Irland, heirathete eine Verwandte des Lord Fauconberg— die einzige populäre und ſichere Verbindung, die von der Familie des Lordprotektors eingegangen wurde— es war daher ſicher, als Cromwell Irland beſuchte, und nicht weniger ſicher, als Carl II in England wieder eingeſetzt wurde. Während der Re⸗ gierung des luſtigen Monarchen war das Haus Vipont ein Höfling, ———— — 93 heirathete eine Schönheit, bekam wieder das Hoſenband und wurde zum erſten Mal Tonangeber der Faſhion. Faſhion begann eine Macht zu werden. Während der Regierung Jakobs II verſtand es das Haus Vipont wieder minderjährig zu ſeyn, und gelangte ins volle Alter iuſt, als es ſich darum handelte William und Mary den Unterthaneneid zu ſchwören. Für etwaige ſchlimme Fälle blieb das Haus Vipont auf freundſchaftlichem Fuß mit den verbannten Stuarts, ſchrieb aber keine Briefe und kam in keine Klemmen. Jedoch erſt als die Regierung unter Sir Robert Walpole das conſtitutionelle und parlamentariſche Syſtem einführte, das moderne Freiheit charakteriſirt, wurde die Jahrhunderte hindurch vom Hauſe Vipont angeſammelte Macht her⸗ vorragend ſichtbar. Damals waren ſeine Ländereien weitumfaſſend, ſein Reichthum ungeheuer; ſein parlamentariſcher Einfluß als großes Haus war jetzt ein Theil der britiſchen Conſtitution. In dieſer Pe⸗ riode erachtete es das Haus Vipont für zweckmäßig ſich in zwei große Abtheilungen zu ſpalten— in die Linie der Peers und in die Linie der Unterhausmitglieder. Das Unterhaus war ſo bedeutungsvoll ge⸗ worden, daß es für das Haus Vipont nothwendig war daſelbſt durch ein großes Mitglied vertreten zu werden. So erhob ſich die Familie Carr Vipont. Dieſe Spaltung riß in Folge einer Heirath, wodurch ein jüngerer Sohn mit der Erbin der Carrs beglückt wurde, ein gutes Stück von den Beſitzungen des Grafenthums ab— uno averso, non deficit alter; das Grafenthum trauerte, erſetzte aber den Verluſt durch zwei reiche Heirathen, die es ſelbſt machte, und hatte lange Zeit Ur⸗ ſache ſich darüber zu freuen, daß ſeine Macht im Oberhaus durch eine ſolche Hilfe im Unterhaus verſtärkt wurde. Denn Dank ſeinem par⸗ lamentariſchen Einfluß und der Hilfe des großen Unterhausmitgliedes wurde das Haus Vipont während der Regierung Georgs III ein Marquis. Von dieſer Zeit an bis auf den heutigen Tag war das Haus Vipont in beſtändigem Gedeihen und Fortſchreiten begriffen. Es war für die Ariſtokratie was die Times für die Preſſe iſt. Die⸗ ſelbe ſchnelle Sympathie mit dem öffentlichen Gefühl— dieſelbe Ein⸗ —— 3——— 4.——— —ÿy———ÿy———ÿꝛꝛ 8 4—— 8 ——-—— T—————=——— ————————— S— —————— heit in Ton und Abſicht— dieſelbe Anpaßbarkeit— und Etwas von demſelben ſtolzen Ton der Ueberlegenheit gegenüber den kleinen Partei⸗ intereſſen. Es mag zugegeben werden, daß das Haus Vipont weniger glänzend war als die Times, aber Beredtſamkeit und Witz, welche für den Beſtand einer Zeitung nothwendig ſind, waren für den Beſtand des Hauſes Vipont nicht nothwendig. Wären ſie es geweſen, ſo würde das Haus Vipont ſie gehabt haben. Das Haupt des Hauſes Vipont ließ ſich ſelten herab eine Stelle anzunehmen. Mit einem Zinsbuch, das beiläufig auf 170,000 Pfund jährlich angeſchlagen wird, iſt es unter des Würde eines Mannes vom Publikum einen lumpigen Gehalt von 5 oder 6000 anzunehmen und ſich all dem würdeloſen Geſchelte von Volksverſammlungen und einer frechen Preſſe auszuſetzen. Aber es verſtand ſich von ſelbſt, daß das Haus Vipont in jedem Kabinet, zu deſſen Bildung man einem conſti⸗ tutionellen Monarchen rathen konnte, vertreten ſeyn mußte. Seit Walpoles Zeit war ein Vipont immer im Dienſte ſeines Landes, außer in den ſeltenen Fällen, wo das Land infam ſchlecht regiert wurde. Die jüngeren Söhne des Hauſes oder das älteſte Mitglied der großen Unterhauslinie deſſelben opferten ihr Behagen, um dieſe Pflicht zu erfüllen. Die Marquis Montfort begnügten ſich im Allge⸗ meinen mit Ehrenämtern im Haushalt als Lordoberhofmeiſter, Lord⸗ oberkämmerer, Lordoberſtallmeiſter und dergleichen nicht läſtigen Würden; und auch zur Annahme von dieſen verſtanden ſie ſich nur bei jenen ſpeciellen Gelegenheiten, wo Gefahr den Stern von Braun⸗ ſchweig bedrohte und das Gefühl ſeiner erhabenen Stellung dem Hauſe Vipont verbot ſein Land in der Dunkelheit zu laſſen. Große Häuſer wie das Haus Vipont fördern das Werk der Civi⸗ liſation durch das Geſetz ihrer Exiſtenz. Man kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß ſie eine lebenskräftige und wohlhabende Pächter⸗ ſchaft haben, gegen welche ſie ſich, wäre es auch nur um des populären Charakters willen, der politiſchen Einfluß verdoppelt, als liberale und freundliche Gutsherrn erweiſen. Unter ihrem Scepter werden Sümpfe, 95 Moore und Sandwüſten fruchtbares Land— landwirthſchaftliche Ex⸗ perimente werden in großem Maßſtab vorgenommen— Vieh⸗ und Schafzucht wird verbeſſert— das Nationalkapital vergrößert ſich und circulirt unter der Pflugſchar hervorſpringend indirekt, um das Schiff zu beflügeln und den Webſtuhl zu beleben. Wäre kein Woburn, kein Holkham, kein Montfort Court geweſen, ſo würde England um manche Million ärmer ſeyn. Unſere großen Häufer tragen auch zur Verfei⸗ nerung des nationalen Geſchmackes bei; ſie haben ihre Ausſtellungen, ihre Gemäldegallerien, ihre ſchönen Gärten. Die beſcheidenſten Ge⸗ ſellſchaftssimmer verdanken den Einführungen, welche der Luxus ur⸗ ſprünglich nur zum Vortheil großer Häuſer vom Ausland borgte, oder den Erfindungen, die er zu demſelben Zweck im Inland hervorrief, eine Eleganz oder einen Comfort— der kleinſte Garten eine Blume oder eine eßbare Pflanze. Das Haus Vipont hatte in Gemeinſchaft mit andern großen Häuſern einen ſchönen Antheil an ſolchen Verdienſten, beſaß aber auch gute Eigenſchaften, die ihm allein gehörten. Gerade weil es das egoiſtiſchſte aller Häuſer, weil es vom Bewußtſein ſeiner eigenen Identität erfüllt war und ſich von den Inſtinkten ſeiner eigenen Erhaltung leiten ließ, war es ein ſehr freundliches, gutartiges Haus, höflich, großmüthig, gaſtlich; ein Haus(ich meine das Haupt des⸗ ſelben, natürlich nicht alle ſeine untergeordneten Mitglieder mit Cin⸗ ſchluß ſelbſt der erhabenen Lady Selina), das ſich graziös gegen Euch verbeugen und Euch die Hand ſchütteln konnte. Wenn Ihr auch ſelbſt keine Stimme hattet, ſo konntet Ihr einen Vetter haben, der eine Stimme hatte. Und waret Ihr einmal in die Familie zugelaſſen, ſo adoptirte Euch das Haus; Ihr brauchtet nur eine ſeiner entfernteſten Verwandten zu heirathen, und das Haus ſchickte Euch ein Hochzeits⸗ geſchenk, und bei jeder allgemeinen Wahl lud es Euch ein Euch um Euern Vetter, den Marquis, zu ſchaaren. Darum war, nächſt der Staatskirche allein, das Haus Vipont diejenige britiſche Inſtitution, deren Wurzeln am weiteſten verbreitet waren. Jetzt waren die Viponts lange Generationen hindurch ein ener⸗ — 2—— 2 4 96 giſches Geſchlecht geweſen. Was auch ihre Mängel ſeyn mochten, ſo hatten ſie doch Schlauheit und Entſchloſſenheit bewieſen. Der letzte Marquis(Großvater des gegenwärtigen) war vielleicht der fähigſte von ihnen allen geweſen, d. h. er hatte am meiſten für das Haus Vi⸗ pont gethan. Er führte eine großartige, prächtige Lebensweiſe, hatte eine majeſtätiſche Haltung, fürſtliche Manieren, ein merkwürdiges Ge⸗ ſchäftstalent ſowohl in Privat⸗ als in öffentlichen Angelegenheiten— er war ein vollendeter Enthuſtaſt für das Haus Vipont, wurde dabei von einer Marquiſe unterſtützt, die in jeder Beziehung ſeiner würdig war, und ſo konnte man ihn mit Recht die höchſte Blüthe des ver⸗ ehrungswürdigen Stammes nennen. Aber der gegenwärtige Lord, der noch als Kind den Titel geerbt hatte, bildete einen trübſeligen Contraſt nicht blos gegen ſeinen Großvater, ſondern auch gegen den allgemeinen Charakter ſeiner Ahnen. Vor ſeiner Zeit hatte jedes Haupt des Hauſes Etwas für daſſelbe gethan— ſelbſt der Unbedeu⸗ tendſte hatte ſein Scherflein beigetragen; Einer hatte die Gemälde geſammelt, ein Anderer die Statuen, ein Dritter die Münzen, ein Vierter hatte die berühmte Vipontſche Bibliothek zuſammengebracht; Andere hatten wenigſtens Erbinnen geheirathet oder durch herzogliche Linien den Glanz der endloſen Vetterſchaft erhöht. Der gegenwärtige Marquis war buchſtäblich eine Null. Das Mark der Viponts war nicht in ihm. Er war hübſch, er wußte ſich zu kleiden; wäre das Leben blos die ſtumme Ausſtellung eines Gemäldes, ſo wäre er ein Muſter von einem Marquis geweſen. Aber er war wie die Uhren, die wir kleinen Kindern geben; ſie haben ein zierliches vergoldetes Ziffer⸗ blatt, aber inwendig ſind keine Werke. Er war gänzlich träge— man konnte ihn nicht aufziehen; er konnte ſein Eigenthum nicht ver⸗ walten— er konnte ſeine Briefe nicht beantworten— er konnte ſogar nur ſehr wenige von ihnen leſen. Politik intereſſirte ihn nicht, die Literatur auch nicht, und eben ſo wenig die Vergnügungen auf freiem Felde. Er ſchoß allerdings, aber nur mechaniſch— er wußte vielleicht ſelbſt nicht warum er ſchoß. Er wohnte Wettrennen bei, weil das 97 Haus Vipont einen eigenen Marſtall zu dieſem Behufe hielt. Er wettete auf ſeine eigenen Pferde, aber wenn ſie verloren, zeigte er keinen Aerger. Bewunderer(kein Marquis von Montfort konnte gänzlich ohne ſolche ſeyn) ſagten: Welch ſchöner Charakter! Welch guter Ton!' aber es war Nichts als conſtitutionelle Apathie. Niemand konnte ihn einen böſen Mann nennen— er war kein Böſewicht, kein Leuteſchinder, kein Geizhals, kein Verſchwender; er würde ſich nicht die Mühe genommen haben in irgend einer Beziehung ein böſer Mann zu ſeyn. Diejenigen die ſeinen Charakter aus einer gewiſſen Ent⸗ fernung ſahen, würden ihn einen exemplariſchen Mann genannt haben. Die augenfälligeren Pflichten ſeiner Stellung, Subſcriptionen, Werke der Mildthätigkeit, Aufrechterhaltung großer Etabliſſements, Auf⸗ munterung der ſchönen Künſte waren Tugenden, denen Andere vor⸗ trefflich für ihn nachkamen. Aber das Phlegma oder die Nullität ſeines Weſens war im Ganzen doch nicht ſo vollſtändig, wie ich es vielleicht erſcheinen ließ. Er hatte eine gewiſſe Empfindlichkeit, die bei Frauen häufiger iſt als bei Männern. Seine Eigenliebe verzieh niemals— wenn Ihr dieſe piquirtet, ſo konnte er etwas Unbeſonnenes, etwas Närriſches, etwas Tückiſches thun— wenn Ihr dieſe piquirtet, ſo geſchah ein Wunder— die Uhr ging! Er hatte eine eingewurzelte Pique gegen ſeine Gemahlin. Augenſcheinlich hatte er dieſe Pique ſchon von Anfang an gefaßt. Er zeigte ſie paſſiv durch äußerſte Ver⸗ nachläßigung; er zeigte ſie aktiv dadurch daß er ſie von allen Sphären der Macht entfernte, welche der Frau natürlich zufallen, wenn der Mann die Details des Geſchäftes ſcheut. Offenbar fürchtete er, es könnte Jemand ſagen: Lady Montfort beeinflußt Mylord. Demgemäß ging nicht blos die Verwaltung ſeiner Domänen, ſondern auch ſeiner Gärten, ſeines Haushalts, ſeiner häuslichen Einrichtungen auf Carr Vipont über. Carr Vipont oder Lady Selina waren es, die zu Lady Montfort ſagten:„Gebt einen Ball.“—„Ihr ſolltet die und die Leute zum Diner einladen.“—„Montfort war ſehr ärgerlich, als er ſah, daß die alte Lichtung auf der Twickenham Villa mit dieſen neuen 1 Bosketten überpflanzt war. Sie iſt allerdings Euch als Witthum zu⸗ geſchrieben, aber eben darum iſt Montfort empfindlich“ u. ſ. w. u. ſ. w. Mylord und Mylady lebten faktiſch ſo getrennt als wären ſie geſetzlich geſchieden geweſen, und Carr Vipont und Lady Selina mußten als Vormünder auftreten und bei jeder höflichen Annäherung zwiſchen Beiden die Vermittler ſpielen. Aber auf der andern Seite muß man auch ſagen, daß Lady Montfort, überall wo ihr Wirkungskreis nicht in die Pläne, Gewohnheiten, Neigungen und Abneigungen ihres Mannes eingriff und nicht ſeine eiferſüchtigen Befürchtungen erregte, man könnte meinen, daß ſie irgend Einfluß in Dingen ausübe, welche ausſchließlich ihm ſelbſt als dem Roi fainéant der Viponts angehörten, frei wie die Luft gelaſſen wurde. Kein Verſuch zu männlicher Beauf⸗ ſichtigung oder eheherrlicher Berathung. Zu ihrer Verfügung ſtand Reichthum ohne Beſchränkung— jeder Lurus, den Weichlichkeit wün⸗ ſchen mochte— jeder Tand, wornach Eitelkeit ein Gelüſte tragen konnte. Hätte ihr Nadelgeld, welches allein ſchon das Einkommen einer gewöhnlichen Peerin war, zur Befriedigung ihrer Bedürfniſſe nicht ausgereicht— wäre ſie es überdrüſſtig geworden die Familien⸗ diamanten zu tragen, und hätte es ſie nach neuen Edelſteinen von Golconda gelüſtet, ſo wäre ein einziges Wort an Carr Vipont oder Lady Selina mit einer carte blanche auf die Bank von England be⸗ antwortet worden. Aber Lady Montfort hatte das Unglück in ihren Liebhabereien nicht extravagant zu ſeyn. Sonderbar, in der Welt wurde Lord Montforts Ehe eine Liebesheirath genannt; er hatte ein unvermögliches Mädchen, die Tochter eines ſeiner ärmſten und dun⸗ kelſten Vetter, geheirathet, und zwar gegen die allgemein angenommene Politik des Hauſes Vipont, das für arme Couſinen Alles that, nur ſte nicht mit ſeinem Oberhaupt verheirathete. Aber Lady Montforts Benehmen in dieſen ſchweren Prüfungen war bewundernswürdig und von ſeltener Art. Wenige Beleidigungen können uns demüthigen, wenn wir ſie nicht empfinden, und hier war Alles vergebens. Lady Montfort hatte jene ausgeſuchte Würde, welche der Unterwürfigkeit die 99 Anmuth heiterer Zuſtimmung verleiht. Daß in der fröhlichen Welt Schmeichler ſich um eine junge Frau ſchaarten, die ſo hervorragend ſchön und von ihrem Manne ſo gänzlich ihrer eigenen Leitung über⸗ laſſen war, ließ ſich nicht vermeiden. Aber beim erſten Compliment oder pathetiſchen Bedauern, das Jemand eingleiten ließ, war Lady Montfort, die ſich in ihrem Haushalt ſo weichherzig zeigte, hochmüthig genug, um jeden Lovelace abzuſchrecken. So ſah man ſehr bald ein, daß ſie über jede Verſuchung erhaben war, und die Kühnſten gingen vorüber, ohne eine ſolche zu wagen. Sie war unpopulär; man nannte ſie ſtolz und froſtig; ſie dehnte den Einfluß des Hauſes nicht aus; ſie bekräftigte ſeine Faſhion nicht— eine Faſhion, von welcher geſellſchaftliches Behagen gefordert wird, und welche kein Rang, kein Reichthum, keine Tugend allein zu geben vermag. Und dieſe Unter⸗ laſſung von ihrer Seite war ein großes Vergehen in den Augen des Hauſes Vipont.„Sie thut ſchlechterdings Nichts für uns,“ ſagte Lady Selina; aber Lady Selina war in ihrem Herzen ſehr froh darüber, daß dadurch in Wirklichkeit ihr ſelbſt die weibliche Vertretung der Vipontſchen Honneurs in der großen Welt zufiel. Lady Selina war die Faſhion ſelbſt. Lady Montforts ſociale Eigenthümlichkeit beſtand in dem Eifer, womit ſie die Geſellſchaft von Perſonen ſuchte, die einen Ruf für höhere Intelligenz genoßen, als Staatsmänner, Advokaten, Schrift⸗ ſteller, Philoſophen, Künſtler. Intellectueller Verkehr ſchien ihre na⸗ türliche Atmoſphäre zu ſeyn, aus welcher ſie gewöhnlich verbannt war und zu welcher ſie mit einem inſtinktmäßigen Sehnen und neuer Lebens⸗ luſt zurückkehrte; doch warf man ihr auch hier und ſcheinbar nicht ohne Recht vor, daß ſie launiſch und unſtät in ihren Neigungen ſey. Dieſe ausgezeichneten Leute ſchienen nach einer kleinen Weile ſammt und ſonders die Erwartungen der Lady nicht zu befriedigen; ſie ſuchte mit herzlichem Ernſt die Bekanntſchaft Jedes von ihnen, zog ſich aber bald müde und verdroſſen zurück und fühlte ſich im Ganzen nie weniger allein als wenn ſie allein war. 100 Und ſo wunderbar lieblich! Nichts iſt ſo ſelten als Schönheit vom hohen Typus; Genie und Schönheit ſind allerdings beide ſelten; Genie, was die Schönheit der Seele— Schöönheit, welche das Genie des Körpers iſt. Aber von beiden iſt Schönheit die ſeltenere. Wir alle können etliche vierzig oder fünfzig Perſonen von unbezweifeltem, hochberühmtem Genie, mit Einſchluß Derjenigen, die ſich im thätigen Leben oder in der Literatur und Kunſt auszeichnen, an unſern Fingern herzählen. Aber kann ſich Jemand von uns erinnern mehr als vier oder fünf Exemplare von idealer Schönheit erſten Rangs geſehen zu haben? Wer Lady Montfort geſehen hätte, würde ſie in ſeiner Erin⸗ nerung unter ſolche vier oder fünf geſtellt haben. In ihrem Geſicht war jener blendende Glanz, den vielleicht der lateiniſche Poet im Auge hat, wenn er ſagt: „Nitor Splendentis Pario marmore purius... Et voltus, nimium lubricus adspici,“ und welchen ein engliſcher Dichter“ mit der weniger ſinnlichen, aber geiſtigeren Einbildungskraft des nordiſchen Genius in Zeilen be⸗ ſchrieben hat, die ein engliſcher Leſer vielleicht mit Vergnügen aus der Vergeſſenheit gerettet ſieht: „War nicht der Milchſtraß gleich ihr Angeſicht, Beſtrahlt von ſanftem, holdem Himmelslicht?“ Die Augen ſo rein glänzend, die ausgeſuchte Harmonie der Farbe zwiſchen dem dunkeln(nicht allzu dunkeln) Haar und dem Elfenbein der Haut; ein ſolch holdſeliger Strahl auf der Lippe, wenn ſie ſich zu einem Lächeln öffnete. Und es wurde geſagt, daß in ihren jungfräu⸗ lichen Tagen, bevor Caroline Lyndſay Marquiſe von Montfort wurde, dieſes Lächeln das fröhlichſte Ding war, das ſich denken ließ. Ihr würdet es jetzt für abſurd halten und nicht glauben wollen, aber dieſe ſtattliche Lady war ein wildes phantaſtiſches Mädchen geweſen mit dem luſtigſten Lachen und der ſchnellſten Thräne, die Luft um ſich her mit * Suckling. 101 Aprilſonnenſchein erfüllend. Gewiß, es habeu niemals Weſen das Leben gelebt, wofür die Natur ſie beſtimmte, oder für Herz und Geiſt ein ſchönes Spiel gehabt, wenn ſie auf rechtem oder unrechtem Weg dazu gekommen ſind die unrechte Perſon zu heirathen. Achtes Kapitel. Das Innere des großen Hauſes. Die britiſche Verfaſſung daheim in einer Familiengeſellſchaft. Groß war die Familienzuſammenkunft für dieſe Weihnachten auf Montfort Court. Die Verwandten des Hauſes in allen Graden und von verſchiedenem Rang kamen herbeigeſtrömt. Von Herzogen an, denen Nichts zu wünſchen übrig blieb, was Könige und Vetterſchaften geben können, bis zu Advokaten und aſpirirenden Cornets von gleich gutem Blut wie die Herzoge, ſammelte die ſtolze Familie ihre bunt⸗ ſcheckigen Sproſſen um ſich. Solche Zuſammenkünfte waren zahlreich, ſte gehörten zur erblichen Politik des Hauſes Vipont. Bei dieſer Ge⸗ legenheit war die Muſterung des Clans bedeutungsvoller als gewöhn⸗ lich; es war eine Kriſis in der conſtitutionellen Geſchichte des briti⸗ ſchen Reichs eingetreten. Eine neue Regierung war binnen der letzten ſechs Wochen plötzlich gebildet worden, und dieß verkündete offenbar irgend einen ſchrecklichen Schlag auf unſere alten Inſtitutionen, denn das Haus Vipont war bei ihrer Einrichtung nicht um Rath gefragt worden und ſah ſich im Miniſterium gänzlich unvertreten, hatte nicht einmal eine Schatzkanzlerſchaft davongetragen. Carr Vipont hatte daher die patriotiſche und erbitterte Sippſchaft aufgeboten. Es iſt etwa eine Stunde nach Beendigung des Mittagsmahls. Die Gentlemen haben ſich den Ladies in den Prunkgemächern ange⸗ ſchloſſen, welche der letzte Marquis in ſeinen alten Tagen während der langen Krankheit, die ihn ſchließlich zu ſeinen Ahnen führte, wieder eingerichtet und neu dekorirt hatte. In ſeinen früheren Jahren hatte dieſer fürſtliche Marquis Montfort Court verlaſſen und einen Sitz be⸗ zogen, der näher bei London lag und ſich daher weit leichter mit dieſer glänzenden Geſellſchaft füllte, deren Zierde und Mittelpunkt er lange geweſen war; Eiſenbahnen gab es damals noch nicht, um Zeit und Raum zu vernichten, und eine viertägige Reiſe mit Poſtpferden nach einer nördlichen Grafſchaft machte die Einladungen ſogar eines Marquis von Montfort nicht ſehr verlockend für ſchmachtende Schön⸗ heiten und gichtbehaftete Miniſter. Aber als er ſich dem Ende ſeiner weltlichen Laufbahn näherte, da fiel dieſe lange Vernachläßigung des mit ſeinen Erbtiteln identifizirten Wohnſitzes ſchwer auf das Gewiſſen des erlauchten Sünders. Und da andere Beſchäftigungen ſchal zu werden begannen, ſo kam Seine Lordſchaft, begleitet und aufgeheitert von einem Kaplan, der einen feinen Geſchmack in den Dekorations⸗ künſten beſaß, entſchloſſen nach Montfort Court, machte da, umgeben von Baumeiſtern, Vergoldern und Tapezierern, ſeine Irrthümer wieder gut und fügte, beruhigt durch die Betrachtung des Palaſtes, den er für ſeinen Nachfolger hergeſtellt hatte, ſeinen Gewölben einen Sarg bei. Die Prunkgemächer breiten ſich vor dem Auge aus. Ihr ſeyd in dem großen Geſellſchaftsſaal, welcher dem in Verſailles nachgebildet iſt. Das iſt das lebensgroße Gemälde des letzten Marquis in ſeinen Staatsgewändern; ſein Seitenſtück iſt die letzte Marquiſe, ſeine Ge⸗ mahlin. Dieſer Malachittiſch iſt ein Geſchenk des ruſſiſchen Kaiſers Alexander; dieſe Sevrervaſe, welche darauf ſteht, wurde für Marie Antoinette gemacht— Ihr ſehet in der Mitte ihr Bild emalllirt. Durch die offene Thüre am fernen Ende verliert ſich Euer Auge in einer Ausſicht auf andere pompöſe Zimmer— das Muſikzimmer, die Statuenhalle, die Orangerie; noch andere Zimmer gehören zu dem Prunkgemach— ein Ballſaal, paſſend für Babylon, eine Bibliothek, die eine Zierde für Alexandrien geweſen wäre— aber ſie ſind bei dieſer Gelegenheit nicht beleuchtet und nicht in Anſpruch genommen; es iſt ſtreng eine Familienpartie, ſechzig Gäſte und nicht mehr. Im Geſellſchaftsſaal nehmen drei Whiſttiſche die älteren und 103 ernſteren Perſonen weg. Das Piano im Mufikzimmer zieht eine jüngere Gruppe an. Lady Selina Viponts älteſte Tochter Honoria, eine junge Lady, die noch nicht hinausgebracht worden iſt, aber in der nächſten Saiſon hinausgebracht werden ſoll, gibt ein wundervoll ver⸗ wickeltes deutſches Stück mit Variationen zum Beſten. Ihre wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung iſt vollendet. Keine Mühe iſt bei ihrer Erziehung geſpart worden; ſie iſt mit Eifer und Arbeit herangebildet worden, um die ſympathiſirende Gemahlin eines reichen Staatsmannes zu werden. Lady Montfort ſitzt bei einer ältlichen Herzogin, einer gut⸗ müthigen Schwätzerin; in ihrer Nähe ſitzen zwei Gentlemen von mitt⸗ lerem Alter, die ſich mit ihr unterhalten hatten, bis die Herzogin ſich dazwiſchenwarf und das Zwiegeſpräch in ein Selbſtgeſpräch ver⸗ wandelte. Der ältere dieſer beiden Gentlemen iſt Mr. Carr Vipont, ein Kahlkopf mit geſtutztem parlamentariſchem Backenbart; thut ſich etwas auf eine Aehnlichkeit mit Canning zu gut, hat aber eine ſtatt⸗ lichere Haltung— ſieht aus wie ein großer Gutsbeſitzer. Carr Vi⸗ pont beſitzt ungefähr 40,000 Pfund jährlich; hat oft Anſtellungen für ſich ſelbſt ausgeſchlagen, während er dafür ſorgt, daß andere Vi⸗ ponts ſolche bekommen; iſt eine große Autorität in Commiſſions⸗ arbeiten und wo die Regeln des Unterhauſes in Frage kommen; ſpricht ſehr ſelten und nicht ſehr lang; diſputirt niemals, gibt blos ſeine Mei⸗ nung preis, hat großes Gewicht, und wie er ſtimmt, ſtimmen fünfzehn andere Mitglieder des Hauſes Vipont nebſt bewundernden Trabanten. Er kann daher Theilungen veranſtalten und hat das Schickſal von Cabinetten entſchieden. Ein angenehmer Mann, etwas eingebildet, aber das Gegentheil von hochmüthig— ſeine Anmaßung hat etwas Salbungsvolles. Der andere Gentleman, welchem er zuhört, iſt unſer alter Bekannter, Oberſt Alban Vipont Morley— Darrells Freund — Georges Onkel— ein bedeutender Mann, der in der That hinter ſeinem Vetter Carr nicht zurückſteht, eine Autorität in Clubben, ein Orakel in Geſellſchaftsſälen, ein Mann erſter Kategorie für die ſchöne 10⁴ Welt. Alban Morley, ein jüngerer Sohn, war frühzeitig in die Garde eingetreten und hatte ſich noch jung mit Oberſtenrang aus derſelben zu⸗ rückgezogen, nachdem er von einer alten Tante ein Vermächtniß er⸗ halten, das ihm nebſt den Zinfen aus der Summe, wofür er ſein Patent verkauft hatte, ein freies jährliches Einkommen von 1000 Pfund eintrug. Dieſe beſcheidene Rente genügte für alle ſeine Bedürfniſſe, ſo ein feiner Gentleman er auch war. Er hatte einen Parlamentsſitz und ebenſo einen hohen Staatsdienſt abgelehnt. Selbſt unverheirathet, bewies er ſeine Achtung vor der Ehe durch das Intereſſe, das er an den Heirathen anderer Leute nahm— gerade wie Graf Warwick, zu klug um ſich ſelbſt als König aufzuwerfen, ſeine Leidenſchaft für das Königthum dadurch befriedigte, daß er der Königsmacher wurde. Der Oberſt war ein Mann von der feinſten Bildung, er beſaß aus⸗ nehmend ſchöne Kenntniſſe, kannte die meiſten modernen Sprachen. In der Malerei ein Dilettant, in der Muſik ein Kenner; witzig zu⸗ weilen und mit einem Witz von hoher Qualität, aber ſparſam in Verausgabung deſſelben; zu klug um als Witzbold bekannt zu ſeyn. Dabei mannhaft, ein kühner Reiter, der manchen Fuchsſchwanz ge⸗ wonnen hatte, ein famöſer Jäger und einer der wenigen engliſchen Gentlemen, die noch auf die edle Fechtkunſt halten— zweimal in der Woche konnte man ihn mit dem Rappier in der Hand in Angelos Sälen ſehen, wo er ſich jedem Ankommenden zu Dienſt ſtellte. Schlank, wohlgebaut— nicht hübſch, meine theure junge Lady, weit entfernt, aber mit einem Weſen, das ſo durchaus die gute und feine Art verkündete, daß, hättet Ihr ihn in den Tagen, wo das Opernhaus noch ſeine Stutzerallee hatte, umgeben von den feinſt geſchniegelten Dandies und pompöſeſten Zierbengeln geſehen, all dieſe Dandies und Zierbengel Euch untergeordnet und gemein vorgekommen wären; Euer Auge wäre von dieſer ruhigen Geſtalt— ſchlicht von Benehmen, ſchlicht von Kleidung, ſchlicht von Geſicht— verzaubert worden, und Ihr hättet geſagt:„wie unendlich diſtinguirt iſt es ſo ſchlicht zu ſeyn!“ Oberſt Morley kannte die große Welt von innen und außen. Er eee—— 10⁵ gründete auf dieſe Kenntniß Autorität und Stellung, aber er war nicht berechnend— nicht verſchlagen— nicht argwöhniſch. Sein Scharfſinn ging immer gerade aus und kam um ſo ſchneller ans Ziel. Er war mit den Größten vertraut, aber geſucht, nicht ſuchend. Kein Schmeichler und kein Schmarotzer. Aber wenn ſein Rath begehrt wurde, gab er ihn mit militäriſcher Aufrichtigkeit, ſelbſt wenn dieſer Rath einen Tadel nothwendig machte. Kurz, er war ein Mann von einem ſocialen Ruf, der ihn zur Zierde und Stütze des Hauſes Vipont machte, und mit ungeahnten Tiefen von Intelligenz und Gefühl, welche in den untern Schichten ſeiner Kenntniß dieſer Welt lagen und Darrell vollkommen rechtfertigten, wenn er einen Jungen wie Lionel Haughton der freundlichen Obhut und den ermahnenden Rathſchlägen des Ober⸗ ſten empfahl. Der Oberſt hatte, wie andere Menſchen, ſeine Schwäche, wenn dieß Schwäche genannt werden kann: er⸗ glaubte, daß das Haus Vipont nicht blos das korinthiſche Kapitäl, ſondern auch die zinnen⸗ verſehene Feſte, nicht blos das dulce decus, ſondern auch das praesi⸗- dium columenque rerum der britiſchen Monarchie ſey. Er rühmte ſich ſeiner Verwandtſchaft mit dem Hauſe nicht; er ärgerte Euch nicht durch lange Auslaſſungen über die mannigfaltigen Tugenden deſſelben; er erlaubte ſich oft ſeinen harmloſen Scherz gegen Mitglieder oder ſogar gegen Anmaßungen deſſelben, aber ſolche ſcheinbare Beweiſe von Mäßigung oder Aufrichtigkeit waren ſchlaue Kunſtgriffe, um den Neid zu mildern. Seine Hingebung gegen das Haus war nicht auf⸗ dringlich, ſondern kam aus tiefſtem Herzen. Er liebte das Haus Vipont um Englands willen, er liebte England um des Hauſes Vipont willen. Wäre es durch irgend eine ſchreckliche Verkehrung der ge⸗ wöhnlichen Geſetze der Natur möglich geweſen die Sache Englands von der Sache des Hauſes Vipont zu trennen, ſo würde der Oberſt geſagt haben:„Rettet wenigſtens die Bundeslade der Conſtitution! Schaaret Euch um das alte Haus!“ Der Oberſt hatte Nichts von Guy Darrells Schwäche in Bezug auf Familienſtolz; er kümmerte ſich ganz und gar nicht um bloße Bulwer, was wird er damit machen? II. 8 — ——— “ 3 — Stammbäume— er war viel zu liberal und aufgeklärt für ſolche ver⸗ altete Vorurtheile. Nein! er kannte die Welt zu gut, um nicht wohl bemerkt zu haben, daß alte Familie und lange Stammbäume einem Manne Nichts nützen, wenn er nicht einiges Geld oder einiges Ver⸗ dienſt beſitzt. Aber es war für einen Mann von Nutzen ein Vetter des Hauſes Vipont zu ſeyn, wenn auch ohne Geld, ohne alles Ver⸗ dienſt. Es war von Nutzen ein Theil und Stück einer britiſchen In⸗ ſtitution zu ſeyn; es war von Nutzen ein geſetzliches und unveräußer⸗ liches Recht auf Theilnahme an der Verwaltung und Beherrſchung eines Reiches zu haben, in welchem, um einen Novellenausdruck zu gebrauchen, die Sonne nie untergeht. Ihr mochtet Nichts für Euch ſelbſt bedürfen— der Oberſt und der Marquis bedurften gleichfalls Nichts für ſich ſelbſt; aber der Menſch ſoll kein ſelbſtſüchtiger Egoiſt ſeyn! Der Menſch hat Vetter— ſeine Vetter können Etwas be⸗ dürfen. Demoſthenes verklagt in Worten, die jede männliche Bruſt entflammen, den alten Griechen, der ſeine Polis oder ſeinen Staat nicht liebt, ſelbſt wenn er Nichts als unfruchtbare Ehre von ihm erhält und noch obendrein eine Menge unangenehmer Steuern bezahlen muß. Was die Polis für den Griechen, das war das Haus Vipont für Alban Vipont Morley. Es war die ſchönſte, rührendſte Zuneigung, die man ſich denken kann. Wenn je das Haus in Schwierigkeiten kam— wenn es je von einer Kriſis bedroht war— ſo ſtand der Oberſt ihm zur Seite und ließ ſich keine Mühe verdrießen, vernach⸗ läßigte kein Mittel, um die Bundeslade der Conſtitution wieder in glattes Waſſer hineinzuſteuern. Hatte er dieſe Pflicht erfüllt, ſo zog er ſich wieder ins Privatleben zurück und verachtete alle andern Be⸗ lohnungen, außer dem ſtillen Geflüſter beifälligen Gewiſſens. „Ja,“ ſagte Alban Morley, deſſen Stimme, obſchon leiſe und gedämpft im Tone, äußerſt deutlich war und eine vollendete Ausſprache hatte,„ja, es iſt vollkommen wahr, mein Neffe hat die Weihen ge⸗ nommen— ſein Sprachfehler iſt zwar nicht ganz beſeitigt, hat aber doch aufgehört ein Hinderniß ſogar für Beredtſamkeit zu ſeyn; ein 107 gelegentliches Stammeln mag gute Wirkung haben— es erhöht das Intereſſe; wenn das rechte Wort kommt, liegt der Zauber der Ueber⸗ raſchung darin. Ich zweifle nicht daran, daß George ein ſehr aus⸗ gezeichneter Geiſtlicher ſeyn wird.“ Mr. Carr Vipont.—„Wir brauchen einen— das Haus braucht einen ſehr ausgezeichneten Geiſtlichen; wir haben keinen in dieſem Augenblick— keinen Biſchof— nicht einmal einen Dekan; alle ſind lauter bloße Dorfpfarrer, und unter ihnen nicht ein einziger, den wir pouſſiren könnten. Sehr ſonderbar, während wir doch mehr als vierzig Pfründen beſitzen! Aber die Viponts entſchließen ſich ſelten zur Kirche— George muß pouſſirt werden. Je mehr ich daran denke, um ſo klarer iſt es mir, daß wir einen Biſchof bedürfen: ein Biſchof würde in der gegenwärtigen Kriſis nützlich ſeyn.(Stolz in den Zimmern umherſchauend und ſeine Stimme mäßigend.)— Eine zahlreiche Verſammlung, Morley! Dieſe Demonſtration wird Schrecken erregen in Downing Street— he! Das alte Haus ſteht feſt— nie war eine Familie ſo einig: Alle hier, denke ich— d. h. Alle die Er⸗ wähnung verdienen, Alle mit Ausnahme von Sir James, welchen Montfort nicht leiden kann, und George— und George kommt morgen.“ Oberſt Morley.—„Ihr vergeßt den ausgezeichnetſten von allen unſern Verwandten— den einzigen, der wirklich in Downing Street Schrecken erregen könnte, wenn er ſeine Stimme wieder er⸗ tönen ließe.“ Mr. Carr Vipont.—„Wen meint Ihr? Ah, ich weiß! Guy Darrell. Seine Frau war eine Vipont— und er iſt nicht hier. Aber er hat ſchon lang jede Verbindung mit uns Allen abgebrochen— der einzige Verwandte, der je vom Hauſe Vipont abtrünnig wurde— zumal in einer Kriſis wie die gegenwärtige. Ein eigenthümlicher Mann! Für allen Nutzen, den er uns bringt, könnte er eben ſo gut todt ſeyn. Aber er hat ein ſchönes Vermögen— was wird er damit machen?“ 8* — *— — 1 — —— —— Die Herzogin.—„Meine liebe Lady Montfort, Ihr habt Euch mit dem berühmten Advokaten überworfen?“ Lady Montfort.—„Nein, wahrhaftig nicht. Doch ſtill! wir ſtören Mr. Carr Vipont.“ Die Herzogin, die ihren Vetter Carr fürchtet, dämpft ihre Stimme und ſchwatzt in Flüſtertonen weiter. Carr Vipont(die Sache wieder aufnehmend).—„Ein ſehr ſchönes Vermögen— was wird er damit machen?“ Oberſt Morley.—„Ich weiß es nicht, aber ich cätidl vor einigen Monaten einen Brief von ihm.“ Carr Vipont.—„Wirklich? und Ihr ſagtet mir nichts Hrvon! 12 Oberſt Morley.—„Er hatte kein Intereſſe für Euch, mein lieber Carr. In dieſem Brief führte er blos einen allerliebſten jungen Burſchen bei mir ein— einen Verwandten von ihm ſelbſt(keinen Vipont)— Lionel Haughton, Sohn des armen Charlie Haughton, deſſen Ihr Euch wohl noch erinnern werdet.“ Carr Vipont.—„Ja, ein hübſcher Burſche, aber gänzlich auf den Hund gekommen. Darrell nimmt alſo Charlies Sohn auf? etwa als ſeinen Erben?“ Oberſt Morley.—„In ſeinem Brief an mich beantwortet er dieſe Frage verneinend.“ Carr Vipont.—„Hat Darrell noch nähere Verwandte? 2“ Oberſt Morley.—„Meines Wiſſens nicht.“ Carr Vipont.—„Vielleicht wird er Einen aus der Familie ſeiner Frau zum Erben wählen— einen Vipont, es ſollte mich nicht wundern.“ Oberſt Morley(trocken).—„Mich würde es wundern. Aber warum ſollte Darrell nicht wieder heirathen? Ich dachte immer, er würde es thun— ich denke es noch jetzt.“ Carr Vipont(mit einem Blick auf ſeine Tochter Honoria).— „Nun ja, eine gut gewählte Frau könnte ihn der Geſellſchaft und uns zurückgeben. Es iſt wirklich Schade, daß eine ſo große Intelligenz 109 unthätig bleibt, eine ſo beredte Stimme zum Schweigen gebracht iſt. Ihr habt Recht; in dieſer Kriſis hätten wir, wenn Guy Darrell wieder im Unterhaus wäre, Alles was wir brauchen— einen Redner, einen Mann der Debatten. Sehr ſonderbar, aber in dieſem Augenblick haben wir keine Sprecher— wir, die Viponts!“ Oberſt Morley.—„Euch ſelbſt!“ Carr Vipont.—„Ihr ſeyd allzu gütig. Ich kann bei Ge⸗ legenheiten ſprechen, aber regelmäßig nicht. Macht mir zu viel Mühe — nicht mehr jung genug, um es auf mich zu nehmen. Ihr denkt alſo, Darrell werde wieder heirathen? Er ſah außerordentlich gut aus, als ich ihn zum letzten Mal traf: noch nicht alt; ganz vortrefflich conſervirt; ich wollte, ich hätte daran gedacht ihn hieher zu bitten— Montfort!(Lord Montfort ging gerade mit einigen Freunden vorbei nach einem Billardſaal, ſeitwärts von dem großen Prunkſalon) Mont⸗ fort! denkt Euch nur, ich vergaß Guy Darrell einzuladen. Iſt es zu ſpät, bevor unſere Geſellſchaft wieder aufbricht?“ Lord Montfort(verdrießlich).—„Ich wünſche nicht, daß Guy Darrell in mein Haus eingeladen werde.“ Carr Vipont war buchſtäblich betäubt durch dieſe widerſpenſtiſche Antwort. Wie durfte Lord Montfort ein Bedenken tragen, wenn Carr Vipont ſeinen Rath ertheilte! Carr Vipont konnte ſeinen Sinnen nicht trauen. „Ihr wünſchtet es nicht, mein lieber Montfort? Ihr ſcherzet. Ein verdammt geſcheiter Burſche, Guy Darrell, und in dieſer Kriſis—“ „Ich haſſe geſcheite Burſche— will keine ſolche Langweiler!“ ſagte Lord Montfort, indem er ſich von Carr Viponts Händedruck losmachte und ſtolz weiter ging. „Erſpart Euch Euer Bedauern, mein lieber Carr,“ ſagte Oberſt Morley.„Darrell iſt nicht in England— ich glaube eher, er befindet ſich in Verona.“ Damit ſchlenderte der Oberſt zu der Gruppe, die ſich um das Piano geſammelt hatte. Bald darauf entwiſchte Lady Montfort der Herzogin, miſchte ſich höflich unter ihre lebhafteren Gäſte und kam in die Nähe des Oberſten.„Wollt Ihr mir meine Revanche im Schachſpiel geben?“ fragte ſie mit ihrem ſeltenen Lächeln. Der Oberſt war entzückt. Als ſie ſich ſetzten und ihre Figuren auf⸗ ſtellten, bemerkte Lady Montfort nachläßig: „Ich höorte Euch beiläufig ſagen, Ihr habet vor Kurzem einen Brief von Mr. Darrell erhalten; ſchreibt er, als ob er wohl und ver⸗ gnügt wäre? Ihr erinnert Euch, daß ich als Kind viel bei ſeiner Tochter, viel in ſeinem Hauſe war. Er war immer äußerſt gütig gegen mich.“ Hier bebte die Stimme der Lady. „Er ſchreibt nichts von ſich ſelbſt, weder von ſeinen Geſundheits⸗ Amſtäͤnden noch von ſeinen Gemüthszuſtänden. Aber ſein junger Vetter ſchilderte ihn mir als vollkommen geſund und wunderbar jung aus⸗ ſehend für ſeine Jahre. Aber vergnügt— nein! Darrell und ich traten zuſammen in die Welt; wir waren ſo befreundet, wie nur je ein ſo geſchäftiger und ſo ausgezeichneter Mann wie er ſich mit einem Mann von meiner Art befreunden konnte, der von Gewohnheit indo⸗ lent und dabei ſo obſcur war. Ich kenne ſeine Natur; wir wiſſen Beide Etwas von ſeinem Familienkummer. Er kann nicht glücklich ſeyn! unmöglich!— Allein— kinderlos— abgeſchloſſen. Armer Darrell, jetzt iſt er in der Fremde; und vollends in Verona!— der langweiligſte Ort! noch immer in Trauer um Romeo und Julia!— der Zug iſt an Euch. In ſeinem Brief ſprach Darrell von einer Reiſe nach Griechenland, nach Aſien— er will in die Tiefen Afrikas ein⸗ dringen— die ausſchweifendſten Pläne! Der liebe Graf Guy, wie wir ihn in Eton nannten!— welch eine Carriere hätte er machen können! Laßt uns nicht von ihm reden, es ſtimmt mich traurig. Wie Göthe vermeide ich ſchmerzliche Gegenſtände aus Grundſatz.“ Lady Montfort.—„Nein— wir wollen nicht von ihm ſprechen, nein— ich nehme den Bauer der Königin. Nein, wir wollen nicht von ihm ſprechen!— nein.“ Das Spiel nahm ſeinen Fortgang; der Oberſt war ſo weit, daß 111 er auf drei Züge ſeine Gegnerin matt machen konnte. Er vergaß den gefaßten Entſchluß und ſagte, als ſie inne hielt und kleinmüthig auf eine hoffnungsloſe Vertheidigung zu ſinnen ſchien: „Bitte, meine ſchöne Baſe, wie kommt es, daß Montfort meinen alten Freund Darrell nicht leiden kann?“ „Nicht leiden kann! Iſt es ſo? ich weiß es nicht. Wieder ge⸗ ſchlagen, Oberſt Morley!“ Sie ſtand auf, und als er die Figuren in ihre Schachtel zurücklegte, beugte ſie ſich gedankenvoll über den Tiſch. „Dieſer junge Vetter, wird er nicht ein Troſt für Mr. Darrell ſeyn?“ „Er würde für einen Vater ein Troſt und ein Stolz ſeyn; aber für Darrell, ein ſo entfernter Verwandter— Troſt!— warum und wie? Darrell wird für ihn ſorgen, das iſt Alles. Ein ſehr gentle⸗ männiſcher junger Mann— auf meinen Rath nach Paris gegangen, bedarf der Politur und Lebenskenntniß. Wenn er zurückkommt, muß er in die Geſellſchaft eintreten; ich habe ſeinen Namen bei White ein⸗ geſchrieben; darf ich ihn Euch vorſtellen?“ Lady Montfort zögerte und ſagte nach einer Pauſe, beinahe barſch:„Nein.“ Sie verließ den Oberſten, der leicht ſeine Achſeln zuckte, und ging ſchnellen Schritts in den Billardſaal. Einige Ladies waren bereits da und ſahen den Spielern zu. Lord Montfort kreidete ſeine Queue. Lady Montfort ging gerade auf ihn zu; ihre Farbe war erhöht; ihre Lippe bebte; ſie legte mit weiblicher Kühnheit ihre Hand auf ſeine Schulter. Es ſchien als wäre ſie in einem Drang zärtlicher Neigung hiehergekommen, um ihn aufzuſuchen. Sie fragte in haſtigem, un⸗ ruhigem, freundlichem Ton, ob er glücklich geweſen ſey, und nannte ihn bei ſeinem Taufnamen. Lord Montforts Geſicht, das bisher blos apathiſch geweſen, nahm jetzt einen Ausdruck äußerſten Widerwillens an.„Ihr wollt mich wohl lehren, wie ich ſtoßen muß!“ brummte er, wandte ſich dann von ihr ab, betrachtete die Bälle und that einen Fehlſtoß. 112 „Ihr ſeyd mir immer im Weg, Lady Montfort,“ ſagte er dann, kehrte darauf in eine Ecke zurück und ſprach nichts mehr. Lady Montforts Geſicht belebte ſich noch mehr. Sie verweilte einen Augenblick, kehrte dann in den für den Reſt des Abends Als ſie ſich mit den weiblichen Gäͤ ſie um ſich, ſah kamerad Neuntes Kapitel. Les extréèmes se touchent. Hauptſalon zurück und zeigte ſich ungewöhnlich lebhaft, graziös, bezaubernd. ſten für die Nacht zurückzog, ſchaute Oberſt Morley und ſtreckte ihm ihre Hand entgegen. „Euer Neffe kommt morgen früh hieher,“ ſagte ſie „„mein alter Spiel⸗ ;es iſt unmöglich alte Freunde ganz zu vergeſſen— gute Nacht!“ Am nächſten Tag zerſtreuten ſich die Gentlemen außer dem Hauſe zu einer großen Jagdpartie. Diejenigen die ſich nicht dabei bethei⸗ ligten, beaugenſcheinigten die Rennpferde oder die Muſterfarm. Die Ladies hatten ihre Promenade gemacht; einige befanden ſich in ihren eigenen Zimmern, andere in den Empfangsſälen, mit Arbeiten oder Lektüre beſchäftigt, oder auch um das Piano, auf welchem Honoria Carr Vipont wieder ſpielte. Lady Montfort war abweſend; Lady Selina füllte freundlich den Platz der Wirthin aus. Lady Selina ſtickte mit großer Kunſtfertigkeit und vielem Geſchmack Pantoffeln für ihren älteſten Sohn, welcher juſt in Orford eingetreten war, nachdem er Eton mit dem Ruf verlaſſen hatte der zierlichſte Elegant und nicht der ſchlechteſte Kolbenſpieler dieſer berühmten Erziehungsanſtalt zu ſeyn. Es iſt eine fälſchliche Annahme, daß vornehme Ladies nicht zu⸗ weilen ſehr zärtliche Mütter und liebreiche Frauen ſeyen. Lady Selina war außerhalb ihres Familienkreiſes trivial, gemüthlos, kaltherzig, hochmüthig, nur aus Politik freundlich, künſtlich wie ein Uhrenwerk. Abber in ihrem eigenen Haus, gegen ihren Mann und ihre Kinder, 113 war Lady Selina eine ſehr gute Frau. Sie hing voll Ergebenheit an Carr Vipont, deſſen Talente ſie übertrieb und den ſie für den erſten Mann in England hielt; ſie war ſorgſam für ſeine Ehre, eifrig für ſeine Intereſſen, ſie beſchwichtigte ihn in ſeinen Kümmerniſſen, pflegte ihn voll Zärtlichkeit in ſeinen Krankheiten. Ihren Mädchen gegen⸗ über war ſie klug und wachſam, gegen ihre Jungen nachſichtig und liebkoſend. Erſtere ließ ſie nach ihren hochgebornen Erziehungsideen heranbilden und überwachte das Geſchäft mit genaueſter Aufmerkſam⸗ keit— ſie waren auch wirklich vortreffliche Mädchen, ſehr unterrichtet und vollkommen gutgeartet. Letzteren gegenüber zeigte ſie ihre Au⸗ torität weniger, weil die Jungen nicht unter ihrer unmittelbaren Auf⸗ ſicht ſtanden, und ihr Verantwortlichkeitsgefühl ihr geſtattete in ihrem Verkehr mit ihnen mehr Zärtlichkeit und weniger Würde zu entwickeln, als jungen Ladies gegenüber, denen ſie durch ihr Beiſpiel und ihre Lehren das patriziſche Decorum beibringen mußte, welches das glatte Ergebniß der Beſchränkung und Hemmung freien inneren Antriebes iſt. Knaben durften Lärm in der Welt machen, Mädchen ſollten keinen machen. Lady Selina arbeitete alſo an Pantoffeln für ihren abwe⸗ ſenden Sohn, und ihr Herz war in dieſem Augenblick voll von ihm. Sie beſchrieb ſeinen Charakter und ließ ſich über die Hoffnungen, die er erregte, des Breiteren gegen zwei oder drei aufmerkſame Zuhö⸗ rerinnen aus, die ſelbſt der Vipont'ſchen Familie angehörten und ſich daher für das wahrſcheinliche Schickſal des Erben der Carr Viponts höchlich intereſſirten. „Kurz und gut,“ ſagte Lady Selina, Alles zuſammenfaſſend, „ſo bald Reginald in das betreffende Alter kommt, müſſen wir ihn ins Parlament bringen. Carr hat es immer beklagt, daß er ſelbſt nicht frühzeitig zu den Staatsgeſchäften angehalten worden iſt; Re⸗ ginald muß es werden. Nichts iſt für Staatsmaͤnner ſo nothwendig, als daß man ſie früh an die Sache gewöhnt— dieß macht ſie praktiſch und nicht allzu empfindlich gegen die Behauptungen dieſer ſchrecklichen Journale. Dieß war Pitts großer Vortheil. Reginald beſitzt Ehrgeiz; — 2 114 er muß Beſchäftigung haben, damit er vor Schaden bewahrt bleibt. Es iſt etwas Aengſtliches für eine Mutter, wenn ein Sohn hübſch iſt — er kann ſo leicht von den Weibern verdorben werden— ja, meine Liebe, es iſt ein kleiner Fuß, ſehr klein— ſeines Vaters Fuß.“ „Wenn Lord Montfort keine Familie bekommen ſollte,“ ſagte eine etwas entfernte und untergeordnete Vipont flüſternd und zöͤgernd, „geht dann nicht der Titel“— „Nein, meine Liebe,“ ſiel Lady Selina ein;„nein, der Titel geht nicht auf uns über. Es iſt ein betrübter Gedanke, aber das Marquiſat erliſcht in dieſem Fall. Kein anderer männlicher Erbe von Gilbert, dem erſten Marquis. Carr ſagt, es ſey ſogar wahrſcheinlich, daß über den Grafenrang ein Streit entſtehe. Die Baronie iſt natürlich ſicher; ſie iſt mit den iriſchen Beſitzungen und den meiſten der engliſchen verbunden und geht(wißt Ihr das nicht?) auf Sir James Vipont über, der ſie am allerwenigſten verdient; er iſt das ſtillſte, dummſte Geſchöpf und für eine ſolche Stellung gar nicht gewachſen— ein bloßer Herrenbauer auf einem kleinen Gut in Devonſhire.“ „Er iſt nicht hier?“ „Nein. Lord Montfort liebt ihn nicht. Sehr natürlich. Nie⸗ mand liebt ſeinen Erben, wenn er nicht ſein eigenes Kind iſt, und es gibt Leute, die ſogar ihre eigenen älteſten Söhne nicht lieben. Ab⸗ ſcheulich; aber es iſt ſo. Montfort iſt das freundlichſte, umgänglichſte Weſen, das man ſich denken kann, außer wenn er eine Abneigung faßt. Er kann zwei oder drei Perſonen gar nicht ausſtehen.“ „Es iſt wahr; wie haßte er nur die arme Mrs. Lyndſay!“ ſagte eine der Zuhörerinnen lächelnd. „Mrs. Lyndſay, ja— die Mutter der lieben Lady Montfort. Ich kann nicht ſagen, daß ich ſie bemitleidete, obſchon es mir um Lady Montfort leid that. Wie Mrs. Lyndſay je Montfort für Caroline zu gewinnen wußte, das kann ich nicht begreifen. Wie ſie nur die Stirne haben konnte daran zu denken! Er war noch ein ganz junger Menſch. Er hielt das Ding vor ſeiner ganzen Familie geheim— 115 ſogar vor ſeiner Großmutter— der lichtſcheueſte Handel. Kein Wunder, daß er es nie verziehen hat.“ Erſte Zuhörerin.—„Caroline beſitzt Schönheit genug, um—“ Lady Selina(ihr ins Wort fallend).—„Nun ja, allerdings Schönheit— das kann Niemand leugnen, aber ſie iſt ganz und gar nicht geeignet zu einer ſolchen Stellung, ſie iſt nicht dazu herangebildet. Armer Montfort! er hätte ein ganz anderes Weib heirathen ſollen— ein Weib wie ſeine Großmutter, die letzte Lady Montfort. Caroline thut Nichts für das Haus— gar Nichts— hat nicht einmal ein Kind höchſt unglückliche Sache!“ Zweite Zuhörerin.—„Mrs. Lyndſay war ſehr arm, nicht wahr? Caroline hatte vermuthlich keine Gelegenheit ſich die Nei⸗ gungen und Gewohnheiten anzueignen, welche nothwendig ſind für— für—“ Lady Selina(der Zuhörerin helfend).—„Für eine ſolche Stellung und ein ſolches Vermögen. Ihr habt vollkommen Recht, meine Liebe. Leute, die auf eine Art erzogen worden ſind, können ſich nicht leicht in eine andere fügen; und es iſt ſonderbar, aber ich habe es bemerkt, daß Leute, die arm aufgewachſen ſind, ſich weit weniger in großen Reichthum finden können, als Leute, die reich aufgewachſen ſind in große Armuth. Wie Carr in ſeiner feinen Art ſagt, es iſt leichter hinabzuſinken als hinanzuklimmen. Ja; Mrs. Lyndſay war, wie Ihr wißt, eine Tochter von Seymour Vipont, der ſo viele Jahre in der Verwaltung war und eine ſchöne Beſoldung bezog, ſonſt aber Nichts beſaß. Sie heirathete einen der ſchottiſchen Lyndſays— gute Fa⸗ milie natürlich— aber von ſehr gemäßigtem Vermögen. Sie wurde noch jung Wittwe mit einem einzigen Kind, Caroline. Kam in die Stadt mit einem kleinen Leibgedinge. Die verſtorbene Lady Mont⸗ fort war ſehr freundlich gegen ſie. So wir Alle— nahmen ſie auf— hübſches Weib— hübſche Manieren— weltlich— oh ſehr!— Ich liebe weltliche Leute nicht. Gut, aber auf einmal geſchah etwas — — —-— — daß er bei weitem nicht mehr ſo ſchüchtern war wie gewöhnlich, daß Schreckliches. Der geſetzliche Erbe machte das Leibgedinge ſtreitig, leugnete, daß Lyndſay ein Recht gehabt habe auf das ſchottiſche Be⸗ ſitzthum Verſchreibungen zu machen— ein ſehr verwickelter Handel. Aber zum Glück für ſie hatte Vipont Crookes Tochter, ihre Baſe und Buſenfreundin, Darrell geheirathet— den berühmten Darrell— der damals advocirte. Es iſt ſehr nützlich Baſen zu haben, die an ge⸗ ſcheidte Leute verheirathet ſind. Er intereſſirte ſich für ihren Fall und nahm ihn auf. Ich glaube, die Sache kam nicht an den Gerichts⸗ höfen vor, wo Darrell praktizirte. Aber er ſchaffte alle Beweisſtücke her, unterſuchte die Urkunden, ließ es ſich viel von ſeinem eigenen Geld koſten, um die Sache durchzuſetzen, und gewann wirklich ihren Prozeß, obſchon er nicht ihr Berather ſeyn konnte. Die Leute ſagten, ſie ſey ſo dankbar geweſen, daß ſie nach dem Tod ſeiner Frau ihr Herz daran geſetzt habe Mrs. Darrell die Zweite zu werden. Aber Dar⸗ rell war damals gänzlich in Politik verwickelt— es fiel ihm nicht ein ſich zu verlieben— und es ſchien ihn nur zu langweilen, wenn Damen ſich in ihn verliebten, was ſehr viele thaten. Eine ſtattliche Erſchei⸗ nung, meine Liebe, und ganz der Mann, in den man ſich auf ein paar Jährchen vernarren kann. Inzwiſchen ging Mrs. Lyndſay ganz plötz⸗ lich nach Paris, und dort ſah Montfort Caroline und ließ ſich fangen. Mrs. Lyndſay rechnete ohne Zweifel darauf bei ihrer Tochter zu leben und zwiſchen Montfort Houſe in der Stadt und Montfort Court auf dem Lande abzuwechſeln. Aber Montfort iſt tiefer als man glaubt. Nein, er verzieh ihr niemals. Sie wurde nie hieher eingeladen— nahm es ſich zu Herzen, ging nach Rom und ſtarb.“ In dieſem Augenblick ging die Thüre auf, und George Morley, jetzt der ehrwürdige George Morley, trat ein; er war ſo eben ange⸗ kommen, um ſeine Verwandten zu begrüßen. Einige kannten ihn, Andere nicht. Lady Selina, die eine Ehre darein ſetzte alle Verwandten zu kennen, erhob ſich huldreich, legte die Pantoffeln weg und gab ihm zwei Finger. Mit Staunen fand ſie, 117 er ſich wundervoll zu ſeinem Vortheil verändert hatte; er war behag⸗ lich, heiter, lebhaft. Der Mann war jetzt an ſeinem rechten Platz und folgte der Hoffnung auf das Gebiet ſeiner Neigung. Wenige Leute ſind ſchüchtern, wenn ſie an ihrem rechten Platze ſtehen. Er fragte nach Lady Montfort. Sie befand ſich in ihrem eigenen kleinen Cabinet und ſchrieb Briefe— Briefe, um deren Beſorgung Carr Vi⸗ pont ſie erſucht hatte— eine nützliche Correſpondenz für das Haus Vipont. Bald jedoch trat ein Bedienter ein und meldete, Lady Mont⸗ fort würde ſich ſehr glücklich ſchätzen Mr. Morley zu ſehen. George folgte dem Diener in das anſpruchsloſe Cabinet mit ſeinen einfachen Zitzvorhängen und ſtillen Bücherſtändern, ein Zimmer, das für eine Hütte nicht zu vornehm geweſen wäre. Zehntes Kapitel. In jedem Leben, gehe es ſchnell, gehe es langſam, gibt es kritiſche Ruhe⸗ plätze. Wenn die Reiſe wieder begonnen wird, hat die Geſtalt des Landes ſich verändert. Wie gut ſie ſich ausnahm in dieſem einfachen Zimmer— ſelbſt ſo einfach gekleidet— ihre bewundernswürdige Schoͤnheit auf eine ſo ausgeſuchte Weiſe außer Licht geſtellt! Sie ſah hier ganz heimiſch aus, wie wenn alles Heimiſche, was das Haus geben konnte, hier verſammelt wäre. Sie hatte die wichtigen Briefe vollendet und beſtegelt, und war mit einem Gefühl der Erleichterung von dem Tiſch am fernen Ende des Zimmers aufgeſtanden, auf welchem dieſe ceremoniöͤſen und con⸗ ventionellen Briefe geſchrieben worden; ſie war ans Fenſter gegangen, das, obſchon mitten im Winter, ofſen ſtand, und das Rothkehlchen, mit welchem ſie Freundſchaft geſchloſſen hatte, hüpfte kühn beinahe in ihren Bereich, mit glänzenden Aeuglein und neugierig ſchiefem Köpf⸗ chen ſie anſchauend. Am Fenſter ſtanden ein einfacher Stuhl und ein ——y— —— E yyp, ——— —. 8 ——— 118 kleiner Leſepult, worauf das Buch offen lag. Der kurze Tag war ſeinem Ende nahe, aber am Himmel war noch viel Licht und in der Luft draußen herrſchte eine heitere wenn auch froſtige Stille. Obſchon ſie den Verwandten erwartete, den ſie ſo eben zu ſich beſchieden, ſo fürchte ich doch, daß ſie ihn halb vergeſſen hatte. Sie ſtand, als er eintrat, am Fenſter und war in tiefe Träumereien ver⸗ ſunken, ſo tief, daß ſie zuſammenfuhr, als ſeine Stimme ihr Ohr er⸗ reichte und er vor ihr ſtand. Sie erholte ſich indeß ſchnell und ſagte mit noch mehr als ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit in Ton und Be⸗ nehmen gegen den Gelehrten:„Es freut mich ungemein Euch zu ſehen und zu beglückwünſchen.“ „Und mich freut es ungemein Eure Glückwünſche zu empfangen,“ antwortete der Gelehrte mit ſanfter, langſamer Stimme ohne ein Geſtotter. „Aber George, wie iſt das zugegangen?“ fragte Lady Montfort. „Bringt dieſen Stuhl, ſetzet Euch hieher und erzählet mir die ganze Geſchichte. Ihr ſchriebet mir kurz, daß Ihr kurirt ſeyet, wenigſtens gut genug, um Euern edeln Bedenklichkeiten entſagen zu können. Ihr ſagtet nicht wie. Euer Onkel ſagte mir durch beharrlichen Willen und entſchloſſene Uebung.“ „Unter guter Leitung. Aber ich möchte Euch gerne ein Geheim⸗ niß anvertrauen, wenn Ihr verſprechen wollt es zu behalten.“ „Oh Ihr dürft mir trauen; ich habe keine Freundinnen.“ Der Geiſtliche lächelte und erzählte nun von den Lektionen, die er von dem Korbmacher empfangen hatte. „Er hat mir erlaubt,“ ſchloß er,„den Dienſt, den er mir geleiſtet hat, die Vertraulichkeit, die zwiſchen uns entſtanden iſt, nur Euch allein anzuvertrauen— Euern Gäſten kein Wort. Wenn Ihr ihn einmal geſehen habt, ſo werdet Ihr begreifen, warum ein excentriſcher Mann, der beſſere Tage erlebt, vor der zudringlichen Neugierde müßiger Leute zurückbeben würde. Zufrieden mit ſeinem beſcheidenen Auskommen verlangt er Nichts als Freiheit und Ruhe.“ lauernden geiſterhaften Fenſtern her, über die breiten Kieswege, er⸗ „Dieß begreife ich bereits,“ ſagte Lady Montfort halb ſeufzend halb lächelnd.„Aber meine Neugierde ſoll ihn nicht beläſtigen, und wenn ich das Dorf beſuche, will ich an ſeinem Häuschen vorbeigehen.“ „Nein, meine liebe Lady Montfort, Ihr dürft die Gunſt nicht abſchlagen, um die ich Euch jetzt bitten will, nämlich mit mir in dieſes Häuschen ſelbſt zu gehen. Es würde ihn ſo ſehr erfreuen.“ „Ihn erfreuen— warum?“ „Weil dieſer arme Mann eine junge Enkelin hat, und weil er ſehnlich wünſcht, daß Ihr ſie ſehen und freundlich gegen ſie ſeyn möget, ferner weil ihm Alles daran zu liegen ſcheint, daß er in ſeiner gegen⸗ wärtigen Wohnung bleiben kann. Die Hütte gehört natürlich Lord Montfort, der Vogt hat ſie an ihn verpachtet, und wenn Ihr die Güte häͤttet Euch für ihn zu intereſſiren, ſo wäre ſein Pacht geſichert.“ Lady Montfort blickte nieder und erröthete. Sie dachte vielleicht, welch eine falſche Sicherheit ihre Protektion und welch ein unbedeu⸗ tender Einfluß ihr Intereſſe ſeyn würde, aber ſie ſagte es nicht. George fuhr fort; und mit ſolcher Beredtſamkeit und ſo rührend beſchrieb er ſowohl Großvater als Enkelin, mit ſolcher Geſchicklichkeit gab er das über Beiden ſchwebende Geheimniß zu verſtehen, daß Lady Montfort von ſeiner Erzählung ſehr ergriffen wurde und bereitwillig verſprach, ihn bei der nächſten beſten Gelegenheit durch den Park nach der Korb⸗ macherhütte zu begleiten. Aber wenn man ſechz ig Gäſte im Hauſe hat, ſo muß man auf eine Gelegenheit ihnen unbemerkt zu entwiſchen lange warten. Und die Gelegenheit kam wirklich erſt nach vielen Tagen, als die Geſellſchaft aufgebrochen war mit Ausnahme etlicher von ihrem Witthum lebenden Baſen und einiger Hageſtolze, welche Mylord bei ſich behielt, um das Gemetzel unter den Faſanen zu voll⸗ enden und in den trübſeligen Stunden zwiſchen Sonnenuntergang und Diner, Diner und Schlafengehen mit ihm Billard zu ſpielen. Dann gingen an einem heitern kalten Nachmittag George Mor⸗ ley und ſeine ſchöne Baſe kühn, allen Blicken ausgeſetzt von den — ——— 120 reichten die abgeſchloſſene Pflanzung von Staudengewächſen, die ein⸗ ſamen Flächen des Parklandes— wanderten an dem breiten Waſſer⸗ ſpiegel hin— gingen durch ein Privatthürchen in die Umzäunung und gelangten plötzlich auf den Fleck des Weidengrundes und beſchei⸗ denen Gartenfeldes, hinter welchem das Korbmacherhäuschen ſtand. Als ſie in dieſen niedrigen Bezirk traten, wurde das Lachen eines Kindes zu ihren Ohren getragen— eines Kindes ſilbernes, muſikali⸗ ſches, fröhliches Lachen; es war lange her, ſeit die vornehme Dame ein Lachen wie dieſes gehört hatte— eines glücklichen Kindes natür⸗ liches Lachen. Sie blieb ſtehen und lauſchte mit ſeltſamem Ver⸗ gnügen.„Ja,“ flüſterte George Morley,„bleibet hier und ſtille! da ſind ſie.“ Waife ſaß auf einem Baumſtumpf, und die Materialien zu ſei⸗ nem Handwerk lagen vernachläßigt bei Seite. Sophy ſtand vor ihm. Er hatte wie zum Tadel ſeinen Finger erhoben und gab ſich große Mühe die Stirne zu runzeln. Als die Eindringlinge lauſchten, hörten ſie, daß er ihr die Anfangsgründe des franzöſiſchen Dialogs beizu⸗ bringen verſuchte, und die Kleine lachte luſtig über ihre eigenen Fehler und über den feierlich affektirten Ernſt des empörten Schulmeiſters. Lady Montfort bemerkte mit nicht unnatürlicher Ueberraſchung die Reinheit des Idioms und Accents, womit dieſer eigenthümliche Korb⸗ macher unbewußt ſeine vollkommene Kenntniß einer Sprache ent⸗ wickelte, welche der gebildetſte engliſche Gentleman ſeiner, ja ſogar unſerer Generation ſelten mit Genauigkeit und Eleganz ſpricht. Aber ihre Aufmerkſamkeit wurde augenblicklich vom Lehrer abgezogen und auf das Geſicht der holden Schülerin gelenkt. Frauen beſitzen eine ſchnelle Würdigung der Schönheit in ihrem eigenen Geſchlecht— und ganz beſonders Frauen, die ſelbſt ſchön ſind. Unwiderſtehlich fühlte ſich Lady Montfort zu dieſem unſchuldigen Geſichtchen hinge⸗ zogen, das ſo lebhaft in ſeiner Freude und doch ſo ſanft in ſeiner Fröhlichkeit war. Sir Iſaak, der bisher unbemerkt da gelegen und die Bewegungen einer Droſſel in einem Hollunderbuſch beobachtet 121 hatte, fuhr jetzt mit einem Gebelle auf. Waife erhob ſich— Sophy wandte ſich halb zur Flucht. Die Gäſte traten heran. Hier laßt langſam, zögernd den Vorhang fallen. In der unbe⸗ dingten Freiheit der Erzählung werden Jahre dahingerollt ſeyn, ehe der Vorhang ſich wieder erhebt. Ereigniſſe, die ein Leben beeinfluſſen können, datiren ſich oft von den heiterſten Augenblicken, von Dingen, die eben ſo bedeutungslos und unbemerkenswerth erſcheinen wie der Beſuch der vornehmen Lady in der Hütte des Korbmachers. Welches von dieſen Leben wird dieſer Beſuch ſpäter beeinfluſſen— das der Frau, des Kindes, des Vagabunden? Weſſen Leben? Wahrſcheinlich würde das was jetzt vorgeht die Vermuthung wenig fördern oder kein ſichtbares Glied in der Kette des Schickſals ſeyn. Ein paar flüchtige Fragen— ein paar behutſame Antworten— einige Blicke— einige muſikaliſche Sylben, die zwiſchen der Lady und dem Kind ausgetauſcht werden— ein Korb, der gekauft wird, oder ein Verſprechen wieder⸗ zukommen. Nichts iſt werth erzählt zu werden. Bleibe es denn unerzählt. Betrachtet nur die Scene ſelbſt, wenn der Vorhang wider Willen ſinkt. Die ländliche Hütte, die offene Gartenthüre und offen die altmodiſchen Gitterfenſter. Ihr könnt ſehen, wie nett und ſauber, wie beredt von geſunder Armuth zeugend, wie fern von ſchmutzigem Mangel die weißgetünchten Wände, die ungekünſtelten Geräthe drin⸗ nen ſind. Kriechpflanzen haben ſich in der letzten Zeit am Thorweg hingeſchlungen. Stechpalmen mit rothen Beeren ſtehen an den Fenſter⸗ ſcheiben; dort iſt ein Bienenſtock, außerhalb der Schwelle ſitzt ein Staar in ſeinem geflochtenen Käfig. Im Hintergrund(alles Uebrige vom benachbarten Dörfchen iſt unſichtbar) erhebt ſich der Kirchthurm ſpitz zulaufend in den klaren blauen Winterhimmel. Alles zeugt von Ruhe— von Sicherheit. Dicht neben Euch iſt das leibhaftige Ab⸗ bild der Heimath— dieſes unausſprechliche, ſchützende, liebende Abbild, das inmitten der Einſamkeit flüſtert:„Nicht einſam“; ein Anblick, welcher der vornehmen Lady in dem Palaſt, den ſie verlaſſen hat, nicht geſtattet iſt. Und die Lady ſelbſt? Sie ruht auf dem rauhen, knorrigen Wurzelſtumpf, von welchem der Vagabund aufge⸗ ſtanden iſt. Sie hat Sophy zu ſich hergezogen; ſie hat die Hand des Kindes ergriffen; ſie ſpricht bald, bald lauſcht ſte; und auf ihrem Geſicht ſtrahlen Güte und Glück. Vielleicht iſt ſie in dieſem Augen⸗ blick wirklich glücklich. Und Waife? Er wendet ſein verwittertes, bewegliches Geſicht auf die Seite, und ſeine Hand zittert ängſtlich auf dem Arm des jungen Gelehrten. Der Gelehrte ſlüſtert:„Seyd Ihr mit mir zufrieden?“ Und Waife antwortet mit eben ſo leiſer, Bulwer, was wird er damit machen? III. 9 122 aber mehr gebrochener Stimme:„Gott belohne Euch! Oh der Freude!— Wenn meine holde Kleine endlich eine Freundin gefunden hätte!“ Der arme Vagabund, er hat jetzt ein ruhiges Aſyl— einen beſtimmten, beſcheidenen Unterhalt— mehr als das— er hat juſt ein Ziel erreicht, das er aufs ſchmerzlichſte erſehnt hatte. Sein vergan⸗ genes Leben— ach! was hat er damit gemacht? Sein gegenwärtiges Leben— mag es auch nur ein abgeriſſenes Bruchſtück ſeyn— iſt jetzt in Ruhe. Aber ſtets die ewige Frage— dieſe ſpöttiſche, furchtbare Frage— mit ihrem ſpaßhaften Wortlaut und ihren Räthſeln von tragiſchem Sinn— was wird er damit machen? Mit was machen? Mit Allem was ihm bleibt— mit Allem was er feſthält!— mit Allem worüber der Menſch ſelbſt, zwiſchen freien Willen und Voraus⸗ beſtimmung geſtellt, verfügen darf. Frage nicht den Vagabunden allein— frage jede der vier Perſonen, die hier auf dieſer fliegenden Brücke, genannt der Augenblick, verſammelt ſind. Du haſt Zeit vor Dir— was willſt Du damit machen? Frage Dich ſelbſt— frage die Weiſeſten! Wie viel Traumſchulen haben ſich, weil man nicht im Stande war dieſe Frage zu beantworten, erhoben, um niemals gänz⸗ lich unterzugehen! Die Wiſſenſchaft der Seher in Chaldäas Pur⸗Tor oder in den Felſenhöhlen von Delphi, in deren Gängen heutzutage ſchwielenhändige Arbeiter keuchend herumtaſten. Bis zum Janhagel ſinken die verwiſchten Reliquien deſſen herab, was einſt die Lehre der geheimnißvollſten Weiſen geweſen. Hieroglyphiſche Lappen, welche der leichtgläubige Pöbel zu deuten verſucht— was wird er damit machen? Frage Merle und ſeinen Kryſtall! Aber der Vorhang ſinkt herab. Noch einen Augenblick, da ſind ſie— Alter und Kind⸗ heit— Armuth, Reichthum, bleibende Stätte— Vagabundenthum; des Predigers heilige Gelehrſamkeit und erhabener Ehrgeiz; Phanta⸗ ſten dämmernder Vernunft;— Hoffnungen gereiften Verſtandes; Er⸗ innerungen zertrümmerter Exiſtenz— häusliche Sorgen— unerzählte Kümmerniſſe— Elegie und Epik in leiſen, geheimen, menſchlichen Seufzern, welchen Poeſie niemals Worte geliehen— Alles für den Augenblick hier perſonifizirt vor Dir— eine ſchwache Handhabe für die Vermuthung— mehr nicht. Tiefer und tiefer ſinkt der Vorhang! Alles iſt leer! E. Iytton Bulwer’s ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. S Hundertſter Theil. Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. Vierter Theil. 0. Stuttgart. Verlag der 3. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1858. Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Caxton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Aus dem Engliſchen von Dr. Gottlob Fink. Vierter Theil. 5S Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1858. — 4. —— Sechstes Buch. Erſtes Kapitel. Eine Anrede an den Leſer. Wenn man die Länge betrachtet, zu welcher ſich dieſes Werk be⸗ reits ausgeſponnen hat, und den Raum, den es in den Spalten eines Magazins einnehmen muß, ſo kann es blos als Billigkeitsrückſicht gegen den Leſer erſcheinen jede unbedachte Vorſtellung zu berich⸗ tigen, als ob der Verfaſſer etwa ſelbſt nicht wüßte, was er damit machen werde. So erfahre denn, geneigter Leſer, daß ganz unab⸗ hängig von der Zahl der Monate, während deren es vor deinen Augen dahingeglitten— erfahre, daß mit einziger Ausnahme des Kapitels, das jetzt reſpektvoll an dich gerichtet wird, das ganze Werk ſchon ſeit langer Zeit vollſtändig und aus dem Pult des Autors in die Hände des Herausgebers gewandert iſt. Am 22. Januar dieſes Jahres— möge der Tag mit einem weißen Stein bezeichnet werden!— wurden die Arbeiten des Ver⸗ faſſers zu Ende gebracht, und was er damit machen wird, iſt kein Geheimniß mehr, wenigſtens für die Eigenthümer des Magazins, in welchem das Werk⸗zuerſt erſcheint. Moͤge dieſe Nachricht für den Reſt der Reiſe, die noch zuſammen gemacht werden muß, jenes ſtillſchweigende Vertrauen zwiſchen Autor und Leſer herſtellen, das für gegenſeitige Zufriedenheit ſo wichtig iſt. 6 Erſtens.— Der Leſer habe die Gefälligkeit jeden Abſchnitt als den Beſtandtheil eines vollendeten Ganzen zu betrachten; er begreife, daß es nicht im Bereich der Abſichten des Autors liegen kann für jede beſondere Nummer eine beſondere Wirkung zu erzielen, ſondern daß er vielmehr durch jede Nummer die Wirkung hindurchzuführen wünſcht, die er für ſeine Arbeit, wenn man ſie als ein Ganzes be⸗ trachtet, am angemeſſenſten glaubt. Und hier mag es erlaubt ſeyn eine irrthümliche Idee zu bannen, die, nach der landläufigen Art von Kritik zu ſchließen, ſtark genug vorzuherrſchen ſcheint, um den Egois⸗ mus einer Erläuterung zu rechtfertigen. Weil dieſes Werk in monat⸗ lichen Abſchnitten herauskommt, ſo ſcheint man anzunehmen, es werde von Monat zu Monat geſchrieben, wie man einen Zeitungsartikel von einem Tag auf den andern vom Stapel läßt. Eine ſolche Annahme widerſtreitet allen Prinzipien, nach welchen Werke, die eine Integrität des Plans und eine gewiſſe Harmonie der Verhältniſſe unerläßlich fordern, ausgeführt werden, beſonders ſolche Werke, die auf künſtleriſche Darſtellungen des menſchlichen Lebens abzielen: denn im menſchlichen Leben iſt, ſo müſſen wir annehmen, Nichts dem Zufall überlaſſen, und nicht minder ſtreng muß der Zufall aus der Kunſt verbannt werden, welche das menſchliche Leben abeonterfeit. Dieſe Kunſt geſtattet keine Kapitel auf Gerathewohl, keine Ungewißheit in Betreff der Folgen, die ſich aus den Zwiſchenfällen ergeben müſſen, welche ſie vermöge ihrer Auswahl beſtimmt. Wollte der Künſtler bei ſpäterer Ueber⸗ legung eine Folge ändern, ſo müßte er das ganze Kettenwerk von Zwiſchenfällen, das zu einem unvermeidlichen Ergebniß führte und gänzlich mangelhaft wäre, wenn es ſo eingerichtet werden könnte, daß es auch zu einem andern führte, von Neuem vornehmen. Deßhalb kann ein Werk dieſer Art nicht currente calamo von Monat zu Monat geſchrieben werden; der ganze Plan muß klar vor dem Auge ſtehen, ehe die erſte Seite in die Preſſe geht, und große Abſchnitte des Ganzen müſſen immer zum Voraus vollendet ſeyn, um Zeit zu reiflicher Vor⸗ überlegung und gebührende Gelegenheit zu ſolchen Reviſionen zu 7 geſtatten, wie ſie ein Baumeiſter, nachdem er alle ſeine Pläne vor⸗ bereitet hat, bei ſeinem Gebäude noch immer vornehmen muß, wenn unvorhergeſehene Schwierigkeiten ſeine Erfindſamkeit anſpornen jede Abänderung im Detail zu einer mit dem urſprünglichen Plan ver⸗ träglichen Verbeſſerung zu machen. Zweitens.— Möge der Leſer, indem er dieſes Bekenntniß der Grundſätze entgegennimmt, nach welchen die Geſchichte aufgeführt iſt, die ſeine Aufmerkſamkeit einlädt, und indem er jetzt die Verſicherung empfängt, daß das Werk ſich wirklich nicht mehr in den Händen des Autors befindet, ſondern eben ſo gut ein fertiges und ins Reine ge⸗ brachtes Ding iſt, als irgend ein Buch, das er vor zwanzig Jahren geſchrieben, alle Furcht verbannen, als ob jede Nummer mit ihrem durchſchnittlichen Werth von zufäͤlligen Umſtänden abhänge, wie z. B. von ungeduldiger Haſt, von wechſelnder Stimmung, von lau⸗ niſcher Geſundheit oder den Forderungen erſchöpfenderer praktiſcher Geſchäfte, von denen der Autor lange Zeit einen bedeutenden Theil des Jahres in Anſpruch genommen war. Gewiß, obſchon er im Ver⸗ lauf ſeines Lebens eine anſtändige Maſſe von Arbeit durchgemacht und ſich gewöhnlich auf ſeinen Fleiß verlaſſen hat, daß er die Maͤngel ſeines Genies ergänzen ſolle, ſo lautet doch die praktiſche Regel Der⸗ jenigen, die im Verlauf der Zeit viele Dinge ausgeführt haben, dahin daß man nur Eine Sache auf einmal thun ſoll. Und demgemäß wird ein Werk, für ſo trivial auch das vorliegende gehalten werden mag, nicht im Lärm hauptſtädtiſchen Lebens oder wenn andere Beſchäfti⸗ gungen Aufmerkſamkeit fordern, ſondern in der ſtillen Muße ländlicher Schatten und in denjenigen Theilen des Jahres verfaßt, welche andere Arbeiter ſeiner Art der Erholung und dem Vergnügen weihen. Denn gerade in den Feiertagen verleiht Etwas von einer Feiertagsaufgabe den Stunden des Behagens erhöhte Würze. Endlich.— Da dieſes Abbild unſerer modernen Welt eine große und vollgedrängte Leinwand erfordert, und da es unvollſtändig ſeyn würde, wenn es nicht die Berührungspunkte andeutete, in welchen das —— 8 Privatleben des geſellſchaftlichen Mannes mit ſeinem öffentlichen Leben zuſammentrifft, ſo mag dem Leſer deutlich zu Gemüth geführt werden, daß alle Andeutungen auf große Ereigniſſe, wie politiſche Kriſen und Regierungsveränderungen, ſchon vor vielen Monaten ge⸗ ſchrieben worden ſind und nicht die mindeſte Beziehung zu den wirk⸗ lichen Vorkommniſſen des vorübergehenden Tages haben. Der Ver⸗ faſſer hält es wirklich für eine goldene Maxime, daß praktiſche Politik und ideale Kunſt gänzlich auseinander gehalten werden ſollen, und da er in dieſer Erzählung Etwas zu ſchreiben ſucht, was alle Klaſſen und alle Parteien— ja vielleicht in kommenden Jahren die Kinder Der⸗ jenigen, die er jetzt anredet, mit unvergälltem und unparteiiſchem Ver⸗ gnügen leſen können, ſo hält er es bei einem ſolchen Ehrgeiz für un⸗ umgänglich nöthig den neutralen Grund imaginativer Schöpfung frei zu erhalten, und zwar nicht blos von ſolchen perſönlichen Abbildungen, die für umfaſſende und typiſche Charakterzeichnungen fatal ſind, ſon⸗ dern auch von allen abſichtlichen Berufungen auf ein Intereſſe, das nur augenblicklich ſeyn kann, wenn es an Gegenſtände verwendet wird, die ſich am beſten zu Leitartikeln politiſcher Journale eignen. Sein Reich liegt, wenn es Hoffnung auf Dauer haben ſoll, in den Bedin⸗ gungen, den Gemuthsſtimmungen und Leidenſchaften, wodurch eine allgemeine Phaſe der Geſellſchaft ins helle Licht unſerer gemeinſamen Menſchennatur hervortritt, ſo daß ſie niemals als veraltet und un⸗ modiſch unter das Unkraut und die abgetragenen Geſichter geworfen werden darf. Leſer! Dieſe Einleitung ſoll als Vorwort für die wichtigere Abtheilung dieſes Werkes dienen, in deren einer Hälfte der Cirkel ſich langſam um ſich ſelbſt dreht, um das Ganze zu vollenden. Vergieb die Einleitung, denn beim Lichte betrachtet iſt ſie nur ein Akt der Ehrerbietigkeit gegen Dich. Haſt Du jemals bedacht, o Leſer, was Du einem Autor biſt? Biſt Du Dir des Charakters der Würde und Macht bewußt, womit er Dich bekleidet? Dir iſt der Autor nur eine Einheit in der großen Summe intellektueller Exiſtenz. Du, o Leſer, 9 biſt dem Autor der kollektive Vertreter einer mannigfaltigen bleibenden Zuhörerſchaft. Dir iſt der Autor nur die mehr oder weniger mangel⸗ hafte Maſchine, die ein Werk auswirft, das gewöhnlich ſo ephemer iſt, daß Du ſelten auch nur einen Augenblick innehalten wirſt, um zu unterſuchen, warum es für einen Tag dem Geſchmack, der ſich morgen wieder verändern kann, gefällt oder mißfällt. Aber ihm, dem Autor, biſt Du, o Leſer, ein Vertrauter und ein Freund, der ſeinem Herzen oft näher ſteht als irgend ein anderer Menſch in der Welt. Alle andern Freunde ſind ſterblich wie er ſelbſt; ſie können nur um wenige Jahre den Staub überleben, den er dem Grab überlaſſen muß. Aber da ſteht vor ſeinem Auge hoch und erhaben für immer der Leſer, mehr und mehr als ſein Freund je länger die Zeit dahinrollt. Dir hinter⸗ läßt er ſein wichtigſtes menſchliches Bermächtniß: ſein Gedächtniß und ſeinen Namen. Wenn er im Stillen meint, daß er von ſeiner eigenen Generation nicht gebührend gewürdigt werde, ſo gibt er ſich gerne dem oft chimäriſchen und eiteln, aber immer ſüßen und troſt⸗ reichen Glauben hin, daß in einer fernen Generation der Leſer warte, der beſtimmt ſey ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Bei Dir iſt der Autor unter allen Menſchen Derjenige, welchen das Alter am ſchnellſten überfällt. Wie raſch eilſt Du zu ſagen:„Er iſt nicht mehr was er war! Die Kraft erlahmt— die Erfindung läßt nach— ſeine Zeit iſt vorbei— werft ihn bei Seite und macht Platz für die Friſchen und die Neuen.“ Aber der Autor nimmt niemals an, daß das Alter uber den Leſer kommen könne. Der Leſer iſt ihm ein Weſen, in wel⸗ chem die Jugend ſich durch alle Cyclen erneut. Auf ſeine Krücke ge⸗ lehnt, wandelt der Autor fortwährend an der Seite dieſes freundlichen Schattens, wie er an Sommerabenden mit einem Schulfreund ſeiner Kindheit dahinging, mit kunſtloſen hoffnungsvollen Lippen von der Zukunft ſprechend. Träumte er, daß ein Tag kommen könne, wo er keinen Leſer haben werde? O Schuljunge! Träumſt Du jemals, daß ein Tag kommen könne, wo Du keinen Freund haben werdeſt? 19 Zweites Kapitel. Aezbilder von Hyde Park im Monat Juni, welche, wenn dieſe Geſchichte den Hallunken von Koffermachern entgeht, für ungeborene Antiquare von unſchätzbarem Werth ſeyn können.— Lang ausgebliebene Charaktere kommen wieder zum Vorſchein und geben einige Kunde von ſich. Fünf Jahre ſind ſeit dem Beginn dieſer Geſchichte dahinge⸗ gangen. Es iſt wiederum der Monat Juni— der Juni, der unſer 4 London in all ſeine Herrlichkeit kleidet, ſeine ſchmachtenden Ballſäle V mit lebendigen Blumen und ſeine ſteinigen Alleen mit menſchlichen Schmetterlingen füllt. Es iſt ungefähr ſechs Uhr Nachmittags. Der Hyde Park iſt dicht voll von Flaneurs; auf der Straße am Serpen⸗ tine entlang wimmelt es von Equipagen; an den Geländern gruppirt ſtehen die müßigen Zuſchauer in fauler Haltung, aber mit thätigen M Augen und mit Zungen, die am Wetzſtein des Skandals geſchärft ſind; die Scaliger der Clubfenſter lüften ihr Wörterbuch im Park. Langſam ſchlendern zu Fuß Faullenzer von allen Graden in der Hierarchie des Londoner Müſſigganges einher: Dandies von feſtbegründetem Ruf, 8 junge Neulinge in ihrer erſten Saiſon. Dort auf der Reitbahn ſcheinen weniger lebloſe Geſtalten zu thätiger Uebung verurtheilt: junge Ladies, die in einem kurzen Galopp Buße thun; alte Stutzer, die ſich im Trab abquälen. Zuweilen erkennet ihr an einer gedanken⸗ volleren Braue und einem noch raſcheren Schritt ein geſchäftiges . Mitglied des kaiſerlichen Parlaments, das in Folge des ärztlichen Rathes ſo viel als möglich zu reiten, in der Spanne Zeit, die zwiſchen dem Schluß ſeiner Commiſſion und dem Intereſſe der Debatte liegt, ein Stündchen erſchnappt und der Eröffnungsrede eines wohlbekannten Langweilers ausweicht. Unter ſolchen faullenzenden Geſetzgebern iſt (wir bedauern es zu ſagen) das einſt exemplariſche Mitglied Sir Jaſper Stollhead zu ſehen. Eine ſchreckliche Verdauungsſchwäche hat ihn in der letzten Zeit befallen, und ſo wird Erholung von ſeinen Amtsgeſchäften die angemeſſene Strafe für all ſeine Sünden. Einſam reitet er, und da er mit ſich ſelbſt verkehrt, gähnt er jede Sekunde. 11 Auf Stühlen, die eine wohlthätige Hand unter die Bäume an der Nordſeite des Spaziergangs geſtellt hat, ſitzen in aller Ruhe kleine Gruppen und Coterien. Hier könnt Ihr die Ladies Prymme ſehen, die noch immer die Ladies Prymme ſind— Janet und Wilhelmina; Janet iſt fett geworden, Wilhelmina dünn. Aber mager oder dick, ſind ſie nichtsdeſtoweniger Prymmes. Es fehlt ihnen nicht an auf⸗ wartenden Herrn; ſie ſind Mädchen von hoher Faſhion, und junge Männer können es für eine Auszeichnung halten im Geſpräch mit ihnen geſehen zu werden; auch von hohen Grundſätzen und von hohen Anſprüchen(zu ihrem Unglück ſind ſie Miterbinnen), und junge Männer unter Graſenrang brauchen nicht zu fürchten von ihnen auf liſtige Weiſe zu ehrenhaften Abſichten verſtrickt zu werden. Sie kokettiren majeſtätiſch, aber ſie tändeln niemals; ſie verlangen Hinge⸗ bung, aber ſie fordern nicht in jedem Opfer ein Lamm, das auf den Hörnern des Altars geſchlachtet werde; ſie werden niemals ihre Hände geben, wo ſie nicht ihre Herzen geben; und da ſie beſtändig fürchten, daß man ihnen um ihres Geldes willen den Hof mache, ſo werden ſie ihre Herzen nur ſolchen Freiern geben, die weit mehr Geld beſitzen als ſte ſelbſt. Viele junge Männer bleiben ſtehen, um den Ladies Prymme eine vorübergehende Huldigung darzubringen; Einige ver⸗ weilen, um zu converſiren— ſichere junge Mäͤnner, ſie ſind ſammt und ſonders jüngere Söhne. Weiterhin ſitzen Lady Froſt und Mr. Crampe, der Witzbold, freundſchaftlich Seite an Seite, mit ſarka⸗ ſtiſchen Schnaͤbeln auf einander lospickend, gelegentlich ablaſſend, um ihre Krallen in den gemeinſchaftlichen Feind, den vorübergehenden Freund, einzuſchlagen. Die Slowes, eine zahlreiche aber ſchweigſame Familie, ſitzen allein; ſie empfangen viele Bücklinge, werden aber ſelten angeredet. Bemerket dieſen Mann von ſtattlicher Erſcheinung, der ungefähr dreißig oder ein paar Jährchen darüber haben mag und von den mei⸗ ſten der Müßiggänger erkannt wird, aber dennoch in ihrer Mitte nicht heimiſch zu ſeyn ſcheint. Er iſt durch die verſchiedenen ſo eben — —— 12 beſchriebenen Coterien hindurchgegangen, hat den Ladies Prymme ſeinen Serviteur gemacht, von Lady Froſt ein eiſiges Epigramm, von Mr. Crampe ein lakoniſches Hohnlächeln empfangen und mit ſieben ſchweigſamen Slowes ſchweigſame Bücklinge ausgetauſcht. Er iſt hoch in die Luft ſchauend einhergeſchritten, hat aber dabei beſtändig nach Jemand geſchaut, der nicht in der Luft war, und bleibt zuletzt, da ſein Suchen augenſcheinlich von keinem Erfolg gekrönt iſt, gänzlich ſtehen, nimmt ſeinen Hut ab, wiſcht ſeine Braue, ſtößt ein ärgerliches Prrr Puh aus; als er dann etwas im Hintergrund den ſchmächtigen Schatten eines dünnen abgezehrten ſtaubigen Baumes erblickt, zieht er ſich dahin zurück und ſetzt ſich, ſo unbekümmert darum, ob ein ſolches Platznehmen das rechte Ding am rechten Orte iſt, als befände er ſich in der Geisblattlaube eines Dorfwirthshauſes.„Es geſchieht mir ganz recht,“ ſagt er zu ſich ſelbſt;„ein frühreifer Schlingel fällt bei mir ein, ſtört mich in meiner Arbeit, beſtellt mich hieher in dieſe Spaziergänge da auf zehn Minuten vor ſechs, ködert mich mit dem Verſprechen eines Diners bei Putney— Zimmer auf den Fluß hinaus und gebackene Flündern. Ich habe die Leichtgläubigkeit nachzugeben; ich gehe von meinen Gewohnheiten ab, ich verlaſſe mein kühles Atelier; ich lege meine behagliche Blouſe weg; ich kerkere meinen frei⸗ geborenen Hals in eine Cravate ein, die von den Thugs erfunden iſt; die Hundstage ſtehen vor der Thüre, und ich gehe raſch über das brennende Pflaſter hin, in einem ſchwarzen kurzen Rock und mit rand⸗ loſem Hut; ich vernichte drei Schillinge ſechs Pence in einem Paar bocklederner Handſchuhe; ich komme auf dieſen Sammelplatz des Spleens; ich laufe durch die Panzerhandſchuhe der Froſts, Slowes und Prymmes;— und mein Gaſtgeber läßt ſich nicht blicken. Es iſt halb ſieben Uhr— keine Spur von ihm! Und das Diner bei Putney — gebackene Flündern? Träume! Geduld noch fünf Minuten; wenn er dann nicht kommt, ſo breche ich auf immer mit ihm. Ah voilà! Da kommt er, der Faulpelz! Aber wie dieſe vornehmen Leute nach ihm haſchen! Hat er ſie ebenfalls zu änen Diner bei 13 Putney geladen, und liegt ihnen auch ſo viel an gebackenen Flündern?“ Das Auge des Selbſtredners iſt auf einen jungen Mann, weit jünger als er ſelbſt, geheftet, der mit leichtem munterem Schritt durch die bunte Menge einherkommt, aber jeden Augenblick ſtehen bleiben muß, um ein Wort des Willkomms, ein Händeſchütteln auszutauſchen. Offenbar beſitzt er bereits eine große Bekanntſchaft; offenbar iſt er populär und ſteht auf gutem Fuß mit der Welt und ſich ſelbſt. Welche ungezwungene Grazie in ſeiner Haltung! welcher heitere gutmüthige Humor in ſeinem Lächeln! Himmliſche Mächte! Lady Wilhelmina erröthet wahrhaftig, indem ſie ſeinen Bückling erwiedert. An Lady Froſt iſt er unbeſchädigt vorübergekommen; die Slowes, wenigſtens die weiblichen Slowes zeigen ſich gerührt, als er mit dieſer gleitenden Verbeugung an ihnen vorüberſchießt. Er ſchaut ſich mit dem raſchen Blick eines Auges, in welchem das Licht lauter Tanz und Gefunkel zu ſeyn ſcheint, nach allen Seiten um; er erblickt den Selbſtredner unter dem magern Baum— ſein Schritt verdoppelt ſich, die Lippen öffnen ſich zu einem halben Lachen. „Scheltet nicht, Vance. Ich weiß wohl, ich komme ſpät, aber ich hatte nicht darauf gerechnet, daß man mich ſo oft abfangen würde.“ „Ja wahrhaftig! Für einen Abſenter, der juſt in London an⸗ kommt, ſcheint es Euch nicht an Freunden zu fehlen.“ „Freunden, die ich in Paris kennen gelernt und hier in jeder Ecke als angenehme Ueberraſchung wiedergefunden habe. Aber kein Freund iſt ſo willkommen und theuer wie Frank Vance.“ „Danke für die Ehre, o Lionello, der Prachtliebende. Wahr⸗ haftig Ihr ſeyd bon prince! Die Häuſer Valois und Medici waren ſtets den Künſtlern hold. Aber wohin wollt Ihr mich führen? In dieſe Tretmühle zurück? Danke gehorſamſt, nein. Eine Menſchen⸗ menge in ſchönen Kleidern iſt von allen Pöbelhaufen der langweiligſte. Ich kann ohne Aerger das vielköpfige Ungeheuer anſehen, wenn es in ſeiner Wildheit herankommt; aber wenn das vielköpfige Ungeheuer H. 14 ſeine Hüte in Bondſtreet kauft und in jedem ſeiner forſchenden Augen ein Gläschen eingekniffen hat, da geſtehe ich, daß ich Angſt bekomme. Ueberdieß iſt es bald ſieben Uhr; Putney nicht ſichtbar und die Flün⸗ dern nicht gebacken.“ „Mein Cab wartet dort; wir müſſen zu ihm gehen— wir können uns auf dem Raſen halten und das Gedränge vermeiden. Aber ſagt mir ehrlich, Vance, macht es Euch wirklich keine Freude Euch unter eine große Menſchenmenge zu miſchen?— Wie könnt Ihr mit Eurem Ruhm einen Widerwillen gegen die Augen haben, die ſich zurück⸗ wenden, um noch einmal zu ſehen, und gegen die Lippen, die ehr⸗ erbietig murmeln: Vance, der Maler? Ha, ich habe es immer geſagt, Ihr würdet ein großer Maler werden. Und in fünf kurzen Jahren habt Ihr Euch hoch emporgeſchwungen.“ „Bah,“ antwortete Vance gleichgültig.„Nichts iſt rein und unverfälſcht im Londoner Gebrauch; kein Rahm, kein Cayennepfeffer, am wenigſten von Allem der Ruhm;— er iſt mit den ſchädlichſten Ingredienzien vermiſcht. Ruhm! Habt Ihr die Kritik der Times über meine Gemälde in der gegenwärtigen Ausſtellung geleſen? Ruhm, warum nicht gar! Sprecht von etwas Anderem. Nichts ſo gut wie Flündern. Ho! Iſt das Euer Cab? Süperb! Ein Wagen, der für den griechiſchen Jüngling von ſeltenen Talenten in Mr. Enfields Sprecher paſſen würde;— ein Pferd, das aus den Elginſchen Marmorſtällen herausbeſchworen zu ſeyn ſcheint. Iſt es fromm?“ „Nicht ſonderlich; aber Ihr könnt Euch auf mein Fahren ver⸗ laſſen. Ihr dürft das Pferd wohl bewundern— ein Geſchenk von Darrell, ausgewählt von Oberſt Morley.“ Als die jungen Männer ſich im Wagen zurechtgeſetzt hatten, entließ Lionel ſeinen Groom und berührte ſein Pferd, worauf das Thier einen muntern Trab anſchlug. „Frank,“ ſagte Lionel ſeine dunkeln Locken mit einem ſchalkhaften Ernſt ſchͤttelnd,„Eure eyniſchen Definitionen ſind dieſes mannhaften 8 15 Bartes nicht würdig. Ihr verachtet den Ruhm! Das iſt die reinſte Affektation! Pulverem Olympicum Collegisse juvat; metaque fervidis Evitata rotis.“ „Nehmt Euch in Acht,“ rief Vance,„wir werden umwerfen“. Denn Lionel kam in Aufregung und quälte das Pferd mit ſeiner Peitſche, ſo daß es einen Sprung machte und das Cab ganz dicht an einen Waſſerkarren brachte. „Ruhm, Ruhm!“ rief Lionel, der die Unterbrechung nicht be⸗ achtete.„Was würde ich nicht geben, um ihn zu haben und eine Stunde feſtzuhalten!“ „Haltet einen Aal, er iſt weniger ſchlüpfrig; einen Skorpion, er iſt weniger ſtechend! Aber—“ fügte Vance hinzu, als er die erhöhte Farbe ſeines Begleiters bemerkte.„Aber,“ fügte er ernſt und mit einer ehrlichen Zerknirſchung hinzu,„ich vergaß, Ihr ſeyd Soldat, Ihr ſchlagt die Laufbahn der Waffen ein. Achtet nicht auf Das, was ein zankſüchtiger Maler über die Sache geſagt hat. Der Wunſch nach Ruhm mag bei Civiliſten Thorheit ſeyn, bei Soldaten iſt er Weisheit. Zwillingsbruder des martialiſchen Gefühls für Ehre, erheitert er den Marſch, erwärmt das Bivouae; er verleiht dem Ge⸗ pfeife der Kugeln, dem Donner der Kanonen Muſik; er pflanzt Hoff⸗ nung mitten in die Gefahr; er verknüpft Nebenbuhler mit Bruder⸗ banden; er tröſtet den Ueberlebenden, wenn der Bruder fällt; er nimmt dem Krieg ſein ſchreckliches Ausſehen von Metzelei, und aus dem Morde ſelbſt zieht er Lehren, welche die Schutzwehren der Menſchheit verſtärken und das Leben der Nationen verewigen. Ganz recht— trachtet nach Ruhm; Ihr ſeyd Soldat.“ Dieß war einer jener Ausbrüche hohen Gefühls bei Vance, die, da ſie ſelten bei ihm waren, die dramatiſche Wirkung einer Ueber⸗ raſchung hatten. Lionel hörte ihm mit einem Wonneſchauer zu. Er konnte nicht antworten, er war zu erregt. Der Künſtler fuhr, als das Bulwer, was wird er damit machen? IV. 2 16 Cabriolet jetzt über den Park hinauskam und ſicher und raſch auf der Straße hinrollte, alſo fort:„Vermuthlich habt Ihr während der fünf Jahre, die Ihr in der Fremde zubrachtet, um Eure allgemeine Er⸗ ziehung zu vollenden, wenig oder gar keine ſpeziellen Studien für den Beruf gemacht, den Ihr in der letzten Zeit ergriffet?“ „Darin täuſchet Ihr Euch, mein lieber Vance. Wenn man ſein Herz an eine Sache ſetzt, ſo ſtudirt man ſie immer. Die Bücher, die ich am meiſten liebte und am fleißigſten ſtudirte, waren ſolche, die, wenn ſie auch nicht gerade Lehren enthielten, doch Winke gaben, die ſich ſpäter in Lehren umgeſtalten konnten. Im geſellſchaftlichen Ver⸗ kehr war ich nie ſo vergnügt, als wenn ich mich an irgend einen prak⸗ tiſchen Veteranen feſtklammern und ihn in die Kreuz und Quer aus⸗ fragen konnte. Man ſammelt in der Unterhaltung mehr Ideen als aus Büchern; wenigſtens geht es mir ſo. Ueberdieß ſtelle ich mir einen Soldaten, der es zu Etwas bringen ſoll, ganz und gar nicht als einen bloſen Waffenhandwerker vor. Seht wie vollendet die meiſten großen Feldherren geweſen ſind. Welche Beobachter der Menſchen! welche Diplomaten— welche klugen Köpfe! welche Männer der That, weil Ueberlegung ihnen zur zweiten Natur geworden war, bevor ſie handelten! Wie manche Ideen müſſen dem Urtheil vorangehen, das einen Ausfall wagt oder einen Rückzug beſchließt!“ „Sachte, ſachte!“ rief Vance.„Wir werden in dieſen Omnibus hineingerathen. Gebt mir die Peitſche— ſo; etwas mehr links— ſo. Ja; ich freue mich ſolchen Enthuſiasmus für Euern Beruf zu ſehen— damit iſt die Schlacht ſchon halb gewonnen. Hazlitt hat einen Kapitalſpruch gethan: der Lehrling, ſagte er, der den Lordmayor in ſeiner vergoldeten Kutſche nicht als den größten Mann in der Welt betrachtet, wird ſicherlich am Galgen ſterben.“ „Pfui,“ ſagte Lionel, nach der Peitſche greifend. Vance(ſie zurückhaltend).—„Nein. Ich bitte um Entſchul⸗ digung. Ich nehme den Lordmayor zurück; Vergleichungen ſind ge⸗ häſſig. Ich bin mit Euch einverſtanden und ſage, daß Nichts einem ͤſſöͤͤͤ 5 17 wahrhaft großen Soldaten gleichkommt, einem Hannibal u. ſ. w. Haltet dieſe Ueberzeugung lieb, mein Freund; inzwiſchen aber reſpek⸗ tiret Menſchenleben— hier iſt wieder ein Omnibus.“ Als die Gefahr vorüber war, hielt es der Künſtler für gerathen die Unterhaltung in einen weniger aufregenden Kanal abzuleiten. „Mr. Darrell iſt natürlich mit der Wahl Eures Berufs einver⸗ ſtanden?“ „Ja wohl— er heißt ſie gut, er ermuntert mich dazu. Er ſchrieb mir einen ſo ſchönen Brief— welch eine umfaſſende Intelligenz beſitzt nicht dieſer Mann!“ „Nothwendig, da er mit Euch übereinſtimmt. Wo iſt er jetzt?“ „Ich kann mirs nicht denken; ich habe ſchon ſeit einigen Monaten keine Nachrichten mehr von ihm. Er war damals in Malta auf ſeiner Rückkehr von Kleinaſien.“ „So! Ihr habt ihn nicht mehr geſehen, ſeit er Euch auf ſeinem alten Schloß Lebewohl ſagte?“ „Nie. Er war, glaube ich, nicht in England.“ „Auch nicht in Paris, wo Ihr Euch hauptſächlich aufgehalten zu haben ſcheint?“ „Auch nicht in Paris. Ach, Vance, könnte ich ihm nur einigen Troſt bringen! Jetzt da ich älter bin, glaube ich an ihm viel zu ver⸗ ſtehen, was mir als Knaben unklar war, als wir von einander ſchieden. Darrell gehört zu den Männern, die durchaus ein Heimweſen verlan⸗ gen. Zwiſchen der großen Welt und der Einſamkeit bedarf er der in der Mitte liegenden Auffüllung, die man nur im häuslichen Leben findet: er muß ein Weib haben, die das holde Wort Gehilfin zur Wahrheit macht— Kinder, mit deren Zukunft er ſeine eigenen Mühen und die Erinnerungen an ſeine Ahnen verknüpfen kann. Iſt dieſer Zwiſchenraum vernichtet, ſo bleiben nur noch die große Welt und die Einſamkeit, die einander mit finſterem Stirnrunzeln gegenüber ſtehen.“ „Mein lieber Lionel, Ihr müßt unter ſehr geſcheidten Leuten ge⸗ lebt haben; Ihr ſprecht weit über Eure Jahre.“ 2* „Findet Ihr das? Nun ja, ich habe, wenn auch nicht unter ſehr geſcheidten, doch wenigſtens unter weit älteren Leuten gelebt. Das iſt ein Geheimniß, das ich von Oberſt Morley lernte, dem ich Euch vorſtellen muß— der feinſte Verſtand unter dem ruhigſten Benehmen. Er ſagte einmal zu mir: Wollt Ihr Euer Leben lang auf der Höhe Eures Jahrhunderts ſtehen— immer in der Blüthe der Mannesver⸗ nunft— ohne Unreife und ohne Abnahme— ſo lebet in der Jugend gewöhnlich unter Leuten, die älter, und im Alter unter ſolchen, die jünger ſind als Ihr ſelbſt.“ „In der That ſehr fein geſagt. Ich wünſche Euch Glück zu dem augenſcheinlichen Erfolg der Maxime. Und ſo hat Darrell alſo kein Heimweſen? keine Frau und keine Kinder?“ „Er iſt ſchon lange Wittwer; er verlor ſeinen einzigen Sohn als Kind, und ſeine Tochter— habt Ihr nie gehört? „Nein— was?“ „Sie hat ſich ſo ſchlecht verheirathet— eine Entführungsheirath — und ſie iſt ſchon ſeit vielen Jahren ohne Kinder geſtorben.“ „Der arme Mann! Dieſe Kümmerniſſe waren es alſo, die ihm ſein Leben verbitterten und ihn zum Einſiedler oder zum ewigen Juden machten?“ „Hier,“ ſagte Lionel,„bin ich im Unklaren; denn ich finde, daß er noch nach dem Tod ſeines Sohnes, ſowie nach der unglücklichen Verheirathung ſeiner Tochter und ihrer Entfremdung von ihm im Parlament ſaß und in voller Thätigkeit war. Aber gewiß hielt er es nicht lange aus. Es muß für ihn eine Anſtrengung geweſen ſeyn, der er ſich trotz all ſeiner Stärke nicht gewachſen fühlte; oder mag er auch neue Täuſchungen, neue Kümmerniſſe erfahren haben, welche die Welt nicht ahnt. Was ich über ſein Familienunglück geſagt habe, weiß die Welt. Abber ich denke, er wird ſich wieder verheirathen. Dieſe Idee ſchien bei ihm ſehr ſtark zu ſeyn, als wir uns verabſchiedeten; er ſprach ſie ganz derb und unverblümt aus. Oberſt Morley iſt überzeugt, daß er ſich verheirathen wird, wäre es nur um einen Erben zu erhalten.“ 1 19 Vance.—„In dieſem Fall, mein armer Lionel, ſeyd Ihr ge⸗ prellt um—“ Lionel(ſchnell unterbrechend).—„Still! Sagt das nicht, lieber Vance, ſprecht doch Ihr keine von dieſen niedrigen gemeinen Sachen, bei denen mir, ſelbſt wenn ich ſie von Leuten hören muß, die ich nicht achte, die Ohren klingen und das Blut in die Wangen ſchießt. Wenn ich bedenke, was Darrell bereits für mich gethan hat— wäh⸗ rend ich doch ganz und gar keine Anſprüche an ihn beſitze— ſo ſcheint es mir, als müſſe ich den Mann haſſen, der mir zuflüſtert: Fürchte, Dein Wohlthäter könnte ein Lächeln an ſeinem eigenen Herd, ein Kind von ſeinem eigenen Blut finden— denn je verödeter ſein Leben iſt, um ſo reicher wirſt Du nach ſeinem Tode.“ Vance.—„Ihr ſeyd ein wackerer junger Burſche und ich bitte Euch um Verzeihung. Habt Acht auf dieſen Meilenſtein— Danke. Aber ich möchte beinahe vermuthen, daß mindeſtens zwei Drittel dieſer freundlichen Hände, die Euch auf dem Weg zu mir aufhielten, weniger gegen Lionel Haughton, einen ſubalternen Gardeofftzier, als gegen den Präſumtiverben von Mr. Darrell ausgeſtreckt wurden.“ Lionel.—„Dieſer Gedanke ärgert mich manchmal, aber er iſt wohlthätig für mich, denn er ſtachelt meinen Wunſch aus eigener Kraft ein Mann zu werden, deſſen Bekanntſchaft um ſeiner eigenen Perſon willen ſelbſt die Hochmüthigſten nicht verſchmähen ſollen.„Oh um aktiven Dienſt!— Oh um einen ſcharfen Feldzug!— Oh um eine ehrliche Probe, wie weit ein Mann wirklich mit ſeinen eigenen ſtarken Händen das Glück an ſeine Bruſt drücken kann! Ihr habt das gethan, Vance; Ihr hattet Nichts als Euer Genie und Euern Pinſel. Ich beſitze kein Genie, aber ich beſitze Entſchloſſenheit, und Entſchloſſenheit führt vielleicht eben ſo ſicher zum Ziel wie Genie. Genie und Ent⸗ ſchloſſenheit haben drei große Elemente gemeinſchaftlich: Geduld, Hoffnung, Concentration.“ Vance ſtaunte immer mehr. Er faßte, ohne zu ſprechen, Lionel ſcharf ins Auge. Fünf Jahre dieſes kritiſchen Alters von ſiebzehn bis 20 zweiundzwanzig in der großen Hauptſtadt Europa's zugebracht— von ihren gefährlicheren Fehlern fern gehalten theils durch ein ſtolzes Ge⸗ fühl perſönlicher Würde, theils durch eine Gemüthsart, welche die Liebe als ein Ideal für jede zärtliche und erhabene Aufregung be⸗ trachtete und daher vor niedriger Verworfenheit zurückbebte, weil ſie ſich zur Liebe verhält wie der Nahoo des Satyrikers zu dem Menſchen — ſehr in Anſpruch genommen von dem brütenden Ehrgeiz, welcher den Jüngling aus der frivolen Gegenwart in die ernſte Zukunft hin⸗ einzieht, und ſeine Genoſſenſchaft nicht bei gleichalterigen Faullenzern ſuchend, ſondern bei den höchſten und reichſten Intelligenzen, welche die freie Republik guter Geſellſchaft in ſeinen Bereich brachte— fünf ſo verbrachte Jahre hatten einen Knaben, der edle Träume hegte, zu einem für edle Handlungen tauglichen Manne entwickelt, der ſich die friſcheſte Begeiſterung der Jugend, ihre Hochſinnigkeit, ihre Kühnheit, ihre Entſchloſſenheit und ihren göttlichen Glauben an ihre eigenen unerſchöpften Hilfsquellen bewahrte, vom reifen Alter aber Feſtigkeit und Gediegenheit der Idee borgte— das Mittelglied zwiſchen Speku⸗ lation und Praxis— die Fähigkeit Andern ein Gefühl der Ueber⸗ legenheit einzuflößen, die ſich in unbewußter Kultur von ſelbſt ent⸗ wickelt hat. „Nun ja,“ ſagte Vance nach einer langen Pauſe,„ich weiß nicht, ob ich Entſchloſſenheit oder Genie beſitze; aber wahrhaftig, wenn ich mir einen gewiſſen kleinen Ruf erworben habe, ſo kommt das Ver⸗ dienſt davon auf Rechnung von Geduld, Hoffnung und Concentration des Vorſatzes; auch Klugheit war dabei, die Ihr zu nennen vergeſſen habt, und die Ihr in der That jetzt als Kutſcher nicht an den Tag leget. Ich will doch hoffen, mein lieber Junge, daß Ihr nicht aus⸗ ſchweifend ſeyd. Keine Schulden, he? Warum lacht Ihr 2* „Die Frage ſieht Euch ſo gleich, Frank— ſparſam wie immer.“ „Glaubt Ihr, ich hätte mit ruhigem Gemüth malen können, wenn ich vor meiner Thüre einen Mahner gewußt hätte, den ich nicht zu bezahlen vermochte? Die Kunſt bedarf der Heiterkeit, und wenn 21 ein Künſtler ſeine Laufbahn mit ein paar Hemden beginnt wie ich, ſo muß er Sparſamkeit ins Programm ſeiner Verhaltungsregeln auf⸗ nehmen.“ Lionel lachte wieder und machte einige Bemerkungen über Spar⸗ ſamkeit, die wenn auch geiſtreich, doch etwas leichtfertig waren und nicht blos die günſtige Meinung, welche Vance eben erſt von ſeiner geiſtigen Ausbildung gefaßt hatte, bedeutend ſchwächten, ſondern auch den freundlichen Künſtler im Ernſt beunruhigten. Vance kannte die Welt— er kannte die eigenthümlichen Verſuchungen, denen ein junger Mann in Lionels Stellung ausgeſetzt war— er wußte, daß Verach⸗ tung der Sparſamkeit zu den Grundſätzen jener Peripatetiker⸗Schule gehört, die ihre letzten Lektionen für vollendete Schüler in den gehei⸗ ligten Gängen der Queens Bench zum Beſten gibt. Inzwiſchen war dies kein günſtiger Augenblick für didaktiſche Warnungen. „Da ſind wir!“ rief Lionel—„Putney Bridge.“ Sie erreichten das kleine Wirthshaus am Ufer des Fluſſes, und während das Mahl bereitet wurde, mietheten ſie ein Boot. Vance ergriff die Ruder. Vance.—„Es iſt nicht ſo hübſch hier wie an jenen grünen ſtillen Ufern, an denen wir vor fünf Jahren bei Mondenſchein dahin⸗ glitten.“ Lionel.—„Ach nein. Und das unſchuldige bezaubernde Kind, deſſen Portrait Ihr nahmet— Ihr habt ſeither nie mehr von ihr gehört?“ Vance.—„Nie! Wie ſollte ich? Habt Ihr?“ Lionel.—„Ich weiß blos was Darrell mir ſagte. Sein An⸗ walt hatte ausgemittelt, daß ſie und ihr Großvater nach Amerika ge⸗ gangen ſeyen. Darrell gab leiſe zu verſtehen, nach Allem was er von dieſen Leuten gehört habe, ſcheinen ſie ihm meine Theilnahme an ihrem Schickſal kaum zu verdienen. Aber wir haben uns nicht ge⸗ täuſcht— nicht wahr, Vance?“ —— 22 Vance.—„Nein; das kleine Mädchen— wie hieß ſie doch? Sukey? Sally?— Sophy— ja richtig Sophy— hat etwas außer⸗ ordentlich Einnehmendes außer ihrem hübſchen Geſichtchen; und trotz dieſes ſchrecklichen Cattunkleides werde ich es nie vergeſſen.“ Lionel.—„Ihr Geſicht! Ich auch nicht. Ich ſehe es be⸗ ſtändig vor mir.“ Vance.—„uUnd ichaſehe beſtändig ihr Cattunkleid vor mir. Aber ich darf nicht undankbar ſeyn. Würdet Ihrs glauben, daß dieſes kleine Portrait, das mich drei Pfund koſtete, ich will nicht ſagen mein Glück gemacht, aber mich doch in die Mode gebracht hat?“ Lionel.—„Wie ſo? Ihr hattet das Herz es zu verkaufen?“ Vance.—„Nein; ich behielt es als Modell für junge Mäd⸗ chenköpfe, mit Variationen, wie man in der Muſik ſagt. Durch meine weiblichen Köpfe kam ich in die Mode; jede Beſtellung, die ich be⸗ komme, enthält die Bedingung: Aber ja gewiß einen Eurer holden Frauenköpfe, Mr. Vance. Meine Frauenköpfe ſind für meine Lein⸗ wand ſo nothwendig wie ein Schimmel für Wouvermans. Gut, dieſes Kind, das mich drei Pfund koſtete, iſt das Original von ihnen Allen. Sie hat als Titania begonnen und iſt nach und nach eine Pſyche, eine Beatrice Cenci, eine Minna, ein Portrait einer Edel⸗ mannstochter, Burns Marie im Himmel, die junge Aehrenleſerin und die Fee Sabrina in Miltons Comus geweſen. Ich habe dieſes Kind durch die ganze heilige und profane Geſchichte hindurchgeführt. Ich habe es in allen Coſtümen gemalt, ausgenommen in ſeinem eigenen Cattunkleid. Meine weiblichen Köpfe ſind mein Ruhm— ſelbſt der Kritiker der Times gibt das zu. Mr. Vance iſt hierin unnach⸗ ahmlich! Ein Typus weiblicher Grazie, der ihm ganz eigenthümlich iſt u. ſ. w. u. ſ. w. Ich werde Euch den Artikel leihen.“ Lionel.—„Und werden wir dieſe liebliche Originalſophy nie wieder zu ſehen bekommen? Ihr werdet lachen, Vance, aber ich bin unempfindlich gegen alle junge Ladies. Wenn ich je heirathe, ſo muß meine Frau Sophys Augen haben! In Amerika!“ 23 Vance.—„Laßt uns hoffen, daß ſie dermalen glücklich an einen Nankee verheirathet iſt. NYankees heirathen Mädchen unter zwanzig Jahren und fragen nicht nach Mitgift. An einen Yankee verheirathet! kein Zweifel! an einen Nankee, welcher kaut, ſchnipfelt und einen Laden hält.“ Lionel.—„Ungeheuer! Schweiget doch! Aber ad vocem Heirath, warum ſeyd Ihr noch Junggeſell?“ Vance.—„Weil ich mich nicht zuſammenlegen laſſen will. Der Mann gleicht einer Serviette; je zierlicher die Frau ihn zuſam⸗ menlegt, um ſo ſorgfältiger bewahrt ſie ihn auf. Auch kann der ein⸗ mal zuſammengelegte Mann nicht wiſſen, wie oft man ihn noch zu⸗ ſammenlegen wird. Nicht blos bricht ſeine Frau ihn entzwei, ſondern auch jedes Kind verviertheilt ihn, bis die einſt anſehnliche und hübſche Subſtanz, die ihre anſtändige Breite gehabt hat, zu einem armſeligen viereckigen Stückchen zuſammenſchwindet, das keinen Teller mehr be⸗ decken kann— nichts als Falten und Runzeln— kleiner und kleiner mit jeder Zuſammenlegung— mit jeder Zuſammenlegung eine neue Runzel. Dann, mein Freund, kommt die Waſchrechnung, und außer all den Beſchädigungen, die man in der Mange erleidet, müßt Ihr die tägliche Noth und Qual in der Leinwandpreſſe bedenken. Kurz und gut, auch Shakeſpeare ſpricht ſich entſchieden für das Hageſtolzleben aus und nennt die Ehe eine Reihenfolge von Mühſal und Noth. Ueber⸗ dieß kann ein Hageſtolz eigentlich nie arm genannt werden. Welchen ver⸗ heiratheten Mann dagegen kann man mit Gewißheit reich nennen? Ein Hageſtolz kann in einem Dachſtübchen wohnen und einen Häring zu Mittag eſſen; Niemand weiß es, Niemand kümmert ſich darum. Sobald er heirathet, lädt er die Welt ein mitanzuſehen, wo er wohnt und wie er zu Mittag ißt. Was die Frau als das Allernothwendigſte verlangt, iſt der ruinirendſte unbeſchränkteſte Ueberfluß: die Gentilität nach den Begriffen, die ihre Nachbarn von gentil haben. Die Gen⸗ tilität beginnt mit dem Honigmond; ſie iſt ſein Schatten und ver⸗ längert ſich, wenn der Mond abnimmt. Wenn aller Honig fort iſt, —— —.,——— ,— X. N 24 ſo ſagt Euer Weibchen: Wir können unſern Thee ohne Zucker trinken, mein Lieber, wenn wir ganz allein ſind; aber ſobald es ſich um Gen⸗ tilität handelt, ſo iſt hier eine Rechnung für eine ſilberne Zuckerzange. Dieß die Gründe, warum ich ledig bin.“ „Wiederum Sparſamkeit, Vance.“ „Klugheit— Würde,“ antwortete Vance ernſthaft; und in eine Träumerei verſinkend, die einen düſtern Anſchein hatte, ruderte er raſch nach dem Ufer zurück. Drittes Kapitel. 1 Mr. Vance erklärt, wie er dazu kam Farben zu reiben und halbe Pence zu erſparen.— Eine plötzliche Nachricht. Das Mahl war vorüber— der Tiſch war an einem Fenſter ge⸗ deckt worden, das auf den Fluß hinausſah. Der Mond ſtand am Himmel; die jungen Männer verlangten keine andern Lichter; die Unterhaltung zwiſchen ihnen— oft wechſelnd, oft pauſirend— war allmählig ernſthaft geworden, wie dieß bei zwei Jugendgefährten ge⸗ wöhnlich der Fall iſt, ſo lange ſich noch weite Ausſichten in die Zu⸗ kunft tief im Schatten vor ihnen ausbreiten und ſie vertrauensvoll ihre Wünſche und Befürchtungen beſprechen, fantaſtiſche Pläne in dieſem gränzenloſen Dunkel entwerfend. „Es liegt,“ ſagte Lionel,„eine ſolche Macht im Glauben, ſelbſt wenn der Glaube nur auf menſchliche und irdiſche Dinge angewandt wird, daß man, wenn ein Mann nur die feſte Ueberzeugung hat, er ſey geboren einmal Etwas auszuführen was für den Augenblick un⸗ möglich ſcheint, fünfzig gegen eins wetten kann, daß er es ausführt, bevor er ſtirbt. Sicherlich hattet Ihr ſchon in der Schule die Ueber⸗ zeugung, daß in Eurem Schickſal Etwas liege, wodurch es ſich von dem der andern Jungen unterſcheide, die der Lehrer vielleicht eben ſo ge⸗ ſcheidt fand; Ihr fühltet in Euch den Glauben, der Euch die zuverſicht⸗ liche Gewißheit gab, daß Ihr dereinſt ſeyn würdet, was Ihr jetzt ſeyd.“ 25 „Ja, ich glaube das; aber vage Beſtrebungen und Einbildungen müſſen durch irgend eine praktiſche Nothwendigkeit, die vielleicht von ſehr derber und ſehr gemeiner Natur ſeyn kann, zuſammengehalten werden; ſonſt zerſplittern ſie ſich und verdunſten. Man ſollte meinen, reiche Leute aus der vornehmen Welt müſſen mehr zu Stande bringen, als arme Leute aus beſcheidenen Lebensſphären. Man gibt ſich mehr Mühe mit ihrer Erziehung; ſie haben mehr Muße, um dem Hang ihres Genius zu folgen; gleichwohl ſind die armen Leute, oft halbe Autodidakten mit hohlen Mägen, diejenigen welche drei Viertheile der großen Weltarbeit verrichten. Armuth iſt der ſchärfſte Stachel, und die Armuth ließ mich nicht ſagen: Ich will thun, ſondern ich muß.“ „Ihr kanntet wirkliche Armuth in Eurer Kindheit, Frank?“ „Wirkliche Armuth, überdeckt von ſcheinbarem Ueberfluß. Mein Vater waͤr die gentile Armuth und meine Mutter die arme Gentilität. Der ſcheinbare Ueberfluß verſchwand, als mein Vater ſtarb. Dann kam die wirkliche Armuth in all ihrer Häßlichkeit heraus. Ich wurde aus einer gentilen Schule weggenommen, in welcher ich lange nachher auf gentile Weiſe die Rechnungen bezahlte; und ich hatte meine Mutter auf die eine oder andere Art zu unterſtützen— auf die eine oder andere Art gelang es mir. Ach ich fürchte, es war nicht auf gentile Art! Aber bevor ich ſie verlor, was nach wenigen Jahren geſchah, hatte ſie einige Tröſtungen, die nicht auf bloßem Schein be⸗ ruhten, und die theure Seele gab freundlich zu, daß Gentilität und Täuſchung ſich nicht gut mit einander vertragen. Oh hütet Euch vor Schulden, Lionello mio, und nennt dieſe Sparſamkeit nicht Nieder⸗ trächtigkeit, denn ſie iſt blos die Schutzwehr vor niedriger Herab⸗ würdigung.“ „Ich verſtehe Euch endlich, Vance; gebt mir die Hand— ich weiß, warum Ihr ſpartet.“ „Gewohnheit jetzt,“ antwortete Vance, indem er wie gewöhnlich das Lob ablehnte.„Aber ich erinnere mich ſo gut, wie ein Zwei⸗ penceſtück eine reſpektable Summe war, daß ich es bis auf den heu⸗ —— 26 tigen Tag lieber auf die Seite lege als verbrauche. Alle unſere Ideen breiten ſich wie Orangenbäume im Verhältniß zur Größe des Kaſtens aus, welcher die Wurzeln gefangen hält. Dann hatte ich eine Schweſter.“ Vance paufirte einen Augenblick wie in ſchmerzlicher Erregung, fuhr aber dann in ſcheinbarer Gleichgiltigkeit fort, indem er ſich über den Fenſterſims lehnte und das Geſicht von ſeinem Freund abwandte.„Ich hatte eine Schweſter, älter als ich, hübſch, ſanft⸗ herzig. Ich war ſo ſtolz auf ſie! Das närriſche Mädchen! Meine Liebe genügte ihr nicht. Das närriſche Mädchen, ſie konnte nicht warten, bis ſie ſah, was ich für ſie zu thun vermochte. Sie hei⸗ rathete— o ſo gentil!— einen jungen Mann von ſehr guter Geburt, der noch zu Lebzeiten meines Vaters um ſie geworben hatte. Er hatte die Gemeinheit ſtandhaft zu bleiben, als ſie keinen Pfennig be⸗ ſaß, und er ſelbſt hing von entfernten Verwandten und ſeinen eigenen Beſitzungen auf dem Parnaß ab. Der Unglückſelige war ein Poet. So heiratheten ſie. Sie verbrachten den Honigmond gentil, das darf ich ſagen. Seine Verwandten wieſen ihm ſchnöd die Thüre. Der Parnaß bezahlte keine Renten. Er ging ins Ausland. Solche herz⸗ zerreißende Briefe von ihr! Sie waren von Allem entblößt. Wie ich arbeitete! wie ich mich abquälte! Aber wie konnte ich ſie und noch dazu ihren Mann unterhalten, während ich ſelbſt ein bloſes Kind war? Gleichviel. Sie ſind jetzt Beide todt.— Todt ſind Alle, um deren willen ich zuerſt Farben rieb und halbe Pence erſparte. Und Frank Vance iſt ein filziger ſelbſtſüchtiger Hageſtolz. Bringet dieſen traurigen Gegenſtand nie wieder aufs Tapet, ſonſt borge ich eine Krone von Euch, die Ihr nie wieder bekommt. Kellner, he da! die Rechnung! Ich will jetzt in den Stall hinabgehen und anſpannen laſſen.“ Als die Freunde wieder in London einfuhren, ſagte Vance: „Setzet mich irgendwo in Piecadilly ab; ich will zu Fuß heimgehen. Ihr wohnt vermuthlich, oder vielmehr natürlich bei Eurer Mutter auf Glouceſter Place?“ 27 „Nein,“ ſagte Lionel etwas verlegen;„Oberſt Morley, der ſich wie mein Vormund gerirt, hat in Cheſterfield Street, Mayfair, eine Wohnung für mich genommen. Ich fürchte, meine Stunden würden meiner lieben Mutter nicht paſſen. Erſt zwei Tage in der Stadt, und Morley habe ichs zu verdanken, daß mein Tiſih bereits mit Ein⸗ ladungen bedeckt iſt.“ „Und doch habt Ihr mir einen Tag geſchenkt, edelmüthiger Freund!“ „Euch den zweiten Tag— meiner Mutter den erſten. Aber auf heute Nacht habe ich drei Bälle vor mir. Kommt mit mir nach Haus und rauchet Eure Cigarre, während ich Toilette mache.“ „Nein; aber ich will wenigſtens meine Cigarre in Eurer Halle anzünden, Verſchwender!“ Lionel fuhr jetzt vor ſeiner Wohnung an. Der Groom, der auch Kammerdienerſtelle verſah, wartete an der Thüre.„Ein Brieſchen für Euch, Sir, von Oberſt Morley— ſo eben angekommen.“ Lionel öffnete es haſtig und las:— „Mein lieber Haughton,— Mr. Darrell iſt plötzlich in London angekommen. Haltet Euch morgen den ganzen Tag frei, denn er wird Euch ohne Zweifel beſuchen. Ich begebe mich ſchnurſtracks zu ihm. Der Eurige in Eile, A. V. M.“ Viertes Kapitel. Wieder einmal Guy Darrell. Guy Darrell war allein. Ein hohes Zimmer in einem großen Haus im erſten Stock. Sein eigenes Haus in Carlton Gardens, das er während ſeiner kurzen und glänzenden parlamentariſchen Laufbahn innegehabt; ſeitdem hat er es verächtlich der Obhut eines Häuſer⸗ agenten überlaſſen, der es jahr⸗ oder ſaiſonweiſe vermiethete, und ſo — 28 hatte es verſchiedene Bewohner gekannt, deren Wohlſtand und Stel⸗ lung ſeiner Geräumigkeit und Lage entſprach. Diners und Concerte, Routs und Bälle hatten die Freunde verſammelt und manchen gra⸗ ziöſen Wirth, manche lächelnde Wirthin außer Athem gehetzt. Die Miethzeit eines dieſer vorübergehenden Bewohner war kürzlich er⸗ loſchen, und ehe der Agent einen andern gefunden hatte, fiel der lang abweſende Eigenthümer ſelbſt wie aus den Wolken in ſeinen ſchweig⸗ ſamen Hallen ein, ohne andere Genoſſenſchaft als ſeinen alten Diener Mills und die Haushälterin. Hier nahm der Wanderer wie in einer Carawanſerei ſeine Ruhe, ſtattlich und einſam. Nichts ſo comfortlos als eines dieſer großen Londoner Häuſer, wenn man ſie ganz allein für ſich hat. In langen Reihen an den Wänden ſtanden die leeren Lehnſtühle. Geſpenſtiſch hingen lichtloſe Candelaber von der ver⸗ goldeten Decke herab. Die Möbel, die pomphaft, aber durch Ge⸗ brauch abgenützt und in der Länge der Zeit abgeſchoſſen waren, ſahen wie Erinnerungszeichen an entſchwundene Schmauſereien aus. Wenn Ihr in Euer eigenes Haus auf dem Land zurückkehret— gleichviel wie lang die Abweſenheit gedauert— gleichviel wie verfallen und verwahrlost die freundlichen Zimmer ſeyn mögen— wenn es nur mittlerweile verlaſſen geſtanden hat und nicht an neue Geſchlechter vermiethet war, die mit ihren eigenen wechſelnden Dynaſtien den rechtmäßigen Herrn verdrängt und die Erinnerungen an ihn halb ver⸗ wiſcht haben, ſo können die Wände Euch noch immer verzeihend grüßen, der Charakter der Heimath kann noch immer da ſeyn. Ihr nehmet einen Ideenfaden wieder auf, der in der Schwebe gelaſſen, aber nicht abgeriſſen worden war. Aber anders verhält es ſich mit einem Haus in Städten, beſonders in unſerm ſchnelllebenden London, wo wenige Häuſer ſich vom Vater auf den Sohn vererben, wo die Beſitzurkunden ſelten mehr bedeuten als ein erkaufter Pachtvertrag für eine gewiſſe Anzahl von Jahren, nach deren Verfluß Euer Eigenthum Euch verläßt. Ein Haus in London, das Euer Vater nie betreten hat, in welchem kein Armſtuhl, kein altmodiſcher Arbeitstiſch Euch an 29 das freundliche Lächeln einer Mutter erinnert— ein Haus, das Ihr verlaſſen habt, wie Ihr eine Herberge verlaſſet, das Ihr an Leute vermiethet, deren Namen Ihr kaum kennt, und die ebenſowenig Re⸗ ſpekt vor Euren Familienerinnerungen haben, als Ihr vor den ihrigen; — wenn Ihr nach langen Jahren in ein ſolches Haus zurückkehret, ſo ſtehet Ihr da, wie Darrell ſtand— ein verlorener Fremdling unter Eurem eigenen Dache. Was bekümmerte er ſich um diejenigen, die ſich zuletzt um dieſe Herde mit ihrem kalten Stahlroſt geſammelt— deren Geſtalten auf dieſen methodiſchen Betten geruht— deren Füße den Glanz von dieſen köſtlichen Teppichen weggenommen hatten? Geſchichten von manchem Menſchenleben mochten innerhalb dieſer Wände verzeichnet ſeyn. Liebende hatten hier ihre erſten Gelübde aus⸗ gehaucht; Hochzeitsbankette waren gefeiert worden; Säuglinge hatten in den Armen ſtolzer junger Mütter geſchrien; Politiker waren hier zu Miniſtern erhoben worden; Miniſter waren hier zu„unabhängigen Mitgliedern“ zurückgeſunken; durch dieſe Thüren waren Leichname nach den erbarmungsloſen Gewölben getragen worden. Was be⸗ kümmerte ſich der Eigenthümer um dieſe Familien und ihre Erinne⸗ rungen? Ihre Schrift war nicht an den Wänden. Ihre Abrech⸗ nungen mit der Zeit waren wie von einer Schiefertafel abgewiſcht, und nur da und dort fanden ſich zufällige Kritzeleien von ſeinen eige⸗ nen, verlöſcht und vergangen. An den Kaminſims gelehnt, ſchaute ſich Darrell mit vagem ernſtem Blick im Zimmer umher, als ſuchte er Bilder heraufzubeſchwören, welche die gegenwärtige Stunde mit dem vergangenen Leben verknüpfen könnten, das anderwärts hinwegge⸗ ſchlüpft war; und ſein Profil, das der Spiegel hinten blaß und trauervoll zurückſtrahlte, glich dem Geiſte von ihm ſelbſt, den ſeine Erinnerung ſchweigend heraufrief. Der Mann hat ſich äußerlich nur wenig verändert, ſeit wir ihn zum letzten Mal geſehen, dagegen iſt er innerlich ein Anderer gewor⸗ den, ſeit er das letzte Mal auf dieſen nicht bewillkommnenden Böden geſtanden. Die Geſtalt beſaß noch immer dieſelbe Kraft und — 30 Symmetrie— es war noch immer dieſelbe unausſprechliche Würde in Miene und Haltung— dieſelbe gedankenvolle Neigung des ſtolzen Nackens— in ihrem elaſtiſchen Rückprall ſo verſchieden von der Ge⸗ bücktheit der Gebrechlichkeit oder des Alters. Dicht wie immer die reiche Maſſe dunkelbraunen Haares, obſchon man jetzt, wenn in der Ungeduld eines peinigenden Gedankens ſeine Hand die loſen Locken aus der Stirne ſtrich, die Silberfäden da und dort hervorſchießen, aber beinahe ſogleich wieder verſchwinden ſah. Nein, was auch das Tauf⸗ buch dagegen ſagen mag, dieſer Mann iſt nicht alt, nicht einmal ältlich; in der Tiefe dieſes klaren grauen Auges mag das Licht ruhig ſeyn, aber in der Ruhe iſt es lebhaft; kein Strahl, aus dem Gehirn oder Herzen entſandt, flackert unſtät darin. Im Ganzen jedoch verrathen ſeine Miene und Haltung weniger Ruhe als ehemals, weniger von jener Ergebung, welche zu ſagen ſchien:„Ich bin zu Ende mit den Subſtanzen des Lebens.“ Es lag noch immer Düſterkeit darin, aber dieſe war mehr gebrochen und ruhelos. Augenſcheinlich ließ dieſe Menſchenbruſt wieder menſchliche Hoffnungen, menſchliche Gegenſtände zu oder zwang ſich ſie lieb zu gewinnen; ſie kehrte zu den Subſtanzen des Lebens zurück, deren Bewegung man in den Schatten ſah, die, wenn ſie uns in entfernterem Abſtand umhüllen, ihre Unruhe zu ver⸗ lieren ſcheinen, wie ſie an Umfang gewinnen. Er brach ſeine ſinnende Haltung mit einer raſchen ärgerlichen Bewegung ab, als wollte er Gedanken abſchütteln, die ihm mißfielen, und indem er mit einer ihm eigenthümlichen Geberde ſeine Arme feſt auf ſeine Bruſt drückte, ſchritt er unhörbar murmelnd im Zimmer auf und ab. Die Thüre ging auf, er wandte ſich raſch und mit einem ſichtbaren Gefühl der Erleichterung um, denn ſein Geſicht ſtrahlte.„Alban, mein theurer Alban!“— „Darrell— alter Freund— alter Schulfreund— lieber, lieber Guy Darrell!“ Die zwei Engländer ſtanden, die Hände feſt in ein⸗ ander gedrückt, in ächt engliſcher Begrüßung da— ihre Augen feuch⸗ teten ſich bei Erinnerungen, welche ſie in ihre Knabenzeit zurückführten. 31 Alban war der erſte, der ſeine Faſſung wieder gewann; und als die Freunde ſich geſetzt hatten, überblickte er bedachtſam Darrells Ge⸗ ſicht und ſagte:„So wenig verändert!— Wunderbar! Was iſt Euer Geheimniß?“ „Einſtellung des Lebens, Ueberwinterung. Aber Ihr übertrefft mich. Ihr habt Leben verbraucht, und gleichwohl ſcheint Ihr noch eben ſo reich wie bei unſerem Abſchied.“ „Nein; ich beginne die Gegenwart zu verläſtern und die Ver⸗ gangenheit zu preiſen— mit der Brille zu leſen, nach Vorurtheilen zu entſcheiden, vor Veränderungen zurückzubeben, in leerem Geſchwatze Verſtand zu finden— den Werth der Geſundheit daran zu erkennen, daß ich ſie zu verlieren fürchte— ein Intereſſe für Rheumatismus, eine heilige Scheu vor Luftröhrenentzündungen zu empfinden— Anek⸗ doten zu erzählen und Flanelljacken zu tragen. Euch entdecke ich im ſtrengſten Vertrauen die Wahrheit— ich bin nicht mehr fünfund⸗ zwanzig. Ihr lachet— dieß iſt civiliſirtes Gerede; erquickt es Euch nicht nach dem Kauderwelſch, das Ihr in Kleinaſten plaudern mußtet?“ Darrell hätte mit Wahrheit Ja antworten können. Welcher Menſch wird nicht nach langjähriger Einſamkeit durch ein wenn auch noch ſo triviales Geplauder erquickt, das ihm die heitere Zeit der Welt zurückruft, deren er ſich in ſeinen jungen Tagen erinnerte— zumal wenn es von den Lippen eines Jugendfreundes kommt? Aber Darrell ſagte Nichts; er ſetzte ſich blos mit heiterem Behagen in ſeinem Stuhl zurecht und neigte ſeine ſich entrunzelnden Brauen mit einem Nicken der Aufmunterung oder Zuſtimmung. Oberſt Morley fuhr fort.„Aber wann ſeyd Ihr angekommen? woher? Wie lange bleibt Ihr hier? Was ſind Eure Pläne?“ Darrell.—„Cäſar konnte nicht lakoniſcher ſeyn. Wann an⸗ gekommen?— heute Abend. Woher?— von Ouzelford. Wie lange ich bleibe?— ungewiß. Was meine Pläne ſind?— laßt uns ſie beſprechen.“ Oberſt Morley.—„Von Herzen gern.— Ihr habt alſo Bulwer, was wird er damit machen? IWV. 3 32 Pläne?— Ein gutes Zeichen. In der Ueberwinterung befindliche Thiere entwerfen keine Pläne.“ Darrell(die Lichter auf dem Tiſch bei Seite ſtellend, ſo daß ſein Geſicht im Schatten bleibt, und beim Sprechen auf den Boden ſehend).—„In den letzten fünf Jahren habe ich mir ſchwere Mühe gegeben wieder Intereſſe an der Menſchheit zu gewinnen, mit dem ge⸗ meinſchaftlichen Leben und ſeinen geſunden Gegenſtänden wieder in Verbindung zu treten. Zwiſchen Fawley und London wünſchte ich ein magnetiſches Medium zu bilden. Ich nahm ein ſehr großes— beinahe den ganzen Reſt der bekannten Welt. Ich habe beide Amerika, beide Indien beſucht. Ich habe ganz Aſien durchwandert und bin in Afrika ſo weit vorgedrungen wie nur je ein Reiſender, der Timbuctu ſuchte. Aber ich habe mich auch in langen Zwiſchenzeiten— wenig⸗ ſtens ſchienen ſte mir lang— in den heitern Hauptſtädten Europas (Paris ausgenommen) aufgehalten, habe mich in die fröhlichſten Kreiſe gemiſcht— Paläſte gemiethet, ſie mit Gäſten angefüllt— bankettirt und Muſtk gehört. Guy Darrell, ſagte ich, ſchüttle den Roſt der Jahre ab— Du hatteſt keine Jugend, als Du jung wareſt. Sey jetzt jung. Ein Feiertag kann Dich zu heilſamer Arbeit wieder fähig machen, wie ein Feiertag den müden Schuljungen wieder⸗ herſtellt.“ Oberſt Morley.—„Ich begreife; das Erperiment iſt geglückt?“ Darrell.—„Ich weiß nicht. Noch nicht— aber es iſt möglich; ich bin hier und gedenke zu bleiben. Ich wollte nicht einmal auf einen einzigen Tag in ein Hotel gehen, weil ich fürchtete, meine Ent⸗ ſchloſſenheit könnte mich verlaſſen. Ich habe mich in dieſe Burg der Sorge geworfen, ohne auch nur eine Garniſon zu beſitzen. Ich hoffe ſie zu behaupten. Helft mir ſie bemannen. Mit einem Wort und ohne Metapher, ich bin hier in der Abſicht wieder ins Londoner Leben ein⸗ zutreten.“ Oberſt Morley.—„Das freut mich unendlich. Meine herz⸗ lichen Glückwünſche! Wie werden ſich die Viponts alle freuen! Es ſteht wieder eine Kriſis vor der Thüre. Ihr habt natürlich die Zei⸗ tungen regelmäßig geleſen, der Zuſtand des Landes intereſſirt Euch. Ihr ſagt, Ihr kommet aus Ouzelford, der Stadt, die Ihr einſt ver⸗ tratet. Vermuthlich wollt Ihr wieder ins Parlament treten. Ihr habt Euch blos auszuſprechen.“ Darrell.—„Parlament! nein. Ich erhielt von meinen alten Wählern eine ſo dringende Bitte den Grundſtein zu einer neuen Stadthalle zu legen, für welche ſie ſich ſehr intereſſirten, und meine Verbindlichkeiten gegen ſie waren ſo groß, daß ich es nicht ablehnen konnte. Ich ſchrieb, daß ich den Tag beſtimmen werde, ſobald ich entſchloſſen ſey nach England zurückzukehren, machte aber die Bedin⸗ gung, daß man mich mit der Qual eines öffentlichen Schmauſes ver⸗ ſchonen müſſe, und landete juſt zu rechter Zeit, um die Verabredung einzuhalten. Ich traf heute früh in Ouzelford ein, machte die Cere⸗ monie durch, hielt eine kurze Rede, kam ſogleich nach London, wagte nicht einmal eine Abſchweifung nach Fawley(das nicht ſehr weit von Ouzelford iſt), weil ich fürchtete, einmal dort, moͤchte ich nicht die Kraft haben es wieder zu verlaſſen— und nun bin ich hier.“ Dar⸗ rell pauſirte, dann fuhr er in munterem, emphatiſchem Tone fort: „Parlament? nein. Arbeit? nein. Mitmenſch, ich ſtehe im Begriff Euch eine Beichte abzulegen: ich möchte gern einige Tage der Jugend zurückerhaſchen— nur ein Winterbild von der Jugend— es iſt beſſer als gar keines. Alter Freund, wir wollen uns amüfiren! So lange ich hart arbeitete— hart— hart— ſo waret Ihr es, der zu mir ſagte: Kommt, amüſirt Euch!' Welch ein glücklicher Schmetterling Ihr damals waret! Jetzt ſage ich zu Euch: Zeiget mir dieſe prun⸗ kende Stadt, die Ihr ſo genau kennt; weihet mich ein in die Freuden gebildeter Vergnügungen, ſocialer Gemeinſchaft— Dulce mihi furere est amico. Ihr habt Vergnügungen— laßt mich daran Theil nehmen.“ „Wahrhaftig,“ ſagte der Oberſt ſeine Beine kreuzend.„Ihr kommt ſpät am Tage! Vergnügungen höoͤren zuletzt auf zu vergnügen⸗ 3⁸ 34 Ich habe alle gekoſtet und beginne müde zu werden. Ich habe meine Feſtzeit gehabt und ihre Freuden erſchöpft; und Ihr, der Ihr von Büchern und Eurem Pulte weg friſch auf den Spielplatz kommt, ver⸗ langet Ball und andere Kinderſpiele. Ach, mein armer Freund, warum ſeyd Ihr nicht früher gekommen!“ Darrell.—„Ein einziges Wort, eine einzige Frage. Ihr habt Behaglichkeit zu einer Philoſophie gemacht und in ein Syſtem gebracht; kein Menſch that es je mit beglückterer Grazie; und während Ihr dem Vergnügen nachginget, habt Ihr Euch nicht mit Eurem Ge⸗ wiſſen und Eurem Schamgefühl überworfen. Ihr waret ſtets ein wackerer Gentleman in der Ehre wie in der Eleganz. Nun, ſeyd Ihr mit Eurer Lebenswahl zufrieden? Seyd Ihr glücklich?“ „Glücklich— wer iſt das? Zufrieden— vielleicht.“ „Gibt es Jemand, den Ihr beneidet, deſſen von der Eurigen verſchiedene Wahl Ihr vorziehen würdet?“ „Gewiß.“ „Wer iſt es?“ „Ihr.“ „Ich!“ ſagte Darrell, mit unverſtelltem Erſtaunen die Augen öffnend.„Ich! Ihr beneidet mich? Ihr ziehet meine Wahl vor?“ Oberſt Morley leigenſinnig).—„Allerdings. Ihr habt be⸗ friedigten Ehrgeiz gehabt— eine große Laufbahn. Euch beneiden! Wer würde das nicht thun? Eure eigenen Lebenszwecke ſind in Er⸗ füllung gegangen; Ihr begehrtet Auszeichnung— Ihr habt ſie be⸗ kommen; Vermögen— Euer Reichthum iſt unermeßlich; die Wieder⸗ herſtellung Cures Namens und Eurer Linie aus Dunkelheit und Er⸗ niedrigung— ſind nicht Name und Linie von Neuem in das Libro d'oro eingeſchrieben? Welcher König würde Euch nicht als einen Rathgeber bewillkommnen? welcher Senat würde nicht ſeine Reihen öffnen, um Euch als einen Führer aufzunehmen? welches Haus, ſelbſt wenn es das hochmüthigſte im Lande wäre, würde nicht gerne eine Verbindung mit Euch eingehen? Und bei all dem ſtehet Ihr ſtahlfeſt —— 25 und ungebeugt vor mir, habt noch junges Blut in Euern Adern. Undankbarer Mann! wer würde nicht ſein Loos mit Guy Darrell vertauſchen? Ruhm, Vermögen, Geſundheit und, ohne Euch zu ſchmeicheln, eine Geſtalt und Erſcheinung, die Aufſehen erregen müßte, ſelbſt wenn Ihr in dieſem ſchwarzen Röckchen neben einem Monarchen in ſeinem Krönungsgewande ſtändet.“ Darrell.—„Ihr habt meine Fragen gegen mich gekehrt mit einer Freundlichkeit der Abſicht, die mich Euern Glauben an meine Eitelkeit verzeihen läßt. Laßt uns jetzt weitergehen oder vielmehr laßt uns zurückgehen; Ihr ſagt, Ihr habet Alles im Leben gekoſtet, was Zerſtreuung gewähren oder das Daſein verſüßen kann. Dem iſt nicht ſo; Ihr ſeyd ein einſamer Hageſtolz und habt es mit der Ehe nicht verſucht. Iſt das nicht Euer Mißgriff geweſen?“ Oberſt Morley.—„Antwortet ſelbſt. Ihr habt es verſucht.“ Die Worte waren kaum aus ſeinem Mund, als er ſie bereute, denn Darrell fuhr auf, wie wenn er tief ins Fleiſch geſtochen worden wäre⸗ und ſeine zuvor heitere Braue nahm einen düſtern trüben Anſtrich an, ſeine zuvor ſcherzhafte Lippe preßte ſich feſt zuſammen.„Verzeiht mir,“ ſtammelte der Freund. Darrell.—„Oh ja; ich brachte die Sache ſelbſt auf. Was für dummes Zeug haben wir geſchwatzt! Sagt mir Neuigkeiten— keine politiſchen, ſondern andere. Aber zuerſt Euern Bericht über den jungen Haughton. Herzlichen Dank für all Eure Güte gegen ihn. Ihr ſchreibt mir, daß er ſehr gewonnen habe, daß er höchſt liebenswürdig geworden ſey; Ihr ſagt ſogar, er ſey in Paris der all⸗ gemeine Liebling geweſen, und er werde ſicher in London äußerſt populär werden. Möge es ſo ſeyn, wenn es um ſeiner ſelbſt willen geſchieht. Seyd Ihr ganz ſicher, daß es nicht um der Erwartungen willen geſchieht, die zu beſeitigen ich hieherkomme?“ Oberſt Morley.—„Großentheils um ſeiner ſelbſt willen, das bin ich überzeugt; ein wenig vielleicht, weil, obſchon er es nicht glaubt 36 und ich ihm das Gegentheil ſage, die Leute, die keinen Erben Eures Vermögens ſehen—“ „Ich verſtehe,“ fiel Darrell raſch ein.„Aber er hegt ſolche Er⸗ wartungen nicht? Er wird ſich nicht getäuſcht fühlen?“ 4 „Ich glaube wahrhaftig, daß Lionel Haughton, abgeſehen von ſeiner Liebe zu Euch und einem Zartgefühl, das ſich dagegen ſträuben würde Hoffnungen auf Reichthum in die Gräber von Wohlthätern zu pflanzen, die ſelbſtthätige Erringung eines Vermögens allen Gold⸗ barren vorziehen würde, die eines Andern Hand in Kalifornien aus⸗ gehauen und eines Andern Teſtament ihm vermacht hätte.“ „Ich bin herzlich erfreut Euch zu hören und Euch zu glauben.“ Oberſt Morley.—„Aus Euern Aeußerungen ſchließe ich, daß Ihr in der Abſicht hier ſeyd zu— zu—“ „Zu heirathen, wieder zu heirathen,“ ſagte Darrell feſt.„Ganz recht, das iſt meine Abſicht.“ „Ich war immer überzeugt, daß Ihr wieder heirathen würdet. Iſt die Lady auch hier?“ „Welche Lady?“ „Eure Auserwählte.“ „Ei, ich habe noch keine gewählt. Ich komme hieher, um zu wählen, und hierin erbitte ich mir den Rath Eurer Erfahrung. Ich möchte gern wieder heirathen. Ich— in meinem Alter! Lächerlich! Aber es iſt ſo. Ihr kennt all die Mütter und heirathsfähigen Töchter, welche London— arida nutrix— für die Hochzeitsaltäre heranzieht. Wo unter ihnen werde ich, Guy Darrell, der Mann, den Ihr für ſo beneidenswerth haltet, die zuverläßige Gehilfin finden, deren Liebe er mit einem prächtigen Leibgedinge belohnen, deren Kind er den Namen, der keinen Nachfolger hat, und den Reichthum vermachen kann, den zu verbrauchen er ſelbſt nicht das Herz hat?“ Oberſt Morley, den wir als habituellen Heirathsſtifter kennen und der ſeinen Beruf liebt, nimmt eine heitere, aber nachdenkliche Miene an, reibt ſeine Braue ein wenig und ſagt in ſeinen ſanfteſten zuvorkommendſten Toͤnen:„Ihr werdet wohl kein bloßes Maͤdchen heirathen wollen? eine Dame von angemeſſenem Alter? Ich kenne mehrere höchſt ausgezeichnete junge Damen jenſeits der Dreißiger, Wilhelmina Prymme zum Beiſpiel oder Janet—“ Darrell.—„Alte Jungfern. Nein— entſchieden nein.“ Oberſt Morley(argwöhniſch).—„Aber Ihr werdet doch wohl nicht den Frieden Eures Alters mit einem Mädchen von achtzehn aufs Spiel ſetzen wollen? ſonſt kenne ich ein ſehr vortreffliches, ſehr wohl erzogenes Mädchen— juſt achtzehn— die—“ Darrell.—„Auf der Seite von achtzehn ins Leben zuruck⸗ treten! Bin ich ein Narr?“ Oberſt Morley.—„Weder alte Mädchen noch junge Mäd⸗ chen; die Wahl wird eng begränzt. Ihr würdet eine Wittwe vor⸗ ziehen? Ha; da fällt mir eine ein. Ein wahrer Preis, wenn Ihr ihn nur gewinnen könntet, die Wittwe von—“ Darrell.—„Epheſus!— Bah! Sprecht mir Nichts von Wittwen. Eine Wittwe, deren Neigungen im Grabe verſcharrt liegen!“ Morley.—„Nicht nothwendig. Und in dieſem Fall—“ Darrell(unterbrechend und mit Wärme).—„In jedem Fall, ſage ich Euch, ſoll keine Wittwe meinetwegen ihre Trauerkleider ab⸗ legen. Liebte ſie den erſten Mann? Wankelmüthig iſt das Weib, das zweimal lieben kann. Liebte ſie ihn nicht? warum heirathete ſie ihn? verkaufte ſie ſich vielleicht für ein Zinsbuch? wird ſie ſich wieder an mich für ein Leibgedinge verkaufen? Gott behüte! Sprecht mir nicht von Wittwen. Es gibt keinen geſchmackloſeren Leckerbiſſen als ein aufgewärmtes Herz.“ Oberſt Morley.—„Weder Mädchen, ſie ſeyen alt oder jung, noch Wittwen. Möglicher Weiſe verlanget Ihr einen Engel. London iſt nicht der Platz für Engel.“ Darrell.—„Ich gebe zu, daß die Wahl ſchwierig erſcheint. Wie kann die Sache anders ſeyn? Und doch, Alban, ſpreche ich in vollem Ernſt; und ich bin bei weitem nicht ſo anſpruchsvoll wie Ihr —— 38 aus meinen Worten ſchließen könntet. Ich verlange kein Vermögen, keinen Rang außer edlem Blut, keine Jugend, keine Schönheit, keine Talente, keine Faſhion, aber ich verlange eine einzige Sache und ſonſt Nichts.“ Oberſt Morley.—„Was iſt das? Ihr habt Nichts übrig gelaſſen, was begehrt zu werden verdiente.“ Darrell.—„Nichts! Ich habe Alles übrig gelaſſen! Ich verlange eine Perſon, die ich lieben kann, inniger lieben als die ganze Welt— nicht die Convenienzheirath, nicht die Verſtandesheirath, ſon⸗ dern die Liebesheirath. Jede andere Heirath mit noch ſo feierlichen Liebesſchwüren, mit noch ſo feſter Innigkeit des Verkehrs, jede andere Heirath iſt in meinen Augen ein falſches Spiel— eine überfirnißte Sünde. Ach wenn ich immer ſo gedacht hätte! Aber hinweg mit Bedauern und Reue! Die Zukunft allein ſteht jetzt vor mir. Alban Morley! ich wollte alle meine Habe in der Welt(mit Ausnahme des alten Hauſes in Fawley) mit einem Federſtrich weggeben, ja und nach dieſem Federſtrich noch obendrein meine rechte Hand abhauen, wenn ich mich nur ein einziges Mal verlieben könnte; wenn ich lieben und wieder geliebt werden könnte, wie irgend zwei von des Himmels ein⸗ fachſten menſchlichen Geſchöpfen einander lieben können, ſo lange das Leben friſch iſt. Seltſam, ſeltſam— ſchaut in die Welt hinaus; be⸗ zeichnet den Mann von unſern Jahren, der am meiſten gefeiert, um⸗ ſchmeichelt oder bewundert ſeyn wird. Gebt ihm alle Attribute der Macht, Reichthum, königlichen Glanz, Genie, Ruhm. Seht alle jüngeren Generationen voll Hoffnung oder Ehrfurcht ſich vor ihm beugen; ſein Wort kann ihr Glück machen; ſein Lächeln iſt die Mor⸗ gendämmerung einer Reputation. Gut, jetzt laßt dieſen Mann zu den jungen Leuten ſagen: Macht mir Platz unter Euch— Alles was mir dieſe Huldigung gewinnt, will ich zu den Füßen der Schönheit niederlegen. Ich trete in die Schranken der Liebe;' und im Nu ver⸗ ſchwindet ſeine Macht, der armſeligſte Tölpel von vierundzwanzig kann ihn auf die Seite ſtoßen; vorher der Gegenſtand der tiefſten Verehrung, iſt er jetzt die Zielſcheibe des Spottes. Im Augenblick, wo er das Recht begehrt das Herz eines Weibes zu gewinnen, ruft ein Junge, den er ſonſt in Allem wie einen Lakaien beherrſchen könnte: Hinweg, Graubart, dieſes Reich wenigſtens gehört mir.“ Oberſt Morley.—„Dieß wäre blos eine beredte Uebertrei⸗ bung, ſelbſt wenn Euer Bart grau wäre. Aber ältere Männer als Ihr und Leute, die ſelbſt in Bezug auf die äußere Geſtalt nur die Hälfte Eurer Anſprüche beſitzen, haben adonisgleichen Jünglingen Herzen weggenommen. Nur müßt Ihr gut wählen. Das iſt die Schwierigkeit— wenn es nicht ſchwer wäre, wer würde Hageſtolz ſeyn?“ Darrell.—„Leitet meine Wahl. Lootſet mich in den Hafen.“ Oberſt Morley.—„Angenommen! Aber Ihr müßt wieder ein angemeſſenes Haus machen; Ihr müßt Euch wieder den Weg in die große Welt bahnen und in die heiligen Räume eindringen, wo ge⸗ duldige Spinnerinnen an dem Schickſalsgewebe arbeiten. Ueberlaßt Alles mir. Schickt Mills(ich ſehe, Ihr habt ihn noch immer) morgen wegen Eurer häuslichen Einrichtung zu mir. Ihr werdet natürlich Diners geben?“ Darrell.—„Das verſteht ſich; muß ich ſelbſt mitdiniren?“ Morley lachte gemüthlich und nahm ſeinen Hut. „So bald!“ rief Darrell.„Wenn ich Euch ſchon ermüde, wie wird es mir bei neuen Freunden ergehen?“ „So bald! Es iſt eilf Uhr vorüber, und Ihr müſſet müde ſeyn.“ „So glücklich bin ich nicht; wenn ich müde wäre, ſo könnte ich zu ſchlafen hoffen. Ich will Euch zurückbegleiten. Laßt mich nicht allein in dieſem Zimmer, allein im Rachen eines Fiſches; verſchlungen von einem Geſchöpf, deſſen Blut kalt iſt.“ „Ihr habt mir noch etwas mitzutheilen,“ ſagte Alban, als ſie ſich im Freien befanden;„ich ſehe es aus Eurem Benehmen— was iſt es?“ „Ich weiß nicht. Aber Ihr habt mir keine Neuigkeiten geſagt: 40 dieſe Straßen ſind mir fremd geworden. Wer lebt jetzt in den Häͤuſern dort? Einſt waren die Bewohner meine Freunde.“ „In dieſem Hauſe da— oh neue Leute; ich vergeſſe ihren Namen— aber reich— in ein paar Jahren werden ſie, wenn es ihnen gut geht, die Vornehmen ſpielen und meinen Namen vergeſſen. In dem andern Haus noch immer Carr Vipont.“ „Vipont; dieſe lieben Viponts! Wie geht es ihnen allen? Kriechen ſie? ſtechen ſie? wärmen ſie ſich in der Sonne? oder ſind ſie in einem ängſtlichen Häutungsprozeß begriffen?“ „Still, mein lieber Freund; keinen Spott über Eure eigenen Verwandten; Nichts iſt ſo unverſtändig. Ich bin auch ein Vipont und ganz für die Familienmaxime: Vipont mit Vipont, und komme was mag!““ „Ich muß mir den Verweis gefallen laſſen. Aber ich bin kein Vipont. Ich habe allerdings in ihr Haus geheirathet, und ſie haben ſeit Jahrhunderten in das meinige geheirathet; aber kein Tropfen Wetterhahnenblut fließt durch die Adern des letzten kinderloſen Dar⸗ rell. Verzeiht. Ich gebe das Verdienſt des Vipont'ſchen Geſchlechtes zu; keine Familie erregt in höherem Grad mein hochachtungsvolles Intereſſe. Wie ſtehts mit ihren Geburten, Todesfällen und Heirathen?“ Oberſt Morley.—„Was Geburten betrifft, ſo iſt Carr juſt mit einem Enkel erfreut worden; es iſt der Erſtgeborene ſeines älteſten Sohnes, der im vorigen Jahr die Tochter des Herzogs von Halifar heirathete— ein hoffnungsvoller Mann und Admiralitätslord. Carrs zweiter Sohn ſteht bei den Huſaren; er hat juſt ſeinen Grad gekauft: die andern Jungen ſind noch in der Schule. Er hat auch drei Töchter, ſchöne Mädchen und vortrefflich erzogen. Wahrhaftig da kommt mir ein Gedanke; die älteſte, Honoria, könnte für Euch paſſen; ſie iſt hoch⸗ begabt, wohl beleſen, intereſſirt ſich für Politik— hegt große Bewun⸗ derung für Intelligenz— iſt von ſehr ernſter Gemüthsart.“ Darrell.—„Eine Kannegießerin von ernſter Gemüthsart — ein Hellerbinſenlicht in einem Londoner Nebel! Laßt uns ſchnell zu weniger düſtern Gegenſtänden übergehen. Weſſen Leichenbegängniß iſt dort?“ Oberſt Morley.—„Des Lord Niton, Vaters der Lady Montfort.“ Darrell.—„Lady Montfort! Ihr Vater war ein Lyndſay und ſtarb vor der Sündfluth. Eine Sündfluth wenigſtens iſt über mich und meine Welt hingegangen, ſeit ich das Geſicht ſeiner Wittwe ge⸗ ſehen habe.“ Oberſt Morley.—„Ich ſpreche von der Frau des gegen⸗ wärtigen Lords Montfort— des Grafen. Ihr ſprecht von der Frau des armen Marquis— des letzten Marquis— das Marquiſat iſt er⸗ loſchen. Wahrhaftig, wo Ihr auch herumgezogen ſeyn mögt, ſo müßt Ihr von dem Tod des letzten Marquis von Montfort gehört haben.“ „Ja ich habe davon gehört,“ ſagte Darrell in etwas heiſerem und murmelndem Tone.„Er iſt alſo geſtorben, der junge Mann! Was hat ihn getödtet?“ Oberſt Morley.—„Ein heftiger Anfall von Hautbräune— ganz plötzlich. Er hielt ſich damals bei Carrs auf. Ich vermuthe, daß Carr ihn zum Sprechen brachte; eine Sache woran er gar nicht gewöhnt war. Dieß ſtöorte ſein Syſtem gänzlich. Aber laßt uns peinliche Erinnerungen nicht wieder ins Leben rufen.“ Darrell.—„War ſie in der Zeit bei ihm?“ Oberſt Morley.—„Lady Montfort?— Nein; ſie waren ſehr ſelten beiſammen.“ Darrell.—„Sie iſt noch nicht wieder verheirathet?“ Oberſt Morley.—„Nein, aber ſie iſt noch jung und ſo ſchön, daß ſie viele Anträge erhalten wird. Ich kenne die Leute, die auf die Gelegenheit warten um ſie zu werben. Montfort iſt erſt ſeit achtzehn Monaten todt— ſtarb juſt vor der Vermählung des jungen Carr. Seine Wittwe lebt in vollſtändiger Abgeſchloſſenheit auf ihrem Wittwenſitz bei Twickenham. Sie hat ſeit ihrem Verluſt ſogar mich nur ein einziges Mal geſehen.“ ——— 42 Darrell.—„Wann war das?“ Morley.—„Vor ungefähr ſechs oder ſieben Monaten; ſie fragte mit großer Theilnahme nach Euch.“ Darrell.—„Nach mir?“ Oberſt Morley.—„Allerdings. Erinnere ich mich etwa nichk, wie beſtändig ſie und ihre Mutter in Eurem Hauſe waren? Was iſt Auffallendes daran, daß ſie nach Euch fragt? Ihr ſolltet ſle beſſer kennen— der liebevollſte, dankbarſte Charakter.“ Darrell.—„Ja, das glaube ich. Aber in der Zeit, von der Ihr ſprecht, war ich zu beſchäftigt, um mir eine ſehr genaue Kenntniß vom Charakter einer jungen Lady zu erwerben. Ich hätte den Cha⸗ rakter ihrer Mutter beſſer kennen ſollen, allein ich täuſchte mich auch in dieſem.“ Oberſt Morley.—„In Mrs. Lyndſays Charakter konntet Ihr Euch wohl täuſchen— allerliebſt, aber verſtellt; Lady Montfort iſt natürlich. In der That, wenn Ihr nicht dieſes illiberale Vor⸗ urtheil gegen Wittwen hättet, ſo waͤre ſie gerade die Perſon, zu der ich Euch eben rathen wollte.“ Darrell.—„Eine faſhionable Schönheit! und jung genug, um meine Tochter zu ſeyn. So ſteht es mit der menſchlichen Freund⸗ ſchaft. Alſo das Marquiſat iſt erloſchen, und Sir James Vipont, deſſen ich mich aus dem Unterhaus erinnere— reſpektabler Mann— große Autorität in Bezug auf das Vieh— ſchüchtern und ſagte immer: Habt Ihr dieſen Artikel im heutigen Blatt geleſen?— hat die Güter und die Grafſchaft geerbt?“ Oberſt Morley.—„Ja. Man fürchtete einen Erbſchafts⸗ ſtreit, aber Sir James machte ſeinen Anſpruch ſehr klar. Unter uns geſagt, dieſe Aenderung hat ſchweren Kummer über die Viponts ge⸗ bracht. Der verſtorbene Lord beſaß wenig Verſtand, aber bei öffent⸗ lichen Prunkgelegenheiten ſtellte er ſeinen Mann— très grand Seig- neur— und Carr leitete den Familieneinfluß mit bewundernswür⸗ digem Takt. Der gegenwärtige Lord hat die Gewohnheiten eines Yeoman; ſein Weib theilt ſeine Liebhabereien. Er hat die Verwal⸗ tung nicht blos des Gutes, ſondern auch ſeines Einfluſſes Carr aus den Händen genommen und wird eine traurige Geſchichte daraus machen, denn er iſt ein unpraktiſcher, herabgekommener Politiker. Er wird die Familie niemals beiſammenhalten— unmöglich— betrübte Geſchichte. Ich erinnere mich, wie unſere letzte Weihnachtsmuſte⸗ rung vor fünf Jahren Schrecken in Lord—s Kabinet erregte; der bloße Bericht darüber in den Zeitungen ſetzte alle Zungen und Köpfe in Bewegung. Die Folge war, daß man zwei Wochen nachher Carr die geeigneten Anträge machte— er erklärte ſich bereit die Miniſter zu unterſtützen, und das Land war gerettet. Jetzt aber haben wir durch dieſen dummen neuen Grafen in achtzehn Monaten allen Grund und Boden verloren, deſſen Gewinnung wenigſtens anderthalb Jahr⸗ hunderte gekoſtet hatte. Unſere Stimmen ſind getheilt, unſer Einfluß iſt verſcherzt; Montfort Houſe iſt verſchloſſen, und Carr, der ganz ab⸗ gemagert iſt, ſagt, in der nächſten Kriſis werde ein Kabinet ohne Beiziehung eines einzigen Vipont nicht blos gebildet werden, ſondern auch Dauer haben— wenigſtens Dauer genug, um unerſetzliches UAnheil zu ſtiften.“ So klagte Oberſt Morley in traurigem Tone, während Darrell ſchweigend neben ihm herging, bis der Oberſt ſeine eigene Thüre er⸗ reichte. Während er dort den Schlüſſel anſetzte, kehrte Albans Geiſt von den Gefahren, welche das Haus Vipont und den Stern von Braunſchweig bedrohten, zu den geringfügigeren Forderungen der Privatfreundſchaft zurück. Aber auch dieſe waren jetzt mit jenen größeren Intereſſen vermiſcht, wofür jeder wahre Patriot aus dem Hauſe Vipont die gebührende Sorglichkeit mit ſeiner Muttermilch einſog. „Eure Erſcheinung in der Stadt, mein lieber Darrell, kommt höchſt gelegen. Die ganze Familie wird ſichs angelegen ſein laſſen Euch bei der kommenden Kriſis in den Vordergrund zu ſtellen— ich ſage kommend, denn ich glaube, ſie muß kommen. Euer Name — —— 44 ſteht noch n friſcher Erinnerung— Cure Stellung iſt um ſo größer, weil Ihr außerhalb all der Klemmen geblieben ſeyd, worin ſich die Partei in den letzten ſechszehn oder ſiebzehn Jahren befunden hat; Euer Haus ſollte der Kern neuer Combinationen ſeyn. Vergeßt nicht Mills zu mir zu ſchicken. Ich werde morgen Euern Chef und Euern Haushofmeiſter engagiren. Ich kenne juſt die Leute, die für Euch paſſen. Auch Eure Abſicht zu heirathen kommt juſt in dieſem Augen⸗ blick eben recht; ſie wird das Familienintereſſe erhöhen. Ich darf es ausſagen, daß Ihr zu heirathen gedenket?“ „Oh gewiß— rufet es in Charing Croß aus.“ „Ein Clubzimmer iſt eben ſo gut dazu. Ich bitte tauſend Mal um Verzeihung; aber die Leute werden vom Geld ſprechen, wenn ſie vom Heirathen ſprechen. Ich möchte Euer Vermögen nicht gerne übertreiben— ich weiß, es muß ſehr bedeutend ſeyn und vollkommen zu Eurer Verfügung ſtehen— he?“ „Jeder Schilling.“ „Ihr müßt ſeit Eurem Rücktritt ins Privatleben viel erſpart haben?“ „Das könnt Ihr als ausgemacht annehmen. Dick Fairthorn zieht meine Zinſen ein und beſorgt meine verſchiedenen Geldanlagen. Ich nehme ihn als unbeſtreitbare Autorität an, wenn ich ſage, daß Ihr mit den Zinſen aus den Gütern, die ich in der Zeit meiner Ar⸗ muth gekauft, und mit den Intereſſen meiner weit einträglicher ange⸗ legten Kapitalien zuverſichtlich allen Ladies, die ſich etwa für dieſe Mittheilung intereſſiren können, zuflüſtern dürfet: Fünfunddreißig tauſend jährlich und ein alter Narr.“ „Ich werde gewiß nicht ſagen ein alter Narr, denn ich bin eben ſo alt wie Ihr; und wenn ich fünfunddreißig tauſend Pfund jährlich häͤtte, ſo würde ich auch heirathen.“ „Ihr! alter Narr!“ ſagte Darrell ſich wegwendend⸗ 45 Fünftes Kapitel. Enthüllende Blicke auf Guy Darrells Vergangenheit in ſeiner beneideten Blüthezeit. Grabe nur tief genug, und unter aller Erde läuft Waſſer, unter allem Leben läuft Kummer. Als Darrell allein auf der Straße war, ſchlug die Lebhaftigkeit, die in Geſellſchaft ſeines alten Schulfreundes ſowohl ſeine Haltung als ſeine Worte charakteriſirt hatte, ſo plötzlich und vollſtändig in düſter nachdenkliche Verſunkenheit in ſich ſelbſt um, als hätte er Ko⸗ mödie geſpielt und als hätte das Spiel mit dem Abgang aufgehört. Da er noch keine Luſt hatte in ſein einſames Haus zurückzukehren, ſo ging er Anfangs mechaniſch in raſtloſem Verlangen nach Bewegung weiter, ohne ſich zu bekümmern wohin. Aber als er ſich, auf ſolche Art vom Zufall geleitet, im Mittelpunkt der langen ſchmalen Straße befand, welche die einſt getrennten Dörfer Tyburn und Holborn ver⸗ bindet, da gab Etwas in dem flatternden Ideengang der Träumerei ſeinen irrenden Füßen ein beſtimmtes Ziel. Er brauchte blos auf dieſer Straße zu ſeiner Rechten weiterzugehen, um in einer Viertel⸗ ſtunde vor das beſcheidene Wohnhaus zu gelangen, worin er ſich nach ſeiner frühzeitigen Ehe zuerſt niedergelaſſen hatte, um den trockenen Arbeiten der Advokatur obzuliegen. Jetzt da er reif und berühmt den lange verlaſſenen Brennpunkt engliſcher Thatkraft wieder beſuchte, wollte er die glanzloſe Wohnung betrachten, worin ſeine Talente ſich zum erſten Mal im Streben nach Ruhm und Reichthum concentrirt hatten. Wer unter meinen Leſern, der je die ſchimmernde Anhöhe hinangeſtiegen Cach wer kann ihre Steile meſſen!) hat ſich nicht auf gleiche Weiſe zu dem auf holperigem Hügel ſtehenden Dach angezogen gefühlt, unter welchem goldene Träume ſeine mühſam ringende Seele erfriſchten? Jetzt da ihnen ein Ziel angewieſen war, beſchleunigte der an Jahren alt werdende Mann, der aber zu ſeinem eigenen Un⸗ glück noch allzu feſt an der Jugend mit ihrer großartigen Unzufrieden⸗ heit und ihrer herben Empfänglichkeit für mühevolles Streben hing, —— 46 ſeine Tritte ein wenig und ſchritt geräuſchlos einher unter den Gas⸗ lichtern und den Sternen: unter den Gaslichtern, welche zierlich ge⸗ ordnet in gleichen Abſtänden prangten; unter den Sternen, welche dem unbewaffneten Auge ohne Symmetrie oder Methode über den Raum hingeſtreut ſcheinen. Des Menſchen Ordnung, nah und end⸗ lich, iſt ſo genau beſtimmt; des Schöpfers Ordnung, fern und unend⸗ lich, ſteht ſo hoch über des Menſchen Fähigkeit auch nur zu begreifen, was Ordnung überhaupt iſt. Darrell blieb unſchlüſſig ſtehen. Er hatte jetzt einen Platz er⸗ reicht, deſſen Gränzen im Fortſchritt der Zeit verrückt worden waren. Die prächtige breite Straße dauerte noch da fort, wo ſie einſt ganz plötzlich in einem Labyrinth von Höfen und Gängen verſchwunden war. Aber der Weg war nicht ſchwer zu finden. Er wandte ſich ein wenig nach links und erkannte mit bewunderndem Intereſſe in dem heitern, weißen, griechiſch ſeyn ſollenden Gebäude mit ſeinem ehernen und vergoldeten franzöſiſchen Gitterthor das umgewandelte Muſeum, in deſſen ſtillen Bibliotheken er zuweilen kurze Ruhe von ſeinen juri⸗ diſchen Werken erhaſcht hatte. Weiterhin gings durch das lebloſe Bloomsbury, zwar nicht bis zu den letzten Gränzen des Atlas, der Verödung von Podden Place, aber doch wurde die Einſamkeit immer dichter, als er dahinſchritt. Da iſt ſie, in der That eine ruhige Straße; keine Seele auf ihren düſtern Pflaſtern, nicht einmal eine Poliziſten⸗ ſeele. Nichts rührt ſich außer einer verſtohlenen, verworfenen, nichts⸗ nutzigen Katze, welche ſchlau unter den Schranken des freien Platzes. hinweg entflieht. Dieſe Straße herab war er, glaube ich, mit leb⸗ hafterem, muntererem Schritt gekommen, als er mit dem auffallenden Glück, das ſeine weltliche Laufbahn der Ehren ſtets begleitet, plötzlich berufen worden war den Platz eines abweſenden Seniors zu erſetzen, und als die Höfe von Weſtminſter beinahe ſchon in ſeinen erſten Rechts⸗ ausführungen einen Meiſter erkannt hatten;— damals kam er, glaube ich, mit lebhafterem Schritt, klopfte an dieſelbe Thüre, vor welcher er jetzt anhalt, trat in das Zimmer, wo die junge Frau ſaß, und beim Anblick ihres zaͤnkiſchen grämlichen Geſichtes, beim Ton ihrer gemüth⸗ loſen matten Stimme floh er in ſein ſchenkſtübchenähnliches Hinter⸗ zimmer und murmelte„Muth“— Muth um das häusliche Leben zu ertragen, auf das er ſich eingelaſſen hatte aus Sehnſucht nach einer Stimme, die zu einem Freudenruf einladen und einen ſolchen beant⸗ worten ſollte. Wie verſchloſſen, ſtumm und blind ſah jetzt das niedrige Häus⸗ chen aus mit ſeiner kleinen niedrigen Thüre, ſeinen kleinen niedrigen ſtrahlloſen Fenſtern! Dennoch war ein glänzender Ruf hier geboren worden. Wer ſind jetzt die Bewohner? Haben ſie, in Schlummer begraben, irgend goldene Träume? Arbeitet da innen ein ringendes Hirn, welchem der glückliche Mann„Muth!“ zuflüſtern möchte, oder klopft da ein unruhiges Herz, dem ein getreues Weib„Freude!“ zu⸗ murmeln ſollte? Wer weiß? London iſt ein wunderbares Gedicht, aber jede Seite deſſelben iſt in einer verſchiedenen Sprache geſchrieben; es iſt noch für keine ein Wörterbuch abgefaßt. Zurück durch die Straße, unter den Gaslichtern, unter den Sternen ging Guy Darrell langſamer und gedankenvoller. Gab der Vergleich zwiſchen dem was er geweſen und was er jetzt war, zwiſchen dem niedrigen Haus, das er ſo eben wieder beſucht hatte, und dem ſtattlichen Haus, in das er zurückkehren wollte, Gedanken natürlichen Stolzes ein? Es ſchien kaum ſo; in dieſen dicht geſchloſſenen Lippen, in dieſer ſchwermüthigen Gebücktheit war kein Stolz zu erkennen. Er kam in ein ſtilles Viertel— noch immer Bloomsbury— und gerade vor ihm ſtand ein großes reſpektables Haus, beinahe eben ſo groß wie das in vornehmeren Vierteln, wohin er ſeine einſame Rück⸗ kehr verzögerte. Auch hier war eine Zeitlang die Wohnung geweſen, wo er ſich heimiſch gemacht hatte— hieher hatte er, als das Gold fluthartig hereinrollte, als er Auszeichnung gewonnen, ſeine Stellung geſichert; hieher hatte er, als er noch nicht im Parlament ſaß, wohl aber vor den Gerichtsſchranken als der Erſte glänzte— als er bereits von Wahlbehörden beſtürmt, bereits von Miniſtern mit Aufmerkſam⸗ Bulwer, was wird er damit machen? IV. 4 48 keiten überhäͤuft wurde; hieher hatte er noch jung(o glückſeligſter aller Juriſten!) ſeine Hausgötter verlegt. Eine paſſende Wohnung für einen Fürſten im Advokatengewand. Würdet Ihr den glücklichen Mann beneiden, ſo lange er hier lebte 2 Ja in dem Augenblick, wo ſein Tritt dieſe Thüre verläßt; aber ihn beneiden, wenn er ihre Schwelle überſchreitet?— Nein, beneidet lieber den obdachloſen Sa⸗ voyardenknaben, der ſich unter die Säulenhalle dort verkrochen hat und, ſeinen zerlumpten Arm um den Käfig ſeiner dummen Murmel⸗ thierchen geſchlungen, feſt eingeſchlafen iſt. Hier in dieſem großen langweiligen Salon ſitzt eine„blaſſe elegante Aſpaſia“. Gut, aber das Geſicht des Weibes iſt jetzt nicht zänkiſch. Schaut es noch einmal an— es iſt ängſtlich, furchtſam, geheimnißvoll, ſchlau. Oh dieſe ſchöne Lady, eine Vipont Crooke, begnügt ſich nicht damit, des reichen großen Mr. Darrell Frau zu ſeyn. Was verlangt ſie noch mehr? Daß er der faſhionablen ſchönen Mrs. Darrell ein Gemahl ſeyn ſoll? Stolz in ihm! Kein Jota davon; ein ſolcher Stolz wäre unchriſtlich. Wäre er ſtolz auf ſie, wie ein chriſtlicher Ehe⸗ mann auf eine ſolche elegante Frau ſeyn ſoll, würde er dann noch immer in Bloomsbury bleiben? Ihn beneiden! den hohen Gentle⸗ man, ſo treu ſeinem Blute, das durch die moraliſchen Gemeinheiten einer ränkeſüchtigen, fuchsſchwänzeriſchen Nachäffung der Lady Se⸗ linas gänzlich vergällt und vergiftet iſt. Ihn beneiden! wohl, warum denn nicht? Alle Weiber haben ihre Schwächen. Kluge Ehemänner müſſen ertragen und dulden. Iſt das Alles? Warum iſt dann ihre Miene ſo verſtohlen? warum ſteht in der ſeinigen eine wilde wachſame Strenge zu leſen? Pfui! Was bringt eine nach Bloomsbury ver⸗ bannte ſchöne Lady ſo ſehr in die erſehnte Faſhion als die deutlich ausgeſprochene Anbetung eines Lords, nicht ihres eigenen Gemahls, der St. James Geſetze gibt! Unverſucht durch Leidenſchaft, kalt wie Eis gegen Neigungen; in Augenblicken wo ſie beim Strom eines Gefühls aufgethaut iſt, in ihrem Innern den Gemahl!, den ſie gewählt, um den ſie geworben, den ſie gewonnen hat, müßigen Laffen vorziehend, die ſelbſt in Bezug auf äußere Reize weniger begabt ſind;— dieß Alles und dennoch den Eeclat der Unehre ſuchend, darnach kokettirend! Will ſie entfliehen? oh nein, dazu iſt ſie zu klug, aber ſie möchte gern in den Augen und im Gerede der Menſchen als die ſchöne Mrs. Dar⸗ rell gelten, welcher der Lovelace von London ſo zärtlich ergeben iſt. Tritt herein, ſtolzer Sohn des Alleswagenden. Wagſt Du zu fragen, wer ſo eben Dein Haus verlaſſen hat? wagſt Du zu fragen, was und woher das Brieſchen iſt, das dieſe ſchlaue Hand verſteckt hat? wagſt Du es? vielleicht ja: was dann? kannſt Du Dein Weib einſperren? kannſt Du den Lovelace erdolchen? Verſchließe die Luft; erdolche alle Diejenigen, deren leichtfertiges Gerede in St. James die Matrone von Bloomsbury in Faſhion bringen kann. Gehe, Advokat, gehe, ſtudire Rechtsausführungen und ſey Pergament. Todesqualen, wahre Todesqualen drangen wieder durch Guy Darrells Bruſt, als er dieſes große, höchſt reſpektable Haus anſah und ſich ſeines allſtündlichen Feldzuges gegen Unehre erinnerte. Er hat geſiegt. Der Tod ſicht für ihn: gerade auf dem Rande des letzten Skandals hat eine auf irgend einem Vipont'ſchen Ball geholte Erkäl⸗ tung in Fieber umgeſchlagen, und ſo haben die ſchwarzen Pferde die Bloomsburydame von dieſer Thüre hinweg getragen, ehe ſie noch Faſhion war. Glücklich in ſeinem Kummer der Wittwer, der mit vertrauensvoller Hand den harmloſen Pult des verlorenen Weibes durchſuchen kann, überzeugt, daß kein im Leben vor ihm verborgener Gedanke ſich anklagend aus den Papieren erheben wird, die er gleich Schätzen hoch hält! Wie aber ſteht es um dieſen blaſſen ſtolzen Leid⸗ träger, deſſen Auge ſüßduftende Billetchen überfliegt, der ſich ſchon aus Gerechtigkeitsgefühl gegen die Todte überzeugen muß, daß die Mutter ſeiner Kinder blos im Herzen verdorben war, daß die ſchwarzen Pferde zur rechten Zeit vor die Thüre gekommen ſind, und der dürftig getröſtet durch dieſe armſelige Ueberzeugung die letzten Wiſche ins Feuer wirft, auf denen ſeine Ehre, felſengleich in ſeiner eigenen Ver⸗ wahrung, in der Obhut einer eiteln verrätheriſchen Närrin hin⸗ und 4„ hatte, und ein paar Augenblicke zweifelhaft über die Richtung, die er hergeſchwankt hat! Beneidet Ihr dieſen Leidträger? Nein! nicht einmal in ſeiner Erlöſung. Das Gedächtniß läßt ſich nicht in den Sammtſarg hineinnageln, und für große ehrliche Naturen iſt das An⸗ denken an die Verlorenen weniger bitter, wenn es durch zarte Be⸗ trübniß geheiligt, als wenn es mit Verachtung und Schande ge⸗ paart iſt. 3 Das Weib iſt todt. Todt ſeit langen Jahren auch der Lothario! Die Welt hat Beide vergeſſen; ſie verſchwinden auch aus dieſer Er⸗ zählung, ſobald Ihr die Seite umſchlaget; ſie beſitzen keinen Einfluß, keine Einwirkung auf künftige Ereigniſſe, welche den Reſt von Guy Darrells Lebenszeit bezeichnen mögen. Aber während er hier ſteht und in den Raum hineinſtiert, ſind die zwei Geſtalten ſo deutlich vor ſeinen Augen, wie wenn ſie noch lebten. Langſam, langſam ſchaut er ſie zu Boden; das falſche Lächeln verſchwindet aus ihren ſchwachen Umriſſen, Herzeleid und Schrecken ſtehen in ihren Mienen zu leſen, ſie ſinken zuſammen, ſie ſchrumpfen ein, ſie löſen ſich auf. Sechstes Kapitel. Das von der Charybdis ausgeworfene Wrack. Souviens-toi de ta Gabrielle. Guy Darrell wandte ſich haſtig von dem anſehnlichen Haus in der großen Straße ab, und immer tiefer in Träumerei verſinkend kam er von ſeinem direkten Weg nach Hauſe, ſo hell und breit er war, ab. Endlich als er wieder erwachte, meinte er, wie es auch wirklich war, daß die Luft dunkler geworden ſey; er ſchaute ſich vag ringsum und ſah, daß er in ein trübſeliges Labyrinth von Gaſſen und Gängen ver⸗ irrt war. Er blieb unter einem der wenigen Lampenpoſten ſtehen, ſeine Erinnerung an das London ſammelnd, das er ſo lange verlaſſen einſchlagen ſollte. Juſt jetzt kam von einem Gange her, der ihm recht⸗ winkelicht die Front entgegenbot, grämlich und ſcheu eine hohe kräftige unheimliche Hallunkengeſtalt, und als der Kerl Darrells Geſicht unter der Lampe erblickte, hielt er plötzlich an der Mündung des ſchmalen Ganges an, von welchem er aufgetaucht war, ſo daß eine dunkle Ge⸗ ſtalt die dunkle Oeffnung ausfüllte. Erkannte der zerlumpte Land⸗ ſtreicher einen Feind bei dem unvollkommenen Strahl des Lampen⸗ lichtes? oder iſt er blos ein gemeiner Strauchdieb, der noch nicht ent⸗ ſchloſſen iſt, ob er über ſeine Beute herfallen ſoll? Feindſelig ſein Blick— ſeine Geberde— das plötzliche Niederkauern der kräftigen Geſtalt, wie um einen Anſatz zu nehmen; aber er iſt noch immer un⸗ entſchloſſen. Was ängſtigt ihn? was ängſtigt den Tiger, der beim Losſpringen auf den Neger und Hindu furchtlos ſeinem Blutinſtinkte folgt, aber beim Anblick des weißen Mannes, des gebietenden Sohnes Europas, zögernd Halt macht? Darrells Auge war nach dem düſtern Gange, nach der düſtern Geſtalt gekehrt, aber gleichgültig, ohne zu erkennen, ohne zu fürchten oder herauszufordern— gleichgültig wie bei irgend einem harmloſen Gegenſtand in vollgedrängten Straßen und am hellen Tage. Aber während dieſes Auge auf ihm haftete, machte der Lumpenkerl Halt, und in der That brachte, ſo groß auch ſeine Feindſeligkeit oder ſeine Keckheit ſeyn mochte, der Anblick Dar⸗ rells eine ſo plötzliche Ueberraſchung bei ihm hervor, daß er nicht ſo⸗ gleich ſeine Gedanken wieder ſammeln und einen Entſchluß faſſen konnte, wie er dem ruhigen unbewußten Manne nahe kommen ſollte, der ſich im Bereich ſeines Sprunges befand, aber ſeiner überwälti⸗ genden phyſiſchen Stärke mit einer zur Gewohnheit gewordenen Miene würdevollen Gebietens Trotz bot. Sein erſter Impuls war Gewaltthat; ſein zweiter Impuls bändigte den erſten. Aber Darrell wendet ſich jetzt raſch um und geht gerade aus. Die Geſtalt verläßt die Oeffnung der Paſſage und folgt mit langem geräuſchloſem Schritt. Sie hat Darrell beinahe erreicht. Mit welcher Abſicht? Mit einer feindſeligen vielleicht— denn das Geſicht des Mannes iſt unheimlich 5² und ſein Zuſtand augenſcheinlich verzweiflungsvoll— als ganz unerwartet aus einem garſtigen Hof oder einer Sackgaſſe juſt zwiſchen Darrell und ſeinem Verfolger ein hagerer, himmellanger, zugeknöpfter Polizeimann mit einem Wieſelgeſicht auftaucht. Der Polizeimann betrachtet den Lumpenkerl inſtinktmäßig, dann kehrt er ſeinen Blick gegen den einſamen ſchutzloſen Gentleman, der vorausſchreitet, und geht, ſich zwiſchen Beiden haltend, voran. Der Lumpenkerl unter⸗ drückt einen ungeduldigen Fluch. Mag ſeine Abſicht auf einen Ge⸗ waltſtreich oder blos auf eine flehentliche Bitte oder auch nur auf eine Beſprechung irgend einer Art gerichtet ſeyn, es iſt unmöglich ſie aus⸗ zuführen, ſo lange dieſer Polizeimann ſich hier befindet. Allerdings hätte er dieſen hagern himmellangen Offizianten mit ſeinen mächtigen Händen ergreifen und ihn wie eine Weidengerte entzwei brechen können. Aber dieſer Offiziant iſt die Perſonifikation des Geſetzes und kann durch eine Legion von Hallunken hindurchſchreiten, wie ein Frettchen über eine Scheune hingleiten kann, die voll von Ratten iſt. Der Bandit fühlt, daß man Verdacht gegen ihn ſchöpft. Bis jetzt der Londoner Polizei unbekannt, hegt er kein Verlangen ihr forſchen⸗ des Auge auf ſich zu lenken. Er geht über den Weg; er bleibt zurück; er folgt von ferne. Der Polizeimann kann vielleicht weggehen, ehe die ſichereren Straßen der Hauptſtadt erreicht ſind. Nein; die ver⸗ wünſchte Inkarnation des Geſetzes ſcheint in ihrem langen Rücken Augen zu haben, ſie ſetzt ihren langſamen Gang hinter dem argloſen Darrell her fort. Die einſameren Wege find bereits paſſirt— jetzt kommt noch dieſes düſtere Gäßchen mit ſeiner todten Mauer auf der einen Seite. An der todten Mauer ſchleicht der Bandit hin; auf der andern Seite geht fortwährend das Geſetz. Jetzt ſchimmern— wehe um den Banditen!— Straßen, die nicht mehr trübe und verlaſſen ſind, hervor— Leiceſter Square, Haymarket, Pall Mall, Carlton Gardens; Darrell iſt an ſeiner Thüre. Der Polizeimann wendet ſich ſcharf um. Hier, an der Ecke neben dem gelehrten Clubbhaus, hält der Lumpenkerl an. Gegen den Lumpenkerl ſchreitet der Polizei⸗ ——————— ———yy—— 53 mann jetzt raſch zu. Der Lumpenkerl zeigt ſich noch raſcher— er iſt entflohen wie ein frevelnder Gedanke. Zurück— zurück— zurück in dieſes Labyrinth von Paſſagen und Höfen— zurück zu der Mündung dieſes ſchwarzen Ganges. Hier hält er wieder. Schaut ihn an. Er iſt nach einer Abweſenheit von mehr als vier Jahren erſt heute Nacht in London angekommen. Er iſt von der Seeſeite zu Fuß angekommen; ſeht, ſeine Schuhe ſind ganz zerlöchert. Er hat noch kein Obdach für die Nacht. Er iſt nach dieſem Quartier gewieſen worden, wo ſich eingeborne und fremde Abenteurer zuſammendrängen, um ein ſicheres, wenn auch ſchmutziges Obdach zu erhalten. Es befindet ſich in der Nähe dieſes Hofes, an deſſen Mür⸗ 3 dung er ſteht. Er ſchaut ſich um, der Polizeimann iſt von der Fährte abgekommen: das Feld iſt rein. Er ſchleicht voran und bleibt unter demſelben Gaslicht ſtehen, unter welchem Guy Darrell vorher ſtehen geblieben war— unter demſelben Gaslicht, unter denſelben Sternen. Aus irgend einem Winkel in ſeinen Lumpen zieht er eine große ſchmutzige aufgeſchwollene Brieftaſche hervor— die letzte Reliquie von ſchöneren Tagen— Leder von zierlichem Saffian, einſt ſorgfältig bearbeitet, Patentſpringfedern, zauberhaftes Schloß, paſſender Be⸗ hälter für Banknoten, Liebesbriefe, Erinnerungen an Ehrenſchulden oder an Verabredungen zu Luſtpartien. Wie abgenutzt, ſchmutzig, ſchmierig, ſchuftig das köſtliche Spielzeug jetzt ausſieht! Mit welchem unlieblichen Miſchmaſch es jetzt angefüllt iſt— mit veralteten Pfand⸗ ſcheinen von auswärtigen Leihhäuſern, Pfändern, die niemals gelöst werden; mit diebiſchen Hieroglyphen gekritzelt von ſchurkiſchen Händen; mit garſtigen Werkzeugen an der Stelle des Malachitfedermeſſers, 1 des goldenen Zahnſtochers, des juwelenbeſetzten Bleiſtifthalters, die einſt ſo zierlich in ihren atlaßnen Täſchchen geſteckt. Garſtige Werk⸗ zeuge in der That— eine Feile, ein Zwickbohrer, falſche Würfel. 1 Vermengt unter ſolchem abſcheulichen Inhalt von neuerem Datum, befinden ſich entehrte Zeugen eines heitereren Sommerlebens da— Locken von Damenhaaren, Liebesbrieſchen, die mechaniſch aufbewahrt 54 worden, nicht in Folge eines verliebten Gefühls, ſondern vielleicht in Folge einer vagen Idee, daß ſie nützlich werden könnten, wenn die Spenderinnen der Locken und die Schreiberinnen der Briefchen zu großem Vermögen gelangt ſeyn würden und die Denkzettel der Schande zurück⸗ kaufen könnten. Wühlend unter dieſem bunten Allerlei von Dokumenten und Schätzen, ruhte die Hand des Banditen auf einigen alten Briefen von ſchreiberartig ſchoͤner Kalligraphie, mit einer ſchmutzigen Schnur umbunden, und unter ihnen auf einer Schrift von friſchem Datum, einem Wiſch, der eine Adreſſe enthielt—„Samuel Adolphus Poole, Eſg. Alhambra Villa, Regents Park.“„Morgen, mein lieber Dolly; mor⸗ gen,“ murmelte der Lumpenkerl,„aber heute Nacht;— der Teufel ſolls holen, wo iſt die Adreſſe dieſes andern Gauners? Ah hier—“ Und er zieht aus dem Diebsgekritzel eine Hieroglyphe heraus, die ganz beſonders diebiſch ausſieht. Jetzt da er ſie in die Höhe hält, um ſie beim Gaslicht zu leſen, beobachtet ihn wohl. Kennt Ihr ihn nicht? Iſts möglich? Was! Dieſer ſchimmernde Gauner! Dieſer ſtutzer⸗ hafte Schwindler! Jaſper Loſely! Kann das ſeyn? Früher einmal auf den Feldern von Fawley ſahen wir ihn mit Löchern im Ellbogen, abgeriſſen, ſchäbig, zerlumpt. Aber damals war es die Herabgekom⸗ menheit eines geckenhaften Verſchwenders— ſchmutzige, ſchlecht zu⸗ ſammenpaſſende Kleider, aber immerhin von feinem Tuch; durchlöcherte Sohlen, aber immerhin perlfarbige Halbſtiefelchen. Aber jetzt deutet die Verkommenheit nicht auf einen geckenhaften Verſchwender, die Lumpen ſind nicht von feinem Tuch, die zerriſſenen Schuhe ſind keine Halbſtiefel. Der Mann iſt tief unter die gebildeteren Grade der Schurkerei herabgeſunken, in welchen der Gauner noch den Stutzer ſpielt. Und ſein Geſicht war, als wir es das letzte Mal ſahen, wenn es auch viel von ſeiner früheren Schönheit verloren hatte, immer noch unbeſtreitbar hübſch. Damals ſchimmerte noch ein gewiſſes Licht darauf, das von Kraft, Geſundheit und Lebensmuth zeugte; jetzt war in Folge gänzlicher Geſunkenheit auch dieſes Licht verſchwunden. In dieſer herkuliſchen Conſtitution hatten Ausſchweifungen aller Art zuletzt ihre gewaltſamen Verheerungen angerichtet, und dieſe Ver⸗ heerungen ſtanden deutlich in dem ruinirten Geſichte zu leſen. Das einſt funkelnde Auge war trübe und blutunterlaufen. Die einſt hellen und friſchen Wangen, auf welchen unbändiges Trinken das Blut blos in eine wärmere Glut gebracht hatte, waren jetzt von bleierner Mat⸗ tigkeit, die nur durch gebrochene Strahlen von zornigem Roth, Feuer⸗ funken ähnlich, die ſich aus einem dichten Rauch losringen, gehoben wurde. Das Profil, einſt ſcharf und zart wie ein Apollogeſicht, war jetzt verſchwommen in ſeinen geſchwollenen Umriſſen; noch wenige Jahre, und es mußte dick werden wie ein Silenskopf— die Naſen⸗ flügel waren ausgedehnt von beginnenden Carfunkeln, welche den Al⸗ kohol verrathen, der ſeine Klauen in die Leber einſchlägt. Böſe Lei⸗ denſchaften hatten die Umriſſe der einſt ſchönen, gleich Cupidos Bogen gewölbten Lippen zerſtört. Der ſcheue düſtere ſchuftige Ausdruck, der früher nur gelegentlich hervorgetreten, war jetzt habituell und erhöht. Es war der Blick des Auerochſen, bevor er zuſtoßt. Es iſt jedoch wahr, daß auf dem Geſichte noch immer die Spur der verſchwende⸗ riſchen Gunſt weilte, womit die Natur es bedacht hatte. Ein Künſtler würde noch immer geſagt haben:„Wie hübſch muß dieſer Lumpenkerl einmal geweſen ſeyn!“ Und ebenſo iſt wahr, daß die Haltung des Mannes noch Etwas an ſich hatte, was mit ſeiner Schmutzigkeit con⸗ traſtirte und zu verkünden ſchien, daß er nicht geboren ſey, um Lumpen zu tragen und zu mitternächtlicher Stunde in Diebshöhlen herumzu⸗ lungern. Ja ich bin nicht überzeugt, daß Ihr Euch jetzt eben ſo un⸗ gläubig angeſtellt haben würdet, wenn man Euch geſagt hätte, der wilde Auswürfling vor Euch habe durch Geburt oder Erziehung An⸗ ſprüche auf den Rang eines Gentleman, als wenn Ihr den heitern Verſchwender in ſeinen Tagen des Glanzes geſehen hättet. Denn damals ſchien er unter und jetzt über dem Grade zu ſtehen, in welchem er Platz nahm. Und alles dieß gab ſeinem Anſehen etwas noch Un⸗ heimlicheres und machte den Eindruck, daß er ein gefährlicher Menſch ſey, noch tiefer. Muskelkraft bleibt einer ſtarken Geſtalt oft noch —— 56 lange nachdem die Conſtitution untergraben iſt, und Jaſper Loſelys Geſtalt war noch immer die eines furchtbaren Athleten; ja ihre Stärke trat jetzt, nachdem die Schultern und Gliedmaſſen an Umfang ge⸗ wonnen hatten, noch augenſcheinlicher hervor, als zur Zeit, wo ſie in der glatten Symmetrie ausgeſuchten Ebenmaßes halb verborgen war — weniger rüſtig, weniger geſchmeidig, weniger zur Ausdauer fähig, aber mit zermalmenderer Wucht in ihrem ungeſtümmen Anlauf oder in ihren Schlägen. Es war die Geſtalt, in welcher brutale Stärke dermaßen vorzuherrſchen ſcheint, daß ſie in einem wilden Staat eine Krone getragen haben würde— die Geſtalt, welche in allen Geſell⸗ ſchaften, wo Kraft allein die Geſetze gibt, Herrſcherrecht und Herrſcher⸗ anſehen ſichert. So ſtand unter dem Gaslicht und unter den Sternen das furchtbare Thier— ein ſtarker zum Vieh gewordener Mann. Souviens-toi de ta Gabrielle! Noch unverwiſcht, obſchon die Gold⸗ fäden ſämmtlich abgeſchoſſen und zerlumpt ſind, ſtehen die ominöſen Worte auf dem ſeidenen Liebeszeichen des weiblichen Satans. Aber Jaſper hat jetzt auf dem Papier, das er an das Lampenlicht hielt, die Richtung geſehen, und nachdem er ſich überzeugt, daß er in der rechten Gegend war, legte er das Papier in die maſſenhafte aufgeſchwollene Brieftaſche zurück und ſchritt verdrießlich auf den Hof zu, von welchem der Polizeimann aufgetaucht war, der ſeinen Raubzug durchkreuzt hatte. „Es iſt die niederträchtigſte Schande,“ ſagte Loſely zwiſchen ſeinen knirſchenden Zähnen,„daß ich mich in dieſen elenden Höhlen um eine Wohnung umſehen muß, während dieſer Mann, der ſich ver⸗ pflichtet fühlen ſollte mich aufrecht zu erhalten, ſich im Schooße des Ueberfluſſes wälzt und ſich in einem Palaſte gütlich thut. Aber er ſoll mir ſchon herauskommen. Sophy muß aufgetrieben werden. Ich werde ſie in Lumpen kleiden, wie dieſe ſind. Sie ſoll vor ſeiner Hausthüre ſitzen. Ich will den ſchmutzigen Hungerleider beſchämen. Aber wie das Mädchen aufſpüren? Habe ich keine andere Hand⸗ habe an ihn? Kann ich Dolly Poole zu ihm ſchicken? Wie leer mein Gehirn iſt! Mangel an Nahrung— Mangel an Schlaf. Iſt dieß der Ort? Puh!“ So murmelnd erreichte er jetzt den Bogen des Hofes und wurde von ſeinem Düſter verſchlungen. Einige wenige Schritte, und er kam in einen viereckigen offenen Platz, der ſein Licht blos vom Himmel herab empfing. Ein Haus, größer als die übrigen, die zur gemeinſten Sorte gehörten, ſtand etwas rückwärts und nahm beinahe eine Seite des Vierecks ein— alt, ſchmutzig, verfallen. An der Thüre dieſes Hauſes ſtand ein anderer Mann, der eben ſeinen Schlüſſel anſetzte. Als Loſely ſich näherte, wandte ſich der Mann, halb in Furcht halb in Drohung, raſch um— ein kleiner, ſehr ſchmächtiger koboldartiger Mann mit eigenthümlich unruhigen Zügen, die einen Verſuch zu machen ſchienen von ſeinem Geſichte wegzulaufen. Er ſah aus wie wenn er nur Haut und keine Knochen hätte— er hatte etwas Kobold⸗ artiges, ſo daß Ihr Euch nicht wundern würdet, wenn Ihr hörtet, er könne durch ein Schlüſſelloch ſchlüpfen. Er ſchien noch ſchattenhafter und unbetaſtbarer in Folge ſeiner geringfügigen dünnen ſchwarzen Kleidung, die nicht aus Tuch, ſondern aus einem alpacaartigen Zeuge beſtand. Im Uebrigen war dieſe Kleidung nicht zerlumpt, auch ſah ſie beim Sternenſchein nicht abgetragen oder ſchäbig aus; gleichwohl brauchtet Ihr nur einen flüchtigen Blick auf das Geſchöpf zu werfen, um einzuſehen, daß es ein Kind derſelben Familie der Nacht war wie der zerlumpte Böſewicht, der an ſeiner Seite emporragte. Die beiden Auswürflinge ſtarrten einander an.„Cutts!“ ſagte Loſely mit ſeiner alten heitern Stimme, aber in einer heiſereren rauhereren Tonart—„Cutts, mein Junge, da bin ich, be⸗ willkommnet mich.“ „Was! General Jas!“ erwiederte Cutts in einem Ton, der nicht ohne eine gewiſſe ehrerbietige Scheu war, und überſchüttete ihn ſodann mit einer ganzen Reihenfolge von Fragen in einer myſteriöſen Sprache, die ſich folgendermaßen überſetzen und abkürzen ließe:„Seit wie lange ſeyd Ihr in England? Wie iſt es Euch ergangen? Ihr ſcheint ſehr ——— 58 übel dran zu ſeyn? Hieher gekommen, um Euch zu verſtecken? Nichts ſehr Schlimmes, hoffe ich? Was iſt es?“ Jaſper antwortete in derſelben Sprache, obſchon mit geringerer Uebung und Meiſterſchaft darin und mit der zur zweiten Natur ge⸗ wordenen Leichtfertigkeit, die, was auch Zeit und Umſtände mit ſich bringen mochten, ſeiner Ausdrucksweiſe gelegentlich eine eigen⸗ thümliche Art von Witz, eine wunderliche gefährliche Drolligkeit gab, die ſelbſt nach dem Teufel Nichts fragte. „Drei Monate des ärgſten Peches, das ein Mann je gehabt hat — eine Balgerei mit den Gendarmen— lange Geſchichte— drei von unſern Burſchen abgefaßt— vermuthlich Galeerenarbeit für ſie — franzöſiſche Poliziſten können mich nicht erwiſchen— frikaſſirte ein Paar von ihnen— brach auf— durchkreuzte das Land— er⸗ reichte die Küſte— fand einen ehrlichen Schmuggler— landete ober⸗ halb Suſſex mit ein paar andern Branntweinzapfen— erinnerte mich Euer— hatte die Adreſſe aufbewahrt, die Ihr mir gegeben— und beſcheide mich für ein paar Nächte mit dieſem Rattenloch. Laßt mich ein— klopfet Jemand heraus— öffnet die Speckkammern— mich verlangt nach Etwas zum Eſſen— ich bin ausgehungert— ich würde Euch bereits aufgefreſſen haben, wenn nur an Euern Beinen Etwas wäre.“ Der kleine Mann öffnete die Thüre— ein Gang, ſchwarz wie der Erebus.„Gebt mir Eure Hand, General!“ Jaſper ließ ſich ein paar Dutzend Schritte durch das pechſchwarze Düſter führen, dann fand der Führer einen Gashahnen, und der Platz wurde auf einmal beleuchtet. Eine ſchmutzige ſchmale Treppe auf der einen Seite; ihr gegenüber eine Art von Vorhalle, in welcher eine offene Thüre ein langes ſandbedecktes Verſammlungszimmer, ähnlich denen in Kneipen, zeigte — mehrere Tiſche, Bänke, die Wände weiß getüncht, aber mit ver⸗ ſchiedenen ſinnreichen Zeichnungen geſchmückt, die mit Kohlen oder ſchwarz gerauchten Tonpfeifenſtückchen ausgeführt worden. Ein ſtarker Geruch von abgeſtandenem Tabak ſowie von Wachholderbranntwein und Rum. Ein anderes Gaslicht, das mitten von der Decke herab⸗ hing, fing Feuer, ſobald Cutts den Hahn berührte. „Wartet hier,“ ſagte der Führer.„Ich will weggehen und Euch Etwas zum Eſſen bringen.“ „Und etwas Branntwein,“ ſagte Jaſper. „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ Der Bravo warf ſich zuletzt auf einen der Tiſche und ſchloß ſtöhnend ſeine Augen. Seine ungeheure Kraft war mit phyſiſchem Schmerz bekannt geworden. In ſeinen derben Nerven und Fibern begannen ſich zwickende und ſtechende Schmerzen einzufinden, deren Drachenzähne er vor Jahren in Schmauſereien oder Balgereien aus⸗ geſäet hatte, welche damals nur unſchuldige Freude und leichten Triumph mit ſich zu bringen ſchienen. Aber als Cutts mit ſchlechten Fleiſchſpeiſen und der Branntweinflaſche wieder zum Vorſchein kam, da ſchüttelte Jaſper das Schmerzgefühl ab, wie eine verwundete wilde Beſtie, die noch immer freſſen kann; und nachdem er ſchnell und gierig ſeinen Heißhunger geſtillt, leerte er die halbe Flaſche auf einen Zug und fühlte ſich wiederhergeſtellt und friſch. „Werdet Ihr Euch unter die geringen Burſche werfen, die ihren Clubb hier halten, General?“ fragte Cutts.„Dieß iſt ein ſchlechtes Geſchäft und geht mit jedem Jahr ſchlechter. Oder habt Ihr nicht irgend ein höheres Wild im Auge?“ „Allerdings habe ich höheres Wild im Auge. Einen Vogel, auf den ich erſt heute Nacht angelegt habe. Aber dieß kann eine langſame und unſichere Arbeit ſeyn. In meiner Brieftaſche hier beſitze ich eine Bank, auf die ich mittlerweile ziehen kann.“ „Wie?— Nachgemachte franzöſiſche Banknoten— ge⸗ fährlich.“ „Bah!— Etwas weit Beſſeres— Briefe, die einen rripertabeln reichen Mann des Diebſtahls überweiſen.“ „Ah, Ihr erwartet Schweiggeld?“ „Allerdings. Ich habe gute Freunde in London.“ „Unter dieſen befindet ſich vermuthlich jene liebevolle Adoptiv⸗ mutter, die Euch gerne ſo in Ordnung gehalten hätte?“ „Tauſend Teufel! Ich hoffe nicht. Ich bin gewiß nicht aber⸗ gläubiſch, aber ich fürchte dieſes Weib, wie wenn ſie eine Hexe wäre, und ich glaube ſie iſt eine. Ihr erinnert Euch doch des ſchwarzen Jean, den wir Sansculotte nannten. Er hätte um ein Fünffranken⸗ ſtück einen Kirchhof mit ſeinen eigenen Bälgen gefüllt, aber bei Nacht wäre er nicht für tauſend Naps allein über einen Kirchhof gegangen. Nun ſehet, dieſes Weib iſt für mich, was ein Kirchhof für den ſchwarzen Jean war. Nein; wenn ſie in London iſt, ſo brauche ich nur in ihr Haus zu gehen und zu ſagen: Koſt, Obdach, Geld! Aber ich wollte lieber den Henker um einen Strick angehen.“ „Wie erklärt Ihr dieß, General? Sie ſchlägt Euch nicht— ſie iſt nicht Euer Weib. Ich habe manchen wackern Burſchen, der ohne zu blinzeln im Feuer ſtand, der böſen Zunge eines ſcheltenden Weibes gegenüber die Segel ſtreichen geſehen. Aber dann muß er mit jedem Blutstropfen an ſie verkauft ſeyn.“ „Cutts, dieſer Drache von einem Weib ſchilt nicht, ſie predigt. Sie will einen Einfaltspinſel aus mir machen, Cutts— ſie ſpricht von meinen jungen Tagen, Cutts— ſie will mich zu dem herabwür⸗ digen, was ſie einen ehrlichen Mann nennt, Cutts— ſie iſt eine tugendhafte Ränkemacherin. Sie ſtutzt mir die Flügel, ſie macht mir Angſt und bang, ſie ſchreckt mich ein, ſo daß ich ganz meinen Verſtand verliere, Cutts. Denn ich glaube, daß die Hexe entſchloſſen iſt mich mit Leib und Seele zu haben und mich eines Tags gegen meinen Willen zu heirathen, Cutts. Und wenn Ihr je ſehet, daß ich im Be⸗ griff ſtehe mich von dieſen ſchrecklichen Tatzen einkrallen zu laſſen, ſo vergebet mir mit Rattengift oder ſchlaget mich auf den Kopf, Cutts.“ Der kleine Mann erhob ein kurzes ſcharfes und gelles Gekicher über die ſeltſame Feigheit des hartgeſottenen Unholds, der ſonſt von keiner Angſt wußte. Aber Jaſper ſtimmte nicht in das Lachen ein. „Still!“ ſagte er äͤngſtlich,„und verſchafft mir ein Bett, wenn Ihr könnt; ich habe ſeit acht Tagen nicht geſchlafen und meine Nerven werden zitterig.“ Der Kobold zündete einen Lichtſtumpen an der Gasflamme an und führte Loſely die Treppe hinauf in ſein eigenes Schlafzimmer, das comfortabler war, als man hätte vermuthen können. Er trat ſein Bett an den Wanderer ab, der ſich in ſeinen Lumpen und ganz wie er war darauf warf. Aber der Schlaf ſtand eben ſo wenig zu ſeinen Befehlen, als er zu den Befehlen eines Königs ſteht. „Was zum Henker mußtet Ihr auch von dieſer Hexe ſprechen?“ rief er ärgerlich Cutts zu, der ſich auf dem Stubenboden ein Lager zurecht machte.„Wahrhaftig es iſt mir, als ſäße ſie wie ein Alp auf meinem Bruſtkaſten.“ Er drehte ſich mit einer Heftigkeit um, welche die Wände er⸗ ſchütterte, ſchlug die Decke um ſich herum und ſenkte ſeinen Kopf in ihre Falten. So ſonderbar es einem Neuling in der Menſchennatur erſcheinen mag, für Jaſper Loſely war das Weib, das ſo lange nur für einen einzigen Zweck gelebt hatte, nämlich ihn vor dem Galgen zu retten, wie ſein böſer Genius, wie ein Feind, der ihm keine Ruhe ließ. Er hatte einen tiefen Schrecken vor ihr gefaßt von dem Augenblick an, wo er bemerkte, daß ſie entſchloſſen darauf ausging ihn ehrlich zu machen. Er war ſeit Jahren von ihr ausgeriſſen, war geflohen, hatte ſein ſchlechtes Treiben wieder angefangen, ſich vor ihr verborgen, aber vergeblich. Wo er ging, da war auch ſie. Er konnte die Polizei irre leiten, aber nicht ſie. Hunger hatte ihn oft gezwungen ihre Unter⸗ ſtützung anzunehmen. Sobald er ſie empfangen hatte, verbarg er ſich wieder vor ihr und wühlte ſich immer tiefer und tiefer in den Schlamm ein wie eine verfolgte Schleie. Er ſetzte ihre Idee mit allem Unglück in Verbindung, das ihn je befallen hatte. Mehrere Male war irgend ein ſchurkiſcher Anſchlag, auf den er mit Sicherheit ſein Glück zu gründen gehofft, auf die geheimnißvollſte Weiſe vereitelt worden, und juſt wenn ein ſolcher Plan zerſtört war, wenn ihm keine andere Wahl zu bleiben ſchien, als ſich ſelbſt oder einem andern Menſchen die Kehle 62 abzuſchneiden, da tauchte die grimme Arabella Crane in dem eiſen⸗ grauen Kleide und mit den eiſengrauen Locken auf gehäſſige grauen⸗ hafte Art Wohlthaten ſpendend hervor, bot Nahrung, Obdach, Gold — und irgend eine vermaledeite ehrenhafte Arbeit an. Oft war er durch die Wachſamkeit des Geſetzes oder durch den Verrath eines Mitſchuldigen in augenſcheinliche Gefahr gerathen. Sie hatte ihn gewarnt und gerettet, wie ſie ihn vor der ruchloſen Gabriele Des⸗ marets gerettet hatte, welche ſich nach einem langen, mit erſtaun⸗ licher Geſchicklichkeit durchgeführten Prozeß, der die romantiſchen Sympathien des jungen Frankreichs aufgeregt, der über ſie ver⸗ hängten Gefängnißſtrafe dadurch zu entziehen wußte, daß ſie ſich in eine andere Welt flüchtete mittelſt eines feinen an ihrer diſtinguirten Perſon verborgenen Giftes, das ſie ſeit Jahren mit ihren eigenen blutloſen Händen bereitet und deſſen Wirkung ſie ohne Zweifel wiſſen⸗ ſchaftlich an Andern erprobt hatte. Die Cobra Capella iſt endlich dahingegangen. Souviens-toi de ta Gabrielle, oh Jaſper Loſely! Aber warum Arabella Crane auf ſolche Art fortfahren ſollte über ihn zu wachen, während ſie ihn doch nicht mehr zu lieben behauptete— wie ſie auf ſolche Art die Gabe der Allgegenwart und die Macht ihn zu retten erworben haben ſollte, darüber konnte Jaſper Loſely keine Vermuthungen aufſtellen. Das ganze Ding erſchien ihm als Hexen⸗ werk, als etwas Uebernatürliches. Mit vollem Recht ſagte er, ſie habe ihn eingeſchreckt. Er hatte ſie oft erdroſſeln wollen; wenn er von ihr abweſend war, hatte er ſich oft zu dieſem Akt der Dankbarkeit ent⸗ ſchloſſen. Sobald er ihr herbes graſſes Geſicht, ihre durchbohrenden trüben Augen zu ſehen bekam— ſobald er ihre langſame trockene Stimme Sätze ausſprechen hörte wie folgende:„Ihr kommt in Eurer Noth wieder zu mir und werdet es immer thun. Bin ich nicht noch immer Eure Mutter, aber mit der Treue eines Weibes, bis der Tod uns ſcheidet? Da iſt das Abbild deſſen was Ihr einſt waret— ſchaut es an, Jaſper. Jetzt wendet Euch zu dem Spiegel— ſeht was Ihr ſeyd. Denkt an das Schickſal der Gabriele Desmarets. Was wäre Euer eigenes ohne mich ſchon lange geworden? Aber ich will Euch retten— ich habe es geſchworen. Ihr werdet in dieſen Händen zuletzt zu Wachs werden;“— im Augenblick, wo dieſe Stimme ſo rief und darauf beſtand ihn zu erlöſen, empfand der Bandit einen kalten Schauer— ſein Muth ließ nach; er konnte eben ſo wenig ſeinen Arm gegen ſie erheben als ein Thug gegen die ſchreckliche Göttin ſeines mörderiſchen Aberglaubens. Jaſper vermochte einem Glauben nicht zu widerſtehen, daß das Leben dieſer furchtbaren Gönnerin auf die eine oder andere Weiſe für ſein eigenes weſentlich gemacht ſey— daß, wenn ſie ſtärbe, er ſelbſt in irgend einer geſpenſterhaften und überna⸗ türlichen Sühnung zu Grunde gehen würde. Aber in den letzten paar Monaten war er endlich ihr entwiſcht— er war ſo tief in den Schlamm hinabgetaucht, daß ſelbſt ihr Netz ihn nicht umgarnen konnte. Daher vielleicht die Bedrohlichkeit der Gefahren, denen er mit ſo knapper Noth entronnen war— daher ſeine gänzliche gegen⸗ wärtige Verlaſſenheit. Aber der Menſch iſt, ſo niedrig er auch denken, ſo groß ſeine Gefahr und Verlaſſenheit ſeyn mag, frei geboren und liebt die Freiheit. Die Freiheit auf ſeine eigene Weiſe zum Satan zu gehen war für Jaſper Loſely ein überſchwängliches Glück im Ver⸗ gleich mit dieſer wohlmeinenden mitfühlenden Spionerei, mit ihrem unbarmherzigen Auge und ihrer zurückhaltenden Hand. Ach und aber Ach, haltet dieſe Verkehrtheit nicht für etwas Unnatürliches bei dieſem halsſtarrigen Selbſtzerſtörer! Wie Viele gibt es, welche nicht eine grimmige, durch harte Geſichtszüge abſtoßende Arabella Crane, ſon⸗ dern die langmüthige göttliche allwiſſende gütige Vorſehung ſelbſt zu warnen, zu unterſtützen, zu retten ſucht, und dennoch meidet man ſie voll Ueberdruß und entflieht ihr, wie wenn ſie ein böſer Genius wäre! Wie Viele gibt es, die Nichts ſo ſehr fürchten, als daß man ſie gegen ihren eigenen Willen gut machen könnte? wie Viele? Wer vermag ſie zu zählen? ——ꝛ—— 4ß— Bulwer, was wird er damit machen? IV. 64 Siebentes Kapitel. Der Staatsmann bedarf nur eines einzigen Gönners, nämlich des glück⸗ . lichen Augenblicks. „In ſeinem Haus in Carlton Gardens Guy Darrell Eſg. für die Saiſon.“ Eine einfache Anzeige in der pompoͤſen Liſte faſhionabler An⸗ künfte!— Der Name eines ſchlichten Unterhausmitglieds, eingefügt in den Ambra, der von ſo vielen Krönchen und Sternen funkelt! Aber ſo iſt England mit all ſeiner Verehrung für Titel, daß die Augen des Publikums gleichgiltig über den Reſt dieſer Chronik vom Aufenthalt vornehmer Leute wegſahen, um mit Theilnahme, Neugierde, Berech⸗ nung auf dem wappenloſen Namen zu ruhen, der noch geſtern gänzlich vergeſſen geſchienen— veraltet wie der Name eines Schauſpielers, der nicht mehr auf den Komödienzetteln figurirt. Unſtreitig war die hervorgerufene Senſation zum großen Theil den zweideutigen Ge⸗ rüchten zuzuſchreiben, welche Oberſt Morley in der heitern Atmoſphäre der Clubbzimmer ausgeſprengt hatte. Angekommen in London für die Saiſon!— Er, der einſt ſo berühmte, lange ſo vergeſſene Redner, der ſich mehr als ein halbes Menſchenalter hindurch außerhalb der Lon⸗ doner Welt bewegt hatte.„Warum jetzt?— Warum für die Saiſon?“ — Sprach der Oberſt:„Als Staatsmann befindet er ſich noch immer in der Blüthe ſeines Lebens, und eine Kriſis ſteht vor der Thüre.“ Aber was den Andeutungen Alban Morleys Gewicht und Be⸗ deutung verlieh, das waren die Zeitungsberichte über Guy Darrells Beſuch bei ſeinen alten Wählern und über ſeine kurze Rede an die⸗ ſelben, die er in ſeiner Beſprechung mit Alban ſo obenhin berührt hatte. Allerdings war die Rede kurz: allerdings ließ ſie ſich nicht ausführlich auf Hauptpunkte der Tagespolitik ein, ſondern ſpielte viel⸗ mehr in beſcheidener und geriebener Sprache auf die Kämpfe und Siege früherer Zeiten an. Aber immerhin klang aus den wenigen Worten der Ton der alten Zinke— es war der Wind des Paladins⸗ hornes, der Fontarabiſche Echos wachrief. 65 Es iſt erſtaunlich wie launiſch, wie plötzlich die Veraͤnderungen im Werthe eines Staatsmannes ſind. Alles hängt davon ab, ob das Publikum des Mannes bedarf oder zu bedürfen glaubt; und das iſt eine Frage, über welche ſich das Publikum ſelbſt eine Woche vorher noch nicht klar iſt, und worin es ſich, wenn es einmal entſchieden hat, nicht immer eine Woche lang gleich bleibt. Wenn man eines Mannes nicht bedarf— wenn er den Geſchmack der Zeit nicht trifft oder ihren Anforderungen nicht entſpricht, ſo mögen ſeine Beredtſamkeit, ſeine Fähigkeiten und Tugenden noch ſo glänzend ſeyn, er wird dennoch auf die Seite geſtoßen oder niedergeſchrieen. Bedarf man ſeiner?— Strahlt der Spiegel des Augenblicks ſein Bild zurück?— Dieſer Spiegel iſt ein gewaltiger Vergrößerer, ſeine Verhältniſſe ſchwellen — ſie werden rieſig. In dieſem Augenblick bedurfte das Publikum irgend eines Mannes, und ſobald die Andeutung gefallen war: „Warum nicht Guy Darrell?“ ſo wurde Guy Darrell als der Mann des Bedürfniſſes feſtgehalten. Es war eine jener Zeiten in unſerer parlamentariſchen Geſchichte, wo das Publikum auf alle Parteien ſchlecht zu ſprechen iſt— wo anerkannte Führer ſich ſelbſt ins Licht getreten ſind— wo ein Kabinet wankt, und es dem Publikum gleich⸗ giltig iſt es zu zerſtören oder aufrecht zu erhalten;— ferner eine Zeit, wo das Land in irgend einer Gefahr zu ſchweben ſchien, wo man bloße Geſchäftsmänner der Lage der Dinge nicht gewachſen glaubte, und wo daher auf jeden Namen, der an Thatkraft, Ent⸗ ſchloſſenheit und Genie erinnerte, eine Prämie geſetzt war, welche ſeinen Marktpreis in ruhigen Zeiten weit überſtieg. Ohne eigene Bemühung— lediglich durch die Gewalt der unterſeeiſchen Strö⸗ mung wurde Guy Darrell der Vergeſſenheit entriſſen und wieder ans Licht gezogen. Er konnte kein Kabinet bilden— in der That nicht; aber er konnte dazu helfen ein Kabinet zu Stande zu bringen, er konnte kontraſtirende Elemente verſöhnen, ſtreitige Fragen beilegen, in einer ſolchen Regierung einen hohen Platz einnehmen, ihre Be⸗ rathungen beeinfluſſen und ein der dermaligen Redekünſte müde 5* gewordenes Publikum durch die Beredtſamkeit eines früheren Ge⸗ ſchlechtes entzücken. Denn das Publikum iſt immer ein laudator temporis acti, und wie auch die Autoren oder Redner, die es unmittel⸗ bar vor Augen hat, ſeyn mögen, wären dieſe Autoren und Redner Homere und Cicerone, ſo würde es dennoch geringſchätzig den Kopf ſchütteln und von dieſen entarteten Tagen ſprechen, wie Homer ſelbſt von Zeitaltern ſprach, bevor Leonidas in den Thermopylenpäſſen feſt⸗ geſtanden oder Miltiades die afiatiſchen Heerſchaaren bei Marathon uͤber den Haufen geworfen hatte. Guy Darrell gehörte einem frü⸗ heren Geſchlechte an. Die Väter dieſer jungen Mitglieder, die jetzt berühmt zu werden anfingen, hatten ihren Sohnen von ſeinen mar⸗ kigen Ausſprüchen, von ſeinen lebhaften Bildern erzählt, und fügten, wie Fox, wenn er von Burke ſprach, hinzu:„Aber Ihr hättet den Mann hören und ſehen ſollen!“ Den Mann hören und ſehen! Nun da war er ja wieder!— Heraufgekommen wie aus einem Grab— heraufgekommen zu dem Publikum juſt in dem Augenblick, wo es eines ſolchen Mannes be⸗ durfte. Wie bedurfte?— wo bedurfte?— Oh irgendwie und irgendwo. Da iſt er! Benützet ihn ſo gut Ihr könnt! Das Haus in Carlton Gardens iſt in den Stand geſetzt, die Einrichtungen ſind vollſtändig getroffen. Hieher ſtrömen alle Viponts — und nicht ſie allein; alle Häupter aller Parteien— und nicht ſie allein; alle Berühmtheiten unſerer großen Hauptſtadt. Guy Darrell konnte über ſeine eigene Stellung erſchrecken; aber er begriff ihre Natur und ſie ſtörte die Ruhe ſeiner Nerven nicht. Er kannte das offentliche Leben gut genug, um zu wiſſen, wie ſehr die Volksgunſt das Geſchöpf eines Zufalls iſt. Zufällig hatte er die Zeit getroffen; wäre er in der vorigen Saiſon ſo in die Stadt gekommen, ſo hätte er fortwährend obſcur bleiben können, denn ein Mann wie Darrell war damals kein Bedürfniß. War es Abſicht oder nicht, ſeine Haltung beſtätigte und vergrößerte die Wirkung, die durch ſein Wiedererſcheinen hervorgebracht wurde. Huldvoll, abey mit beſcheidener Zurückhaltung, 67 ſprach er wenig und hoͤrte ſchoͤn. Viele der Fragen, die unmittelbar um ihn her verhandelt wurden, hatten ſeit ſeiner öffentlichen Wirk⸗ ſamkeit Bedeutung gewonnen, und während ſeiner Zurückgezogenheit hatte er ihre ſortſchreitende Entwicklung nebſt ihren wechſelnden Wir⸗ kungen auf Männer und Parteien nicht mit der gebührenden Aufmerk⸗ ſamkeit verfolgt. Aber ein Mann, der einmal tief in die praktiſche Politik hineingegangen iſt, kann zwanzig Jahre lang in der Höhle des Trophonius ſchlafen und wird dennoch beim Erwachen ſehr wenig zu lernen finden. Darrell erreichte das Niveau des Tages wieder und durchſchaute alle Hauptpunkte, worüber die Leute getheilt waren, mit der Schnelligkeit eines raſchen und umfaſſenden Verſtandes— ſein Urtheil war vielleicht um ſo klarer durch die Friſche langer Ruhe und durch die Friedſamkeit leidenſchaftsloſen Ueberblicks. Wenn Partei⸗ mitglieder daruber ſich herumſtritten, was haͤtte gethan werden ſollen, ſo ſchwieg Darrell; wenn ſie fragten, was man thun ſolle, ſo gab er einen ſeiner geriebenen Ausſprüche von ſich, und ein Knoten war durchhauen. Mittlerweile iſt es wahr, dieſer Mann, um welchen ſich ſo viele Erwartungen gruppirten und den ſo viel Lärm umſummte, ſaß in keinem von beiden Parlamentshäuſern; aber dieß war eher eine weitere Friſt für ſeine Thätigkeit, als ein Nachtheil für ſeine Bedeut⸗ ſamkeit. Anſehnliche Wahlkörper harrten ſeiner bereits in Erwartung einer künftigen Vakatur; für die Zwiſchenzeit machte Carr Vipont ſich anheiſchig ihm jeden Tag eine kleinere Wählerſchaft zu verſchaffen. Ein Vipont war ſtets bereit Etwas anzunehmen, was die Intereſſen des Hauſes förderte. Aber Darrell beſann ſich nicht ohne Grund, ob er nach ſiebzehnjähriger Abweſenheit wieder in das Unterhaus ein⸗ treten ſolle. Er hatte es mit einer jener ſeltenen Reputationen ver⸗ laſſen, die ein kluger Mann nicht vorſchnell auf's Spiel ſetzt. Die Viponts ſeufzten. Er wäre allerdings im Unterhaus nützlicher als im Oberhaus, aber auch im Oberhaus konnte er von großem Nutzen ſeyn. Sie konuten eines debattirenden Lords, vielleicht eines rechts⸗ gelehrten Lords bei der kommenden Kriſis bedürfen. Wenn er di 68 Pairswuͤrde vorzog? Darrell beſann ſich noch einmal. Die Be⸗ ſcheidenheit des Mannes war unerträglich— ſeine Art und Weiſe zu reden mochte dieſer erhabenen Verſammlung nicht anſtehen, und was die Juriſterei betraf, ſo konnte er ſich doch jetzt nicht als rechtsge⸗ lehrter Lord aufwerfen, ſondern würde blos ein ehemaliger Advokat ſeyn, der die Rolle eines juridiſchen Dilettanten zur Schau trug. Kurz, Darrell lehnte den Rücktritt in das öffentliche Leben nicht ab, ſondern ſchien vielmehr all ſein Intereſſe dafür wieder zu ge⸗ winnen, und auf dieſe Art wußte er mit bewundernswürdiger Ge⸗ wandtheit für den Augenblick alle Anträge abzulehnen, womit er be⸗ ſtürmt wurde, und ſogar ſeine Bewunderer nicht blos von der Weisheit, ſondern auch von dem Patriotismus dieſer Rückhaltung zu überzeugen. Denn offenbar verſtand er es auf dieſem Weg einen ſehr bedeutenden Einfluß auszuüben— ſein Rath wurde mehr geſucht, ſeine Einge⸗ bungen wurden aufmerkſamer beachtet, und ſeine Befähigung zur Verſöhnung rivaliſirender Intereſſen war vielleicht größer, als wenn er wirklich in das eine oder andere Parlamentshaus eingetreten wäre und ſich ausſchließlich in die Reihen nicht blos einer Partei, ſondern einer Parteifraktion geworfen hätte. Nichtsdeſtoweniger konnte ein ſolch ſchwebender Zuſtand nicht ſehr lange währen; er mußte ſich unter allen Umſtänden vor der nächſten Sitzung entſchließen. Einmal wurde er auf dem Schauplatz ſeiner alten Triumphe erblickt, auf den Bänken, dis nach der Anordnung des Sprechers für ausgezeichnete Fremde beſtimmt ſind. Hier ſaß Guy Darrell, von ältern Mit⸗ gliedern erkannt, von den jüngeren gierig betrachtet, und lauſchte ruhig eine lange Kampfnacht hindurch auf Stimmen, welche glühende und glorreiche Erinnerungen aus vergeſſenen Gräbern erwecken mußten; Stimmen jetziger Veteranen, an deren Seite er einſt für eine Sache geſtritten, die er damals in der nothwendigen Uebertreibung jeder ehrlichen Begeiſterung mit dem Lebensblut einer Nation iden⸗ tifieirt hatte. Auch Stimmen alter Gegner, über deren zu Schanden gemachte Argumente er im Triumph hinweggeſchritten war, unter 69 Beifallsſtürmen, die am folgenden Tag von einer Seite Englands zur andern wiederhallten. Horch, gerade der Mann, mit dem er in den alten Schlachttagen am häufigſten zuſammengerathen war, ſpricht eben jetzt. Seine Töne zeugen von Verlegenheit— ſeine Beweis⸗ führung iſt verworren. Weiß er wer da droben zuhört? Alte Mit⸗ glieder glauben es— ſie lächeln, flüſtern einander zu und ſchauen bedeutſam nach dem Platz, wo Darrell ſitzt. Sitzt wie es ihm zuſteht, ruhig, ehrerbietig, aufmerkſam, ſchein⸗ bar und vielleicht ſogar wirklich der Aufregung unbewußt, die er her⸗ vorruft. Welch ein Auge für einen Redner! Wie gleich dem Auge in einem Portrait! Es ſcheint jedes andere Auge, das nach ihm ſucht, zu firiren— feſt, verzaubernd. Jene Mitglieder, die in weiter Ferne hinter dem Stuhl des Sprechers ſitzen, fühlen, daß das Licht dieſes Auges auf ſie zudringt. Wie hoch und maſſiv unter all dieſen Reihen menſchlicher Köpfe ſcheint dieſe jetzt etwas geneigte Stirne mit der dunkeln ſtarken Linie der vollen Augbraue! Aber was geht im Innern dieſes heimlichen Geiſtes vor? Iſt es Traurigkeit beim Rückblick? Iſt es eifriges Verlangen den Kampf zu erneuen? Iſt dieſes Intereſſe an der Debatte der Stunde ein erheucheltes oder ein wirkliches? Unmöglich zu ſagen für Denjenigen der dieſes Geſicht anſchaut. Und den Anſchauer mochte es bedünken, daß dieſes Auge ihn ſelbſt durch und durch bis in den Kern ſeines Herzens leſe, bevor er nur eine einzige Vermuthung in Betreff der Gedanken unter dieſer marmornen Stirne und der Gefühle in dem Herzen wagen konnte, über welches nach antiker Senatorenart die Arme mit ſo conventio⸗ nellem Behagen gekreuzt waren. — ——— —-—— — —— rae — 70 Achtes Kapitel. Darrell und Lionel. Darrell hatte Lionel mit einer gewiſſen augenſcheinlichen Ver⸗ legenheit empfangen, die bald liebevoller Wärme Platz machte. Er fühlte ſich hingezogen zu dem jungen Mann, deſſen Glücksumſtände er ſo verbeſſert hatte; er ſah, daß mit den verbeſſerten Glücksum⸗ ſtänden das ganze Weſen des jungen Mannes unendlich gewonnen; — eine geſicherte Stellung, frühzeitiger Verkehr mit den beſten Ge⸗ ſellſchaftskreiſen, wo die Gleichheit der Faſhion alle Ungleichheiten des Ranges ebnet, hatten bei Lionel viel von der querköpfigen und krankhaften Reizbarkeit ſeines knäbiſchen Stolzes abgehobelt; aber ſeine Hochſinnigkeit, ſeine großherzige Liebe zur Unabhängigkeit, ſeine Verachtung kleinlich ſelbſtſüchtiger Berechnung waren ſich gleich ge⸗ blieben; dieſe Elemente lagen im eigentlichen Kern ſeiner Natur. Gemeinſchaftlich mit Allen 3 die in der Jugend darnach trachten eines Tags unter der ununterſcheidbaren Maſſe hervorzuragen, hatte Lionel ſich einen gewiſſen idealen Standpunkt gebildet, über dem gewöhnlichen Niveau deſſen was die Welt ehrlich zu nennen oder als verſtändig hochzuachten ſich begnügt. Er nahm in ſeine Schätzung des Lebens das heroiſche Element auf, das ſelbſt bei dem praktiſchſten Geſichts⸗ punkt nicht unwünſchenswerth iſt, denn die Welt iſt ſo gewöhnt zu verläſtern, an hohe Motive und reine Gefühlserregungen nicht zu glauben, ſich ſelbſt mit all ihren häßlichſten Runzeln, beraubt der wahren Blüthe, des wahren Ausdruckes, wodurch dieſe Mängel, zu deren Beleuchtung ſie die Sonne einlädt, Glanz und Verſöhnung ge⸗ winnen, zu daguerreotypiren, daß wir die menſchliche Natur niemals recht beurtheilen werden, wenn wir nicht mit unſerm Blick auf ihre ſchönſten Schönheiten und unſerem Glauben an ihr verborgenes Gutes ins Leben treten. Mit einem Wort, wir würden mit dem Heroiſchen beginnen, wenn wir das Menſchliche lernen wollten. Aber obſchon Lionel ſich ſel bſt auf ſolche Art eine gewiſſe Superiorität des —— —-——— 71 Typus vorſchrieb, welche er emſig erſtreben müſſe, wenn er ſte auch in Wirklichkeit nicht erreiche, ſo war er doch ganz ohne Pedanterie und Anmaßung gegen ſeine Zeitgenoſſen. Davor wurde er nicht blos durch ſeine Gutmüthigkeit, durch ſeinen lebhaften Geiſt, durch ſeine offene Keckheit geſchützt, ſondern gerade durch den Zuſtrom von Ideen, die ſeine Zunge beſeelten, ſeine Sprache färbten und ſeine Converſation, ob nun mit jungen oder alten, weiſen oder einfältigen Leuten, geiſt⸗ reich und originell machten. Er war ein allerliebſter Geſellſchafter, und wenn er von älteren und weiſeren Leuten viel Belehrung em⸗ pfangen hatte, ſo badete er dieſe Belehrung in der friſchen Quelle ſeiner eigenen lebendigen Intelligenz, erwärmte ſie an ſeinem eigenen pochenden lebenskräftigen Herzen, ſo daß die Nachleſen eines erfah⸗ rungsreichen alten Mannes als die Muthmaßungen eines wahrheit⸗ ſuchenden jungen Mannes erſcheinen konnten. Fehler hatte er natür⸗ lich, hauptſächlich diejenigen die ſeinem Alter gemeinſchaftlich ſind; unter ihnen waren vielleicht die gefährlichſten: erſtens Sorgloſigkeit in Geldſachen, und zweitens Mißfallen an Rathſchlägen, bei welchen die Klugheit ſichtlich vorherrſchte. Er hatte wirklich keine ausſchwei⸗ fenden Liebhabereien, aber das Geld ſchlüpfte beinahe ſpurlos durch ſeine Hände, und wenn ſein vierteljähriges Einkommen, das bedeu⸗ tend, vielleicht nur zu bedeutend war, verſiel, ſo tanchten gänzlich ver⸗ geſſene Schulden mit ihren Anſprüchen an daſſelbe auf. Und Schulden wurden, da ſie jetzt noch bewältigt werden konnten, nicht mit dem ge⸗ nügenden Abſcheu betrachtet. Bezahlt oder auf die Seite geſchoben, wie nun der Fall ſeyn mochte, wurden ſie blos als widerwärtige Ge⸗ ſchichten angeſehen. Die Jugend ſteht in Gefahr, bis ſie Furien in ihnen erblicken lernt. Was Rathſchläge betraf, ſo nahm er ſie mit Vergnügen an, wenn ſie mit Eleganz und Kunſt eingekleidet waren — wenn ſie ſich an den Ehrgeiz wandten— wenn ſie die höheren Tu⸗ genden prieſen. Aber praktiſcher und proſaiſcher Rath ging zum einen Ohr hinein und zum andern hinaus. In der That hatte er bei vielen Talenten noch nicht den angemeſſenen Ballaſt von Lebensverſtand, 72 und wenn er je genug davon bekommt, um ſeine Barke während der gefahrvollen Lebensreiſe feſt zu machen, ſo muß die Nothwendigkeit ſo vielen beſchwerlichen Gewichtes weniger ſeiner Vernunft als ſeiner Einbildungskraft oder ſeinem Herzen einleuchtend gemacht werden. Aber wenn er auf die eine oder andere Art dieß nicht bekommt, ſo möochte ich ſein Schiff nicht verſichern. Ich weiß nicht, ob Lionel Haughton Genie beſaß; er ſelbſt nahm es niemals an, aber er hatte Etwas was noch mehr beſagen wollte; jene Entſchloſſenheit, deren er ſich gegen den Künſtler rühmte. Er hatte Jugend— wahre Jugend— Jugend des Geiſtes, Jugend des Herzens, Jugend der Seele. Elaſtiſch und geſchmeidig wie er ſich vor Euch bewegte, mit dem Auge, worin Licht oder Thau auf einmal aus einer Natur funkelte, die für jeden erhabenen, jeden zarten Gedanken vibrirte, ſchien er mehr als jung, er ſchien die fleiſchge⸗ wordene Jugend zu ſeyn. Darrell gewann ihn ſogleich lieb. Inmitten aller Einladungen, womit der bedeutungsvolle Mann beſtürmt wurde, wußte er es ſo ein⸗ zurichten, daß er Lionel täglich ſah. Und was ſeltſam erſcheinen mag, Guy Darrell fühlte ſich bei Lionel Haughton mehr zu Hauſe als bei irgend einem ſeiner eigenen Altersgenoſſen, als ſogar bei Alban Morley. Gegen den letzteren ſprach er allerdings mit weniger Rück⸗ halt von gewiſſen Theilen der Vergangenheit oder von gewiſſen Plänen für die Zukunft. Aber immerhin nahm er auch hier einen halb ſcherz⸗ haften, halb traurigen ſatyriſchen Ton an, der an und für ſich ſelbſt eine Verſtellung ſeyn mochte. Alban Morley war bei all ſeinen guten Eigenſchaften ein Mann von Welt; als ein Mann von Welt ſprach Guy Darrell zu ihm. Aber der Mann, welchen die Welt den Ihrigen nennen konnte, war nur ein ſehr kleiner Theil von Guy Darrell. Gegen Lionel ließ er gleichſam unwillkürlich die liebenswür⸗ digeren, zarteren, poetiſcheren Eigenſchaften ſeines wechſelvollen, zu⸗ ſammengeſetzten, unbegriffenen Charakters aus; er war nicht unbe⸗ 73 dingt vertrauensvoll, aber er gab ſich auch keine Mühe Etwas zu ver⸗ bergen. Wenn er Lionel ſentimentaliſiren hörte, wie die Weltkinder es nennen würden, ſo ſchien er ſanft zu Lionels eigenen Jahren hinab⸗ zugleiten und wurde ebenfalls ſentimental. Im Ganzen hatte dieſer gewandte Advokat, dieſer berühmte Politiker noch immer einen ſtarken Anſatz von Jugendlichkeit in ſich. Leſer, haſt Du jemals einen wahr⸗ haft verſtändigen Mann getroffen, der dieß nicht hatte? — Neuntes Kapitel. Ein ſehr derbes Sprichwort(man verzeihe ſeine Gemeinheit) ſagt:„Ihr könnt aus einem Sauohr keine ſeidene Börſe machen.“ Aber ein Sauohr iſt ein weit ſchöneres Kunſtwerk als eine ſeidene Börſe. Und groß müßte in der That der Mechaniker ſeyn, der aus einer ſeidenen Börſe ein Sau⸗ ohr machen oder den Sarſenet oder Tüll eines Londoner Geſellſchafts⸗ zimmers in Geſchöpfe von Fleiſch und Blut umzaubern könnte. „Mamma,“ fragte Honoria Carr Vipont,„was für eine Perſon war Mrs. Darrell?“ „Sie bewegte ſich nicht in unſern Kreiſen, liebes Kind,“ ant⸗ wortete Lady Selina.„Die Vipont Crookes gehören juſt zu den⸗ jenigen Verwandten, mit denen man, obſchon man natürlich gegen Alle höflich iſt, mehr oder weniger innig ſteht, je nachdem ſie zu den Viponts oder zu den Crookes halten. Die arme Frau! ſie ſtarb juſt bevor Mr. Darrell ins Parlament trat und in der Geſellſchaft erſchien. Aber ich muß ſagen, daß ſie keine angenehme Perſon war. Nicht was man nett zu nennen pflegt,“ fügte Lady Selina nach einer Pauſe hinzu, indem ſie eine ganze Welt von Bedeutung in dieſes conven⸗ tionelle einſilbige Wörtchen legte. „Ohne Zweifel war ſie ſehr gebildet— ſehr geſcheidt?“ „Ganz das Gegentheil, meine Liebe. Mr. Darrell war äußerſt jung, als er heirathete— kaum volljährig. Sie war nicht die Frau, die für ihn paßte.“ — — ———·— — -— 74 „Aber wenigſtens muß ſie ſehr anhänglich an ihn geweſen ſeyn — ſehr ſtolz auf ihn? Lady Selina blickte von ihrer Arbeit ſeitwärts auf und beobach⸗ tete ihrer Tochter Geſicht, das eine Belebtheit verrieth, die bei einer jungen Lady von ſo hoher Erziehung und ſo wohldisciplinirtem Geiſte nicht gewohnlich iſt. „Ich glaube nicht,“ ſagte Lady Selina,„daß ſie ſtolz auf ihn war. Sie würde auf ſeine Stellung oder vielmehr auf diejenige, zu welcher ſein Ruf und ſein Glück ihn erheben mußten, ſtolz geweſen ſeyn, wenn ſie dieß erlebt hätte. Aber einige Jahre nach ihrer Ver⸗ heirathung waren ſie ſehr arm, und obſchon er ſich als Advokat ſehr raſch und glänzend emporſchwang, ſo war er lange Zeit gänzlich von ſeinem Beruf in Anſpruch genommen und wohnte in Bloomsbury. Mrs. Darrell war darauf nicht ſtolz. Die Crookes ſind in der Regel feine Leute— geben ſich ein großes Air— heirathen in bedeutende Häuſer, wenn ſie können— aber wir können ſie nicht naturaliſtren— nützliche Verwandte, ſehr nützlich, Carr ſagt, daß wir gar keine nütz⸗ licheren haben, aber von dritter Kategorie, meine Liebe. Alle Crookes ſind ſchlimme Weiber, weil ſie niemals mit ihrem eigenen Heimweſen zufrieden ſind, ſondern ſich immer bei vornehmen Leuten einzuniſten ſuchen. Nicht ſehr lang vor ihrem Tod nahm Mrs. Darrell ihre Freundin und Verwandte, Mrs. Lyndſay, zu ſich ins Haus. Ich ver⸗ muthe, daß dieß nicht aus freundſchaftlicher Zuneigung oder aus großer Rückſicht auf Mrs. Lyndſays Umſtände geſchah(ſie befand ſich nämlich in einem Zuſtand gänzlicher Verlaſſenheit, bis ſie durch Mr. Darrell ihren Prozeß gewann), ſondern einzig deßhalb, weil ſie durch Mrs. Lyndſay in unſere Clique hereinzukommen hoſſte. Mrs. Lynd⸗ ſay war bei uns allen ſehr wohl angeſchrieben— allerliebſte Ma⸗ nieren— vollkommen tadellos— durch und durch Vipont— durch und durch gentil— aber heimtückiſch, oh ſo heimtückiſch! Sie will⸗ fahrte der albernen Eitelkeit der armen Mrs. Darrell; aber ſie trug Sorge, daß ſie ſich ſelbſt nicht ſchadete. Natürlich hatte die Gemahlin —— — 75 Darrells und eine Vipont— wenn auch nur eine Vipont Crooke— einen Freipaß in die Außenwerke der guten Geſellſchaft, zu den großen Partieen u. ſ. w. Aber damit hatte es ſein Bewenden; ich ſelbſt würde mich compromittirt haben, wenn ich in unſere Geſellſchaft eine Frau zugelaſſen hätte, die geneigt war ſich ſelbſt zu compromittiren. Hübſch— in einem ſchlechten Styl— nicht die Vipontſche Tournüre — und nicht blos einfältig und kokett, ſondern—(wir ſind allein, behaltet das Geheimniß für Euch) entſchieden gemein, meine Liebe.“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen. Wie konnte ein ſolcher Mann—“ Honoria hielt inne und erröthete bis zu den Schläfen. „Geſcheidte Männer,“ ſagte Lady Selina,„wählen, das kann man beinahe als allgemeine Regel annehmen, die ſonderbarſten Weiber. Je geſcheidter ein Mann iſt, um ſo leichter kann ihn, glaube ich, ein Weib bethören. Gleichwohl muß man Mr. Darrell die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, daß er ſich nur ein einziges Mal be⸗ thören ließ. Nach Mrs. Darrells Tod verſuchte, wie ich vermuthe, Mrs. Lyndſay ihr Glück, erreichte aber ihr Ziel nicht. Natürlich konnte ſie nicht mehr in demſelben Haus mit einem Wittwer bleiben, der damals noch jung war und blos ein Weib, gegen welches man ſcheu ſeyn mußte, loszuwerden brauchte, um mit offenen Armen in unſere Clique aufgenommen zu werden und, daß ich es mit Einem Wort ſage, der allerbeſten Geſellſchaft anzugehören. Mr. Darrell kam unermeßlich reich(eine Erbſchaft von einem alten Oſtindier neben ſeinen Advokaturerſparniſſen) ins Parlament und kaufte das Haus, das er jetzt innehat, in unſerer Nähe. Mrs. Lyndſay mußte ſich in ein Landhaus bei Fulham zurückziehen. Aber da ſie der armen Matilda Darrell eine zweite Mutter zu ſeyn behauptete, ſo machte ſie es möglich, daß ſie ſehr viel nach Carlton Gardens kam; ihre Tochter Karoline war beinahe immer dort und proſitirte von Matildas Lehrern. Ich ſelbſt dachte, Mrs. Lyndſay würde Darrell fangen, aber Euer Papa ſagte nein, und er hatte Recht, wie er immer hat. Nichtsdeſtoweniger würde Mrs. Lyndſay eine ausgezeichnete Frau —————— —— für einen Staatsmann geweſen ſeyn— ſie war ſo populär— kannte die Welt ſo gut— hatte niemals Feinde, bis ſie in dem armen lieben Montfort einen bekam. Apropos ich muß an Karoline ſchreiben. Ein liebenswürdiges Geſchöpf— aber wie abgeſchmackt ſich einzu⸗ ſchließen, als ob ſie ſich um Montfort abhärmte! Das hätte ihrer Mutter ſo gleich geſehen— herzlos, aber voll von Anſtandsgefühl.“ Hier traten Carr Vipont und Oberſt Morley in das Zimmer. „Wir haben ſo eben Darrell verlaſſen,“ ſagte Carr;„er wird heute hier diniren, um unſern Vetter Alban zu treffen. Ich habe ſeinen Vetter, den jungen Haughton gebeten, und**** und****, Eure Vetter, Selina(ein Geſellſchäftchen von lauter Vettern). Es freute mich ſehr, daß Darrell nicht verſagt war.“ „Ich wagte zu verſprechen,“ ſagte der Oberſt leiſe zu Honoria, „daß Darrell den Genuß haben werde Euch Beethoven ſpielen zu hören.“ Honoria.—„Iſt denn Mr. Darrell ein ſo großer Muſik⸗ freund?“ Oberſt Morley.—„Man hätte es nicht gedacht. Er hält in Fawley einen Sekretär, der die Flöte bläst. Es iſt etwas höchſt Intereſſantes an Darrell. Ich wollte, Ihr könntet ſeine Ideen über Ehe und häusliches Leben hören— mehr Friſche des Herzens als man heutzutage bei den jungen Männern trifft. Es mag ein Vor⸗ urtheil ſeyn; aber mir ſcheints als ob es den jungen Burſchen der gegenwärtigen Generation, wenn ſie nüchterner und geſetzter ſind als wir waren, auf eine traurige Art an Charakter und Geiſt fehle— ſie haben kein warmes Blut in ihren Adern. Doch ich ſollte nicht ſo zu einer Dame ſprechen, welche all dieſe jungen Geſellen zu ihren Füßen liegen hat.“ „Oh, ſagte Lady Selina, die zuhörte, mit einem halben Lachen,„Honoria denkt ganz ſo wie Ihr; ſie findet die jungen Männer ſo unſchmackhaft— alle einander gleich— dieſelben zier⸗ lichen Phraſen.“ 77 „Dieſelben ſtereotypirten Ideen,“ fügte Honoria hinzu, indem ſie ſich mit einer Geberde ruhiger Verachtung hinwegbewegte. „Ein hoͤchſt überlegener Geiſt,“ flüſterte der Oberſt gegen Carr Vipont,„ſie wird niemals einen Narren heirathen.“ Guy Darrell war ſehr angenehm bei dem kleinen Familienmahl. Carr war immer populär in ſeinen Manieren— die ͤchte alte Unter⸗ hausmanier, die große Aehnlichkeit mit der Manier einer öffentlichen Gentlemenſchule hatte. Lady Selina war, wie bereits geſagt worden, in ihrem eigenen Familiencirkel natürlich und heiter. Der junge Carr, der ohne ſeine Gemahlin erſchien und als Admiralitäts⸗ lord prätentiöſer war als ſein Vater, fühlte eine gewiſſe ehrerbietige Scheu vor Darrell und ſprach wenig, was ihm ſehr zur Ehre gereichte und die allgemeine Heiterkeit der Gäſte weſentlich förderte. Die übrigen Mitglieder des Sympoſiums waren, außer Lady Selina, Honoria und einer jüngeren Schweſter, blos Darrell, Lionel und Lady Selinas zwei Vetter; ältliche Peers, der eine mit dem Hoſen⸗ band, der andere im Cabinet— joviale Männer, die einſt an derſelben Regimentstafel wilde Geſellen geweſen und noch immer einander neckten, wenn ſie je irgendwo zuſammentrafen, wie gerade jetzt. Lionel, der ſich an Vances Beſchreibung von Lady Selina erinnerte und ſie ſeitdem in Geſellſchaft als eine Deſpotin ſchildern gehört hatte, welche die Künſte, mittelſt deren Deſpoten blühen, mit Majeſtät zu imponiren und durch Liebkoſungen zu täuſchen, bis zur Vollkommenheit treibe— ein Aurungzebe im Unterrock— war ſehr in Verlegenheit, wie er eine ſolche Schilderung mit der gutmüthigen mütterlichen Frau zuſammen⸗ reimen ſollte, die ihm mit unverſtellter Zärtlichkeit und gebührendem Stolz von ihrem Hausweſen, ihrem Manne, ihren Kindern vorredete und ihm, weit entfernt ſo fure tbar geſcheidt zu ſeyn, wie die Welt in ihrer Grauſamkeit behauptete, in Bezug auf Verſtand eher unter Pari zu ſtehen ſchien; nehmet von ihrem Gerede ſeinen freundlichen Ton weg, ſo war der Reſt weiter Nichts als leeres Geſchwätze. Nach der Tafel trafen verſchiedene Mitglieder der Vipontſchen Familie ein— — 3 ———— 7 ——— — —y ÿ—u— ————— — 78 Carr oder Lady Selina hatten ſie in aller Eile durch dreieckige Brief⸗ chen in Kenntniß geſetzt, damit ſie dieſe Gelegenheit ergreifen ſollten ihre Bekanntſchaft mit ihrem diſtinguirten Verwandten zu erneuern. Der Zufall wollte, daß unter dieſen Eingeladenen nur wenige unver⸗ heirathete junge Ladies ſich befanden, und ein anderer Zufall fügte es, daß dieſe wenigen ganz einfache Perſonen waren. Honoria Vipont war unbeſtritten die Schönheit der Verſammlung. Es mußte Jeder⸗ mann ins Auge fallen, daß ſie auf Darrell einen gewaltigen Eindruck zu machen ſchien— er ſprach mit ihr mehr als mit irgend einer andern Lady; und als ſie ans Piano ging und jene große Beet⸗ hovenſche Arie ſpielte, in welcher die Muſik in einen Knoten zu ge⸗ rathen ſcheint, den nur die kunſtvollſten Finger zu entwirren vermögen, da blieb Darrell fern und allein auf ſeinem Sitze und lauſchte ohne Zweifel mit entzückter Aufmerkſamkeit. Aber juſt als die Arie auf⸗ hörte und Honoria ſich nach ihm umwandte, war er gegangen. Lionel verweilte auch nicht mehr lang. Der heitere junge Mann ging von da in eine jener großen Verſammlungen, die ſich zu einer praktiſchen Parodie des bekannten Benthamſchen Satzes, welcher für die größte Menge das kleinſte Glück feſtſtellt, zuſammenzufinden ſcheinen. Es war ein ſehr großes Haus und gehörte einer ſehr großen Perſon. Oberſt Morley hatte eine Einladung für Lionel beſorgt und geſagt:„Gehet hin, Ihr müßt dort geſehen werden.“ Oberſt Morley war über das Alter hinaus, wo man in der Geſellſchaft emporzukom⸗ men ſucht— keine ſolche Sorgen für den morgenden Tag konnten ſeiner anerkannten Größe eine Elle zuſetzen. Einmal unter einer Gruppe anderer junger Männer angelangt, ſah Lionel, wie Darrell, der vor ihm eingetroffen war, einer ſehr hübſchen jungen Lady mit einer Aufmerkſamkeit zuhörte, die vollkommen eben ſo ernſt war wie diejenige, die den überlegenen Geiſt der mit allen Vortheilen trefflicher Erziehung ausgeſtatteten Lady Honoria erfreut hatte. Wirklich eine ſehr hübſche junge Lady, aber ohne überlegenen Geiſt, auch hatte man 79 bisher nicht von ihr angenommen, daß ſte junge Gentlemen unſchmack⸗ haft gefunden habe. Ohne Zweifel würde ſie künftig das thun. Wenige Minuten nachher lauſchte Darrell wieder, aber dießmal einer andern jungen Lady. Wenn ſeine Aufmerkſamkeiten gegen ſte nicht auffallend waren, ſo waren es um ſo mehr die ihrigen gegen ihn. Sie plauderte ihm mit großer Zungenfertigkeit vor, lachte mit unbe⸗ fangener Luſtigkeit über ihre eigenen Einfälle und ſchien ihn zuletzt durch ihr heiteres Weſen ſo zu verzaubern, daß er ſich an ihrer Seite niederſetzte; und das ſchalkhafte Lächeln auf ſeinen Lippen, die ſonſt ſo ernſt und feſt geſchloſſen waren, bewies, daß er ſich noch auf die Munterkeit der Kindheit einlaſſen konnte, denn offenbar mußte dem ſo vielfach geprüften Manne die ausgelaſſene Lady nur als ein naͤrriſches Kind erſcheinen. Lionel amüſirte ſich. Konnte dieß der ſtrenge Klausner ſeyn, den er in den Schatten von Fawley verlaſſen hatte? Konnte Guy Darrell, in ſeinen Jahren, mit ſeiner würdevollen Reputation, der Gegenſtand ſo manchen freundlichen Winkens, Nickens und mund⸗ verziehenden Lächelns— konnte er ſich zu der frivolſten aller Rollen, zu der einer männlichen Kokette herablaſſen? War es ihm Ernſt? Wurde ſeine Citelkeit düpirt? Als Lionel wieder hinſchaute, erblickte er auf ſeines Vetters Geſicht eine plötzliche Rückkehr jenes kleinmüthig traurigen Ausdruckes, der in den Einöden von Fawley ſein eigenes jugendliches Mitleid erweckt hatte. Aber im Nu raffte der Mann ſich auf— der traurige Ausdruck war verſchwunden. Hatte das fröhliche Lächeln des Mädchens ihn wieder verſcheucht? Inzwiſchen wurde Lionels Aufmerkſamkeit von Darrell ſelbſt ab und zu Bemerkungen hingezogen, die um ihn her geflüſtert wurden und Darrell zum Ge⸗ genſtand hatten. „Ja er hat Luſt wieder zu heirathen! Ich habe es von Alban Morley— ungeheures Vermögen— und ſieht ſo jung aus, jedes Mädchen könnte ſich in ſolche Augen und eine ſolche Stirne verlieben; überdieß welches Leibgedinge er ausſetzen könnte!... Schaut einmal dieſes Mädchen an; Flora Vyvyan, die Alles aufbietet, um ihm den Bulwer, was wird er damit machen? IV. 6 —,— Kopf zu verrücken. Sie kann einen ſolchen Mann nicht würdigen und ſie würde ſich durch ſein Geld nicht fangen laſſen— bedarf es nicht... Ich wundere mich, daß ſie nicht an ihm erſchrickt. Er macht ſie offenbar ganz irre.... Die Herren finden ſie hübſch, ich finde es nicht.... Man ſagt, er werde ins Parlament zurückkehren und eine Stelle im Kabinet einnehmen.... Nein! er hat keine lebendigen Kinder— ſehr natürlich, daß er wieder heirathen will. Ein Neffe!— Ihr täuſchet Euch gänzlich. Der junge Haughton iſt kein Neffe— ein ſehr entfernter Verwandter— konnte nie hoffen als Erbe eingeſetzt zu werden.... Gleichwohl verbreitete man dieß in Paris. Die Herzogin glaubte es und ebenſo Lady Jane. Sie werden jetzt gegen den jungen Haughton nicht mehr ſo zuvorkommend ſeyn... Still—“ Lionel wünſchte nichts mehr zu hören, ſondern glitt vorüber und drängte ſich noch tiefer unter die Maſſe. Und jetzt als er mit dieſen letzten Worten in ſeinen Ohren vorandrang, kam das Bewußtſein über ihn, daß ſeine Stellung eine Veränderung erlitten habe. Es iſt ſchwer ſie genau feſtzuſtellen; einem gewohnlichen Zuſchauer konnte es ſcheinen, daß man ihn eben ſo herzlich bewillkommte wie je. Die Ab⸗ ſtufungen der Mißachtung in gebildeter Geſellſchaft ſind ſo ausneh⸗ mend zart, daß es ſcheint, man könne nur durch eine Art von Magne⸗ tismus von Tag zu Tag zur Einſicht gelangen, ob man geſtiegen oder geſunken iſt. Ein Mann hat einen hohen Poſten, Göoönnnerſchaft und Macht verloren, um ſie vielleicht nie wieder zu gewinnen. Die Leute kehren ihm nicht den Rücken zu, ihr Lächeln iſt gleich freundlich, ihre Hände ſtrecken ſich gleich ſchmeichelnd aus. Aber dieſer Mann müßte dumm wie ein Rhinoceros ſeyn, wenn er nicht fühlte was Jeder fühlt, der ſich ihm nähert— daß er auf der Leiter herabgeſtiegen iſt. So mit Allem ſonſt. Verlieret ſogar Euer Vermögen, ſo ſchauen Eure Freunde in einem Londoner Salon nicht ſchon am nächſten Tage drein, als ob Ihr im Begriff ſtändet ſie um fünf Pfund anzuſprechen. Wartet noch ungefähr ein Jahr. Aber wenn ſie ſo eben gehört haben, 81 daß Ihr ruinirt ſeyd, ſo werdet Ihr fühlen, daß ſie es gehört haben, mögen ſie ſich auch noch ſo höflich verbeugen, mögen ſie auch noch ſo freundlich lächeln. Lionel war in Paris in ſeinem letzten Jahr oder vielleicht etwas länger mehr als faſhionable, er war beinahe der Ton⸗ angeber der Faſhion gewefen— man hatte um ihn gebuhlt, man war ihm nachgelaufen, man hatte ihn verhätſchelt, ihn als Autorität an⸗ geführt, ihn nachgeahmt. An dieſem Abend war es ihm zu Muthe, wie es etwa einem Autor ſeyn mag, der lange Zeit der Held des Tages geweſen und es jetzt ohne eigene Verſchuldung nicht mehr iſt. Die Strahlen, die ihn vergoldet, waren zu der Scheibe zurückgekehrt, von der ſie entlehnt worden. Und Diejenigen die gegen Lionel Haughton noch am freundlichſten waren, waren dieſelben die noch immer die fünfunddreißigtauſend Pfund jährlich an Guy Darrell am meiſten reſpektirten. Lionel ärgerte ſich über ſeinen eigenen Aerger. Aber in ſeinem verletzten Stolz lag kein eigenſüchtiges Bedauern— es war blos der bittere Unmuth, der den Jüngling überkommt, wenn die Hohlheit des Weltlebens ihm zum erſten Mal klar vor das Auge tritt. Die Ge⸗ ſichter um ihn her verloren jenen magiſchen Schimmer, wodurch die Eigenliebe in großen Verſammlungen, wo man der Eigenliebe ſchmeichelt, gefangen gehalten wird.„Eine prächtige, intelligente Zuhörerſchaft,“ denkt der applaudirte Schauſpieler.„Eine herrliche Geſellſchaft,“ murmelt die Schönheit, der allgemeine Verehrung zu Theil wird. Trug, eitel Trug! Laßt die Zuhörerſchaft gähnen, während der Schauſpieler den Mund aufſperrt, laßt die Geſellſchaft die Schönheit vernachläßigen, um einer andern ihren Weihrauch zu ſtreuen, ſo verwandelt ſich die prächtige Zuhörerſchaft im Nu in ein unwiſſendes Publikum und die herrliche Geſellſchaft in herzloſes Pack. —— — —— Zehntes Kapitel. Entronnen aus einem Londoner Salon, juckt das Fleiſch wieder einmal, und das Blut fließt— Guy Darrell erklärt Lionel Haughton, warum er es für ſeine Pflicht hält ein— alter Narr zu ſeyn. Lionel Haughton glitt durch die entzauberten Säle und that einen langen Athemzug der Erleichterung, als er auf die freundloſen Straßen kam. Während er langſam und gedankenvoll dahinſchritt, fühlte er plötzlich eine Hand auf ſeiner Schulter, wandte ſich um und ſah Darrell. „Gebt mir Euern Arm, mein lieber Lionel; ich bin ſchrecklich müde. Welch eine liebliche Nacht, welche anmuthige Verachtung in den Augen dieſer Sterne, die wir um jener flimmernden Lichter willen vernachläßigt haben!“ Lionel.—„Iſt es Verachtung?— Iſt es Mitleid?— Iſt es blos heitere Gleichgiltigkeit?“ Darrell.—„Wie wir ſelbſt es auslegen; wenn Verachtung in unſern eigenen Herzen wohnt, ſo wird ſie in der Scheibe Jupiters zu ſehen ſeyn. Der Menſch, dieſer vollendete Egoiſt, verlangt vom ganzen Weltall Sympathie. Iſt er fröhlich, ſo ſagt er zur Sonne: Lebensſpenderin, freue dich mit mir. Hat er Verdruß, ſo ſpricht er zu dem Mond: Nachdenklicher Freund, Du theileſt meinen Kummer. Hofft er auf Ruhm, ſo iſt ein Stern die Verheißung deſſelben. Be⸗ trauert er einen Todten, ſo iſt ein Stern das Land der Wiedervereini⸗ gung. Spricht er zur Erde: Ich bin fertig mit Dir; zur Zeit: Du haſt Nichts zu gewähren, ſo ſchreit der ganze Raum laut: Die Erde iſt ein winziger Punkt, Dein Erbe iſt Unendlichkeit. Die Zeit zer⸗ ſchmilzt, während Du ſeufzeſt. Die Unzufriedenheit des Sterblichen iſt der Inſtinkt, der Deine Unſterblichkeit beweist' Wenn man ſich die Natur ſo conſtruirt, ſo iſt die Natur unſere Genoſſin, unſere Tröſterin. Freundlich wie eine Geſpielin, gibt ſie ſich zu unſern wechſelnden Launen her. Ernſthaft wie ein Lehrer, beantwortet ſie die wichtigeren Fragen der Vernunft. Myſtiſch und geheiligt als die Prieſterin, erhält ſie durch dunkle Orakel jenes geiſtige Sehnen in uns lebendig, worin, vom Wilden bis zum Weiſen, durch alle Träume, alle Glaubensmeinungen das Gefühl einer Verbindung mit der Gottheit ſchauert. Deßhalb iſt der Menſch, ſo lang er mit der Natur verkehrt, nie gänzlich allein, und ſie iſt keine bloße Gefährtin mit ein⸗ förmiger Geſtalt. Immer neu, immer wechſelnd, kann ſie vom Heitern zum Strengen, von der Phantaſie zur Wiſſenſchaft übergehen, ſchnell wie der Gedanke von dem Tanze eines Blattes, von der Farbe eines Regenbogens zur Theorie der Bewegung, zum Problem des Lichtes übergeht. Aber verlieret die Natur— vergeſſet oder entlaſſet ſtie— macht Bekanntſchaft mit Hunderten von Menſchen, die ſte nicht kennen, ſo werde ich zwar nicht mit dem Dichter ſagen: Dieß iſt Einſamkeit; aber im Allgemeinen, welch eine abgeſtandene Eintönigkeit, welch ein verdrießliches Einerlei!“ So fuhr Darrell fort eine Sentenz mit der andern zu verweben, wobei der unmittelbare Zuſammenhang des Sinnes oft ſo ſubtil war, daß man, wenn man die Sache ſchriftlich vor ſich hat, einer gewiſſen Anſtrengung bedarf denſelben zu erkennen. Aber er beſaß das eigen⸗ thümliche Talent mündlich klar zu machen, was auf dem Papier dunkel erſcheinen würde. Blick, Manier, jeder delikate Ton einer durch un⸗ vergleichliche Melodie ausgezeichneten Stimme, Alles unterſtützte der⸗ maßen den Sinn der bloßen Worte, daß es kaum eine Uebertreibung wäre zu ſagen, er hätte eine unbekannte Sprache reden können, und ein Zuhörer würde ihn verſtanden haben. Aber verſtanden oder nicht, es war eine ſolche Luſt dieſe holden Töne anzuhören, daß jeder Menſch, deſſen Nerven für Muſik empfänglich waren, gemurmelt haben würde: „Sprecht immer fort.“ Und in dieſer Gabe lag ein Hauptgeheimniß für den ſeltſamen Einfluß des Mannes über Alle die in ſeinen ver⸗ trauten Verkehr kamen, ſo daß, wenn Darrell je mit vertraulicher Innigkeit einen Menſchen beehrt haben würde, der ſich nicht durch eine oppoſitionelle Idioſynkraſie gegen ihren Zauber geſtählt hätte, 84⁴ und wenn dieſe Innigkeit zurückgenommen worden wäre, in dem auf ſolche Art beraubten Leben eine nie wieder auszufüllende Lücke hätte entſtehen müſſen. An ſeiner Thüre ſtehen bleibend, als Lionel, von der Muſik hin⸗ geriſſen, den Schmerz der auf ſo bezaubernde Art gebrochenen Träu⸗ merei vergeſſen hatte, hielt Darrell die gegen ihn ausgeſtreckte Hand zurück und ſagte:„Nein, noch nicht— ich habe Euch Etwas zu ſagen: kommt herein; laßt es mich jetzt ſagen.“ Lionel nickte mit dem Kopf und folgte überraſcht und voll Ver⸗ muthungen ſeinem Verwandten die hohe Treppe hinauf, in daſſelbe comfortlos prächtige Zimmer, das bereits beſchrieben worden iſt. Als der Bediente die Thüre geſchloſſen hatte, ſank Darrell in einen Stuhl. Seine Augen mit beinahe väterlicher Freundlichkeit auf Lionel heftend und ſeinen jungen Vetter durch eine Geberde auffordernd ſich dicht neben ihn zu ſetzen, begann er alſo: „Ehe ich in Euer Alter kam, war ich verheirathet— ich war Vater. Jetzt bin ich einſam und kinderlos. Mein Leben wurde durch eine feierliche Verpflichtung geſtaltet, die ſo wenig Leute begreifen könnten, daß ich außer Euch kaum Einen lebendigen Menſchen kenne, dem ich ſie anvertrauen möchte. Familienſtolz iſt eine gewöhnliche Schwäche— oft muthwillig bei den Armen, oft unverſchämt bei den Reichen; aber ohne dieſen Stolz erkennt man vielleicht nur ſelten eine poſitive bindende Pflicht an, die auf gänzliche Selbſtaufopferung ge⸗ richtet iſt und die praktiſche Lebenswahl beeinflußt. Als Kind, ehe meine Urtheilskraft zu erkennen vermochte, wie viel eitler Aberglaube in unſerer Verehrung für die Todten lauern mag, war mein ganzes Herz von einem leidenſchaftlichen Traum in Anſpruch genommen, zu deſſen Verwirklichung meine wachende Eriſtenz geweiht wurde. Mein Vater!— meine Lippe bebt, mein Auge feuchtet ſich noch jetzt, wenn ich an ihn denke— mein Vater!— ich liebte ihn ſo innig!— wie furchtbar ſtark iſt nicht die Liebe der Kindheit! Sein ganzes Weſen war ſo hochſinnig und dabei ſo gemüthvoll— es war Ritterthum 8 ohne ſein Wappen. Ich war ſein beſtaͤndiger Gefährte: er ſprach rückhaltlos zu mir wie ein Dichter zu ſeiner Muſe. Ich weinte über ſeine Kümmerniſſe— ich tobte über ſeine Demüthigungen. Er ſprach von Ahnen, wie er von ihnen dachte; für ihn waren ſie Weſen wie die alten Laren— nicht todt in Gräbern, ſondern Bilder, die auf dem häuslichen Herd ſtets gegenwärtig waren. Allerdings übertrieb er ihren Werth wie auch ihre Bedeutung in alter Zeit. Sie waren faktiſch glanzlos in den Annalen des Reichs— ihre Thaten, ihre Macht, ihr Sinken und ihr Fall. Er dachte nicht ſo; in ſeinen Augen waren ſie die Spur des Mondes im Ocean der Geſchichte— das Licht auf den Wellen, über welchen ſie geglänzt— der ganze Ocean ſonſt war dunkel. Ich dachte mit ihm; wie mein Vater ſprach, ſo glaubte ſein Kind. Aber was war in den Augen der Welt dieſer Erbe eines geprieſenen Namens? Ein fadenſcheiniger, geringgeſchätzter, ver⸗ bauerter Pedant— keine Stellung, nicht einmal in der Provinz, wo der letzte herabgekommene Wohnſitz ſeiner Linie vermoderte. Ver⸗ möge ſeiner Abſtammung ſtand er hoch über den meiſten Edelleuten; vermöge ſeiner Stellung ſtand er unter den meiſten Neomen. Er beſaß Gelehrſamkeit, er beſaß Genie; aber die Studien, worauf ſie verwendet wurden, dienten blos dazu ſeine dürftigen Mittel noch mehr zu ſchmälern, und trugen mehr Spott als Ehre ein. Es verging nicht ein Tag, ohne daß ich auf ſeinen ſanften Zügen den Schmerz eines friſchen Stiches, das Nagen eines neuen Kummers erblickte. So kam ich als ein Junge mit dem innern Gefühl einer Kraft, welche durch Liebe eingegeben wird, eines Tags, als er in Kummer verſunken daſaß, zu ihm, kniete vor ihm nieder und ſagte: Vater, habt nur noch eine kleine Weile Muth; ich werde bald Mann ſein, und ich ſchwöre, daß ich dann Alles aufbieten werde, um das alte dahinſchwindende Geſchlecht, das Ihr ſo hoch ſchätzet, wieder ins Leben zu rufen; um das Haus wieder aufzubauen, das, weil Ihr es ſo ſehr liebet, in meinen Augen höher ſteht als alle Heraldik der Koͤnige. Und meines Vaters Geſicht ſtrahlte, und ſeine Stimme ſegnete mich, und ich erhob — — mich als ein Ehrgeiziger!“ Darrell pauſirte, ſtieß einen kurzen ſchnellen Seufzer aus und fuhr dann raſch alſo fort: „Ich war glücklich auf der Univerſttat. Das war eine Zeit, wo Parteihäupter ſich unter jungen Männern, die ihre Proben abgelegt und ihre erſten Preiſe für Eifer und Fleiß gewonnen hatten, nach Rekruten umſahen. Denn das Staatsmannsgeſchäft wurde damals für eine Kunſt gehalten, die gleich dem Kriegshandwerk frühzeitiger Diſciplin bedürfe. Ich hatte kaum die Akademie verlaſſen, als mir vom Haupte der Viponts, einem alten Lord Montfort, ein Sitz im Parlament angeboten wurde. Ich war geblendet, aber nur für einen Augenblick— im nächſten lehnte ich ab. Das gefallene Haus Dar⸗ rell bedurfte Reichthum, und parlamentariſcher Erfolg in ſeinen höhern Chren erfordert oft Reichthum, gibt ihn aber nie. Zufällig hatte ich einen Univerſitätsfreund in einem jungen Mann Namens Vipont Crooke. Sein Großvater, einer der zahlloſen Viponts, hatte ſeinem eigenen Namen noch Crooke hinzufügen müſſen, als er einen — reichen Oheim beerbte, welcher einer von den zahlloſen Crookes war. Mit dieſem Univerſitätsbekannten machte ich dem alten Lord Mont⸗ fort einen Beſuch und ging von da ins Landhaus der Vipont Crookes. Ich blieb wenigſtens zwei oder drei Wochen dort. Während meines Aufenthalts daſelbſt erhielt ich einen Brief von dem ältern Fairthorn, meines Vaters Verwalter, der mich erſuchte augenblicklich nach Faw⸗ ley zu kommen, und auf irgend ein großes Unglück andeutete. Als ich mich von meinem Freund und ſeiner Familie verabſchiedete, lag im Benehmen ſeiner Schweſter Etwas was mich erſchreckte und quälte — eine augenſcheinliche Verwirrung, ein Thränenausbruch— ich weiß ſelbſt nicht was. Ich hatte niemals ihre Neigungen zu gewinnen geſucht. Ich hatte ein Ideal von dem Weib, das ich lieben könnte. Es glich ihr nicht. Denkt Euch die Erſchütterung, die mich erwartete, als ich nach Fawley kam. Mein Vater glich einem Mann, der ins Herz getroffen iſt. Die Haupthypothek war nahe daran zu verfallen — Fawley ſollte dann auf immer für das Geſchlecht der Darrells — 87— verloren gehen. Ich ſah, daß der Tag, wo mein Vater aus dem alten Hauſe vertrieben werden ſollte, ſein letzter auf Erden ſein würde. Wie war es möglich ihn zu retten? Wie die erbärmliche Summe— blos einige wenige Tauſende— auftreiben, um dieſe unfruchtbaren Felder, die in den Augen meines armen Vaters mehr Werth beſaßen als alle Ländereien der Seymour oder Gower, den Klauen der Plün⸗ derer zu entreißen? Mein einziges Einkommen beſtand in einer Colle⸗ V giatur, die für alle meine Bedürfniſſe ausreichte, aber weder verkauft V noch ausgelehnt werden konnte. Ich verbrachte die Nacht in vergeb⸗ licher Berathung mit Fairthorn. Es ſchien keine Hoffnung mehr zu winken. Am nächſten Morgen kam ein Brief von dem jungen Vipont Crooke. Er war mannhaft und offen, obſchon ein wenig plump. Mi Einwilligung ſeiner Eltern bot er mir die Hand ſeiner Schweſter an nebſt einer Mitgift von 10,000 Pfund. Um ſeine Plumpheit zu ent⸗ ſchuldigen, gab er zu verſtehen, daß ich, wenn ich eine Neigung zu ſeiner Schweſter empfinde, mich aus Gründen des Zartgefühls viel⸗ leicht nicht reich genug glauben würde, um ihre Hand zu begehren und — aber es iſt gleichgiltig, was er ſonſt ſagte. Ihr ſehet das Uebrige voraus. Meines Vaters Leben konnte vor Verzweiflung gerettet werden— ſein geliebtes Haus konnte bis zu dem letzten Augenblick ſein Obdach bleiben. Durch die Mitgift wurde die armſelige Schuld, die auf dem Gute laſtete, mehr als gedeckt. Ich gönnte mir keine Stunde Ruhe. Ich eilte nach dem Hauſe zurück, in welches das Schickſal mich geführt hatte. Aber,“ ſagte Darrell mit Stolz, „glaubet nicht, daß ich, ſelbſt mit ſolchen Entſchuldigungen, nieder⸗ trächtig genug war die junge Lady zu täuſchen. Ich ſagte ihr die Wahrheit: ich könne ihr keine ſolche Liebe zuſagen, wie Romanſchrei⸗ ber und Poeten ſie ausmalen; aber ich liebe keine Andere, und wenn ſie ſich dazu verſtehe meine Hand anzunehmen, ſo werde ich eifrigſt auf ihr Glück bedacht ſeyn und ihr dankbar mein eigenes anvertrauen. Ich geſtand ihr ferner der Wahrheit gemäß, daß uns, wenn ſie mich heirathe, auf einige Jahre ein Leben voll Entbehrungen und Mühen — bevorſtehe; daß ſogar die Zinſen aus ihrem Vermögen für meinen Vater beſtimmt werden müſſen, ſo lange er lebe, obſchon jeder Schil⸗ ling des Kapitals für ſie ſelbſt und ihre Kinder angelegt werden ſolle. Wie ſegnete ich ſie, als ſie mich trotz meiner Aufrichtigkeit annahm! — wie innig betete ich, ich möchte ſie lieben und belohnen können!“ Darrell hielt in augenſcheinlichem Schmerz inne.„Und Gott ſey Dank! ich habe mir in dieſer Beziehung Nichts vorzuwerfen. Und die Kraft dieſer Erinnerung befähigte mich mehr zu ertragen und zu erdulden, als meinem raſchen Geiſt und meinem männlichen Herzen ſonſt möglich geweſen wäre. Mein theurer Vater! Sein Tod war glücklich— ſein Haus war gerettet— er erfuhr niemals, mit welchen Opfern von Seiten ſeines Sohnes! Er erfreute ſich an den erſten Chren, die meine Jugend errang. Er willigte in meine Berufswahl, welche, obſchon ſie ſeinen alten Vorurtheilen widerſprach, die dem Vertreter der Darrells keinen andern Beruf als das Schwert geſtat⸗ teten, dennoch den Wohlſtand in Ausſicht ſtellte, der ſeinen Namen vor Untergang ſchützen würde. Er glaubte an meine Zukunft, wie wenn ich nicht ein Gelübde, ſondern eine Prophezeiung ausgeſprochen hätte. Er hatte meine Verbindung geſegnet, ohne ihre Kümmerniſſe vorher⸗ zuſehen. Er hatte mein erſtes Kind in die Arme genommen— es war freilich ein Mädchen, aber es war dennoch ein weiteres Verbin⸗ dungsglied zwiſchen Ahnen und Nachwelt. Und beinahe ſeine letzten Worte waren dieſe: Du wirſt das Geſchlecht wiederherſtellen, Du wirſt den Namen wieder in Aufſchwung bringen! Und meines Sohnes Kinder werden das Grab des Antiquars beſuchen und Dank⸗ barkeit gegen ihn für alles Das lernen, was ſeine müßigen Lektionen Deine rüſtigere Kraft gelehrt haben. Und ich antwortete: Vater, Eure Linie wird nicht zu Grunde gehen im Lande; und wenn ich reich und groß bin und Lordſchaften ſich rings um die niedere Halle ver⸗ breiten, die durch Euer Leben geadelt worden, ſo werde ich zu Euern Enkeln ſagen: Ehret Ihr und Eure Kindeskinder, ſo lang ein Darrell noch die Erde betritt, ehret den Mann, dem ich jeden Gedanken ——;ÿ— 2 2.:—— — QO⏑—— 89 verdanke, welcher mich gekräftigt hat, um Dasjenige zu erringen, woran meine Nachkommen ſich erfreuen dürfen.“ „Und ſo ſtarb der alte Mann, deſſen Leben ſo freudlos geweſen, mit einem Lächeln auf ſeinen Lippen.“ Mittlerweile hatte Lionel Darrells Hand verſtohlen in die ſeinige genommen, ſein Herz ſchwoll von kindlicher Zärtlichkeit, und Thränen rollten über ſeine Wangen. Darrell küßte ſeinen jungen Vetter ſanft auf die Stirne; dann entwand er ſich dem Drucke Lionels, ſchritt im Zimmer auf und ab und ſprach dabei: „Damals habe ich ein Verſprechen gegeben; es iſt nicht in Er⸗ füllung gegangen. Kein Kind von mir lebt, um in der Ehrfurcht gegen das Grab meines Vaters unterwieſen zu werden. Mein ehe⸗ liches Leben war nicht glücklich; ſeine Schilderung bedarf nicht vieler Worte. Die zwei Kinder, die mir geboren wurden, ſind beide dahin⸗ gegangen. Zuerſt mein Sohn. Ich hatte mein innerſtes Leben in ihn geworfen— ein Junge voll Thatkraft und von edeln Verheißun⸗ gen. Für ihn begann ich, sepulchri immemor, dieſes mißlungene Gebäude aufzuführen. Für ihn kaufte ich Morgen um Morgen alles Land, das ſich im Bereich von Fawley befindet— Güter, die zwölf Meilen auseinander liegen. Ich hatte beabſichtigt den dazwiſchen be⸗ findlichen Raum auszufüllen— irgend einen gräflichen Emporkömm⸗ ling, deſſen Wälder und Kornfelder in der Mitte liegen, auszukaufen. Ich ſann über den Kauf nach, ich ſtudirte die Grafſchaftskarte, als man mir die Nachricht brachte, der Junge, den ich juſt in die Schule zurückgeſchickt hatte, ſei geſtorben— an einem ruhigen Sommerabend beim Baden ertrunken! Nein, Lionel. Ich muß weitergehen. Mit dieſem Kummer habe ich gerungen und habe ihn überwunden. Ich wurde dann Wittwer. Eine Tochter blieb mir noch, das erſtgeborne Kind, das mein Vater auf ſeinem Sterbebette geſegnet hatte. Auf ſie trug ich alle meine Liebe, alle meine Hoffnungen über. Ich hatte keine ——— 90 eitle Vorliebe für männliche Erben. Iſt ein Geſchlecht weniger rein, weil es ſich durch die weibliche Linie fortpflanzt? Nun wohl, der Tod meines Sohnes war barmherzig im Vergleich mit—“ Wiederum hielt Darrell inne— wiederum fuhr er haſtig fort:„Genug! Alles iſt im Grabe verziehen. Ich befand mich damals im Mittag des Manneslebens; es ſtand mir frei neue Bande anzuknüpfen. Ein an⸗ derer Kummer, den ich Euch nicht ſagen kann; er iſt noch nicht ganz überwunden. Und durch dieſen Kummer wurde das letzte Grün des Daſeyns dermaßen verſengt, daß— daß— kurz ich hatte kein Herz für Brautaltäre— für die geſellige Welt. Jahre verfloſſen. Mit jedem ſagte ich: Im nächſten Jahre wird die Wunde geheilt ſeyn; ich habe noch Zeit. Jetzt ſteht das Alter vor der Thüre, das Grab iſt nicht fern; jetzt, wenn je, muß ich das Verſprechen er⸗ füllen, wodurch ich dem Todtenbett meines Vaters Freude gegeben. Uebrigens ſchließt dieſe Pflicht nicht alle meine Motive in ſich. Wenn ich für den Reſt meiner Jahre geſunde Gedanken, mann⸗ haſtes Handeln wiedergewinnen will, ſo muß ich fühlen, daß eine qualvolle Erinnerung gebannt und für immer zur Ruhe gewieſen iſt. Nur ſo kann es geſchehen— welchen neuen Sorgen ich auch entgegengehen— wie groß auch die Thorheit des Wagniſſes in meinem Alter ſeyn mag— es iſt nur möglich durch— durch—“ Noch einmal pauſirte Darrell, heftete ſeine Augen feſt auf Lionel und rief, indem er ſeine Arme öffnete:„Vergebt mir, mein edler Lionel, daß ich mit einem Erben wie Ihr ſeyd nicht zufrieden bin; und ſpottet nicht über den alten Mann, welcher träumt, daß ein Weib ihn noch lieben und daß ſeine eigenen Kinder das Haus ſeines Vaters erben können.“ Lionel ſprang an die Bruſt, die ſich ihm erſchloß, und wenn Darrell ſich lange darüber beſonnen hätte, wie er den jungen Mann am Beſten und für immer von der Möglichkeit ſelbſtſüch⸗ tigen Bedauerns frei zu erhalten vermoͤchte, ſo häͤtte er ſeinen 91 Zweck durch keine Art von Liſt ſo gut zu erreichen vermocht, wie durch dieſes rührende Vertrauen, vor welchem die Ungleichheiten zwiſchen Jugend und Alter buchſtäblich verſchwanden. Und da Beide gleich geworden waren, Beide auf gleicher Höhe ſtanden, ſo weiß ich wahrhaftig nicht, welcher ſich für den Augenblick als der ältere oder jüngere fühlte. Zwei edle Herzen in einer und der⸗ ſelben Rührung vermengt, ſind frei von aller Zeit außer von der Gegenwart; ſie ſtehen einander ganz gleich gegenüber, ſie treffen wie Zwillingsbrüder zuſammen. Siebentes Buch. Erſtes Kapitel. Vignetten für das nächſte Buch der Schöͤnheit. „Ich bin ganz mit Euch einverſtanden, Alban; Honoria Vipont iſt eine ſehr überlegene junge Lady.“ „Ich wußte, daß Ihr ſie ſo finden würdet,“ rief der Oberſt mit einer für ihn ungewöhnlichen Wärme. „Vor vielen Jahren,“ verſetzte Darrell mit nachdenklicher Miene, „las ich Miß Edgeworths Novellen, und wenn ich mich mit Miß Honoria Vipont unterhalte, ſo iſt es mir, als verkehre ich mit einer von Miß Edgeworths Heldinnen— ſo vernünftig, ſo klug, ſo wohl⸗ geſittet— ſo frei von einfältigen romantiſchen Begriffen— ſo voll von gediegener Belehrung, von Moralphiloſophie und Naturgeſchichte — man kann ſo ſicher darauf rechnen, daß ſie ihre Uhr und ihr Herz mit der gleichen Regelmäßigkeit und Genauigkeit aufzieht, und daß ſie zuletzt einen reſpektablen ſoliden Ehemann heirathet, den ſie mit Würde gewinnen wird und mit Anſtand verlieren würde. In der That ein ſehr überlegenes Mädchen.“ 2 * Darrell ſpricht— nicht der Verfaſſer. Darrell iſt ungerecht gegen die ausgeſuchteren weiblichen Charaktere einer Novelliſtin, die für die Kraft ihres Gefühls, die Correktheit ihrer Zeichnung, die Glattheit ihrer Erzählungsweiſe und die Klarheit ihres Styls, wie auch für den keineswegs übertriebenen Adel der Geſinnung, wodurch einige ihrer Heldinnen namhaft ſich auszeichnen, alle Bewunderung verdient. 93 „Obſchon Eure Beſchreibung von Miß Vipont ſatyriſch iſt,“ ſagte Alban Morley, indem er trotz einigen Aergers lächelte,„ſo will ich ſie doch als eine Lobrede annehmen, denn ſie enthält unabſichtlich eine richtige Idee von den Eigenſchaften, die eine intelligente Lebens⸗ gefährtin und eine zuverläßige Frau ausmachen. Und dieß ſind die Eigenſchaften, auf die wir ſehen müſſen, wenn wir in unſerem Alter heirathen. Wir find keine Jungen mehr,“ fügte der Oberſt ſententiös hinzu. Darrell.—„Leider nein. Ich wollte, wir wäͤren es noch. Aber die Wahrheit Eurer Bemerkung iſt unbeſtreitbar. Ah, ſchaut einmal da. Iſt nicht dieß ein Geſicht, bei welchem ein Achtzigjähriger vergeſſen könnte, daß er kein Junge iſt!— Welche regelmäßige Züge! — und welch ein Erröthen!“ Die Freunde ritten im Park, und während Darrell ſprach, ver⸗ beugte er ſich gegen eine junge Lady, die mit noch einigen andern raſch in einer Barutſche vorüberfuhr. Es war dieſelbe hübſche junge Lady, welcher er, wie Lionel geſehen, ſo aufmerkſam bei der großen Reunion zugehört hatte, der zu Liebe Carr Viponts Familiengeſell⸗ ſchaft verlaſſen worden war. „Ja; Lady Adela iſt eines der reizendſten Mädchen von London,“ ſagte der Oberſt, der ebenfalls ſeinen Hut gelüpft hatte, als die Ba⸗ rutſche vorbeiſauste—„und ſehr liebenswürdig: ich kenne ſie von Kindesbeinen an. Ihr Vater und ich ſind dicke Freunde— ein vor⸗ trefflicher Mann, aber filzig. Ich hatte große Schwierigkeiten, um die Verbindung der älteſten Tochter mit Lord Bolton ins Reine zu bringen, und ich bin eine Art von Vormund. Wenn Ihr eine Vor⸗ liebe für Lady Adela empfindet, ſo kann ich, obſchon ich nicht glaube, daß ſie ſo gut für Euch paſſen würde wie Miß Vipont, dafür ſtehen, daß ihr Vater die Sache begünſtigen und das Mädchen ſelbſt ein⸗ willigen wird. Ihr fraget Nichts nach dem Umſtand, der für die meiſten ihrer Bewunderer ein Stein des Anſtoßes iſt, nämlich daß ſie Nichts mitbekommt.“ — —— 94 „Nein, aber noch ſchlimmer iſt, daß ſte gar keinen innern Gehalt hat,“ ſagte Darrell.„Gleichwohl iſt es angenehm eine ſchöne Land⸗ ſchaft zu betrachten, wenn auch der Boden unfruchtbar iſt.“ Oberſt Morley.—„Es kommt darauf an, ob Ihr blos der artiſtiſche Beſchauer der Landſchaft oder der mißvergnügte Eigen⸗ thümer des Bodens ſeyd.“ „Vortrefflich!“ ſagte Darrell;„Ihr habt über Lady Adela ver⸗ fügt. Oho, oho!“ Darrells Pferd(ſein altes feuriges Pferd, das ihm friſch von Fawley geſchickt und das trotz der fünf Jahre, um welche es zugelegt, durch lange Ruhe nur noch munterer geworden war) ſpitzte hier ſeine Ohren, ſchlug aus und erlaubte ſich einen Sprung, der manchen Londoner Reiter abgeſetzt haben würde. Eine junge Amazone, hinter welcher unmittelbar zwei oder drei junge Gent⸗ lemen mit ihren Grooms einherſprengten, ſchoß geſchwind und leicht⸗ fertig wie ein Held bei Balaclava vorüber. Aber als ſie Darrell anſichtig wurde, deſſen Hand und Stimme bereits die aufgeregten Nerven ſeines Roſſes beſchwichtigt hatten, wandte die Amazone plötz⸗ lich um und ſprengte an ſeine Seite. Ihren Schleier hinaufwerfend enthüllte ſie ein ſo hübſch muthwilliges, ſo boshaft heiteres Geſicht, ein ſo ſtrahlendes nußbraunes Auge und ſo ſchöne flatternde Locken, daß ſelbſt der Gefühlloſeſte ſeinen Unmuth haͤtte vergeſſen, der Aengſt⸗ lichſte mit der Gefahr ſich hätte ausſöhnen müſſen. Und dennoch lag wirklich eine anmuthsvolle Demuth in den Entſchuldigungen, die ſie wegen ihrer Unhöflichkeit und Gedankenloſigkeit vorbrachte. Während das Mädchen ihren leichten Zelter an Darrells Seite bändigte— während ſie ſich von ihren jungen Begleitern abwandte, die ſie jetzt auf ſchäumenden Roſſen eingeholt hatten— während ſie ſeinem Ohr die ganze Ueberfülle glücklicher Lebensluſt widmete, die gleichwohl. durch eine gewiſſe Ehrerbietung einigermaßen gedämpft, aber augen⸗ ſcheinlich von aller Heuchelei frei war, da erglänzte Darrells ſchönes Geſicht— ſein weiches Lachen bildete ungezügelt, obſchon leiſe, ein Echo für ihre muntern Töne;— ihre Jugend, ihre Luſtigkeit waren 9⁵ unwiderſtehlich anſteckend. Alban Morley beobachtete aufmerkſam, während er ſich mit ihren Begleitern unterhielt, jungen Männern von hohem Ton, die aber jener goldenen Jugend angehörten, mit welcher die Oberfläche patriziſchen Lebens flitterhaft überſäet iſt— junge Männer mit wenigen Ideen und noch weniger Pflichten— aber mit einer Menge freier Zeit— einer Menge Geſundheit— einer Menge Geld in ihren Taſchen— einer Menge Schulden bei ihren Lieferanten— waghalſig in Melton— Pläne ſchmiedend bei Tatter⸗ ſall— der Stolz unverheiratheter Tanten— die Qual ökonomiſcher Väter— wankelmüthige Liebhaber, aber ſolide Ehemänner— kurz Schnellleber, die ihre Jugend bei Zeiten durchmachen und größten⸗ theils ſchon vor dem dreißigſten Jahr das mittlere Alter erreichen— gezähmt durch die Ehe— nüchtern gemacht durch die Verantwortlich⸗ keiten, welche ſich mit den Sorgen des Eigenthums und den Würden des Ranges einſtellen— ſchnelle Umwandlungen in Präſidenten vierteljähriger Sitzungen, in Grafſchaftsmitglieder oder Peers von beſtem Anſtand durchmachend— ihre Ideen bereichert, wenn ihre Pflichten zunehmen— ihre Meinungen, einſt loſe flatternd wie Weiden im Wind, ſich zu Paliſſaden eingehegten Eigenthums ſteifend — ſchätzenswerthe geſchäftige Männer, verändert wie Heinrich V, als er in die Staatsgeſchäfte hineinkommend zu dem Oberrichter ſagte: Hier iſt meine Hand, und zu Sir John Falſtaff: Ich kenne Dich nicht, alter Mann; fall nieder und bete. Aber mittlerweile flunkerte die Elite dieſer goldenen Jugend um Flora Vyvyan herum: keine regel⸗ mäßige Schönheit wie Lady Adela— kein feines Mädchen wie Miß Vipont, aber eine ſolche leichte fehlerloſe Figur— ein ſolch hübſches ſtrahlendes Geſicht— weiblicher, weil es eine gewiſſe Mannhaftigkeit affektirte— eine Hebe, die den Thaleſtris nachäffte. Flora war auch eine Erbin— ein einziges Kind— verzogen, eigenwillig— ganz und gar nicht mit Talenten ausgeſtattet(mein Glaube iſt, daß Talente in den Augen der goldenen Jugend als höchſt langweilig gelten)— kein Talent außer die Reitkunſt, nebſt einigen Handgrifſen auf dem Bulwer, was wird er damit machen? IV. 7 — ——— K 96 Billard und der Fähigkeit drei Paffe aus einer ſpaniſchen Cigarette zu thun. Dieſes Letztere war anbetungswürdig— vier Heirathsan⸗ träge waren blos dieſes einzigen Verdienſtes wegen gemacht worden. (XB. Junge Ladies ſchaden ſich bei der goldenen Jugend, die in unſerer Zeit ein Liebhaber iſt, der eher wie ein Ofen raucht als wie ein Ofen ſeufzt, wenn ſie ihren Abſcheu vor Cigarren kundthun.) Ihr könntet annehmen, Flora Vyvyan müſſe plump, vielleicht gemein ſeyn; ganz und gar nicht; ſie war pikant— originell, und that die ſonderbarſten Dinge mit einem Air, das den feinſten Ton verrieth. Feen können nicht gemein ſeyn, ſie mögen thun was ſie wollen; ſie können ſich die ſeltſamſten Freiheiten herausnehmen— die Mägde quälen— im Hauſe das Oberſte zu unterſt kehren; aber ſie ſind immer die Lieblinge der Grazie und Poeſie. Flora Vyvyan war eine Fee. Selbſt nicht ſonderlich intelligent, hatte ſte eine Verehrung für Intelligenz; dieſe raſchen jungen Männer waren die letzten, welche ſich einbilden durften dieſe raſche junge Lady zu bezaubern. Die Weiber ſind ſo verkehrte Geſchöpfchen; ſie bevorzugen immer gerade Diejenigen von denen man es am wenigſten vermuthen ſollte— die Widerſpiele von ihnen ſelbſt. Iſt es jedoch möglich, daß Flora Vy⸗ vyan ihre Grillen zu einer ſo ausſchweifenden Höhe getrieben haben kann, daß ſie an die Eroberung Guy Darrells denkt, der zehn Jahre älter iſt als ihr eigener Vater? Ohnehin iſt ſie eine Erbin, bei der man ſicherlich keine ſelbſtſüchtigen Abſichten vermuthen darf; auch hat ſie bereits beſſere Partien ausgeſchlagen, als Darrell ſelbſt iſt, junge Männer, hübſche Männer mit Krönchen auf dem Rand ihres Brief⸗ papiers und auf den Feldern ihrer Broughams. Die Idee ſchien gaänzlich verkehrt; nichtsdeſtoweniger faßte Alban Morley, ein ſcharf⸗ ſichtiger Beobachter, dieſe Idee auf und zitterte für ſeinen Freund. Endlich ſchoſſen die junge Lady und ihre Trabanten davon, und der Oberſt ſagte behutſam:„Miß Vyvyan iſt— beunruhigend.“ Darrell.—„Beunruhigend! Dieſes Beiwort erfordert nähere Erklärung.“ 5 97 Oberſt Morley.—„Diejenige Art von Mädchen, die einen Mann von unſern Jahren wirklich und buchſtäblich zu einem alten Narren machen kann.“ Darrell.—„Ein alter Narr muß ein ſolcher Mann in der That ſeyn, wenn Mädchen von irgend einer Art ihn zu einem größern Narren machen dürfen, als er ſchon vorher war. Aber ich denke, daß ein Mann, auf deſſen Lehnſtuhl dieſe hübſchen Händchen ruhen oder in deſſen Arbeitszimmer dieſes ſonnige Geſicht hereinſcheint, ein ſehr glücklicher alter Narr ſeyn dürfte— und dieß iſt das Höchſte was einer erwarten kann.“ Oberſt Morley(ein angſtliches Stöhnen zurückhaltend).— „Ich fürchte, mein armer Freund, Ihr ſeyd bereits zu weit gegangen. Kein Wunder, wenn Honoria Vipont nicht nach Verdienſt gewürdigt wird. Aber Lady Selina hat einen Grundſatz, für deſſen Wahrheit meine eigene Erfahrung ſpricht: Sobald es den Weibern darum zu thun iſt, ſo ſind die geſcheidteſten Männer die—“ „Aelteſten Narren!“ ergänzte Darrell.„Wenn Markus An⸗ tonius um dieſer geſchminkten Vettel von Kleopatra willen ſolche Narrenſtreiche machte, was würde er einer blühenden Julia zu Liebe gethan haben? Jugend und hohe Lebensluſt! Ach warum ſollen dieſe unpaſſende Gefährten für uns ſeyn, wenn wir dieſe Climax in der Zeit und im Kummer erreichen— wenn wir gegen die eine am nachſichtigſten ſind und der andern am meiſten bedürfen? Alban, dieſes Mädchen wäre, wenn ihr Herz wirklich gewonnen, wenn ihre wilde Natur weiſe gemeiſtert, ſanft geleitet würde, ein treues, kluges, liebendes, bewundernswürdiges Weib—“ „Oh Himmel!“ rief Alban Morley. „Für einen Mann,“ fuhr Darrell, ohne den Ausruf zu be⸗ achten, fort,„für einen Mann wie— Lionel Haughton. Was ſagt Ihr?“ „Lionel— oh ich habe ganz und gar Nichts dagegen einzuwen⸗ den; aber er iſt noch zu jung, um ans Heirathen zu denken— er iſt 7* ja noch ein bloſer Junge. Ueberdieß könnte, wenn Ihr ſelbſt heirathet, Lionel kaum auf ein Mädchen von Miß Vyvyans Geburt und Ver⸗ mögen Anſpruch machen.“. „Ho, nicht Anſpruch machen! Dieſer Junge wird wenigſtens nicht aus Mangel an Vermögen vergebens zu freien haben. An meinem Hochzeittag— wenn dieſer Tag je kommt— verſchreibe ich Lionel Haughton und ſeinen Erben fünftauſend Pfund jährlich; und wenn dieſes Vermögen im Verein mit edlem Blut, Jugend, gutem Aeußern und einem Herzen von Gold ihm nicht erlaubt nach jedem Maädchen zu ſtreben, deſſen Hand er begehrt, ſo kann ich es verdoppeln und werde noch immer reich genug ſeyn, um mir in Honoria Vipont eine überlegene Gefährtin zu kaufen—“ Morley.—„Sagt nicht kaufen.“ Darrell.—„Doch, und noch immer jung genug, um in Lady Adela einen Schmetterling zu fangen— noch immer kühn genug, um in Flora Vyvyan einen Panther zu bändigen. Laßt die Welt— Enre Welt in jedem Winkel ihres flimmernden Marktes erfahren, daß Lionel Haughton kein armer Schlucker von einem Vetter, kein geld⸗ loſer Glücksjäger iſt. Ich wünſche, daß die Welt freundlich gegen ihn ſey, ſo lang er noch jung iſt und ſich daran erfreuen kann. Ach Mor⸗ ley, das Vergnügen hinkt wie die Strafe pede claudo hinter uns her. Was uns geſtern entzückt haben würde, regt uns bis morgen gar nicht mehr an, und das Vergnügen von geſtern iſt nicht das von morgen. Eine Handvoll Zuckererbſen hätte unſere Augen funkeln gemacht, als wir in einer Vorbereitungsſchule Krähfüße kritzelten, aber Niemand gab uns damals Zuckererbſen. Jetzt häuft tagtäglich beim Deſſert Frankreich ſeine leckerſten Zuckererbſen in vergoldeten Bonbonnieren vor uns auf. Gelüſtet Euch je darnach? Mich nie. Laßt Lionel ſeine Zuckererbſen zur rechten Zeit bekommen. Ei da kommt er ja gerade. Wie gehts Euch, Lionel?“— „Ich überlaſſe Euch jetzt der Obhut Lionels,“ ſagte der Oberſt auf ſeine Uhr ſehend.„Ich habe ein widerwärtiges Geſchäft. Zwei 99 einfältige Freunde von mir haben Streit bekommen— ſtolze Worte — in einem Alter, wo von Duellen keine Rede mehr ſeyn kann. Ich habe verſprochen mit einem andern Mann zuſammenzutreffen und das Formular zu einer gegenſeitigen Entſchuldigung aufzuſetzen. Stolze Worte ſind heutzutage etwas ſo Dummes. Es bleibt keine Wahl, ſie müſſen ihre Rede wieder hinunterſchlucken. Adieu für den Augenblick. Wir treffen uns heute Abend in Lady Dulcetts Concert.“ „Ja,“ ſagte Darrell.„Ich verſprach Miß Vyvyan hinzukommen und ſie zu hüten, daß ſie die Geſellſchaft nicht ſtöre. Ihr, Lionel, werdet mit mir kommen.“— Lionel(verlegen).—„Nein; Ihr müßt mich entſchuldigen. Ich bin ſchon lange anderweitig verſagt.“ „Das iſt Schade,“ ſagte der Oberſt mit großem Ernſt.„Lady Dulcetts Concert iſt juſt einer von den Plätzen, wo ein junger Mann geſehen werden ſollte.“ Oberſt Morley winkte mit ſeiner gewöhn⸗ lichen matten Eleganz mit der Hand, und ſein Pferd galoppirte, ſtatt⸗ lich wie ein Schlachtroß, bequem wie ein Schaukelpferd, mit ihm davon. „Ein unveränderlicher Mann,“ ſagte Darrell, während ſein Auge der entſchwindenden Geſtalt des Reiters folgte.„Durch alle Ver⸗ änderungen auf der ſtaubigen Straße der Zeit feſt wie ein Meilen⸗ ſtein. Juſt was Alban Morley als Schuljunge war, iſt er noch jetzt; und wenn die Spanne Zeit ſich für ihn bis zu dem Lebensalter der Patriarchen verlängerte, ſo würde Alban Morley in tauſend Jahren juſt das ſeyn was er jetzt iſt. Ich meine natürlich nicht äußerlich; Runzeln werden kommen, die Wangen werden einfallen. Aber dieß ſind Kleinig⸗ keiten: der Körper des Menſchen iſt ein Kleid, wie ſchon Sokrates vor mir ſagte, und alle ſieben Jahre bekommt der Menſch, den Phyſiologen zufolge, einen neuen Anzug, neue Fibern und eine neue Haut vom Wirbel bis zur Zehe. Das innere Weſen, das die Kleider trägt, iſt bei Alban Morley fortwährend daſſelbe. Hat er geliebt, gehaßt, ſein Leben ge⸗ noſſen, gelitten? Wo iſt das Zeichen? Nicht ein einziges iſt vorhanden. In der Schule wie im Leben Nichts thuend, aber entſchieden eine Rolle ſpielend— reſpektirt von kleinen Jungen, gehätſchelt von großen— eine Autorität in allen Dingen. Niemals Ehren erwer⸗ bend— Arm in Arm mit Denjenigen die welche erwarben; niemals in Verlegenheit— Diejenigen berathend die in ſolche kamen; un⸗ ſtörbar, unbeweglich, ruhig erhaben über irdiſche Sorgen wie eine Gottheit Epicurs. Was kann Reichthum geben, das er nicht gehabt hätte? In den Häuſern der Reichſten wählt er ſein Zimmer. Sprecht von Ehrgeiz, ſprecht von Macht— er hat ihre Belohnungen ohne eine Anſtrengung. Ein wahrer Premierminiſter in dem ganzen Königreich, um das er ſich annimmt; die gute Geſellſchaft hat keine Stimme gegen ihn— er macht ihre Geſchäfte ab, er kennt ihre Ge⸗ heimniſſe— er genießt das Schutzherrnrecht in ihr. Stets um eine Gefälligkeit angegangen, während kein Menſch groß genug iſt ihm eine ſolche zu erweiſen. Unbeſtechlich, jedoch aufs Genaueſte mit dem Preis jeden Mannes bekannt; unſündhaft, jedoch mit den Schwäͤchen jedes Einzelnen vertraut; glatt wie Seide, hart wie Diamant; un⸗ möglich zu verletzen, zu ärgern, zu beläſtigen— aber nicht unem⸗ pfindlich; durch und durch freundlich. Der liebe, liebe Alban! die Natur hat niemals einen feineren Gentleman aus einem ſolideren Menſchen⸗ block gehauen und polirt!“ Darrells Stimme zitterte ein wenig, als er mit ernſter Zärtlichkeit die Skizze vollendete, die er mit ſcherzhafter Ironie begonnen hatte; dann ging er plötzlich auf etwas Anderes über und verſetzte leichthin: „Aber ich will Euch um eine Gefälligkeit anſprechen, Lionel. Helft mir einen Verſtoß gegen die gute Lebensart, deſſen ſich Alban Morley niemals ſchuldig gemacht hälte, wieder gut zu machen. Ich bin ſchon mehrere Tage in London und habe Eure Mutter noch nicht beſucht. Wollt Ihr mich jetzt in ihr Haus begleiten und ihr vor⸗ ſtellen?“ „Danke, danke herzlich; Ihr werdet ſie ſo ſtolz und ſo glücklich machen; aber darf ich voransreiten und ſie auf Euern Beſuch vor⸗ bereiten?“ 8½ 101 „Gewiß; ihre Adreſſe iſt?—“ „Glouceſter Place Nr.—“ „Ich werde Euch in einer halben Stunde dort treffen.“* Zweites Kapitel. Mag der ſcharfblickende Beobachter das Menſchengeſchlecht von China bis Peru ſich anſehen, ſo wird er überall finden, daß für das Glück des Weibes Beſuche von Bekannten unumgänglich nöthig ſind. Lionel wußte, daß Mrs. Haughton an dieſem Tage einer mehr als gewöhnlichen Voranzeige des Beſuchs von Mr. Darrell bedürfen würde. Auf den Abend dieſes Tages beabſichtigte Mrs. Haughton eine Geſellſchaft zu geben. Wenn Mrs. Haughton eine Geſellſchaft gab, ſo war dieß eine ernſte Angelegenheit. Eine ſorgſame und rührige Hausfrau, überwachte ſie ſelbſt alle Einzelheiten der Vorbe⸗ reitung. Um dieſer Geſellſchaft anzuwohnen, hatte Lionel auf Lady Dulcetts Concert verzichtet. Der junge Mann, der ſich mit Wider⸗ ſtreben in die Anordnungen gefügt hatte, kraft welcher Alban Morley ihn veranlaßte eine eigene Wohnung zu nehmen, ließ ſelten oder nie⸗ mals einen Tag vorübergehen, ohne ſeiner Mutter ſtolzes Herz dadurch zu erfreuen, daß er ein paar Stündchen in Glouceſter Place ver⸗ brachte und ihr zu Liebe häufig einen angenehmen Spazierritt oder einen andern verführeriſchen Ausflug mit luſtigen Kameraden zum Opfer brachte. Es iſt ſchwer im Londoner Leben, und ganz beſon⸗ ders mitten in der Saiſon, einige Stunden Beſuchen zu widmen, die außerhalb des von unſerer eigentlichen Lebensweiſe vorgezeichneten Geleiſes liegen; es iſt ſchwer eine Stunde ſo herauszuſchneiden, daß man nicht einen ganzen Tag zerſchneidet. Und Mrs. Haughton war anſpruchsvoll— ſie war kitzlich und wähleriſch in Bezug auf den Tagesabſchnitt, der ihr zufallen ſollte. Sie nahm die Sahne von der Milch. Sie liebte es, daß ihre Nachbarn ſehen ſollten, wie der 8— hübſche elegante junge Mann juſt in der bezaubernden Stunde, wo Glouceſter Place am vollſten war, ſich von ſeinem Pferde herab⸗ ſchwang oder aus ſeinem Cabriolet ſtieg. Ging er zu einem Lever, ſo mußte er unfehlbar zu ihr kommen, bevor er ſich umkleidete, damit ſie und Glouceſter Place ihn in Uniform bewundern konnten. Begab er ſich in irgend ein ſehr vornehmes Haus zum Diner, ſo mußte er unterwegs bei ihr vorſprechen(obſchon keine Straße ihm mehr aus dem Wege liegen konnte), damit ſie in den Stand geſetzt war in den Geſellſchaften, die ſie ſelbſt beſuchte, zu ſagen:—„Es iſt heute ein großes Diner bei Lord ſo und ſo; mein Sohn beſuchte mich, bevor er hinging. Wäre er nicht verſagt geweſen, ſo würde ich um Erlaubniß gebeten haben ihn hieher zu bringen.“ Nicht als ob Mrs. Haughton die ernſtliche Abſicht gehabt oder auch nur den Wunſch gehegt hätte den jungen Mann aus dem blen⸗ denden Wirbel vornehmen Lebens in das niedere Fahrwaſſer ihrer eigenen Zerſtreuungen herabzuziehen. Sie war viel zu ſtolz auf Lionel, als daß ſie gedacht hätte, ihre Freunde könnten für ihn bedeu⸗ tend genug ſeyn, um ihre Häuſer mit ſeiner Gegenwart zu beehren. Auch waren ihr in dieſer Beziehung die Mittheilungen ihres ver⸗ lorenen Kapitäns über die Grundſätze der großen Welt gar zu lebhaft in Erinnerung. Der Kapitän hatte in der Zeit geblüht, wo die Im⸗ pertinenz, inſtallirt durch Brummell, obſchon ihr Einfluß abnahm, immer noch ihre Oligarchen heranzog und die Etikette ihres Hofes aufrecht erhielt; ja, ſelbſt als ſeine Mißheirath und ſeine Schulden ihn aus ſeiner angeborenen Sphäre herausgeworfen, hatte er den ur⸗ ſprünglichen Glanz eines Bevorrechteten noch nicht ganz verloren. In Augenblicken ehelicher Vertraulichkeit, wenn er ſeine Verirrungen eingeſtand und ſeiner mitfühlenden Jeſſie die Urſachen ſeines Sinkens auseinanderſetzte, pflegte er zu ſagen:„Nicht die Geburt und auch nicht das Vermögen iſt es was einem Manne ſeinen Platz in der Ge⸗ ſellſchaft anweist— es kommt Alles auf ſein Benehmen an, Jeſſie. Man darf nicht ſehen, daß er ſich gegen geringes Volk verbeugt, und — 103 ſeine Feinde dürfen ihn nicht an den Verſammlungsorten des Pöbels finden. Ich datire meinen Fall im Leben von einem Diner bei einem abſcheulichen Manne, der mir hundert Pfund lieh und in der obern Bäckerſtraße wohnte. Sein Weib nahm meinen Arm von einem Platz aus, den ſie Salon nannte(der Kapitän wohnte, als er dieß ſagte, im vierten Stock), um irgend eine unbekannte Nahrung mit mir zu theilen, welche ſie ein Diner nannte(der Kapitän hätte in dieſem Augenblick eine Speckſchnitte willkommen geheißen). Das Weib ſchwatzte es aus— das Ding wurde ruchbar— zum erſten Mal be⸗ kam mein Ruf einen Flecken. Was iſt ein Mann ohne Ruf? und iſt der Ruf einmal befleckt, ſo wird ein Mann liederlich. Lehret meinen Jungen ſich vor dem erſten falſchen Schritt zu bewahren— nur keine Genoſſenſchaft mit Parvenus. Ihr dürft nicht weinen, Jeſſie— ich meine nicht, daß er Euch meiden ſolle— zwiſchen Verwandten und andern Leuten iſt ein großer Unterſchied— es gibt nichts ſo Ge⸗ meines, als wenn man ſeine Verwandten nicht kennen will. So be⸗ ſuchte ich z. B. immer noch Guy Darrell, obſchon er auf der Hinterſeite von Holborn wohnte und ich ihn wirklich einmal in braunen Biberhand⸗ ſchuhen traf. Aber er war ein Verwandter. Ich habe ſogar in ſeinem Hauſe dinirt und ſonderbares Volk dort getroffen— Leute, die eben⸗ falls auf der Hinterſeite von Holborn wohnten. Aber er muthete mir nicht zu, daß ich in ihre Häuſer gehen ſolle, und wenn er es ver⸗ langt hätte, ſo hätte ich geradezu mit ihm brechen müſſen.“ Durch Erinnerungen an ſolche Redensarten blieb Lionel vor allen Plänen Mrs. Haughtons ſeine eigene Bahn in den Kreis herein⸗ zuziehen, worin ſie ſelbſt ſich bewegte, geſchützt. Er mußte zu den Partien kommen, welche ſie gab— er mußte ihnen Glanz verſchaffen oder den ſonderbaren Leuten dort Ehrfurcht einflößen. Dieß war ein gebührender Tribut, den er dem mütterlichen Stolz ſchuldete. Aber hätten ſie ihn zu ihren Partien geladen, ſo wäre ſie die Erſte geweſen, die eine ſolche Freiheit übel aufgenommen hätte. Lionel fand Mrs. Haughton in großer Geſchäftigkeit. Ein Gärtnerskarren ſtand vor der Hausthüre. Männer trugen einen ganzen Hain von Immergrün herein, welcher die Treppe ſchmücken und den ſchmalen Aufgang noch ſchwieriger machen ſollte. Die Er⸗ friſchungen waren bereits im Speiſeſaal ausgebreitet. Mrs. Haugh⸗ ton ſchnitt mit einer Scheere Blumen zurecht, um die Vaſen zu füllen, ſchoß aber dabei wie eine Waſſerjungfer hin und her, vom Speiſeſaal zu der Halle, von den Blumen zu dem Immergrün. „Ei ei, Lionel, ſeyd Ihrs? Sagt mir jetzt, da Ihr doch zu all dieſen vornehmen Leuten kommt, ob die Ratafiakuchen den Schwamm⸗ kuchen gegenüber geſtellt werden müſſen, oder ob es nicht beſſer wäre — ſo— übers Kreuz?“ „Meine liebe Mutter, ich habe es nie beobachtet— ich weiß es nicht. Aber ſputet Euch— legt dieſe Schürze ab— laßt dieſe Thüren verſchließen— kommt herauf. Mr. Darrell wird ſehr bald hier ſeyn. Ich bin vorausgeritten, um Euch vorzubereiten.“ „Mr. Darrell— heute!— Wie konntet Ihr ihn kommen laſſen? O Lionel, wie gedankenlos ſeyd Ihr doch! Ihr ſolltet auf Eure Mutter einige Rückſicht nehmen— ich bin Eure Mutter, Sir.“ „Ja, meine gute liebe Mutter— ſcheltet nicht— ich konnte es nicht ändern. Er iſt ſo beſchäftigt, ſo geſucht; wenn ich ihn heute abgehalten hätte, ſo wäre er vielleicht nie gekommen und—“ „Nie gekommen! Wer iſt Mr. Darrell, daß er ſich ein ſolches Air gibt?— im Grunde doch weiter Nichts als ein Advokat,“ ſagte Mrs. Haughton mit Majeſtät. „O Mutter, dieſe Sprache ſieht Euch gar nicht gleich. Er iſt unſer Wohlthäter— unſer—“ „Sprecht kein Wort mehr— ich war ganz im Unrecht— es war ſehr unartig von mir— blos mein Temperament, lieber Lionel. Der gute Mr. Darrell! ich werde ſo glücklich ſeyn ihn zu ſehen, ihn in dieſem Hauſe zu ſehen, das ich ihm verdanke— ihn an Eurer Seite zu ſehen! Ich glaube, ich werde vor ihm auf die Kniee fallen.“ Und ihre Augen begannen überzuſtrömen. 105 Lionel küßte zärtlich die Thränen weg.„Jetzt iſt es wieder meine liebe gute Mutter— jetzt bin ich ſtolz auf Euch, Mutter; und wie gut Ihr ausſehet! Ich bin auch darauf ſtolz.“ 1 „Gut ausſehen! Ich kann mich in dieſem Aufzug gar nicht ſehen laſſen— obſchon vielleicht ein ältlicher geſetzter Gentleman wie der gute Mr. Darrell von Ladies nicht viel Notiz nimmt. John, John, ſputet Euch mit dieſen Pflanzen. Barmherziger Gott, Ihr habt Euern Rock ausgezogen!— leget ihn an— ich erwarte einen Gentleman— ich bin daheim im vordern Salon— nein— dieſer ſteht ganz voll— im hintern Salon, John. Schicket Suſan zu mir. Lionel, ſchaut jetzt nach dem Speiſetiſch, und was mit den Blumen zu machen iſt, und—“ Der Reſt von Mrs. Haughtons Stimme ging, da die Schnellig⸗ keit ihres Hinaufſteigens der Deutlichkeit ihrer Ausſprache gewaltigen Eintrag that, in der Luft verloren. Oben angelangt, verſchwand ſie in ihrem Zimmer. Drittes Kapitel. Mrs. Haughton in ihrem Hausweſen und Guy Darrell. Dank der Thäͤtigkeit Lionels war die Halle geräumt— die Pflanzenmaſſe haſtig auf die Seite geſchafft— der Salon mit den feſtlichen Vorbereitungen geſchloſſen— und der Lakai wartete in ſeiner Livree vor der Thüre, als Mr. Darrell anlangte. Lionel ſelbſt kam heraus und bewillkommte die Fußtritte ſeines Wohlthäters auf der Schwelle des Hauſes, mit welchem der edelmüthige Mann die Wittwe verſehen hatte. Wenn Lionel geheime Bangigkeiten in Betreff des Ergebniſſes dieſer Beſprechung hatte, ſo waren ſie bald und auf eine höchſt glück⸗ liche Weiſe verſcheucht. Denn beim Anblick Guy Darrells, der ſich ſo liebevoll auf den Arm ihres Sohnes lehnte, überließ ſich Mrs. Haughton mechaniſch der Regung ihres eigenen warmen, dankbaren, ächten Frauenherzens. Und ihr raſches Entgegeneilen— die Art wie ſie Darrells Hand ergriff— ihr erſter glühender Segen— ihre ſpätern Worte, einfach, aber beredt durch das Ueberſtrömen des Ge⸗ fühls, machten dieſes Herz ſo durchſichtig, daß Darrell es mit hoch⸗ achtungsvollen Augen durchſchaute. Mrs. Haughton war noch immer ein hübſches Weib; ſie hatte viel von jener Zartheit der Formen und Umriſſe, welche die Gentilität der Perſonen ausmacht. Sie hatte auch eine liebliche Stimme, außer wenn ſie zornig war. Ihre Mängel in Bezug auf Erziehung, Temperament oder conventionelle Politur waren im Ueberſtrömen natürlicher Erregung nicht erkennbar. Darrell war mit dem Ent⸗ ſchluſſe gekommen ſich wo möglich hier zu gefallen. Und er gefiel ſich weit beſſer als er erwartet hatte. Er nahm ſogar im Stillen die Entſchuldigungen des verſtorbenen Kapitäns an, die er früher niemals hatte gelten laſſen. Die Tochter des Leinwandhändlers war keine plumpe anſpruchsvolle Schlampe, und in ihrem aufrichtigen Dank⸗ barkeitserguß lag nicht jene gemeine Servilität, welche Darrell in ihren epiſtolariſchen Compoſitionen wahrzunehmen geglaubt hatte. Auch herrſchte im Ameublement und in der ganzen Einrichtung des Zimmers eine Eleganz vor, die ſowohl von ſchimmernder Oſtentation als von dürftiger Sparſamkeit frei war. Das Einkommen, das er ihr gab, wurde nicht in gedankenloſer Verſchwendung noch in flitter⸗ haftem Tand verbraucht. Für Ladies im Allgemeinen war Darrells Benehmen im höchſten Grad anziehend und ganz beſonders durch eine gewiſſe artige Schüchternheit gewinnend, die eine Hochachtung gegen die angeredeten Perſonen, eine beſcheidene Unterſchätzung des eigenen Verdienſtes zu erkennen gab, ſomit ein Compliment enthielt und die Eigenliebe kitzelte. Und für dieſe Lady insbeſondere war eine ſolche artige Schüchternheit der Gipfel feiner Lebensart. Kurz und gut, Alles ging ohne den mindeſten Unſchick ab, bis 107 Mrs. Haughton, als Darrell Abſchied nehmen wollte, durch irgend einen böſen Genius an ihre Abendgeſellſchaft erinnert wurde, und ihre Dankbarkeit, die ſich nach irgend einer Gelegenheit zur Vergeltung empfangener Wohlthaten ſehnte, ſie drängte den gütigen Mann, dem ſte die Möglichkeit Geſellſchaften zu geben verdankte, einzuladen. Sie hatte ſich, trotz Allem was Lionel ſagen mochte, Darrells eigentliche Stellung in der Welt niemals klar zu machen gewußt— ein Advokat, der ſeine Jugend auf der Hinterſeite von Holborn zugebracht, dem gegenüber der elegante Kapitän einen Akt der Herablaſſung zu thun glaubte, wenn er ihm nicht verächtlich den Rücken kehrte, konnte aller⸗ dings ſehr reich werden, aber er konnte niemals die perſonificirte Faſhion ſeyn.„Der arme Mann,“ dachte ſie,„er muß ſehr einſam ſeyn. Er iſt nicht wie Lionel ein junger Mann, der ſeine Freude am Tanzen hat. Ein ſtilles Geſellſchäftchen von Leutchen ſeines eigenen ehemaligen Ranges und ſeiner frühern Gewohnheiten würde ihm mehr zuſagen als dieſe vornehmen Orte, die Lionel beſucht. Ich kann nicht umhin ihn einzuladen— ich muß ihn einladen. Was würde er ſagen, wenn ich ihn nicht einlüde? Es wäre wirklich ſchwarzer Un⸗ dank, wenn er nicht eingeladen würde!“ Alle dieſe Ideen rauſchten ihr auf einmal durch den Kopf, und als ſie Darrells ausgeſtreckte Hand in ihren beiden Händen drückte, ſagte ſie:„Ich habe heute Abend eine kleine Geſellſchaft—“ und paufirte. Als Darrell ſtumm blieb und Lionel nicht ahnte was folgen würde, fuhr ſie fort:„Es wird da gute Muſik geben— junge Freunde von mir— ſingen charmant— italieniſch!“ Darrell verbeugte ſich. Lionel begann zu ſchaudern. „Und wenn ich wagen dürfte zu glauben, daß es Euch Freude machen würde, Mr. Darrell, oh ich würde mich ſo glücklich ſchätzen Euch zu ſehen!— ſo glücklich!“ „Wirklich?“ ſagte Darrell kurz,„dann wäre es flegelhaft von mir, wenn ich nicht käme. Lionel wird mich begleiten. Natürlich erwartet Ihr ihn auch?“ „Ja, allerdings. Obſchon er ſo manche vornehme Plätze hat, wohin er gehen kann— und obſchon man nicht gerade das erwarten kann, an was er gewöhnt iſt— ſo iſt er doch ein ſo lieber guter Junge, daß er Alles aufgibt, um ſeiner Mutter einen Gefallen zu thun.“ b Lionel war in Todesangſt. Er kehrte unkindlich den Rücken und 3 6 ſchaute beſtändig zum Fenſter hinaus; aber Darrell, der viel zu er⸗ 3 haben war um eine Beleidigung anzunehmen wo keine beabſichtigt wurde, lächelte blos über die Andeutung auf Lionels überlegene An⸗ 4 ſprüche an die faſhionable Welt und verſetzte ohne den leiſeſten An⸗ flug ſeiner gewohnten Ironie:„Und ſeiner Mutter einen Gefallen zu erweiſen iſt ein ſolches Vergnügen, daß ich Euch herzlich für die Ein⸗ ladung danke es mit ihm zu theilen.“ Der guten Mrs. Haughton wurde es immer leichter ums Herz, und hocherfreut, daß ſie ihrem gaſtfreundlichen Drange gefolgt war, fügte ſie, während ſie Darrell bis an die Treppe begleitete, hinzu: „Und wenn Ihr gerne einen gemüthlichen Rubber ſpielet—“ „Ich rühre niemals Karten an,“ unterbrach Darrell mit etwas weniger graziöſem Tone. Er beſtieg ſein Pferd, und Lionel, der ebenfalls von Mrs. Haughton aufbrach, die ihn verſicherte, daß Mr. Darrell ganz und gar nicht das was ſie erwartet habe, ſondern wirklich und vollkommen ein Gentleman, ja ein weit größerer Gentleman als ſelbſt Oberſt Morley ſey, ſprengte beſchämt und ärgerlich an die Seite ſeines Ver⸗ wandten zurück. Darrell beeilte ſich mit der Güte, zu deren glück⸗ 4 licher Anwendung ſein feiner raſcher Verſtand ihn befähigte, den jungen Gardiſten wieder aufzurichten. „Eure Mutter gefällt mir ſehr— ja wirklich ſehr,“ ſagte er in ſeinen melodiſchen Tönen.„Guter Junge! ich ſehe jetzt, warum Ihr Lady Dulcett aufgabet. Reitet jetzt allein oder mit jüngeren Freunden ſpazieren und holet mich dann ſo ab, daß wir Beide um zehn Uhr bei Ad — 8 109 Mrs. Haughton ſind. Ich kann ſpäter ins Concert gehen, wenn ich Luſt dazu verſpüre.“ Er winkte mit ſeiner Hand, drehte ſein Pferd um und trabte nach den ſchönen vorſtädtiſchen Straßen, welche den Bürgern Londons Blicke auf ländliche Felder und die Schatten ſtiller Baumhecken bieten. Er wünſchte allein zu ſeyn; der Anblick von Mrs. Haughton hatte Reminiscenzen entſchwundener Tage in ihm geweckt— Erinne⸗ rungen, die ſich zu einer ſchmerzlichen Kette verknüpften— an heitere Geſpräche mit ſeinem jüngeren Schulkameraden, dieſem wilden Charlie, der jetzt in ſeinem Grabe lag— an ſeine eigene arbeitſame Jugend, an entſchloſſene Beſtrebungen und geheime Kümmerniſſe— und der ſtarke Mann empfand das Bedürfniß nach jenem einſamen Selbſtverkehr, ohne welchen die Selbſtüberwindung unerreichbar iſt. Viertes Kapitel. Mrs. Haughton daheim und unter den Leuten. Kleine Geſellſchaften ſind nützlich, um die Leute zuſammenzubringen. Man weiß nie wen man treffen kann. Große Königreiche erwachſen aus kleinen Anfängen. Mrs. Haughtons geſelliger Cirkel wurde von einem beſcheidenen Centrum aus beſchrieben. Als ſie in den Beſitz ihres behaglichen Einkommens und ihres Hauſes auf Glouceſter Place kam, regte ſich in ihr natürlich der Wunſch nach einer angemeſſenen beſuchenden Bekanntſchaft. Die Erfüllung dieſes Wunſches war auf eine Weile durch die Aufregung in Folge der Abreiſe Lionels nach Paris, ſowie durch die ungeheure Verſuchung, welcher die Aufmerkſamkeiten des falſchen Mr. Cour⸗ tenay Smith ihre verwittwete Einſamkeit ausgeſetzt hatten, verſchoben worden; aber kaum hatte ſie ſich von der Beſchämung und dem Aerger erholt, womit ſie dieſen gleißneriſchen Betrüger glücklicher Weiſe noch zu rechter Zeit abgedankt, ſo wurde der Wunſch um ſo heftiger, weil die gute Lady fühlte, daß bei einem ſo thätigen und ſo raſtloſen Geiſt wie der ihrige eine beſuchende Bekanntſchaft ihr beſtes Schutzmittel 1 gegen jenes Gefühl der Einſamkeit ſeyn würde, welches Wittwen 4 geneigt macht abenteuernden Freiern ein unvorſichtiges Ohr zu 1 leihen. Nachdem ſie ihre eigene Schwäche in Anhörung eines Gau⸗ ners erprobt, faßte Mrs. Haughton mit einem Schauder bei ihrem glücklichen Entrinnen den feſten Entſchluß ihrem geliebten Sohn nie⸗ V mals einen Stiefvater zu geben. Nein, ſie wollte ihre Gedanken zer⸗ ſtreuen— ſie wollte eine beſuchende Bekanntſchaft haben. Sie begann mit der Auswahl ſolcher Familien, die in verſchiedenen Zeiten ihre artigſten Miethleute geweſen waren und jetzt anderwärts wohnten. Sie benachrichtigte ſie durch höfliche Zuſchriften, daß ſie zu Anſehen und Vermögen gelangt ſey, was ſie gewiß mit großem Vergnügen vernehmen würden, und dieſe Brieſchen, denen eine Karte mit„Mrs. Haughton, Glouceſter Place“ beigeſchloſſen war, führten natürlich entſprechende Zuſchriften und entſprechende Karten herbei. Glouceſter Place bereitete ſich jetzt zu einer Geſellſchaft vor. Die ehemaligen Hausleute willfahrten höflichſt der Einladung. Sie gaben ebenfalls Geſellſchaften. Mrs. Haughton wurde eingeladen. Aus jeder ſolchen Geſellſchaft brachte ſie einen neuen Gewinn, eine neue Erwerbung für ihren Geſellſchaftskreis mit. So hatte Mrs. Haugh⸗ ton lange bevor fünf Jahre zu Ende gingen ihren Zweck erreicht. Sie erfreute ſich einer beſuchenden Bekanntſchaft. Es iſt wahr, daß ſie es nicht allzu genau nahm, und wenn ſich nur ein neuer Jemand zeigte, in deſſen Haus eine Karte abgegeben oder ein Morgenbeſuch gemacht werden konnte, wenn dieſer Jemand nur ihre Zimmer aus⸗ füllen half, oder ſie dazu beitragen konnte ihrerſeits die ſeinigen aus⸗ 4 zufüllen, ſo war ſie zufrieden. Es war ihr nicht um glänzende Quaſten und Troddeln zu thun. Sie fragte Nichts nach Titeln. Sie hatte keine Viſtonen von einer Spalte in der Morning Poſt. Die gütige Lady verlangte blos Luft für die Ueberfülle ihrer geſellſchaft⸗ 9 lichen Inſtinkte, und da ſie ſtolz war, ſo liebte ſie am meiſten ſolche Bekanntſchaften, die zu ihr emporſchauten, ſtatt auf ſie herabzuſchauen. 111 So wurde Glouceſter Place von Völkerſtämmen überzogen, die ſeiner natürlichen civiliſirten Atmoſphäre nicht ganz zuſagten. Hengiſts und Horſas aus entlegenen angelſächſiſchen Bezirken ſetzten über den da⸗ zwiſchen befindlichen Canal und beſchimpften die brittiſche Natio⸗ nalität dieſes geſunden Diſtriktes. Für die meiſten ſolcher Einwan⸗ derer war Mrs. Haughton von Glouceſter Place eine Perſon von der höchſten Auszeichnung. Einige wenige Andere von ſtolzerer Lebens⸗ ſtellung geſtanden ſichs zwar, daß in Mrs. Haughtons Haus ein trau⸗ riges Gemiſche ſtattfinde, aber nachdem ſie ſich einmal hieher hatten verlocken laſſen, kamen ſie immer wieder— es waren Leute, die trotz unabhängigen Vermögens und edeln Blutes nur eine kleine beſuchende Bekanntſchaft in der Stadt hatten, weil ſie friſch von öͤkonomiſcher Coloniſation auf dem Feſtland oder aus entfernten Provinzen in dieſen drei Königreichen kamen. Mrs. Haughtons Zimmer waren wohl beleuchtet. Für die Einen gab es Muſik, für Andere Whiſt, für Alle Thee, Eis von den verſchiedenſten Arten, Kuchen und eine Menge Leute. Um zehn Uhr— die Zimmer waren bereits beinahe gefüllt, und Mrs. Haughton erfreute ſich an der Thüre ſtehend zum Voraus der glücklichen Stunde, wo die Treppe unzugänglich werden würde— verkündete der erſte Diener, welchen der benachbarte Conditor mit dem Eis hergeſchickt hatte, mit lauter Stimme:„Mr. Haughton— Mr. Darrell.“ Bei dieſem letzteren Namen durchzuckte eine Senſation die ganze Verſammlung— der Name, der zur Zeit beſtändig in Jedermanns Mund war, und beſonders im Munde der großen Mittelklaſſe, von welcher, obſchon überfeine Leute ſie ein trauriges Gemiſch nennen mögen, Cabinette abhängen, konnte nicht ermangeln den Ohren von Mrs. Haughtons beſuchender Bekanntſchaft vertraut zu ſeyn. Die Zeit, die zwiſchen ſeiner Anmeldung und ſeinem Heraufkommen von der Halle bis in den Salon verſtrich, wurde geſchäftig ausgefullt mit leiſen Fragen an die lächelnde Wirthin:„Darrell! Was! der Bulwer, was wird er damit machen? IV. 8 ——ꝛ—ꝛ—ꝛ—— Darrell! Guy Darrell! Der groͤßte Mann des Tages! ein Ver⸗ wandter von Euch? Ihr werdet doch das nicht ſagen?“ Mrs. . Haughton begann es in ihren Nerven zu fühlen.„Hatte Lionel Recht? Konnte der Mann, der blos ein Advokat auf der Hinterſeite von Holborn geweſen war, wirklich jetzt ein ſolcher ſehr, ſehr großer Mann— der größte Mann des Tages ſeyn? Unſinn!“ „Ma'am,“ ſagte ein bleicher, aufgedunſener, plattnäſiger Gent⸗ leman in einer ſehr großen weißen Weſte, der an ihrer Seite wartete, bis an einem der beiden Whiſttiſche ein Platz aufging—„Ma'am, ich bin ein enthuſiaſtiſcher Bewunderer von Mr. Darrell. Ihr ſagt, er ſey ein Verwandter von Euch? Stellt mich ihm vor.“ Mrs. Haughton nickte haſtig, denn als der Gentleman ſeine Bitte zu Ende brachte und auf eine große goldene Schnupftabaksdoſe klopfte, ſtand Darrell vor ihr— dicht an ſeiner Seite Lionel, der ent⸗ ſchieden blöde dreinblickte. Der große Mann ſagte einige wenige höfliche Worte und wollte eben in den Saal gleiten, um dem Ge⸗ dränge hinter ihm Platz zu machen, als das Individuum mit der weißen Weſte, Mrs. Haughtons Arm berührend und Darrell voll ins Geſicht ſchauend, ganz laut ſagte:„In dieſen ängſtlichen Zeiten be⸗ dürfen Staatsmänner keiner Ceremonien. Ich ſehne mich nach einer Vorſtellung bei Mr. Darrell.“ So bedrängt murmelte Mrs. Haugh⸗ ton, ohne aufzuſchauen:„Mr. Adolphus Poole— Mr. Darrell,“ und wandte ſich, um neue Gäſte zu bewillkommnen. „Mr. Darrell,“ ſagte Mr. Poole ſich bis auf den Boden ver⸗ beugend,„dieß iſt eine große Ehre.“ Darrell warf dem Sprecher einen Blick aus ſeinem ſcharfen Auge zu und dachte bei ſich ſelbſt:„Wenn ich noch Advokat wäre, ſo möchte ich für dieſen Burſchen keinen Prozeß führen.“ Gleichwohl erwiederte er den Bückling förmlich, und indem er ſich am Schluß einer äußerſt complimentenreichen Anrede, die Mr Poole ſeinem ein⸗ leitenden Satze folgen ließ, von Neuem verbeugte, erklärte er ſich ſehr geſchmeichelt und glaubte nunmehr entronnen zu ſeyn; aber wohin er auch durch die Menge ging, Mr. Poole wußte ihm überall zu folgen und ſeine Aufmerkſamkeit durch Bemerkungen über die Angelegen⸗ heiten des Tages— das Wetter— die Fonds— die Erndte— rege zu machen. Endlich erblickte Darrell weit weg in einer Ecke einen vortrefflichen Mann, den er wirklich mit Ueberraſchung in einem Lon⸗ doner Salon ſah, der aber vor vielen Jahren, als Darrell bei der erleuchteten Wählerſchaft von Ouzelford um ihre Stimmen bat, bei dem Präſidenten ſeines Comites auf Beſuch geweſen war— einen einflußreichen Geſchäftsmann, der Verbindungen in der Stadt be⸗ ſeſſen und, da er in großem Anſehen ſtand, ihm bei der Wahl gute Dienſte geleiſtet hatte. Darrell vergaß ſelten ein Geſicht und niemals einen Dienſt. Zu jeder Zeit würde er ſich gefreut haben den Ehren⸗ mann wieder einmal zu ſehen, aber unter den gegebenen Umſtänden war er wahrhaft dankbar dafür. „Entſchuldigt mich,“ ſagte er ohne viele Umſtände zu Mr. Poole, „aber ich ſehe einen alten Freund.“ Er ſchritt voran, und ſo dicht auch die Verſammlung geworden war, ſo machte ſie doch hoch⸗ achtungsvoll wie vor dem Königthum Platz für den ausgezeichneten Redner. Das Geſumme der Bewunderung, als er vorüberging— lauter als in einem feineren Salon— würde einem eitleren Mann eine holdere Muſik gedäucht haben, als die künſtlichſten Träller einer Griſi— ja, es gab eine Zeit, wo es ihn ſelbſt ſo bedünkt hätte. Aber die Zuckererbſen kamen zu ſpät! Er erreichte die Ecke und ſtörte den einſamen Sitzer auf. „Mein lieber Mr. Hartopp, erinnert Ihr Euch meiner nicht— Guy Darrell?“ „Mr. Darrell!“ rief der Exmayor von Gatesboro' ſich erhebend, „wer konnte denken, daß Ihr Euch meiner erinnern würdet?“ „Wie! Soll ich mich nicht an jene zehn ſtarrköpfige Wähler erinnern, an welche ich alle zuſammen und einzeln meine ganze Be⸗ redtſamkeit umſonſt verſchwendet hatte? Ihr kamet, und mit den . 8⸗ ..——. —ͤͤͤͤͤͤ—“ —— —————q 114 kurzen Worten: John— Ned— Dick— thut mir den Gefallen— ſtimmet für Darrell! waren die Männer überzeugt— die Stimmen gewonnen. Das iſt es was ich Beredtſamkeit nenne—(sotto voce — hol der Teufel dieſen Kerl, er iſt immer hinter mir!— Bei Seite zu Hartopp)„Oh darf ich fragen, wer dieſer Mr.— wie heißt er doch— da iſt— in der weißen Weſte?“ „Poole,“ antwortete Hartopp.„Wer er iſt, Sir? Ein Spe⸗ kulant. Er ſteht mit einer neuen Compagnie in Verbindung— man ſagt mir, daß ſie einſchlage. Williams(mein Geſchäftsführer nämlich, ein ſehr ſchlauer Kopf) hat bei der Compagnie Aktien ge⸗ nommen und mir auch zugeredet, allein ich liebe dergleichen Dinge nicht. Und Mr. Poole mag ein ſehr ehrlicher Mann ſeyn, aber er macht mir einmal dieſen Eindruck nicht. Ich bin gleichgiltig ge⸗ worden; ich weiß, daß man mich betrügen kann— dieß iſt mir einmal widerfahren— und deßhalb vermeide ich aus Grundſatz Compagnien — zumal wenn ſie 30 Procent verſprechen und Kupferminen aus⸗ beuten— Mr. Poole hat eine Kupfermine.“ „Und treibt Handel mit Erz— das könnt Ihr in ſeinem Geſicht ſehen. Aber Ihr ſeyd nicht für immer in der Stadt, Mr. Hartopp? Wenn ich mich recht erinnere, ſo waret Ihr in Gatesboro', als wir uns zum letzten Mal trafen.“ „Und ich bin noch dort— oder wenigſtens in der Nachbarſchaft. Ich ziehe mich allmälig vom Geſchäft zurück und habe mit jedem Tag mehr Freude an der Landwirthſchaft. Aber ich beſitze eine Familie, und wir leben in aufgeklärten Zeiten, wo Kinder einer feineren Erziehung bedürfen als ihre Eltern hatten. Mrs. Hartopp dachte, meiner Tochter Anna Maria würden einige vollendende Lek⸗ tionen recht wohl bekommen— Anna Maria hat große Freude an der Harfe— und ſo haben wir auf ſechs Wochen ein Haus in London genommen. Das iſt Mrs. Hartopp mit dem Vogel auf ihrem Kopf — ein Paradiesvogel glaube ich— Williams ſagt, daß Vögel dieſer Art niemals ruhen. Dieſer Vogel iſt eine Ausnahme, er iſt ganze —— — ———O—QO—·˖ʒBʒᷓõ——— 8 ——.———— ——V—ʒ—ʒ—:,—— Stunden lang auf Mrs. Hartopps Kopf geblieben, und zwar jeden Abend, ſeit wir in der Stadt ſind. „Das iſt ein Symbol für Euer eheliches Glück, Mr. Hartopp.“ „Möge es das Glück meiner Anna Maria bedeuten! Sie ſoll ſich, wenn ihre Erziehung vollendet iſt, verheirathen, und zwar, nebenbei geſagt, mit einem Sohn Eures alten Freundes Jeſſop von Ouzelford, und unter uns, Mr. Darrell, dieß iſt der Grund, warum ich mich zu der Reiſe in die Stadt entſchloſſen habe. Ihr dürſt nicht glauben, daß ich eine ſo fein gebildete Tochter haben möchte, wenn nicht ein Gemahl bei der Hand wäre, der die Verantwortlichkeit für die Folgen übernähme.“ „Ihr bewähret ſtets Eure alte Weisheit, Mr. Hartopp, und ich bin überzeugt, daß ſelbſt Eure ſchöne Gemahlin Euch nicht nach London gebracht haben würde, wenn Ihr nicht über die Nützlichkeit dieſer Reiſe im Klaren geweſen wäret. Erinnert Ihr Euch, daß ich damals, als Ihr einen Streit in unſerem Comitezimmer auf eine ſo bewundernswürdige Art beilegtet, zu Euch geſagt habe: Es iſt nur gut, daß Ihr nicht als König geboren worden ſeyd, denn Ihr würdet ein unwiderſtehlicher Tyrann geworden ſeyn.“ „Still, ſtill,“ flüſterte Hartopp in großer Angſt,„wenn Mrs. Hartopp Euch hörte! Was für ein Beobachter Ihr ſeyd, Sir! Ich glaubte auch Charaktere beurtheilen zu können— aber ich bin einmal getäuſcht worden— Euch iſt dieß ſicherlich nie widerfahren?“ „Ihr irrt Euch,“ antwortete Darrell ausweichend,„Ihr ge⸗ täuſcht! Wie iſt das zugegangen?“ „Oh eine lange Geſchichte, Sir. Es war ein ältlicher Mann— der angenehmſte intereſſanteſte Geſellſchafter— nichtsdeſtoweniger ein Vagabund— und ein ſolch hübſches bezauberndes kleines Mäd⸗ chen bei ihm, ſeine Enkelin. Ich dachte, er mochte vielleicht ſeiner Zeit ein wilder Geſelle geweſen ſeyn, aber er beſitze doch wahres Ehrgefühl(Darrell, den die Erzählung ganz und gar nicht intereſſirte, ————— —— —— ··“ —— —y ——— —— —— ——— vͤͤͤͤſb —— ———— 116 unterdrückte ein Gähnen und ſehnte ſich im Stillen nach dem Ende). 4 Denkt Euch nur, Sir, juſt als ich zu mir ſelbſt ſagte: Ich verſtehe 1 mich auf den Charakter der Menſchen, ich bin noch nie hintergangen worden, da kommt ein ſchmucker Geſelle— des Mannes eigener Sohn— und ſagt mir— oder vielmehr er duldet, daß eine mit ihm gekommene Lady zu mir ſagt— dieſer allerliebſte alte Gentleman von hohem Ehrgefühl ſey ein entlaſſener Sträfling— deportirt, weil er ſeinen Patron beſtohlen.“ Blaß, athemlos lauſchte Darrell und achtete auf jedes Wort. „Wie hieß der— der—“ „Der Verbrecher? Er nannte ſich Chapman, aber der Name des Sohnes war Loſely— Jaſper.“ „Ah!“ ſtammelte Darrell zurückbebend,„und Ihr ſprachet von Anem kleinen Mädchen?“ „Jaſper Loſelys Tochter. Er verfolgte ſie mit einer obrigkeit⸗ lichen Vollmacht. Der alte Gauner hatte ſie entführt— vermuthlich um ſie in ſeinen eigenen Schwindeleien zu unterrichten. Gliücklicher⸗ weiſe befand ſie ſich damals in meiner Obhut. Ich gab ſie ihrem Vater und der ſehr reſpektabel ausſehenden Lady, die er mit ſich brachte, zurück; vermuthlich eine Verwandte.“ „Erinnert Ihr Euch ihres Namens?“ „Crane.“ „Crane!— Crane!“ murmelte Darrell, wie wenn er ſich ver⸗ gebens bemühte ſein Gedächtniß um dieſen Namen zu beſtürmen. „Er ſagte alſo, das Kind ſey ſeine Tochter— ſeyd Ihr deſſen gewiß?“ „O natürlich ſagte er das und die Lady ſagte es auch. Aber ſolltet Ihr mit ihnen bekannt ſeyn, Sir?“ „Ich?— Nein! Sie ſind mir fremd, ausgenommen durch Hörenſagen. Lügner— infame Lügner! Aber ſollten die Mitſchul⸗ digen— ich meine den Sohn und den Vater— an einander gerathen ſeyn, weil der Sohn den Vater blosſtellte und verrieth?“ „Ich vermuthe das. Ich ſah ſie nie wieder. Aber glaubt Ihr, 117 daß der Vater wirklich ein Miſſethäter, ein Verbrecher war— keine Entſchuldigung für ihn— keine mildernde Umſtände? Dieſer Mann hatte Etwas an ſich, Mr. Darrell, wodurch man ſich angezogen, poſitiv angezogen fühlte, und als ich ihm ſagen mußte, daß ich das Kind, das er meiner Obhut anvertraut, weggegeben habe, und als ich ſeinen Kummer ſah, da war mir zu Muthe, als ſey ich ſelbſt ein Verbrecher.“ Darrell ſagte Nichts, aber der Charakter ſeines Geſichtes war gänzlich verändert— herb, hart, mitleidlos— das Geſicht eines unerbittlichen Richters. Hartopp trat angſtvoll zurück, als er plötzlich ſeine Augen zu ihm erhob. „Ihr denket, ich habe etwas Strafbares gethan!“ ſagte er klaͤglich. „Ich denke, Mr. Hartopp, daß wir Beide zu viel von einer Bande elender Schwindler geſprochen haben, und ich rathe Euch die ganze Erinnerung an den Verkehr mit Einem von ihnen aus Eurer ehrlichen Bruſt zu verſcheuchen und das Märchen, das Ihr mir vor⸗ getragen habt, niemals vor andern Ohren zu wiederholen. Mäaͤnner von Ehre ſollten ſchon den Gedanken, der ſie mit Schuften zuſammen⸗ führt, erſticken.“ So ſprechend entſernte ſich Darrell mit unhöflicher Haſt, und indem er ſich raſch einen Weg durch das Gedränge zurückbahnte, beehrte er Mrs. Haughton kaum mit einem Abſchiedsnicken und be⸗ achtete Lionel gar nicht, ſondern eilte die Treppe hinab. Er ſuchte ungeduldig im Hinterzimmer nach ſeinem Mantel, als eine Stimme hinten ſagte:„Laßt mich Euch beiſtehen, Sir;“ und indem er ſich mit ärgerlicher Haſt umwandte, ſah er wieder Mr. Adolphus Poole. Es erfordert einen zur Gewohnheit gewordenen Verkehr mit Seines⸗ gleichen, um einem Mann von reizbaren Nerven und offenem Cha⸗ rakter eine vollkommene und unveränderliche Herrſchaft über ſein Temperament zu geben, und obſchon Darrell da wo er wirklich liebte viel ſanfte Duldſamkeit, und da wo er gleichgiltig war viel vornehme 118 Höflichkeit beſaß, ſo konnte er doch da wo er beleidigt wurde äußerſt unhöflich ſeyn.„Sir,“ rief er beinahe mit ſeinem Fuß ſtampfend, „Eure Zudringlichkeiten beläſtigen mich; ich erſuche Euch ſie einzu⸗ ſtellen.“* „Oh ich bitte um Verzeihung,“ ſagte Mr. Poole mit zornigem Murren.„Ich habe nicht nöthig mich irgend einem Menſchen auf⸗ zudrängen. Aber ich bitte Euch zu glauben, daß, wenn ich mirs herausnahm Eure Bekanntſchaft zu ſuchen, dieß blos geſchah, um Euch einen Dienſt zu leiſten— ja einen Privatdienſt, Sir.“ Er dämpfte ſeine Stimme zu einem Geflüſter und legte ſeinen Finger an ſeine Naſe—„Es gibt einen gewiſſen Jaſper Loſelg⸗Sir— heh? O Sir, ich bin kein Störenfried. Ich reſpektire Familiengeheimniſſe. Vielleicht könnte ich nützlich ſeyn, vielleicht nicht.“ „Jedenfalls mir nicht, Sir,“ ſagte Darrell, den endlich gefun⸗ denen Mantel über ſeine Schultern werfend und vom Hauſe weg⸗ ſchreitend. Als er in ſeinen Wagen neeund der Lakai da, um auf Befehle zu warten. Darrell ertheilte ſie lange nicht.„Irgend⸗ wohin eine halbe Stunde— nach Stz. Pauls, dann nach Hauſe.“ Aber als er von dieſer zweckloſen Fahrt in die City zurückkam, da zog Darrell die Klingel:—„Nach Belgraveſquare— Lady Dulcett.“ Das Concert war halb vorüber; aber Flora Vyvyan hatte ihrem Verſprechen gemäß fortwährend einen Platz neben ſich für Darrell aufbewahrt, indem ſie ihn für einen Augenblick einem ihrer gehorſamen Vaſallen überließ. Ihr Geſicht ſtrahlte, als ſie Darrell eintreten und herankommen ſah. Der Vaſall trat den Stuhl ab. Darrell ſchien in der allerbeſten Laune zu ſeyn, und ich glaube feſt, daß er ſich die außerordentlichſte MNühe gab, um— was?— ſich der holden Flora Vyvyan angenehm zu machen? Nein; um die holde Flora Vyvyan ſich angenehm zu machen. Er nahm nicht an, daß eine ſchöne junge Lady ſich in ihn verlieben könnte; vielleicht glaubte er, dieß wäre in ſeinen Jahren unmöglich. Aber er verlangte was weit leichter ſchien und doch weit ſchwerer war— er verlangte ſich ſelbſt zu verlieben. 1 . Fünftes Kapitel. Die gelehrten Männer, die ihr Leben dem Studium der Manieren und Ge⸗ wohnheiten der Inſektengeſellſchaft gewidmet haben, behaupten, daß eine Spinne, wenn ſie ihr letztes Gewebe verloren und allen klebrigen Stoff. um einen andern zu ſpinnen, erſchöpft hat, ihr unſchuldiges Daſein immer noch dadurch verlängere, daß ſie ſich irgend einer weniger krie⸗ geriſchen, aber reſpektableren Spinne aufdränge, die eine angemeſſene Heimath und eine luftige Speiſekammer beſitze. Beobachtende Mo⸗ raliſten haben dieſelbe Eigenthümlichkeit bei dem Menſchenfreſſer oder Taſchenkannibalen bemerkt.. Um eilf Uhr Vormittags befindet ſich Samuel Adolphus Poole Eſgq. in ſeinem Empfangzimmer. Sein Haus iſt eine jener neuen Vohnungen, welche alljährlich im Norden von Regents Park aus dem Boden emporwachſen, Wohnungen, welche die Excentricität des Na⸗ tionalcharakters bezeugen und der Phantaſie des Baumeiſters ſowie der Ernſthaftigkeit des Beſchauers große Zumuthungen machen— jedes einzelne Haus muß mit aller Gewalt einen ſolchen Contraſt gegen das andere bilden, daß auf einem einzigen kleinen Raum alle Zeitalter vermengt und alle Völkerſtämme einquartirt zu ſeyn ſcheinen. Nr. 1 iſt ein egyptiſches Grab!— Pharaone mögen hier ruhen. Nr. 2 iſt eine ſchweizeriſche Sennhütte— Wilhelm Tell mag in ihrem Garten ſchießen. Schauet hier die Strenge doriſcher Säulen— Sparta liegt vor Euch! Betrachtet dieſen gothiſchen Portikus— Ihr werdet in die Tage der Normannen entführt. Ha dieſe eliſabethiſchen Fenſterkreuze— Sidney und Raleigh, erhebet Euch wieder! Ho, die Gitterwerke von China— kommt hervor, Confucius und Commiſſär Deh! Wenn wir wenige Schritte weiter * 120 gehen, befinden wir uns im Land der Zegri und Abenceragen— im Land der ſchwarzäugigen Maid und des dunkelfarbigen Mohren. Mr. Pooles Haus wird Alhambra Villa genannt. Mauriſche Verandas, Spiegelglasfenſter mit zugeſpitzten Enden und Mahagoni⸗ ſchiebern— ein Garten hinten, ein kleinerer in der Front— Treppen, die unter einer ſarazeniſchen Säulenhalle emporſteigen zwiſchen zwei auf Piedeſtalen ruhenden Löwen, welche wie Pudel ausſehen— das Ganze neu und glänzend— anſcheinend Stein, in Wahrheit Stuck, Ritzen in dem Stuck, die verſchiedene Niederlaſſungen andeuten. Aber da das Haus auf 99 Jahre vermiethet und wiederum in einem laufenden Pacht von ſieben, vierzehn und einundzwanzig Jahren ver⸗ miethet iſt, ſo iſt der Erbauer nicht für die Dauer und der urſprüng⸗ liche Pächter nicht für Ausbeſſerungen verantwortlich. Alles zuſammen genommen, konntet Ihr keinen beſſern Typus für modernen Geſchmack und hauptſtädtiſche Spekulation auffinden als die Bauart dieſer Al⸗ hambra Villa. Mr. Poole iſt, ſeit wir ihn vor vier oder fünf Jahren zum letzten Mal ſahen, in den Stand der Ehe getreten. Er hat eine Lady von einigem Geld geheirathet und iſt ein geſetzter Mann geworden. Er hat dem Raſen Valet geſagt, Belcher Halsbinden und Röcke von Newmarket aufgegeben, ſeinen alten Bekanntſchaften aus dem Hage⸗ ſtolzleben den Rücken zugekehrt. Wenn ein Mann heirathet und ſich beſſert, zumal wenn Heirath und Beſſerung mit vermehrtem Ein⸗ kommen begleitet ſind, und wenn er ſich reſpektabel in Alhambra Villa niederläßt, da kommen ihm Verwandte, die ſich vorher fremd gehalten, mit freundlichen Anerbietungen entgegen: die Welt, die früher ſtreng geweſen, wird nachſichtig. So verhielt es ſich mit Poole, der nicht mehr Dolly war. Zugegeben daß er im früheren Leben auf böſe Wege gerathen war und ſich unter zweideutigen Ge⸗ noſſen durch jene Liebhaberei für Alles was Sport heißt hatte hin⸗ reißen laſſen, die ein mannhaftes, obſchon gefährliches Kennzeichen des ächten Engländers iſt. Ein Pferdefreund iſt ſtets in Gefahr mit 121 Gaunern in Berührung zu kommen. Der Renner iſt ein edles Thier; aber leider, je beſſer ſeine Race, um ſo ſchlechter ſeine Geſell⸗ ſchaft. Zugegeben daß Adolphus Samuel Poole in den Ställen einen wilden Hafer aufgepickt hatte— er hatte ihn ausgeſäet— vergangen war vergangen. Er hatte eine ſehr kluge Heirath getroffen. Mrs. Poole war ein verſtändiges Weib— ſie hatte ihn zahm gemacht und gedachte ihn ſtreng zu halten. Sein Onkel Samuel, ein höchſt wür⸗ diger Mann, hatte dieſes verſtändige Weib für ihn gefunden, nach dem Fund die Schulden ſeines Neffen bezahlt und, nachdem er dem Vermögen der Lady eine runde Summe zugefügt, dafür geſorgt, daß das Ganze ſo ſicher für Weib und Kinder angelegt wurde, daß Poole die zarte Befriedigung hatte zu wiſſen, daß, mochte ihm ſelbſt ge⸗ ſchehen was da wollte, dieſe theuren Häupter jedenfalls geſichert waren; ja ſogar daß, wenn er in den Wechſelfällen des Glücks durch verfolgende Gläubiger genöthigt werden ſollte ſeine heimiſchen Ufer zu fliehen, das Geſetz die auf Mrs. Poole verſchriebene Competenz nicht ſchmälern und ihr beglückendes Vorrecht dieſe Competenz mit einem geliebten Gemahl zu theilen nicht aufheben konnte. Selbſt Zahlungsunfähigkeit verwirklicht, auf ſolche Art unter den Schutz eines Ehevertrags geſtellt, jene erhabene Sicherheit der Tugend, welcher die römiſche Muſe Unſterblichkeit verliehen hat: Repulsae nescia sordidae, Intaminatis fulget honoribus; Nec sumit aut ponit secures Arbitrio popularis aurae. Mr. Poole war ein thätiger Mann in der Pfarrgemeinde— er war ein geſinnungstüchtiger Politiler— er ſubſcribirte bei Sachen öffentlicher Wohlthätigkeit— er wohnte öffentlichen Schmauſereien an— er hatte bei einem Halbduzend öffentlicher Anſtalten mitzu⸗ ſtimmen— er ſprach von den öffentlichen Intereſſen und nannte ſich einen Mann der Oeffentlichkeit. Er wählte ſeine Verbündeten unter Geſchäftsmännern, die allerdings Spekulanten waren, aber ſolid. 4. — ——— —4 “— Eine Aktiengeſellſchaft wurde aufgethan, er wußte ſich eine offizielle, mit einem Gehalt verbundene Stellung auf dem Bureau derſelben zu verſchaffen— der Gehalt war zwar nicht groß, aber doch immerhin ein Gehalt. „Das Geld,“ ſagte Adolphus Samuel Poole,„iſt mir Neben⸗ ſache; aber es iſt mir angenehm Etwas zu thun zu haben.“ Ich kann nicht ſagen, wie er Etwas that, aber ohne Zweifel wurde Jemand abgethan. Mr. Poole war in ſeinem Empfangzimmer, las Zeitungen und ſortirte Papiere, bevor er nach ſeinem Bureau im Weſtend abging. Mrs. Poole trat ein. Sie führte an der Hand ein Kind, das noch nicht allein gehen konnte, und ihr intereſſanter Körperumfang zeugte von einer freundlichen Abſicht dieſes Kind in einer nicht fernen Periode mit einem Brüderchen oder Schweſterchen, wie es nun eben kommen mochte, zu erfreuen. „Komm und küß Pa, Johnny,“ ſagte ſie zu dem Kind. „Mrs. Poole, ich bin beſchäftigt,“ brummte Pa. „Pa iſt beſchäftigt— muß viel arbeiten für den kleinen Johnny. Das alles wird einſt Johnny zu gute kommen,“ ſagte Mrs Poole, das Kind halb bis zur Decke emporhaltend, um es für den Verluſt des väterlichen Kuſſes zu entſchädigen. „Mrs. Poole, was begehret Ihr?“ „Darf ich von Jones heute ſeinen Brougham auf zwei Stunden miethen, um Beſuche abzuſtatten? Es ſind ſehr viele Karten da, die wir abgeben ſollten; gibt es vielleicht einen Ort, wo ich eine Karte für Euch abzugeben hätte, mein Lieber— irgend eine Perſon von Bedeutung, der Ihr heute Nacht bei Mrs. Haughton vorgeſtellt, worden ſeyd? Dieſer große Mann, von dem alle Welt ſpricht und an dem Ihr ein ſolches Wohlgefallen zu finden ſchienet, mein liebſter Samuel—“ „Schweigt doch! Dieſer Mann hat mich beſchimpft, ſage ich Euch.“ —————— 123 „Euch beſchimpft! Nein; Ihr habt mir das nicht geſagt.“ „Ich ſagte es Euch heute Nacht, als ich nach Hauſe kam.“ b„Mein Gott, ich dachte, Ihr hättet dieſen Mr. Hartopp gemeint.“ „Nun ja, auch er hat mich beinahe beſchimpft. Mrs. Poole, Ihr ſeyd dumm und widerwäͤrtig. Iſt das Alles was Ihr zu ſagen 1 habt?“) 3 „Pa iſt ſchlecht gelaunt, lieber Johnny, der arme Pa!— Die Leute haben Pa geärgert, Jonny— nichtsnutzige Leute. Wir müſſen gehen oder wir werden ihn auch ärgern.“ 1 Solche himmliſche Milde von Seiten einer nachſichtigen Frau hätte einen Tamerlan erweichen müſſen. Pooles düſtere Braue ent⸗ faltete ſich. Wenn die Weiber ihre Männer zu behandeln wüßten, ſo gäbe es vom Indus bis zum Pol nicht einen einzigen Ehemann, der nicht Pantoffeln trüge. Und Poole wurde bei all ſeinem ſauer⸗ töpfiſchen Benehmen eben ſo vollſtändig von dieſem Engel beherrſcht wie ein Bäͤr von ſeinem Führer. „Nun Mrs. Poole, Ihr müßt mich entſchuldigen. Ich geſtehe, ich bin heute ſchlecht geſtimmt— gebt mir den kleinen Johnny— hier(das Kind küſſend, das zur Vergeltung ein Loch in Pas linkes Auge macht und zu ſchreien anfängt, als es ſieht, daß ihm die Aus⸗ grabung nicht vollkommen gelungen iſt)— nehmt den Brougham. Still, Johnny— ſtill— und Ihr könnt bei Mr. Peckham in Harley Street eine Karte für mich abgeben. Mein Auge ſchmerzt ſchrecklich; dieſes Kindchen wird mir dieſer Tage einmal das Auge ganz ausdrücken.“ Mrs. Poole hat das Kind zum Schweigen gebracht und geſteht, daß Johnnys Finger für ſein Alter außerordentlich ſtark ſeyen; aber durch den Zuſatz, daß kleine Kinder nach Allem greifen was ſehr glänzend und ſchön ſey, wie z. B. nach Gold und Juwelen und Mr. Pooles Augen, bringt ſie der verwundeten Augenhöhle eine ſo ſchmerzſtillende Waſchung von Mitleid und Bewunderung bei, daß Poole ganz ſanft brummt:„Unſinn, meine Liebe— nebenbei geſagt, es war dieſen Morgen nicht ſo gemeint, daß Ihr die Chiffonniere von Roſenholz nicht bekommen ſolltet.“ „Nein, mein Schatz, Ihr ſagtet, Ihr könnet ſie nicht an⸗ 1 ſchaffen; und wenn Papa ſagt, er könne Etwas nicht anſchaffen, ſo muß Papa es am beſten beurtheilen können— nicht wahr, lieber Johnny?“ „Aber vielleicht kann ich es doch anſchaffen. Ja, Ihr könnt es haben— ja, ſage ich, Ihr ſollt es haben. Vergeßt nicht dieſe Karte bei Peckham abzugeben— er iſt ein Mann von viel Geld. Horcht, es läutet, wer mag es ſeyn? Geht ſchnell hin und ſehet nach.“ Mrs. Poole gehorchte mit großer Rührigkeit im Verhältniß zu 1 ihrer intereſſanten Lage. Sie kam in einer halben Minute zurück. „O mein Adolphus! o mein Samuel! es i*ſt dieſer ſchrecklich ausſehende Mann, der neulich einmal am Abend hier war und ſo lang bei Euch blieb. Sein ganzes Weſen gefällt mir ganz und gar nicht. Bitte, ſeyd nicht zu Hauſe.“ „Ich muß,“ ſagte Poole, um eine Schattirung bläſſer werdend, wenn es möglich war.„Bleibet— laßt das Mädchen nicht an die 1 Thüre gehen, und Ihr verlaſſet mich. Er ergriff Hut und Hand⸗ ſchuhe, ſchob die Magd, die aus dem Schatten unten emporgetaucht war, um dem Geläute zu entſprechen, auf die Seite und ſchritt ſchnell das Gärtchen hinab. Jaſper Loſely ſtand am kleinen Thor. Er war nicht mehr mit Lumpen bedeckt, ſondern trug grobe Kleider, wie wenn er jeder Be⸗ mühung dem Auge einer Lady zu gefallen oder einem Kaufmann im Weſtend zu imponiren entſagt hätte— ein gewürfeltes Hemd, eine grobe Erbſenjacke, in deren Taſchen ſeine Hände begraben waren, bildeten die Hauptbeſtandtheile ſeines Aufzugs. Poole ſtutzte mit wohl erheuchelter Ueberraſchung.„Was, Ihr! Ich bin juſt auf dem Weg nach meinem Bureau— habe für den Augenblick große Eile.“ ———u ——jjjjj— 3 12³⁵ „Eile oder nicht, ich muß und will Euch ſprechen,“ entgegnete Jaſper trotzig. „Was iſt es denn? ſo tretet ein;— nur bedenkt, daß ich Euch nicht mehr als fünf Minuten zu widmen habe.“ Der ungeſchliffene Gaſt folgte Poole in das hintere Empfang⸗ zimmer und ſchloß die Thüre hinter ihm zu. Seine Arme auf einen Stuhl gelehnt, den Hut fortwährend auf dem Kopf haltend, ließ Loſely ſeine grimmigen Augen auf ſeinem alten Freund haften und ſagte mit leiſer feſter entſchloſſener Stimme: „Jetzt merkt wohl was ich ſage, Dolly Poole, wenn Ihr meine An⸗ 4 gelegenheit zu umgehen oder mich über den Haufen zu werfen ge⸗ denket, ſo ſeyd Ihr auf dem Holzweg. Habt Ihr Guy Darrell beſucht und ihm meinen Fall vorgelegt, oder habt Ihr es nicht gethan?“ „Ich traf Mr. Darrell erſt geſtern Nacht, und zwar in einer ſehr gentilen Geſellſchaft.(Poole hielt es für gerathen nicht zu ſagen, wer dieſe gentile Geſellſchaft gegeben, denn man will ſich erinnern, daß Poole Jaſpers Vertrauter bei den früheren Abſichten dieſes Abenteurers auf Mrs. Haughton geweſen war; und wenn Jaſper wußte, daß Poole ihre Bekanntſchaft gemacht hatte, ob er dann nicht darauf beſtand, daß Poole ihn als eine beſuchende Bekanntſchaft vor⸗ ſtellen ſollte?) eine ſehr gentile Geſellſchaft,“ wiederholte Poole. „Ich hielt viel darauf dem Mr. Darrell vorgeſtellt zu werden, und er war auch Anfangs ſehr höflich.“ „Zum Teufel mit ſeiner Hoſlichkeit— und jetzt zur Sache.“. „Ich ſondirte meinen Weg ſehr ſorgfältig, wie Ihr Euch wohl denken könnt, und als ich ihn zu einem freundlichen Geplauder, Ihr verſteht mich wohl, gebracht hatte, fing ich an. Ach mein armer Loſely, in dieſer Richtung Nichts zu hoffen— er entfloh ſogleich— er ſagte, ich ſolle an meine eigenen Geſchäfte denken und mein Maul halten; ſo wahr ich lebe— ich glaube nicht, daß Ihr hier Etwas zu erwarten habt.“ „Sehr gut— wir werden ſehen. Habt Ihr auch einige — ————————— 2 —————— ———— —.——— ———. — Schritte gethan, um das Mädchen ausfindig zu machen, meine Tochter?“ „Allerdings, das kann ich Euch verſichern, aber Ihr gabet mir eine ſo ungenügende Anleitung. Seyd Ihr ganz ſicher, daß ſie nicht dennoch in Amerika iſt?“ „Ich habe Euch ſchon früher geſagt, daß dieſe Geſchichte von Amerika ein pures Marchen ſey, eine Kriegsliſt von dem alten Gent⸗ leman, um mich zu täuſchen. Der arme alte Mann,“ fuhr Jaſper in einem Tone fort, der entſchieden Gefühl verrieth,„ich wundere mich nicht, daß er mich fürchtet und flieht; dennoch möchte ich ihm Nichts mehr zu Leide thun, ſondern wünſche ihm alles mögliche Gute. Und wenn ich das Mädchen von ihm wegnehmen möchte, ſo geſchieht es zu ihrem eigenen Beſten. Denn wenn man Darrell dazu bringen könnte eine Verſchreibung auf ſie und durch ſie auf mich zu machen, warum ſollte dann der alte Mann nicht natürlich den Profit theilen? Und jetzt da dieſe hölliſchen Schmerzen mich oft die halbe Nacht wach er⸗ halten, vermag ich nicht immer die Idee wegzubannen, daß der alte Nann in der Welt herumziehe und in einem Graben ſterbe. Und dieſes entlaufene Mädchen, dem er, darauf wollte ich ſchwören, ſeine letzte Brodkruſte geben würde, ſollte für uns Beide ein jährliches Einkommen ſeyn: Baſta, baſta! Was die amerikaniſche Geſchichte betrifft, ſo hatte ich einen Freund in Paris, der wegen einer Speku⸗ lation nach Amerika ging; ich erſuchte ihn über dieſen William Waife und ſeine Enkelin Sophy, die vor etwa fünf Jahren nach New⸗York abgeſegelt ſeyn ſollten, Erkundigungen einzuziehen, und er ſah die Leute— waren in New⸗York niedergelaſſen— nannten ſich nicht mehr Waife, ſondern hatten ihren wahren Namen Simſon wieder angenommen, und er brachte von dem Manne heraus, ſie ſeyen ver⸗ anlaßt worden ihre Reiſe aus England unter dem Namen Waife zu machen, und zwar auf Verlangen einer Perſon, welche der Mann nicht angeben wollte, der er aber ſehr verpflichtet zu ſeyn behauptete. Vielleicht hatte ihm der alte Gentleman in ſeinen früheren Jahren 127 irgend einen Freundſchaftsdienſt erwieſen. Die Beſchreibung dieſes angeblichen Waife und ſeiner Enkelin macht die Sache ganz klar; ſie haben nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit den Perſonen, die ich ſuche, ſo daß irgend ein Grund vorhanden ſeyn muß anzunehmen, ſie müſſen noch immer in England ſeyn, und Euer Geſchäft iſt es ſie aufzu⸗ finden. Setzet Eure Nachforſchungen fort— ſchärfet Euern Witz— laßt mich mit Eurem Erfolg beſſer zufrieden ſeyn, wenn ich in dieſer Woche einmal komme— und mittlerweile vier Pfund, wenn ich bitten darf, oder auch mehr, wenn Ihr wollt.“ „Ei mein Lieber, ich gab Euch ja erſt vorgeſtern vier Pfund und überdieß ſechs Pfund zu Kleidern; das Geld kann noch nicht fort ſeyn.“ „Jeder Pfennig.“ „Ei, ei, mein Lieber, könnt Ihr Euch nicht irgendwie durch⸗ bringen? Könnt Ihr Niemand zum Kartenſpiel veranlaſſen? Vier Pfund! ei, ei, mit Eurem Talent zum Whiſt ſind vier Pfund ein Kapital.“ „Mit wem kann ich ſpielen? an wen kann ich mich halten? nur an Gauner und Taſchendiebe. Rüſtet mich aus; bittet mich in Euer eigenes Haus; ladet Eure eigenen Freunde dazu; macht einen Rubber, und dann werdet Ihr ſehen, was ich mit Euern vier Pfund thun kann; wir können auch den Proſit theilen, wenn Ihr wollt, wie wir ſonſt zu thun pflegten.“ „Sprecht nicht ſo laut. Loſely, Ihr wißt ſehr wohl, daß Ihr etwas Unmögliches verlanget. Ich habe ein neues Blatt umge⸗ ſchlagen.“ „Aber ich habe noch immer Eure Handſchrift auf dem alten Blatt.“ „Was ſollen dieſe dummen Drohungen beſagen? Wenn Ihr mir wirklich einen tückiſchen Streich ſpielen wolltet, wohin könntet Ihr denn gehen und wer würde Euch glauben?“ „Ich denke, Eure Frau würde ſchon glauben. Ich wills einmal verſuchen. Heda—“ Bulwer, was wird er damit machen? IV. 9 128 „Halt— halt— halt! Keinen Lärmen hier, Sir. Keinen Skandal. Reinen Mund gehalten oder ich ſchicke nach der Polizei.“ „Thut das! Nichts wäre mir lieber. Ich bin der. ganzen Komödie überdrüſſig. Ich möchte gerne meine eigene Geſchichte in Old Bailey erzählen und an Euch, an Darrell, an Allen meine Rache nehmen. Schickt nach der Polizei.“ Loſely warf ſich der Länge nach auf den Sopha(neuer Saffan mit elaſtiſchen Kiſſen) und verſchränkte ſeine Arme. „Ihr konntet mir blos fünf Minuten ſchenken— ſie ſind vor⸗ über, fürchte ich. Ich bin liberaler. Ich laſſe Euch volle Zeit zum Ueberlegen. Es kommt mir auch nicht darauf an zum Diner dazu⸗ bleiben. Ich hoffe, Mrs. Poole wird meinen Aufzug entſchuldigen.“ „Loſely, Ihr ſeyd ein ſolcher— Geſell! Wenn ich Euch die vier Pfund gebe, die Ihr verlanget, wollt Ihr dann verſprechen Euch anderswohin zu begeben und mich nicht mehr zu beläſtigen?“ „Ganz gewiß nicht. Ich werde jede Woche einmal kommen und die gleiche Summe holen. Ich kann nicht von weniger leben— bis—“ „Bis was?“ „Bis Ihr entweder Mr. Darrell dazu bringet, daß er mir eine angemeſſene Jahresrente auswirft, oder bis Ihr mir zum Beſittz meiner Tochter verhelfet, ſo daß mir die Unterhandlung mit ihm er⸗ leichtert wird; denn wenn ich einen Anſpruch an ihn auf das Mädchen begründen wollte, ſo müßte ich es vorzeigen, oder er müßte beweiſen, daß ſie todt iſt. Ueberdieß könnte, wenn ſie noch ſo hübſch iſt, wie ſie als Kind war, ſchon ihr bloßer Anblick ihn mehr rühren, als all mein Gerede.“ „Und wenn es mir gelingt mit Mr. Darrell Etwas zu Stande zu bringen oder Eure Tochter zu entdecken, ſo werdet Ihr mir all die Briefe und Dokumente zuſtellen, die Ihr von mir zu beſitzen be⸗ hauptet?“ „Die ich zu beſitzen behaupte? Ich habe ſie Euch in dieſer Brieftaſche hier gezeigt. Dolly Poole— Euer eigener Vorſchlag den alten Latham zu berauben iſt wohl aufbewahrt.“ Poole betrachtete die Brieftaſche, die der Bandit herauszog und tätſchelte. Wäre der Bandit ein unanſehnlicherer Mann geweſen, ſo würde Poole mehr Heldenmuth bewieſen haben. So wie die Sache ſtand, begnügte er ſich ihn ſcheel anzuſchauen und zu ſtöhnen.„Gegen einen alten Kameraden aufzutreten! Das iſt recht garſtig, und ich hätte ſo Etwas nie von Euch erwartet.“ „Ei, Ihr wollt ja gegen mich auftreten. Aber geht jetzt nur Darrell zu Leibe, oder findet mir meine Tochter und helfet ihr und mir dazu, daß er uns unſer Recht widerfahren läßt; dann ſollt Ihr nicht blos dieſe Briefe zurückerhalten, ſondern ich will Euch auch noch hübſch bezahlen— ganz hübſch, Dolly Poole. Sapperlot, Sir— ich bin herabgekommen, aber ich bin noch immer ein Gentleman.“ Dabei verſetzte Loſely einen heftigen Schlag auf ſeinen Hut, der dadurch zuſammengedrückt wurde und der ganzen Erſcheinung des Mannes ein ſo ſchuftiges hallunkenmäßiges Anſehen verlieh, daß ohne den Ausdruck ſeines Geſichtes der Contraſt zwiſchen dem Geprahle und dem Kerl ſelbſt Mr. Poole hätte ſpaßhaft erſcheinen müſſen. Aber das Geſicht war zu finſter, um ein Lachen zu geſtatten. Im Aufzug verkörperte ſich blos der Ruin des Vermögens— im Geſicht der Ruin des Menſchen. Poole ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſtreckte vier Sovereigns hin. Loſely erhob ſich und nahm ſie fahrläſſig.„Heute über acht Tage,“ ſagte er, ſchüttelte ſich und ging ſeines Wegs. — — — — — Sechstes Kapitel. Friſche Pinſelſtriche an den drei Vignetten für das Buch der Schönheit. Wochen verſtrichen— die Londoner Saiſon war im Beginnen — Darrell hatte nichts beſchloſſen— der Nimbus ſeiner Stellung war unverringert, in politiſcher Beziehung vielleicht noch höher. Es war ihm gelungen einige große Männer zu verſöhnen; er hatte ein in innerem Streit zerfallendes Kabinet geſtärkt, möglicher Weiſe gerettet. In all dem hatte er eine bewundernswürdige Menſchenkenntniß beur⸗ kundet und aufs Klarſte dargethan, daß Zeit und Uebungsloſigkeit ſeinen ſcharfen Blick nicht geſchwächt hatten. In ſeinen ehelichen Plänen ſchien Darrell ſich mehr als je dem Zufall überlaſſen zu wollen— er war noch immer unentſchloſſen in Betreff der Wahl einer Gefährtin. Gleichwohl ſchien ſich die Wahl auf die drei Schönen zu beſchränken, die der ſpekulativen Kritik des Oberſten Morley unterworfen worden— Lady Adela, Miß Vipont, Flora Vyvyan. In Bezug auf jede konnte manches Für und Wider an⸗ geführt werden. Lady Adela war ſo hübſch, daß es ein Vergnügen war ſie anzuſchauen, und das iſt viel, wenn man das hübſche Geſicht täglich ſieht, vorausgeſetzt daß das Vergnügen nicht abnimmt. Sie ſtand im Ruf einer ſehr guten Gemüthsart, und der Ausdruck ihrer Phyſiognomie beſtätigte dieß. Hier hörte jedoch der Panegyricus auf, aber ohne daß der Tadel begann. Alles Uebrige war harmloſe Alltäglichkeit. Sie hatte keine hervorragende Eigenſchaft und keine vorherrſchende Leidenſchaft. Sie würde gewiß niemals einen Ge⸗ danken an Mr. Darrell vergeudet oder auch nur ein einziges Ver⸗ dienſt an ihm entdeckt haben, wäre er nicht als ein ſehr reicher und höchſt angeſehener Mann genannt worden, der eine Frau ſuche, und hätte ihr Vater nicht zu ihr geſagt—„Adela, Mr. Darrell hat großes Wohlgefallen an Euch gefunden— er hat es mir geſagt. Er iſt nicht jung, aber er iſt noch immer ein ſehr hübſcher Mann, und Ihr zählt ſiebenundzwanzig. Es iſt eine größere Auszeichnung einem 131 Mann von ſeinen Jahren und ſeiner Stellung zu gefallen, als einem Rudel einfältiger junger Geſellen, die mehr an ihre eigenen hübſchen Geſichter denken, als ſie je an das Eurige denken würden. Wenn Ihr Euch an einer kleinen Altersverſchiedenheit nicht ſtießet, ſo würde er Euch zu einer glücklichen Frau machen und nach dem Lauf der Natur zu einer Wittwe, die nicht zu alt wäre, um alle Freiheit zu genießen, und mit einem Leibgeding, das Euch Anſprüche auf eine noch beſſere Verbindung verleihen würde.“ Nachdem Darrell auf ſolche Art in Lady Adelas Kopf geſetzt worden, blieb er darin und wurde eine fire Idee. Im Licht eines wahrſcheinlichen Gemahls betrachtet, wurde er zu einem intereſſanten Mann erhoben. Sie würde ſeine Aufmerkſamkeiten mit freundlichem Wohlgefallen entgegengenommen und, mehr ein Geſchöpf der Ge⸗ wohnheit als eigener freier Regung, in der Innigkeit des ehelichen Lebens ohne Zweifel ihn oder irgend einen anderen bewundernden Gemahl mit einem vernünftigen Maß ſchmachtender Zuneigung be⸗ glückt haben. Nichtsdeſtoweniger war Lady Adela eine unbewußte Betrügerin; denn, Dank einer milden Sanftheit des Auges und einer Empfänglichkeit für holdes Erröthen, würde ein von ihrer Schönheit verſtricktes Opfer ihr leicht eine für die Romantik zärtlicher Leiden⸗ ſchaften zugänglichere Natur zugeſchrieben haben, als ſie, vielleicht zum Glück für ihren eigenen Seelenfrieden, in Wirklichkeit beſaß, und hätte ſich ſchmeicheln können ſelbſt eine Erregung hervorgebracht zu haben, die dem Auge dieſe Sanftheit, dem Erröthen dieſe Moſchus⸗ roſenfarbe gegeben. Honoria Vipont wäre eine Wahl geweſen, die dem Verſtand eines ſo reifen Freiers weit mehr Ehre gemacht hätte. Es gab wenig beſſere Eremplare von einer zur vollendeten Weltdame herangezogenen jungen Lady. Sie beſaß Wiſſen genug, um die Gefährtin eines ehr⸗ geizigen Mannes zu werden, und dabei das gediegene Urtheil, das ſie befähigte, ihm gelegentlich als Rathgeberin zur Seite zu ſtehen. Sie konnte mit Würde einem ſtattlichen Haushalt vorſtehen, mit Grazie ——— —— — 1 5——— — —— 132 ausgezeichnete Gäſte empfangen. Sie war zur Verwaltung eines bedeutenden Vermöͤgens befähigt, und ein ſolches war daher noth⸗ wendig zur Entwicklung ihrer vortrefflichen Eigenſchaften. Wenn ein Mann von Darrells Alter kühn genug war ein junges Weib zu heirathen, ſo konnte er unter den jungen Ladies von London kaum ein zuverläſſigeres Weib finden, denn obſchon Honoria erſt dreiundzwanzig zählte, ſo war ſie doch ſo geſetzt, ſo verſtändig und ſo fern von allen mädchenhaften Tändeleien, als wäre ſie achtunddreißig geweſen. Gewiß, hätte Guy Darrell in ihren eigenen Jahren geſtanden, hätte er ſein Vermögen noch zu erwerben, ſeinen Ruf noch zu erringen ge⸗ habt, hätte er noch als Advokat auf der Hinterſeite von Holborn ge⸗ wohnt oder als ein kleiner Squire auf ſeinem kleinen Landgut Fawley ſich aufgehalten, ſo würde er in den Augen Honoria Viponts keinen Zauber beſeſſen haben. Altersverſchiedenheit war in dieſem Fall kein Hemmniß, ſondern ein Vortheil für ihn, weil Darrell dieſer Ver⸗ ſchiedenheit den feſtſtehenden Namen und die ausgezeichnete Stellung verdankte, wodurch Honoria auf den Gedanken geleitet wurde, daß ſie ihr eigenes Selbſt erhebe, wenn ſie ihm den Vorzug gebe. Die Ge⸗ rechtigkeit gegen ſie erfordert, daß wir hier zwiſchen der Verehrung einer Frau für die reſpektgebietenden Eigenſchaften, mit denen ein Mann ſich umgibt, und zwiſchen dem alltäglicheren Gefühl unter⸗ ſcheiden, welches den Mann ganz tief ſtellt und ihn bei der allge⸗ meinen Schätzung nur als ein nothwendiges Hausgeräthe betrachten lehrt. Es iſt unbillig zu fragen, ob ein Maͤdchen, das eine Vorliebe für einen Angehörigen unſeres ringenden, aufregenden, ehrgeizigen Geſchlechtes hegt, der das Doppelte von ihrem Alter oder eine Stulp⸗ naſe haben kann, aber auf einem Staatspiedeſtal würdevoll und impoſant ausſieht, ihn eben ſo lieben würde, wenn er all dieſes Zu⸗ gehörs beraubt und erbarmungslos ſeinem Taufregiſter oder ſeiner ungebührlichen Naſe überlaſſen wäre. Eben ſo gut könnt Ihr ein Mädchen, das in einen jungen Lothario verliebt iſt, fragen, ob ſie ihn eben ſo lieben würde, wenn er häßlich und krummbeinig wäre. Der hohe Name des einen Mannes iſt eben ſo gut ein Theil von ihm, als das hübſche Aeußere für den andern. Obſchon man alſo von Frau de la Valliere ſagte, ſie habe Ludwig XIV um ſeiner ſelbſt und nicht um ſeiner königlichen Herrlichkeit willen geliebt, ſo fragen wir doch, ob es ein, wenn auch noch ſo uneigennütziges Weib in der Welt gibt, welches glaubt, daß Frau von la Valliere Ludwig XIV eben ſo ſehr geliebt haben würde, wenn Ludwig XIV Mr. John Jones geweſen wäre? Honoria würde einem einfältigen gehaltloſen Edelmann ihre 4 133 Hand nicht gereicht haben, was auch ſein Rang oder Reichthum ge⸗ weſen wäre. Sie war über dieſe Art von Ehrgeiz erhaben; aber ſie würde auch den hübſcheſten und ehrenwertheſten John Jones, der je dieſen brittiſchen Namen führte, nicht geheirathet haben, wenn er nicht die geſellſchaftliche Stellung eingenommen hätte, welche die Verdienſte eines Jones in den Bereich einer Vipontſchen Lorgnette brachte. Viele Mädchen in der Kinderſtube ſagen zu ihren jugendlichen Vertrauten:„Ich werde nur den Mann heirathen, den ich liebe.“ Honoria hatte immer geſagt:„Ich werde nur den Mann heirathen, den ich reſpektire.“ So war alſo ihre Hochachtung vor Guy Darrell der Grund, warum ſie ihn mit ihrer Bevorzugung beehrte. Sie wußte ſeine Intelligenz zu würdigen— ſie verliebte ſich in den Ruf, welchen die Intelligenz errungen hatte. Und Darrell hätte gewiß ſchlimmer wählen können. Seine kühle Vernunft machte, daß er ſich ſehr zu Honoria hinneigte. Wenn Alban Morley zu ihren Gunſten argumentirte, konnte er ſich nur durch die Wendungen und Schleich⸗ wege ſeines ironiſchen Humors vor unbedingter Beiſtimmung ſchützen. Aber ſein Herz war rebelliſch gegen ſeine Vernunft; und unter uns geſagt, Honoria war juſt eine derjenigen jungen Damen, von denen ein Mann von ernſten Jahren angezogen werden ſollte, aber, wie es nun auch kommen mag, niemals angezogen wird; vermuthlich deß⸗ halb, weil wir, je älter wir werden, um ſo mehr einen jugendfriſchen Charakter lieben. Als der Alcide, nachdem er alle Strapazen des Lebens durchgemacht, im Olymp eine Braut nahm, hätte er Minerva den Vorzug geben ſollen, aber er wählte Hebe. Wird Darrell ſeine Hebe in Flora Vyvyan finden? Alban Morley wurde durch dieſe Befürchtung immer mehr beunruhigt. Er war ſcharfſinnig genug, um in ihr dasjenige Mädchen zu erkennen, das vor allen andern geeignet wäre, das Auge eines ernſten und hoch⸗ würdigen Herrn zu erfreuen und ſein Herz zu peinigen. Und ein Mann, welcher fürchtete, daß ſeine Hand blos um ſeines Geldes willen angenommen werden möchte, konnte nicht blos ſeine Eitelkeit geſchmeichelt, ſondern auch ſein Urtheil beſtochen fühlen durch die Thatſache, daß Flora juſt in dieſem Augenblick die allervornehmſte Verbindung im Köͤnigreich ausſchlug, den jungen Lord Vipont, Sohn des neuen Grafen von Montfort, einen jungen Mann von gutem Verſtand, hohem Charakter und einnehmendem Aeußern— den Erben von beinahe königlichen Beſitzungen— einen jungen Mann, zu deſſen Abweiſung kein Mädchen auf Erden berechtigt iſt. Aber ob das 134 launige Geſchöpfchen Darrell wohl annehmen würde? Ob ſie nicht blos ihren Scherz mit ihm trieb, und wenn er, der weiſe ältere Mann, durch ihre Künſte gefangen, feierlich Huldigung und Hand dieſer ſpröden Schönen anbot, die ſo eben einen ſtattlichen jungen Magnaten mit fünffach größerem Vermögen als er beſaß zur Ver⸗ zweiflung verurtheilt hatte, ob ſie ſich dann nicht beeilen würde ihn zum Geſpötte von London zu machen? Darrell hatte vielleicht ſeine geheimen Gründe anders zu denken, aber er vertraute ſie nicht einmal Alban Morley an. Nur ſo viel will der Erzähler, der aufrichtiger iſt, dem Leſer ſagen: Wenn Guy Darrell unter den Dreien, die ſeine Gedanken umflatterten, diejenige zu wählen wünſchte, die ihn am innigſten lieben würde— lieben mit dem ganzen friſchen, nicht raiſonnirenden Herzen eines Mädchens, deſſen kindlicher Trotz aus kindlicher Unſchuld entſprang, ſo mag er ſich immerhin der Gefahr einer Abweiſung und Verſpottung ausſetzen; er mag im Pathos ſeiner lieblichen tiefen Stimme zu Flora Vyvyan ſagen:„Kommt und ſeyd der verzogene Liebling meines erheiterten Alters; laßt mein Leben, bevor es in Nacht verſinkt, ſich erfreuen an der Blüthe und dem friſchen Hauch des Morgens.“ Aber um es zu ſagen, muß er es wünſchen; er muß ſelbſt lieben — lieben mit all der verſchwenderiſchen Nachſicht, all der ritterlichen Zärtlichkeit, all der dankbaren ſympathiſirenden Freude an der Jugend des geliebten Weſens, wenn dem Liebhaber ſelbſt keine Jugend mehr blüht, welche allein das verwirklichen kann was wir zuweilen ſehen, aber nur ungern eingeſtehen— nämlich glückliche Verbindungen bei ungleichen Jahren. Wenn Darrell dieſe Liebe nicht empfindet, dann Wehe ihm, Wehe und dreifache Schmach, wenn er an ſeinen Herd eine Perſon verlockt, die allerdings eine Hebe ſeyn könnte für den Gatten, der ihr ſein ganzes Herz zum Dank für das ihrige gäbe; aber für den Gatten, der kein Herz zu geben hätte oder blos die Abfälle deſſelben gäbe, würde die empörte Hebe ſchlimmer ſeyn als eine Erinnye. Alles genau betrachtet, müſſen alſo Diejenigen die es mit Guy Darrell wohl meinen, ſich mit Alban Morley auf die Seite von Miß Honoria Vipont ſtellen. Sie macht keinen Hehl aus ihrer liebevollen Ehrerbietung, Darrell erwiedert dieſelbe mit vernünftiger Achtung. So dachte vielleicht Darrell ſelbſt, denn, wenn man je Miß Vipont nannte, ſo wurde er ſchweigſamer, verſank tiefer in Nachdenken und ſeufzte ſchwer, wie ein Mann, der ſich langſam zu einem weiſen aber nicht verlockenden Entſchluß vorbereitet. —————————— E. Wtton Dulwer's ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. So⸗ Hundert und erſter Theil. So⸗ Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. Fünfter Theil. OSo Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Caxton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Aus dem Engliſchen von Dr. Gottlob Fink. Fünfter Theil. ———— SO Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1859. —————— . —————— —————— Siebentes Kapitel. Enthält viel von derjenigen Belehrung, welche die weiſeſten Männer in der Welt nicht zu geben vermöchten, die aber der Autor geben kann. „Darrell,“ ſagte Oberſt Morley,„Ihr erinnert Euch meines Neffen George als Knaben? Er iſt jetzt Pfarrer in Humberſton; verheirathet— ein ſehr angenehmes Weibchen— paßt gut für ihn. Humberſton iſt eine ſchöne Pfründe; aber ſeine Talente liegen da brach. Er predigte im vorigen Jahr zum erſten Mal in London und machte erhebliches Aufſehen. In dieſem Jahr war er nicht viel in der Stadt. Er hat bis jetzt keine Kirche hier. Ich hoffe eine für ihn zu bekommen. Carr iſt entſchieden der Anſicht, daß er Biſchof werden müſſe. Mittlerweile predigt er morgen in der— Capelle; kommt, hört ihn mit mir an und dann ſagt mir aufrichtig, ob er beredt iſt oder nicht.“ Darrell hatte ein Vorurtheil gegen faſhionable Prediger; aber dem Oberſten Morley zu Gefallen ging er hin, um George zu hören. Er war angenehm überraſcht von der Kanzelberedtſamkeit des jungen Geiſtlichen. Dieſelbe hatte jene ſeltene Verbindung von leidenſchafts⸗ vollem Ernſt mit gedämpften Tönen und anſtändigem Geberdeſpiel, welche dem Ideal geiſtlicher Beredtſamkeit entſpricht, das ein ange⸗ ſehener Geiſtlicher der Hochkirche in den Worten zuſammenfaßt: Kräftig ohne Toben, voll ohne überzufließen. Gelegentlich gab ſich der alte Fehler im Sprechen zu erkennen; ein gewiſſes Schnappen nach Athem oder ein längeres Verweilen auf —y ———— gewiſſen Sylben ſtellte ſich bei den belebteſten Stellen ein, aber da es ſcheinbar das Ringen des Predigers mit innerer Rührung beur⸗ kundete, ſo war es eher geeignet die Sympathie der Zuhörer zu er⸗ höhen. Meiſtens jedoch wurde das urſprüngliche Stammeln durch eine glückliche Pauſe erſetzt, die den tiefen Denker oder den ernſten Mahner verkündete, welcher Ideen, die zu ſchnell kamen, methodiſch verknüpfte oder den inneren Drang in disciplinirten Eifer ermäßigte. Der Geiſt des Predigers, welcher auf ſolche Art nicht blos von Feſſeln befreit, ſondern auch zum Siege bewaffnet war, kam mit jener Gewalt hervor, die einer originellen Intelligenz eigenthümlich iſt— jener Gewalt, die mehr eingibt als demonſtrirt. Er predigte nicht ſowohl ſeiner Zuhörerſchaft, als daß er ſich auf unerwarteten Wegen in die Herzen derſelben einſchlich, und die Hörer fanden plötzlich, daß ihre Herzen ihnen predigten. Er nahm zum Text:„Niedergeworfen, aber nicht zerſtört.“ Und aus dieſem Text ſchuf er eine Rede von ächt evangeliſcher Zärtlichkeit, welche den Troſt, als das rettende Princip des menſchlichen Lebens, der Verzweiflung, als dem böſen Princip, gegenüberſtellte. Die Verſammlung war, was man glänzend nennt — Staatsmänner und Peers, große Autoren und feine Ladies— Leute, von welchen die Gedankenloſigkeit meint, daß ſie keiner Tröſtung bedürfen und niemals der Verzweiflung ausgeſetzt ſeyen. Auf man⸗ chem angeſpannten oder ſchlaffen Geſicht in dieſer glänzenden Ver⸗ ſammlung ſtand eine ganz andere Kunde zu leſen. Aber unter allen Anweſenden wurde Niemand von dem Vortrag ſtärker ergriffen, als eine Frau, die zufällig des Wegs gekommen, dem Gedränge in die Capelle gefolgt war und mit Mühe einen Sitz am fernen Ende er⸗ halten hatte, eine Frau, die ſeit langen Jahren nicht innerhalb der Mauern einer Capelle oder Kirche geweſen— eine grimmige Frau in Eiſengrau. Da ſaß ſie unbeachtet in ihrem fernen Winkel, und bevor der Prediger geſchloſſen hatte, war ihr Geſicht verborgen hinter ihren angedrückten Händen, und ſie begann ſolche Thränen zne weinen, wie ſte ſeit ihrer Kindheit iich geweint hatte. Beim Weggehen aus der Kirche ſagte Darrell zu dem Oberſten nicht viel mehr als das: 3 „Euer Neffe überraſcht mich. Die Kirche bedarf ſolcher Männer. Er wird eine große Laufbahn haben, wenn er am Leben bleibt.“ Dann verſank er in eine Träumerei, aus welcher er ſich plötzlich auf⸗ rafſte—„Euer Neffe war mit meinem Jungen in der Schule. Hätte mein Sohn das Leben behalten, welche Laufbahn würde wohl er ge⸗ macht haben?“ Der Oberſt, der bei peinlichen Gegenſtänden niemals Vorſchub leiſtete, antwortete Nichts. „Bringt George morgen zu mir. Ich ſcheute mich, Euch früher darum zu bitten: ich dachte, ſein Anblick würde alte Kümmerniſſe allzu ſtark ins Leben zurückrufen; aber ich fühle jetzt, daß ich mich ge⸗ wöhnen könnte jeder Erinnerung die Stirne zu bieten. Bringt ihn.“ Am nächſten Tag nahm der Oberſt ſeinen Neffen zu Darrell mit; aber George war bis ſpät in den Mittag in Anſpruch genommen ge⸗ weſen, und Darrell wollte eben ausgehen, er befand ſich ſchon an ſeiner Hausthüre, als Onkel und Neffe kamen. Sie reſpectirten ſeine Zeit zu ſehr, als daß ſie ſeine Einladung hereinzutreten angenommen hätten, aber ſie gingen einige Minuten lang neben ihm her, und nun ſpendete er George ſolche Complimente, wie ſie in den Ohren empor⸗ ſtrebender Männer ſüß klingen von den Lippen Solcher, die hoch emporgeſtiegen ſind. „Ich erinnere mich Euer und Eurer Knabenzeit, George,“ ſagte Darrell,„und ich dankte Euch damals für guten Rath an einen Schul⸗ kameraden, der jetzt für Eure Rathſchläge verloren iſt.“ Er fand einen Augenblick keine Worte mehr, dann aber fuhr er in feſtem Tone fort:„Ihr hattet damals einen kleinen Fehler in der Ausſprache, der ſich, wie ich von Eurem Onkel hörte, verſchlimmerte, als Ihr älter wurdet, ſo daß ich für Euch niemals an den Ruf gedacht hätte, den Ihr jetzt erwerbet. Orator fit— Ihr müßt auf eine bewundernswürdige Weiſe unterrichtet worden ſeyn. Aus der Handhabung Eurer Stimme, — ———— “ „ — ———— —— — ——— 8 aus der Vortrefflichkeit Eures Vortrags ſehe ich, daß Ihr einer der Wenigen ſeyd, welche dafür halten, daß das göttliche Wort nicht un⸗ würdig ausgeſprochen werden dürfe. Wer über Bierbills debattirt, dem kann man das Studium oratoriſcher Effekte erlaſſen, aber alle diejenigen Effekte, welche Kraft, Würde und Schmuck verleihen, werden geeignete Studien für Denjenigen, der durch ſeine Berevtſam⸗ keit den Himmel zu bevölkern trachtet, deſſen Aufgabe es iſt die Ge⸗ dankenloſen zu beſchwören, die Matten anzufeuern, die Verhärteten zu ſänftigen, die Stolzen zu demüthigen, die Schuldigen zu beunruhigen, die Bekümmerten zu tröſten, die Verlorenen zur Herde zurückzurufen. Darf der Anbau vernachläßigt werden, wo der Boden ſo fruchtbar iſt? Das einzige Feld, das in modernen Zeiten für die erhabenen Ge⸗ dankenflüge des antiken Redners gelaſſen worden iſt, aber mühſame Bearbeitung erfordert, iſt das Feld des Predigers. Und ich geſtehe, George, daß ich die Lehrer beneide, die eine Intelligenz wie die Eurige zur Kunſt des Predigers heranbildeten.“ „Lehrer?“ ſagte der Oberſt.„Ich dachte, all dieſe Meiſter der Ausſprache hätten bei Euch Nichts auszurichten vermocht, George, Ihr kurirtet und unterrichtetet Euch ſelbſt. Iſts nicht ſo? Nein! Nun, wer war denn Euer Lehrer?“ George ſah ſehr verlegen aus und begann ſchrecklich zu ſtottern, als er zu antworten verſuchte. Darrell begriff, daß ein Prediger, deſſen Ruf noch nicht befeſtigt war, vernünftiger Weiſe nicht gerne geſtehen konnte, wie viel er müh⸗ ſamem Studium verdankte, das, wenn es bekannt wurde, geeignet war, ſeinem Effekt zu ſchaden oder ihn dem Spott auszuſetzen; er beeilte ſich daher dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben.„So viel ich höre, ſeyd Ihr auf dem Lande geweſen, George, auf Eurer Pfarrei euma hlich 24 „ Nein. Ich war ſchon ſehr lang nicht mehr da; ich reiste herum.“ „Habt Ihr ſeit Eurer Rückkehr Lady Montfort geſehen?“ fragte der Oberſt. 9 „Ich kam erſt Samſtag Nacht zurück. Heute Abend gehe ich zu Lady Montfort nach Twickenham.“ „Sie hat einen allerliebſten Wittwenſitz,“ ſagte der Oberſt. „Aber wenn ſie der Bewunderung auszuweichen wünſcht, ſo ſollte ſie die Ufer des Fluſſes nicht zu ihrem Lieblingsaufenthalt machen. Ich kenne einige romantiſche Bewunderer, die ſich, ſo bald ſie wieder in der Welt erſcheint, als rivaliſirende Aſpiranten aufwerfen dürften und auf einmal ungemein Luſt zum Rudern bekommen haben, ſeit Lady Montfort ſich nach Twickenham zurückgezogen. Sie bekommen ſie flüchtig zu ſehen und machen bei ihrer Rückkehr großes Rühmen davon. Aber ſie erzählen, man habe eine junge Lady mit ihr ſpazieren gehen geſehen, und dieſelbe ſey außerordentlich hübſch. Wer iſt ſie? Die Leute fragen mich, wie wenn ich Alles wiſſen müßte.“ „Eine Geſellſchaftsdame vermuthlich,“ ſagte George, der immer verwirrter wurde.„Aber verzeiht mir, ich muß Euch jetzt verlaſſen. Adieu, Onkel. Guten Tag, Mr. Darrell.“ Darrell ſchien nicht zu bemerken, daß George Abſchied nahm, ſondern ſchritt, ſeinen Hut über ſeine Brauen gedrückt, in eine ſeiner häufigen Anwandlungen düſterer Selbſtverſunkenheit verloren, weiter. „Wäre mein Neffe nicht verheirathet,“ ſagte der Oberſt,„ſo würde ich ſeine Verlegenheit mit großem Argwohn betrachten— er war in allen Punkten verlegen, von ſeinem Umherreiſen auf dem Lande an bis zur Frage nach einer jungen Lady in Twickenham. Ich möchte wiſſen, wer dieſe junge Lady ſeyn kann— eine Vipont iſt ſie nicht, ſonſt müßte ich von ihr gehört haben. Sind junge Ladies von der Lyndſayſchen Seite vorhanden?— He, Darrell?“ „Was frage ich darnach? Euer Kopf läuft hinter jungen Ladies her,“ antwortete Darrell mit ärgerlicher Lebhaftigkeit, während er plötzlich vor Carr Viponts Hausthüre ſtehen blieb. „Und Eure Füße ſcheinen vor ihnen nicht davon zu laufen,“ er⸗ wiederte der Oberſt, indem er mit einer ironiſchen Begrüßung weiter ging, während die ſich weit öffnenden Portale ſeinen Freund verſchlangen. Bulwer, was wird er damit machen? V. 2 ——— 10 Als er die St. James Street hinaufſchritt und dabei gelegent⸗ lich den vollgedrängten Fenſtern ihrer verſchiedenen Clubs zunickte, ſtieß der Oberſt plötzlich auf Lionel. Er nahm den jungen Gentleman beim Arm und ſagte:„Wenn Ihr nicht ganz beſonders beſchäftigt ſeyd, wollt Ihr mir nicht ein halbes Stündchen ſchenken? Ich gehe eben nach Hauſe.“ Lionel ſagte bereitwillig zu, und der Oberſt fuhr fort:„Braucht Ihr Euer Cabriolet heute oder könnt Ihr es mir leihen? Ich habe. einen Franzoſen, der mir ein Empfehlungsſchreiben bringt, in den nächſten Reſtaurant, wohin man einen Franzoſen bitten kann, zum Diner eingeladen. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß dieß Green⸗ wich iſt: und wenn ich ihn in einem Cabriolet abholte, ſo würde er gar nicht ahnen, daß man ihn fünf Meilen außerhalb der Stadt bringt.“ „Ach, mein lieber Oberſt, ich habe mein Cabriolet ſo eben verkauft.“ „Was! ſchon altmodiſch!— Es iſt wahr, es iſt ſchon vor drei Monaten gebaut worden. Iſt das Pferd vielleicht auch ſchon eine Antike in irgend einer andern Sammlung geworden?— Cabriolet und Pferd, Beides verkauft?“ „Beides,“ antwortete Lionel zerknirſcht. „Mich überraſcht Nichts, was ein Menſch thun kann,“ ſagte der Oberſt,„ſonſt würde ich jetzt überraſcht ſeyn. Als ich, Darrells all⸗ gemeinen Inſtructionen in Betreff Eurer Ausrüſtung zufolge, dieſes Pferd kaufte, ſchmeichelte ich mir gut gewählt zu haben. Aber gute Pferde ſind ſelten— noch ſeltener ein guter Kenner derſelben; ich bin vermuthlich betrogen worden, und man hat an dem Thier allerlei Schäden entdeckt?“ „Nein, mein lieber Oberſt, es iſt das ſchönſte Cabrioletpferd in London, und Jedermann weiß wie ſtolz ich darauf war. Aber ich brauchte Geld und hatte ſonſt Nichts, um die nöthige Summe aufzu⸗ bringen. Oh, Oberſt Morley, hört mich an.“ 11 „Gewiß, ich bin nicht taub und die St. James Street auch nicht. Wenn Jemand ſagt: Ich habe mein Pferd weggegeben, weil ich Geld brauchte, ſo rathe ich ihm dieß in einem Geflüſter zu ſagen.“ „Ich bin unvorſichtig, wenigſtens unglücklich geweſen und muß jetzt die Strafe bezahlen. Ein Freund von mir— d. h. nicht gerade ein Freund, aber doch ein Bekannter— den ich jeden Tag ſehe— ein Corpskamerad— erſuchte mich, meinen Namen in Paris auf einen Wechſel von drei Monat⸗Dato als Bürge zu unterzeichnen. Er gab mir ſein Ehrenwort, daß ich nichts mehr davon zu hören bekommen ſolle— er werde den Wechſel ganz gewiß einlöſen, wenn er verfalle — ich glaubte, er befinde ſich in eben ſo guten Umſtänden wie ich ſelbſt. Ihr werdet zugeben, daß ich es kaum abſchlagen konnte— jedenfalls that ich es nicht. Der Wechſel wurde vor zwei Tagen fällig; mein Freund bezahlte nicht, er ſagte wirklich, er könne ihn nicht bezahlen, und nun hält ſich der Inhaber an mich. Er war ſehr höflich— bot mir Verlängerung an, beſtürmte mich, ich möchte mir doch Zeit nehmen u. ſ. w., aber ſeine ganze Art und Weiſe gefiel mir nicht: und was meinen Freund betrifft, ſo erfahre ich, daß er ſich nicht nur nicht in guten Umſtänden, wie ich vermuthete, ſondern vielmehr in einer bedrängten Lage befindet, und daß ich nicht der Erſte bin, den er in dieſelbe Patſche gebracht hat— freilich ohne es zu beabſichtigen, das bin ich überzeugt. Er iſt wirklich ein ſehr guter Junge, und wenn ich eines Bürgen bedürfte, ſo würde er es gleich morgen für jede Summe werden.“ „Daran zweifle ich nicht— für jede Summe,“ ſagte der Oberſt. „Ich hielt es alſo fürs Beſte die Sache ſogleich abzumachen. Ich hatte von der mir ausgeſetzten Summe, ſo glänzend ſie iſt, Nichts erübrigt. Ich konnte nicht die Stirne haben, Mr. Darrell zu bitten, daß er mich für meine Unvorſichtigkeit noch belohnen ſolle. Von meiner Mutter wollte ich nicht borgen— ich wußte, daß es ihr nicht bequem kommen würde. Ich verkaufte dieſen Morgen ſowohl Pferd als Cabriolet. Ich wollte eben die Sache ins Reine bringen, als ich, 2* 12² Euch begegnete. Ich beabſichtigte dem Wechſelinhaber das Geld ſelbſt zu bringen. Ich habe juſt die Summe— zweihundert Pfund.“ „Das Pferd war allein ſo viel werth,“ ſagte der Oberſt mit einem ſchwachen Seufzer—„es läßt ſich nicht erſetzen. Frankreich und Rußland ſuchen ſich das Schönſte in unſern Ställen aus. Indeß, wenn es verkauft iſt, ſo iſt es verkauft— ſprechen wir nicht mehr davon. Ich haſſe peinliche Gegenſtände. Ihr hattet Recht den Wechſel nicht zu erneuern— d. h. ſich einen Conto beim Ruin er⸗ öffnen; und obſchon ich nicht gerne über Geldgegenſtände oder auch andere Sachen predige(das Predigen iſt meines Neffen Beruf, nicht der meinige), ſo erlaubt mir doch Euch das feierliche Verſprechen ab⸗ zunehmen, daß Ihr nie wieder Wechſel unterzeichnen oder ziehen wollt. Seyd Eurem Freund Alles was Ihr wollt, nur werdet nicht Bürge für ihn. Oreſtes verlangte von Pylades niemals, daß er ihm dazu behilflich ſeyn ſolle Geld zu fünfzig Procent aufzunehmen. Verſprecht mir— Euer Ehrenwort als Gentleman! Habt Ihr Bedenken?“ „Ja, mein lieber Oberſt,“ ſagte Lionel offen,„ich habe Bedenken. Ich könnte allerdings verſprechen auf eigene Rechnung keinen Wechſel von einem Geldausleiher zu unterzeichnen, obſchon ich in der That glaube, daß Ihr eine übertrieben ſtrenge Anſicht von einer Sache habt, die doch am Ende tagtäglich vorkommt—“ „Glaubt Ihr das?“ ſagte der Oberſt in weichem Tone.„Ich bedaure dieß zu hören. Ich verabſcheue alle Uebertreibungen. Gehen wir weiter in der Sache. Ihr wollt verſprechen Euch ſelbſt nicht zu ruiniren— aber Ihr verweigert das Verſprechen zum Untergang Eures Freundes nicht behilflich ſeyn zu wollen.“ „Das iſt feine Ironie, Oberſt,“ verſetzte Lionel pikirt;„aber es löst die Schwierigkeit nicht, die ſich einfach ſo formuliren läßt: Wenn ein Mann, den Ihr Freund nennet— mit dem Ihr beinahe täglich ſpazieren gehet, ausreitet und diniret, zu Euch ſagt: Ich bin in drin⸗ gender Noth um einige hundert— ich erſuche Euch nicht ſie mir zu leihen, vielleicht könnt Ihr nicht— aber helft mir das Geld aufzu⸗ 4b— ⏑&·—— — 13 nehmen— verlaßt Euch auf meine Ehre, daß die Schuld Euch nicht zur Laſt fallen ſoll— ei, da ſcheint es mir, als ob die Verweigerung dieſes Dienſtes ſo viel wäre, als wenn Ihr dem Mann, den Ihr Freund nennet, geradezu erklärtet, daß Ihr an ſeiner Ehre zweifelt, und obſchon ich bereits einmal auf dieſe Art gefangen worden bin, ſo fühle ich doch, daß ich noch ſehr oft gefangen werden muß, bevor ich den moraliſchen Muth hätte Nein zu ſagen. Verlanget alſo kein Verſprechen von mir, begnüget Euch mit meiner Verſicherung, daß ich in Zukunft wenigſtens vorſichtiger ſeyn werde, und wenn mich ein Verluſt trifft, nun, ſo iſt das Schlimmſte, was mir widerfahren kann, daß ich von Neuem thue, was ich jetzt thue.“ „Nein, Ihr würdet vielleicht kein anderes Pferd und Cabriolet zu verkaufen haben. In dieſem Fall wurdet Ihr das Gegentheil von dem thun, was Ihr jetzt thut— Ihr würdet den Wechſel verlängern laſſen— die Schuld würde wie eine Lawine anwachſen— in ein paar Jährchen würdet Ihr nicht Hunderte, ſondern Tauſende ſchuldig ſeyn. Aber kommt herein, wir ſind hier vor meiner Thüre.“ Der Oberſt trat in ſein Geſellſchaftszimmer. Es war ein Wunder von ausgeſuchter Nettigkeit, etwas weibiſch vielleicht in den Gegenſtänden, die ſich darin vorfanden; aber das bewies Nichts für die Liebhabereien des Oberſten, ſondern nur für ſeine Beliebtheit bei den Ladies. All dieſe hübſchen Dinge waren ihre Geſchenke. Die Tapiſſerien auf den Stühlen waren ihre Arbeit— das Sevres⸗ porzellan auf den Conſolen— die Uhr auf dem Kaminſims— das Dintenfaß, das Papiermeſſer, der Wachsſtock auf dem Schreibtiſch— lauter Geburtstagspräſente von ihnen. Selbſt der weiße wollige Malteſerhund, der vom Teppich aufſprang, um ihn zu bewillkommnen — ſelbſt die Blumen in der Jardiniere— ſelbſt das geſchmackvolle Piano und ſogar der Muſikſtänder daneben— ebenſo die Kartenbe⸗ hälter, mit Einladungen hoch angehäuft, waren Beiſteuern vom ver⸗ gebenden Geſchlecht an den nicht vergeltenden Hageſtolz. Mit wohlgefälliger Miene ſein Zimmer überſchauend, ſank der 14 Oberſt in ſeinen bequemen Lehnſtuhl, zog gemächlich ſeine Handſchuhe aus und ſagte: „Kein Menſch hat mehr Freunde als ich— nie habe ich einen verloren, nie habe ich einen Wechſel unterzeichnet. Euer Vater ver⸗ folgte eine entgegengeſetzte Politik— er unterzeichnete viele Weigſel und verlor viele Freunde.“ Lionel ſchlug ſehr betrübt die Augen nieder und wünſchte ſichtlich dieſen Gegenſtand einmal abgethan zu wiſſen. Nicht ſo der Oberſt. Dieſer ſchlaue Mann hatte, wenn er auch nicht predigte, doch ſeine ganz eigene Manier, die vielleicht eben ſo wirkſam war als nur je eine Predigt von einem faſhionablen Laien bei einem ungeduldigen Jüng⸗ ling ſeyn kann.. „Ja,“ fuhr der Oberſt fort, indem er das Ganze zuſammenfaßte, „es iſt die alte Geſchichte. Man beginnt immer damit, daß man Bürge für einen Freund wird. Mit dem Mißkredit der Sache wird man durch die falſche Schautragung großmüthigen Vertrauens auf einen Andern verſöhnt. Denn was Ihr für einen Freund gethan habt, würde ein Freund für Euch thun. Ein paar Hundert würden jetzt ſehr nützlich ſeyn— Ihr ſeyd überzeugt, daß Ihr ſie in drei Mo⸗ naten zurückbezahlen könnt. Der Jugend erſcheint die Zukunft ſicher wie die Bank von England, und fern wie die Felſenſpitzen des Hima⸗ laya. Ihr verpfändet Eure Ehre dafür, daß Ihr in drei Monaten Euern Freund auslöſen werdet. Die drei Monate laufen ab. Um den einen Freund auszulöſen, packt Ihr einen andern— der Wechſel wird erneuert, Prämie und Zins werden auf den nächſten Zahltag ge⸗ ſchlagen— bald vervielfältigt ſich die Rechnung und mit ihr ſchwindet die Ehre dahin— Euer Name läuft von Hand zu Hand auf der Kehrſeite eines zweifelhaften Papiers— Euer Name, der bei allen Geldangelegenheiten mit jedem Jahr Euers Lebens höher und höher werden ſollte, fällt mit jedem Monat tiefer, wie die Antheile bei einer ſchwindleriſchen Spekulation. Ihr beginnet mit Dem, was Ihr einem Freunde trauen nennt, d. h. Ihr ſeyd ihm zur Selbſtvernichtung 15 behilflich— Ihr kauft ihm Arſenik, damit er eine reine Hautfarbe bekomme— und zuletzt zieht Ihr Alle, die Euch nahe ſtehen, in Euern eigenen Abgrund hinab, wie ein Ertrinkender ſich an ſeinem eigenen Bruder feſtklammern würde. Lionel Haughton, der betrübteſte Aus⸗ druck, den ich je auf Eures Vaters Geſicht wahrgenommen habe, war, als— als— Doch Ihr ſollt die Geſchichte hören.“ „Nein, Sir, verſchont mich. Da Ihr ſo darauf beſtehet, ſo will ich das Verſprechen geben— es iſt genug; und mein Vater—“ „War eben ſo ehrenwerth wie Ihr, als er zum erſten Mal ſeinen Namen unter einen Freundeswechſel ſetzte, und vielleicht verſprach er mit eben ſo großem Widerwillen wie Ihr, es nicht mehr zu thun. Laßt mich weiter erzählen; wenn ich jetzt innehalte, ſo werdet Ihr übers Jahr Alles vergeſſen haben; wenn ich fortfahre, ſo werdet Ihrs nie vergeſſen. Es gibt noch andere Beiſpiele außer Eurem Vater. Ich will Euch eines nennen.“ Lionel ergab ſich in die Operation, indem er ſein Schnupftuch über ſein Geſicht warf, wie wenn er Chloroform genommen hätte. „In meiner Jugend,“ begann der Oberſt wieder,„machte ich zufällig die Bekanntſchaft eines Mannes von unendlich viel Witz und Humor; er war bezaubernd wie Darrell ſelbſt, obſchon auf eine ganz verſchiedene Art. Wir nannten ihn Willy— Ihr kennt die Art von Leuten, die man mit ihrem cordial abgekürzten Taufnamen nennt— ſolche Leute ſcheinen niemals ganz ausgewachſen zu ſeyn, deßhalb treiben ſies auch nie hoch im Leben. Ich kannte nie einen Mann, der nach ſeinem dreißigſten Jahr Willy genannt wurde und nicht ein me⸗ lancholiſches Ende genommen hätte. Willy war der natürliche Sohn eines reichen, geſcheidten aber auch tollköpfigen, eleganten aber auch wieder gemeinen Sauſewinds von einem Baronet und einer berühmten franzöſiſchen Schauſpielerin. Der Titel iſt jetzt erloſchen und eben ſo, glaube ich, das ganze Geſchlecht ſolcher windbeuteligen Baronete, welche die Zierde des Jockeiclubs ſind— Sir Julian Loſely—“ „Loſely!“ ſagte Lionel nach. 16 „Ja; kennt Ihr den Namen?“ „Ich hörte ihn geſtern zum erſten Mal. Ich muß Euch doch ſagen, was ich da hörte— aber nach Eurer Geſchichte— fahret fort.“ „Sir Julian Loſely(Willys Vater) lebte mit der franzöſiſchen Lady zuſammen, wie wenn ſie ſeine Frau wäre, und erzog Willy in ſeinem Hauſe mit eben ſo viel Stolz und Zärtlichkeit, wie wenn er ihn zu ſeinem Erben zu machen gedächte. Der arme Junge erhielt, ver⸗ muthe ich, keine ſehr regelmäßige Erziehung, obſchon er natürlich die Sprache ſeiner franzöſiſchen Mutter wie ein Eingeborener ſprach; dabei beſaß er ein außerordentliches Talent für Mimik und Schau⸗ ſpielen, was er vielleicht ebenfalls ſeiner Mutter verdankte. Sein Vater war ein leidenſchaftlicher Freund von Liebhabertheatern und Willy erhielt früh eine gewiſſe Praxis in dieſer Richtung. Ich ſah ihn einmal in einem Landhaus den Falſtaff ſpielen, und ich zweifle, ob OQuin ihn beſſer dargeſtellt hätte. Nun gut, Willy war noch ein Junge, als er ſeine Mutter, die Schauſpielerin verlor. Sir Julian heirathete— bekam eine legitime Tochter— ſtarb, ohne ein Teſta⸗ ment zu hinterlaſſen— und die Tochter erhielt natürlich das perſön⸗ liche Eigenthum, was nicht viel ausmachte, der geſetzliche Erbe erhielt das Land, und der arme Willy bekam Nichts. Aber Willy war der allgemeine Liebling bei den alten Freunden ſeines Vaters— wilden Geſellen wie Sir Julian ſelbſt: unter ihnen befanden ſich zwei Vetter mit großen Landhänſern, Männer von Sport und Junggeſellen. Sie theilten Willy unter ſich und ſtritten ſich, wer das Meiſte von ihm haben ſollte. So wuchs er zum Manne heran ohne eine beſtimmte Verſorgung, aber ſtets willkommen, nicht bloß bei den zwei Vettern, ſondern in jedem Hauſe, wo er wie Miltons Lerche die trübe Nacht verſcheuchte— der amüſanteſte Geſellſchafter! ein famöſer Schütze— ein trefflicher Reiter— kannte die Lebensweiſe und Gewohnheiten aller Thiere, Fiſche und Vögel; ich glaube wahrhaftig, er hätte durch ſeine Liebkoſungen einen Mops zur Jagd abgerichtet und eine Eule zum Singen gebracht. Er war fern von aller Bosheit und ſtets zu 17 allen luſtigen Schwänken aufgelegt. Denkt Euch, wie viel Leute ein Willy dieſer Art an ſich lockte und wie wenig ſie für ihn thaten. Langweile ich Euch?“ „Im Gegentheil, ich intereſſire mich ſehr.“ „Eine Sache ſollte ein Willy, wenn ein Willy weiſe ſeyn könnte, ſich ſelbſt zu Liebe thun— nämlich ledig bleiben. Ein verheiratheter Willy befindet ſich in einer falſchen Stellung. Mein Willy heirathete — und zwar aus Neigung— ein liebenswürdiges Mädchen, glaube ich(ich ſah ſie niemals; ich lernte Willy erſt viel ſpäter kennen)— aber ſo arm wie er ſelbſt. Freunde und Verwandte ſagten damals: Die Sache wird ernſthaft; man muß Etwas für Willy thun. Es war leicht geſagt, man muß Etwas thun; aber es war verdammt ſchwer es zu thun. Während die Verwandten ſich beriethen, ſtarb ſeine Halbſchweſter, die ehelige Tochter des Baronets, unverheirathet; und obſchon ſie ihn im Leben ignorirt hatte, hinterließ ſie ihm doch zweitauſend Pfund. Jetzt habe ichs gefunden, rief einer der Vetter, Willy liebt das Landleben. Ich will ihm einen Pachthof gegen einen nominellen Zins geben, mit ſeinen zweitauſend Pfund kann er alles Nöthige anſchaffen, und ſein Gut, das von Waldungen umgeben iſt, wird ein herrliches Jagdrevier werden. So lang ich lebe, ſoll es Willy an Pferden nicht fehlen.“ „Willy nahm den Pachthoft und ſetzte ſeine Freunde in Staunen durch die Art wie er den Geſchäften oblag. Das Gut begann juſt ſich zu rentiren, als ſeine Frau ſtarb, mit Hinterlaſſung eines einzigen Kindes, eines Knaben, und ihr Tod machte ihn ſo melancholiſch, daß er ſeine Farm nicht länger beſorgen konnte. Er gab ſie auf, legte ſeine Erſparniſſe als Kapital an und lebte von den Zinſen, ohne Etwas zu arbeiten. Er reiste einige Zeit in Enropa herum— hauptſächlich zu Fuß— kam zurück, nachdem er ſeine Lebensgeiſter wieder aufgefriſcht hatte— lungerte wieder unſtät und zwecklos in verſchiedenen Landhäuſern herum, und in einem dieſer Häuſer machten ich und Charles Haughton ſeine Bekanntſchaft. Hier mache ich eine ——— zu werden. Seine Geſellſchaft iſt die Freude meines Lebens; wenn ö .————— 18 Pauſe, um zu bemerken, daß Will Loſely mir damals den Eindruck eines vollkommen ehrlichen Mannes machte. Obſchon er es allerdings nicht ſo genau nahm— obſchon er manche wilde Orgie unter Sauf⸗ brüdern gefeiert— obſchon er in ſeiner hohen Lebensluſt manchen ſteifen Philiſter dazu gebracht über ſein eigenes langes Geſicht zu lachen, ſo würde ich doch behauptet haben, daß Bayard ſelbſt— und Bayard war kein Heiliger— einer unredlichen, ſchuftigen, gemeinen Handlung nicht unfähiger geweſen wäre als Willy. Ja, im Punkte der Rechtſchaffenheit konnte man ſeine Ideen raffinirt, beinahe don⸗ quixrotiſch nennen. Bat man ihn um eine Gabe oder um ein Anlehen, ſo war Willys Hand augenblicklich in ſeiner Taſche; aber, obſchon unter reiche Leute geworfen, die eben ſo ſorglos in den Tag hinein lebten wie er, ſteckte Willy doch ſeine Hand niemals in ihre Taſchen, entlehnte niemals, machte niemals Schulden. Er nahm Gaſtfreund⸗ ſchaft an— er machte ungezwungenen Gebrauch von Eurem Tiſch, Euern Pferden, Euern Hunden— aber Euer Geld, nein! Er bezahlte Alles was er bei einem Gaſtfreund genoß damit, daß er ſich zum ange⸗ nehmſten Gaſt machte, den derſelbe je bewirthet hatte. Armer Willy! Ich meine ſein freundliches Lächeln auf dem ſchlauen ſchalkhaften Ge⸗ ſicht noch zu ſehen. Der Ton ſeiner Stimme war luſtig wie die Ver⸗ kündigung eines halben Vacanztages in einer Schulſtube. Er un⸗ ehrlich! Eben ſo gut würde ich die Mittagsſonne für eine Diebslaterne gehalten haben. Ich erinnere mich noch, als er und ich einmal von einer Wildentenjagd zurückkamen und der übrigen Geſellſchaft voraus waren, einer kurzen Unterhaltung zwiſchen uns, die mich ſehr rührte, denn ſie bewies, daß unter all ſeiner Leichtfertigkeit geſunder Sinn und richtiges Gefühl wohnte. Ich fragte ihn nach ſeinem Sohn, der da⸗ mals in der Schule war. Warum er die Einladung des Wirths den Jungen über die bevorſtehenden Chriſtferien hieher kommen zu laſſen abgelehnt habe? Ah, ſagte er, glaubet nicht, daß ich meinem Sohn Anleitung geben will ein hirnverbrannter Taugenichts wie ſein Vater 19 ich je einmal Geld genug in meiner Taſche habe, um mir dieſe Freude gönnen zu können, gehe ich hin und miethe eine ſtille Wohnung dicht bei ſeiner Schule, um ihn vom Sonntag auf den Montag ganz für mich zu haben, wo er niemals hört, daß wilde Geſellen mir Willy rufen und mich zu mimiſchen Kunſtſtücken auffordern. Ich hatte ge⸗ hofft dieſe Vakanz auf ſolche Art mit ihm zuzubringen, aber ſeine Schulrechnung war höher als gewöhnlich, und nachdem ich ſie bezahlt hatte, blieb mir keine Guinee übrig— war genöthigt hieherzukommen, wo ſie mich umſonſt beherbergen und füttern; des Jungen Onkel von mütterlicher Seite— ein reſpektabler Geſchäftsmann— nimmt ihn freundlich über die Feiertage nach Hauſe; aber mich hat er nicht ein⸗ geladen, weil ſeine Frau— und ich tadle ſie nicht darum— mich für den nüchternen Haushalt eines Handelsmannes in der City zu wild glaubt.“ „Ich fragte Will Loſely, was er mit ſeinem Sohn im Sinn habe, und deutete ihm an, daß ich dem Jungen unentgeltlich eine Officiersſtelle verſchaffen könnte.“ „Nein, ſagte Willy, ich weiß, was es heißt mit dem Kapital eines Bettlers den Gentleman ſpielen zu ſollen. Man wird dadurch zum Federball zwiſchen Unzufriedenheit und Verſuchung. Ich möchte nicht haben, daß der Sohn meiner ſeligen Frau ſein Leben ſo nutzlos vergendete, wie ich es gethan habe. Auch würde er noch mehr ver⸗ dorben werden als ich. Der hübſcheſte Junge den Ihr je geſehen— und kühn wie ein Löwe. Einmal in dieſer Geſellſchaft(er deutete über ſeine Schultern auf einige unſerer ſportsmänniſchen Kameraden, deren lautes Gelächter jeden Augenblick an unſere Ohren ſchlug), ein⸗ mal in dieſer Geſellſchaft, würde er nie mehr herauskommen, würde zu Nichts tauglich werden. Ich ſchwur ſeiner Mutter auf ihrem Todtenbett ihn ſo aufzuziehen, daß er meine Verirrungen vermeide— er ſolle kein Schmarotzer und kein Speichellecker werden. Ich ſchwur, daß er zu ſeinem wirklichen Beruf— dem Beruf der Verwandten ſeiner Mutter—(ich ſelbſt habe gar keinen Beruf) herangebildet “—— —————— — ——— —— ——— — — —— 8 20 werden ſolle, und wenn ich ihn nur als einen ehrlichen brittiſchen Kaufmann ſehen kann, achtbar, rechtſchaffen, dem Höchſten gleich— weil von keinem reichen Mann abhängig und von keinem armen Mann verſpottet— ſo wird mein Ehrgeiz befriedigt ſeyn. Und jetzt begreift Ihr, Sir, warum mein Junge nicht hier iſt' Ihr müßt geſtehen, daß ein Vater der ſo ſprach das Zeug zu einem rechtſchaffenen Mann in ſich hatte. He, Lionel!“ 1 „Ja, und dabei das Herz eines ächten Gentleman!“ „So dachte ich; und dennoch bildete ich mir ein die Welt zu kennen! Nach dieſer Unterredung verließ ich das gaſtliche Haus und traf ſpäter nur noch ein⸗ oder zweimal in Landhäuſern mit William Loſely zuſammen. Die Wahrheit zu ſagen, ſeine hauptſächlichen Patrone und Freunde waren nicht ganz nach meinem Sinn. Aber Euer Vater ſah Willy noch ziemlich oft. Sie faßten eine große Zu⸗ neigung zu einander. Charlie war, wie Ihr wißt, jovial, Liebhaber⸗ theater gehörten zu ſeinen Hauptvergnügungen; kurz und gut, ſie wurden dicke Freunde. Einige Jahre ſpäter wollte der Unſtern, daß Charles Haughton, während er ſein Gut in Middleſer verkaufte, dringend 1200 Pfund bedurfte. Er konnte das Geld auf einen Wechſel bekommen, aber nicht ohne Bürgſchaft. Seine Wechſel ſtanden bereits etwas niedrig auf dem Markt, und er hatte ſchon die meiſten Freunde erſchöpft, deren Bürgſchaft bei den Wucherern noch für etwas beſſer galt als ſeine eigene. In einer böſen Stunde hatte er erfahren, daß der arme Willy juſt 1500 Pfund auf Hypothek aus⸗ ſtehen hatte, und der Geldleiher, welcher der Anwalt für das Gut war, auf welchem die Hypothek ſtand, wußte es ebenfalls. Vom Intereſſe dieſer 1500 Pfund lebte Willy, nachdem er den Reſt ſeines kleinen Kapitals dazu verbraucht hatte, um ſeinen Sohn als Commis in einem der beſten Handlungshäuſer unterzubringen. Charles Haughton kam zur Jagd in das Haus, wo Willy als Gaſt war— er ſchoß mit ihm — trank mit ihm— ſprach mit ihm— bewies ihm ohne Zweifel, daß, bevor drei Monate vergingen, das Gut in Middleſex verkauft 21 und der Wechſel eingelöst ſeyn würde; Willy könne ſeiner Ehre ver⸗ trauen. Willy vertraute. Wie Ihr, mein lieber Lionel, hatte er nicht den moraliſchen Muth Nein zu ſagen. Euer Vater hatte, ich bin es feſt überzeugt, die Abſicht ihn zu bezahlen; Euer Vater hätte niemals mit kaltem Blut irgend ein menſchliches Weſen betrügen können; aber— Euer Vater ſpielte hoch! Eine beim Piquet contra⸗ hirte Ehrenſchuld ging der Forderung eines Wechſelmaklers vor. Die 1200 Pfund wurden vorher weggenommen— Euer Vater beſaß keinen Pfennig mehr. Der Gläubiger kam über Willy. Feſt über⸗ zeugt, daß Charles Haughton ſein Verſprechen noch einlöſen würde, erneuerte Willy den Wechſel für weitere drei Monate auf Wucher⸗ zinſen; als dieſe Monate vorüber waren, kam er in die Stadt, und da fand er Euern Vater zwiſchen vier Wänden verborgen, aus Furcht vor Arreſt unfähig auszugehen. Willy hatte keine andere Wahl als das Geld zu bezahlen; und als Euer Vater erfuhr, daß das Geld ſo be⸗ zahlt war und daß der Wucher Willys kleines Kapital vollends ganz verſchlungen hatte, da, ſage ich Euch, ſah ich auf Charles Haughtons einſt ſtrahlendem Geſichte den traurigſten Ausdruck, den ich je auf dem Geſicht eines Sterblichen geſehen hatte. Und ich bin feſt überzeugt, daß alle Freuden, die Euer Vater als Lebemann jemals genoſſen, die Todesqual und die Gewiſſensbiſſe dieſes Augenblicks nicht aufwogen. Ich reſpectire Eure Bewegung, Lionel, aber Ihr beginnt wie Euer Vater begann; und wenn ich Euch dieſe Geſchichte nicht erzählt hätte, ſo würdet Ihr möglicher Weiſe geendet haben wie Euer Vater endete.“ Lionels Geſicht blieb bedeckt, und er unterbrach die Erzählung des Oberſten nur mit ſchweren tiefen Athemzügen.„Wahrlich,“ fuhr Alban Morley in reflectirendem Tone fort,„wahrlich, dieſer Schuft — ich meine William Loſely, denn als Schuft erwies er ſich nachher — dieſer Schuft hatte die freundlichſte Gemüthsart und konnte Alles verzeihen. Er hätte bei ſeinen Verwandten und Freunden umher⸗ gehen, Charles Haughton verklagen und ſagen können, durch welche feierliche Verſprechungen er zu Grunde gerichtet worden. Aber nein! —— Eine ſolche Geſchichte würde juſt in dieſem Augenblick Charles Haughtons letzte Ausſicht ſein Haupt je wieder emporzurichten zer⸗ ſtört haben, und Charles(denn von ihm erfuhr ich die ganze Ge⸗ ſchichte) ſagte mir, Willys Abſchiedsworte zu ihm ſeyen geweſen: Grämet Euch nicht, Charlie— iſt ja doch mein Junge verſorgt und ich ſelbſt bin eine Katze mit neun Leben, ich werde immer auf meine Beine fallen, wenn man mich auch aus einem Dachſtubenfenſter hinauswirft. Grämet Euch nicht! So bewahrte er das Geheimniß und ſchärfte dem Geldleiher Verſchwiegenheit ein. Armer Willy! Ich habe nur ein einziges Mal in meinem Leben einen reichen Freund um Geld angegangen. Es war damals. Ich ging zu Guy Darrell, der in voller Praxis war, und ſagte zu ihm: Leiht mir 1000 Pfund, ich werde ſie Euch vielleicht nicht zurückbezahlen.“ Fünftauſend Pfund, wenn Ihr wollt,' ſagte er. Tauſend genügen mir. Ich nahm das Geld und ſchickte es Willy. Ach! er ſandte es zurück und ſchrieb, die Vorſehung ſey ſehr gütig gegen ihn geweſen; er habe juſt eine vortreffliche Anſtellung mit einem prächtigen Gehalt gefunden. Die Katze war auf ihre Beine gefallen. Er erſuchte mich Haughton mit dieſer Nachricht zu tröſten. Das Geld ging in Darrells Taſche zurück und wanderte von da vielleicht zu Charles Haughtons Gläubigern. Jetzt die Anſtellung. In dem Landhaus, in welches Willy gänzlich verarmt zurückgekehrt war, hatte er einen Fremden(keinen Verwand⸗ ten) getroffen, der zu ihm ſagte: Ihr lebt bei dieſen Leuten, Ihr ſchießet ihr Wild— richtet ihre Pferde ab— ſchauet auf ihren Gütern nach— und ſie geben Euch Nichts! Ihr ſeyd nicht mehr ſehr jung— Ihr ſolltet Euer kleines Einkommen bei Seite legen und Etwas hinzufügen. Lebet bei mir, und ich will Euch 300 Pfund jährlich geben. Mein Verwalter kommt weg— nehmt ſeinen Platz, aber ſeyd mein Freund. William Loſely ging natürlich auf den Vor⸗ ſchlag ein. Dieſen Gentleman, welcher Gunſton hieß, hatte ich in früheren Zeiten flüchtig gekannt(Leute behaupten, ich kenne Jeder⸗ mann)— er war ein verſauerter, ſchwarzgalliger, melancholiſcher, 23 indolenter, miſanthropiſcher alter Junggeſelle. Mit einem prächtigen Schloß, das allgemein bewundert, und einem großen Gut, um das er allgemein beneidet wurde, lebte er ganz allein und ſtellte beſtändig Betrachtungen über die Bitterkeit des Lebens und die Nichtigkeit der weltlichen Freuden an. Als er Willy in dem Landhauſe traf, wohin er ſich durch eine gewiſſe prädeſtinirte Beſſerung, die in ſeiner Miſan⸗ thropie eingetreten war, hatte verlocken laſſen, da hörte man Mr. Gunſton ſeit Jahren zum erſten Mal lachen. Er ſagte zu ſich ſelbſt: Da iſt ein Mann, der mich wirklich aufheitert. William Loſely wußte dem Menſchenfeind einen neuen Geſchmack am Leben beizubringen, und als der reiche Mann fand, daß das Geſchäft auch angenehm ge⸗ macht werden konnte, ſo gewann er ein Intereſſe an ſeinem Haus, an ſeinen Gärten und Gütern. Der luſtigen Geſellſchaft Williams zu Liebe ritt er auch über ſeine Felder und trug ſogar eine Flinte. Mittlerweile wurde das Gut, wie man mir geſagt hat, wirklich aufs Beſte verwaltet. Ha, dieſer Schlingel von Willy war ein geborenes Genie und konnte Jedermanns Geſchäfte verwalten, nur ſeine eigenen nicht. Ich hörte alles das mit Vergnügen(Leute behaupten, ich höre Alles), als eines Tags ein Sportsman mich bei Tatterſall am Knopf packt.—„Habt Ihr die Neuigkeit ſchon vernommen? Will Loſely iſt im Gefängniß, er ſoll ſeinen Patron beſtohlen haben.“ „Beſtohlen! unglaublich!“ rief Lionel. „Mein lieber Lionel, als ich dieſe Nachricht vernahm, da ſtellte ich meine große Maxime Nil admirari— über Nichts in Staunen ge⸗ rathen— als unveränderlich auf.“ „Aber er war natürlich unſchuldig?“ „Im Gegentheil, er bekannte, wurde ins Gefängniß geworfen, erklärte ſich ſchuldig und wurde deportirt. Leute, die Willy kannten, ſagten, Gunſton hätte ihn nicht vors Gericht ſchleppen oder wenigſtens bei der nachfolgenden Unterſuchung nicht als Zeuge gegen ihn auf⸗ treten ſollen; Willy ſey bis dahin ein getreuer Verwalter geweſen; der ganze Ertrag des Gutes ſey durch ſeine Hände gegangen; er hätte 8 24 bei Verkäufen von Zimmerholz unentdeckt um den doppelten Betrag des angeſchuldigten Diebſtahls betrügen können; es müſſe eine augen⸗ blickliche Verirrung ſeiner Vernunft geweſen ſeyn; der reiche Mann hätte ihn freilaſſen ſollen. Aber ich gebe dem reichen Manne Recht. Sein letzter Glaube an ſeine Species war vernichtet. Er mußte un⸗ erbittlich ſeyn. Er konnte ſich an Nichts mehr erfreuen, an Nichts mehr ein Intereſſe gewinnen. Er war unerbittlich und— rach⸗ ſüchtig.“ 1 „Aber was war der Thatbeſtand?— was waren die Beweiſe?“ „Es kam bei der Unterſuchung ſehr wenig heraus, weil der Hof, da die Schuld eingeſtanden wurde, blos die Beweiſe in Betracht zu ziehen hatte, wodurch die Einkerkerung motivirt werden ſollte. Der Proceß wurde in den Londoner Journalen faſt gar nicht beachtet. William Loſely war in der Stadt nicht ſehr bekannt. Sein Ruf ſtand hauptſächlich unter Solchen feſt, die gerne dem Sport zu Liebe in alt⸗ modiſche Landhäuſer kamen, beſonders unter Junggeſellen. Doch halt. Ich intereſſirte mich dermaßen für den Fall, daß ich nicht blos Alles was an den Tag kam, ſondern auch Alles was ich aus den leitenden Umſtänden erſehen konnte, in einer kurzen Darſtellung zuſammenfaßte. Dieß iſt eine Gewohnheit von mir, wenn Jemand aus einer Bekannt⸗ ſchaft in Verwicklungen mit der Krone geräth.“ Der Oberſt ſtand auf, öffnete einen kleinen, unter Glas ſtehenden Bücherſchrank, nahm ein eingebundenes Manuſcript heraus, ſetzte ſich wieder, blätterte, fand die geſuchte Stelle und fuhr, aus dem Buche vorleſend, folgender⸗ maßen in ſeiner Erzählung fort:„Eines Abends kam Mr. Gunſton in William Loſelys Privatwohnung. Loſely hatte zwei oder drei Zimmer, die ihm auf der einen Seite des Hauſes eingeräumt worden, das in einem Viereck um den Hofraum her gebaut war. Als Loſely auf Mr. Gunſtons Anklopfen ſeine Thüre öffnete, ſiel es Mr. Gunſton auf, daß er etwas betreten ſchien. Nach einigem Gerede über allge⸗ meine Gegenſtände ſagte Loſely, er ſey im Fall am nächſten Morgen in Privatangelegenheiten auf einige Tage nach London gehen zu müſſen. Dieſe war Mr. Gunſton nicht genehm. Er bemerkte, daß Loſelys Abweſenheit juſt in dieſem Augenblick ſtörend ſeyn würde. Er erinnerte ihn daran, daß ein in einiger Ferne wohnender Geſchäfts⸗ mann am nächſten Tag kommen werde, um ſeine Bezahlung für ein vor Kurzem errichtetes Rebentreibhaus zu holen, wofür die Rechnung noch im Streite lag. Ob Loſely nicht wenigſtens ſo lange bleiben könnte, bis dieſe Sache bereinigt wäre? Loſely antwortete, er habe den Streit bereits gütlich beigelegt, der Geſchäftsmann habe ſich mit ſeiner Beweisführung einverſtanden erklärt, und Mr. Gunſton habe nur noch eine Anweiſung zur Ausgleichung auszuſtellen, nämlich für 270 Pfund. Darauf bemerkte Mr. Gunſton: Wenn Ihr nicht die Gewohnheit hättet meine Rechnungen aus den Euch eingehenden Geldern zu bezahlen, ſo würdet Ihr wiſſen, daß ich ſelten Anweiſungen ausſtelle. Ich werde wahrlich auch jetzt keine geben, denn ich habe das Geld daliegen. Loſely verſetzte: Das iſt eine ſchlechte Gewohnheit von Euch große Summen im Hauſe zu behalten. Ihr könnt beſtohlen werden. Gunſton antwortete:(Es iſt ſicherer als wenn man große Summen in einer Landbank anlegt. Die Landbanken machen Bankrott. Mein Großvater verlor 1000 Pfund durch das Falliſſe⸗ ment einer Landbank, und mein Vater nahm daher ſeine Bezahlungen immer in Baar, indem er ſie von Zeit zu Zeit nach London über⸗ machte, wenn er ſelbſt hinging. Ich thue daſſelbe und ich bin meines Wiſſens noch nie um einen Heller beſtohlen worden. Wer würde in einem großen Haus wie dieſes, das voll von männlichen Bedienten iſt, ſtehlen wollen?— Das iſt wahr, ſagte Loſely; wenn Ihr alſo gewiß wißt, daß Ihr ſo viel daliegen habt, ſo bezahlet die Rechnung, dann iſt die Sache im Reinen. Ich werde wieder da ſeyn, ehe der Baumeiſter Sparks kommt, der uns neue Scheunen aufgeführt hat— die Summe beträgt 600 Pfund— aber ich werde das Geld in der nächſten Woche für Zimmerholz einnehmen. Er kann davon bezahlt werden. Gunſton.— Nein, ich will Sparks auch von Dem be⸗ zahlen, was ich in meinem Schreibtiſch liegen habe, und der Bauholz⸗ B ulwer, was wird er damit machen? v. 3 — — —— 26 käufer kann ſeine Schuld an meinen Bankier in London bezahlen.“ Loſely.— Glaubt Ihr, daß Ihr für dieſe beiden Rechnungen genug im Hauſe habt?? Gunſton.— Allerdings, im Schreibtiſch in meinem Arbeitszimmer, ich weiß nicht, wie viel ich beiſammen habe. Es können 1500 Pfund ſeyn, vielleicht auch 1700. Ich habe es nicht gezählt. Ich bin ein ſo ſchlechter Geſchäftsmann; aber ich bin über⸗ zeugt, daß es mehr als 1400 Pfund ſind.’ Loſely bemerkte ſcherzhaft, wenn Gunſton keine Rechnungen über ſeine Gelder führe, ſo könne er auch nicht ſagen, ob er beſtohlen werde, und deßhalb könne er nie⸗ mals beſtohlen werden, denn nach Othello: Stiehlt man Dir Etwas das Du nicht bedarfſt, Und Du erfährſts nicht, biſt Du nicht beſtohlen. Hierauf wurde Loſely etwas zerſtreut und ſchien mit Ungeduld auf Mr. Gunſtons Weggang zu warten, indem er ihm andeutete, er habe noch das Arbeitsbuch durchzuſehen, ſowie einige Befehle für den Ren⸗ teneinnehmer zu ſchreiben, im Uebrigen werde er am nächſten Morgen aufbrechen.“ Hier blickte der Oberſt von ſeinem Manuſcript auf und ſagte epiſodiſch:„Ihr werdet vielleicht meinen, ich habe dieſe Dialoge nach dem Brauch der alten Geſchichtſchreiber ſelbſt erfunden? Dem iſt nicht ſo. Ich berichte Euch das Vorgefallene wortgetreu nach der Er⸗ zählung Gunſtons, deſſen Gedächtniß gewiß ziemlich getreu war. Nun (hier kehrte Alban zu ſeinem Manuſcript zurück) Gunſton verließ Willy und ging in ſein Arbeitszimmer zurück, wo er allein den Thee trank. Als ſein Bedienter ihn hereinbrachte, ſagte er zu ihm, Mr. Loſely gehe am nächſten Morgen in aller Frühe nach der Stadt, und er, der Bediente, ſolle dafür ſorgen, daß Mr. Loſely vor ſeiner Abreiſe Cafe erhalte. Der Bediente bemerkte, Mr. Loſely habe in der letzten Jeit ſehr verſtimmt geſchienen, und es ſey vielleicht irgend ein unan⸗ genehmer Handel mit dem Gentleman, der ihn vor zwei Tagen beſucht habe. Gunſton hatte Nichts von einem ſolchen Beſuch gehört. Loſely hatte ihn nicht erwähnt. Als der Bediente weggegangen war, beſchloß Gunſton, der über Loſelys Citat in Betreff ſeines Geldes nachdachte, ſich zu vergewiſſern, wie viel er in ſeinem Schreibtiſch habe. Er öffnete ihn, unterſuchte die Schublade und fand an ver⸗ ſchiedenen Plätzen, zu verſchiedenen Zeiten zuſammengelegt, eine größere Summe als er vermuthet hatte— Gold und Banknoten im Betrag von 1975 Pfund, worunter ungefähr 300 Pfund in Souve⸗ ränen. Er glättete die Noten ſorgfältig, und da er nichts Anders zu thun hatte, zugleich aber auch Loſely zu zeigen wünſchte, daß er von einem Wink zu profitiren wiſſe, ſo trug er die Nummern der Bank⸗ noten in ſeine Brieftaſche ein, legte ſie alle zuſammen in die gleiche Schublade mit dem Gold, verſchloß ſeinen Schreibtiſch wieder und ging bald darauf ins Bett. Am folgenden Tag(Loſely war am Morgen abgereist) kam der Geſchäftsfreund, um ſeine Bezahlung für das Treibhaus zu holen. Gunſton ging an ſeinen Schreibtiſch, nahm ſeine Banknoten heraus und fand, daß 250 Pfund fehlten. Er konnte ſeinen Sinnen kaum trauen. Hatte er ſich verzählt? Nein. Da war ſeine Brieftaſche, die fehlenden Noten waren pflichtgemäß darin auf⸗ geführt. Dann überzählte er ſeine Souveräne: 142 waren ver⸗ ſchwunden— kurz, es fehlten im Ganzen gegen 400 Pfund. Er wollte im Anfang jeden Verdacht auf Loſely fern halten, aber als er ſeine Dienſtboten befragte, ſagte der Lakai, er ſey gegen zwei Uhr Morgens durch das Gebell des Haushundes aufgeweckt worden, wel⸗ chen man die Nacht über im vordern Hofraum frei herumgehen ließ. Ohne Räuber zu fürchten, aber in der Beſorgniß, der Hund möchte auch ſeinen Herrn ſtören, ſey er aus ſeinem Fenſter(das zu ebener Erde lag) geſtiegen, um das Thier zu beſchwichtigen; aber dann habe er in der entgegengeſetzten Ecke des Hauſes ein Licht geſehen, das ſich an den Fenſtern des Ganges zwiſchen Loſelys Wohnung und Mr. Gunſtons Arbeitszimmer bewegt habe. Darüber verwundert zu einer ſolchen Stunde, ſey er näher herangekommen und habe das Licht ſehr ſchwach durch die Spalten in den Läden des Arbeitszimmers bemerkt. Die Fenſter im Gang hatten keine Läden, ſondern es waren alt⸗ 3* ——— 28 modiſche ſteinerne Fenſterkreuze. Er wartete einige Minuten an der Wand, worauf das Licht im Gang wieder zum Vorſchein kam, und nun ſah er eine Geſtalt in einem Mantel, den er an ſeiner eigenthüm⸗ lichen Farbe ſogleich als Loſelys Eigenthum erkannte, ſchnell dahin⸗ ſchreiten; aber bevor die Geſtalt halb durch den Gang gekommen, wurde das Licht ausgelöſcht, und der Bediente konnte Nichts mehr ſehen. Er war jedoch, da er den Mantel erkannt hatte, ſo feſt über⸗ zeugt, daß Loſely es geweſen ſey, daß er ſich gar nicht mehr darüber beunruhigte oder verwunderte, denn er dachte, Loſely, der länger als gewöhnlich aufgeblieben, um vor ſeiner Abreiſe noch Geſchäfte zu be⸗ ſorgen, habe vielleicht irgend ein Buch oder Papier im Arbeitszimmer des Patrons geholt. Der Hund begann von Neuem zu bellen und ſchien durchaus zu dem Hofraum hinaus zu wollen, auf welchen er beſchränkt war; allein der Bediente beſänftigte ihn allmählig, ging dann zu Bett und verſchlief ſich ein wenig. Als er erwachte, wollte er ſchnell den Cafe in Loſelys Zimmer bringen, dieſer aber war bereits fort. Es kam noch ein anderer verdächtiger Umſtand hinzu. Es war die Rede davon geweſen, wie der Schreibtiſch geöffnet worden ſey, da der Schlüſſel in Gunſtons Beſitz und von gewaltſamem Einbruch keine Spur vorhanden war. Es war eines jener ungekünſtelten altmodiſchen Schlöſſer, die ſich ſehr leicht aufpicken laſſen, in die aber ein moderner Schlüſſel nicht gut paßt. Im Gang wurde ein langer, an ſeinem Ende gekrümmter Nagel gefunden; der Polizeicommiſſär, den man herbeigerufen, hatte den Witz dieſen Nagel auf das Schloß anzuwen⸗ den, und ſiehe da, er öffnete und verſchloß es leicht. Es war klar, daß ein Menſch, der den Nagel ſo hergerichtet, ein ſolches Inſtrument nicht zum erſten Mal gebraucht haben konnte, ſondern ein geübter Schloßerbrecher ſeyn mußte. Dieß konnte, ſo ſollte man auf den erſten Blick meinen, nur zur Entlaſtung Loſelys dienen; aber er war in allen mechaniſchen Geſchäften ein ſo gewandter Burſche, daß der Nagel, in Verbindung gebracht mit dem Ort wo er gefunden worden, ein ſtarkes Zeugniß gegen ihn wurde, und zwar um ſo mehr, als man — 2 noch einige ganz ähnliche Nägel auf dem Kaminſims eines innern Zimmers in ſeiner Wohnung fand, eines Zimmers, das zwiſchen dem⸗ jenigen wo er Gunſton empfangen hatte und ſeinem Schlafzimmer lag, und das er zugleich als Arbeitszimmer und als Werkſtatt gebrauchte. Die Nägel, die ſehr lang und ſchmal waren, ſowie einen gothiſch ver⸗ zierten Kopf hatten, wurden in der That ſogleich von dem Zimmer⸗ mann des Gutes als diejenigen erkannt, die auf Loſelys Befehl ge⸗ macht worden ſeyen, und zwar zu einer Gartenbank, welche in Gunſtons Lieblingsſpaziergang geſtellt werden ſollte, weil Gunſton einige Tage vorher bemerkt hatte, er mchte einen Sitz dort haben, worauf Loſely es unternommen einen ſolchen nach Pugins Zeichnung auszuführen. Gunſton, der noch immer nicht an Loſelys Schuld glauben wollte, ging mit dem Polizeicommiſſär, dem Bedienten und dem benachbarten Anwalt nach London. Es koſtete ſie keine Mühe Loſely zu finden. Er war in der Wohnung ſeines Sohnes in der City, in der Nähe des Handelshauſes, wo der Sohn als Commis angeſtellt war. Als man ihm von dem Diebſtahl ſagte, ſchien er zuerſt ohne alle Affectation überraſcht zu ſeyn und keine Furcht zu verrathen. Auf die Frage, ob er gegen zwei Uhr Morgens in das Arbeitszimmer ge⸗ gangen ſey, antwortete er: Nein; warum hätte ich dahin gehen ſollen? Der Bediente rief: Aber ich ſah Euch ja— ich erkannte Euch an dem alten grauen Mantel mit dem rothen Futter. Ei, da iſt er ja gerade— auf dieſem Stuhl dort. Ich wollte darauf ſchwören, daß es derſelbe iſt. Jetzt begann Loſely ſichtbar zu zittern und wurde äußerſt blaß. Man befragte ihn zunächſt nach dem Nagel, aber er ſchien äußerſt betreten zu ſeyn und murmelte: Barmherziger Himmel! Der Mantel— Ihr behauptet, Ihr hättet dieſen Mantel geſehen? Sie ſuchten ihn aus und fanden einige Souveräne, Silber ſowie eine Funfſpfundnote bei ihm. Die Nummer in dieſer Banknote entſprach einer Nummer in Gunſtons Brieftaſche. Man fragte ihn, woher er dieſe Fuͤnfpfundnote erhalten habe. Er verweigerte alle Antwort. Gunſton ſagte: Dieß iſt eine der Noten, die man mir geſtohlen hat! Loſely rief trotzig: Nehmt Eure Worte in Acht! wie könnt Ihrs wiſſen? Gunſton erwiederte: Ich ſchrieb die Nummern meiner Noten auf, als ich aus Eurem Zimmer kam. Hier iſt das Verzeichniß in meiner Brieftaſche— da ſehet.— Loſely ſchaute hin und fiel zurück, als hätte ihn ein Schuß getroffen. Loſelys Schwager, der gerade im Zimmer war, rief: Oh William! Ihr könnt nicht ſchuldig ſeyn. Ihr ſeyd der ehrlichſte Mann von der Welt. Es muß irgend ein Mißverſtändniß obwalten, Gentlemen. Woher habt Ihr die Note, William? ſprecht. „Loſely gab keine Antwort, ſondern ſchien in Gedanken oder Be⸗ täubung verſunken. Ich will Euern Sohn holen, William— viel⸗ leicht kann er die Sache erklären helfen. Jetzt ſchien Loſely zu er⸗ wachen. Mein Sohn! was! Wollt Ihr mich vor meinem Sohne blosſtellen? Er iſt aufs Land gegangen, wie Ihr wißt. Was hat er damit zu ſchaffen? Ich nahm die Noten— da— ich habs be⸗ kannt— macht es jetzt kurz, und dergleichen Aeußerungen. „Es kam ſonſt nichts Wichtiges mehr vor,“ ſagte der Oberſt in ſeinem Manuſcript blätternd,„außer die Erklärung des Verbrechens ſelbſt. Und hier kommen wir zu dem Geldleiher zurück. Ihr erinnert Euch, daß der Bediente ſagte, ein Gentleman habe Loſely zwei Tage vor dem Diebſtahl beſucht. Es ſtellte ſich heraus, daß dieß derſelbe Wechſelmäckler war, an welchen Loſely ſein ganzes Vermögen bezahlt hatte. Dieſer Menſch gab an, Loſely habe ihm zwei Tage vorher geſchrieben, er wünſche 200 oder 300 Pfund aufzunehmen, die er ratenweiſe von ſeinem Gehalt zurückzahlen könnte. Was die Bedin⸗ gungen ſeyn würden? Der Geldleiher, der zufällig in der Nachbar⸗ ſchaft zu thun hatte, kam um die Sache perſönlich abzumachen und zu fragen, ob Loſely nicht einen Bürgen ſtellen könnte, etwa ſeinen Schwager. Loſely antwortete, dieß ſey eine Gefälligkeit, um welche er nie Jemand anſprechen würde; ſein Schwager beſitze keine Mittel außer ſeinem Gehalt als erſter Commis, und den Fall geſetzt, daß er (Loſely) ſeinen Platz verlöre, was jeden Tag ſeyn könne, wenn Gunſton mit ihm unzufrieden würde, wie er denn ſicher ſeyn könne, daß ſeine Schuld nicht auf den Bergen fallen würde? Darauf be⸗ merkte der Geldleiher, daß juſt die Unſicherheit ſeines Einkommens der Grund ſey, warum er eine Bürgſchaft verlange. Loſely ant⸗ wortete: Das iſt wohl wahr, aber Ihr wißt, daß Ihr dieſe Gefahr laufet, und Ihr richtet Eure Forderung demgemäß ein. Zwiſchen Euch und mir ſind die Schuld und der Zufall blos eine Geſchäftsſache, aber zwiſchen mir und einem Bürgen wäre es eine Ehrenſache. End⸗ lich erklärte ſich der Geldverleiher bereit die gewünſchte Summe zu ſchaffen, ſtellte aber ſehr hohe Bedingungen. Loſely ſagte, er wolle ſich die Sache überlegen und es ihn wiſſen laſſen. Damit endete die Beſprechung. Aber Gunſton fragte, ob Loſely ſchon früher mit dem Geldverleiher Geſchäfte gemacht, und in welcher Abſicht er wohl jetzt das Geld gewünſcht haben möge; darauf antwortete der Geldleiher, Loſely habe vermuthlich einige Sport⸗ oder Spielſpekulationen ge⸗ macht, denn er ſey dem Capitän Haughton bei einem Wechſel von 1200 Pfund gutgeſtanden, um eine Spielſchuld zu bezahlen. Und Gunſton ſagte nachher zu einem Freund von mir, dieß habe ihn be⸗ ſtimmt als Zeuge in dem Proceß aufzutreten; Ihr werdet bemerken, daß, wenn Gunſton weggeblieben wäre, die genügenden Beweiſe zur Ueberführung gefehlt hätten. Aber Gunſton hielt dafür, daß der Mann, der ſein ganzes Vermögen verſpielen könne, unverbeſſerlich ſein, und daß Loſely, da er ihm verhehlt habe, daß er durch ſolche Ge⸗ ſchäfte um ſein Hab und Gut gekommen, bei einem gemeinſchaftlichen Wechſel mit Capitän Haughton mehr als bloßer Bürge geweſen ſeyn müſſe. Gunſton konnte eine ſolche Inconſequenz in der menſchlichen Natur nicht begreifen, daß derſelbe Mann, der ihm den Schreibtiſch aufgebrochen, ſich mit ſeinem ganzen Vermögen für eine Schuld, deren Unehre er nicht getheilt, verbindlich gemacht, und noch weniger, daß ein ſolcher Mann, im Fall er eine ſo großmüthige Unklugheit began⸗ gen, ſeinen Verluſt aus zartſinnigen Rückſichten für den Ruf des Mannes, der ihn an den Bettelſtab gebracht, verborgen haben könne. Deßhalb betrachtete Gunſton, um es kurz zu ſagen, ſeinen unehrlichen Verwalter nicht als einen Mann, der ſich in einem Augenblick der Noth durch eine plötzliche Regung, die ſeinem ganzen früheren Leben widerſpreche, habe verführen laſſen, ſondern als einen verhärteten, heuchleriſchen Betrüger, welchem die öffentliche Juſtiz keine Gnade angedeihen laſſen dürfe. Und ſo kam es, Lionel, daß William Loſely in Unterſuchung gezogen und zu ſiebenjähriger Deportation verurtheilt wurde. Dadurch daß er ſich ſchuldig bekannte, gewann er wahrſchein⸗ lich ſo viel; daß ſeine Strafe kürzer ausfiel als ſonſt der Fall geweſen wäre.“ Lionel war noch immer zu aufgeregt, um Worte zu finden. Der Oberſt ſchien ſeine Gemüthsbewegung nicht zu beachten und ließ ſein Auge von Neuem über das Manuſcript hinſchweifen. „Ich bemerke hier einige Fragen, die in Betreff der Beweiſe gegen Loſely aufgezeichnet ſind. Der Anwalt, den ich, ſobald ich von ſeiner Verhaftung erfuhr, in Anſpruch nahm und zu ſeinen Gunſten an den Ort ſchickte—“ „Ihr thatet das! Der Himmel vergelte es Euch!“ ſchluchzte Lionel.„Aber, mein Vater? wo war er?“ „Damals?— In ſeinem Grab.“ Lionel ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als wollte er Gott danken. „Der Advokat, ſage ich— ein ſehr geſcheidter Kamerad— war der Meinung, daß er Loſely, wenn dieſer ſich nicht ſchuldig erklärt hätte, trotz ſeines erſten Bekenntniſſes hätte frei machen können, und ſuchte den Verdacht auf irgend eine andere Perſon zu lenken. In dem Gang, wo man den Nagel gefunden hatte, befand ſich eine Thüre nach dem Park. Dieſe Thüre wurde am nächſten Morgen nach Innen zu unverriegelt gefunden; ein Dieb konnte daher hier hereingekommen und dann ſogleich ins Arbeitszimmer gegangen ſeyn. Der Nagel wurde in der Nähe dieſer Thüre entdeckt; der Dieb hatte ihn wahr⸗ ſcheinlich fallen laſſen, als er ſein Licht auslöſchte, was er nach der Erzählung des Bedienten gethan haben mußte, als er in der Nähe der 7 33 fraglichen Thüre war und das Licht nicht mehr bedurfte. Ein anderer Umſtand zu Loſelys Gunſten. Unmittelbar außen vor der Thüre, in der Nähe eines Lorbeerbuſches, fand man den Reſt eines jener kleinen roſafarbigen Wachslichtchen, die man oft in Zündhölzchenbüchschen aufbewahrt. Wenn der Dieb es gebraucht hatte, ſo konnte es ſcheinen, als ob er, indem er das Licht auslöſchte, bevor er in die Luft trat, ſehr natürlich das übrig gebliebene Stückchen von der Kerze wegge⸗ worfen hätte, als er ſich im nächſten Augenblick außer dem Hauſe befand. Aber Loſely würde nicht aus dem Hauſe gegangen ſeyn; auch wußte man weder von ihm noch von irgend Jemand auf dem ganzen Gut, daß er ſich dieſer Art von Wachskerzen bediente, die weit eher zu den faſhionablen Lappereien eines Londoner Dandy gehören konnten. Ihr werdet auch bemerkt haben, daß der Bediente das Ge⸗ ſicht des Diebes nicht geſehen hatte. Sein Zeugniß beruhte lediglich auf den Farben eines Mantels und ließ ſich bei genauem Verhör leicht entkräften. Der Hund hatte gebellt, bevor das Licht geſehen wurde. Sein Gebell wurde nicht durch das Licht verurſacht. Er wollte aus dem Hofraum hinauskommen; es ſah aus, als ob jenſeits deſſelben ein Fremder ſeyn müßte. Dieſem Leitfaden folgend ermittelte der Advokat, daß man um die Abenddämmerung im Park einen fremden Mann geſehen habe, der nach dem Hauſe zugegangen ſey. Und hier kommt der Hauptpunkt. Auf der Eiſenbahnſtation, ungefähr fünf Meilen von Mr. Gunſtons Schloß, war ein fremder Mann juſt zur rechten Zeit angekommen, um in dem Nachtzug vom Norden nach London, der Morgens vier Uhr dort abgeht, einen Platz zu nehmen. Der Bahnmeiſter entſann ſich des Fremden, der das Billet kaufte, hatte aber ſein Aeußeres nicht ins Auge gefaßt. Der Portier jedoch nahm, als er in einen Wagen erſter Klaſſe eilte, inſofern Notiz von ihm, daß er nachher zu dem Bahnmeiſter ſagte: Dieſer Gentleman da hat einen grauen Mantel, gerade wie Mr. Loſely. Wäre er nicht magerer und größer geweſen, ſo würde ich ihn für Mr. Loſely gehalten haben. Nun kam Loſely am nächſten Morgen auf dieſelbe Station, — 4—— nahm einen Frühzug und erſchien zu Fuß mit ſeinem Mantelſack in der Hand; ſowohl der Portier als der Bahnmeiſter erklärten, daß er damals keinen Mantel angehabt habe, und als er in einen Wagen erſter Klaſſe ſtieg, ſagte der Portier ſogar zu ihm: ‧Es iſt ein rauher Morgen, Sir; ich fürchte, Ihr könntet Euch erkälten! Was ferner den Zweck betraf, zu welchem Loſely von dem Wucherer Geld ge⸗ wünſcht hatte, ſo erklärte ſein Schwager, Loſelys Sohn habe ein aus⸗ ſchweifendes Leben geführt, Schulden gemacht und ſich ſogar vor ſeinen Gläubigern in einer Grafſchaftsſtadt verborgen, wo ſich William Loſely auf ſeinem Weg nach London einige Stunden aufgehalten habe. Er wußte, daß der Principal des jungen Mannes einige Tage vorher freundlich an Loſely geſchrieben, die Ausſchweifungen des Sohnes beklagt und zu verſtehen gegeben hatte, daß derſelbe, wofern ſeine Schulden nicht bezahlt würden, die Stelle verlieren müſſe, in welcher er ſonſt ſich bald bedeutend emporſchwingen könnte, denn er ſey ſehr aufgeweckt und geſcheidt; es ſey unmöglich nicht nachſichtig gegen ihn zu verfahren, da er ſo lebhaft ſey und ein ſo einnehmendes Aeußeres beſitze. Der Kaufmann fügte hinzu, er würde den jungen Mann ſo lange als er nur könnte zu behalten ſuchen. Beim Empfang dieſes Briefes war Loſely in Verkehr mit dem Wucherer getreten, den zu ſuchen er in die Stadt gekommen war, und nach deſſen Haus er noch in derſelben Stunde gehen wollte, wo Gunſton ankam. Aber warum von dem Wucherer borgen, wenn er eben erſt mehr Geld ge⸗ ſtohlen hatte, als er zu entlehnen benöthigt war? „Ueber den ſchlimmſten Beweis gegen Loſely, nämlich die bei ihm entdeckte Fünfpfundnote, deren Nummer Mr. Gunſton eingetragen zu haben erklärte, war allerdings ſchwer hinwegzukommen; gleichwohl hätte ein ingeniöſer Advokat Zweifel auf Gunſtons Zeugniß werfen können— ein Mann, der eingeſtandenermaßen ſo fahrläſſig war, konnte ſich in Bezug auf die Nummer getäuſcht haben u. ſ. w. Der Advokat ging mit dieſen Andeutungen zur Vertheidigung zu Loſely ſelbſt ins Gefängniß; aber Loſely lehnte ſeinen Beiſtand ab— wurde ſehr zornig— er ſagte, er wolle lieber den Tod ſelbſt erleiden als zu⸗ geben, daß der Verdacht auf irgend einen Unſchuldigen falle, und was den Mantel betreffe, ſo habe er ſich in ſeinem Nachtſack befunden. Ihr ſehet alſo, ſo ſchlimm er war, ſo blieb doch immer noch etwas conſequent Ehrenhaftes an ihm. Armer Willy! Er wollte nicht einmal einen ſeiner alten Freunde in Bezug auf ſeinen allgemeinen Ruf vorladen laſſen. Aber ſelbſt wenn er dieß gethan hätte, was konnte das Gericht machen, nachdem er ſeine Schuld eingeſtanden? Und jetzt laßt uns von dieſem Gegenſtand abgehen; er beginnt mich ungemein zu betrüben. Ihr wolltet mir Etwas von einem Manne deſſelben Namens ſagen, wenn meine Geſchichte zu Ende wäre. Was iſt es?“ „Ich bin ſo verwirrt,“ ſtammelte Lionel, der noch immer vor Aufregung zitterte,„daß ich Euch kaum antworten und kaum meine Gedanken ſammeln kann, aber— aber— während Ihr dieſen armen William Loſely, ſein Talent für Mimik und Schauſpiel ſchildertet, konnte ich nicht umhin zu denken, daß ich ihn ſchon geſehen habe.“ Lionel erzählte ſofort von Gentleman Waife.„Kann dieß der Mann ſeyn?“ Alban ſchüttelte ungläubig den Kopf. Er dachte, es ſehe einem romantiſchen Jüngling ſo gleich, daß er eingebildete Aehnlichkeiten entdecke. „Nein, mein lieber Junge,“ fagte er,„mein William Loſely konnte niemals ein herumziehender Schauſpieler auf Dorfmärkten werden; überdieß habe ich guten Grund zu glauben, daß Willy ſich in guten Umſtänden befindet, er machte durch irgend einen Glückstreffer Geld in der Colonie; dann, wann ſagtet Ihr, daß Ihr Euern Vaga⸗ bunden geſehen hättet? Vor fünf Jahren? Nun, nicht ſehr lange vor dieſer Zeit, vielleicht ein Jahr oder zwei— jedenfalls weniger als zwei Jahre— ſchickte dieſer excentriſche Schurke demſelben Mr. Gun⸗ ſton, der ihn hatte deportiren laſſen, hundert Pfund. Ihr müßt näm⸗ lich wiſſen, daß Gunſton, nachdem er Willy verloren, immer griesgrämiger und lebensüberdrüſſiger wurde und zuletzt eine Unter⸗ haltung darin zu finden hoffte, daß er die Direction einer Eiſenbahn⸗ geſellſchaft übernahm. Die Sache erwies ſich als eitel Schwindel; ſämmtliche Betheiligte warfen ihre Entrüſtung auf den einzigen reichen Mann, der bezahlen konnte, während Andere betrogen. Gun⸗ ſton wurde ruinirt— Börſe und Ruf— floh nach Calais, und dort erhielt er vor weniger als ſieben Jahren, als er ſich in großer Noth befand, von dem armen Willy einen freundlichen, liebreichen, ver⸗ zeihenden Brief nebſt hundert Pfund. Ich habe Dieß von Gunſtons nächſtem Verwandten, dem er die Sache erzählte und dabei weinte wie ein Kind. Willy gab keine Adreſſe; aber ſo viel iſt klar, daß er ſich damals in zu guten Umſtänden befunden haben muß., um mit einer lumpigen Bande auf den Märkten herumzuziehen. Der arme, liebe, ſchuftige, infame, großherzige Willy!“ rief der Oberſt.„Ich wollte zu Gott, er hätte blos mich beſtohlen.“ „Sir,“ ſagte Lionel,„verlaßt Euch darauf, dieſer Mann, den Ihr beſchreibt, hat nie Jemand beſtohlen— es iſt unmöglich.“ „Nein, es iſt ſehr möglich— oh der menſchlichen Natur!“ ſagte Alban Morley.„Und jedenfalls war er Gunſton dieſe hundert Pfund wirklich ſchuldig. Denn von der geſtohlenen Summe erhielt Gunſton anonym ſchon vor dem Proceß alle fehlenden Banknoten bis auf etwa hundert Pfund; und Willy war alſo Gunſton das Geld ſchuldig, aber vielleicht nicht dieſen freundlichen verzeihenden Brief. Doch laßt uns jetzt ſchnell mit dieſem Gegenſtand abbrechen, er iſt ſchlimmer als die Gicht. Ihr habt möglicher Weiſe ſchon früher den Namen Loſely gehört. Die Familie des alten Baronets iſt ſehr zahlreich; aber wann oder wo habt Jer den Namen gehört?“ „Das will ich Euch ſagen: der Mann, der den Wechſel in Hän⸗ den hat(ach, das Wort Wechſel macht mich krank), erinnerte mich, als er zu mir kam, daß ich ihn in meiner Mutter Haus geſehen habe, eine zufällige Bekanntſchaft von ihr— er verſicherte mich ſeiner hohen Achtung— äußerte große Bewunderung für Mr. Darrell— ———— und dann überraſchte er mich durch die Frage, ob ich Mr. Darrell nie⸗ mals von Mr. Jaſper Loſely ſprechen gehört habe.“ „Jaſper!“ rief der Oberſt;„Jaſper! Gut, ſprecht weiter.“ „Als ich mit Nein antwortete, ſchüttelte Mr. Poole(dieß iſt ſein Name) den Kopf und murmelte:— Eine leidige Geſchichte— ſehr ſchlimmer Handel— ich könnte Mr. Darrell einen großen Dienſt leiſten, wenn er mirs geſtatten wollte;“ und dann ſchwatzte er allerlei impertinentes Kauderwelſch, daß Familien compromittirt ſeyen, daß. die Armuth die Leute zur Verzweiflung treibe, und daß es beſſer ſey 3 die Sachen beizulegen; zuletzt rückte er mit der Bitte heraus, wenn ich Mr. Darrell liebe und ihn vor großem Verdruß und Kummer be⸗ wahren wolle, ſo möchte ich ihn überreden, ihm, Mr. Poole, eine Be⸗ ſprechung zu geſtatten. Darauf ſchwatzte er ein Langes und Breites von ſeinem Ruf in der City u. ſ. w. und bat mich ja nicht an Be⸗ zahlung zu denken, bis es mir vollkommen genehm ſey; er werde den Wechſel in ſeinem Pult behalten; Niemand ſolle davon erfahren; er“ ſchätze ſich überglücklich, daß er mir einen Gefallen erweiſen könne— endlich legte er ſeine Karte auf den Tiſch und ging. Sagt mir, ſoll ich Mr. Darrell Etwas davon ſagen oder nicht?“ Jedenfalls nicht bevor ich ſelbſt Mr. Poole geſehen habe. Ihr habt das Geld ihn zu bezahlen bei Euch? Gebt es mir nebſt der Adreſſe von Mr. Poole; ich will hingehen und die Sache ins Reine bringen. Jetzt klingelt einmal.(Zu dem eintretenden Bedienten.) Laßt mein Pferd vorführen.“ Dann, als ſie wieder allein waren, drehte er ſich plötzlich gegen Lionel um, legte die eine Hand auf ſeine 4 Schulter, ergriff mit der andern warm und herzlich die Hand des Jünglings und ſagte zu ihm:„Junger Mann, ich liebe Euch— ich 8 intereſſtre mich für Euch— wer würde das ni hun? Ich habe dieſe Geſchichte durchgemacht; ich mache mir u Eurem Beſten. wirklich Mühe, obſchon ich alle Mühe haſſe. öhr ſehet, wohin Wucher und Geldleiher die Menſchen bringen können. Schaut mir ins Geſicht! Fühlet Ihr jetzt, daß Ihr den moraliſchen Muth haben werdet, an dem Ihr vorher zweifeltet? Habt Ihr ſolche Dinge für immer abgethan?“ „Für immer, ſo wahr Gott mir helfe! Die Lection iſt grauſam geweſen, aber ich danke Euch, ich ſegne Euch dafür.“ „Ich wußte es wohl. Merket Euch das! Behandelt Geld⸗ ſachen nie leichtſinnig— Geld iſt Ehre! Seht, ich habe eines Vaters Fehler einem Sohne bloßgelegt. Es war nothwendig— ſonſt hätten noch in ſeinem Grab dieſe Fehler in Euch wieder auf⸗ leben können. Jetzt füge ich noch hinzu, wenn Charles Haughton, der gleich Euch hübſch, lebensluſtig, der Liebling der Männer, das Schooßkind der Weiber war— wenn Charles Haughton beim Ein⸗ tritt ins Leben in dem Spiegel, den ich Euch vorgehalten, hätte ſehen können, welche Folgen es hat, wenn man den morgenden Tag ver⸗ pfändet, um für den heutigen zu bezahlen, ſo würde ſich Charles Haughton entſetzt haben wie Ihr, er würde geheilt worden ſeyn, wie Ihr es ſeyn werdet. Gedemüthigt durch Eure erſte Verirrung, ſeyd mild gegen alle die ſeinigen. Nehmt ſein Leben da auf, wo ich es zuerſt kennen gelernt habe; als ſein Herz redlich war, ſeine Lippen treu. Streichet die ganze Zwiſchenzeit; denkt Euch, er ſei Euer Vater geworden, um die Blätter des Lebens wieder einzuſetzen, die wir auf ſolche Art auslöſchen und wegreißen. Bei jedem Irrthum, den Ihr vermeidet, ſagt: So warnt der Vater den Sohn; bei jeder ehrenwerthen That, bei jedem harten Opfer ſprecht: So bezahlt der Sohn eine Schuld des Vaters.“ Lionel drückte ſeine Hände zuſammen und hob ſeine von Thränen überſtrömenden Augen, als ob er innerlich ein Gelübde gegen den Himmel ablegte. Der Oberſt beugte ſeinen Soldatenkopf mit reli⸗ giöſer heereeene glitt geräuſchlos aus dem Zimmer. Achtes Kapitel. Iſt nur einer der wohlbedachten Ruhepunkte auf einer langen Reiſe, wie ſie dem Leſer aus Mildthätigkeit vergönnt werden. Oberſt Morley traf Mr. Poole, der juſt von ſeinem Comptoir zurückgekommen war, zu Hauſe; er blieb faſt eine Stunde bei dieſem Gentleman und ging dann geraden Wegs zu Darrell. Da die zum Rendezvous mit dem franzöſiſchen Bekannten, der von ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft ein Diner zu erwarten hatte, feſtgeſetzte Zeit nahe heran⸗ gerückt war, ſo war Albans Beſprechung mit ſeinem engliſchen Freund nothwendig kurz und haſtig, obſchon lang genug, um eine Thatſache in Mr. Pooles Bericht zu beſtätigen, die dem Oberſten bisher unbe⸗ kannt geweſen, und deren Annahme für Guy Darrell ein ſo heftiger Schmerz war, wie nur je einer in den Zellen der Inquiſition den Lippen eines Gefangenen ein Geſtändniß abgequält hat. Als er von Greenwich zurückkam und ſeinen Franzoſen in irgend einem melan⸗ choliſchen Theater abgeſetzt hatte, wo dieſer empfindliche Fremdling Zeit genug fand, um den Diebſtahl und Mord mitanzuſehen, die am Vaudeville eines ſchwer beeinträchtigten Landmannes verübt wurden, eilte Alban aufs Neue nach Carlton Gardens. Er traf Darrell allein, mit großen Schritten in ſeinem Zimmer auf⸗ und abſchreitend, nach der Gewohnheit die er in ſeinem frühern Leben angenommen, vielleicht wenn er über irgend einen verwickelten Rechtsfall nachſann oder wenn er ſich innerlich gegen einen geheimen Kummer abkämpfte. Es gibt Leute von beweglichen Nerven, die eine gewiſſe Thätigkeit des Körpers verlangen, um ihr Gemüth zu beruhigen. Darrell war einer von ihnen. Während dieſer ruheloſen Bewegungen, die mit plötzlichen Pauſen wechſelten, welche ſich zu der ungemeinen, die Liebhabereien und Gewohnheiten ſeines Zuhörers kennzeichnenden Gemüthsruhe gleich unharmoniſch verhielten, entlaſtete ſich der hochmüthige Gentle⸗ man wenigſtens von einem der Geheimniſſe, die er bisher vor ſeinem 40 Jugendfreund bewahrt hatte. Da jedoch dieſes Geheimniß mit der Geſchichte einer Perſon zuſammenhängt, von welcher der Leſer jetzt füglich mehr erfahren muß, als Darrell ſelbſt bekannt war, ſo wollen wir unſer Vorrecht, ſelbſt den Erzähler zu machen, in Anſpruch nehmen, und auf Koſten der dramatiſchen Lebendigkeit, die dem Dialog angehören muß, aber mit dem Vortheil für den Leſer, daß er eine klare Einſicht in diejenigen Theile der Vergangenheit gewinnt, deren Enthüllung die Gelegenheit uns geſtattet, wir wollen, ſage ich, die mehr unvollkommenen und flüchtigen Mittheilungen, womit Guy Darrell Alban Morleys unangenehmen Catalog von peinlichen Gegenſtänden vergrößerte, einigermaßen methodiſch verweben. Der Leſer wird vielleicht zugeben, daß wir auf dieſe Art einen Wunſch an den Tag legen, ſeine Neugierde zu befriedigen, wenn wir berichten, daß Darrell von Arabella Crane nur in einem einzigen, kurzen und zornigen Satze ſprach, und zwar nicht mit dem Namen unter welchem der Leſer ſie bis jetzt allein kennt. Unſere Erklärung wird daher ganz ruhig mit den Antecedentien von Arabella Crane beginnen. Neuntes Kapitel. Die grimme Arabella Crane. Einſt zu einer Zeit lebte hier ein Kaufmann Namens Foſſett, ein Wittwer mit drei Kindern, unter welchen eine Tochter Arabella um einige Jahre das älteſte war. Er wurde ſehr reſpektirt, galt für einen eifrigen und zuverläſſigen Mann— lag ſeinem Geſchäft emſig ob— duldete keinen Aſſocié, keinen Geſchäftsführer, um zu diktiren oder ſich ins D legen— liebte ſeine Behaglichkeiten, machte aber keinen Anſpruch auf Fafhion. Seine Villa war in Clapham, kein prunkendes, aber ein gediegenes Gebäude mit Gallerie, Lichtung und Gärten, die hauptſächlich durch das merkwürdig waren was man techniſch Glas nennt, nämlich durch eine Reihe von Glashauſern nach den allervorgerückteſten Grundſätzen; die ſchwerſten Ananas, die früheſten Erdbeeren.„Ich verſtehe mich nicht auf Blumen,“ ſagte Mr. Foſſett in weichem Tone.„Gebt mir eine offene Lichtung, vor⸗ ausgeſetzt daß ſie glatt geſchoren ſey. Aber ich ſage zu meinem Gärtner: Das Treibhausgeſchäft iſt mein Steckenpferd, Gurken zu meinem Fiſch das ganze Jahr hindurch!“ Glaubet indeſſen nicht, daß Mr. Foſſett prunkſüchtig geweſen ſey— ganz das Gegentheil. Er wollte ſich ebenſowenig ruiniren um Andere zu blenden, als um ihnen zu dienen. Er liebte ein warmes Haus, geräumige Zimmer, gutes Leben, alten Wein, um ihrer eigenen innern Verdienſte willen. Es fiel ihm nicht ein damit zu paradiren und den öffentlichen Neid herausfordern zu wollen. Wenn er allein oder mit einem einzelnen Lieblingsgaſt dinirte, der beſte Lafitte, der älteſte Xeres!— Wenn er die Gebräuche gemiſchter Gaſtfreundſchaft auf Nachbarn, Verwandte oder andere flüchtige Bekannte ausdehnte— ſtatt Lafitte Julien, und ſtatt Feres Capwein!— So hatte Mr. Foſſett, indem er weder Eitel⸗ keit herausforderte, noch Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, beinahe keinen Feind und ſchien auch keine Sorgen zu haben. Steif waren ſeine Manieren, ſteif ſein Haushalt, ſteif ſogar der ſtämmige Hengſt, der ihn von Cheapfide nach Clapham, von Clapham nach Cheapſide trug. Dieſer Hengſt konnte nicht einmal ſeine Ohren ſpitzen, wenn er ſcheuen wollte; ſeine Ohren waren geſtutzt, ebenſo ſeine Mähne und ſein Schwanz. Arabella verſprach ſchon frühe ſchön zu werden, und verrieth ungewöoͤhnliche Geiſtesgaben und Charakterſtärke. Ihr Vater ließ ihr alle Vortheile der Erziehung zu gut kommen. Sie wurde in eine ausgewählte Penſion vom höchſten Rufe geſchickt; die ſtrengſte Dis⸗ ciplin, die beſten Lehrer, die längſten Rechnungen. Mit ſiebzehn Jahren war ſie die glänzendſte Schülerin des Seminars geworden. Die Freunde wunderten ſich, warum der zierliche Kaufmann ſich ſolche Mühe gab, um ſeiner Tochter die weltlichen Vorzüge zukommen zu laſſen, die ihm ſelbſt kein Vergnügen zu machen ſchienen, und von Bulwer, was wird er damit machen? v. 4 42 denen er niemals mit Stolz ſprach. Aber gewiß, wenn ſie ſo talent⸗ voll, eine ausgezeichnete Muſikerin, eine vortreffliche Künſtlerin, eine vollendete Sprachenkennerin war, ſo war es ſehr nett von dem alten Foſſett dieß ſo beſcheiden hinzunehmen, ihre Vorzüge niemals auszu⸗ ſchreien, gegen minder bemittelte Verwandte nie damit groß zu thun — ſehr nett von ihm— geſunder Verſtand— Seelengröße. „Arabella,“ ſagte der würdige Mann eines Tags, kurz nachdem ſie die Schule für immer verlaſſen hatte,„Arabella,“ ſprach er,„Mrs. —(er nannte den Namen der Hauptlehrerin in dieſer berühmten Schule) macht Euch ein ſehr hohes Compliment in einem Brief, den ich heute früh von ihr erhalten habe. Sie ſagt, es ſey Schade, daß Ihr nicht die Tochter eines armen Mannes ſeyet, Ihr ſeyet ſo charakterfeſt und ſo hochbegabt, daß Ihr ſelbſt Euer Glück als Lehrerin machen könntet.“ Arabella konnte in dieſem Alter fröhlich lächeln, und fröhlich lächelte ſie über die Idee, die in dem Compliment ausgeſprochen war. „Niemand,“ fuhr der Vater, ſeine Daumen um einander drehend und etwas durch die Naſe ſprechend, fort,„Niemand kann die wech⸗ ſelnden Schickſale in dieſer ſterblichen Prüfungsſphäre, beſonders in der merkantilen Gemeinſchaft, vorherſehen. Sollten jemals, wenn ich todt und dahingegangen bin, Widerwärtigkeiten über Euch kommen, ſo werdet Ihr Euch dankbar erinnern, daß ich Euch die beſt⸗ mögliche Erziehung gegeben habe, und Ihr werdet für Euern kleinen Bruder und Eure Schweſter, die Beide ganz dumm ſind, Sorge tragen.“ Dieſe ſchwermüthigen Worte machten keinen großen Eindruck auf Arabella, denn ſie wurden in einem hübſchen Salon geſprochen, der auf die zierlich geſchorene Lichtung ſah, die drei Gärtner beſchäftigte, mit einer ſchimmernden Nebenausſicht auf jene Glasgallerien, worin Erdbeeren um Weihnachten reif waren und Gurken zu den Fiſchen niemals fehlten. Die Zeit verſtrich. Arabella war jetzt dreiund⸗ zwanzig Jahre alt— ein ſehr ſchoͤnes Mädchen mit entſchiedenem aea ddirerueuiieeien”gnnednneeeee —— Weſen— ſehr beſchäftigt mit ihrer Muſik, ihren Zeichnungen, ihren Büchern und ihren Phantaſien. Phantaſien— denn wie die meiſten Mädchen von ſehr thätigem Kopf und müßigem Herzen, hegte ſie eine unbeſtimmte Sehnſucht nach irgend einer Aufregung, die über den eintönigen Schlendrian des Lebens einer jungen Lady hinausging, und die verborgene Kraft ihrer Natur machte ſie geneigt Alles zu be⸗ wundern, was außerhalb des breit getretenen Geleiſes lag— Alles was wild und kühn war. Sie hatte zwei oder drei Anträge von jungen Gentlemen in derſelben merkantilen Gemeinſchaft erhalten, die ihren Vater in dieſer Prüfungsſphäre umgab. Aber ſie gefielen ihr nicht, und ſie glaubte ihrem Vater, als er ſagte, daß ſie blos in der Vorausſetzung, er werde mif etwas Hübſchem herausrücken, um ſie geworben haben,„während ich,“ fügte der Kaufmann hinzu,„hoffe, daß Ihr einen ehrlichen Mann heirathen werdet, der Euch um Euer ſelbſt willen lieben und auf Euer Vermögen warten wird, bis man mein Teſtament verliest. Wie König Wilhelm in der Geſchichte Englands zu ſeinem Sohne ſagt, iich will mich nicht ausziehen, bis ich zu Bette gehe.““ Eines Nachts, auf einem Ball in Clapham, ſah Arabella den Mann, der beſtimmt war einen ſo unheilvollen Einfluß auf ihr Leben auszuüben. Jaſper Loſely war auf dieſem Ball von einem jungen Collegen aus dem gleichen Handlungshaus eingeführt worden; er ſtand damals in der vollen Blüthe jener ausgezeichneten Schönheit, hinter welcher das Miniaturbild, das Arabella ihm ſo viele Jahre ſpäter vor Augen gehalten, weit zurückblieb, und es läßt ſich leicht be⸗ greifen, daß er die bewundernden Blicke der ganzen Verſammlung auf ſich concentrirte. Jaſper war jünger als Arabella; aber in Folge ſeiner hohen Geſtalt und ſeiner zuverſichtlichen Haltung hätte man ihm gerne vier⸗ oder fünfundzwanzig Jahre gegeben. Freilich wenn die Entfernung von der Kindheit vom Verluſt der Unſchuld an gerechnet würde, dann hätte Jaſper jedes Alter gehabt. Man ſagte ihm, die Tochter des alten Foſſett würde ein ſehr ſchönes Vermögen bekommen; 4* 44 ſie ſey eine charakterfeſte junge Lady, die ihren Vater beherrſche und ſelbſtſtändig wählen werde, und in Folge deß widmete er ſich den ganzen Abend einzig und allein Arabella. Die Wirkung, welche der blendende Verehrer auf das unglückliche Mädchen hervorbrachte, war eben ſo plötzlich als ſie ſich in der Folge dauernd zeigte. Ein eigen⸗ thümlicher Zauber lag juſt in dem Contraſt zwiſchen ſeiner polternden Kühnheit und der verſchämten Förmlichkeit der Freier, die bisher um ſie geworben hatten wie wenn ſie Angſt vor ihr empfänden. Selbſt ſeine freundlichen Blicke bezauberten ſie weniger als ſeine gewaltige Lebenskraft, worin ſie die Elemente heroiſchen Charakters zu erblicken glaubte, obſchon offenbar geſchmeichelte Eitelkeit und gebieteriſcher Egoismus weitaus bei dieſem meiſterloſen Thier vorherrſchten. Sie war ein Vogel, der bezaubert eine glänzende junge Rieſenſchlange anſchaut, welche von Zweig zu Zweig ſchießt, ihre ſchimmernden Farben ſonnt und, unmittelbar bevor ſie den Vogel zu ihrem Frühſtück verzehrt, noch mit ihrer ganzen Schönheit prunkt. Als ſie ſich dieſen Abend verabſchiedeten, war ihre Freundſchaft ſchon zu einem ſolchen Grad von Innigkeit vorangeſchritten, daß man bereits einen fortgeſetzten Verkehr verabredet hatte. Arabella hatte eine inſtinktmäßige Ahnung, daß ihr Vater über Jaſper Loſely weniger entzückt ſeyn würde als ſie ſelbſt; daß er, wenn man Jaſper ihm vorſtellte, möglicher Weiſe ihre fernere Bekanntſchaft mit einem jungen Commis, ſo ſtattlich auch ſeine äußere Erſcheinung ſeyn mochte, verbieten würde. Sie that den erſten falſchen Schritt. Sie hatte eine unverheirathete Tante mütterlicherſeits, die in Bloomsbury wohnte und kleine Geſellſchaften, in welchen Jaſper leicht eingeführt werden konnte, gab und beſuchte. Sie richtete es ſo ein, daß ſie für einige Wochen auf Beſuch zu dieſer Tante ging, welche damals ſehr höflich gegen ſie war, mit ausgezeichneter Güte wohl angebrachte Geſchenke an Erdbeeren, Ananas, Geflügel und dergleichen annahm und dagegen, ſo oft es verlangt wurde, ein Stübchen ſowie all die Vergnügungen darbot, die ein Rundgang von kleinen Geſellſchafts⸗ bällen, ſowie die zufällig damit verbundenen unſchuldigen Coketterien gewähren konnten. Arabella ſagte ihrem Vater Nichts von Jaſper Loſely und ging zu ihrer Tante. Arabella ſah Jaſper ſehr oft; ſie nahmen einander in Pflicht, tauſchten Gelübde und Liebeszeichen, Haarlocken und dergleichen aus. Jaſper, der bereits ſehr von ſeinen Gläubigern bedrängt wurde, brannte natürlich vor Verlangen ſein Glück und Arabellas muthmaßliches Vermögen in Sicherheit zu bringen. Arabella nahm endlich ihren Muth zuſammen und ſprach mit ihrem Vater. Zu ihrer freudigen Ueberraſchung erklärte ſich Mr. Foſſett nach einer Moralpredigt, die ſich mehr auf die Ungewiß⸗ heit des Lebens im Allgemeinen als auf ihr geheimes Treiben im Beſondern bezog, bereit Mr. Jaſper Loſely zu ſehen, und ließ ihn zu Tiſche bitten. Nach dem Eſſen, über einer Flaſche Lafitte in einer außerordentlich einfachen, aber außerordentlich ſchweren Silberkanne, die Jaſper den Mund wäſſern machte, erklärte Mr. Foſſett, indem er mit dem etwas plumpen, obſchon königlichen Dictum Wilhelms des Eroberers begann, womit er ſchon vorher ſeine Tochter erbaut hatte, daß er der Verbindung des jungen Gentleman mit Arabella ſeinen vollen Beifall ſchenke, vorausgeſetzt daß Jaſper oder ſeine Ver⸗ wandten ſie auf reſpektablem Fuß unterhalten und auf ihr Vermögen warten wollen, bis ſein Teſtament verleſen werde. In Betreff der Größe dieſes Vermögens lehnte Mr. Foſſett ſogar jede Andeutung ab. Jaſper ging ſehr abgekühlt von dannen. Gleichwohl verblieb es bei der gegenſeitigen Verpflichtung. Die Hochzeit wurde ſchweigend verſchoben. Jaſper und ſeine Verwandten eine Frau unterhalten! Welch eine verkehrte Idee! Es würde einen Clan von Verwandten und eine Zenana von Weibern erfordern, um den Stand aufrecht zu erhalten, zu welchem Jaſper ſelbſt ſich berechtigt glaubte; aber juſt als er über die Möglichkeit eines Vergleichs mit dem alten Foſſett nach⸗ ſann, demzufolge Jaſper ſich dazu verſtehen würde mit den ihm zu⸗ kommenden Beneſizien bis zur Verleſung des Teſtamentes zu warten, vorausgeſetzt daß Foſſett ſeinerſeits ſich mittlerweile dazu verſtände, 46 Arabella und ihm ſelbſt Koſt und Wohnung nebſt einer Kleinigkeit von Taſchengeld in der Clapham Villa zu geben, welche Jaſper, obſchon er Nichts nach landſchaftlichen Schönheiten fragte, im Ganzen doch einem zweiten Stock in der City vorzog— da erkrankte der alte Foſſett und mußte ſich ins Bett legen; er war außer Stand ſeinem Geſchäft vorzuſtehen, er mußte es durch irgend Jemand ſonſt beſorgen laſſen, und die Folge war, daß das Haus ſeine Zahlungen einſtellte und eine ſchon ſeit zehn Jahren bemäntelte Inſolvenz offen zu Tage kam. Kein unehrenhafter Bankrott. Es mochten vielleicht zuletzt ſieben Schillinge vom Pfund bezahlt werden, und es waren vielleicht nicht mehr als vierzig Familien unrettbar zu Grunde gerichtet. Der alte Foſſett, der in ſeinem Bette ſicher war, trug den Kummer mit philoſophiſcher Ruhe; er bemerkte Arabella, daß er ſie immer vor den Wechſelfällen in dieſer Prüfungsſphäre gewarnt habe; er kam mit Stolz auf ihre vortreffliche Erziehung zurück, empfahl von Neuem Tom und Biddy ihrer Obhut, und ergab ſich mit der Erklärung, daß er in Frieden und Freundſchaft mit aller Welt ſterbe, in den letzten Schlummer. Arabella ſuchte zuerſt bei ihrer unverheiratheten Tante Zuflucht. Aber dieſe Lady zeigte ſich, obſchon ſie durch den Bankrott ihres Schwagers Nichts verloren hatte, leidenſchaftlicher gegen ſein An⸗ denken als die am meiſten geſchädigten Gläubiger— nicht blos daß ſie ſich ungerechter Weiſe um die Ananas, Erdbeeren und Geflügel verkürzt glaubte, wodurch ſie in den Stand geſetzt worden war kleine Geſellſchaften um billigen Preis, obſchon mit großartigem Prunk zum Beſten zu geben, ſondern ſie ſah ſich auch des Anſehens beraubt, das in Folge der allgemein vermutheten Hoffnungen ihrer Nichte bisher ihr ſelbſt zu ſtatten gekommen war. Kurz und gut, ihr Willkomm war ſo feindſelig und ihre Beileidsbezeugungen ſo zurückſtoßend, daß Arabella ihr Haus mit dem feierlichen Entſchluß verließ es nie wieder zu betreten. Und jetzt kamen die edleren Eigenſchaften der Tochter des 47 Bankrottirers auf einmal zu Tage. Geldlos daſtehend, beſchloß ſie durch eigene Arbeit ihre jungen Geſchwiſter zu unterſtützen und zu er⸗ ziehen. Die große Schule, deren Zierde ſie geweſen, nahm ſie mit offenen Armen als Lehrerin an, bis ein vortheilhafterer Platz in einer Privatfamilie, mit einem Gehalt der ihren Talenten und Kenntniſſen entſpräche, gefunden werden könnte. Ihr Verkehr mit Jaſper wurde nothwendig unterbrochen. Sie hatte die Großmuth ihm zu ſchreiben, daß ſie ihn ſeiner Verpflichtung entbinde. Jaſper betrachtete ſich auch ohne dieſen Brief als vollkommen befreit, aber er dachte, es wäre weder ritterlich noch gut es zu ſagen. Arabella konnte eine Stellung mit einem größern Gehalt bekommen, als ſie möglicher Weiſe be⸗ durfte, und der Ueberfluß konnte dann für Jaſper abfallen. Ihre Tante hatte augenſcheinlich etwas zu hinterlaſſen, wenn ſie auch für den Augenblick Nichts geben wollte. Kurz, Arabella konnte, wenn ſie auch zur Frau nicht reich genug war, oft für einen Freund in der Noth reich genug ſeyn, und ſo lange er ihr für ſein Leben verpflichtet blieb, mußte ſie ſowohl ihr Vergnügen als ihre Pflicht darin finden ihm zum Leben beizuſtehen. Ueberdieß empfand Jaſper, abgeſehen von dieſen durch die Klugheit gebotenen, obwohl nicht ſehr feurigen Motiven, um ſeine unveränderliche Treue zu betheuern, wirklich das was er Liebe nannte gegen das hübſche juitge Weib— er ſchmeichelte ſich, daß eine über allen andern Mädchen, die er je gekannt, an Ta⸗ lenten ſo hoch hervorragende Perſon weniger auf ſeine Neigung zu ihr, als auf ihre eigene Neigung zu ihm ſtolz ſeyn müſſe. Auf ſolche Art währte die Verbindung fort— keine Zuſammenkünfte— viele Briefe. Arabella arbeitete hart, indem ſie in die Zukunft ſchaute— Jaſper arbeitete ſo wenig als möglich und fühlte ſich durch die Gegen⸗ wart gewaltig gelangweilt. Unglücklicher Weiſe erregte Arabellas Unglück nicht blos unter den Lehrern, ſondern auch unter ihren alten Schulkamerädinnen eine ſolche Sympathie; ihr Ruf für Charakterfeſtigkeit ſowohl als Talent ſtand ſo hoch, und in ihrem Entſchluß für ihre verwaisten Geſchwiſter 48 zu ſorgen lag etwas ſo Achtungswerthes, daß man ſich alle Mühe gab ihr einen einträglicheren und unabhängigeren Unterhalt, als ſie entweder in einer Schule oder in einer Familie erhalten konnte, zu verſchaffen. Warum nicht auf eigene Fauſt ein kleines Haus nehmen, daſelbſt mit ihren Mitwaiſen leben und ſtundenweiſe Lektionen er⸗ theilen? Mehrere Familien verpflichteten ſich ſogleich ihr Beſchäf⸗ tigung zu geben, und es wurde ihr ein Einkommen zugeſichert, das allen ihren Bedürfniſſen entſprach. Arabella entſchloß ſich für dieſen Plan. Sie nahm das Haus; Bridgett Greggs, die Pflegerin ihrer Kindheit, wurde ihre Dienerin, und bald ſchlich ſich Jaſper Loſely ver⸗ ſtohlen in den Schatten des Abends in dieſes Haus. Sie konnte gegen ſeinen Einfluß nicht ankämpfen— ſie hatte nicht das Herz ſeine Beſuche abzuweiſen— er war ſo arm— befand ſich in ſolchen Geld⸗ klemmen— und verſicherte, er ſey ſo unglücklich. Es gab alſo jetzt noch für eine andere Perſon zu arbeiten als für die kleinen Geſchwiſter. Aber was waren Arabellas Erſparniſſe für einen Mann, der bereits hoch ſpielte! Neue Kümmerniſſe trafen ſie. Ein anſteckendes Fieber brach in der Nachbarſchaft aus; ihr Brüderchen bekam es; ihr Schweſterchen erkrankte am nächſten Tag; in weniger als einer Woche wurden zwei kleine Särge von den ſchwarzen Pferden weggetragen— weggettägen nach dem ſonnigen Raſenplätzchen in dem hübſchen vorſtädtiſchen Kirchhof, das die mütterliche Schweſter mit ihren letzten Anſtrengungen für die Kleinen gekauft hatte.— Wie allein ſie jetzt daſtand, die Mutterloſe! Was! kein Freund auf Erden, kein Tröſter als diefer ſchreckliche Jaſper! Ach, die wahrhaft gefährliche Venus iſt nicht jene Erycina, um welche Scherz und Ge⸗ lächter einen Kreis ſchließen. Kummer und jenes Gefühl der Ver⸗ laſſenheit, das uns veranlaßt einen Fußtritt zu bewillkommnen, wie ein in finſterer Kammer gelaſſenes Kind das Herannahen des Lichtes bewillkommt, ſchwächen die Außenwerke weiblicher Tugend weit mehr als all die eiteln Leichtfertigkeiten der Freude oder die Schmeicheleien, 49 welche dem Pfad der Schönheit durch das Gedränge hindurch folgen. Ach und ach! Laßt die Erzählung raſch weiter eilen! Jaſper Loſely hatte noch feierlicher geſchworen ſeine angebetete Arabella zu heirathen. Aber wann? Wenn ſie reich genug ſind. Es iſt ihr, als ob ihr Geiſt dahin gegangen wäre, als ob ſie nicht mehr arbeiten könnte. Sie war kein ſchwaches alltägliches Mädchen, das in der Liebe Troſt für Schande finden kann. Sie war ſtreng er⸗ zogen worden; ihr Gefühl für weibliche Rechtſchaffenheit war fein und ſtark; ihre Reue war geräuſchlos, aber herb. Verlegenheiten ge⸗ meinerer Art ſtürmten auf ſie ein; ſie hatte ihre Einkommensquellen zum Voraus weggegeben; ſie hatte um Jaſpers willen Schulden ge⸗ macht: vergebens, ihre Börſe war leer, aber die ſeinige nicht voller. Seine Gläubiger drängten ihn; er ſagte ihr, er müſſe ſich verbergen. So reiste er an einem Wintertag ab; ſie ſah ihn ein Jahr lang nicht mehr. Wenige Tage bevor er ſie verließ, hörte ſie von ſeines Vaters Verbrechen und Einkerkerung. Jaſper wurde auf die Bitten ſeines Vaters von ſeinem Oheim mütterlicher Seite über Land geſchickt; 4½ man ſchickte ihn in ein Handelshaus in Frankreich, wo der Onkel ihm 3 einen Platz ausgemittelt hatte. Man ſandte den jungen Mann unter einem andern Namen nach Frankreich, um ihn vor der Schande zu retten, welche ſein Vater über ſeinen eigenen gebracht hatte. Bald kam William Loſelys Proceß und Verurtheilung. Ara⸗ bella empfand das Unglück herb— ſie fühlte, wie es dem verwegenen, übermüthigen Jaſper zu Herzen gehen mußte; ſie wunderte ſich nicht, daß er es unterließ ihr zu ſchreiben. Sie dachte ſich ihn darnieder⸗ gebeugt von Scham, aber ſie ſelbſt wurde durch ihre Ueberzeugung, daß ſie wieder zuſammentreffen ſollten, flott erhalten. Wohl oder übel glaubte ſie ſich für ihr ganzes Leben an ihn gefeſſelt. Aber mittlerweile kamen ihr die Schulden über den Hals, die ſie um ſeinet⸗ willen gemacht hatte. Sie ſah ſich genöthigt ihr Haus zu vermiethen, und um dieſe Zeit wurde Mrs. Lyndſay, die ſich nach einer in jeder Beziehung ausgezeichneten Gouvernante für Matilda Darrell umſah, 50 auf alle mögliche Arten beſtürmt, ſie ſolle es verſuchen Arabella Foſſett für dieſen Poſten zu werben. Die glänzendſten Zeugniſſe von der Schule, wo ſie ihren Unterricht empfangen hatte, von den ausge⸗ zeichnetſten Fachlehrern, von den Familien, in denen ſie in letzter Zeit Lektionen gegeben, wurden Mr. Darrell vorgelegt, und nun ermächtigte er Mrs. Lyndſay einen Gehalt anzubieten, der nicht wohl ermangeln konnte eine Lehrerin von ſolch ſeltener Befähigung zu gewinnen. Und ſo wurde Arabella Gouvernante von Miß Darrell. Es gibt eine Art von jungen Ladies, von denen ihre nächſten Verwandten ſagen:„Ich kann aus dem Mädchen nicht klug werden.“ Matilda Darrell gehörte zu dieſer Categorie. Sie ſprach ſehr wenig; ihre Bewegungen waren äußerſt geräuſchlos; ſie ſchien ſich ſelbſt als ein Geheimniß zu betrachten, deſſen Bewahrung ſie feierlich be⸗ ſchworen habe. Sie war von früher Kindheit an durch eine hinterliſtige Mutter in Hinterliſt getaucht worden. Mrs. Darrell war ein Weib, das immer Etwas zu verbergen hatte. Da war immer eine Note, die aus den Augen geſchafft werden mußte; ein Beſuch, von dem nicht geſprochen werden ſollte; das Eine oder Andere, was Matilda unter keinen Umſtänden gegen Papa erwähnen durfte. Als Mrs. Darrell ſtarb, war Matilda noch ein Kind, aber ſie fuhr fort ihren Vater als einen Mann zu betrachten, gegen welchen ſie aus Rückſichten der Klugheit beſtändig auf ihrer Hut ſeyn müſſe. Nicht als ob ſie ihn geradezu gefürchtet hätte— er war ſehr freund⸗ lich gegen ſie wie gegen alle Kinder; aber ſeine ehrliche Natur war der ihrigen antipathiſch. Sie hatte keine Sympathie für ihn. Wie ſollte ſie ihre Gedanken ihm anvertrauen? Sie wußte inſtinktmäßig, daß dieſe Gedanken nicht geeignet waren mit den ſeinigen zu harmoniren. Dennoch erſchien ſie, obſchon ſchweigſam, obſchon ſie ſich aller Lieb⸗ koſungen und Demonſtrationen enthielt, mild, ſanft und gelehrig. Ihre Rückhaltung wurde einer angebornen Schüchternheit zuge⸗ ſchrieben. Sie ſchien gewöhnlich ſchüchtern bis auf einen gewiſſen Grad; aber wenn Ihr das Räthſel gelöst zu haben glaubtet, ſo ſagte 51 oder that ſie Etwas, das von ſo kalter Entſchloſſenheit zeugte, daß Ihr wiederum ausrufen mußtet:„Ich kann aus dieſem Mädchen nicht klug werden.“ Sie begriff nicht ſchnell in ihren Lektionen. Ihr hattet Euch feſt in den Kopf geſetzt, daß ſie dumm ſey, als Ihr auf einmal durch eine zufällige Bemerkung darauf gebracht wurdet, ſie ſehr ſcharfſinnig zu finden; ſie beobachtete ſcharf und fein, wenn Ihr Euch eingebildet hattet, ſie ſchlafe feſt. Sie hatte ſeit ihrer Mutter Tod gegen Mrs. Lyndſay und Caroline zärtlicher geſchienen als gegen irgend andere menſchliche Weſen— ſie zeigte ſich immer verdrießlich und übel gelaunt, wenn dieſe nicht da waren; dennoch vertraute ſie ihnen eben ſo wenig als ihrem Vater. Aus dieſer Beſchreibung könntet Ihr vermuthen, Matilda habe ihrer Umgebung keine Liebe einflöͤßen können. Dem war nicht ſo; gerade ihr geheimnißvolles Weſen hatte eine gewiſſe Anziehungskraft— etwas Unklares erzeugt immer einiges Intereſſe. Dann hatte ihr Geſicht, obſchon es weder hübſch noch zierlich war, eine verrätheriſche Sanftheit— einen unter⸗ würfigen, gedrückten Ausdruck. Ein freundlicher Beobachter konnte nicht umhin mit nachſichtigem Mitleid zu ſagen:„Dieſes Mädchen muß ſehr viel Herz haben, wenn man nur aus ihr klug werden könnte.“ Sie ſchien ſogleich eine Neigung zu Arabella zu faſſen, mehr als ſie für Mrs. Lyndſay oder ſelbſt für Caroline gefaßt hatte, mit welcher ſie wie eine Schweſter erzogen worden war, die aber, damals fröhlich, munter und in unſchuldiger Furchtloſigkeit— mit ihrer Seele in ihren Augen und ihrem Herzen auf ihren Lippen— keinen Reiz für Matilda hatte, weil dieſe kein Geheimniß zu erforſchen ſah, und weil ſie keinen Zweck dabei ſah ſie zu täuſchen. Aber dieſe Fremde von ſo ſeltenen Vorzügen, von ſo entſchie⸗ denem Charakter, mit einer eingewohnten Düſterkeit auf ihren Lippen, mit einem concentrirten Kummer auf ihren Brauen, dieſe gab ihr Etwas zu ſtudiren und war eine Perſon, mit der ſie Sympathie em⸗ pfand; denn ſie entdeckte ſogleich, daß Arabella ebenfalls ein Geheim⸗ niß war. Im Anfang widmete Arabella, in ihre eigenen Betrachtungen verſunken, Matilda blos die mechaniſche Aufmerkſamkeit, die eine Lehrerin von Profeſſton auf eine gewöhnliche Schülerin verwendet. Aber ein Intereſſe für Matilda regte ſich in ihrer Bruſt, als ſie eine verehrungsvolle Dankbarkeit gegen Darrell zu hegen anfing. Er be⸗ merkte den Pomp und die Umſtände, die ihre früheren Jahre umgeben hatten; er reſpektirte die achtungswerthe Energie, womit ſie ihre Ta⸗ lente der Unterſtützung der jungen Kinder gewidmet hatte, die ihrer Pflege übergeben worden; er bemitleidete ſie um den Verluſt dieſer kleinen Mitwaiſen, für welche alle Mühe und Arbeit ihr ſüß geworden waren, und er bemühte ſich durch freundliche Fürſorge und zartſinnige Aufmerkſamkeit, die bei einem ſo ausgezeichneten und ſo beſchäftigten Mann um ſo höhern Werth hatten, ſie vergeſſen zu machen, daß ſie eine bezahlte Lehrerin war, ihr zu zeigen, daß er ſie ganz ſelbſtver⸗ ſtändlich als Dame von Stand, als Gaſt, als Freundin behandle. Da er bei ihr neben ihren erworbenen Kenntniſſen eine gewiſſe Kraft und Stärke des Verſtandes erkannte, ſo konnte er auch wohl ihrem ſcholaſtiſchen Stolz dadurch ſchmeicheln, daß er ſich in der einen oder andern Literaturfrage auf ihr Gedächtniß berief oder in Sachen kri⸗ tiſchen Geſchmacks ihr Urtheil befragte. Sie ihrerſeits wurde durch ſeine ritterliche Güte bis zur Tiefe einer Natur gerührt, die, obſchon bereits ernſtlich beſchädigt durch ihre unglückliche Berührung mit einer Seele wie der Jaſperſchen, ſich gleichwohl noch jene Fähigkeit zur Dankbarkeit bewahrt hatte, deren Verluſt die letzte Herabwürdigung der Menſchheit iſt. Dieß nicht allein: Arabella wurde durch Darrells Geiſt und Charakter zu jener Art von Huldigung gebracht, welche eine Frau, die bisher nur mit Leuten von geringerer Begabung als ſie ſelbſt beſaß zuſammengetroffen, der erſten ausgezeichneten Perſon widmet, bei der ſie halb mit Demuth und halb mit heiliger Scheu eine Intelligenz und Bildung erkennt, gegen die ihr eigener Verſtand blos ein ſchwaches Treibhaus und ihre eigenen Kenntniſſe nur künſt⸗ liche exotiſche Pflanzen ſind. 583 Auf ſolche Art aus ihrer erſten Muthloſigkeit aufgerüttelt, ſuchte Arabella die Güte Darrells dadurch zu belohnen, daß ſie all ihre Fähigkeiten aufbot, um ſeine einfältige Tochter zu einem vollkom⸗ menen Weib heranzubilden. So weit ſich die bloße ornamentale Er⸗ ziehung erſtreckt, war die Lehrerin glücklicher, als ſie bei all ihrer Er⸗ fahrung, all ihrer Geſchicklichkeit und all ihrem Eifer zu hoffen gewagt hatte. Ohne Ohr, Sinn oder Liebe für Muſik, wurde Matilda eine ſehr anzuerkennende mechaniſche Muſikerin. Ohne alle artiſtiſche Be⸗ gabung, eignete ſie ſich die Wiſſenſchaft der Perſpektive an— ſie brachte es ſogar bis zur Farbenmiſchung— ſie füllte eine Mappe mit Zeichnungen, die jede junge Dame ohne Erröthen in einem Salon circuliren ſehen konnte. Arabella führte Matildas dünnen Geiſt bis zur fernſten Gränze, die er erreichen konnte, ohne entzweizureißen, durch eine elegante Reihe ausgewählter Geſchichten und harmloſer weiblicher Claſſiker— durch franzöſiſche Dialoge— durch toscaniſche Themata— durch teutoniſche Verba— ja, über die durchbrochenen Schranken erſtaunter Wiſſenſchaft hinweg in die elementariſchen Olo⸗ gien. Und nachdem alles das geſchehen, war Matilda Darrell genau daſſelbe Geſchöpf, das ſie vorher geweſen. In Allem was ſich auf Charakter, Neigung, Herz bezog, konnte ſelbſt dieſe vollendete Lehrerin keine verſtändliche Antwort geben, wenn Mrs. Lyndſay in ihren ſanf⸗ teſten Tönen(und ſanftere Töne hat es nie gegeben) ſeufzte:„Die arme, liebe Matilda! Könnt Ihr klug aus ihr werden, Miß Foſſett?“ Miß Foſſett konnte nicht aus ihr klug werden. Aher nach dem aufmerkſamſten Studium hatte Miß Foſſett in ihrem Innern dahin entſchieden, daß es hier gar Nichts zum Ausmitteln gebe— daß Matilda Darrell, wie viele andere recht artige Mädchen, eine harmloſe Null ſey, was Ihr eine Miß nennt: weißes Tannen⸗ oder Weidenholz, bei welchem Miß Foſſet Alles gethan hatte, um ſeinen Werth als Ziermöbel zu erhöhen, wenn ſie es mit Roſen⸗ oder Atlas⸗ holz furnirt, ſeine Ecken reich mit Ormolu geſchmückt und ſeine Ober⸗ fläche mit Tändeleien und Albums überſtreut hatte. Aber Arabella glaubte feſt, Matilda Darrell ſey im Ganzen eine ruhige, ehrſame, gute Art von Miß— und ihr ſelbſt, Arabella, mit großer Liebe zuge⸗ than. Die Lehrerin hatte ſich mehrere Monate in Darrells Familie aufgehalten, als Carolina Lyndſay, die ſich beinahe ganz mit Matilda zuſammengewöhnt hatte(ſie nahm Antheil an den Lektionen, welche die letztere theils von Miß Foſſett, theils von andern Lehrern erhielt, die ins Haus kamen) von Mrs. Lyndſay weggenommen wurde, um der alten Marquiſe von Montfort einen Beſuch zu machen. Matilda, die im nächſten Jahr in die Welt hinauskommen ſollte, war alſo bei⸗ nahe ausſchließlich bei Arabella, die alle ihre Anſtrengungen ver⸗ doppelte, um die weiße Tanne zu furniren und ihre ſchwachen Ecken mit Ormolu zu ſchützen, ſo daß, wenn ſie hinauskäme, Jedermann dieſes durch und durch faſhionable Geräthe bewundern ſollte. Miß Foſſett und ihre Schülerin hatten die Gewohnheit, einen Morgen⸗ ſpaziergang in den ſtillen Promenaden des Green Park zu machen; und eines Morgens, als ſie auf ſolche Art dahinſchlenderten, während Ammen und Kinder ſowie ältliche Leute, denen frühe Bewegung ver⸗ ordnet war, auf ihrem ahnungsloſen Weg um ſie her wimmelten, da kam plötzlich, gerade auf ihrem Pfad(unvorhergeſehen wie der Wolf, der Horaz im Sabinerwald erſchreckte, aber unendlich mörderiſcher als dieſes flüchtig hineilende Thier) Jaſper Loſely einher. Arabella ſtieß einen ſchwachen Schrei aus; ſie konnte dem Drang vorwärts zu ſpringen, ihre Hand auf ſeinen Arm zu legen nicht widerſtehen— ſie hatte gar nicht den Gedanken ihm zu widerſtehen. Sie war zu auf⸗ geregt, um zu bemerken, ob ſein vorherrſchendes Gefühl Ueberraſchung oder Entzücken war. Einige haſtige Worte wurden ausgetauſcht, während Matilda Darrell von der Seite her einen einzigen Blick auf den hübſchen Fremden warf und ruhig neben ihm herging. Jaſper ſeinerſeits ſagte, er ſey ſo eben nach London zurückgekommen— habe jeder Idee von Kaufmannſchaft für immer Lebewohl geſagt— ſeines Vaters Unglück(mit dieſem zarten Namen bezeichnete er deſſen Depor⸗ tation auf den Strafplatz) habe ihn von allen früheren Freunden, Sie ſey Gouvernante bei Miß Darrell— dieß hier ſey Miß Darrell. 5⁵ Banden und Gewohnheiten getrennt— er habe den Namen Loſely für immer fallen laſſen— er erſuche Arabella denſelben nicht zu ver⸗ rathen— er heiße jetzt Hammond, und ſeine Ausſichten ſeyen ſchöner* als ſie je geweſen. Unter dem Namen Hammond, als unabhängiger 1 Gentleman, habe er ſich mächtigere Freunde erworben, als er unter dem Namen Loſely als Handelscommis hätte thun können. Er er⸗ röthe bei dem Gedanken, daß er je ein Commis geweſen ſey. Ohne Zweifel werde er auf einer Miniſterialkanzlei eine Anſtellung erhalten, 1 und dann, oh dann, mit geſichertem Einkommen und der Gewißheit ſich emporzuſchwingen, könne er ſeine Anſprüche auf die langerſehnte Hand des„beſten der Geſchöpfe“ geltend machen. Arabella ihrerſeits erklärte in aller Eile ihre dermalige Stellung. Sie dürfe das Mädchen nicht allein gehen laſſen— ſie wolle ihm ſchreiben. Adreſſen wurden ausgetauſcht— Jaſper gab eine ſehr zierliche Karte—„Mr. Hammond, Nro.—, Duke Street, St. James.“ Mit klopfendem Herzen eilte Arabella ihrer Freundin nach. Nach dem flüchtigen Blick, den ſie auf ihren treuloſen Liebhaber geworfen, ſchien es ihr, er ſey wo möglich noch ſchöner geworden. Sein ſtets ſorgfältiger Anzug gehörte mehr dem Schnitt polirter Geſellſchaft an, war mehr einfach correkt— ſein Auftreten entſchiedener. Er ſah vollkommen wohlhabend aus, und ſein Benehmen war, in ſeinem Ge⸗ miſch von behaglicher Zuverſichtlichkeit und heuchleriſchem Gekoſe, nie verführeriſcher geweſen. In der That hatte ſich Jaſper in dem fran⸗ zöſiſchen Handelshaus— wohin man ihn geſchickt hatte, um ihn zu beſeitigen, ſo lange der Proceß ſeines Vaters währte und die Schande davon noch friſch war— nicht lange aufgehalten, bevor allerle Licenzen in ſeinem Benehmen ſeine Entlaſſung herbeigeführt hatten. Aber mittlerweile hatte er ſich viele Freunde unter jungen Männern ſeines Alters erworben— unter dieſen lockern, wilden Viveurs, die, ohne Etwas zu thun was das Geſetz als unehrlich beſtrafen kann, einige ſchnelle Jahre ſehr glänzend von ihrem Witz zu leben verſtehen. In dieſer ſeltſamen geſellſchaftlichen Gährung, die noch immer in einem Lande vorherrſcht, wo eine äußerſt verarmte und äußerſt zahl⸗ reiche Geburtsariſtokratie, inſofern nämlich das Recht ſeinem Namen ein von vorzuſetzen oder eine Grafenkrone auf die Karte drucken zu laſſen einen Ariſtokraten ausmachen kann, unter einer ehrgeizigen, waghalſigen, rührigen und nicht uneleganten jungen Demokratie zer⸗ ſtreut iſt— einer Demokratie, wo Jeder durch die geſetzliche Fiktion, genannt Gleichheit, an den Andern gekettet iſt; in dieſer noch un⸗ geordneten und kämpfenden Geſellſchaft, in welcher ſo viel von dem Alten unwiederbringlich zerſtört und ſo wenig von dem Neuen ſolid aufgebaut worden iſt, da gibt es weit größere Abwechslungen, unend⸗ lich ſubtilere Grade und Unterſcheidungen in der Region des Lebens, die zwiſchen Achtbarkeit und Schande liegt, als man in einem Lande wie das unſrige finden kann. Die franzöſiſchen Novellen und Dramen mögen den Weſen, die ſich durch dieſe Region bewegen, weniger einen Spiegel als ein Vergrößerungsglas vorhalten. Aber immerhin ſtellen dieſe franzöſiſchen Novellen und Dramen die Claſſificationen, deren Typen ſie übertreiben, nicht ungetreu dar. Dieſe ſeltſamen, auf ein einziges Gemälde zuſammengedrängten Combinationen von Studenten und Griſetten, Operntänzerinnen, Autoren, Vicomtes, Schwindlern, romantiſchen Loretten, Börſeſpielern, deren Stammbaum aus den Kreuzzügen datirt; Betrüger, die ihre Titel von Dörfern nehmen, wo ihre Großväter Sattler geweſen ſeyn mögen; und wenn die Sache entdeckt wird, weiter Nichts als allgemeines Gelächter; delicate Frauenzimmer, die wie geſetzloſe Männer leben; Männer, die mit der Liebe Handel treiben wie liederliche Weiber, aber im Ehrenpunkt unge⸗ mein empfindlich ſind— denn zweifelt einmal an ihrer Wahrhaftigkeit oder an ihrem Muth, und Piff Paff ſeyd Ihr in Charons Nachen— in jedem eiviliſirten Lande mag die Menſchheit einzelne Exemplare darbieten, welche den ſo eben beſchriebenen mehr oder weniger ent⸗ ſprechen. Aber wo, außer in Frankreich, findet man ſie Alle, wenn 57 auch nicht in denſelben Salons, doch ſo beſtändig einander kreuzend, daß ſie eine eigene Phaſis im Geſellſchaftsleben ausmachen und einer Literatur von unbeſtreitbarer Genialität ihre Farbe verleihen? Und wo weilt über ſo bunt gemengten Beryeynthiſchen Orgien eine ſo elegant Horaziſche Atmoſphäre? Und wo kann Plumpheit ſo voll⸗ ſtändig in polirtem Ausdruck verſchwinden, wie in dieſer diamant⸗ artigen, zierlichen und funkelnden Sprache, die, eben ſo freundlich gegen den Witz in ihrer luftigſten Proſa, als der Leidenſchaft feindlich in ihrem Strom oder Wolkenbruch von Poeſie, den Muſen zum Trotz von den Grazien erfunden zu ſeyn ſcheint? In Cirkeln wie diejenigen, deren trüber Umriß hier ſo unvoll⸗ ſtändig ſkizzirt iſt, miſchte ſich Jaſper Loſely als le bel Anglais ein. (Ein luſtiger Vertreter der engliſchen Nation!) Nicht als ob dieſen Cirkeln die Ehre ſeiner Verdorbenheit allein zukäme. Nein! Recht muß Recht bleiben! Stehen wir feſt für unſer Vaterland! Le bel Anglais betrat dieſe Cirkel als ein weit größerer Schurke, als die meiſten von Denjenigen waren, die er dort vorfand. Aber hier lernte er wenigſtens einen noch höheren Werth auf ſeine Jugend, Stärke und Anmuth— auf ſeine ſchnelle Beſonnenheit in Auffindung von Hilfsmitteln— auf die leichtfertige Keckheit, womit er ängſtliche und manchmal ſogar muthige Männer verblüffte— auf die ſechs Fuß ein Zoll fehlerloſer Symmetrie ſetzen, welche einfältige und manchmal ſogar verſtändige Weiber feſſelten. Das Spiel war indeß ſein Lieb⸗ lingslaſter. Einen Monat, bevor er mit Arabella zuſammentraf, hatte er eine ſeltene Glücksperiode gehabt. Dadurch zu einer großen Unternehmung befähigt, hatte er beſchloſſen nach London zurückzu⸗ kehren, um daſelbſt(das beſte der Geſchöpfe war längſt vergeſſen, bis ſie ihm auf dieſe Art plötzlich in den Weg gekommen) eine Erbin auf⸗ zutreiben und mit ihr zu entwiſchen. Drei franzöſiſche Freunde be⸗ gleiteten ihn. Jeder hatte dieſelbe Abſicht. Jeder glaubte, in London wimmle es von Erbinnen. Sie waren alle drei hübſche Männer; Einer war Graf— wenigſtens ſagte er ſo. Aber ſtolz auf ſeinen Bulwer, was wird er damit machen? V. 5 Rang?— Oh, nicht im Mindeſten: Alles für die Freiheit—(Nie⸗ mand war mehr mit dem Verluſt der ſeinigen bedroht)— Alles für die Bruderliebe(Niemand würdet Ihr weniger als einen Bruder lieben). Und vollends égalité!— ein Schuſtersſohn, der homme de lettres war und in ein Journal ſchrieb, ließ einen Scherz über die Grafſchaft des Grafen drucken.„Alle Menſchen ſind gleich vor dem Piſtol,“ ſagte der Graf; und da er wußte, daß er in dieſer Beziehung den Meiſten gleich war, indem er ſich ſeit ſeinem vierzehnten Jahr an Puppen eingeübt hatte, ſo forderte er den Sohn Criſpins heraus und ſchoß ihn durch die Lungen. Ein anderer von Jaſpers Reiſefreunden war ein enfant du peuple— er rühmte ſich ein Findling zu ſeyn. Er machte Verſe der kläglichſten Art und lehrte Jaſper, wie man im Whiſt miſchen muß. Der Dritte war, wie Jaſper, für den Handel beſtimmt worden, und wie Jaſper beſaß er eine Seele, die darüber erhaben war. In der Politik war er Communiſt— in der Unter⸗ haltung Philanthrop. Er war der tüchtigſte von ihnen Allen und befindet ſich dermalen auf den Galeeren. Das Schickſal ſeiner beiden Landsleute iſt dunkler, und ich glaube mich nicht verpflichtet es aufzu⸗ decken. Auf dieſem eigenthümlichen Lebensweg macht mir Jaſper allein ſchon genug zu ſchaffen. Es braucht nicht geſagt zu werden, daß Jaſper es ſorgfältig ver⸗ mied ſeine alten Freunde aus der City an ſein Daſein zu erinnern. Es war ſeine Abſicht und ſeine Hoffnung, alle Identität mit jenem Verbrechersſohn zu verwiſchen, den man über Land geſchickt hatte, um der Demüthigung zu entgehen. In dieſem Entſchluß wurde er um ſo mehr beſtärkt, weil er keine alten Freunde in der City hatte, von denen füglich Etwas zu bekommen war. Sein armer Onkel, der allein unter ſeinen Verwandten in England um ſeinen Namenswechſel wußte, war geſtorben; ſein Ende war beſchleunigt worden durch den Kummer über William Loſelys Schande und durch die ſchlimmen Nachrichten, die er aus Frankreich über die Aufführung von William Loſelys Sohn erhalten. Dieſer Onkel hatte eine Wittwe von ſehr ſtrengen Grundſätzen in ſo beengten Umſtänden, daß ſie keinen Schilling vergeuden konnte, hin⸗ terlaſſen; und dieſe Wittwe würde, ſelbſt wenn ſie je durch eine wun⸗ derbare Drehung des Glücksrads reich genug geworden wäre, um ein Maſtkalb zu ſchlachten, dennoch einem Verſchwender wie Jaſper nicht einmal ein Schienbein gegeben haben, ſelbſt wenn er ihr eigener buß⸗ fertiger Sohn geweſen wäre, und nicht blos ein liederlicher Neffe. Deßhalb wandte Jaſper, da alle Civiliſation weſtwärts vorſchreitet, ſein Angeſicht vom Oſten ab, und es fiel ihm ebenſowenig ein, jenſeits Temple Bar Vermögen, Freunde oder Verwandte aufzuſuchen, als ein moderner Walliſer von einer Pilgerfahrt nach den aſtatiſchen Ge⸗ ſtaden träumen würde, um daſelbſt die entfernten Verwandten wieder zu umarmen, welche Hu Gadarn vor unzähligen Jahrhunderten zu⸗ rückgelaſſen hatte, als dieſer mythiſche Häuptling ſeine getreuen Cymrier über die nebelige See nach dieſer glücklichen Honiginſel führte.* Zwei Tage nach ſeinem Zuſammentreffen mit Arabella im Green Park ermangelte der angebliche Hammond, der inzwiſchen erfahren hatte, daß Darrell ugermeßlich reich und Matilda ſein einziges noch lebendes Kind ſey, nicht ſich wieder im Green Park einzufinden— und wieder— und wieder! Arabella fühlte natürlich, wie unrecht es war, daß ſie ihm er⸗ laubte ſie anzureden und auf der einen Seite von ihr zu gehen, wäh⸗ rend Miß Darrell auf der andern ging. Aber ſie meinte auch, daß ſie einen noch weit größern Fehler beginge, wenn ſie von Haus weg⸗ ſchlüpfte und allein mit ihm zuſammenkäme. Für Alles in der Welt hätte ſie ſich nicht wieder in eine ſolche Gefahr begeben. Jede Zu⸗ ſammenkunft mit ihm abzulehnen— dazu beſaß ſie nicht Stärke genug. Ihre Freude über ſeinen Anblick war ſo unermeßlich. Und Nichts konnte ehrerbietiger ſeyn als Jaſpers Benehmen und Geſpräch. Was an wärmeren und leidenſchaftlicheren Gefühlen zwiſchen ihnen * Mel Ynnys— Honiginſel. Einer der poetiſchen Namen, welche Eng⸗ land in der Sprache der alten Briten führte. ausgetauſcht wurde, geſchah ſchriftlich. Jaſper erſuchte Arabella, ſie möchte ihn Matilda als einen nahen Verwandten vorſtellen. Aber Arabella wies jede ſolche Unwahrheit von ſich. Ihr einziger Anſpruch auf Selbſtachtung beſtand darin, daß ſie ihn als den Mann betrachtete, der ihr feierlich verpflichtet ſey, als den Mann, den ſie heirathen ſolle. Und nachdem ſie einander zum zweiten Mal auf ſolche Art getroffen, ſagte ſie zu Matilda, welche noch mit keinem Wort, mit keinem Blick gefragt hatte:„Dieſen Gentleman ſollte ich heirathen, bevor mein Vater ſtarb; wir werden uns heirathen, ſobald wir ein Auskommen haben.“ 3 Matilda machte eine gemeinplätzliche, aber freundliche Bemer⸗ kung. Und auf dieſe Art ſtieg ſie in Arabellas Vertrauen, ſo weit dieſes Vertrauen geſchenkt werden konnte, ohne Jaſpers wahren Namen oder eine gewiſſe dunklere Erinnerung in ihr ſelbſt zu ver⸗ rathen. Es war wirklich ein Hochgenuß für Arabella, endlich eine Perſon zu finden, mit welcher ſie von dieſem Verlöbniß ſprechen konnte, auf das ſie ihre ganze Zukunft gründete— von dieſer Liebe, welche der Pflichtanker ihres Herzens war— von dieſem wenn auch noch ſo beſcheidenen und in die Ferne gerückten eigenen Herd, zu welchem die Zeit ſelten ermangelt zwei Leuten zu verhelfen, wenn ſie des zuverſichtlichen Glaubens an ihre einſtige Vereinigung nicht müde werden. Wenn Arabella von ſolchen Dingen ſprach, vergaß ſie das Verhältniß zwiſchen Schülerin und Lehrerin; ſie ſprach als Weib zum Weibe— als Mädchen zum Mädchen— als Freundin zur Freundin. Matilda ſchien durch das Vertrauen gerührt— es ſchien ihr zu ſchmeicheln, daß ſie endlich ein fremdes Geheimniß beſaß. Arabella ärgerte ſich ein wenig darüber, daß ihre Schülerin Jaſper nicht ſo ſehr zu bewundern ſchien, wie nach Arabellas Meinung die ganze Welt ihn bewundern mußte. Matilda entſchuldigte ſich. Sie habe Mr. Ham⸗ mond kaum bemerkt. Ja: ſie zweifle nicht daran, daß man ihn für hübſch halten könne, aber ſie geſtehe, obſchon es ſchlechter Geſchmack ſeyn möge, daß ſie eine blaſſe Farbe und kaſtanienbraune Haare A 2 vorziehe; und dann ſeußzte ſie und blickte hinweg, wie wenn ſie im Verlauf ihres geheimen Lebens mit einer vom Schickſal beſtimmten blaſſen Geſichtsfarbe und unvergeßlichen kaſtanienbraunen Haaren zu⸗ ſammengeſtoßen wäre. Weder Matilda noch Arabella ſprachen ein Wort darüber, daß man dieſe Zuſammenkünfte mit Mr. Hammond vor Mr. Darrell geheim halten müſſe. Vielleicht konnte Arabella ſich nicht herablaſſen um dieſes Geheimniß zu bitten; aber es war auch nicht nöthig zu bitten. Matilda war immer gar zu froh, wenn ſie Etwas zu verhehlen hatte. Bei dieſen Zuſammenkünften nun redete Jaſper kaum jemals Matilda an; nicht zwanzig geſprochene Worte konnten zwiſchen ihnen gewechſelt worden ſeyn— dennoch hatten ſchon bei der dritten Be⸗ gegnung Matildas ſchlaue Finger über einem ſchlauen Briefchen ſich geſchloſſen, und von dieſem Tag an gingen bei jedem Zuſammen⸗ treffen, während Arabella in der Mitte, Jaſper auf der einen, Matilda auf der andern Seite gingen, hinter Arabellas Rücken die ſchlauen Finger und die ſchlauen Briefchen herum, welche Matilda empfing und beantwortete. Auch dieſer Austauſch wurde nicht mehr als zwölf oder vierzehn Mal bewerkſtelligt. Darrell war im Begriff nach Fawley zu ziehen. Alle ſolche Zuſammenkünfte mußten jetzt eingeſtellt werden. Zwei oder drei Morgen vor dem zur Abreiſe aus London feſtgeſetzten Tag wurde Matildas Zimmer leer gefunden. Sie war verſchwunden. Arabella war die Erſte, die ihre Flucht entdeckte, die Erſte, die ihre Urſache erfuhr. Matilda hatte auf ihrem Schreibtiſch einen Brief für Miß Foſſett hinterlaſſen. Er war ſehr kurz, ſehr ruhig abgefaßt und begründete ihre Rechtfertigung auf einen Brief von Jaſper, welchen ſie beilegte, einen Brief, worin dieſer wackere Held ſich über die Idee, daß er ſich je in Arabella habe verlieben können, luſtig machte und erklärte, daß er ſich das Leben nehmen würde, wenn Matilda ſich weigerte zu fliehen. Sie brauche von einem ſolchen engelgleichen Vertrauen zu ihm Nichts zu furchten. Nein! Selbſt „Hätt er ein Herz für Falſchheit offen, Ihr könnt er nimmer wehe thun!“ Jeden lauteren Schmerzensausbruch erſtickend— aber keuchend — nach Luft ſchnappend— buchſtäblich halb außer ſich, ſtürzte Ara⸗ bella in Darrells Arbeitszimmer. Er, der argloſe Mann, der ruhig über ſeine langweiligen Bücher gebeugt da ſaß, wurde durch ihre Er⸗ ſcheinung aufgeſchreckt. Wenige Minuten genügten, um ihm zu ſagen, was zu erfahren für ihn von Wichtigkeit war. Wenige kurze Fragen, wenige leidenſchaftliche Antworten klärten ihn über das Aller⸗ ſchlimmſte auf. Wer und was war dieſer Mr. Hammond? Barmherziger Gott! Der Sohn von William Loſely— der Sohn eines deportirten Ver⸗ brechers!.- Arabella freute ſich über die Antwort, die ihr einen augenblick⸗ lichen Triumph über die Nebenbuhlerin verſchaffte, welche ihr einen ſolchen Juwel geſtohlen hatte. Aus ſeinem erſten Jammer und dem Gefuhl der Erniedrigung über dieſe Entdeckung aufgewacht, ergoß ſich Darrells Zorn natürlich nicht über das flüchtige Kind, ſondern uͤber die freche Perſon, die, von ihrer eigenen Wuth und dem Gefühl ihres Unrechts aufrecht erhalten, ihm die Stirne bot und ſich nicht duckte. Sie, die treuloſe Gouvernante, habe ihrer Pflegbefohlenen dieſen Ver⸗ brechersſohn unter fremdem Namen vorgeſtellt; ſie geſtehe es ſelbſt— ſie habe ein unwiſſendes Kind in die Schlingen eines ſo niederträch⸗ tigen Glucksjägers gelockt— ſie möge ſich jetzt verwundert ſtellen— ſie möge Reue heucheln— ſie muſſe dennoch die Mitſchuldige des Mannes geweſen ſeyn. Inmitten der ganzen Verwirrung ihrer Angſt von dieſer Anſchuldigung verletzt, welche ſie wenigſtens nicht verdiente, riß Arabella Jaſpers neueſte Briefe an ſie ſelbſt— Briefe, die Nichts als Hingebung und Leidenſchaft athmeten— aus ihrem Buſen, legte ſie Darrell vor und bat ihn zu leſen. Sie fragte jetzt Nichts mehr nach Namen und Ruf. Sie hatte nur noch Gefühl für das erlittene Unrecht und für ihr Herzeleid. Im Vergleich mit ihr erſchien Matilda 63 als die treuloſe Verbrecherin— ſie ſelbſt war das Opfer, dem man alle Arten von Unrecht angethan. Darrell überſah die Briefe blos; ſie waren unterzeichnet„Euer liebender Gatte.“ „Was iſt das?“ rief er,„ſeyd Ihr mit dem Manne verhei⸗ rathet?“ „Ja,“ rief Arabella,„vor Gott!“ Darrells Scharfblick täuſchte ſich nicht über die Bedeutung dieſer Worte und dieſes Blickes; ſein Zorn verdoppelte ſich. Einmal in Hitze gebracht, war er furchtbar; er bedurfte weniger Worte, um ſeinem Grimm Luft zu ſchaffen, ſein Auge verſengte, ſeine Geberde machte erbleichen. Nur eines einzigen glühenden Feuerbrandes in Hirn und Herz ſich bewußt— des Gefühls, daß Jugend, Freude und Hoffnung für immer entſchwunden ſeyen, daß die Welt nie wieder dieſelbe werden könne— verließ Arabella das Haus; ihr Ruf war verloren, ihr Talent fortan nutzlos, alle Exiſtenzmittel abgeſchnitten. Wer würde ſie jetzt noch als Lehrerin annehmen? Wer würde jetzt noch ſeine Kinder ihrer Aufſicht anvertrauen? Sie zog ſich in eine düſtere Wohnung zurück, ſie verſchloß ſich allein mit ihrer Verzweiflung. So ſonderbar es ſcheinen mag, ſo war doch ihr Zorn über Jaſper gering im Vergleich mit ihrem grim⸗ migen Haß gegen Matilda. Und noch ſonderbarer mag es erſcheinen, daß ſie, als ihre Gedanken ſich aus ihrem erſten Chaos erholten, ſich nicht ſowohl durch das Bewußtſein ihrer eigenen beklagenswerthen Verirrungen darniedergedrückt, als vielmehr über die ganze Welt erbittert fühlte; ganz beſonders aber fühlte ſie ſich durch die Verach⸗ tung gekränkt, womit Darrell alle Entſchuldigungen ihres Beneh⸗ mens, das doch ſie ſelbſt in ſo namenloſen Jammer geſtürzt, verworfen hatte. Wie in Darrells Achtung Etwas lag, das für Diejenigen, die ſie würdigen konnten, unſchätzbar ſchien, ſo lag in ſeiner Verach⸗ tung für Diejenigen, die ſich dieſer Achtung erfreut hatten, eine niederdrückende Schmach, gleich als hätte der Richter ein Aechtungs⸗ urtheil für die ganze übrige Lebenszeit ausgeſprochen. 64 Arabella hatte von ihrem prächtigen Gehalt nicht viel übrig. Was ſie bisher auf die Seite gelegt hatte, war in die Hände Jaſpers gewandert und bezahlte vielleicht gerade jetzt die Koſten ſeiner Flucht mit ihrer verrätheriſchen Nebenbuhlerin. Als ihr Geld zu Ende war, verpfändete ſie die armen Reliquien aus ihren unſchuldigen glücklichen Mädchenjahren, die man ihr nach dem Bankrott ihres Vaters gelaſſen, und die ſie überall, wohin ſie ging, wie Hausgoͤtter mitgenommen hatte: die Preisbücher, die Laute, das köſtliche Arbeitskäſtchen, den Vogelkäfig, Alles was der Leſer in ihren ſpätern Jahren geſehen zu haben ſich erinnern wird, als die Bücher nie mehr geöffnet wurden, die Laute zerbrochen, der Vogel lange, lange, lange aus dem Käfig verſchwunden war. Sie dachte nicht daran, daß ſie ihre Pfänder je wieder von dieſem Golgatha auslöſen würde, der ſo viele geheiligte Zeichen aus dem Traumland, genannt beſſere Tage, in Empfang nimmt, um ſie ſelten zurückzugeben; wohin der Schmuck, den man auf dem erſten Balle getragen, der Ring, den man beim erſten Liebes⸗ gelübde empfangen, ja ſogar die Glöckchen und Corallen, die das Kind in ſeiner zierlichen Wiege erfreut hatten, und ſelbſt die Bibel wandern, aus welcher die Lippen, die jetzt um einen Sechspfenniger mehr markten, einem grauhaarigen Vater an ſeinem Todtenbett vorgeleſen. Bald waren die auf ſo erbärmliche Art aufgebrachten Summen eben ſo erbärmlich ausgegeben. Mit verdrießlicher Unempfindſamkeit ſah das Weib dem Hunger entgegen. Sie wollte keine Anſtrengung machen, um ihr Leben zu friſten— ſie wollte ſich weder an Verwandte noch an Freunde wenden. Es war eine Art von Rache, die ſie an Andern nahm, wenn ſie ſich ſelbſt dem Tode entgegentreiben ließ. Sie war von Wohnung zu Wohnung, immer eine dunkler und troſt⸗ loſer als die andere, gewichen. Jetzt konnte ſie die Miethe für das beſcheidenſte Stübchen nicht mehr bezahlen; jetzt hieß man ſie gehen. Wohin? Sie wußte es nicht— ſie kümmerte ſich nicht darum— ſie nahm ihren Weg nach dem Fluß, gleichſam in Folge jenes Inſtinctes, der ſich, wenn das Gemüth krank iſt, beinahe eben ſo unwillkurlich der 65⁵ Selbſtvernichtung zuneigt, als bei guter Geſundheit der Selbſter⸗ haltung. Juſt als ſie unter der Laterne am Fuß der Weſtminſterbrücke hinging, ſah ein wohlgekleideter Mann ſie an und ergriff ihren Arm. Sie erhob mit froſtiger melancholiſcher Verachtung ihr Haupt, wie wenn ſie einen Schimpf erlitten hätte, wie wenn ſie fürchtete, der Mann kenne den Flecken, der auf ihrem Namen hafte, und träume in ſeiner Narrheit davon, daß der Schrecken des Todes ſie veranlaſſen könnte von Neuem zu ſündigen. „Kennt Ihr mich nicht?“ ſagte der Mann;„noch ſonderbarer iſt, daß ich Euch erkennen mußte! Ach, mein Gott!— Und welch ein Aufzug! wie Ihr verändert ſeyd! Armes Ding!“ Bei den Worten„armes Ding“ brach Arabella in Thränen aus, und in dieſen Thränen ſchien die ſchwere Wolke auf ihrem Gehirn zu zerſchmelzen. „Ich habe überall nach Euch geforſcht und geſucht, Miß,“ fuhr der Mann fort.„Sicherlich kennt Ihr mich jetzt. Der Sachwalter Eurer armen Tante! Sie iſt nicht mehr— ſie iſt in der letzten Woche geſtorben. Sie hat Euch Alles hinterlaſſen, was ſie in der Welt beſaß, und das iſt ein ſehr hübſches Einkommen für eine unverhei⸗ rathete Lady.“ Auf ſolche Art finden wir Arabella in den trübſeligen Comforts von Podden Place eingerichtet. Sie nahm, wie ſie ſagte, um das Gedächtniß ihrer Tante zu ehren, den Namen Crane an, den ihre Tante geführt hatte, und welcher der Familienname ihrer eigenen Mutter war. Sie legte ſich, obgleich noch ſo jung, den Titel„Mrs.“ bei, welchen ehrwürdig gewordene Jungfern mit betrübtem Herzen an⸗ nehmen, wenn ſie der Welt zu erkennen geben wollen, daß ſie den Eitelkeiten zärtlicher Miſſes entſagen— daß ſie, Herrinnen ihrer ſelbſt geworden, unſerm nichtsnutzigen Geſchlecht Trotz bieten und es an⸗ ſpeien, denn ſo groß auch ſeine Reue ſeyn mag, ſo wird ihm hiemit erklärt, daß es vergebens bereut. Der größte Theil des Vermögens ihrer Tante beſtand in Häuſern in verſchiedenen Bezirken von —— 4 Bloomsbury. Arabella zog aus einer dieſer Wohnungen in die andere, bis ſie ſich für immer in der trübſeligſten von allen niederließ. Um dieſelbe durch den Contraſt mit der Vergangenheit noch trübſeliger zu machen, gab der Golgatha wieder einmal ſeine begrabenen Schätze heraus— eine zerbrochene Laute, einen vogelloſen Käfig! Ungefähr zwei Jahre nach Matildas Tod war Arabella zufällig auf dem Bureau des Agenten, der ihre Hauszinſe einzog, als ein wohlgekleideter Mann eintrat und, über den Schreibtiſch hingelehnt, ſagte:„In der heutigen Times ſteht eine Anzeige, worin eine Lady ſich erbietet, ein kleines, mutterloſes Mädchen aufzunehmen und zu erziehen; mäßige Bedingungen, da beſagte Lady die Kinder um ihrer ſelbſt willen liebt. Der Anzeiger verweist wegen der nähern Um⸗ ſtände auf Euer Bureau— gebt mir Aufſchluß.“ Der Agent ſuchte in ſeinen Büchern, und Arabella wandte ſich an den Frager.„Für weſſen Kind ſucht Ihr ein Unterkommen, Jaſper Loſely?“ Jaſper fuhr zuſammen.„Arabella! Beſtes der Geſchöpfe! Und könnt Ihr Euch herablaſſen, mit einem ſolch erbärmlichen Men⸗ ſchen zu ſprechen—“ „Still— laßt uns gehen. Bekümmert Euch Nichts um die Anzeige einer fremden Perſon. Ich kann für ein mutterloſes Kind eine Unterkunft finden— eine Unterkunft, die Euch nichts koſten wird.“ Sie zog ihn auf die Straße.„Aber wäre es vielleicht das Kind von— von— Matilda Darrell?“ „Bella!“ verſetzte in koſenden Tönen dieſer fluchwürdigſte aller Jungfernwürger,„kann ich Euch vertrauen?— könnt Ihr meine Freundin ſeyn, obſchon ich mich wie ſo ein erbärmlicher Hund gegen Euch benommen habe? Aber Geld— was kann man in dieſer Welt ohne Geld machen? Hätt ich ein Herz für Falſchheit offen, Euch hätt es doch nie weh gethan, wenn ich nicht ſo verdammt in der Klemme geweſen wäre. Und in der That, jetzt, wenn Ihr Euch nur herablaſſen wolltet zu verzeihen und zu vergeſſen, koͤnnten wir vielleicht 67 doch mit der Zeit noch Darby und Johanna werden— nur bin ich, ſeht Ihr, juſt in dieſem Augenblick wirklich einer ſolchen Johanna nicht würdig. Ihr wißt natürlich, daß ich Wittwer bin— nicht untröſtlich?“ „Ja; ich las Mrs. Hammonds Tod in einer alten Zeitung.“ „Und Ihr habt nicht auch vom Tode ihres Kindes geleſen— einige Wochen nachher?“ „Nein; es iſt ſelten, daß ich eine Zeitung zu Geſicht bekomme. Iſt das Kind todt?“ „Hum— Ihr werdet hören.“ Und Jaſper begann eine Er⸗ zählung, welcher Arabella mit aufmerkſamer Theilnahme lauſchte. Am Schluß derſelben erbot ſie ſich ſelbſt das Kind zu nehmen, für das Jaſper eine Unterkunft ſuchte. Sie ſagte ihm ihren veränderten Na⸗ men und ihre Adreſſe. Der Wicht verſprach am Abend mit dem Kinde zu kommen; aber er ſchickte das Kind und kam nicht ſelbſt. Auch trat er ihr nicht mehr unter die Augen, bis dieſe Augen ihn mehrere Jahre ſpäter ſo trübe in Podden Place bewillkommten. Aber obſchon er ſich nicht einmal herabließ ihr in der Zwiſchenzeit zu ſchreiben, ſo iſt es doch wahrſcheinlich, daß Arabella von ſeinen Ge⸗ wohnheiten und ſeiner Lebensweiſe in Paris mehr in Erfahrung zu bringen wußte, als ſie bei ihrem neuen Zuſammentreffen ſich an⸗ merken ließ. Und jetzt weiß der Leſer von dem grimmen Weib in Eiſengrau mehr als Alban Morley oder Guy Darrell vielleicht je erfahren werden. Zehntes Kapitel. Groß iſt der Nutzen herben Mißgeſchicks, Denn gleich der garſt'gen giftgeſchwoll'nen Kröte Trägt es im Kopf'nen koſtbaren Juwel. Die meiſten Leute werden zugeben, daß die Kröte garſtig und giftig iſt, aber in Wirklichkeit können nur Wenige ſich rühmen den koſtbaren Juwel ent⸗ deckt zu haben, der nach der Verſicherung des Poeten in ihrem Kopfe ſitzt. Allein das Unglück kann in zwei große Klaſſen abgetheilt werden: 1) die Betrübniſſe, die keine Klugheit abzuwenden vermag; 2) die Miß⸗ geſchicke, welche die Menſchen ſich ſelbſt und zwar oft mit aller möglichen Mühe zuziehen. Die Betrübniſſe der erſten Art können möglicher Weiſe nur unſere Tugenden hervorrufen und ſchließlich unſer Wohl herbei⸗ führen. Solcher Art iſt das Mißgeſchick, das uns den Juwel geben kann. Aber um den Juwel zu bekommen, müſſen wir die Kröte um⸗ bringen. Unglückliche Umſtände der zweiten Klaſſe vermehren nur zu oft die Irrthümer oder die Laſter, durch welche ſie geſchaffen worden ſind. Wenn es Euch gut dünkt Eure eigenen Kröten aufzuziehen und zu mäſten, ſo abſorbirt die Vermehrung des Giſtes den Iuwel ganz und gar. Nie habe ich einen habituellen Spieler gekannt, der nicht in ſeinen Wahrſcheinlichkeitsberechnungen bei den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens äußerſt ungenau geweſen wäre. Kommt dieß daher, weil ein ſolcher Mann in einem ſo chroniſchen Hoffnungsrauſch herum⸗ taumelt, daß er alle Chancen zu ſeinen Gunſten doppelt ſieht? Jaſper Loſely hatte auf zwei Dinge als ſelbſtverſtändlich gerechnet: 1) auf Darrells baldige Ausſöhnung mit ſeinem einzigen Kinde; 2) darauf daß Darrells einziges Kind nothwendig Darrells Erbe ſeyn müſſe. In dieſen beiden Erwartungen ſah ſich der Spieler getäuſcht. Darrell beantwortete die Briefe nicht einmal, welche Matilda ihm aus Frankreich ſchrieb, wohin Jaſper ſie gebracht, und wo er ſich beeilt hatte ſie unter ſeinem angenommenen Namen Hammond, aber ſeinem wahren Taufnamen Jaſper zu ſeiner Frau zu machen. In der unreputirlichen Heirath, welche Matilda gemacht, ſchienen ſich alle ſchlimmſten Theile ihres Charakters plötzlich vor dem Auge ihres Vaters enthüllt zu haben, und er ſah, was er bisher nicht zu ſehen geſucht hatte, das wahre Kind einer nichtswürdigen Mutter. Eine bloße Mißheirath, wenn ſie durch lange oder vertraute Bekannt⸗ ſchaft mit dem Gegenſtand bemäntelt geweſen wäre, würde ihn zwar erzürnt, allein ſein Herz würde verziehen haben; hier dagegen, ohne den mindeſten Kampf des Pflichtgefühls, ohne die gewöhnliche Sprö⸗ digkeit jungfräulichen Stolzes ſich nach einer ſo dürftigen Werbung von einem Manne gewinnen zu laſſen, von welchem ſie wußte, daß er mit einer Andern verlobt war— dieſer ganze Handel verrieth eine ſolche Heuchelei, eine ſolche Treuloſigkeit, eine ſolche Vereinigung von Schamloſigkeit und Gemeinheit, daß die gewöͤhnlichen Entſchuldigun⸗ gen mit Unerfahrenheit und Jugend in Darrells Augen nicht das mindeſte Gewicht hatten. Darrell wäre nicht Darrell geweſen, wenn er eine im Betrug ſo alte, in Gedanken der Unehre ſo erfahrene Tochter in ſein Haus oder an ſein Herz zurückgenommen hätte. Darrells Schweigen betrübte indeß die herzloſe Braut nicht ſehr und machte auch dem ſanguiniſchen Bräutigam wenig Kummer. Beide dachten, Verzeihung und Ueberfluß ſeyen blos die Sache der Zeit— und auf ein Bischen mehr oder weniger komme es da nicht an. Aber ihre Gelder nahmen raſch ab; es wurde nothwendig ſie zu rekrutiren. Man kann in Hotels nicht ganz von Hoffnung leben. Jaſper ließ ſeine junge Frau auf eine Weile in einer angenehmen Provinzialſtadt und kehrte nach London zurück, um Darrell ſelbſt zu ſehen; ſollte auch der Schwiegerpapa den Friedensſchluß noch ver⸗ zögern, ſo glaubte Jaſper doch, es würde ihn keine Mühe koſten auf ein ſolches Eldorado von zukünftigen Erwartungen ſchon jetzt eine Summe aufzunehmen. Darrell erklärte ſich ſogleich bereit Jaſper zu ſehen, jedoch nicht in ſeinem eigenen Haus, ſondern bei ſeinem Anwalt. Der ſtolze Gentleman kämpfte den Widerwillen, der ſich dagegen empörte, nieder, weil er dieſe Herablaſſung zum klaren und beſtimmten Verſtändniß derjenigen Entſchlüſſe, von denen die Stellung und Ausſichten des verheiratheten Paares abhingen, weſentlich glaubte. Als Jaſper in Mr. Gotobeds Bureau gewieſen wurde, fand er Darrell allein. Er ſtand neben dem Kamin und wies mit einer ein⸗ zigen ruhigen Geberde den zärtlichen Anlauf gegen ſeine Bruſt zurück, welchen Jaſper ſorgfältig einſtudirt hatte. So ſahen die beiden Männer einander zum erſten Mal, Darrell vielleicht noch empfind⸗ licher geärgert, als er die perſönlichen Vorzüge des glänzenden Böſe⸗ wichts erkannte, die eine Tochter ſeines Hauſes zu einer ſo leichten Eroberung gemacht hatten; Jaſper(der ganz willkürlich angenommen hatte, ein ſo ausgezeichneter Schwiegervater müſſe nothwendig alt und gebrochen ſeyn) aufs Unangenehmſte überraſcht durch den Anblick eines noch jungen Mannes unter vierzig, mit einer Miene, einer Hal⸗ tung und einem Anſtand, die in jedem Salon die allgemeinen Blicke von ſeinem eigenen glänzenden Selbſt abgelenkt und auf ſich gezogen haben würden; denn es wollte ihn bedünken, daß er da ein für Pathos oder Verſchreibungen nach dem Tode ganz und gar nicht angethanes Individuum vor ſich habe, ein bitterböſes Thier von einem Schwie⸗ . gervater, das ſich nicht ſo leicht dazu verſtehen würde einen Segen zu ertheilen oder den Geiſt aufzugeben. Auch waren Darrells Worte nicht beruhigender als ſein Ausſehen. „Sir, ich habe mich dazu verſtanden Euch zu ſehen, theils damit Ihr von meinen eigenen Lippen ein für allemal vernehmet, daß ich Niemand das Recht zugeſtehe ohne meine Einwilligung in meine Familie zu treten, und dieſe Einwilligung werdet Ihr niemals er⸗ halten, theils damit, wenn wir einander von Angeſicht geſehen haben, Jeder von uns den Mann kenne, dem er am meiſten auszuweichen hat. Die Lady, die jetzt Eure Frau iſt, beſitzt in Folge meines Ehevertrags das Heimfallsrecht auf ein kleines Vermögen nach meinem Tode; ſie wird wahrſcheinlich weiter Nichts von mir erben. Da ich nicht wünſche, daß ſie, die ich einſt Tochter genannt, mit ihrem Lebens⸗ unterhalt gaͤnzlich auf Euch angewieſen ſey, ſo wird mein Anwalt Euch benachrichtigen, unter welchen Bedingungen ich Willens bin, ſchon während meines Lebens das Intereſſe der Summe zu bezahlen, die nach meinem Tod auf Eure Frau übergehen wird. Sir, ich gebe Euch die Briefe zurück, welche dieſe Lady mir geſchrieben hat, und die ihr, wie leicht zu bemerken iſt, von Euch diktirt worden ſind. Ich werde keinen Brief von ihr beantworten. Ueber meine Schwelle wird ihr Fuß nie mehr ſetzen. Damit, Sir, endet aller mögliche Verkehr zwiſchen Euch und mir; das Uebrige habt Ihr mit dieſem Gentleman abzumachen.“ Darrell hatte bei den letzten Worten eine Seitenthüre geöffnet, auf die reſpektable Geſtalt des Mr. Gotobed, der hoch an ſeinem hohen Pulte ſtand, gedeutet, und ehe Jaſper ein Wort ſprechen konnte, war der Schwiegervater verſchwunden. Mit geziemender Kürze erklärte Mr. Gotobed Jaſper aufs deut⸗ lichſte, daß nicht blos alles kapitaliſirte oder perſönliche Eigenthum Mr. Darrells gänzlich zu ſeiner eigenen Verfügung ſtehe— daß nicht blos für die bedeutenden Güter, die er gekauft(und von welchen Jaſper eine vage Meinung gehabt, daß ſie geerbt ſeyen und fideicommiſſa⸗ riſcher Erbfolge unterliegen), daſſelbe Verhältniß ſtattfinde, ein Ver⸗ hältniß, das für den Eigenthümer wünſchenswerth ſey, für den Bräu⸗ tigam der einzigen Tochter des Eigenthümers es aber nicht ſeyn könne; ſondern daß auch der Allodialbeſitz von dem geringen Schloß Fawley lediglich Darrell angehöre und bloß mit dem Antheil von 10,000 Pfund belaſtet ſey, welche die verſtorbene Mrs. Darrell ihrem Gemahl zuge⸗ bracht habe, und die nach ihrem und Darrells Tod den Kindern aus der Ehe verſchrieben ſeyen. In Ermanglung eines Ehevertrags zwiſchen Jaſper und Matilda konnte Jaſper kraft des Rechtes ſeiner Frau bei Darrells Tod dieſe Summe anſprechen, ſo daß keine Gewißheit übrig blieb, daß für den Unterhalt ſeiner Frau und Familie geſorgt war, und das ihm zufallende Vermoͤgen konnte auf eine Art verwaltet werden, daß zuletzt Alle in Armuth geriethen. „Sir,“ ſagte der Anwalt,„ich will ganz offen gegen Euch ſeyn. 7² Es iſt, indem ich für Mr. Darrell handle, mein Wunſch dieſe Summe von 10,000 Pfund für Eure Frau und etwaige Kinder, die ſie Euch gebiert, in der Art anzulegen, daß es außer Eurer Macht geſtellt iſt ſie zum Voraus wegzunehmen oder darüber zu verfügen, ſelbſt wenn Mrs. Hammond ihre Einwilligung dazu geben ſollte. Wenn Ihr auf dieſes Recht, das gegenwärtig keinen großen Werth hat, verzichtet, ſo habt Ihr Anſpruch auf einen Erſatz. Ich bin bereit dieſen Erſatz liberal zu machen. Vielleicht würdet Ihr vorziehen durch Euern eigenen Anwalt mit mir zu verkehren. Aber ich habe Euch zu bemerken, daß die Bedingungen wahrſcheinlich vortheilhafter für Euch ausfallen dürften, wenn die Unterhandlung auf uns Beide beſchränkt bleibt. Es mochte zum Beiſpiel dienlich ſeyn Eurem Anwalt zu ſagen, daß Euer wahrer Name lich bitte Euch tauſendmal um Verzeihung) nicht Ham⸗ mond iſt. Das iſt ein Geheimniß, das Ihr nicht ſorgfältig genug bewahren könnt. Wir haben keinen Wunſch es auszuſchwatzen.“ Jaſper hatte ſich inzwiſchen einigermaßen von dem erſten Stoß des Mißvergnügens und der Enttäuſchung erholt, und ſo dumm er auch manchmal ſeyn konnte, wenn ihm etwas Ehrliches zur Behand⸗ lung vorgelegt wurde, ſo ahnte er doch jetzt augenblicklich, daß ſein wahrer Name Loſely Etwas werth ſey. Er hatte keine Idee ihn wieder anzunehmen, im Gegentheil lag ihm eben jetzt Alles daran ihn zu ignoriren und zu meiden; aber er hatte ein Recht darauf, und auf ein Recht ſoll der Mann nie umſonſt verzichten. Demgemäß ſagte er mit einiger Herbheit:„Ich werde meinen Familiennamen wieder an⸗ nehmen, ſo bald ich es für gut finde. Wenn Mr. Darrell es nicht liebt, daß ſeine Tochter Mrs. Loſely genannt werde— oder wenn er all das boshafte Geſchwatze vermeiden will, welches der unglückliche Proceß meines armen Vaters hervorrufen könnte— ſo muß er ſichs wenigſtens als Gunſt von mir erbitten, daß ich den Namen beibehalte, den ich zeitweilig angenommen habe— es iſt ein Name aus meiner Familie, Sir. Ein Loſely heirathete eine Hammond, ich vergaß wann— vor Generationen— Ihr könnt es im Adelslexikon nachſehen. 73 Mein Großvater, Sir Julian, war kein lumpiger Advokat, ſondern ein Baronet von ſo guter Geburt wie irgend einer im Lande; und mein Vater, Sir“— Jaſpers Stimme zitterte—„mein Vater,“ wiederholte er, indem er trotzig mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlug,„war mit jedem Zoll ſeines Körpers ein Gentleman; und ich werde Jeden zum Fenſter hinauswerfen, der ein Wort dagegen ſagt.“ 7 „Sir,“ ſagte Mr. Gotobed, indem er ängſtlich nach der Klingel 1 hin zurücktrat,„ich halte es im Ganzen doch für beſſer Euern Anwalt zu ſehen.“ f Jaſper wurde durch dieſe Andeutung abgekühlt; er entſchuldigte ſich flüchtig mit natürlicher Aufgeregtheit und erſuchte Mr. Gotobed, ihm ſeine Vorſchläge kund zu thun. Nach zwei oder drei Beſprechun⸗ gen, bei welchen die beiden Unterhändler einander verſtehen lernten, kam ein geſetzlicher Vergleich zu Stand, kraft deſſen die Summe von 10,000 Pfund unveräußerlich für Matilda und ihre Kinder aus ihrer Ehe mit Jaſper vermacht wurde; im Fall er ſie überlebte, ſollte der Zins lebenslänglich ihm zukommen; im Fall ſie kinderlos ſtarb, ſollte er nach Darrells Ableben das Kapital erhalten. Mittlerweile erklärte ſich Darrell bereit, an Jaſper Hammond oder ſeine Ordre 500 Pfund jährlich als fünfprocentige Zinſe aus den 10,000 Pfund zu bezahlen, immer jedoch vorausgeſetzt, daß Jaſper und ſeine Frau fortwährend 1 1 beiſammen lebten, und zwar im Ausland. 4 In Folge einer mündlichen Privatübereinkunft, die man nicht einmal zu Papier brachte, wurden dieſer Summe noch 200 Pfund jährlich beigefügt, die indeß lediglich dem guten Willen und Ermeſſen Darrells anheimgeſtellt blieben. Es wurde dabei deutlich zu verſtehen gegeben, daß dieſe Uebereinkunft nur ſo lange in Kraft bleibe, als Mr. Hammond ſein eigenes Geheimniß bewahre und den Mann, in deſſen Gutdünken die Sache ſtand, weder mittelbar noch unmittelbar beläſtige oder um irgend Etwas angehe. Im Ganzen waren die Bedingungen für Jaſper günſtig genug: er kam zu einem Einkommen, das unendlich hoch über Allem ſtand, was er je zu hoffen das Recht gehabt hatte, Bulwer, was wird er damit machen? v. 6 und das bei vernünftiger Verwaltung ſogar zu einem hübſchen Antheil an den Herrlichkeiten ſowohl als Behaglichkeiten des Lebens für ein junges Paar genügte, das in gegenſeitiger Liebe ſein Glück fand und von den ſchrecklichen Taxen ſowie den Gentilitätsnacheiferungen dieſes reichen Englands, wo Niemand je zu reich iſt, weil er fürchtet für zu arm gehalten zu werden, frei war. Matilda ſchrieb nicht mehr an Darrell. Aber einige Monate nachher erhielt er ein äußerſt wohlgeſetztes franzöſiſches Briefchen, deſſen Verfaſſerin ſich als eine franzöſiſche Dame vorſtellte, die Ma⸗ dame Hammond in der letzten Zeit geſehen habe— die gegenwärtig aber nur für einige Tage in London ſey und ihm etwas ſo Hochwich⸗ tiges mitzutheilen habe, daß darin eine Rechtfertigung für die Freiheit liege, welche ſie ſich herausnehme, wenn ſie ihn um die Ehre eines Beſuches bitte. Nach kurzem Bedenken ſprach Darrell bei dieſer Lady vor. Obſchon Matilda ſeine Neigung verwirkt hatte, ſo konnte er doch ihr wahrſcheinliches Schickſal nicht ohne peinliche Angſt betrachten. Vielleicht hatte Jaſper ſie mißhandelt— vielleicht bedurfte ſie irgendwo eines Schutzes. Obwohl dieſer Schutz nicht mehr unter dem väter⸗ lichen Dach ſtattfinden konnte— und obſchon Darrell keinen Schritt gethan haben würde, um ſie von dem Gatten ihrer Wahl zu trennen, ſo hätte er doch eine geheime Erleichterung und Befriedigung darin gefunden, wenn ſie ſelbſt von einem Manne loszukommen geſucht hätte, von dem ſein Scharfblick inſtinktmäßig ahnte, daß er den abſchüſſigen Pfad der Schande wandle. Mit einer Idee, daß ihm eine ſolche Mit⸗ theilung gemacht werden dürfte, auf welche er antworten könnte, daß es Matilda, wenn ſie gezwungen wäre ihren Gatten zu verlaſſen, nie⸗ mals an dem Auskommen und Unterhalt einer Dame von Stand fehlen ſollte, begab er ſich nach dem Hauſe(einem hübſchen Haus in einer ſtillen Straße, für den Augenblick von der franzöſiſchen Dame bewohnt). Ein himmelhoher Jäger in vollem Koſtüm öffnete ihm die Thüre— ein Page führte ihn in den Salon. Er ſah eine junge Dame mit aller Grazie einer Pariſerin in ihrem Benehmen. Mach 75 einigen ſehr fein gedrechſelten Phraſen der Entſchuldigung zeigte ſie ihm(als Beweis für ihr inniges Verhältniß zu Madame Hammond) einen Brief, den ſie von Matilda empfangen hatte, und der in einem ſehr herzgebrochenen kindlichen Styl abgefaßt war, voll Betheurungen tiefſter Reue— voll leidenſchaftlichen Verlangens nach der Verzeihung ihres Vaters, aber fern von Klagen über Jaſper oder von Andeutun⸗ 8 gen, daß ſie einen Gatten zu verlaſſen wünſche, an deſſen Seite ihr Loos wahrhaft glücklich wäre, wenn ſie nicht beſtändig durch die Er⸗ innerung an einen geliebten Vater gequält würde. Was an Pathos in dem Brief fehlte, das ergänzte die Franzöſin durch ein ſolch augen⸗ ſcheinliches Feingefühl und durch ſo viele rührende kleine Züge von Matildas Reue, daß Darrells Herz ſeiner Vernunft zum Trotz be⸗ ſänftigt wurde. Er ſprach indeß ſehr wenig und entfernte ſich mit der Abſicht nicht mehr zu erſcheinen. Aber ein zweites Billetchen kam. Die franzöſiſche Lady hatte von einer gemeinſchaftlichen Freundin. einen Brief erhalten; ſie fürchtete, Matilda ſey gefährlich krank. Dieß führte ihn von Neuem ins Haus, und die arme franzöſiſche Lady ſchien durch die Nachrichten, die ſie empfangen, ſo aufgeregt, und dennoch ſo ſehr vom Wunſche beſeelt Nichts zu übertreiben und ihn nicht un⸗ nöthig zu beunruhigen, daß Darrell vermuthete, ſeine Tochter liege wirklich am Sterben, und daß er mit ängſtlichem Verlangen dem nächſten Bericht entgegenſah. So folgten ungefähr drei oder vier Beſuche im Ganzen nothwendig auf den erſten. Dann brach Darrell den Verkehr plötzlich ab und konnte nicht dazu gebracht werden wieder zu kommen. Nicht als ob er einen Augenblick geargwöhnt hätte, daß dieſe liebenswürdige Lady, die ſo geziemend ſprach und deren Be⸗ nehmen die feinſte Erziehung verrieth, etwas Anderes ſey als die wohlgeborne Baronin, wofür ſie ſich ausgab und wofür ihr ganzes Auftreten ſprach, ſondern theilweiſe weil die reizende Pariſerin bei der letzten Beſprechung Matildas beunruhigende Krankheit ein wenig zu vergeſſen geſchienen hatte, indem ſie ein wenn auch nicht dreiſtes, doch immerhin kokettes Verlangen kundgegeben, ſeine Aufmerkſamkeit mehr 6*⁴ .——y— — auf ſich ſelbſt zu concentriren, und weil er in dem Augenblick, wo ſie das that, eine ihm bisher ganz fremd geweſene Abneigung gegen ſie gefaßt hatte; theils weil, nachdem ſeine Gefühle ſich von dem erſten Eindruck erholt, welchen die Viſion von einer reümüthigen, gram⸗ verzehrten, ſterbenden Tochter nicht ermangeln konnte hervorzubringen, ſeine erfahrungsmäßige Kenntniß der Doppelzüngigkeit und Falſchheit Matildas Zweifel an der Reumüthigkeit, dem Gram und dem Sterben in ihm erregt hatte. Die Baronin mochte ihn vielleicht nicht abſicht⸗ lich täuſchen, aber Matilda mochte die Baronin abſichtlich täuſchen. Auf das nächſte Brieſchen, das die elegante und gefühlvolle Auslän⸗ derin ihm ſchickte, antwortete er daher nur mit einer trockenen Ent⸗ ſchuldigung— einer ſtolzen Andeutung, daß Familienangelegenheiten nur in Familienräthen genügend erörtert werden können, und daß, wenn ihrer Freundin Betrübniß oder Krankheit wirklich einigermaßen von dem Kummer verurſacht ſeyn ſollte, den ihre Lebenswahl ihm ſelbſt bereitet, ſie ſich mit der Erklärung beruhigen möge, daß dieſer Kummer ſich gelegt habe, und daß ſeine Wünſche für ihre Geſundheit und ihr Wohlergehen um Nichts aufrichtiger ſeyen, weil er hinfort weder über die eine wachen noch für das andere ſorgen könne. Dieſe Erklärung erwiederte die Baronin nach einem oder zwei Tagen mit einem ſo ſchön redigirten Briefe, daß ich zweifle, ob Frau von Sevigné in reinerem Franzöſiſch oder Frau von Stasl mit feineren und glücklicher gewählten Phraſen hätte ſchreiben können. Der zierlichen Redeweiſe entkleidet, lautete der Inhalt kurz:„Angſt um eine ſo geliebte, ſo un⸗ glückliche Freundin, die noch mehr Mitleid verdiene als vorher, jetzt da die Baronin ſelbſt habe ſehen können, wie zärtlich eine Tochter einen Vater in dem Mann anbeten müſſe, den eine Nation verehre! (Hier zwei Zeilen voll perſönlicher Complimente)— Durch dieſe Angſt genöthigt, ſchon früher als ſie Anfangs beabſichtigt, die Metro⸗ pole dieſes edlen Landes zu verlaſſen“ u. ſ. w.(hier vier Zeilen voll nationaler Complimente), ſodann durch einige bezaubernde Dicta über patriotiſche Altäre und heimiſche Herde hinſchreitend, that die — 2 EA —— — ꝗ— ꝗ 1 77 Schreiberin ſich plötzlich Einhalt— ſie möchte nicht länger eine Zeit in Anſpruch nehmen, die auf ſo erhabene Weiſe dem Menſchenge⸗ ſchlechte gewidmet ſey, und ſchließe daher mit der Verſicherung ihrer sentimens les plus distingués. Darrell dachte wohl nicht daran, daß dieſe complimentenſchneidende Ausländerin, die er nie wieder ſah, einen Einfluß auf denjenigen Theil ſeines Schickſals ausüben würde, der ihm damals vor allem Böſen am meiſten geſichert ſchien, den er damals als den Balſam auf jede Wunde, als den Erſatz für jeden Verluſt betrachtete. Darrell hörte Nichts mehr von Matilda, bis ihm, nicht lange nachher, ihr Tod angezeigt wurde. Sie war, kurz nachdem ſie ein Mädchen zur Welt gebracht, an Erſchöpfung geſtorben. Die Nachricht kam ihm in einem Augenblick zu, wo ſein Gemüth aus andern Grün⸗ den(deren Erklärung keinen Theil der vertraulichen Mittheilung gegen Alban bildet und daher vorbehalten bleiben kann), ſich in einem Zu⸗ ſtand großer Betrübniß und Zerrüttung befand— als er ſich bereits in den Einöden von Fawley begraben— als er dem Ehrgeiz Valet geſagt und auf die Welt verzichtet hatte— und ſo kam es, daß die Nachricht ihn mehr betrübte und erſchütterte, als dieß einige Monate vorher der Fall geweſen wäre. Wenn in dieſem Augenblick gänzlicher Verlaſſenheit Matildas Kind ihm gebracht, ihm zur Erziehung über⸗ geben worden wäre, würde er es wohl zurückgeſtoßen haben? würde er vergeſſen haben, daß es die Enkelin eines Verbrechers war? Ich wage es nicht zu ſagen. Aber ſein Stolz wurde nicht auf eine ſolche Probe geſetzt. Eines Tags erhielt er ein Paket von Mr. Gotobed, worin die förmlichen Beweiſe für den Tod des Kindes lagen; Jaſper hatte ſie ſelbſt gebracht und war in dieſer melancholiſchen Abſicht, wo⸗ mit er einen pekuniären Vorſchlag combinirte, nach London gekommen. Durch den Tod Matildas und ihres einzigen Kindes fiel beim Ableben Darrells die Summe von zehntauſend Pfund unbedingt Jaſper zu. Da der Zins mittlerweile an Jaſper fortbezahlt wurde, ſo meinte dieſer verwittwete Leidträger, es würde für ihn ſelbſt eine große Wohl⸗ that und für Darrell kein Nachtheil ſeyn, wenn das Kapital ihm ſo⸗ gleich ausgefolgt würde. Er ſey urſprünglich zum Handel erzogen worden. Während der Lebzeiten ſeiner Frau habe er aus delikaten Rückſichten auf ihre Familie und ihre alte Geburt alle Gedanken an Wiederaufnahme dieſes Berufs abgeſchworen. Jetzt da die Verbin⸗ dung mit Mr. Darrell aufgelöst ſey, könne es dieſem Gentleman höchſtens angenehm ſeyn zu erfahren, daß ein ihm ſo mißfälliger Schwiegerſohn ſich definitiv nicht blos in einem fremden Land, ſondern auch in einer ſolchen ſocialen Sphäre niedergelaſſen, in welcher ſogar ſeine Exiſtenz bald von Allen vergeſſen ſeyn würde, die etwa Mr. Darrell daran erinnern könnten, daß ſeine Tochter einmal einen Gatten gehabt habe. Eine Gelegenheit, wie ſie vielleicht nie wieder kommen würde, biete ſich eben jetzt dar. Ein wohlhabendes, aber in ſeinen Geſchäften prunklos ſtilles Handelshaus in Paris würde ihn als Theilnehmer annehmen, wenn er ein weiteres Kapital von zehntauſend Pfund zubringen könnte. Nicht ohne Würde fügte Jaſper hinzu, da keine Verbindung unglücklicher Weiſe Mr. Darrell ſo widerlich geweſen ſey, und da ſchon die vierteljährige Bezahlung des Zinſes von der fraglichen Summe bei ihm die unwillkommene Erinnerung an dieſe Verbindung wach erhalten müſſe, ſo trage er um ſo weniger Bedenken einen Vorſchlag zu machen, welcher den ausgezeichneten Mann, der ſeine Verwandtſchaft ſo ſehr verſchmähe, in den Stand ſetze ihn für immer los zu werden. Darrell ging ſogleich auf Jaſpers Vorſchlag ein, denn er freute ſich von ſeinem Leben jedes Band abzuſchneiden, das ihn hinfort an Jaſpers Leben knüpfen konnte, und es war ihm nicht unangenehm ſeine erblichen Güter von jedem Schilling des er⸗ heiratheten Vermögens zu befreien, das als Schuld darauf laſtete und mit Erinnerungen von ungemiſchter Bitterkeit in Verbindung ſtand. Demgemäß nahm Mr. Gotobed, nachdem er zuerſt ſorgfältig die Aechtheit der Urkunden über den Tod des armen Kindes ermittelt, Jaſpers Vorſchlag, daß man ihm alle Anſprüche auf Mr. Darrells Vermögen abkaufen möchte, an. Indeß blieben noch die zweihundert 7 79 Pfund jährlich, welche Jaſper während Matildas Lebzeiten unter der ſtillſchweigenden Bedingung, daß er Mr. Hammond bleiben und ſich nicht perſönlich an Mr. Darrell wenden wolle, bezogen hatte. Jaſper fragte, ob dieſer Jahresgehalt fortwähren ſolle. Mr. Gotobed ver⸗ wies die Frage an Darrell mit dem Bemerken, daß der Zweck, um deſſen willen man dieſe Extrabezahlung geleiſtet, durch den Tod von Mrs. Hammond und ihrem Kind gänzlich weggefallen ſey, da Jaſper in Zukunft weder die Macht noch einen Vorwand mehr haben könne, um Mr. Darrell zu beläſtigen, und ohnehin könne es wenig zu be⸗ deuten haben, was für einen Namen künftig ein Mann führe, deſſen Verbindung mit der Familie Darrell gänzlich aufgelöst ſey. Darrell antwortete ungeduldig, da von der Zurücknahme des beſagten Jahres⸗ geldes für den Fall, daß Jaſper Wittwer würde, nicht die Rede ge⸗ weſen ſey, ſo müſſe man ihm Ehrenhalber das gleiche Recht entweder auf die Summe ſelbſt oder auf einen entſprechenden Gegenwerth laſſen. Als die Antwort Jaſper mitgetheilt wurde, erklärte dieſer Gentle⸗ man, dieß ſey nicht mehr als was er von Darrells Ehrgefühl erwartet habe, und kehrte augenſcheinlich ſehr befriedigt mit ſeinen 10,000 Pfund nach Paris zurück. Nicht lange nachher jedoch ſchrieb er an Mr. Gotobed: da Mr. Darrell durch ſeine Anſpielung auf einen Gegen⸗ werth für die ihm ausgeſetzten jährlichen 200 Pfund augenſcheinlich zu verſtehen gegeben habe, daß es Mr. Darrell eben ſo unangenehm ſey dieſe Summe vierteljährlich in die Bücher ſeines Bankiers eingetragen zu ſehen, wie früher den vierteljährlichen Zins von 10,000 Pfund, ſo möge man Jaſper entſchuldigen, wenn er geſtehe, daß er einen Gegenwerth vorziehen würde. Das Handelshaus, in welches er einzutreten im Begriff ſtehe, verlange ein etwas größeres Kapital von ihm als er bisher angenommen habe u. ſ. w. u. ſ. w. Ohne daß er ſichs herausnehmen wolle irgend eine beſtimmte Summe zu diktiren, wolle er bemerken, daß 1,500 oder auch nur 1,000 Pfund ſeinen Abſichten und Plänen im Leben förderlicher ſeyn würden als eine jährliche Summe von 200 Pfund, auf welche er, da ſie lediglich vom guten Willen abhänge, kein zeitweiliges Anlehen begründen könne. Darrell, von Gedanken in Anſpruch genommen, die allen Er⸗ innerungen an Jaſper fern lagen, ärgerte ſich, daß man ihn auf ſolche Art an die Eriſtenz dieſes Menſchen mahnte, und ſchrieb dem Anwalt, der ihm dieſe Botſchaft übermacht hatte, zurück: eine Jahresſumme, die er auf ſein Wort ausgeſetzt, könne nicht nach Mr. Hammonds Be⸗ griffen von ihrem Werth berechnet werden. Die jährlichen 200 Pfund müſſen daher auf denſelben Fuß geſtellt werden wie die jährlichen 500 Pfund, die aus einem Kapital von 10,000 Pfund bezahlt worden ſeyen; demgemäß müſſe man annehmen, daß ſie ein Kapital von 4,000 Pfund vertreten, wofür er eine Anweiſung beilege, mit der Bitte an Mr. Gotobed, nicht blos Mr. Hammond aufs Entſchiedenſte zu erklären, daß hiemit alle mögliche Rechnung und Verbindung zwiſchen ihnen aufhöre, ſondern ihn auch nie mehr mit Gegenſtänden zu beunruhigen, die ſich irgendwie auf ſolche endgültig abgemachte Geſchäfte bezögen. Als Jaſper die 4,000 Pfund empfangen hatte, ließ er Darrell und Gotobed bis zum folgenden Jahr in Ruhe. Dann aber richtete er einen ungemein plauſibeln geſchäftsmäßigen Brief an Gotobed. Die Firma, in die er(im Seidenhandel) einge⸗ treten ſey, befinde ſich im blühendſten Zuſtande. Nun zeige ſich eine Gelegenheit zum Ankauf einer prächtigen Maulbeerpflanzung in der Provence mit allen erforderlichen Seideraupereien und dergleichen, wo⸗ durch ſich ein ungeheurer Gewinn erzielen ließe. Wenn Mr. Darrell, um ihm einen Antheil an dieſem äußerſt vortheilhaften Kauf zu ſichern, ihm mit einem Anlehen von 2— 3,000 Pfund an die Hand gehen wolle, ſo könne er(wie die ſanguiniſche Berechnung lautete) eine ſo hohe Stellung in der Handelswelt einnehmen, daß dadurch die Erinnerung an ſeine Verwandtſchaft fur Mr. Darrell, wenn auch nicht minder widerwärtig, doch weniger demüthigend gemacht werden könne. Mr. Gotobed ſchickte, den gemeſſenen Befehlen ſeines Clienten zufolge, Darrell dieſen Brief nicht zu, aber da er um dieſelbe Zeit Veranlaſſung hatte in andern Geſchäften Paris zu beſuchen, ſo 81 beſchloß er, ohne zu Mr. Hammond ſelbſt zu gehen, privatim über die Ausſichten und den Vermögenszuſtand des emporkommenden Handels⸗ manns Erkundigungen einzuziehen. Als er nach Paris kam, fand er, daß dieſe Erkundigungen nicht ſo leicht waren. Sowohl in der elegan⸗ ten Welt als im hohen Handel ſchien Niemand von dieſem Mr. Jaſper Hammond Etwas zu wiſſen. Einige faſhionable engliſche Roués erin⸗ nerten ſich, ſie haben während der Lebzeiten Matildas und kurz nach ihrem Tode einen ſehr hübſchen Mann etliche Male meteorartig durch einige zweideutige Salons ſchießen oder in den Champs Elysées herumlungern oder im Café de Paris diniren geſehen, aber ſeit einiger Zeit ſei dieſes Meteor verſchwunden. Mr. Gotobed bediente ſich jetzt vorſichtig eines Commiſſionärs, um Aufſchlüſſe über Mr. Hammonds Firma in der Privatwohnung zu erhalten, die Jaſper in ſeinen Briefen als Adreſſe angab, und nun erfuhr er, daß Jaſper in dieſem Privat⸗ logis nicht wohnte. Er bezahlte den Portier dafür, daß er gelegentlich Briefe in Empfang nahm, welche er abholte oder abholen ließ, und der Portier, der augenſcheinlich ein getreuer und verſchwiegener Ver⸗ trauensmann war, ſprach ſeine Anſicht dahin aus, daß Monſieur Hammond in dem Hauſe wohne, wo er ſein Geſchäft habe; aber wo das Haus oder welcher Art das Geſchäft ſei, darüber Mittheilungen zu machen, ſei Monſieur Hammond, bemerkte der Portier mit einem vornehmen, wohlgezielten Seitenhieb, zu zurückhaltend, er ſelbſt zu wenig neugierig um darnach zu fragen. Endlich als Mr. Gotobeds Geſchäft, nämlich der Auftrag eines betrübten Vaters, einen unvor⸗ ſichtigen Sohn, der noch ein bloßer Junge war, aus unglücklichen Ver⸗ bindungen herauszuwickeln, ihn in die Nothwendigkeit verſetzt hatte Perſonen zu ſehen, die weder der eleganten Welt noch dem hohen Han⸗ del angehörten, erhielt er von ihnen den gewünſchten Aufſchluß. Mr. Hammond lebte mitten in einem gewiſſen Cirkel in Paris, in welchen nur wenige Engländer jemals dringen konnten. In dieſem Cirkel war Mr. Hammond, als er die Mitgift ſeiner verſtorbenen Frau empfan⸗ gen, Theilhaber an einer Privatſpielhölle geworden; dieſe Hölle hatte 82— alle Gelder verſchlungen, die er erhalten, ſie hätte ihm aber zu Wohl⸗ ſtand verhelfen müſſen, wenn er ſeine ſchuftigen Gewinne weislich hätte zu Rath halten können. Sein älterer Theilnehmer an dieſer Firma zog ſich mit einem ſchönen Vermögen auf das Land zurück— ohne Zweifel der wirkliche Beſitzer dieſer Maulbeerpflanzungen, die jetzt zum Verkauf ausgeſetzt waren. Aber Jaſper zerſtreute Napoleons ſchneller als irgend ein Croupier ſie hinwegrechen konnte. Und Jaſpers angeborenes Talent, gediegenes Gold in dünne Luft zu verwandeln, war von einer Dame unterſtützt worden, die im Verlauf ihres liebens⸗ würdigen Lebens viele reichere Männer als Jaſper nach den Wohnun⸗ gen in St. Pelagie oder den Zellen des Irrenhauſes begleitet hatte. Mit dieſer Dame war er während der Lebzeiten ſeiner Frau bekannt worden, und man nahm an, daß Matildas Entdeckung in Betreff dieſer Verbindung vielleicht zu der Krankheit beigetragen habe, die mit ihrem Tod endete; der Name dieſer Dame war Gabriele Desmarets. Man ſah ſie noch immer täglich im Bois de Boulogne, nächtlich im Opern⸗ haus oder Theater; ſie hatte in der Chauſſee d'Antin eine Wohnung, die für Mr. Gotobed, im Fall es ihn nach der Ehre ihrer Bekannt⸗ ſchaft gelüſtete, durchaus nicht unzugänglich war. Aber Jaſper zeigte ſich weniger vor einer bewundernden Welt. Man glaubte, daß er jetzt mit einem andern Spielhaus von niedrigerem Rang als das letzte, worin er blos ſeine eigene Bank geſprengt und ſein eigenes Geld ge⸗ plündert hatte, in Verbindung ſtehe. Man glaubte auch, daß er mit Mademoiſelle Desmarets Gutfreund geblieben ſei; aber wenn er ſie in ihrem Haus beſuchte, ſo war er doch niemals dort zu ſehen. In der That war ſein Temperament ſo unzuverläſſig, ſein Muth ſo unver⸗ zagt, ſeine Stärke ſo wunderbar, daß Gentlemen, die ſich nicht gern aus einem Fenſter hinaus⸗ oder eine Treppe hinabwerfen ließen, jeden Salon und jedes Boudoir, wo ſie Ausſicht hatten mit ihm zuſammen⸗ zutreffen, gewaltig ſcheuten. Mademoiſelle Desmarets war auf dieſe Art zu der peinlichen Wahl zwiſchen ſeiner oder gar keiner Geſellſchaft verurtheilt worden, und wenn ſie andern Umgang liebte, ſo mußte ſie 83 ſich den ſeinigen ſtreng verſagen. Da ſie keine Turteltaube war, ſo hatte ſie ſich für die letzte Alternative entſchloſſen. Gleichwohl glaubte man, daß, wenn Gabriele Desmarets jemals die Schwäche eines zärt⸗ lichen Gefühls gekannt, daſſelbe dieſem ungeſtümen Jungfernwürger gegolten habe, und daß ſie mit einer Liberalität, die ſie bei keiner an⸗ dern Gelegenheit gezeigt, wenn ſie ihm nicht länger zur Verſchwendung helfen könne, ihm doch in einer Klemme zum Lebensunterhalt verhelfe, obſchon natürlich bei einer ſolchen Verkehrung der normalen Geſetze ihres Weſens Mademoiſelle Desmarets ihrer eigenen Großmuth ſolche Gränzen ſetzte, die ſie der ſeinigen nicht auferlegt haben würde, und mit einem Seufzer geſagt hatte:„Ich könnte ihm verzeihen, wenn er mich ſchlüge und meine Freunde zu Bettlern machte; aber meine Freunde zu ſchlagen und mich zur Bettlerin zu machen, das iſt keine Liebe, bei welcher die Welt beſtehen kann.“ Durch ſolche Aufſchlüſſe bis in den letzten Nerv ſſeines reſpec⸗ tablen Syſtems empört, kehrte Mr. Gotobed nach London zurück. Neue Briefe von Jaſper— ſie wurden dringend und zuletzt ſogar un⸗ verſchämt. Mr. Gotobed, der ſich zu einer Antwort gequält ſah, ſchrieb kurz zurück, er könne Mr. Darrell ſolche Geſuche nicht einmal mittheilen und müſſe aufs Entſchiedenſte jeden weitern brieflichen oder perſönlichen Verkehr mit Mr. Hammond ablehnen. Darrell, der von einem ſeiner gelegentlichen Streifzüge auf dem „fernen, freundloſen, melancholiſchen“ Continent zurückkam, wodurch er die Eintönigkeit ſeines Lebens in Fawley unterbrach, fand einen keineswegs kriechenden, ſondern barſchen Brief von Jaſper vor, der ſich über Mr. Gotobeds ungeeigneten Ton beklagte, pecuniäre Unter⸗ ſtützung in Anſpruch nahm und zu verſtehen gab, daß er zum Dank dafür Mr. Darrell eine Nachricht mittheilen könnte, die ihm mehr Freude machen würde, als er ſich mit all ſeinem Reichthum zu erkaufen vermöchte. Darrell ſchloß dieſen Brief an Mr. Gotobed bei, Mr. Gotobed kam ſelbſt nach Fawley, um über Jaſpers Lebensweiſe ſolche Enthüllungen zu machen, die zu delicat oder zu ſehr das Gegentheil 8⁴ waren, um ſie dem Papier anzuvertrauen. So groß Darrells Wider⸗ wille bei der Erinnerung an Jaſper ſchon bisher geweſen war, ſo läßt ſich doch leicht begreifen, um wie viel bitterer dieſe Erinnerung jetzt wurde. Natürlich wurde Jaſper keiner Antwort gewürdigt, und nach einem weitern äußerſt dringenden Geſuche um Geld, wobei er wieder auf eine räthſelhafte Art mit der angenehmen Nachricht prahlte, deren Mittheilung in ſeiner Gewalt ſtehe, verſank er in verdrießliches Still⸗ ſchweigen zurück. Eines Tags, etwas mehr als fünf Jahre nach Matildas Tod, traf Darrell, als er von ſeinen gedankenſchweren Spaziergängen zu⸗ rückkam, einen Fremden an, der ihn erwartete. Dieſer Fremde war William Loſely, der vom Straſplatz zurückgekehrt war, und während Darrell bei dieſer Nachricht ſtumm daſtand und ſich hochmüthig ver⸗ wunderte, wie ein ſolcher Gaſt die Schwelle ſeines väterlichen Hauſes überſchreiten könne, begann der Sträfling eine Geſchichte, die Darrell eben ſo frech als unbegreiflich fand— das Kind, das Matilda geboren, und für deſſen Tod ſo feierliche und ſo umſichtig bezeugte Belege vor⸗ gebracht worden waren, lebe noch! Es ſey gleich nach der Geburt zu einer Amme geſchickt worden, die Amme habe noch einen andern Säugling zu verſorgen gehabt, und dieſes letztere Kind ſey geſtorben und als das Kind Matilda Hammonds begraben worden. Der ältere Loſely ſtammelte eine Hoffnung, daß ſein Sohn damals von der be⸗ trüglichen Verwechslung Nichts gewußt habe, ſondern ſelbſt von der Amme getäuſcht worden, und daß es von ſeiner Seite kein vorbedachter Betrug geweſen ſey, um das Vermögen ſeiner Frau zu erhalten. Als Darrell an dieſen Theil ſeiner Geſchichte kam, zeigte ſich. auf Alban Morleys Geſicht ein ernſthafteres Intereſſe.„Halt!“ ſagte er;„William Loſely hat Euch verſichert, daß er ſelbſt von der Wahrheit dieſer ſeltſamen Mähre überzeugt ſey. Welche Beweiſe hat er vorgebracht?“ „Beweiſe! Zum Henker, Mann, glaubt Ihr denn, ich ſey in einem ſolchen Augenblick blos ein blutloſer Advokat geweſen, um zu — 8⁵ fragen und zu verhören? Ich konnte blos dem Betrüger befehlen das Haus zu verlaſſen, das ſeine Füße beſchmutzten.“ Alban ſtieß einen Seufzer aus und murmelte, zu leiſe als daß 3 Darrell es hoͤren konnte:„Armer Willy!“ Dann ſagte er laut: f „Aber, mein lieber Freund, habt einen Augenblick Geduld mit mir. Angenommen, die Verwechslung ſey durch die Kunſtgriffe dieſes dia⸗ boliſchen Jaſper wirklich bewerkſtelligt worden, und es lebe noch ein Kind für Eure alte Linie, würde es Euch nicht eine Freude, ein Troſt ſeyn—“ „Troſt!“ rief Darrell,„Troſt in der Fortpflanzung der Schande! Die Linie, deren Wiedereinſetzung in ihren alten Rang im Lande ich meinem Vater verſprochen habe, ſollte ſich in der Enkelin eines Ver⸗ brechers erneuern!— im Kinde des noch niederträchtigeren Gauners aus einer Spielhölle!— Ihr, ein Gentleman und Soldat, nennet 1 dieſen Gedanken einen Troſt? Oh, Alban!— genug davon! Pfui, pfui! Nein!— Ueberlaßt einen ſolchen Gedanken den Lippen eines William Loſely. Er rang allerdings die Hände und ſtammelte einige— ſolche Worte, er ſchien auf meine gänzliche Verlaſſenheit in Bezug auf nähere Bekanntſchaft zu rechnen— kein Erbe meines Reichthums— kein Vertreter meines eigenen Geſchlechtes— wenn ich mich ſelbſt— ach— Eure eigenen Worte— einer Freude— eines Troſtes beraubte! Er bat mich wenigſtens nachzufragen.“ I „Und Ihr antwortetet?“ „Ich antwortete ſo, daß ich alle Hoffnungen auf den Erfolg eines ſo handgreiflichen Betrugs ſchon in der Blüthe knickte und zer⸗ 4 ¹ trümmerte— ich antwortete: Warum nachfragen? Wißt, daß ich, ſelbſt wenn Eure Erzählung wahr wäre, keinen Erben, keinen Ver⸗ treter, keinen Abkömmling in dem Kinde von Jaſper— dem Enkel von William— Loſely habe. Ich kann mein Vermögen wenigſtens dem Sohn von Charles Haughton hinterlaſſen. Es iſt wahr, Charles Haughton war ein Verſchwender— ein Spieler, aber er war weder ein gewerbsmäßiger Betrüger noch ein überwieſener Verbrecher.“ 86 „Ihr ſagtet das— oh Darrell!“ Der Oberſt hielt inne. Aber wäre wohl ohne Charles Haugh⸗ ton, den Verſchwender und Spieler, William Loſely der überführte Verbrecher geweſen? Er hielt dieſen Gedanken zurück und fragte haſtig—„Und was antwortete William Loſely?“ „Er gab keine Antwort— er ſchlich weg, ohne den Mund auf⸗ zuthun.“ Darrell erzählte jetzt weiter von der Beſprechung, wozu Jaſper ihn in Fawley während des kurzen Beſuchs von Lionel gezwungen hatte— von Jaſpers Seite ein Verſuch, daſſelbe Mährchen zu er⸗ zählen, das William erzählt hatte— von Darrells Seite dieſelbe verachtungsvolle Weigerung es zu Ende zu hören.„Und,“ fügte Darrell hinzu,„als der Mann fand, daß es auf ſolche Art unmöglich war meine Vernunft zu bethören, ſo hatte er die unbegreifliche Nie⸗ derträchtigkeit mich um ein Almoſen anzugehen. Ich konnte ihm meine Verachtung gegen ihn ſelbſt und ſeine Geſchichten nicht beſſer zeigen, als wenn ich mich auf ſeine Bettelei einließ. Ich warf ihm alſo meine Börſe zu Füßen und ließ ihn ſtehen.“ „Aber,“ fuhr Darrell fort, indem ſeine Braue immer düſterer wurde,„aber ſo toll und monſtrös die Geſchichte war, ſo mußte ſich doch die Idee, daß ſie wahr ſeyn könnte— eine Annahme, deren ganze Begründung auf dem Charakter Jaſper Loſelys und dem Intereſſe beruht, das er an dem angeblichen Tod eines Kindes hatte, welches allein zwiſchen ihm und dem erſehnten Gelde ſtand — einem Intereſſe, das, wenn das Geld ſelbſt verſchwunden war, aufhörte oder ſich in das Gegenintereſſe verwandelte, ein Leben zu be⸗ weiſen, das ihm nach ſeiner Anſicht wieder ein Recht auf mich ver⸗ leihen würde— immerhin, ſage ich, mußte ſich eine Idee, daß die Geſchichte dennoch wahr ſeyn könnte, meinen Befürchtungen auf⸗ drängen, und in dieſem Fall wurde es, obſchon mein Entſchluß, das Kind von Jaſper Loſely niemals als Vertreterin oder auch nur als Tochter meines Hauſes anzuerkennen, natürlich unerſchütterlich blieb, 87 meine Pflicht dafür zu ſorgen, daß ihre erſte Lebenszeit geſchützt, ihre Kindheit erzogen, ihre Jugend bewacht, ihre Exiſtenz reichlich verſorgt wurde.“ „Ganz richtig— Eure einfache Pflicht,“ ſagte Alban in derbem Tone.„Verwickelt ſind manchmal die Verpflichtungen, die uns als Gentlemen auferlegt ſind. Noblesse oblige! iſt ein Wahlſpruch, der Verlegenheiten für einen Caſuiſten in ſich ſchließt; aber unſere Pflichten als Menſchen ſind klar und deutlich— die Idee, die Euch da kam, war vollkommen berechtigt— und—“ „Und ich eilte den böſen Geiſt auszutreiben. Ich verließ Eng⸗ land— ich ging nach der franzöſiſchen Stadt, in welcher die arme Matilda ſtarb— ich konnte natürlich keine förmliche oder anerkannte Nachforſchungen, welche der mich bedrohenden Verſchwörung(wenn eine ſolche vorhanden war) zu große Wichtigkeit verliehen hätten, an⸗ ſtellen; aber ich ſah den Arzt, der ſowohl meine Tochter als ihr Kind behandelt— ich ſah Diejenigen, welche ſie Beide im Leben und ſpäter auch im Tode geſehen hatten. Meine Zweifel legten ſich vollſtändig — es blieb kein Vorwand mehr, um mich ſelbſt zu quälen. Die einzige zum Beweis nothwendige Perſon, die ich nicht unter die Augen bekam, war die Amme, welcher man das Kind geſchickt hatte. Sie wohnte in einem Dorf etliche Meilen von der Stadt— ich ging in ihr Haus— ſie war ausgegangen. Ich hinterließ, daß ich am fol⸗ genden Tag wieder vorſprechen würde— ich kam— ſie hatte ſich ver⸗ ſteckt. Ich hätte ſie allerdings auftreiben können, aber zu welchem Zweck, wenn ſie blos Jaſpers Helfershelferin und Werkzeug war? Bewies nicht ſchon ihre Flucht ihre Schuld und ihre Angſt? Ich fragte indirekt nach ihren Antecedenzien und ihrem Charakter. Die Nachfrage eröffnete ein Feld von Muthmaßungen, von welchen ich ſchnell meine Augen abwandte. Dieſes Weib hatte eine Schweſter, welche im Dienſt von Gabriele Desmarets geſtanden, und Gabriele Desmarets war während der Lebzeiten meiner armen Tochter und juſt nach ihrem Tod in der Nähe geweſen. Und die Amme hatte zwei — — — ——— 88 Kinder in ihrer Pflege gehabt. Die Amme hatte ſich mit einem von ihnen nach Paris begeben— und Gabriele Desmarets lebte in Paris — und oh Alban, wenn Jaſper Loſely jetzt wirklich ein Kind von Fleiſch und Blut meiner Börſe oder meinem Mitleid aufzwingen will, ſo iſt dieß ſein Kind, nicht von der unglücklichen Matilda, ſondern von dem verächtlichen Weibe, um deſſen willen Matilda ſchon im erſten Jahr ihrer Ehe verlaſſen wurde. Begreiſt, wie ſelbſt die eingefleiſchteſte Leichtgläubigkeit vor dieſer ſchrecklichen Schlinge zurückbeben müßte. Ich ſollte den im Ehebruch erzeugten Sprößling eines Jaſper Loſely und einer Gabriele Desmarets anerkennen, adoptiren, als den Letzten der Darrells proklamiren! Oder wenn ich in meinem Grabe ruhe, ſollte ſich ein Anſpruch auf die in meinem Ehevertrag auf Matildas Nachkommenſchaft übertragene Summe erheben, die ich, im Fall ein Kind überlebte, rechtlicher Weiſe ſeinem Vater nicht in die Hände geben konnte, ein Anſpruch mit beſtochenen Zeugen— ein Anſpruch, der ſich betrügeriſch begründen ließe— ein Anſpruch, vermöge deſſen der Vertreter— zwar nicht meiner Güter und Reichthümer, aber, was weit koſtbarer iſt, meines Stammes und Blutes, ein— ein—“ Darrell pauſirte beinahe erſtickend und wurde ſo blaß, daß Alban beſorgt von ſeinem Sitz aufſprang. „Es iſt Nichts,“ fuhr Darrell mit ſchwacher Stimme fort,„und ich muß wohl oder übel dieſer Sache jetzt ein Ende machen, damit wir nicht mehr darauf zurückzukommen brauchen: „Ich blieb, wie Ihr wißt, einige Jahre im Ausland. Während dieſer Zeit wurden mir zwei oder drei Briefe von Jaſper Loſely zuge⸗ ſchickt; der letzte war unverſchämter als die vorhergehenden alle. Er enthielt Forderungen, die er wie Rechte geltend machte, und ließ Dro⸗ hungen mitunterlaufen, daß er mich und meinen Stolz öffentlich blos⸗ ſtellen würde— er ſey jedenfalls mein Schwiegerſohn, und wenn er in Schande käme, ſo ſolle die Welt den Zuſammenhang erfahren. Dieß iſt Alles was ich wußte, bis der Mann, der ſich jetzt, wie es ſcheint, als Jaſper Loſelys Freund oder Agent aufwirſt, neulich einmal 89 Abends bei Mrs. Haughton mit mir ſprach. Dieſen Mann habt Ihr geſehen und Ihr ſagt, daß er—“ „Er ſchildert Jaſpers Armuth als namenlos, ſeine Stimmung als ſo verzweifelt, daß er ſich über Nichts mehr Skrupel mache; er verſichert, daß er zu jedem Skandal und zu jeder Gewaltthat fähig ſey. Es ſcheint, daß er, obſchon er(wie Poole glaubt) in Paris den Namen Hammond noch immer beibehielt, doch in England den Namen Loſely wieder angenommen hat, und zwar ſcheint er dieß, nach Pooles Angabe von der Zeit, wo er ſelbſt Jaſpers Bekanntſchaft machte, nach ſeinem vereitelten Verſuch auf Euch in Fawley gethan zu haben— ob er nun damit den Anfang der Feindſeligkeiten andeuten wollte, oder ob der Gauner, was wahrſcheinlicher iſt, es zweckmäßig findet im einen Land dieſen, im andern den andern Namen zu führen, iſt eine nutzloſe Frage; genug, der gewiſſenloſe Böſewicht gibt ſich durchaus keine Mühe mehr, die Identität zwiſchen dem Hammond, der die arme Matilda heirathete, und dem Jaſper Loſely, deſſen Vater deportirt wurde, zu verdecken. Die Enthüllung dieſer Identität würde aller⸗ dings jetzt einem Mann von Welt, der ſo dickhäutig wäre wie zum Beiſpiel ich, nicht viel ausmachen; aber für Euch wäre ſie unange⸗ nehm, das läßt ſich nicht leugnen— und deßhalb kurz und gut, wenn Mr. Poole zu einem Vergleich räth, wodurch Jaſper vor Mangel und Ihr vor Quälereien geſchützt würdet, ſo bin ich derſelben Meinung wie Mr. Poole.“ „Seyd Ihr das?“ „Allerdings. Mein lieber Darrell, wenn in Eurem ſtillen Herzen etwas ſo Qualvolles in dem Gedanken lag, daß der Mann, der Eure Tochter, wiewohl ohne Eure Einwilligung, geheirathet hatte, nicht blos der alltägliche Abenteurer, welchen die Welt glaubte, ſondern der Sohn dieſes armen, theuren— ich meine dieſes ſchuftigen Deportirten und dabei ſelbſt ein Betrüger und Gauner war— wenn dieß Euch ſo erbitterte, daß Ihr mir, Eurem älteſten Freund, den wahren That⸗ beſtand bis auf den heutigen Tag verſchwiegen habt— wenn es Euch Bulwer, was wird er damit machen? v. 90 jetzt noch ſo unendlich hart angekommen iſt, den wahren Namen dieſes Mr. Hammond auszuſprechen, den unſere Geſellſchaft niemals ſah, den ſelbſt Fraubaſenſchaft in ſeiner Beziehung zu Euch vergeſſen hat, ſo würde Euer Leiden unerträglich werden, wenn dieſer Mann Euch mit einem zerlumpten Mädchen an der Hand in den Straßen auf⸗ lauerte und zuriefe: Einen Penny für Euern Schwiegerſohn und Eure Enkelin! Verzeiht mir— ich muß plump offen ſeyn. Ihr könnt ihn der Polizei übergeben, könnt ihn in die Tretmühle ſchicken. Verbeſſert dieß die Sache? Oder noch ſchlimmer, angenommen, der Mann begehe ein Verbrechen, das alle Zeitungen mit ſeinem Leben und ſeinen Abenteuern ausfülle, natürlich ſeine Entführungsheirath mit der Erbin des berühmten Guy Darrell miteingeſchloſſen— ſo würde Niemand Euch tadeln, Niemand Euch weniger reſpektiren; aber ſagt mir nicht, daß Ihr nicht gerne Euer halbes Vermögen dafür geben würdet, um den Namen Eunrer Tochter vor der Zuſammen⸗ ſtellung mit dem Namen eines ſolchen Halunken zu ſchützen.“ „Alban,“ ſagte Darrell düſter,„Ihr könnt in dieſer Beziehung Nichts ſagen, was ich nicht ſelbſt überlegt hätte. Aber der Mann hat die Sache auf einen ſolchen Standpunkt gebracht, daß die Ehre ſelbſt mir verbietet um den Preis meines Namens mit ihm zu markten. So lange er droht, kann ich eine Drohung nicht abkaufen; ſo lange er auf einer Geſchichte beharrt, wodurch er einen Anſpruch auf mich zu Gunſten eines Kindes begründen möchte, das ich als Erbin meines Blutes zu verleugnen alle möglichen Gründe und alles Recht habe, würde Alles, was ich ihm bewilligen könnte, blos wie ein Schweige⸗ geld erſcheinen, um dieſen Anſpruch zu beſeitigen.“ „Natürlich— ich verſtehe und bin vollkommen mit Euch einver⸗ ſtanden. Aber wenn der Mann alle Drohungen zurückzieht, wenn er ſeinen Betrug in Betreff dieſes angeblichen Kindes eingeſteht und ſich verpflichtet für ſeine übrige Lebenszeit in eine entfernte Colonie zu ziehen, mit einer jährlichen Summe, die für ſeine Bedürfniſſe genügen kann, aber ihm keinen Ueberfluß geſtattet, um ſeine Laſter noch hervor⸗ 91 ſcheinender zu machen oder ſeinen Fähigkeiten zum Böſen noch mehr Spielraum zu gewähren; wenn dieß zwiſchen Mr. Poole und mir ausgemacht werden kann, ſo denke ich, daß Euer Friede ohne das geringſte Opfer an Ehre auf die Dauer geſichert werden könnte. Wollt Ihr die Sache mir überlaſſen auf die Verſicherung hin, daß ich dem Manne keinen Heller geben werde, außer unter den Bedingungen, die ich ſo eben angeführt habe?“ „Unter dieſen Bedingungen ja und mit dem größten Dank,“ ſagte Darrell.„Thut was Ihr wollt, aber ich muß Euch um noch einen Gefallen bitten; ſprecht nie wieder(wenn Ihr nicht ſchlechter⸗ dings dazu genöthigt ſeyd) von dieſem dunkeln Theil meines innern Lebens zu mir.“. Alban drückte ſeinem Freunde die Hand, und Beide ſchwiegen einige Augenblicke. Dann ſagte der Oberſt mit einem Verſuch zur Heiterkeit:„Darrell, mehr als je ſehe ich jetzt, daß das neue Haus in Fawley, deſſen Bau ſo lange eingeſtellt blieb, vollendet werden muß. Ihr müßt wieder heirathen! Ihr könnt alte Erinnerungen nie bannen, wenn Ihr ſie nicht durch friſche Hoffnungen verdränget.“ „Ich fühle es— ich weiß es!“ rief Darrell leidenſchaftlich. „Und oh! wenn eine einzige Erinnerung ausgeriſſen werden könnte! aber ſie ſoll es ſicherlich werden.“* „Ah,“ dachte Alban,„die Erinnerung an ſein früheres eheliches Leben!— Eine Erinnerung, die allerdings den jüngſten und kühnſten Freiersmann von einer ſolchen Probe zurückſchrecken könnte.“ Im Verhältniß zu dem Zartgefühl, zu dem Ernſt und der Tiefe der Natur eines Mannes, wird ſich in ſeinem Charakter Etwas vor⸗ finden, was kein männlicher Freund begreifen, und in den Geheim⸗ niſſen ſeines Lebens Etwas, was kein männlicher Freund jemals vermuthen kann.— —— ——y——— .——— — — 9²2 Eilftes Kapitel. Unſer alter Freund, der Taſchenkannibal, verräth unerwarteten Patriotis⸗ mus und philoſophiſche Mäßigung, indem er ſich mit einem Braten von uſeinem eigenen ſaftigen Freund in den Lüften ſeines eigenen Heimath⸗ himmels zufrieden gibt. Oberſt Morley hatte eine zweite Beſprechung mit Mr. Poole. Er bedurfte ſeiner Weltkenntniß nicht, um zu entdecken, daß Poole kein parteiiſcher Freund von Jaſper Loſely war; daß Poole aus dem einen oder andern Grund nicht minder ſehnlich als der Oberſt wünſchte, dieſen furchtbaren Clienten, deſſen Sache er ſo warm ver⸗ focht, penſionirt und nach einer von Großbritanien möglichſt entfernten Gegend verpackt zu ſehen, wo ein bisher ſo naſtloſer Geiſt ſich viel⸗ leicht zu einiger Ruhe bequemen würde. Und obſchon Mr. Poole ſich augenſcheinlich durch Mr. Darrells unhöfliche Zurückweiſung ſeiner freundſchaftlichen Abſichten beleidigt gefühlt hatte, ſo lieferte doch kein Groll gegen Darrell einen Beweggrund für ſein Benehmen, der ſeinem chriſtlichen Wunſch gleichgekommen wäre, daß Darrells Friede durch Loſelys lebenslängliche Verbannung erkauft werden möge. Dem⸗ gemäß entfernte ſich Oberſt Morley mit einem wohl angebrachten Ver⸗ trauen auf Pooles Entſchloſſenheit alles Mögliche aufzubieten, um Jaſper zur Vernunft zu bringen. Der Oberſt hatte von Poole Einiges über den gegenwärtigen Aufenthalt und die Subſiſtenzmittel des älteren Loſely zu erfahren gehofft. Poole konnte ihm, wie wir wiſſen, hierüber keine Auskunft ertheilen. Ebenſowenig gelang es dem Oberſten, Näheres über die Prätendentin zu ermitteln, zu deren Gunſten Jaſper ſeinen Hauptanſpruch auf Darrells Unterſtützung be⸗ gründete. Und ſo groß war Pooles Verlegenheit, als er alle Fragen in dieſer Beziehung: wo die junge Perſon ſey? mit wem ſie gelebt habe? wie ſie ausſehe? oder ob der Oberſt ſie ſehen und ſelbſt hören könne? beantworten ſollte, daß Alban einen ſtarken Verdacht ſchöpfte, ein ſolches Mädchen moͤchte gar nicht vorhanden, ſondern eine reine — 93 Filktion und Mythe ſeyn, oder wenn Jaſper gezwungen würde, irgend eine beunterrockte Schöne vorzuführen, ſo möchte dieß eine liederliche Gaunerin ſeyn, die ſich zu dieſem Behuf verdungen habe. Poole wartete mit Ungeduld und ſanguiniſcher Freude auf Jaſpers neuen Beſuch. Er zweifelte nicht daran, daß der Halunke mit Vergnügen zugeben würde, er habe bei näherer Nachfrage ge⸗ funden, daß er ſich in ſeinem Glauben an Sophys Verwandtſchaft mit ihm getäuſcht, und es gebe in England nichts für ſein Herz ſo beſonders Heiliges, daß er ſich nicht dazu verſtehen möchte, die freiere Luft des columbiſchen Himmels einzuathmen oder auch inmitten der Waiden des goldreichen Auſtraliens ein harmloſes Schäferleben zu führen. Aber zu Pooles unausſprechlicher Beſtürzung erklärte Jaſper verdrießlich, er würde ſich um ſeines bloßen Lebensunterhaltes willen nicht dazu entſchließen ſein Vaterland zu verlaſſen. „Ich bin nicht mehr ſo jung als ich war,“ ſagte der Bravo;„ich ſpreche nicht von den Jahren, ſondern vom Bewußtſein. Ich habe nicht mehr dieſelbe Energie; einſt beſaß ich hohen Lebensmuth— jetzt iſt er gebrochen; einſt hatte ich Hoffnung— jetzt habe ich keine mehr: ich tauge nichts zu Anſtrengungen; ich habe mir das Faullenzen ange⸗ wöhnt. Auf neue Schauplätze zu gehen, neue Pläne zu ſchmieden, in einer ſchrecklichen, rohen neuen Welt zu leben, wo Alles um mich her ſich geſchäftig rührt, drängt und treibt— nein, das mag für einen ſchlanken, leichten, flinken Springinsfeld gut ſeyn! Schaut mich an! Seht wie ich in den letzten fünf Jahren an Gewicht zugenommen habe — lauter ſolide Knochen und Muskeln. Ich fordere vier Fuhrleute heraus, ob ſie mich einen Zoll vom Platze bringen, wenn ich mich nicht regen will, und nun zu den Antipoden weggeblaſen zu werden, wie weenn ich der Flaum einer verpeſteten Diſtel wäre, nein, das taugt 14 ganz und gar nicht in meinen Kram, Dolly Poole! „Hum,“ ſagte Poole, indem er zu lächeln verſuchte,„wie drollig Ihr da redet! Ihr waret immer ein drolliger Geſelle. Aber nach Oberſt Morleys entſchiedenem Benehmen bin ich voll⸗ 94 kommen überzeugt, daß Ihr von Darrell Nichts bekommen könnt, wenn Ihr in England bleiben wollt.“ „Nun, wenn mir nichts Anderes mehr übrig bleibt, ſo kann ich ja zu Darrell ſelbſt gehen und die Sache mit ihm abmachen. Gegen⸗ wärtig bin ich nicht dazu aufgelegt. Dolly, langweilt mich nicht.“ Und der Bravo öffnete eine Kinnlade, die für jedes fleiſchfreſſende Thier ſtark genug war, und gähnte— gähnte gewaltig wie ein ge⸗ langweilter Tiger im Angeſicht eines philoſophiſchen Beobachters wilder Manieren in den zoologiſchen Gärten. „Langweilen!“ ſagte Poole erſtaunt und vor der weit geöffneten Kinnlade zurückweichend,„ei, ich häͤtte gedacht, kein Gegenſtand würde Euch weniger langweilen, als die Betrachtung, wie Ihr leben könnt.“ „Nun, Dolly, ich habe Begnügſamkeit gelernt, und Ihr ſeht, ich lebe gegenwärtig von Euch.“ „Ja,“ ſtöhnte Poole,„aber das kann nicht immer ſo fortgehen, und überdieß habt Ihr verſprochen, daß Ihr mich in Ruhe laſſen wollt, ſo bald ich Darrell dazu gebracht hätte für Euch zu ſorgen.“ „Das werde ich auch. Sapperment, Sir, zweifelt Ihr an meinem Wort? Ich werde es thun. Aber ich nenne Verbannung keine Ver⸗ ſorgung— Baſta! Ich höre von Euch, daß Oberſt Morley ſich er⸗ bietet mir die lumpigen 200 Pfund jährlich, die Darrell mir früher ausgeworfen hatte, in der Art zurückzugeben, daß ſie mir monatlich oder wöchentlich in Vandiemensland oder an irgend einer ſolchen un⸗ comfortablen Station auf dem halben Weg in die Ewigkeit, die noch nicht einmal auf dem Atlas ſtand, als ich in der Schule Geographie ſtudirte, ausbezahlt werden ſollten. Aber 200 Pfund jährlich ſind genau mein Einkommen in England, ebenfalls wöchentlich ausbezahlt von Eurer angenehmen Perſon, mit der ich noch überdies das Ver⸗ gnügen habe von alten Zeiten zu ſprechen. Somit kann dieſer Vor⸗ ſchlag ganz und gar nicht in Frage kommen. Sagt dem Oberſt Morley nebſt meinen Complimenten, wenn er die Summe verdoppeln 9⁵ und mir erlauben wolle ſie da zu verbrauchen, wo ich Luſt habe, ſo wolle ich einſchlagen, denn ich verachte alles Knickern. Und was das Mädchen betrifft, da ich ſie nicht auffinden kann(was Ihr aber nicht verlauten laſſen dürft, wenn ich Euch nicht lederweich ſchlagen ſoll), ſo wolle ichs Mr. Darrell freiſtellen ſie zu verleugnen. Aber ſeyd Ihr denn ein ſolcher Schafskopf, um nicht zu ſehen, daß ich das Trumpfaß auf den lumpigen Zweier meines Gegners werfe, wenn ich zugebe, daß mein eigenes Kind nicht mein eigenes Kind iſt, ohne daß ich mehr dafür bekomme, als was ich von Euch ebenfalls bekomme, während ich mein Trumpfaß in den Händen behalte? Baſta! Ich ſage wiederum baſta! Augenſcheinlich liegt Darrell viel daran von aller Furcht befreit zu werden, daß Sophy jemals mit Zähnen und Klauen über ihn herfallen könnte: wenn er ſo feſt überzeugt iſt, daß ſie nicht das Kind ſeiner Tochter ſey, warum machte er ein ſo großes Weſen daraus, daß ich ihn angelogen habe, als ich ihm das Gegentheil ſagte? Offenbar fürchtet er auch, daß ich ihn auf alle Arten quälen und ärgern könnte; warum beſtände er ſonſt darauf, daß ich ſeinen Käſe blos in einem Fuchsloch am Ende der Welt zernagen dürfe, wo ich jeden Augenblick von Buſchmännern, Wombats, Klapperſchlangen, Alligatoren und andern amerikaniſchen Bürgern oder brittiſchen An⸗ ſiedlern aus meiner Ruhe aufgeſtört würde? 200 Pfund jährlich, und der Vater meiner leiblichen Frau ein Millionär! Das Anerbieten iſt ein Schimpf. Ueberleget das, ſetzt die Schraube an; veranlaßt ſie zu Bedingungen, die ich ihnen die Ehre erweiſen kann anzunehmen; inzwiſchen will ich Euch um meine vier Souveräne bemühen.“ Poole hatte den Verdruß, dem Oberſten Jaſpers Weigerung melden und den Gegenvorſchlag bringen zu müſſen, womit man ihn beauftragt hatte. Alban war Anfangs überraſcht, da er keine Ahnung von den Subſiſtenzmitteln hatte, welche Jaſper ſich im Vaterland und zwar in Mr. Pooles eigener Kaſſe zu ſichern gewußt. Als er jedoch den unglücklichen Unterhändler über Jaſpers Gründe aus⸗ forſchte, errieth er einen Theil der Wahrheit, nämlich daß Jaſper —— E ———— 3—„—— 96 ſeine Hoffnung auf beſſere Bedingungen juſt auf die Thatſache gründete, daß man ihm überhaupt Bedingungen angeboten hatte, und dieß ver⸗ anlaßte Alban beinahe zu bedauern, daß er überhaupt auf ſolche Art entgegengekommen war, und zu glauben, daß Darrell vollkommen Recht gehabt habe, wenn er ſich ſo abgeneigt erklärt, einem ſo trotzigen Bettler irgendwie die Thüre der Verſohnung zu öffnen. Dennoch glaubte der Oberſt für Darrells Sicherheit und Frieden noch mehr thun zu müſſen, und theilweiſe weil er als vollendeter Weltmann ſich ſelbſt die Fähigkeit zuſchreiben durfte, eine ſolche Sache gluͤcklich zu Ende zu führen, theilweiſe weil er ſehr begierig war, den verwe⸗ genen Sohn dieſes armen, lieben Schlingels von Willy zu ſehen und ihn ſelbſt uͤber die Thatſache, die er behauptete, ſowie über das Ziel, das er ſich geſteckt, zu vernehmen, beauftragte er Poole ſeinem Freund zu erklären, daß Oberſt Morley vollkommen bereit ſey, ihn in einer perſönlichen Beſprechung von der Unmöglichkeit der Annahme ſeiner Vorſchläge zu überführen, und daß er noch weit mehr Luſt hätte die junge Perſon zu ſehen, die Jaſper für das Kind aus ſeiner Ehe ausgebe. 3 d Jaſper ſann einen Augenblick verdießlich nach, dann aber lehnte er ein Zuſammentreffen mit Oberſt Morley ab, und zwar theilweiſe in Folge jener empfindlichen Eitelkeit, die ihm einſt ſo viele Freude bereitet hatte, jetzt aber nur noch Verdruß machte. Auf ſolche Art— entſtellt, herabgekommen, verthiert— mit dem feinen Gentleman zu⸗ ſammenzutreffen, deſſen ruhiges Auge ihn zur Zeit ſeines ver⸗ gleichungsmäßigen Glanzes im Salon der Wittwe zu Boden gedrückt hatte, war ſchon an und für ſich ſelbſt widerwärtig für den entarteten Bravo. Aber er ſah ein, daß ſeine Sache ſich noch unvortheilhafter geſtaltete, wenn er mit einem kaltblütigen und behutſamen Vertreter der Darrellſchen Intereſſen zu rechten, als wenn er es mit Darrell ſelbſt zu thun hatte, und da er das Kind nicht vorzeigen konnte, auf welches er all ſeine Rechte gründete, ſo ſetzte er ſich blos einem Feuer von Kreuz⸗ und Querfragen aus, ohne ſelbſt einen Schuß thun zu 97 können. Demgemäß lehnte er es rundweg ab, Oberſt Morley zu ſehen, und erklärte, die Bedingungen, die er ſelbſt vorgeſchlagen habe, ſeyen die niederſten, die er annehmen würde.„Sagt indeß Oberſt Morley, daß, wenn die Unterhandlung fehlſchlage, ich meinerſeits nicht ermangeln werde, früher oder ſpäter mit meinem lieben Schwie⸗ gervater meine Anſicht über die ſtreitigen Punkte perſönlich zu erörtern.“ „Ja, hol's der Teufel,“ rief Poole erbittert,„geht und beſucht Darrell ſelbſt; er iſt leicht gefunden.“ „Oh ja,“ antwortete Jaſper, mit dem härteſten Blick aus ſeinem geſenkten Auge ihn anſchielend,„oh ja, es kann eines Tags wohl ſo weit kommen. Ich möchte es wo möglich lieber vermeiden. Ich könnte mich vielleicht nicht beherrſchen. Es iſt keine bloße Geldſache zwiſchen uns, wenn wir Beide zuſammentreffen. Es gibt Be⸗ ſchimpfungen auszuwetzen. Aus ſeinem Hauſe verbannt wie ein räudiger Hund— von einem maulaffigen Advokaten behandelt wie der Koth in der Goſſe! Die Loſelys würden, vermuthe ich, vor funfzig Jahren auf die Darrells herabgeſehen haben, und wenn mein Vater auch außer der Ehe geboren iſt, bleibt nicht das Blut daſſelbe? Nimmt etwa das Geſchlecht ab, weil es an einem goldenen Ring und einem Pfaffen gefehlt hat? Schaut mich an. Nein; nicht was ich jetzt bin; auch nicht wie Ihr mich vor fünf Jahren ſahet, ſondern ſo wie ich in die Jugend hineinſprang! War ich geboren, um Summen einzukaſſieren und Federn zu ſchnipfeln wie ein Handlungscommis in der City? Ach, mein armer Vater, darin hatteſt Du Unrecht. Blut will hinaus! Ein toller Teufel wahrhaftig iſt ein Rennpferd am Gig eines Spießbürgers! Spathbehaftet, windgallig und ſtolpernd, mag es zuletzt am Karren laufen, aber durch ſein Auge, ſeine Haltung und ſein Bein verräth es noch immer den Stamm, von welchem es ge⸗ kommen iſt.“ Dolly machte große Augen und blinzelte. Jaſper hatte in ſeinen glänzenden Tagen niemals halb ſo oſſen aufgedeckt, was immer ein 98 wunder Fleck in ſeinem Stolz geweſen war, und ſein Ausbruch in dieſem Augenblick kann möͤglicher Weiſe dem Leſer zu einem feinern Verſtändniß der Anmaßung, der Leichtfertigkeit und des Egoismus verhelfen, die ſeine Unempfindlichkeit gegen Ehre begleiteten und ſogar ſeinen Anſpruch auf das Blut eines Gentleman in eyniſche Verachtung gerade derjenigen Tugenden, wofür ein Gentleman am meiſten ange⸗ ſehen zu werden wünſcht, verwandelt hatten. Aber in Folge eines ſehr gewöhnlichen Proceſſes im menſchlichen Gemüth war, als Jaſper immer tiefer herabgekommen, ſein Stolz immer hervorragender aus der Gruppe der andern und mehr prunkenden Laſter aufgetaucht, durch welche er in Zeiten der Geſundheit und hoher Lebensgeiſter auf die Seite geſtoßen und verdunkelt worden war. „Hum!“ ſagte Poole nach einer Pauſe.„Wenn Darrell gegen Euch ſo unhöflich war wie gegen mich, ſo wundere ich mich nicht über Euern Groll. Aber ſelbſt wenn Ihr ihm gegenüber Eure Ruhe ver⸗ lieret, ſo dürfte dieſe eher nützen als ſchaden. Ihr könnt verdammt unangenehm werden, wenn Ihr wollt, und vielleicht wird es Euch beſſer gelingen Eure eigenen Bedingungen durchzufechten, wenn dieſe Leute ſehen, daß Ihr eben ſo gut beißen als bellen könnt. Gehet Darrell zu Leibe und quälet ihn. Es iſt nicht ſchön von Euch, daß Ihr blos mich allein quälen wollt.“ „Dolly, macht mir keinen Lärm. Wenn ich mit dem Mädchen an der Hand vor ſeine Thüre ſtehen und ihn auf den Straßen anhalten könnte, ſo wäre Euer Rath verſtändig. Die Welt würde ſich um einen Zank zwiſchen einem reichen Mann und einem geldloſen Schwieger⸗ ſohn Nichts bekümmern. Aber eine intereſſante junge Lady, die ihn Großvater nennt und zu ſeinen Füßen fällt, dieſe könnte er nicht ins Arbeitshaus ſchicken, und wenn er nicht an ihre Geburt glaubt, ſo laßt das Ding nur in die Zeitungen kommen, dann gibt es Leute genug, die daran glauben werden, und ich bekomme einen ganz andern Standpunkt für meine Unterhandlung. Juſt weil ich, wenn ich wieder mit Darrell zuſammentreffe, nicht wünſche, daß es wiederum blos ein A 99 Gebelle und kein Gebeiße ſeyn ſoll, ſchiebe ich dieſe Beſprechung hin⸗ aus. An Allem iſt Eure eigene Faulheit Schuld— gebt Euch ein wenig Mühe und findet das Mädchen.“ „Ich kann ſie aber nicht finden, und das wißt Ihr wohl. Auch will ich Euch Etwas ſagen, Mr. Loſely; Oberſt Morley, der ein ſehr kluger Kopf iſt, glaubt nicht an die Exiſtenz des Mädchens.“ „Wirklich? Ich beginne ſelbſt daran zu zweifeln. Aber jeden⸗ falls könnt Ihr nicht an der meinigen zweifeln, und ich bin dankbar für die Eurige; da Ihr mir nun die Mühe gemacht habt ganz umſonſt hieherzukommen, ſo kann ich eben ſo gut meinen nächſten Wochen⸗ gehalt zum Voraus in Anſpruch nehmen— vier Souveräne, wenn ich bitten darf, Dolly Poole.“ Zwölftes Kapitel. Ein neuer Haltpunkt— Pferdewechſel— und eine Wendung der Straße. Als Oberſt Morley erfuhr, daß Jaſper eine perſönliche Be⸗ ſprechung mit ihm ablehnte, und daß der Vorſchlag einer Zuſammen⸗ kunft mit Jaſpers angeblicher Tochter auf gleiche Weiſe verworfen oder auf die Seite geſchoben wurde, beſtärkte er ſich immer mehr in ſeinem Glauben, daß Jaſper noch keine Tochter gefunden habe, die ſchlau genug ſey, um vorgeführt werden zu können. Er dachte alſo mit Vergnügen, daß der Gauner ſomit nicht mit einem Mittel ver⸗ ſehen ſey, das in geſchickten Händen ungemein viel Aerger und Ver⸗ druß hätte bereiten können, und da er überzeugt war, daß Jaſper, wenn er ſah, daß man ihm keine weitere Beachtung ſchenkte, ſelbſt genöthigt ſeyn würde, um die Bedingungen zu bitten, die er jetzt ver⸗ warf, ſo erklärte der Oberſt ganz trocken Poole, ſeine Vermittlung ſey jetzt zu Ende; wenn Mr. Loſely entweder durch ihn ſelbſt oder durch Mr. Poole oder durch ſonſt Jemand Mr. Darrell anzugehen ſich — 100 herausnehme, ſo werde das frühere Anerbieten ein für allemal unwi⸗ derruflich zurückgenommen.„Ich ſelbſt,“ fügte der Oberſt hinzu, „werde demnächſt für den Reſt des Sommers eine Reiſe ins Ausland antreten, und ſollte Mr. Loſely mittlerweile beſſer von einem Vor⸗ ſchlag denken, der ihn vor Mangel ſchützt, ſo verweiſe ich ihn an Mr. Darrells Anwalt. Auf dieſen Vorſchlag muß er, Eurem Bericht von ſeiner entblößten Lage zufolge, früher oder ſpäter zuruückkommen, und es freut mich zu ſehen, daß er in Euch einen ſo verſtändigen Rathgeber hat“— ein Compliment, das den beklagenswerthen Poole keineswegs tröſtete. Mit den kürzeſten Worten berichtete Alban an Darrell darüber: er ſey üͤberzeugt, ſagte er, daß Jaſper nicht nur keine Beweiſe beſitze, um die Anſprüche einer Tochter aufrecht zu erhalten, ſondern daß die Tochter ſelbſt ſich noch immer in demjenigen Theil von Virgils Hades befinde, der für Seelen beſtimmt ſey, die noch nicht auf der obern Erde erſchienen, und daß man Jaſper ſelbſt, obſchon er, wie natürlich zu erwarten ſey, in der Hoffnung auf günſtigere Bedingungen den Sproden ſpiele, blos ganz ruhig ſeinen eigenen Betrachtungen zu überlaſſen brauche, um ihm die Vortheile der Auswanderung zum Bewußtſein zu bringen. Er werde allerdings noch um weitere 100 Pfund jährlich oder ſo Etwas markten wollen, und eine ſolche Forderung könne man am Ende bewilligen. Aber im Ganzen wünſchte Alban ſeinem Freunde Glück dazu, daß er wahrſcheinlich ſehr wenig mehr von ſeinem Schwiegerſohn, und von der Tochter ſeines Schwiegerſohns gar Nichts mehr werde hören müſſen. Darrell machte keine Bemerkung und gab keine Antwort. Ein dankbarer Blick, ein warmer Händedruck und, als der Gegenſtand ge⸗ wechſelt wurde, eine minder düſtere Braue und ein lebhafteres Lächeln dankten dem biederherzigen Alban beſſer als alle Worte. 101 Dreizehntes Kapitel. Oberſt Morley zeigt, daß er nicht ohne Grund ſich des Rufes erfreut von Allem Etwas zu wiſſen. „Gut getroffen,“ ſagte Darrell am Tag, nach dem Alban ihm die tröſtlichen Verſicherungen gebracht, die einen Dorn aus ſeiner Seite geriſſen, eine Wolke an ſeinem Abendhimmel verſcheucht hatten. „Gut getroffen,“ ſagte Darrell, als er wenige Schritte von ſeinem Hauſe weg dem Oberſten begegnete.„Bitte, geht mit mir bis in die New Road. Ich habe Lionel verſprochen die Werkſtatt eines ihm befreundeten Künſtlers zu beſuchen, in welchem er einen Raphael zu finden beliebt, und in dem ich aus Höflichkeit, vermuthlich auf Koſten der Wahrheit, einen Stümper werde becomplimentiren müſſen.“ „Sprecht Ihr von Frank Vance?“ „Von demſelben.“ „Ihr könntet keinen würdigeren Mann beſuchen, keinem ver⸗ heißungsreicheren Künſtler ein Compliment machen. Vance iſt einer von den Wenigen, die Geſchmack und Geduld, Phantaſie und Pinſel⸗ fertigkeit vereinigen. Seine weiblichen Köpfe beſonders ſind vor⸗ trefflich, obſchon ſie, das geſtehe ich, einander gar zu ſehr gleichen. Der Mann ſelbſt iſt ein vollendeter Gentleman. Man hat ihn in guter Geſellſchaft ſehr gehätſchelt, und er hat ſich dennoch nicht ver⸗ wöhnen laſſen. Ihr werdet ſeine Manier etwas keck finden, das Ge⸗ gentheil von ſcheu; theilweiſe vielleicht, weil er in ſich ſelbſt die kräftige Friſche und Kühnheit beſitzt, die er ſeinen Farben gibt; theil⸗ weiſe vielleicht auch, weil er aus ſeiner Kunſt die Selbſtachtung ſchöpft, welche Patrizier von ihrem Stammbaum borgen, und weil er einem Herzog die Hand ſchüttelt, damit der Herzog ihm nicht einen Finger hinhalten kann.“ „Gut,“ ſagte Darrell mit ſeinem ſeltenen männlichen Lachen. „Da ich ſelbſt ſchüchtern bin, ſo liebe ich Männer, die mir auf halbem 102 Weg entgegenkommen. Ich ſehe, daß wir uns gut mit einander ver⸗ tragen werden.“. „Und vielleicht noch beſſer, wenn ich Euch ſage, daß er mit einem alten Etoner Freunde von uns verwandt iſt und aus dieſer Ver⸗ wandtſchaft großen Nutzen zieht; Ihr erinnert Euch des armen Sidney Branthwaite?“ „Allerdings. Ich war in Eton ſehr befreundet mit ihm— wir Beide befanden uns ſo ziemlich in der gleichen Stellung des Stolzes und der Armuth. Unter allen Jungen in der Schule hatten wir Beide das kleinſte Taſchengeld. Armer Branthwaite! Ich verlor ihn ſpäter aus dem Geſichte. Er trat in die Kirche, bekam blos eine Unterpfarre und ſtarb jung.“ „Und hinterließ einen Sohn, der noch ärmer war als er ſelbſt und Frank Vances Schweſter heirathete.“ „Wirklich? Die Branthwaites waren von guter alter Familie; wie verhält es ſich mit der von Mr. Vance?“ „Sie iſt reſpektabel genug. Vances Vater war einer jener fähigen Männer, die allzu viele Saiten an ihrem Bogen haben. Er war auch Maler; aber er war zugleich gewiſſermaßen Literat— hatte Theil an einem Journal, in das er Kritiken über die ſchönen Künſte ſchrieb. Ferner war er muſikaliſcher Componiſt. Dabei ein feiner Gentleman, wie ich vermuthe, mit einer Frau, die eine feine Lady war. Ihr Haus wurde viel von Künſtlern und Literaten beſucht: um es kurz zu ſagen, der alte Vance war gaſtfreundlich— ſeine Frau trieb dieſe Tugend bis ins Uebermaß. Im Glauben, daß die Nach⸗ welt ſeinen Gemälden das Recht widerfahren laſſen werde, das ſeine Zeitgenoſſen verweigerten, hinterließ Vance ſeiner Familie keine andern Subſiſtenzmittel. Nachdem man ſeine Gemälde verkauft und ſeine Schulden bezahlt hatte, blieb juſt noch genug übrig um ihn zu begraben. Glücklicher Weiſe hatte Sir—, der große Maler des Tags, bereits eine Neigung zu Frank Vance gefaßt, der noch ein bloßer Junge war, aber ſchon von Kindheit an Genie gezeigt hatte, wie alle — 103 wahren Künſtler thun. Sir— nahm ihn in ſeine Werkſtatt und gab ihm Lektionen. Es würde Sir—, der ein offenes Herz, aber eine verſchloſſene Fauſt beſaß, nicht gleich geſehen haben ihm etwas An⸗ deres zu geben. Aber der Knabe wußte es ſo einzurichten, daß er ſeine Mutter und Schweſter unterſtützte. Dieſer Burſche, der jetzt ein ſo anmaßender Kämpe für die Würde der Kunſt iſt, wie Ihr oder der Lordkanzler für die Würde des Gerichts ſeyn möget, ließ ſich damals herab heimlich für Modebuden zu arbeiten und Fächer à la Watteau zu malen. Ich beſitze gegenwärtig noch zwei Handſchirme, die er für einen Laden in Rathbone Place malte. Vermuthlich hat er zehn Schillinge dafür bekommen, und jetzt würde jeder Bewunderer Franks 100 Pfund für das Stück bezahlen.“ „Das iſt die ächte Seele, in welcher das Genie wohnt und aus welcher Feuer ſpringt,“ rief Darrell herzlich.„Gebt mir das Feuer, das in dem Kieſelſtein lauert und den Schlag des harten Stahles mit Licht beantwortet. Es freut mich, daß Lionel in einem ſolchen Mann einen Freund gewonnen hat. Sidney Branthwaites Sohn heirathete Vances Schweſter, als Vance ſchon berühmt geworden war?“ „Nein; ſo lange Vance noch ein Knabe war. Der junge Arthur Branthwaite war ein Waiſe. Wenn er irgendwo lebende Verwandte hatte, ſo waren ſie zu arm um ihm beizuſtehen. Er ſchrieb Poeſien, die von den Kritikern ſehr geprieſen wurden(ſie verdienen den Strick dieſe Kritiker!), er ſeribelte vermuthlich in das Journal des alten Vance; ſah Mary Vance kurz vor ihres Vaters Tod; verliebte ſich in ſie, und geſtützt auf einen Band Verſe, in welchem die Kritiker alle feierlich einen überraſchenden Reichthum an Einbildungskraft bezeugt hatten, eilte ex an den Altar und opferte ein Weib den Muſen. Dieſe Halunken von Kritikern werden in der andern Welt eine trübſelige Rechnung abzulegen haben. Armer Arthur Branthwaite! Unſerm alten Freund, ſeinem Vater zulieb kaufte ich ein Exemplar von ſeinem Büchlein. So klein es war, ſo konnte ichs nicht durchleſen.“ „Wie! War es unter dem Strich?“ ——————— — ———— ——e— 101 „Im Gegentheil, es ging über mein Begriffsvermögen. Alle Poeſie, die heutzutage von der Kritik geprieſen wird, iſt ſo ſchwer zu ver⸗ ſtehen, als wäre ſte eine Hieroglyphe. Ich geſtehe eine Vorliebe für Pope und gemeinen Verſtand. Ich konnte unſerem Zeitalter bis zu Byron Stand halten; nach ihm wurde ich hinausgeworfen. Gleich⸗ wohl erklärte die Kritik, Arthur ſtehe hoch über Byron— mehr poetiſch in der Form— mehr äſthetiſch künſtleriſch— mehr objectiv oder ſubjectiv(ich vergeſſe wahrhaftig was, aber eines von beiden wars, Unſinn und kein Engliſch) in ſeinen Anſichten von den Menſchen und der Natur. Sehr möglich. Ich weiß nur ſo viel, daß ich die Gedichte kaufte, aber ſie nicht leſen konnte: die Kritiker laſen ſie, aber kauften ſie nicht. Alles was Frank Vance durch Malen von Hand⸗ ſchirmen, Fächern und Albumsſchnitzeln erwerben konnte, ſchickte er, glaube ich, dem armen Poeten; aber ich fürchte, es genügte nicht. Arthur muß, vermuthe ich, einen zweiten Band auf ſeine eigene Rech⸗ nung herausgegeben haben. Ich ſah eine Monodie über irgend Etwas von Arthur Branthwaite angezeigt, und ohne Zweifel müſſen Franks Fächer und Handſchirme in der Rechnung des Druckers drauf⸗ gegangen ſeyn. Aber die Monodie erſchien niemals: der Dichter ſtarb, ſeine junge Frau ebenfalls. Frank Vance bleibt Junggeſelle und macht ſich ͤber alles Vornehmthun luſtig— er verabſcheut Poeten— fühlt ſich beleidigt, wenn Ihr ihm ſpäten Nachruhm verſprecht— läßt ſich den beſtmöglichen Preis für ſeine Gemälde bezahlen— und iſt ſtolz darauf, daß man ihn für einen Knicker hält. Hier ſind wir an ſeiner Thüre.“ 105 Vierzehntes Kapitel. Romantiſche Liebe pathologiſch betrachtet von Frank Vance und Alban Morley. Vance ſtand vor ſeiner Staffelei, und Lionel ſchaute über ſeine Schultern. Nie war Darrell freundlicher entgegenkommend als an dieſem Tag gegenüber Frank Vance. Die beiden Männer nahmen einander ſogleich an und ſprachen ſo vertraut miteinander, als ob der ehemalige Advokat und der emporſteigende Maler alte Reiſegefährten auf demſelben Lebensweg geweſen wären. Darrell war wirklich ein ausgezeichneter Kunſtrichter, und ſein Lob mußte um ſo mehr Befrie⸗ digung gewähren, weil es auf dem feinſten Urtheil beruhte. Natür⸗ lich zollte er den weiblichen Köpfen, durch welche der Künſtler ſo be⸗ rühmt geworden war, den gebührenden Tribut der Bewunderung. Lionel nahm ſeinen Vetter auf die Seite und zeigte ihm mit trauriger Miene das Portrait, von welchem all dieſe mannigfachen Ideale inſpirirt worden waren— das Portrait Sophys als Titania. „Und das iſt Lionel,“ ſagte der Künſtler, auf den Umriß Zettels deutend. 4 „„Pfui,“ ſagte Lionel ärgerlich. Dann zu Darrell gewendet: „Dieß iſt die Sophy, die wir nicht auffinden konnten, Sir— iſt es nicht ein liebliches Geſicht?“ „Allerdings,“ verſetzte Darrell.„Aber dieſe namenloſe Feinheit im Ausdruck— dieſe ſchalkhafte und doch zärtliche Eleganz in der ein⸗ fachen beobachtenden Haltung, dieß, Mr. Vance, müſſen Eure eigenen Zugaben zu dem Original ſeyn?“ „Nein, ich verſichere Euch, Sir,“ antwortete Lionel.„Neben dieſer Eleganz und Feinheit lag noch im Blick und Weſen dieſes Kindes eine Zartheit, welche, Vance nicht vollkommen erreichte. Ge⸗ ſtehet es ſelbſt, Frank!“ „Beruhigt Euch, Mr. Darrell,“ ſagte Vance,„in Bezug auf alle Beſorgniſſe, welche Lionels Enthuſtasmus erwecken könnte. Er ſagte Bulwer, was wird er damit machen? v. — man die Romanze begann?“ 24 mir, Titania ſey in Amerika; im Ganzen jedoch würde ich lieber wünſchen, daß er ſie wieder zu ſehen bekäme— fur Liebe auf den erſten Blick gibt es keine beſſere Cur als einen zweiten Anblick des geliebten Gegenſtandes nach langer Abweſenheit.“ Darrell(etwas ernſthaft).—„Ein gewagtes Mittel— es könnte tödten, wenn es nicht curirt.“. Oberſt Morley.—„Ich vermuthe aus Vances ganzem Be⸗ nehmen, daß er die Wirkſamkeit dieſes Mittels an ſeiner eigenen Perſon erprobt hat.“ Lionel.—„Nein, mon colonel— ich bürge für Vance. Er verliebt! nie.“. Het Vance erröthete— pinſelte an der Naſe eines römiſchen Se⸗ nators auf dem berühmten claſſiſchen Gemälde, das er damals für einen Kaufmann in Mancheſter machte, herum, und gab keine Antwort. Darrell ſchaute den Künſtler mit ſcharfem, forſchendem Blick an. Oberſt Morley.—„Dann gereicht es Vance wegen ſeiner intuitiven Wahrnehmung einer philoſophiſchen Wahrheit nur um ſo mehr zur Ehre. Angenommen, mein lieber Lionel, wir ſtoßen an einem mußigen Tag in einer ſchönen Novelle auf eine glühende Ro⸗ manze— angenommen, wir werden zufällig in der intereſſanteſten Lekture von dem Buch weggeriſſen— ſo bleiben wir unter dem Zauber der Illuſion— wir rufen uns die Scenen zurück— wir ſuchen zu errathen, wie die Fortſetzung gelautet haben würde— wir denken, keine Romanze ſey je ſo feſſelnd geweſen— und dieß Alles blos, weil wir ſie nicht zu Ende bringen durften. Nun gut, wenn einige Jahre ſpäter die Romanze uns wieder in die Hände fällt, und wir die Seite aufſchlagen wo wir ſtehen geblieben, dann rufen wir in der Reifheit unſeres nüchternen Urtheils: Abgeſchmacktes Zeug!— Iſt dieß daſſelbe Ding, das ich einſt ſo ſchön gefunden hatte?— Wie doch der Geſchmack ſich verändert!““ Darrell.—„Hängt dieß nicht von dem Alter ab, in welchem 107 Lionel.—„Ich möchte eher glauben, von der wirklichen Tiefe des Intereſſes— von der wahren Schönheit der—“ Vance leinfallend).—„Heldin?— Ganz und gar nicht, Lionel. Ich verliebte mich einmal— ſo unglaublich es Euch ſcheinen mag— im Januar waren es neun Jahre. Ich war damals zu arm um nach der Hand irgend einer jungen Lady ſtreben zu können— deßhalb ſagte ich meine Liebe nicht, ſondern ſchwieg und verſchluckte ſie. Sie ging mit ihrer Mama auf den Continent, um dort ihre Erziehung zu voll⸗ enden. Ich blieb, ein leibhaftiges Bild der Geduld, zuruck. Sie ſtand mir beſtändig vor Augen— das ſchmächtigſte, ſchüchternſte Geſchöpf, juſt achtzehn. Ich hatte nie eine Idee davon, daß ſie älter, weniger ſchlank oder weniger ſchüchtern werden könnte. Nun gut, vier Jahre ſpäter(juſt bevor wir unſern Ausflug nach Surrey machten, Lionel) kehrte ſie nach England zuruck und war noch unverheirathet. Ich ging in eine Geſellſchaft, wo ich wußte daß ich ſie treffen würde— ich ſah ſie und war kurirt.“ „Garſtige Blatternarben oder was?“ fragte der Oberſt lächelnd. Vance.—„Nein; Jedermann ſagte, ſie habe ſich noch unge⸗ mein verſchönert— dieß war das Ungluck— ſie hatte ſich uber meine Phantaſte hinaus verſchönert. Ich war dem einmal feſtgeſetzten Eindruck treu wie Wachs geweſen und als ich eine feine, vollgeformte, franzö⸗ ſirte junge Lady ſah die ſich ganz ungezwungen bewegte, mit Lorgnette und Blumenſtrauß bewaffnet war und ſech nach jeder Richtung geltend zu machen wußte, da verſchwand mein Traum von dem ſchmächtigen erröthenden Mägdlein. Der Oberſt hat vollkommen Recht, Lionel; iſt die Romanze einmal unterbrochen, ſo iſt dies eine quälende Er⸗ innerung, bis ſie uns wieder in den Weg geworfen wird; aber eine vollſtändige Enttäuſchung entſteht, wenn wir ſie von Neuem zu leſen verſuchen, obſchon ich ſchwöre, daß in meinem Fall das Intereſſe tief und die Heldin noch ſchöner geworden war. So verhält es ſich mit Euch und dieſem lieben Geſchöpfchen. Sehet ſie wieder, ſo werdet Ihr 8* mich nicht mehr quälen, daß ich Euch dieſe Titania geben ſoll, wie ſie über Zettels ſanftem Schlummer wacht. Alles ein Sommernachts⸗ traum, Lionel! Titania verſchwindet in den Armen Oberons und würde nicht Titania ſeyn, wenn Ihr ſie zu Mrs. Zettel machen könntet.“ Fünfzehntes Kapitel. Selbſt Oberſt Morley, der Jedermann und Alles kennt, geräth in Verlegen⸗ heit, wenn es an die einfache Frage kommt:„Was wird er damit machen?“ „Vance gefällt mir ſehr gut,“ ſagte Darrell, als er und der Oberſt Arm in Arm weggingen.„Er gehört nicht zu den magern Intelligenzen, die außerhalb ihres Berufes Nichts erübrigt haben. Er hat Humor. Humor iſt das reiche Ueberſtrömen der Kraft.“ „Eure Defſinition iſt ſehr gut,“ ſagte der Oberſt.„Und der Humor bei Vance iſt obſchon phantaſtiſch, nicht ohne Schlauheit. Es lag viel wirkliche Gute in ſeiner augenſcheinlichen Abſicht L'onel durch Spötteleien von ſeinem einfältigen Enthuſiasmus abzubringen, den er“ „Einem hubſchen Kinde widmet, das zu einer herumziehenden Comödiantin herangebildet worden iſt,“ fiel Darrell ein.„Nennt es nicht einfältigen Enthuſtasmus. Ich nenne es ritterliches Mitleid. Wäre es etwas Anderes als Mitleid ſo wäre es nicht Enthuſtasmus, ſondern Immoralität. Aber glaubt Ihr daß Vances Bekenntniß von ſeiner erſten Liebe und ihrer Cur blos eine wunderliche Erfindung war?“ Oberſt Morley.—„Das nicht. Manche ernſte Wahrheit wird in ſcherzendem Ton ausgeſprochen. Ich zweifle nicht daran, daß Vance, wenn man auch der verzeihlichen Uebertreibung eines Ge⸗ ſchichtchenerzählers etwas nachſehen muß, eine Epiſode aus ſeinem eigenen Leben zum Beſten gegeben hat.“ 109 Darrell.—„Glaubt Ihr, daß ein gereifter Mann, der wirklich jemals Liebe gefühlt hat, darüber ſcherzen kann, und zwar bei bloßen Bekannten?“ Oberſt Morley.—„Ja; wenn er ſo vollſtändig kurirt iſt, daß er bei ſich ſelbſt darüber ſcherzt. Und je leichter er davon ſpricht, um ſo ernſter war vielleicht zur Zeit ſein Gefühl. Leichtfertigkeit iſt ſeine Rache an der Leidenſchaft, die ihn zum Narren machte.“ Darrell.—„Ihr ſeyd augenſcheinlich ein erfahrener Philoſoph in der Lehre ſolcher Narrheit. Consultus insapientis sapientiae. Dennoch kann ich kaum glauben, daß Ihr je verliebt geweſen ſeyd.“ „Ja, das war ich,“ ſagte der Oberſt in derbem Ton,„und zwar ſehr oft! Jedermann in meinem Alter iſt es geweſen— nur Ihr allein nicht. Das iſt ſo die gewoͤhnliche Beobachtungsweiſe,“ fuhr der Oberſt mit vieler Herbheit fort.„Keiner glaubt den Andern eines tiefen und romantiſchen Gefühles fähig.“ Darrell.—„Es iſt wahr, ich geſtehe die Oberflächlichkeit meines Urtheils ein und bitte Euch zehntauſendmal um Verzeihung. Ihr glaubt alſo wirklich nach Eurer eigenen Erfahrung, daß in Vances Theorie und Eurer eigenen ſehr glücklichen Erläuterung der⸗ ſelben viel Wahrheit liege? Könnten wir nach vielen Jahren zu der Romanze auf der Seite, wo wir abgebrochen haben, zurückkehren, ſo würden wir—“ Oberſt Morley.—„Uns gar nicht einfallen laſſen weiter zu leſen. Gewiß die Hälfte des eigenthümlichen Zaubers einer gewiſſen Perſon muß der Lokalität und Umſtänden zugeſchrieben werden.“ Darrell.—„Ich verſtehe Euch nicht ganz.“ Oberſt Morley.—„Nun ſo will ich mich, da meine frühere Erläuterung Euch geſiel, durch ein anderes proſaiſcheres Beiſpiel er⸗ klären. In einem Zimmer, an das Ihr gewöhnt ſeyd, befindet ſich ein Möbel oder ein Zierſtück, das dem Platze ſo vortrefflich anſteht, daß Ihr ſagt: das hübſcheſte Ding was ich je geſehen habe! Ihr gehet weg— Ihr kehret zurück— das Möbel oder Zierſtück iſt in ein anderes Zimmer geſchafft worden. Ihr ſehet es dort und Ihr ſagt: So wahr Gott lebt, iſt dieß das Ding, das ich ſo ſehr bewunderte? Das fremde Zimmer paßt nicht dafür— mit ſeinem alten Zugehör und ſeinen alten Umgebungen hat das Ding ſeinen Reiz verloren. So verhält es ſich auch mit den menſchlichen Weſen— wenn man ſie an einem Platze ſieht, ſo würde der Platz ohne ſie Nichts ſeyn— ſieht man ſie an einem andern, ſo würde der Platz ohne ſie weit beſſer er⸗ ſcheinen.“— Darrell(nachſinnend).—„Es gibt Verlegenheiten im Leben, welche den Räthſeln gleichen, um deren Auflöſung ein Kind Euch er⸗ ſucht. Eure Einbildungskraft kann nicht tief genug herabſteigen, um das Rechte zu errathen. Aber wenn mans Euch ſagt, ſo ſeyd Ihr genöthigt zu rufen: Ei, wie artig! Man lernt doch nie aus.“ „Da Ihr bei dieſer Ueberzeugung angelangt ſeyd,“ verſetzte Oberſt Morley, dem der Ernſt ſeines Freundes Spaß machte,„ſo hoffe ich, daß Ihr Euch mit Vances und meiner Erfahrung zufrieden geben werdet, und daß Ihr, wenn Ihr entſchloſſen ſeyd einer der jungen Ladies, deren Vorzüge wir bereits beſprochen haben, einen Antrag zu machen, es nicht für nöthig halten werdet zu erproben, welche Wirkung eine verlängerte Abweſenheit auf Euern Entſchluß hervorbringen dürfte.“ „Nein,“ ſagte Darrell mit plötzlicher Wärme.„Ehe drei Tage vergehen, muß mein Entſchluß gefaßt ſeyn.“ „Bravo!— In Bezug auf diejenige unter den Dreien, um deren Hand Ihr bitten werdet?“ „Oder in Bezug auf die Idee überhaupt wieder zu heirathen. Adieu. Ich will an dieſer Thüre hier anklopfen.“ „Bei Mr. Vyvyan! Ah wahrhaftig, ſteht es ſo? Wahrlich Ihr ſeyd ein ächter Dare-all.“ „Beunruhigt Euch nicht. Ich gehe nachher zu einer Aufführung bei Lady Adela und ich dinire bei Carr Viponts. Meine Wahl iſt noch nicht getroffen und meine Hand noch frei.“ 111 „Seine Hand noch frei!“ murmelte der Oberſt, indem er ſeinen Spaziergang allein fortſetzte.„Ja— aber in drei Tagen— Was wird er damit machen?“ Sechzehntes Kapitel. Guy Darrells Entſchluß. Guy Darrell kehrte vom Diner bei Carr Vipont ſpät nach Hauſe zurück. Auf ſeinem Tiſch lag ein Briefchen von Lady Adelas Vater mit einer herzlichen Einladung, in der nächſten Woche nach ſeinem Landhaus zu kommen. London leerte ſich ſetzt ſchnell. Ein Päckchen V auf dem Tiſch enthielt ein Buch, welches Darrell vor einigen Wochen Miß Vyvyan geliehen hatte, nebſt einem Brieſchen von ihr ſelbſt. V Bei dem Beſuch, den er am Morgen in ihres Vaters Hauſe gemacht, hatte er erfahren, daß Mr. Vyvyan ſich plötzlich entſchloſſen habe, ſie in die Schweiz mitzunehmen, mit der Abſicht, den nächſten Winter in Italien zu verbringen. Das Zimmer war voll von Müßiggängern beiderlei Geſchlechts. Darrell hatte ſich nur kurze Zeit aufgehalten. Der Abſchied war etwas förmlich geweſen— Flora ungewöhnlich ſchweigſam. Er öffnete ihr Briefchen und las die erſten Zeilen gleich⸗ 2 giltig, die folgenden aber mit wechſelnder Farbe und ernſtem Auge. Er legte es ſehr ſachte weg, nahm es wieder auf und las es von Neuem durch. Dann hielt er es an das Licht und es ſank in Aſche 24 von ſeiner Hand herab.„Das unſchuldige Kind,“ murmelte er mit ſanfter väterlicher Zärtlichkeit;„ſie weiß nicht was ſie ſchreibt.“ Er begann mit ſeiner gewöhnlichen Unruhe, wenn er in einſame Gedan⸗ ken verſunken war, im Zimmer auf⸗ und abzuſchreiten— blieb oft ſtehen— ſeufzte oft ſchwer. Endlich klärte ſich ſein Geſicht— ſeine Lippen ſchloßen ſich feſt. Er ließ ſeinen Lieblingsdiener kommen. 18 „Mills,“ ſagte er,„ich werde morgen mit Sonnenaufgang aus der 3 Stadt wegreiten. Stecket in die Satteltaſchen was ich etwa für einen 8 ——y— ———— 4 8—— 4 4 oder zwei Tage brauchen kann. Möglicherweiſe werde ich jedoch auf den Abend wieder da ſein. Ruft mich um fünf Uhr und dann geht in die Ställe. Ich brauche keinen Groom zu meiner Begleitung.“ Am nächſten Morgen, als die Straßen noch verödet, die Häuſer noch ganz ſtill waren, aber die Sonne am Himmel ſtrahlte und die Luft friſch wehte, ritt Guy Darrell von ſeinem Hauſe weg. Er kehrte am ſelben Tage nicht zurück, eben ſo wenig am folgenden; er kam überhaupt nicht wieder. Aber ſpät am Abend des zweiten Tages hielt ſein Pferd, dampfend und augenſcheinlich ſcharf geritten, vor der Halle von Schloß Fawley an, und Darrell warf ſich vom Sattel herab in Fairthorns Arme.„Wieder zurück— wieder zurück— und um nie mehr wegzugehen,“ ſagte er ſich umſchauend;„Spes et Fortuna valete!“ Siebenzehntes Kapitel. Eines Mannes Brief— ungenügend und herausfordend, wie Männerbriefe . immer ſind. Guy Darrell an Oberſt Morley. . Schloß Fawley, 19. Auguſt 18— Ich habe beſchloſſen, mein lieber Alban. Ich brauchte keine drei Tage dazu, obſchon der dritte Tag juſt vorüber ſein mag, bevor Ihr meinen Entſchluß erfahret. Ich werde nie wieder heirathen. Ich gebe dieſen letzten Traum der Neige meiner Jahre auf. Meine Abſicht bei der Rückkehr in die Londoner Welt war, zu verſuchen, ob ich nicht unter den ſchönſten und anziehendſten Weibern, welche die Welt — wenigſtens für ein engliſches Auge— hervorbringt, eines finden könnte, das mir jene einfache Neigung einzuflößen vermöchte, welche allein meine Hoffnung rechtfertigen dürfte, zum Dank dafür die Ach⸗ tung eines Weibes und ein zufriedenes Heimweſen zu finden. Dieſe Abſicht iſt jetzt für immer aufgegeben und mit ihr jeder Gedanke an 113 Wiederaufnahme des Städtelebens. Ich hätte eine politiſche Laufbahn wieder beginnen können, hätte ich zuerſt mir ſelbſt die erforderliche Heiterkeit und Geſundheit des Geiſtes verſchafft, um Pflichten nachzu⸗ kommen, welche die Concentration des Gedankens und Wunſches nöthig machen. Einen ſolchen Geiſteszuſtand kann ich mir nicht ver⸗ ſchaffen. Ich habe darum gerungen; ich ſehe mich getäuſcht. Man ſagt, die Politik ſei eine eiferſüchtige Geliebte— ſie verlange den ganzen Mann. Der Ausſpruch iſt nicht unveränderlich wahr in der Anwendung, die er gewöhnlich erhält— das heißt, ein Politiker kann eine andere Geiſtesbeſchäftigung haben, die ſeine Fähigkeiten eher erweitert als ihre politiſche Nutzbarkeit ſtört. Erfolgreiche Politiker haben mit großen parlamentariſchen Mühen und Triumphen juriſtiſche Beſchäftigungen oder literariſche oder gelehrte Studien verbunden. Aber die Politik erfordert, daß das Herz frei ſei und Frieden habe vor allen abſorbirenden Privatbeängſtigungen— vor dem nagenden Wurm einer Erinnerung oder einer Sorge, welche den Ehrgeiz tödtet und die Thatkraft lähmt. In dieſem Sinn verlangt die Politik den ganzen Mann. Wenn ich jetzt zur Politik zurückkehrte, ſo würde weder ich ihr genügen noch ſie mir. Ich fühle, daß der kurze Zeitraum zwi⸗ ſchen mir und dem Grab der Ruhe bedarf; dieſe Ruhe finde ich hier. Ich habe deßhalb die nöthigen Befehle ertheilt, um meinen pomp⸗ haften Hausſtand zu entlaſſen, und meinen Agenten angewieſen, mein Haus in London für jeden Preis loszuſchlagen. Ich hatte früher nicht im Sinne es zu verkaufen, weil ich der obwohl ſchwachen Hoffnung nicht entſagen wollte, daß ich wieder Kraft zum Handeln gewinnen könnte. Aber ſchon die Anſtrengung um ſolche Kraft zu erringen hat mich gänzlich erſchöpft. 4 Ihr dürft glauben, daß es nicht ohne Seelenqual, weniger in verletztem Stolz als in Reue beſtehend, abgelaufen iſt, wenn ich dem Ziel, welchem mein ganzes früheres Leben ſo entſchloſſen zugekehrt war, entſagte ohne es erreicht zu haben. Das Haus, deſſen neue Gründung ich meinem Vater verſprochen hatte, erſtirbt in Staub in 114 meinem Grabe. Zu meines Vaters Blut kann kein Erbe meines Reichthums ſeinen Stammbaum zurückführen. Doch liegt ein Troſt in dem Gedanken daß Lionel Haughton ein Menſch iſt, welchem mein Vater beifällig zugelächelt haben würde. Bei meinem Tod wird daher wenigſtens der alte Name nicht ſterben: Lionel Haughton wird ihn annehmen und würdig ſein ihn zu führen. Eine ſeltſame Schwäche von mir, werdet Ihr ſagen;: aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß der alte Name gänzlich aus dem Lande verlöſcht werden ſollte. Ich hoſſe, daß Lionel früh eine angemeſſene und glückliche Heirath machen wird. Feſt überzeugt, daß er nicht unedel wählen wird, lege ich ſeiner Wahl keine Feſſeln an. Nur ein einziges Wort über den gehäſſigen Gegenſtand, der ſo ſpät Eurer Freundſchaft anvertraut, ſo dankbar Eurem Gutdünken an⸗ heimgeſtellt worden iſt. Jetzt, da ich mich wieder einmal in Fawley begraben habe, iſt es ſehr unwahrſcheinlich, daß der Mann, den zu nennen mir zuwider iſt, mich hier aufſuchen werde. Wenn er es thut, ſo kann er mich nicht ſo beläſtigen, wie wenn ich in der Londoner Welt wäre. Ich bitte Euch daher, fahret fort ihn ganz allein zu laſſen. Und indem ich Euern eigenen ſchlauen Glauben annehme, daß am Ende ein ſolches Kind, das er in den Hintergrund ſtellt, gar nicht vor⸗ handen ſei, beruhigt ſich mein Gemüth über dieſen ganzen Theil mei⸗ ner Privatkümmerniſſe. 4 Lebt wohl, alter Schulfreund! Hier, wo ich mein Leben begon⸗ nen habe, hier wird es, ſo weit ich vorherſagen kann, wenn's Gott gefällt, auch endigen. Ich kann Euch nicht bitten mich hier zu beſu⸗ chen: was für mich Ruhe iſt, würde für Euch Zeitverluſt ſein. Aber in meinem ſpäten und vergeblichen Verſuch wieder in die Exiſtenz ein⸗ zutreten, in welcher Ihr ruhig und weiſe Alles was das hohe Alter begleiten ſoll, Ehre, Liebe, Gehorſam, Schaaren von Freunden um Euch geſammelt, hat nichts die Anſtrengung ſo belohnt, bleibt mir nichts in ſo angenehmer Erinnerung, als die kurze Erneuerung des behaglichen Verkehrs, welchen Männer wie ich nur mit ſolchen Leuten kennen, deren heiteres Lachen ihnen einen Lufthauch von dem alten Spielplatz zuruckbringt. Vive, vale; ich will nicht hinzufugen: Sis memor mei. Ich ſchulde Eurer Güte ſo viele Verpflichtungen, daß Ihr gezwungen ſein werdet mein zu gedenken, wenn Ihr Euch an die nicht„peinlichen Gegenſtände“ früher Freundſchaft und dauernder Dankbarkeit erinnert. Rufet Euch Aur dieſe ins Gedächtniß zuruck, wenn Ihr denket an Guy Darrell. Achtzehntes Kapitel. Keine kurſirende Münze ſchwankt ſo im Preis wie der Werth eines heiraths⸗ fähigen Mannes. Oberſt Morley war nicht überraſcht(das konnte er, wie wir wiſ⸗ ſen, durch keine neue Erfahrung von menſchlicher Verkehrtheit und Launenhaftigkeit werden), aber ſehr geſtört und ſehr geärgert durch den unerwarteten Inhalt der Darrellſchen Mittheilung. Entwürfe für Darrells Zukunft waren Pläne für ſeine eigene geworden. Mit ſei⸗ nem alten Schulkameraden zu ſprechen, war in den letzten drei Mo⸗ naten eine der Hauptfreuden ſeines Alters geweſen. Darrells plötz⸗ liche und definitive Verzichtleiſtung auf dieſe geſellſchaftliche Welt brachte zu gleicher Zeit eine Lücke in dem Geſchäfte von Albans Geiſt und in den Neigungen von Albans Herz hervor. Und kein entſpre⸗ chender Grund wurde für eine ſo plötzliche Flucht und einen ſo krank⸗ haften Entſchluß angeführt. Eine quälende Erinnerung, eine heftige Bekümmerniß, verſchieden von denjenigen die Alban kannte, von den⸗ jenigen bei denen er um Rath gefragt worden, wurde nur in unbe⸗ ſtimmten und allgemeinen Ausdrücken angedeutet. Aber in was die Erinnerung oder die Bekümmerniß beſtand, das ließ Darrell, wie Alban Morley, der Alles wußte, feſt überzeugt war, ihn niemals wiſſen. Konnte die Sache irgendwie mit den drei jungen Ladies zu⸗ ſammenhängen, denen Darrell ſo verkehrt unparteiiſche Aufmerkſam⸗ keiten gewidmet hatte? Der Oberſt ermangelte nicht zu bemerken, daß Darrells Brief auf dieſe jungen Ladies nicht einmal anſpielte. War es nicht möglich, daß er wirklich für Eine von ihnen ein tieferes Gefühl empfunden hatte, als ein in Jahren ſchon ſo vorgerückter Mann ſelbſt ſeinem beſten Freunde gern geſteht— daß er einen Antrag ge⸗ wagt und eine ablehnende Antlhort erhalten hatte? In dieſem Fall machte ſich Alban Gedanken über die Verbrecherin, welche das Gefühl eingeflößt und den Korb ausgetheilt haben mochte.„Dieſe boshafte Katze, Flora Vyvyan,“ brummte der Oberſt.„Es war mir doch immer, als hätte ſie die Klauen einer Tigerin unter ihrem Sammt⸗ pfötchen.“ Aufgeregt durch dieſe Vermuthung, machte er ſich ſogleich auf den Weg zu Vyvyan. Mr. Vyvyan, ein Wittwer, einer der ſtillen Biedermänner, die viel im Salon ſitzen und gerne Morgenbeſuche an⸗ nehmen, war für ihn zu Hauſe.„Darrell hat alſo für die Saiſon die Stadt verlaſſen,“ ſagte der Oberſt, indem er gerade auf ſein Ziel losging. „Ja,“ antwortete Mr. Vyvyan,„ich habe heute ein Briefchen von ihm erhalten, worin er meldet, er habe aller Hoffnung ent⸗ ſagt—“ „Auf was?“ rief der Oberſt. „In der Schweiz mit uns zuſammenzutreffen; es thut mir un⸗ endlich leid. Flora iſt noch betrübter darüber. Sie iſt gewöhnt ihren eigenen Weg zu gehen, und ſie hat ihr Herz daran geſetzt, daß Darrell ihr im Angeſicht der Jungfrau den Manfred vorleſen würde.“ „Hum,“ ſagte der Oberſt,„was für ſie ein Vergnügen ſeyn mochte, könnte für ihn der Tod ſeyn. Ein Mann von ſeinen Jahren iſt nicht zu alt, um ſich in eine junge Lady von den ihrigen zu ver⸗ lieben. Aber er iſt zu alt, um einer ſolchen jungen Lady nicht äußerſt lächerlich zu erſcheinen, wenn er es thut.“ „Pfui, Oberſt Morley!“ rief eine zornige Stimme hinter ihm. Flora war unbemerkt in das Zimmer getreten. Ihr Geſicht war ſehr 6 aufgeregt, und ihre Augenlider ſahen aus, als hätten ſich in der letzten Zeit Thränen darunter gedrängt, und als drängen noch immer welche heran. „Was habe ich geſagt, um Euern Verweis zu verdienen?“ fragte der Oberſt ruhig. „Was Ihr geſagt habt! Ihr habt den Gedanken an Lächerlich⸗ keit mit Mr. Darrells Namen in Verbindung gebracht.“ „Nimmt Euch in Acht, Morley,“ ſagte Mr. Vyvyan lachend. „Flora iſt entſchieden abergläubiſch in ihrer Verehrung für Guy Darrell, und Ihr könnt ſie nicht ſtärker beleidigen als wenn Ihr zu verſtehen gebt, daß er ſterblich ſey. Nein, Kind, es iſt ſehr natürlich. Ganz abgeſehen von ſeinem Ruf, liegt im vertraulichen Gerede dieſes Mannes oder vielmehr vielleicht ſchon im Ton ſeiner Stimme Etwas, was die meiſte andere Geſellſchaft flach und unſchmackhaft erſcheinen läßt. Ich füuhle es ſelbſt. Und wenn Flora's junge Bewunderer ſie umflattern und um ſie her plappern, juſt nachdem Darrell ſeinen Stuhl neben ihr verlaſſen hat, da erſcheinen ſie ihr als eine ſehr armſelige Geſellſchaft. Ich bin überzeugt, Flora,“ fuhr Vyvyan freundlich fort, „daß ſchon die bloße Bekanntſchaft eines ſolchen Mannes Euch ſehr nützlich geweſen iſt, und ich hoffe jetzt ſehr, daß Ihr, wenn Ihr einmal heirathet, einen vernünftigen Mann wählen werdet.“ „Hum,“ ſagte der Oberſt wieder, indem er Flora von der Seite, aber mit großer Aufmerkſamkeit anſah.„Wie wünſchte ich um meines Freundes willen, daß er in einem Alter wäre, das Miß Vyvyan weniger Verehrung einflößte!“ Flora kehrte dem Oberſten den Rücken, ſchaute zum Fenſter hin⸗ aus und ſtampfte mit ihrem Füßchen ärgerlich auf den Boden. „Es war ausgeſprengt worden, Darrell beabſichtige wieder zu heirathen,“ ſagte Mr. Vyvyan.„Ein Mann von dieſer Art verlangt ein ſehr ausgezeichnetes Weib von der höchſten Erziehung, und wenn Miß Carr Vipont ihm im Alter ein wenig näher ſtände, ſo wuͤrde ſie juſt für ihn gepaßt haben. Aber ich bin Patriot genug zu hoffen, daß er ledig bleiben und, wie Mr. Pitt, kein anderes Weib haben wird als ſein Vaterland.“ Nachdem der Oberſt ſeine Neugierde befriedigt und ſich verge⸗ wiſſert hatte, daß Darrell hier wenigſtens nicht als Bewerber ver⸗ ſchmäht worden ſey, erhob er ſich und trat zu Flora hin, um Frieden zu ſchließen und Abſchied zu nehmen. Als er ſeine Hand ausſtreckte, erſchrak er über die Veränderung auf einem gewöhnlich ſo heitern Ge⸗ ſichte— es verkundete jetzt mehr als Betrübniß, es verrieth wahren Jammer; als ſie ſeine Hand nahm, behielt ſie dieſelbe und ſchaute ihm ernſt in die Augen; offenbar lag ihr Etwas auf dem Herzen, was ſie auszudrucken wünſchte, ohne zu wiſſen wie. Endlich ſagte ſie fluſternd:„Ihr ſeyd Mr. Darrells vertrauteſter Freund; ich habe es aus ſeinem eigenen Mund; werdet Ihr ihn bald ſehen?“ „Ich fürchte nein; aber warum?“ „Warum? Ihr, ſein Freund, bemerkt Ihr nicht, daß er nicht glücklich iſt? Ich, eine bloße Fremde, habe es auf den erſten Blick ge⸗ ſehen. Ihr ſolltet ihn aufheitern und tröſten; Ihr habt dieſes Recht — es iſt ein edles Vorrecht.“ „Meine liebe junge Lady,“ ſagte der Oberſt gerührt,„Ihr habt ein beſſeres Herz als ich gedacht hätte. Es iſt wahr, Darrell iſt nicht glücklich; aber könnt Ihr mir eine Botſchaft geben, die ihn mehr auf⸗ heitern würde, als eines alten Junggeſellen alltägliche Ermahnungen guten Muth zu faſſen, den Regen von geſtern zu vergeſſen und morgen auf Sonnenſchein zu hoffen?“ „Nein,“ ſagte Flora betrübt,„es wäre wahrlich Anmaßung von mir, wenn ich die Rolle einer Tröſterin übernehmen wollte; aber(ihre Lippen zitterten) aber wenn ich nach ſeinem Brief urtheilen ſoll, ſo werde ich ihn nie wieder ſehen.“ „Nach ſeinem Brief! Er hat alſo Euch auch geſchrieben wie Euerm Vater?“ „Ja,“ ſagte Flora verlegen und erröthend,„einige Zeilen in Be⸗ antwortung eines einfältigen Brieſchens von mir: ja ſagt ihm, ich werde ſeine freundlichen Rathſchläge, ſeine zartſinnige, nachſich'ige Beurtheilung nie vergeſſen, kurz, ſagt ihm, mein Vater habe Recht, und ich werde in Folge der wenigen kurzen Wochen, die ich Guy Darrell gekannt habe, fur mein ganzes Leben beſſer und weiſer ſeyn.“ „Was für Geheimniſſe fluſtert Ihr beide da?“ fragte Mr. Vy⸗ vyan von ſeinem Sorgenſeſſel aus. „Fragt ſie das nach zehn Jahren,“ ſagte der Oberſt, indem er auf die Thure zutrat.„Die in der Blüthe ſchönſten Blätter ſind die⸗ jenigen, deren Knoſpe ſich zuletzt erſchließt.“ Von Mr. Vypvyan ging der Oberſt zu Lord—. Seine Lord⸗ ſchaft hatte ebenfalls dieſen Morgen von Darrell ein Schreiben er⸗ halten, worin er die Einladung nach— Hall ablehnte und Geſchäfte in Fawley vorſchützte. Lady Adela hatte die Enttäuſchung mit ihrer gewohnten Heiterkeit ertragen und war ausgegangen, um Einkäufe zu machen. Darrell hatte ſicherlich hier ſeine Hand nicht angeboten; hätte er es gethan, ſo wurden, ob nun die Antwort bejahend oder ver⸗ neinend ausgefallen wäre, alle in London noch zuruckgebliebenen Per⸗ ſonen die Neuigkeit bereits vernommen haben. Von da begab ſich der Oberſt zu Carr Viponts. Lady Selina war zu Hauſe und äußerſt verdrießlich. Carr ſey durch einen aus Fawley datirten Brief von Mr. Darrell in Staunen geſetzt worden— die Stadt für die Saiſon verlaſſen, ohne auch nur einen Abſchiedsbeſuch zu machen— ein höchſt excentriſcher Mann. Sie furchte, ſein Kopf ſey ein wenig angegriffen, er wiſſe es, wolle es aber nicht gerne geſtehen— vielleicht haben die Dok⸗ toren ihm geſagt, er müſſe ſich ruhig verhalten und dürfe ſich nicht durch Politik aufregen.„Ich hatte gedacht,“ ſagte Lady Selina,„er möchte eine ſteigende Zuneigung zu Honoria empfunden haben, und wenn er die Altersverſchiedenheit überlegte und bedachte, daß Honoria gewiß einmal heirathen würde, ſo war er zu ſtolz, um ſich der Gefahr einer abſchlägigen Antwort auszuſetzen. Aber ich will Euch als einem Ver⸗ wandten und theuern Freund im Vertrauen ſagen, daß Honoria einen hoͤchſt ausgezeichneten Geiſt hat und über das bloße Alter weggeſehen 4— —— 8 5— 4 A 1 * haben würde: entſprechende Neigungen— Ihr verſteht. ich Alles bedenke, ſo beginne ich für ſein haſtiges Davonlaufen Hausmeiſter ſey dageweſen und gehoben werden. ſagt hätte; und zwar juſt in einem ſo lang hinausgeſchobene K Doch wenn zu zweifeln, ob dieß der wahre Grund iſt. Mein Mädchen ſagt mir, ſein habe geſagt, ſein Haushalt ſolle auf⸗ Das ſieht aus wie wenn er London füur immer ent⸗ Augenblick wo, wie Carr ſagt, die Kriſis ganz ſicher über uns hereinbrechen wird. Ich habe dieſe ausgezeichneten Männer ſatt— man weiß nie wie man mit ihnen daran iſt; wenn ſie nie⸗ ht unehrlich ſind, ſo ſind ſie excentriſch. Ich habe juſt zu Honoria geſagt, dieſe geſcheiten Männer ſeyen am Ende die langt ſo ſchweigſam? Was ſagt Ihr „Ich erhole mich langſam v Oberſt.„D einmal eine Vorliebe f in ganz London, das eine ſi geworden wäre. Ich ſagte ih es liegt ein Troſt in dem Gedanken, daß er kein Ungeheuer!“ weiligſten Ehegatten. Nun, was macht Euch 2 warum ſprecht Ihr nicht?“ on meiner Erſchütterung„“ ſagte der arrell geht alſo der Kriſis aus dem Wege und hat nicht ur Honoria angedeutet, das einzige Mädchen chere, vernünftige Lebensgefährtin fur ihn m das und er leugnete es nie. Aber Verluſt iſt. Das alte „Nein,“ ſagte Lady Selina, erweicht durch ſo viel Mitgefühl, „ich ſage nicht, daß er kein Verluſt ſey. uns— ich glaube, dung zwiſchen ihm und fluß vereinigt haben. Darrell, und wenn dieſe Kriſis kommt, ſo iſt für das Vipontſche Intereſſe, Wahrhaftig, mein lieber O Einfluß auf dieſen ſehr ſonderbar üben. Man darf in Zeiten der K das Land ſteht auf dem Spie „Ich will mein Beſtes überzeugt, daß eine Verbindung, we Ehrlich geſtanden— unter daß er ein ſehr großer Verluſt iſt. Eine Verbin⸗ Honoria würde den ganzen Vipontſchen Ein Lord Montfort ſetzt das größte Vertrauen i es durchaus nothwendi daß es Jemand findet, der ſprechen kanr l, Vetter Alban.“ thun,“ ſagte der lche Darrells Talente dem Hau Oberſt Morley, Ihr, die Ihr einen ſolche en Mann habt, ſolltet ihn jetzt aus riſis nicht allzu empfindlich ſeyn Oberſt;„ich bin d Vipont und das Haus Vipont den Talenten Darrells ſichern würde, ganz gewiß— aber es lohnt ſich jetzt nicht mehr der Mühe davon zu reden, wir dürfen Honoria ſelbſt auf dem Altar der Intereſſen ihr Vaterlands nicht opfern.“ „Opfern! Unſinn! Der Mann iſt allerdings nicht was für ein großer Mann und wie geſcheidt!“ „Geſcheidt— ja! Aber dieß war ja vor fünf Minuten noch ein Vorwurf in Euern Augen.“ „Ich vergaß die Kriſis. Männer, aber es gibt Tage, „Ich beneide Euch um d Ihr jetzt zu verſtehen gebt, fi an Etwas gemacht haben wa ſich in dieſem Fall grämen.“ „Grämen! Eine Tocht meinen Töchtern vollends Ho ten Geiſt! Grämen! welch ein gemeines Wort!“ Oberſt Morley.—„Es iſt wahr aber laßt uns einander ve es jung, aber Man braucht nicht alle wo man ihrer bedarf.“ ieſen Aphorismus. Aber nach dem was ürchte ich, Honoria möchte ſich Gedanken s nicht ſtattfinden wird, und ſie möͤchte Tags geſcheidte er von mir ſich grämen! und unter allen noria! ein Mädchen vom beſtdisciplinir⸗ ; ich ſchäme mich darüber, rſtehen. Wenn D arrell um Honoria an⸗ hielte, glaubt Ihr dann, den Ehrgeiz bei Seite gelaſſen, daß ſie ihn genügend ſchätzen würde, um ihm den entſchiedenen Vorzug zu v geben?“ i 1 Lady Selina.—„Wenn er daran zweifelt, ſo beruhiget ihn. Ir iſt ſchüchtern; Männer von Genie ſind es; Honoria würde ihn 1 chätzen! Bis er wirklich angehalten hat, würde es ſie blosſtellen, 1 enn ich ſogar zu Euch mehr ſagte.“ 1 Oberſt Morley.—„Und wenn dieß nicht der Zweifel iſt, und un ich verſichere, daß Darrell keine Freiersgedanken hat, ſo würde 1 noria— 1 Lady Selina.—„Ihn verachten. Ah, ich ſehe aus Eurer . ene, daß Ihr meint, ich ſolle ſie vorbereiten. Iſt es ſo, offen ge⸗ 3 den?“ ulwer, was wird er damit machen? v. — 1.4 8 1 7 1 4 3 — ——— ——— — 5——— Oberſt Mo Guy Darrell, wie viele andere er wieder heirathen ſoll, daß er und ihn niemals finden wird.“ Lady Selina riecht an ihrem ſanſteſten, affektirteſten, höflichſten und 122 rley.—„Offen geſtanden, ja. Ich denke, daß Männer, ſich ſo lang beſonnen hat ob den rechten Augenblick verloren hat Fläſchchen und erwiedert in ihrer zermalmendſten Manier: „Armer— lieber— alter Mann!“ Kein Mann darf ganz ungeſtraft Verharren in eigenſinnigem Vergebens Freunde Sorgenſt eſſel, reichen Ergötzung ſeines erſchlafften Alters zu, ſelbſt vernachläßigte alte Jungfern) werden höhnen. Eumeniden demüthigen, ſeine Pläne verei Grauen der Ein zur Gnade der Reue erwecken. Der Oberſt zeigte ſich, Augenblick in den verſchiedenen C dem plötzlichen Verf liche Deutung zu geben. war auf das Land gegangen. aufgegeben, weil das Hau ſollte. Darrell Park Lane oder Grosvenor Treppe ſchlecht für ein Haus von ſolchen Anſprü für große Partien. einer Stellung befinden, w Da Niemand lichen Leben juſt in dem u. ſ. w. ein Portefeuille Neunzehntes Kapitel. Gelüſte aufregen und durch ſyſtematiſches Cölibat die Trübſal ſeiner Umgebung ver⸗ wird er darauf ſinnen ſich in der Ehe beleidigter Fußſchemel und ſe chwatzende Kinderlein zur genuß⸗ verſchaffen. Die rächenden ſeine Anmaßung iteln und die Neige ſeiner Jahre zum ganzen ſamkeit verurtheilen, indem ſie ſeine Seele ſelten auch nur. 4 ehe er nach Hauſe zurückging, einen lubs und ließ ſichs angelegen ſeyn ſchwinden Darrells eine annehmbare und alltäg⸗ 6 Die Saiſon war juſt vorüber. Darrell 4 Seine Einrichtung in der Stadt wurde d s in Carlton Gardens verkauft werden fand die Luft abſpannend— höher. Ueberdieß war die chen— nicht geeignet In der nächſten Saiſon konnte ſich Darrell in o er große Partien zu geben wünſchte u. ſ. w. gerne annimmt, daß ein Mann vom öffent⸗ Augenblick abtrete, wo er alle Ausſichten auf die Clubs die Bemerkungen Alban liebte die Lage nicht— Square lagen hat, ſo nahmen Morleys arglos auf und kamen allgemein dahin überein, daß Darrell großen Takt bewieſen, indem er ſich während des politiſchen Ueber⸗ gangszuſtandes, der einer Kriſis immer vorangehe, aus der Stadt ent⸗ 8 fernt habe, und daß er offenbar darauf rechne nach der Kriſis eine 1 große Nolle zu ſpielen, denn ſonſt würde er nicht gefunden haben, daß.. ſein Haus für ihn zu klein geworden ſey. Nachdem der Oberſt auf ſolche Art für Darrell, im Fall er ſeinen Rücktritt bereuen ſollte(eine r Annahme, welche Alban keineswegs aus ſeiner Berechnung wegließ), den Weg zu leichter Rückkehr in die große Welt gebahnt hatte, ging er nach Hauſe und fand dort ſeinen Neffen George, der auf ihn war⸗ tete. Der gelehrte Geiſtliche hatte ſich in den heitern Salon, der zu einer Bibliothek hergerichtet war, zurückgezogen und ließ ſichs unter den Büchern wohl ſeyn.„Was habt Ihr da, George?“ fragte der Oberſt, nachdem er ihm die Hand geſchüttelt hatte.„Ihr ſchienet 4 ganz in dieſes Buch vertieft zu ſeyn und würdet ohne Gips Gebell neine Anweſenheit nicht bemerkt haben.“ „Einen Band Gedichte, die ich noch nirgends getroffen habe. Loll von wahrem Genie.“ 3 „Gott ſteh mir bei, die Poeſien des armen Arthur Branthwaite! ud Ihr laſet dieſe wirklich— Ihr wurdet nicht durch die Ehrfurcht or ſeinem Vater dazu verleitet? Könnt Ihr Kopf und Schwanz . daan finden?“ 1„Es gibt eine Klaſſe von Poeſie, welche dem mittleren Alter ge⸗ 6 rad wegen der Eigenſchaften mißfällt, um deren willen die Jugend ſie ezaubernd findet; denn jede Generation hat eine Jugend mit ihren eigethümlichen Idioſyncraſten, und eine eigenthümliche Poeſie, worin dieſe Zdioſyncraſien ſich ausſprechen.“ dier begann George metaphyſiſch und ein wenig germaniſch zu werde, als das Geſicht ſeines Onkels einen Ausdruck annahm, der ſich ur mit dem eines Mannes vergleichen läßt, welcher eine ſehr ſchmeriche und lange Operation fürchtet. George war menſchlich gennghn bald zu erlöſen.. 9 8 „Aber ich will Euch jetzt nicht langweilen.“ „Danke Euch,“ ſagte der Oberſt ſich erheiternd. „Vielleicht ſeyd Ihr ſo gut mir das Buch zu leihen. Ich gehe von Zeit zu Zeit zu Lady Montfort und kann es unterwegs leſen.“ „Ja, ich will es Euch bis zur nächſten Saiſon leihen. Dann gebt Ihr mirs zurück, damit ich es auf den Tiſch legen kann, wenn Frank Vance einmal bei mir frühſtückt. Der Dichter war ſein Schwager, und obſchon aus dieſem Grund Poeten und Poeſie für Frank ein ſchmerzlicher Gegenſtand ſind, ſo erſah ich doch aus der Art wie er mir beim Abſchied die Hand ſchüttelte, daß ein Zeichen von Hochachtung für Alles, was von dem armen Arthur Branthwaite übrig iſt, ihm Freude machte. Ihr geht alſo zu Lady Montfort? Fragt ſie, warum ſie mich ſo ſchnöd zurückweiſe.“ „Mein lieber Onkel! Ihr wißt, wie abgeſchloſſen ihr Leben gegenwärtig iſt; aber ſie hat mich beauftragt Euch ihrer unwandel baren Hochachtung zu verſichern, und wenn ſie je wieder ihre Ge⸗ ſundheit und einige Lebensluſt erlangt, ſo zweifle ich nicht daran, d6 ſie Euch um eine Gelegenheit erſuchen wird dieſe Verſicherung pe⸗ ſönlich zu ertheilen.“ DOberſt Morley.—„Können ihre Geſundheit und ihr Gemh ſo lange durch den Kummer über den Verluſt dieſes entfernten e⸗ kannten, welchen das Geſetz ihren Gatten nannte, angegriſſen ſer“ George.—„Sie befindet ſich durchaus nicht wohl und Pe⸗ müthlich in der That ſehr herabgeſtimmt. Und jetzt, Onkel, hoich Euch um eine kleine Gunſt zu erſuchen. Seit Ihr mich Mr. Tell vorſtelltet, hat er mir freundlich zwei oder drei Einladungen zurit⸗ tageſſen zugeſandt, die ich in Folge meiner häufigen Abweſenhus der Stadt nicht annehmen konnte. Ich ſollte ihm einenſuch machen, und da ich mich ſchäme es nicht ſchon früher gethan ben, ſo möchte ich Euch erſuchen mich in ſein Haus zu begleiten. llück⸗ liches Wort von Euch würde mich vor einem Rückfall inſttern ſchützen. Wenn ich mich zu entſchuldigen habe, ſo ſtottere iner.“ —— „Darrell hat die Stadt verlaſſen,“ ſagte der Oberſt verdrießlich; „Ihr habt eine Gelegenheit verſäumt, die nie wieder kommen wird. Der herrlichſte Geſellſchafter; eine ſo männliche und doch ſo ſanfte Intelligenz! Ich werde nie mehr einen ſolchen Freund finden.“ Und zum erſten Mal in dreißig Jahren ſtahl ſich eine Thräne in Alban Morleys Auge. George.—„Wann verließ er die Stadt?“ Oberſt Morley.—„Vor drei Tagen.“ George.—„Vor drei Tagen! Und iſt er wieder nach dem Continent gereist?“ Oberſt Morley.—„Nein, er hat ſich in die Einſiedelei zu⸗ rückgezogen. George, ich habe einen ſolchen Brief von ihm! Ihr wißt, wie viele Jahre er aus der großen Welt abweſend war. Als er in dieſem Jahr wieder erſchien, wurden wir Beide inniger vertraut mit einander, als wir je ſeit unſern Schulzeiten geweſen; denn obſchon wir früher dieſelbe Hauptſtadt bewohn ten, ſo wi doch damals zu ſehr beſchäftigt, um mit einem Müßi gie ich bin einen ſehr ver⸗ trauten Verkehr zu unterhalten. Aber juſt als ich im Begriff ſtand den Reſt meines Lebens mit den glänzenden Fäden des ſeinigen zu verweben, da reißt er das Gewebe entzwei; er verläßt dieſe Londoner Welt wieder; ſagt, er werde nie mehr dahin zurückkehren.“ George.—„Ich hörte aber doch, er habe im Sinn ſeine parla⸗ mentariſche Laufbahn zu erneuern; ja ſogar, er ſtehe im Begriff eine zweite Ehe mit Honoria Vipont einzugehen.“ Oberſt Morley.—„Bloßes Geſchwatze— nicht wahr. Nein, er wird nie wieder heirathen. Vor drei Tagen hielt ich es für gewiß, daß er es wieder thun würde— ich glaubte mit Gewißheit, daß ich für mein Alter einen Winkel in ſeinem Hauſe— den behaglichſten Stuhl in ſeinem Geſellſchaftskreis finden; daß mein tägliches Journal durch die Lobpreiſungen ſeines Namens oder durch die Mittheilung ſeiner Rede ein friſches Intereſſe gewinnen; daß ich ſtolz zu White gehen würde, in der Gewißheit dort von Guy Darrell zu hören, und daß ich meine trockene Lebenskenntniß von miſanthropiſchem Roſt frei erhalten würde, indem ich ihm ſchlaue Lobreden auf ein glückliches junges Weib hielte, das ſeiner ganzen Nachſicht bedürfe— ihr Lob⸗ reden auf den hochgemutheten, feinfühlenden Mann, der zärtliche Ehr⸗ erbietung und ſanfte Beſchwichtigung in Anſpruch nehme;— daß ich ſo Tag für Tag das Haus, in welchem ich mich ſelbſt aufgepflanzt hätte, angenehmer gemacht, und in ſeinen Kindern Knaben zum Hof⸗ meiſtern und Mädchen zum Verwöhnen gefunden haben würde. Seyd nicht eiferſüchtig, George. Euer Weib gefällt mir ganz gut, ich liebe Eure Kleinen, und Ihr werdet Alles bekommen was ich einſt hinter⸗ laſſe. Allein für einen alten Hageſtolz, der ſich gerne bis in die letzte Zeit jung erhalten möchte, gibt es keinen ſo ſonnigen Platz als den Herd eines alten Schulkameraden. Aber mein Kartenhaus iſt über den Haufen geblaſen— ſprecht nicht mehr davon— es iſt ein pein⸗ licher Gegenſtand. Ihr habt bei Eurem letzten Beſuche hier Lionel Haughton angetro ie gef r Euch?“ „In der That ſehr gut.. „Nun denn, ſo beſuchet ihn, da Ihr Darrell nicht beſuchen könnt.“ George(lebhaft).—„Das hatte ich eben im Sinn zu thun— was iſt ſeine Adreſſe?“. . Oberſt Morley.—„Da iſt ſeine Karte— nehmt ſie. Er war geſtern Abend da, um zu fragen, ob ich wiſſe wohin Darrell gegangen ſey, obſchon Niemand im Hauſe und ich ſelbſt nicht vor dieſem Morgen wußte, daß Darrell die Stadt verlaſſen hatte. Ihr werdet Lionel daheim finden, denn ich ließ ihm ſagen, daß ich ihn beſuchen werde. Aber ich bin wahrhaftig jetzt nicht dazu aufgelegt. Sagt ihm von mir, Mr. Darrell werde in dieſer Saiſon nicht nach Carlton Gardens zurückkommen und ſey nach Fawley gegangen. Für den Augenblick braucht Lionel nicht mehr zu wiſſen— Ihr verſtehet? Und jetzt, mein lieber George, adien.“ 4 171 1 —————