— A⁴ Leih othek heutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 ,3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.—. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 peträgt:— 34 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk. Pf. 1 5 Wf. 2 MNt. Pff. „ 1 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung f der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ldefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird oeſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — * —— E. Tytton Bulwer's fämmtliche Romane. 4 Aus dem Engliſchen. Siebenundneunzigſter Theil. ᷓS 4 5 93 1„ r0 Was wird er damit machen? von Pißſſtratus Carton. Erſter Theil. 0Se. — 4 Sinitgar. 3. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1857.. Verlag der Was wird er damit machen? von 54 Piſiſtratus Carton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. 8— 9 Aus dem Engliſchen von Dr. Gottlob Fink. Erſter Theil. 4= Stuttgart. Berlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. — 1857. 4 Erſtes Buch. — Erſtes Kapitel. In welchem die Geſchichte mit einer Beſchreibung der geſellſchaftlichen Manieren, Gewohnheiten und Beluſtigungen des engliſchen Volkes be⸗ ginnt, wie ſie bei einem unvordenklichen Nationalfeſt zu Tage kommen. — Charaktere, die in der Geſchichte zu verzeichnen, einzuführen und gra⸗ phiſch zu portraitiren ſind, mit einem naſologiſchen Beleg.— Originelle 1 Conjecturen über die Idioſynkraſien, welche durch Gewerbe und Berufs⸗ arten erzeugt werden, nebſt andern denkwürdigen Gegenſtänden aufgeführt in kunſtloſem Zwiegeſpräch nach Art des Herodot, Vaters der Geſchichte (Mutter unbekannt). Es war ein Sommermarkt in einem der hübſcheſten Doͤrfer von Surrey. Die Hauptſtraße war mit Buden überdeckt, wo Spiel⸗ waaren, blankes Toͤpfergeſchirr, farbige Bänder und glänzendgelbe Pfefferkuchen prangten. Weiter weg, wo die Straße ſich zu dem geräumigen Raſenplatz des Dorfes erweiterte, erhoben ſich die an⸗ ſpruchsvolleren Gebände, welche die anziehenden Erſcheinungen der Meerfrau, des Norfolker Rieſen, der Lady mit dem Ferkelgeſicht, des fleckigen Knaben und des zweiköpfigen Kalbes beherbergten; während noch höher und auf dem augenfälligſten Punkt eine hohe Bühne den ländlichen Theaterbeſuchern die große melodramatiſche Aufführung d8s hartherzigen Barons und des Räuberkindes verhieß. Muſik, leb⸗ haft wenn auch kunſtlos, erſcholl auf allen Seiten; Trommeln, Quer⸗ 1 . pfeifen, Pfennigpfeifen, Schreipfeifen und eine Haudorgel, geſpielt 2 6 8 von einem ſchwarzbraunen Fremdling, auf deſſen Schulter ein eyniſch aher ſcharf beobachtender Affe ſaß, das Getümmel anſah und deine ne Nüſſe knackte. Es war jetzt Sonnenuntergang, der Augenblick des größten Ge⸗ wühles, eine belebte luſtige Scene. Der Tag war ſchwül geweſen; keine Wolken waren zu ſehen, außer tief am weſtlichen Horizont, wo ſie ſich in langen Streifen von Gold und Purpur, wie das Grenzland zwiſchen Erde und Himmel, lagerten. Die ſchlanken Ulmen auf dem Grasplatz ſtanden ganz ruhig da, mit Ausnahme von einer oder zwei, die fich in der Nähe der großen Bühne befanden, und auf welche junge Taugenichtſe hinaufgeklettert waren, deren lachende Geſichter da und dort aus dem unter ihren unruhigen Bewogungen zitternden Laubwerk hervorſchauten. — Inmitten der Volksmenge, die maſſenweiſe dahinſchlenderte, be⸗ fanden ſich zwei Zuſchauer, Ortsfremde, wie man deutlich aus der Aufmerkſamkeit, die ſie erregten, und aus den derben Späſſen erſah, wozu ihr Anzug und ihre ganze Erſcheinung die ländlichen Witzbolde veranlaßte,— Späſſen, welche ſie luſtig und mit guter Laune hin⸗ nahmen, manchmal aber auch mit einer Lebhaftigkeit erwiederten, die ihnen bereits große Popularität verſchafft hatte. Sie hatten in der That Etwas an ſich, was die Lente einnahm und beſtach. Sie waren jung und die friſche Lebensluſt ſtand ſo deutlich auf ihren Geſichtern zu leſen, daß ſie die größte Sympathie erregten und überall, wohin ſie kamen, alle Geſichter um ſie her ſich erheiterten. Einer der beiden Fremden, die wir auf dieſe Art individualiſirt haben, befand ſich in dem beneidenswerthen Alter von fünfundzwanzig bis ſiebenundzwanzig Jahren, wo Einer mit wahrhaft kläglichen Ver⸗ dauungsorganen behaftet ſeyn muß, wenn er keine Gelegenheit finden kann, ſich das Leben ungemein angenehm zu machen. Aber Ihr könnt es dieſem Gentleman ſogleich anſehen, daß es ſchlecht um die Doktoren ſtände, wenn viele Leute ihm glichen. Seine Wangen waren, obſchon nicht hoch gefärbt, doch geſund und friſch; ſeine hellbraunen Augen 2 ☚ 7 waren lebhaft und ſcharf; ſein Haar, das in loſen Büſcheln unter einer zwilchenen Jagdmütze hervorguvll⸗ die leichtfertig auf einem wohlge⸗ formten Kopfe ſaß, hatte jenes tiefe, ſonnige Kaſ ſtanienbraun, das man ſelten bei andern Perſonen, als bei Leuten von kräftiger und kühner Gemthihsant antrifft. Die ganze Erſcheinung war einnehmend und würde das ſchmeichelhafte Prädicat„hübſch“ verdient haben, wäre nicht die Naſe von der Art geweſen, welche die Franzoſen„eine Naſe in der Luft“ nennen— keine anmaßliche und herausfordernde Naſe, wie ſolche Naſen meiſtens ſind, ſondern eine Naſe, die den entſchiedenen Willen hatte, aus ſich ſelbſt und den Dingen im Allgemeinen das Beſte zu machen, eine Naſe, die ſicherlich ihren Weg im Leben aufzu⸗ ſtöbern wußte, aber auf eine ſo luſtige Art, daß ſelbſt die reizbarſten Finger kein Jucken empfinden konnten, ſich an ihr zu vergreifen. Mit einer ſolchen Naſe konnte ein Mann Violoncell ſpielen, aus Liehe hei⸗ rathen oder ſogar Poeſien ſchreiben, und dennoch nicht auf den Hund kommen. So lange er dieſer Naſe in der Luft folgte, blieb er voraus⸗ ſichtlich niemals im Kothe ſtecken. 1 Mit Hülfe dieſer Naſe trug beſagter Gentleman eine ſchwarze Felbeljacke von ausländiſchem Zuſchnitt, einen Schnurr⸗ und Knebel⸗ bart(damals weit ſeltener in England, als ſie es ſeit der Belagerung von Sebaſtopol geworden ſind), und dennoch hinterließ er bei Euch die Ueberzeugung, daß er ein ehrlicher Engländer ſey, der nicht blos keine Abſichten auf Eure Taſchen habe, ſondern ſich auch bei etwaigen Ab⸗ ſichten auf ſeine eigenen nicht leicht würde drankriegen laſſen. Der Begleiter des ſo ſkizzirten Individuums mochte etwa ſieben⸗ zehn Jahre alt ſeyn, aber ſein Gang, ſeine Miene, ſeine geſchmeidige kräftige Geſtalt zeigten eine Mannhaftigkeit, die gegen die knabenhaft blühende Farbe ſeines Geſichtes abſtach. Er fiel weit mehr in's Auge als ſein älterer Kamerad. Nicht als ob er regelmäßig hübſch geweſen wäre— weit entfernt; dennoch iſt es kein Paradoron, zu ſagen, daß er ſchön war,— wenigſtens gab es in der That nicht viele Frauen, die ihm dieſe Bezeichnung verweigert haben würden. Sein Haar, das 2 4 1 3 8 er wie ſein Freund lang trug, war dunkelbraun und hatte einen gol⸗ denen Schimmer, wenn die Sonne darauf fiel; es lockte ſich natürlich und war ausnehmend weich und ſeiden in ſeinem Gewebe. Seine großen, hellen, dunkelbraunen, glücklichen Augen waren mit langen, rabenſchwarzen Wimpern umfranzt und ſaßen unter Brauen, welche bereits den Ausdruck intelligenter Kraft und, was noch beſſer iſt, ent⸗ ſchiedenen Muthes und offener Biederkeit trugen. Seine Geſichtsfarbe war ſchön und etwas blaß; ſeine Lippen zeigten beim Lachen ausneh⸗ mend weiße und gleichgereihte Zähne. Aber ſo zart geſchnitten ſein Profil war, ſo war es doch fern vom griechiſchen Ideal; auch fehlte ihm der hohe Wuchs, den man gewöhnlich als weſentlich für die per⸗ ſönlichen Anſprüche des männlichen Geſchlechtes betrachtet. Ohne geradezu klein zu ſein, war er doch unter der mittleren Größe, und aus der gedrungenen Entwicklung ſeiner Formen konnte man ſchließen, daß er bereits vollkommen ausgewachſen war. Sein Anzug war, obſchon nicht ausländiſch, wie der ſeines Kameraden, doch eigenthüm⸗ lich;— ein breitrandiger Strohhut mit einem großen blauen Band; Hemdkragen hinabgeſchlagen, ſo daß der Hals offen ſtand; eine dunkel⸗ grüne Jacke aus dünnerem Zeug als Tuch; weiße Pumphoſen und ditto Weſte vollendeten ſein Koſtüm. Er ſah aus wie einer Mutter Lieblingskind— vielleicht war er eines. Krack fuhr über ſeinen Rücken eine jener ſeunteſchen mechaniſchen Erfindungen, die auf Märkten ſehr im Schwung ſind und dem Opfer, welchem ſie applicirt werden, die angenehme Ueberzeugung beibringen ſollen, daß ſein Kleid entzweigeriſſen ſey. Der Knabe wandte ſich ſo raſch um, daß er den Sünder oder vielmehr die Sünderin, ein hübſches Dorfmädchen, höchſtens ein paar Jahre jünger als er ſelbſt, beim Arm erwiſchte.„Auf der That er⸗ tappt, verurtheilt und abgeſtraft!“ rief er, indem er einen Kuß raubte und dafir einen ſanften Klaps erhielt.„Und nun Gutes für Däſsg, hier ſind Bänder, wähle Dir eines.“ Das Mödchen wich ſcheu zurück, aber ihre Begleiterinnen ſießen — ——;— ſe ha 9 ſie vorwaͤrts, und ſie waͤhlte zuletzt ein kirſchfarbiges Band, das der Knabe ſorglos bezahlte, während ſein älterer und weiſerer Freund ihn mit ernſtem, mitleidigem Vorwurf anſtaunte und ihm zubrummte: „Dr. Franklin ſagt uns, daß er einmal in ſeinem Leben eine Pfeife zu theuer bezahlt habe; aber damals war er erſt ſieben Jahre alt, und eine Pfeife iſt zu allerlei Dingen nütze. Aber für einen Rückenkratzer einen ſolchen Preis zu bezahlen!— Verſchwender! Kommt jetzt!“ Waͤhrend die Freunde dahinſchlenderten, zogen natürlich alle junge Mädchen, die Bänder wünſchten und Rückenkratzer beſaßen, hinter ihnen her. Krack tönten ihre Inſtrumente, aber vergebens. „Ihr Mädchen,“ ſagte endlich der Aeltere, indem er ſcharf ſeine Naſe in der Luft gegen ſie kehrte,„Bänder ſind viele vorhanden, Schillinge wenig; und Küſſe 3 ind, obſchon angenehm unter vier Augen, doch etwas Abgeſchmacktes vor dem Publikum. Was! noch immer— nehmt Euch in Acht, wißt, daß wir, ſo unſchuldig wir ausſehen, den⸗ noch MWeiberfesßfe ſind, und wenn Ihr uns noch weiter nachzieht, ſo werdet Ihr Alle zuſammen gefreſſen.“ So ſprechend ſperrte er ſeine nenſaten ſo übernatürlich weit auf und zeigte eine ſo furchtbare Reihe von Zähnen, daß die Maͤdchen beſtürzt zurückwichen. Die Freunde bogen in einen ſchmalen Gang zwiſchen den Buden ein, und obwohl noch immer von einigen kecken und gewinnſüchtigen Kobolden verſolgt, waren ſie doch vergleichungsweiſe ungeſtört, als ſie endlich hinter die Buden kamen und zuletzt auf dem Raſenplatz vor der großen Bühne anlangten. „Oho, Lionel,“ ſagte der ältere Freund;„theſpiſch und klaſſiſch— henswerth ohne Zweifel.“ Sodann wandte er ſich gegen einen ernſt⸗ ften Schuhflicker in lederner Schürze, der mit wehmüthigem Inter⸗ eſſe die vor dem Vorhang aufgeſtellten dramatis pericnas anſah, und ſagte:„Das Ding ſcheint Euch anzuziehen, Sir; Ihr habt vermuth⸗ lich bereits der Vorſtellung angewohnt?“ „Ja,“ antwortete der Schuhflicker,„dies iſt der dritte Tag, und morgen iſt der letzte. Ich habe noch kein einziges Mal gefehlt 10 und werde auch nie ſehlen⸗ aber es iſt Kict mehr, was es früher war.“ „Das iſt traurig, ren nd; aber ſo ppricht s Jeder, der Euer ehr⸗ würdiges Alter erreicht hat, von ellen Dingen. Sommer und Sonne, dumme alte Badorte und hübſche junge Weiber ſind nicht mehr, was ſie früher waren. Wenn Menſchen und Dinge in dieſem Verhältniß fortfahren, aus der Art zu ſchlagen, ſo werden unſere Enkel trübſelige Zeiten haben.“ Der Schuhflicker ſah den jungen Mann an und nickte beifällig. Er beſaß Verſtand genug, um die ironiſche Philoſophie der Antwort zu begreifen, und unſer Schuhflicker liebte eine Unterhaltung, die über das Alltägliche hinausging.„Ihr ſprecht wahr und verſtändig, Sir. Aber wenn alte Leute immer ſagen, daß die Dinge ſchlechter ſeyen, als ſie waren, iſt dann nicht etwas Wahres an Dem, was immer ge⸗ ſagt wird? Ich bin für die alten Zeiten; mein Nachbar Ioe Spruce iſt für die neuen und ſagt, wir ſeyen alle im Fortſchreiten begriffen. Aber er iſt ein Rother— ich bin ein Blauer.“ „Ihr ſeyd ein Blauer!“ ſagte der Knabe Lionel,„ich verſtehe das nicht.“ „Junger Mann, ich bin ein Tory, das iſt blau; und Spruce iſt ein Radikaler, das iſt roth. Und was noch mehr beſagen will, er iſt Schneider und ich bin Schuhflicker.“ „Aha,“ ſagte der Aeltere mit großem Intereſſe;„das will noch mehr beſagen? wie ſo?“ Der Schuhflicker ſteckte den Zeigefinger der rechten Hand auf den Zeigefinger der linken; das iſt die Gebärde eines Mannes, der im Begriff ſteht, einen Beweis zu führen, wie Quintilian in ſeinen Be⸗ trachtungen über die Rhetorik der Finger wahrſcheinlich bemerkt; oder wenn er es nicht bemerkt hat, ſo iſt dieß ein Mangel in ſeiner Ab- handlung. „Ihr ſeht, Sir,“ ſagte der Schuhſticker,„daß das Geſchäft eines Mannes auf ſeine Denkungsweiſe ſehr einwirken muß. Meines Er⸗ 11 achtens hat jedes Gewerbe Ideen, die ihm allein angehören. Metzger ſehen das Leben nicht an wie Bäcker, und wenn Ihr zu einem Dutzend Seifenſieder ſprecht und hernach zu einem Dutzend Grobſchmiede, ſo werdet Ihr ſehen, daß die Seifenſieder beſondere Burſche ſind und die Grobſchmiede auch.“ „Ihr ſeyd ein ſcharfer Beobachter,“ verſetzte der Mann mit der Zwilchmütze bewunderungsvoll;„Eure Bemerku ug iſt für mich neu; ich möchte behaupten, daß ſie wahr ſey.“ „Natürlich iſt ſie es; und die Sterne haben Etwas damit zu ſchaffen, denn wenn ſie den Beruf eines Mannes befehlen, ſo verſteht es ſich, daß ſte auch dem Geiſt eines Mannes befehlen, ſich dafür fähig u machen. Nun ſitzt ein Schneider mit Andern auf ſeinem Tiſch und s iſt immer ein Geplauder unter ihnen, und ſie leſen einander die Zeitungen vor; deßhalb denkt er, wie ſeine Kameraden, kurz und gut, wie ees die Zeit mit ſich bringt, aber nicht originell, ſondern gleich mit den Seinigen. Aber,“ fuhr der Mann des Leders mit majeſtätiſcher Miene fort,„der Schuhflicker ſitzt allein da und ſpricht mit ſich ſelbſt; und was er denkt, das geht in ſeinen Kopf, ohne durch die Zunge eines andern Mannes hineingeſetzt zu werden.“ „Ihr kläret mich immer mehr auf,“ ſagte unſer Freund mit der Naſe in der Luft, indem er ſich reſpektvoll verbeugte;„ein Schneider lebt heerdenweiſe, ein Schuhflicker einſam. Diejenigen, die in Heerden leben, gehen mit der Zukunft, die Einſamen bleiben bei der Vergan⸗ genheit ſtehen. Ich begreife, warum Ihr ein Tory ſeyd, und vielleicht auch ein Poet.“ „Wohl ein Stück davon,“ ſagte der Schuhflicker, wehmüthig laͤ⸗ chelnd.„Und es gibt manchen Schuhflicker, der ein Poet iſt oder wunderbare Dinge in einem Kryſtall entdeckt, während ein Schneider, Sir(mit großer Verachtung geſprochen), blos das Oberleder der Weltſohle in einer Zeitung ſieht.“ Hier wurde das Geſpräch durch einen plötzlichen Zudrang der Menge gegen das Theater unterbrochen; die zwei jungen Freunde α ——— — —— 12 ſchauten auf und ſahen, daß der nene Gegenſtand der Anziehung ein kleines Mäͤdchen war, das kaum zehn Jahre alt zu ſeyn ſchien, obſchon es in Wahrheit ſchon zwei Jahre älter war. Sie war ſo eben hinter dem Vorhang aufgetaucht, machte der Menge ihren Knirx und ſchritt jetzt mit der zierlichſten Ernſthaftigkeit, die ſich ein Kind geben kann, auf dem Vorplatz der Bühne auf und ab.„Armes kleines Ding!“ ſagte Lionel.„Armes kleines Ding!“ ſagte der Schuhflicker. Und wäret Ihr da geweſen, mein Leſer, ſo wette ich zehn gegen Eins, daß Ihr daſſelbe geſagt hättet. Und dennoch prangte ſie in weißem Atlas, mit beflitterten Troddeln und Rauſchgold an ihrer Jacke; und ſie trug einen Blumenkranz(ſicherlich waren die Blumen nicht ächt) auf ihren langen ſchönen Locken, wie auch glänzende Spangen(ſicherlich waren die Steine falſch) an ihren zarten Armen. Gleichwohl war Etwas an ihr, was durch all dieſen Trödelkram nicht vergemeinert werden konnte, und da derſelbe ſie nicht gemein zu machen vermochte, ſo bemitleidetet Ihr ſie darum. Sie hatte eines jener allerliebſten Geſichter, welche uns Allen, Jung und Alt, in's Herz hineinſehen. Obwohl es ihr ganz und gar nicht an Würdebewußtſein zu fehlen ſchien, ſo lag doch in ihrem Benehmen keine Frechheit, ſondern die Ungezwungenheit einer kleinen Lady neben der einfachen Unbewußtheit eines Kindes, daß in ſeiner Stellung Etwas lag, was Euch zu dem Seußzer veran⸗ laſſen konnte: Armes Ding! „Ihr ſolltet ſie ſpielen ſehen, meine jungen Herrn,“ ſagte der Schuhflicker;„ſie ſpielt ganz außerordentlich. Aber wenn Ihr d geſehen hättet, der ſie unterrichtet hat— wenn Ihr ihn noch vor einem Jahr geſehen hättet!“ „Wer iſt es?“ „Waife, Sir; vielleicht habt Ihr von Waife ſprechen gehört?“ „Ich muß zu meiner Schande geſtehen, nein.“ „Ei, wie? er hätte im Commongarden ſein Glück machen koͤnnen, aber das iſt eine lange Geſchichte. Armer Kerl! Er iſt jetzt ganz zuſammengebrochen! Aber ſie ſorgt fuͤr ihn, das liebe Herzchen— 13 Gott ſegne Dich!“ und der Schuhſiicker tauſchte hier ein Lächeln und einen Wink mit dem kleinen Maͤdchen aus, deſſen Geſicht ſich erheiterte, als ſie ihn unter der Menge erblickte. „Bei Raphaels Pinſel und Palette,“ rief der ältere der jungen Manner,„ehe ich viele Stunden älter werde, muß ich den Kopf dieſes Kindes haben.“ „Ihren Kopf, Mann!“ rief der Schuhficcker entſetzt. „In mein Skizzenbuch. Ihr ſeyd ein Dichter, ich ein Maler. Ihr kennt das kleine Mädchen?“ „Ob ich ſie kenne! Sie und ihr Großvater wohnen bei mir,— ihr Großvater iſt ebeu dieſer Waife, ein merkwürdiger Mann! Aber die Leute behandeln ihn ſchlecht, und wenn ſie nicht waͤre, ſo müßte er verhungern. Er hat ſie früher Alle zuſammen ernährt; jetzt kann er ſie nicht mehr ernähren,— und nun ſoll er hungern. So iſt die Welt; ſie nützen ein Genie ab, und wenn es auf der Straße zuſammenbricht, — marſch vorwärts; das iſt es, was Joe Spruce ein Fortſchreiten nennt. Aber da kommt die Trommel! das Spiel wird jetzt gleich be⸗ ginnen; wollt Ihr hineintreten und zuſchauen, Ihr Herrn?“ „Natürlich,“ rief Lionel,„natürlich. Und hört Ihr, Vance, wir wollen es herausrathen, wer von uns den Kopf des kleinen Mädchens zuerſt nehmen darf.“ „Armer Thor!“ ſagte Vance mit einem Lächeln, das Correggio angeſtanden haben würde, wenn ein Neuling ihm den Antrag gemacht hätte, herauszurathen, wer zuerſt einen Cherub malen ſolle. Zweites Kapitel. Der Geſchichtſchreiber wirft einen Blick auf die politiſche Bühne in ihrer Vertretung durch das unregelmäßige Drama, da das regelmäßige(ſchon vor der Zeit der Ereigniſſe, auf welche dieſe Erzählung ſich beſchränkt) von den Spuren der Schöpfung verſchwunden iſt. Sie traten in das kleine Theater, und der Schuhflicker mit ihnen; aber der letztere zog ſich beſcheiden auf die Dreipfennigbank zurück. Die jungen Gentlemen erhielten Sperrſitze zu je einem Schilling. „Sehr theuer,“ murmelte Vance, indem er ſorgfältig die Taſche zu⸗ knöpfte, in welche er eine nach der Art von Panzerhemden aus Stahl⸗ ringen gewobene Börſe zurücklegte. Ah, Messieurs und confrères, dramatiſche Autoren, ſchmeichelt Euch nicht, daß wir Euch jetzt zu einem ſelbſtgefälligen Triumph über das große Melodrama„der hartherzige Baron und des Räubers Kind“ verhelfen werden. Wir geben zu, es war, vom äſthetiſchen Geſichts⸗ punkt aus betrachtet, ein abſcheulicher Schund, aber vom theatraliſchen Geſichtspunkt aus hatte es eine gewaltige Wirkſamkeit. Niemand gähnte; Ihr hörtet nicht einmal ein Huſten, noch das Geſchrei des⸗ allgegenwärtigen Säuglings, der ſicherlich immer im intereſſanteſten Theil eines klaſſiſchen fünfaktigen Stückes, das zum erſtenmal auf den d ein nicht zu beſchwichtigendes Geheul aufſchlägt. Hier ſtürzte die Geſchichte per fas aut nefas hervor, und die Zuhörerſchaft ließ ſich von ihr hinreißen. Gewiß muß irgend ein Bühnenverſtändiger die Handlungen zuſammengeſtellt und es jedem unliterariſchen Gaukler überlaſſen haben, die Worte zu finden— Worte, meine theuren con- frores, bedeuten ſo wenig in einem Stück voll Handlung.— Die Be⸗ wegung iſt die Hauptſache. Großes Geheimniß! Analyfiret es, bringt es in Anwendung, und gebt den dankbaren Sternen die ver⸗ lorene Plejade, das British Acting Drama, zurück. — 7 8* 1⁵ Natürlich war der Räuber ein mißhandelter und höchſt achtungs⸗ werther Mann. Er beſaß geheimnißvolle Rechte auf die Beſitzungen und die Burg des hartherzigen Barons. Dieſer betitelte Uſurpator bot daher Alles auf, was in ſeiner Macht ſtand, um den Räuber in ſeinen Höhlen aufzuſpüren und zu einem blutigen Ende zu bringen. Hier concentrirte ſich das Intereſſe in dem Kind des Räubers, welches, wie wir kaum zu ſagen brauchen, das kleine Mädchen mit dem Kranz und dem Flitterkram war, im Komödienzettel als Miß Juliet Araminta Waife aufgeführt, und die Zwiſchenhandlungen beſtanden in ihren verſchiedenen Kunſtgriffen, um die Verfolgungen des Barons zu vereiteln und ihren Vater zu retten. Einige dieſer Zwiſchenhand⸗ lungen waren der komiſchen Muſe zu verdanken, und erhielten die Zu⸗ hörerſchaft in einem ſchallenden Gelächter. Hier war der ſchalkhafte Muthwillen der Kleinen köſtlich. Mit welcher Lebhaftigkeit ſie den Oberſheriff nasführte, der von ſeinem König Befehl hatte, den Räuber lebendig oder todt zu ergreifen, und ihm weißzumachen wußte, daß des Barons eigener Advokat der Verbrecher ſey, der ſich nur verkleidet habe; welche Perlenzähne ſie zeigte, als der Advokat feſtgenommen und geknebelt wurde; wie gewandt ſie den ſchwachen Punkt im Charak⸗ ter des Lieutenants(jeune premier) ermittelte, der von ſeinem könig⸗ lichen Herrn ausgeſandt war, um dem hartherzigen Baron bei ſeiner Hetzjagd auf den Räuber beizuſtehen; wie ſchlau ſie in Erfahrung brachte, daß er in die Mündel des Barous(jeune amoureuse), welche dieſer unwürdige Edelmann wegen ihres Vermögens zwingen wollte, ihn ſelbſt zu heirathen, verliebt war; wie hübſch ſie Br ieſchen hin un her vermittelte, ohne daß der Lieutenant eine Ahnung davon hatte, daß ſie das Kind des Räubers war, und wie ſie zuletzt den Soldaten des Königs auf ihre Seite brachte, wie der Verlauf zeigte! Und o zwfs luſtig, und mit welcher mimiſchen Kunſt ſie in das Schloß des Barons ſchlich, ſich als Hexe verkleidete, ſein Gewiſſen dnß Offen⸗ barungen und Weiſſagungen aufſcheuchte, alle Vaſallen m t blauen Lichtern und chemiſchem Blendwerk in Angſt jagte, dann ſih ſog 1 —— —— — — 16 das Schlafgemach des Uſurpators, wo der Tyrann ſich ruhelos auf dem Lager wälzte, uͤber welchem ſein ſurchtbares Schwert hing, hin⸗ einwagte und aus ſeinem Koffer die Urkunden entwendete, welche die beſſeren Rechte des verfolgten Räubers bewieſen! Dann als er er⸗ wachte, bevor ſie mit ihrem Schatz entrinnen konnte, und als er ſie mit ſeinem Schwert verfolgte, mit welcher Munterkeit ſie ſich ſcheinbar mitten in Feuer verſetzte, und in einer Exploſion von Schwärmern und Raketen zum Fenſter hinausſprang! Und als das Drama ſich ſeiner Entwicklung näherte, als die Leute des Barons und die koͤnig⸗ lichen Juſtizbeamten trotz aller Kunſtgriffe der Kleinen den Räuber in der Hohle aufſpürten, wo er nach verſchiedenen Rückzügen, durch Schüſſe verwundet und durch einen Fall in einen Abgrund zerquetſcht, verborgen lag,— mit welcher bewundernswuͤrdigen Rührigkeit ſie da um den Platz herumhüpfte, mit welchem Pathos ſie die Verfolger wegzulocken ſuchte,— es war die Feldlerche, die um ihr Neſt herum ſchwirrt. Und als Alles vergebens war, als die Feinde ſich nicht laͤnger täuſchen ließen, ſondern ſie ſelbſt ergreiſen wollten, wie ſpöttiſch ſie ihnen entſchlüpfte, auf den Felſen ſprang und verachtungsvoll ihre dünnen Finger gegen ſie ſchüttelte! Gewiß ſie wird dieſen achtungs⸗ werthen Räuber noch retten. Bis jetzt war der Räuber, obſchon der nominelle Held des Stücks, obſchon Ihr beſtändig von ihm, von ſeinen Verbrechen, ſeinen Tugenden, ſeinen mit knapper Noth gelungenen Fluch⸗ ten hörtet, noch nicht erblickt worden. Selbſt Mrs. Harris iſt in der un⸗ ſterblichen Erzählung nicht öfter citirt worden und nicht mythiſcher. Aber in der letzten Scene, da zeigte ſich der Räuber, in ſeiner Höhle, hülflos, mit ſeinen Quetſchungen und Wunden, auf einem Felſen liegend. Die Feinde, Baron, Oberſheriff und Alle ſtürzten herein, um ihn zu greifen. Der Räuber ſprach kein Wort, aber ſeine Haltung war erhaben,— ſelbſt Vance rief: Bravo! und juſt als er ergriffen wird, als er be⸗ reits den Strick um ſeinen Hals hat und eben gehängt werden ſoll, da ſpringt von der Höhe ſein Kind herab, die dem Baron entwendeten Urkunden in der Hand haltend, und an ihrer Seite der Lientenant, 2 — 17 welcher die Begnadigung des Räubers nebſt gebührender Wiederein⸗ ſetzung in ſeine Ehren und Beſitzungen verkündet, und dem verblüfften Sheriff die erhabene Perſon des hartherzigen Barons in Verwahrung übergibt. Dann die rührende Scene, wie Vater und Kind einander in den Armen liegen; und nun brach ſich ein Ruf, der ſchon lange Vielen von der Zuhörerſchaft auf den Lippen geſchwebt hatte, gewaltſam Luft, der Ruf:„Waife! Waife!“ Ja, der Raͤuber, der erſt in der letzten Scene erſchien und auch da nicht ein einziges Wort ſprach, war der ehemals große Schauſpieler dieſer wandernden thespiſchen Bühne, auf mancher Meſſe wohlbekannt durch ſeinen ſprudelnden Humor, ſeine Stegreiſwitze, ſein ſchalkhaftes Auge, ſeine unverwüſtliche ſpaßhafte Laune und das merkwürdige Pathos oder die Würde, womit er plötz⸗ lich in eine Hanswurſtrolle Ernſt legen, das ſchallende Gelächter zu bangem Schweigen bringen und Thränen hervorlocken konnte; er, von dem der Schuhflicker mit Recht geſagt hatte, daß er in Coventgarden Glück gemacht hätte. Hier waren nur die Reſte des alten volksthüm⸗ lichen Mimen!— Sein ſonſt ſo beredtes Spiel war zu einem ſtummen Schautragen herabgeſunken. Er hatte in dieſer Darſtellung meiſter⸗ hafte Züge von Natur und Kunſt entwickelt, Züge, welche Alle, die ihn in früheren Jahren auf dieſer Bühne gehört und geſehen, gleich⸗ zeitig fühlten. Er kam herein, um ſeinen perſönlichen Antheil an dramatiſchen Thraͤnen in Empfang zu nehmen.„Waife, Waife!“ rief manche Dorfſtimme, als das kleine Mädchen ihn an die Front der Bühne führte. Er hinkte; um ſeine Augen trug er eine Binde. Durch die Beſchreibung des Unfalls, der dem Räuber zugeſtoßen war, idealiſirte das Stück die wirklichen Gebreſte des Mannes, Gebreſte, die über ihn gekommen waren, ſeit er ſich zum letzten Mal in dem Dorf gezeigt hatte. Er war an einem Auge blind; er war krüppel⸗ haft geworden; irgend eine Krankheit des Kehlkopfs oder der Luft⸗ röhre hatte offenbar den einſt ſo froͤhlichen Klang der alten ange⸗ nehmen Stimme zerſtoͤrt. Er getraute ſich ſelbſt auf dieſer Bühne nicht zu ſprechen, ſondern neigte ſchweigend ſein Haupt gegen das Bulwer, was wird er damit machen? 2 — —— ———— — —-——— 18 ländliche Publikum, und Vance, der ein gewöhnlicher Theaterbeſucher war, ſah aus dieſem einfachen Gruß, daß er einen wirklichen Künſtler vor ſich hatte. Alles war vorüber, die Zuhörerſchaft ſtrömte gerührt hinaus, und Jeder ſprach mit dem Andern. Es war ganz und gar nicht geweſen, wie bei gewöhnlichen theatraliſchen Vorſtellungen auf einem Dorfmarkt. Vance und Lionel ſchauten einander überraſcht an, dann ſchritten ſie in einer gemeinſchaftlichen Regung gegen die Bühne zu, ſtießen den Vorhang, welcher gefallen war, bei Seite, und befanden ſich in dieſer wunderlichen Welt, die ſo viele Wiederholungen hat, Fragmente eines einzigen zerbrochenen Spiegels; ſei es nun im ſtolzeſten Theater oder in der niedrigſten Scheune, ja ſei es im Palaſte der Könige, im Kabinet der Staatsmänner, oder in der Heimath häuslichen Lebens;— es iſt die Welt, welche wir„hinter der Scene“ nennen. Drittes Kapitel. Schlagende Belege für geſetzloſe Tyrannei und kindliche Habſucht, darge⸗ than an den ſocialen Verhältniſſen Großbritanniens.— Abergläubiſche Meinungen der dunkeln Zeitalter, die in der gewerbtreidenden Genoſſen⸗ ſchaft noch immer in Kraft ſtehen und für gewiſſe amerikaniſche Journa⸗ liſten werthvolle Winke liefern, wie auch ſehr geeignet ſind, demüthigende Betrachtungen über die Nationaleitelkeit einzuflößen. Der hartherzige Baron, der Niemand anders als der Direktor und Eigenthümer des Theaters war, ſtand mit einem Porterkrug in der Hand an einer Couliſſe. Im Hintergrund war der Lieutenant zu ſehen, der auf der Spitze ſeines loyalen Schwertes ein Stück Käſe röſtete. Der Räuber war in eine Ecke gekrochen, und das kleine Mäd⸗ chen klammerte ſich zärtlich an ihn an, während ſeine Hand ihr ſchönes Haar ſtreichelte. Vance ſchaute ſich rings um und trat zu dem Räuber:„Sir, erlaubt mir, Euch mein Compliment zu machen; Eure Verbeugung war bewundernswürdig. Ich habe John Kemble 19 nie geſehen, denn er war vor meiner Zeit; aber ich werde mir ein⸗ bilden, ihn jetzt geſehen zu haben, und zwar am Abend ſeines Rück⸗ tritts von der Bühne. Was Eure Enkelin, Miß Juliet Araminta betrifft, ſo iſt ſie ein vollkommener Chryſolith.“ Ehe Mr. Waife antworten konnte, kam der hartherzige Baron in einer Laune, die ſeinem feindſeligen und willkürlichen Charakter Ehre machte, herbei.„Was habt Ihr hier zu ſchaffen, Sir? Ich erlaube Niemanden, hinter die Couliſſen zu kommen und meinen Leuten Flöhe in die Ohren zu ſetzen.“ „Ich bitte reſpektvoll um Verzeihung! ich bin ein Künſtler— ein Zögling der königlichen Akademie; ich möchte gern eine Skizze von Miß Juliet Araminta machen.“ „Was Skizze! Unſinn!“ „Sir,“ ſagte Lionel mit dem anmuthigen Uebereifer früher Jugend,„ich bin überzeugt, mein Freund würde etwas Hübſches für die Sitzung beshler 4 „Ah,“ verſetzte der Direktor beſänftigt,“„Ihr ſprecht wie ein Gentleman, Sir; rler, Sir, Miß Juliet Araminta ſteht unter meinem Schutz— ſie iſt in Wahrheit mein Eigenthum. Kommt morgen, um weiter über die Sache zu ſprechen, bevor die erſte Vorſtellung beginnt, die um zwölf Uhr ſtattfindet. Wird mich freuen, einige Eurer Freunde auf den Sperrſitzen zu ſehen; beſchäftigt jetzt und— und— kurz— entſchuldigt mich— Diener, Sir.— Diener, Sir.“ Des Barons Manier ſchnitt jede weitere Unterhandlung ab. Vance machte eine Verbeugung und zog ſich lächelnd zurück. Aber mittlerweile hatte ſein junger Freund die Gelegenheit ergriffen, ſo⸗ wohl mit Waife als mit ſeiner Enkelin zu ſprechen; als Vance endlich ſeinen Arm nahm und ihn wegzog, da lag ein verlegener, nachdenk⸗ licher Ausdruck in Lionels Geſicht, und er blieb ſtill, bis ſie ſich durch das Gedränge der Gaffer, die noch immer vor der Bühne herum⸗ Inngerten, hindurchgearbeitet hatten und auf einem ſtillen Fleck des 2*☛ 4 —xx— “ 20 Raſenplatzes befanden. Sterne und Mond ſtanden am Himmel— es war eine liebliche Sommernacht. „An was in aller Welt denket Ihr denn, Lionel? Ich habe drei Fragen an Cuch geſtellt, und Ihr habt nicht eine einzige beantwortet.“ „Vance,“ antwortete Lionel langſam,„ich denke an eine höchſt ſonderbare Sache. Ich bin in Bezug auf dieſes kleine Mädchen gänz⸗ lich enttäuſcht,— ſie iſt habgierig und gewinnſüchtig.“ „Vorlauter Schlingel! wie könnt Ihr wiſſen, daß ſie habgierig und gewinnſüchtig iſt?“ „Hört: als dieſer flegelhafte alte Direktor zu Euch trat, ſagte ich Etwas— natürlich etwas Höfliches— zu Waife, der mir mit einer heiſern, klangloſen Stimme, aber in ſehr guter Sprache ant⸗ wortete. Als ich dann zum Direktor ſagte, daß Ihr die Sitzung be⸗ zahlen würdet, da griff mir das Kind haſtig in den Arm, zerrte mich bis an ſeinen Mund hinab und flüſterte: Wie viel wird er geben? Verlegen über eine ſo unumwundene Frage, antwortete ich auf's Ge⸗ rathewohl: Ich weiß es nicht; zehn Schillinge vielleicht. Aber da hättet Ihr das Geſicht der Kleinen ſehen ſollen.“ „Ich kann mir's wohl denken, ſie wird vor Freude geſtrahlt haben. Um die Hälfte zu viel,“ rief Vance.„Zehn Schillinge!— Verſchwender!“ „Zu viel? ſie ſchaute drein, wie Ihr etwa dreinſchauen würdet, wenn Euch Jemand für Euer Gemälde Julius Cäſar, wie er ſich be⸗ ſinnt, ob er den Rubicon überſchreiten ſoll, zehn Schillinge böte. Aber als der Direktor ſie als ſein Eigenthum erklärt hatte, und als er Euch auf morgen beſchied, wodurch er zu verſtehen gab, daß er dafür bezahlt werden wolle, wenn er dem Mädchen erlaube zu ſitzen, da machte ſie ein ganz betrübtes Geſicht und murmelte verdrießlich: Ich will nicht ſitzen, ich will nicht. Dann wandte ſie ſich an ihren Groß⸗ vater und es wurde etwas ſehr Schnelles und Vertrautes unter ihnen geflüſtert. Hierauf zupfte ſie mich beim Aermel und ſagte mir, aber mit welcher Gierde, in's Ohr: Ich brauche drei Pfund; o drei ——— 21 Pfund!— Wenn er drei Pfund geben wollte!— Kommt doch in unſere Wohnung— Mr. Merle, Willow Lane. Drei Pfund— drei! Und bei dieſen Worten, die mir in's Ohr ziſchten und aus dieſem Feenmund kamen, aus welchem nur Perlen und Diamanten träufeln ſollten, verließ ich ſie,“ ſchloß Lionel mit der Ernſthaftigkeit eines Sechzigers,„und verlor eine Illuſion“. „Drei Pfund!“ rief Vance, indem er ſeine Augenbrauen bis zum höchſten Bogen des Erſtaunens hinaufzog und ſeine Naſe in der Luft gegen den majeſtätiſchen Mond erhob,—„drei Pfund!— eine fabelhafte Summe! Wer hat drei Pfund wegzuwerfen? Herzoge mit hunderttauſend Pfund Renten von ihren liegenden Gütern ziehen nicht mit ſo verworfener Leichtfertigkeit drei Pfund aus der Taſche. Drei Pfund!— Was könnte ich nicht für drei Pfund kaufen! Ich könnte die dramatiſche Bibliothek in Kalbsleder gebunden für drei Pfund kaufen; ich könnte einen Sonntagsrock für drei Pfund kaufen (das ſeidene Futter nicht eingerechnet); ich koͤnnte für drei Pfund einen Monat wohnen! Und ein mit Flitterkram behangenes Dirnchen, das juſt in ihre Zehner tritt, verlangt da drei Pfund— für was? Dafür daß ſie auf der Leinwand des Francis Vance unſterblich wird? Ei, dummes Zeug!“ Hier fühlte Vance eine Berührung an ſeiner Schulter. Er wandte ſich ſchnell um, wie ein ärgerlicher Mann unter ſolchen Um⸗ ſtänden thut, und erblickte das ſchwarzbraune Geſicht des Schuh⸗ flickers. „Nun Maſter, hat ſie nicht ſchön geſpielt?— wie hat ſie Euch gefallen?“ „In ihrem natürlichen Charakter nicht ſehr gut; ſie legt ja einen verdammt hohen Werth auf ſich ſelbſt.“ „Wie ſo? ich verſtehe Euch nicht.“ „Sie ſoll mich nicht drankriegen! Drei Pfund! Drei König⸗ reiche.“ „Höͤrt einmal,“ rief Lionel dem Schuhflicker zu,„habt Ihr nicht geſagt, daß ſie bei Euch wohne? Seyd Ihr Mr. Merle? „Merle iſt mein Name, und ſie wohnt bei mir— Willow Laue.“ „Dann kommt hieher, einige Schritte von der Straße ab, wo es ruhiger iſt. Sagt mir, wenn Ihr könnt, was das Kind im Sinne hat?“ und Lienel erzählte das Anerbieten ſeines Freundes, die Ant⸗ wort des Direktors und die gierige Habſucht der Miß Juliet Ara⸗ minta. Der Schuhflicker gab keine Antwort, und als die jungen Freunde, überraſcht durch ſein Schweigen, ſich umwandten, um ihn anzuſchauen, ſahen ſie, daß er ſich mit ſeinem Aermel die Augen wiſchte. „ Armes kleines Ding!“ ſagte er zuletzt und noch pathetiſcher, als bei ihrer Erſcheinung auf dem Vordergrund der Bühne;„dieß iſt Alles für ihren Großvater. Ich errathe, ich errathe.“ „Oh,“ rief Lionel vergnügt,„das will ich doch auch glauben. Es ändert den ganzen Fall, ſeht Ihr, Vance?“ „Es andert den Fall mit den drei Pfund keineswegs,“ brummte Vance.„Was geht mich ihr Großvater an, daß ich ſeiner Enkelin drei Pfund geben ſollte, während jedes andere Kind im Dorf vor Freude aus der Haut gefahren wäre, wenn ich ſein Geſicht in mein Skizzenbuch gezeichnet und ihm noch dazu fünf Schillinge gegeben hätte. Hol' der Henker ihren Großvater!“ Sie waren jetzt auf der Hauptſtraße. Der Schuhflicker ſetzte ſich auf einen einſamen Meilenſtein und ſchaute die beiden Geſichter, die er vor ſich hatte, eins ums andere an; Lionels Phyſionomie ſchien ihn am meiſten anzuziehen, und wenn er ſprach, wandte er ſich immer an ihn. „Junger Herr,“ ſagte er,„es ſind jetzt juſt vier Jahre, daß Mr. Rugge, der mit ſeiner Truppe immer zur Meßzeit hieher kam, ſo lang ich mir denken kann, einmal den Mann mitbrachte, den Ihr heute Abend geſehen habt, William Waife; ich nenne ihn Gentleman Waife. Wie immer dieſer Mann in ſolche Noth gerathen war, wie es kam, daß er ſich an eine ſolche Karawane anſchloß, das bringt die — — 23 meiſten Köpfe in Verlegenheit. Es verblüfft Joe Spruce ungemein; mich verblüfft es nicht.“ „Warum?“ fragte Vance. „Es iſt die Schuld von Saturn.“ „Von Satan?“ „Nein, von Saturn.— Ich wollte ſchwören, daß er in ſeinem zweiten und zehnten Haus machtlos iſt. Der regierende Geburts⸗ ſtern vielleicht beim Sonnenbrand— wer weiß?“ „Ihr ſeyd doch kein Aſtrolog 2“ fragte Vance, indem er arg⸗ wöhniſch etwas auf die Seite trat. „Ein klein wenig, wenn Ihr's nicht übel nehmet.“ „Was bedeutet das?“ fragte Lionel ungeduldig,„fahrt fort. Ihr nanntet alſo Mr. Waife— Gentleman Waife, und wenn Ihr kein Aſtrolog geweſen wäret, ſo hätte es Euch verblüfft, ihn in einem ſolchen Beruf zu ſehen.“ „Ja, ſo iſt's; denn er war nicht wie Andere, die wir immer auf dieſen Brettern in unſerer Gegend ſehen, und doch war er auch nicht gerade wie ein Londoner Schauſpieler, ſo wie ich ſie in London geſehen habe, aber ein geſcheidter Burſche, der nach dem Geiſt der Sache ſpielte. Er hatte ſolch drollige Scherze und ſchaute ſo komiſch drein, aber nicht gemein, ſondern immer was ich einen Gentleman nenne,— juſt als ob einer von Euch beiden einen Scherz aufführen wollte, um Euren Freunden Vergnügen zu machen. Nun er gefiel ungeheuer, ſo oft er kam, ſo daß die großen Familien in der Nachbarſchaft her⸗ beiſtrömten, um ihn zu hören; und er wohnte in meinem Haus und hatte ein freundliches Benehmen und war, was ich einen Gelehrten nenne. Aber ich will Euch nicht täuſchen, und ich glaube, daß er zu ſeiner Zeit ein wilder Geſelle geweſen iſt. Merkur ſah ihn übel an, daran iſt kein Zweifel. Im letzten Jahre traf es ſich, daß einer der vornehmen Herrn, die zu einem Londoner Theater gehoͤren, zur Meß⸗ zeit hier war. Ob er zufällig von Waife gehört hatte und ausdrück⸗ lich gekommen war, um ſelbſt über ihn zu urtheilen, kann ich nicht 241 ſagen; aber es iſt wahrſcheinlich. Und als er Gentleman Waife ſpielen geſehen hatte, beſchickte er ihn nach dem Wirthshaus— dem rothen Löwen— und bot ihm eine mächtige Summe an, wenn er nach London ins Commongarden gehen wolle. Nun, Sir, Waife nahm es nicht ſogleich an, ſondern machte allerlei Einwendungen, ließ ſich aber doch zuletzt dazu beſchwatzen und ging hin. Aber da traf ihn ſchweres Unglück, und ich wußte das zum Voraus, denn ich ſah Alles in meinem Eryſtall.“ „Oh,“ rief Vance,„auch ein Cryſtall; wahrhaftig es wird ſpät, und wenn Ihr Euern Cryſtall bei Euch hättet, ſo könntet Ihr ſehen, daß es uns nach dem Abendeſſen verlangt.“ „Was geſchah denn?“ fragte Lionel freundlicher, denn er ſah, daß der Schuhflicker, der durch die Einführung des Cryſtalls großen Effekt zu machen gehofft hatte, beleidigt war. „Was geſchah? Ei, juſt Das was ich vorhergeſehen hatte. Es gab ein Unglück auf der Eiſenbahn zwiſchen hier und London, und der arme Waife verlor ein Auge und war ein Krüppel auf Lebens⸗ zeit;— ſo konnte er im Londoner Theater gar nicht auftreten, und was noch ſchlimmer war, er ſchwebte lange Zeit zwiſchen Leben und Tod, und bekam in Folge einer Erkältung etwas Böſes in ſeine Bruſt und verlor ſeine Stimme; und ſo wurde er der traurige Gegenſtand, den Ihr geſehen habt, während Ihr ſelbſt glückliche junge Ge⸗ ſellen ſeyd.“ „Aber er bekam doch vermuthlich eine Entſchädigung von der Eiſenbahn?“ ſagte Vance mit der gefühlloſen Gleichgültigkeit eines ſtoiſchen Daͤmons. „Allerdings, und er verzehrte ſie. Vermuthlich brach der Gent⸗ leman in ihm aus, ſobald er Geld hatte, und obſchon er krank war, ging doch das Geld fort. Dann ſcheint es, daß ihm nichts Anderes übrig blieb, als daß er es verſuchte und zu Mr. Rugge zurückging. Aber Mr. Rugge war verdrießlich und ärgerlich, weil er ihn verlaſſen hatte; denn Rugge zählte auf ihn und hatte ſogar daran gedacht, das 2⁵ ungeheure Theater in York zu nehmen und Gentleman Waife als ſeinen Haupttrumpf mitzubringen. Aber das Schickſal hatte es an⸗ ders beſchloſſen, und Rugge, der ſich beleidigt glaubte, wollte im An⸗ fang Nichts mehr mit Waife zu ſchaffen haben. Es iſt auch wahr, was konnte der arme Mann dem Rugge nützen? Aber da bringt Waife die kleine Sophy zum Vorſchein.“ „Ihr meinet Juliet Araminta,“ ſagte Vance. „Dieſelbe,— im Privatleben heißt ſie Sophy. Und Waife lehrte ſie ſpielen und ſetzte Stücke für ſie zuſammen. Und Rugge nahm ſie, und ſie erhaͤlt Waife mit dem, was ſie bekommt; denn Rugge gibt ihm blos vier Schillinge in der Woche, und das geht für Tabak und dergleichen auf.“— „Dergleichen— für Getränke vermuthlich?“ ſagte Vance. „Nein— er trinkt nicht. Aber er raucht, und da hat er eine etwas vornehme Manier an ſich, und vier Schillinge gehen drauf. Sie ſind dies Frühjahr auch auf dem Lande geweſen, wo es ihnen ganz gut ging, und jetzt ſind ſie hier. Aber Rugge benimmt ſich ſchändlich hart gegen Beide; indeß glaube ich nicht, daß er geſetzlich ein Recht auf die Kleine hat, wie er behauptet; es iſt blos eine Art von Uebereinkunft, die ſie und ihr Großvater brechen fönnen, ſobald ſie wollen; und das wunſchen ſie auch zu thun, und deßhalb begehrt die kleine Sophy die drei Pfund.“ „Wie!“ rief Lionel eifrig.„Wenn ſie drei Pfund hätten, ſo könnten ſie ſich losmachen? und wenn ſie das thäten, wie könnten ſie leben? wohin könnten ſie gehen?“ „Das iſt ihr Geheimniß. Aber ich hörte Waife in der erſten Nacht, wo ſie hieherkamen, ſagen, wenn er nur drei Pfund bekommen könnte, ſo hätte er einen Plan ausgedacht, um ſich ein unabhängiges Leben zu verſchaffen. Was ihn ganz beſonders empört, iſt, daß Rugge ihn gezwungen hat, wieder auf der Bühne aufzutreten, denn er wollte ſich als ein ſolches Wrack nicht mehr ſehen laſſen. Aber er mußte 26 nachgeben, und da hat er denn dieſes Stück zuſammengeſchrieben, wo er zuletzt ſelbſt auftritt, ohne zu ſprechen.“— .„Mein lieber Freund,“ rief der junge Lionel,„wir ſind Euch für Eure Geſchichte ſehr verbunden, und wir moͤchten ſehr gern die kleine Sophy und ihren Großvater morgen in Eurem Hauſe beſuchen,— konnen wir?“ „Allerdings könnt Ihr das, wenn die Vorſtellung vorüber iſt; noch heute Nacht, wenn Ihr wollt.“ „Nein, morgen; Ihr ſehet, mein Freund ſehnt ſich mit Un⸗ geduld in's Wirthshaus zurück; wir wollen morgen vorſprechen.“ „Dieß iſt der letzte Tag ihres Aufenthalts,“ ſagte der Schuh⸗ flicker.„Aber vor zehn Uhr Abends könnt Ihr ſie nicht mit Gewiß⸗ heit in meinem Hauſe treffen; ſprecht nur ja kein Wort gegen Rugge.“ „Kein Wort gegen Rugge,“ verſetzte Lionel,“ und jetzt gute Nacht!“ Die jungen Maͤnner verließen den Schuhflicker, der auf dem Meilenſtein ſitzen blieb und grübelnd zu den Sternen emporſchaute. Sie wandelten munter die Straße hinab. „Jetzt kann ich mich doch mit ihr unterhalten,“ ſagte Lionel in ſeinem ſanfteſten Tone. Er war geneigt, ſeinem reicheren Freund drei Pfund abzuſchwatzen, und dieß mochte eine zarte Behandlung er⸗ ſordern. Denn unter den wilden jungen Kunſtgenoſſen Mr. Vance's erzählte man ſich manchen Scherz über die Geſchicklichkeit, womit er ungeregelte Angriſſe auf ſeine Boͤrſe parirte, und als dieſer Gentle⸗ man einmal, ſeine Naſe ungewöhnlich weit in die Luft hinausſtreckend, ſolchen Spöttern bemerkt hatte, ſie ſeyen bei jedem Scherz auf ſeine Koſten ſehr willkommen, hatte ein Spaßvogel gerufen:„Auf Eure Koſten! Seyd unbeſorgt, wenn ein Scherz einen Heller werth wäre, ſo würdet Ihr dieſe Erlaubniß nie geben.“ Als daher jetzt Lionel dieſe unſchuldige Bemerkung machte, ſo warnte die Sanftheit ſeines Tones den Künſtler vor irgend einer im Gras lauernden Schlange, und er blieb klüglich ſtill. Lionel wieder⸗ 27 holte mit noch ſanfterer Stimme:„Jetzt kann ich mich doch mit ihr unterhalten.“ „Natürlich,“ erwiederte Vance,„natürlich konnt Ihr das, denn ich vermuthe, daß Ihr allein die Abſicht habt, dafür zu bezahlen, und drei Pfund ſcheint der Preis zu ſeyn. Etwas theuer, he?“ „Ah Vance, wenn ich drei Pfund hätte!“ „Still, und kein Wort mehr, bis wir zu Nacht gegeſſen haben. Ich habe einen Wolfshunger.“ Am nächſten Meilenſtein bogen die jungen Reiſenden in einen grünen Weg ein, und erreichten ein kleines Wirthshaus an den lien der Themſe. Hier hatten ſie in den letzten paar Tagen gewohnt, i der Art, daß ſie mit Sonnenaufgang Skizzen entwarfen, Baothabrten machten, in der Gegend umherſtreiften, und erſt in der Nacht zum Abendeſſen und Schlafen zurückkamen. Es war ein hoͤchſt angeneh⸗ mes Wirthshäuschen,— eine mit Geisblatt überwachſene Laube zwiſchen dem Haus und dem Fluß,— am Ufer einige Vergnügungs⸗ boote angelegt, und jetzt die im Mondſchein ſchimmernden Wellen. „Ein Nachteſſen und Lichter in die Laube!“ rief Vance der Kellnerin zu,—„He, presto, ſchnell, während wir hineingehen, um unſere Hände zu waſchen. Und hoͤrt Ihr, einen Quartkrug von dem kapitalen Whiskygrog!“ Viertes Kapitel. Ein Kapitel, welches durch allmähliche Beleuchtung der Vorgänge die Ver⸗ gangenheit mit der Zukunft verbindet. O Wirthshäuſer am Weg und Fußpartien auf dem Lande umher! O Sommernächte unter Geisblattlauben, an den Ufern ſternflim⸗ mernder Wogen! O Jugend, Jugend! Vance ſchöpfte den Grog aus und zündete ſeine Cigarre anz dann ſchaute er, den Kopf in ſeine Hand gelehnt und den Ellbogen auf den Tiſch geſtemmt, mit Künſtleraugen über den glänzenden Fluß hin. 28 „Im Ganzen,“ ſagte er,„bin ich doch froh, daß ich ein Maler bin, und ich hoffe es zu erleben, daß ich ein großer werde.“ „Ohne Zweifel werdet Ihr ein großer Künſtler werden, wenn Ihr das Leben behaltet,“ rief Lionel mit herzlicher Aufrichtigkeit. „Und wenn ich, der ich juſt gut genng malen kann, um mich ſelbſt zu befriedigen, finde, daß es der Natur einen neuen Zauber verleiht—“ „Nur keine Sentimentalität,“ ſagte Vance,„und nun macht weiter.“ „Was,“ fuhr Lionel, ohne ſich durch die mahnende Unterbrechung abkühlen zu laſſen, fort,„was müßt dann Ihr empfinden, der Ihr einen ſchwindenden Sonnenſchein, ein vorübereilendes Geſicht auf ein Stück Leinwand bannen und ſagen könnt: Sonnenſchein und Schön⸗ heit, lebt hier für immer!“ Vance.—„Für immer! nein! Farben vergehen, die Leinwand vermodert. Was bleibt uns von Zeuxis übrig? Immerhin iſt dieß zu Gunſten der poetiſchen Seite der Profeſſion recht hübſch geſagt; es gibt aber auch eine proſaiſche, und dieſe wollen wir in's Auge faſſen. Ja, ich freue mich, ein Maler zu ſeyn. Aber Ihr müßt ja das Fieber meines Berufs nicht bekommen. Eure arme Mutter würde mir's nie verzeihen, wenn ſie dächte, ich hätte Euch durch mein Beiſpiel zu einem Schmierer gemacht.“ Lionel(düſter).—„Nein. Ich werde kein Maler werden. Aber was kann ich werden? Wie werde ich je eines der Schlöſſer, die ich in die Luft gebaut habe, auf die Erde bauen? Der Ruhm ſieht ſo fern aus, das Glück ſo unmöglich! Aber zu Einer Sache bin ich ent⸗ ſchloſſen(mit gerunzelten Brauen und geſchloſſenen Zähnen ſprechend) — ich will mir auf irgend eine Art Unabhängigkeit erwerben und meine Mutter unterſtützen.“ Vance.—„Eure Mutter hat Unterſtützung,— ſie bezieht die Penſion—“ Lionel.—„Einer Hauptmannswittwe und,“ fügte er mit Er⸗ röthen hinzu,„einen erſten Stock, den ſie an Hausleute vermiethet.“ 29 Vance.—„Das iſt keine Schande; Peers vermiethen Häuſer, und auf dem Feſtland vermiethen Fürſten nicht blos den erſten Stock, ſondern auch den fünften und ſechsten, von den Attiken und Kellern gar nicht zu ſprechen. Freund Lionel, wenn Ihr bei dem Eintritt in die Welt Euch nicht jeden Augenblick ärgern wollt, ſo faltet Euern Stolz ſorgfältig zuſammen, legt ihn unter Schloß und Riegel, und laßt ihn nur bei großen Gelegenheiten an die Luft kommen. Der Stolz iſt ein Kleid, von außen lauter ſteifer Brokat; auf der innern Seite, die der Haut am nächſten iſt, kratzende Sackleinwand. Selbſt Könige tragen die Dalmatica nur bei einer Krönung. Ihr wünſchet Unab⸗ hängigkeit; gut. Aber ſeyd Ihr jetzt abhängig? Cure Mutter hat Euch eine vortreffliche Erziehung gegeben, und Ihr habt bereits Nutzen daraus gezogen. Mein lieber Junge,“ fügte Vance mit unge⸗ wöhnlicher Wärme hinzu,„ich ehre Euch, daß Ihr in Eurem Alter, nachdem Ihr kaum die Schule verlaſſen, griechiſch und lateiniſch bogen⸗ weiſe, um weniger als Knechtslohn, für einen Buchhändler überſetzt habt, und Alles das nur, um Eurer Mutter einige Annehmlichkeiten kaufen zu können; ich ehre Euch darum, daß Ihr, da Ihr jetzt ein paar Pfund in Eurer eigenen Taſche habt, einige Vakanztage mit mir herumſchweifet und Euren Antheil an den Koſten bezahlet. Ha, Lionel, in all dem liegt Energie, Geiſt und Leben, und damit werdet Ihr irgend ein Schloß, ſo ſchön, als Ihr je in die Luft gebaut habt, auf den Felſen gründen. Eure Hand, mein Junge!“ Dieſer Erguß ſah der praktiſchen Trockenheit oder auch dem ſal⸗ bungsvolleren Humor Frank Vance's ſo ungleich, daß Lionel dadurch überraſcht wurde, und ſeine Stimme bebte als er die ihm dargebotene Hand drückte. Er antwortete:„Ich verdiene Euer Lob nicht, Vance, und ich fürchte, der Stolz, den Ihr mich unter Schloß und Riegel legen heißet, hat den größeren Antheil an dem Verdienſt, das Ihr beſſeren Beweggründen zuſchreibet. Unabhaͤngig? Nein! ich bin es nie geweſen.“ 30 Vance.—„Nun ja, Ihr hängt von einer Mutter ab; wer iſt mit ſiebenzehn Jahren nicht von Verwandten abhängig?“ Lionel.—„Ich meinte meine Mutter nicht; natürlich konnte ich nicht zu ſtolz ſeyn, um von ihr Wohlthaten anzunehmen. Aber die Wahrheit verhäͤlt ſich einfach ſo: mein Vater hatte einen Verwandten, allerdings nicht ſehr nahe,— einen Vetter in ſo entferntem Grad, glaube ich, als ein Vetter nur ſeyn kann. An dieſen Gentleman ſchrieb meine Mutter, als mein Vater ſtarb,— und er war edelmüthig, denn er iſt es, der meine Schulerziehung bezahlte. Ich erfuhr dies erſt ſehr ſpät. Ich hatte allerdings einen vagen Eindruck davon, daß ich einen mächtigen und wohlhabenden Verwandten habe, der ſich für mich intereſſire, aber ich hatte ihn nie geſehen.“ Vance.—„Nie geſehen?“ Lionel.—„Nein. Und hier kommt der Stich. Als ich nun letzte Weihnachten die Schule verließ, ſagte mir meine Mutter zum erſtenmal den Umfang meiner Verpflichtungen gegen dieſen Wohl⸗ thäter und erklärte mir, er wünſche zu wiſſen, welchen Beruf ich wählen wolle; wenn ich mich für die Kirche oder die Gerichtsbank entſcheide, ſo wolle er die Studienkoſten bezahlen.“ Vance.—„Nun bei Gott, wo iſt denn da die Beleidigung? Schenket Euch ſelbſt Grog ein, mein Junge, und lernet das Leben heiterer anſchauen.“ Lionel.—„Ihr habt mich nicht zu Ende gehört. Ich ver⸗ langte jetzt, die Briefe meines Wohlthäters zu ſehen, und meine Mutter, die keine Ahnung von dem Schmerz hatte, den ſie mir bereiten ſollte, zeigte mir nicht blos den letzten, ſondern auch alle vorhergehen⸗ den. O, Vance, ſie waren ſchrecklich, dieſe Briefe. Der erſte begann mit einer trockenen Erklärung, daß er ſich auf die Anſprüche der Ver⸗ wandtſchaft einlaſſen wolle— er enthält ein kurzes Anerbieten, meine Schulkoſten zu bezahlen, aber nicht ein einziges freundliches Wort, und dabei eine ſtreuge Klauſel, daß der Schreiber mich nie ſehen und nie von mir hören wolle. Er verlange keine Dankbarkeit, er mißtraue 31 allen Betheuerungen einer ſolchen. Seine Gunſtbezeugungen würden aufhören, wenn ich ihn beläſtige.„Beläſtige“ war das Wort; es war Brod, das man einem Hunde hinwirft.“ Vance.—„Pfui doch, das iſt blos die Excentrizität eines reichen Mannes. Ein Hageſtolz vermuthlich? Lionel.—„Meine Mutter ſagt, er ſey verheirathet geweſen und lebe jetzt als Wittwer.“* Vance.—„Sind Kinder vorhanden?“ Lionel.—„Meine Mutter ſagt, es ſey keines am Leben; aber ich weiß nur wenig oder gar Nichts von ſeiner Familie.“ Vance ſah ſeinem jungen Freund ſcharfprüfend in’s Geſicht und ſagte nach einer Pauſe trocken:„Das iſt ſonnenklar. Euer Ver⸗ wandter gehört zu den Leuten, die, da ſie keine eigenen Kinder haben, jede Aufmerkſamkeit von Seiten eines muthmaßlichen Erben bearg⸗ wöhnen und fürchten; und was dieſen Stich, wie Ihr es nennt, noch ſchmerzlicher für Euch gemacht hat, das ſind— verzeiht mir's— einige einfältige Worte Eurer Mutter, die Euch vielleicht beim Vor⸗ zeigen dieſer Briefe einen Wink gegeben hat, daß Ihr dieſer Erbe werden könntet, wenn Ihr Euch nur recht ſchmiegſam und unterwürfig zeigen wollet. Habe ich nicht Recht?“ Lionel ließ ſeinen Kopf hängen und gab keine Antwort. Vance(luſtig).—„So, ſo, das iſt immer noch kein großes Unglück. Genug jetzt von dem erſten Brief; wie lautet der letzte?“ Lionel.—„Noch beleidigender. Er, dieſer Verwandte, dieſer Gönner, forderte meine Mutter auf, ſie ſolle ihn mit allen Mitthei⸗ lungen über die Fähigkeiten und Verheißungen ihres Sohnes Verſchonen, denn ſo natürlich er ſolche Berichte von ihrer Seite finde, ſo haben ſie doch nur geringes Intereſſe für ihn, für ihn, den herablaſſenden Wohlthäter!— Was ſeine Meinung betreffe, ſo könne ja mir die Meinung eines Mannes, den ich nie geſehen habe, vollkommen gleich⸗ gültig ſeyn. Was mein Gemüth unmittelbar berühre— doch ich kann all' dieſe herben Phraſen nicht wiederholen, deren Inhalt ſich in —,—— 32 die Worte zuſammenfaßt, daß ich weiter Nichts bekommen kann als das Geld eines Mannes, der mich beſchimpft, während er es gibt.“ Vance(mit Nachdruck).—„Ohne ein Hexenmeiſter zu ſeyn, kann ich ſagen, daß Euer Verwandter ein widerwaͤrtiger Geſell ohne alle Urbanität und Liebenswürdigkeit iſt, ein wahres Brutum.“ Lionel.—„Ihr werdet mich alſo nicht tadeln, wenn ich Euch ſage, daß ich das Anerbieten, mich ſtudiren zu laſſen, womit der Brief ſchloß, nicht anzunehmen beſchloſſen habe. Glücklicherweiſe hatte Dr. Wallis, der Oberlehrer meiner Schule, der immer ſehr gütig gegen mich geweſen, juſt die Reviſion einer populären Ueberſetzung der Klaſſiker übernommen. Er empfahl mich auf meine Bitte dem Verleger als einen jungen Mann, der im Stande wäre, einige der leichteren lateiniſchen Autoren, die er zu corrigiren hatte, zu überſetzen. Als ich die erſte Lieferung des mir anvertrauten Werkes vollendet hatte, wurde meine Mutter wegen meiner Geſundheit beſorgt und be⸗ ſtand darauf, ich müſſe mir einige Erholung gönnen. Ihr waret gerade im Begriff, eine Fußtour zu unternehmen. Ich hatte, wie Ihr ſagt, einige Pfund in meiner Taſche, und ſo habe ich mit Euch die fröhlichſten Tage meines Lebens verbracht.“ Vance.—„Was ſagte Euer höflicher Vetter dazu, als Eure Weigerung, die Univerſität zu beziehen, ihm zuging?“ Lionel.—„Er beantwortete die diesſallſige Mittheilung meiner Mutter erſt unmittelbar vor meiner Abreiſe, und dann— nein es war nicht ſein letzter Brief, aus dem ich dieſen zermalmenden Auszug wiederholte— nein, der letzte war noch kränkender, denn darin ſagt er, wenn ich trotz meiner ſo vielfach geprieſenen Fähigkeiten und Ver⸗ heißungen eine Hochſchule und die Arbeiten eines gelehrten Hand⸗ werks zu trübſelig und langweilig finde, ſo wolle er meiner Wahl keineswegs vorgreifen, aber da er nicht wünſche, daß irgend ein wenn auch noch ſo entfernter Angehöriger ſeiner Familie, der den Namen Haughton trage, Schuhflicker oder Taſchendieb werde— Vance— Vance!“ 33 Vance.—„Schließet Euern Stolz ein— die Sackleinwand 5 reibt Euch— nnd fahret fort; ſo wolle er alſo—“ Lionel.—„So wolle er mir eine Offtziersſtelle kaufen oder auch eine Anſtellung in Indien verſchaffen.“ Vance.—„Welche von beiden habt Ihr genommen?“ Lionel(leidenſchaftlich).—„Welche! welche— bei ſolcher Art anzubieten— welche?— natürlich keine von beiden! Da ich in⸗ zwiſchen dem Ton der Antwort meiner Mutter mißtraute, ſo ſetzte ich nich am Abend vor meiner Abreiſe nieder und ſchrieb ſelbſt an dieſen grauſamen Mann. Ich zeigte meiner Mutter meinen Brief nicht und ſagte ihr auch Nichts davon. Ich ſchrieb ganz kurz, wenn er meine Dankbarkeit nicht annehmen wolle, ſo wolle ich ſeine Wohl⸗ thaten nicht annehmen; ein Schuhflicker könne ich vielleicht werden, ein Taſchendieb nicht; er brauche durchaus nicht zu fürchten, daß ich ſeinem Blut oder meinem Namen Schande machen werde; und ich würde mir keine Ruhe gönnen, bevor ich ihm früher oder ſpäter Alles zurückbezahlt, was ich ihn gekoſtet habe, um mich von den Laſten einer Verpflichtung zu befreien, die— die—“ Der Knabe hielt inne bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen und ſchluchzte. Vance wollte, obſchon er ſehr ergriffen war, ſeinen Freund aus⸗ ſchelten; da er aber ſah, daß dies Nichts wirkte, ſo ſtand er ſachte auf, ſchlang ſeinen Arm brüderlich um ihn und zog ihn von der Laube weg nach dem abhängigen Rande des Fluſſes.„Tröſtet Euch,“ ſagte jetzt der Künſtler beinahe feierlich, indem hier der wahre Genius des Mannes aus den innern Tiefen ſeines Charakters hervorkam, „tröſtet Euch und ſchauet Euch um; ſeht dahin, ſeht wie das Inſelchen den Strom unterbricht, und wie heiter der Strom weiter fließt. Seht juſt wo wir ſtehen, wie die kleinen Kieſel die Welle reiben— würde die Welle, wenn ſie nicht gerieben würde, dieſe liebliche Muſik machen 2 Einige Meilen weiterhin iſt der Fluß mit einer Brücke überſpannt, welche geſchäftige Füße jetzt kreuzen; neben dieſer Brücke erhebt ſich jetzt ein Palaſt;— alle Männer, welche England beherrſchen, haben Bulwer, was wird er damit machen? 3 * —-——— 34 Raum in dieſem Palaſt. Hinter dem Palaſt ragt die alte Abtei empor, wo Könige kraft des Rechts der Namen, die ſie erben, ihre Gräber haben: aber niedriggeborene Leute, wie wir, haben kraft des Rechts der Namen, die ſie ſich ſelbſt gemacht, ihre Gräber dort gefunden. Denkt Euch jetzt, Ihr ſtehet mit den hohen Hoffnungen eines Knaben, mit dem feſten Muth eines Mannes auf dieſer Brücke, dann wendet Euch zu dieſem Strom zurück, der ruhig beim Sternenlicht da liegt und trotz Inſelchen und Kieſel der Brücke zufließt.“ Lionel gab keine hörbare Antwort, obſchon ſeine Lippen mur⸗ melten, aber er drängte ſich immer näher an die Seite ſeines Freundes, und die Thränen auf ſeinen Wangen waren bereits getrocknet, obgleich ihr Thau noch immer in ſeinen Augen glänzte. Fünftes Kapitel. Betrachtungen über die moraliſchen Eigenſchaften des Ränbers.— Mr. Vance ſieht mit gemiſchten Empfindungen voraus, daß die Erwerbung der Bekanntſchaft des Räubers mit peenniären Verluſten verbunden ſeyn dürfte.. Vance band das Boot los, trat hinein und nahm die Ruder zur Hand. Lionel folgte und ſetzte ſich auf den Spiegel. Der Künſtler ruderte langſam und pfiff von Zeit zu Zeit melodiſch zu dem Geplät⸗ ſcher der Ruder. Sie kamen bald an das Ufer eines Gartens, mit Raſen umgeben, auf welchem Feen hätten tanzen mögen, an einer jener Villen, wie man ſie außer England nirgends ſieht. Aus den Fenſtern des Landhauſes herab glänzten die Lichter; über den in's Waſſer getauchten Ufern hingen ſtämmige Weiden athemlos; das Boot ſchob ſachte ihre herabhängenden Zweige auf die Seite, und Vance hielt an einer graſigen Bucht an. „Nun wahrhaftig,“ ſagte der Künſtler luſtig, indem er ſeine dritte Cigarre anzündete,„es iſt Zeit, daß wir über den hartherzigen Baron und das Kind des Räubers einige Worte verlieren. Was für ein 1 ———— 1— — 3⁵ albernes Mährchen hat uns dieſer Schuhflicker da aufgeſchwatzt! Er muß uns für köſtliche Gelbſchnäbel gehalten haben.“ Lionel(aufgerüttelt).—„Nein, ich ſehe nichts ſo Wunder⸗ bares an der Geſchichte, obſchon Vieles daran recht betrübt iſt. Ihr müßt zugeben, daß Waife ein guter Schauſpieler geweſen ſeyn kann, — ſeine bloße Haltung und Verbeugung hat Euch ja ſelbſt ganz warm gemacht. Es iſt alſo natürlich, daß er aufgefordert worden iſt, ſein Glück auf der Londoner Bühne zu verſuchen,— es iſt nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß er auf der Eiſenbahn einen Unfall gehabt und dadurch ſeine Ausſichten auf immer verloren hat,— es iſt ferner natürlich, daß er ſeine arme kleine Enkelin zum Dienſt preßte,— eben ſo natür⸗ lich endlich, daß er in Folge einer harten Behandlung, die ſeinen Stolz verletzte, wieder loszukommen wünſcht.“ Vance.—„Und noch natürlicher als Alles das iſt, daß er gerne unſere Taſchen um drei Pfund erleichtern möchte— der Räuber! Aber, Lionel, nicht wahrſcheinlich iſt, daß er dieſes talentvolle Kind einem Vagabunden wie Rugge überlaſſen haben ſollte,— ſie ſpielt bewundernswürdig. Der Direktor, der ihn engagiren wollte, würde auch ſie engagirt haben, wenn er ſie geſehen hätte. Ich bin im Unklaren.“ Lionel.—„Ja wahrhaftig, ſie iſt ein außerordentliches Kind. Ich kann gar nicht ſagen, wie ſie mich intereſſirt hat.“ Er zog ſeine Börſe heraus und begann ihren Inhalt zu zählen. Ich habe beinahe noch drei Pfund,“ rief er freudig.„Zwei Pfund achtzehn Schilling, wenn ich den Gedanken an einen längern Ausflug mit Euch aufgebe und ruhig nach Hauſe gehe.“ 1 Vance.—„Und wenn Ihr Euern Antheil an der Wirthshaus⸗ zeche unbezahlt laßt.“ Lionel.—„Ach, das habe ich vergeſſen. Aber ſeht, ich bin nicht zu ſtolz, von Euch zu borgen, und es geſchieht in keiner eigen⸗ nützigen Abſicht.“ Vance.—„Von mir borgen, Cato! Das kommt davon, wenn man ſich mit Räubern und ihren Kindern einläßt. Nein, aber laßt 3* ————————— 36 uns die Sache als vernünftige Männer betrachten. Eine Geſchichte iſt gut, bis eine andere erzählt wird. Ich will ſelbſt morgen zu Rugge gehen und hören, was er ſagt; entſcheiden wir uns dann zu Gunſten der Verſion des Schuhſlickers, ſo wollen wir am Abend hingehen und mit ſeinen Miethleuten ſprechen, und ich darf wohl ſagen,“ fügte Vance freundlich aber mit einem Seufzer hinzu,„ich darf wohl ſagen, daß man mir die drei Pfund höchſt wahrſcheinlich abſchmeicheln wird. Im Grunde iſt der Kopf des Mädchens wohl ſo viel werth.“ Lionel(freudig).—„Mein lieber Vance, Ihr ſeyd der beſte Burſche von der Welt.“ Vance.—„Ein ſchlechtes Compliment für das Menſchenge⸗ ſchlecht. Nehmet die Ruder— es iſt jetzt an Euch.“ Lionel gehorchte; das Boot tanzte von Neuem den Strom ent⸗ lang durch Schilfrohr und Wellen, welche das graſige Inſelchen be— ſpülten, in dem blaſſen Mondlicht hin. Sie ſprachen, aber nur von Zeit zu Zeit und in kurzen Sätzen. Von was?— von tauſend Dingen. Glänzende junge Herzen, beredte junge Zungen! Keine Sunden in der Vergangenheit; Hoffnungen, welche durch die Zukunft entgegenleuchten. O Sommernaͤchte auf dem Spiegel ſternbeglänzter Wellen! O Jugend, Jugend! Sechstes Kapitel. Worin der Geſchichtſchreiber den öffentlichen Charakteren, die ihre Stunden auf der Bühne hinbringen, bis in den Schoß des Privatlebens nachſpürt. .— Der Leſer wird eingeladen, zu einem Schluß zu kommen, der oft in Augenblicken banger Verlegenheit ſein Gemüth beruhigen kann; nämlich daß ein Mann, wenn er all die Hoffnungen, die er genährt, all die Be⸗ fürchtungen, denen er Naum gegeben, all die Pläne, die er entworfen hat, näher betrachtet, neunmal unter zehn mit Hoffnungen, Befürchtungen und Plänen nichts Geſcheidteres thun kann, als daß er ſie mit dem Ka⸗ pitel in Rauch aufgehen läßt. Es war neun Uhr am folgenden Abend vorüber. Die Vorſtel⸗ lungen in Mr. Rugges Theater waren für die Saiſon in dieſem Dorſe 4 37 4 geſchloſſen, denn die Meſſe war zu Ende. Die Schlußvorſtellung hatte etwas früher als an den vorhergehenden Abenden begonnen und ge⸗ endet. Das Theater ſollte mit Tagesanbruch abgebrochen werden, und die ganze Geſellſchaft Morgens bei Zeiten fürbaß ziehen. Ein anderer Markt erwartete ſie in einer anliegenden Grafſchaft, und ſie hatten eine lange Reiſe vor ſich. Gentleman Waife und ſeine Juliet Araminta waren in ihre Wohnung über der Bude des Schuhflickers gegangen. Die Zimmer waren einfach genug, hatten aber einen nicht blos comfortablen, ſon⸗ dern ſogar pittoresken Anſtrich. Das kleine Wohnzimmer war ſehr altmodiſch— mit hölzernen Füllungen, die meiſt blau angeſtrichen geweſen— mit einem zierlichen Kamin, das bis an die Decke hinauf reichte. Dieſer Theil des Hauſes erinnerte an die Zeit Carls I. Es mochte von einem religiöſen Rundkopf bewohnt geweſen ſeyn, und über der Thüre war ein grimmiges abgeſchoſſenes Portrait eines grämlichen Mannes mit ſpitzigem Geſicht, mit langen ſchlichten Haaren, trotzigem Mund und einer langen Oberlippe eingerahmt, die eine un⸗ nachſichtige Hartnäckigkeit des Charakters verkundete und ſich beim Schaffot des Monarchen zu einem trübſeligen Lächeln verzogen, oder dem ſtolzen Protektor eine endloſe Predigt gehalten haben mochte. Auf einem Tiſch unter dem tief eingeſunkenen Fenſter ſtanden einige ſchmuckloſe alte Bücher, hübſch geordnet; man fand darunter Colley's Aſtrologie, Owen Feltham's Beſchlüſſe, Glanville über Hexen, des Pilgers Fortſchritt, eine frühe Ausgabe vom ver⸗ lorenen Paradies und eine alte Bibel. Ferner waren hier zwei ſchimmerndrothe thönerne Töpfe mit Blumenſtöcken zu ſehen, ſodann zwei kleine wollene Teppiche, auf deren einem eine ausgeſchnittene Cocosnuß, auf dem andern eine eiförmige Cryſtallkugel lag— letztere der Stolz und die Freude der viſionären Seele des Schuhflickers. Eine weit offen gelaſſene Thüre führte in ein inneres Zimmer mit ſehr niedriger Decke, wo der Räuber ſchlief, wenn die Strenge ſeiner Ver⸗ folger ihm Schlaf geſtattete. In der Ecke des Wohnzimmers, nahe 38 bei dieſer Thure ſtand ein kleiner roßhaarener? Sopha, der mit Hülfe von Leintüchern und einer genähten Decke die Stelle eines Bettes verſah und für das Kind des Räubers beſtimmt war. Hier konnte man das zärtliche Herz des Schuhflickers ſehen, denn die Decke war mit Lavendelſchößlingen und Eiſenkrautblättern überſtreut, welche letztere, nebenbei geſagt, glückliche Träume herbeiführen und Zauberei und böſe Geiſter verſcheuchen ſollen. An einem andern Tiſch neben dem Herd war das Kind beſchäftigt, das Theegeſchirr für den Groß⸗ vater in Bereitſchaft zu ſetzen. Sie hatte ihr von Flitterſtaat und Rauſchgold prangendes Kleid in der Garderobe des Theaters zurück⸗ gelaſſen und erſchien jetzt in einem einfachen Hausrock. Sie ſah nicht mehr wie eine Titania aus, ſondern wie ein lebhaftes, rühriges, lieb⸗ reiches menſchliches Kind; ſie hatte nichts Theatraliſches an ſich, aber in ihren grazioͤſen Bewegungen, ſo f flink und ſo geräuſchlos, in ihren kleinen ſchönen Händen, in ihrem durchſichtigen Colorit verkündete ſich die von der Natur ſelbſt geſchaffene Dame, jenes Etwas, das uns Allen als wohlgeboren und hocherzogen in die Augen fällt; nicht als ob es nothwendig ſo wäre— der äußere Anſchein der Ariſtokratie iſt ganz beſonders bei der weiblichen K Kindheit häufig trügeriſch. Die Erinnerungsblume, die in die Krägen der Fürſten eingewirkt wird, ſproßt wild auf Feld und Felſenhügel. Gentleman Waife, der, nachläſſig in einen grauen Hausrock ge⸗ huͤllt, in einem alten ledernen Sorgenſeſſel ſaß, war ſichtlich bei ſchlechter Laune. Er ſchien die kleinen Vorbere itungen für ſeinen Comfort nicht zu beachten und hatte ſeine Wange auf ſeine rechte Hand geſtützt, während die linke auf ſeine gekreuzten Kniee herabfiel— eine Haltung, die man ſelten bei einem Manne ſieht, wenn ſein Herz leicht und ſein Gemüth heiter iſt. Seine Lippen bewegten ſich— er ſprach mit ſich ſelbſt. Obſchon er ſeine theatraliſche Binde über beiden Augen auf die Seite gelegt hatte, trug er doch einen ſchwarzen Fleck auf dem einen oder vielmehr auf dem Platz, wo es einſt gelegen; das überbleibende Auge war von merkwürdiger Schönheit, ſchwarz und —————— — 39 funkelnd. Im Uebrigen hatte der Mann ein auffallendes Geſicht, rauh und eher häßlich als etwas Anderes, aber keineswegs abſtoßend; voll von Linien und Nunzeln, mit ſtarken Muskeln, mit breiten Lippen von wunderbarer Biegſamkeit und einem Zug von verſchlagener Scharf⸗ finnigkeit, der ohne Zweifel bei Gelegenheit ausg eſucht komiſch werden konnte— eine trockene Komik, die Komik, Andere laut auf⸗ jauchzen macht, während der Komiker ſelbſt ſo ernſthaft bleibt wie ein Richter. Wenn ſich ſein Geſicht ganz in ſeiner natürlichen Ruhe befand, ſo konnte man ſehen, daß Sorge darüber hingezogen war; aber im Augeublick des Spiels mußtet ihr denken, die Sorge ſey ihres Wegs geſchickt worden, ſo bald der ſchuldige Reſpekt vor dieſem Gaſt, der ſo gewöhnt iſt, ſeine eigene Bahn zu gehen, es geſtattete. Obſchon der Nann alt war, konnte man ihn doch nicht einen Greis nennen. Ob⸗ ſchon er einäugig und verkrüppelt war, ſo würdet Ihr ihn doch, wenn Ihr den muskulöſen Arm und den breiten Bruſtkaſten betrachtetet, kaum gebrochen oder ſiech genannt haben. Und daher lag ein gewiſſes unbeſchreibliches Pathos in ſeiner ganzen Erſcheinung, wie wenn das Schickſal ihm in Geſicht und Geſtalt Lettern eingebrannt h hätte, worin man ſeine Einwirkungen auf die Laufbahn und das Gemüth leſen konnte;— es hatte der Intelligenz ein Auge ausgeriſſen, dem Fort⸗ ſchritt des Lebens ein Glied verſtümmelt, aber in dem verſchonten Auge funkelnden Witz und in dem nicht verſtümmelten Glied den wilden Frühling eines leichten Herzens gelaſſen. „Kommt, Großvater, kommt,“ ſagte das kleine Mädchen ſchmeich⸗ leriſch,„Euer Thee wird ganz kalt, Eure Brodſchnitten liegen bereit, und hier iſt ein hübſches Ei— Mr. Merle ſagt, Ihr dürft überzeugt ſeyn, daß es ganz friſch gelegt ſey. Kommt, laßt Euch von dieſem ab⸗ ſcheulichen Manne nicht ärgern, lächelt Eurer treuen Sophy zu.“ „Wenn,“ ſagte Mr. Waife in hohlem Baßton,„wenn ich allein waͤre in der Welt!“ „O, Großvater!“ 40 „Kenn' einen Ort, wo eine Bettſäul' wächst, Und weiß das Haus, wo Meiſter Seiler wohnt. Eine wonnevolle Ausſicht, mit der ich mir aber nicht ſchmeicheln darf, denn wenn ich am einen Ende des Seiles im Frieden wäre, wie würde es dann meiner Sophy ergehen, die ich verloren am andern ſtehen ließe!“ „Sprecht nicht ſo, ſonſt muß ich denken, Ihr bereuet es, daß Ihr Euch meiner angenommen habt.“ „Mich Deiner angenommen? o Kind, und wie denn? Du ſorgſt ja im Gegentheil für mich. Nimm Deine Hände von meinem Mund weg; ſetze Dich. liebes Herz, hier mir gegenüber, und laß uns reden. Nun, Sophy, Du haſt doch geſagt, Du würdeſt gerne dieſe Lebens⸗ weiſe ſogar mit einer geringeren und härteren vertauſchen: nicht wahr, es iſt ſo?“ „O ja in der That, Großvater!“ „Keine Flitterkleider und Blumenkränze mehr; kein Beifalls⸗ klatſchen mehr; keine dieſer theuren gottvollen Bühnenaufregungen mehr; die Heldin und Fee verſchwunden; blos noch ein kleines alltäg⸗ liches Kind in ſchmutzigem Gingham, mit einem blödſichtigen Krüppel, der Dir zur Laſt liegt, als einzigem Spielgenoſſen; Juliet Araminta auf immer verdunſtet zur kleinen Sophy.“ „Es würde ſo hübſch ſeyn!“ anzmwvrirtend die kleine Soph hy mit einem vergnügten Lachen. „Was würde es hübſch machen?“ fragte der Schauſpieler, indem er ſein einziges durchdringendes Auge mit neugierigem Intereſſe auf ſie richtete. Sophy ſtand auf und ſetzte ſich auf einen Schemel neben dem Knie ihres Großvaters; auf dieſes Knie legte ſie ihre ſchmächtigen Hände, und indem ſie ihre Locken auf die Seite ſchüttelte, ſchaute ſie ihm mit vertrauensvoller Zärtlichkeit in's Geſicht. Offenbar waren dieſe zwei Leute weit mehr, als Großvater und Enkelin— ſie waren Freunde, ſie waren Gleiche, ſie hatten die Gewohnheit, ſich mit 41 einander zu berathen und über Alles zu beſprechen. Die Kleine errieth ſeine Meinung, ſo umwölkt auch ſein Gemüth war, und er ſchaute durch ihr ſorgloſes Geplauder hindurch bis in den Kern ihres Herzens. Unter uns geſagt, Leſer, ich vermuthe, daß der Schauſpieler trotz ſeiner ſcharfſichtigen Runzeln ein eben ſo großes Kind war wie die Kleine. „Seht,“ ſagte Sophy,„ich will Euch ſagen, Großvater, was die Sache hübſch machen würde. Niemand würde Euch plagen und be⸗ leidigen, wir würden ganz für uns leben; und ſtatt dieſer garſtigen Lampen und dieſer ſchrecklichen geſchminkten Geſchöpfe könnten wir in’s Freie hinausgehen, auf den Feldern ſpielen und Gänſeblümchen pflücken; und ich könnte den Schmetterlingen nachſpringen, und wenn ich dann müde wäre, käme ich zu jeder Zeit des Tages hieher, wo ich jetzt bin, und Ihr würdet mir Geſchichten und ſchöne Verſe vorſagen und mich ein bißchen beſſer ſchreiben lehren, als ich es jetzt thue, und ſo ein kluges kleines Weib aus mir machen; und wenn ich einen Ging⸗ hamrock trüge, ſo müßte er doch nicht gerade ſchmutzig ſeyn, Groß⸗ vater, er würde ganz mir gehören, und auch Ihr würdet ganz mir gehören, und wir würden einen Vogel halten, und. Ihr müßtet ihn ſingen lehren; o würde das nicht ganz hübſch ſeyn?“ „Aber bedenke doch, Sophy, wir müſſen auch zu leben haben und wir können nicht von Gänſeblümchen und Schmetterlingen leben. Und ich kann jetzt nicht arbeiten— wegen dieſes Umſtandes da— ich kann nie mehr arbeiten— Schande genug für mich, aber es iſt ſo. Merle ſagt, die Schuld liege an den Sternen— ich will das von Herzen gern zugeben, aber die Sterne werden nicht ſtatt meiner in das Gefängniß des Arbeitshauſes gehen. Und wenn auch ſie nicht zu eſſen brauchen, ſo brauchen doch wir.“ „Aber, Großvater, Ihr habt ſeit dem erſten Spaziergang, den wir nach unſerer Ankunft hier machten, täglich geſagt, daß wir, wenn Ihr drei Pfund hättet, von da hinwegkommen, für uns ſelbſt leben und ein Glück machen könnten.“ 42 „Ein Glück— das iſt ein großes Wort; laß es bei Seite. Ein Glück! Ach, Sophy, wenn wir uns auch von dieſem dreimal fluch⸗ würdigen Rugge trennen könnten, ſo liegt doch der Plan, den ich in meinem Kopfe habe, immer noch weit entfernt von Gänſeblümchen und Schmetterlingen. Wir müßten in Städten wohnen und öffentlich auftreten.“ 1. „Auf einer Bühne, Großvater?“ fragte Sophy ergebungsvoll, aber bekümmert. „Nein, das nicht gerade— ein Zimmer würde ausreichen.“ „Und ich müßte dieſe abſcheulichen ſchrecklichen Kleider nicht mehr tragen, müßte nicht mehr unter dieſen ſchrecklichen, ſchrecklichen, ge⸗ ſchminkten Leuten leben?“ „Nein.“ „Und wir würden ganz allein ſeyn, Ihr und ich „Hum! Es würde noch ein Dritter dabei ſeyn.“ „O Großvater, Großvater,“ rief Sophy mit einem Schrei augſt⸗ voller Beunruhigung.„Ich weiß— ich weiß; Ihr wollt uns mit der Lady mit dem Ferkelgeſicht aſſociren.“ Mr. Waife(ohne eine Muskel zu bewegen).—„Eine ange⸗ nehme, ehrenwerthe Dame, die ſehr gut ſpricht. Aber an ein ſolches Glück iſt nicht zu denken; mit drei Pfund könnten wir ſie nicht kaufen.“ Sophy.—„Das freut mich; wegen der Meerfrau iſt mir nicht ſo bange— ſie iſt todt und ausgeſtopft. Aber oh(ein neuer Klage⸗ ſchrei), vielleicht iſt es der fleckige Knabe!“ Mr. Waife.—„Beruhige Deine ſanguiniſche Einbildungs⸗ kraft; Du trachteſt nach zu hohen Dingen. Aber das will ich Dir ſagen, daß unſer Genoſſe, was oder wer er auch immer ſeyn mag, ſo ſeyn wird, daß Du ihn lieben wirſt.“ „Ich glaube es nicht,“ ſagte Sophy, ihr Köpfchen ſchuttelnd. „Ich liebe blos Euch. Aber wer iſt es?“ „Ach!“ ſagte Mr. Waife, es hilft Nichts, wenn wir uns mit eiteln Hoffnungen einwiegen; die drei Pfund kommen doch nicht zum 21 . 43 Vorſchein. Du haſt gehört, was dieſer rohe Rugge ſagte, daß der Gentleman, der Dein Portrait zu nehmen wünſchte, dieſen Morgen zu ihm gekommen ſey und zehn Schillinge für eine Sitzung geboten habe— d. h. fünf Schillinge für Dich und fünf für Rugge; und Rugge fand dieſe Bedingungen annehmbar.“ „Aber ich ſagte, daß ich nicht ſitzen wolle.“ „Und als Du dieß ſagteſt, da hörteſt Du auch, welche Sprache Rugge gegen mich und gegen Dich führte. Und jetzt müſſen wir an's Einpacken denken und bei Tagesanbruch mit den Uebrigen weiter⸗ ziehen. Und,“ fügte der Schauſpieler mit heftigem Erröthen hinzu, „ich muß von Neuem vor ungebildeten Bauernlümmeln dieſe ver⸗ ſtümmelte Geſtalt zur Schau tragen; mich von Neuem als ein Bei⸗ ſpiel körperlicher Gebrechlichkeit hinſtellen— des Mannes tiefſte Er⸗ niedrigung, und ſo weit iſt es mit mir gekommen!“ „Nein, nein, Großvater, es kann nicht mehr lang anſtehen! wir werden die drei Pfund bekommen. Wir haben immer darauf gehofft, hoffen wir auch jetzt noch, und überdieß bin ich feſt überzeugt, daß dieſe Gentlemen heute Abend hieherkommen werden. Mr. Merle ſagte, ſte würden um zehn Uhr erſcheinen. Es iſt jetzt nahe an zehn, und Euer Thee iſt ſo kalt, wie ein Stein.“ Sie hing ſich koſend an ſeinen Hals, küßte ſeine gefurchte Braue, worein ſie eine Thräne fallen ließ, und ſchmeichelte ihm, bis er ſich ruhig zu ſeinem Mahle ſetzte; und Sophy theilte es, obſchon ihr der Kummer um ihn keinen Appetit gelaſſen hatte, aber ſie that es, um ihm Geſellſchaft zu leiſten; dann zündete ſie ſeine Pfeife an, die mit dem beſten Knaſter gefüllt war— ſein einziger Lurus und ſeine einzige Verſchwendung, aber ſie ſorgte immer dafür, daß es ihm nicht daran mangelte. Mr. Waiſe that einen langen Zug und gewann eine heiterere Anſicht von den Dingen. Wer nicht raucht, hat entweder keine großen Kummerniſſe gekannt, oder verſagt er ſich ſelbſt den lieblichſten Troſt nächſt demjenigen, der vom Himmel kommt. Was iſt lieblicher, als 74 ——*———— —————— 441 ein Weib? flüſtert der junge Leſer. Junger Leſer, das Weib quält ſowohl, als es tröſtet. Das Weib ſchafft zur Hälfte die Sorgen, zu deren Beſchwichtigung ſie das Vorrecht zu haben behauptet. Das Weib tröſtet uns allerdings, ſo lang wir jung und hübſch ſind; aber wenn wir alt und häßlich ſind, dann ſchnaubt das Weib uns an und keift mit uns. Im Ganzen alſo, das Weib in dieſe Schale, das Unkraut in die andere. Jupiter, hänge Deine Wage heraus und wäge ſie beide, und wenn Du dem Weib den Vorzug gibſt, ſo kann ich das nächſte Mal, wenn Juno Dich ärgert, weiter Nichts ſagen, als: — „O Inpiter, verſuche es mit dem Unkraut!“ Siebentes Kapitel. Der Geſchichtſchreiber in Erfüllung ſeiner ſtrengen Pflichten enthüllt der Verachtung künftiger Zeitalter einige der geheimen Gebräuche, welche den Fortſchritt der Aufklärung im neunzehnten Jahrhundert in Mißkredit bringen. „Darf ich hereinkommen?“ fragte der Schuhflicker außen vor der Thuͤre. „Allerdings, kommt herein,“ ſagte Gentleman Waife. Sophy blickte ſchlau nach der Oeffnung und ſeufzte, als ſie ſah, daß Merle allein war. Sie kletterte an ihm hinauf. „Werden ſie nicht kommen?“ flüſterte ſie. „Oh freilich, hübſche Kleine, ich hoffe es; es iſt noch nicht Zehn.“ „Nehmt eine Pfeife, Merle,“ ſagte Waife mit vornehmer Ko⸗ mödiantenmiene. „Nein, danke freundlich; ich kam blos, um zu fragen, ob ich Nichts fur Euch thun könne, im Fall Ihr morgen wandern müßt.“ „Nichts; unſere Bagage geht nahe zuſammen und iſt bald ge⸗ packt; Sophy hat das Geld, um den geringeren Theil unſerer Schuld an Euch abzutragen.“ 45 „Ich bringe das nicht in Anſchlag,“ ſagte der Schuhflicker er⸗ röthend. „Aber wir bringen Eure Achtung in Anſchlag,“ verſetzte Mr Waife mit einem Lächeln, das einem Feldmarſchall angeſtanden haͤtte⸗ „Und ſo, Merle, Ihr glaubt alſo, wenn ich ein heruntergekommener Vagabund ſey, ſo müſſe dies den Himmelskörpern auf ihre lange Rechnung geſchrieben werden?“ „Das unterliegt keinem Zweifel,“ erwiederte der Schuhficker feierlich.„Ich wollte, Ihr gäbet mir Datum und Ort von Sophy's Geburt an— das iſt Alles, was ich brauche— ich würde ihr das Heroscop ſtellen. Ich bin überzeugt, daß ſie glücklich wird.“ „Ich möchte das lieber nicht haben,“ ſagte Sophy ſchüchtern. „Lieber nicht?— ſehr ſonderbar. Warum?“ „Ich wünſche die Zukunft nicht zu wiſſen.“ „Das wird immer ſonderbarer,“ ſprach der Schuhficker erſtaunt; „ich habe noch nie ein Mädchen das ſagen gehört.“ „Wartet, bis ſie älter iſt, Mr. Merle,“ ſagte Waife;„Mädchen wollen die Zukunft nicht wiſſen, bis ſie ſich verheirathen wollen.“ „Es iſt ſo Etwas,“ meinte der Schuhflicker. Er hob den Cry⸗ ſtall auf.„Habt Ihr in dieſe Kugel hineingeſchaut, wie ich Euch erſucht habe?“ „Ja, zwei⸗ oder dreimal.“ „Ha! und was ſahet Ihr?“ „Mein eigenes Geſicht, das ſehr lang war,“ ſagte Sophy,„ſo lang“—(ſie ſtreckte ihre Hände aus). Der Schuhflicker ſchüttelte betrübt den Kopf, drückte ein Auge zu und hielt das andere an die myſtiſche Kugel. Mr. Waife.—„Vielleicht werdet Ihr ſehen, ob dieſe zwei Gentlemen kommen.“ Sophy.—„Thut das! und ob ſie uns drei Pfund geben werden.“ 46 Der Schuhflicker(triumphirend).—„Dann wünſcht Ihr alſo doch die Zukunft zu erfahren?“ Sophy.—„Ja, bis zu dieſem Punkt; aber bitte, ſehet nicht weiter.“ Der Schuhflicker(aufmerkſam in die Kugel blickend, dann langſam und ſtoßweiſe ſprechend).—„Jetzt ein Nebel. Ha! ein Arm mit einem Beſen— fegt Alles davor weg.“ Sophy(erſchrocken).—„Schickt ihn weg, ich bitte Euch.“ 4 Der Schuhflicker.—„Er iſt fort. Ha! da kommt Rugge 6— ſieht ſehr zornig aus— wahrhaftig ganz wild.“ Waife.—„Gutes Zeichen das, fahrt fort.“ Schuhflicker.—„Schüttelt ſeine Fauſt; iſt fort. Ha! ein junger Mann, noch knabenhaft, dunkles Haar.“ Sophy(in die Hände klatſchend).—„Das iſt der junge Gent⸗ leman, der ganz junge meine ich— mit den freundlichen Augen; kommt er?“— kommt er?“ Waife.—„Schaut in ſeine Taſchen! ſeht Ihr drei Pfund darin?“ Schuhflicker(ärgerlich).—„Unterbrecht mich nicht. Ha, er ſpricht mit einem andern Gentleman, der einen Bart trägt.“ Sophy(ihrem Großvater zuflüſternd).—„Mit dem ältern jungen Gentleman.“ Schuhflicker(den Cryſtall wegſtellend und mit großer Ent⸗ ſchiedenheit).—„Sie kommen wirklich hieher; ich ſah ſie an der Ecke der Gaſſe neben dem Wirthshaus, zwei Minuten von hier.“(Er zog eine große ſilberne Uhr heraus.)„Schaut, Sophy, wenn der Mi⸗ nutenzeiger hier ſteht(oder noch vorher, wenn ſie ſchnell gehen), werdet Ihr ſie klopfen hören.“ Sophy klatſchte in ſtummer Erwartung halb gläubig und halb zweifelnd in ihre Hände; dann ging ſie hin, öffnete die Zimmerthüre und ſtellte ſich auf den oberſten Treppenabſatz, um zu lauſchen. 47 Merle trat auf den Schanſpieler zu und ſagte leiſe:„Ich wünſchte um Euretwillen, ſie hätte die Gabe.“ Waife.—„Die Gabe!— die drei Pfund! das wünſchte ich auch.“ Schuhflicker.—„Puh! hundertmal drei Pfund werth; die Gabe— die ſpirituöſe Gabe.“ Waife.—„Spirituös! das Beiwort gefällt mir nicht, ſchmeckt nach Wachholderbranntwein.“ Schuhflicker.—„Die ſpirituöſe Gabe in dem Cryſtall zu ſehen; wenn ſie dieſe beſäße, ſo könnte ſie Euer Glück machen!“ Gentleman Waife(mit einer plötzlichen Veränderung in ſeinem Geſicht).—„Ah! Ich habe nicht an Das gedacht. Aber wenn ſie die Gabe nicht hat, ſo könnte ich ſie ihr ja durch Unterricht beibringen— nicht wahr?“ Schuhflicker(empört).—„Ich hätte nicht geglaubt, das von Euch hören zu müſſen, Mr. Waife. Ihr duch Unterricht beibringen— Ihr! Sie zu einer Betrügerin machen, und zwar von der ruchloſeſten Art, welche Lügen erfindet zwiſchen der Erde und Denen, die in den ſieben Sphären wohnen! Pfui! Nein, wenn ſie die natürliche Gabe nicht hat, ſo laßt ſie in Ruhe; was hier nicht vom Himmel geſandt iſt, das iſt Teufelslehre.“ Waife(ehrerbietig, aber zweifelhaft).—„Dann glaubt Ihr alſo wirklich, daß Ihr Alles das, was Ihr beſchriebet, in dieſem glä⸗ ſernen Ei geſehen habt?“ Schuhflicker.—„Glauben!— bin ich ein Lügner? ich habe die Wahrheit geſprochen, und der Beweis iſt hier!“— Rat—tat klopfte es an die Thüre. „Die zwei Minuten ſind gerade um,“ ſagte der Schuhflicker, und Cornelius Agrippa hätte es nicht mit einer zauberhafteren Wirkung ſagen können. „Sie kommen in der That,“ ſprach Sophy, indem ſie leiſe wieder in's Zimmer trat;„ich höre ihre Stimmen auf der Schwelle.“ 48 Der Schuhflicker trat ſchweigend ab, ging die Treppe hinunter und führte Vance und Lionel in das Zimmer des Schauſpielers; dort verließ er ſie und trat mit umwölkten Brauen ab. Gentleman Waife hatte ihn ſchwer beleidigt. Achtes Kapitel. Die Künſte nachweiſend, mittelſt deren ein Mann, ſo hoch in der Luft die Natur ſeine Naſe gefermt haben mag, durch dieſe Naſe in verkehrten Richtungen, denjenigen entgegengeſetzt, die er, nach ſeiner Naſe zu ur⸗ theilen, hätte einſchlagen müſſen, geleitet werden kann, und daraus den Beweis ziehend, daß die am reichlichſten mit praktiſchem Verſtand begab⸗ ten und im Dünkel darüber ihre Naſe am horizontalſten luftwärts tragen⸗ den Nationen dennoch bei Conferenzen mit andern, die in der Diplomatie beſſer bewandert und in der Schauſpielkunſt geübter ſind, zuletzt den Gegenſtand herausgeben, den man ihnen hatte ablocken wollen, ehe ſie ihre Naſen zuſammenſteckten. Wir Alle wiſſen, daß Demoſthenes geſagt hat, Alles in der Rede⸗ kunſt ſei Spiel, Bühnenſpiel. Gilt dieſes Diktum nur allein für die Rhetorik? Wendet es auf alle Umſtände des Lebens an— Schau⸗ ſpiel, Schauſpiel, Schauſpiel!— Die einzige Kunſt iſt, die Kunſt zu verbergen, ars est celare artem. Seelenvergnügt beim Anblick ſeiner Gaͤſte, bereits mit den drei Pfund calculirend, die er ihnen abzulocken gedachte, in dieſer Hoffnung die Criſis in ſeiner buntſcheckigen Erxiſtenz erblickend, erhob ſich Mr. Waife mit ſtolzer upocrisia, d. h. in einer prächtigen Theaterhaltung von ſeinem Sitze und fragte mit milder Würde:—„Welchem Umſtand habe ich die Ehre Eures Beſuches zu verdanken, Gentlemen?“ Trotz ſeiner Naſe ſtutzte ſogar Vance. Pope ſagt, Lord Boling⸗ broke habe das Ausſehen eines Edelmanns gehabt. Lord Boling⸗ broke war ſicherlich ein großer Schauſpieler. Aber ach! hätte Pope den Gentleman Waife geſehen! Der Künſtler benützte den Eindruck, den er hervorgebracht hatte, und fügte mit der feinſten Manier, die .———————— ———— 49 man ſich nur denken kann, hinzu:„Aber bitte, ſetzt Euch;“ als er dann ſeine Gäſte ſitzen ſah, nahm er ſeinen Sorgenſtuhl wieder ein und fühlte ſich als Herrn der Lage. „Hum!“ ſagte Vance, als er nach einer Pauſe ſeine volle Faſſung wieder gewann,„hum!“ „Hum!“ echote Gentleman Waiſe, und die beiden Maͤnner ſahen einander ganz ſo an, wie der Admiral Napier die Feſtung Kronſtadt und wie die Feſtung Kronſtadt den Admiral Napier augeſehen haben mochte. Lionel ging mit der jugendlichen Kühnheit, die ſich den Teufel um alle würdevolle ſtrategiſche W iſſenſchaft bel ätine geradezu auf den Kern der Sache los. „Ihr müßt wiſſen, warum wir kommen„Sir; Mr. Merle wird es Euch auseinander geſetzt haben. Mein Freund, ein ausgeze eüchurker Künſtler, möchte gern, wofern Ihr Nichts dagegen habt, eine entwerfen von dieſer jungen Dame ſehr“—„Sehr hübſchem Geſichtchen,“ ergänzte Vance, indem er die Rede aufnah hm.„Mr. Rugge war dieſen Morgen bereit dazu,— ich höre, daß Eure Enkelin ſich ge⸗ weigert hat. Wir ſind hiehergekommen, um zu ſehen, ob ſie unter Eurem eigenen oder unter Mr. Merle's Dach, was, wie ich annehme, für den Augenblick das Gleiche iſt, geſälliger ſeyn wird.“ Sophy hatte ſich an Lionel angeſchmiegt. Er dürfte ſich nicht geſchmeichelt gefühlt haben, wenn er gewußt hätte, warum ſie ihn Vance vorzog. Sie betrachtete ihn als einen Knaben, als ein Kind, wie ſie ſelbſt war, und iberdieß ſagte ihr ein Inſtinkt, daß ſie den Gegenſtand ihrer Begierde, die drei Pfund, leichter durch ihn erhalten würde, als durch ihren andend Gaſt mit dem Bart und dem verſchmitzten Geſicht „Drei Pfund,“ flüſterte Sophy mit Engelstönen in Lionels ſchauerndes Ohr. Mr. Waife.—„Sir, ich will offen gegen Euch ſeyn.“ Bei dieſem ominöſen Anfang rückte Mr. Vance ein wenig zurück und knopfte mechaniſch ſeine Hoſentaſche zu. Mr. Waifſe bemerkte die Bulwer, was wirdder damit machen? 4 Skizze — ☛ 2—— 50 einzigen Auge und ging vorſichtig zu Werke, in⸗ dem er ſo zu ſagen tappend ſeinen Weg nach dem Innern des auf ſolche Art geſchützten Verwahrungsortes ſuchte.„Meine Enkelin lehnte Euer ſchmeichelhaftes Anerbieten mit meiner vollen Zuſtimmung ab. Sie war, wie ich auch, durchaus nicht der Anſicht, daß Mr. Rugge vermöge ſeiner Eigenſchaft als Direktor ein Recht auf die Hälfte dieſes Geſichtes außerhalb der Bühne habe.“ Der Schau⸗ ſpieler pauſirte, und mit einer Stimme, deren mimiſche Drolligkeit durch keine Heiſerkeit ganz verwiſcht werden konnte, ſang er die alte Geberde mit ſeinem Strophe: Mein Reichthum, Sir, iſt mein Geſicht, ſprach ſie.“ „‿ Vance lächelte, Lionel lachte; Sophy drückte ſich noch näher zu dem Knaben. Gentleman Waife(mit Pathos und Würde).—„Ihr ſehet einen alten Mann vor Euch; ein Lebensweg iſt für mich ſo gut wie ein anderer. Aber ſie— glaubt Ihr, daß Mr. Rugge's Bühne der rechte Platz für ſie ſey?“ Vance.—„Gewiß nicht. Warum habt Ihr ſie nicht dem Lon⸗ doner Direktor vorgeſtellt, der Euch ſelbſt engagiren wollte?“ Waiſe konnte eine leichte Verändernng auf ſeinem Geſichte nicht verbergen.„Wie kann ich wiſſen, daß ſie Glück gemacht haben würde? Bretter noch nie betreten. Ueberdieß kann ſich Sie hatte damals die Etwas, was bei einem Dorfſchauſpiel ſo wohl gefällt, auf einem hauptſtädtiſchen Theater gar armſelig ausnehmen. Gentlemen, ich that mein Beſtes für ſie— Ihr könnt es nicht anders glauben, da ſie mich erhält. Ich bin kein Oedipus, aber ſie iſt meine Antigone.“ Vance.—„Ihr kennet die Claſſiker, Sir. Mr. Merle ſagte, Ihr ſeyet ein Gelehrter! Habt vermuthlich den Sophokles im grie⸗ chiſchen Original geleſen, Sir? Mr. Waife.—„Ihr ſpottet über den Unglücklichen; ich bin daran gewöhnt.“ Vance(beſchämt).—„Ich wollte Euch nicht verletzen— ich gängliche Gluth verleihen. Sie können fragen: W 51 bitte um Verzeihung. Aber Eure Sprache und Eure Manieren ent⸗ ſprechen den Erwartungen nicht, die man von— von einem Räuber hegen Verntr der von einem hartherzigen Baron verfolgt wird.“ Mr. Waife.—„Sir, Ihr ſagt, Ihr ſeyet ein Künſtler. Habt niemals von Kunſtgenoſſen, von höchſt genialen Männern gehört, velche Ruhm erwarben, den ich nie erworben habe, und in's Unglück geſtürzt ſind, wie ich eſini bin? Es war vielleicht. ihre eigene Schuld d: Unvorſichtigkeit, wilde Gewohnheiten, Unkenntniß der Art und Weiſe, wie man das Leben boganden und mit Menſchen umgehen muß; ſolche Fehler mag auch ich begangen haben. Ich leide deßhalb; gleichviel— ich verlange von Niemand, daß er mich retten ſoll. Ihr ſeyd ein Maler— Ihr möchtet gerne die Züge des Mädchens auf „ Eure Leinwand bringen— Ihr möchtet ihr gerne einen Platz unter 2˙2 Euern eigenen Schöpfungen anweiſen. Sie kann vielleicht ein Theil Eurer Unſterblichkeit werden. Fürſten können das Bild der un⸗ ſchuldigen glücklichen Kindheit bewundern, der Eure Farben unver⸗ r und was war dieſes ſchöne Geſchöpf? Werdet Ihr antworten: Ein Mädchen, das ich im Flitterſtaat geſehe en habe, mit der Ueberzeugung, daß ſie in Lumpen ſterben würde!— Rettet ſie!“ Lionel zog ſeine Börſe hervor und ſchüttete ihren Inhalt auf den Tiſch. Vance deckte ſeine breite Hand auf das Geld und ſchob es in ſeine eigene Taſche. Bei dieſer unglückſeligen That ſank Waife das Herz in die Schuhe; aber ſein Geſicht war ruhig, wie eines Römers Geſicht, nur nahm er ſeine Pfeife wieder und that verdrießlich einen langen Zug. „Ich werde das Portrait nehmen und ich werde es auch be⸗ zahlen,“ ſagte Vance.„Ich vernehme, daß Ihr eine dringende Ge⸗ legenheit habt um“—„Drei Pfund!“ murmelte Sophy dreiſt durch die Thränen hindurch, die das Pathos ihres Großvaters ihren nieder⸗ geſchlagenen Augen entlockt hatte—„drei Pfund— drei— drei.“ „Ihr ſollt ſie haben. Aber hört; ich beabſichtigte blos eine be ger ————yͤ—— 5 Skizze zu nehmen,— jetzt muß ich ein vollendetes Portrait haben. Dieß kann ich bei Licht nicht machen. Ihr müßt mich morgen hieher kommen laſſen, und doch höre ich, daß Ihr morgen abreiſen wollt.“ Waife.—„Wenn Ihr uns großmüthig die Summe ſpenden wollt, von der Ihr ſagt, ſo werden wir das Dorf nicht verlaſſen, bis Ihr Euer Gemälde vollendet habt. Wir wollen nur Mr. Rugge und ſeine Geſellſchaft verlaſſen.“ Vance.—„Und darf ich mir die Frage erlauben, was Ihr zu thun gedenket, um Euch ſelbſt und Curer Enkelin eine neue Exiſtenz zu verſchaffen mit Hulfe einer Summe, die für mich zu bezahlen aller⸗ dings groß— quoad me möchte ich ſagen enorm— aber für ein Kapital, auf das man ein Geſchäft begründen will, ſehr gering iſt?“ Waife.—„Entſchuldigt mich, wenn ich dieſe ſehr natürliche Frage für den Augenblick nicht beantworte. Laßt mich Euch ver⸗ ſichern, daß juſt dieſe Summe zu einem Unternehmen erforderlich iſt, welches ihr und mir ſelbſt eine behagliche Exiſtenz verheißt. Aber um das Gelingen meines Planes zu ſichern, muß ich ihn geheim halten. Glaubet Ihr mir?“ „Ja!“ rief Lionel, und Sophy, die er inzwiſchen auf ſeinen Schooß gezogen hatte, ſchlang dankbar ihren Arm um ſeinen Hals. „Da iſt Euer Geld zum Voraus, Sir,“ ſagte Vance, indem er ſeine verrathene und empfindliche Naſe abwärts neigte und dres Sovereigns auf den Tiſch legte. „Und woher wißt Ihr,“ ſagte Waife lächelnd,„daß ich nicht heute Nacht mit Eurem Geld und Eurem Modell auf und davon gehen werde?“ „Das ſieht Euch nicht gleich,“ ſagte Vance kurz,„übrigens wie John Kemble ſagte, als man ihm wegen eines allzugroßen Almoſens einen Vorhalt machte: „Nicht oft geſchieht's, daß ich dergleichen thue, Doch thu' ich es, ſo thu' ich's mit Manier.“ „Gnt angebracht und gut vorgetragen, Sir,“ ſagte der Schau⸗ ſpieler,„nur hättet Ihr auf das Wort thu etwas mehr Nachdruck legen ſollen.“ „Hab ich es nicht genug betont? ich fühlte es wahrlich ſehr; Niomand kann dieſes thu ſtärker fühlen.“ Waife's faltiges Geſicht gewann einen heitern Glanz— die Zweideutigkeit entzückte ihn. Gleichwohl that er, als ob er ſie nicht begriefe, ſtieß das Geld zurück und ſagte:„Nein, Sir, keinen Schilling, dis das Gemälde vollendet iſt. Ich will Ench ſogar geſtehen, daß ich, wenn ich keinen delikateren Skrupel hätte, lieber Nichts empfangen mochte, bis Mr. Rugge fort iſt. Wahrhaftig er hat kein Recht, einen Antheil anzuſprechen. Aber Ihr ſeht da einen Mann vor Euch, der im Disputiren niemals einen akademiſchen Grad gewonnen hätte und nie über die Eſelsbrücke hinausgekommen iſt, Sir. Gar manchmal auch ganz rein gerupft worden. Aber geht noch nicht. Ihr ſeyd ge⸗ kommen, um uns Geld zu geben— gebt uns, was ich, wenn ich reich waͤre, weit höher ſchätzen würde, ein bischen von Eurer Zeit. Ihr, Sir, ſeyd ein Künſtler, und Ihr junger Gentleman?“ an Lionel ge⸗ wendet. Lionel(erröthend).—„Ich bin bis jebt noch Nichts. Waife.—„Ihr habt, denke ich, Beide Gefallen am Drama. Apropos, Sir, Ihr ſagtet, daß Ihr John Kemble nie gehört habt. Erlaubt mir, Euch eine ſchwache Idee von ihm zu geben, ſo weit dieſe geborſtene Stimme es im Stande iſt.“ „Ich werde ſehr erfreut ſeyn,“ ſagte Vance, indem er näher zu dem Tiſch rückte und ſich behaglicher fühlte.„Aber da ich Euch rauchen ſehe, ſo darf ich mir vielleicht die Freiheit nehmen, meine Sigarre anzuzünden?“ „Thut wie zu Hauſe,“ ſagte Gentleman Waife mit der Gut⸗ müthigkeit eines väterlichen Wirthes. Dieſe ganze Zeit über plauderten Lionel und Sophy mit einander, und ſie ſaß beſtändig auf ſeinem Schooß. Waife begann ſeine Nachahmung von John Kemble. Trotz der 54 geborſtenen Stimme war ſie bewundernswürdig. Eine Nachahmung zog eine andere nach; dann folgten Anekdoten von der Bühne, vom Senat, vom Gerichtsſaale. Waife hatte große Redner gehört, die Jedermann noch immer um Vorträge bewundert, welche heut zu Tage kein Menſch mehr liest; er gab eine lebhafte Idee von jedem. Und dann kamen Erzählungen von trockenem Humor und wunderliche Stücke von ſeiner Weltbeobachtung; kurz die Zeit verflog ganz ange⸗ nehm, bis es zwölf Uhr ſchlug und die jungen Gäſte ſich losriſſen. „Merle, Merle!“ rief der Schauſpieler, als ſie gegangen waren. Merle erſchien. „Wir gehen morgen nicht. Wenn Rugge nach uns ſchickt(wie er bei Tagesanbruch thun wird), ſo ſagt das. Ihr müßt uns noch einige Tage beherbergen und dann— und dann— meine liebe Sophy, küß mich, küß mich! Du biſt wenigſtens vor dieſen ſchrecklichen ge⸗ ſchminkten Geſchöpfen gerettet.“ „Ah, ah,“ brummte Merle von unten,„er hat das Geld bekommen. Freut mich, es zu hören. Aber,“ fügte er hinzu, indem er verſchiedene cabaliſtiſche Zeichen und aſtrologiſche Symbole betrachtete, mit denen er ſich unterhalten hatte,„das iſt es nicht, die wahre Frage der Stunde iſt: Was wird er damit machen?“ Neuntes Kapitel. Der Geſchichtſchreiber zeigt, daß es trotz des fortſchrittfreundlichen Geiſtes der Zeiten einem Dritten nicht ohne Anſtrengungen erlaubt iſt, ſeinen eigenen Neigungen gemäß fortzuſchreiten. Sophy konnte nicht ſchlafen. Fürs erſte war ſie gar zu glücklich. Ohne ſich bei ihrem Looſe unter den wandernden Künſtlern des Mr. Rugge irgend einer Herabwürdigung bewußt zu ſeyn(wie konnte ſie das, da ihr geliebter und verehrter Beſchützer Jahre lang einer dieſer Künſtler geweſen war?), hegte ſie doch eine inſtinktmäßige Scheu vor der Berührung mit ihnen. Allerdings vergaß ſie, wenn ſie von irgend 5⁵ einer aufregenden Rolle ganz in Anſpruch genommen war, Kameraden, Zuhörerſchaft, Alles, und freute ſich ſelbſt über ihre Leiſtungen— ſie freute ſich nothwendig, denn ihr Spiel war wirklich vortrefflich, und wo keine Freude iſt, da iſt auch keine Vortrefflichkeit; aber wenn die hiſtrioniſche Begeiſterung nicht entſchieden thätig war, dann ſchmiegte ſie ſich mit einer Art von Ueberdruß und Furcht vor den bemalten Geſchöpfen und ihrem eigenen erborgten Flitterkram an ihren Groß⸗ vater feſt. Was aber mehr war als Alles, ſie hatte ein ſcharfes Gefühl für jede Schändlichkeit oder Beleidigung, die dem Gentleman Waife an⸗ gethan wurde. Der Himmel weiß, daß deren nicht wenige waren, und einem ſolchen Leben zu entfliehen, mit ihrem Großvater allein zu ſeyn, ihn ganz für ſich zum Verpflegen und zum Verhätſcheln zu haben, ihm zuhören und mit ihm plaudern zu dürſen, erſchien ihr als der höchſte Gipfel menſchlicher Glückſeligkeit. Ach aber würde ſie auch ganz allein ſeyn? Juſt als ſie ſich in einen Schlaf lullte, erhob ſich dieſe Frage in ihr und ſchreckte ſie auf. Und dann war es nicht das Glück, was ſie wach erhielt— es war etwas weniger Seltenes in einer weiblichen Bruſt, die Neugierde. Wer mochte wohl der geheimniß⸗ volle Dritte ſeyn, für deſſen Erwerbung die drei Pfund augenſchein⸗ lich beſtimmt waren? Welches neue Geſicht hatte ſie damit gekauft, daß ſie ihr eigenes herlieh? Die Lady mit dem Ferkelgeſicht war es nicht, der fleckige Knabe auch nicht. Konnte es der Norfolker Rieſe ſeyn oder das zweiköpfige Kalb? Schauerliche Idee! Monſtröſe Phan⸗ tasmagorien begannen vor ihren Augen hin und her zu gaukeln, und um ſie wegzuzaubern, ſprach ſie auf einmal mit großer Inbrunſt ihre Gebete— ein Akt der Frömmigkeit, den ſie in ihrer Aufreaung ver⸗ geſſen hatte, bevor ſie das Haupt auf ihr Kiſſen zur Ruhe legte— eine Unterlaſſungsfünde, von der wir in Demuth hoffen, daß der pro⸗ tokollführende Engel ſie nicht mit allzu dunkeln Lettern eingetragen haben wird. Nachdem dieſer Akt vorüber war, gewannen ihre Gedanken ein — 56 lieblicheres Anſehen, als die vorhergehenden Phantaſien mit ſich ge⸗ bracht hatten; ſie vergegenwärtigten ihr Lionel's freundliche Blicke und wiederholten ſeine ſanften gutmüthigen Worte.„Der Himmel ſegne ihn!“ ſagte ſie mit N kachdruck als Ergänzung der gewöhnlichen Gebete, und dann ſammelten ſich Thränen in ihren dankbaren Augen⸗ lidern, denn ſie gehörte zu denjenigen Weſen, deren Thränen nur r lang⸗ ſam durch Kummer, aber ſchuell durch Zuneigung hervorgerufen wer⸗ den. Und ſo fand die graue: Morgendämmerung ſie wachend, und ſie ſtand auf, badete ihre Wangen in dem kalten friſchen Waſſer und zog ſie glühend, wie Hebe, darans hervor. Sie kleidete ſich mit der ſtillen Thaͤtigkeit, die alle ihre Bewegungen charakteriſirte, dann öffnete ſie das Fenſter und athmete die Luft ein. Alles war ſtill in dem ſchmalen Gäßchen, die Buden noch geſchloſſen. Aber auf den ſtillen Bäumen hinter den Buden begannen die Vögel ſich zu regen und zu zwitſchern. „Der Hahn ließ von irgend einem benachbarten Hofe her ſeinen mun⸗ tern Weckerruf erſchallen. Lieblicher engliſcher Sommermor rgen in dem lieblichen engliſchen Dorfe. Sie ſtreckte ihren graziöſen Hals weit zum Fenſter hinaus und verſuchte einen Anblick von dem blauen Fluß zu gewinnen. Sie hatte ſeinen majeſtätiſchen Strom am Tage ihrer Ankunft auf der Meſſe geſehen und ſich nach ſeinen Ufern ge⸗ ſehnt; damals verbot ihr ein knechtiſches Dienſtverhäͤttniß zu der Bühne dieſen Genuß. Jetzt ſollte ſie frei werden! Oh Freude! Jetzt ſollte ſie ihre ſorgloſen Feierſtunden haben; ſie vergaß Waifes war⸗ nende Andeutung, daß ihr Beruf in Städten ausgeübt werden müſſe, ſie ließ ihre Phantaſie mitten unter Viſionen von grünen Feldern und Uachenden Waſſern ſchwelgen, ſie pflückte in ihrem holden Glückswahn die Gänſeblümchen und jagte den Schmetterlingen nach. Ein Wechſel⸗ balg aus der Wiege einfacher Natur in dieſe niedrigſte Welt der Kunſt verſetzt, fehnte ſich ihr menſchliches Kinderherz nach den menſchlichen Kindeswonnen. Alle Kinder lieben das Land, die Blumen, den Raſen, die Voͤgel, die Schmetterlinge, sder wenn einige ſie nicht lieben, ſo verzweifle, o Philanthropie, an ihrem ſpäteren Leben! 57 Sie ſchloß das Fenſter mit einem ſiillen Lächeln, ſchlich ſich durch die Thüre des anſtoßenden Zimmers und ſah, daß ihr Großvater noch ſchlief. Dann beſchäftigte ſie ſich damit, daß ſie das kleine Wohn⸗ zimmer in Ordnung brachte, den Tiſch für das Morgenmahl herrich⸗ tete und ihre Stöcke begoß; endlich nahm ſie die Cryſtallkugel auf und ſah mit einer gewiſſen Chrfurcht hinein, indem ſie ſich wunderte, warum der Schuhflicker ſo viel ſehen konnte, während ſie ſelbſt nur das verzerrte Spiegelbild ihres eigenen Geſichtes erblickte. Gleich⸗ wohl vertiefte ſie ſich dießmal dermaßen in die Betrachtung der myſti⸗ ſchen Kugel, daß ſie es nicht bemerkte, wie die Dämmerung in helles Tageslicht uͤberging, und auch eine Stimme an der Thüre unten nicht hörte, kurz gar keine Notiz von der äußern Welt nahm, bis ein ſchwerer Schritt den Fußboden erſchütterte und ſie mit Schrecken den hartherzigen Baron erblickte, deſſen Geſicht finſter genug war, um den Cryſtall des Dr. Dee ſelbſt zu verdunkeln. „Ho, ho,“ ſagte Mr. Rugge in ziſchenden Tönen, welche oft die Dreipfenniggallerie zum Voraus mit Schrecken erfullt hatten.„Re⸗ belliſch he?— wollt nicht kommen? wo iſt Euer Großvater, Pack?⸗ Sophy ließ den Cryſtall fallen— es war ein Glück, daß er nicht zerbrach— und ſtarrte den Baron mit leerem Blicke an. „Euer Lumpenkerl von Großvater?“ Sophy(herzhaft).—„Er iſt kein Lumpenkerl. Ihr ſolltet Euch vor Euch ſelbſt ſchämen, ſo zu ſprechen, Mr. Rugge.“ Jetzt erſchienen gleichzeitig Mr. Waife, der ſchnell in ſeinen grauen Hausrock geſchlüpft war, in der Oeffnung der Schlaflammer, und der Schuhflicker auf der Schwelle des Wohnzimmers. Der Schauſpieler blieb ſtumm ſtehen, indem er vielleicht der impoſanten Wirkung ſeiner Haltung vertraute. Der Schuhflicker, welcher der Regung eines untheatraliſchen Menſchen folgte, hielt ſeinen Kopf ver⸗ drießlich auf eine Seite und ſagte, beide Häͤnde in ſeine Hüſten ge⸗ ſtemmt:— 58 „Höfliche Worte gegen meine Miethleute, Maſter, oder Ihr geht hinaus.“ Der hartherzige Baron ſah rachſüchtig, zuerſt den einen, dann den andern an; endlich ſchritt er auf Waife zu und ſprach mit einem ſeindſeligen Grinſen:„Ich habe Euch Etwas zu ſagen, ſoll ich es vor Eurem Wirthe ſagen?“ Der Schauſpieler winkte dem Schuhflicker mit der Hand zu: „Verlaßt uns, mein Freund; ich werde Euer nicht bedürfen. Kommt hieher, Mr. Rugge.“ Rugge trat in das Schlafzimmer und Waife ſchloß die Thüre hinter ihnen. „Ei, ei,“ ſagte der Schuhſlicker, ſich am Kopfe kratzend.„Die Nachgiebigkeit Eures Großvaters gefällt mir nicht ganz. Brittiſcher Boden hier! Aber Euer Geburtsſtern kann ſicherlich in keiner ſo bös⸗ artigen Conjunktur mit dieſem ſchreienden Tyrannen ſtehen, um Euch mit Händen und Füßen an ihn zu feſſeln. Laßt uns ſehen, was der Eryſtall davon denkt. Hebet ihn ſachte auf und kommt mit mir hinunter.“ „Bitte nein; ich will in der Nähe des Großvaters bleiben,“ ſagte Sophy entſchloſſen;„er darf nicht hülflos bei dieſem rohen Mann gelaſſen werden.“ Der Schuhflicker konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Gott ſegne Euch!“ ſagte er,„Ihr ſeyd ein aparter Geiſt, und wenn Ihr mein Weib wäret, ſo würde ich vor Euch erſchrecken. Aber ich will nicht hier ſtehen bleiben und lauſchen; vielleicht hat Euer Groß⸗ vater Geheimniſſe, die ich nicht hören darf; rufet mich, wenn Ihr meiner bedürfet.“ Er ging hinab. Sophy, die eine weniger edle Verachtung gegen das Lauſchen hegte, ſtellte ſich mitten in's Zimmer und hielt ihren Athem an, um zu horchen. Sie hörte keinen Ton; ſie hatte halb im Sinn, ihr Ohr an das Schlüſſelloch zu halten, aber Dieß ſchien ſogar ihr eine gemeine Sache zu ſeyn, wenn es nicht durch die Nothwendigkeit des Falles geboten wurde. So blieb ſie mit vor⸗ ——— 4 —————.,— 39 gebeugtem Kopf und erhobenem Finger ſtehen. Oh hätte Vance ſie ſo malen können! Zehntes Kapitel. Die Urſachen zeigend, warum Individuen und Völker, wenn ein Individuum oder ein Volk zu ſeinen eigenen willkürlichen Zwecken Etwas zu erhalten wünſcht, wovon das andere Individuum oder Volk ſich nicht trennen will, im Stande ſind, die milden Lehren des Chriſtenthums zu ignoriren, ſo wie die Gefühle der Friedensgeſellſ chaften zu empören und ihre Theorien über den Haufen zu werfen. „Muß ich's erleben,“ ſagte Mr. Rugge flüſternd, als Waife ihn nach dem fernſten Ende des innern Zimmers gezogen hatte, ſo daß die Bettvorhänge zwiſchen ihrem Standort und der Thüre den Ton ihrer Stimmen dämpften,„muß ich's erleben, daß Ihr, nachdem ich Euch und dieſes Kind aus Barmherzigkeit und auf Eure eigene Bitte in mein Theater aufgenommen habe, mir jetzt ohne Aufkündigung weg⸗ laufen wollt— franzöſiſcher Abſchied— iſt das brittiſches Benehmen?“ „Mr. Rugge,“ erwiederte Waife abbittend,„ich habe keine Ver⸗ pflichtung gegen Euch, außer zu einem Probeverſuch. Wir waren beiderſeits auf drei Monate frei— Ihr konntet uns jeden Tag weg⸗ ſchicken, wir konnten Euch verlaſſen. Die Probe gefällt uns nicht; wir danken Euch und gehen.“ Rugge.—„Das iſt nicht wahr. Ich ſagte, daß es mir frei⸗ ſtehen müſſe, Euch Beide zu entlaſſen, wenn das Kind nicht einſchlage. Ihr, ein armſeliges hülfloſes Geſchöpf, konntet von keinem Nutzen ſeyn. Aber ich habe Euch nie ſagen horen, daß es Euch auch frei ſtehen ſolle. Verſteht ſich von ſelbſt, daß das nicht ſeyn kann. Meine Engagements in die Willkür eines Waiſe zu legen!— Ich Lorenzo Rugge!— Dummes Zeug! Aber ich bin ein gerechter Mann und ein liberaler Mann, und wenn Ihr meinet, daß Ihr einen höheren Lohn bekommen müſſet, wenn dieſes undankbare Benehmen blos, wie —————————— ich es dafür halte, eine Arbeitsverweigerung zur Erzwingung größeren Lohnes iſt, ſo will ich Euch entgegenkommen. Juliet Araminta ſpielt beſſer, als ich hatte vorausſetzen können, und ich will ein Engagement auf drei Jahre unter guten Bedingungen abſchließen, wie es unter uns ausgemacht war, im Fall die Probe entſpräche.“ Waife ſchüttelte den Kopf.„Ihr ſeyd ſehr gut, Mr. Rugge⸗ aber es iſt keine Arbeitsverweigerung. Mein kleines Mädchen liebt dieſes Leben durchaus nicht, und da ſie mich unterſtützt, ſo bin ich ge⸗ nöthigt, ihr zu willfahren. Ueberdieß,“ ſagte der Schauſpieler in ſteiferer Haltung,„habt Ihr mir Euer Wort gebrochen. Wir waren dahin einverſtanden, daß ich nie mehr auf Eurer Bühne auftreten ſollte; meine ganze Aufgabe ſollte darin beſtehen, Euch bei den Vor⸗ ſtellungen zu berathen, die Stücke zuzuſtutzen und Euch bei der Bühnen⸗ direktion an die Hand zu gehen; da habt Ihr meine Noth ausgebeutet, und als ich um einen kleinen Vorſchuß bat, beſtandet Ihr darauf, dieſe Trümmer meiner Vergangenheit dem öffentlichen Mitleid aufzuzwingen. Genug— wir ſcheiden. Ich ertrage keine Bosheit.“ Rugge.—„Ei wahrhaftig! ich auch nicht. Aber ich bin ein Britte und habe das Gemüth eines ſolchen. Ihr würdet beſſer thun, mich nicht zu Eurem Feind zu machen.“ Waife.—„Ich bin über die Nothwendigkeit, mir Feinde zu machen, hinaus; ich habe einen bereits fertigen Feind in mir ſelbſt.“ Rugge legte eine ſtarke knochige Hand auf den Arm des Krüppels. —„Allerdings habt Ihr das. Ein böſes Gewiſſen, Sir! Wie würde es Euch gefallen, wenn man einen Blick in Euer vergangenes Leben wärfe und es ausplauderte?“ Gentleman Waife(traurig).—„Die letzten vier Jahre ſind in Gurem Dienſt verfloſſen, Mr. Rugge. Hätte man das Protokoll darüber zu meinem Benefiz ausgeſchwatzt, ſo wäre kein Auge im Haus trocken geblieben.“ Rugge.—„Ich verachte Euern Hohn. Wenn ein Skorpion, den ich an meinem Buſen genährt habe, mich verſpottet, ſo überlaſſe ich das ſeinen eigenen Betrachtungen. Aber ich ſpreche nicht von den Jahren, in welchen dieſer Skorpion auf meine Koſten einen Gehalt genoſſen und Knaſter geraucht hat. Ich beziehe mich auf einen früheren Gaunerſtreich in ſeiner buntſcheckigen Eriſtenz.— Ha, Sir, Ihr ſtöhnet! Vermuthlich kann ich über Euch Etwas ausfindig machen, was—“ Waife(trotzig).—„Nun was denn?“ Rugge.—„Oh, ſtimmet Cuern Ton herab, Sir, und poltert nicht. Ich argwoöhne Etwas! Ich habe guten Grund für meinen Argwohn, und wenn Ihr Euch auf dieſe Art davonſchleichet und: um mein Eigenthumsrecht auf Juliet Araminta betrüget, ſo werde in keinen Stein auf dem andern laſſen, bis ich meine Ver nübihuns be⸗ wieſen habe— ſchauet Euch wohl vor, Ihr geringer Mann! Doch kommt, ich wunſche kein Gezänke; laßt Euch vernünftig finden und (ſeine Brieftaſche herausziehend) wenn Ihr einen Vorſchuß braucht und für de it ena ein dreijähriges Engagement ſchwarz auf weiß haben wollt, ſo könnt Ihr eine hübſche Summe aus mir heraus⸗ preſſen und für g de Perſon hingehen, wohin es Euch beliebt; ich werde Euch nie Etwas in den Weg legen. Was ich verlange, iſt das Mädchen.“ Den Schauſpieler ganz bei Seite gelegt, brummte Waife:„Ich will mich hängen laſſen, Sir, wenn Ihr das M ädchen bekommt.“ In dieſem Augenblick öffnete Sophy die Thüre weit und trat kühn ein. Sie hatte ihres Großvaters erhobene Stimme gehört, ob⸗ ſchon die heiſeren Töne ihr nicht geſtattet hatten, ſeine Worte deutlich wvernehmen. Sie war in Unruhe um ihn. Sie kam als eine ſchützende Fee herein, um ihn gegen den ſechs Fuß hohen Unterdrücker zu vertheidigen. Rugge's Arm war erboben, freilich nicht um zu ſchlagen, ſondern vielmehr um zu deklamiren. Sophy glitt zwiſchen ihn und ihren Großvater, und indem ſie ſich an den letztern feſt⸗ klammerte, warf ſie ihren eigenen Arm hinaus, den Zeigefinger drohend gegen den harthertigen Baron erhoben. Wie würdet Ihr geklatſcht 31 ſe — ——— ÿÿÿ———— — —— — —= —— haben, weun Ihr ſie ſo im Coventgarden geſehen hättet! Aber ich wollte darauf ſchwören, das Kind wußte nicht, daß es ſpielte. Rugge wußte es und er war von Bewunderung ergriffen; ſein Bedauern bei dem Gedanken, daß er ſie verlieren ſolle, ſteigerte ſich bis zur Wuth. „Bravo,“ ſagte er unwillkürlich—„kommt, kommt, Waife, ſchaut ſie an— ſie iſt für die Bühne geboren. Mein Herz ſchwillt vor Stolz. Sie iſt moraliſch geſprochen mein Eigenthum; macht ſie auch rechtlich dazn— und hört in Euer Ohr— Fünfzig Pfund. Nehmt mich, ſo lange ich in guter Laune bin. Golconda öffnet ſich fünfzig Pfund!“ „Nein,“ ſagte der Vagabund. „Nun denn,“ verſetzte Rugge verdrießlich,„laßt ſie ſelbſt für ſich ſprechen.“ „Sprich, Kind. Du willſt nicht zu Mr. Rugge zurückkehren— und vollends ohne mich— willſt Du, Sophy?“ „Ohne Euch, Großvater! lieber ſterben!“ „Ihr hört ſie; Alles iſt zwiſchen uns abgemacht. Ihr habt unſere Dienſte bis geſtern Abend gehabt; Ihr habt uns bis geſtern Abend bezahlt; und nun guten Morgen, Mr. Rugge!“ „Mein liebes Kind,“ ſagte der Direktor, indem er ſeine Stimme ſo ſauft als möglich machte,„überleget wohl. Ihr könutet es ſo weit bringen ohne dieſen thörichten alten Mann. Ihr haltet mich für grob, aber er iſt es, der mich aufreizt und aus der Faſſung bringt. Ich bin ungemein liebreich gegen Kinder. Ich hatte ſelbſt einmal ein kleines Kind— auf meine Chre, ich hatte eines— und wäre es nicht in Folge des Zahnens an den Gichtern geſtorben, ſo wäre ich noch immer Vater. Erſetzet mir dieſes geliebte Kind. Ihr ſollt ſo ſchöne Kleider bekommen; Alles neu— könnt ſie ſelbſt auswählen— und jeden Sonntag Kalbsſchnitten und Himbeertorten zum Mittag⸗ eſſen. In drei Jahren werdet Ihr unter meiner Obhut eine große Schauſpielerin werden, Euer Glück machen und einen Lord heirathen 68 — die Lords kommen ganz aus dem Häuschen, wenn ſie große Schau⸗ ſpielerinnen ſehen,— aber was könnt Ihr denn bei dieſem Manne da thun? Euch abplagen, vermodern und v erhungern; auch kann er nicht mehr lange leben, und was wird Dan aus Euch werden? Es iſt eine Schande, ſie ſo hinzuhalten, Ihr nichtsnutziger alter Land⸗ ſtreicher!“ „Ich halte ſie nicht hin,“ ſagte Waife, indem er ſie hinwegzuſchie⸗ ben verſuchte.„Es iſt Etwas an dem, was der Mann ſagt. Wähle ſelbſt, Sophy.“ Sophy(ein Schluchzen unterdrückend).—„Wie könnt Ihr das Herz haben, ſo zu reden, Großvater? Ich ſage Euch, Mr. Rugge, Ihr ſeyd ein böſer Mann, und ich haſſe Euch und Alle, die bei Euch ſind— und ich will beim Großvater bleiben— und ich ſridr Nichts darnach, ob ich verhungere— er wird nicht verhungern.“ Mr. Rugge(beide Hände auf die Krone ſeines Hutes drückend und auf die Thüre zuſchreitend).—„William Waife, ſeyd auf Eurer Hut; jetzt gilt's! ich bin Euner Feind. Was Euch betri ifft, allzu⸗ theures aber verwahrlostes Kind, ſo bleibet bei ihm— Ihr werdet ſehr bald erfahre In, wer und was er iſt— Euer Stolz wird einen Fall erleiden, wenn— Waife ſprang trotz ſeiner Lahmheit vor— ſeine Fäuſte ballten ſich, ſein einziges Auge flammte; ſein breiter, ſtämmiger Rumpf ſtellte ſich dem grimmigen Direktor gegenüber und jagte ihm Angſt ein. Obſchon Rugge größer und jünger war, ſo kauerte er ſich doch vor dem Krüppel zuſammen, den er ſo lange gehöhnt und gedemüthigt hatte. Die Worte erſtarben auf ſeiner Zunge.„Entfernt Euch augenblicklich,“ donnerte der Schauſp bieler mit einer Stimme, die jetzt nicht mehr klanglos war.„Verunglimpfet meinen Namen mit einem einzigen Wort vor dieſem Kinde, ſo werde ich Euch das nächſte die Kehle hinunterſchlagen.“ Rugge ſtürzte nach der Thüre, hielt ſie halb offen zwiſchen Waife und ſich, ſteckte dann noch ſeinen Kopf herein und ziſchte:„Flieh, 64 Halunke, flieh! meine Rache wird Dein Geheimniß ausſpüren und Dich in meine Gewat bringen. Juliet Araminta muß noch mein werden.“ Mit dieſen ſchrecklichen Worten ſprang der harther rzige Baron in zwei Sätzen die Treppe hinab und ſtürmte aus dem Hauſe. Waife lächelte verächtlich. Aber als die Hausthüre hinter dem zornigen Direktor lärmend zuflog, da ſchwand die Farbe vom Geſichte des alten Mannes. Erſchöpft durch die Aufregung, die er durchge⸗ macht hatte, ſank er auf einen Stuhl, ſchnappte haſtig noch einmal nach Luft und ſiel in Ohnmacht. Eilftes Kapitel. Fortſchritt der ſchönen Künſte.— Biographiſche Anekdoten.— Schwan⸗ kungen im Werthe des Geldes.— Spekulative Tendenzen der Zeit. So heftig die Erſchütterung ſeyn mochte, welche die Brutalität des hartherzigen Barons in dem Nervenſyſtem des verfolgten, aber triumphirenden Räubers hervorgerufen, ſo hatte ſie ſich doch ſicherlich gelegt, als Vance und Lionel in Waife's Zimmer traten, denn ſie fanden Großvater und Enkelin in der Nähe des offenen Fenſters, au der Ecke des Tiſches, auf welchem ſie durch Beſeitigung der ausge⸗ ſchnittenen Cocosnuß, des Cryſtalleis und der zwei Blumentöpfe Platz für ihre Operationen gemacht hatten, in einem eifrigen Dominoſpiel begriffen, in deſſen Verlauf manches ſilberne Lachen über Sophy’s Lippen kam. Mr. Waife hatte ſich ſeit länger als einer Stunde der Einwei⸗ hung Sophy's in die Geheimniſſe dieſes intellectuellen Vergnügens gewidmet und gab ſich ſo viele Mühe, ſeine Ermahnnngen waren ſo eindrücklich, daß ſeine glückliche Schülerin ſich des Gedankens nicht erwehren konute, dieß ſey die neue Kunſt, von welcher Waife mit ſolcher Zuver ſicht den künftigen Lebensunterhalt für ſie Beide erwarte⸗ Als aber die Gäͤſte eintraten, ſprang ſie auf und ihr Geſicht ſtrahlte 65 von einem dankbaren Lächeln; ſie eilte auf Lionel zu und nahm ihn bei der Hand, während ſie vor Vance einen ehrerbietigeren Knix machte; dann rief ſie:„Wir ſind frei! Das haben wir Euch zu ver⸗ danken, Euch Beiden! Er iſt fort! Mr. Rugge iſt fort.“ „Ich habe es geſehen, als ich über den Raſen ging; Bühne und Alles iſt fort,“ ſagte Vance, während Lionel das Kind küßte und an ſich drückte. Es iſt erſtaunlich, wie väterlich ihm zu Muthe war, wie feſt ſich die Kleine in ſein Herz eingeniſtet hatte. „Bitte, Sir,“ fragte Sophy ängſtlich, indem ſie zu Vance auf⸗ ſchaute,„iſt der Norfolker Rieſe auch fort?“ Vance.—„Ich glaube es— alle Sehenswürdigkeiten ſind ſchon fort oder wenigſtens im Begriff aufzubrechen.“ Sophy.—„Das zweiköpfige Kalb?“ Vance.—„Habt Ihr eine Sehnſucht darnach?“ Sophy.—„Oh gewiß nicht.“ Waife, der nach einem tiefen Bückling und einem fröhlichen: „Guten Tag, Gentlemen!“ ſtill geblieben war und die Dominoſteine weggeſchoben hatte, ſagte jetzt:—„Vermuthlich, Sir, möchtet Ihr ſogleich Eure Skizze beginnen?“ Vance.—„Ja; ich habe alle meine Werkzeuge mitgebracht, — da ſeht, auch die Leinwand. Ich wollte, ſie wäre größer, aber dies iſt Alles, was ich von dieſem Material bei mir habe— ſie iſt bereits aufgeſpannt— laßt mich jetzt nur noch das Licht arrangiren.“ Waife.—„Wenn Ihr meiner nicht bedürfet, Gentlemen, ſo will ich auf etwa eine halbe Stunde in's Freie gehen. Ich habe jetzt gerade Zeit, mich wegen meines Plans zu erkundigen.“ Sophy(flüſternd zu Lionel).—„Ihr wißt gewiß, daß das Kalb und der Norfolker Rieſe fort ſind?“ Lionel antwortete verwundert, er glaube es, und Waife verſchwand in ſein Zimmer, aus dem er bald wieder hervorkam, nachdem er ſeinen Hausrock mit einem ſchwarzen Ueberzieher vertauſcht hatte, der keines⸗ wegs fadenſcheinig und auch gut gebürſtet war. Hut, Stock und Bulwer, was wird er damit machen? 5 ———yy ymymy— 66 Handſchuhe, ſo machte er wirklich eine mehr als reſpektable Figur und war jeder Zoll Gentleman Waife.„Mach' ein freundliches Geſicht, Sophy, und bleib'ruhig ſitzen, wenn Du kannſt,“ ſagte er dann, indem er allen Dreien vergnügt zunickte und die Treppe hinabhumpelte. Sophy, welche Vance juſt in einen Stuhl geſetzt hatte, den Kopf theilweiſe(zu drei Vierteln) geſenkt, ſyrang, als der Künſtler bereits ihr ambraduftendes Haar losgewunden hatte und mit dem ſinnenden Auge eines Malers ihre ganze Erſcheinung und Haltung betrachtete, zu ſeiner großen Störung plötzlich auf und ſtürzte an das Fenſter. Von da kehrte ſie mit ſehr erleichtertem Gemüth auf ihren Sitz zurück. Waife machte ſeinen Spaziergang in der entgegenge⸗ ſetzten Richtung von dem ehemaligen Quartier des Norfolker Rieſen und des zweiköpfigen Kalbes. „Kommt, kommt,“ ſagte Vance ungeduldig,„Ihr habt mir jetzt ſchon eine Idee halb zerſtört. Ich muß bitten, daß Ihr Euch nicht rühret, bis ich Euch geſetzt habe, und dann möget Ihr, wenn alles Andere an Euch ruhig iſt, Eurer Junge freie Bewegung geſtatten. Ich erlaube Euch, zu ſprechen.“ Sophy(reumüthig).—„Es thut mir ſehr leid, ich bitte um Berzeihung. Iſt es ſo recht, Sir?“ Vance.—„Den Kopf etwas mehr rechts— ſo. Titania, die den ſchlafenden Zettel betrachtet. Wollt Ihr auf den Boden liegen, Lionel, und den Zettel vorſtellen?“ Lionel(unwillig).—„Zettel! habe ich einen Eſelskopf?“ Vance.—„Das iſt unweſentlich! ich kann mir leicht einbilden, daß Ihr einen habet. Ich brauche blos den Umriß einer Figur, etwas Zappelndes und Unbehülfliches.“ Lionel(verdrießlich).—„Sehr verbunden, bildet Euch das ebenfalls ein.“ Vance.—„Seyd nicht ſo ungefällig; es iſt nothwendig, daß ſie irgend Etwas freundlich anſchaue— es iſt wegen des Ausdrucks im Auge.“ 67 Lionel lehnte ſich auf einmal in einer Stellung zurück, die ſo wenig zappelnd und unbehülflich war, als er es nur zu Stande bringen konnte. Vance.—„Bildet Euch ein, Miß Sophy, dieſer junge Gentle⸗ man ſey Euch ſehr theuer. Habt Ihr einen Bruder gehabt?“ Sophy.—„Ach nein, Sir Vance.—„Hm. Aber; Ihr hattet doch eine Puype 2“ Sophy.—„Oh ja; Großvater gab mir eine.“ Vance.—„Und 88 liebtet dieſe Puppe recht zärtlich?“ Sophy.—„Ja, Sir.“ Vance.—„Bildet Erch ein, dieſer junge Gentleman ſey Eure Puppe, die jetzt groß geworden— ſie ſchlafe, und Ihr Machet über ſie, damit Niemand ihr ein Leid anthue— Mr. Rugge z. B. Werfet Eure ganze Seele i in dieſen Gedanken— Liebe zur Puppe, Furcht vor Rugge. Lionel, haltet Euch ruhig und ſchließet Eure Augen.“ „Lionel(brummend).—„Ich bin nicht hiehergekommen, um eine Puppe aus mir machen zu laſſen.“ Vance.—„Schmeichelt ihm, daß er ruhig iſt, Miß Sophy, und friedlich ſchläft, ſonſt werde ich ihm etwas Schlimmes anthun. Ich kann auch ein Rugge ſeyn, wenn man mich erzürnt.“ Sophy(in den ſanfteſten Tönen).—„Verſucht es zu ſchlafen, Sir— ſoll ich Euch ein Kiſſen holen?“ Lionel.—„Nein, ich danke Euch, ich bin jetzt ganz comfortabel (ſeinen Kopf auf den Arm legend und nach einem weiteren Blick auf Sophy die Wimpern wider Willen geſchloſſen über ſeinen beſänftigten Augen). Ein Sonnenſtrahl drang ſchief durch das halbgeſchloſſene Fenſter herein und ſpielte um die üppigen Haare des Jünglings und ſeine glatten weichen Wangen. Sophy's Blick ruhte mit ungemeiner Güte auf ihm. „Ganz recht ſo,“ ſagte Vance,„und jetzt haltet Euch ſtill, bis ich die Haltung bekommen und den Blick fixirt habe.“ Der Künſtler ſkizzirte flüchtig mit kühner, erfahrener Hand, und . 5* ———————— ———— Alles ſchwieg ungefähr eine halbe Stunde, bis er ſagte:„Ihr könnt jetzt aufſtehen, Lionel, ich bin für den Augenblick mit Euch fertig.“ Sophy.—„Und mit mir auch— darf ich's ſehen?“ Vance.—„Nein; aber Ihr mögt jetzt ſprechen. So, Ihr hattet alſo eine Puppe, was iſt aus ihr geworden?“ Sophy.—„Ich ließ ſie dahinten, Sir. Großvater meinte, ſie würde mich zu ſehr zerſtreuen, ſo daß ich auf ſeinen Unterricht nicht gehörig Acht geben und meine Rollen nicht recht lernen würde.“ Vance.—„Ihr liebt Euern Großvater mehr als die Puppe?“ Sophy.—„Oh tauſend Millionen Millionen mal mehr.“ Vance.—„Er hat Euch ohne Zweiſel erzogen? habt Ihr keinen Vater, keine Mutter?“ Sophy.—„Ich habe blos meinen Großvater.“ Lionel.—„Habt Ihr immer mit ihm gelebt?“ Sophy.—„Ach, leider nein; ich war bei Mrs. Crane, bis der Großvater aus der Ferne kam, mich wegnahm und zu ſehr freundlichen Leuten brachte; und dann als der Großvater dieſes arge Unglück hatte, kam ich, um bei ihm zu bleiben, und ſeitdem ſind wir immer beiſammen geweſen.“ Lionel.—„War Mrs. Crane keine Verwandte von Euch?“ Sophy.—„Nein, ich glaube nicht, denn ſie war nicht freund⸗ lich— ich war ſo unglücklich; aber ſprecht nicht davon— ich vergeſſe das jetzt. Ich will mich blos noch von der Zeit an erinnern, wo der Großvater mich auf ſeinen Schoß nahm und zu mir ſagte, ich ſolle ein gutes Kind ſeyn und ihn lieb haben; und ſeitdem bin ich immer glücklich geweſen.“ „Ihr ſeyd ein gutes Kind,“ ſagte Lionel mit Nachdruck,„und ich wollte, ich hätte Euch zur Schweſter.“ Vance.—„Wenn Euer Großvater dieſe ungeheure Summe — nicht als ob ich ſie nicht gern gegeben hätte— von mir erhalten hat, möchte ich gerne fragen: Was wird er damit machen? Da er aber ſagte, dies ſey ein Geheimniß, ſo darf ich Euch nicht ausholen.“ Sophy.—„Was wird erdamit machen? Ja das möchte ich auch gerne wiſſen, Sir; aber was es auch iſt, ſo mache ich mir keinen Kummer darüber, ſo lange ich und Großvater beiſammen ſind.“ Hier trat Waife wieder ein.„Nun, wie geht's mit dem Ge⸗ mälde?“ Vance.—„Ertraͤglich für die erſte Sitzung; ich verlange noch zwei weitere.“ Waife.—„Ganz gut; nur— nur—(er zog Vance auf die Seite und flüſterte)— nur fürchte ich, daß ich übermorgen das Geld brauchen werde. Es iſt eine Gelegenheit, die nie wieder kommen wird— ich muß ſie beim Schopfe faſſen.“ Vance.—„Nehmt das Geld jetzt.“ Waife.—„Gut, ich danke Euch, Sir; Ihr ſeyd jetzt überzeugt, daß wir nicht davonlaufen werden— und ich nehme Eure Güte an; dadurch wird Alles ſicher werden.“ Vance ließ mit überraſchender Munterkeit die Sovereigns in die Hand des alten Mannes gleiten, denn die Wahrheit zu ſagen, der Künſtler war, obſchon haushälteriſch, doch in Wirklichkeit generös. Sein Vorſichtsorgan war ſtark ausgebildet, aber das Erwerbsorgan nur ſehr mäßig. Ueberdies war er in den Augenblicken, wo er ſeine ganze Seele in ſeine Kunſt legte, unwillkürlich weniger empfänglich für den Werth des Geldes. Und es iſt ſeltſam, daß, obſchon die Staaten die bleibendſte Währung für dieſen Artikel feſtzuſtellen be⸗ müht ſind, der Werth des Geldes für das Individuum, das ſeine Blicke darauf richtet, ein halb dutzendmal täglich wechſelt und ſchwankt, ſteigt und fällt. Ich für meinen Theil geſtehe ehrlich, daß es unter den vierundzwanzig Stunden des Tages einige gibt— ſolche z. B., wie die unmittelbar vor dem Frühſtück oder wie die, die auf eine Seite dieſer Geſchichte folgt, in welcher ich mit meiner Leiſtung und mir ſelbſt nicht zufrieden war— wo Jeder, der fünf Schillinge von mir begehrte, finden würde, daß meine Schätzung dieſer Summe ſie gänz⸗ lich außer ſeinen Bereich ſtelle; während zu andern Zeiten, juſt nach 70 dem Diner z. B. oder wenn ich in dieſer hiſtoriſchen Compoſition einen glücklichen Strich oder ein gutes Colorit angebracht zu haben meine, der Werth dieſer fünf Schillinge ſo tief für mich ſteht, daß ich— we⸗ nigſtens meine ich es— beinahe in Verſuchung gerathen könnte, ſie für Nichts auszugeben. Unter derartigen geheimnißvollen Einflüſſen auf den Geldmarkt empfand alſo Vance den Verluſt ſeiner drei Sove⸗ reigns nicht, und indem er zu ſeiner Staffelei zurückkehrte, trieb er Lionel und Sophy weg, welche dieſe Gelegenheit ergriffen hatten, um ſeine Leinwand bewunderud anzuſchauen. „Ihr laßt ihr durchaus keine Gerechtigkeit widerfahren,“ ſagte Lionel;„alle Züge ſind übertrieben.“ „Und Ihr behauptet ein Maler zu ſeyn!“ verſetzte Vance mit großer Verachtung, indem er ein Tüchlein über ſeine Leinwand warf. „Morgen, Mr. Waife, zur ſelben Stunde. Jetzt, Lionel, holt Euern Hut und kommt.“ Vance trug die Leinwand fort und Lionel folgte langſam. Sophy ſchaute den ſcheidenden Geſtalten aus dem offenen Fenſter nach; Waiſe hinkte im Zimmer herum und ſagte, ſich die Hände reibend, vor ſich hin:„Er wird, er wird; ich habe es immer gedacht.“ Sophy wandte ſich um:„Wer wird?— der junge Gentleman? Was wird er?“ Waife.—„Der junge Gentleman?— als ob ich an ihn dächte. Unſer neuer Gefährte— ich bin in der letzten Stunde bei ihm geweſen. Wundervolle natürliche Gaben.“ Sophy(voll Traurigkeit).—„Er iſt alſo lebendig?“ Waife.—„Lebendig! ja ich ſollte wohl meinen.“ Sophy(halb weinend).—„Das thut mir ſehr leid; ich weiß zum Voraus, daß ich ihn haſſen werde.“ Waife.—„Pfui! mein Herzchen— hol' mir meine Pfeife— ich bin glücklich.“ 1 Sophy(ihre augenblickliche üble Laune kurz abſchneidend).— „Seyd Ihr es?— dann bin ich's auch und ich will ihn nicht haſſen.“ 71 Zwölftes Kapitel. In welchem dargethan wird, daß ein Mann, wenn er Dieß thut oder Jenes zu thun ablehnt, ſeine Gründe dafür am beſten ſelbſt wiſſen muß — ein Vorbehalt, welcher für die geſellſchaftlichen Intereſſen einer Ge⸗ meinde ungemein förderlich iſt, da die Muthmaßungen über Urſprung und Beſchaffenheit dieſer Gründe die Unterſuchungsfähigkeiten anreizen und Stoff zu moderner Unterhaltung liefern.— Und da nicht geläugnet werden kann, daß drei Viertheile der civiliſirten Menſchheit, männlich oder weiblich, Nichts zu ſprechen haben würden, wenn ihre Nachbarn ihnen Nichts zu errathen übrig ließen, ſo können wir nicht dankbar genug dieſe nothwendige Neugierde aufmuntern, welche von den Gedankenloſen leeres Geklatſche oder Skandal genannt wird, aber die ungeheure Ma⸗ jorität unſerer Species vor dem Herabſinken auf die würdeloſe Stufe ſtummer Thiere bewahrt. Am nächſten Tag wurde die Sitzung erneuert, aber Waife ging nicht aus, und die Unterhaltung war etwas beſchränkter, oder vielmehr Waife hatte den größeren Theil daran. Der Schauſpieler konnte, wenn er wollte, wirklich ſehr unterhaltend ſeyn. Es lag nicht ſo viel in dem was er ſagte, als in ſeiner Art es zu ſagen. Es war ein ſeltſames Gemiſche von plötzlichen Ertremen,— den einen Augenblick auf dem Fuß unbefangener, aber nicht würdeloſer Vertraulichkeit mit ſeinen Gäſten, wie wenn er ihnen an Stellung gleich und an Jahren überlegen wäre; dann auf einmal demüthig, abbittend, ungemein will⸗ fährig, beinahe knechtiſch; hierauf wieder ſo zu ſagen zu Stolz und Steifheit ſich hinaufſchraubend, und unmittelbar darauf, als ob die Anſtrengung unmöglich wäre, in weichmüthiges Verzagen zurück⸗ fallend. Gleichwohl war der vorherrſchende Charakter ſeiner Stim⸗ mung und Unterhaltung immer geſellig, freundlich und heiter. Augen⸗ ſcheinlich war er vermöge ſeiner urſprünglichen Anlagen ein drolliger und luſtiger Humoriſt mit hohen Lebensgeiſtern; und bei all dem manchmal eine kindliche Einfachheit, wie man zuweilen geſcheidte Leute trifft, welche die Welt niemals kennen lernen und ſich immer über⸗ liſten laſſen. 72 Ein an ſich unbedeutender Gegenſtand, der aber zu Betrachtungen über den Charakter oder die Antecedentien von Gentleman Waife ver⸗ anlaſſen konnte, entging Vance's Beobachtung nicht. Seit ſeinem Bruch mit Mr. Rugge war eine bedeutende Beſſerung in dem Luft⸗ röhrleiden eingetreten, das während der Dauer ſeines Engagements die dramatiſchen Talente des Schauſpielers auf der Bühne nutzlos ge⸗ macht hatte. Er drückte ſich jetzt ohne die pathetiſche Heiſerkeit oder das tiefe Gekeuche aus, das früher gleichſam eine naſſe Decke über ſeine Anſtrengungen zu ſprechen geworfen. Aber Vance hatte kein ſehr ſtrenges Urtheil über die Verſtellung, die ſich aus dieſer Veränderung klar zu ergeben ſchien. Da Waife noch immer einäugig und ver⸗ krüppelt war, ſo konnte man es ſehr entſchuldbar finden, wenn er vor einem Wiederauftreten auf der Bühne zurückbebte und ein drittes Ge⸗ brechen affectirte, um ſeinen Stolz vor der Schautragung der zwei wirklichen zu ſchützen. Was Vance und ſchon vor ihm dem Schuhflicker am meiſten Kopfverbrechen verurſachte, war die Frage: was mochte der Mann früher geweſen, wie mochte er ſo tief gefallen ſeyn?— denn ein Fall lag augenſcheinlich vor. Der Maler hatte, obſchon er ſelbſt keiner patriziſchen Familie angehörte, viel in der beſten Geſellſchaft gelebt. Er war ein verhätſchelter Liebling in großen Häuſern geweſen, er war gereist. Er hatte die Welt geſehen. Er hatte die Gewohnheiten und Inſtinkte der guten Geſellſchaft. Nun gibt es in dem, was die Franzoſen die beau monde nennen, allerlei kleine Züge, an welchen man ihre Angehörigen erkennt— gewiſſe Phraſenkniffe, gewiſſe Ausdrucksweiſen— ſogar die Aus⸗ ſprache vertranter Worte— ſogar die Modulation eines Tones. Ein Mann von der feinſten Bildung mag dieſe Eigenthümlichkeiten nicht haben; ein in ſeinen Manieren ſonſt plumper und barſcher Mann mag ſie haben. Die Kunſtſprache der beau monde iſt etwas ganz Ver⸗ ſchiedenes vom Coder der hohen Erziehung. Dann und wann ſchien Etwas in Waife's Unterhaltung zu zeigen, daß er in dieſe beau monde 73 hineingerathen ſey; dann und wann verſchwand dieſes Etwas gänzlich. BVance hätte ſagen mögen:„Er wurde darin zugelaſſen,— aber er hat nicht darin gewohnt.“ Doch konnte Vance ſeiner Sache ſich nicht ſicher glauben; Schau⸗ ſpieler ſind ſo durchtriebene Leute. Aber war der Mann ſchon in ſeinem früheren Leben Schauſpieler von Beruf geweſen? Vance brachte die Frage geradewegs auf's Tapet. „Ihr müßt ſchon jung auf die Bühne gekommen ſeyn?“ fragte er⸗ „Auf die Bühne!“ ſagte Waife;„wenn Ihr die öffentliche Bühne meint, nein. Ich habe in meiner Jugend und ſchon als Kind ziemlich oft geſpielt, um Andern ein Vergnügen zu machen, aber berufsmäßig und um davon zu leben erſt ſeit Mr. Rugge mich vor vier Jahren engagirte.“ „Iſt's möglich— bei Eurer vortrefflichen Erziehung! aber ver⸗ zeiht mir; ich habe vorhin meine Verwunderung über Euern ſpäten Beruf angedeutet, und dieß hat Euch mißfallen.“ „Mir mißfallen!“ ſagte Waife in einem ſchrecklich herabgeſtimmten Ton;„ich habe hoffentlich Nichts geſagt, was einem armen ruinirten Vagabunden, wie ich bin, nicht angeſtanden hätte. Ich bin kein ver⸗ kleideter Prinz, ſondern ein Kerl, der zu Nichts taugt und alſo dank⸗ bar ſeyn ſollte, wenn er Etwas bekommt, das ihn vor dem Dünger⸗ haufen bewahrt.“ Lionel.—„Sprecht nicht ſo. Ohne Euern Unfall wäret Ihr vielleicht jetzt der große Magnet auf der hauptſtädtiſchen Bühne. Wer reſpectirt nicht einen wahrhaft guten Schauſpieler?“ Waife(düſter).—„Die hauptſtädtiſche Bühne! Ich ließ mich dahin beſchwatzen; ich freue mich ſogar über den Unglücksfall, der mich gerettet hat. Sprecht nicht mehr davon, nicht mehr davon. Aber ich habe Eure Sitzung geſtört: Ihr ſehet, Sophy hat ihren Stuhl ver⸗ laſſen.“ „Ich bin für heute fertig,“ ſagte Vance;„morgen noch und meine Aufgabe iſt vollendet.“ 8 74 Lionel trat zu Vance und flüſterte ihm Etwas in’'s Ohr; der Maler nickte nach einer Pauſe ſchweigend und ſagte dann zu Waife: „Wir wollen, nachdem ich dieſe Dinge fortgeſchafft habe, das ſchöne Wetter auf der Themſe genießen und werden um acht Uhr in unſer Wirthshaus, das nicht weit von hier liegt, zurückkehren, um zu ſoupiren. Das Souper iſt unſer Hauptmahl— wir verderben ſelten unſere Tage durch das Ceremoniell eines förmlichen Diners. Wollt Ihr uns die Gunſt erweiſen, mit uns zu ſoupiren? Unſer Wirth hat einen prächtigen Whisky, der im rohen Zuſtand Glenlivat, aber zu Grog verfeinert Nektar iſt. Bringt Eure Pfeife mit und laßt uns wieder John Kemble hören.“ Waife's Geſicht erleuchtete ſich.„Ihr ſeyd ſehr gütig; Nichts könnte mir angenehmer ſeyn. Doch“— und der Lichtſchein ſchwand— das Geſicht wurde düſter—„doch nein; ich kann nicht— Ihr wißt nicht— das heißt— ich— ich habe bei mir ſelbſt ein Gelübde ge⸗ than, alle ſolche Verſuchungen abzulehnen. Ich bitte gehorſamſt, ent⸗ ſchuldigt mich.“ Vance.—„Verſuchungen— von welcher Art— der Whisky⸗ grog?“ Waife(einen Seufzer hinwegpaffend).—„Ach ja! Whisky⸗ grog, wenn Ihr erlaubet; vielleicht liebte ich einſt ein Glas gar zu ſehr und könnte jetzt einem Glas zu viel nicht widerſtehen; und wenn ich einmal die Regel bräche und ein Säufer würde, wie würde es als⸗ dann Juliet Araminta ergehen? Um ihretwillen dringet nicht in mich.“ „Oh gehet, Großvater; er trinkt niemals; er genießt nie etwas Stärkeres als Thee, das verſichere ich Euch, Sir; das kann es nicht ſeyn.“ „Freilich iſt es das, einfältiges Kind, und nichts Anderes,“ ſagte Waife entſchieden, indem er ſich aufrichtete,„entſchuldiget mich“. Lionel begann ſeinen Hut mit dem Aermel zu bürſten und ſein Geſicht arbeitete; endlich ſagte er:„Nun, Sir, dann möchte ich Euch um eine andere Gunſt bitten. Mr. Vance und ich gehen morgen, 75⁵ wenn die Sitzung vorbei iſt, nach Hampton Court; wir haben dieſen Ausflug bis unmittelbar vor unſerer Abreiſe aufgeſpart. Wollet Ihr und die kleine Sophy im Boote mit uns kommen 2 wir werden keinen Whiskygrog haben und Euch Beide wohlbehalten wieder nach Hauſe bringen.“ Waife.—„Was— ich— was— ich! Ihr ſeyd ſehr jung, Sir— ein Gentleman von Geburt und Erziehung, darauf wollte ich ſchwören; und Ihr könntet vielleicht von Freunden oder Verwandten mit einem alten Vagabunden gleich mir im Palaſt der Königin, in den öffentlichen Gärten geſehen werden. Ich wäre der erbärmlichſte Wicht, wenn ich einen ſolchen Vortheil von Eurer Güte annähme. Hübſche Geſellſchaft, würden die Leute ſagen, in die Ihr da gerathen ſeyd, mit mir, mit mir! Seyd unbeſorgt, Mr. Vance, es iſt gar nicht daran zu denken.“ Die jungen Maͤnner waren tief ergriffen. „Ich kann dieſen Grund nicht annehmen,“ ſagte Lionel mit zitternder Stimme,„doch ich habe kein Recht, Euch in Euern Gewohn⸗ heiten zu ſtören. Aber ſie kann doch mit uns gehen? Wir wollen Sorge für ſie tragen, und ſie iſt ſo einfach und zierlich gekleidet und ſieht ſo ganz wie eine kleine Lady aus“(zu Vance gewendet). „Ja, laßt ſie mit uns kommen,“ ſagte der Künſtler wohlwollend, obſchon er Lionels enthuſiaſtiſches Verlangen nach ihrer Geſellſchaft keineswegs theilte. Er meinte, ſie würde ihnen ſehr hinderlich ſeyn. „Der Himmel ſegne Euch Beide,“ antwortete Waife;„ſie ſehnt ſich nach einem Feiertage; ſie ſoll ihn haben.“ „Ich möchte lieber bei Euch bleiben, Großvater; Ihr werdet ſo allein ſeyn.“ „Nein, ich wünſche morgen den ganzen Tag außer dem Haufe zuzubringen— wegen der neuen Unternehmung. Ich werde nicht allein ſeyn, ſondern will mich mit unſerem künftigen Gefährten be⸗ freunden, Sophy.“ 76 „Und Ihr könnt es ſchon ohne mich aushalten? oh weh, das iſt ſchlimm!“ Vance.—„Dieß wäre alſo abgemacht; jetzt lebt wohl!“ Dreizehntes Kapitel. Begeiſternde Wirkung der ſchönen Künſte: die gemeinen Leute werden durch die Schauſtellung derſelben zu großherzigen Regungen und hohen Phan⸗ taſieflügen getrieben, denen jedoch die unfreundliche Strenge ihrer Vorge⸗ ſetzten Einhalt thut, wie in dem Beiſpiel des Schuhflickers Merle und ſeiner Hausmagd dargelegt wird. Am folgenden Tag war Waife, vielleicht mit der Abſicht, alle Bedenklichkeiten Sophy's auf einmal zu beſeitigen, bereits im Intereſſe ſeines neuen Planes ausgegangen, als die Freunde kamen. Sophy war zuerſt verdrießlich und niedergeſchlagen, aber allmälig erheiterte ſich ihr Geſicht, und als nach vollendeter Sitzung das Gemälde(bis auf einige letzte Striche, die Vance in einſamer Werkſtatt nachzuholen gedachte) fertig war, und ſie Erlaubniß erhielt, ihr eigenes Bild zu betrachten, da brach ſie in Ausrufungen unverſtellten Entzückens aus. „Sehe ich ſo aus? iſt’s möglich? oh wie ſchön! Mr. Merle, Mr. Merle, Mr. Merle!“ Und ſie rannte, bevor Vance ſie aufhalten konn⸗ ten, aus dem Zimmer und kehrte mit dem Schuhflicker zurück, hinter welchem ein dürres ſchmächtiges Frauenzimmer zum Vorſchein kam, das er pompös ſeine Haushälterin nannte, das aber, um die nüchterne Wahrheit zu ſagen, ſeine Magd war, die Alles in Allem beſorgte. Weib hatte er keines; ſein Horoscop, ſagte er, das Saturn im Qua⸗ drat zum ſiebenten Haus hatte, verbot ihm, ſich auf das Gebiet der Ehe zu wagen. Alle verſammelten ſich um das Gemälde; Alle be⸗ wunderten es und mit Recht, denn es war ein Meiſterwerk. Vance malte in den Tagen ſeiner beſten Reife nichts Bezaubernderes. Die drei Pfund erwieſen ſich als die beſte Kapitalauslage, die er je ge⸗ g(- w 77 macht hatte. Zufrieden mit ſeiner Arbeit, freute er ſich auch über dieſen ehrlich gemeinten und unverſtellten Beifall. „Ihr müßt Merkur und Venus in ſehr ſtarken Aſpekten haben,“ ſagte der Schuhflicker,„und wenn Ihr den Drachenkopf im zehnten Hauſe habt, ſo könnt Ihr darauf rechnen, daß man viel von Euch ſprechen wird, wenn Ihr einmal todt ſeyd.“ „Wenn ich einmal todt bin! ſchlechte Prophezeihung!“ ſagte Vance ärgerlich.„Ich habe keinen Glauben an Künſtler, die darauf rechnen, nach ihrem Tod von ſich reden zu machen. Ich habe nie einen Schmierer gekannt, der dieß nicht gehofft hätte. Aber geht jetzt, die Zeit entflieht, macht Cuer Haar, ſetzt Euer Häubchen auf, Titania. Ihr habt einen Shawl? Keinen Flitterkram hoffe ich!—. ſe einfacher um ſo beſſer. Bleibt bei ihr, Lionel.“ Sprach die dürre Hausmagd zu Mr. Merle:„Ich würde den Gentleman mich malen laſſen, wenn er wollte,— ſoll ich's ihm ſagen, Maſter?“ „Geht zu Euern Speckſchnitten zurück, einfältig Weib! Er hat drei Pfund für ihr Portrait gegeben von wegen ihrer Schutzgeiſter. Aber Ihr könntet ihm einen dreijährigen Lohn geben, bevor er Euch gerade in's Geſicht ſchauen würde, weil, ſeht Ihr, Eure Aſpekten ver⸗ ſchroben ſind. Und“, fügte der Schuhfticker philoſophirend hinzu, „wenn die böſen Geiſter thätig ſind gegen die Kanne eines Mädchens, ſo iſt der Mann von Natur ſo eingerichtet, daß er dieſe Kanne nicht ergreifen kann, wenn ſie nicht einen goldenen Henkel hat. Erzürnet Euch nicht, es iſt nicht Eure Schuld: unter dem Skorpion geboren— grobgliederig— langweiliges Geſicht— und der Drachenkopf in allen Euren Winkeln von Unglücksbildern angeſchaut.“ ———ÿõ 78 Vierzehntes Kapitel. Der Geſchichtſchreiber benützt die Sommerſtunden, welche dem gegenwär⸗ tigen Leben der Enkelin des Mr. Waife geſtattet ſind, um einige Licht⸗ ſtreife auf ihre Vergangenheit zu werfen.— Er führt ſie in den Palaſt unſerer Könige und moraliſirt darüber; dann geht er in die königlichen Gärten und beweist die Ungewißheit menſchlicher Schickſale, ſo wie die unſicherheit brittiſcher Geſetze durch die plötzliche Feſtnehmung und gewalt⸗ ſame Deportation eines unſchuldigen und ahnungsloſen Engländers. Welch ein herrlicher Nachmittag! Der launenhafte engliſche Sommer war an dieſem Tag ſo gutig gegen das Kind und ſeine neuen Freunde. Als Sophy's kleiner Fuß einmal den Raſen betrat, da war ſie wirklich die Königin des grünen Völkleins geweſen, Raſen und Fußtritte konnten nie fröhlicher mit einander zuſammentreffen. Die Heuſchrecke ſprang in furchtloſer Zuverſicht auf den Saum ihres Kleides; Sophy warf ſich in's Gras und fing ſie, aber oh, ſo zärtlich, und das fröhliche, den Dichtern und Feen theure Inſekt ſchien ſie aus ſeinem niedlichen, feinen Geſicht mit ſcharfſinniger Prüfung anzu⸗ ſchauen, indem es ruhig auf der Fläche ihrer hübſchen Hand ſitzen blieb; als es dann weghüpfte, fuhren kleine mottenartige Schmetter⸗ linge, wie man ſie hauptſächlich an den Ufern fließender Waſſer trifft⸗ aus dem Graswerk auf und fiatterten um ſie her. Und da lag vor ihnen die Themſe, glitzernd durch die Weiden, Vance machte das Boot zurecht, Lionel ſaß neben ihr, ein Kind wie ſie ſelbſt, und hatte ſeinen Stolz beginnender Mannheit gänzlich vergeſſen; er war glück⸗ lich in ihrem Vergnügen,— ſie liebte ihn wegen der Freudigkeit, die ſie empfand, und vermiſchte in ihrer Erinnerung ſein Bild immer mehr mit ihrem erſten Sommerfeiertag— mit Sonnenſtrahlen— ſchimmern⸗ den Blättern— trillernden Vögeln— Feenſittigen— funkelnden Wellen. Oh! ſo in einem Kinderherzen, einem unſchuldigen, gott⸗ geſegneten, engelgleichen Kinderherzen zu leben, das iſt beſſer, weit beſſer, als der getrübte Wiederſchein auf den ſpätern Gedanken des Weibes; beſſer als dieſer trauervolle Wahn, über welchen täglich ſo 79 bittere Thränen vergoſſen werden— beſſer als erſte Liehe! Sie traten in das Boot. Sophy war, ſo weit ſie ſich erinnern konnte, noch nie in einem Boot gefahren. Alles war neu für ſie; die leben⸗ dige Schnelligkeit des Schiffleins— dieſe Maſſe von kühlem grünem Unkraut mit den Fiſchen, die in die Höhe ſchnellten— der muſikaliſche Einklang der Ruder— dieſe ſtattlichen Schwäne in der Ferne. Sie ſchwieg jetzt— ihr Herz war ſehr voll. „An was denkt Ihr, Sophy?“ fragte Lionel auf ruhend. „Denken!— ich dachte nicht.“ „Was denn?“ „Ich weiß nicht— ich fühlte vermuthlich.“ „Und was fühltet Ihr?“ „Wie wenn ich zwiſchen Schlaf und Wachen wäre— wie das Waſſer vielleicht fühlt, wenn das Sonnenlicht darauf ſpielt.“ „Poetiſch,“ ſagte Vance, der ſelbſt ein Stück von einem Poeten war und daher natürlich poetiſche Tendenzen bei Andern verhöhnte. Aber nicht ſo übel in ſeiner Art. Ah! habe ich Enre Citelkeit ver⸗ letzt? es ſind Thränen in Euern Augen.“ „Nein, Sir,“ ſagte Sophy ſtammelnd.„Aber ich dachte ſo eben wirklich.“ „Ah,“ verſetzte der Künſtler, das iſt das Schlimmſte an der Sache; nach dem Gefühl kommt immer der Gedanke— welcher Art war der Eurige?“— „Ich grämte mich, daß der arme Großvater nicht da war, das iſt Alles.“ „Es iſt nicht unſere Schuld, wir haben ihm herzlich zugeredet,“ ſagte Lionel. „Das habt Ihr wirklich gethan, Sir— Ich danke Euch und ich weiß nicht, warum er es Euch abgeſchlagen hat.“ Die jungen Männer tauſchten mitleidige Blicke aus. Lionel ſuchte ſie jetzt auf ihr vergangenes Leben zu bringen und dem Ruder aus⸗ , ——,—————— 80 wünſchte, daß ſie mehr von Mrs. Crane erzähle. Wer und was war ſie? Sophy konnte oder wollte nicht ſprechen. Die Erinnerungen waren peinlich; ſie hatte ſich augenſcheinlich Mühe gegeben, ſie zu vergeſſen. Und die Leute, bei denen Waife ſie untergebracht hatte, und die freundlich geweſen waren? Die Miſſes Burton— ſie hielten eine Schule und lehrten Sophy leſen, ſchreiben und rechnen. Sie wohnten in der Nähe von London in einer Gaſſe, die auf einen großen öffentlichen Platz ging, mit einem grünen Gitter vor dem Haus, und hatten eine große Menge Schüler, und hielten eine Katze mit ſchildkrotfarbigem Pelz und einen Kanarien⸗ vogel. Sophy theilte nicht viel mit, was ihren Zuhörern Aufklärung verſchaffen konnte. Und nun näherten ſie ſich dem ſtattlichen Palaſt, der ſo reich an ſtürmiſchen und glänzenden Erinnerungen iſt. Der große Kardinal; der eiſengepanzerte Protektor; der Holländer Wilhelm unſterblichen Angedenkens, den zu lieben wir uns ſo ſchwer abmühen, und den wir trotz des großen Whig'ſchen Geſchichtſchreibers, dieſes Titians der engliſchen Proſa, nur kalt reſpektiren können. Eine harte Aufgabe für uns Britten, einen Holländer zu lieben, der ſeinen Schwieger⸗ vater entthront und Schnaps trinkt. Ein Vorurtheil allerdings; aber es iſt einmal ſo. Noch ſchwerer wird es, des Holländers Wilhelm unkindliche Frau zu lieben. Die Königin Mary zu lieben! Eben ſo leicht könnte ich die Königin Goneril lieben! Die Romantik flieht von dem glücklichen phlegmatiſchen Aeneas, ſie flieht von ſeiner feiſten Lavinia, ſein fidus Achates Bentinck flieht, um dem armen verlaſſenen Flüchtling Stuart trotz aller Sünden, die er auf ſein Haupt gehäuft hat, zu folgen. Könige haben keine göttlichen Rechte, außer wenn ſie abgeſetzt und gefallen ſind; dann ſind ſie mit der Ehrfurcht bekleidet, die jedem feierlichen Bild irdiſchen Wechſels zukommt,— eines Wechſels, der den Epikuräer, insanientis sapientiae consultum, auf⸗ ſchreckt und ſeiner ſorgloſen Leier die Noten entlockt, die einen Gott bezeugen. Ein ſtolzer Schatten jagt einen andern vom Thron des 81 — Cyrus, und Horaz hört in dem Donner das Rauſchen Diespiters und identiſicirt die Vorſehung mit dem Schickſal, das mit gellem Geziſche das Diadem wegrafft.“ Aber entkrönte Stirnen gewinnen eine neue Majeſtät für edle Naturen;— in aller glatten Wohlfahrt liegt etwas Alltägliches— in allem großen Mißgeſchick etwas Königliches. Das Boot flog dem Ufer zu; die jungen Leute landeten und traten durch den Bogen des verödeten Palaſtes ein. Sie betrachteten die große Halle und den Audienzſaal, ſo wie die lange Reihenfolge von Zimmern mit verblichenen Portraits— Vance als Künſtler, Lionel als enthuſtaſtiſcher, wohlbeleſener Junge, Sophy als ein ver⸗ wundertes, verwirrtes, unwiſſendes Kind. Und dann gingen ſie in den edlen Garten hinaus mit ſeinen königlichen Bäumen. Hier waren Gruppen von wohlgekleideten Perſonen. Vance hörte ſeinen Namen rufen. Er hatte die Londoner Welt vergeſſen— er hatte inmitten ſeiner Sommerbummeleien vergeſſen, daß die Londoner Saiſon immer noch im Gang war, und nun faßten Streifzügler von dem großen Mittelpunkt, feine Leute mit ſchmachtenden Tönen und künſtlichem mattem Lächeln, ihn in ſeinem Touriſtenaufzug ab, wie er neben dem Wunderkind von Mr. Rugge's Theater einherging, einem Kind, das allerdings ausgeſucht zierlich war, aber immerhin einen Kattunrock *——— Valet ima summis Mutare, et insignem attenuat Deus, Obscura promens; hinc apicem rapax Fortuna cum stridore acuto Sustulit,— hic posuisse gaudet. Horat. Carm. lib. 1, XXXIV. Die Schlußanſpielung iſt augenſcheinlich auf die parthiſchen Revolutionen und das wechſelvolle Schickſal von Phraates IV. gemünzt; auch bin ich nicht ganz überzeugt, daß die vorſtehenden Zeilen über das Phänomen des Donners bei heiterem Himmel nicht einen verborgenen und halb allegoriſchen Sinn haben, der ſich überhaupt auf die geſchichtliche Ausführung am Schluß dunkel anwenden läßt. Bulwer, was wird er damit machen? 6 82 trug von einem Muſter, das ein beobachtendes Auge ſchon an den Fenſtern mancher mit Etiketten verſchwenderiſchen Bude bemerkt hatte, welche die Liebhaber mit der Verſicherung anzuziehen ſuchte, daß es ein Ausverkauf ſey. Der Künſtler blieb ſtehen, erröthete, verbeugte ſich, beantwortete mit ſcheuer Haſt die gleichgültigen Fragen, die an ihn gerichtet wurden, und ſuchte dann zu entfliehen, aber man wollte ihn nicht gehen laſſen. „Ihr müßt mit uns zurückkommen und im Stern und Hoſen⸗ band diniren,“ ſagte Lady Selina Vipont.„Eine angenehme Geſell⸗ ſchaft— Ihr kennt die meiſten von ihnen— die Dudley Slowes, die liebe alte Lady Froſt— die hübſchen Ladies Prymme, Janet und Wilhelmina.“ „Wir können Euch nicht gehen laſſen,“ ſagte ſchläfrig Mr. Crampe, ein faſhionabler Witzbold, der in den vierundzwanzig Stunden des Tags ſelten mehr als e in Bonmot machte, und den Reſt ſeiner Zeit in einer Art von ſchlafſüchtigem Zuſtand verbrachte. Vance.—„Ihr ſeyd wirklich allzu gütig, aber ich bin nicht einmal angekleidet für—“ Lady Selina.—„Euer Anzug iſt allerliebſt— ſo pittoresk! Uebrigens was thut es? Jedermann weiß, wer Ihr ſeyd. Wo in aller Welt ſeyd Ihr denn geweſen?“ Vance.—„Ich bin herumgebummelt und habe Skizzen auf⸗ genommen.“ Lady Selina(ihre Lorgnette auf Lionel und Sophy richtend, die in der Ferne ſtanden).—„Aber Eure Begleiter, Euer Bruder?— und dieſes hübſche kleine Mädchen— Eure Schweſter vermuthlich?“ Vance(ſchaudernd).—„Nein, keine Verwandten. Ich habe den Jungen mitgenommen— er i*ſt ein munterer aufgeweckter Burſche, und das kleine Mädchen iſt—“ Lady Selina.—„Ja. Das kleine Mädchen iſt—“ Vance.—„Ein kleines Mädchen, wie Ihr ſehet; und ſehr hübſch, wie Ihr ſagt,— ich habe ſie gemalt.“ Lady Selina(gleichgültig).—„Oh laßt die Kinder gehen 83 und ſich irgendwo amüſiren. Wir haben Euch jetzt gefunden,— Ihr ſeyd unwiderruflich unſer Gefangener.“ Lady Selina Vipont war eine der Königinnen von London und hatte jene Gewohnheit des Befehlens an ſich, die ſolchen Königthümern anhaftet. Frank Vance war kein Kriecher; aber da er ſich einmal unter ſocialen Einflüſſen befand, ſo übten dieſe ihre Wirkung auf ihn wie auf die meiſten Männer, die mit Naſen in der Luft geſegnet ſind. Dieſe großen Ladies kauften allerdings ſeine Gemälde nie, aber ſie gaben ihm die Stellung, welche andere Leute veranlaßte ſie zu kaufen. Vance liebte ſeine Kunſt; ſeine Kunſt bedurfte ihrer Laufbahn. Dieſe Laufbahn wurde mit Hülfe von Rang und Faſſhion glänzend gemacht und weſentlich gefördert. Kurz Lady Selina triumphirte, und der Maler ging zu Lionel zurück.„Ich muß mit dieſen Leuten nach Richmond gehen. Ich weiß, Ihr werdet mich entſchuldigen. Ich werde heute Nacht auf irgend eine Art zurückkommen. Gehet gelegentlich hier auf die Poſt, um nach dem Brief zu fragen, den Ihr von Eurer Mutter erwartet; fragt auch, ob welche für mich da ſind. Sorgt für die kleine Sophy gut und(flüſternd) führet ſie ſchnell zum Garten hinaus, ſonſt wird dieſer weibliche Großmogul, dieſe Lady Selina, deren Herablaſſung die Anden erdrücken könnte, ſie als meine Schützlingin in Beſchlag nehmen, über dieſes ſchreckliche farbige Kattunkleid in Entzückungen gerathen und ausrufen: Mein Gott, welche allerliebſten Blumen! wo kann man ſolche Dinge bekommen? Und am Ende erfährt ſie noch gar, wie Frank Vance das Kind des Räubers aus den Händen des hartherzigen Barons gerettet hat. Jetzt iſt die Reihe an Euch. Rettet Eure Freundin. Der Baron war ein Lamm im Vergleich mit einer vornehmen Lady.“ Er drückte Lionel's Hand, welche das Freund⸗ ſchaftszeichen nicht erwiederte, und entfernte ſich, um an den hochge⸗ bildeten Amüſements der Froſts, Slowes und Prymmes Theil zu nehmen. Lionel's Stolz ſtieg bis zur Fieberhitze ſeines Thermometers; 3 6* 84 inzwiſchen regte er ſich mehr zu Gunſten der ahnungsloſen Sophy als wegen ſeiner eigenen Perſon. „Laßt uns in die Stadt gehen, mein Sonnenkäfer, und eine Puppe ausſuchen; Ihr ſollt jetzt eine bekommen, von der Ihr Euch nicht mehr zu trennen braucht.— Wie haſſe ich den Gedanken, daß Ihr Euch herabgelaſſen habt, zu ſpielen!“ Als Lionel, mit emporgerichtetem Haupt und ausgeſpannten Naſenflügeln, Sophy ſeſt bei der Hand haltend, zu den Gärten hin⸗ ausging, mußte er an der patriziſchen Geſellſchaft vorbeikommen, zu welcher Vance jetzt gehörte. Seine Haltung und Miene, als er an ihr vorübereilte, ſiel Allen auf, beſonders Lady Selina.„Ein Junge von ſehr diſtinguirtem Ausſehen,“ ſagte ſte.„Welch ein ſchönes Geſicht! Wer ſagtet Ihr, daß er ſey, Mr. Vance?“ Vance.—„Er heißt Haughton, Lionel Haughton.“ Lady Selina.—„Haughton! Haughton! Vielleicht ein Ver⸗ wandter von dem guten lieben Capitän Haughton, Charlie Haughton, wie er gewöhnlich genannt wurde?“ Vance, der von der Verwandtſchaft ſeines jungen Freundes nicht viel mehr wußte, als daß ſeine Mutter Wohnungen vermiethete, aus welcher Veranlaſſung er ſelbſt einmal bei ihr gewohnt und die Be⸗ kanntſchaft des Jungen gemacht hatte, ferner daß ſie die Penſion einer Capitänswittwe bezog, antwortete gleichgültig: „Sein Vater war Capitän, aber ich weiß nicht, ob er ein Charlie war.“ Mr. Crampe(der Witzbold).—„Die Charlies ſind erloſchen! ich habe den letzten in foſſilem Zuſtande, Büchſe und Alles.“ Allgemeines Lachen. Der Witz wird wieder eingeſchloſſen. Lady Selina.—„Er hat große Aehnlichkeit mit Charlie Haughton. Wißt Ihr, ob er mit dieſem außerordentlichen Mann, Mr. Darrell, verwandt iſt?“ „Vance.—„Auf Ehre, ich weiß es nicht. Welchen Mr. Dar⸗ rell meint Ihr?“ Lady Selina antwortete mit einem jener erhabenen Blicke himm⸗ liſchen Mitleids, womit Perſonen aus der hohen Welt ſolchen, die nicht in ihren Bahnen geboren ſind, Unkenntniß von Namen und Genealogien verzeihen:„Nun ja, freilich, es liegt nicht gerade auf dem Wege Eurer entzückenden Kunſt, daß Ihr Mr. Darrell, einen der erſten Männer im Parlament und einen Verwandten von mir, kennen müßt.“ Lady Froſt(beißend).—„Ihr meint Guy Darrell, den Advokaten?“ Lady Selina.—„Advokat— ach ja, allerdings, er war Ad⸗ vokat. Aber ſeinen hauptſächlichſten Ruf erwarb er ſich im Unter⸗ hauſe. Alle Parteien waren dahin einverſtanden, daß er jeden noch ſo hohen Poſten mit Ehren hätte bekleiden können; aber er war viel⸗ leicht zu reich, um ſich genugſam für ein Amt zu intereſſiren. Jeden⸗ falls wurde das Parlament aufgelöst, als er auf dem Gipfel ſeines Rufes ſtand, aber da ließ er ſich nicht wieder wählen.“ Ein Sir Jasper Stollhead(ein Mitglied des Unterhauſes, jung, reich, beſtändig anweſend, ſehr hoffnungsvoll, Verfaſſer vieler Reden, die mit Thatſachen ausgefüllt waren und alle Bänke leerten). —„Ich habe von ihm gehört. Er war vor meiner Zeit; die Advo⸗ katen gelten jetzt nicht viel im Hauſe.“ Lady Selina.—„Man ſagt mir, Mr. Darrell habe nicht wie ein Advokat geſprochen. Aber ſeine Laufbahn iſt vorüber— lebt auf dem Lande und ſieht Niemand— es iſt im höchſten Grad zu bedauern — ein ſo naher Verwandter von mir— großer Verluſt für das Land. Fragt Euern jungen Freund, Mr. Vance, ob Mr. Darrell nicht mit ihm verwandt iſt. Ich hoffe es im Intereſſe des jungen Mannes. Jetzt da unſere Partei am Ruder iſt, könnte Mr. Darrell Alles für Andere verlangen, obſchon er aufgehört hat, mit uns zu arbeiten. Unſere Partei vergißt Talente nicht.“ 7 — — 86 Lady Froſt(mit eiſigem Spott).—„Ich glaub's wohl; ſie hat ſich an ſo wenig in dieſer Art zu erinnern.“ Sir Jasper.—„An Talenten mangelt es jetzt im Unterhaus nicht— gehen wahrlich nicht unter. Eine Geſchäftsverſammlung.“ Lady Selina l(ein Gähnen unterdrückend).—„Ein ſchöner Tag! Wir ſollten jetzt nach Richmond zurückgehen.“ Allgemeine Beiſtimmung und langſamer Rückzug. Fünfzehntes Kapitel. Der Geſchichtſchreiber verzeichnet den Eifer für öffentliche Geſchäfte, der den brittiſchen Geſetzgeber auszeichnet.— Rührendes Beiſpiel von der Reue, die in patriotiſchen Buſen ſtets die Vernachläſſigung einer öffent⸗ lichen Pflicht begleitet. Von der ſtaubigen Höhe eines Oberſitzes herab, der au Lady Selina Vipont's Barutſche angebracht war, erblickte Vance, der an der lebhaften Seite des Sir Jasper Stollhead ſaß, ſeinen Freund Lionel und Sophy in einer Ecke des großen Raſenplatzes vor dem Palaſt; er ſeufzte, er beneidete ſie. Er dachte an das Boot, das Waſſer, die Geisblattlaube bei dem kleinen Wirthshaus— Vergnü⸗ gungen, die er ſich jetzt verweigert hatte— Vergnügungen, die ihm ſo vollkommen zuſagten. Sie ſchienen ihm noch verführeriſcher durch den Contraſt mit der Ausſicht auf ein ſteifes förmliches Diner im Stern und Hoſenband mit betitelten Prymmes, Slowes und Froſts, ein paar Guineen per Kopf, mit Einſchluß leichter Weine, die er nicht trank, und dann noch die Koſten für einen Wagen, um zurückzufahren. Aber ſo iſt das Leben mit ſeinen geſellſchaftlichen Pflichten— ſo vor Allem der Ehrgeiz und eine Laufbahn. Wer kann, wenn er einen Namen auf ſeinem Grabſtein hinterlaſſen will, zu ſeinem eigenen Herzen ſagen: pereant Sterne und Hoſenbänder; mein Daſein ſoll von Tag zu Tag in Geisblattlauben dahinfließen! Sir Jasper Stollhead unterbrach Vance's Träumereien mit hef⸗ — — 87 tigem Nießen.—„Der ſchreckliche Heugeruch!“ ſagte der Geſetzgeber mit wäſſerigen Augen.„Leidet Ihr auch am Heufieber? Ich habe es. Atzi, atzi, atzi(nießend), das Land iſt ſchrecklich ungeſund um dieſe Jahreszeit. Und wenn ich bedenke, daß ich jetzt im Hauſe ſeyn ſollte— in meinem Comite— kein Heugeruch dort— höchſt wich⸗ tiges Comite.“ Vance(ſich aufraffend).—„Ah, über was?“ Sir Jasper(bedauernd).—„Ueber Cloaken.“ Sechszehntes Kapitel. Zeichen einer bevorſtehenden Revolution, die, obſchon ihre Urſachen lange gewirkt haben, wie alle Revolutionen von einem plötzlichen Stoß zu kommen und im Nu wieder zu verſchwinden ſcheint, wenngleich ihre Wirkungen bis zum Ende einer Geſchichte fortwähren. Lionel konnte in den Spielwaarenläden des Dorfes keine Puppe finden, die gut genug war, um ſeinen freigebigen Neigungen zu ent⸗ ſprechen, aber er kaufte eine, welche die beſcheidenen Wünſche Sophy's vollkommen befriedigte. Sodann ſchlenderte er nach dem Poſtamt. Es waren verſchiedene Briefe für Vance da— auch einer für ihn ſelbſt von ſeiner Mutter Hand. Er öffnete ihn nicht ſogleich. Der Tag war weit vorgerückt— Sophy mußte hungrig ſeyn. Vergebens er⸗ klärte ſie, dies ſey nicht der Fall. Sie kamen an der Bude eines Obſthändlers vorbei. Die Erdbeeren und Kirſchen waren von ver⸗ führeriſcher Friſche— die Sonne brannte noch mächtig. Hinter der Obſtbude befand ſich ein kleiner Garten oder vielmehr ein Obſtgarten, der kühl durch die offene Thüre lächelte— es ſtanden dort kleine Tiſche umher. Die gute Händlerin war an die Bedürfniſſe und Lieb⸗ habereien beſcheidener Gäſte aus der Hauptſtadt gewöhnt. Aber der Garten ſtand glücklicherweiſe jetzt leer— es war vor der gewöhnlichen Stunde für Theegeſellſchaften; ſo bekamen die jungen Leute den an⸗ 88 genehmſten Tiſch unter einem Apfelbaum und konnten die friſcheſten Früchte auswählen. Milch und Kuchen wurden ebenfalls aufgetragen. Es war in Sophy's Augen ein Bankett, würdig dieſes glücklichen Tages. Und als Lionel ſeinen Theil am Feſtmahl fertig gebracht hatte,— denn er aß ſchnell, wie meiſtens lebhafte ungeduldige Jungen, die im Leben vorwärts kommen wollen und ihre Verdauung verderben, — da warf er ſich, während Sophy noch mit den letzten Erdbeeren beſchäftigt war, in ſeinen Stuhl zurück und zog ſeinen Brief hervor. Lionel liebte ſeine Mutter auf's Zärtlichſte, aber ihre Briefe waren peit nicht von der Art, wie ein junger Menſch ſte gar zu gerne liest. Nicht alle Mütter verſtehen, was Knaben ſind— nicht alle verſtehen ihre ſchnellen Empfindlichkeiten, ihre frühreife Mannheit, all' ihr my⸗ ſtiſches Treiben und ihre Sonderbarkeiten. Ein Brief von Mrs. Haughton verſtimmte und reizte in der Regel Lionels hochgeſpannte Nerven ein wenig, und er hatte die Aufgabe, den vorliegenden zu leſen, inſtinktmäßig verſchoben, bis befriedigter Hunger, kühle luftige Schatten und Ruhe vor der ſtaubigen Straße ſeiner unentwickelten Philoſophie ihren beſchwichtigenden Beiſtand geleiſtet hatten. Er erbrach das Siegel langſam; ein anderer Brief war darin eingeſchloſſen. Bei den erſten paar Worten veränderte ſich ſein Ge⸗ ſicht; er ſtieß einen leichten Ruf aus und las eifrig; dann aber riß er, bevor er die Epiſtel ſeiner Mutter zu Ende geleſen, haſtig die inliegende auf und überſlog ihren Inhalt; endlich ließ er beide Briefe auf das Gras hinabfallen, ſtemmte ſein Geſicht in ſeine Hand und verſank in ein unruhevolles Nachdenken. Der Brief ſeiner Mutter lautete wie folgt:. „Mein lieber Junge! „Wie konnteſt Du! es heimlich thun!! ohne Wiſſen Deiner eigenen Mutter!!! ich hätte das nie von Dir geglaubt!!!! Mein Vertrauen, womit ich Dir die Briefe von Deines Vaters Better zeigte, dazu mißbrauchen, ihm ſelbſt hinterrücks zu ſchreiben!— 89 Du, den ich für einen ſolch offenen Charakter gehalten hatte, und der den meinigen hätte würdigen ſollen. Jedermann, wer mich kennt, ſagt mir, ich ſey eine Frau, wie es unter zehntauſend nicht zwei gebe — nicht in Bezug auf Schönheit und Talent(obſchon ich auch für dieſe meine Bewunderer hatte), ſondern in Bezug auf Herzensgüte. Als Weib und Mutter bin ich, das kann ich wohl ſagen, exemplariſch geweſen. Ich hatte herbe Prüfungen mit dem lieben Capitän und ungeheure Verſuchungen. Aber er ſagte auf ſeinem Todtenbett: Jeſſica, Du biſt ein Engel. Und ich habe ſeitdem Anerbietungen erhalten—ungeheure Anerbietungen, aber ich weihte mich meinem Kind, wie Du weißt. Und was ich bei der Vermiethung des erſten Stocks hinunterſchlucken mußte, das kann Niemand ſagen; und blos eine Wittwen⸗Penſion,— und muß noch vor das Amt gehen, um ſie ausbezahlt zu erhalten. Und wenn ich bedenke, daß mein eigenes Kind, um deſſen willen ich ſo viel ertragen habe, ſich ſo grauſam gegen mich benehmen ſollte! Heimlich! Das iſt es, was mir einen Stich gibt. Mrs. Inman fand mich weinend und ſagte: Was gibt es denn?— Ihr, die Ihr ein ſolcher Engel ſeyd, ſchreit ja wie ein kleines Kind! und ich konnte nicht umhin zu antworten: Das iſt der Biß der Schlange, Mrs. J. Was Du Deinem Wohlthäter—(und ich hatte gehofft Gönner) geſchrieben haſt, das will ich nicht zu errathen ſuchen, es muß etwas ſehr Grobes und Unkluges ſeyn, nach den we⸗ nigen Zeilen zu ſchließen, die er an mich gerichtet hat. Ich will mich's nicht verdrießen laſſen, ſie für Dich abzuſchreiben, damit Du ſie leſen kannſt. Alle meine Handlungen liegen offen auf dem Tiſch, wie denn auch Capitän H. oft und viel zu ſagen pflegte: Dein Herz iſt in einem Glaskaſten, Jeſſica; und ſo iſt es wirklich! aber mein Sohn hält das ſeinige unter Schloß und Riegel. Madame ſſo ſchreibt er mir), Euer Sohn hat es für paſſend ge⸗ funden, die Bedingung zu verletzen, unter welcher ich mich herbeige⸗ laſſen hatte, Euch in ſeinem Intereſſe zu unterſtützen. Ich ſchließe eine Antwort an ihn ſelbſt bei und bitte Euch, ſie ſeinen eigenen ——y—; —— ———— ——— 5— ———— 1 ————ͤ———— 90 Händen zu übergeben, ohne das Siegel zu erbrechen. Da es Euch nicht indiscret erſcheint, einem Knaben von ſeinen Jahren Briefe mit⸗ zutheilen, die blos an Euch geſchrieben ſind, ſo könnt Ihr mich nicht tadeln, wenn ich wie Ihr ſtillſchweigend annehme, daß er fähig ſey, ſelbſt zu urtheilen über die Art einer Correſpondenz, ſo wie über die Anſichten und den Charakter, Madame, Eures gehorſamſten Dieners. Und das iſt Alles, was er mir ſchreibt. Ich ſchicke Dir ſeinen Brief mit unerbrochenem Siegel. Ich ſchließe, daß er ſich auf immer von Dir losſagt, und daß Deine Carriere verloren iſt. Aber wenn es ſo waͤre, oh mein armes, armes Kind! Bei dieſem Gedanken habe ich nicht das Herz, noch weiter mit Dir zu zanken. Wenn es ſo wäre, ſo komm heim zu mir, und ich will für Dich arbeiten und mich abquälen, und Du ſollſt Deinen Kopf hochtragen und immer ein Gentleman ſeyn, wie Du auch biſt, jeder Zoll von Dir. Laß Dir das nicht zu Herzen gehen, was ich im Anfang geſagt habe, mein liebes Kind,— Du weißt, ich bin haſtig, und ich war erzürnt. Aber es konnte nicht Deine Abſicht ſeyn, verſtohlen und hinterrücks zu handeln,— es war blos Dein hoher Geiſt und es war meine Schuld; ich hätte Dir die Briefe nicht zeigen ſollen. Ich hoffe, daß Du geſund biſt und dieſen garſtigen Huſten verloren haſt, und daß Mr. Vance Dich mit der ge⸗ bührenden Achtung behandelt. Ich finde ihn etwas zu derb und zu vertraulich, obſchon er im Ganzen ein angenehmer junger Mann iſt. Aber beim Licht beſehen iſt er doch blos ein Maler. Gott ſegne Dich, mein Kind, und habe künftig keine Geheimniſſe mehr vor Deiner armen Mutter „Jeſſica Haughton.“ Der beigeſchloſſene Brief lautete wie folgt: „Lionel Haughton,— Einige Leute hätten ſich beim Empfang eines Briefes, wie Ihr mir geſchrieben habt, ärgern können; ich nicht. In Euern Jahren und unter denſelben Umſtänden würde ich wohl ganz in demſelben Geiſt geſchrieben haben. Beruhiget Euch— bis jetzt 91 ſchuldet Ihr mir keine Verpflichtungen; Ihr habt blos eine Schuld zurück empfangen, die Euch gehörte. Mein Vater war arm, und Euer Großvater, Robert Haughton, unterſtützte ihn in den Koſten meiner Erziehung. Ich habe den Sohn Eures Vaters unterſtützt; wir ſind quitt. Bevor wir uns jedoch entſchließen, für die Zukunft ganz mit einander fertig zu ſeyn, ſtelle ich Euch das Anſinnen, mir einen kurzen Beſuch zu machen. Vermuthlich werdet Ihr mir nicht gefallen und ich Euch eben ſo wenig. Aber wir ſind Beide Gentle⸗ men und brauchen die Abneigung nicht gar zu plump zu zeigen. Wenn Ihr Euch zu der Reiſe entſchließet, ſo kommt ſogleich, ſonſt würdet Ihr mich möglicher Weiſe nicht hier treffen. Wenn Ihr Euch weigert, ſo werde ich eine geringe Meinung von Eurem Verſtand und Cha⸗ rakter faſſen und in einer Woche Eure Erxiſtenz vergeſſen haben. Ich muß noch hinzufügen, daß Euer Vater und ich einſt warme Freunde waren, und daß ich durch Geburt nicht blos das Haupt meines eigenen Geſchlechtes, das mit mir endet, ſondern auch der Familie Haughton bin, von welcher Eure Linie, obſchon ſie den Namen ange⸗ nommen hat, blos ein jüngerer Zweig war. Heutzutage werden junge Männer vermuthlich nicht dazu herangebildet, ſich um dieſe Dinge viel zu bekümmern,— ich ließ ſie mir angelegen ſeyn.— Der Eurige, „Guy Haughton Darrell, „Manor Houſe, Fawley.“ Sophy hob die hinabgefallenen Briefe auf, legte ſie auf Lionels Schoß und ſchaute ihm nachdenklich in's Geſicht. Er lächelte, nahm die Epiſtel ſeiner Mutter wieder zur Hand und las den Schluß, den er vorhin übergangen hatte. Der plötzliche Uebergang vom Vorwurf zur Zärtlichkeit rührte ihn tief. Er begann zu fühlen, daß ſeine Mutter ein Recht hatte, ihn wegen eines Aktes der Verheimlichun, zu tadeln. Inzwiſchen würde ſie niemals ihre Einwilligung dazu ge⸗ geben haben, daß er einen ſolchen Brief geſchrieben hätte; und hatte denn der Brief ein gar ſo ſchlimmes Reſultat zur Folge? Er las ————— 92 Mr. Darrells unfreundliche, aber nicht beleidigende Zeilen von Neuem. Sein Stolz war beſänftigt— warum ſollte er den Freund ſeines Vaters jetzt nicht lieben? Er erhob ſich raſch, bezahlte die Zeche und ging mit Sophy nach dem Boot zurück. Als ſeine Ruder die Wellen durchſchnitten, ſprach er fröhlich, fragte aber Sophy nicht mehr über ihre Vergangenheit aus. Entſchloſſen, ſanguiniſch, ehrgeizig, begann er ſich mit ſeiner eigenen Zukunft zu beſchäftigen. Aber als die Sonne unterſank, als das Wirthshaus von den Wendungen der Ufer her und unter den Weiden hervor theilweiſe zum Vorſchein kam, da kehrte ſich ſein Geiſt wieder dem geduldigen, ſtillen, kleinen Mädchen zu, das ſich nicht eine einzige Frage an ihn erlaubt hatte, während er ſie ſo ohne alle Umſtände über alles Mögliche ausgeholt. In der That ſann ſie ſchweigend über einige Worte nach, die er unüberlegter Weiſe hatte fallen laſſen— wie haſſe ich den Gedanken, daß Ihr Euch je herabgelaſſen habt, auf der Bühne zu ſpielen. Lionel konnte nicht wohl ahnen, welche unruhige Gedanken dieſe Aeußerung ſpäter aus den brütenden, tiefſinnenden Betrachtungen einſamer Kindheit hervorrufen mochte. Endlich ſagte der Junge ganz plötzlich, wie er ſchon früher einmal geſagt hatte: „Ich wollte, Ihr wäret meine Schweſter, Sophy.“ Er fügte in betrübtem Tone hinzu:„Ich hatte nie eine Schweſter,— ich habe mich ſo ſehr nach einer geſehnt. Gleichwohl werden wir ſicherlich wieder zuſammentreffen. Ihr reiſet morgen ab— das muß ich auch.“ Sophy's Thränen floßen ſanft und geräuſchlos. „Seyd guter Dinge, mein Sonnenkäfer, ich wollte nur, Ihr hättet mich halb ſo lieb, wie ich Euch habe.“ „Ach ich habe Euch lieb— ſo lieb!“ rief Sophy leidenſchaftlich. „Nun denn, Ihr könnt ſchreiben, ſagt Ihr?“ „Ein wenig.“ „Ihr müßt mir von Zeit zu Zeit ſchreiben, und ich Guch. Ich will mit Eurem Großvater darüber ſprechen. Ah, wahrhaftig, da iſt er ja.“ 93 Das Boot lief jetzt in die abſchuͤſſige Bucht ein, und an der Geisblattlaube ſtand Gentleman Waife an ſeinen Stock gelehnt. „Ihr kommt ſpät,“ ſagte der Schauſpieler, als ſie landeten und Sophy in ſeine Arme ſprang.„Ich begann unruhig zu werden und kam her, um nach Euch zu fragen. Du haſt Dich doch nicht erkältet, Kind?“ Sophy.—„Oh nein.“ Lionel.—„Sie iſt das beſte aller Kinder. Bitte, kommt in's Wirthshaus, Mr. Waiſe; keinen Grog, blos irgend eine Erfriſchung.“ Waife.—„Ich danke Euch, nein, Sir; ich wünſche ſogleich nach Hauſe zu gehen. Ich marſchire langſam; es wird bald dunkel werden.“ Lionel bemühte ſich vergebens ihn aufzuhalten. In Mr. Waife's Benehmen gegen ihn war eine gewiſſe Veränderung eingetreten; es war weit zurückhaltender; es war ſogar verdrießlich, wo nicht un⸗ freundlich. Lionel konnte es ſich nicht erklären; er dachte Anfangs, es ſey bloſe Laune, aber als er einen Theil des Weges mit ihnen zurück gegen das D Dorf ging, währte dieſe Herbheit noch fort und nahm ſogar zu. Lionel war beleidigt; er hielt an. „Ich ſehe, Ihr wünſchet Eure C Enkelin jetzt für Euch allein zu haben. Darf ich morgen früh wieder vorſprechen? Sophy wird Euch ſagen, daß ich hoffe, wir möchten einander nicht ganz aus dem Geſicht verlieren. Ich will Euch meine Adreſſe geben, wenn ich komme.“ „Um welche Zeit morgen, Sir?“ „Um neun Uhr.“ Waife nickte mit dem Kopf und ſchritt weiter, aber Sophy ſchaute betrübt und dankbar nach ihrem jungen Freund zurück,— es war eine Dämmerung am Himmel, der ſo ſonnig geweſen— eine Dämmerung in ihrem Geſicht, das kaum noch ſo heiter geſtrahlt hatte! Sie blickte einmal, zweimal, dreimal, als Lionel auf dem ——ͤͤͤ 94 Weg ſtehen blieb, und küßte ſeine Hand. Das drittemal ſagte Waife mit ungewohnter Härte: „Genug jetzt, Sophy; es ziemt ſich nicht, nach jungen Männern zu ſehen. Was kann er damit meinen, daß wir einander im Auge behalten ſollen, und daß er mir ſeine Adreſſe geben will?“ „Er bat mich, ihm manchmal zu ſchreiben, und er wolle mir auch ſchreiben.“ „Waife's Brauen zogen ſich zuſammen; aber wenn er im Ueber⸗ maß großväterlicher Behutſamkeit hätte glauben können, daß der herr⸗ liche Jüngling von ſiebenzehn Jahren bei einem ſolchen Correſpondenz⸗ vorſchlag irgend etwas Böſes gegen dieſes Feenkind im Schilde geführt habe, ſo hätte er kindiſch geworden ſeyn müſſen und er hatte bisher noch keine Zeichen davon gegeben. Lebe wohl, hübſche Sophy! Der Abendſtern leuchtet über jener Ulme, welche dich dem Auge verbirgt. Die Sommerlandſchaft ſchwin⸗ det immer mehr; bereits iſt dein artiges Bild aus der Landſchaft ver⸗ ſchwunden. So endet ein Feſttag im Leben. Halte ihn heilig, Sophy; halte ihn heilig, Lionel. Der Feſttage des Lebens ſind es nicht allzu viele! Siebenzehntes Kapitel. Aus dieſem Kapitel iſt zu erſehen, daß derjenige, der auf eine Carriere aus⸗ geht, kaum erwarten kann, vollkommen comfortabel einherzuſchreiten, wenn er ſeine eigenen dickſohligen Schuhe gegen Gallaſtiefel austauſcht, die nach dem Maße eines andern Mannes gemacht ſind, und daß beſagte Stiefel um nichts weniger drücken können, wenn ſie glänzend gefirnißt ſind.— Es zeigt auch, zur Belehrung von Menſchen und Staaten, die Verwandtſchaft zwiſchen demokratiſcher Geſinnung und verletzter Eigen⸗ liebe, ſo daß ein liberaler Staatsmann, wenn er gegen eine Ariſtokratie die Klaſſe aufreizen will, die juſt unter ihr ſteht, blos eine vornehme Lady zu überreden braucht, ungemein höflich gegen dieſes„Pack“ zu ſeyn. Vance, der ſpät in der Nacht nach Hauſe kam, fand ſeinen Freund noch auf in dem kleinen Wohnzimmer, wo er bei offenen Fenſtern un⸗ ͤ———— 95⁵ ruhig auf⸗ und abſchritt und von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, um zu dem Mond über dem Fluß emporzuſchauen. „Was das für ein Tag war! und zwölf Schillinge für die Fahrt, das Schlagbaumgeld nicht eingerechnet,“ ſagte Vance ſehr ärgerlich. „Ihr ſchweigt: es hat Euch geärgert, daß ich von Euch wegging— konnte es nicht ändern— habt Mitleid mit mir, und ſchließet Euern Stolz ein.“ „Nein, mein lieber Vance, ich fühlte mich allerdings einen Augen⸗ blick beleidigt— aber dieß iſt ſchon lange vorüber.“ „Gleichwohl ſcheint Ihr Etwas auf dem Herzen zu haben,“ ſagte Vance, der jetzt ſeine Briefe zu Ende geleſen hatte, ſeine Cigarre anzündete und ſich an das Fenſter lehnte, während der Jüngling noch immer auf⸗ und abſchritt. „Ja das iſt wahr. Ich möchte Euch um Euern Rath bitten. Leſet dieſen Brief. Soll ich hingehen?— Würde es gemein und habſüchtig ausſehen? Ihr wißt, was ich meine.“ Vance rückte die Lichter näher und nahm den Brief. Er blickte zuerſt nach der Unterſchrift.„Darrell!“ rief er.„Oh es iſt alſo doch ſo!“ Er las mit großer Aufmerkſamkeit, legte den Brief weg und ſchüttelte Lionel die Hand.„Ich wünſche Euch Glück; Alles iſt bei⸗ gelegt, wie es ſich gebührt. Gehen? ganz natürlich— Ihr müßtet ein ungezogener Tölpel ſeyn, wenn Ihr nicht ginget. Es iſt weit von hier; müßt Ihr zuvor in die Stadt zurückgehen?“ Lionel.—„Nein! Ich finde, daß ich auf dem Land weiter kommen kann— zwei Stunden mit der Eiſenbahn. Da iſt eine Station in der Stadt, welche das Poſtzeichen des Briefes trägt. Ich will dahin gehen, wenn Ihr mir dazu rathet.“ „Ihr wußtet, daß ich Euch dazu rathen würde, ſonſt würdet Ihr Euch nicht mit ſolchen Poſt⸗ und Eiſenbahnſtudien abgequält haben.“ „Sehr ſchlau bemerkt,“ antwortete Lionel lachend,„aber ich wünſche Eure Gutheißung für meine unverdauten Eindrücke.“ „Ihr habt mir nie geſagt, daß Euer Vetter Darrell heißt— 96 * nicht als ob ich dadurch viel weiſer geworden wäre, aber Donner und Wetter, Lionel, wißt Ihr auch, daß Euer Vetter Darrell ein berühmter Mann iſt?“ Lionel.—„Berühmt?— Unſinn. Ich vermuthe, er war ein guter Advokat, denn ich habe meine Mutter mit einer Art von Ver⸗ achtung ſagen hören, er habe ſich ein großes Vermögen im Gerichts⸗ ſaale erworben.“ Vance.—„Aber er war im Parlament.“ Lionel.—„So, das wußte ich nicht.“ Vance.—„Und dieß iſt ſenatoriſcher Ruhm! Habt Ihr Eure Schulkameraden nie von Mr. Darrell ſprechen gehört?— Sie würden ſeinen Namen wohl nicht gekannt haben, wenn Ihr Euch deſſen ge⸗ rühmt hättet?“ Lionel.—„Gewiß nicht.“ Vance.— Würden Eure Schulkameraden die Namen Wilkie, Landſeer, Turner, Macliſe gekannt haben?— ich ſpreche von Malern!“ Lionel.—„Ohne allen Zweifel.“ Vance(im Selbſtgeſpräch).—„Und doch ſagt Ihre durchlauch⸗ tige Erhabenheit Lady Selina Vipont mit göttlichem Mitleid zu mir: Auf dem Weg Eurer entzückenden Kunſt lernt man freilich Nänner wie Mr. Darrell nicht kennen! Oh! als ob ich es nicht durchſchaut hätte— als ob ich es nicht genau durchſchaut hätte, als ſte in Bezug auf meine Zwilchmütze und Felbeljacke ſagte: Was liegt daran, wie Ihr gekleidet ſeyd? Jedermann weiß, wer Ihr ſeyd. Würde ſie dem Grafen von Dunder oder auch nur dem Sir Jasper Stollhead das auch geſagt haben? Nein. Und wenn ich in einem bunten Hemd und einer blauen Schürze daſtände, würde Lady Selina Vipont freundlich murmeln:(Es iſt blos Frank Vance, der Maler,— was hat das zu bedeuten? Aha!— und dieſe Leute gedenken mich auszubeuten! nein, ſie ſind ſelbſt nur Puppen und Drahtfiguren!— ich werde im Gegentheil ſie ausbeuten. Hört Ihr, Lionel, Ihr ſeyd mit dieſem feinen Volk näher verwandt, als ich wußte. Verſprecht 97 mir Eines: Ihr könnt mittelſt Eures famöſen Mr. Darrell ein Ange⸗ höriger dieſer Bande werden; wenn Ihr je hört, daß ein Künſtler, Muſiker, Seribler, wer es nun ſeyn mag, als Kriecher verhöhnt wird, der den vornehmen Leuten nachlaufe u. ſ. w., dann fraget, ehe Ihr in das Gelächter einſtimmt, irgend eines vornehmen Mannes Sohn mit einem Stammbaum, der aus der Arche datirt: Seyd Ihr nicht auch ein Fuchsſchwänzer? wenn Ihr politiſchen Einfluß braucht, wenn es ſich um eine ſtreitige Wahl handelt, ſchmeichelt Ihr dann nicht dem ſchmierigen Metzger Sam und ſcherwänzelt Ihr nicht um den ſchmutzi⸗ gen Grobſchmied Tom, damit ſie Euch ihre Stimmen geben? Nicht wahr, dieß iſt nützlich für Eure Laufbahn, nothwendig für Euren Ehrgeiz? Aha! iſt es etwa gemeiner, weißhändigen Damen ſchön zu thun und eleganten Gecken zu ſchmeicheln? Pfui, pfui! nutzlich für eine Laufbahn— nothwendig für den Ehrgeiz.“ Vance hielt ganz athemlos inne. Der verwöhnte Liebling der Zirkel, wie konnte er einen ſolchen radikalen Schund herausſchwatzen! Offenbar mußte er an dieſen leichten Weinen ſeine zwei Guineen redlich abgetrunken haben. Nichts iſt ſo verrätheriſch! ſie entflammen das Hirn wie Feuer, während ſie auf dem Gaumen ſchmelzen wie Eis. Die Bewohner aller Länder, wo leichte Weine wachſen, ſind händelſüchtig und demokratiſch. Lionel(erſtaunt).—„Ich bin überzeugt, daß Niemand es ſich beikommen ließe, Euch einen Kriecher zu nennen— natürlich weiß Jedermann, daß ein großer Maler—“ Vance.—„Von Michel Angelo, wo nicht von Zeuris datirt! Alltägliche Individuen leiten ihren Stammbaum von ihren eigenen Vätern ab, die Kinder der Kunſt von den Gründern der Kunſt.“ Oh, Vance, Vance, du biſt offenbar betrunken; wenn dieß da⸗ her kommt, daß du mit vornehmen Leuten im Stern und Hoſenband dinirt haſt, ſo würdeſt du ein glücklicherer Menſch und ein eben ſo guter Maler ſeyn, wenn du deinen Grog in Geißblattlauben ſchlürfteſt. „Aber,“ ſagte Lionel verwundert und bemüht, den Gedanken Bulwer, was wird er damit machen? 7 98 ſeines Freundes eine andere Richtung zu geben,„was hat dieß Alles mit Mr. Darrell zu ſchaffen?“ Vance.—„Mr. Darrell muß einer der erſten Männer des König⸗ reichs geweſen ſeyn. Lady Selina Vipont ſagte es, und ſie iſt, glaube ich, mit allen Mitgliedern des Kabinets verwandt. Mr. Darrell kann Euch im Leben voranbringen und Euer Glück begründen, ohne daß Ihr ſelbſt Euch große Mühe zu geben braucht. Danket Euren Sternen und freuet Euch, daß Ihr kein Maler ſeyd.“ Lionel ſchlang ſeinen Arm um des Freundes breite Bruſt.„Vance, Ihr ſeyd grauſam!“ Es war jetzt an ihm, den Maler zu tröſten, wie der Maler ihn drei Abende vorher in Bezug auf denſelben Mr. Darrell getröſtet hatte. Vance wurde allmälig nüchterner, und die jungen Männer machten einen Spaziergang im Mondſchein. Und die ewigen Sterne hatten dieſelben freundlichen Blicke für Vance, die ſie Lionel geſpendet hatten. „Wann brechet Ihr auf?“ fragte der Maler, als ſie heimkamen, um zu Bette zu gehen. „Morgen Abend. Ich laſſe den Frühzug hinaus, denn ich muß zuerſt Sophy beſuchen und Abſchied nehmen.„Ich hoffe, daß ich ſie ſpäter im Leben wieder ſehen werde.“ „Und ich hoffe um Euretwillen, daß ſie in dieſem Fall nicht mehr daſſelbe farbige Kattunkleid tragen wird, wenn Lady Selina Vipont's Lorgnette auf ſie gerichtet iſt.“ „Was?“ ſagte Lionel lachend,„iſt Lady Selina Vipont ſo ſchrecklich unmanierlich?“ „Unmanierlich! Niemand iſt unmanierlich in dieſer entzückenden Menſchenklaſſe. Lady Selina Vipont iſt martervoll höflich.“ 99 Achtzehntes Kapitel. Iſt ausſchließlich einer Betrachtung gewidmet, die ihre guten Beziehungen hat zu den Ereigniſſen in dieſer Geſchichte, wie auch in jeder andern Ge⸗ ſchichte, welche ein Menſchenleben verzeichnet. . Es gibt eine warnende Lehre im Leben, die nur Wenige von uns nicht empfangen haben, und die noch kein Buch, deſſen ich mich ent⸗ ſinnen kann, mit dem gebührenden Nachdruck hervorgehoben hat. Sie lautet: Hütet Euch vor dem Abſchiednehmen! Die wahre Traurig⸗ keit beſteht nicht in dem Schmerz des Scheidens, ſondern in der Frage, wann und wie Ihr wieder mit dem Geſicht zuſammentreffen werdet, das im Begriff ſteht, Euch aus den Augen zu verſchwinden. Von dem leidenſchaftlichen Lebewohl an das Weib, das Euer Herz in Ver⸗ wahrung hat, bis zu dem herzlichen Adieu, das man mit angenehmen Genoſſen in einem Bad, in einem Landhaus oder nach einem fröhlichen ſorgloſen Feiertagsausflug wechſelt, wird bei jedem Abſchied eine ſtärkere oder ſchwächere Saite geſprengt, und die geſchäftigen Finger der Zeit ſind nicht geübt, zerriſſene Bande wieder anzuknüpfen. Ihr könnt wieder zuſammentreffen: wird es in derſelben Art und Weiſe geſchehen?— mit denſelben Sympathien?— mit denſelben Gefühlen? Werden die Seelen, die auf verſchiedenen Pfaden dahineilen, ſich noch einmal vereinigen, wie wenn die Zwiſchenzeit ein Traum geweſen wäre? Selten, ſelten! Habt Ihr nicht, wenn Ihr nach einer Ab⸗ weſenheit auch nur von einem Jahr, auch nur von einem Monat an denſelben Ort zurückkehrtet, dieſelben Gruppen wieder verſammelt ge⸗ funden und doch bei Euch ſelbſt geſeufzt:„Aber, wo iſt der Zauber, der einſt von dieſem Orte her geweht und aus den Geſichtern gelächelt?“ Ein Dichter hat geſagt: „Was man von der Minute ausgeſchlagen, Gibt keine Ewigkeit zurück.“ Seyd Ihr glücklich an dem Ort, an welchem Ihr mit den Perſonen verweilet, deren Stimmen jetzt melodiſch an Euer Ohr ſchlagen— oh 7* 4 100 ſo hütet Euch vor dem Abſchied, oder wenn Ihr Abſchied nehmen müßt, ſo ſprecht nicht in übermüthigem Trotzbieten gegen Zeit und Schickſal:„Was liegt daran?— wir werden bald wieder zuſammen⸗ treffen.“ Ach und aber ach! wenn wir an die Lippen denken, welche ge⸗ murmelt:„Wir treffen uns bald wieder,“ und wenn wir uns erinnern, wie wir an Herz, Seele und Gedanken für immer von einander ge⸗ ſchieden da ſtanden, als wir uns wieder einmal von Angeſicht zu An⸗ geſicht beiſammen befanden und in unſerm Innern ausriefen:„Wir haben uns wieder getroffen!“ Die Luft, die wir athmen, bildet das Medium, durch welches der Ton ſeinen Weg macht; das Inſtrument kann unverändert, die Kraft, womit es angewandt wird, kann dieſelbe ſein, aber immerhin iſt die Luft, die du nicht ſiehſt, dasjenige was deinem Ohr die Muſik gibt. Läute eine Glocke unter einer erſchöpften Luftpumpe, ſo wirſt du den Ton kaum hören; gib der Glocke die gebührende Schwingung durch freie Luft im warmen Tageslicht, oder ſenke ſie zu dem Herzen des Oceans hinab, wo die Luft ganz gedrückt iſt und das Gefäß um ſie her füllt,* ſo regt der aus der Ferne hörbare Klang deine Seele auf und hemmt deine Tritte,— in die Tiefe ruft die Tiefe— eine Stimme aus dem Ocean wird zu deiner Seele getragen. Woher alſo die Veränderung, wenn du ſagſt:„Sieh, es iſt daſſelbe Metall— warum wird das Geläute ſo ſchwach gehört?“ Frage die Luft, die du nicht ſiehſt, weder über dir im Himmel noch unter dir im Ocean. Biſt du ſicher, daß die ſo ſchwach gehörte Glocke nicht unter einer erſchöpften Luftpumpe angeſchlagen wird? * Die Glocke in einer geſunkenen Taucherglocke, wo die Luft gedrückt iſt, ertönt mit vermehrter Kraft. Der Ton reist viermal ſchneller im Waſſer, als in der oberen Luft. ——8—8o 101 Neunzehntes Kapitel. Die Wanderneigungen nomadiſcher Stämme nicht nach den Grundſätzen der Handlung zu erklären, die civiliſirten Menſchen eigenthümlich ſind, welche in guten Häuſern zu leben pflegen und die Einkommensſteuer bezahlen können.— Wenn das Geld, das einmal einem civiliſirten Manne gehört hat, in die Taſchen eines Nomaden verſchwindet, ſo kann weder erlaubte Kunſt noch geheime Wiſſenſchaft mit Sicherheit entdecken, was er damit machen wird.— Mr. Vance entkommt mit knapper Noth einer wohlver⸗ dienten Züchtigung durch die Nägel brittiſcher Schönen.— Lionel Haugh⸗ ton bietet in jugendlicher Verwegenheit den Gefahren einer brittiſchen Eiſenbahn Trotz. Der Morgen war trüb und umwölkt, Regen ſammelte ſich in der Luft, als Vance und Lionel nach Waife’s Wohnung gingen. Als Lionel ſeine Hand an den Klopfer des Privatzimmers legte, ſah der Schuhflicker, der in der Bude daneben auf ſeinem Platz am Fenſter ſaß, ihn an und ſchüttelte ſeinen Kopf. „Das Klopfen hilft Nichts, Gentlemen. Wollt Ihr gütigſt bei mir eintreten?“ „Soll das heißen, daß Eure Miethleute nicht da ſeyen? fragte Vance. „Sie ſind fort,“ ſagte der Schuhflicker, indem er ſeine Pfrieme mit großer Heftigkeit durch das Leder ſtieß, das für die Reparatur eines Bauernſtiefels beſtimmt war. „Fort— im Ernſt?“ rief Lionel;„Ihr könnt das nicht ſagen wollen. Ich komme in Folge einer Verabredung.“ „Bedaure, Sir, daß Ihr Euch ſo viele Mühe macht. Wartet ein wenig, ich habe da einen Brief für Euch.“ Der Schuhflicker ſtöberte in einer Schublabe und zog unter einer Menge von Nägeln und Riemen einen Brief mit der Adreſſe L. Haughton Esg. hervor. „Iſt er von Waife? Wie in aller Welt hat er meinen Familien⸗ namen erfahren? Ihr habt ihn nicht genannt, Vance?“ „Mit Wiſſen nicht. Aber Ihr ſagtet, Ihr habet ihn im Wirths⸗ haus getroffen, und die Leute dort wußten ihn. Er ſteht auf der meſſingenen Platte Eures Torniſters. Gleichviel— was ſchreibt er denn?“ und Vance ſah über die Schulter ſeines Freundes und las: „Sir, ich muß Euch ehrerbietig danken für Eure herablaſſende Güte gegen mich und meine Enkelin; eben ſo auch Eurem Freund für ſeine wohlangebrachte und großmüthige Unterſtützung. Ihr werdet mir verzeihen, daß die Noth, die kein Gebot kennt, mich zwingt, einige Stunden vor Eurem beabſichtigten Beſuch von hier aufzubrechen. Meine Enkelin ſagt, daß Ihr ſie habet erſuchen wollen, Euch von Zeit zu Zeit zu ſchreiben. Entſchuldigt mich, Sir: bei näherer Ueber⸗ legung werdet Ihr bemerken, wie verſchieden Eure Lebenswege von denjenigen ſind, welche ſie mit mir betreten muß. Ihr ſehet einen Mann vor Euch, der—— aber ich vergeſſe, Ihr ſehet ihn nicht mehr, und wahrſcheinlich nie wieder. Euer ergebenſter, gehorſamſter und dankbarſter Diener „W. W.“ Vance.—„Der Euch hoffentlich nie mehr beunruhigen wird. Wohin ſind ſie gegangen?“ Schuhflicker.—„Ich weiß es nicht; wollt Ihr nicht in den Cryſtall hineinſehen? Vielleicht habt Ihr die Gabe, ohne es zu wiſſen.“ „Ich nicht, bah! Kommt, Lionel.“ „Hat nicht auch Sophy eine Botſchaft für mich zurückgelaſſen?“ fragte der Jüngling betrübt. „Allerdings, ich hätte es beinahe vergeſſen— nein, nicht ge⸗ rade eine Botſchaft, aber dieſes hier“— und der Schuhflicker zog aus ſeinem Miscellaneenbehälter ein kleines Buch hervor. Vance ſah es an und lachte: Der Ball der Schmetterlinge und das Feſt⸗ mahl der Heuſchrecken. Lionel ſtimmte in das Gelächter nicht mit ein. Er riß das Buch an ſich und las auf der Vorderſeite in unregelmäßigem kindlichem Gekritzel, das überdieß von den unverkennbaren Spuren gefallener Thränen angeſchwollen war, folgende Worte: 103 „Verachtet es nicht. Ich habe ſonſt Nichts, was ich als ganz mein anſehen kann. Mrs. Jane Burton gab es mir, weil ich brav war. Großvater ſagt, Ihr ſeyet zu hoch für uns und ich werde Euch nie mehr ſehen; aber ich werde nie vergeſſen, wie gütig Ihr waret— nie— nie.— Sophy.“ Sprach der Schuhflicker, indem er ſeine Pfrieme aufrecht in der Hand hielt, die auf ſeinem Knie ruhte:„Welch ein Unglück, daß die Stronomen den Herſchel entdeckt haben? Ihr ſehet, Sir(an Vance gewandt), die ſonderbaren und wunderlichen Dinge kommen alle von Herſchel her.“ „Was! von Sir John?“ „Nein, von dem Stern, den er aufgeſtöbert hat. Er iſt ein ſchrecklicher Stern für Frauenzimmer, haßt ſie wie Gift. Ich ver⸗ muthe, daß er bei ihrer Nativität thätig war, denn ich habe von ihr Jahr, Monat und Tag ihrer Geburt herausgebracht, Stunde unbe⸗ kannt, aber calculire um Mittag, Herſchel wirkte gegen ſie im dritten und neunten Haus— Reiſen, Wanderungen, Briefe, Neuigkeiten, kirchliche Angelegenheiten und dergleichen. Aber es wird Alles recht werden, nachdem er hindurchgegangen iſt. Ihr Jupiter muß gut ſeyn. Aber ich hoffe blos,“ fügte der Schuhflicker feierlich hinzu,„daß ſie keine weiteren Sterne mehr entdecken werden. Die Welt befand ſich weit beſſer ohne dieſen neuen, und ſie ſprechen jetzt von einem Neptun, der ſo ſchlimm ſey wie Saturn.“ „Und dies iſt das Letzte von ihr!“ ſagte Lionel, indem er betrübt das Buch in ſeine Bruſttaſche ſteckte.„Der Himmel beſchütze ſie, wohin ſie gehen mag!“ Vance.—„Glaubt Ihr nicht, daß Waife und das arme kleine Mädchen wieder hieher zurückkommen werden?“ Schuhflicker.—„Vielleicht; ich weiß, er ſtudirte ungeheuer fleißig in der Grafſchaftskarte wegen der Stationen auf dem Weg; es 104 ſcheint, als wollte er nicht gar weit gehen. Vielleicht wird er zurück⸗ kommen.“ Vance.—„Hat er alle ſeine Sachen mitgenommen.“ Schuhflicker.—„Bis auf eine alte Schachtel; es iſt ver⸗ muthlich Nichts darin als Theaterplunder— Textbücher, Gemälde, eine alte Perücke und dergleichen. Er hat gute Kleider— die hat er immer gehabt; und ſo anch ſie, aber ſie machen nicht mehr als einen Bündel aus.“ Vance.„Inzwiſchen müßt Ihr doch ſicherlich wiſſen, was der alte Geſell vorhat. Er hat von mir eine große Summe bekommen — was will er damit machen?“ Schuhflicker.—„Juſt darüber habe ich mir auch den Kopf zerbrochen. Was will er damit machen? Ich habe eine Figur geſtellt, um es zu erfahren— konnte es nicht herausbringen— ſonderbare Zeichen im zwölften Haus. Feinde und großmächtige Thiere. Nun freilich, er iſt ein wunderbarer Mann, und wenn er nicht in Bezug auf den Cryſtall ein Ungläubiger wäre, ſo würde ich ſagen, er ſtehe unter Herſchel; denn Ihr ſehet, Sir(Vance's Knopf ergreifend, als er ſah, daß dieſer Gentleman ausreißen wollte), Ihr ſehet, Herſchel ſteht, obſchon er ein unheimlicher Geſelle iſt, ganz beſonders mit dem andern Geſchlecht in Beziehung und gibt Denjenigen, die unter ihm geboren ſind, eine Neigung, in die Geheimniſſe der Natur einzudringen. Ich bin mit Leib und Seele ein Herſchelmann. Geboren im März und—“ „So toll wie ſeine Haſen,“ brummte Vance, indem er ſeinen Knopf aus dem Griff des Schuhflickers losriß und ungeduldig weglief. Aber ſein Entrinnen war nicht ſo leicht, denn ganz in der Nähe, juſt an der Straßenecke hatte ſich eine weibliche Schaar, von Merle's dürrer Haushälterin angeführt, in aller Stille verſammelt, ſo bald die zwei Freunde an der Thüre des Schuhflickers Halt gemacht hatten, und dieſer beunterrockte Divan ſchloß ſich jetzt plötzlich um den Maler; die Eine zupfte ihn beim Aermel, eine Andere bei der Jacke, und eine 105 Dritte mit einer Naſe, auf welcher in früher Kindheit Jemand geſeſſen hatte, flüſterte:„Wenn's beliebt, Sir, nehmt mein Gemälde zuerſt.“ Vanee ſtarrte ſie entſetzt an:„Euer Gemälde, Ihr Schlampe!“ Hier trat ein anderes Modell von ländlichen Neizen, das ein Ideal für die fette Küchenmagd in Triſtram Shandy hätte abgeben könner, mit einem Knir hervor und machte rivaliſirende Anſprüche geltend. „Sir, wenn Ihr Nichts dagegen habt, in die Küche zu kommen, nachdem die Familie zu Bett gegangen iſt, ſo kommt es mir nicht darauf an, eine Minnyatur von mir für zwei Pfund mächen zu laſſen.“ „Eine Miniatur von Euch? Ihr Meerſchwein!“ „Polly, Sir, nicht Meerſchwein— bitte um Verzeihung. Ich werde mich ſauber putzen, und ich habe eine ſchöne neue Haube— Honeytun und—“ „Wollt Ihr den Gentleman gehen laſſen oder nicht?“ ſagte eine Dritte;„ich wundere mich über Euch, Polly. Eine unbekannte Küchenmagd! Sir, ich bin in der Kinderſtube— ja Sir— und Miſſus ſagt, Ihr könnt mich zu jeder Zeit nehmen, vorausgeſetzt, daß Ihr auch das kleine Kind nehmt, in dem hintern Zimmer— ja Sir. Nummer 5 in der Oberſtraße. Mrs. Spratt.— Ja, Sir. Das kleine Kind hat die Pocken gehabt— im Fall Ihr ein verheiratheter Gentleman mit Familie ſeyd— ganz ſicher da— ja, Sir.“ Vance konnte es nicht länger aushalten, er vergaß die Galanterie, welche das männliche Geſchlecht nie verlaſſen ſoll, und durchbrach die Phalanx mit einem Anathem, das für die Schönheit und die Tugeud der Betroffenen gleich verunglimpfend war, das einen Schrei der Scham aus jedem männlichen Buſen gerechtfertigt haben würde und die flehenden Toͤne, in denen er bisher angeredet worden, auf einmal in ein gelles Zorngeſchrei verwandelte. Er eilte auf die Straße hinab, und die beleidigten Schönen ſtürzten ihm nach.„Er iſt kein Gentle⸗ man— kein Gentleman! Aha! geh' nur durch, Du erbärmlicher Lumpenhund!“ kreiſchte Polly. Die Krämer ſtürzten hinter ihren Ladentiſchen hervor an ihre Thüren. Herumſchweifende Hunde ſprangen, 106 durch das Geſchrei aufgeregt, wild, mit raſendem Gekläff und Geheul hinter dem Flüchtling her. Vance, welcher fürchten mußte, von den Weibsbildern zerkratzt zu werden, wenn er blos ging, und der ſicher war, daß die Hunde ihn biſſen, wenn er ſprang, trippelte, indem er ſich bemühte, eine ruhige Miene anzunehmen und ſeine Naſe hoch in ihrer heimiſchen Luft zu tragen, immer weiter, bis er am Ende der Straße rechts eine Hecke erblickte; über dieſe hüpfte er mit einer Flinkigkeit, die kein weniger übernatürlicher Sporn als der Selbſter⸗ haltungstrieb ſeinen Gliedern gegeben haben konnte, und ſchoß dann wie ein Pfeil fort, bis er endlich athemlos auf die Bank in der ſchützenden Geisblattlaube niederſank. Hier fächelte er ſich immer noch mit ſeiner Mütze und brummte allerlei nicht wiederzugebende Füllwörter dazu, als Lionel kam, der ſich noch ein wenig bei dem Schuhflicker verweilt hatte, um über Sophy zu ſprechen. Ohne alle Ahnung davon, daß das Getöſe, das ſein Ohr erreichte, von ſeinem unglücklichen Freund hervorgerufen worden, hatte er ſich beſchwatzen laſſen, die Treppe hinaufzugehen und in dem Cryſtall nach Sophy zu ſehen, aber vergebens. Als Vance ſeine traurigen Abenteuer erzählt und Lionel ſein gebührendes Beileid ausgeſprochen hatte, wurde es für den Letzteren Zeit, ſeinen Antheil an der Rechnung zu bezahlen, ſeinen Torniſter zu packen und nach der Eiſenbahn aufzubrechen. Nun konnte er die Station blos erreichen, wenn er mitten durch das Dorf ging, und Vance ſchwor, daß er dieſes mehr als ſatt habe.„Zum Henker,“ ſagte er,„ich müßte gerade an Nummer 5 in der Oberſtraße vorbeikommen, und die Amme und das kleine Kind werden dort auf der Schwelle ſtehen, wie in Virgils Schilderung der hölliſchen Re⸗ gionen Infantumque animae flentes in limine primo. Wir wollen hier von einander Abſchied nehmen. Ich gehe mit dem Boot nach Chertſey, ſo bald meine erſchütterten Nerven ſich genugſam erholt haben. Es gibt in dieſer Gegend ein paar pittoreske Plätze zu ſehen. In etlichen Tagen werde ich in der Stadt ſeyn. Schreibt mir dort⸗ hin, wie es Euch geht. Und jetzt laßt uns die Hände ſchütteln, und 107 Gott ſey Euer Geleitsmann! Aber ah, Ihr habt da Eure Hälfte an der Rechnung bezahlt; bleibt Euch noch genug Geld für die Eiſen⸗ bahite „O ja, die Fahrt koſtet nur wenige Schillinge; aber freilich eine Geſchwindkutſche bis Fawley. Zu Fuß darf ich nicht gehen(ſtolz); und dann könnte er mich vielleicht auch beleidigen, ſo daß ich ſein Haus plötzlich verlaſſen müßte. Kann ich einen Sovereign von Euch borgen? meine Mutter wird ihn zurückerſtatten.“ Vance(großartig).—„Da iſt er, und jetzt bleibt auch nicht mehr viel in meiner Börſe übrig. Dieſer verfluchte Stern und Hoſenband! und dieſe drei Pfund!“ Lionel(ſeufzend).—„Die ſo gut angebracht waren! Bevor Ihr dieſes Gemälde verkaufet, laßt mich eine Copie nehmen.“ Vance.—„Nehmt lieber ein eigenes Modell. Das Dorf iſt voll davon; Ihr könntet mit einem Meerſchwein für die Hälfte des Geldes, das ich mir für den kleinen Balg abſchwatzen ließ, handelseins werden. Aber macht doch kein ſo ernſthaftes Geſicht; Ihr dürft mich copiren, wenn Ihr könnt.“ „Es iſt Zeit aufzubrechen und Ihr müßt wacker gehen, Sir,“ ſagte der muntere Wirth, indem er hereinſchaute. „Adieu, adieu!“ Und ſo zog Lionel Haughton zu einem Unternehmen aus, das für dieſen fahrenden Jüngling ſo wichtig war, wie nur je die gefährliche Brücke oder die Drachenhöhle für einen fahrenden Ritter älterer Zeiten geweſen ſeyn konnte. „Ehe wir uns entſchließen, ganz mit einander fertig zu ſeyn, einen kurzen Beſuch“— ſo lautete die Aufforderung des Mannes, der Alles zu geben, an den Jüngling, der Alles zu gewinnen hatte. Und wie betrachtete Lionel, der ehrgeizige und hochſtrebende junge Mann, dieſes Wagniß, deſſen glücklicher Erfolg ihn als gleichberechtigt mit Söoͤhnen von Paladinen zu den Thoren des goldenen C Carduel einlaſſen, oder deſſen Miflingen ihn in die Arme der Wittwe zurückwerfen ſollte, die in den Hinterſtraßen von Pimlico einen erſten Stock vermiethete? Die Wahrheit zu ſagen, als er ſo gedankenvoll auf die Station zu⸗ ſchritt, wo die Rauchwolke jetzt von den eiſernen Radſpuren aufwirbelte, die Wahrheit zu ſagen, in dieſem Augenblick war der ängſtliche Zweifel, der ihn beunruhigte, nicht derjenige, welchen ſeine Freunde in ſeinem Intereſſe gehegt haben möchten. In Worten würde er ſich folgendermaßen geſtaltet haben:„Wo iſt dieſe arme kleine Sophy jetzt? und was wird aus ihr werden— was?“ Aber als er die Fahrt be⸗ gonnen hatte und ihrem Ziele entgegenſlog, da drängte ſich der Ge⸗ danke an das bevorſtehende Gottesurtheil mit Gewalt ſeinem Geiſte auf und er murmelte innerlich bei ſich ſelbſt:—„Mit einander fertig werden; mag es gehen wie es will, jedenfalls werde ich mich nicht bei ihm anſchmeicheln. Millionenmal beſſer als ein geldloſer Gentleman, der ſich ſeinen Weg wie ein Mann bahnen muß, in's Leben treten, denn als ein Kerl, der auf ſeinen Knien in den Schoß des Glückes kriecht, ſo daß er das Geburtsrecht eines Gentleman ſchändet und die Chre eines Mannes befleckt.“ Wenn wir alſo den wachſamen Stolz des armen Vetters, der ſich in Betreff einer Beleidigung auf dem qui vive hält, und den Charakter des reichen Vetters, der, nach ſeinen Briefen zu ſchließen, roh genng iſt, eine ſolche zuzufügen, in Betracht ziehen, ſo müſſen wir geſtehen, daß, wenn Lionel Haughton in dieſem Augen⸗ blick das hat, was man gewöhnlich Glück nennt, die Frage vor der Hand nicht lautet: was iſt dieſes Glück? ſondern was wird er damit machen? Und indem der Leſer in dieſer Geſchichte voranſchrei⸗ tet, wird er zugeben, daß es in dieſer Welt wenige ſo häufig angeregte Fragen gibt, deren Löſung für jeden rathloſen Sterblichen wichtiger wäre, als die vorliegende, auf welche jede Entdeckung des Weiſen, jede Intrigue des Novelliſten hinausläuft, dieſe Frage, die auf das Leben des Menſchen von ſeinem erſten Schlaf in der Wiege an ihre Anwendung findet: Was wird er damit machen? ZBweites Buch. Erſtes Kapitel. Urſprünglicher Charakter des Landes in gewiſſen Gegenden Großbrittaniens. — Zuſammenhang zwiſchen dem Charakter landſchaftlicher Umgebung und den geiſtigen und moraliſchen Neigungen des Menſchen, dargeſtellt nach dem Brauch aller gründlichen und gediegenen ethnologiſchen Ge⸗ ſchichtſchreiber.— Ein Kutſcher, welchem ſeine Erfahrung in brittiſchen Geſetzen eine ſinnreiche Art eingibt, dem Fortſchritt des römiſchen Pabſt⸗ thums Einhalt zu thun, führt Lionel Haughton und ſein Glück an einen Platz, der eine Beſchreibung geſtattet und zur Ruhe einlädt. Wohlbehalten, aber ohne ſonſt etwas'Anderes, was auf einer Eiſenbahn ſelten genug wäre, um Erwähnung zu verdienen, erreichte Lionel die gewünſchte Station. Dort fragte er, wie weit es bis in das Fawleyſchloß ſey, und man ſagte ihm fünf Meilen. Er beſtellte eine Geſchwindlutſche, die ihn bald recht ſchnell auf einem rauhen Vicinalweg durch eine Gegend führte, welche mit der heitern Flußlandſchaft, die er ſo eben verlaſſen hatte, ſtark contraſtirte. Vollkommen eben ſo engliſch, aber mehr das England eines früheren Geſchlechtes, als dasjenige, das unſere eigene Generation gleich einer ungeheuren Vorſtadt von lauter Gärten und Villen umſchließt, zeigte ſich hier weder Dorf noch Kirchthurm, noch auch nur ein Thorſchließerhäuschen. Auch die Kornfelder waren ſelten— weite Räume von uneingehegter Almand öffneten ſich einſam und urſprünglich auf der Straße, umſäumt von umfaſſenden Waldungen hauptſächlich an Buchen, welche den Horizont mit Erhöhungen von wogendem Grün ſchloßen. In einem ſolchen England mochten Tempelritter ihren geſchlungenen Weg nach zer⸗ 110 3 ſtreuten Klöſtern geſucht oder flüchtige Parteigänger aus den blutigen Roſenkriegen unter laubigem Obdach Schutz gefunden haben. Die Landſchaft hatte ihre Romantik, ihre Schönheit— halb wild, halb ſanft— und führte den Geiſt eines gebildeten, wie auch mit Einbildungskraft begabten Betrachters nothwendig weit hinter die gegenwärtige Zeit zurück, ſie rief langvergeſſene Stellen aus alten Poeten wieder in's Gedächtniß. Die Stille ſolcher Raſenwüſten, ſolcher Tiefen von Waldland gab Stoff zu freundlich ernſter und ſanft einwiegender Träumerei. Hier mochte der Ehrgeiz dem Rade des Irion, die Habſucht dem Siebe der Danaiden Ruhe gönnen; hier mochte getäuſchte Liebe über die Kürze aller menſchlichen Leidenſchaften nachſinnen und die gequälten Herzen überzählen, die in heiligem Nach⸗ denken Frieden gefunden haben oder jetzt unter graſigen Hügeln zur ſtillen Ruhe eingegangen ſind. Seht da an der Kreuzung dreier Straßen über die Wüſte entfaltet die Landſchaft plötzlich ein Hochland in der Ferne, und auf dem Hochland ein Gebäude, das erſte Zeichen eines geſelligen Menſchen. Was ſtellt es vor? Blos eine zum Schweigen gebrachte Windmühle, deren Flügeltücher ſich dunkel und ſcharf abheben gegen den trüben bleiernen Himmel. Lionel berührte den Kutſcher—„Sind wir jetzt auf Mr. Dar⸗ rells Beſitzthum?“ Ueber den Umfang dieſes Beſitzthums hatte er ſich unwillkürlich eine großartige Idee gebildet. „Nein, Sir, wir haben noch zwei Meilen bis auf das Gut des Squire Darrell. Er hat hier nicht viel Eigenthum, aber er kaufte vor etlichen Jahren ein gut Stück Land zehn oder zwölf Meilen auf der andern Seite der Grafſchaft. Iſt es das erſte Mal, daß Ihr nach Fawley gehet, Sir?“ „Ja.— „Ah!l ich erinnere mich nicht, Euch vorher geſehen zu haben, ſonſt hätte ich Euch wohl noch gekannt, denn es iſt ſelten, daß ich in das alte Fawleyſchloß eine Fuhre bekomme. Es ſind jetzt vielleicht vier oder fünf Jahre, daß ich mit einem Herrn da war, der aber wieder 111 fortging, während ich meine Pferde fütterte— brachte mich um meine Rückfracht; was brauchte er denn auch zu gehen, wenn er in meiner Geſchwindkutſche gekommen war?— Schmutzig!“ „Mr. Darrell lebt alſo ſehr eingezogen, ſieht wenig Leute?“ „Ich vermuthe es. Ich habe ihn meines Wiſſens nie geſehen; ſah jedoch zwei von ſeinen Pferden, recht ſeltene gute Thiere.“ Damit peitſchte der Kutſcher ſein eigenes Pferd, begann ein Liedchen zu pfeifen, und Lionel fragte nicht mehr. Endlich hielt das Fuhrwerk vor einer Einfahrt, die etwas von der Straße abſtand und von ehrwürdigen Bäumen tief beſchattet war. Ein Thorhäuschen war nicht vorhanden. Der Kutſcher ſtieg ab und öffnete das Thor. „Iſt dies der Platz?“ Der Kutſcher nickte bejahend, ſtieg wieder auf ſeinen Bock und fuhr ſchnell durch einen Park, wie man es aus Höflichkeit nennen könnte. Der Platz war allerdings nicht viel mehr als ein anſtändiger Wildgarten— ſeine Gränzen waren nach allen Seiten hin ſichtbar— aber ſchwellendes Hochland, mit maſſenhaftem Laubwerk bedeckt, ſenkte ſich zu einem wilden unregelmäßigen Raſenboden, einem Boden, der als Waide armſelig, aber für das Auge angenehm war, mit Vertie⸗ fungen und engen Thälern, mit Bosketten von fantaſtiſchen gekappten Bäumen— weithinragende Eichen von ungeheurem Umfang— da und dort ein lockerer Dornſtrauch— große Flecke mit Farnkraut und Stechginſter überwachſen. Heiſer und laut krächzten die Krähen— und tief, tief, wie aus dem innerſten Herzen des lieblichen Waldlandes kamen die weichen Töne des Kukuks. Noch einige Augenblicke, und eine Wendung der Straße brachte das Haus vor die Augen. Im Hintergrund lag ein Waſſer, kaum groß genug, um See genannt zu werden; zu geſchlungen an ſeinen rauhen Ufern, ſeine Enden zu ſehr verborgen durch Bäume und Inſelchen, um nicht etwas Beſſeres als den trübſeligen Namen eines Teiches zu verdienen. So wie es war, feſſelte es das Auge, bevor der Blick ſich gegen das Haus kehrte— 112 es hatte ein Ausſehen ſo abgeſchiedener, ſo feierlicher Ruhe. Ein lebhafter Weltmenſch würde auf den erſten Blick vom Spleen ergriffen worden ſeyn. Aber Derjenige, der einen großen Kummer, eine bange Sorge überſtanden, würde dieſe Ruhe gleich einer ſchmerzſtillenden Arznei in ſeine müde Seele getrunken haben. Das Haus, klein, niedrig, alt, ſtammte aus der Zeit Eduards VI., ehe die ſtattlichere Architektur Eliſabeths in Schwung kam. In der That gab es in England wenige Häuſer, die ſo alt waren wie Schloß Fawley. Ein ungeheures Dach mit hohen Giebeln— die Fenſter vom obern Stock weit über den unteren Theil hinausragend— eine bedeckte Halle mit einem halbverwiſchten Wappenſchild, der tief über die eichene Thüre eingegraben war. Nichts Großartiges, aber wie ehrwürdig Alles! Doch was iſt das? Dicht neben dem alten, ſtillen, anſpruchsloſen Herrſchaftshaus erhebt ſich das Skelett eines prächtigen, koſtbaren Gebäudes, ein unvollendeter Palaſt und die Arbeit augenſcheinlich vielleicht ſchon ſeit langer Zeit, vielleicht jetzt für immer eingeſtellt. Keine geſchäftigen Werkleute, kein belebtes Gerüſte. Die durchbro⸗ chenen Zinnen in ſichtbarer Eile überdacht— theils mit Schiefer, theils mit Ziegeln; die eliſabethiſchen Kreuzfenſterflügel ohne Glas; einige ganz roh kreuzweiſe gedielt, andere mit hervorſtehenden verlo⸗ renen Oeffnungen, welche bodenloſe Zimmer zeigten— gut für die Winde, um hindurchzupfeifen, und für die Ratten, um da zu hauſen. Unkraut und langes Gras wuchs über Steinblöcke, die in der Nähe lagen. Eine Mauerblume hatte ſich mit Gewalt auf der Schwelle einer rieſigen Vorſtube eingewurzelt. Die Wirkung war ergreifend. Ein Gebäude, welches Derjenige, der den Plan dazu entworfen, für die Nachwelt errichten wollte— ſo ſolid war ſein Mauerwerk, ſo dicht ſeine Wände— jetzt ganz plötzlich der Vermoderung überlaſſen— ein zum Empfang zahlloſer ſich drängender Gäſte, zum Pomp ſtattlicher Schmanſereien beſtimmter Palaſt auf einmal den Eulen und Fleder⸗ mäuſen preisgegeben. Und das ſchlichte alte Haus daneben, welches ohne Zweifel durch dieſe prächtige Halle hätte erſetzt werden ſollen, 113 blickte ſo ſicher und ruhig auf die getäuſchte Anmaßung ſeines ge⸗ ſpenſtigen Nachbars. Der Kutſcher hatte geläutet, dann kehrte er an den Wagen zurück und ſagte, als er dem forſchenden Auge Lionels begegnete: „Ja; Squire Darrell hat das zu bauen angefangen— ſchon vor vielen Jahren— als ich noch ein Junge war. Man ſagte mir da⸗ mals, dies ſolle das Prachthaus für die ganze Grafſchaft werden. Der Bau iſt ſeit zehn oder zwölf Jahren eingeſtellt.“ „Warum? wißt Ihr es?“ „Kein Menſch weiß es. Der Squire war, glaube ich, Advokat — vielleicht hat er es vor den Kanzleihof gebracht. Der Großvater meines Weibes wurde in den Kanzleihof gebracht, als er gerade her⸗ anwuchs, und er wuchs hernach nicht mehr und bekam nie wieder etwas heraus. Da kommt unſer Kirchenvorſteher zu mir mit einer Petition gegen den Pabſt, die ich unterzeichnen ſoll. Sage ich: Dieſer alte Pabſt iſt doch immer unruhig, was macht er denn jetzt? Er ant⸗ wortet: Er breitet ſich immer mehr aus. Er hat ſeine Leute im Par⸗ lament und er hat jetzt ein College bekommen, und wir bezahlen dafür. Ich weiß nicht, wie man ihm Einhalt thun ſoll. Sage ich: Bringet den Pabſt in den Kanzleihof zum Großvater meines Weibes, dann wird er nie mehr ſein Haupt emporhalten.“ Der Kutſcher hatte ſo eben auf dieſe Art über das Pabſtthum verfügt, als ein älterer Bedienter ohne Livree die Thüre öffnete. Lionel ſprang aus dem Wagen und blieb in einiger Beſchämung ſtille ſtehen, denn zum erſten Male durchzuckte ihn jetzt der Gedanke, daß er Mr. Darrell die Annahme ſeiner Einladung nicht ſchriftlich angezeigt — daß er dies hätte thun ſollen, und daß man ihn vielleicht jetzt nicht erwarte. Mittlerweile muſterte ihn der Diener mit einiger Ueber⸗ raſchung.„Mr. Darrell?“ fragte Lionel zögernd. „Nicht zu Hauſe, Sir,“ antwortete der Mann, wie wenn Lionels Geſchäft jetzt zu Ende wäre und er Nichts mehr zu thun hätte, als wieder in ſeinen Wagen zu ſteigen. Der Junge war von Natur eher Bulwer, was wird er damit machen? 8 111 kühn als blöde und ſagte jetzt in einem gewiſſen zuverſichtlichen Ton: „Mein Name iſt Haughton, ich kam auf Mr. Darrells Einladung hieher.“ Das Geſicht des Bedienten nahm augenblicklich eine andere Ge⸗ ſtalt an und er verbeugte ſich ehrerbietig.„Ich bitte um Verzeihung, Sir, ich will ſogleich nach meinem Herrn ſehen— er iſt irgendwo auf dem Gute.“ Dann begab ſich der Bediente nach der Kutſche, nahm den Mantelſack heraus, und als er bemerkte, daß Lionel ſeine Börſe in der Hand hatte, ſagte er:„Erlaubt mir, Euch dieſe Mühe zu erſparen, Sir. Kutſcher, fahret in den Hof!“ Sofort ſchritt der Bediente nach dem Haus zurück, ſtieß eine Thüre nach links am Ein⸗ gang auf und brachte einen Stuhl:„Wenn Ihr einen Augenblick hier warten wollt, Sir, ſo werde ich nach meinem Herrn ſehen.“ Zweites Kapitel. Guy Darrell und Stillleben. Das Zimmer, worin Lionel ſich jetzt befand, war ausnehmend hübſch. Ein Antiquar oder Architekt würde auf den erſten Blick be⸗ merkt haben, daß es früher einmal einen Theil der Eintrittshalle aus⸗ gemacht, und als in den Tagen Eliſabeths oder Jakobs I. die Ver⸗ feinerung der Manieren aus den freiherrlichen Wohnungen in die Häuſer des niedern Adels einzudringen begann, als die Eingangshalle aufhörte das gemeinſame Speiſezimmer des Eigenthümers und ſeiner Untergebenen zu ſeyn, da war dieſes Gemach durch ein durchbrochenes Getäfel geſchützt worden, welches von einer nachfolgenden Generation im Intereſſe der Wärme und des Comforts zu einer ſoliden Verklei⸗ dung aufgefüllt wurde. Auf dieſe Art wurde eine Seite des Zimmers reichlich mit geometriſchen Zeichnungen und arabeskenartigen Pilaſtern geſchmückt, während die andern drei Seiten aus kleinen einfachen Feldern beſtanden, mit einem tiefen phantaſtiſchen Gypsfries, das eine 115 Hirſchjagd in erhabener Arbeit darſtellte und ſich zwiſchen dem Holz⸗ werk und der Decke hinzog. Die Decke ſelbſt war in erhabener Arbeit mit langen Nebenzierathen ohne eine augenfällige Bedeutung und mit dem Helmſchmuck der Darrells, einem Reiher, um welchen ſich das Familienmotto: Ardua petit Ardea, ſchlingend herumzog. Es war ein Speiſezimmer, wie der Charakter des Ameublements bewies. Aber von Seiten des gegenwärtigen Beſitzers und offenbar auch von Seiten ſeines Vorgängers war kein Verſuch gemacht worden, dieſes Ameublement dem Zimmer anzupaſſen. Es war in dem ſchwerfälligen, ungraziöſen Geſchmack Georgs I.— plumpe Stühle von Wallnußholz mit einer wurmſtichigen Moſaik des Reihers auf ihren grobgear⸗ beiteten Rückenlehnen und mit abgeſchoſſenen blauen Wollüberzügen, ein merkwürdig häßlicher Tranchirtiſch und darauf ein paar ſchwarze Chagrinfutterale, deren Deckel aufgeriſſen waren und die piſtolartigen Griffe ſilberner Meſſer zeigten. Der Kaminſims reichte bis zur Decke in getäfelten Feldern mit heraldiſchen Schildern und getragen von rohen ſteinernen Caryatiden. An den Wänden hingen mehrere Ge⸗ mälde— Familienportraits, denn die Namen waren in die Rahmen eingeſchrieben. Das Datum ſchwankte von der Zeit Eliſabeths bis zur Zeit Georgs I. Eine ſtarke Familienähnlichkeit durchzog ſie alle — hohe Züge, dunkle Haare, ernſte Mienen— mit Ausnahme freilich eines einzigen, eines Sir Ralph Haughton Darrell, deſſen Kleidung ſchon an die luſtigen Zeiten Carls II. erinnerte— nichts als Neſteln, Schnüre und Bänder; er war augenſcheinlich der Stutzer der Familie, und er hatte blaue Augen, eine blonde Perücke, ein leichtſinniges, lieder⸗ liches Lächeln, und ſein ganzes Ausſehen verkündete einen ſolchen un⸗ verbeſſerlichen Hansohneſorg, einen ſo hübſchen Wuſtling und durch⸗ triebenen Taugenichts, wie nur je einer über einen Brummer hinein⸗ geflucht, einen Polizeidiener durchgeprügelt, eine Lady bethört, einen Ehemann in Angſt gejagt und ein luſtiges Liedchen geſummt hat, während er ſeinen Gegner niederſtreckte. Lionel betrachtete noch immer das Bild dieſes lockern Cavaliers⸗ 8* ——————VV—— 116 als die Thüre hinter ihm ganz geräuſchlos ſich öffnete und ein Mann von impoſanter Erſcheinung auf die Schwelle trat, wo er ſtille ſtehen blieb und die geſchnitzten Tragſteine des Thürbogens ihn dermaßen beſchatteten und ſeine Geſtalt ſo umrahmten, daß Lionel bei ſchnellem Umdrehen ihn für ein Portrait hätte halten können, das durch einen plötzlichen Fall des Lichtes aus ſeinem Rahmen hervor in ein kühnes Relief getreten wäre. Wir hören wirklich in der Umgangsſprache häufig ſagen, Dieſer oder Jener gleiche einem alten Gemälde. Von Niemand konnte man dies mit mehr Fug und Recht behaupten, als von dem Geſicht, welches der junge Gaſt jetzt ſehr betreten und nicht ohne einige Furcht anſchaute. Es war nicht ſo wie untergeordnete Künſtler in den hier hängenden Portraits gemalt, obſchon es etwas Gemeinſchaftliches mit dieſen Familienzügen hatte, ſondern ſo wie ruhige Kraft auf Titians Leinwand hätte ausſehen können. Der Mann trat vor und die Täuſchung ſchwand.„Ich danke Euch,“ ſagte er, ſeine Hand ausſtreckend,„daß Ihr mich beim Wort nehmt und auf dieſe Art meine Einladung perſönlich beantwortet.“ Er pauſirte einen Augenblick, indem er Lionels Geſicht mit einem ſcharfen, aber nicht unfreundlichen Auge beobachtete, und fügte dann ſanft hinzu:„Ihr gleichet Eurem Vater ſehr.“ Bei dieſen Worten drückte Lionel unwillkürlich die Hand, die er ergriffen hatte. Dieſe Hand erwiederte den Druck nicht. Sie lag einen Augenblick, nicht abſtoßend und nicht antwortend, in Lionels warmer Haft und dann wurde ſie ſehr ſanft zurückgezogen. „Kommt Ihr von London?“ „Nein, Sir; ich traf Euern Brief geſtern in Hampton Court. Ich hatte mich einige Tage in dieſer Gegend aufgehalten. Ich kam dieſen Morgen und fürchtete, allzu unceremoniös zu erſcheinen: Euer gütiger Willkomm beruhigt mich darüber.“ Die Worte waren gut gewählt und offenherzig ausgeſprochen. Vermuthlich geſielen ſie dem Wirth, denn der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes war im Ganzen günſtig, aber er nickte blos mit einer Art von 117 ſtolzer Gleichgültigkeit, dann ſah er auf ſeine Uhr und klingelte. Der Bediente trat raſch ein.„Sorgt, daß man in einer Stunde diniren kann.“ „Bitte, Sir,“ ſagte Lionel,„verändert meinetwegen Eure Stun⸗ den nicht.“ Mr. Darrells Brauen zogen ſich leicht zuſammen. Lionel hatte einen Taktfehler begangen; aber der große Mann antwortete ganz gelaſſ en:„Alle Stunden ſind mir gleich, und es wäre ſonderbar, wenn ein Wirth durch die Rückſicht auf ſeinen Gaſt, zumal am erſten Tag, geſtört werden könnte. Seyd Ihr müde? Wollt Ihr auf Euer Zim⸗ mer gehen oder wünſchet Ihr Euch eine halbe Stunde umzuſehen? Der Himmel klärt ſich auf.“ „Ich würde mich ſehr gerne umſehen, Sir.“ „Alſo hieher.“ Mr. Darrell ſchritt durch die Halle, ſtieß eine Thüre, derjenigen entgegengeſetzt, durch welche Lionel eingetreten war, auf, und nun war der See(wir wollen es ſo nennen) vor ihnen, vom Hauſe blos durch einen allmählig ſich neigenden Abhang getrennt, auf welchem einige Blumenbeetarten— die größtentheils heutzutage nicht mehr im Schwang ſind— da und dort auf altmodiſchen Raſenſtücken herum⸗ lagen. In einer Ecke befand ſich eine hübſche verfallene Sonnenuhr; in der andern eine lange Kegelbahn, die ſich in einem jener Sommer⸗ häuſer endete, welche der holländiſche Geſchmack, der auf die Revolu⸗ tion von 1688 folgte, in Aufnahme brachte. Mr. Darrell ging die Bahn(es waren jetzt keine Kugeln da) hinab, und als er bemerkte, daß Lionel neugierig nach dem Sommerhaus ſchaute, deſſen Thüren offen ſtanden, ſo trat er hinein. Es war ein hohes Zimmer mit über⸗ wölbter Decke, mit römiſchen Trophäen von Helmen und Fascen be⸗ malt, während dazwiſchenhinein Pfeifen und Geigen kreuzweiſe un⸗ tereinander gemalt waren. „Amſterdamer Manieren,“ ſagte Mr. Darrell mit leichtem Ach⸗ ſelzucken.„Hier hat ein früheres Geſchlecht Muſik gehört, Lieder ge⸗ ——õ—õ—— 118 ſungen und aus Thonpfeifen geraucht. Dieſes Zeitalter iſt bald ent⸗ ſchwunden, da es nicht zu der engliſchen Energie paßte, die ſich mit dem holländiſchen Phlegma in keinen Einklang bringen läßt. Aber die Ausſicht vom Fenſter aus— ſchauet einmal da hinaus, ich möchte doch wiſſen, wie Männer in Perücken und Weiber in Reifröcken ſich daran erfreut haben. Es iſt noch eine große Gnade von ihnen, daß ſie dieſe Ufer nicht zu einem geraden Canal zuſtutzten.“ Die Ausſicht war in der That lieblich. Das Waſſer ſah ſo blau, ſo breit und ſo hell aus, die Wälder und die geſchlängelten Ufer ſtrahl⸗ ten tief aus ſeinem friedlichen Schoße wieder. „Wie würde ſich Vance daran erfreuen!“ rief Lionel.„Es würde ſich in einem Gemälde noch beſſer ausnehmen, als die Themſe.“ „Vance— wer iſt Vance?“ „Der Künſtler, ein großer Freund von mir. Gewiß, Sir, habt Ihr von ihm gehört oder ſeine Gemälde geſehen?“ „Er ſelbſt und ſeine Gemälde ſind nach meiner Zeit. Ein Tag zertritt den andern für den Einſiedler, und er vergißt, daß Berühmt⸗ heiten mit ihren Sonnen ſich erheben, um mit ihren Monden dahinzu⸗ ſchwinden,— „Truditur dies die, Novaeque pergunt interire lunae.“ „Nicht alle Sonnen gehen unter— nicht alle Monde ſchwinden hin,“ rief Lionel in plumpem Enthuſiasmus.„Wenn Horaz anders⸗ wo von dem juliſchen Stern ſpricht, ſo vergleicht er ihn mit einem Mond inter ignes minores— und gewiß gehört der Ruhm nicht zu den Himmelskörpern, welche pergunt interire oder ſchnell untergehen.“ „Freut mich zu ſehen, daß Ihr Euern Horaz gut im Kopf habt,“ ſagte Mr. Darrell kalt und ohne die Anſpielung auf Berühmtheiten fortzuſetzen,„er iſt der angenehmſte unter allen Dichtern für einen Mann von meinen Jahren und(fügte er ſehr trocken hinzu) der nütz⸗ lichſte zu populären Citaten für Männer jedes Alters.“ 119 Dann ſchlenderte er gleichgültig weiter, ging den Raſenabhang hinab, kam an das Waſſer und warf ſich der Länge nach ins Gras— der wilde Thymian, den er zuſammendrückte, ſchickte ſeine zerquetſchten Wohlgerüche empor. Das Geſicht in ſeine Hand geſtützt, blickte Dar⸗ rell jetzt in zerſtreutem Schweigen über das Waſſer hin. Lionel fühlte, daß er vergeſſen war, aber er ſühlte ſich nicht beleidigt. In dieſer kurzen Zeit war eine ſtarke und bewundernde Theilnahme für ſeinen Vetter in ſeiner Bruſt entſprungen, ohne daß er ſich hätte erklären können wie. Aber wer immer in dieſem Augenblick Guy Darrells ſinnendes Geſicht geſehen oder ein paar Minuten vorher den Klang ſeiner Stimme gehört hätte, welche melodiſch, klar und voll, in ihrer langſamen Ausſprache natürlich, zart und deutlich war, eine Stimme, die ſelbſt den derbſten, ranheſten Worten eine gewiſſe Muſik verlieh, der würde das Intereſſe, das Lionel ſich nicht erklären konnte, verſtan⸗ den und getheilt haben. Es gibt lebendige menſchliche Geſichter, die, unabhängig von blos phyſiſcher Schönheit, uns weit mehr entzücken und überwältigen, als die vollkommenſten Züge, welche ein griechi⸗ ſcher Bildhauer je einem Marmorgeſicht geliehen hat; es gibt in der bebenden Menſchenſtimme Töne, deren einfache Lautwerdung das Herz beunruhigen, die Leidenſchaften erwecken, empörte Volkshaufen be⸗ ſchwichtigen, wohlbewachte Königsthrone in den Staub treten und mehr Wunder bewirken kann, als je durch den kunſtvollſten Chor oder die gewandteſte Feder zu Stande gebracht worden ſind. In wenigen Minuten kamen die Schwäne von dem entfernteren Ende des Waſſers ſchnell an das Ufer herangeſegelt, wo Darrell ruhte. Er hatte augenſcheinlich Freundſchaft mit ihnen geſchloſſen, und ſie lehnten ihre weißen Brüſte dicht an den Uferrand, indem ſie ſeine Aufmerkſamkeit durch einen leiſen pfeifenden Gruß zu erregen ſuchten, den ſie hoffentlich in dem berühmten Geſang, womit ſie aus dem Leben ſcheiden, mit weniger ziſchenden Tonen vertauſchen. Darrell ſchaute auf.„Sie kommen, um gefüttert zu werden,“ ſagte er,„freundliche Sinnbilder der großen geſellſchaftlichen Vereini⸗ 120 gung. Die Zuneigung iſt das Kind des Nutzens. Ich bin ihnen nützlich— ſie lieben mich.“ Er ſtand barhäuptig auf und verbeugte ſich mit ſpöttiſcher Höflichkeit gegen die Vögel:„Freunde, ich habe Euch kein Brod zu geben.“ Lionel.—„Laßt mich ſchnell welches holen, ich möchte auch gerne nützlich ſein.“ Darrell.—„Rival!— Meinen Schwänen nützlich?“ Lionel Gärtlich).—„Oder Euch, Sir.“ Er fürchtete zu viel geſagt zu haben, und ohne um Erlaubniß zu bitten, eilte er nach dem Haus, um Jemand zu finden, den er um Brod angehen könnte. „Sohnlos, kinderlos, hoffnungslos, ziellos!“ murmelte Darrell vor ſich hin und verſank wieder in ſeine Träumereien. Bis Lionel mit dem Brod zurückkam, hatte ein anderer Lieb⸗ lingsfreund ſich dem Herrn angeſchloſſen. Eine zahme Damgaiß hatte ihn von ihrem entfernten Verſteck her bemerkt, kam in leichten Sprüngen an ſeine Seite und ſtieß ihre zarte Naſe in ſeine herabge⸗ ſunkene Hand. Bei Lionels haſtigem Herannahen ergriff ſie die Flucht, trabte einige Schritte weg, dann kehrte ſie um und ſchaute aufmerkſam umher. „Ich wußte nicht, daß Ihr auch Hirſche hier hattet.“ „Hirſche! in dieſem kleinen Wildgarten!— Ich habe natürlich keine; blos dieſe Damgaiß da. Fairthorn führte ſie hier ein. Bei⸗ läufig geſagt,“ fuhr Darrell fort, der jetzt den Schwänen das Brod hinwarf und ſeine ſorgloſe unnachdenkliche Manier wieder angenom⸗ men hatte,„Ihr habt nicht bemerkt, daß ich noch einen Bruder Klausner, noch einen Gefährten außer den Schwänen und der Damgaiß hier habe. Dick Fairthorn iſt ein paar Jahre jünger als ich, der Sohn von meines Vaters Verwalter. Er war in ſeiner Grammatikſchule der aufgeweckteſte Burſche. Unglücklicherweiſe verfiel er auf die Flöte und machte ſich für das gegenwärtige Jahrhundert unbrauchbar. Gleichwohl läßt er ſich herab, als mein Sekretär zu fungiren— ein tüchtiger klaſſiſcher Gelehrter— ſpielt Schach— iſt mir nützlich— ich bin ihm nützlich. Wir haben eine Zuneigung für einander; ich verzeihe nie Jemand, der über ihn lacht. In einer halben Stunde werdet Ihr ihn bei Tiſch treffen. Wollen wir hineingehen und uns ankleiden?“ Sie gingen in das Haus, derſelbe Bediente wartete in der Halle. „Zeigt Mr. Haughton ſein Zimmer.“ Darrell neigte ſein Haupt,— ich bediene mich dieſer Phraſe, denn ſeine Geberde war weder eine Verbeugung noch ein Nicken— er ſchlug einen ſchmalen Gang ein und verſchwand. Lionel wurde eine holperige eichene Treppe, ſchwarz wie Eben⸗ holz, mit ungeheuren Baluſtraden und ſpindeldünnen Pfoſten, die ſchwerfällige Kugeln trugen, hinan und in ein kleines Zimmer geführt, das ungefähr vor einem Jahrhundert durch eine abgeſchoſſene chine⸗ ſiſche Papiertapete moderniſirt worden war; eine Mahagoni⸗Bettlade nahm drei Viertel des Raumes ein und hatte oben einen Schmuck von ſchmutzigen Federn, der ihr das heitere Anſehen eines Leichenwagens verlieh.„Habt Ihr den Schlüſſel zu Eurem Mantelſack?“ ſagte der 4 3 9 Bediente,„ſoll ich Eure Kleider zur Toilette herauslegen?“ Kleider! Jetzt erſt fiel es dem Jungen ein, daß er gar keinen Abendanzug mitgebracht hatte, und daß er ſogar überhaupt in gar keinem Winkel der Welt einen eigentlichen Abendanzug beſaß. Ein ſolcher war bei ſeinen Arten von Exiſtenz noch nie in Frage gekommen. Erinnert Euch, wie Ihr ein Knabe ven ſiebenzehn Jahren waret, zwiſchen zwei Altern ſchwebend wie ein Stern, und denket Euch Lio⸗ nels Empfindungen. Seine Wangen glühten, wie wenn er bei einem Verbrechen überraſcht worden wäre.„Ich habe keine Kleidungs⸗ ſtücke,“ ſagte er kläglich;„ich kann blos mein Weißzeug wechſeln, und Dieß da,“ fügte er mit einem Blick auf die Sommerjacke hinzu. Der Bediente war augenſcheinlich ein höchſt gentlemänniſcher Mann, ſeine natürliche Sphäre die eines Kammergrooms.„Ich will es Mr. Dar⸗ rell hinterbringen, und wenn Ihr mich mit Eurer Adreſſe in London 122 beehren wollt, ſo will ich auf morgen mittelſt des Telegraphen Alles hieherbeſtellen, was Ihr braucht.“ „Danke ſchönſtens,“ antwortete Lionel, indem er ſeine Geiſtes⸗ gegenwart wieder gewann;„ich will ſelbſt mit Mr. Darrell ſprechen.“ „Da iſt das warme Waſſer, Sir; hier die Glocke. Ich habe die Ehre, unter Eure Befehle geſtellt zu ſein.“ Die Thuͤre wurde ge⸗ ſchloſſen und Lionel öffnete ſeinen Mantelſack,— er hatte andere Hoſen und eine andere Weſte,— diejenigen, die er auf dem Markt ge⸗ tragen hatte und die einſt weiß geweſen waren. Ach ſie waren in⸗ zwiſchen keiner Wäſcherin in Obhut gegeben worden. Auch andere Schuhe, doppelſohlige für größere Ausflüge. Es war nicht zu helfen, er mußte wohl oder übel in ſeinem bisherigen Anzug, in ſeiner leich⸗ ten Fußgängerjacke, in ſeiner mit Zweigen geblümten Morgenweſte und in rehfarbigen Beinkleidern bei der Tafel erſcheinen. Konnte Das viel auf ſich haben— blos zwei Perſonen? Konnte der ernſte Mr. Darrell auf ſolche Lappereien ſehen? Ja, wenn ſie Mangel an gebührendem Reſpekt zu erkennen gaben. „Durum! sed levius fit Patientia Quicquid corrigere est nefas.“ Als er die Treppe hinabkam, wartete derſelbe ſein gebildete Be⸗ diente, um ihn ins Bibliothekzimmer zu führen. Mr. Darrell war bereits da in dem einfachen aber äußerſt pünktlichen Coſtüm eines Gentleman, der auch in der Abgeſchloſſenheit die Gewohnheiten be⸗ wahrt, die in der Welt üblich ſind. Beim erſten Blick glaubte Lionel eine leichte Wolke von Mißvergnügen auf den Brauen ſeines Wirthes zu bemerken. Er ging offenherzig auf Mr. Darrell zu und entſchul⸗ digte ſich wegen der Mängel ſeiner Reiſegarderobe. „Sprecht die Wahrheit,“ ſagte ſein Gaſtfreund,„Ihr glaubtet zu einem alten Lümmel zu kommen, bei welchem Ceremonien nicht am Platze ſeien.“ 123 „Ganz gewiß nicht,“ rief Lionel,„aber— aber— ich habe erſt vor ſo kurzer Zeit die Schule verlaſſen.“ „Eure Mutter hätte für Euch denken können.“ „Wahrhaftig, Sir, ich war nicht da, um ſie um Rath fragen zu können; ich hoffe, Ihr ſeid nicht beleidigt.“ „Nein, aber nehmet es ſelbſt nicht als Beleidigung auf, wenn ich mir in Folge meiner Jahre und unſerer Verwandtſchaft die Bemerkung erlaube, daß ein junger Mann es ſich angelegen laſſen ſein muß, nicht unter das Maß ſeines eigenen Ranges herabzuſinken. Wenn ein König es ertragen könnte, zu hören, daß er blos ein Ceremoniell ſey, ſo mag ein Privatgentleman wohl bedenken, daß zwiſchen ihm ſelbſt und ſeinem Hutmacher Nichts als ein Ceremoniell liegt.“. Unſerm Lionel ſtieg das Blut ins Geſicht; aber Darrell verweilte nicht länger bei dem unangenehmen Thema; er ſchien den Gegenſtand ſogar ganz zu vergeſſen und machte gleichgültige Bemerkungen über das Wetter.„Es wird morgen ſchön werden; auf dem Hügel dort liegt kein Nebel. Da Ihr einen Maler zum Freund habt, ſo könnt Ihr vielleicht ſelbſt auch zeichnen. Es gibt hier einige Landſchafts⸗ Effekte, welche Fairthorn Euch bezeichnen wird.“ „Ich fürchte, Mr. Darrell,“ ſagte Lionel, indem er zu Boden ſchaute,„daß ich Euch morgen verlaſſen muß.“ „So bald? Ja freilich, ich denke mirs wohl, der Platz muß Euch ſehr langweilig vorkommen.“ „Das nicht— das nicht; aber ich habe Euch beleidigt, und ich möchte die Beleidigung nicht wiederholen. Ich habe nicht das noth⸗ wendige Ceremoniell, um mich als Gentleman kenntlich zu machen— ich habe es weder hier noch zu Hauſe.“ „So. Kühne Offenheit und ſchnellfertiger Witz gehen über alles Ceremoniell,“ erwiderte Darrell, und zum erſtenmal ſchwebte ein Lächeln auf ſeiner Lippe.„Erlaubt mir, Euch Mr. Fairthorn vorzu⸗ ſtellen,“ fuhr er fort, als die Thüre ſich öffnete und eine ſchlenkernde unbeholfene Geſtalt mit weiten ſchwarzen Kniehoſen und Schnall⸗ ———— 121 ſchuhen zeigte. Die Geſtalt machte eine ſcheue ſeltwärts gehende Verbeugung und eilte dann, wie ein plötzlich aufgeſchreckter Krebs, wiederum ſeitwärts nach einem düſtern von einem langen Tiſch ge⸗ ſchützten Winkel; dort verſank ſie hinter eine Vorhangfalte und ſchien zu verſchwinden, wie ein Krebs unter den flachen Steinchen ver⸗ ſchwindet. „Noch drei Minuten bis zum Diner und zwei, bevor der Brief⸗ träger abgeht,“ ſagte der Wirth auf ſeine Uhr ſchauend.„Mr. Fair⸗ thorn, wollt Ihr eine Notiz für mich ſchreiben?“ Hinter dem Vor⸗ hang her ließ ſich ein Gemurmel hören. Darrell ging an den Ort, flüſterte einige Worte, kehrte dann zum Kamin zurück und klingelte. „Noch ein Brief für die Poſt, Mills: Mr. Fairthorn verſiegelt ihn eben. Ihr ſchaut meine Bücher an, Lionel. Da ich vernahm, daß Ener Lehrer mit großem Lob von Euch geſprochen hat, ſo vermuthe ich, daß Ihr ein Freund vom Leſen ſeid.“ „Ich glaube es, doch weiß ich es nicht gewiß,“ antwortete Lionel, welchen die verſöhnenden Worte ſeines Vetters wieder behaglich ge⸗ ſtimmt und in gute Laune verſetzt hatten. „Ihr meinet vielleicht, daß Ihr gerne leſet, wenn Ihr Eure eigenen Bücher wählen dürft?“ „Oder vielmehr, wenn ich meine Zeit zum Leſen wählen darf, und meine Wahl würde dann nicht auf ſchöne Sommertage fallen.“ „Wenn man die ſchönen Sommertage nicht opfert, ſo findet man, wenn die langen Winternächte kommen, daß man nur wenig Fort⸗ ſchritte gemacht hat.“ „Ja, Sir. Aber muß denn das Opfer gerade mit Büchern dar⸗ gebracht werden? Ich glaube, daß ich auf dem Spielplatz ſo viel ge⸗ lernt habe, wie in der Schulſtube, und in den letzten paar Monaten, wo ich in vielen Dingen mein eigener Herr war und Vormittags aller⸗ dings angeſtrengt, ſogar ſtundenweiſe auf einen Sitz las, und dann wieder Abends einige Stunden, aber auch dazwiſchen hinein in den Straßen herumſchlenderte oder einige Freunde beſuchte, die ich mir 125 „ erworben hatte— da glauhe ich, wenn ich mich überhaupt eines Fort⸗ ſchrittes rühmen kann, daß die Bücher den kleineren Antheil daran haben.“ Ihr würdet alſo ein thätiges Leben einem ſtudirenden vor⸗ ziehen?“ „Oh ja— ja.“ „Es iſt aufgetragen,“ ſagte der wohlanſtändige Mr. Mills, indem er die Thüre öffnete. Drittes Kapitel. In unſerem glückſeligen Land iſt jedes Mannes Haus ſeine Burg. Aber ſo ſolid er ſie auch befeſtigen mag, ſo dringt doch die Sorge ſo gewiß ein, als ſie zu Horazens Zeiten durch die Hallen einer Römervilla eingegangen iſt. Mag die Decke von Gold und Elfenbein prangen oder auch nur weiß übertüncht ſein, ſo bekümmert ſich die Sorge darum eben ſo wenig wie eine Fliege. Aber jeder Baum, ſei er Ceder oder Schwarzdorn, kann ſeinen Singvogel beherbergen, und es gibt nur wenige Wohnungen, wo nicht aus Winkeln, aus denen man es am wenigſten vermuthet, eine Muſik hervorbricht. Iſt es ganz wahr, daß„non avium citharaeque cantus somnum reducent?“ Würde nicht ſelbſt Damocles das Schwert ver⸗ geſſen haben, wenn der Lautenſpieler dieſes Wiegenlied in ſeinen Noten gehabt hätte?“ Das Mahl war einfach genug, aber gut bereitet und gut ſervirt. Ein Lakai in einfacher Livree ging Mr. Mills zur Hand. Darrell aß wenig und trank blos Waſſer, das neben ihm in Eis ſtand; am Schluſſe des Mahles jedoch nahm er noch ein einziges Glas Wein und trank es, indem er Lionel mit einer gewiſſen ritterlichen Grazie zunickte, nachdem er als Einleitung die Worte vorausgeſchickt:„Will⸗ kommen hier einem Haughton!“ Mr. Fairthorn war weniger ent⸗ haltſam— er koſtete von jeder Platte, nachdem er ſie lange durch eine ſchildkrötene Brille gemuſtert hatte, und trank gemächlich eine ganze Flaſche Portwein, indem er jedes Glas gegen das Licht hielt. Dar⸗ rell ſprach mit ſeiner gewöhnlichen kalten, aber nicht unhöflichen Gleichgültigkeit. Eine Bemerkung Lionels über die Portraits im Zimmer lenkte die Unterhaltung hauptſächlich auf Gemälde, und der Hauswirth zeigte ſich vollkommen unterrichtet in Betreff der Eigen⸗ ſchaften der verſchiedenen Schulen und Meiſter. Lionel, der ein großer Kunſtfreund war und für einen jungen Dilettanten wirklich gut malte, hörte ihm mit innigem Vergnügen zu. „Wahrhaftig, Sir,“ ſagte er in Folge einer ſehr feinen Bemer⸗ kung über die Urſachen, warum die italieniſchen Meiſter viel leichter Copiſten ertragen, als die flämiſchen,„wahrhaftig, Sir, Ihr müßt ſelbſt einmal gemalt haben.“ „Oh nein; aber ich bildete mich zu einem Gemäldekenner, weil ich eine Zeitlang Sammler war.“ F 5 Fairthorn, der zum erſtenmal ſprach:—„Die koſtbarſte Samm⸗ lung— welche Albrecht Dürer! welche Holbein! und dieſer Kopf von Leonardo da Vinci!“ Er hielt inne, ſah äußerſt erſchrocken aus, goß ſich ein neues Glas Portwein ein und kehrte ſeinem Wirth den Rücken, um wie gewöhnlich das Glas gegen das Licht zu halten. „Sind ſie hier, Sir?“ fragte Lionel. Darrells Geſicht verfinſterte ſich, und er gab keine Antwort. Aber ſein Kopf ſank auf ſeine Bruſt und er ſchien plötzlich in düſtere Gedanken zu verſinken. Lionel fühlte, daß er eine falſche Saite ange⸗ ſchlagen hatte, und ſah ſchüchtern Fairthorn an, aber dieſer Gentle⸗ man hob vorſichtig ſeinen Finger in die Höhe, legte ihn dann raſch an ſeine Lippe und nahm ihn eben ſo raſch wieder weg. Nach dieſem Signal wagte es der junge Mann nicht mehr, das Schweigen zu brechen, das jetzt ununterbrochen fortwährte, bis Darrell ſich erhob und mit der förmlichen, überflüſſigen Frage:„Iſt noch etwas Wein gefällig?“ nach dem Bibliothekzimmer zurück vorausging. Dort ver⸗ grub er ſich in einen Sorgenſeſſel, forderte Lionel auf, ſich ſelbſt ein Buch herauszuſuchen, nahm aufs Gerathewohl vom nächſten Brett 127 einen Band herab und ſchien bald gänzlich in ſeinen Inhalt vertieft zu ſein. Das Zimmer, welchem Bogenfenſter und Bücherbretter, die wie in öffentlichen Bibliotheken ziemlich vorſtanden, etwas Unregel⸗ mäßiges verliehen, hatte eine Menge Ecken und Winkel. In einen davon ſchlich ſich Fairthorn und machte ſich unſichtbar. Lionel über⸗ ſchaute die Bretter. Hier war keine ſchöne Litteratur von unſerer neueſten Generation zu finden, keiner von den Autoren, die in Leih⸗ bibliotheken und litterariſchen Inſtituten am meiſten geſucht ſind. Das Neueſte ging nicht über das Johnſon'ſche Zeitalter hinaus. Auch in der juriſtiſchen Bibliothek fanden ſich keine Geſetzbücher vor, und ebenſo wenig die Flugſchriften und Parlamentsverhandlungen, welche den einſt ſo eifrigen Politiker verkündigt hätten. Dagegen waren prächtige Ausgaben alter Claſſiker vorhanden. An franzöſtſchen und italieniſchen Autoren fehlte es nicht, und eben ſo wenig an ſolchen engliſchen, welche im Schmelztiegel der Zeit Probe gehalten hatten. Der größere Theil der Bretter ſchien jedoch für philoſophiſche Werke beſtimmt zu ſein. Hier allein wurden Novitäten zugelaſſen— die neueſten wiſſenſchaftlichen Verſuche oder die beſten Ausgaben von alten Werken darüber. Lionel traf endlich ſeine Wahl— ſie ſiel auf einen Band der Feenkönigin. Es wurde Kaffee ſervirt und ſpäter Thee. Es ſchlug Zehn. Darrell legte ſein Buch nieder. „Mr. Fairthorn— die Flöte!“ Aus dem Winkel kam ein Gemurmel und angenblicklich ſtrömten, obſchon der Muſiker fortwährend verborgen blieb, die holdeſten Töne hervor, ſo ſchmelzend und klagend! Lionel war entzückt. Die Mufik paßte gut zu dem Zauberbuch, durch welches ſeine Phantaſie träume⸗ riſch geſchweift hatte— die Flöte paßte zur Feenkönigin. Als die Melodie hell und zart dahinfloß, füllten ſich Lionels Augen mit Thrä⸗ nen. Er bemerkte nicht, daß Darrell ihn aufmerkſam beobachtete. Als die Muſik iune hielt, wandte er ſich auf die Seite, um die Thrä⸗ nen aus ſeinen Augen zu wiſchen. War die Dichtung, war die Flöte daran Schuld? Kurz und gut, ſeine Gedanken waren weit hinweg —— —— —— 128 nach den grauen Ufern und blauen Wellen der Themſe geſchweift zu Sophy's zauberiſchem Geſichtchen, zu ihrem kindlichen Abſchiedsge⸗ ſchenk! Und wo war ſie jetzt, in welcher Richtung war ſie nach ſo kurzer Feſtzeit unter den Schatten eines verlorenen Lebens ent⸗ ſchwunden? Darrells glockenhelle Stimme ſchlug an ſein Ohr. „Spenſer! Ihr liebt ihn! Schreibt Ihr auch Poeſte?“ „Nein, Sir, ich fühle ſie blos.“ „Ich thue weder das Eine noch das Andere,“ ſagte der Wirth, indem er ſchnell abbrach. Dann wandte er ſich weg, zündete ſeine Kerze an, murmelte ein raſches Gute Nacht! und verſchwand durch eine Seitenthüre, die zu ſeinen eignen Zimmern führte. Lionel ſah ſich nach Fairthorn um, der jetzt ab angulo, d. h. von ſeiner Ecke her auftauchte. „Ah, Mr. Fairthorn, wie habt Ihr mich entzückt! Ich hätte nie geglaubt, daß man mit der Flöte ſolche Wirkungen hervorbringen könnte.“ Mr. Fairthorns groteskes Geſicht leuchtete auf, er nahm ſeine Brille ab, wie wenn er ſeinem Lobredner beſſer ins Auge ſehen wollte. „Es hat Euch alſo gefallen! wirklich!“ ſagte er, indem er ſeltſam ver⸗ biſſen tief in ſich hineinlachte. „Gefallen! Das iſt ein kaltes Wort. Wem würde es nicht mehr als gefallen haben?“ „Ihr müßt mich einmal im Freien hören.“ „Gewähret mir morgen dieſen Genuß⸗“ 5 „Mit dem größten Vergnügen, mein lieber junger Sir. Bſt!— indem er unruhig um ſich her ſchaute— ich bin Euch ſehr gut. Ich wollte nur, er gliche Euch. Beantwortet alle ſeine Fragen, wie wenn Ihr Euch nichts um die Art bekümmern würdet, wie er Euch auszu⸗ forſchen ſucht. Fragt ihn nie Etwas, damit es nicht den Anſchein be⸗ kommt, als wünſchet Ihr Dinge zu erfahren, die er Euch nicht ſelbſt 129 anvertraute. Alſo Ihr findet doch, daß an der Flöte etwas Gutes ſei? Es gibt Leute, welche die Geige vorziehen.“ „Dann haben ſie niemals Eure Flöte gehört, Mr. Fairthorn.“ Der Muſiker ſtieß aufs Neue ſein unharmoniſches Lachen aus, nickte nervös und herzlich mit dem Kopf, ſchlenkerte, ohne ein Licht anzu⸗ zünden, hinweg und verſchwand in dem Schatten irgend eines geheim⸗ nißvollen Winkels. Viertes Kapitel. Die alte und die neue Welt. Lionel konnte lange nicht einſchlafen. Das ſeltſame Haus und der ſeltſame Eigenthümer— die magiſche Flöte und die behutſame Warnung des Muſikers— zärtliche und ſehnſüchtige Reminiscenzen an Sophy, alles das beſchäftigte lange ſein Gehirn. Als er endlich einſchlief, war der Schlummer tief und ſchwer, und er erwachte erſt, als er ſanft von dem wohlgezogenen Arm des Mr. Mills geſchüttelt wurde.„Bitte gehorſamſt um Verzeihung— es iſt neun Uhr, Sir, und man wird bald zum Frühſtück läuten.“ Lionels Toilette war ſchnell im Reinen; Mr. Darrell und Fairthorn unterhielten ſich mit einander, als er in das Frühſtückszimmer trat, daſſelbe wo ſie geſtern auch dinirt hatten. „Guten Morgen, Lionel,“ ſagte der Hausherr.„Von einem Ab⸗ ſchied, wie Ihr gedroht habt, kann heute noch keine Rede ſein. Ich höre, Ihr habt mit Mr. Fairthorn eine Verabredung getroffen, und ich will Euch unter ſeine Obhut ſtellen. Vielleicht gewährt es Euch Freude, das alte Schloß anzuſehen, macht—“ Darrell pauſirte— „Macht es Euch recht bequem,“ fuhr Mr. Fairthorn heraus, indem er den Hiatus ausfüllte. Darrell richtete ſein Auge auf den Sprecher, der ſichtlich ſehr erſchrack, ſodann, nachdem er vergeblich nach einer Bulwer, was wird er damit machen? 9 130 Ecke geſucht, ſich ans Fenſter ſchlich und hinter dem Vorhang zuſam⸗ menkauerte.„Mr. Fairthorn hat in ſeiner Eigenſchaft als mein Se⸗ kretär Gedanken für mich finden und ſie in ſeine eigenen Worte kleiden gelernt,“ ſagte Darrell mit einer beinahe eiſigen Kälte. Dann ſetzte er ſich an den Tiſch; Lionel folgte ſeinem Beiſpiel, und Mr. Fair⸗ thorn, der muthig wieder zum Vorſchein kam, nahm ebenfalls einen Stuhl und eine Butterbemme.„Ihr habt wahr prophezeit, Mr. Darrell,“ ſagte Lionel,„es iſt ein herrlicher Tag.“ „Aber ſpäter wird es regnen. Die Fiſche ſpielen auf der Ober⸗ fläche des Sees,“ fügte Darrell mit einem beſänftigten Blick auf Fair⸗ thorn hinzu, der wie das leibhaftige Bild des Jammers dreinſchaute. „Nach zwölf Uhr wird das Wetter juſt ſo ſein, daß die Forellen her⸗ aufkommen, und wenn Ihr gerne fiſchet, ſo wird Mr. Fairthorn Euch eine Angelruthe leihen. Er iſt ein würdiger Nachfolger des Iſak Walton und liebt gleich Iſak einen Kameraden, bekommt aber weit ſeltener einen.“ „Sind Forellen in Eurem See, Sir?“ „See! Ihr dürft Euch nicht davon träumen laſſen, dieſes gehei⸗ ligte Waſſer zu beunruhigen. Die Bewohner der Bächlein, die nicht in meinem Bezirk liegen, befinden ſich außerhalb der Gränzpfähle der Fawley⸗Civiliſation, und können eingefangen und niedergemetzelt wer⸗ den, wie Kaffern, Rothhäute oder andere Wilde, die wir mit Miſſionä⸗ ren anködern und mit Bajonetten ſpießen. Aber meinen See be⸗ trachte ich als eine unter dem Schutze des Geſetzes ſtehende politiſche Gemeinde und erlaube ſeinen Bürgern einander gegenſeitig aufzu⸗ freſſen, wie Europäer, Fiſche und andere kaltblütige Geſchöpfe, weis⸗ lich thun, um das Ueberwuchern der Bevölkerung zu verhindern. Ein Hecht frißt, um fett zu werden, eine ganze Menge Elritzen. Natürlich vertheidige ich die althergebrachten Rechte des Hechtes. Ich bin Ad⸗ vokat geweſen.“ 4 Es wäre vergebliche Mühe, die Art beſchreiben zu wollen, wie Mr. Darrell dieſe und ähnliche Bemerkungen preisgab, worin er ———— ] — 131 ſeiner feinen Ironie oder ſeinem ſarkaſtiſchen Spleen Luft ſchaffte. Er that dieß nicht bitter oder hämiſch, ſondern in ſeinem gewöhnlichen honigſüßen, gelaſſenen Ton und mit ſeiner leidenſchaftsloſen Ruhe. Das Fruhſtück war juſt vorüber, als ein Groom mit einem Reit⸗ pferd an den Fenſtern vorüberging.„Ich verlaſſe Euch jetzt, Lionel,“ ſagte der Hausherr;„macht— Freundſchaft mit Mr. Fairthorn, ſo vollende ich nach meiner eigenen urſprünglichen Abſicht den Satz, wel⸗ chen er irrthümlich ergänzt hat.“ Damit ging er durch die Halle nach der offenen Hausthüre, ſtellte ſich zu dem Pferd, deſſen Nacken er ſtreichelte, und gab dem Groom einige Befehle. Lionel und Fair⸗ thorn folgten bis an die Schwelle, und die Schönheit des Pferdes er⸗ regte die Bewunderung des jungen Mannes: es war dunkelbraun und gehörte jener ſchönen altmodiſchen Zucht engliſcher Reitpferde an, die man jetzt ſo ſelten zu ſehen bekommt, nachdem glänzende, nieder⸗ nackige, langſchwänzige, ſtolpernde plumpe Baſtardpferde, von geringen, ſchlechtgepaarten Berbern erzeugt, hauptſächlich an ihre Stelle ge⸗ treten ſind. Dieß war in der That ein Pferd von großer Kraft mit gewaltigen Lenden, hohen Schultern, breiten Hufen; und welch ein Kopf! welche Ohren! welche Stirnmuskeln und Nüſtern! Ihr ſehet ſelten ein halb ſo intelligentes menſchliches Geſicht, das nur halb ſo deutlich jenen hohen Lebensmuth und das ſanfte edle Temperament ausdrückt, deren Vereinigung das Ideal von Vollblutrace ſowohl beim Pferd als beim Menſchen ausmacht. Der engliſche Reiter ſtand in Harmonie mit dem engliſchen Roß. Darrell ließ in dieſem Augen⸗ blick ſeinem Arm leicht auf der Schulter des Thieres ruhen, und er war noch barhäuptig. Es iſt vorhin geſagt worden, daß ſeine Er⸗ ſcheinung etwas Impoſantes hatte; die auffallendſte Eigenſchaſt ſeiner Perſönlichkeit war in der That unbewußte Größe. Gleichwohl war er, obſchon er mehr als die mittlere Statur hatte, nicht gerade hoch gewachſen— höchſtens fünf Fuß elf Zoll— und ſeine Haltung war keineswegs ſehr aufrecht. Im Gegentheil trug er ſeinen ſtolzen Nacken etwas gebeugt, eine Gewohnheit, welche Männer, die viel nachdenken 9* 132 und allein leben, beinahe immer annehmen. Aber er hatte, um einen bei unſeren älteren Autoren gewöhnlichen Ausdruck zu gebrauchen, jenes vornehme Air, das in die Augen fiel und ihm die Würde einer hohen Geſtalt, ſo wie das gebietende Ausſehen verlieh, das mit auf⸗ rechter Haltung verbunden iſt. Seine Figur war beinahe ſchlank zu nennen, obſchon er breite Schultern und einen tiefen Bruſtkaſten hatte; es war die Figur eines jungen Mannes, und ſie hatte ſich ohne Zweifel ſeit ſeinem fünfundzwanzigſten Jahr nur wenig verändert. Eine gewiſſe Jugendlichkeit lag noch immer in dem Geſicht— ſonder⸗ bar genug, denn man ſagt, daß der Kummer das Werk des Alters fördere, und Darrell hatte Kummer von derjenigen Art erlebt, die am meiſten geeignet war, ſeine eigenthümliche Natur zu zerwühlen, einen ſo heftigen Kummer, als nur jemals eines Mannes Herz zertrümmert hat. Kein Grau war ſichtbar an dem dunkelbraunen Haar, das hinten kurz abgeſchnitten war, aber auf der Stirn noch immer die breite Jupiterslocke behielt. Keine Runzeln außer in den Augenwinkeln beeinträchtigten das blaſſe Erz der feſten Wangen; die Stirn war glatt wie Marmor und eben ſo maſſiv. Dieſe Stirne war es, die haupt⸗ ſächlich zu dem ſtolzen Ausdruck ſeiner ganzen Erſcheinung beitrug. Sie war beinahe zu hoch; die Wahrnehmungsorgane über dunkeln, ſtarkgezeichneten, geſchweiften Augenbrauen mächtig entwickelt, wie bei ſehr ausgezeichneten Advokaten: den Schläfen fehlte es nicht an Breite; doch verkündete das Ganze mehr intellektuelle Kraft und un⸗ verzagten Willen, als heitere Philoſophie oder allumfaſſende Herzens⸗ güte. Es war die Stirne eines Mannes, welche die Natur geſchaffen hatte, um die Leidenſchaften und den Verſtand Anderer durch die Stäarke ſeiner eigenen mehr concentrirten als geläuterten Leidenſchaften und durch einen nicht ſowohl vermöge ſeines feinen Ebenmaßes als vielmehr vermöge ſeiner Maſſenhaftigkeit gewaltigen Verſtand zu be⸗ herrſchen und in Ehrfurcht zu erhalten. Die anderen Züge harmonir⸗ ten mit dieſer Braue; ſie waren von der edelſten Adlerart, zugleich hoch und zart. Die Lippe hatte ein ſeltenes Gemiſch von ausgeſuchter 133 Feinheit und unbeugſamer Entſchloſſenheit. Das Auge war in der Ruhe kalt, ſtrahlend und enthüllte Nichts; es hatte einen gewiſſen abweſenden, ſinnenden, in ſich ſelbſt verſunkenen Ausdruck, in Folge deſſen die Worte des Mannes oft den Eindruck machten, als würden ſie mechaniſch geſprochen, und es trug zu dem Anſchein verdroſſener Gleichgültigkeit gegen diejenigen, die er anredete, bei, wodurch er die Eitelkeit verletzte, ohne vielleicht einer vorbedachten Bosheit den Zügel ſchießen zu laſſen. Aber es war ein Auge, in welchem der Stern ſich ploͤtzlich vergrößern, die Farbe von blau in dunkel umſchlagen, und der kalte, ſtille Glanz zu lebhaftem Feuer aufflackern konnte. Es konnte Niemand, ſelbſt den alltäglichſten Frauenzimmern nicht, be⸗ gegnen, Darrell's Geſicht als ein hübſches zu bezeichnen; dieſer Aus⸗ druck würde trivial geſchienen und viel zu wenig geſagt haben; die Worte, die ſich Jedem auf die Lippen drängen wollten, würden etwa folgendermaßen gelautet haben:—„Welch ein prächtiges Geſicht! Welch ein edler Kopf!“ Gleichwohl würde ein erfahrener Phyſio⸗ gnomiker bemerkt haben, daß dieſelben Züge, welche eine Tugend ver⸗ kündeten, auch das damit verwandte Laſter anzeigten; daß mit ſo großer Willensſtärke eine unbeugſame Halsſtarrigkeit Hand in Hand ging; daß neben dieſer Kraft des Umfaſſens eine Zähigkeit im Feſt⸗ halten ſich kundthat, welche den Verſtand verengt und zuſammenzieht; daß ein Vorurtheil, das er einmal gefaßt, eine Leidenſchaft, die er einmal liebgewonnen, allen Vernunftgründen, die ihn davon abbringen ſollten, Trotz bieten würden. Wenn Maänner dieſes Gepräges ein Vorurtheil oder eine Leidenſchaft aufgeben, ſo geſchieht dieß auf eige⸗ nen Antrieb, in Folge ihrer eigenen feſten Ueberzeugung, daß das, woran ſie feſthalten, werthlos iſt: ſie geben es dann nicht gutwillig und freundlich auf, ſondern ſchleudern es in Verachtung von ſich, aber nicht in einer Verachtung, welche tröſtet. Das was ſie auf dieſe Art ausreißen, war ein lebendiger Theil ihrer ſelbſt geworden; ihr eigenes Fleiſch blutet— die Wunde heilt ſelten oder nie. Solche Männer ermangeln ſelten das auszuführen, wonach ſie Geluͤſte tragen, wenn 134 die Götter ſich neutral verhalten; aber diamantartig hart gegen die Welt, ſind ſie vermöge ihrer Neigungen verwundbar; ihre Liebe iſt kräftig und innig, macht aber keine Demonſtrationen; ihr Haß iſt un⸗ verſöhnlich, aber nicht rachſüchtig. Zu ſtolz zur Rache, zu gallicht, um zu verzeihen. Da ſtand Guy Darrell, welchem der Gerichtsſaal ſeine höchſten Ehren zugedacht, der Senat ſeine begeiſtertſten Applauſe geſchenkt hatte; je mehr Ihr ihn anſchautet, wie er daſtand, um ſo verworrener wurde das Raͤthſel, wie der Mann bei einer Laufbahn, die er mit ſolcher Thatkraft geſucht und ſo erfolgreich beſchritten hatte, ganz plötzlich zu einem verdroſſenen Klausner herabgeſunken war, dieſer Laufbahn freiwillig entſagt und ſie gegen ein Haus ohne Nachbarn, gegen einen Herd ohne Kinder vertauſcht hatte. „Ich hatte keine Ahnung davon,“ ſagte Lionel, als Darrell lang⸗ ſam wegritt und bald unter dem dicken Laubwerk der Sommerbäume den Blicken entſchwand—„ich hatte keine Ahnung davon, daß mein Vetter ſo jung wäre.“ „Oh ja,“ erwiedexte Mr. Fairthorn,„er iſt blos ein Jahr älter als ich.“ „Aelter als Ihr!“ rief Lionel, indem er mit plumper Verwun⸗ derung den ältlich ausſehenden Mann an ſeiner Seite anſchaute;„doch es iſt wahr, er hat es mir ſelbſt geſagt.“ „Und ich bin einundfünfzig vorbei.“ „Mr. Darrell zweiundfünfzig! Das klingt unglaublich.“ „Ich weiß nicht, warum wir überhaupt bei dem Leben, das wir führen, alt werden ſollten,“ bemerkte Mr. Fairthorn, indem er ſeine Brille zurechtſetzte.„Die Zeit ſchwindet ſo ruhig dahin! Auch das Fiſchen iſt für ein langes Leben ſehr förderlich. Wenn Ihr mir folgen wollt, ſo holen wir jetzt die Angelruthen; und die Flöte— Ihr glaubt alſo wirklich, daß die Flöte Euch Genuß verſchaffen würde? Ja! Danke Euch, mein lieber junger Sir. Und doch gibt es Leute, welche die Geige vorziehen!“ 135⁵ „Brennt die Sonne nicht im Augenblick etwas gar zu warm, und wollt Ihr mich inzwiſchen nicht im Hauſe umherführen?“ „Sehr wohl; nicht als ob dieſes Haus viel Sehenswerthes hätte⸗ Das andere würde allerdings einen Muſikſaal gehabt haben. Aber im Ganzen iſt doch für die Flöte nichts ſo gut, wie die freie Luft. Hieher!“ Ich verſchone dich, freundlicher Leſer, mit dem genauen Inventar von Schloß Fawley. Es hatte zu ſeiner Empfehlung nichts als ſein Alterthum. Es hatte ſehr viele Zimmer, die mit Ausnahme des Speiſeſaals und der Bibliothek ſämmtlich ſehr klein und ſehr niedrig waren— zahlloſe Kabinette und Niſchen— unerwartete Höhlungen, die ausdrücklich für das ehrwürdige Verſteckſpiel gemacht zu ſein ſchienen. Außer einer ſtattlichen alten Küche waren die Gelaſſe traurig mangelhaft, ſelbſt für Mr. Darrell's Hausgenoſſenſchaft, die blos aus zwei Männern und vier Mägden beſtand(die Stallknechte wohnten nicht im Hauſe). Ein eigentliches Geſellſchaftszimmer war nicht vor⸗ handen. In einer entfernten Periode mochte eine Art von Gallerie, die ſich unter dem Giebeldach(über dem erſten Stock) von einem Ende des Hauſes zum andern erſtreckte, zum Empfang von Gäſten bei feier⸗ lichen Gelegenheiten gedient haben. Denn Bruchſtücke vermodernder Tapeten hingen da und dort noch an den Wänden, und ein hohes Kaminſtück, auf welchem in Gipsrelief der denkwürdige Fiſchfang des Antonius und der Cleopatra dargeſtellt war, zeigte noch farbige und vergoldete Flecke, die im friſchen Zuſtand die egyptiſche Königin noch abſchreckender häßlich und den Fiſch am Haken des Antonius irgend einem den Ichthyologen bekannten Geſchöpf noch weniger ähnlich ge⸗ macht haben mußten. 1 Die Bibliothek war von Mr. Darrell's Vater in Ständer, die vom Boden bis zum Dach reichten, und ſpäter von Darrell ſelbſt lediglich zum Zweck, viele Bücher zu halten, in ſchulartig vorſtehende Flügel ohne alle Anſprüche auf mittelalterlichen Charakter gebracht worden. Mit dieſem Zimmer ſtand ein kleines Leſekabinet in Ver⸗ bindung, das der Hausherr ſich ſelbſt vorbehielt; von da führte eine 136 in die maſſive Wand gehauene Wendeltreppe zuerſt in Mr. Darrell's Schlafzimmer und dann in ein an die Gallerie ſtoßendes Giebelſtübchen, welches der Eigenthümer zum Behuf wiſſenſchaftlicher Verſuche in der Chemie oder andern Zweigen praktiſcher Philoſophie hergerichtet hatte.— Dieß waren mehr Privatzimmer, und Lionel durfte ſie nicht betreten. Im Ganzen war das Haus eines jener ſchrecklichen Ge⸗ bäude, bei denen es Sünde und Schade wäre, wenn man ſie nieder⸗ riſſe oder auch nur weſentlich veränderte, die aber einer modernen Familie, welche ſie bewohnen ſoll, ſtündliche Unbequemlichkeiten ver⸗ urſachen. Es ſtand außer aller Beziehung zu Mr. Darrell's früherer Lebensſtellung oder zu dem Vermögen, welches er nach Lionel's vagen Vermuthungen, die bedeutend unter dem wahren Beſtand blieben, be⸗ ſitzen mußte. Gleich Sir Nicholas Bacon war der Mann zu groß geworden für ſeine Wohnung. „ Ich wundere mich nicht,“ ſagte Lionel, als er mit Fairthorn im ganzen Haus herumgekommen war und ſich wieder in der Biblio⸗ thek befand,„daß Mr. Darrell ein neues Haus zu bauen angefangen hat. Aber es wäre ſehr Schade geweſen, wenn er dieſes dann nieder⸗ geriſſen hätte.“ „Dieſes niederreißen! Laßt Euch gegen Mr. Darrell keine ſolche Idee anmerken. Er würde eben ſo ſchnell die brittiſche Monarchie niedergeriſſen haben. Ja, ich vermuthe noch ſchneller.“ „Aber die neue Wohnung hätte doch ſicherlich die alte ver⸗ ſchlingen müſſen?“ „Oh nein; Mr. Darrell hatte einen Plan, nach welchem er dieſe abgeſondert in einer Art von Hof mit offenem Kreuzgang eingeſchloſſen hätte, und er hegte die Abſicht, ſie gänzlich für mittelalterliche Anti⸗ quitäten zu beſtimmen, wovon er eine ausgezeichnete Sammlung be⸗ ſitzt. Er hatte eine Idee, jede frühere Regierung, unter welcher ſeine Vorfahren blühten, gleichſam zu illuſtriren— verſchiedene Gemächer, die verſchiedenen Daten entſprochen hätten. Es wäre dieß eine Chronik nationaler Gebräuche geworden.“ ————— — 137 „Aber, wenn es keine unbeſcheidene Frage iſt, wo befindet ſich dieſe Sammlung? In London?“ „Still, ſtill! Ich will Euch einen Blick auf einige dieſer Schätze verſchaffen, nur dürft Ihr mich nicht verrathen.“ Hier bewegte ſich Fairthorn mit merkwürdiger Schnelligkeit, in Betracht, daß er niemals geradeaus ging, in's Freie hinaus nach der Front des Hauſes, beſchrieb eine Rhomboide gegen eine Seitenſtrebe⸗ mauer in der neuen Wohnung, in deren Nähe ſich eine Hinterpforte befand, öffnete dieſelbe mittelſt eines Schlüſſels in ſeiner Taſche und trat mit einer Aufforderung an Lionel, ihm zu folgen, in die Rippen des ſteinernen Skeletts ein. Lionel folgte mit einer Art von über⸗ natürlicher Scheu und ſah mit weſentlicherer Beunruhigung, wie Mr. Fairthorn ſich an einem geneigten Brett hinaufwand, das er mit beiden Armen umfaßte, und mittelſt deſſen er endlich auf einen Quer⸗ balken in einem Raum kam, welcher einen obern Stock vorgeſtellt haben würde, wenn nur ein Boden da geweſen wäre. Nachdem Fairthorn 3 wie ein Vogel dort aufgeſeſſen, ſchaute er durch ſeine Brille zu Lionel hinab.„Gefährlich,“ flüſterte er;„aber man gewöhnt ſich an Alles; wenn Ihr Angſt habt, ſo wagt Euch nicht herauf.“ Lionel, den dieſer Zweifel an ſeinem Muth anſpornte, ſprang auf das Brett, indem er nach Schuljungenart mit beiden Armen balancirte, und gelangte ſo an die Seite ſeines Führers. „Berührt mich nicht,“ rief Mr. Fairthorn zurückſchaudernd,„ſonſt fallen wir Beide hinab. Jetzt ſchaut mir zu und macht es wie ich.“ Dann ließ er ſich behutſam allmählig hinab, bis er rittlings auf den — Querbalken zu ſitzen kam, von welchem ſeine langen Beine herab⸗ bammelten, und nun rutſchte er mit Hülfe von Dickbein und Häͤnden weiter, bis er die Erhöhung einer Mauer erreichte, wo er ſeine Perſon aufpflanzte und ſeine Brille abwiſchte. Lionel ſtand bald auf demſelben Platz. „Da ſind wir jetzt,“ ſagte Fairthorn. „Ich ſehe die Sammlung nicht,“ antwortete Lionel, der zuerſt — n 138 zwiſchen den Querbalken durch auf den rauhen mit Steinen und Schutt bedeckten Boden hinab, ſodann durch ähnliche Zwiſchenräume oben nach den dünnen Dachſparren hinauf ſchaute. „Hier ſind einige und zwar ſehr koſtbare,“ antwortete Fairthorn, indem er ihn von hinten leicht berührte.„Zugemauert, ausgenommen da, wo dieſe eiſenbeſchlagenen Bretter kreuzweiſe vernagelt ſind mit einer kleinen Thüre, juſt groß genug, um hindurch zu kriechen; aber dieſe iſt geſchloſſen und Mr. Darrell hat den Schlüſſelin Verwahrung!— Schätze für einen Palaſt! Nein, Ihr könnt hier nicht hindurchſchauen, es iſt keine Spalte da; aber kommt noch ein wenig weiter vor und nehmt Eure Tritte wohl in Acht.“ Fairthorn kroch fortwährend auf der gefährlichen Mauerhöhe weiter, bildete einen Winkel und drückte, indem er plötzlich anhielt, ſein Auge an die Spalte einiger roh über eine gähnende Oeffnung genagelten Bretter. Lionel fand für ſich eine andere Spalte und erblickte in wunderlicher Unordnung aufgehäufte Gemälde, deren Rückenſeiten gegen eine öde Wand gerichtet waren, ſeltene Kabinette, kurioſe Möbel, Kiſten, Schachteln, Körbe— Alles in buntem Durcheinander. Dieſer Aufbewahrungsort hatte einen rohen Bretterboden, um ſeinen verſchiedenen Inhalt tragen zu können, und erhielt ſein Licht von einem großen, in der Front des Hauſes nicht ſichtbaren Fenſter aus trübem rauhem Glas mit Windfängen. „Dieß ſind die ſchweren und am wenigſten koſtbaren Dinge, die Niemand gut ſtehlen könnte. Die Gemälde hier ſind blos als Proben aus früher Zeit, die für das alte Haus beſtimmt waren, intereſſant und vermodern und verderben jetzt gänzlich. Mr. Darrell wünſcht dieß, glaube ich; was er wünſcht, muß geſchehen, mein lieber junger Sir— ein wunderbarer Geiſt— er iſt von Granit.“ „Ich kann ihn nicht begreifen,“ verſetzte Lionel mit einem ge⸗ wiſſen Grauen.„Gerade von dieſem Mann hätte ich am wenigſten gedacht, daß er ſo grillenhaft und wunderlich wäre.“ „Wunderlich! Gott ſteh' mir bei! Sagt ſo was nicht, ich bitte Euch, ſonſt wird das Dach über uns zuſammenfallen. Kommt jetzt — 139 weg. Ihr habt Alles geſehen, was Ihr ſehen könnt. Ihr müßt jetzt vorausgehen— denket an dieſen loſen Stein hier.“ Weiter wurde nicht geſprochen, bis ſie aus dem Gebäude waren, und unſerm Lionel war jetzt zu Muth, wie einem Ritter aus alter Zeit, der von einem Zauberer in Grabeshallen geführt worden. Fünftes Kapitel. Die Annalen des Reiches ſind kurz in Familienberichten verzeichnet, die bis auf den gegenwärtigen Tag fortgeführt werden und darthun, daß das Menſchengeſchlecht in der That den Blättern an den Bäumen gleicht, die bald jugendlich grün ſind, bald welk auf dem Boden liegen. Dennoch werden den kahlſten Zweigen grüne Blätter wieder kommen, ſo lange der Saft von der Wurzel in den Zweig anfſteigen kann; aber der Zweig, welcher aufgehört hat aus der Wurzel Leben zu ſchöpfen, iſt, mag er nun hoch oder niedrig hängen, eine Beute des Windes und des Förſters. Es war Mittag. Der junge Mann und ſein neuer Freund ſtanden abgeſondert, wie es ſtillen Anglern zukommt, an den Ufern eines ſchmalen rauſchenden Baches, der durch grüne Waiden eine halbe Meile von dem Hauſe dahinſtrömte. Der Himmel war bewölkt, wie Darrell vorhergeſagt hatte, aber es regnete noch nicht. Die beiden Angler hatten bald einen Korb voll kleiner Forellen. Jetzt legte Lionel, der keineswegs ein leidenſchaftlicher Fiſcher war, ſeine Angelruthe auf das Ufer nieder und ſchlenderte durch das lange Gras zu ſeinem Gefährten. „Es wird bald regnen,“ ſagte er.„Laßt mich die gegenwärtige Zeit benützen und die Flöte hören, ſo lange wir noch im Freien bleiben können. Nein, nicht hier am Uferrand, ſonſt würdet Ihr immer nach den Forellen ſchauen. Auf der Anhöhe, ſeht den alten Dornſtrauch dort— laßt uns gehen und uns dort lagern. Das neue Gebäude nimmt ſich von dort gut aus. Welch ein Bau wäre es nicht geworden! Ich werde Euch wohl nicht fragen dürfen, warum es unvollendet ge⸗ —-gʒõÿ·— 140 blieben iſt. Vielleicht hätte es zu viel gekoſtet oder in keinem richtigen Verhältniß zu der ganzen Beſitzung geſtanden?“ „Zu der gegenwärtigen Beſitzung allerdings, aber nicht zu der⸗ jenigen, welche Mr. Darrell hinzuzufügen wünſchte. Was die Koſten betrifft, ſo kennt Ihr ihn nicht. Er würde nie Etwas unternommen haben, was er nicht hätte vollenden können, und hatte er einmal Etwas unternommen, ſo würden die Rückſichten auf die Koſten ihn nie von der Ausführung abgeſchreckt haben. Ein wunderbarer Geiſt! Granit! und ſo reich!“ fügte Fairthorn in einem Tone großen Stolzes hinzu. „Ich muß das wiſſen; ich ſchreibe alle ſeine Briefe in Geldangelegen⸗ heiten. Wie viel glaubt Ihr wohl, daß er habe, das Land nicht ge⸗ rechnet?“ „Ich kann da nicht rathen.“ „Beinahe eine halbe Million; in zwei Jahren wird es mehr als eine halbe Million ſeyn. Und er hatte keine dreihundert Pfund jährlich, als er ſein Leben begann; denn Fawley war auf eine traurige Art verpfändet.“ „Iſt'’s möglich? Konnte ein Advokat im Gerichtsſaale eine halbe Million zuſammenbringen?“ „Wenn irgend Einer das könnte, ſo wäre er es, ſo bald er nur wollte. Aber dieſes Vermögen wurde nicht alles im Gerichtsſaal er⸗ worben, obſchon es großentheils daher kam. Ein alter Hageſtolz deſſelben Namens aus Oſtindien, von dem er aber nie Etwas gehört hatte, bis er einmal von Calcutta aus an Mr. Darrell ſchrieb(er fragte, ob Verwandte vorhanden ſeyen, und Mr. Darrell erkundigte ſich bei dem Wappenamt, welches den Beweis führte, daß ſie ſeit Menſchenaltern derſelben Familie angehörten), hinterließ ihm all ſein Geld. Mr. Darrell war nicht von ſeinem Beruf abhängig, als er ſich im Parlament aufthat, und ſeit wir hier ſind, welche Erſparniſſe! Nicht als ob Mr. Darrell geizig wäre, aber wie kann er hier Geld verbrauchen? Ihr hättet die Diener ſehen ſollen, die wir in Carlton Gardens hielten. Der Koch war ein franzöſiſcher Gentleman und 1¹1 ſah aus wie ein Marquis. Das waren glückliche und ſtolze Tage. Allerdings commandire ich hier das Diner, aber es kann doch nicht daſſelbe ſeyn. Liebt Ihr Kalbsfilet? Wir haben heute eines.“ „In der Schule bekamen wir Kalbsfilet an den Sonntagen. Ich fand es damals ſehr gut.“ „Es iſt ein köſtliches Stück,“ ſagte Mr. Fairthorn mit einer ſinnlichen Bewegung ſeiner Lippen.„Wenn man auf dem Lande lebt, muß man auf das Eſſen bedacht ſeyn— denn man hat ſonſt ſo wenig zu denken. Nicht als ob Mr. Darrell ſich damit beſchäftigte, aber er iſt, wie geſagt, Granit.“ „Bei all dem,“ bemerkte Lionel lächelnd,„bekomme ich meine Antwort immer noch nicht. Warum iſt das Haus unvollendet ge⸗ blieben? und warum hat ſich Mr. Darrell vom oͤffentlichen Leben zurückgezogen?“ „Er hat ſich Beides in ſeinen Kopf geſetzt, und wenn ein Ding einmal dahineinkommt, ſo darf man nicht mehr fragen warum. Aber,“ fügte Fairthorn hinzu, während ſein unſchuldiges häßliches Geſicht einen Ausdruck ernſtlicher Betrübniß annahm—„aber ohne Zweifel hatte er ſeine Gründe. Er hat für Alles, was er thut, ſeine guten Gründe; nur liegen ſie ſehr fern von dem, was auf der Oberfläche erſcheint— ſo fern wie dieſer Bach hier von ſeiner Quelle liegt. Mein theurer junger Sir, Mr. Darrell hat Kümmerniſſe erlebt, von denen zu ſprechen Euch und mir nicht zuſteht. Er redet nie davon. Das Wenigſte, was ich für meinen Wohlthäter thun kann, iſt, daß ich ſeine Geheimniſſe nicht ausforſche und nicht ausbabble. Und er iſt ſo freundlich— ſo gut— geraͤth niemals in Zorn; aber es iſt ſo ſchrecklich, ihn zu verletzen— es verurſacht ihm eine ſolche Pein; das iſt es, warum er mich erſchreckt— mich furchtbar erſchreckt; und das wird auch Euch ängſtigen, wenn Ihr ihn näher kennen lernt. Ein wunderbarer Geiſt! Granit— überwachſen mit Sinnpflanzen. Ja ein bißchen Muſik wird uns Beiden wohlthun.“ Mr. Fairthorn ſchraubte ſeine Floͤte zuſammen, ein ausnehmend —————————ÿõ— hübſches Erxemplar, das er an letzten Weihnachten von Mr. Darrell zum Geſchenk erhalten hatte. Er machte Lionel auf die Schönheiten des Inſtruments aufmerkſam und dann begann er. Ein ſeltſames Ding die Kunſt, namentlich die Muſtk. Außerhalb einer Kunſt mag ein Mann ſo alltäͤglich ſeyn, daß Ihr ihn für einen Dummkopf oder im beſten Fall für ein großes Kind halten könntet. Verſetzet ihn mitten in ſeine Kunſt hinein, wie hoch ſchwebt er dann über Euch! wie ruhig tritt er in einen Himmel, deſſen Bürger er geworden iſt, öffnet mit ſeinem goldenen Schlüſſel die Thore und erlaubt Euch, als de⸗ müthiger ehrfurchtsvoller Gaſt ihm zu folgen! In ſeiner Kunſt war Fairthorn freilich ein Meiſter, und die Melodie, die er jetzt ſpielte, war ausnehmend ſanft und klagend; ſie ſtimmte zu dem bewölkten aber ruhigen Himmel, zu der einſamen aber ſommerlich freundlichen Landſchaft, zu Lionels wehmüthigem aber nicht niedergeſchlagenem Gedankengang. Der Knabe konnte blos murmeln:„O wie ſchön!“ als der Muſiker aufhörte. „Es iſt eine alte Melodie,“ ſagte Fairthorn,„ich glaube jedoch nicht, daß ſie bekannt iſt. Ich fand die Noten in einem Exemplar der Eikon Baſilike eingekritzelt, mit dem Namen Joannes Darrell, Eg. Aurat, darunter. Dies war dem Datum nach Sir John Dar⸗ rell, der Ritter, welcher für Carl I. focht, der Vater des verworfenen Sir Ralph, der unter Carl II. blühte. Ihre beiden Portraits ſind im Speiſeſaal.“ „Erzählet mir Etwas von der Familie; ich kenne ſo wenig von ihr; ich weiß nicht einmal, woher die Verwandtſchaft kommt, die zwiſchen den Haughtons und Darrells ſo lange Zeit beſtanden zu haben ſcheint. Ich ſehe an den Portraits, daß der Name Haughton von früheren Darrells getragen und ſodann augenſcheinlich fallen ge⸗ laſſen wurde, während mein Vetter ihn jetzt wieder trägt.“ „Er trägt ihn blos als Vornamen. Euer Großvater war ſein Pathe. Aber er iſt nichtsdeſtoweniger das Haupt Eurer Familie.“ „Er ſagt ſo. Aber wie iſt er es?“ 143 Fairthorn kauerte ſich zuſammen, ſo daß ſeine Kniee in die Nähe ſeines Kinns kamen, und begann jetzt im Tone eines Führers, der ſeine Lection auswendig gelernt hat, obſchon es nicht lange anſtand, bis er in ſeinem Vortrag warm wurde. „Die Darrells haben, vermuthet man, ihren Namen von einem Ritter unter der Regierung Eduards III., der bei einem Turnier ſieg⸗ reich gegen alle Angreifer Stand hielt und John the Dareall(der Allen Trotz bietende) oder nach alter Schreibweiſe Der-all genannt wurde oder ſich ſelbſt ſo nannte. Sie gehörten zu den mächtigſten Familien im Lande und ſtanden mit den höchſten Häuſern, den Mont⸗ fichets, Nevilles, Mowbrays, in verwandtſchaftlichen Verbindungen; durch ſolche Heirathen ſtammen ſie ſogar aus dem königlichen Blute der Plantagenets. Ihr könnt ihre Namen in den Chroniken über die alten franzöſiſchen Kriege finden. Unglücklicherweiſe ſchloßen ſie ſich dem Grafen Warwick, dem Königsmacher, an, mit dem ſie verwandt waren; ihr Vertreter wurde auf dem unglückſeligen Schlachtfeld von Barnet getödtet; ihre Beſitzungen wurden in Folge deſſen confiscirt; der einzige Sohn und Erbe dieſes unglücklichen Politikers ging in die Niederlande und nahm Dienſte als Militär. Sein Sohn und Enkel folgten demſelben Beruf unter fremden Bannern. Aber ſie müſſen die Liebe zu dem alten Land bewahrt haben, denn gegen das Ende der Regierung Heinrichs VIII. kehrte der letzte männliche Darrell mit ſchönen Goldſtücken, die er ſelbſt oder ſeine Väter erſpart hatten, nach England zurück, kaufte einiges Land in dieſer Grafſchaft, wo ſeine Ahnen einſt große Beſitzungen gehabt, und baute das gegenwärtige Haus in einer Art und Weiſe, wie ſie den veränderten Glücksum⸗ ſtänden eines Geſchlechtes entſprach, das in früheren Zeiten Burgen bemannt und ausgerüſtet hatte. Der Taufname des Soldaten, wel⸗ cher auf dieſe Art die alte Linie in England theilweiſe neu gründete, war derſelbe, den Euer Vetter jetzt trägt, Guy— ein Name, der in en Familienannalen immer vom Glück begünſtigt wurde, denn zu Eliſabeths Zeiten ſchwangen ſich die Darrells aus dem Rang niedern 141 Adels, dem einzigen, wozu ihre Vermögensverhältniſſe ſie ſeit der Rückkehr in's Vaterland berechtigten, wieder zu Reichthum und einer hervorragenden Stellung auf unter einem hübſchen jungen Sir Guy — wir haben ſein Gemälde in ſchwarzem geblümtem Sammt— welcher die Erbin der Haughtons heirathete, einer Familie, die unter den Tudors reich geworden war und bei der jungfräulichen Königin in hoher Gnade ſtand. Dieſer Sir Guy wurde von Eſſer begünſtigt und von Eliſabeth ſelbſt zum Ritter geſchlagen. Sie vertauſchten dann ihr altes Haus gegen die größere Wohnung der Haughtons, die auch den Vortheil hatte, daß ſie näher beim Hof war. Der erneuerte Wohlſtand der Darrells war von kurzer Dauer. Die Bürgerkriege brachen aus, und Sir John Darrell nahm die verlierende Partei. Er entfloh mit ſeinem einzigen Sohn nach Frankreich. Man ſagt, er ſey im höchſten Grade melancholiſch geweſen, und ich glaube, daß er dieſe Melodie componirt hat, welche Ihr wegen ihrer trauervollen Lieblichkeit mit Recht bewundert. Er wurde katholiſch und ſtarb in einem Kloſter. Aber ſein Sohn Ralph wurde in Frankreich mit Carl II. und andern luſtigen Sauſewinden erzogen. Bei der Rückkehr des Stuart entfloh Ralph mit der Tochter des Rundkopfes, dem man ſeine Beſitzungen gegeben, und nachdem er dieſe zurückerhalten hatte, ließ er ſeine Gemahlin auf dem Land und machte den Frauen Anderer in der Stadt den Hof. Er war ein abſcheulicher Wüſtling; auf ſolchem Zweig konnte keine Frucht gedeihen. Er vergeudete Alles, was er nur konnte, und würde ſeine Kinder als Bettler hinterlaſſen haben, wäre er nicht durch eine Fügung bei einem Wirthshausſtreit, wo er ſich der Gunſtbezeugungen einer Dame in Gegenwart ihres Gatten rühmte, umgekommen. Der Ehemann ſtieß ihn ohne Weiteres nieder, ohne es auf ein ehrliches Duell ankommen zu laſſen, denn Sir Ralph war unüberwindlich mit dem Degen. Nach wie vor wurde das Familienvermögen ſehr verſchleudert, doch lebten die Darrells be⸗ ſtändig im ſchönen Hauſe der Haughtons und überließen Fawley d Eulen. Aber Sir Ralphs Sohn heirathete in ſeinem hohen Alter ———— 145 zum zweiten Mal eine junge Lady von bedeutendem Rang, eines Grafen Tochter. Er muß trotz ſeines Alters ſehr in ſie verliebt ge⸗ weſen ſeyn, denn um ihre oder ihres Vaters Einwilligung zu erhalten, verſtand er ſich dazu, ſämmtliche Haughton'ſche Beſitzungen ihr oder den Kindern, die ſie ihm etwa gebären würde, zu verſchreiben. Das kleinere Darrell'ſche Gut war bereits ſeinem Sohn aus erſter Ehe fideicommiſſariſch zugefallen. Auf dieſe Art zerſplitterte ſich die Familie. Der alte Darrell bekam Kinder von ſeiner zweiten Frau; das älteſte dieſer Kinder nahm den Namen Haughton an und erbte die Haughton'ſche Beſitzung. Der Sohn aus erſter Ehe hatte Nichts als Fawley und die armſelige Domäne ringsumher. Ihr ſtammet aus der zweiten Ehe, Mr. Darrell aus der erſten. Ihr verſtehet jetzt, mein lieber junger Sir?“ „Ja ein wenig; aber ich moͤchte gerne wiſſen, wo dieſe ſchönen Haughton'ſchen Beſitzungen jetzt liegen.“ „Wo ſie jetzt liegen? das kann ich nicht ſagen. Sie waren einſt in Middleſer. Vermuthlich zerfiel vieles von dem Land, als es ſtück⸗ weiſe verkauft wurde, in kleine Theile, die beſtändig ihre Eigenthümer wechſelten. Aber die letzten Ueberreſte des Eigenthums wurden, das weiß ich, von dem Branntweinbrenner Cox auf Spekulation gekauft, denn als wir in London waren, ging ich auf Mr. Darrells Wunſch hin, um darnach zu ſehen und mich zu erkundigen, ob man ſie zurück⸗ kaufen könnte. Und da fand ich, daß in wenigen Jahren der Wohl⸗ ſtand dieſes großen Handelsbezirkes ſo raſch zugenommen hatte, daß Jemand, der die alten Güter kaufen wollte, nicht weniger als zwölf Villen, verſchiedene Straßen, zwei Squares und ein Paragon zu kaufen hätte. Aber da dieſes Symptom fortſchreitender nationaler Wohlfahrt, ein ſo ſtolzer Gedanke es ſeyn mag, für Euch kein erfreu⸗ liches Intereſſe haben dürfte, ſo kehre ich zu den Darrells zurück. Nachdem die Haughton'ſchen Beſitzungen aus ihren Händen gekommen waren, ließen ſie ſich wieder in ihrem alten Hauſe Fawley nieder. Aber ſie konnten unter den Edelleuten und großen Squires der Graf⸗ Bulwer, was wird er damit machen? 10 146 ſchaft ihre Häupter nicht mehr hoch emporhalten. So ſchwer es ihnen wurde, von dem kleinen Gut zu leben, ſo ließen ſie ſich doch durch die Erinnerung an ihren frühern Glanz beſtimmen, es eiferſüchtig feſtzu⸗ halten und unter allen Umſtänden fideicommiſſariſch zu vererben. Der älteſte Sohn würde nie an irgend einen Beruf oder ein Geſchäft ge⸗ dacht haben; die jüngern Söhne wurden in der Regel Soldaten, und da ſie ſtets ein kühnes Geſchlecht geweſen waren, da ſie ferner Nichts hatten, was ihnen ihre Eriſtenz beſonders werthvoll machte, ſo wurden ſie meiſtens auch bald getödtet. Die Familie wurde gänzlich dunkel, verſchwand beinahe vollſtändig in der Grafſchaft, erhob ſich ſelten auch nur zu Friedensrichtersſtellen, bekam nie mehr Erbinnen zu hei⸗ rathen, ſondern blos die Töchter eines armen Pfarrers oder Squires, der eben ſo arm wie ſie, aber immer von edlem Blute war. Oh in dieſer Beziehung waren ſie ſo ſtolz wie Spanier. So wurde von Vater zu Sohn jede Generation dunkler und ärmer, denn wenn auch das Gut ſelbſt vererbt wurde, ſo wurden doch immer Leibgedinge auf daſſelbe nothwendig, während niemals ſolche hereinkamen, und ſo wurde die Erbſchaft immer durch neue Hypotheken beſchnipfelt, bis der ganze Jahreszins zuletzt unter dreihundert Pfund zu ſtehen kam, als Mr. Darrells Vater das Gut übernahm. Er kam auf die eine oder andere Art in's College, wo ſeit der glorreichen Revolution nie ein Darrell geweſen, und wurde ein gelehrter Mann und ein Antiquar — ein großer Antiquar. Ihr habt gewiß ſeine Werke geleſen. Ich weiß, ein Exemplar davon iſt im brittiſchen Muſeum, ein anderes iſt hier, aber dieſes Exemplar hält Mr. Darrell unter Schloß und Riegel.“ „Ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich nicht einmal die Titel dieſer Werke kenne.“ „Sie heißen: populäre Balladen über die Roſenkriege; Darrel⸗ liana, beſtehend aus traditionellen und andern Denkwürdigkeiten der Familie Darrell; Unterſuchung über den Urſprung der Legenden, worin Drachen vorkommen; Stunden unter ehernen Denkmälern, und andere ſinnreiche Arbeiten, die über dem Geſchmack des großen Haufens ſtehen; einige von ihnen wurden ſogar in der königlichen Geſellſchaft der Antiquare verleſen. Sie koſten viel zum Drucken und Heraus⸗ geben. Aber ich habe meinen Vater, der ſein Verwalter war, ſagen hören, er ſey ein angenehmer Mann geweſen und habe namentlich gern alte Poeſien vorgeleſen, was er mit großer Energie that, denn Mr. Darrell erklärt ſelbſt, daß ſeine aufmerkſame Beobachtung der leb⸗ haften und glücklichen Ausſprache ſeines Vaters, ſo wie der Wir⸗ kungen, welche Stimme, Blick und Vortrag in Worte legen können, viel dazu beigetragen habe, ihn zu dem bedeutenden Sprecher zu machen, der er iſt. Aber ich kann mir den Antiquar nur noch als einen ſehr majeſtätiſchen Gentleman mit langem Zopf denken— ehr⸗ würdig, wenn auch nicht in ſo hohem Grad wie ſein Sohn, aber immerhin ehrwürdig— und er ſah ſo betrübt aus; wenn Ihr ihn geſehen hättet, ſo wäret Ihr eine Woche lang nicht mehr luſtig ge⸗ worden, beſonders wenn das alte Haus Reparaturen forderte und er darüber nachgrübelte, wie er ſie bezahlen könnte.“ „War der gegenwärtige Mr. Darrell ein einziges Kind?“ „Ja, und er lebte viel mit ſeinem Vater zuſammen, den er ſehr innig liebte, wie er denn noch heute ſeufzt, wenn er den Namen ſeines 3 Vaters auszuſprechen hat. Er hat das Portrait des alten Mr. Dar⸗ rell über dem Kaminſtück in ſeinem eigenen Arbeitszimmer, und er hat es auch in ſeiner Bibliothek in Carlton Gardens. Die Mutter unſeres Mr. Darrell war ſehr hübſch, ſo weit ich mich ihrer erinnern kann; ſie ſtarb, als er ungefähr zehn Jahre alt war. Und auch ſie war eine Verwandte von Euch, eine geborene Haughton; aber viel⸗ leicht werdet Ihr Euch ihrer ſchämen, wenn ich Euch ſage, daß ſie Erzieherin in einer reichen Kaufmannsfamilie war. Sie war frühe Waiſe geworden. Ich glaube, der alte Mr. Darrell, nicht als ob er damals ſchon alt geweſen wäre, heirathete ſie, weil die Haughtons Nichts für ſie thun konnten oder wollten, und weil ſie rauh und un⸗ freundlich behandelt wurde, wie es das Loos der Erzieherinnen 10* 148 meiſtens ſeyn ſoll— er heirathete ſie, weil er trotz ſeiner Armuth das Haupt beider Familien und verpflichtet war, ſein Möglichſtes für heruntergekommene Sprößlinge derſelben zu thun. Die erſte Haus⸗ lehrerin, die ein Darrell heirathete, aber kein wahrer Darrell würde dies eine Mesalliance genannt haben, weil ſie immerhin eine Haughton war, und weil fors non mutat genus, d. h. weil das Schickſal das Geſchlecht nicht ändert.“ „Aber wie kommt es, daß die Haughtons, oder vielmehr, daß mein Großvater Haughton für ſeine Verwandte Nichts thun wollte?““ „Es war nicht Euer Großvater Robert Haughton, der ein groß⸗ herziger Mann war— dieſer war damals noch ein junger Burſche und mußte ſich Schulden halber verſteckt halten— ſondern Euer Ur⸗ großvater, ein hartherziger Mann und leidenſchaftlicher Freund vom Pferderennen. Er hatte niemals Geld zum Hergeben, außer zum Wetten. Er hinterließ die Haughton'ſchen Beſitzungen in trauriger Herabgekommenheit. Aber als Robert ihm nachfolgte, da brachte er ſich vorwärts, wurde Pathe unſeres Mr. Darrell, verlangte durchaus, daß man ihn die Studienkoſten deſſelben in Eton, wo er ſich ſehr aus⸗ zeichnete, ſo wie in Orford, wo er ſeinen Ruf noch vergrößerte, mit⸗ tragen laſſe, und würde vermuthlich noch mehr für ihn gethan haben, aber Mr. Darrell bedurfte, ſo bald er einmal einen Fuß auf der Leiter hatte, keine Hülfe mehr, um auf die Höhe emporzuklimmen.“— „Dann hatte alſo mein Großvater Robert die Haughton'ſchen Güter immer noch? Ihre letzten Ueberbleibſel waren von Mr. Cox noch nicht in Squares und in einen Paragon verwandelt worden?“ „Nein, das große alte Wohnhaus, obſchon verfallen, mit ſeinem Park, aus welchem man das verkäufliche Holz bei Seite ſchaffte, blieb noch immer übrig, nebſt einem Einkommen aus Maiereien, die noch zum Schloß gehoͤrten— Maiereien, die einem klugen Mann für den Luxus des Lebens genügt und ihm einen Reſervefonds zur allmähligen Abtragung der Hypotheken geſtattet haben würden. Enthaltſamkeit und Selbſtverlaͤugnung in einer oder zwei Generationen würden das ———õ——————— 149 Gut, das mit der Ausdehnung der Umgebungen der Hauptſtadt täglich im Werthe ſtieg, für eine dritte Generation zu einer fürſtlichen Herr⸗ ſchaft gemacht haben. Aber Robert Haughton hatte, obſchon er nicht auf die Rennbahn ging, eine vornehme Lebensweiſe, und während Guy Darrell die Rechte ſtudirte, um ein kleines Erbgut in ein großes Ver⸗ mögen zu verwandeln, wurde Euer Vater, mein lieber junger Sir, unter die Garde geſteckt, um ein großes Erbgut zur Branntweinbren⸗ nerei des Mr. Cor herunterzubringen.“ Lionel erröthete, blieb aber ſtill. Fairthorn, der in ſeinem Erzählerseifer ſo wenig ahnte, daß er ſeinem Freunde wehe that, als ein entomologiſcher Sammler etwas Unrechtes zu thun glaubt, wenn er eine lebendige Motte in ſeinem Kabinet aufſpießt, fuhr fort:„Euer Vater und Guy Darrell waren als Jünglinge ſehr befreundet. Guy war der ältere von Beiden, und Charlie Haughton(ich bitte Euch um Verzeihung, man nannte ihn immer nur Charlie), ſchaute zu ihm als einem älteren Bruder auf. Guy erlöste ihn aus mancher Klemme, und wenn Guy einiges Geld zur freien Verfügung hatte, ſo lieh er Charlie, glaube ich, manches ſchöne Pfund.“ „Das thut mir ſehr leid zu hören,“ bemerkte Lionel ſcharf. Fairthorn ſah ihn erſchrocken an.„Ich fürchte, unbeſonnen her⸗ ausgeſchwatzt zu haben. Sagt es Mr. Darrell nicht.“ „Gewiß nicht; das verſpreche ich Euch. Aber wie kam mein Vater dazu, dieſer Hülfe zu bedürfen, und wie haben ſie ſich zuletzt entzweit?“ „Euer Vater, Charlie, wurde ein luſtiger junger Mann in der Stadt und war ſehr faſhionabel. Er glich Euch von Perſon, nur war ſeine Stirne niedriger und ſein Auge nicht ſo feſt. Mr. Darrell ſtudirte die Rechte am Kammergerichte. Als Robert Haughton ſtarb, da ſchien bei ſeinen Schulden, bei den von ſeinem Vater und von Charlie ausgeſtellten Poſtobit⸗ und andern ähnlichen Verſchreibun⸗ gen nur geringe Ausſicht vorhanden zu ſein, das Beſitzthum der 7 4———— ———————————— 150 Haughtons retten zu können. Aber da ſah ſich Mr. Darrell die Sache genau an und wußte ſie mit ſolcher Geſchicklichkeit zu ordnen, daß er die Furcht vor einer Verfallserklärung beſeitigte; er vergrößerte das Einkommen da und dort, er erſetzte alte Hypotheken durch neue zu ge⸗ ringerem Intereſſe, und ſo wußte er aus dem Gut ein Einkommen von neunhundert Pfund jährlich für Charlie(dreimal ſo viel als Darrell ſelbſt geerbt hatte), herauszubringen, während es vorher geſchienen hatte, als ob die Schulden mehr betrügen, als der Nachlaß. Da er nun vorherſah, wie bedeutend das Land an Werth gewinnen würde, ſo machte er Charlie(welcher unglücklicherweiſe das Beſitzthum als Allodialgut hatte, wie Mr. Darrell dieſes hier hat, um es nach Be⸗ lieben zu verkaufen) die ernſteſten Vorſtellungen, er möchte von ſeinem Einkommen leben, denn in wenigen Jahren könnte dann ein Theil des Gutes als Bauplatz verkauft werden unter Bedingungen, welche den ganzen Reſt ſammt dem alten Hauſe, worin die Darrells und Haugh⸗ tons einſt Generationen großgezogen hatten, retten würden. Charlie verſprach es, das weiß ich, und ich zweifle nicht daran, mein lieber junger Sir, daß er es vollkommen aufrichtig meinte— aber nicht alle Menſchen ſind Granit. Er verſiel ins Spielen, gerieth in Ehren⸗ ſchulden, verkaufte einen Hof um den andern, mußte ſich an Wucherer wenden, und eines Nachts, nachdem er ſechs Stunden lang Piquet geſpielt, blieb ihm nichts mehr übrig, als den ganzen Reſt an den Branntweinbrenner Mr. Cor zu verkaufen, ohne Vorwiſſen des Mr. Darrell, der damals verheirathet war, ſehr viel arbeitete und ohne alle Nachrichten aus der faſ hionablen Welt lebte. Charlie Haughton verkaufte ſeine Stelle bei der Garde, jagte den Erlos durch und trat in die Linie; endlich wurde er in einem Landſtädtchen, wo er meines Wiſſens nicht einquartirt war, ſondern wo er irgend eines Vergnü⸗ gens wegen ſich eingefunden hatte, ohne ſeinen Willen aufgehalten — heirathete—“ Meine Mutter!“ ſagte Lionel mit Stolz,„und ſie iſt die beſte aller Frauen⸗“ 1 p——————— 151 „Nichts, mein lieber junger Sir, nichts als daß Mr. Darrell es niemals verziehen hat. Er hat ſeine Vorurtheile; dieſe Heirath ver⸗ letzte eines davon.“ „Ein Vorurtheil gegen meine arme Mutter. Ich dachte es immer. Aber ich möchte nur wiſſen warum? Sie iſt die redlichſte, harmloſeſte, zärtlichſte Frau von der Welt.“ „Daran zweifle ich nicht. Aber es beginnt zu regnen. Laßt uns heimgehen. Ein Imbiß könnte nichts ſchaden; er füllt immer⸗ hin ein Stündchen aus.“. „Sagt mir zuerſt, warum Mr. Darrell ein Vorurtheil gegen meine Mutter hegt. Ich glaube nicht, daß er ſie je geſehen hat. Eine unerklärliche Grille. Wie konnte er ſich verletzt fühlen? Sagt mir das, ich bitte Euch aufs Dringendſte darum.“ „Ei, Ihr wißt doch,“ antwortete Fairthorn halb traurig, halb ſchnippiſch,„daß Mrs. Haughton die Tochter eines Leinwandhändlers war und mit ihres Vaters Geld Charlie aus dem Grafſchaftsgefäng⸗ niß erlöste. Deßhalb ſagte auch Mr. Darrell zu ihm:„Sogar Euren Namen verkauft!“ Mein Vater hörte ihn dieß in der Halle zu Faw⸗ ley ſagen. Mr. Darrell war während langer Gerichtsferien hier und Euer Vater kam zu ihm auf Beſuch. Euer Vater gerieth in Zorn und ſie ſahen einander, glaube ich, nie wieder.“ Lionel blieb wie vom Donner gerührt ſtehen. Etwas in der Sprache und im Benehmen ſeiner Mutter hatte ihn zuweilen auf die Vermuthung geleitet, daß ſie nicht von ſo guter Geburt ſei wie ſein 1 8 — Vater. Aber die Entdeckung, daß ſie eines Kaufmanns Tochter ſei, war es nicht was ihn ärgerte, ſondern vielmehr der Gedanke, daß ſein Vater aus dem Grafſchaftsgefängniß heraus an den Altar gekauft worden ſei. Die ſchneidenden Worte:„Sogar Euern Namen ver⸗ kauft!“ kagen ihm ſchwer auf der Seele. Sein Geſicht, das vorher carmoiſinroth geweſen, wurde bleich; ſein Kopf ſank auf ſeine Bruſt. Er ſchritt an Fairthorns Seite nach dem alten düſtern Hauſe zu wie —— * 1 152 ein Menſch, der zum erſtenmal in ſeinem Leben das Bleigewicht einer erblichen Schmach tief im Herzen empfindet. 5. Sechstes Kapitel. Zeigt wie ſündhaft es von einem Manne, der keine Sorge für ſeine Ehre trägt, iſt, wenn er Kinder erzeugt. Als Lionel ſah, daß Mr. Fairthorn ſein intellektuelles Weſen gänzlich dem Inhalt einer kalten Hühnerpaſtete zuwandte, trat er ſchweigend aus dem Zimmer und ſchlich ſich in ein dichtes Gebüſch am fernſten Ende des Parkes. Er ſehnte ſich nach einem Augenblick der Einſamkeit. Der Regen fiel nicht ſchwer, ſondern in einem durch⸗ dringenden Gerieſel herab: er empfand ihn nicht, ſondern freute ſich vielmehr darüber, daß es kein heiteres, ſpöttiſches Sonnenlicht war. Er ſetzte ſich verloren in die Höhlungen eines Thals, das von dem Gebüſch bedeckt wurde, und begrub ſein Geſicht in ſeine angedrückten Hände. Lionel Haughton war, wie der Leſer bemerkt haben kann, kein frühreifer Mann— er war ein mannhafter Knabe, aber noch immer ein Bewohner des dämmernden, träumeriſchen Schattenlandes der Knabenzeit. Edle Elemente regten ſich ſtoßweiſe in ihm, aber ihre Wirkungen waren noch unverdaut und unentwickelt. Zuweilen begriff er vermöge der angeborenen Schärfe ſeines Verſtandes Wahrheiten ſo ſchnell und zuverläßig, wie ein Mann— dann aber verfiel er wieder durch den warmen Nebel undisciplinirter Zärtlichkeit oder durch die unreifen Dünſte jenes empfindſamen Stolzes, worin an ſich unbedeu⸗ tende Gegenſtände als groß mit nnentdeckten Umriſſen erſcheinen, in die leidenſchaftliche Dunkelheit eines Kinderraiſonnements zurück. Er war gründlich ehrgeizig; Donquixotiſch im Punkt der Ehre; unver⸗ zagt in der Gefahr, aber krankhaft ängſtlich beim fernſten Schatten 153 von Schande, wie ein Füllen, das beſtimmt iſt als Schlachtroß Stahl⸗ harniſche zuſammenzutreten, auf ſeinen ruhigen Waideplätzen beim Naſcheln eines Baumblattes zuſammenſchrickt. Glühend romantiſch, aber nicht geneigt in litterariſchen S Schöpfungen Romantik loszulaſſen, waren ſeine Gefühle um ſo höher geſpannt und um ſo enthuſiaſtiſcher, weil ſie keine Ableitung in poetiſche Canäle hatten. Die meiſten Jünglinge von großer Fähigkeit und ſtarker Leidenſchaft ſchreiben Verſe— es iſt dieß in der kritiſchen W endezeit eine von der Natur dargebotene Erleichterung für Gehirn und Herz. Die meiſten ſo be⸗ gabten Jungen thun das; nur wenige thun es nicht, und aus dieſen wenigen erwählt das Schickſal die großen Männer der That— jene bedeutenden lichtvollen Charaktere, welche der proſaiſchen Oberfläche der Welt einen poetiſchen Stempel aufprägen. Lionel hatte in ſich das Mark und den Kern der großen Niemande des Glückes, welche plötzlich die Jemande des Ruhmes werden, wenn die Wechſelfälle des Lebens ihnen auf einmal ein edles Etwas, das ſie feurig begehren und kühn gewinnen können, in den Weg werfen. Aber ich wieder⸗ hole, bis jetzt war er ein Knabe— ſo ſaß er, ſeine Hände vor ſeinem Geſicht, ein unvernünftiger Selbſtquäler da. Er wußte jetzt, warum dieſer hochmüthige Darrell ſeiner geliebten Mutter mit ſo wenig Zärt⸗ lichkeit und Ehrerbietung geſchrieben hatte. Darrell betrachtete ſie als die Urſache, warum ſein gemeiner Vetter ſeinen Namen verſcha⸗ chert habe; ja er ſchrieb ihr höchſt wahrſcheinlich nicht die zärtliche jungfräuliche Liebe, die alle Rangesunterſchiede verwiſcht, ſondern den gemeinen kaltblütigen Plan zu, die Banknoten ihres Vaters gegen eine Verbindung auszutauſchen, die über ihrem Rang ſtehe. Und er war der Schuldner dieſes anmaßenden Gläubigers, wie ſchon ſein Vater vor ihm geweſen war. Sein Vater!— bis dahin war er ſo ſtolz auf dieſe Verwandtſchaft geweſen. Mrs. Haughton hatte an der Seite ihres Kapitäns kein Glück gefunden; ſeine tiefgewurzelten Ge⸗ wohnheiten wilder Verſchwendung hatten ihre Verbindung verbittert und zuletzt ihre weiblichen Neigungen verwiſcht. Aber ſie hatte ihn 154 in ſeiner letzten Krankheit als den Geliebten ihrer Jugend verpflegt und gewartet, und obſchon ſie gelegentlich ſeine Fehler andeutete, ſo ſprach ſie doch immer von ihm als der Zierde aller Geſellſchaft— zwar arm und abgehetzt von gefühlloſen Gläubigern, aber der feinſte aller feinen Gentlemen. Lionel hatte nie von ihr gehört, daß er ſeine Ahnengüter für eine Spielſchuld verkauft; er hatte ſie nie von dem Grafſchaftsgefängniß oder der durch pekuniäre Rückſichten bedungenen Mißheirath ſprechen gehört. Als Knaben, bevor wir Urſache haben, auf uns ſelbſt ſtolz zu ſein, ſind wir ſo ſtolz auf unſere Väter, wenn wir eine ziemliche Entſchuldigung dafür finden. Konnte Lionel Haugh⸗ ton auf ſeinen Vater jetzt ſtolz ſein? Und Darrell hatte die Schmach ſeines Vaters tief empfunden, er hatte ihm in jener alten Halle Vor⸗ würfe gemacht, Vorwürfe wegen der Heirath, aus welcher Lionel ent⸗ ſprungen war! Die Hände drückten ſich immer dichter vor dieſes bren⸗ nende Geſicht! Er weinte nicht, wie er in Vances Anweſenheit bei einem weit weniger peinvollen Gedanken gethan hatte. Nicht als ob Thränen ihm ſchlecht angeſtanden hätten. Seichte Beurtheiler menſch⸗ licher Natur ſind Diejenigen, welche meinen, daß Thränen an und für ſich einem Knaben und ſelbſt einem Manne immer ſchlecht anſtehen. Wohl ſetzte der ſtrengſte der römiſchen Autoren den Hauptunterſchied der Menſchheit, die hoch über allen niedrigeren Geſchöpfen des Him⸗ mels ſtehen ſolle, in das Vorrecht der Thränen. Eher magſt Du deine Börſe einem handwerksmäßigen Taſchendieb anvertrauen, als ehrliche Freundſchaft dem Manne ſchenken, der ſich rühmt, Augen zu beſitzen, zu welchen das Herz niemals im Thau aufſteigt! Nur ſollte der Mann, wenn er weint, allein ſein— nicht weil Thränen ſchwach find, ſondern weil ſie heilig ſein ſollen. Thränen ſind mit Gebeten verwandt. Phariſäer paradiren mit Gebeten; Betrüger paradiren mit Thränen. O Pegaſus, Pegaſus, ſachte, ſachte— Du haſt mich mitten unter die Wolken fortgeriſſen: laß mich ſanft hinabgleiten— dorthin an die Seite des Knaben, der regungslos in dem ſchattigen Thale ſitzt! 1 3. 155 Siebentes Kapitel. Lionel Haughton, nachdem er ſeine Ausſicht auf Glück bis jetzt um Vieles verbeſſert hat, entſcheidet die Frage: Was wird er damit machen? „Ich habe Euch überall geſucht,“ ſagte eine wohlbekannte Stimme, und eine Hand ruhte leicht auf Lionels Schulter. Der Knabe ſchaute auf, fuhr noch voll Traurigkeit zuſammen und erblickte Guy Darrell, denjenigen Mann, den er am allerwenigſten zu ſehen gewünſcht hätte. „Wollt Ihr auf einige Minuten vorkemmen? man fragt nach Euch.“ „Warum? Ich will lieber hier bleiben. Wer kann nach mir fragen?“ Darrell, der ſich über dieſe Worte und den verdrießlichen Ton, worin ſie ausgeſprochen wurden, verwunderte, ſchaute Lionel eine Weile ins Geſicht und erwiederte dann mit einer Stimme, die unwillkürlich freundlicher war als gewöhnlich: „Eine höchſt alltägliche, aber, ſeit die Picten aus der Mode ge⸗ kommen ſind, ſelbſt für die erhabenſten Sterblichen durchaus noth⸗ wendige Perſönlichkeit. Ich muß ihre Ankunft entſchuldigen. Ihr drohtet geſtern wegen eines Mangels in Eurer Garderobe mich zu ver⸗ laſſen. Mr. Fairthorn hat an meinen Schneider geſchrieben, er ſolle hieher eilen und die Sache ins Reine bringen. Er iſt hier. Ich em⸗ pfehle ihn Eurer Kundſchaft. Verachtet ihn nicht darum, weil er für einen Mann von meiner entfernten Generation arbeitet. Schneider ſind ſcharfe Beobachter und kommen nicht ſo ſchnell aus der Mode wie Staatsmänner.“ Dieſe Worte wurden mit einer ſcherzhaften, heitern Laune geſagt, die bei Mr. Darrell ſehr ungewoͤhnlich war. Die Abſicht war eine handgreiflich gütige und vetterliche. Lionel ſprang auf ſeine Füße; ſeine Lippen verzogen ſich, ſein Auge flammte und ſein Kamm ſchwoll. „Nein, Sir; ich will mich nicht dazu erniedrigen. Ich will mich nicht von Eurem Mitleid kleiden laſſen. Ich will nicht dulden, daß man einen ſtillſchweigenden Tadel auf meine arme Mutter werfe, weil 1 1 136 ſie die Manieren eines Ranges nicht kennt, zu dem ſie nicht geboren worden iſt. Ihr ſagtet, wir würden einander vielleicht nicht gefallen, und dann ſollen wir auf immer von einander ſcheiden. Ihr gefallt mir nicht und ich will gehen.“ Er wandte ſich raſch um und ſchritt in hochherzigem Zorn auf das Haus zu. Wäͤre Mr. Darrell nicht der eigenthümlichſte der Menſchen geweſen, ſo hätte er ſich leicht belei⸗ digt fühlen können. So war er, obſchon Niemand weniger für Ueber⸗ raſchung zugänglich war, blos üͤberraſcht. Aber beleidigt? Urtheilet ſelbſt darüber.„Wahrhaftig,“ murmelte Guy Darrell, indem er dem wegſchreitenden Jüngling nachſchaute, wahrhaftig, es iſt mir beinahe zu Muth, als könnte ich noch einmal einer Aufregung fähig werden. Hoffentlich ſtehe ich nicht im Begriff, dieſen Jungen lieb zu gewinnen. Das alte Darrell'ſche Blut rollt in ſeinen Adern, ſo viel iſt ſicher. Ich würde in ſeinem Alter wohl auch ſo geſprochen haben, aber ich hätte beſſere Gründe dafür haben müſſen. Was ſagte ich denn, um einen ſolchen Ausbruch zu rechtfertigen? Quig feci?— ubi lapsus? Er iſt ohne Zweifel jetzt hingegangen, um ſeinen Mantelſack zu packen und den Weg zum Ruin einzuſchlagen. Soll ich ihn ziehen laſſen? Es wäre das Beſte für mich, wenn ich wirklich in Gefahr ſtehe, ihn lieb zu gewinnen; denn ſoll ichs darauf ankommen laſſen, daß er mir jeden Augenblick einen Stich ins Herz verſetzen kann— ins Herz? Oh da biete ich ihm Trotz, mein Herz iſt todt. Nein; er ſoll nicht ſo ziehen. Ich bin das Haupt unſerer vereinten Häuſer. Häuſer! Ich wollte, er hätte ein Haus, der arme Junge! Und ſein Großvater liebte mich. Ihn gehen laſſen! Ich will ihn zuerſt um Verzeihung bitten, und er mag in ſeinen eigenen Hoſen diniren, wenn ſich die Sache da⸗ mit beilegen läßt.“ So ging dieſer miſanthropiſche Mann, nicht minder großherzig als Lionel, ſeinem unfreundlichen Vetter nach.„Ha!“ rief Darrell plötzlich, als er an die Schwelle kam und am Fenſter des Speiſeſaales Mr. Fairthorn erblickte, der an einem elfenbeinernen Dänmling eine Feder ſchliff—„jetzt wird mir Alles auf einmal klar. Dieſer abſcheu⸗ 157 liche Fairthorn hat ſeine Dornen ausgeſtreut. Wie konnte ich einem ſolchen Dornbuſch Fleiſch und Blut anvertrauen? Ich will augen⸗ blicklich wiſſen, was es gegeben hat.“ Eitle Drohung! Kaum hatte Mr. Fairthorn auf zwanzig Schritte Darrells Geſicht erblickt, ſo rannte er, von ſeinem böſen Gewiſſen gequält, augenblicklich vom Fenſter und aus dem Zimmer weg, und ehe Darrell die Thüre aufſtoßen konnte, verlor er ſich in irgend ein Lager nullis penetrabilis astris in dieſer ſchwammartigen höhlenreichen Wohnung, womit eine gütige Vorſehung die Oertlichkeit den Wünſchen des Geſchöpfes angepaßt hatte. Achtes Kapitel. Neue Verwicklung in der immer wiederkehrenden, nie ganz auszumachenden Frage: Was wird er damit machen? Mit einem ärgerlichen Blick und einem Achſelzucken getäuſchter Erwartung wandte achiche Darrell von dem Speiſezimmer ab, ging die Treppe hinauf in Lionels Zimmer, öffnete ſchnell die Thüre und ſagte, ſeine Hand ausſtreckend, in jenem Ton, welcher den Zorn ehr⸗ geiziger Factionen entwaffnete und einmal ſogar(wenn die Fama nicht lügt) von der feindſeligen Miniſterbank die Stimme eines Beamten herübergelockt hatte:„Ich muß Eure Gefühle verletzt haben, und ich komme, Euch um Verzeihung zu bitten.“ Aber ſchon vorher hatte Lionels ſtolzes Herz, in welchem undank⸗ barer Zorn nicht lange Raum finden konnte, wegen einer ſo übeln Er⸗ wiederung wohlgemeinter und nicht undelikater Güte vorwurfsvolle Einſprache erhoben. Und nachdem ſein verwundeter Egoismus durch ſeinen Ausbruch ſelbſt beſchwichtigt war, hatte er ſich an Fairthorns Anſpielungen auf geheime Kümmerniſſe Darrells erinnert— Küm⸗ merniſſe, die wirklich ſtürmiſch geweſen ſein mußten, um auf ſolche Art die Strömungen eines Lebens abzuleiten. Und trotz dieſer Kümmer⸗ niſſe hatte der große Mann heiter zu ihm geſprochen— heiter, um ſei⸗ 158 nen Gefälligkeiten alles Drückende zu benehmen. Als daher Guy Darrell jetzt dieſe Hand ausſtreckte und ſich zu dieſer Entſchuldigung herabließ, da war Lionel förmlich überwältigt. Thränen, die ſich bis⸗ her nicht eingeſtellt, fanden jetzt unwiderſtehlich ihren Weg. Er konnte die Hand nicht ergreifen, aber er warf in ſeinem ſehnſüchtigen Drang ſeine Arme voll Innigkeit um den Nacken ſeines Wirthes, lehnte ſeine junge Wange an dieſe granitne Bruſt und ſchluchzte unzuſammenhän⸗ gende Worte von leidenſchaftlicher Reue, von redlicher, verehrungs⸗ voller Zuneigung. Darrells Geſicht veränderte ſich und nahm auf eine Weile einen wunderbar ſanften Ausdruck an— dann wurde es wie durch eine Anſtrengung höchſter Selbſtbeherrſchung ernſt gelaſſen. Er erwiederte die Umarmung nicht, ſtieß ſie aber auch keineswegs zu⸗ rück und getraute ſich ſelbſt nicht zu ſprechen, bis der Knabe die Kraft ſeiner erſten Gefühle erſchöpft und ſich abgewandt hatte, um ſeine Thränen zu trocknen. Dann ſagte er mit beinahe koſender Freundlichkeit:„Lionel Haugh⸗ ton, Ihr habt das Herz eines Gentleman, der eine ehrliche Entſchul⸗ digung wegen unabſichtlicher Beleidigung nicht anhören kann, ſondern den Tadel lieber auf ſich ſelbſt nimmt und die Entſchuldigung zehnfach heimgibt. Genug! Ein Verſehen ohne Zweifel von beiden Seiten. Es muß mehr Zeit vergehen, bevor Einer von uns mit Wahrheit ſagen kann, daß er an dem Andern keinen Gefallen finde. Mittlerweile,“ fügte Darrell beinahe lachend hinzu— und dieſe Schlußfrage bewies, daß der Mann ſelbſt in Kleinigkeiten geneigt war, Andern ſeinen eige⸗ nen Willen aufzuzwingen oder aufzuſchmeicheln—„mittlerweile werde ich wohl den Schneider nicht zurückſchicken müſſen?“ Ich brauche Lionels Antwort nicht zu wiederholen. 159 Neuntes Kapitel. Darrell: Geheimniß in ſeinem frühern Leben. Was hat er damit gemacht? Einige Tage vergingen, jedoch beinahe ohne alle Abwechslung. Wenn Darrell ſpät zu Bette ging, ſo pflegte er doch früh aufzuſtehn. Er geſtattete ſich nie mehr als fünf Stunden Schlaf. Ein größerer Mann als Guy Darrell— Sir Walter Raleigh— ſchnitt niemals ein größeres Stück vom Tage für Morpheus aus. Und dieſe Gewohnheit, vielleicht mehr noch als ſeine mäßige Diät war es, was Darrell ſeine merkwürdige Jugendlichkeit in Geſicht und Geſtalt er⸗ hielt, ſo daß er mit zweiundfünfzig Jahren jünger ausſah, als ein kräftiger Mann von fünfunddreißig, und es in der That auch war. Denn ſo viel iſt gewiß, daß wer beim Eintritt ins mittlere Leben ſein Hirn klar, ſeinen Schritt elaſtiſch erhalten, ſeine Muskeln vor Fleiſchig⸗ keit, ſeine Nerven vor Zittern bewahren, mit einem Wort, trotz des Kirchenregiſters ſeine Jugend friſten will, ſich vor langem Schlaf hüten muß. Nichts macht ſo alt wie Trägheit. Die Stunden vor dem Frühſtück widmete Darrell zuerſt einer Bewegung, wie auch das Wetter ſein mochte, und dann ſeinen ruhigen wiſſenſchaftlichen Stu⸗ dien. Punkt zehn Uhr ritt er allein aus und kehrte ſelten vor dem ſpäten Nachmittag zurück. Dann ſchlenderte er mit Lionel in abge⸗ legenem Waldland umher, trieb ſich mit ihm am Rande des Sees herum oder legte ſich auf das friſch abgemähte Gras, lenkte die Auf⸗ merkſamkeit des Jungen auf die Inſektenbevölkerung, die in den Som⸗ mermonaten ihr glückliches Leben vertändelt, und erzählte ihm mit ſcharfſinniger, halb humoriſtiſcher, halb ernſter Gelehrſamkeit von den Arten und Gewohnheiten jeder wechſelnden Species. Er war ein genauer Beobachter und ein vollendeter Naturforſcher. Der Umfang ſeines Wiſſens war in der That erſtaunlich für einen Mann, welcher ſeine beſten Jahre mit einem trockenen und abſorbirenden Studium verbracht hat: nothwendig nicht ſo tief in jeder Abtheilung, wie bei einem Fachprofeſſor, aber wenn das Wiſſen ſich oft auf der Oberfläche bewegte, ſo waren die Gedanken, die er aus ſeinem Wiſſen ableitete, eben ſo oft originell und tief. Ein Grundſatz, den er eines Tags in ſeiner ſorgloſen Art, aber mit ſtarker Betonung gegen Lionel fallen ließ, mag vielleicht einen Beleg für ſeine Anſchauung und ihre Ergeb⸗ niſſe bilden:„Glaubet nie, daß es genug ſei, das von einem andern Geiſt aufgeſtellte Problem gelöst zu haben, bis Ihr eine eigene Schluß⸗ folgerung daraus gezogen habt.“ Nach dem Diner, das nicht über acht Uhr hinaus währte, begaben ſie ſich jedesmal in die Bibliothek, wo Fairthorn in einem Winkel ver⸗ ſchwand, Darrell und Lionel jeder ein Buch nahmen; hernach Flöten⸗ ſpiel, und dann ging Jeder vor eilf Uhr in ſein eigenes Zimmer. Kein Leben konnte methodiſcher ſein; gleichwohl hatte es für Lionel einen ſehr anregenden Zauber, denn ſein Intereſſe für ſeinen Wirth ſteigerte ſich mit jedem Tag und die beſtändige Beſchäftigung führte ihm immer neue Gedanken zu. Darrell dagegen ſchien, während er freundlicher und herzlicher war, dabei auch ſich weit maͤhr in Acht nahm, um die Empfindlichkeit ſeines jungen Gaſtes nicht zu verletzen, als er es vor dem Wortwechſel und der Verſöhnung gethan hatte, für Lionel nicht das innige Intereſſe zu empfinden, das Lionel für ihn empfand. Er ſuchte nicht, wie geſcheidte Leute in ihrem Verkehr mit der Jugend ſo gerne thun, ihn auszuforſchen, ſeinen Verſtand zu erproben oder ſeine Neigungen zu leiten. Wenn er zuweilen belehrend war, ſo geſchah dieß, weil das Geſpräch auf Gegenſtände kam, die er gerne berührte und worüber er nicht ſprechen konnte, ohne unwillkührlich zu belehren. Auch verlockte er den Knaben niemals, von ſeinen Schulzeiten, von ſeinen Freunden, von ſeinen Lieblingsneigungen, von ſeinen Hoffnun⸗ gen und ſeiner Zukunft zu ſprechen. Kurz hättet Ihr Beide beiſam⸗ men beobachtet, ſo würdet Ihr nie vermuthet haben, daß ſie Ver⸗ wandte wären, daß der Eine die Laufbahn des Andern beeinflußen und leiten könnte, ja ſogar dazu verpflichtet waͤre. Ihr würdet geſagt haben, der Wirth habe allerdings Gefallen an dem Gaſte, wie Jeder⸗ mann einen verheißungsreichen, warmherzigen, mit hohem Lebens⸗ 161 muth begabten, hübſchen Jungen gerne einige Zeit unter ſeinem eige⸗ nen Dach beherbergen würde, aber ſonſt bedeute der Junge weiter nichts für ihn, er werde bald vor ſeinen Augen verſchwinden, Freund⸗ ſchaften ſchließen, ſich Zwecke und Ziele vorſetzen, worein er ſich in keiner Weiſe miſchen könne, und für die er gänzlich unverantwortlich ſein müſſe. Darrells Unterhaltung hatte auch noch folgende Eigen⸗ thümlichkeit: wenn er niemals von der Vergangenheit und Zukunft ſeines Gaſtes ſprach, ſo deutete er auch auf ſeine eigenen immer nur in den allgemeinſten Ausdrücken an. Von der großen Bühne, auf wel⸗ cher er ein ſo glänzender Schauſpieler geweſen, theilte er keine Erin⸗ nerungen mit; von den bedeutenden Männern, den Führern ſeines Zeit⸗ alters, mit denen er vertrauten Umgang gepflogen hatte, gab er keine Anekdoten preis. Eben ſo ſchweigſam war er in Bezug auf die frü⸗ heren Schritte in ſeiner Laufbahn, auf die Art und Weiſe, wie er ſtudirt, auf die Umſtände, aus denen er Vortheil geſchöpft, und nicht minder in Bezug auf die Prozeſſe, die er gewonnen, oder die Debatten, denen er Glanz verliehen hatte. Nie hättet Ihr vermuthen können, daß dieſer Mann, der noch immer in der Blüthe eines ſtaatsmänniſchen Lebens ſtand, der Gegenſtand vielfacher Journalbeſprechungen und des Rühmens einer Partei geweſen wäre. Nie ſprach er, was doch Män⸗ ner, die leicht ſprechen, an ihrem eigenen Herd ſo gerne thun, von Zu⸗ kunftsplänen, ſelbſt wenn dieſe Pläne ſich auf nichts Größeres erſtreck⸗ ten, als auf die Pflanzung eines Baumes oder die Verſetzung eines Blumenbeets, Pläne, welche das ländliche Leben ſo häufig und ſo un⸗ ſchuldig zu Tage fördert. Die Vergangenheit ſchien bei ihm kein An⸗ denken hinterlaſſen, die Zukunft keinen Wunſch für ihn aufbewahrt zu haben. Aber hinterließ die Vergangenheit wirklich keine Erinnerung? Warum denn glitt von Zeit zu Zeit das Buch unter ſeinem Auge weg? warum ſank der Kopf auf die Bruſt hinab? warum verdüſterte ein Schatten unausſprechlicher Niederge ſchlagenheit die hehre Schönheit dieſes energiſchen ernſten Geſichtes? Gleichwohl wurde dieſe Nieder⸗ geſchlagenheit nicht krankhaft genährt und gepflegt, denn er ſchleuderte Bulwer, was wird er damit machen? 11 ———— 3 1 4 5 1 ſie mit einer raſchen ungeduldigen Kopfbewegung von ſich, nahm ent⸗ ſchloſſen das Buch wieder zur Hand oder griff zu einem andern, das auf einen friſchen Ideengang führte, oder ſchaute über Lionel's Schulter und machte eine feine Bemerkung über ſeine Wahl, oder forderte er Fairthorn auf, zur Flöte zu greifen, und in wenigen Minuten hatte das Geſicht ſeine ernſte Heiterkeit wieder gewonnen. Und möge es hier geſagt werden, daß ein Mann von guter Conſtitution und geſundem Verſtand nur in den Poeſien junger Gentlemen oder in der Proſa romaneſchreibender Damen die Livree unveränder⸗ licher Düſterkeit trägt. So groß ſeine Urſachen zu Kummer ſeyn mögen, ſo paradirt er doch nicht unaufhörlich mit ſeinem prahleriſchen Trauern und zieht nicht mit dem langen Geſicht eines Leichenbeſtätters hinter dem Todtenwagen ſeiner Hoffnungen her. Er wird noch immer ſeine flüchtigen Momente der Heiterkeit, ſeine Augenblicke der guten Laune haben. Das alte Lächeln wird zuweilen ſein Auge beleuchten und die ehemalige Munterkeit der Lippe wieder wachrufen. Aber was ein großer und kritiſcher Kummer hinter ſich läßt, das iſt oft weit ſchlimmer, als der Kummer ſelbſt war. Es iſt eine Veränderung im innern Menſchen, die ihn an der Sandbank der Gegenwart ſtranden macht, wie Guy Darrell geſtrandet zu haben ſchien; je mannhafter er ſich bemüht, ſeine Laſt zu tragen, um ſo ernſter warnt ſie ihn, nicht bei der Vergangenheit zu verweilen, und je eindrucksvoller ſie die Lehre von der Eitelkeit menſchlicher Wünſche einſchärft, um ſo kräftiger hält ſie ihn ab, trügeriſche Hoffnungen auf die Zukunft zu nähren. So ſind von unſerer dreifachen Eriſtenz zwei Theile vernichtet— derjenige der geweſen iſt und derjenige der ſeyn wird. Wir kreuzen unſere Arme, ſtellen uns auf die kleine ſteile Felfenſpitze, die allein aus der uner⸗ meßlichen See hervorſchaut, und ſagen, weder rückwärts noch vor⸗ wärts blickend, zu uns:„Laßt uns ertragen was iſt;“ und ſo kann für ein eine kleine Weile das Auge erglänzen und die Lippe kann lächeln. Lionel vermochte Mr. Fairthorn keine zerſtreuten Andeutungen ——— — — 163 auf die Familienerlebniſſe mehr zu entlocken. Dieſer Gentleman hatte offenbar wegen Indiscretion einen Verweis oder eine Verwar⸗ nung vor Rückfall erhalten, und er war jetzt ſo rückhaltend und ver⸗ ſchwiegen geworden, als wäre er kaum erſt aus der Höhle des Tro⸗ phonius hervorgetaucht. In der That vermied er es mit einer gewiſſen Scheu ſich wieder allein Lionel anzuvertrauen; er ſchützte daher ein langes Retardat in der Correſpondenz für ſeinen Brodherrn vor und überließ den Jungen an den Vormittagen einſamem Angeln oder dem geſelligen Verkehr mit den Schwänen und der zahmen Damgaiß. Aber aus irgend einem myſtiſchen Verſteck bei verſchloſſenen Thüren ſtrömten häufig die Melodien dieſer Zauberflöte ins Freie hinaus, und der Knabe ſchlich ſich dann an den dunkelrothen düſtern Wänden des alten Hauſes oder dem nichtigen Pomp der mit Pilaſtern verſehenen Bogen⸗ gänge des unvollendeten neuen Gebäudes hin, um der Muſik zu lauſchen: über dem Lauſchen vergaß der glückliche Junge die Gegen⸗ wart und bemächtigte ſich des unbeſtrittenen königlichen Anrechtes ſeiner Jahre. Gegen ihn conſpirirten keine Rebellen in der Vergangenheit, um in ſeinen Weinbecher Gift zu gießen und ſeinen Schlaf zu morden. Keine Wüſten in der Zukunft hemmten den Gang des Ehrgeizes und ſagten:—„Hier ſind Sandflächen für einen Pilger, aber keine Felder für einen Eroberer.“ Zehntes Kapitel. In welchem die Geſchichte ſich ruhig zu dem nächſten hinanbewegt. So war beinahe eine Woche vergangen und Lionel begann über die Dauer ſeines Beſuchs verlegen zu werden. Sollte er zuerſt von Abreiſe ſprechen? Mr. Darrell erlöste ihn von dieſem Bedenken. Am ſiebenten Tag begegnete ihm Lionel auf einem Weg in der Nähe des Hauſes, als er gerade von ſeinem gewöhnlichen Ritt zurückkam. Der Knabe ging neben dem Reiter einher, tätſchelte das Roß, be⸗ 11* 164 wunderte ſeine Formen und pries die Schönheit eines andern kleineren und ſchlankeren Pferdes, das er einen Groom hatte im Park herum⸗ reiten ſehen.„Reitet Ihr dieſen Braunen manchmal? Ich finde ihn noch hübſcher als dieſen hier.“ „Die Halfte unſerer Bevorzugungen iſt der Eitelkeit zuzumeſſen, der ſie ſchmeicheln. Nur Wenige könnten dieſes Pferd da reiten— das andere vielleicht Jedermann.“ „Da ſpricht der Dare— all,“ ſagte Lionel lachend. Der Wirth ſah nicht mißvergnügt aus. „Wo keine Schwierigkeit iſt, da iſt auch kein Vergnügen,“ ſagte er in ſeiner kurzen, lakoniſchen Redeweiſe.„Ich war vor zwei Jahren in Spanien. Ich hatte kein engliſches Pferd dort und kaufte daher dieſen andaluſiſchen Zelter. Was ein tapferer Ritter in der Noth benützt hat, das gibt er nicht der Möglichkeit ſchlechter Behandlung preis. So kam der Zelter mit mir nach England. Ihr habt ver⸗ muthlich keine große Uebung im Reiten?“ „Nein, aber meine theure Mutter meinte, ich müſſe es durchaus lernen. Sie darbte ein ganzes Jahr, damit ich während einer einzigen Ferienzeit Unterricht nehmen konnte.“ „Die Verwandten Eurer Mutter ſtehen, glaube ich, gut. Dul⸗ den ſie, daß ſie darbt?“ „Ich weiß nichts davon, daß ſie lebende Verwandte hat; ſie ſpricht nie von ihnen.“ „Wirklich!“ Dieß war die erſte Frage über Familienangelegenheiten, die Darrell je unmittelbar an Lionel gerichtet hatte. Er ließ hier den Gegenſtand fallen und ſagte nach einer kurzen Pauſe:„Ich ver⸗ muthete nicht, daß Ihr ein Reiter ſeyd, ſonſt würde ich Euch erſucht haben, mich zu begleiten. Wollt Ihr dieß morgen thun und den Zelter reiten?“ „Oh, recht gern, ich danke Euch.“ Darrell wandte ſich ſchnell von den ſtrahlenden, dankbaren Augen „ 165 ab.„Ich bedaure blos,“ fügte er auf die Seite blickend hinzu,„daß wir nicht mehr viele Ausflüge machen können. Nächſten Freitag werde ich Euch einen Plan vorlegen; wenn Ihr ihn annehmet, ſo wer⸗ den wir am Samſtag abreiſen und zwar, hoffe ich, einander gefallend; bei mir hat die Probe nicht fehlgeſchlagen; und bei Euch?“ „Bei mir!— oh Mr. Darrell, wenn ich Euch zu ſagen wagte, welche Erinnerungen an Euch dieſe Probe bei mir hinterlaſſen wird!“ „Sagt ſie mir nicht, wenn ſie ein Compliment enthalten,“ ant⸗ wortete Darrell mit dem leiſen ſilbernen Lachen, das ſo melodiſch Gleichgültigkeit ausdrückte und Zuneigung zurückwies. Er ritt in den Hof, ſtieg ab, und als er zu Lionel zurückkehrte, da ſtahl ſich das Getöne der Flöte hervor, wie wenn es von den Zinnen des Giebel⸗ daches käme.„Könnte die Pfeife des horaziſchen Fauns lieblicher ſein, als dieſe Flöte?“ ſagte Darrell— Utcunque dulci, Tyndare, Fistula, Valles etc. Welch eine allerliebſte Ode das iſt! welche Kenntniß des Stadt⸗ lebens! welche Empfänglichkeit für das Landleben! Von allen La⸗ teinern iſt Horaz der einzige, mit dem ich eine Woche verbracht zu haben wünſchen könnte. Doch nein, ich hätte mich nicht dieſe kurze Spanne des menſchlichen Lebens mit Locken, die in malobathriſchen Balſam getaucht und mit dieſen einfältigen Myrten bekränzt waren, herumzanken mögen. Horaz und ich würden über der erſten ſtarken Bowle Maſſiker Streit bekommen haben. Jetzt können wir nie Streit bekommen. Der beglückte Unterthan und poöëta laureatus der Köni⸗ gin Proſerpina, wie auch, das wollte ich ſchwören, der gentlemänniſchſte Dichter, den ſie je an ihrem Hof empfangen, hat er hinfort die Auf⸗ gabe, die Schlangen aus den Brauen Alectos abzuwickeln und den 7 ehrgeizigen Orion von der Jagd auf viſionäre Löwen abzuhalten.“ Elftes Kapitel. Zeigt, daß, wenn ein gutes Geſicht ein Empfehlungsbrief, ein gutes Herz ein Kreditbrief iſt. Am folgenden Tag ritten Wirth und Gaſt miteinander aus, und dieſer Ritt erwies ſich als eine erfolgreiche Criſis im Schickſal Lionel Haughtons. Bisher habe ich ſorgfältig bei der Thatſache verweilt, daß, welche Theilnahme auch Darrell für ihn empfinden mochte, dieſelbe nicht mit einem ſolchen Intereſſe vermiſcht war, das eine Verantwort⸗ lichkeit auf ſich nimmt und ein Schickſal an ſich knüpft. Und ſelbſt wenn der mächtige und reiche Mann für Augenblicke dieſes Intereſſe empfunden, ſo hatte er es wieder von ſich geſtoßen. Daß er edel⸗ müthig zu ſeyn gedachte, war allerdings gewiß, und er hatte dieß typiſch auf eine ſehr proſaiſche und thatſächliche Weiſe gezeigt. Der Schneider, deſſen Beſuch zu ſolcher Störung geführt, hatte Befehle erhalten, welche über die bloſe Lieferung des Anzugs, wegen deſſen er beſchieden worden war, hinausgingen; ein großes Patentfelleiſen, Alles enthaltend, was die reichliche Ausrüſtung eines jungen Mannes zum Rang eines Gentleman ausmachen konnte, war in Fawley ange⸗ langt und hatte Lionel, welchen Darrell inzwiſchen vollſtändig mit der Annahme von Wohlthaten ausgeſöhnt, in Erſtaunen und Rührung verſetzt. Das Geſchenk bedeutete Folgendes:„Da ich Euch als Ver⸗ wandten anerkenne, ſo werde ich Euch künftig als Gentleman ver⸗ ſorgen.“ Darrell dachte in der That daran, ihm eine Anſtellung bei einer öffentlichen Beamtung zu verſchaffen, ihm ein hübſches Jahres⸗ geld auszuſetzen und ihm dann zu einem Abſchied für immer die Hand zu ſchütteln in einer Weiſe, die ſich folgendermaßen überſetzen ließe: „Ich habe mich jetzt benommen, wie es mir zukommt; das Uebrige iſt Eure Sache. Wir werden uns nie wieder begegnen. Darin liegt kein Grund, warum dieſes Lebewohl nicht für ewig gelten ſollte.“ Aber im Verlauf dieſes Rittes änderten ſich Darrells Abſichten. 167 Warum? Ihr werdet es nie errathen. Nichts iſt ſo entfernt, als der Abſtand zwiſchen Urſache und Wirkung, und die Urſache der Wir⸗ kung war hier die— arme kleine Sophy. Der Tag war friſch und es ging ein liebliches Lüftchen, als die zwei Reiter raſch über den Raſen wogender Almand hintrabten, während die befiederten Zweige umliegender Waldungen fröhlich von dem luſtigen Sommerwind hin⸗ und hergeſchüttelt wurden. Die auf⸗ heiternde Bewegung und die Luft erweckten Lionels Lebensgeiſter und befreiten ſeine Zunge von allen Feſſeln; und wenn ein Knabe einmal recht munter iſt, dann läßt ſich zehn gegen eins wetten, daß er ein er⸗ klärter Egoiſt wird, daß er das ſchwellende Leben ſeiner Individualität fühlt und von ſich ſelbſt ſpricht. Ganz unbewußt ſchwatzte Lionel luſtige Anekdoten von ſeinen Schultagen heraus; ſeinen Streit mit einem dämoniſchen Unterlehrer; wie er davonlief; was ihm zuſtieß; wie der Doctor ihm nacheilte und ihn zurückbrachte; wie glänzend der Doctor ſich benahm, indem er ihn weder ſchlug noch wegjagte, ſondern nach geduldiger Anhörung des Sachverhalts dem Schüler einen Ver⸗ weis ertheilte, den Unterlehrer aber zur Freude der ganzen Akademie fortſchickte; wie er den Oberſchüler herausforderte, weil er den Doctor einen Schleicher genannt; wie er, zweimal durchgebläut, dieſen Oberſchüler dennoch zum drittenmal herausforderte und ihn durch⸗ prügelte; wie er, als er ſelbſt Oberſchüler geworden, einen Bürger⸗ krieg in der Schule entzündete, indem er die Knaben in Ritter und Rundköpfe abtheilte; wie ſie aus Thon Kanonen⸗ und Piſtolenkugeln drehten und aus Stöcken Schwerter ſchufen; wie der Raſenplatz auf⸗ geriſſen wurde, um Feſtungswerke zu errichten; wie ein ſchmutziger, ſtämmiger Knabe den Cromwell ſpielte; wie er ſelbſt zum Prinzen Rupert erhoben wurde; und wie Rupert mit Verkehrung aller Ge⸗ ſchichte und zur ſchändlichen Herabwürdigung Cromwells ſich's nicht gefallen laſſen wollte, geſchlagen zu werden, ſo daß zuletzt Cromwell, durch einen ungeſchickten Hieb über die Knöchel unfähig gemacht, ſich ſelbſt ſchmählich als Gefangener ergab, vor ein Kriegsgericht geſtellt ——“—ösnnͤſſ ——,—— 168 und zu Pulver und Blei verurtheilt wurde. All dieſem kindiſchen Zeug ſchenkte Darrell geduldig Gehör, weder aufmunternd, noch unterbrechend, aber zuweilen einen Seufzer erſtickend, wenn er Lionels fröhliches Lachen hörte, oder wenn er ihm in ſein ſchönes hochglühendes Geſicht ſchaute und ſeine langen ſeidenen Haare, die wirklich den Namen Schmachtlocken verdienten, vom Wind aus den offenen ehr⸗ lichen Zügen geblaſen ſah, welche das Portrait irgend eines jugend⸗ lichen Ritters geſchmückt haben würden. Und der ſpaniſche Zelter ſprang immer weiter, und der jugendliche Reiter plauderte immer fort. Er hatte jetzt in ſeinem gedankenloſen Erzählerseifer die Schule ver⸗ laſſen; er ſchilderte ſeine erſte Freundſchaft mit Frank Vance als einem Miethmann ſeiner Mutter; wie das Beiſpiel ihn angefeuert; wie er Skizzen zu zeichnen und zu malen angefangen; wie er ſich eine Zeitlang mit dem Wunſche getragen, Maler zu werden; wie ſchon die Idee an ſo Etwas ſeine Mutter im höchſten Grade beunruhigt habe, und wie gänzlich ungerührt ſie geblieben ſey, wenn er ihr erzählt, daß Titian einer ſehr alten Familie angehört, daß Franz I., dieſes Urbild aller Gentlemen, Leonardo da Vinci auf ſeinem Krankenlager beſucht, und daß Heinrich VIII. zu einem vorwitzigen Lord, welcher Holbein angefahren, geſagt habe:„Einen Lord kann ich alle Tage machen, aber einen Holbein kann ich nicht machen“; wie Mrs. Haughton fort⸗ während alle Maler unter dem allgemeinen Bild des Malers und Bleideckers zuſammengefaßt, der ſie bei der neuen Anſtreichung ihrer Fenſter und der Dekoration ihrer Wände, welche Zeit und die vier Kinder einer iriſchen Familie zur Vermiethung des erſten Stockes nothwendig gemacht, ſo ſchmählich betrogen habe. Und dieſe ſcherz⸗ haften Anſpielungen auf die mütterliche Anſchauungsweiſe waren gleichwohl nicht unehrerbietig, ſondern ſo gehalten, daß ſie Darrell vielmehr zu Gunſten von Mrs. Haughton ſtimmen mußten, durch Darlegung von Zügen einer einfachen natürlichen Mutter, die viel⸗ eicht auf ihren einzigen Sohn zu ſtolz war und ſich nicht darum be⸗ kümmerte, was ſie that und wie ſie arbeiten mußte, damit nur er als 169 geborener Haughton ſeiner Würde Nichts vergab. Darrell verſtand und nickte beifällig.„Allerdings,“ ſagte er, indem er beinahe zum erſtenmal ſprach,„allerdings verleiht die Fama einen Rang, der höher ſteht, als der Rang von Gentlemen und von Königen, und ſo bald ſie ihr Adelspatent hervorzieht, iſt es höchſt gleichgültig, ob der Em⸗ pfänger der Sohn eines Bourbon oder eines Lichtziehers iſt. Aber wenn die Fama ihr Patent zurückhält— wenn ein wohlgeborener Mann Gemeinderäthe malt und nicht berühmt wird(und ich darf wohl ſagen, daß Ihr weder ein Titian noch ein Holbein geworden wäret) nun ſo mag er eben ſo gut Dekorationsmaler und Bleidecker ſeyn, und hat dabei ſogar noch beſſere Ausſichten auf Brod und Käſe, wäh⸗ rend er ſeinen Poſten als Gentleman behauptet. Mrs. Haughton hatte Recht und ich reſpectire ſie.“ „Ganz recht. Ich dürfte ſo alt werden wie Methuſala, ſo würde ich doch nie einen Kopf malen können wie Frank Vance.“ „Und doch iſt er noch nicht berühmt. Habe nie von ihm gehört.“ „Er wird berühmt werden— das bin ich feſt überzeugt; und wenn Ihr in London lebtet, ſo würdet Ihr jetzt auch von ihm hören. Oh Sir⸗ welch ein Portrait hat er nicht vor einigen Tagen gemalt! aber ich muß Euch dies Alles ausführlich erzählen.“ Und nun warf ſich Lionel auf einmal in medias res, mitten in das kurz abgebrochene Epos von der kleinen Sophy und dem exeentriſchen kranken Beliſar, um deſſen willen ſie zuerſt arbeitete und dann bettelte. Mit welcher kunſtloſen Beredtſamkeit wußte er nicht die Farben zu ſeiner ganzen Erzählung zu finden, bald ihren Humor, bald ihr Pathos an's Licht ſtellend; mit welcher verſchönernden Sympathie ſchmückte er nicht das Bild der kleinen Vagabundin mit ihrem Geſichtchen eines Edelfräu⸗ leins und ihrer kindlichen Einfachheit; die Flußfahrt nach Hampton Court; ihr ſtilles Entzücken; wie er ſich geärgert habe, als Vance ſich vor den vornehmen Leuten an der Kleinen zu ſchämen geſchienen; die Obſtgartenſcene, in welcher er Darrells Brief geleſen, der ſie nun⸗ mehr aus dem vorderſten Platz in ſeinen Gedanken verdrängt habe; ——— die Heimkehr; den Abſchied; ihr kluges Zurückſchauen; den Beſuch bei dem Schuhflicker am nächſtfolgenden Tag— ſogar ihr Abſchieds⸗ geſchenk; das Kinderſtubengedicht nebſt den auf ein fliegendes Blatt geſchriebenen Zeilen, die er ganz auswendig wußte. Darrell, der große Advokat, fühlte, daß er ſelbſt mit dieſen Elementen bei einem Geſchwornengericht nicht die Wirkung hervorgebrrcht haben würde, welche der kindliche Erzähler auf ſein granitenes Selbſt hervorbrachte. „Und oh, Sir,“ rief Lionel, indem er ſein Pferd zum Stehen brachte und mit kühner Rechten ſogar Darrells Thier anhielt— „oh,“ ſagte er, als er ſeine feuchten beredten Augen in voller Batterie gegen die erſchütterte Feſtung richtete, zu welcher er bereits ſeinen Weg gegraben hatte—„oh Sir, Ihr ſeyd ſo weiſe, ſo reich und ſo menſchenfreundlich, rettet dieſes arme Kind vor dem Mangel und den Ungemächlichkeiten eines ſolchen Lebens! Hättet Ihr ſie nur ſehen und hören können! Sie kann nicht dazu geboren ſeyn! Ihr blicket hinweg— ich beleidige Euch. Ich habe kein Recht, Euer Wohl⸗ wollen für Andere in Anſpruch zu nehmen; aber ſtatt mich mit Gunſt⸗ bezeugungen zu überſchütten, würde für ſie ſo wenig hinreichen, wenn ſie nur vor förmlichem Mangel geſchützt wäre mit dieſem alten Manne (ohne ihn würde ſie nicht glücklich ſeyn), wenn ſie nur ſicher in einer Hütte leben könnte, wie Ihr ſie Euern Bauern gebet. Ich bin ein Mann oder werde bald einer ſeyn; ich kann mit der Welt kämpfen und mir auf die eine oder andere Art einen Weg erzwingen; aber dieſes zarte Kind als Dorfgauklerin oder als Bettlerin auf der Hoch⸗ ſtraße— keine Mutter, keinen Bruder, keinen Menſchen außer dieſem gebrochenen Krüppel, der ſich auf ihren Arm als ſeine Krücke lehnt. Dieſen Gedanken kann ich nicht ertragen. Ich bin überzeugt, ich werde irgendwo wieder mit ihr zuſammentreffen, und wenn das ge⸗ ſchieht, darf ich dann nicht an Euch ſchreiben und werdet Ihr dem Kinde nicht zu Hülfe kommen? Sprecht— ſagt: Ja! Mr. Darrell.“ Des reichen Mannes Bruſt hob ſich leicht; er ſchloß ſeine Augen, aber nur für einen Augenblick. Es war ein kurzer und ſcharfer 171 Kampf mit ſeinem beſſern Ich, und das beſſere Ich behielt die Oberhand. „Laßt meine Zügel fahren— ſeht, mein Pferd hängt die Ohren — es könnte Euch ein Leid thun. Jetzt reitet in kurzem Galopp weiter— Ihr ſollt befriedigt werden. Laßt mir einen Augenblick, um meinen Rock aufzuknöpfen— er iſt mir zu enge.“ Zwölftes Kapitel. Guy Darrell gibt einem Impulſe Raum und entſcheidet raſch, was er dami machen will. „Lionel Haughton,“ ſagte Guy Darrell, als er ſeinen jungen Vetter wieder einholte, mit feſter und gemeſſener Stimme,„ich habe Euch für eine ſehr glückliche Minute zu danken. Der Anblick eines bei ſo durchſichtiger Reinheit und Güte ſo friſchen Herzens iſt ein Hochgenuß, den Ihr nicht begreifen könnt, bis Ihr in mein Alter ge⸗ kommen, bis Ihr von Dan gen Berſaba gereist ſeyd und Alles öde gefunden habt. Hört mich an: wäret Ihr ein halbdutzend Jahre älter, und wäre dieſes Kind, für das Ihr ſo warm ſprechet, ein ſchönes junges Frauenzimmer, vielleicht vollkommen eben ſo unſchuldig, voll⸗ kommen eben ſo bezaubernd und noch von größeren Gefahren umringt geweſen, ſo würde mein Wohlwollen geſchlummert haben, wie ein Stein. Eines Jünglings thörichtes Gefühl für ein hübſches Mäd⸗ chen. Als Euer wahrer Freund würde ich die Achſeln gezuckt und geſagt haben: Nehmt Euch in Acht! Wäre ich Euer Vater geweſen, ſo würde ich ängſtlich geworden ſeyn und die Stirne gerunzelt haben. Ich hätte darin den krankhaften Roman geſehen, der mit Gaunern oder Narren endigt. Aber in Eurem Alter, Ihr wackerer, munterer und offenherziger Junge, ſeyd Ihr lediglich von dem ritterlichen Mit⸗ gefühl für hülfloſe weibliche Kindheit ergriffen worden— oh daß Ihr mein Sohn wäret— oh daß meines theuren Vaters Blut in dieſen ritterlichen Adern rollte! Ich hatte einſt einen Sohn! Gott nahm ihn;“ des ſtarken Mannes Lippen bebten, er jagte vorwärts.„Ich fühlte, daß Mannheit in Euch war, als Ihr mir ſchriebet, um mir meine unfreundlichen Gunſtbezeugungen in die Zähne zu werfen— als Ihr in einer Zornesaufwallung, welche thöricht ſeyn mochte, aber edler war als die Weisheit berechnender Unterwürfigkeit, mein Haus verlaſſen wolltet— Mannheit, aber vielleicht blos des Mannes Stolz als Mann— des Mannes Herz konnte dabei winterlich kalt ſeyn. Heute habt Ihr mir Etwas gezeigt, was weit beſſer iſt als Stolz; dieſe Natur, welche das heroiſche Gemüth ausmacht, wird durch zwei Eigenſchaften vervollſtändigt: durch unerſchütterliche Willenskraft und uneigennützige Menſchenliebe. Ich weiß noch nicht, ob Ihr die erſte beſitzet; aber Ihr enthüllet mir die zweite. Ja, ich nehme die Pflichten an, welche Ihr mir vorſchlaget; ich will noch mehr thun, als daß ich es auf den Zufall ankommen laſſe, ob Ihr dieſes arme Kind ausfindig machet. Ich will meinen Anwalt beauftragen, die geeig⸗ neten Schritte zu dieſem Zweck einzuleiten. Ich will ſorgen, daß ſie vor den Uebeln bewahrt werde, die Ihr für ſie fürchtet. Lionel, noch mehr, ich kann es kaum erwarten, bis ich an Mrs. Haughton ſchreibe. Ich that ihr Unrecht. Bedenkt, ich habe ſie nie geſehen. Ich zürnte ihr als der Urſache meines Zankes mit Eurem Vater, der mir einſt theuer geweſen war. Genug davon. Der Ton ihrer Brieſe an mich mißfiel mir. Er mißfiel mir an der Mutter eines Knaben, der Darrell'ſches Blut hatte; noch andere Gründe— gehen wir darüber weg. Aber während ich für Eure Erziehung ſorgte, glaubte ich freilich, ihre Verwandten würden ſie unterſtützen. Sie bat mich nie⸗ mals um Hülfe, und in meinem haſtigen Urtheil über ſie dachte ich, ſie würde keinen Anſtand genommen haben, dies zu thun, wenn meine Hülfe nicht durch andere unnöthig geworden wäre. Ihr habt mir dazu geholfen, ſie beſſer zu verſtehen, und unter allen Umſtänden ver⸗ danken die Meiſten von uns drei Viertel von dem, was wir in der 173 erſten Jugend ſind, unſern Müttern. Ihr ſeyd freimüthig, furchtlos, liebreich— ein Gentleman. Ich reſpektire die Mutter, die einen ſolchen Sohn hat.“ Allerdings war das Lob ſelten auf Darrells Lippen, aber wenn er einmal lobte, ſo wußte er, wie er es zu thun hatte. Und Niemand wird je Andern gebieten, wenn er nicht von Natur dieſe Gabe beſitzt. Sie läßt ſich nicht erlernen. Kunſt und Erfahrung können nur ihren Ausdruck verfeinern. Dreizehntes Kapitel. Wer ſeinen Erben in ſeinem eigenen Kinde erblickt, läßt ſein Auge über Hoffnungen und Beſitzungen ſchweifen, die weit jenſeits ſeines Grabſtei⸗ nes liegen, indem er ſein Leben auch hier als eine nur mit einem Komma geſchloſſene Periode betrachtet. Wer ſeinen Erben im Kinde eines andern Mannes ſieht, der ſieht ein Punktum am Ende des Satzes. Lionels Abreiſe wurde auf unbeſtimmte Zeit verſchoben; man ſprach nicht mehr davon. Mittlerweile ging in Darrells Benehmen gegen ihn eine merkliche Aenderung vor. Die Gleichgültigkeit, welche der reiche Verwandte bisher gegen das vergangene Leben des Knaben ſo wie gegen die Eigenthümlichkeiten ſeiner geiſtigen Anlage und ſei— nes Charakters gezeigt hatte, verſchwand gänzlich. Er ſuchte jetzt im Gegentheil die verborgenen Tiefen zu erforſchen, die in der Natur je⸗ des menſchlichen Weſens liegen und bei Lionel um ſo ſchwieriger zu erkennen waren wegen der Lebhaftigkeit und Aufrichtigkeit, die mit einer ſo glatten und lieblichen Oberfläche einen Stolz von bebender Empfindlichkeit bedeckte und einen Ehrgeiz, der ihn in den Stunden aufregte, wo Einſamkeit und Träumerei auf den Viſionen der Jugend die rieſigen Umriſſe ihrer eigenen Hoffnungen abſpiegeln. Darrell war mit den Ergebniſſen ſeiner Prüfung nicht unzufrie⸗ den; dennoch zog oft und vielleicht gerade wenn er am zufriedenſten 174 war, ein Schatten über ſein Geſicht, und hätte er ein liebendes Weib gehabt um ihm zu lauſchen, ſo würde ſie den kurzen leiſen Seufzer ge⸗ hört haben, der für den ſchwerfälligeren Sinn der Männerfreundſchaft zu ſchnell kam und ging, um ihn als den Laut des Kummers zu er⸗ kennen. . An Darrell ſelbſt, der ſich auf dieſe Weiſe unmerklich veränderte, entdeckte Lionel täglich mehr Eigenſchaften, die ſein Intereffe auf's Angenehmſte erregten und ſeiner Zuneigung tiefere Innigkeit verlie⸗ hen. In der Natur dieſes Mannes waren wirklich ſolche wunderbare unterſeeiſche Strömungen von Liebenswürdigkeit, die ſo plötzlich her⸗ vorbrachen, ſo plötzlich wieder verſchwanden. Und ganz ausgeſucht an ihm waren die Züge jenes ſympathiſchen Taktes, welchen die Welt feine Lebensart nennt, der aber nur aus einem zugleich ritterlichen und zärtlichen Herzen entſpringt, und deſſen Kundgebungen bei Darrell um ſo bezaubernder wirkten, je größeren Kontraſt ſie gegen ein ge⸗ wöhnlich kaltes Benehmen und eine Haltung bildeten, die den unver⸗ kennbarſten Stempel mannhafter, ſelbſtwilliger, ſtolzer Kraft trug. So vergingen die Tage, wie wenn Lionel wirklich ein Kind des Hau— ſes geworden wäre. Aber in Wahrheit näherte ſich ſein Aufenthalt einem Ende, das nicht weniger plötzlich und unerwartet war, als die Wendung in den Launen ſeines Wirthes, welcher er den Aufſchub ſei⸗ ner Abreiſe zuzuſchreiben hatte. An einem herrlichen Nachmittag, als Darrell am Fenſter ſeines Arbeitszimmers ſtand, betrachtete Fairthorn, der ſich wegen einer Ge⸗ ſchäftsſache hereingeſchlichen hatte, lang und aufmerkſam ſein Geſicht; ſodann trat er an ſeine Seite, legte mit leichter ſchüchterner Berüh⸗ rung eine Hand auf ſeine Schulter, und indem er mit der andern auf Lionel deutete, der vor dem Hauſe im Graſe lag und die Feenköni⸗ gin las, ſagte er:„Warum ſchließet Ihr ihn in Euer Herz, wenn er daſſelbe nicht erfreut?“ Darrell wand ſich und antwortete ſanft:„Ich wußte nicht, daß Ihr im Zimmer waret. Guter Fairthorn, ich danke Euch.“ ———— 8 *———8“ 9 175 „Mir danken! für was?“ „Für einen freundlichen Gedanken. Ihr habt alſo den Knaben lieb?“ „Darf ich ihn nicht lieb haben?“ fragte Fairthorn beinahe er⸗ ſchrocken;„Ihr thut es ja gewiß auch.“ „Ja, ich habe ihn ſehr lieb und ich verſuche mein Beſtes, um ihn wirklich zu lieben. Aber, aber—“ Darrell wandte ſich ſchnell um, und das über dem Kaminſims hängende Bild ſeines Vaters kam ihm voll in die Augen— ein eindrucksvolles, unvergeßliches Geſicht— ſanft und freundlich, jedoch mit der hohen ſchmalen Braue und dem geſchweiften Naſenflügel des Stolzes, mit unſteten ſchwermüthigen Augen und einem Ausdruck, welcher Zartheit und Feinheit, nicht aber Kraft der Intelligenz verrieth. Es war etwas Verlorenes aber doch Impoſantes in dem ganzen Bilde. Wenn Ihr das Geſicht lange an⸗ ſchautet, ſo überwältigte Euch ſeine trauervolle Anmuth. In Wahr⸗ heit ein rührender und höchſt liebenswerther Anblick. Darrells Augen feuchteten ſich. „Ja, mein Vater, es iſt ſo,“ ſagte er ſanft.„Alle meine Opfer waren vergebens. Das Geſchlecht läßt ſich nicht wiederaufbauen. Kein Enkel von Dir wird mir nachfolgen— mir, dem Letzten von der alten Linie! Fairthorn, wie kann ich dieſen Knaben lieben? Er mag mein Erbe werden, ohne daß ein Tropfen von meines Vaters Blut in ſeinen Adern iſt!“ „Aber er hat das Blut der Vorfahren Eures Vaters, und warum müßt Ihr ihn Euch als Euern Erben denken!— Ihr braucht ja nur wieder in die Welt zu gehen, ſo findet Ihr leicht ein ſchönes We—“ Darrell ſtampfte ſo heftig auf den Boden, daß die heilige ehe⸗ liche Einſilbe, die über Fairthorns Lippen kommen wollte, entzweige⸗ ſchnitten wurde, wie wenn ein Haifiſch ſie abgeſchnappt hätte. Unaus⸗ ſprechlich erſchrocken ſchob ſich der arme Mann weg, warf ſich hinter einen hohen Schreibpult und wimmerte, indem er von dieſem ſichern Verſteck hervorſchielte:„Ach, ſeid doch nicht ſo ſchrecklich; ich wollte 176 Euch nicht beleidigen, aber ich ſage immer Dinge, die ich nicht ſagen wollte, und in der That(ſchmeichelnd) Ihr ſehet noch ſo jung aus, und, und—“ Darrell war, nachdem der Wuthausbruch überſtanden, auf einen Stuhl geſunken; ſein Geſicht beugte ſich über ſeine Hände und ſeine Bruſt hob ſich wie von unterdrücktem Geſchluchze. Der Muſiker vergaß ſeine Furcht; er ſprang hervor, ſo daß er den hohen Pult beinahe umſtieß; er warf ſich Darrell zu Füßen und rief in gebrochenen Worten:„Meiſter, Meiſter, vergebt mir! Ich war ein Vieh! Schaut auf— lächelt oder ſchlaget mich— ſtoßet mich.“ Darrell's Rechte glitt ſachte von ſeinem Geſicht herab und fiel in Fairthorns Hände. „Still, ſtill,“ murmelte der granitne Mann;„einen Augenblick, und es wird vorüber ſein.“ Einen Augenblick? Das mochte blos eine Redeſigur ſeyn; aber bevor Lionel den halben Geſang vollendet hatte, der ihn in das Feen⸗ land verſenkte, ſtand Darrell mit ſeiner gewöhnlichen ruhigen Miene neben ihm, und Fairthorns Flöte hauchte hinter den Zweigen einer nahen Linde hexrvor eine ſo liebliche Melodie aus, als ob ſorgloſe Faune immer noch in Arkadien blieſen und der Kummer ein ferner Bewohner auf der andern Seite der Berge wäre, von welchem Hirten, gemächlich unter Sommergebüſchen ruhend, ſo ſprechen, wie wir von Hydern, Einhörnern und andern fabelhaften Dingen ſprechen. Und immer lieblicher ſchwoll die weiche bezaubernde Muſik, und jetzt wandeln der müde Mann mit ſeinem geheimen Kummer und der Knabe mit ſeinem offenen fröhlichen Lachen Seite an Seite über den Raſen mit ſeinen beſternten und goldenen wilden Blumen, unter den Zweigen in jenem Druidengebüſch, aus welchem ſie die Ringeltaube aufſcheuchen— fortwährend Seite an Seite gehen ſie immer weiter und verlieren ſich jetzt aus unſern Augen, wie wenn das dichte Grün des Sommers ſich gleich Wogen um ſie her geſchloſſen hätte. Aber noch immer erſchallt die Flöte, und ſie hören ſie fortwährend immer 177 ſanfter und ſanfter, indem ſie dahingehen. Horch! höͤrt Ihr ſie nicht auch? Vierzehntes Kapitel. Es gibt gewiſſe Ereigniſſe, die für das Leben jedes Menſchen daſſelbe ſind, wie Kometen für die Erde, auſcheinend ſeltſame und irrende Vorboten; verſchieden von den gewöhnlichen Lichtern, die unſern Gang leiten und un⸗ ſere Jahreszeiten bezeichnen, aber treu ihren eigenen Geſetzen, mächtig in ihren eigenen Einflüſſen. Die Philoſophie ſpekulirt auf ihre Wirkungen und ſtreitet darüber, wozu ſie zu gebrauchen ſind; aber die nichtphiloſo⸗ phirenden Menſchen betrachten ſie als beſondere Boten und Verkündiger von Unheil. Sie kamen aus dem kleinen Park in einen Seitengang; in der Front breitete ſich ein weiter Strich Almand mit gelbem Ginſter be⸗ deckt und wellenförmig lockerem Boden vor ihnen aus; zu ihrer Rech⸗ ten hatten ſie die dunkeln Buchenwälder, die ſich noch immer unter den ſchweren Einflüſſen des Julinachmittages befanden. Lionel hatte über die Feenkönigin geſprochen, über fahrendes Ritterthum, über das holde unmögliche Traumleben, das, ſicher vor der Zeit, in Lauben und Hallen, durch magiſche Wälder und Zauberhöhlen in der Welt der Dichtung dahingleitet. Und Darrell lauſchte und die Flötentöne miſch⸗ ten ſich ſchwach und fern gleich Stimmen aus dieſer Welt ſelbſt in die Atmoſphäre. Sodann kamen ſie heraus und ſahen das weite unbebaute Land vor ſich. Lionel ſagte vergnügt: „Das iſt die wahre Scene! Hier muß der junge Ritter, der ſei⸗ nes Vaters Halle verließ, ſein Streitroß angehalten und mit einem ſinnenden Blick bald über dieſe grüne Wildniß hin, die ſo unbegränzt erſcheint, bald nach dem ſchattigen Grauen dieſer athemloſen Waldung ſich ſelbſt gefragt haben, welchen Weg er einſchlagen ſoll, um Aben⸗ teuer zu ſuchen.“ „Ja,“ ſagte Darrell, indem er aus ſeiner langen Rückhaltſam⸗ Bulwer, was wird er damit machen? 42 178 keit in Betreff aller Angelegenheiten ſeines früheren Lebens heraus⸗ trat,„ja, und das Gold der Stechginſterblüthen verlockte mich, und ich nahm das wüſte Land.“ Er pauſirte einen Augenblick und begann von Neuem:„Und damals als ich Städte und Menſchen kennen ge⸗ lernt und aus der trübſeligen Proſa der Wirklichkeit noch einige Ro⸗ mantik gerettet hatte, damals hätte ich thun mögen, was die Civili⸗ ſation ſelbſt mit der Romantik thut, ich hätte das wüſte Land zu mei⸗ ner eigenen Vergrößerung einhegen mögen. Schaut,“ fuhr er fort, indem er mit der Hand rings über die weite Landſchaft hinſchweifte, „Alles was Ihr bis an den Rand des Horizontes ſehet, ſollte vor etwa vierzehn Jahren in den kleinen Wildgarten, den wir ſo eben ver⸗ ließen, geworfen werden und als Park um das Haus herum dienen, das ich damals baute. Eitelkeit menſchlicher Wünſche! Was außer den verſchiedenen Verhältniſſen ihrer gemeinſchaftlichen Narrheit un⸗ terſcheidet den Landedelmann, der ſeine Zwecke nicht erreichen kann, von dem Eroberer, dem das Schickſal ein Halt zugerufen hat? Des Menſchen charakteriſtiſches Hirnorgan muß gewiß Erwerbungsſucht ſeyn.“ „War es ſein Erwerbungsorgan, was Themiſtokles zu der Prah⸗ lerei veranlaßte, daß er einen kleinen Staat groß machen könne?“ „Gut erinnert— ſinnreich citirt,“ verſetzte Darrell mit dem höͤf⸗ lichen Nicken ſeines ſtattlichen Kopfes.„Ja, ich argwöhne, daß das Lüſternheitsorgan einen großen Antheil an dieſer Prahlerei hatte. Sich einen Namen zu ſchaffen, war des Themiſtokles früheſter Traum, wenn wir die Anekdote als wahr annehmen wollen, die ihn ſagen läßt, die Trophäen des Miltiades laſſen ihn nicht ſchlafen. Einen Namen zu ſchaffen oder ein Vermögen zu erwerben, ſind nur verſchiedene Anwen⸗ dungen einer und derſelben menſchlichen Leidenſchaft. Der Wunſch nach Etwas, das wir nicht beſitzen, iſt die erſte unſerer Kindheitserin⸗ nerungen; es kommt nicht darauf an, welche Form er annimmt, nach welchem Gegenſtand er verlangt; immer iſt es das Erwerben; dieſer Wunſch verläßt uns niemals, ſo lange wir leben.“ 1 4 179 „Und doch möchte ich, wenn es erlaubt wäre, fragen, was Ihr jetzt wünſchen könnet, das Ihr nicht beſitzet?“ „Ich— Nichts; aber ich ſprach von den Lebendigen! ich bin todt. Nur,“ fügte Darrell mit ſeinem ſilbernen Lachen hinzu,„ſage ich wie der arme Cheſterfield vor mir ſagte: Es iſt ein Geheimniß— bewahret es.“ Lionel gab keine Antwort; die Schwermuth in dieſen Worten ſtimmte ihn traurig; aber Darrell's Benehmen wies alle Ausdrücke von Sympathie oder Theilnahme zurück, und der Knabe gerieth auf das Feld der Muthmaßungen:— Was mochte wohl das intellektuelle Leben dieſes Mannes für die Welt getödtet haben? Und ſo wandelten ſie ſchweigend weiter, bis die Flötentöne längſt für ihre Ohren verloren waren. Ob wohl der Muſiker noch immer ſpielte? Endlich gelangten ſie an das andere Ende des Dorfes Fawley und Darrell wurde wieder lebendig. „Vielleicht,“ ſagte er, indem er den plötzlich abgebrochenen Ge⸗ genſtand wiederaufnahm,„vielleicht liegt die Liebe zur Gewalt jedem ruheloſen Streben nach Glück zu Grunde; doch wer hat am Ende eine mit weniger Unannehmlichkeiten verſetzte Gewalt, als ein Dorfthan? Mit ſo geringer Anſtrengung, mit ſo wenigem Nachdenken kann der Mann im Herrſchaftshauſe die Leute in den Hütten hienieden glück⸗ licher und für ein ſpäteres Jenſeits tauglicher machen. Indem ich die Welt verlaſſe, komme ich wie unſere ritterlichen Kreuzfahrer von Streit und Pilgerſchaft her, um daheim zu herrſchen.“ So ſprechend trat er in eine der Hütten. Ein alter lahmer Mann ſaß bei dem Feuer, das hell brannte, obſchon die Juliſonne am Him⸗ mel ſtand; ſein eben ſo altes und beinahe eben ſo hülfloſes Weib las ihm ein Kapitel im alten Teſtament vor, das fünfte Kapitel der Ge⸗ neſis, welches die Genealogie, das Alter und den Tod der Patriarchen vor der Sündfluth enthielt. Wie die Geſichter des Ehepaares ſtrahl⸗ ten, als Darrell eintrat!„Maſter Guy!“ ſagte der alte Mann, indem 42* ₰ — 180 er zitternd aufſtand. Der weltmüde Redner und Geſetzgeber war für ihn noch immer Maſter Guy. „Setzet Euch, Matthew, und laßt mich Euch ein Kapitel vor⸗ leſen.“ Darrell nahm das heilige Buch und las die Bergpredigt. Nie hatte Lionel etwas Aehnliches gehört wie dieſe Lectüre; das Ge⸗ fühl, welches die Tiefe des Sinnes zur Geltung brachte, die Töne, lieblicher als die Flöte, welche die göttlichen Worte in Muſik kleideten! Als Darrell aufhörte, ſchien der Tag etwas von ſeiner Schönheit ein⸗ zubüßen. Er verweilte noch einige Minuten, indem er ſich freundlich und vertraut unterhielt; dann ging er in eine andere Hütte, wo ein krankes Weib lag. Er hörte ihre Wehklagen, verſprach ihr etwas Gu⸗ tes aus ſeiner eigenen Apotheke zu ſchicken, heiterte ſie auf, ſo daß ſie ſich zuletzt ganz glücklich fühlte, und wandte ſich beim Weggehen an Lionel mit einem ſelbſtzufriedenen Lächeln, das zu fragen ſchien: Liegt darin nicht Gewalt? Aber es war die traurige Eigenthümlichkeit dieſes merkwürdigen Mannes, daß alle ſeine Stimmungen raſchen und ſcheinbar unerklär⸗ lichen Wechſeln unterworſen waren. Es war als habe irgend ein gro⸗ ßer Schlag ſeine Organiſation in ihrer Geburt getroffen und ihre ori⸗ ginelle Harmonie in Stücke zerſchlagen, von denen jedes an und für ſich eindruckſam war, die aber mit einem plötzlichen Mißklang wie eine von den Winden geſpielte Harfe ineinander zerrannen. Denn nach dieſer augenſcheinlichen Anſtrengung, um durch Beruhigung oder Stär⸗ kung Anderer ſich ſelbſt zu tröſten oder aufrecht zu erhalten, ſank Dar⸗ rell's Kopf plötzlich wieder auf ſeine Bruſt, und er ſchritt das Dorf hinauf, ohne die offenen Thüren der wartenden Hüttenbewohner oder die Begrüßungen beſcheidener Vorübergehenden länger zu beachten. „Und ich hätte hier ſo glücklich ſeyn können!“ ſagte er plötzlich.„Kann ich es nicht mehr ſein? Ach, vielleicht wenn ich ganz alt, wenn ich nur noch durch den Faden einer Stunde an die Welt gebunden bin. Alte Leute ſcheinen ſo glücklich zu ſeyn; hinter ihnen ſchwinden alle Erinnerungen außer denen der Kindheit und muntern Ingend; vor . 5““ — 181 ihnen die ſchmale Furt und die Sonne, welche durch die Wolken am andern Ufer bricht. Das kritiſche Altwerden iſt es, was den Mann offenbar am meiſten beunruhigen muß; überſtandene Kümmerniſſe to⸗ ben noch immer fort, und ſo lange er noch Kraft in ſeinen Gliedern, noch Leidenſchaft in ſeinem Herzen hat, kann er ſich nicht mit dem ver⸗ ſöhnen, was im Proſpekt zunächſt zum Vorſchein kommt— mit dem Lehnſtuhl und dem gelähmten Kopfe. Wahrlich, das Leben iſt ein ſeltſamer Wirrwar. Die unzuſammengehörigſten Stücke fügen ſich ineinander, und ſo wird das Schema allmählig ſymmetriſch und klar; aber auf einmal, wenn das Kind in die Hände klatſcht und ruft: „Seht, ſeht, jetzt wird es ſchön!“ da werden alle Stücke wieder in die Lade gefegt— in die ſchwarze Lade mit den vergoldeten Nägeln. Heh, Lionel, ſchaut auf; da iſt unſere Dorfkirche, und hier, dicht an meiner Rechten, der Kirchhof.“ Während nun Darrell und ſein junger Gefährte ihre Blicke rechts von der Dorfgaſſe nach dem grauen Kirchlein und dem heiligen Be⸗ gräbnißplatz richteten, wo da und dort unter beſcheideneren Gräbern ein Denkſtein zum Gedächtniß eines früheren Darrell emporragte, für deſſen Ueberreſte man den lebendigen Raſen dem Familiengewölbe vor⸗ gezogen hatte; während Beide langſam nach der Wohnung der Todten zuſchritten und ſich in ſtillem Nachdenken über das Geländer hinlehn⸗ ten, das ſie vor den ringsumher graſenden Thieren ſchützte, ſtand ein Fußreiſender, ein Ortsfremder auf der Schwelle des kleinen Wirths⸗ hauſes, das ungefähr fünfzig Schritte von da links am Wege lag, und betrachtete mit ſcharfen Blicken die ſtillen Geſichter der beiden Verwandten. 3 Dann wandte er ſich gegen die Wirthin, die mit einem Glas Brandy⸗and⸗Water in der Hand(dem dritten Glas, welches der Fremde während ſeines halbſtündigen Aufenthalts im Wirthshaus verlangt hatte) in ſeiner Nähe ſtand, und ſagte: „Der größere Gentleman dort iſt gewiß Euer Squire, nicht wahr? Aber wer iſt der kleinere und jüngere Mann?“ Die Wirthin ſtreckte ihren Kopf vor. „Oh! das iſt ein Verwandter des Squire, der gegenwärtig auf Beſuch bei ihm iſt, Sir. Ich habe den Kutſcher ſagen hören, daß der Squire ihm ungemein zugethan ſey, und die Leute im Schloß glauben, der junge Gentleman werde ſein Erbe werden.“ „Aha!— wirklich— ſein Erbe? wie heißt der Junge? und wie mag er mit Mr. Darrell verwandt ſeyn?“ „Ich weiß den Verwandtſchaftsgrad nicht genau, Sir, aber er iſt einer von den Haughtons, und dieſe ſind ſeit uralten Zeiten mit den Leuten in Fawley verwandt.“ 3 „Haughton!— Aha! Dank Euch, Ma'am. Da wechſelt ge⸗ fälligſt.“ 4 Der Fremde ſtellte ſeinen Schnaps weg und ſtreckte die Hand aus, um die gewechſelte Münze in Empfang zu nehmen. „Bitte um Verzeihung, Sir, aber dieß muß ausländiſches Geld ſeyn,“ ſagte die Wirthin, indem ſie mit argwöhniſcher Neugierde ein Fünffrankenſtück auf ihrer flachen Hand herumdrehte. „Ausländiſch! iſt's möglich?“ Der Fremde griff von Neuem in ſeine Taſche und brachte augenſcheinlich mit einiger Schwierigkeit eine halbe Krone heraus. „Noch ſechs Pence mehr, wenn ich bitten darf, Sir; drei Bran⸗ dies und Brod und Käſe, und dann das Ale, Sir.“ „Wie dumm ich bin! Ich hielt dieſe franzoͤſiſche Münze für ein Fünfſchillingſtück. Ich fürchte, ich habe außer dieſer halben Krone kein engliſches Geld bei mir, und ich kann von Euch nicht verlangen, daß Ihr mir trauen ſollt, da Ihr mich nicht kennet.“ „Oh, Sir, das iſt ganz gleich, wenn Ihr den Squire kennet. Ihr werdet wohl einmal wieder hier vorbeikommen.“ „Wenn das geſchieht, ſo werde ich ſicherlich meine Schuld nicht vergeſſen,“ ſagte der Fremde und entfernte ſich mit einem Kopfnicken in derſelben Richtung, welche Darrell und Lionel bereits eingeſchlagen hatten— durch einen Schlagbaum an einem öffentlichen Weg, welcher 183 am Kirchhof und dem benachbarten Pfarrhaus vorbei längs eines Kornfeldes nach den Fawley'ſchen Gütern führte. Der Weg war ſchmal, das Korn ſtand hoch auf beiden Seiten, ſo daß zwei Perſonen nicht wohl neben einander gehen konnten. Lionel war einige Schritte voraus, denn Darrell ging langſam. Der Fremde folgte in einiger Entfernung; mehrere Male beſchleunigte er ſeinen Schritt, als wäre er entſchloſſen Darrell einzuholen, dann aber ſank ihm augenſcheinlich der Muth wieder und er blieb von Neuem zurück. Es war etwas Verſtohlenes und Unheimliches an dem Mann. Von ſeinem Geſicht konnte man wenig ſehen, denn er trug einen brei⸗ ten Hut von ausländiſcher Fagon tief über ſeine Brauen gedrückt, und Lippen und Kinn waren durch einen dunkeln vollen Schnurr⸗ und Backenbart verdeckt. Was jedoch von dem allgemeinen Umriß des Geſichtes erkenntlich blieb, das war entſchieden hübſch, aber eine von Natur blühende Farbe ſchien das erhitzte Ausſehen gewonnen zu ha⸗ ben, das in Folge früherer Gewohnheiten der Unmäßigkeit eintritt, bevor es zu der ſpäter eintretenden Bleifarbe verblaßt. Sein Anzug verkündete Anſpruch auf einen gewiſſen Rang, aber die Beſtandtheile deſſelben paßten auffallend ſchlecht zuſammen, waren außer der Zeit und gänzlich abgeriſſen: perlfarbige Hoſen mit ſeidenen Streifen an den Seiten hinab, Halbſtiefelchen zum Zubinden, Pariſer Mode vor drei Jahren, aber die Hoſen zerlumpt, die Streifen farblos, die Halbſtiefelchen zerlöchert. Der Frack— einſt ein ſchwarzer Ge⸗ ſellſchaftsfrack— von einem Zuſchnitt, der ein Paar Jahre vor den Hoſen datirte; Umſchläge von Atlas— Frack fadenſcheinig, Atlas beſchmutzt. Ueber Alles eine Art Sommerreiſemantel oder vielmehr ein weiter Kragen von waſſerdichter Seide, einſt die höchſte Mode bei den Lions der Chauſſee d'Antin, wenn ſie es je wagten in den Schwei⸗ zer Kantonen oder deutſchen Bädern herumzuſchwärmen; ein Klei⸗ dungsſtück, das aber wegen einer gewiſſen weibiſchen Zierlichkeit in ſeiner Form und ſeinem Gewebe ſowohl die höchſte Eleganz im allge⸗ meinen Aufzug des Trägers als auch die ſäuberlichſte Reinheit für —--— * ———. ———— y—— ſich ſelbſt erforderte. Von dieſem Reiſenden getragen und ſogar bei⸗ nahe ausgetragen, wurde der Kragen eine ſo traurige Putzſache wie ein zerfetzter Wimpel über einem Wrack. Aber trotz dieſer unanſtändigen, zerlumpten und verkommenen Kleidung konnte ein zweiter Blick nicht ermangeln den wunderſchönen Wuchs des Trägers zu bemerken— er war hoch und ſchlank, aber mit einer breiten Bruſt ausgeſtattet, die ungeheure Kraft verrieth, eine jener ſeltenen Figuren, an denen ein weibliches Auge die Grazie, ein Werbeunterofftzier die athletiſche Kraft bewundern würde. Aber gleichwohl verderbte die ganze Haltung und das ganze Ge⸗ bahren des Mannes, ſelbſt abgeſehen von den traurigen Mängeln ſei⸗ nes Aufzugs, der ihm das Anſehen eines zum Bettler herabgekomme⸗ nen Verſchwenders gab, den günſtigen Eindruck, Anmuth an und für ſich hervorbringt. welchen phyſiſche Es iſt ſchwer zu beſchreiben wie— ſchwer zu ſagen warum— aber ein Mann bekommt einen ganz eigenthümlichen Blick und nimmt einen ganz eigenthümlichen Gang an, wenn die übrige Menſchheit ihn von ſich ausſtößt; und unſer Mann hatte dieſen Blick und dieſen Gang. „So, 8 murmelte der Fremde;„dieſer Junge iſt ſein Erbe! — ſo, ſo. Wie kann ich's anfangen, um ihn zu ſprechen? In ſeinem eigenen Haus würde er mich nicht ſehen wollen: es muß, wie jetzt, im Freien geſchehen; aber wie kann ich ihn allein bekommen? und im Wirthshaus, in ſeinem eigenen Dorfe zu warten, ob vielleicht eines Tags eine Gelegenheit kommt, das iſt rein unmöglich. Er beſchleunigte ſeinen Schritt iſt das Geld dazu? Muth, Muth!“ Ueberdieß wo und ſtieß ſeinen Hut zurück.„Muth! warum nicht jetzt? Jetzt oder 14 nie! Während der Mann ſo vor ſich hin murmelte, hatte Lionel das Thürchen erreicht, das auf die Fawley'ſchen Güter führte, juſt hinter dem kleinen See. Er ſprang leicht darüber hinweg, ſich gegen Darrell zurück und rief: wartet, um Ench zu bewillkommnen.“ dann wandte er „Hier ſteht die Daͤmgaiß, und 185 Juſt als Darrell, der den Zuruf kaum beachtete, ſein ſinnendes Auge auf den Boden geheftet, ſich dem Pförtchen näherte, öffnete eine ehrerbietige Hand daſſelbe weit, ein unterwürfiger Kopf verbeugte ſich tief, eine künſtlich ſanfte Stimme ſtammelte abgebrochene und undeut⸗ liche Worte, unter welchen die vernehmlichſten die waren:„Verzeiht mir— Etwas mitzutheilen— wichtig— hört mich an.“ Darrell fuhr, juſt als der Reiſende ihn beinahe berührt hatte, zuſammen und wich zurück wie ein Menſch, dem plötzlich eine wilde Beſtie in den Weg tritt. Sein gebeugter Kopf richtete ſich ſtolz, ent⸗ rüſtet, herausfordernd auf; aber ſeine Wange war blaß und ſeine Lippe zitterte.„Ihr hier! Ihr in England— in Fawley! Ihr wagt es in meine Nähe zu kommen! Ihr, Sir, Ihr—“ Lionel hatte juſt den Ton der Stimme vernommen, als die Dam⸗ gaiß ſchüchtern zu ihm gekommen war. Er wandte ſich raſch um und erblickte Darrell's finſteres, gebieteriſches Geſicht, auf welchem er ne⸗ ben ſeinem finſtern und gebieteriſchen Ausdruck mit einem ſchnellen Blick auf einmal eine Ueberraſchung entdeckte, die beinahe an Furcht gränzte. Von dem Fremden, der noch immer das Pförtchen hielt, ſah er nur den Rücken und ſeine Stimme hörte er nicht, obſchon der Mann, nach ſeiner Geberde zu ſchließen, offenbar Etwas antwortete. Lionel blieb unſchluſſig einen Augenblick ſtehen. Als jedoch der Mann fortfuhr zu ſprechen, ſah er Darrell's Geſicht immer bläſſer werden und eilte im Drang einer unbeſtimmten Befürchtung zu ihm hin; aber als er bis auf drei Schritte zu Darrell gekommen war, that dieſer ihm Einhalt. „Geht heim, Lionel; dieſer Mann wünſcht mich unter vier Au⸗ gen zu ſprechen.“ Dann ſagte er leiſer zu dem Fremden:„Schließet die Thüre, Sir; Ihr ſtehet auf dem Land meiner Väter. Wenn Ihr mich ſprechen wollt, ſo kommt hieher.“ Damit ſchritt Darrell raſch durch das Korn hindurch auf einen Strich unbebauten Landes zu, der neben dem Felde lag. Der Mann folgte ihm und Beide entſchwanden aus Lionels Augen. Die Damgaiß war bis an's Pförtchen gekom⸗ —— 8— 1 men, um ihren Herrn zu begrüßen; ſie blieb jetzt, die Naſe an den Riegel gedrückt, mit Blicken wehmüthiger Enttäuſchung ſtehen. „Komm,“ ſagte Lionel,„komm.“ Die Damgaiß rührte ſich nicht von der Stelle. Der Junge ging alſo allein weiter und beſchäftigte ſich nicht viel mit dem was ſo eben vorgefallen war. Ohne Zweifel, dachte er, iſt es Jemand aus der Nachbarſchaft, der über ländliche Angelegenheiten zu ſprechen hat. Er ſchlenderte am See hin und ſetzte ſich auf eine Gartenbank in der Nähe des Hauſes. An was dachte er da?— wer weiß? Viel⸗ leicht an die große Welt; vielleicht an die kleine Sophy! Die Zeit verſtrich, die Sonne neigte ſich weſtlich, als Darrell, ohne ein Wort zu ſagen, an ihm vorbeieilte und ins Haus trat. Der Wirth erſchien nicht beim Mittagsmahl und zeigte ſich über⸗ haupt den ganzen Abend nicht. Mr. Mills brachte eine Entſchuldi⸗ gung; Mr. Darrell fühlte ſich nicht ganz wohl. Fairthorn hatte Lionel ganz allein, und da er in den letzten paar Tagen ſich wieder in offener Herzlichkeit an den jungen Gaſt ange⸗ ſchloſſen hatte, ſo war er an dieſem Abend beſonders mittheilſam. Er ſprach viel von Darrell und mit all der Zuneigung, welche der arme Flötenbläſer trotz ſeiner Angſt für ſeinen unfreundlichen Patron em⸗ pfand. Er erzählte viele Anekdoten von der zartherzigen Güte des finſtern Mannes gegen Alle, die mit ihm in Berührung kamen. Er erzählte auch noch ſchlagendere Anekdoten von der Härte des gütigen Mannes, wenn irgend ein hartnäckiges Vorurtheil, irgend eine herr⸗ ſchende Leidenſchaft ihn zu Granit machte. „Bei Gott! mein theurer junger Sir,“ ſagte Fairthorn,„Ihr könnt ſein bitterſter offener Feind ſeyn und in die Pfütze fallen, ſo wird die erſte Hand, die Euch zu Hülfe kommt, Guy Darrells Hand ſeyn; aber ſeyd ſein ausgeſprochener Freund und verrathet ihn in der geringſten Kleinigkeit, ſo müßt Ihr, wenn Ihr klug ſeyd, es nie⸗ mals verſuchen ſein Geſicht wieder zu ſehen.— Er iſt dasjenige 187 menſchliche Weſen, das am meiſten, aber auch am wenigſten ver⸗ zeiht. Aber—“ Die Thüre des Arbeitsſtübchens öffnete ſich geräuſchlos und Darrell's Stimme rief:— „Fairthorn, ich möchte mit Euch ſprechen!“ Fünfzehntes Kapitel. Jede Straße hat zwei Seiten, die ſchattige und die ſonnige. Wenn zwei Männer einander zum Abſchied die Hände ſchütteln, ſo gebt Acht, wel⸗ cher von Beiden die ſonnige Seite nimmt; es wird der jüngere ſeyn. Am folgenden Morgen erſchien weder Darrell noch Fairthorn beim Frühſtück; aber ſobald Lionel dieſes Mahl eingenommen hatte, benachrichtigte ihn Mr. Mills mit gewohnter Höflichkeit, daß Mr. Darrell ihn in ſeinem Arbeitszimmer zu ſprechen wünſche. Im Arbeits⸗ zimmer, über deſſen Schwelle Lionel ſeinen Fuß noch nie geſetzt hatte! Er betrat es jetzt mit einer Miſchung von Neugierde und Ehrfurcht. Nichts Merkwürdiges darin außer dem Portrait vom Vater des Wirthes, das über dem Kaminſims hing. Bücher lagen auf Tiſchen, Stühlen und Boden in der Unordnung umher, die vielſtudirenden Leuten angenehm iſt. In der Nähe des Fenſters ſtand ein Glasbaſſin mit Goldfiſchchen, und dicht dabei ſaß ein Singvogel in ſeinem Käfig. Darrell konnte ohne Genoſſenſchaft von der menſchlichen Spezies lebe⸗ nicht aber ohne Etwas das er protegirte und liebte— war es auch nur ein Vogel oder ein Fiſch. Darrell ſah wirklich übel aus; ſein ſcharfes Auge war beinahe trube und die Linien in ſeinem Geſicht ſchienen tiefer. Aber er ſprach mit ſeiner gewöhnlichen ruhigen, leidenſchaftsloſen und melodiſchen Stimme. „Ja,“ ſagte er, in Beantwortung der wirklich ängſtlichen Frage Lionels,„ich bin unwohl. Müßiggänger wie ich geben dem Unwohl⸗ 188 ſein nach. Als ich ein beſchäftigter Mann war, that ich es nicht, und da gab das Unwohlſein mir nach. Auf dieſe Art ſind meine allge⸗ meinen Pläne wenn auch nicht weſentlich verändert, doch wenigſtens früher als ich erwartete zu ihrer Ausführung getrieben worden. Ehe Ihr hieherkamt, ſchrieb ich Euch, Ihr möchtet bald kommen, ſonſt würdet Ihr mich vielleicht nicht mehr antreffen. Ich beabſichtigte dieſen Sommer eine Reiſe in's Ausland zu machen und werde jetzt auf einmal aufbrechen. Eine Veränderung der Landſchaft und Luft thut mir Noth. Ihr werdet heute nach London zurückkehren.“ „Heute! Ihr ſeyd mir doch nicht böſe?“ „Böſe! nein, mein lieber Junge und Vetter,“ erwiederte Darrell in ungewöhnlich zärtlichem Ton,„böſe— pfui! Aber da die Trennung geſchehen muß, ſo thut man wohl den Schmerz eines langen Abſchieds ab⸗ zukurzen. Auch Ihr müßt Eure Mutter zu ſehen wünſchen, um ihr zu danken, daß ſie Euch durch ihre Erziehung möglich gemacht hat aufrechten Hauptes von der Armuth in die Wohlhabenheit überzugehen. Ihr werdet Mrs. Haughton dieſen Brief übergeben: was Euch ſelbſt betrifft, ſo ſcheinen Eure Neigungen ſich der Armee zuzuwenden. Aber bevor Ihr Euch für dieſe Laufbahn entſcheidet, möchte ich wünſchen, daß Ihr etwas mehr von der Welt ſähet. Gehet morgen zu Oberſt Morley in Curzon Street: dieß iſt ſeine Adreſſe. Er wird mit der heutigen Poſt ein Billet von mir erhalten, worin ich ihn erſuche, Euch zu berathen. Folget ſeinen Rathſchlägen in dem was die Welt betrifft. Er iſt ein Mann von Welt— ein entfernter Verwandter von mir— und er wird Euch um meinetwillen gütig empfangen. Habe ich noch mehr zu ſagen? Ja. Es ſcheint eine unfreundliche Sprache zu ſeyn; aber ich muß ſie ſprechen. Ihr könnt ſicher darauf rechnen, daß Ihr von mir ein unabhängiges Einkommen erhaltet. Laßt Euch nicht durch müßige Schmarotzer, die Euch etwa vorſchwatzen könnten, daß Ihr mehr bekommen werdet, zu Ausſchweifungen verleiten. Gebt Euch nicht der wenn auch plauſibeln Erwartung hin, daß Ihr mein Erbe ſeyn werdet.“ 189 „Mr. Darrell— ob, Sir—“ — „Still— die Erwartung wäre ganz vernünftig; aber ich bin ein ſonderbares Weſen. Ich könnte mich wieder verheirathen— könnte eigene Erben bekommen. Ei, Sir— warum nicht?“ Dieſe letzten Worte ſprach Darrell beinahe trotzig und heftete ſeine Augen auf Lionel, als er wiederholte:„Warum nicht?“ Als er jedoch ſah, daß das Geſicht des Jünglings keine Ueberraſchung verrieth, da ſänf⸗ tigte ſich auch der Ausdruck ſeines eigenen Geſichtes und er fuhr ruhig fort:„Genug; was ich da ſo rauh geſagt habe, war freundlich ge⸗ meint. Es iſt Verrath gegen einen jungen Mann ihn auf ein Ver⸗ mögen rechnen zu laſſen, das ihm doch zuletzt vielleicht nicht zufällt. Jetzt gehet, Lionel; genießet Euern Lebenslenz;— gehet reich an Hoffnungen und mit leichtem Herzen. Wenn Kummer Cuch trifft, ſo bekämpfet ihn; wenn Irrthum Euch mißleitet, ſo wendet Euch furcht⸗ los an mich um Rath. Ei wie, Junge— was iſt das— Thränen? Pfui, pfui.“ „Eure Güte,“ ſtammelte Lionel.„Ich kann nicht dafür. Und gibt es denn gar Nichts, was ich Euch als Gegendienſt thun kann?“ „Doch, und zwar viel. Haltet Euren Namen frei von Befleckung und Euer Herz offen für ſolche edle Erregungen, die Thränen wie dieſe hervorrufen. Apropos ich habe heute von meinem Sachwalter Nach⸗ richten in Betreff Eurer armen kleinen Schützlingin erhalten. Sie iſt noch nicht aufgefunden, aber er ſcheint gute Hoffnungen auf ſchnellen Erfolg zu haben. Sobald ich mehr erfahre, ſollt Ihr in Kenntniß geſetzt werden.“ „Ihr werdet mir alſo ſchreiben, Sir, und ich darf Euch ſchreiben?“ „So oft Ihr wollt. Schreibt mir immer hieher.“ „Werdet Ihr lang ausbleiben?“ Darrell's Brauen zogen ſich zuſammen.„Ich weiß nicht,“ ſagte er kurz.„Adieu.“ Mit dieſen Worten oͤffnete er die Thüre. Lionel ſchaute ihn mit innigem Schmerz und kindlicher Zuneigung — — — 190 in ſeinen ſchwimmenden Augen an.„Gott ſegne Euch, Sir,“ mur⸗ melte er einfach und entfernte ſich. „Dieſer Segen hätte von mir kommen ſollen,“ ſagte Darrell zu ſich ſelbſt, als er umkehrte und an ſeinem einſamen Herde ſtand. Aber diejenigen, auf deren Häupter ich einſt einen Segen gegoſſen habe, wo ſind ſie— wo? Und die Erzählung dieſes Mannes, welche das freche Mährchen wieder ins Leben ruft, das der andere und, wie ich feſt glaube, weniger ſtrafbare von beiden Schurken mir vor Jahren aufzu⸗ heften ſuchte! Halt; laß mich wohl erwägen, was er ſagte. Wenn es wahr wäre! wenn es wahr wäre! O Schande, Schande!“ Die Arme feſt über ſeiner Bruſt gekreuzt, ging Darrell mit lang⸗ ſamen, abgemeſſenen Schritten tiefſinnend im Zimmer auf und ab. Er ſuchte wirklich ſein Gefühl zu unterdrücken und blos den Verſtand walten zu laſſen; auch ſchien ſein Denkprozeß ihn zuletzt vollkommen zu befriedigen, denn ſein Geſicht erheiterte ſich allmählig und ein tri⸗ umphirendes Lächeln flog darüber hin.„Eine Lüge— gewiß eine handgreifliche plumpe Lüge, eine Lüge muß und wird es ſeyn. Ich werde ſie niemals als Wahrheit annehmen. Vater(einen vollen Blick auf das Portrait über dem Kaminſims werfend), Vater, fürchte nichts — nie— nie!“ u 191 Drittes Buch. Erſtes Kapitel. Gewiß die Eidechſe iſt ein ſcheues und ängſtliches Geſchöpf. Sie ſchlüpft in Ritzen und Löcher, wenn man ihr zu nahe kommt, und wirft aus Furcht ſogar ihren Schwanz ab, wenn Ihr ſie am Ende deſſelben packet. Sie hat ihr Daſein nicht in guter Geſellſchaft— Niemand hält ſie im Käfig, Niemand liebkost ſie. Sie iſt eine müßige Landſtreicherin. Aber wenn ſie ſich durch das grüne Gras ſchleicht und unbeläſtigt ſich in der Sonne wärmt, ſo drängt ſie vielleicht in einer einzigen Sommerſtunde eben ſo viel Genuß zuſammen, als ein Papagai, ſo vollgeſtopft und gelehrt er ſeyn mag, über ein ganzes Salonleben verbreitet, das er damit zubringt, daß er von Zeit zu Zeit„Wie gehts Euch?“ und„hübſcher Poll!“ ruft. An dem trüben und düſtern Sommermorgen, wo Großvater und Enkelin vom freundlichen Dach des Mr. Merle ſchieden, waren die Gedanken der kleinen Sophy ſehr trübe und ſehr düſter. Sie ging langſam hinter dem weißköpfigen Krüppel einher, der ſich ſo ſchwer auf ſeinen Stab lehnen mußte, und ihr Auge hatte nicht einmal ein Lächeln für die goldenen Hahnenfüße, die auf thauigen Wieſen der trockenen Straße entlang glitzerten. Auf dieſe Art waren ſie getrennt und ſchweigend bis über den zweiten Meilenſtein hinausgekommen. Hier erwachte Waife aus ſeinen Träumereien, die vielleicht noch trüb⸗ ſeliger waren als die des niedergeſchlagenen Kindes, hielt plötzlich an, fuhr einigemal mit der Hand raſch über ſeine Stirne, wandte ſich gegen Sophy um und ſchaute ihr mit großer Freundlichkeit ins Ge⸗ ſicht, als ſie langſam an ſeine Seite kam. 192 „Du biſt betrübt, liebes Kind?“ ſagte er. „Sehr betrübt, Großvater.“ „Und mißvergnügt über mich? Ja mißvergnügt, weil ich dich plötzlich von dem hübſchen jungen Gentleman weggenommen habe, der ſo freundlich gegen dich war, und weil ich deiner Hoffnung ihn wieder zu treffen keinen Vorſchub leiſtete.“ „Es ſah Euch gar nicht gleich, Großvater,“ antwortete Sophy, und ihre Unterlippe trat ein wenig vor, während eine dicke Thräne in ihrem Auge ſchwoll. „Es iſt wahr,“ ſagte der Landſtreicher;„nichts was an geſunden Verſtand erinnert, ſieht mir gleich. Aber glaubſt du nicht, daß ich das that, was nach meiner feſten Ueberzeugung für dich am beſten war? Muß ich nicht gewichtige Gründe dafür beſitzen, wenn ich das Herz habe dir mit allem Vorbedacht durch den Sinn zu fahren?“ Sophy ergriff ſeine Hand und drückte ſie, konnte ſich aber nicht getrauen zu ſprechen, denn ſie fühlte, daß ſie bei dieſer Anſtrengung in einen bittern Thränenſtrom hätte ausbrechen müſſen. Dann be⸗ gann Waife ihr viele jener weiſen Sprüche vorzuſagen, die ſo alt ſind wie die Berge und ſo hoch über unſern Kümmerniſſen ſtehen wie dieſe Berge über dem Thal, worin wir wandeln. Er ſagte, wie thöricht es ſey ſich durch verkehrte Einbildungen und unmögliche Hoffnungen Sorgen zu bereiten. Der hübſche junge Gentleman könne für ſie nichts ſeyn, und ſie koͤnne für den hübſchen jungen Gentleman nichts ſeyn. Es ſey ganz ſchön von dem hübſchen jungen Gentleman, daß er ver⸗ ſprochen habe mit ihr zu korreſpondiren; aber ſo bald er zu ſeinen Freunden zurückkehre, werde er an andere Dinge zu denken haben, und ſie werde bald vergeſſen ſeyn, während ſie dagegen an ihn, an die Themſe und die Schmetterlinge denken und ihr hartes Leben noch weit qualvoller finden würde. Alles das und noch weit mehr trug Gent⸗ leman Waife in der gewohnlichen Weiſe von Tröſtern, die von dem Grundſatz ausgehen, daß der Kummer ein Gegenſtand der Logik ſey, mit einer Kraft des Raiſonnements vor, die keine Erwiederung 193 geſtattete, aber auch nicht den mindeſten Troſt ſpendete. Und der große Schauſpieler, der aber in dieſem Augenblick nicht ſpielte, fühlte dieſes auch, denn er hielt plötzlich inne, ſchloß das Kind in ſeine Arme und murmelte in gebrochenen Tönen:„Aber wenn ich dich ſo niederge⸗ ſchlagen ſehe, ſo bleibt mir keine Kraft mehr, um durch das Leben zu hinken, und je früher ich mich niederlege, je früher die Erde über mich geſchaufelt wird, um ſo beſſer iſt es für dich, denn es ſcheint, daß der Himmel dir Freunde ſchickt, und ich reiße dich von ihnen weg.“ Und nun ließ Sophy ihrem Schluchzen freien Lauf: ſie ſchlang ihre Aermchen krampfhaft um den Hals des alten Mannes, küßte mit flehender, pathetiſcher Zärtlichkeit ſein rauhes Geſicht und zwang unter ihren Thränen die Worte heraus:„Sprecht nicht ſo! Ich bin un⸗ dankbar und gottlos geweſen. Ich frage nach Niemand als nach meinem lieben, lieben Großvater.“ Nach dieſer kleinen Scene faßten ſie ſich Beide und es wurde ihnen weit leichter ums Herz. Sie ſetzten ihre Reiſe fort, aber nicht länger getrennt, ſondern Seite an Seite, und der alte Mann lehnte ſich, obwohl ganz leicht, auf den Arm des Kindes. Aber es fand kein unmittelbarer Umſchlag von der Betrübniß zur Heiterkeit ſtatt. Waife begann in ſanften Tönen und in unbeſtimmten Ausdrücken von ſeinen traurigen Erlebniſſen aus früherer Zeit zu ſprechen, und ſo unvoll⸗ ſtändig ſeine Mittheilungen waren, ſo ſchienen doch die Kümmerniſſe des alten Mannes unendlich groß neben denen des Kindes, obſchon er ſie ſo darſtellte, als ob er weit mehr ihr Schickſal bemitleidete, als ſein eigenes beklagte. „Ach, in deinem Alter, mein theures Kind, hatte ich nicht ſolche Trübſale und ſolches Ungemach zu erleiden wie du. Ich mußte mich nicht zu Fuß mit einem heruntergekommenen und zu Allem untaug⸗ lichen Landſtreicher auf dieſen ſtaubigen Straßen hinſchleppen. Ich betrat reiche Teppiche und ſchlief unter ſeidenen Vorhängen. Ich fuhr in glänzenden Equipagen ſpazieren, ich ein ſolcher Unhold— und du mein liebes,, gutes Kind! Alles iſt dahin, ich bin um Alles Bulwer, was wird er damit machen? 13 194 gekommen, und jetzt bin ich wahrlich nicht im Stande dir für die nächſten Tage eine Brodrinde zuzuſichern.“ „Oh ja. Ich werde Brod haben und Ihr auch, Großvater,“ rief Sophy mit heiterer Stimme;„Ihr habt mich gelehrt zu Gott zu beten, und Ihr ſagtet, daß Gott in allen Euern Trübſalen gütig gegen Euch geweſen ſei; und er iſt ſo gütig gegen mich geweſen, ſeit ich zu ihm gebetet habe, denn ich habe jetzt keine ſchreckliche Mrs. Crane mehr, die mich ſchlägt und mir Dinge ſagt, welche noch härter zu er⸗ tragen ſind als Schläge— und Ihr habt mich zu Euch genommen. Wie habe ich um das gebetet! Und ich darf für Euch ſorgen, Groß⸗ vater, nicht wahr? Ich habe auch um das gebetet, und was Equi⸗ pagen betrifft,“ fügte Sophy mit ſtolzer Miene hinzu,„ſo frage ich nicht darnach, wenn ich auch mein Leben lang in keine Equipage komme; und Ihr wißt ja, ich bin ſchon in einem glänzenden Wagen gefahren, und es hat mir gar nicht gefallen. Aber wie kamen die Leute dazu Euch ſo übel zu behandeln, Großvater?“ „Ich habe nie geſagt, daß die Leute mich übel behandelt haben, Sophy.“. „Haben ſie nicht die Teppiche und ſeidenen Vorhänge und all die ſchönen Dinge, die Ihr als kleiner Knabe hattet, weggenommen?“ „Ich weiß nicht genau,“ antwortete Waife mit verlegener Miene, „ob die Leute wirklich das weggenommen haben— aber verſchwunden iſt es. Gleichwohl hatte ich noch immer Urſache dankbar zu ſeyn.— Ich war ſo kräftig, ich hatte einen ſo heitern Muth, Sophy, und ich fand Leute, die mich nicht übel behandelten; im Gegentheil ganz freund⸗ lich. Ich fand kein Ungeheuer wie deine Crane, mein lieber Engel. Ich hatte ſo herrliche Ausſichten vor mir, wenn ich nur gerade auf ſie losgeſchritten wäre; aber ich folgte meiner eigenen Laune, die mich Zickzack führte, und jetzt, wo ich wieder auf die Hauptſtraße einlenken möchte, ſiehſt du einen Mann vor dir, den ein Friedensrichter in die Tretmühle ſchicken könnte, weil er ſichs erlaubt ohne einen Nahrungs⸗ ſtand zu leben.“ 1 ——— —— 195 Sophy.—„Nicht ohne einen Nahrungsſtand!— Ihr habt ja, wie nanntet Ihr es nur? ein unabhängiges Einkommen— nämlich die drei Pfund, Großvater.“ Waife(bewundernd).—„Verſtändiges Kind. Das iſt wahr. Ja der Himmel iſt noch immer ſehr gut gegen mich. Ach, was will Vermögen heißen? Wie glücklich war ich mit meiner theuren Lizzy! und doch kann es keine zwei Perſonen geben, die mehr von der Hand in den Mund leben mußten.“ Sophy(etwas eiferſüchtig).—„Lizzy?“ Waife(mit feuchten Augen und geſenkten Blicken).—„Mein Weib. Sie wurde mir nur zwei Jahre gelaſſen— welche ſonnigen Jahre! Und wie dankbar ſollte ich nicht dafür ſeyn, daß ſie nicht länger lebte! All dieſe Schande— all dieſer Jammer iſt ihr erſpart worden.“ Eine lange Pauſe. Endlich fuhr Waife, indem er ſich ſeinen Erinnerungen wie den Klauen einer Harpie zu entwinden ſuchte, alſo fort:„Was nützt es zurückzublicken! Eines Mannes dahingegangenes Selbſt iſt ein todtes Ding. Nicht ich, der ich jetzt auf dieſer Straße herumſtreiche und mich auf dich lehne, bin es, den ich ſehe, wenn ich zurückblicke auf das was ich einſt war— es iſt ein anderes Weſen, das geſtorben und begraben iſt, und wenn ich zu mir ſelbſt ſage, dieſes Weſen that das und das, ſo iſt es mir, als ob ich eine Grabſchrift läſe. So kam ich zuletzt einſam und hoffnungslos in mein Land zurück, und da fand ich dich— einen größeren Segen als ich je zu hoffen gewagt hatte. Und wie ſollte ich dich erhalten und dich von dieſem langnaſigen Alligator, genannt Crane, wegnehmen und in weiblich ſanfte Hände legen?— Denn ich dachte damals nicht daran, dich allem dem auszuſetzen, was du ſeither mit mir ausgeſtanden haſt. Ich verſtand nicht eine einzige nützliche Sache im Leben, womit man einen Pfennig verdienen kann. Und damals, als ich ganz allein in einem Dorfbierhaus war auf meinem Rückweg von— gleichviel von was oder von wo— aber es war mir Etwas mißlungen und ich war in Verzweiflung— damals warf 13* 196 mir die Vorſehung in ihrer Güte Mr. Rugge in den Weg— und fügte es, daß ich dieſem Hallunken von großem Werth und daß dieſer Hallunke mir von großem Nutzen ſeyn konnte.“ Sophy.—„Ah wie machte ſich das?“ Waife.—„Es war Marktzeit in dem Dorf, wo ich mich auf⸗ hielt, und Rugge's erſter Schauſpieler wurde vom delirium tremens befallen, was die lateiniſche Benennung für eine Krankheit iſt, die ſehr häufig an Leute kommt, welche wenig eſſen und viel trinken. Rugge kam in das Bierhaus und beklagte ſeinen Verluſt. Da kam mir ein leuchtender Gedanke. Ich hatte mich ſchon früher mit Schau⸗ ſpielen abgegeben. Ich erbot mich jetzt auf Mr. Rugge's Bühne mein Heil zu verſuchen;— er griff nach mir— ich nach ihm. Ich hatte Erfolg; wir kamen überein, und ſo wurde meine kleine Sophy von dieſem lockenköpfigen Krokodil weggenommen und zu chriſtlichen Frauenzimmern gebracht, welche Hauben trugen und ihre Bibel laſen. Iſt nicht der Himmel gütig gegen uns, Sophy, und beſonders gegen mich— einen ſolchen Taugenichts?“ „Und dieß Alles habt Ihr um meinetwillen gethan und erduldet?“ „Erduldet— oh ich that es gern. Und überdieß mußte ich Et⸗ was thun; auch waren Gründe vorhanden— kurz, ich war ganz glück⸗ lich— nein, nicht gerade glücklich, aber doch comfortabel und ver⸗ gnügt. Die Vorſehung gibt den Thieren, die in kalten Himmels⸗ ſtrichen leben müſſen, dicke Häute, und dem Mann, welchem ſie Kummer zudenkt, verleiht die Vorſehung eine derbe, joviale Gemüthsart. Als ich dann durch eine gütige Fügung von dem errettet wurde, was ich am meiſten haßte und fürchtete, und an was ich gar nie gedacht haben würde, wenn ich nicht gemeint hätte, es könnte zu deinem Glück aus⸗ ſchlagen— ich ſpreche von der Londoner Bühne— und als ich dieſen ſchlimmen Unfall auf der Eiſenbahn hatte, wie endete das? Oh, da⸗ mit daß ich dich rettete(und Waife ſchloß ſeine Augen und ſchauderte), daß ich dein Geſchick vor demjenigen rettete, was für dich geiſtig und leiblich weit verderblicher geweſen wäre, als das Schlimmſte, was dir 197 an meiner Seite widerfahren iſt. Und ſo ſind wir zuſammengeworfen worden; und ſo haſt du mich geſtützt; und ſo hat die Vorſehung, als wir uns ohne Mr. Rugge forthelfen konnten, uns von ihm erlöst. Und ſo wandern wir jetzt auf der Straße hin, und zwiſchen den Bäumen dort kannſt du das Dach erblicken, unter welchem wir eine Weile ausruhen werden; und dort wirſt du erfahren, was ich mit den drei Pfund gemacht habe.“ „Iſt es nicht der fleckige Knabe, Großvater?“ „Nein,“ ſagte Waife mit einem Seufzer,„der fleckige Knabe iſt ein hübſches Einkommen, aber laß uns nur auf die Vorſehung ver⸗ trauen und gewiß erweist ſich auch unſere neue Erwerbung als ein ungeheuer—“ „Ein Ungeheuer?“ „Als ein ungeheuer glücklicher Fund.“ Zweites Kapitel. Die Unternehmung kommt ans Licht. Gentleman Waife ging durch einen Schlagbaum einen ſchmalen Weg hinab und erreichte ein einſames Häuschen. Er klopfte an die Thüre; eine alte Bauernfrau öffnete ſie und machte ihm einen höf⸗ lichen Knixr.„Wahrhaftig Sir, ich bin froh, daß Ihr kommt. Ich fürchte ſehr, er iſt todt.“ „Todt!“ rief Waife.„Oh Sophy, wenn er todt wäre!“ „Wer?“ Waife achtete nicht auf die Frage.„Was bringt Euch zu der Meinung, daß er todt ſey?“ ſagte er in ſeinen Taſchen ſtöbernd, aus denen er endlich einen Schlüſſel hervorbrachte.„Ihr habt doch mei⸗ nem ſtrengen Befehle nicht zuwidergehandelt und Nichts an der Thüre gemacht?“ „So wahr Gott lebt, nein, Sir. Aber er hat einen ſo ſchreck⸗ 198 lichen Lärm gemacht. Und jetzt iſt er ſo ſtill wie eine Leiche. Und ich habe durch das Schlüſſelloch geguckt, und da lag er ganz ſtarr auf dem Boden.“. „Hunger vielleicht,“ ſagte der Schauſpieler;„ſo macht er es, wenn er lang über ſeine gewoͤhnlichen Stunden faſten muß. Folge mir, Sophy.“ Er ſchob die Frau auf die Seite, trat in die ſandbeſtreute Küche und ſtieg eine Treppe hinan, die von da aus führte; Sophy folgte ihm, blieb an einer Thüre ſtehen und lauſchte; nicht ein Laut. Aengſt⸗ lich öffnete ſie das Pförtchen und kroch hinein, als auf einmal ein Geräuſche entſtand und eine heftige aber doch weiche, ſchmutzige aber weißliche Maſſe aufſprang, an dem Schauſpieler vorbeijagte und auf Sophy losſtürzte, die einen Angſtſchrei ausſtieß.„Haltet ihn, haltet ihn ums Himmelswillen!“ rief Waife.„Schließt die Thüre unten— haltet ihn feſt.“ Inzwiſchen bewegte ſich die Maſſe die Treppe hinab, und hinter ihr her humpelte Waife hinunter, kehrte jedoch in wenigen Augenblicken mit dem wiedereingefangenen geheimnißvollen Flücht⸗ ling zurück.„Da,“ rief er triumphirend Sophy entgegen, die voll Angſt an der Wand ſtand, ihr Geſicht in ihrem Röckchen begrub und lange nicht aufſchauen wollte,„da— zahm wie ein Lamm und kennt mich. Sieh“— er ſetzte ſich auf den Boden, und Sophy, die zögernd ihre Augen aufſchlug, erblickte, gravitätiſch unter einer Maſſe zottiger Locken ſie anſchauend, einen gewaltigen— Drittes Kapitel. Entwickelung. Pudel! ————— 199 Viertes Kapitel. Zoologie in Verbindung mit Geſchichte. „Geht zu dieſer jungen Lady, Sir— geht, ſage ich.“ Der Pudel erhob ſich langſam auf ſeine Hinterbeine und ſchritt mit einem unaus⸗ ſprechlich feierlichen Ausſehen auf Sophy zu, welche haſtig in die Kammer zurückwich, worin das Thier eingeſperrt geweſen war. „Macht ein Compliment— nein— ein Compliment, Sir; ſo iſt's recht; Ihr könnt ein ander Mal die Hände ſchütteln. Geh ſchnell hinab, Sophy, und verlang ſein Futter.“ „Ja, das will ich;“ und Sophy flog die Treppe hinab. Der Hund ſtand noch immer auf ſeinen Hinterbeinen mitten in der Stube, würdevoll aber in ſichtlicher Erwartung. „So iſt's recht; legt Euch jetzt nieder und ſterbet. Sterbet augenblicklich, Sir.“ Der Hund ſtreckte ſich aus, ſchloß ſeine Augen und gab allem Anſchein nach den Geiſt auf.„Ein hoͤchſt glänzendes Geſchäft,“ ſagte Waife mit Begeiſterung,„und im Ganzen genommen, ſpottwohlfeil. He da! nicht Ihr ſollt ihm ſein Freſſen heraufbringen, nicht Ihr ſollt mit dem Hund Freundſchaft machen, ſondern mein kleines Mädchen; ſchickt ſie herauf; Sophy, Sophy!“ „Sie hat Angſt, Sir,“ ſagte die Frau, die eine Schüſſel mit Hundefutter in der Hand hielt;„aber ſchaut doch, Sir; iſt er nicht wirklich todt?“ „Sophy! Sophy!“ „Bitte, laßt mich hier bleiben, Großvater,“ rief Sophy unten an der Treppe. „Unſinn! Er hat ſeit ſechzehn Stunden keinen Biſſen zu freſſen bekommen. Und er wird niemals die Hand beißen, die ihn jetzt füttert. Komm herauf, ſage ich.“ Sophy ſtieg langſam wieder herauf, und Waifſe, der den Pudel durch ein Machtgebot ins Leben zurückrief, beſtand darauf, daß das 200 Kind ihn fütterte. Und in der That, als dieſer Akt der Mildthätigkeit vollbracht war, da zeigte der Hund ſeine Dankbarkeit durch eine Reihenfolge naturwüchſiger Sprünge und Schweifwedeleien, die Sophy's Aengſtlichkeit allmählig verſcheuchten und die Grundlagen jener innigen Freundſchaft bildeten, welche das natürliche Verhältniß zwiſchen Kind und Hund iſt. „Und wie ſeyd Ihr zu ihm gekommen?“ fragte Sophy;„und iſt dieß wirklich das neue Unternehmen?“ „Schließ die Thüre ſorgfältig, aber ſieh zuerſt, ob das Weib nicht lauſcht. Legt Euch nieder, Sir, hier zu den Füßen der jungen Lady. Guter Hund! Wie ich zu ihm gekommen bin? Das will ich dir ſagen. Am erſten Tag, wo wir in dem Dorf eintrafen, das wir ſo eben verlaſſen haben, ging ich zu dem Tabakkrämer. Während ich gerade meine Unze Knaſter kaufte, kam dieſer Hund in den Laden. In ſeinem Maul hatte er einen Sechspfenniger in Papier eingewickelt. Er erhob ſich auf ſeine Hinterbeine und legte ſeine Botſchaft auf den Ladentiſch. Die Krämerin, du kennſt ſie, Mrs. Traill— öffnete das Papier und las den Befehl. Ein geſcheidter Hund das, Sir,' ſagte ſie.— Er holt und bringt? ſagte ich gleichgültig.— Noch mehr als das, Sir; Ihr ſollt ſehen. Der Befehl lautet auf zwei Pfennige Schnupftabak. Der Hund weiß, daß er vier Pfennige zurückbekommt. Ich will ihm einen Pfennig zu wenig geben.’ So nahm ſie den Sechs⸗ pfenniger und gab dem Hund drei Pfennige darauf heraus. Der Hund ſchüttelte ſeinen Kopf und ſchaute ihr gravitätiſch in's Geſicht. Dieß iſt Alles was du bekommſt, ſagte ſie. Der Hund ſchüttelte wieder ſeinen Kopf und ſchlug mit ſeiner Pfote einmal auf den Laden⸗ tiſch, als wollte er ſagen: Ich laſſe mich nicht zum Beſten halten— noch einen Pfennig, wenn's beliebt.— Wenn du das nicht nehmen willſt, ſo bekommſt du gar nichts, ſagte Mrs. Traill und nahm ihre drei Pfennige zurück.“ „Ei der Tauſend! und was that da der Hund? hat er geknurrt oder gebiſſen?“ 201 „Oh nein; er wußte, daß er in ſeinem Rechte war, und ernied⸗ rigte ſich nicht durch Kundgebung böſer Laune. Der Hund ſchaute ſich ganz ruhig um, ſah in einer Ecke einen Korb, worin zwei oder drei Pfund Lichter lagen, die der Ladendiener irgend einem Kunden bringen ſollte, nahm den Korb in ſein Maul und drehte ſich um, als wollte er ſagen: Wurſt wieder Wurſt. Er verſtand, wie du ſiehſt, das was man das Geſetz der Repreſſalie nennt. Komm augenblick⸗ lich zurück, rief Mrs. Traill. Der Hund ging aus dem Laden; dann eilte ſie ihm nach und zählte die vier Pfennige vor ihn hin; darauf ſtellte er den Korb ab, las ſeine richtige Münze auf und ging bedaͤchtig weiter. Wem gehört dieſer Pudel? fragte ich.— Einem armen Trunkenbold, ſagte Mrs. Traill. Ich wünſchte, er wäre in beſſeren Händen.— Das wünſchte ich auch, Ma'am, antwortete ich; hat er ihn unterrichtet?— Nein, er wurde von ſeinem Bruder unterrichtet, der ein alter Soldat war und vor etwa vierzehn Tagen in ſeinem Hauſe ſtarb. Er kennt eine Menge Kunſtſtücke und iſt noch ganz jung. Man könnte ſchwer Geld damit verdienen, wenn man ihn öffentlich zeigte, Sir.“ So dachte ich auch. Ich fragte nach der Adreſſe des Eigenthümers, beſuchte ihn und fand ihn geneigt den Hund zu ver⸗ kaufen. Aber er verlangte drei Pfund, eine Summe, die damals ganz unerſchwinglich ſchien. Gleichwohl behielt ich den Hund fortwährend im Auge; ich ging täglich hin, um Freundſchaft mit ihm zu ſchließen und mich über ſeine Fähigkeiten zu vergewiſſern. Und endlich hatte ich es dir zu verdanken, Sophy, daß ich den Hund kaufen konnte; und was noch mehr iſt, ſobald ich zwei goldene Sovereigns zu zeigen hatte, erhielt ich ihn für dieſe Summe, ſo daß wir(außer kleinen Erſparniſſen von unſerer letzten Gage) noch ein Pfund übrig haben, das wir auf die Vollendung ſeiner Erziehung und auf die Bekanntmachung ſeiner Talente verwenden können. Ich hielt dieſes vor Merle und vor aller Welt geheim. Ich wollte ſogar nicht einmal den trunkliebenden Eigenthümer wiſſen laſſen, wohin ich den Hund geſtern brachte. Ich brachte ihn hieher, weil, wie ich im Dorf hörte, hier zwei Zimmer zu 202 vermiethen waren— ich ſchloß ihn ein— und jetzt weißt du die ganze Geſchichte.“ „Aber warum die Sache ſo geheim halten?“ „Weil ich durchaus nicht will, daß Rugge uns auf die Spur komme. Er könnte uns irgend einen böſen Streich ſpielen, denn ich habe einen großen Plan, der auf eine hübſche Stellung und hohe Preiſe für die Vorzeigung dieſes Hundes ausgeht. Und warum braucht man es zu wiſſen, woher wir kommen und was wir ſind? Ueberdieß könnte auch der Eigenthümer, wenn er wüßte, wo der Hund zu finden wäre, ihn uns wieder abſchwatzen. Glücklicher Weiſe hat er ſich bei dem Hund nicht ſonderlich beliebt gemacht, ſo daß dieſer ſich, wenn er ſich nicht weglocken läßt, bald an uns gewöhnen wird. Und nun denke ich, daß wir etwa eine Woche hier bleiben und uns ausſchließlich damit beſchäftigen ſollen, die natürlichen Talente dieſes begabten Ge⸗ ſchöpfes zur Entwicklung zu bringen. Hol die Dominoſteine heraus.“ „Wie heißt er?“ „Ha, das iſt die erſte Erwägung. Wie ſoll er heißen?“ „Hat er nicht ſchon einen Namen?“ „Ja— aber er iſt trivial und ohne alle Anziehungskraft— Mop! Im Privatleben könnte dieſes hingehen. Aber im öffentlichen Leben— gib einem Hund einen ſchlechten Namen, ſo wirſt du nie etwas mit ihm ausrichten. Mop, warum nicht gar!“ Hier erhob ſich Mop, der gerufen zu werden glaubte, und ſtreckte ſich. „Ganz recht,“ ſagte Gentleman Waife;„ſtreckt Euch, es thut Euch offenbar Noth.“ 203 Fünftes Kapitel. Mop wird eine Standesperſon. Viel Nachdenken wird den würdevollen Benennungen gewidmet, ohne welche eine Standesperſon ein Mop würde. Die Bedeutung der Namen iſt augenſcheinlich in der ganzen Geſchichte. Hätte Auguſtus ſich König genannt, ſo würde Rom gegen ihn als einen Tarquin aufgeſtanden ſein; ſo blieb er ein einfacher Ritter und nannte ſich beſcheiden Kaiſer. Mop wählt ſeinen eigenen Titel auf eine höchſt geheimnißvolle Art und hört auf Mop zu ſeyn. „Der erſte erwahnenswerthe Fehler an dem Namen Mop,“ ſagte Gentleman Waife,„iſt der Mangel an Länge. Einſilbige Worte imponiren nicht, und bei ſchlagenden Zuſammenſetzungen wird ihre Bedeutung durch die Periphraſe erhöht; das heißt ſo viel, was vorher eine kurze Wahrheit war, das arbeitet ein eleganter Autor zu einer langen Strecke aus.“ „Gewiß,“ ſagte Sophy gedankenvoll;„ich glaube nicht, daß der Name Mop ziehen würde. Gleichwohl ſieht er ſehr einem Mop gleich.“ „Aus dieſem Grund ſchändet ihn der Name um ſo mehr und er⸗ niedrigt ihn von einem intellektuellen Phänomen zu einem phyſiſchen Attribut, das gemein iſt. Ich hoffe, daß dieſer Hund uns in den Stand ſetzen wird, in der Wage des Daſeyns zu ſteigen. Denn wäh⸗ rend wir als Schauſpieler blos über ein Dreipfennigpublikum— Sperrſitze einen Schilling— gebieten konnten, kann er auf halbe Kronen und Logen Anſpruch machen, d. h. wenn wir einen Namen ausfinden, der Reſpekt einflößt. Nun ſoll der Hund, obſchon er groß iſt, nicht durch ſeine Größe berühmt werden, ſonſt könnten wir ihn Herkules oder Goliath nennen; auch nicht durch ſeine Schönheit, ſonſt würde Adonis nicht unpaſſend ſeyn. Er ſoll durch ſeine überlegene Scharfſinnigkeit und Weisheit glänzen. Und da bin ich in Verlegen⸗ heit, ſein Vorbild unter Sterblichen zu finden; denn vielleicht kommt es von meiner Unwiſſenheit in der Geſchichte—“ „Ihr unwiſſend, ei wahrhaftig, Großvater!“ „Aber wenn ich die zahlloſen Millionen bedenke, die auf der Erde gelebt haben, ſo iſt es erſtaunlich, wie wenige mir einfallen, die einen ſprüchwörtlichen Ruf der Weisheit hinterlaſſen hätten. Da iſt aller⸗ dings Salomo, aber er kam zuletzt ſehr herunter, und da er der heiligen Geſchichte angehört, ſo dürfen wir uns mit ſeinem Namen keine Frei⸗ heit herausnehmen. Wer iſt denn das eigentliche Urbild der Weis⸗ heit nach Salomo? Denk nach, Sophy— in der profanen Geſchichte.“ Sophy(nach einer nachdenklichen Pauſe).—„Der geſtiefelte Kater.“ „Nun ja, dieſer war allerdings weiſe; aber er war kein Menſch, ſondern eine Katze. Ha! Sokrates. Sollen wir ihn Sokrates nennen, Sokrates, Sokrates?“ Sophy.—„Sokrates, Sokrates.“ Mop gähnte. Waife.—„Sokrates gefällt ihm nicht— proſaiſch.“ Sophy.—„Ah, Mr. Merles Buch über den ehernen Kopf, Frater Bacon! Er muß ſehr weiſe geweſen ſeyn.“ Waife.—„Nicht übel; geheimnißvoll, aber nicht dunkel; ge⸗ ſchichtlich und doch vertraut. Was ſagt Mop dazu? Frater, Frater, Frater Bacon, Sir— Frater.“ Sophy(ſchmeichelnd).—„Frater.“ Mop, der offenbar begreift, daß man irgend eine andere hündiſche oder menſchliche Perſönlichkeit ruft, die nicht gegenwärtig iſt, ſpringt auf, lauft an die Thüre, riecht an der Spalte, kehrt zurück, ſchüttelt ſeinen Kopf und bleibt ſtehen, indem er ſeine zwei Freunde trotzig an⸗ ſchaut. Sophy.—„Dieſer Name gefällt ihm nicht.“ Waife.—„Er hat ſeine Gründe dafür, und in der That gibt es viele würdige Perſonen, die Alles mißbilligen, was nach Zauber⸗ kunſtſtücken ſchmeckt. Mop gibt zu verſtehen, daß man beim Eintritt in das öffentliche Leben ſich hüten ſoll, gegen die achtungswerthen Vorurtheile einer Klaſſe zu verſtoßen.“ 203 Mr. Waife wandte ſich von Neuem zu den geheimen Tiefen ſcholaſtiſcher Erinnerung zurück und zog gleichſam an Kopf und Schul⸗ tern verſchiedene Namen heraus, die in einem entſchwundenen Zeit⸗ alter in hoher Verehrung geſtanden. Er dachte an die ſieben Weiſen Griechenlands, konnte ſich aber nur noch zweier Namen von den ſieben erinnern— ein trauriger Beweis für den Unterſchied zwiſchen Ruf in der gelehrten Welt und zwiſchen populärer Berühmtheit. Er nannte Thales, er nannte Bias. Mop gab keine Antwort.„Wunder⸗ volle Intelligenz!“ ſagte Waife.„Er weiß, daß Thales und Bias nicht ziehen würden!— veraltet.“ Mop blieb gleich ſtumm bei Ariſtoteles. Er ſpitzte ſeine Ohren bei Plato, vielleicht weil der Ton einige Aehnlichkeit mit Ponto hatte — einem Namen, von dem er unbeſtimmte Reminiſcenzen haben mochte. Da die Römer keine Originalphiloſophie kultivirt haben, obſchon ſie ohne dieſelbe große Männer hervorzubringen wußten, ſo ging Waiſe an dieſem untergegangenen Volke vorüber. Er kreuzte nach China und verſuchte es mit Confucius. Mop hatte augenſchein⸗ lich nie von ihm gehört.„Ich bin am Ende meiner Liſte, ſo weit ſie die weiſen Männer betrifft,“ ſagte Waife ſeine Stirne wiſchend. „Sollte Mop ſich durch Tapferkeit auszeichnen, ſo könnte man Helden zu Dutzenden finden— Achilles und Hektor, Julius Cäſar, Pompejus, Buonaparte, Alexander der Große und der Herzog von Marlborough. Oder wenn er Poeſien ſchriebe, ſo könnten wir ihn aufs Beſte be⸗ dienen. Aber weiſe Männer ſind in Wahrheit ſelten, und wenn man den Namen eines weiſen Mannes ausfindig gemacht hat, ſo iſt er dem Publikum ſo unbekannt, daß er bei ihm ſo wenig gelten würde wie Jakob oder Tobias. Aber einen Namen muß der Hund nothwendig haben, und dieſer Name muß nothwendig ihm ſelbſt gefallen.“ Sophy hatte mittlerweile die Dominoſteine aus Waifes Bündel hervorgeholt und mit den Dominos ein Alphabet und eine Multipli⸗ kationstabelle in gedruckten Anfangsbuchſtaben. Als des Schau⸗ ſpielers einziges Auge auf den letztern weilte, rief er:„Aber im Grunde wird Mops Hauptſtärke in der Arithmetik liegen, und die Wiſſenſchaft der Zahlen iſt die Wurzel aller Weisheit. Ueberdieß wünſcht Jedermann, hoch oder niedrig, ein Glück zu machen, und Aſſociationen, die mit Addition und Multiplikation in Verbindung ſtehen, ſind immer angenehm. Wer iſt alſo der bekannteſte Weiſe in der Rechnungskunſt? Unſtreitig Cocker! Da muß er anbeißen— Cocker, Cocker!(befehlend)— C— o—c— k— e—*“(mit freundlichem Zureden). Mop ſah verlegen aus; er hielt ſeinen Kopf zuerſt auf die eine Seite, dann auf die andere. Sophy(mit honigſüßem Koſen).—„Cocker, guter Cocker; lieber Cocker.“ Beide.—„Cocker, Cocker, Cocker.“ Aufgeregt und verwirrt hielt Mop ſeinen Kopf in die Hohe und machte ſeiner Verlegenheit durch ein langes klägliches Geheul Luft, bei welchem gewiß Niemand, der es hörte, eine Addition oder Mul⸗ tiplikation hätte wünſchen können. „Haltet augenblicklich ein, Sir— haltet ein; ich erſchieße Euch. Ihr ſeyd todt— nieder!“ Waife hielt ſeinen Stock nach Flintenart an ſeine Schulter, und bei dem Commandowort:„Nieder!“ war Mop ſteif und leblos an ſeiner Seite.„Immerhin,“ ſagte Waife, „würde ein Name, der mit tiefer Berechnung in Verbindung ſteht, am geeignetſten ſeyn; z. B. Sir Iſaak—“ Ehe der Schauſpieler das Wort Newton herausbringen konnte, war Mop auf ſeine vier Füße geſprungen und gab durch Wedeln mit ſeinem Schwanz und Krümmungen ſeines Rückens ſeinen hochver⸗ gnügten Beifall zu erkennen. „Erſtaunlich!“ ſagte Waife, indem er beinahe erſchrack.„Kann es der Name ſeyn?— Unmöglich. Sir Iſaak, Sir Iſaak!“ „Wau, wau!“ antwortete Mop voll Freude. Wenn an der Lehre von der Seelenwanderung etwas Wahres wäre!“ ſtammelte Gentleman Waife;„wenn der große Newton in 207 dieſes unvergleichliche Thier gefahren ſeyn ſollte! Newton, Newton!“ Auf dieſen Namen gab Mop keinen Appell, war aber ſichtlich noch immer unruhig, lief im Zimmer umher, roch an allen Ecken, wandte ſich zuletzt wieder um und ſchaute ſeinen neuen Herrn mit fragendem Ernſt an. „Der Name Newton ſcheint ihm nicht zu behagen,“ ſagte Waife, der es dreimal von Neuem vergebens verſuchte,„und doch ſcheint er im Prinzip der Schwere ungemein bewandert zu ſeyn. Sir Iſaak!“ Der Hund ſprang auf ihn zu, legte ſeine Pfoten auf ſeine Schulter und leckte ſein Geſicht.„Lege jetzt ſorgfältig dieſe Figuren aus, liebes Kind, und ſieh, ob wir ihn dazu bringen können, daß er uns ſagt, wie viel zweimal zehn iſt— ich meine, indem wir ihn als Sir Iſaak anreden.“ Sophy nahm die Figuren aus der Multiplikationstabelle und legte ſie auf Waife's Anweiſung in einem Kreis auf dem Boden aus. „Jetzt, Sir Iſaak!“ Mop erhob eine Pfote und ging bedächtig um die Lettern herum.„Jetzt, Sir Iſaak! wie viel iſt zehnmal zwei?“ Mop machte bedächtig ſeinen Ueberblick und ſeine Berechnung, blieb dann bei zwanzig ſtehen und nahm die Lettern in's Maul. „Das geht nicht mit rechten Dingen zu,“ rief Sophy ſehr er⸗ ſchrocken.„Es muß etwas Gottloſes ſein, und ich möchte lieber nichts damit zu ſchaffen haben.“ „Einfältiges Kind! Er gehorchte blos meinem Zeichen. Dieſes Kunſtſtück hat man ihn ſchon unter dem Namen Mop gelehrt. Das einzige Verwunderliche an der Sache iſt, daß er es auch unter dem Namen Sir Iſaak macht, und zwar noch weit freudiger. Inzwiſchen mag er nun der große Newton geweſen ſein oder nicht, ſo iſt jeden⸗ falls ein lebendiger Hund beſſer als ein todter Löwe. Aber ſo viel iſt klar, daß er bei all ſeiner Anerkennung für den Namen Sir Iſaak uns doch keinen Muth macht, den Namen Newton hinzuzufügen, und er hat Recht; denn man könnte es unziemlich finden, einem wenn auch noch ſo außerordentlichen Thier, das durch die Strenge des Schickſals 208 gezwungen iſt, ſeine Talente für eine kleine Geldbelohnung zu zeigen, den Familiennamen eines ſo großen Philoſophen zu geben. Sir Iſaak iſt im Ganzen eine vage Benennung— jeder Hund hat ein Recht, Sir Iſaak zu heißen— Newton mag man auf Muthmaßungen beruhen laſſen. Laß uns ſehen, ob wir unſerem arithmetiſchen Unter⸗ richt etwas beifügen können. Schaut mich an, Sir Iſaak!“ Sir Iſaak ſchaute und grinzte freundlich; und unter dieſem Titel lernte er eine neue Combination mit einer Leichtigkeit, welche Sophy von allem abergläubiſchen Wahn, daß der Philoſoph in dem Hund wiederer⸗ ſtanden ſey, befreit haben würde, wenn ſie gewußt hätte, daß im Leben dieſer große Meiſter der dunkelſten Berechnungen nicht einmal die einfachſte Summe genau zu addiren verſtand. Nichts brachte ihn mit ſeiner majeſtätiſchen Weisheit ſo ſchnell auf den Sand, als wenn er eine Zahl ſummiren oder transportiren ſollte. Ein denkwürdiges Merkmal für unſere menſchliche Unvollſtändigkeit, während man glau⸗ ben könnte, daß unſere Studien nns höchſt vollſtändig gemacht hätten; ein denkwürdiges Merkmal ferner für dieſe größte Gattung aller menſchlichen Genies, welche durch Anſchauung zu Reſultaten zu ge⸗ langen ſcheint, die ein Kind durch eine Reihe von Zahlen auf eine Schiefertafel bringen kann, während ſie die Geſetze löst, welche die Sterne mit der Unendlichkeit verbinden. Aber revenons à nos mou- tons— wie verhielt es ſich mit der aſtralen Anziehungskraft, welche un⸗ ſtreitig die Reminiſcenzen Mops mit der cognominalen Unterſcheidung Sir Iſaaks in Verbindung ſetzte? Ich hatte über dieſe Frage eine höchſt gelehrte und ſpitzfindige Abhandlung vorbereitet, belebt durch Citate aus den alten Myſtikern wie Jamblichus und Proclus, wie auch durch zahlreiche Bezugnahmen auf die Lehren modernerer Spiritua⸗ liſten von Sir Kenelm Digby und Swedenborg an bis auf Monſteur Cahagnet und Richter Edwards: ſie ſollte den Titel führen„Unter⸗ ſuchung über die Geſetze der Verwandtſchaften von Philomopſos;“ als ich zum Unglück für meine Abhandlung zur Kenntniß einer That⸗ ſache gelangte, die zwar der Abhandlung nichts von ihrem Intereſſe 209 benahm, aber die Theorie, worauf ſie begründet war, auf's Haupt ſchlug. Der Taufname des alten Soldaten, der Mops erſter Eigen⸗ thümer und früheſter Lehrer geweſen, war Iſaak, und da ſein Herr zu Hauſe mit dieſem Vornamen genannt wurde, ſo war ſein Ton eine von Mops jüngſten und theuerſten Erinnerungen geworden. Seine hündiſchen Neigungen hatten viel dazu beigetragen ſeine gelehrte Er⸗ ziehung zur Reife zu bringen. Wo iſt Iſaak? Hole Iſaak ſeinen Hut u. ſ. w. u. ſ. w. Dieſer Name wurde nicht mehr genannt, als der alte Soldat ſtarb; aber als Mop ihn jetzt wieder hörte, da gerieth ſein Herz in Wallung, und während er den alten Herrn vermißte, fühlte er ſich heimiſcher bei dem neuen. Der Titel Sir war in ſeinen Ohren nur ein Ausfüllungswörtchen. So verhielt es ſich mit dem Thatbeſtand, und dieſes iſt der Schluß, der ſich daraus ziehen läßt. Nicht als ob er vorausſichtlich Jedermann befriedigen würde. Ich weiß, daß Philoſophen, welche Alles läugnen, was ſie nicht mit eigenen Augen geſehen haben, und die ſich weigern, Das zu ſehen, was ſie zu läugnen entſchloſſen ſind, die Geſchichte in toto verwerfen werden; ſie werden mit Bezugnahme auf ihre eigenen Hunde beweiſen, daß ein Hund niemals den Namen ſeines Herrn erkenne, und daß man ihn niemals Arithmetik lehren könne. Ich weiß auch, daß es Myſtiker gibt, die lieber glanben werden, Mop habe in unmittelbarer geiſtiger Verbindung mit ungeſehenen Iſaaks geſtanden, oder ſich in einem Zu⸗ ſtand der Hellſeherei oder unter dem Einfluß des odiſchen Fluidums befunden. Aber haben wir je in der menſchlichen Vernunft eine Frage gefunden, die blos eine einzige Seite gehabt hätte? Iſt die Wahrheit nicht ein Vieleck? Sind nicht in unſern Tagen Weiſe erſtanden, die ſogar das Prinzip der Schwere geläugnet haben, um deſſen willen wir ſo lang und ſo gern für den großen Sir Iſaak das Wort geführt? Dieſer gottgeſegnete Geiſt der Controverſe erhält die Welt im Gang, und das erklärt vielleicht, warum Mr. Waife, als er ſein Gedächtniß dazu aufbot, aus der Geſchichte der Myriaden, welche ſeit der Zeit Adams bis auf den Augenblick, in dem ich jetzt ſchreibe, unſern Pla⸗ Bulwer, was wird er damit machen? 14 210 neten bewohnt haben, ſich nur ſo äußerſt weniger Männer entſinnen konnte, denen die Welt das Prädikat weiſe zukommen laſſen will, und unter dieſen äußerſt wenigen ein ſo dürftiges Procent von Namen fand, die genugſam bekannt ſind, um in den Augen des Volks eher als Repräſentanten hervorragenden Scharfſinns zu gelten, als wenn ſie einfach Mop geheißen hätten. Sechstes Kapitel. Der Vagabund trifft, nachdem er ſeinen Hund bekommen hat, Anſtalten, mit demſelben Jagd auf das Glück zu machen, und hinterläßt eine Ratten⸗ falle. Was die Falle fängt, iſt juſt wie ſein Glück. Sir Iſaak, um ihn bei ſeinem neuen Namen zu bezeichnen, ge⸗ wann ſehr bei näherer Bekanntſchaft. Er befand ſich noch in der lenkſamen Jugendperiode und betrachtete das Lernen als eine Kurzweil. Sein letzter Herr, ein dummer Trunkenbold, hatte ſeine Neigungen nicht gewonnen, und vielleicht würde auch der alte Kriegsknecht, of⸗ ſchon er in dankbarer Erinnerung behalten und betrauert wurde, ſich nicht in ſein innerſtes Herz eingeſchlichen haben, wie Waife und Sophy allmälig zu thun verſtanden. Kurz, er gewöhnte ſich in ſehr wenigen Tagen vollkommen und wurde äußerſt anhänglich an ſie. Als Waife ſich über den Umfang ſeiner Talente vergewiſſert und denſelben nog einige Kunſtſtücke beigefügt hatte, die wenig Mühe koſteten, machte e ſich an die Aufgabe, ein kleines Drama zu componiren, welches ſ Alle bei einem intereſſanteren Spiel vereinigen ſollte, und worin, o⸗ ſchon Sophy und er ſelbſt auftraten, doch der Hund die erſte Rol hatte. Sobald dieß geſchehen und auf ſolche Art die Leiſtungen d Hundes in methodiſche Ordnung und Folge gebracht waren, beſchl er nach einer etwas entfernten bedeutenden Stadt aufzubrechen, von Mr. Rugge nicht beſucht wurde. Seine Rechnung in dem kleinen Bauernhaus that ſeinen pekun = ————— 211 ren Mitteln nur geringen Abbruch, denn in den Mußeſtunden, die ihm ſein Unterricht bei Sir Iſaak ließ, hatte Waife der einſamen Wittwe, bei welcher ſie wohnten, verſchiedene kleine Dienſte geleiſtet, welche Mrs. Saunders(dieß war ihr Name) als Geldes werth zu betrachten ſich nicht nehmen ließ. Er hatte eine alte Uhr, die in den letzten drei Jahren keine Notiz von der Zeit genommen, hergerichtet und bis auf die Minute regulirt; er hatte alles zerbrochene Töpfergeſchirr durch einen Kitt von ſeiner eigenen Erfindung, wozu ſie ihm die Materialien lieferte, zuſammengeflickt. Und er erwies ſich hierin merkwürdig ſinn⸗ reich, denn wenn ſich blos ein Bruchſtück von einer Schale und ein oder zwei Bruchſtücke von einem Brühnäpfchen vorfanden, ſo vereinigte er beide in irgend einer hübſchen Form, die, wenn ſie auch nicht nütz⸗ lich war, doch jedenfalls auf einem Geſchirrbrett gut ausſah. Er band verſchiedene zerfetzte alte Bücher, welche dem verſtorbenen Mann ſeiner Wirthin, einem ſchottiſchen Gärtner, gehört hatten, und die ſie auf einem Seitentiſch unter dem japaniſchen Theebrett zur Schau ſtellte, in hübſche farbige Papiere ein. Aber was noch mehr war, er leiſtete ihr auch in ihrem Berufsgeſchäft Dienſte, denn Mrs. Saunders vergrößerte eine kleine Penſion, welche ſie der liebevollen Vorſicht ihres ſchottiſchen Ehemanns verdankte, der ſein Leben zu ihren Gunſten verſichert hatte, dadurch daß ſie Geflügel aufzog und verkaufte; und Waife erſparte ihr die Koſten eines Zimmermanns durch Erbauung eines neuen Hühnerſtalles, der über den Bereich der Ratten erhaben war, welche bisher traurige Verwüſtungen unter den Küchlein ange⸗ richtet hatten. Zugleich vertraute er ihr auch gewiſſe Geheimniſſe über Verbeſſerung der Zucht an und lehrte ſie wohlfeilere Mäſtungs⸗ arten, ſo daß ihre Dankbarkeit nicht minder als ihre Bewunderung aangeregt wurde.„Die Sache iſt die,“ ſagte Gentleman Waife,„daß ich mich in meinem Leben ſchon auf hunderterlei Arten behelfen mußte. Einmal erhielt ich in einem fremden Lande Hühner nach dem Grund⸗ ſatz, daß das Federvieh mich unterhalten müſſe.“ Es war merkwürdig, eine ſolche Geſchmeidigkeit der Erfindung, 14* eine ſolche Schnellfertigkeit in Auskunftsmitteln, eine ſolche Vertraut⸗ heit mit verſchiedenen Winkeln und Ecken der praktiſchen Lebenser⸗ fahrung bei einem Manne zu beobachten, der ſeinen Unterhalt ſo hart erkämpfen mußte. Es gibt jedoch Perſonen, die ein gutes Kapital von Talent hätten, wenn ſie nicht Alles in kleiner Münze ausgeben würden. Und du, Leſer, weißt es ſo gut wie ich, daß, wenn ein So⸗ vereign oder ein Schilling einmal angebrochen iſt, die Münze auf eine ganz unberechenbare und unverantwortliche Art ſich zerſplittert und gleichſam zerrinnt. Gleichwohl ſind Heller in Haushaltungsrech⸗ nungen nützlich, und wenn Waife wirklich auf die eine oder andere Art mit Recht oder mit Unrecht in eine Klemme kam, ſo ſcharrte er immer genug Verſtandespfennige zuſammen, um ſich wieder heraus⸗ zuhelfen. Mrs. Saunders wurde ganz verliebt in ihre Miethleute. Den Schauſpieler betrachtete ſie als ein Wunder von Genie; Sophy war das hübſcheſte und beſte aller Kinder; Sir Iſaak war, das nahm ſie als ausgemacht an, ſeiner Eigenthümer würdig. Aber Waiſe ver⸗ traute ihr die Gelehrſamkeit ſeines Hundes nicht an und ſagte ihr nichts von der Art wie er ſie auszubeuten gedachte. Ja er trieb ſeine Vorſicht ſo weit, daß er Mrs. Saunders beim Abſchied das feierliche Verſprechen abnahm, im Fall zudringlicher Nachfragen Niemanden ſeine Spur zu verrathen. „Ihr ſehet,“ ſagte er,„einen Mann vor Euch, der Feinde hat, wie die Ratten Feinde Eurer Hühner ſind: Hühner verachten die Ratten, wenn ſie, wie jetzt die Eurigen, über den Bereich von Klauen und Zähnen erhoben ſind. Ich werde wohl noch einmal einen Hühner⸗ ſtall für dieſes liebe Kind erbauen können— ich ſelbſt bin zu alt für Hühnerſtälle. Mittlerweile wenn eine Ratte hieherkommt und uns nachſchleichen möchte, ſo ſchickt ſie auf den falſchen Weg und ſetzet ihr einen Floh ins Ohr.“ Mrs Saunders verſprach zwiſchen Thränen und Lachen; ſie ſegnete Waife, küßte Sophy, tätſchelte Sir Iſaak und blieb lange auf 218 ihrer Schwelle ſtehen, um ihren drei Gäſten nachzuſchauen, als die Morgenſonne ihre auf dem grünen ſchmalen Weg dahinſcheidenden Ge⸗ ſtalten beglänzte, während Thautropfen auf den Baumhecken funkelten und die Feldlerche aus dem jungen Korn emporwirbelte. Dann ging ſie langſam wieder zur Thüre hinein, und ihr Haus erſchien ihr ſehr öde. Wir können uns an Einſamkeit gewöhnen, aber dann müſſen wir uns hüten, die Gewohnheit zu brechen. Laßt einmal zwei oder drei Geſichter zu, die ſich an Euern Herd ſetzen oder aus Euren Fenſtern die lachende Sonne anſchauen, und wenn ſie wieder gehen, ſo nehmen ſie die Glut von Eurem Roſte und den Sonnenſtrahl von Euern Scheiben mit ſich. Arme Mrs. Saunders! Vergebens verſuchte ſie ſich aufzumuntern, die Zimmer zurechtzu⸗ machen, ihre Hühner zu pflegen, ihre Gedanken zu zerſtreuen. Der einäugige Krüppel, das kleine Mädchen, der zottige Hund ſchwebten ihr beſtändig vor den Augen, und als ſie um Mittag ganz allein die Ueberrreſte des geſellſchaftlichen Abendeſſens von geſtern verzehrte, da ſchien ſelbſt der Tiktak der renovirten Uhr zu ihr zu ſagen: Dahin, dahin.—„Ach dahin!“ murmelte ſie, warf ſich dann auf ihrem Stuhl zurück und überließ ſich einem ächt weiblichen Thränenſtrom. Aus dieſem Genuß wurde ſie durch ein Klopfen an die Thüre aufgeſchreckt. Konnten ſie wohl zurückgekommen ſeyn? Nein; die Thüre öffnete ſich und ein artiger junger Mann in ſchwarzem Frack und weißer Hals⸗ binde trat ein. „Bitte um Entſchuldigung, Ma'am— Ihr heißt doch Saunders— Geflügelhändlerin?“ „Zu Euern Dienſten, Sir. Auf, auf, Hühner!“ Arme Leute müſſen, wie groß auch ihr Kummer ſeyn mag, ihre Hühner verkaufen, wenn ſie welche zu verkaufen haben. „Danke, Ma'am; für den Augenblick nicht.„Ich komme eigent⸗ lich, um einige Erkundigungen einzuziehen. Habt Ihr nicht Mieth⸗ leute hier?“ „Miethleute!“ Bei dieſem Wort verſchloß ſich die mittheilſame 214 Seele der Mrs. Saunders wieder hermetiſch; Waife's letzte Warnung vibrirte von Neuem in ihren Ohren. Dieſer Gentleman mit der weißen Halsbinde, war er nicht eine Ratte?. „Nein, Sir, ich habe keine Miethleute.“ „Aber Ihr habt doch in der letzten Zeit welche gehabt, he? Einen verkrüppelten ältlichen Mann und ein kleines Mädchen.“ „Weiß gar nichts von ihnen; wenigſtens,“ ſagte Mrs. Saun⸗ ders, die ſich plötzlich erinnerte, daß man ihr nicht ſowohl aufgetragen hatte, Thatſachen zu läugnen, als vielmehr die Frager auf falſche Spuren zu führen—„wenigſtens ſind ſie jetzt nicht da. Bitte, Sir, was veranlaßt Euch zu der Frage?“ „Nun ich habe Auftrag erhalten nach— zu reiſen und ausfindig zu machen, wohin dieſe Perſon, ein William Waife, gegangen iſt. Bin geſtern angekommen, Ma'am. Alles was ich in Erfahrung bringen konnte iſt, daß ein Mann, der ſeiner Beſchreibung entſprach, vor etlichen Tagen den Ort verlaſſen, und daß ein Junge, der Schafe hütete, ihn auf Euer Haus zugehen geſehen habe, ferner daß Ihr wohl Miethleute haben müſſet—(ich denke, Ihr nehmt zuweilen Mieth⸗ leute an, Ma'am), weil Ihr einige unbedeutende Eßwaaren gekauft habet, die Ihr ſonſt gewöhnlich nicht kaufet. Ein umſtändlicher Be⸗ weis, Ma'am— Ihr könnt keinen Grund haben, die Wahrheit zu verbergen.“ „Ich dächte wirklich nicht, Sir,“ antwortete Mrs. Saunders, welche ſich durch die ominöſen Worte umſtändlicher Beweis zu doppelter Behutſamkeit gemahnt fühlte.„Ich ſah einen ſolchen Gentleman, wie Ihr erwähnt, und eine hübſche junge Lady vor etwa zehn Tagen, und ſie haben ein paar Nächte da gewohnt, aber ſie ſind weiter gereist nach— „Ja, Ma'am— wohin ſind ſie gereist?“ „Nach London.“ „In der That ſehr wahrſcheinlich. Mit der Eiſenbahn oder zu Fuß?“ 215 „Zu Fuß, glaube ich.“ „Danke, Ma'am. Wenn Ihr ſie wiederſehen oder ihren Auf⸗ enthalt erfahren ſolltet, ſo thut mir den Gefallen, Mr. Waife dieſe Karte zuzuſtellen. Mein Patron, Ma'am, Mr. Gotobed, Craven Street, Strand, ausgezeichneter Advokat. Er hat Mr. Waife eine wichtige Mittheilung zu machen.“ „Ja, Sir— ein Advokat; ich verſtehe.“ Und da Mrs. Saun⸗ ders in ihrer Ignoranz unter allen rattenartigen Thieren einen Advo⸗ katen für das ſchrecklichſte und gefräßigſte hielt, ſo wünſchte ſie ſich von ganzem Herzen Glück zu den harmloſen Lügen, welche ſie zu Gunſten der verfolgten Opfer ausgeſprochen hatte. Der ſchwarzbefrackte Gentleman, der ſomit ſeine Inſtruktion be⸗ folgt und ſeinen Zweck erreicht hatte, nickte, ging ſeines Wegs und begab ſich zu der Geſchwindkutſche zurück, die er am Schlagbaum ge⸗ laſſen hatte.„Ins Wirthshaus zurück,“ rief er,„ſchnell— ich muß ſo ankommen, daß ich den Dreiuhrzug nach London nehmen kann.“ Und ſo endete das Reſultat der erſten Inſtruktionen, welche der große Advokat ſeinem ausgezeichneten Anwalt ertheilt hatte, um einen lahmen Mann und ein kleines Mädchen ausfindig zu machen. Im Ganzen hätte keine Nachforſchung gewandter betrieben werden können. Mr. Gotobed ſchickt ſeinen erſten Schreiber ab. Der erſte Schreiber nimmt den Polizeidiener des Dorfes in Anſpruch— findet die rechte Spur— kommt in das rechte Haus— und iſt doch vollſtändig auf dem falſchen Weg, obſchon die Art, wie er ſeine Nachforſchungen an⸗ geſtellt, alle Achtung verdient. „In London, natürlich— alle Leute dieſer Art kommen nach London zurück,“ ſagte Mr. Gotobed.„Gebt mir die Hauptſachen ſchriftlich, damit ich meinem ausgezeichneten Clienten berichten kann. Höchſt befriedigend. Dieſer junge Mann wird ſeinen Weg machen— geſchäftsmäßig und methodiſch.“ 216 Siebentes Kapitel. Die Wolke hat ihren Silberſtreif. Der Vagabund, der auf ſolche Art dem Glück, vor deſſen För⸗ derung er Mrs. Saunders ſo ernſtlich verwarnt hatte, den Rücken kehrte, befand ſich jetzt auf dem Weg nach der alten Municipalſtadt Gatesborough, welche Mr. Waife als den nächſten Platz von ange⸗ meſſener Wohlhabenheit und Bevölkerung mit dem début des Sir Iſaak zu beehren beſchloſſen hatte, ſobald er ſich die Dienſte dieſes verheißungsreichen Vierfüßlers angeeignet. Er hatte, ehe er Mr. Merles Dach verließ, eine Karte der Grafſchaft ſtudirt und ſich ver⸗ gewiſſert, daß er Gatesborough auf einem kurzen Fußweg über die Felder hin erreichen konnte. Er war immer froh die Hochſtraße ver⸗ meiden zu können: ohne Zweifel hatte er für dieſes Meiden ſeine guten Gründe. Aber Klugheitsrückſichten wurden im vorliegenden Fall durch vagabundiſche Neigungen unterſtützt. Hochſtraßen ſind für die Glücklichen der Erde. Nebenwege und Mißgeſchick gehen zu⸗ ſammen. Aber Nebenwege haben ihren Zauber und das Mißgeſchick hat ſeine angenehmen Augenblicke. Sie wanderten alſo abſeits von der Straße über lange grüne Waiden hin, auf einem ſchmalen öffentlichen Fußpfad, der ſie auf einen jener zauberiſchen Wege führte, welche man nur in dieſem laubenreichen England findet, einen Weg tief eingeſunken inmitten hoher Dämme mit überhängenden Eichen, zitternden Eſchen, knorrigen breitblättrigen Rüſtern, lebhaften Stechpalmen und rauhen Brom⸗ beerſträuchen, mit wilden Winden und kriechenden Gaißblättern, die Alles mit holdem Leben durchdringen. Manchmal öffneten ſich die Erhöhungen plötzlich und zeigten große grüne Raſenplätze, gewährten Blicke durch verſchloſſene Thore oder über moosbewachſene Zäune hin in den Park oder Wildgarten irgend eines ländlichen Thans. Neue Landhäuſer oder alte Herrſchaftsgebäude auf offenem Hochland, die Englands feudale Erinnerungen mit Englands freigeborenen Hoff⸗ ————ʒʒ——e——— 217 nungen, das alte Land mit ſeinem jungen Volk verknüpften; denn England iſt ſo alt und die Engländer ſind ſo jung! Und der graue Krüppel und das hellhaarige Kind blieben oft ſtehen und betrachteten die Beſitzungen und Wohnungen von Eigenthümern, deren Looſe auf ſo lieblichen Plätzen gefallen waren. Aber es lag kein mißgünſtiger Neid in ihren Blicken; vielleicht weil ihr Leben ſolchem großen Erden⸗ gluͤck gar zu fern ſtand. Und deßhalb konnten ſte jeden Feſtſchmaus des Auges genießen und beſitzen. Denn wenigſtens die Schönheit deſſen, was wir ſehen, iſt für den Augenblick unſer unter der einfachen Bedingung, daß wir uns nicht nach dem Ding gelüſten laſſen, das unſern Augen dieſe Schönheit gewährt. Wie der unermeßliche Himmel und die zahlloſen Sterne dem König und dem Bettler in gleicher Weiſe verliehen ſind— wie wir in unſerem wildeſten Ehrgeiz nicht um ein Monopol auf den Feuerhimmel oder um das Freilehen der Planeten ſeufzen— ſo iſt auch die Erde mit all ihren eingehegten Gärten und zinnenverſehenen Mauern, mit all ihren Markzeichen harten Beſitzes und groben Eigenthumsrechtes, unſer durch das Recht des Auges. Es iſt uns geſtattet die ſchönen Beſitzungen mit ſolcher Wonne zu betrachten, wie nur der Anblick ſie gewähren kann, und wir mißgönnen dem ungeſehenen Eigenthümer ſeine andern und vielleicht mit mehr Unruhe verknüpften Rechte ſo wenig, als wir einem Theil⸗ haber am Sternenhimmel ſeine ſo und ſo viel Morgen Licht im Stein⸗ bock mißgönnen. Gütig iſt das Geſetz, welches ſpricht: Du ſollſt dich nicht gelüſten laſſen. Als die Sonne am höchſten ſtand, fanden unſere Wanderer einen ſchattigen Winkel, um auszuruhen und ihr Mahl einzunehmen. Vor ihnen floß ein heller, ſeichter Forellenbach; auf dem andern Ufer lagen niedere grasreiche Wieſen, in der Entfernung ein Farmhaus mit einem ſtillen Wald im Hintergrund, über dem ein ſtiller Kirchthurm mit ſeiner ſtillen Spitze hervorragte. Hinter ihnen ſchloß eine ſcharf abgemähte abhängige Lichtung die Baumhecke am Wege; weiter ſah man neben Blumenbeeten auf dem Raſen niederhängende Flieder⸗ —— und Bohnenbäume, und ein durchdringender Wohlgeruch kam von den kurzlebigen und reichen Syringen. Der Krüppel war über ein höl⸗ zernes Geländer geklettett, welches den Weg von dem Bächlein trennte, und hatte ſich im Schatten eines fantaſtiſchen Dornſtrauches geſetzt. Sophy, die neben ihm ſaß, pflückte einige blaſſe geruchloſe Veilchen, welche die Brombeerſtauden vor der Sonne geſchützt hatten. Der Hund war an das Waſſer hinabgegangen, um ſeinen Durſt zu löſchen, aber er ſtand noch immer knietief in dem ſeichten Bach und ſchien in philoſophiſche Betrachtung eines Erlitzenſchwarmes verſunken, den ſein Eindringen aufgeſtört hatte, der ſich aber jetzt wieder auf der an⸗ dern Seite des glashellen Waſſers blicken ließ und um einen kleinen Felſen herum bewegte, welcher das ruhige Dahingleiten der Wellen hemmte und ſie zu einem leiſen melodiſchen Gemurmel veranlaßte. „Für dieſe und all deine Gnaden, o Herr, mach uns dankbar,“ ſagte das Opfer des Mißgeſchicks in den abgedroſchenſten Worten frommer Gewohnheit. Aber nie vielleicht iſt bei aldermänniſchen Feſtſchmäuſen das Dankgebet aufrichtiger geſprochen worden. Und dann öffnete er den Bündel, welchen der Hund, der ihn bis⸗ her auf dem Weg getragen, jetzt ſorgfältig an ſeiner Seite niederge⸗ ſtellt hatte.„So wahr ich lebe,“ rief Waife,„Mrs. Saunders iſt ein Weib, wie es unter zehntauſend kaum eines gibt. Sieh, Sophy, nicht zufrieden mit dem Brod und Käſe, worauf ich ſie ihre Wohl⸗ thätigkeit zu beſchränken bat, hat ſie ein ganzes Huhn hineingelegt— und da iſt noch ein kleiner Kuchen für dich, Sophy; ſie hat ſogar das Salz nicht vergeſſen. Sophy, dieſes Weib verdient das hübſcheſte Zeichen unſerer Dankbarkeit, und wir wollen ihr eine ſilberne Thee⸗ kanne verehren, ſobald es unſere Mittel uns erlauben.“ Aufgeheitert durch das unerwartete gute Mahl, ließ der Schau⸗ ſpieler ſeiner von Natur fröhlichen Laune den Zügel ſchießen, und zwiſchen jedem Biſſen ſchwatzte und ſcherzte er bald wie ein Kind, bald wie ein Weiſer. Er warf die Strahlen ſeines genialen Humors, unbekümmert wohin ſie fielen— auf das Kind— auf den Hund— auf die Fiſche, die drunten im Waſſer ſpielten— auf das Heimchen, das im Graſe zirpte. Der Specht pfiff auf dem Baum und des Krüppels fröhliche Stimme antwortete ihm in täuſchenden Vogel⸗ tönen. Dieſes heitere Geplauder und dieſer luſtiglärmende Sing⸗ ſang hatte indeß einen Zuhörer, welchen weder Großvater noch Enkelin bemerkte. Verdeckt durch dickes Strauchwerk, hatte ſich wenige Schritte von ihnen ein junger Angler, der fünf oder ſechsundzwanzig Jahre haben mochte, juſt vor der Ankunft unſeres Vagabunden auf dieſem Ufer niedergeſetzt, um eine Fliege, mit welcher er nichts aus⸗ gerichtet hatte, wegzunehmen und eine andere anzuheften. Als er Stimmen höͤrte, hatte er, vielleicht weil er einen unbefugten Neben⸗ buhler vermuthete— denn dieſer Theil des Baches war vorbehalten— ſeine Arbeit eingeſtellt und geräuſchlos das dicke Laub auf die Seite geſchoben, um zu recognosciren. Die Frömmigkeit in Waifes ein⸗ fachem Dankgebet ſchien ihn angenehm zu überraſchen, denn ein freund⸗ lich beifälliges Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen. Er fuhr fort zu ſehen und zu lauſchen, er vergaß die Fliege, und eine Forelle ſegelte unbeachtet an ihm vorüber. Aber Sir Iſaak, der vermuthlich ſeinen ſpekulativen Geiſt in Betreff der natürlichen Eigenſchaften der Elritzen befriedigt hatte, ſtieg jetzt langſam das Ufer wieder hinan, und nach einem kurzen Halt und Geſchnüffel ſchritt er majeſtätiſch gegen den verborgenen Beobachter zu, ſchaute ihn ſehr feierlich an und ſtieß ein forſchendes Gebell aus— ein Gebell, das keine Feindſeligkeit oder Drohung, ſondern einfach und trocken eine Frage bedeutete. Auf ſolche Art entdeckt, erhob ſich der Angler, und Waife, deſſen Aufmerk⸗ ſamkeit durch das Gebelle nach dieſer Richtung gezogen wurde, ſah ihn, rief Sir Iſaak und ſagte höflich:„Mein Hund iſt nicht bös⸗ artig, Sir.“ Der junge Mann murmelte irgend eine unvernehmliche Ant⸗ wort, und indem er ſeine Angel gleichſam zum Zeichen ſeiner Be⸗ ſchäftigung oder als Entſchuldigung für ſeine Nähe emporhielt, ſchob er das ſeinen Weg verſperrende Laubwerk auf die Seite und ſchritt ———— ruhig auf Waife zu. Sir Iſaak ſolgte ihm— ſchnüffelte von Neuem — ſchien befriedigt; dann ſetzte er ſich nieder und heftete ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf die Ueberreſte des Huhns, die vertheidigungslos auf dem Gras lagen. Der neue Ankömmling gehörte augenſcheinlich zur Klaſſe der Gentlemen; ſeine Geſtalt war ſchlank und anmuthig, ſein Geſicht blaß, nachſinnend, Bildung verrathend. Man kam beim erſten Blick auf die Idee, daß er das ſeyn möchte was er wirklich war, näm⸗ lich ein Orforder Student; vielleicht hättet Ihr ſogar errathen, daß er für den Dienſt der Kirche beſtimmt, wo nicht bereits ordinirt war. Achtes Kapitel. b Mr. Waife erregt die Bewunderung und bemitleidet gütig das Gebrechen eines Oxforder Studenten. „Ihr ſeyd Fr— Fr— Fremde?“ fragte der Orforder nach einer gewaltigen, durch ein Hinderniß in ſeinem Sprachorgan verurſachten Anſtrengung, um ſich auszudrücken. Waife.—„Ja, Sir, Reiſende. Ich hoffe, daß wir uns nicht unbefugt auf fremdem Eigenthum befinden: dieſes iſt doch wohl kein Privatbeſitz?“ Oxforder.—„Und w—w—w- wenn es ſo wäre, ſo würde mein V— V— Vater Euch nicht ww— weg- wei- weiſen.“ „Es iſt alſo Eures Vaters Grund und Boden? Sir, ich bitte Euch tauſendmal um Verzeihung.“ Die Entſchuldigung wurde im großartigſten Styl des Schau⸗ ſpielers vorgetragen und imponirte dem jungen Gelehrten gewaltig. Waife konnte möglicherweiſe ein verkleideter Herzog ſeyn; aber ich will dem Angler die Gerechtigkeit widerfahren laſſen zu ſagen, daß eine ſolche Rangesentdeckung auf ſeine günſtige Stimmung für den Vagabunden wenig Einfluß ausgeübt haben würde. Das aus dem Stegreif geſprochene Dankgebet, welches, wie der Student fühlte, etwas Höherem als blos leiblicher Nahrung galt, war es geweſen, was ihm zuerſt Achtung eingeflößt und ſeine Theilnahme erregt hatte. Sodann hatte dieſes unſchuldige ſorgloſe Gerede, das bald dem Hund und dem Kind, bald wieder ihm ſelbſt galt, bald für die Ohren der lebendigen fruchtbaren Natur beſtimmt war, eine gewiſſermaßen ver⸗ wandte Saite in der Seele des Anglers berührt, denn er war ein Stück von einem Poeten und ſprach viel mit ſich ſelbſt, zumal da er mit der Natur verkehren konnte, ohne das Hinderniß in ſeiner Sprache zu empfinden, das ſeinen Umgang mit den Menſchen erſchwerte. Nach⸗ dem ich auf dieſe Art das mangelhafte Organ unſeres neuen Bekann⸗ ten bezeichnet, wird der Leſer mich gerne entſchuldigen, wenn ich nicht weiter darauf zurückkomme. Dieß gehört wohl zu den ſelbſtverſtänd⸗ lichen Sachen, zumal da das Bewußtſeyn dieſes Gebrechens einer be⸗ gabten und ſtrebſamen Natur, welche ſich dadurch den erhabenen Predigerberuf verſperrt ſah, ſchweres Herzeleid bereitete. Und ich möchte ſein Gebrechen eben ſo wenig hinter ſeinem Rücken lächerlich machen, als ich es vor ſeinem blaſſen, ausdrucksvollen, melancholiſchen Geſicht thun würde— deßhalb laſſe ich es unangedeutet, indem ich ſeine Antwort mittheile. Oxrforder.—„Auf der andern Seite des Weges, da wo der Garten ſich abwärts neigt, iſt meines Vaters Haus. Dieſer Grund und Boden iſt allerdings ſein Eigenthum, aber er könnte keinen beſſern Gebrauch davon machen, als wenn er es Menſchen leiht, welche den Vater, von dem alles Gute kommt, ſo fromm anerkennen. Euer Kind vermuthlich, Sir?“ „Meine Enkelin.“ „Sie ſcheint von zarter Natur zu ſeyn; hoffentlich habt Ihr nicht weit zu gehen.“ „Nicht ſehr weit, danke Euch, Sir. Aber mein kleines Mäd⸗ chen ſieht ſchwächlicher aus⸗, als es iſt. Du biſt doch nicht müde, liebes Kind?“ „Oh nicht im Mindeſten!“ Die Blicke wirklicher Liebe, die — 2—— 222 zwiſchen dem alten Mann und dem Kind gewechſelt wurden, ließen ſich unmöglich verkennen: der Gelehrte faßte großes Intereſſe und war einigermaßen in Verlegenheit. Wer und was mochten dieſe Leute ſeyn? Sie ſahen ſo gar nicht wie gewöhnliche Fußreiſende aus. Auf der andern Seite faßte auch Waife eine Neigung zu dem höflichen jungen Mann und wurde von aufrichtigem Mitleid für ſein phyſiſches Mißgeſchick ergriffen. Aber er ließ ſich durch dieſe Gründe nicht von der discreten Vorſicht abbringen, die er ſich vorgezeichnet hatte, da es galt neues Glück zu ſuchen und alte Gefahren zu meiden; deßhalb umging er den Gegenſtand. „Ihr ſeyd ein Angler, Sir? Vermuthlich ſind die Forellen in dieſem Bach nicht ſehr gxoß?“ „Nein— doch habe ich etwas höher welche von vier Pfund ge⸗ fangen.“ Waife.—„Seht, da kommt eben ein ſchöner Fiſch heran, er wiegt ſich zwiſchen dieſen Waſſerpflanzen da.“ Oxrforder.—„Das arme Thierchen mag heute in Ruhe blei⸗ ben. Im Ganzen iſt es ein grauſamer Zeitvertreib, und ich werde ihn künftig aufgeben. Aber es iſt doch ſeltſam, daß wir, ſo groß auch unſere Liebe zur Natur ſeyn mag, immer nach einer gewiſſen Ent⸗ ſchuldigung ſuchen, wenn wir uns ihr allein anvertrauen. Eine Flinte— eine Angel— ein Skizzenbuch— eines Geologen Hammer — eines Entomologen Netz— irgend Etwas.“ Waife.—„Geſchieht dieß nicht darum, weil alle unſere Ideen wild dahinjagen würden, wenn ſie nicht auf ein beſtimmtes Ziel con⸗ centrirt wären? Glück und Natur ſind ernſte Frauenzimmer, obſchon populäre Schönheiten, und ſie betrachten kokette Müßiggänger nicht als ächte Freier.“ Der Orforder, der es bei ſeiner erſten Bemerkung für wahr⸗ ſcheinlich gehalten hatte, daß ſie über den Horizont ſeines Zuhörers hinausgehen könnte, ſah überraſcht aus; wolches Ziel mochte wohl dieſer einäugige Philoſoph haben? 223 „Ihr habt ein beſtimmtes Ziel, Sir?“ „Ich— ach— wenn ein Menſch moraliſirt, ſo iſt es ein Zeichen, daß er den Irrthum gekannt hat: weil ich ſelbſt ein Müßiggänger ge⸗ weſen bin, darum ſchmähe ich jetzt auf Müßiggänger. Aber indem wir ſo ſprechen, entflieht die Zeit, und wir müſſen uns wieder auf den Weg machen.“ Sophy knüpfte den Bündel wieder zu. Sir Iſaak, dem ſie mittlerweile die Reſte des Huhns überlaſſen hatte, ſprang auf und beſchrieb einen Kreis. „Ich wünſche Euch Glück in Eurem Streben, welcher Art es ſeyn mag,“ ſtotterte der Angler. „Und ich, Sir, wünſche Euch nicht minder herzlich Glück in dem Eurigen.“ „In dem meinigen! Es liegt außer meiner Kraft, darin Glück zu machen.“ „Wie ſo, Sir? Hängt dieſes ſo ſehr von Andern ab?“ „Nein, mein Fehler liegt in mir ſelbſt. Meine Laufbahn ſollte die Kirche ſeyn, mein Beruf die Pflege der Seelen, und— und— dieſes jammervolle Gebrechen! Wie kann ich das göttliche Wort ver⸗ kündigen— ich— ich— ein Stotterer!“ Der junge Mann wartete die Antwort nicht ab, ſondern ſchlug ſich durch das Buſchwerk, welches die Ufer des Baches bedeckte, und ſein haſtiger Tritt war an dem Wogen des Laubwerks zu erkennen, V durch welches er ſich Bahn brach. „Wir Alle haben unſere Laſten,“ ſagte Gentleman Waife, als Sir Iſaak den Bündel aufnahm und friedſam und neugeſtärkt dahin⸗ ſchritt. ——————— D—ö———— ——————— — ———————õ——-——— 224 Neuntes Kapitel. Der Nomad macht ſich bei ſeinem Eintritt ins civiliſirte Leben die Künſte deſſelben zu eigen, ſchert ſeinen Pudel und legt ein ſchwarzes Gewand an. Andeutungen über die Verfahrungsweiſe, mittelſt welcher ein Aus⸗ geſtoßener ſich zu einem gern geſehenen Gaſt emporſchwingt. Zur Dämmerungsſtunde kehrten ſie in einem ſtillen Wirthshaus acht Meilen von Gatesboro' ein. Sophy war ſehr müde und froh ins Bett kriechen zu können. Waife blieb noch lange auf, und um den ereignißvollen morgenden Tag vorzubereiten, wuſch und ſchor er Sir Iſaak. Ihr würdet den Hund nicht wiedererkannt haben; er war blendend. Ulyſſes konnte ſich, als er von Pallas Athene verjüngt worden, nicht mehr zu ſeinen Gunſten verändert haben. Seine Seiten verriethen eine äußerſt zart geſcheckte Haut; ſein Schwanz wurde löwenartig mit einem kaiſerlichen Buſch, ſeine Mähne fiel in langen Locken herab gleich dem Bart eines Ninivitenkönigs; ſeine Stiefel waren die eines Höflings aus der Zeit Carls II.; ſeine Augen ſchau⸗ ten in dunkelm Glanz unter Locken hervor, die ſo weiß waren wie der vom Wind aufgetriebene Schnee. Nachdem Waife dieſes Kunſtſtück vollbracht hatte, ſchlief er im Frieden des Gerechten, und Sir Iſaak, der ſich neben dem Bett auf dem Boden ſtreckte, leckte ſeine ſcheckigen Seiten und ſchauerte— il faut souffrir pour être beau. Mit großer Verwunderung ſchaute Sophy am Morgen den Hund an; aber bevor ſie auf war, hatte Waife die Rechnung bezahlt und erwartete ſie auf der Straße, da es ihn drängte weiter zu reiſen. Er achtete nicht auf ihre halb bemitleidenden, halb bewundernden Ausrufungen; er war in Gedanken verſunken. So wanderten ſte langſam bis auf zwei Meilen von der Stadt; dann ſchlug ſich Waife ſeitwärts, ging in einen Wald und hielt, von Sophy unterſtützt, mit dem Hund eine wohlbedachte Probe über das einſtudirte Drama ab. Der Hund war nicht in der beſten Laune, ſpielte jedoch ſeine Rolle mit mechaniſcher Genauigkeit, wenn auch mit geringer Begeiſterung durch. „Man kann ſich trotz ſeiner franzöſiſchen Abkunft auf ihn ver⸗ 225 laſſen,“ ſagte Waife.„Alles nationale Vorurtheil ſchwindet vor dem Gefühl eines gemeinſamen Intereſſes, und wir werden immer eine ächtere Gediegenheit des Charakters bei einem franzöſiſchen Pudel als bei einem engliſchen Bullenbeißer finden, wenn ein Pudel uns von Nutzen iſt und ein Bullenbeißer nicht. Aber oh der vergeudeten Mühe! oh des Opfers an Zeit für leere Namen! oh welch ein getreues Sinnbild für faſhionable Erziehung! Es iſt mir nie eingefallen— aber ſiehſt Du es jetzt nicht ſelbſt, ſo jung Du auch noch biſt, es ge⸗ hört zu den nothwendigſten Bedingungen unſeres Drama, daß dieſes Thier ein franzöſiſcher Hund ſein muß.“ „Wohl, Großvater.“ „Und wir haben ihm einen engliſchen Namen gegeben! Köſtliches Ergebniß unſerer eigenen Schuldreſſur; wir haben auf vorbereitenden Akademien gerade das gelernt, was uns gar nichts nützt, wenn wir der Welt die Stirne bieten ſollen. Was iſt zu thun? Ihm ſeinen eigenen Zunamen wieder aus dem Kopf bringen— ihn einen andern Namen lehren; zu ſpät, zu ſpät! Wir können nicht ſo viel Zeit darauf wenden.“ „Ich ſehe nicht ein, warum man ihn überhaupt mit einem Namen rufen ſoll. Er beobachtet Eure Zeichen eben ſo wohl ohne Namen.“ „Wenn ich das nur im Anfang entdeckt hätte! Wie Schade! Und ein ſo ſchöner Name! Sir Iſaak! Vanitas vanitatum! Welcher Wunſch entzündet die Ehrgeizigen hauptſächlich? Einen Namen zu ſchaffen— vielleicht einen Titel zu hinterlaſſen— ein Geſchlecht von Mops zu Sir Iſaaks hinaufzubringen. Und am Ende iſt es möglich (laß es uns im gegebenen Fall hoffen), daß ein verſtändiger Hund juſt eben ſo gut ſeine Buchſtaben lernen und ſeine Muskete ſchultern kann, wenn ſich auch alle Benennungen, unter denen die Menſchheit ihn kennt, in ein klägliches einſylbiges Wörtchen zuſammendrängen. Nichtsdeſtoweniger ſind die Menſchen(wie Du mit der Zeit ſelbſt finden wirſt) in der Praxis genöthigt, für ſich ſelbſt auf die Anwen⸗ dung ſolcher Regeln zu verzichten, welche ſte philoſophiſch für Andere Bulwer, was wird er damit machen? 15 226 vorſchreiben. Während ich alſo zugebe, daß eine Namensveränderung für dieſen Hund eine Frage iſt, welche der Politik der Wenn und Aber, gemeiniglich Politik der Auskunftsmittel genannt, angehört, über die man jede Viertelſtunde mit Andern und mit ſich ſelbſt uneins werden kann— ſo gehört doch eine Namensveränderung für mich der Politik des Muß und Soll, d. h. der Politik der Nothwendigkeit an, gegen welche kein Hund bellen darf, obſchon ich Hunde gekannt habe, die darüber heulten. William Waife iſt nicht mehr; er iſt todt— er iſt begraben; und auch Juliet Araminta iſt die haltloſe Erfindung einer Viſion.“ Sophy ſchlug fragend ihre blauen argloſen Augen auf. „Du ſiehſt einen Mann vor dir, der den Namen Waife abgetragen hat und jetzt beim Eintritt in die Stadt Gatesboro' eine nüchterne, ge⸗ ſetzte und reſpektable Perſon wird unter dem Namen Chapman. Du biſt Miß Chapman. Rugge und ſe eine Ausſtellung hinterlaſſen keinen Wrack.“ Sophy lächelte und dann ſeufzte ſie— das Lächeln galt dem hei⸗ teren Humor ihres Großvaters; warum aber der Seufzer? Empörte ſie vielleicht ein gewiſſer Inſtinkt in dieſer friſchen ehrlichen Natur gegen den Gedanken an dieſe Aliaſe, die, wenn zur Sicherheit erfor⸗ derlich, immer mit Betrug verwandt ſind? Wenn es ſo war, ſo hatte das arme Kind noch viel, worüber es mit ſeinem Gewiſſen zurechtkommen mußte. Ich kann nur das ſagen, daß ſie ſeufzte, nachdem ſie gelächelt hatte, und vernünftiger könnte ein Leſer ſeinen Autor auffordern, einen Ze⸗ phyr dem Mikroskop als einen Seufzer aus weiblicher Bruſt der Analyſe zu unterwerfen.— „Nimm den Hund mit Dir, liebes Kind, wieder auf den Weg hinaus; ich werde in wenigen Minuten bei Dir ſeyn. Du biſt hübſch angezogen und auch ohnedies hübſch. Ich ſehe in dieſem alten Anzug wie ein Hauſirer aus, deßhalb will ich wechſeln und die Stadt Gates⸗ boro' als ein Mann betreten— den Du bald vor Dir ſehen ſollſt. Laßt dieſe Dinge da liegen, entiſaakter Sir Iſaak. Folgt Eurer Ge⸗ bieterin— geht.“ — 227 Sophy verließ den Wald und ſchritt langſam gegen die Stadt, ihre Hand gedankenvoll auf Sir Iſaaks Kopf ruhend. In weniger als zehn Minuten holte Waife in reſpectablem ſchwarzem Anzug ſie ein, Hut und Schuhe wohl gebürſtet; ein neuer grüner Fleck über ſeinem Auge; und ſeine Miene verkündete den feinſten Père noble. Er war jetzt in ſeinem Lieblingselement. Er ſpielte Theater— nennet es Betrug. War Lord Chatham ein Betrüger, wenn er ſeine Flanelle in die Falten der Toga hüllte und die Locken ſeiner Perücke ſo zurechtlegte, daß ſie der Majeſtät ſeiner Brauen und den Schreck⸗ niſſen ſeines Nickens eine noch erhabenere Wirkung verliehen? Und wahrhaftig, wenn man bedenkt, daß Waife im Ganzen weiter nichts als ein Landſtreicher von Profeſſion war, wenn man all die Wendun⸗ gen und Wechſel bedenkt, auf die er um des lieben Brodes und Salzes willen angewieſen worden iſt— ſo muß man ſich nicht darüber wun⸗ dern, daß er voll von Bühnenkniffen und kleinen Täuſchungen iſt, ſon⸗ dern daß es ihm möglich geworden, ſo viel kindliche Einfachheit in ſeinem Herzen zu bewahren. Wenn ein Menſch eine Reihenfolge von Jahren hindurch nur von ſeinem Witz hat leben müſſen, ſo ſage ich nicht, daß er nothwendig ein Schurke ſey— er mag ein ganz braver Burſche ſeyn; aber ihr könnt nicht wohl erwarten, daß ſein Codex der Ehre ganz genau mit dem von Sir Philipp Sidney übereinſtimme. Homer ſpricht durch Achills Mund dieſe erhabene Wahrheitsliebe aus, die ſelbſt in jenen fernen Zeiten das charakteriſtiſche Merkmal eines Gentleman und Soldaten war. Aber dem Achill geht es ſein ganzes Leben lang, das zwar glänzend aber kurz iſt, gut. Ulyſſes dagegen, der von ſchweren Prüfungen heimgeſucht, von ſeinem Beſitzthum in Ithaka ferngehalten wird und mit Einem Wort von ſeinem Witz leben muß, wird darum, weil ſeine Weisheit einigermaßen nach Bühnen⸗ kniffen und Gaunerei ſchmeckt, nichtsdeſtoweniger von der unbefleckten Pallas mit ihrer Freundſchaft beehrt. Und was zweckdienliche Aliaſe und Nothlügen betrifft, was hätte den Ulyſſes all ſein Witz geholfen, wenn er ſolche Kunſtgriffe verſchmäht und ſich großmüthig von 15* Polyphem hätte auffreſſen laſſen? Nachdem wir auf ſolche Art die epiſche Seite von Mr. Waife's Charakter mit der Nachſicht, die der menſchlichen Natur gebührt, aber auch mit der Behutſamkeit, welche die Intereſſen der Geſellſchaft fordern, berührt haben, muß man ihm erlauben, ſeinen doppeldeutigen Wandel wieder aufzunehmen, der durch antike Vorgänge ſanctionirt, jedoch moderner Nachahmung nicht em⸗ pfohlen iſt. Als ſich unſere Reiſenden der Stadt näherten, ertönte rechts von ihnen der gelle Pfiff einer Eiſenbahn— ein langer Zug rauſchte aus dem Rachen eines Tunnels hervor und ſchoß in die be⸗ nachbarte Station. „Welch ein Glück!“ rief Waife;„tummle Dich, liebes Kind!“ Wollte er den Zug nehmen? Bah! er war am Ende ſeiner Reiſe. Er wollte ſich nur unter den Haufen miſchen, der bald durch dieſe weißen Thore in die Stadt ſtrömen ſollte; er wollte ſich das reſpec⸗ table Anſehen eines Eiſenbahnpaſſagiers aneignen. Und ſo gut ſpielte er die Rolle eines ſchlecht orientirten Fremden, der ſo eben von einem dieſer keuchenden Dampfungeheuer auf unbekannte Plätze ausgeſpien worden, ſo künſtlich wußte er unter dem geſchäftigen Zuſammenwirken ſtoßender Ellbogen, trotziger Schultern und den Hinderniſſen, die aus den Mantelſäcken, Felleiſen, Säuglingen und ſchienbeingefährlichen Karren erwuchſen, ſich zurechtzufinden, mit ſo wichtiger Miene ſchaute er voll Behutſamkeit um ſich, indem er ſein einziges Auge bald auf Sophy, bald auf Sir Iſaak wendete und ſeinen Bündel an die Bruſt hielt, gleich als ob er in allen ſeinen Nachbarn lauter Thugs, Con⸗ dottieri und Lumpengeſindel argwöhnte, daß ſogleich Droſchkenführer, Omnibuskutſcher und Träger ihn zum Raub auserſahen.„Gates⸗ boro' Wappen, ſchwarzer Adler, Königshof, Türkenkopf— ſehr com⸗ fortabel— Mittelpunkt der Hochſtraße, gegenüber der Stadthalle“— ſo wurde ihm ins Ohr geſchrieen, geplärrt, geflüſtert oder gewinſelt. „Iſt ein ehrlicher Träger da?“ fragte der Schauſpieler kläglich. Ein Irländer trat vor:„Ich kann Euer Ehren bedienen.“—„Nehmt dieſen Bündel und tragt ihn vor mir her in die Hochſtraße.“— 229 „Könnte nicht ich den Bündel nehmen, Großvater? Der Mann wird ſo viel fordern,“ meinte die kluge Sophy.„Still! warum nicht gar?“ ſagte der Père noble, wie wenn er zu einer exilirten königlichen Hoheit ſpräche—„Ihr einen Bündel nehmen— Miß Chapman!“ Sie gelangten bald in die Hochſtraße. Waife prüfte die Front der verſchiedenen Wirthshäuſer, an denen ſie vorbeikamen, mit einem Auge, das gewöhnt war, die Phyſiognomie von Gaſthöfen zu entziffern. Der Türkenkopf gefiel ihm, obſchon ſeine impoſante Groͤße Sophy er⸗ ſchreckte. Er hielt den Träger an:„Gehet hinter mir her,“ und trat über die offene Schwelle an das Comptoir. Die Wirthin ſaß ſelbſt da, ſtattlich und impoſant, mit einer kaſtanienbraunen Haube, einem ſeidenen Kleid, einer Kamee als Vorſtecknadel und mit vollem Buſen. „Ihr habt einen Privatſalon, Ma'am?“ fragte der Schauſpieler ſeinen Hut lüpfend. Es gibt ſo vielerlei Arten einen Hut zu lüpfen, z. B. die Art, für welche Ludwig XIV. ſo berühmt war. Aber die Manier des Schauſpielers im vorliegenden Fall glich mehr der Art und Weiſe des letztverſtorbenen Herzogs von Beaufort— nicht ganz königlich, aber ſo nahe dem Königthum als einem Unterthan nur an⸗ ſteht. Er bedeckte ſein Haupt wieder und fügte hinzu—„Und im erſten Stock?“ Die Wirthin knirte nicht, ſondern ſie verbeugte ſich tauchte aus dem Comptoir auf und trat auf die breiten Treppen; dann ließ ſie anmuthsvoll rückwärts blickend ihre Augen auf Sir Iſaak ruhen, der vorausgeſchritten war und mit ausgeſpannten Naſenflügeln ſchnüffelte. Sie zögerte.„Euer Hund, Sir! ſoll Boots ihn in den Stall führen?“ „In den Stall, Ma'am— in den Stall, meine Liebe?“ fragte er, indem er ſich mit einem Lächeln von noch herzoglicherer Art als ſeine erſte Verbeugung gegen Sophy wandte;„was würde man da⸗ heim ſagen, wenn man erführe, daß dieſes edle Thier in den Stall ge⸗ wieſen worden? Ma'am, mein Hund iſt mein Begleiter und ebenſo⸗ wohl an Salons gewöhnt als ich ſelbſt.“ Die Wirthin pauſirte noch immer. Der Hund mochte an Salons gewöhnt ſeyn, aber ihr Salon 230 war nicht an Hunde gewöhnt. Sie hatte juſt einen neuen Teppich gelegt. Und ſolcher Art ſind die ſeltſamen und regelloſen Verwandt⸗ ſchaften in der Natur— ſolcher Art ſind die ungereimten Verkettun⸗ gen im Kreuzſtich der Ideen, daß es zwiſchen Hunden und Teppichen Gedankenverbindungen gibt, die, wenn ſie den Eigenthümern der Hunde Unrecht thun, in den Beſitzern von Teppichen nicht ungegründete Befürchtungen erzeugen. Da ſtand alſo die Wirthin und da ſtand der Hund! Und ſie würden bis auf den heutigen Tag daſtehen, wenn nicht der Schauſpieler den Zauber gelöst hätte.„Nehmt meine Ef⸗ fekten wieder,“ ſagte er, ſich gegen den Träger zurückwendend,„ohne Zweifel iſt man im Königshof mehr gewöhnt zwiſchen Hund und Hund zu unterſcheiden.“ Die Wirthin wurde augenblicklich mürbe. Die nothwendig be⸗ ſtehende Eiferſucht zwiſchen dem Türkenkopf und dem Königshof war nicht das Einzige, was gebührenden Eindruck auf ſie machte. Ein Gentleman, der ſich nicht herablaſſen konnte auch nur dieſen kleinen Bündel zu tragen, mußte in Wirklichkeit ein Gentleman ſeyn. Wäre er mit einem Felleiſen oder auch nur mit einem Nachtſack gekommen, ſo hätte der Dienſt des Trägers weiter Nichts für ausgezeichneten Rang bewieſen; aber da die Hauptkundſchaft der Wirthin in Handels⸗ reiſenden beſtand, ſo war ein Gentleman mit ſo leichten Effekten und ſo ariſtokratiſch unthätigen Händen etwas Neues für ſie. Hierin gaben ſich die zwei Attribute von Geburt und Reichthum, d. h. die Gewohnheit des Befehlens und die Verachtung des Geldes, auf gleiche Weiſe kund. Eine dunkle Erinnerung an die wohlbekannte Geſchichte, wie ein Mann und ſein Hund in's Granbyhotel zu Harrogate kamen und in das andere minder patriziſche Wirthshaus weggeſchickt wurden, weil der Mann zwar einen Hund aber keinen Bedienten hatte; wie dann fünf Minuten nach ſeiner Wegſchickung Karoſſen mit Lakaien ankamen und ein gebieteriſcher Bedienter nach Sr. Gnaden dem Herzog von A. fragte, der mit ſeinem Hund vorangegangen und— oh des Gedankens voll ewiger Reue!— abgewieſen worden war, um das 1 231 andere Wirthshaus in die Mode zu bringen; eine dunkle Erinnerung an dieſe Geſchichte, ſage ich, blitzte im Geiſte der Wirthin auf, und ſie rief:„Ich habe blos gemeint, Sir, Ihr würdet vielleicht den Stall vorziehen; natürlich ganz nach Euerem Belieben— hieher Sir, in der That ein ſchönes Thier und ſieht recht fromm aus.“ „Ihr könnt den Bündel heraufbringen, Träger,“ ſagte der Père noble.„Nehmt meinen Arm, liebes Kind— dieſe Treppen ſind ſehr ſteil.“ Die Wirthin ſtieß die Thüre eines hübſchen Salons, des beſten, den ſie hatte, auf; ſie zog die Vorhänge herab, um die Sonnenſtrahlen abzuwehren, dann trat ſie bis auf die Schwelle zurück und erwartete weitere Befehle. „Ruht aus, meine Liebe,“ ſagte der Schauſpieler, indem er Sophy mit jener zarten Ehrerbietung gegen das ſchöne Geſchlecht und die Kindheit, die ſo ſpeciell der hochgebornen Welt angehört, auf ein Kanape ſetzte.„Das Zimmer geht an, Ma'am. Ich werde Euch ſpäter wiſſen laſſen, ob wir Betten wünſchen. Was das Diner be⸗ trifft, ſo bin ich nicht heikel— eine Cotelette— ein Hühnchen— was Ihr wollt— um ſieben Uhr. Bleibt noch ein wenig, ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch aufhalte; aber wo wohnt der Mayor?“ „Seine Privatwohnung liegt eine Meile vor der Stadt, aber ſein Comptoir iſt juſt über der Stadthalle— rechts, Sir.“ „Name?“ „Mr. Hartopp.“ „Hartopp! Ah richtig— Hartopp. Seine politiſchen Mei⸗ nungen ſind, dächte ich(auf's Gerathewohl rathend), aufgeklärt?“ Wirthin.—„Ja, vollkommen, Sir. Mr. Hartopp ſteht in hohem Anſehen.“ Waife.—„Der erſte Gemeindebeamte einer ſo wohlhabenden Stadt— ſchöne Läden und viel Spiegelglas— muß mit den Zeiten vorwärts ſchreiten. Ich meine gehört zu haben, daß Mr. Hartopp die Verbreitung der Intelligenz und die Verallgemeinerung der Kenntniſſe fördere.“ Wirthin(etwas verlegen).—„Ich glaube es wohl, Sir, der Mayor nimmt großes Intereſſe am Gatesboro’' Athenäum und an dem literariſchen Inſtitut.“ Waife.—„Gerade das würde ich von ſeinem Charakter und ſeiner Stellung vorausgeſetzt haben. Ich will Euch nicht länger auf⸗ halten, Ma'am“(Herzog von Beaufort Verbeugung). Die Wirthin ging die Treppe hinab. War ihr Gaſt ein Candidat für die Ver⸗ tretung der Stadt bei der nächſten Wahl? Mit den Zeiten voran⸗ ſchreiten— Verbreitung der Intelligenz! Alle Candidaten, die ſie je gekannt, hatten dieſe Art ſich auszudrücken— Voranſchreiten und Verbreitung. Nie hatte ein Parlamentsaſpirant eine Adreſſe an die Freimänner und Wähler von Gatesboro' erlaſſen, ohne daß er das Wort Voranſchreiten gebraucht, ohne daß das Comite von Ver⸗ breitung geſprochen hätte. Uebrigens ſchien es der Wirthin, als ob ihr Gaſt im Ganzen doch mehr wie ein Mitglied des Oberhauſes dreinſchaute und ſich verbeugte. Vielleicht einer der liebenswürdigen, obſchon gelegentlich proſaiſchen Pairs, welche ihre Weisheitszähne der Aufknackung der ſehr harten Nüſſe— wie die Maſſen zu erziehen? was mit unſern Verbrechern anzufangen? und ähnlichen Problemen widmen, an denen bereits ſo manche Kinnbacken, feſt wie derjenige, mit welchem Simſon die Philiſter erſchlug, gebrochen worden ſind. „Oh Großvater,“ ſeufzte Sophy,„was habt Ihr vor? Wir werden ruinirt werden— und Ihr ſeyd doch ſonſt ſo ſorgſam, um in keine Schulden zu gerathen. Was bleibt uns denn, um die Leute hier zu bezahlen?“ „Sir Iſaak! und dieß!“ antwortete der Schauſpieler, ſeine Stirne berührend;„beunruhige Dich nicht— bleib hier und ruhe aus— und laß Sir Iſaak unter keinen Umſtänden aus dem Zimmer.“ Er nahm ſeinen Hut, bürſtete das Rohr ſorgfältig mit ſeinem Aermel und ſetzte ihn wieder auf— nicht windbeutelig ſcheps— nicht wie ein jeune premier, ſondern mit gleichſeitigen Rändern und nach geſetzter Leute Art, wie ein Père noble— dann winkte er Sir Iſaak 233 ruhig zu bleiben, und ging an die Thüre; hier machte er Halt, und als er ſich gegen Sophy umwandte und ihren verſtändigen Augen begeg⸗ nete, da feuchtete ſich ſein eigenes Auge.„Ach,“ murmelte er,„der Himmel gebe, daß mir jetzt mein Vorhaben gelinge, denn dann wirſt Du in Wirklichkeit eine kleine Lady werden.“ Er war gegangen. Zehntes Kapitel. Zeigt, mit welchem Erfolg Gentleman Waife die angenehme Rolle eines Freundes der Aufklärung des Zeitalters und des Fortſchrittes der Völker ſpielt. Oben auf der Treppe traf Waife den iriſchen Träger, der, nach⸗ dem er den Bündel im Salon abgeſtellt hatte, geduldig auf eine Be⸗ zahlung für ſeine Mühe wartete. Der Schauſpieler betrachtete das gutlaunige, verſchmitzte Geſicht, auf welchem jede Linie die goldene Marime ausſprach: Man muß die Dinge leicht nehmen.—„Bitte um Entſchuldigung, mein Freund; ich hätte Euch beinahe vergeſſen. Seyd Ihr ſchon lange in dieſer Stadt?“ „Vier Jahre— und lang lebe Euer Ehren.“ „Kennt Ihr Mr. Hartopp, den Mayor?“ „Seine Geſtrengen den Mayor? Gewiß, und der Mayor iſt es, der Mike Callaghan zu einem Mann gemacht hat.“ Der Schauſpieler bekundete eine höfliche Neugierde, dieſe Ge⸗ ſchichte zu erfahren, und entlockte eine dankbare Erzählung. Vor vier Sommern hatte Mike der„ſchönſten Perle der See“ entſagt, um für einen ſächſiſchen Arbeitsvogt Heu zu machen. Mr. Hartopp, der eine große Farm beſaß, hatte ihn bei dieſer ländlichen Beſchäftigung ver⸗ wendet. Er war von einem bösartigen Fieber befallen worden, Mr. Hartopp hatte ihm da durchgeholfen und ſo ganz natürlich eine Neigung für den Mann gefaßt, den er unterſtützt hatte. Als Mike reconvales⸗ cent wurde, ſchickte Hartopp den armen Mann nicht in ſein eigenes Land zurück, welches damals der Ueberzahl ſeiner agrariſchen Bevöl⸗ kerung wenig Beſchäftigung gab, außer einem gelegentlichen Schuß auf einen Gutsherrn, eine Beſchäftigung, die zwar belebt war, aber nichts eintrug, ſondern er übte Mike's wiederkehrende Kräfte durch leichte Arbeiten in ſeinem Magazin; und als Mike endlich unkluger⸗ weiſe die Tochter eines Taglöhners von Gatesboro' heirathete, da gab Mr. Hartopp ihm eine Stellung im Leben, indem er ihn zum hand⸗ werksmäßigen Boten und Träger machte, der unter dem Schutze der Corporation ſtand. Aus der ganzen Erzählung ging klar hervor, daß Mr. Hartopp ein menſchenfreundlicher würdiger Mann war, und das Herz des Schauſpielers ſchlug ihm warm entgegen. „Eine Zierde unſeres Geſchlechtes, dieſer Mr. Hartopp ¹“ ſagte Waife, indem er mit ſeinem Stab über den Boden hinſtrich;„ich wünſche ſeine Bekanntſchaft zu machen. Würde er Euch empfangen, wenn Ihr in ſeinem Comptoir vorſprächet?“ Mike bejahte es mit ſtolzer Beeiferung. Mr. Hartopp würde ihn ſogleich empfangen. Der Mayor wiſſe ja wohl, daß Zeit Geld ſey. Mr. Hartopp ſey nicht der Mann, einen Armen lang warten zu laſſen. „Geht hinab und wartet draußen vor dem Haus; ich will Euch V ein Billet an den Mayor geben.“ Waife ging an's Comptoir und bat um einen Bogen Briefpapier. Die Wirthin ließ ihn an ihren eigenen Pult ſitzen, und nun ſchrieb der Schauſpieler wie folgt:— „Mr. Chapman entbietet dem Mayor von Gatesboro' ſein Com⸗ pliment und bittet um die Ehre einer ganz kurzen Beſprechung. Mr. Chapmans tiefes Intereſſe an dem dauernden Erfolg dieſer litera⸗ riſchen Inſtitute, die ein ſo ausgezeichneter Zug unſeres erleuchteten Jahrhunderts ſind, und des Herrn Mayors wohlbekannter Eifer in der Förderung dieſer unſchätzbaren Geſellſchaften muß Mr. Chapman zur 4 34 23⁵ Entſchuldigung dienen, wenn er ſich die Freiheit nimmt dieſe Bitte zu wagen. Mr. Chapman will noch hinzufügen, daß er in letzter Zeit ſeine Aufmerkſamkeit ernſtlich auf die beſten Mittel gerichtet hat, wie aus dieſen edlen aber unentwickelten Inſtituten neuer Nutzen zu ge⸗ winnen wäre.— Türkenkopf u. ſ. w.“ Dieſe Epiſtel, gebührend verſiegelt und überſchrieben, übergab Waife den Händen Mike Callaghans, und zu gleicher Zeit ſetzte er den Mann durch eine Belohnung von nicht weniger als einer halben Krone in Erſtaunen. Die glühenden Segenswünſche, welche dieſes groß⸗ müthige Geſchenk natürlich hervorrief, kurz abſchneidend, ſagte der Schauſpieler mit ſeiner glücklichſten Combination von Leutſeligkeit und Erhabenheit:„Und ſollte der Mayor Euch fragen, was für ein Mann ich bin— denn ich habe nicht die Ehre ihm bekannt zu ſeyn, und es ſtreichen immer ſo viele Abenteurer herum, daß er mich leicht auch für einen ſolchen halten könnte— ſo könnt Ihr vielleicht ſagen, daß ich nicht wie ein Menſch ausſehe, den er vorzulaſſen fürchten müſſe. Ihr er⸗ kennet einen Gentleman auf den erſten Blick. Bringt ſo bald als mög⸗ lich eine Antwort, vielleicht werde ich mich nicht lange in der Stadt aufhalten. Ihr findet mich in der Hochſtraße, wo ich mir die Läden anſehen will.“ Der Träger machte ſich auf die Sohlen; es drängte ihn ſein überwallendes Herz zum Lob dieſes großmüthigen Fremdlings zu er⸗ gießen. Ein Gentleman, ja wahrhaftig, mußte Mike denken. Wenn Mikes Fürſprache bei dem Mayor Geld werth war, ſo hatte Gentle⸗ man Waife ſeine halbe Krone auf famöſe Zinſen angelegt. Der Schauſpieler ſchlenderte in der Stadt umher und blieb vor einem Buchladen ſtehen, an deſſen Fenſter ein Anſchlagzettel aus⸗ geſtellt war, der den Titel führte: Gatesborn’ Athenäum und literariſches Inſtitut. Vorleſung über Conchiliologie, von Profeſſor Long, Verfaſſer der Nachforſchungen über die Naturgeſchichte der Napfmuſcheln. ————nn==— Waife trat in den Laden undlüpfte ſeinen Hut:—„Erlaubt mir, Sir, dieſen Zettel anzuſehen.“ „Gewiß, Sir; aber die Vorleſung iſt vorüber— Ihr könnt es am Datum ſehen; ſie fand in der letzten Woche ſtatt. Wir laſſen die Zettel der bereits abgehaltenen Vorleſungen in unſerem Athenäum am Fenſter ausgeſtellt, bis die neuen Zettel gedruckt ſind— dadurch wird das Ganze in Erinnerung erhalten, Sir.“ „Conchiliologie,“ ſagte der Schauſpieler,„iſt ein Gegenſtand, der tiefe Nachforſchung fordert, und worüber ein gelehrter Mann viel ſagen kann, ohne Widerſpruch fürchten zu müſſen. Aber wie weit liegt Gatesboro' vom britiſchen Ocean ab?“ „Das wüßte ich nicht genau zu ſagen, Sir— eine gute Strecke Wegs.“ „Dann kann, da Muſcheln den jugendlichen Erinnerungen Eurer Mitbürger nicht vertraut ſind, der Profeſſor möglicher Weiſe eine mehr gewählte als zahlreiche Zuhörerſchaft gehabt haben.“ „Es war eine ſehr aufmerkſame Zuhörerſchaft, Sir— und in hohem Grade reſpektabel— Miß Grieves junge Ladies(die gentilſte Penſion in der Stadt) waren zugegen.“ Waife.—„Das macht den jungen Ladies große Ehre. Aber entſchuldigt, iſt Euer Athenäum ein Inſtitut für Handwerker 2 Buchhändler.—„Es wurde im Anfang ſo genannt. Aber nach und nach blieben die eigentlichen Handwerker weg, und ſo hielt man es für gerathen Handwerkerinſtitut in literariſches Inſtitut um⸗ zuändern. Gatesboro' iſt keine Fabrikſtadt und die Handwerker hier entſprechen keineswegs den Erwartungen in Bezug auf den Sinn für abſtracte Wiſſenſchaft, auf welchen die Stifter ſolcher Geſellſchaften ihre—“ Waife(in einſchmeichelnder Weiſe unterbrechend).—„Ihre Berechnungen intellectuellen Fortſchrittes und ihre Liſten pecuniärer Vergeltung gegründet haben. Wenige von dieſen Geſellſchaften kön⸗ nen, ſagt man mir, wirklich aus eigenen Kräften beſtehen— ver⸗ 237 muthlich kanu dieß Profeſſor Long— und wenn er in Gatesboro' wohnt und über Napfmuſcheln ſchreibt, ſo iſt er wahrſcheinlich ein Mann von unabhängigem Vermögen?“ Buchhändler.—„Ach nein, Sir, der Profeſſor wurde aus London verſchrieben— fünf Guineen und ſeine Reiſekoſten. Die Geſellſchaftskaſſe konnte eine ſolche Auslage nicht wohl ertragen, aber * wir beſitzen einen höchſt würdigen Mayor, der im Verein mit ſeinem Adjutanten Mr. Williams, unſerem Schatzmeiſter, ich darf wohl ſagen das Leben und die Seele unſeres Inſtitutes iſt.“ „Euer Mayor iſt wohl ſelbſt ein literariſch gebildeter Mann?“ Der Buchhändler lächelte.„Dieß nicht gerade; aber er thut Alles um die arbeitenden Klaſſen aufzuklären. Hier iſt Mr. Longs großes Werk über Napfmuſcheln, groß Octav. Der Mayor hat es der Bibliothek des Inſtituts zum Geſchenk gemacht. Ich ſchnitt eben die Blätter auf, als Ihr kamet.“ 8 „Das war ſehr klug von Euch, Sir. Wenn die Napfmuſcheln nur im Stande wären gedruckte Lettern in engliſcher Sprache zu leſen, ſo würde dieſes Werk mehr Intereſſe für ſie haben, als die ſcharffin⸗ nigſten Forſchungen über die politiſche und ſociale Geſchichte des Menſchen. Aber,“ fügte der Schauſpieler mit traurigem Kopfſchüt⸗ teln hinzu,„die menſchliche Species iſt nicht hartſchalig— und was. die Geſchichte des Menſchen für eine Napfmuſchel ſeyn könnte, das iſt die Geſchichte der Napfmuſchel für einen Menſchen.“ So ſprechend kaufte Mr. Waife einen Bogen Kartenpapier nebſt einigen Goldver⸗ zierungen, lüpfte ſeinen Hut wieder und ſchritt hinaus. Der Buchhändler kratzte ſich gedankenſchwer am Kopfe; er ſchaute von ſeinem Fenſter aus dem abziehenden Fremdling nach und ging dann mechaniſch wieder an's Aufſchneiden dieſer Blätter, die, wenn die Bände unaufgeſchnitten auf die Ständer der Buchhandlung ge⸗ kommen wären, ohne Zweifel bis zum Donner des jüngſten Gerichts ſo hätten bleiben müſſen. Mitke Callaghan wurde jetzt ſichtbar und ſchritt raſch einher. ——— „Mr. Mayor entbietet ſeinen Gruß, wollte ſagen ſeinen Reſpekt, und wird ſich glücklich ſchätzen Euer Ehren zu ſehen.“ Nach drei Minuten ſaß der Schauſpieler in einem kleinen Kabi⸗ net, das an Mr. Hartopps Bureau ſtieß, und Mr. Hartopp ihm gegenüber. Der Mayor hatte eines jener Geſichter, auf welche die Gutherzigkeit einen Sonnenſchein wirft, ſanfter als Claude ihn je⸗ mals auf die Leinwand gezaubert. Joſiah Hartopp war durch wenig andere Kunſt als die Kunſt ruhiger Freundlichkeit im Leben empor⸗ gekommen. Als Schuljunge war er ſtets bereit geweſen ſeinen Ka⸗ meraden Gefälligkeiten zu erzeigen, und ſeine Kameraden bildeten zu⸗ letzt eine Art von Polizei, um Joſtah Hartopps Pfennige und Perſon gegen die Fäuſte und Finger jedes Andern zu ſchützen. Er war mit ſolchem Eifer darauf erpicht ſeinem Lehrer zu gefallen, nicht aus Furcht vor dem Bakel, ſondern weiler dieſem Ehrenmann den Kummer er⸗ ſparen wollte ihn anzuwenden, daß ſeine Erziehung mehr Mühe koſtete, als auf den glänzendſten Kopf verwendet wurde, den je die Schule großgezogen, und wenn andere Jungen tüchtig durchgeprügelt wurden, da wurde Joſiah Hartopp in beſchwichtigender Weiſe auf den Kopf getätſchelt und ermahnt, er möchte ſich's nicht verdrießen laſſen, ſondern es von Neuem verſuchen. Dieſelbe glatthändige Gerechtig⸗ keit hielt den zuckerigen Kelch an ſeine Lippen, als er zu einem ſtrengen Lederhändler in die Lehre kam, der den Gedanken nicht ertragen konnte ein ſo mildes Geſicht aus ſeinen Blicken zu verlieren, und ihn daher zu ſeinem Aſſocié, zuletzt ſogar zu ſeinem Tochtermann und Te⸗ ſtamentserben machte. Dann wurde Mr. Hartopp auf den Rath von Freunden, die ſein Emporſchwingen wünſchten, aus einem Lederhänd⸗ ler ein Gerber. Die Thierhäute ſelbſt ſänftigten ihre Rauhigkeit unter dieſen milden Händen und zerſchmolzen zu goldenen Vließen. Er wurde reich genug, um zu ſeiner Geſundheit und Erholung eine Meie⸗ rei zu miethen. Er verſtand wenig von der Landwirthſchaft, aber er gewann das Herz eines Verwalters, der im Stande geweſen wäre aus einem hölzernen Tiſch eine Rübe hervorzubringen. Allmählig wurde 239 die Meierei ſein Allodialgut und das Meierhaus vergrößerte ſich zu einer Villa. Reichthum und Ehren floßen aus vollem Horn über ihn. Der gröbſte Mann in der Stadt würde ſich geſcheut haben Joſiah Hartopp ein unſchönes Wort zu geben. Wenn er öffentlich ſprach, ſo wurde er, obſchon er auf klägliche Weiſe ſtotterte und ſtecken blieb, mit größter Ehrerbietung gehört. Was die parlamentariſche Ver⸗ tretung der Stadt betraf, ſo hätte er den einen Sitz ſich ſelbſt und den andern Mike Callaghan zuwenden können, wenn er dieß gewollt hätte. Aber er war zu voll von der Milch der Humanität, um einen Tropfen Parteigalle in ſeine Adern aufzunehmen. Er ließ Andere die Geſetze für ſein Vaterland vorſchreiben, und mit Ausnahme eines einzigen Falls, wo er ſich bereden ließ, zwar nicht die Wähler von Gatesboro', aber die von einer entfernten Stadt, wo er einigen Ein⸗ fluß beſaß, zu Gunſten eines gewiſſen ausgezeichneten Redners be⸗ arbeiten zu helfen, war Joſiah Hartopp in der Politik nur dann ſicht⸗ bar, wenn eine Petition zu Gunſten irgend einer menſchenfreundlichen Maßregel und gegen eine Steuer, die den armen Leuteu weh gethan hätte, beim Parlament eingereicht werden ſollte. Wenn ihm in ſeinem Geſchäft etwas Unangenehmes widerfuhr, ſo vereinigte ſich die ganze Stadt, um die Sache wieder ins Geleiſe zu bringen. Wurde ihm ein Kind geboren, ſo freute ſich Gatesboro' wie eine Mutter. Suchten die Maſern oder das Scharlachfieber ſeine Nachbarſchaft heim, ſo galt die erſte Bekümmerniß von Gatesboro' der Kinderſtube des Mr. Hartopp. Niemand würde von der Kinder⸗ ſtube der Mrs. Hartopp geſprochen haben, und wenn in einem ſolchen Departement der Name des Mannes den der Frau verdrängt, wie kann man dann noch einen ſchlagenderen Beweis für die Zärtlichkeit verlangen, die ihm gezollt wird? Kurz, Joſiah Hartopp war ein denkwürdiger Beleg für eine nicht allgemein anerkannte Wahrheit, daß nämlich die Liebe Macht iſt, und daß, wenn Ihr es vollkommen und unzweifelhaft klar machet, daß Ihr Eure Nachbarn, wenn auch nicht ganz ſo innig wie Euch ſelbſt, ſo doch herzlich und uneigennützig 240 liebet, Ihr in Euern Nachbarn weit beſſere Kameraden finden werdet, als Mrs. Grundy gelten laſſen will, jedoch immer vorausgeſetzt, daß Ihr nicht durch hervorragende Talente ihren Neid erreget oder durch Eure Anſichten gegen ihre Vorurtheile verſtoßet. Mr. Hartopp.—„Ihr intereſſirt Euch, ſagt Ihr, für lite⸗ rariſche Inſtitute und habt den Gegenſtand ſtudirt?“ Der Schauſpieler.—„In letzterer Zeit haben dieſe In⸗ ſtitute meine Gedanken in Anſpruch genommen, weil ſie die geeignetſten Mittel darbieten liberale Ideen in einem nutzbringenden Mittelpunkt zu vereinigen.“ Mr. Hartopp.—„Es iſt allerdings eine große Sache ver⸗ ſchiedene Klaſſen zu freundlicher Vereinigung zu bringen.“ Der Schauſpieler.—„Für lobenswerthe Zwecke.“ Mr. Hartopp.—„Um ihren Verſtand auszubilden.“ Der Schauſpieler.—„Um ihre Herzen zu erwärmen.“ Mr. Hartopp.—„Um ihnen nützliche Kenntniſſe zu geben.“ Der Sechauſpieler.—„Und angenehme Empfindungen.“ Mr. Hartopp.—„Mit einem Wort, um ſie zu belehren.“ Der Schauſpieler.—„Und zu unterhalten.“ „Ei wie,“ ſagte der Mayor,„unterhalten!“ Nun war die ganze Umgebung dieſes liebenswürdigen Maunes beſtändig auf der Hut, um ihn vor den ſchädlichen Wirkungen ſeiner eigenen Gutherzigkeit zu ſchützen, und demgemäß wurde ſein Adjunct, als er hörte, daß er ſich mit einem Fremden allein im Kabinet be⸗ fand, ängſtlich und trat herein, unter dem Vorwand Verhaltungs⸗ befehle in Betreff von Häuten zu empfangen, in Wirklichkeit aber um den Eindringling feſt ins Auge zu faſſen und die Hand ſeines Patrons von unvorſichtigen Taſchen fern zu halten. Mr. Hartopp, der, wenn auch kein glänzender Kopf, doch ein verſtändiger Mann und ein ſchärferer Beobachter war, als man ge⸗ wöhnlich annahm, errieth die freundlichen Abſichten ſeines Adjuncten. „Ein Gentleman, der ſich für das Gatesboro' Athenäum interefflrt. 241 Mein Adjunct, Sir— Mr. Williams, der Schatzmeiſter unſeres Inſtituts. Nehmt einen Stuhl, Williams.“ „Ihr ſagtet zu unterhalten, Mr. Chapman, aber—“ „Ihr habt Profeſſor Long über Conchiliologie nicht unterhaltend gefunden?“ „Ach ſehet,“ ſagte der Mayor mit freundlichem Lächeln,„ich bin kein Mann der Wiſſenſchaft, und deßhalb war ſeine Vorleſung bei all ihrer Tiefe für mich etwas trocken.“ „Muß ſie nicht für Eure Arbeiter noch weit trockener geweſen ſeyn, Mr. Mayor?“ „Sie wohnten ihr nicht an,“ ſagte Williams.„Es koſtet ſchwere Mühe die Arbeiter von Gatesboro' heranzuziehen, wenn etwas Gediegenes ihrem Verſtand beigebracht werden ſoll.“ „Die armen Leute, ſie ſind am Abend ſo müde,“ ſagte der Mayor mitleidig;„aber ſie wünſchen ſich auszubilden und ſie holen Bücher aus der Bibliothek.“ „Romane,“ verſetzte der ſtrenge Williams—„es wird lang an⸗ ſtehen, bis ſie dieſe werthvolle Geſchichte der Napfmuſcheln aus⸗ wählen.“ „Wenn eine Vorleſung ſo unterhaltend waͤre wie ein Roman, würden ſie dann nicht erſcheinen?“ fragte der Schauſpieler. „Vermuthlich wohl,“ erwiederte Mr. Williams,„aber unſere Abſicht iſt zu belehren, und die Belehrung, Sir—“ „Könnte unterhaltend gemacht werden. Wenn z. B. der Vor⸗ leſer ein lebendiges Schalthier vorzeigte und dadurch, daß er nach⸗ wieſe, wie viel eine freundliche Behandlung zur Entwicklung des Ver⸗ ſtandes und Gemüthes bei ſeelenloſen Weſen beitragen kann, den Menſchen ſelbſt freundlicher gegen ſeinen Mitmenſchen ſtimmen könnte?“ Mr. Williams lachte grimmig.—„Nun, Sir?“ „Das iſt es was ich zu thun mich erbiete.“ „Mit einem Schalthier!“ rief der Mayor. Bulwer, was wird er damit machen? 242 „Nein, Sir; mit einem Geſchöpf von edleren Eigenſchaften— einem Hund.“ Die Zuhörer ſtarrten einander wie ſtumme Thiere an, als Waife alſo fortfuhr: „Dadurch daß ich Intereſſe für die Individualität eines begabten Vierfüßlers gewänne, würde ich allmälig Intereſſe für die Naturge⸗ ſchichte ſeiner Species hervorrufen. Ich würde die Zuhörerſchaft dazu bringen, daß ſie Vergleichungen mit andern Mitgliedern der großen Familie, die einſt mit Adam zuſammenlebte, anhörte. Ich würde den Grund zu einem lehrreichen Curſus der Naturgeſchichte legen, und wer weiß, ob wir nicht von wirbelbeinigen Säugethieren allmählig bis zum Nervenſyſtem der Schleimthierabtheilung gelangen und durch Vorzeigung einer Napfmuſchel eine Empfindung hervorrufen könnten?“ „Theoretiſch,“ ſagte Mr. Williams. „Praktiſch, Sir; da ich es als praktiſch annehme, daß das Athe⸗ näum vorläufig ſo zu ſagen eine Tare iſt, welche auf die reicheren Subſcribenten mit Einſchluß des Mr. Mayors fällt.“ „Nicht der Mühe werth,“ ſagte der milde Hartopp. Williams ſah ſeinen Patron mit unausſprechlicher Liebe an und ſeufzte:„Wirk⸗ lich nicht der Mühe werth— oh!“ „Dieſe Geſellſchaften ſollten gänzlich aus eigenen Mitteln be⸗ ſtehen können,“ ſagte der Schauſpieler,„und den Mr. Mayor in keinen pecuniären Verluſt bringen.“ „Allerdings,“ meinte Williams,„das iſt der rechte Grundſatz. Mr. Mayor ſollte geſchützt ſeyn.“— „Und wenn ich Euch zeigte, wie man dieſe Geſellſchaften ſo weit bringen kann, daß ſie ſich aus eigenen Mitteln erhalten—“ „So würden wir Euch zu großem Dank verpflichtet ſeyn.“ „Nun ich erbiete mich eine Vorſtellung in Euern Räumlichkeiten zu geben.“ Mr. Williams ſtieß den Mayor mit dem Ellbogen und huſtete; der Schauſpieler that als ob er von Huſten und Stoßen nichts be⸗ merkte. „Natürlich unentgeltlich. Ich bin kein Profeſſor von Handwerk, Gentlemen.“ Mr. Williams ſah aus, als ware er hoch erfreut dieſes zu ver⸗ nehmen. „Und wenn meine erſte Probe glücklich ausfällt, wie ich feſt überzeugt bin, ſo werde ich es Euch überlaſſen, Gentlemen, mein Unter⸗ nehmen fortzuſetzen. Aber ich kann mich nicht lange hier aufhalten. Wenn übermorgen—“ „Das iſt unſer gewöhnlicher Soireetag,“ ſagte der Mayor. „Aber Ihr ſagtet ein Hund, Sir— Hunder werden nicht zugelaſſen — he Williams?“ Mr. Williams.—„Eine bloße Nebenbeſtimmung, das Co⸗ mité kann ſie nöthigenfalls auch aufheben. Aber würde nicht dies Einführung eines lebendigen Thieres weniger würdevoll ſeyn als— „Einer todten Mißgeburt,“ ſiel der Schauſpieler ernſthaft ein. Der Mayor hätte gerne gelächelt, aber er fürchtete die Gefühle von Mr. Williams zu verletzen, welchem der Scherz nicht zu gefallen ſchien. „Wir ſind eine rein Kütellettalle Körperſchaft,“ ſagte der letztere Gentleman, und ein Hund— 3 „Ein gelehrter Hund vermuthlich?“ bemerkte der Mayor. Mr. Williams(nickend),—„könnte einen gefährlichen Vor⸗ gang für die Einführung anderer Vierfüßler bilden. Wir könnten auf dieſe Art bis zu einem delehrtten Ferkel herabkommen. Wir ſind keine Menagerie, Mr.— Mr.— „Chapman,“ ergänzte der Mayor höflich. „Genug,“ ſagte der Schauſpieler, indem er ſich in ſeiner groß⸗ artigen Weiſe erhob,„wenn ich mich berechtigt glaubte, Gentlemen, zu ſagen, wer und was ich bin, ſo würdet Ihr überzeugt ſeyn, daß ich mit einer Sache, die ich für ſehr ernſt und wichtig halte, nicht 16* 244 tändle. Gegen eine etwaige Unterſtellung, als ob ich irgendwie der Würde der Wiſſenſchaft und dem ausgezeichneten Ruf des Gatesboro' Athenäums zu nahe treten wollte, Tlanbe ich mich nicht rechtfertigen zu müſſen. Dieſe grauen Haare ſind— Er ſchloß dieſen Satz nur mit einer leichten Handöewegung⸗ Die zwei Bürger verbeugten ſich ehrerbietig, und der Schauſpieler fuhr fort: „Aber wenn Ihr von Vorgängen ſprecht, Mr. Williams, ſo er⸗ laubet mir, auf Vorgänge Bezug zu nehmen. Ariſtoteles ſchrieb Alexander dem Großen um Thiere, die er im literariſchen Inſtitut zu Athen vorzeigen wollte. In den Lehrſälen in Egypten wurden Vor⸗ leſungen über einen Hund Namens Anubis gehalten, von welchem ich kühn verſichere, daß er unter dem Hund, den ich im Auge habe, eben ſo tief ſteht, wie ein egyptiſcher Lehrſaal unter einem britiſchen Inſti⸗ tut. Die alten Etrusker haben, wie der gelehrte Schweighäuſer in folgender Stelle nachweist— Ihr verſteht vermuthlich Griechiſch, Mr. Williams?“ Mr. Williams konnte es nicht ſagen. Der Schauſpieler.—„Dann will ich dieſe Stelle in Schweig⸗ häuſer über die moloſſiſchen Hunde im Allgemeinen und den Hund des Alcibiades im Beſondern nicht anführen, aber ſie beweist ganz zweifel⸗ los, daß in jedem literariſchen Inſtitut des Alterthums gelehrte Hunde in hoher Achtung ſtanden; ja es gab ſogar eine philoſophiſche Akade⸗ mie, welche ſich die eyniſche, d. h. hündiſche oder die Hundeſchule nannte, und deren ausgezeichnetſter Profeſſor Diogenes hieß. Er ging, wie Ihr wißt, mit einer Laterne umher, um einen rechtſchaffenen Menſchen zu ſuchen, und konnte keinen finden. Warum? weil die Hundegeſell⸗ ſchaft ihre Idee von menſchlicher Rechtſchaffenheit zu unpraktiſcher Höhe hinaufgeſchraubt hatte. Aber ich langweile Euch; ſonſt könnte ich die ganze Vorleſungsſtunde auf dieſe Art ausfüllen, wenn Ihr glaubet, daß die Handwerker von Gatesboro' lieber Gelehrſamkeit als Unterhaltung wünſchen.“ — 245 „Ein großer Gelehrter,“ flüſterte Mr. Williams. Laut:„Nun ich habe nichts gegen Eure Beiſpiele einzuwenden, Sir. Dieſen Theil der Frage ſcheint Ihr mir vollkommen erledigt zu haben. Aber im Ganzen iſt doch ein gelehrter Hund nichts ſo ſehr Ungewöhnliches, daß er allein ſchon die gewaltige Anziehungskraft ausüben ſollte, die Ihr anzunehmen ſcheint.“ „Ich rühme mich nicht der bloßen Gelehrſamkeit meines Hundes,“ antwortete der Schauſpieler,„Hunde mögen gelehrt ſeyn und Men⸗ ſchen auch; aber die Art und Weiſe, wie dieſe Gelehrſamkeit, ob nun durch Hund oder Menſch, zur Erbauung der Maſſen dargethan wird, um, wie Pope ſich ausdrückt, den Geiſt zu heben und das Herz zu beſſern, dieſe allein ziert den Eigenthümer, erhebt die Species, in⸗ tereſſirt das Publikum und gebietet die Hochachtung ſolcher Richter, wie ich vor mir ſehe.“ Die große Verbeugung. „Ah!“ ſagte Mr. Williams zögernd,„dieß ſind Geſinnungen, die Eurem Kopf und Herzen gleich viel Ehre machen, und wenn wir nur einmal zuvor den Hund privatim ſehen könnten—“ „Nichts leichter als das,“ antwortete der Schauſpieler;„wollt Ihr mir die Ehre erweiſen heute Abend auf den Thee zu mir zu kom⸗ men?“ „Wollt Ihr nicht vielmehr den Thee bei mir nehmen 2“ ſagte der Mayor mit einem ſchüchternen Blick auf Mr. Williams. Der Schauſpieler.—„Ihr ſeyd ſehr gütig; aber meine Zeit iſt dermaßen in Anſpruch genommen, daß ich es mir ſchon lange zum Grundſatz gemacht habe alle Privateinladungen außerhalb mei⸗ nes eigenen Hauſes abzulehnen. In meinen Jahren, Mr. Mayor, kann man auf Entſchuldigung hoffen, wenn man von der Geſellſchaft und ihren Formen Abſchied nimmt; aber Ihr ſeyd vergleichungsweiſe junge Männer. Ich mache alſo die Autorität dieſer grauen Haare geltend und werde Euch heute Abend um neun Uhr erwarten.“ Der Schauſpieler machte eine graziöſe Bewegung mit der Hand und trat ab. 246 „Ein Gelehrter und ein Gentleman,“ ſagte Williams mit Nach⸗ druck. Und der Mayor, der jetzt ſeinem menſchenfreundlichen Herzen Luft ſchaffen durfte, fügte hinzu:„Ein Humoriſt und zwar von hei⸗ terer Art. Vielleicht hat er Recht, und unſere armen Arbeiter wür⸗ den uns für ein unſchuldiges kleines Vergnügen mehr Dank wiſſen als für ſolche Vorleſungen, bei denen man es ihnen nicht verargen kann, wenn ſie Langeweile bekommen, da ja Ihr ſelbſt eingeſchlafen ſeyd, als Profeſſor Long auf die vielfächerige Schale der erſten Klaſſe cepha⸗ loſer Schleimthiere zu ſprechen kam; und ich glaube, daß ein harm⸗ loſes Lachen eine moraliſche Wirkung auf die arbeitende Klaſſe hat— nur darf es nicht ruchbar werden, daß ich das geſagt habe, denn wir kennen uneeſide Perſanen von ernſter Geiſtesri riin tung, die ſich an ieſer Anſicht ſtoßen möchten.“ Eilftes Kapitel. Geſchichtliches Problem: Iſt Gentleman Waife ein Schwindler oder ein Genie? Antwort.— Ganz gewiß ein Schwindler, wenn er ſeine Sache Ri ht durchzuführen weiß. Julius Cäſar ſchuldete zwei Millionen, als er das Experiment riskirte General in Gallien zu werden. Hätte Irlirs Cäſar es nicht erlebt, daß er über den Rubicon ziehen und ſeine Schulden bezahlen konnte, wie würden ſeine Gläubiger Julius Cä⸗ ſar genannt haben? Ich brauche nicht zu ſagen, daß Mr. Hartopp und ſein Adjune pflichtlich zum Thee kamen, aber der Schauſpieler war mit Vorzei⸗ gung der Talente Sir Iſaals ſehr ſparſam— er zeigte nur ſo viel als nöthig war, um Bewunderung zu erregen, ohne die Neugierde zu ſättigen. Sophy, deren hübſches Geſichtchen und vornehmer An⸗ ſtand volle Würdigung fanden, wurde durch einen Wink ihres Groß⸗ vaters früh ins Bett geſchickt, und nun bot der Schauſpieler alle ſeine Fähigkeiten auf, um ſeine Gäſte zu unterhalten, ſo daß ſelbſt Sir Iſaak bald vergeſſen war. Es iſt eine ſchwere Aufgabe mit der Feder ———— 1—— 247 † eine richtige Idee von dem angenehmen Unterhaltungstalent dieſes wunderlichen Vagabunden zu geben. Nicht ſowohl das was er ſagte, als vielmehr die Art wie er es ſagte, verlieh ſeinem flüchtigen Gerede den Zauber des Humors. Er hatte gewiß auf die eine oder andere Art ungeheuer viel vom Leben geſehen, und ohne daß er für den Augen⸗ blick den Anſchein hatte, als ob er von der Beobachtung viel proſi⸗ tirte, ohne daß er vielleicht ſich ſelbſt bewußt war, daß er proſitirte, lag ſelbſt in ſeinem kindlichſten leichteſten Geplauder Etwas, wodurch er mit einem Blick ſeines einzigen leuchtenden Auges und einer Ver⸗ ziehung der beweglichen Lippe den Eindruck eines originellen Genius machen konnte, der mit unſerer runden Welt ſo leicht ſpielt wie ein Kind mit ſeinem bunten Ball, den es in die Höhe wirft und wieder auffängt. Seiner eigentlichen Buchweisheit konnte er ſich nicht ſehr rühmen, obſchon er in früher Jugend eine ſchöne Erziehung genoſſen haben mußte. Von den alten Claſſikern hatte er oberflächliche Kennt⸗ niſſe, die vielleicht genügten, um ungelehrte Leute zu überraſchen. Wenn er ſie ſelbſt nicht geleſen hatte, ſo hatte er doch über ſie ge⸗ leſen, und bei verſchiedenen Gelegenheiten ſeines wechſelreichen Lebens hatte er einige Bekanntſchaft mit den anderen populären Schriftſtellern erſten Rangs aufgeſchnappt. Aber die Literatur war bei ihm der ſchmalſte Streif an ſeinem farbenreichen Ball. Immerhin blieb es erſtaunlich, wie fern und weit der Schauſpieler die Sandkörner des Wiſſens ausſtreuen konnte, welches die Winde um die Thüre ſeines ſchalkhaften, geſchäftigen Verſtandes her aufgetrieben hatten. Wo konnte er z. B. je die Natur und die Abſichten der Arbeiterinſtitute ſtu⸗ dirt haben? Und doch wie gut ſchien er ſie zu verſtehen! Hier half ihm vielleicht ſeine Erfahrung mit einer Art von Zuhörerſchaft zum Schlüſſel bei allen gemiſchten Geſellſchaften. Kurz der Mann war Schauſpieler, und wenn er es für paſſend erachtet hätte die Rolle des Profeſſors Long ſelbſt zu ſpielen, ſo würde er ſie durchgeführt haben. Die zwei Bürger hatten in vielen Jahren keinen ſo angenehmen Abend verbracht. Als es zwölf Uhr ſchlug, erhob ſich der Mayor, -————— —————————-⁴ mmm 248 deſſen Gig ſchon eine volle Stunde gewartet hatte, um ihn nach ſeiner Billa zu bringen, nur mit Widerſtreben zum Aufbruch. „Und,“ ſagte Williams,„die Zettel müſſen morgen ausgegeben werden. Wie ſollen wir die Ankündigung einrichten?“ „Je einfacher je beſſer,“ ſagte Waife:„nur möchte ich Euch bitten die Verſicherung voranzuſchicken, daß die Vorſtellung unter dem ſpeciellen Patronat Seiner Geſtrengen des Mayors ſteht.“ Der Mayor fühlte ſeine Bruſt ſchwellen, als hätte er irgend eine überwältigende perſönliche Verbindlichkeit auf ſich genommen. „Die Anzeige könnte etwa ſo lauten,“ fuhr der Schauſpieler fort: „Beleuchtungen aus dem häuslichen Leben und der Natur⸗ geſchichte mit lebendigen Beiſpielen, erſter Theil: der Hund.“ „Das wird ziehen,“ ſagte der Mayor;„Hunde ſind ſo populäre Thiere.“ „Ja,“ verſetzte Williams,„und wenn auch gerade aus dieſem Grund Einige denken möchten, wir hätten durch Vorzeigung eines lebendigen Hundes der Würde des Inſtituts Eintrag gethan, ſo muß doch die Wichtigkeit der Naturgeſchichte—“ „Und,“ fügte der Schauſpieler hinzu,„die heiligenden Einflüſſe des häuslichen Lebens—“ „Ja,“ ſchloß Mr. Williams,„ſie müſſen das beſeitigen, was etwa einer höhern Klaſſe von Geiſtern als eine allzuvertrauliche An⸗ ziehung an dem Hund erſcheinen könnte.“ „Mir iſt um den Erfolg nicht bange,“ ſagte Waife,„voraus⸗ geſetzt, daß das Publikum ſich zahlreich genug einfindet; in dieſer Vorausſetzung, die eine unerläßliche Bedingung für das Gelingen des Erperiments iſt, ſtelle ich Karten aus, die ich nur dem Mayor zur Vertheilung übergebe.“ „Seyd nicht zu ſanguiniſch. Ich habe Karten zu Gunſten des Profeſſors Long ausgetheilt und die Zuhörerſchaft war nicht zahlreich. Gleichwohl will ich mein Beſtes thun. Gibt es ſonſt nichts, womit ich Euch nützlich ſeyn kann, Mr. Chapman?“ 249 „Ja ſpaͤter.“ Williams wurde beſorgt und näherte ſich ſchützend der Bruſttaſche des Mayors. Der Schauſpieler zog ihn auf die Seite und flüſterte:„Ich beabſichtige dem Mayor eine kleine Skizze von der Vorſtellung zu geben und ihn ſelbſt hineinzubringen, damit ſeine Mitbürger ihre Hochachtung gegen ihn durch einen Beifallsruf zu verſtehen geben können. Es wird ſeinem guten Herzen Freude ma⸗ chen und rührend ſeyn, Ihr ſollt ſehen— aber ſtill!“ Williams ſchüttelte dem Schauſpieler mit leichterem Herzen, ergriffen und vertrauensvoll, die Hand. Die Gäſte gingen. Der Schauſpieler zündete ſeinen Hand⸗ leuchter an, pfiff dem Sir Iſaak und begab ſich ohne den mindeſten Gedanken der Zerknirſchung über den Anwachs ſeiner Rechnung und das Deficit in ſeinen Taſchen zu Bette. Und doch war es wahr, was Sophy angedeutet, daß der Schauſpieler einen ehrlichen Ab⸗ ſcheu vor dem Schuldenmachen hatte. Er beſann ſich immer zwei⸗ mal, ehe er ſich der Gefahr ausſetzte auch nur die unbedeutendſte Rechnung ſchuldig zu bleiben; und kam die Rechnung, ſo wurde ſie bezahlt, wenn ihm auch kein Pfennig mehr übrig blieb. Und nun welche leichtſinnige Verſchwendung! die beſten Zimmer! Diners— Thee— im erſten Hotel der Stadt! Eine halbe Krone für einen Ausläufer! Dieſe verſchwenderiſche Lebensweiſe wurde mit dem Aufgang der Sonne von Neuem begonnen!— Keine Sorge um den morgenden Tag, und ich darf gar nicht daran denken, wie wenig Schillinge in dieſer Börſe. Welch ein übles Spiel könnte er ſich dadurch bereiten! Ohne alle Mittel und unter erborgtem Namen Rechnungen auflaufen zu laſſen! Ich will mich für keinen Rechts⸗ gelehrten ausgeben, aber dieß ſcheint mir die größte Aehnlichkeit mit Schwindel zu haben. Ja, der Lump ſchläft. Aber ſind wir auch ſicher, daß wir keine ſeichtköpfige Moraliſten ſind? Bringen wir auch das Recht des Genies Wechſel auf die Zukunft zu ziehen in ge⸗ bührenden Anſchlag? Verbrannte nicht zuweilen der behutſamſte General ſeine Schiffe? Nimmt nicht der rechtſchaffenſte Kaufmann 250 manchmal auf das Gelingen gewagter Speculationen Eredit in An⸗ ſpruch? Kann nicht dieſer friedſame Schlummerer moraliſch über⸗ zeugt ſeyn, ue er in ſeinem eigenen Kopf das große Handelsſchiff ſchwimmen hat, das ſeine Benützung des Türkenkopfes vollkommen rechtfertigt? Wenn ſein Plan fehlſchlüge— er wird Euch ſagen, daß dieß unmöglich ſey! Aber wenn er dennoch fehlſchlüge, ſagt Ihr. Hört; man erzählt ſich eine Geſchichte—(ich will ihre Wahrheit nicht verbürgen, ſondern ſage ſie blos wieder, wie ſie mir geſagt worden iſt) man erzählt ſich eine Geſchichte, daß im letzten Ruſſenkrieg ein gewiſſer Veteran unſerer Marine, berühmt durch profeſſionelle Kühnheit und wiſſenſchaftliche Erfindſamkeit, von einigen hohen Staatsbeamten über die Wahrſcheinlichkeiten der Wegnahme Kronſtadts befragt worden ſey:„Wenn Ihr,“ ſagte der Admiral,„mich mit ſo viel Linienſchiffen und ſo vielen Kanonen⸗ booten hinſchicket, ſo muß Kronſtadt natürlich genommen werden.“ —„Aber,“ meinte ein vorſichtiger Lord,„ſetzen wir den Fall, es werde nicht genommen.“—„Das iſt unmöglich, es muß genommen werden.“—„Ja,“ beharrte Mylord,„Ihr denkt allerdings ſo; aber immerhin, wenn es nicht genommen wird— was dann?“— „Was dann!— nun dann wäre es aus mit der britiſchen Flotte.“ Die großen Männer wurden ängſtlich und dieſer Admiral wurde nicht hingeſandt. Aber ſie deuteten den Sinn ſeiner Antwort falſch. Er wollte nicht ſagen, daß für die britiſche Flotte eine bedeutende Ge⸗ fahr vorhanden ſey. Er wollte nur die Unmöglichkeit der einen Hypotheſe durch Aufſtellung einer noch augenfälligeren Gegenunmög⸗ licieit bemei iſen.„Es iſt unmöglich, daß ich Kronſtadt nicht nehme!“ —„Aber wenn Ihr es dennoch nicht nehmt?—“„Es iſt unmög⸗ lich, daß ich es nicht nehme; denn wenn ich es nicht nehme, ſo iſt es aus mit der britiſchen Flotte, und da es unmöglich iſt, daß es je mit der britiſchen Flotte ausgehen kann, ſo iſt es unmöglich, daß ich Kronſtadt nicht nehme.“ Quod erat demonstrandum. Zwölftes Kapitel. — In welchem Alles auf Sir Iſaaks Erfolg in Entdeckung des Geſetzes der Anziehung ankommt. Am beſtimmten Abend um acht Uhr war der große Saal des Gatesboro' Athenäums ungewöhnlich angefüllt. Nicht blos hatte der Mayor ſelbſt ſich die größte Mühe für die Sache gegeben, ſon⸗ dern auch das Programm verſprach einen ſeltenen Genuß nach der Proſa abſtracter Aufklärung und überſchwenglichen Wiſſens. Ueber⸗ dieß hatte der Fremdling ſelbſt angefangen die Speculation und Neugierde rege zu machen. Er war ein Amateur, kein ſteifer und trockener Profeſſor. Der Mayor und Williams hatten beide überall ausgeſagt, daß weit mehr an ihm ſey als auf der Oberfläche zu Tag komme; ungeheuer gelehrt, aber im höchſten Grad angenehm— und ganz feine Manieren!— Wer mochte er ſeyn? War Chap⸗ man ſein wirklicher Name? u. ſ. w. Der Schauſpieler hatte Erlaubniß erhalten den Saal vorläufig herzurichten. Er hatte den höhern Theil deſſelben als Bühne, und er war ſo glücklich geweſen einen grünen Vorhang zu finden, den man querüber ziehen konnte. Hinter dieſem Schirm tauchte er jetzt hervor und verbeugte ſich. Die Verbeugung verdoppelte den erſten conventionellen Applaus. Er hielt ſofort eine ganz kurze Anrede, äußerſt gut gegeben, das dürft Ihr glauben, aber mehr im Con⸗ verſations⸗ als im höheren Redeſtyl. Er ſagte, ſeine Abſicht ſey, ligenz dieſes allgemeinen Freundes des Menſchen— des Hundes— in einer Weiſe darzuthun, wobei nicht blos ſeine ſcharf⸗ ſinnigen Inſtinkte, ſondern auch ſeine liebevolle Natur an's Licht trete, und hieraus die Moral abzuleiten, daß ſelbſt die größten Ta⸗ lente und die tiefſte Gelehrſamkeit keinen Werth haben, wenn man ſie nicht den Menſchen nutzbar mache.(Beifall.) Man müſſe ihm verzeihen, wenn er, um dieſen Zweck zu erreichen, genöthigt alſo 252 ſey, einige harmloſe Efſecte von der Bühne zu entlehnen. Mit einem Wort, ſein Hund würde ihnen die Verwicklungen eines kleinen Drama vorführen. Und er ſelbſt, obſchon er nicht ſagen könne, daß er an öffentliches Sprechen gänzlich ungewöhnt ſey(hier ein Lächeln, beſcheiden aber erhaben, wie bei einem famöſen Parla⸗ mentsredner, der zum erſten Mal vor einer Kirchſpielverſammlung auftritt) habe dennoch in der ſpeciellen Parthie, die er jetzt unter⸗ nommen, durchaus keine Uebung und müſſe daher um Nachſicht für Bemühungen bitten, die kein anderes Verdienſt anſprechen als den Helden des Stücks in einer familiären Darlegung ſolcher Eigen⸗ ſchaften zu unterſtützen, worin Hunde der Menſchheit eine Lection geben können. Er verbeugte ſich wiederum und zog ſich hinter den Vorhang zurück. Eine Pauſe von drei Minuten;— der Vorhang ging hinauf. Konnte dieß derſelbe Mr. Chapman ſeyn, welchen die Zuſchauer vor ſich geſehen hatten? Konnten drei Minuten ge⸗ nügen, um den glatten, reſpectabeln, wohlhäbigen Gentleman, der ſie ſo eben angeredet, in dieſes leibhaftige Abbild fadenſcheiniger Armuth und ausgehungerter Herabgekommenheit umzuwandeln? Wenig Hülfe von theatraliſchem Coſtüm: die Kleider ſcheinen dieſelben geblieben, aber nur ſchrecklich alt und fleckig geworden zu ſeyn. Das Geſicht, die Figur, der Mann— dieſe hatten eine Verwand⸗ lung durchgemacht, deren Bewerkſtelligung über die Kunſt bloſer Bühnengarderobe, und wäre ſie auch noch ſo reichlich ausgeſtattet hinausging. Ohne den grünen Fleck über dem Auge würdet Ihr Mr. Chapman nicht wieder erkannt haben. Es war allerdings im⸗ mer noch eine gewiſſe Würde um ihn verbreitet, aber es war die Würde des Leidens und überdieß nicht die Würde eines leutſeligen Civiliſten, ſondern eines militäriſchen Veteranen. Man konnte ſich darin nicht täuſchen. Obſchon nicht in Uniform, muß der melancho⸗ liſche Mann ein Krieger geweſen ſeyn. Die Art wie der Rock über der Bruſt zugeknöpft, die ſchwarze Binde, die feſt um den Hals ge⸗ zogen war, die in Folge lebenslanger Disciplin zurückgeworfene 253 Schulter, obſchon der Kopf in der Verzagtheit einer ereignißſchweren Kriſis vorwärts gebeugt war— Alles verkündete den herabgekom⸗ menen aber nicht unnobeln Helden von hundert Schlachtfeldern. Es lag auch etwas Ausländiſches in der ganzen Erſcheinung des Veteranen. Mr. Chapman hatte ſo durch und durch engliſch aus⸗ geſehen— dieſe tragiſche und magere Perſon, die einem dürren Stamm die luſtigen Blätter Mr. Chapmans abgeſtreift hatte, ſah ſo unzweideutig franzöſiſch aus. Der Schauſpieler hatte noch kein Wort geſprochen, und dennoch war alles das dem Publikum durch den erſten Blick auf ihn klar geworden. Es entſtand ein erſtauntes Gemurmel, dann trat athemloſe Stille ein. Die Geſchichte ent⸗ wickelte ſich ſchnell, theils durch Worte, noch weit mehr aber durch Blick und Action. Da ſaß ein Soldat, der unter Napoleon bei Marengo und Aunſterlitz gefochten hatte, der über die Schneefelder Moskowiens hingezogen, dem Feuer von Waterloo entkommen war — der Soldat des Kaiſerreichs! Ein wunderbares Ideal einer wunderbaren Zeit! und nirgends mehr Achtung und Ehrfurcht ge⸗ winnend als in dieſem Lande des alten engliſchen Feindes, wo bei geringer Kenntniß des Schoͤnen in der Kunſt eine ſo ehrerbietige Sympathie für alles Große im Menſchen vorwaltet! Da ſaß der Soldat geld⸗ und freundlos— da lehnte, kaum geſehen, ſeine En⸗ kelin, ſchwach und langſam verhungernd: und alles was der Soldat beſitzt, um Brod für den Tag zu kaufen, iſt ſein Kreuz der Ehren⸗ legion. Es war ihm von der Hand des Kaiſers gegeben worden— muß er es verpfänden oder verkaufen? Hinweg mit dem Decora⸗ tionspomp, welchen wir ſtatt der Stimme leidenſchaftlicher Natur auf unſerer geſunkenen Bühne eingeführt haben! Kuliſſen ſo getreu bis zum Schaft einer Säule— Kleider, aus welchen ein Antiquar das Datum bis auf ein Jahr beſtimmen kann! Liegt darin Täu⸗ ſchung? Werden wir auf ſolche Art von Theben nach Athen ent⸗ rückt? Nein;— ſtellet einen wirklich guten Schauſpieler auf ein Brett, und Theben und Athen mögt Ihr mit einer wollenen Decke 254 verhängen. Sehet, dieſes Kreuz, welches der alte Krieger mit abgewandten Augen in dieſer zitternden Hand hält, iſt nur aus Flittergold und Kartenpapier, das er im Buchladen gekauft hat, zuſammengepappt. Ihr könntet ſehen, daß es weiter nichts war, wenn Ihr es zu ſehen verſuchtet. Dachte eine anweſende Seele an eine ſolche genaue Unterſuchung? Nicht eine einzige. In der Hand des Schauſpielers wurde dieſer Plunder auf einmal das glor⸗ reiche Mittel, durch welches Napoleon das Gefühl ritterlichen Helden⸗ finnes den Männern eingepflanzt hatte, die Danton als grauſame Beſtien wie Galeerenſklaven, die ihre Ketten zerbrochen, über die Erde ausgeworfen hätte. Das aus Goldzierrathen und Kartenpapier verfertigte Ordens⸗ zeichen gewann Leben und Seele; es erzeugte ein Intereſſe und flößte ein Pathos ein, als wäre es— oh nicht von Gold und Sdelſteinen, ſondern von Fleiſch und Blut gemacht. Und die einfachen gebrochenen Worte, die der alte Mann an daſſelbe richtete! Die Scenen, die Felder, die Hoffnungen, die Ruhmeserinnerungen, die es herauf⸗ beſchwor! Und nun hinweggeriſſen zu werden— verkauft, um den niedrigſten, gemeinſten Bedürfniſſen des Menſchen Genüge zu lei⸗ ſten— verkauft— das letzte Symbol einer ſolchen Vergangenheit! Das hieße in der That,„propter vitam vivendi perdere causas.“ Er würde lieber verhungert ſeyn— aber das Kind? Und dann er⸗ hob ſich das Kind und betheiligte ſich beim Spiel. Sie würde ein ſolches Opfer nicht dulden— ſie habe keinen Hunger— ſie ſey nicht ſchwach; und als ihr die Stimme verſagte, ſchaute ſie auf in dieſes eiſerne Geſicht und lächelte— nichts als ein Lächeln. Herausflogen die Taſchentücher. Der Krieger ergreift das Kreuz und wendet ſich weg. Es ſoll wirklich verkauft werden. Als er die Thüre öffnet, tritt gravitätiſch ein Hund herein, leckt ſeine Hand, nähert ſich dem Tiſch, ſtellt ſich auf ſeine Hinterbeine, überſchaut traurig den Tiſch, ſchüttelt ſeinen Kopf, winſelt, kommt zu ſeinem Herrn, zupft ihn am Rockſchoß und ſchaut ihm fragend ins Geſicht. bee Es kommt bald zu Tage und auf eine ſehr natürliche Art. Der Hund gehört einem alten Kriegskameraden, der nach Isle de France gerei dist war, um ſeinen Antheil an der Erb⸗ ſchaft eines daſelbſt niedergelaſſenen und geſtorbenen Bruders zu for⸗ dern. Mittlerweile hat er das Thier der.Dühnt dſeras Veteranen anvertraut, der damals in vergleichungsweiſe wohlhabenden Umſtänden lebte, ſpäter aber durch den betrüge criſche aeankratke eines Bankiers, dem er ſein Alles anvertraut hatte, ruinirt wurde; und ſeine kleine Penſion mit Einſchluß der jährlich aEumme, wozu ſein Kreus z ihn berechtigte, war zum voraus augenenht und verpfändet Muhder. um die kleinen Schulden zu bezahlen, die er im Vertrauen auf ſeine Di⸗ vidende von dem Bankier in aller Unſchuld gemacht hatte. Der genthümer des Hundes war vor Monaten abgereist, ſeine Nückkehr konnte täglich erwartet werden. Mittlerweile war der Hund am Herd, aber der Mülf, d er Hungerwolf ſtand vor der Thne Jetzt war dieſes verſtändige Thier gelehrt worden, die Geſchäfte eines Boten und Hausmeiſters zu verrichten. Zu beſtimmten Zeiten wandte ſich der Pudel an ſeinen Herrn um einige Sous und brachte die Lebensmittel heim, die er mit den Sous gekauft hatte. Er kam jetzt wie gewöhnlich an den Tiſch, um die gewöhnte Münze zu fordern— der letzte Sou war dahin— das Geſchäft des Hundes war zu Ende. Aber konnte nicht der Hund verkauft werden? Unmöglich— er war das Eigen⸗ I thum eines Andern— ein heiliges Depoſitum; man müßte ſo ſchlecht ſeyn wie der Bankier, wenn man ein anvertrautes Eigenthum zur Be⸗ ſtreitung ſeiner eigenen Berürfniſfe verwenden wollte. Dieſe kleinen biographiſchen Einzelheiten kamen in jener Art von bitterem und pa⸗ thetiſchem Humor zu Tage, die, wie der Schauſpieler aus dem Stu⸗ dium Shakeſpeares oder durch die Erfahrung im wirklichen Leben gelernt hatte, die natürliche Erleichterung eines tiefgehenden Kummers iſt. Mittlerweile unterſtützte der Hund die Erzählung durch ſein Mit⸗ ſpielen. Fortwährend auf die Sous erpicht, ſteckte er ſeine Naſe in die Taſchen ſeines Herrn, appellirte auf rührende Weiſe an das Kind, 256 warf endlich ſeinen Kopf zurück und machte ſeiner Aufregung durch ein klägliches elegiſches Geheul Luft. Plötzlich hörte man draußen das Geſchmetter der blechernen Trompete eines Dockenkaſtenmannes. Ob der Schauſpieler irgend eine gefällige Perſon veranlaßt hatte dieſes Inſtrument zu ſpielen, oder ob es, was wahrſcheinlicher, nur ein Bauch⸗ rednerſtückchen war, ſtellen wir den Vermuthungen anheim. Bei dieſem Getöne ſchien eine Idee den Hund zu erfaſſen. Er ſprang zuerſt zu ſeinem Herrn, der auf der Schwelle ſtand und im Begriff war fortzu⸗ gehen; er zupfte ihn in die Mitte des Zimmers zurück; ſodann ſprang er zu der Kleinen und ſchleppte ſie, obwohl mit großer Zärtlichkeit, nach demſelben Platz; hierauf ſtellte er ſich unter lautem Freudengebell auf ſeine Hinterbeine und führte mit unvergleichlicher Feierlichkeit ein Menuett auf. Das Kind bekommt eine Idee von dem Hund.„War er nicht ſehenswerther als der Dockenkaſten auf den Straßen? Mußte nicht das Volk Geld hergeben um ihn zu ſehen, ſo daß der alte Soldat ſein Kreuz behalten durfte? Heute iſt ein öffentliches Feſt in den Gärten dort; der Dockenkaſtenmann muß dahin gehen; warum nicht gleichfalls gehen?“ Was! Er, der alte Soldat— er ſoll ſich er⸗ niedrigen, einen Hund zu zeigen! Er! Er! Der Hudd ſchaute ihn bittend an und ſtreckte ſich auf dem Boden— er war leblos. Ja das iſt die Alternative— ſoll ſein Kind auch ſterben und ſoll er zu ſtolz ſeyn, es zu retten? Ah! und wenn auch das Kreuz gerettet werden kann! Aber bah! wußte denn der Hund Etwas, was dieſes Volk gerne ſehen würde? Oh viel, viel. Wenn die Kleine allein und betrübt war, ſo kam er und ſpielte mit ihr. Seht dieſe alten Domino⸗ ſteine! ſie legte ſie auf dem Boden aus und der Hund ſprang auf und kam, um ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen. Kunſtvoll hat es dann der Schauſpieler darauf angelegt, daß der Hund einige traurige Mißgriffe machen ſollte, begleitet von einigen wunderbaren Ueberraſchungen. Nein er that es gewiß nicht; ja er that es gewiß. Die Zuhörerſchaft nahm die Sache ernſthaft und intereſſirte ſich gewaltig für den Erfolg des Hundes; ſie war ſo betrübt über ſeine Schnitzer, ſo frohlockend 257 über ſeine glücklichen Einfälle. Und dann beſchwichtigte das Kind den haſtigen, reizbaren alten Mann auf eine ſo holdſelige Weiſe und wies den Hund ſo ſanft zurecht und ſprach mit dem Thier; ſagte zu ihm, wie ſehr ſie ſich auf es verlaſſen, und zog ihr Kinderalphabet heraus und buchſtabirte:„Rettet uns.“ Der Hund ſah nachdenklich die Lettern an, und von nun an war es klar, daß er ſich größere Mühe gab. Beſſer und beſſer; er wirds durchführen, er wirds durchführen! das Kind wird nicht verhungern, das Kreuz wird nicht verkauft werden! Herab ſinkt der Vorhang.— Ende des erſten Actes. Der zweite Act beginnt mit einem Dialog, der außerhalb der Bühne geſprochen wird. Unſichtbare dramatis personae, die mit luftigen Zungen ſich nach der mimiſchen Kunſt des Schauſpielers richten. Ihr verſtehet, daß ein heftiger Streit im Gang iſt. Der Hund darf nicht in einem Theil der Gärten zugelaſſen werden, wo eine feinere und ausſchließliche Section der Geſellſchaft Sitze gemiethet hat, um ungeſtört die kunſtloſen Tänze oder den gedrängten Spazier⸗ gang des vermiſchten Publikums, das ſich luſtig machen will, zu be⸗ trachten. Ein bonapartiſtiſcher Oberſt ſieht das Kreuz auf der Bruſt des Soldaten und, mille tonnerres, er bringt die Sache ins Reine. Er bezahlt drei Sperrſitze— einen für den Soldaten, einen für das Kind und einen dritten für den Hund. Der Veteran tritt ein; das Kind, das nicht ſtark genug iſt, um ſich durch das Gewühl durchzu⸗ drängen, ſitzt Rolla gleich auf ſeinen Schultern; der Hund folgt an einem Strick. Er tritt aufrecht und in kriegeriſcher Haltung ein; ſein Geiſt iſt durch den Streit aufgeregt; ſeine Kämpfe ſind vom Siege gekrönt worden. Aber(und hier culminirten die dramatiſche Kunſt und der Schauſpieler auf dem höchſten Punkt) aber er nimmt jetzt auf ein⸗ mal ſeine ganze Gatesboroer Zuhörerſchaft in das Verzeichniß ſeiner dramatiſchen Perſonen auf. Sie ſind dieſe auserleſene Geſellſchaft, in welche er ſich ſo mit Gewalt ſeinen Weg gebahnt hat. Wenn er ſie ſo ruhig, ordentlich und würdevoll vor ſich ſitzen ſieht, überſchleicht eine falſche Scham die Bruſt, die mehr gewöhnt iſt vor Kanonen als Bulwer, was wird er damit machen? 17 258 vor der Batterie von Damenaugen Stand zu halten. Er ſetzt be⸗ ſchämt und gedemüthigt das Kind auf einen Stuhl; er ſinkt ſchaudernd neben ihm auf einen Sitz nieder; und der Hund, der mehr Selbſtbe⸗ wußtſein und Gefühl ſſeiner eigenen Wichtigkeit hat, bürſtet mittelſt ſeiner Pfote mit dem anmaßlichen Hochmuth wohlgekleideter Perſonen einen imaginären Staub von einem dritten Stuhl ab; dann ſetzt er ſich und blickt mit heiterer Kühnheit um ſich. 4 Die Stühle waren geſchickter Weiſe auf einer Seite der Bühne ſo nahe als möglich bei der vordern Reihe der Zuhörerſchaft aufge⸗ ſtellt. Der Soldat wagt einen flüchtigen Blick über die Linien hin, und dann flüſtert er mit verhaltenem Athem ſeiner Enkelin zu:„Jetzt ſind ſie da, warum ſind ſie gekommen? Um zu betteln? Nie kann er die Kühnheit haben ein Thier für etliche Sous vorzuſtellen, unmöglich; nein, nein, laß ſie wieder zurückſchleichen und das Kreuz verkaufen.“ Und das Kind flüſtert Muth ein, ſagt, er möge noch einmal über die Reichen hinſchauen, dieſe Geſichter ſcheinen ſehr freundlich. Er ſchlägt ſeine Augen von neuem auf, ſchaut ringsumher, und mit einem extemporirten Takt, welcher die Täuſchung vollendete, der ſich die Zuhörerſchaft bereits ganz gemüthlich hingab, machte er allerlei ſchmeichelhafte Commentare über die verſchiedenen Geſichter, die er jetzt vor ſich ſah und aufs glücklichſte auswählte. Die Zuhörerſchaft, die überrumpelt wurde, erhob, wenn irgend ein ſchönes Frauenzimmer oder ein ver⸗ wandter, in ihren Geſellſchaften wohlgelittener Bürger auf ſolche Art ihrem Applaus bezeichnet wurde, ein herzliches Gelächter und lautes Jubelgeſchrei. Und des Schauſpielers Geſicht, unbewegt durch ſolche Demonſtrationen— ſo ſcheu und betrübt— ließ zwiſchen Jubelruf und Gelächter ſein Pathos einſchleichen. Ihr erfuhret jetzt durch das Kind, daß ein Tanz, bei welchem die Geſellſchaft als Zuſchauerin ge⸗ dacht wurde, zu Ende war, und daß ſie ohne Zweifel gerne irgend eine andere Diverſion mitanſehen würde. Jetzt war die Zeit gekommen. Der Hund gähnte hörbar, als wollte er einen Begriff von der vor⸗ herrſchenden Langweile geben, tätſchelte das Kind auf die Schultern ——— 259 und ſchaute in ihr Geſicht empor.„Ein Dominoſpiel,“ flüſterte das kleine Mädchen. Der Hund grinste vergnügt Beifall. Schüch⸗ tern holte ſie die alten Dominoſteine hervor und legte ſie auf den Boden, indem ſie von ihrem Stuhl hinabglitt; der Hund glitt von dem ſeinigen, ſie begannen zu ſpielen. Das Experiment wurde losgelaſſen; der Soldat ſah, daß die Neugierde der Geſellſchaft rege gemacht war— daß das Schauſpiel beginnen, daß die Sous folgen würden; und als wollte er wenigſtens nicht offen ſeinen Dienſt und ſeinen Kaiſer ſchänden, wandte er ſich auf die Seite, fuhr mit der Hand über ſeine Bruſt, riß ſein Kreuz weg und verſteckte es. Kaum ein ge⸗ murmeltes Wort begleitete die Handlung— die Action ſagte alles, und ein edler Schauer lief durch die Zuhörerſchaft. Oh erhabene Kunſt des Mimen! Der Mayor ſaß ganz nahe an dem Platz, wo das Kind und der Hund ſpielten. Der Schauſpieler hatte(wie er ſchon vorher angedeutet) dieſen Gentleman discret auf einen unmittelbaren und perſönlichen Aufruf vorbereitet. Das kleine Mädchen wandte ihre blauen Augen unſchuldsvoll gegen Mr. Hartopp und ſagte:„Der Hund ſchlägt mich, Sir; wollt Ihr verſuchen, was Ihr vermöget? Schallendes Gelächter und allgemeines Händeklatſchen, während deſſen der würdige Beamte auf die Bühne trat. Auf Befehl ſeiner jungen Gebieterin machte ihm der Hund eine höfliche Verbeugung, und Beamter und Hund begannen das Spiel ſogleich. Von dieſer Zeit an wurde das Intereſſe ſo zu ſagen ein perſönliches für alle An⸗ weſenden.„Wollt Ihr kommen, Sir,“ ſagte das Kind zu einem jungen Gentleman, der ſeinen Hals anſtrengte, um zu ſehen, wie das Domino geſpielt wurde,„wollt Ihr kommen und Acht geben, ob Alles mit rechten Dingen zugeht? Ihr auch, Sir?“ fügte ſie gegen Mr. Williams hinzu. Der Schauſpieler ſtand neben dem Hund, deſſen Bewegungen er mit unentdeckter Geſchicklichkeit leitete, während er ſeine Augen nur in bewußter Beſchämung auf den Boden zu heften ſchien. Die Leute in den hintern Reihen drängten jetzt voran; die 47* Vorderen kamen entweder auf die Bühne oder ſtanden auf und ſchauten mit gierigen Blicken zu. Der Mayor wurde geſchlagen, das Ge⸗ dränge wurde zu dicht, und die Liebkoſungen, die man dem Hund ſpendete, ſchienen ihn zu ermüden. Er ſtand auf und zog ſich hoch⸗ müthig in eine Ecke zurück.„Manieren, Sir,“ ſagte der Soldat; „Unſeresgleichen haben kein Recht ſtolz zu ſeyn; entſchuldigt ihn, Ladies und Gentlemen.“—„Er hat keinen andern Wunſch als Allen zu ge⸗ fallen,“ ſagte das Kind abbittend.„Sagt, wie viele wollt Ihr auf ein⸗ mal um Euch her haben, ſo daß die Uebrigen nicht verhindert ſind Euch zu ſehen?“ Sie breitete die Multiplikationsfiguren vor dem Hund aus; der Hund legte ſeine Pfote auf„zehn“.„Erſtaunlich!“ ſagte der Mayor. 3 „Wollt Ihr ſie ſelbſt auswählen, Sir?“ Der Hund nickte, ging gemächlich, ein Auge auf das eine Auge ſeines Herrn gerichtet, umher und wählte zehn Perſonen, worunter der Mayor, Mr. Williams und drei hübſche junge Ladies, die ſich hatten beſtimmen laſſen die Bühne zu beſteigen. Die Andern wurden nicht minder verſtändig ausgewählt. Der Hund wurde ſodann kunſtvoll von einer Leiſtung zur andern geführt, ganz nach der gewöhnlichen Reihenfolge, welche den Unter⸗ richt gelehrter Thiere begränzt. Er wurde aufgefordert zu ſagen, wie viele Ladies auf der Bühne ſeyen; er buchſtabirte drei. Wie heißen ſie?„Die Grazien.“ Dann fragte man ihn, wer der erſte Beamte in der Stadt ſey. Der Hund machte eine Verbeugung gegen den Mayor. Was hatte dieſen Gentleman zum erſten Beamten gemacht? Der Hund ſchaute auf das Alphabet und buchſtabirte„Verdienſt“. Waren Perſonen zugegen, die noch mächtiger waren als der Mayor? Der Hund verbeugte ſich gegen die drei jungen Ladies. Was machte ſie mächtiger? Der Hund buchſtabirte„Schönheit“. Als der Applaus geendet hatte, den dieſe Antworten hervorriefen, machte der Hund mit dem Stock des Soldaten das Musketenexercitium durch; ſo bald aber dieſes fertig war, kam er zu dem geſchäftlichen Theil der Vorſtellung, ————————— ——— —— 261 ergriff den Hut, den ſein Herr auf den Boden geſtellt hatte, und trug ihn bei allen Perſonen auf der Bühne herum. Sie ſahen einander an.„Es iſt eines armen Soldaten Hund,“ ſagte das Kind ſein Ge⸗ ſicht verbergend.„Nein, nein; ein Soldat kann nicht betteln,“ rief der Schauſpieler. Der Mayor ließ eine Münze in den Hut fallen, Andere thaten daſſelbe oder ſtellten ſich ſo. Der Hund brachte den Hut ſeinem Herrn, der ihm von der Seite winkte. Es entſtand eine Pauſe. Der Hund ſtellte den Hut ſachte zu den Füßen des Soldaten und ſchaute bittend zu dem Kind empor. „Was?“ fragte ſie ihr Haupt ſtolz erhebend,„was ſchüitzt das Verdienſt und vertheidigt die Schönheit?“ Der Hund nahm den Stab auf und ſchulterte ihn.„Und von was kann der Soldat Hülfe erwarten, wenn er hungert und nicht betteln will?“ Der Hund ſchien verlegen— die Spannung war ängſtlich. Gütiger Himmel, dachte der Schauſpieler, wenn das Vieh zuletzt ſich nicht mehr zu helfen wüßte! Und während ich mir ſolche Mühe gab, daß die Worte unge⸗ ſtört ganz gerade vor ſeiner Naſe liegen ſollten* Mit einem tiefen Seufzer fuhr der Veteran aus ſeiner verzagten Haltung auf und ſchlich, wie wenn er ſich entziehen wollte, gänzlich gebrochen und muth⸗ los weg. Alle Augen hafteten auf dieſem jammervollen Geſicht und der zurücktretenden Geſtalt; und das Auge dieſes jammervollen Ge⸗ ſichtes war auf den Hund gerichtet, und der Fuß dieſer zurücktretenden Geſtalt ſchien zu zittern, zurückzuprallen, aufzufahren, als er an den Alphabetsbuchſtaben vorbeikam, die noch immer ſo, wie man ſie das letzte Mal geordnet hatte, auf dem Boden lagen.„Nun von was kann er Hülfe erwarten?“ wiederholte die Enkelin in ihre Händchen klatſchend. Der Hund hatte jetzt das Stichwort aufgefaßt und legte ſeine Pfote zuerſt auf Verdienſt und dann auf Schönheit.„Verdienſt!“ riefen die Ladies—„Schönheit!“ rief der Mayor.„Wundervoll, wundervoll!“ „Hebt den Hut auf,“ ſagte das Kind, und ſich gegen den Mayor wen⸗ dend,„jetzt ſagt ihm, Sir, daß was Verdienſt und Schönheit der be⸗ nöthigten Tapferkeit geben, kein Almoſen iſt, ſondern ein Tribut.“ 262 Die Worte wurden nur ſo herausgeſtammelt; aber die liebliche Stimme glitt durch die ganze Verſammlung hin und fand ihren Weg in alle Herzen. „Iſt es ſo?“ fragte der alte Soldat, als ſeine Hand über die Geldſtücke hinſchwebte.„Auf meine Ehre, es iſt ſo, Sir,“ ſagte der Mayor mit ernſtem Nachdruck. Die Zuhörerſchaft hielt dieß für die beſte Rede, die er je in ſeinem Leben gehalten, und jauchzte ihm Bei⸗ fall, ſo daß das Dach widerhallte.„O Brod, Brod für Dich, Lieb⸗ ling meines Herzens!“ rief der Veteran, indem er ſein Haupt über das Kind neigte, ſein Kreuz herauszog und es leidenſchaftlich küßte; „und das Zeichen der Ehre noch immer für mich!“ Während die Zuhörerſchaft aufs Tiefſte bewegt war und groß⸗ müthige Thränen in manchen Augen funkelten, ergriff Waife ſeinen Augenblick, ſchüttelte den Schauſpieler ab und trat als der einfache, ruhige, ernſte Mann, als der kunſtloſe Mann an die Front vor. „Dieß iſt keine mimiſche Scene, Ladies und Gentlemen. Es iſt eine Erzählung aus einem wirklichen Leben, das vor Euern Augen ſteht. Ich bin hier, um dieſe Herzen anzurufen, die nicht vergebens menſchlichen Kümmerniſſen geöffnet ſind. Ich ſpreche für das, was ich dargeſtellt habe. Es iſt wahr, daß der Mann, der Eurer Hülfe bedarf, nicht jener Soldateska angehört, die Europa verwüſtete. Aber er hat in eben ſo ſchweren Schlachten gefochten und iſt vom Schickſal einem eben ſo grauſamen Jammer preisgegeben worden. Er iſt aller⸗ dings kein Franzoſe: er gehört einem Land an, das Ihr nicht minder lieben werdet als Frankreich, es iſt Euer eigenes Land. Er hat auch ein Kind, das er vor Hunger ſchützen möchte. Es bleibt ihm auch 1 nichts übrig, was er für Brod verkaufen oder verpfänden könnte— ¹ ausgenommen— oh nicht dieſes vergoldete Ordenszeichen, ſeht dieß iſt blos Goldblech und Kartenpapier— ausgenommen, ſage ich, das Ding ſelbſt, das Ihr ſogar in einem ſo armſeligen Symbol verehret — es bleibt ihm nichts zu verkaufen oder zu verpfänden übrig als die Ehre! Für dieſe habe ich heute Abend als Schauſpieler geſprochen; 8 ———— ————— 85 ————— 263 für dieſe ſtrecke ich, weniger hochmüthig als der Franzoſe, ohne Scham meine Hände gegen Euch aus; für dieſe bin ich ein Bettler.“ Er ſchwieg. Der Hund nahm ruhig den Hut auf und näherte ſich wieder dem Mayor. Der Mayor zog die halbe Krone, die er vorher hineingelegt hatte, zurück und ließ zwei goldene Sovereigns in den Hut fallen. Wer erräth nicht das Uebrige? Alle drängten ſich voran — Jung und Alt, Mann und Frau. Und die eifrigſten von Allen waren diejenigen, deren Leben dem Wechſel am nächſten ſteht, am meiſten der Bettelei ausgeſetzt, am traurigſten in der Alternative zwi⸗ ſchen Brod und Ehre in Verſuchung geführt iſt. Nicht ein einziger Arbeiter ließ es an ſeinem Scherflein fehlen. Dreizehntes Kapitel. Omne ignotum pro Magnifico— das Gerücht, das von Gentleman Waifes Antecedentien Nichts weiß, erhebt ihn zu einem Don Magnifico. Dem Schauſpieler und ſeinen zwei Gehülfen folgte eine große Menſchenmenge, wiewohl in ehrerbietiger Entfernung, bis vor den Türkenkopf nach. Obſchon ich nicht viele Dinge kenne, die weniger angenehm ſind, als wenn man durch eine unerwartete Anſprache an ſeine Börſe kirre gemacht und in die Falle gelockt worden iſt, während man blos auf einen angenehmen Abend gerechnet hatte— und ob⸗ ſchon ich deßhalb vor dem Sammlungsteller, der zuweilen auf einen volksthümlichen Vortrag, eine Predigt oder einen andern beredten Aufruf an brittiſche Freigebigkeit folgt, gerechten Abſcheu hege, ſo will ich doch die Behauptung wagen, daß nicht eine einzige von den Perſonen, deren werkthätige Mildherzigkeit der Schauſpieler auf dem Weg der Ueberraſchung ausgebeutet hatte, ihre Handlung bereute, die Koſten ſich verdrießen ließ oder ihr Vergnügen zu theuer bezahlt zu haben glaubte. Alle hatten eine Reihenfolge von ſolch angenehmen Gemüthsbewegungen durchgemacht, daß Alle ohne Ausnahme ihrer 264 Dankbarkeit Luft zu ſchaffen wünſchten, und als man einmal die Luft bekommen hatte, wurde dieß zu einem weiteren Vergnügen. Aber ſonderbarer Weiſe konnte Niemand die beiden Fragen, für was und wem er ſein Geld gegeben habe, ſich ſelbſt auf befriedigende Weiſe beantworten. Die Vermuthung, daß der Darſteller das Geld für ſeine eigenen Bedürfniſſe brauche, war keineswegs allgemein. Nein, trotz der augenſcheinlichen Thatſache, die zu Gunſten dieſer Idee vorlag, dachten die Meiſten, ein ſo achtungswerther, ſo würdevoller Mann, welcher ſie mit dieſer edlen Zuverſichtlichkeit angeredet, zu der ein Bettler auf eigene Rechnung moraliſch nicht berechtigt iſt— ein Mann von ſolchem Charakter müſſe irgend ein hochherziger Philan⸗ throp ſeyn, der ſich vielleicht zu Gunſten eines ausgezeichneten aber herabgekommenen Autors, deſſen Name aus ſchuldiger Achtung gegen die Litteratur verſchwiegen werde, herabgelaſſen habe, ſeine Fähig⸗ keiten in einem rein intellectuellen Inſtitut zu entfalten. Mr. Wil⸗ liams, welcher für den ſchlauſten und praktiſchſten Kopf in der Stadt galt, ſtellte dieſe Hypotheſe auf und hielt ſie feſt. Vermuthlich war der Fremde ſelbſt ein Autor, ein großer und reicher Autor. Hatten nicht große und reiche Autoren— Männer, welche die Zierden unſerer Zeit und unſeres Landes ſind— auf öffentlicher Bühne geſpielt und zwar unnachahmlich geſpielt, um irgend einem litterariſchen Bruder oder einem litterariſchen Zweck aufzuhelfen? Deßhalb errang der Schauſpieler bei dieſen argloſen Seelen, neben all den pekuniären Vortheilen äußerſter Armuth und verlorener Stellung, diejenige Achtung, die man der Wohlhabenheit und hohem Rufe ſchuldet. Aber einen allgemeinen Wunſch ſprachen alle Anweſenden auf dem Heim⸗ wege aus, den Wunſch, das bereits genoſſene Vergnügen noch einmal zu genießen, wenn ſie auch abermals denſelben Preis dafür zu zahlen hätten. Konnte nicht das lang verſchloſſene Theater wieder geöffnet und der große Mann durch philanthropiſche Gründe ſowie durch eine garantirte, mittelſt freiwilliger Subſcriptionen aufgebrachte Summe veranlaßt werden, die ganze Stadt zu erfreuen, wie er ihre auserwählte 26⁵ Intelligenz erfreut hatte? Mr. Williams, der ſich jetzt in einem Zuſtand mildthätiger Aufthauung befand und gleich den meiſten harten Männern, wenn ſie einmal erweicht ſind, nunmehr der ſanfteſte der Sanften war, gab dieſe Idee dem Mayor ein. Der Mayor ſagte ausweichend, er wolle ſich die Sache überlegen und er gedenke noch heute Abend, bevor er nach Hauſe fahre, Mr. Chapman ſeinen Re⸗ ſpekt zu bezeugen— dieß ſey nicht mehr als geziemend. Mr. Wil⸗ liams und viele Andere wünſchten Seine Geſtrengen zu begleiten Aber der gutmüthige Beamte bemerkte, Mr. Chapman werde wohl ſehr müde ſeyn; der Beſuch Vieler könnte ihm eher als eine Zudring⸗ lichkeit denn als ein Compliment erſcheinen; er ſelbſt, der Mayor, würde alſo wohl am beſten allein gehen, und zwar in einer etwas ſpätern Stunde, wenn Mr. Chapman Zeit zur Ruhe und Erfriſchung gehabt habe, aber noch nicht zu Bette gegangen ſey. Dieſe zart⸗ ſinnige Rückſicht ſiel ins Gewicht, und die Straßen waren menſchenleer, als des Mayors Gig auf ſeinem Weg villawärts vor dem Türkenkopf anhielt. Vierzehntes Kapitel. Die Zwiſchenzeit zwiſchen unſern erſten Kümmerniſſen und unſerer ſchließ⸗ lichen Ergebung iſt es, wo ſowohl bei Individuen als Gemeinden Alles zu finden iſt, was eine Geſchichte werth macht, erzählt zu werden: Ehe wir nach Dingen verlangen, die außer unſerem Bereiche ſind, ſind wir noch immer in der Wiege. Wenn wir von unſerem Sehnen abgenützt und ermüdet ſind, ſchläft das Verlangen wieder ein— wir ſind auf dem Todtenbett. Sophy(auf den Arm ihres Großvaters gelehnt, während ſie die Treppe im Türkenkopf hinaufſteigen).—„Aber ich bin ſo müde, Großvater; ich möchte am liebſten ſogleich zu Bette gehen, wenn Ihr es erlaubt.“ Gentleman Waife.—„Ihr ſolltet zuvor Etwas eſſen— etwas Leckeres, Miß Chapman.—(ceiſe flüſternd.) Wir können jetzt ————— 266 im Vollauf leben— eine Phraſe, welche bedeutet,(laut zu der Wir⸗ thin, die oben an der Treppe vorbeiging) ein gebratenes Huhn und Pilze zum Nachteſſen, Ma'am! Biſt Du damit nicht zufrieden, Sophy? Oh mein Herzenskind, biſt Du unwohl?“ „Nein, nein, lieber Großvater— nur müde— laßt mich zu Bette gehen. Ich werde morgen beſſer ſeyn— ganz gewiß.“ Waife blickte ihr zärtlich ins Geſicht, aber ſeine Lebensgeiſter waren zu ſehr aufgeheitert, als daß er von der ungewöhnlichen Röthe auf ihren Wangen anders Notiz genommen hätte, als mit Bewunde⸗ rung für die vermehrte Schönheit, welche die erhöhte Farbe ihren ſanften Zügen verlieh. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„Du biſt ein hübſches Kind— ein ſehr hübſches Kind— und Du ſpielſt wundervoll. Du würdeſt auf der Bühne Glück machen; aber—“ Sophy(eifrig).—„Nein, nein, nie!— nicht die Bühne.“ Waife.—„Ich wünſche, wie Du weißt, nicht, daß Du auf die Bühne gehen ſollſt. Eine Privatvorſtellung wie die von heute Abend 3. B. hat(die Hand in ſeine Taſche ſteckend) viel für ſich.“ Sophy(mit einem Seufzer).—„Gott ſey Dank! das iſt jetzt vorüber— und Ihr werdet lange lange nicht mehr in Geldnoth kommen. Lieber Sir Iſaak!“ Sie begann Sir Iſaak zu ſtreicheln, der ihre Aufmerkſamkeiten mit ernſtem Vergnügen entgegennahm. Sie waren jetzt in Sophys Zimmer, und nachdem Waife die Kleine wiederholt vergebens beſtürmt hatte, eine Erfriſchung zu ſich zu nehmen, gab er ihr ſeinen Kuß und Segen und pfiff dann Sir Iſaak Malbrook s'en va-t-en guerre vor. Der Hund hielt dieſe Melodie für eine Einladung zum Nachteſſen, leckte ſeine Lippen und ſchritt erfreut aber anſtandsvoll voran. Als die Kleine allein war, athmete ſie lang und ſchwer, preßte ihre Hände an ihren Buſen und ſank müde auf den Fuß des Bettes. Es waren keine Läden am Fenſter und das Mondlicht kam ſanft herein, indem es ſich an demjenigen Theil der Wand und des Bodens hinſtahl, welchen der Strahl der Kerze im Schatten ließ. Das Mädchen ſchlug ihre Augen langſam gegen das Fenſter, gegen den Schimmer des blauen Himmels und den ſchief eindringenden Mond⸗ ſchein auf. Es gibt eine gewiſſe Epoche in unſerer Kindheit, wo ſich die ſogenannte Romantik des Gefühls zum erſten Mal in vager Weiſe fühlbar macht. Und immer gewinnen bei der Dämmerung dieſes Gefühls der Mond und die Sterne einen ſeltſamen Zauber, deſſen man ſich nicht zu erwehren vermag. Wenige Perſonen in den mittleren Jahren— ſelbſt wenn ſie ächte Poeten ſind— fühlen den eigenthüm⸗ lichen Zauber in der ſtrengen Stille und dem wehmüthigen Glanz des Sternenhimmels, welcher die Meiſten von uns, ſelbſt wenn wir ganz und gar keine Poeten ſind, ſo tief ergreift in jenem myſtiſchen Alter, wo die Kindheit nahe an die Jugend ſtreift und ihr unruhiges Herz jenen wunderbaren Räthſeln in und außer uns zuwendet, über welche wir unſere Muthmaßungen einſtellen, wenn die Erfahrung uns gelehrt hat, daß ſie dieſſeits des Grabes keine Löſung finden. Angelockt von dem Licht, erhob ſich das Kind ſachte, trat an das Fenſter und ſchaute, ihr aufgeworfenes Geſicht mit beiden Händen haltend, lange in den Himmel, während ſie offenbar mit ſich ſelbſt ſprach, denn ihre Lippen bewegten ſich und murmelten unvernehmlich. Dann trat ſie langſam wieder zurück und ſetzte ſich troſtlos von Neuem auf den Fuß des Bettes. Und nun lauteten ihre Gedanken ungefähr ſo, obſchon ſie dieſelben vielleicht nicht genau in die gleichen Worte gekleidet haben würde:„Nein! ich kann es nicht verſtehen. Warum war ich zufrieden und glücklich, bevor ich ihn kannte? warum ſah ich nichts Arges oder Schmähliches in dieſer Lebensweiſe— nicht einmal auf dieſer Bühne und mit dieſen Leuten— bis er ſagte, er wünſchte, daß ich mich nie dazu erniedrigt hätte? Und Großvater ſagt, unſere Pfade ſeyen ſo verſchieden, daß ſie einander nicht mehr kreuzen können. Es gibt alſo einen Lebenspfad, den ich nie betreten kann— es gibt einen Pfad, den ich immer, immer wandeln muß, immer, immer, immer dieſen Pfad — kein Entrinnen! Niemals auf dieſen andern Pfad zu kommen, wo 268 es keine Verſtellung, kein Verſteck, keine falſche Namen gibt— nie⸗ mals, niemals!“ Sie fuhr ungeduldig auf und fügte mit einem wilden Blicke hinzu:„Das tödtet mich.“ Dann warf ſie ſich erſchrocken über ihr eigenes Ungeſtüm auf das Bett und weinte leiſe. Ihr Herz war jetzt zu ihrem Großvater zu⸗ rückgegangen; es machte ihr Undank gegen ihn zum Vorwurf. Konnte eine Schande oder ein Unrecht in dem ſein, was er verlangte— was er ſelbſt that? Und durfte ſie murren, wenn ſie ihm zu ſeiner Exiſtenz verhalf? Was war die Anſicht eines fremden Knaben im Vergleich zu der beifälligen, ſchirmenden Liebe ihres einzigen Behüters, ihres bewährten Ernährers und Freundes? Und konnten die Leute denn ihren eigenen Beruf und ihre Lebensweiſe wählen? Wenn eine Straße dahin ging und die andere dorthin, und wenn die auf der einen Straße von denen auf der andern immer weiter hinweggetragen wurden— bei dieſer Idee verſagte ihr der Troſt, und in ihrem ge⸗ räuſchloſen Weinen lag eine Bitterkeit wie von Verzweiflung. Aber die Thränen erleichterten zuletzt den Kummer, der ſie hervorgerufen hatte. Müde von Muthmaßungen und Klagen, ſank ihr Gemüth in die alte angeborne kindliche Unterwürfigkeit zurück. Mit einer Inn⸗ brunſt, worin Selbſtvorwurf lag, ſprach ſie ihr demüthiges Nacht⸗ gebet, daß Gott ihren theuern Großvater ſegnen und ihr geſtatten möge, ſein Troſt und ſeine Stütze zu ſeyn. Dann entkleidete ſie ſich mechaniſch, löſchte die Kerze aus und kroch ins Bett. Das Mondlicht wurde kühner und immer kühner; es breitete ſich über den Boden und an den Wänden hin aus; jetzt überfluthet es ſogar ihr Kiſſen und ſcheint für ihre Augen eine heilige liebevolle Milde anzunehmen, heiliger und liebreicher, indem die Lider darunter zuſinken. Eine unklare Erinnerung an ein Mährchen von Schutzgeiſtern, womit Waife einſt ihre Bewunderung entzückt hatte, regte ſich unter ihren ein⸗ lullenden Gedanken und verknüpfte ſich mit der Gegenwart des Mond⸗ lichtes, das ſie eingekreist hielt. Da ſehet, die Augenlider ſind ge⸗ ſchloſſen, keine Thräne auf ihren Franſen. Sehet, die Grübchen — — 269 treten hervor, während die holden Lippen getrennt ſind. Sie ſchläft, ſie träumt bereits! Wo und was iſt jetzt die rauhe Welt des Wa⸗ chens? Sind nicht Schutzgeiſter vorhanden? Lache über dieſe Frage, wenn Du willſt, harter Mann, der Du auf deine Vernunft und deine eigene Kraft pochſt— aber Du, oh holde Mutter, die Du das wun⸗ derſame Glück auf dem Geſicht eines Kindes bemerkt haſt, das ſich in den Schlaf geweint, was ſagſt Du zu der lieblichen Ueberlieferung, die ihren Urſprung ſicherlich im Herzen der früheſten Mutter hatte? Fünfzehntes Kapitel. Kein Menſch iſt ſo freundlos, daß er nicht einen Freund finden kann, der aufrichtig genug iſt, ihm unangenehme Wahrheiten zu ſagen. Mittlerweile hatte der Schauſpieler ſich ſelbſt und Sir Iſaak äußerſt comfortabel gemacht. Gentleman Waife war kein unent⸗ haltſamer Mann von Gewohnheit. Er konnte mit einer Brodkruſte vorliebnehmen und dieſes Mahl mit Heiterkeit würzen; und was aufregende Getränke betraf, ſo lag in ſeinem Humor eine kindliche Unſchuld, die einem Gehirn, das mit Alkohol gewaſchen worden, ſtets fremd geblieben iſt. Aber bei dieſer ſpeziellen Gelegenheit war Waife's Herz durch das neue Gefühl der Wohlhabenheit dermaßen erfreut, daß es ihn drängte ſich zu regaliren. Er erwies dem gebra⸗ tenen Huhn, zu welchem er Sophy vergebens zu verlocken geſucht, alle Ehre. Er beſtellte ſich einen Glühwein von einer halben Pinte Porto. Er machte einen Bückling vor ſich ſelbſt, wie wenn er ſein Gaſt wäre, und nickte jedes Mal, wenn er ſein Glas ergriff, als ob er ſagen wollte:„Eure Geſundheit, Mr. Waife!“ Er bot ſogar Sir Iſaak ein Glas von dem erheiternden Getränke; dieſer aber zog ſich äußerſt beleidigt unter den Sopha zurück, von wo er, die Brauen in ernſtem Vorwurf gerunzelt, durch ſeine herabfallenden Locken vor⸗ ſchaute. Und nicht ohne wohlbedachte Vorſicht— zuerſt einen Bart 270 und dann eine Pfote— tauchte er aus ſeinem Verſteck wieder auf, als ein Teller mit den Ueberreſten des Banketts auf den Herdteppich geſtellt wurde. Nach vollendetem Mahle und als der Aufwärter gegangen, der Glühwein aber zurückgeblieben war, zündete Waife ſeine Pfeife an und hielt Sir Iſaak anſchauend folgende Anrede an dieſen hündiſchen Philoſophen:„Erlauchtes Mitglied der vierfüßigen Geſellſchaft der Menſchenfreunde, und als im Beſitz ſolcher Fähigkeiten für das prak⸗ tiſche Leben, welche nur wenige Freunde des Menſchen in ſeinem Dienſte entwickeln, zu hohem Rang befördert— Generalkommiſſär des Victualiendepartements und Kanzler der Schatzkammer— ich habe die Ehre Euch zu benachrichtigen, daß ein Dankvotum zu Euern Gunſten in dieſem Hauſe vorgeſchlagen und einſtimmig angenommen worden iſt.“ Sir Iſaak ſah ihn ſcheu an, leckte den Teller noch einmal ab und wedelte mit dem Schwanze.„Iſt es wahr, daß Du einmal (ſoll ich es ſagen?) bei Schönheit und Verdienſt die Spur verloren hatteſt? Dein Gedächtniß verließ Dich; der Schluß deines Vortrags ſtand im Begriff Bankrott zu machen; aber nemo mortalium omnibus horis sapit, wie die lateiniſche Grammatik es philoſophiſch ausdrückt. Die weiſeſten Sterblichen, nicht blos auf zwei Beinen, ſondern auch auf vier, ſtraucheln gelegentlich. Der größte General, Staatsmann, Weiſe iſt nicht wer keinen Fehler begeht, ſondern wer einen Fehler am beſten wieder gut macht und in einen Erfolg verwandelt. Dieß war dein Verdienſt und deine Auszeichnung. Mir wäre es nie zuge⸗ kommen. Ich erkenne dein überlegenes Genie an. Ich ſetze unbe⸗ dingtes Vertrauen in Dich, und indem ich Dich den Armen des Mor⸗ pheus überantworte, da ich ſehe, daß dieſer Panegyricus wie ein heilſames Schlafmittel auf dein Nervenſyſtem wirkt, ſo mache ich jetzt den Antrag, daß dieſes Haus ſich in ein Comite der Mittel und Wege zur Betrachtung des Budgets auflöſe.“ Damit leerte der Schauſpieler, während Iſaak in einen tiefen Schlaf verfiel, umſichtig ſeine Taſchen auf den Tiſch, ordnete das noch immer verwirrt).—„Kuſch Dich, Sir Iſaak, kuſch Dich! Dieſer Gold und Silber, das vor ihm lag, zählte die Totalſumme dreimal ſorgfältig und theilte ſie dann in verſchiedene Häuflein ab. „Dieß iſt für die Rechnung,“ ſagte er—„Civilliſte! ein großes item. Dieß für Sophy, das theure Kind! Sie ſoll einen Lehrer haben und franzöſiſch lernen— Erziehungsfonds.— Laufende Ausgaben für die nächſten vierzehn Tage;— vermiſchte Anſchläge; Tabak— wir wollen das geheimes Dienſtgeld nennen. Ha Landſtreicher, Va⸗ gabund, iſt der Himmel nicht zuletzt gütig gegen Dich! Noch einige ſolche Abende, und wer weiß, ob dein Alter nicht ein anderes Obdach finden wird als das Arbeitshaus? Und Sophy? ach wie wird es ihr ergehen? Barmherzige Vorſehung, ſpare mein Leben, bis ſie ſeiner nicht mehr bedarf.“ Eine Thräne kam in ſeine Augen. Er wiſchte ſie ſchnell ab und ſummte eine luſtige Melodie, indem er ſein Geld von neuem zählte. Die Thüre öffnete ſich; Waife ſchaute überraſcht auf, fuhr mit ſeiner Hand über die Münzen hin und ſteckte ſie wieder in ſeine Taſche. Der Mayor trat ein. Während Mr. Hartopp langſam das Zimmer herauſſchritt, firirte er Waife ſtark und ſein Auge war trotz aller Milde ſo forſchend, daß der Schauſpieler die Farbe wechſelte. Seine Heiterkeit ſchwand; ſie ſank immer tiefer und tiefer, je näher der Mayor heranſchritt; und als Hartopp ohne zu ſprechen ſeine Hand ergriff, als er nicht in compli⸗ mentirender oder beglückwünſchender Weiſe, ſondern wie in tiefem Er⸗ barmen ſie drückte und ihm dabei beſtändig mit dieſen mitleidsvollen, durchdringenden Augen voll ins Geſicht ſchaute, da empfand der Schauſpieler eine Art von Schrecken, wie wenn man ihn trotz all ſeiner hiſtrioniſchen Vermummungen bis ins Mark ſeines Herzens durch und durch läſe, und ſo ſchweigſam wie ſein Befucher, ank er beſchämt, faſſungslos auf ſeinen Stuhl zurück. Mr. Hartopp.—„Armer Mann!“ Der Schauſpieler ſſich mit einer Anſtrengung aufraffend, aber 272 Beſuch, Mr. Mayor, iſt eine Ehre, die einen Hund wohl überraſchen kann. Vergebt ihm!“ Mr. Hartopp(Sir Iſaak tätſchelnd, der forſchend ſeine Kleider beſchnüffelte, und einen Stuhl dicht neben den Schauſpieler ziehend, welcher ſeinen eigenen etwas hinwegſchob, aber vergebens, denn bei dieſer Bewegung rückte Mr. Hartopp verhältnißmäßig vor).—„Euer Hund iſt ein ſehr bewundernswürdiges und geſcheidtes Thier; aber in der Vorzeigung eines gelehrten Hundes liegt etwas Betrübendes. Durch welche Entbehrungen iſt er aus ſeinem natürlichen Weſen hinausgedrängt worden? durch Pelches Faſten und welche ſtrenge Be⸗ handlung ſind ſeine Inſtinkte zu Kunſtgriffen verrenkt worden? Der Hunger iſt ein harter Lehrer, Mr. Chapman, und Denjenigen, die aus ſeiner Schule kommen, können wir niemals ein Lob ſpenden, das nicht mit Mitleid vermiſcht wäre.“ Der Schauſpieler(unbehaglich bei dieſem allegoriſchen Ton und überraſcht bei Mr. Hartopp einen ſchärferen Verſtand zu finden, als er dieſem Manne zugetraut hatte).—„Ihr ſprecht wie ein Orakel, Mr. Mayor; aber dieſer Hund iſt wenigſtens ſanft erzogen und freundlich behandelt worden. Angeborenes Genie, Sir, will ſich Luft ſchaffen. Hum! eine hoͤchſt intelligente Zuhörerſchaft hat uns heute Abend beehrt, und wir ſchulden Euch unſern beſten Dank.“ Mr. Hartopp.—„Mr. Chapman, laßt uns offen mit einander ſprechen. Ich bin kein geſcheidter Mann— vielleicht eher etwas dumm. Hätte ich mich als einen geſcheidten Mann geltend machen wollen, ſo wäre ich jetzt nicht hier. Still, keine Complimente. Aber mein Leben hat mich in häufige Berührung mit Denjenigen gebracht, welche leiden, und der dummſte von uns gewinnt einen gewiſſen Scharfblick in Dingen, von denen unſere Beobachtung gewöhnlich an⸗ gezogen wird. Es iſt wahr, Ihr habt mich zuerſt eingenommen. Ich hielt Euch für einen philanthropiſchen Humoriſten, der ſeine Grillen haben könne, dergleichen ſich manche wohlwollende Menſchen, die Zeit zu ihrer Verfügung und Geld in ihren Taſchen haben, wohl in den Wöͤöͤöͤööö—— 273 Kopf ſetzen mögen. Aber als es an den Bettelhut kam(ich bitte Euch um Verzeihung— laßt Euch dadurch nicht beleidigen), als es an den Bettelhut kam, da erkannte ich den Mann, welcher der Philanthropie von Andern bedarf, und deſſen Grillen aus dem gewerbsmäßigen Geſichtspunkt betrachtet werden müſſen. Sir, ich bin allein hieher⸗ gekommen, weil ich vielleicht allein den Fall ſo ſehe, wie er wirklich iſt. Vertrauet Euch mir an; Ihr könnt es ſicher thun. Sprecht offen, wer und was ſeyd Ihr?“ Der Schauſpieler(ausweichend).—„Für was haltet Ihr mich, Mr. Mayor? was kann ich anders ſeyn als ein reiſender Künſtler, der ſich eine harmloſe Kriegsliſt erlaubt hat, um eine Zu⸗ hörerſchaft zu bekommen und eine Ueberraſchung zu ſchaffen, welche die nackte Frechheit des Bettelhuts bedecken dürfte?“ Mr. Hartopp(mit großem Ernſte).—„Wenn ein Mann von Eurer Fähigkeit und Bildung auf ſolche Kriegsliſten angewieſen iſt, ſo muß er große Fehler begangen haben. Gott gebe, daß es nichts Schlimmeres ſey als Fehler!“ Der Schauſpieler(mit Bitterkeit).—„So machen es die Leute, denen es wohl ergeht, immer. Iſt ein Menſch unglücklich, ſo ſagen ſie, warum hilft er ſich nicht ſelbſt? Verſucht er es ſich zu helfen, ſo ſagen ſte, warum kann er mit ſo viel Talent ſich nicht beſſer fortbringen? Talent und Erziehung! Schlingen und Fallen, Mr. Mayor! Talent und Erziehung! Die zwei ſchlimmſten Menſchen⸗ fallen, in welche ein armer Kerl ſeinen Fuß bringen kann! Aha! Sagtet Ihr nicht, wenn Ihr Euch hättet als geſcheidter Mann geltend machen wollen, ſo würdet Ihr jetzt nicht da ſeyn? Ein weiſer Aus⸗ ſpruch; ich bewundere Euch darum. Immerhin, ich und mein Hund haben Eurem Stadtvolk eine Kurzweil bereitet; man hat uns reichlich dafür bezahlt. Wir ſind öffentliche Diener; je nach der Art und Weiſe, wie wir öffentlich ſpielen, kann man uns ausziſchen oder be⸗ klatſchen. Müſſen wir uns einer Inquiſition über unſern Privat⸗ charakter unterziehen? Dürft Ihr fragen, wie viele Hammelsknochen Bulwer, was wird er damit machen? 18 274 dieſer Hund geſtohlen, wie viele Katzen er zu Tode gehetzt hat, oder wie viele Hemden der Spielmann in ſeinem Schnappſack beſitzt! wie viele Schulden er hinter ſich läßt! wie es mit ſeinem Zinsbuch auf Erden und mit ſeiner Rechnung im Himmel ausſieht! Geht und ſtellt dieſe Fragen an Miniſter, Philoſophen, Generale, Poeten. Wenn ſie Euer Recht dazu anerkannt haben, ſo kommt zu mir und dem andern Hund.“ Mr. Hartopp(aufſtehend und ſeine Handſchuhe anziehend).— „Ich bitte Euch um Verzeihung. Mein Geſchäft iſt zu Ende, Sir. Und doch habe ich ein Intereſſe für Euch gefaßt. Darum weil ich ſelbſt keine Talente habe, bewundere ich Diejenigen, die ſolche beſitzen. Ich empfand auch eine trauervolle Bangigkeit um Euer armes kleines Mädchen— ſo jung, ſo einnehmend. Und iſt es denn nothwendig, daß Ihr dieſes Kind auf einen Lebensweg bringet, der entſchieden zweideutig und für Mädchen gefährlich iſt?“ Der Schauſpieler ſchlug plötzlich ſeine Augen auf und ſtarrte ſeinem Beſucher hart ins Geſicht, und in dieſem Geſicht lag ſo viel wohlwollende Menſchlichkeit, ſo viel Sanftmuth im Kampf mit amt⸗ licher Strenge, daß die Keckheit des Vagabunden verſchwand; er ſchlug auf ſeine Bruſt und ſtöhnte laut. Mr. Hartopp(den Vortheil verfolgend, den er gewonnen hatte). —„und habt Ihr keine Beſorgniß um ihre Geſundheit? Sehet Ihr nicht, wie zart die liebe Kleine iſt? ſehet Ihr nicht, daß ſelbſt ihr Talent von ihrer Empfänglichkeit für Aufregungen herrührt, welche ſie aufreiben müſſen?“ Waife.—„Nein, nein! Haltet ein, haltet ein! Ihr erſchreckt mich, Ihr brechet mir das Herz. Mann, Mann! Nur ihr zu Liebe quäle ich mich und ſpiele und bettle— wenn Ihr das betteln nennt. Glaubt Ihr denn, ich bekümmere mich darum, was aus dieſem zer⸗ trümmerten Rumpfe wird? keinen Pfifferling. Was kann ich thun? was! was! Ihr ſagtet mir, ich ſolle Euch vertrauen— warum? wie könnt Ihr mir helfen? wer kann mir helfen? wolltet Ihr mir ein Amt geben? zu was tauge ich? zu Nichts! Ihr könnt Arbeit und Brod für einen iriſchen Bauern finden, ohne zu fragen, wer oder was er ſey; aber einem Mann, der ſich augenſcheinlich aus derjenigen Sphäre zu Euch verirrt, in welcher die Armuth, wenn ſie ſich einſtellt, ſich höflich verbeugt und gentil genannt wird, dem ruft Ihr zu: Halt, halt, zeiget Euern Paß; wo ſind Eure Creditive— Eure Referenzen? Ich habe keine. Ich habe mich aus der Welt, worin ich mich einſt bewegte, weggeſchlichen. Ich kann mich auf die Leute, die ich darin —öx— 275 kannte, ſo wenig berufen, als wenn ich aus einem der Sterne da oben eingewandert wäre und jetzt ſagen wollte: Seht, dort war ich einſt. Oh, aber Ihr glaubt doch nicht, daß ſie krank ausſehe? Glaubt Ihr das wirklich? Ich elender Wicht! und ich meinte ſie zu retten!“ Der alte Mann zitterte von Kopf zu Fuß und ſeine Wangen wurden aſchfarb. Wieder ergriff der gute Beamte ſeine Hand, aber dießmal war ihr Druck ermuthigend.„Seyd gutes Muths; wo ein Wille iſt, da findet ſich auch ein Mittel; Ihr rechtfertiget die Meinung, die ich zu Euern Gunſten faßte, trotz aller Umſtände, die für das Gegentheil ſprechen. Wenn ich um Euer Vertrauen bat, ſo geſchah es nicht aus Neugierde, ſondern weil ich Euch dienen möchte, wenn ich kann. Ueberleget was ich geſagt habe. Ihr könnt allerdings nur wenig von mir wiſſen. Höret was meine Nachbarn von mir ſagen, bevor Ihr mir weiter trauet. Im Uebrigen werden Euch morgen viele Anträge zukommen Eure Aufführung zu erneuern. Entſchuldigt mich, wenn ich nicht wirkſam dazu helfe. Ich will wenigſtens nicht zu Eurem Schaden einſchreiten; aber— „Aber,“ rief Waife, der dieſer Rede wenig Gehör ſchenkte,„aber Ihr glaubet, ſie ſehe krank aus? Ihr glaubet, dieß ſchade ihr? Ihr glaubet, ich ermorde meine Enkelin— meinen Engel des Lebens, mein Alles!“ „Nicht doch; ich habe mich zu plump ausgedrückt. Aber immer⸗ hin— „Ja, ja, aber immerhin— „Immerhin muß ich mhen. wenn Ihr ſie ſo innig liebet, wie könnt Ihr dann ihr Gewiſſen und ihre Liebe zur Wahrheit ab⸗ ſtumpfen? waret Ihr heute Abend nicht ein Betrüger? könnt Ihr von ihr verlangen, daß ſie einen Betrüger verehre, ihn nachahme und für ihn bete?“ „Ich ſah es nie in dieſem Licht, ¹ ſtammelte Waife bis in die Seele getroffen,„nie, nie, ſo wahr mir Gott helfe!“— „Ich wußte das wohl,“ ſagte der Mayor;„Ihr ſahet blos den Spaß an der Sache; Ihr ginget daran wie ein Schulknabe. Ich habe viele ſolche Menſchen gekannt, die mit hohen Lebensgeiſtern ausge⸗ ſtattet waren wie Ihr. Solche Leute irren gedankenlos herum; aber wenn ſie je wiſſentlich ſündigten, ſo konnten ſie ihren hohen Lebens⸗ muth nicht bewahren. Gute Nacht, Mr. Chapman, wir ſprechen uns noch mehr.“ Die Thüre ſchloß ſich hinter der Geſtalt des Deſuhers. Waifes ——ÿ——yꝛéy— Kopf ſank auf ſeine Bruſt, und all die tiefen Linien auf Brauen und Wangen traten hervor, Erinnerungen an gewaltige Kümmerniſſe wurden lebendig; ſein Geſicht war jetzt, da der unſchuldige ſchalkhafte Scherz davon verſchwunden war, ſo entſtellt, daß Ihr es nicht gekannt hättet. Endlich erhob er ſich ganz ruhig, nahm das Licht und ſchlich in Sophys Zimmer. Mit ſorgſamer Hand das Licht beſchattend, ſchaute er in ihr Geſicht, wie ſie ſchlief. Das Lächeln ſchwebte noch immer auf den offenen Lippen— das Kind war noch immer im Feen⸗ land der Träume. Aber die Wange war ſchmächtiger, als ſie vor Wochen geweſen, und die kleine Hand, die auf der Decke ruhte, ſchien abgemagert. Waife nahm dieſe Hand geräuſchlos in ſeine eigene; ſie war heiß und trocken. Er ließ ſie mit einem Blick unausſprech⸗ licher Angſt und Bangigkeit ſinken, ſchüttelte jammervoll ſeinen Kopf und ſchlich ſich wieder hinaus. Er ſetzte ſich an den Tiſch, wo er bei der Zählung ſeines Gewinns überraſcht worden war, legte ſeine Arme zuſammen und bohrte ſeinen Blick in den Boden; und ſo ſaß er regungslos gleichſam in ſtumpfſinniger Einſtellung aller Gedanken⸗ thätigkeit, bis die Dämmerung über den Himmel kroch, bis die Sonne durch die Fenſter ſchien. Der Hund, der zu ſeinen Füßen gekauert lag, fuhr zuweilen auf und winſelte als wollte er ſeine Aufmerkſamkeit rege machen: er achtete nicht darauf. Es ſchlug ſechs, das Haus begann lebendig zu werden. Das Stubenmädchen kam ins Zimmer; Waife erhob ſich und nahm ſeinen Hut, deſſen Rand er mechaniſch mit ſeinem Aermel bürſtete.„Wer, ſagtet Ihr, daß hier der beſte ſey?“ fragte er mit einem leeren Lächeln, indem er den Arm des Stubenmädchens berührte. „Sir! der beſte— was?“ „Der beſte Doctor, Ma'am— keiner von Euern Dorfapothekern — der beſte Arzt— Dr. Gill— ſagtet Ihr Gill? Danke; ſeine Adreſſe, Hochſtraße. Dicht bei, Ma'am.“ Mit ſeiner großen Ver⸗ beugung— ſo ſtark iſt die Macht der Gewohnheit— lächelte Gentle⸗ man Waife verbindlich und verließ das Zimmer. Sir Iſaak ſtreckte ſich und folgte. E. Iytton Bulwer's ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. SS= Achtundneunzigſter Theil. So⸗ Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. Zweiter Theil. 8So * Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1858. —————— — Was wird er damit machen? von Piſiſtratus Carton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. 50 Aus dem Engliſchen von Dr. Gottlob Fink. Zweiter Theil. 50 Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1858. —————— ———————————————— ————— 3—.—— —— Sechszehntes Kapitel. In jeder eiviliſirten Geſellſchaft findet ſich eine Menſchenrace, welche die Inſtinkte der urweltlichen Kannibalen beibehält und von ihren Mitmen⸗ ſchen als von einem natürlichen Nahrungsſtoffe lebt. Wenn dieſe inter⸗ eſſanten aber furchtbaren Zweifüßler ihr Opfer gefangen haben, ſo wählen ſie beharrlich einen einzigen Theil ſeines Körpers, in welchen ſie ihre unbarmherzigen Zähne einbeißen. Der auf ſolche Art ausgewählte Theil iſt ganz beſonders empfindlich, denn die Vorſehung hat ihn ſo ein⸗ gerichtet, daß er ſchon den geringſten Biß ſchmerzlich verſpürt; er liegt D gerade über dem Hüftgelenk, iſt durch eine Decke von ausgeſuchter Faſer geſchützt, und wird gemeiniglich die Hoſentaſche genannt. Der Men⸗ ſchenfreſſer von ächtem Schrot und Korn beginnt gewöhnlich mit ſeinen eigenen Verwandten und Freunden, und ſo lange er ſeine Gefräßigkeit auf den häuslichen Kreis beſchränkt, ſchreiten die Geſetze nur wenig oder gar nicht gegen ſeine verehrungswürdigen Neigungen ein. Aber wenn er Alles erſchöpft hat, was ſich im Schooße des Privatlebens zum eßbaren Futter hergibt, dann fällt der Menſchenfreſſer über die Geſellſchaft her und geht auf Raub aus— dann Sauve qui peut! Die Geſetze regen ſich, ſetzen ihre Brillen auf, rufen nach ihren Perücken und Amtsröcken, und der zum Räuber gewordene Anthropophag iſt ſeines Mittageſſens nicht immer ſicher. Wenn der Menſchenfreſſer in dieſem Stadium der Entwicklung angelangt iſt, ſo gewinnt er Bedeutung, kommt ins Gebiet der Geſchichte und beſchäftigt die Gedanken der Moraliſten. An demſelben Morgen, wo Waife auf ſolche Art aus dem Türkenkopf wegging, um den Doctor zu holen, aber zu einer ſpätern Stunde ſchritt ein Mann, der, nach ſeinem ſorgfältig geputzten Aufzug und der leichtfertigen Dreiſtigkeit ſeines Geſchlenders zu ſchließen, aus den heitern Revieren von Regent Street gekommen ſeyn mußte, die ſchweigſamen und verlaſſenen Wege entlang, welche die entlegenſten Bezirke von Bloomsbury durchſchneiden. Bei der Einbiegung in eine ——— ———— ——— kleine Straße, die noch abgeſchloſſener war, als diejenigen, die zu ihr führten, blieb er ſtehen und ſchaute an die Ecke der Wand, wo der Name der Straße hätte eingeſchrieben ſeyn ſollen. Aber die Wand war kürzlich übertüncht worden und die Tünche hatte die erwartete Aufſchrift verwiſcht. Der Mann murmelte einen ungeduldigen Fluch, und indem er ſich umwandte, als wollte er einen Paſſagier ſuchen, den er fragen könnte, ſah er auf der entgegengeſetzten Seite des Weges einen andern Mann, der augenſcheinlich mit derſelben Nachforſchung beſchäftigt war. Unwillkürlich gingen Beide über die Straße auf einander zu. „Bitte, Sir,“ ſprach der zweite Wanderer in dieſer Wüſte, „könnt Ihr mir ſagen, ob dieſe Straße der obere Poddon⸗ Platz iſt?“ „Sir,“ antwortete der geſchniegelte Wanderer,„dieſe Frage wollte ich eben an Euch richten.“ „Sonderbar!“ „In der That ſehr ſonderbar, daß mehr als eine Perſon in dieſem geſchäftigen Jahrhundert ihre Zeit damit verlieren muß einen Poddon⸗Platz zu entdecken! Keine Seele, die man fragen kann— ich ſehe keinen Laden— keine Orangenbude.“ „Ha,“ rief der Andere mit einer heiſern grabähnlichen Stimme, „ha, da iſt ein Bierausträger. He da, Burſche, he, halt einmal! Iſt dieß der obere Poddon⸗Platz?“. „Ja,“ antwortete in ſchläfrigem Ton der Bierausträger, der in dieſer ſchläfrigen Atmoſphäre aufgetrieben worden, und indem er ſein zinnernes Gefäß mit dumpfem Klang an einem Gitter ertönen ließ, leierte er ſchwermüthig wie ein Grablied ſein: Bier! kaufet Bier! weiter.. Inzwiſchen tauſchten die beiden Wanderer Bücklinge gegen ein⸗ ander aus und gingen weiter— der geſchniegelte nahm, ſey es nun, daß er ſich überhaupt in einer nachdenklichen Stimmung befand oder in Folge angewohnter Gleichgültigkeit gegen Dinge und Perſonen, —;/— die ihn Nichts angingen, keine weitere Notiz von ſeinem Gefährten in der Einſamkeit, ſondern beſchäftigte ſich vielmehr mit verſchiedenen kleinen Coketterien, die ſeine eigene Perſon betrafen. Er fuhr mit der Hand durch ſein Haar, richtete ſeine Hutkrempe her, ſah wohl⸗ gefällig auf ſeine Stiefel, die noch immer den Glanz des Firniſſes vom Morgen beſaßen, zupfte ſeine Preißchen herab und geberdete ſich mit einem Wort wie ein Mann, der Eindruck zu machen wünſcht und fühlt, daß er dieß nothwendig thun ſollte. Er war von dieſem Ge⸗ ſchäft mit ſeiner eigenen Perſon dermaßen in Anſpruch genommen, daß er, als er endlich an einer der kleinen Thüren in der kleinen Straße ſtehen blieb und ſeine Hand zu dem Klopfer erhob, mit einem gewiſſen Schrecken ſah, daß der zweite Wanderer ſich an ſeiner Seite befand. Die beiden Männer prüften einander jetzt kurz, aber bedächtig. Wanderer Numero Eins war noch jung, allerdings hübſch, hatte aber um die Augen und Lippen einen unbeſchreiblichen Zug, vor welchem der Andere mit inſtinktmäßiger Scheu zurückbebte— einen harten, cyniſchen Zug— einen falſchen, ruhigen, herausfordernden, unbarm⸗ herzigen Zug. Seine Kleider glänzten ſo neu, als hätte er ſie zum erſten Mal auf dem Leibe; ſie waren nach der vorherrſchenden Mode zugeſchnitten und bekundeten eine weniger gedämpfte Vorliebe für Farben, als bei Engländern gewöhnlich iſt, doch immer noch ſo, daß ein anſtändiger Mann ſie tragen konnte, ohne ſich dem Vorwurf der Alltäglichkeit auszuſetzen, obſchon er ſich den der Dünkelhaftigkeit gefallen laſſen mußte. Wenn Ihr zweifelt, ob dieſer Mann ein Gentleman ſey, ſo wäre es Euch noch ſchwerer geworden zu errathen, was er ſonſt ſeyn könnte. Ohne den bereits erwähnten Zug, den er vielleicht nicht gewöhnlich hatte, hätte ſeine Erſcheinung einnehmend genannt werden können. In ſeiner Figur lag die Grazie, in ſeinen Schritten die Elaſticität, welche von richtiger Proportion und Muskel⸗ ſtärke kommt. In ſeiner Hand trug er einen biegſamen gertenartigen Stock, dünn und anſcheinend ganz harmlos, aber am Griff ſchwer nach Art eines Todtſchlägers. Der Ton ſeiner Stimme war nicht unangenehm für das Ohr, obſchon im Schwellen deſſelben etwas Künſtliches ſeyn mochte; es war die Art von Ton, welche Leute an⸗ nehmen, wenn ſie treuherziger und unbefangener zu erſcheinen wünſchen, als in ihrer Natur liegt; eine Art von rollendem Ton, der in der Stimme daſſelbe iſt, was gewiſſe renommiſtiſche Kopf⸗ und Schulterbewegungen im Gange ſind. Aber immer der obenerwähnte Zug! Er brächte auf euch dieſelbe Wirkung hervor, die etwa ein fremdes Thier hätte machen können, das nicht ohne Schönheit wäre, aber den Menſchen umbrächte. Wanderer Numero Zwei war dick und unterſetzt, von mittlerem Alter, mit breitem Backenbart und ſchmutzigem Geſicht. Er trug eine Perücke, eine augenſcheinliche un⸗ verkennbare Perücke, kraus und ungekämmt— über der Perücke einen ſchmierigen weißen Hut. Seine ſchwarze Kravate zog ſich dicht um den Hals, und über ſeine Bruſt hatte er die Falten eines ſchottiſchen Mantels geworfen. Wanderer Nro. Eins.—„Ihr wollt auch hieher— zu Mrs. Crane?“ Wanderer Nro. Zwei.—„Mrs. Crane?— Ihr auch? Sonderbar.“. Wanderer Nro. Eins(mit erzwungener Höflichkeit).— „Sir, ich komme in einem Geſchäft— Privatgeſchäft.“ Wanderer Nr. Zwei mit unverholenem Aerger).—„Ich auch.“ Wanderer Nro. Eins.—„Oh!“ Wanderer Nro. Zwei.—„Hal! das Schloß geht auf.“ Die Thüre öffnete ſich, und eine magere alte Magd kam zum Vorſchein. Wanderer Nro. Eins(mit einer ſchlangenartigen Schnellig⸗ keit der Bewegung vor dem dicken Manne hineingleitend).—„Mrs. Crane wohnt hier?“—„Ja.“—„Sie iſt doch zu Hauſe?“—„Ja.“ —„Da nehmt meine Karte; ſagt, ich komme allein— nicht mit dieſem Gentleman.“ 4 — 9 Wanderer Nro. Zwei ſcheint durch die Manier ſeines Neben⸗ buhlers etwas eingeſchreckt zu ſeyn. Er weicht einen Schritt zurück. „Ihr kennt die Dame dieſes Hauſes gut, Sir?“ „Sehr gut.“ „Ah! dann überlaſſe ich Euch den Vortritt. Ich überlaſſe ihn, Sir, aber unter einer Bedingung. Ihr werdet Euch nicht lange aufhalten?“ „Keinen Augenblick länger als nothwendig iſt; in einer Stunde oder noch früher werde ich Euch das Feld räumen.“ „Oder noch früher, wenns Euch beliebt, laßt es bei dem noch früher bewenden. Diener, Sir.“ „Sir, der Eurige.— Kommt, meine Hebe, leitet die Tänzer auf die Spur, d. h. gehet die Treppe hinauf und laßt mich in den Augen der Crane meine Jugendträume erneuern.“ Die Alte hatte inzwiſchen die Karte in ihrer verwelkten Hand umgedreht, von der Karte in das Geſicht des Beſuchers, dann wieder auf die Karte geſehen und vor ſich hin gebrummt. Endlich ſagte ſie: „Ihr, Mr. Loſely, Ihr!— Jaſper Loſely! wie ſeyd Ihr ver⸗ ändert? was habt Ihr mit Euch angefangen? wo iſt Euer ſchöner Anſtand? wo der Blick, der die Herzen der Damen ſtahl?— Ihr Jaſper Loſely! Ihr ſeyd ſein Geſpenſt!“ „Haltet Euer Maul, alter Drache!“ ſagte der Beſucher, den dieſe geringſchätzenden Bemerkungen augenſcheinlich ärgerten.„Ich bin Jaſper Loſely, eherner von Wagen, eiſerner von Hand.“ Er erhob ſeinen Stock mit einer drohenden Geberde, die ſcherzhaft ge⸗ meint ſeyn konnte, denn auf den Lippen ſchwebte ein Lächeln, oder auch ernſthaft, denn die Brauen waren zuſammengezogen; indem er dann in den Gang drang und die Thüre verſchloß, ſagte er:„Iſt Eure Gebieterin oben? Führt mich in ihr Zimmer oder—“ Die Alte warf ihm einen zornigen Blick zu, der ſich jedoch erſchrocken vor dem grimmigen Gefunkel ſeiner Augen ſenkte, dann eilte ſie, ſchneller als man ihr zugetraut hätte, die Treppe hinauf und rief: —— —ÿu⅓ ————— “ ———— 10 „Miſtreß! Miſtreß! Hier iſt Mr. Loſely! Jaſper Loſely in eigener Perſon!“ Während der Beſucher auf dem Boden des erſten Stockes anlangte, war eine weibliche Geſtalt aus einem Zimmer oben hervorgekommen.— Ein weibliches Geſicht ſchaute über das Geländer hinab. Loſely blickte auf und erſchrack, als er es ſah. Ein verſtörtes Geſicht— das Geſicht einer Perſon, über deren Leben ein Mehlthau gefallen war. Als er es zum letzten Mal geſehen, hatte es Schönheit beſeſſen, obſchon von mehr männlichem als weiblichem Charakter. Jetzt keine Spur von dieſer Schönheit! die Wangen ein⸗ geſunken und hohl, ſo daß die Naſe ſcharf, lang, ſchnabelartig wie bei einem Raubvogel hervorſtand. Das Haar, das einſt wie Ebenholz geglänzt, war jetzt grau, borſtig, vernachläßigt, und hing in verwor⸗ renen Locken herab— ein Studium für einen Künſtler, der eine Furie malen wollte. Aber die Augen waren glänzend, glänzender als je; es funkelte darin ein Feuer, welches das ganze über den Mann hinabge⸗ beugte Geſicht beleuchtete. War Liebe in dieſen brennenden Augen? war es Haß? war es Willkomm? war es Drohung? unmöglich zu unterſcheiden, aber am allerwenigſten hätte man wahrnehmen können, daß Freude darin ſey.. „So,“ ſagte die Stimme von oben,„ſo treffen wir uns endlich wieder, Jaſper Loſely; Ihr ſeyd gekommen!“ Ein weites Toilettenkleid feſter um ſich ziehend, kam die Ge⸗ bielerin des Hauſes jetzt raſch, flüchtig, mit geräuſchloſen Tritten, wie ein Geſpenſt die Treppe herab, ergriff Loſely feſt bei der Hand, führte ihn in ein kaltes, dumpfiges, ſonnenloſes Beſuchszimmer und ſchaute ihm die ganze Zeit feſt ins Geſicht. Er wand und drehte ſich.„Nun, laßt uns niederſitzen, meine liebe Mrs. Crane.“ „Und einſt wurde ich Bella genannt.“ 3 „Vor Zeitaltern! Baſta! Alles hat ein Ende. Wendet dieſe Eure Augen von meinem Geſicht ab; ſie waren immer ſo glänzend! — und wahrhaftig, jetzt ſind ſie vollkommene Brenngläſer geworden. — õõ— ——õõ— —-———— 11 Wie unfreundlich es hier iſt! Puh! ich bin todesmüde; darf ich um ein Glas Waſſer bitten— einen Tropfen Wein dazu— oder Brandy wäre mir eben ſo lieb.“ „He, Ihr ſeyd an den Brandy gekommen und ſchnapſet ſchon am Morgen, he, Jaſper?“ ſagte Mrs. Crane mit einem eigenthümlich traurigen Ton.„Auch ich verſuchte es einſt, ob Feuer den Gedanken aufbrennen könnte, aber es wollte mir nicht glücken; das war ſchon vor Jahren;— und hier— ſehet, die Flaſchen ſind noch voll.“ So ſprechend hatte ſie eine kleine Kommode von der Form, wie man ſie in vornehmen Häuſern zu finden pflegt, geöffnet und ein ledernes Spirituoſenetui hervorgezogen, das vier Flaſchen und ein paar Weingläſer enthielt. Dieſes Etui ſtellte ſie vor Mr. Loſely auf den Tiſch und betrachtete ihn mit Muße, während er ſich die ſtarken Spirituoſen zu Gemüth führte. Während ſie ſo daſtand, hätte ein ſcharfblickender Jünger La⸗ vaters in ihrem herben und verheerten Geſicht Zeichen einer urſprüng⸗ lichen Natur zu erkennen vermocht, welche über der Natur ihres Beſuchers ſtand; an ihren gerunzelten Brauen ein Gefühl von höherer Qualität, als auf ſeiner glatten niederen Stirne; an ihren ſchmalen harten Lippen weniger Urſache zu Mißtrauen, als in der falſchen Heiterkeit, die ſeinen hübſchen Mund zu jenem leichtſinnigen Lächeln verzog, das Freude aber kein Gemüth verkündet und zwar oft leuchtet aber niemals wärmt. Es iſt wahr, daß in dem feſten Druck ihrer Lippen Grauſamkeit und noch mehr die Verſchloſſenheit liegen mochte, die den Betrug beherbergen kann, und doch würdet ihr aus den ner⸗ vöſen Bewegungen dieſer Lippe, wenn ſie von ſolchem Druck befreit iſ, ſchließen, daß dieſes Weib eher in Folge natürlicher Gemüthsart leidenſchaftlich und erregungsfähig, als ſyſtematiſch grauſam oder mit Vorbedacht falſch ſey— falſch oder grauſam nur, wenn eine vorherr⸗ ſchende Leidenſchaft der abſolute Tyrann der Seele wurde und die Laſter des Tyrannen zu ihren eigenen machte. Vor allen Dingen war gerade in dieſen für die Schönheit verderblichen Linien, welche nicht — ᷓᷓ;— ——— 5 Cͤͤͤͤͤſſſſſſ 3 die Zeit in ihre blaßgelben Wangen gefurcht hatte, die Empfänglichkeit für Kummer, für Schaam und für das Gefühl des Falles einge⸗ ſchrieben, welche an der gedanken⸗ und ſorgloſen Miene des glatten Menſchenthieres vor ihr nicht ſichtbar war. Im Zimmer befanden ſich auch einige ſichtliche Beweiſe von ge⸗ bildetem Geſchmack. An den Wänden waren Bücherſtänder, die Werke von anſtändiger und ſtrenger Litteratur enthielten, dergleichen ſorgſame Eltern wißbegierigen Töchtern geſtatten— die prächtigen Meiſterwerke von Fenelon und Racine, ausgewählte Stücke von Taſſo, Dante, Metaſtaſio, wie ſie in den Penſtionen eingeführt ſind; unter den engliſchen Autoren: Addiſon, Johnſon, Blair(ſeine Vorleſungen ſowohl als ſeine Predigten).— Elementarwerke von ſolchen Wiſſen⸗ ſchaften, die weibliche Neophyten in ihre Vorhallen, wenn auch nicht in ihr Allerheiligſtes zulaſſen, wie Botanik, Chemie, Aſtronomie. Geziert wie Soldaten auf der Parade, ſtanden die Bücher da— keine Lücke in ihren Reihen— offenbar jetzt niemals zur Unterhaltung aus ihren Stellen verrückt— wohl gebunden, jedoch abgeſchoſſen und ſtaubig;— Reliquien aus einem vergangenen Leben; einige von ihnen mochten vielleicht Schulpreiſe geweſen ſeyn oder Geburtstags⸗ geſchenke von ſtolzen Verwandten. Neben dem Spirituoſenetui ſtand offen eine einſt hübſch geweſene Arbeitsſchatulle auf dem Tiſch— keine Seiden jetzt auf den ſkelettartigen Winden— entfärbt, aber nicht durch Gebrauch, ſchlief in ſeinem Neſt von matter Seide der goldene Fingerhut. In der Ecke neben einem Muſikſtänder und einem hohen Stoß muſikaliſcher Compoſitionen von verſchiedenen Schulen und abgeſtufter Schwierigkeit, von Lectionen für Anfänger an bis zu der mühevollſten Tonleiter eines deutſchen Oratoriums, hing pa⸗ thetiſch eine arme Lautenharfe, deren Saiten längſt geſprungen waren. Am Fenſter hing ferner ein Drahtkäfig, worin der Vogel ſchon längſt geſtorben. Mit einem Wort, um das Weib her, das Jaſper Loſely mit unverwandten Blicken anſchaute, während er wohl⸗ gefällig ſeinen Brandy trank, gruppirten ſich die verlorenen Kenn⸗ 13 zeichen eines früheren Standes— des verlorenen goldenen Zeitalters glücklicher Mädchenſtudien, harmloſer Mädchenliebhabereien. „Baſta,“ ſagte Mr. Loſely das Glas anf die Seite ſtoßend, das er zweimal gefüllt und zweimal ausgetrunken hatte,„zur Sache. Laßt mich das Kind ſehen— ich habe jetzt ein Verlangen darnach.“ Ein dunklerer Schatten fiel über Arabella Cranes Geſicht, als ſie ſagte: „Das Kind— es iſt nicht hier! Ich habe es ſchon lange ent⸗ fernt.“ „He! entfernt! was verſteht Ihr darunter?“ „Fragt Ihr doch, als ob Ihr fürchtetet, ich habe es aus der Welt geſchafft! nein! Nun, Ihr kommt alſo nach England, um das Kind zu ſehen? Ihr vermiſſet— Ihr liebet das Kind dieſer— dieſer—“. Sie pauſirte, that ſich Einhalt und fügte mit bebender Stimme hinzu—„dieſer ehrbaren, hochſinnigen Dame, deren An⸗ denken mir ſo theuer ſeyn muß— Ihr liebet dieſes Kind; ſehr na⸗ türlich, Jaſper.“ „Ich ſoll es lieben? ein Kind, das ich ſeit ſeiner Geburt kaum geſehen habe!— Schwatzet doch keinen Unſinn. Nein. Aber habe ich Euch nicht geſagt, daß ſie mir Geld eintragen müſſe— ja, ja, und das ſoll ſie auch trotz der wegwerfenden Unverſchämtheit dieſes ſtolzen Mannes.“ 1 „Dieſes ſtolzen Mannes— wie! habt Ihr es gewagt Euch an ihn zu wenden— ihn zu beſuchen— ſeit Eurer Rückkehr nach England?“ „Natürlich. Das hat mich herübergeführt. Ich dachte, der Mann würde eine Freude haben an dem, was ich ihm ſagte— er würde ſeine Börſe öffnen— würde Segnungen und Banknoten ver⸗ ſchwenden. Und der dumme Kerl wollte mir nicht einmal glauben — nur weil—“ 2 „Weil Ihr ſchon vorher das Recht verkauft hattet auf Glauben Anſpruch zu machen. Als ich das Kind nahm, ſagte ich Euch, daß Ihr dort Euern Zweck nicht erreichen würdet— daß ich Euch zu Bulwer, was wird er damit machen? II. 2 14 dieſem Verſuch nie ermuthigen möchte. Aber Ihr hattet die Zukunft verkauft, wie Ihr Eure Vergangenheit verkauftet, und zwar zu wohl⸗ feil, wie es ſcheint, Jaſper.“ „Zu wohlfeil allerdings. Wer hätte je glauben können, daß man mich mit einem ſolchen Naſenwaſſer abſpeiſen würde 2“ „Ja freilich, Jaſper! Ihr waret geſchaffen, um große Ver⸗ mögen durchzubringen, und wenn ſie durchgebracht ſind, nennt Ihr ſte Naſenwaſſer, Jaſper. Ihr hättet ein Prinz werden ſollen, Jaſper— Ihr habt ſo prinzliche Neigungen. Flitterſtaat und prächtige Kleider, Pferde und Würfel und Ladies in Menge, und dann einen prinzlichen Geiſt! Ihr beſchränket allen Dank für ein loyales Opfer auf die Ehre, die Ihr durch Annahme deſſelben erwieſen habt.“ Während ſie dieſe bittere Ironie ausſprach, die indeß ihren Gaſt mehr zu beluſtigen als zu beleidigen ſchien, ging ſie beſtändig im Zimmer auf und ab und zog auf einmal(ob aus einer Schublade in der Kommode oder aus ihrem Buſen, beobachtete Loſely in ſeiner Sorgloſigkeit nicht) ein Miniaturbild hervor, hielt es ihm vor die Augen und rief:„Ha, Ihr habt Euch aber ſeit jener Zeit gewaltig verändert— ſchaut was Ihr damals waret!“ Loſelys Blick, der ſo plötzlich in Anſpruch genommen wurde, heftete ſich auf das Bild eines ausnehmend hübſchen Jünglings, der diejenige Art von Schönheit beſaß, die, ohne weibiſch zu ſeyn, der Feinheit und dem Glanz des weiblichen Geſichtes nahe kommt, eine Schönheit, die ihren Beſitzer ungebührlich in die Augen fallen macht, ihm nur gar zu oft, da ſie ihm die bereitwillige Bewunderung ge⸗ winnt, deren Erzielung keine Mühe koſtet, alle Luſt zu löblichen Er⸗ folgen, die durch Arbeit errungen werden müſſen, benimmt und durch die Entſchuldigungen, welche ſie der Selbſtachtung bietet, den Egois⸗ mus verhärtet. Es iſt wahr, daß dieſes hübſche Geſicht nicht die Hoheit hatte, welche ein gedankenvoller Ausdruck derleiht; aber ein gedankenvoller Ausdruck iſt nicht diejenige Eigenſchaft, die ein Maler der abſtraeten Lieblichkeit früher Jugend zu geben ſucht, und er läßt 15 ſich ſelten erwerben ohne jenes beſtändige Ringen und Kämpfen, das der bloſen phyſiſchen Schönheit Eintrag thut. Und über das ganze Geſicht war ein ſonniges Licht verbreitet, die Friſche gedankenloſer Geſundheit, üppiger Kraft, ſo daß ſelbſt die anmaßende Eitelkeit, worin ein ſcharfer Beobachter das vorherrſchende geiſtige Merkmal entdecken konnte, nur als ein frohes Jauchzen über die Gaben einer gütigen Natur erſchien. Da war nicht dieſer Zug, der bei dem ge⸗ reiften Manne, welcher jetzt den glänzenden Geiſt ſeines früheren Selbſt anſchaute, den Aengſtlichen erſchrecken und den Weiſen warnen mußte.„Und ſo war ich alſo. Wahrhaftig! ich erinnere mich noch gut, wie das Bild gemacht wurde; kein Menſch behauptete, es ſey ge⸗ ſchmeichelt,“ ſagte Mr. Loſely mit pathetiſchem Selbſtbedauern. „Aber ich kann mich nicht ſehr verändert haben,“ fügte er mit einem halben Lachen hinzu.„In meinem Alter mag man männlicher aus⸗ ſehen, aber—“ „Aber noch immer hübſch ſeyn, Jaſper,“ fiel Mrs. Crane ein; „das ſeyd Ihr auch. Aber ſeht mich an— was bin ich?“ „O ein ſehr ſchönes Weib, meine liebe Crane— das waret Ihr immer, aber Ihr vernachläßiget Euch; das ſolltet Ihr nicht thun; ſparet dieß auf bis zuletzt. Kommen wir indeß jetzt auf das Kind zurück. Ihr habt es ohne meine Einwilligung weggegeben, ohne es mich wiſſen zu laſſen.“ „Es Euch wiſſen zu laſſen! Wie viele Jahre ſind es, ſeitdem Ihr mir nur Eure Adreſſe gabet? Fürchtet Nichts, ſie iſt in guten Händen.“ „In weſſen Händen? Ich muß ſie unter allen Umſtänden ſehen.“ „Sie ſehen! wozu?“ „Wozu! Beim Henker, da ich einmal in England bin, ſo iſt es doch natürlich, daß ich wenigſtens zu wiſſen wünſche, wie ſie ausſieht. Auch finde ich es ſehr ſeltſam, daß Ihr ſie wegſchicket und dann all dieſe Schwierigkeiten erhebet. Was iſt Eure Abſicht? Ich verſtehe es nicht.“ 2* ——ͤͤ „Meine Abſicht? Kann ich eine andere Abſicht haben als Euch zu dienen? Auf Euer Verlangen nahm, ernährte, erzog ich ein Kind, das zu lieben Ihr mir nicht zumuthen konntet, auf meine eigene Koſten. Habe ich je einen Schilling von Euch gefordert? Habe ich je geduldet, daß Ihr mir einen gabet? Nie! Endlich, als Ihr mir keine Nachrichten mehr gabet, und als das Wenige, was ich über Euch hörte, mich auf die Meinung brachte, daß, wenn mir etwas Menſch⸗ liches zuſtieße(und ich war damals ſehr krank), das Mädchen nur eine Laſt für Euch ſeyn könnte— endlich, ſage ich, kam der alte Mann zu mir— Ihr hattet ihm meine Adreſſe gegeben— und erbot ſich ſie zu nehmen, und ich willigte ein. Sie iſt bei ihm.“ „Bei dem Alten! Sie iſt bei ihm! und wo iſt er?“ „Ich weiß nicht.“ „Hum; von was lebt er? mag er wohl Geld bekommen haben?“ „Ich weiß nicht.“ „Haben alte Freunde ihn aufgenommen?“ „Würde er zu alten Freunden gehen?“ Mr. Loſely leerte zwei friſche Gläſer Brandy, eines ums andere, ſtand dann auf und ging, die Hände in ſeinen Taſchen begraben, in einer keineswegs comfortablen Stimmung auf und ab. Endlich blieb er ſtehen und ſagte:„Je nun, im Ganzen ſehe ich nicht, was ich gerade jetzt mit dem Mädchen thun könnte, obſchon ich natürlich wiſſen ſollte, wo ſie iſt und bei wem. Sagt mir, Mrs. Crane, wie ſieht ſie aus— iſt ſie hübſch oder alltäglich?“ „Ich denke, der Balg würde hübſch genannt werden— wenigſtens von gewiſſen Perſonen.“ „Sehr hübſch— ſchön?“ fragte Loſely plötzlich. „Schön oder nicht, was hat das zu bedeuten? Was nützt die Schoͤnheit? Ihr hattet Schönheit genug; was habt Ihr damit gemacht?“ Bei dieſer Frage richtete ſich Loſely mit einem plötzlichen Stolz in Blick und Geberden auf, der, obſchon von beleidigter Eitelkeit ein⸗ 17 gegeben, den Ausdruck ſeines Geſichts verbeſſerte und ihm viel von ſeinem frühern Charakter zurückgab. Mrs. Crane ſchaute ihn an, gerieth in Bewunderung, und mit bebender Stimme, die halb vor⸗ wurfsvoll halb bitter klang, fuhr ſie fort: „Und jetzt, da Ihr in Bezug auf das Kind unterrichtet ſeyd, habt Ihr gar Nichts über mich zu fragen— was ich treibe— wie ich lebe?“ „Meine liebe Mrs. Crane, ich weiß, daß Ihr Euch in comfor⸗ tablen Verhältniſſen befindet und niemals habſüchtig waret. Ich glaube, daß Ihr glücklich ſeyd, und ich wollke nuß, ich wäre es auch; aber meine Angelegenheiten wollen nicht gedeihen. Wenn Ihr mir ohne Unbequemlichkeit eine Fünfpfundnote leihen könntet—“ „Ihr würdet von mir borgen, Jaſper? Ah! Ihr kommt zu mir in Euren Verlegenheiten. Ihr ſollt das Geld haben— fünf Pfund — zehn Pfund— was Ihr wollt, aber Ihr werdet dafür wieder⸗ kommen? Ihr bedürfet meiner jetzt— Ihr werdet mich jetzt nicht gänzlich verlaſſen?“ „Beſtes aller Geſchöpfe! Nie!“ Er ergriff ihre Hand und küßte ſie. Sie zog ſie ſchnell aus der ſeinigen zurück und ſagte, indem ſie ihn von Kopf zu Fuß muſterte:„Aber ſeyd Ihr wirklich in Noth? — Ihr ſeyd gut gekleidet, Jaſper; das waret Ihr immer.“ „Nicht immer; vor drei Tagen war es ſehr das Gegentheil; aber ich habe eine unbedeutende Aushülfe erhalten und—“ „Aushülfe in England? von wem? wo? doch nicht von dem Manne, den Ihr, wie Ihr ſaget, aufzuſuchen den Muth hattet?“ „Von wem ſonſt? Habe ich nicht Anſprüche? Ein erbärm⸗ liches Almoſen, das mir hingeworfen wurde. Hol ihn der Teufel! Ich ſage Euch, der Blick und die Sprache dieſes Mannes haben mich ſo erbittert— ſo erbittert,“ wiederholte Loſely, indem er ſeinen Stock jetzt in der Mitte nahm und das mörderiſche Bleigewicht in die Fläche ſeiner andern Hand legte,„daß ich, hätte ſein Auge nur eine Sekunde * lang von dem meinigen abgelaſſen, ihm wahrhaftig das Hirn einge⸗ ſchlagen hätte, was mich—“ „An den Galgen gebracht hätte,“ ergänzte Mrs. Crane. „Ganz natürlich an den Galgen,“ erwiederte Loſely, indem er die ſorgloſe Stimme und Manier wieder annahm, worin jene eigen⸗ thümliche Leichtfertigkeit lag, die von Herzenshärte kommt, wie von der Härte des Stahls die Biegſamkeit der Klinge kommt.„Aber wenn der Menſch nicht manchmal die Folgen vergäße, ſo wäre es ganz aus mit dem Galgen. Ich bin froh, daß ſein Auge vom meinigen nie abgelaſſen hat.“ Und der bleierne Knopf des Stockes fiel mit einem matten, dumpfen Getöne auf den Boden. Mrs. Crane gab keine unmittelbare Antwort, ſondern heftete auf ihren geſetzloſen Gaſt einen Blick, worin keine weibliche Furcht lag(obſchon Loſelys Miene und Geberde die Nerven manches kühnen Mannes hätte erſchüttern können), der aber nicht ohne weibliches Mit⸗ leid war, denn ihr Geſicht wurde allmälig immer milder, als ſtände ſie unter dem Einfluß von traurigen aber nicht feindſeligen Erinne⸗ rungen. Endlich ſagte ſie leiſe:„Armer Jaſper! Iſt all der eitle Ehrgeiz, der Euch ſo falſch machte, zu einer Rohheit zuſammenge⸗ ſchrumpft, die Euch ſo machtlos findet? Würde Eure Exiſtenz am Ende härter, ärmer, gemeiner geweſen ſeyn, wenn Ihr mir Euer Wort gehalten hättet?“ Mr. Loſely liebte augenſcheinlich dieſe Wendung des Geſprächs nicht, hielt jedoch eine Antwort zurück, welche ohne die in der Ferne winkende Ausſicht auf fünf oder zehn Pfund hart ausgefallen ſeyn dürfte, und ſagte:„Pfui Bella, pfui! Ich war ein Narr, das kann ich wohl ſagen, und ein erbärmlicher Kerl— ein recht erbärmlicher Kerl; aber ich hatte immer die größte Achtung vor Euch und werde ſie immer haben. He was iſt das? Man klopft an die Thüre! Ah beiläufig geſagt, ein Mann von ziemlich verdächtigem Ausſehen mit einem weißen Hut kam zu gleichs Jeit mit mir her, um Euch wegen ͤ 19 einer Privatangelegenheit zu beſuchen— er ließ mir den Vortritt— ſagte, er würde wiederkommen; darf ich fragen, wer er iſt?“ „Ich kann es nicht errathen; Niemand beſucht mich je in Ge⸗ ſchäftsſachen, außer der Steuerſammler.“ Die alte Magd trat jetzt ein.„Ein Gentleman, Ma'am— ſagt, er heiße Rugge.“ „Rugge— Rugge— ich muß mich beſinnen.“ „Ich bin hier, Mrs. Crane,“ ſagte der Schauſpieldirektor, indem er hereinſchritt,„Ihr erinnert Euch vielleicht meines Namens nicht mehr; aber— oho— noch nicht gegangen, Sir! Falle ich zu früh zur Laſt?“ meine liebe Mrs. Crane.“ „Nein ich bin fertig; guten Tag, „Bleibt, Jaſper. Jetzt entſinne ich mich Euer, Mr. Rugge; nehmt einen Stuhl.“ Sie flüſterte Loſely einige Worte ins Ohr, dann wandte ſie ſich gegen den Direktor und ſagte laut:„Ich ſah Euch in Mr. Waifes Wohnung zur Zeit als er den ſchlimmen Unfall hatte.“ „Und ich hatte die Ehre Euch nach Hauſe zu begleiten, Ma'am, und— aber darf ich mich vor dieſem Gentleman ausſprechen?“ „Gewiß; Ihr ſehet, er hört Euch aufmerkſam zu. Dieſer Gent⸗ leman und ich haben keine Geheimniſſe vor einander. Was iſt aus dieſer Perſon geworden? Dieſer Gentleman wünſcht es zu wiſſen.“ Loſely.—„Ja, Sir, ich habe einen angelegentlichen Wunſch es zu erfahren.“. Nugge.—„Ich auch; dieß iſt theilweiſe der Grund, warum ich gekommen bin. Ihr wißt, glaube ich, Ma'am, daß ich ihn und Juliet Araminta, d. h. Sophy engagirte.“ Loſely.—„Sophy— Ihr habt Beide engagirt, Sir— wie 2 Rugge.—„Fürs theater, Sir— für das Rugge'ſche Theater; er war einſt ein großer Schauſpieler dieſer Burſche, Waife.“ Loſely.—„Ah pieler!— nun weiter, Sir.“ Rugge(er ſich ſeines Geſprächs von der Lady zu —, dem Gentleman, von dem Gentleman zu der Lady wendet, mit ange⸗ meſſenem Geberdeſpiel und appellirendem Blick).—„Aber er wurde ein Wrack, ein Klotz von einem Menſchen; verlor ein Auge und ſeine Stimme dazu. Gleichwohl nahm ich, um ihm einen Dienſt zu leiſten, ſeine Enkelin und ihn auch. Er verließ mich auf eine ſchändliche Art und machte ſich mit ſeiner Enkelin davon, Sir. Nun, Ma'am ‚, be⸗ trachtete ich, um offen mit Euch zu ſprechen, dieſes kleine Mädchen als mein Eigenthum— als ein ſehr ſchätzbares Eigenthum. Sie iſt mir viel werth und man hat ſie mir entriſſen. Wenn Ihr mir helfen könnt, daß ich ſie zurückbekomme, daß ſie ſich contractmäßig auf drei Jahre bei mir engagirt, ſo bin ich mit größtem Vergnügen bereit, Ma'am, etwas Hübſches, etwas außerordentlich Hübſches zu bezahlen.“ Mrs. Crane(ſtolz).—„Sprecht mit dieſem Gentleman. Er mag mit Euch unterhandeln.“ Loſely.—„Was nennt Ihr außerordentlich hübſch, Mr.— Mr. Tugge?“ Rugge.—„Rugge! Sir; wir werden hoffentlich handelseins werden, vorausgeſetzt, daß Ihr Waife dazu bringen könnt mir das Mädchen zu überlaſſen.“ Loſely.—„Ich dürfte die Gewalt haben die junge Lady Eurer Obhut zu übergeben. Junge Lady iſt eine reſpectvollere Phraſe als Mädchen, und möglicher Weiſe könnte man Mr. Waifes Einwilligung in eine ſolche Anordnung entbehren. Aber entſchuldigt mich, wenn ich ſage, daß ich etwas mehr von Euch wiſſen muß, bevor ich ver⸗ ſprechen kann eine ſolche Gewalt zu Euern Gunſten auszuüben.“ Rugge.—„Ich werde ſtolz ſeyn nähere Bekanntſchaft mit Euch zu machen. Was Waife betrifft, ſo hat der alte Vagabund mich be⸗ ſchimpft, Sir. Ich trage keinen Groll nach, aber ich habe Selbſt⸗ gefühl— Britten haben Selbſtgefühl, Sir. Und Ihr werdet Euch erinnern, Ma'am, daß ich, als ich Euch nach Hauſe begleitete, be⸗ merkte, Mr. Waife ſey ein geheimnißvoller Mann und habe augen⸗ ſcheinlich beſſere Tage gekannt, und m ein Mann geheimnißvoll 21 ſey und ins dürre und gelbe Laub falle, Ma'am, ohne Dasjenige zu beſitzen, was das hohe Alter begleiten müſſe, Sir, ſo habe man das Recht zu vermuthen, daß er das eine oder andere Mal das Eine oder Andere gethan habe, Ma'am, was ihn fürchten laſſe, ſelbſt die Steine möchten von ſeinen Werken und Weſen ſchwatzen, Sir. Und Ihr läugnet nicht, Ma'am, daß das Geheimniß verdächtig ſey, aber Ihr ſagtet mit außerordentlich richtigem Takt, das könne mir gleichgültig ſeyn, was Mr. Waife früher geweſen, wenn er mir nur in der gege⸗ benen Zeit nützlich ſey. Seitdem, Sir, hat er aufgehört nützlich zu ſeyn, und zwar hat er in der unſchönſten Art aufgehört. Und wenn Ihr, Ma'am, aus Gerechtigkeitsſinn das Geheimniß jetzt aufdecken, mich in den Beſitz deſſelben ſetzen wolltet, ſo könnte dieſer nieder⸗ trächtige Mann veranlaßt werden mir wieder nützlich zu ſeyn— ich bekäme dadurch eine Handhabe an ihn, Sir, ſo daß ich ihn durch Ein⸗ ſchüchterung zwingen könnte mein Eigenthum zurückzugeben, was moraliſch geſprochen Juliet Araminta ganz unzweifelhaft iſt. Deß⸗ halb bin ich hiehergekommen und habe meine Geſellſchaft, der ich ein Vater bin, für den Augenblick als Waiſen zurückgelaſſen. Aber ich vermißte dieſes kleine Mädchen— dieſe junge Lady, Sir. Ich nannte ſie ein Phänomen, Ma'am— vermißte ſie ſehr— das iſt natürlich, Sir; ich berufe mich auf Euch. Kein Menſch kann eines werthvollen Eigenthums beraubt werden, ohne es zu fühlen, wenn er ein Herz in ſeinem Buſen hat. Und wenn ich ſie glücklich wieder hätte, ſo könnte ich meinem Chrgeiz nachgehen. Ich habe immer Ehrgeiz gehabt. Das Theater in York, Sir— das iſt mein Chrgeiz; ich hatte ihn von Kindesbeinen an, Sir; träumte dreimal davon, Ma'am. Wenn ich dieſes Phänomen wieder in meinem Beſitz hätte, ſo würde ich mich Knall und Fall daran machen, würde York nehmen und das Phänomen zu Tage bringen.“ Loſely(nachſinnend).—„Ihr ſagt, die junge Lady ſey ein Phänomen, und für dieſes Phänomen würdet Ihr gerne etwas Hüb⸗ .— 8 1 ſches bezahlen— ein vager Ausdruck. Ueberſetzet ihn in Pfunde, Schillinge und Deniers.“ Rugge.—„Wenn ſie geſetzlich auf drei Jahre an mich ge⸗ bunden werden kann, ſo würde ich 100 Pfund geben— ich habe Waife 50 Pfund geboten— Euch, Sir, biete ich 100.“ Loſelys Augen funkelten, und ſeine Hände öffneten ſich ruhelos. „Aber zum Henker, wo iſt ſie? habt Ihr keinen Leitfaden?“ Rugge.—„Nein, aber wir können leicht einen finden; es war für mich nicht der Mühe werth die Leute aufzujagen, bevor ich ganz gewiß war, daß, wenn ich mein Eigenthumsrecht auf dieſes Phänomen wieder gebrauchen wollte, das Geſetz mir Schutz verleihen würde.“ Mrs. Crane(auf die Thüre zugehend).—„Nun, Jaſper Loſely, Ihr wollt, wie ich nicht zweifle, die junge Lady verkaufen; wenn Ihr ſie verkauft habt, ſo laßt es mich wiſſen.“ Sie kam zurück und flüſterte:„Ihr werdet vielleicht jetzt kein Geld von mir brauchen, aber ich werde Euch wiederſehen; denn wenn Ihr das Kind findet, ſo werdet Ihr meiner Hülfe bedürfen.“ „Ich werde allerdings wieder vorſprechen, meine e theure Freundin.“ Hier verbeugte ſich Mrs. Crane gegen die Gentlemen und ſchwebte aus dem Zimmer. Auf ſolche Art allein gelaſſen, ſchauten Loſely und Rugge ein⸗ ander mit ſcheuen und doch verſchmitzten Blicken an— Rugges Hände ſteckten in ſeinen Hoſentaſchen, ſein Kopf war zurückgeworfen— Loſelys Hände waren unwillkürlich offen, ſein Kopf auf bezaubernde Art vorgebeugt und ein wenig auf die Seite geneigt. „Sir,“ ſagte Rugge endlich,„was würdet Ihr zu einem Braten und einer Pinte Wein ſagen? Vielleicht könnten wir anderswo be⸗ quemer mit einander ſprechen. Ich bin blos auf einen Tag in der Stadt— habe meine Geſellſchaft dreißig Meilen weit gelaſſen— Waiſen, wie ich vorhin ſagte.“ „Mr. Rugge,“ ſagte Loſely,„ich wünſche nicht in London oder überhaupt in England zu bleiben, und je ſchneller wir dieſe Sache ins 23 Reine bringen, um ſo beſſer. Nehmen wir an, wir finden die junge Lady, ſo ſorget Ihr für ihre Koſt und Wohnung— lehret ſie Euern ehrenwerthen Beruf— benehmt Euch natürlich freundlich gegen ſie— „Wie ein Vater.“ „Und gebt mir die Summe von hundert Pfund.“ „Das heißt, wenn Ihr ſie mir geſetzlich übermachen könnt. Aber, Sir, darf ich fragen, mit welcher Machtvollkommenheit Ihr in dieſer Sache handeln würdet?“ „In dieſer Beziehung kann ich Euch leicht befriedigen; mittler⸗ weile nehme ich Euer Anerbieten in Betreff eines Frühſtücks an. Laßt uns die Sache vertagen— gehen wir in Euer Haus?“ „Ich habe kein eigentliches Privathaus in London; aber ich kenne ein öffentliches Haus, wo man bequem iſt.“ „Es ſey. Nach Euch, Sir.“ Als ſie die Treppe hinabgingen, ſtand die alte Magd an der Hausthüre. Rugge ging zuerſt hinaus. Die Alte hielt Loſely auf. „Findet Ihr ſie verändert?“ „Wen? Mrs. Crane?— Nun ja, die Jahre verläugnen ſich nicht. Aber Ihr ſcheint mich gekannt zu haben— ich entſinne mich Euer nicht.“ „Ihr entſinnt Euch nicht auf Bridgett Greggs?“ „Iſts möglich? Ich verließ Euch als eine Frau von mittlerem Alter und mit roſigen Wangen. Wahrhaftig jetzt erkenne ich Euch wieder. Da habt Ihr eine Krone. Ich wollte, ich könnte mehr ent⸗ behren.“ Bridgett ſchob das Silber zurück. „Nein— ich darf nicht. Geld von Euch nehmen, Jaſper Loſely! Miſtreß würde mir es nicht verzeihen.“ Loſely ſchob nicht ohne Widerſtreben die Krone wieder in ſeine Taſche und trat mehr mit einem Schnauben als mit einem Seufzer der Erleichterung ins offene Tageslicht. Als er über die Straße ging, um Rugge einzuholen, der ihn auf der Schattenſeite erwartete, wandte er ſich mechaniſch nach dem Hauſe um, und da ſah er am offenen Fenſter eines oberen Stocks dieſe glänzenden Augen wieder, die von der Treppe auf ihn herabgefunkelt hatten. Er verſuchte zu lächeln und winkte ein klein wenig mit der Hand. Die Augen ſchienen das Lächeln zu erwiedern, und als er, Arm in Arm mit dem ſchuftigen Direktor, langſam ſeinen elaſtiſchen Schritt wieder gewinnend und im Glanz der neuen Kleider, die ſeine immer noch ſymmetriſchen Ver⸗ hältniſſe ans Licht ſtellten, die Straße hinabging, da folgten ihm die Augen wachſam— unverwandt— bis ſeine Geſtalt verſchwunden und die langweilige Straße aufs Neue eine Einöde war. Dann wandte ſich Arabella Crane von dem Fenſter weg. Ihre Hand auf ihr Herz legend, murmelte ſie:„Wie es ſchlägt! Ob in Liebe oder Haß, in Verachtung oder in Mitleid, es ſchlägt wieder einmal mit einer menſchlichen Erregung. Er wird wiederkommen— ob dem Geld oder der Weiberliſt zu Liebe, was kümmert's mich— er wird kommen.— Ich will ihn feſthalten, ich will mich an ihn klam⸗ mern, um mich nie mehr von ihm zu trennen; ich will ihn feſthalten, wie es einſt am Altar hätte geſchehen ſollen. Und das Kind?“— Sie pauſirte; geſchah es aus Zerknirſchung?„Das Kind!“ fuhr ſie grimmig fort, als ob ſie ſich ſelbſt in Wuth hetzen wollte,„das Kind dieſer verrätheriſchen, verhaßten Mutter— ja! Ich will ihm helfen ſie wie ein Bühnenſtück wieder zu verkaufen— ich will ihm zu Allem helfen, damit ſie ſich nicht zu einem Stand erheben kann, von wo aus ſie mit Verachtung auf mich herabſchauen möchte. Rache an ihr, an dieſem grauſamen Hauſe— Rache iſt ſüß. O daß es Rache allein wäre, was mir gebietet mich an ihn feſt zu klammern, der die Rache am meiſten verdient!“ Sie ſchloß ihre brennenden Augen und ſetzte ſich oder ſank vielmehr nieder, worauf ſie ſich wie in tiefem Schmerz hin⸗ und herwiegte. 2⁵ Siebenzehntes Kapitel. Im Leben iſt es ſchwer zu ſagen, wer Euch am meiſten Uebel zufügt, Feinde mit den ſchlimmſten Abſichten oder Freunde mit den beſten. Die Conferenz zwiſchen Mr. Rugge und Mr. Loſely endete damit, daß ſie ſich auf den folgenden Tag in das Dorf beſtellten, wo dieſe Geſchichte begonnen hat. Mittlerweile wollte Mr. Rugge zu ſeinen„Waiſen“ zurückkehren und Vorſtellungen einleiten, bei denen ſie auf einige Tage einen Vater entbehren konnten. Loſely ſeinerſeits unternahm es in den Zwiſchenſtunden einen Advokaten, welchen Mr. Rugge ihm empfahl, über die Art und Weiſe zu befragen, wie er am ſchnellſten eine rechtliche Vollmacht zur Ausübung der Autorität er⸗ langen könnte, die er zu beſitzen behauptete. Er wollte auch Mrs. Crane überreden ihn nach dem Dorfe zu begleiten und ihm bei den erforderlichen Nachforſchungen beizuſtehen, denn er hegte einen ſtillen, aber inſtinktmäßigen Glauben an die Ueberlegenheit ihres Scharf⸗ ſinnes.„Man braucht ein Frauenzimmer, um ein Frauenzimmer zu fangen,“ ſagte Mr. Rugge. An dem auf ſolche Art feſtgeſetzten Tag und Ort eröffneten die drei Jäger ihre Jagd. Sie begaben ſich nach der Bude des Schuh⸗ flickers. Bald bekamen ſie dieſelbe Fährte, welcher der Advokaten⸗ ſchreiber gefolgt war. Sie gelangten zu Mrs. Saunders— und hier würden die zwei Männer gleich ihrem Vorgänger auf falſche Spur geleitet worden ſeyn. Aber das Frauenzimmer war ſchlauer. Um die Metapher fallen zu laſſen, Mrs. Saunders konnte gegen die ſcharfen Kreuz⸗ und Querfragen einer Perſon von ihrem eigenen Ge⸗ ſchlecht nicht Stand halten.„Dieſes Weib täuſcht uns,“ ſagte Mrs. Crane, als ſie das Haus verließ,„ſie ſind nicht nach London gegangen. Was könnten ſie dort machen? Ein Menſch, der weiter nichts als ein paar Gauklerkunſtſtücke verſteht, kann ſich auf dem Land und in Doͤrfern wohl fortbringen, würde aber in Städten zu Grunde gehen. Wie es ſcheint, hat er einen Hund bekommen— ſo viel haben wir von Mrs. Saunders herausgebracht— vielleicht wird er dieſen dazu benützen, auf Vorſtellungen herumzureiſen.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Mr. Rugge,„daran iſt nicht zu zweifeln.“ „In dieſem Fall,“ bemerkte Mrs. Crane,„ſind ſie vermuthlich nicht weit. Wir wollen Zettel drucken laſſen, worin wir für Auf⸗ ſchlüſſe über ſie eine Belohnung bieten und den Alten ſelbſt durch die Verſicherung ködern, daß die Nachfrage den Zweck habe ihm eine an⸗ genehme Nachricht mitzutheilen.“ Im Verlauf des Abends wurden die Zettel gedruckt. Tags darauf wurden ſie nicht blos in dieſem Dorf, ſondern auch in den Städtchen und Weilern auf einige Meilen in der Runde angeklebt. Sie lauteten einladend wie folgt:„Wenn William Waife, welcher am 20 ult.— verlaſſen hat, im Gaſthof zum rothen Löwen in— nach X. X. fragen will, ſo wird er etwas ſehr Vortheilhaftes erfahren. Eine Belohnung von fünf Pfund wird Jedem verſprochen, der Auf⸗ ſchlüſſe ertheilt, wo beſagter William Waife und das kleine Mädchen, das ihn begleitet, zu finden ſind. Beſagter William Waife iſt un⸗ gefähr ſechszig Jahre alt, von mittlerer Statur, kräftigem Körperbau, hat ein Auge verloren und iſt an einem Bein lahm. Das kleine Mädchen, das Sophy heißt, iſt zwölf Jahre alt, ſieht aber jünger aus; hat blaue Augen und hellbraune Haare. Sie hatten einen weißen franzöſiſchen Pudel bei ſich. Die Aufforderung geht von Freunden der vermißten Perſonen aus.“ Der nächſte Tag verging— keine Nachricht; aber am folgenden Tag ritt ein ſchwarz gekleideter junger Gentleman von gutem Ausſehen in die Stadt, hielt vor dem rothen Löwen an und fragte nach X. X. Die zwei Männer waren auf For⸗ ſchungen ausgegangen— Mrs. Crane blieb daheim, um Anfragen zu beantworten. Der Gentleman wurde erſucht abzuſteigen und einzutreten. Mrs. Crane empfing ihn im Sprechzimmer, wo ein Schwarm von Mücken herumflog. Sie ſtand in der Mitte— eine wachſame, grimmige Spinne. „Ich ko—ko—komme,“ ſagte der Gentleman mit furchtbarem ———— 27 Stottern,„in Fo— Fo-— Folge eines Au— Au—Aufrufs, welchen ich ge— ge— geſtern auf meinem Spa-— Spazierritt an einer Hausmauer ge— geleſen habe. Ihr ſeyd ver—vermuthlich—“ „Ich bin X. X.,“ fiel Mrs. Crane ein, die ungeduldig wurde, „und gehöre zu den Freunden des Mr. Waife, welche den Aufruf in Umlauf geſetzt haben; es würde uns in der That zu großer Beruhigung gereichen, wenn wir erfahren könnten, wo ſie ſind— ganz beſonders das kleine Mädchen.“ Mrs. Crane war reſpectabel gekleidet, in ſtahlgrauer Seide; ſie hatte ihre flockigen Haare in ſteife, harte Locken gekräuſelt, die wie lange Schrauben unter einem ſchwarzen Sammtband herabfielen. Mrs. Crane trug niemals eine Haube— man konnte ſie gar nicht mit einer Haube denken; aber das Sammtband ſah ſo ſteif aus, als wäre es auf einen ſtählernen Reif geklebt. Ihre Manier und der Ton ihrer Stimme verkündeten eine Perſon, die Erziehung genoſſen hatte und an eine über dem großen Haufen ſtehende Geſellſchaft nicht ungewöhnt war; und dennoch zog ſich der Gaſt, in welchem der Leſer den fiſch⸗ fangenden Oxrforder Studenten erkennt, mit dem Waife am Rande des Bächleins philoſophiſche Worte gewechſelt, zurück, als ſie vortrat und ſprach; er hatte ſich eine menſchenfreundliche Miſſion gegeben und wurde jetzt von einer dunkeln Ahnung ergriffen. Mrs. Crane(freundlich).—„Ich fürchte, ſie müſſen ſich in ſchlimmen Umſtänden befinden. Hoffentlich fehlt es ihnen nicht an den nothwendigſten Bedürfniſſen des Lebens. Aber bitte, ſetzt Euch, Sir.“ Sie ſah ihn wieder an, und indem ſie in ihre Rede mehr Re⸗ ſpect legte als Anfangs, ſagte ſie mit einem halben Knix, als ſie an ſeiner Seite Platz nahm:„Vermuthlich ein Geiſtlicher der Staats⸗ kirche, Sir?“ Oxforder(as Stammeln wie das erſte Mal reſpectvoll weg⸗ gelaſſen).—„Mit dieſem Gebrechen, Ma'am!— Aber zur Sache. Vor einigen Tagen traf ich zufällig mit einem älteren Manne, welcher der Beſchreibung entſpricht, und einem ſehr hübſchen Mädchen zu⸗ —— ſammen. Sie hatten einen Pudel bei ſich. Der Mann— nach ſeiner Unterhaltung zu ſchließen, darf ich ihn vielleicht einen Gentle⸗ man nennen— intereſſirte mich ſehr; ebenſo das kleine Mädchen. Und wenn ich dazu beitragen kann wirkliche Freunde, die lünen gerne einen Dienſt leiſten möchten, auf die rechte Spur zu leiten— Mrs. Crane.—„Ihr würdet wirklich eine gute That thun. Und wo ſind ſie jetzt, Sir?“ Oxforder.—„Das kann ich Euch nicht mit Beſtimmtheit ſagen. Aber wollt Ihr, bevor ich weitergehe, ſo freundlich ſeyn meine Neugierde zu befriedigen? Er iſt vielleicht ein excentriſcher Mann — dieſer Mr. Waife?— ein wenig—“ Der Orforder hielt inne und berührte ſeine Stirne. Mrs. Crane antwortete nicht ſogleich— ſie war nachdenklich. Unvorſichtig fuhr der Student fort:„In dieſem Falle nämlich möchte ich nicht gerne die Hand bieten. So manche Leute werden eingeſperrt, wo kein wirklicher Wahnſinn vorhanden iſt; aber wenn Vermögen da iſt—“ Mrs. Crane.—„Ganz richtig, Sir. Seine Verwandten möchten auch ſeiner herumſchwärmenden Lebensweiſe und ſeinen kleinen Grillen unter keinen Umſtänden in den Weg treten. Der arme Mann, warum ſollten ſie das? Ich verſichere Euch, daß kein Vermögen vor⸗ handen iſt, das ihre Lüſternheit reizen könnte. Aber das iſt eine lange Geſchichte. Ich hatte dieſes liebe kleine Mädchen ſeit ihrer Kindheit in meiner Obhut; ein höchſt liebenswürdiges Kind.“ Oxrforder.—„So ſcheint es.“ Mrs. Crane.—„Und jetzt hat man ihr für eine ſehr comfor⸗ table Heimath geſorgt; und ein junges Mädchen, das gute Verwandte hat, ſollte doch nicht im Lande herumziehen, was auch ein alter Mann thun mag; Ihr müßt das zugeben, Sir.“ Oxforder.—„Allerdings, ich gebe es zu. Dieſer Gedanke hat ſich mir ſogleich aufgedrängt. Aber was iſt der Mann— der Gentleman?“ Mrs. Crane.—„Sehr exeentriſch, wie e Ihr ſagt, und vielleicht 29 unüberlegt in Betreff des kleinen Mädchens. Wir wollen es nicht wahnſinnig nennen, Sir; es iſt uns unerträglich die Sache in dieſem Licht zu betrachten. Aber— ſeyd Ihr verheirathet?“ Orforder(erröthend).—„Nein, Ma'am.“ Mrs. Crane.—„Aber Ihr habt vielleicht eine Schweſter?“ Orforder.—„Ja ich habe eine Schweſter.“ Mrs. Crane.—„Würde es Euch gefallen, wenn Eure Schweſter auf ſolche Art im Land herumzöge— wenn man ſie von ihrer Heimath, ihrer Verwandtſchaft und ihren Freunden wegführte?“ Oxforder.—„Ah! ich verſtehe. Das arme kleine Mädchen liebt den alten Mann— ein Verwandter, Großvater vielleicht? und er hat ſie aus ihrem Hauſe weggenommen; und wenn er auch nicht wirklich verrückt iſt, ſo iſt er doch—“ Mrs. Crane.—„Ein unſicherer Führer für ein zart erzogenes Mädchen. Ich habe ſie erzogen; auch hat ſie gute Ausſichten. O, Sir, laßt uns das Kind retten! Seht—“ ſie zog ein zuſammen⸗ gelegtes Papier aus ihrer ſteifen eiſengrauen Schürze und übergab es dem Orforder; er durchlas es und gab es zurück. „Ich ſehe, Ma'am. Nach Dieſem kann ich kein Bedenken mehr tragen. Der Ort, wo ich die Perſonen traf, die Ihr ſuchet, iſt viele Meilen von hier, und vor zwei oder drei Tagen erhielt mein Vater einen Brief von einem ſehr angeſehenen, vortrefflichen Mann, mit welchem er wegen wohlthätiger Zwecke häufig in Verbindung kommt, einem Mr. Hartopp, Mayor von Gatesboro'. Dieſer erwähnt unter Anderem kurz, das litterariſche Inſtitut genannter Stadt ſey ſehr erfreut worden durch die Vorſtellung eines höͤchſt intereſſanten ein⸗ äugigen Mannes, deſſen ganze Exiſtenz in eine gewiſſe Heimlichkeit gehüllt zu ſeyn ſcheine, mit einem kleinen Mädchen und einem gelehrten Hund. Ich kann alſo nicht anders glauben, als daß der Mann, das Mäͤdchen und der Hund diejenigen ſind, die ich geſehen habe und die Ihr ſuchet.“ Mrs. Crane.—„In Gatesboro'? iſt das weit von hier?“ Bulwer, was wird er damit machen? II. 3 30 „Allerdings; aber Ihr könnt von hier aus eine Nebenbahn nehmen. Ich hoffe, der alte Mann wird ſich nicht von dem Mädchen getrennt haben; ſie ſchienen einander ſehr zärtlich zu lieben.“ „Das unterliegt keinem Zweifel; ſehr zärtlich; es wäre grauſam ſte zu trennen. Eine comfortable Heimath für Beide. Ich weiß nicht, Sir, ob ich es wagen darf einem Gentleman von Eurem augenſchein⸗ lichen Rang die Belohnung anzubieten— aber für die Armen Eurer Gemeinde.“ „O, Ma'am, unſere Armen bedürfen Nichts; mein Vater iſt reich. Aber wenn Ihr mich nach Auffindung dieſer intereſſanten Perſonen mit ein paar Zeilen erfreuen wolltet— ich gehe morgen nach einer entlegenen Gegend des Landes— nach Montfort Court in—ſhire.“ Mrs. Crane.—„Zu Lord Montfort— dem Haupt der edlen Familie Vipont?“ Oxforder.—„Ja; Ihr kennt Jemand von der Familie, Ma'am? Wenn Ihr mir an Jemand Etwas außzutragen habt, mit dem größten Vergnügen—“ Mrs. Crane(haſtig).—„Natürlich muß Jedermann dieſe große Familie von Namen und Ruf kennen, Sir. Näher kenne ich ſie auch nicht. Alſo Ihr gehet zu Lord Montforts! Die Marquiſe ſoll ſehr ſchön ſeyn, ſagt man.“ Orforder.—„Und eben ſo gut als ſchön. Ich habe die Ehre ſowohl mit ihr als mit Lord Montfort ſelbſt verwandt zu ſeyn. Sie ſind nahe Verwandte und mein Großvater war ein Vipont. Ich hätte Euch meinen Namen ſagen ſollen— Morley; George Vipont Morley.“ Mrs. Crane machte eine tiefe Verbeugung und ſagte mit einem unverkennbaren Lächeln der Befriedigung halb vor ſich hin:„Alſo einem Mitglied dieſer edlen Familie— einem Vipont— wird es die theure Kleine zu verdanken haben, daß ſie meinen Umarmungen zu⸗ rückgegeben wird. Gott ſegne Euch, Sir.“ „Ich hoffe, daß ich recht gethan habe,“ ſagte George Vipont Morley, als er ſein Pferd beſtieg.„Ich muß offenbar recht gethan 31 haben,“ ſagte er wieder, als er auf der Straße war.„Ich fürchte, ich habe unrecht gethan,“ ſagte er zum dritten Mal, als das Geſicht der Mrs. Crane ihm unheimlich vorzuſchweben begann; und als er bei Sonnenuntergang, Roß und Mann müde von dem ungewöhnlich langen Ritt, ſeine Heimath erreichte und das grüne Ufer erblickte, wo er des armen Waife einfaches Dankgebet und fröhliches Geplauder angehört hatte, da ſagte er bedauernd:„Im Ganzen war es doch nicht meine Sache. Ich meinte es gut; aber—“ Seine kleine Schweſter lief ans Thor, um ihn zu begrüßen.„Ja ich habe ganz recht gethan. Wie würde es mir gefallen, wenn meine Schweſter im Land herumzöge und in litterariſchen Inſtituten Vorſtellungen mit einem Pudel gäbe? Ganz recht; einen Kuß, Jane!“ Achtzehntes Kapitel. Laßt einen König und einen Bettler ungezwungen mit einander ſprechen, und der Bettler iſt ſelbſt Schuld, wenn er nicht Etwas ſagt, was den König veranlaßt ſeinen Hut vor ihm zu lüften. Der Schauplatz wird nach Gatesboro' zurückverlegt auf den Morgen nach der denkwürdigen Vorſtellung im Inſtitut dieſer ge⸗ lehrten Stadt. Mr. Hartopp befand ſich in dem kleinen Sprechzimmer hinter ſeinem Landhaus, und ſeine Gefchäftsſtunden wurden ſehr unterbrochen durch ſolche Eindringlinge, die keine Zeit für unpaſſend halten, wenn es ſich um Befriedigung ihrer Neugierde, um Gedanken⸗ austauſch oder um die Intereſſen der Menſchheit im Allgemeinen und nationale Aufklärung handelt. Die Aufregung, welche Mr. Chapman, Sophy und Sir Iſaak am vorhergehenden Abend hervorgerufen, war noch ſehr im Zunehmen begriffen. Perſonen, welche ſie geſehen hatten, beſuchten den Mayor natürlich, um über die Vorſtellung zu ſprechen. Perſonen, welche ſie nicht geſehen hatten, ſtellten ſich noch natürlicher ein, um zu vernehmen, was eigentlich die Privatanſicht des Mr. Mayor ſey. Das kleine Sprechzimmer war vollgedrängt wie bei 3e 32 einem regelmäßigen Lever. Da war der Eigenthümer eines elenden Gebäudes, das noch immer das Theater genannt und ſelten vermiethet wurde, außer zur Wahlzeit, wo der populäre Candidat es in Anſpruch nahm, um über Freiheit und Gewiſſen, Tyrannei und Unterdrückung ſolche Volksreden zu halten, die den Markt der Declamation auf gleiche Weiſe für den Dramatiker und den Redner verſehen. Da war auch der Gaſtgeber vom Königshof, der vor Kurzem in ſeinem Haus einen ſtädtiſchen Concertſaal gebaut hatte, ein prächtiges Gemach, aber eine ſchlechte Spekulation. Da waren ferner drei ſehr reſpectable Männer von ernſter Gemüthsrichtung, welche kamen, um Bedenken zu erheben, ob eine ſo frivole Unterhaltung nicht der Moralität von Gatesboro' Eintrag thue. Außer dieſen Notabeln hatten ſich ferner Faullenzer und Kannegießer eingefunden, die keinen beſondern Zweck hatten, ſondern blos herauszuforſchen wünſchten, wer Mr. Chapman von Geburt und Verwandtſchaft ſey, und zu verſtehen gaben, daß es ſehr rathſam wäre eine Deputation zu ernennen, welche ſcheinbar ihn blos um Wiederholung ſeiner Vorſtellung bitten ſollte, aber die Nebeninſtruction hätte durch allerlei Kreuz⸗ und Querfragen ſeinen Stammbaum zu erkunden. Der ſanftherzige Mayor hielt ſeine Augen auf ein mächtiges Lagerbuch geheftet, in der Hand eine Feder. In ſeiner Haltung lag eine Abweiſung aller Eindringlinge, und in gewöhnlichen Zeiten wäre ſie auch als eine ſolche betrachtet worden. Aber Milde mag zwar majeſtätiſch ſeyn, dagegen iſt ſie in Perioden bürgerlicher Aufregung nicht immer wirkſam. Im Zimmer herrſchte ein ſchreckliches Getöſe. Man hörte da und dort gebrochene Sätze, die dinander kreuzten, jenen Töonen gleich, die in der Luft gefroren waren und durch einen Thau befreit wurden, wenn man der wahrhaftigen Erzählung des Barons Münchhauſen glauben darf. Schauſpielhausbeſitzer.—„Das Theater iſt die—“ Ernſthafter Gentleman.—„VPlauſible Schlinge, durch welche eine ſonſt geſetzte und gut disponirte Bevölkerung ſich verlocken läßt—“ 33 Aufgeregter Bewunderer.—„Ein franzöſiſcher Pudel, Sir, der Domino ſpielt wie ein—“ Leich tgläubiger Muthmaßer.—„Wohlwollender Philan⸗ throp, der ſich herabläßt für einen in Noth befindlichen Bruder zu ſpielen, einen—“ Beſitzer des ſtädtiſchen Concertſaals.—„Hundert und zwanzig Fuß lang und vierzig Fuß breit, Mr. Mayor. Sprecht mir nicht von dieſem dumpfigen Theater, Sir. Eben ſo gut ſprächet Ihr von—“ Plötzlich flog die Thüre auf, und einen Schreiber auf die Seite ſtoßend, der ihn anmelden wollte, ſtürzte Mr. Chapman ſelbſt herein. Er hatte augenſcheinlich erwartet den Mayor allein zu finden, denn beim Anblick dieſes Gedränges that er ſich Einhalt und blieb ſtumm auf der Schwelle ſtehen. Die Verſammlung war für einen Augenblick nicht weniger überraſcht und nicht weniger ſtumm. Aber die guten Leute faßten ſich bald wieder. Vielen war es ein Vergnügen den Mann anzureden und zu beglückwünſchen, der ihnen am vorher⸗ gehenden Abend ſo angenehme Gemüthsbewegungen verurſacht hatte. Freundliches Lächeln auf allen Geſichtern— freundliche Hände ſtreckten ſich ihm entgegen. Kurze aber herzliche Complimente, vermiſcht mit Bitten um Erneuerung der Vorſtellung vor einer größeren Zuhörerſchaft, regneten von allen Seiten. Der Schauſpieler ſtand mit dem Hut in der Hand da, fuhr mechaniſch mit ſeinem Aermel über den Rand des⸗ ſelben, murmelte halb unvernehmlich:„Ihr ſehet einen Mann vor Euch,“ und kehrte ſein einziges Auge von einem Geſicht auf das andere, wie wenn er ſich anſtrengte zu errathen, was man denn eigent⸗ lich wolle oder wo er ſey. Der Mayor erhob ſich und trat vor; „Meine lieben Freunde,“ ſagte er mild,„Mr. Chapman kommt in Folge einer getroffenen Abrede. Vielleicht hat er mir Etwas im Vertrauen mitzutheilen.“ Die drei ernſthaften Gentlemen, die ſich bisher abſeits gehalten . und Mr. Chapman angeblickt hatten, wie etwa drei Inquiſitoren einen 34 Juden, ſchüttelten drei feierliche Köpfe und waren die Erſten, die den Rückzug antraten. Am längſten verweilten die rivaliſirenden Eigen⸗ thümer des Theaters und des ſtädtiſchen Concertſaales. Jeder flüſterte dem Fremden Etwas zu, der Eine ins linke Ohr, der Andere ins rechte. Jeder ſteckte ihm ein gedrucktes Papier in die Hand. Als die Thüre ſich hinter ihnen ſchloß, ließ der Schauſpieler die Papiere fallen; ſein Arm ſank an ſeiner Seite hinab, ſein ganzer Körper ſchien zuſammenzubrechen. Hartopp nahm ihn bei der Hand und führte ihn freundlich zu ſeinem eigenen Lehnſtuhl neben dem Tiſch. Der Schauſpieler ſank auf den Stuhl, ſprach aber immer noch nicht. Mr. Hartopp.—„Was gibt es? was iſt geſchehen?“ Waife.—„Sie iſt ſehr krank;— es geht ſchlimm; der Doctor ſagt ſo— Doctor Gill.“ Mr. Hartopp(mit Gefühh).—„Mit Eurem kleinen Mädchen ſoll es ſchlimm gehen! Oh nein; die Aerzte übertreiben immer, damit man ihnen die Cur recht hoch anſchlagen ſoll. Nicht als ob ich dem Doctor Gill zu nahe treten wollte— er iſt mein Mitbürger und ein ausgezeichneter Mann. Aber die Doctoren ſchwatzen immer heiter, wenn Jemand in Gefahr iſt, und machen feierliche Geſichter, wenn Nichts zu fürchten ſteht.“ Waife.—„Glaubt Ihr das?— Habt Ihr ſelbſt Kinder, Sir? — und von ihrem Alter?“ Mr. Hartopp.—„Ja; ich verſtehe mich auf Kinder— ich glaube ſogar beſſer als Mrs. H. Was iſt das Uebel?“ Waife.—„Der Doctor ſagt, es ſey ein ſchleichendes Fieber.“ Mr. Hartopp.—„Vielleicht durch Aufregung der Nerven verurſacht?“ Waife(aufſchauend).—„Ja— ſo ſagt er— Aufregung der Nerven.“ Mr. Hartopp.—„Aufgeweckte und mit Gefühl begabte Kinder, die allzu früh zu Wetteifer und Aufregungen angehalten werden, ſind immer ſolchen Krankheiten ausgeſetzt. Mein drittes 3⁵ Mädchen Anna Maria verſiel in ein ſchleichendes Fieber in Folge einer Nervenaufregung, weil ſie ſich allzu ſehr um Schulpreiſe an⸗ ſtrengte.“ Waife.—„Iſt ſie daran geſtorben, Sir?“ Mr. Hartopp(ſchaudernd).—„Geſtorben— nein! Ich nahm ſie von der Schule weg— machte ſie zur Vorſteherin des Hühnerhofs, verbot alle franzöſiſchen Exercitien und ließ ſie nur engliſch lernen und dabei auf einem Eſel reiten. Sie iſt jetzt ein ganz anderes Ding— Wangen ſo roth wie ein Apfel und ſo feſt wie ein Billardball.“ Waife.—„Ich will einen Hühnerhof halten; ich will einen Eſel kaufen. O Sir, Ihr glaubet doch nicht, daß ſie jetzt in den Himmel gehen und mich hier zurücklaſſen werde? Mr. Hartopp.—„Gewiß nicht, wenn Ihr dem Mädchen Ruhe und Erholung goͤnnt. Aber keine Aufregung— keine Vor⸗ ſtellungen.“ Waife(ſeine Taſchen auf den Tiſch leerend).—„Wollt Ihr ſo freundlich ſeyn, dieſes Geld zu zählen, Sir? Glaubt Ihr nicht, daß es genügen würde, um hier in der Nähe eine hübſche Wohnung zu finden, bis ſie wieder zu ihrer vollen Kraft kommt? Mit grünen Feldern— ſie hat ihre größte Luſt an grünen Feldern— und einem Geflugelhof— freilich wohnten wir vor einigen Tagen bei einer guten Frau, die Hüher hielt, und Sophy ſchien keine beſondere Freude daran zu haben. Ein Kanarienvogel iſt ein beſſerer Geſellſchafter und—“ Hartopp(unterbrechend).—„Und Ihr ſelbſt! was würdet Ihr thun?“ Waife.—„Nun, ich und der Hund, wir würden eine Weile im Land herumziehen.“ Hartopp.—„Und Vorſtellungen geben?“ Waife.—„Dieſes Geld wird nicht ewig währen, und was können wir— ich und der Hund— thun, um mehr für ſie zu be⸗ kommen?“ 36 Hartopp(warm ſeine Hände drückend).—„Ihr ſeyd ein guter Mann, Sir. Ich bin davon überzeugt; Ihr könnt keine Dinge ge⸗ than haben, die Ihr mir zu ſagen Euch fürchten müßtet. Macht mich zu Eurem Vertrauten, dann kann ich irgend eine geeignete Beſchäf⸗ tigung für Euch finden, und Ihr braucht Euch nicht von Eurem kleinen Mädchen zu trennen.“ Waife.—„Mich von ihr trennen! Ich würde ſie nur auf wenige Tage verlaſſen, bis ſie wieder beſſer iſt. Wie lange würde dieſes Geld ſie ernähren? Zwei Monate— drei? wie lange?— Der Doctor wird wohl nicht viel anrechnen.“ Hartopp.—„Ihr wollt Euch alſo nicht mir anvertrauen? In Eurem Alter— habt Ihr keine Freunde— Niemand, der ein gutes Wort für Euch ſpräche?“ Waife(hochmüthig ſeinen Kopf aufwerfend).—„So, ſo! Wer ſpricht zu Euch von mir, Sir? Ich ſpreche von meinem unſchuldigen Kind. Fehlt es ihr an einem guten Wort, das für ſie geſprochen würde? Der Himmel hat es in ihr Geſicht geſchrieben.“ Hartopp beſtand nicht länger auf ſeinem Drängen. Der vor⸗ treffliche Mann betrübte ſich aufrichtig über die Hartnäckigkeit, womit ſein Gaſt die wahre und entſcheidende Frage umging, denn der Mayor hätte für einen Mann von Waifes augenſcheinlicher Bildung und ſeinen Talenten Beſchäftigung finden können. Aber eine ſolche Be⸗ ſchäftigung zog Verantwortlichkeiten nach ſich und erforderte Ver⸗ trauen. Wie konnte er einen Mann empfehlen, von deſſen Leben und Umſtänden man Nichts erfahren konnte— einen Mann ohne einen Charakter?— Und Waife intereſſirte ihn innig. Wir Alle haben es gefühlt, daß es Perſonen gibt, zu welchen wir durch eine eigenthüm⸗ liche, unerklärliche Sympathie hingezogen werden, durch Etwas in den Manieren, im Schnitt des Geſichtes, im Ton der Stimme. Wenn fünfzig Bewerber um ein zu unſerer Verfügung ſtehendes Benefiz auftreten, ſo gewinnt Einer von den fünfzig unſere Vorliebe auf den erſten Blick, obgleich er kein beſſeres Recht darauf beſitzt als ſeine Ge⸗ 37 noſſen. Wir können eben ſo wenig ſagen, warum wir dem Manne gut ſind, als wir ſagen können, warum wir uns in ein Weib verlieben, an welchem ſonſt Niemand einen Reiz finden würde. Es gibt, ſagt ein lateiniſcher Liebesdichter, bei der Liebe kein Warum oder Wofür. Hartopp hatte alſo ſchon vom erſten Augenblick an eine Neigung zu Waife gefaßt— der geſetzte, reſpectable, wohlhabende Mann, der von Kopf zu Fuß in den weißeſten Schleier guter Reputation eingemummt war, fand Wohlgefallen an dem unſtäten, heimathloſen, mit Kunſt⸗ ſtücken ſich behelfenden Landſtreicher, der ſich augenſcheinlich im Ver⸗ lauf eines ſchon ans Alter ſtreifenden Lebens nicht ein einziges Zeugniß für Wohlverhalten erworben hatte. An ſeinem Kamin neben ſeinem Lagerbuch ſtand der Mayor, mit einer ehrerbietigen Bewunderung, die ihn ſelbſt in Verlegenheit ſetzte, auf das verlorene Geſchöpf ſchauend, das keinen Grund dafür angeben konnte, warum es ſich nicht vielmehr im Gemeindegefängniß von Gatesboro', als in dem bequemen Sorgen⸗ ſeſſel des erſten Beamten dieſer Stadt befand. War indeß die ſym⸗ pathiſche Zuneigung und die reſpectvolle Bewunderung des Mayor durchaus unerklärlich? Lauft nicht zwiſchen dem einen warmen Men⸗ ſchenherzen und einem andern die elektriſche Kette geheimen Verſtänd⸗ niſſes? In dieſem verſtümmelten Auswürfling, der gegen ſich ſelbſt ſo ſtarrköpfig hart war und über ſeinem kranken Kind mit ſo angſt⸗ vollem Gefühl wachte— lag in ihm nicht die Majeſtät, vor welcher Diejenigen, die aus Erfahrung wiſſen, daß die Natur ihre Edelleute hat, ehrfurchtsvoll das Haupt beugen? Ein Mann, welcher der ernſten Religion des Mannes treu iſt, kann ein in allen andern Stücken ge⸗ ſcheitertes Leben, worin eine heiligende Neigung erhaben aus den Spalten und Ritzen des Glückes hervorragt, eben ſo wenig verachten, als er mit rohem Spott eine Tempelruine entweihen kann, wenn der Altar noch darin ſteht. 38 Neunzehntes Kapitel. Sehr gut ſo weit es geht. Mr. Hartopp.—„Ich kann mir nicht herausnehmen Euch weiter auszufragen, Mr. Chapman. Aber einem Mann von Eurer Weltkenntniß brauche ich nicht zu ſagen, daß Euer Schweigen mich der Möglichkeit beraubt Euch nützlich zu ſeyn. Wir wollen nicht mehr davon ſprechen.“ Waife.—„Danke Euch ergebenſt, Mr. Mayor.“ Mr. Hartopp.—„Aber in Betreff des kleinen Mädchens könnt Ihr unbeſorgt ſeyn— wenigſtens für den Augenblick. Ich will ſie in meinem Pächterhaus unterbringen. Die Frau meines Ver⸗ walters, ein gutherziges Weib, wird ſie verpflegen, während Ihr anderswo Eurem Beruf nachgehet. Was dieſes Geld betrifft, ſo werdet Ihr ſelbſt es bedürfen; Euer armes kleines Kind ſoll Euch Nichts koſten. Dies iſt alſo abgemacht. Laßt mich hinkommen und ſie ſehen. Ich bin ſelbſt ein Stück von einem Doctor. Jedermann, der mit einer großen Familie geſegnet iſt, und in deſſen Haus immer ein intereſſanter Fall von Pocken, Maſern, Keuchhuſten, Scharlach⸗ fieber und dergleichen vorkommt, macht ſich mit der Zeit eine gute Privatpraxis zu eigen. Ich beſitze keine glänzende Büchergelehrſamkeit, Mr. Chapman. Was aber Erfahrung in Kinderkrankheiten betrifft,“ fügte Hartopp mit einem gewiſſen ſtolzen Erröthen hinzu,„ſo ſagt Mrrs. H., daß ſie die Kleinen lieber mir anvertrauen wolle als dem Doctor Gill. Ich will Euer Kind ſehen und bin überzeugt, daß ich es wieder auf die Beine bringe. Aber da fällt mir eben ein,“ fuhr Hartopp immer weicher werdend fort,„wenn Ihr durchaus Vorſtel⸗ lungen geben müßt, warum bleibet Ihr nicht einige Zeit in Gates⸗ boro'? In dieſer Stadt könnt Ihr mehr machen als anderswo.“ „Nein, nein; ich könnte es nicht über mich gewinnen hier ohne ſie wieder aufzutreten. Es iſt mir überhaupt zu Muthe, als ob ich nie wieder auftreten könnte. Irgend eine Wendung in meinem 39 Schickſal ſteht bevor. Die Vorſehung iſt ſo gütig gegen mich, Mr. Mayor.“ Waife wandte ſich gegen die Thüre.„Ihr werdet bald kommen?“ 6 ſagte er ängſtlich. Der Mayor, der ſeine Lagerbücher und Papiere eingeſchloſſen hatte, antwortete:„Ich will nur noch einige Befehle ertheilen; in einer Viertelſtunde werde ich in Eurem Hotel ſeyn.“ Zwanzigſtes Kapitel. Sophy verbirgt Herz und zeigt Charakter. Das Kind lag auf einem Sopha, der an das Fenſter in ihrem eigenen Zimmer gezogen worden, und hatte die Puppe, die Lionel ihr geſchenkt, auf dem Schooße. Sophy hatte ſte auf ihren Wanderungen mitgeführt, aber niemals mit ihr geſpielt. Sie hatte kein Band an ihren gelben Flechten verändert, aber wenigſtens einmal des Tags hatte ſie die Puppe hervorgezogen und heimlich angeblickt. Und an dieſem ganzen Morgen, wo ſie viel ſich ſelbſt überlaſſen blieb, war die Puppe ihre Geſpielin geweſen. Sophy ſtrich jetzt das Röckchen der Puppe glatt, indem ſie ſich einbildete, es ſey zerkrümpelt— ſie glättete es mit einer Art angſtvoller Zärtlichkeit, während die Puppe ihr die ganze Zeit über mit ihren blauen Perlenaugen voll in's Geſicht ſtarrte. Waife, der neben ihr ſaß, verſuchte fröhlich zu ſprechen, Feenmährchen voll von luſtigen Schwänken und heiterer Phantaſie zu erfinden; aber ſeine Erfindungsgabe war matt und die Feen erſchienen ſchrecklich proſaiſch und langweilig. Er hatte die Dominoſteine vor Sir Iſaak gelegt, aber Sophy hatte ſie kaum angeſchaut aus den matten ſchweren Augen, auf welche die Puppe ſo dumm ihre eigenen geheftet hielt. Sir Iſaak ſelbſt ſchien allen Muth verloren zu haben; er bemerkte, daß Etwas nicht recht ging. Dann und wann erhob er ſich unruhig, ſchnüffelte an den Dominoſteinen und legte ſachte, ganz ſachte eine Pfote auf Sophys Knie. Da er nicht ermuthigt wurde, legte er ſich unbehaglich nieder und wechſelte ſeine Lage oft, wie wenn ihm der Boden zu hart geworden wäre. So fand der Mayor die Drei. Er näherte ſich Sophy mit dem Tritt eines an Krankenzimmer und leidende Kinder gewöhnten Mannes— einem Tritt, ſo leicht, wie wenn er mit Filz beſchuht wäre— legte ſeine Hand auf ihre Schulter, küßte ſie auf die Stirne und nahm dann die Puppe. Sophy fuhr auf und nahm ſie ihm raſch wieder aus der Hand, aber ohne ein Wort zu ſprechen; dann verbarg ſie die Puppe hinter ihren Kiſſen. Der Mayor lächelte—„Mein liebes Kind, glaubt Ihr, ich wolle Eurer Puppe Etwas zu Leide thun?“ Sophy errothete und ſagte murmelnd:„Nein, Sir, Nichts zu Leide thun, aber—“ ſie hielt plötzlich inne. „Ich habe mit Eurem Großpapa über Euch geſprochen, meine Liebe, und wir Beide wünſchen Euch einen kleinen Feſttag zu bereiten. Puppen ſind recht gut für den Winter, aber grüne Felder und Gänſe⸗ blümchen für den Sommer.“ Sophy blickte vom Mayor auf ihren Großvater und dann wieder auf den Mayor, ſchüttelte ſich die Locken aus den Augen und ſchaute ernſthaft forſchend drein. Der Mayor, der ſie ruhig beobachtete, ſtahl ihre Hand in ſeine eigene und fühlte ihren Puls, wie wenn er blos das ſchlanke Hand⸗ gelenke ſtreichelte. Dann begann er das Häuschen ſeines Verwalters mit Gaißblatt um das Portal herum, den Maierhof, die Bienenſtöcke, den hübſchen Ententeich mit einem Weideninſelchen und den großen chineſiſchen Gänſerich zu beſchreiben, der ſo pompös einherſtolzirte, daß er das drolligſte Geſchöpf von der Welt wurde. Und Sophy ſollte in den nächſten Tagen dahin gehen und ſo glücklich leben wie eine der Bienen, aber nicht ſo geſchäftig. Sophy hörte ſehr aufmerkſam und ſehr ernſthaft zu, dann entzog ſie dem Mayor ſachte ihre Hand, faßte ihren Großvater feſt beim ——— Arm und ſagte:„Und Ihr, Großvater— wird Euch das gefallen? — Wird es Euch nicht langweilig ſeyn, lieber Großvater?“ „Ei mein Herzenskind,“ ſagte Waife,„ich und Sir Iſaak werden ein paar Wochen lang im Land herumziehen und—“ 85 Sophy lleidenſchaftlich).—„Ich dachte es doch— ich dachte mirs, daß er es ſo meine. Ich verſuchte es nicht zu glauben; weg⸗ gehen— Ihr? und wer wird Euch dann verpflegen? wer wird Euch verſtehen? ich ſoll einer Pflege bedürfen? ich, ich! Nein, nein, Ihr, Ihr bedürfet Pflege. Ich werde morgen wieder wohl ſeyn— ganz wohl— fürchtet Nichts. Er ſoll nicht von mir weggeſchickt werden; nein, Sir, das darf nicht geſchehen. O Großvater, Großvater, wie könntet Ihr das thun!“ Sie warf ſich an ſeine Bruſt und klammerte ſich feſt an, ſo feſt, wie wenn Kindheit und Alter nur Theile eines und deſſelben Ganzen geweſen wären. „Aber,“ ſagte der Mayor,„es iſt nicht, als ob Ihr in die Schule gehen ſolltet, meine Liebe, Ihr gehet vielmehr in die Vakanz. Und Euer Großvater muß Euch verlaſſen— muß herumreiſen, das iſt ſein 4 Beruf. Wenn Ihr krank würdet und bei ihm wäret, ſo bedenkt nur 4A wie ſehr Ihr ihm dann im Wege ſtändet. Wißt Ihr auch,“ fügte er 4 lächelnd hiezu,„daß ich zu fürchten anfange, Ihr ſeyet ſelbſtſüchtig 24 „Selbſtſüchtig!“ rief Waife ärgerlich. „Selbſtſüchtig,“ echote Sophy mit einer ſchwermüthigen Ver⸗ achtung, die aus einem Gefühl kam, ſo tief, daß menſchliche Augen es kaum ergründen konnten.„O nein, Sir, könnt Ihr ſagen, daß es zu ſeinem Beſten und nicht zu dem meinigen, oder was er dafür hält, geſchehe, wenn Ihr uns zu trennen verlanget? Das hübſche Häus⸗ chen und Alles für mich— und was für ihn?— Mühſeliges Herum⸗ tappen auf den heißen ſtaubigen Straßen! Sehet Ihr, daß er lahm iſt? O Sir, ich kenne ihn— Ihr nicht. Selbſtſüchtig! Er würde ohne mich keine luſtigen Einfälle haben, die Euch zum Lachen bringen; iſt's nicht wahr, lieber Großvater? Geht, Ihr ſeyd ein garſtiger Mann— geht, oder ich werde Euch eben ſo haſſen wie dieſen ſchreck⸗ lichen Mr. Rugge.“ „Rugge— wer iſt er?“ fragte der Mayor neugierig und nach jedem Leitfaden greifend. „Still, liebes Kind! ſtill!“ ſagte Waife, indem er ſie zärtlich an ſeine Bruſt drückte.„Still! Was ſoll geſchehen, Sir?“ Hartopp gab ihm einen ſchlauen Wink vor Sophy nicht mehr zu ſprechen, und dann verſetzte er, ſich an ihn wendend: „Was geſchehen ſoll? Nichts ſoll geſchehen, mein liebes Kind, was Euch unangenehm ſeyn könnte. Ich wünſche Euch beide nicht zu trennen. Haſſet mich nicht— leget Euch nieder— ſeyd ein liebes Mädchen. Sehet, ich habe Euer Kiſſen für Euch glatt geſtrichen; o da iſt Eure hübſche Puppe wieder.“ Sophy griff trotzig nach der Puppe und machte dem guten Mann was die Franzoſen eine moue nennen, während ſie von ihrem Groß⸗ vater duldete, daß er ſie wieder auf den Sopha legte. „Sie hat einen ſtarken Charakter,“ murmelte der Mayor;„das hat auch Anna Maria.“ Wäre ich jetzt irgendwie Herr meiner eigenen Feder und könnte ich nach eigenem Belieben ſchreiben, ſtatt daß ich mich durch die tyran⸗ niſchen Forderungen dieſes jungen Wildfangs im Kothurn, der ſich die hiſtoriſche Muſe nennt, über Hals und Kopf fortdrängen laſſen muß, ſo würde ich dieſes Kapitel abbrechen, mein Fenſter öffnen, meine Augen auf der grünen Lichtung draußen ruhen laſſen und mir eine rhapſodiſche Abſchweifung über dieſen Verſchönerer des morali⸗ ſchen Lebens, der ſich„guter Charakter“ nennt, erlauben. Ha die hiſtoriſche Muſe ſchlummert ein. Mit ihrer Erlaubniß!— leiſe, leiſe! krankhaften Eigenliebe, die ſich ſelbſt empfindſames Gefühl nennt und 43 Einundzwanzigſtes Kapitel. Ein Verſuch über Charakter im Allgemeinen und ein gefährliches Experi⸗ ment am Charakter des Leſers insbeſondere. Sehet, das Fenſter iſt offen! Wie inſtinktmäßig das Auge auf dem Grün ruht! Wie die ruhige Farbe es anlockt und ihm wohlthut! Aber hat denn das Grüne nur eine einzige Farbe? Sehet, wie un⸗ endlich die Mannigfaltigkeit ſeiner Tinten! Welcher düſtere Ernſt in jener Ceder, in jener regungsloſen Fichte! Welche lebhafte, aber un⸗ veränderliche Heiterkeit in jenen glänzenden Lorbeeren! Entzücken uns dieſe Tinten wie das Spiel in den jungen Blättern des Lilax— hier heller, dort dunkler, je nachdem der Wind(und ein ganz ſanfter Wind) ſie aufregt, ſo daß ſie buntſcheckig werden und ſich kräuſeln? O freundliches Grün, Du biſt für die Welt was ein freundlicher Cha⸗ rakter für das Menſchenleben iſt. Wer wollte alle deine lieblichen Abarten auf eine einzige Farbe zurückführen? Wer das dunkle dauer⸗ hafte Grün, das den Winter überlebt, ausſchließen? Oder die meu⸗ teriſche Laune der ſanfteren jüngeren Tinte, welche friſch durch die Thränen des Aprils kommt und mit ſchalkhaftem Gezitter die Blüthen des üppigen Juni überſchatten wird? Glücklich der Mann, an deſſen ehelichem Herd Charakter freund⸗ lich aus den Augen des Weibes lächelt. Keine Gottheit iſt anweſend, ſagt das heidniſche Sprüchwort, wo die Klugheit abweſend iſt; keine Freude bleibt lange zu Gaſt, wo nicht Friede weilt, Friede ſo ähnlich der Treue, daß man ſie mit einander verwechſeln könnte, und Poeten haben ſie mit einem und demſelben Schleier bekleidet. Aber in der Kindheit, in früher Jugend erwarte nicht das wechſelloſe Grün der Ceder. Möchteſt Du einen ſchönen Charakter von geiſtloſer Blödig⸗ keit, von kalter Heuchelei unterſcheiden, ſo frage weniger nach dem Charakter als nach der Anlage. Iſt die Natur freundlich und vertrauensvoll, iſt ſi frei von der 44 ſich über eingebildete Beleidigungen erzürnt; iſt die Neigung vorhanden dankbar gegen Güte zu ſeyn, dieſe Güte jedoch demüthig zu erkennen und als Wohlthat anzunehmen, was die Eiteln eine Pflicht nennen? Aus ſo geſegneten Anlagen wird ein liebenswürdiger Charakter frei und ohne fremden Antrieb hervorgehen, um dich zu erfreuen. Bei den Einen ſchnell, bei den Andern langſam tauchen Wort und Blick aus dem Herzen auf. Deine erſte Frage ſey: iſt das Herz ſelbſt edel und zärtlich? Iſt dieß ſo, ſo kommt die Selbſtbeherrſchung mit tiefer Neigung. Nenne das nicht ein gutes Herz, das, wenn eine Fiber unſanft geſtreift wird, ſogleich ſich beleidigt fühlt und ruft:„Ich bin kein Heuchler.“ Nimm dieſe Entſchuldigung an und Rache wird zur Tugend. Aber wo das Herz, wenn es verletzt hat, ſich quält, bis es Verzeihung gewinnt; wenn es verletzt worden iſt, aufwallt, um zu verzeihen, ſtets zu beſchwichtigen verlangt, ſtets betrübt iſt, wenn es verwundet, da ſey überzeugt, daß ſein Adel nur weniger ſchmerzlicher Prüfungen bei jedem Ausbruch bedarf, um ſeinen Ausdruck zu ver⸗ feinern und in den rechten Schranken zu halten. Dann fürchte Nichts; ſey nur ſelbſt edel und Du biſt ſicher. Was man jedoch in der Kindheit oft in verwerfendem Sinn Cha⸗ rakter nennt, iſt blos die herzliche und mächtige Lebensfähigkeit, welche alle Elemente enthält, die zuletzt den liebenswürdigſten Charakter machen. Wer unter uns, ſo weiſe er immer ſeyn mag, kann das Herz eines Kindes conſtruiren? Wer kann all die Springfedern vermuthen, die heimlich darin vibriren bei einer Berührung auf der Oberfläche des Gefühls? Jedes Kind, aber beſonders das Mädchen würde die ganze Gelehrſamkeit eines Weiſen, und wäre er ſo tief wie Shakeſpeare, nöthig machen, um dieſe ſubtilen Erregungen zu unterſcheiden, über welche wir erwachſenen Leute hinaus ſind. „Sie hat einen ſtarken Charakter,“ ſagte der Mayor, als Sophy ihm zum zweiten Mal die Puppe aus der Hand riß und, ein verzo⸗ genes Kind, ſo gottvoll ärgerlich, ſo trotzig hübſch ihr Mäulchen gegen ihn hängen ließ. Und wie in aller Welt konnte der Mayor wiſſen, —— ————— 5 4 45 welche Beziehungen zu dieſer dummen Puppe ſie auf den Gedanken brachten, daß ſie durch die Berührung eines Fremden entweiht ſey? War die Puppe für ihre Augen wie für die ſeinigen bloße Wachsarbeit und Trödelkram, oder nicht vielmehr ein Symbol heiliger Erinnerun⸗ gen, flüchtiger Einblicke in eine ſchönere Welt, tiefer Hingebung gegen Etwas, was der Sphäre ihrer Kümmerniſſe fern lag? War nicht das ſichtbare Hervortreten eines ſtarken Charakters das ächteſte Zeichen liebevoller Herzensgüte? Arme kleine Sophy! verbirg ſie wieder, entrücke ſie allen Blicken, verſchloſſen, unerforſchlich, unerrathen, wie die erſten Gefühlsſchätze der Kindheit immer ſind! Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Da ſich die Civiliſation immer die Unterbringung der Leute auf die eine oder andere Art zur Aufgabe macht, ſo nährt der Mayor von Gatesboro' einen ſtaatsmänniſchen Ehrgeiz den Gentleman Waife unterzubringen; ohne Zweifel eine weiſe Idee und in vollkommenem Einklang mit dem Genius der Nation.— In jeder Parlamentsſitzung beſchäftigt ſich Eng⸗ land damit, Leute, die in ihrer Unwiſſenheit ſich gegen dieſe Unterbrin⸗ gungsweiſe ſperren, ſey es nun zu Hauſe oder bei den Antipoden, unter⸗ zubringen; kurz,„ich werde ſie unterbringen,“ iſt eine gewöhnliche Redens⸗ art geworden, die einer Drohung mit gänzlicher Vertilgung oder Zertretung gleichkommt.— Deßhalb werden, da der Mayor von Gatesboro' ſich in Bezug auf Gentleman Waife mit dieſer liebreichen Idee trägt, alle freund⸗ lichen Leſer ausrufen:„Dii meliora! Was wird er damit machen?“ Als die Puppe wieder ſicher hinter dem Kiſſen lag, wurde Sophys Geſicht allmählig ſanfter; ſie neigte ſich vor, berührte ſchüchtern die Hand des Mayors und ſchaute ihn mit Augen bußfertiger Entſchul⸗ digung, mit noch thränenfeuchten Augen an, mit Augen, die, während die Lippen ſchwiegen, ganz deutlich ſagten:„Ich will Euch nicht haſſen. Ich war undankbar und verdrießlich; darf ich um Verzeihung bitten?“ „Ich verzeihe Euch von ganzem Herzen,“ rief der Mayor, der den Bulwer, was wird er damit machen? II. 4 46 Blick vollkommen zu deuten wußte.„Und nun verſuchet es, beruhiget Euch und ſchlafet, während ich mit Eurem Großpapa unten ſpreche.“ „Ich ſehe nicht ein, wie es möglich iſt, daß ich ſie verlaſſen kann,“ ſagte Waife, als die beiden Männer ſich nach dem Sprechzimmer ver⸗ fügt hatten. „Ich bin überzeugt,“ ſagte der Mayor mit großem Ernſt,„daß dieß das Beſte für ſie iſt; ihr Puls hat viel nervöſe Reizbarkeit; ſie bedarf einer vollſtändigen Ruhe; ſie darf unter keinen Umſtänden mit Euch herumziehen. Aber ſehet, obſchon ich, wie es ſcheint, nicht wiſſen darf, was und wer Ihr ſeyd, Mr. Chapman, ſo glaube ich doch nicht, daß Ihr mit meinen Kühen davonlaufen werdet, und wenn Ihr gerne ein paar Wochen mit Eurer Enkelin im Hauſe des Verwalters bleiben wollt, ſo wird man Euch da in Ruhe laſſen und mit keinen Fragen behelligen. Ich will Euch eine Schwachheit geſtehen— ich habe die Einbildung, daß man mich ſelten oder nie überliſten könne. Ich glaube, daß ich dem Mann, der mich überliſtete, nicht verzeihen könnte. Aber für überliſtet werde ich mich in der That halten, wenn Ihr nicht trotz Eurer Geheimthuerei ein ſo ehrlicher Burſche ſeyd wie je Einer auf Schuhleder geſtanden hat. Kommt alſo in die Maierei.“ Waife war innigſt gerührt von dieſer vertrauensvollen Freund⸗ lichkeit; aber er ſchüttelte verzagt den Kopf, und dieſelbe ſklaviſche, beinahe kriechende Demuth in Miene und Haltung, die ſchon Lionel und Vance ſeiner Zeit ſchmerzlich berührt hatte, kam über den ganzen Mann, ſo daß er ſich zuſammenzuducken und gleichſam einzu⸗ ſchrumpfen ſchien, wie ein Paria vor einem Brahminen.„Nein, Sir; danke Euch unterthänigſt. Nein, Sir— das darf nicht ſeyn. Ich muß für mein tägliches Brod arbeiten, wenn überhaupt Das was ein armer Landſtreicher gleich mir zu thun vermag, Arbeit genannt werden kann. Ich habe mir ſeit Jahren zur Regel gemacht mich nicht am Herd und im Hauſe eines freundlichen Mannes aufzudrängen, der meine Vergangenheit nicht kennt und daher ein Recht hat mich zu be⸗ argwöhnen. Wo ich wohne, da bezahle ich als Miethnaün;; wo man ——— mir eine Gunſt erweist, wodurch meine Boͤrſe geſchont bleibt, da ver⸗ ſuche ich's auf irgend eine nützliche, beſcheidene Weiſe zu vergelten. Aber, Sir, wie könnte ich mich am Tiſch und unter dem Dach eines andern Mannes Tage oder Wochen lang frei und behaglich fühlen, wenn ich nicht einmal wegen einer Taſſe Thee an Euern Herd kommen möchte?“ Der Mayor erinnerte ſich und erſchrack. Waife fuhr haſtig fort:„Aber für mein armes Kind habe ich keine ſolche Skrupel— keine Scham, keinen falſchen Stolz. Ich nehme dankbar, ſehr dankbar an, was Ihr ihr bietet. Ah, Sir, ſie iſt bei mir nicht an ihrem rechten Platz; aber was hilft es gegen den Stachel zu lecken? Wo war ich? Ah, richtig, ich will Euch ſagen, was wir thun wollen, Sir. Ich will ſie morgen oder übermorgen, ſobald ſie wohl genug iſt, um gehen zu können, nach der Meierei führen— ich will den Tag bei ihr zubringen und ſie täuſchen, Sir! ja täuſchen, ſie betrügen, Sir! Ich bin ein Betrüger— ein Schauſpieler— und ſie wird meinen, ich werde bei ihr bleiben; und bei Nacht, wenn ſie ſchläft, will ich mich davonſchlei⸗ chen, ich und der andere Hund. Aber ich will ihr einen Brief zurück⸗ laſſen— das wird ſie beruhigen, und ſie wird geduldig ſeyn und warten. In einer Woche werde ich wiederkommen, um nach ihr zu ſehen, und ſo jede Woche einmal, bis ſie wiederhergeſtellt iſt.“ „Und was wollt Ihr thun?“ „Ich weiß es nicht— aber,“ ſagte der Schauſpieler mit einem erzwungenen Lachen—„ich bin ein Mann, der wahrſcheinlich nicht verhungern wird. O fürchtet Nichts, Sir!“ Und nun ging der Mayor und ſchlenderte über die Felder nach der Meierei ſeines Verwalters, um ihn auf den zu empfangenden Gaſt vorzubereiten. „Es iſt ganz gut, daß der arme Mann ſich auf ein paar Tage entfernt,“ dachte Mr. Hartopp.„Ehe er zurückkommt, werde ich irgend einen Plan ausgedacht haben, wodurch ich ihm nützen kann; und ich kann in ſeiner Abweſenheit von dem Kind einiges Weitere über ihn erfahren und ſehen, zu was er wirklich taugt. In Morleys Dorf 4* braucht man einen Schulmeiſter. Der alte Morley hat mir geſchrie⸗ ben, ich möchte ihm einen empfehlen. Guter Gehalt, hübſches Haus. Aber es wäre ein Unrecht von mir, einen Mann, über den ich nichts Näheres weiß, über junge Kinder zu ſetzen, ihn einem achtungs⸗ werthen Gutsbeſitzer und ſeinem Pfarrer zu empfehlen. Unmöglich! Das geht nicht an. Wenn es irgend eine leichte Stelle gäbe, die kein Vertrauen und keine Verantwortlichkeit erforderte— aber es gibt keine ſolche Stelle in Großbritannien. Angenommen, ich wollte irgend ein müheloſes Geſchäftchen für ihn gründen— einen kleinen Laden, he? Ich weiß nicht. Was würde Williams ſagen? Wenn ich wirklich drangekriegt würde!— Wenn der Mann, dem ich ſo leichtgläubig Vertrauen ſchenke, ſich zuletzt als ein Schurke erwieſe—“ der Mayor pauſirte und bebte wirklich bei dem Gedanken—„nun ja, das wäre allerdings eine Niederlage für mich. Mein Weib würde mir keine halbe Krone mehr in meinen Taſchen laſſen; und ich könnte keine hundert Schritte gehen, ohne daß Williams mir hinter den Ferſen herliefe, um mich vor Beſtehlung durch Zigeuner zu ſchützen. Ueber⸗ liſtet von ihm!— nein, unmöglich! Aber geht es zuletzt wie ich ver⸗ muthe— habe ich gewöhnlicher Klugheit entgegen einen wirklich großen und rechtſchaffenen Mann in der Noth entdeckt— ha, welch einen Triumph werde ich dann über ſie Alle feiern! Wie wird Williams mich verehren!“ Der gute Mann lachte laut bei dieſem⸗ Gedanken und ging mit ſtolzem Schritt weiter. 49 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Eine hübſche Tändelei in ihrer Art iſt unſtreitig die Liebe zwiſchen Jung— und Jung— luſtige Abarten von Spielzeugen liegen auf dem Tiſch des großen Spielwaarenladens herum— aber Du, höfliche Dame Natur, erhebe deinen Arm gegen jenes Fach, das einigermaßen außer dem alltäg⸗ licchen Bereiche liegt, nnd hole mir dieſes veraltete, vernachläßigte, unbe⸗ achtete Ding herab, die Liebe zwiſchen Alter und Kindheit. Am folgenden Tag war Sophy beſſer— am Tag darauf wurde die Beſſerung ſichtbarer— und am dritten Tag bezahlte Waife ſeine Rechnung und führte ſie nach der ländlichen Wohnung, wohin er ſie durch das Verſprechen einige Zeit bei ihr zu bleiben endlich verlockt hatte. Die Meierei lag nicht viel mehr als eine engliſche Meile von der Stadt entfernt, und obſchon das Gehen Sophy ſauer wurde, ſo verbarg ſie doch ihre Ermüdung und wollte ihrem Großvater nicht erlauben ſie zu tragen. Das Häuschen lächelte ihnen jetzt freundlich entgegen— ein ſtrohbedecktes Giebeldach mit zierlich fagonnirtem Vorſprung— halb ſchweizeriſch, halb was man eliſabethiſch nennt — alle Gehege und Schoppen ringsumher ſo wie nur Eure reichen Kaufleute, wenn ſie ſich herablaſſen Farmers zu werden, ſie erbauen und in Stand erhalten— Schoppen und Gehege allerliebſt und nett wie Modelle von Wachsfiguren. Eine liebliche Luft wehte friſch von den neuen Heuſchobern— von den Waldwinden um das Portal her — von dem Athem der trägen Kühe, die knietief in dem Teiche ſtan⸗ den, welcher, mit Unkraut und breitblätterigen Waſſerlilien eingefaßt, ruhig und glänzend mitten in dem flachen Waideland lag. Unwillkürlich blieben ſie ſtehen, um die heitere Landſchaft zu be⸗ trachten und die balſamiſche Luft einzuathmen. Mittlerweile kam der Mayor unter dem Portal hervor; er hatte ſeine Frau am Arm, wäh⸗. rend zwei von ſeinen jüngeren Kindern voll Heiterkeit vorausſprangen und einem prächtigen Schmetterling nachjagten, den ſie aus dem Gaisblatt aufgetrieben hatten. 2* —— ——— ————öÿö“ —.— —— Mrs. Hartopp war von einer lebhaften Neugierde erfaßt worden die Gegenſtände der wohlwollenden Theilnahme ihres Herrn und Ge⸗ mahls mit eigenen Augen zu ſehen und zu beurtheilen. Sie theilte natürlich die Aengſtlichkeit, welche die ſtehende Unruhe aller derjenigen bildete, die nur für einen einzigen frommen Zweck lebten, nämlich Joſua Hartopp vor Ueberliſtung zu bewahren. Aber wenn ſich der Mayor ganz ausdrücklich den Beifall ſeiner Frau für irgend einen ſeiner Lieblingspläne zu ſichern und ſie zu überzeugen wünſchte, daß er entweder nicht überliſtet werden könne, oder daß eine kleine Ueber⸗ liſtung, die man ſich gefallen laſſen müſſe, eine höchſt populäre und zuverläßige Art ſey in den Augen Anderer viel zu gewinnen, ſo er⸗ mangelte er niemals ſeinen Zweck zu erreichen. Dieſer Mann war das allerſchlaueſte Geſchöpf. Er war eben ſo voll von Ränken und Kniffen, um ſeine wohlwollenden Abſichten nach ſeinem eigenen Kopf durchzuſetzen, als Andere, die für ſehr geſcheidt gelten, um ihre ſelbſt⸗ ſüchtigen Wünſche in Erfüllung zu bringen. Mrs. Hartopp war wirklich eine gute Frau, aber ſie war dazu gemacht worden. Mit einem andern Mann verheirathet, wäre ſie, vermuthe ich, ein Zank⸗ teufel geworden. Petruchio würde ſie, darauf will ich ſchwören, nie⸗ mals bezähmt haben. Allein die arme Lady war allmählig, aber vollſtändig unterworfen, unterjocht, unbedingt darniedergebeugt worden unter dem Gewicht der despotiſchen Milde ihres Gemahls; denn in Hartopp lag eine Maſſe von ſanfter Ruhe, von friedlicher Unter⸗ drückung, die ganz unwiderſtehlich war. Sie würde eine Titanin unter einem Pelion moraliſcher Federbetten begraben haben. Maſſe auf Maſſe von flaumigem Einfluß kam über Euch herab, ſcheinbar nachgebend im Fallen, Euch einhüllend, überwältigend, erſtickend— nicht einen einzigen harten Berührungspunkt darbietend— zurück⸗ tretend wenn Ihr dawider ſtießet— ſich verführeriſch ſanfter und ſanfter, ſchwerer und ſchwerer um Euch ſchmiegend, bis Ihr, ich ver⸗ ſichere Euch, Ma'am, ſo hoch auch Eure natürliche weibliche Selbſt⸗ ſchätzung ſeyn mochte, Euch derſelben gänzlich entäußert hättet, und 51 Euer letztes widerbelliſches Gemurre ſchmachtend erſtorben wäre unter den herabfallenden Flocken. „Es war ſehr freundlich von Euch, daß Ihr mit mir kamet, Mary,“ ſagte Hartopp,„ich hätte ohne Eure Zuſtimmung nicht glück⸗ lich ſeyn können— betrachtet das Kind— es hat viele Aehnlichkeit mit Mary Anne, und Mary Anne iſt Euer Abbild.“ Waife kam ſeinen Hut abnehmend näher; die zwei Kinder, welche den Schmetterling aus den Augen verloren hatten, waren gegen Sophy herangeſprungen. Aber der ſcheue Blick des Mädchens machte ſie ſelbſt ſcheu— die Scheu iſt ſo anſteckend— ſie ſtellten ſich alſo ein wenig auf die Seite und ſchauten ſie an. Sir Iſaak ſchritt direkt auf den Mayor zu, beſchnüffelte ihn und wedelte mit dem Schwanze. Mrs. Hartopp beugte ſich jetzt über Sophy, und indem ſie aner⸗ kannte, daß das Geſicht ausnehmend hübſch ſey, ſchaute ſie huldreich gegen ihren Gemahl und ſagte:„Ich ſehe die Aehnlichkeit!“ Dann ſagte ſie zu Sophy:„Ich fürchte, Ihr ſeyd müde, liebes Kind; Ihr müßt Euch nicht zu ſehr anſtrengen— und Ihr müßt jeden Morgen kuhwarme Milch trinken.“ Und nun kam die Frau des Verwalters ganz munter heraus, ein hübſches, friſchwangiges, freundliches Weib, das große Freude an den Kindern hatte— um ſo mehr als ihr ſelbſt keine beſchieden waren. So traten ſie in den Hof. Mrs. Hartopp führte das große Wort, und nachdem ſie Sophy die Kühe und Truthähne, die Hühnerſtälle und den großen chineſiſchen Gänſerich gezeigt, führte ſie dieſelbe an der einen Hand— während Sophys andere Hand ſich an die von Waife feſtklammerte— durch den kleinen Garten mit ſeinen offen da⸗ ſtehenden Bienenkörben in das Haus, nahm ihr den Hut ab und küßte ſte.„Große Aehnlichkeit mit Mary Anne! Mary Anne, komm einmal her.“ Eines der beiden Kinder, das dieſen Namen führte, näherte ſich— ſtulpnäſig, ſchwarzäugig, mit Wangen wie Pfingſtroſen.„Dieſes kleine Mädchen, meine Mary Anne, war eben ſo blaß wie Ihr— von zu vielem Lernen; und jetzt, mein liebes Kind, müßt Ihr's verſuchen —— ——— X 5z und ein wenig von ihrer Farbe ſtehlen. Findet Ihr nicht, daß meine Mary Anne ihrem Papa gleicht, Mr. Chapman?“ „Mir!“ rief der Mayor; dann flüſternd zu Waife:„Sie iſt das Abbild ihrer Mutter! derſelbe intelligente Blick!“ „Wahrhaftig, Ma'am,“ ſagte der ſchlaue Schauſpieler,„die junge Lady hat ihres Vaters Mund und Augenbrauen, aber dieſer ſcharfſinnige verſtändige Ausdruck gehört Euch an— ganz Euch! Sir Iſaak, macht vor der jungen Lady Euer Compliment, und dann macht das Schwerterexrercitium, Sir.“ Der Hund gab ſeine Kunſtſtücke zum Beſten und beluſtigte die Kinder ſehr; der arme Schauſpieler aber that, obſchon ihm ſein Herz bleiſchwer in der Bruſt lag, ſein Beſtes, um Wohlwollen durch Heiter⸗ keit zu vergelten. Endlich nahm Mrs. Hartopp ſehr vergnügt den Arm ihres Gemahls, um zu gehen. Die Kinder begannen zu weinen, als ſie von Sir Iſaak getrennt wurden. Der Mayor unterbrach ſeine Frau, die, wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen geweſen wäre, die Kleinen ausgeſcholten und noch mehr zum Weinen gebracht haben würde, ſagte zu Mary Anne, er verlaſſe ſich auf ihren ſtarken Verſtand, daß ſie ihren Bruder Tom tröſten werde, bemerkte Tom, es ſtehe ſeiner männlichen Natur ſchlecht an, daß er ſeiner Schweſter ein Beiſpiel im Weinen gebe, und nachdem er auf dieſe Art ihre Thränen im Nu weggeſchmeichelt, veranlaßte er ſie zu einem Wettrennen nach dem Schlagbaum. Waife und Sophy waren allein im Sprechzimmer, da Mrs. Gooch, die Frau des Verwalters, ein Stück Wegs mit dem guten Paar zurückging, um dem Mayor eine junge Kuh zu zeigen, die den Appetit verloren hatte und den Kopf hängen ließ.„Laß uns in den Hintergarten hinausſchleichen, mein Herzchen,“ ſagte Waife.„Ich ſehe dort eine Laube, wo ich mir mit einer Pfeife gütlich thun will, eine Freiheit, die ich mir im Haus nicht nehmen möchte.“ Sie ſchritten über die Schwelle und erreichten die Laube, die am äußerſten Ende des kleinen Küchengartens ſtand und eine liebliche Ausſicht auf 53 Weideland und Kornfelder darbot, mit dem blauen Umriß ferner Hügel im Hintergrund. In der Ferne hörte man noch ſchwach das Lachen der glücklichen Kinder des Mayors, dann und wann eine klingende Schafglocke oder das Schlagen des Spechtes, der ſich durch die Hitze des höchſten Sommers, welche die melodiſcheren Sänger in ihren Schlupfwinkeln zum Schweigen bringt, nicht irre machen ließ. Waife zündete ſeine Pfeife an und rauchte ſchweigend; Sophy, die ihr Köpf⸗ chen auf ihren Buſen herabhängen ließ, ſchwieg ebenfalls. Sie hatte ein ausnehmend feines Gefühl für die Natur; die ruhige Schönheit ihrer ganzen Umgebung beſchwichtigte einen in der letzten Zeit beun⸗ ruhigten Geiſt, und die Geſundheit ſchlich ſich allgemach durch den Leib und durch das Herz zurück. Endlich weinte ſie ſanft.—„Wir könnten hier ſo glücklich ſeyn, Großvater! Es kann nicht lange währen, nicht wahr?“ „Liebes Kind,“ antwortete Waife philoſophirend,„es hilft in dieſem Leben rein Nichts, wenn man das gegenwärtige Glück durch die Frage trübt: kann es währen? Das Heute gehört dem Menſchen, das Morgen ſeinem Schöpfer. Aber ſage mir offen, iſt Dir die Idee des Spielens wirklich ſo ſehr zuwider? Ich meine nicht ſo wie wir in Mr. Rugges Bude ſpielten. Ich weiß, Du haſſeſt Das; aber auf eine angenehme Art und für uns allein wie neulich. Du ſeußzeſt! fort damit!“ „Ich liebe Alles was Ihr liebt, Großvater.“ „Das iſt nicht wahr. Ich liebe das Rauchen, Du nicht. Alſo das Spielen iſt Dir zuwider? Warum? Du machſt es ſo gut— ganz wundervoll. Im Allgemeinen lieben die Leute Das was ſie gut machen.“ „Nicht das Spielen ſelbſt iſt mir zuwider, lieber Großvater. Wenn ich in einer Rolle bin, werde ich fortgeriſſen, ich bin nicht mehr Ich ſelbſt. Ich bin irgend eine andere Perſon.“ „Und der Beifall?“ „Sch fühle ihn nicht. Ich darf wohl ſagen, daß ich — 54 miſſen würde, wenn er nicht käme; aber es ſcheint mir nicht als ob man mich applaudirte. Wenn ich Das fühlen würde, ſo würde ich plötzlich innehalten und erſchrecken. Es iſt als ob irgend eine andere Perſon, in die ich verwandelt wäre, Freundſchaft mit dem Publikum machte, und mein ganzes Gefühl gilt dieſer andern Perſon— juſt wie, lieber Großvater, wenn es vorüber iſt und wir zwei allein beiſammen ſind, all mein Fühlen Euch gilt— wenigſtens(ihr Köpfchen hängend) war es ſonſt ſo; aber in der neueſten Zeit, ich weiß nicht wie es kam, da ſchäme ich mich daran zu denken, daß ich weit mehr für mich ſelbſt fühlte als für Euch. Sollte es wirklich wahr ſeyn, daß ich ſelbſt⸗ ſüchtig werde, wie der Herr Mayor ſagte? O nein. Jetzt, da wir hier ſind— nicht in dieſen geräuſchvollen Städten, nicht in den Gaſt⸗ höfen und auf den Straßen, jetzt hier, hier fühle ich wieder für Euch — Alles für Euch!“ „Du biſt mein kleiner Engel, Das biſt Du,“ ſagte Waife mit bebender Stimme.„Selbſtſüchtig! Du! ein guter Scherz das! Nun ſiehſt Du, ich bin nicht was man demonſtrativ nennt— ein langes Wort, Sophy, welches bedeutet, daß ich Dir nicht immer zeige wie zärtlich ich Dich liebe; und in der That,“ fügte er offenherzig hinzu, „ich bemerke es ſelbſt nicht immer; ich ſpiele gern— ich liebe den Beifall und die Lichter und die Aufregung und die Illuſion— die täuſchende Macht der ganzen Sache; ich verliere dabei Gedächtniß und Gedanken— es iſt eine Welt, die weder Vergangenheit noch Gegen⸗ wart noch Zukunft hat, ein Zwiſchenſpiel in der Zeit— ein Entrinnen aus dem Raum. Ich denke mir, daß es gerade ſo den Dichtern geht, wenn ſie Verſe machen. Ja ich liebe das Alles, und wenn ich daran denke, ſo vergeſſe ich Dich allzuſehr. Und Gott verzeih mir's, ich habe nie bemerkt, daß Du blaß wareſt und hinwelkteſt, bis man mich darauf aufmerkſam machte. Laß uns jetzt Rath mit einander halten. Sobald Du wieder ganz wohl wirſt, wie wollen wir dann leben? was wollen wir thun? Du biſt ſo weiſe wie eine kleine Frau, und eine ſo ſe rgſame kluge Haushälterin, und ich bin ſo ein nichtsnutziger alter 5⁵ Kerl ohne eine geſunde Idee in meinem Kopf. Was ſollen wir thun, wenn wir das Spielen ganz aufgeben?“ „Das Spielen ganz aufgeben, während es Euch ſo viele Freude macht! Nein— nein, ich will es auch lieb gewinnen, Großvater, aber— aber—“ ſie hielt plötzlich inne, weil ſie fürchtete Tadel aus⸗ zuſprechen oder wehe zu thun. „Aber was?— laß uns offen mit einander reden; ſprich die 1 Wahrheit und pfui über den Vater der Lügen.“ „Die Wahrheit ſprechen,“ ſagte Sophy, indem ſie ihre reinen 1 Augen mit einer ſo himmliſchen Fülle von Liebe gegen ihn erhob, daß, wenn die Worte einen Vorwurf enthielten, die Blicke ihn hin⸗ wegnahmen.„Koͤnnten wir's nur dahin bringen, daß wir außer der Bühne die Wahrheit ſprächen, ſo wäre mir das Spielen nicht zuwider. O Großvater, als dieſer gütige Gentleman und ſeine Lady und dieſe luſtigen Kinder herkamen und mit uns ſprachen, war Euch da nicht zu Muth als müßtet Ihr in die Erde kriechen? mir war es ſo. Spre⸗ chen wir die Wahrheit? leben wir die Wahrheit? einen Namen heute, einen andern Namen morgen! Ich wollte mich wohl dazu verſtehen auf einer Bühne oder in einem Saale manchmal zu ſpielen, aber immer ſpielen, immer— ſo belügen wir zuletzt uns ſelbſt. Großvater, muß das ſo ſeyn? Sie thun es nicht; unter ſie verſtehe ich Alle, die rechtſchaffen und angeſehen und geachtet ſind wie— wie— o Groß⸗ vater— Großvater— was ſage ich? Ich habe Euch wehe gethan.“ V Waife gab ſich in der That alle Mühe, um eine Bewegung nie⸗ derzukämpfen; aber ſeine Lippen waren feſt zuſammengepreßt, das Blut hatte ſie verlaſſen, und ſeine Hände zitterten. „Wir müſſen uns verbergen,“ ſagte er ſehr leiſe,„wir müſſen falſche Namen annehmen— ich— weil— aus Gründen, die ich ſogar Dir nicht ſagen kann— und Du, weil es mir nicht gelungen iſt eine maaanſtändige Heimath für Dich zu bekommen, wo Du ſeyn ſollteſt; auch 1 gibt es einen Menſchen, der, wenn es ihm einfällt, und es kann ihm d alle Tage einfallen, Dich von mir wegnehmen könnte, wenn er Dich ———————ÿ— 56 ausfindig machen würde— und ſo— und ſo.“ Er pauſirte plötzlich, blickte in ihr ängſtlich verwundertes ſanftes Geſicht, dann ſtand er auf und richtete ſich mit einer jener ſeltenen Anwandlungen von Würde, welche den ganzen Charakter ſeiner Perſon hoben, empor.„Aber was mich betrifft,“ ſagte er,„wenn ich jeden Namen verloren habe— wenn ich, ſo lange ich lebe, dieſer unſtäte, herumſchleichende Aus⸗ würfling ſeyn muß— blick empor, Sophy— blick empor, dort werden alle Geheimniſſe ans Licht kommen— alle Herzen geleſen werden— und meine beſte Hoffnung dort einen Platz zu finden, wo ich Deine Ankunft erwarten kann, beruht auf Etwas, was mich hienieden um mein ganzes Geburtsrecht gebracht hat. Ich ſage das nicht, um mich zu überheben— nein; ſondern damit Du, mein theures Kind, einen Troſt haben magſt, wenn Du ſpäter durch die Aeußerungen der Leute über mich gekränkt werden ſollteſt.“ Während er ſprach, ging der Ausdruck ſeines Geſichtes, der An⸗ fangs feierlich und ſtolz geweſen, in ſchwermüthige Unterwürfigkeit über. Dann ſteckte er ſeinen Arm in den ihrigen, und indem er ſich darauf lehnte, als wäre er von Neuem zu dem gebrochenen Krüppel herabgeſunken, der ihrer ſchwachen Stütze bedürfte, zog er ſie aus der Laube und ſchritt langſam, mühſelig durch das Gärtchen hin. Endlich ſchien er ſich wieder zu ſammeln und ſagte in ſeinem gewöhnlichen heitern Ton:„Aber um auf den fraglichen Punkt zurückzukommen, nimm einmal an, wir hätten das Spielen und Herumziehen aufge⸗ geben, wir hielten an einem einzigen Namen feſt und ließen uns irgendwo wie ganz einfache Leute nieder, ſo frage ich abermals— wie ſollen wir leben?“ „Ich habe daran gedacht,“ antwortete Sophy.„Ihr erinnert Euch, daß dieſe guten Miſſes Burtons mich alle möglichen Nadel⸗ arbeiten lehrten, und ich weiß, daß man mit der Nadel Geld machen kann. Und dann, lieber Großvater, was könnt nicht Ihr Alles? Vergeßt Ihr die Bücher der Mrs. Saunders, die Ihr eingebunden, und ihre Taſſen und Näpfchen, die Ihr zuſammengekittet habt? So 57 würden wir Beide arbeiten, und wir hätten ein Häuschen und ein Gärtchen, das wir bebauen könnten, und die Kräuter und Gemüfe würden wir verkaufen. O ich habe in den letzten vierzehn Tagen hundertmal über dieß Alles nachgedacht, nur wagte ich's nicht zuerſt zu ſprechen.“ Waife lauſchte ſehr aufmerkſam.„Ich kann ſehr gute Körbe machen,“ ſagte er ſein Kinn reibend,„famöſe Körbe(wenn man nur ein Stückchen Weidenboden miethen könnte), und wie Du ſagſt, es gäbe auch noch andere niedliche Artikel, die ich hübſch genug zu Stande brächte, und Du könnteſt Stickmuſter nähen und Teppiche für Thee⸗ maſchinen und kleine Tiſchtücher und Nähkiſſen und dergleichen; und wenn wir ein paar Ruthen Gartengrund bekommen könnten und Ge⸗ flügel(der Mayor ſagt, Geflügel ſey geſund für Kinder), ſo wahr ich lebe, wenn wir ein ſicheres Plätzchen finden könnten, wo die Leute uns nicht mit ihrem Geſchwatze ſtören würden— und wir könnten ein Bischen Geld für Dich erübrigen, wenn ich einmal—“ „Auch Bienen— Honig?“ fiel Sophy ein, die ſich immer mehr intereſſirte und immer aufgeregter wurde. „Ja, Bienen— gewiß. Ein Häuschen von dieſer Art in einem Dorf würde nicht über ſechs Pfund jährlich koſten, und zwanzig Pfund für Materialien zu unſern verſchiedenen Arbeiten würden uns voll⸗ kommen in den Stand ſetzen. Ah! aber Möbel— Betten und Tiſche — entſetzlich theuer.“ „O nein, im Anfang würde ſehr wenig ausreichen.“ „Laß uns das Geld zählen, das wir übrig haben,“ ſagte Waife, indem er ſich auf einen Raſen warf, der einen ſchattenreichen Maulbeer⸗ baum einfaßte. Der alte Mann und das Kind zählten das Geld Stück für Stück, fröhlich aber ängſtlich— plaudernd, einander unterbrechend, Pläne um Pläne ſchmiedend; ſie vergaßen Vergangenheit und Gegen⸗ wart gerade wie bei ihren Bühnenſpielen— ſie verſanken in die Zu⸗ kunft— eine unſchuldige einfache Zukunft, unſchuldig wie nur zwei 58 Kinder, die friſchweg von Robinſon Cruſoe oder von Feenmährchen kommen, ſie auszudenken vermögen. „ Ich erinnere mich— ich erinnere mich; juſt der rechte Platz für uns,“ rief Waife plötzlich.„Es iſt ſchon viele, viele, viele Jahre her, ſeit ich dort war; ich freite damals um meine Lizzy— ach— ach! Aber keine traurigen Gedanken jetzt!— Juſt der rechte Ort, in der Nähe einer großen Stadt, aber in einem hübſchen Dorf, das ganz abſeits von ihr liegt. Hier lernte ich Körbe machen. Ich hatte mein Bein gebrochen— Sturz vom Pferde— Nichts zu thun. Ich wohnte bei einem alten Korbmacher; er hatte ein prächtiges Geſchäft. Ein Bächlein hinter dem Hauſe; Schilfrohr, Weiden in Hülle und Fülle. Ich kann ſie noch jetzt ſehen, wie ich ſie von meinem Fenſterchen aus ſah, während mein Bein heilte. Und Lizzy ſchrieb mir immer ſo liebe Briefe; meine Körbe waren alle für ſie. Wir hatten Körbe genug, um ein ganzes Haus damit auszuſtatten; wir hätten in Körben zu Mittag eſſen, in Körben ſitzen, in Körben ſchlafen können. Mit ein paar Lehrſtunden hatte ich bald alle Handgriffe los. Ich möchte gern den Ort wieder ſehen; ich würde da meiner Jugend noch einmal die Hand ſchütteln. Es könnte jetzt Niemand mehr leben, der mich möglicher Weiſe erkennen würde. Ich ſah Niemand als den Chirurgen, den Korbmacher und ſein Weib; Alle ſo alt daß ſie ſchon längſt zu ihren Vätern verſammelt ſeyn müſſen. Vielleicht treibt Niemand jetzt den Korbhandel. Ich könnte ihn möglicher Weiſe wieder emporbringen und für mich allein haben; vielleicht wäre das Häuschen ſelbſt billig zu miethen.“ So ſchwatzte der Vagabund, ſtets zu ſanguiniſchen Hoffnungen geneigt, während Sophy voll Liebe lauſchte und ihn an⸗ lächelte.„Und ein ſchöner großer Park dicht dabei; die Eigenthümer, große Lords, verließen ihn damals; vielleicht iſt er noch immer ver⸗ laſſen. Du könnteſt Dich darin ⸗ergehen, wie wenn er Dein eigen wäre, Sophy. Wundervolle Bäume— ſolche grüne Einöden; und hübſche ſcheue Haſen, die über den Weg ſprangen— auch ſetattliche Damhirſche! Wir wollen mit den Pförtnersleuten Freundſchaft 59 machen, dann können wir den Park Dein nennen, Sophy; und ich werde ein Genius ſeyn, der magiſche Körbe flicht, und Du wirſt die verzauberte Prinzeſſin ſeyn, die, vor allen böſen Augen verborgen, Teppiche von Perlen unter Smaragdblättern ſtickt und aus der Welt des vergänglichen Lebens keinen Ton vernimmt, außer wie die Zweige flüſtern und die Vögel ſingen.“ „Ci der Tauſend, da ſeyd Ihr— wir glaubten Euch ſchon ver⸗ loren,“ ſagte die Frau des Verwalters;„der Thee wartet auf Euch und da iſt mein Mann, Sir, der von ſeiner Arbeit kommt; er wird ſtolz und erfreut ſeyn Euch kennen zu lernen, Sir, und auch Euch, meine Liebe; wir haben leider keine eigenen Kinder—“ Es iſt eilf Uhr vorbei. Sophy, müde, aber von weit angeneh⸗ meren Erregungen als ſie ſeit langer Zeit empfunden, ſchläft feſt. Waife kniet an ihrer Seite und blickt ſie an. Er berührt ihre Hand, ſo kühl und weich— alles Fieber vorbei; er erhebt ſich auf die Zehen — er beugt ſich über ihre Stirne— ein Kuß darauf und eine Thräne; er ſtiehlt ſich weg, hinab, die Treppe hinab. An der Thüre ſteht der Verwalter, Sir Iſaak haltend. „Wir wollen aufs Beſte für ſie ſorgen,“ ſagte Mr. Gooch,„Ihr ſollt ſie nicht mehr kennen, wenn Ihr zurückkommt.“ Waife drückte dem Gaſtwirth ſeiner Enkelin die Hand, ſprach aber nicht. 3 „Ihr werdet den Weg ganz ſicher ſinden— nein das iſt die falſche Richtung— es geht ganz gerade nach der Stadt. Sie werden im Türkenkopf wohl aufbleiben und auf Euch warten; natürlich, Sir. Es ſieht nicht ganz gaſtfreundlich aus, daß Ihr ſo mitten in der Nacht weggehet. Aber ich verſtehe, Ihr wollt keine Thränen ſehen, Sir— wir Männer lieben das nicht; und Euer holdes kleines Mädchen würde gewiß ſchluchzen, es würde ihr das Herz brechen, wenn ſie es wüßte. Schöne Mondſcheinnacht, Sir— gerade aus. Und ich ſage noch einmal: grämet Euch nicht um ſie; mein Weib liebt die Kinder ſehr — ich auch. Gute Nacht!“ Waife ging— lahm, langſam— Sir Iſaaks weißes Fell glänzte geiſtergleich im Mond. Er ſchritt dahin, einen Bündel über ſeine Schulter geſchnürt, auf ſeinen Stab gelehnt, an den Schafpferchen, an dem ſchlafenden Vieh vorüber. Aber als er auf die Straße kam und Gatesboro' mit allen ſeinen Dächern und Thurmſpitzen vor ſeinen Augen lag, da drehte er der Stadt den Rücken und ſtampfte fort auf der verlaſſenen Straße, immer langſamer und lahmer, bis er ver⸗ ſchiedene Meilenſteine hinter ſich hatte; dann kroch er durch die Oeff⸗ nung einer Baumhecke unter das ſchützende Obdach eines Heuſchobers, und unter dieſem Dach legte er ſich mit Sir Iſaak zur Ruhe nieder. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Lache über Unglücksahnungen, aber zittere nach wachen Glücksträumen. Waife hinterließ in der Meierei zwei Briefe— den einen mit einem verſiegelten Beutel für Mr. Hartopp hatte er dem Verwalter anvertraut— den andern für Sophy hatte er auf einen Stuhl neben ihrem Bett gelegt. Der erſte Brief lautete wie folgt: „Ich hege die Hoffnung, theurer, geehrter Sir, daß ich glücklich zurückkommen werde; und dann habe ich vielleicht eine Heimath für ſte gefunden und eine Lebensweiſe, die Ihr nicht tadeln würdet. Aber für einen Unglücksfall habe ich das Geld, das wir in Gatesboro' machten, nach Bezahlung der Wirthsrechnung, des Doctors u. ſ. w. verſiegelt bei Mr. Gooch zurückgelaſſen und blos eine Kleinigkeit zu⸗ rückbehalten, deren ich bedarf, im Fall ich und Sir Iſaak uns nicht ſollten durchbringen können. Ihr werdet die Güte haben es in Eure Obhut zu nehmen. Ich würde mich nicht ſicher fühlen, wenn ich alter Mann mehr Geld bei mir trüge. Ich könnte beraubt werden; über⸗ dieß bin ich fahrläßig. Ich kann nie Geld halten; es wiſcht mir aus den Händen wie ein Aal. Gott ſegne Euch, Sir; Eure Güte erſcheint 61 mir wie ein Wunder, das mir der Himmel um dieſes theuren Kindes willen vergönnt hat. Bei Euch kann ihr nichts Uebles zuſtoßen; und wenn ich krank werden und ſterben ſollte, auch dann werdet Ihr, der Ihr dem betrügeriſchen Landſtreicher helfen wolltet, von dem harm⸗ loſen Kind die rettende Hand nicht abziehen.“ Der Brief an Sophy lautete: „Liebling meines Herzens, verzeihe mir; ich habe mich von Dir weggeſtohlen, aber blos auf einige Tage, und blos um zu ſehen, ob wir nicht das Zauberſchloß gewinnen können, wo ich der Genius ſeyn werde und Du die Prinzeſſin. Ich gehe mit ſo leichtem Herzen von dannen, liebe Sophy; ich werde dreißig Meilen des Tags gehen, ohne in meinem lahmen Bein einen Schmerz zu empfinden; Du könnteſt nicht gleichen Schritt mit mir halten.— Du weißt ſelbſt, daß Du das nicht könnteſt. Denke alſo über das Häuschen und die Korbmacherei nach, und übe Dich an Stickmuſtern und Nähkiſſen, wenn es zum Spielen zu heiß iſt, und ſey ſtark und kräftig bis ich zurückkomme. Dieß wird hoffentlich heute über acht T Tage geſchehen— es ſind nur acht Tage; und dann werden wir blos noch Feendramen vor nickenden Bäumen aufführen, mit Hänflingen als Orcheſter, und ſelbſt Sir Iſaak ſoll nicht mehr durch ſöldneriſche Kunſtſtücke herabgewürdigt werden, ſondern ſeine arithmetiſchen Talente zur Entwerfung der Wochenrechnungen verwenden, und er ſoll nicht mehr auf ſeinen Hinter⸗ beinen ſtehen, außer an ſonnigen Tagen, wo er einen Sonnenſchirm tragen ſoll, um einer verzauberten Prinzeſſin Schatten zu geben. Lache, geliebtes Kind— laß mich wähnen, daß ich Dich lachen ſehe; aber gräme Dich nicht— glaube nicht, daß ich Dich verlaſſe. Ver⸗ ſuche es wieder geſund zu werden— ganz, ganz geſund; ich bitte Dich auf meinen Knien darum.“ Der Brief und der Beutel wurden bei Sonnenaufgang nach Mr. Hartopps Villa gebracht. Mr. Hartopp war ein Frühaufſteher. Sophy verſchlief ſich; ihr Zimmer lag gegen Weſten; die Morgen⸗ ſtrahlen erreichten ihre Fenſter nicht, und das kinderloſe Haus erwachte Bulwer, was wird er damit machen? II. 5 ————— 62 geräuſchlos und ſtill zur Arbeit. Als ſie ſich endlich vom Schlaf auf⸗ raffte, als ſie ihr Haar von ihren blauen Augen ſchüttelnd ſich um⸗ ſchaute und zum Bewußtſein des fremden Platzes kam, ſo meinte ſie noch immer, es ſey frühe. Aber ſie ſtand auf, zog den Vorhang vom Fenſter weg, ſah die Sonne hoch am Himmel, und als ſie ſich beſchämt über ihre Trägheit umwandte, ſiehe da lag der Brief auf dem Stuhl. Sie ahnte ſogleich Unheil; die Wahrheit trat blitzſchnell vor einen früh⸗ reifen Verſtand, deſſen raſche Einſicht aus der Vereinigung herzlicher Neigung und raſtloſer Gedankenthätigkeit entſtand. Sie ſchöpfte tief Athem und wurde todesblaß. Es währte einige Minuten, ehe ſie den Brief aufheben und das Siegel erbrechen konnte. Nachdem ſie es gethan, las ſie geräuſchlos, während ihre Thränen ohne Kampf oder Schluchzen auf das Blatt herabſielen. Sie hatte keine egoiſtiſche Sorge, keinen Kummer darüber, daß ſie allein bei Fremden gelaſſen wurde; es war das Pathos der einſamen Wanderungen des alten Mannes, ſeiner Verlaſſenheit, ſeiner erkünſtelten Heiterkeit und auf⸗ richtigen Selbſtaufopferung— das war es, was ihr ganzes Herz mit einem unnennbaren Sehnen der Zärtlichkeit und Dankbarkeit, des Mit⸗ leids und der Verehrung übergoß. Aber nachdem ſie einige Zeit ſtille geweint hatte, küßte ſie den Brief mit ergebungsvoller Leidenſchaft und wandte ſich zu dem Himmel, zu welchem der Auswürfling ſie zuerſt beten gelehrt hatte. Hernach blieb ſie ſtillſtehen, ſann eine kleine Weile nach, und der ſorgenvolle Schatten verließ allmählig ihr Geſicht. Ja; ſie wollte ihm gehorchen— ſie wollte ſich nicht grämen— ſie wollte es verſuchen geſund und ſtark zu werden. Gewiß mußte er es in der Ferne fühlen, daß ſie ſeinen Wünſchen getreu nachkomme, daß ſie ſich fähig machte wieder ſeine Gefährtin zu werden; ſieben Tage gingen ja bald vorüber; Hoffnung, welche das Herz der Kindheit nie lange verlaſſen kann, ſtrahlte über ihre Betrachtungen, wie die Morgenſonne über eine Landſchaft, die kaum zuvor noch in der Dämmerung und unter Regen trübſelig dagelegen. —— mö—ö————— 63 Als ſie die Treppe hinabkam, war Mrs. Gooch hoch erfreut und überraſcht das friedſame Lächeln auf ihrem Geſicht und die ruhige Thätigkeit zu bemerken, womit ſte nach dem Morgenmahl ſich an der Seite der guten Frau bewegte und ihr bei ihrem Milchgeſchäft und andern Hausfrauenarbeiten aushalf, wenig ſprechend, ſchnell begreifend, gefaßt, heiter. „Ich ſehe mit großem Vergnügen, daß Ihr Euch nicht um Euern guten Großpapa härmet, wie wir befürchtet hatten.“ „Er hat mir geſagt, ich ſolle mich nicht härmen,“ antwortete Sophy, einfach aber mit bebender Lippe. Als der Nachmittag voranſchritt und es zu warm wurde, als daß man ſich Bewegung machen konnte, fragte Sophy ſchüchtern, ob Mrs. Gooch nicht wollenes Garn und Stricknadeln habe, und nachdem ſie mit dieſen Werkzeugen und Materialien verſehen worden, zog ſie ſich in die Laube zurück und ſetzte ſich zur Arbeit— einſam und ruhig. Was vielleicht die Hauptſtärke in der Natur dieſes armen Kindes ausmachte, das war ihre innige Gläubigkeit— vielleicht ein Theil ihrer inſtinktmäßigen Hochſchätzung der Wahrheit. Sie glaubte an Waife— an die Zukunft— an die Vorſehung— an ihr eigenes kindliches, nicht hülfloſes Ich. Schon als ihre dünnen Finger die Garne ſortirten, und als ſie mit feinem Geſchmack ihre Farben har⸗ moniſch vermengte, wob ihr Geiſt nicht minder harmoniſch die Farben im Gewebe der Träume: das heimiſche Häuschen— die harmloſen Arbeiten— Waife mit ſeiner Pfeife im Armſtuhl unter einem Portal, das gleich jenem dort— warum denn nicht?— mit duftigem Gaiß⸗ blatt überwachſen war. Und ein Leben, das, wenn auch beſcheiden, doch ehrlich, wahr war und das Tageslicht nicht zu ſcheuen brauchte, ſo daß, wenn Lionel wieder mit ihr zuſammentraf, ſie nicht erröthen, er ſich nicht an ihr ſtoßen mußte. Und wenn ihre Wege ſo verſchieden waren, wie ihr Großvater ſagte, ſo konnten ſie ſich gleichwohl wieder kreuzen, wie ſte bereits gethan und— die Arbeit glitt aus ihrer Hand — die holden Lippen öffneten ſich lächelnd— ein Gemälde kam vor 5* ————— ihre Augen— ihr Großvater, Lionel, ſie ſelbſt; alle Drei befreundet und glücklich; ein Strom, ſchön wie die Themſe ihr geſchienen— grüne Bäume ganz im Sommer gebadet— das Boot hingleitend; in dieſem Boot ſie Drei ſanft dahingetragen— hinweg— hinweg— was liegt daran wohin?— an ihrer Seite der alte Mann;— ihr gegenüber, ſie anſchauend, die ſtrahlenden freundlichen Augen des Knaben. Sie fuhr auf. Sie hörte Geräuſch— ein ſich bewegendes Thor— Fußtritte. Sie fuhr zuſammen— ſie erhob ſich— Stim⸗ men; eine iſt ihr fremd— eines Mannes Stimme— dann die Stimme des Mayors. Eine dritte Stimme— ſchrill, hart; eine furchtbare Stimme— in der Kindheit gehört— Erinnerungen an Grauſamkeit, Elend, Herzeleid zurückrufend. Es konnte nicht ſeyn!— unmöglich! Nahe— immer näher kamen die Tritte. Ergriffen von einem Drang zur Flucht, ſprang ſie an den Eingang der Laube. Da funkelten ihr zwei dunkle, ſchreckliche Augen entgegen. Sie ſtand da feſtgewurzelt— verzaubert— wie ein durch Schlangenblick ge⸗ bannter Vogel. „Ja, Herr Mayor; ganz recht! Das iſt unſer kleines Mädchen — unſere liebe Sophy. Hieher, Mr. Loſely! Welch eine angenehme Ueberraſchung für Dich, Sophy, mein theures Kind!“ ſagte Mrs. Crane. 65 Viertes Zuch. Erſtes Kapitel. In den freundlichſten Naturen gibt es eine gewiſſe Empfindſamkeit, die, wenn ſie verletzt wird, denſelben Schmerz verurſacht und denſelben Groll hervorruft wie beleidigte Eitelkeit oder gekränkte Eigenliebe. Es iſt gerade der achte Tag, gegen fünf Uhr Abends. Mr. Har⸗ topp befindet ſich allein im Sprechzimmer hinter ſeinem Magazin und ſchließt ſeine Kaſſen⸗ und Lagerbücher, um ſofort nach ſeiner Villa zu⸗ rückzukehren. Es iſt eine gewiſſe Veränderung im Ausdruck ſeines Geſichtes bemerklich, ſeit wir ihn zum letzten Mal geſehen haben. Wenn es Mr. Hartopp möglich iſt verdrießlich auszuſehen— ſo ſieht er verdrießlich aus; wenn es für den Mayor von Gatesboro' möglich iſt niedergeſchlagen zu ſeyn— ſo iſt er niedergeſchlagen. Dieſe glatte Exiſtenz hat ſicherlich irgend eine unheilvolle Erſchütterung empfangen und ſich von dem Stoß noch nicht erholt. Aber wenn Ihr außen vor dem Sprechzimmer Mr. Williams, der im Magazin Befehle ertheilt, die Magazinarbeiter ſelbſt, die rauhen Geſichter in der Lohgerberei, ja Mike Callaghan anſehen wollt, der ſo eben einen Bündel von der Eiſenbahn gebracht hat, ſo ſind augenſcheinlich Alle zuſammen bei den Wirkungen der Erſchütterung betheiligt; Alle ſchauen mehr oder weniger verdrießlich drein; Alle erſcheinen niedergeſchlagen. Und könntet Ihr Euern Blick noch weiter hindringen laſſen, könntet Ihr in die Läden der Hochſtraße hineinſehen oder die Faullenzer im ſtädti⸗ ſchen Leſeſaal in's Auge faſſen; könnte ſich Euer Sehkreis vollends — —— noch weiter bis in Mr. Hartopps Villa verlängern, könntet Ihr ſeine Frau, ſeine Kinder, ſein Geſinde beiderlei Geſchlechts betrachten, ſo würdet Ihr allenthalben die handgreiflichſten Zeichen der Störung er⸗ kennen, die durch dieſe ſchändliche Erſchütterung hervorgebracht worden. Ueberall ein verdrießlicher Blick— überall dieſe unausſprechliche Niedergeſchlagenheit! Was mag geſchehen ſeyn? Iſt der gute Mann bankrott? Nein— er iſt reich wie immer. Was kann es ſeyn? Leſer, jenes fatale Ereigniß, welches diejenigen, die Joſiah Hartopp lieben, ſtets abzuwenden beſorgt ſind, iſt trotz all ihrer Wachſamkeit eingetreten! Joſiah Hartopp iſt überliſtet worden! Andere Leute mögen gelegentlich überliſtet werden, Niemand trauert darüber— vielleicht verdienen ſie es! Sie ſind nicht das perſonifizirte Wohl⸗ wollen oder ſie wollen ſich für die perſonifizirte Weisheit ausgeben. Aber dieſes Lamm zu überliſten! und nicht blos das Herz des Mayors war verletzt, ſondern auch ſein Stolz, ſeine Selbſtachtung, ſein Würde⸗ gefühl waren furchtbar gedemüthigt. Denn wie wir wiſſen, obſchon alle Welt Mr. Hartopp als den Mann betrachtete, der eigentlich ge⸗ boren ſey um überliſtet zu werden, weßhalb ſie ſich auch Alle vereinigten, um ihn davor zu bewahren, ſo hielt doch Mr. Hartopp in ſeinem ge⸗ heimen Innern dafür, daß Niemand eines ſolchen Schutzes weniger bedürfe; daß er niemals überliſtet werde, wenn er es nicht ſelbſt wolle. Deßhalb rüttelte auch die Grauſamkeit und Undankbarkeit der nieder⸗ trächtigen Handlung, in Folge deren ihm der Kamm ſo geſchwunden war, an ſeinem ganzen Syſtem. Ja noch mehr, er mußte deutlich fühlen, daß dieſes Ereigniß auf lange Zeit ſeine perſönliche Behaglichkeit und Un⸗ abhängigkeit ſtören würde; er mußte mehr als je unter die liebreiche Tyrannei von Mr. Williams gerathen— mehr als je ein Gegenſtand allgemeiner Ueberwachung und Ausſpähung werden. Ein Gedanke mußte jetzt vorzugsweiſe ganz Gatesboro' beſchäftigen.„Der Mayor, Gott ſegne ihn! iſt überliſtet worden— dieß darf nicht wieder vor⸗ kommen! oder Gatesboro' iſt entehrt und die Tugend iſt ein leerer Schall.“ Mr. Hartopp fühlte ſich nicht blos gekränkt, ſondern unter⸗ jocht— er, der bisher der ſanfte Unterjocher der Hartherzigſten ge⸗ weſen war. Er fühlte ſich nicht blos unterjocht, ſondern empört beim Bewußtſeyn, daß er es war. Er war trotz ſeines milden Herzens zu ſehr von der unfehlbaren Gerechtigkeit des Himmels überzeugt, als daß er nicht die Gewißheit gehabt hätte, der Mann, der ihn überliſtet hatte, müſſe ein tragiſches Ende nehmen. Er würde dieſen Mann nicht mit ſeinen eigenen Händen gehenkt haben— er war zu mild zur Rache. Aber hätte er dieſen Mann baumeln geſehen, ſo würde er fromm geſagt haben:„Wohlverdienter Lohn!“ und er wäre beſänf⸗ tigt und getröſtet ſeines Wegs weitergegangen. Ueberliſtet!— end⸗ lich doch einmal überliſtet!— er, Joſiah Hartopp, überliſtet von einem einäugigen Geſellen! Zweites Kapitel. Der Mayor wird ſo gehütet, daß er ſich nicht helfen kann. Eine unruhige Bewegung draußen— eine Art von Geheul— eine Art von Geſchrei. Mr. Williams— die Magazinarbeiter, die Gerber, Mike Callaghan theilen das Geſchrei unter ſich. Der Mayor fuhr auf— iſts möglich! Seine Thüre wird aufgeſtoßen, und Alle zerſtreuend, die ihn zurückzuhalten verſuchten, ſie nach rechts und links von ſeinem maſſiven Torſo abſchüttelnd, ſtürzte der Mann herein, der den Mayor überliſtet hatte— der einäugige Geſelle, und mit dieſem Geſellen, zottig und ſchmutzbedeckt der andere Hund! „Was habt Ihr mit dem Pfand gemacht, das ich Euch anver⸗ traute? mein Kind— mein Kind— wo iſt es 24 Waifes Geſicht war wild von der Todesqual ſeiner Aufregung, und ſeine Stimme war ſo ſcharf und furchtbar, daß ſie wie ein Meſſer in das Herz der Männer drang, die, für den Augenblick auf die Seite geworfen, ihm jetzt angſtvoll in das Zimmer folgten. „Mr.— Mr. Chapman, Sir,“ ſtammelte der Mayor, indem er — 68 ſich ſchwer anſtrengte, um wieder Würde und Faſſung zu erringen,„ich bin erſtaunt über Eure— Eure—“ „Frechheit!“ warf Mr. Williams dazwiſchen. „Mein Kind— meine Sophy— mein Kind! antwortet mir, Mann!“ „Sir,“ ſagte der Mayor, indem er ſich aufrichtete,„habt Ihr das Schreiben nicht erhalten, das ich bei meinem Verwalter zurückließ, im Fall Ihr dort einſprechen würdet?“ 1 „Euer Schreiben— dieß Ding da,“ erwiederte Waife, indem er mit ſeiner Hand über ein zerknittertes Papier fuhr und ſein Auge über den Inhalt laufen ließ.„Ihr ſagt, Ihr habet das Kind ſeinem geſetzlichen Beſchützer zurückgegeben? Barmherziger Himmel! habe Ich ſie Euch anvertraut oder nicht?“ „Gehet Alle hinaus,“ ſagte der Mayor, deſſen gewöhnliche ruhige Entſchiedenheit auf einmal ſich wieder einſtellte. „Gehet— gehet, Ihr Leute; was zum Teufel habt Ihr da zu thun?“ murrte Williams dem gemeineren Haufen zu.„Hinaus!— Ich bleibe; fürchtet Nichts; ich werde über ihn wachen.“ Die Umſtehenden ſchlichen verdrießlich weg, aber Niemand kehrte an die Arbeit zurück; ſie blieben inner Gehörweite vor der verſchloſſe⸗ nen Thüre ſtehen. Williams ſchlug ſeinen Rockärmel zurück, ballte ſeine Fäuſte, ließ mürriſch den Kopf auf die eine Seite hängen, und ſchaute ſo kampfluſtig und drohend drein, daß Sir Iſaak, welcher, ob⸗ ſchon in einem Zuſtand großer Aufregung, bisher ſeine Faſſung be⸗ wahrt hatte, ihn unter ſeinen Locken anſtierte, ſeinen Rücken ſteifte, ſeine Zähne zeigte und furchtbar knurrte. „Mein guter Williams, verlaßt uns,“ ſagte der Mayor;„ich möchte gerne mit dieſem Manne allein ſeyn.“ „Allein— Ihr! davon iſt keine Rede. Ihr ſeyd jetzt ſchon ein⸗ mal überliſtet worden und Ihr geſtehet es ſelbſt— es iſt meine Pflicht Euch künftig zu ſchützen, und das will ich bis ans Ende meiner Tage thun.“ 69 Der Mayor ſeufzte ſchwer.—„Gut, Williams, gut— Nehmt einen Stuhl und ſeyd ruhig. Und nun, Mr. Chapman, um Euch noch ſo zu nennen, Ihr habt mich betrogen.“ „Ich— wie ſo?“ Der Mayor war in Verlegenheit.„Ihr habt mich in meiner Kenntniß der menſchlichen Natur betrogen,“ ſagte er zuletzt;„ich hielt Euch für einen ehrlichen Mann, Sir. Und Ihr ſeyd— doch gleichviel.“ Waife(ungeduldig).—„Mein Kind— mein Kind! Ihr habt 3 ſie weggegeben an— an—“ Mayor.—„An ihren eigenen Vater, Sir.“ Waife(die Worte nachſprechend, indem er zurücktaumelt).— „Ich dachte es doch— ich dachte es doch.“ Mayor.—„Ich habe dabei nur dem Geſetze gehorcht— er hatte geſetzliche Gewalt, um ſeiner Forderung Kraft zu geben.“ Der Ton des Mayors war beinahe entſchuldigend, denn Waife's Angſt ging ihm tief zu Herzen, und er vermochte einen gewiſſen Vorwurf nicht zum Schweigen zu bringen. Im Ganzen hatte man ihm Etwas anvertraut, und er hatte, entſchuldbar vielleicht, nothwendig vielleicht, aber immerhin er hatte dem Vertrauen nicht entſprochen.„Aber,“ fügte der Mayor hinzu, wie wenn er wieder Sicherheit gewänne, „aber ich weigerte mich zuerſt ſie herauszugeben, ſogar an ihren eige⸗ nen Vater; ich beſtand zuerſt darauf, daß man Eure Rückkehr abwar⸗ ten müſſe, und erſt als man mir auseinanderſetzte, wer Ihr ſelbſt ſeyd, da ſchwanden meine Bedenklichkeiten.“ Waife blieb lange ſchweigend ſtehen; er athmete heftig und fuhr zu wiederholten Malen mit der Hand über ſeine Stirne; endlich ſagte er ruhiger als bisher:„Wollt Ihr mir ſagen, wohin ſie ge⸗ gangen ſind?“ „Ich weiß es nicht, und wenn ich es wüßte, ſo würde ich es Euch nicht ſagen. Haben ſie nicht Recht, wenn ſie erklären, dieſes unſchul⸗ dige Kind dürfe nicht weggelockt werden von— von— einem— kurz von Euch, Sir?“ 70 „Sie ſagten das! ihr Vater— ſagte das!— er ſagte das! hat er es wirlich geſagt? hatte er das Herz dazu?“ Mayor.—„Nein, ich glaube nicht, daß er es ſagte. He, Mr. Williams? er ſprach wenig mit mir.“ Mr. Williams.—„Er wollte natürlich dieſen Mann nicht compromittiren. Aber das Frauenzimmer— die Lady meine ich.“ Waife.—„Frauenzimmer! ach ja. Die Verwalterin ſagte, es ſey ein Frauenzimmer da geweſen. Was für ein Frauenzimmer? wie heißt ſie?“ Mayor.—„In der That, Ihr müßt mich entſchuldigen. Ich kann nicht mehr ſagen. Ich habe mich herbeigelaſſen Euch ſo zu em⸗ pfangen, weil ich, was immer Ihr auch geweſen ſeyn oder noch ſeyn möget, jedenfalls mir ſelbſt ſchuldig war Euch zu erklären, wie ich da⸗ zu kam das Kind herauszugeben; überdieß habt Ihr Geld bei mir zu⸗ rückgelaſſen, und dieſes wenigſtens kann ich in Eure eigene Hand geben.“ Der Mayor kehrte ſich zu ſeinem Pult, öffnete ihn und zog den Beutel hervor, den Waife ihm geſchickt hatte. Als er ihn gegen den Schauſpieler ausſtreckte, zitterte ſeine Hand und ſeine Wangen wurden roth. Denn in Waife's einzigem glänzen⸗ dem Auge lag eine ſolche Tiefe des Vorwurfs, daß das Gewiſſen des Mayors von Neuem in peinliche Unruhe gerieth, und er hätte gerne den zehnfachen Inhalt des Beutels dafür gegeben, mit dem Vaga⸗ bunden allein ſeyn und ihm die begütigenden Dinge ſagen zu können, die er vor Williams nicht zu ſagen wagte, denn dieſer ſaß ſtumm und grimmig da und behütete ihn, damit er nicht von Neuem überliſtet würde.„Hättet Ihr Euch mir gleich Anfangs anvertraut, Mr. Chap⸗ man,“ ſagte er pathetiſch,„oder wenn Ihr es auch jetzt noch thätet, ſo könnte ich Euch zu einem ehrlichen Lebensunterhalt verhelfen.“ „Ihm helfen— jetzt!“ ſagte Williams ſchnaubend.„Wahrlich Ihr ſeyd kein Menſch, Ihr ſeyd ein Engel.“ „So, ſo, ſo,“ murmelte Waife.„Gott ſey Dank, er hat nicht 71 gegen mich geſprochen— es war blos ein fremdes Frauenzimmer. O!“ brach er plötzlich mit einem Aechzen ab.„O— aber dieſes fremde Frauenzimmer— wer, was mag ſie ſeyn? Und Sophy bei ihr und ihm. Wahnſinn! Ja, ja, ich nehme das Geld. Ich werde es Alles brauchen. Sir Iſaak, hebt dieſen Beutel auf. Gentlemen, guten Tag!“ Er verbeugte ſich; welche Niedergedrücktheit lag in dieſer Verbeugung! Nichts Herzogliches darin! Er verbeugte ſich und wandte ſich gegen die Thüre; dann, als er die Schwelle erreicht hatte, ſchien ein milderer, heiligerer Gedanke ihm die Würde der Haltung zurückzugeben, ſeine Geſtalt erhob ſich, aber ſein Geſicht wurde ſanfter, und indem er ſeine Rechte gegen den Mayvor ausſtreckte, ſagte er: „Ihr thatet blos was auf den vorliegenden Augenſchein vielleicht Jeder gethan hätte. Ihr glaubtet gütig gegen ſie zu ſeyn. Wenn Ihr Alles wüßtet, wie würdet Ihr bereuen! Ich tadle nicht— ich vergebe Euch.“ Er war gegangen; der Mayor ſtand wie vernichtet da. Selbſt Williams fühlte einen kalten, unbehaglichen Schauder.„Er ſieht nicht darnach aus,“ ſagte der Bureauchef.„Seyd gutes Muths, Sir, es iſt kein Wunder, daß Ihr überliſtet worden ſeyd— wer wäre es nicht geworden?“ „Hört! wieder dieß Geſchrei. Geht, Williams, duldet nicht, daß die Leute ihn beſchimpfen. Sorget, daß Alles in Ordnung bleibt. Ich werde Euch dankbar ſeyn.“ Aber bevor Williams an die Thüre kam, waren der Krüppel und ſein Hund verſchwunden; verſchwunden in einem dunkeln, ſchmalen Gang auf der entgegengeſetzten Seite der Straße. Die rohen Ar⸗ beiter hatten ihn mit Geſpötte bis an den Eingang verfolgt. Sie wußten nicht was eigentlich gegen den guten Namen des Schauſpielers vorlag; dieß hatten nur der Mayvor und Mr. Williams erfahren. Aber der letztere hatte ſo harte Ausdrücke fallen laſſen, daß, ſo ſchlimm auch die Anklage ſeyn mochte, ſämmtliche Angeſtellte Mr. Hartopps ſich dieſelbe wo möglich noch ſchlimmer vorſtellten. Und ein Ver⸗ — 7²2 worfener mußte in der That der Mann ſeyn, von welchem der Mayor anerkannter Maßen überliſtet worden war, uus welchen der Mayor voll Unwillen den Vorwürfen ſeines eigenen Gewiſſens preisgegeben hatte. Aber der Krüppel war jetzt außer Sehweite, verloren unter dieſen Labyrinthen von ſchmutzigen Häuſern, welche in großen Städten ſo zu ſagen unſichtbar hingeworfen ſind und plötzlich hinter Straßen und Marktplätzen zum Vorſchein kommen, ſo daß Fremde, die nur durch die breiten Straßen mit glänzenden gasbeleuchteten Läden hin⸗ ſchlendern, ausrufen:„Wo leben denn die Armen?“ Drittes Kapitel. Ecce iterum Crispinus. Es geſchah nicht aus Berechnung, ſondern aus unwillkürlichem Drang, wenn Waife, als er auf ſolche Art den feindſeligen Blicken und dem höhniſchen Gemurre der an der Thüre des Mayors ver⸗ ſammelten Schwätzer entronnen war, in dieſe ſchmutzigen, abgelegenen Gäßchen einlenkte. Er hatte eine unbeſtimmte Empfindung, daß ein Fluch auf ihm laſte; daß die Decke, die er über ſein Brandmal als Auswürfling gelegt, gehoben; daß ein Urtheil der Ausſtoßung von den Hauptſtraßen und Marktplätzen des anſtändigen Lebens über ihn gefällt ſey. Er war ſeines Kindes beraubt worden, und die Geſell⸗ ſchaft, die aus dem Munde des Mayors von Gatesboro' ſprach, ſagte: „Mit Recht! Du biſt kein paſſender Gefährte für die Unſchuldige.“ Endlich befand er ſich außerhalb der Stadt, jenſeits ihrer zer⸗ ſtreuten Vorſtädte, und war wiederum auf der einſamen Straße. Er war an dieſem Tag ſchon weit gegangen. Er war gärzlich erſchöpft. Er ſetzte ſich an einen trockenen Graben neben der Baumhecke, nahm ſeinen Kopf zwiſchen beide Hände und bemühte ſich ſeine Gedanken wieder zu ſammeln, ſeine Pläne wieder zu ordnen. Waife war an dieſem Tag heiter und in gehobener Stimmung 78 nach dem Haus des Verwalters zurückgekehrt. Er hatte die Woche damit zugebracht, daß er theilweiſe, wenn auch nicht immer, zu Fuß nach dem entfernten Dorf reiste, wo er in ſeiner Jugend die Korb⸗ macherkunſt erlernt hatte. Er hatte gerade das Häuschen, wo er da⸗ mals gewohnt, leer und zu vermiethen gefunden. Alles verhieß eine baldige Eröffnung des beſcheidenen aber angenehmen Gewerbes, das nun den einzigen Gegenſtand ſeines Ehrgeizes ausmachte. Der mit der Vermiethung des Häuschens und des Weidengrundes beauftragte Verwalter hatte allerdings nach Referenzen gefragt, natürlich nicht in Bezug auf alle Antecedentien ſeines Miethmanns, ſondern nur auf die vernünftige Wahrſcheinlichkeit, daß derſelbe ein geſetzter, nüchterner Mann ſey, ſeinen Zins bezahlen und nicht wildern werde. Waife glaubte mit Sicherheit annehmen zu können, daß der Mayor von Gatesboro, ſoweit es angehe, ſich entſchließen werde ſeine Vergangenheit auf Treu und Glauben anzunehmen und ihm eine Em⸗ pfehlung zu geben, die ihm eine ſo harm⸗ und glanzloſe Zukunft ſichere. Er hatte noch nie einen Menſchen um eine ſolche Gunſt angrſprochen, und der Gedanke, daß er es jetzt thun ſolke, machte ihn beben; a ſeiner Enkelin zu Liebe wollte er ſeine Skrupel aufgeben Stolz demüthigen. So war er denn voll von elyſiſchen Träumen zu ſeiner S S zu ſeiner verzauberten Prinzeſſin zurückgekehrt. Sie war verſchwun⸗ den— weggenommen worden, und zwar mit Einwilligung des Mayors, mit Einwilligung deſſelben Mannes, durch deſſen Vermittlung er ein Unterkommen und Schutz zu finden gehofft hatte. Das war ſo ziem⸗ lich Alles was er in der Meierei erfahren hatte, denn man hatte den Gooch'ſchen Eheleuten bedeutet, ſie ſollen ſich ſo kurz als möglich faſſen und ihm keinen Aufſchluß ertheilen, mit Hülfe deſſen er ſeinen verlorenen Schatz wieder gewinnen könne, ſondern blos das Schreiben übergeben, das ihm meldete, daß derſelbe in den Händen eines recht⸗ mäßigen Eigenthümers ruhe. Und in der That war das würdige Paar etzt eingenommen gegen den Vagabunden und behandelte ihn ——- 74 rauh. Aber er war unerſchöpflich in Kreuz⸗ und Querfragen und in Erkundigungen geweſen. Er war ſogleich zu dem Mayor geſtürzt. Sophy war bei einem Manne, deſſen geſetzliches Verfügungsrecht über ſie er nicht anfechten konnte. Aber wohin dieſer Mann ſie bringen mochte— wo er wohnte— was er mit ihr anfangen wollte— darüber beſaß er nicht den mindeſten Fingerzeig. Höchſt wahrſcheinlich(ſo dachte und muthmaßte er) würde man ſie außer Lands bringen, und vielleicht war dieß bereits geſchehen. Aber von dem Frauenzimmer bei Loſely hatte man ihm keine Beſchreibung gemacht; ſeine Ver⸗ muthungen gingen nicht auf Mrs. Crane; das Frauenzimmer war augenſcheinlich feindſelig gegen ihn— ſie hatte übel von ihm ge⸗ ſprochen, nicht Loſely; ihre Zunge hatte Hartopps Seele vergiftet und all die bewundernde Hochachtung, die vorher den großen Schau⸗ ſpieler begrüßt hatte, in Verachtung umgewandelt. Warum war dieſes Frauenzimmer ſeine Feindin? wer mochte ſie ſeyn? was hatte ſie mit Sophy zu ſchaffen? Er gerieth faſt außer ſich vor Schrecken. Um ſie nicht ſowohl aus den Händen Loſely's, ſondern aus den Klauen ſolcher abſcheulicher Weiber zu retten, die Loſely's Vertraute und Ver⸗ aren, hatte Waife ſeiner Zeit Sophy zu ſich genommen. .Crane hatte er niemals eine perſönliche Feindin erblickt— ihm das Kind gutwillig überlaſſen— nach der Art, wie ſie bei ſeinem letzten Zuſammentreffen mit ihr von Loſely geſprochen, konnte er nicht glauben, daß ſie künftig die Intereſſen deſſelben fördern oder ſich bei den Plänen eines Mannes betheiligen würde, über deſſen Treuloſigkeiten ſie ſich ſo bitter beſchwerte; und was Rugge betraf, ſo war er nicht in Gatesboro' erſchienen. Mrs. Crane hatte kluger Weiſe zu bedenken gegeben, daß ſeine Anweſenheit nicht vortheilhaft, ſondern vielmehr unvorſichtig ſeyn würde, und daß man jede Erwähnung ſeiner Perſon oder des mit ihm abgeſchloſſenen Vertrags unterlaſſen müſſe. Somit befand ſich Waife ohne allen zuverläßigen Fingerzeig, ohne alle ſichere Grundlage für ſeine Muthmaßungen, ohne alle Spur von der Verlorenen; Alles was er wußte, war, daß ſie einem Mann 7⁵ gegeben worden, deſſen Abſichten ſich nicht leicht errathen ließen, einem Vagabunden, deſſen Leben noch dunkler und verborgener war als ſein eigenes. Aber wie hatten die Jäger den Platz entdeckt, wo er ſeine Sophy aufbewahrt— wie hatten ſie dieſen ſtillen Ort gewittert? Vielleicht von dem Dorfe aus, wo wir ihn zuerſt geſehen haben. Ach ja, ohne Zweifel hatten ſie durch Mrs. Saunders von dem Hund erfahren, den er gekauft, und der Hund konnte ſie auf ſeinen Pfad geleitet haben. Bei dieſem Gedanken ſtieß er Sir Iſak, der ſeinen Kopf an das Knie des alten Mannes gelegt hatte, zornig weg; der arme Hund ſchlich in kummervoller Ueberraſchung davon und winſelte. „Undankbarer Wicht, der ich bin!“ rief Waife, und öffnete ſeine Arme dem Thier, das verzeihend an ſeine Bruſt ſprang. „Komm, komm, wir wollen nach dem Dorfe in Surrey zurück⸗ gehen. Vorwärts marſch!“ ſagte der Krüppel, indem er ſich raſch aufrichtete. Und in dieſem Augenblick, juſt als er wieder auf ſeinen Füßen ſtand, wurde eine freundliche Hand auf ſeine Schulter gelegt, und eine freundliche Stimme ſagte: „Ich habe Euch gefunden! Der Cryſtall ſagte mir's! Wunderbar!“ „Merle,“ ſtammelte der Vagabund,„Merle, Ihr hier! O viel⸗ leicht kommt Ihr um mir gute Nachricht zu bringen: Ihr habt Sophy geſehen? Ihr wißt wo ſie iſt?“. Der Schuhflicker ſchüttelte den Kopf.„Kann ſie gegenwärtig juſt nicht ſehen. Der Cryſtall ſagte Nichts von ihr; aber ich weiß, ſie wurde Euch weggenommen— und— und— Ihr zittert ſchreck⸗ lich! Lehnt Euch auf mich, Mr. Waife, und ruft dieſes große Thier 1 weg. Es macht meine Kälber ſcheu und ängſtlich. Dank Euch, Sir. Ihr ſehet, ich wurde mit unheilvollen Aſpekten in meinem zwölften Haus geboren, welches großen Thieren und Feinden angehört; und Hunde von dieſer Größe um ſeine Kälber zu haben, das bedeutet Unglück.“ Als Merle nun den Krüppel langſam führte, und Sir Iſaak, der ————————õꝛʒ—-—— 76 ſeinen anfänglichen Verdacht aufgab, betrübt neben ihnen einherging, begann der Schuhflicker eine lange Geſchichte, die mit viel Balaſt von aſtrologiſchen Beleuchtungen und moraliſirenden Erläuterungen be⸗ ſchwert war. Der Kern ſeiner Erzählung lautete in Kurzem wie folgt: Rugge hatte, als er Waife's Spur verfolgte, natürlich bei Merle vorgeſprochen, und zwar in Geſellſchaft von Loſely und Mrs. Crane. Der Schuhflicker hatte keinen Aufſchluß zu ertheilen, würde aber auch im umgekehrten Fall keinen ertheilt haben. Da indeß ſeine Neugierde erregt worden war, ſo hatte er ſeine Neigung die Frager mit mehr Eilfertigkeit als Verbindlichkeit zu entlaſſen niedergekämpft und ſogar ſeine oberflächliche Bekanntſchaft mit Mr. Rugge mit ſo gut geheuchelter Höflichkeit wieder aufgefriſcht, daß dieſer Gentleman, als Loſely und Mrs. Crane auf ihrer Reiſe nach Gatesboro' ihn zu⸗ rückließen, ſich aus Mangel an anderer Geſellſchaft ſo weit herabgab mit Mr. Merle Thee zu trinken, und nachdem auf den Thee ſtärkere Getränke gefolgt waren, eröffnete er ihm förmlich ſein Herz und ver⸗ rieth ihm ſeine Hoffnung Sophy wieder zu bekommen, ſowie ſeinen Ehrgeiz das Yorker Theater zu miethen. Tags darauf entfernte ſich Rugge augenſcheinlich ganz wohlge⸗ muth, und aus einigen Worten, die er fallen ließ, als er an Merle's Bude vorbei nach der Eiſenbahn ging, ſchloß der Schuhflicker, daß Sophy wieder eingefangen und Rugge aufgefordert worden ſei Beſitz von ihr zu ergreifen. Der Schuhflicker, der vom Direktor erfahren hatte, daß Loſely und Mrs. Crane nach Gatesboro' gegangen waren, erinnerte ſich jetzt auf einmal, daß er eine Schweſter dort hatte, die mit einem ganz geringen Gemüſehändler verheirathet war, und die er ſeit vielen Jahren nicht geſehen; da nun überdieß ſeine Geſchäfte flau gingen, ſo beſchloß er dieſer Verwandten einen Beſuch zu machen, mit der wohlwollenden Abſicht nach Waife zu ſehen, den er nach Rugge's Erzählung dort zu finden erwartete, und ihm jede in ſeiner Macht ſtehende Tröſtung oder Unterſtützung anzubieten, im Fall Sophy gegen ſeinen Willen von ihm weggenommen worden wäre. Eine Berathung 77 mit ſeinem Cryſtall, der ihm Mr. Waife ganz allein und ſehr betrübt zeigte, ſo wie mit einem Stundenſchema, welches glücklichen Erfolg ſeiner Reiſe verhieß, entſchied ſeine Bewegungen. Er war Tags zu⸗ vor in Gatesboro' angekommen und hatte eine verworrene Geſchichte von einem Mr. Chapman mit ſeinem Hund und ſeinem Kind gehört, welchen der Mayor Anfangs aufgenommen und der nachher den Mayor auf eine geheimnißvolle Art betrogen habe. Glücklicher Weiſe war das unheimlichere Geſchwatze in der Hauptſtraße nicht bis in das Hintergäßchen gedrungen, wo Merle's Schweſter reſidirte. Dort wußte man beinahe Nichts als die Thatſache, daß dieſer geheimnißvolle Fremde die Weisheit des gelehrten Inſtituts von Gatesboro' und des erleuchteten Mayors getäuſcht habe. Merle, dem es ein Leichtes war Waife mit Chapman zu identifiziren, konnte blos annehmen, es ſey entdeckt worden, daß er ein herumziehender Schauſpieler der Rugge'ſchen Bande ſey, nachdem er ſich für einen weit größeren Mann ausgegeben. In einem ſolchen Vergehen wollte der Schuhflicker noch nichts Abſcheu⸗ liches erblicken. Aber Mr. Chapman war von Gatesboro' wegge⸗ gangen, ohne daß Jemand wußte wohin, und Merle hatte noch nicht ge⸗ wagt ſich an den erſten Beamten der Stadt ſelbſt zu wenden, um nach einem Manne zu fragen, von welchem dieſe erhabene Perſon hinter⸗ gangen worden war.„Wie dem auch ſeyn mag,“ ſchloß Merle,„ich ſtand juſt an meiner Schweſter Thüre, mit ihrem jüngſten Kind auf dem Arme, als ich Euch wie einen Pfeil vorüberſchießen ſah. Bis ich hineinlief, um das Kind abzugeben, welches zahnt und ſchlimme Aſpekten im Geviertſchein hat, waret Ihr fort und außer aller Seh⸗ weite. Ihr ſchluget den einen Weg ein, ich einen andern; aber Ihr ſehet, am Ende treffen wir doch zuſammen, wie gute Menſchen immer thun in dieſer Welt— oder in der andern, was zuletzt auf das Gleiche hinauskommt.“ Waife, der ſeinen Freund ohne andere Unterbrechung als ein ge⸗ legentliches Kopfnicken oder eine Ausfüllungsinterjection angehört hatte, bekam jetzt wieder viel von ſeiner angeborenen ſanguiniſchen Bulwer, was wird er damit machen? II. 6 ————— 78 Heiterkeit. Er erkannte Mrs. Crane in dem beſchriebenen Frauen⸗ zimmer, und wenn er überraſcht war, ſo freute er ſich doch darüber. Denn ſo wenig er dieſe Dame liebte, ſo dachte er doch, Sophy hätte in noch ſchlimmere weibliche Hände gerathen können. Ohne großen Aufwand von Scharfſinn errieth er jetzt wo die Wahrheit lag. Loſely hatte auf irgend eine Weiſe mit Rugge Bekanntſchaft gemacht und Sophy an den Direktor verkauft. Wo Rugge war, mußte auch Sophy ſeyn. Es konnte nicht ſehr ſchwer ſeyn den Platz ausfindig zu machen, wo Rugge jetzt ſpielte; und dann— ha dann! Waife pfiff Sir Iſaak, tätſchelte ihn auf den Kopf und lächelte triumphirend. Mittlerweile hatte ihn der Schuhflicker in die Vorſtadt zurückgeführt, mit der freund⸗ lichen Abſicht ihm für die Nacht in ſeiner Schweſter Haus Nahrung und Bett anzubieten. Aber Waife hatte bereits ſeinen Plan ent⸗ worfen; in London und nur in London allein konnte er mit Beſtimmt⸗ heit erfahren, wo Rugge ſich jetzt aufhielt; in London gab es Plätze, wo dieſer Aufſchluß ſogleich zu erhalten war. Der letzte Zug nach der Hauptſtadt war noch nicht abgefahren. Er wollte ſich um die Stadt herum nach dem Bahnhof ſchleichen; er und Sir Iſaak konnten um dieſe Stunde ganz unbemerkt Plätze erhalten. Als Merle ſah, daß es vergebens war ihm das Uebernachten an⸗ zupreiſen, begleitete der gutherzige Schuhflicker ihn auf den Bahnhof, und während Waife ſich in eine dunkle Ecke duckte, kaufte er die Billete für den Hund und den Herrn. Im Augenblick, wo er ſie bezahlte, hörte er zwei Bürger von Mr. Chapman ſprechen. Es war in der That Mr. Williams, der einem Mitbürger, welcher ſo eben nach ein⸗ wöchiger Abweſenheit nach Gatesboro“ zurückgekehrt war, erzählte, wie und von was für einem Burſchen Mr. Hartopp betrogen worden ſey. Bei dem was Williams ſagte, erblaßten die Wangen des Schuh⸗ flickers. Als er zu dem Schauſpieler zurückkam, war ſein Benehmen ſehr verändert; er übergab ihm die Billete ohne ein Wort zu ſprechen, ſchaute aber Waife feſt ins Geſicht, als dieſer ihm das Fahrgeld zurückbe⸗ zahlte.„Nein,“ ſagte der Schuhflicker plötzlich,„ich glaube es nicht“. EEx „Was glauben?“ fragte Waife erſchrocken. „Daß Ihr ein—“. Der Schuhflicker pauſirte, beugte ſich vorwärts und flüſterte den Reſt des Satzes dem Vagabunden ins Ohr. Waife ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen, gab aber keine Antwort. 6 „Sprecht,“ rief Merle;„ſagt, es ſey eine Lüge“. Des armen Krüppels Lippe verzog ſich, aber er ſprach beharrlich nicht. Merle ſah dieſes hartnäckige Stillſchweigen mit Schrecken. End⸗ lich, aber ſehr langſam, als die Glocke zum Einſteigen aufforderte, fand Waife ſeine Stimme wieder.„Alſo auch Ihr, auch Ihr ver⸗ 4 laſſet und verachtet mich! Gottes Wille geſchehe!“ Er hinkte muth⸗ los hinweg und verbarg ſein Geſicht ſo gut er konnte. Ein Bahn⸗ 4 wärter nahm ihm den Hund weg, um ihn in einen der Ställe zu werfen, die für ſolche vierfüßige Paſſagiere beſtimmt ſind. Waife, der ſomit von ſeinem letzten Freund— ich meine den Hund— getrennt war, ſchaute Sir Iſaak gedankenſchwer nach und kroch in einen Wagen dritter Claſſe, wo glücklicher Weiſe Niemand ſonſt ſaß. Plötzlich ſprang Merle herein, ergriff ſeine Hand und drückte ſie feſt.„Ich verachte Euch nicht, ich kehre Euch nicht den Rücken. Wenn Ihr und die Kleine je einer Heimath und eines Freundes bedürfet, ſo kommt zu Kit Merle wie zuvor, und ich will mir lieber die Zunge abbeißen, als daß ich Euch wieder ausfrage; ich werde ſtatt deſſen die Sterne befragen.“ Der Schuhflicker hatte juſt Zeit dieſe tröſtenden Worte heraus⸗ zuhaſpeln und wieder aus dem Wagen zu ſteigen, als der Zug ſich in Bewegung ſetzte und das lebensvolle eiſerne Wunder, rauchend, ziſchend und kreiſchend, ſeine buntgemiſchte Zufuhr von menſchlichen Weſen nach London trug, jedes Paſſagierherz ein Geheimniß vor dem andern, Alle auf demſelben Weg begriffen, Alle in demſelben wirbeln⸗ den Mechanismus feſt eingekeilt: welch eine beſondere und verſchie⸗ dene Welt in Jedem! So iſt die Civiliſation! Wie gleichen wir 6* einander in der Maſſe! wie ſonderbar unähnlich ſind wir nicht in concreto! Viertes Kapitel. „Wenn, ſagt ein großer Denker(Degerando du perfectionnement moral IX. Kapitel. Ueber die Schwierigkeiten, auf die wir beim Selbſtſtudium ſtoßen), wenn man ſeine Betrachtung allzuſehr auf ſich ſelbſt concentrirt, ſo ſieht man zuletzt Nichts mehr oder blos das, was man wünſcht. Gerade durch den Akt ſich ſelbſt feſtzuhalten, entwiſcht und verſchwindet die Perſon, die wir ergriffen zu haben glauben. Auch iſt es nicht blos die Zuſammen⸗ geſetztheit unſeres innern Weſens, was unſerer Prüfung im Wege ſteht, ſondern ſeine übermäßige Veränderlichkeit. Der Blick des Forſchers ſollte alle Seiten des Gegenſtands umfaſſen und beharrlich alle ſeine Er⸗ ſcheinungsweiſen verfolgen. 1 Es iſt die Wettrennwoche in Humberſton, einer Bezirkshauptſtadt fern von Gatesboro' und im Norden Englands. Die Wettrennen währen drei Tage; der erſte Tag iſt vorüber; es iſt ein glänzendes Schauſpiel geweſen; der Rennplatz gedrängt voll von den Equipagen der Provinzmagnaten nebſt angeſehenen Wettern, die hoch zu Roß aus der Hauptſtadt kamen; Spieler in großer Auswahl; es waren Spiel⸗ buden auf dem Platz aufgeſchlagen und Zigeunerinnen ſagten wahr; viel Champagner wurde von den Vornehmen geſchlürft, viel Soda⸗ waſſer und Brandy von dem gemeinen Volk. Tauſende und zehn Tauſende ſind verloren und gewonnen worden; einige Arme haben ſich für den Augenblick bereichert; einige reiche Leute ſind für ihre Lebens⸗ zeit arm geworden. Pferde haben Ruf gewonnen, Einige von ihren Beſitzern haben die Achtung verloren. Getöſe und Aufruhr, plumpe Flüche und rohe Leidenſchaften— Alles hat ſeine Stunde gehabt. Die Liebhaber aus den höheren Claſſen haben ſich in prächtige Land⸗ häuſer zurückgezogen als höfliche Wirthe oder als begünſtigte Gäſte. Die handwerksmäßigen Spekulanten niederen Grades haben ſich wieder nach der Kreishauptſtadt ergoſſen, und Gaſthöfe und Kneipen 2 ———— ſind gedrängt voll. Getränke wird ungeſtüm an dampfenden Schenk⸗ tiſchen verlangt; Kellner und Zimmermädchen rennen hin und her mit Platten, Trinkkannen und Flaſchen in ihren Händen. Nichts als Geräuſch und Getöſe, ein Eſſen und Poculiren, ein Disputiren im Kauderwelſch des Rennplatzes, wilde Heiterkeit und noch wildere Ver⸗ zweiflung unter Denjenigen, die nach den Gaſthöfen der Stadt zurück⸗ gekommen ſind. In einer dieſer Kneipen, weder der beſten noch der ſchlechteſten, und in einem kleinen ſchmalen Stück von einem Zimmer, das vom Landungsplatz hinweggeſtohlen zu ſeyn ſchien, ſaß Mrs. Crane in ihrem eiſengrauen Seidenkleid. Sie ſaß dicht am offenen Fenſter, als Equipagen, Chaiſen, Geſchwindkutſchen, Karren, kurz Fuhrwerke von allen Arten und Namen und Reiter dicht aufeinander folgten, und beobachtete die Scene mit ſaurem, verachtungsvollem Blicke. Für menſchliche Freude wie für menſchlichen Kummer hatte ſie wenig Mitgefühl. Das Leben hatte keine ſaturnaliſche Feſttage mehr für ſie. Gewiſſe Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit hatten die Quellen ihres geſelligen Weſens vergiftet. Hoffnungen und Gegenſtände hatte ſie noch immer, aber aus den Trümmern der natür⸗ lichen und geſunden Exiſtenz der Weiblichkeit ſtanden dieſe Gegen⸗ ſtände und Hoffnungen übertrieben und ſtark hervor, wie die herrſchen⸗ den Leidenſchaften in der Monomanie. Ein böſes Weib gilt allgemein für ſchlimmer als ein ruchloſer Mann. Dieß kommt theils daher, weil die Weiber mehr in der Einſamkeit leben und unaufhörlich über guten oder ſchlimmen Lieblingsideen brüten; theils auch aus dem⸗ ſelben Grund, der einen laſterhaften Gentleman, welcher Kaſte und guten Namen verloren hat, unverbeſſerlicher macht als einen laſter⸗ haften Bauern von niederer Geburt und geringer Erziehung, nämlich weil mit dem Verluſt des Schamgefühls der Fortſchritt in der Lieder⸗ lichkeit Hand in Hand geht; aber hauptſächlich vielleicht weil in der äuße ſen Laſterhaftigkeit nothwendig eine Verrenkung der Denkkraft liegt, und weil bei dem von der Wiege an mehr ans Denken als ans Fühlen gewöhnten Manne dieſe Kraft ſtärker gegen plötzliche Ver⸗ —.————— —— 88öſ 3— —— 82 drehungen und Verletzungen aushält als beim Weibe; wo die Tugend ihn verlaſſen haben mag, kann die Logik noch verweilen, und er kann es vermeiden das Böſe bis auf einen Punkt zu treiben, wo es ſeinem Verſtande klar iſt, daß der Vortheil verſchwindet und die Strafe zu⸗ rückbleibt, während das dem Böſen einmal verfallene Weib in der bloſen Aufregung deſſelben genügenden Reiz findet und ohne Rückſicht auf die Folgen, wo der Mann fragt: Kann ich? wüthet: Ich will! So kann der Mann durch Gierde, Citelkeit, Liebe, Eiferſucht, Furcht, Ehrgeiz zum Verbrecher werden, aber er wird es im civiliſirten, d. h. denkenden Leben ſelten durch Haß und Rache werden, denn der Haß iſt eine unvortheilhafte Kapitalanlage und die Rache eine ruinirende Spekulation. Aber wenn Weiber gänzlich verdorben und verhärtet ſind, ſo werden ſie neun Mal unter zehn durch Haß oder Rache ſo weit gebracht. Arabella Crane hatte inzwiſchen dieſes letzte Stadium der Schlechtigkeit, die im Boſen beharrlich und für Gewiſſensbiſſe hart⸗ ſchlägig iſt, noch nicht erreicht; ſie war noch nicht geſchlechtslos. In ihrer Natur war noch immer jenes wechſelnde und veränderliche Weſen, welches das Weib auszeichnet, ſo lang noch Weiblichkeit in ihr iſt. Und jetzt, als ſie da ſaß und auf das Gedränge hinabſchaute, ſchauderte ihr wilder Geiſt vielleicht vor dem bewußten Schatten des böſen Prinzips zurück, das, wenn es als Verbündeter angerufen wird, als Zerſtörer zurückbleibt. Ihre düſtere Stirne glättete ſich ein wenig; ſie bewegte ſich unbehaglich auf ihrem Sitze.„Muß es immer ſo ſeyn!“ murmelte ſie—„immer dieſe Hölle hier! Selbſt jetzt, wo ich den Zerſtörer, die Erde, mich ſelbſt in einer großen Verzeihung zu⸗ ſammenfaſſen und wieder menſchlich ſeyn könnte, menſchlich wie dieſe gedankenloſen Lungerer oder plumpen Krakeeler, die da vorbeiziehen! O um etwas Gemeinſames mit dem gemeinſchaftlichen Leben!“ Ihre Lippen ſchloßen ſich und ihre Augen fſielen wieder auf die vollgedrängte Straße. In dieſem Augenblick verſperrten drei oder vier ſchwere Wägen mit Handwerkern oder Bauern und ihren Weibern, die vom Rennplatz zurückkamen, den Weg; zwei Vorreiter mit Atlas⸗ 88 jacken beſchwerten ſich darüber, knallten mit ihren Peitſchen und ſuchten für einen offenen Wagen mit vier ungeduldigen Vollblutroſſen Platz zu machen. Nach dieſem Wagen richteten alle Zuſchauer aus den Fenſtern begierige Blicke, jeder Fußgänger auf dem Trottoir lüpfte ſeinen Hut; offenbar ſaß irgend eine vornehme Perſon darin. Gleich Allen, die mit der Welt, wie ſie iſt, im Kriege liegen, verabſcheute Arabella Crane die Großen und verachtete die Kleinen wegen ihrer Verehrung für die Großen. Aber gleichwohl folgten ihre eigenen trotzigen, düſtern Augen mechaniſch denen des großen Haufens. Der Wagen trug eine Marquiskrone an ſeinen Schlägen und war mit Ladies angefüllt; zwei andere Wägen mit ähnlichen Kronen und augenſcheinlich derſelben Geſellſchaft angehörend, kamen hintennach. Mrs. Crane fuhr zuſammen. Im erſten Wagen, der ſich jetzt un⸗ mittelbar unter ihren Fenſtern langſam bewegte und länger als eine Minute ſtehen blieb, bis die den Weg verſperrenden Fuhrwerke in Ordnung gebracht waren, blitzte ihren Augen ein Geſicht entgegen, das vom glorreichſten Glanz weiblicher Schönheit ſtrahlte. Im Ge⸗ dränge befand ſich in dieſem Augenblick ein blinder Mann, der die verſchiedenen Mißklänge der Straße mit einer erbärmlichen Dreh⸗ klimper vermehrte. Bei der Bewegung der Menge, um zum Anblick der im Wagen ſitzenden Ladies zu gelangen, wurde dieſer arme Menſch vorwärts geſtoßen; der Hund, der ihn führte, ein garſtiges Thier, be⸗ kam um ſeiner ſelbſt oder um ſeines Herrn willen Angſt, riß von der Schnur los und rannte knurrend unter die Hufe der Pferde. Die Pferde wurden ſtätiſch, der blinde Mann ſiel hinter ſeinem Hund zu Boden und wurde beinahe zertreten. Die Lady im erſten Wagen, die für ſeine Sicherheit fürchtete, erhob ſich von ihrem Sitz und befahl ihren Vorreitern abzuſteigen, den armen blinden Mann wegzuführen und ihm ſeinen Hund zurückzugeben. Während ſie dieſe Befehle er⸗ theilte, ſtrahlte ihr Geſicht in vollem Glanz in Arabella's Augen, und mit dieſem Geſicht rauſchte eine Fluth von Jugenderinnerungen auf ſie ein. Es war lang, ſehr lang, ſeit ſie dieſes Geſicht geſehen 84 hatte, geſehen in jenen Jahren wo ſie ſelbſt, Arabella Crane, jung und hübſch geweſen. Als der arme Mann, welcher die Gefahr, der er entronnen, nicht zu bemerken ſchien, einmal gerettet war, nahm die Lady ihren Sitz wieder ein; und jetzt, als die angenblickliche Aufregung menſchlicher Furcht und weiblichen Mitleids von ihrem Geſichte verſchwand, änderte ſich der Ausdruck deſſelben; es nahm die Ruhe, beinahe die Kälte einer griechiſchen Statue an. Aber neben der Ruhe befand ſich eine gleichgültige Melancholie, welche die griechiſche Skulptur dem pariſchen Steine niemals gibt. Der Stein vermag dieſe Schwermuth nicht darzuſtellen; ſie iſt der Schatten, der zu ſeinem Weſen eines lebendigen, ſterblichen Herzens bedarf. Die Peitſchen knallten, die Pferde ſprangen, die Equipage rollte, gefolgt von ihren Trabanten, raſch die Straße hinab.„Wahrlich,“ ſagte eine Stimme auf der Straße unten,„ich habe Lady Montfort niemals in ſolcher Schoͤnheit geſehen. Ah, hier kommt Mylord.“ Mrs. Crane hörte und ſchaute wieder hinab. Ein Dutzend oder mehr Gentlemen ritten langſam die Straße herauf; wer von ihnen war Lord Montfort?— Dieß war nicht ſchwer zu erkennen. Als die Umſtehenden vor der Cavalcade ihre Hüte lüpften, erwiederten die Reiter den Gruß gewöhnlich mit einer einfachen Berührung ihres Huts— ein einziger nahm den ſeinen ganz ab. Dieſer Einzige muß der Marquis ſeyn, der größte Mann in dieſen Gegenden, mit Län⸗ dereien, die ſich meilenweit auf beiden Seiten der Stadt erſtrecken, einem Gebiet, das in feudalen Zeiten einen König beunruhigt hätte. Er, der höflichſte, muß der größte ſeyn. Ein noch junger Mann, ent⸗ ſchieden hübſch, wundervoll elegant, wundervoll beritten, das ſorgloſe Behagen hohen Ranges in Miene und Geberde. Für den oberfläch⸗ lichen Blick juſt was der große Lord von Montfort ſeyn ſollte. Schaut noch einmal! Liegt in dieſem ſchönen Geſicht nicht Etwas was Euch an eine blühende Periode gemahnt, mit der eine gewiſſe Seichtigkeit 5—* 4.. —— eeeee——— verbunden iſt? Liegt nicht in ſeiner Hübſchheit ſelbſt Etwas, was eine ſchwache Natur und einen unfruchtbaren Geiſt verräth? Die Cavalcade verſchwand aus den Blicken— die Wägen aller Art nahmen die Durchfahrt wieder ein. Arabella Crane verließ das Fenſter und näherte ſich dem kleinen Spiegel über dem Kaminſims. Sie blickte bitter ihr eigenes Geſicht an— ſie verglich es mit den blendenden Zügen der Marquiſe. Die Thüre wurde aufgeworfen, und Jaſper Loſely ſchlenderte herein, eine franzöſiſche Melodie pfeifend und mit ſeinen bockledernen Handſchuhen den Staub von ſeinen Stiefeln klopfend. „Gut ſtehts,“ ſagte er heiter.„Ein famöſer Tag heute!“ „Ihr habt gewonnen?“ verſetzte Mrs. Crane in einem mehr ärgerlichen als beglückwünſchenden Ton. „Ja. Die hundert Pfund von Rugge haben meinen Grundſtock gebildet. Es fehlte mir blos an einem tüchtigen Betriebskapital.“ Er warf ſich in einen Stuhl, öffnete ſeine Brieftaſche und ſtudirte ihren Inhalt.„Rathet einmal,“ ſagte er plötzlich, mit weſſen Pferden ich dieſe zwei rouleaux gewonnen habe? Mit Lord Montforts! Ja wohl und ich ſah auch Milady.“ „Auch ich habe ſie von dieſem Fenſter aus geſehen. Sie ſah nicht glücklich aus.“ „Nicht glücklich!— mit einer ſolchen Equipage! Das nied⸗ lichſte Fuhrwerk, das meine Augen je geſchaut! Nicht glücklich, was fällt Euch ein? Ich hatte halb im Sinn an ihren Wagen zu reiten und einen Anſpruch auf ihre Dankbarkeit geltend zu machen.“ „Dankbarkeit! O für Euern Antheil an dem erbärmlichen Handel, von dem Ihr mir erzählt habt?“ „Für ſie war es kein erbärmlicher Handel, aber ich habe aller⸗ dings keinen Nutzen davon gehabt. Viel Mühe umſonſt! Baſta. Das Zurückblicken hilft Nichts mehr.“ „Allerdings nicht; aber wer kann da helfen?“ ſagte Arabella Crane mit einem ſchweren Seufzer; dann fügte ſie, als wollte ſie ——————ÿÿ, durchaus ein anderes Thema aufs Tapet bringen, plötzlich hinzu: „Mr. Rugge war dieſen Morgen zweimal hier, und zwar in großer Aufregung— das Kind will nicht ſpielen. Er ſagt, Ihr ſeyet ver⸗ pflichtet ſie dazu zu zwingen.“ „Unſinn. Das geht ihn allein an. Ich werde wohl nach Kindern ſehen!“— Mrs. Crane(mit ſichtlicher Ueberwindung).—„Hört mich an, Jaſper Loſely. Ich habe keinen Grund dieſes Kind zu lieben, das könnt Ihr Euch wohl denken. Aber jetzt, wo Ihr ſie auf ſolche Art im Stich laſſet, wird mein Mitleid rege, und als ich dieſen Morgen meine Hand erhob, um ſie wegen ihrer Starrköpfigkeit zu ſchlagen, und als ich ihre feſten Augen und ihr blaſſes, ſehr blaſſes aber furcht⸗ loſes Geſicht ſah, da fiel mein Arm kraftlos an meiner Seite hinab. Sie wird es ohne den alten Mann nicht lange aushalten. Sie wird abzehren und ſterben.“ Loſely.—„Ihr langweilt mich. Sagt Ihr das im Ernſt? Was kann ich thun?“ Mrs. Crane.—„Ihr habt Geld gewonnen, ſagt Ihr; hebt den Vertrag wieder auf; zahlt Rugge ſeine hundert Pfund zurück. Er hat einen ſchlechten Kauf gemacht; er wird das Geld nehmen.“ Loſely.—„Das glaube ich wohl. Nein— ich habe allerdings heute gewonnen, aber ich kann morgen verlieren, und überdieß bedarf ich ſo mancher Dinge; wenn man ein Bißchen Geld in die Hand be⸗ kommt, ſo hat man ſogleich ein dringendes Bedürfniß nach mehr, ha ha! Gleichwohl würde ich nicht wünſchen, daß das Kind ſtärbe; ſie mag heranwachſen und nützlich werden. Hört was ich thun will; wenn ich nach dem Wettrennen finde, daß ich genug gewonnen habe, um dieſe Ausgabe machen zu können, ſo will ich darauf bedacht feyn ſie zurückzukaufen. Aber hundert Pfund iſt zu viel. Rugge ſollte ſich mit der Hälfte oder einem Viertel begnügen, denn wenn ſie nicht ſpielt, ſo wird ſie vermuthlich doch eſſen.“ So abſcheulich dieſe Worte waren, ſo ſagte er ſie doch mit einem ——ÿ—ÿ—ᷣ————— ——E— 87 Lachen, das ſie weniger empörend zu machen ſchien— dem Lachen eines ſehr hübſchen Mundes, der noch immer glänzend weiße Zähne zeigte. Er war heute einnehmender als gewöhnlich, denn er befand ſich bei ſehr gutem Humor, und es war ſchwer zu begreifen, daß ein Mann von ſo geſundem und ſchönem Aeußern ein ſo grundverdorbenes. Herz haben ſollte. „Euer Lachen, als Ihr jung waret!“ ſagte Arabella Crane bei⸗ nahe zärtlich.„Ich weiß nicht wie es kommt, aber heute iſt es mir zu Muth als wäre ich weniger alt, obſchon mein Geſicht und mein Gemüth ſich ſehr verändert haben. Ich habe mir erlaubt dieſes Kind zu bemitleiden; in dieſem Augenblick kann ich auch Euch bemitleiden. Ja bemitleiden— wenn ich daran denke, was Ihr waret. Mußte es dahin mit Euch kommen? Jaſper Loſely,“ fuhr ſie ſcharf, eifrig, ihre Hände zuſammendrückend fort—„hört mich an— ich habe ein Ein⸗ 4 kommen, das zwar nicht groß aber doch ſicher iſt; Ihr habt Nichts als 4 was Ihr, wie Ihr ſelbſt ſagt, morgen wieder verlieren könnt; theilet mein Einkommen! erfüllet Eure feierlichen Verſprechungen— hei⸗ rathet mich. Ich will vergeſſen, weſſen Tochter dieſes Mädchen iſt— ich will ihr eine Mutter ſeyn. Und was Euch ſelbſt betrifft, ſo gebt 4 mir das Recht wieder ſo für Euch zu fühlen, wie ich einſt fühlte, dann kann ich für Euch leicht ein Mittel finden Euch zu heben, und zwar 4 hyöher als Ihr Euch ſelbſt heben könnt. Ich habe einigen Witz, Jaſper, wie Ihr wißt. Im ſchlimmſten Fall werdet Ihr den Zeit⸗ vertreib haben, und ich die Mühſal. In Eurer Krankheit werde ich — — Euch verpflegen; zu Euren Freuden werde ich mich nicht zudrängen. Wen könnt Ihr ſonſt heirathen? Wem könntet Ihr ſonſt vertrauen? Wer ſonſt könnte—“ Sie hielt plötzlich inne, als hätte eine Natter ſie geſtochen, und ſtieß einen Schrei der Wuth, des Schmerzes aus; denn Jaſper Loſely, der ihr bisher mit ſtummem Erſtaunen zugehört hatte, ſchlug jetzt ein Gelächter auf, worin eine ſolch unverſtellte Verachtung, ein ſolcher 4 Genuß an der Poſſierlichkeit des ihm gemachten Heirathsantrages ſich * kundthat, daß die Beſchimpfung dem Weib bis in die innerſte Seele drang. 4 Jaſper ließ ſich durch ihren qualvollen Jornesſchrei in ſeinem Lachen nicht ſtoren, ſondern ſtand auf, hielt ſich die Seiten und be⸗ trachtete ſich im Spiegel mit Gefühlen ganz anderer Art als die⸗ jenigen geweſen, welche die Selbſtbeſpiegelung ſeiner Gefährtin einige Minuten vorher ſo traurig gemacht hatten. „Meine liebe gute Freundin,“ ſagte er, indem er ſich endlich faßte und ſeine Augen wiſchte,„entſchuldigt mich, aber wahrhaftig, als Ihr ſagtet, wen ich ſonſt heirathen könnte— ha ha!— ſo ſchien mir das ein ſolcher Kapitalſpaß zu ſeyn! Euch heirathen, meine ſchöne Crane! Nein— ſchlagt Euch dieſe Idee aus dem Kopf— wir kennen einander zu gut für eheliches Glück. Ihr liebt mich jetzt; Ihr habt mich immer geliebt und werdet mich immer lieben— das heißt ſo lange wir nicht an einander gebunden ſind. Weiber, die mich einmal lieben, lieben mich immer— ſie können ſich nicht helfen. Ich weiß allerdings ſelbſt nicht warum, außer daß ich, wie ſie ſagen, ein famöſer Schlingel bin. Ha! es ſchlägt ſieben Uhr— ich dinire mit einer Bande von Geſellen, die ich auf dem Rennplatz aufgeleſen habe; ſie kennen mich nicht und ich kenne ſie nicht; nach der dritten Flaſche werden wir beſſer bekannt werden. Seyd doch munter, Crane; gehet hin und ſcheltet Sophy aus, und veranlaßt ſie, wenn Ihr könnt, zum Spielen; wo nicht, ſo zanket Euch mit Rugge herum, bis er ſie in Ruhe läßt. Mit irgend Jemand müßt Ihr zanken— dieß iſt ein herrliches Mittel, um andere Lente in Ruhe zu halten und ſich ſelbſt zu beſchäftigen. Adieu! und bitte, keine ehelichen Vorſtellungen mehr— ſie erſchrecken mich! Zum Henker,“ fügte Loſely hinzu, indem er die Thüre zuſchlug,„ſolche Anträge würden dem Teufel ſelbſt Angſt machen.“ Hoͤrte Arabella Crane dieſe letzten Worte— oder hatte ſie nicht genügend gehört? Hätte Loſely ſich umgedreht und ihr Geſt icht er⸗ blickt, würde das ſeinem trivialen Lachen mit Schrecken ein Ende ge⸗ macht haben? Moͤglich; aber es hätte ihm blos ein augenblickliches 8 Braue über ihn er ben, ſo würde Jaſper Loſely gedacht haben, er brauche ſie blos freundlich anzuſehen und koſend„meine liebe Alecto“ zu ſagen, ſo werde die Furie ihre Friſur verpfänden, um ſeine Waſch⸗ rechnung zu bezahlen. Am Ende lag im Geſicht des grimmigen Weibes, das er ſo muthwillig beleidigt hatte, nicht ſowohl Drohung als Entſchloſſenheit. Und dieſe Entſchloſſenheit zeigte ſich noch mehr in der Bewegung der Hände als im Ausdruck des Geſichtes; dieſe Hände— dünne, feſte, nervige Hände— öͤffneten ſich langſam; dann ballten ſie ſich eben ſo langſam, wie wenn ihr eigener Gedanke Fleiſch und Blut angenommen hätte und ſie ihn feſt, feſt in ihrer Fauſt verſchließen wollte, um ihn nie wieder loszugeben, bis der Puls fülnhände — Fünftes Kapitel. Die Unterwürfigſten, wo ſie lieben, können die Halsſtarrigſten ſeyn, wo ſie nicht lieben.— Sophy erweist ſich halsſtarrig gegen Mr. Rugge.— Dieſer dadurch in Schaden verſetzte Mann ruft Mrs. Crane um Hülfe an, indem er die Politik derjenigen Potentaten nachahmt, welche die ſchwachen Partien ihrer Gewalt durch diplomatiſche Erfolge gut zu ma⸗ chen ſuchen. Mr. Rugge hatte ſeinen Zweck erreicht. Aber jetzt kommt die Frage: Was wird er damit machen? eine Frage, die ſo vielköpfig iſt wie die Hydra, denn kaum hat ein Autor über den einen Kopf verfügt, ſo ſpringt ein anderer hervor. Sophy iſt gekauft und der Kaufpreis für ſie iſt bezahlt worden — ſie iſt jetzt rechtlich Mr. Rugges Eigenthum. Aber es gab einmal einen weiſen Peer, der einen Hanswurſt kaufte— Hanswurſt wurde ſein Eigenthum und im Triumph nach Seiner Herrlichkeit Haus ge⸗ bracht. Zu Mylords großem Aerger wollte Hanswurſt nicht ſchwatzen. Zu Rugges großem Aerger wollte Sophy nicht ſpielen. ͤ%‧ſ‧ 90 Jaſper Loſely und Mrs. Crane gatten, nach 1 überliefert worden, ſie unverzüglich von Gatesboro' und ſeiner Um⸗ gegend fortgeſchafft. Sie gingen jedoch nicht in das Dorf zurück, wo ſte Rugge gelaſſen, ſondern begaben ſich unmittelbar wieder nach London und ſchrieben dem Direktor, er ſolle dort mit ihnen zuſammentreffen. Sophy ſchien, als ſie ſich einmal gefangen ſah, gänzlich betäubt; ſie machte ihrem Schmerz nicht durch laute Klagen Luft, ſie leiſtete keinen gewaltſamen Widerſtand. Als man ihr ſagte, ſie habe in Jaſper Loſely einen Vater zu lieben und zu verehren, hob ſie ihre Augen zu ſeinem Geſicht— dann aber blickte ſie weg und ſchüttelte ſtumm und ungläubig den Kopf. Dieſer Mann ihr Vater! Sie glaubte es nicht. In der That gab ſich Jaſper keine Mühe ſie von der Verwandt⸗ ſchaft zu überzeugen oder ihre Neigung zu gewinnen. Er war nicht unfreundlich rauh, aber er ſchien gänzlich gleichgültig zu ſeyn, und vermuthlich war er es auch. Denn das vorherrſchende Laſter des Mannes war ſein Egoismus. Nicht ſowohl daß er ſchlechte Grund⸗ ſätze und Geſinnungen gehabt hätte, nein er hatte vielmehr gar keine Grundſätze und Geſinnungen, außer ſolche, die in dem Centraliſations⸗ ſyſtem, welches nicht blos in einem Staat, ſondern auch in einem In⸗ dividuum alle geſunde Thätigkeit lähmt, begannen, fortwährten und endeten. Selbſtbefriedigung war bei ihm oberſte Regel. Es fehlte ihm nicht an einem Talent feiner Berechnung und an großer Ver⸗ ſchlagenheit. Er konnte einen Plan, der in ferner Zukunft Gewinn verhieß, entwerfen und zur Verwirklichung deſſelben ſpitzfindige An⸗ ſchläge zuſammenbrauen, die mit großer Schlauheit überwacht wurden. Aber er war nicht im Stande den Erfolg derſelben durch fortgeſetzte Aufopferung der Laune oder Indolenz von ein paar Stündchen ſicher zu ſtellen. Wäre es für ihn ein großer Lebenszweck geweſen Sophys kindliche Neigung zu gewinnen, ſo würde er ſich doch nicht fuͤnf Mi⸗ nuten täglich gequält haben, um dieſen Zweck zu erreichen. Ueberdieß beſaß er juſt die nöthige Scham, um ſich beim Anblick des Kindes, 6 das er mit gutem Vorbedacht verkauft hatte, unbehaglich zu fühlen. 91 Nachdem er ſie daher unter das Kinn getätſchelt und ermahnt hatte ein gutes Mädchen und Mrs. Crane für Alles dankbar zu ſeyn, was ſie für ſie gethan habe und noch zu thun gedenke, übergab er ſie bei⸗ nahe ausſchließlich der Obhut dieſer Lady. Als Rugge ankam und Sophy von der ihr zugedachten Beſtim⸗ mung unterrichtet wurde, da brach ſie ihr Schweigen— ihre Farbe ſchwand und kam ſchnell— ſie erklärte, die Arme über ihre Bruſt zu⸗ ſammenlegend, daß ſie nie ſpielen werde, ſo lange ſie von ihrem Groß⸗ vater getrennt ſey. Mrs. Crane, auf welche ihr Benehmen Eindruck machte, gab Rugge zu verſtehen, daß er jetzt, nachdem ſie ihm rechtlich überantwortet ſey, am beſten thun würde ihrem Wunſch zu willfahren und Waife wieder zu engagiren. Wie auch immer das Mährchen lauten mochte, wodurch ſie, um Sophy von dem Mayor zu erhalten, dieſen würdigen Beamten gegen den Schauſpieler eingenommen, ſo hatte ſie doch Mr. Rugge durch keine ähnlichen vertrauten Mitthei⸗ lungen erfreut. Zu ihm ſagte ſie Nichts, was ihn abhalten konnte, ſeine Verbindungen mit Waife, im Fall dieſer Luſt hatte, zu erneuern. Aber Rugge glaubte nicht an die Feſtigkeit eines Kindes und hatte einen ſchweren Groll auf Waife; deßhalb lehnte er die Aufforderung hartnäckig ab. Als unerläßliche Bedingung für die Gültigkeit des Handels ſtellte er jedoch feſt, daß Mr. Loſely und Mrs. Crane ihn nach der Stadt, wohin er ſeine Truppe verlegt hatte, begleiten ſollten, theils um durch ihre Anweſenheit ſeine rechtliche Gewalt über Sophy zu beſtätigen, theils um ſeine Anſprüche an ſie zu ſanctioniren, im Fall Waife wieder erſcheinen und dieſelben ſtreitig machen ſollte. Denn da Rugges Gewerbe kaum legitimirt und entſchieden zweideutig war, ſo konnte ſein Recht, ein Mädchen zu demſelben Beruf heranzu⸗ ziehen, möͤglicher Weiſe vor einem Beamten in Frage geſtellt, und die Vorzeigung ihres Vaters nöthig werden, um dem ſpeziellen Vertrag Geltung zu erſchaffen. Dagegen erbot ſich der Direktor freundlich gegen Mr. Loſely und Mrs. Crane ihnen die Reiſekoſten zu vergüten — eine Freigebigkeit, die von Mrs. Crane für ihre Perſon hochmüthig —— — =————4 3 zurückgewieſen wurde, obſchon ſie ſich darauf einließ auf ihre eigene Koſten Loſely zu begleiten, im Fall er ſich dazu verſtände der Bitte des Direktors zu entſprechen. Loſely erhob zuerſt Einwendungen; als er aber hörte, daß in der Nähe ein Wettrennen ſtattfinden ſolle, und da er eine beſondere Leidenſchaft für das Wetten und alle Arten von Spiel, wie auch den glühenden Wunſch hatte ſich ſeiner hundert Pfund auf eine ſo faſhionable Art zu erfreuen, ſo ließ er ſich dazu beſtimmen ſeine Ruckkehr nach dem Feſtland aufzuſchieben und Arabella Crane nach dem provinzialen Elis zu begleiten. Rugge führte Sophy ihren Mitwaiſen zu. Und Sophy wollte nicht ſpielen! Vergebens wurde ſie ge⸗ liebkost— vergebens drohte man ihr— vergebens entzog man ihr alle Speiſen— vergebens ſperrte man ſie in eine dunkle Kammer— vergebens wurde die Ruthe über ſie gehalten. So tyranniſch Rugge war, ſo ließ er doch die Ruthe nicht fallen. Seine Selbſtbeherrſchung hierin mochte Menſchlichkeit ſeyn, vielleicht aber war ſie auch nur Furcht vor den Folgen. Denn Sophys Geſundheitszuſtand begann ihn zu beunruhigen— ſie konnte ſterben— dann wurde möglicher Weiſe eine Unterſuchung eingeleitet. Er wünſchte jetzt, daß er Mrs. Cranes Rath befolgt und Waife wieder engagirt hätte. Aber wo war Waife? Mittlerweile hatte er das junge Phänomen angekündigt, Maueranſchläge mit dem Namen Juliet Araminta gemacht, das Stück von dem hartherzigen Baron mit einer neuen Felſenſcene einſtudiren laſſen. Da Waife in dieſem Drama nichts zu ſprechen hatte, ſo konnte jeder Andere ſeine Rolle ſpielen. Die erſte Vorſtellung war auf dieſen Abend angekündigt— ein ungeheurer Zulauf ſtand in Ausſicht— die beſten Sitze waren ſchon vorausbeſtellt— es war der erſte Abend der Wettrennwoche. Es hatte ſieben geſchlagen— die Vorſtellung begann um ach Uhr. Und Sophy wollte nicht ſpielen! Das Kind ſaß in einem Raum, welcher als Gardersheſinmner diente, hinter den Couliſſen. Die ganze Geſellſchaft war zuſammen⸗ 93 gekommen, um Sophy auf dem Wege gütlicher Ueberredung oder durch Anregung ihres Schamgefühls von ihrem Starrſinn abzubringen. Der Lieutenant, die verführeriſche Perſon der Truppe, lag wie ein Liebhaber auf einem Knie vor ihr. Er war an Liebhaberrollen ſowohl auf als außerhalb der Bühne gewöhnt. Außerhalb derſelben hatte er eine Lieblingsphraſe, die trivial aber effektvoll war.„Ihr ſeyd zu hübſch, um ſo grauſam ſeyn zu können.“ Dreimal hatte er jetzt dieſe Phraſe wiederholt und mit einem einfältigen Lächeln begleitet, das zwiſchen jeder Wiederholung ein ſteinernes Herz hätte ſchmelzen können. Hinter Sophys Stuhl und Blumen von Ziz in die Flechten des Kindes ſteckend, ſtand die Matrone der Geſellſchaft, gerade keine böſe Frau, welche die Garderobe in Ordnung hielt, die Kranken verpflegte, Rugge verehrte, aus einem Pack Karten, die ſie fortwährend in der Taſche herumtrug, wahrſagte und gelegentlich in Rollen auftrat, wo das Alter kein Hinderniß und Häßlichkeit wünſchenswerth war, z. B. als Zauberin oder als Duenna oder was ſonſt im Dialog poetiſch mit Hexe be⸗ zeichnet wird. In der That war Hexe der Name, den ſie gewöhnlich von Rugge erhielt; derjenige den ſie von ihrem verſtorbenen Manne führte, lautete Gormerick. Dieſe Lady huldigte, während ſie den Blumenkranz flocht, ebenfalls dem Beſchwichtigungsſyſtem und ſagte mit großer Freundlichkeit, wenn man bedenkt, daß ſie den Mund voll von Nadeln hatte:„Jetzt, liebes Kind— jetzt, mein Täubchen, be⸗ ſchaut Euch einmal im Spiegel; wir könnten Euch ſchlagen und kneipen und mit Nadeln ſtechen, aber wir thun es nicht. Das Täubchen wird gut ſeyn, ich weiß es.“ Und eine große Ladung Schminke kam auf die bleichen Wangen des Kindes. Während der Zeit kauerte der Clown vor ihr mit den Händen auf ſeinen Knieen, ſchnitt luſtige Gri⸗ maſſen und kreiſchte:„Meine Augen, welch eine Schönheit!“ Mittler⸗ weile betrachtete Rugge, eine Hand in ſeine Bruſt geſteckt, die diplo⸗ matiſchen Anſtrengungen ſeiner Miniſter und ſah aus Sophys einge⸗ preßten Lippen und aus ihren feſten nicht blinzelnden Augen, daß ihre Schmeicheleien erfolglos waren. Er näherte ſich und ziſchte Bulwer, was wird er damit machen? H. 7 ——] — — . —¼ũ————- — —.— —ÿyyyp — 94 ihr ins Ohr:„Bringt mich nicht zum Wahnſinn, ſag ich Euch!— Ihr werdet ſpielen, he?“ „Nein,“ ſagte Sophy, indem ſie ſich plötzlich erhob; und den Kranz aus ihrem Haar reißend, ſetzte ſie ihren kleinen Fuß kräftig darauf.„Nein! und wenn Ihr mich umbringt!“ „Göͤtter!“ ſtammelte Rugge.„Und die Summe, die ich bezahlt habe. Ich bin betrogen. Wer iſt fortgegangen, um Mrs. Crane zu holen?“ „Tom,“ ſagte der Clown. Kaum war das Wort aus Clowns Munde gekommen, als Mrs. Crane ſelbſt aus einer Seitencouliſſe trat, ihren Hut abnahm, beide Hände auf die Schultern der Kleinen legte und ihr, ohne zu ſprechen, ins Geſicht ſchaute. Das Kind erwiederte den Blick eben ſo feſt. Gebt dieſem Kind eine Märtyrersſache, und in dieſem ſchwächlichen Körper würde ſich eine Märtyrersſeele gefunden haben. Arabella Crane, die in Bezug auf Kinder nicht ohne Erfahrung war, erkannte eine Macht des Willens, ſtärker als die Macht brutaler Gewalt, in dieſer Feſtigkeit des Auges, in dem Funkeln ruhigen Lichtes in ſeinem zarten Blau, einem Blau ſo rein wie der Himmel, einem Licht ſo feſt wie die Sterne. „Ueberlaßt ſie mir, liebe Leute,“ ſagte Mrs. Crane.„Ich will ſie in Euer Privatzimmer führen, Mr. Rugge;“ und ſie führte das Kind in eine Art von Gelaß, Zimmer konnte man es mit Recht nicht nennen, denn es war ringsum mit Schachteln und geflochtenen Körben eingezäunt und enthielt ſonſt nur noch den Schreibpult des Direktors ſowie zwei Stühle. „Sophy,“ ſagte jetzt Mrs. Crane,„Ihr ſagt, daß Ihr nicht ſpielen werdet, wenn Euer Großvater nicht bei Euch ſey. Hört mich jetzt an. Ihr wißt, daß ich immer ſtreng und hart gegen Euch geweſen bin. Ich habe nie behauptet, daß ich Euch liebe— und ich liebe Euch auch nicht. Aber Ihr habt mich nicht unwahr gefunden. Wenn ich Etwas im Ernſt ſage, wie ich jetzt ſpreche, ſo dürft Ihr mir glauben. — ———— ESpielet heute Abend, und ich verſpreche Euch in beſter Treue, daß ich entweder Euern Großvater hieherbringen oder dafür ſorgen will, daß Ihr ihm zurückgegeben werdet. Wenn Ihr Euch weigert, ſo werde ich, ohne damit eine Drohung ausſprechen zu wollen, dieſen Ort ver⸗ laſſen, und mein Glaube iſt, daß Ihr Eures Großvaters Tod ſeyn werdet.“ „Sein Tod— ſein Tod— ich!“ „Dadurch daß Ihr zuerſt ſterbet. Oh Ihr lächelt; Ihr würdet es für ein Glück halten zu ſterben. Was liegt Euch daran, ob dem alten Mann, den Ihr ſo innig zu lieben behauptet, das Herz bricht! Sophy, laßt die Selbſtſucht den Knaben, Ihr ſeyd ein Mädchen.— Leidet!“ „Selbſtſüchtig!“ murmelte Sophy,„ſelbſtſüchtig! Das hat man ſchon einmal von mir geſagt. Selbſtſüchtig!— Ah, ich verſtehe. Nein, ich darf nicht zu ſterben wünſchen— was würde aus ihm werden?“ Sie fiel auf ihre Kniee, und ihre gefalteten Hände empor⸗ hebend, betete ſie innig, ſtille— einen Augenblick, nicht länger. Sie ſtand auf.„Wenn ich ſpiele, dann— es iſt ein Verſprechen— Ihr werdet es halten. Ich werde ihn ſehen— er wird erfahren, wo ich bin— wir werden uns treffen.“ „Ein heiliges Verſprechen. Ich werde es halten. Oh Mädchen, wie ſehr werdet Ihr eines Tags lieben— wie wird Euer Herz Euch ſchmerzen! Und wenn Ihr in mein Alter kommt, ſo ſchauet in dieſes Herz, dann in Euern Spiegel— vielleicht werdet Ihr innen und außen mir gleich ſeyn.“ Sophy— die unſchuldige Sophy ſtarrte von Angſt ergriffen, aber ohne zu begreifen. Mrs. Crane führte ſie paſſiv zurück. „Hier, ſie wird ſpielen. Setzet ihr den Kranz auf. Putzet ſie heraus. Hört Ihr, Mr. Rugge, dieß iſt für einen einzigen Abend. Ich habe Bedingungen mit ihr eingegangen: entweder müßt Ihr ihren Großvater wieder annehmen oder ſie muß zu ihm zurückkehren.“ „Und meine hundert Pfund?“ 7* — — 96 „Sie werden Euch im letztern Fall zurückbezahlt werden.“ „Werde ich nie das koͤnigliche Theater von York bekommen? Der Ehrgeiz meines Lebens, Ma'am! Dreimal davon geträumt! Ha! aber ſie wird ſpielen und Erfolg haben. Jedoch den alten Land⸗ ſtreicher wieder zu nehmen, iſt eine bittere Pille. Er ſoll ſie mit mir halbiren! Ma'am, ich bin Euer dankbarer—“ Sechstes Kapitel. Abgegriffen iſt die Vergleichung, daß die Welt eine Bühne ſey. Schiller macht noch weniger Complimente als Shakeſpeare und nennt ſie ſogar ein Puppenſpiel. Aber immer beſteht zwiſchen Wirklichkeiten und Schau⸗ ſpielen eine geheime Verbindung, ein unentdeckter Verkehr— zuweilen eine herbe Wirklichkeit im Herzen des oſtenſibeln Schauſpielers, ein fan⸗ taſtiſches Bühnenſpiel im Gehirn des unbeachteten Zuſchauers. Das Räuberkind auf der Vorbühne iſt noch immer die arme kleine Sophy trotz ihrer Blumenkränze und Schminke. Aber dieſer ehrliche ungeſchlachte Geſell, welchem der Lehrling aus Achtung für Dienſte, die er dem Sou⸗ verän und dem Lande geleiſtet, Platz macht, mag er nicht der verſchmitzte Komödiant ſeyn? Taran— tarantara— Rummeldidum— erſchallet Hörner— dröhnet ihr Trommeln— ein Viertel auf acht; und die Menge ſteht bereits dicht gedrängt vor Rugges großem Theater.„Der hartherzige Baron und das Räuberkind! Junges Phänomen— Juliet Araminta, protegirt vom hohen Adel im Allgemeinen und in täglicher Erwartung einer Einladung, vor der Königin zu ſpielen— vivat Regina!“ Rummeldidum. Die Geſellſchaft kommt hinter dem Vorhang hervor und ſtellt ſich vorn auf dem Proſcenium auf. Schimmernde Gewande. Das Phänomen! Sie iſt's! „Meine Augen, welch eine Schoͤnheit!“ ruft der Clown. Die Tage ſind bereits etwas kürzer geworden, aber es iſt noch nicht dunkel. Wie bezaubernd hübſch ſie jedoch iſt trotz dieſer ſchreck⸗ 97 lichen Schminke! Aber wie ſind dieſe armen bloſen ſchneeigen Arme zuſammengeſchwunden! Ein höchſt klägliches Trauergetöne miſcht ſich mit der Muſik der Trommeln und Hörner. Ein Mann hat ſich mit Gewalt dicht bis an die Bühne vorgedrängt— ein Mann mit einer verdammt ſchnarrenden Drehklimper.„Hört doch auf mit dieſer Muſik,“ ruft ein zartnerviger Lehrling, indem er ſich die Ohren mit den Händen zuhält. „Habt Erbarmen mit einem armen Blinden,“ antwortete der Mann mit der Drehklimper. „Ah Ihr ſeyd blind? Wir aber ſind nicht taub. Da iſt ein Penny, damit Ihr nicht ſpielet. Was für ein ſchwarzes Ding habt Ihr da an einer Schnur?“ „Mein Hund, Sir!“ „Ein verdammt garſtiges Thier— ſieht gar keinem Hund gleich — eher einem Bären— und hat Hörner!“ „Hört einmal, Herr Patron,“ ruft der Clown,„da iſt ein blinder Mann gekommen, um das Phänomen zu ſehen.“ Die Menge lacht; ſie macht Platz für den ſchwarzen Hund des blinden Mannes. Aus der Aeußerung des Clowns ſchließt ſie, daß der blinde Mann mit der Geſellſchaft etwas zu thun hat. Ihr ſahet nie zwei garſtigere Eremplare ihrer verſchiedenen Species, als den blinden Mann und ſeinen ſchwarzen Hund. Er hatte borſtige rothe Haare und einen rothen Bart, ſein Geſicht war gleich⸗ ſam verdreht und jeder Zug hakenartig gekrümmt. Seine Augen waren nicht verbunden, aber die Lider waren geſchloſſen, und er hielt ſie auf eine jammervolle Art empor, wie wenn er nach Licht ſuchte. Gleichwohl ſah er nicht wie ein gewöhnlicher Bettler aus, er hatte eher das Anſehen eines herabgekommenen Matroſen. Ja Ihr würdet zehn gegen eins gewettet haben, daß er ein Matroſe geweſen ſey, nicht als ob ſeine Kleidung dieſem edeln Beruf angehört hätte, aber ſeine Geſtalt, ſein ſchwankender Gang, die Schlaufe an ſeiner Halsbinde, ein blauer Anker, der auf dieſe große braune Hand e ————— ꝗͦõ 98 tätowirt war— ganz gewiß ein Matroſe— eine britiſche Theerjacke! Armer Mann! Der Hund war häßlich genug, um als ein Naturſpiel vorgezeigt zu werden— augenſcheinlich ſehr alt— denn ſein Geſicht und ſeine Ohren waren grau, ſeine übrigen Theile von einem ſchmutzigen Schwarz, das ins Rothe ſpielte; er hatte ungeheuer lange Ohren, die wie Hoͤrner hinaufgezogen waren. Es war ein Hund, der aus fremden Weltgegenden gebracht worden ſeyn mußte; er konnte vom Acheron herkommen und vom Cerberus abſtammen, ſo ſchauderhaft und(wenn das Beiwort nicht unehrerbietig klingt) ſo hölliſch war ſein Ausſehen mit dieſem grauen Geſicht, dieſen mit Eisſprießeln verſehenen Ohren und ſeinem unausſprechlich koboldartigen Gebahren überhaupt. Dabei ein großer Hund und offenbar ſtark. Alle klugen Leute würden einem Mann, der von dieſem Hund geführt wurde, Platz gemacht haben. Kläglich ſchnarrte die Drehklimper und wan wau bellte ganz ploͤtzlich der Hund. Sophy erſtickte einen Schrei, preßte ihre Hand an ihre Bruſt, und ein ſolcher Strahl von Freude blitzte über ihr Geſicht, daß es Euer Herz auf einen Monat erwärmt hätte ihn geſehen zu haben. Aber wollt Ihr etwa ſagen, Herr Autor, daß dieſe britiſche Theer⸗ jacke, ohne Zweifel ein wackerer aber garſtiger Mann, Gentleman Waife, oder dieſes ſtygiſche Thier der ſchneelockige Sir Iſaak ſey? Auf Ehre, wenn ich ſie ſelbſt anſchaue, ich der Hiſtoriker, ſo komme ich in Verlegenheit. Wäre dieſes wau waun nicht geweſen, ſo bin ich überzeugt, Sophy würde Nichts geahnt haben.„Taran— tarantara! Tretet ein, Ladies und Gentlemen, tretet ein, die Vor⸗ ſtellung wird ſogleich beginnen.“ Sophy verweilt bis zuletzt außen. „Ja, Sir,“ ſagte der blinde Mann, der mit dem Lehrling ge⸗ ſprochen hatte.„Ja, Sir,“ ſagte er laut und nachdrücklich, wie wenn man ſeine Worte in Zweifel gezogen hätte.„Das Kind war zuge⸗ ſchneit, aber glücklicher Weiſe war das Fenſter der Hütte offen gelaſſen, und Schlag zwei Uhr Morgens kam der Hund an das Fenſter, ſchlug ein Geheul auf und—“ 99 Sophy konnte nicht mehr hören— ſie wurde von dem Lieutenant hinter den Vorhang geführt. Aber ſie hatte genug gehoͤrt, um ihr Herz mit einer Aufregung zu erfüllen, welche alle Grübchen um ihre Lippen in ein wellenförmiges Spiel brachte. Siebentes Kapitel. Eine Täuſchung führt die Wirklichkeit davon. Und ſie ſpielte, und wie allerliebſt! Mit welcher Luſt und welcher Freude! Rugge war außer ſich vor Stolz und Entzücken. Er konnte vor Bewunderung kaum ſeine eigene Rolle als Baron ſpielen. Die Zuhörerſchaft, die weit ausgewählter und heikler war als in dem Surreyer Dorf, war erſtaunt, enthuſtasmirt. „Ich werde es erleben, daß mein Traum zur Wahrheit wird! Ich werde das große Yorker Theater haben!“ ſagte Rugge, als er ſeine Perücke abnahm und ſeinen Kopf auf ſein Kiſſen legte.„Sie für die hundert Pfund zurückgeben! nicht für Tauſende.“ Ach meine holde Sophy, ach! Hat nicht die Freude, welche Dich ſo gut ſpielen machte, Dich ins Verderben geſtürzt? Ach hätteſt Du ſo viel Witz gehabt recht ſchauderhaft zu ſpielen und Dich ausziſchen zu laſſen! „Aufſtand die Sonn' und aufſtand Baron Rugge.“ Nicht als ob er gewöhnlich ein Frühauſſteher geweſen wäre; aber ſeine Aufregung unterbrach ſeinen Schlummer. Er wohnte in einer kleinen Herberge dicht bei ſeiner Schaubude; in derſelben Herberge wohnten ſeine alte Matrone und Sophy ſelbſt. Mrs. Gormerick, welche Befehl erhalten hatte das Kind zu bewachen und nie aus dem Auge zu verlieren, ſchlief in demſelben Zimmer mit Sophy, einem Zimmer, das ſich größerer Sicherheit wegen im höchſten Stock des Hauſes befand. Die alte Frau diente Rugge als Haushälterin, machte ſeinen Thee, röſtete ſeine Schnitten und theilte der Geſellſchaft 100 wegen ſeine Mahlzeiten. Aufregung ſchärft eben ſo oft den Appetit, als ſie ihn wegnimmt. Rugges Nachteſſen hatte aus Hoffnung be⸗ ſtanden, und nun fühlte er ein heftiges Verlangen nach einem nahr⸗ hafteren Frühſtück. Als er ſich daher angekleidet hatte, ſteckte er ſeinen Kopf in den Gang hinaus, und als er dort die Hausmagd die Thüre nach der Straße öffnen ſah, erſuchte er ſie hinaufzugehen und die Here, d. h. Mrs. Gormerick zu wecken. So ſprechend ſtreckte er einen Schlüſſel hinaus, denn er gebrauchte, bevor er ſich zur Ruhe begab, immer die Vorſicht Sophy's Schlafzimmer von außen zu ſchließen und den Schlüſſel bis zum nächſten Morgen zu behalten. Das Mäͤdchen nickte und ging die Treppen hinauf. Weniger Zeit als er erwartete, verging bevor Mrs. Gormerick ihre Erſcheinung machte, ihr graues Haar unter ihrer Nachthaube hervorſtrömend, ihre Geſtalt in einen weiten Mantel gehüͤllt— ihr ganzes Geſicht eine Tragödie. „Himmliſche Mächte! Was iſt geſchehen?“ rief Rugge pro⸗ phetiſch. „Sie iſt verſchwunden,“ ſchluchzte Mrs. Gormerick; und als ſie den gehobenen Arm und die geballte Fauſt des Direktors ſah, fiel ſie klüglich in Ohnmacht. Achtes Kapitel. Folgerung aus dem in Kapitel 6 und 7 aufgeſtellten Problem. Es iſt heller Tag, ja beinahe neun Uhr, und Jaſper Loſely geht von dem Platz, wo er am vorhergehenden Abend dinirt hat, nach ſeinem Wirthshaus zurück. Er hat die Nacht mit Trinken und Spielen zugebracht, und obſchon er erhitzt ausſieht, ſo iſt doch kein Zeichen von Ermüdung an ihm zu bemerken. Die Natur hatte, indem ſie an dieſen Mann viele ihrer herrlichſten Elemente des Glückes verſchwen⸗ dete, eine herkuliſche Conſtitution nicht vergeſſen— immer raſtlos und nie müde, immer trinkend und nie betrunken. Wahrlich es liegt für ——— — 101 ſchwächliche Invaliden ein gewiſſer Troſt darin, daß kränkliche Leute ſelten ſehr laſterhaft ſind. Verbrecher ſind meiſtens athletiſch, Leibes⸗ beſchaffenheit und Gewiſſen gleich zäh; breiter Hintergrund für ihre Köpfe, ſtarke Hängemuskeln— Verdauungen, welche ſie vor den über⸗ feinen Nerven der Tugendhaften ſchützen. Das angeborene Thier muß kraͤftig ſeyn im menſchlichen Weſen, wenn die moraliſchen Sicher⸗ heitsſchranken keck überſprungen werden. Jaſper war nicht allein, ſondern mit einer Bekanntſchaft, die er über Tiſch gemacht und in ſeinen Gaſthof zum Frühſtück eingeladen hatte; ſie gingen vertraulich Arm in Arm. Der Fremde war dem glänzenden Loſely ſehr unähn⸗ lich— ein junger Mann unter dreißig, der alle Farben der Jugend in ſchmutzigem Waſſer ausgewaſchen zu haben ſchien. Seine Augen trübe, ihr Weiß gelb; ſein Geſicht aufgedunſen. Seine Geſtalt war unterſetzt und plump; ſeine Züge mopsartig mit einer Kreuzung vom Bulldog. Seine Kleidung gehörte jenem ſchimmernden Styl eines Sportsman an, der ſich auf dem Raſen oder vielleicht noch öfter im Kreis breitmacht; Belcher Halsbinde mit einer ungeheuren Nadel, die einen Jockey im vollen Galopp darſtellt, kurzer Frack, Beinkleider von geripptem Wollzeug und Stiefel mit kreideweißen Stulpen. Im Ganzen jedoch nicht das Gebahren und den Gang eines ächten ge⸗ borenen und erzogenen Sportsman, ſelbſt nicht vom gemeinen Rang. Er hatte Etwas an ſich was übertriebene Anſprüche verrieth. Er hätte mit einer Taubenleber gerne ein Habicht, er hätte mit einer Cockneyserziehung gerne ein Sportsman ſeyn mögen. Samuel Adolphus Poole iſt ein Waiſe von ehrenwerther Familie. Seine zukünftigen Erwartungen beruhen hauptſächlich auf einem Onkel, von welchem er als ſein Täufling den widerwärtigen Namen Samuel annimmt. Er zieht es vor ſich Adolphus zu zeichnen und wird unter ſeinen Bekannten Dolly genannt. In Betreff ſeiner gegen⸗ wärtigen Exiſtenz verläßt er ſich oſtenſibel auf ſeinen Gehalt als Commis eines Londoner Handelsmannes, der ein faſhionables Ge⸗ ſchäft führt. Mr. Latham, ſein Patron, hat ſich ein bedeutendes Vermögen erworben, aber weniger durch ſeinen Laden als durch Dis⸗ contirung der Wechſel ſeiner Kunden oder anderer borgluſtiger Leute, welche die Ausſicht auf ein Anlehen in das Netz der Kundſchaft zieht. Mr. Latham ſieht bei Dolly Pooles ſportsmänniſchen Liebhabereien durch die Finger. Dolly iſt auf dieſe Art oft in den Stand geſetzt worden nützliche Aufſchlüſſe über Namen und Ruf ſolcher Angehörigen der Sportswelt zu geben, die ſich an Mr. Latham um zeitweilige Aus⸗ hülfe wenden mochten. Dolly Poole hat viele Freunde in der Sports⸗ welt; er hat auch viele Schulden. Er iſt übertölpelt worden und jetzt iſt er ein Gauner, aber es fehlt ihm an der nöthigen Entſchloſſen⸗ heit des Charakters zur Ausführung mancher werthvollen Ideen, die ſeine Erfahrung als Uebertölpelter und ſeine Entwicklung zu einem Gauner ſeinem Ehrgeiz eingeben. Gleichwohl iſt er dann und wann, wenn ein armſeliger Streich mit Sicherheit ausgeführt werden kann, das was er glücklich nennt. Er hat für Jaſper Loſely eine ungemeine Bewunderung gefaßt, deren einer Grund aus dem weiter unten fol⸗ genden Dialog ſich ergeben wird, während der andere der liebevollen Unterwürfigkeit analog iſt, womit ein bösartiges Thier in der Hand, die es tüchtig durchgeprügelt hat, einen Herrn anerkennt. Denn bei Loſely's erſter Erſcheinung in der juſt auseinandergegangenen Schmauß⸗ geſellſchaft ärgerte ſich Dolly Poole über die gebieteriſchen und über⸗ legenen Mienen, welche dieſer Windmacher annahm, er deutete Jaſpers ſtudirte Geckenhaftigkeit fälſchlich als weibiſches Weſen, und da er in den eleganten Proportionen des Banditen die tigerartige Stärke nicht erkannte, vor welcher ihn allerdings ſeine tigerartige Geſchmeidigkeit . . Selbſt ein dern Ende des Zimmers zappelnd auf dem Boden, und zwei Minuten nachher, als der Streit durch die Vermittlung einiger Schmaußbrüder beigelegt war, erklärte er, während ihm noch alle Beine in der Haut zu krachen ſchienen, großmüthig, er habe eigentlich nie Malice gehabt, 103 und ſchüttelte Jaſper Loſely die Hände, wie wenn er einen Wohlthäter in ihm gefunden hätte. Aber jetzt zu dem Dialog. Jaſper.—„Ja, mein lieber Poole, wie Ihr ſagt, dieſer Kerl— hat mich, dadurch daß er mein letztes Kreuz trumpfte, um meinen letzten Robber gebracht. Es gibt im Whiſt keine Gewißheit, wenn man einen Einfaltspinſel zum Partner hat.“ Poole.—„Keine Gewißheit in jedem Robber, aber doch an⸗ nähernde Gewißheit auf die Länge, wenn Einer ſo gut ſpielt wie Ihr, Mr. Loſely. Ihr müßt heute Nacht recht hübſche Gewinne eingeſackt haben, obſchon Ihr beinahe immer einen ſchlechten Partner hattet;— recht hübſch— he?“ Jaſper(gleichgültig).—„Kaum der Rede werth— ein paar Dutzend Guineen.“ Poole.—„Mehr als blos ein paar Dutzend; ich muß das wiſſen.“ Jaſper.—„Wie ſo? Ihr habt ja nach dem erſten Robber nicht mehr geſpielt.“ Poole.—„Nein, als ich Euer Spiel bei dieſem erſten Robber ſah, da trat ich aus und wettete auf Euch; und ich bin Euch ſehr dankbar. Gleichwohl würdet Ihr mit einem Partner, der Euer Spiel verſtände, noch mehr gewinnen.“ Der verſchmitzte Dolly hielt einen Augenblick inne und fügte dann, indem er ſich bedeutſam an Jaſpers Arm lehnte, halb flüſternd hinzu:„Ich verſtehe es, es iſt ein franzöſiſches Spiel.“ Jaſper wechſelte ſeine Farbe nicht, aber ein plötzliches Hinauf⸗ ziehen der Augenbrauen und ein leichtes Zucken mit dem Halſe ver⸗ rieth eine gewiſſe Ueberraſchung oder Unbehaglichkeit; gleichwohl ver⸗ ſetzte er ohne Zögern:„Franzöſiſch, nun ja! In Frankreich iſt man mehr gewohnt Trümpfe auszuſpielen, als bei engliſchen Spielern.“ „Und mit einem Spieler wie Ihr,“ ſagte Poole noch immer halb flüſternd,„hat man auch mehr Trümpfe auszuſpielen.“ Jaſper wandte ſich ſcharf und kurz um; der harte grauſame Aus⸗ druck ſeines Mundes, der in der letzten Zeit wenig geſehen worden, ſtellte ſich wieder ein. Poole wich zurück und ſeine Knochen begannen ihm wieder wehe zu thun.„Ich wollte Euch nicht beleidigen, Mr. Loſely, ſondern nur warnen.“ „Warnen!“- „Es waren zwei ſchlaue alte Geizhälſe da, die, wenn ſie nicht ſo betrunken geweſen wären, ihr Geld nicht verloren hätten, ohne Spektakel zu machen, und ſie würden dann auch geſehen haben, wie ſie es verloren. Es ſind Gauner— Ihr habt ſie gehörig be⸗ dient— ſeyd nicht böſe auf mich. Ihr braucht einen Partner— ich auch; Ihr ſpielt beſſer als ich, aber ich ſpiele gut; Ihr ſollt zwei Drittel von unſerem Gewinn haben, und wenn Ihr in die Stadt kommt, ſo will ich Euch in eine luſtige Geſellſchaft von noch ganz un⸗ erfahrenen jungen Bürſchchen einführen.“ Jaſper ſann einen Augenblick nach.„Ihr wißt Einiges, wie ich ſehe, Mr. Poole, und wir wollen die ganze Sache nach dem Frühſtück beſprechen. Seyd Ihr nicht hungrig?— Nicht!— Ich bin'’s! He da— wer iſt das?“ Sein Arm war von Mr. Rugge ergriffen worden.„Sie iſt ver⸗ ſchwunden— entflohen,“ keuchte der Direktor athemlos.„Zum Fenſter hinaus— fünfzehn Fuß hoch— nicht zu Brei zerſchmettert— verſchwunden!“ „Geht voraus und beſtellt ein Frühſtück!“ ſagte Loſely zu Mr. Poole, der allzu neugierig horchte. Er zog den Direktor weg.„Könnt Ihr vor fremden Leuten das Maul nicht halten? Das Mädchen iſt alſo fort!“ „Zum Fenſter hinaus und fünfzehn Fuß hoch!“ „Hängen noch Leintücher aus dem Fenſter?“ „Leintücher! nein.“ „Dann iſt ſie nicht ohne fremde Hilfe entkommen— es muß ihr Jemand eine Strickleiter hinaufgeworfen haben— Nichts leichter als das.— Ich habe es ſelbſt manches Dutzend mal gethan, um Mädchen 105 herabzuhelfen, die den Mond liebene’, Mr. Rugge. Aber in ihrem Alter iſt es kein Mond, wenigſtens kein Wonnemond; man muß alſo die Idee einer Strickleiter aufgeben— zu frühreif. Aber ſeyd Ihr auch gewiß, daß ſie gegangen iſt? Daß ſie ſich nicht in irgend einem Schrank verſteckt halt? Wahrhaftig, die Sache iſt ſehr curios. Habt Ihr Mrs. Crane darüber geſprochen?“ „Ja, ich komme juſt von ihr her; ſie meint, dieſer ſchuftige Waife müſſe ſie geſtohlen haben. Aber, Sir, ich muß Euch erſuchen mit mir vor das Amt zu kommen.“ „Vor das Amt! Ich— warum denn?— Unſinn— die Polizei in Thätigkeit zu bringen.“ „Eure Angabe, daß ſie Euer geſetzliches Kind und rechtlich an mich abgetreten ſey, iſt für mich nothwendig vor der Polizei.“ „Zum Henker welch ein Gefaſel! Ich haſſe jedes Amt und Alles was damit zuſammenhängt. Jetzt muß ich frühſtücken; ich will ſpäter nach der Sache ſehen. Thut mir den Gefallen Mr. Waife nicht einen Schuft zu nennen— ein guter alter Geſell in ſeiner Art.“ „Gut! Himmliſche Mächte!“ „Aber wenn er ſie fortgenommen hat, wie iſt er denn an ſie ge⸗ kommen? Die Sache muß abgekartet geweſen ſeyn.“ „Natürlich. Aber ſie hat doch mit keiner Seele, die nicht zur Geſellſchaft gehörte, ein Wort ſprechen dürfen, außer mit Mrs. Crane.“ „Vielleicht wurde bei der Vorſtellung geſtern Abend ein Signal gegeben.“ „Aber wenn Waife dageweſen wäre, ſo hätte ich ihn ſehen müſſen; meine Truppe würde ihn erkannt haben; ein ſo auffallendes Geſicht und nur ein einziges Auge.“ „Schon gut, thut was Ihr für's Beſte haltet. Ich werde nach dem Frühſtück zu Euch kommen; jetzt laßt mich gehen. Baſta, baſta!“ Loſely riß ſich von dem Direktor los und ſchritt auf das Wirths⸗ haus zu; dann ſuchte er, ehe er zu Poole ging, Mrs. Crane auf. —— — 106 „Vor das Amt zu gehen,“ ſagte Loſely,„zu erklären, daß ich dieſem ſchuftigen Comödianten mein Kind überlaſſen habe— noch dazu in dieſer Stadt wo ich ſo viel Glück gehabt habe und wo ſich mir glänzende Ausſichten eröffnen, das iſt höchſt unangenehm. Und ſelbſt angenommen, wir fänden Sophy, und ſie wäre wirklich bei dem alten Mann, ſo wäre dieß eine höchſt ungeſchickte Sache. Kurz, meine liebe Freundin, meine theure Bella(Loſely konnte ſehr freund⸗ lich thun, wenn er es der Mühe werth fand), Ihr müßt dieſe Sache für mich ins Reine bringen. Ich habe im nächſten Zimmer einen Kameraden, der mich zum Frühſtück erwartet; gleich nach dem Früh⸗ ſtück muß ich auf den Rennplatz und will dem langweiligen alten Kreiſcher zu entrinnen ſuchen. Gehet alſo ſtatt meiner zu ihm und leget die Sache auf die eine oder andere Art bei.“ Er war aus dem Zimmer, bevor ſie antworten konnte. Mrs. Crane fand es nicht leicht den Direktor zu beſchwichtigen, der ganz wüthend wurde, als er hörte, daß Loſely nach dem Rennplatz gegangen war, um ſich luſtig zu machen. Sie gab ſich auch nicht viel Mühe Mr. Rugge's Zorn zu beſänftigen oder ihm bei ſeinen Nachforſchungen Vorſchub zu leiſten. Ihr Intereſſe an der ganzen Sache ſchien vorüber zu ſeyn. Rugge jedoch begann, als er ſich auf ſolche Art ſeinem eigenen Witz überlaſſen ſah, eine ſcharfe Nach⸗ forſchung einzuleiten, welche Erfolg zu verſprechen ſchien. Er brachte heraus, daß der Flüchtling jedenfalls nicht mit der Eiſenbahn oder mit einer andern öffentlichen Fahrgelegenheit abgereist war; er ſandte Spione in die ganze Nachbarſchaft aus, er ſprach die Sympathie der Polizei an, welche ihn im Vertrauen verſicherte, daß ſie„ein Netz über die drei Königreiche habe“; ſie hat auch allerdings ein ſolches und wir müſſen es bezahlen; aber die Maſchen ſind ſo weit, daß jedes kleinere Geſchöpf als ein Wallfiſch ſehr einfältig ſeyn muß, wenn es ſich darin fangen läßt. Rugge's Argwohn war gegen Waife gerichtet — er konnte jedoch keine Beweiſe zur Beſtätigung deſſelben zuſammen⸗ bringen. Keine Perſon, die der Beſchreibung Waife's entſprach, war 107 in der Stadt geſehen worden. Einmal war Rugge wirklich der rechten Fährte nahe; denn als er darauf beſtand, daß Waife nur ein einziges Auge habe und einen weißen Hund beſitze, ſagten ihm mehrere Zeugen, ein auf beiden Augen blinder und von einem ſchwarzen Hund geführter Mann habe juſt vor Beginn der Aufführung dicht vor der Schau⸗ bühne geſtanden. Aber dann hatte der Clown mit dieſem Manne geſprochen; die ganze theſpiſche Geſellſchaft hatte ihn beobachtet, Alle hatten Waife Jahre lang aus näherem Umgang gekannt, und Alle er⸗ klärten, daß kein Geſchöpf, das weniger Aehnlichkeit mit Waife habe als der blinde Mann, aus der Werkſtätte der Natur hervorgegangen ſeyn könne. Aber wo war dieſer blinde Mann? Sie fanden das am Weg gelegene Wirthshaus, wo er ſich für die Nacht einquartirt hatte, und dort wurde ermittelt, daß er ſein Zimmer vorausbezahlt habe mit dem Bemerken, er müſſe früh am Morgen nach dem Rennplatz auf⸗ brechen. Rugge begab ſich ſelbſt dahin, um zwei Fliegen auf einen Schlag zu tödten, d. h. um Mr. Loſely zu fangen und den blinden Mann perſönlich in Augenſchein zu nehmen. Er ſing Mr. Loſely, und um ein Haar hätte er noch etwas An⸗ deres gefangen, denn dieſer Gentleman ſaß in einem Kreis krakeelender Reiter auf einem Miethgaul und führte das große Wort unter den Lärmern. Als Rugge an ſeinen Steigbügel kam und ſeine Rede be⸗ gann, drehte Loſely ſein Roß mit einer ſo plötzlichen Anwendung von Zügel und Sporn, daß das Thier ausſchlug und ſeine Hufe den Backen⸗ knochen des Direktors ſehr bedenklich nahe kamen. Ehe Rugge ſich von ſeinem Schreck erholen konnte, war Loſely in kurzem Galopp da⸗ vongeſprengt. Aber der blinde Mann! Natürlich fand Rugge ihn nicht? Ihr täuſchet Euch; er fand ihn. Der blinde Mann war da, Hund und Alles. Der Direktor ſprach mit ihm, erkannte ihn aber ganz und gar nicht. Auch beſitzet weder Ihr noch ich, meine verehrten Leſer, irgend ein Recht Euch Gedanken darüber zu machen, wie Mr. Rugge ſo bis zur Einfalt blödſinnig ſeyn konnte. Zugegeben, dieſer blinde Matroſe 108 ſey der wahre William Waife, ſo war William Waife ein Mann von Genie, der ſich die Mühe nahm als ein gewöohnlicher Sterblicher zu erſcheinen. Und die Anekdoten von Munden oder von Bamſylde Moore Carew zeigen uns deutlich genug wie proteuſiſch die Gabe der Verwandlung bei einem Manne iſt, deſſen Genie dem mimiſchen Fach angehört. Aber wie oft begegnet es uns nicht, verehrte Leſer, daß wir einen Mann von Genie nicht erkennen, ſelbſt wenn er ſich keine beſondere Mühe gibt unentdeckt zu bleiben! Ein Mann von Genie kann zehn Jahre lang unſer Wandnachbar ſeyn— er kann zweimal wöchentlich in unſerer Geſellſchaft diniren— ſein Geſicht kann unſern Augen ſo vertraut ſeyn wie unſer Lehnſtuhl— ſeine Stimme unſern Ohren ſo bekannt wie das Picken unſerer Salonuhr— und doch gibt es für uns kein größeres Erſtaunen, als wenn ganz plöͤtzlich eines ſchönen Tags die Entdeckung gemacht wird, daß unſer Wandnachbar ein Mann von Genie iſt. Habt Ihr je vom Leben eines Mannes von Genie gehört, ohne daß zahlreiche Zeugen erklärten, daß ſie, be⸗ vor er, ein perfider Heuchler, aufflackerte und die Themſe unter Feuer ſetzte, nie Etwas an ihm geſehen hätten, als etwa einen ſonderbaren Kauz, vielleicht einen guten Kerl, wahrſcheinlich ſogar einen guten Kerl— aber einen Mann von Genie! Ebenſo gern würden ſie angenommen haben, er ſey der Khan der Tartarei! Ja, aufrichtige Leſer, gibt es nicht Einige unter Euch, die ſich bis zum letzten Augen⸗ blick weigern den Mann von Genie anzuerkennen, bis er dem Charon ſeinen Pfennig bezahlt hat, bis ſein Paß zur Unſterblichkeit von den Zollbeamten des Styr gehoöͤrig unterſucht worden iſt? Wenn die eine Hälfte der Welt denſelben Wandnachbar fortreißt, ihn auf ein Pie⸗ deſtal erhebt und um ihn her ſchreit:„oh ja! oh ja! ein Mann von Genie gefunden! öffentliches Eigenthum! offen zur Einſicht!“ ſetzt dann nicht die andere Hälfte der Welt ihre Brillen auf, rümpft ihre Naſen und ruft:„dieß ein Mann von Genie? warum nicht gar! Herab mit ihm! herab mit ihm!“ Und dann entſteht natürlich ein Lärm und ein ſpektakelhaftes Gedränge um das Piedeſtal. Erdrückt von ſeinen Gläubigen, vermieden von ſeinen Spöttern, wird der arme Mann ſchrecklich herumgezerrt und fällt von ſeiner Aufſitzſtange herab mitten ins Gewühl. Dann überſchaufeln ſie ihn, drücken einen großen Stein auf ſeine Reliquien, wiſchen ihre Stirnen, ſchütteln ſich die Hände, gleichen den Streit aus, und die eine Hälfte der Welt gibt zu, daß er, obſchon ein Genie, dennoch ein gewöhnlicher Mann geweſen, die andere Hälfte läßt es ſich gefallen, daß er, obſchon ein gewöhnlicher Mann, dennoch ein Genie geweſen. Und ſo fort bis zum nächſten Piedeſtal mit ſeinem hic stat, und zum nächſten großen Steine mit ſeinem hic jacet. Der Direktor der großen Theaterbude ſchaute den blinden Ma⸗ troſen an und fand durchaus nichts Außerordentliches an ihm. Neuntes Kapitel. Der urweltliche Menſchenfreſſer oder Taſchenkannibal iſt für den verfeinern⸗ den Einfluß der Civiliſation empfänglich. Er ſchmückt ſein Lager mit den Häuten ſeiner Opfer; er putzt ſeine Perſon mit dem Raube derjenigen auf, die er frißt. Mr. Loſely wird bei Mr. Pooles Freunden eingeführt, macht ſeine Toilette zum Mahle und frißt ſie, Eleganz mit Appetit ver⸗ bindend, ſammt und ſonders auf. Aufgeblaſen über den Erfolg, der ſeine Talente für Geldſpeku⸗ lationen belohnt hatte, und alle Gedanken an die flüchtige Sophy, ſo wie an den beraubten Rugge aus ſeinem Geiſte verbannend, kehrte Jaſper Loſely in Geſellſchaft ſeines neuen Freundes, Mr. Poole, nach London zurück. Er ließ Arabella Crane dieſelbe Reiſe ganz allein machen, aber dieſe grimme Lady verbarg ſorgfältig jeden Groll über ſolchen Mangel an Galanterie und war überzeugt, daß ſie nicht lange in London ſeyn würde, ohne mit ſeinen Beſuchen beehrt zu werden. Bei Erneuerung ihrer alten Bekanntſchaft hatte Mrs. Crane über Jaſper diejenige Art von Einfluß zu gewinnen gewußt, welche ein eitler Mann, der den Kopf voll von Plänen hat, die er nicht aller Welt ſagen darf, aber gerne mit einem vertrauten Freund beſprechen Bulwer, was wird er damit machen? II. 8 2 3 1*—. 1 8——— ————— 3 4 8 möchte, der ihn zu ſehr bewundert um ſeine Geheimniſſe nicht zu reſpektiren, mechaniſch einem Weib überläßt, das ihm an Verſtand überlegen iſt. 1 Freilich fühlte ſich Jaſper bei ſeiner Rückkehr in die Hauptſtadt nicht magnetiſch nach Podden Place hingezogen; nein, es vergingen Tage und ſogar Wochen, ohne daß Mrs. Crane mit ſeiner Gegenwart erfreut wurde. Aber ſie wußte, daß ihr Einfluß blos ſuſpendirt und nicht erloſchen war. Der angezogene Körper wurde für den Augen⸗ blick von dem anziehenden durch die abnormen Gewichte fern gehalten, welche in ſeine Taſchen gefallen waren. Gebt den zeitweiſe mit ſol— chen Gegengewichten verſehenen Körper ſeiner früheren Leichtigkeit zurück, ſo mußte er ſich Podden Place zuwenden, wie die Nadel dem Pol. Mittlerweile hatte der unloyale Jaſper alle ſolche Naturgeſetze vergeſſen und ſich um die ganze Entfernung zwiſchen dem entlegenſten Ende von Bloomsbury und dem belebten Mittelpunkt von St. James außer dem Bereich des Magnets feſtgeſetzt. Die Wohnung, die er miethete, war prächtig und bequem. Er bereicherte ſeine Garderobe, ſein Toilettenkäſtchen und ſeine Schmuckſchatulle anſehnlich. Auch war Mr. Loſely, beiläufig bemerkt, keiner von jenen ſtutzerhaften Lumpen, welche flitterhafte Fetzen auf ſchmutziger Leinwand und falſche Ringe auf ungewaſchenen Fingern tragen. Man muß ihm die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, ſo ſteinherzig er gegen Andere war, ſo liebte und hegte er doch ſeine eigene Perſon mit ungemeiner Zärtlich⸗ keit, verſchwendete die feinſten Aufmerkſamkeiten an ſie und gab ihr das Allerbeſte, was er aufbringen konnte. Er war kein plumper Wüſtling, der nach ſchlechten Cigarren und Branntwein roch. Ci⸗ garren gehörten wirklich nicht zu ſeinen Laſtern(im ſchlimmſten Fall, aber nur ſelten, machte er ſich einer Cigarette ſchuldig), dagegen trank er Schnaps, allein die Verdauung des Ungeheuers war fortwährend ſo kräftig, daß er einen Branntweinpalaſt hätte austrinken können, ohne daß das feine Batiſttüchlein, womit er den letzten Tropfen von ſeinen Lippen wiſchte, nach etwas Anderem als nach Jasmin oder III Heliotrop gerochen hätte. Wäre ſeine Seele nur um den zehnten Theil ſo reinlich geweſen wie die Geſtalt, die ihre lügenhafte Umhüllung bildete, Jaſper Loſely wäre ein Heiliger geweſen. Nachdem er ſeine Wohnung feſt gemiethet, ſeine äußere Erſcheinung auf ſolche Art revidirt und verſchönert hatte, war Jaſpers nächſte Sorge auf eine Equipage gerichtet; er miethete ein zierliches Cabriolet mit einem hochbeinigen Pferd und für den Hinterſitz einen Groom, den vorſichtige Eltern in ſeiner Kindheit hatten verbutten laſſen, weil ſie ihn dazu beſtimmten ſein Brod in den Ställen durch leichtes Gewicht zu ge⸗ winnen, weßhalb ſie die Milch ſeiner Mutter mit ſchweren Liqueuren vermiſchten. Kurz, Jaſper Loſely traf Anſtalten um den Windbeutel zu ſpielen, und in dieſer Eigenſchaft führte ihn Dolly Poole bei meh⸗ reren jungen Gentlemen ein, welche commerciellen Beruf mit ſports⸗ männiſchen Liebhabereien verbanden; ſie konnten nicht umhin in Pooles bewunderungsvollen und einigermaßen neidiſchen Reſpekt vor Jaſper Loſely mit einzuſtimmen. In der That umſtrahlte den kräf⸗ tigen Böſewicht ein großer wenn auch falſcher Glanz. Obſchon die Schönheit ſeines Geſichtes ſchon in früher Jugend entſtellt worden war, ſo war es doch unläugbar noch immer hübſch; und da Muskel⸗ kraft in den Augen der jungen Sportswelt an und für ſich als Schön⸗ heit gilt, ſo blendete Jaſper manchen artigen Jungen, welcher den Ehrgeiz hatte ein Athlet zu werden, mit der ſeltenen perſönlichen Stärke, die er gleichſam in überwallendem Uebermuth manchmal an den Tag zu legen ſich herabließ, und zwar durch Züge, welche den Neugierigen in Erſtaunen und den Aengſtlichen in Schrecken verſetz⸗ ten, wenn er z. B. einen Schürhaken oder ein Hufeifen in ſeinen elegant weißen und mit Ringen geſchmückten Händen krumm bog und den ſchwereren Samuel Dolly am Hoſenbund auflüpfte, mit geſtreck⸗ tem Arm in die Höhe hinaushielt und ſcherzhaft zehn gegen eins wettete, daß er beſagten Samuel Dolly vom Kamin aus zu dem offe⸗ nen Fenſter hinauswerfen wolle. Einen ſo ſtarken Mann und ſv feinen Herrn zu kennen, war Etwas deſſen man ſich rühmen durfte. Dann . 8* 112 hatte Jaſper, wenn er einen falſchen Glanz hatte, auch eine falſche Bonhommie; er war allerdings etwas herriſch, renommiſtiſch und eiſenfreſſeriſch, aber auch wieder ſehr heiter und angenehm; und ſo lange Ihr ihn kanntet, verſchwand der Seitenblick und der heraus⸗ fordernde Gang, die den Mann kennzeichnen, der von der Welt zurück⸗ gewieſen wird. Er war in der That in eine Welt gerathen, die ihn nicht ſchnöde verſtieß, und ſein Aeußeres wurde durch die Atmoſphäre verbeſſert. Mr. Loſely erklärte, daß er große Geſellſchaft nicht liebe, Salons ſeyen etwas Abgeſchmacktes, Klubbe Verſammlungen von alten Narren. „Ich bin für das Leben, meine Jungen,“ ſagte Mr. Loſely. „Kann Sorge von dem Becher fließen, Dem Aug der Schönheit Leid entſtrömen?“ Mr. Loſely lungerte daher, ſeinen Hut ſcheps aufgeſetzt, in den Theaterſalons herum, begleitet von einer Cohorte jugendlicher Be⸗ wunderer, die ihre Hüte gleichfalls ſcheps trugen, und kehrte dann zu den angenehmſten kleinen Soupers in ſeine eigene Wohnung zurück. Hier floß der Becher, und nach dem Becher gab es Cigarren für Einige und einen Robber für Alle. So mächtig war Loſely's Lebenskraft und ſo geſegnet von den Sternen ſein Glück, daß durch dieſes Leben ſeine Geſtalt ſtärker und ſeine Börſe voller zu werden ſchien. Kein Wunder, daß er für ein Leben dieſer Art gänzlich eingenommen war; aber die ſchwächlichen Geſchöpfe, die es ihm gleichzuthun verſuchten, wurden dünner und dünner, ärmer und ärmer; wenige Wochen machten ihre Wangen ge⸗ ſpenſterhaft und ihre Taſchen zu einer trübſeligen Oede. Als dann Einige aus purer Erſchöpfung abfielen, kamen Andere, durch ihre Lobeserhebungen auf das Leben und ſeinen Helden angeködert, in den Zauberkreis herein, um ihrerſeits hinzuwelken und zu verſchwinden. In unglaublich kurzer Zeit war kein Whiſtſpieler mehr auf dem Felde, der ſiegreiche Loſely hatte den letzten hinausgetrumpft. Einige wenige, welche die Natur freigebiger ausgeſtattet hatte als Frau For⸗ — ————O———ę—ę—ę—ę——QO—QOQOęOA—·e——— — 113 tuna, behielten noch Kraft genug, um zu ſoupiren, wenn ſie eingeladen wurden; aber zum Spiele blieb Keiner zurück. „Hol's der Teufel!“ ſagte Loſely zu Poole, als ſie eines Nach⸗ mittags den Geſammtraub theilten.„Eure Freunde ſind verdammt bald ausgeputzt; konnten geſtern Nacht nicht einmal einen doppelten Strohmann zu Stande bringen, und wir müſſen jetzt einen neuen Plan erſinnen, um die Koffer wieder zu füllen. Ihr habt reiche Ver⸗ wandte; kann ich Euch nicht helfen dieſelben nützlicher zu machen?“ Sprach Dolly Poole, der äußerſt gallig dreinſchaute und ein Märtyrer chroniſchen Kopfwehs geworden war:„Meine Verwandten ſind Lumpenhunde! Einige von ihnen ſehen mich hochmüthig über die Achſeln an, Andere weiſen mir zornig die Zähne. Was Ble ch betrifft, ſo könnte ich ebenſogut einen Kieſelſtein abſchaben. Mein Onkel Sam macht ſich über meine Sünden mehr Kummer, als die andern Geizhälſe, vermuthlich weil er mein Pathe und für meine Sünden verantwortlich iſt; und er ſagt, er wolle mich auf den Weg bringen reſpektabel zu werden. Mein Kopf zerſpringt—“ „Das Holz ſpringt bis es ausgewittert iſt,“ antwortete Loſely. „Ein guter Kerl, der Onkel Sam! Er wird Euch zu Blech verhelfen; das iſt das Einzige in der Welt, was einen Mann reſpektabel macht.“ „Ja, ſo ſagt er; ein Mädchen mit Geld—“. „Ein Weib— eine Geldtruhe! Stellt mich ihr vor, ſo wird ſie bald an Euch gefeſſelt ſeyn.“ Samuel Dolly ſchien die Idee einer ſolchen Vorſtellung nicht zu goutiren.„Ich bin ihr ſelbſt nicht vorgeſtellt,“ ſagte er.„Aber wenn Ihr mir zum Heirathen rathet, warum thut Ihr es nicht ſelbſt? Ein hübſcher Burſche wie Ihr kann um eine reiche Erbin nicht ver⸗ legen ſeyn.“ „Mit Erbinnen wird man immer aufs Schrecklichſte betrogen,“ ſagte Loſely:„da iſt immer ein Vater oder Onkel oder ein verſchimmel⸗ ter Lordkanzler, deſſen Einwilligung weſentlich und doch nicht zu haben iſt. Erbinnen haben ſich ſchockweiſe über Hals und Kopf in mich ver⸗ 114 liebt. Ehe ich Paris verließ, verkaufte ich ihre Haarlocken an einen Perückenmacher, drei große Koffer voll. Aber es waren nur zwei da, die ich hätte dazu bringen können mit mir davon zu laufen, allein die armen Dinger wurden ſo ſcharf bewacht, daß ich mich genöthigt ſah ſie ihrem Schickfal, d. h. frühen Gräbern zu überlaſſen. Sprecht mir nicht von Erbinnen, Dolly, ich bin das Opfer von Erbinnen ge⸗ weſen. Aber eine reiche Wittwe iſt ein ſchätzbares Geſchöpf. Gegen Wittwen, wenn ſie reich ſind, habe ich kein Wort zu ſagen, und um die Wahrheit zu geſtehen, es iſt wirklich eine Wittwe vorhanden, die ich verzaubert zu haben vermuthe, und deren nähere Bekanntſchaft mir aus ganz beſonderen Gründen wünſchenswerth erſcheint. Sie hat einen Bengel von Sohn, der eine Speiche in meinem Rad iſt; wäre ich ſein Stiefvater, würde dann nicht ich eine Speiche in dem ſeinigen ſeyn? Ich würde den Jungen das Leben lehren, Dolly!“ Hier ver⸗ ſchwand alle Spur von Schönheit aus Jaſpers Geſicht, und Poole, der ihn anſtarrte, ſtieß ſeinen Stuhl zurück.„Aber,“ fuhr Loſely fort, indem er ſeinen gewöhnlicheren Ausdruck des Leichtſinns und der Kühnheit wieder gewann,„aber ich weiß noch nicht genau, was die Wittwe außer ihrem Sohn in ihrem eigenen Beſitz hat; mittlerweile gibt es denn gar keine Ausſicht auf einen Robber für heute Abend?“ „Nein, wenn Ihr nicht Brown und Smith auf Kredit ſpielen laſſen wollt.“ „Ah bah! Aber da iſt noch Robinſon, er hat eine Tante, von der er borgen kann.“ „Robinſon! Er ſpeit Blut und hat einen Anfall von delirium tremens!— den habt Ihr ſchön hergerichtet.“ „Kann Sorge von dem Becher fließen?“ ſagte Loſely,„nun ja, ich vermuthe es allerdings, wenn Einer keinen ausgepichten Magen hat; aber Ihr und ich, Dolly Poole, wir haben Mägen ſo feſt wie Winterjacken und waſſerdicht wie Gutta⸗Percha.“ Poole zwang ſich zu einem unheimlichen Lächeln, wäͤhrend Loſely heiter aufſprang, ſeinen Antheil am Raub in ſeine Taſchen ſtrich, 115 ſeinem Kameraden auf den Rücken klopfte und ſagte:„Alſo wenn der Berg nicht zu Mohamet kommen will, ſo muß Mohamet zum Berge gehen! Zum Henker mit dem Whiſt und jetzt gehen wir an rouge et noir! Ich habe ein unfehlbares Mittel zu gewinnen— nur erfordert es Kapital. Ihr müßt Euer Geld mit dem meinigen zu⸗ ſammenwerfen, und ich werde für Beide ſpielen. Soupiret heute Abend hier, dann wollen wie nachher in die— Hölle gehen.“ Samuel Dolly hatte das vollendetſte Vertrauen zu dem Spiel⸗ talent ſeines Freundes und ging daher gerne auf den gemachten Vor⸗ ſchlag ein. Jaſper machte ſeine Toilette friſch und ſtieg in ſein Kabrio⸗ let. Poole warf ihm einen neidiſchen Blick zu und kroch in ſeine Woh⸗ nung, zu krank für ſeinen Schreibtiſch, mit einem ſtarken Verlangen nach ſeinem Bett. 3 Zehntes Kapitel. „War wo ein Herz, das nie geliebt, Von Frauenſeufzern ungerührt?“ Wenn es je ein ſolches Herz gibt, ſo ſitzt es nicht in der Bruſt eines Taſchen⸗ kannibalen. Euer wahrer Menſchenfreſſer iſt gewöhnlich von verliebter Gemüthsart: er kann in der That in eine Dame verliebt genug ſeyn, um ſie aufzufreſſen. Mr. Loſely macht die Bekanntſchaft einer Wittwe. Näheres ſiehe weiter unten. Die würdevolle Heiterkeit von Glouceſter Place, Portman Square, wird durch das Eindringen eines neuen Bewohners in Auf⸗ regung verſetzt. Ein Haus in dieſer begünſtigten Lokalität, das ſeit mehreren Monaten die feierliche Stille und hehre Ruhe behauptet hatte, welche Wohnungen kennzeichnen, die unmöblirt zu vermiethen ſind, erhob ſich auf einmal zu dem überſtrömenden und herausfordern⸗ den Leben, das die Nerven ſeiner friedſamen Nachbarn reizt. Die Anſchläge ſind von den Fenſtern weggenommen— die Wände ſind geputzt und friſch mit Mörtel beworfen— die Hausthüre iſt von 4 —y—xʒ'—— 1 ˙˙˙, —— ’ .— 116 neuem hellgrün angeſtrichen worden— Handwerksleute ſind ein⸗ und ausgegangen. Die beobachtenden Ladies(unverheirathete Perſonen) im Hauſe gegenüber entdecken mit Hülfe eines Teleſcops, daß die Salons neu tapeziert worden ſind, kanariengelber Grund, Einfaſſung mit Blumengewinden, und daß die Ladenleiſten vergoldet ſind. Ver⸗ goldete Ladenleiſten! Das verkündet prunkſüchtige und Geſellſchaften gebende Miethleute. Dann haben Karren voll von Geräthſchaften vor dem Hauſe an⸗ gehalten— Teppiche, Tiſche, Stühle, Betten„Kleiderſchränke, Alles offenbar neu und in nicht unelegantem Geſchmack, ſind in die Halle entladen worden. Auch hat man bemerkt, daß täglich eine Lady von ſchlankem Wuchs und gentilem Anzug gekommen iſt, um den Fort⸗ ſchritt der Arbeiten in Augenſchein zu nehmen— offenbar die neue Bewohnerin. Zuweilen kommt ſie allein, zuweilen mit einem dunkel⸗ äugigen hübſchen Jüngling, wahrſcheinlich ihrem Sohn. Wer mag ſie ſeyn? Was iſt ſie? Ihr Name? Ihre Geſchichte? Hat ſie ein Recht ſich in Glouceſter Place, Portman Square, niederzulaſſen? Die Entdeckungspolizei von London iſt nicht beſonders wachſam; aber ihre Mängel werden durch die freiwilligen Bemühungen unverheiratheter Ladies ergänzt. Die neue Ankömmlingin war eine Wittwe; ihr Mann war in der Armee geweſen; von guter Familie; aber ein mauvais sujet; ſie war in knappen Umſtänden mit einem einzigen Sohn hinter⸗ laſſen worden. Man vermuthete, daß ſie unerwartet zu Vermögen gekommen ſey, welches ſie in den Stand geſetzt habe von Pimlico nach Glouceſter Place überzuſtedeln. Endlich, als die Vorbereitungen vollendet waren, zog die Wittwe eines Montags Nachmittags in Be⸗ gleitung ihres Sohnes ein. Am folgenden Tag erſchien ein Lakai in hübſcher Livree(braun und orangefarbig) an der Thüre. Dann für den Reſt der Woche ſprachen Bäcker und Metzger regelmäßig ein. Am folgenden Sonntag erſchienen die Lady und ihr Sohn in der Kirche. Kein Leſer wird Mühe haben in der neuen Bewohnerin von Nro.— Glouceſter Place die verwittwete Mutter Lionel Haughtons zu ent⸗ 117 decken. Der Brief an dieſe Lady, welchen Darrell ſeinem jungen Vetter anvertrant, hatte in complimentenreicher und herzlicher Sprache das Recht gefordert für ihren comfortablen und anſtändigen Unterhalt zu ſorgen. Er hatte angekündigt, daß hinfort 800 Pfund jährlich von Quartal zu Quartal auf ihre Rechnung bei Mr. Darrels Bankier angelegt werden ſollen, und daß eine weitere Summe von 1200 Pfund bereits in ihrem Namen dort deponirt ſey, um damit irgend eine Wohnung zu möbliren, welche ſie gerne beziehen möochte. Mrs. Haughton war alſo nach Gloueeſter Place übergeſiedelt. Sie ſitzt am Fenſter in ihrem vordern Salon und überſchaut mit ſtolzem, obwohl dankbarem Herzen die Herrlichkeiten, mit denen ſie umgeben iſt. Ein ſehr einnehmendes Geſicht— lebhafte Augen, die an und für ſich allzu munter und muthwillig ſeyn mögen, deren Aus⸗ druck aber durch einen ſanften milden Mund gedämpft iſt. Und über das ganze Geſicht, die Haltung, die Geberde, ja ſogar den Anzug iſt die unverkennbare Einfachheit eines aufrichtigen natürlichen Charak⸗ ters ausgegoſſen. Ohne Zweifel hat Mrs. Haughton ihre Launen, ihre Eitelkeiten, ihre kleinen harmloſen weiblichen Schwachheiten, aber Ihr konntet Euch in ihrer Gegenwart des Gefühls nicht er⸗ wehren bei einem liebreichen, warmherzigen, ehrlichen, guten Weibe zu ſeyn. Sie hatte vielleicht nicht all die Feinheiten in Ton und Be⸗ nehmen, welche die hochgeborene Dame kennzeichnen, die beſtändig die Convenienz im Auge hat; ſie legte vielleicht die Mäͤngel einer un⸗ vollendeten Erziehung dritten Rangs an den Tag; aber durch eine gewiſſe unnennbare Grazie ihrer Perſon und die Muſik ihrer Stimme blieb ſie vor der Alltäglichkeit geſchützt, ſelbſt wenn ſie Dinge ſagte oder that, welche wohlgeborne Leute nicht ſagen oder thun. Und in dieſen lebhaften nußbraunen Augen lag eine gewinnende Intelligenz⸗ welche Euch überzeugte, daß ſie viel Verſtand beſaß, ſelbſt wenn ſie etwas Einfaͤltiges ſagte. Mrs. Haughton wandte ſich vom Innern des Zimmers an das offene Fenſter. Sie ſchaut nach ihrem Sohne aus, der fortgegangen iſt, 118 um einen Beſuch bei Oberſt Morley zu machen, von welchem er be⸗ reits wieder heimgekommen ſeyn ſollte. Sie beginnt ein wenig un⸗ ruhig zu werden— ein bischen ärgerlich. Während ſie ſo daſteht und aufmerkſam hinausſchaut, kommt ein hochbeiniges Roß lärmend die Straße herabgetrabt, ein Braun mit weißen Beinen— er zieht ein blaues Cabriolet mit hochrothen Rädern— zwei Hände in gelben bockledernen Handſchuhen ſehen juſt unter der Kapuze hervor. Mrs. Haughton erröthet plötzlich und zieht ihren Kopf herein. Zu ſpät! Das Kabriolet hat angehalten— ein Gentleman beugt ſich vor, nimmt ſeinen Hut ab, verneigt ſich ehrerbietig.„Ei der Tauſend!“ murmelt Mrs. Haughton,„ich glaube gar, er will hereinkommen; ge⸗ wiſſe Leute ſind doch zu Verſuchungen geboren— meine Verſuchungen ſind ungeheuer geweſen! Er ſteigt aus— er klopft— ich kann jetzt nicht ſagen, daß ich nicht zu Hauſe ſey— ſehr ungeſchickt! Ich wollte, Lionel wäre daheim. Was meint er denn— wie kann er ſeine eigene Mutter vernachläſſigen und Verſuchern als Beute über⸗ laſſen?“ G Wäͤhrend der Lakai dem lebhaften Klopfen des Gaſtes Folge leiſtet, wollen wir erklären, auf was Art Mrs. Haughton die Bekannt⸗ ſchaft dieſes Gentleman gemacht hat. Auf einem ihrer Spaziergänge nach ihrem neuen Haus, ſo lange es ſich noch in den Händen der Ta⸗ peziere befand, als ihr Geiſt ſehr von der Betrachtung in Anſpruch genommen wurde, ob ihre Salonvorhänge von Zitz oder Baumwollen⸗ zeug ſeyn ſollen, wurde ſie, als ſte über die Straße gehen wollte, vom Kabriolet eines Gentleman beinahe überfahren. Das Pferd war hartmäulig und kam in raſchem Lauf einher. Der fahrende Gentle⸗ man hielt es juſt noch zur Zeit zurück; aber das Rad ſtreifte ihr Kleid, und obſchon ſie inſtinktmäßig zurückſprang, ſo überkam doch, als ſie bereits ſicher auf dem Trottoir ſtand, der Schreck ihre Nerven, und ſie klammerte ſich beinahe ohnmächtig an dem Straßenpfoſten an. Zwei oder drei Vorübergehende ſammelten ſich menſchenfreundlich um ſie, und der Gentleman, der zurückblickte, murmelte vor ſich hin:„Gar 119 nicht übel— zierlich gekleidet— ladylike— franzöſiſcher Shawl— könnte wohl Blech haben— vielleicht ſchon der Mühe werth.“ Da⸗ mit ſtieg er galant aus und eilte heran, um Entſchuldigungen vorzu⸗ bringen nebſt einer reſpektvollen Hoffnung, daß ſie nicht beſchädigt worden ſey..— Mrs. Haughton antwortete etwas ſcharf; da ſie aber zu jenen gutherzigen Frauenzimmern gehörte, die zwar derb ſeyn können, aber es im nächſten Augenblick ſchwer bereuen, ſo wünſchte ſie jede durch die erſte Aufwallung verurſachte Beleidigung ſeiner Gefühle wieder gut zu machen, und als er unter erneuten Entſchuldigungen ſeinen Arm anbot, um über die Straße zu gehen, wollte ſie ihm keinen Korb geben. Als ſie auf die Seite der Straße kam, an welcher ihr Haus lag, hatte ſie ſich ſo weit wieder erholt, daß ſie über die Annahme eines ſolch vertraulichen Beiſtandes von Seiten eines gänzlich fremden Menſchen erröthete und einige Worte ſtammelte, um ihm für ſeine Höflichkeit zu danken. Unſer Gentleman, der von ſeiner eigenen Anziehungskraft nicht allzu beſcheiden dachte, ſchrieb die erröthende Wange und die ſtammelnde Stimme der natürlichen Wirkung zu, die durch ſein Erſcheinen her⸗ vorgebracht worden ſey; und während er ſelbſt ein hübſches Armband an ihrem Gelenke ſehr bewunderte, das er als ein günſtiges Vor⸗ zeichen für Blech beurtheilte, begleitete er ſie bis an ihre Thüre und ſchickte im Verlauf des Abends ſeinen Groom her, um in der Nachbar⸗ ſchaft ganz ſchlau Erkundigungen einzuziehen. Das Ergebniß der⸗ ſelben verleitete ihn zu dem Entſchluß die auf ſolche Art begonnene Bekanntſchaft fortzuſetzen. Er wußte die Stunden zu erfahren, in welchen Mrs. Haughton gewöhnlich das Haus beſuchte, und richtete es ſo ein, daß er um dieſelbe Zeit nach Glouceſter Place kam. Seine Verbeugung war bekannt, ehrerbietig, erkundigend— eine Verbeu⸗ gung, welche fragte:„wie viel weiter?“ Aber Mrs. Haughtons ent⸗ ſprechende Verbeugung ſchien zu erklären:„ganz und gar nicht!“ Der Fremde wagte an dieſem Tage nicht mehr, aber am zweiten und 120 dritten kam er wieder nach Glouceſter Place, und zwar zu Fuß. Bei dieſer Gelegenheit hatte Mrs. Haughton ihren Sohn bei ſich, und der Gentleman wollte ſich nicht den Schein geben, als ob er ſie bemerke. Am nächſten Tag war ſie allein, und juſt als ſie ihre Thüre erreichte, trat er vor:„Bitte tauſendmal um Verzeihung, Madam; aber wenn ich recht unterrichtet bin, ſo habe ich die Ehre Mrs. Charles Haugh⸗ ton anzureden.“ Die Lady verbeugte ſich überraſcht. „Ach, Madam, Euer beklagter Mann war einer meiner intimſten Freunde.“ „Ei, was Ihr ſagt!“ rief Mrs. Haughton, indem ſi ie den Frem⸗ den aufmerkſamer anſchaute. In ſeinem Anzug, in ſeiner ganzen Erſcheinung lag Etwas was ſie ſehr elegant fand— ein intimer Freund von Charles Haughton mußte nothwendig elegant ſeyn— mußte ein Mann vom erſten Waſſer ſeyn. Und ſie liebte das An⸗ denken des armen Kapitäns— ihr Herz erwarmte für jeden intimen Freund von ihm. „Ja,“ fuhr der Gentleman fort⸗ als er den Vortheil bemerkte, den er errungen hatte;„obſchon ich bedeutend jünger war, ſo waren wir doch ganz dicke Freunde— entſchuldigt die ſei vertraulichen Aus⸗ druck— miteinander bei den Huſaren—“ „Der Kapitän ſtand nicht bei den Huſaren, Sir;; er ſtand bei der Garde.“ „Ich weiß wohl; aber ich wollte ſagen, bei den Huſaren und bei der Garde befanden ſich einige ſehr feine Leute— ſehr fein— und er war einer von ihnen. Ich konnte dem Verlangen nicht widerſtehen der verwittweten Lady eines ſo feinen Mannes meinen Reſpekt zu be⸗ zeugen. Ich weiß, daß dieß eine große Freiheit iſt, Ma'am, aber es iſt ſo meine Art. Leute, die mich gut kennen— und ich habe eine ſtarke Bekanntſchaft— ſind freundlich genug meine Art zu entſchul⸗ digen. Und wenn ich daran denke, daß dieſes garſtige Pferd, das ich juſt aus Lord Boltons Marſtall gekauft hatte(200 Guineen, Ma'am, — — — ʃ — 2₰ — ʃ 12¹ und wohlfeil), beinahe die liebenswürdige Wittwe Charles Haugh⸗ tons ums Leben gebracht hätte! Wäre irgend ein Anderer mit dieſer Beſtie gefahren, ſo ſchaudere ich bei dem Gedanken, was daraus hätte entſtehen können; aber ich habe ein eiſernes Handgelenke. Stärke iſt ein alltäglicher Vorzug— ſehr alltäglich— aber wenn ſie eine Lady vom Tode errettet, wie kann man ſich dann ihrer ſchämen? Euer eigenes Haus, Mrs. Haughton?“ „Ja, Sir, ich habe es juſt genommen, aber die Handwerksleute ſind noch nicht fertig. Ich wohne noch nicht hier.“ „Eine reizende Lage! Mein Freund hat, glaube ich, einen Sohn hinterlaſſen? Schon in der Armee?“ „Nein, Sir, aber er wünſcht es ſehr.“ „Mr. Darrell könnte, denke ich, dieſen Wunſch befriedigen.“ „Was! Ihr kennt Mr. Darrell, dieſen höchſt ausgezeichneten großherzigen Mann! Alles was wir beſitzen, verdanken wir ihm.“ Der Gentleman wandte ſich plötzlich auf die Seite, und er that wohl daran, denn der Ausdruck ſeines Geſichtes bei dieſem Lob hätte Mrs. Haughton erſchrecken können. „Ja, ich kannte ihn früͤher. Er hat von meiner Familie manches ſchöne Honorar bezogen. Tüchtiger Advokat— geſcheidter Mann— und reich wie ein Jude. Ich würde mich freuen den Sohn meines alten Freundes zu ſehen, Ma'am. Er muß außerordentlich hübſch ſeyn mit ſolchen Eltern.“ „Oh, Sir, er gleicht ſeinem Vater ſehr. Ich werde ſtolz ſeyn ihn Euch vorzuſtellen.“ „Ma'am, ich danke Euch. Ich werde die Ehre haben vorzu⸗ ſprechen.“ Und ſomit iſt erklärt, wie Jaſper Loſely an Mrs. Haughtons Thüre geklopft hat— wie er ihre Treppe hinaufgegangen iſt— wie er in ihrem Salon Platz genommen hat und jetzt ſeinen Stuhl etwas näher zu ihr rückt, indem er in ſeine Stimme und ſeine Blicke einen — 122 Grad von Bewunderung wirft, welchen der Anblick ihrer eleganten Wohnung aufrichtig in ihm hervorgerufen hat. Jeſſica Haughton gehörte nicht zu den Weibern, wenn es über⸗ haupt ſolche gibt, die es nicht wiſſen, wenn ein Gentleman es auf ſie ab⸗ geſehen hat. Sie wußte recht wohl, daß ihr Gaſt nur ſehr geringer Aufmunterung bedurfte, um ſich als Freier zu erklären. Auch war ſie, die Wahrheit zu ſprechen, nicht ganz unempfindlich gegen ſeine hübſche Perſon, nicht ganz unbewegt bei ſeinen Schmeicheleien. Sie hatte ihre ſchwachen Seiten, und zu dieſen gehörte Eitelkeit. Die arme Lady hegte nicht die entfernteſte Ahnung, daß Jaſper Loſely nicht ein Mann ſey, deſſen Aufmerkſamkeiten jeder Frau ſchmeicheln müſſen. Obſchon er nicht einmal einen Namen angegeben, ſondern den Lakaien auf die Seite geſchoben hatte und mit der vertraulichen Behaglichkeit eines nächſten Verwandten hereingeſchlendert war; ob⸗ ſchon er nicht eine Sylbe geäußert hatte, die ſeine Stellung bezeichnen oder ſeine gerühmte Freundſchaft mit dem theuren Verſtorbenen be⸗ zeugen konnte, ſo glaubte doch Mrs. Haughton unbedingt, ſie befinde ſich in Geſellſchaft eines jener lebensluſtigen Tonangeber, die um ihren Charlie geflimmert in jenem früheren Morgen ſeines Lebens, ehe er ſein Patent als Gardeoffizier veräußert und ſich aus einem Gefängniß losgekauft hatte; ſie hielt ihn für einen Lord oder zum mindeſten für einen Ehrenwerthen, und überlegte ſchon(mich ſchaudert es zu ſagen), ob es nicht ein vortreffliches Ding für ihren lieben Lionel wäre, wenn ſie es über ſich vermöchte ihm die Stütze und Lei⸗ tung eines ausgezeichneten und glänzenden Stiefvaters zu verſchaffen — eines Stiefvaters, der reich, vornehm, augenſcheinlich gutherzig, verſtändig und mit ſolcher Anziehungskraft begabt wäre. Oh die Verſuchung wurde immer ungeheurer, als auf einmal die Thüre aufflog und Lionel hereinſprang mit dem Ruf:„Liebe Mutter, der Oberſt iſt mit mir gekommen, um—“ Er hielt plötzlich inne und ſtarrte Jaſper Loſely feſt an. Dieſer Gentleman trat einige Schritte vor und ſtreckte ſeine Hand aus, that 123 ſich aber raſch Einhalt, als er Oberſt Morleys impoſante Geſtalt jetzt zum Vorſchein kommen ſah. Nicht als ob er Erkennung gefürchtet hätte— der Oberſt kannte ihn nicht vom Sehen, aber er kannte den Oberſt vom Sehen. In ſeinen jüngeren Tagen, als er an den Ge⸗ ländern von Rotten Row herumlungerte, hatte er mit neidiſchem Blicke die Häupter der Faſhion an ſich vorbeigehen geſehen, und Oberſt Mor⸗ ley war ſeiner Beobachtung nicht entgangen. Oberſt Morley war wirklich einer jener Männer, die vermöge ihres Namens und Rufes darauf rechnen können allen Denjenigen bekannt zu ſeyn, welche gerne Etwas von der ſchimmernden, ſchwatzenden und herzloſen Welt kennen lernen möchten, die gleich der Sonne entweder belebt oder verſengt, je nach den Eigenſchaften des Gegenſtands, den ſie beſcheint. Seltſam zu ſagen, der bloſe Anblick des ächten feinen Gentleman genügte, um den falſchen feinen Gentleman einſchrumpfen und zuſammenſinken zu machen. Obſchon Jaſper Loſely wußte, daß er noch immer ein präch⸗ tiger Mann genannt wurde, einer der Leibgardiſten der königlichen Natur; obſchon er die zuverſichtliche Ueberzeugung hegte, daß ſein Anzug vom Wirbel bis zur Zehe die Kritik des ſtrengſten Muſterungs⸗ pedanten aushalten konnte, ſo erſchien doch kaum dieſe Geſtalt— die keineswegs hübſch und deren Anzug keineswegs aufs feinſte ge— ſchniegelt und gebügelt, ſondern ſogar einiger Runzeln ſchuldig war— auf der Schwelle, als Jaſper Loſely ſich klein und ſchäbig fühlte, als wäre er plötzlich auf fünf Fuß zwei Zoll herabgekommen und hätte ſeine Kleider bei einem alten Troödeljuden gekauft. Der Oberſt ſeinerſeits gab ſich nicht einmal den Anſchein, als ob er Mr. Loſely ſähe, und als er an ihm vorbei auf Mrs. Haughton zuſchritt, hatte er bereits mit jenem ſprüchwörtlichen Blick aus dem Augenwinkel die ganze ſtolze Perſonalität dieſes Betrügers in ruhigen Augenſchein genommen, hatte ihn durch und durch geleſen und ſich ohne das mindeſte Bedenken für die zwei Punkte entſchieden:„ein Weiberverführer und ein Gauner.“ Schnell wie ein Athemzug war die ſo verſchiedenartig auf 124 Mrs. Haughtons Gäſte hervorgebrachte Wirkung geweſen, deren Be⸗ ſchreibung ſo viele Worte gekoſtet hat, ſo ſchnell, daß der Oberſt ohne eine ſichtbare Pauſe im Dialog bereits den von Lionel unvollendet gelaſſenen Satz aufgenommen hat und mit einer Verbeugung über Mrs. Haughtons Hand ſagt:„Gekommen, um nähere Bekanntſchaft mit der Wittwe eines alten Freundes, der Mutter eines jungen Freundes in Anſpruch zu nehmen.“ Mrs. Haughton.—„Wahrhaftig, Oberſt Morley, ich fühle mich ſehr geſchmeichelt. Alſo auch Ihr kanntet den armen lieben Kapitän? es iſt ein ſo angenehmer Gedanke, daß ſeine alten Freunde jetzt zu uns kommen. Auch dieſer Gentleman hier war ein intimer Freund des lieben Charles.“ Der Oberſt hatte etwas kleine Augen, die ſich mit angewöhnter Langſamkeit bewegten. Er ſchlug dieſe Augen auf, ließ ſie auf Jaſper fallen, der noch immer mitten im Zimmer ſtand und ſeine Hand gegen Lionel halb ausgeſtreckt hielt, und indem er während des Sprechens die Augen auf ihm ruhen ließ, wiederholte er:„Ein intimer Freund von Charles Haughton— der einzige ſeiner intimen Freunde, den ich früher nie zu ſehen die Ehre hatte.“ Jaſper, der, ſo viel ihm auch an andern Tugenden abgehen mochte, jedenfalls Muth beſaß, machte eine ſtarke Anſtrengung, um ſeine Faſſung zu behaupten, und ohne dem Oberſt zu antworten, deſſen Bemerkung nicht direkt an ihn gerichtet geweſen war, ſagte er in ſeinem leichtfertigſten Ton:„Ja, Mrs. Haughton, Charles war mein intimer Freund, aber“— ſein Augenglas erhebend—„aber dieſer Gentleman war“— das Augenglas nachläßig fallen laſſend—„ver⸗ muthlich nicht in unſerer Geſellſchaft.“ Dann auf Lionel zugehend und ſeine Hand ergreifend:„Ich muß mich ſelbſt einführen. Wahrhaftig das vollkommene Ebenbild Eures Vaters! Ich ſagte ſo eben zu Mrs. Haugh⸗ ton, wie ſehr es mich freuen würde Euch zu ſehen, und machte ihr, juſt als Ihr hereinkamet, den Vorſchlag, daß wir miteinander ins Theater gehen ſollten. Oh, Ma'am, Ihr könnt ihn mir ruhig anvertrauen. 125 Junge Männer müſſen das Leben ſehen.“ Hier machte Jaſper gegen Lionel einen jener ſchlauen Winke, mit welchen er die jungen Freunde von Mr. Poole zu entzücken und zu verſtricken gewöhnt war, und fuhr haſtig fort:„Aber auf eine unſchuldige Art, Ma'am, ſo wie Mütter es gutheißen können. Wir wollen einen Abend dafür feſtſetzen, wo ich die Ehre haben werde wieder vorzuſprechen. Guten Morgen, Mrs. Haughton. Noch einmal Eure Hand, Sir(zu Lionel). Ah! wir werden große Freunde werden, das ſehe ich voraus. Ihr müßt mir erlauben Euch in meinem Cab auszuführen, Euch in der Hand⸗ habung der Zügel zu unterweiſen, nicht wahr? Oh mein alter Freund Charles verſtand ſich vortrefflich darauf. Ha! ha! Guten Tag, guten Tag!“ Nicht eine Muskel hatte ſich in des Oberſten Geſicht bewegt, ſo lange Mr. Loſelys jovialer Monolog dauerte. Aber als Jaſper mit vielen Bücklingen verſchwunden war, während Mrs. Haughton zu wiederholten Malen vor ihm knixte und dem Lakaien klingelte, daß er die Hausthüre öffnen ſolle, da ſchlug der Mann von Welt(und als Mann von Welt war Oberſt Morley vollendet) von Neuem dieſe lang⸗ ſamen Augen auf, und zwar dießmal gegen ihr Geſicht, und ließ die Worte fallen: „Meines alten Freundes intimer Freund iſt recht hübſch, Mrs. Haughton!“— „Und ſo lebhaft und angenehm,“ verſetzte Mrs. Haughton mit einem leichten Anflug von Farbe, aber ohne ein anderes Zeichen von Verlegenheit,„es kann eine recht gute Bekanntſchaft für Lionel werden.“ „Mutter!“ rief dieſer undankbare Junge,„das könnt Ihr nicht im Ernſte ſagen. Ich finde den Mann abſcheulich. Wäre er nicht meines Vaters Freund, ſo würde ich ſagen, er ſey—“ „Was, Lionel?“ fragte der Oberſt milds,„was ſey er?“ „Ein Lump, Sir.“ „Lionel, wie kannſt du dich unterſtehen!“ rief Mrs. Haughton, Bulwer, was wird er damit machen? II. 9 126 „Was für gemeine Worte die Jungen doch in der Schule aufſchnappen, Oberſt Morley!“ „Wir müſſen dafür ſorgen, daß ſie nicht noch Schlimmeres als Worte aufſchnappen, wenn ſie die Schule verlaſſen, meine liebe Ma⸗ dam. Ihr werdet mir verzeihen, aber Mr. Darrell hat ſo ausdrück⸗ lich— natürlich mit Eurer Erlaubniß— dieſen jungen Gentleman meiner verantwortlichen Sorgfalt und Leitung empfohlen— er hat mir ſo offen ſeine Anſichten und Abſichten anvertraut, daß Ihr mir vielleicht die ſehr große Gunſt erweiſen werdet ihm nicht gegen ſeine eigenen Wünſche die Bekanntſchaft dieſes allerdings recht hübſchen Mannes aufzunöthigen.“ Mrs. Haughton ſchnitt ein Geſicht, dämpfte aber den Aerger, der ſich in ihr regen wollte. Der Oberſt begann ihr Ehrfurcht einzu⸗ flößen. „Beiläufig geſagt,“ fuhr der Mann von Welt fort,„darf ich fragen, wie dieſer intime Freund meines alten Freundes heißt?“ „So wahr ich lebe, ich weiß es ſelbſt nicht. Vielleicht hat er ſeine Karte zurückgelaſſen— klingle einmal, Lionel.“ „Ihr wißt ſeinen Namen nicht, doch kennt Ihr ihn, Ma'am, und wolltet Eurem Sohn erlauben unter ſeinen Auſpicien das Leben zu ſehen. Ich bitte Euch tauſendmal um Verzeihung; aber ſelbſt die vorſichtigſten Ladies, die behutſamſten Mütter ſind—“ „Ungeheuren Verſuchungen ausgeſetzt— ja, ja, ſo iſt's.“ „Ich verſtehe vollkommen, meine theure Mrs. Haughton.“ Der Lakai erſchien.„Hat dieſer Gentleman eine Karte dage⸗ laſſen?“ „Nein, Ma'am.“ „Habt Ihr ihn nicht nach ſeinem Namen gefragt, als er eintrat?“ „Doch, Ma'am, aber er ſagte, er wolle ſich ſelbſt anmelden.“ Als der Lakai abgetreten war, rief Mrs. Haughton betrübt: „Ich habe Tadel verdient, Oberſt, ich ſehe es ein. Aber Lionel wird Euch ſagen, wie ich zur Bekanntſchaft dieſes Gentleman kam.— Es 127 iſt der Gentleman, der mich beinahe überfahren hat, Lionel, und der dann ſo freundlich von deinem theuren Vater ſprach.“ „Oh das iſt der Mann! Ich dachte mir's doch,“ rief Lionel, indem er ſeine Mutter küßte, die nahe daran war in Thränen auszu⸗ brechen.„Jetzt kann ich Alles erklären, Oberſt Morley. Jeder der ein freundliches Wort über meinen Vater ſagt, gewinnt meiner Mutter Herz ſogleich— iſt's nicht ſo, liebe Mutter?“ „Und möge es lang ſo bleiben,“ ſagte Oberſt Morley mit freund⸗ lichem Ernſt,„und möge dieß mein Paß zu Eurem Vertrauen ſeyn, Mrs. Haughton! Charles war mein alter Schulkamerad— ein kleiner Junge, als ich und Darrell in der ſechsten Claſſe waren, und verzeiht mir, wenn ich hinzufüge, daß dieſer Gentleman, wenn er je Charles Haughtons intimer Freund war, nicht wohl ein ſehr weiſer Freund ſeyn konnte. Denn wenn ſein Ausſehen nicht gewaltig über ſeine Jahre täuſcht, ſo kann er kaum etwas Anderes als ein Junge geweſen ſeyn, als Charles Haughton ſtarb und Lionel verwaiste.“ Hier erhob ſich der Oberſt mit zartfühlendem Takt, als er ſah, daß Mrs. Haughton ſich ein wenig ſchämte und ihre Unvorſichtigkeit einzuſehen ſchien; er verabſchiedete ſich mit der Bitte, die freudig ge⸗ währt wurde, daß Lionel Erlaubniß erhalten möge am folgenden Morgen mit ihm zu frühſtücken. Eilftes Kapitel. Ein Mann von Welt, wenn er einen mühſamen Auftrag übernommen hat, überlegt was er damit machen will; und hat er raſch ſeinen Entſchluß gefaßt, ſo iſt er erſtens überzeugt, daß er nichts Beſſeres hätte thun können, und zweitens, daß man viel ſagen dürfte, um zu beweiſen, daß er nichts Schlimmeres hätte thun können. Indem wir eine ausführlichere Beſchreibung von Oberſt Morley für eine ſpätere Gelegenheit vorbehalten, begnügen wir uns für den 9* Augenblick mit der Bemerkung, daß er ein Mann von ſehr feinem Verſtand für die ſpezielle Schichte der Geſellſchaft war, worin er lebte. Obſchon Niemand einen zahlreicheren Freundeskreis hatte, und ob⸗ ſchon er mit vielen dieſer Freunde auf jenem vertraulich intimen Fuße ſtand, welchen Darrells thätige Laufbahn in früherer und ſtarre Ab⸗ geſchloſſenheit in letzterer Zeit mit einem alltäglichen Bürger dieſer glänzenden Geſellſchaft, worin Oberſt Morley ſich bewegte und ſein ganzes Weſen aufging, nicht hätte herſtellen können, ſo war doch für Alban Morleys Herz(ein Herz, zu welchem der Zutritt nicht leicht zu erhalten war) kein Freund ſo theuer wie Guy Darrell. Sie waren an demſelben Tage nach Eton gekommen— hatten die Schule an demſelben Tag verlaſſen— während ihres ganzen Aufenthaltes allda in demſelben Hauſe gewohnt, und trotz der großen Verſchiedenheit ihrer Charaktere hatten ſie dennoch eine jener ſtarken, unvergänglichen brüderlichen Freundſchaften geſchloſſen, welche die Schickſalsgöttinnen in das Gewebe des menſchlichen Daſeyns einweben. Darrells Empfehlung würde jedem jungen Schützling einen ver⸗ bindlichen Willkomm bei Oberſt Morley und ſeinen unſchätzbaren Rath geſichert haben. Aber in ſeiner doppelten Eigenſchaft als Darrells anerkannter Verwandter und als Charles Haughtons Sohn rief Lionel ſeine freundlichſten Gefühle hervor und erhielt ſeine über⸗ legteſten Rathſchläge. Er hatte den Jungen ſchon mehrere Male ge⸗ ſehen, ehe er Mrs. Haughton ſeine Aufwartung machte, weil er dachte, es würde ſie freuen, wenn er ſeinen Beſuch verſchöbe, bis ſie ihn in der ganzen Herrlichkeit von Glouceſter Place empfangen könnte; und er hatte Lionel in hohe Aſſektion genommen und ihn einer ausgezeich⸗ neten Stellung in der Welt würdig erachtet. Obſchon Darrell in ſeinem Brief an Oberſt Morley nachdrücklich die Stellung Lionels als ſeines begünſtigten Vetters von der Stellung eines präſumtiven oder auch nur wahrſcheinlichen Erben unterſchieden, ſo hatte der reiche Mann doch auch hinzugefügt:„Aber ich wünſche, daß er als der Ver⸗ treter der Haughtons einen Rang einnehme, und was ich auch mit —— 8— 129 der Maſſe meines Vermögens thun mag, ſo werde ich ihm eine an⸗ ſtändige Unabhängigkeit ſichern. Die Vollendung ſeiner Erziehung, die angemeſſene Jahresſumme für ihn, die Wahl eines Berufs ſind Sachen, worin ich Euch auf eigene Fauſt zu handeln bitte, wie wenn Ihr ſein Vormund wäret. Ich bin im Begriff England zu verlaſſen — ich kann Jahre lang ausbleiben.“ Indem Oberſt Morley die Ver⸗ antwortlichkeit übernahm, die ihm auf ſolche Art aufgebürdet wurde, bot er nicht blos ſeinen ſcharfſinnigen Verſtand auf, um dieſem Amt nachzukommen, ſondern ging auch mit gewiſſenhafter Aengſtlichkeit zu Werke. Er ſah, daß Lionels Herz auf den militäriſchen Beruf gerichtet war, und daß ſein Fleiß, ohne das aufmunternde und concentrirende Element des Enthuſiasmus, ſicherlich nur lau und flüchtig ſeyn, folg⸗ lich auch den Zweck verfehlen würde, wenn man ihn auf Studien lenkte, die keine unmittelbare Beziehung zu den Gegenſtänden ſeines Ehrgeizes hätten. Der Oberſt entſagte alſo der Idee ihn für drei Jahre auf eine Univerſität zu ſchicken. Alban Morley faßte ſeine Theorien über akademiſche Bildung in folgende kurze Aphorismen zuſammen:„Nichts iſt ſo gut wie eine Univerſitätserziehung, und Nichts iſt ſchlimmer als eine Univerſität ohne ihre Erziehung. Beſſer man wirft einen Jüngling ſogleich in die weitere Sphäre einer Haupt⸗ ſtadt, vorausgeſetzt daß man ſeinem ſocialen Leben die gewöhnlichen Hemmſchuhe guter Geſellſchaft ſichert, die Beſchränkungen, welche durch die Gegenwart anſtändiger Frauen ſo wie geſetzter, würdevoller und angeſehener Männer auferlegt werden; dieß iſt weit beſſer, als wenn man ihn auf die ausſchließliche Geſellſchaft von Jünglingen ſeines eigenen Alters beſchränkt, des Alters, wo wilder Uebermuth und gedankenloſe Nachahmung an der Tagesordnung ſind— er müßte ſich denn an das Rettungsmittel anklammern, das in eifrigem Stu⸗ dium beſteht, weniger in Folge der Buchweisheit, die es gewährt, als in Folge der ernſten Beſchäftigungen, wodurch es den Geiſt von den gröberen Verſuchungen abzieht.“ —— . 8 ————— 130 Aber Lionel war an Gemüth jünger als an Jahren und noch zu kna⸗ benhaft, um mit Sicherheit jenen Prüfungen des Taktes und Charak⸗ ters ausgeſetzt zu werden, welche den Neuling erwarten, der durch die Thüren eines Offiziersſaales in das Leben eintritt. Sein Stolz war zu krankhaft, zu argwöhniſch in Bezug auf Beleidigungen, ſeine Offenheit war zu rauh, ſein Geiſt noch zu wenig gezähmt durch die unmerkliche Disciplin geſelligen Verkehrs. Sprach der beobachtende Weltmann:„Gibt man ſeine Ehre in ſeine eigene Verwahrung, ſo wird er ſie mit geſpanntem Hahn vor ſich hertragen und, ehe ein Monat vergeht, einen Freund oder ſich ſelbſt ums Leben bringen. Trotzig— entſchieden trotzig! Und von allen Urſachen, welche den Frieden in Regimentern ſtören und Kriegs⸗ gerichte veranlaſſen, iſt ein trotziger Junge die allergewöhnlichſte. Schade! denn das Bürſchchen hat das rechte Metall in ſich— Geiſt und Talent, die einen Soldaten erſten Rangs aus ihm machen würden. Es wäre gut angebrachte Zeit, wenn man ihn neben profeſſionellen Studien den Grad feiner geſellſchaftlicher Bildung erwerben ließe, welcher Würde verleiht und den Trotz curirt. Ich muß ihn aus London, aus England wegſchaffen— muß ihn von den Schürzen⸗ bändern ſeiner Mutter losreißen und von den intimen Freunden ſeines armen Vaters entfernen, die unangemeldet im Salon der Wittwe auf Raub herumziehen. Er ſoll nach Paris gehen— es gibt keinen beſſern Platz, um militäriſche Theorien zu lernen und Trotzköpfe zu civiliſiren. Ohne Zweifel wird mein alter Freund, der Chevalier, welcher die ſtrategiſche Kunſt an ſeinen Fingerſpitzen hat, ſich bereit finden laſſen ihn in Penſion zu nehmen, ſeine Studien zu leiten und ihn vor allem Uebel zu bewahren. Ich kann ihm Zutritt in die Cirkel des ſtarren alten Faubourg St. Germain verſchaffen, wo der feinſte, gebildetſte Ton herrſcht und die Bande der Häuslichkeit am meiſten reſpektirt werden. Ueberdieß werde ich ihn, da ich ſelbſt ſo oft in Paris bin, unter meinen eigenen Augen haben, und einige wenige Jahre, die er dort verlebt, um ſich vollends als Mann auszubilden, —— —— 131 werden ihn dem Marſchallsſtab, den jeder Rekrut vor Augen haben ſollte, näher bringen, als wenn ich ihn auf einmal als rohen Jungen hinausſtelle, der unfähig iſt als Fähnrich für ſich ſelbſt zu ſorgen, und auch ſpäter, abgeſehen von mechaniſcher Routine, unfähig ſeyn wird für Andere zu ſorgen, wenn er ſich einmal einen Oberſtengrad kauft.“ Dieſe ſo raſch entworfenen Pläne ſetzte Alban Morley dem Jungen, als er nach Curzon Street zum Frühſtück kam, kurz aus⸗ einander und erſuchte ihn Mrs. Haughtons Einwilligung in dieſen Gebrauch der discretionären Vollmacht, welche Mr. Darrell ihm an⸗ vertraut hatte, auszuwirken. Unſerm Lionel erſchien der Vorſchlag, welcher gerade diejenigen Studien empfahl, auf die ſeine Liebhabereien ſeinen Ehrgeiz lenkten, und der ſeine Einweihung in verantwortliche Mannheit unter Scenen verſetzte, die ihm gänzlich neu waren und daher ſeiner Phantaſie glänzend vorſchimmerten, natürlich als Vollen⸗ dung der Weisheit. Weniger gern gab ſich die arme Mrs. Haughton zufrieden, als ihr Sohn bei ſeiner Rückkehr ihr den Plan vorlegte und einen höf⸗ lichen, wohlgeſetzten Brief des Oberſten mit ſeiner eigenen kunſtloſeren Beredtſamkeit unterſtützte. Sie flog augenblicklich auf den Schwingen ihres raſchen Temperaments davon.„Was! Ihr einziger Sohn ſolle von ihr genommen, ſolle nach dieſem ſchrecklichen Continent geſchickt werden, juſt nachdem ſie ſich ſo reſpektabel eingerichtet habe! Was für einen Nutzen ſie denn von ihrem Geld habe, wenn ſie ſich von ihrem Jungen trennen müſſe! Mr. Darrell könne das Geld zurückneh⸗ men, wenn er wolle— ſie werde ihm das ſchreiben und ſagen. Oberſt Morley ſey ein Menſch ohne Gefühl; und ſie ſchaudere bei dem Gedanken, daß Lionel ſich in ſolchen unnatürlichen Händen be⸗ finde. Sie ſehe ganz deutlich, daß er ſich gar nicht mehr um ſie be⸗ kümmere— Drachenzähne u. ſ w. u. ſ. w.“ Aber ſobald der Aus⸗ bruch vorüber und der Himmel wieder klar war, wurde Mrs. Haughton bußfertig und verſtändig. Dann wurde ihr Kummer um Lionels Verluſt durch Vorbereitungen für ſeine Abreiſe abgelenkt. Sie hatte ——— eine Patentreiſetaſche zu kaufen und zu füllen. Und als Alles vorüber war, als Mutter und Sohn den letzten Abend zuſammen verbrachten, da dachten ſie, ſo ſchmerzlich auch der Augenblick war, welch ein Glück es ſeyn würde, wenn ſie einander ſpäter wiederſähen! Ihre Hände lagen in einander— der Kopf der Mutter lehnte an ſeiner jungen Schulter— ihre Thräͤnen wurden ſo beſchwichtigend weggeküßt. Und ſanfte Worte freundlichen mütterlichen Rathes, holde Verſprechungen 4 kindlichen Gehorſams. Glücklich, dreimal glücklich, wie eine ſpäte 3 Erinnerung, ſey der endliche Abſchied zwiſchen dem hoffnungsvollen Sohn und der ängſtlichen Mutter am Fuße dieſer myſtiſchen Brücke, die ſich plötzlich vor der Schwelle der Heimath erhebt und im Dunkel des fernen Ufers gegenüber verliert, einer Brücke, über welche der Knabe geht, der erſt als Mann zurückkehren wird! ——