4 54 5 2 — 1 —* ——— 8—-—— 5 0 0 9 7 Leihbibliothek F deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher ⸗Lteratur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 3 1 A hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſſe wird. ¹ 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt„ zrden und beträgt: für wöchentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 3 4 3—„ 4„-„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 21 K d 1 81 2 8 ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. Acht und ſechzigſter Theil Lucretia l. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung⸗ 1847. ——ͤ LCucretia oder 4 die Kinder der Nacht. Ein Roman —— von E. L. Bulwer. 1 SS= ——— Aus dem Engliſchen. von Theodor Oelckers. 1 Erſter Theil. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. draͤn unten einw Vorwort. Es ſind ungefähr vier Jahre verfloſſen, ſeit ich vor dem Publikum als Verfaſſer einer Dichtung auftrat, welche ich da⸗ mals als meine wahrſcheinlich letzte bezeichnete; allein uͤble Gewohnheiten ſind ſtaͤrker als gute Vorſaͤtze. Gil Blas ver⸗ läßt Fabricio in deſſen Hoſpital, vollkommen uͤberzeugt von dem Jammer, den ſein poetiſches Talent ihm bereitete und mit dem feierlichen Verſprechen, einem ſo undankbaren Be⸗ rufe zu entſagen, um ihn— am naͤchſten Morgen in vol⸗ ler Gluth der Begeiſterung zu finden, indem er ſeine ver⸗ zweifelte Laufbahn mit einem Lebewohl an die Muſen wieder antritt;— die Anwendung ergibt ſich von ſelbſt. Indeß muß ich geſtehen, daß ich ſeit laͤngerer Zeit den Wunſch genaͤhrt habe, in irgend einem Werke die ſeltſamen und geheimen Wege zu ſchildern, mittels deren jener Urherrſcher der Civiliſation, den man gemeinhin„Geld“ nennt, ſich in unſre Gedanken und Motive, unſre Herzen und Handlungen ein⸗ draͤngt, indem er ebenſowohl auf diejenigen, die ſeinen Werth unterſchaͤtzen, als auf jene, die ſeine Bedeutung uͤberſchaͤtzen, einwirkt, und nicht minder im Verſchwender Tugenden vernich⸗ 6 tet, als im Geizigen Laſter erzeugt. Allein waͤhrend ich mei⸗ nen Abſchied vom Beruf eines Novelliſten halb andeutete, war ich der Meinung, daß ſich die angefuͤhrte Idee am beſten zu einer Bearbeitung fuͤr die Buͤhne eignete. Nach einigen un⸗ veroͤffentlichten und unvollkommenen Verſuchen, um meinen Plan zu verwirklichen*), fand ich, daß entweder der Gegen⸗ ſtand zu umfangreich fuͤr die engen Grenzen des Drama's war, oder daß mir das Talent fuͤr die Concentration abging, wel⸗ ches allein den Dramatiker befaͤhigt, vielgeſtaltige und man⸗ nichfache Gruppen auf einen engen Raum zuſammenzudraͤngen. Mit dieſem Plane wuͤnſchte ich eine Darſtellung Deſſen zu ver⸗ einigen, was mir ein Hauptfehler in dem heißen und eiferſuͤch⸗ tigen Jagen nach Gluͤck oder Ruhm, Vermoͤgen oder Kenntniß zu ſein ſcheint— faſt ſynonym mit der gewoͤhnlichen Phraſe „geiſtiger Fortſchritt“ in der geſellſchaftlichen Kriſis, zu wel⸗ cher wir gelangt ſind. Der Fehler, den ich meine, iſt Unge⸗ duld. Dieſes eifrige Verlangen, vorwaͤrts zu draͤngen, nicht ſowohl um Hinderniſſe zu uͤberwinden, als ſie zu umgehen; dieſes Spiel mit den ernſten Beſtimmungen des Lebens, indem man den Erfolg auf den Fall eines Wuͤrfels ſetzt; dieſes Eilen vom Erwachen des Wunſches zum vollendeten Ziel; dieſer Durſt nach ſchneller Vergeltung geiſtiger Muͤhe; dieſes athem⸗ *) Dieſer Plan entſtand nach der Veroͤffentlichung des„Geld“ betitelten Luſtſpiels, und dieſes war demnach trotz ſeines Namens keineswegs ein Verſuch, den oben angedeuteten umfaſſendern Gegen⸗ ſtand zu bearbeiten. —— loſe uns ziehu ſenſch unſr mind ſchei Alge iſ ohn Mu wir iſt ei Reich gend ſtreb gung Arb Waͤ ſei ſ daß vert bega zwei loſe uͤbereilte Treiben nach dem Ziel, welches wir uͤberall um uns her bemerken in Handel und Wandel, welches in der Er⸗ ziehung beim Abe⸗Buch beginnt, und uns mit populaͤren wiſ⸗ ſenſchaftlichen Lehrbuͤchern uͤberſchwemmt; welches die Buͤcher unſrer Schriftſteller, die Reden unſrer Staatsmaͤnner nicht minder als das Verfahren unſrer Speculanten bezeichnet: dies ſcheint mir, ich muß es geſtehen, ein ſehr mißliches und ſehr allgemeines Zeichen der Zeit zu ſein. Meiner Anſicht nach iſt der groͤßte Freund des Menſchen Arbeit; und Kenntniß ohne Muͤhe, wofern uͤberhaupt moͤglich, wuͤrde werthlos ſein; Muͤhe im Streben nach Kenntniß iſt die beſte Kenntniß, die wir erlangen koͤnnen; die fortwaͤhrende Bemuͤhung nach Ruhm iſt edler, als der Ruhm ſelbſt; und nicht der raſch erworbene Reichthum verdient Bewunderung, ſondern vielmehr die Tu⸗ genden, die ein Mann, waͤhrend er allmaͤlig Reichthum er⸗ ſtrebt, ausuͤbt, die Faͤhigkeiten, die dabei geweckt, die Entſa⸗ gungen, die dadurch auferlegt werden— mit einem Wort, Arbeit und Geduld ſind die aͤchten Lehrmeiſter auf Erden. Waͤhrend ich mich mit dieſen Ideen und dieſer Ueberzeugung, ſei ſie nun richtig oder irrig, beſchaͤftigte und allmaͤlig einſah, daß ich nur in der Art der Bearbeitung, mit welcher ich am vertrauteſten war, einen Theil des Planes, den ich zu bilden begann, ausfuͤhren koͤnnte, wurde ich mit der Geſchichte von zwei Verbrechern bekannt, die unſerm Zeitalter angehoͤren, und die ſo merkwuͤrdig ſind— theils durch die Groͤße und das Duͤſter der begangenen Verbrechen, theils wegen der glaͤnzen⸗ 8 den Eigenſchaften und des lebhaften Charakters des Einen, und wegen der tiefen Kenntniſſe und geiſtigen Faͤhigkeiten des Andern— daß die Pruͤfung und Analyſe ſo verderbter Cha⸗ raktere zu einem Studium von ſtarkem, hohem, wenn auch traurigem Intereſſe ward. Dieſen Perſonen ſcheinen ſo wenige verſoͤhnende Zuͤge eigen geweſen zu ſein, als man in der menſchlichen Natur fin⸗ den kann, inſofern ſich dergleichen Zuͤge in den freundlichen Trieben und edlen Leidenſchaften erkennen laſſen, welche bis⸗ weilen die Veruͤbung großer Verbrechen begleiten und, ohne das Individuum zu entſchuldigen, doch die Gattung rechtfer⸗ tigen. Gleichwohl war andererſeits ihre blutgierige Schlech⸗ tigkeit nicht die ſtumpfſinnige Rohheit wilder Thiere,— ſie war von Unterricht und Bildung begleitet; ja, mir ſchien es, waͤhrend ich ihr Leben ſtudirte und uͤber ihre eignen Briefe nachdachte, daß wir eben durch ihre Bildung in das Geheim⸗ niß der fruchtbaren und entſetzlichen Hoͤhe im Boͤſen, welche dieſe Kinder der Nacht erreicht hatten, gelangen— und daß ſich hier die Erſcheinungen, welche Abweichungen von der Na⸗ tur ſchienen, erklärten. Ich vermochte der Verſuchung nicht zu widerſtehen, die Materialien in einer Erzaͤhlung zu verarbeiten, welche mein Intereſſe ſo gefeſſelt und meine Forſchung ſo beſchäͤftigt hat⸗ ten. Und bei dieſem Verſuche traten verſchiedene zufaͤllige Gelegenheiten ein, um meinen fruͤhern Plan, wo nicht voll⸗ ſtaͤndig auszufuͤhren, doch gelegentlich zu eroͤrtern; den Ein⸗, wir ſo dich n Schull Warnn hurk liſchen die allt brechen fluß des Mammons auf unſer geheimſtes Innere zu zeigen und die Ungeduld zu tadeln, welche durch eine Civiliſation er⸗ zeugt wird, die bei vielem Guten auch alle entſprechenden Ue⸗ bel mit ſich bringt;— und in ſolchen Nebenfaͤllen wird die Moral auch jedenfalls deutlicher hervortreten, als in der Schilde⸗ rung des duͤſterern und ſeltnern Verbrechens, welches den Stoff meiner Erzaͤhlung bildet. Denn bei außerordentlichen Verbrechen erkennen wir nicht leicht gewoͤhnliche Warnungen, wir ſagen vielmehr zu dem ruhigen Gewiſſen:„das betrifft dich nicht!“— waͤhrend wir in jedem Beiſpiele gewoͤhnlicher Schuld und haͤufigen Vergehens eine direkte und merkliche Warnung erkennen. Gleichwohl haben in der Zeichnung gi⸗ gantiſchen Verbrechens die Poeten mit Recht ihre Sphaͤre ge⸗ funden und ihre Beſtimmung als Lehrer erfuͤllt. Jene furcht⸗ baren Wahrheiten, die uns in der Schuld Macbeth's oder der Schurkerei Jago's erſchrecken, haben nicht minder ihren mora⸗ liſchen Nutzen, als die gemeinen Schwaͤchen Tom Jones oder die alltaͤgliche Heuchelei Blifils. So unglaublich es ſcheinen mag: die hier erzaͤhlten Ver⸗ brechen fanden waͤhrend der letzten ſtebzehn Jahre ſtatt. Man hat ihre Groͤße nicht uͤbertrieben und iſt nür wenig von ihren einzelnen Umſtaͤnden abgewichen— die angewendeten Mittel, ſelbſt das, welches am weiteſten hergeholt ſcheint(der vergif⸗ tete Ring), beruhen auf wahren Thatſachen. Auch habe ich die geſellſchaftliche Stellung der Verbrecher nicht ſehr veraͤn⸗ dert, noch im mindeſten ihre Talente und Bildung uͤberſchätzt. 8 In all den auffaͤlligen Punkten, welche vielleicht am meiſten das unglaͤubige Staunen des Leſers erregen muͤßten, erzaͤhle ich eine Geſchichte und erfinde keineswegs eine Dichtung*). Al⸗ les Romantiſche, was unſre eigne Zeit bietet, iſt nicht mehr das Romantiſche als vielmehr die Philoſophie der Zeit. Die Tragoͤdie verlaͤßt die Welt nie— ſie umgibt uns allenthalben. Wir brauchen nur wach und munter umzuſchauen, und vom Zeit⸗ alter Pelops bis zu dem Borgia's werden dieſelben Verbre⸗ chen, nur unter verſchiedenen Gewaͤndern, auf unſern Pfaden wandeln. Jedes Zeitalter umfaßt in ſich ſelbſt Beiſpiele von jeder Tugend und jedem Laſter, welches jemals unſre Liebe er⸗ weckt oder unſern Abſcheu erregt hat. London, 1. November 1846. *) Dieſe Verbrecher waren indeß im wirklichen Leben nicht, wie in der Novelle, Vertraute und Mitſchuldige. Ihre Verbrechen waren aͤhnlichen Charakters, ausgefüͤhrt durch aͤhnliche Huͤlfsmittel und zu ſol⸗ chen Zeiten begangen, daß die verſchiedene ſchuldvolle Laufbahn bei⸗ der in die naͤmliche Periode faͤllt; gleichwohl hab' ich keinen Grund, zu vermuthen, daß einer dem andern bekannt war. Bei ſolchen Punkten der Verwickelung, wo zwei verſchiedene Geſchichten verwebt ſind, wird der Leſer daher zwiſchen der Wahrheit der einzelnen Thatſachen und der Erfindung der Bindeglieder, die fuͤr die Erzaͤhlung nothwendig find, unterſcheiden. In ein der Schrecker ßig ſein mo⸗ der methodiſ gewohnten S ſich ein hohe ſtand, wäͤhre angefüllt we Medicin. 2 großen ital Abhandlung Sammlung anzuzeigen Streit und muthung welche fr⸗ und durch thons. A Beſchafti eben geſe letztere d Forſchen Erſter Theil. Prolog zum erſten Theil. zu Paris ſaß eines Morgens waͤhrend ann, deſſen Alter etwas unter drei⸗ ßig ſein mochte, vor einem mit Papieren bedeckten Tiſche, die mit der methodiſchen Genauigkeit eines ordnungsliebenden und geſchaͤfts⸗ gewohnten Sinnes geordnet und bezeichnet waren. Hinter ihm erhob ſich ein hohes Bücherbret, uͤber welchem eine Buͤſte Robespierres ſtand, waͤhrend die Faͤcher hauptſaͤchlich mit wiſſenſchaftlichen Werken angefuͤllt waren; die groͤßere Anzahl derſelben betraf Chemie und Medicin. Auch ſah man da viele ſeltene Buͤcher uͤber Alchymie, die großen italieniſchen Hiſtoriker, einige engliſche wiſſenſchaftliche Abhandlungen und einige arabiſche Handſchriften. Daß in dieſer Sammlung die ſtuͤrmiſche Literatur des Tages gaͤnzlich fehlte, ſchien anzuzeigen, daß der Eigenthüͤmer ein ſtiller Gelehrter war, der dem Streit und den Leidenſchaften der Revolution fern lebte. Dieſe Ver⸗ muthung ward indeß durch gewiſſe Papiere auf dem Tiſche widerlegt, welche foͤrmlich und laconiſch bezeichnet waren:„Berichte uͤber Lyon,“ und durch Briefpackete in der Handſchrift Robespierres und Cou⸗ thons. An einem der Fenſter war ein junger Knabe eifrig von einer Beſchaͤftigung in Anſpruch genommen, welche die Neugier des ſo eben geſchilderten Mannes zu erregen ſchien; denn nachdem dieſer letztere des Kindes Bewegungen einige Augenblicke mit ſchweigendem Forſchen beobachtet, wel von der halb freundlichen, In einem Zimmer der Schreckensherrſchaft ein M ches nur wenig 12 halb melancholiſchen Theilnahme verrieth, mit welcher der geſchaͤftige Mann die ſpielende Kindheit zu betrachten vermag, erhob er ſich ge⸗ raͤuſchlos von ſeinem Sitze, naͤherte ſich dem Knaben und blickte ihm unbemerkt uͤber die Schulter. In einem Spalt des Fenſterſtocks hatte eine große ſchwarze Spinne ihr Netz angebracht; das Kind hatte ſo eben eine zweite Spinne entdeckt und in das Gewebe geſetzt; es war des Erfolgs ſeiner Operationen gewaͤrtig. Die eingedrungene Spinne ſtand regungslos mitten im Gewebe wie feſtgezaubert. Der rechtmaͤßige Beſitzer war ebenfalls ruhig; aber ein feines Ohr haͤtte einen leiſen ſummenden Ton vernehmen koͤnnen, welcher wahrſchein⸗ lich keine gaſtfreundlichen Abſichten gegen den Eindringling weiſſagte. Indeß ſchien das fremde Inſekt plötzlich aus ſeiner Betaͤubung zu erwachen; es zeigte Unruhe und wandte ſich zur Flucht; die gewaltige Spinne ſchoß vorwaͤrts— der Knabe ließ ein frohes Jauchzen ver⸗ nehmen. Die bleiche Lippe des Mannes verzog ſich zu einem unheim⸗ lichen Laͤcheln, und er ſchlich wieder zu ſeinem Stuhle. Dort fuhr „das Geſicht in die Hand geſtuͤtzt, fort, das Kind zu beobachten. as Kind haͤtte fuͤr einen Kuͤnſtler ein paſſendes Modell ſchoͤner und bluͤhender Kindheit abgeben koͤnnen. Sein lichtes, allerdings ſtark mit Roth angeflogenes Haar hing in weicher und glaͤnzender Fuͤlle uüber Hals und Schultern nieder. Seine Zuͤge waren, im Profil ge⸗ ſehen, fein proportionirt; Geſundheit gluͤhte auf ſeinen Wangen, und ſeine Geſtalt verhieß, ſo ſchlank ſie auch war, vorzuͤgliche Ge⸗ wandtheit und Kraft. Seine Kleidung war phantaſtiſch, und zeigte den Geſchmack einer uͤbertrieben zaͤrtlichen Mutter; aber die feine mit Spitzen beſetzte Waͤſche war zerknickt und befleckt, die Sammet⸗ jacke ungebuͤrſtet, die Schuhe mit Staub bedeckt;— zw Zeichen von er D ar nur leichte Beweis, daß die erfunden, in der letzten Zeit Vernachlaͤſſigung, lieferten ſie doch den thoͤrige Zaͤrtlichkeit, welche das Kleid nicht uͤber die Toilette gewacht hatte. „Kind,“ ſagte der Mann, zuerſt merkte, daß der Knabe nicht darauf achtete, auf Franzoͤfiſch, und als er be⸗ wiederholte er„Kind“ auf En ſprach „f 1 Sieg d Kindes wenigf über ſe ſchied uͤber Uhr ſe ſich un und Geſic zum? des; und auf Seit verb 4 verſ ſpre ſehen ſam auf Engliſch, welches er gut, wiewohl mit einem fremden Accente ſprach—„Kind!“ Der Knabe wandte ſich raſch um. „Hat die große Spinne die kleine verzehrt?“ „Nein, Sir,“ ſagte der Knabe erroͤthend;„die kleine hat den Sieg davongetragen.“ Der Ton und die erhöhte Geſichtsfarbe des Kindes ſchienen ſeinen Worten eine Bedeutung zu geben— zum wenigſten glaubte der Mann ſo,— denn ein leichtes Zuͤrnen flog uͤber ſeine hohe gedankenvolle Stirn. „Spinnen ſind alſo,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„ver⸗ ſchieden von Menſchen; bei uns gewinnt der kleine nicht den Vortheil uͤber den großen. Hm! vermiſſeſt Du immer noch Deine Mutter?“ „O ja!“ und der Knabe naͤherte ſich raſch dem Tiſche. „Nun, Du wirft ſie noch einmal ſehen.“ „Wann?“ Der Mann blickte auf eine Uhr uͤberm Kamin—„bevor dieſe Uhr ſchlaͤgt. Nun, geh' zu Deinen Spinnen zuruͤck.“ Das Kind zeigte ſich unentſchloſſen und nicht zu gehorchen geneigt; aber ein ernſter und ſchrecklicher Ausdruck praͤgte ſich allmaͤlig auf des Mannes Geſicht aus, und der Knabe, der bei dieſem Anblick erblaßte, ſchlich zum Fenſter zuruͤck. Der Vater, denn in ſolchem Verhaͤltniß ſtand der Eigenthuͤmer des Zimmers zu dem Kinde, ruͤckte Papier und Tinte vor ſich zurecht und ſchrieb einige Minuten haſtig. Dann ſtand er raſch auf, blickte auf die Uhr, nahm Hut und Mantel, die auf einem Stuhle zur Seite lagen, ſchlug den Mantelkragen um, daß er das Geſicht faſt verbarg, und ſagte:—„Jetzt, Knabe, komm mit mir, ich habe verſprochen, dir eine Hinrichtung zu zeigen. Ich will jetzt mein Ver⸗ ſprechen halten, komm!“ Der Knabe ſchlug freudig in die Haͤnde; und jetzt konnte man ſehen, daß dieſe ſchoͤnen Zuͤge, obwohl die eines Kindes, eines grau⸗ ſamen und wilden Ausdrucks fähig waren. Der Charakter des gan⸗ 14 zen Geſichts war verwandelt. Er ergriff ſeine buntgeſchmuͤckte Mütze und folgte dem Vater auf die Straße. Schweigend gingen die beiden ihren Weg nach der Barrière du Troͤne. In einiger Entfernung ſahen ſie, wie das Getuͤmmel ſtaͤr⸗ ker und dichter ward, wie eine Schaar nach der andern an ihnen vor⸗ uͤber eilte und wie ſich die ſchreckliche Guillotine hoch in der klaren blauen Luft erhob. Als ſie mitten unter das Gedraͤnge des Poͤbels kamen, ergriff der Vater zum erſten Male die Hand des Kindes. „Ich muß dir einen guten Platz zum Zuſehen verſchaffen,“ ſagte er mit ruhigem Laͤcheln. Es lag etwas in dem ernſten, geſetzten, zen Benehmen des Mannes, Durchgehen Platz zu machen. hoͤflichen und doch ſtol⸗ was die Menge veranlaßte, ihm beim Sie kamen der Schreckensſcene naͤher und erhielten Zutritt auf einem bereits mit eifrigen Zuſchauern er⸗ fuͤllten Wagen. Und nun vernahmen ſie aus der Ferne das rauhe und polternde Rollen des Karrens, welcher die Opfer trug und das Getrampel der Reiterei, welche die Todesprozeſſion geleitete. Des Knaben ganze Aufmerkſamkeit war in Erwartung des Schauſpiels gefeſſelt, und da ſein Ohr vielleicht weniger an das Franzoͤſiſche gewoͤhnt war, ob— wohl er in Frankreich geboren und erzogen, als an die Sprache von ſeiner Mutter Lippen— und ſie war Englaͤnderin— ſo hoͤrte oder beachtete er gewiſſe Bemerkungen der Umſtehenden nicht, nes Vaters bleiche Wangen noch bleicher machten. „Was giebt's heut fuͤr Backwerck?“ fragte ein dem Wagen. welche ſei⸗ Fleiſcher auf „Kaum des Backens werth— nur zwei; aber einer, ſagt man, iſt ein Ariſtokrat— ein gi-devant Marquis,“ antwortete ein Zimmermann. „Ach! ein Marquis!— Bon!— und der Andre?“ „Nur eine Taͤnzerin; aber eine huͤbſche, das iſt wahr; ich konnte Mitleid mit ihr haben; aber ſie iſt Engl aͤnderin.“ Und waͤh⸗ — — Arbe und dere. —— — 15 rend er dies letzte Wort in einem Tone unausſprechlicher Verachtung ausſprach, ſpuckte der Fleiſcher aus, als wenn er ſich ekelte. „Mort diable! vermuthlich eine Spionin Pitts. Was ent⸗ deckten ſie?“ Ein beſſer als die uͤbrigen gekleideter Mann wandte ſich mit einem Laͤcheln um und antwortete:—„nichts Schlimmeres als einen Lieb⸗ haber, glaub' ich; aber der Liebhaber war ein Proſkribirter. Der gi-devant Marquis wurde in ihrem Zimmer verkleidet gefunden. Sie verrieth ſeinetwegen einen guten gefaͤlligen Freund des Volks, der ſie lange geliebt hatte, und Rache iſt ſuͤß.“ Der Mann, welchen wir begleiteten, zog den Kragen ſeines Mantels haſtig empor und ſeine zuſammengedruͤckten Lippen ſagten, daß ihm das Lachen ringsum Qual verurſachte. „Sie kommen! Da ſind ſie!“ rief der Knabe im hoͤchſten Ent⸗ zuͤcken. „Auf dieſe Weiſe erzieht man Buͤrger,“ ſagte der Fleiſcher, in⸗ dem er dem Kinde auf die Schulter klopfte und ihm eine weit beſſere Ausſicht am Rande des Wagens oͤffnete. Die Menge wich jetzt raſch auseinander. Man erblickte den Kar⸗ ren. Ein Mann, jung und huͤbſch, ſtand aufrecht, mit untergeſchla⸗ genen Armen, in dem verhaͤngnißvollen Fuhrwerk und blickte mit kal⸗ ter Verachtung uͤber die Poͤbelmaſſe hin. Obwohl er das Kleid eines Arbeiters trug, vermochte doch der ungeubteſte Blick in ſeiner Miene und ſeinem Benehmen einen von der gehaßten„Nobleſſe“ zu entdecken, deren charakteriſtiſche Kennzeichen in der Stunde des Todes nur um ſo deutlicher hervortraten. Auf der Lippe ruhte das Laͤcheln des heitern trotzigen Leichtſinns, auf der Stirn jenes muthige, ja unbekuͤmmerte Verachten phyſiſcher Gefahr, welches die edlen Stutzerhelden des alten Regime ausgezeichnet hatte. Selbſt das grobe Kleid ward in einer gewiſſen gezierten Weiſe getragen, und das ſchoͤne Haar war ſorgfaͤltig, gleichſam fuͤr den Feſttag der Henker, geordnet. Waͤhrend — die Augen des jungen Edelmanns uͤber die ſchrecklichen V trotzigen Geſichter dieſer heren. erſammlung ſchweiften und waͤhrend ein graͤßliches nteijlu Triumpfgeſchrei dieſem Blicke antwortete, in welchem der gentil⸗ u 1„ homme zum letzten Male ſeine Verachtung der Canaille ausdruͤckte, einer ſolche zog des Kindes Vater den Kragen ſeines Ma ntels herab, und ſchob durfniſſen, langſam den Hut von de r Stirn. Das Auge des Marquis ruhte auf ragie ſch dem ihm ſo ploͤtzlich gezeigten Geſicht, welches ſich auf einmal unten der Scha der Menge auszeichnete,— und ſofort verlor jenes Auge ſeine ruhige Hathie wur Verachtung. Ein Schaudern lief ſichtbar uͤber ſeinen Koͤrper und ſeine Wange ward bleich vor Schrecken. Der Poͤbel bemerkte die Aindes in Veraͤnderung, aber nicht die Urſache, und erhob laut und lauter ſein Hand pa triumphirendes Geſchrei. Dieſer Ton rief den Stolz des jungen Edel⸗ ſchwamm manns zuruͤck;— er richtete ſich empor, hob das Haupt und ſuchte ward blu dem Blicke wieder zu begegnen, der ihn erſchuͤttert hatte. Aber er das Tron vermochte ihn unter der Menge nicht mehr herauszufinden. Hut und ihm ins Mantel verbargen wieder das Geſicht des Feindes und ein Gedraͤnge rathen!⸗ neugieriger Köpfe unterbrach die Ausſicht. Als d Die Lippen des jungen Marquis murmelten; er beugte ſich nieder, und das 1 und nun bekam die Menge ſeine Gefaͤhrtin zu Geſicht, die man vom die Stimn Boden des Karrens, wohin ſie ſich vor Entſetzen und Verzweiflung bewußtlos geworfen, emporgehoben hatte. Im Angenblick ward die Menge ſtill, als ſich das bleiche Geſicht Einer t zu Ort „ das d war, wild von Or en meiſten von ihnen bekannt umſonſt und w — auf dem ſchrecklichen Schauplatz wendete, ahnſinnig durch dies Schweigen um Leben und Erbar⸗ men flehend. Wie oft hatte der Anblick dieſes Geſichts, damals nicht bleich und eingefallen, ſondern mit roſigem Laͤcheln geſchmuͤckt, ge⸗ nuͤgt, um den Applaus des uͤberfuͤllten Theat 1 ers hervorzurufen!— 3 Wie hatten damals all' dieſe Buſen, d ie jetzt der Blutdurſt fieberhaft erfuͤllte, Herzen geborgen, welche zauberiſch gefeſſelt waren durch 4 die luftigen Bewegungen dieſer herrlichen Geſtalt, die ſich nicht theatraliſcher Todes Sangſt wand! Unterha Spielzeug der Stadt— Lieb⸗ ling der leichten ltung der Stunde— ſchwaches Kind Cy⸗ jetzt unter ches til- 1 therens und der Grazien— welches unerbittliche Geſchick hatte Dich zur Schlachtbank gefuͤhrt? Sommerſchmetterling, warum mußte eine Nation aufſtehen, um Di ch hinzurichten? Ein Gefuͤhl von der Poſſe einer ſolchen Hinrichtung, von der entſetzlichen Burleske, den Be⸗ duͤrfniſſen eines maͤchtigen Volkes ein ſo geringes Opfer darzubringen, regte ſich ſelbſt unter der Menge. Es ließ ſich ein leiſes Gemurmel der Scham und des Unwillens vernehmen. Die gefaͤhrliche Sym⸗ Hathie wurde vom anweſenden Beamten bemerkt. Haſtig gab er den Henkern das Zeichen, und als er es gab, hoͤrte man den Ruf eines Kindes in engliſcher Sprache:„Mutter— Mutter!“ Des Vaters Händ packte des Kindes Arm mit eiſernem Drucke; das Getuͤmmel ſchwamm vor des Knaben Augen; die Luft ſchien ihn zu erſticken und ward blutroth; durch das Stimmengewirr, das Pferdegetrappel, das Trommelwirbeln vernahm er nur eine leiſe Stimme, die ihm ins Ohr fuͤſterte:„Lerne, wie ſie ſterben, die mich ver— rathen!“ Als der Vater dieſe Worte ſprach, war ſein Geſicht wieder frei, und das Weib, deren Ohr bei all' dem dumpfen Wahnſinn der Furcht die Stimme ihres Kindes erkannt hatte, ſah dies Geſicht und ſank bewußtlos in die Arme der Henker. * Bulwer, Lucretia I. welche ſan ſchmolz, vo 9 Erſter Theil.— Auf de 4 Eigenthüm Mann, mit Erſtes Kapitel.— ches man ih Eine Familiengruppe. lehrt hatte, 8 3— r. e 4 0 wöhnlich w An einem Juliabend zu Anfang des gegenwaͤrtigen Jahrhunderts nlich wa udert und waren mehrere Perſonen ziemlich maleriſch auf einer altmodiſchen d„,, C½,— c.11,5⸗ und perlft Terraſſe gruppirt, die an der Gartenſeite eines Herrenhauſes hinlief, ind petlfar weit auf d welches bedeutende Anſpruͤche auf freiherrliche Wuͤrde hatte. Die wi Bauart war im reichſten und ſorgfaͤltigſten Style der Regierungs⸗ ließ, der lei zeit Jakobs I.; das Portal, welches mit ſeinem verzierten Fenſter nijue beſtr daruͤber nach der Terraſſe führte, war mit Pfeilern und Reliefs, Krickſtock⸗ Schmuck und Feſtigkeit vereinend, eingefaßt, und den großen, vier⸗ der Hand eckigen Thurm, in welchem es angebracht war, kroͤnte ein ſteinerner Lorhemd, der Hand— Falke, deſſen trotzige Klauen ein Schild mit den fuͤnf ſpitzigen Ster⸗ a nen hielten, welche von Wappenkundigen fur das Wappen St. Johns(Ggeſtrf feld ge G—.. 3 C 9 Von beiden Seiten dieſes Thurms erſtreckten ſich Tiſche vor ihn erkannt wurden. reszeit, lange Fluͤgel, deren dunkle Ziegelwande durch’ ſchoͤne ſteinerne Ein⸗ faſſungen und Simſe gehoben waren. Das hohe Dach war zum Theil eine weiblichen h Po * durch eine Baluſtrade, ziemlich geſchmackvoll mit Arabesken durch⸗ hen Liebesgef brochen, dem Blicke entzogen; die oberſte Linie des Dachs aber ſchmuͤck⸗ doſe mit Taba ten mit impoſantem Effekte hohe Eſſen von verſchiedener Form und Kirſchrähre 1 Bauart. Dieſe Flügel endeten in Eckthuͤrmen, ahnlich dem Mittel⸗ Milzs Et. 3 thurm, obwohl in Groͤße wie in Schmuck demſelben gebuͤhrend unter⸗ popularer dan geordnet und mit ſteinernen Kuppeln gekroͤnt. Eine niedrige Balu⸗ ſchurfeflichen ſtrade, aus ſpaͤterer Zeit als jene, die das Dach ſchmuͤckte, umgab, Harmonie. mit Vaſen und Statuen beſetzt, die Terraſſe, von welcher eine doppelte lag ſtlafand Treppe nach einer Raſenflaͤche, durchſchnitten von breiten Kieswe⸗ jitznaßund 7 gen und von großen und ſtattlichen Cedern beſchattet, hinabfuͤhrte, ernſt nach ſe j ſolc dat, im in 19 welche ſanft und allmaͤlig mit der wilden Scenerie des Parks ver⸗ ſchmolz, von welchem ſie nur durch ein Haha geſchieden war. Auf der Terraſſe und unter einem zeitweiligen Zeltdache ſaß der Eigenthuͤmer, Sir Miles St. John von Laughton, ein huͤbſcher alter Mann, mit gewiſſenhafter Sorgfalt nach dem Koſtuͤm gekleidet, wel rrenrang zu betrachten ge⸗ ches man ihn als geeignet fuͤr ſeinen He lehrt hatte, und welches gleichwohl nicht ſo ganz veraltet und unge⸗ woͤhnlich war. Sein Haar, noch dicht und uͤppig war ſorgfaͤltig ge⸗ pudert und hinten in einem Buͤſchel geſammelt. Seine grauen Hoſen und perlfarbnen ſeidnen Struͤmpfe, ferner die ſeidene Weſte, die ſich weit auf der Bruſt oͤffnete und eine Fuͤlle von Buſenſtreif blicken ließ, der leicht mit den duftigen Koͤrnchen ſeines Lieblings⸗Marti⸗ nique beſtreut war; ſein dreieckiger Hut, der nebſt goldknoͤpfigem Kruͤckſtock auf einem Stuhl neben ihm lag, und mehr zum Tragen in der Hand als auf dem Kopfe beſtimmt war; der Diamant in ſeinem Vorhemd, der Diamant an ſeinem Finger, die M anſchetten an ſeiner Hand— alles dies bezeichnete den feinen Mann, der Cheſterfeld geplaudert und mit M Tiſche vor ihm ſtanden einige C mit Lord rs. Clive ſoupirt hatte. Auf einem araffen mit Wein, Fruͤchte der Jah⸗ teszeit, eine emaillirte Schnupftabaksdoſe mit einem eingeſetzten weiblichen Portrait— vielleicht der Chloe oder Phyllis ſeiner fru⸗ hen Liebesgeſaͤnge; eine brennende Kerze, eine kleine Porzellan⸗ doſe mit Tabak und drei bis vier Pfeifen aus heimiſchem Thon, denn Kirſchroͤhre und Meerſchaumköoͤpfe waren damals nicht Mode; Sir Miles S t. John, einſt ein heitrer und glaͤnzender Stutzer, jetzt ein populaͤrer Landedelmann, groß bei Grafſchaftsmeetings und Sch ſchurfeſtlichkeiten, hatte ſich das Rauchen angewoͤhnt, ganz in Harmonie mit ſeiner bucoliſchen Umbildung; ein alter Jagdhund lag ſchlafend zu ſeinen Fuͤßen; ein kleiner— ebenfalls alter— Huͤhnerhund ſchlenderte traͤge in der naͤchſten Umgebung und ſchaute ernſt nach ſolchen Zwiebackbiſſen umher, die man weit fortgeworfen hatte, um ihn zur Bewegung zu reizen, und die ſeiner Aufmerkſam⸗ 2* af⸗ 20 keit bisher entgangen waren. Halb ſitzend halb an der Baluſtrade lehnend, abſeits vom Baronet, aber im Bereich ſeiner Unterhaltung, ruhte ein jugendlicher Mann von unverkennbarer und hoͤchſter Ele ganz und Vornehmheit. Mr. Vernon war ein Gaſt aus London, und der Londoner Menſch, der Mann der Clubs und Geſellſchaften, der Mittagsſpaziergaͤnge durch Bondſtreet, und der mit dem Prinzen von Wales verlebten Naͤchte, ſchien ebenſoſehr ausgepraͤgt zu ſein in der ſorgfaͤltigen Nachlaͤſſigkeit ſeiner Kleidung und dem erſchoͤpften Aus drucke ſeiner feinen Zuͤge, wie in dem troſtloſen Ennui, welches, ſein Geſicht wie ſeine Haltung charakteriſirend, mit ihm ſelbſt Mitleid zu empfinden ſchien, daß er ſich hatte aufs Land locken laſſen. Wir wuͤrden jedoch Mr. Vernon unrichtig ſchildern, wenn wir durch die Worte„troſtloſes Ennui“ die ſchlaͤfrige Schalheit der mehr modernen Affectation zu malen beabſichtigten— es war nicht das Ennui eines Mannes, dem Ennui angewoͤhnt iſt; es war vielmehr die unempfindliche Niedergeſchlagenheit, welche die Zwiſchenraͤume der Aufregung ausfuͤllt. Damals war das Wort blaſirt unbekannt; die Menſchen hatten nicht genug Gefuͤhl fuͤr Ueberſättigung. Es waltete eine Art bacchanaliſcher Wuth in dem Leben, welches jene Leiter der Mode fuͤhrten, unter denen Mr. Vernon nicht der unbe⸗ deutendſte war: es war eine Zeit des Trinkens in vollen Zügen, des hohen Spiels, der froͤhlichen ſorgloſen Verſchwendung— eines kraͤf⸗ tigen Appetits nach Scherz und Laͤrm— des Fahrens mit Vierge⸗ ſpann— des Preiskampfs— die Zeit einer ſeltſamen Art barbari⸗ ſcher Maͤnnlichkeit, die jeden Nerven anſpannte; ein Wettrennen des Lebens, in welchem drei Viertel der Theilnehmer halbwegs in der Rennbahn ſtarben. Was jetzt der Dandy, war damals der Bu ck, und etwas vom Buck, obwohl gedaͤmpft durch einen reinern Geſchmack, als er den gemeinen Mitgliedern dieſer Maſſe eigen, war in Mr. Vernon's Koſtuͤm und Miene ſichtbar. Verwickelte Muſſelinfalten, in ungeheuren Bogen und Zipfeln geordnet, bildeten die Kravatte, zu deren Reform Brummell noch nicht aufgeſtanden warz ſein ſehr ei⸗ genthumlich ward mit ein einer Menge weißen Weſte an ſeine wohl ganze Kleidu piſch nennen liederlich na hern, ohne G war einer de bei den Stu einer Attit ſeine Augen ſeine Nleid! Pantalons ve dung„als noc Sir Mil er hatte die g fauft; er ſpr reich, gaſtfre gern hatte, ſ welche die fr Divvier Dali ſeltenen wiſſe quis von G. dem alten B Familie war volution gew mals ſch dern ien d Ariſtok eignen Neigr war er, nie „Nich⸗ 21 genthuͤmlich geformter Hut, niedrig im Kopf und breit am Rande, ward mit einer Trotz⸗aller⸗Welt Miene getragen; ſeine Uhrkette, mit einer Menge Ringen und Petſchaften verſehen, hing tief aus ſeiner weißen Weſte; und die Schmiegſamkeit ſeiner Nankin⸗Inexpreſſibeln an ſeine wohlgeformten Glieder war ein Meiſterſtuͤck der Kunſt. Seine ganze Kleidung und Miene war nicht das, was man eigentlich laͤp⸗ piſch nennen konnte— es war vielmehr das, was man zu jener Zeit liederlich nannte. Wenige konnten ſich der Gemeinheit ſo dicht naͤ⸗ hern, ohne gemein zu ſein, und unter dieſen privilegirten wenigen war einer der Erwaͤhlten Mr. Vernon. Weiter abſeits und naͤher bei den Stufen, die in den Garten hinabfuͤhrten, ſtand ein Mann in einer Attitude tiefen Sinnens; ſeine Arme waren untergeſchlagen, ſeine Augen zu Boden geſenkt, ſeine Brauen leicht zuſammengezogen; ſeine Kleidung beſtand in einem einfachen ſchwarzen Ueberrock und Pantalons von derſelben Farbe; etwas, ſowohl in dem Schnitte derKlei⸗ dung, als noch mehr im Geſichte des Mannes, verrieth den Fremden. Sir Miles St. John war eine vollkommene Perſon fuͤr jene Zeit; er hatte die große Tour gemacht; er hatte Gemaͤlde und Statuen ge⸗ kauft; er ſprach und ſchrieb die modernen Sprachen gut; und da er reich, gaſtfrei, geſellig war, und den Ruf eines Goͤnners nicht un⸗ gern hatte, ſo ſtand ſein Haus den Schaaren von Emigranten offen, welche die franzoͤſiſche Revolution an unſere Kuͤſten getrieben hatte. Olivier Dalibard, ein Mann von bedeutender Gelehrſamkrit und ſeltenen wiſſenſchaftlichen Talenten, war Lehrer im Hauſe des Mar⸗ quis von G.—, eines franzoͤſiſchen Edelmannes, geweſen, welcher dem alten Baronet ſeit Jahren bekannt war. Der Marquis und ſeine Familie waren unter den erſten Emigrirten beim Ausbruche der Re⸗ volution geweſen. Der Hauslehrer war zuruͤckgeblieben; denn da mals ſchien denjenigen keine Gefahr zu drohen, die nach keiner an⸗ dern Ariſtokratie, als jener der Wiſſenſchaften ſtrebten. Seinen eignen Neigungen entgegen, wie er mit reuiger Beſcheidenheit ſagte, war er, nicht allein ſeiner eigenen Sicherheit, ſondern auch der ſei⸗ 22 — ner Freunde wegen, gezwungen worden, einigen Antheil an den nach Gleichwohl hatt folgenden Ereigniſſen der Revolution zu nehmen— weit entfernt, es Dallbard bot, füͤr d zu ſein, hatte er doch den Patrioten ſo gut geſpielt, daß er die per⸗ Dalibard hatte unte ſönliche Gunſt und Protektion Robespierre's gewonnen hatte; und von zehn bis zwülf erſt nach dem Falle dieſes tugendhaften Vertilgers hatte er ſich der des Gelehrten eigen Politik entzogen und in Verkleidung ſeine Flucht nach England be⸗ libard aus Frankrei werkſtelligt. Da er, ſei es aus freundlichen oder andern Beweg⸗ Familie in London! gruͤnden, die Macht ſeiner Stellung in der Achtung Robespierre’s munds oder Vaters dazu verwendet hatte, um gewiſſe adlige Koͤpfe— unter andern die beiden ſein mochte. beiden Bruͤder des Marquis von G.—, von der Gulllotine zu ret⸗ band hei Sir Miles 5 ten, ſo war er mit dankbarem Willkommen von ſeinen fruͤhern Goͤn⸗ in kondon blieb; ſ H nern aufgenommen worden, die gern ſeine Jacobinerlaufbahn ver⸗ Unterricht zu bezah ziehen, weil ſie ſeinen Entſchuldigungen Glauben ſchenkten und ihm gen. Endlich vurd fuͤr die Dienſte verpflichtet waren, die ihren Verwandten zu leiſten tnzu Beſuch gelad ihn dieſelbe Laufbahn befaͤhigt hatte. Olivier Dalibard hatte den dß nan ihn liebger Marquis und ſeine Familie bei einem der haͤufigen Beſuche, die ſie Pier adentlich in zu Laughton abſtatteten, begleitet; und als der Marquis endlich hältniß kein unnathi England verließ und ſein Aſyl zu Wien bei einigen Verwandten ſei⸗ eine ſo mahe Verv ner Gemahlin nahm, empfand er eine lebhafte Freude daruͤber, ſei⸗ nen Freund anſtaͤndig, wenn auch beſcheiden, als Secretaͤr und Bi⸗ bliothekar bei Sir Miles St. John verſorgt, zuruͤckzulaſſen. Wirklich hatte der Gelehrte, welcher bedeutende Bezauberungskraft beſaß, die Gunſt des engliſchen Baronets nicht minder, als die des franzoͤſiſchen Diktators gewonnen. Er ſpielte ebenſo gut Schach als Triktrak; er war ein außerordentlicher Rechner; er beſaß eine Fuͤlle von Kennt⸗ niſſen in allen Dingen, wodurch er noch brauchbarer wurde denn ir⸗ gend eine Encyclopädie in Sir Miles Bibliothek, und da er ſowohl Engliſch als Italieniſch ſo fließend und correct ſprach, wie es bei ei⸗ nem Franzoſen ſelten anzutreffen, ſo war er vorzüglich nuͤtzlich, um 8 Gabriel Varney— Urſprung andeutet Auf der Mitte der T inder Hand, mit Shulter— es iſt aufden erſten Blick därachtete man es miſten Perſonen, ud welchem Nien beſagen konnte. Min ſeinen Ade die Sprachen Sir Miles' Lieblingsnichte zu lehren, deren allge Aſ meine wiſſenſchaftliche Erziehung er uͤberhaupt leitete,— und wel hatte in ei Kheirathet — w zu ſchildern wir bald eine Gelegenheit finden werden. Wwähnlich w ahr 23 Gleichwohl hatte der Annahme der Stelle, welche Sir Miles Dalibard bot, fur dieſen ein ernſtes Hinderniß im Wegergeſtanden. Dalibard hatte unter ſeiner Obhut einen jungen verwaiſten Knaben von zehn bis zwoͤlf Jahren— einen Knaben, in welchem Sir Miles des Gelehrten eigenen Sohn vermuthete. Dieſes Kind war mit Da⸗ libard aus Frankreich gekommen und blieb(waͤhrend des Marquis Familie in London war) unter der Aufſicht und Pflege ſeines Vor⸗ munds oder Vaters, welches immer das wahre Verhaͤltniß zwiſchen beiden ſein mochte. Allein dieſe Aufſicht war unmöglich, wenn Dali⸗ bard bei Sir Miles St. John in Hampſhire wohnte und der Knabe in London blieb; ſelbſt als der freigebige alte Herr ſich erbot, den Unterricht zu bezahlen, wollte Dalibard nicht in die Trennung willi⸗ gen. Endlich wurde die Sache arrangirt: der Knabe war nach Laugh⸗ ton zu Beſuch geladen und war ſo munter und gleichwohl ſo gutgeartet, daß man ihn liebgewann, und er nunmehr mit ſeinem muthmaßlichen Vater ordentlich im Hauſe einquartirt war; und, um aus dieſem Ver⸗ haͤltniß kein unnothiges Geheimniß zu machen, es exiſtirte allerdings eine ſo nahe Verwandtſchaft zwiſchen Olivier Dalibard und Honoré Gabriel Varney— ein Name, welcher den zwiefachen und illegitimen Urſprung andeutet— ein franzöſiſcher Vater, eine engliſche Mutter. Auf der Mitte der Treppe ſaß der Knabe, der ſich, Bleifeder und Tafel in der Hand, mit Zeichnen beſchäftigte. Blicken wir ihm uͤber die Schulter— es iſt ſeines Vaters Bild— ein Geſicht, welches an ſich auf den erſten Blick nicht ſehr merkwuͤrdig, denn die Zuͤge waren klein; betrachtete man es aber genau, ſo war's eines von denen, welches die meiſten Perſonen, namentlich Frauen, huͤbſch genannt haben wuͤrden, und welchem Niemand das höhere Lob des Geiſtes und der Klugheit verſagen konnte. Ein geborner Provengale, mit etwas italieniſchem Blut in ſeinen Adern— denn ſein Großvater, ein Kaufmann in Mar⸗ ſeille, hatte in eine florentiniſche Familie, die in Livorno wohnte, gheirathet— war die dunkle Geſichtsfarbe, die den Suͤdlaͤndern gwoͤhnlich, wahrſcheinlich durch die Lebensweiſe eines Gelehrten zu 24 einer bronzenen und ſteten Blaͤſſe abgedaͤmpft worden, welche ſchoͤn erſchien durch den Kontraſt des dunkeln Haars, das dert trug, und der noch dunkleren Brauen, uͤber helle graue Augen hingen. Mit d war der Schaͤdel heimlichen A er ung ur 27 .„, cheln, waͤhrend welche dicht und vorra d9 Kena E.„ winkte dem en Geſichtszuͤgen verglie zoin unverhaͤltnißmaͤßig groß, und ein Phyſtognomiſt wuͤrde guͤnſtigere fuͤr die Zartheit des Charakters des ſenen Lippen und der Bre ſowohl hinten als 3 der Franzoſe in Schluͤſſe fuͤr die Kraft, blick?“ Provengalen aus den feſtgeſch der Knate ite und Feſtigkeit der eiſernen Kinn ſann einen Auge gezogen haben. Aber des Sohnes Skizze übertrieb jeden Dug und ſohritt gerar legte in den Ausdruck des Geſichts eine boshafte Ironie, 1 4 mindeſten jetzt nicht in der ruhigen und ſinnenden Miene zu entdez erſt als er ſchl war. Gabriel ſelbſt wuͤrde, waͤhrend er daſtand, eine lockendere Stu ſein Auge zdei fuͤr manchen Kuͤnſtler geweſen ſein. Allerdings war er klein fuͤr ſe. Dache ſaßen,zu Jahre; allein ſein Koͤrper hatte eine Kraft in ſeinen leichten Pr chr, De eine w tionen, welche auf einer fruͤhzeitigen und faſt erwachſenen Symn gſedene Miene der Geſtalt und Muskelentwickelung beruhte. Das Geſicht hat ſchen Träͤgheit N deß viel von weiblicher Schoͤnheit; das Schultern, lockte ſich aber nicht; wie das eines Maͤdchens, mit roͤthlichem Anflug, heit zum Manne reift. und ſchoͤn; Di ie Wume. Ddie 3 lange Haar erreicht ene namenloſe? es war gerade, fein, und glaͤn affft, die ſich rein und in der Farbe von dem lichten Nußl gewohnt find, b was ſich ſelten veraͤndert, waͤhrend die hriſlcratie ine Die Geſichtsfarbe war indeß lag etwas ſo harte obwohl nicht offenes und ſelbſt der außerordentlich ſer, aber ausge s in der Lippe, etwas ſo kuͤn. daß das Maͤdchenhafte im Ganzen doch keinen weib die angeerbte Scharfſicht und heidener Schuͤch „in der Stirn, Umriſſe, gewaͤhren konnte. All' in dieſem Augenblicke ſeinem Geſicht aufgepraͤgt; aber der Ausdr allnd obwohl es hatte auch viel von der Ironie und Bosheit, die er in ſeine Karikatat Perſonen viel zu gelegt hatte. Die Zeichnung ſelbſt war bewundernswerth kraftv beſtimmt, viel kuͤnſtleriſche Anlage verrathend, waͤhrend ligkeit und Leichtigkeit, mit der fie entſtanden war, bed anzeigte. Ploͤtzlich wandte ſich ſein Vater um, licher Schnelligkeit barg der Knabe der Fa mit achtungeval lichen Ausde„Müdchen an ſein Klugheit weſbetden und ihre oll ung der gaziſe Ven die Schnel, ſchüng eutende Uebun den ſie anredete und mit ebenſo ploͤß⸗ fiognumen dder ſeine Tafel im Kleide und di funge Mädchen maßliche Erb gariger ha un. elche ung era rgli 8 d eKraf, n ſeſtgeſch Kinn eden ug onie ie te zu entden nder Ste i fuͤr ſe⸗ ſten Pr“ cheit w Ausdr Karikatl tve Uebug plo Schna⸗ 25 unheimlichen Ausdruck ſeines Geſichts unter einem ſchuͤchternen Laͤ⸗ cheln, waͤhrend ſein Auge Dalibards Blick begegnete. Der Vater winkte dem Knaben, welcher ſich behende naͤherte.„Gabriel,“ fluͤſterte der Franzoſe in ſeiner Mutterſprache,„wo ſind ſie in dieſem Augen⸗ blick?“ Der Knabe zeigte ſchweigend nach einer der Cedern. Dalibard ſann einen Augenblick nach, dann ſtieg er langſam die Stufen hinab und ſchritt geraͤuſchloſen Trittes uͤber den weichen Raſen nach dem me. Die Zweige deſſelben fielen tief und breiteten ſich weit aus; erſt als er ſich bis auf wenige Schritte dem Orte genaͤhert, vermochte ſein Auge zwei Geſtalten, die auf einer Bank unter dem dunkelgruͤnen Dache ſaßen, zu bemerken. Darauf blieb erſtill ſtehen und betrachtete ſie. Die eine war ein junger Mann, deſſen ſchlichtes Kleid und be⸗ cheidene Miene ſeltſam mit dem kunſtreichen Anſtand und der modi⸗ ſchen Traͤgheit Mr. Vernons kontraſtirten; obwohl aber gaͤnzlich ohne jene namenloſe Auszeichnung, welche bisweilen diejenigen charakteri⸗ zirt, die ſich reiner Rage bewußt und an die Atmoſphaͤre der Hoͤfe gewoͤhnt ſind, beſaß er zum mindeſten das natuͤrliche Gepraͤge der „riſtokratie in einer vorzuͤglich edeln Geſtalt und Zuͤgen von maͤnnli⸗ yer, aber ausgezeichneter Schoͤnheit, die durch einen Ausdruck be⸗ iheidener Schuͤchternheit nicht minder anziehend wurden. Er ſchien mit achtungsvoller Aufmerkſamkeit ſeiner Gefaͤhrtin, einem jungen Maͤdchen an ſeiner Seite, zu lauſchen, die mit einem in ihren Ge⸗ eberden und ihren belebten Zuͤgen ſichtbaren Ernſte zu ihm ſprach. wUnd obwohl es an den verſchiedenen uͤber der Scene zerſtreuten „Perſonen viel zu bemerken gab, ſo wuͤrde doch vielleicht keine— nicht ll ud der grazioͤſe Vernon— nicht der gedankenvolle Gelehrte, noch deſſen ſchönhaariger hartlippiger Sohn— auch nicht der ſchoͤne Lauſcher, den ſie anredete— nein Niemand wuͤrde das Auge, ſei es eines Phy⸗ ſiognomen oder zufaͤlligen Beobachters, ſo gefeſſelt haben, wie dies junge Maͤdchen— Sir Miles St. Johns geliebte Nichte und muth⸗ maßliche Erbin. 26 Aber da in dieſem Augenblicke der Ausdruck ihres Geſichts ver ſchieden von dem war, der ihr gewoͤhnlich, ſo verſchieben wir die Schilderung. „Beunruhige Dich“— ſo ſprach ſie zu ihrem Geſellſchafter „beunruhige Dich nicht durch Uebertreibung der Schwierigkeiten; denke nicht einmal daruͤber nach— dies ſei meine Sorge. Mainwa ring, da ich Dich liebte, da ich, indem ich ſah, daß Dein Mißtrauen oder Dein Stolz Dir zuerſt zu ſprechen verbot, die Sittſamkeit oder die Verſtellung meines Geſchlechts uͤberſchritt; da ich ſagte:„vergiß, daß ich die wahrſcheinliche Erbin von Laughton bin; ſieh in mir nur die Fehler und Verdienſte des menſchlichen Weſens, des wilden un⸗ ; ſieh in mir nur Lueretia Clavering(hier gebundenen Maͤdchens erroͤtheten ihre Wangen und ihre Stimme ſank zu einem leiſern und bebendern Fluͤſtern herab), und liebe ſie, wenn Du kannſt!“— Da ich ſo weit ging, glaube nicht, als hätt' ich nicht all' die Schwierig⸗ keiten erwogen, die unſerer Verbindung im Wege ſind, und gefuͤhlt, daß ich ſie uͤberſteigen koͤnnte.“ „Aber,“ antwortete Mainwaring zoͤgernd,„kannſt Du es fuͤr möglich halten, daß Dein Oheim je einwilligen werde? Iſt nicht Stolz— der Familienſtolz die Haupteigenſchaft ſeines Cha⸗ rakters? Hat er nicht Deine Mutter— ſeine eigne Schweſter— aus ſeinem Haus und Herzen verbannt, und wegen keines andern Ver⸗ gehens, als einer zweiten Vermaͤhlung, die er unter ihrem Stande erachtete? Hat er je eingewilligt, Deine Halbſchweſter, das Kind dieſer Ehe, nur zu ſehen, geſchweige denn aufzunehmen? Iſt nicht ſelbſt ſeine Liebe zu Dir mit ſeinem Stolz auf Dich, mit ſeinem Glau⸗ ben auf Dein Ehrgefuͤhl verwoben 2 Hat er nicht Deinen Vetter, Mr. Vernon, in der deutlichen Abſicht gerufen, um eine Bewerbung zu begünſtigen, die er fuͤr Deiner würdig haͤlt und die, wenn ſie gluͤck⸗ lich iſt, die beiden Zweige ſeines alten Hauſes vereinigen wird? Wie iſt moͤglich, daß er jemals ohne Verachtung und Zorn, die Dei⸗ nem Gllcke verderblich ſein wuͤrden, anhoͤren kann, daß Dein Herz g in William wäßlen gewagt „Nicht ohr Du nicht, daf glänzender ſein Glaubſt Du können wi Ich werde mich konnen warte Msglichteite Anfälle gehab oder zwei fu Mainwa Schauer rief Liebling des keit pflegte, Stütze ſein ſein ſollte und zu 9 zugleich — Aen 5 Nnäherung „Ueber ſeina Mutt utte — 1 in William Mainwaring einen Mann ohne Ahnen und Ausſichten zu waͤhlen gewagt hat?“ NRicht ohne Ausſichten!“ unterbrach Lucretia ſtolz.„Glaubſt Du nicht, daß Deine Laufbahn, wenn Du Herr von Laughton waͤrſt, glänzender ſein wuͤrde, als die jenes muͤßigen, uͤppigen Stutzers? Glaubſt Du, daß ich ſchwachherzig genug ſein wuͤrde, Dich zu lieben, wenn ich in Dir nicht Energie und Talent entdeckt haͤtte, die meinem eignen Ehrgeiz entſprechen? Denn ehrgeizig bin ich, wie Du weißt, und darum iſt mein Geiſt, ſo gut wie mein Herz, mit meiner Liebe zu Dir im Bunde.“ „Ach, Lucretia! kann aber Sir Miles St. John meine kuͤnftige Erhebung in meiner jetzigen Unbedeutendheit ſehen?“ „Ich ſage nicht, daß er es kann oder will; aber wenn ich Dich liebe, konnen wir warten. Fuͤrchte nicht die Nebenbuhlerſchaft Mr. Vernons. Ich werde mich von einer ſo leichten Gefahr zu befreien wiſſen. Wir können warten— mein Oheim iſt alt— ſein Zuſtand ſchließt die Moͤglichkeit eines viel laͤngern Lebens aus— er hat bereits ſchwere Anfaͤlle gehabt. Wir ſind jung, lieber Mainwaring: was iſt ein Jahr oder zwei füͤr die, welche hoffen?“ Mainwarings Geſicht veraͤnderte ſich und ein unangenehmer Schauer rieſelte durch ſeine Adern. Konnte dies junge Weſen, der Liebling des Oheims, dem dieſer vertraute und den er mit Zaͤrtlich⸗ keit pflegte, konnte ſie, die eine Pflegerin ſeiner Schwaͤchen, die Stuͤtze ſeines Alters, die aufrichtigſte Trauernde an ſeinem Grabe ſein ſollte, konnte ſie ſo kalt die Moͤglichkeit ſeines Todes erwaͤgen und zugleich auf den Altar und das Grab zeigen? 8 Die Verlegenheit um eine Antwort ward ihm durch Annaͤherung erſpart.. ⸗ „Ueber eine halbe Stunde abweſend,“ ſagte der Gelehrte in⸗ ſeiner Mutterſprache mit einem Laͤcheln, waͤhrend er ſeine Uhr her⸗-. vorzog und ſie ihr vor die Augen hielt;„Glauben Sie nicht, daß Sie von Allen vermißt werden? Meinen Sie, Miß Clavering, daß⸗ Dalibaͤrds Ihr Oheim noch nicht nach ſeiner ſchoͤnen Nichte gefragt haben wird? Schnell, kommen wir ihm zuvor.“ Er bot bei dieſen Worten Lu⸗ ie zoͤgerte einen Augenblick und hielt dann eretia ſeinen Arm. S Er druͤckte dieſelbe, aber kaum mit der i Mainwaring ihre Hand hin. Waͤrme eines Liebenden; und waͤhrend ſie mit Dalibard zur Terraſſe zuruͤckging, ſchlug der junge Mann langſam die entgegengeſetzte Richtung ein, ging durch eine Thuͤr uͤber ein Bruͤckchen, welches vom Haha in den Park fuͤhrte, und ſchlug den Weg nach einem See ein, welcher, halb verſteckt durch ehrwuͤrdige, reich mit dem ſom merlichen Laube geſchmuͤckte Baumgruppen, in einiger Entfernung Inzwiſchen redete Dalibard, noch immer in ſeiner ſchimmerte. ſe gingen, ſeine Schuͤlerin Mutterſprache, waͤhrend ſie nach dem Hauſ in folgender Weiſe an: „Sie muͤſſen verzeihen, wenn ich mehr als Sie ſelbſt auf Ihr Wohl bedacht bin, und desgleichen verzeihen, wenn ich mich in Ihre Geheimniſſe ſchleiche und Ihren Stolz verletze. Dieſer junge Mann — eonnten Sie ſich der Thorheit ſchuldig machen, mehr als ein vor⸗ übergehendes Gefallen an ſeiner Geſellſchaft zu empfinden? mehr als die Unterhaltung, mit ſeiner Eitelkeit zu ſpielen? Und wofern dies auch Alles iſt, ſo huͤten Sie ſich doch, daß Sie nicht in ihr eig⸗ nes Netz fallen.“ „Sie beleidigen mich in der That,“ ſagte Lucretia mit ruhigem Stolz,„und Sie haben kein Recht, in dieſer Weiſe mit mir zu ſprechen.“ „Kein Recht,“ wiederholte der Provengale traurig; kein Recht! — Dann hab' ich mich⸗freilich in meiner Schuͤlerin geirrt. Meinen Sie, daß ich meinen Stolz erniedrigt haben wuͤrde, hier als ein Ab⸗ haͤngiger zu bleiben, daß ich, im Bewußtſein meiner Kenntniſſe und wielleicht Talente, die ſich ſelbſt im Exil ihren Weg zur Auszeich⸗ nung bahnen wuͤrden, mein Leben unter dieſen laͤndlichen Schatten zugebracht haben wuͤrde, wenn ich nicht ein hohes und ausſchließen⸗ des Intereſſe an Ihnen gewonnen haͤtte? Auf dieſes Intereſſe gruͤnde 6 ☚ 29 ich mein Recht, Sie zu warnen und zu berathen. In Ihnen ſah, oder glaubte ich wenigſtens einen dem meinigen verwandten Geiſt zu ſehen— einen uͤber die Frivolitaͤten Ihres Geſchlechts erhabenen Geiſt,— kurz, einen Geiſt mit der Kraft und Energie eines Man⸗ nes. Sie waren damals nur ein Kind; Sie ſind jetzt noch kaum ein Weib geworden; noch hab' ich Ihrem Geiſte die kraͤftige Nahrung nicht gegeben, mit welcher die florentiniſchen Staatsmaͤnner ihre jungen Raͤnner, die beſtimmt waren, das geheime Reich des unſterblichen Loyola zu ver⸗ breiten.“ Fuͤrſten naͤhrten; oder die edlen Jeſuiten, die edlen N „Ich muß geſtehen, Sie haben mir Geſchmack an einem fuͤr mein Geſchlecht ſeltenen Wiſſen eingefloͤßt,“ antwortete Lucretia, mit einem leiſen Anflug von Bedauern in ihrer Kenntniß, die Sie mir mittheilten, hab' ich einen Reiz empfunden, der mir bisweilen nur verderblich zu ſein ſcheint. nem Geiſte das Gute und Boͤſe ve beides, das Gute und Boͤſe, als to Stimme;„und in der Sie haben in mei⸗ rmiſcht, oder Sie haben vielmehr dte Aſche, als Staub und erloſchene Kohle eines Schmelztiegels zuruͤckgelaſſen. Sie haben nur das Ge⸗ wiſſen klug gemacht. Seit Kutzem wuͤnſch' ich, mein Lehrer waͤr' ein Landgeiſtlicher geweſen.“ „Seit Kurzem! Seit Sie den Hirtengedichten dieſes ſanften Ko⸗ rydon gelauſcht haben?“ „Sie wagen ihn zu ſchmaͤhen— und warum? weil er gut und ehrlich iſt?“ 3„Ich veracht' ihn nicht, weil er gut und ehrlich iſt, ſondern weil er zu der gewoͤhnlichen ziel⸗ und chavakterloſen Menſchenherde gehoͤrt. Und wollen ſie dieſes Juͤnglings wegen Ihren Ehrgeiz und die Stellung zum Opfer bringen, zu der Sie geboren und zu deren Erhoͤhung Sie erzogen ſind— dieſes Juͤng⸗ lings wegen, der keine andern V hat— Sanftheit und Schoͤnheit. rath Sie— Sie lieben ihn!“ Ihr Vermoͤgen, erdienſte, als die des Schoßhunds Ach, zuͤrnen— das Zuͤrnen ver⸗ „Und wenn ich ihn liebe?“ ſagte Lucretia, indem ſie ihre hohe Geſtalt voͤllig emporrichtete und den Forſcher ſtolz anblickte.„Und wenn ich ihn liebe, was dann? Iſt er meiner unwerth? Sprechen Sie mit ihm, und Sie werden finden, daß die edle Geſtalt einen nicht minder hohen Geiſt birgt. Es mangelt ihm nur Reichthum; den kann ich ihm geben. Wenn ſein Gemuͤth ſanft iſt, ſo kann ich es zu Ruhm und Macht treiben und fuͤhren. Er beſitzt zum min⸗ deſten Erziehung, Beredſamkeit und Geiſt. Was hat Mr. Ver⸗ non?“ „Mr. Vernon, von ihm ſprach ich nicht!“ Lucretia blickte feſt in des Provengalen Geſicht, ſie ſah ihn mit jener erbarmenloſen Miene des Triumphs an, mit welcher ein Weib, welches eine Gewalt uͤber das Herz entdeckt, das ſie nicht zu beſiegen wuͤnſcht, freudig die Gruͤnde widerlegt, die ihr dieſes Herz ent⸗ genzuſtellen ſcheint.„Nein;“ ſagte ſie mit ruhigem Tone, wel⸗ chem das Gift der geheimen Ironie eine verwundende Bedeutung gab,—„nein, Sie ſprachen nicht von Mr. Vernon; Sie meinten daß ich, wenn ich mich umſaͤhe, wenn ich mich naͤher umſchante, eine beſſere Wahl treffen koͤnnte.“ „Sie ſind grauſam— Sie ſind ungerecht,“ ſagte Dalibard mit zitternder Stimme.„Wenn ich auch einmal einen Augenblick voreilig war, hab' ich mein Vergehen wiederholt? Aber“— fuͤgte er raſch hinzu,„mit mir— ſo ſehr Sie mich zu verachten ſcheinen— mit mir haͤtten Sie ſich wenigſtens keiner der Gefahren ausgeſetzt, die Ihnen drohen, wenn Sie Mainwaring ernſtlich Ihr Herz ſchenken.“ „Sie meinen, der Oheim wuͤrde ſtolz ſein, meine Hand Monſieur Olivier Dalibard geben zu koͤnnen?“ „Ich meine und ich weiß es,“ antwortete der Provengale ernſt und ohne des Spottes zu achten,„daß Sie, wofern Sie mich, den armen Verbannten, gewuͤrdigt haͤtten, um mich zum beneidenswer⸗ theſten Manne zu machen, daß Sie trotzdem die Erbin von Laughton ſein wuͤrden.“ — 31 „Das haben Sie geſagt und behauptet,“ erwiderte Lucretia, deren Stimme deutlich ihre Neugierde verrieth;—„allein, wie und durch welche Kunſt— ſo weiſe und fein Sie ſind— vermoͤchten Sie meines Oheims Einwilligung zu gewinnen? „Das iſt mein Geheimniß,“ erwiderte Dalibard finſter;„und da der Wahnſinn, dem ich mich uͤberlaſſen hatte, auf immer voruͤber iſt, da ich mein Herz ſo geſchult habe, daß trotz Ihres Spottes nichts mehr darin wohnt, außer eine zaͤrtliche Theilnahme, die ich wohl eine vaͤterliche nennen kann, ſo laſſen Sie uns von dieſem peinlichen Gegenſtande abbrechen. O, meine theure Schuͤlerin, laſſen Sie ſich in Zeiten warnen! erkennen Sie die Liebe als das, was ſie in der dunkeln und verworrenen Geſchichte des wirklichen Lebens in Wahr⸗ heit iſt, ein kurzer Zauber, den man nicht verachten, aber auch nicht fuͤr das Hoͤchſte von Allem halten ſoll. Schauen Sie in der Welt um⸗ her, betrachten Sie alle Diejenigen, die ſich aus Liebe vermaͤhlt haben— wohin iſt zehn Jahre ſpaͤter die Liebe geflohen? Bei Ein⸗ zelnen, wo Gemeinſchaftlichkeit des Charakters und Strebens vor⸗ handen iſt, erwachen allerdings neue Reize, neue Zwecke und Hoff⸗ nungen; und hat dann die Liebe einmal Wurzel gefaßt, ſo faͤhrt ſie fort, neue Sproſſen und Bluͤthen zu treiben. Allein taͤuſchen Sie ſich nicht, eine ſolche Gemeinſchaftlichkeit exiſtirt nicht zwiſchen Ihnen und Mainwaring. Was Sie ſeine Guͤte nennen, werden Sie ſpaͤter als Schwaͤche verachten lernen; und was in Wahrheit Ihre geiſtige Kraft iſt, daruͤber wird er bald, nur allzubald, als uͤber etwas Un⸗ weibliches und Haſſenswerthes ſchaudern.“ „Nun“, rief Lucretia zitternd,—„und wenn er es thut, ſo werd' ich Ihnen ſeinen Haß verdanken, Ihren Lehren, Ihrem toͤdt⸗ lichen Einfluß.“ „Nein, Lucretia!— der Same lag in Ihnen! Kann Pflege das aus dem Boden herauszwingen, was die Natur des Bodens nicht hervorbringen mag?“ „Ich will das Unkraut ausraufen! Ich will mich umwandeln!“ „Kind, ich gebe Sie auf!“ ſagte der Gelehrte mit einem Laͤcheln welches ſeinem Geſicht jenen Ausdruck lieh, mit welchem ſein Sohn ihn gezeichnet hatte.„Ich habe Sie gewarnt und mein Werk iſt voll⸗ bracht.“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich und verließ ſie, um bald an der Seite Sir Miles St. John zu ſtehen. Einige Augen⸗ blicke nachher gingen der Baronet und ſein Bibliothekar ins Haus und ſetzten ſich zum Schach. Wir duͤrfen indeß nicht glauben, daß waͤhrend der Geſpraͤche, welche wir ſkizzirten, Sir Miles ſo gaͤnzlich in dem ſinnlichen Be⸗ hagen verſunken geweſen ſei, welches der unſterbliche Raleigh Europa bereitet hat, um ſeinen Gaſt und Verwandten zu vernachlaͤſſigen. „Alſo, Charley Vernon, Rauchen iſt nicht Mode in Lunnun“, (ſo ſprach Sir Miles das Wort nach dem Euphemismus ſeiner Ju⸗ gendzeit aus.) „Nein, Sir. Doch dafuͤr ſind die meiſten andern Laſter bei uns in voller Kraft.“ „Daran zweiſl' ich nicht. Man ſagt des Prinzen Geſellſchaft ge⸗ nießt das Leben ſehr raſch.“ „Sicherlich erfordert es das Vermoͤgen eines Grafen und die Con⸗ ſtitution eines Preiskaͤmpfers, um mit ihm zu leben.“ „Aber mich duͤnkt, Maſter Charley, Du haſt weder das Eine noch das Andre.“ „Und daher ſeh' ich, in nicht großer Ferne, vor mir das Gefaͤng⸗ niß— und eine Schwindſucht!“ antwortete Vernon, ein leichtes Gaͤh⸗ nen unterdruͤckend. s iſt wixklich Schade; denn Du hatteſt ein ſchoͤnes wohlgeord⸗ netes Gut; und bei all' deinen Fehlern haſt Du das Herz eines aͤchten Gentlemans. Hoͤr' an!“— ſetzte der alte Mann in zaͤrtlichem Tone hinzu—„Du biſt jung genug, um Dich zu beſſern. Eine kluge Hei⸗ rath und ein gutes Weib wird ſowohl Deine Geſundheit als Deine Felder retten.“— „Haben Sie ſo hohe Meinung von der Ehe, mein theurer Sir einigten Güt Du mußt Lucrttia m darum nicht deſtanden,g waͤhter ſchebuſt un Dich liel D „Und zu offenbar af fuhr, und di trachte nicht um nichts ſo „Hübſch wahrheit zu Mr. d ter beichigt ritzen, S Sir, ſine! M Nicht wie heißt d techt hübſchen ſeine Tabaks „Zum H Dulder 3³ Miles, ſo muß man ſich wundern, daß Sie Ihre Lehren nicht durch Ihr Beiſpiel bekraͤftigten.“ „Ei Narr! ich hatte nicht Deine Schwaͤchen! ich war nie ein Verſchwender, und ich hab' eine eiſerne Conſtitution!“ Es trat hier eine Pauſe ein.„Charles,“ fuhr darauf Sir Miles ſinnend fort, „es gibt manchen Grafen, der weniger Vermoͤgen hat, als die ver⸗ einigten Guͤter von Vernon Grange und Laugthon Hall betragen. Du mußt mich ſchon verſtanden haben— ich habe die Abſicht, der Lucretia meine Guͤter zu hinterlaſſen— indeß wuͤnſch' ich doch, daß du darum nicht weniger von meinem Teſtament profitiren moͤchteſt. Offen geſtanden, gefaͤllt Dir meine Nichte, ſo wirb um ſie; laß Dich hier nieder, waͤhrend ich noch lebe; laß Grange verwalten und ſtaͤrke Dich durch fri⸗ ſche Luft und laͤndliche Vergnuͤgungen. Wahrhaftig, Charles, ich habe Dich lieb, Du magſt Dich darauf verlaſſen!— Gieb mir DeineHand!“ „Und zugleich damit ein dankbares Herz,“ ſagte Vernon mit offenbar affectirter Waͤrme, als er aus ſeiner traͤgen Poſition empor⸗ fuhr, und die dargebotene Hand ergriff.„Glauben Sie mir, ich trachte nicht nach Ihrem Reichthum, und meine Couſine beneid' ich um nichts ſo ſehr, als um die erſte Stelle in Ihrer Achtung.“ „Huͤbſch geſagt, mein Junge; und ich traue Dir auch keine Un⸗ wahrheit zu. Was meinſt Du alſo von meinem Plane?“ Mr. Vernon ſchien verlegen, aber er ſammelte ſich mit gewohn⸗ ter Leichtigkeit und erwiderte ſchlau:„Vielleicht wird es wenig nuͤtzen, Sir, wenn ich ſage, was ich von Ihrem Plane denke: meine ſchoͤne Nichte kann ihn bereits vereitelt haben.“ „Ha, Sir, laß mich Dich anſehn— ſo— ſo!— Du machſt keinen Spaß. Was zum Henker bedeutet Das? Nun, Mann, ſprich es aus!“ „Meinen Sie nicht, daß Mr. Monderling— Mandolin— hm, wie heißt doch gleich der Name— meinen Sie nicht, daß er ein recht huͤbſcher junger Burſch iſt?“ ſagte Mr. Vernon, waͤhrend er ſeine Tabaksdoſe hervorzog und ſie ſeinem Verwandten bot. „Zum Henker mit Deinem Schnupftabak!“ rief Sir Miles in Bulwer, Lucretia. 1 3 großem Zorn, waͤhrend er die dargebotene Artigkeit ſo heftig zuruͤck⸗ ſtieß, daß der halbe Inhalt der Doſe auf Augen und Naſen der beiden Hundelieblinge ſiel, die zu ſeinen Fuͤßen ſchliefen. Der große Hund ſprang heftig empor— der Huͤhnerhund ſchnaubte und nieſte und lief davon, waͤhrend er jeden Augenblick ſtill and, um den Kopf zwiſchen die Pfoten zu nehmen. Der alte Herr ſprach weiter, ohne der Leiden ſeiner ſtummen Freunde zu achten, was ein Zeichen war, daß er auf ungewoͤhnliche Weiſe aus der Faſſung gekommen:— „Willſt Du andeuten, Mr. Vernon, daß meine Nichte— meine altere Nichte, Lucretia Clavering— ſich herablaͤßt, das gute oder ſchlechte Ausſehen Mr. Mainwarings zu bemerken? Den Teufel, Sir, er iſt der Sohn eines Landvermeſſers! Sir, er iſt für den Handel beſtimmt! Sir, ſein hoͤchſter Ehrgeiz iſt, Theilhaber an einem unter⸗ geordneten Handelshaus zu werden!“ „Mein theurer Sir Miles,“ erwiderte Mr. Vernon, waͤhrend er fortfuhr, mit ſeinem duftigen Taſchentuch die Portionen des Schnupftabakregens abzuſtaͤuben, die ſeine Nankin⸗Inerxpreſſibles von den Sinneswerkzeugen Daſch's und Pontos abgewendet hatten, —„mein theurer Sir Miles, ga le empéèche pas n' sentiment!“ „Empéèche den Kuckuk! Du kennſt Lucretien nicht. Freilich gibt's gar viele Maͤdchen, die man nicht einem huͤbſchen floten⸗ den Burſchen mit ſchwarzen Augen und weißen Zaͤhnen zu nahe kommen laſſen duͤrfte; aber Lucretia iſt nicht von dieſer Art; ſie be⸗ ſitzt Geiſt und Ehrgeiz, welche nicht eine Meſalliance geſtatten wuͤr⸗ den; ſie hat den Geiſt und Willen einer Koͤnigin— der alten Koͤni⸗ gin Beß, glaub' ich!“ „Das heißt ihre Talente hochſtellen, Sir; iſt dem aber ſo, ſo unter⸗ ſtuͤtze der Himmel ihren Willen. Ich bin gebuͤhrend dankbar fuͤr das Heil, welches Sie mir in Ausſicht ſtellen.“ Trotz ſeines Zornes konnte der alte Herr ein Laͤcheln nicht un⸗ terdruͤcken. „Nun, um die Wahrheit zu geſtehen, ſie iſt ſchwer zu lenken; Mann ind an perſönl ihren eigne und in drige G habe, und dige und un durch 9 Jeit 35 allein wir, Maͤnner von Welt, wir verſtehn hoffentlich Weiber zu regieren, beſonders wenns ein Maͤdchen zahm zu machen gilt, das kaum aus den Zehnen heraus iſt. Was Deinen Einfall anlangt, ſo iſt es damit nichts— Lucretia kennt meine Geſinnung. Sie hat ihrer Mutter Schickſal geſehen; ſie hat ihre Schweſter aus meinem Hauſe verbannt geſehen— warum? nicht aus eigner Schuld, das arme Weſen! aber weil ſie das Kind der Schmach iſt, und der Mutter Suͤnde wird heimgeſucht auf der Tochter Haupt. Ich bin ein gut⸗ muͤthiger Mann— aber ich bin auch genuͤgend nach alter Art, um mich um meinen Stamm zu bekuͤmmern. Sollte ſich Lucretia ſelbſt ſo weit erniedrigen, dieſen Burſchen zu lieben, zu ermuthigen— nun, dann wuͤrde ich ſie aus meinem Teſtament ſtreichen und Deinen Na⸗ men hinſetzen, wo ich den ihrigen geſchrieben habe.“ „Sir,“ ſagte Vernon ernſt und indem er alle Affectation ſeines Betragens bei Seite warf,„dies wird ernſthaft, und ich habe kein Recht, einen Zweifel auch nur leiſe anzudeuten, aus welchem ich Vortheil zu ziehen ſcheinen koͤnnte. Ich glaube, es iſt unvorſichtig, wenn Sie der Miß Clavering, waͤhrend Sie mich unparteiiſch als Bewerber um Ihre Hand betrachten ſoll, bei ihren Jahren einen Mann in den Weg treten laſſen, der mir und den meiſten Maͤnnern an perſoͤnlichen Vorzuͤgen weit uͤberlegen iſt— einen Mann, der ihren eignen Jahren mehr angemeſſen, Bildung und Verſtand beſittzt, und in ſeinem Aeußern oder ſeiner Erziehung durch nichts ſeine nie— drige Geburt verraͤth. Ich habe nicht den geringſten Grund, zu glau⸗ ben, daß er den leiſeſten Eindruck auf Miß Clavering gemacht habe, und waͤr' es der Fall, ſo wuͤrde das vielleicht nur die unſchul⸗ dige und unbefangene Phantaſie eines Maͤdchens ſein, welcher ſie ſich durch Zeit und verſtaͤndige Ueberlegung bald entſchlagen wuͤrde; aber verzeihen Sie, wenn ich unverholen bemerke, daß Sie auch in dem angedeuteten Falle ſehr unrecht thun wuͤrden, ſie zu ſtrafen oder auch nur zu tadeln— ſich ſelbſt muͤßten Sie nur tadeln, daß Sie ſo unbeſorgt waren, und ſich gegen die menſchliche Natur und jugend⸗ 3 † lichen Gefuͤhle ſo verblendeten, denn ſolche Sorgloſigkeit und Blind⸗ heit, ich muß es geſtehen, iſt am wenigſten verzeihlich bei einem Manne, welcher die Welt ſo genau kennen gelernt hat.“ ale ſeine „Charles Vernon,“ ſagte der alte Baronet,„gib mir Deine und hir n Hand noch einmal! Ich hatte zum wenigſten Recht, wenn ich ſagte, baße 4 Du beſaͤßeſt das Herz eines aͤchten Gentleman. Laß dieſen Gegen⸗ 9. lde ſtand fuͤr jetzt fallen. Wer iſt jetzt dort von Lucretia weggegangen 2 enm „Ihr protegé— der Franzoſe.“ Ancite „Ach, er zum wenigſten iſt nicht blind— geh, und geſelle Dich niie 17 zu Lucretia! Vernon entfernte ſich, leerte den Reſt der Madeiraflaſche in ein Glas, trank daſſelbe auf einen Zug leer und ſchlenderte zu Lucretien hin; ſie aber lenkte, als ſie ſeine Annaͤherung gewahrte, raſch in eine der Alleen, die nach der andern Seite des Hauſes fuͤhrten; er ſeinerſeits war entweder zu gleichgiltig, oder zu gebildet, um ihr die Geſellſchaft aufzudraͤngen, die ſie ſo offenbar ſcheuete. Er warf ſich der Laͤnge nach auf eine der Baͤnke auf der Raſenflaͤche und ver⸗ im Grund den Fortg andere La vorüber, d Buchengel Traͤumers früzeit gen coliſchen ſank, den Kopf in die Hand ſtutzend, in Gedanken, die, wenn er ge⸗ ſprochen haͤtte, etwa folgendermaßen gelautet haben wuͤrden: eres Anſeh „Wenn ich das Maͤdchen als Preis dieſer ſchoͤnen Erbſchaft neh⸗ ler ſtiziren men muß, werd' ich dabei gewinnen oder verlieren? Ich muß zuge⸗ Menſchheit ben, ſie hat den ſchoͤnſten Hals und die ſchoͤnſten Schuldern, wie ich altet nicht ſie je in Marmor geſehen; allein weit entfernt, ſie zu lieben, floͤßt Mijhen git ſte mir vielmehr ein Gefuͤhl wie Furcht und Abneigung ein. Dazu iſt zu mügungen 1 bedenken, daß ſie offenbar gegen mich keine freundlichere Gefinnung fündlich ſe hegt, als ich gegen ſte; und wofern ſie je ein Herz hatte, ſo hat es jener igt. Etwa junge Herr laͤngſt weggeſchmeichelt. Schoͤne Ausſichten das auf Stene drin die Ehe fuͤr einen armen Invaliden, der wenigſtens in Frieden zu benes Gem vergehen und zu ſterben wuͤnſcht! Ueberdies— wenn ich reich ge⸗„Mein, nug waͤre, um nach Belieben zu heirathen— wenn ich waͤre, was dut, daß m ich vielleicht ſein ſollte, Erbe von Laughton— ei, da gibt es eine niſſen? Jd 4 gewiſſe ſuͤße Mary in der Welt, die ſanftere Augen hat als Lueretia da 8 falgen die 37 Clavering— aber das iſt ein Traum!— Wenn ich dagegen dieſes Maͤdchen nicht gewinne und mein armer Vetter gibt ihr alle oder faſt alle ſeine Beſitzungen, ſo kommt Vernon Grange zu den Wuchrern und ſüͤr mich wird der Koͤnig eine Wohnung ausfindig machen. Was hat's zu bedeuten? Ich kann hoͤchſtens zwei oder drei Jahr laͤnger leben und kann daher nur hoffen, daß mich der liebe, wackre alte Sir Miles uͤberleben moͤge. Mit drei und dreißig hab' ich Vermoͤgen und Leben verwuͤſtet; Laughton vermoͤchte mir wenig Freude zu ge⸗ ben; das Gefaͤngniß aber nur kurzen Schmerz. Wahrlich, es lohnt im Grunde der Muͤhe nicht, ſich da Sorgen zu machen! Indem er ſo den Fortgang ſeines Sinnens unterbrach, laͤchelte er und nahm eine andere Lage ein. Die Sonne war untergegangen, die Daͤmmerung voruͤber, der Mond ſtieg glaͤnzend hinter einem dichten Eichen⸗ und Buchengehoͤlz empor; die vollen Strahlen fielen auf das Geſicht des Traͤumers, und dies Geſicht ſchien noch blaͤſſer und die Erſchoͤpfung fruͤhzeitigen Verfalls noch deutlicher unter jenem ſtillen und melan⸗ choliſchen Lichte— alle Ruinen gewinnen im Mondlicht ein erhab⸗ neres Anſehen. Hier war eine edlere Ruine als jene, welche die Ma⸗ ler ſkizziren— die Ruine, nicht von Stein und Moͤrtel, ſondern von Menſchheit und Geiſt; das Wrack eines Menſchen, der fruͤhzeitig ge⸗ altert, nicht durch großen Schmerz darniedergeworfen, noch durch große Muͤhen gebeugt, ſondern zerbroͤckelt und minirt durch kleine Ver⸗ gnuͤgungen und armſelige Reize— klein und armſelig, aber taͤglich, ſtuͤndlich, jeden Augenblick bei ihrer gnomenartigen Arbeit beſchaͤf⸗ tigt. Etwas von dem Ernſte und der wahren Moral der Stunde und Seene draͤngte ſich vielleicht ſelbſt in ein dem Gefuhle wenig erge⸗ benes Gemuͤth, denn Vernon erhob ſich matt und murmelte: „Meine arme Mutter hoffte Beſſeres von mir. Am Ende iſt's gut, daß mit Mary gebrochen iſt! Wozu ſollte jemand um mich weinen muͤſſen? Ich kann ſo deſto beſſer laͤchelnd ſterben, wie ich gelebt habe.“ Da es indeß nothwendig iſt, daß wir jeder der Hauptperſonen folgen, die wir im Laufe eines Abends, der mehr oder minder auf 38 das Geſchick Aller einflußreich war, eingefuͤhrt haben, ſo kehren wir zu Mainwaring zuruͤck, und begleiten ihn zu dem See in der Tiefe des Parks, den er erreichte, waͤhrend die glatte Oberflaͤche unter den letzten Strahlen der Sonne erglaͤnzte. Als er ſich dem Waſſer nä⸗ herte, ſah er die Fiſche in der klaren Fluth ſpielen; das gemaͤhte Gras unter ſeinen Fuͤßen entſendete den Duft von dem zermalmten Feldkuͤmmel und Klee; der Schwan ruhte ſtill, wie wenn er auf der Fluth ſchlummerte; der Haͤnfling und Finke ſangen noch in den na⸗ hen Wipfeln; und die beladenen Bienen ſuchten ſummend den Heim⸗ weg; ringsum gewaͤhrte Alles den Eindruck jenes unausſprechlichen Friedens, den die Natur demjenigen zufluͤſtert, der ihre Muſik ver⸗ ſteht; alles ſtrebte den Geiſt einzulullen, nicht aber niederzuſchlagen; Bilder, die des Feiertags des weltmuͤden Menſchen, der Betrachtung des ſtillen abgeſchiedenen Alters, der Kindheit der Dichter, der Ju⸗ gend der Liebenden werth ſind. Aber Mainwarings Schritt war ſchwer, ſeine Stirn umwoͤlkt; die Natur war an dieſem Abend ſtumm fur ihn. Am Rande des See's ſtand ein einſamer Angler, der jetzt(nachdem ſein Abendwerk vollbracht) mit Muße beſchaͤftigt war, ſeine Angel zuſammenzulegen und mit vieler Anmuth dabei eine Melodie zu einem von Iſaak Waltons Liedern pfiff. Mainwar⸗ ning erreichte den Angler und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Guter Fang, Ardworth?“ „Etliche große Rochen mit der Fliege und einen Hecht mit ei⸗ nem Gruͤndling— ein ſtattlicher Burſch!— da ſehen Sie ihn an! Er lag dort unterm Schilf; ich ſah ſeinen gruͤnen Ruͤcken und lockt' ihn hervor. Ein himmliſcher Abend! Mich wundert, daß Sie mei⸗ nem Beiſpiel nicht folgen und von einer Geſellſchaft, wo wir beide, weder Sie noch ich, uns ſehr heimiſch finden konnen, zu dieſen gruͤ⸗ nen Hallen der Natur fliehen, wo wenigſtens kein Menſch unterm Salzfaß ſitzt. Die Vöͤgel ſind eine altere Familie, als die St. Johns'; aber ſie halten uns nicht ihren Stammbaum vor's Geſicht, Mainwaring.“ ſung, fre mich er A A—, trägt, ſieb tadelt und wir und ſe lich und 3 zu ſehen wohl geblich wa Sie ſich du auch eine Gründl n trefllichen! verhaͤr t Setz muth vor lich mcht auch It ren dem ich die Kirche be t, 39 „Nein, nein, mein guter Freund, Sie thuen dem alten Sir Miles unrecht; ſtolz iſt er freilich, aber weder ſie noch ich haben uns uͤber ſeine Anmazung zu beklagen gehabt.“ „Ueber ſeine Anmaßung! gewiß nicht— uͤber ſeine Herablaſ⸗ ſung, freilich! Ja, William, gerade ſeine Hoͤflichkeit iſt es, die mich erbittert. Bemerken Sie nicht, daß er mit Vernon, oder Lord A—, oder Lord B—, oder Mr. C—, ſich leicht und ungebunden be⸗ traͤgt, ſie bei ihren Namen ruft, ihnen auf die Schultern klopft, ſie tadelt und auf ſie ſchimpft, wenn ſie ihn necken; aber mit Ihnen und mir und ſeinem franzoͤſiſchen Schmarotzer iſt er in allem ſteif, hoͤf⸗ lich und gewiſſenhaft artig:„Mr. Mainwaring, es freut mich, Sie zu ſehen;“„Mr. Ardworth, da Sie ſo nah' dabei ſind, darf ich Sie wohl bitten, die Klingel zu ziehen;“„Mr. Dalibard, ganz unmaß⸗ geblich wage ich, Ihrer Meinung zu widerſprechen.“ Indeß laſſen Sie ſich durch meine thoͤrige Auffaſſung nicht kränken. Sie haben auch einen wuͤrdigen Gegenſtand dort, der Sie wohl von Hechten und Gruͤndlingen abhalten kann. Haben Sie ihre Unterredung mit der trefflichen Lucretia weggeſtohlen?“ „Ja, wie Sie ſagen, geſtohlen, und ich bin, wie alle nicht ganz verhaͤrteten Diebe, beſchaͤmt uͤber meinen Raub.“ „Setzen Sie ſich, mein Lieber, hier iſt ein herrlicher Ort; da, auf die alte Wurzel ſtuͤtzen Sie Ihren Ellbogen, dies weiche Moos iſt Ihr Kiſſen. Setzen Sie ſich und beichten Sie. Sie haben etwas auf dem Herzen, was Sie quaͤlt; wir ſind alte Schulfreunde— heraus damit!“ „Man kann Ihnen nicht widerſtehen, Ardworth, ſagte Main⸗ waring laͤchelnd, indem er ſeine Zuruͤckhaltung und ſeine Schwer⸗ muth vor der offenen guten Laune ſeines Gefaͤhrten abſtreifte.„Frei⸗ lich moͤcht' ich meinen Buſen gern davon befreien. Vielleicht kann ich auch Ihren Rath nuͤtzen. Erſtlich wiſſen Sie, daß mein Vater, nach⸗ dem ich die hohe Schule verlaſſen und da ich keine Neigung fuͤr die Kirche bezeigte, fuͤr welche er mich im Stillen ſtets beſtimmt und de⸗ 40 renwillen allein er mich die Univerſitaͤt wollte beziehen laſſen, mir die Wahl ſtellte, mich entweder ſeinem eignen Geſchaͤft als Feldver⸗ meſſer zu widmen, oder ein Kaufmann zu werden. Ich waͤhlte das Letztere und ging nach Southampton, wo ein Verwandter von uns dieſem Berufe angehoͤrt, um mich in die Elementarmyſte⸗ rien einweihen zu laſſen. Dort ward ich mit einem wackern Geiſtli⸗ chen und ſeiner Gattin bekannt und in dieſem Hauſe verlebte ich einen großen Theil meiner Zeit.“ „Doch wohl, nach beſſerer Ueberlegung, in der Hoffnung, Ih⸗ res Vaters Ehrgeiz zu befriedigen und zu lernen, wie man mit An⸗ ſtand auf einer Pfarre Hungers ſtirbt!“ „Das leider gerade nicht.“ „Alſo hatte der Geiſtliche eine Tochter?“ „Jetzt ſind Sie dem Ziele naͤher,“ ſagte Mainwaring, erroͤthend; wiewohl ſie nicht ſeine Tochter war; es lebte ein junges Maͤdchen in der Familie, die derſelben nicht einmal verwandt war; ein reicher Verwandter hatte ſie gegen ein gewiſſes Koſtgeld dorthin gebracht. Mit einem Wort, ich bewunderte, ja ich liebte vielleicht dieſe junge Perſon; allein ſie war nicht unabhaͤngig, und ich war noch nicht ein⸗ mal mit dem Surrogat des Geldes, mit einem Geſchaͤft, verſorgt. Ich glaubte,(Sie duͤrfen nicht uͤber meine Thorheit lachen) daß meine Gefuͤhle erwidert werden moͤchten. Ich war ihretwillen ſowohl, wie meinetwegen beſorgt; ich ſondirte den Geiſtlichen hinſichtlich der Msglichkeit einer Einwilligung von Seiten des Verwandten, und er⸗ fuhr, daß darauf nicht zu hoffen ſei. Ich fuͤhlte, daß ich kein Recht haͤtte, ſie zu Armuth und Untergang einzuladen, und noch weniger, ferner ihre Neigung zu feſſeln(wofern ich uͤberhaupt ſchon Eindruck gemacht hatte.) Ich gab meinem Vater einen Vorwand an, um die Stadt zu verlaſſen, und kehrte nach Hauſe zuruͤck.“ „So weit klug und ehrenvoll genug; nicht wie ich, der ich mit dem Maͤdchen davon gelaufen waͤre, wenn ſie mich liebte, und der alte ten— the der Hoffnu dffentlich i „Und mit Entzi ſtokratiſch Jeder nach Mein Gunſt Sir ſen, deri Es ſchien i lud mich ein daß ich mich armer Vate war hier oft „Sie Veichte, nie 41 Plutus, der Schuft, haͤtte ſehen moͤgen, wie er mit Kupido fertig ge⸗ worden waͤre. Doch ich unterbrach Sie.“ „Ich kam zuruͤck, als die Grafſchaft ſehr aufgeregt war: Oeffent⸗ liche Meetings, Reden, Auflaͤufe— es wurde mit großem Eifer eine Wahl vorgenommen. Mein Vater hatte ſich ſtets bedeutend fuͤr Po⸗ litik intereſſirt; er gehoͤrte zu derſelben Partei wie Sir Miles, der, wie Sie wiſſen, ein eifriger Politiker iſt. Leicht ließ ich mich verlei⸗ ten— theils aus Ehrgeiz, theils durch fremdes Beiſpiel, theils in der Hoffnung, meinen Gedanken eine neue Richtung zu geben— offentlich im Publikum aufzutreten.“ „Und mit welchem Effekt! Ja, Menſch, man hat Ihre Reden mit Entzuͤcken in den Londoner Blaͤttern angefuͤhrt. Entſetzlich ari⸗ ſtokratiſch und Pittiſch allerdings;— ich denke anders, indeß, ein Jeder nach ſeinem Geſchmack. Wohl—“ „Meine Verſuche, ſo wie ſie eben waren, verſchafften mir die Gunſt Sir Miles'. Er war lange mit meinem Vater bekannt gewe⸗ ſen, der ihm vor Jahren in ſeinen eigenen Wahlen geholfen hatte. Es ſchien ihn herzlich zu freuen, des Sohnes Goͤnner zu werden; er lud mich ein, ihn zu beſuchen und gab meinem Vater einen Wink, daß ich mich zu etwas Beſſerem, als fuͤr ein Comptoir, eignete. Mein armer Vater war bezaubert. Mit einem Wort, ich bin hier— und war hier oft Tage, ja Wochen lang— ein ſtets willkommener Gaſt.“ „Sie halten inne. Das war die Einleitung— nun kommt die Beichte, nicht?“ „Nun, eine Haͤlfte der Beichte iſt ſchon abgelegt. Ich hatte das ganz unverdiente Gluͤck, die Aufmerkſamkeit der Miß Clavering auf mich zu ziehen. Halten Sie mich nicht fuͤr ſo ſelbſtgefaͤllig, daß ich mich jemals haͤtte ſo hoch verſteigen koͤnnen; was jedoch—“ „Was jedoch Aufmunterung betrifft— ich verſtehe! Nun, ſie iſt jedenfalls ein herrliches Weſen, und mich wundert nicht, daß ſie das arme kleine Maͤdchen in Southampton aus Ihren Gedanken vertrieb.“ 42 „Ach! das iſt der wunde Fleck.— Ich bin nicht gewiß, ob ſie dies gethan hat. Ardworth, darf ich auf Sie bauen?“ „In jeder Hinſicht, ausgenommen, wenn's eine halbe Guinee gilt. Ich moͤchte nicht verſprechen, ein Stein bei einer ſo großen Verſuchung zu bleiben;“ dabei wandte Ardworth ſeine leeren Ta⸗ ſchen um. „Still, ſein Sie ernſthaft!— oder ich gehe.“ „Ernſthaft! Mit Taſchen, wie dieſe da, muͤßte der Teufel d'rin ſitzen, wenn ich nicht ernſthaft ſein wollte. Perge, precor.“ „Wohlan, Ardworth,“ ſagte Mainwaring in großer Bewegung, „ich vertraue Ihnen die geheime Unruhe meines Herzens. Jenes Maͤdchen zu Southampton iſt Lucretia's Schweſter— ihre Halb⸗ ſchweſter; der reiche Verwandte, von deſſen Koſtgeld ſie lebt, iſt Sir Miles St. John.“ „Ah!— meine eigne arme kleine Couſine von Vaters Seite! Mainwaring, ich hoffe, Sie haben mich nicht getaͤuſcht; Sie haben ſich nicht damit unterhalten, Suſanna's Herz zu brechen— denn ein Herz, und ein ſittiges, einfaches, Engliſches Maͤdchenherz hat ſie.“ „Der Himmel verhuͤt' es!— Ich ſag' Ihnen, ich hab' ihr nicht einmal meine Liebe erkläͤrt— und wenn es Liebe war, ſo iſt hoffent⸗ lich alles voruͤber. Aber als Sir Miles zuerſt freundlich gegen mich war, mich zuerſt einlud, ich geſtehe, da hatt' ich die Hoffnung, ſeine Achtung zu erwerben, und da er ſtets einen ſo ſtarken und grauſamen Unterſchied zwiſchen Lucretia und Suſanna gemacht hatte, ſo hielt ich es nicht fuͤr unmoͤglich, daß er zum wenigſten meine Verbindung mit der Nichte genehmigen moͤchte, die er nicht aufnehmen und aner⸗ kennen mochte. Aber gerade waͤhrend dieſe Hoffnung in mir l. ze, ward ich angezogen— gefangen— zaubergefeſſelt— ich weiß nicht wie und warum. Allein, um alles zu geſtehn, wäͤhrend ich noch zwei⸗ felhaft bin, ob mein Herz vom Andenken an die eine Schweſter frei iſt, bin ich der andern verlobt.“ Ardworth blickte ernſt vor ſich nieder und ſchwieg. Er war ein unfügſamen die ſich nicht nicht b und ehren ſolchen Perf affnung zu natürlich u Chatakter; reiten, ſic Rührung; Stellung Neigung gebli wurde ſich doch eben ſ anßerlichen lafſen. Es als andre daß er ſi Herzen zuſ Bei we mehr Kraft von jenem und ſch geſch guter Frer Il gj 4 4 jr Bekenn beruht die heitrer, ſorgloſer, unbekuͤmmerter Jungling, mit unſtetem Charakter und Streben— dazu mit einem vagen poetiſchen Gefuͤhl, und einem unfuͤgſamen Stolz in ſeinem Weſen— einer von den Juͤnglingen, die ſich nicht leicht ſo benehmen, was man in der Welt gut nennt— nicht beharrlich genug fuͤr eine unabhaͤngige Laufbahn— zu ſchlicht und ehrenhaft fuͤr eine knechtiſche. Allein gerade im Charakter einer ſolchen Perſon konnte es liegen, etwas hart uͤber Mainwarings Er⸗ offnung zu urtheilen und nicht einmal leicht zu begreifen, was ſehr natuͤrlich war: wie ein junger Mann, neu im Leben, ſchuͤchtern von Charakter und aͤußerſt befangen von der Beſorgniß, Schmerz zu be⸗ reiten, ſich im Gefuͤhle der Ueberraſchung, der Dankbarkeit, der Nuͤhrung uͤber die geſtandene Neigung eines Mädchens, die in aͤußerer Stellung weit uͤber ihm war, hatte zwingen laſſen, die empfangene Neigung wenigſtens ſcheinbar zu erwidern. Und wenn er auch wirklich nicht ganz unempfindlich gegen die glaͤnzenden Ausſichten geblieben war, die ſich ihm bei ſolcher Verbindung eroffneten, ſo wuͤrde ſich Mainwaring, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, doch eben ſo gut durch ein aͤhnliches Geſtaͤndniß von einem, ihm in anßerlichen Verhaͤltniſſen naͤher ſtehenden Mädchen haben einnehmen laſſen. Es war mehr eine an Schwachheit grenzende Freundlichkeit, als andre niedrigere moraliſche Unvollkommenheiten daran ſchuld, daß er ſich in eine Stellung hatte bringen laſſen, die weder ſeinem Herzen zuſagte, noch ſein Gewiſſen zufrieden ſtellte. Bei weit weniger Gewandheit als ſein Freund, hatte Ardworth mehr Kraft und Stetigkeit in ſeinem Charakter und war voͤllig frei von jenem krankhaften Zartgefuͤhl des Gemuͤths, dem empfindliche und ſchuͤchterne Perſonen viel von ihren Fehlern und ihrem Miß⸗ geſchick verdanken. Er ſagte daher nach einer langen Pauſe:„Mein guter Freund, um offen gegen Sie zu ſein, kann ich nicht ſagen, daß Ihr Bekenntniß Sie in meiner Achtung höher geſtellt häͤtte; aber das beruht vielleicht nur auf der Einfachheit meiner Anſichten. Ich wuͤrde mir vollkommen erklaͤren koͤnnen, daß Sie Suſannen vergeſſen,(und 1 44 am Ende bin ich doch immer noch in Zweifel, in wie weit Sie von land, daß i ihr beſiegt waren,) gegenuͤber den ſo verſchiedenen Reizen ihrer und rathen, Schweſter. Auf der andern Seite könnt' ich noch beſſer begreifen, daß geftehen, in Sie, einmal von Suſannen bezaubert, ſich nicht Liebe füͤr Lucretia ge⸗ hem ich gle bieten laſſen koͤnnten. Allein ich begreife nicht, wie Sie fuͤr Eine Ich dene Liebe empfinden und fuͤr die Andere Liebe vorgeben koͤnnen— das Machbart zu iſt das Kurze und Lange von der Sache.“ „Sie haben dieſelbe nicht ganz wahr dargeſtellt,“ antwortete Mainwaring, indem er ſich anſtrengte, ruhig zu bleiben.„Es gibt Augenblicke, wo ich, waͤhrend ich Lucretien zuhoͤre und mich jene Sanftheit bezaubert, die mit ihrem Charakter im Uebrigen kon⸗ traſtirt und die ſie nur gegen mich blicken laͤßt, waͤhrend mich ihre großen geiſtigen Eigenſchaften uͤberraſchen, wo ich, ſtolz auf den un⸗ geſuchten Sieg uͤber ein ſolches Weſen, des Glaubens bin, als koͤnne ich keine Andere als ſie lieben; dann verwandelt ſich ploͤtzlich ihre Stimmung, ſie aͤußert Gefuͤhle, die mich empoͤren, und ſchaudern laſſen— und die Schoͤnheit ſchwindet ſelbſt von ihrem Geſicht. Mit 1 einem Seufzer gedenk' ich der einfachen ſuͤßen Sanftmuth Suſannens f; da 1 und mir wird, als haͤtt' ich meine Geliebte und mich ſelbſt betrogen. Fielden? 1 Indeß vereinigen ſich jetzt vielleicht alle Umſtaͤnde dieſer Verbindung,„Bekann um meine Zweifel zu beſeitigen. Es iſt demuͤthigend fuͤr mich, daß und bereitet ich heimlich werbe, daß ich mich gleichſam in ein Beſitzthum hinein⸗ ſtehle, daß ich Sir Miles' Brod eſſe und doch auf ſeinen Tod zaͤhle; und dieſe Scham in meinem Innern kann mich unwillkuͤrlich ungerecht 1 gegen Lucretia machen. Aber es iſt unnuͤtz, mich wegen des Ver⸗ 1 1 gangenen zu tadeln; und obwohl ich anfangs glaubte, Sie koͤnnten mir fuͤr die Zukunft rathen, ſo ſeh' ich nun doch deutlich, daß kein 1 Rath frommen koͤnnte.“ 1Iſ„Das glaub' ich auch— denn Alles, was Sie brauchen, iſt, daß Sie ſich entweder von der alten Liebe ordentlich frei machen, oder mit der neuen ehrlich fortfahren. Da Sie jedoch ihre Angelegenheit ſo offen berichtet haben, ſo will ich mit Ihrer Erlaubniß den ſeltnen Um⸗ ſtand, daß ich mich hier befinde, nuͤtzen, und beobachten, erwaͤgen und rathen, wenn ich kann. Dieſe Lucretia ſetzt mich, ich muß es geſtehen, in Erſtaunen und macht mir zu ſchaffen— indeß werd' ich, wenn ich gleich kein Oedipus, dennoch die Sphynr nicht fuͤrchten. Ich denke, es iſt jetzt Zeit, zuruͤckzukehren. Sie erwarten einige Nachbarn zum Thee und ich muß meine Fiſcherjacke ablegen. Kom⸗ men Sie!“ Waͤhrend ſie nach dem Hauſe gingen, unterbrach Ardworth ein Schweigen, welches einige Augenblicke gewaͤhrt hatte, mit den Worten: „Und wie geht's dem lieben guten Fielden? Ich haͤtte gleich an ihn denken ſollen, als Sie von Ihrem Geiſtlichen und ſeinem jungen Schuͤtzling ſprachen; aber ich wußte nicht, daß er in Southamp⸗ ton war.“ „Er hat ſeine Stelle auf ein Jahr wegen der Geſundheit ſeiner Gattin verlaſſen, und noch mehr, vermuth' ich, weil er die arme Suſanne naͤher nach Laughton zu bringen wünſchte, wo es moͤglich iſt, daß ihr Oheim ſie ſehen kann. Sie ſind alſo bekannt mit Fielden?“ „Bekannt!— er iſt mein beſter Freund! Er war mein Lehrer und bereitete mich auf die hohe Schule vor. Ihm verdank' ich nicht nur die wenigen Kenntniſſe, die ich habe, ſondern auch das wenige Gute, was in mir geblieben iſt. Ihm verdank' ich desgleichen jede etwaige Verbeſſerung meiner Ausſichten, die aus meinem Beſuche in Laughton erwachſen kann.“ „Trotz unſrer Vertraulichkeit haben wir, gleich den meiſten jungen Maͤnnern, die nicht verwandt ſind, ſo wenig von unſeren Familien⸗ angelegenheiten geſprochen, daß ich noch nicht weiß, wiefern Sie Suſannens Vetter ſind, noch den Anlaß, der Sie zu meiner Ueber⸗ raſchung und Freude vor drei Tagen hieher brachte.“ „Nun, meine Geſchichte iſt leichter zu erklaͤren, als die Ihrige, William. Sie lautet ſo“ — 3 ſ 1 1 3 1 8 6 1 4 ” 7 46 Da indeß Ardworths Erzaͤhlung ſich zum Theil auf Familien angelegenheiten bezieht, die dem Leſer noch nicht genuͤgend bekannt ſind, ſo wird man uns verzeihen, wenn wir ſelbſt das Amt des Er⸗ zaͤhlers uͤbernehmen und die einzelnen Umſtaͤnde ausfuͤhrlich berichten. Der Zweig der beruͤhmten Familie St. John, den Sir Miles vertrat, trennte ſich von der Linie der Lords von Bletſhoe. Mit ihnen ſtellte er an die Spitze ſeines Stammbaums den Namen Williams de St. John, des Eroberer Guͤnſtling und vertrauten Krie⸗ ger, und Oliva de Filgiers. Mit ihnen rühmte es ſich der ſpaͤtern Verbindung, welche Sir Oliver St. John die Laͤndereien von Blet⸗ ſhoe durch die Hand der Margareta Beauchamp zubrachte(welche durch ihre zweite Ehe mit dem Herzog von Somerſet, Großmutter Heinrichs VII. ward). In der folgenden Generation hatte der juͤn⸗ gere Sohn eines jüngern Sohns, theils durch Staatsaͤmter, theils durch die Vermaͤhlung mit einer reichen Erbin, ein eignes Haus ge — Johns ſtiftet; und unter der Regierung Jakobs I. gehoͤrten die St. von Laughton unter die erſten Gdelleute von Hampſhire. Von dieſer Zeit bis zur Thronbeſteigung Georgs II I. hatte die Familie, obwohl ſie unbetitelt blieb, ihr Anſehn durch vornehme Ehebuͤndniſſe erhöht, welche in der That mit einer der engliſchen Ariſtokratie nicht ſehr ge⸗ woͤhnlichen Rückſichtloſigkeit auf Geld geſchloſſen wurden, ſo daß der Beſitzſtand ſich ſeit Jakobs Regierungszeit nur wenig erweitert hatte, waͤhrend er dennoch, wie ſich verſteht, durch verbeſſerte Bewirth⸗ ſchaftung und den hoͤhern Werth des Geldes geſtiegen war. Andrer⸗ ſeits befanden ſich vielleicht nicht zehn Familien im Lande, welche ſich einer aͤhnlichen allſeitigen direkten Abſtammung von der ſtolzeſten und edelſten Ariſtokratie rühmen konnten: und Sir Miles St. John ſtand nach einem Zeitraum von beinahe acht Jahrhunderten als ebenſo rei⸗ ner Normann da, wie ſein Urahnherr Wilhelm. Sein Großvater war indeß von der gewoͤhnlichen uneigennuͤtzigen Sitte der Familie abgewichen und hatte eine Erbin geheirathet, welche dem reichen Wappenſchild noch das Feld von Vernon zubrachte und mit dieſem n n 47 Felde ein Beſitzthum, allgemein bekannt unter dem Namen Vernon Grange, welches jaͤhrlich an 4000 Pfund trug. Dieſes ſeltne Er⸗ eigniß ſteigerte das haͤusliche Gluͤck der contrahirenden Parteien nicht und fuͤhrte ebenſo wenig die Vergroͤßerung der Beſitzungen Laughtons herbei. Es wurden zwei Soͤhne geboren. Fuͤr den aͤltern ward des Vaters Erbe beſtimmt, fuͤr den juͤngern das muͤtterliche Vermoͤgen. Ein Haus iſt nicht groß genug fuͤr zwei Erben. Nichts uͤberſtieg den Stolz des Vaters als eines St. John, ausgenommen der Stolz der Mutter als einer Vernon. Eiferſucht zwiſchen den beiden Soͤhnen erwuchs fruͤh und wurzelte tief; auch ward nicht eher Friede zu Laughton, als bis der Juͤngere von hier nach ſeinem Beſitzthum Ver⸗ non Grange gezogen war. Der Aeltere blieb zuruͤck genau in dem Beſitzſtand wie ſein Ahnen, als alleiniger Herr von Laughton. Der aͤlteſte Sohn, Sir Miles Vater, war in der That durch die Feind⸗ ſeligkeit mit ſeinem Bruder ſo weit gebracht worden, daß er im Ueber⸗ druß davon gegangen und ſich, vierzehn Jahr alt, zur Marine be⸗ geben hatte. Durch Zufall oder Verdienſt ſtieg er in dieſem Berufe hoch, erlangte Namen und Ruhm und verlor ein Auge und einen Arm, wofuͤr er gleichzeitig als Admiral und Baronet der Welt angekuͤn⸗ digt wurde. So verſtuͤmmelt und gewuͤrdigt zog ſich Sir George St. John von jener Laufbahn zuruͤck; und da er unvermaͤhlt war und ihn die Beſorgniß beſchlich, daß, wenn er kinderlos ſturbe, Laughton auf ſeines Bruders Erben übergehen wuͤrde, ſo beſchloß er, ſeine Truͤm⸗ mern, vor dem ſichrern Frieden der Familiengruft, dem Ehebett an⸗ zuvertrauen. Im Alter von fuͤnf und ſechszig gelang es dem muͤr⸗ riſchen alten Degen eine junge Dame von tadelloſer Abkunft und ſehr ausgezeichnet durch die Pocken zu finden, welche einwilligte, die einzige Hand anzunehmen, die Sir George zu bieten vermochte. Aus dieſer Ehe entſprang eine zahlreiche Familie, allein alle ſtarben in fruͤher Kindheit, todtgefuͤrchtet, wie die Nachbarn ſagten, durch ihre zaͤrtlichen Eltern(die fuͤr das haͤßlichſte Paar in der Grafſchaft gal⸗ ten), ausgenommen ein Knabe(der gegenwaͤrtige Sir Miles) und eine, um viele Jahre juͤngere Tochter, welche Lucretia's Mutter wer⸗ den ſollte. Sir Miles trat ſein Erbe fruͤhzeitig an; und obwohl der mildernde Fortſchritt der Civiliſation, ſo wie die liberalen Wirkungen des Reiſens und eines langen Aufenthalts in Staͤdten jene provinzielle Haͤrte des Stolzes von ihm geſtreift hatte, die man in groͤßter Vol⸗ lendung nur unter den Herren eines Dorfes findet, ſo war er doch nicht viel minder eifrig in Beobachtung der Pflichten, um ſeinen Stamm⸗ baum ſo rein zu erhalten, wie deſſen Vertretung auf ihn uͤbergegan⸗ gen, der nun der ſtolzeſte ſeiner Ahnen war. Allein er fuͤhrte, wie man ſagte, in Folge einer fruͤhen Enttaͤuſchung, als Juͤngling und Mann ein unſtetes und unruhiges Leben und ſchob ſo von Jahr zu Jahr das große eheliche Experiment hinaus, bis er alt wurde und den weiſen Entſchluß faßte, von den andern Zweigen ſeines Hauſes den Nachfolger in der Erbſchaft von St. John zu ſuchen. Waͤhrend er ſich ſo ſelber ein Recht, ſeine perſoͤnlichen Pflichten als Haupt einer Familie zu vernachlaͤſſigen, anmaßte, fand er ſeine Entſchuldigung darin, daß er ſeine Nichte Lucretia adoptirte. Seine Schweſter hatte zu ihrem erſten Gemahl einen Freund und Nachbar von ihm gewaͤhlt, einen juͤngern Sohn von tadelloſer Herkunft und ſehr angenehmen geſellſchaftlichen Sitten. Allein dieſer Herr bereitete ihr ein ſo be⸗ klagenswerthes Leben, daß ſeine Wittwe, obwohl er fuͤnfzehn Mo⸗ nate nach der Vermählung ſtarb, nicht wohl lange um ihn trauern konnte. Ein Jahr nach Mr. Claverings Tode vermaͤhlte ſich Mrs. Clavering wieder, und zwar in der irrigen Meinung, daß ſie ein Recht haͤtte, ſelbſt zu waͤhlen. Sie heirathete Dr. Mivers, den Arzt, der ihren Gemahl waͤhrend ſeiner letzten Krankheit behandelt hatte; er war ein Gentleman von Erziehung, gutem Benehmen und ein⸗ traͤglichem Beruf, aber ungluͤcklicherweiſe der Sohn eines Seiden haͤndlers. Dieſe Verbindung vergab Sir Miles nie. Aus ihrer erſten Ehe hatte Sir Miles Schweſter eine Tochter, Lucretia; aus ihrer zweiten Ehe ebenfalls eine Tochter, Namens Suſanna. Die Geburt der Tode ford Mivers ſei hielt ſich nich zu berauben chen Ohe bindung nicht ſentlich durch! mit Sir Mi⸗ den; denn Rachtet und vertrau dings Hauſe mißbr chen, als Geſellſchaft man hielt ſi daß Mrs. G Argwohn d Niyers geweſen wär in einiger En rufslaufbahn und hatte 8 wochte nich 3 ſtarb endlich und in Nedrz dit Niles Mileg, un un Julwer lwer 49 Geburt der letztern uͤberlebte ſie etwas uͤber ein Jahr; bei ihrem Tode forderte Miles förmlich(durch ſeinen Anwalt) von Dr. Mivers ſeine aͤlteſte Nichte, Lucretia Clavering, und der Arzt hielt ſich nicht fuͤr berechtigt, dieſelbe der muthmaßlichen Vortheile zu berauben, die eine Verſetzung aus ſeinem Hauſe in das ihres rei⸗ chen Oheims fuͤr ſie haben mußte. Er ſelbſt hatte durch ſeine Ver⸗ bindung nicht an irdiſchem Gute gewonnen; ſeine Praxis hatte we⸗ ſentlich durch die Sympathie gelitten, welche die Familien der Grafſchaft mit Sir Miles St. John wegen der vermeinten Kraͤnkungen empfan⸗ den; denn der letztere war nicht nur perſoͤnlich beliebt, ſondern auch geachtet und zwar bei all' ſeinem Stolz, zu erhaben, um ſeines haͤuslichen Aergerniſſes ſelbſt nur zu erwaͤhnen, außer gegen ſeine vertrauteſten Freunde;— gegen dieſe hatte Sir Miles aller⸗ dings geaͤußert, daß er einen Arzt, der ſeinen Zutritt in einem edlen Hauſe mißbrauche, um ſich in die Verwandtſchaft deſſelben einzuſchlei⸗ chen, als einen Menſchen betrachte, an deſſen Beſtrafung der ganzen Geſellſchaft gelegen ſein muͤſſe. Dieſe Worte wurden wieder erzaͤhlt; man hielt ſie fuͤr gerecht. Diejenigen, welche anzudeuten wagten, daß Mrs. Clavering als Wittwe frei handeln durfte, wurden mit Argwohn betrachtet. Es war die Zeit, als man die franzoͤſiſchen Principien mit Abſcheu zu betrachten begann, zumal in den Provin⸗ zen, und wenn ſich irgend etwas gegen die Rechte und Vorurtheile der Hochgeborenen regte, ſo hieß das ein„Franzoͤſiſches Princip.“ Dr. Mivers ward ſo ſehr mißachtet, als wenn er ein Sansculotte geweſen waͤre. Genoͤthigt die Grafſchaft zu verlaſſen, ließ er ſich in einiger Entfernung nieder; aber er mußte da von vorn eine Be⸗ rufslaufbahn beginnen; ſeiner Gattin Tod ſchwaͤchte ſeinen Muth und hatte einen gleichen Einfluß auf ſeine Anſtrengungen. Er ver⸗ mochte nicht viel mehr, als ſeinen duͤrftigen Unterhalt zu gewinnen und ſtarb endlich, als ſeine einzige Tochter vierzehn Jahre zaͤhlte, arm und in Bedraͤngniß. Auf ſeinem Todbett ſchrieb er einen Brief an Sir Miles, und erinnerte dieſen, daß Suſanna am Ende ja doch ſeiner Bulwer, Lueretia. I. 4 Schweſter Kind ſei, waͤhrend er ſich zugleich ſanft gegen die unverdiente Anſchuldigung der Verraͤtherei vertheidigte, wodurch ſeine Ver⸗ moͤgensumſtaͤnde zerruͤttet worden und ſeine verwaiſte Tochter blutarm geblieben war; er ſchloß mit einer ergreifenden, wiewohl maͤnnlichen Berufung an den einzigen Verwandten, welcher fuͤr die Arme uͤbrig war. Der Geiſtliche, der in den letzten Augenblicken bei ihm gewe⸗ ſen, bemnahmn ie Beſtellung des eſae er brachte denſelben per⸗ oͤnlich nach Laughton und uͤbergab ihn Sir Miles. Welche Fehler ) gh g. es er auch haben mochte, der alte Baronet war doch kein gemeiner Menſch. Er war nicht rachſuͤchtig, obwohl er nicht verſoͤhnlich hei⸗ ßen konnte. Sein Verfahren gegen ſeine Schweſter hatte er als eine Pflicht betrachtet, die er ſeinem Namen und ſeinen Ahnen ſchuldig war; ſie hatte ſich und ihr juͤngſtes Kind von ſelbſt aus ſeiner Fami⸗ lie verbannt. Er mochte die Enkelin eines Seidenhaͤndlers nicht als ſeine Nichte aufnehmen. Die Verwandtſchaft war erloſchen, ſo wie in gewiſſen Laͤndern der Adel durch Verbindung mit einer niedrigern Klaſſe verwirkt wird. Indeß, ob Nichte oder nicht, es lag doch ein Anſpruch auf Humanitaͤt und Wohlwollen vor, und noch nie hatte ein Leidender vergebens ſein Herz und ſeine Boͤrſe in Anſpruch ge⸗ nommen. Er beugte ſein Haupt uͤber den Brief, als ſein Blick zu der letz⸗ ten Zeile kam und verharrte ſo lange in Schweigen, daß ſich der Geiſtliche endlich, geruͤhrt und hoffend, ihm naͤherte und ſeine Hand ergriff. Es war das die Regung eines wackern Mannes und guten Prieſters. Sir Miles blickte ſtaunend empor; aber das ruhig bit⸗ tende Geſicht, welches ſich zu ihm beugte, trieb jedes Erwachen des Stolzes zuruͤck. „Sir,“ ſagte er, zitternd, waͤhrend er die Hand druͤckte, welche die ſeinige gefaßt hielt,„ich dank' Ihnen. Ich bin in dieſem Augen⸗ genblick nicht im Stande zu entſcheiden, was zu thun iſt; morgen ſollen Sie es hoͤren. Der Mann ſtarb alſo arm? Doch nicht duͤrftig?“ Ihre N für den ſuß die Geſchic ſchweigend aber ihre Far daß ſie ben menſchlichen ging ſte raſch tignen Zimmer tinTaſchenbuc an ihrem mle Shreſer z leiden!“ miebe ju nen erbittet Vermittel 1 ich S Sie in ihren nec auro!“ Darauf rich uſdes guten N raihenden Auge 5¹4 „Troͤſten Sie ſich, Sir; er hatte am Ende alles, was Krankheit und Sterben erheiſchen, außer eine Gewißheit, die ich ihm zuzufluͤſtern wagte— und, wie ich hoffe, nicht zu vorſchnell— naͤmlich, daß ſeine Tochter nicht unbeſchuͤtzt zuruͤckbleiben werde. Und ich bitte Sie, zu bedenken, mein theurer Sir, daß—,“ Sir Miles wartete den Schluß des Satzes nicht ab; er brach kurz ab und verließ das Zimmer. Mr. Fielden(ſo hieß der wackere Geiſtliche) fuͤhlte Vertrauen auf den Erfolg ſeiner Sendung; aber um deſſelben deſto gewiſſer zu ſein, ſuchte er Lucretig auf. Sie war damals ſiebzehn Jahre. Das iſt ein Alter, wo das Herz gewoͤhnlich offen iſt fuͤr Familienbande— fuͤr das Andenken einer Mutter— fuͤr den ſuͤßen Schweſternamen. Er ſuchte das Maͤdchen, erzaͤhlte ihr die Geſchichte und verwendete ſich fuͤr ihre Schweſter. Lucretia hoͤrte ſchweigend zu; weder Auge noch Lippe verrieth eine Bewegung; aber ihre Farbe wechſelte mehrmals. Das war das einzige Zeichen, daß ſie bewegt war— bewegt, allein wie? Fieldens Kenntniß des menſchlichen Herzens konnt' es nicht errathen. Als er fertig war, ging ſie raſch zu ihrem Schreibtiſch(die Unterredung fand in ihrem eignen Zimmer ſtatt), ſchloß ihn mit zoͤgernder Hand auf und nahm ein Taſchenbuch und ein Juwelen⸗Kaͤſtchen heraus, was ihr Sir Miles an ihrem letzten Geburtstage gegeben hatte.„Laſſen Sie das meine Schweſter empfangen— ſo lang' ich lebe, ſoll ſie keinen Mangel leiden!“ „Liebe junge Lady, es ſind nicht ſolche Dinge, was ſie von Ih⸗ nen erbittet, ihre Zuneigung wuͤnſcht ſie, Ihr ſchweſterliches Herz, Ihre Vermittelung bei ihrem natuͤrlichen Beſchuͤtzer; um dieſe bitte ich Sie in ihrem Namen— non gemmis neque purpurà venale, nec auro!“ Darauf richtete Lucretia, immer noch ohne ſichtbare Bewegung, auf des guten Mannes Geſicht ihre durchdringenden, aber nichts ver⸗ rathenden Augen und ſagte langſam; 4* „Gleicht meine Schweſter meiner Mutter, die, wie man ſagt, huͤbſch war?“ Hoͤchlich überraſcht durch dieſe Frage antwortete Fielden:— „Ich ſah Ihre Mutter nie; Ihre Schweſter verſpricht aber eine mehr als gewohnliche Schoͤnheit.“ Lucretia's Brauen wurden leicht zuſammengezogen.„Und ihre Erziehung iſt natuͤrlich vernachlaͤſſigt worden?“ „Allerdings, in manchen Punkten— in Mathematik z. B., und Theologie. Allein ſie verſteht, was Damen gewoͤhnlich verſtehen— Franzoͤſiſch und Italieniſch und dergleichen. Dr. Mivers war nicht unerfahren in den ſchoͤnen Wiſſenſchaften. O, glauben Sie, meine theure junge Lady, ſie wird Ihrer Familie keine Schande machen; ſie wird Ihres Oheims Gunſt verdienen. Sprechen Sie fuͤr ſie!“ fuͤgte der gute Mann mit gefalteten Haͤnden hinzu. Lucretia's Auge ſenkte ſich ſinnend zu Boden; aber nach einer kurzen Pauſe begann ſie wieder: „Was ſagt mein Oheim ſelbſt?“ „Nur, daß er ſich morgen entſcheiden wird.“ „Ich will zu ihm gehn;“ und Lucretia verließ ſcheinbar in dieſer Abſicht das Zimmer. Als ſie jedoch die Treppe erreicht hatte, blieb ſie vor der großen Fenſtervertiefung ſtehn, die eine Niſche im Vorſaal bildete, und ſchaute uͤber die weite Beſitzung draußen; dann umzog ſich ihre Lippe mit einem bittern Laͤcheln, welches zu ſagen ſchien: In dieſem Erbe mag ich keine Nebenbuhlerin haben. Lucretia's Einfluß auf Sir Miles war groß; doch hier war er fruchtlos, und bevor ſie ihn ſah, hatte er ſeinen feſten Entſchluß ge⸗ faßt. Ihre fruͤhe und anſcheinend tiefe Charakterkenntniß entdeckte auf den erſten Blick, daß ſie mit Sicherheit vermittelnd auftreten könne. Sie that dies und ward zum Schweigen verwieſen. Am naͤchſten Morgen nahm Sir Miles des Prieſters Arm und ging mit ihm in den Garten. Wr Mi. F ſeine Wahl ablehnt,„wer würd' ich das — ich bink ſichter u das. Ich ha noch ungebor gegen einen ſtellen kann ich ſeh' es an Pflichten d meine Vorfal Obhut ihres Güter beſite darüber, obn als verhaßt n Handelns habe mann, wo nich ſuche S Mipe ie ein Ts d ts(die 9 glitt,) ihren 8 en S tammp 53 „Mr. Fielden,“ ſagte er mit der Miene eines Mannes, der ſeine Wahl getroffen und jeden Verſuch, ihn anders zu beſtimmen, ablehnt,„wenn ich meinen eignen ſelbſtiſchen Wuͤnſchen folgte, ſo wuͤrd' ich das arme Kind zu mir nehmen. Halt, Sir, hoͤren Sie mich, — ich bin kein Heuchler und ſpreche ehrlich— ich liebe junge Ge⸗ ſichter und ich habe keine eigene Familie;— ich liebe Lucretia und bin ſtolz auf ſie; aber ein in Mißgeſchick aufgezogenes Kind wuͤrde eine beſſere Pflegerin und gelehrigere Gefaͤhrtin ſein— doch laſſen wir das. Ich habe uͤberlegt und ich fuͤhle, daß ich Lucretien— und ſpaͤten noch ungebornen Kindern— nicht das Beiſpiel der Gleichgiltigkeit gegen einen entwuͤrdigten Namen und einen befleckten Stamm auf⸗ ſtellen kann: Sie moͤgen alles dies Stolz oder Vorurtheil nennen— ich ſeh' es anders. Es gibt Pflichten, die eine einzelne Perſon hat, Pflichten, die eine Nation hat, Pflichten, die eine Familie hat; wie meine Vorfahren dachten, ſo denk' auch ich. Sie hinterließen mir die Obhut ihres Namens ebenſo wie den Lehenzins, durch den ich ihre Guͤter beſitze. Still, Sir! verzeihen Sie mir— Ich wollte ſagen, daß, wenn ich nun ein kinderloſer alter Mann bin, dies blos deshalb der Fall iſt, weil ich der Verſuchung widerſtanden habe. Ich liebte, und verſagte mir ſelbſt, was ich mir als die hoͤchſte Seligkeit ſchil⸗ derte, weil der Gegenſtand meiner Neigung mir nicht ebenbuͤrtig war. Das war ein bitterer Kampf— ich ſiegte und ich freue mich daruͤber, obwohl die Folge war, daß ich fortan alle Gedanken an Ehe als verhaßt und widerwaͤrtig aufgab. Dieſe Grundſaͤtze meines Handelns haben einen Theil meines Glaubensbekenntniſſes als Edel⸗ mann, wo nicht als Chriſt ausgemacht— nun zur Sache. Ich er⸗ ſuche Sie ein geeignetes ehrbares Unterkommen fuͤr Miß— Miß Mivers(die Lippe ruͤmpfte ſich ein wenig, als der Name daruͤber glitt,) ausfindig zu machen— ich werde gehoͤrig fuͤr ihren Unterhalt ſorgen. Wenn ſie heirathet, will ich ſie ausſtatten„doch immer unter der Vorausſetzung, daß ihre Wahl auf Einen faͤllt, der nicht ferner ihren Stammbaum muͤtterlicher Seite erniedrigt— mit einem Wort, wenn ſie einen Gentleman waͤhlt; Mr. Fielden, uͤber dieſen Ge⸗ genſtand hab' ich nichts weiter zu ſagen.“ Umſonſt bemuͤhte ſich der gute Geiſtliche, deſſen Gewiſſen ſelbſt, ſo gut wie ſeine Vernunft durch die uͤberlegte und gruͤndliche Weiſe betroffen war, in welcher der Baronet die Verſtoßung des Kindes ſeiner Schweſter als eine unbedingt moraliſche, ja faſt religioͤſe Pflicht beſprochen hatte,— umſonſt bemuͤhte er ſich, ſolche Sophis⸗ men zuruͤckzuweiſen und die Sache in das wahre Licht zu ſetzen. Es ward ihm leicht, Sir Miles' Herz zu bewegen— dieſes war ſanft — dieſes war raſch geruͤhrt; aber der Sparren in ſeinem Kopfe war unuͤberwindlich. Je ruͤhrender er der armen Suſanne freundloſe Jugend, ihren ſanften Charakter und vielverſprechenden Tugenden ſchilderte, um ſo mehr betrachtete ſich Sir Miles St. John ſelbſt als Maͤrtyrer ſeiner Grundſätze und um ſo hartnaͤckiger ward er in dem Maͤrtyrerthum.„Armes Weſen! Armes Kind!“ ſagte er oft und zerdruͤckte eine Thraͤne in ſeinen Augen;„Wie bedauernswerth! Nun, nun, ich hoffe, ſie wird gluͤcklich werden! Gewiß, Geld ſoll nie ein Hinderniß ſein, wenn ſie eine paſſende Partie findet!“ Dies war Alles, was der wuͤrdige Geiſtliche, nachdem er eine Stunde lang geredet, aus ihm herauszubringen vermochte. Athemlos und gedulderſchoͤpft gab er das Werk endlich auf; und der Baronet, der noch immer ſeinen widerſtrebenden Arm hielt, fuͤhrte ihn nach dem Hauſe hin. Nach einer laͤngern Pauſe bemerkte Sir Miles ploͤtzlich: „Ich dachte, daß ich unwiſſentlich jenen Mann— jenen Mivers— beleidigt haben koͤnne, waͤhrend ich nur glaubte, daß er mich belei⸗ digte. Was die Anerkennung ſeiner Tochter anlangt, das iſt in Ordnung; und am Ende iſt ſie, obwohl ich ſie nicht öͤffentlich aner⸗ kenne, doch halb meine eigne Nichte.“ „Halb?“ „Halb; die Vaterſeite zuͤhlt natuͤrlich nicht; und ſtreng genommen iſt die Verwandtſchaft vielleicht auch auf der andern verwirkt. Indeß geb' ich die Haͤlfte zu. Wahrhaftig, Sir, ich ſage, ich gebe ſte zu! Ich bitte Sie tauf kann ich ſen armen D haͤndler— d Leuten?“ A und gleichwo riſtiſche Güte Sio „Die treib Schulden b nehmen.“ ₰ „Durch beruhigend natürlich alle aufgezogen, e „Ungewe les, indem er mir ein, wemn mir das ein W„ Lir find verſ ben Sie das laſſen, 5 die ich „Seltſan 55 bitte Sie tauſendmal um Vergebung fuͤr meine Heftigkeit. Uebrigens kann ich vielleicht beweiſen, daß ich wenigſtens keinen Haß gegen die⸗ ſen armen Doctor naͤhre. Er hat ſeinerſeits Verwandte, Seiden⸗ haͤndler— der Handel hat ſein Mißgeſchick. Wie geht es den Leuten?“ Vollkommen verwirrt durch dieſe widerſprechende und paradore und gleichwohl fuͤr jeden, der Sir Miles beſſer kannte, ſehr charakte⸗ riſtiſche Guͤte, war Fielden nicht ſofort im Stande zu antworten. „Diejenigen Glieder von Doctor Mivers Familie, welche Handel treiben, befinden ſich in hinreichendem Wohlſtand; Sie haben ſeine Schulden bezahlt; Sie, Sir Miles, werden ſeine Tochter auf⸗ nehmen.“ „Durchaus nicht!“ rief Sir Miles heftig; dann fuͤgte er, ſich beruhigend hinzu,—„oder, wenn Sie dies rathſam finden, ſo iſt natuͤrlich alle Einmiſchung von meiner Seite abgebrochen.“ „FEestina lente!— nicht ſo haſtig, Sir Miles. Ich ſage ja gleichwohl nicht, daß es rathſam ſei; nicht weil ſie Seidenhaͤndler ſind, was meiner beſcheidenen Anſicht nach keine Suͤnde iſt, welche ſie der Dankbarkeit fuͤr ihre angebotene Guͤte unwerth macht, ſondern weil es Suſanna, dem armen Kinde, in andern Lebensverhaͤltniſſen aufgezogen, etwas ungewohnt ſein moͤchte, wenigſtens anfangs bei—“ „Ungewohnt, ja; das will ich hoffen!“ unterbrach ihn Sir Mi⸗ les, indem er mit vieler Energie eine Prieſe ſchnupfte.„Und da faͤllt mir ein, wenn Sie und Mrs. Fielden— Sie ſind verheirathet, Sir? — das iſt gewiß— alle Geiſtliche heirathen!— wenn Sie und Mrs. Fielden ſelbſt ſie unter Ihre Obhut nehmen wollten, ſo wuͤrde mir das ein großer Troſt ſein, ſie ſo gut untergebracht zu wiſſen. Wir ſind verſchiedener Meinung, Sie— aber ich achte Sie. Glau⸗ ben Sie das. Nun, alſo hat der Doctor keine Verwandten hinter⸗ laſſen, die ich irgendwie unterſtuͤtzen kann?“ „Seltſamer Mann!“ murmelte Fielden.„Ja; ich darf fuͤr einen armen Juͤngling die Gelegenheit nicht entgehen laſſen, die ſich ihm bietet durch Ihre— Ihre—“ „Gleichviel was— weiter— ein armer Juͤngling; im Kauf⸗ laden, natuͤrlich?“ „Nein; und von muͤtterlicher Seite(da Sie auf ſolche Eitelkei⸗ ten ſo viel geben), einer alten Familie angehoͤrig— eine Schweſter Dr. Mivers' heirathete Capitain Ardworth.“ „Ardworth— ein guter Mann— Ardworth aus Vorkſhire.“ „Ja, aus dieſer Familie. Freilich war's eine unkluge Ehe, die man ſchloß, als er nur noch Faͤhndrich war. Seine Familie verſtieß ihn nicht, Sir Miles.“ „Sir, Ardworth iſt eine gute Squires⸗Familie, aber der Name iſt ſaͤchſiſch; da iſt dann kein Unterſchied im Geſchlecht zwiſchen dem Hauſe der Ardworth's und waͤr' er ein Herzog, und meinem Gaͤrtner, John Hodge— Sachſe und Sachſe, einer wie der andere. Seine Familie verſtieß ihn nicht— fahren Sie fort.“ „Aber er war ein jüͤngerer Sohn in einer großen Familie— beide, er und ſeine Gattin, haben all' die Bedraͤngniß kennen gelernt, die, wie ſie mir ſagten, der Armuth eines Soldaten ſtets folgt, der keine Hilfsquelle als ſeinen Sold hat. Sie haben einen Sohn; Dr. Mivers, obwohl ſelbſt ſo arm, nahm dieſen Knaben zu ſich, denn er liebte ſeine Schweſter zaͤrtlich, und gedachte ihn zu ſeinem eigenen Berufe zu erziehen. Der Tod vereitelte ſeine Abſicht. Der Juͤngling iſt hochbegabt und wuͤrdig.“ „Laſſen Sie ſeine Erziehung vollenden— ſchicken Sie ihn auf die Univerſitaͤt; und ich will mir angelegen ſein laſſen, ihn in eine Carriere zu bringen, welche ſeines Vaters Familie gut heißen ſoll. Sie brauchen gegen Niemand meine Abſichten in dieſer Angelegen⸗ heit zu erwaͤhnen, auch nicht gegen den Burſchen ſelbſt. Und nun, Mr. Fielden, hab' ich meine Pflicht gethan— ich glaub' es wenig⸗ ſtens. Je laͤnger Sie mein Hans beehren, um ſo erfreuter und dank⸗ barer werd' ich ſein; aber jener Gegenſtand, laſſen Sie mich dies Adreſſe dieſe um Lucretia Wunſch, d Kindern f eingewilligt daheim gem bekommen. 2 mich ſchon Pohnort in4 ring kann ihr „So ſei terredung. Einige T mit vier Poſte im Aufuge Hauſe vor, Gaſt bei ein 4 nicht, 3 von ihr nahm obwohl dieſe lehrte, tha Il al 8˙‿ 57 gefaͤlligſt bemerken, bedarf, duldet keinen weitern Commentar. Haben Sie in den letzten Zeitungen von der Armee geleſen?“ „Die Armee!— ah, pfui, Sir Miles; ich muß doch noch ein Wort ſagen:— darf meine arme Suſanne nicht wenigſtens den Troſt haben, ihre Schweſter zu umarmen?“ Sir Miles ſann einen Augenblick und ſtieß ſeinen Krückſtock drei⸗ mal ſtark auf den Boden. „Dagegen wuͤßt) ich nichts Beſonderes einzuwenden; aber nach der Adreſſe dieſes Briefes iſt das arme Maͤdchen zu weit von Laughton, um Lucretia zu ihr zu ſchicken.“ „Dieſen Einwand kann ich beſeitigen, Sir Miles. Es iſt mein Wunſch, daß Suſanna ihren gegenwaͤrtigen Aufenthalt unter meinen Kindern fortſetzt; meine Gattin liebt ſie zaͤrtlich, und haͤtten Sie eingewilligt, ſie in Ihrem eigenen Hauſe aufzunehmen, ſo haͤtt' ich daheim gewiß einen Monat lang kein freundliches Geſicht zu ſehen bekommen. Billigen Sie dieſen Plan, durch deſſen Angabe Sie ſelbſt mich ſchon beehrten, ſo kann ich auf meinem Wege nach meinem Wohnort in Devonſhire uͤber Southampton reiſen, und Miß Clave⸗ ring kann ihre Schweſter dort beſuchen.“ „So ſei es,“ ſagte Sir Miles kurz. Und damit ſchloß die Un⸗ terredung. Einige Wochen nachher fuhr Lucretia in Ihres Oheims Wagen, mit vier Poſtpferden, mit ihrem Maͤdchen und ihrem Bedienten, ganz im Aufzug und Pomp der Erbin von Laughton vor dem kleinen Hauſe vor, wo der freundliche Pfarrer ſeine Kinder und ſeinen jungen Gaſt bei einander hatte. Sie blieb etliche Tage dort. Sie weinte nicht, als Suſanna ſie umarmte— ſie weinte nicht, als ſie Abſchied von ihr nahm; aber ſie ließ keinen Mangel der Freundlichkeit blicken, obwohl dieſe Freundlichkeit foͤrmlich und vornehm war. Als ſie heim⸗ kehrte, that Sir Miles keine Frage; aber es ſchien, als erwartete er, und ſei bereit es zu erlauben, daß ſie ausſpraͤche, wovon natuͤr⸗ lich ihr Herz erfuͤllt ſein mußte. Lucretia blieb indeß ſtill, bis end⸗ 58 lich der Baronet erroͤthend, wie wenn er ſich ſeiner Neugier ſchaͤmte, ſagte: „Iſt Deine Schweſter Deiner Mutter aͤhnlich?“ „Sie vergeſſen, Sir, daß ich mich unmoͤglich meiner Mutter er⸗ innern kann.“ „Deine Mutter hatte eine ſtarke Familienaͤhnlichkeit mit mir ſelbſt.“ „Sie gleicht Ihnen nicht— man ſagt ſie gleiche dem Dr. Mi⸗ vers.“ „O!“ ſagte der Baronet und fragte nicht weiter. Die Schwe⸗ ſtern kamen nicht wieder zuſammen. Wenige Briefe wechſelten ſie, aber die Correſpondenz hoͤrte allmaͤlig auf. Der junge Ardworth ging nach der hohen Schule, vorbereitet durch Mr. Fielden, welcher kein gewoͤhnlicher Gelehrter und ein guter und gruͤndlicher Mathematiker war— ein wichtigeres Erforderniß als klaſ⸗ ſiſche Bildung bei einem Lehrer fuͤr Cambridge. Allein Ardworth war unfleißig, vielleicht ſogar liederlich. Er vollendete den gewoͤhnlichen Curſus und machte einige Schulden, die Sir Miles ohne Murren bezahlte. Alsdann wurden einige Briefe zwiſchen dem Baronet und dem Geiſtlichen hinſichtlich Ardworth's fernerer Beſtimmung gewech⸗ ſelt; der Letztere geſtand, daß ſein Schuͤler nicht beharrlich genug fuͤr das Recht und nicht feſt genug fuͤr die Kirche ſei. Das waren in Sir Miles Augen keine großen Fehler. Endlich uͤberwand er ſich zu dem Entſchluſſe, ſelbſt uͤber die Faͤhigkéiten des jungen Mannes zu ur⸗ theilen, und ſo kam die Einladung nach Laughton. Arthword war ſehr uͤberraſcht, als ihm Fielden dieſe Einladung ankündigte, denn bisher hatte er nicht die geringſte Ahnung von ſeinem Wohlthaͤter ge⸗ habt— vielmehr hatte er, und ſehr naturlich, geglaubt, daß ein Verwandter ſeines Vaters ſeinen Unterhalt auf der Univerſitaͤt be⸗ zahlt habe; und von der Familiengeſchichte wußte er genug, um Sir Miles als den ſtolzeſten aller Maͤnner zu betrachten. Wie kam es denn, daß er, der die Tochter Dr. Mivers ſeine eigne Nichte nicht em⸗ pfangen mocht mit ihm war ihn, zu Wir ha Nachrichten” wir haben un unſerer Erz mälde dem Leſere Als Lu Kind von et lich in London Badeorte lleinen Pie 1 begnügte ſich hatte und daß Jahre zäͤhlte fing nun, be zu ſeiner Er Hinſicht noch ſe eftiges T ſo hartnaͤch 59 pfangen mochte, den Neffen Dr. Mivers einlud, der nicht verwandt mit ihm war. Indeß war ſeine Nengier erregt und Fielden draͤngte ihn, zu gehen;— daher war er denn nach Laughton gegangen. Wir haben nun im Eingang unſerer Erzaͤhlung die allgemeinen Nachrichten von der Familie, welche ſie betrifft, vollſtaͤndig mitgetheilt: wir haben uns einen Bericht uͤber die Erziehung und den Charakter der vielleicht wichtigſten Perſon in der Entwickelung der Ereigniſſe unſerer Erzaͤhlung, Lucretia's Claverings, aufgeſpart, um das Ge⸗ maͤlde ihrer duͤſtern, mißleiteten und Ungluͤck weiſſagenden Jugend dem Leſer einzeln vor's Auge zu ſtellen. Zweites Kapitel. Lucretia. Als Lucretia in das Haus Sir Miles St. John kam, war ſie ein Kind von etwa vier Jahren. Der Baronet lebte damals hauptſaͤch⸗ lich in London und ſtattete gelegentlich eher dem Continent oder einem Badeort einen Beſuch ab, als ſeinem eigenen Familienſitze. Seinem kleinen Pflegling widmete er ſeine Aufmerkſamkeit keine Minute. Er begnuͤgte ſich damit, daß das Maͤdchen eine ſorgfaͤltige Waͤrterin hatte und daß ihr Zimmer luftig und bequem war. Als ſie ſiebzehn Jahre zaͤhlte, begann ſie ſeine Theilnahme zu erregen, und er ſelbſt fing nun, bei zunehmendem Alter, ernſtlich an zu erwaͤgen, ob er ſie zu ſeiner Erbin erleſen ſollte, denn bis dahin hatte er ſich in dieſer Hinſicht noch nicht beſtimmt entſchieden. Er war betroffen uͤber ein ſo heftiges Temperament, ein Weſen, ſo eigenwillig und gebieteriſch, ſo hartnaͤckig auf die Erreichung ſeines Zwecks gerichtet, ſo ohne Un⸗ terſchied Warnung, Vorwurf, Schelten und Strafe verachtend, daß ihre Gouvernante fortwaͤhrend zur Verzweiflung gebracht wurde. Die Zuͤgelung dieſes zuͤgelloſen Kindes intereſſirte Sir Miles. Sie veranlaßte ihn, ernſtlich an Lueretia zu denken, ſie mehr in ſeine Geſell⸗ ſchaft zu ziehen und ſich fortwaͤhrend mit ihr im Geiſte zu beſchaͤftigen. Die Folge war, daß ſie, waͤhrend ſie ihn unterhielt und beſchaͤftigte, ſich weit feſter in ſeiner Zuneigung ſetzte, als es der Fall geweſen ſein wuͤrde, wenn ſie der Weiſe gewoͤhnlicher Kinder aͤhnlicher geweſen waͤre. Unter allen Hunden iſt keiner, der einem Herrn ſo ſehr gefaͤllt als der, welcher ſonſt jedermann anknurrt, und welchen keine andere Hand ungeſtraft ſtreicheln darf; unter allen Pferden giebt es keines, von Alexander bis auf dieſe Zeit herab, auf welches der Reiter ſo ſtolz iſt als dasjenige, das Niemand ſonſt reiten kann. Wende man dieſen Grundſatz auf das menſchliche Geſchlecht an und man wird begreifen, warum Lucretia dem Sir Miles St. John ſo werth wurde — ſie gelangte durch ſeine Eitelkeit in ſein Herz. Denn wenn ſich auch bisweilen ſelbſt ſeinem Tadel gegenuͤber ihre Stirn verdunkelte und ihr Auge leuchtete, ſo war ſie doch kaum in ſeine Geſellſchaft gelangt, als ſie ſofort einen merklichen Unterſchied zwiſchen ihm und den Untergebenen machte, welche ſie bis dahin zu beaufſichtigen ge⸗ ſucht hatten. War dies Zuneigung? Er glaubte es. Ach, welche Eltern vermoͤgen den Einfluͤſſen auf das Gemuͤth eines Kindes nach⸗ zuforſchen— Federn, die durch ein muͤßiges Wort einer Waͤrterin in Bewegung geſetzt werden, durch ein zwiſchen Miethlingen gefluͤſtertes Geſpraͤch! War es nicht moͤglich, daß man Lucretia vielleicht oft mit ihres Oheims Mißfallen, als dem ſchrecklichſten Ungluͤck, was ſie nur treffen koͤnnte, gedroht hatte? Daß ihr ſchon lange vorher, ehe ſie noch einen klaren Begriff von Verluſt oder Gewinn irdiſchen Gutes hatte, ein unbeſtimmtes Gefuͤhl von Sir Miles Macht uͤber ihr Schickſal eingefloͤßt worden war? ja, waͤhrend ſie in kindiſcher Wuth und Verachtung vielleicht das reizbare Gefuͤhl einer Dienerin verletzte, war es nicht moͤglich, daß man ihr dann geſagt hatte, ſie wuͤrde ſelbſt nicht vi⸗ Sei den len; un klar ſin eiwas i den ari ſein ſch zug, di griffer zu ſeir Black worte ſchalt RM Scharf ließ, de len— des hoc und vie heit jen verurſa et ſich, mPting würdey Geſche chen ei lange, in der zum Le ſelbſtd au,Du ſe von 61 nicht viel beſſer als eine Magd ſein, wenn Sir Miles nicht waͤre? Sei dem wie ihm wolle, jede Schwachheit iſt geneigt ſich zu verſtel⸗ len; und ſelten und gluͤcklich iſt das Kind, deſſen Gefuͤhle ſo rein und klar ſind, als die zaͤrtlichen Eltern glauben. Es liegt dann auch etwas in den Kindern, was eine inſtinctmaͤßige Ehrerbietung vor den ariſtokratiſchen Erſcheinungen, welche die Welt beherrſchen, zu ſein ſcheint. Sir Miles ſtattliche Perſon— ſein imponirender An⸗ zug, die Ehrerbietung, die ihn umgab, alles vereinigte ſich, Be⸗ griffe von Ueberlegenheit und Macht zu erzeugen, welchen untergeben zu ſein, nichts Beſchaͤmendes hatte, waͤhrend es beſchaͤmend bei Miß Black, der Gouvernante war, welcher die Maͤdchen ſchnippiſch ant⸗ worteten, oder bei Martha, der Waͤrterin, welche Miß Black aus⸗ ſchalt, wenn Lucretia ihr Kleid zerriß. Nachdem Sir Miles Zuneigung einmal gewonnen war— deſſen Scharfblick ſich vielleicht nicht gegen ihre ſichtbaren Fehler verblenden ließ, deſſen Selbſtliebe jedoch beſtimmt wurde, ſie milde zu beurthei⸗ len— ſo beſaß Lucretia aͤußerliche Gaben genug, welche die Vorliebe des hochmuͤthigen Mannes rechtfertigten. Als Kind war ſie ſchön und vielleicht gerade in Folge ihrer Gemuͤthsfehler hatte ihre Schön⸗ heit jenen vornehmen Ausdruck, den die Liebe zum Befehlen leicht verurſacht. Wenn Sir Miles mit Freunden beiſammen war, ſo freute er ſich, wenn Lucretia ins Zimmer trat und ſie dieſelbe ihre kleine „Prinzeſſin“ nannten, und noch mehr freute er ſich uͤber eine gewiſſe wuͤrdevolle Ruhe, mit welcher ſie ſolche Schmeicheleien oder kleine Geſchenke empfing, denn er betrachtete dies Benehmen als das Zei⸗ chen eines uͤberlegenen Geiſtes. Auch waͤhrte es in der That nicht lange, ſo entwickelte ſich das, was wir geiſtige Ueberlegenheit nennen, in der jungen Lucretia. Alle Kinder ſind lebendig, bis ſie methodiſch zum Lernen angehalten werden; aber Lucretia's Lebendigkeit hielt ſelbſt dieſe betaͤubende Probe aus, wodurch die Haͤlfte von uns allen zu„Dunſen“ gemacht; werden Raſchheit und Praͤciſion zu allem, was ſie vornahm, in der Auffaſſung aller Erklaͤrungen, die ſie auf ihre 32 Fragen erhielt, verrieth eine ungewoͤhnliche Faſſungs⸗ und Verſtan⸗ deskraft. Als ſie aͤlter ward, wurde ſie zuruͤckhaltender und ſinniger. Da ſie nur wenig Kinder ihres Alters ſah, und mit keinem vertraut um⸗ ging, ſo blieb ihr Geiſt unbeſchraͤnkt von den gewoͤhnlichen Gegen⸗ ſtaͤnden, welche die Lebhaftigkeit, das raſtloſe und ſtaunende Beob⸗ achten der Kindheit zerſtreuen. Sie ging aus und ein in Sir Miles Bibliothek des Morgens oder in ſeinem Wohnzimmer des Abends bis zur Schlafenszeit, mit vollkommener Freiheit, ohne daß man ſie be⸗ fragte oder auch nur bemerkte; ſie hoͤrte auf die Geſpraͤche um ſie her, und ſtellte ungeſtoͤrt ihre eignen Gedanken daruͤber an. Es hat einen großen Einfluß, ſowohl zum Guten, als zum Boͤſen, auf ein Kind, wenn es ſich fruͤhzeitig und gewoͤhnlich unter die Erwachſenen miſcht— zum Guten ſtets auf den Verſtand— der boͤſe Einfluß haͤngt ab vom Charakter und der Discretion derjenigen, welche das Kind ſieht und hoͤrt.„Maxima reverentia debet liberis“— die groͤßte Achtung gebuͤhrt den Kindern! ruft der weiſeſte Roͤmer aus; das bedeutet: wir muͤſſen die Wahrheit und Unerfahrenheit und die Unſchuld ihrer Seelen achten. Sir Miles gewoͤhnliche Genoſſen waren nur Weltleute; wohl gezogen und anſtaͤndig allerdings vor Kindern, wie es die beſten der alten Schule waren; alle Anekdoten, alle Anſpielungen vermeidend, deren willen die vorſichtige Hausfrau ihre Maͤdchen aus dem Zimmer ſchickte; jedoch mit dem Vorbehalt, von der Welt zu ſprechen, wie die Welt iſt; wenn vom jungen A— geſprochen und ſorglos eroͤrtert wurde, was er haben wuͤrde, wenn der alte A—, ſein Vater, ſtuͤrbe — wenn man natuͤrlich dem Reichthum, de wandtheit ihre beſtimmte Bedeutung im Leben zuerkannte— wenn man ſich nicht eben bemuͤhte, eine ſtille Guͤte durch Lob auszuzeichnen, m Rang, der Lebensge⸗ vielmehr geneigt war, mit Ironie von tugendhaften Neigungen zu ſprechen— wenn man ſelten anders als mit Achtung von den glaͤn⸗ zenden irdiſchen Aeußerlichkeiten ſprach, welche die Menſchen be⸗ herrſchen dieſen ſch Sir auf— n er ſeineg heimgega geſchliche Geltung den Anſ Parlame da er ſchmeich nach Au ſeine ſammeln Laughton ging eine tigkeit ih gewohnte davon nu veränder Wort der ihr. die 63 herrſchen:— ſo mußte alles dies ſeine unvermeidliche Wirkung auf dieſen ſcharfen, lebhaften, doch reizbaren und denkenden Geiſt haben. Sir Miles zog ſich endlich nach Laughton zuruͤck. Er gab London auf— warum, geſtand er ſich ſelbſt nicht ein; aber es geſchah, weil er ſeine Zeit uͤberlebt hatte— die meiſten ſeiner alten Genoſſen waren heimgegangen— neue Zeiten, neue Lebensweiſen hatten ſich ein⸗ geſchlichen. Er hatte aufgehoͤrt als Heirathsfuͤhiger, als Modemann Geltung zu haben; ſeine Geſundheit war geſchwaͤcht; er bebte vor den Anſtrengungen eines Wahlſtreits; er entſagte ſeinem Sitz im Parlamente, um nach ſeiner heimathlichen Grafſchaft zu gehen, und da er einmal erſt zu Laughton angeſiedelt war, ſo behagte und ſchmeichelte ihm das Leben dort, denn all' ſeine fruͤhern Beſtrebungen nach Auszeichnung waren da noch friſch. Er unterhielt ſich damit, in ſeinen alten Saͤlen und Zimmern ſeine Statuen und Gemaͤlde zu ſammeln, und er fuͤhlte, daß er ohne Anſtrengung und Muͤhe zu Laughton ein groͤßerer Mann in ſeinen alten Tagen war, als er's zu London waͤhrend der Jugend geweſen. Lucretia zaͤhlte damals dreizehn Jahre. Drei Jahre ſpaͤter wurde Olivier Dalibard in ſeinem Hauſe aufgenommen und ſeit dieſer Zeit ging eine merkliche Veraͤnderung mit ihr vor. Die ungeregelte Hef⸗ tigkeit ihres Gemuͤths legte ſich allmaͤlig und ward durch eine an⸗ gewoͤhnte Selbſtbeherrſchung erſetzt, welche die ſeltenen Ausnahmen davon nur um ſo wirkſamer und imponirender machte. Ihr Stolz veraͤnderte ſeinen Charakter gaͤnzlich und dauernd; kein Blick, kein Wort der Geringſchaͤtzung gegen Niedriggeborne und Arme entſchluͤpfte ihr. Die maͤnnlichen Studien, welche ihr gelehrter Fuͤhrer einem gieri⸗ gen und forſchenden Geiſte eroͤffnete, erhoben ſelbſt ihre Fehler uͤber die kleinlichen Standesunterſchiede. Sie nahm mit Eifer an, was Da⸗ libard ſcheinbar oder wirklich fuͤhlte,— den gefaͤhrlichern Stolz des gefallenen Engels— und erhoͤhete die Vernunft zu einer Gottheit. Alles was rein geiſtiges Studium war, reizte und feſſelte ſie; aber thaͤtig und praktiſch ſelbſt in ihren Traͤumereien, ſann ſie nur nach, um einen Anſchlag, einen Plan zu ſchaffen, ein Geſpinnſt und Ge⸗ webe zu bereiten und dann im ſtolzen Triumph uͤber ihre eigne Erfindungskraft und Kuͤhnheit zu laͤcheln. Die erſte Lehre der reinen weltlichen Weisheit lehrt uns, das Gemuͤth zu beherrſchen; es war weltliche Weisheit, welche das einſt ungeſtuͤme Maͤdchen ruhig, ge⸗ laſſen und ſtill machte. Sir Miles freute ſich uͤber eine Veraͤnderung, welche den Hauptflecken von Lucretiens aͤußerlichem Charakter ent⸗ fernte. Waͤhrend ſeine Koͤrperkraͤfte abnahmen, ſeufzte er vielleicht bisweilen bei dem Gedanken, daß ſich bei ſo vieler Majeſtaͤt ſo wenig Zartheit jeigte; er nahm indeß die Verdienſte mit den Fehlern hin, und war im Ganzen zufrieden. Wenn ſich der Provengale mehr als gewoͤhnliche Muͤhe mit ſeiner jungen Schuͤlerin gegeben hatte, ſo war die Muͤhe nicht uneigen⸗ nuͤtzig. Waͤhrend er ihren Geiſt in die tiefe Verderbniß ſtuͤrzte, die nur dem kultivirten Verſtande in Verachtung des Guten und in der Unterdruͤckung des Herzens eigen iſt, ſo hatte er dabei ſeine eigenen Abſichten verfolgt. Er erwartete das Alter, wann die Leidenſchaften reifen, und er griff nach der Frucht, welche ſeine Pflege zur Reife zu bringen ſtrebte. In dem ſchlecht geleiteten menſchlichen Herzen liegt ein dunkles Verlangen nach dem Verbotenen. Dies empfand Lucretia — dies naͤhrten ihre Studien und daruͤber bruͤteten ihre Gedanken. Sie entdeckte, mit dem Scharfblick ihres Geſchlechts, das heimliche Ziel ihres Lehrers. Sie bebte nicht vor der Gefahr zuruͤck. Stolz auf ihre Selbſtbemeiſterung, triumphirte ſie vielmehr, dieſen Mei⸗ ſterverſtand, der ihren eigenen entzuͤndet hatte, in Schwachheit zu verlocken— ihren Sklaven in ihrem Lehrer zu ſehen— ihn zu ver⸗ achten oder zu bemitleiden, den ſie anfangs mit Ehrfurcht betrachtet hatte. Und mit dieſem bloßen Stolze des Verſtandes mochte ſich auch der des Geſchlechts verbinden; ſie hatte die Jahre erreicht, wo das Weib begierig iſt, ihre Macht zu erkennen und zu pruͤfen. Dalibards Begier oder Ehrgeiz zu entzuͤnden, war leicht; aber ſein Herz zu ruͤhren— dieſes Marmorherz!— das hatte ſeinen Reiz und war ein Die Leid Mannes welches: Unentſch complici entfernt ſeinem auf dieſ Eitelke Ahre S ſichtlos Saite trotz de Verbul fürchtet und Kri günzlich treten e Liebe,d freien, hatte. und Ee Berech die Su keit des vielleich wahrſch und au Aückli rung fi biete d Bul 65 war ein wuͤrdiges Unternehmen. Seltſam genug: es gelang ihr. Die Leidenſchaft wie das Intereſſe dieſes gefuͤhrlichen und gewandten Mannes mußte ſeinen Hoffnungen dienen. Und jetzt hatte das Spiel, welches zwiſchen beiden geſpielt wurde, etwas Schreckliches in ſeiner Unentſchiedenheit. Denn wenn Dalibard nicht in die Falten der complicirten Natur ſeiner Schuͤlerin eindrang, ſo war auch ſie weit entfernt, die Hoͤlle zu ergruͤnden, welche ſchwarz und gaͤhnend unter ſeinem Charakter verborgen lag. Nicht durch ihre Neigung— denn auf dieſe hoffte er kaum— ſondern durch ihre Unerfahrenheit, ihre Eitelkeit, ihre Leidenſchaften ſuchte er den Pfad ſeiner Siege uͤber ihre Seele und ihr Schickſal. Und ſo entſchloſſen, ſo ſchlau, ſo ruͤck⸗ ſichtlos war dieſer Mann, welcher all' die ſubtilſten Schluͤſſel und Saiten auf der Scala des ſtuͤrmiſchen Lebens geſpielt hatte, daß er trotz des hochmuͤthigen Laͤchelns, mit welchem Lucretia endlich ſeine Werbung hoͤrte und zuruͤckwies, ſich nicht vor dem endlichen Ausgang fuͤrchtete,— als ploͤtzlich all' ſeine Plaͤne gekreuzt, all' ſeine Minen und Kriegsliſten, auf dem Punkte der Ausfuͤhrung durch ein von ihm gaͤnzlich unbedachtes Ereigniß vereitelt wurden— durch das Auf⸗ treten eines Nebenbuhlers. Es war die gluͤhende und faſt laͤuternde Liebe, die ſie all' den Daͤmonen, die er aufrief, entſchluͤpfend, mit dem freien Herzen und Trieb eines Moaͤdchens, fuͤr Mainwaring gefaßt hatte. Und hier war in der That die große Kriſis in Lucretia's Leben und Schickſal. So verwoben waren mit ihrer Natur die ſtrengen Berechnungen des Verſtandes, ſo zur Gewohnheit geworden war ihr die Sucht zum Planmachen, welche in dem Spiel und der Lebendig⸗ keit des Complots und der Intrigue ſchwelgt, und die Shakſpeare vielleicht hauptſaͤchlich in Jagos Schurkerei ſchildern wollte, daß es wahrſcheinlich iſt, daß Lucretia nie einen durchaus liebenswerthen und aufrichtigen Charakter erlangen konnte. Indeß haͤtte bei einer gluͤcklichen und wuͤrdig geſpendeten Liebe ihr Ehrgeiz die rechte Nah⸗ rung finden, und ihre raſtlos bewegte Kraft auf dem natuͤrlichen Ge⸗ biete des Weibes, in der Sympathie fuͤr einen andern, beſchaͤftigt Bulwer, Lueretia I. 5 — 66 werden koͤnnen. Das einmal erſchloſſene Herz wird durch Uebung erweicht; allmaͤlig und unbewußt haͤtte der Austauſch der Neigung, die Geſellſchaft eines graden und offenherzigen Gemuͤths(denn Tugend iſt nicht nur ſchoͤn, ſondern auch anſteckend) ihren verſoͤh⸗ nenden und heiligenden Einfluß haben koͤnnen. Glaublicher waͤr' es freilich geweſen, wenn ihre Wahl auf einen gebietendern und ſtolzern Charakter gefallen waͤre. Aber vielleicht war es gerade das reizbare und empfindliche von Mainwarings Gemuͤth, deſſen Schwaͤche durch ſeine Talente aufgewogen wurde, die jedenfalls groß waren, ſo⸗ bald ſie einmal in Thaͤtigkeit geſetzt wurden, was ihr durch den Kon⸗ traſt mit ihrer eignen geiſtigen Haͤrte und ihrem despotiſchen Willen gefiel. Der Umſtand, daß Sir Miles fuͤr das Verhaͤltniß der Liebenden blind geweſen, ſpricht weniger gegen ſeinen Scharfblick, als es ſchei⸗ nen mag; denn gerade die Unvorſſichtigkeit, mit welcher Luecretia ſich der Geſellſchaft Mainwarings uͤberließ, waͤhrend ſich dieſer in Laughton aufhielt, gewaͤhrte den Anſchein der Aufrichtigkeit. Sir Miles wußte, daß ſeine Nichte eine mehr als gewoͤhnliche Munter⸗ keit beſaß und wohl unterrichtet war, und daß ſie, gleich ihm, in der Unterhaltung eines gebildeten jungen Mannes eine Erholung nach dem gewoͤhnlichen Geplauder ihrer laͤndlichen Nachbarn finden mußte, war natuͤrlich genug; und durchkreuzte auch dann und wann ein Zwei⸗ fel, eine Beſorgniß ſeine Seele und beruͤhrte ihn ſtaͤrker, als er es bei Vernons Bemerkungen geſtehen mochte, ſo war ſie doch immer wieder verſchwunden, wenn er bemerkte, daß ſich Lucretia waͤhrend Mainwarings Abweſenheit nicht im mindeſten nachdenklicher zeigte. Der Truͤbſinn und die Melancholie, welche die Liebe, beſonders wenn ſie nicht gluͤcklich, gern begleiten, waren auf der Oberflaͤche dieſer ſtarken Natur nicht ſichtbar. Allerdings verließ ſich Lucretia, nachdem ſie einmal verſichert war, daß Mainwaring ihre Liebe er⸗ widerte, mit ruhigem und feſtem Vertrauen auf die Zukunft; und ihre gewohnte Verſtellung breitete ſich gleich einer unbewegten Mee⸗ resfläche und eina wenn auc dem Alte hatte ihr nur unbe gen ſchenkt; Prinzen hatte ihn ſchwender Leben ha Ländereie welcher V iſt, alsd ſchwender laſſen, m weiſe den dutückgeb fährten a dalg ſei nägens, das reife! übermuth Larreti 67 resflaͤche uͤber all' die Stroͤmungen, die in der Tiefe ihr Spiel treiben und einander begegnen. Aber Sir Miles Aufmerkſamkeit, einmal, wenn auch nur leicht, zu dem Gedanken erweckt, daß Lucretia ſich in dem Alter befaͤnde, wo das Weib natuͤrlich an Liebe und Ehe denkt, hatte ihn jetzt lebhafter auf einen Plan zuruͤckgefuͤhrt, den er fruͤher nur unbeſtimmt gebildet hatte: naͤmlich auf die Vereinigung der ge trennten Zweige ſeines Hauſes durch die Vermaͤhlung des letzten maͤnnlichen Sproſſes der Vernons mit der Erbin der St. Johns. Sir Miles hatte ſich ſelbſt zu verſchiedenen Zeiten viel um Vernon be⸗ kuͤmmert; er hatte ſeiner Taufe beigewohnt, obwohl er ſich geweigert hatte, ſein Pathe zu werden, weil er unziemliche Erwartungen zu erregen fuͤrchtete; er hatte ihn zu Eton beſucht und freigebig be⸗ ſchenkt; er hatte ihn nach ſeinem Quartier begleitet, als er in des Prinzen Regiment trat; er war oft mit ihm in Beruͤhrung gekommen, als Vernon, nach ſeines Vaters Tode, aus der Armee getreten war und in den Vorderreihen der Londoner Modewelt geglaͤnzt hatte; er hatte ihm Rath ertheilt und ſogar Geld geliehen. Vernons ver⸗ ſchwenderiſches Treiben und unordentliches wo nicht ausſchweifendes Leben hatten ſicherlich den alten Baronet in der Abſicht beſtaͤrkt, die Laͤndereien von Laughton der geringern Gefahr anzuvertrauen, von welcher Vermoͤgen in den Haͤnden einer weiblichen Beſitzerin bedroht iſt, als den koloſſalern und mannichfachen Beduͤrfniſſen eines ver⸗ ſchwenderiſchen Mannes; und um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß bemerkt werden, daß er, waͤhrend Vernons Lebens⸗ weiſe den Hoͤhepunkt der Unordnung erreichte, vor dem Gedanken zuruͤckgebebt war, das Gluͤck ſeiner Nichte einem ſo unſteten Ge⸗ faͤhrten anzuvertrauen. In der letzten Zeit waren jedoch, ſei es in Folge ſeiner untergrabenen Geſundheit oder ſeines zerruͤtteten Ver⸗ moͤgens, Vernons Thorheiten minder auffaͤllig geweſen. Er hatte nun das reife Alter von drei und dreißig Jahren erreicht, und der Jugend uͤbermuth konnte ausgetobt haben. Der geſetzte und feſte Charakter Lucretia's konnte dazu dienen, ihn zu fuͤhren und zu leiten; Sir 5*A½ — Miles gehoͤrte auch zu denen, welche der Meinung ſind, ein gebeſ⸗ ſerier Wuͤſtling mache den beſten Ehemann. Zugegeben, daß ſeine Vergnuͤgungsſucht erſchlafft war, ſo kannte man in Vernons Ruf übrigens nichts, was ernſte Beſorgniſſe haͤtte erregen koͤnnen.— Unter all' ſeinen Bedraͤngniſſen hatte er ſeine Ehre unbefleckt be tauſend Zuͤge von Freundlichkeit und He rzensguͤte machten und beliebt. Er war Niemands Feind als ſein eigner. die Ausſicht auf ſe inen Ruin, wenn er wahrt, ihn populaͤr Seine Bedraͤngniſſe ſelbſt— durch Sir Miles deſdamnentariſt — waren Argumente zu ſeinen Gunſten. obwohl Lucretia eine naͤhere Verwandte war, und den gewoͤhnlichen Familienvorurtheilen nach eben deswegen auch der paſſendere Vertreter der alten Linie. Mit ſolchen Geſinnungen und Abſichten hatte er Vernon in ſein Haus haben bereits geſehn, daß durch ſeinen Beſuch he Verfuͤgungen nicht unterſtuͤtzt ward Und am Ende war Ver non, in Wahrheit de direkte männliche Erbe eingeladen, und wir die guͤnſtigen Eindruͤcke verſtaͤrkt worden waren. hier auch bemerken, daß Vernon als Knabe und Wir muͤſſen ſich als praͤſumtiven Er⸗ Juͤngling darauf hingewieſen worden war, ben von Laughton zu betrachten. Seit undenklichen Zeiten war es Gebrauch der St. Johns geweſen, die Anſprüͤche der weiblichen Fa⸗ milienglieder bei de n Erbſchaftsangelegenheiten zu uͤbergehen: das Beſitzthum hatte ſich von Mann auf Mann vererbt, waͤhrend es der Armee Krieger und dem Staate Senatoren lieferte. Und wenn auch, als Lucretia in Sir Miles Haus kam, die ſch hoͤne Ausſicht etwas ver⸗ dunkelt ſchien, ſo ſchienen doch die Meſalliance der Mutter und Sir Miles hartnaͤckiger Unwille daruͤber die Annahme zu verbuͤrgen, daß er der Waiſe wahrſcheinlich nur den gewoͤhnlichen Antheil einer Tochter des Hauſes hinterlaſſen moͤchte, waͤhrend die Guͤter in ge woͤhnlicher Weiſe vererben wuͤrden. Dieſer Glaube, den man als etwas ganz Natuͤrliches angenommen hatte, war von nachtheiligem Einfluß auf Vernons Laufbahn geweſen. Was ſchadete es, wenn er die Jugendfreuden uͤbertrieb, wenn er das geringere Beſitzthum der Vernons bischenz Alles wi ſeit zwei ches er! da Gran gewähre ward es wißheit dieſe A welcher eignen die Gr Eit 1 ſeiner E Offenhei Carl ſch alle Hoff ſchlug, mit ſein tief präg Veleidig einen Un ungerech welche W ten. D am End hatte, e bekannt ſchlechte. e 69 Vernons, das armſelige 4 bis 5000 Pfund im Jahr eintrug, ein bischen zu ſchnell verſchleuderte— das herrliche Laughton mußte ja Alles wieder ins Gleiche bringen. Aus dieſem Traume war er erſt ſeit zwei oder drei Jahren durch ein Verhaͤltniß geweckt werden, wel⸗ ches er mit der erbſchaftloſen Tochter eines Earl angeknuͤpft hatte; da Grange viel zu verſchuldet war, um ihm die gehoͤrigen Mittel zu gewaͤhren, auf welche die Familie der Dame Anſpruch machte, ſo ward es Sache von Wichtigkeit, ſich uͤber Sir Miles Abſichten Ge⸗ wißheit zu verſchaffen. Da er es nicht uͤber ſich gewinnen konnte, dieſe Abſichten ſelbſt zu ſondiren, ſo vermochte er den Earl dazu, welcher ſehr gut bekannt mit Sir Miles war, ſeinen Weg nach ſeinem eignen Landſitz in Dorſetſhire uͤber Laughton zu nehmen und, ohne die Gruͤnde ſeines Intereſſes an der Sache zu verrathen, ſo wenig auffaͤllig als moͤglich die Abſichten des reichen Mannes zu erforſchen. Der Erfolg war eine ſchwere und ſchreckliche Enttaͤuſchung geweſen. Sir Miles hatte ſich vollkommen entſchieden gehabt, Lueretia zu ſeiner Erbin einzuſetzen und er hatte dies mit ſeiner gewoͤhnlichen Offenheit des Charakters gleich auf die erſte verſteckte Anſpielung des Earl ſchlicht herausgeſagt. Dieſe Entdeckung hatte, waͤhrend ſie alle Hoffnung auf eine Verbindung mit Lady Mary Stanville zer⸗ ſchlug, mehr als blos habſuͤchtige Erwartungen vernichtet. Zugleich mit ſeinem Herzen griff ſie ſeine Geſundheit und ſeinen Geiſt an; tief praͤgte ſie ſich ein und erregte anfangs das Gefuͤhl einer toͤdtlichen Beleidigung. Aber Vernons angeborner Edelſinn milderte allmaͤlig einen Unwillen, der, wie ſeine Vernunft ihm ſagte, grundlos und ungerecht war. Sir Miles hatten nie die Erwartungen ermuthigt, welche Vernons Familie und dieſer ſelbſt unwillkuͤrlich gehegt hat⸗ ten. Der Baronet war Herr ſeines eignen Vermoͤgens, und war es am Ende nicht natuͤrlicher, daß er das Kind, welches er erzogen hatte, einem fernen Verwandten vorzog, der nicht viel mehr als ein Bekannter war, und nur Anſpruch hatte, weil in dem alten Ge⸗ ſchlechtsverzeichniß der St. Johns Mann auf Mann geerbt hatte? Und da Mary fuͤr ihn verloren war, hatte ihn ſeine Gleichgiltigkeit gegen das Geld, ſein faſt franzoͤſiſcher Leichtſinn des Gemuͤths, der Glaube, daß ſein Leben dem Ende nahe ſei, ohne Kummer und ohne Unwillen uͤber ſeines Verwandten Entſcheidung gelaſſen. Seine kind⸗ liche Zuneigung fuͤr den herzigen großmüthigen alten Herrn kehrte zuruͤck, und obwohl er das Landleben verabſcheute, hatte er doch, ohne irgend einen eigennüutzigen Gedanken und ohne Berechnung des Baronets gaſtfreundliche Aufforderung ebenſo herzlich angenommen und„den ſuͤßen Schaden von Pall Mall“ verlaſſen, um nach den Wildniſſen von Hampſhire zu gehen. Treten wir nun in das Geſellſchaftszimmer zu Laughton, wo bereits mehrere der in der unmittelbaren Naͤhe wohnhaften Familien verſammelt waren, die ſich geſellig um den nationalen Theetiſch reih⸗ ten, ſich beim Whiſt vereinigten oder auch einen froͤhlichen Tanz mit Huͤlfe einiger Kinder und einiger Großpapa's zu Stande brachten. Denn in jener gluͤcklichen Zeit waren die Leute viel geſelliger, als ſie es jetzt in den Haͤuſern unſerer laͤndlichen Thans ſind. Selbſt viele der bedeutendſten Familien wohnten das ganze Jahr hindurch auf ihren Guͤtern; der Kontinent war uns verſchloſſen. Das ſtolze Aus⸗ ſchließen, welches von dem langen Aufenthalt in Staͤdten herruͤhrt, hatte noch nicht jene Abgrenzung in Benehmen und Sprache zwiſchen Nachbar und Nachbar erzeugt, welche jetzt exiſtirt. Unſre Squires waren weniger unterrichtet, weniger verfeinert, aber gaſtfreundlicher und weniger anſpruchsvoll. Mit einem Wort, es war vorhanden, was jetzt nicht eriſtirt, außer in einigen von London entfernten Di⸗ ſtrieten— eine laͤndliche Geſellſchaft. Bevor wir die Geſellſchaft, die im Zimmer gruppirt war, be⸗ trachten, muͤſſen wir auf letzteres ſelbſt einen Blick werfen, welches meiſt der erſte Gegenſtand iſt, der die Aufmerkſamkeit des Fremden auf ſich lenkt. Es war ein langes und nicht ſehr wohlproportionirtes Gemach, wenigſtens nicht nach den modernen Begriffen, denn es hatte faſt das Anſehen von zwei in ein einziges vereinigten Zimmern. Aus der erſten genen Bog der erſte; tiefung faf iheilungen Decoratior ſo blaſſen jedes Feld verzierten Decke em Rigten. Sammtd Sopha's genſtaͤnde thigem 3i der zweite trugen da ſehn zu ge und ebenſe tang und Schnigwer die Sit M Büſten un und harme Zeitalter, tignete ſit müthlichen ſchmacke d lung ſaß, gen die off und ſpielt ein Hert b 71 der erſten Abtheilung gelangte man unter einem von Saͤulen getra⸗ genen Bogen nach einem Raum, der faſt doppelt ſo groß war, wie der erſte; und der ein Fenſter von ſolcher Tiefe hatte, daß die Ver⸗ tiefung faſt fuͤr ſich ſelbſt ein Gemach bildete. Aber dieſe beiden Ab⸗ theilungen des Zimmers entſprachen einander genau hinſichtlich der Dercoration; ſie hatten die naͤmlichen kleinen Wandfelder, mit einem ſo blaſſen Gruͤn gemalt, daß es bei Kerzenlicht faſt weiß erſchien, und jedes Feld mit einer Arabeske geſchmuͤckt; ſie hatten denſelben reich⸗ verzierten Sims und Fries, dieſelben hohen Kaminſtucke, die, bis zur Decke emporſteigend, das Wappen St. Johns in hocherhabener Arbeit zeigten. Auch hatten ſie daſſelbe altmodiſche und ehrwuͤrdige Geraͤth, Sammtdraperien, nebſt ungeheuren Stuͤhlen und entſprechenden Sopha's, untermiſcht allerdings mit modernen und bequemern Ge⸗ genſtaͤnden der Tapezierkunſt, theils mit ſchwerem Leder⸗ oder anmu⸗ thigem Zitzuͤberzug. Zwei Fenſter, die faſt ſo tief waren wie das in der zweiten Abtheilung, unterbrachen die Wandflaͤche des erſten und trugen dazu bei, dem Gemach das winklige und unregelmaͤßige An⸗ ſehn zu geben, wodurch es trotz des Umfangs zugleich wohnlich wurde, und ebenſo gewaͤhrten dieſe Fenſter Gelegenheit zu einſamer Betrach⸗ tung und unbeachtetem Geplauder. Man hatte die Waͤnde, ohne das Schnitzwerk der Felder ſehr zu beruͤckſichtigen, mit Gemaͤlden bedeckt, die Sir Miles aus Italien gebracht hatte; hier und da aufgeſtellte Buͤſten und Statuen gaben dem Charakter des Zimmers Leichtigkeit und harmonirten gut mit den halbitalieniſchen Decorationen, die dem Zeitalter Jacobs des Erſten angehorten. Die Geſtalt des Zimmers eignete ſich in ſeinen beiden Abtheilungen vortrefflich fuͤr die ge⸗ muͤthlichen und geſelligen Vergnuͤgungen, welche ebenſo dem Ge⸗ ſchmacke des Alters wie der Jugend zuſagen. In der erſten Abthei⸗ lung ſaß, in der Naͤhe des Kamins, Sir Miles in ſeinem Lehnſtuhl, ge⸗ gen die offene Thuͤr durch einen ſiebenfaͤltigen Tapetenſchirm geſchuͤtzt, und ſpielte mit ſeinem Bibliothekar Schach. Nicht weit von ihm ſaß ein Herr von mittlerem Alter und drei Matronen beim Whiſt. Auf Tiſchen, die in die Fenſtervertiefungen geſtellt waren, lagen Zeitun⸗ gen, Gilray's Karikaturen und aͤhnliche Dinge. Und um dieſe Tiſche gruppirten ſich Diejenigen, die noch keine ſonſtige Unterhaltung fuͤr den Abend gefunden hatten; zwei bis drei ſchuͤchterne junge Geiſtlliche, der Doctor des Kirchſpiels, vier bis fuͤnf Squires, die ſich hauptſaͤch⸗ lich fuͤr Politik intereſſirten, aber nie an die Verſchwendung dachten, eine Zeitung zu halten, und die nun, alle Journale, die ſie finden konnten, in Beſchlag nehmend, ſich mit dem heldenmuͤthigen Ent⸗ ſchluß daruͤber her machten, nichts zu uͤberſpringen, von der erſten Bekanntmachung bis zur Firma der Druckerei. Zu einer von dieſen Gruppen hatte ſich Mainwaring ſchuͤchtern geſellt. In der zweiten Abtheilung warf der Kronleuchter, der von der gewoͤlbten Decke hing, ſein freundliches Licht auf einen großen runden Tiſch darunter, auf wel⸗ chem die gewichtige ſilberne Theemaſchine nebſt allem Zubehoͤr ſtand. Auch fehletn da nicht, neben jenen fabelhaft duͤnn aus Franzbrod geſchnittenen luftigen Scheibchen, die ſubſtantiellern Kuchen— Rofinen⸗ und Mandel⸗, Yorkſhire⸗ und Safrankuchen— die ebenſo die Freigebigkeit des Hauſes als die kraͤftige Verdauung der Gaͤſte bekundeten. Um dieſen Tiſch ſaßen in vollem Geplauder die Maͤdchen und Frauen, nebſt etlichen der kuͤhnern jungen Herren, die man ge⸗ lehrt hatte, die Schoͤnen zu unterhalten. Die warme Luft des Abends geſtattete, die obern Fenſterfluͤgel offen und die Gardinen bei Seite gezogen zu laſſen, und der Julimondenglanz kaͤmpfte nur ſchwach gegen den Kerzenſchimmer im Innern. An jenem Tiſche haͤtte eigentlich Miß Clavering den Vorſitz fuͤhren muͤſſen; allein dies war eine Gefaͤlligkeit, zu welcher ſie ſich ſelten herabließ. Indeß hatte ſie ihre beſondere Weiſe, um die Honneurs in ihres O heims Hauſe zu machen, und ſie verfuhr dabei artig und anmuthig genug. Von Einem zum Andern zu ſchweben, einige freundliche Worte zu wech⸗ ſeln, zu ſehen, ob jede Gruppe ihre bekannte Unterhaltung hatte und endlich ſich ruhig niederzuſetzen und mit jemand zu ſprechen, der, ſei es wegen ernſter Stimmung oder Alter, die uͤbrigen zu vernachlaͤſſigen oder voni und nicht nen;— alle Einn deutender ſonſt häͤtt zugleich nerkſam Provinz mentsgl ſo widm ſamkeit gewoͤhn Vorten den Geif ſie ſich je gegen di ihre Ged ihre Au hatte de keinen Ardwort bekannt von Sir die Gaͤſ bereits zwei mu durch ei erweiter müthige wöhnlich an dieſe 73 oder von ihnen vernachläſſigt zu ſein ſchien, das war ihre gewoͤhnliche und nicht unbeliebte Weiſe, die Gaͤſte zu Laughton zu bewillkomm⸗ nen;— nicht unbeliebt war dieſelbe, denn ſie vermied dadurch alle Einmiſchung in die Liebſchaften und Eroberungen minder be⸗ deutender Maͤdchen, die ſie durch ihren Rang und ihre Eigenſchaften ſonſt haͤtte uͤberfluͤgeln oder demuͤthigen koͤnnen, waͤhrend ſie ſich nun zugleich die Alten gewann, gegen welche die Jungen ſelten ſo auf⸗ merkſam ſind. Aber wenn ein Fremder von mehr als nur in der Provinz ausgebreitetem Rufe gegenwaͤrtig war, wenn ein Parla⸗ mentsglied, oder ein reiſender Kuͤnſtler einen der Nachbarn begleitete, ſo widmete Lucretia dieſem eine ernſtere und ungetheiltere Aufmerk⸗ ſamkeit. Sie bemühte ſich, ihn in eine tiefere Unterhaltung als das gewoͤhnliche Geplauder zu ziehen und ſchien, waͤhrend ſie ſeinen Worten aufmerkſam zuhoͤrte, mit ihrem ſtillen, forſchenden Auge den Geiſt zu ergruͤnden, den ſie beſchaͤftigte. An dieſem Abende hatte ſie ſich jedoch noch nicht gezeigt— eine bei ihr ungewoͤhnliche Suͤnde gegen die Etikette. Vielleicht hatte das letzte Geſpraͤch mit Dalibard ihre Gedanken ſo eingenommen, daß ſie alles minder Wichtige, was ihre Aufmerkſamkeit noch beanſpruchte, vergaß. Ihre Abweſenheit hatte der Froͤhlichkeit am Theetiſch, die munter bis zum Laͤrm war, keinen Eintrag gethan; dieſe concentrirte ſich um das lachende Geſicht Ardworths, der zwar den meiſten oder allen anweſenden Damen un⸗ bekannt war, außer daß er einigen der zuerſt Gekommenen fluͤchtig von Sir Miles,(waͤhrend dieſer vom Schach aufgeſtanden war, um die Gaͤſte zu bewillkommnen) vorgeſtellt worden, der ſich aber doch bereits voͤllig heimiſch und aͤußerſt beliebt gemacht hatte. Zwiſchen zwei muntere Maͤdchen geſetzt, hatte er die Bekanntſchaft mit dieſen durch einige drollige Scherze angeknuͤpft, welche ſeinen Kreis bald erweiterten, bis nun die ganze Gruppe von der froͤhlichen und uͤber⸗ muͤthigen Laune angeſteckt war. Gabriel, welcher laͤnger als ge⸗ woͤhnlich dableiben durfte, hatte ſich nicht, wie man erwarten mußte, an dieſen Kreis angeſchloſſen, wie uͤberhaupt an gar keinen; man ſah ihn ruhig ſich hin und wieder bewegen, bald mit neugierigem Blick die Gemaͤlde an der Wand betrachtend, bald am Whiſttiſch ſtehen bleibend, und das Spiel mit dem Intereſſe eines Spieler⸗ Embryo's verfolgend;— oder er warf ſich auf eine Ottomane und ſuchte Daſch oder Ponto an ſich zu locken, was umſonſt war, da ihn beide Hunde ſcheueten. Haͤtte ſich jedoch Jemand, unter der allge⸗ meinen Bewegung hier, die Muͤhe genommen, ihn genau zu beobach⸗ ten, ſo duͤrfte es hinreichend deutlich geweſen ſein, daß dies ſcharfe, helle, raſtloſe Auge unter ſeinen langen ſchlauen Lidern hervor, haupt⸗ ſaͤchlich auf den drei Perſonen ruhte, denen er ſich am wenigſten naͤherte: auf ſeinem Vater, auf Mainwaring und auf Vernon. Dieſer letztere hatte ſich entfernt von Allen in den Winkel verſteckt, den eine der Saͤulen des Bogens bildete, welcher das Zimmer theilte, ſo daß er beide Abtheilungen zugleich im Auge hatte. In einem der großen Sammtſtuͤhle mit jener gleichgiltigen Grazie, die von jeder Stellung und Bewegung ſeiner Perſon unzertrennlich ſchien, zuruͤck⸗ gelehnt, mit einem Buch in der Hand, welches er, um die Wahrheit zu geſtehn, verkehrt hielt, aber in deſſen Lectuͤre er ſehr vertieft ſchien, hoͤrte er auf der einen Seite das froͤhliche Gelaͤchter, welches den jungen Ardworth umgab, oder erhaſchte dann und wann halblaute Aeußerungen der ernſten Wiſthſpieler—„haͤtten Sie nur dies Car⸗ reau geſtochen, Madame“,„O, wie Schade, es war die beſte Karte“, oder dergleichen;— allein Beide, das Lachen ſo wie dieſe Ausru⸗ fungen machten denſelben Eindruck auf ihn, und erregten, was man „den Spleen“ nannte; denn das erſte gemahnte ihn an die Tage ſeiner eignen heitern, ſorgloſen Jugend, deren Schatten ſeine gegenwaͤrtige gemachte Heiterkeit nur war, und die andern ſchienen eine Satire, eine Parodie auf das wilde aber geraͤuſchloſe Entzuͤcken des Spiels, welchem ſeine Leidenſchaft gefroͤhnt hatte, wenn Tauſende mit einem heitern Laͤcheln verloren gingen und keine jener natuͤrlichen Auf⸗ wallungen hervorriefen, welche hier den Verluſt eines Schillings begleiteten. Ueberdies war Vernon ſo gewohnt geweſen, im Beiſein Unber Veru⸗ beſaß hatte betra⸗ Blick doch! wohn ſein! ſelbſt Vern Seit liche pflegt ſchaf End unvo⸗ maſei Kenal trug ware von Genies und Prinzen im Geſellſchaftszimmer etwas zu gelten, daß er zum erſten Male in dieſem Provinzialkreiſe ein Gefuͤhl der Unbedeutendheit empfand. Dieſe fetten Squires hatten nichts von Mr. Vernon gehoͤrt, außer daß er Laughton nicht erhalten wuͤrde— er beſaß keine Laͤndereien, keine Stimme in ihrer Grafſchaft, folglich hatte er fuͤr ſie gar keine Bedeutung. Dieſe rothwangigen Maͤdchen betrachteten ihn, wenn auch die eine oder andere einen bewundernden Blick auf eine ſo ungewoͤhnlich elegante Erſcheinung werfen mochte, doch nicht mit dem weiblichen Intereſſe, welches er einzufloͤßen ge⸗ wohnt war. Sie fuͤhlten inſtinktmäͤßig, daß er ihnen und ſie ihm nichts ſein konnten— nur ein Londoner Modeherr und nicht halb ſo huͤbſch, als die Squires Bluff und Chuff. Indem er ſich uͤber dieſe Verletzung ſeiner Eitelkeit mit einem ſelbſtbewußten Laͤcheln uͤber ſeine eigne Schwachheit erhob, wandte Vernon ſeine Blicke nach der Thuͤr, Lucretia's Eintreten erwartend. Seit ihres Oheims Antrag empfand er jenes neue und unbeſchreib⸗ liche Intereſſe an ihrer Erſcheinung, welches jedes Herz einzunehmen pflegt, ſo bald die Perſon, die erſt nur eine gleichgiltige Bekannt⸗ ſchaft war, ploͤtzlich in dem Lichte einer kuͤnftigen Gattiin erſcheint. Endlich oͤffnete ſich die Thuͤr und Lucretia trat ein. Mr. Vernon ſenkte ſein Buch und blickte mit einem Eifer auf, an welchem ſowohl Beſorgniß als Bewunderung Antheil hatten. Lucretia Clavering war groß— groͤßer als man es bei Frauen gewohnt iſt; aber es war in ihrer Laͤnge weder etwas Unbeholfenes noch Maͤnnliches: kein Bildhauer hatte jemals eine vollkommnere Geſtalt zum Modell gehabt. Die Tracht jener Zeit, die wir fuͤr un⸗ kleidſam erachten, ſtand ihr, wenigſtens im Allgemeinen, nicht unvortheilhaft. Die kurze Taille machte die Laͤnge ihrer Glieder nur majeſtaͤtiſcher, waͤhrend die klaſſiſche Sparſamkeit des Gewandes die genaue Proportion und die vortreffliche Contour verrieth. Die Arme trug man damals faſt bis zur Schulter nackt und Lucretia's Arme waren ebenſo fehlerfrei geſtaltet als blendend in ihrer ſchneeigen Weiße; der ſtolze Hals, die ſchoͤngeformten Schultern, die feſte, nicht ſtarke aber gerundete Buͤſte, alles mußte den Kuͤnſtler nicht minder als den Luͤſternen bezaubern. Zum Gluͤck war der einzige Fehler an ihrer Geſtalt von weitem nicht ſichtbar; dieſer Fehler lag in der Hand; ſie hatte nicht die gewoͤhnlichen Fehler weiblicher Ju⸗ gend, Ueberfluß an Fleiſch und allzu roſige Geſundheit der Farbe, im Gegentheil, ſie war klein und hager, aber trotzdem war es mehr die Hand eines Mannes, als eines Weibes; die Form hatte die kraͤf⸗ tige Beſtimmtheit wie beim Mann, die Adern ſchwollen gleich Seh⸗ nen, die Gelenke der Finger waren merklich ſichtbar und vorſtehend. Es ſchien faſt, als verriethe ſich in dieſer Hand die eiſerne Kraft ihres Charakters. Doch konnte, wie geſagt, dieſer geringe Fehler, den uͤberhaupt wenige, wenn ſie ihn ſahen, allzukritiſch tadeln moch⸗ ten, natuͤrlich nicht bemerkt werden, waͤhrend ſie ſich langſam im Zimmer hinbewegte; und Vernons Auge blieb, uͤber die ganze edle Geſtalt gleitend, auf dem Geſicht ruhen. War es ſchoͤn?— war es abſtoßend? Seltſam, daß es in ſeinen Zuͤgen die Anſpruͤche auf den hoͤchſten Grad der Schoͤnheit hatte, und daß gleichwohl dieſer erfah⸗ rene Kenner weiblicher Reize in Verlegenheit war, welches Urtheil er faͤllen ſollte. Das Haar bedeckte nach der Mode des Tages in reichen Locken die Stirn, konnte jedoch eine kleine Linie oder Runzel die zwiſchen den Augenbrauen nicht verbergen; und dieſe Linie, die man bei Frauen jeden Alters ſelten findet, die ſelbſt bei Maͤnnern 4 dir von Lucretia's Alter ſelten iſt, gab dem ganzen Geſicht einen zugleiche Frif denkenden und ſtrengen Ausdruck. Die Augenbrauen ſelbſt waren VWir gerade und nicht ſcharf markirt, vielleicht ein klein wenig zu hell, ein Wa Fehler, der noch mehr in den Wimpern ſichtbar ward; die Augen gen waren groß, voll und, obwohl glaͤnzend, doch aͤußerſt ruhig, zum Mi wenigſten in gewoͤhnlicher Stimmung; bei alldem entbehrten ſie je⸗ and doch den Zauber jenes ſteten und offenen Blickes, der ſogleich zum etkl Herzen dringt und Vertrauen erweckt; ihr Ausdruck war eher unſtet lich und zerſtreut. Sie ſah gewoͤhnlich ſeitwaͤrts, waͤhrend ſie ſprach und 77 wenn dies bei Manchen nur Schuͤchternheit verraͤth, ſo mußte es doch bei einem ſo charakterſtarken Weſen einen Anſchein von Falſchheit ha⸗ ben. Wenn ſie aber bisweilen mehr diejenigen, mit denen ſie ſprach, zu erforſchen, als ſich ſelbſt gegen Ausforſchung zu decken bemuͤht war, ſo heftete ſie dieſe Augen mit raſchem und direktem Forſchen auf den Gegner und dieſer Blick machte einen gewaltigen Eindruck und uͤbte eine ſeltſame Zauberkraft. Das Auge ſelbſt war von einer eigen⸗ thuͤmlichen und unangenehmen Farbe— nicht grau noch blau, noch ſchwarz, noch braun, ſondern vielmehr von jenem katzenartigen Gruͤn, welches ſchlaͤfrig im Licht und lebhaft im Dunkeln iſt. Das Profil war rein griechiſch, und ſah man ſie ſo, dann ſchien Lucretiens Schoͤn⸗ heit unbeſtreitbar. Aber beim Anblick en face, und noch mehr, wenn zwiſchen beiden mitten inne betrachtet, nahmen all' dieſe Zuͤge eine Schaͤrfe an, die bei aller Regelmaͤßigkeit etwas Erſtarrendes und Strenges hatten. Der Mund war klein, aber die Lippen duͤnn und blaß, und es lag darin ein gewiſſer gewaltſamer und krampfhafter Ausdruck, welcher das Mißtrauen noch ſteigerte, welches ihr Seit⸗ waͤrtsblicken ſchon einfloͤßte. Die Zaͤhne waren blendend weiß, aber ſpitz und duͤnn und die Augenzaͤhne waren viel laͤnger als die andern. Die Geſichtsfarbe war blaß, doch ohne Zartheit; die Blaͤſſe ſchien ihr nicht natuͤrlich, ſondern vielmehr die Farbe zu ſein, welche Stu⸗ diren und Nachtwachen den Maͤnnern verurſachen; ſo entbehrte ſie der Friſche und Bluͤthe der Jugend, und ſah aͤlter aus, als ſie war; dieſe Wirkung ſteigerte ſich noch durch die Abweſenheit der Fuͤlle in den Wangen, welche man im Profil nicht bemerkte, welche aber im uͤbri⸗ gen dem Geſicht einen ziemlich ſcharfen und harten Ausdruck gab. Mit einem Wort, Geſicht und Geſtalt harmonirten nicht mit ein ander; die Geſtalt verhuͤtete wohl, ſie fuͤr ein maͤnnliches Weſen zu erklaͤren— aber das Gefuͤhl nahm der Geſtalt den Reiz der Weib⸗ lichkeit. Es war der Kopf des jungen Auguſtus auf Agrippina's Koͤr⸗ per. Noch einen Zug, und wir werden eine Schilderung ſchließen, die der Leſer vielleicht fuͤr kleinlich genau halten wird. Haͤtte man vor den Mund und die untere Partie des Geſichts eine Maske oder Binde gelegt, ſo wuͤrde ſich ſofort der Charakter der obern Partie gaͤnzlich veraͤndert haben; das Auge verlor alsdann ſeinen falſchen Schimmer, die Stirn die krampfhafte Strenge; ſofort wuͤrde man das Geſicht nicht allein fuͤr ſchoͤn, ſondern auch fuͤr ſanft und weiblich erklaͤrt haben. Nahm man dieſe Binde ploͤtzlich hinweg, ſo wuͤrde die Veraͤnderung in Staunen geſetzt haben und zwar um mehr, weil man in dem untern Theile des Geſichts keinen hinreichenden Fehler und kein Mißverhaͤltniß haͤtte entdecken koͤnnen, um die Veraͤnderung zu erklaͤren. Es war, als waͤre der Mund der Schluͤſſel zum Ganzen: der Schluͤſſel nichts ohne den Tert, der Tert unbegreiflich ohne den Schluͤſſel. Dies war Lucretia Claverings aͤußere Erſcheinung im Alter von zwanzig Jahren:— auffaͤllig fuͤr das gleichgiltigſte Auge— in⸗ tereſſant und verwirrend fuͤr denjenigen, welcher jene dunkle, nie ent⸗ ziſſerte Sprache, das menſchliche Geſicht, zu ſeinem Studium machte. Der Leſer muß bemerkt haben, daß die Wirkung, die jedes Geſicht, welches er zum erſten Male betrachtet, hervorbringt, verſchieden von dem Eindrucke iſt, den es nach oͤfterm Anſehn auf ihn hervorbringt. Vielleicht ſind zwei Perſonen nicht ſo ſehr verſchieden von einander, als daſſelbe Geſicht, wie es unſrer fruͤheſten Erinnerung vorſchwebt, von dem naͤmlichen Geſicht, waͤhrend wir es nach laͤngerem, ver⸗ trautem Umgange betrachten. Dies war beſonders der Fall bei Lu⸗ cretia Clavering. Der erſte Eindruck war faſt auf alle, die ſie be⸗ trachteten, Mißtrauen mit Furcht gemiſcht; ſie floͤßte beinah' eine Ahnung von Gefahr ein. Das Urtheil war dagegen; das Herz war auf ſeiner Hut. Aber dies unangenehme Gefuͤhl wich bei den meiſten Beobachtern bald der Bewunderung der plaſtiſchen Umriſſe, die, gleich dem griechiſchen Bildwerk, um ſo mehr gewannen, je laͤnger man ſie pruͤfte; es wich vor der geiſtigen Kraft des Ausdrucks und vor dem zauberiſchen Wohlgefallen, das ein Laͤcheln er⸗ regte, welches, je ſeltner es ſichtbar ward, nur um ſo reizen⸗ „ 79 ders war, theils aus eben dieſem Grunde, theils aber auch weil es ploͤtzlich Glanz und gewinnenden Ausdruck einem Geſicht, welches deren ſo ſehr bedurfte, mittheilte. Es glich dies ganz dem ploͤtzlichen Hervorbrechen eines Sonnenſtrahls, und wenn der zuruͤck⸗ ſtoßende Eindruck des Geſichts auf dieſe Weiſe ſchwand, ſo trug dazu natuͤrlich auch die unvergleichliche Geſtalt mit bei. Waͤhrend daher derjenige, der Lucretia nur einen Augenblick ſah, ſie faſt fuͤr unbe⸗ deutend und gewiß fuͤr arm an aͤußern Vorzuͤgen erklaͤren konnte, ver— einigten ſich Alle, mit denen ſie umging, die ſie taͤglich ſahen, und diejenigen, denen ſie zu gefallen ſuchte, in der Auerkennung ihrer Schönheit. Und wofern ſie auch noch Scheu empfanden, ſo ſchrieben ſie dies Gefuͤhl doch nur ihrer uͤberlegenen geiſtigen Kraft zu. Waͤhrend ſie jetzt die Mitte des Zimmer erreichte, ſprang Ga⸗ briel von ſeinem Sitze und eilte freudig zu ihr hin. Sie beugte ſich nieder und legte ihre Haud auf ſein ſchoͤnes Haar. Dabei fluͤſterte er:— „Mr. Vernon hat auf Sie gewartet.“ „Still! Wo iſt Dein Vater?“ „Hinter dem Schirm, beim Schach mit Sir Miles.“ „Mit Sir Miles!“ Und Lucretia's Auge heftete ſich mit dem direkten unverwandten Blick, deſſen wir erwaͤhnten, auf das Geſicht des Knaben. „Ich habe oft genug nach ihnen geſehen,“ ſagte er bedeutungs⸗ voll;„ſie haben von nichts als vom Spiel geſprochen.“ Lucretia richtete ihr Haupt empor und ſah mit ihrem verſtoh⸗ lenen Blicke rings umher, der Knabe errieth dies Forſchen und mit kaum merklicher Geberde lenkte er ihre Aufmerkſamkeit auf Main⸗ waring's abgeſchiedenen Platz. Ihr belebendes Laͤcheln glitt uͤber ihre Lippen, waͤhrend ſie ſich leicht gegen ihren Geliebten verneigte; dann zog ſie die Hand zuruͤck, welche Gabriel in der ſeinen gehalten hatte, ging weiter, ſagte im Voruͤbergehen Vernon einige unbedeutende Worte und ſtand bald gruͤßend und begruͤßt unter der ſcherzenden Ge⸗ ſellſchaft im andern Theile des Zimmers. Einige Minuten nachher traten die Diener ein, der Theetiſch wurde entfernt, die Stuͤhle zu⸗ ruͤckgeſchoben— eine unverheirathete Dame von gewiſſem Alter bot freiwillig ihre Dienſte am Piano an und der Tanz begann in dem weiten Raume, welcher durch den Bogen von den Whiſtſpielern ge⸗ ſchieden wurde. Vernon hatte ſeine Gelegenheit erwartet und beim erſten Tone des Piano ſtand er an Lucretia's Seite und nahm mit ernſter Keſücheeit ihre Hand zur Eroͤffnung des Tanzes in Anſpruch. Damals, obwohl es noch nicht ſo lange her iſt, ſch haͤmten ſich die Herren nicht zu tanzen, und zwar gut zu tanzen; es war kein traͤges Schlendern durch eine Quadrille, es war ein ſchoͤnes, uͤberlegtes und geſchicktes Tanzen auf Seiten der Hoͤflichen, und freie muntere Bewegung unter den Froͤhlichen. Vernon war, wie ſich erwarten ließ, der bewundertſte Taͤnzer des Abends; allein er dachte ſehr wenig an die Aufmerkſamkeit, die er endlich erregte; er bot all' die Geſchicklichkeit auf, welche ſeine Le⸗ benserfahrung darbot, zur Ausgleichung der Maͤngel einer vollkommenen Erziehung, die ſich auf das beſchraͤnkte, was ihm in Eton eingeblaͤut worden, um den Charakter ſeiner ſchoͤnen Taͤnzerin zu entziffern und ihr Herz zu pruͤfen. „Mich wundert, daß Sie Sir Miles nicht dazu vermoͤgen, Sie nach London zu fuͤhren, Couſine, wenn Sie mir geſtatten, Sie ſo zu nennen. Sie haͤtten ſchon vorgeſtellt ſein ſollen.“ ſ ſehr un⸗ „Ich habe noch kein Verlangen, nach London zu gehen.“ Noch!“ ſagte Mr. Vernon, mit jener etwas faden Galanterie ſeiner Zeit;„ſelbſt Schoͤnheit gleich der Ihrigen hat wenig Zeit zu verlieren.“ „Haͤnde kreuzweis, Haͤnde kreuzweis!“ rief Mr. Ardworth. „Und,“ fuhr Mr. Vernon fort, ſobald es ihm eine Pauſe geſtat tete,„es gibt ein Lied, welches der Prinz ſingt und welches ein ver⸗ ſtaͤndiger altmodiſcher Kumpan geſchrieben hat, darin heißt es Vern Vern. 81 „Pfluͤcke Roſen, wann ſie bluͤhn, Fluͤchtig iſt die Zeit.“ „Sie haben, glaub' ich, die Moral des Liedes ſelber befolgt, Mr Vernon.“ „Nennen Sie dniih Couſin, oder Charles— Charley, wenn Sie wollen— wie es die meiſten meiner Freunde thun; kein Menſch nennt mich Mr. Vernon; ich kenne mich ſelbſt unter dieſem Namen nicht.“ „Die Mitte hinab, wir warten alle auf Sie,“ ſchrie Ardworth. Und die Mitte hinab gleiteten mit wunderbarer C Grazie die vor⸗ trefflichen Nankins Charley Vernons. Der Tanz wurde nun, Dank Ardworth, zu lebendig und ſtüͤrmiſch, als daß noch mehr als einſilbige Worte moͤglich geweſen waͤren, bis Vernon und ſeine Gefaͤhrtin endlich zin Ruhe kamen und der erſtere, waͤhrend er ſeiner Taͤnzerin Faͤcher in 2 Bewegung ſetzte, wieder anhob: „Im Ernſt, Couſine, Sie muͤſſen ſich bisweilen ſehr gelangweilt fuͤhlen.“ „Nie!“ antwortete Lucretia. Noch nicht ein einzig Mal hatte ihr Auge auf Vernon geruht. Sie fuͤhlte, daß man ſie ausforſchen wollte. „Gleichwohl bin ich uͤberzeugt, daß Sie Geſchmack an Pracht und Feſtlichkeiten finden. Aha! es wohnt Ehrgeiz unter dieſen harm⸗ loſen Locken,“ ſagte Mr. Vernon mit ſeiner ungenirten liebenswuͤr⸗ digen Zudringlichkeit. Lucretia wandte ſich ab. „Aber wenn ich ehrgeizig waͤre, welches Feld fuͤr den Ehrgeiz könnt' ich in London ſinden?“ „Daſſelbe wie Alexander— ein Reich, Couſtne. 7 „Sie vergeſſen, daß ich kein Mann bin. Der Mann kann aller⸗ dings Hoffnung auf ein Reich haben. Es iſt etwas werth, ein Pitt zu ſein, oder ſelbſt ein Vernon Haſtings.“ Mr. Vernon ſtaunte. War das Dummheit oder was ſonſt? Bulwer, Lucretia. I. 6 „Ein Weib hat eine unbeſtrittnere Herrſchaft, als die Mr. Pitts, und eine unbarmherzigere als die des Gouverneur Haſtings.“ „O, verzeihen Sie, Mr. Vernon“— „Charles, wenn's gefaͤllig iſt.“ Lucretia's Stirn verdunkelte ſich. „Verzeihen Sie,“ wiederholte Sie;„aber dieſe Complimente, wofern es welche ſein ſollen, haben auf ſchlechten Dank zu zaͤhlen. Eines Weibes Herrſchaft uͤber Spitzen und Baͤnder, uͤber Theetiſche und Spielpartien, uͤber Stutzer und Koketten, iſt keine Reiſe von Laughton nach London werth.“ „Sie glauben Bewunderung verachten zu koͤnnen?“ „Was Sie unter Bewunderung verſtehen— ja.“ „Und Liebe auch?“ ſagte Vernon leiſe. Jetzt erhob Lucretia auf einmal raſch ihre Augen gegen ihren Geſellſchafter. Zielte er auf ihr Geheimniß?— Deutete er auf ſeine eigenen Abſichten? Der Blick machte Vernon ſtarr und er wandte ſein Haupt ab. Darauf anderte Lucretia ploͤtzlich, in Verfolg eines neuen Ideen⸗ gangs, ihr Benehmen gege Sie hatte entdeckt, was ihr vorher entgangen war. Dieſe ploͤtzliche Vertraulichkeit von ſeiner Seite er wuchs aus Gedanken, welche der Oheim ihm eingegeben; der Gaſt war angereizt worden, ein Bewerber zu werden. Ihre Faͤhigkeit einen Charakter zu durchſchauen, die von Kindheit an ihr leidenſchaftliches Studium geweſen, ſagte ihr, daß auf dieſen leichten, abgeſchliffenen, furchtloſen Charakter die Verachtung eine geringe Wirkung haben wuͤrde; um dieſer Vertrauknchkeit zu begegnen, wuͤrde das beſte Mittel ſein, daß man einen Freund gewaͤnne, um einen Bewerber zu ent⸗ waffnen. Sie veraͤnderte daher ihr Betragen; ſie bot außerordent⸗ liche Schlauheit auf; ſie nahm die Vertraulichkeit an, mit der man ihr entgegenkam, nicht um ſich ſelbſt bloß zu ſtellen, ſondern um ihren Gegner auszuforſchen. Es wurde nothwendig fuͤr ſie, dieſen Mann zu kennen und im Verhaͤltniſſe dieſer Kenntniß auch Gewalt M uͤber ihn zu haben. Unmerklich und allmaͤlig lenkte ſie ihren Ge⸗ fäͤhrten von dem Plane ab, ihre eigenen Geheimniſſe und ihr Weſen zu ergruͤnden, indem ſie offen uͤber ihn ſelbſt ſprach. Ganz unwill kuͤrlich begann er ſeiner Zuhoͤrerin die Schwichen ſeines unſteten, offenen Herzens deutlich vor Augen zu legen. Schweigend blickte ſie vor ſich nieder und erkannte Alles: die Frivolitaͤt, die Sorgloſigkeit, das halb heitere halb traurige eflls nuhen Untergangs und Verderbens. Sie erblickte da, mitten unter den Truͤmmern bluͤhend, die ſchoͤnſten Bl uͤthen edler Maͤnnlichkeit, die ſich noch immer re dehlich und duiſäand entfalteten— Edelſinn und Muth, und Selbſt tverleugnung. Auf d einen Seite Verſchwender und Spieler— auf der andern Gentle⸗ man und Krieger. Mit dieſem verſtuͤmmelten und unvollkommenen Charakter verglich ſie ihre eigne gebildete und tiefe Gei ſteskraft, und waͤhrend ſie zuhoͤrte, wurde ihr Laͤcheln milder und haͤufiger. Sie konnte es uͤber ſich gewinnen, huldvoll zu ſein; fuͤhlte ſie doch Ueber⸗ legenheit, Verachtung und Sicherheit. Waͤhrend ſich dieſe ſcheinbare Vertraulichkeit entwickelte, hatte Vernon und ſeine Gefaͤhrtin den Laud verlaſſen, und Poſprachen ſich zur Seite in der Vertiefung eines der Fenſter, we lches die Zeitungs⸗ leſer verlaſſen hatten, naͤmlich in der Abtheiln ung des Zimmers, in welcher Sir Miles und Dalibard noch ſaßen und in a Begriff waren, ihre dritte Schachpartie zu be eginnen. Des Baronets Hand hielt inne in der Anordnung ſeiner Figuren; ſein Auge ruhte auf dem jungen Paar und dann, nach einem langen und zufriedenen Blicke, blickte er um ſich, ohne zu finden, was er ſuchte. „Ich moͤchte Ihre Gefaͤlligkeit in Anſpruch nehmen, Monſieur Dalibard,“ ſagte der Baronet mit jener Artigkeit, welche Ardworth ſehr mißfiel,„wollten Sie nicht die Guͤte haben, den Schirm da ein wenig bei Seite zu ſchieben? Ich moͤchte unſre jungen Leute beſſer im Auge haben. Ich danke Ihnen recht ſehr.“ Sir Miles entdeckte nun Mainwaring und bemerkte, daß der⸗ ſelbe, weit entfernt mit ſelbſtverraͤtheriſcher Eiferſucht das vertrau⸗ 6* 84 liche Geſpraͤch zwiſchen Lucretia und ihrem Verwandten zu betrachten, vielmehr in lebhafter Unterhaltung mit dem Praͤſidenten der Quar⸗ talgerichte begriffen war. Sir Miles war zufrieden geſtellt und ord⸗ nete ſeine Figuren. Waͤhrend dieſer ganzen Zeit und uberhaupt ſeit ſte ſich zum Spiel geſetzt hatten, hatte der Provengale mit der ſeinem Charakter eignen Geduld auf eine Bemerkung von Sir Miles uͤber den Gegenſtand gewartet, der, wie ſein Scharfſinn bemerkte, des Baronets Gedanken beſchaͤftigte. Der alte Herr hatte eine raſtloſe Unruhe bewieſen, welche zeigte, daß etwas in ihm vorging. Seine Augen hinen ſich haͤufig nach ſeiner Nichte gewendet, nachdem die eſe eingetreten; ein⸗ oder zweimal hatte er ſich geraͤuſpert und gehuſtet — ſein g gewahnliches Vorſpiel zu einer wichtigen Mittheilung, und Dalibard hatte gehoͤrt, wie er in ſich hinein murmelte, und er glaubte den Namen„Mainwaring“ dabei vernommen zu haben. Wirklich war der Baronet mehrmals im Begriff geweſen, ſeinen Sekretän auszufragen, aber eben ſo oft hatte ihn ſein Stolz und der Stolz in Lucretia's Namen abgehalten. Es ſchien ihm unter ſeiner und ihrer Wuͤrde, auch nur einen leiſen Zweifel, eine leiſe Beſorgniß hinſicht⸗ lich der Erbin von Laughton anzudeuten. Olivier Dalibard haͤtte ſeinen Goͤnner leicht nach ſeinem Belieben zum Worte bringen koͤn nen; leicht haͤtte er, wenn er gewollt haͤtte, ein Wort fallen laſſen koͤnnen, um Argwohn und eine raſche Frage zu veranlaſſen; aber das war nicht ſeine Abſicht; er vermied eher eine Ruͤckſprache mit ihm ſelbſt hinſichtlich jenes Gegenſtandes, ſtatt ſie zu ſuchen; denn er wußte, daß Lucretia, ſobald ſie vermuthete, er habe ſie, wenn auch noch ſo indirekt, ihrem Oheim verrathen, ſofort ſeine eigene Werbung entdecken und damit ſeine augenblickliche Entlaſſung bewirken wuͤrde; waͤhrend er andererſeits fuͤrchtete, d daß bei ihrer Verſtellungsgabe und ihrem Einfluſſe auf den Oheim, ein einziges Wort von ihr genuͤgen wuͤrde, um jeden Argwohn in Sir Miles zu beſeitigen, wie ſorgfaͤltig ein ſolcher auch eingefloͤßt und wie wahr er auch begruͤndet ſein 82 n 85 mochte. Aber inzwiſchen war, bei aller ſeiner ſcheinbaren Ruhe, ſein Geiſt fort und fort geſchaͤftig und ſeine Leidenſchaft in Gluth. „Ach, Ihr altes Spiel— wieder der Laͤufer!“ ſagte Sir Miles lachend, waͤhrend er einen Springer ruͤckte, um ſeines Gegners Plan zu vereiteln; dann betrachtete er, indem er ſich umſah, die wachſende Vertraulichkeit zwiſchen Vernon und ſeiner Nichte. Diesmal konnte er ſein Vergnuͤgen nicht unterdruͤcken:„Dalibard, mein werther Freund,“ ſagte er, die Haͤnde reibend,„ſehen Sie dort— ſie wuͤrden ein huͤbſches Paar ſein!“ „Wer, Sir?“ ſagte der Provengale nach einer andern Richtung blickend und indem er ſich ganz unwiſſend ſtellte. „Wer? ei der Henker, Menſch!— nun, verzeihen Sie meine derben Worte, aber ich empfand Freude und Stolz. Wer? Charley Vernon und Lucretia Clavering.“ „Ei, ſicherlich, ja. Meinen Sie nicht, daß ein ſo gluͤckliches Ereigniß möglich waͤre?“ „Nun, es haͤngt nur von Lucretia ab. Zwingen werd' ich ſie nie.“ Hier hielt Sir Miles inne, denn der vorher unbemerkte Gabriel hob ſeines Goͤnners Taſchentuch auf. Olivier Dalibard's graue Augen ruhten kalt auf ſeinem Sohne. „Du tanzeſt heut' nicht, mein Sohn. Geh, ich ſeh' es gern, wenn Du Dich vergnuͤgſt.“ Der Knabe gehorchte ſofort, wie er es ſtets that, dem vaͤterlichen Geheiß.— Er fand eine Taͤnzerin und nahm Theil an einem ſo eben begonnenen Tanze; und waͤhrend des Tanzes ſchien Honoré Gabriel Varney ein neues Weſen zu ſein: ſelbſt Ardworth gab ſich nicht ſo ganz und gar der Luſt der Bewegung, des Glanzes und der Muſik hin. Mit glaͤnzenden Augen und bewegten Athemzuͤgen ſchien er fruͤhzeitig all' das Aufregende und Ueppige in dieſer Vergnuͤgung zu empfinden, was die Kindheit in der Regel ſo wenig fuͤhlt. Seine Blicke folgten der ſchoͤnſten Geſtalt; er ließ die weichſte Hand in der ſeinigen ruhen; ſeine Stimme zitterte, waͤhrend der warme Hauch ſeiner Taͤnzerin ſeine Wange beruͤhrte. 9 Inzwiſchen ſetzte ſich das Geſpraͤch zwiſchen den Schachſpielern 4 fort.. „Ja,“ ſagte der Baron,„es haͤngt allein von Lucretia ab,— 1 und ſie ſcheint mit Vernon zufrieden; warum auch nicht?“ l „Ihr Scharfſinn taͤuſcht ſie felten, Sir. Ich geſtehe, ich bin Ih⸗ 1 rer Meinung. Weiß Mr. Vernon, daß Si wuͤrden?“ e das Buͤndniß genehmigen „Ja; allein—“ der Baronet hielt inne. „Sie wollten ſagen, allein— allein was, Sir Miles 9 2 rauen; er fuͤrchtete, ihre Nei⸗ e „Nun, der Burſch affectirte Mißt gung nicht gewinnen zu koͤnnen, zum Gluͤck iſt die ſe wenigſtens noch nicht anderweit in Anſpruch genommen.“ Dalibard nahm eine ernſte Miene an, und ſein Auge richtete ſich, wie unwillkuͤrlich, nach Mainwaring. Der ſchlimme Zufall fuͤgte es, daß der junge Mann jetzt ſein Geſpraͤch mit dem Praͤſidenten des Quartalgerichts beendigt hatte und mit untergeſchlagenen Armen, finſtrer Stirn, und ernſten, beſorgten Blicken die leiſe Unterhaltung 1 zwiſchen Lucretia und Vernon beobachtete. f Sir Miles Auge war dem ſeines Sekretaͤrs gefolgt und ſein a Geſicht veraͤnderte ſich. Seine Hand ſank auf das Schachbrett und g warf die Haͤlfte der Figuren; er murmelte ein ſehr hoͤrbares„Wahr⸗ 5 d haftig 17 „Ich glaube, Sir Miles,“ ſagte der Provençale, indem er aufſtand, als wuͤßte er, daß Sir Miles nicht mehr zu ſpielen wuͤn⸗ ſche,„ich glaube, wenn Sie mit Miß Clavering uͤber Ihre Anſich⸗ ten hinſichtlich Mr. Vernons ſpraͤchen, ſo wuͤrde das die Sache foͤr⸗ d „ c. ece 6 1 dern; denn ich habe von franzoͤſiſchen Muͤttern gehoͤrt— und unſre J franzoͤſiſchen Frauen kennen das weibliche Herz, Sir,— daß ein 1 Maͤdchen, welches noch ohne beſtimmte Neigung iſt, oft ſogleich zu Gunſten des Mannes geſtimmt wird, von dem ſie weiß, daß er um 87 ſie werben und ſie gewinnen ſoll, waͤhrend ſie denſelben ohne jene Kenntniß nicht anders als einen gewoͤhnlichen Bekannten betrachten wuͤrde.“ „Das iſt klug bemerkt, mein lieber Monſieur Dalibard; und es iſt, aus mehr als einem Grund, um ſo beſſer, je eher ich mit ihr ſpreche. Leihen Sie mir Ihren Arm— es iſt Zeit zur Tafel— der Tanz iſt voruͤber, wie ich ſehe.“ Als ſie vor der Stelle, wo Mainwaring noch lehnte, voruͤber kamen, blickte dieſen der Baronet ſcharf an. Der junge Mann bemerkte den Blick nicht. Sir Miles ruͤhrte ihn ſanft an. Er fuhr wie aus einem Traum empor. „Sir haben nicht getanzt, Mr. Mainwaring.“ „Ich tanze nur ſelten, Sir Miles,“ ſagte Mainwaring er⸗ roͤthend. „Ach! Sie beſchaͤftigen Ihren Kopf mehr als Ihre Beine, jun⸗ ger Herr. Nun gut, ich muß morgen mit Ihnen ſprechen. Nun meine Damen, ich hoffe, Sie haben ſich gut unterhalten. Meine theure Mrs. Veſey, Sie und ich ſind alte Freunde, Sie wiſſen— wir haben manches Menuet mit einander getanzt, nicht wahr? Jetzt fonnen wir nicht tanzen, aber wir koͤnnen noch Arm in Arm mit ein⸗ ander gehen. Bitt' um die Ehre. Und Ihr kleiner Enkel— ſchon geimpft, nicht wahr? eine wunderbare Erfindung! Zur Tafel, meine Damen, zur Tafel!“ Die Geſellſchaft hatte ſich entfernt. Die Lichter waren erloſchen, alle, außer die Lichter des Himmels, und dieſe ſchimmerten ruhig und hell durch die Fenſter: Monden⸗ und Sternenſchimmer ſchienen nun das alte Haus zu beſitzen. Herein drangen die Strahlen, heller, laͤnger und kuͤhner— gleich Feen, die, Reih' um Neihe, in ihr Reich der Einſamkeit einziehen. Die eichenen Stufen hernieder, von den mit Wappen geſchmuͤckten Fenſtern, bewegten ſich die Strahlen leiſe und ſchuͤchtern. Auf der Ruͤſtung im Saale erglaͤnzten die Strahlen kuͤhn und ſchimmernd, bis der Stahl wie ein Spiegel glaͤnzte. In die lange und niedre Bibliothek traten ſie nun ein und bewegten ſich nicht weiter— das war kein Ort fuͤr ihr Spiel. In dem jetzt ein⸗ ſamen Geſellſchaftszimmer waren ſie neugieriger und unternehmen⸗ der. Durch das große noch offene Fenſter zogen ſte frei und munter ein, als wollten ſie erſpaͤhen, was ſolche Unordnung hervorgebracht haͤtte; die Stuͤhle von ihrer Stelle geruͤckt, die glatten Dielen ihres Teppichs beraubt— da war eine Bl ume zu Boden gefallen— da ein Tuch auf de m Tiſche vergeſſen— auf alle dem verweilten die Strahlen. Auf und nieder durch das Haus, von der unterſten Flur bis zum Dach, ſtreiften die Kinder der Luft er Luft, und fanden nur zwei Geiſter wach, waͤhrend alle uͤbrigen ſchliefen. In jenen öſtlichen Thurm, in das Tapetenzimmer, mit dem großen vergoldeten Bett in der Niſche, kamen die Strahlen bleich und matt, als waͤren ſie durch das ſtaͤrkere Licht auf dem Tiſche ein⸗ geſchuͤchtert. An dieſem Tiſche ſaß ein Maͤdchen, das Hanpt in die ſch 9 eine Hand geſtuͤtzt; in der andern hielt ſie eine Roſe— ein Liebes⸗ zeichen— heimlich mit ihrer Schweſterroſe getauſcht— zum ſtum⸗ men Zeichen des Vorwurfs fuͤr erregten Zweifel— ein Zeichen der Verſicherung und Ausſoͤ hnung. Ein Liebeszeichen!— erſchreckt nicht, ihr Strahlen— in der Liebe iſt etwas euch Verwandtes. Aber, ſieh', die Hand ſchließt ſich krampfhaft um die Blume— ſie birgt ſie nicht im Buſen— ſie fuͤhrt ſie nicht zur Lippe empor;— ſie wirft ſie zornig bei Seite.„Wie lange!“ fluͤſterte das Maͤd⸗ chen leidenſchaftlich—„wie lange! Und zu denken, daß der Wille hier keine Stunde kuͤrzen kann!“ Darauf ſtand ſie auf, ging auf und ab, und jedesmal, wenn ſie eine gewiſſe Niſche im Zimmer erreichte, blieb ſie ſtehen, und ging dann wieder unentſchloſſen vor⸗ uͤber. Was iſt in dieſer Niſche? Nur Buͤcher. Was koͤnnen dich Buͤcher lehren, bleiches Maͤdchen? Der Schritt wird feſter, dies⸗ mal bleibt ſie entſchloſſener ſtehen. Die Hand, welche die Blume hielt, nimmt einen Band herab. Das Maͤdchen ſetzt ſich wieder beim Lichte nieder. Seht „ihr Strahlen, was iſt's fuͤr ein Band? — au 89 Mond und Sternenſtrahl, ihr liebt, was Liebende beim einſamen Lampenlicht leſen. Das iſt kein Buch mit Liebesliedern; auch kein heiligeres Buch, um Geduld und Hoffnung zu lehren. Was haſt Du, junges Maͤdchen, bei Deiner kraͤftigen Geſundheit und Deiner Jugend mit der Arzneilehre, mit Anzeichen, Spmptomen und Krankheiten zu ſchaffen? Mit ſcharfem Auge ſpuͤrt ſie den Zeichen nach, die dem finſtern Feinde, bei ſeiner ploͤtzlichen An⸗ naͤherung, vorausgehen— den Gewohnheiten, die ihn anlocken, den Warnungen, die er gibt. Er, deſſen Reichthum ſie freimachen ſoll, iſt zweimal von dem Schlag heimgeſucht worden— aber er geht nicht unter, er lebt frei! Sie ſchließt das Buch und ſinnt den Stunden und Tagen nach, die er noch zu leben hat. Bebt zuruͤck, ihr Strahlen! Die Liebe iſt entheiligt, waͤhrend die Hand an der Roſe war, weilte der Gedanke beim Beinhaus. Dort kam auch der Strahl, in dem eutgegengeſetzten Thurm, durch das kleine Fenſter nah' am Dach; Kindheit ſchlummert. Mond und Sternſtrahl, ihr liebt den Schlummer des Kindes! Die Thuͤr offnet ſich, eine dunkle Geſtalt ſchleicht geraͤuſchlos herein. Der Vater kommt, um zu ſehen, wie ſein Sohn ſchlaͤft. Heilige Zaͤrtlich⸗ keit, wofern dies Alles iſt! „Gabriel, wach' auf!“ ſagte eine leiſe ſtrenge Stimme und eine rauhe Hand ſchuͤttelte den Schlaͤfer. D Die ſchaͤrfſte Erprobung derjenigen Nerven, von denen der rein animaliſche Muth abhaͤngt, iſt die, wenn man ploͤtzlich mitten in der Nacht durch eine heftige Hand aufgeweckt wird. Gabriel empfand, auf⸗ geſchreckt, weder Furcht noch Ueberraſchung. Seine Regung war die des ſpartaniſchen Knaben, dem Gefahr nicht neu iſt. Mit einem leiſen Schrei und raſcher Bewegung fuhr des Sohnes Hand nach des Vaters Kehle. Dalibard befreite ſich mit einiger Anſtrengung von ihm, waͤhrend ein halb lobendes, halb ironiſches Lächeln beim Mondlicht uͤber ſeine Lippen glitt. „Das Blut will heraus, junger Tiger,“ ſagte er.„Still, und hoͤre mich an.“ „Biſt du es, Vater?“ ſagte Gabriel;—„ich dachte— ich traͤumte—“ „Gleich viel; denke— traͤume ſtets, daß ſich der Mann zur Vertheidigung gegen Gefahr bereit halten muß!“ „Gabriel,(und der bleiche Gelehrte ſetzte ſich an das Bett,) „wende dein Geſicht nach mir,— naͤher! laß den Mond darauf fal⸗ len! heb' dein Auge auf— ſieh' mich an— ſo! Treibſt Du nicht ein falſches Spiel mit mir? Biſt du nicht Lucretia's Spion, waͤh⸗ rend Du vorgibſt, der meinige zu ſein? Es iſt ſo, dein Auge ver⸗ raͤth Dich. Nun, hoͤr' an! Du haſt einen Geiſt uͤber Deine Jahre. Iſt Dir Deine ſchlechte Dachkammer in London, die grobe Koſt und gemeine Kleidung lieber, oder deine Wohnung hier, das Gefuͤhl des Ueberfluſſes, die glaͤnzende Umgebung, die Atmoſphaͤre des Reich 3 thums? Du haſt die Wahl vor Dir. „Ich waͤhle, wie Du es wuͤnſcheſt,“ ſagte der Knabe,„das Letzte.“ „Ich glaube Dir, hör' an! Du liebſt mich nicht, das iſt natuͤr lich— Du biſt der Sohn Clara Varney's! Du haſt vermuthet, Du wuͤrdeſt mich, indem Du Lucretia Clavering liebteſt, aͤrgern und kraͤnken; und zu dem hat Lucretia Clavering Gold und Gaben, und ſanfte Worte, und Verſprechungen, um damit zu beſtechen. Ich will Dir jetzt meinen Plan hinſichtlich dieſes Maͤdchens offen mitthei⸗ len: ich habe die Abſicht, ſie zu heirathen— und der Herr dieſes Hau⸗ ſes und dieſer Guͤter zu werden. Gelingt mir's, ſo wirſt Du ſie mit mir theilen. Verraͤthſt Du mich Lucretien, ſo vereitelſt Du dies Ziel; du arbeiteſt dann gegen unſer Emporkommen und fuͤr unſern Ruin. Glaube nicht, daß du meinem Sturze entgehen koͤnnteſt; werd' ich von hier vertrieben, ſo wirſt Du mit mir vertrieben— Du theilſt mein Schickſal; und merk' Dir's wohl, Du faͤllſt dann meiner 91 Rache anheim; Du hoͤrſt auf mein Sohn zu ſein, Du wirſt mein Feind. Kind, du kennſt mich!“ Der Knabe ſchauderte, ſo kuͤhn er auch war; aber nach einer Pauſe, ſo kurz, daß zwiſchen ſeinem Schweigen und ſeinem Wort kaum ein Athemzug lag, erwiderte er mit Nachdruck: „Vater, Du haſt mein Herz geleſen. Ich bin von Lucretia(denn ſie uͤbt Zauberkraft auf ſ mich) uͤberredet worden, Dich zu beobachten — wenigſtens, wenn Du mit Sir Miles beiſammen biſt. Ich wußte, daß dies mit Mr. Mainwaring ausgemacht war. Jetzt, wo Du mich Deine Plaͤne haſt! kennen gelehrt, will ich wahr gegen Dich ſein— wahr ohne Drohungen.“ Der Vater ſah ihn ſcharf an, und dieſer Bli den zu ſtellen.„Erinnere Dich wenigſtens, daß Deiner Wahrheit abhaͤngt; das iſt keine D Gedanke der Hoffnung. Nun ſchlaf', oder denke daruͤber nach.“ Er ließ den Vorhang, den ine Hand bei Seite gezogen hatte, fallen, und ſchlich aus dem Zimmer ſo geraͤuſchlos, wie er gekommen. Der Knabe ſchlief nicht mehr. Lit ſt, Begier und ſchlechter Ehrgeiz waren in ſeinem Gehirn thaͤtig. Bebt zuruͤck, Mond und Sternenſtrahl! Auf dieſes Kindes Stirn ſpielen die Daͤmonen, welche dem Schritte des Vaters zu ſeiner Schlummerſtaͤtte gefolgt waren. Olivier Dalibard ſchlich zu ſeinem eigenen ganz nahgelegenen Zimmer zuruͤck. Die Waͤnde waren bedeckt mit Buͤchern in mancher⸗ lei Sprachen, und nefgelehrten Inhalts. Mond und Sternenſtrahl, ihr liebt die mitternaͤchtige Einſamkeit des Gelehrten! Der Proven⸗ gale ſchlich zum Fenſter und ſah hinaus. Alles war ruhig; regungs⸗ be Baͤume, mondbeſtrahlte Bäddſäulen, und eine bleiche, von der Maſſe des Schattens umgebene Flaͤche. Woran dachte der Mann? Nicht an die gegenwaͤrtige Lieblichkeit der Scene, die ſich ſeinem Blicke darbot, noch an die Geheimniſſe der Zukunft, welche die Sterne der Seele zufluͤſtern moͤchten. Duͤſter ſchweifte das Gedaͤchtniß uͤber eine ſtuͤrmiſche und furchtbare Vergangenheit, erfuͤllt von Betrug ck ſchien ihn zufrie⸗ Deine Zukunft von Dr rohung— das iſt ein 9² und von Verbrechen beſudelt; voller Plaͤne, mit grauſamer Weisheit entworfen, und mit gewiſſenloſer Kuͤhnheit verfolgt, und jetzt doch Alles verloren und fruchtlos!— eine geiſtige Kraft im Kriege mit dem Guten— und das Gute hatte geſiegt! Aber die Ueberzeugung ruͤhrte weder das Gewiſſen, noch erleuchtete ſie die Vernunft; er empfand allerdings ein truͤbes Gefuͤhl der Ohnmacht, aber es erregte Wuth, nicht Niedergeſchlagenheit; er unterwarf ſich nicht dem Gu⸗ ten, weil es zu maͤchtig, um Widerſtand zu dulden, ſondern er glaubte nur, noch nicht die gehoͤrige Meiſterſchaft uͤber das Arſenal des Bo⸗ ſen erreicht zu haben. Und Boͤſes nannte er's nicht. Gut und Boͤſe waren fuͤr ihn nur untergeordnete Genien, die dem Geiſte gehorchen müſſen.„Was bedeutet es,“ dachte er, waͤhrend er ſich ungeduldig vom Fenſter abwendete,„daß ich mich hier betrogen ſehe, wo mein Gluͤck ſo feſt gegruͤndet ſchien? Hier war der Geiſt, den ich ſelbſt bildete, und den die Natur fuͤr meine Hand vorbereitet hatte; hier laͤchelte guͤnſtige Gelegenheit. Und ploͤtzlich muß die gewöhnlichſte Erſcheinung im gemeinen Leben der Sterblichen auftreten— ein Weſen, kaum als Rival erwartet— und noch dazu ein Rival ſol⸗ cher Art, wie ich ſie zu verachten gelehrt hatte— einer der Dutzend⸗ helden einer Komoͤdie— kein Charakter, nur Jugend und ſchoͤnes Anſehn— ja— der Liebhaber von der Buͤhne erſcheint, und das Werk langer Jahre iſt vernichtet.“ Waͤhrend er ſo ſann, legte er die Hand auf ein kleines Kaͤſtchen auf einem der Tiſche.„Aber hierin,“ begann er ſein Selbſtgeſpraͤch wieder, und er ſchlug auf den Deckel, daß es dumpf ſchallte,—„hierin hab' ich die Schluͤſſel fuͤr Leben und Tod! Narr, die Kraft reicht nicht zum Herzen, außer um es ſtill zu machen. Waren die alten Heiden wirklich und in der That im Irrthum? Giebt es keine Liebestraͤnke, um dem Verlangen eine an⸗ dere Richtung zu geben?— nur eine Saite ruͤhre in eines Maͤdchens Neigung, und alles Uebrige iſt mein— alles— alles, Laͤndereien, Rang, Macht— alles Uebrige haͤngt von dem Oeffnen dieſes Deckels ab!“ 93 Birg' Dich in der Wolke, o Mond!— Bebt zuruͤck, ihr Sterne! ſendet nicht euer heiliges, reines und ſchmerzenſtillendes Licht auf das von Mordgedanken gebleichte und entfaͤrbte Antlittz. Drittes Kapitel. Konferenzen. Am naͤchſten Tage erſchien Sir Miles nicht beim Fruͤhſtuͤck, aber keineswegs eines etwaigen Unwohlſeins wegen, nein, er hatte nur verſchiedene Konferenzen zu halten und in ſolchem Falle liebte es der alte gute Gentleman, ſich ordentlich darauf vorzubereiten. Er ge⸗ hoͤrte noch einer Schule an, die unter manchen guten und trefflichen Eigenſchaften auch freilich andere beſaß, denen man in unſern Zei⸗ ten das Beiwort„ſteif“ und„formell“ kaum vorenthalten haͤtte. Das Zimmer nun, welches Sir Miles für ſich gewaͤhlt, das ſo⸗ genannte„Staatszimmer“ war in den alten Inventarien als„Koͤnig James' Zimmer“ aufgefuͤhrt, befand ſich im unteren Stock und ſtand mit der Bildergallerie in Verbindung, die wiederum an ihrem aͤu⸗ ßerſten Ende auf einen Gang hinauslief, der zu den Thuͤren der Hauptſchlafgemaͤcher fuͤhrte. Da ſich aber Sir Miles nicht viel aus ſolchem Sonntagsſtaat machte, ſo hatte er dies Gemach auch ganz unbekuͤmmert zu ſeinem Cubiculum hergerichtet, denn es war ohne Zweifel, den Bankettſaal ausgenommen, das ſchoͤnſte im ganzen Haus. Er placirte alſo ſein Bett, mit einem ungeheuren Schirm davor, in die eine Ecke, fuͤllte den uͤbrigen Raum mit ſeinen italieniſchen Cu⸗ rioſitaͤten und Antiquitaͤten aus, und befeſtigte ſeine Lieblingsgemaͤlde an den alten, mit verblichenem Gold bedeckten Ledertapeten. Die Haupturſache dieſer Wahl lag dabei in der Verbindung mit der Gal⸗ lerie, in welcher er bei ſchlechtem Wetter hinlaͤnglichen Raum fand, ſeinen gewoͤhnlichen Spaziergang zu halten. Er wußte mit Huͤlfe ſeiner Kruͤcke, wie viel Schritte zu einer Meile gehoͤrten, und das war ihm bequem, uͤberdies betrachtete er auch gern, wenn er ſich allein befand, die alten Familienbilder ſeiner Vorfahren und hatte die flo⸗ rentiniſchen und venetianiſchen Meiſterwerke lieber in die verſchiede⸗ nen Schlafkammern und Geſellſchaftszimmer geſteckt, ehe ſie die alten Reifroͤcke, ſteifen Spitzenkragen und Treſſenwaͤmſe ſeiner Voreltern von ihren Plaͤtzen verdraͤngen durften. Man fluͤſterte ſich auch im Hauſe zu, daß der Baronet, wenn er je Einen ſeiner Paͤchter zurecht⸗ weiſen oder einen Diener irgend einer wollte, ihn jedesmal wohlweisl ganze Laͤnge der Bildergaller kommen Zeit und Gelegenheit bekam, ganz durchdrungen von Re⸗ ſpekt zu werden. Alle die hier aufgepflanzten ernſten Geſichter eines ganzen ehrwuͤrdigen Geſchlechts mußten ja ſein Herz mit Zerknir⸗ ſchung erfuͤllen, wenn er daran dachte, wie er jetzt dem zuͤrnenden Blick ihres beleidigten Repraͤſentanten zu begegnen habe. Durch dieſe Gallerie nun, den S Fahrlaͤſſigkeit wegen tadeln ich in dies Heiligthum und zwar die rie hindurch fu re, ſo daß ſein Opfer voll⸗ en eines wohlbepuderten Dieners folgend, wanderte rth, dann und wann den ndſten ausſehenden Ge⸗ ſichter emporwerfend, wobei er ſich aber im Stillen wunderte, daß gerade heute ſeine Stiefel ſo entſetzlich und ſo ganz außergewoͤhnlich knarren mußten. Uebrigens fuͤhlte er mehr eine ruhige Neugierde wegen dem, was ihm der Alte ſagen wuͤrde, als irgend Furcht oder Angſt; freilich ſchwanden in ihm alle, bis jetzt vielleicht noch beher⸗ bergten, leichtſinnigen Gedanken, als er des Baronets Zimmer be⸗ trat, die Thuͤr ſich hinter ihm ſchloß und Sir Miles mit einem freund⸗ lichen Laͤcheln aufſtand, ihm die Hand zu bieten, wobei er, das kalte „Miſter“ auslaſſend, ſagte: Ardworth— Sir— wenn ich wirklich noch bis jetzt ein Vor⸗ urtheil gegen Sie gehabt haͤtte, ſo muͤßte es in dieſem Augenblicke, der junge Blick zu einem der am grimmigſten oder dr 95 da ich Sie ſehe, ſchwinden. Sie ſind ein wackerer, lebendiger, junger Burſche, Sir, 5 haben ſich die guten Wuͤnſche eines alten Mannes gewonnen, was bei dem Beginn Ihrer Carriere nur von heilſamen Folgen fuͤr Sie ſein kann. Ardworths Antlitz faͤrbte eine hoͤhere Roͤthe und zwe i große Tro⸗ pfen draͤngten ſich ihm unwillkuͤrlich in die? Augen. ie Worte blie⸗ ben ihm in der Kehle ſtecken und er ſtammelte eine keineswegs ſehr verſtaͤndliche Antwort hervor. „Ich wollte Sie gern ſprechen, mein junger Herr, daß ich ſelbſt urtheilen koͤnnte, welche Lebensbahn Sie am liebſten waͤhlen, am beſten ausfuͤllen wuͤrden.— Ihr Vater iſt bei der Armee. Wie wuͤrde Ihnen eine Uniform gefallen?“ . 5 Di „Oh Sir Miles— das waͤre die Erfuͤllung meines ſchoͤnſten Wunſches. Nichts ſcheue ich mehr als die 3 Jurisprudenz— den geiſt⸗ lichen Stand ausgenommen, und Nichts mehr als den geiſtlichen Stand, ausgenommen Comptoir und Ladentiſch. Der Baronet klopfte ihm laͤchelnd auf die Schulter. „Haha wir Gentlemen, ſehen Sie,(denn die Ar dworths ſind von ſehr guter Geburt— ſehr guter) wir Gentlemen verſte hen einander. Uebrigens bin ich iſten auch nicht beſonders ge⸗ Sein Mann von Ge⸗ Luͤgen— ſchrecklich — gemein. Doch das bleibt unter uns.— Dann die Kirche— die Mutter Kirche— ich ehre ſte— Kirche und Staat gehen Hand in Hand; man muß aber ſehr brav und gut ſein, wenn man Anderen predigen will— beſſer wenigſtens, als wir alle Beide ſind, ah? haha. Alſo der Soldatenſtand gefällt Ihnen— da hier iſt ein Brief fuͤr Sie— an d ie Leibwache. Kehren Sie jetzt zur Stadt zuruͤck.— Ihr Geſchaͤft hier iſt abgethan und was Ihre Equipirung betrifft, ſo ſtudiren Sie dies kleine Buch nach Ihrer Bequemlichkeit.“ Sir Miles druͤckte bei dieſen Worten ein Taſchenbuch in Ardworth's Hand. „Aber Sir Miles,“ ſagte der junge Mann, und ſtand erroͤthend wogen— hat mir nie in den Kopf gewollt, d burt dazu gehoͤren ſolle.— Nehmen Geld fuͤr und faſt außer Faſſung vor ihm,„welche Anſpruͤche habe ich auf ſolche Großmuth von Ihrer Seite?— Ich weiß ſogar, daß mein Oheim Sie beleidigte.“— „Darin beſtehen die Anſpruͤche,“ erwiderte Sir Miles ſehr ernſt. „Ich kann nicht lange mehr leben,“ fuhr er dann mit leiſem, faſt weichem Tone fort—„und moͤchte gern mit der ganzen Welt in Frieden ſterben— vielleicht habe gerade ich Ihren Oheim beleidigt — wer weiß es. Doch wenn es geſchehen iſt, ſo hoͤrt er mich jetzt und verzeiht mir.“ „Oh Sir Miles“— rief der leicht⸗ aber gutherzige junge Mann —„und meine kleine Spielgefaͤhrtin— Suſanna, Ihre eigene Nichte—“— Sir Miles richtete ſich etwas ſtolz und kalt empor— der Aus⸗ ruf war aber ſo warm und unbedacht aus dem Herzen gekommen und durch ſeine Beweggruͤnde ſo zu entſchuldigen, daß der alte Herr, des jungen Mannes Unbekanntſchaft mit der Welt und ihren Verhaͤlt⸗ niſſen ebenfalls bedenkend, bald mit wieder milderer, wenn auch noch ernſter Stimme erwiderte. „Kein Mann, mein guter Sir, wird Anderen das Recht zuge⸗ ſtehen, ſeine eigenen Familienangelegenheiten zu beruͤhren; ich hoffe aber gegen die arme junge Dame gerecht zu ſein; ſo laſſen Sie uns alſo, wenn wir uns vielleicht nicht wiederſehen ſollten, gut von einander denken. Gehn Sie, Ardworth— gehn Sie und dienen Sie Ihrem Koͤnig und Vaterland.“ „Nach beſten Kraͤften, Sir Miles, und waͤre es nur mich Ihrer Guͤte wuͤrdig zu zeigen.“ „Noch einen Augenblick— Sie ſind, wie ich hoͤre, genau mit dem jungen Mainwaring bekannt?“ „Noch alte Schulkameradſchaft, Sir Miles.“ „Die Armee wuͤrde dem wohl nicht zuſagen?“ „Er iſt zu geſcheidt dafuͤr, Sir.“ „Ah— der muͤßte alſo einen guten Advokaten geben— glatte 97 Zunge wahrſcheinlich— kann gut reden und— luͤgen, wenn er dafuͤr bezahlt wird.“ „Ich weiß nicht, wie Advokaten daruͤber denken, Sir Miles, ſoviel aber iſt gewiß, wenn Sie keinen Advokaten aus ihm machen, ſo muͤſſen Sie ihm auf jeden Fall den Namen eines rechtſchaffenen Mannes laſſen.“ „Wahr und wahrhaftig?“ „Das iſt, auf mein Ehrenwort, meine feſte Ueberzeugung.“ „Leben Sie wohl denn, leben Sie wohl, und gut Gluͤck auf den Weg— den Wagen werden Sie uͤbrigens am Schloß erwarten muͤſſen— denn ich ſehe aus den Zeitungen, daß ſie, trotz dem ewigen Reden von Frieden, doch wie das Ungewitter Regimenter ausheben.“ Wie freudig hatten ſich aber Ardworths Gefuͤhle veraͤndert, ſeit er das Gemach betreten; er flog nun zu ſeinem eigenen Zimmer zu⸗ ruͤck, ſein Felleiſen ſchnell zu packen, und waͤhrend er noch damit be⸗ ſchaͤftigt war, trat Mainwaring ein. „Wuͤnſche mir Gluͤck, mein wackerer Burſche— wuͤnſche mir Gluͤck— ich gehe zur Stadt— zur Armee— in die Welt, um nach mir ſchießen zu laſſen, Gott ſei Dank. Dieſer praͤchtige alte Gentleman— bitte, wirf mir einmal den Rock heruͤber.“ Wenige Worte noch genuͤgten, Mainwaring mit all' dem Vorher⸗ gegangenen bekannt zu machen; dieſer aber ſeufzte, als ſein Freund geendet hatte:„Ich wollte ich koͤnnte mit.“ „Wirklich? Nun Sir Miles brauchte nur noch ſo einen Brief an die Leibwache zu ſchreiben; aber nein, Du biſt zu Beſſerem be⸗ ſtimmt als Futter fuͤr Pulver; und uͤberdieß, Deine Lucretia. Hol's der Henker, es thut mir doch leid, daß ich nicht noch laͤnger hier bleiben kann, um ſie, wie ich verſprochen hatte, zu erforſchen, doch eigentlich habe ich auch genug geſehen, um wenigſtens zu wiſſen, daß ſie Dich liebt. Ach— wie Du die Blumen mit ihr tauſchteſt— Du glaubſt wohl, ich haͤtte Dich nicht geſehn, ja ich war ſchlau, eh? Mit Vernon ſpielte ſie nur Komoͤdie, ſo viel weiß ich. Aber hoͤre, weißt — Bulwer, Lucretia. I. 7 Du wohl, Will, geſprochen hat— die Thraͤnen kamen mir ordentlich in die Augen — weißt Du wohl, daß ich ſeitdem faſt boͤſe auf Dich bin, weil Du dem Maͤdchen hilfſt, ihn zu hintergehen?— ja auch boͤſe auf mich ſelbſt— und—“ Hier trat ein Bedienter ein und ſagte, ſich an Mainwaring wen⸗ dend, er haͤtte ihn ſchon uͤberall geſucht— Sir Miles wuͤnſche ihn in ſeinem Zimmer zu ſprechen. Mainwaringerſchrak wie ein Verbrecher, Ardworth fluͤſterte ihm aber zu:„Fuͤrchte nichts— er hat auf D Dich nicht den mindeſten Verdacht, das bin ich feſt uͤberzeugt. Aber, komm, gib mir die Hand, wann werden wir uns wohl wiederſehen? Son⸗ derbar iſt's dabei auch, daß ich, nach jeder Theorie Republikaner, nun Koͤnig Georgs Sold nehme, um gegen die Franzoſen zu kaͤmpfen; doch jetzt iſt freilich nicht die Zeit uͤber ſolche Widerſpruche zu philo⸗ ſophiren. John— oder Tom, wie heißt Ihr? kommt, hebt Euch einmal den Mantelſack auf die Schulter und folgt mir!“ Und ſo geſund und kraͤftig, voll Hoffnung und Frohſinn, ging John Walter Ardworth ſeiner neuen Laufbahn entgegen Indeſſen folgte Mainwaring langſam dem Rufe Sir Miles'. Als er ſich der Gallerie naͤherte, traf er Lucretia, die eben aus ihrem eignen Zimmer kam.„Sir Miles hat nach mir geſchickt“, ſagte er zu ihr, mit Leb ituRscbollemn Blick— weiter blieb ihm aber keine Zeit, denn der Diener ſtand, bereit ihn zu ſeinem Herrn zu fuͤhren, an der Thuͤr der Gallerie. „He— huͤte Deine Zunge, daß Sie uns nicht verraͤth— ar uch Deine N Blicke“ fluͤſterte Lucretia ſchnell—„nachher treffe ich Dich bei den Cedern.“ Sie ging der Treppe zu und blickte zu der dort angebrachten Wanduhr empor.„Eilf vorbei— Vernon erſcheint nie vor zwoͤlf. Ich muß ihn ſprechen, ehe mich mein Oheim rufen laͤßt, was ſicher⸗ lich geſchieht, wenn er Verdacht geſchoͤpft hat.“ Sie blieb ſtehen, kehrte in ihr Zimmer zuruͤck, ſchellte ihrem Kammermaͤdchen, kleidete daß ich, ſeit Sir Miles wirklich ſo herzlich mit mir 2 99 ſich wie zu einem Spaziergang an, und ſagte hingeworfen:„Wenn Sir Miles nach mir fragen ſollte— ich— ich bin auf die Rektorei gegangen und werde wahrſcheinlich durch das Dorf zuruͤckkehren, ſo daß ich etwa um Eins wieder hier bin.“ Der Rektorei ſchritt auch Lucretia zu, aber auf halbem Wege drehte ſie um, und, die An⸗ pflanzung hinter dem Hauſe durchſchneidend, erwartete ſie auf der Bank unter den Cedern Mainwaring, der ſich auch bald ihr anſchloß. Sein Antlitz war aber traurig und nachdenkend, und als er ſich an ihrer Seite niederließ, geſchah es mit einem ſolchen Schmerz in ſei⸗ nem ganzen Weſen, daß es ſie zugleich erſchreckte und beunruhigte. „Nun?“ frug ſie aͤngſtlich, als ſie ihre Hand auf die ſeinige legte. „Oh, Lucretia“ rief er aus, und druͤckte dieſe Hand, aber mit einer Empfindung, deren Schoͤpferin nicht die Liebe war,„oh, Lucretia, wir — oder vielmehr ich, habe gar unrecht gehandelt. Ich bin die Urſache geweſen, daß Du Deines Onkels Vertrauen verriethſt, daß ſich Deine Dankbarkeit gegen ihn in Heuchelei verwandelte. Ich habe meiner ſelbſt unwerth gehandelt. Ich bin arm— bin niedrig geboren, aber— bis ich hierher kam, war ich reich und ſtolz an Ehre. Jetzt nicht mehr. Lucretia— verzeihe mir— verzeihe mir— aber — laß den Traum voruͤber ſein— wir duͤrfen nicht laͤnger alſo ſuͤndigen, denn das iſt Suͤnde und die entſetzlichſte Suͤnde— Ver⸗ rath. Wir muͤſſen ſcheiden— vergiß mich.—“ „Dich vergeſſen? nie— nie— nie!—“ rief Lucretia mit zwar unterdruͤckter, aber dadurch nur um ſo leidenſchaftlicherer Hef⸗ tigkeit; ihr Buſen hob ſich, ihre Haͤnde, als er die eine, die er bis jetzt gehalten, los ließ, preßte ſie zuſammen, doch ihre Augen ſtanden voll Thraͤnen, und ihr ganzes Weſen wandelte ſich ploͤtzlich, wenn auch von Leidenſchaft und Verzweiflung erregt, in Wehmuth und Schmerz. „Oh, William— ſage, was Du willſt— mache mir Vorwuͤrfe— ſchilt— verachte mich, denn mein iſt all' die Schuld, aber ſprich das 7* eine Wort nicht aus ſcheiden. Dich habe ich gewaͤhlt, Dich mir von Allen ausgeſucht, um Dich habe ich, wenn Du ſo willſt, ge⸗ worben; aber an Dir haͤnge ich auch, Du, Du biſt mein Alles— Alles, was mich— vor mir ſelbſt ſchuͤtzt“— ſetzte ſie leiſe und ſchaudernd hinzu.„Deine Liebe— o Du weißt, Du ahnſt nicht, was mir dieſe Liebe iſt— wußte ich es doch bis jetzt kaum ſelbſt; aber jetzt, jetzt fuͤhle ich es in ſeiner ganzen fuͤrchterlichen Kraft, jetzt, da Du das eine Wort ausſprachſt— ſcheiden.“ Erregt, erſchuͤttert von dieſer derbendenn Nebe⸗ bog Mainwaring ſein Antlitz nieder, und barg es in ſeinen Haͤnden. Er fuͤhlte ſie von den ihrigen gefaßt und niedergezsgen, gab nach und ſah ſie zu ſeinen Fuͤßen— knieen. Sein Gefuͤhl— ſeine Dankbarkeit— ſein Herz Alles von dem Anblick des ſonſt ſo ſtol⸗ zen Weſens ergriffen, uͤbermannte ihn— er oͤffnete die Arme, und ſie ſank an ſeine Bruſt. „Du willſt nie— nie wieder das Wort ſcheiden ausſprechen, William?“ ſchluchzte ſie convulſiviſch. „Was aber ſollen wir thun?“ „Sage mir erſt, was zwiſchen Dir und meinem Onkel vo gefallen.“ „Wenig zu erzaͤhlen— ich kann 2 orte, nicht Ton und Blicke wiederholen. Sir Miles ſprach zuerſt guͤtig und zuvorkommend mit mir, redete von meinen Ausſichten und meinte, es ſei Zeit, daß ich mir eine Eriſtenz gruͤnde, aͤußerte aber auch einige Worte, und zwar mit drohender Betonung, gegen das, was er„thoͤrichte Traͤume und wil⸗ den Ehrgeiz“ nannte, und wurde, da ich die Farbe wechſelte— denn ich fuͤhlte ſelbſt, wie ich erbleichte— ernſt und ſogar abſtoßeud gegen mich. Lucretia, wenn er unſer Geheimniß noch nicht entdeckte hat er wenigſtens faſt mehr als Verdacht uͤber meine Anmaßung geſchoͤpft. Endlich ſchloß er ziemlich trocken, daß ich lieber nach Hauſe zuruͤckkehren n, und mich mit meinem Vater berathen moͤchte, er ſelbſt haͤtte dann, wenn ich vielleicht den Staatsdienſt irgend einer kauf⸗ 101 maͤnniſchen Beſchaͤftigung vorziehen ſollte, wie er glaube hinlaͤng⸗ lichen Einfluß, meine Ausſichten zu foͤrdern. Nur das Eine wurde mir aber klar und deutlich— daß meines Bleibens hier nicht laͤnger ſein kann.“ „Erwaͤhnte er meiner?— Mr. Vernons?“ „Ach Lucretia, kennſt Du ihn, kennſt Du ſein Zartgefuͤhl, ſeinen Stolz ſo wenig?“ Lucretia ſchwieg und Mainwaring fuhr fort. „Ich fuͤhlte, daß ich verabſchiedet war, beurlaubte mich von Dei⸗ nem Oheim, und kam in der einzigen Abſicht hierher, Dir Lebewohl zu ſagen. „Nein— nein— der Gedanke iſt voruͤber, aber Du kehrſt zu Deinem Vater zuruͤck. Vielleicht iſt's auch beſſer ſo— die Hoffnung bleibt uns ja doch, und in Deiner Abweſenheit kann ich um ſo leichter jeden Verdacht zerſtoͤren, wenn ſolcher wirklich erwacht ſein ſollte. Aber Du mußt mir ſchreiben, wir muͤſſen uns wenigſtens ſchriftlich unterhalten, und— nicht wahr William— theurer William— Du ſchreibſt oft— recht oft— und recht freundlich und herzlich— ſchreibſt, daß Du mich liebſt— in jedem Briefe— daß Du mich ewig, ewig lieben und geduldig ſein und mir vertrauen willſt?“ „Theure Lucretia“ ſagte Mainwaring zaͤrtlich und durch das tiefe Gefuͤhl ihrer innigen, bittenden Stimme ergriffen.„Du ver⸗ gißt aber, daß die Briefe ſtets Sir Miles zuerſt eingehaͤndigt werden — er wuͤrde meine Hand erkennen, und wem duͤrfteſt Du Deine eige⸗ nen anvertrauen?“ „Wahr,“ erwiderte Lucretia traurig und ſah ſchweigend vor ſich nieder, ploͤtzlich aber hob ſie ihr Antlitz zu ihm empor und rief: „Deines Vaters Haus iſt nicht weit von hier— kaum zehn Meilen, an dem entfernten Ende des Parks werden wir aber irgend einen Platz finden, dicht an dem Wege, der durch das große Gehoͤlz fuͤhrt, wo ich meine Briefe verbergen, die Deinigen abholen kann.“ „Doch das darf nur ſelten geſchehen— wenn mich einer von Sir Miles Di uer ſaͤhe,— wenn—“ h William, William, das iſt nicht die Spraihe der Liebe.“ „Verzeihe mir— ich dachte nur an Dich— „Liebe denkt an Nichts, als an ſich ſelbſt— ſie iſt tyranniſch— egoiſtiſch— ja vergißt ſelbſt den Gegenſtand in ihrer Gluth. Durch Gefahr aber wird ſie nur genaͤhrt, Schwierigkeit vermehrt nur ihre Staͤrke“ ſagte Lucretia, und waͤhrend ſie ihre Locken zuruͤckwarf und mit laͤchelndem Blick zu ihm aufſchaute, fuhr ſie fort: „Fuͤrchte nicht fuͤr mich— ich ſelbſt bin vorſichtig genug— und — ja— ſelbſt waͤhrend ich mit Dir ſprach, habe ich den Verſteck fuͤr unſere Liebesboten gefunden. Du erinnerſt Dich jener hohlen Eiche, unten in der Schlucht— dieſelbe, in welcher ſich Goy St. John der Chevalier von Fairfar Soldaten verborgen haben ſoll; an jedem Montage werd' ich einen Brief in jns Huhlurg verbergen; an jedem Dienſtag kannſt Du ihn dort holen und den Deinigen dafuͤr zuruͤck⸗ laſſen. Das iſt nur einmal die Woche, und ſicherlich nicht gefaͤhrlich.“ Mainwarings Gewiſſen machte ihm noch immer Vorwuͤrfe, er beſaß aber nicht die Kraft dem ernſten energiſchen Weſen Lucretia's zu widerſtehen. Die Staͤrke ihres Charakters beſiegte die ſchwache Seite ſeines eigenen, ſein Zartgefuͤhl— ſeine Furcht ihr weh' zu thun, ſeine Unfaͤhigkeit ein ernſtes nein zu ſagen— die Urſache alles Elends fuͤr den Schuͤchternen. Noch wenige Worte voll Muth, Vertrauen und Leidenſchaft von ihrer— andere, halb zuruͤckhaltend und doch voll inniger dankbarer Liebe, von ſeiner Seite, und die Verlobten ſchieden. Mainwaring hatte ſchon vorher den Befehl hinterlaſſen, ihm den Koffer nach ſeines Vaters Haus zu ſenden, und als ein tuͤchtiger Fuß⸗ gaͤnger, et er jetzt gerade durch den Park, paſſirte die Schlucht und den hohlen Baum— gewoͤhnlich Guys Eiche genannt— und wanderte dann durch Holz und golden reifende Saatfelder, der Stadt zu, in deren Mitte breit, maſſiv und ſtattlich, das achtbare Wohngebaͤude 103 ſeines thaͤtigen, geſchaͤftigen, ſtets Wahlbetreibenden Vaters ſtand. Lucretia's Auge folgte ſeiner Geſtalt, ſo ſchoͤn und edel wie ſie je einer Jungfrau Blick gefeſſelt, bis ſie hinter den laubigen Buͤſchen verſchwunden war, dann aber, als ſie wieder aus dem Schatten der Cedern in den offenen Theil des Gartens trat, war auch die ſonſt ihren Zuͤgen eigene, gedankenvolle Ruhe ganz auf ihr Antlitz zuruͤck⸗ gekehrt. Auf der Terraſſe wurde ſie Vernon gewahr, der eben aus ſeinem Zimmer, wo er ſtets allein fruͤhſtuͤckte, gekommen war, und nun gedankenlos auf einer Bank ausgeſtreckt lag und ſich einzig und allein zu ſonnen ſchien. Wie alle aber, die ihr Leben im Uebermaß genoſſen, war Vernon nicht derſelbe Mann des Morgens als Abends. Jener Geiſt, der ſich in der dritten Stunde Nachmittags zu einer maͤßigen Waͤrme erhob und erſt dann an zu ergluͤhen fing, wenn die Kerzen froͤhliche Zechergruppen beſchienen, zeigte ſich Morgens matt und erſchoͤpft. Mit hohlen Augen und jenem Erſchlaffen der Backen⸗ muskeln, das den Verehrer des heitern Weingotts, den geſelligen „Drei Flaſchen Mann“ verraͤth, zwang Charles Vernon, als er ſich mit augenſcheinlicher Anſtrengung erhob und drei Finger gegen ſeine Couſine ausſtreckte, ein Laͤcheln auf die bleichen Lippen, das im Ganzen ungezwungen, aber jetzt auch ſchelmiſch ausſehen ſollte. „Und wo haſt Du Dich verſteckt gehalten, mein Bluͤmchen? Den ſanften Hauch von den Roſen geſtohlen? Du haſt ſchon genug der Farbe, nicht die Idee zu viel; und Sir Miles Diener iſt indeſſen nach der Rektorei, der fette Laͤufer keucht dem Dorfe entgegen und ich ſelbſt, wie eine trene Wacht, ſtehe hier auf dem Poſten und Alle, Alle ſehen ſich nach dem ſchoͤnen Fluͤchtling um.“ „Wer aber hat nach mir verlangt, Couſin?“ ſagte Lucretia mit dem vollen Spiel ihres reizenden, bezaubernden Laͤchelns. „Seiner Ausſage nach verlangt Dich der Ritter von Laughton, o Dame, aber der Ritter vom blutenden Herzen, moͤchte ſich noch heißer nach Dir ſehnen; darf er es geſtehen?“ Und mit einer Hand, die ein klein wenig zitterte— wenn auch nicht von Liebe, denn ſie zitterte immer etwas von dem Madeira beim Fruͤhſtuͤck— hob er die ihrige an ſeine Lippen.“ „Wieder Schmeicheleien— Worte— leere Worte,“ ſagte Lu⸗ cretia, indem ſie verſchaͤmt vor ſich nieder ſah. „Wie kann ich Dich anders von meiner Aufrichtigkeit uͤberzeugen, Maͤdchen von Laughton, wenn Du nicht mein ganzes Leben als ihr Unterpfand nehmen willſt?“ Und ſehr muͤde von dem langen Stehen, zog ſie Charles Vernon leiſe auf die Bank nieder, und ſetzte ſich an ihre Seite. Lucretia's Augen hafteten noch immer auf dem Boden und da ſie kein Wort erwiderte, ſo fuͤhlte Jener, der ein Gaͤhnen unterdruͤckte, daß er fort⸗ fahren muͤſſe. In Lucretia's Benehmen lag aber nicht das mindeſte, was ihn haͤtte abſchrecken koͤnnen, und bei ſich ſelbſt dachte er— „Hilf Himmel, ich werde die Erbin am Ende doch noch neh⸗ men muͤſſen; nun, je eher es abgemacht iſt, deſto ſchneller kann ich nach Brookſtreet zuruͤckkehren.“ „Es moͤchte fuͤr Voreiligkeit gelten, meine ſchoͤne Couſine,“ ſagte er endlich laut,„daß ich nach kaum woͤchentlichem Beſuch und nur vierzehn oder hoͤchſtens fuͤnfzehnſtuͤndiger naͤheren Freundſchaft und Vertraulichkeit ſchon frei herausſage, was mich am meiſten beſchaͤf⸗ tigt, wir Verſchwender ſind aber in Nichts, nicht einmal im Werben zuruͤckhaltend. Bei der ſuͤßen Venus denn, mein liebes Couſinchen, Du ſiehſt verfuͤhreriſch ſchoͤn aus und Sir Miles, Dein guter Onkel, will mir unter der Bedingung alle meine Thorheiten und Fehler ver⸗ geben, daß Du ſelbſt das leichte Geſchaͤft uͤbernimmſt mich zu beſſern. Willſt Du das, mein ſchoͤnes Couſinchen? wie ich bin, ſiehſt Du mich hier; ich bin kein Suͤnder in dem Rocke eines Heiligen— mein Ver⸗ moͤgen iſt dahin— meine Geſundheit nicht uͤbermaͤßig ſtark, eine junge Wittwe iſt aber auch kein uͤbler Stand und ſo lange ich geſund bin, bin ich froͤhlich, gutmuͤthig, wenn krank, und habe nie ein Ver⸗ trauen mißbraucht. Willſt Du Dich mir ſelber anvertrauen?“ Das war eine lange Rede, und Charles Vernon freute ſich, als er ſie uͤberſtanden hatte. Es lag auch ſo viel Ehrlichkeit darin, daß ſie ſelbſt ein ihm verſchloſſenes Herz beruͤhrt haben muͤßte, waͤhrend zugleich ein augenblickliches, aber wirklich aͤchtes Gefuͤhl ſeinen Augen Glanz, ſeinen Wangen Farbe verlieh. Trotz all' der Ver⸗ wuͤſtung, die ein wildes Leben in ſeinen Zuͤgen angerichtet, war ihm doch etwas Intereſſantes, etwas Maͤnnliches in Ton und Bewegung geblieben; Lucretia hoͤrte aber nur das Eine in ſeinen Worten, ihr Oheim hatte in ſeine Werbung gewilligt; das war Alles, was ſie zu wiſſen wuͤnſchte, und gegen das ſuchte ſie ſich nun zu ſchuͤtzen. „Ihr Vertrauen, Mr. Vernon,“ erwiderte ſie ihm, ohne jedoch ſeinem Blick zu begegnen—„erweckt Vertrauen. Ich darf mich nicht ſtellen, als waͤren mir Ihre Worte dunkel geblieben, aber Sie haben mich uͤberraſcht— ich war hierauf ſo wenig vorbereitet,— geben Sie mir Zeit— ich muß mich ſammeln— muß überlegen.“ „Mein beſtes Couſinchen— auf dem Lande iſt es ungemein langweilig zu uͤberlegen, ſo etwas thut ſich viel beſſer in der Stadt.“ „So will ich damit warten, bis ich wieder in der Stadt bin.“ „Oh, Du machſt mich zum Gluͤcklichſten, zum Dankbarſten aller Sterblichen!“ rief Mr. Vernon, und hob ſich mit einer halben Kniebeugung empor, was etwa ſagen zu wollen ſchien als: Nehmen Sie hiermit an, daß ich vor Ihnen auf den Knieen gelegen habe, wie etwa ein hochmuͤthiger Feind mit einer entſprechenden Be⸗ wegung der Hand ſagen wuͤrde:„Betrachten Sie ſich hiermit als gepeitſcht.“ Lucretia, die, trotz all' ihrem Verſtand, nicht die Faͤhigkeit beſaß, ſolche Sache von der humoriſtiſchen Seite aufzunehmen— bog ſich zuruͤck und erwiderte mit unverkennbarem Erſtaunen und ſtrengem Ernſt: „Ich verſtehe Sie nicht, Mr. Vernon.“ „So erlaube mir wenigſtens, holde Blume, den ſuͤßen Glauben, mir ſchmeicheln zu duͤrfen, Dich verſtanden zu haben,“ entgegnete Charles Vernon mit unverwuͤſtlicher Zuverſicht,„Du willſt mit Ueberlegen warten, bis Du in der Stadt biſt, das ſoll heißen bis zu dem Tag nach unſeren Flitterwochen, wenn Du im Freudenfeſt erwachſt.“ Ehe ihm Lucretia hierauf antworten konnte, ſah ſie den raſtloſen Diener ihres Vaters mit abgemeſſenen Schritten und der, ſchon ge⸗ ahnten, Botſchaft nahen, daß Sir Miles ſie zu ſprechen wuͤnſche. Sie erwiderte fluͤchtig, daß ſie ſogleich bei ihrem Onkel erſcheinen wuͤrde, und wandte ſich dann, als der Laquai zu dem Hauſe zuruͤck⸗ gekehrt war, mit einem etwas erzwungenen Verſuch von Freimuͤthig⸗ keit an ihren Bewerber. „Mr. Vernon,“ ſagte ſie dabei,„wenn ich auch Ihre Worte mißverſtanden habe, ſo glaube ich doch nicht, daß ich mich in Ihrem Charakter irre. Sie werden auf keinen Fall von meiner Liebe fuͤr meinen Oheim Vortheil ziehen und mich durch den Gehorſam, den ich ihm ſchulde, zu einem Schritte zwingen wollen, von dem ich— von dem ich die Folgen noch nicht im Stande war, zu erwaͤgen. Wenn Sie wirklich wuͤnſchen, daß auch mein Gefuͤhl, auch mein Herz ge⸗ gefragt werde bei dieſer Verbindung, wenn ich mich nicht ſoll— verzeihen Sie mir den Ausdruck— als ein Opfer betrachten, das dem Familienſtolz meines Vormunds und dem Intereſſe meines Bewerbers gebracht wird—“ „Madame!“ rief Vernon, waͤhrend ihm das heiße Blut in Wangen und Schlaͤfe ſtieg. Zufrieden mit der Wirkung, die ihre Worte hervorgebracht, fuhr Lucretia ruhig fort—„wenn ich, mit einem Worte, freies Spiel bei einer Wahl haben ſoll, von der das ganze Gluͤck meiner Zukunft abhaͤngt, ſo treiben Sie Sir Miles für den Augenblick nicht weiter, halten Sie ſelbſt mit Ihrer Werbung um mich ein. Geben Sie mir nur wenige Monate Zeit und ich werde dann wiſſen, wie ich Ihre De⸗ licateſſe zu wuͤrdigen habe. „Miß Clavering,“ entgegnete Vernon mit einem Anflug des St. John Stolzes,„ich bin in Verzweiflung, daß Sie einen ſolchen 107 Anruf an meine Ehre auch nur fuͤr noͤthig hielten. Wohl kenne ich Ihre Ausſichten und meine eigene Armuth, aber glauben Sie mir, lieber wollte ich in einem Gefaͤngniß verfaulen, ehe ich mich dadurch bereicherte, Ihrer Neigung Zwang anzuthun. Sagen Sie ein Wort, und ich ſelbſt will(wie es mir als Gentleman und Mann von Ehre zuſteht) Sie vor jeden weitern Folgen des Unwillens Ihres Onkels ſchuͤtzen, indem ich es auf mich nehme, eine Ehre zuruͤckzuweiſen, die ich, wie ich recht gut weiß, ohnedies nicht verdiene.“ „Ich habe Sie gekraͤnkt,“ fluͤſterte Lucretia, waͤhrend ſie leiſe den Kopf wandte, das froͤhliche Blitzen ihrer Augen zu verbergen; „verzeihen Sie mir, und zum Beweis, daß Sie es thun, geben Sie mir Ihren Arm bis zu meines Onkels Zimmer.“ Vernon, mehr jedoch mit der von Sir Miles etwas veralteten For⸗ malitaͤt als ſeiner ihm ſonſt eigenen Nonchalance bot, ſich tief verbeu⸗ gend, ſeiner Couſine den Arm, und ſie ſchritten ſo zuſammen dem Hauſe zu; aber kein Wort wurde auf dem ganzen Wege, ſelbſt bis ſie in die Gallerie kamen, zwiſchen ihnen gewechſelt, dann erſt ſagte Vernon: „Aber, Miß Clavering, was iſt Ihr Wunſch— auf welchem Fuße werd' ich fortan in dieſem Hauſe bleiben?“ „Wollen Sie mir erlauben Ihnen das vorzuſchreiben?“ erwi⸗ derte Lucretia und blieb dann ploͤtzlich in trefflich erkuͤnſtelter Ver⸗ wirrung ſtehen, als ob ſie in dieſem Augenblicke erſt fuͤhle, wie das Recht zu befehlen auch das Recht zu hoffen gaͤbe. „So betrachten Sie mich wenigſtens als Ihren Sklaven,“ fluͤſterte Vernon, waͤhrend ſein Auge auf den herrlichen Conturen des makelloſen Halſes ruhte, der theilweiſe, aber ſehr vortheilhaft von ihm abgewandt war. Jetzt erſt begann er auch mit ſeiner ihm uͤber⸗ haupt eigenthuͤmlichen Bewunderung fuͤr das Geſchlecht ein Intereſſe an dem Erfolge ſeiner Werbung zu nehmen, die ihn nicht allein ihres Widerſtands wegen feſſelte, ſondern auch ſeiner Selbſtliebe ſchmeichelte. „Dann werde ich mich dieſes Vorrechts bedienen, wenn wir uns wider treffen,“ erwiderte Lucretia, und ihren Arm leiſe dem ſeinigen entziehend, ſchritt ſie die Gallerie entlang, auf ihres On⸗ kels Zimmer zu und ließ Vernon etwa in der Mitte ſtehen. Die verblichenen Gemaͤlde ſchauten aber mit jenem ſtillen, me⸗ lancholiſchen Ernſt auf ſie nieder, der den Bildern unſerer todten Voreltern ſtets einen ſo eigenthuͤmlichen, faſt unheimlichen Zauber verleiht. Fuͤr wackere und edle Herzen gibt es dabei keinen ſtaͤrkere Mahnung zu Treue und Ehre, als eben dieſe ſtumme und doch ſo beredte Leinwand, von der herab uns unſere Vaͤter, ſeit langen Jah⸗ ren faſt unſere Herzensgoͤtter— ſtill und mahnend betrachten. Sie ſcheinen uns ihre reinen, unbefleckten Namen anzuvertrauen— ſie ſprechen zu uns aus ihrem Grabe, und wenn wir nur hoͤren wollen, ſo wird gerade unſer Familienſtolz der Schutzengel unſeres Lebens. Lucretia aber, mit ihrem herben, unbeugſamen Geiſt, haßte, als die aͤrgſte, unverzeihlichſte Schwaͤche all' jene Poeſie, die aus dem Gefuͤhl reiner Abſtammung entſprang, und verachtete ſelbſt die Stolzeſte der Stolzen, Tugend, Tapferkeit und Weisheit derer, die vor ihr ge⸗ gelebt. So wandelte ſie mit Betrug und Argliſt im Herzen hin, unter den Augen der einfachen ſchuldloſen Todten. Vernon, ſo ploͤtzlich ſich ſelbſt uͤberlaſſen, blieb noch einige Se⸗ cunden ſtehen und dachte uͤber das nach, was zwiſchen ihm und der Erbin verhandelt worden, dann aber, als er langſam wieder zu⸗ ruͤckſchritt, glitt ſein Auge uͤber die ſtattlichen Traͤger ſeines Namens, und er murmelte leiſe vor ſich hin: „Beim Himmel, haͤtte ich meine Knabenzeit hier in dieſer alten Gallerie verlebt, ſo wuͤrde Se. Koͤnigliche Hoheit wohl einen guten Geſellſchafter und harten Trinker verloren, Se. Majeſtaͤt aber viel⸗ leicht einen beſſeren Soldaten, auf jeden Fall einen beſſeren Untertha⸗ nen gewonnen haben. Wenn ich dieſe Dame heirathe und wir werden 109 durch einen Sohn geſegnet, ſo ſoll er mir, ehe er in das Lateiniſche hineingepruͤgelt wird, einmal durch dieſe Gallerie gehen.“ Lucretia's Unterredung mit ihrem Oheim war ein Meiſterſtuͤck der Kunſt. Wie ſchade aber, daß ſolch ſchlauer, gewandter Geiſt in unſerer kleinlichen Zeit und an ſolchen aͤrmlichen Gegenſtand ver⸗ ſchwendet wurde, unter den Medicis haͤtte dieſer ſich ſeine Geſchichte erſchaffen. Von ihres Oheims Offenheit uͤberzeugt, daß er ihr augen⸗ blicklich die Urſache enthuͤllen wuͤrde, deretwegen ſie ſchon vermuthete gerufen zu ſein, blieb ſie auch ganz ruhig, als er, ſie zaͤrtlich kuͤſ⸗ ſend, frug,„Ob Charles Vernon Hoffnung habe, ihre Gunſt je ge⸗ winnen zu koͤnnen.“ Sie wußte jetzt, das ſie mit einem einfachen„Nein“ ſicher war, denn ihr Oheim hatte ihrer Neigung nie Zwang angethan. Sicher heißt das, ſoweit es⸗ Vernon betraf, aber ſie wollte mehr, ſie wollte auch jeden Verdacht beſeitigen, daß ihr Herz vielleicht ſchon vergeben waͤre, ſie wollte aus Sir Miles Gedanken Mainwaring's Bild gaͤnzlich verbannen, denn die Zuruͤckweiſung eines Liebhabers konnte ſonſt des Baronets Verdacht leicht auf die Verheimlichung eines Anderen bringen. Ueberdies konnte ja auch Sir Miles wuͤnſchen, ſie noch vor ſeinem Tode verheirathet zu ſehen, und das mußte ſie denn der Bewerbung neuer Candidaten ausſetzen, die vielleicht ſchwieriger abzuweiſen waren, als Vernon. Dem zu begegnen ſollte ihr dieſer ein Schild gegen alle uͤbrigen, noch moͤg— lichen Feinde werden, und als Sir Miles daher ſeine Frage wieder⸗ holte, ſo antwortete ſie freundlich und mit anſcheinender Beſcheiden⸗ heit, daß„Mr. Vernon Manches haͤtte, was fuͤr ihn ſpraͤche, ja das ſogar, fuͤr ſie das Hoͤchſte, ihres theuern Onkels Fuͤrwort und Bei⸗ ſtimmung, aber“— und ſie zoͤgerte mit natuͤrlichem und wohl zu entſchuldigendem Mißtrauen—„war nicht Mr. Vernon ein Lebe⸗ mann?— leichtſinnig und ſeinen Vergnuͤgungen ergeben?— So ſagte man wenigſtens, denn ſie ſelbſt wußte es nicht— und war er wirklich geſonnen, ſich zu beſſern? Sie wollte ihr Gluͤck in ihres — 110 Oheims Haͤnde legen— aber— keimten in jenes Mannes Buſen in der That ſo gute Vorſätze, war es da nicht zweckmaͤßig, ja ſogar nothwendig, ihn erſt zu pruͤfen, und zwar zu pruͤfen, wo ihn Ver⸗ fuͤhrung wirklich umgab? nicht in der ſtillen laͤndlichen Ruhe Laugh⸗ tons, ſondern in ſeinen eigenen Umgebungen, in London? Sir Miles hatte Freunde dort, die ihm gewiß das Reſultat ehrlich und aufrichtig mittheilen wuͤrden. Doch dies war von ihrer Seite nur ein Vorſchlag, ſie uͤberließ das Alles ihres theueren Oheims Er⸗ fahrung, ſeinem Gefuͤhl fuͤr Recht und ſeiner Liebe zu ihr.“ Der gute alte Mann, von ihrer ſcheinbaren Folgſamkeit geruͤhrt und zugleich von ſolcher Klugheit entzuͤckt, die ein richtiger Urtheil ge⸗ ziegt, als er es ſelbſt bewieſen, ſchloß ſie in ſeine Arme und vergoß Thraͤnen, indem er ſie lobte und ihr dankte.—„Sie hatte, wie immer, zum Beſten entſchieden und der Himmel verhuͤte es, daß ſie einem unheilbar Vergnügungsſuͤchtigen zum Opfer fiele.“ „Und“— fuhr nun der wackere, offenherzige alte Herr, der nicht im Stande war, etwas, was ihn bedruͤckte, lange zu verber⸗ gen, fort,„ordentlich weh thut mir's, daß ich, und wenn auch nur fuͤr einen einzigen Augenblick, meinem eigenen, edlen Kinde ſolch Unrecht thun— daß ich, thoͤrigt genug, glauben konnte,— das gute Ausſehen jenes Knaben Mainwaring haͤtte es, ſelbſt nur auf kurze Zeit, vergeſſen laſſen, was— doch Du wechſelſt die Farbe—“ Er hatte recht— Lucretia liebte zu heiß und innig, um nicht, trotz all' ihrer Verſtellungskunſt bei der ſo ploͤtzlichen Nennung des theueren Namens, zuruͤckzubeben.— „Oh“— fuhr der Baronet da fort, indem er ſie jetzt nur noch feſter an ſich zog, ihr Kinn aber emporhob, um ſo viel deutlicher den Ausdruck ihrer Zuͤge erkennen zu koͤnnen,„oh, iſt es wirklich ſo ge⸗ weſen, iſt es noch ſo, dann will ich Dich, mein Kind, bedauern, nicht tadeln, denn meine eigene Nachlaͤſſigkeit trägt die Schuld— be⸗ mitleiden will ich Dich, denn einen aͤhnlichen Kampf habe ich ſelbſt gekaͤmpft, und in dieſem Mitleid Dich noch bewundern, denn Du 111 haſt den Geiſt Deiner Vorfahren und wirſt dieſe Schwaͤche beherr⸗ ſchen. Sprich— nicht ſo, ich habe die Wahrheit beruͤhrt? ſprich ohne Furcht mein Kind, Du haſt keine Mutter mehr, aber im Al⸗ ter bekommt auch der Mann oft einer Mutter Herz.“ Ueberraſcht und beſtuͤrzt war Lucretia geweſen, wie die Lerche, wenn ſich der Schritt eines Feindes ihrem Neſte naͤhert, aber all' die dunkele Liſt ihrer Natur rief ſie zu Huͤlfe, den, der den Schleier ihres Heiligthums zu luͤften wagte, irre zu fuͤhren. „Nein Onkel, nein, ich bin nicht ſo unwürdig— Du haſt das, was mich erregte, mißverſtanden.“ „Ach— Du wußteſt denn, daß er die Frechheit gehabt, Dich zu lieben, der Bube— Du wußteſt es, und fuͤhlſt nun daſſelbe Mitlei⸗ den fuͤr ihn, was Ihr Frauen in ſolchem Falle immer fuͤhlt? War es das?“ Schnell uͤberlegte Lucretia, ob es klug gehandelt ſein wuͤrde, ihn in dieſem Wahne zu laſſen. Einerſeits entſchuldigte es jene augenblickliche Schwaͤche, und wenn Mainwaring je einmal beim Umtauſch der Briefe in der Naͤhe des Gutes entdeckt wurde, ſo L 2* konnte das fuͤr die thoͤrichte hoffnungsloſe Romantik der Jugend ge⸗N halten werden, die, wenn auch nur die Heimath des geliebten Ge⸗ genſtandes umkreiſt. Aber nein— andrerſeits haͤtte es ſeine Ver⸗ bannung auch feſt und unwiderruflich beſtaͤtigt. Ihr Entſchluß war daher mit ſolcher Schnelle gefaßt, daß die dadurch entſtandene Pauſe kaum bemerklich wurde. „Nein, mein theurer Oheim,“ ſagte ſie ſo heiter und unbefangen, daß es auf einmal jeden Zweifel aus dem Herzen des alten Mannes bannte—„nein, wahrlich nicht, aber Monſteur Dalibard hat mich fruͤher deshalb geneckt, und ich war damals ſo aͤrgerlich auf ihn, daß ich, als Sie die Sache erwaͤhnten, mehr an meinen Zank, als an den armen ſchuͤchternen Mr. Mainwaring ſelbſt dachte. Nicht wahr, Sik— geſtehen Sie es nur, Monſteur Dalibard hat Sie ebenfalls auf dieſen wunderlichen Gedanken gebracht.“ „Nein, in der That nicht.— Ei bewahre— haͤtte er ſich dieſe Freiheit erlaubt, ſo waͤre ich jetzt um einen Bibliothekar aͤrmer— 8 6 wirklich nicht— eher Vernon. Du weißt, wahre Liebe iſt eifer⸗ ſuͤchtig.“ „Vernon“— dachte Lucretia— der muß fort, und das ſogleich. Aus ihres Oheims Arm dann auf den Seſſel zu ſeinen Fuͤßen nieder⸗ gleitend, fuͤhrte ſie die Unterhaltung zu dem Kapitel zuruͤck, von dem ſie ausgegangen war, und als ſie endlich das Zimmer verließ, ge ſchah es nun nach dem vollſtaͤndigen Uebereinkommen, daß, ohne weitere feſte Zuſicherung oder Verweigerung, Mr. Vernon ungeſaͤumt nach London zuruͤckkehren ſolle, um dort einer Probe unterworfen zu werden, 5 5 die er, wie ſie feſt uͤberzeugt war, ſchwerlich beſtehen wuͤrde. 5 L Viertes Kapitel. Guy's Eiche Drei Wochen nach den eben erzäaͤhlten Vorfaͤllen ſchien das Leben in Laugthon ganz wieder zu ſeiner fruͤhern heitern, wenn auch etwas gleichfoͤrmigen Ruhe zuruͤckgekehrt zu ſein. Vernon hatte ſich, die Gerechtigkeit der ihm auferlegten Probe einſehend, verabſchiedet, da⸗ bei aber ein zu feines Zartgefuͤhl, einen zu ſtolzen Chgrakter bewie⸗ ſen, um irgend ein anderes Verſprechen von Onkel oder Nichte zu fordern, als das war, welches ſchon das Auflegen einer Probe ſelbſt in ſich enthielt. Seine Erinnerung wie ſein Herz, weilten noch im⸗ mer bei Marien, ſeine Sinne aber, ſeine Einbildungskraft, ſeine Eitelkeit, fuͤhlten ſich in dem gluͤcklichen Erfolg um die Erbin inter⸗ eſſirt. Denn wenn auch ſeinem Herzen jede kraͤmerhafte Speculation 6 113 fremd war, ſo hatte er doch zugleich zu viel Weltkenntniß, um nicht alle die Vortheile einer ſolchen, ihm von Sir Miles angetragenen Verbindung einzuſehen, da ihr noch dazu Lucretia ſelbſt nicht ganz abgeneigt ſchien. Die Saiſon war in London voruͤber, aber doch noch eine Geſell⸗ ſchaft dort geblieben, und zwar dieſelbe, in der ſich Charles Vernon bewegte, und welche die Stadt intereſſanter fand, als das Land; uͤberdieß beſuchte er gelegentlich Brighton was damals in demſelben Verhaͤltniß zu England, als Baiae früher zu Rom, ſtand. Der Prinz hielt froͤhlichen Hof in ſeinem Pavillon, und in dieſer Atmo⸗ ſphaͤre war Vernon gewohnt zu athmen, ohne jedoch ein Schmarotzer des koͤniglichen Hauſes zu ſein. Er fuͤhlte im Gegentheil jene wirk⸗ liche perſoͤnliche Anhaͤnglichkeit ür den Prinz, welche zu erwecken die Majeſtaͤt oft das gute Gluͤck hat. Nichts iſt uͤberhaupt grundlo⸗ ſer als die, durch die Dichter ſo oft in den Mund der Furſten gelegte Behauptung— daß ſie keine Freunde haͤtten.— Iſt das wirklich der Fall, ſo muß es nur ihre eigene Schuld ſein, ein klein wenig Lie⸗ benswuͤrdigkeit, ein nur geringer Grad von Offenheit wirkt gar ſtark und kraͤftig, wenn er von den Strahlen einer Krone ausgeht. Vernon war aber ſtaͤrker an Geiſt, als Lucretia geglaubt hatte; die Ausſicht einer Verbindung erwaͤgend, die ihm in ſich ſelbſt zugleich ein anderes Gluͤck uͤbertragen muͤſſe, und reihs gut fuͤhlend, wie viel er bei ſolcher Heirath dem Vertrauen des Oheims ſowohl, wie der Nichte zu danken habe, machte ihn feſtere Grundſaͤtze zeigen, als er bisher bewieſen, ſo lange es nur ſein eigenes Vermoͤgen war, das er vergeudete, oder ſein eigenes Gluͤck, mit dem er ſpielte. Er ſchloß ſich allerdings ſeiner alten Geſellſchaft wieder an, hielt ſich aber von ihren aͤußeren Vergnuͤgungen fern, und Charles Vernon ſchien wirk⸗ lich, das ausgenommen, was man damals fuͤr den leicht verzeihlichen Fehler eines etwas zu innigen Bacchusopfers hielt, vollkommen ge⸗ beſſert. Ardworth hatte ſich einem Regimente angeſchloſſen, das ſchon Bulwer, Lucretia. I. 8 in's Feld marſchiert war; Mainwaring dagegen hielt ſich dagegen noch immer bei ſeinem Vater auf, ohne bis jetzt gegen Sir Miles einen Wunſch, ſeine Zukunft betreffend, geaͤußert zu haben. Olivier Dalibard verbrachte, wie fruͤher, ſeine Morgen einſam auf dem eigenen Zimmer, ſeine Nachmittage und Abende d dagegen bei Sir Miles, vermied jedoch jede Privatunterhaltung mit Lucretia, die dieſe ebenfalls nicht ſuchte. Gabriel amuſirte ſich indeſſen wie bisher, copirte Sir Miles Gemaͤlde, ihirt nach der Natur— kritzelte auf ſeinem Zimmer Verſe oder Proſa—(was ſich ziem⸗ lich gleich blieb, denn er trat nie mit ei nen Nachtſtudien an's Licht), kniff die Hunde, wenn er ihrer habhaft werden konnte, ſchoß die Katzen, die ſich in der Anpflanzung zeigten, und zwar nur aus augen⸗ blicklicher Liebe zu den jungen Faſanen, und ſchlenderte im Dorfe umher, wo er ſeines Luten; Ausſehens wegen ein Liebling war, den noch aber uͤberall die Zeichen ſe mirruna zuruͤckließ, ba er entweder den Theekeſſel umwarf, und die Kinder verbruͤhte, oder, was er am liebſten that, zwei Klatſchſchwe⸗ ſtern ſammmenpegte. Alle dieſe Beſchaͤftigungen waren jedoch beendet, ſobald Luere⸗ ines Beſuchs in Unordnung und Ver⸗ tia Morgens erſchien; von der Zeit an ließ er ſie nicht mehr aus den Augen, und wenn er ſich dann, und zu der ihm geſtatteten Friſt ent⸗ weder ihrem Spaziergange bei Sonnenuntergange im Garten an⸗ ſchloß, oder in der Abendſtunde im Leſezimmer bei ihr ſaß, ſo zeigte er ſich ſanft, geſchmeidig und zaͤrtlich, wie Cupido zu Ppſyches Fuͤßen, als er vorher die Nymphen geplagt hatte. Dieſe beiden Weſen fuͤhl⸗ ten auch in der That jene Art von geiſtiger Gemeinſchaft, die man hier und da noch zwiſchen einem Knaben und einer ihm an Jahren weit uͤberlegenen Jungfrau findet; das aber, was ſie zuſammenzog und aneinander feſſelte, war ein ihnen ſelbſt faſt unbewußter Inſtinkt ihrer Aehnlichkeit in ſo manchen Zuͤgen des beiderſeitigen Charakters — der junge Leopard ſpielte furchtlos und keck um die Pantherin. Vor Oliviers mitternaͤchtlicher Unterredung mit ſeinem Sohne, 115 hatte ſich Gabriel immer enger und enger an Lucretia, und zwar als Verbuͤndeter gegen ſeinen eignen Vater angeſchloſſen, denn dieſen Vater, obgleich er ihm den unbedingteſten Gehorſam zollte, fuͤrchtete, — ja haßte er. Eriſtirte uͤberhaupt irgend Jemand auf der weiten Welt, den der junge Varney, ſich ſelbſt ausgenommen, liebte, ſo war es eben nur Lucretia Clavering. Sie hatte ſeinen herrſchenden Leidenſchaften, dem unbegrenzten Ehrgeiz, Vorſchub geleiſtet; ſie war es geweſen, die ihm eine ſein Aeußeres am beſten hervorhebende Kleidung angerathen, und ihr dabei das Pitto⸗ reske, Kuͤnſtleriſche gegeben hatte, was er ſo lange und ſo ſehnſuͤchtig in den Gemaͤlden Titians und Vandykes ſtudirt. Sie verſah ihn(denn darin war ſie freigebig) mit hinlaͤnglichem Gelde, jeden knabenhaften Wunſch zu befriedigen. Das aber war es auch, was ſich ſpaͤter gegen ſie ſelbſt kehrte. Da es bei ihm— in allen Stuͤk⸗ ken gleich zum Extrem uͤbergehend— in ein wirkliches Laſter aus⸗ artete und alle anderen Leidenſchaften der ſeiner Geldgier unterord⸗ nete. Sie lobte ſeine Zeichnungen, die, obgleich durch ſich ſelbſt gelernt, wirklich an das Außerordentliche grenzten, prophezeihte ihm den Ruf eines Kuͤnſtlers, lenkte die Aufmerkſamkeit etwaiger Gaͤſte auf ihn und— vor allen Dingen— war die Urſache, daß ſeines Vaters Betragen ſich gegen ihn, aus der unerbittlichſten Strenge in die vaͤterlichſte Zaͤrtlichkeit verwandelt hatte. und ſo vergalt er ihr alles dies durch eine Treue, die ſich, wie ſie feſt hoffte, gegen ſeinen Erzieher ſelbſt wenden ſollte, wenn der in ſeinen Hoffnungen Getaͤuſchte, etwa zu einem Plaͤne ſchmiedenden Rival und geheimen Feind erſtehen wuͤrde. Jetzt aber, vollkommen von der Wichtigkeit der Plaͤne ſeines Vaters uͤberzeugt und auf der einen Seite die Feſtſtellung einer ſichern Exiſtenz in Laughton, wie den unbedingten poſitiven Einfluß auf Lucretia, auf der andern aber die Ruͤckkehr zu jener Armuth, an die er ſich noch mit Schaudern und tiefem Entſetzen erinnerte, wie ſeines Vaters dann durch nichts be⸗ hinderte Wuth und Rache vor Augen, ließ ihn voͤllg in Dalibard's 8* düſtere Plaͤne eingehen; ohne Scrupel und Reue haͤtte er jetzt ſelbſt ſeiner Wohlthaͤterin das herbſte Leid angethan. So gleichtd der durch gemeinſchaftliche Liſt geſtutzte Betrug der Spinne, die ihr Netz frei⸗ lich fuͤr die Fliege ausgeſpannt hat, in ſeinen Maſchen a aber dem ſtaͤrkeren Feinde die Bahn zu ihrem eigenen Verderben zeigt. Der junge Varney begann nun ruhig aber unermuͤdlich jeden Schritt Lucretia's zu beobachten und hatte ſchon ſeinem Vater zwei ihrer Beſuche in dem entlegenſten Theile des Parks mitgetheilt— zwei Beſuche, die beide auf den naͤmlichen Tag der Woche gefallen. Bis jetzt war es ihm aber noch nicht gelungen bis zu dem Platze zu dringen, den ſie aufgeſucht, um genau den Ort ausforſchen zu koͤnnen. Gerade dieſes unermuͤdliche Beobachten Lueretia's war aber auch die Urſache geweſen, daß es Mainwaring ſelbſt, in der Beſorgung ſeines geheimen Briefwechſels nicht geſehen. Dalibard ermunterte ihn ſeine Wache fortzuſetzen, ohne ihm uͤbrigens ſeinen Endzweck mitzu theilen, uͤber den er in der That ſelbſt noch nicht einmal im Reinen war, denn entdeckte er wirklich eine Verbindung zwiſchen Lucretia und Mainwaring, wieſollte er denn Sir Miles damit bekannt machen, ohne ſich ſelbſt jeden moͤglichen daraus zu ziehenden Vortheil abzuſchneiden 7 Wuͤrde ihm Lucretia je den Verrath verziehen haben und häͤtte er es verhindern koͤnnen, daß ſie die Hand entdeckte, die den Streich gefuͤhrt? Seine einzige Hoffnung blieb noch, Mainwaring durch fremde Vermit⸗ telung unſchaͤdlich zu machen und dann hoffte er(indem er ſich gegen ſie ſtellte, als ob er ihr zufaͤllig entdecktes Geheimniß treu bewahre und ſich mit großmuͤthiger Aufopferung in ſein Schickſal ergebe) ihr Ver⸗ trauen, das ſie ihm jetzt vorenthielt, wieder zu gewinnen und es zu ſeinem eigenen Vortheil zu benutzen, ſobald naͤmlich einmal die Zeit kommen wuͤrde, wo er ſich ſelbſt gegen Vernon vertheidigen mußte. Sir Miles hatte ihm naͤmlich das ſtillſchweigende Verſtaͤndniß, was den Bewerber um der Nichte Hand betraf, mitgetheilt und er war nun uͤberzeugt, daß ſich Lucretia, haͤtte Mainwaring gar nicht exiſtirt oder konnte er wenigſtens ja fuͤr ihre Hoffnungen aufhoͤren zu exiſti⸗ 117 ren, eher einem Manne unterwerfen wuͤrde, den ſie fuͤrchtete aber achtete, als Einem, mit dem ſie ihr Spiel trieb und den ſie augen⸗ ſcheinlich geringſchaͤtzte. „Meine Maßregeln muͤſſen getroffen werden, ſobald ich erſt die Beweiſe geſammelt habe,“ dachte der ſchlaue Intriguant und ruhig ſetzte er indeſſen mit dem Baronet ſein Schach fort. Ehe Gabriel jedoch im Stande war, weitere Entdeckungen zu machen, ereignete ſich ein Vorfall, der gar verſchiedene Empfindungen in den von ihnen naͤher berührten Perſonen Hervarieſ Sir Miles war in dem letzten Jahre zweimal von nicht zu ver⸗ kennenden Schlaganfaͤllen heimgeſucht worden; ſein Arzt aber, ſicherlich kein ſehr geſchickter, wenn auch ein ſehr formeller Medieciner, ſchien nicht recht einig mit ſich ſelbſt zu ſein, ob er ſie wirklich der Apoplexie oder den minder gefaͤhrlichen Folgen, die eine zu ausge⸗ ute Diat oft nach ſich zieht, zuſchreiben ſollte. Landdoktoren hat⸗ ten aber zu jener Zeit noch nicht den Grad von Kenntniß, Geſchick⸗ lichkeit und gruͤndlicher Wiſſenſchaft erreicht, dem ſie ſich jetzt immer mehr und mehr naͤhern und Sir Miles ſelbſt proteſtirte ſtets ſo leb⸗ haft und eifrig gegen den leiſeſten Wink, der uns auf eine ſo unguͤn⸗ ſtige Deutung ſeiner Geſundheit ſchließen ließ, daß der Arzt, wenn nicht wirklich von ſeinem Patienten eines Beſſern belehrt, doch auf jeden Fall zu aͤngſtlich war, eine entgegengeſetzte Meinung feſt und beſtimmt auszuſp rechen. Es giebt Leute, die ihren Arzt entlaſſen, wenn er ihnen die Wahrheit ſagt, und Sir Miles gehoͤrte zu dieſen. geberhaupt war ihm eine Charakterſchwaͤche eigen, die nicht ſelt gerans bei ſtolzen Menſchen gefund en wird. Er fuͤrchtete den dod nicht, aber der Gedanke hatte fuͤr ihn etwas Schreckliches, daß Andere vielleicht ſein Ableben erwarten moͤchten. Er freute ſich der Gewalt, die er, wenn auch freundlich, ausuͤbte, er wußte aber auch, daß die Macht, die Stand und Reichthum giebt, in dem Verhiltniß geſchwaͤcht wird, als die von ihm Abhaͤngigen die Zeit ihres Aufhö⸗ rens vorausſehen koͤnnen. Eben ſo feſt fuͤrchtete er die Bemerkungen, die ſtets uͤber ſolche, von dieſer Krankheit Betroffene gemacht wer⸗ geger den.—„Der arme Sir Miles— ein Schlaganfall— ſein Geiſt ihr E muß ſehr dadurch gelitten haben— geſtern Abend, beim Whiſt, ver nöge gaß er einmal Farbe zu bekennen— ſein Gedaͤchtniß hat ſicherlich dasſ ſehr gelitten. des! „Das mochte nun freilich eine bedauerliche Schwaͤche ſein, Hel maͤßi den und Staatsmaͤnner haben ſie aber am haͤufigſten gezeigt— ver⸗ Pun zeiht es deßhalb dem ſtolzen alten Mann. Dem Arzt ſchaͤrfte er nun plät auch ein, uͤberall im Haus und der Nachbarſchaft zu erklaͤren, daß ihn dieſe Anfaͤlle voͤllig harmlos und unbedeutend geweſen waͤren, was ſich der Arzt that und worin er auch— bei den Meiſten Glauben fand; ma Sir Miles erſchien ihnen ja noch ganz ſo friſch und lebhaft als fruͤher. ein Nur zwei Perſonen ließen ſich durch dieſe Reden nicht taͤuſchen— lich Dalibard und Lucretia. Der Erſte hatte in ſeiner Jugend Medicin wol und zwar mit derſelben Geduld und Ausdauer ſtudirt, die er bei Fol⸗ allem bewies, was er unternahm und vom Anfang an me Lucretia darauf aufmerkſam. gem „Die Tage Ihres Oheims ſind gezaͤhlt,“ ſagte er,„wenn er dn ſeine Lebensweiſe nicht aͤndert, nicht dem Wein und den Tafelfreu⸗ Aut den entſagt und ſich uͤberhaupt hinlaͤngliche Bewegung macht, ſo dſe muͤſſen Sie auf das Schlimmſte gefaßt ſein.“ ſehr Und da ihr dieſe Warnung zuerſt in einer Zeit kam, wo ſie der Mainwaring noch nicht kennen gelernt, ſo empfand ſie daruͤber— ſl ſo aufrichtigen wie tiefen Schmerz. Wir haben aber geſehen, wie ſich ſein dieſe Anſichten aͤnderten, als ein menſchliches Leben ihr ein Hinder⸗ ren niß wurde. In ihrem Charakter war das, was die Phrenologen„Zer⸗ Pfn ſtoͤrungsſucht“ nennen, am vollkommenſten und im weiteſten Sinne* des Worts entwickelt. Sie war nicht grauſam— nicht blutduͤrſtig, Bit dieſe Laſter gehoͤren— anderen Charakteren an, aber ſie ging nur uc ruͤckſichtslos— erbarmungslos ihre Bahn. Ein Ziel hatte ſie ſich ge⸗— ſteckt— das mußte ſie erreichen, und alles, was ſich ihr dabei ent⸗ 119 gegenſtellte, war ein feindliches Hinderniß. Im Anfang zwar ſtand ihr Sir Miles noch nicht im Wege, ausgenommen zu ihrem Ver⸗ moͤgen, da aber ihr Hauptlaſter nicht im Geiz beſtand, ſo glaubte ſie das ſchon ruhig erwarten zu koͤnnen, und bemuͤhte ſich deßhalb, nach des Provençalen Wink ihren Oheim von allem Schwelgen und uͤber⸗ maͤßigen Weingenuß zurüuͤckzuhalten, Sir Miles war jedoch in dem Punkt etwas kitzlich— er fuͤrchtete die Auslegungen, die man einem ploͤtzlichen Wechſel ſeiner Lebensart geben wuͤrde und hatte auch die ihn früͤher wirklich beunruhigende Warnung ſchon vergeſſen, da er ſich uͤberdies jetzt wieder ſo wohl als je fuͤhlte.— Eine alte rheu⸗ matiſche Gicht blieb hiervon freilich ausgenommen, die aber auch nur eine Laͤhmung in den Gliedern zuruͤckgelaſſen, und dadurch koͤrper⸗ liche Bewegung unbequem gemacht hatte. Dabei beſaß er eine jener wohl angenehmen doch gefaͤhrlichen Conſtitutionen, die keine uͤblen Folgen bei Unregelmaͤßigkeiten verrathen, ſondern alles, was man ihnen zumuthet, mit wirklich philoſophiſcher Ruhe hinnehmen. Dem⸗ gemaͤß wollte er nun einmal ſeinen eigenen Weg gehen, und wußte den Doctor halb zu bereden, halb zu zwingen, bis er ſogar deſſen Autoritaͤt auf ſeiner Seite hatte.„Wein,“ hieß es,„ſei ſei⸗ ner Conſtitution noͤthig, viel Bewegung ſtrenge ſie dagegen zu ſehr an.“ Der zweite, dem erſten nach vier Monaten folgende Anfall war weniger beunruhigend und Sir Miles ſchmeichelte ſich damit, daß er ſelbſt ſeiner Nichte unbekannt geblieben waͤre; drei Naͤchte aber nach ſeiner Geneſung, ſaß der alte Baronet eine Zeitlang in ſeinem eige⸗ nen Zimmer allein, ehe er ſich zur Ruhe begab. Dann ſtand er auf, oͤffnete das Schreibepult und las aufmerkſam ſein eigenes Teſtament — ſchloß es mit einem tiefen Seufzer wieder ein, und nahm dann die Bibel herunter. Am nächſten Morgen ſchrieb er die Briefe, die Ard⸗ worth und Vernon herbeiriefen, und als er ſein Zimmer verließ, weilte ſein Blick lange und mit ſchwermuͤthigem Vergnüͤgen auf den 6 Portraits der Gallerie. Niemand war in der Naͤhe des alten Man⸗ nes, dieſe leiſen Anzeichen zu deuten, doch lag eine Welt von Ge⸗ danken in ihnen. Wenige Wochen nach Vernons Abreiſe und inmitten der vorher beſchriebenen, wieder eingetretenen Ruhe geſchah es, daß Sir Miles Arzt, nachdem er in der Halle geſpeiſt, zu einem von den Kindern d benachbarten Recktorei gerufen wurde, und dann auch dort über Nacht blieb. Kurz vor Tagesanbruch ward er aber aus ſeinem Schlummer ufgeſtoͤrt, und ſchnell nach Laughton Hall gerufen. Zum dritten Mal fand er hier Sir Miles bewußtlos und Dalibard neben ſeinem Bette. Lucretia war aber nicht geweckt worden; denn Sir Miles hatte es ſei⸗ nem Kammerdiener, der erſt ſeit kurzer Beit in demſelben Zimmer mit ihm ſchlafen mußte, anbefohlen, unter keiner dedingung Miß Clavering zu ſtoͤren, wenn er jemals unwo 5 werden ſollte. Der Doctor wollte nun ſeine gewoͤhnlichen Mittel anwenden, als er aber die Lancette hervorzog, legte Dalibard die Hand auf ſeinen Arm. „Nicht dieſesmal,“ tung—,“ es waͤre ſein agte er langſam und mit ernſter Bedeu „Puh, Sir,“ rief der Doctor veraͤchtlich. „Gut— folgen Sie denn Ihrem Willen, laſſen Sie ihm zur Ader, aber nehmen Sie dann Auch die Verantwortlichkeit auf ſich. Ich habe Mediecin ſtudirt— ich kenne dieſe Symptome, in dieſem Falle mag der Schlaganfall noch ſchonend vorüͤbergehen, die Lancette aber bringt unabweislichen Tod.“ Der Arzt ſah ihn beſtuͤrzt und unſchluͤſſig an. „Was aber wuͤrden Sie thun?“ „Warten Sie noch drei Minuten die Wirkung der Umſchlaͤge ab, die ich angewandt habe— wenn dieſe fehlſchlagen—“ „Nun?— dann?“— „Ein kaltes Bad und ritige e Einreibung.“ „Sir— ich werde das nie zugeben.“ „Dann morden Sie Ihren Patienten auf Ihr eigene Art.“ Waͤhrend dieſer ganzen Zeit lag Sir Miles mit weit aufgeriſſ 121 nen Augen und dehſnſananendeidenen Zaͤhnen beſinnungslos da. Der Doctor naͤherte ſich ihm, ſah auf ſeine Lancette nieder und ſagte endlich unſchluͤſſig. „Ihre Behandlungsart iſt mir neu, doch— wenn Sie Medicin ſtudirt haben, ſo iſt das etwas Anderes. Koͤnnen Sie den gluͤcklichen Erfolg Ihres Mittels garantiren?“ Ja.“ „Bedenken Sie aber— ich waſche meine Haͤnde— Mr. Jonas hier iſt mein Zeuge—“ und er wandte ſich dabei an den Bedienten. So ruft den Laͤufer und hebt Enren Herrn auf,“ ſagte Dali⸗ bard; der Doctor aber bemerkte, ſich umſehend, daß ein, etwa ſieben r acht Zoll mit Waſſer gefuͤlltes Bad ſchon bereit ſtand. Un⸗ ſchluͤſſig und mit ſich ſelbſt nicht einig, wie er war, ſtellte er jetzt Dalibards Behandlung keine Hinderniſſe in den Weg. Der anſchei⸗ nend lebloſe Koͤrper wurde in das Bad gelegt, und unter Dalibards Aufſicht und nach ſeiner Anweiſung rieben die Diener die kalten Glieder mit aller Anſtrengung. Mehre Minuten vergingen ſo, ehe ſich auch nur der geringſte guͤnſtige Erfolg zeigte, endlich ſeufzte Sir Miles tief auf und ſeine Augen bewegten ſich— noch ein oder zwei Minuten laͤnger und ſeine Zaͤhne ſchlugen zuſammen; das wieder in Bewegung geſetzte Blut zeigte ſich unter der Haut— Leben kehrte wieder— die Gefahr war voruͤber und der Tod, der dunkele Feind, aus ſeiner Citadelle vertrieben. Sir Miles ſprach hoͤrbar, aber unzuſammenhaͤngend, wurde in ſein Bett zuruͤckge⸗ tragen, warm zugedeckt, jedes Licht dann entfernt, jedes Geraͤuſch verboten, und Dalibard und der Doctor blieben ſchweigend neben dem Bette ſitzen. „Reicher Mann,“ dachte Dalib ard,„Deine Stunde hat noch nicht geſchlagen— Deine Schaͤtze duͤ uͤrfen nicht in die Haͤnde dieſes Knaben Mainwaring uͤbergehen.“ Sir Miles Geneſung, diesmal aber unter der Sorgfalt Dali bard's, der jetzt ganz ſeinen eigenen Weg verfolgen durfte, ging ſo ru Do 2 22 ſchnell und vollkommen von ſtatten, als fruͤher. Lucretia aber, als ſie am naͤchſten Morgen von dem gefaͤhrlichen Anfalle hoͤrte, fuͤhlte — wir wagen nicht zu ſagen verbrecheriſche Freude, aber eine eigene wilde, faſt fieberhafte Aufregung. Sir Miles ſelbſt dagegen, der von dem Bedienten den Streit Dalibards mit dem Doctor und deſſen Erfolg gehoͤrt hatte, ſah ſich jenem in inniger Dankbarkeit ver⸗ pflichtet, in die ſich noch ſtille Ber wunderung miſchte, wie er ſo ganz einfachen Mitteln doch ſeine Rettung verdanke. Mit einer Aufmerk⸗ ſamkeit und Geduld lauſchte er auch jetzt tall en Ermahnungen und Vorſchriften ſeines Erhalters, die dieſer kauim erwartet hatte, ihm aber jetzt auch ruͤckſichtslos enthuͤllte, welch' Leben er von nun an füͤhren muͤſſe, wenn er uͤberhaupt am Leben bleiben wolle. Ueber⸗ zeugt endlich, daß Wein und i den Feind nicht bannen konnten, und auch in Olivier Dalibard einem ganz andern Geiſt be⸗ gegnend, als dem des Doctors, entſchloß ſich der alte Herr endlich zu einer ſtrengen Diaͤt und taͤglicher Bewegung in der freien Luft. Duliba ard war jetzt fortw aͤhrend um ihn und dies Wachſen ſeines Einfluſſes ſo natuͤrlich wie augenſcheinlich. Lucretia zitterte— ſie ahnte eine Gefahr in dieſer Macht, die jetzt nicht allein von der ihri⸗ gen geſchieden daſtand, ſondern auch noch drohte, ganz unabhaͤngig zu werden. Sie wurde zerſtreut und unruhig; es war Eiferſucht auf den Provengalen, die ſie erfaßte; ſie ſann auf Plaͤne zu ſeinem Sturz. Zu dieſer Zeit empfing Sir Miles folgenden Brief von Mr. Fielden:— Southampton, 20. Aug. 1801. Theurer Sir Miles. Sie werden ſich erinnern, daß ich Sie damals davon in Kennt⸗ niß ſetzte, als ich mit meiner lieben jungen Schutzbefohlenen in Southampton eintraf. Suſanna hat indeſſen zweimal an ihre Schwe⸗ ſter geſchrieben und dabei den Wunſch angeregt, ſie zu beſuchen. Miß Clavering hat, wie man es in ſo naher Verwandtſchaft nicht anders erwarten konnte, auch darauf geantwortet, aber vielleicht dieſe wiei mein finde 123 dieſelbe Furcht gehegt, Sie durch eine ſolche Bitte zu beleidigen, wie ihre Schweſter. Jetzt aber, da der wuͤrdige Geiſtliche, der meine Predigerpflichten uͤbernommen hatte, die Luft dort ungeſund findet und mich bittet, nicht auf dem Vergleich zu beſtehen, nach dem wir mit unſeren verſchiedenen Amtspflichten auf ein volles Calender⸗ Jahr abwechſeln ſollten, ſo bin ich, wenn auch ungern, genoͤthigt, nach Hauſe zuruͤckzukehren— mein theures Weib ward, dem Him⸗ mel ſei Dank— auch ſchon vollſtaͤndig wieder hergeſtellt, was eine unausſprechliche Gnade iſt, und ich bin feſt uͤberzeugt, daß ich der Vorſehung kaum genug dafuͤr danken kann, die mich nicht allein mit einem ſehr liberalen Einkommen von mehr als zweihundert Pfund jaͤhrlich, ſondern auch mit der beſten Frau und den bravſten Kindern geſegnet hat; Beſitzungen, die ich die Reichthuͤmer des Herzens nen⸗ nen moͤchte. Nun, mein theurer Sir Miles, wollte ich Sie bitten, den Wunſch dieſer beiden wackeren jungen Moͤdchen zu erfuͤllen, und Miß Lucre⸗ tia zu erlauben, ihre Schweſter recht bald zu beſuchen. Auf dieſe ſo kuͤhn erbotene Einwilligung rechnend, habe ich ſchon fuͤr Miß Cla⸗ vering ein Zimmer hergerichtet und Suſanna beſchaͤftigt ſich jetzt mit etwas, das das ganze Haus— obgleich ich ſelbſt nicht viel von ſolchen weiblichen Arbeiten verſtehe, eine wirklich ausgezeichnete und reizende Toilettdecke nennt, mit aus Muslin ausgeſchnittenen Roſen und Vergißmeinnicht's daran und mit zwei großen Seidentroddeln, die ihr allein drei Schilling vier Pence koſten. Ich konnte aber nicht ſchließen, ohne Ihnen noch vorher ſo recht von Herzen fuͤr Ihre edel⸗ muͤthige Guͤte gegen den jungen Ardworth gedankt zu haben. Er iſt ſo voll von gluͤhendem Eifer und Geiſt, daß ich noch immer daran denken muß, wie ich ihn damals verließ, den armen Jungen— ich glaubte ihm naͤmlich hartgan der Arbeit bei jenem wohlbekannten Problem Euclids— die GEſelsbruͤcke genannt und fand ihn eine 8 auf dem kaum erſt zugefrorenen Teiche ziehend. Der arme Knabe!— Nun, der Himmel wird fuͤr ihn ſorgen, denn er ſorgt ja fuͤr Alle, die 124 es nicht ſelber thun. Ach Sir Miles, wenn Sie Suſanne nur ſehen konnten, und ſolch' eine Krankenwaͤrterin!— Ich habe die Ehre zu ſein Sir Miles Ihr ganz gehorſamſter und ergebenſter Diener Mathew Fielden. Sir Miles druͤckte dieſen Brief in ſeiner Nichte Hand und ſagte dann freundlich:„Warum haſt du deine Schweſter noch nicht beſucht? ich waͤre nich G morgen iſt boͤſe geweſen. Geh' mein Kind, ſobald du wil an dem Tage darfſt du allerdings nicht reiſen, £21 aber am naͤchſten ſoll dir die Kutſche zu Dienſten ſtehen. —₰ι rte einen Augenblick. Der Gedanke Dalibard im Lucretia z? alleinigen Beſitz des Platzes und wenn auch nur fuͤr wenige Tage, zu laſſen, aͤngſtigte ſie; was aber vermochte er ihr in der kurzen Zeit zu ſchaden?“— ihr Puls ſchlug ſchneller— Mainwaring ko nach Southhampton kommen, ſie ſollte ihn, nach mehr als ſe chen r Abweſenheit wieder ſehen.— Ach ſie hatte ja ſo viel zu erzaͤhlen und zu fragen— ſie glaubte ſchon ſein letzter Brief ſei kaͤl⸗ ter, kuͤrzer geweſen, als die fruͤheren; ſie ſehnte ſich danach es von ſei⸗ nen eigenen Lippen zu hoͤren, wie er ſie„noch immer liebe.“ Dieſ Gedanke verbannte oder verdraͤngte wenigſtens alle uͤbrigen, ſie dankte ihrem Oheim herzlich, und die Reiſe war beſchloſſen. „Sei Montag Morgen fruͤh auf deiner Wacht!“ ſagte Olivier zu ſeinem Sohn. Der Montag kam; der Baronet hatte befohlen, daß der Wagen um zehn Uhr vor der Thuͤr halten ſolle. Etwas vor acht Uhr ſchlich ſich Lucretia fort nach der Guy's-Eiche. Gabriel ſaß aber ſchon auf ſeinem Poſten, er hatte einen Baum unten im Park und an einer Stelle erklettert, wo er bis jetzt Lucretien ſtets aus den Augen ver⸗ loren. Sie ſchritt darunter hinweg— weiter, zu einem dichteren Gebuͤſch verkruͤppelter Eichen. Sobald ſie ſich in gehoͤriger Ent⸗ fernung befand, ſprang der Knabe aus ſeinem Verſteck herab und kroch 1 B zu B ſie er Farn 125 kroch mit faſt indianiſcher Vorſicht ihrer Spur nach. Von Baum zu Baum dabei folgend, und ſtets gedeckt, ſtets auf der Huth ſah er ſie endlich in die Schlucht hinabſteigen. Schnell glitt er durch das Farnkraut, erreichte den Rand des Abhangs und blickte hinab— aber ſie war verſchwunden. Endlich entdeckte er zu ſeinem nicht ge ringen Erſtaunen den hellen Schein ihres Kleides in der Hoͤhlung eines alten Baums— ſie beugte ſich nieder als ſie durch die Oeff⸗ nung herauskam und behielt Zeit in das hohe, ihn verdeckende Kraut zurueguſenken. E Sie verließ das Thal, nahm denſelben Weg zuruͤck, den ſie gekommen, und der Knabe kletterte in die Schlucht hinab.— Guys Eiche— alt und ehrwuͤrdig, unten mit zwei noch gruͤnen, aber verkruͤppelten, oben ſchon mit duͤrren, abgeſtorbenen Aeſten, die ankuͤndeten, wie der Tag ihres Sturzes mehr und mehr heranruͤcke, ſtieg hoch aus dem tiefſten Grunde der Schlucht, ſelbſt noch uͤber die, einem hoͤher gelegenen Terrain entſproſſenen Nachbarn empor, eben⸗ ſo wie ein großer Name ſo viel ſtolzer und ernſter klingt, wenn er aus dem Grabe herausſchallt. Eine dunkle. unregelmaͤßige Hoͤhlung oͤffnete ſich zu dem Herz der Eiche— der Knabe ſchluͤpfte hinein und ſah ſich um— er konnte Nichts atemene aber etwas mußte doch da ſein. Die Strahlen der Morgenſonne drangen noch nicht in den hoh⸗ len Stamm— ein duͤſteres Dämmerliihi herrſchte, und langſam und vorſichtig fühlte er in alle Oeſfanngen hinein, er ſtoͤrte nur eine jener Motten auf, die ins Freie flog. Nicht der Motten wegen war die Jungfrau zu Guy's Eiche gewandert. In Verzweiflung endlich trat er zuruͤck, in demſelben Moment hoͤrte er aber auch dicht neben ſich einen leiſe toͤnenden aͤrgerlichen Laut, einem Ziſchen aͤhnlich. Er ſah zuruͤck und erkannte, wie ihm aus dem Dunkel ein paar hellglanzende, feurige Augen entgegen⸗ blitzten. Eine Schlange hatte er aus ihrem Lager aufgeſtoͤrt, und zeitig genug ſprang er noch zuruͤck, ehe ſich der erbitterte Feind gegen ihn ſchnellte. Jetzt war aber auch Alles, ſein Zweck, ſein Hierſein 126 vergeſſen; mit der Veraͤnderlichkeit eines Kindes wandten ſich ſeine Gedanken dem Thiere zu, das er gereizt hatte. Jener Eifer, der in faſt jedes Mannes Bruſt ſchlummert, der ihm Verfolgung und Jagd ſo theuer macht und das Knaben⸗ wie Mannesalter mit wahrer Lei⸗ denſchaft zum Toͤdten und Zerſtoͤren fuͤllt, jene Luſt an Kampf und Gefahr regte ſich maͤchtig auf in ihm und erfuͤllte das junge Herz mit einem eigenen Gefuͤhl von Trotz und Freude. Er flog an der Seite der Schlucht hinauf, uͤberkletterte die Parkumzaͤunung, an die ſie grenzte, war in dem Holz, wo die jungen Schoͤſſlinge ſtark und kraͤftig emportrieben und ſchnitt ſich dort mit raſcher, vor Eifer noch zitternder Hand einen Stecken. Den Abhang wieder hinunterſpringen, in die Hoͤhlung zuruͤckkriechen und ſich dort nach jenen zornfunkelnden Augen auf's Neue umzuſehen, war das Werk weniger Secunden. Die arme Schlange hatte ſich aber ſchon in zufriedener und eingebildeter Sicherheit wieder nieder gethan; vielleicht war das Neſt ihrer Jungen nicht fern und ihr ganzer Zorn war der Naturtrieb mütterlicher Liebe, die die Brut vertheidigte, geweſen. Noch hatte ſie Dir kein Leid gethan, Knabe, laß ſie Der junge Jaͤger hatte kein Ohr fuͤr ſolche Zufluͤſterungen der Klugheit oder des Mitleids; in der Höoͤhlung aber ſich beengt fuͤh⸗ lend da er Nichts ſehen, Nichts erkennen konnte, ſchlug er Stamm und Boden mit ſeinem Stab und ſchrie und forderte trotzig die Augen wieder heraus, ihn anzublitzen. Ob jedoch die Schlange all' ihren Zorn und Aerger in dem erſten furchtloſen Sprung verſchwendet hatte, oder ob dieſe unerwartete Ruͤckkehr ihres Stoͤrers ſie mehr erſchreckte als erz uͤrnte, uͤberlaſſen wir denen zu entſcheiden, die beſſer mit der Naturgeſchichte dieſer Thiere bekannt ſind. Anſtatt uͤbrigens die Herausforderung anzunehmen und zum Kampf zu ei ilen, glitt ſie aus der Eiche vor, dicht an den Fuͤßen ihres Feindes vorbei, erſchien im hellen Licht des Tages und ſchleppte ihren grauen feuchten Koͤrper durch das Gras; nur ihr Ziſchen ver⸗ rieth Feigen lich hi ſchnell 127 rieth ſie. Gabriel ſprang durch die Oeffnung und ſchlug nach der Feigen, den Schlag mit einem ho dhniſihen Lachen begleitend. Ploͤtz⸗ lich hielt ſie— ihr Kopf hob ſich— ihre Kehle ſchwoll an, blitzes⸗ ſchnell zuckte die Dappelzungt hervor, und gruͤn wie Smaragden funkelten ihre Augen. Keine Furcht empfand Gabriel Varney— ſein Arm war erhoben, doch ſein Blick feſt und wie bezaubert auf den Feind gerichtet. Die Bewunderung hielt ihn ſo— die Bewunderung des Kuͤnſtlers; haͤtte er in dem Augenblick Stift und Buch bei der Hand gehabt, er wuͤrde die Waffe n iedergeworfen und die Zeichnung aufgenommen haben, und waͤre die Schlange ſo giftig wie die Viper von Sumatra geweſen; ſo aber grub ſich der Anblick ſeinem Gedaͤchtniß ein, um noch oft durch die wilden phantaſtiſchen Bilder ſeiner Hand hervorgerufen zu werden. Nur! wenige Secunden blieben ihm jedoch zu ſtummen Staunen, die Schlange ſirans— und fiel, durch den unwillkuͤrlichen Schlag ihres Feind s zuruͤck— geworfen, in das Gras nieder. Wie ſie ſich wand und kruͤmmte, und wie wunderherrlich ſich dabei neue und immer wieder neue Farben entwickelten— wie grazios waren die Bewegungen dieſes Schwanzes— und immer noch ſtarrte der Knabe nieder, auf den beſiegten Gegner, bis er ſeine Neugier befriedigt, ſeine Grauſamkeit auf's Neue erwachen fuhlte. Ein Schlag— ein zweiter— ein dritter— all' die Schoͤnheit iſt verſchwunden— formlos— mit geronnenem Blut bedeckt der zierliche Kopf, verſtuͤmmelt und zermalmt die Biegung dieſes ſchlan⸗ ken Koͤrpers, der in den kraͤftigen Wind dungen den ſich frei und ungezwungen durch ſeine Reime ziehenden Gedanken des Dichters glich. Der Knabe trat die noch zuckenden Ueberreſte mit wilder faſt thieriſcher Siegesfreude in den Staub und kehrte dann noch einmal in die Hoͤhlung zuruͤck, um eine letzte, ſchon faſt hoff⸗ nungsloſe Durchſuchung vorzunehmen. Ha— ſein Zweck war erreicht— das Geſuchte gefunden. In ſeiner Kampfbegier die 128 Schlange zu finden, hatte entweder Stock oder Fuß eine in der Ecke liegende Moosſchicht verſchoben; der ſchwache Strahl, ehe er das Dunkel durchbrach, fiel auf etwas Weißes. Er ſprang aus der Hoͤh lung mit einem Brief in der Hand— las die Adreſſe— ſchob ihn in ſeine Brieftaſche und eilte, wohl ſo vorſichtig, aber viel ſchneller als er gekommen zu ſeinem Vater zuruͤck. —'B—— —8—— O Druck der Teubnerſchen Offiein in Leipzig E. f. Bulwer’s ſämmtliche Romane. di Aus dem Engliſchen. Neun und ſechzigſter Theil. Lucretia II. 6 1 e⸗ Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 8 1847. Cucretia oder die Kinder der Nacht. Ein Roman von E. L. Bulwer. Aus dem Engliſchen. don Theodor Oelckers. Zweiter Theil. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. unſer Krieg wegu der. ſiog ſe zuckte und ff 6 und wenn Pere 6 1 — er undn 4 dante mein Fünftes Kapitel. Verrath am eignen Heerd. Der Provengale nahm den Brief aus ſeines Sohnes Hand und ſchaute ihm mit halb freundlichem halb ironiſchem Blick in die Augen. „Mon fils“ ſagte er— und ſtreichelte leiſe des Knaben Haupt, „weshalb ſollten wir auch nicht Freunde ſein? wir brauchen einander — wir haben gegen die ganze Welt zu kaͤmpfen.“ „Doch nicht dann, wenn Sie der Herr dieſes Platzes ſind?“ „Gut geantwortet— nein— dann haben wir die Welt auf unſerer Seite und brauchen nur noch gegen Proletarier und Lumpen Krieg zu fuͤhren.“ Hierauf entließ er ſeinen Sohn mit einer leiſen Be⸗ wegung der Hand und ſtarrte ernſt und ſchweigend auf den Brief nie⸗ der. Sein Puls— ſonſt gewoͤhnlich ſo langſam und regelmaͤßig, flog ſchneller, ſeine Lippen preßten ſich feſt zuſammen; die Eiferſucht zuckte durch dieſes Herz, und wie ein Licht in dumpfer Gruft flackert und flammt, ſo ſtieg die Liebe in dieſe verbrecheriſche Bruſt hinab und kaͤmpfte mit der dort herrſchenden Nacht— es war wirklich, wenn auch nur ein einziger Strahl jenes himmliſchen Feuers.. Dem gefaͤhrlichen Mann war uͤbrigens jede Liſt bekannt, die den Verräͤther des Heiligſten, des eignen Heerdes, vor Entdeckung ſichert — er fuͤrchtete nicht, daß ihn das erbrochene Siegel verrathen werde und mit feſt auf die Zeilen gerichtetem Blick las er das Folgende: „Theuerſter und ewig Theuerſter! „Wo weilſt Du in dieſem Augenblick? wo ſchweifen Deine Ge⸗ danken? ſind ſie bei mir? Ich ſchreibe dies in ſtiller Mitternacht, aber meine Seele malt ſich Dein Bild aus, waͤhrend die Hand uͤber das 6 Papier gleitet. O ich ſehe Dich, wie Du dieſe Zeilen lieſt und be⸗ neide ſie, daß ſie dem Blick dieſes dunkelen Auges begegnen duͤrfen. Preſſe Deine Lippen auf ſie. Fuͤhlſt Du den Kuß, den ich darauf ver⸗ laſſen? Aber ſieh— wir werden nicht lange mehr getrennt ſein; o wie mein Herz vor Freude ſchlaͤgt, daß ich Dich bald wieder ſehen ſoll. Noch zwei Tage— hochſtens drei und wir werden uns finden — nicht wahr mein Lieb? Ich bin im Begriff meine Schweſter zu beſuchen und fuͤge hier die Adreſſe hinzu. O komm— komm— komm, mich draͤngt's mit unendlicher Sehnſucht, Dich wiederzuſehen. „Sagte ich Dir nicht—„harre und ſei geduldig?“ wir werden nicht mehr lang' zu harren brauchen— ehe das Jahr verfloſſen iſt, bin ich frei. Mein Oheim hat einen dritten und gefaͤhrlicheren Anfall gehabt, die Folgen deſſelben ſehe ich in ſeinem Antlitz, ſeinem Gang, ſeinem ganzen Weſen; das einzige Hinderniß in unſerer Bahn ſchwin⸗ det langſam dahin. Kann ich trauern, wenn ich daran denke? Trau⸗ ern, wenn das Leben an Deiner Seite ſich laͤchelnd und liebend jenſeit jenes alten Mannes Grabes vor mir ausbreitet? Warum ſollte ſich auch das Alter, das ſeine Leidenſchaft uͤberlebte, mit dem erkaͤlten⸗ den Zuͤrnen und jenen aͤrmlichen Vorurtheilen, welche die Welt nicht vernichtete, ſondern die ſich nur zu wirklichen unvertilgbaren Grund⸗ ſäͤtzen erhaͤrteten, zwiſchen Jugend und Jugend draͤngen. „Ich fuͤhle, wie Deine milden Augen verweiſend auf mir ruhen als ſie dieſe Zeilen durchfliegen, aber zuͤrne mir nicht, daß ich weiter Nichts auf dieſer Erde ſehe als Dich. Aus meiner Hand wirſt Du dann Rang und Reichthum empfangen und ſehen werde ich, wie ſich mein eignes Herz in der Verehrung der Menge widerſpiegelt, die nicht die Statue, die nur das was ſie trägt verehrt. O wie ich mich Deiner Rache an jenen Stolzen freuen werde, denn ſieh— ich habe in den Bildern meiner Zukunft keinen ſchwaͤrmeriſchen Gedanken von Land⸗ und Hirtenleben; nein— ich ſehe Dich, wie Du, unter den Gro⸗ ßen der Beſte, die Thoren in ihrer eigenen Thorheit verlachſt. Ich aber— ich bleibe an Deiner Seite— Schritt fuͤr Schritt, wie Du die undd zehnt nehm wozu hatte Lerl Oüi den O alt W. dan und ihn witd hüte Verk nach dul 7 die Höhe erſteigſt— denn Du weißt, William, ich bin ergeizig und deshalb etwa nicht geringer, weil ich liebe, nein, eher mehr— zehntauſendmal mehr. Ich moͤchte Dich auch gar nicht groß und vor⸗ nehm geboren wiſſen, denn auf was koͤnnte ich dann noch hoffen— wozu alle meine Plaͤne und Gedanken verwenden? Ein ſolches Gluͤck haͤtte uns den groͤßten Reiz dieſes Lebens geraubt, und der iſt— Verlangen. „Wenn ich Dich ſpreche, muß ich Dir auch ſagen, daß ich dieſen Olivier Dalibard fuͤrchte; er hat augenſcheinlich irgend ein Ziel, dem er zuſtrebt. Er, der bis jetzt noch nie jenem bramarbaſirenden Quackſalber in den Weg trat, thut es jetzt, ſtellt ſich, ols ob er den alten Mann gerettet habe und geht ihm nicht mehr von der Seite. Wagt er es vielleicht gar einen Einſuß gewinnen zu wollen, den er dann gegen mich gebrauchen koͤnnte? gegen uns? Wahrſcheinlich, und zu unſerem Gluͤck wird, bis ich zuruͤckkehre, mein Oheim jene ihn ſelbſt taͤuſchende Staͤrke und Lebenskraft wieder gewonnen haben, wird Dalibard weniger brauchen und dann— mag ſich der Franzoſe huͤten. Ich habe ſchon einen Mlane der durch ſeine Liſt ſeine eigene Verbannung bewirken laſſen ſoll. Komm denn, ſo ſchnell Du kannſt“ nach Southampton, wenn es moglich iſt noch an demſelben Tag, wo Du dieſe Zeilen erhaͤltſt— ſpaͤteſtens am Mittwoch. Dein letzter Brief tadelt mich wegen der Liſt, mit der ich Ver⸗ non entfernt— aber ich muß es Dir wiederholen, es iſt noͤthig, daß ich meinen Oheim bis zum letzten Athemzug hinhalte. Ehe aber Vernon irgend einen Anſpruch geltend machen kann, haben wir Trauer in Laughton. Auch ich werde vielleicht trauern, aber es wer⸗ den ſich mit den Thraͤnen des Schmerzes auch die der Freude vermi⸗ ſchen, denn dann, wenn ich Deine Hand faſſe, kann ich ſagen, ſie iſt mein, endlich mein, und für ewig. Adien— nein, nicht adien— auf Wiederſehn, Geliebter, auf Wiederſehn. Deine Lucretia!“ 8 Miß Clavering war etwa ſeit einer Stunde abgefahren, als Da⸗ libard ſeinem Sohne den Brief wieder einhaͤndigte und ihm befahl, denſelben an den Platz zuruͤckzutragen, wo er ihn gefunden habe; ihn aber ſo zu legen, daß ihn der Erſte der die Hoͤhlung betraͤte ent⸗ decken muͤßte. Dann theilte er ihm den Plan mit, den er zu ſeinem Wiederauffinden entworfen hatte— ein Plan, der es Lucretia un⸗ moͤglich machte auch nur zu ahnen, er ſowohl als ſein Sohn haben das Mindeſte zu dieſem Verrathe beigetragen. Als das geſchehen war, ſuchte er Sir Miles wieder in der Gallerie auf. Bis dahin hatte er ſich ſtets geſcheut, dem Baronet das vertrau⸗ liche Einverſtaͤndniß Miß Claverings mit Mainwaring zu entdecken, denn dieſe Entdeckung haͤtte ſie einer Erbſchaft beraubt, der ſeine Geld⸗ gier, ja ſein Ehrgeiz noch nicht entſagen wollte, jetzt aber waren durch dieſe Zeilen alle Teufel ſeiner Eiferſucht und Nache erweckt, und er aͤnderte ſein ganzes Gewebe von Liſt und Tuͤcke. Er mußte Lucretia vernichten, oder ſie verdarb ihn ſelbſt, ihre Drohung ließ daruͤber keinen Zweifel; ſeine eigene Stellung aber konnte, wie jetzt die Sachen ſtanden, keinen Schaden leiden, wenn Lucretia wirk⸗ lich von Sir Miles verſtoßen, das Haus verlaſſen mußte. Freilich bekam er ſie in ſeine Gewalt— blieb er feſt in Laughton, ſo konnte er jeden vorſchnellen Schritt, auf jeden Fall eine Vereinigung mit Mainwaring verhindern, er durfte ja nur gerade denſelben Ehrgeiz benutzen, der ſich in dieſen Zeilen ſo klar und deutlich ausſprach. Dadurch wurde er auch ein unentbehrlicher Verbuͤndeter, und dann — dann— ein ironiſches Laͤcheln ſpielte um ſeine Lippen. Ueber dieſe Bilder hinaus entdeckte aber ſein ſcharfes Auge die herr⸗ lichſten und weit trefflicheren Ausſichten fuͤr ſich ſelbſt. Lucretia, erſt einmal verſtoßen, das Erbtheil ihr entzogen, das Teſtament geaͤn⸗ dert, Dalibard dem Leben des Baronets unentbehrlich— was konnte da noch einem wenigſtens bedeutenden Vermaͤchtniß im Wege ſtehen? Nachmittags wurde Beſuch, und mit dieſem Fremde von Lon⸗ don erwartet, die Sir Miles eingeladen hatte, das Haus zu ſehen, Park; dann! Hügel ſamke ſchaft 9 (das oft einzelner Merkwuͤrdigkeit wegen gezeigt wurde). Das wußte Dalibard, und bat den Baronet ſich ruhig zu verhalten, bis jene kaͤmen. „Nachher,“ ſagte er ſo fluͤchtig hingeworfen,„wird es Ihnen eine recht angenehme Unterhaltung gewaͤhren, ſie ein wenig mit in den Park zu begleiten.— Sie koͤnnen ſich ja in den Gartenſtuhl ſetzen; dann haben Sie neue Gefaͤhrten zum Plaudern und am Abhang des Huͤgels, gegen das Ende des Parks zu, iſt es ſtets warm und ſonnig.“ Sir Miles willigte gern darein; die Gaͤſte kamen, ſchlenderten durch das Gebaͤude, bewunderten die Gemaͤlde und Waffen und die Halle und Treppe, erwieſen dann dem noch altmodigen, aber auch gehaltvollen Fruͤhſtuͤck alle Ehre und waren nachher, erfriſcht und in beſter Laune, freudig bereit, Sir Miles Vorſchlag, den Park ein wenig zu durchziehen, anzunehmen. Der arme Baronet war lebendiger als je; das junge Volk draͤngte ſich taͤndelnd um ſeinen durch den Bedienten gezogenen Stuhl; be⸗ lachte ſeine Scherze und freute ſich der guten Laune des alten Herrn. Etwas weiter zuruͤck kam Gabriel und wandte ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit dem huͤbſcheſten und munterſten Maͤdchen der ganzen Geſell⸗ ſchaft zu, das zugleich, und vielleicht eben aus dieſem Grunde, auch ein Liebling Sir Miles' war. „Welch ein praͤchtiger alter Mann,“ ſagte das liebe Kind— „wie beneide ich Miß Clavering um ſolchen Oheim.“ „Ah— Sie haben es aber heute ein wenig mit ihm verdorben, ſo viel kann ich Ihnen ſagen,“ lachte Gabriel,„Sie ſtanden dicht bei Sir Miles, als er durch die Bildergallerie ſchritt und ſie fragten ihn mit keiner Sylbe nach dem alten Ritter in dem ledernen Wamms und der blauen Schaͤrpe.“ „Ja, aber was ſchadet denn das?“ „Ei, das war der brave Obriſt Guy St. John, der Chevalier — der Stolz des guten Sir Miles— Sie kennen ja ſeine Schwaͤche — es geſiel ihm gar nicht, als Sie meinten:„wie komiſch die Figur hier ausſieht“— ich ſtand auf Nadeln.“ 10 „O Gott, wie leid mir das thut— ich moͤchte den theuren Sir Miles nicht um eine Welt kraͤnken.“ „Nun, das laͤßt ſich leicht wieder gut machen. Gehen Sie hin zu ihm, und bitten Sie ihn, Sie zu Guy's Eiche in der Schlucht unten zu führen. Sagen Sie ihm nur, Sie haͤtten ſo viel davon reden hoͤren. Haben Sie ihn erſt einmal auf ſeinem Steckenpferde, dann koͤnnen Sie leicht Frieden mit ihm ſchließen.“ „O gewiß und gern will ich das thun, Maſter Varney,“ und die junge Dame verlor auch gar keine Zeit, dem Winke Folgezu leiſten. Gabriel hatte aber ſchon andern Lippen dieſelben Lieder gelehrt, ſo daß, als nur Eines den Baum erwaͤhnte, faſt Alles rief: „Oh nach Guy's Eiche— bitte— bitte, nach Guy's Eiche!“ Sir Miles fuͤhlte ſich denn auch durch den allgemeinen Enthu⸗ ſiasmus nicht wenig geſchmeichelt, den Einer ſeiner liebſten Vor⸗ fahren erweckte, und fuͤhrte ſie bis an den Rand der Schlucht, hier aber ließ er halten und ſagte: „Ich fuͤrchte, ich werde nicht die Freude haben koͤnnen, Sie hinunter zu begleiten— der Abhang iſt zu ſteil, auf jeden Fall zu ſteil fuͤr den Stuhl.“ Gabriel fluͤſterte der holden Jungfrau, an deren Seite er ſich noch immer hielt, leiſe etwas zu. „Nein, mein theurer Sir Miles,“ rief dieſe—„ich ruͤhre mich ohne Sie hier unter keiner Bedingung von der Stelle. Wir bringen den Stuhl ſicherlich ganz gut und ruhig hinunter. Sehen Sie nur, wie allmaͤlig hier der Abhang nieder geht. Jane, Luey— kommt her, Kinder, laßt uns Sir Miles helfen— faßt an— ſo.“ Der galante alte Herr waͤre, ſo gefuͤhrt, noch einmal einer Breſche entgegengeſtuͤrmt; er kuͤßte die ſchoͤnen Haͤnde, die ſo ver⸗ fuͤhreriſch auf ſeinem Stuhl lagen und dann, indem er ſich mit eini⸗ ger Schwierigkeit erhob, ſagte er: „Nun, meine lieben Kinder— Sie haben mich wieder jung ge⸗ macht nen 6 die Hi nicht den mals das bi Re ein ſich die daru 3we hine blind legt, 11 macht, ich denke ich kanns jetzt, bergab, mit den Schnellſten von Ih⸗ nen aufnehmen.“ So, theilweiſe auf ſeinen Diener geſtutzt, andererſeits durch die Huͤlfe der nach ihm ausgeſtreckten Arme gehalten, ſtieg Sir Miles, nicht ohne bedeutende Anſtrengung, in die Schlucht hinab, bis an den Fuß der Eiche. „Fruͤher war die Hohlung viel kleiner,“ erzaͤhlte er hier,„da⸗ mals konnte man auch einen Mann nicht ſo leicht darin entdecken, wie das jetzt wohl der Fall waͤre: dieſe verdammten Stutzohren aber— bitte um Verzeihung, meine jungen Damen— dieſe ſchurkiſchen Rebellen ſtießen ihre Schwerter durch die Oeffnung und zwei drangen, eines durch ſein Wamms, das andere durch ſeinen Arm. Er huͤtete ſich aber wohl, dieſer genommenen Freiheit wegen zu fluchen, und die Feinde zogen, ohne Verdacht zu ſchoͤpfen, wieder ab.“ Waͤhrend er noch ſprach, hatte ſich das junge Volk ſcherzend ſchon darum geſtritten, wer das Innere der Eiche zuerſt betreten ſollte. Zwei erhielten den Vorrang und gingen, Eine nach der Anderen, hinein und wieder heraus. Gabriels Herz klopfte faſt hoͤrbar.„Die blinden Eulen,“ dachte er—„habe ich doch den Brief ſo ge⸗ legt, daß ihn ein Maulwurf ſehen wuͤrde.“ „Kennen Sie den Zauberſpruch, den Sie ſagen muͤſſen, wenn Sie eine alte Eiche betreten, in der die Elfen hauſen?“ frug er ſeine ſchoͤne Nachbarin.„Sie müſſen ſich dreimal herumdrehen und feſt dabei auf den Boden ſchauen, dann werden Sie das Antlitz ſehn, das Ihnen das Liebſte iſt. Wenn ich nur ein klein wenig aͤlter waͤre, o wie ich bitten wuͤrde—“ „Unſinn!“ ſagte das Maͤdchen erroͤthend,„aber ſie glitt durch die Menge und betrat ſchuͤchtern das Innere. Gleich darauf ſtieß ſie einen leiſen Ruf des Erſtaunens aus. Der galante Sir Miles buͤckte ſich dienſteifrig, um zu ſehen, was vorgefallen, reichte ihr dann auch die Hand, ihr beim Herauskom⸗ 12 men behuͤlſlich zu ſein, ſtutzte aber, als er bemerkte, daß ſie einen Blute Brief trug. gleich „Denken Sie nur, was ich gefunden habe,“ lachte die Jung⸗„ frau—„welch' ein wunderlicher Platz fuͤr einen Briefkaſten!— Poete Nein wahrlich— er iſt an Mr. Mainwaring adreſſirt.“ werde „Mr. Mainwaring?“ riefen drei oder vier Stimmen— aber Blich der Baronet war ſtumm— ſein Auge hatte Lucretiens Schriftzuͤge ſeine erkannt— die Zunge klebte ihm am Gaumen; das Blut ſchoß ihm wie Flammengluthen durch die Adern, ſein Antlitz wurde feuerroth. Bare Da blickte Gabriel ploͤtzlich uͤber die Schulter des jungen Maͤdchens, zuſ und riß ihr, ohne Weiteres, den Brief aus der Hand. hiel „Das iſt mein Brief,“ rief er—„der iſt von mir. O wie ten ſchlecht von Mainwaring— er hatte mir doch ſo gewiß verſprochen Abſ ihn abzuholen.“ vini Sir Miles ſah auf und athmete freier. „Der Ihrige? Maſter Varney?“ frug die junge Dame ganz iben erſtaunt—„was koͤnnte denn zwiſchen Ihnen und Mr. Mainwaring lit fuͤr eine ſo geheime Correſpondenz beſtehen?“ „Oh— Sie werden mich auslachen— aber— aber— ich io, 1 habe auf Guy's Eiche ein Gedicht gemacht und Mr. Mainwaring tigen verſprach mir, es fuͤr mich in die Zeitung ſetzen zu laſſen, und da er nße hier, als er am letzten Sonnabend nach D— ging, dicht vorbei ſchen mußte, ſo verabredeten wir uns, daß er es hier abholen wollte; jetzt Hand hat er es ſchaͤndlich vergeſſen, wie ich ſehe.“ kant „Sir Miles erfaßte und preßte des Knaben Arm in unbeſchreib⸗ wie ht licher Dankbarkeit. Von allen Seiten wollte man aber nun das Ge⸗ dicht vorgeleſen haben, Gabriel machte jedoch ein etwas albernes Geſicht und hing den Kopf; er ſah eher aus, als ob er weinen wie vorleſen wuͤrde. Sir Miles dagegen, mit einer Kraftanſtrengung, die er trotz all' ſeiner Weltſchule nicht bewieſen haben koͤnnte, haͤtte nicht nüßt in dieſem Augenblick ſein Alles— die Ehre ſeines Hauſes wie ſeines 13 Blutes auf dem Spiel geſtanden, kam ſeinem jungen Retter nun gleichfalls zu Huͤlfe. „Nein,“ ſagte er faſt ruhig—„da kenne ich unſern jungen Poeten, er iſt zu ſchuͤchtern Ihnen den Gefallen zu thun; ich ſelbſt werde aber Deine Verſe pruͤfen, mein junger Sir;“ und mit ernſtem Blick nahm er den Brief aus des Knaben Hand und ſchob ihn in ſeine Taſche. Die Ruͤckkehr war weniger heiter als der Marſch zur Eiche. Der Baronet ſelbſt machte zwar einen verzweifelten Verſuch, ſo froͤhlich zu ſcheinen als vorher, aber es gelang ihm nicht. Gluͤcklicherweiſe hielten die Wagen ſchon alle vor dem Thor, als ſie die Halle erreich⸗ ten, und da das Fruͤhſtuͤck voruͤber war, ſo hielt Nichts mehr das Abſchiednehmen der Gaͤſte auf. Als der letzte Wagen davon rollte, winkte Sir Miles Gabriel, ihm in ſein Zimmer zu folgen. Dort entließ er ſeinen Diener und ſagte: „Du weißt alſo, wer den Brief geſchrieben hat? ſag', weißt Du uͤberhaupt um das Geheimniß, mein wackerer Burſche?— ſprich ohne Furcht— es ſoll Dir Nichts geſchehen!“ „Oh, Sir Miles“ rief Gabriel—„Nichts— gar Nichts weiß ich, als das, was ich hier ſah. Als ich die Hand meiner theuern guͤ⸗ tigen Lucretia erkannte, da fuͤhlte ich, ich weiß ſelbſt nicht warum, daß es weder Ihnen noch ihr lieb ſein wuͤrde, wenn es fremde Men⸗ ſchen entdeckten, und das waͤre ſicher geſchehen, ſobald der Brief von Hand zu Hand ging, da doch gewiß Jemand ſo gut als ich die Zuͤge kannte; deshalb fuhr mir das, was ich ſagte, ich weiß ſelbſt nicht wie heraus— es war das erſte beſte was mir einfiel.“ „Du— Du haſt mir und meiner Nichte einen großen Gefallen gethan, Kind“ ſagte der Baronet zitternd, dann aber, mit einem muͤhſamen und erzwungenen Laͤcheln fuhr er fort„wahrſcheinlich iſt das wieder ſo ein toller Scherz Lucretia's— ich werde ſie auszanken muͤſſen. Sprich übrigens gegen Niemanden davon.“ „Nein, gewiß nicht, Sir.“ 14 „Adieu, mein lieber Gabriel.“ „Und der Knabe rettete die Ehre von meiner Nichte Namen, meiner Mutter Enkelin. Oh Gott, das iſt hart— und noch dazu in meinen alten Tagen.“ Er barg ſein Antlitz in den Haͤnden, und große Thraͤnen draͤng⸗ ten ſich zwiſchen den Fingern hindurch. Es dauerte lange, ehe er Muth faßte den Brief zu leſen, obgleich er wohl wenig ahnte, wie entſetzlich ihn deſſen Inhalt beruͤhren wuͤrde. Zugleich war es der erſte, nicht an ihn gerichtete Brief, deſſen Siegel er loͤſte— ſelbſt das machte die Hand des alten rechtſchaffenen Mannes zögern, ſeine Pflicht aber, als Oberhaupt des Hauſes und Schuͤtzer ſeiner Nichte, lag klar und offen vor ihm. Dreimal reinigte er die Glaͤſer ſeiner Brille— dreimal waren ſie truͤbe— immer wieder ſtiegen die Thraͤ⸗ nen auf in ſeinen Augen. Er ſtand zitternd auf— ging zu dem Fenſter und ſah die ſtattlichen Hirſche ruhig aͤſen im Park— ſah den Kirchthurm, der ſich uͤber der Gruft ſeiner Vorvaͤter erhob, und ſein Muth ſank tiefer und tiefer, waͤhrend er murmelte„thoͤrichter thoͤrichter Stolz!“ Dann muͤhte er ſich zur Thuͤr— ver⸗ Stolz ſchloß ſie und ſetzte ſich endlich, wie ein Verwundeter zu entſetzlicher Operation, feſt nieder in den Stuhl und las den Brief. Der Himmel ſtaͤrke Dich, alter Mann, Du ſollſt die aͤrgſte Pruͤfung beſtehen, die Ehre und Liebe beſtehen kann Verrath im eignen Hauſe. Wenn das Weib die Stirn frech gegen den Gatten erhebt und ſeiner Schuld ſich kalt und trotzig ruͤhmt, wenn das Kind mit lauter Stimme jeden Zwang abwirft, und mit ſeinem Ungehorſam prahlt, dann zuͤrnt vielleicht der Mann ſolcher Kuͤhnheit, ſein Geiſt waffnet ſich gegen das Unrecht— denn deſſen Viſir iſt wenigſtens offen— der Schlag— und wenn er das Heiligſte entweihe— frei und gerade zu. Wenn aber ſanfte Worte und zaͤrtliche Kuͤſſe den ſchlimmſten Feind verbergen, den das Schickſal gegen uns waffnen kann, wenn inmitten aus heiligem Vertrauen Verraͤtherei ſich rieſig hebt, wenn die Bruſt, an die wir uns traulich, Liebe bietend und Fluch überl ſeinen 15 Liebe verlangend, lehnten, die giftige Viper verbirgt, ſie auf den Ver⸗ dachtloſen zu ſchleudern ſobald er ſchlummert, wenn wir erfuhren, daß Tag nach Tag das Leben, das wir mit dem unſrigen verflochten glaubten, nur Luͤge und Trug umſchloß, dann fuͤhlt das Herz nicht den ſanften, in ſeinem Erguß ſelbſt ſich lindernden Schmerz, dann faßt es nicht die wilde, grimmige Wuth— nein, ein Gefuͤhl ergreift es, das maͤchtiger als der Schmerz, entſetzlicher als jenes Toben trifft— ein Schrecken iſt's, der Geiſt und Glieder laͤhmt. Das Herz blutet, die Thraͤne fließt nicht, nein, es iſt als ob etwas Fuͤrchter⸗ liches, den Geſetzen der Natur Widerſtrebendes geſchehen ſei. Der Verraͤther am eignen Heerd hat aber auch mit dem Criminalverbre⸗ cher Nichts gemein. Der Moͤrder, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt iſt, hat keine Furcht vor ſeinen unſchuldigen Kindern, er legt ſein ſchuldiges Haupt ruhig in ihren Schooß. In ſeinem eignen Hauſe kann ja dann auch das Vertrauen des Kluͤgſten und Vorſcchtigſten, wie des Einfaͤltigſten mißbraucht und verrathen werden— kein Herz ſucht dort den Verraͤther, und waͤren ſolche Ausnahmen nicht wirklich ſo ſelten, dieſe Erde muͤßte ſchlimmer als der Abgrund der Hoͤlle ſein. Deshalb ſcheint aber auch am Verrath im eignen Hauſe Gottes Fluch in allen Laͤndern, in allen Zeiten zu haften, und der Menſch uͤberlaͤßt ihn dem Zorn der Gottheit; er ehrt die Schande nicht mit ſeinem Haß— noch weniger mag er die Schuld durch ſeine Rache theilen. Im Innerſten verletzt und erſchuͤttert wendet er ſich ab und uͤberlaͤßt es der Natur, die Erde von einem Geſpenſt zu befreien, vor dem ſie ſelbſt zuruͤckſchaudert. Alter Mann, daß ſie Dich hinterging— daß ſie Deine Gut⸗ muͤthigkeit benutzte, Dein Vertrauen taͤuſchte, Deine Vermuthungen leugnete, das Alles moͤchte Dich vielleicht erbittert haben und ge⸗ kraͤnkt; dem Allen ſind aber alte Leute unterworfen— es iſt gerade das, was unſern Luſtſpielen die Wuͤrze verleiht— der Liebhaber und die Geliebte ſind privilegirte Betruͤger. Daß ſie aber die Koͤrner Deines Stundenglaſes zaͤhlte, daß ſie bei Deiner Seite ſaß und be⸗ rechnete, wie bald Dich die Wuͤrmer haben wuͤrden; daß ſie läͤchelnd in Dein Antlitz blickte und nach den Zeichen Deines Todes forſchte, o ſtirb ſchnell alter Mann— Dein Henker ſehnt ſich nach dem Hen⸗ kerslohn! Es ſtanden keine Thraͤnen in den Augen, als ſie den Brief be⸗ endet hatten, das Papier ſiel nur geraͤuſchlos zu Boden, der Kopf ſank auf die Bruſt und die Haͤnde auf die armen verkruͤppelten Glie⸗ der nieder, ob deren Regſamkeit— o entſetzlicher Spott— die ſtarke rüſtige Jugend noch zuͤrnte. Er fuhlte ſich gedemüthigt— nieder⸗ geſchmettert— zermalmt— ſein Stolz, ſein ganzer Stolz war ver⸗ ſchwunden— die grauſamen Worte hatten in's innerſte Leben ge⸗ troffen. In dieſem Augenblick ſtand Ponto, der alte Huͤhnerhund auf, ſchuͤttelte ſich, ſah empor und legte den Kopf in ſeines Herren Schooß; und Dash— eiferſuͤchtig, hob ſich ebenfalls— aber nicht ſchnell, denn Dash war auch alt— richtete ſich an ſeines Herrn Knie auf und leckte ihm die Haͤnde. Die Leute lobpreiſen immer die Treue der Hunde in's Blaue hinein— Niemand aber weiß, was uns ein Hund ſein kann, bis ihn die Menſchen erſt einmal hintergangen haben, dann aber, wenn er das ehrliche Geſicht— die aufrichtige Liebkoſung ſieht, das ſchmeichelnde Winſeln hoͤrt das niemals log, dann— nun dann? Ein Hund wird alt, wenn er zehn Jahre lebt— freilich ein kur⸗ zer Raum fuͤr Treue und Freundſchaft. Als Sir Miles fuͤhlte, daß er nicht ganz verlaſſen war, und ſein Blick den vier treuen auf ihn gerichteten Augen begegnete, die in jenem eignen Feuer gluͤhten, das wir ſo oft beim Hunde ſehen, wenn er den Schmerz in ſeines Herrn Bruſt ahnt, da durchzuckte ihn ein, fuͤr den Moment gewiß wunder⸗ licher Gedanke, aber er zeigte mehr als Seitenlange Elegien, wie ſchwarz, wie duͤſter ſchon die Welt ihn umgab. Wenn ich todt bin“— dachte er—„wo wird ſich da wohl ein „W menſch Hunde 17 menſchliches Weſen ſinden, dem ich die Sorge fuͤr des alten Mannes Hunde anvertrauen kann?“ Sechstes Kapitel. Das Teſtament. Am naͤchſten Tag, oder vielmehr Abend, ſaß Sir Miles St. John vor ſeinem frugalen Nachtmahl, einem mit Niemand zu thei⸗ lenden Huhn, und war wirklich uͤber ſich ſelbſt erſtaunt, daß er ſich in dem großen behaglichen Raum, in ſeinem alten Hotel Hanover⸗ Square— wiederfand; Ja— er war entflohen. Haſt aber auch Du, o Leſer— ſchon jemals das ſelige Gefuͤhl empfunden einer Heimath zu entfliehen, wo der heilige Zauber, der ſie fruͤher umgab, geſtoͤrt war? wo Dich Mißtrauen jeden Winkel als falſch und fremd — ach fremd betrachten fi, Vergebens hatte Dalibard dagegen proteſtirt, alle möglichen Ge⸗ fahren heraufbeſchworen und nis leti wenigſtens darum gebeten ihn begleiten zu duͤrfen. Seine Hunde und den alten wackeren Diener ausgenommen, der in ſeiner unerſchuͤtterlichen Treue faſt ſelbſt dem Hunde glich, ſollte kein Geſicht von Laughton ihn begleiten— am wenigſten Dalibard.— Lucretia's Brief hatte auf Plaͤne und Abſich⸗ ten angeſpielt, und das war vielleicht unwahr, ungerecht und un⸗ dankbar, aber ſchon der Gedanke peinigte ihn, der Mittelpunkt ſolcher hinterliſtigen Triebwerke zu ſein. Das glatte Antlitz des Pro⸗ vengalen nahm dabei einen tuͤckiſch verſchmitzten Ausdruck in ſeinen Augen an, ja ſein Laͤufer ſogar begann ihm verdaͤchtig zu werden, und es kam ihm vor, als ob er ſchon uͤberlege, wie lange es wohl noch dauern dürfe, bis er ſeinem Sarge folge. So, ſich Allen auf kurze unceremonioͤſe Weiſe, mit einem Nicken des Kopfes und dem Bulwer, Lucretia. I 2 18 Geſchaͤften in London“ entziehend, ſtieg er in ſeinen Wagen— ſeine alte raſſelnde Junggeſellen⸗Reiſekutſche— und trieb die Poſtillione an ſchnell— recht ſchnell zu fahren. Es war ihm einſam, recht einſam zu Sinn, und nur als ſich die Thore der Halle hinter ihm ſchloſſen, rieb er ſich freudig die Haͤnde, wie ein Schulknabe, der dem beengenden Raum der Schulſtube entflohen, nicht allein das Gefuͤhl ſeiner Freiheit, ſondern auch den Genuß ſei⸗ wmit dieſer Flucht etwas auſſerordentlich kurzen Vorwand von„ ner Liſt empfindet, als ob er Kluges und Geſcheidtes gethan haͤtte. Da er ſich alſo ſo wohl und zufrieden in dem alten traulichen ah, in demſelben Raum, wohin er einſt von Brouillard's“ von Paris heim⸗ Zimmer wiederſ Wey⸗ mouths kuͤhlen Luͤften oder aus den„ gekehrt, war es ihm ordentlich, als ob ihm ein Gruß aus fruͤher Ju⸗ endzeit heruͤber töne. Alter und Laͤhmung, Apoplexie und Verrath, g Alles war in dem Augenblick vergeſſen, und als dieſe grimmen Ge⸗ ſpenſter mit ihrer toͤdtenden Aufregung wiederkehrten, da fanden ſie ihr Opfer bereit und geruͤſtet und ſtolz auf dem Heerde ſtehend, 8 fuͤr deſſen Gaſtfreundſchaft er taͤglich eine Guinee zahlte. Sein Aeuſ⸗ ſeres war wenigſtens feſt und unerſchuͤttert. Er fuͤhlte, daß er noch Kraft und Gewalt beſaß, und daß eine Bewegung ſeiner Hand heben ja, ſelbſt noch am Rand des Grabes war er ge der Waage und dem Schwerte ſtrafen und er und ſtuͤrzen konnte; waffnet und konnte mit belohnen. In dieſem Augenblick trippelte der Kellner herein und meldete „Mr. Parchmount!“ „Setzt einen Stuhl und fuͤhrt ihn herein! Der Notar betrat das Zimmer. as iſt wirklich ein Erſtaunen; „Mein theuerer Sir Miles— das was hat Sie in die Stadt gebracht?“ „Das gewoͤhnliche Steckenpferd der alten Leute, Sir— ich möchte mein Teſtament aͤndern.“ 2 Drei Tage verwandten Notar und Client auf dies Geſchaͤft, 19 denn Sir Miles war genau und Mr. Parchmount genauer; kleine Schwierigkeiten entſtanden und ſelbſt die erſte Anlage wurde geaͤn⸗ dert, denn Sir Miles wollte, ſo tief ging ſein Abſcheu, nicht einmal leidenſchaftlich in dieſem Falle handeln. In dieſer letzten That ſeines Lebens war der Greis aber wirklich groß— er verſuchte ſich uͤber die Sterblichen zu heben und, ſeine Augen auf den Richter der Wel⸗ ten geheftet, Umſtaͤnde und Entſchuldigungen gleich billig abzuwaͤ⸗ gen und die Gerechtigkeit ihre gerade aber ſtrenge Bahn gehen zu laſſen. Indeſſen, unbewußt des Zuͤndfadens, der fern von ihr gelegt wor⸗ den, ruhte Lucretia auf der Mine. Ruhte iſt aber freilich nicht das rechte Wort, ſie war vielmehr bewegt und unruhig, daß Mainwa⸗ ring ihrer Einladung nicht gefolgt. Sie ſchrieb ihm am dritten Tag nach ihrer Ankunft von Southampton aus, ehe aber die Antwort eintraf, erhielt ſie die folgende kurze Epiſtel von London. „Mr. Parchmount empfiehlt ſich dem Fraͤulein Clavering auf das Beſte und erſucht ſie, nach Sir Miles eigenem Wunſch, nicht nach Laughton zuruckzukehren. Fraͤulein Clavering wird das Weitere in einigen Tagen hoͤren, ſobald Sir Miles die Geſchaͤfte, die ihn hier nach London riefen, vollendet hat.“ Dieſer Brief, wenn er auch ihre Neugierde erregte, beunruhigte ſie doch nicht weiter. Es war ganz natuͤrlich, daß Sir Miles ſeine Geſchaͤfte ordnen ſollte, und eine Reiſe nach London ſchien dabei gar ſo kein uͤbles Omen. Ihr Geiſt floh daher ſchnell zu dem Gedanken zuruͤck, der ſie jetzt allein in Anſpruch nahm. Mainwarings zwei Tage ſpaͤter eintreffender Brief beunruhigte ſie viel mehr. Er hatte den fuͤr ihn im Baume verſteckten Brief nicht gefunden; er war von Beſorgniß erfuͤllt und nannte es Unklugheit, ihn bei Mr. Fielden ſehen zu wollen; er bat ſte, dem Gedanken zu entſagen. Er wollte noch einmal nach Guy's Eiche zuruͤckkehren, und genauer ſuchen— hatte ſie den Platz veraͤndert, wo die fruͤheren Briefe gelegen? So lautete der Brief, aber ſelbſt das Nichtfinden ihrer Zeilen 2* — — 20 s die offenbare Zuruͤckhaltung, mit der Main⸗ waring ſchrieb; jenen hatte ſie diesmal ſorgfältiger als je unter Laub und Moos verſteckt, und wohl war es möglich, daß er ihn bei fluͤch⸗ tigem Suchen uͤberſehen haben konnte, aber wie ſollte ſie dieſe lauen Varnungen ertragen, die ihren leidenſchaftlichen Ergießungen ant⸗ worteten? Möglich iſt's, daß gerade jene, zu Zeiten in ihr tobenden Zweifel die Gluth verſtaͤrkten, die ſie erfuͤllte, t, den geliebten Gegenſtand zu verlieren, die Mit dem Zwei angſtigte ſie nicht ſo, al denn in manchen Naturen ſteigert die Furch als ein ſtilles feſtes Vertrauen. Zuneigung mehr, ſten Mal die Vergeltung in ihr auf, fel flammte aber auch zum er re Antwort an Mainwaring war heftig und ſtreng. Bote von London mit einem den Augenblick ſelbſt den und ih Am naͤchſten Tag kam jedoch ein zweiten Brief des Mr. Parchmount, der für wilden Strom ihrer Liebe hemmte. Als das Geſchaͤft beendet, das Teſtament unterzeichnet, verſie gelt und abgegeben war, ſchien es dem alten Mann, als ob eine Laſt von ſeinem Herzen genommen ſei. Drei oder vier ſeiner alten Freunde, ans wie er ſelbſt, hatten ſeine, pflichtſchuldigſt in den Blaͤt⸗ geleſen und eilten nun herbei ihn zu bewill aber belebt, an die ſich die Sir Miles, wenn bons viv tern gemeldete Ankunft kommen. Durch den Anblick jener Zuͤge Jugend knuͤpften, fand s auch noch nicht wirklich vergeſſen hatte, ſie zu verachten. Weshalb frohſten Scenen ſeiner er die Rathſchlaͤge Dalibard Art ſtolzen Vergnuͤgens darin, noch ſolche Sorgfalt auf ſeinen ſchon faſt zerſtoͤrten Körper wenden? Sein Teſtament war gemacht, gab es in dieſem Leben etwas, das noch eine Anziehungskraft für ihn gehabt haͤtte? Nichts.— Er lud ſeine Freunde zu einem, gen wuͤrdigen Feſte ein und alte wackere, zahe Kumpane waren es, mit einer praͤchtigen Gicht thigen Abfluß zu geben. So kamen ſie doch eine der alten Erinnerun all und ſie tranken und la aber ſie bemerkten nicht gethane Gewalt die en und ſchwatzten von ihren jungen Tagen, eit, jene dem Geiſt an⸗ froͤhlichſten der Zecher 21 machte. Es war eine Nacht der Naͤchte, und die alten Herrn wurden wieder in ihren Stuͤhlen oder Tragſeſſeln zuruͤckgeſchafft. Sir Miles allein ſchien ſo ruhig und nuͤchtern, als ob er mit Diogenes zu Nacht geſpeiſt. Sein Diener, deſſen reſpektvolle Warnungen ſtreng abge⸗ wieſen worden, fuͤhrte ihn zu Bett, aber Sir Miles legte ſich kaum nieder. Am naͤchſten Morgen, als der Diener,(der in demſelben Zimmer ſchlief) erwachte, begegnete zu ſeinem unbegrenzten Erſtau⸗ nen der Glanz eines Lichtes ſeinen Auge gen— er rieb ſie— ſah er wirklich recht? Sir Miles ſaß an dem Ti iſch. Er mußte wieder auf⸗ geſtanden ſein und das Licht angezuͤndet haben, um zu ſchreiben— aber wie leiſe— Der Diener ſchaute und ſchaute, denn die Ruhe, in der Sir Miles verharrte, kam ihm unheimlich vor;— er ſaß zuruͤck⸗ gelehnt, in dem Armſtuhl. Jener Schauer wurde zu einem Ver⸗ dacht— er ſprang auf— naͤherte ſich ſeinem Herrn— ergriff ſeine Hand— ſie war kalt und fiel ſchwerfäͤllig zuruͤck. Sir Miles mußte ſchon mehre Stunden todt ſein. Die Feder lag auf der Erde, wie fie ihm aus der Hand gefallen war, den Brief auf dem Tiſche hatte er kaum begonnen; die Worte lauteten alſo— „Lucretia— Du wirſt nie mehr in mein Haus zuruͤckkehren. Du biſt ſo frei, als ob ich todt waͤre, aber ich werde gerecht ſein. Wollte Gott, daß ich es gegen Deine Mutter, Deine Schweſter ge⸗ weſen waͤre. Aber ich bin alt jetzt— wie Du ſagſt, und—“ O wer in dem Augenblick in das arme ſtolze Herz haͤtte ſchauen konnen, als die Hand fuͤr immer ſank— dem waͤre klar geworden, was jetzt hier ungeſchrieben blieb. Zuerſt war da der harte Kampf, den Widerwillen den er empfand, zu uͤberwinden— den Brief zu beginnen, und die Falſche— Entlarvte uͤberhaupt anzureden; dann kam der herbe Schmerz der Undankbarkeit— dann die Idee des mißgoͤnnten Lebens, des fuͤr ihn erſehnten Grabes, dann der ſtarke Sieg uͤber den Haß— der Entſchluß gerecht zu ſein— dann der Vorwurf des Gewiſſens, fuͤr ſo viel geringere Schuld die Schweſter verſtoßen, die vielleicht durch das arme vernachlaͤſſigte Kind erhaltene Liebe trotzig zuruͤckgewieſen zu haben,— dann die Ueberzeugung aller irdiſchen Nichtigkeit und Erbaͤrmlichkeit— die Ausſicht auf das Leben, daß er von jetzt an jeder Liebe entſagen muͤſſe, daß er keinem — keinem Herzen wieder vertrauen koͤnne— daß er zu alt auch ſei, neue Banden zu knuͤpfen und dann— als ſich alle dieſe— erſt ein⸗ zeln gefuͤhlten Gedanken vereinigten, zu einem entſetzlichen Ganzen vereinigten,— da ſprengten ſie den angeſpannten Lebensfaden morſch entzwei. Indem Mr. Parchmount dieſen traurigen Todesfall mit mehr Gefuhl anzeigte, als man von einem Notar wohl haͤtte erwarten können,(aber ſelbſt ſein Advokat liebte Sir Miles) bemerkte er noch ſchließlich, daß der Verſtorbene in einem Hotel laͤge, und da Miß Claverings Gegenwart bei der letzten feierlichen Handlung nicht nöthig waͤre, ſo wuͤrde ſie wahrſcheinlich die Reiſe zur Stadt unter⸗ laſſen. Da es jedoch Sir Miles Wunſch waͤre, daß ſein Teſtament auch zweifelsohne Anordnungen zu ſeinem eigenen Begraͤbniſſe ent hielt,— ſo moͤchte es wohlgethan ſein, daß Miß Clavering und ihre Schweſter ohne weiteren Verzug Jemanden zur Stadt ſendeten, der ſo bald als möglich nach ſeinem Tode eroͤffnet wuͤrde, indem es 1 der Vorleſung des Teſtaments, in ihrem Intereſſe, beiwohnen ſolle. Vielleicht unternahme Mr. Fielden dieſes ſchmerzliche Amt. Um Lucretia Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo kann nicht verſchwiegen werden, daß ihr erſtes Gefuͤhl bei Empfang dieſes Brie⸗ fes das des ſcharfen, reuevollen und wahrlich unvorbereiteten Schmer⸗ zes war. Welch' ein Unterſchied aber liegt darin, Das zu uͤberlegen, was dem Tode folgen ſoll, und zu wiſſen, daß er wirklich erſchienen ſei. Suſannens Schluchzen, Mr. Fieldens frommes, gottergebenes Zureden — Alles blieb umſonſt; ihre eigenen ſuͤndhaften Gedanken und Hoffnungen kehrten zuruͤck und verfolgten ſie ſtreng und ernſt wie die Furien der Rache. Sie beſtand zuerſt darauf, ſelbſt nach London zu gehn, und die irdiſchen Ueberreſte ihres alten, ach ſo ſchwer gekraͤnk⸗ 23 ten Oheims noch einmal zu ſehen. Alle gaben auch ihrer Heftigkeit nach, ja der Wagen, der ſie dorthin füͤhren ſollte, ſtand ſchon vor der Thuͤr— da ſank ihr aber der Muth— ſie wagte es nicht jenen Zuͤ⸗ gen wieder zu begegnen. Ihr Gewiſſen ſchreckte ſie, ſie barg das Antlitz in den Haͤnden und floh in ihr Zimmer zuruͤck. Mr. Fielden nahm ungebeten die Verantwortung auf ſich. Nur Vernon(von Brigthon hierher gerufen), der wackere Geiſt⸗ liche und der Notar, dem die Vollſtreckung des Teſtaments allein uͤbertragen war, befanden ſich gegenwaͤrtig, als das Siegel gebrochen wurde. Das Teſtament war lang, wie das gewoͤhnlich der Fall iſt, wenn der Staub den es vertheilt, einige vierzehn bis funfzehntau⸗ ſend Acker deckt. Aus der Maſſe von Wiederholungen und techni⸗ ſchen Ausdruͤcken aber heraus, ließen ſich bald dieſe vorragenden Hauptpunkte erkennen. Charles Vernon von Vernon Grange Esg. und ſeine ehelichen Erben ſollten alle jene Lande und Holzungen ge⸗ hoͤren, die auf der Hampſhirekarte den unter dem Namen Laughton bezeichneten Raum deckten, unter der Bedingung, daß er und ſeine Erben Namen und Wappen St. Johns annaͤhmen. Sollte er ſich deſſen weigern, ſo ging das Vermoͤgen zuerſt an Suſanna Mivers, nachher an Lucretia Clavering uͤber. Dort ſtockte die Erbfolge, und waͤre dann dem Scharfſinne und der Spuͤrkraft des Advokaten in die Haͤnde gefallen, irgend einen der fernen und vergeſſenen Abkoͤmm⸗ linge des alten Geſchlechts der St. Johns als rechtmäßigen Erben aufzufinden. An Lucretia Clavering waren, jedoch ohne ein Wort der Liebe, 10,000 Pfd. vermacht— das gewoͤhnliche Erbtheil, das das Haus St. John ſeinen Toͤchtern bisher hinterlaſſen hatte; an Suſanne Mivers dieſelbe Summe, aber mit der Beifuͤgung der bei ihrer Schweſter zuruͤckgehaltenen Worte:„ und meinen Segen.“ Olivier Dalibard war mit einer Rente von 200 Pfd. bedacht; Gabriel Varney erhielt 3000 Pfd.; der Ehrw. Matthew Fielden 4000 Pfd. und John Walther Ardworth dieſelbe Summe. Sein 24 Lieblingsdiener Henry Jones erhielt eine fuͤr ihn ausreichende Rente, und ihm wurde auch die Sot rge fur Ponto und Dash ubertragen och auch fuͤr dieſe war eine ihm zu zahlende Verguͤtung ausgeſtellt, die erſt mit dem Tode der Hunde aufhoͤrte. Armer alter Mann— as eigene Intereſſe ihres Waͤrters, ihnen wenigſtens ihr Di Dienerſch zaft beſtimmte er ihrer Dienſtzeit angemeſſene, aber freige⸗ Brod und Leben nicht zu mißgoͤnnen. Seiner andern bige Spenden. Sein Koͤrper ſollte in der Gruft ſeiner Vaͤter, doch 1 ohne Gepraͤn ge, aber auch ohne eine zu große zur Schautragung vo Gafacett, die er in ſeinem Leben nie bewieſen hatte, beigeſetzt befindliches Miniaturbild, werden, nur ein kleines, in ſeinen verlangte er mit in ſeinen Sarg. Das letzte war aber mehr als ein bloßes Gefuͤhl, es ſprach die moraliſche Ueberzeugung aus, welch Gluͤck das Original des Bildes ſeinem eignen Leben verliehen haben wuͤrde, haͤtte es an ſeiner Seite gelebt. Sein eigner Stolz war es freilich geweſen, der ihn von dieſem Gluͤck ausgeſchloſſen; auch bereute er ihn nicht, denn er hielt Stolz fuͤr Pflicht, das todte Bild aber, mit ihm in ſeinen Sarg be⸗ graben— das kuͤndete die Staͤrke des von ihm gebrachten Opfers. Der Tod vernichtet jeden Rang, und der Sarg des Lords von Laug thon durfte ſich ſeine Gefaͤhrtin waͤhlen. Als das Teſtament geleſen war, zog der Notar zwei Briefe her⸗ r, von denen der eine die Handſchrift des Verſtorbenen, an Mr. ernon adreſſirt, trug, der andere, von des Advokaten eigner Hand, an Miß Glavering gerichtet war. Der letzte ſhleß die wenigen, auf Sir Miles Tiſche gefundenen Zeilen, wie ihren eigenen Brief an Mainwaring in ſich— an ſie in Sir Miles ſchönſter und feſteſter Handſchrift zuruͤckadreſſirt. Ohne Zweifel hatte er beerffchttun ihr dieſen Brief in dem unvollendet gelaſſenen zu uͤberſenden. Der Brief an Vernon enthielt eine Copie von Lucretia's fataler Epiſtel, und die folgenden Zeilen an Vernon ſelbſt. 25 Mein theuerer Charles. Nach reiflicher Ueberlegung und mit wirklich ſtarkem, aber ganz na⸗ tuͤrlichem Widerſtreben, enthuͤlle ich Dir hier meiner N ichte Schmach; ich halte es für meine Pflicht, Dir eine von meiner eigenen Hand(die dieſe Abſchrift befleckte) genommene Copie des Originals zu ſenden. Ich thue das erſtlich deshalb, weil Du es ſonſt vielleicht, wie ich das auch gethan haͤtte, fuͤr Deine Schuldigkeit als Gentleman gehalten haben wuͤrdeſt, ihr Deine Hand auch jetzt noch anzutragen— noch eher vielleicht, da Miß Clavering— nicht meine Erbin iſt; zweitens aber, waͤre ihre Liebe ſtaͤrker geweſen als ihr Eigennutz, ſo haͤtteſt Du ſie am Ende gar fuͤr ungerecht behandelt gehalten und ſie in dem Hauſe meiner orſahre als einen geehrten und willkommenen Gaſt aufgenommen.„Charles Vernon, glaube ich aber nach meinem beſten Wiſſen und denllon gethan zu haben, was recht und gerecht iſt. Ich habe bedacht, daß dies junge Frauenzimmer als eine Tochter meines Hauſes erzogon worden, und was die T Toͤchter meines Hauſes fruͤher erhalten haben, das vermache ich auch ihr; ich entſage, ſo viel mir das irgend moͤglich iſt, jeder Rache reinen Familienſtolzes; ich thue das auch dadurch, wenn ich meine Haͤrte gegen meine arme Schweſter wieder gut mache, und ihren beiden Kindern gleichen Antheil hinterlaſſe. Wenn Du alſo das uͤberſchreiteſt, was ich fuͤr Lucretia gethan habe, ausgenommen Du glaubteſt wirklich aus Gruͤnden, die meinen eigenen Verſtand uͤberſteigen, ich haͤtte un⸗ recht gehandelt, ſo beleidigſt Du mein Andenken und haͤltſt meinen ſtrafenden Arm auf; ich bitte und beſchwoͤre D dich aber, ja ich ver⸗ biete es Dir ſogar, nie, wenigſtens nicht mit Deinem Wiſſen und Willen an den bis jetzt durch Treue und Wahrheit geheiligten Heerd unſeres Stammes ein Weſen zuzulaſſen, das dieſen Altar durch Ver⸗ rath befleckte. Als Gentleman gegen Gentleman nehme ich Dir hier dieſes feſte Verſprechen ab. Ich haͤtte gewuͤnſcht, die Kinder dieſes Frauenzimmers ebenfalls von der Erbfolge auszuſchließen, unſer alter Stamm hat aber ſo wenige Zweige— Du biſt unverheira⸗ 26 thet— Suſanna ebenfalls, ſo muß ich es denn dem Schickſal uͤber⸗ laſſen, ob Miß Claverings Kinder, wenn ſie je erben, nicht auch ihrer Mutter Charakter und Geiſt geerbt haben; wahrſcheinlich wird ſie dieſen Mainwaring heirathen und die Kinder dann einen niedrig geborenen Vater haben. Nun— ihr Stamm iſt wenigſtens rein. Clavering und die St. Johns ſind Namen, die bisher Ehre und Treue verbuͤrgten— doch Du ſiehſt, was ſie iſt. Charles Vernon, wenn ihr Sohn die Seele eines Gentleman erbt— ſo kommt ſie dennoch nicht von der hochgeborenen Mutter— o daß ich leben mußte das zu ſagen, ich, der ich— doch vielleicht haben wir den Stammbaum dieſer Claverings nie ſo genau unterſucht. Heirathe aber auch Du, mein Sohn— heirathe bald, Charles Vernon, mein theurer Verwandter— halte das alte Haus im alten Stand und treu ſeinem Ruf. Sei guͤtig und mild gegen die Armen druͤcke die Paͤchter nicht— Und noch eins— Farmer Strongbow ſchuldet mir drei Jahre Pacht— ich erlaſſe ihm denſelben— und uͤber⸗ gieb ihm eine kleine haupt Charles— verſetze ihn in Ruheſtand— aber er wurde Penſion; er kann dem Lande nichts mehr nuͤtzen, darauf geboren und ſoll nicht darben oder der Gemeinde zur Laſt fallen. Wenn Du aber auch guͤtig und großmuͤthig, wenn Du auch milde gegen Deine Paͤchter biſt, mein lieber Charles, ſo lerne doch ja nicht zu verſchwenden. Ein Mann, deſſen Vermögensumſtaͤnde untergraben ſind, kann nicht großmuͤthig ſein, ohne ungerecht zu werden. Wie koͤnnteſt und duͤrfteſt du dem Armen geben, wenn Du Schulden haͤtteſt? Beherzige das, Charles, beherzige es jetzt— jetzt, wo Dein gutes Herz noch geruͤhrt, wo Dein Gemüuͤth noch er⸗ griffen iſt. Charles Vernon, ich bin uͤberzeugt, Du wirſt eine Thraͤne ver⸗ wenn Du meinen Armſtuhl leer und einſam ſtehen ſiehſt. gießen, Deiner Sorgfalt anvertraut haben, aber Ich wuͤrde auch die Hunde Du denkſt an andere Sachen— gehſt oft nach London, und die Thiere find nun einmal an's Land gewoͤhnt. Der alte Jones wird ein kleines Haͤue — Doch mirc ſehen 27 Haͤuschen im Dorfe beziehn; er hat mir verſprochen, dort zu leben — geh' manchmal hin, und ſieh' wie es Dash und Ponto geht. Doch es iſt ſpaͤt— alte Freunde kommen, bei mir zu eſſen; ſollte mir alſo etwas Menſchliches begegnen, und wir uns nicht wieder ſehen,— ſo lebe wohl, und moͤge Gott Dich ſegnen. Dein Dich liebender Vetter Miles St. John. Siebentes Kapitel. Suſanne. Es ſind noch nicht ganz drei Monate nach dem Tod des Sir Miles St. John verfloſſen— November herrſcht in London. Herrſcht ſcheint freilich kaum ein paſſender Ausdruck fuͤr jene verdroſſene, truͤbe Macht, die dieſer traurige Monat(der erſte in der Regierung des Winters) uͤber die leidende— troſtloſe Stadt ausuͤbt. In anderen Staͤdten Englands iſt November gar ſo kein wilder, launiger Burſche, ſein Antlitz ſieht ſtill und mild uͤber die braunen Felder und veraͤn⸗ derten Waldungen heruͤber und oft ſtiehlt ſich ſogar ein Läͤcheln in dieſe gutmuͤthigen Zuͤge, wenn ein goldener Sonnenſtrahl an dem weichen, in den ſchoͤnſten Tinten prangenden Laub haftet, oder ſich in dem murmelnden Bache ſpiegelt, der ſich noch frei und unbehindert der eiſernen Decke dahin ergießt. Aber als ein Beſieger, der ſeinen Hof in der Hauptſtadt haͤlt und mit ſchwerer, gewaltiger Hand die aufruͤhreriſchen Buͤrger zuͤchtigt, wenn auch ſein Einfluß noch lange nicht in der Provinz gefuͤhlt wird, ſo hat der erſte Tyrann des Winters auch nur noch Zuͤrnen und Drohung fuͤr London. Selbſt der Anblick der Fußgaͤnger verraͤth die erſt kuͤrzlich in Banden geſchlagenen Maͤn⸗ ner; in Pelzen und Muffen dicht vermummt, ſchleichen ſie ſich durch 28 die nebligen Straßen. Selbſt die Kinder kriechen furchtſam uͤber die Wege— die Wagen fahren vorſichtig und Leichenwagen aͤhnlich — ſogar das liebe Tageslicht hat nicht einmal das Herz hell zu ſchei⸗ nen; die Stadt iſt noch nicht wieder beſucht— das Weihnachts⸗ draͤngen hat noch nicht begonnen— die ungeſelligen Schatten gleiten durch den Nebel, wie die Glieder einer Verſchwoͤrung vor deren Ausbruch. Jeder andere Monat in London hat doch wenigſtens fuͤr die dort Bekannten ſeinen Reiz; ſelbſt vom Auguſt bis October, wenn die Saiſon ſchlummert, und die Mode ihren Soͤhnen verboten hat, ſich in den Bow⸗Bezirken ſehen zu laſſen, findet dort der treue Freund Londons irgend ein Vergnuͤgen, wenn er nur darnach ſuchen will. Die fruͤhen Spaziergaͤnge durch die Parks und gruͤnen Kenfington⸗Gaͤr ten zum Beiſpiel, die dann ihren ganzen Charakter veraͤndern und wirk⸗ lich laͤndlich erſcheinen, wenngleich immer noch mehr Leben als das Land bieten. Auf den Baͤnken unter den Baͤumen, auf den Wieſen und in den Gaͤngen ſind genug Weſen, das Auge zu feſſeln und den Gedanken eine andere Richtung zu geben, ſo Du uͤberhaupt ein Lieb⸗ haber davon biſt, Geſichter zu ſtudiren und den menſchlichen Cha⸗ rakter in den Augen des Dir Begegnenden zu leſen; friſche Ammen und ſpielende Kinder und der alte, ſchaͤbig gentile Officier auf halben Sold— der fruͤh am Tag zu ſeinem Geſchaͤft eilende Kaufmann, denn Geſchaͤfte hören in London niemals auf; und dann gar am Nach⸗ mittag, wie herrlich an die Ufer von Putney oder Richland zu ent⸗ fliehen— dort die froͤhliche Ruderparthie den Fluß hinauf, oder das ſtille Angeln im Teich— das Plauderſtuͤndchen in der gemuͤthlichen Wirthsſtube. Und lockt Dich dies Alles nicht, nun ſo hat ſelbſt die Stadt einen eigenen Reiz. Der Herbſt ſcheint rein und klar uͤber die Daͤcher, wo der Rauch ſeinen Sonntag haͤlt, und wie freundlich ſchimmern die Sonnenſtrahlen durch die ruhigen, ſtillen Straßen— wenn Du ſie durchwanderſt, kommſt Du Dir vor wie ein Andreas Selkirk, aber mit dem Markt der Welt zu Deiner Wildniß. 29 Und kommt October endlich, ſo hat auch er einen eigenen Reiz; das Leben kehrt geſchaͤftig in die Stadt zuruͤck, die Laden fuͤllen ſich, Verkehr und Handel kehren wieder. Wie Voͤgel, die den April wit⸗ tern, ſo bereiten die Kinder des Kaufmannſtandes ihr Gefieder und ruͤſten ſich auf den erſten Anlauf der Saiſon. Aber November— ſtarke Lungen, wunderlichen Geſchmack und entſetzlich leichtes Herz muß der haben, der Luſt und Freude an einem London⸗November findet. In einem kleinen Wohnhaus in Bulſtrodeſtreet, Mancheſterſquare ſaß eine Familie in Trauer; ſie hatte es gewagt im November zur Stadt zu kommen, vielleicht um ſich zu zerſtreuen. In dem langwei⸗ lig kleinen Gemach des langweilig kleinen Hauſes ſtellen wir Dir, lieber Leſer, zuerſt einen Gentleman von mittlerem Alter vor, deſ⸗ ſen Kleidung das verrieth, was Kleidung jetzt nicht mehr verraͤth, — ſein Geſchaͤft. Niemand haͤtte den Schnitt ſeines Kleides— die Form ſeines Hutes mißverſtehen können, denn er kam gerade von einem Spaziergang nach Hauſe, und nicht aus Unart, ſondern nur aus Vergeßlichkeit beſchattete der breite Rand des Hutes noch immer das freundlich milde Antlitz. Der Paſtor ſprach aus ihm, von Biber bis zur Schnalle hinab. Vor dem Kohlenfeuer, in dem durch einen entſetzlichen Qualm hin eine kleine winzige Flamme flackerte und zuckte, ſaß eine Dame im mittleren Lebensalter, die du ebenfalls, lieber Leſer, ohne wei⸗ ter ein Tauſendkuͤnſtler zu ſein, als die Haus⸗ und Ehefrau des wuͤr⸗ digen Geiſtlichen erkennen konnteſt. Mehrere Kinder kauerten dabei, um ſie und um ein einzelnes Buch her geſchaart— ihr leiſes Fluͤſtern verrieth jedoch, daß dieſes wenigſtens uberflüͤßig ſei. Aber dort— am letzten von den drei truͤbausſehenden Fenſtern, die noch durch braune Moor⸗Gardinen, ſehr elegant mit ſchwarzem Baumwollen⸗ ſammt garnirt, verdunkelt wurden, ſtand ein Maͤdchen von unendlich ſanftem und gedankenvollem Ausdruck in den Zuͤgen= huͤbſch, un⸗ bezweifelt— ausgezeichnet huͤbſch ſogar, dennoch lag etwas ſo 30 Zartes, ſo Edles in ihrem ganzen Weſen— in der Biegung ihres Kopfes, in der Form der ſchlanken Geſtalt, mit den ſchoͤnen Haͤndchen uber einandergelegt, waͤhrend ſie das Antlitz traurig dem Fenſter zu⸗ wandte, daß huͤbſch ein faſt zu gewoͤhnlicher, zu oft auf Griſetten und Stubenmaͤdchen angewandter Ausdruck ſcheinen moͤchte; und doch war es vielleicht der rechte, denn ſchoͤn haͤtte wieder etwas Stattli⸗ cheres, mehr Befehlendes angedeutet— groͤßere Regelmaͤßigkeit der Zuͤge und reichere Faͤrbung derſelben. Der Paſtor, der ſeit ſeinem Eintritt mit den Haͤnden auf dem Ruͤcken in dem kleinen Zimmer auf⸗ und abgegangen war, und nur ne jedoch zu ſprechen, einen Blick auf die junge Dame zu Zeiten, oh blieb endlich in ſeiner monotonen Bahn neben dem geworfen hatte, hle ſeines Weibes ſtehen, und beruͤhrte ihre Schulter. Dieſe hielt Stu in ihrer Arbeit an— die in weiter Nichts beſtand, als dem„Ein Begriff war von nehmen“ einer gewiſſen blauen Jacke, welche im Beg Matthes dem Erſtgeborenen auf David den zweiten uͤberzugehen, und ſchaute liebend zu ihrem Gatten auf; der aber ſprach nicht, ſondern theils mit den Augenbrauen, theils machte nur eine Bewegung, uͤber die rechte Schulter, durch ein Hinuͤberzucken ſeines Daumens nach der Stelle zu, wo die eben beſchriebene junge Dame ſtand, waͤh⸗ rend er gleich darauf dieſe Kopfſchütteln begleitete. Pantominen mit einem gar traurigen Die Frau ſah ſich um und blickte ſie ſcharf an, wobei ſie die Scheere in der einen Hand erhaben hielt, waͤhrend die andere auf dem Kragen der Jacke ruhte. In dieſem Augenblick wurde ein leiſes Klopfen an der Hausthuͤr gehoͤrt; das wuͤrdige Paar ſah, wie das Maͤdchen zuſammenſchrak und erzitterte— dann ſchallte der Klang eines Schrittes herauf, ein Knarren der Dielen, und Alles war wie⸗ der ruhig. „Das iſt Mr. Mainwarings Klopfen“ ſagte eins der Kinder. „Die Jungfrau verließ ploͤtzlich das Zimmer und ſo leicht ihr Sch⸗ auff 31 Schritt auch war, ſo hoͤrten ſie doch, wie ſie leiſe die Treppe hin⸗ aufſtieg. „Meine Kinder“, ſagte der Paſtor,„es iſt noch eine Stunde bis Dunkelwerden— Ihr moͤgt ein wenig auf die Straße gehen.“ „Ach es iſt ſo langweilig in der alten Straße, und auf das Gras wollen ſie uns doch nicht laſſen— ich bleibe lieber hier,“ erwiderte eins der Kinder, das ſich zum Sprecher der uͤbrigen aufgeworfen zu haben ſchien; und ſie alle ruͤckten naͤher am Kamin zuſammen. „Aber Kinder“, ſagte der Paſtor ganz einfach—„ich moͤchte mit Euerer Mutter ein Wort allein reden. Wenn Ihr uͤbrigens das lie⸗ ber thut, ſo koͤnnt Ihr indeſſen auf Euer eignes Zimmer gehen, nur muͤßt Ihr Euch ruhig verhalten. „Oh, wir koͤnnen in Suſanna's Zimmer gehen.“ „Nein,“ ſagte der Paſtor,„Ihr duͤrft Suſanna nicht ſtoͤren.“ „Sie hat ſich doch bis jetzt noch nie etwas daraus gemacht, ge⸗ ſtoͤrt zu werden— was mag ſie denn nur haben?“ Der Paſtor erwiederte auf dieſe halb ſchmollend gemachte Aeuſ⸗ ſerung nichts, die Kinder beriethen ſich dann einige Secunden und beſchloſſen, daß die Straße, wenn ſie auch noch ſo langweilig waͤre, doch unterhaltender ſei, als ihr eignes kleines Gemach, und daruͤber im Klaren, kam nun die Mutter an die Reihe ſie anzureden. Obgleich aber Mr. Fielden gewiß ſo ſorgſam und aͤngſtlich wie alle Vaͤter war, ſo wurde er doch ein wenig ungeduldig, als Umknuͤpftuͤcher, wollene Shawls und Pulswaͤrmer nachgeſehen und die genaueſten topogra⸗ phiſchen Warnungen, wo und wie die Straße zu uͤbergehen, gegeben, ja noch beſonders die Gefahr beleuchtet wurde,— fremde Hunde zu ſtreicheln. Mit einem Kopfſchuͤtteln und Laͤcheln ſchob er die Kinder endlich foͤrmlich aus der Thuͤr, ſchloß dieſe, und zog ſeinen Stuhl dann dicht zu dem ſeines Weibes. „Meine Liebe,“ begann er hier augenblicklich und ohne weitere Umſchweife—„ich bin ſehr in Sorgen, wegen des armen Mäͤd⸗ chens.“ „Was? wegen Miß Clavering? ja— ſie ißt beinahe gar nichts und ſitzt ſtumm und ſchweigend allein. Sie ſieht aber Mr. Mainwa⸗ ring alle Tage. Was koͤnnen wir dabei thun. Sie iſt ſo ſtolz— ich fuͤrchte mich ordentlich vor ihr. „Liebe Frau, ich dachte nicht an Miß Clavering, obgleich ich Dich nicht unterbrochen habe, denn es iſt wahr, daß auch ſie Mitleid verdient.“ „Ich bin auch uͤberzeugt, Du haſt nur ihretwegen Suſan⸗ na's Bitten nachgegeben und üͤberließeſt Blackmann ſo lange Dein jerher kamen, und hofften London, ſolle Amt, waͤhrend wir indeſſen h ſie zerſtreuen. Wir verließen zu Hauſe Alles drunter und druͤber, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn nicht ein einziger Apfel mehr auf dem Platz bliebe.“ „Aber ich ſage ja Prophezeihung weiter zu beachten,„ich ſ ſannen dachte.— Sieh nur, wie bleich ſie geworden iſt!“ Ih nun, ſie hat ſo ein gutes Herz, und ihre Schweſter muß ihr „₰ leid thun.“ „Aber ihre Schweſter, obgleich ſie viel nachdenkt und ſich ent⸗ t von uns haͤlt, iſt gar nicht traurig— blos zuruͤckhaltend. Im ich glaube, ſie graͤmt ſich nicht einmal mehr uͤber des „“ erwiderte der Paſtor, ohne dieſe traurige age ja, daß ich nur an Su⸗ fern Gegentheil, armen Sir Miles To „Und den Verluſt des großen Vermögens—“ „Pfui Marie!“ ſagte Mr. Fielden faſt ſtrenge. „Marie ſah, ſo getadelt, vor ſich nieder, denn ſie war keine von die ihren Gatten, eben ſeiner Guͤte wegen 7 d. jenen ſtolzen Frauen, verachten.“ „Sei nicht boͤs, l mir, aber ich kann— ich mag thun, jeber Mann,“ ſagte ſie—„es war unrecht von was ich will— ich kann dieſe Miß Clavering nicht gern haben.“ „Um ſo mehr mußt Du ſie mit Milde beurtheilen. Und wenn das, was ich faſt fuͤr der Fall iſt— ſo bin ich uͤberzeugt, daß wis R haben Spit gehen ſchr 33 wir nicht genug Mitleiden mit der armen verblendeten jungen Dame haben koͤnnen.“ „Um Gottes willen— was meinſt Du, Fielden?“ Der Paſtor ſah ſich um, um ſich zu uͤberzeugen, daß die Thuͤr auch feſt verſchloſſen ſei, und erwiderte dann fluͤſternd— „Ich fuͤrchte, William Mainwaring liebt nicht Lueretia— ſon⸗ dern Suſanna.“ Die Scheere entſiel Mrs. Fildens Hand und obgleich die eine Spitze im Boden ſtecken blieb, und die andere den Schuhen und Zehen jedes in ihre Naͤhe Kommenden Verderben drohte, ſo buͤckte ſie ſich nicht einmal, dieſes chevaux de frise zu entfernen. „Aber dann— dann iſt er ja ein recht falſchherziger junger Mann?“ „Allerdings zu tadeln,“ ſagte Mr. Fielden,„denn ich kann das Gegentheil nicht behaupten, obgleich ich den jungen Mann gern habe und ihn mehr fuͤr ſchüchtern als falſch halte. Aber ich muß Dir etwas ſagen, Mary, was ich bis jetzt geheim gehalten habe, und weswegen ich Deinen Rath begehre. Als uns Mainwaring vor vie⸗ len Monaten in Southampton beſuchte, geſtand er mir, daß er ſich zu Suſanna hingezogen fuͤhle, und frug mich, ob ich wohl glaube Sir Miles wuͤrde ſeine Zuſtimmung zu ihrer Verbindung geben. Ich aber wußte nur zu gut, wie ſtolz der alte Gentleman war, um ihm ſolche Hoffnung zu machen. So verließ er uns und betrug ſich da⸗ rin hoͤchſt achtbar. Du erinnerſt Dich wohl noch, wie traurig Su⸗ ſanna damals war, als er fortging— Du haſt es doch bemerkt.“ „Ja gewiß, ich erinnere mich daran. Als aber der erſte Gram uͤber Sir Miles Tod voruͤber war, bekam ſie ihre ganze Farbe wie⸗ der und ſah lieb und freundlich aus.“ „Vielleicht deshalb, weil ſie nun glaubte ein Vermoͤgen fuͤr Mr. Mainwaring zu haben und alle Hinderniſſe beſiegt hoffte.“ „Wie klug Du biſt— wie haſt Du denn ſo ihre Gedanken er⸗ rathen?“ Bulwer, Lucretia. II. 3 34 Durch meine eigene Thorheit— meine eigene, unuͤberlegte Thorheit,“ ſtoͤhnte Mr. Fielden—„nicht daran denkend daß Mr. Mainwaring indeſſen in ein ſolches Verhaͤltniß mit Lueretia getreten ſein koͤnne, und wohl vermuthend, wie es um Suſanna's armes klei nes Herz ſtand, ſo— der Himmel vergebe mir, was ich that— kam ich halb im Spaß damit heraus, was mir William fruͤher einmal vertraut hatte, und das liebe herz zige Maͤdchen erröthete— kuͤßte mich und— nun— ein oder zwei Tage ſpaͤter, als es ſchon be⸗ daß wir hierher nach London wollten, machte mir Lu⸗ ohnlichen kalten Hoͤflichkeit bekannt, daß ſie ſelbſt ie erſte Trauerzeit voruͤber ſtimmt war cretia mit ihrer gew Mainwaring heirathen würde, ſobald nur d waͤre.“ „‚Arme— arme Suſanna.“ „Suſanna benahm ſich wie ein Engel; und ich bin feſt überzeugt⸗ ſie betete von ganzem — als ich es ihr entdeckte war ſie ganz ruhig, daß Beide gluͤcklich werden mo chten.“ gat ſie gethan— was aber kann — o du lieber Gott, was Herzen, ‚Das glaub' ich auch— das zt geſchehen? o nun iſt mir les, lar je „"Iund Mrs. Fielden nahm ganz 89 eine traurige Geſchichte iſt das! in Gedanken ihre Scheere wieder auf. „Nicht eher als bis wir in die Stadt kamen, und Mr. Main⸗ waring Lucretia beſuchte— nicht eher ließ ihre Staͤrke nach.“ „Entſetzlich zu ertragen— ich haͤtte es nie gekonnt. Gott, Fiel es je haͤtte mit anſehen muͤſſen, daß Du einer Anderen den, wenn ich den Hof gemacht, ich haͤtte— ich weiß ſelbſt nicht was aus mir für ein ſchlechter Menſch dieſer Meinwaring geworden waͤre. ſein muß!“ „Nicht ſo ganz, denn ſieh nur, liebes Kind, er ſieht noch faſt elender und niedergeſchlagener aus, als Suſanna. Er muß ſich auf irgend eine Art gefa haben. Vielleicht gab er Suſanna in aller iſt chr V ring, wenn auch h Verzweiflung auf, un geiſtig weit uͤberlegene junge Dame. 2 außer allem Zweifel ei 35 Nur jetzt, wo er die beiden zuſammen ſieht, findet er wohl, welchen Schatz er weggeworfen. Nun ſage mir einmal, Marie, was raͤthſt Du mir. Mainwaring iſt natuͤrlich und ſehr wahrſcheinlich durch ſein Wort an Miß Clavering gebunden, fruͤher oder ſpaͤter muß ſie aber doch einmal ihres Gatten wirkliche Empfindungen entdecken, und dann zittere ich fuͤr Beide. Ich bin uͤberzeugt, ſie wird nie gluͤcklich und er muß elend werden, waͤhrend Suſanna— großer Gott, das Maͤdchen hat einen Huſten, der mir in's innerſte Herz greift.“ „Das iſt wahr— den Huſten hat ſie— Du weißt gar nicht, was fuͤr Geld ich ſchon fuͤr ſchwarzen Johannisbeeren⸗Gelee ausge⸗ geben habe. Was ich Dir rathe? ih nun, ich— wenn ich den Muth haͤtte, ſpraͤche gleich mit Miß Clavering ſelbſt. Ich bin feſt uͤber⸗ zeugt, Liebe bricht ihr das Herz nicht, und ſie iſt ſo ſtolz— ſie wuͤrde ihn, wenn ſie nur wuͤßte wie die Sachen ſtehn, ohne einen Seufzer aufgeben.“ „Ich glaube Du haſt recht,“ ſagte Mr. Fielden,„und Wahrheit und Offenheit bleiben doch immer das Beſte. Eigentlich geht mich aber doch die ganze Sache Nichts an, und wenn es nicht Suſannens wegen waͤre— nun gut— gut— ich muß mir das Alles uͤberlegen und den Himmel bitten, daß er mich das Beſte waͤhlen laſſe.“ Dieſe Conferenz macht den Leſer auf einmal damit bekannt, zu welchem Punkt Lucretia's Geſchichte gediehen war. Gern gehen wir über das hinweg, was doch kaum moͤglich waͤre zu beſchreiben— das erſte Gefuͤhl, als ſie ſich in all' ihren kuͤhnſtenLebenshoffnungen getaͤuſcht ſah— Vermoͤgen, Rang und— was ſie hoͤher als Alles ſchaͤtzte— Macht— ſo mit einem fuͤrchterlichen Schlag vernichtet. Aus der duͤſteren Verzweiflung aber, in die ſie der erſte Schmerz zu ſturzen drohte, brachte auch etwas ihr wieder neue Hoffnung, ja faſt Freude— Mainwarings Briefe.— Nie waren ſie noch ſo warm und zaͤrtlich geweſen; denn der junge Mann fuͤhlte nicht allein bit⸗ tere Reue, daß er die Urſache ihres Ungluͤcks ſei,(obgleich ſie ihm das Ganze mit mehr Schonung und Zartgefuͤhl entdeckt hatte, als 3 3 36 man wohl ſonſt von ihrem unbeugſamen, ja gefuͤhlloſen Herzen er⸗ warten durfte) ſondern er hielt auch jetzt ſeine Verbindlichkeiten ge⸗ gen ſie fuͤr weit ſtaͤrker und feſſelnder. Er uͤberredete ſich, ja er zwang ſich vielleicht zu Liebe fuͤr ſie und wuͤrde auch wahrſchein⸗ lich ruhig mit ihr zum Altar getreten ſein, wo dann, einmal ver⸗ heirathet, Gewohnheit und der ruhige Fortlauf des gewoͤhnlichen Lebens die Kette die ihn band, unzerreißbar gemacht haͤtte; Lueretia's ungluͤckſelige Leidenſchaft aber, ihn zu ſehen, verdarb das.— Sie trieb ihn an nach London zu kommen und ſie dort zu treffen, aber Suſanna begleitete ſie, und in dem abgewandten Antlitz der Jung frau, in der zitternden Hand, in dem ſtillen Vermeiden ſeines Blickes las er Alles Alles, was die arme Leidende ſo wohl verheimlicht zu haben glaubte. Aber der Wuͤrfel war gefallen— macht— die Zeit beſtimmt und Tag nach Tag betrat er das Haus, um es Tag nach Tag wieder in Angſt und Verzweiflung zu verlaſſen. Ein Gefuͤhl das Beide theilten, veranlaßte die Unglücklichen, ſich gegenſeitig zu vermeiden. Mainwaring betrat ſelten das gemein⸗ ſchaftliche Wohnzimmer der Familie und wenn er es wirklich einmal, meiſtens Abends, that, ſo hatte ſich Suſanna immer ſchon auf ihr eignes Zimmer gefluͤchtet. Begegneten ſie ſich aber, ſo geſchah es nur durch Zufall, auf der Treppe, oder beim plotzlichen Oeff⸗ nen einer Thuͤr; dann wurde jedoch kein Wort, ja kaum ein Blick zwiſchen ihnen gewechſelt, und keins hatte den Muth, dem Anderen in's Auge zu ſchauen. Von Beiden druͤckte am meiſten nieder, vielleicht gen zu brechen, denn ſie glaubte die Urſache von Mainwarings truͤben und ſtummen Leiden in den Vorwuͤrfen ſeines Gewiſſens zu errathen, die vielleicht, wenn auch kein erneutes Geſtaͤndniß von ſeiner Seite, doch jene Worte und Toͤne zuruͤckrufen konnten, die das eine Herz verrathen und das andere zu verfuͤhren ſuchen. Der tiefe Schmerz, die Verbindung bekannt ge⸗ aber dieſe Zuruͤckhaltung vielleicht Suſanna draͤngte es ſie am ſtarkſten das Schwei⸗ 37 der ſeiner ganzen Geſtalt eingegraben war, blieb ſelbſt ihrem fluͤch⸗ tigen Blick nicht verborgen, und erfullte ſie mit einem Gefuͤhl, das frei von jedem eigenen, ſelbſtſuͤchtigen Vorwurfe war. Sie glaubte gluͤcklich ſterben zu koͤnnen, wenn ſie nur im Stande waͤre, die Wolke von dieſer Stirn, den Schatten von dieſem Gewiſſen zu bannen. Sterben— denn ſie dachte nicht an Leben. Sie liebte ſanft und innig, nicht mit jener wilden Leidenſchaft, die ſtaͤrkeren Charakteren eigen iſt; es war aber jene Liebe, an der junge und reine Weſen geſtorben ſind. Des Engels Antlitz war ruhig und mild, und nur bei dem Niederſenken der Fackel ſaht Ihr, daß die Flamme ver⸗ loͤſchte und ein Bild— zu heilig fuͤr irdiſche Liebe— der Genius liebenden Todes wurde. Ganz dagegen in dem Egoismus ihrer eigenen Liebe vertieft, die eher noch durch die gebrachten Opfer, wie das faſt ſtets ſelbſt bei den ſchlimmſten Frauen der Fall iſt— verſtaͤrkt worden war, und— wenn dieſe Leidenſchaft auch wirklich geſchwiegen, durch jenen wilden Ehrgeiz angeregt, der ſchon wiederum aus den Ruinen des Vergan⸗ genen neue Hoffnungen und Plaͤne aufbaute, hatte Lucretia bis jetzt noch nicht entdeckt, was ſelbſt der einfache Sinn des Mr. Fielden erkannte. Daß Mainwaring ernſt und nachdenkend ja oft zerſtreut war, ſchrieb ſte nur den Gedanken an ihre Verluſte und der Sorge ihrer ſo ganz veraͤnderten Zukunft zu; waͤhrend ſie aber, in ihren Bemuͤhungen ihn zu tröͤſten, ihn zu uͤberzeugen ſuchte, wie in Eng⸗ land eigentliche Groͤße nicht in Land und Guͤtern, ſondern mehr im Bereich der hoͤheren Lebensſphaͤre liege, indem die Fuͤhrer zum Tempel des Ruhmes eben die Geiſtesariſtokraten ſeien, verrieth ſie nur zu deutlich, daß nicht großherziger Wetteifer und das Hoͤherſtre⸗ ben einer edlen Seele, ſondern blos die dunkle— keinem Mittel ab⸗ holde Liſt— wilder unbezaͤhmter Ehrgeiz und Luſt an Intrigue es war, die ſie anreizte und anſtatt Muth und Hoffnung dadurch in ihm zu erwecken, erfuͤllte es ihn mit Abſcheu und Schauder. Wie konnte er, von einem Geiſt durch's Leben begleitet oder vielmehr gefuͤhrt, der ſtaͤrker und imponirender war als ſein eigner, hewahren; die Reinheit, die Unſchuld ſeine Seele b ehrt. Aber er war gefeſſelt— mit eiſer — aber er traͤumte nicht von von einem Geiſt, wie konnte er da ſchon jetzt fuͤhlte er ſich ent „ nen Banden gefeſſelt— er wand ſich Rettung. An dem Tag nach ein unerwarteter Beſuch zu ſeinem Hauſe— hatte Lucretia, ſeit ſie Laughton verlaſſen, Correſpondenz mit ihr unterhalten. Er kam in der Daͤmmerung, ge rade als Mainwaring, zu ſeiner gewoͤhnlichen Zeit, fortgegangen war, wo ſich Lucretia noch in dem fuͤr ſich genommenen Zimmer be fand, und ihre Stirn legte ſich in duͤſtere Falten als ſein Name ge⸗ meldet wurde; die Kammerjungfer zuͤndete jedoch die Lichter an, ſchuttelte die Kohlen ein wenig ar ſie ihn empfing, uͤberflog ihr Auge unwillkuͤrlich die faſt aͤrmliche Um gebung des kleinen Raumes, Meubles, und der Gedanke an her, mochte wohl in ihr aufſteigen, nicht wenig beitragen muß fruͤhern abgemeſſenen Hoͤflichkeit w Mr. Fieldens Conferenz mit ſeiner Frau, kam Olivier Dalibard. Er nicht geſehn, auch keine mit ſeinen mit Pferd den Unterſchied, zwiſchen jetzt und fruͤ Wort auf das zuruͤck, was einſt geweſen. Dalibard war indeſſen aͤngſt lich geſpannt zu erfahren, ob ſie auf ihn, verhaͤngnißvollen Briefes irgend einen als er aus ihrem ganzen Benehmen ſah, daß das fuͤr das Beſte ihre Zuruͤckhaltung nachzuahmen. ſich jedoch noch viel achtungsvoller, j jetzt gegen ſeine Schuͤlerin gezeigt, ja herzlich gegen ſie, um nach und ſtandene Verhaͤltniß zuruͤckzukommen. D war augenſcheinlich, cretia einmal ganz ploͤtzlich: und zog die Vorhaͤnge zu. Als ehaar uͤberzogenen wobei ſelbſt ſein eigner Anblick te; ſie hieß ihn aber mit ihrer ganzen illkommen und deutete durch kein wegen der Entdeckung jenes Verdacht habe, und hielt es, nicht der Fall ſei, Dabei benahm er a ehrerbietiger, als er ſich bis⸗ blieb jedoch zugleich freundlich, nach wieder in das alte, fr uͤher be⸗ Daß ihm dies auch gelang, denn nach einer ziemlich langen Pauſe frug Lu⸗ dem 39 „Wie hat Sir Miles meine Correſpondenz mit Mainwaring ent⸗ decken koͤnnen?“ „Und iſt es moͤglich, daß Sie das nicht wiſſen? aber freilich— wie ſollten Sie auch!“— Und Dalibard erzaͤhlte nun jenen Vorfall ſo einfach, daß ſte— da anch uͤberdies wirklich Alles ſo erſchien, als ob es nur durch einen Zufall, durch eine wilde Laune des Schickſals her⸗ vorgerufen ſei— gegen ihn unmsglich einen Verdacht faſſen konnte. Sie war ja nicht im Stande die Faͤden zu ahnen, die mit vorſichtiger Hand gelegt, jene Mine ſprengen mußten. Ja, als er die kleine Liſt Gabriels— ſie zu retten— erzaͤhlte, wie dieſer den Brief auf ſich ſelbſt nahm, fuͤhlte ſie Dankbarkeit gegen den Knaben, und glaubte es auch ganz natuͤrlich, durch ſeine Anhaͤnglichkeit an ſie, gerechtfer⸗ tigt. Das entſchuldigte auch hinlaͤnglich den Umſtand„der ihr Herz bis jetzt mit Zweifel und Verdacht erfuͤllte, die Gabriel hinterlaſſene Summe naͤmlich. Sie kannte Sir Miles genug, um zu wiſſen, er wuͤrde Jedem dankbar ſein, der den guten Namen ſeiner Nichte, und wenn dieſe auch ſeine bitterſte Feindin geweſen waͤre, vor der Schande einer heimlichen Correſpondenz rettete. „Sonderbar bleibt es aber doch“ ſagte ſie nach einer Pauſe nach⸗ denkend—„daß jenes Maͤdchen den Brief finden konnte, den ich ſo wohl und ſicher unter Blaͤttern und Moos verſteckt hatte.“ „Aber drei oder vier andere waren ſchon vorher darin geweſen,“ warf Dalibord ein,„deren Fuͤße konnten leicht den ſchwachen Schutz entfernen, oder wenigſtens verſchoben haben.“ „Moͤglich— doch das Uebel iſt geſchehen— es laͤßt ſich nicht mehr ändern.“ „Und Mr. Mainwaring— lieben Sie noch immer einen Mann, armes Kind, der Sie ſo viel gekoſtet?“ „In drei Monaten bin ich ſein Weib.“ Dalibard ſeufzte tief auf, aͤußerte aber kein Wort dagegen. „Gut,“ ſagte er dann nach kleiner Pauſe, waͤhrend er ihre Hand mit gemiſchter Ehrfurcht und Theilnahme ergriff—„ich hr entgegen ſein; jetzt haben Sie nichts Vermöoͤgens, und ſe ſeine eigene will Ihrer Neigung nicht me mehr zu fuͤrchten, Sie ſind Herrin ihres eignen da Mainwaring Talente hat, ſo moͤgen ihm die Carriere bauen. Sind Sie aber wenigſtens jetzt uͤberzeugt, daß ich ſelbſt endlich meine Thorheit beſiegt habe? daß ich uneigennuͤtzig war, als ich mir Ihr Mißvergnüugen zuzog? und wenn das der Fall iſt— darf ich wieder um Ihre Freundſchaft bitten? Sie werden manchen Kampf mit der Welt zu beſtehen haben, und L lange Erfahrung der Menſchen und des Lebens, kann auch ich ſelbſt, durch meine der arme Verbannte, von Nutzen ſein.“ Und ſo dachte Lucretia, denn ſo ſehr ſie den ſchlauen Dali⸗ bard fuͤrchtete, ſo glaubte ſie doch noch an ſeine Anhaͤnglichkeit fuͤr ſie und bewunderte in ihm zugleich einen Geiſt, wie ſie ihn bisher noch nie gefunden. Von der Zeit an wurde Dalibard ein taͤglicher Beſucher des Hauſes; er ſtoͤrte aber nie die Zuſammenkunft Mainwarings und Lucretia's— er hielt die Verbindung fuͤr angenommen und unter⸗ hielt ſich oft und gern mit ihr uͤber ihre zukuͤnftigen Ausſichten. Da⸗ bei wußte er ſich auch bei Fielden's vollkommen beliebt zu machen, ſpielte mit den Kindern, ſchien ſich dort ganz wie zu Hauſe zu befin den, und zog an ſolchem Abend, zubleiben, auch Lucretia in den klei wenn Mainwaring irgend eine Ent ſchuldigung gefunden hatte aus von dem ſie ſich bis jetzt ziemlich fern gehalten. nen Familienzirkel, elden war aber entzuͤckt; hier fand er den wah Der gute Mr. Fi ren Mann, den er geſucht— den alten Freund des Sir Miles, den Erzieher Lucretia's ſelbſt, der ihr doch auf jeden Fall von Herzen zu gethan ſein mußte.— Ihm— ihm wollte er das was ihn bedruͤckte, s Dalibard ihm unendlich weh ge vertrauen. Eines Tages alſo, al Bemerkung Suſannens auf⸗ than, indem er durch eine hingeworfene fallende Blaͤſſe ruͤgte, nahm er ihn bei Seite und entdeckte ihm Alles. „Und nun“ ſchloß der Paſtor mit einem tiefen Athemzug ſeine Er⸗ zaͤhlung, denn er glaubte in ihm den zu ſehen, der ihn aus ſeiner 41 Verlegenheit reißen mußte,„und nun rathen Sie mir aufrichtig, glau⸗ ben Sie nicht, daß ich— oder vielmehr Si e, ſo ein alter erprobter Freund Miß Claverings— ihr Alles das frei und offen entdecken muͤſſe?“ „Nein wahrlich nicht,“ erwiderte der Provengale ſchnell— „wenn wir ihr das ſagten, ſo wuͤrde ſie es uns nicht glauben; ohne Zweifel aber Mainwaring ſelbſt zum Richter aufrufen, dem dann allerdings keine Wahl bliebe, als uns zu widerſprechen. Einmal aber gewarnt bezwaͤnge er ſelbſt ſeine Traurigkeit; Lucretia, belei⸗ digt, verließe vielleicht Ihr Haus und dann koͤnnte ſte am Ende gar ihre eigne Schweſter fuͤr faͤhig halten, dieſes Geſtaͤndniß veranlaßt zu haben— wo ſelbſt nur ein ſolcher Verdacht dem trefflichen Herzen der Miß Mivers erſpart werden muß. Aber fuͤrchten Sie nichts— beſteht das Uebel wirklich, ſo traͤgt es auch ſein eigenes Heilmittel in ſich. Laſſen Sie es Lucretia ſelbſt entdecken— aber— entſchuldi⸗ gen Sie meine Frage— ſah ſie denn nicht bei ihrem erſten Em⸗ pfang Mainwarings, daß er in Ihrem Hauſe ſchon bekannt war?“ „Sie befand ſich nicht in dem Zimmer, wo wir ihn begruͤßten, und ich habe mich ſeit der Zeit ſtets fern von ihm gehalten, wie Sie ſich auch wohl leicht denken können.— Mir gefiel Mr. Mainwarings Handlungsweiſe nicht. Uebrigens weiß ſie, daß wir ihn fruͤher kann⸗ ten,— doch weshalb?“ „Glauben Sie denn, daß er ihr in Laughton von ſeiner Bekannt⸗ ſchaft, daß er von Suſanna erzaͤhlt hat? ich denke nicht—⸗ „Allerdings weiß ich das nicht,“ ſagte Mr. Fielden. „Fragen Sie Lucretia das einmal— aber ſo ganz zufaͤllig, im Uebrigen bewahren Sie noch tiefes Schweigen. Fuͤr jetzt, mein guter Herr, danke ich Ihnen fuͤr Ihr Vertrauen; ich werde indeſſen uͤber meinen armen jungen Zoͤgling wachen; ſie ſoll in der That nicht einem Mann geopfert werden, deſſen Herz einer Anderen gehoͤrt.“ Dalibard trat auf lauter Luft als er das Haus verließ, ſeine Zuͤge ſelbſt hatten ſich veraͤndert— er erſchien um zehn Jahre juͤn⸗ 42 ger. Es war Abend, und plötzlich, als er in Orfordſtreet einbog, begegnete ihm laut und lachend eine Geſellſchaft junger Maͤnner, die ſich dort auf der Straße zerſtreut hatten, uͤber die nuͤchternen Vorbei⸗ gehenden ihre ſpoͤttiſchen Bemerkungen machten und ganz beſonders die bewundernde Aufmerkſamkeit einiger jungen Damen mit Feder⸗ huͤten und hochrothen Peliſſen erregten; denn zu jenen Zeiten herrſchte noch eine froͤhliche Freiheit in den Straßen, die freilich mit den La⸗ ternen der Nachtwaͤchter verſchwunden iſt. Als den tollſten und lau⸗ der Mohawks nun, erkannte unſer ruhi idliche Geſtalt ſeines eigenen Sohnes, Auge ſeines Vaters zu be⸗ Im Gegen⸗ teſten dieſer Abkoͤmmlinge ger Gelehrter die noch faſt kir und Gabriel ſcheute ſich nicht einmal dem aſt drohend es auch auf ihm ruhte. gegnen, ſo ernſt und f erſchaͤmten Spott. theil trotzte er eher dem Blick mit einem frechen unv Mitten hinein in die Gruppe ſchritt jetzt der Provengale, legte ſeine Hand leiſe auf des Knaben Schulter und ſagte— „Mein Sohn, komm mit mir!“ Gabriel blickte unſchluͤſſig ſeine Gefährten an, dieſe aber draͤng⸗ die willkommene Abwechſelung, um ſie her, und ten ſich, erfreut uͤber eine vaͤterliche Autoritaͤt anzuer⸗ ſchienen wenig geneigt hier irgend kennen. „Gentlemen,“ ſagte Dalibard, bleicher wurde, denn körperlich war er nichts weniger als muthig, wenn auch geiſtig entſchloſſen genug— mich zu entſchuldigen— dies Kind waͤhrend er noch ein klein wenig „Gentlemen, ich muß Sie bitten iſt mein Sohn.“ „Aber die Kunſt iſt ſeine Mutter!“ erwiderte ein ſchlanker, ſtarkknochiger junger Mann, von deſſen zerdruͤcktem altem Hut langes lohfarbenes Haar herabwehte—„und im jugendlichen Alter wird das Kind ſeiner Mutter uͤberlaſſen— habe ich nicht recht?“ er wandte ſich mit theatraliſcher Geberde an ſeine Gefäaͤhrten. „Bravo!“ riefen die Uebrigen und ſchlugen in die Haͤnde. „Nieder mit allen Tyrannen und Vaͤtern— hip— hip hurrah“ 43 und der fuͤrchterliche hierauf folgende Jubelſchrei zerſprengte faſt das Trommelfell, das er beruͤhrte. „Gabriel!“ fluͤſterte der Vater—„Du folgteſt mir lieber— meineſt Du nicht? Ueberlege!“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich tief gegen die ungnaͤdige Verſammlung und ſchritt, als ob er ihr den Sieg uͤberließe, uͤber die Straße hinuͤber nach Bondſtreet zu. Ehe noch der Triumph und Jubelruf verſchollen war, ſchaute ſich Dalibard um, und ſah ſeinen Sohn hinter ſich. „Komm naͤher, Sir!“ ſagte er, und als der Knabe ſtill ſtand, fuhr er fort,„ich verſpreche Dir Frieden— willſt Du ihn an⸗ nehmen?“ „Friede denn,“ entgegnete Gabriel, als er an ſeines Vaters Seite trat. „So alſo,“ ſagte jetzt Dalibard,„da ich meine Beiſtimmung gab, daß Du Dich der„Kunſt,“ wie Du es nennſt, unter Deiner Mutter wuͤrdigem Bruder widmen moͤgeſt, haͤtte ich eigentlich beden⸗ ken ſollen, welches die natuͤrlichen und paſſenden Gefaͤhrten des neuen Raphaels werden muͤßten.“ „Ich geſtehe Sir,“ antwortete Gabriel,„ daß es eine wilde, tobluſtige Schaar iſt, einige von ihnen aber ſind ſehr geſcheidt und—“ „Ausnehmend trunken,“ unterbrach ihn Dalibard, waͤhrend er zugleich mit einem forſchenden Blick die Geſtalt ſeines Sohnes uͤber⸗ flog—„lernſt Du dieſe Kunſt etwa auch, um Deine Hand vielleicht fuͤr den Meißel feſt und ſicher zu machen?“ „Nein Sir— ich trinke den Wein wohl gern, aber ich moͤchte mich nicht, um alle Schaͤtze der Welt, betrinken. Ich habe geſehen, daß Leute in dem Zuſtand zu Thoren werden— ſie verrathen ihre Geheimniſſe und geben ſich preis.“ „Gut geſagt,“ erwiderte, faſt bewundernd, ſein Vater—„aber fort mit dem Geſchwaͤtz jetzt, Gabriel! Glaubſt Du wirklich, daß ich Dich noch länger in der Geſellſchaft jenes Vagabonden Varney und dieſer„vauriens,“ ſeiner Gefaͤhrten, laſſen werde? Du wirſt mit 44 mir nach Hauſe gehn, und wenn D Du uͤberhaupt ein Maler werden willſt, ſo muß ich mich nach einem beſſeren Lehrer fuͤr Dich umſehen.“ „Ich werde da bleiben, wo ich bin,“ antwortete Gabriel ernſt, und preßte ſeine Lippen ſo feſt zuſammen, daß alles Blut ſie verließ. „Was, Knabe, hoͤre ich recht? Du verſagſt mir Gehorſam? wagſt Du es, mir zu trotzen? 2 4 „Nicht in Ihrem Hauſe— deshalb werde ich auch nicht dahin zurückkehren⸗ Dalibard lachte hoͤhniſch. „Peste“ das iſt aufrichtig, Du biſt aber noch nicht majorenn Mr. Varney— Du biſt noch nicht frei von eines tyranniſchen Va⸗ ters Zucht.“ rkennt Sie nicht als meinen Vater an, wie ich ge⸗ „Das Geſetz er hoͤrt habe, Lh en. ſagten ganz recht— mein Name iſt Varney, nicht Dalibard— wir haben keine Anſpruͤche, Einer auf den Ande⸗ auf d ren; ſo wenigſtens hat es mir Tom Paßmore geſagt, und de ſſen Vater iſt Advokat.“ Dalibard's Hand erfaßte( Gabriel's Arm convulſiviſch; trotz dem ſ wirklich heftigen Schmerz aber außerte der Knabe keinen Laut, dern ziſchte nur zwiſchen den Zaͤhnen durch— „Huͤtet Euch, huͤtet Euch— oder meiner Mutter Sohn moͤchte ihren Tod raͤchen.“ Dalibard fuhr wie von einer Natter geſtochen zuruͤck und von ſeiner Seite gleitend, benutzte Gabriel die Gelegenheit zu entfliehen; in der Mitte des duͤſteren, durch eine Lampe erleuchteten Weges erſt, dem Bereich ſeines Vaters ſah, blieb er ſtehen und ein wenig naͤher ruͤckend: Sie haben mich aber ſo wo er ſich außer ſagte dann, ihm vorſichtig wieder Ich weiß, ich bin nur noch ein K nabe, daß ich ſchon für mich ſelber ſorgen kann. ird mich erhalten— ſobald ich muͤndig bin Laſſen Sie mich in Frieden— „8 mannesreif gemacht, Mr. Varney, mein Onkel, wi hat Sir Miles für mich geſorgt. behandeln Sie mich, als ob ich frei waͤre, und ich wer de Sie zu Zei⸗ ei 45 ten beſuchen und Ihnen helfen, wenn Sie mich brauchen— ich will Ihnen noch immer gehorchen, und Ihren Ermahnungen folgen, denn ich weiß“— er machte hier eine Pauſe—„Sie ſind klug; verſu⸗ chen Sie es aber wieder, mich zu Ihrem Sclaven zu machen, ſo erwarten Sie Nichts in mir, als Ihren Feind. Gute Nacht, und bedenken Sie, daß ein Ba ſtard keinen Vater hat.“ 4 Mit dieſen Worten wandte er ſich um, und verſchwand bald un⸗ ten in der Straße um eine der Ecken. Dalibard blieb einige Minuten regungslos ſtehen— endlich murmelte er—„Ei— laß ihn gehen— er iſt gefaͤhrlich— wel⸗ cher Sohn hat ſich auch je gegen ſeinen Vater empoͤrt, und iſt nach⸗ her gluͤcklich geworden? Futter fuͤr den Galgen— was thuts!“ Als Dalibard Lucretia beſuchte, hatte ſich ſein ganzes Benehmen gegen ſie geaͤndert; die Heiterkeit die er fruͤher gezeigt, war ver⸗ ſchwunden; er ſprach nicht mehr mit ihr von ihren Plaͤnen fuͤr die Zukunft, ſondern ſah ſie oft lang und wehmuͤthig an, ſtand dann auf und verließ das Zimmer. Sie haͤtte dieſen Wechſel ſeines Be⸗ nehmens vielleicht einer wieder erwachten Leidenſchaft zugeſchrieben, hoͤrte ihn aber einſt fluͤſtern„Armes Kind— armes Kind!“ Da ploͤtzlich ergriff ſie, wenn auch ein noch immer unbeſtimmter Verdacht, der uͤbrigens eher aus einigen Bemerkungen Fieldens Nahrung ge⸗ ſchopft, indem dieſer wuͤrdige Mann weniger discret geweſen, als ihm Dalibard anempfohlen. Einen oder zwei Tage ſpaͤter frug ſie Mainwaring beilaͤufig, weshalb er ihr in Laughton nie von ſeiner Bekanntſchaft mit Fielden geſagt haͤtte? „Du haſt mich das ſchon einmal gefragt,“ erwiderte dieſer etwas verſchloſſen. „Wirklich— ich vergaß, doch wie war es? wiederhole es mir.“* „Kaum weiß ich es ſelbſt,“ ſagte er verwirrt— wir ſprachen ſtets von dem armen Sir Miles, und von unſeren eigenen Hoffnungen und Befuͤrchtungen zuſammen.“ Das war eines Liebenden ſehr natuͤrliche Entſchuldigung, und in der Gegenwart des Geliebten iſt ja auch alles Vergangene ver⸗ geſſen, dennoch fuhr Lucretia, mit einem Seitenblick auf ihn, fort: „Da Du aber doch auch meine Schweſter oft geſehen haben 1 mußt—“ Mainwaring hatte ſich, waͤhrend er geſprochen, mit einem Knopf ſeiner Kamaſche beſchaͤftigt, und Kamaſchen trug man damals feſt um den Knoͤchel herum, ſo daß ihm das Buͤcken das Blut in den Kopf trieb. zohl wahr,“ entgegnete er, dabei noch immer in ſeiner Arbeit „W fortfahrend—„D Du ſchienſt aber mit Deiner Schweſter ſo wenig be⸗ freundet, daß ich Dich zu kraͤnken unree⸗ Lucretia war fuͤr den Augenblick befriedigt, denn ſo feſt baute und vertraute ſie auf Mainwarings Liebe, ſo klammerte ſich ihr eig⸗ Felſen an, nes Herz, ihre eigene Seele an dieſen letzten, rettenden waͤhrend um ſie die Fluth tobte, daß ſie faſt gewaltſam alle Zweifel zuruͤckſtieß, die ſich ihr immer und immer wieder aufdraͤngen 8, wollten. „Ich weiß es wohl“— ſagte ſie ſich oft—„ich weiß, daß er nicht ſo liebt wie ich liebe der Mann kann und ſoll das aber auch — Waͤre ich ein Mann, ich wuͤrde mich verachten, ſo ganz und nicht. gar einer einzigen Leidenſchaft hingegeben zu ſein, auf die ich jetzt ſtolz bin— ich— ein armes Weib. Ja ich weiß,“ fuhr ſie dann fort,„ich weiß, wie mißtrauiſch ich bin, aber ihm muß ich vertrauen — ich möchte ihn ſonſt nur entruͤſten und— verlieren. Ich darf ja gar nicht mißtrauiſch ſein— es waͤre zu fuͤrchterlich.“— So wie ſich ein feſter Charakter dem einmal Unternommenen feſt und ganz hingiebt„ſo zwang ſie ſich foͤrmlich dazu, ihrem Geliebten zu vertrauen. Seine Worte beruhigten ſie nun alſo, wie wir ſagten, em aber wiederholte ſie ſich dieſelben doch fuͤr den Augenblick noch wieder, und immer wieder gen Beſorgniſſe in ihr auf, denen ſie ſelbſt noch keine beſtimmte Form und als er fort war, und unwillkuͤrlich ſtie 47 Geſtalt zu geben wußte. Ohne daß ſie es eigentlich wollte, beobach⸗ tete ſie jetzt den Ausdruck, die Bewegungen ihrer Schweſter— und draͤngte ſich mehr in ihre Geſellſchaft. Ihre fruͤhere Gleichguͤltigkeit war aber auch in letzter Zeit zu wirklicher Bitterkeit gediehen. Suſanna, die vernachlaͤſſigte, verach⸗ tete war ihres Gleichen, nein, mehr noch geworden, als ſie— Suſan⸗ na's Kinder ſollten vor den ihrigen den Vorrang in der Erbſchaft zu Laughton haben, Bis jetzt hatte ſie die Schweſter auch nie gewuͤrdigt, mit ihr in jener ſuͤßen Vertraulichkeit zu koſen und plaudern, wie es „Schweſtern ſonſt wohl thun— nie hatte ſie ihr jene heißen Gefuͤhle fuͤr den kuͤnftigen Gatten entdeckt, die feſt verſchloſſen und einſam in ihrem Herzen ruhten. Jetzt jedoch aͤnderte ſich ihr ganzes Beneh⸗ men, ſie fing an ihn zu nennen, hing ſich in Suſannens Arm, redete mit ihr von Liebe und Heirath, von der kommenden Zeit, die ſie an Mainwarings Seite verleben wuͤrde und— las indeß jede Bewe⸗ gung in Suſannens Antlitz. Der Theil des Geheimniſſes wurde ihr in den erſten Momenten klar; Suſanne liebte— liebte William Mainwaring— war es aber nicht etwa eine hoffnungsloſe, unerwiderte Liebe? war es nicht vielleicht die Urſache, die Mainwaring ſo verſtimmt und abgeſchloſſen gemacht? Er konnte vielleicht einen Sieg geſehen haben, den er errungen, aber nicht geſucht hatte, und vermied nun mit edlem Zart⸗ gefuͤhl, Suſannen gegen Lucretia zu erwaͤhnen; ja fand vielleicht ge⸗ rade darin ſeine Entſchuldigung, was ſie oft geaͤrgert und gekraͤnkt hatte, daß er ſich nicht dem Familienzirkel anſchloß. Wenn Einer meiner Leſer oder Leſerinnen zu denen gehoͤren ſollte, die, ſelbſt klug und mit ſcharfem Verſtande begabt, geliebt haben und betrogen wurden, ſo werden ſie ſich vielleicht noch der erſten Augenblicke erinnern, als der ſo lang zuruͤckgedraͤngte Zweifel end⸗ lich ſein Recht verlangte und gehoͤrt werden wollte; ein ſchwaches thoͤrichtes Herz giebt dabei gleich dem erſten Eindrucke nach, nicht ſo das ſtuaͤrkere— kraͤftigere; das im Gegentheil ſucht all' die 48 kleinen Zuͤge und Umſtaͤnde hervor, die es rechtfertigen an Treue und Wahrheit zu glauben, und dem Verdacht die Spitze zu bieten; es uͤbergiebt die Feſtung nicht bei dem erſten herausfordernden Ton der Trompete, es ſammelt all' ſeine Kraͤfte, und ſchließt dem Feinde die Thore. Daher kommt es auch daß die, die in Sachen des Herzens am leichteſten zu betruͤgen ſind, ſich gewoͤhnlich in andern und groͤßern Lebensverhaͤltniſſen ſchlau und gewandt zeigen. Molidre, der jedes Raͤthſel in den tauſendfachen Veraͤnderungen des menſchlichen Herzens loſte, und trotzdem mit faſt erzwungener Leichtglaͤubigkeit an ſeiner ruchloſen Frau hing, liefert davon ein treffendes Beiſpiel. Dennoch hielt Lucretia eine dumpfe Ahnung, eine Furcht, der ſie ſelbſt keinen Namen geben konnte, davon ab, tiefer in dies Geheim⸗ niß einzudringen. So graͤßlich war der Gedanke betrogen zu ſein, daß ſie ſich, ehe ſie ihn ganz ausdachte, licber ſelbſt betrog. Das arme und doch ſo boͤſe Herz ſchrak vor einer Frage zurüuͤck, und zitterte bei dem Gedanken an Schuld. Froh und freudig, ja faſt mit Entzuͤcken vernahm ſie eines Morgens Suſannens plotzliche Ankuͤndigung, daß ſie die Einladung von einer Verwandten ihres Baters angenommen habe, und einige Zeit auf deren Villa bei Hampſtead verleben wuͤrde. Sie wollte gegen Ende der Woche gehen, und Lucretia jubelte daruͤber, wenn ſie auch die Urſache erkannte. Suſanne flah den Na⸗ men Mainwaring's auf Lucretia's Lippen, ſie ſchrak zuruͤck vor der ihr ſo rauh und tuͤckiſch aufgedrungenen Vertraulichkeit. Mit heite⸗ rem Blick empfing Lucretia an dem Tag den Geliebten— aber ſie ſagte ihm Nichts von Suſannens beabſichtigter Reiſe— ſie wagte es nicht. Dalibard war getaͤuſcht. Dieſer Widerſpruch in Lucretia's Cha⸗ rakter— ſo mißtrauiſch— und doch ſo feſt— blieb ſelbſt ſeinem Scharfſinne ein Raͤthſel. Er ſah, daß ſtärkere Mittel noͤthig waren. Er fing Mainwaring auf des jungen Mannes Weg nach ſeiner eige⸗ nen Wohnung auf, und frug ihn nur ſo hingeworfen, nachdem er ſich erſt vorher mit ihm uͤber mehre andere gleichguͤltige Sachen unter⸗ 49 halten,„ob er nicht daͤchte, daß Suſanna in letzter Zeit recht abge⸗ nommen;“ ſich ſtellend, als bemerke er das faſt krampfhafte Empor⸗ zucken des jungen Mannes bei dieſer Frage nicht, fuhr er ruhig fort: „Es muß ihr auf jeden Fall irgend etwas das Herz bedruͤcken, ich habe ſchon bemerkt, daß ihre Augen oft vom Weinen geroͤthet ſind— armes Maͤdchen, vielleicht irgend eine thoͤrichte Liebesge⸗ ſchichte! Doch wir werden ſie wohl vor ihrer Hochzeit nicht wieder zu ſehen bekommen, ſie will in ein oder zwei Tagen verreiſen; ein Luftwechſel mag ſie vielleicht wieder herſtellen, ich geſtehe aber, ich fuͤrchte das Schlimmſte. Zu ſolcher Jahreszeit und in dem Alter halte ich Krankheiten, wie ſie hat, fuͤr ſchnell toͤdtend. Adien— wir ſehn uns wohl heute Abend noch.“ Von Entſetzen durchbebt, bei dieſen grauſamen Worten, hatte Mainwaring kaum ſeine eigene Wohnung erreicht, als er ein paar Zeilen an Fielden ſchrieb und ihn bat, bei ihm vorzuſprechen. Der Vicar folgte dem Ruf und fand Mainwaring in einem Zu⸗ ſtande, der an Verzweiflung grenzte; ja ſelbſt dann nicht, als Su⸗ ſanna's Name genannt wurde, ſah er ſich beruhigt, denn auch Fiel⸗ den war aͤngſtlich beſorgt um das Leben des jungen Maͤdchens. Der Klang ihres kurzen Huſtens ſchallte ihm im Ohr, und er verſtaͤrkte eher das Schreckbild, das Mainwaring verfolgte, als daß er es ver⸗ treiben half.— Suſanna im Innerſten verwundet— ſterbend— gebrochnen Herzens ſterbend. An Herz und Gewiſſen gemartert, war es Mainwaring, als ob er auf dieſer Welt nur den einzigen Wunſch behalten habe— Su⸗ ſanna noch einmal zu ſehen. Was er ihr ſagen wollte— ach er wußte es ſelbſt ja nicht— vor ihrem Abſchied aber— Abſchied?— großer Gott, vielleicht in das Grab, in das ſie dann den Glauben mitnaͤhme, er truͤge gleichguͤltig ihren Tod— mußte er ſie noch ein⸗ mal ſprechen, mußte ihr wenigſtens ſagen, was er ertragen, wie weit er ſchuldig ſei und dann, dann noch ihre Verzeihung erbitten⸗ Nach ſolcher Zuſammenkunft wuͤrden beide mehr Feſtigkeit gewinnen, Bulwer, Lueretia. II. 4 50 beide konnten ſich zu dem Schritte ermuthigen, der ihnen allein noch — ehrenvoll uͤbrig blieb. Dieſen ſehnſuͤchtigen Wunſch machte er Fielden mit jener Beredſamkeit kund, die nur leidenſchaftlicher und ſo tiefer Schmerz geben kann, und er flehte ihn an, ihm eine letzte Unterredung mit Suſanna zu geſtatten und zu verſchaffen. Das ver⸗ weigerte aber der einfache Verſtand und das ehrliche Gewiſſen des guten alten Mannes lange. Waͤre Mainwaring in der Lage geweſen, ſein Herz Lucretien zu entdecken, Fielden haͤtte dagegen Nichts ein⸗ wenden konnen, ein Rendezvous aber mit der einen Schweſter zu⸗ verabreden, waͤhrend er mit der andern verlobt war, trug doch etwas zu Zweideutiges ſchon in ſich ſelbſt, um des einfachen Vicars Bei⸗ ſtimmung zu erhalten. „Was koͤnnen Sie fuͤrchten“, rief aber der junge Mann jetzt faſt zornig— denn gequaͤlt, gemartert, war ſeine ſonſt milde Natur zum Aeußerſten getrieben.—„Konnen Sie auch nur glauben, daß ich mein eignes Elend noch durch verbrecheriſches Flehen um hoff⸗ nungsloſe Liebe vergroͤßern wuͤrde 2 Alles, was ich verlange iſt die Seligkeit, ja wahrhaftig, die ſo lange nicht gekannte Seligkeit des aufrichtigen Vertrauens. Frei und offen will ich Suſannen die Lage Sie, erklaͤren, in die mich das Schickſal geworfen. Glauben wir nicht Beide Troſt und Staͤrke durch einander empfangen koͤnnen? daß Unſere Pflicht liegt offen und einfach vor uns, aber ſie wird ſchmerz loſer, wenn wir einen Leidensgefaͤhrten haben. Und hier erklaͤre ich es Ihnen, ſehen will und muß ich Suſanna. Um ihren Aufenthalt will ich mich ſchleichen, ſei ſie wo ſie wolle— Stunde nach Stunde und geſchehe was mag, einmal finde ich die Gelegenheit. Iſt es da nicht beſſer, die Unterredung finde in Ihrem Hauſe, unter demſelben Dache ſtatt, das ihrer Schweſter Schutz giebt? Hier haͤlt der Platz eit mehr ſelbſt die Verzweiflung zuruͤck. Oh Sir— jetzt iſt keine zu formellen Scrupeln— ſein Sie barmherzig, ich bitte Sie, und nicht gegen mich allein, nein gegen Suſanna. Ich beurtheile ſie nach mir, und ich weiß, daß ich ſelbſt ruhiger, mehr meinem Ge 51 ſchick ergeben, zum Altar gehen werde, wenn ich nur einmal dem argbedraͤngten Herzen Luft machen konnte. Sie wird dann, wie ich ſelbſt, erkennen, daß der Weg den wir zu gehn haben, unausweich⸗ bar iſt und mehr ergeben in ihr Schickſal und ruhiger ſein. Wir wer⸗ den uns gegenſeitig und aufrichtigen Herzens ſchwoͤren, nicht zu lie⸗ ben, ſondern unſere Liebe zu bezwingen. Glauben Sie mir, Sir, ich bin in dieſer Bitte nicht ſelbſtſuͤchtig, ein Inſtinkt— eine Verwandt⸗ ſchaft die Schmerz und Schmerz zuſammen hat— uͤberzeugt mich, daß Das, um was ich bitte, der beſte, vielleicht der einzige Troſt auch fuͤr Suſanna ſei. Sie geſtehen, daß ſie krank iſt, daß ſie leidet— fuͤrch⸗ ten Sie nicht ſogar fuͤr ihr Leben? O allmächtiger Gott, für ihr Le⸗ ben, und doch wiſſen Sie, wie wir uns nie gegen einander ausge⸗ ſprochen; kann jetzt Sprache ſchaͤdlicher— ſchrecklicher wirken, als unſer bisheriges Schweigen? Oh, ihretwegen— hoͤren Sie mich!“ Des guten Mannes Thraͤnen floſſen, ſeine Bedenklichkeiten wa⸗ ren zum Wanken gebracht, denn Wahrheit lag in dem, was jener ſagte. Dennoch gab er nicht gleich nach, verſprach aber die Bitte zu uͤberlegen und Mainwaring noch an demſelben Abend durch ein paar Zeilen davon in Kenntniß zu ſetzen. Mainwaring, da er ſah, daß dies Alles war, was er fuͤr den Augenblick von ihm erlangen konnte, ließ ihn gehen, und Fielden eilte unverzuͤglich zu Dalibard, um ihn um Rath zu fragen. Dieſer ſchlaue Betruͤger machte jedoch Mr. Fildens letzten Scrupel bald ſchwinden, und es blieb nun Nichts weiter üͤbrig, als zuerſt Suſanna's Einwilligung zu erlangen, es dann aber ſo zu arangiren, daß ſie durch Nichts geſtoͤrt werden konn⸗ ten. Mr. Fielden verſprach am naͤchſten Morgen die Kinder auszu⸗ fuͤhren, Dalibard erbot ſich freiwillig, zu der beſtimmten Stunde Lueretia zu entfernen; nur Mrs. Fielden ſollte allein zu Hauſe blei⸗ ben und, wenn das fuͤr noͤthig befunden wuͤrde, bei der Zuſammen⸗ kunft gegenwaͤrtig ſein, die auf den⸗Vormittag im gewoͤhnlichne Wohnzimmer angeſetzt worden. Suſanna's Einwilligung war jetzt allein noch noͤthig, und Mr. Fielden ſtieg zu ihrem Zimmer empor. 4 Er klopfte zweimal— keine ſuße Stimme rief ihm ein freund⸗ liches„herein“ entgegen,— er öffnete die Thuͤr leiſe— Suſanna betete. An der entgegengeſetzten Seite des Zimmers, neben ihrem Bett, kniete ſie, ihr Antlitz in den Haͤnden verborgen, und er ver⸗ nahm, ſchwach und undeutlich das durch Schluchzen unterbrochne Murmeln. Endlich aber und allmälig, waͤhrend er unbemerkt ſtehen blieb, ſchwieg beides.— Das Gebet hatte ſeinen gewoͤhnlichen ſe⸗ gensreichen Einfluß auf die Reine und Andaͤchtige ausgeuͤbt, und als ſich Suſanna erhob, war ihr Antlitz, wenn auch noch thraͤnen⸗ feucht, doch verklaͤrt wie das eines Engels. Der Paſtor naͤherte ſich ihr und nahm ihre Hand— ein leiſes Errothen zuckte dabei uͤber ihr Antlitz— ſie zitterte, und ihre Au⸗ gen ſanken zu Boden. „Mein Kind,“ ſagte er jetzt feierlich—„Gott wird Dich hoͤren!“ — Nach dieſen Worten herrſchte ein langes Schweigen, dann zog er die nicht Widerſtrebende zu einem Stuhl, und ließ ſich an ihrer Seite nieder; freilich wußte er noch immer nicht, wie er beginnen ſollte, und ſagte endlichgrad' heraus, doch halb bei Seite:— „Mr. Mainwaring hat mich um etwas gebeten— um etwas, das Dich ebenfalls mit betrifft und was ich Dir hiermit uͤberlaſſe.— Er erſucht Dich ihm eine Zuſammenkunft zu geſtatten, ehe Du das Haus verlaͤßt— morgen, wenn Du willſt. Ich verweigerte es ihm zuerſt— ich bin noch in Zweifel ob ich recht handle, denn, mein liebes Kind, ſobald unſere Gefühle mit in's Spiel kommen, wird dem menſchlichen Herzen ſeine Pflicht ſoviel, ach ſo ſehr viel unklarer und verworrener— und doch ſind ſie manchmal beſſere Rathgeber, als unſer Verſtand. Nie habe ich uͤberhaupt den Verſtand ganz frei von Irrthum gefunden, als in der Mathematik, wir haben aber keinen Euclid—(und der gute alte Mann lächelte wehmuͤthig), in den Problemen des wirklichen Lebens. Ich will Dich nun nicht zu dieſem oder jenem Weg uͤberreden,— ich ſtelle Dir den Fall einfach und klar vor Augen. Wird es Dir, wie der junge Mann glaubt, Troſt 53 und Staͤrke geben, ihn noch einmal zu ſehen, ſo lange Du— ſo lange— kurz, ehe Deine Schweſter— ich meine ehe— das heißt, wuͤrde es Dich jetzt beruhigen, eine ungeſtoͤrte Zuſammenkunft mit ihm zu haben? Er fleht darum, was ſoll ich ihm ſagen?“ „Auch noch Das!“ fluͤſterte Suſanna kaum hoͤrbar—„das, wonach ſich einſt meine Seele ſehnte“— und die Hand, die Fielden gefaßt hielt, war ſo kalt wie Eis. Dann aber heftete ſie ihre Augen feſt, ja faſt wild auf ihren Erzieher und rief:— Aber weshalb— zu welchem Zweck? warum will er mich ſehen?“ „Um Muth zu faſſen ſeine Pflicht zu thun— ſich weniger un⸗ gluͤcklich zu fühlen, wenn— wenn—“ „Ich will ihn ſprechen,“ unterbrach ihn Suſanna feſt—„er hat recht,— es wird uns Beiden Staͤrke geben— ich will ihn ſprechen.“ Aber die menſchliche Natur iſt ſchwach, mein Kind, wenn es mein Herz jetzt iſt, wie wird es das Deinige ſein? „Fuͤrchten Sie nicht fuͤr mich—“ erwiderte ihm Suſanna mit einem wehmuͤthigen faſt krankhaften Laͤcheln und dann wiederholte ſie leiſe—„ich will ihn ſprechen.“ Der gute Mann ſah ſie an, ſchlang dann ſeine Arme um ihre ab⸗ gezehrte Geſtalt, blickte empor, und ſeine Lippen bewegten ſich von Worten, wie ſie ein Vater fuͤr ſein Kind zum Hoͤchſten ſendet. Achtes Kapitel. Die Entdeckung. Dalibard hatte es unternommen, Lucretia aus dem Hauſe zu ent⸗ fernen; in der That machte auch ihre nahebevorſtehende Heirath eine Communication mit Mr. Parchmount, dem Vollſtrecker von ihres Oheims Teſtament, noͤthig, indem es die Ueberweiſung ihres Antheils 54 am Vermoͤgen betraf. Sie hatte deshalb Dalibard ſchon gebeten ſie dorthin zu begleiten, denn ihr Stolz ſchrak vor dem Gedanken zuruͤck, den Advokaten in der aͤrmlichen Umgebung ihrer eigenen Heimath zu empfangen. Sie ſetzte deshalb noch an demſelben Abend jenen Beſuch auf den nächſten Nachmittag feſt. Ein Wagen wurde zu die⸗ ſem Zweck gemiethet und als er fortfuhr, nahm Mr. Fielden ſeine Kinder zu einem Spatziergang nach Primroſe Hill und ſprach, wie das ſo verabredet war, unterwegs bei Mainwaring vor. Der Wagen war kaum funfzig Schritt durch die Straße gerollt, als Dalibard ſeine Augen mit tiefem und herzlichem 2 NRitleiden auf Lucretia heftete. Bis jetzt hatte er durch meiſterhafte Schlauheit jede directe Erklaͤrung zwiſchen ſeinem Zoͤgling und ſich zu vermeiden ge⸗ wußt, er war uüberzeugt, daß ſie keinem ſo ſehr als ihm mißtrauen wuͤrde; die Intriguen hatten aber ihre Reife erlangt und es wurde Zeit, daß der Hauptagent derſelben die Cataſtrophe zu Ende fuͤhrte. Der Blick haftete ſo feſt und ausdrucksvoll auf ihr, daß es Lucretia eiſeskalt bis in das innerſte Herz hinein fuͤhlte, und unwill⸗ türlich rief ſie aus— was iſt geſchehen? Sie haben mir irgend etwas Entſetzliches zu künden. „In der That habe ich Ihnen etwas zu entdecken, weshalb Sie mich wohl auf ewig haſſen werden, denn ſtets haſſen wir ja die, die uns Trauriges bringen; aber ich muß es ertragen. Lange habe ich zwiſchen Mitleiden und Entruſtung gekaͤmpft, aber ich kann nicht an⸗ ders. Waffnen Sie Ihren ſtarken und kraͤftigen Geiſt, und hoͤren Sie mich. Mainwaring liebt Ihre Schweſter.“ Lucretia ſtieß einen Schrei aus, der kaum einer menſchlichen Stimme anzugehoͤren ſchien. „Nein— nein!“ ſtoͤhnte ſie— ſagen Sie das nicht— Ich will nichts mehr horen— ich will es nicht glauben!“ Mit nnausſprechlichem Mitleiden im Ton fuhr dieſer Mann, deſſen Laufbahn ihm eine ſo grenzenloſe Kenntniß des menſchlichen Herzens verſchafft hatte, alſo fort— 55 „Ich verlange nicht, daß Sie mir glauben ſollen, Lucretia, ja ich wuͤrde es ſelbſt jetzt nicht erwaͤhnen, wenn Sie nicht gerade in dieſem Augenblick die Gelegenheit haͤtten, ſich zu uͤberzeugen. Selbſt die, mit denen Sie bis jetzt gelebt, hintergehen Sie. Waͤhrend wir noch mit einander ſprechen, haben Sie Alles vorgerichtet, daß ſich Main⸗ waring in Ihrer Abweſenheit zu Ihrer Schweſter ſchleichen kann, noch wenige Minuten und er wird dort ſein. Wenn Sie jetzt hoͤren wollen, was zwiſchen ihnen vorgeht, ſo haben Sie es in Ihrer Gewalt. „Ich habe— nein ich habe nicht— nicht den Muth— fort— fort;— ſchneller— ſchneller!“ „Dalibard ſah ſeinen Plan zu Schanden werden. In dieſer wunderbaren Feigheit lag aber etwas ſo Entſetzliches und doch wie⸗ der ſo Ruͤhrendes, daß es ſelbſt ihn mit unheimlichem Staunen fuͤllte — es war das letzte Ringen einer ſinkenden Seele, das Haſchen des Ertrinkenden nach dem Strohhalm.“ „Sie haben vielleicht recht,“ ſagte er nach kurzer Pauſe— und kluger Weiſe jeden Widerſpruch vermeidend, uͤberließ er das Herz ſich ſelbſt. Plöotzlich ergriff Lucretia ſeinen Arm—„Halt!“ rief ſie— „halt! ich will— ich kann dieſe Zweifel nicht laͤnger ertragen— ſie wuͤrden nie— nie enden. Ich will das Schlimmſte hoͤren. Laſ⸗ ſen Sie uns zuruͤckfahren.“ Wir muͤſſen dann ausſteigen und gehn; Sie vergeſſen, daß uns Niemand ſehen darf, wenn wir das Haus wieder betreten;“ und Da⸗ libard oͤffnete, als der Wagen hielt, den Schlag und ließ die Tritte nieder. Lucretia erbebte, dann aber, die Hand auf ihr Herz gepreßt, ſtieg ſie heraus ohne den ihr gebotenen Arm zu beruͤhren. Dalibard befahl dem Kutſcher zu warten und ſie gingen zum Haus zuruͤck. „Ja— er mag ſie ſehen,“ rief Lucretia ploͤtzlich und ihr Antlitz klaͤrte ſich auf—„ah— ſehen Sie— Sie haben mich nicht ge⸗ taͤuſcht, jetzt durchſchaue ich Ihre Liſt— aber ich verachte ſie. Daß ſie ihn liebt, weiß ich— ſie hat dieſe Zuſammenkunft veranſtaltet. Er iſt ſanft und mild— furchtet ſie zu kraͤnken und ihr wehe zu thun— er hat aus Mitleiden eingewilligt— das iſt Alles. Iſt er nicht mir verlobt?— er ſo aufrichtig und dann ſo falſch? Nein— irgendwo muß Wahrheit in der Welt beſtehen, wenn nicht bei ihm, wo dann? Entſetzlicher Mann, ſollte ich ſie etwa in Dir ſuchen— in Dir?“ „Es iſt nicht meine Wahrheit und Treue, die Sie jetzt erproben ſollen, auch prahle ich nicht mit ſolcher Tugend im Allgemeinen, daß ich aber einem Weſen treu ſein kann, erfahren Sie vielleicht trotzdem noch. Uebrigens geſtehe ich auch— was Sie hoffen, iſt nicht un⸗ moͤglich— das Intereſſe, das ich an Ihnen nehme, hat mich vielleicht raſch und voreilig handeln laſſen; was Sie hoͤren, zerſtoͤrt moͤglicher Weiſe nicht, nein, es befeſtigt ſogar, und dann fuͤr ewig Ihr Gluͤck. — Wollte Gott, daß es ſo waͤre!“ „Es muß ſo ſein,“ ſagte Lucretia mit duͤſter zuſammengezo⸗ genen Braunen—„aber jedes Wort lege ich zu meinem eigenen Heile aus.“ Dalibard erſchrak, trotz der Gewalt, die er ſonſt gewoͤhnlich uͤber ſich ſelbſt hatte— Alles— Alles war auf dieſen einen Wuͤrfel geſetzt und jetzt, wie er fand, gefaͤhrlicher, als er je geglaubt. Zu viel hatte er auf die Eiferſucht gewoͤhnlicher Naturen gerechnet. Wie leicht war es moͤglich, daß dieſe jungen Leute, die blos zuſammen⸗ kamen, um ſich Muth zu machen und ihrer Liebe zu entſagen, gar Nichts ausſprechen wuͤrden, was nicht das Herz der nun einmal feſt Entſchloſſenen ſich ſelbſt zu betruͤgen, zu ihrem Vortheil auslegen konnte. Wie nun, wenn jene ihre Gefühle ganz in Schranken hiel⸗ ten?— Doch einerlei— das Spiel war begonnen und mußte be⸗ endet werden. Als ſie dem Hauſe naͤher kamen, ſah ſich Dalibard vorſichtig um, daß ſie Mainwaring auf ſeinem Wege dorthin, nicht begegneten. 57 Er hatte darauf gerechnet, noch vor dem jungen Manne wieder ein⸗ zutreffen. „Wie aber,“ brach jetzt Lucretia plöotzlich mit einem ironiſch bittern Laͤcheln das Schweigen—„wie aber werde ich die Zuſam⸗ menkunft belauſchen koͤnnen?— Ihre zaͤrtliche Aengſtlichkeit um mich, hat Sie doch wohl alle Vorkehrungen für jede noͤthige Schlechtig⸗ keit, fuͤr Verſtecken und Horchen, treffen laſſen?— naturlich Alles, um mich gluͤcklich zu machen.“ „Ich habe jene Mittel angewandt,“ antwortete Dalibard mit tief verletztem Ton,„die ich, der bis jetzt die Welt nur als einen Feind und Verraͤther fand, fuͤr die beſten hielt, Wahrheit und Falſch⸗ heit von einander zu unterſcheiden. Ich habe es ſo geordnet, daß wir das Haus, ohne Verdacht zu erregen, betreten köͤnnen. Main⸗ waring wird mit Ihrer Schweſter im Wohnzimmer ſein— das naͤchſte Zimmer iſt leer, da ſich Mr. Fielden ebenfalls entfernt hat. Eine Glasthuͤr trennt es nur von dem anderen.“ „Genug— genug,“ und Lucretia wandte ſich, und legte ihre Hand leiſe auf den Arm des Provengalen.„Die naͤchſte Stunde wird entſcheiden, ob jene Mittel, Wahrheit zu entdecken und die eigene Sicherheit zu vertheidigen, von jetzt an die meinigen, oder mir auf ewig verhaßt ſein ſollen— ſie muß entſcheiden, ob Treue ein Wahnſinn iſt— ob Sie— mein Lehrer— der weiſeſte der Menſchen oder— nur der gefaͤhrlichſte ſind.“ „Glauben Sie mir, oder glauben Sie mir nicht— aber ich gebe Ihnen mein Wort, auch ich will lieber, daß der Erfolg mich ver⸗ damme, auch ich habe Urſache zu wuͤnſchen, daß man noch einem Menſchen vertrauen kann.“ Kein Wort wurde weiter gewechſelt, die ſtille Straße war oͤde und ruhig wie immer. Dalibard hatte den Schlüͤſſel der Hausthuͤr bei ſich. Die Thuͤr oͤffnete ſich geraͤuſchlos— ſie waren im Haus. Mainwarings Mantel hing im Vorſaal— er war wenige Minuten vor ihnen eingetroffen. Dalibard deutete, als Beweis des von ihm 58 Mitgetheilten, ſchweigend darauf hin. Lucretia ſenkte, doch mit ſcho trotzigem, das Schlimmſte herausforderndem Blick, ihr Haupt, zum 2 Zeichen, daß ſie es verſtanden habe, ſtieg dann, ohne ein Wort weiter ung zu aͤußern, die Treppe hinan und betrat das ihr beſtimmte Zimmer. konr Als ſie aber die Thuͤr oͤffnete, ſah ſie am entgegengeſetzten Ende Daf Nrs. Fielden in ihrem Stuhl— doch ſo weit entfernt, daß ſie nicht hoͤren konnte was im andern Raume vorging. Die herzensgute Frau hatte in Mainwarings Bitten und Suſannens ſchweigenden als 9 Blick gewilligt und die beiden Unglücklichen allein gelaſſen. Sie be⸗ ſch merkte auch jetzt Lueretia nicht, bis dieſe auf ſie zu glitt, die heiße, da 6 brennende Hand auf ihre Lippen legte und fluͤſterte: al „Hſt— verrathenSie mich nicht— mein Lebensglück haͤngt davon h ab— aber auch Suſannens— das ſeinige. Ich muß hoͤren, was 6. vorgeht— es iſt mein Schickſal, das hier entſchieden wird— ur ruhig— ich befehle es, denn ich habe das Recht hier.“ dr Mrs. Fielden war erſchreckt und ganz außer Faſſung gebracht, ſa ehe ſie aber auch nur zu Athem kommen konnte, verließ Lucretia ihre fei Seite und ſchritt geraͤuſchlos zu der verhaͤngnißvollen Thuͤr hin. ißt Sie hob die eine Ecke des Vorhangs und blickte hinein. Her Mainwaring ſaß in einer kleinen Entfernung von Suſanna, de⸗ E ren Antlitz von ihr abgewandt war. Mainwaring dagegen konnte ſie gerade in die Augen ſehn. Suſannens Stimme traf jetzt ihr Ohr, und wenn auch ſuͤß und leiſe, ſo klangen die Toͤne doch deutlich und beſtimmt. Lueretia erkannte an dieſen Worten, daß die Zuſammen⸗ kunft erſt eben begonnen. lm „Gewiß, Mr. Mainwaring, Ich habe Ihnen Nichts zu geſtehen, Nichts, weswegen ich mich ſelbſt anklagen muͤßte— nicht deshalb,“ — und ſie wandte den Kopf, daß der Ausdruck reiner, himmliſcher Milde dem trockenen, ſtechenden Blick der Horchenden zugewandt wurde—„nicht deshalb willigte ich in dieſes letzte Begegnen. Wenn ich es that, ſo geſchah es nur, weil ich dachte— weil ich in Ihrem ganzen Benehmen, wenn wir uns dann und wann begegneten, ja ſchon darin, daß Sie mich uͤberhaupt vermieden— zu ſehen fuͤrchtete — Sie ſeien ungluͤcklich(denn ich weiß, Sie ſind brav und ehrlich) ungluͤcklich in dem Gedanken, mir weh gethan zu haben. Mein Herz konnte das nicht ertragen— vielleicht auch nicht mein Stolz.— Daß Sie mich vergeſſen konnten—“ „Vergeſſen?“— „Daß Sie von einem, mir ſo in allen Stuͤcken uͤberlegenen Weſen als Lucretia iſt, eingenommen werden ſollten(fuhr Suſanna mit ſchnellerer, aber auch leiſerer Stimme fort), iſt ganz natuͤrlich. Ich dachte dann— glaubte, daß wohl nichts Ihr Glͤck truͤben koͤnne, als der Vorwurf eines vielleicht zu zart fuͤhlenden Gewiſſens. Des⸗ halb habe ich Sie hier getroffen, hier geſprochen, ohne dabei einen Gedanken zu hegen, den ſelbſt Lucretia tadeln duͤrfte und wuͤrde, wenn ſie mein Herz ſehen koͤnnte— deshalb habe ich Sie hier ge⸗ troffen(und ihre Stimme zitterte zum erſten Mal), daß ich Ihnen ſagen könnte—„Haben Sie fortan Frieden— es iſt Ihre Schwe⸗ ſter, die zu Ihnen ſpricht— Erwiedern Sie Lucretia's Liebe— ſie iſt tief und heftig; geben Sie ihr, was ſie Ihnen giebt, ein ganzes Herz, und in Ihrem Gluͤck— werde auch ich— Ihre Schweſter, Euch Beiden Schweſter— mich gluͤcklich fuͤhlen. Mit ruͤhrendem Laͤcheln hielt ſie, als ſie ſchwieg, Mainwaring ihre Hand entgegen, dieſer aber ſprang, trotz ihres Straͤubens vor, und preßte ſie an ſeine Lippen, an ſein Herz. „Oh,“ rief er, mit faſt gebrochener Stimme, die aber allmaͤlig lauter und deutlicher wurde—„was— was habe ich verloren— verloren fuͤr ewig. Nein— nein— ich will Ihrer werth ſein— Ich ſage nicht— ich wage es nicht zu ſagen, daß ich Sie noch liebe — ich fuͤhle, was ich Lucretien ſchulde— wie ich zuerſt verblendet, umſtrickt, wie— mit Ihrem Bild ſo tief in mein Herz gegraben—“ „Mainwaring— Mr. Mainwaring— ich darf Sie nicht hö⸗ ren.— Iſt das Ihr Verſprechen?“ „Ja— Sie muͤſſen, Sie muͤſſen mich jetzt hoͤren,— wie es 60 kam, daß ich mich Ihrer Schweſter verband, die ſo verſchieden von Ihnen iſt— ſo verſchieden, daß ich jetzt erſtaunt, verwirrt hier ſtehe, wenn ich es auch nur verſuche zu ergruͤnden. Aber es war ſo — meinetwegen hat ſie Vermoͤgen— Rang— Alles hingegeben, was ihr ſtolzes— ſtrenges Herz ſo hoch hielt, und an dem es mit ganzer Seele hing. Der Himmel iſt mein Zeuge wie ich gekämpft habe, ihre Liebe wuͤrdig mit der meinigen zu erwiedern, wenn es mir aber dennoch nicht gelingt, ſo iſt wenigſtens Alles was Dank⸗ barkeit und Treue geben kann, das ihre. Ja— wenn ich Sie, von Ihrer Verzeihung, von Ihrem Gebet getroͤſtet, verlaſſe, werde ich auch die Staͤrke gewinnen, Sie aus meinem Herzen zu reißen; es iſt meine Pflicht— mein Loos. Mit feſtem Schritt will ich zu dieſer verhaßten Heirath ſchreiten— Oh ſchaudern Sie nicht— wenden Sie ſich nicht ab— vergeben Sie das Wort, aber ich muß ſprechen — mein Herz muß ſich einmal entlaſten— ja— zu dieſer verhaß⸗ ten Heirath. Wollte Gott, mir bliebe— zwiſchen dem Grab und dem Altar— eine Wahl—“ Mitten in dieſem Ausbruche ſeines Gefuͤhls, das Suſanna mehre⸗ male vergebens geſucht hatte zu hemmen, wurde Mainwaring ploͤtz⸗ lich durch eine Erſcheinung geſtoͤrt, die ſeine Adern erſtarren machte, als ob es ein dem Grabe erſtandener Geiſt geweſen waͤre. Die Thuͤr ward aufgeriſſen und Lueretia ſtand vor ihm— ſtand und ſtarrte ihn — Auge in Auge an. Aber ihr eignes Antlitz war ſo bleich, ſo farblos, ſo feſt und entſetzlich anzuſchauen, daß es wirklich ſchien, als gehoͤre ſie gar nicht mehr den Lebenden an. Erſchreckt durch den ploͤtzlichen Schrei und das erbleichende Ant⸗ litz des Geliebten, wandte ſich Suſanna und erblickte ihre Schweſter. Von dem Drange des kranken aber liebenden Herzen getrieben, das — wie von einem Strahl getroffen, all' den Schmerz fuͤhlte, der hier gegeben wurde, ſo ſprang ſie an Lucretia's Seite, ſank an dem Bo⸗ den nieder und umfaßte ihre Knie. „Glaube ihm nicht— kehre Dich nicht an ſeine Worte— es iſt meine gen m zu faſ Haup 61 nur der Wahnſinn des Augenblicks. Er ſprach nur, mich zu betruͤ⸗ gen— mich— die ihn einſt liebte— Ich allein bin die Schuldige. Er kennt Deinen ganzen Werth— o Gott, Erbarmen— Erbarmen uͤber Dich— ihn und— mich—“ Lucretia's Auge ſiel mit faſt teufliſchem Ausdruck auf das zu ihr emporgehobene Antlitz der Schweſter— ihre Lippen bewegten ſich — aber kein Laut wurde gehoͤrt. Endlich entzog ſie ſich den Armen derſelben und ging mit feſten Schritten auf Mainwaring zu. Sie betrachtete ihn mit ruhigem, grauſamem Blicke, als ob ſie ſich an ſeiner Schaam, an ſeinem Schrecke weidete; ehe ſie uͤbrigens ein Wort aͤußern konnte, ſtuͤrzte Mrs. Fielden— die bis jetzt wie von einem heimlichen Zauber befangen und mit unbeſchreiblichem Ent⸗ ſetzen Lucretia's Bewegungen beobachtet hatte, obgleich ſie nichts von dem hoͤren konnte, was in dem Innern des Zimmers vorging, wenn ſie auch nur zu genau wußte, wie dieſe Scene enden mußte, nun aber den Zauber brach— in das Zimmer und brachte— waͤh⸗ rend ſie ihre Arme um die immer noch knieende Suſanna ſchlang und ihrem Schmerz in lautem Schluchzen Luft machte, auch das mehr Groteske in den bis dahin fuͤrchterlich ernſten Charakter der Scene. „Mein Oheim hatte Recht— weder Muth noch Ehre iſt in dem niedrig Geborenen;— auch er— der Ränkeſchmieder hat Recht— Alles iſt falſch und hohl.“ So ſprach Lucretia mit einem eignen Ton ſinnenden, faſt die Umgebung vergeſſenden Ueberlegens.„Stehn Sie auf, Sir,“ fuhr ſie dann mit finſterer, gebietender Stimme fort, „hoͤren Sie nicht, wie Suſanne weint? Fuͤrchten Sie ſich, ſie in meiner Gegenwart zu troͤſten? Feige gegen ſie, wie meineidig ge⸗ gen mich— Gehen Sie, Sir, Sie ſind frei!“ „Hoͤre mich,“ ſtammelte Mainwaring und verſuchte ihre Hand zu faſſen—„ich verlange nicht Deine Verzeihung— aber— „Verzeihung, Sir?“ unterbrach ihn Lucretia, indem ſie ſtolz ihr Haupt zuruͤckwarf und einen Blick voll kalter und unbeſchreiblicher Majeſtaͤt auf ihn heftete—„nur ein Weſen iſt hier, das Verzeihung bedarf, aber ihre Schuld iſt unſuͤhnbar— es iſt ſie, die ſich ſelbſt ſo weit vergaß.“— Mit dieſen, in Zorn und vernichtendem Ingrimm ausgeſtoßenen Worten zog ſie, faſt ihrer unbewußt— den ſchwarzen Mantel feſter um ſich her. Ihr Auge ſchweifte uͤber die tiefe Trauer des Klei⸗ dungsſtuͤckes und die Erinnerung rief Alles das zuruͤck, was ſie dieſe 6 Liebe gekoſtet; aber kein Vorwurf kam uͤber ihre Lippen. Langſam 5 wandte ſie ſich ab und als ſie an Suſanna, die bewußtlos in Mrs. Fiel⸗ den's Armen lag, voruͤberſchritt, ſtand ſie ſiill, und kuͤßte ihre Stirn. 4„Wenn ſie ſich erholt, Madame,“ redete ſie Mrs. Fielden an, die, d durch die Milde und Sanftmuth dieſes Tones uͤberraſcht, zu ihr auf⸗ 1 blickte,“ ſo ſagen ſie ihr, daß Lucretia Clavering ein Geluͤbde that, da ſie die Stirn von William Mainwaring's kuͤnftiger Gattinn kuͤßte.“ Olivier Dalibard ſaß unten im Wohnzimmer als Lucretia ein⸗ 1 trat. Ihr Antlitz hatte noch ſeine faſt geiſterhafte Kaͤlte und Strenge beibehalten, aber ein duͤſterer Schein lagerte jetzt uͤber deſſen Leichen⸗ tü blaͤſſe— ein aͤhnlicher Ausdruck wie er ſich in den Zuͤgen eines ſchwer 8 Kranken ein oder zwei Tage vor deſſen Tode zeigt. Dalibard er⸗ ſchrak heftig, denn er hatte dieſe Farbe zu zoft bei Sterbenden geſehen, er erkannte ſie mit Entſetzen. Seine Bewegung war zu aufrichtig, um nicht auch ſeiner Stimme und Haltung mehr als ge⸗ woͤhnliche Theilnahme zu verleihen— mit herzlichen Worten ſprach er ihr Troſt und Muth ein. Lange Zeit ſchien ihn Lucretia aber gar nicht zu hoͤren, endlich glaͤtteten ſich ihre Zuͤge— das Eis brach. „Mütterlos freundlos— allein fuͤr ewig— verloren— verloren!“ murmelte ſie. Ihr Haupt ſank auf die Schulter des fuͤrch⸗ terlichen Rathgebers— es wußte nicht, wo es ruhte und ſie brach in Thraͤnen, die vielleicht ihre Vernunft oder lindernde Thraͤnen aus ihr Leben retteten. 63 Neuntes Kapitel. Eine Seele ohne Hoffnung. Als Mr. Fielden wieder zuruͤckkehrte, hatte Lucretia ſchon das Haus verlaſſen. Er fand dort ein mit ihrer gewoͤhnlichen feſten Hand geſchriebenes Billet, das ihn, der naͤheren Gruͤnde wegen, die ihr nicht erlaubten laͤnger unter ſeinem Dache zu weilen, an ſeine Frau verwies. Sie war in ein Hotel gezogen, bis ſie ihre Plaͤne fuͤr die Zukunft geordnet haben wuͤrde. In wenigen Monaten war ſie muͤndig und welcher Lebende hatte jetzt noch eine Autoritäͤt uͤber ſie? „Für das Uebrige,“ lauteten die Worte,„wiederhole ich hier noch⸗ mals, was ich Mr. Mainwaring ſchon einmal geſagt habe— jede Verbindung zwiſchen ihm und mir iſt zu Ende— er wird mich nicht, weder durch Beſuch noch Brief beleidigen wollen. Es iſt wohl na⸗ tuͤrlich, daß ich in naͤchſter Zeit den Anblick ſelbſt Suſannens ſcheue. —„Spaͤter werde ich, wenn erlaubt— Mrs. Mainwaring beſuchen.“ Obgleich nun Alles ſo gekommen war, wie es Mr. Fielden ſtets gewuͤnſcht hatte,(wenn er, was einſt ſeine Abſicht war, mit Lucretien ſelbſt aufrichtig daruͤber geſprochen); obgleich eine Heirath vereitelt war, die Niemanden gluͤcklich, zwei Menſchen aber unſaͤglich elend gemacht haͤtte, ſo empfand er doch einen bittern Schmerz, der faſt einem reuigen Gefuͤhle glich, als er hoͤrte, was in ſeiner? bweſenheit vorgefallen. Lucretia, die er fruͤher nie gern gehabt(wenn das uͤber⸗ haupt bei dem alten guten Manne jemals der Fall ſein konnte) wurde ihm jetzt durch ihr Leiden faſt theuer. Alles Andere vergeſſend, eilte er augenblicklich zu dem Hotel, das ſie gewaͤhlt hatte; ihre Kaͤlte ent⸗ taͤuſchte ihn aber, ihr Stolz ſtieß ihn zuruͤck. Sie hoͤrte trocken Alles das mit an, was er ihr zu ſagen hatte und erwiderte dann:„Ich bin nur dafuͤr dankbar, daß ich ſo gluͤcklich entkam— ſchweigen wir fortan uͤber dieſen Gegenſtand.“ Mr. Fielden verließ ſie mit weniger Angſt und Mitleiden als er zuerſt fuͤr ſie gefuͤhlt— vielleicht war Alles ſo zum Beſten geſchehen; bei ſeiner Ruͤckkehr nahm aber auch Suſannens Zuſtand ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch.— Sie phantaſirte und befand ſich in großer Gefahr— Wochen dauerte es, ehe ſie ſich wieder erholte. Indeſſen hatte Lucretia eine Privatwohnung bezogen, deren Lage ſie geheim hielt— in dieſer Zeit alſo konnten Fieldens Nichts uͤber ſie erfahren. Wenn die duͤſtere Einbildungskraft der Dichter, die fuͤr das Reich der gemarterten Schatten jene endloſen Strafen erſannen, eine ge⸗ ſchildert haͤtten, die ihr Opfer verdammte ewig und ewig in einen Abgrund zu ſchauen— jede andere Ausſicht ihm abgeſchnitten— Schlucht auf Schlucht— eine tiefer und fuͤrchterlicher, endloſer und entſetzlicher als die andere, ſo daß im ewigen Starren die Seele ſelbſt zuletzt ein Theil jenes Hoͤllenſchlundes zu werden ſchien, dann haͤtte er damit den Zuſtand geſchildert, in dem Lucretiens Geiſt und Herz gefangen lag. Es war nicht allein jener Schmerz der Seele, die von dem geliebten Gegenſtand verlaſſen und verrathen ward— in dieſem Abgrund flocht fich unaufloͤsbar das Elend der Vergangenheit und Zukunft inein⸗ ander. Das verlorne Vermoͤgen,— der niedergeſchmetterte Ehr⸗ geiz, jene ſo lang und heiß gehegten Ausſichten weltlicher Gluͤckſelig⸗ keit hoffnungslos zerſtoͤrt— und unter dieſem allem, der zuͤrnende Schatten ihres Vaters, ja mehr als Vaters, deſſen Herz ſie gebrochen, deſſen Tod ſie beſchleunigt hatte. So lange die Liebe ihr noch blieb, ſo lange haͤtten ſie dieſe, der Liebe gebrachten Opfer vielleicht fuͤr Augenblicke heimgeſucht, aber ein Laͤcheln, ein Wort, ein Blick des Geliebten, wuͤrde Reue und Vorwuͤrfe ſchnell verſcheucht haben. Jetzt— mit der Liebe aus dem Leben geſtrichen, ſtarrten ihr von allen Seiten duͤſter und entſetzlich die Ruinen des Verlornen aus wilder Nacht entgegen, und eine Stimme erwachte, die ihr lauter und immer lauter zurief: 65 „Sieh, Thoͤrin, das Alles haſt Du verloren— weil Du lieb⸗ teſt und vertrauteſt“— und dieſe Gedanken ſchmiedeten jene beiden Welten zuſammen, die der Vergangenheit und die der Zukunft. Jede Hoffnung war aus ihrer Zukunft geſtrichen, wie ein Mann aus ſeinem Einkommen die Zinſen eines unrettbar verlornen Kapi⸗ tals ſtreicht. In ihrem Alter giebt es wohl wenige ihres Geſchlechts, die ſo ganz jeder Religion entſagt hatten, aber ſelbſt jener mechaniſche Glauben, wie ihn die Lehrer ihrer Kindheit und die beſchraͤnkten Gebraͤuche chriſtlicher Ceremonien gelehrt, war laͤngſt vor dem ſtrengen— gelehrten Scepticismus ihres gefaͤhrlichen Erziehers gewichen; Scepticismus, der nach und nach eine Vernunft er⸗ ſchaffen, die ſich in einem wilden Chaos von Zweifeln gefiel, und gar bald in jene eiſerne Logik gaͤnzlichen Unglaubens hineingezwaͤngt werden konnte. Ihr Glaube war aber dann auch nicht einmal jenen großartigen moraliſchen Wahrheiten gewichen, aus denen die Philoſophie das ſtolze Bild heidniſcher Tugend als ein Subſtitut fuͤr das demuͤthigere Symbol des chriſtlichen Kreuzes herzuſtellen geſucht hat. Bei unge⸗ ſelligem und nicht leicht, weder zu Froͤhlichkeit noch Herzlichkeit, ge⸗ neigtem Temperament, hatte Lucretia jenen abſoluten Egoismus, in welchem Olivier Dalibard ſeine fuͤrchterliche Moral concentrirte, in den Motiven der Menſchheit und Weltgeſchichte beſtaͤtigt gefun⸗ den. Sie hatte die Chroniken der Staaten und die Memoiren der Staatsmaͤnner geleſen und nur zu oft dabei geſehen, wie Liſt allein die Bewegungen eines ganzen Zeitalters leitete. Dieſe Visconti's Caſtonccio's und Medici— dieſe Richelieu's und Mazarin's und de Retz's— dieſe Loyola's und Mahomets und Cromwells— dieſe Monks und Godolphins— dieſe Malborough's und Walpoles— dieſe Gruͤnder der Geſchichte, der Dynaſtieen und Secten— dieſe Fuͤhrer und Betruͤger der Menſchheit, und mehr oder weniger ihre Verderber— die alle hoch und erhaben uͤber den ſchuldloſen aber in Bulwer, Lueretia II. 9 Dunkelheit Lebenden ſtanden— ſchienen ſelbſt durch die Bewunde⸗ rung der Nachwelt den Lohn zu ernten, die Betruͤger ihrer Zeit ge⸗ weſen zu ſein. Durch eine faſt wahnſinnige Schlußfolge uͤbertrug ſie nun in das Privatleben des alltaͤglichen Treibens jene Politik, die wohl auf Koſten der Ehre ſo oft die Staaten regierte. Dadurch veraͤnderten ſich auch ſchon ſeit fruͤheſter Zeit die ſaͤmmtlichen Ver⸗ haͤltniſſe des geſelligen Lebens vor ihrem Auge, und nahmen eine ganz andere Form und Geſtalt an, als ſie bei denen trugen, die mit den Ihrigen vereint und gluͤcklich lebten. Sie betrachtete jedes We⸗ ſen mit mißtrauiſchem Blick und war ſchon darauf vorbereitet, ehe ſie nur noch einmal die Welt betreten hatte, in ihr zu leben, wie ein Verſchwoͤrer in einer Empoͤrung gaͤhrenden Stadt lebt— kundſchaf⸗ tend und erkundet— Plaͤne ſchmiedend und gegen ſich geſchmiede⸗ ten begegnend;— hier fuͤr den Liſtigen die Krone, dort fuͤr den Thoren das Beil des Henkers. Aber ihre Liebe, denn Liebe iſt Vertrauen, hatte ſie ſchon, we⸗ nigſtens theilweiſe, aus dieſem Labyrinth des Geiſtes gezogen. Jene Jugendfriſche, von Unſchuld und Wahrheit belebt, die ihr aus den Augen des Geliebten entgegenzulachen ſchien— ſelbſt ſogar ſein Zuruͤckbeben vor jenen ihr ſchon ſo natuͤrlich gewordenen Plaͤnen und Intriguen, daß ſie dieſelben fuͤr etwas ganz Unſchuldiges hielt, — ſein augenſcheinliches Selbſtvertrauen auf einzige Maͤnnlichkeit, mit den einfachen Huͤlfsmitteln von Ausdauer und Ehrlichkeit— alles das uͤbte eine Anziehungskraft fuͤr ſie aus, die ſie von ſich ſelbſt zuruͤckzog. Wenn ſie an ihm hing, feſt— blind und glaͤubig— es waͤre nicht allein ihr Geliebter, es waͤre ihr guter Engel geweſen. Waͤre er auch dann geſtorben— das Laͤcheln dieſes Engels haͤtte ihn uͤberlebt und ſie gewarnt. Aber er war nicht geſtorben, der Engel ſelbſt hatte ſie betrogen— jene Fluͤgel konnten ſie nicht laͤnger tra⸗ gen— ſie hatten den Schlamm beruͤhrt und waren von ihm be⸗ ſchmutzt— mit dieſem Flecken ſchwand auch ihre Staͤrke. Al er⸗ f les 5 ue, 6 rann in Falſchheit, Hohlherzigkeit und Trug.— Allein auf's Ne 67 in der weiten Welt, ſtieg und erſtand in ihr das ewige Ich. So ſtarrte ſie nieder in dieſen Abgrund— Tiefe nach Tiefe öͤffnete ſich vor ihrem Blick und dieſes Dunkel hatte keinen Troſt und dieſer Hoͤl⸗ lenſchlund kein Ende. Olivier Dalibard war der Einzige von ihren Bekannten, dem ſie dem Zutritt geſtattete. Er ſpielte auch ſeine Rolle gerade ſo, wie man ſie von dem geduldigen, ruhig ſein Ziel verfolgenden Charakter dieſes Manns erwarten konnte. Auch die leiſeſte Andeutung auf ſeine eigene Zuneigung, ſeine Hoffnungen, vermied er und zeigte, waͤhrend er ihr Schweigen ehrte, mehr Theilnahme, als den Wunſch ſie zu troͤſten. Wenn er ſprach, ſo ſuchte er mehr ihren Geiſt zu beſchaͤfti⸗ gen, als ſchon jetzt die tiefe Herzenswunde zu heilen. Fuͤr Leidende liegt ſtets ein gewiſſer Reiz in der Tiefe und Bitterkeit beredten Menſchenhaſſes, Dalibard aber, der angeblich nicht wirklich die Menſchen haßte, ſondern nur die Welt und ihr Treiben verachtete, hatte eine Gewalt der Rede, die ſeinen tiefen und manichfaltigen Kenntniſſen vollkommen entſprach und ſeine Geſellſchaft wirkte nicht allein troͤſtend auf die Leidende, nein, ſie wurde ihr ſogar bald zum Beduͤrfniß. Ob ſie aber nun ſelbſt uͤber den Einfluß erſchrak, den ſie Jenen taͤglich mehr und mehr uͤber ſich ſelbſt erlangen fuͤhlte, oder ob ſie, neu erwachend, das ſtolze Verlangen bewog, noch einmal uͤber Rang und Stand ihrer Nebenbuhlerin und ihres Geliebten emporzuſteigen — ſie machte noch einen Verſuch, die Hoͤhe wieder zu erreichen, von der ſie hinabgeſchleudert worden. Der einzige Lebende, deſſen Bekanntſchaft ihr die große Welt mit all' ihrem Glanz und Spielraum fuͤr Ehrgeiz auf's Neue eroͤffnen konnte, war Charles Vernon. Kaum geſtattete ſie ſich ſelbſt auch nur den Gedanken, daß ſie einen Antrag von ſeiner Seite, den ſie fruͤ⸗ her abgewieſen, jetzt annehmen wuͤrde; ſie glaubte nicht einmal an die Moͤglichkeit einer ſolchen Erneuerung, obgleich etwas in dem ritterlichen und uneigennuͤtzigen Charakter Vernons lag, 5*½ was ſie wohl nicht mit Unrecht vermuthen ließ, er wuͤrde ihre um⸗ geſtalteten Vermoͤgensumſtaͤnde eher als einen Aufruf an ſeine Ehre, denn als ein Entbinden ſeiner fruͤheren Bewerbung halten. Bis jetzt hatte aber noch weiter gar keine Communication zwiſchen ihnen ſtatt⸗ gefunden, und dies war allerdings auffallend, wenn er überhaupt noch dieſelben Abſichten hegte, die er in Laughton ausgeſprochen. Alle ſolche Betrachtungen jedoch bei Seite ſetzend, ſo hatte Vernon fruͤher ihre Freundſchaft geſucht, ſie„Couſine“ genannt, und jene entfernte Verwandtſchaft faſt gewaltſam, und zwar nicht als Liebender, ſon⸗ dern nur als Verwandter herbeigezogen. Er war der einzige Verwandte gleichen Ranges, den ſie be⸗ ſaß, und ſeine Stellung in der Welt, ſeine Verbindungen, ſeine glaͤn⸗ zenden Bekanntſchaften, machten ſeinen Rath fuͤr ihre kuͤnftigen Plaͤne, ſeine Hilfe in der Wiedererlangung ihrer Stellung(wenn nicht dem Vermoͤgen, doch der Geburt nach), und den Zutritt bei ihres Gleichen, unendlich werthvoll. Es lohnte ſich ſchon der Muͤhe, die Tiefe der ihr einſt gebotenen Freundſchaft zu erproben, ſelbſt wenn ſeine Liebe auch mit dem Vermoͤgen geſchwunden geweſen waͤre, auf deſſen Exiſtenz ſie ſich doch wohl baſirt haben mochte. Sie that einen kuͤhnen Schritt— ſie ſchrieb an Vernon— nicht aber, um auch nur auf Das hinzudeuten, was einſt zwiſchen ihnen vorgefallen— nein, ihr Stolz haͤtte ſolch' unweibliche Handlung verſchmaͤht. Das Schlechte, was in ihr war, ſuchte wenigſtens ein gefaͤlliges Aeußere. Sie ſchrieb ihm nur ganz einfach und hingewor⸗ fen, daß ſich noch einige Buͤcher und andere Kleinigkeiten in Laugh⸗ ton befaͤnden, die ihr, weit uͤber deren Werth, lieb und theuer waͤren; wie ſie ferner auch wuͤnſche, da er ſelbſt doch jetzt nicht in Laughton weile, ſeine Erlaubniß zu erhalten, die alte Heimath noch einmal auf ihrer Durchreiſe in ein benachbartes County zu ihrem Abſteige⸗ quartier zu machen, wo er dann irgend Jemand ſo gefaͤllig ſein wuͤrde zu beſtimmen, der ihr die wenigen Sachen, zu denen ſie ein Recht zu haben glaube, ausliefern koͤnne.“ 69 Der Brief war mehr als ein Geſchaͤftsbrief abgefaßt, genuͤgte aber doch vollkommen das zu erforſchen, was ſie noch von ihrem fruͤ⸗ heren Bewerber zu erwarten hatte. Sie ſandte ihn zu Vernons Haus in London, und erhielt am naͤchſten Tage die Antwort. Vernon, wie wir uͤbrigens geſtehen muͤſſen, war ganz mit Sir Miles, was deſſen ihm abgenommenes feierliches Verſprechen betraf, einverſtanden. Nach dem Tode Eines, dem wir Dankbarkeit und Liebe ſchulden, erhalten auch alle ſeine ausgeſprochenen Wuͤnſche eine Heiligkeit, der wir nicht widerſtehen koͤnnen und wollen; ſeine Zu⸗ und Abneigung, ſeine Verpflichtungen, das ihm gethane Unrecht, Alles iſt, als ob es uns ſelbſt geſchehen. Da alſo auch Vernon die Copie von Lucretia's Brief geleſen hatte, und den Sieg ſah, den der arme Baronet uͤber Rache und Ver⸗ geltung erzwungen, augenſcheinlich dabei feſt entſchloſſen Alles zu thun, um leidenſchaftloſe Gerechtigkeit zu uͤben, wie er ja auch fuͤr ſeine Nichte anſtaͤndig geſorgt hatte, wenn er gleich ihre Rechte als Erbin annullirte,— ſo erfuͤllte ihn das mit ſolcher Hochachtung, daß er ſich feſt entſchloß, allen ſeinen Wuͤnſchen und Anordnungen treu zu folgen, und jeder ſolchen Großmuth zu entſagen, die eine uner⸗ wartete Erbſchaft leicht gegen den weniger gluͤcklichen Verwandten mit ſich bringt. Trotzdem aber ſetzte ihn Lucretia's directe Bitte, ihr foͤrmliches Anrufen ſeiner Galanterie als Gaſtfreund und Verwandter, nicht wenig in Verlegenheit, denn er hatte ſich von je ſtets ritterlich und cavaliermaͤßig gegen das ſchoͤne Geſchlecht gezeigt. Sein immer freies und offenes Benehmen ließ ihn aber auch in dieſem Dilemma freie und offene Handlung als die beſte waͤhlen, und er ſchrieb des⸗ halb alſo: „Madame.— Unter andern Umſtaͤnden wuͤrde es mir kein ge⸗ ringes Vergnuͤgen gewaͤhrt haben, das Haus, das Sie ſo lange bewohn⸗ ten, wieder zu Ihrer Dispoſition zu ſtellen. Ich fuͤhle aber wirklich 70 peinlich die Lage, in die mich eine Verweigerung der an mich gerich⸗ teten Bitte bringt, denn ehe ich zu Entſchuldigungen und Vorwaͤnden greife, mag Ihnen dies, was freilich eher einer Beleidigung gleicht, als ein Beweis meiner Aufrichtigkeit gelten. Ich ſehe mich naͤmlich genoͤthigt, Ihnen aufrichtig zu bekennen, daß es(in Folge eines auf⸗ gefundenen Briefes) der letzte Wunſch und Wille meines ſeligen Verwandten war, Ihnen die Gaſtfreundſchaft, die Sie bis dahin in Laughton genoſſen, fortan zu entziehen. Verzeihen Sie mir, Ma⸗ dame, wenn ich mich hier ſo kurz und gradezu ausdruͤcke— aber es mag dieſe Mittheilung auch in Ihren Augen meinen Charakter rechtfer⸗ tigen, was ſowohl die Ehre IhresVerlangens, als meine Reſignation von fruͤher zwar heiß, aber zu vermeſſen gehegten Wuͤnſchen betrifft. In dieſer wirklich peinlichen Aufrichtigkeit verhuͤte es jedoch der Him⸗ mel, daß ich abſichtlichzu Ihren wohl ſelbſt gerechten Vorwuͤrfen noch die meinigen hinzufuͤgen ſollte; ich waͤre der Letzte, der das, was Jugend und Unerfahrenheit gefehlt, ſtreng beurtheilen duͤrfte, das auch ſicherlich, haͤtte Sir Miles Leben erhalten werden koͤnnen, von Ihnen wieder gut gemacht waͤre. Die Gefuͤhle, die Sir Miles in den letzten Tagen hegte, konnten ſich wieder aͤndern; aber ich bin ver⸗ pflichtet, die Vorſchriften zu befolgen, die durch ſie hervorgerufen wurden. Was aber das Geſchäft betrifft, das Sie die Gute hatten gegen mich zu erwaͤhnen, ſo habe ich nur dies daruͤber zu ſagen, daß jeder Auf⸗ trag, den Sie dem Steward in dieſer Hinſicht geben, oder durch irgend eine andere Perſon uͤberſenden werden, um jene Ihnen noch werthen Gegenſtaͤnde zuruͤckzuverlangen, genau befolgt werden ſoll. Und glauben Sir mir, Madame,(obgleich dieſe Wuͤnſche die Kraͤnkung nicht vermehren ſollen, die Ihnen ſchon, wie ich faſt fuͤrchte, durch dieſe Zeilen zugefuͤgt iſt), daß die Verſicherung Ihres Gluͤckes in der Wahl, die Sie getroffen, und der nun kein weiteres Hinder⸗ niß im Wege ſteht, ſicherlich den Schmerz lindern wird, mit dem ich 71 lange an dieſe mir ſo peinliche Antwort Ihrer Zeilen zuruͤckdenken werde. Ich habe die Ehre ꝛc. ac. ꝛc. Brookſtreet, Dec. 28. 18— C. Vernon St. John. Der Empfang eines ſolchen Briefes konnte kaum den Gram, der an ihrem Herzen nagte, mehren, indem er aber den letzten Verſuch zuruͤckſtieß, den ſie gemacht um ſich dem Schmerz durch Befriedigung des Ehrgeizes zu entziehen, ſo verduͤſterte es nur noch mehr jene troſtloſe Oede, in der ſie ihre Zukunft ſah. Wie das Inſekt in dem hohlen Trichter des Ameiſenbaͤrs, ſo fuͤhlte auch ſie, daß ſie keinen Fußhalt an den Seiten des Abgrunds hatte, in den ſie geſtuͤrzt war— der Sand wich unter dem Tritt. Aber dieſe Hoffnungsloſigkeit ver⸗ wandelte ſich nicht in Demuth— die Wolke loͤſ'te ſich nicht in Regen auf— auf dem Horizont ruhend, wurde ihr duͤſterer Schleier nur von dem Feuer geroͤthet, das ſie ernaͤhrte. Das ſchon ohnedies ſo erbitterte Herz war verletzt und zu kaum bezaͤhmbarer Wuth ge⸗ trieben. Aus der Heimath, die jetzt die ihrige ſein ſollte und von wo aus ſie als anerkannte Erbin auf den zu Grunde gerichteten Ver⸗ non hohniſch hernieder laͤcheln gewollt, war ſie jetzt von dieſem ſelbſt als eine Unwuͤrdige und Suͤndige verbannt. Obgleich auch Vernon aus unverkennbarem Zartgefuͤhl nicht hatte ausdruͤcklich ſagen wol⸗ len, daß er den Brief an Mainwaring ſelbſt geleſen, ſo erklaͤrte es doch der formelle und wenig freundſchaftliche Ton wenigſtens indirect, und verrieth zugleich den Eindruck, den er auf ihn gemacht hatte. Ein Lebender war in dem Beſitz eines Geheimniſſes, das ſeine Ver⸗ achtung rechtfertigte, und dieſer Lebende war Herr von Laughton. Die unterdrückte Wuth, deren Urſache der verlorene Geliebte war, dehnte ſich nun auch auf jenen aus, der um dieſe ungluͤckſelige Liebe wußte. Doch was half ihr der machtloſe Zorn gegen beide? Ver⸗ laſſen, verrathen, war ſie nicht im Stande, ſich zu raͤchen. Jetzt aber, zu einer Zeit, wo ihre Ausſichten die ſchwaͤrzeſte Farbe an⸗ * 72 genommen, wo die Verzweiflung ihren hoͤchſten Grad erreicht und ihr die Zukunft troſtlos und oͤde entgegengaͤhnte, jetzt erſt wandte ſie ſich, als an den einzigen, ihr unter der Sonne gebliebenen Freund, an Dalibard, deſſen Laſter ſelbſt, die ſie kannte, in ihr zu Tugenden wur den, denn ſie verboten ihm, ſie ſelbſt zu verachten. Ohnedies ſchien dieſer Mann jetzt auch noch zu einem hoͤhern Grad von Bedeutung zu ſteigen— ſeit kurzem, obgleich ſich ſein ehrfurchtsvolles Betragen gegen ſie immer gleich blieb, hatten ſeine Mienen etwas Stolzeres, Zuverſichtlicheres angenommen— Strahlen heimlicher Genugthuung, ja ſelbſt Freude blitzten aus ſeinen Worten und Blicken hervor, und er ſchien ſte nur zu unterdruͤcken, da ſie wenig zu dem Zuſtand paßten, in dem ſie ſelbſt ſich befand. Endlich eines Tages, und nach einigem vorbereitendem Zögern, erklaͤrte er ihr, daß er wieder frei nach Frankreich zuruͤckkehren koͤnne und wolle und ſelbſt ohne den jetzt geſchloſſenen Frieden zwiſchen Frank⸗ reich und England(unter dem Namen des Friedens von Amiens be⸗ kannt) den Canal gekreuzt haben wuͤrde. Die Sorge und das Inte⸗ reſſe ſeiner in Paris zuruͤckgelaſſenen Freunde hatten ihn ſchon der be⸗ ſondern Aufmerkſamkeit jenes wunderbaren Mannes empfohlen, der damals Frankreich regierte, und in ſeinen Dienſten jede verſchiedene Art von Geiſteskraͤften zu vereinigen ſuchte. Er ſollte nach Frankreich zuruͤckkehren und dann— ih nun, die Leiter ſtand an der Mauer des Gluͤcks und ſein Fuß auf der erſten Sproſſe. Waͤhrend er ſo feurig und ſelbſtbewußt mit der Sicherheit und Kraft eines tuͤchtigen Mannes ſprach, der den zu ſeinem Ziel fuͤhren⸗ den Weg klar und deutlich vor ſich ſieht— als er fluͤchtig, aber feſt die Art ſeiner Ausſichten und Hoffnungen zeichnete, da gewann— jetzt erſt auf die wirklichen Umſtaͤnde des Lebens angewandt, all' jene ſchlaue Weisheit, die fruͤher nur ſchwankend und unbeſtimmt geſchie⸗ nen, praktiſche Geſtalt und praktiſches Intereſſe. Der Geiſt der Intrigue, der auf aͤrmliche Plaͤne verwandt auch aͤrmlich erſcheint, wuchs bei der Hoͤrerin, als ſie ihn mit den gewaltigen Zwecken maͤnn⸗ 73 lichen Ehrgeizes verwoben ſah, zu Staatskunſt und meiſterhaftem Scharfſinn auf. Unwillkuͤrlich wurde deshalb ihre Aufmerkſamkeit immer ernſter— ihr Geiſt immer mehr erregt und hingeriſſen. Die Ausſicht auf ein Feld— weit, weit von dem Schauplatz ihrer Demüthigung und Verzweiflung— ein Feld fuͤr Energie, fuͤr Liſt und Kampf— zeigte ſich lockend ihrem raſtloſen Geiſt. Wie es Dalibard genau berechnet, ſo lag ihr Herz jetzt matt und krank dar⸗ nieder— die Quelle war vertrocknet und der duͤrre Sand darüͤber gehaͤuft; aber dafur erhob ſich geſtoͤrt— ſchlaflos— erregt— der Geiſt. Durch ihren Geiſt und nur durch ihn wandte er ſich an ſie und warb um ſie. „So liegt denn,“ ſagte er, als er aufſtand, um Abſchied zu neh⸗ men, die Laufbahn vor mir, die ich mit Luſt und freudiger Hoffnung betreten wuͤrde, betraͤte ich ſie nicht allein.“ „Allein— ſchon mehr als einmal hatte ſich Lucretia an dieſem Tag das Wort wiederholt— allein. Und welche Laufbahn war fuͤr ſie beſtimmt? auch ſie— allein.“ In manchem Grad uͤbergroßen Schmerzes lechzen unſere Seelen nach irgend einer Aufregung. Das hat ſchon Maͤnner zu Spielern, ja es hat Frauen zu Trinkern gemacht, und uͤbt ſogar ſeine Wirkung auf den ruhig beſonnenen Weiſen. Da ſein Sohn ſtirbt, trauert Goͤthe nicht— aber gewaltſam vertieft er ſich in ein noch unbehan⸗ deltes Studium. Nur in dem wilden Kampf des Lebens, in dem Strudel wechſelnder Thaten findet das verwundete Herz Alles— den Reiz des Spiels— des Trunks und der Wiſſenſchaften. Zehntes Kapitel. Die Ausſoͤhnung zwiſchen Vater und Sohn. Wir uͤbergehen einen Zeitraum von einigen Monaten. Ein Maler ſtand vor ſeiner Staffelei— ein menſchliches Modell vor ihm. Er arbeitete an einer Nymphe— der Nymphe Galatea. Der Gegenſtand war ſchon fruͤher von Salvator aufgenommen, deſſen Genius ſeine Elemente in den wilden Felsmaſſen, in verkruͤppelt phantaſtiſchen Baͤumen und ſtuͤrzenden Waſſerfaͤllen der Landſchaft — in der ſcheußlichen Haͤßlichkeit des liebenden Polyphem und in der Grazie, Anmuth und ſelbſtvergeſſenen Hingebung der Nymphe fand, die ſich ihre vom Bad traͤufenden Locken ordnet. Der Maler behan⸗ delte den Gegenſtand des Meiſters auf einer großen Leinwand(Sal⸗ vators Gemaͤlde iſt, ſo viel wir uns erinnern, unter den kleineren Skizzen jenes großen kuͤnſtleriſchen Schoͤpfers des Romantiſchen und Grotesken), die Landſchaft und den Rieſen aber mehr als Nebenſache, um ſeine ganze Kunſt auf die Nymphe zu concentriren.— Der Maler war nur von mittlerem Alter, aber er ſah wie ein Greis aus— ſein, wenn auch langes Haar, hing ihm duͤnn und grau um die Schlaͤfe, ſein Geſicht verrieth deutlich die Zeichen der Un⸗ maͤßigkeit und ſeine Hand zitterte, Gewohnheit hinterließ aber keine Spur dieſes Zitterns auf der Arbeit. Ein Knabe beſchaͤftigte ſich unfern davon mit demſelben Gegen⸗ ſtand, aber mit rauher Kreide und groben doch kuͤhnen Strichen. Er zeichnete ſeinen Umriß einer Galatea und eines Polyphem an der Wand, denn dieſe war nur beworfen und uͤbertuͤncht und ſchien faſt vollkommen mit den verſchiedenartigſten Zerrbildern— von Meiſters oder Lehrlings Hand, bedeckt. Carrikaturen und Halbgoͤtter, Haͤnde und Fuͤße— Rümpfe, Ungeheuer und Venuſſe. Alles verſtuͤmmelt, klein und groß, wild und toll durcheinander geworfen, gab hier dem 1 7⁵ ◻ι Heiligthum der Kunſt ein ganz eignes cyniſches, trotziges und doch wieder ſorgloſes Anſehn. Es glich dem Secirzimmer einer Anatomie, und des Knaben Skizze harmonirte mehr mit den Waͤnden des Ate⸗ liers, als die Leinwand des Meiſters. Seine Nymphe, genau nach dem, bis zum Guͤrtel nackten Modell entworfen, endete in einen Fiſch⸗ ſchwanz. Die zackigen Baumzweige ſtreckten ſich dazu unheimlich und geſpenſtiſch, wie die Haͤnde eines Gerippes empor und der uͤber die Felſen heruͤberſtarrende Polyphem hatte das Grinſen eines Daͤmons; in ſeinen maſſiven Zuͤgen war aber eine gewiſſe verzerrte ſchreckliche Aehnlichkeit mit dem ernſten und ſymmetriſchen Antlitz Olivier Da⸗ libards gar nicht zu verkennen. Die ganze ſonſtige Umgebung ſah liederlich, ſchmutzig und aͤrm⸗ lich aus; wacklige, verbrauchte, binſengeflochtene Stuͤhle— nicht ver⸗ kaufte, unbeendigte und ſtaubbedeckte Gemaͤlde durcheinander in den Ecken— zertruͤmmerte Gypsfiguren— eine zerbrochene Glieder⸗ puppe— mit ihrem ausdrucksloſen und beſchmutzten Holzgeſicht.— Eine Flaſche Porter und ein Flaͤſchchen Wachholder auf einem unrei⸗ nen Brettiſch, nebſt mehren rauchgeſchwaͤrzten Pfeifen— einige zer⸗ leſene Liederbucher, und alte Nummern des Convent⸗Garden Maga⸗ zins, verriethen dabei den Geſchmack des Kuͤnſtlers, und erklaͤrten die zitternde Hand und die verlebte Geſtalt. Ein jovialer, unordentlicher— liederlicher Kumpan von einem Maler war Tom Varney— naturlich Junggeſelle humoriſtiſch und drollig— ein praͤchtiger Geſellſchafter und ſchrecklicher Borger. In ſeiner Kunſt dabei ganz geſchickt, denn mit einigem Fleiß und Methode hatte er ſich leicht ſeinen Lebensunterhalt verdient und einen Namen erworben. Er that aber etwas, das ihn in dem Geſchaͤftswe⸗ ſen ſeiner Kunſt bald ruiniren mußte— er ließ ſich namlich den vier⸗ ten Theil ſeines angeſetzten Preiſes für jedes beſtellte Bild voraus⸗ zahlen, und fuͤhlte er erſt einmal das Geld in ſeiner Taſche, dann konnte der arme Kunde zum Teufel gehen mit ſeinem Bild. Die ein⸗ zigen Gemaͤlde, die Tom Varney ſtets ordentlich beendete, durften — 76 nicht beſtellt ſein; fuͤr die fing er ſich, wunderbarer Weiſe, ganz be ſonders an zu intereſſiren, und auf die verſchwendete er dann den Geſchmack, den er wirklich beſaß. Die Gegenſtaͤnde aber, die er freiwillig malte, waren trotzdem ſelten verkaͤuflich. Nackte Nymphen und Goͤttinnen finden wenig Verehrer in England unter denen, die „Meubles⸗Gemaͤlde“ kaufen, und— die Wahrheit zu ſagen, ſo hat⸗ ten Nymphen ſowohl wie Goͤttinnen ſtets einen etwas ſehr zweideu⸗ tigen Blick, und wenn ſie wirklich von den Goͤttern ſtammten, ſo haͤt⸗ tet Ihr darauf ſchwoͤren moͤgen, es ſeien die Goͤtter der Gallerie in Drury.“ Seine eintraͤglichſten Arbeiten beſtanden in kleinen Gemäͤlden auf Elfenbein, die von den Juwelieren ungemein geſucht, auf Schnupf⸗ tabacksdoſen gefaßt, und nachher an aͤltliche Herren verkauft wurden. Sobald Tom Varney ein Gemaͤlde abgeſetzt hatte, ſo lebte er im Klee, bis das Geld verthan war. Schoͤne Zeiten fuͤr ſeine Modelle, denn er hatte die eines Kuͤnſtlers ganz unwuͤrdige Schwachheit, ſich in ſeine Fornarias zu verlieben, und da er nicht die perſonlichen Reize Raphaels beſaß, ſo wurden ſie gewoͤhnlich ſehr koſtſpielige bonnes fortunes. Die aͤrmeren und weniger geſchickten Alumni der neuen Schule, beſonders die mit der Academie verfeindeten, von welcher Varney ebenfalls ausgeſchloſſen war, bedauerten und verachteten ihn, hatten ihn aber dennoch gern und ſuchten ihn auf. Außer ſeinen trefflichen Einſchaften als luſtiger Liederſaͤnger, komiſcher Geſchichten⸗Erzaͤh⸗ ler und wackrer Bachusfreund, war Tom Varney auch gutherzig ge⸗ nug in der Mittheilung wirklich werthvollen Wiſſens, was fuͤr ſolche wenigſtens belehrend genug ſein konnte, die eine, ihm ſchon faſt werthlos gewordene Kunſt zu benutzen verſtanden. Er war ein ſchar⸗ 3 fer, doch gutmuͤthiger Kritiker und wußte manche kleinen Geheim⸗ niſſe in Farbenmiſchung und Compoſition, die ihm ein gutes Abend⸗ eſſen oder etwa geborgte zehn Schilling nicht ſelten entlocken konn⸗ ten. Zerlumpt aber, unraſirt— in Schlappſchuhen und mit wirrem 77 Haar hatte er doch ſeine Geſellſchaft unter den Jungen und Froͤhli⸗ chen;— freilich ein herrlicher Meiſter— ein treffliches Exempel fuͤr ſeinen Neffen, Maſter Honoré Gabriel. Doch der arme Wuͤſtling trug ein braveres Herz, als mancher ehrliche, arbeitſame Mann. Sobald ihn Gabriel gefunden und um Schutz aus Furcht vor ſeinem Vater angefleht hatte, druͤckte ihn der Maler in ſeine mit Lumpen behangenen Arme, verkaufte eine Venus um halben Preis, um ihm ein Bette und einen Waſchtiſch anzu⸗ ſchaffen, und ſchwur einen fuͤrchterlichen Eid„daß der Sohn ſeiner armen guillotinirten Schweſter den letzten Schilling aus ſeiner Taſche, den letzten Tropfen aus ſeiner Kanne theilen ſolle.“ Gabriel, gerade aus der guten Koſt in Laughton und durch die reichlichen Gaben Lucretia's verdorben, fand wenig Geſchmack an Schillingen und Porter, nichts deſtoweniger ließ er ſich herab, zu nehmen, was er kriegen konnte, waͤhrend er aus der Tiefe ſeines Herzens, in dem Gier und Eitelkeit die vorherrſchenden Leidenſchaf⸗ ten geworden, nach einer ſeinem Geiſt mehr angemeſſenen, und der mehr aͤhnlichen Sphaͤre ſeufzte, die er erſt ſo kuͤrzlich verlaſſen. Der Knabe beendete ſeine Skizze, warf ſich mit einem unver⸗ ſchaͤmten Blicke nach dem Modell— in ſeinen Stuhl, ſchlug die Arme ineinander, ſchaute hoͤchſt mißmuthig auf die weißgewordenen Naͤthe ſeiner Armel nieder, und ſchien bald in ſeine eignen Betrach⸗ tungen vertieft. Der Maler arbeitete ſchweigend weiter. Das Modell, durch Gabriels unbeſcheidenen Wink halb geſchmeichelt, halb beleidigt, fiel wieder in ſeine alte, halb traͤumende Stellung zuruͤck. Draußen vor dem Fenſter, ließ ſich der Geſang eines Cana⸗ rienvogels vernehmen— es war ein dunkles, rauchfarbnes Thier⸗ chen, das in der Mauſer ſein mußte, denn es ſah ſo ruppig aus wie ſein Herr, dennoch ſang und zwitſcherte es ſein trill trill— trill trill— trill trill ſo friſch und froͤhlich, als ob es frank und frei in ſeinen heimathlichen Waͤldern umher flattere, oder von ſchoͤnen Haͤn⸗ den in einem guͤldenen Kaͤfig gefuͤttert wuͤrde. Der Vogel war hier 78 der einzige wirkliche Kuͤnſtler— er ſang, wie der Dichter ſingt, der Natur und der Stimme ſeines Herzens zu gehorchen. Trill— trill — trallala— la— la— trill— trill ging der Sang— lauter — froͤhlicher als je, denn ein Strahl der Aprilſonne ſtahl ſich uͤber die Hausdaͤcher heruͤber. Der Geſang ſtoͤrte Gabriel endlich aus ſei⸗ nen Traͤumen auf— er drehte ſeinen Stuhl herum, bog den Kopf auf eine Seite, horchte und ſchaute aufmerkſam dem Vogel zu. Endlich ſchien eine neue Idee in ihm aufzuſteigen— er ſprang empor, öͤffnete das Fenſter, hob den Kaͤfig herein, ſtellte ihn auf nahm dann eine von ſeines Oheims Pfeifen vom einen Stuhl und ſer ging er zum Feuer und ſchob den Stiel derſelben Tiſch. Mit die in's Kamin. Alsder rothgluͤhend war, holte er ihn, nachdem er ſich vorher die Hand mit dem Tuch umwickelt hatte, am Kopfe heraus und kehrte damit zum Kaͤfig zuruͤck. Dies Alles hatte aber das ſchlaͤf⸗ rige Modell erweckt und ſie beobachtete ihn zuerſt mit ſtumpfer Neu⸗ gier, dann aber mit lebhaft erwachendem Verdacht, und fuhr ploͤtz⸗ lich mit einem Ausruf von ihrem Sitz empor, wie ihn kein Novelliſt als Fielding, in den Mund eines Frauenzimmers, noch vielweniger einer Nymphe von ſolchem Ruf als Galatea, legen darf. Sie ſprang durch den Saal, warf beinahe Maler und Staffelei um, und erfaßte Gabriels Schultern mit derbem Griff. „Das Ungethuͤm,“ rief ſie dabei heftig,„das nichtsnutzige Un⸗ gethuͤm,— wenn es noch ein Hahn oder ein haͤßlicher Rabe gewe⸗ ſen waͤre, aber einen armen Carnarienvogel.“ „Hallo Neffe— was giebt's da? was fehlt wieder? ſagte Tom Varney, waͤhrend er dem Schauplatz naͤher ruͤckte. Und in der That ſchien es die hoͤchſte Zeit, denn Gabriels Zaͤhne waren in ſeinen katzengleichen Kinnladen feſt zuſammengebiſſen und mit ſeiner Waffe, ſo gefaͤhrlich, wie einfach, die er der Angreiferin wieder entriſſen, und jetzt drohend gehoben empor hielt, ſchien er nur noch zu uͤber⸗ legen, welchen Theil dieſer zarten Geſtalt er wohl am fuͤhlbarſten mit der noch immer gluͤhenden Spitze des Pfeifenſtiels treffen koͤnne. 79 „Was es giebt?“ erwiderte Gabriel muͤrriſch— ih nun, ich wollte nur ein kleines Experiment verſuchen.“ „Ein Experiment? doch nicht an meinem Carnarienvogel, dem armen kleinen Ding? Stunden nach Stunden hat ſich das Thierchen abgequaͤlt„Sing und ſei froͤhlich“ zu ſingen, wenn ich nicht einen Heller mehr in der Taſche hatte— es haͤtte einen Stein erbarmen müſſen, das mit anzuhoͤren.“ „Aber ich glaube, ich kann ihn viel beſſer ſingen machen— laßt mich nur einmal verſuchen. Ein Carnarienvogel ſoll, wenn man ihm die Augen ausbrennt, viel—“ Gabriel konnte ſeine Reden nicht vollenden, denn hier gewann bei Maler wie Modell Abſcheu und Unwillen die Oberhand— was gewoͤhnlich bei jeder philoſophiſchen Entdeckung der Fall iſt, wenn dieſe naͤmlich praktiſch angewandtwerden ſoll— und in der Mitte des Laͤrmens fing der arme Vogel, der durch Hin⸗ und Herflattern ver⸗ ſucht hatte, ſeinem freundlichen Operateur zu entgehen, nicht mehr ſein altes froͤhliches trillala— trill, ſondern ein aͤngſtliches, herz⸗ brechendes ſcharfgellendes, twit— twit— twitter— twit an. „Verdammter Vogel—o haltet die Maͤuler,“ rief Gabriel Varney endlich unwillig aus, waͤhrend er der Uebermacht wich, den Vogel aber noch immer mit jenem wiſſenſchaftlichen Bedauern an⸗ ſah, mit welchem der beruhmte Majendie einen Hund betrachten mag, dem ſein Ungeheuer von einem Herrn nicht hat zum Beſten menſchlicher Cholik auswaiden laſſen wollen. Das Modell erfaßte den Kaͤfig— ſchloß die kleine Draththuͤr und trug ihn fort. Tom Varney trank den Reſt ſeines Porters, und wiſchte ſich mit dem Aermel den Mund. „Und meine Pfeife zu ſolcher Barbarei benutzen zu wollen— Knabe, Knabe, das haͤtt' ich im Leben nicht geglaubt. Aber— Du haſt wohl nur Spaß gemacht— Suckey— meine Theuere— Ga⸗ latea die Goͤttliche— beruhige Deine Bruſt— „Laß ſie ſchlummern, die ſchneeigen Wogen.“ —— 80 „Cupido ſcherzte nur. Amor iſt der Gott des Scherzes Witz— Gelaͤchter— Spaß— Sir. „Wenn Du die kleine Beſtie nicht halbtodt pruͤgelſt, ſo findet ſie ihr Ende am Galgen— ſoviel weiß ich,“ erwiderte Galatea. „Geh— Cupido— geh und kuͤß Galatea und ſchließt Frie⸗ den „„O laß den Kuß nur in dem Glas, Was frag ich dann nach Wein—“ Es iſt auch gar nicht noͤthig nach Wein zu fragen— und nach Wachholder eben ſo wenig— kein Tropfen mehr da—“ Waͤhrend dieſer ganzen Zeit war Gabriel, der keinen der ihm empfohlenen Auswege nur einer Antwort wuͤrdigte, emſig beſchaͤftigt mit einer ſehr raͤudig ausſehenden Buͤrſte, ſeine Jacke zu reinigen, und als er dieſe Operation vollendet hatte, naͤherte er ſich ſeinem Oheim, und griff ruhig in die Weſtentaſchen dieſes Gentleman. „Oheim, was habt Ihr mit den ſieben Schillingen angefangen? ich will heute ſpazieren gehen.“ „Wenn Du ſie ihm giebſt, Tom, kratze ich Dir die Augen aus,“ ſchrie das Modell,„nachher will ich doch einmal ſehen, wie Du ſingſt.— Pruͤgele ihn, ſag' ich— pruͤgele ihn.“ Sonderbarer Weiſe oͤffnete aber dieſe Unverſchaͤmtheit des Kna⸗ ben ihm ganz das Herz ſeines Oheims wieder.— Dieſer, der ſo oft die eigene Hand in fremder Leute Taſchen ſchob, fuͤhlte gewiſſermaſ⸗ ſen Vergnuͤgen daran, ſich ſelbſt einen ſolchen Streich geſpielt zu ſehn. „Das iſt recht! Cupido— Sohn der Cythere— alles iſt Ge⸗ meingut zwiſchen Freunden. Sieben Schilling? ich habe ſie nicht— es ſind jetzt fuͤnf, die einſt zu ſteben— was aber da iſt, wollen wir theilen.“ „Timotheus gebe den Preis zuruͤck Oder Beide theilen die Krone.“ 81 „Kronen laſſen ſich nicht theilen, Oheim,“ ſagte Gabriel trocken, und ſteckte die fuüͤnf Schillinge ein. Dann, nachdem er vorher ſeinenRuͤck⸗ zug gedeckt, indem er ſich auf die Schwelle ſtellte, ergriff er ploͤtzlich einen der zerbrochenen Stuͤhle beim Beine, und ſandte ihn, jede Ruͤck⸗ ſicht gegen das ſchoͤne Geſchlecht hintanſetzend, mit aller Kraft dem Modell zu, das ihm mit der Fauſt drohte. Ein Schrei, ein Fall, und ein ſcharfes Zirpen im Kaͤfig, der faſt in den Kamin hineinge⸗ ſchleudert wurde, verrieth, daß das Wurſgeſchoß getroffen hatte. Gabriel wartete aber nicht auf die möͤgliche Ruͤckwirkung— er war im naͤchſten Augenblick in der Straße. „Das thut's nicht laͤnger“ murmelte er hier zu ſich ſelbſt— „dabei komme ich nicht weiter. Thoͤrichter— trunkener Vagabond — der kann mir Nichts nuͤtzen. Mein Vater iſt gefaͤhrlich, aber er wird ſich ſeinen Weg in der Welt bahnen.— Hm, wenn ich's nur mit ihm aufnehmen koͤnnte— und warum nicht? Ich bin muthig, und er iſt es nicht. Selbſt in der Gefahr liegt ein eigner Reiz.“ So uͤberlegend ſchlenderte er nach Dalibard's Wohnung zu. Sein Vater war zu Hauſe. Obgleich dies nun aber nur eine Miethwoh⸗ nung war, und die Straße in keinem der faſhionablen Quartiere Londons lag, ſo hatte Olivier Dalibard's Zimmer doch einen Anſtrich von Nettigkeit, ja ſelbſt Eleganz, der ſtark gegen die ſchmutzige Armuth, die Gabriel ſo eben verlaſſen hatte, wie gegen Dalibard's fruͤhere Wohnung in London, abſtach. Die Veraͤnderung ſchien anzudeuten, daß der Provengale es ſchon zu etwas Beſſerem gebracht habe, und— die Wahrheit zu ſagen, ſo war doch ſtets, ſelbſt in den Zeiten, wo es ihm am traurigſten ging, etwas in ſeiner ganzen Umgebung, was die unbeſchreibliche Sauberkeit und Accurateſſe verrieth, die der gi-devant Freund des alten Robespierre nie unterließ ſeinem Aeußern und ſeiner Umge⸗ bung mitzutheilen, eine Eigenſchaft, die ſelbſt dem Mangel eine ge⸗ wiſſe Wuͤrde verleiht. Als das Zimmer und deſſen Bewohner vor Gabriels Augen ſtand, Bulwer, Lucretia. II. 6 82 auf welches Sinne das Aeußere uͤberhaupt ſtarken Einfluß uͤbte, ſo erinnerte ſich der undankbare junge Taugenichts ſeines guͤtigen, aber abgeriſſenen Oheims, deſſen Taſche er ſo eben geleert, mit keinem andern Gefuͤhle mehr, als dem des Widerwillens. Olivier Dalibard— der ſich ſtets achtſam, wenn auch einfach, in ſeiner Kleidung trug, mit ſeiner geiſtvollen Stirn und wirklich im⸗ ponirenden Miene, die jenes gewiſſe Etwas an ſich trug, das nie ver⸗ fehlt, dem Gelehrten das Anſehn eines Gentleman zu geben— Oli⸗ vier Dalibard konnte er fuͤrchten— ja ſelbſt verabſcheuen, aber er brauchte ſich ſeiner nicht zu ſchaͤmen. „Ich ſagte Ihnen, daß ich Sie, wenn Sie es mir erlauben, be⸗ ſuchen wuͤrde, Sir,“ begann Gabriel mit achtungsvollem, aber d doch nicht ganz von Trotz freiem Tone, als ob er noch ungewiß waͤre, wel⸗ ches Empfangs er ſich zu gewaͤktigen habe. Des Vaters großes ruhiges Auge— ſo ganz derſchieden von dem fluͤchtig⸗ſcheuen Seiten⸗ blick Lucretia's, ruh'te auf dem Sohn, als ob er bis in ſein innerſtes Herz dringen wolle. „Du ſiehſt blaß und elend aus, Kind. Geſundheit wie Schoͤnheit ſcheint Dich gleich ſchnell zu fliehen. Gute Gaben das, die nicht ſo leichtſinnig verſchwendet werden ſollten, ehe man ſie verwandt hat. Doch Du haſt gewaͤhlt. Sei ein Kuͤnſtler— ahme Tom Varney nach und— moge es Dir gut gehn.“ Gabriel ſchwieg, waͤhrend ſeine Blicke am Boden hafteten. „Du kamſt grade recht, Abſchied von mir zu nehmen,“ fuhr Dali⸗ bard endlich wieder fort.„Es iſt wenigſtens ein Troſt fuͤr mich, daß ich Deine Jugend ſo e ehrenvoll beſchuͤtzt weiß. Ich will in mein Va⸗ terland zuruͤckkehren; noch einmal liegt das Leben vor mir.“ „In Ihr Vaterland? nach Paris?“ „Es giebt ſchöne Bilder im Louvre— ein herrlicher Platz, einen Kuͤnſtler zu begeiſtern.“ „Gehen Sie allein, Vater?“ „Du vergißt, mein junger Herr, daß Du mich nicht mehr als 8³3 Vater anerkennſt. Allein? ich daͤchte ich haͤtte Dir, noch in der Zeit meines Vertrauens geſagt, daß ich Lucretia Clavering heirathen wuͤrde? Ich verfehle ſelten meine Plaͤne. Sie hat allerdings Laughton verloren, aber zehntauſend Pfund koͤnnen ebenfalls einen ſchoͤnen Grundſtein zu Gluͤck und Ehre legen; ſelbſt in Paris. Nun, was wuͤnſcheſt Du von mir, wuͤrdiger Pathe des Honoré Gabriel Mirabeau?“ „Sir— ich gehe mit Ihnen, wenn Sie mir's verſtatten.“ Dalibard ſtuͤtzte ſein Haupt in die Hand und uͤberlegte des Soh⸗ nes Antrag. Auf der einen Seite mochte es gut, ja auch oͤkonomiſch ſein, von dem Knaben, der ſchon einmal die vaͤterliche Autoritaͤt ab⸗ geſchuͤttelt, befreit zu werden, andrerſeits war aber auch wieder Manches in Gabriel, ſo widerſetzlich und unbaͤndig er ſich auch in letzter Zeit gezeigt, das entweder ein gewiſſenloſes Werkzeug, oder einen durchtriebenen Gefaͤhrten verſprach, wenn er nur erſt erkannte, wie ſeine eigenen Intereſſen mit denen ſeines raͤnkeſchmiedenden Vaters Hand in Hand gingen. Dieſe letzte Ausſicht, die noch vereint, daß ihn wenigſtens, wenn nicht die Bande der Zuneigung, doch die der Gewohnheit und des Blutes an ihn feſſelten, die ſich ſelten ſo ganz abwerfen laſſen, gab endlich den Ausſchlag. Er ſtreckte gegen Gabriel die weiße, zarte, blaudurchaͤderte Hand aus, die Lawrence, haͤtte er ſie geſehen, ſo gern zu der eines Kardinals copirt haben wuͤrde, und ſagte freundlich: „Ich will Dich nehmen— wenn wir uns ordentlich verſtehen. Einmal wieder unter meiner Gewalt, kann ich Dich, es iſt wahr, zu meinem Willen zwingen, aber ich handle lieber mit Dir als Mann zu Mann, wie als Mann zu Knabe.“ „Es iſt das Beſte,“ erwiderte Gabriel feſt. „Ich will nicht rauh gegen Dich ſein, Dich nicht ſtrafen, Du haͤtteſt es denn reichlich durch Ungehorſam oder vorbedachten Betrug verdient; finde ich aber dieſen, dann verfaulteſt Du lieber auf dem Duͤnger, ehe Du mit mir kaͤmſt. Ich verlange unbedingtes Vertrauen 6* zu all' meinen Vorſchlaͤgen— genaue Unterwerfung jedes ausgeſproche⸗ nen Verlangens. Geſtehe mir das zu, und ich verſpreche Dir, Dein Gluͤck wie das meine zu befoͤrdern— Deinen Geſchmack, ſoweit es meine Mittel erlauben, zu befriedigen, Dir Deine Vergnuͤgungen nicht zu mißgoͤnnen, und Dich, wenn Du das Alter des Ehrgeizes erreichſt, zu heben— wenn ich ſelber ſteigen kann. Ja, ich will, wenn zufrieden mit Dir, den Flecken von Deinem Namen nehmen, und Dich formlich als meinen eignen Sohn anerkennen und adoptiren.“ „Angenommen, und ich danke Ihnen“ rief Gabriel.„Alſo auch Lueretia geht— o wie ich mich danach ſehne, ſie wieder zu ſehen!“ „Sie ſehen?— jetzt noch nicht— in naͤchſter Woche.“ „Fürchten Sie ja nicht, daß ich etwas wegen des Briefs verra⸗ then wuͤrde— das hieße mich ſelbſt verrathen,“ ſagte der Knabe, ſein Mißtrauen wegen des Vaters Zoͤgern geradezu ausſprechend. Der boͤſe Mann laͤchelte. „Du wirſt wohl thun, das Geheimniß ſchon um Deinetwillen zu bewahren; was mich betrifft, ſo fuͤrchte ich es wenig. Gehe jetzt zu Deinem Herrn zuruͤck.— Gabriel, Du haſt Recht— wie die Rat⸗ ten verlaͤßt Du das den Einſturz drohende Haus. In naͤchſter Woche werde ich Dich holen laſſen.“ In das Atelier ging der Knabe aber noch nicht zuruͤck, ruhig wanderte er durch die lebhafteſten Straßen, betrachtete die Laͤden und Equipagen, die ſchoͤnen Frauen und elegant gekleideten Herren— und zwar mit Neid und Verlangen, und Viſionen von ahnlicher Pracht und Herrlichkeit. Dann, als der Tag ſich ſeinem Ende neigte, ſuchte er einen jungen Maler auf, den wildeſten und tollſten der Schaar, welcher ſein Oheim den kuͤnftigen Kameraden und Nebenbuhler vor⸗ geſtellt hatte, und ging mit dieſem, fuͤr halbes Entree, in’s Theater; nicht aber die Schauſpieler zu ſehen, und das Spiel zu ſtudiren, ſondern im Salon umherzuſchlendern. Ein Abendeſſen beendete dann zum Schluß die gaͤnzliche Raͤumung ſeiner Taſchen, wie dieſes 85 Tages Nang in gemachter Lebenserfahrung. Mit der Morgendaͤm⸗ merung ſtahl er ſich in ſein Bett zuruͤck, und als er ſich niederlegte, dachte er mit ſichtlichem Verlangen an die Freuden von Paris— an ſeine herrlichen Gaͤrten, glaͤnzenden Laͤden und volkreichen Straßen; er dachte auch an ſeines Vaters ruhiges feſtes Vertrauen auf gluͤck⸗ lichen Erfolg, an den Triumph, den alle ſeine Liſten bis jetzt errungen, und die ja auch ſeine Achtung und ſeinen Nacheifer erweckt, und ſeinen Entſchluß beſtimmt hatten. Er dachte ebenfalls mit einer Art Zuneigung an Lucretia, rief ſich ihre Lobpreiſungen und Ge⸗ ſchenke zuruͤck— wie ihr haͤufiges Plaͤneſchmieden mit ſeinem Va⸗ ter, und fuͤhlte jetzt, daß ſie einander wohl gebrauchen wuͤrden. Nein wahrlich— den ihr geſpielten Streich in Guy's Eiche hatte er nicht Luſt ihr zu verrathen, ſelbſt dann nicht, wenn er ſich mit ſeinem Vater veruneinigen ſollte. Eine Art In⸗ ſtinkt ſagte ihm, daß dieſe Kraͤnkung nie verziehen werden koͤnnte, und das von jetzt an Lucretia's Schickſal mit dem eigenen verfloch⸗ ten ſei. Er dachte auch an Dalibard's Warnung und Drohung; mit der Furcht ergriff ihn aber zugleich eine eigene Aufregung, ein wilder Reiz— er— ein Kind noch, wenn es noͤthig ſei, mit einem Manne, mit ſeinem Vater zu ringen— ſein Herz hob ſich bei dem Gedanken. So ſchlief er endlich ein und traͤumte, daß er ſeiner Mutter koͤrperloſes Haupt bluttriefend und zuͤrnend auf ſich niederblicken ſah— traͤumte, daß er ſie ſagen hoͤrte:„Und gehſt Du zu dem Orte meiner Hinrichtung, nur um meinem Moͤrder knechtiſch zu dienen?“— Dann kamen wilde, alpaͤhnliche Bilder von Schaffotten und Henkern— draͤngenden Volksmaſſen— und entſetzlichen— angſterregenden Antlitzen uͤber ihn— Alles das wild— dunkel und unbeſtimmt. Und er erwachte mit geſtraͤubtem Haar und— hoͤrte unten, in der aufſteigenden Sonne den froͤh⸗ lichen Sang des armen Canarienvogels: trill— lill— lill— trill— trill— lill— lill— la. Freute er ſich, daß ſeine grau⸗ ſame That verhindert worden? Epilog des erſten Theils. Es iſt ein Jahr ſeit dem Tag verfloſſen, an dem Lucretia das Haus Mr. Fieldens verließ. Zuerſt muͤſſen wir aber den Leſer wieder einmal auf die altmodiſche Terraſſe zu Laughton zuruͤckfuͤhren; zu der hervorragenden Eingangshalle— den wunderlichen Baluſtraden, den breiten, dunkeln, unveraͤnderlichen Cedern im Garten unten. Der Tag iſt ruhig, klar und mild, denn auf dem Lande zeigt ſich der November nicht ſelten freundlich. Auf der Terraſſe geht Charles Vernon, jetzt bei ſeinem neuen Namen, St. John, gekannt, auf und ab⸗ Iſt es der Namenswechſel, der die Perſon ſo geaͤndert hat? Kann der Heroldsſtab jene eingefallenen Wangen ausgefuͤllt, jene Starke und Elaſticitaͤt der Geſundheit dem leichten Schritte wieder⸗ gegeben haben? Nein, eine andere und beſſere Urſache giebt es fuͤr dieſe gluͤckliche Veränderung. Mr. Vernon St. John iſt nicht allein, eine ſchöne Gefaͤhrtin haͤngt an ſeinem Arm. Sieh— ſie bleibt ſtehen, ſich feſter an ſeine Seite zu lehnen und zu fluͤſtern:„Wir thaten wohl — zu hoffen und zu vertrauen!“ Des Gatten Vertrauen war aber nicht ſo ganz makellos geweſen, als das ſeiner Maria— ein leichtes Erroͤthen faͤrbte ſeine Wangen, wenn er daran dachte, wie leicht er ſich damals des alten Sir Miles Wuͤn⸗ ſchen gefuͤgt und um Lueretia Clavering geworben. Doch den Fehler hatte er ſeiner Gattin aufrichtig geſtanden und ſie fuͤhlte— ſobald ihr die Worte entſchluͤpft waren, daß ſie indiscret geweſen; nichts deſtoweniger fuhr ſie, mit einem leiſen Anflug weiblicher Malice, leiſe fort— „Und Miß Clavering— Du beſtehſt alſo noch darauf, daß ſie wirklich nicht ſchoͤn geweſen?“ „Liebes Weib,“ erwiderte ihr Gatte ernſt—„Du wuͤrdeſt mich ſehr verbinden, wenn Du die truͤben, mit jenem Namen ver⸗ 87 flochtenen Erinnerungen nicht wieder in mein Gedaͤchtniß zuruͤckriefſt. Laſſ' ihn nie wieder in dieſem Hauſe gehoͤrt werden.“ Lady Maria neigte gehorchend das zierliche Haupt— ſie verſtand des Gatten Gefuͤhle. Denn wenn er ihr auch nicht Sir Miles' Brief und ſeinen Einſchluß gezeigt, ſo hatte er ihr doch genug mitgetheilt, um ſie uͤber die unerwartete Erbſchaft aufzuklaͤren und ſeines Weibes Mitleiden, der enterbten Nichte wegen, zu mildern. Nichts deſto weniger begriff ſie leicht, daß ihr Gatte ſich nicht wohl bei dem Ge⸗ danken füͤhlen konnte, hart gegen ein Maͤdchen zu handeln, deſſen Hoffnungen und Ausſichten er zerſtoͤrt hatte. Lueretia's Verbannung von Laughton war eine nur zu gerechte Strafe, aber es that einem großmuͤthigen Herzen weh, ſie auszuuͤben. So mußte in jedem Falle die Erinnerung an Lucretia dem Nachfolger des Sir Miles ſchmerzlich und unwillkommen ſein. Eine kurze Pauſe folgte. Lady Maria druͤckte ihres Gatten Hand. „Sonderbar bleibt es doch,“ ſagte er jetzt, indem er bei dieſem Zeichen des Mitgefühls ſeinen eigenen Gedanken Worte gab—„ſon⸗ derbar bleibt es doch, daß ſie Mainwaring trotzdem nicht heirathete, ſondern jenen liſtigen Franzoſen waͤhlte. Doch ſie iſt zu meinem Troſte— ausgewandert— vielleicht fuͤr immer. Laß uns alſo nie wieder auf ſie zuruͤckkommen.“ „Gluͤcklicher Weiſe,“ ſetzte Lady Maria noch mit einigem Zoͤ⸗ gern hinzu,„ſcheint ſie hier nicht viel Mitgefühl erweckt zu haben. Die Armen erwaͤhnen ſie ſelten, und unſere Nachbarn nur mit Erſtau⸗ nen, ihrer Heirath wegen. In noch einem Jahr wird ſie vergeſſen ſein.“ St. John ſeufzte Er fuͤhlte vielleicht, wie viel leichter noch er ſelbſt vergeſſen waͤre, haͤtte das Schickſal ihrer Beider Looſe ver⸗ andert. Sein leichter Sinn entledigte ſich aber bald aller dieſer Ge⸗ danken und Quellen des Mißvergnuͤgens, und er horchte jetzt mit beifaͤlliger Aufmerkſamkeit den freundlichen Plaͤnen, die Lady Maria zur Unterſtuͤtzung der Armen, der Kinderſchule, der Huͤtten, die neu erbaut und der Arbeiter, die dabei verwandt werden muͤßten, ent⸗ 88 „Und Ihr feinen Herren—“ worfen hatte. Obgleich es ſonderbar klingen mag, ſo ſchien doch Vernon St. John wirklich, durch ſeines Weibes ſanfte Herrſchaft und ihre laͤuternde Naͤhe bewogen, angefangen zu haben, Geſchmack an unſchuldigen Beſchaͤftigungen zu gewinnen. Ja er begann ſogar ſchon, das Land nicht mehr als einen Verbannungsort zu betrachten. Von Herzen brav, hatte er ſich ſelbſt gelehrt, die Arbeiten zu theilen, die ſeine Maria, in ihrem freundlichen Eifer„Gutes zu thun“, gefunden, und in die Bruͤderſchaft der Liebe einzutreten, die gewoͤhnlich den Gutsherrn und den Armen ſeines Dorfes verbindet. 5„Ich hoffe auch, Marie, daß wir, mit einmal Jagd die Woche —(denn oͤfter moͤcht' ich es doch noch nicht unternehmen, bis dies Seitenſtechen ganz nachgelaſſen hat) und mit der Huͤlfe einiger guten Freunde zu Weihnachten, den Winter ganz gut herumbringen werden.“ „Ach,„dieſe guten Freunde“ fuͤrchte ich mehr, als die Jagd.“ „Wir werden aber Deinen ernſthaften Vater und Deine wackere accurate Mutter hier haben, uns in Ordnung zu halten, und wenn ich laͤnger als eine halbe Stunde nach der Mahlzeit ſitzen bleibe, ſo ſoll mich der Haushofmeiſter bei den Ohren herausziehen. ſag' einmal, was denkſt Du davon, jenes Gebuͤſch dort auszuhauen? wir bekaͤmen eine beſſere Ausſicht.— Nein— hol's der Henker— der gute alte Sir Miles hatte ſeine Baͤume auch lieber, als die Aus⸗ ſicht— nicht ein Zweig ſoll herunter. Aber die Allee, die wir pflan⸗ zen, wird ſicherlich eine treffliche Verbeſſerung werden.“ ¹„In funfzig Jahren, Charles!“ 1 4„Es iſt unſere Pflicht, an die Nachwelt zu denken,“ antwortete der ci⸗ devant Verſchwender mit einem Ernſt, der wirklich ergrei⸗ 1 fend war.— Aber horch— das iſt zwei Uhr— drei, bei Jupiter — und ich ſollte noch mein neues Vieh betrachten.— Komm mit mir auf die Farm, Marie— das iſt ein gutes Weibchen— Ah, Ihr 1 feinen Damen macht doch am Ende keine ſo ſchlechten Hausfrauen.“ „Ausgezeichnete Farmer— Ich hatte, vor letzter Woche, 89 keine Ahnung davon, daß ein Preisochſe ein ſo intereſſantes Thier ſein koͤnnte. Man lebt um zu lernen. Uebrigens— erinnere mich doch gelegentlich daran, daß ich wegen der Schaafe an Coke ſchreibe.“ „Hier herum, lieber Charles, wir koͤnnen durch das Dorf gehn und Ponto und Dash beſuchen.“ Die Thraͤnen traten in St. Johns Augen.„Wenn der arme Sir Miles Dich nur gekannt haͤtte,“ ſagte er mit einem Seufzer, bog den Kopf nieder und— obgleich die Gaͤrtner in dem Gange arbei⸗ teten— kuͤßte die erröthende Wange ſeines Weibes ſo herzhaft, als ob er ein wirklicher Farmer geweſen waͤre. Von der Terraſſe zu Laughton wollen wir uns zu der beſcheidenen Wohnung unſeres Freundes, des Paſtors, und zwar an demſelben Tage und in derſelben Stunde, wenden. Auch hier liegt die Scene im Freien, wir ſind in dem Garten der Pfarrwohnung— die Kin⸗ der ſpielen Suchen und Verſtecken zwiſchen den Gelaͤndern, welche die Schlangenpfade von den mehr der Flora und Ceres geweihten Orten trennen, und der Paſtor ſitzt in ſeinem kleinen Parlour, von dem aus ſich eine Glasthuͤr in den Garten oͤffnet. Die Thuͤr ſteht nun auf, der gute Mann hat in ſeiner Arbeit pauſirt—(er entdeckte gerade eine neue Verbeſſerung in dem erſten Chor der Medea) und blickt er hinaus auf die roſtgen Geſichter, die uͤber die Scene hin und her ſchluͤpfen. Seine Frau ſteht, mit einem Korb am Arm, in der Thuͤr, doch ein klein wenig zur Seite, um ihm die Ausſicht nicht zu benehmen. „Es thut Einem im Herzen gut, ſie ſo anzuſehn, die kleinen theuern Dinger,“ ſagte der Paſtor. „Ja— ſie ſollten aber auch in dieſer Jahreszeit theuer ſein,“ bemerkte, ganz in den Inhalt ihres Korbes vertieft, Mrs. Fielden. „Und ſo friſch.“ „Friſch?— das will ich meinen— wie verſchieden von London. In London waren ſie das Anſehen nicht werth, ſo alt wie— man kann gar nicht rathen wie alt; hier werden ſie ja aber auch alle Morgen friſch gelegt.“ „Liebe Frau,“ ſagte Mr. Fielden, und blickte erſtaunt zu ihr auf—„jeden Morgen friſch gelegt? 4 „Zwei Dutzend und vier— „Zwei Dutzend und pier⸗ von was, um des Himmels Willen, b redeſt D zu denn eigentlich?“ „Ih nun, natuͤrlich von den Eiern, lieber Mann.“ „Ah“— ſagte der Paſtor—„zwei Dutzend und vier— ich er⸗ ſchrak ordentlich; aber— es hat nichts zu ſagen— nur mein naͤr⸗ riſches Mißverſtehen. Immer klug und haushaͤlteriſch, meine wackere Suſanna; gerade als ob uns der arme Sir Miles nicht das— Ver⸗ moͤgen— wie ich es wohl nennen könnte, hinterlaſſen haͤtte.“ —„Es wird nicht weit reichen, wenn wir erſt fuͤr die Kinder ſorgen müſſen und— Dagvid iſt ſchon jetzt ſo leichtſinnig— nein, das Loch, das er wieder in die Jacke geriſſen hat— In dieſem Augenblicke kamen zwei junge Leute den Kiesgang herab. Die Kinder huſchten ſchreiend und jauchzend an ihnen vor⸗ uͤber und verſchwanden in den hinteren Theilen des Fartens. „Alles zum Beſten— blinde Sterbliche, die wi Alles zum Beſten,“ ſagte der Paſtor ſinnend, waͤhrend ſein Ange auf dem naͤher kommenden Paare ruhte. „Gewiß, lieber Mann— Du haſt recht und es iſt boͤs, wenn man murrt. Dennoch— wenn Du nur ſiehſt, was es fuͤr ein Loch 1 iſt, es kann, glaub' ich, gar nicht wieder ausgebeſſert werden.“ „Sieh Dich um,“ ſagte Mr. Fielden freundlich—„ſieh, wie wir uns um ſie graͤmten— wie boͤſe wir auf William waren, wie weh uns Suſanna that— und jetzt— ſieh ſie an— ſie werden nur ein ſo viel beſſeres Paar nach dieſer Pruͤfung werden.“ „Hat denn Suſanna eingewilligt? ich fuͤrchtete ſchon, ſie wuͤrde es nie thun. Wie oft bin ich faſt boͤſe auf ſie geworden, auf das arme Kind, wenn ich hoͤrte, wie ſie ſich ſelbſt wegen ihrer Schweſter 91 unglück anklagte und dann erkläͤrte, ſie hielte es fuͤr ein Verbrechen, an William Mainwaring auch nur als Gatten zu denken.“ „Ich hoffe doch, daß ich ihr dieſes uͤbertriebene Zartgefuͤhl aus⸗ geredet habe, denn es kann Lucretien nie glücklich, muß aber ſie und William elend machen. Wenn aber Lucretia nicht geheirathet und ſo William's Renue ſelbſt fuͤr immer vereitelt haͤtte(heißt das, wenn er wirklich bereute), ſo glaube ich doch feſt, daß Suſanna eher ge⸗ brochenen Herzens geſtorben waͤre, als daß ſie ihre Hand Mainwaring gegeben.“ „Es war gewiß eine wunderliche Heirath von der ſtolzen jungen Dame,“ ſagte Mrs. Fielden—„er ſo viel aͤlter wie ſie— und ein Auslaͤnder noch dazu.“ „Er iſt aber doch ein ſehr angenehmer Mann, und ſie haben ſich Beide ſchon ſo lange gekannt. Das hat mir freilich, wie ich es mir erſt ſpaͤter uͤberlegte, nicht von ihm gefallen, daß er Lueretien ſo hinterliſtig wieder zum Hauſe zuruͤckbrachte. Es ſieht aus, als ob er ihr von allem Anfang an eine Schlinge gelegt haͤtte.“ „Zehntauſend Pfund ſind kein ſchlechter Fang fuͤr einen Aus⸗ laͤnder,“ bemerkte Mrs. Fielden mit dem naiven Gefuͤhl ihres Ge⸗ ſchlechts, dann fuhr ſie, mit faſt ebenſo charakteriſtiſcher Sympa⸗ thie fort:„Du haſt mir aber, wenn ich nicht irre, geſagt, daß Mr. Parchmount ſte uͤberredet haͤtte, die Haͤlfte des Vermoͤgens ſich ſelber vorzubehalten. So hat ſie doch noch immer einen Halt an ihm.“ „Ein ſchlechter Halt, wenn das der einzige iſt, Sarah— da giebt es einen beſſern— er iſt ein kluger und gelehrter Mann, und Gelehrte ſind ſchon von Natur aus haͤuslich und werden gute Ehe⸗ leute.“ „Du weißt aber, daß er ein Papiſt ſein muß,“ ſagte Mrs. Fielden. „Hm,“ murmelte der Paſtor. Wahrend das wuͤrdige Paar ſo mit einander plauderte, ſchritt 92 Suſanna mit dem Geliebten, da ſie ihren Spatziergang noch nicht beendet hatten, den Weg zuruͤck. „Wahrlich,“ ſagte William, waͤhrend er ihren Arm feſter in den ſeinigen zog—„dieſe Scrupel— dieſe Befuͤrchtungen ſind ſowohl gegen mich, als gegen Dich ſelbſt grauſam. Und wenn Du auch nicht mehr lebteſt, ich koͤnnte und wuͤrde mich nie Deiner Schweſter wieder naͤhern. Nein, waͤre ſie ſelbſt nicht verheirathet, ſo muͤßteſt doch auch Du ihren Stolz zu gut kennen, um nicht zu wiſſen, daß ich in ihrem Herzen nie wieder einen Platz einnehmen koͤnnte. Was geſchehen iſt, war kein Verbrechen von unſerer Seite. Vielleicht wollte der Himmel nicht allein uns, ſondern ſie ſelbſt vor dem ge⸗ wiſſen Elend einer Verbindung ſchuͤtzen, die den Keim ihres Verder⸗ bens ſchon in ſich trug.“ „Wenn ſie nur einen von meinen Briefen beantworten wollte,“ ſeufzte Suſanna,„oder wenn ich nur wenigſtens erfahren koͤnnte, ob ſie gluͤcklich und zufrieden iſt—“ „Deine Briefe muͤſſen ſie verfehlt haben— Du weißt ja nicht einmal ihre Adreſſe genau. Verlaß Dich darauf, ſie iſt gluͤcklich, oder glaubſt Du, daß ſie ſich ein zweites Mal koͤnne ſo„ver⸗ geſſen“ haben“— Mainwaring's Lippen preßten ſich zuſammen, als er die Phraſe wiederholte,—„wenn ihr Gefuͤhl nicht mit dabei im Spiele waͤre? Nein— ich will Deiner Schweſter nicht Unrecht thun, und werde ihr ſtets dankbar für die Vergangenheit ſein, wie Reue uͤber meine eigene unverzeihliche Schwachheit fuͤhlen, dennoch kann ich nicht anders glauben, als ihre Zuneigung zu mir war leidenſchaft⸗ licher als dauernd.“ „Ach William, wie kannſt Du ihr Herz kennen?“ „Indem ich es mit dem Deinen vergleiche— da, ja— da mag ich meinen Glauben niederlegen. Suſanna— wir— wir waren fuͤr einander beſtimmt— unſere Naturen, unſere Charaktere ſind gleich, nur hat der Deinige, trotz ſeiner Engels⸗Sanftmuth, noch groͤ⸗ ßere Staͤrke in ſeiner einfachen Treue und Wahrheit. Du wirſt ſch he 93 mein Fuͤhrer im Guten werden. Ohne Dich haͤtte ich kein Ziel in dieſem Leben, keinen Muth, ſeine Kaͤmpfe zu beſtehn.— Oh— und noch immer zittert dieſe Hand.“ William, William— ich kann eine dunkele Ahnung nicht zuruͤck⸗ weiſen— ein Aberglauben vielleicht. Nachts ſucht mich das bleiche, ſchmerzdurchzuckte Antlitz heim, wie ich es zuletzt geſehen— bleich von niedergekaͤmpfter Verzweiflung. Oh, wenn uns Lueretia nur je gebrauchen ſollte, wenn wir nur je durch unſere Dienſté, durch unſere Liebe den Schmerz verguͤten koͤnnten, den wir verurſacht!“ Suſannen's Haupt ſank an die Schulter des Geliebten— ſie hatte ja geſagt:„uns gebrauchen— unſere Dienſte“. In die⸗ ſen einfachen Worten war die Verbindung geſchloſſen, ihre Looſe lagen gemeinſam in der ſchwarzen Urne des Schickſals.“ Von dieſer Scene hinfort— wechſelt das Glas in unſerer La⸗ terne— ein Zug— wir ſind in Paris; im Vorzimmer der Tuile⸗ rien. Ein Schwarm harrender Hofleute und Abenteurer ſtarren auf eine Figur, die mit beſcheidenem, zu Boden geſchlagenem Blick durch die Menge ſchreitet.— Der Mann hat gerade das Cabinet des Erſten Conſuls verlaſſen. „Par Dieut ſagte B—. Macht, wie Elend macht uns mit wun⸗ derlichen Schlafkameraden bekannt; ich moͤchte wiſſen, was der Erſte Conſul mit Olivier Dalibard zu ſprechen haben kann.“ Fouché, der zu jener Zeit Plaͤne ſchmiedete, wieder in ſeine alte Stelle als Polizeiminiſter einzuruͤcken, laͤchelte und erwiederten: „Zu einer Zeit, wo die Luft mit Dolchen gefuͤllt iſt, hat Einer, der mit Robespierre ſo wohl vertraut war, auch ſeinen Nutzen. Oli⸗ vier Dalibard iſt ein merkwuͤrdiger Mann. Er iſt Eines von den Kindern der Revolution, den ſeine große Mutter verbunden iſt zu ſchuͤtzen. „Indem er ſeine Bruͤder verraͤth“, ſagte B. trocken. „Die Schlußfolgerung iſt nicht richtig; naͤher kommt der Wahr⸗ heit: Dalibard hat viele Jahre in England gelebt— hat eine Eng⸗ laͤnderin von Geburt und Rang geheirathet und iſt mit der engliſchen Sprache und dem engliſchen Volke genau bekannt. Da mag es denn wohl kommen, daß der Erſte Conſul gerade jetzt, wo er ſo beſorgt iſt, die allgemeine Stimme jener fremden Nation füͤr ſich zu ge⸗ winnen, während er mit der Regierung deſſelben einen Krieg be⸗ ginnt, ſehr wahrſcheinlich viel mit einem ſo ſchlauen und ſcharfſinni⸗ gen Beobachter als Olivier Dalibard iſt, zu reden habe.“ „Hm“, meinte B.,„unter ſolchem Schutz koͤnnte dann der Freund Robespierre's den Kopf ein wenig hoͤher halten.“ Indeſſen durchſchritt Olivier Dalibard die Gaͤrten des Palaſtes und wandte ſich nach der Faubourg St. Germain. Keine Veräͤn⸗ derung war aber in dem Ausſehen und Betragen dieſes merkwuͤrdi⸗ gen Mannes ſichtbar— dieſelbe ſinnende Ruhe charakteriſirte ſeine niedergeſchlagenen Augen und gebogenen Brauen; dieſelbe nette, aber einfache Kleidung, die auch dem Geſchmacke Robespierre's zu⸗ geſagt, bedeckte noch ſeine ſchlanke, etwas niedergebeugte Geſtalt; kein freudigerer Blick, kein mehrelaſtiſcher Schritt verrieth die Ruͤck⸗ kehr des Verbannten in ſein Vaterland, oder jene kuͤhnen Hoffnun⸗ gen, nach denen ihm ſein Geiſt die neue Carriere ſchaffen ſollte. Dennoch, und allem Anſchein nach, waren Dalibard's Ausſichten trefflich und das Beſte verſprechend. Der Erſte Conſul befand ſich gerade auf der Stufe ſeiner Groͤße, als er in ſeinem Dienſte alle jene Talente zu beſchaͤftigen ſuchte, welche die Revolution geboren— vorausgeſetzt natuͤrlich, daß ſie ſich nicht zu allbekannt mit Blut be⸗ fleckt hatten oder dem Jacobinerelub zu eng verbuͤndet geweſen wa⸗ ren. Sein ſcharfer Blick ſchien auch ſchon Dalibard's Faͤhigkeiten entdeckt, wie die Klugheit und Menſchenkenntniß gewuͤrdigt zu haben, mit der ſich dieſer ſchlaue Kopf Robespierre's Freundſchaft zu erhal⸗ ten wußte, ohne ſeine Verbrechen zu theilen. Manche geheime Un⸗ terredung hatte er mit Bonaparte gehabt und war zugleich der er⸗ klaͤrte Protegé Fouché's. Denn wenn ſich auch dieſer zu jener Zeit nicht an der Spitze der Polizei befand, ſo blieb er doch in den damals 95 uͤberall drohenden Gefahren, die noch durch das Geruͤcht einer gehei⸗ men und fuͤrchterlichen Verſchwoͤrung erhoͤht wurden, zu noͤthig, um ihn, wie der Erſte Conſul einmal beabſichtigt, entfernen zu koͤnnen. Nur ein Mann, von alle den Hochgeſtellten des Staats— miß⸗ traute Olivier Dalibard— der beruͤhmte Cambaceres. Doch deſ⸗ ſen Huͤlfe konnte der Provengale entbehren. Was war aber uͤber⸗ haupt das Geheimniß von Dalibard's Macht? verdankte er ſie wirk⸗ lich nur ſeinem angebornen Talent und der beſonders in England ge⸗ ſammelten Erfahrung? waren es ehrliche Mittel, die ihm das Ohr des Erſten Conſuls gewonnen hatten? Wir koͤnnen vom Gegentheil verſichert ſein, denn es iſt eine wunderliche Eigenthuͤmlichkeit ſolcher, von ihren ſteten Liſten und Intrignen durchdrungenen Menſchen, daß ſie foͤrmlich blind all' die einfachen Wege des Ehrgeizes uͤber⸗ ſehen, die gewoͤhnliche Faͤhigkeit durch ihren ſchlichten Verſtand er⸗ kennt. Wenn wir die Leben ausgezeichneter Verbrecher naͤher be⸗ trachten, ſtaunen wir oft uͤber den außerordentlichen Scharfſinn— die unuübertreffliche Berechnung— die unermuͤdliche Energie, mit der ſie ein Verbrechen beſchloſſen und ausfuͤhrten; unwillkuͤrlich faſt draͤngt ſich uns dann der Gedanke auf, daß ſolch geiſtige Kraft wuͤr⸗ dig und zum Guten gefuͤhrt, wohl Ausgezeichnetes geleiſtet haben muͤſſe; ſtets aber finden wir, daß dieſe Verbrecher die ſich ihnen bie⸗ tende Gelegenheit zu wirklicher Groͤße foͤrmlich von ſich ſtießen oder wenigſtens gar nicht beachteten. Oft ſehen wir, wie ſich ihnen breite Wege zu weltlichem Ruhme oͤffneten, die, bei gar nicht ungewoͤhnli⸗ chem Verſtand und Eifer halb ſo geſcheidte, ehrliche Maͤnner zu Groͤße und Macht gefuͤhrt haben wuͤrden; mit merkwuͤrdiger Ver⸗ blendung ſcheinen ſie aber alle dieſe kaum ausweichbaren Straßen uͤberſehen und in irgend eine dunkele Winkelgaſſe hineingeſtarrt zu haben, in der ſie durch die ſchlaueſte Liſt und durch die groͤßten ihnen drohenden Gefahren endlich den Erfolg eines Betrugs oder die Wol⸗ luſt eines Laſters genießen konnten. Das Verbrechen erſt einmal ge⸗ koſtet— ſo ſcheint es einen faſt wunderſamen Reiz auszuuben, und zwar einen Reiz, der ſich im Verhaͤltniß zu den geiſtigen Faͤhigkeiten des Verbrechers ſelbſt, ſteigert. Es iſt faſt ſtets Hoffnung vorhan⸗ den, einen mehr ſtumpfen, ungebildeten und geiſtloſen Menſchen zu beſſern, da dieſer vielleicht nur durch Zufall oder Verfuͤhrung ſeine verbrecheriſche Laufbahn betrat, wo aber ein Mann von großen Ta⸗ lenten und vorzuͤglicher Bildung den Schlamm des Laſters und die trunkene Aufregung dunkler Thaten ſelbſt und freiwillig waͤhlt— da wendet ſich der gute Engel auf immer von ihm ab. Olivier Dalibard ſchritt ſinnend weiter, erreichte ein Haus in einem der verlaſſenſten Theile der Faubourg, ſtieg die geraͤumigen Stufen hinauf und klingelte an der Thuͤr eines Dachſtuͤbchens. Nach einigen Secunden wurde dieſe langſam und vorſichtig geoͤffnet, und zwei kleine ſtechende Augen, die unter einer Maſſe dunklen krauſen Haares vorſtarrten, zeigten ſich in der Oeffnung. Der Blick ſchien genuͤgend. „Tritt naͤher, Freund!“ ſagte der Inſaſſe mit einer Art wohl⸗ meinenden Grunzens, und als Dalibard gehorchte, ſchloß und ver⸗ rammelte jener den Eingang wieder. Der innere Naum war faſt bettelhaft aͤrmlich— die Decke, nie⸗ drig und ſchraͤg, von Rauch geſchwaͤrzt. Ein elendes Bett, zwei Stuͤhle, ein Tiſch, eine ſtarke Kiſte, ein kleines, geſprungenes Spie⸗ gelglas vollendete das Inventarium. Die Kleidung des Inſaſſen har⸗ monirte aber nicht mit ſeiner Umgebung— ſie war allerdings nicht ſo, wie ſie von den wohlhabendern Claſſen getragen wurde, verrieth aber auch weder Mangel noch Armuth. Ein blauer Rock mit hohem Kragen und halbmilitairiſchem Schnitt, war feſt uͤber eine kraͤftige Bruſt zugeknoͤpft— die Lederbeinkleider ſahen ungemein ſauber und ſolid aus, und ſchwere Reitſtiefel reichten bis uͤber die Knie hinauf. Ein ſtaͤrkerer, unterſetzterer, trotzigerer Burſche, als der war, hatte wohl noch nie die Bewunderung, die phyſiſche Kraft das Recht hat zu be⸗ anſpruchen, erweckt. Der bleiche Gelehrte ſeufzte unwillkuͤrlich bei 97 dem Gedanken, welche Huͤlfe ſeinem eignen Intriguen ſpinnenden Kopfe ein ſolcher zaͤher Muskelbau haͤtte ſein koͤnnen. Weniger aber faſt noch an ſeinem Koͤrper als an ſeinem Schaͤ⸗ del zeigte dieſer Mann der Knochen und Sehnen ſeine Kraft und Stäͤrke. Der hohen Stirn Dalibard's mit ihrer vollen Entwicke⸗ lung der Organe dreute der niedere Vorkopf eines Mannes entgegen, dem Denken fremd war, und der nur uͤber den ſtruppigen Augenbraunen vorſtand, wohin die Phrenologen den Sitz praktiſchen Begriffs legen, wie es ſich auch bei manchen Thieren, vorzuͤglich bei Hunden, deut⸗ lich zeugt. Alle jene uͤbrigen Organe, nach denen wir erkennen, ſchaf⸗ fen und erfinden, fehlten gaͤnzlich, dafuͤr hingegen praͤdominirte das Thier im vollſten Maße in dem voͤllig ausgebildeten und ungeheuern Hinterkopfe. Und da ſich das, vorn laͤngere Haar hinten in krauſen Locken feſt an den ſtieraͤhnlichen Nacken legte, ſo ſeht Ihr, auf den erſten Blick faſt, Eines jener, dem Trug und Ehrgeiz ſo nuͤtzlichen In⸗ ſtrumente, die vor keiner Gefahr zuruͤckbeben, kein Verbrechen ken⸗ nen und dennoch nicht ohne ihre gewiſſen guten Eigenſchaften— heißt das, unter tugendhafter Leitung find— denn ſie haben die Treue— Folgſamkeit und den wilden Muth des Thieres— wenden aber, unter boͤſer Leitung, jene Eigenſchaften zu unberechenbarem Verderben. Doggen, den Feind zu zerreißen oder— den Herrn zu beſchirmen. Einige Minuten lang ſtarrten ſich die Beiden ſchweigend an, endlich ſagte Dalibard mit einer Miene ruhiger Ueberlegenheit: „Mein Freund, es iſt Zeit, daß ich jetzt den Haͤuptern Ihrer Partei vorgeſtellt werde.“ „Haͤupter? par tous les diables,“ knurrte der Andere, wir Chouans ſind Alle Haͤupter, wenn es zu Schlaͤgen kommt. Ihr habt meine Vollmacht geſehen— Ihr wißt, daß Ihr mir vertrauen koͤnnt — was wollt Ihr mehr?“ „Fuͤr mich ſelbſt gar Nichts, aber meine Freunde find eigener darin. Ich habe, wie ich verſprach, die Haͤupter der alten Jakobi⸗ 7 Bulwer, Lueretia. 1“. 1 ner Partei erforſcht— und ſie ſind guͤnſtig geſtimmt. Dieſer Sol⸗ daten Gluͤckspilz, der in ſeiner eiſernen Fauſt ſo urploͤtzlich alle Fruͤchte der Revolution zuſammengegriffen hat, iſt ihnen ſo verhaßt, als Euch. Aber, que voulez vouz mon cher— Menſchen ſind Menſchen. Es iſt ein Ding Bonaparte zu vernichten, es iſt ein an⸗ ders, die Bourbons wieder einzuſetzen. Wie koͤnnen die Jakobiner⸗ Haͤupter Ihrer oder meiner Verſicherung aue, daß die Bourbonen die alten Sünden vergeſſen, und nur die neuen Dienſte belohnen werden? Sie ſowohl, wie Ihre Vollmacht agt nur, daß ein recht⸗ maͤſſiger Prinz bei dieſem Unternehmen eiligt iſt, und zur rech⸗ ten Stunde erſcheinen wird. Laſſen Sie mich perſoͤnlich mit dieſem Repraͤſentanten der Bourbons verkehren und ich dagegen verſpreche, wenn ſeine Verſicherungen genügend ſind, eine émeute zu ſchaffen, die von Paris bis Marſeille gefuͤhlt werden ſoll. Wenn Sie Das nicht thun koͤnnen, bin ich nutzlos, und ziehe mich zuruͤck.“ „Zieht euch zurück?— Garde à vous— Monsieur le Savant! kein Mann zieht ſich lebendig von einer Verſchwoͤrung, wie die un⸗ ſere zuruͤck.“ Wir haben ſchon fruͤher geſagt, daß Dalibard nichts weniger als perſoͤnlich muthig war, und der Blick des Chouan, der dieſe Worte begleitete, haͤtte vielleicht das Blut in manches kuͤhneren Mannes Adern erſtarren gemacht; die ihm aber faſt zur andern Natur gewor⸗ dene Heuchelei, ließ ihm auch ſeine aufſteigende Furcht verdecken und er erwiderte trocken:“ „Monsieur le Chouan— nicht durch Drohungen werden Sie Anhaͤnger an ſo verzweifelte Sache werben, die im Gegentheil, freundliche Worte und lockende Ausſichten verlangt. Wenn Sie eine Gewaltthaͤtigkeit, einen Mord veruͤben,— mon cher— ſo iſt Paris nicht die Bretagne; wir haben eine Polizei, und Sie wuͤrden entdeckt.“ „Haha— und was dann? glaubt Ihr, ich fuͤrchtete die Guil⸗ lotine?“ 99 „Fuͤr ſich ſelbſt?— nein; aber fuͤr Ihre Fuͤhrer?— ja. Wenn Sie entdeckt und eines Verbrechens wegen verhaftet wuͤrden, glau⸗ ben Sie da etwa, daß die Polizei nicht augenblicklich den rechten Arm des fuͤrchterlichen George Cadoudal in Ihnen erkennte? daß ſie dann nicht eben ſo ſchnell erriethe, Cadoudal ſei in Paris, und glauben Sie wohl, daß Sie Cadoudal dann nicht etwa miit zur Guil⸗ lotine begleitete?“ Des Chouans Antlitz entfaͤrbte ſich— Olivier erkannte den er⸗ rungenen Vortheil und ſagte weiter. „Ich verlangte von Ihnen, dieſem Schatten von einem Prinzen, unter dem ſie zu einer Gegenrevolution marſchieren wollen, vorge⸗ ſtellt zu werden, doch ich will jetzt mit Geringerem zufrieden ſein. Bringen Sie mich zu George Cadoundal, dem Helden von Morbihan; er iſt ein Mann, dem ich vertrauen und mit dem ich verkehren kann. Was?— Sie zoͤgern noch? Wie glauben Sie denn uͤberhaupt, daß ein Plan ſolcher Art in'’s Werk geſetzt werden kann? Wenn aus Furcht und Mißtrauen gegeneinander der Mann, den Sie verwen⸗ den wollen, nicht das Haupt finden kann, das ihm befiehlt, ſo ent⸗ ſteht Zaudern— Verwirrung und Ihr Alle endet durch Henkershand. Und was mich betrifft, Pierre Guillot— ſo nehmen Sie meine Lage. Ich ſtehe bei dem Erſten Conſul in einiger Gunſt— ich habe eine achtbare Stellung— eine Laufbahn liegt vor mir. Koͤnnen Sie glauben, daß ich dies Alles, und meinen Kopf dazu, wie ein tollwitziger Knabe auf's Spiel ſetzen werde, und— ehe ich einen ſo fuͤrchterlichen Kampf wage, nur mit darin Untergeordneten verkeh⸗ ren werde?— das waͤre Tollkuͤhnheit, ja Wahnſinn. Nein,— ſa⸗ gen Sie Ihren Fuͤhrern, daß ich mit ihnen direkt unterhandeln muͤſſe, oder— je m'en lave les mains.“ Ich will Das ausrichten, was ſie ſagen— erwiderte Guillot muͤrriſch,„iſt das Alles?“ „Alles fuͤr den Augenblick,“ entgegnete Dalibard, waͤhrend er langſam ſeinen Handſchuh anzog und ſich dann der Thuͤr zuwandte. 7*X Der Chouan beobachtete ihn mit mißtrauiſchem finſteren Auge und als des Provengalen Hand die Klinke beruͤhrte, legte er die eigne ſchwere Fauſt auf deſſen Schulter. „Ich weiß nicht wie es kommt, Monſieur Dalibard— aber ich — ich trau' Euch nicht!“ „Mißtrauen iſt fuͤr alle die, die ſich verſchwoͤren, eine nothwen⸗ dige Tugend,“ antwortete der Gelehrte ruhig.„Ich verlange auch nicht von Ihnen, daß Sie mir vertrauen ſollen— Ihre Herren tru⸗ gen ihnen auf mich zu ſuchen— und ich habe jetzt meine Bedingun⸗ gen genannt— ſie mögen entſcheiden.“ „Ihr fuhrt Euere Sache gut durch— Monſieur Dalibard, und ich habe einen Eid geleiſtet, den mir der arme Georg abnahm, weil er weiß, daß ich ein Bischen hitzkoͤpfig, ſonſt aber ein ehrlicher Burſche bin, mauvaise téte, wenn Ihr wollt, ich ſoll, auf bloßen Verdacht hin, meine Hand weder an Dolch noch Piſtole legen, und nur ſein Wort oder deutlicher klarer Beweis von Verrath, darf mich aus guter Laune in warmes Blut bringen. Nehmt Euch das aber zur Lehre, Monſieur Dalibard,— wenn ich je entdecke, daß Ihr unſere Geheimniſſe benutzt uns zu verrathen— wenn Georg Euch ſieht, und ein Haar ſeines Hauptes nachher durch Euere Hand oder durch Euere Schuld gekruͤmmt wird—, ſo drehe ich Euch den Hals um, wie's eine gute Hausfrau mit ihren Huͤhnern macht.“— „Ich zweifle weder an Ihrer Staͤrke noch Wildheit, Pierre Guil⸗ lot— aber mein Hals iſt ſicher— Sie haben auch genug zu thun, auf Ihren eigenen acht zu geben.— Au rey oir.“ Mit ruhiger und furchtloſer Ironie in Ton und Blick ſprach der Gelehrte und verließ das Zimmer; kaum war er aber auf der Treppe, als er ſtehen blieb, und nach dem Gelaͤnder griff; jenes laͤhmende Gefuhl, das den Schwachen gleich nach einer uͤberſtandenen oder vor einer zu beſtehenden Gefahr erfaßt, kam mit ſeiner ganzen laͤhmen⸗ den Gewalt uͤber ihn, und der Abſtand zwiſchen der eben bewieſenen und eigentlich nur dem wahren Muth angehorenden Selbſtbeherr⸗ 101 ſchung und der jetzigen Schwaͤche— natuͤrliche und koͤrperliche Feigheit wuͤrde wirklich groß geweſen ſein, haͤtte er es in einer edlen Sache gezeigt, ſo aber bewies es nur den doppelt gefaͤhrlichen Charakter, denn Verrath und Mord bargen ihre Brut in den Falten der Feig⸗ heit eines Heuchlers. Waͤhrend ſo die Unterredung zwiſchen dem Verſchwornen und Dalibard endete, wollen wir einen Blick anf des Provengalen Hei⸗ math werfen. In einem Zimmer, in einer der Hauptſtraßen, zwiſchen den Boulevards und der Rue St. Honoré ſaßen ein Knabe und eine Frau dicht beiſammen und unterhielten ſich fluͤſternd mit einander. Der Knabe war Gabriel Varney, die Frau Lucretia Dalibard. Das Zimmer war in dem modernen, den klaſſiſchen Formen ſchmeichelndem Geſchmack meublirt und hatte, wenn auch nicht ohne eine gewiſſe Eleganz, doch etwas Mageres und Unbehagliches in ſeiner ganzen Ausſtattung. Jenes Streben nach aͤußerem Schein ließ ſich zu deutlich darin erkennen— jenes Streben, das denen beſonders eigen iſt, die, mit maͤßigem Einkommen einen Luxus zu affectiren ſuchen, den herzuſtellen ihnen dennoch wieder der Geſchmack fehlt. Jener einfache Geſchmack, der unſerer Heimath ihren Reiz verleiht, und den die Liebe zu erhoͤhen, wenn nicht zu erſchaffen ſcheint— der ſich in einer Menge von ganz unbedeutenden und werthloſen Klei⸗ nigkeiten zeigt und doch ſo freundlich und zierlich Alles herrichtet. Nirgends ließ ſich die Spur der ſchaffenden fleißigen Hausfrau er⸗ kennen; keine Blumen, kein Inſtrument— kein Stickrahm— kein Arbeitstiſch war zu ſehen. Lucretia beſaß keine jener ſchoͤnen weiblichen Eigenſchaften, die ſo liebenswuͤrdig den Aufenthalt einer Frau verrathen. Alles war ordentlich, aber formell und ſtarr. Alles glich einem Raume, den wir betreten und wieder verlaſſen, in dem wir aber nicht bleiben und wohnen moͤchten. Lucretia ſelbſt hat ſich ſehr veraͤndert— ihr ganzes Benehmen — 10² iſt mehr feſt und beſtimmt— ihr Antlitz etwas bleicher, jener ſchlimme Ausdruck ihres Mundes noch hervortretender geworden. Gabriel, noch immer an Jahren nur ein Knabe, hat den fruͤh⸗ reifen Blick eines Mannes. Der Flaum faͤrbt ſeine Oberlippe. Beide, wie vorhergeſagt, fluͤſterten mit einander, Beide wer⸗ fen von Zeit zu Zeit den ſcheuen Blick nach der Thuͤr— Beide fuͤhlten, daß ſie einem Heerde angehoͤrten, an dem das Laͤcheln der freundlichen Grazien Liebe und Wahrheit nicht heimiſch war. „Aber,“ ſagte Gabriel,„wenn Sie ſich ſicher fuͤhlen wollten, ſo duͤrfte mein Vater keine Geheimniſſe mehr vor Ihnen haben.“ „Ich glaube auch nicht, daß dies der Fall iſt. Er ſpricht offen mit mir von ſeinen Hoffnungen— von dem Antheil, den er in der Entdeckung jener Verſchwoͤrung gegen den Erſten Conſul hat— von ſeinen Zuſammenkuͤnften mit Pierre Guillot, dem Bretagner.“ „Ach— weil ihn dort Ihr Muth unterſtuͤtzt, und Ihr Scharfſinn dem ſeinigen hilft. Solche Geheimniſſe gehoͤren dem öffentlichen Leben. Seine politiſchen Plaͤne, ja— die wird er Ihnen vertrauen, aber die Geheimniſſe ſeines Privatlebens— ſeine Privatzwecke, die muͤſſen Sie erforſchen.“ „Was aber verheimlicht er vor mir? Außer ſeiner Politik ſcheint er ſeine ganzen Kraͤfte, wie auch natuͤrlich, darauf zu ver⸗ wenden, die intime Freundſchaft ſeines reichen Couſins, des Mon⸗ ſteur Bellanger zu cultiviren, von dem er ſpaͤter einmal eine Erb⸗ ſchaft zu erwarten hat.“ „Bellanger iſt reich, aber er iſt nicht viel aͤlter als mein Vater.“ „Er iſt kraͤnklich.“ „Nein—“ ſagte Gabriel mit niedergeſchlagenen Augen und einem unheimlichen Laͤcheln auf den Lippen—er iſt nicht kraͤnklich, aber— er lebt vielleicht nicht lange.“ „Wie meinſt Du das?“ frug Lucretia und ihre Stimme wurde 103 immer noch leiſer und fluͤſternder, waͤhrend ihr ein Schauder, ſie wußte ſelbſt nicht warum, uͤber den ganzen Leib lief. „Was thut mein Vater“— fuhr Gabriel fort—„ſtets in dem Stuͤbchen unter dem Dach? Hat er Ihnen auch das Geheimniß vertraut?“ „Er macht chemiſche Verſuche— Du weißt, daß das von je ſein Lieblingsſtudium war. Du laͤchelſt wieder? Gabriel laͤchle nicht ſo— es beunruhigt mich.— Glaubſt Du, daß irgend ein Ge⸗ heimniß in jener Kammer verborgen liegt?“ „Es kommt Nichts darauf an, was wir glauben, belle mere — aber ſehr viel, was wir wiſſen, und wenn ich wie Sie waͤre, ſo muͤßte ich herausbekommen, was er in der Kammer treibt. Ich ſage es noch einmal— um ſicher zu ſein, muͤſſen Sie alle ſeine Geheimniſſe kennen, oder gar keine. Pſt— das iſt ſein Schritt.“ Der Thuͤrgriff drehte ſich geraͤuſchlos um und Olivier trat ein. Sein Blick fiel auf des Sohnes Antlitz, das aber nur Erſtaunen uͤber ſeine unerwartete Ruͤckkehr verrieth; er blickte dann Lucretia an, deren Zuͤge waren aber ſo kalt und ſtarr als je. „Gabriel,“ ſagte er jetzt freundlich,„ich komme Deinetwe⸗ gen zuruͤck— ich habe verſprochen Dich zu Monſieur Bellanger zu fuͤhren, wo Du den Tag uͤber bleiben kannſt; Du biſt ja ein großer Liebling von Madame; komm mein Sohn. Ich werde bald wieder hier ſein, Lueretia, nur im Vorbeigehn laſſe ich Gabriel bei meinem Verwandten.“ Gabriel ſprang froͤhlich empor, als ob er ſich nur auf die bon⸗ bons und Schmeicheleien freue, die er gewoͤhnlich von Madame Bellanger erhielt. „Du kannſt auch Deine Zeichnen⸗Geraͤthſchaft mitnehmen,“ fuhr Dalibard fort. Der gute Monſieur Bellanger hat Dir erlaubt ſei⸗ nen Pouſſin zu copiren.“ — 104 „Seinen Pouſſin— ah, der ſich im Schlafzimmer*) befindet, nicht wahr?“ „Ja,“ antwortete Dalibard kurz. Gabhriel hob ſeine durchdringenden Augen zu des Vaters Anllitz empor— dieſer wandte ſich ab. „Komm!“ ſagte er mit einiger Ungeduld im Ton, und der Knabe ergriff ſeinen Hut. In der näͤchſten Minute war Lueretia allein. Das Wort allein begreift aber in einem Engliſchen Hauſe keineswegs den Begriff troſtloſer Einſamkeit und Oede fuͤr eine wa⸗ ckere Hausfrau in ſich— aber allein in dem fremden Land— allein in jenen halbmeublirten— oͤden Zimmern, mit wenig Buͤ⸗ chern— keinem muſikaliſchen Inſtrumente— keinem Menſchen, der ſie den Tag uͤber beſuchte jene Einſamkeit wurde unertraͤglich— noch dazu einem Geiſt unertraͤglich, der ſo unermuͤdlich— nimmer ruhend arbeitete. In den alten ſchottiſchen Sagen muß der Geiſt, der dem Hexenmeiſter dient, fortwaͤhrend beſchaͤftigt werden— nur einen Angenblick muͤßig gelaſſen, und er zerreißt den Zauberer. Eben ſo iſt es mit einem Gemuͤth, das auch fortwaͤhrend nach Auf⸗ regung ſtrebt und, ohne den Troſt eines einzigen Herzens, ohne Liebe und Freundſchaft, nur in den geiſtigen Muͤhen lebt und wirkt. Lucretia ſann uͤber Gabriels Worte und Warnung nach:„Sicher zu ſein, muͤßte ſie alle oder kein Geheimniß kennen.“ Welches Ge⸗ heimniß gab es, das ihr Dalibard noch nicht vertraut hatte?“ Sie ſtand auf— ſtahl ſich die kalten— kahlen Treppen hinauf und befand ſich bald darauf vor der Dachſtube, die Dalibard erſt kuͤrz⸗ lich gemiethet hatte. Sie war verſchloſſen— ſie bemerkte aber, daß das Schloß klein war— ſo klein— man konnte den Schluͤſſel be⸗ *) Es iſt kaum nothig zu bemerken, daß Schlafgemaͤcher in Pa⸗ ris, wenn ſie einen Theil des Empfangszimmers bilden, ſehr oft eben ſo ſorgſam ausgeſchmuͤckt ſind, als dieſe. 105 quem an einem Ring tragen. Sie ſtieg wieder hinab, und ging in ihres Gatten gewoͤhnliches Gemach, das an die Wohnſtube ſtieß. Alle die Buͤcher, die das Haus enthielt, ſtanden hier— einige Werke uͤber Metaphyſik— beſonders Spinoza— die großen Italieniſchen Geſchichtswerke— einige ſtatiſtiſchen Baͤnde— viele uͤber Philoſo⸗ phie und einer oder zwei mit Biographieen und Memoiren. Keine leichte Lekture, die Zierde und Blumen menſchlicher Cultur— jene trefflichſte Philoſophie der Welt, die uns mit leiſer, freundlicher Hand videt, in ihrem Humor belehrt, in ihren Leidenſchaften erhebt, und die Gefuͤhle fuͤr unſere Mitmenſchen ſchaͤrft und kraͤftigt. Sie nahm eines der Buͤcher, das weniger trocken als die uͤbrigen ausſah, herab und begann zu leſen, denn ſie war der eigenen Gedan⸗ ken ſatt. Zu ihrem Erſtaunen fand ſie gleich die erſte Seite, die ſie oͤffnete, intereſſant, obgleich der Titel nichts Einladenderes bot, als „das Leben eines Arztes von Padua im ihsrhuten Jahrhundert.“ Es bezog ſich auf jene wunderbare Schreckensperiode in Italien, da eine raͤthſelhafte Krankheit, die in den verſchiedenartigſten Symp⸗ tomen auftrat, jede Heilung und Kunſt zu Schanden machte— eine Arerher⸗ die faſt einzig und allein das Familienhaupt, Vater und Gatten trof, und nur ſe lte neine Frau dahinraffte. In einer Stadt ſtarben ſieben hundert Ehemaͤnner, aber nicht eine einzige Frau. ie Krankheit war— oif Der Held des Memoirs ſchien der erſte Errdecker der wahren Urſache dieſer haͤußlichen Epidemie zu ſein und war ſpaͤter bei der Unterſuchung eine Hauptautoritaͤt geweſen. Ent⸗ ſetzlicher waren aber die in dem Werk enthaltenen Einzelnheiten— die Amelolen. die Erzaͤhlungen; wie fuͤrchterlich die teufliſche Kraft ihr Opfer taͤglich mehr und mehr ergriff— jene wunderbare Sicher⸗ heit in der Wirkung und zugleich die ſtete Veraͤnderung des gewiſſen Mordes; hier ſchuelt wie Epilepſie— dort langſam und allmaͤlig ahinzehrend Die Lekture feſſelte ſie und ganz vertieft in das Buch hatte Lucretia Dalibard's Eintritt gar nicht bemerkt, bis ſie, als er uͤber ihre Schulter ſah, ſeine Stimme hoͤrte. — 106 Eine ſonderbare Wahl fuͤr eine ſchoͤne Studirende!— Enfant, en ſpiele nicht mit ſolchen Waffen!“ tar „Iſt dies aber Alles wahr?“ ſt „Wahr, wenn auch kaum ein Theil der Wahrheit. Der Arzt der war ein armſeliger Chemiker und ein noch ſchlechterer Philoſoph. Er da tappte in ſeiner Analyſe uͤber die Mittel im Dunkel herum und— W. wenn ich mich recht erinnere— winſelt wie ein Prieſter uͤber die Mo⸗ ni tive. Weißt Du, was der Hauptgrund dieſer Peſtilenz war? eine 8 Saturnalie der Schwachen— ein Ausbruch ſpottender Gewalt uͤber ae die Staͤrkern— es war noch mehr, es war die natuͤrliche Kraft des t Individuums, die den Kampf gegen die Menge beginnt.“ ſ „Ich verſtehe Dich nicht.“( „In jenem Zeitalter waren die Gatten wirklich die Herrn ih⸗ t res Haushaltes— ſie heiratheten faſt Kinder, ihrer Guͤter wegen, vernachlaͤſſigten und verließen ſie dann und waren unerbittlich, o wenn die Frau dieſelben Fehler annahm, deren Beiſpiel ſie bei ihnen ſelbſt geſehen. Ploͤtzlich fand das Weib eine Waffe gegen ſeinen Ty⸗ V er rannen— deſſen Leben war in ſeiner Hand, und die Schwachen hatten kein Mitleiden mit den Starken. Aber auch die Maͤnner waren da⸗ mals, ſelbſt mehr als jetzt, einſame Ringer in einer gedraͤngten Arena. Thieriſche Kraft allein verlieh ihnen Auszeichnung an Hoͤfen— und all nur Reichthum verſchaffte ihnen Gerechtigkeit in den Hallen oder nn Sicherheit in ihrem eignen Hauſe. Ploͤtzlich ſah der Schwache, Huͤlf⸗ in loſe, daß er den ſterblichen Theil ſeines rieſigen Feindes treffen koͤnne;„8 die geraͤuſchloſe Schleuder hielt er in der Hand— er warf den Goli⸗ de ath aus der Ferne nieder. Plötzlich erkannte der Arme, in den Staub 1 Getretene, und wie ein Hund Behandelte, durch die Maſſe reicher ſc Verwandten hindurch, die ihn alle mieden und verderben ließen— a plotzlich erkannte er die, deren Tod ihn zum Erben einer Herrſchaft li machen wuͤrde, und Geld und Palaͤſte Achtung und Rang lachten 9 ihm entgegen. Wie eine Motte in der Kleiderkammer, ſo fraß ſich N der Mann durch Sammt und Hermelin hindurch, und nagte die Her⸗ 1 107 zen derer aus, die in ſeinem Weg ſchlugen. Ja— ein ſtarker Geiſt kann dieſe Suͤnder verſtehen und ſich ihre Verbrechen erklaͤren. Es iſt etwas Gewaltiges, es in ſich zu fuͤhlen, daß man ſelbſt und allein der Maſſe die Spitze bietet— das ſelbſt und allein vollbringt, was Tauſende und Millionen mit Trompeten und Bannern und unter der Weihe des Ruhms zu thun verſuchen— einen Feind zu ver⸗ nichten, und zwar mit kaum mehr als dem bloßen Willen— mit einem Tropfen— einem Korn— gegen ein ganzes Arſenal— ein einzi⸗ ger Mann.“ Ein fuͤrchterlicher Enthuſiasmus ſprach ſich in dieſem teufliſchen Verſtandesmenſchen aus, als er ſo redete, ſeine Stirn hob ſich— ſeine Bruſt athmete ſtolzer. Jene Begeiſterung, die ein hoher Gedanke edlen Herzen verleiht, ergluͤhte auf dem Antlitz des Ver⸗ theidigers der ſchwaͤrzeſten und fuͤrchterlichſten menſchlichen Verbre⸗ chen. Lucretia ſchauderte— aber auch ihre duͤſtere Einbildungskraft war gefeſſelt— es miſchte ſich in dieſen Schauder ein Intereſſe. „Still— Du machſt mich zittern“, ſagte ſie aͤngſtlich—„doch eriſtirt zum Gluͤck fuͤr das Menſchengeſchlecht die graͤßliche Verfuͤh⸗ rung zu zerſtoͤren und zu vernichten nicht mehr?“ „Als eine reine vernunftwiſſenſchaftliche Erfindung mochte es allerdings fuͤr den Chemiker intereſſant ſein, genau herauszubekom⸗ men, in was dieſe fruͤhern Praͤparate beſtanden“, ſagte Dalibard, indem er die an ihn gerichtete Frage nicht direct beantwortete. „Theile der Kunſt ſind allerdings verloren gegangen, oder es muͤßte denn, wie ich faſt vermuthe, viel glaͤubige Uebertreibung in den uns uͤberlieferten Berichten liegen. Durch eine Blume, ein paar Hand⸗ ſchuhe, durch eine Seifenkugel zu toͤdten— durch Mittel ein Leben zu zerſtoͤren, die jedem moͤglichen Verdachte trotzen— iſt es glaub⸗ lich? Was meinſt Du? eine intereſſante Forſchung in der That, wenn man Zeit dazu haͤtte. Doch genug hiervon— es wird ſpaͤt. Wir ſpeiſen heute beim Monsieur de—. Er wuͤnſcht ſein Hotel zu vermiethen. Ei Lucretia, wenn wir ein wenig von dieſer alten Kunſt — 108 verſtaͤnden, ſo koͤnnten wir bald ſelbſt ein ſolches Hotel bewohnen. Ih nun, vielleicht uͤberleben wir meinen Vetter Jean Bellanger.“ Drei Tage ſpaͤter ſtand Lucretia, an ihres Gatten Seite, in dem bis dahin geheim gehaltenen Zimmer. Von der Stunde an, wo ſie es verließ, wurde eine Veraͤnderung in ihren Zuͤgen bemerkbar, die ihnen nach und nach den jugendlichen Ausdruck nahm. Bleicher konn⸗ ten dieſe Wangen kaum werden, noch kalter und finſterer das raſtloſe Auge, aber es war, als ob ſich eine ſchwere Sorge auf ihrer Stirn gelagert und die noch ſtärker gezeichneten Lippen zuſammengezogen haͤtte. Gabriel bemerkte dieſe Veraͤnderung, verſuchte aber gar nicht ihr Vertrauen zu gewinnen. Eher bemüͤhte er ſich zu uͤberlegen, ob es fuͤr ihn gerathen waͤre, tiefer in das Geheimniß einzudringen, weswe⸗ gen er Verdacht geſchoͤpft, und zweitens, in welcher Ausdehnung und unter welchen Bedingungen es ſein eignes Intereſſe fordere, die Zwecke zu foͤrdern, an denen er, durch Dalibard's Andeutungen und freundliche Behandlung, vorausſah, daß er arbeiten ſolle. Ein Wort jetzt uͤber den reichen Verwandten des Dalibard. Jean Bellanger war Einer von jenen umſichtigen Republicanern ge⸗ weſen, die aus der Revolution Nutzen gezogen. Von Geburt ein Marſellaiſe, hatte er ſich als épicier, etwa im Jahre 1785 in Paris niedergelaſſen und ſich zugleich durch ſeine Gewandtheit und Fineſſe, die dem in ſo truͤbem Waſſer Fiſchenden am beſten zuſagte, hervorge⸗ than. Zuerſt nahm er nun mit Mirabeau, dann mit Verginaud und mit den Girondins Parthei genommen. Dieſe verließ er ſeiner Zeit fuͤr Danton und machte bedeutende Einkaͤufe in Beſitzthuͤmern der Emi⸗ granten, ſchloß auch einen Contract füͤr die Beduͤrfniſſe der Armee in den Niederlanden ab. Danton verließ er, wie er die Girondins verlaſſen hatte, ohne jedoch eine active Rolle in den ſpaͤteren Ver⸗ handlungen der Jacobiten zu ſpielen. Seine naͤchſte Verbindung war mit Tallien und Barras und er bereicherte ſich jetzt ſogar noch mehr unter dem Directorium, als ſelbſt fruͤher in den erſten Stadien der Revo⸗ lution. Unter der Decke einer Art bonhommie und guten Humors 109 eines offenen Lachens und einer freien Stirn, hatte Jean Bellanger ſtets gewußt ſich populaͤr und den guten Willen des Volkes zu erhal⸗ ten, und war Einer von denen, der ſich auch, der Politik des Erſten Conſuls gemaͤß, mit dieſem verſoͤhnte. Seit laͤngerer Zeit ſchon hatte er ſich von der mehr niedrigen Beſchaͤftigung ſeines Standes zu⸗ ruͤckgezogen, fuhr jedoch fort als Armee⸗Contrahent zu floriren, hatte ein großes Hotel, war prachtvoll eingerichtet, und einer der reichſten Capitaliſten in Paris. Die Verwandtſchaft zwiſchen Dalibard und Bellanger war nicht ſehr nahe— nur zweite Vetterſchaft, und waͤhrend Dalibard's früͤ⸗ herem Aufenthalt in Paris hatte keiner von ihnen, da ſie noch dazu verſchiedenen Partheien angehoͤrten und verſchiedene Intereſſen ver⸗ folgten, an ein ſolches Naheſtehen weiter gedacht, dennoch ſchienen ſie ſtets gute Freunde geblieben zu ſein, und achteten einander auch wirklich der Discretion wegen, mit der ſie ſich Beide von den zu lei⸗ denſchaftlichen Exceſſen jener Zeit fern gehalten. Da nun Bellanger nur wenige Jahre aͤlter war als Dalibard, ſchon im Jahre 1791 geheirathet und deshalb mehr Ausſicht auf eine Familie hatte, wie uͤber⸗ haupt ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde zu jener Zeit, wenn auch im Wach⸗ ſen begriffen, doch noch keineswegs begruͤndet waren, und überdies naͤhere Verwandte in der Geſtalt zweier kraͤftiger junger Neffen zwiſchen ihnen ſtanden, ſo rechnete bis dahin Dalibard keineswegs darauf, ſeinen weitlaͤufigen Vetter je beerben zu koͤnnen. Bei ſeiner Ruͤckkehr fand er aber, was die Zeit Alles geaͤndert. Bellanger, ob⸗ gleich ſchon viele Jahre verheirathet, ſah ſich durch keine Nachkom⸗ ſchaft geſegnet; ſeine Neffen, durch die Conſeription mit fortgeriſſen, mußten in Aegypten verderben und Dalibard wurde ſein naͤchſter Verwandter. Sicherlich lag fuͤr Geldgier und weltlichen Ehrgeiz etwas unge⸗ mein Verführeriſches in der ſo ſeinem Blicke ſich eroͤffnenden Ausſicht. Des reichen Mannes verſchwenderiſche Art zu leben, die ungeheueren Capitalien, durch welche er ſeine Speculationen begann und unter⸗ ſtuͤtzte, mußten den in Intriguen lebenden Gelehrten mehr und mehr in ſeine Maſchen ziehen, da ſich ihm ja hier, und wenn auch nur die leiſeſte Ausſicht zu Reichthum eroͤffnete, waͤhrend ſein Geiſt ſich ſtets jener ſieberhaften Unruhe hingab, die beſchaͤftigt werden wollte und mußte. Ja eben dieſe Raſtloſigkeit ſchien ſeinen Charakter auf Ver⸗ brechen zu fuͤhren, die ſonſt gar nicht in ſeiner Natur lagen. Dali⸗ bard beſaß nicht jene Geldgier, die entweder dem Verſchwender oder dem Geizigen eigen iſt; in ſeiner Jugend befriedigten ihn ſeine Buͤ⸗ cher und das einfache Verlangen ungeſtoͤrten Studiums; alle dieſe Beduͤrfniſſe und eine gewiſſe Gewöohnung zu Ordnung und Arcura⸗ teſſe, eine faſt mechaniſche Berechnung, die ſeine groͤßten wie klein⸗ ſten Handlungen begleitete, bewahrten ihn, ſelbſt in ſeinen aͤrmlich⸗ ſten Verhaͤltniſſen, vor Mangel und Noth. Auch war er nicht einmal von Natur ſtolz und prunkliebend— dieſe Schwachheiten ſind mehr verweichlichten Naturen eigen nein, ſeine Philoſophie verachtete eher ſolche Eitelkeit, als daß er geneigt geweſen waͤre ihr ſelbſt zu froͤhnen. Dennoch wurde und blieb es ſeine einzige Erholung, ſeine einzige Beſchaͤftigung, Plaͤne und Raͤnke zu ſchmieden; und was iſt es denn, weswegen ein ganz mit ſich ſelbſt beſchaͤftigter und keinen erhabenen Endzweck verfolgender Mann anders Plaͤne und Naͤnke ſchmieden kann, als Gegenſtaͤnde weltlicher Groͤße etwa? Darin glich nun auch Dalibard Einem, der von der Leidenſchaft des Spiels erfaßt, weder den Preis gebraucht noch ſtark verlangt, der ſich aber nicht mehr von dem Setzen und Wagen hinwegzureißen im Stande iſt. Es war ein Wahnſinn aͤhnlich dem jenes reichen Edelmannes in unſerem eigenen Lande, der mit mehr Geld, als er verſchwenden konnte und mit einer Fertigkeit in allen Spielen, wo nur Fertigkeit den mindeſten Nutzen gewaͤhrt, und die ihm günſtigen Erfolge ver⸗ ſprochen haben mußte— die Kunſt zu betruͤgen lernte, und nun dem Reiz nicht laͤnger widerſtehen konnte. Keine Gefahr, keine Warnung konnte ihn zuruͤckhalten— er m ußte betruͤgen— die Luſt wurde zur rieſenſtarken Leidenſchaft— er konnte ihr nicht laͤnger widerſtehen. do 111 Daß die moͤgliche Ausſicht auf eine ſo bedeutende Erbſchaft Lu⸗ cretiens und Gabriels Augen blenden konnte, war eher begreiflich und natürlich, denn in dieſen beguͤnſtigte es mehr die directe, wenn auch nicht maͤchtigere Neigung. Gabriel hatte jedes Laſter, das die Geldgier weckt und reizt. Unbegrenzte Habſucht lag zum Grund, aber nicht, um den Schatz zu wahren, verlangte er ihn, ſondern jede Luſt, jedes Vergnuͤgen zu genießen, wie in der Pracht und Herrlich⸗ keit des Lebens zu ſchwelgen. Lucretia dagegen waͤre vielleicht an der Seite eines Mannes wie Mainwaring ihren ehrgeizigen Plaͤnen ent⸗ riſſen und einem reineren, geiſtigeren Leben wiedergegeben, jetzt aber durchtobten ſie all' jene bitteren Gefuͤhle einer von ihrer Hoͤhe Herab⸗ geſtuͤrzten und ihr einziges Streben draͤngte und trieb ſie, dieſe wie⸗ der zu erreichen. Bitterkeit und Haß, ja Verachtung gegen die Welt erfuͤllte ſie und dennoch geizte ſte nach jenen weltlichen Vortheilen, die allein eine Verachtung derſelben rechtfertigen konnten. Zu dieſen krankhaften Schwaͤchen des Stolzes und der Eitelkeit, ob ſie ſich nun bei Gabriel oder Lucretia zeigten, trug Dalibard eben⸗ falls noch, wenn auch nicht ſcheinbar abſichtlich, viel durch ſeine Un⸗ terhaltung und all' ſeine Gewohnheiten bei. Er verkehrte mit denen, die zwar wohlhabender als er ſelbſt waren, aber nicht durch Geburt und Geiſt uͤber ihm ſtanden— mit denen, die in der heiß und wild aufgaͤhrenden Zeit ſchnell in eine neue Ariſtokratie hineinwuchſen; gluͤckliche Soldaten, unternehmende Speculanten— die Pluͤnderer ſo manchen reichen Schiffes, das der große Sturm zerſchmettert hatte. Jeder von dieſen wurde nur durch das Verlangen getrieben, ſchnell „ſein Gluͤck zu machen“. Das Verlangen war anſteckend. Dalibard's waren nicht gerade arm, in dem vollen Sinn, den dieſes Wort begreift, denn ſeine Rente, wie die Zinſen von ſeiner Frau Vermoͤgen ſchuͤtzte ſie ſchon davor, ſie waren aber arm gegen die, mit denen ſie verkehrten,— arm genug, um unzufrieden zu ſein. So verfolgte ſie denn das Bild jenes ungeheueren Reichthums, von dem ſie vielleicht nur ein einziges Leben trennte, immer fuͤrchter⸗ 112 licher, immer unertraͤglicher. Gabriel's ſinnlicher Leidenſchaft ver⸗ ſprach der Traum unbegrenzte Vergnugungen, unbeſchraͤnkte Be⸗ friedigungen ſeiner Geluͤſte— Lucretia ſah in ihm die angebetete Majeſtaͤt der Gewalt; fuͤr Dalibard felbſt aber war es nur der ver⸗ diente Lohn ſeiner Intriguen und das glaͤnzende Mittel zu neuen, hoͤheren Plaͤnen. So hatte der Teufel fuͤr jeden die paſſende Ver⸗ fuͤhrung. Indeſſen verkehrten die Dalibards mehr und mehr mit den Bel⸗ langers. Olivier ſprach oft dort vor, die Hoffnungen und Wechſel von Handel und Staat mit ihm zu beſprechen; Lueretia ſaß Stunden lang und lauſchte mit einer Engels⸗Geduld des Lieferanten Prahle⸗ reien von früher veruͤbten Betrügereien, oder unterzog ſich garder Maͤr⸗ tyrerſchaft ſeiner ſiegreichen Tricktrackſpiele. Gabriel, der verzogene Guͤnſtling, copirte die Gemaͤlde an den Waͤnden, ſchmeichelte der Frau, becomplimentirte den Mann und preßte aus Beiden Geld und Spielereien. Wie drei Voͤgel der Nacht und des Omens, ſo ließen ſich dieſe drei boͤſen Naturen auf des reichen Mannes Dach nieder. War aber dieſer ſelbſt blind gegen die Beweggrüuͤnde, die in ſolcher aufmerkſamen Zuneigung keimen mußten? war ſein Scharf⸗ ſinn nicht vielleicht durchdringend, ſeine boͤſe Meinung des Menſchen⸗ geſchlechts ſtark genug, ihn ſolchen ſich ſelbſt ſchmeichelnden Traͤumen zu uͤberlaſſen? O nein, er nahm Alles in beſter Freundlichkeit auf, benutzte Dalibard's Winke und Vorſchlaͤge in der Anwendung ſeiner Capitalien, und war artig gegen Lucretia, ja, verurtheilte ſie ſogar haͤufig und gern dazu, im Tricktrack zu verlieren, wie er denn auch mit wahrer bon hommie Gabriel's geiſtreiche Copieen ſeiner Gemaͤlde aeceptirte. Nur zu Zeiten zuckte ein Blitz von Malice und Satire in jenen kleinen grauen Augen auf und er ſchien innerlich uͤber die ihm gebrachten Freundlichkeiten und Schmeicheleien ein ſo unſaͤgliches Wohlbehagen zu empfinden, daß Dalibard oft daruber beſtuͤrzt, Lu⸗ cretia aber gedemuͤthigt wurde. Haͤtte ſein Vermoͤgen zu ſeiner eige⸗ nen Dispoſition geſtanden, dieſe Zeichen waͤren bös und unheilbe⸗ 113 deutend geweſen, ſo aber beſtimmte das neue Geſetz ſo genau und unumſtöͤßlich uͤber ſolchen Fall, daß Bellanger ſein Vermoͤgen nur ſeinen naͤchſten Verwandten hinterlaſſen konnte. War nicht Dalibard der naͤchſte? Dieſe Hoffnungen und Speculationen lenkten aber, wie wir ge⸗ ſehn haben, Dalibard's raſtlos wilde Energieen nicht ab, der vorge⸗ zeichneten Bahn treu zu bleiben. Geduldig und ſchlau verfolgte er den Hauptzweck ſeines politiſchen Wirkens— die Entdeckung jener kuhnen und weitverzweigten Verſchwoͤrung gegen den Erſten Conſul, die ſpaͤter ſo tragiſch mit dem Tod Pichegru's, des Herzogs D'Enghien und dem wohl irrenden, aber beruͤhmten Helden der Vendee— Georg Cadoudal endete. Inmitten dieſer dunklen Plaͤne fuͤr perſoͤn⸗ liche Groͤße und politiſchen Ehrgeiz verlaſſen wir fuͤr den Augenblick die Unheil bruͤtende Seele Olivier Dalibard's. e* r t , r** Ein Zeitraum iſt verfloſſen und der Fruͤhling hielt ſeinen Ein⸗ zug; die in der Mutter Erde begraben gelegenen Saamen ſchwollen zu Knospen auf; nur des Mannes Bruſt kennt nicht den ſuͤßen Un⸗ terſchied der Jahreszeiten. Im Winter wie im Sommer, im Fruͤh⸗ jahr wie im Herbſt, ſaͤen ſeine Gedanken die Keime ſeiner Hand⸗ lungen und Tag nach Tag erntet das Schickſal die Garben. Die Freudenglocken ſchallen hell durch die laubigen Gaͤnge von Laughton— ein Erbe iſt dem alten Namen und den herrlichen Lan⸗ den der St. Johns geboren, und wie gebraͤuchlich, bewillkommt das ſchon lebende Geſchlecht froͤhlich und freudig das, das es einſt erſetzen, die jetzt jubelnden Empfaͤnger in die Graͤber legen und fuͤr ſich die herrlichen Guͤter der Welt in Empfang nehmen ſoll. Die Freuden⸗ glocke der Geburt geht der Todtenglocke voran, und die Wuͤrmer in der Gruft wachen auf, denn die Neugeborenen jeden Jahres draͤngen die Aelteren als ihre Opfer hinab. Bulwer, Lucretia. II. 8 114 Und doch— wer kann vorher wiſſen, ob das Kind der Erbe werden wird? wer kann wiſſen, ob nicht der Tod ſchon jetzt neben der Wiege ſitzt? kann der Mutter Hand den Faden meſſen, den die Parze ſpinnt? oder des Vaters Auge durch die Dunkelheit des„Mor⸗ gen“ das Blitzen der Schickſalsſcheeren erkennen? Es iſt Markttag— in einer Stadt, in dem Mittel⸗Diſtrikte Englands. Dort hat der Handel ſeine kraͤftigſte und belebteſte Hoͤhe erreicht. Du ſtehſt nicht die niedergedruckte hohlaͤugige Geſtalt des Handwerkers— den armen Sclaven der Capitaliſten, den unglͤck⸗ lichen Agenten und das Opfer der, jede Gleichheit aufhebenden, Ci⸗ viliſation. Dort ſchreitet die ſtarke, breitſchulterige Geſtalt des Far⸗ mers, da wartet der rothbaͤckige Knecht mit ſeiner Heerde— dort ſitzt geduldig der Muͤller mit ſeinen Korngarben, da druͤben in den Buden glaͤnzen die einfachen Waaren, aus denen die Luxusartikel von Farm und Huͤtten beſtehen. Das Draͤngen der Menſchen, das Klatſchen von Peitſchen, und das dumpſe Rollen der Waͤgen und Karren, die die Menge theilen, ſobald ſie nahen; das Bloͤcken der Rinder und Schanfe, das Alles ſind geſchaͤftige und regſame Laute, verſchmelzen aber dennoch mit dem laͤndlichen Weſen des urſpruͤng⸗ lichen Handels, wo die Kette, die Markt und Farm verband, noch direkt und kenntlich war. Nach einem großen Haus in der Mitte jenes wogenden, ſchaf⸗ fenden Lebens, koͤnnt Ihr ſehen, wie ſich Strom auf Strom ſeine Bahn bricht. Die großen Thuͤren bewegen ſich leicht in ihren Has⸗ pen, und die goldenen Buchſtaben, die uͤber denſelben glaͤnzen, wie die an der Außenſeite mit Eiſen beſchlagenen und mit großen Naͤgeln üͤberdeckten Fenſterlaͤden verkuͤnden, daß dies Haus die Bank der Stadt iſt. Herein mit dem Landmanne da, deſſen breites, einfaͤltig bloͤdes Geſicht ſchon voraus verkuͤndet, was er will; er iſt nicht hierher ge⸗ kommen, Geld niederzulegen, er will borgen. Was ſchadet's— es giebt wieder Krieg, das iſt die Zeit der hohen Preiſe und des 115 Papiergeldes und Credits. Ehrlicher Bauer, Du wirſt nicht ver⸗ gebens anfragen. Er kratzt ſich das dicke Haupt— ſtreckt die Glieder ein wenig und fragt, als ſich der Buchhalter uͤber den Zahltiſch heruͤber lehnte, ob er nicht—„Muſter Mahnwahring ganz ſelbſt ſprechen koͤnnte.“ Der Buchhalter deutet zu dem kleinen Comptoir des neuen jungen Compagnons, der zehntauſend Pfund und einen klaren Kopf der Firma zugebracht hat. Und des Landmanns ſchwere Stiefeln knarren gleichfoͤrmig hinein. ——— Ich ſagte es Dir ja, ehrlicher Burſche— Du verlaͤßt das Zimmer mit einem Laͤcheln, und Deine Hand, die einen Ochſen zu Boden faͤllen koͤnnte, knoͤpft ſich die vollen Taſchen zu. Du wirſt mit leichtem Herzen nach Hauſe reiten— geh— iß und ſei vergnuͤgt! Der Meoman kommt in das Speiſehaus— Teller klappern, Zungen regen ſich und des Borgenden volles Herz freut ſich, dieſem Luft machen zu koͤnnen— er lobt den guten„Muſter Mahn⸗ wahring.“— Aber Wunder!— Alle ſtimmen ein—„Er iſt eine Ehre fuͤr die Stadt— ein Freund in der Noth— und ſo ein Geſchaͤftsmann. Der macht die Bank„ane Million warth“— und wie ſchoͤn er bei der letzten County⸗Verſammlung uͤber den Krieg und das Land und die blutduͤrſtigen„Monſchiers“ ſprach.— Wenn die Anderen waͤren wie ihm— Muſter Fuchs—(die Fran⸗ zoſen) kaͤme ſchlecht an.“ Der Tag neigt ſich ſeinem Ende— die Stadt wird leer— Einſpaͤnner— Karren und Pferde beleben die Straßen, der Markt iſt verlaſſen und die Bank geſchloſſen. William Main⸗ waring kehrt zu ſeiner Wohnung am aͤußerſten Ende des Staͤdt⸗ chens heim. Es iſt keine Villa— kein Pavillon— es iſt ein einfach Engliſches Haus, mit dem wohnlichen rothen Backſtein⸗ Angeſicht und der ſoliden viereckigen Geſtalt— ein Symbol des Beſtehens in den Gluͤcksumſtaͤnden des Eigenthuͤmers. Dennoch, als er dahinſchreitet, ſieht er durch die fernen Baͤume die Halle des Wahlmannes der Stadt. Er bleibt einen Augenblick ſtehen und ſeufzſt unruhig. Die Pauſe und der Seufzer verrathen den Keim des Ehrgeizes und der Unzufriedenheit.— Warum ſollte nicht er, der ſo gut ſprechen konnte, Wahlmann der Stadt ſein, anſtatt jenes alten ſtotternden Squires? Sein Verſtand bringt aber bald das unwirrſche Murren zu Ruhe— er beeilt ſeine Schritte— er iſt zu Hauſe. Und da— in dem freundlichen Wohnzimmer, das in den Garten hinausſieht, da ziſcht der willkommene Theekeſſel— das Piano iſt offen, auf dem Tiſche liegt ein Paket neuer Buͤcher, und— das Beſte von Allem— da laͤchelte ihm das froͤhliche Antlitz ſeines lieben, lieben Weibes entgegen. Dieſe Scenen des Gluͤckes charakteriſirten jene Zeit— die einfachen und unſchuldigen Luxusartikel der hoͤheren Klaſſen erſtreckten ſich auch weiter hinab, den Mittelſtand— nicht zu verderben, ſondern zu veredlen. Der Anzug, das ganze Weſen, ſelbſt die Bewegungen des jungen Paa⸗ res, die anſpruchsloſe, einfache Eleganz des Hauſes, der Blu⸗ mengarten, die Buͤcher und Muſik, das Alles ſchien nur ein Zei⸗ chen veredelten Geſchmacks, nicht Putz und Prunk zu ſein. Alles das verrieth auch das leiſe Ineinanderſchmelzen der Staͤnde, ehe noch ruͤde und rohe Geldmacht hereinbrach, und den Gentleman für immer von dem Parvenn trennte. + r x*r* Fruͤhling laͤchelt uͤber Paris— uͤber Notre⸗Dame, uͤber die gedraͤngten Alleen der Tuilerieen, uͤber Tauſende und Tauſende von froͤhlichen— muthigen— lebensfrohen Menſchen— uͤber das neue Geſchlecht von Frankreich— jetzt an das Schickſal eines Mannes gebunden— Kinder des Ruhms und des Mordes— deren Blut der gierige Wolf und Aasgeier aus weiter Ferne wittert. Die Verſchwoͤrung gegen das Leben des Erſten Conſuls iſt ent⸗ deckt und vernichtet. Pichegru im Gefaͤngniſſe— Georg Cadondal erwartet ſein Verhoͤr— der Herzog von D'Enghien ſchlaͤft in ſeinem blutigen Grabe; die Kaiſerkrone harret des großen Krie⸗ 117 gers, und des großen Kriegers Creaturen ſtrecken ſich in der Sonne ſeines Gluͤcks. Olivier Dalibard lebt in guter und eintraͤglicher Stellung; ſein Steigen wird ſeinen Talenten, ſeinen Meinungen zugeſchrieben. Kein mit der Entdeckung des Complotts verbunde⸗ ner Dienſt iſt vor das Auge und Ohr des Publicums gekommen. Hat er ihn wirklich geleiſtet, ſo wiſſen es nur die, die ſchwerlich Verlangen tragen werden, es zu entdecken. Die alten Raͤume ſind beibehalten, aber ſie ſehen nicht laͤnger truͤb und troſtlos aus— ſie glaͤnzen von Draperieen, Vergoldungen und Spiegeln, und Ma⸗ dame Dalibard hat ihre Empfangs⸗Abende wie Monſieur ſchon ſeine Schaar von Clienten. In jener ungeheuern Concentrirung von Egoismus, der, unter Napoleon, der Staat genannt ward, hat Dalibard ſeinen Platz gefunden. Er hat dazu beigetragen, die Macht des Ganzen zu heben, und die Zahl gewinnt durch ihre Stelle in der Summen⸗Bedeutung. Jean Bellanger iſt nicht mehr— er ſtarb.— Nicht ploͤtz⸗ lich etwa, und doch an einer ſchnell dahinraffenden Krankheit— an einer Art nervoͤſer Erſchoͤpfung. Man ſagte ſich, ſeine endlo⸗ ſen Plaͤne haͤtten ihn aufgerieben. Aber Dalibard's Vermoͤgen, wenn auch nicht unanſehnlich, verdankt er nicht der Erbſchaft des todten Millionairs.— Was iſt das?—„Die Summe dieſes Vermoͤgens muß auf den naͤchſten Verwandten uͤbergehen“— lau⸗ tet nicht ſo das Geſetz? Aber das Teſtament wurde verleſen, und zum erſten Mal in ſeinem Leben erfaͤhrt Olivier Dalibard, daß der Todte— einen Sohn hatte— einen Sohn aus fruͤherer Heirath, und dieſe unveroͤffentlicht— unbekannt— und zwar unter dem Toben der Revolution geſchloſſen— denn jene Frau war die Toch⸗ ter eines Proſcribirten geweſen. Den Sohn hatte der Vater in Lyon erziehen laſſen und ſeine Exiſtenz der zweiten Frau gar nicht genannt. Dieſe brachte ihm ein recht huͤbſches Vermoͤgen zu, und er fuͤrchtete, jene Entdeckung moͤchte ſie vielleicht von einer Verbindung mit ihm zuruͤckſchrecken. Der Sohn, in's oͤde Leben hinausgeſtoßen, ſah erſt nach Vaters Tode ſeine Rechte anerkannt und verkuͤndet, und Olivier Dalibard fuͤhlt, daß Jean Bellanger umſonſt geſtorben iſt. Tagelang hat ſich der bleiche Provençale mit Advokaten eingeſchloſſen— aber keine Hoffnung lacht ihm. Die Beweiſe der Heirath— die Ge⸗ burt— die Identitaͤt kommen klarer und immer klarer zu Tage, und der unbaͤrtige Schulknabe in Lyon erntet all' die Vortheile jener namenloſen Intriguen und jenes geheimnißvollen Todes. Olivier Dalibard wuͤnſcht jetzt die Freundſchaft— die innige Freundſchaft des jungen Erben; aber dieſer iſt der Vormundſchaft eines Lyoner Kaufmanns uͤbergeben— einem nahen Verwandten der Mutter, die nur kalt nnd hoͤflich Oliviers Briefe beantwortet. Plötzlich ſcheint der ſo in all' ſeinen Erwartungen Getaͤuſchte ganz zufrieden mit dem Verluſt. Die Wittwe Bellanger hat ihr eigenes, von jenem getrenntes Vermöͤgen, und es iſt uͤber Erwarten groß. Außer dem aber, was ſie ihm zugebracht, hat die Liebe des Verſtorbe⸗ nen auch noch betraͤchtliche Summen auf ihren Namen deponirt. Die Wittwe iſt alſo reich— reich wie der Erbe ſelbſt. Sie iſt auch ſchoͤn— die arme Frau braucht Troſt. Indeſſen aber ſind die Naͤchte Oli⸗ vier Dalibards geſtoͤrt und unruhig. Sein Auge iſt eingefallen und ſchweift ſcheu umher— er laͤßt ſich ſelten bei Tage zu Fuß in den Straßen ſehen. Die Furcht iſt da ſein Begleiter und kauert Nachts auf ſeinem Kiſſen. Der Chouan, Pierre Guillot, der zu Georg Ca⸗ doudal wie zu einem Gotte aufſah, weiß, daß Cadoudal verrathen wurde und hat Olivier Dalibard in Verdacht— der Chouan hat einen eiſernen Arm und ein gegen jedes Mitleiden geſtaͤhltes Herz. Oh wie duͤrſtete der bleiche Gelehrte nach dem Blute jenes Chouan,— mit welcher raſtloſen Beharrlichkeit ſetzte er alle Spuͤrhunde des Gerichts auf die Faͤhrten des einzelnen Mannes— aber vergebens— ver⸗ gebens. Ein Raͤcher lebt noch, und Dalibard erſchrickt vor dem eige⸗ nen Schatten. Trotzdem aber ließ er mit ſeinen Intriguen und Pläͤnen 119 nicht nach, eine ſolche Beſchaͤftigung wurde ihm gerade jetzt zur Noth⸗ wendigkeit, nur um ſich ſelbſt zu entfliehen. Uebrigens war auch etwas, was Olivier in all' ſeiner Todesfurcht troͤſtete und beruhigte.— Der Chouan hatte, wie er ihm ſelbſt geſagt, einen Eid geleiſtet(und er wußte, daß die Bretagner ihre Schwuͤre heilig hielten), ſeine Hand von Meſſer und Waffe zuruͤckzuhalten— bis er klare Beweiſe des Verraths erhalten. Solche Beweiſe exiſtirten nur in Dalibards Pult oder in den Papieren Fouchées.— Pah— er war ſicher genug! So aber, wenn er von Traͤumen der Furcht auf⸗ ſchreckte in ſtiller Nacht, fluͤſterte wohl ſein kuͤhneres Weib mit feſter und kalter Lippe— „Olivier— Du fuͤrchteſt die Lebenden.— Haſt Du nie vor den Todten Furcht? Deine Traͤume zeigen Dir ſtets ein Schreckbild— warum nimmt es nicht die Form und Geſtalt Deines modernden Ver⸗ wandten an?“ Dalibard antwortete darauf, denn er war trotz ſeiner Feigheit ein Philoſoph—„Il n'y a que les morts, qui ne reviennent pas.“ Es iſt bei uns Erzaͤhlern etwas ſehr Gewoͤhnliches, daß wir die Gedanken unſerer handelnden Perſonen in einem„Selbſtgeſpraͤche“ kund geben, und das wird faſt ſtets das Meiſterſtuͤck eines Geſchichts⸗ Erzaͤhlers; denn geſchieht es wirklich in Worten, was fuͤr dunkle, ge⸗ heime Gaͤnge und Hoͤhlen giebt es da nicht aufzudecken in dem wunder⸗ lichen menſchlichen Herzen! Bei Olivier Dalibard koͤnnen wir uns aber dieſes Urtheils kaum oder doch nicht oft bedienen, denn er ver⸗ handelte ſelten mit ſich ſelbſt. Unaufhoͤrlich arbeitete und ſchaffte wohl eine Art geiſtiger Berechnung in ihm, aber das war faſt mehr zu einem wirklich mechaniſchen Trieb geworden und wurde nur ſelten durch jenes Bewußtſein des Gedankens mit ſeinen Kaͤmpfen von Furcht und Zweifel— Genuͤſſen und Verbrechen geſtoͤrt, das dem Selbſtgeſpraͤch der Tragodie ſolch ſpannendes Intereſſe giebt. In dem geheimnißvollen Dunkel jenes fuͤrchterlichen Geiſtes regten ſich nur, wie auf dem Grunde des Meeres, entſetzliche Schreckbilder und Unge⸗ heuer— Raubthiere, das warme Leben zerſtoͤrend; aber in jene Tiefen tauchte Olivier ſelbſt nimmer hinab! Er wagte es nicht ſei⸗ ner eigenen Seele entgegenzutreten— ſein aͤußeres und inneres Leben ſchienen getrennte Individualitaͤten, gerade ſo wie in manchem 4 fomplicirten Staat, wo ſich die geſellſchaftliche Maſchine durch all' ihre 4 zahlloſen Kreiſe von Laſtern und Schrecken waͤlzt, wie auch die Ge⸗ ſetze der Regierung— die nun einmal den Staat in dem flachen Urtheile der Geſchichte repraͤſentirt— dagegen wirken und ſchaffen. * ⁸ Schon vor dieſer Zeit hatte ſich aber Olivier Dalibard's Betragen ſehr gegen ſeinen Sohn geaͤndert; der kalte, fremde Ton, den er ſo oft in England gegen ihn angenommen, war verſchwunden, und er ſelbſt freundlich und liebreich, ja faſt zaͤrtlich gegen ihn geworden; waͤhrend anderer Seits Gabriel, als ob er im Beſitz eines Geheimniſſes waͤre, das ihm Gewalt uͤber ſeinen Vater gab, einen unabhäͤngigern, ja faſt frecheren Ton gegen dieſen annahm und ſich oft Tage lang von Haus 8 ¾ entfernte. Er ſchloß ſich da den Gelagen junger Wuͤſtlinge, die dennoch aͤlter als er ſelbſt waren, an, verpraßte und ſchwelgte und ſtuͤrzte ſich ſo fruͤhreif in den Strom laſterhafter Vergnuͤgungen, der ſich durch den Schlamm von Paris dahinwaͤlzte. . Eines Morgens, als Dalibard von einem Beſuch bei Madame Bellanger zuruͤckkehrte, fand er Gabriel allein im Salon, und zwar in der Beſchaͤftigung, ſeine ſchoͤne Geſtalt und Kleidung in einem der Spiegel zu betrachten und ſein Haar dabei niederzuſtreichen, das er lang und glatt trug, wie er es an den Portraits Raphael's geſehen. Dalibard's Lippe warf ſich, uͤber des Knaben Ziererei, veraͤchtlich empor, doch hatte er ſelbſt gerade, den Geſchmack fuͤr ſolchen Putz bei ihm er⸗ 41 weckt und genaͤhrt,— es war ſein alter Grundſatz„um Jemand zu regieren, mußt Du eine ſchwache Seite an ihm finden oder erſchaffen.“ Das hoͤhniſche Laͤcheln machte aber bald einem freundlichern Platz 4 und er ſagte mit aufmunterndem Tone: „Nun, mein joli garçon, biſt Du denn mit Dir ſelbſt zufrieden?“ „Wenigſtens hoffe ich, Sir, daß Sie ſich meiner nicht zu ſchaͤmen — 1 121 brauchen, wenn Sie mich foͤrmlich als Ihren Sohn anerkennen. Die Zeit iſt, wie Sie wiſſen, herangeruͤckt, in der Sie Ihr Verſprechen halten wollten.“ „Und es ſoll gehalten werden— fuͤrchte Nichts. Zuerſt aber habe ich eine Beſchaͤftigung fuͤr Dich— eine Miſſion. Deine erſte Geſandtſchaft, Gabriel!“ „Ich bin ganz Ohr, Sir!“ „Ich muß eine Nachricht von groͤßter Wichtigkeit nach England ſenden— und zwar an den Agenten der franzoͤſiſchen Regierung. Wir ſind im Begriff, einen Einfall in England zu machen und in Correſpondenz mit Jemand in London, auf deſſen Huͤlfe wir zaͤhlen koͤnnen. Ein Mann moͤchte unterſucht werden— verſtehe wohl, unterſucht, Du aber, ein Knabe, mit engliſchem Namen und fehlerloſer Ausſprache, wirſt mein beſter Geſandter ſein koͤnnen. Bonaparte billigt meine Wahl und nach Deiner Ruͤckkehr erlaubt er mir, Dich ihm vorzuſtellen. Er liebt die aufwachſende Generation. In wenigen Tagen wirſt Du bereit ſein aufzubrechen.“ Trotz dem ruhigen Ton ſeines Vaters hatte der Sohn, durch den Inſtinkt der Furcht und Selbſtvertheidigung, ſo jeden Ausdruck, jeden Blick Oliviers beobachtet, ſich ſo als ein Spion gegen das Herz ge⸗ richtet, deſſen Falſchheitſtets gewaffnet war, daß er auch bald irgend einen, ſeinen eigenen Intereſſen feindſeligen Plan hierin entdeckte. Er widerſetzte ſich jedoch dem Befehl mit keinem Wort, und ſcheinbar durch ſeinen Gehorſam befriedigt, entließ ihn ſein Vater. Sobald er auf der Straße war, eilte Gabriel geraden Weges zum Hauſe der Madame Bellanger. Das Hotel war in ihrem Namen gekauft worden, und ſie behielt es deshalb bei. Seit ihres Gatten Tode hatte er das fruͤher ihm ſo befreundete Haus gemieden und ſelbſt jetzt wurde er bleich und athmete ſchwer, als er an des Por⸗ tiers Stube vorbei, den geraͤumigen Treppen zu ſchritt. Er wußte von ſeines Vaters haͤufigen und regelmäͤßigen Be⸗ ſuchen hier, und ohne genau zu verſtehen, was Oliviers Abſichten 122 eigentlich waren, verband er dieſe doch in der nun einmal erlang⸗ ten und ihm faſt natuͤrlichen Verſchmitztheit mit der reichen Wittwe. Er beſchloß, auch das Geringſte zu beobachten und nachher ſeine eigenen Schlußfolgen zu ziehen. Als er Madame Bellanger's Zimmer, eigentlich ein wenig un⸗ erwartet, betrat, ſah er, wie ſie unter ihren Papieren etwas bei Seite ſchob, das ſie betrachtet hatte— etwas, das ihm in die Augen blitzte. Er ſetzte ſich dicht neben ſie, warf, in der gewoͤhnlichen zaͤrtlichen Art, die er gegen das ſchoͤne Geſchlecht angenommen, und in⸗ mitten der Plaudereien, mit denen Damen wohl Knaben beehren, die Papiere ploͤtzlich zuruͤck und ſah hier— ſeines Vaters in Dia⸗ manten gefaßtes Miniaturbild. Das Erſchrecken der Wittwe— ihr Erroͤthen und ihr Ausruf verſtaͤrkte nur noch das Licht, das ploͤtz⸗ lich vor ſeinem innern Geiſte aufſtieg. „Oho,“ ſagte er lachend,„jetzt begreife ich auch, weshalb mein Vater immer die ſchwarzen Haare ruͤhmt. Ih nun, in Paris mag ſchon ein Gentleman eine Dame bewundern.“ „Puh, mein liebes Kind— Dein Vater iſt ein alter Freund meines verſtorbenen Gatten und noch dazu ein naher Verwandter.— Aber Gabriel, mon petit ange! Du brauchſt grade zu Hauſe nicht zu ſagen, daß Du dies Bild hier geſehen haſt. Madame Dalibard koͤnnte thoͤricht genug ſein, aͤrgerlich zu werden.“ „O gewiß nicht— ich habe ſchon Geheimniſſe vor dieſer Zeit bewahrt.“ Und des Knaben Antlitz erbleichte wieder, waͤhrend ſein Blick ſcheu den Boden ſuchte. „Du haſt Madame Dalibard auch ſehr lieb, alſo darfſt Du ihr damit nicht weh thun!“ „Wer ſagt, daß ich ſie lieb habe, Madame Dalibard?— meine Stiefmutter?“ „Ih nun, Dein Vater natuͤrlich— il est si bon— ce pauvre Dalibard— und alle Maͤnner lieben gern froͤhliche Geſichter; aber ſie freilich, die arme Dame, eine engliſche Frau— ſo fremd hier— 123 es iſt wohl ganz natuͤrlich, daß ſie ſich graͤmen ſollte— und noch dazu mit ſo ſchwacher Geſundheit.“ „Schwacher Geſundheit— ah ja— ich erinnere mich— ſie ſcheint auch wohl nicht lange mehr leben zu koͤnnen?“ „So fuͤrchtet Dein armer Vater wenigſtens.— Ach ja— wie unſicher das Leben iſt. Wer haͤtte wohl gedacht, daß mein theuerer Bellanger—“ Gabriel ſtand ſchnell auf und unterbrach der Wittwe wehmuͤthige Betrachtungen.„Ich kam nur her, um bon jour zu ſagen— ich muß wieder fort.“ „Adieu, mein theuerer Junge— aber kein Wort von dem Miniaturbild.— Apropos, hier iſt eine Tuchnadel fuͤr Dich— tu es joli comme un amour.“ Alles lag jetzt klar und offen vor Gabriel's Augen; es war no⸗ thig ihn, und wo moͤglich auf immer, zu entfernen. Dalibard konnte ſeine Zuneigung zu Lucretia, vielleicht noch mehr ſeine naͤhere Vertraulichkeit mit der Wittwe Bellanger fuͤrchten, ſollte dieſe Wittwe wieder heirathen und Dalibard—(ebenſo wie ſie befreit, aber durch welche Mittel?)— ihre Wahl treffen. In dieſen Ab⸗ grund von Verbrechen, dem Unſchuldigen und Unverdorbenen un⸗ ergruͤndlich, ſtarrte das Auge des jungen Verbrechers, und durch⸗ forſchte die Tiefe. Schrecken erfaßte ihn— Schrecken und Angſt des Todes.— Wuͤrde Dalibard ſelbſt den eigenen Sohn ſchonen, wenn dieſer Sohn die Macht haͤtte ihm zu ſchaden? Dieſe Bot⸗ ſchaft— war es nur Verbannung— nur ein Zuruͤcktreiben zu dem alten Schmutz in ſeines Onkels Atelier— nur das Beiſeitelegen eines unnuͤtzen Werkzeugs?— oder war es eine Schlinge zum Grabe? Teufel, wie Dalibard war, der Knabe that ihm da doch wohl unrecht. Schuld hielt aber Schuld des Schlimmſten faͤhig. Gabriel hatte fruͤher gern und oft den Gedanken gepflegt, ſich mit Dalibard zu meſſen, wenn Gefahr nahen ſollte.— Die Gefahr war jetzt da, er fuͤhlte jedoch ſeine Ohnmacht. Seinem Vater trotzen und Frankreich nicht verlaſſen? ſelbſt ſeine rückſichtsloſe Keckheit ſchrak davor, als unausweichbarem Verderben zuruͤck. Aber abzu⸗ reiſen— das arme Opfer, der Betrogene zu ſein, jetzt zu Arbeit und Noth zuruͤckzukehren, wo er einmal den wilden Taumel des Vergnuͤ⸗ gens gekoſtet— ſeine Sinne wie ſeine Eitelkeit empoͤrten ſich offen⸗ bar gegen dieſen Schritt. Und Lucretia? das einzige Weſen, das ihm mit wirklicher Zuneigung ergeben ſchien— durch all' den faſt grenzenloſen Egoismus ſeiner Seele empfand er ein dankbares Ge⸗ fuͤhl fuͤr ſie, und ſelbſt auch dahinein miſchte ſich wieder ſein Egois mus, denn nur zu gut wußte er, daß, erſt einmal fort, ſein Aufent⸗ halt im vaͤterlichen Hauſe vorbei ſei, und die Heimath ihrer Nachfol⸗ gerin wohl nie die ſeinige wuͤrde. Waͤhrend er ſo ſtill vor ſich hin ſeinen düſteren Gedanken nach⸗ hing, ſah er empor und erkannte Dalibard in einem Wagen vorbei⸗ und den Tuilerien zufahrend— das Haus war jetzt frei, und er konnte Lucretia allein ſprechen. Sein Entſchluß war ſchnell gefaßt, und er eilte ſeiner Wohnung zu. Waͤhrend er dies that, bemerkte er einen Mann an der Ecke der Straße, deſſen Augen Dalibard's Wa⸗ gen mit unverkennbarem Ausdruck von Haß und Rache folgten; kaum hatte er aber nur die Zuͤge in ſich aufnehmen koͤnnen, als auch Jener, der ſich ſcheu und fluͤchtig umſah, hinwegfloh, und in der Menge verſchwand. Jene Zuͤge waren Gabriel nicht unbekannt— er hatte ſie, wie er ſie jetzt ſah, ſchon fruͤher geſehen— ſchnell und— wie es geſchah — in fluͤchtigen Momenten. Einſt, als er in der Daͤmmerung heim⸗ kehrte, bemerkte er eine am Hauſe ſchleichende Geſtalt und Etwas, das in der Schnelle lag, mit der ſie ſich ſeinem Blick zu entziehen ſuchte, ließ ihn, da er auch Dalibard's Befuͤrchtungen kannte, dies gegen ihn, ſobald er eingetreten war, erwaͤhnen. Dalibard bat ihn, mit einer in aller Schnelligkeit geſchriebenen Note zum Polizeiagent zu eilen, den er ganz in der Naͤhe wohnen ließ. Der Mann ſtand noch immer auf der Schwelle als der Knabe hinaustrat ſeinen Auf⸗ trag zu beſorgen, und es wurde ihm moglich einen fluͤchtigen Blick auf ſein Antlitz zu werfen, ehe jedoch der Beamte das Haus erreichte, hatte jene Boͤſes kuͤndende Erſcheinung das Weite geſucht. Gabriel nun, als er jetzt ſo deutlich dieſe drohende Stirn und die funkelnden Augen erkannte, zweifelte keinen Moment laͤnger, daß er den fuͤrch terlichen Pierre Guillot vor ſich ſaͤhe, deſſen Name allein ſchon ſeines Vaters Wange bleichte. Sobald ſich alſo die Geſtalt zuruͤckzog, be ſchloß er ihr zu folgen, und warf ſich ebenfalls in die Volksmenge, in der Jener ſo eben verſchwunden war. Hier draͤngte er ſich hindurch und ſtarrte aufmerkſam in die Geſichter derer, die ihn bei Seite ſcho ben; manchmal erblickte er auch in der Ferne eine Geſtalt, die der, die er ſuchte, zu gleichen ſchien— die Aehnlichkeit ſchwand aber ſtets, wenn er naͤher kam. Dieſe Jagd fuͤhrte ihn, ſo wild und erfolglos ſie geweſen, weit aus ſeiner fruͤher beſtimmten Richtung fort, daß er ſei⸗ nen Weg in all' den engen, ihm gaͤnzlich unbekannten Straßen bald verlor, und endlich erhitzt und durſtig vor einem kleinen Café hielt und eintrat, um ſich mit einem Glas Limonade wieder zu erfriſchen. Aber ſiehe da— das Gluͤck war ihm guͤnſtig— der Mann, den er ſuchte, ſaß dort, vor einer Flaſche Wein, und las aufmerkſam die Zeitung. Gabriel ließ ſich am naͤchſten Tiſche nieder. Wenige Mi⸗ nuten darauf ſchloß ſich noch ein Zweiter dem Erſten an— die Bei⸗ den ſprachen, und ſprachen viel zuſammen, aber ſo leiſe fluͤſternd, daß Gabriel nicht im Stande war ihrer Unterhaltung zu folgen, ob⸗ gleich er mehr als einmal das Wort„Georg“ unterſchied. Beide Maͤnner ſchienen auf das Hoͤchſte erregt und der Ausdruck ihrer Ge⸗ ſichtszuͤge war finſter und drohend. Der Erſtgekommene deutete oft auf das Blatt und las dem Anderen Stellen daraus vor. Das machte Gabriel ein zweites fordern. Als es der Kellner ihm brachte, fiel ſein Auge auf einen langen Paragraphen, in welchem der Name„Georg Cadoudal“haͤufig vorkam; in der That waren auch alle Journale in jenen Tagen mit weitlaͤufigen Verhandlungen uͤber die Verſchwoͤrung und das Verhoͤr Georg Cadoudals, des trotzigen Martyr, eines edlen, freilich falſch geleiteten Princips, gefuͤllt. Seine Gehoͤrsorgane ſchaͤrften ſich durch fortwaͤhrende Anſtren⸗ gung, und endlich vernahm er deutlich wie der Erſtgekommene ſagte: „Wenn ich nur gewiß wuͤßte, daß ich ſein Schickſal herbeigefuͤhrt haͤtte, als ich ihm dieſen verfluchten Dalibard zufuͤhrte— oh ließe mich nur mein Schwnur— ich wollte—“ der Schlußſatz ging ihm verloren. Wenige Minuten ſpaͤter ſtanden die beiden Männer auf, und nach den vertraulichen Worten, die zwiſchen ihnen und dem Maſter des Cafe's getauſcht wurden, der zu ihnen trat um ſein Geld zu em⸗ pfangen, erkannte der ſchlaue Knabe bald, daß dieſer Platz nicht ſel⸗ ten von ihnen beſucht wuͤrde. Er glitt näher und naͤher, und da der Wirth zuletzt ſeinen Gaͤſten die Hand zum Abſchied reichte, hoͤrte er deutlich, wie er den Erſten bei Namen und zwar, Pierre Guillot, an⸗ redete. Als ſich die Maͤnner entfernt hatten, folgte ihm Gabriel in eini⸗ ger Entfernung(nachdem er ſich vorher jedoch wohl den Namen des Cafe's und der Straße gemerkt) und wie er glaubte, unbemerkt, er hatte ſich aber geirrt. Ploͤtzlich, in einer mehr als gewoͤhnlich ſtillen Straße, drehte ſich der Mann, den er vorzüglich im Auge behalten, herum, kam auf dieſelbe Seite, auf welcher er ſelbſt ging und legte ihm ſo ſchnell und unerwartet die eiſenſchwere Fauſt auf die Schul⸗ ter, daß ſich Gabriel wirklich im erſten Augenblick fuͤr voͤllig ertappt hielt. „Wer hat Dich uns folgen heißen?“ ſagte Jener, mit dunkel⸗ drohendem Blick— ſelbſt Gabriels Muth ſank—„keine Ausfluͤchte — keine Luͤgen— heraus mit der Sprache, nun, wird's?“— und die Finger legten ſich um des Knaben Kehle. Gabriels Geiſtesgegenwart und ſchneller Witz, ließ ihn aber nicht lange im Stich. „Laßt mich los und ich will's Euch ſagen— Ihr erſtickt mich.“ Der Mann oͤffnete ein klein wenig ſeine Hand und Gabriel rief 127 jetzt ſchnell—„Meine Mutter endete, in der Schreckensherrſchaft, auf der Guillotine— ich bin fuͤr die Bourbons— Ich glaubte im Café einzelne Worte zu uͤberhoͤren, die Sympathie fuͤr den ar⸗ men Georg, den braven Chouan zu verrathen ſchienen. Ich folgte Euch, denn ich dachte ich folgte Freunden.“ Der Mann laͤchelte, als er ſein feſtes Auge auf den nicht zuk⸗ kenden Blick des Knaben heftete. „Mein armes Kind,“ ſagte er dann freundlich—„ich glaube Dir— verzeihe mir meine Rauhheit— aber folge uns nicht wei⸗ ter— wir ſind gefaͤhrlich.“ Er winkte mit der Hand, ſchritt fort, ſchloß ſich ſeinem Gefaͤhrten an, und Gabriel mußte, wenn auch hoͤchſt ungern, die Verfolgung aufgeben. Es war aber ein weiter Weg und dauerte lange, ehe er ſeines Vaters Haus wieder erreichte, denn er hatte ſich in ein ganz fremdes Viertel von Paris verloren, und mußte oft die rechte Richtung erfragen. Endlich er⸗ reichte er die Wohnung und ſtieg die Treppe zu dem kleinen Zim⸗ mer hinauf, in welchem Lucretia gewoͤhnlich ſaß, und das durch einen ſchmalen Gang von ihrem und Dalibard's Schlafzimmer ge⸗ trennt wurde. Seine Stiefmutter, den Kopf in die Hand geſtützt, ſaß am Fenſter, war aber ſo in Gedanken vertieft, die einen duͤſtern der ſtarren Verzweiflung aͤhnlichen Schatten uͤber ihr kaltes gemuͤth⸗ loſes Antlitz warfen— daß ſie die Ankunft des Knaben gar nicht bemerkte, bis er ſeine Arme um ihren Nacken ſchlang; dann fuhr ſie, wie erſchreckt, empor. „Du? Nur Du?“ ſagte ſie gleich darauf mit erzwungenem Laͤ⸗ cheln—„ſieh, meine Nerven ſind doch nicht mehr ſo ſtark als fruͤher.“ „Sie find aufgeregt, belle mère; hat er Sie geaͤrgert?“ „Er— Dalibard?— nein, in der That nicht— wir haben noch erſt an dieſem Morgen Geſchaͤftsſachen verhandelt.“ „Geſchaͤftsſachen— das heißt Geldſachen.“ „Gewiß!“ erwiderte Lucretia.„Geld iſt die Triebfeder des 128 Geſchaͤfts, wie des Lebens. Trotz ſeiner neuen Ernennung braucht Dein Vater einige Summen baar— Hier muß eine Gunſt erkauft, dort eine Speculation ſchnell benutzt werden, und—“ „Und mein Vater,“ unterbrach ſte Gabriel,„wuͤnſcht Ihre Einwilligung, den Reſt Ihres Vermoͤgens erheben zu duͤrfen— Lucretia blickte ihn erſtaunt an, erwiderte aber ruhig: „Er hatte meine Einwilligung ſchon lange, aber die Bevollmaͤch⸗ tigten jenes damaligen Depoſits trockene Geſchaͤftsmenſchen, meines Oheims Banquiers— verweigern es, oder machen doch we⸗ nigſtens ſo viele Schwierigkeiten, daß es einer Weigerung ziemlich gleich kommt.“ „Dieſe Antwort traf aber ſchon vor einigen Tagen ein—“ „Woher weißt Du das? Hat es Dir Dein Vater geſagt?“ „Arme belle mère,“ ſagte Gabriel faſt mitleidig,„können Sie in dieſem Hauſe leben, und nicht alles das beobachten, was darin vorgeht?— jeden Fremden, jede Botſchaft, jeden Brief? Was hat er aber ſonſt noch von Ihnen verlangt?“ „Er hat mir vorgeſchlagen, ich ſolle nach England zuruͤckkehren und ſelbſt mit den Bevollmaͤchtigten ſprechen. Sein Einfluß kann mir einen Paß verſchaffen.“ „Und Sie haben ſich geweigert?“ „Ich habe nicht eingewilligt.“ „Willigen Sie ein— Pſt— Ihre Zofe Marie— wartet ſie nicht draußen?“ und Gabriel ſtand auf und ſah hinaus. „Nein— die Peſt uͤber dieſe Thuͤren— keine im ganzen Hauſe ſchließt, wie ſie eigentlich ſollte. Steht nicht in Ihrem Con⸗ tract eine Klauſel, nach der die Haͤlfte Ihres jetzt angelegten Ver⸗ moͤgens dem Ueberlebenden anheim faͤllt?“ „In der That,“ erwiderte Lucretia, zugleich uͤberraſcht und erſchreckt durch die Frage,„aber wie haſt Du auch das erfahren?“ „Ich ſah wie mein Vater die Copie las. Wenn Sie zuerſt 129 ſterben, dann hat er Alles— wuͤnſchte er nun das Geld, ſo wuͤrde er Sie nicht fortſchicken.“ Eine fuͤrchterliche Pauſe entſtand— Gabriel fuhr fort. „Ich vertraue Ihnen jetzt vielleicht mein Leben an, aber ich will ſprechen. Mein Vater beſucht haͤuſig Bellangers Wittwe— ſie iſt reich und ſchwach. Kommen Sie nach England— ja— kommen Sie, denn er iſt im Begriff auch mich zu entlaſſen. Er fuͤrchtet, daß ich ihm im Wege bin.— Sie vielleicht zu warnen— oder zu— zu— kurz Beide ſind wir ihm im Wege. Er oͤffnet Ihnen einen Ausweg zur Flucht— einmal erſt in England, ſo ſchneidet Ihnen der wieder ausbrechende Krieg jede Ruͤckkehr ab; die Geſetze der Eheſcheidung kann er dann leicht zu ſeinen Gunſten ver⸗ drehen— er wird wieder heirathen. Was dann?— er erſpart Ihnen, was Ihnen jetzt noch von Ihrem Vermoͤgen bleibt— er ſpart Ihr Leben. Bleiben Sie hier— kreuzen Sie ſeine Plaͤne— und— Nein, nein— kommen Sie nach England— Sie ſind uͤberall ſicherer als hier!“ Waͤhrend er noch ſprach, hatten ſich Lucretiens Zuͤge ganz wun⸗ derbar veraͤndert. Zuerſt war es der Strahl der Ueberzeugung, der ſie durchzuckte, dann der ploͤtzliche Schlag des Schrecks; jetzt hob ſie ſich zu voller, ſtolzer Hoͤhe empor und ein lebendig toͤdtlicher Schein gluͤhte in ihren Augen— es war der ſelbſtbewußte Muth, war die Kraft und Rache, die in ihr ſchlief.„Thor“ murmelte ſie— „Thor— Thor mit aller Deiner Liſt. Als ob nicht in jeder haͤus⸗ lichen Verraͤtherei die Frau ſtets den Sieg davon trüge. Des Mannes einzige Rettung iſt die Ehre.“ „Aber Sie vergeſſen“ ſagte Gabriel, der die Worte verſtanden, „Sie vergeſſen, gegen was Sie hier zu kaͤmpfen haben— es iſt Nichts, das Sie ſehen, und gegen das Sie ſich waffnen koͤnnten. Es iſt nicht ein Feind gegen Feind— es iſt Tod in der Speiſe— in der Luft— in der Beruͤhrung. Sie ſtrecken die Arme im Dunkeln aus — fuͤhlen Nichts und— ſterben. O glauben Sie ja nicht, daß ich Bulwer, Lucretia. II. 9 en — nicht an alle Mittel gedacht haͤtte(denn ich bin jetzt ſchon faſt ein Mann), an alle Mittel, die uns zum Widerſtand bleiben— es giebt keine. Ebenſo gut koͤnnten Sie ſich gegen die Peſt ſchuͤtzen— ſie liegt in der Luft. Kommen Sie nach England— leben Sie lieber g g in Armuth, wenn Sie muͤſſen, aber leben Sie, leben Sie nur!“ „Ich— arm und verachtet nach England zuruͤckkehren, und — immer noch an ihn gebunden— oder ein entehrtes— geſchie⸗ denes Weib?— entehrt von dem niedrig gebornen Vaſallen aus eines Verwandten Haus? zuruͤckkehren, um das Gnadenbrod vom Tiſche meiner Schweſter und ihres Gatten zu eſſen? ne in. Ich ſtehe auf meinem Poſten und will nicht fliehen.“ „Brav! brav!“ rief der Knabe, und ſchlug in die Haͤnde— ein ſo kecker, dem ſeinigen uͤberlegener Muth, ergriff ihn,„o wie ich wuͤnſche, daß ich Ihnen helfen koͤnnte.“ Lucretia's Auge ruhte, was ſo ſelten bei ihr der Fall war, voll und feſt auf ihm— ſie zog ihn zu ſich und kuͤßte ſeine Stirn. „Knabe, wir ſind— was auch unſere Schuld und ihre Folgen ſein mögen, fuͤr dies Leben an einander gefeſſelt.— Noch mag ich leben und Reichthuͤmer erwerben— wenn ſo, ſo ſind ſie Dein, wie eines Sohnes. Ich mag Andern Eiſen werden— aber nie Dir. Doch genug— genug— ich muß nachdenken.“ Sie ſtrich ſich mit der Hand uͤber die Augen und fuhr nach einer Pauſe wieder fort—„Du wollteſt mir bei meiner Selbſtvertheidigung helfen?— ich glaube, Du kannſt es— Du biſt wachſamer geweſen als ich— Du mußt Mittel beſitzen, die ich mir nicht verſchafft habe.— Dein Vater huͤtet ſeine Papiere wohl!“ „Ich habe Schluͤſſel zu jedem Pult— mein Fuß uͤberſchritt die Schwelle jenes Zimmers unter dem Dach, vor dem Ihrigen. Aber nein— ſeine Kraͤfte koͤnnen nie die Ihrigen werden. Er hat Ihnen nicht die Haͤlfte ſeiner Geheimniſſe vertraut. Er hat Gegenmittel fuͤr jedes— jedes—“ 131 „Hſt— was iſt das fuͤr Geraͤuſch?— nur der Regen am Fen⸗ ſter. Nein, nein Kind— das iſt nicht mein Plan— Cadoudal's Verſchwoͤrung. Dein Vater hat Briefe von Fouché, ſie kuͤnden, wie er Andere verrathen hat, die ſtaͤrker, und nehr im Stande ſind ſich zu raͤchen, als ein Weib und ein Knabe.“ „Eh bien—“ „Ich muß dieſe Bri iefe haben— gieb mir die Schluͤſſel. er halt— halt— Gabriel, Du kannſt ihm noch unrecht thun. Jene Frau— die Frau des Todten— ſeine Frau— Entſetzen. Haſt Du keine Beweiſe Deines Verdachts?“ „Beweiſe?“ echote Gabriel verwundert—„ich kann nur ſehen und danach ſchließen. Sie ſind gewarnt— wachen Sie nun und faſſen Sie einen Entſchluß; aber nochmals bitte ich Sie, o kommen Sie nach England— ich gehe gewiß.“ Ohne Antwort nahm Lucretia die Schluͤſſel aus Gabriels nur halb widerſtrebender Hand, und glitt in ihres Gatten Arbeitszimmer. Als ſie eingetreten war, verſchloß ſie die Thuͤr, und ſchritt jetzt auf einen gewaltigen Secretair zu, an dem der Schluͤſſel ſo klein wie Elfenarbeit war. Sie oͤffnete ihn leicht mit Hilfe des Dietrichs. Keine Liebesbriefe— der erſte Gegenſtand den ſie ſuchte, denn ſie war Frau— begegneten ihrem Blick. Wozu auch Briefe, wo ihrem Begegnen Nichts im Wege ſtand. Sie entdeckte aber bald ein Do⸗ cument, daß ihr Alles und mehr ſagte, als Liebesbriefe je haͤtten ſagen koͤnnen, es war ein Verzeichniß der Capitalien und Beſitzungen der Madame Bellanger, und an dem Nand befanden ſich Bleiſtift⸗ Anzeichnungen: „Vautran bietet 400,000 Franken fuͤr das Land in der Auvergne — anzunehmen.“ „Sich zu unterrichten, ob das Recht des Verkaufs dem zweiten Manne zuſteht.“ „Frage— ob es nicht moͤglich iſt, daß der geſetzliche Erbe die in Madame B.'s Namen angelegten Capitalien bean⸗ ſpruchen koͤnnte.“ und ſolcher Memoranda mehr, wie ſie ein Mann in der Liſte eines 1 bald ſein zu nennenden Eigenthums notirt. In dieſen Notizen lag aber auch wieder ein fuͤrchterlicher Spott aller Liebe— wie die leuch⸗ tenden giftigen Schwaden, verriethen ſie die ſchwarze Peſthoͤhle des Herzens. Die bleiche Leſerin ſah, was ihre eigne Anziehungskraft geweſen, und— geſunken wie ſie war— ſie laͤchelte veraͤchtlich in der Bitterkeit ihres Zornes. Bald fand ſie jetzt, genau und ſorgſam wie Geſchaͤftsbriefe arrangirt, die Briefe, die ſie ſuchte; einer, der Dalibard's Dienſte in der Entdeckung der Verſchwoͤrung anerkannte, und ihn bevollmaͤchtigte, die Polizei zur Auffindung Guillot's zu 4 verwenden, genuͤgte ihrem Zweck. Sie zog ſich zuruͤck, verbarg ihn, und wollte eben wieder den Serretair verſchließen, als ihr Auge auf den Titel eines kleinen eingebundenen Manuſcripts fiel, das in einer Ecke lag; wie ſie ihn las, preßte ſie die eine Hand krampfhaft auf das Herz, waͤhrend die andere zweimal nach dem Bande zuckte, und zweimal wieder zitternd zuruͤckbebte. Der Titel lautete harmlos folgendermaßen: „Philoſophiſche und Chemiſche Unterſuchung der Art und Be⸗ ſtandtheile jener zwiſchen dem 14ten und 16ten Jahrhundert gebraͤuch⸗ lichen Gifte.“ Erſt nach merklichem Zoͤgern, als ob ſie ſich vor ſich ſelber fuͤrchte, ließ ſie das Manuſcript an ſeinem Platz, ſchloß den Secretair und ver⸗ ließ das Gemach. 1„Haben Sie das Papier gefunden, das Sie ſuchten?“ frug ſie Gabriel. „Ja.“ 3„Dann thun Sie nur, was Sie thun wollen, ſchnell, er wird den Verluſt bald entdecken.“ „Ich werde nicht ſaͤumen.“ „Aber ich werde es ſein, auf den ſein Verdacht faͤllt“, rieſjetzt Gabriel ploͤtzlich, als ihm dieſer Gedanke zum erſten Mal durch das Hirn zuckte—„o Lucretia— meinethalben nehmen Sie den Brief nicht eher, bis ich fort bin. Fuͤrchten Sie nichts indeſſen— er wird nie etwas gegen Sie unternehmen, ſo lange ich hier bin.“ „So will ich den Brief denn zuruͤcktragen“, erwiderte Lucretia mild—„Du haſt Anſpruͤche auf meine erſten Gedanken.“ Damit ſchritt ſie zuruͤck und Gabriel(mißtrauiſch vielleicht) ſchlich hinter ihr her. Als ſie das Document wieder an ſeine Stelle legte, deutete er auf das Manuſcript, das ſie ſchon vorher gereizt und fluͤſterte: „Das hab' ich ſchon fruͤher geſehen; o wie ich es mir wuͤnſche — Lucretia— wenn ihm jemals etwas zuſtoßen ſollte, das hier beanſpruche ich als mein Erbe.“ Ihre Haͤnde begegneten ſich, als er dies ſagte und faßten einan⸗ der krampfhaft. Lucretia verſchloß den Secretair dann wieder und als ſie das naͤchſte Zimmer erreicht, ſank ſie zitternd in einen Stuhl. Ihre ſtarken Nerven erſchlafften fuͤr den Augenblick— ſie ſtieß keinen Schrei aus, an der bleichen Farbe ihrer Haut nur ſah Gabriel, daß ſie beſinnungslos war— beſinnungslos fuͤr etwa eine Minute— nicht laäͤnger. Das Wiederkehren ihres Bewußtſeins aber, mit ge⸗ ballter Hand, trotzig zuſammengezogener Stirn und einem Blick, der Grimm und Verzweiflung ausſprach, glich eher dem Erwachen aus einem wilden entſetzlichen Traum von Kampf und Gewalt, als dem langſamen allmaͤligen Erholen von einer Ohnmacht. Ja— von nun an zu ſchlafen hieß neben einer Schlange ruhen— zu athmen hieß dem Stuͤrzen der Lawine lauſchen. Du, die Du ſo leichtfinnig mit Verrath geſpielt, jetzt, jetzt begegne dem grimmen Gefaͤhrten, den Du Dir gewonnen— Du, Naͤnke ſchmiedende Entheiligerin der La⸗ ren, jetzt lerne, bis zum letzten Blatt jener dunklen Kuͤnſte, was der Heerd iſt ohne ſie. Gabriel fuͤhlte ſich wunderſam ergriffen, als er jene ſtolze ein⸗ ſame Verzweiflung ſah. Ein natuͤrlicher Inſtinkt hatte ihn auch bis jetzt noch abgehalten, Lucretien wirklich activ in ihrem Kampf gegen ſeinen Vater zu unterſtuͤtzen, der auf jeden Fall nur mit dem Verder⸗ ben des einen oder anderen Theils enden konnte. Er hatte ſich be⸗ gnuͤgt ſie zu warnen und ihr Winke zu geben und Vermuthungen mit⸗ zutheilen, die ſie dann ſelbſt zu ihrem Vortheil benutzen mochte. Jetzt aber wurde ſein Mitgefuͤhl ſo ſtark fuͤr ſie erweckt, daß auch der letzte Scrupel kindlichen Gewiſſens in jenen Abgrund von Blut verſank, an deſſen Rande die einſame Verbrecherin ſtand. Er trat auf ſie zu und fluͤſterte, ihre Hand ergreifend, mit ſchneller unterdruͤckter Stimme. „Horch— Sie wiſſen, wo Sie die Beweiſe von meines Va— von Dalibard's Verrath der Verſchwornen finden koͤnnen; Sie kennen auch den Namen des Mannes, den er als ſeinen Raͤcher fuͤrchtet— Sie 1 wiſſen, daß dieſer nur auf die Beweiſe des Verraths wartet, den toͤdtlichen Streich zu fuͤhren; Sie wiſſen aber nicht, wo Sie jenen Mann finden koͤnnen, wenn Sie ſeiner Rache beduͤrfen. Die Policei hat ihn nicht finden koͤnnen, wie wollen Sie es? Der Zufall hat mich mit einem ſeiner Aufenthaltsoͤrter bekannt gemacht. Geben Sie mir ein einzigs Verſprechen und ich bringe Sie auf dieſe Spur, die, wenn 8 auch ſchwach, doch die einzige iſt, der Sie zu folgen vermoͤgen. Ver⸗ ſprechen Sie mir, daß Sie nur in Vertheidigung Ihres eigenen Lebens, nicht aus bloßer Eiferſucht, Gebrauch von dieſer Kenntniß machen wollen— verſprechen Sie mir das und Sie ſollen Alles er⸗ fahren.“ „Glaubſt Du“, ſagte Lucretia mit ruhiger, kalter Stimme,„daß ich aus Eiferſucht— die Liebe iſt— jede Hoffnung, jeden Frieden morden wuͤrde? denn wir haben hier(und ſie ſchlug ſich an ihre Bruſt) hier— wenn nicht anderswo, einen Himmel und eine Hoͤlle. Sohn — ich thue Deinem Vater kein Leides an, in Selbſtvertheidigung ausgenommen. Aber ſage mir Nichts, das den Sohn zum Mitſchul⸗ digen an ſeines Vaters Schickſal machen koͤnnte.“ „Der Vater erſchlug die Mutter“, knirſchte Gabriel zwiſchen den 4 Platz ausgefuͤllt.— Fuͤhren Sie— wenn es ſein muß— den Schlag in ihrem Namen. Wollen Sie, zum Aeußerſten getrieben, den Arm Pierre Guillot's ſuchen, ſo hoͤren Sie von ihm in dem Café Dufour. Rue S— Boulevard du Temple. Sein Sie ruhig jetzt— ich hoͤre Ihres Gatten Schritt.“ Wenige Tage ſpaͤter und Gabriel war fort— Gatte und Gattin ſind mitſammen allein. Lueretia hat ſich geweigert abzureiſen. Da kam jene ſtumme Zeit der Angſt— jene Erwartung zweier Feinde zum entſcheidenden Kampf— denn auch das ſcharfe, durchdringende Auge Dalibard's hat entdeckt, af er ſelbſt beobachtet werde— weiter mag er jedoch nicht forſchen.— Der Blick ſucht den Blick und ſchweift dann laͤchelnd ab— aus dem Becher grinſt eine Todtenlarve hervor — vor dem Speiſetiſch ſteht warnend ein Geſpenſt; aber wie guͤtig und liebevoll klingen noch dieſe Worte, und Seite an Seite legen ſie ſich in's Ehebett nieder. Hirn ſchmiedet gegen Hirn Verrath, und Herz haßt Herz, wie auch die Lippen luͤgen. Es iſt ein Zweikampf auf Leben und Tod zwiſchen denen, die ſich am Altar Treu in dieſem Leben, bis uͤber das Grab hinaus geſchworen haben; aber es wird mit all' jenen Formen und Hoͤflichkeiten gekämpft, wie es in den al⸗ ten ritterlichen Zeiten der Fall war. Kein ehelicher Zank— kein Wortwechſel— das Oel liegt glaͤttend auf der Woge, aber die Un⸗ geheuer der Tiefe kaͤmpfen unſichtbar unter ſeiner Decke. Endlich er⸗ faßt— immer noch allmaͤlig ein matter Stumpfſinn die Frau— ſie fuͤhlt den Verderber in ihren Adern— der langſame Sieg iſt begon⸗ nen. Was hilft ihr jetzt alle Wachſamkeit und Vorſicht— was hilft zuſammengebiſſenen Zaͤhnen hindurch—„mir haben Sie faſt deren es den Faͤngen der Schlange zu entfliehen— ſchon ihr Athem toͤdtet. Rein ſcheint der Trank— geſund die Speiſe; der Meiſter jener Wiſ⸗ ſenſchaft des Mordes verſchmäht die Mittel des Pfuſchers. Da aber, wild und ſtark aus ihrer ſie mehr und mehr ergreifenden Lethargie auffahrend, erwachte auch der Trieb der Selbſterhaltung und — der Rache. Noch iſt Rettung moͤglich, denn jene feinen Gifte, die ——— der Entdeckung Trotz bieten ſollen, arbeiten ſich nur langſam zu ihrem Erfolg hin. Es iſt Abend und eine dicht in ihren Mantel gehuͤllte Frau ſteht harrend an der Ecke eines Hauſes. Ein Licht leuchtete truͤb und un⸗ gewiß aus dem Fenſter des dicht daneben befindlichen Cafeés hervor, — der Wiederſchein deſſelben ſchlief in dem Schatten des duſteren Pflaſters und kein Strahl— eine einſame Lampe ausgenommen, die in einiger Entfernung und inmitten der engen Straße ſchaukelte, durch⸗ brach die unheimliche Finſterniß. Die Nacht war ſternenlos— der Himmel umwoͤlkt— der Wind heulte und tobte um die Giebel und der Regen fſiel in ſchweren kalten Tropfen nieder; aber die Dunkelheit und Einſamkeit ängſtigte nicht das Auge, der Wind kaͤltete nicht das Herz, der Regen ſiel unbeachtet auf das Haupt der Frau an ihrem Poſten. Zu Zeiten hielt ſie in ihrem langſamen, Schildwachen aͤhn⸗ lichen Gang auf und ab, ein, um durch das Fenſter des Cafés zu ſchauen, ihr Blick fiel aber immer nur auf eine Geſtalt, die entfernt von den Uebrigen und allein da drinnen ſaß. Da endlich begann ihr Puls ſchneller zu ſchlagen und die geduldige Lippe verzog ein zufriedenes Laͤcheln. Die Geſtalt war aufgeſtanden, ſich zu entfernen. Ein Mann kam aus der Thuͤr und ſchritt ſchnell die Straße hinauf; die Frau folgte ihm, und als Jener ſich gerade unter der einſamſchwankenden Lampe befand, fuͤhlte er ſeinen Arm beruͤhrt. Die Frau ſtand an ſeiner Seite und ſah ihn ſtarr ins Angeſicht. „Ihr ſeid Pierre Guillot— der Bretagner— der Freund von Georg Cadoudal— und wollt ihn raͤchen?“ Des Chouans erſtes Gefuͤhl war geweſen, ſeine Hand raſch un⸗ ter die Weſte zu ſchieben, und im Lampenlicht blitzte ein heller Stahl feſt gezwaͤngt in dieſe eiſernen Finger. Die Stimme und Rede be⸗ ruhigte ihn aber wieder, und er antwortete ſchnell. „Ich bin der, den Sie ſuchen, und lebe nur, um zu raͤchen!“ 137 „So leſ't denn Dies und handelt—“ ſagte die Frau,„und ſie druͤckte ihm ein Papier in die Hand.“ *** †* *†**†* **** 4 Zu Laughton liegt der Saͤugling an der Bruſt der ſchoͤnen Mut⸗ ter und der Vater ſitzt neben dem Bett; und Vater und Mutter ſtrei⸗ ten ſich ordentlich, ob Vater oder Mutter auf jene ſanften lieblichen Zuͤge des ſchlummernden Kindes die meiſten Anſpruͤche habe. In dem rothen Hauſe dicht an dem Marktflecken, herrſcht ein gar geſchaͤftiges, gaſtfreundliches Treiben. William iſt viel fruͤher als gewoͤhnlich nach Hauſe gekommen. Seit der letzten Stunde war Suſan⸗ na dreimal in jedem Zimmer des Hauſes. Mann und Frau warten nun am Fenſter. Die guten Fieldens, mit einer ganzen Kutſche voll Kinder werden jeden Augenblick und wenigſtens auf den Beſuch einer ganzen Woche, erwartet. In dem Café, im Boulevard du Temple ſitzt Pierre Guillot, der Chouan und ein anderer, jener alten Bande, der brigands, die Georg Caboudal in Paris gemuſtert hatte. Auf Guillots Antlitz liegt ein Ausdruck ungewoͤhnlicher Zufriedenheit— es ſcheint offener als je, und ein Laͤcheln oͤffnet die breiten Lippen. Er verzehrt mit allem Anſchein von bedeutendem Appetit ſein Mahl und fuͤſtert waͤhrend den kurzen Pauſen, die er ſich von dieſer Beſchaͤftigung abſparren kann, ſeinem Freunde leiſe etwas zu. Sein Freund aber ſcheint dieſe heiteren Gefuͤhle ſeines Gefaͤhrten nicht zu theilen— er ſieht blaß aus, und Schreck und Angſt liegen auf ſeinem Angeſicht— Ihr koͤnnt bemerken, daß die, in ſeiner Hand ruhende Zeitung, wie ein Es⸗ penblatt zittert. In dem Garten der Tuilerien ſchaaren ſich mehre der umher⸗ wandernden Spatziergaͤnger zuſammen. „Nichts uͤber den Moͤrder gehoͤrt?“ fragt der G ne. „Nein— aber ein Mann, der ein Freund Robespierre's war, muß ſich heimliche Feinde genug gemacht haben.“ Ce pauvre Dalibard! Er hat ſich doch nicht mit den Schreckens⸗ maͤnnern eingelaſſen. „Ah,— aber er war deshalb vielleicht um ſo gefaͤhrlicher. Ein ſchlimmer Burſche war Olivier Dalibard. „Was giebt's? ſprechen Sie von Olivier Dalibard? ſagte ein em- ployé, der eben zur Gruppe heranſchlenderte.— Erſt vor wenigen Tagen bekam er Marſans Stelle, jetzt ſoll er Pleyels haben.— Ich hoͤrte es vorgeſtern etwa— capitales Ding das— Peste, il ira loin! Wir werden ihn bald als Senator ſehn. „Reden ſie lieber per ich“ fiel ein ci-devant Abbé lachend ein; mir wenigſtens ſollte es ſehr fatal ſein, ihn bald wieder zu ſehen, wo er auch iſt.“ „Plait-il?“ Ich verſtehe Sie nicht. „Wiſſ en Sie denn nicht, daß Olivier Dalibard ermordet iſt? er⸗ ſtochen gefunden und noch dazu in ſeinem eignen Haus?“ „Ciel!““o bitte, erzaͤhlen Sie mir Alles, was Sie daruͤber wiſ⸗ ſen. Seine Stelle iſt alſo leer?“ „Ih nun, es ſcheint, als ob Dalibard, der fruͤher Medicin ſtudirt hatte, noch immer gern ſeine chemiſchen Exrperimente fortſetzte. Er miethete ſich eine kleine Dachkammer fuͤr ſolche wiſſenſchaftliche Unter⸗ haltungen, uͤber denen er dann manchmal einen ganzen Theil der Nacht zubrachte. Morgens fanden ſie ihn todt, in Blut gebadet, mit drei fuͤrchterlichen Wunden in der Seite, und die Finger bis auf die Kno⸗ chen zerſchnitten. Er muß hart mit dem Meſſer, das ihn erſchlug, ge⸗ kaͤmpft haben.“ „In ſeinem eignen Haus?— ſagt ein Advokat—„vielleicht ein Diener oder ein verſchwenderiſcher Verwandter.“ Er hat keinen Erben als den jungen Bellanger, der nun Millio⸗ nen reich wird, und der iſt— noch auf der Schule in Lyon. Nein, es ſcheint, daß das Fenſter aufgelaſſen war, das mit den Daͤchern der 139 benachbarten Häͤuſer in Verbindnng ſteht. Dort war der Moͤrder her⸗ eingekommen und auf dem Weg iſt er auch wieder entflohen, denn ſie fanden die Dachrinnen voller Blut. Das Nachbarhaus iſt unbewohnt. — Wie leicht wa es dort hinein zukommen und den Tag uͤber ver⸗ ſteckt zu bleiben.“ „Hm!“ ſagte der Advokat— der Moͤrder konnte doch aber Dali⸗ bard's Gewohnheiten nur von Jemandem im Haus erfahren haben. War der Todte verheirathet?“ „Ja— an eine Englaͤnderin.“ „Sie hatte vielleicht Liebhaber—“ „Puh— Liebhaber— das gluͤcklichſte Paar, was ich je ge⸗ kannt habe. Sie ſollten ſie nur zuſammen geſehen haben. Ich ſpeiſ'te letzte Woche da.“ „Sonderbar,“ meinte der Advokat. „Und er ſtand ſich ſo ausgezeichnet,“ murmelte ein etwas hun⸗ grig ausſehender Mann. „Und ſein Platz iſt leer,“ wiederholte der employé, als er die Menge, in Gedanken vertieft, mied. Im Hauſe Olivier Dalibard's ſitzt Lucretia allein und in ihrem eigenen gewoͤhnlichen Morgencabinet. Der zu ſolchem Zweck durch das franzoͤſiſche Geſetz beſtimmte Beamte hat ſeinen Beſuch ge⸗ macht, ſeine Bemerkungen notirt, gegen die Wittwe ſein Bedauern ausgeſprochen, ihr Gerechtigkeit und Vergeltung zugeſichert und ſein Siegel auf die Schloͤſſer gedruͤckt, bis die Repraͤſentanten des geſetzlichen Erben eintreffen konnten, und dieſer geſetzliche Erbe iſt gerade jener Knabe, der ſo ganz unerwartet zu dem Reich⸗ thum Jean Bellanger's, des Lieferanten, kam. Lucretia hat aber ſchon vorher Alles das erhalten, was ſie von dem Uebrigen zu be⸗ halten wuͤnſcht. Ein offner Kaſten ſteht auf der Diele und ihre Hand legt leiſe ein gebundenes Manuſcript hinein. Am Zeigefinger dieſer Hand befindet ſich ein Ring, doch iſt er groͤßer und maſſiver als die gewoͤhnlich von Frauen getragenen— Lucretia trug ihn fruͤher nie. Weshalb hatte ſie dieſen Ring mit ſolcher Sorgfalt aus dem Nachlaſſe des Todten hervorgeſucht? welcher Reichthum liegt in dem matten unſcheinbar gefaßtem Opal? Mit dieſer Hand legte ſie leiſe das Manuſcript in den Kaſten, ſo leiſe wie die, die Euch das Buch lehrt zu verderben, in das Grab ſinken mögen. Die Spuren einer kuͤrzlichen und gefaͤhrlichen, noch jetzt nicht ein⸗ mal ganz beſiegten Krankheit haben Linien in das junge Antlitz gegraben und das Feuer dieſer Augen gedaͤmpft. Aber Muth— der Kraft des Giftes iſt begegnet— der Vergifter lebt nicht mehr — ein Geiſt wie der Deine, Du ernſte Frau, iſt in Decken von Stahl gekleidet und der Roſt hat bis jetzt noch nicht tiefer als die Oberflaͤche gefreſſen. So ſpielt uͤber das vom koͤrperlichen Schmerz gezeichnete Antlitz ein ruhiges triumphirendes Laͤcheln. Liſt hat uͤber Liſt geſiegt. Aber jetzt wende Dich zur Rechten— vorbei an dieſem engen Corridor— Du biſt im Schlafzimmer des Gatten. Die Fenſter find geſchloſſen— große Kerzen brennen am Fuße des Betts. Nun gehe zu jenem engen Corridor zuruͤck— unbeachtet, bei Seite geworfen liegt dort ein Tuch und ein Beſen; das Tuch iſt noch feucht, nur hie und da ſind rothe Flecke, trocken und zuſammengeklebt, wie von geronnenem Blut, und die Borſten des Beſens ſtarren zerfetzt und verbraucht empor, als ob auch ſie hier Sinne haͤtten und Entſetzen fuͤhlen koͤnnten, als ob ſelbſt lebloſe Dinge Theil naͤhmen an Men⸗ ſchen⸗Furcht, wenn ſie Zeuge ſo graͤßlicher menſchlicher Thaten wurden. Wenn Du durch den Corridor gingſt und dort zufaͤllig im Schatten der Mauer das einfache Stuͤck der Haushaltung wie weggeworfen und vergeſſen erblickteſt, haͤtteſt Du vielleicht uͤber die nachlaͤſſige Haus⸗Ordnung gelaͤchelt. Sobald Du aber erfaͤhrſt, daß eine Leiche hier dieſe Stufen zur Linken herunter und durch den Gang hin in das Ehebett getragen ward, waͤhrend das Blut noch hervorquoll und ſtroͤmte und— als die Traͤger mit ihrer Laſt hier vorbeipaſſirten— den Boden naͤßte— dann erregt das todte 141 Ding da auch ſchnell jenes Grauſen eines Todten— es erzaͤhlt ſeine eigene Geſchichte von Gewalt und Mord— es war in, das Blut des erſchlagenen Mannes getaucht— es iſt ein Zeuge des Verbrechens geworden. Kein Wunder, daß ihm die Borſten dort im Schatten der Wand ſo mild und ſtarr emporſtehen. Der erſte Theil der Tragodie endet hier— laßt den Vorhang fallen. Wenn er wieder aufſteigt, ſind Jahre entſchwunden— ungezählte Graͤber haben neue Hoͤhlen in unſere froͤhliche Gruft in die gruͤne Erde gewuͤhlt. Nimm ein Sandkorn vom Ufer, nimm einen Tropfen aus dem Ocean— weniger als Sandkorn und Tropfen iſt auf der Menſchen Planet ein Tod und ein Verbrechen. Auf der Karte aber folge den Seen—, uͤberfliege alle Ufer— und mehr als Seen— mehr als alle Laͤnder wird vor Gottes Gericht ein einziger Tod, ein einziges Verbrechen gelten. — 2 3 2 F 5 0⁹ 5 8 — 5 3 82 Druck der D Zur Nachricht. LCucretia die Kinder der Nacht. Von E. L. Bulwer. wird in dieſer Taſchen⸗Ausgabe im Formate von Schiller's Werken 5 Theile umfaſſen. Der Preis jedes Theils iſt 5 Sgr. od. 18 Kr., und der ganze Roman wird mithin 25 Sgr. od 1 Fl. 30 Kr. koſten. Die uͤbrigen Theile werden unverzuͤglich nachfolgen. Unter dem weiteren Titel: E. L. Bulwer's ſämmtliche Romane 68. bis 72. Theil. ſchließt ſich dieſer neue Roman an die fruͤher bei uns erſchienene Sammlung von: „ 5 E. C. Bulwer's Sämmtlichen Nomanen. 67 Theile in Schiller⸗Taſchenformat. Mit Bulwer's Bild in Stahlſtich. an, welche alle, von Bulwer vorhandene Romane und kleinere Novellen in vollſtaͤndigen, als vorzuͤglich anerkannten Uebertragungen von Fr. Notter, Guſt. Pfizer und G. N. Baͤrmann enthaͤlt. Jeder Theil koſtet nur 5 Sgr. oder 18 kr. rhein. oder 15 kr. Conv. Mz., mithin die 67 Theile complet 11 Thlr. 5 Sgr. oder 20 fl. 6 kr. rhein. oder 16 fl. 45 kr. Conv. M. Der Inhalt der 67 Theile iſt folgender: A Godolphin. 3 Theile. 15 Eugen Aram. 4 Theile. Pelham. 5 Theile. Devereux. 5 Theile. Paul Elifford. 5 Theile. Nacht und Morgen. 5 Theile. 5: N Der Verſtoßene. 5 Theile. 6. Die letzten Tage Pompejis. 4 Theile. 4 5 Rienzi, der letzte Tribun. 5 Theile. Ernſt Maltravers. 4 Theile. Alice. 4 Theile. Die Pilger des Rheins. 2 Theile. Leila. 1 Theil. Asmodeus aller Orten. 1 Theil. Calderon der Hoͤfling. Arasmanes. 1 Theil. Falkland. 1 Theil. Zanoni. 4 Theile. 4 Der Letzte der Barone. 8 Theile. Jeder dieſer Romane iſt zum gleichen Preiſe auch einzeln zu erhalten durch alle Buchhandlungen Deutſchlands, der Oeſtreich'ſchen Monarchie, der Schweiz und des uͤbrigen Auslands. J. B. Metzler'ſche Buchhandlung in Stuttgart. ſfämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. -0 o Siebenzigſter Theil. Lucretia III. = 4 Stuttgart. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. Verlag der J. Lucretia oder e Kinder der Nacht. Ein Roman von E. L. Bulwer. =SO Aus dem Engliſchen. von Theodor Oelckers. Dritter Theil. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung 1847. Zweiter Theil. Prolog zum zweiten Theil. Das Jahrhundert iſt aͤlter geworden: die Waͤſſer der Sturm⸗ fluth ſind abgefloſſen und die alten Kennungen wieder zu Tage gekom⸗ men; die Dynaſtien, welche Napoleon in's Daſein rief, ſind in Staub geſunken; der Pflug iſt uͤber das Feld von Waterloo gegangen und Herbſt nach Herbſt ſchimmerte die Ernte uͤber dieſem Grabe eines Reiches. Ueber den unermeßlichen Ocean des allgemeinen Wechſels blicken wir zuruͤck auf die einzelne Furche, die unſer gebrechliches Boot uͤber die Waſſerwuͤſte gezogen hat. Wie ein Stern gleichmaͤßig auf den ganzen grenzenloſen Plan niederglaͤnzt, ob er gleich Jedes Auge nur eine einzige gebrochene Linie zu vergolden ſcheint: ſo faͤllt auch, wenn wir auf die Vergangenheit zuruͤckſchauen, das Licht nicht auf den ganzen weiten Raum, wo Voͤlker kaͤmpften und Flotten ver⸗ ſanken, ſondern es erleuchtet nur den kleinen Pfad, den wir verfolgt haben: Wir ſchauen aus dem gebrechlichen Boote, das uns traͤgt, und ſehen nur die Strahlen ſich auf den wenigen Wellen ſpiegeln, die deſſen Kiel trennt. Auf der Terraſſe in Laughton vernimmt man nur einen ein⸗ ſamen Schritt. Die Gattin ſtuͤtzt ſich nicht mehr auf den Arm des Gatten. Obgleich bleich und angegriffen, iſt es doch noch immer daſſelbe ſanfte Geſicht; aber das Erroͤthen des liebenden Weibes iſt fur immer daraus entſchwunden. 6 Charles Vernon— um ihm den Namen zu laſſen, unter dem er uns am beſten bekannt iſt— ruht in der Gruft der St. Johns. Er hatte laͤnger gelebt, als er erwartet, laͤnger, als ſein Arzt gehofft hatte— und gluͤcklich und zufrieden in ruhigem und unſchul⸗ digem Genuß gelebt. Drei Soͤhne hatten ſein Haus geſegnet, um an ſeinem Grabe zu trauern. Aber die beiden aͤlteren waren zaͤrtlich und kraͤnklich. Sie uͤberlebten ihn nicht lange und ſtarben beide in einem Jahre. Der dritte ſchien aus einem andern Stoff als ſeine Bruͤder gebildet zu ſein. Er ſollte den alten Edelſitz Laughton erben und gab Hoffnung, ſich lange ſeines Beſitzes zu erfreuen. Vernon's Wittwe iſt es, die wir einſam auf der Terraſſe wandeln 1 ſehen; immer noch bekuͤmmert, denn ſie liebte mit Inbrunſt den Er⸗ waͤhlten ihrer Jugend, und noch vermißt ſie die Kinder, die ihr der Tod geraubt; von Vernon's Todestage an trauerte ſie aͤußerlich und N im Herzen; und die Pruͤfungen, die ſpaͤter kamen, brachen das zer⸗ knickte Rohr noch mehr;— noch bekuͤmmert, aber reſignirt. Ein Sohn lebt noch, und die Erde hat für ſie noch die unruhigen Hoffnungen und Aengſte der Liebe. Und iſt dieſer Sohn auch fern, in ſcherzender Freude oder ernſtem Wirken fuͤr ſeine Beſtimmung als Menſch, ſo wandelt ſie doch weniger einſam als es ſcheint. Wenn wandelte des Sohnes Bild nicht neben der Mutter 2 Ob ſie auch in Zuruͤckgezogen⸗ heit lebt, ob die heitere Welt ſie auch nicht mehr lockt, ſo lebt doch die heitere Welt in ihren Gedanken. Aus der Ferne hoͤrt ſie ihr Geraͤuſch und ihre Harmonien. In der Einbildung miſcht ſie ſich noch 1. unter das Gewuͤhl und verfolgt Einen, der in ihren Augen alle An⸗ deren uͤberſtrahlt. Nie eitel in Bezug auf ſich, iſt ſie es jetzt auf ei⸗ nen Andern; und die kleinen Triumphe des Juͤnglings gelten in den von Liebe getaͤuſchten Augen als Ruhmestrophaͤen. In dem altmodiſchen Staͤdtchen regt ſich immer noch geſchaͤftiges Leben; immer noch, am Haupttage der Woche, öffnet und ſchließt ſich jede Minute die Thuͤr des Bankiers, aber die Namen auf dem Schilde haben ſich zum Theil veraͤndert. Der juͤngere Aſſocie ſttzt nicht mehr 4 beſchaͤftigt am Pulte; er iſt nicht ganz vergeſſen— wenn man ſeinen Namen nennt, ſo geſchieht es nicht mit Dankbarkeit und Lob. Ein Etwas haftet an ſeinem Namen— das Etwas, welches befleckt und ſchaͤndet— nicht erwieſen, nicht gewiß, aber geargwoͤhnt und moͤg⸗ lich. Man ſchuͤttelt den Kopf, man fluͤſtert— und der Attorney wohnt in dem ſtattlichen rothen Hauſe am aͤußerſten Ende der Stadt. Auch im Pfarrhaus iſt die Zeit nicht muͤßig geweſen. Immer noch uͤber griechiſchen Schriftſtellern bruͤtend, wenig veraͤndert, nur daß ſein Haar grau iſt und einige Furchen auf ſeinem freundlichen Geſicht die Hand des Kummers und der Jahre verrathen, ſitzt der Pfarrer in ſeiner Stube, aber zwiſchen den raſchelnden Spalieren ſpringen keine Kinder mit heller Stimme und rothen Wangen mehr herum. Dieſe Kinder, jetzt ernſte Maͤnner oder geſetzte Matronen, (3außer einer, die der Tod ſich auserlas, und daher jetzt von Allen die geliebteſte) ſtehen auf ihren Poſten in der Welt. Die Jungen ſind aus dem Neſte geflogen und ſuchen jetzt ſelbſt, hier und dort, Futter für ihre Jungen. Aber die helle Stimme und die Roſenwange des Kindes iſt Nen dasjenige, was der haͤusliche Heerd am meiſten ver⸗ mißt. Von der Kindheit bis zur Reife, und von der Reife bis zu dem Tage des Auſchi iedes treten die Veraͤnderungen allmaͤlig und nicht unvorbereitet ein. Was am meiſten vermißt wird, iſt jene haͤusliche Hand, die Alles leitete und in Ordnung hielt. Dieſe Vorſehung in Kleinigkeiten, dieſes Verbindungsglied zwiſchen kleinen Intereſſen, dieſes liebe, ruͤhrige Weſen, bald zufrieden, bald klagend— auf gleiche Weiſe geliebt in jeder ſeiner Launen; dieſe thaͤtige Geſtalt, die kein eigenes Ich hat;— aber wie der Geiſt eines Dichters, ob⸗ gleich ſie in beſcheidenſter Proſa lebt, Anderen ein Ich einhaucht; dieſe Geſtalt mit ihrem Privilegium zu ſchelten und zu ſchmaͤlen;— denn das Motiv iſt klar: ſie liebt mit zu großer Innigkeit. Die Zim⸗ merthuͤr ſteht offen, der Weg im Garten geht immer noch vor der Schwelle vorbei; aber kein Schritt iſt mehr vollberechtigt an der Thuͤr ſtehen zu bleiben und das ernſte Nachdenken uͤber griechiſche Autoren . 8 zu ſtoͤren;— kein Geplauder uͤber Wirthſchaftsſorgen und Erſpar⸗ niſſe darf in den Zorn der Medea hineinklingen. Dies Prototyp der Haͤuslichkeit iſt aus dem Hauſe verſchwunden; und vielleicht, wenn der gute Gelehrte abgeſpannt ſich unterbricht und in den ſtummen Garten hinausſieht, gaͤbe er mit Freuden Alles, was Athen von Aſchylus bis Plato hervorgebracht hat, hin, wenn er von den alten lieben Lippen wieder Klagen uͤber zerriſſene Jacken und ſtatiſtiſche Notizen uͤber Eier hoͤren koͤnnte! Aber wenn die Gattin auch todt iſt und die Kinder in der Fremde find, ſo iſt des Pfarrers Haus doch nicht ganz veroͤdet. Seht, dort auf demſelben Pfade, wo William Suſannens Furcht beſchwichtigte und ihr Jawort erlangte— welche Fee wandelt dort? Iſt es Su⸗ ſanna ſelbſt, wieder in ihrer jugendlichen Geſtalt? Wie aͤhnlich!— Doch, ſeht naͤher hin, und wie unaͤhnlich! Derſelbe reine, offene Blick— daſſelbe klare, helle Blau des Auges, daſſelbe Blond des Haares— hell, nicht braun— gedäͤmpfter, harmoniſcher als dieſe zwei⸗ deutige Farbe, die ſich zu ſehr dem Roth naͤhert. Aber wie viel bluͤhender und heiterer als bei Suſannen iſt dies herrliche Geſicht, auf dem Hebe's Götterlaͤcheln glaͤnzt— wie viel ſchwebender und elaſtiſcher der Tritt— wie viel runder, wenn auch noch zarter, dieſe ſchwel⸗ lenden Formen! Sie laͤchelt— chre Lippen bewegen ſich— ſie ſpricht mit ſich ſelbſt— ſie kann nie ganz ſtill ſein, ſelbſt wenn ſie allein iſt, denn die ſonnige Heiterkeit ihres Gemuͤths muß ſich, wie die eines Vogels, Luft machen. Aber gkaubt nicht, daß dieſe Heiterkeit eine Folge von Gedankenloſigkeit iſt; ſie entſteht mehr aus Gedanken⸗ tiefe, wie die Muſik der See von ihrer Tiefe herruͤhrt. Seht, wie ſie ſtillſteht und lauſcht, den Finger halb an den Mund gehoben, als jetzt durch das ſorglos⸗froͤhliche Conzert der Voͤgel ein ernſterer und gehaltener Ton klingt: die Nachtigall ſingt bei Tage— wie es manchmal, aber nur ſelten geſchieht, vielleicht weil ſie die Genoſſin beklagt, oder aus ihrem ſchattigen Verſteck einen Feind ihres Ge⸗ ſchlechts ſchleichen ſieht;— ſeht, wie jetzt bei dem leiſe klagenden ——— 9 Wirbel das Laͤcheln ſo ſchnell verſchwindet, und ein gedankenvoller Schatten ſich uͤber ihre Stirn ſtiehlt. Blos die myſtiſche Sympathie mit der Natur kann dies Laͤcheln oder dieſen Schatten des Ernſtes hervorrufen. In dieſem leichtbewegten Herzen wohnt das feine Ge⸗ fuͤhl des Dichters; die ausnehmende Empfindlichkeit der Nerven giebt ſolchen Gemuͤthern ihr frohes Leben und aus der Klarheit der Atmoſphaͤre kommt, waͤrmend und dem Aether verwandt, der Strahl dieſes Lichtes. Und iſt das Pfarrhaus jetzt Helene Mainwarings Vaterhaus ge⸗ worden? Hat der Tod ihr ihre natuͤrlichen Beſchuͤtzer geraubt? Hat ſich uͤber dieſen Geſtalten, die wir ſo jugendfriſch und jugendfroͤhlich auf derſelben Stelle ſahen, ſchon das Grab geſchloſſen? Schon!— Wie wenige erreichen das Alter des Pſalmiſten! Siebenundzwanzig Jahre ſind ſeit jenem Tage vergangen— wie oft haben ſich in dieſer Zeit die dunkeln Pforten vor Alt und Jung aufgethan! William Mainwaring ſtarb zuerſt, von Kummer zernagt und von Schande ge⸗ beugt; der Flecken auf ſeinem Namen hatte ihm das Herz vergiftet. Suſanne hatte ſo lange er lebte durch die ſtarke Kraft der Liebe und des Willens ſich aufrecht erhalten; ſie wollte nicht ſterben, denn wer ſollte ihn dann tröſten? Aber mit ſeinem Tode brach ihre Kraft zuſammen. Sie ſiechte noch drei Jahre lang hin; dann laͤchelte ſie, das erſte Mal nach Williams Tode— und das Laͤcheln blieb auf dem Antlitz der Leiche. Viele Pruͤfungen hatte dieſes junge Paar, das wir ſo gluͤcklich verlaſſen, erlebt! Erſt ſpaͤt in ihrer Ehe wurde ihnen ein ſuͤßer Troſt geboren. Er kam in der Zeit der Armuth, der Schmach und der Truͤbſal; und Mainwarings Stirn glaͤnzte nicht vor ſtolzer Freude, als ſie ihm ſeinen Erſtgeborenen in die Arme legten. In ihrem Teſta⸗ ment ſtellte die Wittwe Helenen unter die Vormundſchaft Mr. Fieldens und ihrer Schweſter: aber die letztere war im Auslande, ihre Adreſſe unbekannt und der Pfarrer hatte zwei Jahre lang die Waiſe unter ſeiner alleinigen Obhut. Sie war nicht ganz ohne Vermogen. Was Suſanne ihrem Gatten eingebracht hatte, war allerdings laͤngſt ver⸗ ——— 1 4. 1. E s. ſchwunden— verloren gegangen bei dem Schlage, der William Mainwa⸗ ings Namen und Zukunft vernichtet hatte— aber Helenens Groß⸗ 4„ vater, der Landvermeſſer, war einige Zeit nach dieſem Vorfall, kurz vor Williams Tode geſtorben. Er hatte ſeinem Sohne nie die ſeinem Namen zugefuͤgte Schmach vergeben, ihn ſeit jenem verhaͤngnißvollen ſgage nie unterſtuͤtzt, nicht einmal geſehen— aber er vermachte Hele⸗ Neen eine Summe von etwa 8000 Pfund, denn ſie wenigſtens war un⸗ ſchuldig. In Mr. Fieldens Augen war daher Helene eine reiche Erbin. Und wer aus ſeinem kleinen Kreis von Bekannten war gut genug fuͤr ſie, die ſo reich und zugleich ſo ſchoͤn war?— und auch gebildet, denn ihre Aeltern hatten in den letzten Jahren hauptſaͤchlich in Frank⸗ reich gelebt, und dort werden Sprachen leicht erlernt und die Lehrer ſind billig. Mr. Fielden kannte nur Einen, den die Vorſehung eben⸗ falls ſeiner Obhut anvertraut hatte, den vermeintlichen Sohn ſeines Zoͤglings Ardworth; aber obgleich die beiden jungen Leute eine zaͤrt⸗ liche Zuneigung zu einander fuͤhlten, ſo trug dieſe doch zu ſehr den Charakter der Geſchwiſterliebe, als daß Mr. Fielden beſondern Grund zu Beſorgniſſen oder Hoffnungen haͤtte haben können. Vom Fenſter aus beobachtete der Pfarrer einige Secunden lang die lauſchende Stellung der Waiſe, dann ſchob er ſeine Buͤcher bei Seite, ſtand auf und naͤherte ſich ihr, Bei dem Schall ſeiner Tritte erwachte ſie aus ihrer Traͤumerei und ſprang ihm leichtfuͤßig entgegen. „Oh, Sie wollten mich nicht eher ſehen!“ ſagte ſie mit einer Stimme, in der ſich ein ganz leiſer Anklang eines fremden Aeccents, das Land verrathend, in dem ſie ihre Kindheit verlebt hatte, vernehmen ließ—„ichngukte zweimal zum Fenſter hinein. Ich wollte ſo gern mit Ihnen in's Dorf gehen.“„Aber jetzt kommen Sie— nicht war?“ fuͤgte ſie ſchmeichelnd hinzu, indem ſie unter ihrem Strohhut hervor zu ihm hinaufblickte. „Und was willſt Du im Dorfe, liebe Helene?“ „„Nun, Sie wiſſen ja, es iſt Jahrmarkt, und Sie verſprachen der Beſſie eine— von mir gar nicht zu ſprechen.“ 11 „Es iſt wahr; ich muß einmal hinſehen; das haͤlt die armen Leute mit vom Trinken ab. Ein Geiſtlicher ſollte ſich an Feſttagen unter ſeine Kirchkinder miſchen. Wir duͤrfen unſer Amt nicht blos mit Schmerz und Krankheiten und Predigten in Verbindung bringen. Wir wollen gehen. Und was fuͤr eine Meſſe wirſt Du Dir kaufen?“ „O, etwas ſehr ſchoͤnes, das ſollen Sie ſehen! Ich habe mir ein gar großartiges Bild von einem Jahrmarkt gemacht. Sicherlich wird es etwas Aehnliches ſein wie die Bazars, von denen ich geſtern in dieſer reizenden„Reiſe im Orient“ las.“ Der Geiſtliche laͤchelte, halb freundlich, halb beſorgt.„Liebes Kind,“ ſagte er,„es ſieht Dir ſo aͤhnlich, Dir einen Dorfjahrmarkt wie einen Bazar zu denken. Wenn Du die Sachen immer nur mit dem Auge der Phantaſie betrachteſt, wie bitter wirſt Du Dich dann in dieſer nuͤchternen Welt getaͤuſcht ſehen!“ „Es iſt nicht meine Schuld— ne me grondez pas, méchant“ — antwortete Helene und ſenkte den Kopf.„Wenigſtens muͤſſen Sie aber doch zugeben, daß, wenn ich meine Romantik, wie Sie es nennen, dann und wann mit mir durchgehen laſſe, ich mich dennoch mit der Wirklichkeit begnuͤgen kann. Was, Sie ſchuͤtteln immer noch den Kopf! Denken Sie nicht an den Sperling?“ „Ha! Ha! ja— der Sperling, den der Hauſierer Dir fuͤr einen Gimpel verkaufte; und Du bildeteſt Dir ſo viel auf Deinen Kauf ein, und wunderteſt Dich, daß Du den Gimpel nicht zum Pfeifen bewegen konnteſt, bis endlich die Farbe abging und ein armer Sperling zu Tage kam!“ „Nur weiter! Koͤnnen Sie ſagen, daß ich mich beklagt haͤtte? Freute ich mich nicht ebenſo uͤber meinen Sperling, als ob es der huͤb⸗ ſcheſte Gimpel von der Welt waͤre? Und folgt mir nicht der Sper⸗ ling uͤberall hin und ſetzt ſich auf meine Achſel, das liebe Thier?2 Und ich hatte doch Recht; denn wenn ich ihn nicht fuͤr einen Gimpel ge⸗ halten haͤtte, ſo haͤtte ich ihn vielleicht gar nicht gekaut. Aber jetzt nehme ich keinen Gimpel daffi— nein, nicht einmal die Nachtigall, — 4 12 die eben ſang. So laſſen Sie mich immer in der Einbildung aus dem armſeligen Jahrmarkt einen Bazar machen; es iſt ein doppelter Ge⸗ nuß, ſich erſt den Bazar zu denken und dann von dem Jahrmarkt uͤber⸗ raſcht zu werden.“ „Du vertheidigſt Dich gut“, ſagte der Geiſtliche, wie ſie jetzt in das Dorf traten.„Ich glaube wahrhaftig, Du wuͤrdeſt Dich trotz Dei⸗ ner Neigung fuͤr Poeſie und Goldſmith und Cooper eben ſo eifrig mit Mathematik beſchaͤftigen wie Dein Vetter John Ardworth, der arme Burſche!“ „Gewiß nicht, wenn die Mathematik ihn ſo ernſt gemacht hat— und boͤs haͤtte ich faſt geſagt— aber damit thaͤte ich ihm unrecht. Der liebe Vetter— ſo gut und ſo rauh!“ „Nicht die Mathematik traͤgt die Schuld, wenn er ernſt und ver⸗ ſchloſſen iſt“, ſagte der Vicar mit einem Seufzer;„es ſind die zwei Leiden, die am ſchmerzlichſten brennen— Armuth und Ehrgeiz“. „O, ſeufzen Sie nicht: es muß ein ſchoͤnes Gefuͤhl ſein zu wiſſen wie er, daß man endlich obſiegen muß!“ „Hm!— John muß jetzt bald in London ſein“, ſagte Mr. Fiel⸗ den,„denn er iſt ein tuͤchtiger Fußgaͤnger und heut ſind es ſchon zwei Tage, daß er fort iſt. Jetzt, wo er nun bald zur Advokatur gelangt, wird hoffentlich ſein Fieber nachlaſſen und er gelaſſen und ruhig ar⸗ beiten. Er hat mir bei ſeinem letzten Beſuch viel Sorgen gemacht.“ „Sorgen! Warum?“ „Erinnerſt Du Dich wohl an die Stelle aus Sir William Temple, die ich Euch am Abend vor Johns Abreiſe vorlas?“ Helene legte die Hand auf die Stirn und erwiderte mit einer Raſch⸗ heit, die ein eben ſo klares wie kraͤftiges Gedaͤchtniß verrieth:„Ja, war es nicht ſo— die Worte weiß ich vielleicht nicht ganz genan— „Etwas haben wollen, was wir nicht haben, und etwas ſein wollen, was wir nicht ſind, iſt die Wurzel alles Uebels.“ „Gut hehalten, liebe Tochter!“ „Abert, ſagte Helene ſchalkhaft,„ich weiß auch, was der Vetter 13 darauf erwiderte—„Wenn Sir William Temple dieſe Theorie be⸗ folgt haͤtte, ſo waͤre er weder Geſandter im Haag, noch—“ „Bah! der Knabe iſt mit ſolchen Antworten immer gleich da“, unterbrach ſie Mr. Fielden etwas aͤrgerlich.„Da ſind wir auf dem Jahrmarkt; mehr fuͤr Dich gemacht, wie ich ſehe, als Sir William Temple's Philoſophie.“ Und Helene hatte Recht— der Jahrmarkt war kein orientaliſcher Ba⸗ zar, aber dennoch, wie freute ſich dieſes jugendliche, empfaͤngliche Ge⸗ muͤth! Die Schaukeln und die Carruſels, die Schaubuden und Bilder, ſelbſt hinab bis zu goldigen Koͤnigen und Koͤniginnen aus Pfefferkuchen. Alle echtpoetiſchen Gemuͤther fuͤhlen ſich von Bewegung lebhaft ange⸗ zogen, das heißt von der Lebendigkeit einer großen Anzahl. Iſt dieſe Bewegung aufrichtig froͤhlich, wie auf einem Dorffeſttage, ſo geht auf eine ſolche Natur die Froͤhlichkeit unmerklich uͤber. Aber iſt die Bewegung eine falſche und angenommene Heiterkeit, wie auf einem vornehmen Ball, wo das theilnahmloſe Geſicht und der ſchlaͤfrige Schritt mit dem offenbaren Zweck des Tages in Disharmonie ſtehen, dann fuͤhlt ſich eine ſolche Natur unbehaglich und niedergeſchlagen. Daher werden alle zarteren und idealeren Geiſter des einfoͤrmigen Kreislaufs deſſen, was man Vergnuͤgungen der vornehmen Welt nennt, bald unausſprechlich uͤberdruͤſſig. Daher wuͤrde die Perſon gerade, die ſich uͤber einen Tanz im Gruͤnen am meiſten freut, auf den Almaksbaͤllen ſich langweilen. Nicht etwa, weil der Schau⸗ platz der einen Scene ein Raſenplatz im Dorfe, und der der andern ein Saal in Kingſtreet iſt; auch nicht, weil die Handelnden dort dem niedern Volke, hier der vornehmen Claſſe angehoren, ſondern ledig⸗ lich, weil die Freude bei den Einen ſichtbar und herzlich, bei den An⸗ dern blos ein hohler Vorwand iſt. Helene glaubte, es ſeien die Schaukeln und Buden, die in ihr dieſe unſchuldige Freude hervorriefen — es war nicht an dem; es war die unbewußte Sympathie mit der ſie umgebenden Menge. Wenn die poetiſche Natur das Reich ihrer Traͤume verlaͤßt und ſich in die wirkliche Welt begiebt, ſo verſchmilzt 4 *† K — 1 2 ht 1 A ₰ 4 14 ſie mit den Seelen und Gedanken Andrer. Die beiden Schwingen der Kraft, welche wir Genie nennen, ſind Schwaͤrmerei und Sym⸗ pathie. Aber Helene dachte nicht daran, daß ſie genial ſei. Mochte ſie den Schmetterling jagen, oder zaͤrtlich zu ihren Voͤgeln plaudern, oder mit ernſtſinnendem Auge beobachten, wie die Sterne hervor⸗ traten, und die dunkeln Fichten allmaͤlig von ihrem Silberlichte er⸗ glaͤnzten; mochte ſie mit fantaſtiſchen Traͤumen und glaͤubigem Er⸗ ſtaunen ſich in die Wundergeſchichten Mirglips oder Aladdins ver⸗ tiefen, oder mit andachtvollem Schauer dem wilden Schmerze Lears lauſchen, ſo gab ſie nur dem wahren und wechſelnden Impulſe in jeder Veraͤnderung ihres beweglichen Gemüͤths nach, und haͤtte mit echter Demuth den Launen der Kindheit das raſche Mitempfinden von Froͤhlichkeit, das ſchnellwechſelnde Spiel der Phantaſie, mit dem die Natur das lebhafte Gefuͤhl des Genies an ſich feſſelt, zuge⸗ ſchrieben. Waͤhrend Helene, auf des Geiſtlichen Arm geſtützt, ſich der un⸗ ſchuldigen Aufregung des Augenblicks uͤberließ, und der Pfarrer freundlich ſeinen Kirchkindern zunickte, oder ſtehen blieb, um ein leutſeliges Wort zu ſprechen mit den Juͤngſten oder den Aelteſten(dieſe beiden aͤußerſten Stadien der Menſchheit, welche die Kirche ſo liebe⸗ voll vereint) von denen, welche der Jahrmarkt, in ſeinen verlockenden Wirbel mit fortzog, trat ein ſtruppelkoͤpfiger Burſche mit einer leder⸗ nen Taſche aus einer der Pfefferkuchenbuden und ſagte, indem er an den Hut griff, zu dem Pfarrer, er habe einen Brief fuͤr ihn. Des Pfarrers Kreis von Correſpondenten war klein, trotz des entfernten Wohnorts ſeiner Kinder, denn bis vor wenigen Jahren waren Briefe fuͤr Perſonen von knappem Auskommen ein koſtbarer Lurus und daher erregte der jugendliche Brieftraͤger, der den Poſt⸗ dienſt zwiſchen der naͤchſten Stadt und dem Dorf beſorgte, in ſeiner Bruſt nicht die Entruͤſtung uͤber ſein langes Zoͤgern, die ein Anderer, den die Poſt regelmaͤßiger verſorgt, gefühlt haͤtte. Er nahm den Brief und bezahlte ihn mit einem Seufzer der Sparſamkeit, als er 15 die ihm fremde Hand der Adreſſe betrachtete— vielleicht von einem geiſtlichen Collegen, noch aͤrmer als er. Dies war jedoch kein zum Briefeleſen geeigneter Ort, und er ſteckte die Depeſche in die Taſche, bis Helene, die es ihm anſah, daß er des Gewuͤhls muͤde war, ihm vorſchlug, nach Hauſe zu gehen. Als ſie halbwegs zu einem Steg gelangten, erinnerte ſich Mr. Fielden an ſeinen Brief, zog ihn hervor und ſetzte ſeine Brille auf. Helene beugte ſich uͤber den Raſen, um Veilchen zu ſuchen, waͤhrend ſich der Geiſtliche auf den Steg ſetzte. Als er die Adreſſe wieder anſah, ſchien die ihm anfangs fremde Hand allmaͤlig ſeiner Erinnerung naͤher zu treten. Dieſe kraͤftige, feſte Hand, zart und fein wie die einer Frau, aber groß und regelmaͤßig wie die eines Mannes— war zu eigenthuͤmlich, um ver⸗ geſſen zu werden. Er ließ einen Laut der Ueberraſchung und des Erkennens vernehmen und erbrach haſtig das Siegel. Der Inhalt war folgender: „Geehrter Herr, „So viel Jahre ſind verfloſſen, ſeitdem wir Briefe mit einander gewechſelt haben, daß der Name Lucretia Dalibard Ihnen fremder erſcheinen wird, als Lucretia Clavering. Ich bin vor kurzem nach langer Abweſenheit nach England zuruckgekehrt. Aus meiner ver⸗ ſtorbenen Schweſter Teſtament erſehe ich, daß ſte ihre einzige Tochter unter unſere gemeinſchaftliche Vormundſchaft geſtellt hat. Ich wuͤnſche jetzt ſehnlich, an der Ausuͤbung dieſes Amtes T heil zu nehmen. Ich ſtehe allein in der Welt und bin ſeit laͤngerer Zeit leidend, da mich ein Schlagfluß des Gebrauchs meiner Gliedmaßen beraubt. Unter ſolchen Umſtaͤnden iſt es um ſo natuͤrlicher, wenn ich der einzigen Verwandten, die mir noch uͤbrig iſt, gedenke. Meine Reiſe nach England hat mich ſo erſchöpft und alle Bewegung macht mir ſo viel Schmerzen, daß ich Sie bitten muß, mir zu verzeihen, wenn ich meine Nichte nicht ſelbſt abhole. Ich bin jedoch uͤberzeugt, daß Ihre Guͤte Sie antreiben wird, mir den Troſt ihrer Geſellſchaft zu verſchaffen, ſobald Sie nur die geeigneten Anordnungen fuͤr die Reiſe getroffen 16 haben. Indem ich Sie bitte, Helenen in meinem Namen die Ver⸗ ſicherung zu geben, daß ich ſie ſo empfangen werde, wie ich es dem Kinde meiner Schweſter ſchuldig bin, und indem ich mit Ungeduld Ihrer Antwort entgegenſehe, empfehle ich mich Ihnen als Ihre ergebenſte Dienerin Lucretia Dalibard.“ „P. S. Ich kann kaum wagen, Sie zu bitten, Helenen ſelbſt nach der Stadt zu bringen, aber ich wuͤrde mich freuen, wenn Sie, durch andere Beweggruͤnde zu dieſer Reiſe veranlaßt, mir Gelegen⸗ heit gaͤben, Sie wieder einmal zu ſehen. Ich wuͤnſchte außer den Einzelnheiten uͤber meine Schweſter, die Sie mir wahrſcheinlich er⸗ zaͤhlen koͤnnen, etwas von dem Schickſal ihres Verwandten Mr. Ard⸗ worth zu wiſſen, fuͤr den ich mich vor Zeiten intereſſirte und der, wie ich neuerdings erfuhr, ein Kind, angeblich ſeinen Sohn, unter ih⸗ rer Obhut ließ. Wie viel muß ich nach ſo langer Abweſenheit von England nachholen und wie wenig erzählen uns die bloßen Grab⸗ ſteine von den Todten!“ Waͤhrend der Geiſtliche ſich in dieſen unerwarteten und unwill⸗ kommenen Brief vertieft, und Helene, wie die blumenpfluͤckende Toch⸗ ter der Ceres, als der Fuͤrſt des Orkus nahte, nicht ahnend, welche ſchreckliche Geſtalt in ihr Schickſal eingreifen ſollte, immer noch auf dem veilchenduftenden Raſen kniet, wenden wir uns dahin, wo die neue Generation unſere Blicke auf ſich zieht, und knuͤpfen Bekannt⸗ ſchaft mit zwei neuen mithandelnden Perſonen in unſerm Drama an. *****† 83 ** †**†** †* † †*†* Die Briſchke hielt ſtill. Der Bediente, der ſich allmaͤlig Vor⸗ rath von gegenwaͤrtigem Staub und zukuͤnftigem Rheumatismus auf der„ſchlimmen Hoͤhe“ des Hinterſitzes geſammelt, ſprang herab und offnete die Thuͤr. 17 „Hier iſt der beſte Punkt für die Ausſicht, Sir— ein wenig rechts.“ Pereival St. John warf ſein Buch weg(es war ein Band Rei⸗ ſen), pfiff einem Wachtelhund, der neben ihm ſchlief, und ſtieg aus. Leicht war der Schritt des Juͤnglings und luſtig das Gebell des Hun⸗ des, wie er den erſchreckten Sperling von der Straße jagte, daß er hoch in die Luft hinaufflog— Beide Lieblinge der Natur, der Juͤng⸗ ling und der Hund! Man brauchte blos einen Blick auf Percival St. John zu werfen, um zu wiſſen, daß er zu dem Geſchlechte gehoͤrte, das nicht arbei⸗ tet; ſein ſicherer Gang verrieth feſtes Vertrauen auf das freundliche Laͤcheln der Welt. Keine Sorge fuͤr das Morgen truͤbte das kuͤhne Auge und den friſchen Glanz. Er war von Mittelgroͤße— ſeine zarte noch unentwickelte Geſtalt ſchien noch im Wuchs begriffen zu ſein— der keimende Bart malte einen ſchwachen Schatten auf die etwas gebraͤunte, obgleich von Na⸗ tur weiße Wange, waͤhrend die rabenſchwarzen Locken im Winde ſpielten. Sein ganzes Weſen zeigt den unbeſchreiblichen Reiz gluͤcklicher Ju⸗ gend. Dem Anſchein nach war er kaum ſechszehn, in der That aber vier Jahr aͤlter; doch ohne ſeinen feſten aber ſorgloſen Tritt, und die freie Furchtloſigkeit ſeines Auges haͤtte man ihn faſt fuͤr ein Maͤd⸗ chen in Maͤnnerkleidern gehalten, nicht wegen weibiſchen Anſehns, ſon⸗ dern wegen ſeines bluͤhenden Jugendglanzes und der unverkennbaren Freiheit von den Sorgen und Suͤnden des Mannes. Ein ſchoͤne⸗ res Bild eines dem Leben entgegenreifenden offenen Juͤnglings floͤßte nie dem Auge des halb neidiſchen, halb bemitleidenden Zuſchauers freundliche und doch melancholiſche Theilnahme ein.— „Das iſt alſo London!“ ſagte ſich Percival St. John.„O, daß ein hinkender Teufel vor meinen Augen die Daͤcher dieſer fernen Haͤu⸗ ſer wegnaͤhme und mir die Freuden zeugte, die ſich darunter verber⸗ gen!— O, welch' lange Briefe werde ich nach Hauſe zu ſchreiben haben!— Wie der gute Capitaͤn daruͤber lachen wird, und wie Bulwer, Lucretia. III. 2 meine liebe gute Mutter ihre Arbeit aus der Hand legen wird! Das Vaterhaus! Hm— ich vermiſſe es ſchon. Wie fremd und unheim⸗ lich Einen die Rieſenſtadt anſieht!“ Er ließ den Handſchuh fallen und ſein Hund zerriß ihn ſpielend in Stuͤcken. Der Juͤngling lachte, warf ſich auf den Raſen und ſpielte froͤhlich mit dem Hunde. „Pfui, Beau, pfui; Handſchuhe ſind unverdaulich. Zaͤhme deinen Hunger, und wir wollen zuſammen im Clarendon fruͤhſtuͤcken.“ In dieſem Augenblicke langte auf demſelben Raſenflecke ein Fuß⸗ nder an, einige Jahre aͤlter als Percival St. John, ein hochge⸗ wachſener, muskuloͤſer, ſtarkknochiger, ſtaubbedeckter, muͤder Fuß⸗ reiſender— ein Fußreiſender im vollen Ernſte, kein Dilettant in modiſchem Sommeranzuge, der den Wagen hinter ſich herfahren laͤßt und ein Stuͤck Wegs mit der Angelruthe auf der Schulter geht, ſon⸗ dern ein kraͤftiger Wanderer mit dicken Schuhen und ſtegloſen Hoſen, einem fadenſcheinigen Rock und dem Raͤnzel auf dem Ruͤcken. Und dennoch verrieth das Weſen des jungen Mannes den Gentleman; ie man dies Wort in St. Jamesſtreet verſteht, den reiſe nicht in dem Sinne, w Gentleman der adligen und unbeſchaͤftigten Welt, ſondern wie man aus Hoͤflichkeit dieſen Titel Allen beilegt, denen Erziehung und Ver⸗ kehr mit gebildeten Leuten einen Anſpruch darauf und einen Anſtrich von Verfeinerung giebt. Der neue Ankömmling war kraͤftig gebaut, hager und groß, viel kraͤftiger als Percival St. John, aber ohne deſſen geſunde Friſche. Sein Geſicht zeigte nicht die bluͤhende Farbe, die ſolche Korperkraft haͤtte begleiten ſollen; es war bleich, jedoch nicht krankhaft: der Ausdruck ernſt, die Zuͤge ſtark ausgepraͤgt. Neben ihm ſchlich muͤd' ein duͤrrer, gelblicher Schottiſcher Dachshund. Beau ſprang unter den liebkoſenden Haͤnden ſeines Herrn auf, legte ſeinen huͤbſchen Kopf ein wenig auf die Seite und hob in ſtummer Erwar⸗ tung die rechte Vorderpfote. Percival warf uͤber ſeine linke Schul⸗ ter einen achtloſen Blick auf den Fremden. Letzterer beachtete weder Beau noch Pereival. Er warf das Torniſter auf den Boden und der Dachs ſank darauf nieder und rollte ſich in eine Kugel zuſammen. Der Wanderer ſchlug die Arme feſt uͤber idie Bruſt zuſammen, ſtieß einen kurzen, unruhigen Seufzer aus, und warf auf die Rieſenſtadt einen ſo ernſten, forſchenden, ſo von unbeſchreiblicher, unermuͤdlicher, entſchloſſener Kraft erfuͤllten Blick, daß Percival, aufgeſtoͤrt aus ſeiner heitern Gleichgiltigkeit, aufſtand und den Fremden mit neugieriger Theilnahme betrachtete. Unterdeſſen war Beau zu dem miſanthropiſchen Dachs herange gangen, und nachdem er ihn dreimal mit einem Blick und einem leiſen Schniffel voll koſtbarſter Unverſchaͤmtheit umkreiſt hatte, blieb er mit großer Ruhe ſtehen, hob das hintere Bein in die Hoͤhe und— O Beau, Beau, Beau! Dein Geſchichtsſchreiber erroͤthet uͤber deine Lebensart, und laͤßt wie Sternes die T haten der Menſchen verzeich⸗ nender Engel eine Thraͤne auf den Fleck fallen, die ihn ausloͤſcht aus dem Buche— aber, ach! nicht von dem Ruͤcken des miſanthropiſchen Dachſes! Der Raum ringsum war groß, Beau. Die ganze Welt ſtand dir offen; warum ſuchteſt du dir fuͤr deine Beleidigung die ein⸗ zige Stelle aus, wo der Muͤde und Harmloſe ruhte? O, ekler Beau! — O, ekle Welt! Sagt Beide nur offen die Wahrheit. Es liegt etwas im Ruͤcken eines ſchaͤbigen Hundes, was unwiderſtehlich zur Beleidigung heraus fordert! Der arme Dachs, der Schmaͤhung gewohnt, öͤffnete die ſchweren Lider und ein Strahl gerechter Entruͤſtung ſchoß aus ſeinen Augen. Aber er regte ſich nicht und knurrte nicht und Beau, außerordentlich erfreut uͤber ſeine That, wedelte triumphirend mit dem Schwanze und kehrte zu ſeinem Herrn zuruͤck, vielleicht um nach der parlamen⸗ tariſchen Redensart„Bericht abzuſtatten, und um Erlaubniß zu fragen wieder ſitzen zu duͤrfen“. „Ich moͤchte doch wiſſen,“ ſagte Percival St. John,„an was dieſer arme Kerl denkt;— vielleicht iſt er wirklich arm!— ganz ge⸗ wiß, wenn man ihn genauer anſieht. Und ich ſo reich! Ich moͤchte faſt— hm,— wollen einmal ſehen, was fuͤr ein Menſch es iſt.“ 2* 20 Damit naͤherte ſich Percival ihm und ſagte mit der halb ver⸗ ſchämten, halb impertinenten Offenheit des Knabenalters:„Eine ſchoͤne Ausſicht, Sir!“ Der Wanderer fuhr auf, und warf einen raſchen Blick auf die glaͤnzende Geſtalt, die ihn anredete. Percival St. John ließ ſich durch ein finſteres Geſicht nicht einſchuͤchtern; aber dieſer Blick haͤtte einen erfahrenern Mann beſchaͤmen koͤnnen. Der Blick eines Squire auf einen Korngeſetzcommiſſaͤr, oder eines Crockforddandys auf einen plattirten Stutzer der Regentſtraße haͤtte nicht verachtungsvoller ſein koͤnnen. „Still!“ ſagte der Wanderer ſchroff und wendete ihm den Ruͤcken zu. Percival verfaͤrbte ſich, und, ſollen wir es ſagen? war noch Knabe geag, um die Fauſt zu ballen. Schwerlich haͤtte er ſich vor der Kraft dieſer langen Arme nnd der Breite dieſer herkuliſchen Bruſt gefuͤrchtet, waͤre er nur ſicher geweſen, ob es ſchicklich ſei, ein ſo un⸗ hoͤfliches Wort im kunſtgerechten Fauſtkampf zu raͤchen. Das „Still!“ verdroß ihn ſehr. Aber der Fremde, der jetzt auf der an⸗ dern Seite des Huͤgels ſtand, ſah ſo ruhig und in Gedanken verlo⸗ ren aus, daß der Aerger des Juͤnglings bald erſtarb. „Und eigentlich,“ brummte Percival vor ſich hin,„wuͤrde ich eben ſo ſtolz ſein wie er, wenn ich ſo arm waͤre. Doch es iſt ſeine Schuld, daß er zu Fuß nach London geht, waͤhrend ich ihn haͤtte mit⸗ nehmen koͤnnen. Komm, Beau!“ Das Geſicht immer noch etwas geroͤthet und den Hut unbewußt herausfordernd auf die Seite geſetzt, ging Percival langſam nach ſeiner Britſchka zuruͤck. Als der leichte Wagen, gezogen von vier Poſtpferden, in einer Staubwolke unten am Hugel verſchwand, ſah der Wanderer ihm einen Augenblick nach und ſprach vor ſich hin:„Ja, eine ſchöne Ausſicht fuͤr die Reichen— ein ſchoͤnes Feld fuͤr die Armen!“ Im Ton die⸗ ſer Worte lag unendlich viel; es ſprach ſich darin aus der Stolz, die 21 Hoffnung, die Energie, der Ehrgeiz, welche die Jugend arbeitſam, das Mannesalter gluͤcklich, das Alter beruͤhmt machen. Der Fremde warf ſich dann auf den Raſen, und ſetzte ſein ſtum— mes und forſchendes Beſchauen fort, bis die Wolken im Weſten ſich roͤtheten. Als er ſich dann erhob, ſtand er hochaufgerichtet mit glaͤnzendem Blick da, und ein Laͤcheln, das um ſeine feſten vollen Lip⸗ pen ſpielte, ſtahl den muͤrriſchen Ernſt von ſeinem Geſicht. Von neuem nahm John Ardworth das Naͤnzchen auf ſeine Schultern und wanderte entſchloſſen der Weltſtadt zu. Zweiter Theil. Erſtes Kapitel. Die Kroͤnung. Der achte September 1831 war ein Feſttag fuͤr London. Wil⸗ helm IV. empfing die Krone ſeiner Vorfahren in der gewaltigen Kirche, wo die Denkmale der Todten am eindringlichſten an die Nich⸗ tigkeit irdiſchen Prunkes erinnern; der Staub von Eroberern und Staatsmaͤnnern, von den weiſen Haͤuptern und kraͤftigen Haͤnden, welche einſt die Throne abgeſchiedener Koͤnige ſchuͤtzten, ruhte rings⸗ um; und die großen Maͤnner der Gegenwart umgaben huldigend den Monarchen, dem die Tapferkeit und die Freiheit von Generationen ein Reich geſchenkt hatte, in dem die Sonne nie untergeht. In der Abtei— wenig an die Vergangenheit oder an die Zukunft denkend— ſah die zahlloſe Menge mit geſpannter Theilnahme dem prunkvollen Schauſpiele zu, das nur einmal in dieſem Abſchnitt der Geſchichte, in der Lebenszeit eines Koͤnigs, ſtattfindet. Es war eine glaͤnzende 22 und impoſante Verſammlung. Die Gallerien glaͤnzten von dem Schmuck der Frauen, die immer noch den Ruhm der Schoͤnheit in Geſtalt und Antlitz, der von aͤlteſter Zeit her die große engliſche Race auszeichnet, aufrecht erhielten. Unten im Hermelinmantel und die Adelskrone auf der Stirn, ſtanden Maͤnner, die weder im Se⸗ nat noch auf dem Schlachtfeld ſich ihrer Ahnen unwuͤrdig gezeigt hatten. In Hoheit des Antlitzes und der Geſtalt von allen ausge⸗ zeichnet, bemerkte man die Bruͤder des Koͤnigs, waͤhrend man, noch oöfter von dem Blicke Aller aufgeſucht, hier das Adlerprofil des grei⸗ ſen Helden von Waterloo und dort die majeſtaͤtiſche Stirn des ſtol⸗ zen Staatsmanns gewahrte, der(waͤhrend der letzte der Bourbonen, den Waterloo wieder auf den Thron geſetzt, Scepter und Purpur dem ihm ſo verhaͤngnißvollen verwandten Hauſe uͤberlaſſen mußte) das Volk durch einen ſtuͤrmiſchen und gefaͤhrlichen Uebergang zu einer unbluti⸗ gen Revolution und einer neuen Verfaſſung fuͤhrte. In der ihnen zugewieſenen Abtheilung bewegten ſich Reihe uͤber Reihe die Mitglieder des Unterhauſes; in ihrer Seele verband ſich die Kroͤnung des neuen Herrſchers mit der großen Maßregel, die noch unentſchieden, etwa ein Band zwiſchen dem Volk und dem Koͤnig bildete; und gegen beide zwar nicht wirkliche Ariſtokratie, aber doch das von der Verfaſſung als ihr Vertreter anerkanntes Haus zuſam⸗ menſchaarte. Außerhalb war eine dichte Maſſe. Haͤuſer waren Balkon an Balkon,— Fenſter an Fenſter angefuͤllt, wie ein ungeheures Thea⸗ ter. Die lange Straße hinauf nach Whitehall erblickte das Auge die⸗ ſes Publikum— ein Volk; und der Blick war begrenzt von der Stelle, wo Karl I. aus dem Banketſaal auf das Schaffot geſchritten war. Die Feierlichkeit war voruͤber; der Zug war langſam vorbeige⸗ ſchritten; das letzte Hurra war erſtorben. Die dichtgedraͤngte Menge, nachdem ſie noch ein Weilchen den Redner Hunt, der das eiſerne Git⸗ ter unweit der Weſtminſterhalle erklimmt hatte, um ſeine behaͤbige Perſon im Hofkleid zu praͤſentiren, angegafft hatte, entfloh dem Re⸗ 23 gen, der ſich jetzt zur Unzeit ergoß, und theilte ſich in große Maſſen oder langgeſtreckte Colonnen. In dem Theile Londons, der gewiſſermaſſen eine Grenze zwiſchen ſeiner alten und ſeiner neuen Welt bildet, durch den wir auf der einen Seite nach Weſtminſter gelangen oder durch jene Oeffnung des Strand, die an endloſen Reihen von Laͤden, welche auf dem Platze der alten Palaͤſte der Buckinghams und Southamptons, der Salisburys und der Cxeters, vorbei in das Herz der City fuͤhrt, waͤhrend wir auf der an⸗ apirn Seite die Stadt der Ariſtokratie und Literatur, der Kunſt und A Mode erreichen, wo vordem der Jagdgrund von Marylebone und die binſenreichen Gewaͤſſer Pimlicos ſich befanden— auf dieſer Grenze (Jem Uebergang vom Opernhaus am untern Ende von Haymarket nach dem Anfang von Charingeroß), ſtand eine Perſon, deren unzufriedenes Geſicht in ſeltſamem Widerſpruch mit der allgemeinen Freude und Lebendigkeit des Tages ſtand. Dieſe Perſon, geneigte Leſer— dieſe muüͤrriſche, brummende, unzufriedene Perſon— war auch ein Koͤnig in ſeiner Weiſe! Niemand konnte das beſtreiten. Er fuͤrchtete keine Rebellen, ihm raubte keine Reform den Schlaf; er herrſchte ohne Miniſter. Werkzeuge hatte er; aber wenn ſie abgenutzt waren, erſetzte er ſie ohne Penſion und ohne Seufzer. Er lebte von Steuern,— aber ſie waren freiwillig; und ſeine Civilliſte wurde bewilligt, ohne die Bedingung Mißbraͤuche abzuſchaffen. Dennoch war dieſe Perſon zwar nicht abgeſetzt, aber doch ſuspendirt von ſeiner Herrſchaft fuͤr dieſen Tag. Er war bei Seite geſchoben; er war vergeſſen. Er zeich⸗ nete ſich nicht unter der Menge aus. Wie Titus hatte er einen Tag verloren— er hatte umſonſt gelebt. Dieſe Perſon war der Kehrmann des Uebergangs! Er war ein Original! Er war jung, in der ſchoͤnſten Bluͤthe der Ingend; aber das Geſicht eines alten Mannes ſaß auf den jungen Schultern. Sein Haar war laug, duͤnn und vor der Zeit mit Grau untermiſcht; ſein Geſicht bleich und tief gefurcht; ſeine hohlen Augen glotzten kalt und dumm unter den tiefhaͤngenden, dicken Brauen her⸗ vor. Von Geſtalt war er ſchwaͤchlich und ohne Anmuth und die ſchwa⸗ len Schultern waren beſtaͤndig gebeugt. Es war eine Geſtalt, die man einmal geſehen nicht leicht vergißt und an die man mit einem unbe⸗ ſtimmten, peinlichen Gefüͤhl zuruͤckdenkt. Sein Benehmen war be⸗ ſcheiden, aber nicht ſanft; die Stimme klagend, aber ohne Pathos. Sein Ausſehen zeigte eine duͤrftige, leidenſchaftsloſe Schlaͤfrigkeit, ob⸗ I gleich es zuweilen zu einer Art gierigen Schlauheit aufblitzte. Keiner wußte, wie dieſer Mann in die Welt gekommen war. Er war durch die Barmherzigkeit fremder Haͤnde erzogen, und hatte in verſtecktem Dunkel, Elend und Lumpen ſeine Kindheit verlebt; und war ploͤtzlich als Nachfolger eines alten verſtorbenen Negers an dem eintraͤglichen Uebergang erſchienen, wo er jetzt ſtand. Erziehung war ihm gaͤnzlich unbekannt und auch die Liebe. In jenen feſtlichen Hallen in St. Giles, wo der, welcher Londons Leben kennen leruen will, oft den Knaben, PS der fruͤh ſein Pferd hielt, des Abends froͤhlich mit ſeiner Erwaͤhlten 1 tanzen ſehen kann, war unſer Kehrmann von ſo ſpartaniſcher Strenge, wie Karl XII.1 Und der Arme hatte ſeine gute Seiten. Er hatte ein„ lebhaftes Gefuͤhl fuͤr Freundlichkeit— er hatte wenig genug erfah⸗ ren, um dieſe koͤſtliche Sache wegen ihrer Seltenheit nur noch mehr zu ſchaͤtzen!— und obgleich er das Geld liebte, konnte er es doch weg⸗ geben,(wir wollen nicht ſagen gern, aber doch weggeben), nicht fuͤr die einfache Armuth(denn er hatte ſelbſt zu ſehr gedarbt, und war gegen das Darben ſelbſt zu gleichgiltig geworden, um die Empfindungsfaͤhig⸗ keit zu beſitzen, die das Mitleid bedingt), aber jedem ſeiner Bekann⸗ ten, der ihm einen Dienſt geleiſtet oder nur die truͤbe Nacht ſeines Herzens mit einem freundlichen Laͤcheln erhellt hatte; er war ehrlich — ehrlich wie Keiner. Man konnte ihm Gold ungezäͤhlt anvertrauen! Durch den ſchwerfaͤlligen Erdenklos, den menſchliche Pflege nicht geformt, Buͤcher nicht belehrt, des Prieſters feierliches Wort nicht unterrichtet hatte, ſchimmerten doch ſchwache Strahlen aus der großen Vaterquelle der Gottheit. Er hatte keinen buͤrgerlichen Namen; niemand wußte, ob jemals Pathen bei der heiligen Taufe fur ſeine Suͤnden Buͤrgſchaft ———— 25 geleiſtet. Aber er hatte ſich ſelbſt den ſeltſamen, heidniſch klingenden Vornamen„Beck“ gegeben. So ſtand er da, anſcheinend ohne Eltern und Verwandte, ein einſames, darbendes, blutloſes Weſen, welches das große Ungeheuer London aus ſeinem Rieſenſchloß geboren zu haben ſchien— eins ſeiner ſiechen, elenden, ſkrophuloͤſen Kinder, die es in Pflege giebt bei der Armuth, in die Schule ſchickt bei dem Hun⸗ ger und ihnen zuletzt Steine giebt anſtatt des Brodes und die Wahl des Galgens oder des Duͤngerhaufens, wenn das verzweifelnde Kind von der Rieſenmutter Unterhalt und Obdach fordert! Und dieſes Geſchoͤpf liebte etwas— vielleicht ein Bruderge⸗ ſchoͤpf— davon ſpaͤter, wenn wir in die Geheimniſſe ſeiner Haͤuslich⸗ keit dringen. Unterdeſſen liebt er offen und frei ſeinen Uebergang; er war ſtolz auf ſeinen Uebergang; er war dankbar gegen ſeinen Ueber⸗ gang. Gott helfe dir, Sohn der Straße— warum nicht! Er ſtand im doppelten Verhaͤltniß mit ihm: er unterhielt den Uebergang, wenn der Uebergang ihn unterhielt. Er laͤchelte zuweilen vor ſich hin, wenn er ihn ſchoͤn und glaͤnzend inmitten des Kothes ringsum vor ſich lie⸗ gen ſah; er verlieh ihm das Gefuͤhl eines Beſitzes! Was ein Mann fuͤr ein ſchoͤnes Gut fuͤhlen kann, das fuͤhlte Beck fuͤr dieſen Iſthmus der Goſſe, der ſeinem Beſen unterworfen war! Die Kroͤnung hatte einen Unzufriedenen gemacht, als ſie den Kehr⸗ mann von ſeinem Uebergang wegdraͤngte. Er ſtand halb unter den Saͤulenreihen des Opernhauſes, als das Gewuͤhl jetzt ſchnell abnahm und ſich mehr zerſtreute, und als der letzte einer langen Reihe Wagen voruͤber war, brummte er hoͤrbar vor ſich hin: „'s wird viel koſten, ihn wieder in Ordnung zu bringen!“ „Du biſt heute da, Beck! ſagte ein zerlumpter Knabe, der, nach⸗ dem er ſich durch die geputzte Menge gedraͤngt, jetzt ſtehen blieb und ſich den Schweiß von der Stirn abwiſchte, waͤhrend er den Kehrmann anblickte. Wir gehen alle ſpazieren. Warum kommſt du nicht mit?— Ungeheurer Spaß heute!“ Der Kehrmann ſah den Buben grimmig an und antwortete nicht, ſondern fing an ſich eifrig mit ſeinem Uebergang zu beſchaͤftigen. „'s iſt ja kein einziger Kehrmann auf der Straße heut', Beck. 4 Seiner Majeſtät König Bills Kroͤnung macht uns Alle ſo gluͤcklich!“ „Sie hat ihn ſchrecklich ſchmutzig gemacht!“ erwiderte Beckund wies auf den Uebergang, der ſich kaum von der uͤbrigen Straße un⸗ 2 terſcheiden ließ. Der Andere lachte. „Aber wir kriegen jetzt die Reform, Beck. Das Volk ſoll zu 1 ſeinem Rechte und zu ſeiner Freiheit kommen, und die Lords werden abgeſchafft und Beefſteaks ſollen ein Penny das Pfund koſten, und—“ IT„Was wird das ihm nuͤtzen?“ „Aber denk doch, da wird das Ding umgedreht, und die Andern kehren den Uebergang und wir fahren in der Andern Kutſchen mit vier 8* Pferden— und warum? wir werden alle gleich ſein!“ „Gleich! Ich will die was ſagen, wenn du nicht aufhoͤrſt zu ſchwa⸗ tzen, kriegſt dn Pruͤgel, Joe— und warum? Ich bin der Staͤrkſte!“ 1 war Becks Antwort. Der luſtige Joe lachte laut auf, ſchnippte mit den Fingern, warf 1 ſeine zerlumpte Muͤtze mit einem Hurrah Koͤnig Bill! in die Luft, und eilte Aauchzend den Feſtlichkeiten zu, die Beck ſo grob verſchmaͤhte. Die Zeit verſtrich— es wurde allmaͤlig Abend und Beck ſtand immer noch an ſeinem Uebergang, als ein jugendlicher Reiter, der nach Ä dem Kroͤnungszuge einen kleinen Spazierritt in die Vorſtaͤdte gemacht M hatte, dicht am Uebergang anhielt, und wie er ſich nach Jemandem, 1 der ſein Pferd halten konnte, umſah, keinen undern dieſer Ehre Wuͤr⸗ digern entdecken konnte, als den einſamen Beck. So jung war der 29 Reiter, daß er faſt noch als Knabe erſchien. Auf ſeinem glatten Ge⸗ S ſicht hatte Alles, was in fruͤher Jugend am meiſten einnimmt, ſeinen 1 4 anmuthigen Stempel aufgepraͤgt. Ein frohliches und liebliches Laͤcheln umſpielte ſeine Lippen. Es lag ein eigner Reiz ſelbſt in einem ge⸗ wiſſen ungeduldigen Muthwillen in dem lebendigen Auge und den faſt ——Q—O.————— 27 unmerklich zuſammengezogenen zarten Brauen. Almavina haͤtte auf einen ſolchen Pagen wohl eiferſuͤchtig ſein duͤrfen! Er war das beau ideal Cherubins. Er winkte mit der Gerte dem Kehrmann. Folgt mir, ſagte er mit einem Tone, der ſelbſt das befehlende Wort ſanft klingen machte, ſo froͤhlich war das Spiel der Lippen und ſo ſilbern die Stimme; und ohne zu warten, galoppirte er langſam die Pallmall hinauf. Der Kehrmann warf einen traurigen Blick auf ſein oͤdes Gebiet. Aber er hatte heute wenig verdient, und die Gelegenheit war zu lock⸗ end, um nicht benutzt zu werden. Er ſeußzte, warf ſeinen Beſen auf die Schulter, und indem er vor ſich hinmurmelte, daß er vor dem Schla⸗ fengehen noch einmal kehren wolle, ſetzte er ſich in den ſchlenkernden Trab, der dieſen menſchlichen Schakals eigen iſt, die, wenn ſie ein⸗ mal einen Reiter ohne Bedienten entdeckt haben, ihn unermuͤdlich verfolgen, und im Augenblick, wo er abſteigt erſcheinen, wenn er es am wenigſten erwartet. Vor einem der Clubhaͤuſer in der St. Jamesſtraße ſchwang ſich der jugendliche Reiter leicht von ſeinem edlen, glatten Grau⸗ ſchimmel, klopfte des Pferdes Hals, warf dem Kehrmann den Zaum zu und trat pfeifend in das Haus— wenn nicht aus Mangel an Ge⸗ danken, jedenfalls aus Mangel an Sorgen. Als er in den Club trat, nickten ihm von einem Tiſch, wo ſie ſpeiſten, zwei oder drei Herren, noch jung, aber dem Ausſehen nach viel aͤlter als er, freundlich zu. „Ah, Perce,“ ſagte einer,„wir haben uns eben erſt geſetzt— hier iſt ein Platz fuͤr Sie.“ Der Juͤngling errothete ſchuͤchtern, indem er die Einladung an⸗ nahm, und die jungen Leute machten ihm mit einer freundlichen Be⸗ reitwilligkeit Platz, welche zeigte, daß dieſe Schuͤchternheit ſeiner Beliebtheit nicht hindernd in den Weg trat. „Wer iſt der junge Mann?“ ſagte ein aͤltlicher Dandy zu einem 6ʃG 28 Bekannten, mit dem er allein an einem Tiſch aß.„Man ſollte ſolche Knaben nicht im Club zulaſſen.“ „Es iſt der einzige noch lebende Sohn eines unſerer alten Freunde,“ erwiderte der Andere, und ließ ſein Augenglas ſinken, „der junge Percival St. John.“ „St. John, Was! Vernon! St. Johns Sohn?“ „Er hat nicht ſeines Vaters gutes Ausſehen. Dieſe jungen Bur⸗ ſche haben einen Ton— ein Etwas— einen Mangel an Selbſt⸗ bewußtſein, nicht?“ „Sehr wahr, die Sache iſt, das Percival fuͤr die Marine beſtimmt war, und ſogar ein oder zwei Jahre als Seekadett diente. Er war damals ein juͤngerer Sohn— der dritte, glaub' ich. Die zwei aͤltern ſtarben, und Maſter Percival kam zu dem Erbe. Ich glaube, er iſt noch nicht einmal muͤndig.“ „Muͤndig! Er kann noch nicht ſiebzehn ſein!“ „O, er iſt aͤlter! Ich kann mich ſeiner in der Jacke in Laughton erinnern. Eine ſchoͤne Beſitzung!“ „Ja, mich wundert's nicht, daß dieſe Burſche ſo hoͤflich gegen ihn ſind. Der Claret ſchmeckt nach dem Kork!— s iſt Alles ſo ſchlecht in dieſem verwuͤnſchten Club!— Kein Wunder, wenn man eine Heerde Knaben zulaͤßt! das genuͤgt allein einen Club zu ruiniren! — koͤnnen Laroſe nicht von Lafitte unterſcheiden, Kellner!“ Unterdeſſen war die Unterhaltung an dem Tiſche, wo Percival St. John ſaß, lebhaft, munter und mannichfaltig— die unbeſchaͤf⸗ Pferde, Kirch⸗ tigten Juͤnglingen gelaͤufigen Gegenſtäͤnde berührend: harmloſen e thurmrennen, Operntaͤnzerinnen, herrſchende Schoͤne, mit Witzen uͤber einander vermiſcht. In dieſem ganzen Geplauder zeich⸗ nete ſich Percival St. John’'s Unterhaltung durch eine naive Friſche aus, welche zeigte, daß das Leben noch fuͤr ihn den Reiz der Neuheit be⸗ ſaß. Er war unterrichteter über Pferde und Kirchthurmrennen, als uͤber Taͤnzerinnen und die Chronique scandaleuse der Stadt. Das 29 Geſpraͤch uͤber die letztern Gegenſtaͤnde ſchien ihn nicht zu intereſſiren; im Gegentheil, es verletzte ihn faſt. Schuͤchtern und verſchaͤmt wie ein Maͤdchen, erroͤthete er oder blickte abſeits, wenn ſeine verhaͤrte⸗ teren Freunde von Stelldicheins und Liebesabenteuern ſprachen. Leb⸗ haft, munter, und maͤnnlich in allen maͤnnlichen Punkten, waren doch die jungfraͤuliche Bluͤthe der Unſchuld noch erkennbar in ſeinem offnen, froͤhlichen Weſen. Haͤufig brach, aus Achtung vor ſeinem Zartgefuhl, der Lebemann ſeine Geſchichte ab, oder blieb die Pointe ſeiner Anek⸗ dote ſchuldig; und doch war Percival in ſeiner Gutherzigkeit, ſei⸗ ner Naivitaͤt, ſeiner bereitwilligen Theilnahme an jeder unſchuldigen Freude ſo liebenswuͤrdig, daß ſich ſeine Freunde des Zwanges, den er ihnen auferlegte, kaum bewußt waren. Dieſe luſtigen dunkeln Au⸗ gen, und dies muthwillige Laͤcheln reizte allein ſchon zu geſelliger Froͤhlichkeit an. Sie verbreiteten eine anſteckende Heiterkeit, die den Mangel von Verderbtheit erſetzt. Die Nacht war angebrochen. St. Johns Geſellſchafter waren allmaͤlig nach Hauſe gegangen, und Percival ſtand auf den Thuͤrſtu⸗ fen des Clubhauſes, entſchloſſen, ſich unter die Menſchenhaufen zu miſchen, die durch die Straßen ſtroͤmten, um ſich die Illumination an⸗ zuſehen, als er Beck mit dem Pferde gewahr wurde, den er ganz ver⸗ geſſen hatte. Mit einem Laͤcheln uͤber ſein ſchwaches Gedaͤchtniß druͤckte Percival ein Silberſtuͤck in Becks Hand— mehr, als Beck jemals fuͤr eine aͤhnliche Dienſtleiſtung erhalten— und ſagte: „Kann ich Euch wohl mein Pferd anvertrauen, um es nach Hauſe zu fuͤhren? No.—, der Marſtall hinter Curgonſtreet. Das arme Thier! es verlangt nach ſeinem Abendbrot— und Ihr wahrſchein⸗ lich auch!“ Beck laͤchelte— es war ein truͤbes„ hungriges Laͤcheln— und zupfte hoͤflich an ſeiner Stirnlocke— ich kann das Pferd wohl in Acht nehmen, Euer Ehren.“ „Nun, ſo fuͤhrt es hin, und gute Nacht; aber ſetzt Euch nicht darauf, wenn Euch Euer Leben lieb iſt.“ „O nein, Sir; ich ſetze mich nie darauf;'s liegt nicht in mei⸗ ner Art.“ Und Beck fuͤhrte langſam das Pferd durch das Gedraͤnge, bis er Percivals Augen entſchwand. In dieſem Moment blieb ein Voruͤbergehender, als er den Juͤng⸗ ling auf den Stufen des Clubhauſes erblickte, ſtehen, und ſagte froͤh⸗ lich:„Ah, wie geht's? Huͤbſche Geſichter in Unzahl giebt's heut' Nacht! Welchen Weg gehen Sie?“ „Das iſt mehr als ich ſelbſt weiß, Mr. Varney. Ich bedachte eben, noch welcher Seite ich gehen ſollte— rechts oder links.“ „So erlauben Sie mir Ihr Fuͤhrer zu ſein, und Varney bot ihm den Arm.“ Percival nahm ihn und beide ſchritten nach Pieccadilly zu. Manch freundlicher Blick von den Griſetten und Dienſtmaͤdchen, welche die Illumination auf die Straße gelockt, wurde mit ziemlicher Unpartei⸗ lichkeit bald St. John, bald ſeinem Gefaͤhrten zu Theil; aber ſie ver⸗ weilten laͤnger auf dem letztern, denn hier waren ſie wenigſtens einer Erwiederung ſicher. Varney, wenn auch nicht mehr in erſter Jugend⸗ bluͤte, ſtand in der Vollkraft des Lebens; und die Zeit hatte ihn ſo ſchonend behandelt, daß er noch alle perſoͤnlichen Vorzuͤge der Jugend beſaß. Sein Teint war noch friſch und rein, und da nur die Ober⸗ lippe von einem ſchwachen, ſeiden weichen, gutgepflegten Bart be⸗ deckt war, ſo vermehrten die runden Umriſſe ſeines Antlitzes noch ſein jugendliches Ausſehen. Lockig rollte ſein weiches Haar unter dem Hute hervor. Die gedrungene Geſtalt, geſchmeidig wie die eines Panthers, aber mit breiter Schulter und tiefer Bruſt verrieth die Zartheit und Gewandtheit des Juͤnglings neben der Muskelkraft des Mannes. Seine Tracht war etwas fantaſtiſch— zu anſpruchsvoll fuͤr den guten Geſchmack, der dem engliſchen Gentleman eigen iſt, und in ſeinem Gange ließ ſich ein Anflug von Geſpreiztheit entdecken, der einen Wunſch, Aufſehn zu machen, ein Bewußtſein perſoͤnlicher Vor⸗ zuͤge verrieth; kurz er war in Aeußerem und Benehmen etwas ganz 31 anderes als Percivals gewoͤhnliche Geſellſchafter; und doch wuͤrde ſelbſt der Tadelſuͤchtigſte unter ihnen nicht gewagt haben, Gabriel Varney„gemein“ zu nennen. Viele ſahen ihm nach: aber nicht weil ihm ſeine Tracht oder das Anſpruchsvolle ſeines Ganges auffiel:— ein Ausdruck ruͤckſichtsloſer, drohender Energie in ſeinem Geſicht, eine Andeutung von Kraft und Entſchloſſenheit ſelbſt in dieſem Gange, ſo geckenhaft er bei Andern erſchienen wäre, machte jede Bemerkung uͤber das Aeußere an der Neugier verſchwinden, wer dieſer Mann wohl ſein moͤchte. Er mußte ein Mann von Bedeutung ſein,— nicht durch ſeinen conventionellen Nang, ſondern durch die Kraft ſeiner eigenen Perſoͤnlichkeit, vielleicht ein Kuͤnſtler, ein Dichter, oder ein Offizier in auslaͤndiſchen Dienſten, aber jedenfalls ein Mann, den man ſich als beruͤhmt dachte. Aus der großen Maſſe der Menſchen trat er ſtets als ein Beſonderer deutlich und ſcharf hervor. „Ich fuͤhle mich zu Hauſe unter der Menge,“ ſagte Varney. „Verſtehen Sie mich?“ „Ich glaube,“ entgegnete Percival.„Wenn ich jemals be⸗ ruͤhmt werden ſollte, wuͤrde auch ich mich unter der Menge heimiſch fuͤhlen.“ „Sie ſind alſo ehrgeizig? Sie wollen beruͤhmt werden?“ frug Varney mit einem raſchen, forſchenden Blicke. Ein lebhafteres, ernſteres Feuer glaͤnzte bei dieſer Frage Var⸗ ney's in Pereival's Augen und eine maͤnnlichere Glut auf ſeiner Wange. Aber er zoͤgerte mit der Antwort; und als er endlich ſprach, geſchah es mit der gewoͤhnlichen Miſchung von anmuthiger Ver⸗ ſchaͤmtheit und heiterm Freimuth. „Unſer Emporkommen haͤngt nicht immer von uns ſelbſt ab. Wir ſind nicht Alle groß geboren, doch wird uns Allen die Groͤße aufge⸗ draͤngt. Shakeſpeare Hm.“ „Mit Ihrem Vermoͤgen kann man Alles werden, wenn man will,“ ſagte Varney mit einem Tone, aus dem der Neid klang. „Was, ein Maler wie Sie! Ha, ha!“ 32 „Gewiß,“ ſagte Varney,„wuͤrden Sie wenigſtens, wenn Sie uͤberhaupt malen koͤnnten, das beſitzen, was mir fehlt— Anſehen und Ruhm.“ Percival druͤckte aufmunternd Varney's Arm.„Muth! Es wird Ihnen eines Tages Gerechtigkeit werden!“ ſagte er. Varney ſchuͤttelte den Kopf.„Bah! Was man Gerechtigkeit nennt, giebt's gar nicht; Alle werden zu viel oder zu wenig geprie⸗ ſen. Koͤnnen Sie mir einen einzigen Mann nennen, den das Publi⸗ kum nach ſeinem wahren Werthe ſchaͤtzt? Und was die Popularitaͤt in der Gegenwart betrifft, ſo beruht ſie auf zwei Eigenſchaften, ver⸗ einigt oder getrennt— Feigheit und Charlatanerie; naͤmlich auf einem ſklaviſchen Eingehen auf den Geſchmack und die Stimmung des Augenblicks, oder auf marktſchreieriſchem Haſchen nach Origina⸗ litaͤt. Aber was langweile ich Sie mit ſolchen Sachen! Wir haben hier anziehende Gegenſtaͤnde vor uns. Ein ſchoͤner Fuß, nicht? Sie verzeihen mir— aber es iſt ſeltſam: Sie ſcheinen ſich wenig fuͤr das weibliche Geſchlecht zu intereſſiren?“ „O doch,“ ſagte Percival mit ſchalkhafter Ehrbarkeit.„Ich liebe zum Beiſpiel ſehr— meine Mutter.“ „Sehr lobenswerth und vortrefflich,“ ſagte Varney lachend; „und iſt damit Ihre Liebe zu dem weiblichen Geſchlecht zu Ende?“ „Nun ja, es kommt mir wahrhaftig ſo vor— ziemlich wenig⸗ ſtens. Sie wiſſen, daß meine Großmutter todt iſt! Aber das iſt wirk⸗ lich des Sehens werth!“ und Percival wies mit faſt kindlicher Freude auf eine Illumination, die ſich durch ihren Glanz vor andern aus⸗ zeichnete. „Wenn Sie majorenn werden, laſſen Sie gewiß alle Cedern in Laughton mit bunten Lampen behaͤngen. Wahrhaftig, Sie moͤchten mich einmal dorthin einladen. Ich ſaͤhe gern den Ort wieder.“ „Wenn ich nicht irre, ſagten Sie mir, daß Sie waͤhrend der Lebenszeit meines Vaters nie dort geweſen ſind?“ „Nie.“ „Aber Sie kannten ihn?“ „Nur wenig.“ „Und Sie haben nie meine Mutter geſehen?“ „Nein; aber ſie ſcheint einen ſolchen Einfluß auf Sie auszu⸗ uͤben, daß ſie gewiß eine ſehr ausgezeichnete Dame i ſtolz, nicht?“ „Stolz— nein! Das heißt, nicht grade ſtolz, denn ſie iſt ſehr ſanft und leutſelig. Aber doch—“ „Aber doch— Sie ſtocken— wuͤrde ſie Sie nicht gern mit Ga⸗ briel Varney, dem natuͤrlichen Sohne von Sir Miles Bibliothekar, Gabriel Varney dem Maler, Gabriel Varney dem Abenteurer, Arm in Arm durch Piceadilly gehen ſehen?“ „So lange Gabriel Varney ein Mann von unbeflecktem Cha⸗ rakter und unbefleckter Ehre iſt, wuͤrde ſich nur meine Mutter freuen, daß ich einen geſchickten und talentvollen Mann kenne, und nicht nach ſeinen Eltern und ſeiner Herkunft fragen. Aber meine Mutter wuͤrde trauern, wenn ſie mich vertraut faͤnde mit einem Bourbon und einem Rafael, der erſte in Rang und der erſte an Genie, wenn der Prinz und der Kuͤnſtler ſein adelig Schild geſchaͤndet haͤtte. Mit einem Wort, ſie legt den groͤßten Werth auf Ehre und Gewiſſen— alles Andere beachtet ſie wenig.“ „Hm!“ Varney ſah zu Boden, als ob er ſeine Stiefeln muſtere, und ſagte leichthin:„Es iſt doch nicht moͤglich uͤber die Straße zu gehen, und ſich die Stiefeln nicht zu beſchm ſtimmen mit Ihrer Mutter uͤberein?“ „Es waͤre ſeltſam, wenn ich's nicht thaͤte. Als ich kaum vier Jahr alt war, fuhrte mich mein Vater durch die lange Ahnengallerie in Laughton und ſprach: Gehe durch's Leben, als ob dieſe Ehren⸗ maͤnner auf Dich herabſaͤhen. Und, fuͤgte St. John mit ſeinem franken Laͤcheln hinzu, dann ſagte wohlmeine Mutter noch: Und dieſe fleckenloſen Frauen, Percival!“ Bulwer, Lucretia. III. 3 ſt— etwas uzen! Nun alſo— Sie Es lag etwas Edles und Ruͤhrendes in dem leiſen Tone, mit dem der Juͤngling dies ſprach; es war dies die Erklaͤrung ſeiner ungewoͤhnlichen Zuͤchtigkeit und der offnen geſunden Unſchuld ſeines Charakters. Der Teufel auf Varney's Lippe zuckte hoͤhniſch. „Mein junger Freund, Sie haben noch nicht geliebt. Meinen 7 Sie, daß es einmal geſchehen wird 2 „Ich habe getraͤumt, daß ich einmal lieben könnte. Aber ich kann warten.“ Varney wollte eben antworten, als ihn drei Herren von dem auffaͤlligen Weſen in Benehmen und Charakter, das man in der Lon⸗ doner Vulgärſprache gewoͤhnlich mit„tigerhaft“ bezeichnet, anrede⸗ ten. Jeder dieſer Drei hatte eine Cigarre im Munde— alle ſchie⸗ nen geröthet von Wein zu ſein. Der Eine trug große meſſingne Sporen 9 3 9* 9 und einen ungeheuren Schnurrbart; ein Andrer zeichnete ſich durch eine ungeheure ſchwarzatlaſſene Halsbinde aus, uͤber die als Pacto⸗ lus eine große goldene Kette ſich wand; ein Dritter hatte einen Schnurenrock, Beinkleider, die ſeine pralle Wade eng umſchloſſen, und ein Glas in das rechte Auge geklemmt. „Ah, Gabriel!— ah, Varney! Willkommen, ſidelſter aller Kameraden! Du ißt mit uns bei der kleinen Celeſte— wir wollten Dich eben abholen.“ „Wer iſt Dein Freund— Einer der Unſern?“ fluſterte ein Zweiter. Und der Dritte ſchob ſeinen Arm zaͤrtlich unter den Varney's. Trotz ſeiner gewoͤhnlichen Sicherheit fuͤhlte ſich Gabriel fuͤr einen Augenblick beſchaͤmt, und haͤtte ſich gern Freundſchaftsbezeugungen entzogen, die ihm jetzt gar nicht gelegen kamen; aber er ſah, daß ſeine Freunde des ſuͤßen Weines bereits zu voll waren, um ſich leicht abweiſen zu laſſen, und es war fuͤr ihn ein wahrer Troſt, als Percival, nachdem er einen unzufriedenen Blick auf die Drei geworfen, zu ihm ſagte:„Ich will Sie nicht laͤnger aufhalten— ich komme näͤchſtens —— 35 in Ihr Atelier,“ und ohne eine Antwort zu erwarten, im Gedraͤnge verſchwunden war. Varney folgte ſeinen neugefundenen Freunden, ohne in dem erſten Momente auf ihre frivolen Reden und vertraulichen Scherze zu achten. Endlich raffte er ſich aus ſeiner Zerſtreuung auf, und ging auf die rohe Heiterkeit ſeiner Gefaͤhrten ein, ſo daß er ſie bald durch die Frechheit ſeiner Sprache, und der hoͤhnenden Verderbtheit ſeiner Antraͤge weit hinter ſich ließ; denn hier ſpielte er nicht mehr eine Rolle, legte ſeinen thieriſchen Trieben keinen Zaum mehr an. Dieſe unbeſchraͤnkte Herrſchaft der Sinnlichkeit, der er ſich ſchon in der Kindheit hingegeben, fand einen unterthäͤnigen Sclaven in dem Mann. Selbſt ſeine Talente entwickelten ſich durch ſeine Hinnei⸗ gung zum Sinnlichen. Sein Auge, auf das Aeußerliche gerichtet, machte ihn zum Maler, ſein feines und geübtes Ohr zum Muſiker. Seine wilde, uͤppige Phantaſie ſchwelgte in jeder Aufregung, und ſchenkte ihm vielſeitige Einſicht in die Laſter und Schwaͤchen, die ſie mit veraͤnderlicher Laune benutzte. Menſchen, welche die mit den Sinnen in naͤchſter Verbindung ſtehenden Kuͤnſte uͤbertrieben cultiviren, werden leicht, wenn ihnen das noͤthige Gegengewicht in einem klaren und kraͤftigen Verſtande fehlt, ein ausſchweifendes Leben fuͤhren. Dies findet man haͤufig bei Muſikern, Saͤngern und Malern, weniger bei Dichtern, weil der, welcher es mit Worten, und nicht mit Zeichen oder Toͤnen zu thun hat, beſtaͤndig die Eindruͤcke ſeiner Sinne mit den Idealen vergleichen muß, von denen die Sinne blos den Abglanz erblicken. Aber die wahren Genies, obgleich ſie nur von den Sinnen genaͤhrt werden, die meiſten wirklich großen Maler, Saͤnger und Muſiker ſind zwar leicht durch den Verſucher zu verlocken, aber der fruchtbare Boden ihres Gemuͤthes iſt reich an guten Eigen⸗ ſchaften, die dem Boͤſen entgegenwirken— ſie ſind gewoͤhnlich weichher⸗ zig, edel, theilnahmvoll. Daß Varney ſolche Schoͤnheiten der Seele und des Temperaments fehlten, brauchen wir nicht erſt zu ſagen— hauptſäͤchlich, das iſt wahr, in Folge ſeiner Erziehung und des vaͤter⸗ 3* lichen Beiſpiels, und der gaͤnzlich verderbten Umgebung, in der er ſeine Jugend verlebt— aber auch weil er kein echtes Genie war; es war eine falſche Erſcheinung des göttlichen Geiſtes, ein Erzeug⸗ niß ſeiner koͤrperlichen Vollkommenheit(die alle ſeine Sinne ſo kraͤftig und ſcharf machte)und ſeiner ſchwelgeriſchen Phantaſie und ſeiner Ener gie, die zuweilen großen Fleißes faͤhig war, aber nie gehoͤrige Aus⸗ dauer und ein beſtimmtes Ziel zu finden wußte. Alles an ihm war ſchimmernd und hohl. Ihm fehlte die angeborne Schaͤrfe und Tiefe des Geiſtes, die ſeinen ſchrecklichen Vater ausgezeichnet. Das Blut der Operntaͤnzerin hatte bas Blut des Gelehrten uͤberwaͤltigt; ohne alle Methode und Ordnung, ohne die Geduld und den mathematiſchen, berechnenden Verſtand Dalibard's, taͤndelte er leichtſinnig mit der grauſenhaften und ſcheußlichen Laſterhaftigkeit, die Olivier zu einem ernſten Studium gemacht hatte. Ausſchweifend und verſchwende⸗ riſch, gab er das Geld ſo ſchnell aus, als er es verdiente; er vernich⸗ tete mit kecker Hand alle Ausſichten auf Emporkommen oder eine Laufbahn. Mitten in den verbrecheriſcheſten Plaͤnen, oder dem ener⸗ giſcheſten Studium ſeiner Kunſt konnte ihn die armſeligſte Zerſtreuung abziehen. Sein Herz war mit Falrie im Stall, ſeine Phantaſie mit Aladdin im Palaſt. Aufſehen zu machen, lag ihm am meiſten am Herzen; er liebte es, durch ſeine Perſon, ſeine Worte, ſeine Klei⸗ dung oder ſeine Talente einen Effect hervorzubringen. Er, der von der Hand in den Mund lebte, war ſchon durch Verbrechen, die wir hier nicht erwaͤhnen duͤrfen, heute reich geworden, um morgen wieder durch ſeine Laſter arm zu werden. Was er„das Gluͤck“ oder„ſeinen Stern“ nannte, war ihm hold geweſen— er war nicht gehaͤngt worden!— er lebte; und da er den groͤßten Theil ſeiner ver⸗ brecheriſchen Laufbahn im Auslande und unter fremdem Namen voll⸗ bracht hatte, ſo haftete auf ihm, obgleich ein Etwas an ihm, et⸗ was Unbeſchreibliches und Verdacht Erregendes eine unbeſtimmte Unruhe bei den Scharfſichtigen hervorrief, keine poſitive Beſchuldi⸗ gung; und die Zügelloſigkeit ſeines Lebens war außerhalb des —— 37 Kreiſes ſeiner Vertrauten nur wenig bekannt. Daher beſaß er das vermeſſendſte Selbſtvertrauen, das aus ſeinem Muthe entſtand, und von ſeiner Erfahrung beſtaͤtigt wurde. Sein Gewiſſen war ſo gaͤnz⸗ lich abgeſtumpft, daß er wie ein Mann ohne alles Gewiſſen erſchien. Conrad„wußte, daß er ein Verbrecher war;“ er aber ſah in ſich blos einen ungewoͤhnlich geſcheidten Kerl ohne Vorurthelle und Aber⸗ glauben. Daß er bei allen ſeinen Gaben nicht weiter vorwaͤrts ge⸗ kommen war, gab er, ohne ſich zu beſinnen, der uͤberl legenen Weisheit 5 ſeiner Philoſophie ſchuld. Er k hatte ſich beſſer befinden koͤnnen, wenn er das Leben weniger genoſſen haͤtte— aber war Geni ießen nicht d einzige Inhalt und das einzige Ziel dieſes armſeligen Lebens? Vier oͤfter warf er in Anfaͤllen bittern Neids die Schuld auf die Welt. groß haͤtte er ſein koͤnnen O, er war geſchaffen zum Verſchwenden, nicht zum Sparen; zum Befehlen, nicht zum Schmeicheln! Er war nicht der Mann, der mit der beſchraͤnkten Mittelmaͤßigkeit des Lebens zufrieden ſein konnte; er mußte Alles oder Nichts haben! Nicht Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt ließ jetzt Varney gewiſſe tiefe Plaͤne auf Percival St. John ver geſſen und auf die rohe Luſt ſeiner drei Gefaͤhrten eingehen— er folgte hier blos am meiſten ſeiner eigenen Natur. Und als der Lutah des Morgenſterns die Nacht endigte, die er mit gemeinen Wuͤſtlingen und feilen Dirnen verlebt t, als uͤber zerbrochenen Gefaͤßen und eeeren Flaſchen auf dem Tiſch der r Tag anbrach, und ihn in der ganzen Herrlichkeit ſeiner Kraft, und dem ganzen Heroismus ſeines überlegten Laſters erblickte;— das einz zige friſche und bluͤhende Geſicht von all' den truͤben Augen, weinrothen W angen und wankenden Ge⸗ ſtalten; ſcheußlich lachend uͤber das wuͤſte Schauſpiel, das er ſelbſt angerichtet, und mit teufliſchem Hohn die auf dem Boden liegende Geſtalt ſeines Lieblings, der an ſeiner Bruſt geruht, von ſich ſtoßend, als er allein mit feſtem Schritt uͤber die Schwelle in die friſche, ge⸗ ſunde Morgenluft hinaus g da freute ſich Gabriel Varney des „wenn er reich und hoch geboren wurde! 38 Triumphs ſeiner hoͤlliſchen Eitelkeit, und ſchwelgte in dem Bewußt⸗ ſein der Ueberlegenheit und Macht. Indeſſen war der junge Percival, wie ihm die Laune eingab, durch die Straßen geſchlendert. Haymarket hinab gelangte er an die Colonnade des Opernhauſes. Das Gedraͤng war hier ſo groß, daß er nicht weiter konnte und er ſich aͤn eine Saͤule lehnte, um die verſchiedenen Gruppen an Licht und Glanz in ihrer Naͤhe zu be⸗ trachten⸗ Gerade vor ihm ſchimmerten die rivaliſirenden Sterne es United Service⸗Clubs und des Athenaͤums;— links die ori⸗ antel Deviſe an Northumberland Houſe; rechts die Anker, Kano⸗ nen und Bomben, die ſtrahlenden Embleme des Feld zeugmeiſter⸗ amts. In dieſem Augenblicke befanden ſich drei Mithandelnde unſeter Geſchichte nur wenige Schritte von einander, von der Menge aus gezeichnet durch die Gefuͤhle, mit der Jeder von ihnen das glän⸗ zende Schauſpiel und das Gewi uͤhl ringsum betrachtete. Percival St. John, dem die ſinnliche Luſt an Genuß noch lebhaft und un⸗ geſäͤttigt war, nahm von dem Schauſpiel nur die phyſiſche Heiter⸗ keit auf, die ihn ſelbſt froͤhlicher ſtimmte. Wenn in einem noch ſo unentwickelten Charakter— dem die ſtarken Leidenſchaften und ernſten Zwecke des Lebens noch unbekannt waren— ſich tiefere und ſinnigere Gedanken und Gefuͤhle regten, die dem Laͤcheln auf ſeinen roſigen Lippen und dem Feuer ſeiner muntern Augen mehr Ernſt auf⸗ praͤgten, ſo wuͤrde er ſich ſelbſt dieſe dunkle Empfindung dies un⸗ beſtimmte Verlangen nicht haben erklaͤren koͤnnen. Von einer andern Saͤule gegen das Gedraͤnge geſchuͤtzt ſah ein Mann— nur wenige Jahre aͤlter der Zeit nach, aber viel aͤlter an Charakter(mit wie ruheloſen Gedanken, mit wie brennen⸗ dem Ehrgeiz!) auf das dichte Gewuͤhl, welches die Straße bedeckte, ſo weit der Blick reichte. Er haͤtte nicht mit Varney ſagen koͤn⸗ nen, daß er ſich in dieſem Gewuͤhl zu Hauſe fuͤhle. Denn ein Menſchengewuͤhl erfuͤllte ihn nicht mit dem Bewußtſein ſeiner eige⸗ — 39 nen perſoͤnlichen Bedeutung, ſondern zog ihn an ſeine maͤchtige Bruſt mit den tauſend Banden einer gemeinſamen Beſtimmung. Wer ſoll die hohen, und ruheloſen, und verwickelten Empfindungen erklaͤren, mit denen ein edles und inbruͤnſtiges Ruhmesſtreben die ehrfurchtgebietende Maſſe betrachtet, in dem und fuͤr das es lebt und arbeitet— ein Volk? Dieſem in Gedanken verſunkenen, einſamen Manne waren die Illumination, die Feſtlichkeit, die Neu⸗ gier, der Feiertag nichts, oder nur fluͤchtige Phantome und eitler Schein. Mit dem Auge ſeines Geiſtes ſah er nur vor ſich das Volk, den Schatten eines ewig ſich erneuenden Publikums— Publikum zugleich und Richter. 8 Und unmittelbar neben ihm ſtand der zerlumpte Kehrmann, der vergeblich zuruͤckgekehrt war, um ſeinem geliebten Pflegling fuͤr heute den letzten Dienſt zu leiſten. Von dem Gewuͤhl aufge⸗ halten, blickte er freudlos die ſchimmernden Lampen an, gefuͤhllos wie die Steine unter ſeiner Obhut gegen die jugendliche Lebhaf⸗ tigkeit des Einen und die erhabenen Traͤume des Andern. So waren, o London, inmitten dieſes, dem Koͤnig und dem Poͤbel ge⸗ meinſamen Feſttags in dieſen drei Geiſtern die Elemente lebendig, die gehoͤrig gemiſcht und verwendet, dein Laſter und deine Tugend ausmachen— deinen Ruhm und deine Schmach— deine⸗Arbeit und deinen Lurus; die in dem Palaſt und in den Straßen— im Siechhaus und im Kerker heimiſch ſind. Genuß, der die Freude, Energie, welche die That, und Geiſtesſtumpfheit, die den Mangel gebiert! Zweites Kapitel. Liebe auf den erſten Blick Ploͤtzlich ſchwebte vor Percival's Augen ein Geſicht voruͤber, das den in Gedanken Verlorenen weckte, wie ein Lichtſtrahl den Schlafenden aufſtoͤrt. Es war wie ein Erkennen einer fruͤher un⸗ geſehenen Geſtalt— wie die T erwirklichungelnes Traum⸗ bildes. Nicht die bloße Schoͤnheit dieſes Antlitzes(und es war ſchoͤn) 8 hielt ſeinen Blick feſt und machte ſein Herz ſchneller ſchlagen— e und unerklaͤrliche Sympathie, welche die — — 8 rn mehr die namenloſe ick ausmacht; ein inſtinktmaͤßiges Gefuͤhl, 14 das der ſchwerfaͤlligſte mit dem lebendigſten Geiſte, der trockenſte 1 Liebe auf den erſten Bl Berſtand mit der lebhafteſten Phantaſie gemein hat Der einfache Cobbett, als er vor der Huͤtte bei der allerproſaiſchſten häusliche en 4 Arbeit das Maͤdchen erblickte, von dem er ſagte: mein A 8 Veib werden, und Dante, wie ihn der erſte Blick Beutricd mit heißer Glut durchbebte, ſind beides echte Typen des allgemei⸗ nen Erfahrungsſatzes: Die Liebe, welche am tiefſten ſich einpraͤgt, 8 entſteht mit dem erſten Blick; ſie ſtroͤmt plotzlich auf uns herab aus der Wolke— ein Bli lich in's Angeſicht ſehen. zſtrahl— ein Schickſal, dem wir ploͤtz⸗ Sicherlich war nichts Poetiſches in dem Ort und der Umgebung, und noch viel weniger in der Begleitung, in der dieſes liebliche 4 Weſen das jungfraͤuliche Herz des harmloſen Knaben mit ungeahn⸗ 4 ter Glut erfuͤllte; ſie ſtuͤtzte ſich auf den Arm einer ſtarken, behaͤ⸗ bigen Matrone in dunkelbraunem Kleide, auf deren anderer Seite ein ſehr kleiner und ſehr duͤnner Mann mit einem ſehr kleinen Ge⸗ ſicht, deſſen unterer Theil mit einem ungeheuern Shawl verhuͤllt war, ging. Außer dieſen zwei Buͤrden hatte ſich die ſtarke Frau noch mit einem Regenſchirm, einem Korbe und ein paar Kothſchuhen beladen. 41 Inmitten der fremdartigen Bewegung, welche durch ſein Auge in ſeinem Herzen entſtand, wurde Percivals Ohr unangenehm von der lauten, faſt maͤnnlichen Stimme der Matrone beruͤhrt: „Herr Jemine! Ob das nicht John Ardworth iſt; wer haͤtte das gedacht! He, John— John!“ Mit dieſen Worten hob ſie ſhren Negenſchirm horizontal in die Hoͤhe, ſchob zwei Commis aus er City damit bei Seite, ſchwenkte den kleinen Mann, ihren Be⸗ 5 links herum— der dafuͤr von den Handlungsdienern mit dem Titel:„Kerl!“ beehrt wurde und ſchob ihn als den ſpitzigſten Keil, d rade bei der Hand war, durch eine dichte Maſſe von er g etwa ſechs Blicken, Fuͤhrung folgte. So zu dem Orte, wo der Genannte ſtand. Auf dieſe Weiſe entdeckt und aufgeſtoͤrt wurde der ruhmbegierige Traͤumer, denn er war es, einen Augenblick verlegen, als die dicke Frau ihn mit dem Regenſchirme beruͤhrte und ausrief: Das iſt doch zu arg! Was, Sie ließen uns ſagen, Sie haͤt⸗ d e deieſcharcen und maß die Unzufriedenen mit drohenden hrend ſie ſeiner unfreiwilligen machte ſie ſich Bahn 2 6 1 ten nicht Zeit uns zu begleiten, un groͤße!“ jetzt find Sie hier in Lebens⸗ „Als Sie mir ſchrieben, glaubte ich nicht, daß— „Bah, Unſinn!“ unter rbrach ihn die dicke Frau mit einem be⸗ deutſamen, gutmuͤthigen Kopfſchuͤtteln;„ich laſſe mir nichts vor⸗ machen. Sie ſind ein wilder Burſch, John Ardworth— das ſind Sie! Sie laufen gern huͤbſchen Laͤrvchen nach— ja, ja— ha, ha, ha! ſehr natuͤrlich! So warſt Du fruͤher auch— nicht wahr, Mivers?— ja, ja, Maͤnner ſind Maͤnner und ich bin der Meinung, daß ſie es in Ewigkeit bleiben werden!“ Mit dieſer weiſen Prophezeihung wendete ſich die Dame zu Mr. Mivers, der jetzt mit einiger Anſtrengung ſein Kinn aus den Fal ten ſeines Shawls herauswickelte und mit einer duͤnnen Stimme erwiderte:„Ja, ich war einmal ein wilder Burſch, aber Du haſt mich zahm gemacht, Mrs. M.!“ Und damit verſank das Kinn wieder in den Shawl und die feine Stimme erſtarb in einem feinen Seufzer. Die dicke Dame blickte gnaͤdig auf ihren Gatten herab und fuhr dann ermuthigend in ihrer Rede fort, waͤhrend Ardworth halb aͤrgerlich und halb laͤchelnd zuhoͤrte. „Ja, nichts geht uͤber ein angetrautes Weib, um einen Mann zahm zu machen, wie Sie ſpaͤter auch einſehen werden. Doch Ihre Zeit iſt noch nicht gekommen, ſo koͤnnen Sie alſo Helenen den Arm geben und uns begleiten.“ „Kommen Sie,“ ſagte Helene mit ſchmeichelnder Stimme. Ardworth neigte ſein ſtrenges Geſicht zu Helenen nieder und eine ſichtbare Freude erhellte ſeine gedankenvollen Zuͤge.„Ich kann Ihnen nicht widerſtehen,“ begann er, ſchwieg aber ſogleich wieder und runzelte die Stirn.„Still,“ fuhr er fort,„ich rede Unſinn; aber wem verdrehten Sie nicht auch den Kopf? Widerſtehen muß ich Ihnen, denn ich gehe jetzt an meine Arbeit. Fordern Sie in ein paar Jahren, wenn ich Zeit habe gluͤcklich zu ſein, irgend etwas von mir, und Sie ſollen ſehen, ob ich ein Baͤr bin, wie Sie mich jetzt nennen.“ „Nun,“ ſagte Mrs. Mivers lebhaft,„kommen Sie oder nicht? Wozu das Beſinnen!“ „Mrs. Mivers,“ erwiderte Ardworth mit verſtecktem Humor, „Sie wuͤrden gewiß ſehr auf ihres Gatten vortreffliche Ladendiener ſchimpfen, wenn ſie ſo zu ihren Kunden ſprechen wollten. Wenn eben eine Dame, die nur eine Elle gewoͤhnliche Spitzen kaufen wollte, ploͤtzlich wie ich von einem ganz unerwarteten und heißbegehrten Prachtſtuͤck geblendet wuͤrde, einem ſchoͤnen Spitzenſchleier oder einem entzuͤckenden Kaſchemirſhawl, und wauͤhrend ſie noch zwiſchen dem, was die Klugheit und die Verſuchung fordert, ſchwankte, ihr erſter Diener ausriefe: Wozu das Beſinnen!— Nun, das frage ich Sie. „Unſinn!“ ſagte Mrs. Mivers. 43 „Ach! Ganz anders als bei Ihren Kunden(ſo hoffe ich wenigſtens im Intereſſe Ihres Geſchaͤfts) behaͤlt bei mir die Klugheit die Ober⸗ hand; außer etwa, fuͤgte Ardworth hinzu, unentſchloſſen Helenen an⸗ blickend, wenn es Ihnen an dem gehoͤrigen Schutz fehlte, und—“ „Schutz!“ rief Mrs. Mivers mit ſtaunender Entruͤſtung aus und ſchwang den gewaltigen Regenſchirm, als ob ich nicht, unterſtüͤtzt von dieſem Ding hier, ein ganzes Dutzend ſolcher Leute zu beſchuͤtzen vermoͤchte. Schutz, wahrhaftig!“ „John hat Recht, Mrs. M.; Geſchaͤfte ſind Geſchaͤfte,“ ſagte Mr. Mivers.„Laß uns weiter gehen; wir verſperren den Weg und dieſe Taugenichtſe hoͤren uns zu und ſchnickern.“ „Schnickern!“ rief die Frau aus;„ich moͤchte doch den ſehen, der zu ſchnickern wagte,“ und dabei ſah ſie ſich herausfordernd um. Nach⸗ dem ſie ſo ihren Zorn befriedigt hatte, machte ſie ſich bereit ihrem Herrn und Gebieter zu gehorchen, was ſie ſicherlich ſtets that. Mit kunſtfertiger Hand ſchwenkte ſie Mr. Mivers wieder herum, ließ ihm die ſcharfe Spitze des Regenſchirms vorausgehen und bahnte ſich ſo einen Weg durch das Gewuͤhl, gleich dem Senſenwagen der alten Britten. Bald war ſie unter der Menge verſchwunden, obgleich man ihren Weg errathen konnte an einer kleinen aufgeregten Furche im allgemeinen Strom, aus der ſich ein fortlaufendes Gemurr des Vor⸗ wurfs und Schmerzes vernehmen ließ, das allmaͤlig in der Ferne erſtarb. Ardworth folgte der lieblichen Geſtalt Helenens mit einem Blicke des Bedauerns; und als ſie verſchwand, drehte er ſich mit einem unterdruͤckten Seufzer um und bahnte ſich mit dem langen, gleich⸗ maͤßigen Schritte eines kraͤftigen Mannes einen Weg durch den Strom nach der Druckerei einer Zeitung, bei der er feſt angeſtellt war. Aber Percival, der einen großen Theil des Geſpraͤches, das in ſeiner unmittelbaren Naͤhe ſtattgefunden, gehoͤrt hatte, Percival, der gluͤckliche Sohn ſorgenloſen Reichthums, war nicht durch Arbeit und Pflicht abgehalten dem Triebe ſeines Herzens nachzugeben und ſein 44 Herz zog ihn mit magnetiſcher Kraft dem Weſen nach, das neue Ge⸗ figi in ſeiner Bruſt erweckt hatte. Mittlerweile ſollte Mrs. Mivers lernen— obgleich ihr die Le⸗ etion nicht viel nuͤtzte— daß man, um gut durch die Welt zu kommen, ſowohl geſchmeidig als ſtark ſein muß; und daß, obgleich bis zu ei⸗ nem gewiſſen Punkte, Mann und Frau ſich Pl atz machen koͤnnen, indem ſie mit Regenſchirmen den Leuten in die Rippen ſtoßen und den Leu⸗ ten unbarmherzig auf die Huͤhneraugen treten, die Er tragungsfaͤhig keit von Rippen und Hühneraugen dennoch ihre Grenzen hat. Helena, halb beaͤngſtigt aber auch etwas ergoͤtzt uͤber ihrer Be aft n und ſtandha en Willen, ſetzte in Mrs. Mivers das 32 ertrauen, mit welchem die Schwachen ſich meiſtens auf die Starken verlaſſen, und obgleich ſie ſtets, wenn ſie die Augen von der glaͤnzen⸗ den Illumination wegwandte, Mrs. Mivers bat mit groͤßerer Sanft⸗ muth zu verfahren, ſo fürchtete ſie dennoch keine beſtimmten uͤbeln Folgen von der Energie, die ſie nicht bezaͤhmen konnte— um ſo mehr, als ſie ſchon ſicher von der St. Paulskirche nach der St. Ja⸗ mesſtraße gekommen waren. Aber am untern Ende der letztgenann⸗ ten Straße fand Mrs. Mivers endlich einen ebenbuͤrtigen Gegner. Die Menge ſtand hier dichtgedraͤngt ſtill, um in Ruhe die glanz⸗ volle 4 rſpective zu betrachten, welche die Laͤden und Clubs dieſer Straße bildeten. Kutſchen hatten angehalten und unmittelbar vor Mrs. Mivers ſtanden drei ſehr duͤrre und kleine Frauen, deren An⸗ zug verrieth, daß ſie den unterſten Staͤnden angehoͤrten. „Platz da, gute Frau, Platz da!“ rief Mrs. Mivers der Einen zu, denn Geſtalt und Rang der Drei floͤßte ihr wenig Achtung ein. „Und warum ſoll man ſolcher Art Platz machen, Sie alter Fleiſch⸗ klumpen?“ ſagte die Angeredete, indem ſie ſich umkehrte und mit ſchielenden Augen unheilverkuͤndend in Mrs. Mivers Antlitz ſtarrte. Ohne ſie einer Antwort zur wuͤrdigen, nahm Mrs. Mivers ihre Zuflucht zu ihrer gewoͤhnlichen Taktik. Regenſchirm und Gatte fuh⸗ ren raſch zwiſchen zwei der Frauen hindurch; aber zum unbegreif⸗ 45 lichen Staunen und Schrecken der Angreifenden waren Gatte und Re⸗ genſchirm augenblicklich verſchwunden. Die drei kleinen Furien wa⸗ ren uͤber beide hergefallen. Beide waren ihrem naturlichen Eigen⸗ thuͤmer geraubt— ſie wurden fortgeriſſen; der Strom hinten, ſeit lange empoͤrt uͤber die ruͤckſichtsloſen Eindringlinge, ſchloß ſich ju⸗ belnd zuſammen. Mrs. Mivers und Helene wurden in der einen, Mr. Mivers und der Regenſchirm in der andern Richtung von dannen getra⸗ gen: aus der Ferne vernahm man eine feine Stimme:„Bitte!— bitte! Mrs.— Mrs.— Mrs. M.! O! O. Mrs. M.!“ Bei der letzten Wiederholung des geliebten Buchſtabens in einem Tone faſt uͤber⸗ menſchlicher Bedraͤngniß ward das Gattenherz der Mrs. Mivers von unbezaͤhmbarem Schmerz betroffen.. „Warten Sie einen Augenblick, Helene! Ich will ihnen blos zeigen— weiter nichts!“ Im naͤchſten Augenblick hoͤrte man Mrs. Mivers ſich ſcheltend durch die Menge draͤngen, bis ihre letzte Spur Helenens Augen entſchwunden war. Verlaſſen, erſchrocken und uͤber alle Maßen beſchaͤmt, ſah ſich das Maͤdchen mit einem rathloſen Blick um. Der Blick wurde bemerkt von zwei jungen Maͤnnern, deren Stand in dieſer Zeit, wo die Kleidung nur ein unſicheres Kennzeichen iſt, ſich aus ihrem Aeußeren nicht errathen ließ. Es konnten Dandies aus dem Weſten, aber auch Commis aus dem Oſten ſein. „Meiner Treu,“ rief der Eine aus,„welch' huͤbſches Maͤdchen!“ und alsbald ſtanden Beide, durch eine ploͤtzliche Verſchiebung des Gewuͤhls, neben Helenen. „Biſt Du allein, ſchoͤnes Kind?“ ſagte eine Stimme mit roher Vertraulichkeit. Helene gab keine Antwort— der Ton der Stimme erſchreckte ſie. Eine Luͤcke in der Menſchenmaſſe geſtattete einen Durchblick nach Cleveland Row, eine Straße, die ziemlich leer war, da man hier nicht illuminirt hatte. Sie floh ſogleich in dieſer Richtung; die Bei⸗ den folgten ihr, und der kuͤhnere und aͤltere verſuchte mehrmals ihren Arm zu erfaſſen. Endlich, als ſie an das letzte Haus kam, gewahrte ſie ploͤtzlich, daß hier kein Durchgang war, und waͤhrend ſie erſchrocken ſtill ſtand, hatten ihre Verfolger ihr die Flucht abgeſchnitten. Einer von ihnen ergriff jetzt ihre Hand.„Aber, ſchoͤnes Kind, wa⸗ rum ſo hartherzig? Nur einen Kuß— einen einzigen!“ Er wollte ſie dabei mit ſeinem Arm umſchlingen, Helene wich ihm aus und eilte zuruͤck, wo ihr aber der Andere den Weg vertrat, als zu ihrem Erſtaunen eine dritte Perſon erſchien, den Anderen ruhig bei Seite ſchob und mit einem ſtummen, herausfordernden Blick auf ihre un⸗ ritterlichen Verfolger ihr ſeinen Arm bot. Helene ſah ihren unerwar⸗ teten Beſchuͤtzer nur mit einem einzigen ſchuͤchternen Blick an: ein Etwas in ſeinem Geſicht, ſeinem Benehmen, ſeiner Jugend, floͤßte ihr augenblickliches Vertrauen ein. Faſt ohne zu wiſſen, was ſie that, legte ſie ihre zitternde Hand auf den dargebotenen Arm. Die zwei Lotharios ſahen ſich verbluͤfft an. Einer zupfte den Hemdkragen zurecht, der Andere drehte ſich mit einem gezwungenen Lachen um. So knabenhaft Percival ausſah, ſo lag doch in ſeinem Geſicht ein Ausdruck ſchnellbereiten Muthes, der ſeine Gegner zwar vielleicht nicht einſchuͤchterte, aber ſie doch eine Scene fuͤrchten ließ, welche die Einmiſchung der Polizeibeamten, deren einer ſich ſchon langſam naͤherte, herbeifuͤhren konnte. Sie beobachteten daher ein muͤrriſches Schweigen; und Percival St. John fuͤhrte mit klopfendem Herzen, aber triumphirend, ſeine Eroberung von dannen. Ohne recht zu wiſſen wohin, jedenfalls mit gaͤnzlichem Vergeſſen der Mrs. Mivers, und nur beſtrebt, aus dem Gedraͤnge zu kommen, ging Percival gerade fort, bis er ſich ploͤtzlich mit ſeinem ſchoͤnen Schuͤtzling unter den Baͤumen des St. James⸗Park wiederfand. Da blieb Helene ſtehen und ſagte voll Unruhe:„Mein Gott! das iſt der falſche Weg— ich muß nach der Straße zuruͤck!“ „Wie einfaͤltig ich bin— natuͤrlich!“ ſagte Percival mit ver⸗ wirrtem Geſicht.„Ich fuͤhlte mich ſo gluͤcklich, bei Ihnen zu ſein, und Ihre Hand auf meinem Arm zu fuͤhlen, und zu denken, daß wir ganz allein ſeien, daß— daß— aber Sie verlieren Ihre Blumen!“ 47 Ein Strauß, den Helene trug, fiel zu Boden. Beide buckten ſich, um ihn aufzuheben und dabei trafen ſich ihre Haͤnde. Bei dieſer Beruͤhrung uͤberfiel Percival ein ſeltſames Zittern, welches ſich viel⸗ leicht— denn ſolche Dinge ſind anſteckend— ſeiner ſchoͤnen Be⸗ gleiterin mittheilte. Percival hatte den Strauß und ſchien ihn be⸗ halten zu wollen, denn er muſterte die Blumen zoͤgernd. Endlich ſah er mit ſeinen hellen, freien Augen Helene an, waͤhlte eine Roſe aus und ſagte bittend:—„Darf ich dieſe behalten? Sehn Sie, ſie iſt nicht ſo friſch wie die anderen.“ „Ich verdanke Ihnen gewiß ſo viel, Sir,“ ſagte Helene, erroͤthend und die Augen niederſchlagend,„daß es mich freuen wuͤrde, wenn eine armſelige Blume es Ihnen vergelten koͤnnte.“ „Eine armſelige Blume! Sie wiſſen nicht, welchen Werth ſie fuͤr mich hat!“ Percival ſteckte die Roſe ehrerbietig in den Buſen, und die Bei⸗ den kehrten nun zoͤgernd um, um wieder auf die Straße zu gelangen. „Iſt jene Dame eine Verwandte von Ihnen?“ fragte Percival, und ſah weg, denn er fuͤrchtete die Antwort:„doch nicht Ihre Mutter?“ „O, nein!— Ich habe keine Mutter!“ „Verzeihen Sie!“ ſagte Percival, denn der Ton von Helenens Stimme hatte ihm verrathen, daß er hier eine ſchmerzhafte Saite berührte.„Und,“ fuͤgte er mit einer Eiferſucht hinzu, die er kaum verbergen konnte,„der Herr, mit dem Sie unter den Colonnaden ſprachen— ich habe ihn ſchon fruͤher geſehen, aber ich weiß nicht wo. Wahrhaftig, Sie haben mich alles Andere vergeſſen machen. Iſt er mit Ihnen verwandt?“ „Er iſt mein Vetter.“ „Ihr Vetter!“ wiederholte Percival, ein wenig ſchmollend; und wieder ſchwiegen Beide. „Ich weiß nicht, wie es iſt,“ ſagte Pereival endlich mit großem Ernſte, als ob ihm ein verwickeltes Problem zu ſchaffen machte,„aber mir kommt es vor, als ob ich Sie ſchon von jeher gekannt haͤtte. Ich habe das noch nie gefuͤhlt.“ Es lag etwas ſo Unſchuldiges in des Knaben ernſthaftem, ver⸗ wundertem Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, daß ein unwillkuͤr⸗ liches Laͤcheln Helenens Lippen umſpielte. Vielleicht fuͤhlte ſie zum erſtenmal einen Anflug von Coquetterie.. Percival, der ſie verſtohlen anblickte, ſah das Laͤcheln und ſagte, indem er das lockige Haupt zuruͤckwarf:„Ich glaube wahrhaftig, Sie lachen mich aus, als ob ich ein Kind waͤre; aber ich bin aͤlter als ich ausſehe. Ich bin uͤberzeugt, ich bin viel aͤlter als Sie. Sie find vielleicht ſtebzehn Jahr, nicht?“ Helene, die immer beruhigter wurde, nickte bejahend. „Und ich bin nicht weit von einundzwanzig. Ja! wundern Sie ſich nur— aber es iſt wahr. Vor einer Stunde noch fuͤhlte ich wie ein Knabe; jetzt werde ich nie wieder wie ein Knabe fuͤhlen!“ Abermals erfolgte eine lange Pauſe, bis ſie zuletzt die Stelle erreichten, wo Helene ihre Begleiterin verloren hatte. „O, Herr erhalte uns und beſchuͤtze uns!“ rief eine Stimme, laut wie eine Trompete, aber nicht mit Silberklang,„da ſind Sie dlich!“ und Mrs. Mivers(mit wiedergewonnenem Gatten und Regenſchirm) erſchien vor ihnen. „Nun, ich bin ſchoͤn in Angſt geweſen, und jetzt kommen Sie daher, als wenn gar nichts geweſen waͤre, als wenn der Regenſchirm nicht ſeinen elfenbeinernen Griff verloren haͤtte— es iſt wirklich arg. Gott! Gott! was wir ausgeſtanden haben! Und wer iſt der junge Herr da?“ 3 5 Mivers nicht ſo freundlich aufzunehmen ſchien, als der arme Percival berech tigt war. Sie ſtarrte ihn an und ſchuͤttelte mißtrauiſch den Kopf, als er daruͤber etwas verlegen wurde. Dann nahm ſie wieder Helenen unter den Arm und entfernte ſich, nachdem ſie zu Percival blos geſagt hatte: Helene fluͤſterte ihr eine ſchuͤchterne Erklaͤrung zu, die Mrs. *—— 49 „Sehr verbunden und gute Nacht. Ich habe einen weiten Weg zu machen, um das Maͤdchen zuruͤckzubringen, und das Beſte, das wir Alle thun koͤnnen, iſt, ſo ſchnell als moͤglich nach Hauſe zu gehen und zur Staͤrkung eine Taſſe Thee zu trinken— das iſt meine Meinung, Sir. Entſchuldigen Sie!“ Auf ſo unhoͤfliche Weiſe vera bſchiedet, konnte der arme Pereival ſeiner Helene nur ſehnſuͤchtig nachſehen, wie ſie von dannen ge tragen wurde, und hatte blos noch den Troſt, ſie, als ſie ſich ent— fernte, zuruͤckblicken zu ſehen, und zwar, wie er glaubte, mit einem Schatten des Verdruſſes auf ihrem Geſicht. Da kam ihm ploͤtzlich der Gedanke, wie entſetzlich er die Zeit vergeudet hatte. Er hatte in ſeiner Unerfahrenheit nicht einmal nach dem Namen und der Wohnung ſeiner neuen Bekanntſchaft gefragt. Wie ihm das einfiel, eilte er durch das Gedraͤng, und erreichte ſein Ziel gerade noch zur rechten Zeit, daß er das Maͤdchen in einen Wagen ſteigen ſehen und einen vollen Anblick der impoſanten Verhaͤltniſſe der Mrs. Mivers, die ihr folgte, genießen konnte. Als das ſchwerfaͤllige Fuhrwerk(der einzige Wagen auf dem Platze) ſich langſam in Bewegung ſetzte, traf Percival's Blick den Kehrmann, der, immer noch auf ſeinen Beſen gelehnt, da ſtand und in dankbarer Erinnerung der Freigebigkeit, mit der ſein Dienſt be⸗ lohnt worden, an den Hut griff und den Juͤngling truͤb anlaͤchelte. Die Liebe ſchaͤrft den Geiſt und macht die Schuͤchternen lebendig; ein Gedanke, deſſen ſich der Erfahrenſte nicht zu ſchaͤmen brauchte, fiel Percival St. John ein: er eilte auf den Kehrmann zu, legte ſeine Hand auf deſſen zuſammengeflickten Rock und ſagte athemlos: „Ihr ſeht die Kutſche dort; folgt ihr, bis ſie anhaͤlt. Hier habt Ihr einen Sovereign— einen zweiten bekommt Ihr, wenn Ihr ge hoͤrige Nachricht bringt. Bringt mir die Antwort in meine Woh nung No.— Curzonſtraße! fort, wie der Wind.“ Der Kehrmann nickte mit ſchlauem Laͤcheln; es war wohl nicht der erſte Auftrag dieſer Art, den er bekam. Er rannte die Straße Bulwer, Lucretia. III. 4 50 hinab. Pereival, der ihm ſchnell folgte, konnte ihn, als die Kutſche uͤber den St. James⸗Platz fuhr, bequem hinten auf ſitzen ſehen. Er wußte nichts von den Abſichten ſeines Auftraggebers und kummerte ſich auch nicht darum. Ehrenwerthe Liebe und ſelbſtſuͤch⸗ tiges Laſter waren fuͤr ihn ganz gleich. Er ſah nur nach ſeinem Soverign, den er mit verwundertem Auge immer noch betrachtete, und das Phantaſiebild des noch zu erwartenden: Scandit aeratas vitae naves Cura: nec turmus equitum relinquit. Es war die Selbſtſucht Londons— gelaſſen und theilnahmlos, mochte ſie im Dienſte des Laſters oder der Unſchuld ſtehen. Halb elf Uhr ſaß Percival St. John auf ſeinem Zimmer und der Kehrmann ſtand auf der Schwelle. Reichthum und Armuth ſchienen in den Perſonen der Beiden ſichtbar neben einander geſtellt zu ſein. Die Wohnung gilt bei Vielen fuͤr ein Kennzeichen des Charakters des Beſitzers; dann aber unterſchied ſich Percival's Zim⸗ mer ſehr von dem der meiſten andern jungen Leute von Rang und Vermoͤgen. Einerſeits bemerkte man weder jene Affectation von feinem Geſchmack, die ſich in eingelegten Arbeiten und Vergoldungen, oder der maleriſchen Unbequemlichkeit von Stuͤhlen mit hohen Leh⸗ nen und mittelalterlichen Curioſitaͤten verraͤth. Andrerſeits fehlten die Lieblingsſtuͤcke rauher gearteter Juͤnglinge, Abbildungen von Rennpferden und Fuchsjagden, vielleicht untermiſcht, wenn der Nim⸗ rod zugleich etwas Lovelace iſt, mit Portraits von Taͤnzerinnen und franzoͤſiſchen Idealbildern mit der Unterſchrift:„Le Soirs, oder „Le Reveillée“, oder„L'Espoir“, oder„L'Abandon“. Die ganze Wohnung hatte vielmehr eine eigenthuͤmliche Phyſiognomie durch ihre außerordentliche Nettigkeit und heitere Einfachheit. Die Muſſelinvorhaͤnge waren mit bunten Blumen durchmuſtert; Buͤcher ſtanden in den Niſchen; hie und da hingen kleine Gemaͤlde, haupt⸗ ſäͤchlich Seeſtuͤcke— gut gewaͤhlt und gut vertheilt. Es haͤtte vielleicht etwas faſt Weibiſches in dem Ganzen gelegen, 51 wenn nicht die Fluͤgelthuͤren einen Einblick in ein einfacheres Zim⸗ mer mit Fleurets und Borhandſchuhen an den Waͤnden und einem Ballholz in der Ecke, geſtattet haͤtten. Das gab der Wohnung wieder ein maͤnnliches Ausſehen, aber es war die Maͤnnlichkeit eines Kna⸗ ben, halb Maͤdchen in der Seelenreinheit, die das eine Zimmer ath⸗ mete, ganz Knabe in den ſpielenden Zerſtreuungen, welche das zweite verrieth. Aber ſo einfach als die ganze Wohnung war, hatte Becks's Auge doch noch nie etwas halb ſo Schoͤnes erblickt. Er blieb eine Weile in der Thuͤr ſtehen und ſtarrte verwirrt und geblendet ringsum. Aber ſeine natuͤrliche Gleichgiltigkeit gegen Dinge, die ihn nichts angingen, erzeugte in ihm bald den Stoicismus, den die Philoſophie dem Geiſtigſtarken giebt; und nach dem erſten Anfall des Staunens heftete ſich ſein Auge ruhig auf ſeinen Auftraggeber. St. John ſtand haſtig vom Sopha auf, wo er, verſunken in die Betrachtung der vom Sternenlicht erhellten Baͤume des Cheſterfieldgartens, geſeſſen hatte, und rief ihm entgegen: „Nun?“ „Old Brompton,“ ſagte Beck mit einer Kuͤrze des Ausdrucks und einer Schaͤrfe der Wahrnehmung, die eines Spartaners wuͤrdig war. „In einem großen alleinſtehenden Hauſe mit einer hohen Mauer davor,“ fuhr Beck fort. „Ihr wuͤrdet es wiedererkennen?“ „Verſteht ſich;'s iſt ſo ſeltſam.“ „Was?“ „Nun, das Haus. Die junge Dame ſtieg aus, und die Alten fuhren zuruͤck. Ich ging denen nicht nach,“ ſagte Beck mit einem ſchlauen Geſicht. „So;— ich muß den Namen erfahren.“ „Ich frug im Wirthshaus,“ ſagte Beck, ſtolz auf ſeine diploma⸗ tiſche Gewandtheit.„Sie haben ein Dienſtmaͤdchen, das alle Tage , 4* 52 ein halbes Maß fuͤr ſich holt. Die Mutter der jungen Dame iſt eine Auslaͤnderin.“ „Eine Auslaͤnderin! So wohnt ſie alſo bei ihrer Mutter? „So ſagen ſie im Wirthshaus.“ „Und der Name?“ Beck ſchuͤttelte den Kopf.„Es iſt ein franzoͤſiſcher; aber das Dienſtmaͤdchen heißt Marthe.“ „Ihr muͤßt mich morgen in Brompton am Chauſſeehauſe treffen und mir das Haus zeigen.“ „Aber ich bin den ganzen Tag im Geſchaͤft.“ „Im Geſchaͤft?“ „Ich ſtehe am Uebergang,“ ſagte Beck mit vieler Wuͤrde,„aber nach acht gehe ich hin, wo ich will.“ „Alſo Morgen Abend halb neun in Brompton.“ Beck zupfte bejahend an ſeiner Stirnlocke. „Hier iſt der verſprochene Sovereign— wendet ihn gut an. Ihr habt vielleicht einen Vater oder eine Mutter, deren Herz er erfreuen wird.“ „Ich habe mein Lebtag ſo'was nicht gehabt,“ meinte Beck und drehte das Goldſtuͤck in der Hand um.“ „Nun, ſo vertrinkt es nicht.“ „Ich trinke nie nichts als Kofent.“ „Was werdet Ihr da mit dem Gelde machen?“ frug Percival lachend. Beck legte den Finger an die Naſe und ſagte ganz leiſe und feierlich:„Ich hab' eine Matratze...“ „Eine Matratze? Was hat eine Matratze mit dem Gelde zu thun?“ „Ich naͤhe es ein,“ war die Antwort. Percival ſah ihn fragend an.„O,“ ſagte er nach einer gedan⸗ kenvollen Pauſe und mit dem Tone des Bedauerns,„ich verſtehe; 53 Ihr naͤht Euer Geld in Eure Matratze. Armer, armer Burſche, Ihr koͤnnt was Beſſeres thun! Es giebt ja Sparcaſſen.“ Beck blickte ihn erſchrocken an.„Ich hoffe, der Herr wird's Niemandem ſagen. Ich hoffe, es wird mir Niemand rathen, mein Geld an einen Ort zu thun, wo ich gar nichts weiter davon ſehe. Nein, ich weiß, wo es iſt— und ich ſchlafe darauf.“ „Schlaft Ihr beſſer, wenn Ihr auf Euerm Schatze liegt?“ „Nein;'s iſt eigen,“ ſagte Beck nachdenklich;„jemehr ich einnaͤhe, deſto ſchlechter ſchlafe ich.“ Percival lachte; aber es lag Trauer in dieſem Lachen; etwas in dem verlaſſenen, unwiſſenden, vaterloſen, darbenden Geizhals ruͤhrte ihn bis ins innerſte Herz. „Leſet Ihr nie die Bibel? frug er nach einer Pauſe; oder die Zeitung?“ „Ich leſe nie nicht; denn ich habe keine Schule gehabt, wie der Baron Tim, der wegen Faͤlſchung geſchickt wurde.“ „Geht Ihr Sonntags in die Kirche?“ „Ja; ich habe eine woͤchentliche Anſtellung auf dem New Road.“ „Was ſoll das heißen?“ „Nun, ich halte dort den Gig eines Herrn, der von Highgate kommt.“ Percival blickte mit ſeinen glaͤnzenden Augen— und ſie waren feucht vom himmliſchen Thau— in das ſtumpfe Geſicht dieſes Bru⸗ dergeſchoͤpfs. Beck machte einen linkiſchen Kratzfuß, blickte verlegen um ſich, ſchob ſich zur Thuͤr hinaus und eilte durch die hellerleuchteten Straßen der Weltſtadt heimwaͤrts, um ſein Geld in die Matratze zu naͤhen. —— Drittes Kapitel. Jugenderziehung eines wackeren Gentleman. Percival St. John war zu Hauſe unter ſeiner Mutter Augen und der Fuͤrſorge eines wackeren Mannes, der ſein wie ſeiner Bruͤder Er⸗ zieher geweſen, aufgewachſen. Dieſer Erzieher hatte nun freilich ſelbſt keine wirklich klaſſiſche Bildung, denn was er gelernt, war faſt nur durch ſeinen eignen Eifer geſchehen, und wer ſich ſelbſt erzieht, dem fehlt nicht ſelten die aͤußere und brillante Politur eines ſolchen, deſ⸗ ſen Schritte zu dem Tempel der Muſen gefuͤhrt wurden. Captain Greville war uͤberhaupt mehr ein wackrer Soldat, mit dem Vernon St. John in ſeiner eignen kurzen militairiſchen Laufbahn bekannt gewor⸗ den und deſſen Lebensverhältniſſe ſich zuletzt ſo redueirten, daß er ge⸗ noͤthigt wurde ſeine Stelle zu verkaufen, und zu leben, wie er gerade konnte. In ſeinem eignen Regiment hatte er ſtets fuͤr einen beleſenen Mann gegolten, und ſeine Autoritaͤt wurde bei vorfallenden Streitig⸗ keiten uͤber Geſchichte, Daten und literariſche Anekdoten ſtets in An⸗ ſpruch genommen. Vernon hielt ihn wenigſtens fuͤr den gelehrteſten Mann, den er kannte, und als er ihm einmal zufaͤllig in London be⸗ gegnete, und von ſeinen gehabten Ungluͤcksfäͤllen hoͤrte, wuͤnſchte er ſich ſelbſt zu dem ſehr vortrefflichen Gedanken Gluͤck, als er Captain Greville einlud, ſeine Kinder zu erziehen und ihm dabei in der Ver⸗ waltung ſeiner Guͤter beizuſtehen. Zuerſt war Alles, was Greville, das erſte betreffend, beſchei⸗ den unternahm,— wie man denn auch in der That nicht mehr verlangen konnte,— daß er die jungen Gentlemen füͤr Eton vorbe⸗ reitete, fuͤr welches Vernon, mit der natuͤrlichen Vorliebe eines Eton⸗ mannes, ſeine Soͤhne beſtimmte. Die kraͤnkliche Conſtitution der aͤl⸗ teren Beiden, rechtfertigte aber Lady Mary in ihrer Abneigung ge⸗ gen oͤffentlichen Schulunterricht, und Percival zeigte ſchon von fruͤ⸗ her Jugend an eine ſo entſchiedene Neigung zu dem Leben eines Seemanns, daß des Vaters Abſichten dadurch vereitelt wurden. Die beiden aͤlteſten ſetzten ihre Erziehung zu Hauſe fort und Percival ging in fruͤherem Alter, als es gewoͤhnlich der Fall iſt, zur See. Der Letztere war denn auch gluͤcklich genug, einen jener neuen Rage von Seeleuten zum Capitain zu bekommen, die wohlerzogen und gebildet, den freundlichſten Contraſt gegen Smollets alte Seehelden bilden; aber ſchon nach ſehr kurzer Dienſtzeit machte ihn der Tod ſeines Vaters und ſeiner zwei Bruͤder zum Stammhalter ſeines Geſchlechts und zur alleinigen Stuͤtze ſeiner Mutter Hoffnungen. Er bezwang mit wacke⸗ rem Streben die Leidenſchaft fuͤr ſeinen edlen Stand, die der kurze Dienſt eher noch verſtaͤrkt hatte, und kehrte, ſeine friſche kindli⸗ che Natur unverdorben, ſeine Conſtitution geſtaͤrkt, ſein lebhafter und empfaͤnglicher Geiſt durch Gefahren und die Pflicht des Gehor⸗ ſams erhoben, nach Hauſe zuruͤck nnd begann ruhig wieder unter Cap⸗ tain Greville, der jetzt aus Laughton Halle in ein kleines Haͤuschen im Dorf gezogen war, ſeine bis dahin ausgeſetzten Studien. Die Erziehung aber, die er vom Anfang an erhalten, hatte we⸗ niger darauf hingewirkt ſeinen Geiſt zu ſchaͤrfen und ſeine Einbil⸗ dungskraft zu erregen, ſondern mehr ſein Herz zu bilden und in ſei⸗ nen moraliſchen Grundſaͤtzen zu feſtigen, denn Lady Mary beſaß auſ⸗ ſer ihrem zarten Gemuͤthe, eine charakterfeſte und denkende Seele. Sie war nicht, was man ſo gewoͤhllich geiſtreich nennt, und ihre Le⸗ benserfahrung blieb, wenn man Sie mit anderen Frauen aͤhnlichen NRanges verglich, die ſich in dem gewaltigen Strom von London be⸗ wegten, ebenfalls nur beſchraͤnkt; ſie wurde dieſen aber durch eine ge⸗ wiſſe einfache Herzlichkeit uͤberlegen, die ihr Treue und Wahrheit zu ſo etwas Unentbehrlichen machten, daß das Licht, in dem ſie ſelbſt ſich bewegte, auch alles Andere um ſie her erhellte. Wer in den gro⸗ ßen Pflichten des Lebens ſtets wahr iſt, iſt auch faſt immer weiſe. Auch Vernon, als er erſt einmal ſeine alten Fehler abgelegt, fing an ſich der fruͤheren Ausſchweifungen zu ſchaͤmen; nach und nach mehr an ſeine eigene Haͤuslichkeit gewoͤhnt, ließ er ſeine alten Gefäͤhr⸗ ten fallen, und bewachte von jetzt an ernſtlich ſeine Reden,(ſeine Ge⸗ wohnheiten bedurften das ſchon nicht mehr), daß nicht eine ſeiner alten leichtſinnigen Aeußerungen das Ohr ſeiner Kinder erreichen moͤchte. Nichts iſt bei Eltern gewoͤhnlicher als der Wunſch, ihre Kinder von ihren eignen Fehlern frei zu halten. Wir lernen uns auch nie eher ſelbſt kennen, bis wir nicht Kinder haben und erſt dann, wenn wir ſie wirklich lieben, fangen wir an unſere eignen Fehlern zu beobachten, die zu Laſtern werden, ſobald ſie den Juͤngern zum Bei⸗ ſpiel dienen. Der wahre Gentleman, mit Muth und Geiſt und einem Abſcheu vor Falſchheit und Hinterliſt, die dieſem Begriffe eigen iſt, war faſt allein in Vernon St. John zuruͤckgeblieben, und ſeine Knaben wuch⸗ ſen und gediehen von edlen Gefüͤhlen und treuer Wahrheit umgeben auf. Der Erzieher harmonirte darin mit den Eltern;— jeder Zoll war ein Soldat— das heißt nicht etwa ein reiner Subordinationsmenſch, ſondern nur mit dem ſtrengen Gefuͤhl fuͤr Gehorſam und der Ueberzeu⸗ gung begabt, daß dieſer auch nur durch Aufmerkſamkeit auf Kleinig⸗ keit zu erlangen ſei. In dieſem Streben wußte er aber auch ſich ſelbſt geliebt zu machen und— was noch ſchwerer iſt, verſtanden zu wer⸗ den. Die Seele dieſes armen Soldaten war rein und unbefleckt, wie die Waffen eines jungfraͤulichen Ritters, und dabei voll, wenn auch unterdruͤckter, doch hoch aufſtrebender Schwaͤrmerei. Er hatte kein Gluͤck gehabt— ob da nun das Schickſal oder die horse-guards da⸗ ran ſchuld waren— und ſeine Carriere verfehlt, aber dabei ſo loyal geblieben, als ob er in ſeiner Hand den Feldmarſchallsſtab und um ſeine Knie den Hoſenbandsorden getragen haͤtte. Er war uͤber jene winſelnde Unzufriedenheit erhaben. Von ihm kaum weniger als von ſeinen Eltern, nahm Percival nicht allein jenen Geiſt der Ehre, ſon⸗ dern auch jene Reinheit des Gedankens in ſich auf, die zum Ideal junger Rittterſchaft gehoͤren. In bloßer Buͤchergelehrſamkeit war Percival, wie man ſich wohl —— 24 denken kann, nicht ſehr beleſen, ſein Geiſt aber hatte ſich nicht uͤber⸗ laden, die eigne freie Bahn gebrochen und dadurch eben ſeine Feſtig⸗ keit und Staͤrke erlangt. Reiſen, Erzaͤhlungen kuͤhner Abenteuer, Biographien großer Maͤnner, waren die Lieblingsnahrung ſeiner Mu⸗ ßeſtunden geweſen und neben dieſen erfreuten ihn die Werke jener wirk⸗ lichen Dichter, die Euch nicht lange ſinnen und gruͤbeln laſſen, ſon⸗ dern im wilddahinrauſchenden Wort Euer Gefuͤhl wecken und heben. Vom Griechiſchen wußte er ungefaͤhr genug, ſich am alten Homer zu ergoͤtzen und wenn er auch bei ſtrengem Examen im Sophokles und Aeſchylus nur ſchlecht beſtanden haͤtte, ſo erfreute ſich doch ſein Herz an dem wilden Speer⸗Sturm„der Sieben vor Theben“ und er weinte uͤber die Leiden der heldenmuͤthigen Antigone. In den Wiſſenſchaften konnte er ſich ebenfalls nicht zu den Ein⸗ geweihten zaͤhlen, aber ſein klarer, ſcharfer Verſtand und ſein ſchnel⸗ les Begreifen poſitiver Wahrheiten, hatte ihn leicht durch die Elemen⸗ tar⸗Mathematik gefuͤhrt, wie ihn auch ſein etwas kriegeriſcher Geiſt großen Gefallen an des Capitains Vorleſungen uͤber Taktik fin⸗ den ließ. Konnte Percival bei ſeinem gewaͤhlten Stande bleiben, ſo wuͤrde er ſich ſicherlich darin ausgezeichnet haben, denn ſeine Talente ſchon eigneten ihn fuͤr gerade, maͤnnliche That, wie auch der friſche freie Trieb edlen Ehrgeizes, der freilich damals wohl noch in ihm ſchlummerte, als er ſo fruͤh ſchon wieder zuruͤckberufen wurde. Doch wie dem auch ſei, er trug jetzt alle Elemente eines wahren, wackeren Mannes in ſich— eines Mannes, der mit feſtem Schritt, reinem Ge⸗ wiſſen und freudigen Hoffnungen durch das Leben gehen konnte. Ein ſolcher Mann erntet vielleicht keinen Ruhm,— der liegt im Zufall, aber er wird auch, im Laufe der Welt, keinen niedrigen Platz ein⸗ nehmen. Zuerſt wollte man Percival nach Orford ſenden, aus einem oder dem anderen Grunde aber wurde der Plan wieder aufgegeben; viel⸗ leicht fuͤrchtete Lady Maria, allzuaͤngſtlich, wie Muͤtter manchmal ſind, wenn ſie allein auf dieſer Welt gelaſſen, die Verfuͤhrung, der 58 junge Leute mit brillanten Ausſichten und keiner uͤbermaͤßigen Luſt am Studiren ſtets an ſolchen Orten ausgeſetzt ſind. Percival wurde daher, unter dem Schutze des Capt. Greville, zwei Jahre auf Reiſen geſandt und nach ſeiner Ruͤckkehr(er war damals neunzehn Jahre alt) lag die große weite Welt vor ihm, die er, ach ſo ſehnſuͤchtig zu betreten wuͤnſchte. Ein volles Jahr hielten ihn aber Lady Mary's Befuͤrchtungen immer noch in Laughton, und wenn er auch aus großer Zaͤrtlichkeit fuͤr ſeine Mutter ihren Wuͤnſchen nicht poſitiv wider⸗ ſtreben wollte, ſo wirkte dieſer laͤngere Zeitraum von Unthaͤtigkeit augenſcheinlich hoͤchſt nachtheilig ſowohl auf ſeine Geſundheit wie auf ſeinen Geiſt. Capitain Greville— ein welterfahrener Mann— erkannte die Urſache ſchneller als Lady Marie und begab ſich eines Morgens, fruͤher als gewoͤhnlich, auf das Schloß. Der Capitain, trotz aller Achtung gegen das ſchoͤne Geſchlecht, ging, ſobald Geſchaͤfte ins Spiel kamen, geradezu. Wie ſein großer Befehlshaber ruͤckte er mit wenigen Worten zum Ziel. „Meine theure Lady Mary“—„unſer Knabe muß nach London — wir reiben ihn hier auf!“ „Mr. Greville“, rief Lady Mary erbleichend, waͤhrend ſie ihren Stickrahmen bei Seite ſchob—„reiben ihn auf?“ „Den Mann in ihm wenigſtens.— Ich will Ihnen keine Angſt machen— ſeine Lungen ſind ſehr wahrſcheinlich in trefflichem Zu⸗ ſtand und ſein Herz wuͤrde ebenfalls unter dem Stethoscope die ge⸗ gelehrte Facultaͤt vollkommen befriedigen. Aber meine theure Lady Mary— Percival ſoll ein Mann werden— und den Mann gerade reiben Sie in ihm auf, wenn Sie ihn noch laͤnger an Ihr Schuͤrzen⸗ band gefeſſelt halten. „Oh Mr. Greville— ich weiß gewiß, Sie wollen mir nicht weh thun, aber—“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung— ich bin vielleicht ein Bischen grob— aber die Wahrheit iſt auch manchmal grob.“ „Nicht meinethalben habe ich ihn bis jetzt hier gehalten“, ſagte 59 die Mutter herzlich und mit Thraͤnen in den Augen,„wenn er ſich hier aber einſam fuͤhlt, gibt es denn nicht tauſend Wege ihn zu un⸗ terhalten?—“ „Immer nur Tropfen, meine theure Lady Mary— immer nur Tropfen— Percival ſollte einmal einen Sprung in's Meer thun.“ „Aber er iſt noch ſo jung, und das entſetzliche London— all' die Verführungen— und er noch dazu vaterlos—“ „Ich fuͤrchte den Erfolg nicht, ſo lange Percival noch jetzt, wo ſeine Grundſäͤtze ſtark und friſch ſind und ſeine Einbildungskraft nicht erhitzt iſt, geht— halten wir ihn aber ſeiner Neigung zuwider laͤnger hier, ſo wird er bald an zu brüten und phantaſiren fangen, ja am Ende gar ſchlechte Verſe ſchreiben und ſich die ihm vorenthal⸗ tene Welt viel tauſendmal ſchoͤner ausmalen, als ſie wirklich iſt. Selbſt gerade die Furcht vor Verfuͤhrung wird ſeine Neugierde rege und ihn glauben machen, die Verführung waͤre eine ausgezeichnet treffliche Sache. Zum erſten Mal in meinem Leben, Madame, habe ich ihn beim Seufzen über eine der fashionablen Novellen ertappt und neulich hat er ſogar in der Southampton Leihbibliothek abon⸗ nirt. Glauben Sie mir— es iſt hohe Zeit, daß Percival ins Leben kommt und ohne Korke ſchwimmen lernt.“ Lady Mary hatte volles Vertrauen in Greville's Urtheil wie in ſeine Liebe zu Percival, und kannte, einer vernuͤnftigen Frau gleich, ihre eigene Schwachheit. Sie ſchwieg einige Minuten und ſagte dann mit einiger Anſtrengung: „Sie wiſſen, wie verhaßt mir jetzt London iſt, wie wenig ich dazu paſſe, zu jenen hohlen Foͤrmlichkeiten ſeiner Geſellſchaft zuruͤckzu⸗ kehren— dennoch will ich— wenn Sie es fuͤr noͤthig halten— ein Haus fuͤr die Saiſon nehmen und Percival kann dann immer noch unter unſern Augen ſtehn—“ „Nein, Madame, verzeihen Sie mir, aber das waͤre der ſicherſte Weg, ihn entweder unzufrieden oder zum Heuchler zu machen. Wir konnen kaum verlangen, daß ein junger Mann von ſeinen Ausſichten, ſeinem Temperament, mit all' unſern Gewohnheiten harmoniren ſoll. Sie werden ihm, wenn er ſich an unſere Stunden und Wuͤnſche und ruhige Lebensart zu halten hat,— tauſend und tauſend Mal einen wirklich laͤſtigen Zwang auflegen und was waͤre die Folge davon? In einem Jahr iſt er muͤndig und kann uns, wenn er will— ganz abſchuͤtteln. Ich kenne ihn— mißtrauen Sie ihm auch nicht einmal ſcheinbar— er verdient Vertrauen. Sie bewahren ihm am ſicherſten vor Verfuͤhrung, wenn Sie zu ihm ſagen„Wir vertrauen Dir unſern groͤßten Schatz an— Deine Ehre— Deine Sittlichkeit— Dein Ge⸗ wiſſen— Dich ſelbſt“. „Sie aber gehen doch wenigſtens, wenn es einmal ſo ſein muß, mit ihm“, ſagte Lady Marie noch nach einigen ſchwachen Argumenten, die ihr, eines nach dem andern, widerlegt wurden. „Ich? weshalb? um von dem jungen Volk, mit dem er doch nuweinmal verkehren muß, ausgelacht zu werden? Daß er ſich ſei⸗ ner ſelbſt und meiner ſchaͤmt— ſeiner ſelbſt als Milchlutſcher und meiner als Amme?“ „Sie waren doch aber auch auf Reiſen mit ihm?“ „Auf Reiſen habe ich ihm die Zuͤgel gewaltig lang gelaſſen, Ma⸗ dame, das koͤnnen Sie verſichert ſein; und dann war er auch noch ein paar Jahr juͤnger.“ „Er iſt ja aber jetzt faſt noch ein Kind.“ „Kind? Lady Mary.— In ſeinem Alter hatte ich ſchon zwei Belagerungen mitgemacht. Es giebt juͤngere Geſichter als er iſt an den Soldatentiſchen. Kommen Sie— kommen Sie— ich weiß ſchon, was Sie fuͤrchten.— Er macht vielleicht dumme Streiche— ſehr leicht moͤglich— er mag hintergangen und benutzt werden und dabei Geld verlieren— gut, das kann er und dafuͤr erntet er Er⸗ fahrung. Laſter hat er keine,— ich habe ihn ja ſelbſt unter den La⸗ ſterhaften geſehen. Schicken Sie ihn gegen die Welt hinaus, wie einen der alten Heiligen, mit ſeiner Bibel in der Hand und keinem Fleck auf ſeinem Kleide. Laſſen Sie ihn klar und deutlich ſehen, was wirk⸗ 61 lich iſt, nicht hier von Dem traͤumen, was nicht iſt, und wenn er dann muͤndig ſein wird, muͤſſen wir fuͤr ihn eine Beſchaͤftigung finden— er muß ein Ziel haben. Laſſen Sie ihn fuͤr das County auftreten und dem Staate dienen, er wird das Geſchaͤft vortrefflich verſtehen. Oh— oh— was giebt's daruͤber zu weinen?“ Der Kapitain ſetzte es durch. Wir ſagen freilich nicht, daß ſein Rath fuͤr alle jungen Leute in Percivals Alter anzuwenden geweſen waͤre; er kannte aber die Natur zu gut, der er vertraute; er wußte, wie ſtark das junge Herz in ſeiner ehrlichen Einfachheit und faſt in⸗ ſtinktartigen Rechtſchaffenheit ſei, und uͤberſchaͤtzte ſeine Maͤnnlichkeit keinesweges, wenn er fuͤhlte, daß alle Stuͤtzen und Huͤlfen, die ihr gegeben werden konnten, nur eben ſo viele ſchmerzende Beweiſe von Mißtrauen ſein mußten. Und ſo, nur mit einigen Empfehlungsbriefen, ſeiner Mutter thraͤnenvollen Ermahnungen und Greville's auf Erfahrung gegruͤndeten Warnungen ausgeſtattet, ſah ſich Percival St. John in das rege Leben Londons ploͤtzlich hineinverſetzt. Nach dem erſten Monat etwa kam Greville hinauf, ihn zu beſuchen, ihm allerlei unſichtbare Dienſte unter ſeinen alten Freuden zu leiſten, ihm zu helfen, ſeine Wohnung herzurichten und für ſeinen Marſtall zu ſorgen und kehrte höchſt zu⸗ frieden und mit den ſchmeichelhafteſten Berichten zu der aͤngſtlichen Mutter zuruͤck. Aber der Stil von Percivals Briefen waͤre auch hinreichend ge⸗ weſen, ſelbſt muͤtterliche Angſt zu beſchwichtigen. Er ſchrieb nicht, wie die Soͤhne ſo haͤufig thun, kurze Entſchuldigungen fuͤr das ſo wenige Ausfuͤhrliche ihres Briefes— ungenüuͤgende Zuſammenſtellungen von Einzelheiten in eine fluͤchtige Sentenz. Nein, frank und frei gaben dieſe froͤhlichen Berichte friſche Kunde von den erſten und waͤrmſten Ein⸗ druͤcken alles deſſen, was er ſah und that. Es lag ein eigener Reiz und Zauber, ein herzkräftiges Vergnuͤgen fuͤr ihn in dem ganzen Gefuͤhl ſeiner neu erhaltenen Freiheit und Unabhaͤngigkeit. Seine Baͤlle und Diners, und ſein Cricket beim Lord—, ſeine Ge⸗ faͤhrten und Geſellſchafter; ſeine gewoͤhnliche Froͤhlichkeit, wie ge⸗ legentliche Langeweile, lieferten einem Manne genug Stoff, der da fuhlte, er correſpondire mit einem anderen Herzen, von dem er Nichts zu fuͤrchten, oder vor dem er nichts geheim zu halten brauchte. Zwei Monate aber, ehe dieſer Theil unſerer Erzaͤhlung mit der Kroͤnung beginnt, war Lady Maria's Lieblingsſchweſter, die nie ge⸗ heirathet hatte und nach dem Tode ihrer Eltern in dem truͤbſeligen Stand einer alten Jungfer gelaſſen worden, eines Bruſtleidens we⸗ gen nach Piſa beordert, und Lady Mary, mit ihrer gewoͤhnlichen Uneigennützigkeit, uͤberwand ſowohl ihren Widerwillen gegen Reiſen, als ihren Wunſch, in der Naͤhe ihres Sohnes zu bleiben, um nur dieſe liebe und ſo allein in der Welt ſtehende Schweſter zu begleiten. Capitain Greville wurde, wohl oder uͤbel, zu ihrem beiderſeitigen Cavalier angeworben und Percivals bisher faſt ununterbrochener Briefwechſel mit ſeinen beiden Correſpondenten war ſo fuͤr einige Zeit abgeſchnitten. Viertes Kapitel. John Ardworth. Am naͤchſten Mittag ſtand Beck neubekleidet mit ſeiner Wuͤrde wieder an ſeinem Poſten; Percival mühte ſich vergebens ab, ſich an der Unterhaltung von zwei oder drei jungen Leuten zu ergoͤtzen, die ihm die Ehre erwieſen, bei ihm eine Cigarre zu rauchen, und John Ardworth ſaß in ſeiner dunklen Zelle in Greysinn, mit einem Hau⸗ fen juriſtiſcher Buͤcher auf dem Tiſche, und den Zeitungen des Tages auf einem Stoß von Hanſards Debatten neben ſich auf dem Boden— eine bei den ärmeren und ſtrebſamern Juriſten, die oft ihre fruͤheſten und vielleicht ſchoͤnſten Honorare der Preſſe verdanken, nicht allzu — —— 63 ſeltene Kameradſchaft. Mit der Kraft eines an Arbeit gewoͤhnten Geiſtes und unterſtützt von einer unverwuͤſtlichen Geſundheit lag er immer des Tages ſeinen trockenen Studien mit Eifer ob, wenn gleich er faſt die ganze Nacht in der Druckerei gearbeitet und ſeine Schlaf⸗ zeit bis auf vier Stunden verkuͤrzt hatte. Aber dafuͤr war dieſer Schlaf auch ſo feſt und erquickend wie bei dem Landmann. Indem er auf dieſe Weiſe die Naͤchte der Preſſe widmete(er war bei der Re⸗ daction einer Zeitung beſchaͤftigt) und die Vormittage der Jurispru⸗ denz, hielt er die beiden verſchiedenen Beſchaͤftigungen mit einer ſtrengen Zeiteintheilung auseinander, die allein ſchon die Kraft ſei⸗ ner Energie und die Feſtigkeit ſeines Willens verrieth. Fruͤh ge⸗ zwungen, ſelbſt fuͤr ſich zu ſorgen und ſich mit eigener Kraft durch die Welt zu ſchlagen, hatte er eine kleine Collegiatur in dem College bekommen, wo er ſeine academiſche Laufbahn verlebt hatte. Schon vor ſeiner Ankunft in London hatte er ſich durch Beitraͤge zu politiſchen Zeitungen und ſein hohes Anſehen in dem rhetoriſchen Club in Cam⸗ bridge, der einige der ausgezeichnetſten unter den Staatsmaͤnnern der Jetztzeit gebildet hat, einen Ruf erworben, der ihm ſogleich Be⸗ ſchaͤftigung bei der Zeitungspreſſe verſchaffte. Wie die meiſten Juͤng⸗ linge von einer praktiſchen Richtung des Geiſtes, war er ein eifriger Politiker. Die große Tagesfrage ſetzte ſeine Begeiſtrung in Flam⸗ men und erweckte in der Tiefe ſeiner Seele ſchoͤne, wenn auch uͤber⸗ triebene Hoffnungen auf den menſchlichen Fortſchritt. Er identifizirte ſich mit dem Volke; ſein maͤnnliches Herz ſchlug laut fuͤr ſeine Sache. Obgleich ſeinen Artikeln die Menſchenkenntniß, der ſcharf⸗ ſinnige Einblick in den wahren Stand der Parteien, die glückliche Maͤßigung fehlte, Eigenſchaften, welche die hoͤchſte Weisheit des Staatsmannes ausmachen, aber die ſich nur durch Erfahrung erwerben laſſen, ſo zogen ſie doch durch ihre kraͤftige Beredtſamkeit und ſcharfe Logik nicht wenig die Aufmerkfamkeit auf ſich. Sie paßten fuͤr die Zeit. Aber John Ardworth beſaß die Geſundheit des Verſtandes, die gewöhnlich mehr als Talent vorausſetzen laͤßt— die gewoͤhnlich das Genie begleitet. Dies precäre und oft nicht gewuͤrdigte Muͤhen auf dem Felde der polemiſchen Literatur ſollte nicht das einzige Hilfsmit⸗ tel zur Erlangung des Ruhmes ſein, nach dem er ſtrebte. Geduldig arbeitete er ſich durch die trockenen Formalitaͤten ſeiner Wiſſenſchaft, indem er das Dunkle durch ſeinen ſcharfen Geiſt aufklaͤrte und das verwickeltſte Detail durch die Kraft eines an Abſtrahiren gewoͤhnten Verſtandes in ein Syſtem brachte; und lernte ſo ſelbſt das Wider⸗ waͤrtigſte durch das Gefuͤhl neue Schwierigkeiten uͤberwunden, und einen klaren Umblick erlangt zu haben, lieben. Was oberflaͤch⸗ liche Leute Genie nennen, hatte John Ardworth in ſehr geringem Grade. Er hatte einige Einbildungskraft,(denn einem echten Denker fehlt dieſe nie,) aber ſehr wenig Phantaſie. Er taͤndelte nicht mit den Muſen; auf dem Granit ſeines Geiſtes konnten nur wenig Blu⸗ men bluͤhen. Sein kraͤftiger, uͤberzeugender Stil ließ zuweilen einen Humor blicken, der nicht ohne Tiefe war, aber ſelten zeigte ſich darin Witz und noch weniger Poeſie. Und dennoch war Ardworth genial. Genialitaͤt war die betriebſame Energie, die ſo geduldig in der Be⸗ waͤltigung von Einzelheiten, ſo gluͤcklich in der Erringung von Re⸗ ſultaten war. Genialitaͤt war das thaͤtige Intereſſe fuͤr die Menſch⸗ heit, die hartnaͤckige Entſchloſſenheit, vorwärts zu kommen, die klare Einſicht in die großen Angelegenheiten und Intereſſen der Welt; eine Genialitaͤt, die genaͤhrt war durch Studium und ſich, ſo wie er mit Menſchen in Beruͤhrung kam, in ſeinem Gedankenreichthum, ſeinem ſtarken Gedaͤchtniß und ſelbſt in einem gewiſſen gebieteriſchen Weſen zeigte. Rauh war das Aeußere dieſes Mannes, aber das Herz war ſanft und gut. John Ardworth hatte nie den Grazien geopfert; Lord Cheſterfield wuͤrde bei ſeinem Anblick einen Fieberanfall bekommen haben. Nicht etwa, daß er unanſtaͤndig geweſen waͤre, aber er ſprach laut und lachte laut, wenn er Luſt dazu hatte, oder rieb die Haͤnde mit knabenhafter Freude, wenn er ſeinem Gegner eine Niederlage beibrachte. Manchmal auch ſaß er in Gedanken verſunken und muͤr⸗ - 65 riſch da, und antwortete kurz und grob denen, die ihn ſtoͤrten. Junge Leute fuͤrchteten ihn meiſtens, obgleich ihm blos der Ruhm fehlte, um einen Kreis von bewundernden Schuͤlern um ſich zu haben. Alte Leute tadelten ſeine Anmaßung und bebten vor der Neuheit ſeiner Ideen zuruͤck. Nur Frauen wurdigten und ſchaͤtzten ihn, wie ſie mit ihrem feinen Gefuͤhl meiſtens Alles ſchaͤtzen, was ehrlich und recht iſt. Auch ſeine Schwaͤchen hatte John Ardworth— einige der ge⸗ woͤhnlichen Launen und Widerſpruͤche geiſtreicher Maͤnner. Er lebte aͤußerſt maͤßig. Wochenlang trank er blos Waſſer, aß er blos Brot und Schiffszwieback und ein paar Eier; hatte er aber dann eine be⸗ ſtimmte Arbeit vollendet, ſo erlaubte er ſich eine Saturnalie, wie er es nannte, das heißt, er ging mit einigen alten Freunden aus dem College in ein Vorſtadtwirthshaus, um einen Tag in„gottvoller Liederlichkeit“, wie er triumphirend ſagte, zu verleben. Dieſe Schwel⸗ gerei war meiſtens unſchuldig genug; ſie beſtand in kraͤftigen Spaͤßen, einem Fiſchdiner und ein oder zwei Exrtraflaſchen feurigem Portwein. Zuweilen waͤhlte dieſe Fidelitaͤt, die immer laut und laͤrmend war, ihren Schauplatz in einem der Ciderkeller oder Nachtſchenken, aber Ardworth's Anſtellung bei der Zeitung machte dieſe letztere Ausſchwei⸗ fung ausnehmend ſelten. Auf dieſe Tage der Luſt folgte ſtets eine Zeit, wo ſein Geſicht ungewoͤhnlich ernſt, ſein Benehmen ungewoͤhn⸗ lich ſchroff und rauh, ſein Fleiß noch angeſtrengter und ausdauernder als gewoͤhnlich war. John Ardworth war nicht freundlich; aber er hatte das beſte Herz von der Welt. Wie alle ehrgeizigen Menſchen beſchaͤf⸗ tigte er ſich viel mit ſich ſelbſt, und dennoch waͤre es laͤcherlich ge⸗ weſen, ihn ſelbſtſüchtig zu nennen. Selbſt der Durſt nach Ruhm, der ihn verzehrte, entſprang aus ſeinem guten Herzen— er war nur ein Verlangen Gerechtigkeit zu foͤrdern und ſeinen Brüdern zu dienen John Ardworth ſaß in ſeinen Buͤchern vertieft, als ſein Schrei⸗ ber geraͤuſchlos hereintrat und einen Brief, den der Brieftraͤger eben gebracht, auf den Tiſch legte. Mit einem ungeduldigen Achſelzucken warf er einen Blick auf die Aufſchrift, aber ſeine Zuͤge nahmen den Bulwer, Lucretia. III. 5 Ausdruck geſpannten Intereſſes an, als er die Hand erkannte.„Aber⸗ mals!“ murmelte er,„was iſt dies fuͤr ein Geheimniß! Wer kann ſo oft Theil an meinem Schickſal nehmen?“ Er erbrach den Brief und las Folgendes: „Mißachten Sie meinen Nath oder haben Sie begonnen ihn zu befolgen? Begnuͤgen Sie ſich mit dem langſamen Fortſchritt mecha⸗ niſchen Fleißes oder wollen Sie einen ſiegreichen Verſuch machen Ihre Lehrzeit abzukuͤrzen und auf einmal zu Ruhm und Macht gelan⸗ gen? Ich wiederhole Ihnen, daß Sie Ihre Gaben bei dieſer Frohn⸗ arbeit einer Zeitung zerſplittern und vergeuden. Treten Sie ſelbſt hervor, benutzen Sie Ihre Kraft und Ihre Kenntniß zu einem Werk, deſſen Verfaſſer die Welt kennt. Tag fuͤr Tag pruͤfe ich Ihre Beſtim⸗ mung und Tag fuͤr Tag wird es mir klarer, daß Sie unrecht thun, die Kraͤfte Ihrer Jugend in dieſer langweiligen Plackerei zu ver⸗ ſchwenden. Ich will Sie groß ſehen, aber im Senat, nicht als er⸗ baͤrmlicher Sophiſt vor den Schranken. Treten Sie vor das Publikum loſen Schatten, welche die als Perfon, nicht als ein der vielen namenloſt verachtete weil gefuͤrchtete Preſſe bilden. Schreiben Sie des Ruh⸗ mes wegen. Miſchen Sie ſich unter die Menſchen, erwerben Sie ſich Freunde. Mildern Sie Ihr rauhes Benehmen. Erheben Sie ſich uͤber die Heerde, welche Sie das Volk nennen. Wie, wenn Sie von edler Geburt waͤren? Ihre Laufbahn die eines Gentleman, nicht die eines Plebejers waͤre? Geld ſoll Ihnen nicht fehlen. Verwenden Sie, was ich Ihnen ſende, wie es ſich fuͤr junge Leute von guter Geburt gebuͤhrt, oder benutzen Sie es wenigſtens, um ſich eine Raſt von Ihren Arbeiten für das taͤgliche Brot zu goͤnnen, zur Staͤrkung in Ihrem Emporſtreben aus dem Dunkel zum Ruhme. Ihr unbekannter Freund.“ Eine Banknote von 100 Pfd. fiel aus dem Couvert, als Ardworth den Brief ſchweigend auf den Tiſch legte. Schon dreimal hatte er Briefe von derſelben Hand und faſt deſ⸗ ſelben Inhaltes empfangen. Einen weniger ſtarken Geiſt haͤtten dieſe 67 unbeſtimmten Anſpielungen auf einen hoͤhern Stand, auf eine Zu⸗ kunft, die im Gegenſatz ſtand zu ſeinem jetzigen arbeitsvollen Looſe leicht gefahrlich werden koͤnnen; aber nach einem einzigen Blicke auf ſeine in jeder Hinſicht einſame Stellung und wahrſcheinlichen Erwar⸗ tungen ſchuͤttelte Ardworth's nuͤchterner Geiſt die leichte Stoͤrung ab, die ſo nebelhafte Prophezeihungen in ihm hervorgebracht hatte. Die Familie ſeiner Mutter kannte er allerdings nicht— er wußte nicht einmal ihren Familiennamen. Aber gerade dies ſprach fuͤr Hoffnun⸗ gen von dieſer Seite nicht guͤnſtig. Verwandte von Reichen und Hoch⸗ gebornen bleiben ſelten im Dunkeln. Von ſeines Vaters Familie hatte er gar nichts zu erwarten. Groͤßern Eindruck hatte auf ihn die Ermahnung gemacht, unter ſeinem Namen mit einem bedeutenden Originalwerk vor das leſende Publikum zu treten. Er hatte dieſen Gedanken ſchon oft ohne Anregung von außen bei ſich uͤberlegt; aber theils hatte ihn die Nothwendigkeit mit den ſteten Anforderungen des Tages Schritt zu halten, theils die Ueberzeugung abgehalten, daß man ſich ſelbſt durch die glaͤnzendſte Leiſtung anf dem Gebiet der Lite⸗ ratur in der Advocatur wenig vorwaͤrts bringt. Ihn freuete das na⸗ türliche Streben des Genies in ſeiner Ruheloſtgkeit; aber das Genie der Geduld(die vornehmere Kraft) hielt ihn zuruͤck. So weit hatten jedoch die Einfluͤſterungen ſeines Correſpondenten gewirkt. Aber bis jetzt hatte er ſich immer zu uͤberreden geſucht, daß die ihm ſo ſelt— ſam aufgezwungenen Rathſchläge auf nichtigen Beweggruͤnden be⸗ ruhten, auf einem Scherz eines alten Mitcollegiaten vielleicht, oder hoͤchſtens auf dem nichtigen Enthuſtasmus eines leichtglaͤubigeren Be⸗ wunderers. Aber die Einlage in dem heutigen Briefe machte jede derartige Vermuthung zu Nichte. Wer von ſeinen Bekannten koͤnnte ſich einen ſo koſtbaren Scherz oder eine ſo ausſchweifende Huldigung erlauben? Er ſtand rathlos im Dunkeln und damit verband ſich eine Art Furcht. In dem proſaiſchen, unromantiſchen Manne rief dieſe ge⸗ heimnißvolle Einmiſchung in ſein Schickſal, dieſe Anmaßung des Rechts ihn zu beobachten, zu berathen und zu beſchenken die Unbe⸗ 5 X haglichkeit hervor, die Geraͤuſch im Dunkeln bei dem Muthigſten er⸗ weckt. Heute konnte er nicht mehr arbeiten— er konnte ſich nicht mehr uber ſeine Rechtsfaͤlle ſetzen. Er ging zwei⸗ oder dreimal un⸗ ruhig in ſeinem rauchgeſchwaͤrzten Zimmer auf und ab, ſchloß den Brief mit ſeiner Einlage dann ein, nahm den Hut und ging ins Freie. Aber immer noch beſchaͤftigte ihn der Brief.„Und wenn ich in einem hoͤhern Nange geboren waͤre, ſagte er faſt hoͤrbar, koͤnnte ich ja auch ein Herz haben wie unbeſchaͤftigte Menſchen; und Helene— geliebte Helene!— er ſchwieg, ſeufzte und fuͤgte dann, die vernach⸗ laͤſſigten Locken ſeines Hauptes ſchuͤttelnd, hinzu: Als ob ich ſelbſt dann eines Maͤdchens Gunſt gewinnen koͤnnte! Die Achtung der Maͤn⸗ ner kann ich erzwingen, obgleich ich arm bin, aber— Bah! Bah! nicht jedes Holz taugt zu einem Merkur; und meiner Treu, aus dem Holze, aus dem ich bin, ſchnitzt man nimmermehr einen Liebhaber.“ Aber trotz ſolcher Gedanken wendete Ardworth mechaniſch ſeine Schritte nach Brompton und blieb, halb beſchaͤmt uͤberſeine Schwaͤche, vor dem Hauſe ſtehen, wo Helene bei ihrer Tante wohnte. Es war ein Gebaͤude, welches iſolirt von den Gartenhaͤuſern und Villen die⸗ ſer anmuthigen Vorſtadt ſtand, faſt am Ende eines ſchmalen Hecken⸗ gangs und umſchloſſen von hohen finſtern Mauern, in denen eine kleine Thuͤr den ſeltenen Beſuchern Zutritt gewaͤhrte. Eine Dienerin von mittlerem Alter und ſteifem puritaniſchem Ausſehen oͤffnete auf ſein lautes Klingeln die Thuͤr und Ardworth ſchien ein privilegirter Gaſt zu ſein, denn ſie richtete keine Frage an ihn, als ſie ihn mit einem leichten Kopfneigen und regungsloſem aber ſonſt huͤbſchem Geſichte auf einem gepflaſterten, theils mit Gras bewachſenen Pfade nach dem Hauſe fuͤhrte. Das Haus ſelbſt hatte etwas Duͤſteres und Truͤbſe⸗ liges. Es war nicht alt, hatte aber durch Vernachlaͤſſigung und Ver⸗ fall ein altes Ausſehen. Die Reben, welche die roſtigen Naͤgel ent feſſelt hatten, ſchlangen ſich wild an der Mauer hin oder krochen in langen Ranken am Boden. Das Haus war einmal weiß ange⸗ 69 ſtrichen geweſen, aber die Farbe an vielen Orten verſchwunden oder von Feuchtigkeit fleckig geworden, ließ hier und da die mißfarbigen beſtoßenen Ziegel darunter erkennen. Die Fenſter waren zwar ganz und das Dach ließ wohl den Regen nicht durch, aber die Fenſtergeſtelle waren halbvermodert und Hauslaub wucherte auf den Ziegeln des Daches. Das ganze Haus hatte jenes umheimliche Ausſehen, welches in dem Beſucher einen unerklaͤrlichen Schauer des Unbehagens her⸗ vorruft. Auch Ardworth vergaß ſeinen gewoͤhnlichen ſorgloſen Gang und ſchlich faſt ſchuͤchtern die knarrende Treppe hinauf. Als er in das Beſuchzimmer trat, ſchien auf den erſten Blick Niemand darinnen zu ſein; aber bald regte ſich etwas in der Vertie⸗ fung eines großen Lehnſtuhls neben dem von keinem Feuer erhellten Kamin. Und aus einer Maſſe von Decken erhob ſich ein bleiches Ge⸗ ſicht und eine magere Hand winkte dem Beſuch ein Willkommen zu. Ardworth trat naͤher, druͤckte die Hand und ſchob einen Stuhl neben die Kranke. „Sie befinden ſich hoffentlich beſſer“, ſagte er herzlich, aber mit achtungsvollerem Tone als gewoͤhnlich in ſeiner Stimme lag. „Ich bin immer dieſelbe“, war die gelaſſene Antwort;„ruͤcken Sie naͤher. Ihr Beſuch erheitert mich.“ Als Madame Dalibard dieſe letzten Worte ſagte, erhob ſie ſich ein wenig und muſterte lange Ardworths energiſches Geſicht und ge⸗ dankenvolle Stirn.„Sie uͤberarbeiten ſich, mein armer Vetter,“ ſagte ſie mit einer gewiſſen Zaͤrtlichkeit:„Sie ſehen ſchon zu alt fuͤr Ihre jungen Jahre aus.“ „Das iſt kein Nachtheil in der Advocatur.“ „Iſt die Advocatur Ihnen Mittel oder Zweck?“ „Frau Dalibard, es iſt meine Beſtimmung.“ „Nein, Ihre Beſtimmung iſt emporzukommen, John Ardworth!“ und die leiſe Stimme wurde lauter,„Sie ſind kuͤhn, faͤhig und ſtreb⸗ ſam— deswegen liebe ich Sie— liebe Sie faſt— faſt wie eine Mutter. Ihr Schickſal,“ fuhr ſie aufgeregter fort,„intereſſirt mich, 70 0 gg Ihre Energie floͤßt mir Bewunderung ein; oft ſitze ich ſtundenlang hier und denke uͤber Ihre Zukunft nach, ſo daß ich zuweilen faſt ſa⸗ gen kann: ich lebe in Ihrem Leben.“ Ardworth machte ein verlegenes Geſicht und erwiderte zogernd; „Ich muͤßte eingebildet erſcheinen, wenn ich glauben koͤnnte—“ „Sagen Sie,“ unterbrach ihn Frau Dalibard,„wir haben manche Unterhaltung uͤber ernſte und verwickelte Gegenſtaͤnde gehabt; wir haben uͤber die geheimnißvollen Wunder der Menſchenſeele geſtritten; wir haben unſere Erfahrungen über das aͤußere Leben und das Be⸗ wegen und Treiben der menſchlichen Geſellſchaft ausgetauſcht— ſagen Sie mir jetzt, aber offen, was denken Sie von mir? Betrach⸗ ten Sie mich blos, wie Ihr Geſchlecht gern die Frau, die ſich dem Mann gleichzuſtellen ſtrebt, betrachtet, als ein Geſchoͤpf geborgter Phraſen und unſolider Gedanken, zu ſchwach zum Fuͤhrer und zu un⸗ geſchickt zum Lehrer? Oder erkennen Sie in dieſem elenden Koͤrper einen kraͤftigen Geiſt, der des Ihrigen nicht unwerth iſt, und der von einer reifern Erfahrung, als Ihre iſt, geleitet wird?“ „Ich halte Sie“, antwortete Ardworth freimuͤthig,„fuͤr die merk⸗ wuͤrdigſte Frau, die ich bis jetzt kennen gelernt habe. Aber zuͤrnen ſie mir nicht, ich gebe nicht gern dem Einfluſſe nach, den Sie auf mich ausuͤben, wenn wir zuſammenkommen.— Er ſtoͤrt meine Ueberzeu⸗ gungen, beunruhigt meinen Verſtand und ich finde mich nicht ſo leicht in meinem alten Leben zurecht, nachdem Ihr Athem daruͤber hinwegge⸗ gangen iſt.“ „Und doch“, ſagte Lucretia mit truͤber Feierlichkeit,„iſt dieſer Einfluß nur die natuͤrliche Macht, welche das kaltere Alter uͤber die heißblutige Jugend ausuͤht. Gerade mein trauriger Vorzug vor Ihnen ſcheucht Sie aus Ihrer gluͤcklichen Ruhe auf. Meine Erfahrung nimmt Ihnen das Vertrauen in die Trugſchluͤſſe, welche Sie Ihre Ueberzeu⸗ gungen nennen. Doch genug davon. Ich wollte Ihr Urtheil uͤber mich wiſſen, weil ich Sie mit der ganzen Lebenserfahrung, die ich be⸗ —— 71 ſitze, unterſtuͤtzen moͤchte. In dem Maße, wie ſie mich achten, werden Sie meine Rathſchlaͤge annehmen oder verwerfen.“ „Ich habe bereits von ihnen Vortheil gezogen. Der Ton, den ſie mir anzunehmen riethen, hat mir in den Augen des alten Pedanten, deſſen Blatt ich redigire und deſſen Prinzipien ich verletze, eine Wich⸗ tigkeit gegeben, die ich fruͤher nicht hatte; Ihrer Kritik verdanke ich die praktiſchere Richtung meiner Aufſaͤtze und den groͤßern Einfluß, den ſie auf das Publikum gewonnen haben.“ „Das ſind Kleinigkeiten“, ſagte Frau Dalibard mit einem leich⸗ ten Laͤcheln.„Moͤge Sie das wenigſtens bewegen, mich anzuhoͤren, wenn ich Ihnen zeige, wie Sie Ihren Weg angenehmer und zugleich ſchneller vollenden koͤnnen.“ Ardworth zog die Stirn in Falten und ſein Geſicht nahm einen Ausdruck des Zweifels und der Neugier an. Er erwiderte jedoch nur mit einem freimuͤthigen Lachen:— „Sie ſind fuͤrwahr weiſe, wenn Sie eine Heerſtraße zur Beruͤhmt⸗ heit entdeckt haben!“ „O, wer ſpricht's aus, wie ſchwer der ſteile Fels, Drauf ſtolz des Ruhmes Tempel prangt, zu klimmen iſt!“ „Ein geſcheidterer Spruch, als die Dichter gewoͤhnlich nach ihren ſentimalen Ach! und O's! folgen laſſen.“ „Was wir ſind, iſt Nichts“, fuhr Frau Dalibard fort;„was wir ſcheinen, iſt Alles. Ardworth ſchob die Haͤnde in die Taſchen und ſchuͤttelte den Kopf. Sie aber fuhr fort, ohne ſein Nichtbeiſtimmen zu beachten. „Alles, was Sie ſchaͤtzen gelernt haben, hat ein Scheinbild, und dieſes Scheinbild haͤlt die Welt hoch. Nehmen Sie einen armen zer⸗ lumpten Mann von der Straße, was faͤngt die Welt mit ihm an? Sie ſchickt ihn in's Verſorgungshaus oder gar in den Kerker. Laſſen Sie von einem großen Maler dieſen Mann mit ſeinen Lumpen und ſeinem Schmutze malen, und Koͤnige werden um den Beſitz dieſes Bil⸗ des wetteifern. Dem Manne weiſt man die Thuͤr, das Bild haͤngt 72 man in Palaͤſten auf. Eben ſo iſt es mit Eigenſchaften, die Nach⸗ bildung iſt mehr werth als die Wirklichkeit. Was iſt die Tugend ohne guten Ruf? Aber ein Mann ohne waden kann von ſeinem guten Rufe leben! Was iſt Genie ohne Erfolg! Aber wie oft beugt man ſich vor dem Erfolg ohne Genie! John Ardwarth, bemäͤchtigen Sie ſich der Nachbildung— erwerben Sie ſich den Ruf— ſtreben Sie nach dem Erfolge!“ dame“, rief Ardworth barſch aus,„das iſt ſcheußlich!“ „Scheußlich mag es ſein“, erwiderte Frau Dalibard gelaſſen und vielleicht gewahrend, daß ſie zu weit gegangen war;„aber die Welt denkt ſo. Verbinden Sie alſo den Schein mit dem Sein. Sie ſindtugendhaft, glaube ich. Gut, huͤllen Sie ſich in Ihre Tugend— zu Hauſe. Gehen Sie in die Welt hinaus und erwerben Sie ſich Ruf. Wenn Sie Genialitaͤt beſitzen, ſo erquicken Sie ſich daran. Miſchen Sie ſich unter die Menge und ſtreben Sie nach Erfolg.“ „Halt!“ rief Ardworth;„ich erkenne Sie. Wie konnte ich ſo blind ſein! Sie haben alſo an mich geſchrieben und in demſelben Sinne! Sie, eine arme Kranke, haben ſich ſelbſt beraubt, um dieſe kraͤftigen Haͤnde mit Ueberfluß zu uͤherſchuͤtten. Und warum? Was bin ich Ihnen?“ Ein Ausdruck echter Zuneigung erhellte Lucretia's Geſicht, als ſie zu ihm aufblickte und antwortete:„Ich will Ihnen ſpaͤter ſagen, was Sie mir ſind. Zuerſt geſtehe ich ein, daß ich es bin, deren Briefe Sie verwirrt, vielleicht verletzt haben. Das Geld, das ich Ihnen ſchickte, kann ich miſſen. Es ſteht und wird Ihnen ſtets mehr zu Dienſten ſtehen, alſo ſorgen Sie nicht. Ja, ich wuͤnſche, daß ſie in der Welt auftreten ſollen, aber nicht abhaͤngig von den Guͤnſtlingen der Welt, ſondern gleich mit ihnen. Ich moͤchte, daß Sie Menſchen beſſer kennen lernen, als es aus bloßen Buͤchern möglich iſt. Ich mochte Sie genannt hoͤren, ich moͤchte einen Kreis um ſie verſammelt ſehen, der von dem jungen Ardworth ſpricht.— Dieſer Ruf wuͤrde dann denen zu Ohren kommen, die Sie vorwaͤrts bringen konnen. Schon t — —— 73 der bloße Beſitz von Geld giebt in gewiſſen Verhaͤltniſſen dem Beneh⸗ men Sicherheit, dem Anſuchen Einfluß.“ „Aber“, ſagte Ardworth,„Alles dies iſt ganz ſchoͤn fuͤr einen durch Geburt und Vermoͤgen Begunſtigten; aber fuͤr mich— doch ſprechen Sie ſich offen aus, Sie deuten an, ich ſei etwas, was ich nicht wuͤßte; ein Individuum, das weniger von der Kraft ſeines Koͤrpers und Geiſtes leben muß, als der ſimple John Ardworth. Was meinen Sie damit?“ Madame Dalibard hatte das Geſicht auf ihre Bruſt ſinken laſſen und wiegte ſich in ihren Stuhl. So ſchien ſie ſich einige Minuten z1 beſinnen, ehe ſie antwortete. „Als ich vor einigen Monaten nach England zuruͤckkehrte, wuͤnſchte ich natuͤrlich ausführliche Auskunft uͤber meine Familie und meine Verwandten, die mir durch lange Abweſenheit im Auslande fremd geworden waren. John Walter Ardworth war mit meiner Halbſchweſter verwandt, von mir war er nur ein Bekannter. Dennoch wußte ich etwas von ſeinen Verhaͤltniſſen, aber nicht, daß er einen Sohn hatte. Kurz vor meiner Ankunft in England hoͤrte ich, daß ein vermeintlicher Sohn von ihm bei Mr. Fielden erzogen worden und Mr. Fielden hat mich ſeitdem von all' den Grunden füͤr den Glauben, durch den Sie den Namen Ardworth tragen, unterrichtet.“ Lueretia ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann nach einem Blick auf das ungeduldige, geſpannte Geſicht ihres Zuhoͤrers fort. „Ihr angeblicher Vater füͤhrte, wie Sie wohl wiſſen werden, ein leichtſinniges und ausſchweifendes Leben. Mein Onkel hatte ihm ein Offizierspatent verſchafft und er betrat dieſe Laufbahn mit der ganzen Sorgloſigkeit ſeiner ſanguiniſchen Natur. Ich erinnere mich jener Tage— jenes Tags! Doch— wo war ich ſtehen geblieben? Wal⸗ ter Ardworth war Thor genug, in der Politik ſehr ertreme Meinungen zu haben. Er wollte Soldat ſein, und uͤberredete ſich doch Republi⸗ kaner zu ſein. Seine in ſeinem Stande ſo gehaßten Meinungen wur⸗ den ruchbar; er verhehlte nichts; er vernachlaͤßigte die Portraits der Wirklichkeit— den Schein. Er machte ſich ſeinem commandiren⸗ den Offizier verhaßt, politiſche Meinungen ſäeten damals faſt noch mehr als jetzt haͤufig Zwietracht aus— eine Gelegenheit fand ſich: waͤhrend des kurzen Friedens von Amiens war er nach England zu⸗ ruͤckberufen worden. Er hatte, ich glaube in Irland, bei einem Auf⸗ lauf eine Abtheilung Soldaten anzufuͤhren; er feuerte nicht auf den Pöbel, wie ihm befohlen worden— ſo behauptete man wenigſtens: John Walter Ardworth wurde vor ein Kriegsgericht geſtellt und caſ⸗ ſirt. Aber Sie wiſſen vielleicht das Alles ſchon!“ „Mein armer Vater! Nur zum Theil: ich wußte, daß er aus dem Dienſte entlaſſen worden— ich glaubte ungerechterweiſe. Er war Soldat und wagte doch ſelbſt zu denken und Menſch zu ſein!“ „Aber mein Oheim hatte ihm ein Legat vermacht— es brachte ihm keinen Segen— wie uͤberhaupt des alten Mannes Gold nir⸗ gends. Wo ſind ſie jetzt alle? Dalibard, Suſanne und ihr blonder Gatte! Wo? Vernon iſt todt— nur ein einziger Sohn von vielen noch am Leben! Gabriel Varney lebt allerdings!— und ich! Aber dies Gold— ja, in unſern Haͤnden lag ein Fluch darauf! Walter Ardworth bekam ſein Legat— er war von leichtſinnigem Charakter: obgleich ſchmachvoll entlaſſen, fand er doch Leute, die ihn bedauerten und prieſen— Parteimenſchen wie er. Er lebte flott hin, trank oder ſpielte, oder lieh und borgte, er gerieth in Schulden und fuͤhrte zuletzt ein elendes, unſtetes Leben, ernaͤhrte ſich wie er konnte und war be⸗ ſtaͤndig von den Ballliffs verfolgt. Damals ſahen wir uns wieder.“ Lucretias Stirn wurde finſter wie die Nacht, wie ſie die letzten Worte mit leiſer Stimme ſprach. Sie ſchauerte zuſammen und fuhr erſt nach einer Pauſe wieder fort. „Waͤhrend er ſo unſtet lebte, erſchien Walter Ardworth eines Abends mit einem Kinde bei Mr. Fielden. Er ſchien, wie Mr. Fiel⸗ den ſagte, krank und erſchoͤpft zu ſein. Er gab keine Auüfklaͤrungen weiter uͤber das Kind, und ging ſogleich ſchlafen. Was nun folgt, hat Mr. Fielden auf meine Bitte niedergeſchrieben. Leſen Sie ſelbſt, 75 welchen Anſpruch Sie auf die ehrenvolle Verwandtſchaft, mit der man Sie beſchenkt hat, haben.“ Mit dieſen Worten ſchloß Frau Dalibard ein Kaͤſtchen auf ihrem Tiſch auf, nahm ein Papier von Fieldens Hand heraus und uͤbergab es Ardworth. Nach einigen einleitenden Worten uͤber des Verfaſſers vertraute Bekanntſchaft mit dem aͤlteren Ardworth, und einer Dar⸗ ſtellung des von Frau Dalibard eben Erzählten, fuhr die Schrift fol⸗ gendermaßen fort: Am naͤchſten Tage, als mein armer Gaſt noch im Bette lag, meldete mir meine Magd Hannah, daß draußen zwei Leute waͤren die mich zu ſprechen verlangten. Wie gewoͤhnlich ließ ich ſie ein⸗ treten. Als ſie in's Zimmer kamen(es waren ein paar baͤuriſch ausſehende Leute und ich glaubte, Sie wollten meinen kleinen Acker pachten) bat ich ſie leiſe zu ſprechen, da gerade uͤber uns ein kranker Herr laͤge. Kaum hatte ich dies geſagt, ſo ſtuͤrzten die beiden Frem⸗ den wieder hinaus und ließen mich in ſtummem Staunen zuruͤck; kurz darauf vernahm ich oben laute Stimmen und ein Gebalg. Ich kam wieder zur Beſinnung und rief, in der Meinung, Raͤuber ſeien in mein friedliches Haus gebrochen, laut um Hulfe; darauf kam Hannah und wir Beide faßten uns ein Herz und gingen hinauf, wo wir den armen Walter in der Gewalt dieſer vermeintlichen Raͤuber, die aber Bailiffs war, fanden. Sie wollten ihn keine Secunde aus den Augen laſſen. Er war jedoch ruhiger als ich fuͤr moͤglich gehal⸗ ten haͤtte; bat mich leiſe, fuͤr das Kind zu ſorgen, und verſprach mir, Weiteres von ſich hoͤren zu laſſen. In weniger als einer Stunde war er fort. Zwei Tage ſpaͤter erhielt ich einen in großer Eile ge⸗ ſchriebenen Brief ohne Adreſſe, den ich hier mittheile: Lieber Freund, ich bin den Bailiffs entwiſcht und hier ſitze ich in Sicherheit, in einer kleinen Schenke am Meer! Das Vaterland hat mich wie ein Rabenvater behandelt. Ich werde meine Ueber⸗ fahrt auf einem Schiffe als Matroſe nehmen und wenn ich meine Geſundheit wieder erlangen kann(die Seeluft iſt ſtaͤrkend!) hoffe ich immer noch mein Brot auf irgend eine Weiſe ehrlich zu verdienen. Wenn ich einmal meine Schulden bezahlen kann, komme ich zuruͤck. Aber was werden Sie, mein lieber alter Lehrer, unterdeſſen von mir denken? Sie, dem ich als einzigen Dank für ſo viele vergeblich aufgewendete Muͤhe einen Mund mehr zu fuͤttern gab! Und kein Geld, um die Koſt zu bezahlen? Aber Sie werden dem Kinde keinen Platz an Ihrem Tiſche verweigern? Nein, und auch nicht die gute, ſparſame Mrs. Fielden.— Gott ſegne die gute, wirthſchaftliche Seele! Sie kennen mich gut genug, um uberzeugt zu ſein, daß ich Sie entweder bald von dem Kinde befreien oder Ihnen etwas ſchicken werde, damit es Ihnen nicht zur Laſt falle. Ich wuͤrde ſagen, ſchenken Sie dem Kinde Liebe und Mitleid um mei⸗ net willen. Aber ich geſtehe, daß ich— aber bei Gott, ich muß der Ihrige, fort— ich hoͤre das erſte Signal von dem Schiffe, das in Eile, J. W. A. Der junge Ardworth unterbrach ſeine Lectuͤre und ſeufzte ſchwer. Dieſer Brief ſchien ihm Schlimmeres als falſchen Humor zu verrathen — eine gewiſſe Frivolitaͤt, die ſeine eignen ſtrengen Grundſaäͤtze ſchmerzhaft verletzte. Und der Mangel an Liebe zu dem Kinde war offenbar— kein einziges Wort von Liebkoſung. Er las mit be⸗ kümmerter und entmuthigter Aufmerkſamkeit weiter. „Dies war Alles, was ich von dem armen Walter drei Jahre hin⸗ durch hoͤrte, aber ich wußte, daß ſein Herz trotz ſeiner Thorheiten im Grunde gut war(des Sohnes Auge erhellte ſich, und er kuͤßte das Papier) und das Kind war uns keine Laſt— wir liebten es, nicht nur um Ardworths willen, ſondern auch ſeiner ſelbſt, und der Barm⸗ herzigkeit und Chriſtus willen. Ardworths zweiter Brief lautete wie folgt: En iterum Crispinus!— Ich bin noch am Leben und komme vorwaͤrts in der Welt— ja, und ehrlich— ich verſchwende nicht mehr leichtſinnig; ich ſpare fuͤr meine Glaͤubiger, und wenn ich leben — 77 bleibe, hoffe ich jeden Pfennig zu bezahlen. Vor allen Dingen meine Schuld an Sie— ich uͤberſchicke Ihnen eine Anweiſung, nicht unter meinem Namen, aber vollkommen guͤltig, auf das Haus Drummond auf 250£. Nehmen Sie davon, was Ihnen der Knabe gekoſtet hat. Laſſen Sie ihn erziehen, daß er ſich ſelbſt ſein Brot erwerben kann— i*ſt er geſcheidt zum Gelehrten und Juriſten— iſt er es wohl zum Ge⸗ werbsmann. Wie ſich auch meine Verhaͤltniſſe wenden moͤgen, jeden⸗ falls muß er ſich ſelbſt erhalten. Ich ſollte Ihnen die Geſchichte ſeiner Geburt erzaͤhlen, aber es iſt eine Geſchichte des Schmerzes und der Schuld, und wenn ich es recht uͤberlege, ſo fuͤhle ich, daß ich kein Recht habe auf ſeine Jugend einen Schandfleck zu bringen, an dem er unſchuldig iſt. Wenn ich je nach England zuruͤckkehren ſollte, ſo ſollen Sie Alles erfahren und ich will dann Ihrem Rathe folgen. Ich gruͤße Ihre ganze gluͤckliche Familie. Ihr dankbarer Freund und Schuͤler. Dieſer Brief ließ mich argwoͤhnen, daß das arme Kind wahr⸗ ſcheinlich außer der Ehe geboren ſei und daß Ardworth's Schweigen eine Folge ſeiner Gewiſſensbiſſe ſei. Ich hielt es fuͤr das Beſte, dieſen Argwohn dem Sohn nie merken zu laſſen. Warum ſollte ich ihn durch einen Zweifel betruͤben, den ſein Vater nicht heben wollte und der vielleicht nur eine Folge meiner unerfahrenen und liebloſen Aus⸗ legung einiger vieldeutigen Worte war? Als John 14 Jahr alt war, empfing ich abermals von Drummonds 500&. aber ohne eine ein⸗ zige Zeile von Ardworth und nur mit der Erklaͤrung, daß die Heryn Drummond von einem ihrer Correſpondenten in Calcutta beauftragt waͤren mir dieſe Summe zu Deckung der Erziehungskoſten des mir von John Walter Ardworth uͤbergebenen Kindes auszuzahlen. Mein junger Pflegling war zwet Jahre auf der Unive einen Brief folgenden Inhalts erhielt: ſitaͤt, als ich „Wie geht's Ihnen?— immer noch wohl— immer noch gluͤck⸗ lich?— laſſen Sie mich das hoffen! Ich habe Ihnen nicht geſchrie⸗ ben, theurer alter Freund, aber ich habe Sie nicht vergeſſen— ich 78 habe mich nach Ihnen bei meinem Correſpondenten erkundigt, und habe von Zeit zu Zeit Berichte von Ihnen gehoͤrt, die meine dank⸗ bare Zuneigung zufrieden ſtellten. Ich finde, daß Sie dem Knaben meinen Namen gegeben haben. So mag er ihn behalten— es iſt nicht viel damit zu prahlen, nach dem Rufe, den ich ihm gegeben habe; aber merken Sie ſich, ich erkenne ihn nicht als meinen Sohn an. Ich wuͤnſchte, daß er ſich fuͤr elternlos halte, ohne andre Unterſtuͤtzung in ſeiner Laufbahn, als ihm ſein eigner Fleiß und ſeine Talente gewaͤhren— wenn er Talente hat. Laſſen Sie ihm die ſtaͤrkende Pruͤfung der Arbeit durchmachen— laſſen Sie ihm ſein Auskommen ſuchen und finden. Bis er muͤndig iſt, werden viertel⸗ jaͤhrlich 150 Pfd. für ihn bei den Herren Drummond auf Ihren Na⸗ men bezahlt werden. Wenn er dann, um ſich zu etabliren, Geld braucht, ſo ſchreiben Sie mir die Summe unter der Adreſſe A. B. Calcutta, durch Vermittlung der Herren Drummond, dies wird zu mir gelangen, und mich geneigt finden, Ihrer Forderung zu genüͤgen. Aber nach dieſer Zeit hoͤren alle Zuſchuͤſſe auf. Glauben Sie nicht, weil ich dies aus Oſtindien ſchreibe, daß ich in Rupien wuͤhle; Alles, was ich zu erreichen hoffe, iſt ein maͤßiges Auskommen. Dieſer Knabe iſt nicht der einzige, der Anſpruͤche hat, es zu theilen. Daher habe ich, ſelbſt wenn ich wuͤnſchte ihm die verſchwenderiſchen Lebens⸗ gewohnheiten zu geben, die mich zu Grunde gerichtet haben, nicht einmal die Mittel dazu. Ja! er mag auf eigne Kraft ſich ſtützen. In Ihrem Briefe ſchreiben Sie mir ja ausfuͤhrlich von Ihrer Fami⸗ lie, Ihren Soͤhnen; ſchreiben Sie wie an einen Mann, der ſie viel⸗ leicht in der Welt vorwaͤrts bringen kann, der ſich zu gluͤcklich ſchaͤtzen wird, einigermaßen das Viele, was er Ihnen ſchuldet, zu entgelten. Sie wuͤrden billigend laͤcheln, wenn Sie mich jetzt ſaͤhen— ein ſolider, betriebſamer Mann, aber immer noch der Ihrige. P. S. Laſſen Sie den Knaben nicht an mich ſchreiben, und ge⸗ ben Sie ihm auch nicht dieſe Spur meiner Adreſſe.“ „Bei Empfang dieſes Briefes ſchrieb ich ausfuͤhrlich an Ard⸗ jeſer aher ens nicht tzen. ami⸗ viel⸗ ätzen lten. jein 79 worth uͤber die ſchoͤnen Anlagen und die vortreffliche Auffuͤhrung ſei⸗ nes armen, vernachlaͤffigten Sohnes. Ich ſchrieb ihm, daß er in der That ein Sohn ſei, auf den jeder Vater ſtolz ſein koͤnne, und machte ihm Vorwuͤrfe uͤber den tadelnswerthen Ton, in dem er von ihm ſprach. Jemandes Sohn bleibt ſein Sohn, wie großes Unrecht auch der Vater der Mutter gethan haben mag. Auf dieſen Brief erhielt ich keine Ant⸗ wort. Als John mündig geworden, und durch eine Collegiatur der Noth entruͤckt war, ſprach ich mit ihm uͤber ſeine Zukunft. Ich ſagte ihm, daß ſein Vater, obgleich er im Auslande, und aus gewiſ⸗ ſen Gruͤnden in Verborgenheit lebte, doch bis jetzt reichlich fuͤr ſeinen Unterhalt geſorgt habe, und willens ſei, zu geben, was er zur Be⸗ gruͤndung ſeiner Laufbahn, oder zum Ankauf eines Offizierpatents brauche; daß es aber ſein Vater lieber ſehen moͤchte, wenn er Liebe zur Unabhaͤngigkeit zeigte, und ſich fortan ſelbſt erhielte. Ich kannte den Knaben, zu dem ich ſo ſprach.— John dachte wie ich; ich ver⸗ langte von dem aͤltern Ardworth nichts weiter; die Zuſchuͤſſe hoͤrten auf; John hat ſeitdem auf eigne Fauſt gelebt. Ich habe von ſeinem Vater nichts weiter vernommen, obgleich ich oft unter der mir ange⸗ gebenen Adreſſe geſchrieben habe. Ich fuͤrchte faſt, daß er todt iſt. Ich ging einmal nach London, und ſuchte einen der Chefs des Hauſes Drummond auf— ein ſehr hoͤflicher Herr, der mir aber nur ſagen konnte, daß er nach den Inſtructionen eines Correſpondenten in Cal⸗ cutta, eines gewiſſen Macfarren handle, worauf ich an Mr. Macfar⸗ ren ſchrieb, und ihn— ſehr dringend meiner Meinung nach um Nach⸗ richten uͤber den aͤltern Ardworth erſuchte. Er antwortete mir ziem⸗ lich kurz, daß er eine Perſon dieſes Namens gar nicht kenne, und daß 4A. B. ein franzoͤſiſcher Kaufmann in Calcutta geweſen, der vor laͤnger als zwei Jahren geſtorben ſei. Ich gab jetzt alle Hoffnungen auf, mehr zu erfahren, und war mehr als je uͤberzeugt, daß ich recht gethan hatte, indem ich John meinen Briefwechſel mit ſeinem Vater verheimlicht hatte. Der Knabe hatte natuͤrlich geforſcht, aber als ich ihm ſagte, daß ich es für meine Pflicht gegen ſeinen Vater halte, 13 5 8 4 3 zu ſchweigen, drang er nicht weiter in mich. Ich habe nur noch hin⸗ zuzufuͤgen, erſtens, daß es nach allen Nachforſchungen, die ich bei den noch lebenden Verwandten von Walter Ardworth machte, deren feſter h) 9 f Glaube zu ſein ſchien, daß er nie verheirathet geweſen, und daraus, fuͤrchte ich, muͤſſen wir ſchließen, daß er keine ehelichen Kinder hatte, was die Vernachlaͤſſigung ſeines Sohnes erklaͤrt, aber nicht entſchul⸗ digt; und zweitens hinſichtlich der fuͤr John empfangenen Summen, daß ich ſie ſaͤmmtlich— Capital und Intereſſen, in ſeinem Namen bei den Herren Drummond in den 3 pro Cent angelegt habe, blos nach Abzug ſeines erſten Jahres in Cambridge, welches ich, ohne meine eigenen Kinder zu benachtheiligen, nicht bezahlen konnte. Daß ich ihm davon nichts geſagt habe, geſchah auf den Nath meiner lieben Frau, denn ſie ſagte ſehr verſtaͤndig, und ſie war in Geldſachen eine kluge Frau!„Wenn er weiß, daß ihm eine ſo große Summe zu Ge⸗ bote ſteht, ſo wird er vielleicht faul und liederlich, und bringt Alles auf einmal durch, wie ſein Vater vor ihm; waͤhrend er, wenn er einmal heirathen will, oder ſonſt das Geld braucht, eine ſchoͤne Hilfe damit gewährt wird.“ „Da Sie, verehrte Frau, jed ſo moͤgen Sie es jetzt halten, wie Sie fuͤr gut befinden, und John ſowohl alle hierin enthaltene Aufflaͤrung üͤber ſeinen Vater geben, als ihn auch von der großen Summe, deren Beſitzer er iſt, unter⸗ richten. och die Welt beſſer als ich kennen, Matthew Fielden.“ „P. S, Zur Rechtfertigung John Ardworth's und um zu zei⸗ 9 che Grille er ſich immer in Bezug auf ſein eigenes Kind in den Kopf geſetzt hatte, doch gutherzig genug war, um an meine Kinder zu denken, obgleich ich in meinen Briefen nichts von ihnen geſagt hatte, muß ich noch erwaͤhnen, daß meinem aͤlteſten Sohn eine vortreffliche Stelle in einem Handlungshauſe in Weſt⸗ indien angeboten wurde, wo er jetzt Buchhalter iſt, und mein zweiter der ihm ganz unbekannt war, eine Pfruͤnde gen, daß er, wel Sohn von einem Herrn, 81 von 117 Pfund jaͤhrlich erhielt. Obgleich ich dieſe Wohlthaten Ardworth nie beweiſen konnte, wem ſollte ich ſie ſonſt verdanken?“ Ardworth legte das Papier aus der Hand, ohne ein Wort zu ſprechen, und Lucretia, die ihn waͤhrend des Leſens beobachtet hatte, erſtaunte uͤber die Selbſtbeherrſchung, welche er zeigte, als er mit der Schrift zu Ende war. Sie legte jetzt ihre Hand auf die ſeinige und ſprach: „Muth!— Sie haben nichts verloren.“ „Nichts!“ ſagte Ardworth mit einem bittern Laͤcheln.„Eines Vaters Namen und eines Vaters Liebe— nichts!“ „Aber,“ rief Lucretia aus,„iſt dieſer Mann Ihr Vater? Spricht Vaterliebe aus einem einzigen dieſer harten Worte? Nein, nein; mir ſcheint es moͤglich, ja, faſt gewiß zu ſein, daß“— ſie hielt inne und ſetzte weniger aufgeregt hinzu:— daß Sie mir nahe verwandt ſind. Ich bin jetzt in England, in London, um dieſe Spur zu ver⸗ folgen. Verwirklicht ſich meine Hoffnung, ſo— ſo“— Frau Dali⸗ bard hielt wieder ploͤtzlich inne, und ſelbſt in dem frohlockenden Aus⸗ druck ihres Geſichts lag etwas Schreckliches. Sie holte tief Athem und ſagte mit offenbarer Anſtrengung, ihre Aufregung zu be⸗ meiſtern:„Wenn dem ſo iſt, ſo habe ich ein Recht, mich fuͤr Sie zu intereſſiren. Erlauben Sie mir, Ihnen den Grund meiner Ver⸗ muthung noch zu verſchweigen und— und— lieben Sie mich ein wenig bis dahin!“ Ihre Stimme zitterte wie von unterdruͤckten Thraͤnen bei dieſen letzten Worten, und in dem Tone, mit dem dieſelbe ſprach, und der Bewegung der gefalteten Haͤnde, die ſte ihm entgegenhielt, ſprach ſich faſt krampfhafte Erſchuͤtterung aus. Sehr geruͤhrt uͤber das Benehmen und die Stimme der Spre⸗ chenden, beugte ſich Ardworth nieder und kuͤßte ihre Haͤnde. Dann ſtand er raſch auf, ging im Zimmer auf und ab, ſprach halblaut mit ſich ſelbſt, trat an ein Fenſter und oͤffnete es, wie um friſche Luft zu ſchoͤpfen, und athmete ſchwer auf. Als er ſich jedoch wieder um⸗ Bulw er lwer „Lueretia. III. 6 8 2 drehte, beſaß er ſeine ganze Faſſung wieder, und indem er raſch die Arme uͤber die breite Bruſt verſchraͤnkte, ſagte er lant, aber mehr zu ſich ſelbſt, als zu der Dame: „Was thut's am Ende, welchen Namen die Leute unſern Vaͤtern geben? Wir ſelbſt ſind unſres Schickſals Schmidt! Baſtard oder adelig, mir iſt es gleich. Gebt mir Ahnen, ich werde mich ihrer wuͤrdig machen; ſtreicht mir ſelbſt den Namen eines Vaters aus, und meine Soͤhne ſollen einen Ahn in mir haben!“ Wie er ſo ſprach, lag eine rauhe Groͤße in den harten Zuͤgen ſeines Geſichts und der kraͤftigen Ruhe ſeiner hohen Geſtalt. Und waͤhrend er ſo daſtand, ging die Thuͤr auf und Varney trat herein. Dieſe beiden Leute hatten ſich dann und wann bei Frau Dali⸗ bard getroffen, ſich aber einander nicht genaͤhert. Varney war kalt und foͤrmlich gegen Ardworth und Ardworth fuͤhlte eine Abneigung gegen Varney. Mit dem Inſtinkt geſunder, tuͤchtiger und ſolider Naturen entdeckte er augenblicklich, daß etwas Theatraliſches, Fal⸗ ſches und Hohles in Gabriel Varney's Rede und Benehmen— ſelbſt in ſeinem Gange und dem Schnitt ſeiner Kleider— lag, das ihm aus dem Grund ſeiner Seele zuwider war. Und Ardworth ermangelte wieder des knabenhaften und ſchoͤnen Enthuſiasmus von Percival's Natur, die leicht einnahm und eingenommen ward und von Bewunderung fuͤr alle Talente und alle Vortrefklichkeit gluͤhte. Um Kunſt, wenn ſie nicht von der hoͤchſten Art war, kuͤmmerte ſich Ardworth nicht im mindeſten; ihm war es gleich⸗ guͤltig, daß Varney malte und componirte, mit gewandten Phra⸗ ſen uͤber Literatur zu glaͤnzen wußte, oder mit unbefriedigender Metaphyſik paradirte. Er ſah nur den Charlatan und hatte noch nicht aus Erfahrung gelernt, wie ſtark und gefaͤhrlich die Boa iſt, die ihre Farben in der Sonne glaͤnzen laͤßt und ſich mit dem ſinn⸗ lichen Muthwillen ihres Charakters von Zweig zu Zweig windet. Varney blieb in der Mitte des Zimmers ſtehen, wie ſein Auge zuerſt auf Ardworth ſiel, und ſah dann Frau Dalibard an. Aber 83 Ardworth in ſeinen Traͤumen und ſeinen Entſchluͤſſen von dem Klang einer Stimme geſtoͤrt, die ihm ſtets widerwaͤrtig war, und vorzuͤglich in ſeiner jetzigen Stimmung, erwiderte kaum Varney's Gruß, knöpfte den Rock zu, nahm den Hut und ging, unterwegs zwei Stuͤhle umwerfend und einen runden Tiſch in nicht unbedeutendes Schwan⸗ ken verſetzend, auf Mrs. Dalibard zu. Er druͤckte ihr die Hand, fluͤſterte ihr zu:„Ich werde Sie bald wiederſehen!“ und verſchwand aus dem Zimmer. Sein Haar mit den reichberingten Fingern glaͤttend ſank Varney in den Stuhl neben Frau Dalibard, wo Ardworth eben geſeſſen hatte, und ſagte:„Waͤre ich eine Clytemneſtra, ſo wuͤrde ich einen Oreſtes in einem ſolchen Sohne fuͤrchten!“ Frau Dalibard warf auf den Sprechenden einen jener miß⸗ trauiſchen Seitenblicke, die fruͤher Lucretia charakteriſirt hatten, und erwiderte: „Clytemneſtra war gluͤcklich! Die Furien ahndeten ihr Ver⸗ brechen nicht und verfolgten nur den Raͤcher!“ „Still!“ ſagte Varney. Die Thuͤr ging auf und Ardworth trat wieder ein. „Ich vergaß ganz, weswegen ich zum Theil hergekommen war. — Was macht Helene? Iſt ſie ſicher nach Hauſe zuruͤckgekehrt?“ „Sicher— ja!“ „Das liebe Maͤdchen— es freut mich, dies zu hoͤren! Wo iſt ſie! Doch nicht wieder bei dieſen Mivers! Ich bin kein Ari⸗ ſtokrat, aber ich begreife nicht, warum man feine Bildung und Ge⸗ meinheit zuſammenbringen kann?“ „Mr. Ardworth,“ ſagte Frau Dalibard mit ſtolzer Kaͤlte, „meine Nichte iſt unter meiner Obhut, und Sie werden mir erlau⸗ ben, ſelbſt zu beurtheilen, inwiefern ich meinen Pflichten nach⸗ komme. Mr. Mivers iſt mit ihr verwandt— naͤher ſogar als Sie.“ Ganz und gar nicht beſchaͤmt von dieſer Zurechtweiſung ſagte 6* 84 Ardworth gleichgiltig:„Nun, ich werde mit Ihnen daruͤber weiter ſprechen. Unterdeſſen bitte ich Sie, ſte von mir freundſchaftlich zu gruͤßen— Helenen meine ich.“ Frau Dalibard erhob ſich halb in ihrem Stuhle, ſank aber wieder zuruͤck, indem ſie Ardworth heranwinkte. Varney ſtand auf und trat an's Fenſter, als ob er fuͤhle, daß etwas geſagt werden ſollte, was nicht fuͤr ſein Ohr beſtimmt war. Als Ardworth dicht vor ihr ſtand, erfaßte Frau Dalibard ſeine Hand mit einer Kraft, die ihn in Verwunderung ſetzte, und fluͤ⸗ ſterte ihm zu, indem ſie ihn dicht an ſich zog: „Ich will Ihren Gruß ausrichten, wenn Sie Helenen mit den Augen eines Vetters oder, wenn Sie wollen, eines Bruders betrachten. Fuͤhlen Sie eine waͤrmere Liebe fuͤr ſie? Antworten Sie, Sir!“ und ſchnell zuruͤckweichend ſah ſie ihn mit ſtrenger und drohender Miene und feſtgeſchloſſenen Lippen ſtarr in's Geſicht. Obgleich ein wenig erſchrocken und halb aͤrgerlich antwortete Ardworth doch mit dem leiſen ironiſchen Lachen, das man manch⸗ mal von ihm hoͤrte:„Ha, Frauen ſind geneigt, uns Maͤnner fuͤr groͤßere Narren zu halten, als wir ſind. Ein prozeßloſer Advokat iſt nicht ſehr entzuͤndlich. Ja, ich liebe ſie wie ein Vetter— das Arme Helene! es iſt Zeit genug da, ihr andere Be⸗ iſt genug. f zu ſetzen; und dann— wird ſie einen Schatz griffe in den Kop haben, heiter und ſchoͤn wie ſie ſelbſ „Ja,“ ſagte Frau Dalibard mit einem kaum merklichen Laͤcheln, „ich bin zufriedengeſtellt. Kommen Sie bald.“ Ardworth nickte und eilte die Treppe hinab. Wie er die Thuͤr erreichte, erblickte er in der Ferne Helenen, die ſich uͤber ein Blu⸗ menbeet in dem vernachlaͤſſigten Garten buͤckte. Unentſchloſſen blieb er ſtehen. Nein, ſagte er halblaut zu ſich ſelbſt; nein, ich bin blos fuͤr mich ſelbſt geeignete Geſellſchaft! Ein langer Spa⸗ ziergang in's Freie und dann— fort mit dieſen Nebeln um Ver⸗ angenheit und Zukunft; die Gegenwart wenigſtens iſt mein! 17 g E. T. Bulwer’s ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. 56= Ein und ſiebenzigſter Theil. e Lucretia lV. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. Lucretia oder die Kinder der Nacht. Ein Roman von E. L. Bulwer. =S Aus dem Engliſchen von Theodor Oelckers. Vierter Theil. S= Stuttgart. Verlag der J. B. M etzler'ſchen Buchhandlung. 1847. Fünftes Kapitel. Die Weber und das Gewebe. „Und waͤhrend wir,“ ſagte Varney,„einem eingebildeten Leit⸗ faden folgen und jenem jungen Rechtsgelehrten zuerſt einen Namen und dann ein Vermoͤgen zu verſchaffen ſuchen, welche Schritte haben Sie indeß gethan, um der Gefahr, die mich bedroht, zu begegnen? um, wofern unſre Nachforſchungen fehlſchlagen, fuͤr Sie ſelbſt die Unabhaͤngigkeit zu ſichern? Monate ſind verſtrichen und Sie haben ſich ſtets geſcheut, den großen Plan zu verfolgen, nach welchem wir bauten, als die Tochter Suſanna Mainwaring's in Ihr Haus aufgenommen wurde.“ „Warum mich in dieſen ſeltnen Augenblicken, wo ich mich noch menſchlich fühle,— warum mich da zu dem tiefſten Abgrund von Rache und Verbrechen zuruͤckzurufen? O, laß mir die Gewißheit, daß ich noch einen Sohn habe! Selbſt wenn John Ardworth, mit ſeinen Gaben und ſeiner Energie, mir verſagt wuͤrde!— einen Sohn, wenn auch in Lumpen, ich will ihm Reichthum geben!— einen Sohn, wenn auch unwiſſend wie der gemeinſte Bauer, ich will ihm meine duͤſtre Weisheit in's Hirn ſenken!— einen Sohn— einen Sohn!— mein Herz ſchwillt bei dem Worte! Ach, Sie lachen ſpoͤttiſch! Ja, mein Herz ſchwillt, aber nicht mit der abgeſchmackten Zaͤrtlichkeit einer ſchwachen Mutter. In einem Sohne werd' ich wieder leben— werde, aus dieſem gequaͤlten und abſcheulichen Leben verſetzt, neue Jugend gewinnen. In ihm werd' ich von mei 6 nem Fall erſtehen— ſtark in ſeiner Macht,— groß in ſeiner Groͤße. Nur darum, weil ich als ein Weib geboren wurde, des Weibes arm⸗ ſelige Leidenſchaften und gemeine Schwachheit hatte, bin ich, was ich bin,— ich moͤchte mich in die Seele des Mannes verſetzen— des Mannes, der die Kraft zu handeln und das Vorrecht zu ſteigen hat. In das Erz der maͤnnlichen Natur moͤcht' ich die Erfahrung ſtroͤmen, welche mit ihren wilden Elementen das ſchwaͤchere Gefaͤß aus Thon gebrochen hat. Ja, Gabriel, zur Vergeltung für Alles, was ich fuͤr Sie that und opferte, fordere ich nur die Mitwirkung in dieſer einen Hoffnung meines zerriſſenen und vom Sturme mitge⸗ nommenen Weſens. Huͤten Sie ſich— erwarten Sie— ſetzen Sie nicht dieſe Hoffnung durch ein kleinliches Verbrechen auf's Spiel, welches uns Beiden Entdeckung bereiten wird— das nur ein ver⸗ brecheriſches Geluͤſt befriedigt, nicht werth des Schreckens, der ihm auf den Ferſen folgt.“ „Sie vergeſſen,“ antwortete Varney mit einer Art unterwurfiger Verſtocktheit— denn was auch zwiſchen dieſen beiden Perſonen in ihrer geheimen und furchtbaren Vertraulichkeit vorgegangen war, ſo beſaß Lucretia doch noch immer eine Macht, die ihren Fall mitten unter den Feinden uͤberlebte und die Varney die einzige Achtung einfloͤßte, die er gegen Mann oder Weib empfand—„Sie vergeſſen ganz und gar den Charakter unſeres genauen und meiſterhaften Pla⸗ nes, wenn Sie von„kleinlichem Verbrechen“ oder„verbrecheriſchem Geluͤſt“ ſprechen! Auch vergeſſen Sie, daß jede Stunde, welche wir verſchwenden, die Gefahr erhoͤhet, die uns umringt, und den einzigen Gefaͤhrten von Ihrer Seite verſcheuchen kann, der Ihre Plaͤne zu unterſtuͤtzen vermag— ja, ohne den ſie gaͤnzlich fehlſchlagen muͤſſen. Laſſen Sie mich zuerſt von der dringendſten Gefahr ſprechen, denn Ihr Gedaͤchtniß ſcheint kurz und geſtoͤrt, ſeit Sie nur noch die Ent⸗ deckung Ihres Sohnes zu hoffen vermoͤgen. Wenn jener Mann, Stubmore, einmal zur Stadt kommt, wenn er einmal um die ver⸗ wuͤnſchten Plaͤne, das Geld aus der Bank von England zu ziehen, 7 Larm zu machen beginnt, dann wird, ich verſichere Sie wiederholt, meine Betruͤgerei bei der Bank entdeckt werden, und Transportation wird meine geringſte Strafe ſein; zum Theil wurde der Betrug, wie Sie wiſſen, Ihretwegen veruͤbt, um das fuͤr die Erforſchung Ihres Sohnes noͤthige Geld zu ſchaffen; er wurde unter der klaren Ueber⸗ einkunft begangen, daß unſre Plaͤne hinſichtlich Helenens mich be⸗ zahlen— mich in Stand ſetzen ſollten, vielleicht unentdeckt die ent⸗ zogenen Summen zuruͤckzuerſtatten, oder, im ſchlimmſten Falle, Stub⸗ more, deſſen Charakter ich kenne, zu geſtehen, daß ich, von Mißlich⸗ keiten bedraͤngt, der Verſuchung nachgegeben, daß ich ſeinen Namen (wie ſeines Vaters Namen) gefaͤlſcht, um das Capital der Bank entnehmen zu koͤnnen, und daß ich nun, indem ich das Geld erſetze, meinen Fehler gut mache, und mich ſeiner Nachſicht, ſeinem Schwei⸗ gen anvertraue. Ich ſage, ich weiß genug von dem Manne, um zu wiſſen, daß ich mich wohlfeil retten werde, oder daß ich im ſchlimmſten Falle ſein Mitleid nur zu ſtaͤrken brauche, indem ich ſeine Habſucht beſteche. Kann ich aber das Geld nicht erſetzen, ſo bin ich ver⸗ loren.“. „Gut, gut,“ ſagte Lucretia,„das Geld ſollen Sie haben, aber laſſen Sie mich nur meinen Sohn finden, und—“ „Goͤnnen Sie mir Geduld!“ rief Varney heftig;„allein was kann Ihr Sohn, wenn er gefunden iſt, anfangen, wenn Sie ihm nicht die Erbſchaft von Laughton zuwenden? Damit dies geſchehen kann, muß Helene, die, der Erbſchaftsordnung zufolge, nach Percival St. John kommt, aufhoͤren zu leben! Half' ich Ihnen nicht— helf' ich Ihnen nicht ſtuͤndlich in Ihren großen Plaͤnen? Dieſen Abend werd' ich einen Mann ſehen, den ich lang' aus den Augen verloren habe, der aber in der juriſtiſchen Laufbahn die aͤchte Spuͤrkraft er⸗ worben hat, um zu finden, was wir ſuchen. So eben hab' ich ſeine Adreſſe erfahren. Morgen ſchon ſoll er auf der Faͤhrte ſein. Ich habe mich ſelber beſchraͤnkt, um von den Ergebniſſen der letzten Be⸗ truͤgerei das Gold zu erſparen, womit ſein Eifer angefeuert werden 8 muß. Im Uebrigen bedingt, wie geſagt, Ihr Plan die Beſeiti⸗ gung zweier Leben. Ueber das eine, ſchwerer zu treffende ſchleicht bereits der Todesſchatten und das Leichentuch haͤngt uͤber ihm. Wie Sie wuͤnſchten und wie es nothwendig war, hab' ich den vertrauten Bekannten des jungen St. John gewonnen; wenn die Stunde kommt, iſt er in meinen Haͤnden.“ Lucretia laͤchelte duͤſter.„So,“ ſagte ſie, zwiſchen den Zaͤhnen murmelnd,„der Vater verbot mir das Haus, welches mein Erbe war! Ich brauche nur einen Finger zu heben oder ein Wort zu fluͤſtern, und ich verdraͤnge, ſo verlaſſen ich auch bin, den Sohn aus jenem Hauſe! Der Raͤuber ließ mir die Welt— ich laſſe ſeinem Sohne das Grab!“ „Aber,“ ſagte Varney, der ſeinen Zweck hartnaͤckig verfolgte, „warum bin ich genothigt, daß dies nicht das einzige Leben zwiſchen Ihnen und Ihres Sohnes Erbſchaft iſt? Wenn St. John dahin, bleibt doch Helene noch uͤbrig. Und wenn Ihre Nachforſchungen fehlſchlagen, geht uns nicht die reichſte Ernte verloren, die uns Helene gewaͤhren kann? eine Ernte, die Sie mit derſelben Sichel ſchneiden, welche auch Ihre Rache umkraͤnzt? Sehen Sie nicht mehr in Helenens Geſicht die Zuͤge ihrer Mutter? Iſt die Treuloſigkeit Mainwaring's vergeſſen oder vergeben?“ „Gabriel Varney,“ ſagte Lucretia mit hohler und zitternder Stimme,„als ich in jener Stunde, wo mein ganzes Weſen erſchuͤt⸗ tert war, wo ich hoͤrte, wie das Tau vom Anker riß und wie ſich die Daͤmonen des Sturmes um mein Boot ſammelten— als ich in je⸗ ner Stunde mich ruhig niederbeugte, um meiner Nebenbuhlerin Stirn zu kuͤſſen, da fluͤſterte ich einen Eid, den mir nicht meine eigene Seele, ſondern eine Gewalt einzugeben ſchien, die fortan mein Schick⸗ ſal lenkte— ich gelobte, daß die mir bewieſene Untreue vergolten werden ſollte— ich gelobte, daß das Verderben meines eigenen Seins auf die Stirn fallen ſollte, die ich kuͤßte. Ich gelobte, daß ich, wenn Schaam und Schmach das von mir verwirkte Erbe erſetzten, 9 unter dem Hohne der erbarmenloſen Welt nicht allein ſtehen wollte. Im Traume meiner Angſt ſah' ich in der Ferne den geſchmuͤckten Al⸗ tar und das bereitete Brautgemach, und ich hauchte, ſtark wie Pro⸗ phezeiung, meinen Fluch auf das Hochzeitshaus und das Hochzeitsbett. Warum dann waͤhnen, daß ich das verhaßte Kind dieſes verhaßten Bundes aus Ihrer Gewalt erretten moͤchte?— Allein iſt die Zeit gekommen? Die Ihre mag gekommen ſein— die meinige auch?“ Es lag in dem Blicke ſeiner Mitſchuldigen etwas ſo Furchtbares, etwas ſo Maͤchtiges im Haſſe ihrer leiſen Stimme, daß Varney, ſo verworfen er war, und obwohl er in dieſer Stunde auf das aͤrgſte, abſcheulichſte Verbrechen ſann, erſchrocken zuruͤckbebte. Madame Dalibard begann in etwas ſanfterem Tone, freilich nur durch die Angſt der Verzweiflung gemildert, auf's neue: „O! waͤr' es anders geweſen, was koͤnnt' ich geworden ſein! Von dieſer Stunde hingegeben dem perſoniftzirten Verbrechen ſelbſt — ohne Kraft, dem ſchlimmen Antriebe meines eigenen wahnſinni⸗ gen Herzens zu widerſtehen— waͤhrend mich der vom Schickſal auf⸗ gedrungene Gefaͤhrte tiefer und tiefer in dieſe Hoͤlle ohne Ausweg fuͤhrt— von dieſer Stunde, Betrug auf Betrug, Schuld auf Schuld, Schmach gehaͤuft auf Schmach, bis ich daſtehe, und uͤber mich ſelber ſtaune, daß mich der Blitzſtrahl des Himmels nicht trifft— daß die Natur nicht von ihrem Buſen die Uebertreterin all' ihrer Geſetze ſtoͤßt! Hatt' ich nicht recht, Vergeltung zu wuͤnſchen? Jede Stufe, die ich ſank, jeder Blick, den ich dem Abgrund unten ſchenkte, ſtei⸗ gerte nur in mir das Verlangen nach Rache. All' mein Handeln ent⸗ ſprang aus einem Quell— kann der Strom befleckt dahinfließen und der Quell rein entſpringen?“ „Sie haben Ihre Rache an Ihrer Nebenbuhlerin und ihrem Gatten gehabt.“ „Ich hatte ſie, und ich ging voruͤber!“ ſagte Lucretia, waͤhrend ihre Miene ſtolzen Triumph ausdruͤckte;„ſie waren niedergeſchmet⸗ tert, und ich ließ ſie leben! Ja, als ich zufaͤllig von William Main⸗ waring's Tode hoͤrte, ſenkte ich mein Haupt nieder und weinte, glaub' ich, beinah'. Die alten Tage kehrten zu mir zuruͤck. Ja, ich weinte; aber ich hatte ihre Liebe nicht vernichtet. Nein, nein; da hatt' ich gefehlt. Ein Pfand dieſer Liebe lebte noch. Ich hatte ihr Haus oͤde gelaſſen; das Schickſal ſendete ihnen einen Troſt, den ich nicht vorhergeſehn. Und ploͤtzlich kehrte mein Haß zuruͤck, meine Beleidi⸗ gung erwachte wieder, meine Rache war nicht geſtillt. Die Liebe, die mehr als mein Leben, meine Seele, zerſtört hatte, kam wieder und quaͤlte mich durch Helenens Anblick. Der Schwur, den ich that, als ich der Nebenbuhlerin Stirn kuͤßte, verlangte noch eine Beute, als ich das Kind jener Ehe kuͤßte.“ „Endlich ſind Sie alſo bereit, zu handeln?“ rief Varney im Tone wilder Freude. In d ieſem Augenblick vernahm man dicht unter dem Fenſter, ploͤtzlich und ſuͤß, eine ſingende Stimme— die jugendliche Stimme Helenens. Die Worte waren ſo deutlich, daß ſie von dem unheilbruͤ⸗ tenden verbrecheriſchen Paar verſtanden wurden. Im Liede ſelbſt war wenig Bemerkenswerthes oder beſonders fuͤr das Gewiſſen derer Paſſendes, die es hoͤrten; aber in der außerordentlichen und ruͤhren⸗ den Reinheit der Stimme, und in der Unſchuld uͤberhaupt, welche die Worte athmeten, mochten ſie auch ein gewoͤhnliches Bild ent⸗ halten, lag gleichwohl etwas, was ſo furchtbar mit ihrem eignen Sinnen und Denken contraſtirte, daß ſie ſchweigend daſaßen, einan⸗ der ſtumm in's Geſicht blickten und zuruͤckbebten, als wollten ſie ihre Augen in ihr eigenes Innere wenden. Helenens Lied. „Ihr Blumen welkt, doch uͤberdauert Die Bluͤth' euer ſuͤßer Duft! So mag mein irdiſch Leben ſuͤßer Erbluͤhn jenſeits der Gruft! „Heilkraft entdeckt in welken Blaͤttern Der Schnitter— alſo kann Verwelkte Hoffnung auch noch leben In Tugenden fortan! 11 „O, nicht umſonſt habt Ihr gegeben Die hohe Lehre mir: Daß Wöuͤnſche, ſuͤß gen Himmel ſchwebend, Noch heilſam wirken hier.“ Der Geſang endete, aber noch immer ſchwiegen die Lauſcher, bis endlich Varney, den Eindruck von ſich ſchuͤttelnd, mit ſeinem ironi⸗ ſchen Lachen ſagte: „Suͤße Unſchuld, friſch aus der Kinderſtube! Waͤr's nicht Suͤnde, ſie von der Welt verderben zu laſſen? Sie hoͤren das Gebet— war⸗ um es nicht erfuͤllen und die Blume hier„heilſam wirken“ laſſen?“ „Ach, koͤnnte ſie erſt welken!“ murmelte Lucretia im Tone unter⸗ druͤckter Wuth.„Meinen Sie, ihre— ſeine Tochter gaͤlte mir nur fur ein gewoͤhnliches Leben, das man fuͤr Geld opfere? Setzen Sie ſich uͤber Ihr Geſchlecht weg, Mann! Nur Frauen wiſſen, was ich — denn ein Weib bin ich doch— in der Gegenwart der Unſchuld fuͤhle! Glauben Sie nicht, daß ich den Tod fuͤr einen Segen gehal⸗ ten haben wuͤrde, wenn er mich in ſolcher Jugend getroffen haͤtte? Ach, koͤnnte ſie nue leben, um zu leiden! Sterben! Gut, wenn es ſein muß, wenn mein Sohn dies Opfer verlangt, ſo thun Sie mit dem Opfer, was Sie wollen, welches der barmherzige Tod meiner Gewalt entreißt. Gern haͤtt' ich ihr Leben verlaͤngert, um ihm einen Theil des Fluchs aufzuladen, den ihre Eltern auf mich haͤuften— vereitelte Liebe, Verderben und Verzweiflung! Bei dieſer Theilung der Beute haͤtt' ich hoffen koͤnnen, daß mein die Rache und das Gold euer ſei. Sie wollen das Leben— ich das Herz; erſt das Herz quaͤ⸗ len und dann— ja, dann haͤtt' ich bereitwilliger als jetzt das Aas dem Schakal hinwerfen koͤnnen!“ „Horch!“ ſagte Varney, als ſich die Thuͤr oͤffnete, und Helene ſelbſt, harmlos laͤchelnd, auf der Schwelle ſtand. Sechstes Kapitel. Der Rechtsanwalt und der Leichendieb. Am naͤmlichen Abend kam, der Verabredung gemaͤß, Beck mit Percival zuſammen und zeigte ihm das duͤſtere Haus, welches die ſchoͤne Fremde bewohnte, die ſeine jugendliche Phantaſie ſo angezogen hatte. Und Percival blickte die hohen Waͤnde mit der kuͤhnen Aben⸗ teuerluſt des Seemanns an, waͤhrend verworrene Bilder, reflectirt aus Schauſpielen, Opern und Novellen, worin das Erklettern von Waͤnden mit Strickleitern und Blendlaternen als der natuͤrliche Be⸗ ruf eines Liebhabers dargeſtellt wird, ſein Hirn durchkreuzten. Er ſeufzte tief, als er ſich durch ſeinen geſunden Verſtand von ſo roman⸗ tiſchen Dingen abgezogen fuͤhlte. Da er indeß nun das Haus kannte, ſo mußte es leicht ſein, die Namen der Bewohner zu erforſchen, und eine Gelegenheit zu erwarten oder herbeizufuͤhren. Waͤhrend er langſam und widerſtrebend nach dem Orte zuruͤckging, wo er ſein Kabriolet gelaſſen hatte, ließ er ſich in ein fluͤchtiges Geſpraͤch mit ſeinem ſeltſamen Fuͤhrer ein; das Mitleid, welches er vorher fuͤr Beck empfunden, ſteigerte ſich waͤhrend des Redens und Zuhoͤrens. Dieſes umnachtete Gemuͤth, einſt durch eing Art traurigen Scharf⸗ ſinns erleuchtet, und dieſe inſtinktmaͤßige Verſchlagenheit, die vom Mangel geboren iſt, um Habſucht zu erzeugen— dieſes freudloſe Temperament— dieſes Altern in der Jugend— dieſer perſonifi⸗ zirte Vorwurf, der von den Steinen Londons aufſteigt wider unſre ſociale Gleichguͤltigkeit gegen die Leben, welche welken und faulen unter den unbarmherzigen Augen der Wiſſenſchaft, und vor den tau⸗ ben Ohren des Reichthums,— alles dies ruͤhrte ſein lebhaftes Mit⸗ gefuͤhl und ſein friſches Herz maͤchtig. „Brauchen Sie jemals einen Freund, ſo kommen Sie zu mir,“ ſagte St. John. 13 Der Menſch ſtaunte, und ein Schimmer beſſeren Weſens, ein Strahl von Dankbarkeit und uneigennuͤtziger Ergebung, drang durch den Nebel und die Nacht ſeiner Seele. Er ſtand da, den Hut in der Hand, und beobachtete die Raͤder des Kabriolets, als dieſes das bevorzugte Kind des Gluͤckes hinwegtrug; dann ſchuͤttelte er den Kopf, als macht' ihn etwas ſtutzig und verlegen, was über ſeine Faſ⸗ ſungskraft ging, und ſo ſchritt er nach der Stadt zuruͤck, und begab ſich nach Hauſe. Einige Stunden ſpaͤter, nachdem Percival von jenem geſchiedeu war, verfolgte ein Mann, deſſen Kleidung wenig zu der Scene paßte, wo wir ihn auffuͤhren, ſeinen Weg durch ein Labyrinth von ſchlechten Gaſſen im elendeſten Theile von St. Giles', einer Gegend, die in der That von reichen Fußgaͤngern im Dunkeln ſorgfaͤltig gemieden wird; denn hier wohnt nicht uur die Duͤrftigkeit in ihrer haͤßlichſten Geſtalt, ſondern auch das verzweifelte und gefahrdrohende Verbre⸗ chen, dem in ſeinen Wohnungen und Schlupfwinkeln nicht leicht zu entgehen iſt. Hier ſaugen die Kinder das Laſter mit der Mutter⸗ milch. Hier wird die Proſtitution, in der Kindheit beginnend, in jugendlichen Jahren wild und blutgierig, und verbindet ſich mit Diebſtahl und Mord. Hier ſchleicht der Taſchendieb— von hier geht der Einbrecher aus— hier lauert der Miſſethaͤter. Jedoch al⸗ lenthalben auch hier kann man die Tugend in ihrer ſeltenſten und edelſten Geſtalt finden— Tugend, die ſich uͤber ihre Lage erhebt, und der Verſuchung trotzt— die Tugend der aͤußerſten Armuth, welche aͤchzt und doch nicht ſuͤndigt. So verwoben ſind dieſe Gewebe von Armuth und Betrug, daß in dem einen Hof euer Leben nicht ſicher iſt, waͤhrend ihr, euch nach der Rechten wendend, ſicher ſchlafen könnt, wenn auch unter dem ſchlechteſten Obdach, und obwohl eure Taſchen voll Gold waͤren. Durch dieſe Schlupfwinkel kann der zerlumpte und Arme furchtlos wandeln, denn fuͤr ihn haben die Geſetzloſen nichts Drohendes— eher droht ihm das Geſetz; aber die Wohlhabenden, Gutgekleideten, Stattlichen moͤgen ſich vor dem Orte huͤten, wofern fie 14 nicht einen Polizeibeamten in der Naͤhe ſehen, oder am hellen Tage hingehen! Als jener Fußgaͤnger, deſſen Aeußeres, wie geſagt, gar nicht das eines Einwohners war, ſich in eine der Gaſſen wendete, ergriff eine rauhe Hand ſeinen Arm, und ploͤtzlich eilten eine Schaar Dirnen und zerlumpte Kerle aus einem Hauſe, deſſen untere Fenſter unverſchloſſen waren, und ein brennendes Licht zeigten, wäͤhrend die Gruppe den Fremden mit rauhem Geſchrei umringte. Der Fremde fluͤſterte dem wilden Kerl, der ihn ergriffen, ein Wort in's Ohr, und ſofort ward ſein Arm losgelaſſen. „Still! das iſt einer, der ſein Geſchaͤft hat,“ ſagte der Kerl muͤrriſch. Die Gruppe machte Platz, und betrachtete beim Licht des Sternenhimmels und einer einzelnen Lampe, die am Eingange der Gaſſe hing, den Fremden. Aber ſie machten keinen Verſuch, ihn aufzuhalten, und als er fern unterm Schatten verſchwand, eilten ſie in die elende Herberge zuruͤck, wo ſie ihr Gelag hielten. Inzwiſchen erreichte der Fremde einen engen Hof, und blieb in einer der Ecken deſſelben vor einem Hauſe ſtehen, welches hoͤher als die uͤbrigen war, und zwar ſo bedeutend hoͤher, daß es ſich faſt wie ein Thurm ausnahm; man haͤtte es(und vielleicht mit Recht) fuͤr den letzten Ueberreſt eines alten vornehmen Hauſes halten koͤnnen, rings um welches, waͤhrend die Bevoͤlkerung zunahm und die Sitten ſich aͤnderten, die Huͤtten unten ruͤckſichtslos emporgeſtiegen waren. Große ſtarke Pfei⸗ ler, die von hundertjaͤhrigem Staube geſchwaͤrzt waren, ſtanden zu beiden Seiten der tief in der Mauer befindlichen Thuͤr; die Fenſter waren mit gewaltigen Simſen eingefaßt, und im unteren Geſchoß ſtark vergittert; aber wenige der Scheiben waren ganz, und nur hier und da hatte man Verſuche gemacht, Wind und Regen durch Lappen, Papiere, alte Schuhe, alte Huͤte und andre finnreiche Auskunftsmit⸗ tel abzuhalten. Neben der Thuͤr war bequem genug eine Reihe von zehn bis zwoͤlf Klingelzuͤgen angebracht, die vermuthlich den ver⸗ ſchiedenen Wohnungen angehöͤrten, in welche das Gebaͤude abgetheilt Tage t das eine und loſſen e den ihn en ſie ſchen cken war, ihm; rreſt ches di0 die 15 war. Der Fremde ſchien mit der Oertlichkeit nicht ſehr vertraut. Er ſtand unentſchloſſen, welchen Zug er ergreifen ſollte, bis ihn endlich ein Meſſingſchild neben einem der Griffe belehrte, welches, wenn die Dunkelheit auch die Schrift zu leſen verhinderte, doch auf einen vor⸗ nehmern Eigenthuͤmer, als die uͤbrigen namenloſen Klingelzüge, hindeutete; er wagte daher einen Zug, welcher ein ſo lautes Gelaͤute bewirkte, um damit den ganzen Hof aus ſeiner Ruhe aufzuſchrecken. Binnen weniger als einer Minute oͤffnete ſich ein Fenſter in einem der obern Stockwerke, ein Kopf guckte daraus hervor, und eine Stimme, wie ſie gemeinen Wuͤſtlingen eigenthuͤmlich iſt, rauh und heiſer, fragte:„Wer iſt da?“ „Sind Sie es, Grabmann?“ fragte der Fremde. „Ja; Nicolaus Grabman, Rechtsanwalt, Sir, Ihnen zu die⸗ nen; und Ihr Name?“ „Jaſon,“ antwortete der Fremde. „Heda— he! Beck!“ rief die rauhe Stimme Jemand im In⸗ nern zu;„geh' hinab und öffne!“ Nach wenigen Augenblicken knarrte und bewegte ſich die ſchwere Thuͤr und oͤffnete den duͤſtergaͤhnenden Eingang. Eine hagere, halb ausgekleidete Geſtalt, mit einem Stuͤckchen Pfenniglicht, welches durch eine ſchlechte Laterne ſchimmerte, in der Hand, ſtand vor Jaſon. Die⸗ ſer betrachtete den zerlumpten Pfoͤrtner ſcharf. „Wohnſt Du hier?“ „Ja,“ antwortete Beck mit der ihm angewohnten Unterwuͤrfigkeit. „Hier hinauf; nehmen Sie ſich in Acht!“ „Gut, geh' voran— halt' die Laterne in die Hoͤh'; ein teufel⸗ maͤßig finſterer Ort!“ murmelte Jaſon, waͤhrend er beinah' uͤber ver⸗ ſchiedenes zerbrochenes Geroͤll ſtuͤrzte und eine unbequeme, ſchwarze Treppe erreichte, deren zerbrochene Stufen unter jedem Tritte krachten. „St! ſt!“ ſagte Beck, als der Fremde auf dem zweiten Vorſaal 16 ſtehen blieb und in unfreundlichem Tone fragte, ob denn Mr. Grab⸗ man bei den Feuereſſen wohne. „St! ſt!— Machen Sie nicht ſolchen Laͤrm, oder Sie bekommen Nr. 7 auf den Hals.“ „Was kuͤmmert mich Nr. 72 und wer Teufel iſt Nr. 72“ „Ein Leichendieb!“ fluͤſterte Beck ſchaudernd.„Er ſchlaͤft ſehr leiſe und kann nicht vertragen, wenn man ihn um die Nachtruhe bkingt. Und er iſt das bösartigſte Geſchoͤpf, wenn er ſeine Launen hat.“. „Von dem moͤcht' ich wohl mehr hoͤren,“ ſagte der Fremde neu⸗ gierig. Und waͤhrend er ſprach, oͤffnete ſich ploͤtzlich die Thuͤr Nr. 7. Ein gewaltiger Kopf, mit verworrenem Haar bedeckt, ward auf einen Augenblick durch die Oeffnung geſteckt und zwei duͤſtre Augen, die mit einer Haut bedeckt ſchienen, gleich denen der Voͤgel, die ſich von Leichnamen naͤhren, begegneten den kuͤhn funkelnden Blicken des Fremden. „Hoͤlle und Teufel!“ ſchrie die Stimme jenes Ogers, die wie ein Donnerſchlag ſcholl,—„wenn Ihr Zwei da dicht vor meiner Thuͤr trampeln wollt, ſo will ich Euch zu Fleiſch fuür die Wundärzte machen— hol' Euch—“ „Wartet einen Augenblick, mein artiger Freund,“ ſagte der Fremde naͤhertretend;„bleibt ſtehen, wo Ihr ſteht, ich habe Luſt, eine Skizze von Eurem Kopf aufzunehmen.“ Der Kopf ſtreckte ſich weiter aus der Thuͤr und mit ihm zugleich eine ungeheure Maſſe von Bruſt und Schulter. Allein der abenteuer⸗ luſtige Gaſt erſchrak nicht. Kaltbluͤtig nahm er einen Bleiſtift aus der Taſche und begann auf die Ruͤckſeite eines Briefs ſeine Skizze zu zeichnen. Der Haͤſcher ſtarrte ihn einen Augenblick an, von ſtummem Stau⸗ nen ergriffen; allein dieſes Beginnen und die ruhige Haltung des Kuͤnſtlers waren ihm ſo neu, daß ſie ihm wirklich einen Schrecken ein⸗ jagte. Er zog ſich zuruͤck und ſchloß die Thuͤr. Und der Kuͤnſtler 17 ſagte, waͤhrend er ſeine Arbeit einſtellte, mit veraͤchtlichem Lachen zu Beck, der ſich in einen Winkel geſchlichen hatte: „Nr. 7 weiß recht gut, wie er ſich gegen Nr. 1 zu verhalten hat. Führe mich weiter, doch mach' geſchwind!“ Waͤhrend ſie hoͤher ſtiegen, hoͤrten ſie den Haͤſcher in ſeiner Hoͤhle murmeln und fluchen und dieſe Toͤne trieben Beck zu ſchnellerem Gange an, bis er auf dem naͤchſten Treppenabſatz Athem ſchoͤpfte, eine Thuͤr öffnete, wo Jaſon, jenen bei Seite ſchiebend, zuerſt eintrat. Das Innere des Gemachs hatte ein beſſeres Anſehen, als man nach dem Eingange haͤtte vermuthen koͤnnen; die Dielen waren mit verſchiedenen Stuͤcken von Teppichen belegt, die einſt auch verſchiedene Farben und Muſter gezeigt hatten, aber durch die Macht der Zeit in eine gleichfoͤrmige fadenſcheinige Maſſe verſchmolzen waren. Ein gutes Feuer brannte im Kamin, obwohl die Nacht warm war. Verſchie⸗ dene Bände waren, in dem fuͤr juriſtiſche Buͤcher eigenthuͤmlichen Ein⸗ band, an den Waͤnden aufgehaͤuft. In einer Ecke ſtand ein großer Schreibtiſch, wie ihn Juriſten zu brauchen pflegen; auf einem Tiſche vor dem Feuer waren die Reſte der Abendmahlzeit verſtreut, Braten⸗ knochen und die Graͤten eines Herings, und ein Becher dampfte, der eine Fluͤſſigkeit, ſo farblos wie Waſſer, aber ſo berauſchend wie Brannt⸗ wein, enthielt. Das Gemach war ſchmutzig und uͤbel gehalten und verrieth eine gemeine und ſchmutzige Lebensweiſe, aber Duͤrftigkeit und Mangel verrieth es nicht; es hatte ſogar ein Anſehn von unſaubrer Behaglich⸗ keit— der Behaglichkeit des Schweines in ſeinem warmen Stalle. Der Bewohner des Zimmers ſtand im Einklange mit der Oertlichkeit. Man ſtelle ſich einen Mann von mittlerer Groͤße vor— nicht hager, aber ohne alles Muskelfleiſch, aufgeſchwemmt und ungeſund. Er trug einen grauen Flanellrock und kurze Hoſen; die Struͤmpfe hingen herab und waren ſchmutzig, die Fuͤße ſtaken in Pantoffeln. Der Bauch war der eines ſtattlichen Mannes, die Beine die eines Skeletts; die Bulwer, Lucretia. IV. 2 —— Wangen waren voll und rund, wie die eines Bauerknaben, aber bleich, fleckig, von einer duͤſtern bleiartigen Farbe, wie die eines Waſſerſuͤch⸗ 1 tigen. Der Kopf, mit Buͤſcheln duͤnnen, gelblichen Haars bedeckt, verſprach einen begabten Geiſt, denn die Stirn war hoch und erſchien ſo noch mehr, wegen der theilweiſen Kahlheit; die Augen, in einer fet⸗ ten und runzeligen Haut liegend, waren klein und glanzlos, aber ſie hatten doch jenen ſcharfen Ausdruck, welchen Bildung und Gewandt⸗ heit dem menſchlichen Auge mittheilen; der Mund zeigte das Thieriſche am meiſten: volle, grobe, ſinnliche Lippen. Hinter dem einen der bei⸗ den großen Ohren ſtak eine Feder. Sos ſieht man alſo dieſe ſchlotterige Figur vor ſich:— bepantoffelt, 1 halbgekleidet, mit einer Art ſchaͤbiger Halb⸗Vornehmheit— halb Lump, halb Rechtsgelehrter; einen ſtarken Kontraſt bildete dagegen der neue Ankoͤmmling, der aͤußerſt ſauber und modiſch gekleidet war, mit glaͤnzend ſchwarzer Atlasbinde, wohlſitzendem Rock, gewichſten Stiefeln, netten Handſchuhen und gepflegtem Schnurrbart. Hinter dieſem ſaubern und ſtattlichen Manne ſtand mit gebogenen Knien, in zerriſſenem, am Hals offenem Hemd, mit truͤbſinnigem, freud⸗ loſem Geſicht, der hagere, armſelige Beck. „Setz' dem Herrn einen Stuhl hin,“ ſagte der Bewohner des Zim⸗ mers mit einer gebieteriſchen Handbewegung zu Beck. „Wie geht's Ihnen, Mr.— Mr.— hm— Jaſon?— Wie geht's Ihnen?— immer ſchmuck und bluͤhend— die Welt meint „ es mit Ihnen gut.“ „Die Welt iſt ein Landgut, welches fuͤr Alle gut iſt, die es ge⸗ hoͤrig pfluͤgen, Grabman,“ erwiderte Jaſon trocken, waͤhrend er mit ſeinem Taſchentuch ſorgfaͤltig den Stuhl abſtaͤubte, auf welchem er ſich dann gemaͤchlich niederließ. Aber wer iſt Ihr Ganymed— Ihr Kammerdiener, Ihr Cere⸗ „ monienmeiſter?“ „O, ein Burſch aus der Stadt, der oben wohnt und mir allerlei Dienſte thut, die Kleider buͤrſtet, die Schuhe putzt und nach ſeinem 19 Tagewerk dann und wann eine Beſtellung ausrichtet. Druͤcke Dich, Beck!— Gerippe, verſchwinde!“ Beck grinzte, nickte, zerrte an einem Buͤſchel ſeines Haars und ſchloß die Thuͤr. „Iſt das einer von Ihrer Bruͤderſchaft?“ fragte Jaſon gleich⸗ giltig. „Ah, der Dummkopf!— nein,“ ſagte Grabman, mit dem Aus⸗ druck tiefer Verachtung in ſeinem kraͤnklichen Geſicht.„Er arbeitet um ſein Brod!— Inſtinct!— Dachs⸗ und Truͤffelhunde und manche alberne Menſchen haben den!— Wie lange haben wir einander nicht geſehen— ſoll ich Ihnen ein Glas miſchen?“ „Sie wiſſen, ich trink' Euren ſchlechten Branntwein nie; obwohl ich es in Champagner und Bordeaur mit Jedem aufnehme.“ „Und wie zum Henker halten Sie dann alte ſchwarze Gedanken aus Ihrer Seele fern bei ſolchen faden Getraͤnken?“ „Alte ſchwarze Gedanken!— woran?“ „An ſchwarze Thaten, Jaſon. Wir haben einander nicht geſehen, ſeit Sie mich fuͤr die Empfehlung der Waͤrterin bezahlten, die Ihren Oheim in ſeiner letzten Krankheit pflegte.“ „Nun, armer Haſe?“ Grabman kniff ſeine duͤnnen Augenbrauen zuſammen und biß auf ſeine wulſtige Lippe— „Ich bin kein Haſe, wie Sie wiſſen.“ „Wenn es was zu thun giebt, nicht; aber nachdem es gethan iſt. Sie trotzen dem Körperlichen und zittern vor dem Schatten. Ich glaube wahrlich, Sie ſehen im Finſtern haͤßliche Geſpenſter, Grabman.“ „Ja, ja, aber es iſt da nicht zu ſprech en mit Ihnen. Sie nennen ſich Jaſon, wegen Ihres blonden Haars, oder wegen Ihrer Liebe zum goldenen Vließ; aber Ihre alten Kameraden nannten Sie Klapperſchlange, und Sie haben ihr Blut, wie ihr Gift.“ „Und ihren Zauber, Mann,“ fuͤgte Jaſon mit eigenthuͤmlichem Laͤcheln hinzu, welches, obwohl es erkuͤnſt elt und gezwungen, doch 2* eine gewiſſe Milde hatte und ſeinen hübſchen Zügen vortheilhaft ſtand, die Mancher ſchoͤn genannt haben wuͤrde, die aber Alle regelmaͤßig und ſymmetriſch finden mußten.„Ich werde wenigſtens zehn Liebes⸗ briefe auf meinem Tiſche finden, wenn ich heimkomme. Doch genug von dieſen Thorheiten; ich bin wegen Geſchaͤften hier.“ „Juriſtiſche, natuͤrlich; ich bin Ihr Mann— wer iſt das Opfer?“ dabei contraſtirte ein haͤßliches Grinſen auf Grabmans Geſicht mit dem feinen Laͤcheln, welches noch auf den Zuüͤgen ſeines Gaſtes ruhte. „Nein; etwas minder Gewagtes, aber nicht minder gewinnreich, als unſre alten Geſchaͤfte. Es iſt eine Sache, die Ihnen Hunderte, Tauſende einbringen kann— ſo daß Sie ſich aus dieſer Spelunke nach Weſt⸗End wenden koͤnnen— daß Sie Ihren Schnaps in Lafitte, Ihren Hering in Wildpret verwandeln koͤnnen— daß ſie die ver⸗ lorene Anwaltſchaft wieder aufrichten koͤnnen— vielleicht um wieder zu ſtuͤrzen; doch das iſt Ihre Sache.“ „Wohlan, ſo eroͤffnen Sie die Geſchichte,“ rief Grabman be⸗ gierig, waͤhrend er, die unanſtaͤndigen Reſte ſeiner Mahlzeit bei Seite ſchiebend, die Ellbogen auf den Tiſch und ſein Kinn auf ſeine ſchwam⸗ migen Haͤnde ſtuͤtzte, indeß ſich die Augen, die jetzt unter dem Ein⸗ 6 3 fluſſe der Gier und einer auf Alles gefaßten Klugheit leuchteten, auf den Gaſt hefteten. „Die Sache iſt ſo,“ ſagte Jaſon:„Es lebte einmal in einem 4 alten Hauſe in Hampſhire, Namens Laughton, ein reicher Baronet, Namens St. John. Er war ein Hageſtolz— hatte uͤber ſeine Guͤter zu verfuͤgen. Er hatte zwei Nichten und einen etwas weitlaͤufigern 4. Verwandten. Seine aͤlteſte Nichte wohnte bei ihm— man hielt fie fuͤr ſeine beſtimmte Erbin; Umſtaͤnde, die nicht hierher gehoͤren, zogen dieſem Maͤdchen ihres Oheims Mißfallen zu— ſie ward aus ſeinem Ss Hauſe entlaſſen. Kurz nachher ſtarb er, und hinterließ ſeinem Ver⸗ wandten— einem Mr. Vernon— ſeine Guͤter, welche dann an Vernons Nachkommen, und, in Ermangelung ſolcher, zuerſt an die der juͤngeren Nichte und dann an die der aͤltern, enterbten, kommen 21 ſollten. Die aͤltere heirathete und ward Wittwe ohne Kinder. Sie heirathete wieder und bekam einen Sohn. Ihr zweiter Gatte faßte, aus dem oder jenem Grunde, eine uͤble Meinung von ſeiner Frau. In ſeiner letzten Krankheit(er lebte nicht lange) beſchloß er, das Weib durch Beraubung der Mutter zu ſtrafen. Er ſchickte ſeinen Sohn weg— und bis jetzt ſind wir nicht faͤhig geweſen, ihn zu ent⸗ decken. Dieſer Sohn iſt es, den Sie finden ſollen.“ „Ich begreife, ich begreife!— Weiter,“ ſagte Grabman.„Die⸗ ſer Sohn iſt nun der naͤchſte Erbe. Wie kam er weg? wann? in wel⸗ chem Jahr? welche Spur?“ „Geduld! In dieſem Papiere werden Sie das Datum des Ver⸗ luſtes finden, ſo wie das Alter des Kindes, das damals nur ein Saͤug⸗ ling war. Nun, was die Spur anlangt. Jener Gatte— ſagt' ich Ihnen den Namen?— Nein Alfred Braddell— hatte einen ) beſonders vertrauten Freund— John Walter Ardworth, einen kaſ⸗ ſirten Offizier, einen ruinirten, von Wechſelglaͤubigern, Juden und Gerichtsleuten verfolgten Menſchen. Dieſem Manne wurde, wie wir neuerdings mit Grund vermutheten, das Kind gegeben. Ardworth war indeß kurz nachher genoͤthigt, vor ſeinen Glaͤubigern zu fliehen. Wir wiſſen, daß er nach Indien ging; hielt er ſich aber dort auf, ſo muß es unter einem neuen Namen geſchehen ſein, und wir fuͤrch⸗ ten, daß er nun todt iſt. Wenigſtens ſind all' unſere Forſchungen nach dieſem Manne fruchtlos geblieben. Bevor er fortging, ließ er bei ſeinem alten Lehrer ein Kind, welches gleichen Alters mit dem der Mrs. Braddell war. In dieſem Kinde meint ſie ihren Sohn wie⸗ der zu finden. Alles was Sie zu thun haben, iſt, daß ſie die Identi⸗ tat erforſchen und durch gutes geſetzliches Zeugniß nachweiſen— laͤcheln Sie nicht zu dieſem thoͤrigen Verfahren— Ich meine, bona fide Zeugniß, welches das Feuer der Kreuzfragen aushaͤlt. Sie wiſ⸗ ſen, was das bedeutet! Sie werden daher ausfindig machen, erſtens, ob Braddell ſein Kind an Ardworth uͤbergab, und wenn dem ſo iſt, dann muͤſſen Sie Ardworth, mit dieſem Kind in ſeiner Verwahrung, 22 zu Matthew Fieldens Hauſe folgen, deſſen Adreſſe Sie in dem Pa⸗ piere bemerkt finden, das ich Ihnen gab, zugleich mit vielen andern Notizen, z. B. uͤber Ardworths Glaͤubiger und Diejenigen, denen er vermuthlich begegnet iſt.“ „John Ardworth, ich begreife!“ „John Walter Ardworth, gewoͤhnlich Walter genannt; er zog es, gleich mir, vor, nur unter ſeinem zweiten Taufnamen bekannt zu ſein. Er, einem radicalen Pathen zu Gefallen— ich, weil Honoré ein unbequemer Gallizismus iſt, und vielleicht auch, weil mein Vater Gabriel fuͤr eine ſicherere Benennung hielt, als Honoré Mirabeau(mein Pathe) bei den Sansculotten aus der Mode kam; nun hab' ich Ihnen Alles geſagt!“ „Wie iſt der Geſchlechtsname der Mutter?“ „Ihr Geſchlechtsname war Clavering; ſie erhielt dann den Namen Dalibards, ihres erſten Gatten.“ „Und,“ ſagte Grabman, indem er die Bemerkungen in dem ihm uͤbergebenen Papieren nachſah,„zu Liverpool ſtarb der Gatte, und von da wurde das Kind weggeſchickt?“ „So iſt's. Nach Liverpool muͤſſen Sie zuerſt gehen. Ich ſag' Ihnen aufrichtig, das Geſchaͤft iſt ſchwierig, denn bisher iſt mir's nicht gelungen. Ich kannte nur einen Mann, der es, ohne Schmeichelei, gluͤcklich angreifen koͤnnte. Und deshalb ſpart' ich keine Muͤhe, um Nicolaus Grabman aufzufinden. Sie beſitzen die äͤchte Spuͤrfaͤhigkeit; Sie ſind uͤberdies Nechtsgelehrter und föͤrdern mit jedem Athemzug eine Zeugenſchaft zu Tage. Finden Sie einen Sohn— einen legalen Sohn— einen Sohn, den man vor einem Gerichtshofe zeigen kann, und in dem Augenblicke, wo er ſeinen Fuß auf den Boden und die Schwelle von Laughton ſetzt, erhalten Sie 5000 Pfund.“ „Kann ich daruͤber eine Verſchreibung haben?“ „Meine Verſchreibung gilt, fuͤrcht' ich, nicht mehr als mein 23 Wort. Trauen Sie dem letztern. Brech' ich es, ſo wiſſen Sie genug von meinen Geheimniſſen, um mich haͤngen zu laſſen!“ „Sprechen Sie nicht von haͤngen— ich haſſe den Gegenſtand. Doch halt— wenn er gefunden iſt, wird dieſer Sohn erben 2 hinterliß Mr. Vernon keinen Erben? bleibt jene andre Schweſter ledig, oder ohne Erben?“ „O, richtig! Er, Mr. Vernon, der durch das Teſtament den Namen St. John annahm,— er hatte Nochkommen— aber nur ein Sohn lebt noch, ein juͤngerer und unvermaͤhlter. Auch die Schweſter hinterließ eine Tochter; Beide ſind arme kraͤnkliche Ge⸗ ſchoͤpfe— ihr Leben iſt keinen Strohhalm werth. Die kuͤmmern uns nicht. Sie finden Vincent Braddell, und er wird nicht lange ohne ſein Eigenthum ſein, ſo wenig wie Sie ohne Ihre 5000 Pfund! Sie ſehen, daß unter ſolchen Umſtaͤnden eine Verſchreibung ein gefaͤhrlich Document werden koͤnnte!“ Grabman ließ ein furchtbares und zitterndes Lachen verneh⸗ men— ein Lachen gleich dem eines aberglaͤubiſchen Menſchen, wenn man ihm von Geſpenſtern und Kirchhoͤfen erzaͤhlt. Er lachte krampfhaft und ſein Haar ſtraͤubte ſich. Aber nach einer Pauſe, waͤhrend welcher er mit ſeinem eignen Gewiſſen zu ringen ſchien, ſagte er:—„Gut, gut— Sie ſind ein ſeltſamer Mann— Jaſon, Sie lieben den Scherz— ich habe gar nichts zu thun, au⸗ ßer dieſen letzten Erben ausfindig zu machen— merken Sie das!“ „Ganz recht; Theilung der Arbeit iſt das Allerbeſte.“ „Die Nachforſchung wird koſtſpielig ſein.“ „Da iſt Oel fuͤr ihre Raͤder,“ antwortete Jaſon, indem er ein Taſchenbuch in die Haͤnde ſeines Vertrauten legte.„Aber denken Sie daran, daß es nicht verſchwendet wird; keine Poſſen, kein falſches Spiel mit mir;— Sie kennen Jaſon, oder, wenn Ihnen der Name beſſer gefaͤllt, Sie kennen die Klapperſchlange!“ „Ich will jeden Pfennig berechnen,“ ſagte Grabman, waͤhrend er eifrig die Hände zuſammenſchlug und waͤhrend ſein blaſſes Ge⸗ ſicht noch bleichfarbener wurde. „Ich zweifle nicht daran, mein Federfuchſer. Seien Sie ſcharfſichtig, brechen Sie Morgen auf. Schaffen Sie ſich anſtaͤn⸗ dige Kleider an, ſeien Sie nuͤchtern, reinlich und anſtaͤndig. Han⸗ deln Sie als ein Mann, der 5000 Pfund vor ſich ſieht. Und nun leuchten ſie mir die Treppe hinunter.“ Mit der Kerze in der Hand ſchlich Grabman die holperigen Stufen hinab, faſt noch ſchuͤchterner als Beck dieſelben hinaufge⸗ ſtiegen war, und er legte ſeinen Finger auf den Mund, als ſie in die gefuͤrchtete Naͤhe der Nr. 7 kamen. Aber Jaſon, oder vielmehr Gabriel Varney, mit ſeinem furchtloſen, unbekümmerten Muthe, der, waͤhrend er zur Haͤlfte ſeine Verbrechen veranlaßte, zuweilen doch einen falſchen Schimmer uͤber ſeine Verworfenheit breitete, Varney, dem die Feigheit ſeines Kameraden reizte, klopfte ſtark an die verſchloſſene Thuͤr und rief laut:„Alter Grabdieb, kommt heraus und laßt mich mein Bild fertig machen. Heraus, ſag' ich, heraus!“ Grabman ließ das Licht auf der Treppe ſtehen und machte nur drei Spruͤnge bis nach ſeinem Zimmer. Auf den dritten Ruf des Stoͤrers riß der„Reſurrectionsmann“ heftig ſeine Thuͤre auf und erſchien unter derſelben;— das Licht der tiefer ſtehenden Kerze zeigte die tiefgefurchten Zuͤge ſeines haͤß⸗ lichen Geſichts und die ungeheure Stärke des gigantiſchen Koͤrpers und Gliederbaues. So ſchlank und zartgebaut er war, betrachtete Varney jenen doch entſchloſſen und bebte nicht. „Was haben Sie mit mir zu ſchaffen?“ ſagte die ſchreckliche vor Wuth zitternde Stimme. „Nur euer Portrait, als Pluto, vollenden. Jener war der Gott der Hoͤlle, wie Ihr wißt!“ Im naͤchſten Moment hing die ungeheure Hand des Ogers gleich einer ſchwarzen Wolke uͤber Gabriel Varney. Dieſer, ſtets 25 auf ſeiner Hut, ſprang beiſeite, und das Licht beleuchtete den Stahl eines Piſtols.„Hand fort!— oder—“ Das Knacken des Piſtolenhahns vollendete den Satz. Der Schurke hielt inne. Das Leuchten vereitelter Wuth gab ſeinen duͤſtern Augen einen momentanen Glanz.„Vielleicht find ich euch dieſer Tage, oder Naͤchte, wieder, und ich werd' euch unter zehntauſend erkennen.“ „Nichts beſſer als der Vogel in der Hand, Meiſter Grabſtehler! Wo können wir jemals wieder zuſammentreffen?“ „Vielleicht im Feld— vielleicht auf der Landſtraße— viel⸗ leicht in Old Bailey— vielleicht am Galgen— vielleicht im Verbrecherſchiff; ich weiß, was Das bedeutet! Ich war einmal Tag und Nacht mit ſolch einem Burſchen, wie Ihr, zuſammenge⸗ ſchloſſen— brach ich ſeinen Uebermuth nicht,— ſtoͤrt' ich ſeinen Schlaf nicht? Hoho! jetzt ſeht ihr ſchon ein Bischen weniger toll⸗ kühn aus— da habt Ihr mich!“ Varney hatte zuvor kein banges Gefuͤhl, kein ſo ſchnelles Herz⸗ klopfen empfunden. Aber das ſeiner reizbaren Phantaſie dargeho⸗ tene Bild(einer Phantaſie, die ſtets uͤber Schrecken zu bruͤten ge⸗ neigt war), das Bild dieſes Gefaͤhrten mit ihm Tag und Nacht zuſammengekettet— dies erſchuͤtterte ploͤtzlich ſeinen Muth— die⸗ ſes Bild ſtand deutlich vor ihm, gleich dem Oulos Oneiros— dem böſen Traume der Griechen. Er athmete hoͤrbar. Des Leichendiebes dumpfer Verſtand be⸗ griff, daß er die gewoͤhnliche Wirkung des Schreckens hervorge⸗ bracht, und das befriedigte ſein thieriſches Selbſtgefuͤhl; er zog ſich langſam, Zoll um Zoll, nach der Thuͤr zuruͤck, waͤhrend ihm Varney's ſtarres und entſetztes Auge folgte. Dann ſchloß er die Thuͤr ſo heftig, daß die Kerze ausgeloͤſcht wurde. Varney, welcher nicht wagte— in der That, nicht wagte — Grabman laut um ein anderes Licht zu erſuchen, tappte die dunkle Treppe mit haſtigen, geſpenſterartigen Schritten hinab— und nachdem er mit der einen Hand den Thuͤrgriff gefunden, waͤh⸗ rend die andere noch krampfhaft das Piſtol hielt, gelang es dem von Grauen Ergriffenen endlich, die Straße wieder zu erreichen, wo er einen Augenblick ſtehen blieb, um ſich in der freien Luft zu ſam⸗ meln; Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn und ſeine Glieder zitterten, wie wenn er um ein Haar breit der erdruͤckenden Laſt eines fallenden Hauſes entgangen waͤre. Siebentes Kapitel. Der Raub der Matratze. Daß Mr. Grabman dieſe Nacht ruhig ſchlief, iſt wahrſcheinlich genug, denn ſeine Branntweinflaſche war am naͤchſten Morgen leer, und ſchlaͤfriger als gewoͤhnlich folgten ſeine Augen den Bewegungen Becks, der, wie immer, die kleine Hoͤhle öffnete, welche an das Wohnzimmer ſtieß, die Kleider buͤrſtete, Feuer machte, den Keſſel daruͤber ſetzte und Alles zum Fruͤhſtuͤck ordnete, bevor er an ſeine Tagesgeſchaͤfte ging. Grabman ſtreckte ſich indeß und ſchuͤttelte den Schlaf von ſich, und waͤhrend die Erinnerung an das Unter⸗ nehmen, wozu er ſich anheiſchig gemacht, ihn mit unangenehmer Empfindung erfuͤllte, richtete er ſich im Bett empor und ſagte mit einer Stimme, die, wenn nicht berauſcht, doch zaͤrtlich, und wenn nicht zaͤrtlich, berauſcht klang: „Beck, Du biſt ein guter Kerl! Du haſt Fehler— dafuͤr biſt Du ein Menſch; humanum est errare, d. h. Du verbrennſt manchmal meinen Zwieback. Betrachtet man Dich aber im Gan⸗ zen, ſo biſt Du ein gutes Geſchoͤpf. Beck, ich gehe einige Tage auf’'s Land. Ich werde meinen Schluͤſſel im Loch in der Wand 27 laſſen, Du weißt; denke daran, wenn Du hereinkommſt. Du warſt vorige Nacht ſpaͤt aus, mein armer Burſch. Sehr ſchlimm! Nimm Dich in Acht, ſonſt, Du weißt, kannſt Du dem Kerl von Re⸗ ſurrectionsmann Nr. 7 in die Klauen gerathen. Ja, ja! was der Jaſon tollkuͤhn war. Aber er iſt der ſchlimmſte Teufel von den Beiden. Hm, was wollt' ich doch ſagen? Und jede Nacht, ehe Du ſchlafen gehſt, ſieh' noch einmal nach meinem Zimmer. Die Gegend wimmelt von Spitzbuben und man kann nicht vorſichtig genug ſein. Gluͤcklicher Kauz, der Du biſt, Dir kann man nichts ſtehlen!“ Beck ſtutzte bei der letzten Bemerkung. Grabman ſchien ſeine Verwirrung nicht zu bemerken und fuhr fort, waͤhrend er ſeine Struͤmpfe anzog:„Du biſt ein guter Kerl, Beck, und haſt mir treu gedient; wenn ich wiederkomme, will ich dir was Huͤbſches mit⸗ bringen— wer weiß, vielleicht gar eine ſilberne Uhr. Inzwiſchen, glaub' ich— laß ſehen— ja, ich werde Dir dies huͤbſche Paar Beinkleider geben koͤnnen. Leg' meine beſten heraus— die ſchwar⸗ zen. Und nun will ich Dich nicht laͤnger aufhalten, Beck. Der arme Burſche zeigte ſich durch manchen Zug an ſeiner Stirnlocke fuͤr das reiche Geſchenk erkenntlich, und nachdem er all' ſeine Geſchaͤfte hier vollendet, eilte er zunaͤchſt nach ſeinem Gemach, um mit Muße und großer Bewunderung die Tuchbeinkleider zu un⸗ terſuchen. Gemach koͤnnen wir eigentlich den elenden Verſchlag, den Beck ſein eigen nannte, kaum nennen- Er befand ſich hoch oben unterm Dache und war heiß— o, ſo heiß im Sommer! Er hatte nur ein kleines blindes Fenſter, durch welches das Licht des Himmels nie drang, denn das verhinderte die Mauer, unter welcher die verſtopfte Rinne voruͤberging. Aber Regen und Wind drangen herein. Auch kroch bisweilen eine fluͤchtige Katze durch das glas⸗ loſe Schoͤßchen. Was die Ratten anlangt, ſo betrachteten dieſe den Ort als ihr eigen. An Beck gewoͤhnt, nahmen ſie keine Notiz von ihm. Sie waren die Majordomi— er nur le roi fainéant. Sie liefen Nachts uͤber ſein Bett weg; er fuͤhlte ſie oft auf ſeinem Geſicht, und war uͤberzeugt, daß ſie ihn laͤngſt gefreſſen haben wuͤrden, waͤre an ſeinen Knochen etwas Freſſenswerthes geweſen. In⸗ deß ließ er ihnen gewoͤhnlich, mehr aus Vorſicht als aus Guͤte, ein Paar Kartoffeln oder eine Brotrinde, um daran ihren Appetit zu ſtillen. Allein Beck war weit beſſer daran, als die Meiſten, welche die ver⸗ ſchiedenen Wohnungen in dieſer Alſatia innehatten: er hatte ſein Gemach fuͤr ſich ſelbſt. Das war nothwendig fuͤr ſeinen einzigen Luxusgegenſtand, die Beaufſichtigung ſeines Schatzes, fuͤr die Sicher⸗ heit ſeiner Matratze; dafuͤr bezahlte er, ohne zu murren, was er fuͤr einen ſehr hohen Zins hielt. Dieſe Hoͤhle im Dache war durch kein Schloß verwahrt, und zwar aus ſehr gutem Grunde, es war keine Thuͤr davor. Man ging die Stiege hinauf wie etwa auf ei⸗ nen gewoͤhnlichen Dachboden. Es war nun oft Gegenſtand tiefen Nachdenkens fuͤr Beck geworden, ob er eine Thuͤr vor ſeiner Kam⸗ mer haben müßte, oder ob nicht; und das Ergebniß des Nachdenkens war immer das naͤmliche, naͤmlich daß er's nicht duͤrfte. Wozu eine Thuͤr und ein Schloß daran? denn eines folgte nothwendig aus dem andern. Ein ſolches neues großartiges Stuͤck waͤre ja doch nur eine prahleriſche Ankuͤndigung geweſen, daß er etwas zu verwahren hatte. Er konnte den Vorwand dafuͤr nicht geltend machen, daß ihn Nachbarn ſtoͤrten, denn außer ihm allein ſtieg Nie⸗ mand die Leiter hinan; ſie fuͤhrte zu keinem Gemach weiter. Seine muthmaßliche Armuth war ein beſſerer Schutz als eiſerne Thuͤren. Ueberdies mußte eine Thuͤr, wofern gefaͤhrlich, uͤberdies auch uͤber⸗ fluͤſſig ſein. Sobald man vermuthete, daß Beck etwas Werthvolles zu bewachen haͤtte, mußten ja auch alle Brecheiſen und Dieteriche in der ganzen Nachbarſchaft in Bewegung gerathen. Und im Erd⸗ geſchoß wohnte bereits ein Spitzbube von hohem Ruf. Daher wurde Beck's Schatz, gleich dem Vogelneſt, ſo verſteckt gelegt, als es ihm ſein Inſtinct eingab; und Schloͤſſer und Riegel des civi⸗ liſirten Menſchen entbehrte Beck eben ſo gut, wie der Vogel. 29 nem An einem roſtigen Nagel hing er die Tuchbeinkleider auf, ſtrich ahen wohlgefällig mit der Hand daruͤber und murmelte:„Eigentlich für In⸗ mich viel zu gut— lieber ſollt' ich ſie verſetzen! Aber waͤr' das gaar nicht eine Schande? Beck, biſt du nicht ein undankbares Thier, llen. an ſo was zu denken, waͤhrend du nur recht tief geruͤhrt ſein ſoll⸗ ver⸗ teſt? Ich will ſie tragen, wenn ich ihm aufwarte. Wenn er ſein ſeine eignen Hoſen ſieht, waͤhrend ich ihm das Frühſtuͤck bringe, wird igen er ſagen, Beck, ſie ſtehen dir gut!“ cher⸗ Von dieſem edlen Entſchluſſe beſeelt, nahm er ſeinen Beſen, s er kletterte die Stiege hinab, ſchlich mit einem verſtohlenen Blick nach urch der Thuͤr des Spitzbuben hinaus und trat den Weg nach ſeiner Ar⸗ war beitsſtaͤtte an. Inzwiſchen kleidete ſich Grabman mit mehr als fei⸗ gewoͤhnlicher Sorgfalt, raſirte den ſeit vier Tagen ungeſchornen tefen Bart und las, waͤhrend er ſich zum Fruͤhſtuͤck ſetzte, aufmerkſam die tam⸗ Notizen, die ihm Varney zuruͤckgelaſſen hatte, wobei er dann und kens wann innehielt, um ſeine eigenen Bemerkungen hinzuzuſetzen. Vozu Dann packte er diejenigen wenigen Gegenſtaͤnde zuſammen, die ndig ein ſo unleidenſchaftlicher Verehrer der Grazien noͤthig haben e ja konnte, und ſteckte ſie in eine alte Reiſetaſche. Nachdem dies zu vollbracht, öffnete er ſeine Thüͤr, ſchlich zur Schwelle und lauſchte tend ſorgfaͤltig. Von unten mochten einige Töoͤne zu vernehmen ſein; Nie⸗— hier das Weinen eines Kindes, dort das laute Schelten ei⸗ eine nes Weibes in dem Dialect, der ſich vor allen andern zum Schel⸗ ren, ten eignet, im Irländiſchen; noch tiefer erſcholl das tieftoͤnende ber⸗ Fluchen des choleriſchen Reſurrectionsmannes; aber nach oben war lles alles ſtill. Nur ein Stockwerk lag noch zwiſchen Grabman's Zim⸗ iche mer und der Stiege, die nach Beck's Boden fuͤhrte. Und die Be⸗ edd⸗ wohner dieſes Gemachs gaben kein Lebenszeichen von ſich. Grah⸗ aher man faßte Muth, und indem er die Schuh auszog, ſtieg er die als Treppe hinan. Er kam an der verſchloſſenen Thuͤr des Zimmer's oben vorbei— er erfaßte die Leiter mit zitternder Hand— er ſtieg hinauf, Stufe um Stufe— er ſtand in Beck's Gemach. Nun, o Grabman, werden manche Moraliſten ſtreng genug ſein, dich zu verdammen wegen deſſen, was du thuſt— waͤhrend du dort knieeſt, im Daͤmmerlicht, neben dem ſchmuckloſen Lager, mit gierigen Fingern hier und dahin fuͤhlend, indeß ein ſelbſtgefaͤlliges und ſelbſtzufriedenes Laͤcheln deine bleichen Lippen umſpielt. Jener arme Vagabund, den du berauben willſt, hat dir gut und treulich gedient, hat deine uͤblen Launen, deine Spoͤttereien, deine Fluͤche, deine Puͤffe und Stoͤße erduldet;— oft, wenn du im viehiſchen Schlafe der Trunkenheit lagſt, hat er dich hilflos ausgeſtreckt auf dem Boden gefunden und mit freundlicher Hand das ſcharfe Kamin⸗ eiſen weggeruͤckt, das dem ſchurkiſchen Haupte zu nahe lag, welches jetzt auf ſein Verderben ſinnt; das offene Fenſter hat er geſchloſſen, damit du mit der ſcharfen Luft nicht Schnupfen und Fieber einath⸗ men ſollteſt. Klein iſt ſein Lohn geweſen fuͤr bereitwillige Auf⸗ opferung der wenigen Stunden, die er von ſeinem ermuͤdenden Tage⸗ werk erſparte, um dir zu dienen— klein, aber doch dankbar ange⸗ nommen. Und haͤtte man Beck beten gelehrt, ſo wuͤrd' er fuͤr dich, als fuͤr einen guten Mann, gebetet haben, o du elender Suͤnder! Und jetzt gehſt du, Nicolaus Grabman, auf ein Unternehmen aus, welches dir reichen Gewinn verſpricht, und deine Boͤrſe iſt gefuͤllt; und du bedarfſt nichts fuͤr deine Beduͤrfniſſe, nichts fuͤr deine gemei⸗ nen Luͤſte. Warum muͤſſen ſich dieſe lebenden Finger nach des ar⸗ men Bettlers Schaͤtzen ausſtrecken? Aber haͤtteſt du auch einen Auftrag auszurichten, der dir eine Million gaͤbe, ſo wuͤrdeſt du doch nicht dieſen geheimen Vorrath un⸗ gepluͤndert laſſen, den dein gieriges Auge entdeckte und dein hungri⸗ ger Sinn begehrt. Nein. Seit du in einer Nacht, die, ach! fuͤr den Eigenthuͤmer der Kammer und des Schatzes verhaͤngnißvoll ward, wo du Beck zu einem Dienſte brauchteſt und dich fuͤrchteteſt, laut zu rufen(denn der Reſurrectionsmann unter dir, deſſen Fluͤche jetzt bis zu deinen Ohren ſchallen, ſchlaͤft ſchlecht, und hat gedroht, dich auf ewig ſtumm zu machen, wenn du ihn je in den wenigen Naͤchten ſtoͤrſt, in denen ſein ſchrecklicher Beruf ihm uͤberhaupt zu ſchlafen geſtattet),— ſeit du damals die Leiter hinanſchlichſt und den harmloſen Geizhals bei ſeinem naͤchtlichen Werke ſaheſt, und nach dieſem Anblick dich laͤchelnd wieder hinunterſtahlſt— nein, ſeit jener Nacht war ſo eifrig gewiß und grauſam keines Schul⸗ knaben Sinn auf das Neſt des Haͤnflings gerichtet, als dein Sinn auf die Schaͤtze in Beck's Matratze. Und gleichwohl, o Du Rechtsanwalt, ſollten ſtrenge Moraliſten Dich mehr als ſolche Deines Gewerbes tadeln, die geehrt und geach tet und doch von den Schwachen und Armen leben? Wer unter ihnen verließ je Bodenkammer oder Matratze, ſo lange ſich etwas davon weg⸗ raffen ließ? Fragt Aſtraͤg darnach, ob der Raub ſo kurz und geradezu geſchieht, oder ob unter all' den anerkannten Formen, wenn Punkt fuͤr Punkt, ein Groſchen nach dem andern, genommen wird, bis die uner⸗ bittliche Hand den letzten Pfennig der betrogenen Verzweiflung ent⸗ reißt? Nein, der Himmel verhuͤt' es! daß wir Dich, elender Nico- laus Grabman, zu einem Beiſpiel von der ganzen Klaſſe der Rechts⸗ anwalte hinſtellen ſollten! Edle Herzen, liebevolle Seelen giebt es unter Deinen Berufsgenoſſen, wir wiſſen das und haben es erfahren; aber ein Beiſpiel biſt von denjenigen, welche Mangel, Vergehen und Noth, ach, nur zu wohl als Anwalte der Armen erwieſen haben. Und ſelbſt, waͤhrend wir ſchreiben, und ſelbſt waͤhrend ihr es leſet, ſtiehlt mancher Grabman die Erſparniſſe eines Lebens, die nichts frommen. Ihr armſeligen Schaͤtze, einzige Luſt eueres außerdem freudloſen Beſitzers, wie leicht hat gerade ſeine Liebe euch zur Beute des Raͤu⸗ bers gemacht! Mit welcher Luſt ſind ſie, wenn die Pfennige zum Schilling angewachſen waren, in das neue blanke Silberſtuͤck, das neueſte und glaͤnzendſte, das zu haben war, umgewechſelt worden! Und dann die Schillinge in Kronen, und die Kronen in Gold! Und mit welchem Entzuͤcken ward es dann betrachtet, wenn die Summe ſo in das leicht ſtrahlende Stuͤck verwandelt war! Und welch' eine Summe nun— welche Ueberraſchung fuͤr Grabmann! Waͤr' es nur ——. ‿ 3² ein Sechspenceſtück geweſen, er würd' es genammen hahen; aber Gold⸗ ſtücke mit der vollen Hand zu nehmen, das war zu viel fuͤr ihnz und ſo erhob er ſich und lachte ploͤtzlich vor innerem Wohlbehagen. Unter ſeinem Vorrathe fand ſich aber ein Ding, welches ſeine Lachluſt beſonders erregte, es war eine Kinderkoralle mit kleinen Gloͤckchen. Wer konnte Beck ſolch ein Spielwerk geſchenkt haben— oder wie kam es, daß ſich Beck enthalten hatte, es in Geld zu ver⸗ wandeln? Daruͤber lachte Grabman jedoch nicht; er lachte erſtens, weil es ein Zeichen von dem kindiſchen Sinne und der Thorheit des Geſchöpfs war, welches er ohn' einen Pfennig ließ; und weitens, 9 3 weil es ſeinem gewandten Kopfe ein Hauptmittel darbot, um Becks Unwillen von ſeinen eignen Schultern auf eine dem Verdachte mehr ausgeſetzte Perſon zu lenken. Er ließ die Koralle am Boden neben dem Bett liegen, ſchlich die Stiege hinab, erreichte ſein eignes Ge⸗ mach, ergriff ſeinen Reiſeſack, ſchloß ſeine Thuͤr, ſteckte den Schluͤſ⸗ ſel ins Rattenloch, wo ihn nur der ehrliche gepluͤnderte Beck finden konnte, und ſtieg kuͤhn die Treppe hinab; nacheinander vor den Thuͤ⸗ ren voruͤber kommend, wo noch immer der Reſurrectionsmann fluchte, noch immer das Kind weinte, noch immer die Irlaͤnderin ſchrie, blieb er endlich im Erdgeſchoß ſtehen, wo Bill, der Einbrecher, mit ſei⸗ nen langfingerigen, hagern, ſcharfaͤugigen Sproͤßlingen wohnte, die, fruͤhzeitig den Weg zum Galgen kennen lernend, bereits durch zer⸗ brochene Fenſterſcheiben kriechen konnten. Die Thuͤr ſtand offen und gewaͤhrte einen anmuthigen Anblick der würdigen Familie drinnen. Bill ſelber, ein Kerl von kraͤftigem Ausſehn, mit muntrem luſtigem Geſicht und einer Pfeife im Munde, ſaß am Fenſter, mit ſeinen kraͤftigen Gliedern an einen Tiſch ge⸗ lehnt, der mit den Reſten eines ganz ertraͤglichen Fruhſtuͤcks bedeckt war. Vier kleine Bills waren mit gewiſſen Spielen beſchaͤftigt, die ohne Zweifel, gemaͤß der modiſchen Erziehungsmethode, nuͤtzliche Lehren unter der küͤnſtlichen Maske ergoͤtzlicher Unterhaltung einfloͤß⸗ ten. An einer Wand, in dem einen Winkel des Gemachs, waren eine —— 33 Reihe von Klingeln angebracht, von denen ſehr verfuͤhreriſch aus⸗ ſehende Aepfel an duͤnnen Faͤden herabhingen. Zwei Knaben waren mit der unſchuldigen Unterhaltung beſchaͤftigt, die Aepfel loszubin⸗ den, ohne daß die Klingeln einen Ton von ſich gaben; ein dritter ergoͤtzte ſich an einem Tiſche, der mit falſchen Ringen und Schmuck⸗ ſachen bedeckt war, auf eine Weiſe, die wirklich erſtaunlich war; mit der Spitze eines Fingers, die wahrſcheinlich in eine klebrige Subſtanz getaucht war, beruͤhrte er ſo eben einen jener Gegenſtaͤnde, und ſieh! derſelbe verſchwand— verſchwand ſo magiſch, daß das ſchnellſte Auge kaum ſagen konnte, wohin; bisweilen in einen Aermel, bisweilen in einen Schuh, hierhin, dahin, uͤberallhin— nur nicht wieder auf den Tiſch zuruͤck. Der vierte war ein Buͤrſchchen von etwa fuͤnf Jah⸗ ren; nach ſeiner geringen Groͤße zu ſchließen, konnt' er viel juͤnger ſein, aber auch aͤlter, wenn man nach der laſterhaften Auspraͤgung der Geſichtszuͤge urtheilte; er ſaß auf dem Boden unter ſeines Va⸗ ters Stuhl, und verſenkte ſeine kleine Hand in die vaͤterlichen Ta⸗ ſchen, um eine Spielkugel zu ſuchen, die zum Scherz in dieſe geraͤu⸗ migen Schlupfwinkel verſteckt war. Bill, der Einbrecher, blickte umher, auf die ſich entwickelnden Genies, und ſein Vaterherz war ſtolz. Grabman blieb an der Schwelle ſtehn, ſah hinein und ſagte freundlich:„Guten Tag, mein Lieber— guten Tag, ihr lieben leinen.“ „Ah, Grabman,“ ſagte Bill, aufſtehend und ſich verbeugend, denn Bill that ſich viel auf ſeine Hoͤflichkeit zu Gute—„ein Pfeif⸗ chen gefaͤllig, wie? Bob!(dies rief er dem aͤlteſten Sohne zu;)„ſei artig! wiſch' deine Naſe und ſetz' einen Stuhl fuͤr den Herrn her.“ „Danke vielmals, Bill, aber ich kann mich jetzt nicht aufhal⸗ ten— ich habe eine lange Tagereiſe vor mir. Aber helf mir Gott, wie fahrlaͤſſig bin ich! ich habe meine Kleiderbuͤrſte vergeſſen. Ich wußte, daß ich etwas im Sinne hatte, waͤhrend ich die Treppe her⸗ Bulwer, Lueretia. IV. 34 unterging. Ich ſagte zu mir ſelber: Grabman,'s iſt etwas ver⸗ geſſen!“ „Ich kenne dieſes Gefuͤhl,“ ſagte Bill nachdenklich;„ich hatt' es ſelber in letzter Nacht; und als ich hinkam zu— aber das bleibt ſich gleich. Bob, lauf' hinauf und hole Mr. Grabman's Kleiderbuͤrſte herunter.'s iſt das Wenigſte, was Du fuͤr einen Herrn thun kannſt, der Deinen Vater vom Schickſal jener unſchuldigen Aepfel errettete; — wahrlich, Grabmann, ich habe ein Herz in meinem Buſen; ſchnei⸗ den Sie mich auf und Sie werden da finden: Alibi und Grabman! Geben Sie Bob Ihren Schluͤſſel.“ „Die Buͤrſte iſt nicht in meinem Zimmer,“ ſagte Grabman;„ſie iſt auf dem Oberboden, die Stiege hinauf, in Becks Kammer— bei Beck, dem Kehrer. Der dumme Kerl behaͤlt ſie immer dort und vergißt ſie mir zu geben. Thut mir leid, daß ich meinem Freund Bob ſo viel Muͤhe mache.“ „Bob macht ſich gern Muͤhe; ſe nem Buſen. Bob, mach's wie die — und her gaß wie ein Klotz!“ Bob grinſ'te, machte Mr. Grabman ein ſchiefes Maul, und ſtieg die Treppe hinan. „Sie kuͤmmern ſich um unſre Geſellſchaft nicht,“ ſagte Bill; aber wir laſſen Sie leben, mit drei mal drei und Aufſtehen.'s iſt eine undankbare Welt! Aber mancher Mann hat ein Herz, und unter denen, die ein Herz haben, ſteht Grabman oben an! „Gewiß, wenn ich Ihnen einen Dienſt erweiſen kann, duͤrfen Sie auf mich zaͤhlen. Wenn Sie indeß den verfluchten polternden Kerl, der unter mir wohnt, etwas hoͤflicher machen koͤnnten, wuͤrden Sie mich verbinden.“ „Unter Ihnen! Nr. 72 Nr. 7— nicht wahr? Grabman, bin ich ein Mann? Iſt das ein Arm, und iſt das da eine Fauſt mit Fuͤnfen? Ich kann alles, was von einem Mann zu verlangen iſt; aber Nr. 7 iſt ein Leichenraͤuber! Nr. 7 hat mich angefahren— und es Vaters Herz ſchlaͤgt in ſei— aͤnzer, hinauf wie eine Lerche eine T 35 ich ertrug's! Nr. 7 koͤnnte mich ſchlagen, und dieſer Arm wuͤrd' ihn ſchlagen laſſen! Er lebt von Graͤbern, und Kirchhoͤfen und Gal⸗ gen— der verdammte Nr. 7! Verlangen Sie ſonſt was, Grabman. Nr. 7 kann ich ſo wenig angreifen als Geſpenſter.“ Grabman laͤchelte hoͤhniſch, als er ſah, daß Blll, ein ſo kraͤftiger Schurke er war, doch bleich wurde, waͤhrend er ſprach; aber in die⸗ ſem Augenblick erſchien Bob mit der Kleiderbuͤrſte wieder, die der Ex⸗ Anwalt in ſeine Taſche ſteckte; indem er Bill die Hand ſchuͤttelte und Babt die Wange klopfte, trat er ſeine Reiſe an. ill ſetzte ſich wieder hin und murmelte:„einem Leichenraͤuber zu Lad gehen! will denn der Grabman den armen Bill gern aus dem Wege haben?“ Inzwiſchen zeigte der ſchlaue Bob ſeinem zweiten Bruder Beck's geſtohlne Koralle. Die Kinder huͤteten ſich, ſie ihrem Vater ſehen zu laſſen. Sie waren bereits von dem loͤblichen Chrgeiz beſeelt, auf eigene Rechnung Geſchaͤfte zu machen. Achtes Kapitel. Percival beſucht Lucretia. Nachdem er einmal das Haus kannte, in welchem Helene lebte, war es keine ſchwierige Sache fuͤr St. John, den Namen ihrer Be⸗ ſchuͤtzerin zu erfahren, die, wie Beck vermuthete, ihre Mutter war. Nicht wenig Vergnuͤgen miſchte ſich mit Pereivals Staunen, als er in dieſem Namen denjenigen wieder erkannte, den ſeine eigene Ver⸗ wandte trug. Ihm war allerdings ſehr wenig von der Familienge⸗ ſchichte bekannt. Weder ſein Vater, noch ſeine Mutter hatten jemals gern von der gefallenen Erbin geſprochen. Die Kinder hatten ge⸗ fuͤhlt, daß der Gegenſtand ein verbotener war; aber in der Nachbar⸗ 3* 36 ſchaft hatte Pereival natuͤrlich Manches über Lucretia, als die ſtolze und hochgebildete Miß Clavering, gehört, die ſich, zum Staunen Aller, zu einer Mesalliance mit ihres Vaters franzoͤſiſchem Bibliothekar herab⸗ gelaſſen hatte. Nicht wahrſcheinlich war es, daß er gehoͤrt haben ſollte, wie ihr Verluſt des St. John Beſitzthums, und die Erbfolge von Perci⸗ vals Vater, den Dorfbewohnern und Squires in der Runde, uner⸗ wartet kam, und vielleicht die Folge einer Laune Sir Miles', oder eines durch Schlaganfaͤlle geſchwaͤchten Verſtandes war. Die Reichen haben die Politur ihrer Erziehung, und die Armen jenen inſtinet⸗ maͤßigen Tact, der unter den Landleuten ſo wunderbar herrſcht, um unartige Entdeckungen oder unwillkommene Andeutungen zu vermei⸗ den; und bei Reichen und Armen waren die Vernon St. Johns zu beliebt und geachtet, als daß man ſich muͤßige Anſpielungen, um ſie zu kraͤnken, haͤtte erlauben mögen. Alles was daher Percival von ſeiner Verwandten wußte, war, daß ſie von Kindheit auf bei Sir Miles gewohnt hatte; daß ſie nach ihres Oheims Tode ſich an einen Mann unter ihrem Stande, Namens Dalibard, verheirathet, und anderswo niedergelaſſen hatte; daß ſie eine Perſon von eigenthuͤm⸗ lichen Sitten, und, wie er einmal gehört, von ſeltnen Gaben geweſen ſei. Er hatte den Namen der jungen Dame, die ſich bei Madame Dalibard aufhielt, nicht erfahren konnen; er hatte nur erfahren, daß ſie einen angenommenen Namen fuͤhrte, und nicht die Tochter der Dame ſei, die das Haus bewohnte. Jedenfalls war es moͤglich, daß die letztere gar nicht ſeine Verwandte war Der Name, obwohl fuͤr engliſche Ohren fremdartig, und in Frankreich nicht gewoͤhnlich, war für Percivals Hoffnungen keine genuͤgende Buͤrgſchaft fuür den Ge⸗ danken, daß er nun rechtmaͤßigen und fuͤglichen Zutritt zu dem Hauſe gewonnen haͤtte— aber er durfte doch den Beſuch wagen, und der Name gab dazu eine gute Entſchuldigung. Wie lange brachte er an dieſem Tage bei ſeiner Toilette zu, der arme Burſch! Wie ſorgſam ſuchte er mit Kamm und Buͤrſte das uͤppige Labyrinth der ſchwarzen Locken zu glaͤtten, denen er zuvor nie die geringſte Achtung geſchenkt! Gil Blas ſagt, die Toilette ſei ein Vergnügen fuͤr die Jungen, aber eine Arbeit für die Alten; Percival St. Johns Toilette war an dieſem ſorgenvollen Morgen fuͤr ihn kein Vergnügen. Endlich riß er ſich, mißvergnuͤgt und verzweifelt, vom Spiegel los, nahm Hut und Peitſche, warf ſich auf ſein Pferd, und ritt erſt ſehr ſchnell und zuletzt ſehr langſam nach dem alten verfallnen, un⸗ ſcheinbaren, vernachlaͤſſigten Hauſe, welches, gleich der Armuth ge⸗ fallenen Stolzes, mitten unter den Villen und ſtattlichen Landhaͤu⸗ ſern des ſchoͤnen und bluͤhenden Brompton verſteckt lag. Dieſelbe Magd, welche Ardworth die Thuͤr geoffnet, erſchien auf ſeinen Ruf, und nachdem ſie ihn einige Augenblicke mit muͤrriſchem und ſtupidem Staunen angeſtarrt, ſagte ſie:„Sie ſind im Irrthum 4* und wandte ſich ab. „Halt— halt!“ rief Percival, indem er ſich durch die Pforte zu draͤngen ſuchte; aber die muͤrriſche Magd ſchloß den Ein⸗ gang. „Es iſt kein Irrthum, meine Gute. Ich komme, um Madame Dalibard zu beſuchen, meine— meine Verwandte!“ „Ihre Verwandte!“ und wieder ſtarrte das Weib Percival mit einem Blicke an, durch deſſen dumme Leere etwas wie Mißtrauen zu bemerken war.„Bitt' ein wenig zu verziehn, und mir Ihren Namen zu nennen.“ Percival gab der Magd ſeine Karte mit ſeinem ſuͤßeſten und be⸗ redſamſten Laͤcheln. Sie ergriff ſie mit der einen Hand, und drehte mit der andern Hand den Schluͤſſel der Pforte um, indem ſie Per⸗ cival draußen ließ. Fuͤnf Minuten vergingen, ehe ſie zuruͤckkehrte, und nunoffnete ſie mit derſelben ausdrucksloſen Miene die Pforte, und bedeutete ihn, mitzugehen. Der weichherzige Juͤngling ſeufzte, als er einen Blick auf das ode und aͤrmliche Anſehn des Hauſes warf, und er dachte bei ſich: Ach, lieber Himmel, ſie iſt vielleicht meine Verwandte, und dann 77* —— B— 38 werd' ich das Recht haben, fuͤr ſie, und fuͤr dieſes ſuͤße Maͤdchen eine ganz andere Wohnung zu ſchaffen!“ Das alte Weiboͤffnete die Thuͤr eines Zimmers, und Percival befand ſich ſeiner Tod⸗Feindin gegen⸗ uͤber. Der Armſtuhl ward gegen den Eingang gewendet, und unter den Huͤllen, welche die Geſtalt verbargen, tauchte das eigenthuͤmliche Geſicht der Madame Dalibard hervor, welches ſich ſcharf und eifrig nach dem Eindringling richtete. „So,“ ſagte ſie langſam, waͤhrend ſie ihn faſt mit ihren ſcharfen, feſten Blicken verſchlang—„ſo, Sie ſind Percival St. John! Will⸗ kommen! Ich wußte nicht, daß wir je zuſammen kommen wüͤrden. Ich habe Sie nicht geſucht— Sie ſuchen mich! Seltſam— ja, ſeltſam— daß der Junge und Reiche, die Leidende und Arme auf⸗ ſucht!“ Ueberraſcht und verlegen durch dieſe ſonderbare Begruͤßung, blieb Percival ploͤtzlich in der Mitte des Gemachs ſtehen! und es war etwas unbeſchreiblich Anziehendes in ſeiner ſchuͤchternen aber anmuthigen Verwirrung. Es ſchien in ſchweigender Beredſamkeit zu rechtferti⸗ gen und zu entſchuldigen. Und als er mit ſeiner Silberſtimme, die kaum noch den vollen Ton der Maͤnnlichkeit erlangt, mit Innigkeit ſagte:„Verzeihen Sie, Madame, aber meine Mutter iſt nicht in England,“— bewies die Entſchuldigung ein ſo zartſinniges Den⸗ ken, einen ſo feinen Sinn fuͤr hohen Anſtand, daß die ruhige Ver⸗ ſicherung des weltgewandten Mannes die Ritterlichkeit des gebornen Edelmannes nicht ſtaͤrker haͤtte bezeugen koͤnnen. „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Mr. St. John,“ ſagte Lu⸗ cretia in milderem Tone.„Vergeben vielmehr Sie mir, daß meine Gebrechlichkeit mir nicht geſtattet, aufzuſtehen, und Sie zu em⸗ pfangen. Laſſen Sie ſich nieder— hier— neben mir. Sie haben eine ſtarke Aehnlichkeit mit Ihrem Vater.“ Pereival nahm die letzte Bemerkung fuͤr ein Compliment und verbeugte ſich. Darauf betrachtete er, als er ſeine ſinnige Stirn erhob, zum erſten Male ſeine neugefundene Verwandte genau. Die 39 Eigenthuͤmlichkeiten in Lucretia’s Geſicht waͤhrend ihrer Jugend hat⸗ ten ſich natuͤrlich bei den mittleren Jahren mehr ausgepraͤgt. Die Umriſſe, von jeher zu kräͤftig und ſcharf, waren nun ſtark und knochig, wie die eines Mannes. Die Linie zwiſchen den Augenbrauen war zu einer Furche vertieft. Daß Auge hatte noch ſeinen alten unruhi⸗ gen, unheimlichen Seitenblickz auch in ſeltenen Momenten G. B. als Percival eintrat) das Forſchende, Durchdringende und Gebiete⸗ riſche; aber die Augenlider, roth und geſchwollen, wie von Gram oder Nachtwachen, gaben ihren Blicken in jedem Falle etwas Haͤßliches und Wildes. Trotz der Laͤhmung der Geſtalt zeigte das Geſicht, wenn auch blaß und hager, doch keinen koͤrperlichen Verfall. Eine Kraft, welche uber die Staͤrke des Weibes ging, war noch immer in dem kuͤhnen Muskelſpiel, in der Feſtigkeit der zuſammengezogenen Lippen zu ſehen. Was die Aerzte Lebenskraft nennen und zugleich,(wo ſie es entdecken) in der Phyſiognomie als Prognoſticon langen Lebens be⸗ trachten, wogte raſtlos in jedem Zuge des Geſichts, jeder Bewegung der magern nervigen Häͤnde, welche, im Gegenſatz zu der uͤbrigen regungsloſen Geſtalt, nie zur Nuhe zu kommen ſchienen. Die Zaͤhne waren noch weißer und regelmaͤßiger als in der Jugend und gaben, wenn ſie beim Sprechen hervorſchimmerten, dem ſonſt ſo abgefallenen Geſicht eine ſeltſame unnatuͤrliche Friſche. Waͤhrend Percival auf ſie blickte und beim Hinblicken dieſe un⸗ ſteten Augen zwar geſenkt ſah, doch gleichwohl fuͤhlte, daß ſie ihn beobachteten, fuhr ein Schauer, faſt wie von Furcht, durch ſein Herz. Trotzdem war er um ſo empfaͤnglicher fuͤr liebreiche und vertrauens⸗ volle, als fuͤr argwoͤhniſche und ſcheue Empfindungen, daß, als Ma⸗ dame Dalibard ploͤtzlich emporblickte und das Haupt leiſe ſchuͤt⸗ telnd ſagte: „Sie ſehen nur ein trauriges Wrack, junger Vetter,“ daß bei dieſen Worten alle jene Triebe des Inſtincts, welche die Natur ſelbſt fur die Selbſterhaltung zu dictiren ſcheint, in himmliſcher Zaͤrtlich⸗ keit und Mitleiden untergingen. ———— 1—— „Ach!“ ſagte er, indem er aufſtand und eine jener todtenhaften Haͤnde zwiſchen ſeine eigenen druͤckte, und waͤhrend ihm Thraͤnen in die Augen traten,„och, ſeit Sie mich Vetter nennen, hab' ich auch alle Vorrechte eines Verwandten. Sie muͤſſen den beſten Rath— die beſten Aerzte erhalten. O, Sie werden geneſen— Sie muͤſſen nicht verzweifeln.“ Lucretia's Lippen bewegten ſich unruhig. Die Freundlichkeit erregte ihr Erſtaunen. Verzweifelt wand ſie ſich los von dem menſch⸗ lichen Strahle, der durch die ſiebenfache Dunkelheit ihrer Seele leuch⸗ tete. Denken Sie nicht an mich,“ ſagte ſie mit erzwungenem Laͤ⸗ cheln,„ich liebe Anſpielungen auf mich ſelbſt nicht, obwohl ich fie diesmal ſelbſt hervorrief. Sprechen Sie mit mir von den alten Ceder⸗ baͤumen in Laughton— ſtehen ſie noch? Sie ſind jetzt der Gebieter von Laughton. Es iſt eine ſchoͤne Erbſchaft!“ Nun ſprach St. John, um ihr gefaͤllig zu ſein, von dem alten Herrenhaus, beſchrieb die Verbeſſerungen, die ſein Vater vorgenom⸗ men, und aͤußerte ſich heiter uͤber diejenigen, die er ſelbſt beabſichtigte; und waͤhrend er fortfuhr, ward Lucretia's einen Augenblick verduͤſterte Stirn glaͤtter und glaͤtter und das Dunkel wich von ihrer Seele zuruͤck. Auf einmal unterbrach ſie ihn:„Wie entdeckten Sie mich— geſchah es durch Varney? Ich hieß ihn meiner nicht erwaͤhnen— aber wie anders konnten Sie es erfahren?“ Waͤhrend ſie dies ſagte, lag eine aͤngſtliche Unruhe in ihrem Tone, die ſich ſteigerte, als ſie bemerkte, daß St. John etwas verlegen blickte. „Nun,“ begann er zoͤgernd, indem er den Hut mit der Hand buͤrſtete,„nun, vielleicht hoͤrten Sie von dem— es iſt— ich meine, es iſt ein junges— Doch, Sie ſind es, Sie ſind es, ich ſehe Sie wieder!“ Damit ſprang er auf und ſtand an Helenens Seite, die in dieſem Augenblick ins Zimmer getreten war und jetzt, mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, gluͤhender Wange und bewegter Bruſt, dieſen 41 leidenſchaftlichen Ausbruch der Freude vernahm, aber nicht ant⸗ wortete. Erſtaunt betrachtete Madame Dalibard die Beiden, waͤhrend ſich ihre Haͤnde feſt an den Stuhllehnen hielten. Sie hatte von ihrer fruͤhern Begegnung nichts gehoͤrt, nichts errathen. Alles, was zwi⸗ ſchen ihnen vorgegangen, war ihr unbekannt. Aber deutlich und un⸗ verkennlich war der Beweis, daß der Sohn ihres Raͤubers die Toch⸗ ter ihrer Nebenbuhlerin liebte, und, wenn das jungfraͤuliche Herz durch aͤußere Zeichen ſpricht, ſo ſagten dieſe niedergeſchlagenen Augen, die erroͤtheten Wangen, dieſe bebende Bruſt, daß er ſie nicht vergebens liebte. Vor ihren grimmigen und mörderiſchen Blicken, gleichſam um ihr zu trotzen, ſtanden die beiden Erben einer durch das Grah nicht ausgeloͤſchten Rache auf raͤthſelhafte Weiſe vereinigt bei einander. Aus dem weiten Ocean ihres Haſſes ſtieg dieſe arme Inſel der Liebe empor; darauf faßten die Opfer Fuß, die nichts von dem Entſetzen ringsum ahnten! Wie ſchoͤn in dieſem Augenblick ihre Jugend— ihre Unkenntniß ihrer eigenen Gefuͤhle— ihre ſchuldloſe Froͤhlichkeit — ihre ſuͤße Unruhe! Die grauſame Zuſchauerin holte tief Athem im Gefuͤhle teufliſcher Selbſtgefaͤlligkeit und Freude und ihre Haͤnde oͤffneten ſich weit und ſchloſſen ſich dann langſam, als wenn ſie jene in ihrer Gewalt haͤtten. Neuntes Kapitel. Die Roſe unter dem Upas. Von dieſem Tage an hatte Percival freien Zutritt im Hauſe der Madame Dalibard. Die kleine Erzaͤhlung der mit ſeinem erſten Be⸗ gegnen Helenens verknuͤpften Umſtaͤnde, die theils Percival, theils 42 ſpäter Helena mittheilte, ward mit ſeltner Huld von Lucretia aufge⸗ tine 17 nommen. Helena gab ihren Bericht erroͤthend und ſtammelte Entſchuldi⸗ gen 5 gungen, daß ſie nicht eher einen Zufall gemeldet, der unnoͤthigerweiſe zu vielleicht ihre in ſo zarten Geſundheitsumſtaͤnden befindliche Tante be⸗ unruhigen konnte. Die Verwandtſchaft, nicht nur zwiſchen Lucretia ihr und Percival, ſondern auch zwiſchen Percival und Helena, wurde er⸗ örtert und Madame Dalibard ſprach ſogar weitlaͤufiger daruͤber, als In uͤber einen natuͤrlichen Grund, um die ungezwungene Vertraulichkeit, daß die ſogleich zwiſchen den beiden jungen Perſonen entſtand, zu geſtatten. und Sie erlaubte Percival taͤglich zu kommen, ſtundenlang zu bleiben, 5 ihre einfachen Mahlzeiten zu theilen, mit Helene allein im Garten de zu wandeln, ihr die losgegangenen Blumen aufbinden zu helfen und bei ihr in der alten Epheulaube zu ſitzen, ſobald ſie ihre Verrichtun⸗ tc gen vollendet hatte. Sie ſtellte ſich, als betrachtete ſie Beide wie ſ Kinder und uͤberließ ſie der gluͤcklichen Vertraulichkeit, welche nur die Kindheit heiligt und mit welcher verglichen die Neigung reiferer d * Jahre groͤber und kalter erſcheint. b Waͤhrend ſie vertrauter wurden, traten die Verſchiedenheiten und 4 Aehnlichkeiten ihrer Charaktere hervor und nie gab etwas Anmuthi⸗ — geres als die Harmonie, in welche ſelbſt die Gegenſaͤtze verſchmolzen, dem Schutzgeiſte Anlaß, zu weilen und zu laͤcheln. Wie Blumen in 1 einem gepflegten Parterre einander heben, bald ihre Farben gegenſei⸗ tig mildernd, bald erhoͤhend, bis ſich alle im Einklang zu einer Schoͤnheit verſchmelzen, ſo ſchienen dieſe beiden bluͤhenden Naturen, obwohl immer verſchieden, doch immer in Eintracht zu ei nem Reich⸗ 4 thum von Unſchuld und Anmuth zu verſchmelzen. Beide beſaßen eine angeborene Schwungkraft und Heiterkeit des Geiſtes, ein edles Ver⸗ trauen auf andre, eine vorzuͤgliche Aufrichtigkeit und Friſche der 7 Seele und des Gefuͤhls. Aber unter der Heiterkeit Helenens lag zu⸗ gleich ein ſanfter und heiliger Zug ſinniger Melancholie verborgen, ein hohes und religiöſes Gefuͤhl, welches ſich mehr den tiefern Ge⸗ heimniſſen der Schoöpfung zuneigte, dem heiligen Vereine der hellen Außenwelt mit den ernſten Beſtimmungen der Welt im Innern(die eine unvergaͤngliche Seele iſt), als der leichtere und lebhaftere Ju⸗ gendſinn Percivals noch begriffen hatte. In ihm lagen die Keime zu dem thaͤtigen Sohne der Erde, der Auszeichnung in der kuͤhnen Laufbahn auf der Oberflaͤche dieſer Welt zu gewinnen vermag. In ihr lag das feinere und geiſtigere Weſen, welches den Dichter zu der goldnen Atmoſphaͤre der Traͤume emportraͤgt und in Momenten den Anblick des Allerheiligſten des Himmels eroͤffnet. Wir ſagen nicht, daß Helene jemals den poetiſchen Ausdruck gefunden, daß ihre Traͤume, unbeſtimmt und unergruͤndet, wie ſie waren, ſich je in die ſcharfe und klare Form des Wortes gekleidet haͤtten. Denn dem Dichter, der praktiſch entwickelt und der Welt offenbar geworden iſt, ſind außer dem bloßen poetiſchen Gefuͤhl noch viele andre Gaben von N then; ernſtes Studium, logiſche allgemeine Auffaſſung einzelner ze ſtreuter Wahrheiten, und geduldige Beobachtung der Menſchencha⸗ raktere, und die Weisheit, welche aus Schmerz und Leidenſchaft er⸗ waͤchſt, und weiſe Erfahrung in den Gegenſtaͤnden des wirklichen Le⸗ bens, ſammt den duͤſtern Geheimniſſen menſchlicher Schwuͤche und Schuld. Allein trotz alldem, was man aus Verkleinerungsſucht oder aus Unglauben gegen„ſtumme, unberuͤhmte Miltons“ geſagt hat, be⸗ haupten wir, daß es Naturen giebt, in denen das gottlichſte Element der Poeſie weilt, das zu rein und zu zart iſt, um aus der irdiſchen Form zu erſtehen, waͤhrend es aus den grobern Gefoͤßen ausſtroͤmt, in welche der ſogenannte Dichter die aͤtheriſche Fluͤſſigkeit gießen muß. Es giebt eine gewiſſe erhabene Kraft in uns, die unſre tiefſten und edelſten Gefuͤhle umfaßt, naͤmlich die unausgeſprochene Poeſie, die erbleicht und duͤrftig wird, wenn wir ſie in Gedichten kundgeben. Ja, man kann von dieſem geiſtigen Eigenthum unſeres innerſten Weſens ſagen, daß es mehr oder minder von uns ſcheidet, je nach dem Ver⸗ haͤltniß, als wir's der Welt mittheilen, gerade wie nur durch den Verluſt ihrer duftigen Atome die Roſe ihren Wohlgeruch in die Luft ſtreut. So wohnte jene geiſtigere Empfindungskraft in Helene, wie . 0 1 der verborgene Mesmerismus im Waſſer, wie die unſichtbare Feen⸗ kraft in einem Zauberring. Es war ein geiſtiges Weſen oder eine Gottheit, eingeſchloſſen und verhuͤllt in ihr ſelbſt, was ſie in innigere Verbindung mit allen Kraͤften des Univerſums ſetzte; ein Gefaͤhrte ihrer Einſamkeit, ein Engel, welcher leiſe ihrer lauſchenden Seele vor⸗ ſang. Dies machte fuͤr ſie den Genuß der Natur, ſelbſt in deren ſcheinbaren Kleinigkeiten, herrlich und erhaben; dies verlieh der Zaͤrt⸗ lichkeit ihres Herzens all' die koͤſtliche und entzuͤckende Mannichfaltig⸗ keit, welche Liebe von der Einbildungskraft entlehnt; dies erhob ihre Froͤmmigkeit uͤber die bloßen Formen conventioneller Religion und floͤßte ihren Gebeten das Entzuͤcken der Heiligen ein. Allein Helene war nicht minder von den ſuͤßen menſchlichen Em⸗ pfindungen ihres Alters und Geſchlechtes erfuͤllt; ſelbſt ihr Ernſt war mit roſigem Schimmer gefaͤrbt, wie eine Abendwolke von der Sonne. Sie beſaß Froͤhlichkeit, Laune, ſelbſt Schalkhaftigkeit; gleich wie der Schmetterling, obwohl das Sinnbild der Seele, doch uͤppig jede wilde Blume umflattert und ſeine gluͤhenden Schwingen zur Seite des ge⸗ wöhnlichen Pfades entfaltet. Und mit einem Gefuͤhl der Schwaͤche in der alltaͤglichen Welt(welches ſich in hoͤhern Naturen gerade vor⸗ zuͤglich entwickelt), ſtuͤtzte ſie ſich um ſo vertrauensvoller auf den ſtar⸗ ken Arm ihres jungen Anbeters; ſie dachte nicht daran, daß die Ver⸗ ſchiedenheit zwiſchen ihnen auf ihrer Ueberlegenheit beruhte; ſondern vielmehr wie der einmal gezaͤhmte Vogel beim Anblick des Habichts zum Buſen ſeines Beſitzers fliegt, ſo nahm ſie, nach jedem luſtigen Flug in hoͤhere Sphaͤren, wenn nur der Gedanke an Gefahr ihre Schwinge beruͤhrte, Zuflucht zu dem ſchuͤtzenden Herzen wie zu einem maͤchtigern Weſen. Die Liebe dieſer beiden Kinder— denn waren ſie ſolche auch nicht eigentlich an Jahren, ſo waren ſie es doch wegen der Unkennt⸗ niß alles deſſen, was dem reiferen Alter die Friſche und den Bluͤthen⸗ ſtaub raubt— war ganz ſo, wie ſie fuͤr edle Seelen paßt, die das Eden noch nicht verwirkt haben. Es war mehr die Liebe von Feen, —— 45 als irdiſchen Weſen. Sie zeigten ſie einander, unſchuldig und offen; aber von der Liebe, was wir von der groͤbern Natur darunter ver⸗ ſtehen, mit ihrer ungeduldigen OQual und ihrem gluͤhenden Hoffen, ſprachen oder traͤumten ſie nie. Es war eine unausſprechliche, ent⸗ zuͤckende Zaͤrtlichkeit— ein Anſchmiegen an einander, in Denken, in Wunſch und Herz— eine uͤberirdiſche Freude, die ſie in ihrem Beiſammenſein empfanden; und gleichwohl beim Scheiden nicht der eitle und leere Schmerz, welcher die Schwachen fuͤr die beſcheidenen Anforderungen an Leben und Zeit verdirbt. Und darauf beruhte, wegen des wunderbaren Vertrauens zu einander und auf die Zu⸗ kunft, hauptſächlich ihre unbekümmerte glückliche Stimmung. Sie empfanden nichts von Furcht oder Eiferſucht; oder wenn Eiferſucht erwachte, ſo war es die freundliche, kindliche, die keinen Stachel hat— etwa die auf den Vogel, wenn Helene dem Geſange deſſelben zu lange lauſchte— auf die Blume, wenn Percival zu raſch von He⸗ lenens Seite eilte, um die hangende Bluͤthenkrone aufzubinden oder ihre beſtaubten Blaͤtter zu reinigen. Dicht neben der Aufregung der großen Stadt mit ihrem Treiben, Drang' und Sturme des Lebens — in dem einſamen Garten dieſes düſtern Hauſes und unter den verſengenden Blicken des erbarmenloſen Verbrechens— lebte das alte Arcadien wieder auf, die alten idylliſchen Hirtenſeenen— und mitten unter der ſtrengen Tragoͤdie erklang harmlos und friedlich der Ton des Hirtenliedes. Es waͤre nutzloſe Muͤhe, den Seelenzuſtand Lucretiens beſchrei⸗ ben zu wollen, waͤhrend ſie den Fortſchritt der von ihr begunſtigten Neigung beobachtete und das Schauſpiel des ſorgenloſen Gluͤckes betrachtete, das ſie gefoͤrdert hatte. Das Bild einer zugleich ſo großen und ſo heiligen Gluͤckſeligkeit, mußte fuͤr ſie von qualvoller Wirkung ſein. Es erhob ſich im Gegenſatz zu ihrem eignen unheimlichen und verbrecheriſchen Leben; kaum beruͤhrte es ihr ſchuldvolles Gewiſſen ſo ſtark, als es ihren Verſtand der Thorheit zieh. Denn dieſe Kinder, die am Rande des Lebens ſpielten, wußten ja doch bereits weit mehr 46 von des Lebens wahrem Geheimniß, als ſie, bei all' ihren großen naturlichen Anlagen und ihrer ungeheuren duͤſtern Erfahrung. Wo⸗ für hatte ſie nun ſtudirt und gegruͤbelt und berechnet, und ſich abge⸗ müht und geſuͤndigt? Wie ein zum Tode getroffener Eroberer gern all' die eroberten Länder um einen Tropfen Waſſers fuͤr ſeine bren⸗ nenden Lippen hingeben wuͤrde, ſo haͤtte ſie gern alle die mit Blut und Feuer erkaufte Kenntniß hingegeben, um einen Augenblick zu füͤhlen wie dieſe Kinder fuͤhlten! Dann erſtand aus ihrer ſchweigen⸗ den und duͤſtern Verzweiflung wild und drohend der große Feind— die Rache. In Folge einer Monomanie, welche bei denen, die das Selbſt zum Mittelpunkte des Seins gemacht haben, nicht ungewoͤhnlich iſt, bezog Lucretia auf ihre eigene duͤſtre Geſchichte voll Unrecht und Lei⸗ denſchaft Alles, was damit eine, wenn auch noch ſo entfernte, Aehn⸗ lichkeit hatte. Nie war ſie im Stande geweſen, Werbung und Liebe bei Anderen ohne ein peinliches Gefuhl von Haß und Neid zu ertra⸗ gen. Von der roheſten Form bis zu der verfeinertſten, eroͤffnete dieſe Hauptleidenſchaft in dem Leben des Weibes, in dem ſie dadurch an ihre eigne kurze Epiſode menſchlicher Zaͤrtlichkeit und Hingebung erinnert wurde, jede Wunde und ſetzte jede Fiber eines Herzens in krampf⸗ hafte Bewegung, welches, waͤhrend das Verbrechen darin faſt alle Regungen verhaͤrtet hatte, doch in peinlicher Erinnerung ſtets eine feſthielt. Ward ſie aber ſchon gequaͤlt durch den Anblick der Liebe bei denjenigen, die nicht im Zuſammenhang mit ihrem Schickſal ſtanden, die ihrem unheimlichen Kreiſe fern waren und nur vom weiten be⸗ trachtet wurden(ſo wie eine verlorene Seele aus dem Abgrund den Glanz der Engelsſchwingen auf einem Sterne ſieht, den ſie nie ken⸗ nen lernte,)— wie unausſprechlich heftiger und unertraͤglicher mußte dann der Zorn ſein, der ſie ergriff, wenn ſie in ihrer regen Phantaſie Suſannens Entzuͤcken bei den Liebesſchwuͤren Mainwaring's in He⸗ lens Geſicht wieder abgeſpiegelt ſah! Alles was ein ebenſo hartes, aber minder beunruhigtes, minder von Rachgier erfülltes Herz haͤtte 47 entwaffnen koͤnnen, reizte den verzehrenden Haß dieſes unverſoͤhnlichen Geiſtes nur noch ſtaͤrker. Helenens ſeraphiſche Reinheit, ihre herr⸗ liche uͤberwallende Liebe, die ſich ſelber vergaß, ihre reine Heiterkeit, ſelbſt ihre melancholiſchen Stimmungen, ſo ruhig und unverletzend ſie auch ſein mochten, erbitterten und reizten beſtaͤndig dieſe unnatuͤr⸗ liche Empfindlichkeit, die entſteht aus dem Bewußtſein der Unwuͤr⸗ digkeit, aus dem traurigen Egoismus des Menſchen, der von Allem, was Liebe auf der Welt heißt, abgeſchnitten iſt, bei dem alle Luſt ſardo⸗ niſcher Krampf, alle Trauer nur duͤſtre und wilde Verzweiflung iſt. Von den Beiden floͤßte ihr Percival noch die der Menſchlichkeit am meiſten verwandten Gefuͤhle ein. Fuͤr ihn empfand ſie, trotz des bittern Andenkens an ſeinen Vater, eine Art von Mitleid und bebte entſetzt vor der Beruͤhrung ſeiner zutraulichen Hand zuruͤck. Oft mußte ſie es ſich im Stillen zurufen, daß ſein Leben ein Hinderniß für die Erbſchaft des Sohnes ſei, nach welchem ſie, wie wir ſahen, forſchte, und den ſie wirklich bereits in John Ardworth gefunden zu haben glaubte: ſie mußte ſich erinnern, daß nicht aus Zorn und Rache dieſes Opfer in's Grab gebracht werden ſollte, ſondern daß es zum Beſten eines geliebten Zweckes preisgegeben werden ſollte. Wie ſchon bei den Studien ihrer Jugend, hatte ſie den Machiavellismus alter Staatsliſt als erlaubte Richtſchnur im Privatleben angenommen, und daher ſchien ſie das kaum als ein Verbrechen zu betrachten, was nur die Beſeitigung einer Schranke zwiſchen ihrem Ziel und ihrem Zweck war. Bevor ſie mit Percival perſönlich bekannt geworden war, hatte ſie alle Gelegenheit, ihn kennen zu lernen, vermieden. Sie hatte geduldet, daß Varney ihn beſuchte und als der alte protégé Sir Miles’ ſein Vertrauen erſchleichen moͤchte— denn ſie gedachte ihrem Mitſchuldigen, ſobald die Zeit kommen wuͤrde, das furchtbare Werk der Zerſtoͤrung zu uͤberlaſſen. Dies geſchah nicht aus Feigheit, denn Gabriel hatte ſie einſt ganz richtig beſchrieben, wenn er von ihr ſagte, daß,„wenn ſie mit Geſpenſtern lebte, ſie dieſe bezwingen wuͤrde“ es geſchah einfach deshalb, weil ſie, mehr geiſtig ſchonungslos, als — ſinnlich grauſam(außer wo alte Rachegedanken ſie gaͤnzlich ent⸗ weibten,) die Qualen dieſes Opfers nicht mit anzuſehen wunſchte, uͤber deſſen Schickſal zu jubeln und zu triumphiren kein Vergnügen war. Sie wüunſchte, ihn nicht zu ſehen, nicht am Leben zu wiſſen, ſie wollte blos erfahren, daß er nicht mehr exiſtire und daß allein He⸗ lene noch zwiſchen Laughton und ihrem Sohne ſtaͤnde. Nun, da er ſelber, wie vom Schickſal gefuͤhrt, ihre Schwelle uͤberſchritten hatte, da er, wie Helene, ſich in ihre Gewalt geliefert, nun ward das graͤß⸗ liche Verbrechen, das ſie zuvor von ihrer Hand zuruͤckgewieſen, zum Geſpenſt, welches ſich ihr gegenuͤber ſtellte, und ſie mit aberglaͤubi⸗ ſchem Grauen erfuͤllte. Inzwiſchen war ihr aͤußeres Benehmen gegen beide erleſene Opfer, wenn auch bisweilen launiſch und gereizt, doch nicht von der Art, daß es, auch in dem argwoͤhniſchſten Herzen, haͤtte Ver⸗ dacht erregen koͤnnen. Seit Helene zuerſt unter ihr Dach getreten, hatte ſie ſich foͤrmlich und gemeſſen gegen ſie benommen, hatte ſie fern von ſich gehalten und ſich keineswegs einer beſondern Verſtel⸗ lung befleißigt; aber ſie war nie geradezu unfreundlich oder hart in Wort oder Handlung geweſen und hatte ſelbſt ihr zuruͤckſtoßendes Weſen kalt entſchuldigt. „Ich bin,“ ſagte ſie,„durch langes Leiden reizbar; ich bin ungeſellig, weil ich an Einſamkeit gewoͤhnt bin; erwarte von mir nicht die Zaͤrtlichkeit und Waͤrme, die unſere Verwandtſchaft mit ſich bringen koͤnnte. Mache dir keine Sorgen und Mühe um eine Perſon, die durch ſichtbare Aufmerkſamkeit nur um ſo peinlicher an ihre Gebrechlichkeit erinnert wird, und die, ſelbſt in dieſem darnie⸗ dergebrochenen Zuſtande, gern frei von aller Sorgſamkeit ſein mochte, wofuͤr ſie nicht bezahlt. Begnuͤge Dich, daß Du hier in aller ver⸗ nuͤnftigen Freiheit lebſt und ungeſtoͤrt Dich Deinen eignen Gewohn⸗ heiten und Launen uͤberlaſſen kannſt. Betrachte mich blos wie ein nothwendiges Stuͤck Hausgeraͤth. Du erregſt nie mein Mißfallen, außer wenn Du bemerkſt, daß ich lebe und leide.“ 49 Wenn Helene, als ſie zum erſten Mal dieſe harten Worte ver⸗ nahm, bitterlich weinte, ſo empfand ſie doch keinen Haß dabei, daß ſie ihr liebendes Herz alſo auf ſich ſelbſt zuruͤckgewieſen ſah. Sie wurde im Gegentheil von einem Mitgefuͤhl erfuͤllt, welches ſo ſtark war, daß es den Charakter der Verehrung annahm. Sie be⸗ trachtete ſelbſt jene Kaͤlte als eine erhabene Trauer. Sie empfand Dankbarkeit, daß Jemand, der ſie ſo entbehren konnte, ſie dennoch aufgeſucht hatte. Sie hatte ihre Mutter ſagen hoͤren,„daß ſie Lucretien bedeutend verpflichtet geweſen ſei;“ und jetzt, wo ſie ver⸗ hindert war, die geleiſteten Dienſte auch nur durch einen Kuß auf dieſe erſchoͤpften Augenlider zu vergelten; wo ſie ſah, daß die an⸗ fangs errichtete Schranke unbeweglich war, daß keine Zeit die Ent⸗ fernung vermindern koͤnnte, die ihre Tante zwiſchen ſie geſtellt— daß der geringſte Verſuch zu einem freundlichen Dienſt außer den zufaͤlligen Handreichungen in der That dieſe erregbaren Nerven nur zu reizen, die Hand beben zu machen ſchien, die ſie ſchuͤchtern zu faſſen ſuchte:— da zog ſie ſich mit trauriger Betroffenheit in ſich ſelbſt zuruͤck, waͤhrend ſich ihr Mitleid zugleich ſteigerte und ihre Achtung erhoͤhte. Ihr ſchien Liebe in der Hilfloſigkeit des menſch⸗ lichen Lebens etwas ſo Nothwendiges, ſelbſt fuͤr die mit Geſundheit und Ingend Geſegneten, daß die Zuruͤckweiſung aller Liebe durch eine ſo Gebeugte und Gebrechliche ihrer Phantaſie wie etwas Er⸗ habenes in ihrer traurigen Hoheit und ihrem ſtoiſchen Stolze auf Unabhaͤngigkeit erſchien. Sie betrachtete dieſes Verfahren wie ehe⸗ dem eine fromme Nonne die Haͤrte einer heiligen Klauſe betrachtet haben moͤchte— wie Thereſa(haͤtte ſie in derſelben Zeit gelebt) St. Simon Stylites betrachtet haben wuͤrde, waͤhrend er uͤber menſchliches Mitgefühl erhaben, auf dem dachloſen Gipfel ſeiner ſteinernen Saͤule lebte. Und daſſelbe Gefuͤhl ſuchte ſie auch Per⸗ eival einzufloͤßen. Er hatte ein Herz, um ihr Mitgefuͤhl zu theilen, aber nicht die Phantaſie, um mit ihrer Verehrung zu ſympathiſiren. Selbſt die ehrerbietige Scheu, die er anfangs vor Madame Dalibard Bulwer, Lucretia. IV. 50 empfunden, hatte er, ſo kuͤhn war er von Charakter, ſeitdem längſt abgelegt; er ſah nur noch das Muͤrriſche und Launiſche einer be⸗ ſtaͤndig Kraͤnkelnden und ſchuͤttelte ruhig ſeine glänzenden Locken, wenn ihn Helene mit ihrem bezaubernden Ernſt uͤberreden wollte, mehr zu ſehen. In dieſem Hauſe wurden in der That wenig Beſucher zugelaſſen. Die Mivers', welche die wohlwollende Dienſtfertigkeit Mr. Fieldens zuerſt dorthin geſchickt hatte, um ihre junge Verwandte zu beſuchen, kamen dann und wann, um Helene zu bitten, daß ſie mit ihnen in's Theater, nach Vauxhall oder zu einem Piknik in Richmond Park gehen moͤchte; als ſie aber fanden, daß ihre Anerbietungen, die Ma⸗ dame Dalibard anfangs hoͤflich angenommen hatte, zuruͤckgewieſen wurden, ſtellten ſie allmaͤlig ihre Beſuche, verletzt und unwillig, ein. Gewiß war es, daß Lucretia fruͤher all' die wohlgemeinten Artig keiten gegen Helene eifrig angenommen hatte— jetzt lehnte ſie die⸗ ſelben kurz ab. Warum? Es wuͤrde ſchwer ſein, all' die ſchwarzen Geheimniſſe dieſes Herzens zu erforſchen. Fuͤr ſie, die davor zuruͤck⸗ bebte, Helenen zu keinem aͤrgern Geſchick, als einem jungfraͤulichen Grabe zu verurtheilen, wuͤrd' es nur natuͤrlich geweſen ſein, ſie einer ſo verderblichen Fuͤhrung anzuvertrauen, mitten unter allen Verſu⸗ chungen der verderbten Stadt, ſie von jenen Maͤnnern umringen zu laſſen, die ſtets der ſchutzloſen Schoͤnheit nachſtellen, damit ihr ele⸗ gantes Benehmen und ihre verderblichen Schmeicheleien einen ſtar⸗ ken Contraſt bilden moͤchten gegenuͤber der Plumpheit der fuͤr ſie er⸗ leſenen Gefaͤhrten, und der liebloſen Unbehaglichkeit des Hauſes, in welchem ſie ihre Tage verleben mußte. Nun war aber St. John erſchienen, Helenens Herz und Phantaſie waren gegen jede gefaͤhr lichere Verſuchung geſtaͤhlt, der Zweck, den man durch die zudring⸗ liche Artigkeit der Mrs. Mivers erreichen konnte, exiſtirte nicht mehr. Die Rache ſtroͤmte jetzt in andern Kanaͤlen. Die einzigen anderweiten Beſucher des Hauſes waren John Ardworth und Gabriel Varney. —— ————nnñ‧Uů⅓—: ⏑—Q—Q——⸗—ę—⸗—;——n— 51 Madame Dalibard beobachtete wachſam Geſicht und Benehmen Ardworth's, als ſie, nachdem ſie ihn Percival vorgeſtellt, fluͤſterte: „Ich bin froh, hinſichtlich Ihrer Geſinnung gegen Helenen unterrich⸗ tet zu ſein. Hier hat ſie den Liebhaber gefunden, den Sie ihr wuͤnſch⸗ ten:„heiter und ſchoͤn, wie ſte ſelbſt.“ Und in dem plötzlichen Erblaſſen, welches ſich auf Ardworth's Geſicht zeigte, in ſeinen zuſammengepreßten Lippen und convulſivi⸗ ſchem Starren, las ſie mit unausſprechlicher Wuth das unausge⸗ ſprochene Geheimniß ſeines Herzens— bis die Wuth endlich der Zufriedenheit wich, waͤhrend ſie dachte, daß ihr die letzte Kraͤnkung erſpart ſei: daß ihr Sohn(wofuͤr ſie ihn hielt) nun zum wenigſten nicht mehr der gluͤckliche Bewerber um das verabſcheute Kind ihrer ver⸗ abſcheuten Schweſter ſein koͤnnte. Ihre Entdeckung beſtaͤrkte ſie viel⸗ leicht in ihrem Benehmen hinſichtlich Percival's fortſchreitender Be⸗ werbung, und verſoͤhnte ſie zur Haͤlfte mit der Pein, welche dieſelbe ihr verurſachte, Bei der erſten Vorſtellung hatte Ardworth Percival kaum an⸗ geblickt. Er betrachtete ihn nur als den huͤbſchen Schmetterling im Sonnenſcheine des Gluͤcks. Und fuͤr den Muͤßigen, Frohen, Schoͤ⸗ nen, Wohlgekleideten und Reichen empfand der ſeine eigne Bahn verfolgende trotzige Arbeiter etwas von jener uͤbelwollenden Verach⸗ tung, welche die arbeitenden Habenichtſe nur zu gewoͤhnlich gegen die gluͤcklichen Beſitzenden unterhalten. Aber ſeit dem Augenblicke, wo ihm die unwillkommene Kunde der Madame Dalibard mitgetheilt wurde, gewann der glattwangige Knabe bedeutend an Wuͤrde und Gewicht. Allein nicht blos als Nebenbuhler betrachtete dieſes ſtarke maͤnn⸗ liche Herz Percival, nach dem erſten natuͤrlichen Schmerzgefuͤhl. Nein, er betrachtete ihn weniger mit Haß als mit Intereſſe— als denjenigen, auf welchem Helenens Gluͤckſeligkeit fortan beruhen ſollte. Und zu Madame Dalibard's Erſtaunen, fuͤr deren Erfahrung dies ein ganz neuer Zug war, ſah ſie, wie er, ſelbſt bei jener erſten 4* Zuſammenkunft, ſein rauhes Geſicht zum Lacheln brachte, ſeine harte gebieteriſche Redeweiſe in einen artigen Ton verwandelte, geduldig anhorte, gefaͤllig aufmerkte, und endlich ſeine große Hand zutraulich ausſtreckte, um Pereival's zarte Finger in derſelbigen zu druͤcken; darauf machte er, mit einem unbeſtimmten Lachen, welches halb wie Schluchzen klang, ſeine gewoͤhnliche unceremonioͤſe Verbeugung, und verließ eilig das Gemach. Allein er kam bald wieder, faſt taͤglich, und ſo etwa zwei Wochen lang. Bisweilen geſellte er ſich, ohne das Haus zu betreten, zu den jungen Leuten im Garten, half ihnen mit linkiſcher Hand bei ihrer anmuthigen Gartenarbeit, oder ſetzte ſich mit ihnen in die Epheu⸗ laube. Und indem er mit jedem Mal, daß er kam, ſorglicher wurde, ſprach er endlich mit der zutraulichen Offenheit eines aͤlteren Bru⸗ ders. Dabei war keine Verſtellung; er begann Percival zu lieben, und was dem Oberflaͤchlichen noch ſeltſamer ſcheinen mag, zu bewun⸗ dern. Das Genie gewahrt raſch die moraliſchen Eigenſchaften; das Genie, das ſich ſo ſehr vom bloßen Talent unterſcheidet, ſchließt ſich mehr dem Herzen, als dem Kopfe an, und ſympathiſirt mit Guͤte. Ardworth achtete das junge ſinnige und reine Gemuͤth; er fühlte ſich in der Atmoſphaͤre deſſelben ſelbſt reiner und beſſer. Vieles von der Zuneigung, die er fuͤr Helene nährte, ging auf dieſe Weiſe in ſeine Geſinnung gegen denjenigen uͤber, der es wohl werth war, von Helene vorgezogen zu werden. Und ſie gewannen ihn ſo lieb, wie junge und ſanfte Perſonen ſtets das Genie, wenn es auch rauh iſt, liebgewinnnn, ſobald es einmal in ihrer Geſellſchaft Zutritt er⸗ halten hat. Percival hatte ſich inzwiſchen daran erinnert, wo er dies Ge⸗ ſchoͤpf mit den ſtrengen und dunkeln Brauen zuerſt geſehen hatte, und heiter erinnerte er Ardworth an ſeine Unfreundlichkeit auf der Hoͤhe des Huͤgels, wo man London uͤberſehen konnte. Dieſe Erinne⸗ rung war peinlich fuͤr ſeinen neuen Freund; denn damals hatte er, mitten unter ſeinen ehrgeizigen Zukunfttraͤumen Helena in der Ferne N8 53 als den Lohn jeder Muͤhe, als den ſchoͤnſten Stern an ſeinem Hori⸗ zonte erblickt. Aber er kaͤmpfte ſtark gegen den Schmerz um das verlorne Traumbild; die vivendi causae waren ihm noch geblieben, und ſtatt der Nymphe, die ſeiner Umarmung entſchluͤpft war, klam⸗ merte er ſich mindeſtens an den Lorbeer, der an ihrer Stelle geblieben. So barg Ardworth ſein Geheimniß in den Falten ſeines ſtarken Mu⸗ thes. Seine jungen Gefaͤhrten ahnten davon nichts. Er wuͤrde ſich ſelber verachtet haben, haͤtte er ihre Freuden auf ſolche Weiſe vergiften ſollen. Daß er viel und ſchmerzlich litt, wenn er allein war, iſt nicht zu laͤugnen; allein in dieſem maͤnnlichen und vollkom⸗ menen Charakter nahm die Liebe nur ihren gebuͤhrenden Rang mitten unter den Leidenſchaften und Sorgen des Mannes ein. Sie verbit⸗ terte kein Leben— ſie brach kein Herz;— der Wind ſchuͤttelte einige Bluͤthen vom Zweige und bewegte die erregten Aeſte heftig vom Stamm bis zum Wipfel, aber der Stamm ſtand feſt. Bei einigen dieſer Beſuche bei Madame Dalibard erneuerte Ard⸗ worth mit ihr die geheimere Unterhaltung, welche ſeine fruͤhern An⸗ ſichten uͤber ſeine Geburt ſo ſehr erſchuͤttert und den ruhigen ſtarken Strom ſeiner Seele ſo ſehr aufgeregt hatte. Vorzuͤglich begierig war er, zu erfahren, welche Vermuthungen Madame Dalibard hin⸗ ſichtlich ſeiner Herkunft hegte und welchen Grund ſie zu dem Glauben hatte, daß er ihr ſelbſt nah verwandt ſei und daß er fuͤr eine Stellung geboren waͤre, die minder abhaͤngig von fortwaͤhrender Anſtrengung ſei. Allein uͤber dieſe Punkte beobachtete die dunkle Sybille ein hart⸗ naͤckiges Schweigen. Sie begnuͤgte ſich mit den bereits gegebenen Andeutungen und weigerte ſich entſchieden, mehr zu ſagen, bis ſie durch ihre angeſtellten Nachforſchungen ſelbſt groͤßere Gewißheit erlangt hahen wuͤrde. Schlau verließ ſie dieſe Gegenſtaͤnde von beſchraͤnkte⸗ rem und mehr haͤuslichem Intereſſe, um ſich zu denen zu wenden, bei welchen ſie fruͤher geweilt hatte, und welche ſich auf die allgemeine Kenntniß der Menſchheit und die ſchwierige Wiſſenſchaft des prakti⸗ ſchen Lebens bezogen. Ihr Werk ward nun, ſein Genie anzufeuern, ſeine Energie zu beflügeln, ſeinen Ehrgeiz uͤber die muͤhſame Plackerei emporzutreiben, an welche ihn ſeine Laufbahn gefeſſelt hatte, und die ihr feuriger und lebhafter Geiſt gar nicht zu begreifen vermochte, die ihr nur eine Verſchwendung des Lebens zu unſichern und fernliegen⸗ den Zwecken erſchien. Und mit Vergnügen ſah ſie, daß ihr Ard⸗ worth beifaͤlliger zuhoͤrte, als es anfangs geſchehen war. Wirklich machte ihn der in ſeinem Herzen verſchloſſene Schmerz und der zwi⸗ ſchen Vernunft und Leidenſchaft waltende heftige Kampf gegenwaͤrtig zu blos mechaniſcher Beſchaͤftignng ungeſchickt, in welcher ſein Genie ihm keinen Troſt gewaͤhren konnte. Genie iſt aber dem Menſchen nicht blos dazu verliehen, um nur Andere zu erleuchten, ſondern auch, um ihn ſelbſt zu erheben und zu troͤſten. So iſt unter allem Kum⸗ mer des wirklichen Lebens der Menſch doppelt geneigt, ſich des Tro⸗ ſtes wegen an ſeinen Genius zu wenden. Bedraͤngt in ſeiner Welt der aͤußern Thaͤtigkeit, klopft er an die Pforte der Welt des Gedan⸗ kens und der Phantaſie, die zu durchſchreiten er berechtigt iſt, und er fluͤchtet vom Staube zum Geiſte. Und ſelten, ſo lange nicht ein großer Schmerz erſcheint, kennt der Menſch, in welchem das himm⸗ liſche Feuer wohnt, all' die Gaben, die er beſitzt. Endlich hoͤrten Ardworth's Beſuche ploͤtzlich auf. Er verſchloß ſich wieder einmal in ſeine Gemaͤcher; aber die Rechtsbuͤcher waren bei Seite gelegt. Varney, der gewoͤhnlich einſprach, wenn Ardworth nicht da war, ſtoͤrte die Liebenden ſelten in ihrem kleinen Gartenparadies; aber er nahm Gelegenheit, ſeine Bekanntſchaft mit Percival zu foͤrdern und zu befeſtigen; bisweilen ging oder(wenn St. John ſein Cabrio⸗ let hatte) fuhr er mit ihm heim und ſpeiſ'te mit ihm, téte— à— téte, in Curzonſtreet; und da er Helenen zum Hauptgegenſtand ſeiner Unterhaltung machte, mußte ihn Percival nothwendig für einen der angenehmſten Maͤnner halten. Mit Helenen hielt Varney, wenn Percival nicht da war, manche geheime— ſelbſt vor Percival geheime — Conferenzen; zwei oder drei Mal waren ſie, vor der Stunde, in welcher Percival zu kommen pflegte, mit einander ausgeweſen; und *= 53 Helena's Geſicht ſah froͤhlicher als gewoͤhnlich bei der Ruͤckkehr aus. Es konnte nicht uͤberraſchen, wenn Gabriel Varney, ſo unleidlich fuͤr einen Mann wie Ardworth, die Gunſt Helenens in wenig geringerem Maße als die Percivals gewonnen hatte; denn abgeſehen von ſei⸗ nem leichten und angenehmen Betragen, welches das Vertrauen Der⸗ jenigen eroberte, denen es ein natuͤrliches Beduͤrfniß war zu vertrauen, mußten auch ſeine vielfachen Fertigkeiten und Talente, die wegen ihres Umfangs und ihres Schimmers imponirten, einen unwiderſteh⸗ lichen Eindruck anf eine Seele hervorbringen, die, gleich der Helenens, ſo geneigt war, Kunſt zu bewundern und Kenntniß zu ſchaͤtzen. Was ſie aber beſonders zu Varney hinzog, den ſie uͤberdies als ihrer Tante vertrauteſten Freund betrachtete, war der Umſtand, daß ſie ſich uͤber⸗ redete, er ſei ungluͤcklich und von der Welt oder dem Schickſal ver⸗ letzt. Varney war gewohnt, ſich ſelber alſo erſcheinen zu laſſen, mit bitterer Beredtſamkeit, die ſeine natuͤrliche Bosheit eindringlich machte, ſich uͤber die Ungerechtigkeit der Welt gegen uͤberlegene Geiſteskraft auszuſprechen. Er pflegte das Schickſal ſtark anzuklagen. Es iſt die unlogiſche Schwachheit mancher boͤsartigen Naturen, alle ihre Verbrechen und die Folgen der Verbrechen auf die Schickſalsbeſtim⸗ mung zu ſchieben. Es lag eine Hitze, eine Kraft, ein Wortreichthum und eine Fertigkeit, ſtarke, wenn auch verbrauchte, Bilder anzuwen⸗ den, in allen Reden Varney's, wodurch die Unerfahrene in den un⸗ geheuren Irrthum gerieth, als ſei er ein Enthuſtaſt, vielleicht ein Miſanthrop, allein dies doch nur aus Enthuſiasmus. Wie konnte Helene— deren leichteſter Gedanke, wenn ein Stern aus der Wolke hervorbrach oder ein Vogel ploͤtzlich hinterm Laube zu ſingen begann, mehr Weisheit und Poeſie hatte, als Varney's bunte und ſchimmernde Heuchelei auch nur nachzuahmen vermochte— wie konnte ſie ſo ge⸗ taͤuſcht werden? Gleichwohl war es nicht anders. Hier ſtand ein Mann, deſſen Jugend, wie ſie vermuthete, hohen und erhabenen Zwecken zu⸗ gewieſen geweſen, begabt, vernachlaͤſſigt, enttaͤuſcht, einſam, ungluͤck⸗ lich. Sie ſah wenig weiter. Man brauchte nur ihr Mitleid zu erregen, um ihre Theilnahme zu erwerben und ihr Vertrauen rege zu machen. Von etwas Weiterem hatte ſie, ſelbſt wenn Pereival nie eriſtirt haͤtte, nimmer traͤumen koͤnnen. Es war, weil ein ge⸗ heimes und unbeſtimmtes Widerſtreben, das bei allem Mitleid, Ver⸗ trauen und aller Freundſchaft, Varney durchaus nicht als moͤglichen Liebhaber erſcheinen laſſen mochte, daß all' jene Gefuͤhle ſo leicht ent⸗ zuͤndet wurden. Dieſe Abneigung beruhte nicht allein auf der Ver⸗ ſchiednheit ihrer Jahre; es war vielmehr jene namenloſe Unaͤhnlich⸗ keit, welche zwar die Freundſchaft nicht verbietet, aber unvertraͤglich mit Liebe iſt, Um Varney Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen: er verſuchte Beide nie zu vereinen. Nicht aus Liebe hielt er geheime Beſprechungen mit Helenen— nicht aus Liebe bebte ſein Herz bei der Naͤhe der Hand, die ſo harmlos in ſeinem verhaͤngnißvollen Arme ruhte. Zehntes Kapitel. Das Klappern der Schlange. Der Fortſchritt der Zuneigung zwiſchen Naturen, wie Percivals und Helenens, beguͤnſtigt durch freies und beſtaͤndiges Beieinanderſein, war natuͤrlich raſch. Kaum fuͤnf Wochen waren ſeit dem Tage ver⸗ floſſen, wo er Helenen zuerſt geſehn hatte, und bereits betrachtete er ſie als ſeine verlobte Braut. In den erſten Tagen ſeiner Bewerbung, wo er zum erſten Mal in ſeinem Leben verliebt und ausſchließlich von einem Gegenſtande eingenommen war, eilte Percival nicht, ſeine Mut⸗ ter zur Vertrauten ſeines Gluͤckes zu machen. Er hatte nur zweimal geſchrieben; und obwohl er im zweiten Briefe kurz bemerkte, daß er zwei Verwandte, beide intereſſant und die eine reizend, entdeckt haͤtte, ſo zoͤgerte er doch, ſie zu nennen, oder ſich ausfuͤhrlicher auszuſpre⸗ X ——ſ chen. Dies geſchah nicht allein wegen jener unbeſchreiblichen Ver⸗ ſchaͤmtheit, welche alle erfahren haben, ſelbſt denen gegenuͤber, mit denen ſie am vertrauteſten ſind, ſobald ſie die erſten, nur halb offenbaren und geheimnißvollen Bewegungen der Liebe empfanden; es geſchah vielmehr, weil Lady Mary's Briefe ſo voll von der ab⸗ nehmenden Geſundheit ihrer Schweſter und von ihren eignen Beſor⸗ niſſen und Befuͤrchtungen geweſen waren, daß er ſich geſcheut hatte, ihr einen neuen Gegenſtand der Unruhe zu geben. Und ein hoffnungs⸗ reiches und freudiges Geſtaͤndniß erſchien ihm unter den Umſtaͤnden als unzart und unzeitig. Er wußte, wie beunruhigend nothwendig das Bekenntniß, daß er ſich ernſtlich einem Maäͤdchen verbunden, die ſie nie geſehn, fuͤr eine zaͤrtliche Mutter ſein mußte und daß ſein Ge⸗ ſtaͤndniß eher ihre Sorgen vermehren, als Sympathie mit ſeinem Entzuͤcken erzeugen wuͤrde. Jetzt aber, da er ſich voll Ungeduld ſehnte, die Einwilligung ſeiner Mutter zu den foͤrmlichen Antraͤgen zu erhal⸗ ten, die er nun Madame Dalibard und Helenen ſchuldig war, und in⸗ dem er den letzten Brief ſeiner Mutter nuͤtzte, der beſſere Nachrich⸗ ten uͤber ihre Schweſter enthielt und das Verlangen nach naͤherer Er⸗ klaͤrung ſeiner halben Eroͤffnung ausdruͤckte: ſchrieb er endlich und ſprach das ganze Geheimniß ſeiner Bruſt aus. An dem naͤmlichen Tage, wo er dies Geſtaͤndniß ſchrieb und ſeine Wuͤnſche zu rechtferti⸗ gen ſuchte, iſt es, wo wir ihn nach dem Hauſe ſeiner ſuͤßen Freun⸗ din begleiten und an ihrer Seite in dem bekannten Garten laſſen. Drinnen ſaß Madame Dalibard, deren Stuhl an's Fenſter geruͤckt war, mit gewiſſen Briefen beſchaͤftigt, die ſie, einen nach dem an⸗ dern, aus ihrem Schreibtiſch nahm und langſam durchlas, waͤhrend ſie von Zeit zu Zeit ihre Augen erhob und nach den jungen Leuten blickte, wie ſie Hand in Hand wandelten, bald von dem welkenden Laube verborgen, bald wieder erſcheinend. Jene Briefe waren die erſten Liebesbriefe William Mainwaring's. Sie hatte ſie ſeit Jahren nicht zur Hand genommen. Vielleicht fuͤhlte ſie jetzt, daß dieſe Nah⸗ rung nothwendig ſei, um ihre teufliſchen Plaͤne zu unterſtuͤtzen. Es 58 war ein ſeltſames Schauſpiel, dieſes Weſen zu ſehen, ſo voller Le⸗ benskraft, beweglich und raſtlos wie eine Schlange; verurtheilt zu dieſer huͤlfloſen Schwaͤche, an den Stuhl gefeſſelt— nicht wie in der ergebenen und paſſiven Hinfuͤlligkeit des hoͤchſten Alters, ſondern viel⸗ mehr wie eine Perſon, die in der Kraft der Jugend von der Folter gelaͤhmt iſt, welche die Glieder unthaͤtig machte und die Seele leb⸗ haft ließ, die Geſtalt gleich der einer Todten, das Herz aber voll uͤberwallender Kraft:— die Ohnmacht eines Kruͤppels und der Wille eines Titanen! Was waͤhrend dieſer traurigen Gefangenſchaft und unter dem gewoͤhnlich von ihr beobachteten Schweigen, ſich durch die Irrgaͤnge dieſer Bruſt bewegte, das kann man ſo wenig errathen, als man die Wetter nachzaͤhlen kann, welche durch die Hoͤhlungen des un⸗ durchdringlichen Felſens toben und brauſen, oder die Elemente, die im Buſen des Vulkans ewig raſtlos kaͤmpfen. Sie hatte geleſen und die Briefe wieder zuruͤckgelegt und blickte nun, die Wange in die Hand geſtuͤtzt, gedankenlos an die Wand, als Varney ploͤtlich dieſe aͤußere Einſamkeit unterbrach. Er ſchloß mit mehr als gewoͤhnlicher Sorgfalt die Thuͤr hinter ſich zu und indem er ſich einen Stuhl dicht zu Lucretia ruͤckte, ſagte er: „Belle mère, die Zeit zum Handeln iſt fuͤr Sie gekommen— mein Theil iſt faſt vollendet.“ „Ach,“ ſagte Lucretia unmuthig,„welche Neuigkeit! brin⸗ gen Sie?⸗⸗ „Erſtens,“ erwiderte Varney und ſchloß das Fenſter, als koͤnne draußen jemand ſein Fluͤſtern hoͤren,„erſtens, alles, was Helene be⸗ trifft, iſt endlich in Ordnung. Sie wiſſen, als ich ihr mit Ihrer Ge⸗ nehmigung zum erſten Mal andeutete, daß Sie leicht in Ihren Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnden ſo ſehr herabkommen koͤnnten, daß ich mit Bangen an Ihre Zukunft daͤchte,— daß Sie vor Jahren faſt die Haͤlfte ihrer pecuniaͤren Mittel geopfert haͤtten, um ihre Eltern zu erhalten— da erinnerte ſie mich von ſelbſt, daß ſie, ſobald ſie volljaͤhrig ſei, 9 59 Anſpruch auf eine Summe habe, die bedeutender ſei, als es all' ihre Beduͤrfniſſe erforderten, und—“ 9 „Daß ich mich vom Kinde William Mainwaring's und Suſanna Mivers' erhalten laſſen ſollte“— unterbrach ihn Lucretia. Ich weiß das und ich dank' ihr nicht. Weiter!“ „Und Sie wiſſen auch, daß ich im Laufe meiner Geſpraͤche mit dem Maͤdchen wie zufaͤllig hoͤren ließ, daß Sie von den Schickſalen ihres Lebens abhaͤngig waͤren; daß, wofern ſie ſtuͤrbe(und auch Ju⸗ gend iſt ſterblich, eh' das volle Alter eintritt,) die von ihrem Groß⸗ vater ihr hinterlaſſene Summe wieder an ihres Vaters Familie fallen wuͤrde; und durch ſolche Andeutungen brachte ich ſie zu der Frage, ob es kein Mittel gaͤbe, um im Fall ihres Todes die Subſiſtenz fuͤr Sie ſicher zu ſtellen. Sie ſehen ſomit, daß der ganze Plan von ihr ſelbſt beſchleunigt wurde. Ich gab nur als ein Geſchaͤftsmann das Mittel an— eine Lebensverſicherung.“ „Varney, dieſe Details ſind widerlich. Ich zweifle nicht, daß Sie alles gethan haben werden, um Nachforſchung zu verhindern und der Gefahr vorzubeugen. Das Moaͤdchen hat ihr Leben um den Betrag ihres Vermögens verſichert?“ „Nur zu dieſem Betrag! oh! Ihr Tod wird mehr als das ein⸗ bringen! Da kein einzelnes Buͤreau hoͤher als mit 5000 Pfund verſichern will und da es leicht war, ſie zu uͤberreden, daß ſolche Buͤreaus leicht fallen koͤnnten, daß es daher gewoͤhnlich ſei, in meh⸗ reren zu verſichern und zwar eine weit groͤßere Summe als die ge⸗ wuͤnſchte, ſo bracht' ich ſie dazu, ſich ſelbſt an drei der erſten Ver⸗ ſicherungbuͤreaus zu wenden. Wir werden bei ihrem Tode 15000 Pfund ausgezahlt erhalten. Die Summe wird(und hierbei hab' ich den beſten geſetzlichen Rath befolgt) nur fuͤr Ihre Rechnung aus⸗ gezahlt werden. Wenn daher nunmehr unſre Forſchungen fehl⸗ ſchlagen, wenn ihr Sohn nicht gefunden werden kann, um mit genuͤ⸗ gendem Zeugniß gegen die Intereſſen und die erkauften Advocaten der Erben ſein Recht auf Laughton geltend zu machen, dann wird 60 dies Maͤdchen uns gut bezahlen, wird erſetzen, was ich, vielleicht auf Gefahr meines Kopfes, gewiß aber auf Gefahr der Transpor⸗ tation, vom Capital des Vermaͤchtniſſes meines Oheims genommen habe; wird erſetzen, was wir auf die Nachforſchung verwendeten — und der Reſt wird Ihnen eine Unabhaͤngigkeit ſichern und faſt fuͤr ihre Lebensbeduͤrfniſſe ausreichen, mir aber wird er, bei Sparſam⸗ keit(dabei laͤchelte Varney) noch ein Jahr etwa das anmuthige Le⸗ ben eines Gentleman gewaͤhren. Sind Sie ſoweit zufrieden?“ „Sie wird gluͤcklich und unſchuldig ſterben!“ murmelte Lucre⸗ tia mit dem Mißmuth teufliſcher Enttaͤuſchung. „Wollen Sie alſo warten, bis meine Betruͤgerei entdeckt iſt und ich die Macht nicht mehr habe, Stillſchweigen dafuͤr zu erkaufen— warten, bis ich im Gefängniß, auf Leben und Tod in Unterſuchung bin? Bedenken Sie: jeder Tag, jede Stunde Verzug bringt Ge⸗ fahr. Wenn aber auch meine Gefahr mit der Erhoͤhung Ihrer Rache verglichen nicht in Betracht kommen ſoll— wollen Sie denn warten, bis Helene Percival St. John heirathet? Sie ſtuz⸗ zen! Koͤnnen Sie aber zweifeln, daß dies ſchuldloſe Liebesſpiel nicht bald zum dénouement fuͤhren werde? Erſt geſtern vertraute mir Percival, daß er ſeiner Mutter ſchreiben und ihr all' ſeine Ge⸗ fuhle und Hoffnungen entdecken wollte;— daß er nur auf ihre Einwilligung warte, um foͤrmlich um Helenen anzuhalten. Nun muß eines von zwei Dingen geſchehen. Entweder wird dieſe Mut⸗ ter, ſtolz und eitel, wie vornehme Muͤtter gewoͤhnlich ſind, die Ein⸗ willigung zur Vermaͤhlung ihres Sohnes mit der Tochter eines ge⸗ meinen Geldwechslers und der Nichte jener Lucretia Dalibard, die ihr Gemahl nicht in ſeinem Hauſe aufnehmen mochte, verſagen—“ „Halt! Sir!“ rief Lucretia ſtolz, und waͤhrend zwiſchen all' den Leidenſchaften, die ihr Geſicht verduͤſterten und ihre Seele ent⸗ wuͤrdigten, ein Strahl vom Geiſt ihrer Ahnen uͤber ihre Stirn leuch⸗ tete; doch ging derſelbe ſchnell voruͤber und mit trotziger Faſſung ſetzte ſie hinzu:„Sie haben Recht; weiter!“ ₰ „Entweder— und Sie muͤſſen mir eine Kraͤnkung verzeihen, die ich nicht veranlaſſe— entweder wird dies der Fall ſein; Lady Mary St. John wird voll Unruhe nach London zuruͤckeilen; ſie üͤbt außerordentliche Controle uͤber ihren Sohn; ſie kann ihn viel⸗ leicht ganz von uns zuruͤckziehen, von mir ſowohl wie von Ihnen, und die uns jetzt gebotene Gelegenheit kann(wer weiß!) auf im⸗ mer verloren ſein; oder ſie zeigt ſich als ſchwaches und zaͤrtliches Weib— laͤßt ſich in Italien durch ihrer Schweſter Krankheit zu⸗ ruͤckhalten, wuͤnſcht vielleicht eifrig, daß der letzte directe Nach⸗ komme der St. Johns ſich beizeiten vermaͤhle und willigt, durch ihres Lieblings Bitten bewogen, ſofort in die Verbindung. Auch kann ein dritter Fall, den Percival fuͤr den natuͤrlichſten haͤlt und den ich, obwohl am unwillkommenſten fuͤr uns Alle, bei⸗ nahe vergeſſen haͤtte, angenommen werden. Sie kann nach Eng⸗ land kommen, und kann, in der Abſicht ihres Sohnes Wahl mit eignen Augen zu beurtheilen, Helenen aus Ihrer Behauſung nach der ihrigen ziehen. Jedenfalls iſt Verzug gefaͤhrlich, gefaͤhrlich auch ganz abgeſehen von meinem perſoͤnlichen Intereſſe und nur hinſichtlich Ihres eignen Zweckes.— Es köoͤnnen dadurch neue und forſchende Blicke uͤber unſre Handlungen kommen, die gewoͤhnliche Anweſenheit Percivals, oder Helenens, oder beider kann uns dadurch entzogen werden, und beide koͤnnen, bei dem erſten Anfall von Un⸗ wohlſein, mit Freunden und furchtbaren Vorſichtsmaßregeln umge⸗ ben ſein. Jetzt ſind die Voͤgel in Ihrer Hand. Warum nun den Kaͤfig oͤffnen und ſie fliegen laſſen, um das Netz auszubreiten? An dieſem Morgen ſind alle Urkunden mit den Verſicherungsgeſellſchaf⸗ ten geſchloſſen worden. Es eruͤbrigt nur, daß ich die erſten Viertel⸗ jahrespraͤmien zahle. Darauf hoff' ich vorbereitet zu ſein, ohne ferner Ihre Mittel oder meine eignen duͤrftigen Quellen in An⸗ ſpruch zu nehmen, um die ſich Grabman hinreichend bekuͤmmern wird.“ „Und Pereival St. John?“ ſagte Madame Dalibard.„Wir 2 brauchen keine unnuͤtzen Opfer. Wenn mein Sohn nicht gefun⸗ den wird, ſo iſt nicht nöthig, daß dieſes Knaben Geiſt unter denen wandelt, die uns ohnedies heimſuchen.“ „Allerdings nicht,“ ſagte Varney;„und was mich anlangt, ſo kann er mir lebendig mehr nützen, als todt. Sein Leben iſt nicht verſichert, und ein reicher Freund(ein ſo leichtglaͤubiger Gelb⸗ ſchnabel zumal!) gehoͤrt nicht unter die Heerde von Haͤhnen, die man kluͤglicherweiſe todten muͤßte, um ein goldnes Ei zu gewinnen. Percival St. John iſt Ihr Opfer, nicht meines.— So lange Sie mir nicht Auftrag geben, werd' ich keinen Finger bewegen, um ihm ein Leid zu thun.“ „Ja, er moge leben, wofern mein Sohn nicht gefunden wird,“ ſagte Madame Dalibard, faſt freudig;„er mag leben, um jene ſchoͤn⸗ wangige Naͤrrin zu vergeſſen, die jetzt, wie Sie ſehn, ſo entzuͤckt auf ſeinem Arme ruht und in den hohlen Liebesgeluͤbden von Ewigkeit traͤumt!— Er lebe, um ſie durch Vergeſſenheit zu kraͤnken, wenn auch erſt im Grabe, um uͤber ſeine kindiſchen Traͤume zu lachen— um ihr Andenken in den Armen von gemeinen Dirnen zu ſchmaͤhen! O, wenn die Todten Schmerz empfinden konnen, ſo mag er leben, damit ſie jenſeit des Grabes ſeine Unbeſtaͤndigkeit und ſeinen Fall empfindet! Ich glaube, dieſer Gedanke wird mich troͤſten, wenn Vin⸗ cent nicht mehr lebt und ich kinderlos in der Welt ſtehe!“ „So iſt es beſchloſſen,“ ſagte Varney, ſtets zu jedem Unterneh⸗ men bereit, welches Gold verſprach und die Beſorgniſſe wegen Ent⸗ deckung ſeines Betrugs bannte.„Und nun werd' ich, ſo bald es ge⸗ ſchehen kann, Ihren geraͤuſchloſen Haͤnden das Maͤdchen uͤbergeben. Sie hat lange genug gelebt!“ Elftes Kapitel. Liebe und Unſchuld. Waͤhrend dieſer Conferenz zwiſchen jenen verahſcheuungswerthen Nacht⸗ und Raubvsgeln unterhielt ſich Helene mit ihrem Geliebten im Garten. Die herbſtliche Sonne— denn man befand ſich in der zweiten Octoberwoche— ſchien freundlich durch die gelblichen Blaͤt⸗ ter des ruhigen Buſchwerks und auf die Blumen, die mit dem Som⸗ mer erſtorben geweſen waͤren, waͤren ſie nicht in Folge der zarten Pflege, trotz der ſpaͤten Jahreszeit, noch friſch geblieben; und nun laͤchelten ſie dankbar den Voruͤberwandelnden zu. „Ja, Helene,“ ſagte Percival—„ja, Du wirſt meine Mutter lieben, denn ſie gehoͤrt unter jene Perſonen, welche Liebe an ſich feſ⸗ ſeln, als waͤre ſie ein ihnen gehoͤriges Eigenthum. Selbſt mein Hund Beau,(Du weißt, wie ſehr Beau an mir haͤngt!) legt ſich ſtets zu ihren Fuͤßen nieder, wenn wir daheim ſind. Ich geſtehe, ſie iſt ſtolz, allein es iſt ein Stolz, der Niemand verletzen kann. Du weißt, es giebt manche Blumen, welche wir ſtolz nennen. Der Stolz der Blume iſt nicht harmloſer, als der meiner Mutter. Aber vielleicht iſt Stolz nicht das rechte Wort. Es iſt vielmehr die Abneigung gegen alles Niedre und Gemeine, die Bewunderung fuͤr alles Hohe und Reine. Ach, wie ſehr wird ſelbſt dieſer Stolz, wenn es ſtolz iſt, dazu bei⸗ tragen, ſie Dir lieb zu machen, meine Helene!“ „Du brauchſt mir nicht zu ſagen,“ ſagte Helene mit ernſtem Laͤ⸗ cheln,„daß ich Deine Mutter lieben ſoll; ich liebe ſie bereits— ja, vom erſten Augenblick, wo Du ſagteſt, daß Du eine Mutter haͤtteſt, ſchlug ihr mein Herz entgegen. Deine Mutter! wenn Du je wirklich eiferſuͤchtig biſt, ſo muͤßteſt Du es ihretwegen ſein! Allein, daß ſie mich lieben wird, das iſt es, was ich bezweifle. Denn wenn Du mein Bruder waͤreſt, Percival, ſo wuͤrde ich ebenſo eiferſuͤchtig um Dich ſein. Es muͤßte eine Nymphe aus dem Strome ſteigen, eine Sylphide müßte ſich aus der Roſe erheben, eh' ich zugeben koͤnnte, daß Dich eine Andere von meiner Seite ſtaͤhle. Und wenn ich weiß, daß ich dies ſchon als Deine Schweſter fuhlen würde, wie viel hoͤher muß dann nicht das ſein, was Deine Mutter zufrieden ſtellen ſoll?“ „Du und Du allein kannſt es,“ antwortete Percival—„Du, meine ſuͤße Helene kannſt es weit beſſer, als Nymphe oder Syl⸗ phide, um die ich mich, ehrlich geſtanden, ganz und gar nicht, auch nicht einmal in einem Gedichte, kuͤmmere. Wie wird Dir Laughton gefallen! Weißt Du auch, daß ich die ganze letzte Nacht ſchlaflos gelegen habe, weil ich uͤberlegte, welches Zimmer Dir wohl am beſten als Dein eignes gefallen wuͤrde? Und endlich entſchied ich mich fuͤr eines— hör' an— es oͤffnet ſich von der Gallerie, uͤber dem Saale. Vom Fenſter uͤberſiehſt Du die ſuͤdliche Seite des Parks und gewahrſt auch ein Stuͤck von dem See darüber hinaus. In der Wand befinden ſich zwei Niſchen, die eine fuͤr Dein Piano, die andre fuͤr Deine Lieblingsbuͤcher. Es iſt Raum genug da, um bequem vier Perſonen aufzunehmen. Unſere Mutter und mich, Deine Tante, die wir inzwiſchen in gute Laune gebracht haben werden— und wenn Ardworth ſich mit dorthin bringen laͤßt, der beſte Geſellſchafter von der Welt, ſo wird, denk' ich, unſre Geſellſchaft vollſtaͤndig ſein. Beilaͤufig, ich bin in Unruhe um Ardworth's willen; wir haben ihn lange nicht geſehen; drei, ja fuͤnf mal war ich bei ihm, aber ſein wunderlicher Schreiber ſchwoͤrt ſtets, er ſei nicht daheim. Nun ſage mir, Helene, die Du ihn ſo gut kennſt, ſage mir, wie ich ihm dienen kann! Du weißt, ich bin ſo erſchrecklich reich(wenigſtens werd' ich's nach ein Paar Monaten ſein;) ich kann mein Geld nie durchbringen, wenn mir meine Fkeunde nicht helfen. Und iſt es nicht ſchrecklich, daß dieſer wackre Menſch ſo arm ſein und ſich doch„Freund“ von mir nennen laſſen ſoll, als wenn in der Freundſchaft der Eine Alles ent⸗ behren mußte und der Andere nichts. Ich weiß jedoch nicht, wie ich ein Anerbieten wagen ſoll— Du verſtehſt mich, Helene— laß uns mit einander Rath halten, und ihm aufhelfen, mag er wollen oder nicht.“ Dieſes leichte kindliche Geplauder Percivals war es, was ihm den Weg zu Helenens Herzen, ja auch zu ihrer Seele gebahnt hatte. Denn in demſelben erkannte ſie(eine große unentwickelte Dichterin) eine edlere Poeſie, als wir in Reime zu bringen pflegen, näͤmlich die Poeſie edelherziger Thaten. Sie ſuchte die warme Hand, die ſie gefaßt hielt, zu kuͤſſen, und ſchmiegte ſich dichter an ſeine Seite, waͤh⸗ rerd ſie ſprach:„Und manchmal, lieber, lieber Pereival, ſtaunſt Du, daß ich lieber auf Dich, als auf Mr. Varney's bittere Bered⸗ ſamkeit oder ſelbſt auf meines lieben Couſins ehrgeizige Worte hoͤre. Sie ſprechen recht gut, aber nur von ihnen ſelber, waͤhrend Du—“ Percival erroͤthete und hieß ſie ſchweigen. „Nun gut,“ ſagte ſie,—„jetzt zu Deiner Frage. Ach, Du kennſt meinen Couſin wenig, wenn Du glaubſt, all' unſre Schlauheit vermoͤchte ihn ſeiner rauhen Unabhaͤngigkeit untreu zu machen, und ſo ſehr ich ihn liebe, ich koͤnnt' es nicht einmal wuͤnſchen. Aber fuͤrchte nichts für ihn; er gehoͤrt unter die, die dazu geboren ſind, ohne Hilfe ihr Gluͤck zu machen.“ „Woher weißt Du das, kleine Prophetin?“ ſagte Percival, mit der uͤberlegenen Miene des Mannes.„Ich habe mehr von der Welt geſehen als Du, und ich ſehe nicht ein, warum Ardworth ſein Gluͤck machen koͤnnte, wie Du es nennſt; oder weshalb er es weniger ma⸗ chen koͤnnte, wenn er in eine beſſere Negion kaͤme, als jene Hoͤhle in Gray’s Inn iſt, und wenn er mich fuͤr ihn ſorgen und ihm einen Die⸗ ner halten ließe.“ Haͤtte Percival davon geſprochen, daß er John Ardworth einen Clephanten und einen Palankin halten wolle, ſo haͤtte dies Helenen nicht mehr Spaß machen koͤnnen. Sie ſchlug ſo entzuͤckt in die kleinen Haͤnde und lachte laut auf, ſo daß ſich Percival dadurch gereizt fuͤhlte; als ſie jedoch den Unmuth im Geſicht ihres Geliebten ausgedruͤckt fand, ſagte ſie mit mehr Ernſt: Bulwer, Lucretia. IV. 5 „Kennſt Du nicht das Gefuͤhl, wenn man von etwas uͤberzeugt iſt, und es doch nicht erklaͤren kann? So geht es mir hinſichtlich mei⸗ nes Couſins Ruf und Gluͤck. Gewiß mußt auch Du es fuͤhlen, ohne es Dir erklaͤren zu koͤnnen, wenn er von der Zukunft ſpricht, die mir ſo truͤb' und ſo fern ſcheint, wie von etwas, was ihm angehoͤrt.“ „Sehr wahr, Helene,“ ſagte Percival,„er breitet die Zukunft aus wie eine Karte von ſeinen Guͤtern. Man moͤchte lachen, wenn er ſo unbekuͤmmert ſpricht:—„In dem und dem Alter werd' ich mei⸗ nen Gerichtsbezirk haben— in dem Alter werd'’ ich reich ſein— in dem Alter werd' ich in's Parlament treten.“— Armer Burſche⸗ wird dann drei und vierzig Jahr alt ſein! Drei und vierzig! O, wie alt, wie alt! Und bis dahin ſolche Entbehrungen zu leiden!“ „Wer in der Zukunft lebt, kennt keine Entbehrungen,“ ſagte He lene indem ſie mit jener edlen Erkenntniß erhabener Charaktere, die bisweilen durch ihre kindliche Einfalt ſichtbar ward, vorherzeigte, was ihr reiferer Geiſt, wenn der Himmel ihr Leben ſchonte, dereinſt entwickeln koͤnnte;„fuͤr Ardworth giebt es das nicht, was man Ar⸗ muth nennt. Er iſt in ſeinen Hoffnungen ſo reich, als wie in—“ Sie brach kurz ab, erroͤthete und fuhr mit niedergeſchlagenen Augen fort:„Ebenſo gut koͤnnteſt Du mich auf dieſen Gaͤngen bemitleiden, die ohne Dich ſo Vranri ſind. Ich lebe in ihnen nicht— ich lebe in meinen Gedanken an Dich.“ Ihre Stimme zitterte vor Bewegung bei den letzten Worten. Sie ließ Percivals Arm los und ſetzte ſich ſchuͤchtern(und er neben ſie) auf eine kleine Raſenbank unter dem einzigen Nußbaum, der ſei⸗ nen Schatten uͤber den Garten warf. Beide ſchwiegen einige Augenblicke— Percival in dankbarem Entzuͤcken— Helene in einem der plöͤtzlichen Anfaͤlle geheimnißvoller Melancholie, denen ihre Natur ſo ſehr unterworfen war. Er ergriff das Wort zuerſt wieder.„Helene,“ ſagte er ernſt, „ſeit ich Dich kannte, iſt mir das Leben wie etwas Hoͤheres erſchie⸗ nen, als ich es je zuvor betrachtet hatte. Mir ſcheint, als waͤre noch 67 eine neue und ſchwierigere Pflicht zu denen gekommen, fuͤr welche ich vorbereitet war— eine Pflicht, Helene, Deiner wuͤrdig zu wer⸗ den. Wirſt Du laͤcheln? Nein, Du wirſt nicht laͤcheln, wenn ich ſage, daß ich ſchon Augenblicke des Ehrgeizes gehabt habe. Bisweilen, als Knabe, den Plutarch in der Hand, muͤßig unter den alten Cedern zu Laughton hingeſtreckt, bisweilen auch als Seemann, wenn waͤh⸗ rend einer Windſtille auf dem atlantiſchen Meere meine Ohren wie⸗ der mit Geſchichten von Collingwood und Nelſon erfuͤllt wurden; da ſtahl ich mich von meinen Cameraden hinweg und blickte ſinnend uͤber das unendliche Meer. Aber als dieſe reiche Erbſchaft auf mich uͤber⸗ ging, und ich ſelbſt nicht mehr noͤthig hatte, mein Gluͤck zu ſuchen, mir meinen Rang zu ſchaffen, da wurden ſolche Traͤume ſeltener und ſeltener. Iſt es nicht wahr, daß Reichthum uns damit verhoͤhnt, un⸗ berühmt zu ſein? Ja; ich verſtehe, waͤhrend ich ſpreche, warum gerade die Armuth Ardworths Energie ſtaͤrkt, mich aber beugt. Aber ſeit ich Dich kannte, theuerſte Helene, kehren mir dieſe Traͤume leb⸗ hafter denn je zuruͤck. Wer Dich in Anſpruch nimmt, ſollte, muͤßte wohl etwas edler als die Menge ſein! Helene!“ und er erhob ſich raſch von einem unwiderſtehlichen Antrieb bewegt—„Ich werde nicht zufrieden ſein, bis Du ebenſo ſtolz auf Deine Wahl biſt, als ich auf die meinige!“ Waͤhrend er ſo ſprach und blickte, ſchien er das Knabenhafte auf immer abgeſtreift zu haben. Der ungewoͤhnliche Nachdruck und Ernſt ſeiner Worte, denen ſein Ton ſogar Beredſamkeit lieh— das feſte Leuchten ſeiner dunkeln Augen— ſeine aufrechte elaſtiſche Geſtalt — Alles hatte die Wuͤrde des Mannes. Helene blickte ihn ſchweigend an, mit ſo vollem Herzen, daß ſie nicht zu Worten kommen konnte, und ſtatt deren Thraͤnen vergoß. Dieſer Anblick brachte ihn ſogleich zu ſich ſelbſt. Er kniete neben ihr nieder, umſchlang ſie mit ſeinen Armen— es war ſeine erſte Umarmung— und kuͤßte ihre Thraͤnen hinweg. „Wodurch hab' ich Dich betruͤbt? warum weinſt Du?“ 5 X „Laß mich nur weinen, Percival, theurer Percival! Dieſe Thraͤ⸗ nen ſind wie Gebet— Sie ſprechen zum Himmel— und von Dir!“ „O!“ begann ſie dann wieder, als ſie ſich endlich ſammelte, „wenn ich, wie mir bisweilen, gerade waͤhrend Du bei mir biſt, eine eiskalte und namenloſe Ahnung zuzufluͤſtern ſcheint, wenn ich fuͤr ſo vieles Gluͤck nicht beſtimmt bin— wenn ich Dein Geſchick nicht thei⸗ len kann— wenn wir getrennt werden!“ „Was kann uns trennen?“ rief Percival in leidenſchaftlicher Unruhe. Helene ſeufzte tief und waͤhrend ſie ſanft das Haupt neigte, ſagte ſie:„Ruht nicht auf dem naͤmlichen geweiheten Boden der Al⸗ tar und das Grab? Wenn ich vor Dir gehen ſollte, Pereival, ſo denke, daß ich Dich immer ſehe, daß Deiner noch immer dieſelbe glaͤnzende Beſtimmung harrt— denke, daß Derjenige, der ſo edel ſtrebte, einer irdiſchen Liebe werth zu ſein, immer Gottes wuͤrdig ſein muß!“ Sie legte ihre Hand auf die ſeinige, als ſie ſchwieg; ihre Beruͤh⸗ rung war kalt und dieſe Kalte drang ihm durch's Herz; die Thraͤnen auf ihren Wangen waren getrocknet, aber ſie glaͤnzten noch in den andaͤchtig emporgerichteten Augen. Er haͤtte geſprochen, allein die Stimme verſagte ihm. Es zog etwas von ihren Ahnungen in ſein eigenes Herz. Und waͤhrend ſie ſo ſchwiegen, naͤherte ſich über den Raſen ein geraͤuſchloſer Schritt und zwiſchen ihnen und dem Sonnen⸗ licht ſtand Gabriel Varney. Zwölftes Kapitel. Raſche Beruͤhmtheit und geduldiges Hoffen, Percival war an dieſem Tage auf ſeinem Wege nach der Stadt ungewöhnlich duͤſter und gedankenvoll, obwohl Varney ſein Gefaͤhrte⸗ „ 69 und ganz in der guten muntern Laune war, die er ſeiner unvergleich⸗ lichen phyſiſchen Organiſation und der Abgeſtumpftheit ſeines Ge⸗ wiſſens verdankte. Als er endlich ſah, daß ſich ſeine Heiterkeit Per⸗ eival nicht mittheilte, ſchwieg er und blickte letzteren argwoͤhniſch an. Ein fallendes Blatt macht ein Pferd ſcheu und ein Schatten den ver⸗ brecheriſchen Menſchen. „Sie ſind traurig, Percival?“ ſagte er forſchend,„was hat Sie truͤbſinnig gemacht?“ „Es iſt nichts— oder zum wenigſten wuͤrde es Ihnen nichts zu ſein ſcheinen,“ antwortete Percival, indem er ſich zum Laͤcheln zwang, „denn ich habe gehoͤrt, daß Sie die Lehre von den Ahnungen ver⸗ lachen. Wir Seeleute ſind aberglaͤubiſcher.“ „Welche Ahnung koͤnnen Sie moglicherweiſe naͤhren?“ fragte Varney, viel beſorgter als Percival vermuthen konnte. „Ahnungen ſind nicht ſo leicht zu beſchreiben, Varney. Aber, in der That, die arme Helene hat mich angeſteckt. Haben Sie nicht bemerkt, daß, ſo froͤhlich ſie auch gewoͤhnlich iſt, doch oft ein Schatten uͤber ſie kommt, ohne daß man die Urſache errathen kann? Und heute hat ſie geſprochen, wie ich zuvor nur einen habe ſprechen hören, und das war ein armer junger Seekamerad, der das wahre Bild der Ge⸗ ſundheit zu ſein ſchien, und der ſich uͤberredet hatte, er wuͤrde an der Schwindſucht ſterben. Wir pflegten uͤber ihn zu lachen; allein drei Monate nach ſeiner Heimkehr, ſah ich in der Zeitung, daß er an jener Krankheit geſtorben war.“ Varney ſann. Es war vielleicht rathſam, den ſo aufgetauchten Gedanken zu naͤhren; vielleicht war es auch klug, nun Helenens Le⸗ bensverſicherungen zu erwaͤhnen; es mußte dies ſo natuͤrlich erſchei— nen— es konnte hinterdrein verhuͤten, daß das allzu geheim Gehal⸗ tene Verdacht erweckte. „Mein lieber Percival,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„was Sie ſagen, uͤberraſcht mich nicht. Helene hat mir ſelbſt jene ſeltſa⸗ men Ahnungen mitgetheilt. Ich ſehe, ſo wenig wie Sie, eine Ur⸗ ſache fuͤr dieſelben, obwohl es eine falſche Freundlichkeit ſein wuͤrde, Ihnen zu verbergen, daß ich Madame Dalibard habe ſagen hoͤren, daß ihre Mutter in dem naͤmlichen Alter durch Symptome der Aus⸗ zehrung bedroht geweſen ſei.— Aber ſie hat darnach noch viele Jahre gelebt. Nein, nein, beruhigen Sie ſich; Helenens Ausſehen iſt, trotz der außerordentlichen Reinheit ihrer Geſichtsfarbe, nicht von der Art, wie bei Jenen, die von der ſchrecklichen Krankheit unſers Klima's bedroht ſind. Die jungen Leute werden haͤufig von dem Ge⸗ danken eines fruͤhen Todes heimgeſucht. Je aͤlter wir werden, um ſo unangenehmer wird dieſer Gedanke; in der Jugend ſchwelgt man gewiſſermaßen darin. Dieſem traurigen Gedanken(den Sie, wie Sie ſehen, ſo gut wie ich bemerkt haben), muͤſſen wir nicht allein He⸗ lenens romantiſche Ahnungen, ſondern auch eine edelſinnige Vor⸗ ausſicht zuſchreiben, und ich kann mir das Vergnuͤgen nicht verſagen, Ihnen dieſelbe mitzutheilen, wenn auch Helenens Zartgefühl uͤber meine Indiseretion zuͤrnen moͤchte. Sie wiſſen, wie hilflos ihre Tante iſt. Nun hat Helene, die, wenn ſie volljaͤhrig wird, Anſpruch auf ein maͤßiges Vermoͤgen hat, mich uͤberredet, ihr Leben zu verſichern und noͤthigenfalls das Geld zum Vortheil meiner Stiefmutter zu erheben, ſo daß Madame Dalibard nicht in bedraͤngter Lage bleibt, wenn ihre Nichte vor dem ein und zwanzigſten Jahre ſterben ſollte. Das ſieht Helenen ähnlich!— nicht wahr?“ Percival war zu bewegt, um zu antworten. Varney fuhr fort—„Ich bitte Sie, gegen Helenen nichts da⸗ von zu erwaͤhnen— es wuͤrde ihre Beſcheidenheit kraͤnken, wenn ſie das Geheimniß ihrer guten Thaten durch Einen verrathen ſähe, dem ſie allein dieſelben vertraute. Ich konnte ihren Bitten nicht wider⸗ ſtehen, obwohl es mir, entre-nous, nicht wenig zu ſchaffen macht, um die noͤthigen Summen fuͤr die Praͤmien aufzutreiben. Apropos, dies fuͤhrt mich auf einen Punkt, auf welchem ich mir gar nicht recht zu helfen weiß— wie uͤberhaupt in ſolchen verwickelten Geldange⸗ legenheiten. Aber Sie waren ſo guͤtig, mich um Nachweiſung einiger 71 Gemaͤlde fuͤr Laugthon zu erſuchen. Nun, wenn Sie mir einen Theil der Summe zukommen laſſen wollten, ſei es was es wolle(denn ich mach Ihnen keinen Preis fuͤr meine Malerei), ſo wuͤrden Sie mich ſehr verpflichten.“ Percival wandte ſein Geſicht ab, wäͤhrend er Varney's Hand druͤckte und ſagte leiſe:„laſſen Sie mich meinen Theil an Helenens goͤttlicher Fuͤrſorge haben. Guter Gott! Sie, ſo jung, uͤber das Grab hinaus zu ſehen, und ſtets für Andre, fuͤr Andre!“ So verhaͤrtet der Elende war, erfuͤllte Percival's Ruͤhrung und Anerbieten Varney doch mit einer Art von Gewiſſensangſt. Er hatte ſich des Liebhabers Gold aneignen wollen, wie es ihm nun angeboten ward; aber daß Percival es ihm nun ſelber anbieten mußte, blind fuͤr das Grab, zu welchem dieſes Gold den Weg bahnte, das war ein Schreckniß, womit ihn ſeine wilde Gier und ſeine quaͤlenden Beſorg⸗ niſſe noch nicht vertraut gemacht hatten. „Nein,“ ſagte er mit einem jener momentanen Scrupel, deren Einfluß ſich die ſchwaͤrzeſten Verbrecher zuweilen uͤberlaſſen—„nein. Ich habe Helenen verſprochen, dies als ein Darlehn fuͤr ſie zu be⸗ trachten, welches ſie auch, wenn ſie volljaͤhrig, zuruͤckzahlen ſoll. Was Sie mir gewaͤhren koͤnnen, iſt fuͤr die Gemaͤlde. Das, was ich durch meine Arbeit erworben habe, kann ich nach Belieben verwen⸗ den. Und die Gegenſtaͤnde der Gemaͤlde— welche ſollen es ſein?“ „Zu dem einen Gemaͤlde waͤhlen Sie Helenens Ausdruck und Stellung in dem Augenblicke, wo Sie zu uns in den Garten kamen und nennen Sie Ihren Gegenſtand—„die Ahnung.“ „Hm!“ ſagte Varney zoͤgernd.„Und der zweite Gegenſtand?“ „Warten Sie auf dieſen, bis das froͤhliche Gelaͤute der Glocken zu Laughton eine Braut begruͤßt hat, und dann— und dann,“ fuͤgte Percival hinzu, mit einem Anflug ſeines natuͤrlichen heitern Laͤchelns, „muͤſſen Sie den Ausdruck waͤhlen, den Sie finden koͤnnen. Einmal unter meiner Obhut, und das eine Bild ſoll, geb' es der Himmel, lachend das andere ſchelten!“ 72 Waͤhrend dieſer Worte hielt das Cabriolet an Pereival's Thuͤr. Varney ſpeiſte an dieſem Tage mit ihm, und wenn die Unterhaltung auch matt war, kehrte ſie doch nicht zu dem Gegenſtande zurüuͤck, wel⸗ cher den heitern Sinn des Wirthes ſo verduͤſtert und die Heuchelei des Gaſtes ſo ſehr auf die Probe geſtellt hatte. Als Varney ging, was bald nach vollendeter Mahlzeit geſchah, legte Percival ſchwei⸗ gend eine Banknote von weit hoͤherem Werthe in ſeine Hand, als Varney ſelbſt von ſeiner Großmuth erwartet haͤtte. „Dies iſt fuͤr vier, nicht fuͤr zwei Gemaͤlde,“ ſagte er, das Haupt ſchuͤttelnd; und dann fuͤgte er hinzu:„nun, einige Jahre ſpaͤter wird die Welt ſie nicht fuͤr zu theuer bezahlt halten. Adieu, mein Medici; ein Dutzend ſolche Maͤnner, und die Kunſt wird in England aufleben.“ Als er allein war, ſetzte ſich Percival nieder und uͤberließ ſich, das Geſicht in beide Haͤnde ſtuͤtzend, der Schwermuth, welche ſeine Maͤnnlichkeit und der mit aͤchter Liebe verbundene Zartſinn ihn ge⸗ boten hatten, in der Gegenwart eines anderneiederzukaͤmpfen. Nie hatte er Helena ſo geliebt, als in dieſer Stunde; nie hatte er ſo in⸗ nig und tief ihren unvergleichlichen Werth gefuͤhlt. Das Bild ihrer uneigennuͤtzigen, ſtillen, melancholiſchen Ruͤckſicht auf jene ſtrenge, un⸗ freundliche, gefuͤhlloſe Verwandte, unter deren Schatten ihr junges Herz haͤtte verbluͤhen muͤſſen, ſchien ihm mit einer heiligen Weihe umgeben. Und faſt haßte er Varney, daß der cyniſche Maler mit einem ſo geſchaͤftsmaͤßigen Pflegma davon hatte reden koͤnnen. Der Abend dunkelte; die ruhige Straße ward ganz ſtill; die Einſamkeit ward ihm druͤckend; er erhob ſich ploͤtzlich, ergriff ſeinen Hut und ging langſam und immer noch ſchweren Herzens, fort. Er gelangte nach Piecadilly, dem Hauſe, welches nach einander vom Herzog von Queensbury und Lord Hertford bewohnt wurde, und welches nun in Gemaͤcher fuͤr Solche abgetheilt iſt, die fuͤr ein Zim⸗ mer den Zins eines maͤßigen Hauſes bezahlen koͤnnen,— und auf den breiten Stufen dieſes Gebaͤudes, welche ſo viele Fußtritte in muͤßiger Luſt froͤhlich betreten haben, fiel Percival's Auge auf ein ——— elendes, kummerliches, zerlumptes Geſchoͤpf, welches zu dem letzten Grade abgeſpannter Verzweiflung gekommen ſein mochte, wo es auf⸗ gehoͤrt hatte zu betteln, nicht mehr nach Stehlen fragte, und nicht zu leben wuͤnſchte. Percival ſtand ſtill und ruͤhrte den Elenden an. „Wie ſtehtzs, mein armer Burſch? Nehmt Euch in Acht— die Polizei wird euch hier nicht ruhen laſſen. Kommt, erhebt Euch! Da iſt etwas, um eine beſſere Herberge zu finden!“ Das Silberſtuͤck fiel unbeachtet auf die Steine. Das zerlumpte Weſen hob nicht einmal den Kopf empor, aber eine leiſe, gebrochene Stimme murmelte: „Es iſt zu ſpaͤt nun— moͤgen ſie mich in's Gefaͤngniß bringen — moͤgen ſie mich uͤber's Meer nach Botany ſchicken— moͤgen ſie mich haͤngen, wenm ſie wollen. Ich bin jetzt ſo gut wie nichts, jetzt — nichts!“ So veraͤndert die Stimme auch war, fiel ſie Percival doch als bekannt auf. Er blickte nieder und erkannte das verfallene Geſicht. „Steh' auf, Menſch, ſteh' auf!“ ſagte er froͤhlich.„Sieh', die Vorſehung ſchickt Dir einen alten Freundin der Noth, um Dich zu lehren, daß Du nie wieder verzweifeln ſollſt.“ Der herzige Ton ruͤhrte und ermunterte das arme Geſchoͤpf mehr als die Worte. Mechaniſch erhob er ſich, und ein mattes dankbares Laͤcheln ſchwebte uͤber die verheerten Zuͤge, als er St. John wieder erkannte. „Nun, was ſoll das? Ich dachte immer, es ſei heutzutage ein blühendes Geſchaͤft, wenn man an einer Ecke ſteht.“ „Ich habe keine Ecke. Ich habe ſie verkauft!“ ſtoͤhnte Beck. „Ich tauge nun zu nichts mehr, als durch die Straßen zu ſchleichen, und zu ſtehlen und gehaͤngt zu werden, wie die uͤbrigen unſers Glei⸗ chen! Dank Ihnen freundlich, Sir“(und Beckzerrte an ſeiner Stirn⸗ locke),„aber, erlauben Ihre Gnaden, es iſt doch aus mit mir!“ „Ach, was! ſagt' ich Dir nicht, wenn Du einen Freund brauch⸗ teſt, ſollteſt Du zu mir kommen? Warum zweifelſt Du an mir, naͤr⸗ riſcher Kerl? Heb' dieſe Schillinge auf und verſchaff' Dir ein Bett und ein Abendeſſen. Morgen, um neun Uhr, komm' zu mir; Du weißt, wo— daſſelbe Haus in Curzonſtreet; Du ſollſt mir dann Deine ganze Geſchichte erzaͤhlen und es muͤßte ſchlimm ſtehen, wenn ich Dir nicht einen andern Poſten kaufe oder ſonſt wie fuͤr Dich ſorge.“ Der arme Beck ſchwankte einige Augenblicke auf ſeinen duͤrren Beinen wie ein Betrunkener, und dann fiel er plötzlich auf die Knie, kuͤßte den Rand von ſeines Wohlthaͤters Rock und weinte. Dieſe Thraͤnen erleichterten ihn; ſie ſchienen die Verzweiflung aus ſeinem Herzen zu waſchen. „Still, ſtill! oder wir werden einen Auflauf um uns verſammeln. Du wirſt nichtvergeſſen, mein armer Freund, Nr.—, Curzonſtreet— neun Uhr Morgens. Mach' nun geſchwind, nimm eine Mahlzeit und geh zu Bett; Du ſcheinſt deſſen in der That zu beduͤrfen. Ach! wollte der Himmel, alle Armuth in dieſer großen Stadt ſtaͤnde hier in deiner Perſon, und wir koͤnnten ihr ſo leicht helfen, als ich Dir helfen kann!“ Bei dieſen letzten Worten war Perrival fortgegangen und als er ſich umſah, hatte er die Freude zu ſehen, daß ihm Beck langſam nach⸗ hinkte und der muͤrriſchen Frage eines trotzigen Polizeimanns ent⸗ gangen war, der vermuthlich ſeinen natuͤrlichen Unwillen uͤber die Kuͤhnheit ausgedruͤckt hatte, daß ein ſo zerlumptes Skelett nicht da⸗ heim auf ſeinem Kirchhofe blieb. Als er in einen der Clubs in St. James Street trat, fand Per⸗ cival eine kleine Gruppe von Politikern in eifrigem Geſpraͤche uͤber ein neues Buch, welches nur ſeit ein Paar Tagen erſchienen war, aber die oͤffentliche Aufmerkſamkeit bereits in jener ſtarken Weiſe gefeſſelt hatte, welche ſtets eine Aera in eines Schriftſtellers Leben, bisweilen eine Epoche in der Literatur einer Nation bildet. Die Zeitungen waren voll von Auszuͤgen aus dem Werke— hundert Ver⸗ muthungen ſprach man aus uͤber die Autorſchaft. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß ein Buch, welches ſo viel Aufſehen macht, eine — 75 populaͤre Idee des Tages enthalten, ein populaͤres Beduͤrfniß befrie⸗ digen muß. Neun und neunzig unter hundert Mal iſt der Inhalt einer ſolchen Schrift ebendeshalb politiſch, und ſo war es in dem ge⸗ genwaͤrtigen Falle. Man muß ſich erinnern, daß in dieſem Jahre das Parlament waͤhrend des groͤßten Theiles des Monats October bei⸗ ſammen war, daß es daſſelbe Jahr war, in welchem die Reformbill vom Oberhauſe verworfen wurde, und daß die öͤffentliche Meinung in unſrer Zeit nie aufgeregter geweſen war. Jenes Werk erſchien waͤhrend des kurzen Zwiſchenraums zwiſchen der Verwerfung der Bill(8. October) und der Prorogation des Parlaments(20. Octo⸗ ber). Und was daſſelbe noch merkwuͤrdiger machte, war der Um⸗ ſtand, daß ſeine kraͤftigen Perioden, waͤhrend es das leidenſchaftliche Gepraͤge der Zeit trug, doch ein ſo ruhiges und ernſtes Raͤſonnement enthielten, daß daſſelbe den Argumenten des Advocaten zugleich etwas von der Unparteilichkeit des Richters mittheilte.— Ungewoͤhnlich abſtract und ungeſellig(denn trotz ſeiner Jugend und der fruͤher erwaͤhn⸗ ten Bloͤdigkeit, war er doch gewoͤhnlich aufmerkſam genug auf alles, was um ihn her vorging), ſchenkte Percival den Eroͤrterungen, welche rings um ihn her die Runde machten, wenig Beachtung, bis ein Sub⸗ alternbeamter, mit dem er oberflaͤchlich bekannt war, ihm ein kleines Buch hinſchob, und ſagte: „Sie haben das natuͤrlich geſehn, St. John? Zehn gegen Eins: Sie errathen den Verfaſſer nicht. Gewiß iſt es nicht B— m, obwohl der Lord Kanzler Energie genug fuͤr ſo etwas beſitzt. R— meint, es habe etwas vom Charakter S— r's.“ „Koͤnnt' es wohl M—y geſchrieben haben?“ fragte ſchuͤchtern ein junges Parlamentsglied. „M— y!— ganz aͤhnlich ſeinem unvergleichlichen Style, herr⸗ lich! Sie koͤnnen nicht viel vn M—y geleſen haben, ſcheint mir's,“ ſagte der Beamte mit dem aͤchten Hohnlaͤcheln eines Beamten und eines Kritikers. Das junge Parlamentsmitglied haͤtte in eine Nußſchale kriegen koͤnnen. Percival blickte mit ſehr flauer Theilnahme in das Buch. Aber trotz ſeiner Stimmung und trotz ſeiner geringen Neigung fuͤr poli⸗ tiſche Schriften, ergriff und packte ihn die Stelle, die er aufgeſchlagen hatte, unwillkuͤrlich. Obwohl der Hohn des Beamten gerecht, und der Styl nicht dem M—y' zu vergleichen war(weſſen Styl waͤre dem auch zu vergleichen?), ſo zeigte doch der Strom kraͤftiger Worte, angepaßt kraͤftigen Gedanken, faſt einer an den andern gefuͤgt, die Ruhe des Genius und den Ernſt des Denkens:— die Abweſenheit alles weibiſchen Flitters, das Kraͤftige und Marlige, kam Pereival bekannt vor. Er glaubte den tiefen Baß der ernſten Stimme John Ardworth's zu hoͤren, wenn eine Wahrheit die Vertheidigung deſſel⸗ ben, oder eine Falſchheit ſeinen Zorn erregte. Verwirrt legte er das Buch nieder. Konnte es der obſcure Rechtsgelehrte in Gray's Inn ſein(der noch an dieſem Morgen ſein jugendliches Mitleid erregt), welcher ſich zu ſolchem Rufe erhob? Er belaͤchelte ſeine eigene Leichtglaͤubigkeit. Aber mit mehr Aufmerkſamkeit lauſchte er den enthuſiaſtiſchen Lobſpruͤchen ringsum, und den verſchiedenen Muth⸗ maßungen, von denen ſie begleitet waren. Bald kehrte indeß ſeine fruͤhere Schwermuth zuruͤck— das verworrene Sprechen begann ihn zu erſchoͤpfen und zu ermuͤden. Er ſtand auf und ging wieder in die freie Luft hinaus. Er ſtreifte zwecklos draußen, gerieth aber unwill⸗ kuͤrlich in die Straße, wo er Helenen zuerſt geſehen hatte. Einige Augenblicke blieb er unter der Colonnade ſtehen, welche ſich bei Beck's altem verlaſſenem Poſten befand. Sein Stillſtehen lenkte die Auf⸗ merkſamkeit eines jener ungluͤcklichen Weſen auf ihn, die wir unſere Straßen ſchaͤnden, und in unſern Spitaͤlern umkommen laſſen. Sie naͤherte ſich, und redete ihn an— ihn, deſſen Herz ſo voll von He⸗ lenen war! Er ſchauderte und ging weiter. Endlich blieb er vor den Thuͤrmen der Weſtminſterabtei ſtehen, auf denen der Monden⸗ glanz feierlich ruhete; und auf dieſem Platze theilte nur ein Mann ——— 77 ſeine Einſamkeit. Eine Geſtalt mit untergeſchlagenen Armen lehnte am Eiſengelaͤnder bei der Statue Kannings, und ihr Blick uͤber⸗ ſchaute zugleich die Mauern des Parlamentshauſes, in welchem alle Leidenſchaften ihren Krieg führen, und die herrliche Abtei, welche fuͤr die großen eine Walhalla gewaͤhrt. Die tiefe Schweigſamkeit der Geſtalt, die mit der Stille der Seene ſo ſehr im Einklang ſtand, hatte mehr Wirkung auf Percival, als die laͤrmendſte Menge auf ihn her⸗ vorgebracht haben wuͤrde. Neugierig ſah er ſich beim Voruͤbergehen um, und ſtieß einen Ausruf aus, als er John Ardworth erkannte. „Sie, Percival!“ ſagte Ardworth—„ein ſeltſamer Ort der Zuſammenkunft um dieſe Stunde! Was kann Sie hierher fuͤhren?“ „Nur Laune, denk' ich— und Sie?“ ſagte Percival, waͤhrend er ſeinen Arm in den Ardworths legte. „Zwanzig Jahre ſpaͤter will ich Ihnen ſagen, was mich hierher gefuͤhrt hat!“ antwortete Ardworth, waͤhrend er langſam nach White⸗ hall zuruͤckging. „Wenn wir dann noch leben!“ „Wir leben, bis unſere Beſtimmung hinnieden erfuͤllt iſt; bis wir das Unſre in dieſer Sphaͤre genuͤtzt haben, und aufſteigen, um einer andern zu nuͤtzen. Denn die Seele iſt wie eine Sonne, nur mit einem edlen Unterſchied:— die Sonne iſt auf ihre Bahn be⸗ ſchraͤnkt; Tag um Tag beſucht ſie die naͤmlichen Laͤnder, vergoldet dieſelben Planeten, oder ſteht vielmehr, wie die Aſtronomen ſagen, als regungsloſer Mittelpunkt bewegter Welten; die Seele dagegen, wenn ſie ſcheinbar in die dunkle Tiefe ſinkt, ſteigt neuen Beſtimmun⸗ gen, friſchen, vorher unbeſuchten Regionen entgegen. Was wir Ewig⸗ keit nennen, iſt vielleicht nur eine endloſe Reihe ſolcher Uebergaͤnge, welche die Menſchen Tod nennen, das Verlaſſen einer Heimath nach der andern, immer zu ſchoͤnern Scenen und erhabenern Hoͤhen. Zeit⸗ alter um Zeitalter kann der Geiſt, der herrliche Nomade, ſein Zelt aufſtecken, nicht verdammt, in dem duͤſtern Elyſtum der Heiden zu ruhen, ſondern alluͤberall ſeine Elemente— Schaffen und Sehnen — mit ſich fuhrend. Warum ſollte die Seele jemals ruhen? Gott, ihr Urgrund, ruht nimmer. Waͤhrend wir ſprechen, entzuͤnden ſich neue Welten— werfen Sonnen ihre Dunſtkreiſe ab— und verdich⸗ ten ſich Dunſtkreiſe zu Welten. Der Allmaͤchtige bekundet ſein Da⸗ ſein durch Schaffen. Glauben Sie, daß Plato ruhe, und daß Shakeſpeare jemals auf einer Sonnenwelt muͤßig liege? Arbeit iſt das wahre Weſen des Geiſtes wie der Gottheit; Arbeit iſt das Fege⸗ feuer der Irrenden: ſie kann die Hoͤlle der Schlechten werden, aber nicht minder iſt Arbeit der Himmel der Guten!“ Ardworth ſprach ungewoͤhnlich eifrig und leidenſchaftlich; und ſeine Anſicht von der Zukunft war bezeichnend fuͤr ſeine eigene thaͤtige Natur: denn einem Jeden von uns iſt es weislich anheimgegeben, mitten im undurchdringlichen Nebel ſein eigenes Ideal vom kuͤnftigen Sein zu geſtalten. Der kriegeriſche Sohn des kalten Nordens ver⸗ legte ſeine Hela unter den Schnee, und ſeinen Himmel in die Feſt⸗ mahle nach ſiegreichem Kriege. Der vom gluͤhenden Sommer ver⸗ ſengte Sohn des Oſtens dachte ſeine Hoͤlle im Feuer, und ſein Ely⸗ ſium bei kuͤhlen Baͤchen; der müde Landmann ſeufzt ſein Lebenlang nach Ruhe, und Ruhe laſſen ihn ſeine Traͤume jenſeit des Grabes erwarten; der geniale Arbeiter— ſtets jugendlich, ſtets gluͤhend— ruͤhmt die Muͤhe als die herrliche Entwickelung des Seins, und ſpringt erfriſcht uͤber den Abgrund des Grabes, um, von Stern zu Stern den Fortſchritt fortzuſetzen, der ihm zugleich als hoͤchſtes Gluͤck und als nothwendiges Geſetz erſcheint. So mit der Phantaſie eines Jeden! Weisheit, die unfehlbar iſt, und Liebe, die nie ſchlummert, wacht uͤber der Dunkelheit— und laͤßt Dunkelheit walten, damit wir traͤumen koͤnnen!“ „Ach!“ ſagte der junge Zuhoͤrer—„welchen Vorwurf ſprechen Sie nicht gegen Diejenigen aus, die gleich mir, der Kraft bar, welche jede Muͤhe mit Erfolg kroͤnt, wenig im Leben uͤbrig haben, außer ein muͤßiges Hinleben. Nicht alle haben das Talent, zu ſchreiben, oder zu reden, oder zu ſpeculiren, oder—“ 4 der —;̈ꝛrP— 79 „Freund,“ unterbrach ihn Ardworth gelaſſen,„beluͤgen Sie ſich nicht ſelbſt. Kein Menſch lebt auf Erden(abgeſehn von Wahnſinni⸗ gen), der nicht die Kraft in ſich hat, Gutes zu thun. Was koͤnnen Schreiber, Redner, Speculanten mehr thun? Haben Sie je eine Bauernhuͤtte betreten— reiſten Sie je in einem Poſtwagen— ſpra⸗ chen Sie je mit einem Banner im Felde, oder ſtanden bei einem Hand⸗ werker am Webſtuhl, ohne zu finden, daß all' dieſe Leute ein Talent hatten, welches ihnen abging, etwas wußten, was ihnen unbekannt war? Das unnützeſte Geſchöpf, das je in einem Club gaͤhnte oder unter Calabriens Sonne das Ungeziefer ſeiner Lumpen zaͤhlte, darf Mangel an Geiſteskraft nicht zu ſeiner Entſchuldigung anfuͤhren. Was die Menſchen entbehren, iſt nicht Talent, ſondern Vorſatz— mit andern Worten, nicht die Kraft zum Erwerben, ſondern den Wil⸗ len zur Arheit. Sie, Percival St. John, Sie affertiren Niederge⸗ ſchlagenheit, daß Sie nicht Ihren Nutzen haben ſollten; Sie, mit dem friſchen warmen Herzen, Sie, mit dem reinen Enthuſiasmus fuͤr Alles Friſche und Gute— Sie, der ſelbſt Varney bewundern kann, weil Sie bei all' dem Flitterweſen des Mannes, doch Kunſt und Talent erkennen, obwohl es auf der Leinwand verſchwendet wird; Sie, der Sie nur nach Ihrem Gefuͤhl zu leben brauchen, um ringsum Segen auszuſtreuen— Pfui, thoͤriger Knabe!— Sie werden Ihren Irr⸗ thum eingeſtehen, wenn ich Ihnen ſage, warum ich aus meinen Ge⸗ maͤchern in Gray's Inn komme, um die Mauern zu ſehen, in denen Hampden, ein ſchlichter Landſquire gleich Ihnen, mit ſchlichten Wor⸗ ten die Tyrannei von acht Jahrhunderten erſchuͤtterte.“ „Ardworth, ich will nicht abwarten, bis Sie mir ſagen, was Sie hieher fuͤhrte. Ich habe ein Geheimniß durchſchaut, welches ſie, un⸗ freundlich genug, vor mir hatten. Dieſen Morgen ſtanden Sie auf und fanden ſich beruͤhmt; dieſen Abend ſind Sie gekommen, um die Scene der Laufbahn zu betrachten, auf welche ihr Ruf Sie ſchneller fuͤhren wird“— „Und auf das Grabmal, womit ſich der ſtolzeſte Ehrgeiz, den ich naͤhren kann, auf Erden am Ende begnuͤgen muß! Ein armſeliger Schluß, wenn hier alles zu Ende ginge!“ „Indeß hab' ich recht,“ ſagte Percival mit jugendlicher Freude. „Sie ſind es, deſſen Lob mein Ohr erfuͤllt hat. Sie, lieber— theu⸗ rer Ardworth! Wie freu' ich mich daruͤber!“ Ardworth drückte herzlich die ihm dargebotene Hand.„Ich wuͤrde Ihnen morgen mein Geheimniß vertraut haben, Pereival; da Sie's kennen, ſo bewahren Sie es fuͤr jetzt. Ein Wunſch meines Weſens iſt befriedigt worden, ein Schmerz hat Zerſtreuung gefunden; im Uebri⸗ gen kann jedes Kind, welches mit aller Kraft einen Stein in's Waſſer wirft, ein Gepläͤtſcher hervorbringen; ein Thor aber waͤre das Kind, wenn es waͤhnte, das Geplaͤtſcher ſei ein Zeichen, daß der Lauf eines Stroms veraͤndert worden.“ Hier brach Ardworth kurz ab und Percival, den ein klarer Ge⸗ danke erfuͤllte, der ihm ploͤtzlich gekommen, rief: „Ardworth— Ihr Verlangen, Ihr Ehrgeiz iſt, in's Parlament zu kommen; es muß bald eine Aufloͤſung ſtattfinden— der Erfolg anchem populaͤren Waͤhler empfehlen. Alles Ihres Buches wird Sie m iſt die Summe fuͤr die nothwendigen Ausga⸗ was Ihnen fehlen kann, i ben. Borgen Sie dieſe Summe von mir— zahlen Sie ſie zuruͤck, wenn Sie ein Kabinets⸗ oder Staatsanwalt ſind. So ſei es!“ Ein Glanz, daß ſelbſt bei dem matten Lampenlicht das Gluͤhen der Wange, das Leuchten des Auges ſichtbar war, uͤberſtrahlte Ard⸗ worth's Geſicht. Er empfand in dieſem Augenblick, was ein Ehrgeizi⸗ ger kaum fuͤhlen muß, wenn das Ziel, welches er daͤmmernd und fern ſah, ploͤtzlich vor ihn geruͤckt iſt. Aber ſeine Vernunft hielt ſelbſt gegen dieſe ſtarke Verſuchung Stand. Er umſchlang mit ſeinem Arme den ſchlanken Juͤngling und zog ihn mit dankbarer Ruͤhrung an ſein Herz, indem er ſagte: „Und was könnt' ich, wenn ich nun im Parlament waͤre, meine Carriere aufgegeben und keine regelmaͤßigen Subſiſtenzmittel haͤtte— was koͤnnt' ich weiter ſein, außer ein kauflicher Abenteuerr? Ich 81 wuͤrde nur einen gefäͤhrlichen Krieg zwiſchen meinen Beduͤrfniſſen und meinem Gewiſſen führen können. Waͤhrend ich dem Rufe, dem Schat⸗ ten, nachjagte, wuͤrde ich das Weſentliche, die Una bhaͤngigkeit verlieren— und der Gedanke allein wuͤrde meine Zunge laͤhmen. Nein, nein— mein großmuͤthiger Freund. Wie Arbeit des Menſchen erſte Erheberin iſt, ſo iſt Geduld das Weſen der Arbeit. Zuerſt laſſen Sie mich den Grund legen, dann will ich die Höoͤhe des Thurmes berechnen. Laſſen Sie mich zuerſt von den Großen unabhaͤngig ſein— dann will ich der Vertreter der Niedern werden. Still! verſuchen Sie mich nicht mehr— bringen Sie mich nicht um meine Selbſtachtung! Und nun, Percival,“ fuhr Ardworth mit dem Tone eines Menſchen fort, wel⸗ cher auf einen ganz neuen Gedanken ablenken will,„laſſen Sie uns fuͤr jetzt dieſe ernſten Dinge vergeſſen, und ganz froͤhlich und menſch⸗ lich ſein.„Nemo Mortalium omnibus horis sapit.“„Neque semper arcum tendit Apollo.“ Wollen wir nicht eine Cigarre rauchen?“ Percival ſtaunte. Er war noch nicht mit den excentriſchen Lau⸗ nen ſeines Freundes vertraut. „Heißen Mecus und eine Cigarre!“ wiederholte Ardworth, waͤhrend ein Laͤcheln von Scherz und Humor um ſeine Lippen ſpielte und aus ſeinen tiefliegenden Augen hervorglaͤnzte. „Sprechen Sie ernſthaft?“ „Nicht ernſthaft— ich bin ernſthaft genug geweſen“(dabei ſeufzte Ardworth),„waͤhrend der letzten drei Wochen. Wer geht nach Korinth, um weiſe, oder nach dem Weinkeller, um ernſthaft zu ſein?“ „Nun, dann unterſchreib' ich Necus und Cigarre,“ ſagte Per⸗ cival laͤchelnd; und er hatte keine urſache, ſeine Nachgiebigkeit zu bereuen, da er Ardworth nach einem der Orte begleitete, welche von von dieſem ſeltſamen Manne in ſeinen ſeltnen Stunden der Ab⸗ ſpannung beſucht wurden. Dann an ſeinem Lieblingstiſche ſitzend, der zum Gluͤck leer war, Bulwer, Lucretia. IV. 6 82 das Haupt behaglich zuruͤckgelehnt, den dampfenden Necus vor ſich, fuhr John Ardworth fort, bis die Glocke drei ſchlug, Witz auf Witz, Scherz auf Scherz und Spaß auf Spaß von ſich zu geben, ohne je zu erlahmen, ohne Unterbrechung, ſo vielſeitig, reichlich, raſch d und unwiderſtehlich, daß ſich Percival von aller Melancholie befreit 1 fuͤhlte, waͤhrend er zum erſten Mal in ſeinem Leben die uͤberſtroͤ⸗ mende Heiterkeit eines ernſten, ploͤtzlich entfeſſelten Gemuͤthes ge⸗ noß, deſſen ganze Geiſteskraft im Witz aufleuchtete, deſſen ganze Leidenſchaft im Humor dahinſtroͤmte. Und das war der Mann, den er bemitleidet hatte!— dem er keine Sonnenſeite des Lebens zu⸗ traute! ie viel groͤßer würde ſein Mitgefuͤhl und ſein Staunen ſen ſein, haͤtte er Alles gekannt, was in den wenigen Wochen gewe durch dieſe ſchwermuͤthige aber ſchweigende Bruſt gezogen war, velche gerade durch ihre Froͤhlichkeit bewies, wie tief ihre Trauer 4 ſein mußte! . Dreizehntes Kapitel. hatte Percival bereits gefruͤhſtuͤckt, als ihm ſein Bedienter mit em⸗ porgezogenen Augenbrauen meldete, daß„ein recht ſehr zerlumpter 1 Menſch behauptete, vom Herrn beſtellt worden zu ſein. Obwohl Beck ſchon fruͤher im Hauſe geweſen und vom Bedienten zugelaſſen 2„ worden war, erſchien er nun doch um ſo viel hagerer und zerlumpter, daß ihn der ſchmucke Diener, der ſolche Leute nicht ſehr aufmerkſam beobachtete, nicht wieder erkannte. Indeß fuͤhrte er, zu wohlgezo⸗ gen, um ſich erſtaunt zu zeigen, auf Pereival's Befehl Beck mit vie⸗ Der Verluſt des Poſtens. W1 Trotz der ſpaͤten Stunde, in welcher er zur Ruhe gegangen, 1 83 ter Artigkeit herein, und St. John war ſchmerzlich betroffen uͤber die Verheerungen, welche wenige Wochen auf des Straßenkehrers Geſicht angerichtet hatten. Die Zuͤge waren ſo tief gefurcht, das trockne Haar ſah ſo duͤnn aus und war ſo ſe hr mit Grau gemiſcht, daß Beck leicht Farrens Talent in der Rolle eines alten Mannes haͤtte uͤberbieten koͤnnen. Des armen Kehrers Geſchichte war, abgeſehen von ſeiner ſelt⸗ Phraſeologie, einfach genug und bald erzäͤhlt:— Er war Abends nach Hauſe gekommen, um ſeine Schätze geſt ſtohlen und die Muͤhe ſeines Lebens vernichtet zu finden. Wie er die eſe Nacht zu⸗ gebracht, wußte er ſich nicht mehr genau zu erinnern. Wir duͤr⸗ nehmen, daß die wenige Vernunft, die er beſaß, ziemlich eb, ſtieg in ſei⸗ Charakter ſein er ſich doch in einer anſtaͤndigen Stellung im Ver⸗ zu den andern Bewohnern des Hauſes. Bill, der Einbre⸗ Kein Argwohn, wer der wirkliche Die Seele auf. So ſchlecht Grabman's( 4 cher, deutete natuͤrlich, wegen ſeines Berufs, die Hand an, welche den Raub veruͤbt hatte; aber wie konnte man von einem ſolchen Manne Erſatz hoffen oder die Herausgabe erzwingen? Indeß ſchlich er mechaniſch, als die Stunde zum Beginn ſeines Tagewerks kam, die Treppe hinunter, und ſieh', gerade vor der Hausthuͤr ſpielten Bill's Kinder und in der Hand des alteſten erkannte er wi ieder, was es ſeine Klapper nannte. „Deine Klapper?“ unterbrach ihn St. John. „Ja— worauf die Kleinen beißen, bevor kommen.“ ſte ihre Zaͤhne be⸗ St. John laͤchelte, und da er glaubte, daß Beck wohl einmal kindiſch genug geweſen ſein koͤnnte, ſolch ein Spielwerk zu kaufen, winkte er ihm, fortzufahren; den Kleinen angreifen und ſich trotz ſeines Stoßens, Beißens, Schreiens und Kratzens wieder in Beſitz ſeines Schatzes ſetzen, war das Werk eines Augenblicks. Des Jun⸗ gen Geſchrei rief den Vater heraus, und an ihn wendete ſich Beck 6* 84 laut und anfangs furchtlos(indem er die Koralle in die Taſche ſteckte, damit deren goldene Schellchen nicht das erfahrenere Auge und die furchtbarere Gier des vaͤterlichen Diebes reizen moͤchten). Den Vater verklagte und beſchuldigte er und bedrohte ihn mit jeder, menſchlichen wie goͤttlichen, Rache. Dann ſtimmte er einen andern Ton an, flehte, weinte, kniete nieder. Sobald ſich der erſtaunte Einbrecher von ſeiner Verwunderung uͤber ſolche Kuͤhnheit erholte und die Art der gegen ihn und ſeine Familie gerichteten Anſchuldi⸗ gung begriff, ward er um ſo zorniger wegen des bei ihm ſeltnen und ungewohnten Bewußtſeins der Unſchuld. Er ergriff Beck beim Kra⸗ gen und ſchleuderte ihn mit einem geſchickten Griff wie einen Feder⸗ ball in die Goſſe. „Geh' nach Jericho, S chlammkratzer!“ rief Bill mit donnern⸗ der Stimme—„und ſagſt Du jemals wieder ſo eine Dummheit, ſo pack' ich Dich in einen Kartoffelſack und verkaufe Dich fuͤr fuͤnf Pence an Nr. 7, den großen Leichenraͤuber. Nimm Dich in's Kuͤnf⸗ tige in Acht vor mir!“ V Damit ſchlug Bill die Thuͤre zu und Beck, der ganz von Sin⸗ nen war, kroch aus der Goſſe und ſchlich, geſchunden und unter Schmerzen, nach ſeinem Poſten. Allein dieſen Tag war er nicht im Stande ſein Amt zu erfullen; ſein ſchwacher, armſeliger Koͤrper vermochte den erhaltenen Streich nicht zu ertragen. Lange vor der Daͤmmerung ſchlich er hinweg, und da er ſich heimzukehren fürchtete, weil ja Bill, nachdem nichts mehr zu rauben war als ſein Leichnam, Wort halten und den letztern an den Leichenraͤuber verhandeln konnte, ſo nahm er ſeine Zuflucht zu dem Obdach, wo er ſicher ruhen zu koͤnnen glaubte. Hier muͤſſen wir eine Erklaͤrung einſchalten. Als wir Beck zuerſt einführten, begnuͤgten wir uns, dem ſcharfſinnigen und gewandten Leſer anzudeuten, daß ſein Herz weit genug ſein mochte, um außer ſeinem Straßenpoſten noch etwas zu beherbergen. Nun wohnte in einer der engen Gaſſen, die nach Fleetſtreet fuͤhren, eine alte Wittwe, — 85 welche ſich durch Scheuern naͤhrte— ein fleißiges, betriebſames Weſen, die, ſeitdem ihr Gatte, ein Dachdecker, vom Geruͤſt gefallen war und ſie, indem er den Hals brach, zum Gluͤck ebenſo kinderlos als geldlos zuruͤckgelaſſen hatte, die ſeitdem nur noch davon lebte, daß ſie Treppen reinigte und ſchmutzige Haͤuſer ſauberte, wenn ſie vermiethet werden ſollten, mit einem Wort, eine Scheuerfrau. Und in dieſem Berufe hatte ſie ihr Moglichſtes geleiſtet, bis ein boͤſer Rheumatismus und hohes Alter ihren Beſtrebungen ein Ziel ſetzten und ſie berechtigten, woͤchentlich zwei Schillinge Kirchſpielalmoſen zu empfangen. Dieſe alte Frau und Beck verknuͤpfte ein geheimniß⸗ volles Band, ſo geheimnißvoll, daß er es ſelber nicht recht begriff. Bisweilen nannte er ſie„Mama“, bis veilen auch„die alte Frau“. Gewiß iſt aber, daß er ihr, zur Verlegenheit von St. Giles', den Namen verdankte, welchen er trug. Becky Carruthers war der Name der alten Frau; aber Becky war eines der guten Geſchoͤpfe, die man ſtets bei ihren Taufnamen nennt und die nie zu der Wuͤrde des Familiennamens oder zu dem Anſehen einer„Miſtreß“ emporſteigen;— indem er eine Silbe von dem gewoͤhnlichen Mamen wegließ, nannte ſich der arme Burſche„Beck“. „Und,“ ſagte St. John, welcher im Laufe der Fragen und Ant⸗ worten ſo weit in die Geſchaͤfte des Gaſſenkehrers eingedrungen war, iſt dieſe gute Frau wirklich Deine Mutter?“ „Mutter!“ wiederholte Beck mit verachtendem Ton.„Nein, ich hab' eine groͤßere Mutter als ſie. W. Poll's iſt meine Mutter. Aber die Alte hat mich aufgezogen.“ „Ich verſtehe Dich wirklich nicht. Saint Paul's iſt Deine Mut⸗ ter!— Wie?⸗ Beckſchuͤttelte geheimnißvoll den Kopf und fuhr, ohne auf die Frage zu antworten, in ſeiner Geſchichte fort, welche wir umſchreiben, wie folgt. Als er etwas uͤber ſechs Jahre alt war, begann Beck ſein Brod ſelber zu verdienen, durch Botenlaufen, Pferde Halten, indem er ſo Pence und halbe Pence zuſammenbrachte. Fruͤhzeitig erwachte ſeine 2 86 Leidenſchaft zu ſparen. Anfangs aus gutem und uneigennuͤtzigem Beweggrund: um die„Mama“ am Schluß der Woche zu uͤberraſchen. Aber als ihm die„Mama“, die damals ſelber genug verdiente, die Wange ſtreichelte, ihn einen guten Jungen nannte und ihm ſagte, er ſolle fuͤr ſich ſelber ſparen, denn es wuͤrde ſchoͤn ſein, wenn er groß wuͤrde und dann einen huͤbſchen Pfennig zuruͤckgelegt haͤtte: da wurde er ein Geizhals auf eigene Rechnung. Endlich that er mit Erl niß des Polizelinſpectors und unter Beiſtimmung des Beſitzers des anſtoßenden Hauſes ſeinen großen Schritt im Leben und folgte einem verſtorbenen Neger in der Wuͤrde und der Einnahme des denkwuͤrdigen Kehreramts. Von dieſer Stunde an fuͤhlte er ſich in ſeiner eigentlichen Beſtimmung; aber ach! die arme Becky war bereits unter's duͤrre und gelbe Laub gefallen! Mit der Abnahme ihrer Kraͤfte nahmen auch ihre guten Eigenſchaften ab. Sie ergab ſich dem Trinken— nicht um ſich geradezu zu betaͤuben, ſondern nur, um ſich„behaglich zu machen“; und um ihr Geluͤſt zu befriedigen, leerte ſie, wie Beck eine Morgens beim Erwachen ſah, ſeine Taſchen. Da beſchloß er, und ohne ſie zu ſchelten, ſich eine ſicherere Wohnung zu ſuchen. Spa⸗ ren war zur gebieteriſchen Nothwendigkeit ſeines Daſeins geworden, Doch muß man zu ſeiner Rechtfertigung geſtehen, daß Beck ein leiſes Gefuͤhl fuͤr das hatte, was er der„Alten“ verdankte. Jeden Sonn⸗ abend Abend kam er in ihre Wohnung und gab ihr eine gewiſſe Summe, die auch nicht einmal im Verhaͤltniß zu ſeinen Einnahmen groß war, die aber dem armen unwiſſenden Geizhals, der ſich ſelber jeden Heller abdarbte, als ein ungeheurer Abzug von ſeinem Kapital und als eine Summe erſchien, die fuͤr jedes menſchliche Beduͤrfniß zur Gnuͤge ausreichte. Und waͤhrend er nun heimging, von Allem be⸗ raubt, außer den wenigen Pence, die er an dieſem Tage geſammelt, war— man muß dies zu ſeiner Ehre geſtehen— nicht ſeine geringſte Qual der Gedanke, daß dies der Sonnabend ſei, an welchem zum erſten Male ſeine Spende ausbleiben wuͤrde. Aber ſo traurig und elend ſah er aus, als er ihr kleines Gemach 87 erreichte, daß„Mama“ ganz an ſich ſelber zu denken vergaß, und als er ſeine Geſchichte erzaͤhlt hatte, war ihr Troſt ſo liebreich, ihr Mit⸗ gefuͤhl ſo uneigennuͤtzig, daß er ſich ſeine alte Sparſamkeit vorwarf, ſo wie ſeine zarte Ahndung ihres einmaligen Vergehens; hatte ſie nicht ein Recht auf Alles, was er ſchaffte? Aber Gewiſſensbiß und Gram gingen bald beide unter in dem Fieber, welches ihn ergriff; mehrere Tage war er ohne Beſinnung, und als er ſich in ſoweit erholte, um gewahr zu werden, was um ihn her vorging, ſah er die Wittwe neben ihm ſitzen, in den vier nackten Waͤnden— denn Alles, außer dem Bett, worauf er ſchlief, war verkauft worden, um ihn bei ſeiner Krankheit zu unterhalten. Sobald er wieder aus dem Hauſe wanken konnte, eilte Beck nach ſeinem Straßenpoſten— ach! er war ſchon eingenommen! ſeine Abweſenheit hatte zu eiferſuͤchtiger Uſurpation ge⸗ fuͤhrt. Ein einbeiniger trotziger Seemann hatte ſeinen Thron ein⸗ genommen und fuͤhrte ſein Scepter. Das Decorum der Straße ver⸗ bot den Zwiſt der ſtreitenden Parteien, aber der Seemann ſtellte die Discuſſion einem Meeting anheim, das in einer Kneipe der Rookery am Abend gehalten werden ſollte. Dort wurde eine Jury beſtellt und der Proceß eroͤffnet. Nach den herkoͤmmlichen Geſetzen, welche dieſe nuͤtzliche Genoſſenſchaft reguliren, war Beck noch immer in ſeinem Rechte, ſein Wiedererſcheinen genuͤgte, um ſeine Anſpruͤche giltig zu machen, und eine Appellation an den Polizeibeamten mußte ohne Zwei⸗ fel ſeine Autoritaͤt herſtellen. Aber Beck war noch ſo unwohl und ſchwach, daß er die traurige Einbildung naͤhrte, er werde ſeine Amts⸗ pflichten nicht genuͤgend erfuͤllen koͤnnen; und als ſich der Seemann, der im Ganzen kein ſchlechter Kerl war, ſich erbot, bis auf den Pfennig zu erlegen, was wirklich eine ziemlich reichliche Summe ſchien, wofern Beck ſeine Rechte friedlich abtraͤte, da dachte der arme Wicht an die leeren Waͤnde ſeiner Mama, an den langen traurigen Zeitraum, der, wenn er auch arbeitsfaͤhig war, vergehen mußte, bevor das verpfaͤndete Hausgeräͤth von ſeinen taͤglichen Erſparniſſen wieder eingeloͤſ't wer⸗ 8 den koͤnnte, und mit einem Seufzer hielt er die Hand hin und ſchloß den Handel. Er kroch heim zu der„Alten“ und warf ihr den Kauſſchilling in den Schooß: dann ſchlich er gebrochnen Herzens und verzweifelnd wieder fort, waͤhrend er eine vage, traͤumeriſche Hoffnung naͤhrte, daß das Geſetz, welches Vagabunden haßt, ihn ergreifen und einſper⸗ ren wuͤrde. Nachdem dieſe Erzaͤhlung vollendet war, unterließ Percival nicht das ſanfte Werk der Ermahnung, welches bei dem erweichten Herzen und den dunkeln Gewiſſensſchlaͤgen des armen Kehrers um ſo leichter wurde. Mit ſanften Worten deutete er an, wie vielleicht die Hab⸗ ſucht, der er ſich hingegeben, gnaͤdig gezuͤchtigt worden ſei, und ent⸗ warf ein zierlich ſprechendes Gemaͤlde von dem Elende des vollendeten Geizhalſes. Beck hoͤrte beſcheiden und reſpectvoll zu, obwohl er ſo wenig von Gnade, und Vorſehung, und Laſter verſtand, daß der er⸗ habenere Theil der Predigt ihm ganz verloren ging. Indeß geſtand 12 er reuig, daß„ihn die Matratze ſchlechter als ein Thier gegen die alte Frau gemacht haͤtte,“ und daß er auf zeitlebens vom Sparen ge⸗ heilt ſei. 1„Und nun,“ ſagte Percival,„da du in der That nicht kraͤftig genug ſcheinſt, um ſolche Geſchaͤfte im Freien zu beſorgen,(zumal da der Winter naht),— was meinſt Du, wenn Du in meinen Dienſt 1 traͤteſt? Ich brauche einen Gehilfen in meinen Staͤllen. Das Ge⸗ ſchaͤft iſt leicht genug, und du biſt ja auch gewiſſermaßen an Pferde gewoͤhnt.“ Beck zogerte und ſah einen Augenblick unentſchloſſen aus. End⸗ lich ſagte er:„Mit Ew. Gnaden Erlaubniß, wenn ich nicht ſtark ge⸗ nug bin, die Straße zu fegen, ſo fuͤrcht; ich, ich werde Ihnen auch nicht zu dienen vermoͤgen. Und waͤr' es nicht ſchlecht, Ihren Lohn zu nehmen, und doch nicht fuͤr Sie zu arbeiten, wie ſich's gehorte?“ „Ach was, wir wollen Dich bald ſtark machen, lieber Mann. Nimm meinen Rath an und denke nicht weiter an den Straßenpoſten. 89 Dergleichen Induſtrie ſetzt Dich ſchlechter Geſellſchaft und ſchlechten Gedanken aus.“ „Das iſt freilich wahr,“ ſagte Beck, indem er ſeinen rechten Zei⸗ gefinger auf ſeine linke flache Hand legte. „Gut, ſo biſt Du in meinem Dienſt. Geh' jetzt hinunter und nimm dein Fruͤhſtuͤck zu dir. Und hoͤr'— Du ſollſt mir auch Deine Mama zeigen, damit wir ſehn koͤnnen, was ſich fuͤr ſie thun laͤßt.“ Beck druͤckte ſeine Haͤnde vor die Augen und vermochte ſich des lauten Weinens kaum zu enthalten. Aber es war zu viel fuͤr ihn; und als ihn der Bediente, der auf Percival's Ruf erſchien, die Treppe hinabfuͤhrte, hoͤrte man ſein Schluchzen durch's ganze Haus. Vierzehntes Kapitel. Nachrichten von Grabman. Dieſer Tag, der ſo bedeutungsvoll fuͤr Beck wurde, war nicht minder denkwuͤrdig fuͤr andre und bedeutendere Perſonen dieſer Ge⸗ ſchichte. Fruͤh am Vormittag wurde Madame Dalibard ein Packet über⸗ bracht, welches Ardworth's ſchon beruͤhmtes Buch enthielt, ferner eine gute Anzahl von Auszuͤgen darüber aus den Zeitungen und fol⸗ genden Brief von dem jungen Verfaſſer: „Aus beifolgendem Packet werden Sie erſehen, daß Ihre Rath⸗ ſchlaͤge bei mir von Gewicht geweſen ſind. Ich bin abgewichen von meiner traͤgen Laufbahn. Ich habe, wie Sie wuͤnſchten, die Leute 90 „von mir reden gemacht.“ Welchen ſoliden Nutzen ich davon aͤrnten werde, weiß ich nicht. Ich werde mich nicht oͤffentlich zu dem Buche bekennen. Solche Bekanntſchaft kann mich in der Rechtscarriere nicht foͤrdern. Aber, liberavi animam meam— entſchuldigen Sie meine Pedanterie— ich habe meine Seele einen Augenblick frei gelaſſen ich fange ſie nun wieder ein, um ihr wieder Zaum und Sattel auf— zulegen. Ich will Ihnen nicht ſagen, wie Sie mich beunruhigt ha ben— wie Sie mich angeſtachelt haben, bei dieſem vorzeitigen Stuͤr⸗ zen unter die Menge— wie Sie, nachdem Sie mich des Namens und Vaters beraubt, mich zu dieſem Experiment mit meinem eigenen Geiſte getrieben haben, um zu ſehen, ob ich mich ſelber taͤuſchte, wenn ich mir ſelbſt zurief:„das Publikum ſoll dir einen Namen geben und die Fama ſoll deine Mutter ſein.“ Ich bin mit dem Experiment zufrieden. Ich weiß nun beſſer, was in mir iſt: Und ich habe den Frieden meiner Seele wieder gewonnen. Wenn in dem Erfolge die ſes fluͤchtigen Werkes Etwas iſt, was das Intereſſe befriedigt, wel ches Sie ſo guͤtig an mir nehmen, ſo betrachten Sie dieſen Erfolg als Ihren eignen. Ihnen verdank' ich denſelben, Ihren Lehren, Ihren Erinnerungen. Ich erwarte geduldig Ihre eigne Zeit zu fernern Auf⸗ ſchluͤſſen; bis dahin muß das Rad weiter arbeiten und das Korn ge⸗ mahlen ſein. Liebreiche und großmuͤthige Freundin, bis jetzt wollt' ich Sie nicht durch Ruͤckerſtattung der Summe verletzen, die Sie mir ſen⸗ deten— ja, ich wußte ſogar, daß es Ihnen angenehm ſein wuͤrde, wenn ich einen Theil davon daran wagte, um dieſen Verſuch der Welt zu uͤbergeben und ſomit ſein gutes Gluͤck doppelt zu Ihrem eignen Werke zu machen. Jetzt, da der Buchhaͤndler laͤchelt und die Leute im Laden ſich verbeugen, wo ich das Anerkenntniß habe, eine Bank in meinem Gehirn zu beſitzen— jetzt koͤnnen Sie nicht mehr beleidigt ſein, die Summe zuruͤckzuerhalten. Adieu. Wenn meine Seele wie⸗ der im Gang iſt, und ich mich wieder feſten Schrittes auf der alten dunkeln Straße fuͤhle, werd' ich Sie beſuchen. Bis dahin, Ihr— 5 4 ——4 91 welcher Name? oͤffnen Sie das biographiſche Woͤrterbuch auf's Ge⸗ rathewohl und ſenden Sie mir einen.“ „Gray's Inn.“ Nicht uͤber die edeln Gedanken und das tiefe Gefuͤhl fuür Menſchheit, was das ganze Werk durchgluͤhte, welches Lueretia jetzt zit⸗ ternd durchflog, fuͤhlte ſie ſich entzuͤckt. Alles was ſie wiedererkannte oder wiederzuerkennen wuͤnſchte, waren die Beweiſe fuͤr diejenige Geiſteskraft, die ſich ihren Weg durch die Welt bahnt und die ſich, ſtark und unverkennbar, auf jeder Seite dieſer kraͤftig logiſchen und ſchlagenden Schrift kund gab. Indem das Buch ſo geleſen wurde, war ſie bald damit fertig; die Zeitungsauszüge gefielen ihr ſogar mehr. „Das,“ ſagte ſie laut, in der Freiheit ihrer Einſamkeit, iſt der Sohn, den ich wuͤnſchte— ein Sohn, mit welchem ich ſteigen kann— in welchem ich das Gefuͤhl der niederdruͤckenden Schmach mit dem alten koͤſtlichen Entzuͤcken des Stolzes vertauſchen kann! Koͤnnt' ich fuͤr dieſen Sohn zu viel thun? Nein; in Allem, was ich fuͤr ihn thun mag, kann, denk' ich, kein Vorwurf liegen! Und er nennt ſeinen Erfolg mein— mein!“ Sie athmete ſtolz und richtete 9 das Haupt empor. Mitten in dieſer Freude fand ſie Varney und bevor er das An⸗ liegen, welches ihn herfuͤhrte, nennen konnte, mußte er anhoͤren, was er mit dem geheimen freſſenden Neide that, den ihn jedes Andern Gluͤck verurſachte, wie ſie ſich ſelbſt ſtolze Gluͤckwuͤnſchungen ſagte. Als ſie innehielt, gleichſam um ſeine Theilnahme zu fordern, konnt' er nicht umhin hoͤhniſch zu ſagen: „Alles dies iſt ſehr ſchoͤn, belle mère; und doch haͤtt' ich kaum gedacht, daß dieſes hartzuͤgige, ungeſchlachte Rechtsgeſchöpf, das ſich ſelten bewegt, ohne einen Stuhl umzuſtoßen, ſelten lacht, ohne daß die Fenſterſcheiben klirren— kaum haͤtt' ich gedacht, daß erade er die Perſon ſei, um ihren Stolz zu befriedigen, oder dem 2 9 Familienideal von einem Gentleman und einem St. John zu ent⸗ ſprechen.“ „Gabriel!“ ſagte Lucretia ernſt;„Sie haben eine beißende Zunge und es iſt Thorheit von mir, mich uͤber jene Vorrechte zu be klagen, die Ihnen unſre fuͤrchterliche Verbindung gibt. Aber, dieſe Spoͤtterei—“ „Nun, nun— ich hatte Unrecht— verzeihn Sie!“ unterbrach ſie Varney, der, ſonſt nichts fuͤrchtend, doch den Unwillen ſeiner Stiefmutter ſehr fuͤrchtete. „Es iſt verziehn,“ ſagte Lucretia kalt und mit einer leichten Handbewegung, worauf ſie mit Ruhe hinzufuͤgte: „Schon laͤngſt— noch waͤhrend ich Erbin von Laughton war— gab ich den leeren Stolz in dem bloßen Scheine von Vornehmheit auf. Haͤtt' ich das nicht gethan, wuͤrd' ich mich dann zu William Mainwaring herabgelaſſen haben? Was ich damals achtete, achte ich bei allen Erniedrigungen, die ich erfuhr, noch: Talent, Ehrgeiz, Verſtand und Willen. Glauben Sie, daß ich dieſe an einem Sohne zu erkennen vermoͤchte, blos wegen der Anmuth, die ihm ein Tanz⸗ meiſter verkaufen kann? Gewiß nicht! Fuͤgen wir zu dieſer Gei⸗ ſtesfaͤhigkeit nun Reichthum, und die Welt wird nichts Plumpes an den Schritten ſehen, die zu ihren hoͤchſten Stellen fuͤhren, und keinen Mißklang in dem Lachen finden, welches uͤber Narren triumphirt! Aber Sie haben mir Neuigkeiten mitzutheilen oder einen Vorſchlag zu machen.“ „Ich habe Beides,“ ſagte Varney.„Erſtens habe ich einen Brief von Grabman!“ Lucretien's Augen funkelten und gierig griff ſie nach dem Briefe, den ihr Siefſohn ihr reichte. 1 „Liverpool, October 1831. „Jaſon— ich glaube, ich bin nicht auf der Straße zum Ziel. Nachdem ich mich zuerſt von der im Kirchenbuche aufgezeichneten Thatſache der Geburt und Taufe von Alfred Braddell's Sohn uͤber⸗ 93 zeugt, denn wir muͤſſen regelrecht in dieſen Dingen verfahren, ſtrengte ich zunaͤchſt meinen Witz an, um dieſes Sohnes Ausgang aus dem vaͤterlichen Hauſe zu erforſchen. Ich habe eine alte Magd, Jane Prior, aufgetrieben, die bei Braddell's wohnte. Sie iſt jetzt Waͤ⸗ ſcherin, eine eifrige Puritanerin und arbeitet fuͤr die Frommen. An⸗ fangs war ſie ſehr zuruͤckhaltend in ihren Mittheilungen, aber mit Hilfe ihrer Vorurtheile und Launen und unter Beiſtand des ehrw. Mr. Graves(von ihrem eignen Glauben) habe ich ſie dahin gebracht, ihre Lippen zu oͤffnen. Es ſcheint, daß dieſe Braddell's ſehr ungluͤcklich lebten— der Gatte, ein frommer Diſſenter, hatte eine Dame von ſehr verſchiedenem Glauben und Handeln geheirathet. Jane Prior beklagte ihren Herrn und verabſcheute ihre Gebieterin. Einige Um⸗ ſtaͤnde in dem Benehmen der Mrs. Braddell brachten den Gemahl, der damals von ſeiner letzten Krankheit befallen war, aus einem Ge⸗ wiſſenspunkte zu dem Entſchluſſe, ſein Kind vor dem Schickſal, durch ihre Lehren und Beiſpiele verdorben zu werden, zu bewahren. Mrs. Braddell war von Liverpool abweſend auf einem Beſuch, was des Gatten Freunde fuͤr ſehr gefuͤhllos erklaͤrten; waͤhrend dieſer Zeit ward Braddell beſtaͤndig von einem Herrn(Mr. Ardworth) beſucht, wel⸗ cher in manchen Dingen ſich ſehr von ihm unterſchied, waͤhrend jedoch die Politik(denn beide waren große Politiker und Republikaner) beide zu vereinigen ſchien. Eines Abends, als ſich Mr. Ardworth im Hauſe befand, war Jane Prior, die einzige Magd(denn von den zwei, die man hielt, war die eine gerade entlaſſen) zum Apotheker ausgeſchickt worden. Als ſie wiederkam und nach der Kinderſtube ging, vermißte ſie das Kind. Sie glaubte, es ſei bei ihrem Herrn, aber als ſie in ſein Zimmer kam, gebot ihr Mr. Braddell die Thuͤr zu ſchließen, ſagte ihr, daß er den Knaben Mr. Ardworth anvertraut haͤtte, um ihn rechtſchaffen und fromm erziehen zu laſſen, und bat und empfahl ihr, dies als ein Geheimniß vor ſeiner Frau zu bewahren, die er in der That, wenn er leben bliebe, nicht wieder in ſein Haus nehmen wollte. Braddell uͤberlebte dieſen Vorfall indeß nicht laͤnger 94 als zwei Tage. Nach ſeinem Tode kehrte Mrs. Braddell zuruͤck; aber Aueindn de, die mit den Symptomen ſeiner Krankheit zuſammen⸗ hingen und ein ſtarker Verdacht, den er ſelber gehegt und der Jane Prior mi itgetheilt hatte, naͤmlich daß er vergiftet ſei, fuͤhrten zu einer Pruͤfung ſeines Leichnams. Man entdeckte jedoch keine Spur von Gift und der Verdacht, der ſich gegen ſeine Gattin gerichtet hatte, konnte nicht rechtlich gbenründet werden; indeß ward ſie immer mit ſolchem Mißtrauen von Allen, die beide gekannt hatten, betrachtet, ſie fand ſo wenig freundliche Behandlung und Mitgefuͤhl in ihrem Wittwenſtande und war ſo woffer von Jane Prior angeklagt worden, daß man ſich nicht wundern konnte, wenn ſie den Ort ſo bald als moͤglich verließ. Das Haus ward ihr genommen, denn Mr. Brad⸗ ls Angelegenheiten waren in ſolcher Verwirrung und ſeine Schul⸗ den ſo bedeutend, daß man Alles in Beſchlag nahm und verkaufte. Weder der uüttde⸗ noch dem Kinde blieb etwas uͤbrig(wofern man z letztere je entdeckt haͤtte). ‚Wie ſich vermuthen laͤßt, machte Mrs. Braddell, anfangs ſehr viel Laͤrm wegen des Kindes, allein Jane Prior hielt ihr Verſprechen und verrieth die Spur nicht. Mrs. Braddell war daher genoͤthigt, den Ort zu verlaſſen, ohne zu wiſſen, was aus dem Kinde gewor⸗ den war; ſeitdem hat man nichts von ihr gehoͤrt, aber Jane Prior ſagte, es koͤnne unmoͤglich ein gutes Ende mit ihr genommen haben. Wenn Ihnen nun auch von alledem viel bekannt ſein mag, lieber Jaſon, ſo iſt es doch recht, wenn ich Ihnen den Zeugen vorſtelle, damit Sie wiſſen, was zu erwarten iſt und ſich dagegen wahren koͤn⸗ nen; und vor jedem Gericht muͤßte, um die Identitaͤt Vincent Brad dell's zu beweiſen, Jane Prior eine Hauptzeugin ſein und ſie wuͤrde die arme Mrs. Braddell gewiß nicht ſchonen. Was indeß den Haupt⸗ punkt, naͤmlich den Verdacht wegen Vergiftung ihres Gemahls an⸗ langt, ſo kann die Unterſuchung und das Erkenntniß alle Beſorgniß beſeitigen.“ „Sodann ſtellte ich Forſchungen an hinſichtlich der Spur Walter an 95 Ardworth's, nachdem er Liverpool verlaſſen, was er that(wie ich aus den Buͤchern des Gaſthofs, wo er wohnte und bekannt war, erſehen), waͤhrend er dem Gaſthofsbeſitzer noch verſchuldet war, und zwar in derſelben Nacht, da ihm das Kind anvertraut worden. Hierbei bin ich noch im Unklaren. Doch habe ich mich uͤberzeugt, daß eine Frau, eine von der Secte, Namens Joplin, die in einem Dorfe fuͤnfzehn Meilen von der Stadt lebte, das Kind verpflegte, und zwar an der telle ihres eigenen, welches ſie verloren hatte. Morgen reiſ' ich Dorfe. Aber ich kann dort nicht viel erwarteu, da jener ihrer wahrſcheinlichern Anſicht abweicht, naͤmlich daß Walter Ardworth das Kind ſogleich zu Mr. Fielden gebracht habe. Sie ſehen indeß, daß ich mit dem Beweiſe bereits ſehr weit gekom⸗ men bin:— Die Geburt des Kindes; die Uebergabe des Kindes an Ardworth. Ich ſehe nunmehr ſchon einen ganz hübſchen Prozeß vor uns und ich zweifle keinen Augenblick am endlichen Erfolg.“ „Der Ihrige, N. Grabman.“ Feſt und ohne die Miene zu veraͤndern las Lucretia den Brief bis zur letzten Zeile. Dann wiederholte ſie, waͤhrend ſie ihn auf den Tiſch niederlegte, mit dem Ausdruck triumphirender Freude:„Kein Zweifel am endlichen Erfolg!“ „Fuͤrchten Sie nicht Manches, was jenes Weib, die Jane Prior, gegen Sie ſagen kann?“ fragte Varney. Lueretia's frohlockende Miene verſchwand.„Es iſt ſchon eine neue Marter,“ ſagte ſie,„daß ich auch nur meine Ehe mit einem ſo niedriggebornen Heuchler eingeſtehn muß. Aber der Sache wegen kann ich es ertragen,“ fuͤgte ſie ſtolz hinzu.„Nichts vermag mich bei dieſen Geruͤchten und dieſem vagen Skandal wirklich zu verletzen. Die Unterſuchung rechtfertigt mich, und die Welt wird der Mutter deſſen freundlich begegnen, der Rang und Reichthum beſitzt, und deſſen kraͤftiges Genie, das ſich ſchon in der Unberuͤhmtheit bewaͤhrte, im Ruhme gewiß die Meinung beherrſchen wird.“ „Sie ſind demnach jetzt geneigt, ſofort zu handeln. Was Helenen anlangt, ſo iſt Alles vorbereitet— die Verſicherungen zu Ihrem Beſten ſind in Ordnung und die Papiere unterzeichnet. Hinſichtlich Percival St. John's erwart' ich indeß Ihre Weiſungen. Wird es beſſer ſein, erſt Ihres Sohnes Identitaͤt zu beweiſen, oder, wenn die moraliſche Ueberzeugung, daß der Beweis beigebracht werden koͤnne, vorhanden iſt, in Zeiten beide Schranken von ſeiner Erbſchaft zu beſeitigen,? Saͤumen wir in letzterem Falle, ſo wird die Beſeitigung Percival St. John's verdaͤchtiger, als ſie es zu einer Zeit ſein wuͤrde, wo Sie noch kein ſichtbares Intereſſe an ſeinem Tode haben. Ueberdies haben wir jetzt die Gelegenheit oder koͤnnen ſie machen;— wiſſen wir, wie lange das ſo bleibt? Ferner wird es auch natuͤrlicher ſein, wenn des Liebenden Herz gleich bei der erſten Erſchuͤtterung bricht, ſobald“— „Ja,“ unterbrach ihn Lucretia,„ich moͤchte gern alles Sinnen und Denken auf Verbrechen hinter mir haben, wenn ich, meinen Sohn an mein Herz druͤckend, ſagen kann: Deiner Mutter Erbſchaft iſt Dein! Ich moͤchte keinen Mord mehr vor meinen Augen haben wenn dieſelben nur noch auf die ſchoͤne Ausſicht jenſeits blicken ſoll⸗ ten. Ich moͤchte all' die garſtigen Bilder des Grauens in den Hinter⸗ grund meines Gedaͤchtniſſes draͤngen, ſo daß mich die Hoffnung noch einmal ungeſtoͤrt beſuchen koͤnnte. Nein, Gabriel, ſpraͤch' ich auch ohn' Ende, Sie wuͤrden doch nicht begreifen, was fuͤr mich in einem Sohne liegt! Es iſt eine ganze Zukunft! Es wird damit ein Stein uͤber das Grab der Vergangenheit gewaͤlzt— es iſt eine Auferſtehung— zu einer neuen Welt— es wird dabei wieder eine Regung empfun⸗ den, die nicht unrein iſt— ein Plan, der nicht verbrecheriſch. Es iſt, mit einem Worte, ſo viel, als hoͤrte ich auf in meinem Selbſt zu leben, um in einer anderen Seele zu denken, um mein Herz in ei⸗ nem anderen Korper ſchlagen zu hoͤren. Alles das erwarte ich in einem Sohne. Und wenn in ſeinem Bilde Alles dies vor mir laͤchelt, ſoll ich dann durch das Bewußtſein eines neuen, noch zu begehenden Verbrechens in meine Hoͤlle zuruͤckgeriſſen werden? Nein, waten wir —;—·— 97 raſch durch den blutigen Strom, damit wir unſere Gewaͤnder trocknen und auf dem Ufer Athem ſchoͤpfen koͤnnen, wo die Sonne ſcheint und Blumen bluͤhen!“ „So ſei es denn,“ ſagte Varney. Bevor die Woche voruͤber iſt, muß ich unter demſelben Dache wie St. John ſein. Und warum ſol⸗ len nicht Alle einander, bevor dieſe Woche aus iſt, in den alten Hal⸗ len Laughtons begegnen?“ „Ja, in den Hallen Laughtons! am Herde unſerer Ahnen werden die fuͤr unſre Nachkommen vollbrachten Thaten minder dunkel aus⸗ ſehen!“ „Und zuerſt ſoll, um den Weg zu bahnen, Helene in dieſer Ne⸗ belluft Londons krank werden und einer Luftveraͤnderung beduͤrfen.“ „Stellen Sie dieſen Tiſch vor mich. Ich will William Main⸗ waring's Brief wieder und immer wieder leſen, bis aus jedem Schat⸗ ten der Vergangenheit eine Stimme ruft:„Das Kind Deiner Ne⸗ benbuhlerin, Deiner Verraͤtherin, Deiner Feindin ſteht zwiſchen dem Tageslicht und Deinem Sohne!““ Funfzehntes Kapitel. Verſchiedenes. Indem wir das ſchuldige Paar ſeine Plaͤne ſchmieden und ſeinen furchtbaren Hoffnungen nachhaͤngen laſſen, begleiten wir Percival zu dem Haͤuschen, welches Becky Carruthers bewohnt. Als er Beck in das Gemach folgte, ward Percival nicht wenig uͤberraſcht, auf dem einzigen ſichtbaren Stuhl keine geringere Per⸗ ſon, als die wuͤrdige Mrs. Mivers ſitzen zu ſehen. Die gute Dame errothete tief, ſich bei ihrem wohlthaͤtigen Beſuche betroffen zu ſehen und eilte, ſich durch die Bemerkung zu entſchuldigen, daß ſie zu einer Bulwer, Lucretia. IV. 7 Geſellſchaft von Frauen fuͤr„Verbeſſerung der Lage der Armen“ ge⸗ hoͤre, und daß ſie, da ſie ſo eben der Mrs. Becky ſchlimmen Zuſtand erfahren, hergekommen ſei, um derſelben einen— Ventilator zu empfehlen! „Es iſt wirklich erſchrecklich zu ſehn, wie wenig dieſe Armen auf die gehoͤrige Luͤftung ihrer Haͤuſer achten. Kein Wunder dann, wenn ſo viel„Typhus“ herrſcht!“ ſagte Mrs. Mivers.„Und fuͤr wenige Pence koͤnnen wir doch einen Luftſtrom einfuͤhren, welcher Alles mit wegnimmt, was er findet. „Ich danke Ihnen herzlich, Madame,“ ſagte das arme Lumpen⸗ buͤndel, welches den Namen Becky fuͤhrte, waͤhrend es ſich, muͤhſam genug, anſtrengte, in Gegenwart des wohlthaͤtigen Gaſtes aufrecht zu ſtehen.„Aber ich fuͤrchte nur, die Luft wird das Reißen noch ſchlimmer machen!“ „Im Gegentheil— im Gegentheil!“ ſagte Mrs. Mivers triumphirend, und ſie begann wiſſenſchaftlich auseinander zu ſetzen, daß alles Fieber, Kopfweh und alle phyſiſchen Schmerzen, welche die Armen heimſuchen, aus dem Mangel einer Luftklappe im Ka⸗ min und eines durchbrochenen Gitters in dem Fenſter entſtehen. Becky hoͤrte geduldig zu; denn Mrs. Mivers war nur in ihren Wor⸗ ten gelehrt und hatte ſich in ihren Handlungen ganz anders bewieſen, denn ſie hatte fuͤnf Schilling von freien Stuͤcken hergegeben und einen Korb Lebensmittel nebſt etwas gutem Wein verſprochen, um damit den kalten Wind, den ſie in das Gemach haben wollte, fuͤr den Ma⸗ gen unſchaͤdlich zu machen. Percival ahmte Becky's Schweigen nach, deren Geiſt durch eine geplagte Exiſtenz ſo niedergebeugt war, daß nicht einmal der Anblick ihres Pflegeſohns ihre Aufmerkſamkeit von dem einer hoͤheren Perſon gebuͤhrenden Reſpecte abziehen konnte. „Und iſt dieſer arme, ſo abgezehrt ausſehende Menſch Ihr Sohn Mrs. Becky?“ ſagte die Beſucherin, als ihr endlich die Erſcheinung —,* 5—.— 99 des Erkehrers auffiel, der mit dem Hut in der Hand auf der Schwelle ſtand. „Nein, das nicht, Madame,“ antwortete Becky.„Ich ſagte oft — oft ſagt' ich, ja—„Kind, Du biſt der Sohn von Saint Poll's.“ Beck laͤchelte ſtolz. „Es war bei der großen Kirche, Madame— aber das iſt eine lange Geſchichte. Mein armer guter Mann war noch nicht lange todt— ein recht braver Mann, Madame“(dabei trocknete Becky ihr Auge);„er fiel von einem Geruͤſt und ſchlug ſich den Kopf ent⸗ zwei— ſonſt waͤr' ich nicht in die Armenpflege gekommen, Madame — und das iſt die Wahrheit an der Sache.“ „Nun gut, ich werde mir noch Alles erzuͤhlen laſſen— gewiß, eine traurige Geſchichte. Sehen Sie, Ihr Mann haͤtte in eine Sterbecaſſe treten ſollen, dann wurde er einen huͤbſchen Sarg be⸗ kommen haben und die Wittwe haͤtte drei Pfund erhalten. Aber die Armen ſind ſo unwiſſend in dergleichen Dingen. Nun, Sir, ich kann nicht errathen, was Sie hierher fuͤhrte? doch das geht mich nichts an. Und wie ſteht Alles zu Brompton?“(dabei nahm Mrs. Mivers eine unwillige Miene an.)„Es gab eine Zeit, wo Miß Mainwaring ſehr gern kam, um mit mir und Mr. Mivers zu plaudern; aber jetzt hat ſich das Blatt gedreht, wie das Sprichwort ſagt. Nun freilich, es iſt nicht ihre Schuld; das arme Geſchoͤpf! Die ſtolze Tante iſt ſchuld! Sie braucht nicht ſo hochmuͤthig zu ſein— Stolz und Armuth, meiner Treu!“ Waͤhrend ſie ſich ſo ausſprach, hatte Mrs. Mivers ihren Man⸗ tel umgenommen, und war im Begriff Abſchied zu nehmen. Als ſie jetzt Becky zunickte und gehen wollte, trat Percival zu ihr und bot ihr mit ſeinem unwiderſtehlichen Laͤcheln ſeinen Arm. Sehr uber⸗ raſcht und ſehr geſchmeichelt nahm ihn Mrs. Mivers an. Dabei hielt er ſie ſanft zuruͤck und ſagte zu Becky: „Meine liebe Frau, ich habe Ihnen den armen Burſchen ge⸗ bracht, dem Sie eine Mutter geweſen ſind, damit er Ihnen ſagt. 7* — 100 daß gute Thaten fruͤher oder ſpaͤter ihren Lohn finden. Was ihn be⸗ trifft, ſo machen Sie ſich keine Sorge mehr; er wird Sie von dem neuen Schritte, den er gethan hat, unterrichten; und was Sie be⸗ trifft, gute, freundliche Frau, danken Sie es dem Knaben, den Sie erzogen, wenn Ihre alten Tage ruhig und behaglich werden. Nun, Beck, naͤrriſcher Menſch, mach' und erzaͤhle Deiner Pflegerin Alles. Nehmen Sie ſich bei dieſer Stufe in Acht, Mrs. Mivers.“ Als er auf der Straße war, gab Percival,(welcher, ſo ſehr ihn auch der Ventilator ergoͤtzte, doch dabei die fuͤnf Schilling in Becky's Hand hatte ſchimmern ſehen, und der daher fuͤhlte, daß unter dem flohfarbigen Mantel ein gutes Frauenherz ſchlug, das ihn verſtand,) der Mrs. Mivers eine kurze Skizze von des armen Beck's Geſchichte und Mißgeſchick und erweckte dadurch ihre Theilnahme fuͤr des Ar⸗ men Pflegerin ſo ſehr, daß ſie gern verſprach, Percival's Almoſen zu beſtellen, und ſeinen Auftrag auszufuͤhren, naͤmlich das Innere von Becky's Wohnung zu verbeſſern und derſelben woͤchentlich die reichliche Gabe zu uͤberbringen, welche er der alten Wittwe zudachte. Sie wa⸗ ren in der That ganz freundſchaftlich und vertraut geworden, als ſie die ſchmucke, ſpiegelfenſtrige und Mahagonifarbige Fagade erreich⸗ ten, hinter welcher das bluͤhende Geſchaͤft der Mrs. Mivers betrieben wurde. Und als ſie an die Thuͤr der Wohnung klopfte und dieſe raſch von einem citronenfarbigen Pagen geoͤffnet wurde, lud ſie ihn ein, mit hinaufzukommen, und da das Geſpraͤch gerade auf Helene ge⸗ kommen war, ſo konnte es nicht fehlen, daß ſich Pereival einwilligend verbeugte und eintrat. Waͤhrend des ganzen Weges treppauf that Mrs. Mivers, indem ſie ſich auf jeder Stufe umdrehte, ihr Beſtes, um ihren jungen Gaſt an die wichtige Thatſache zu erinnern, wie ſie ihre haͤusliche Einrich⸗ tung ganz nach ihrer Bequemlichkeit eingerichtet hätten, und was die gute Dame von ihren Guͤtern und Schaͤtzen ſagte, beſtätigte ſich ſicht⸗ bar in der Decke, womit die Teppiche der Treppe noch belegt waren, und in gewiſſen Papierſtreifen, welche die Mahagony⸗Handleiſte vor d 101 der Profanation unmittelbarer Beruͤhrung ſchutzten. Und nichts ging uͤber die Sorgfalt, welche auf das Geſellſchaftszimmer verwendet war, als man durch die geoͤffnete Thuͤr einen Blick hineinwarf— weislich war dafuͤr geſorgt, daß kein zudringlicher Sonnenſtrahl, welcher ſich etwa ſeinen Weg durch die nebelige Morgenluft in die Fenſter bahnte, oder ebenſo zudringliche Fliegen, den verſchiedenen Geraͤthen und zwei Bildniſſen des Mr. Mivers und ſeiner Gemahlin einen Scha⸗ den zufuͤgen könne. Aber Percival's Ausſicht nach dem Innern wurde ſehr beein⸗ traͤchtigt durch ſeine ſtattliche Fuͤhrerin, die, mit einem Ausruf der Ueberraſchung, auf der Schwelle regungslos ſtehen blieb, als ſie be⸗ merkte, wie Mr. Mivers in eifrigem Geſpraͤch mit einem Herrn am Kamin ſaß, den ſie noch nie geſehen hatte. Um dieſe Stunde pflegte ſich Mr. Mivers ſo aͤußerſt ſelten in dieſem Zimmer finden zu laſſen und eben ſo ſelten pflegte er einen ſeiner Ehegenoſſin fremden Freund zu haben, daß man Mrs. Mivers wohl entſchuldigen kann, wenn ſie St. John vor der Thuͤr ſtehen ließ, bis ſie ſich von ihrem Staunen erholt hatte. Inzwiſchen erhob ſich Mr. Mivers etwas verlegen und war an⸗ ſcheinend im Begriff, ſeinen Gaſt vorzuſtellen, als dieſer Herr huſtete und ſeinen Wirth bedeutſam an den Arm ſtieß. Mr. Mivers huſtete ebenfalls und ſtammelte:„Ein Herr, liebe Frau— ein Freund— der ein Paar Tage bei uns bleibt.— Sehr geehrt— hm!“ Mrs. Mivers blickte ſtaunend, verbeugte ſich und blickte nieder. Aber es lag ein ſo offenes gutmuͤthiges Laͤcheln auf dem Geſicht des Gaſtes, waͤhrend er vortrat und ihre Hand ergriff, daß ihr gutes Herz ſchnell gewonnen werden mußte. Da ſie ſah, daß dies kein Augenblick fuͤr weitere Erklaͤrung ſei, ließ ſie ſich auf einem Sopha nieder und ſagte: „Gott ſchuͤtz' und behuͤt' uns! ich laſſe Sie ſo da ſtehn, Mr. St. John!“ „St. John!“ wiederholte der Gaſt mit einer Heftigkeit, uͤber die Mrs. Mivers erſchrak. „Ihr Name iſt St. John, Sir— ein Verwandter der St. Johns von Laughton?“ „So iſt es,“ antwortete Percival mit ſeinem ſchlauen, ſchuͤchter⸗ nen Laͤcheln;„Laughton hat gegenwärtig keinen wuͤrdigern Beſitzer als mich.“ Der Herr verbeugte ſich zweimal vor Percival und ſchuͤttelte ihm herzlich die Hand. 1 „Das iſt mir hoͤchſt angenehm!“ rief er. Sie entſchuldigen meine Freiheit; aber ich kannte den armen alten Sir Miles ſehr gut, und mein Herz erwaͤrmt ſich beim Anblick ſeines Nachfolgers.“ Pereival betrachtete ſeinen neuen Bekannten und fühlte ſich im Ganzen zu ſeinen Gunſten geſtimmt. Er ſchien noch nicht uͤber die Funfzig hinaus zu ſein und ſein ſchoͤn gebraͤuntes Geſicht beurkundete einen langen Aufenthalt unter dem orientaliſchen Himmel. Tiefe Runzeln in der Naͤhe der Augen und ein dunkler Rand um dieſelben ſprachen von Sorgen und Anſtrengungen und vielleicht von einem wil den Leben. Aber offenbar beſaß er eine ſo kraͤftige Conſtitution, daß er Alles leicht ertragen hatte; ſein Koͤrperbau war kraͤftig, ſein Auge hell und voll Leben; und es lag in ſeinen Bewegungen und ſeinem Benehmen eine gewiſſe unſtete, queckſilberige Raſtloſigkeit, wie ſie dem Manne eigen zu ſein pflegt, den ſein ſanguiniſches Temperament an⸗ treibt, dem Impuls des Augenblicks nachzugeben, und deſſen Segen oder Fluch die Ueberfuͤlle von Thatkraft iſt, jenachdem dieſe zweideutige Gabe von Umſtaͤnden beguͤnſtigt oder von vernuͤnftigem Urtheil ge leitet wird. Percival ſprach einige geeignete Worte, um ſeinen Dank für die Herzlichkeit auszudruͤcken, mit welcher man ſich Sir Miles' erinnerte, den er ſelber nie geſehen hatte; dann ließ er ſich nieder, waͤhrend er leicht erroͤthete, da er jenen feſten, freundlichen und forſchenden Blick auf ſich gerichtet ſah. 103 Um nur irgend etwas zu ſagen, fragte Percival die Mrs. Mivers, ob ſie John Ardworth kuͤrzlich geſehen haͤtte. Der Gaſt, der ſich ſoeben wieder geſetzt hatte, wandte ſeinen Stuhl bei dieſer Frage ſo lebhaft um, daß Mrs. Mivers denſelben knacken hoͤrte. Auf ſolche Behandlung waren ihre Stuͤhle nicht vorbereitet. Ein Schatten zog uͤber ihr roſiges Antlitz, waͤhrend ſie antwortete: „Nein, wirklich nicht;(erlauben Sie, Sir, die Stuͤhle ſind ſchwach gebaut!) Nein,— er iſt, wie Madame, in Brompton und laͤßt ſich ſelten herab, uns zu beehren. Am letzten Sonntag baten wir ihn zu Tiſch. Aber er kuͤmmert ſich nicht um unſer Roaſtbeef und unſern Pudding!“ Hier wurde Mr. Mivers von einem ſo heftigen Huſten befallen, daß ſeine Gattin aufmerkſam wurde. Sie ſprach die Beſorgniß aus, er moͤge ſich erkaͤltet haben. Der Fremde zog eine große Schnupftabaksdoſe hervor, nahm eine ſtarke Prieſe, und ſagte zu St. John: „Jener Mr. John Ardworth iſt gewiß ein recht lockerer Wind⸗ beutel, vermuth' ich— ein Stuͤck von Rechtsgelehrtem, nicht?“ „Sir,“ ſagte Percival ernſt,„John Ardworth iſt mein beſon⸗ derer Freund. Es iſt offenbar, daß Sie wenig von ihm wiſſen.“ „Allerdings,“ ſagte der Fremde,„allerdings, das iſt wahr. Aber ich denke, er gleicht allen Rechtsgelehrten— ſchlau und voll Kniffe, voll Trug und Argliſt, voll Vorurtheil und Wortſchwall, und ein Tory obendrein— o, ich kenne die Leute, Sir, ich kenne ſie!“ „Nun,“ antwortete St. John, halb heiter und halb boͤſe,„Ihre allgemeine Erfahrung dient Ihnen hier ſchlecht. Denn Ardworth iſt gerade das Gegentheil von Ihrer Beſchreibung.“ „Auch in der Politik?“ „Nun, ich fuͤrchte, er iſt halb ein Radikaler— gewiß mehr, als ein Whig,“ antwortete St. John beinahe traurig; denn ſeine eignen Anſichten waren entgegengeſetzte, trotzdem daß er ſie unpa⸗ —— 104 triotiſch vergaß, indem er Ardworth's Eintritt ins Parlament foͤrdern wollte. „Es freut mich ſehr, das zu hoͤren,“ ſagte der Fremde, indem er wieder eine Prieſe nahm.„Und jene Madame zu Brompton— vielleicht kenn' ich ſie etwas beſſer, als ich den jungen Ardworth— die Mrs. Brad— ich meine Madame Dalibard!“ dabei blickte der Fremde Mr. Mivers an, der ſich langſam von einigen heftigen Schlaͤgen auf den Ruͤcken erholte, die ihm ſeine Frau, als Mittel gegen den Reiz zum Huſten, ertheilt hatte.„Iſt es wahr, daß ſie den Gebrauch ihrer Glieder verloren hat?“ Percival nickte. „Und daß ſie die arme Helene Mainwaring, die Waiſe, erhaͤlt? Gut! Das ſieht recht liebenswuͤrdig aus. Ich werde ſehn— ich werde ſehn!“ „Wen werd'’ ich Madame Dalibard nennen, wenn ich ihr ſage, daß man ſich nach ihr erkundigte?“ „Wen! O, Mr. Tomkins. Freillich wird ſie ſich ſeiner nicht er⸗ innern“— und der Fremde lachte, und Mr. Mivers lachte, und Mrs. Mivers, die in der That ſtets lachte, wenn andere Leute lachten, lachte desgleichen. Daher glaubte Percival, er muͤßte der Geſell⸗ ſchaft wegen auch mit lachen, und ſo lachten alle mit einander, waͤh⸗ rend er aufſtand und Abſchied nahm. Er war indeß noch nicht weit nach ſeinem Cabriolet, das er bei Temple Bar gelaſſen, von dem Hauſe weggegangen, als er zu ſeinem Staunen Mr. Tomkins an ſeiner Seite fand. „Ich bitt um Verzeihung, Mr. St. John, aber ich bin ſo eben erſt nach England zuruͤckgekehrt, und unter ſolchen Umſtaͤnden darf man wohl neugierig erſcheinen. Ich ſprach von jenem jungen Rechts⸗ gelehrten. Der alte Ardworth(ein Stuͤck von Taugenichts!) war ſo zu ſagen mein Freund— nicht eigentlich Freund zwar, denn wahr⸗ lich, er hat ſich mir als ſchlimmer Freund bewieſen, denn irgend Je⸗ mand;— aber ich unterhielt gleichwohl eine naͤrriſche Theilnahme it ——:—:—:—;— 105 fuͤr ihn, und es wuͤrde mich freuen, etwas mehr, als mir jener kleine poſſirliche Leinwandhaͤndler ſagen kann, uͤber Jemand zu hoͤren, der ſeinen Namen traͤgt. Sind ſie wirklich gut vertraut mit dem jungen Ardworth, wie?“ „Vertraut! der arme Burſch, er mag keinen zu ſeinem Ver⸗ trauten machen. Er arbeitet zu viel, um geſellig zu ſein. Aber ich liebe ihn aufrichtig, und ich bewundere Ihn uͤber die Maßen.“ „Der Burſch iſt alſo fleißig; nun, das iſt gut. Und macht er auch Schulden, wie der Schuft, der alte Ardworth?“ „In der That, Sir, ich muß ſagen, dieſer Ton mit Bezug auf Mr. Ardworth's Vater“— „Was Teufel, Sir! nehmen Sie auch des Vaters Partei, wie die des Sohnes?“ „Ich weiß nichts von dem aͤltern Mr. Ardworth,“ ſagte Perei⸗ val;„aber ich weiß, daß mein Freund nicht dulden wuͤrde, daß irgend Jemand in ſeiner Gegenwart uͤbel von ſeinem Vater ſpraͤche; und ich bitte Sie, Sir, zu erwaͤgen, daß Alles, was ihn beleidigen wuͤrde, auch mich beleidigen muß.“ „Nun wahrlich, das iſt der gluͤcklichſte junge Taugenichts, ſolch' einen Freund zu haben! Sir, ich wuͤnſch’ Ihnen einen recht ange⸗ nehmen Tag.“ Mr. Tomkins zog ſeinen Hut, verbeugte ſich, und indem er raſch von Percival wegging, war er bald unter der Menge ver⸗ ſchwunden. Da wir aber nun mehr mit ihm, als mit Pereival zu thun ha⸗ ben, ſo laſſen wir den letztern ſein Cabriolet beſteigen, und folgen Mr. Mivers beweglichem Gaſte auf ſeinem ercentriſchen Wege durch das Menſchengewuͤhl. Es gab ſich ein ſeltſames Gemiſch gedankenvoller Abgezogenheit und geuͤbter Beobachtungsgabe in dem Selbſtgeſpraͤch kund, welches der Herr fuͤhrte, waͤhrend er munter dahin wandelte. „Ein huͤbſches junges Buͤrſchchen, dieſer St. John! Etwas vom 106 Vater, aber huͤbſcher, und weniger affeetirt. Ich mag ihn leiden. Ein huͤbſcher Laden— recht huͤbſch! Was ſich London verbeſſert hat! — Das alles recht gute Nachrichten uͤber den armen Jungen, wirk⸗ lich! Am Ende iſt er nicht zu tadeln, mochte ſeine Mutter noch ſo verdammenswerth ſein— ich muß ſobald als moͤglich ſelber nachſe⸗ hen und urtheilen. Kann Andern nicht trauen.— Was iſt das ein haͤßlicher Kerl, der mir nachſieht— gewiß ein Polizeibeamter, hol' ihn der Henker! was frag' ich nach Polizeileuten! hm— hm! Und der Herr ſteckte ſeine Haͤnde in ſeine Taſchen und lachte, als er darin bei all' dem Straßenlaͤrm die Muͤnze klimpern hoͤrte. Nun, ich muß mich ſchnell entſchließen, denn ich habe wirklich ein recht muͤh⸗ ſames Stuͤck Arbeit vor mir. Die Peſt auf ſie— was kann aus dem Weibe geworden ſein? Ich werde einen tuͤchtigen Anwalt auf⸗ treiben muͤſſen. Aber John iſt ja ſelber Advocat. Nun, ſeines Glei⸗ chen war tuͤchtig genug, als es mich zu hetzen galt! Was iſt das fuͤr ein großer Zettel an der Wand?„Nieder mit den Lords.“ Pah, pah! Maſter John Bull, dazu haſt Du die Lords doch gar zu lieb. Ein artiges Maͤdchen. Engliſche Frauen ſehen wirklich recht gut aus. Dieſe Lucretia— was ſoll ich thun, wenn— doch, Zeit genug, um an ſie zu denken, ſobald ich uͤber das gewaltige harte wenn weggekommen bin!“ Unter ſolchen Gedanken und Bemerkungen ging unſer Wandrer eine Zeitlang fort, bis er ſich in Piccadilly befand. Dort zog ein Buchladen(und er hatte den ſcharfen Blick fuͤr Laͤden, welcher in London den Fremden verraͤth), mit ſeinen am Fenſter ausgeſtellten neuen Werken, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Sehr ſichtbar unter den uͤbrigen war das Titelblatt eines Buches, unter welchem ein Zettel mit den lockenden Worten befeſtigt war: Vierte Auflage, ſo eben fertig. Der Titel des Buchs feſſelte ſeine erregbare Phantaſie; er trat in den Laden, ließ ſich den Band reichen, und murmelte, waͤhrend er den Inhalt uͤberblickte:„Gut— trefflich! ah, das erinnert mich an Horne Tooke! Was koſtet es? ſehr theuer 107 — muß es dennoch haben.“— Waͤhrend er ſo die Blaͤtter um⸗ wandte, und ſie mit dem Finger aufriß, ohne des Meſſers zu achten, welches ihm der Commis hinhielt, fragte ein Herr, der an ihn un⸗ ſanft genug anſtieß, ob der Verleger daheim ſei; und als der Com⸗ mis, ſich ſehr tief verbeugend,„ja“ antwortete, ſtuͤrzte der neue An⸗ kömmling in ein kleines Cabinet hinter dem Laden. Mr. Tomkins, der ſehr unwillig aufblickte, als er ſich ſo unhoͤflich behandelt ſah, ſtaunte und wechſelte die Farbe, als er das Geſicht des Beleidigers erblickte.„Ihr Heiligen im Himmel!“ murmelte er faſt hoͤrbar; „welche Aehnlichkeit mit jenem Weibe! und doch— nein— es iſt vorbei!“ „Wer iſt jener Herr?“ fragte er kurz, als er ſein Buch be⸗ zahlte. Der Commis laͤchelte, antwortete jedoch,„ich weiß nicht, Sir.“ „Das iſt eine Luͤge!— Vor einem Manne, den Sie nicht kennen, wuͤrden Sie ſich nicht ſo tief verbeugen.“ Der Commis laͤchelte wieder.„Nun, Sir, es kommen in dies Haus viele, welche nicht wuͤnſchen, daß wir ſie kennen.“ „Ach, ich verſtehe; Sie ſind politiſche Buchhaͤndler— mit Schmaͤh⸗ ſchriften beſchaͤftigt, kann ich wohl ſagen. Immer daſſelbe Weſen in dieſem verwuͤnſchten Lande, und dann ſagt man uns auch noch, wir waͤren frei! Vermuthlich hat dieſer Herr alſo etwas geſchrieben, was William Pitt nicht gefaͤllt. Aber, William Pitt— ha— er iſt todt!— ja wohl, ſo iſt's! Sir, dies Buͤchlein ſcheint vortrefflich; aber zu meiner Zeit waͤr' ein Mann, der's gedruckt haͤtte, nach New⸗ gate gekommen.“ Waͤhrend er ſo ſprach, war Mr. Tomkins ſehr dicht an das Cabi⸗ net gekommen, in welchem der ſpaͤtere Ankoͤmmling verſchwunden war; und dort fuhr er, auf einem Seſſel ſitzend, fort zu leſen und zugleich zu reden, waͤhrend jedoch ſein Auge und ſein Ohr fortwaͤhrend nach dem Cabinet gerichtet waren. Der Commis, der nicht argwohnte, daß er in einem ſo excentri⸗ 108 ſchen, zerſtreuten Manne einen Spion den Geheimniſſen des Hauſes zu nahe kommen laſſe, war fortwaͤhrend mit dem neuen Werke beſchaͤftigt, welches den Kunden ſo bezaubert hatte, und ſprach zugleich von der ungeheuren Senſation, welche das Buch gemacht hatte. Inzwiſchen hatte der Kunde bereits genug von der leiſen Unterredung im Cabinet vernommen, um zu wiſſen, daß der Verfaſſer des Buches derſelbe Mann ſei, der ſeine Neugier ſo ſehr erregt hatte. Nicht eher, als bis dieſer Herr, dem der hoͤfliche Buchhaͤndler bis zur Thuͤr folgte, den Laden verlaſſen hatte, ſteckte Mr. Tom⸗ kins ſein Buch in die Taſche und ging ſelber, dem Commis freund⸗ lich zunickend. Kaum war er auf der Straße, als er ſah, wie Percival St. John, aus ſeinem Cabriolet herausgebeugt, mit dem Verfaſſer ſprach, den er entdeckt hatte. Unentſchloſſen blieb er einen Moment ſtehen, aber der junge Mann, in welchem der Leſer John Ardworth erkennt, lehnte St. Johns Einladung, ihn nach Brompton zu begleiten ab, und nahm ſeinen Weg wleder durch das Gewuͤhl der Straße. Das Cabriolet fuhr fort, und Mr. Tomfkins ſetzte, obwohl mit ernſterer Miene und feſterem Schritt, ſeine Streifzuͤge fort, Inzwiſchen be⸗ gab ſich John Ardworth ſchwermuͤthig wieder nach ſeinem einſamen Zimmer zuruͤck. Dort warf er ſich auf den alten Stuhl vor dem uͤberhaͤuften Schreibtiſch, barg ſein Geſicht in den Haͤnden und empfand einige Minuten jene tiefe Abſpannung, die denen eigenthuͤmlich iſt, welche Ruh’ gewonnen haben, um dem duͤſtern Buche der Erfahrung auch die Ueberzeugung von des Ruhmes Nichtigkeit beizufuͤgen. Einige Mi⸗ nuten empfand er einen unedeln und undankbaren Neid gegen St. John— ſo ſchön, ſo leichtherzig, ſo vom Gluͤck beguͤnſtigt, ſo reich an Freunden— im Beſitz der Liebe einer Mutter, und Helenen ſo gut wie verlobt! Und er dagegen von Geburt an der geſelligen Bande der Blutsverwandtſchaft beraubt— ohne den Kuß einer Mutter, um den Fleiß der Kindheit zu belohnen oder die kindiſchen Spiele zu — 109 wuͤrzen— ohne das aufmunternde Wort eines Vaters zur Begleitung auf dem muͤhſamen Pfade des Mannes! Und Helene, derenwillen er ſich ſo oft, wenn ſein Herz muͤde wurde, wieder zur Arbeit ange⸗ feuert hatte, indem er ſagte: Laßt mich reich, laßt mich groß ſein, und dann will ich wagen, Helenen zu geſtehn, daß ich ſie liebe!— Helene laͤchelte einem Andern, ohne ſeinen Schmerz zu kennen! Wel⸗ che Verguͤtung konnt' ihm der Ruhm gewaͤhren? Was lag daran, daß Fremde Lob ſpendeten und daß der plaudernde Strom der Welt einen Augenblick den Kieſel in ſeinem Wege beſpuͤlte? In der Bitter⸗ keit ſeiner Stimmung war er ungerecht gegen ſeinen Nebenbuh⸗ ler. Den ganzen köſtlichen aber verborgenen Schatz der Phan⸗ taſie und des Denkens, der unter der Oberflaͤche von Helenens freundlichem Laͤcheln ruhte, glaubte er allein— er, der Begabte, — entdecken und wuͤrdigen zu koͤnnen. In dem Stolze, welcher ſich bei der herrſchſuͤchtigſten aller Ariſtokratien, bei den Fuͤrſten der Intelligenz, nicht ſelten findet, vergaß er die Hoheit, welche die Eigenſchaften des Herzens umgibt, vergaß er, daß in den Schran⸗ ken der Liebe das Herz dem Geiſte mindeſtens gleichſteht. In der Reaction, welche großer Aufregung folgt, hatte Ardworth heute ſchmerz⸗ lich ſeine gaͤnzliche Verlaſſenheit und Einſamkeit empfunden— er hatte ſie in den Straßen, durch welche er ging, gefuͤhlt, in der Woh⸗ nung, zu welcher er zuruͤckgekehrt war;— die gluͤhenden Thraͤnen drangen, zum erſten Male ſeit ſeiner Kindheit vergoſſen, durch ſeine verſchlungenen Finger. Endlich erhob er ſich, indem er mit heftiger Anſtrengung ſich ſelbſt bemeiſterte— er verachtete ſeine Schwäche und warf ſich ſeinen undankbaren Neid vor. Er las die ſchmutzigen Manuſcripte und Correcturen ſeines Buchs zuſammen und warf ſich auf den duͤſtern Roſt ſeines Kamins; dann oͤffnete er ſeinen Schreib⸗ tiſch, nahm ein kleines Packet heraus, entfaltete mit zitternden Fin⸗ gern ein Papier nach dem andern und blickte mit feuchten Augen auf die Reliquien, die er bis dahin bewahrt,— in der Andacht des viel⸗ leicht einzigen Gefuͤhles, womit Eros je ſeine eiſerne Natur geſaͤnf⸗ tigt hatte;— es waren das zwei Andenken von Helene— einige Veilchen, die ſie ihm einſt gegeben, und eine kleine Boͤrſe, die ſie fuͤr ihn geſtrickt hatte,(begleitet von einer freundlichen Prophezeiung künftiger Schaͤtze,) als er das Pfarrhaus verlaſſen hatte. Tadelt ihn nicht, die Ihr, mit mehr natuͤrlich romantiſchem Sinn und mit frucht⸗ barerer Phantaſie begabt, die zarteſten Erinnerungen mit den ernſte⸗ ſten Pflichten zu verſoͤhnen vermoͤgt, wenn er, bei all' ſeiner Kraft fühlte, daß die mit jenen Andenken verknuͤpften Gedanken nur ſeine Vorſaͤtze lähmen und ſeine Entſagung verbittern könnten. Ihr könnt die Groͤße des Opfers, die Bitterkeit des Schmerzes nicht ahnen, als er mit abgewandtem Geſicht jene Reliquien auf den Herd fallen ließ. Die Zeugniſſe truͤgeriſchen Ehrgeizes, die Zeichen getraͤumter Liebe — beide verzehrte die naͤmliche Flamme! Es war als beſtattete er ſeine Jugend auf dem Scheiterhaufen! „So!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„laßt alles, was mich von den wahren Zwecken meines Lebens abwenden kann, verzehren!— die Arbeit erhaͤlt ihren Sohn wieder.“ Eine Stunde ſpaͤter fand der heimkehrende Schreiber Ardworth ſo ruhig wie gewoͤhnlich bei ſeinen Acten beſchaͤftigt. — Sechzehntes Kapitel. „1 Die Ein ladung nach Laughton. Als Percival an dieſem Tage nach Brompton kam, erzaͤhlte er Madame Dalibard von ſeiner Zuſammenkunft mit dem excentriſchen Mr. Tomkins. Lucretia ſchien beunruhigt durch die Nachfragen, mit denen jener Herr ſie beehrt hatte, und ſobald Percival gegangen war, ſendete ſie nach Varney. Er kam erſt ſpaͤt. Sie wiederholte ihm, was St. John von dem Fremden geſagt hatte. Varney theilte 7— 4— 111 ihre Unruhe. Der Name war ihnen allerdings unbekannt, auch ver⸗ mochten ſie den Fuͤhrer eines ſo gewoͤhnlichen Familiennamens nicht zu errathen, aber es gab Geheimniſſe genug in Lucretia's Leben, um ſie eine Begegnung der Perſonen fürchten zu laſſen, die ſie in fruͤhern Jahren gekannt hatten; und Varney war beſorgt, daß vielleicht ein St. John mitgetheiltes Geruͤcht deſſen Vertrauen erſchuͤttern oder die Sicherheit ſchwaͤchen koͤnne, mit welcher man ein bisher ſo arg⸗ loſes Opfer gefeſſelt haͤtte. Beide ſtimmten uͤberein, daß ſie ſich ſelbſt und St. John ſobald als möglich von London entfernen und den letztern verhindern muͤßten, genauer mit dem Fremden umzu⸗ gehen, welcher augenſcheinlich ſeine Neugier erregt hatte. Am naͤchſten Tage war Helene ſehr nnwohl und die Symptome wurden gegen Abend ſo ernſt, daß Madame Dalibard Unruhe zeigte und gern zugab, daß Percival(welcher Helenen nur einige Minuten ſehen durfte, weil ihr Unwohlſein ſo ſehr zunahm, daß ſie ſich nach ihrem Zimmer zuruͤckziehen mußte) fortging, um einen Arzt zu ſuchen. Er kehrte mit einem der ausgezeichnetſten Aerzte zuruͤck. Auf dem Wege nach Brompton ſprach Percival, in Erwiderung der Fragen des Dr.—, von der Niedergeſchlagenheit, welcher ſich Helene dann und wann hingab, und dieſer Umſtand beſtaͤrkte Dr.— in ſeiner Anſicht uͤber die Krankheit, nachdem er die Patientin geſehen hatte. Außer einigen Symptomen von Fieber und Hitze, die er durch ſeine Verordnungen bald zu beſeitigen hoffte, fand er auch eine große Nervenſchwaͤche und ſtimmte gern der gelegentlichen Bemerkung des anweſenden Varney bei, daß eine Veraͤnderung der Luft ſehr heil⸗ ſam fuͤr Miß Mainwaring's Geſundheit ſein wuͤrde, ſobald der gegen⸗ waͤrtige Anfall voruͤbergegangen waͤre. Er hielt das Uebel jetzt nicht fuͤr ſehr bedenklich, und beruhigte den armen Percival durch ſeine troͤſtliche Miene und hoffnungreichen Zuſicherungen. Percival blieb den ganzen Tag im Hauſe und hatte, bevor er ging, die Freude, zu vernehmen, daß die Mittel bereits das Fieber gelindert und daß Helene in einen tiefen Schlaf gefallen ſei. Waͤhrend er mit Varney 2 nach der Stadt zuruͤckging, ſagte der letztere zoͤgernd:„Sie ſagten mir neulich, Sie wuͤrden auf einige Tage nach Vernon Grange und nach Laughton gehen muͤſſen, da Ihnen Ihr Verwalter einige um⸗ fangreiche Veraͤnderungen, welche in Betreff Ihrer Waldungen die⸗ ſen Herbſt vorgenommen werden ſollen, angeben wollte. Da nun Helenen die Veraͤnderung der Luft anempfohlen iſt, warum laden Sie Madame Dalibard nicht ein, Sie an einem jener Orte zu be⸗ ſuchen? Ich wuͤrde Laughton vorſchlagen. Ich weiß, daß ſich meine Stiefmutter ſehnt, den Schauplatz ihrer Jugend wieder zu beſuchen, und Sie köoͤnnten ihr keine groͤßere Artigkeit oder Gefaͤllig⸗ keit erzeigen, als durch eine ſolche Einladung.“ „O,“ ſagte Percival freudig,„es wuͤrde den liebſten Traum meines Herzens erfuͤllen, wenn ich Helenen in den alten Hallen von Laughton ſehen koͤnnte. Aber meine Mutter iſt verreiſt, und es iſt daher keine Dame da, um ſie zu empfangenz; vielleicht—“ „Ei,“ unterbrach ihn Varney,„Madame Dalibard iſt gerade die rechte Perſon, welche Sie ſchicklicherweiſe erwaͤhlen könnten, um in Lady Mary's Abweſenheit die Honneurs Ihres Hauſes zu machen; nicht nur weil ſie Ihnen ſelbſt verwandt iſt, ſondern auch die naͤchſte noch lebende Verwandte Sir Miles'— des directeſten Nachkommen der St. Johns; ihre reifen Jahre und ihre Stellung im Leben, ihre Ver⸗ wandtſchaft mit Helenen und Ihnen, muͤſſen gewiß jeden Anſchein von Unſchicklichkeit beſeitigen. „Wofern ſie dieſer Meinung iſt, ſicherlich. Ich habe kein be⸗ ſtimmtes Urtheil uͤber ſolche Feierlichkeiten. Sie wuͤrden mich ſehr verpflichten, Varney, wenn Sie im Voraus ihre Einwilligung zu dem Anerbieten einholten. Helene zu Laughton!— o, entzückender Ge⸗ danke!“ „und in welcher Luft wuͤrde ſie ſich leichter erholen koͤnnen?“ ſagte Varney, aber ſeine Stimme klang ſchwer und beklommen. „Die Ausſichten, welche ihm ſomit dargeboten wurden, bannten faſt alle Beſorgniß aus Percival's Bruſt. In tauſend entzückenden 113 Geſtalten umgaukelten ſie ihn waͤhrend der ſchlafloſen Nacht. Und als er am naͤchſten Morgen vernahm, daß ſich Helene uͤber Vermuthen beſſer befaͤnde, druͤckte er Madame Dalibard ſeine Einladung mit einer Waͤrme aus, welche ihre Wange noch bleicher, und ihre Hand, während ſie der bittende Juͤngling faßte, todtenkalt machte. Aber ſie willigte raſch ein, und Percival, dem eine kurze Unterredung mit Helenen vergoͤnnt wurde, hatte die Freude, ſie eben ſo froͤhlich als kindlich, wie er ſelber, uͤber die mitgetheilte Nachricht laͤcheln zu ſehen, waͤhrend ſie mit ſchwimmenden Augen zuhoͤrte, als er von den Spaziergaͤngen ſprach, die ſie mit einander auf Wegen machen woll⸗ ten, die ihr fortan eben ſo lieb wie ihm ſelber werden ſollten. Sie ſahen ein Feenland vor ſich. Der Beſuch des Arztes trug dazu bei, Percival's erhoͤhte Stim⸗ mung zu rechtfertigen. Alle ernſteren Symptome waren bereits ver⸗ ſchwunden. Er billigte die Abreiſe der Kranken aus der Stadt, ſobald dieſe fuüͤr Madame Dalibard moglich ſein wuͤrde, und verordnete nur noch eine Reihe kraͤftigender Arzneien, um das Nervenſyſtem zu ſtaͤr⸗ ken. Damit ſollte am naͤchſten Morgen begonnen und einige Wochen lang fortgefahren werden. Er ſprach viel uͤber die Wirkung, welche das Einnehmen dieſer Arzneien, was gleich nach dem Erwachen an⸗ geordnet war, haben wuͤrde. Varney und Madame Dalibard wechſelten einen raſchen Blick. Entzuͤckt uͤber den Erfolg, welcher in dieſem Falle die Kunſt des großen Arztes begleitet hatte, drang Pereival ſehr eifrig in Madame Dalibard, wegen ihrer eigenen Krankheit doch auch die Weisheit des Dr.— zu Rathe zu ziehen; und der Dottor ſetzte ſeine Brille auf, ruͤckte ſeinen Stuhl naͤher zu der un⸗ willigen Gebrechlichen und begann ſie uͤber ihren Zuſtand zu befra⸗ gen; aber Madame Dalibard brach kurz und unfreundlich alle wei⸗ tern Erkundigungen ab— ſie hatte bereits alle Mittel der Heilkunſt erſchopft— ſie hatte ſich mit ihrem klaͤglichen Zuſtande ausgeſöhnt, und alles Zutrauen zu den Aerzten verloren;— ſie wuͤrde vielleicht Bulwer, Lucretia. IV. 8 114 einmal die Baͤder zu Eger beſuchen, aber bis dahin wollte ſie unge⸗ ſtoͤrt leiden. Der Arzt, der keineswegs wuͤnſchte, eine chroniſche Laͤhmung zu behandeln, ſtand laͤchelnd und mit dem freimuͤthigen Geſtaͤndniß auf, daß die deutſchen Baͤder bisweilen ſehr wirkſam in ſolchen Krankheits⸗ fallen waͤren; dann drückte er Percival's dargebotene Hand, fuhr mit der ſeinigen in die Taſche und ging unter Verbeugungen aus dem Zimmer. Von aller Beſorgniß befreit, nahm Percival mit ſehr guter Laune die Andeutung der Madame Dalibard auf, daß die Aufregung, in welcher ſie ſeit den letzten vier und zwanzig Stunden erhalten worden, ſie untauglich fuͤr ſeine Geſellſchaft mache; er ging heim, um nach Laughton zu ſchreiben und Alles zur Aufnahme ſeiner Gaͤſte vorzu⸗ bereiten. Varney begleitete ihn. Percival fand in dem Vorhaus Beck, der bereits ſehr veraͤndert war, und durch eine neue Livree ein ſtattlicheres Anſehen bekommen hatte. Der Erkehrer ſtarrte Varney ſcharf an, welcher jedoch, ohne in ſo ſchmucker Geſtalt das zerlumpte Weſen wieder zu erkennen, welches ihm zu Mr. Grabman's Woh⸗ nung vorgeleuchtet hatte, an ihm voruͤberging und ſich in Percival's kleines Studirzimmer im Erdgeſchoß begab. „Nun, Beck,“ ſagte Percival, der ſtets an Andere dachte und das Staunen, mit welchem ſein Stallknecht Varney betrachtete, der Bewunderung zuſchrieb, die er dem ſtattlichen Aeußern dieſes Herrn ſchenken mochte—„Ich werde Dich morgen mit zwei von den Pfer⸗ den auf's Land ſchicken— daher mag der heutige Tag Dein gehoͤren, damit Du von Deiner Pflegmutter Abſchied nehmen kannſt. Ich hoffe, Du wirſt ihre kleinen Raͤume behaglicher als geſtern finden.“ Beck hoͤrte klopfenden Herzens zu, und ſein Herr, der ihm einen freundlichen Schlag auf die Schulter gab, ließ ihn hinausgehen, um den Weg nach Becky's Wohnung anzutreten. Er fand in der That, daß die letztere bereits die magiſche Umge⸗ ſtaltung erfahren hatte, welche dem Reichthum ſtets zu Gebote ſteht. — 115 Mrs. Mivers, die von Natur raſch und thaͤtig war, hatte Vergnügen darin gefunden, Percival's Auftrag auszufuͤhren. Fruͤh am Morgen waren die Dielen geſcheuert, die Fenſter gereinigt, der Ventilator angebracht worden; dann kamen Traͤger mit Tiſchen und Stuͤhlen, einer ſtattlichen Wanduhr, neuen Betten und einem ſchoͤnen Teppich; dann kamen zwei Maͤgde der Mrs. Mivers, um all' die Sachen in Ordnung zu ſtellen, und endlich, nachdem faſt Alles fertig war, er⸗ ſchien Mrs. Mivers ſelbſt, um Allem mit eigner Hand die Vollendung zu geben, und zwar mit ihrer eigenen hausfraͤulichen Schuͤrze ange⸗ than. Die gute Dame war noch beſchaͤftigt, eine Reihe Theetaſſen in gehoͤriger Ordnung auf die Commode zu ſtellen, als Beck eintrat; ſeine alte Pflegerin eilte im Uebermaß ihrer Freude dem Findling entgegen und umarmte ihn. „Das iſt recht ſo!“ ſagte Mrs. Mivers freundlich, waͤhrend ſie ſich umſah und eine Thraͤne im Auge trocknete.„Sie ſind ihm viel ſchuldig, dem armen Burſchen; er iſt Ihnen ein wahrer Gottesbote geworden, und, meiner Treu, er nimmt ſich recht gut in den neuen Kleidern aus. Aber was iſt das da? eine Kinderklapper?“ fuügte ſie hinzu, als ſie einen der Commodenkaſten oͤffnete und Beck's Schatz entdeckte.„Lieber Himmel, eine recht huͤbſche Klapper— ei, dieſe Schellchen ſehen wie Gold aus!“ Und waͤhrend ſie einen Augenblick ihres Schuͤtzlings Ehrlichkeit bezweifelte, verdunkelte ſich ihre Stirn. „Wie in aller Welt kommen Sie dazu, Mrs. Becky?“ „Nun, wirklich,“ erwiderte Becky mit ihrer ungeſchickten Ver⸗ neigung,„'s iſt mir ſehr lieb, daß das Ding jetzt erſt gefunden iſt, und nicht ſchon vor langer Zeit, ſonſt waͤr' ich wohl ſchlecht genug geweſen, es mit allem Andern zum Pfandleiher wandern zu laſſen; und ich weiß noch, obwohl es ſehr lange her iſt, waͤhrend der Burſch noch ein kleiner Junge war, daß ich der Verſuchung widerſtand und ſagte: Nein, Becky Carruthers, das darf der Pfandleiher nicht be⸗ kommen!“ 8* „Und warum nicht, meine gute Frau?“ „Ja, ſehen Sie, Madame, wenn dieſe Koralle reden koͤnnte, die wuͤßte was zu erzaͤhlen— ja, wer weiß, wie viel! Sehen Sie, Madame, als mein guter Mann noch nicht lange todt war und ich nicht aus noch ein wußte, da ſagt' ich zu mir: Becky Carruthers, du mußt auf die Straße gehen und betteln! Ich hatte nie gedacht, daß ich ſo weit kommen wuͤrde; aber ſehen Sie, Madame, mein guter Mann fiel von einem Geruͤſt— er war zwar immer ein guter Mann—“ „Ja, ja, das haben Sie mir ſchon erzaͤhlt,“ ſagte Mrs. Mivers, die ungeduldig wurde und bereits von dem Intereſſe an der Koralle durch eine neue Ladung, ganz nagelneu vom Zinngießer, abgezogen ward, welche nicht minder die Bewunderung Beck's und ſeiner Pflege⸗ rin in Anſpruch nahm. Und waͤhrend der Beſichtigung dieſer Gegen⸗ ſtaͤnde und der begleitenden Commentare ruhte die Klapper in Frieden in der Commode, bis Mrs. Mivers, als ſie ſo eben ihre Nachfragen er⸗ neuern wollte, durch den Schlag der Wanduhr, welche die vierte Stunde anzeigte, an die Eile der Zeit und ihre eigne Eßſtunde er⸗ innert wurde. Daher nahm ſie Abſchied, waͤhrend ſie wiederholt verſprach, wiederzukommen und ausfuͤhrlich mit der armen Freundin zu reden, und ſie ging, von den Segenswuͤnſchen Becky's und den minder geraͤuſchvollen, aber nicht weniger dankbaren Complimenten Beck's begleitet. Der Abend war den beiden armen Geſchoͤpfen ſehr gluͤcklich bei der erſten Taſſe Thee aus dem neuen glaͤnzenden Kupferkeſſel und dem Zwieback vergangen, ein Lurusartikel, deſſen ſie ſich bei ihren ver⸗ aͤnderten Umſtaͤnden ohne Verſchwendung wieder erfreuen konnten. Im Laufe des Geſpraͤchs hatte Beck mitgetheilt, wie ſehr er erſtaunt geweſen, den Gaſt Grabman's, den Aufreizer des gefaͤhrlichen Leichen⸗ raͤubers in dem vertrauteſten Bekannten ſeines Herrn wiederzufinden; und als Becky ihm ſagte, daß ſie, waͤhrend ſie bei Familien ihrem Berufe des Scheuerns oblag und dabei ihre Erfahrungen ſammelte, gar oft von dem Verderben gehoͤrt haͤtte, in welches reiche junge 117 Maͤnner durch Spieler und Gauner gebracht worden, da gelobte ſich Beck, ein ſcharfes Auge auf Grabman's ſtattlichen Bekannten zu haben.„Denn mein Herr iſt nur wie ein Kind,“ ſagte er wuͤrde⸗ voll;„und lieber wollt' ich mich in tauſend Stuͤcke zerreißen laſſen, eh' ich ihm ein Leid zufuͤgen ließe, wenn ich's verhindern koͤnnte.“ Es verſteht ſich, daß ſeine Pflegmutter ihn in dieſen guten Vor⸗ ſaͤtzen beſtaͤrkte. „Und nun,“ ſagte Beck, als die Zeit zum Abſchied gekommen war, „wirſt Du doch vom Branntweinladen fern bleiben, nicht wahr, und unſerm jungen Herrn keine Schande machen?“ „Ei, gewiß nicht,“ antwortete Becky,„nur wenn man herunter⸗ gekommen iſt in der Welt, geht man in den Likoͤrladen. Jetzt, meiner Treu“— und dabei blickte ſie recht ſtolz umher—„bin ich in ſo anſtaͤndigen Umſtaͤnden, daß ich mich gewiß darnach halten will, und man ſoll nicht ſagen, Becky Carruthers wiſſe ſich nicht zu be⸗ tragen. Die Koralle wird ſicher genug ſein— aber vielleicht waͤr's am beſten, wenn Du ſie ſelber mit Dir naͤhmſt.“ „Was ſollt' ich damit thun? Ich habe damit ſo ſchon genug zu verantworten gehabt. Wickele ſie in ein Tuch ein, und wenn dann der Herr heirathet und ein Kindchen hat, welches Zaͤhne be⸗ kommt, dann wird er vielleicht ſagen: Danke ſchoͤn, Beck, fuͤr Deine Koralle. Muͤßt' uns das nicht ſtolz machen, Mama?“ Waͤhrend er bei dieſer Ausſicht herzlich lachte, kuͤßte Beck ſeine Pflegemutter und ging, Er gab ſich Muͤhe, recht ſteif und ſtattlich aufzutreten und ſeinem neuen Kleide Ehre zu machen, waͤhrend er den Weg nach ſeinem Gemach uͤberm Stalle antrat. Siebzehntes Kapitel. Das Erwachen der Schlange. Wie, o Dichter des duͤſtern Glaubens, gleich dem Ebenholz zu⸗ gleich dunkel und glaͤnzend*),— wie konnteſt Du, ehrwuͤrdiger Lu⸗ cretius, es fuͤr ſuͤß halten, von der Hoͤhe des Ufers dem Sturme der See zuzuſchauen, oder, ſicher vor Gefahr, auf die Wuth der Schlacht zu blicken, oder, ſelbſt ruhig in den Tempeln der Weisheit, fern auf die menſchlichen Irrwege zu blicken? Iſt es ſo ſuͤß, auf Nebel zu ſchauen, von denen Du befreit biſt? Hat das ſtarke Geſetz des Mitgefuͤhls keine Macht uͤber Dich und meiſtert nicht Dein Herz Deine Philoſophie? Suͤß kann fuͤrwahr des Menſchen Sicherheit nicht ſein, wenn er zum Sturme ſagt: Ich habe kein Schiff auf der See! oder zu den Goͤttern der Schlacht: Ich habe keinen Sohn im Gefecht! wenn er unterwegs auf den Jammer ſchaut und ſagt: Weint nur, denn dieſe Augen wiſſen nichts von Thraͤnen; wenn er unerſchrocken die ſchwarzen Thaten des Verbrechers betrachtet und zu ſeinem Ge⸗ wiſſen ſagt: Du biſt ruhig! Aber was iſt der Anblick fuͤr ihn, der in allem Leben lebt, der die Natur im Sturme erforſcht und die Vorſehung in der Schlacht, und der keine Philoſophie anerkennt, die ihn der menſchlichen Feſſeln uͤberhebt. Schweife, o Kunſt, durch allen Raum, raffe alle Ertreme zuſammen und laß Staatsmaͤnner in die Wohnungen blicken, wo kein Lehrer ſpricht und wo die Vernunft un⸗ genützt untergeht! Laß die ſtolze Geiſteskraft in ihrem Triumphe ſtill ſtehen und erwaͤgen, ob Vernunft allein die Seele von ihren Ver⸗ ſuchern erretten kann! Nur der lebt rein und frei, der zu aller Zeit die menſchlichen Reizungen wahrt, in welchen der Athem Gottes *) Man ſagte von Tertullian, daß ſein Styl, gleich Ebenholz, dunkel und glaͤnzend ſei. ,* 1——— 119 weht! Geh' hinaus in die Welt, o Kunſt!— Geh' hinaus zu den Schuldigen, den Unſchuldigen— zu den Weiſen, zu den Stumpf⸗ ſinnigen!— Geh' hinaus, gleich der ruhigen Stimme des Schick⸗ ſals!— ſprich, daß ſelbſt das Gute hienieden unſicher iſt!— ſtelle dar das entzuͤckte Traumgeſicht leidender Tugend durch„die Pforten der Schatten des Todes“!— Zeige die dunkle Offenbarung, welche ſinnbildlich die Tragoͤdie des Alterthums gab!— wie unvollendet des Menſchen Beſtimmung, wie unenthullt die goͤttliche Gerechtigkeit iſt, wenn Antigone ewig im Felſen ſchlaͤft und Oedipus auf ewig in der Grotte der Furien verſchwindet! Hier, hienieden, ſind„die Gewaͤſſer mit einem Stein verdeckt und die Oberflaͤche der Tiefe iſt gefroren!“ Aber droben lebt Er,„welcher die ſuͤße Kraft der Pleiaden binden und die Bande Orions loͤſen kann“. Geh' mit dem Schickſal uͤbek die Bruͤcke— es verſchwindet in dem Laude jenſeit des Stroms! Der Ewige verlangt Ewigkeit fuͤr die Entwickelung ſeiner Geſchoͤpfe und fuͤr die Ausuͤbung ſeiner Gerechtigkeit! Mitternacht war voruͤber und Lueretia ſaß allein in ihrem duͤ⸗ ſtern Zimmer; ihr Kopf ruhte auf ihrem Buſen und die Augen waren auf den Boden geheftet, waͤhrend ihre Haͤude auf den Knieen ruhten: es war ein Bild der Niederbeugung und Gebrechlichkeit, welches das tiefſte Mitleid haͤtte erregen koͤnnen. Die Thuͤr oͤff⸗ nete ſich und Martha trat ein, um, wie gewoͤhnlich, Madame Dali⸗ bard beim Schlafengehn behilflich zu ſein. Ihre Gebieterin erhob langſam die Augen bei dem Geraͤuſch der geoͤffneten Thuͤr, und dieſe Augen nahmen ihre forſchende, durchdringende Schaͤrfe au, waͤhrend ſie ſich auf das bluͤhende, ziemlich huͤbſche Geſicht der Kammerfrau richteten. In ihrer reinlichen Haube, ihrem ſchlichten, netten Oberrocke — in der feſten gelaſſenen Weiſe und einem gewiſſen frommen Ernſte des Geſichts lag beim erſten Anblick dieſes Weibes etwas, was demſelhen Achtung gewinnen mußte und jene guten zuverlaͤſſi⸗ gen Eigenſchaften von ihr erwarten ließ, die man von einer treuen 120 Dienſtperſon verlangt. Bei genauerer Beobachtung aber konnte ein geuͤbter Beobachter Vieles entdecken, was den erſten Eindruck ſchwäͤchen, ja vielleicht vermiſſen konnte. Die außerordentlich nie⸗ drige Stirn, uͤber welcher das ſteife, harte Haar ſo puritaniſch ge⸗ ſcheitelt war— die ſtrenge Haͤrte dieſer duͤnnen ſchmalen Lippen, die ſo feſt zuſammengezogem waren— ſelbſt eine gewiſſe Grauſam⸗ keit in den hellen, kalten, blauen Augen, haͤtte ein unbehagliches, faſt an Furcht grenzendes Gefuͤhl erregen koͤnnen. Des dicken Kraͤmers wildes Kind zog ſich inſtinctartig von ihr zuruͤck, wenn ſie in den Laden trat, um Einkaͤufe fuͤr die Wirthſchaft zu machen — der alte graubaͤrtige Hund im Wirthshauſe kroch in den Winkel, wenn ſie uͤber die Schwelle trat. Madame Dalibard ließ ſich ſchweigend in das anſtoßende Schlaf⸗ gemach ſchieben und eben ſo ſtill war das Auskleiden faſt vollendet, bevor ſie ploͤtzlich ſagte: „Alſo haſt Du Mr. Varney's Oheim in ſeiner letzten Krank⸗ heit gewartet. Litt er viel?“ „Ein armes Geſchoͤpf war er jedenfalls,“ anwortete Martha; „aber eh' er verſchied, machte er mir gar viel Unruhe. Er war ein elender Leichnam, als ich ihn zurechtlegte.“ Madame Dalibard bebte vor den Haͤnden zuruͤck, die jetzt an ihr ſelbſt beſchaͤftigt waren, und ſagte: „Es war alſo wohl nicht die erſte Leiche, die Du in den Sarg gelegt haſt?“ „Ich hatte mehrern den Dienſt gethan.“ „Und war Jemand von denſelben an der naͤmlichen Krankheit geſtorben?“ „Das kann ich nicht⸗ſagen,“ erwiderte Martha.„Ich frage nie darnach, woran die Leute ſterben. Mein Amt war's, ſie zu warten, bis es vorbei war, und dann bei ihnen zu wachen. Man 1 ir mn — 4*—— 121 ſagt bei mir zu Hauſe: Riving Pike traͤgt eine Kappe, wenn ſchlecht Wetter werden ſoll*).“ „Und als Du bei Mr. Varney's Oheim wachteſt, fuͤrchteteſt Du Dich nicht in der Nacht bei dem Todten?— Dieſen Leichnam vor Dir— hatteſt Du keine Furcht?“ „Der junge Mr. Varney ſagte, ich ſollte keinen Schaden haben. O, er war ein huͤbſcher Mann. Was ſollt' ich fuͤrchten, Madame?“ antwortete Martha mit entſetzlicher Einfalt. „Du gehoͤrteſt, wie Du mir wohl geſagt haſt, einer ſehr from⸗ men Secte an— einer Secte, die mir nicht fremd iſt— bei wel⸗ cher man ſelten von großen Verbrechen hoͤrt.“ „Ja, Madame, Manche von ihnen ſind ſtill genug, aber Andre treiben's um ſo wilder!“ „Glaubeſt Du nicht daran, was ſie Dich lehrten?“ „Ich glaubte es, als ich jung und thoͤrig war.“ „Und was ſtoͤrte Deinen Glauben?“ „Madame, der Mann, der mich, wie fruͤher meine Mutter, un⸗ terrichtete, war der erſte, mit dem ich Gemeinſchaft hatte,“ ant⸗ wortete Martha, ohne daß ſich die bluͤhende Geſichtsfarbe im ge⸗ ringſten veraͤnderte, die auf ihren Wangen ſo feſt zu ruhen ſchien, wie das Roth auf einem herbſtlichen Blatte.„Nachdem er mich ruinirt hatte, wie die Maͤdchen ſagen, ſagte er mir, daß Alles Taͤu⸗ ſchung waͤre!“ „Alſo liebteſt Du ihn?“ „Der Mann war gut genug, Madame, und er betrug ſich huͤbſch und verſchaffte mir einen Gatten. Ich habe beſſere Tage gekannt.“ „Schlaͤfſt⸗ Du in der Nacht gut?“ *)„Wenn auf Riving Pike'ne Muͤtze ruht, So wird der Tag gewiß nicht gut.“ Vers aus Lancaſhir. V V 122 „Ja, Madame, ich danke; ich bin mit meinem Bett' ganz zufrieden. „Es iſt gut,“ ſagte Madame Dalibard, einen Seufzer unter⸗ druͤckend, als ſie ſich jetzt, in ihrem Bett ruhend, nach der Wand kehrte. Martha loͤſchte die Kerze aus, die ſie nebſt einem Buche und einem Feuerzeuge auf einem Tiſche vor dem Bette ließ, denn Madame Dalibard ſchlief nicht gut und las daher die Nacht. Darauf zog ſie die Vorhaͤnge zu und ging. Es mochte eine Stunde verfloſſen ſein, nachdem Martha zur Ruhe gegangen, als ſich eine Hand aus dem Bett ſtreckte, die Kerze anzuͤndete, und Lucretia Dalibard ſich aufrichtete; mit einer raſchen Bewegung warf ſie die Decken beiſeite, und ſtand in dem langen Nachtkleide auf den Dielen. Ja, der hilfloſe, gelaͤhmte Kruͤppel erhob ſich— ſtand auf den Fuͤßen— gerade, eldſtiſch, aufrecht! Es war eine Wiedererſtehung vom Grabe. Nie war eine Veraͤnderung auf⸗ faͤlliger, als die ſo ploͤtzlich bewirkte— nicht nur in der Geſtalt, ſon⸗ dern auch im ganzen Charakter des Geſichts. Das einſame Kerzen⸗ licht beleuchtete ein Angeſicht, worin jeder Zug von unheimlicher Kraft und ſtarker Entſchloſſenheit ſprach. Haͤtte man ſie erſt, in ihrem falſchen, kruͤppelhaften Zuſtande geſehen, hingeſtreckt und hilf⸗ los, und haͤtte ſie hernach wieder ſehen koͤnnen— dieſe Augen, wenn auch eingefallen, doch voll Leben und Kraft— dieſen Koͤrper, wenn auch hager, doch aufrecht in gebietender Stellung, vollkommen in ſei⸗ nen Verhaͤltniſſen, wie ein griechiſches Bild der Nemeſis— das Staunen wuͤrde ſich alsdann in Entſetzen verwandelt haben, ſo unna⸗ tuͤrlich erſchien die Umwandlung! ſo ſehr widerſprachen Anſehen und Haltung dem eigentlichen Charakter ihres Geſchlechts, indem da⸗ rin die beiden Elemente vereinigt waren, die am furchtbarſten am Menſchen und am boͤſen Feind ſind,— Verworfenheit und Macht! Einen Augenblick ſtand ſie regungslos, laut athmend, als waͤr' es ihr eine Freude, frei von Beſchraͤnkung zu athmen, und dann nahm ſie das Licht und ging in das Nebenzimmer, wo ſie ein Bureau in der zur erze chen 123 Ecke aufſchloß, und ſich uͤber ein Kaͤſtchen beugte, das ſie mit einer geheimen Feder oͤffnete. Leſer, erinnere Dich an jene Stelle in dieſer Geſchichte, wo Lucre⸗ tia Clavering jenes Buch aus der Niſche im Tapetenzimmer zu Laughton herabnahm, und ſinnend die Stunden zaͤhlte, die einem Menſchenleben geblieben waren. Erinnere Dich an den fuͤndigen Gedanken,— ſiehe, wie er zur ſuͤndigen That angeſchwollen und ge⸗ reift iſt! Da, in dieſem Kaͤſtchen, hat der Tod ſeinen Schatz ver⸗ wahrt. Darin ruhen alle moͤrderiſchen Erfindungen der Wiſſen⸗ ſchaft des Hades. Waͤhrend ſie nach den Ingredienzen ſuchte, die ſie in Gedanken bereits erleſen, fiel etwas Schwereres, als die kleinen Packete, die ſie ordnete, mit hohlem und dumpfem Klang auf den Boden des Kaſtens. Sie erſchrak uͤber das Geraͤuſch, und laͤchelte dann über ihre momentane Furcht, als ſie den Ring, der den Ton veranlaßt, aufhob— ein einfacher und ſtarker Ring, aͤhnlich jenen, die man im Mittelalter zum Siegeln brauchte, mit einem großen dun⸗ keln Opal in der Mitte. Welches Geheimniß konnte dies Spielzeug mit feinen graͤßlichen Gefaͤhrten im Schatzkaͤſtchen des Todes gemein haben? Dies war unter Oliviers Papieren gefunden worden; eine Note in jenem koſtbaren Manuſcript, welches den Haͤnden ſeiner Erben die Schluͤſſel des Grabes uͤbergeben, hatte das Geheimniß ſeines Nutzens entdeckt. Auf den Druck der Hand, indem eine ver⸗ borgene Feder beruͤhrt wurde, ſprang eine Spitze mit Wiederhaken hervor, die in Gift getaucht war, ein Gift, toͤdtlicher als jenes, wel⸗ ches die Indianer der Cabra— capella entnehmen— ein Gift, wogegen es kein Mittel giebt, welches keine Todtenſchau entdecken kann. Es verdirbt die ganze Maſſe des Blutes— es ſteigt in Wahnſinn und Gluth zum Gehirn— es trennt unter Kraͤmpfen die Seele vom Leibe. Aber wenn man den Todten unterſucht,— wie ſoll die Wirkung erklärt werden? wird man ſich der Borgia's erin⸗ nern, wird man in einer ſkeptiſchen Zeit, wo ſolche unbekannt, nicht vermuthet ſind, von dem Helden Machiavellis hoͤren, wie ein Druck der Hand von einem Feinde befreien kann? Leichter und natuͤrlicher iſt es, eine beſchaͤdigte Stelle in der Haut und das geſchwollene Fleiſch um dieſelbe zu beſichtigen, und uͤber die Gefahr zu ſprechen, die ein roſtiger Nagel, ja, eine Nadel, erzeugen kann, wenn die Saͤfte verdorben, und das Blut unrein iſt! Die Fabrication dieſes Kunſt⸗ werks, und die Entdeckung der Erfindung Borgia's war das Mei⸗ ſterſtuͤck in Dalibard's Wiſſenſchaft; ein merkwuͤrdiger und wiſſen⸗ ſchaftlicher Triumph des Forſchens, den der Erfinder und deſſen Er⸗ ben bisher nicht benutzt hatten; denn jenes Kaͤſtchen iſt reich an einer Auswahl ſanfterer Materialien; aber die Anwendung kann ſich fin⸗ den. Waͤhrend ſie den Ring betrachtete, zeigte Lucretia's Geſicht einen ſelbſtgefälligen und ſtolzen Ausdruck. „Stummes Andenken Caͤſar Borgia's!“ fluͤſterte ſie—„des weiſeſten Kopfs und der kuͤhnſten Hand, die je nach der Herrſchaft griff— den Machiavell mit Recht als das Muſter vollendeten Ehr⸗ geizes pries! Warum ſollt' ich wanken auf den Pfaden, die ſein koͤni⸗ glicher Fuß wandelte, blos weil mein Ziel kein Thron iſt? Jeder Kreis iſt in ſich ſelbſt vollendet, mag er um eine Kugel oder um einen Stern gehen. Warum in dem Glauben ſeufzen, daß der Geiſt ſich ſelbſt entehre durch die Finſterniß, in welcher er nach ſeinem Ziel geht, ader durch den Schmutz, durch welchen er die Hoͤhe erſteigt? Obwohl er Moͤrder, Giftmiſcher und Brudermoͤrder war, klebte doch kein Blut an ſeiner Geiſtesfaͤhigkeit! kein Verbrechen verminderte den Reichthum ſeines Genies! War ſein Vers minder melodiſch*), oder ſeine Kunſtliebe minder tief, oder ſeine Beredſamkeit minder ſtark, weil er jede Schranke zu beſeitigen, jede Beleidigung zu raͤchen, jeden Feind zu zermalmen ſuchte?“ In der erſtaunlichen Verdorbenheit, in welche ihre Seele ver⸗ *) Man weiß, daß Caͤſar Borgia ein freigebiger Beſchuͤtzer und treffli⸗ cher Kenner der Kunſt war. Auch kennt man ſeine Beredſamkeit. Aber nicht jeder Leſer weiß vielleicht, daß jener entſetzliche Verbrecher auch ein Dichter war. 125 ſunken, flüſterte Lucretia ſo. Der Verſtand war ſo lange zu ihrem ein⸗ zigen Gotte gemacht worden, daß ſelbſt das Ungeheuer der Geſchichte nur durch ſeine ruͤckſichtsloſe Geiſteskraft ihre Verehrung erwarb und zu ihrem Beiſpiel und Fuͤhrer erhoben wurde, als in dieſer aufge⸗ regten Stimmung ihr, oft minder ſchweigſames, Gewiſſen unter der Laſt der kommenden That begraben lag. Obwohl ſie bisweilen, wenn ſie zuruͤckblickte, von Verzweiflung bedruͤckt war, ſo ſchwaͤchte doch kein Gewiſſensbiß wegen des Ver⸗ gangenen dieſe Nerven, als die Stunde ihren Daͤmon heraufbeſchwor, und der Wille den Ueberreſt des Menſchlichen als Maſchine beherrſchte. Sie legte den Ring wieder hin— ſie ſchloß den Kaſten und das Buͤreau und ging dann wieder in das andere Gemach zuruͤck. Einige Minuten ſpaͤter ruhte das matte Licht, das ſich vom Him⸗ mel(an welchem der Mond theilweis bedeckt war) durch das Trep⸗ penfenſter ſtahl, auf einer formloſen Geſtalt, in Schwarz gehuͤllt vom Kopf bis zum Fuß— eine Geſtalt, ſo dunkel und unbeſtimmt in ihren Umriſſen, ſo uͤbereinſtimmend mit dem Dunkel ihrer Farbe, ſo verſtohlen und raſch in ihren Bewegungen, daß man, haͤtte man ſie, vom Schlaf erwachend, vor ſich geſehen, gewiß nur an eine Taͤuſchung der Phantaſte geglaubt haben wuͤrde. So dunkel— durch die Dunkelheit— ſchlich die Giftmiſcherin zu ihrer Beute. —jjyj—— — ₰ 8 8 8 — Q g 5 8 — 2 S 3 1 2 2 2 8 F G — ᷣᷣ Lucretia oder diee Kinder der Nacht. Ein Roman von E. L. Bulwer. SG Aus dem Engliſchen bon Theodor Oelckers. Fuͤnfter Theil. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 18347. Achtzehntes Kapitel. Ruͤckblick. Wir ſind nun bei einem Abſchnitt in dieſer Geſchichte angelangt, wo es nothwendig iſt, einen Blick auf jenen Zeitraum in Lucretia's Leben zu werfen, welcher zwiſchen dem Tode Dalibard's und ihrer Wiedereinfuͤhrung im zweiten Theile unſerer Erzaͤhlung liegt. Eines Tages langte Lucretia, ohne vorher Nachricht oder An⸗ deutung gegeben zu haben, in William Mainwaring's Hauſe an; Sie war in tiefer Wittwentrauer, und jenes Trauerkleid genuͤgte, um zu dem herzlichen Willkommen Suſannens noch daszaͤrtlichſte Mitge⸗ fuͤhl zu geſellen. Lucretia ſchien das Vergangene vergeſſen und deſ⸗ ſen ſchmerzlichere Erinnerungen beſiegt zu haben. Sie war freund⸗ lich gegen Suſannen, obwohl ſie deren Liebkoſungen mehr duldete als erwiderte. Sie war offen und vertraulich gegen William. Beide fuhlten ſich außerordentlich dankbar fuͤr ihren Beſuch— fuͤr die Ver⸗ gebung, die er andeutete, und das Vertrauen, das er zu erkennen gab. Zu dieſer Zeit konnte eine Lage nicht verſprechender und gedeihlicher ſein, als die des jungen Bankiers. Gleich anfangs der thaͤtigſte Theilha⸗ ber am Geſchaͤft, hatte er daſſelbe nunmehr weſentlich in ſeine Haͤnde berommen. Der ee Compagnon war bejahrt und ſchwaͤchlich; er zweite liebte das Landleben und gab ſich faſt ganz der Sorge eines großen Landgutes hin das er kuͤrzlich gekauft hatte, ſo daß Main⸗ waring, deſſen Vertrauen und Geltung immer zunahm, der einzige wirkliche Verwalter der Firma wurde. Das Geſchaͤft gedieh unter ſeinen geſchickten Haͤnden; und bei geduldiger und feſter Ausdauer konnte kein Zweifel bleiben, daß, bevor er zu den mittleren Jahren gelangte, ſein Antheil zu einem Vermogen angewachſen ſein wuͤrde, welches hinreichte, um die Verwirklichung ſeines geheimen Herzens⸗ wunſches herbeizufuͤhren:— naͤmlich die parlamentariſche Vertre⸗ tung der Stadt, in welcher er bereits die Liebe und Achtung der Einwohner gewonnen hatte. Es waͤhrte nicht lange, ſo entdeckte Lucretia den Ehrgeiz, den William's Fleiß nicht vollſtändig verbarg; es waͤhrte nicht lange, ſo wußte ſie mit Huͤlfe ihrer Willenskraft und ihrer Talente einen be⸗ deutenden, wenn auch unbemerkten, Einfluß auf einen Mann zu uͤben, in welchem tauſend gute Eigenſchaften und einige große Talente zum Ungluͤck von Mangel an feſtem Vorſatz und Entſchloſſenheit begleitet waren. Die gewoͤhnliche Unterhaltung Lucretia's betaͤubte ſeinen Geiſt und entzuͤndete ſeine Eitelkeit;— eine geſchickte, ſchlaue Un⸗ terhaltung, deren Stoff ſie theils aus Buͤchern, theils aus ihrer Le⸗ benserfahrung nahm. Nichts ſtörte einen Geiſt, wie den William Mainwaring's mehr, als jene Art von Beredſamkeit, welche die Ge⸗ duld in der Gegenwart erſchuͤttert, indem ſte alle Hoffnungen auf die Zukunft entflammt. Lucretia ſtand nicht das reizende Geplauder der Frauen zu Gebote— ſie hatte nicht jenes Intereſſe fuͤr die De⸗ tails und Geringfügigkeiten des haͤuslichen Lebens, die den Geiſt erſchlaffen, während ſie das Herz beruhigen. Hart und kraͤftig kamen ihre Ausſpruche ſtets mit Berufung auf die Vernunft oder auf die ernſteren Leidenſchaften zum Vorſchein, an denen die Liebe keinen Antheil hat. Neben dieſer ſtarken Denkerin, erſchien das ſuͤße Ge⸗ ſchwaͤtz der armen Suſanna als frivol und leer. Ihr ſanfter Einfluß auf Mainwaring wurde gelockert. Er hoͤrte auf, ſie in Geſchaͤfts⸗ ſachen zu Rathe zu ziehen— er begann zu beklagen, daß die Ge⸗ faͤhrtin ſeines Schickſals nur wenig mit ſeinen Traͤumen ſympathi⸗ firen könnte;— oͤfter und bitterer gedachte er jetzt ſeines Wunſches in Betreff der Vertretung der Stadt; eifriger las er die Parlaments⸗ debatten— ſchwerer ſeufzte er bei dem Gedanken, daß er ſeine Be⸗ redſamkeit nicht geltend machen und ſeinen Ehrgeiz nicht befriedigen koͤnne. Nachdem er in dieſen Zuſtand gerathen, nahm Lucretia's Unter⸗ haltung mehr und mehr eine weltlichere, praktiſchere Richtung. Ihre Kenntniß der Pariſer Speculanten ließ ſie Bilder aufſtellen von küͤh⸗ ner Betriebſamkeit, die ploͤtzlichen Reichthum ſchuf; ſie ſprach von Vermoͤgen, daß in einem Tage erworben worden— von Parvenus, die zu Millionaͤres geworden— von Reichthum, als nothwendigem Werkzeug des Ehrgeizes, als oberſtem Herrſcher der eiviliſtrten Welt. Niemals, muß man bemerken, wendete ſich Lucretia mit dieſen Ver⸗ ſuchungen an das Herz— ſie verſchmaͤhte die gewoͤhnlichen Kanaͤle gemeiner Verfuͤhrung; ſie wuͤrde ſich nie ſo tief, als zu Mainwaring's Liebe, herabgelaſſen haben, haͤtte ſie dieſelbe erwerben koͤnnen; ſie wollte Suſannen gern den, ihrer eignen leidenſchaftlichen Jugend ge⸗ raubten, Gatten laſſen, aber nur mit dem Brandmal auf der Stirn und dem Wurm im Herzen, nur als Truͤmmer und Wrack. Es befand ſich damals in dieſer Stadt einer jener abenteuern⸗ den Speculanten, die um ſo gefaͤhrlichere Betruͤger ſind, weil ſie ſich ſelber durch ihre ſanguiniſchen Chimaͤren taͤuſchen, und die ſo viel Schein des Glaubwuͤrdigen in ihren Berechnungen, ſo viel Ernſt in ihren Argumenten haben, daß ſie der Leute genug tagtaͤglich in unſeren nuͤchternſten aller civiliſirten Staaten bethoͤren. Gewiſſen⸗ los in ihren Mitteln, aber wirklich ehrlich in dem Glauben, daß ihre Zwecke erreicht werden koͤnnen, ſind ſie zugleich Schurken und Fana⸗ tiker des Mammon! Man glaubte, daß jener Mann gluͤcklich in eini⸗ gen Speculationen beim Kornhandel geweſen ſei, und er kam mit Mainwaring zu haͤufig in Geſchaͤften zuſammen, um nicht ein haͤufi⸗ ger Gaſt ſeines Hauſes zu werden. In ihm ſah Lucretia das rechte Werkzeug ihres Planes, ſie brachte ihn dahin, von Geſchaͤften zu ſprechen, ſie ließ ſich in Einzelheiten mit ihm ein, ſie lobte, ſie be⸗ wunderte ihn. War er da, ſo ſchien ſie nur ihn zu hoͤren— in ſei⸗ ner Abweſenheit brach ſie ploͤtzlich ihr langes und ſinnendes Schwei⸗ 4 13 1 ₰ 6 gen, um ſein Genie und ſeine Geſchicklichkeit zu rühmen. Bald gab der Verſucher in Mainwaring's Herzen dieſem Lobe eine Bedeutung, bald ward jener Abenteurer ſein intimſter Freund. Kaum wiſſend warum und ohne die Veraͤnderung ihrer Schweſter zuzuſchreiben, weinte die arme Suſanne, betroffen uͤber Mainwaring's Umwandlung. Er fragte nicht mehr nach den neuen Buͤchern aus London, oder nach den Roſen im Garten! Er achtete nicht auf die Muſikalien auf dem Inſtrument. Buͤcher, Roſen, Muſik! Was ſind ſolche Poſten fuͤr einen Mann, der an hundertprozentige Geſchaͤfte denkt! Mainwa⸗ ring's ganzes Ausſehen war veraͤndert— es verlor ſeine ausneh⸗ mende, liebenswuͤrdige Schoͤnheit; duͤſter, gedankenvoll, muͤrriſch, bewies es, daß er ſich mit einer großen Sorge trug. Nun begann Lucretia ſelber mit Kummer der Veraͤnderung gegen Suſannen zu erwaͤhnen— allmaͤlig veraͤnderte ſie ihren Ton hin⸗ ſichtlich des Speculanten, deutete unbeſtimmte Befuͤrchtungen an und ermahnte Suſanna, den Gemahl zu warnen. Wie ſie vorausgeſehen hatte, war die Warnung vergebens bei einem Manne, welcher, in⸗ dem er Lucretia's Verſtandesſchaͤrfe mit der Suſannens verglich, gelernt hatte, die Anſichten der letztern zu verachten. Es iſt unnoͤthig, dieſe Veraͤnderung in Mainwaring Schritt um Schritt weiter zu verfolgen, oder die Zeit zu meſſen, welche genuͤgte, um ſeine Vernunft zu verwirren und ſein Ehrgefühl zu blenden. Mitten unter Plaͤnen und Hoffnungen, welche jetzt nur das Geluͤſt nach Gold zum Ziel hatten, fiel ein Donnerſchlag. Ein anonymer Brief an den Haupttheilhaber des Geſchaͤftes rief einen Verdacht wach, welcher zu genauer Pruͤfung der Rechnungsbuͤcher fuͤhrte. Es ſchien, daß Mainwaring Summen auf ungehoͤrige Weiſe(auf Wech⸗ ſel, die auf ganz zahlungsunfaͤhige Maͤnner gezogen waren) dem Speculanten vorgeſchoſſen hatte; und die Beſtimmung dieſer Summen konnte man zu gewagten Handelsſpeculationen verfolgen, bei welchen Mainwaring ſelbſt insgeheim betheiligt war. Das Ver⸗ trauen auf Mainwaring's Faͤhigkeiten und Ehre war, wie geſagt, ſo 7 groß geweſen, daß die Freiheit, die ihm hinſichtlich des Bankcapitales gewaͤhrt war, weit groͤßer war, als man ſie gewoͤhnlich einem Com⸗ pagnon geſtattet, und der Mißbrauch der Vertrauens erſchien um ſo ſtrafbarer, in je ſtaͤrkerem Maße daſſelbe verletzt war. Inzwiſchen war William Mainwaring, obwohl er noch nichts von den Schritten ſeiner Compagnons wußte, von Beſorgniſſen und Gewiſſensvorwuͤrfen geplagt, zu denen ſich gleichwohl Hochmuth geſellte. Er hing vom Erfolg einer kuͤhnen Speculation ab; man hatte Actien einer Canal⸗ geſellſchaft gekauft, hinſichtlich deren damals dem Parlamente eine Bill vorlag, und zwar(wie man ihn glauben gemacht hatte) mit Gewißheit auf Erfolg. Die Summen, die er auf eigne Verantwort⸗ lichkeit dem Geſchaͤftscapital entzogen hatte, waren auf jenes Wag⸗ niß verwendet worden. Indeß hatte er keineswegs daran gedacht, den gehofften Vortheil ſich ſelbſt zuzuwenden. Obwohl er wußte, daß die Papiere, auf welche man die Gelder vorgeſchoſſen, bloße Nomi⸗ naldepoſita waren, hatte er doch vertrauensvoll auf den Erfolg der Speculationen gezaͤhlt, denen man jene Summen widmete, und er ſah dem Augenblicke entgegen, wo er wuͤrde geſtehen koͤnnen, was er gethan, indem er ſein Verfahren zugleich durch Verdoppelung der entnommenen Summen rechtfertigte. Aber zu ſeinem groͤßten Schrecken wurde die Bill der Canalgeſellſchaft im Oberhauſe ver⸗ worfen, die mit einer Praͤmie gekauften Actien ſanken auf Null herab, und, um ſeine Verwirrung noch zu ſteigern, verſchwand ploͤtzlich der Speculant aus der Stadt. In dieſer Kriſis wurde er zu ſeinen un⸗ willigen Geſchaͤftsgenoſſen gerufen. Die Beweiſe, die gegen ihn vorlagen, verurtheilten ihn mora⸗ liſch, wofern ſie nicht rechtliche Geltung hatten. Der ungluͤckliche Mann vernahm alles mit dem Schweigen der Verzweiflung. Nie⸗ dergeſchmettert und verwirrt verſuchte er keine Vertheidigung. Er bat nur um eine Stunde, um die Verluſte der Bank und ſeine eignen zu berechnen; ſie beliefen ſich— wenige Hundert abgerechnet— auf die 10,000 Pfund, die er der Firma zugebracht, und die, da kein 8 Heirathscontract vorhanden war, gaͤnzlich zu ſeiner eignen Verfuͤgung geſtellt waren. Dieſe Summe uͤberließ er ſofort ſeinen Compag⸗ nons unter der Bedingung, daß ſie ſeine perſoͤnlichen Verbindlich⸗ keiten davon beſtritten. Da das Geld ſo zuruͤckgezahlt war, ſtanden ſeine Geſchaͤftstheilhaber natuͤrlich von weiterer Nachforſchung ab. Sie waren zu Mitleid geruͤhrt gegen einen ſo Begabten und ſo Ge⸗ fallenen— ſie boten ihm ſogar eine untergeordnete aber eintraͤgliche Stelle in dem Geſchaͤfte an, deſſen Theilnehmer er geweſen; allein Mainwaring ermangelte der Geduld und Entſchloſſenheit, von vorn anzufangen, um ſeinen guten Namen, ja am Ende vielleicht ſein Ver⸗ mögen wieder zu erwerben. In der verhaͤngnißvollen Angſt ſeiner Scham und Verzweiflung floh er aus der Stadt, und ſeine Flucht beſtaͤtigte auf immer die gegen ihn umlaufenden Geruͤchte, welche ſchlimmer als die Wahrheit waren. Lange waͤhrte es, bevor er ſelbſt Suſannen von dem obſcuren Zuſluchtsort, den er geſucht hatte, unter⸗ richtete; dort geſellte ſie ſich endlich zu ihm. Was that inzwiſchen Lucretia?— Sie verwandte faſt die Haͤlfte ihres eigenen Vermoͤgens darauf, um fuͤr ihre Opfer eine Jahresrente zu erkaufen! War dieſe ſeltſame Großmuth eine Handlung des Erbarmens,— ein Reſultat der Reue? Nein, es war eine der gyoͤßten und koͤſtlichſten Steige⸗ rungen ihrer Rache. Zu wiſſen, daß er, der ſie verſchmaͤht, daß ihre glückliche Nebenbuhlerin die armſeligen Pfleglinge ihrer Guͤte waͤren, war ein Genuß fuͤr ihren ſtolzen Haß. Das Geluͤſt nach Macht, wel⸗ ches in ihr ſtets ſtaͤrker als die Habſucht war, verſoͤhnte ſie genugſam mit dem Geldopfer, ja, hier hatte ſie, die Verachtete, die Erniedrigte, noch Macht; ihr Haß hatte das Vermoͤgen ihres Opfers ruinirt, den Ruf vernichtet und immer die Zukunft deſſelben verbittert und ver⸗ oͤdet,— jetzt naͤhrte ihre verachtungsvolle Gnade die elenden Leben, welche ſie verſchont hatte. Es koſtete allerdings keine geringe Muͤhe, um Suſannen zur Annahme des Opfers zu bewegen, und dies gelang ihr nur, indem ſie die Schweſter in dem Glauben erhielt, die Ver⸗ gangenheit koͤnne wieder geſuͤhnt werden, Mainwaring's Beharrlich⸗ 9 keit koͤnne ihr Vermoͤgen auf's Neue ſchaffen, die Jahresrente koͤnne zu jeder Zeit zuruͤckerſtattet werden, und die Unterſtützung ſei nur eine einſtweilige. Darauf nahm die von Dankbarkeit geruͤhrte, wei⸗ nende Suſanna gebrochenen Herzens Abſchied, um zu ihrem Gatten zu reiſen. Als die Leute, welche vom Anuctionator beauftragt waren, die zum Verkauf beſtimmten Gegenſtaͤnde zu ordnen und aufzuzeich⸗ nen, in das veroͤdete Haus traten, ging Lucretia mit dem Schritt eines ſiegreichen Eroberers uͤber die Schwelle. „Ah,“ fluͤſterte ſie, indem ſie ſtehen blieb und die Mauern be⸗ trachtete,—„Ach, ſie waren gluͤcklich, als ich zum erſten Mal dieſe Thuͤr betrat— gluͤcklich in gegenſeitiger ruhiger Liebe— noch gluͤcklicher, als ſie glaubten, ich habe die Kraͤnkung verziehen und die Vergangenheit vergeſſen! Wie geehrt war damals ihr Haus! Wie erfuhr ich damals zum erſten Male, was eine Haͤuslichkeit mit Liebe ſein kann! Und wer hat fuͤr mich allenthalben auf Erden eine ſolche Heimath, wie die Ihrige, zerſtoͤrt?— ſie, denen eine ſolche Haͤus⸗ lichkeit mit ihrem reinen Frieden laͤchelte!— Ich, ich, der Gaſt!— Ich, die Aufgegebene— die Verrathene— welche duͤſtere Erinne⸗ rungen lagen auf meiner Seele! Welch' eine Hoͤlle kochte in meinem Buſen! Wohl konnten jene Erinnerungen ſie anklagen— wohl konnte aus dieſer Hoͤlle die Alekto ſteigen! Ihr Leben war in mei⸗ ner Gewalt! Meine verhaͤngnißvollen Mittel ſtanden mir zu Gebote — ſchneller Tod oder langſam verzehrende Qual;— aber wenn ich ſehen mußte, wie ſie einander bis zum Grabe Liebe bewieſen und mit den Augen der Liebe einander jeden Schritt zur Tiefe leuchteten, dann waͤre die Rache nur auf mich ſelbſt gefallen! Ha, Betruͤger, ruͤhmeſt du dich deines fleckenloſen Rufes, ſtandeſt du, mir zur Seite, unter deinen durch Meineid geſchaͤndeten Hausgoͤttern und ſprachſt von Ehre? Dein haͤuslicher Heerd— iſt dir geraubt!— dein Ruf iſt verloren— deine Ehre iſt ein Geſpenſt, welches dich beunruhigt. Deine Liebe— kann ſie noch beſtehen? Werden die ſanften Augen deines Weibes dir nicht in's Herz brennen und die Schande die Liebe 10 in Widerwillen verwandeln? Truͤmmer meiner Rache— die ihr von meiner Guͤte zehrt— ich that wohl, euch leben zu laſſen! Ich ſchuͤttle den Staub von meinen Fuͤßen auf eurer Schwelle— lebt fort: hei⸗ mathlos, hoffnungslos und kinderlos! Der Fluch iſt erfuͤllt!“ Von dieſer Stunde an forſchte Lucretia nicht weiter nach ihren Opfern. Sie trat nie in Communication mit einem derſelben. Sie kannten ihre Adreſſe und ihr Schickſal nicht, ebenſowenig als Lucretia das ihrige. Wie ſie erwartet hatte, machte Mainwaring keine An⸗ ſtrengung, ſich von ſeinem Falle zu erholen. All' die hohen Zwecke, die ſeinen Ehrgeiz erregt hatten, waren von ihm aufgegeben. Kein öffentliches Amt wird in England einem Manne mit beflecktem Na⸗ men ertheilt. Fuͤr die geringen Zwecke des Lebens hatte er kein Herz und fragte nichts darnach. In Vergeſſenheit lebten ſie in einem Doͤrf⸗ chen in Cornwall, bis ihnen der Friede geſtattete, ſich nach Frankreich zu begeben. Ihr ferneres Schickſal iſt bekannt. Inzwiſchen zog ſich Lucretia nach einem jener kleinen Londons zuruͤck— Aufenthaltsorten des Vergnuͤgens und Muͤßiggangs, an denen das reiche England Ueberfluß hat, und in denen Wittwen von beſchraͤnktem Einkommen ihre Armuth minder plebejiſch erſcheinen laſſen können. Jetzt folgte auf all' jene Leidenſchaften, die bisher in ihr gewuͤthet hatten, eine traurige Apathie. Es war die große Wind⸗ ſtille auf dem Meere ihres Lebens. Der Wind legte ſich, die Segel erſchlafften. Nachdem ihre Rache befriedigt und das, was ſie ſo un⸗ natuͤrlich zum Hauptzweck ihres Lebens gemacht hatte, erfüllt war, blieb ſie ohne Zweck. Zuerſt verſuchte ſie an der Geſellſchaft des Ortes Vergnuͤgen zu finden, allein die Frivolitaͤten und kleinlichen Beſtrebungen derſelben ermuͤdeten bald dieſen maͤnnlichen und kraͤftigen Geiſt, der bereits unempfindlich gemacht war fuͤr die oft heilſame, oft unſchuldige Er⸗ regung durch Kleinigkeiten, nachdem er das ſchreckliche Gottesurtheil beſtanden. Kann die Hand, welche durch das gluͤhende Eiſen ver⸗ ſengt und abgehaͤrtet iſt, an der weichen Seide oder der leichten Dune 11 des Schwangefieders Vergnuͤgen finden? Darauf nahm ſie ihre Zu⸗ flucht zu Studien, und ihr natuͤrlicher Hang zum Sinnen und ihr Verlangen, ihre Thaten vor ſich ſelber zu rechtfertigen, ſtuͤrzten ſie in den bodenloſen Abgrund metaphyſiſchen Forſchens, mit der Hoff⸗ nung, ihren fruͤhzeitigen Skepticismus zu beſtaͤtigen— mit des Atheiſten Hoffnung, die Seele zu vernichten und den herrſchenden Gott zu verbannen. Aber keine Stimme, die ihre Vernunft befrie⸗ digen konnte, drang aus dieſen traurigen Tiefen: Widerſpruch auf Widerſpruch begegnete ihr in dem Labyrinthe. Nur wenn ſie, der Buͤcherweisheit muͤde, die Blicke auf die ſichtbare Natur wendete und allenthalben Harmonie, Ordnung, Syſtem, Kunſt gewahrte, fuͤhlte ſie ſich betroffen mit dem Staunen und der Ehrfurcht inſtinct⸗ maͤßiger Ueberfuͤhrung, und die natuͤrliche Religion erhob ſich aus der unerquicklichen Ethik. Dann folgte eine jener ploͤtzlichen Reactio⸗ nen, die ſich bei ſtarken Leidenſchaften und forſchenden Geiſtern ge⸗ woͤhnlich finden— gewoͤhnlicher aber, als bei Maͤnnern, bei Wei⸗ bern, wie mannaͤhnlich dieſelben auch ſein moͤgen. Haͤtte ſie damals in Italien gelebt, ſie waͤre eine Nonne geworden. Denn in dieſem Weibe konnte, anders als bei Varney und Dalibard, das Gewiſſen nie gänzlich zum Schweigen gebracht werden. Bei ihrer Wahl des Boͤſen fand ſie nur Qual fuͤr den Geiſt in all' den Verzoͤgerungen, welche den Beſchaͤftigungen, denen ſie ſich uͤberließ, zu Theil wur⸗ den. Wenn ſie mit Boͤſem beſchaͤftigt war, dann wich das Gewiſſen dem eifrigen Nachdenken; wenn das Boͤſe gethan war, dann trat mit der Ruhe das Gewiſſen ein. In dieſer eigenthuͤmlichen Periode ihres Lebens war es, wo Lucretia, waͤhrend ſie ſich verzweiflungsvoll alle Muͤhe gab, der Ver⸗ gangenheit zu entrinnen, mit einigen Mitgliedern einer der ſtrengſten Diſſenterſecten bekannt wurde. Anfangs erlaubte ſie ſich den Um⸗ gang nur aus einer Art verachtungsvoller Neugier; ſie wuͤnſchte bei deren Beobachtung ihre Kenntniß der Thorheiten der menſchlichen Natur zu erweitern; aber in dieſer Kriſis ihres Geiſtes, in dieſen 12 Kaͤmpfen ihrer Vernunft, hatte Alles, was ſie hoffen ließ das Er⸗ ſehnte zu entdecken, eine Gewalt uͤber ſie, welche ſie ſelbſt nicht ver⸗ muthet hatte;— ſie ſuchte naͤmlich ernſten Glauben, feſte Ueber⸗ zeugung, ſei es von Vernichtung oder von Unſterblichkeit— eine Philoſophie, die ſie mit dem Verbrechen verſoͤhnen koͤnnte, indem ſie die Vorſehung der Guten zerſtoͤrte, oder einen Glauben, welcher die Hoffnung auf Suͤhnung des Vergangenen bieten koͤnnte. Allmaͤlig fuͤhlte ſie ſich von der Ueberzeugung ihrer neuen Genoſſen angeſteckt und beunruhigt. Die Behauptungen, daß wir in Suͤnden geboren und Suͤnde daher unſere zweite Natur ſei und unſere geheimnißvolle Erbſchaft, ſchienen ihr, die bereit war, ſich blenden zu laſſen, Ent⸗ ſchuldigungen fuͤr ihre fruͤheren Uebelthaten zu gewaͤhren. Die Ver⸗ ſicherung, daß der aͤrgſte Suͤnder der froͤmmſte Heilige werden koͤnne — daß durch bloße Willenskraft, durch Glaubensentſchloſſenheit Verſoͤhnung erlangt werden koͤnne— dieſe Behauptungen und dieſe Verſicherungen, die ſo oft den Schuldigen gerettet und das menſchliche Herz gebeſſert haben, machten einen heilſamen, obwohl voruͤber⸗ gehenden Eindruck auf ſie. Auch war das Leben dieſer Diſſenters zum groͤßeren Theil ſtreng moraliſch, ſo wie der Friede und die Ruhe, die ſie in Zufriedenheit des Gewiſſens und Erfuͤllung ihrer Pflichten fanden, ohne einen Einfluß auf ſie, welcher ſie eine Zeit lang beſſerte⸗ und beruhigte. In der Hoffnung, eine ſolche Bekehrung zu bewirken, ließen es ſich die guten Lehrer angelegen ſein, die Saat zu pflegen, die unter Unkraut aus dem Felſen ſproßt; unter ihnen zeichnete ſich ein Mann durch Beredſamkeit und Einfluß aus, naͤmlich Alfred Braddell. Dieſer Menſch, ein Kaufmann von Liverpool, war einer jener ſeltſamen leben⸗ digen Widerſpruͤche, die man meiſt nur an Handelsplaͤtzen finden kann. Er war ſelber zu der Secte bekehrt worden und trieb ſeine Begeiſterung, gleich den meiſten Bekehrten, bis zur Bigoterie des Zeloten. Er ſah kein Heil außer der Gemeinſchaft, in welche er getreten; obwohl aber ſein Glaube aufrichtig war, ſo hatte derſelbe —*—— 13 doch keinen Einfluß auf ſein praktiſches Leben; mit gewiſſenhafteſter Befolgung der Formen verband er doch die hoͤchſte Schlauheit und Weltgewandtheit. Er hatte alle Laſter gewoͤhnlicher Art abgeſchworen, nur nicht das, welches ſo ſelten dem aͤußerlichen Decorum wider⸗ ſtreitet. Er war gefliſſentlich ein Geldmenſch und darin eifrig, ſcharfſinnig, umſichtig und gewandt. Gute Werke galten bei ihm in der That nichts Glaube war das Alles in Allem; er war einer von den Auserwaͤhlten und konnte nicht fallen. In dieſem Manne fand ſich all' die gediegene Kraft, welche oft einen Geiſt im Verhaͤlt⸗ niß zu der Beſchraͤnktheit ſeines Wirkungskreiſes charakteriſirt; dieſe Kraft machte ſeine dunkle Beredſamkeit gluͤhend und gab ſeinem hart⸗ naͤckigen Willen Staͤrke. Er ſah Lucretia und ſein Eifer fuͤr ihre Bekehrung erweiterte ſich bald zur Liebe fuͤr ihre Perſon, nur daß dieſe Liebe ſeiner Habſucht untergeordnet war. Obwohl ſcheinbar im Beſitz eines bluͤhenden Geſchaͤftes, bedurfte er doch aͤußerſt noth⸗ wendig Geld, um einige Operationen auszufuͤhren, welchen ſein Ca⸗ pital nicht mehr gewachſen war; ſeine Finger zuckten nach der Summe, welche Lucretia noch zu ihrer Verfuͤgung hatte. Die ſchein⸗ bare Aufrichtigkeit des Mannes, die Ueberzeugung von ſeiner Guͤte, ſein Ruf der Froͤmmigkeit taͤuſchten ſie; ſie glaubte ſich wahr und innig geliebt und zwar von einem Manne, der ſie, wo nicht zur Gluͤck⸗ ſeligkeit, doch zur Ruhe zuruͤckzufuͤhren vermoͤchte. Sie ſelber liebte ihn nicht, ſie konnte nicht mehr lieben. Aber es erſchien ihr ſchon als etwas Außerordentliches, Einen zu finden, dem ſie vertrauen, den ſie ehren koͤnnte. Haͤtte man damals in das Innerſte ihrer Seele blicken koͤnnen, ſo wuͤrde man gefunden haben, daß kein religioſer Glaube daſelbſt wohnte— nur der verzweifelte Wunſch zu glau⸗ ben— nur ein raſtloſes heißes Verlangen, der Erinnerung zu ent⸗ ſliehen, aus dem Abgrunde emporzutauchen. In dieſer beunruhigten, ungeduldigen, verſtoͤrten Gemuͤthsſtimmung eilte ſie, eine zweite ebenſo unſelige Ehe wie die erſte zu ſchließen. Sie ertrug geduldig all' die Entbehrungen dieſer aſcetiſchen Haͤus⸗ 14 nicht einen Polizeibeamten in der Naͤhe ſehen, oder am hellen Tage hingehen! Als jener Fußgaͤnger, deſſen Aeußeres, wie geſagt, gar nicht das eines Einwohners war, ſich in eine der Gaſſen wendete, ergriff eine rauhe Hand ſeinen Arm, und ploͤtzlich eilten eine Schaar Dirnen und zerlumpte Kerle aus einem Hauſe, deſſen untere Fenſter unverſchloſſen waren, und ein brennendes Licht zeigten, waͤhrend die Gruppe den Fremden mit rauhem Geſchrei umringte. Der Fremde fluͤſterte dem wilden Kerl, der ihn ergriffen, ein Wort in's Ohr, und ſofort ward ſein Arm losgelaſſen. „Still! das iſt einer, der ſein Geſchaͤft hat,“ ſagte der Kerl muͤrriſch. Die Gruppe machte Platz, und betrachtete beim Licht des Sternenhimmels und einer einzelnen Lampe, die am Eingange der Gaſſe hing, den Fremden. Aber ſie machten keinen Verſuch, ihn aufzuhalten, und als er fern unterm Schatten verſchwand, eilten ſie in die elende Herberge zuruͤck, wo ſie ihr Gelag hielten. Inzwiſchen erreichte der Fremde einen engen Hof, und blieb in einer der Ecken deſſelben vor einem Hauſe ſtehen, welches hoͤher als die uͤbrigen war, und zwar ſo bedeutend hoͤher, daß es ſich faſt wie ein Thurm ausnahm; man haͤtte es(und vielleicht mit Recht) fuͤr den letzten Ueberreſt eines alten vornehmen Hauſes halten koͤnnen, rings um welches, waͤhrend die Bevoͤlkerung zunahm und die Sitten ſich aͤnderten, die Huͤtten unten ruͤckſichtslos emporgeſtiegen waren. Große ſtarke Pfei⸗ ler, die von hundertjaͤhrigem Staube geſchwäͤrzt waren, ſtanden zu beiden Seiten der tief in der Mauer befindlichen Thuͤr; die Fenſter waren mit gewaltigen Simſen eingefaßt, und im unteren Geſchoß ſtark vergittert; aber wenige der Scheiben waren ganz, und nur hier und da hatte man Verſuche gemacht, Wind und Regen durch Lappen, Papiere, alte Schuhe, alte Huͤte und andre ſinnreiche Auskunftsmit⸗ tel abzuhalten. Neben der Thuͤr war bequem genug eine Reihe von zehn bis zwoͤlf Klingelzuͤgen angebracht, die vermuthlich den ver⸗ ſchiedenen Wohnungen angehoͤrten, in welche das Gebaͤude abgetheilt war. D ſtand un ein Mef Dunkelh nehmern hindeute bewiekte Bi einem eine S und he 9 nen; un 15 war. Der Fremde ſchien mit der Oertlichkeit nicht ſehr vertraut. Er ſtand unentſchloſſen, welchen Zug er ergreifen ſollte, bis ihn endlich ein Meſſingſchild neben einem der Griffe belehrte, welches, wenn die Dunkelheit auch die Schrift zu leſen verhinderte, doch auf einen vor⸗ nehmern Eigenthuͤmer, als die uͤbrigen namenlloſen Klingelzuͤge, hindeutete; er wagte daher einen Zug, welcher ein ſo lautes Gelaͤute bewirkte, um damit den ganzen Hof aus ſeiner Ruhe außzuſchrecken. Binnen weniger als einer Minute oͤffnete ſich ein Fenſter in einem der obern Stockwerke, ein Kopf guckte daraus hervor, und eine Stimme, wie ſie gemeinen Wuͤſtlingen eigenthuͤmlich iſt, rauh und heiſer, fragte:„Wer iſt da?“ „Sind Sie es, Grabmann?“ fragte der Fremde. „Ja; Nicolaus Grabman, Rechtsanwalt, Sir, Ihnen zu die⸗ nen; und Ihr Name?“ „Jaſon,“ antwortete der Fremde. „Heda— he! Beck!“ rief die rauhe Stimme Jemand im In⸗ nern zu;„geh' hinab und oͤffne!“ Nach wenigen Augenblicken knarrte und bewegte ſich die ſchwere Thuͤr und oͤffnete den duͤſtergaͤhnenden Eingang. Eine hagere, halb ausgekleidete Geſtalt, mit einem Stuͤckchen Pfenniglicht, welches durch eine ſchlechte Laterne ſchimmerte, in der Hand, ſtand vor Jaſon. Die⸗ ſer betrachtete den zerlumpten Pfoͤrtner ſcharf. „Wohnſt Du hier?“ „Ja,“ antwortete Beck mit der ihm angewohnten Unterwuͤrſigkeit. „Hier hinauf; nehmen Sie ſich in Acht!“ „Gut, geh' voran— halt' die Laterne in die Hoͤh'; ein teufel⸗ maͤßig finſterer Ort!“ murmelte Jaſon, waͤhrend er beinah' uͤber ver⸗ ſchiedenes zerbrochenes Geroͤll ſtuͤrzte und eine unbequeme, ſchwarze Treppe erreichte, deren zerbrochene Stufen unter jedem Tritte krachten. „St! ſt!“ ſagte Beck, als der Fremde auf dem zweiten Vorſaal ———“ 16 entſetzt durch die Anklagen einer Gottloſen, der er nicht zu wider⸗ ſprechen wagte. Endlich gewann ſeine Wuth die Oberhand uͤber ſeine Furcht. Gepeinigt, wahnſinnig durch Selbſtverachtung, ent⸗ flammte ſich ſein Blut in gerechterem Zorne bei der Schmaͤhung ſeines Glaubens, er verlor alle Selbſtbeherrſchung und ſchlug ſie zu Boden. Bei all' ſeiner Scham und Furcht vor Entdeckung ſeiner Gewaltthat, die ihn gleich nach der Handlung befiel, fuͤhlte er nicht minder Erleichterung als Staunen, als Lueretia, die ſich langſam erhob, ihre Hand ſanft auf ſeinen Arm legte und ſagte: „Bereue nicht, es iſt vorbei; fuͤrchte nichts, ich werde ſchweigen! komm, Du biſt der Staͤrkere, Du herrſcheſt. Ich will mit meinem Kinde nach Deinem Hauſe folgen.“ In dieſer unerwarteten Unterwerfung eines ſo gebieteriſchen Weibes, erblickte Braddell's ſchwache Charakterkenntniß nur Furcht, und ſein beſchraͤnkter Sinn freute ſich ſeines Triumphes. Lueretia kehrte mit ihm zuruͤck. Einige Tage nachher ward Braddell un⸗ wohl; die Krankheit nahm allmaͤlig, ſtuſenweiſe zu. Sein Geiſt brach zugleich mit ſeiner Geſundheit, und nun beherrſchte und un⸗ terbrach ihn Lueretia's ernſter, gebieteriſcher Wille. Er beugte ſich vor ihrem ſtolzen, forſchenden Blick, er ſchauderte bei ihrem boshaf⸗ ten Seitenblick; aber mit dieſer Furcht erwuchs nothwendig auch Haß; und dieſer Haß, bisweilen genuͤgend, um die Furcht zu beſiegen, machte ſich dadurch geltend, daß er ihr tuͤckiſch die gebuͤhrende Beauf⸗ ſichtigung ihres Kindes zu entziehen ſuchte. Obwohl er wenig wirk⸗ liche Liebe zu Kindern hatte, wollte er es beſtändig bei ſich haben, und widerſprach Lucretia's eignen Auftraͤgen füͤr die Dienſtboten bei all' den Gelegenheiten, bei welchen Muͤtter am meiſten in ihrem Rechte ſind. Nur bei ſolchen Anlaͤſſen verlor Lucretia bisweilen ihre argliſtige Selbſtbeherrſchung und drohte, daß ihr Kind noch aus ſeinen Haͤnden befreit werden ſollte; daß man daſſelbe lehren wuͤrde, Heuchler zu verachten, eine Lehre, die er ihr ſelher gegeben haͤtte. Dieſe Worte trafen nicht nur das Gefuͤhl, ſondern auch das Gewiſ⸗ — 17 ſen ihres Gatten ſtark. Inzwiſchen trug Lucretia kein Bedenken, ihre Verachtung Braddell's an den Tag zu legen, indem ſie ſich ſichtbar all' der Ceremonien enthielt, die ſie fruͤher ſo ſtreng beob⸗ achtet hatte. Die Seete nahm ein Aergerniß. Braddell unterließ nicht, die Urſachen ſeiner Beſchwerde bekannt zu machen. Das ſtolze gebieteriſche Weib wurde in der Gemeinde verdammt und im Hauſe gehaßt. Damals kam Walter Ardworth, der ſich zur Zeit durch politiſche Vorleſungen zu naͤhren ſtrebte(welche zu einer fruhern Zeit dieſes Jahrhunderts eine bereitwillige Zuhoͤrerſchaft fanden), nach Liver⸗ pool. Braddell und Ardworth waren Schulgenoſſen geweſen und ſchon damals keimende Politiker von gleichartigen Anſichten. Die Bekehrung des erſtern zu einer der Secten, die aus dem alten Glau⸗ ben erwachſen, welche unter Cromwell das Scepter des Sohnes Belials gebrochen und die Gemeinſchaft der Heiligen gegruͤndet hat⸗ ten, hatte die republikaniſchen Anſichten des finſtern Fanatikers nur noch beſtaͤrkt. Ardworth kam zu Braddell, und war erſtaunt, im Weibe ſeines Schulgenoſſen eine Nichte ſeines Wohlthaͤters, Sir Miles' St. John, wiederzufinden. Nun hatte Lucretia ihrem Gat⸗ ten nie ihre wahre Herkunft mitgetheilt. Bei einer Verbindung, die ſo ſehr unter ihrer Herkunft war, hatte ſie vor allen ihren Verwandten den Fall der einſt geehrten Erbin zu verbergen ge⸗ wuͤnſcht. Sie war, im Suchen nach Frieden, zur Dunkelheit herab⸗ geſtiegen; aber ihr Stolz empoͤrte ſich bei dem Gedanken, daß ihr niedriggeborner Gatte ſtolz auf ihre Verwandten werden und ſich ihrer Herkunft gegen ſeines Gleichen ruͤhmen moͤchte. Zum Gluͤck empfing ſie Ardworth, bevor er, wie ſie meinte, mit ihrem Gemahl zuſammengeweſen, der jetzt, ſchwaͤcher und ſchwaͤcher werdend, ge⸗ woͤhnlich ſein Zimmer huͤtete. Sie ließ ſich herab, Ardworth zu bitten, ihr Geheimniß zu wahren, und er, der ihren Stolz, weil er ſelber von guter Herkunft war, begriff und Mitleid mit ihrem Kum⸗ mer empfand, gab bereitwillig das Verſprechen. Bei der erſten Bulwer, Lucretia. V. 2 Zuſammenkunft zeigte Braddell keine Freude uüͤber den Anblick ſei⸗ nes alten Schulkameraden. Es war natuͤrlich genug, daß ein ſo ſtrenger Mann kein Gefallen an Einem haben konnte, der alle For⸗ men ſo vernachlaͤſſigte. Als aber Lucretia unvorſichtig genug war, Freude bei ſeinen unfreundlichen Bemerkungen hinſichtlich des Ga⸗ ſtes zu zeigen— als er merkte, daß es ihr angenehm ſein wuͤrde, wenn er die ihm angebotene Bekanntſchaft nicht pflegte, das be⸗ wegte ihn den Geiſt des Widerſpruchs und das tuͤckiſche Vergnuͤgen an kleinlicher Kraͤnkung, denjenigen hoͤflich und vertraulich aufzu⸗ nehmen, den er erſt verſchmaͤht hatte. Daxauf geſchah es ferner, daß allmaͤlig die Uebereinſtimmung in politiſchen Angelegenheiten, die alten Erinnerungen an die froͤhliche, ſorgloſe Jugend, die Ver⸗ traulichkeit inniger machten, als ſie Braddell mit irgend einem ſeiner letzten Genoſſen in der Seete unterhalten hatte. Lucretia betrachtete ſeine wachſende Freundſchaft mit großer Un⸗ ruhe— die Unruhe ſteigerte ſich zur Angſt, als Braddell eines Ta⸗ ges, in Ardworths Beiſein, in einem plotzlichen Anfall ſagte:„Ich weiß dieſe ſeltſamen Zufaͤlle nicht zu erklaͤren— ich glaube wirklich, ich bin vergiftet!“ Und ſein duͤſtres Auge ruhte dabei auf Lucretia's bleicher Stirn. Einige Tage lang nach dieſer Bemerkung war ſie ungewöhnlich gedankenvoll und eines Morgens benachrichtigte ſie ih⸗ ren Gemahl, ſie habe Nachricht erhalten, daß ein Verwandter, von welchem ſie Geld zu hoffen haͤtte, gefaͤhrlich krank ſei; ſie bat um Er⸗ laubniß, den kranken Verwandten, der in einer fernen Grafſchaft wohnte, zu beſuchen. Braddell's⸗Augen leuchteten bei dem Gedanken an ihre Abweſenheit; ohne weitere Fragen willigte er ein; und Lu⸗ eretia, die vielleicht wußte, daß der Tod ihres Opfers nahe ſei, und es fuͤr ſicherer hielt, wenn er waͤhrend ihrer Abweſenheit ſtuͤrbe, ver⸗ ließ das Haus. Sie begab ſich allerdings in die Naͤhe ihres Verwand⸗ ten. In einer geheimen Unterredung mit Ardworth, als ſie dieſen um Nachrichten hinſichtlich des jetzigen Beſitzers von Laughton be⸗ fragte, hatte er ihr geſagt, er habe zufaͤllig gehoͤrt, daß Vernon's —— 19 beide Soͤhne(Pereival war damals noch nicht geboren) krank waͤren; nun ging ſie, heimlich und ungekannt, nach Hampton, um zu ſehen, ob die Lage der Dinge von der Art waͤre, daß ſie noch einmal die Ge⸗ bieterin ihres verlornen Erbes werden koͤnnte. Waͤhrend dieſer Abweſenheit beſchloß Braddell, der nun dunkel fuͤhlte, daß ſeine Tage gezaͤhlt waͤren, den lange genaͤhrten Gedanken auszufuͤhren, wozu ihn nicht minder ſein Gewiſſen als ſein Haß ver⸗ mochte. Wie groß auch ſeine Fehler waren, ſo mochte er doch, zum mindeſten in ſeinem religioͤſen Glauben aufrichtig, mit Beſorgniß der Ausſicht entgegenblicken, daß ſein Sohn von einer Mutter erzogen werden ſollte, welche ſeine Secte gelaͤſtert und ihren Unglauben öoͤffent⸗ lich bekannt hatte. Er konnte allerdings im Teſtament fuͤr ſein Kind Vormuͤnder beſtellen, aber der Umſtand, daß er unter demſelben Dache mit ſeiner Gattin gelebt, daß er ſie ſogar unter dies Dach zu⸗ ruͤckgefuͤhrt, nachdem ſie es verlaſſen hatte, war ein ſchweigender Be⸗ weis, daß ihr Betragen, was auch zwiſchen ihnen vorgefallen ſein mochte, doch nicht von der Art ſein konnte, um ihr die Vorrechte einer Mutter zu verſagen. Die Vormundſchaft konnte daher wenig helfen, um Lucretia's indirecten ſchlimmen Einfluß, wo nicht ihre beſtimmte Aufſicht, zu vereiteln. Ueberdies muß, wo Vormuͤnder beſtellt wer⸗ den, Geld hinterlaſſen ſein, und Braddell wußte, daß bei ſeinem Tode ſein Nachlaß nicht einmal ausreichen wuͤrde, um ſeine Schulden zu decken. Wer wuͤrde fuͤr das beſitzloſe Kind Vormund ſein? Er be⸗ ſchloß daher, ſein Kind aus dem Hauſe und nach einem Orte zu ſen⸗ den, wo es, nachdem es in beſcheidener Lage erzogen, endlich zu dem rechten Glauben gebracht werden koͤnnte,— nach einem Orte, der nicht erforſcht werden und gaͤnzlich außer dem Bereich der unglaͤubi⸗ gen Mutter liegen ſollte. Er blickte auf ſeine Umgebungen und fand kein Werkzeug, welches bereit ſchien, ſeinem Plane zu die⸗ nen, außer Walter Ardworth. Denn er hatte damals das Mitleid und das Herz dieſes gutmuͤthigen, gefaͤlligen Mannes gaͤnzlich fuͤr ſich gewonnen. Seine Ausſpruͤche uͤber das uͤble Benehmen Lucretia's 2* 20 wurden um ſo mehr von einem Manne geglaubt, der im Stillen ſtets gegen ſie eingenommen geweſen war, der, im haͤuslichen Kreiſe zu⸗ gelaſſen, ein Augenzeuge ihrer hartherzigen Gleichgiltigkeit gegen des Gatten Leiden geweſen, und der ſelbſt in der Bitte, ihre edle Geburt nicht zu verrathen, nur Beſchaͤmung ſah, welche ſie uͤber ihre Wahl empfand. Mit Unwillen betrachtete auch Ardworth ihren Entſchluß, Braddell in ſeinen letzten Augenblicken zu verlaſſen, und da er ſeiner⸗ ſeits ſelbſt manches Mißgeſchick erfahren hatte, ſo hoͤrte er um ſo be⸗ reitwilliger auf Alles, was die Frauen anklagte. Die beiden alten Schulgenoſſen hatten in dieſer Hinſicht bereits das Herz gegen ein⸗ ander ausgeſchuͤttet. Der einzige Vertraute, den man bei der Ent⸗ fernung des Kindes erwaͤhlte, war ein Standes⸗ und Glaubens⸗ genoſſe Braddell's, und derſelbe übernahm es gefäͤllig, ein gutes und frommes Weib ausfindig zu machen, die mit Hilfe der Geldmittel, welche Braddell, indem er ſeine Glaͤubiger beraubte, herbeiſchaffen konnte, dem armen Kinde fortwaͤhrend die Sorge einer Mutter wid⸗ men ſollte. Als dieſe Frau gefunden war, vertraute Braddell ſein Kind Ardworth nebſt der Summe an, die er zu deſſen kuͤnftigem Unterhalt zuſammenbringen konnte. Und Ardworth bewies er lieber, als ſeinen Glaubensgenoſſen, dies zwiefache Vertrauen, weil der Letz⸗ tere Aergerniß fuͤrchtete, wofern es offenbar wuͤrde, daß er einen ſo zweideutigen Auftrag uͤbernommen haͤtte. So arm und verſchuldet Walter Ardworth auch war, ſo verkannte Braddell ſeinen Charakter doch keineswegs, als er ihm das Geld anvertraute, denn die Charak⸗ tere, die wir in der leicht zu durchſchauenden Jugend erkannten, ken⸗ nen wir fuͤr immer. Ardworth war leichtſinnig und ſein ganzes Leben war ruinirt— ſeine ganze Natur herabgewuͤrdigt, weil ihm gewoͤhnliche Betriebſamkeit und Klugheit abging. Sein eignes Geld ſchluͤpfte ihm durch die Finger und ſo ward er bald von Glaͤubigern umringt, die er, ſtreng genommen, in ſolcher Weiſe betrogen hatte; aher directe Unredlichkeit lag der Liſte ſeiner Fehler ſo fern, als waͤr' 4. 21 er ein Mann von den ſtrengſten Grundſaͤtzen und der feſteſten Ehren⸗ haftigkeit geweſen. Das Kind war fort— der Vater geſtorben— und nun kehrte Lucretia, wie wir aus Grabman's Brief erſehen haben, in das Sterbehaus zuruͤck, um Argwohn, kalte Blicke, ſelbſt Anſchuldi⸗ gungen und eine Unterſuchung des Verſtorbenen zu finden. Aber bei alldem trauerte die beraubte Tigerin um ihr Junges. Sobald alle Zeugniſſe gegen ſie als geſetzlich unbegruͤndet erwieſen waren und ſie abreiſen durfte, forſchte ſie auf's Gerathewohl und halb wahn⸗ ſinnig nach ihrem verlorenen Kinde. Doch war dies vergebens. Die bloßgeſtellte und beſitzloſe Lage, in welche ſie durch ihres Gatten Tod gekommen, genuͤgte nicht, ihrer wilden Jagd ein Ziel zu ſetzen. Zu Fuße wanderte ſie von Dorf zu Dorf und bettelte ſich nach jedem Orte, wohin eine falſche Spur ſie leitete. Endlich entſagte ſie, in widerſtrebender Verzweiflung, der For⸗ ſchung und befand ſich eines Tages mitten in London auf der Straße, halb verhungert und in Lumpen. Da ſtand ploͤtzlich vor ihr, zum Mann erwachſen, bluͤhend und in anſcheinend gluͤcklichen Umſtaͤnden, Gabriel Varney. An der Stimme erkannte er ſeine Stiefmutter, als ſie fich ihm naͤherte und ihn anſprach, und nachdem er einige Augenblicke uͤberlegt, fuͤhrte er ſie nach ſeiner Wohnung. Es iſt nicht unſer Zweck(weil es fuͤr unſere Erzaͤhlung nicht nothwendig), dieſen Beiden durch ihre verbrecheriſche Laufbahn zu folgen. Raub⸗ vögel, ſuchten ſie in menſchlichen Thorheiten und menſchlichen Fehlern ihre Nahrung zu finden; bald getrennt, bald bei einander, blieben ihre Intereſſen immer dieſelben. Varney nuͤtzte das uberlegene und feinere Genie im Boͤſen, mit welchem er ſich zuſammengeſellt hatte; denn da ſie wenig nach uͤppigem Leben fragte und fuͤr gewoͤhnliche Sinnengenüͤſſe todt war, ſo uͤberließ ſie ihm gern den groͤßern Theil ihres Raubes. Unter einer Menge Namen und Masken, unter einer Neihe von Betruͤgereien, bald großartig, bald gemein, die meiſt auf dem Continente veruͤbt wurden, hatten ſie ihren Lauf verfolgt, alle Gefahr verachtend und aller Geſetze ſpottend. Drei bis vier Jahre vor dieſer Periode war Varney's Oheim, der Maler— durch eine jener Launen des Gluͤckes, das bisweilen Erben fuͤr einen Millionaͤr am Webſtuhl oder am Ackerpflug findet — durch den Tod eines nie geſehenen ſehr fernen Verwandten plötz⸗ lich in Beſitz eines kleinen Gutes gekommen, welches er fuͤr 6000 Pfund verkaufte. Er gab ſeinen Beruf auf und lebte, ſo behaglich es ſeine erſchuͤtterte Geſundheit verſtattete, von den Intereſſen dieſer Summe. Seinem Neffen, der damals in Paris war, meldete er die gute Neuigkeit und bot ihm Gaſtfreiheit ſeines Hauſes an. Varney eilte nach London. Bald nachher wurde eine Waͤrterin, welche als nuͤtzliche, in ihrem Beruf erfahrene Frau von Grabman empfohlen war— der in mancher verwickelten Sache Gabriel's Verbuͤndeter geweſen— in des armen Malers Hauſe eingefuͤhrt. Von dieſer Zeit an nahm ſeine Schwaͤche zu. Er ſtarb, wie der Doctor ſagte, „weil er den Reizmitteln entſagte, an die ſeine Conſtitution ſo lange gewoͤhnt geweſen“; und Gabriel Varney wurde zu der Teſtaments⸗ eröffnung gerufen. Zu ſeiner unbegreiflichen Enttaͤuſchung war, ſtatt dem verſchwenderiſchen Vetter die Summe zu freier Verfuͤgung zu uͤberlaſſen, dieſelbe vielmehr einem Verweſer uͤberwieſen, um ſie zum Vortheil Gabriel's und ſeiner kuͤnftigen Kinder zu verwalten, „damit,“ wie der arme Oheim liebreich ſagte,„der Juͤngling Ver⸗ anlaſſung erhielte, ſich zu vermaͤhlen und zu beſſern!“ Sonach genoß der Neffe alſo nur die Zinſen und hatte nicht uͤber das Kapital zu verfuͤgen. Die Zinſen von 6000 Pfund, in der engliſchen Bank an⸗ gelegt, waren fuͤr den verſchwenderiſchen Varney ſo viel wie nichts! Die Verweſer des Vermoͤgens waren unter des Malers fruͤhern und in beſſern Umſtaͤnden lebenden Freunden ausgewaͤhlt, die ihn allerdings in ſeinen armen und namenloſen Tagen aufgegeben, die ſich aber mit ihm verſoͤhnt hatten, nachdem er durch ſein Vermögen zu Anſehn gekommen. Einer derſelben hatte ſich unlaͤngſt zuruͤckge⸗ —— 23 zogen, um den Reſt ſeiner Tage in Boulogne zuzubringen; der an⸗ dere war ein Hypochonder. Kurz, keiner von ihnen war eigentlich Geſchaͤftsmann. Gabriel blieb es uͤberlaſſen, zu den gewoͤhnlichen Zeitpunkten die Intereſſen von der Bank zu erheben. Nach wenigen Monaten ſtarb der dun Boulogne wohnende Verweſer und deſſen Amt ging nun auf Mr. Stubmore, den hypochondriſchen Verweſer uͤber. Durch Ausſchweifungen verſchuldet und kuhn gemacht durch den Cha⸗ rakter und hilfloſen Zuſtand des uͤberlebenden Verweſers, faͤlſchte Varney Mr. Stubmore's Unterſchrift zu einer Anweifung an die Bank, um derſelben ſo viel vom Capitale, als er bedurfte, zu ent⸗ ziehen. Da das eine Vergehen ungeſtraft blieb, ſo machte es Muth zu anderen, bis faſt das ganze Capital aufgenommen war. Von die⸗ ſen Summen hatte Varney ſehr angenehm gelebt, und mit einem ſchweren Seufzer ſah' er der baldigen Erſchoͤpfung der Hilfsquelle entgegen. Während einer der melancholiſchen Stimmungen, die dieſer Ge⸗ danke erzeugte, befand ſich Varney gerade in derſelben Stadt in Frankreich, nach welcher ſich in ſpaͤtern Jahren die Mainwarings gewendet hatten, und von wo aus Helene in Mr. Fieldens Haus ge⸗ kommen war. Zufaͤllig hoͤrte er den Namen, und waͤhrend ihn ſeine Neugier weiter forſchen ließ, vernahm er, daß Helene von ihrem Großvater zur Erbin eingeſetzt ſei. Mit dieſer Kenntniß erwachte der Gedanke an das abſcheulichſte, verruchteſte Verbrechen, wie ſelbſt er es noch nicht begangen; es war ſo ſchwarz, daß ſelbſt er noch da⸗ vor zuruͤckſchauderte. Aber im Verbrechen zeigt ſich ſtets ein nothwen⸗ diges Verhaͤngniß, welches Schritt um Schritt weiter treibt, bis das Maß voll wird. Varney erhielt einen Brief mit der Kunde, daß auch der letzte Verweſer ſeines Capitals nicht mehr lebte, und daß demnach jetzt daſſelbe zur alleinigen n Verfuͤgung ſeines Sohnes und Erben geſtellt waͤre; dieſer Herr ſei gegenwaͤrtig mit der Ordnung ſeiner eigenen Angelegenheiten ſehr beſchaͤftigt und beſichtige ein ſehr vernachlaͤſſigtes Grundſtuͤck in Devonſhire, welches ihm zugefal⸗ 24 len war; binnen wenigen Monaten hoffe er jedoch ſich thaͤtiger, als ſein Vater gethan, ſich um jenes Capital zu bekuͤmmern und daſſelbe vortheilhafter als in der engliſchen Bank anzulegen. Dieſer neue Verweſer war Varney perſoͤnlich bekannt; derſelbe war ſein Altersgenoſſe und in fruͤherer Jugend ein Schuͤler ſeines Oheims geweſen. Seit jener Zeit aber hatte er einen Lebensberuf erwählt und die Kunſt als ſolchen aufgegeben. Er kannte dieſen juͤngern Stubmore als thaͤtigen, gewiſſenhaften Geſchaͤftsmann; etwas genau und habgierig, doch bei all' dem ohne Energie, im Gan⸗ zen gutmuͤthig und gegen Gabriel, als ehemaligen Mitſchuͤler, nicht ohne freundliche Geſinnung. Daß Stubmore den Betrug entdecken wuͤrde, war offenbar— daß er denſelben, ſeiner ſelbſt willen, an⸗ zeigen wuͤrde, war ebenfalls klar— daß die Bankihre Schritte thun, daß Varney uͤberführt werden wuͤrde, war mit nicht minderer Sicher⸗ heit zu fuͤrchten. Nur ein Ausweg blieb dem Faͤlſcher uͤbrig:— wenn er jetzt und waͤhrend Stubmore ſehr mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft war, eine Summe auftreiben konnte, um damit das betruͤgeriſch Entnommene zu erſetzen. Er hoffte, ſeiner Meinung nach, die Sache leicht ſo zu ord⸗ nen, daß die Betruͤgerei niemals bekannt wuͤrde. Ja, wenn auch Stubmore bei Uebernahme ſeiner neuen Obliegenheit das Geſchehene entdecken ſollte, ſo hoffte Varney gleichwohl, daß ſein ehemaliger Mitſchuͤler, wofern nur das Geld wieder erſtattet ſei, die Sache nicht zur Anzeige bringen und ſtillſchweigen wuͤrde. Wie ſollte er zu dem Gelde kommen? Er dachte an Helenens Vermoͤgen, und ſein letzter Scrupel wich der drohenden Gefahr und dem Draͤngen der Furcht. Mit dieſem Entſchluſſe kam er wieder zu Lucretia, deren Mit⸗ wirkung bei ſeinen Plaͤnen nothwendig war. Lange Gewohnheit des Verbrechens hatte das duͤſtere Weſen dieſes furchtbaren Weibes noch dunkler gemacht und tiefer ausgepraͤgt. Aber bei all' dem, was ihre Seele entmenſchlicht hatte, war dennoch ein menſchliches Gefuͤhl, ·— 25 wie verdorben und ſuͤndig es ſich auch kundgeben mochte, in ihr rege geblieben— die muͤtterliche Erinnerung. Durch dieſe, ihre am we⸗ nigſten verbrecheriſche, Regung fuͤhrte Varney ſie zu dem aͤrgſten ih⸗ rer Verbrechen. Er erbot ſich, den Reſt ſeines Capitals durch eine neue Faͤlſchung zu erheben— und die erhaltene Summe ausſchließ⸗ lich zur Aufſuchung ihres verlorenen Vincent zu verwenden; er regte die Hoffnungen wieder an, die ſie ſo lange aufgegeben gehabt, bis ſie die Entdeckung fuͤr leicht und ſicher zu halten begann. Dann malte er ihr die Ausſicht, daß ihr Sohn Laughton erben koͤnnte— daß aber zwei Leben zwiſchen ihm und jenen Guͤtern ſtaͤnden— zwei Leben, welche mit ihrem gerechten Grunde zur Rache in nahem Zu⸗ ſammenhang waren;— zwei Leben! Lucretia hatte bis dahin nicht gewußt, daß Suſanna ein Kind hinterlaſſen hatte, daß ein Pfand jener Ehe exiſtirte, welcher ſie all' ihre Schmach zuſchrieb, um eine nie erloſchene Eiferſucht neu anzufriſchen und den Haß aufzuru⸗ fen, der aus ihrer Liebe erwachſen war! Bereitwilliger, als Varney vermuthet, und mit wilder Freude ging ſie auf ſeinen abſcheulichen Plan ein. So war ſie nach England zuruͤckgekehrt, um die Vormundſchaft ihrer Nichte in Anſpruch zu nehmen. Varney miethete ein duͤſtres Haus in der Vorſtadt und waͤhrend er ſich nach einer zuverlaͤſſigen, nicht zum Verrath geneigten Dienerin umſah, fand er die Waͤrterin, die waͤhrend ſeiner letzten Krankheit ſeinen Oheim gewartet hatte; Lucretia aber verwarf, ihrer unabaͤnderlichen Verfahrungsweiſe treu, alle dienenden Mitſchuldigen, und wollte in den Werkzeugen ihrer ſchwarzen Thaten keine Vertrauten haben. Sie heuchelte eine Ge⸗ brechlichkeit, welche die Hand, die den Trank miſchte, vor jedem Arg⸗ wohn bewahren ſollte, und mit ſolchen Vorkehrungen trotzte ſie der irdiſchen Gerechtigkeit, und ſtand allein unter der Allmacht des Himmels. Verſchiedene Nuͤckſichten hatten die Ausfuhrung der ſchwarzen That verzöͤgert, die ſo kaltbluͤtig entworfen worden. Lucretia ſelbſt —— 26 zoͤgerte; vielleicht mehr, als ſie ſelbſt wußte, unter dem Einfluſſe des Gewiſſens,— deſſen Skrupel ſie, wie der Leſer aus ihren Unter⸗ redungen mit Varney erſehen hat, unter den noch abſcheulichern Raf⸗ finements ihrer Rache verbarg. Das Fehlſchlagen der fruͤhern For⸗ ſchungen nach dem verlornen Vincent, die verzoͤgerte Thaͤtigkeit Stub⸗ more's, gewährte dem ungeduldigern Moͤrder Muße, mit St. John bekannt zu werden, Helenens Vertrauen zu erſchleichen und die Le⸗ bensverſicherungen der letztern minder verdaͤchtig erſcheinen zu laſſen, als wenn dieſelben gleich bei ihrem Eintritt in das Haus bewirkt wor⸗ den waͤren, ehe ſie noch jene Liebe zu ihrer Tante gefaßt haben konnte, wodurch eine liebreiche Fuͤrſorge erklaͤrlicher werden mußte. Jetzt wa⸗ ren dieſe Urſachen des Verzugs verſchwunden, die Parzen ſchritten wieder zu ihrem Werk und erhoben die drohenden Scheeren. Lucretia hatte laͤngſt ſchon den Namen Braddell aufgegeben. Sie ſcheute ſich, dieſe zweite Ehe einzugeſtehn, weil ſie ſich dadurch ernie⸗ drigt hatte und uͤberdies die Unterſuchung ihres verſtorbenen Gatten einen Verdacht auf ſie gelenkt hatte. Sie wollte die Stunde der An⸗ erkennung ihres Sohnes erſt erwarten. Deshalb nahm ſie den Na⸗ 1 2¹—. men Dalibard wieder an, mit welchem wir ſie ferner bezeichnen wer⸗ 4 den. Auch unterſtuͤtzte Varney ſie in dem Vorſatz, ihre zweite Che nicht eher zu bekennen, als bis es nothwendig werden wuͤrde. Wenn der Sohn entdeckt und die Zeugniſſe ſeiner Geburt in ſeinen und ſeiner Mitſchuldigen Haͤnden ſein wuͤrden, da hoffte ſeine Habſucht natuͤrlich von jenem Sohne erſt ein Unterpfand angemeſſenen Lohnes dafuͤr zu erpreſſen, daß er ihm jene Erbſchaft verſchaffte. Von der Summe dieſes ertraͤumten Lohnes ſollte nicht nur Grabman, ſondern auch deſſen Auftraggeber bezahlt werden. Die Verheimlichung der Identitaͤt zwiſchen Mrs. Braddell und Madame Dalibard konnte ein ſolches Arrangement erleichtern. Dieſen Gedanken verſchloß Varney fuͤr jetzt in ſeiner Bruſt. Er wagte nicht, gegen Lucretia von dem Handel zu ſprechen, den er hinſichtlich ihres Sohnes beabſichtigte. John Le⸗ aſſen, wor⸗ unte, twa⸗ ritten Sie ernie⸗ atten r An⸗ Na⸗ wer⸗ Che Wenn n und bſucht ohnes n der zndern g der te ein zarney n dem te. 27 Neunzehntes Kapitel. Mr. Grabman's Abenteuer. Die Lakaien in ihren Livreen ſtanden am Portale zu Laughton, waͤhrend die Poſtillone raſch die Straße herauffuhren, welche durch die ehrwuͤrdigen, mit herbſtlichen Farben bekleideten Baumhallen nach dem ſtattlichen Schloſſe hinfuͤhrte. Aus dem Fenſter des großen ge⸗ raͤumigen Wagens, den Percival, aus Rüͤckſicht auf die Gebrechlichkeit der Madame Dalibard zu deren beſonderer Bequemlichkeit gemiethet hatte, blickte Lucretia's ſcharfes Auge. Am Abhange des Huͤgels waren die Hirſche ſichtbar, und unten, wo der See glaͤnzte, ruhte der Schwan auf der Fluth. Weiter links, in der Tiefe des Thales, ſah man mit ihren ſtarken, vielzackigen Aeſten noch immer Guy's denk⸗ wuͤrdige Eiche emporragen. Jetzt ſah man von weitem den grauen Kirchthurm aus den umgebenden Laubmaſſen emportauchen. Ploͤtz⸗ lich wendete ſich die Straße, Lucretia erblickte vor ſich die Hallen von Laughton, glaͤnzend von der Sonne beſchienen. Fluͤſterteſt Du aus dei⸗ ner weiſſagenden Hoͤhlung keine Warnung, o Guy's Eiche? Und Du, der Du unter dem Kirchthurm ſchliefſt, Miles St. John, wende⸗ teſt Du Dich nicht in deinem Grabe, als mit ſo zarter Sorgfalt der junge Herr von Laughton den ſchweigenden Gaſt uͤber ſeine Schwelle brachte, und mit allzuleichtglaͤubigen feuchten Augen Verrath und Mord an ſeinem Heerde willkommen hieß? Dort, am Portal, blieb Helene ſtehen, waͤhrend ſie mit dem ent⸗ zuͤckten Auge der Dichterin auf die weite Landſchaft ſchaute, welche mit den großen Schatten der ſinkenden Sonne geſtreift war. Dort, an ih⸗ rer Seite, weilte auch Varney, und blickte mit Kuͤnſtlerauge auf die herrliche Sonne, bis ein(nicht kuͤnſtleriſcher) Gedanke das Antlitz der Erde verwandelte, und die Ausſicht nur das Golgatha ſeiner Seele zu⸗ ruͤckſpiegelte. 28 Verlaſſen wir ſie ſo— wir muͤſſen eilen. Eines Tages hielt ein Reiſender ſein Gig vor dem Wirthshaus eines Dorfes in Lancaſhire an. Er gab dem Stallknechte den Zuͤgel, und als dieſer fragte, wie viel Hafer das Pferd bekommen ſollte, ſagte er:„Heu und Waſſer— das Vieh iſt ein Miethgaul.“ Dann ging er an den Schenktiſch, und verlangte fuͤr ſich ein Glas Brannt⸗ wein. Waͤhrend der Wirth einſchenkte, fragte er in gleichgiltigem Tone, ob nicht vor einigen Jahren eine Frau, Namens Joplin, in dem Dorfe gewohnt haͤtte. „Seltſam,“ ſagte der Wirth finnend. „Was iſt ſeltſam?“ „Nun, es war eben ein Herr da, der dieſelbe Frage that. Ich bin kommenden December erſt ſeit neun Jahren hier, aber mein alter Hausknecht iſt im Dorfe geboren, und hat es nie verlaſſen. Darum ſprach der Herr mit dem Hausknecht, und iſt nun in's Dorf ge⸗ gangen, um zu ſehen, was er weiter erfahren kann.“ Dieſe Nachricht ſchien dem Reiſenden unangenehm aufzufallen. „Was der Teufel,“ murmelte er,„mißtraut mir Jaſon? Hat er einen andern Hund auf die Spur geſchickt? Hm!“ Er trank ſeinen Branntwein aus, und eilte fort, um mit dem Knechte zu reden. „Nun, mein Freund,“ ſagte Mr. Grabman, denn der Reiſende war kein andrer, als dieſer Biedermann,—„entſinnen ſie ſich wohl der Mrs. Joplin, die vor laͤnger als zwanzig Jahren da war, wie?“ „Ja, ich weiß ſchon; ſie hat den Ort ſeit läͤnger als zwanzig Jahren verlaſſen.“ „Ach, es muß eine unruhige Frau geweſen ſein;— ſie hatte ein Kind bei ſich?“ „Ja, ich beſinne mich.“ „Und Sie hoͤrten gewiß, daß ſie ſagte, jenes Kind ſei nicht ihr eigen, ſie werde gut dafuͤr bezahlt, nicht wahr?“ t ihr —— 29 „Nein, ich konnte mit Nachbarin Joplin nicht viel reden. Sie wohnte da druͤben, wo eben der Herr herauskommt.“ „Aha! das iſt der Herr, der eben nach Mrs. Joplin fragte?“ „Ja, und er gab mir eine halbe Krone!“ ſagte der ſchlaue Hausknecht, indem er die Hand ausſtreckte. Mr. Grabman, zu gedankenvoll, zu eiferſuͤchtig auf ſeinen Ri⸗ val, um den Wink zu bemerken, ſchoß hinweg, ſo ſchnell ihn ſeine duͤnnen Beine tragen konnten, und eilte dem Manne entgegen, der ſich ſo unwillkommen in ſein eigenes Geſchaͤft miſchte. Als er ſich dem Herrn— einem großen jungen Manne von kraͤftigem Anſehn— naͤherte, milderte er ſeinen Ton etwas, und ſagte, waͤhrend er mechaniſch an ſeinen Hut griff: „Sie ſuchen alſo auch Mrs. Joplin, Sir?“ „Ja, Sir,“ erwiderte der junge Mann, indem er Grabman aufmerkſam anſah;„und ſie ſind, glaub' ich, der Mann, den ich auf der naͤmlichen Forſchung vor mir fand— zuerſt in Liverpool, dann in C—, etwa funfzehn Meilen von jener Stadt; drittens zu L—, und jetzt treffen wir uns hier. Sie ſind mir voraus geweſen. Was haben Sie erfahren?“ Mr. Grabman laͤchelte:„Sacht, Sir, ſacht. Darf ich erſtlich fragen(da offenes Fragen an der Tagesordnung zu ſein ſcheint), ob ich die Ehre habe, einen Berufsgenoſſen vor mir zu ſehen— einen Rechtskundigen, Sir— einen Rechtsgelehrten?“ „Ich bin ein Rechtsgelehrter.“ Mr. Grabman verbeugte ſich. „Und darf ich ſo kuͤhn ſein, nach dem Namen Ihres Klienten zu fragen?“ „Sicherlich duͤrfen Sie fragen. Jedermann hat ein Recht zu fragen, was ihm beliebt; das gilt uͤberall.“ „Aber Sie werden nicht antworten. Tief ſchweigſam! hm, 30 ich verſtehe. Aber ich bin ebenſo tief, Sir. Vermuthlich kennen Sie Mr. Varney?“ Der Herr zeigte ſich üͤberraſcht. Seine buſchigen Brauen zogen ſich uͤber ſeinen feſten, klugen Augen zuſammen; nach einer kurzen Pauſe klaͤrte ſich indeß ſein Geſicht auf. „Es iſt, wie ich dachte,“ ſagte er halb zu ſich ſelbſt.„Wer ſonſt könnte ein Intereſſe an aͤhnlichen Nachforſchungen haben? Sir,“ füͤgte er raſch und entſchieden hinzu,„Sie ſind ohne Zweifel durch Mr. Varney in Sachen der Madame Dalibard beſchaͤftigt, und ſuchen einen Beweis hinſichtlich des Verluſtes eines ungluͤcklichen Kindes. Ich bin in derſelben Sache und zu gleichem Zwecke beſchaͤftigt. Die Intereſſen Ihres Klienten ſind die meinigen. Zwei Koͤpfe ſind beſ⸗ ſer als einer; laſſen Sie uns unſern Scharfſinn und unſere Bemuͤ⸗ hungen vereinigen.“ „Und den Gewinn theilen, vermuthlich?“ ſagte Grabman trocken. „Welcher Lohn Sie auch erwartet, er ſoll Ihnen bleiben, mag ich Ihnen nun helfen oder nicht. Ich erwarte keinen Lohn— denn ich habe ein perſonliches Intereſſe, dem ich meinen Dienſt unentgelt⸗ lich widme. Aber ich kann Ihnen meinerſeits mehr als die uͤblichen Gebuͤhren fuͤr Ihre Mitwirkung zuſichern.“ „Nun, Sir,“ ſagte Grabman freundlicher,„Sie ſprechen ſo recht wie ein Gentleman. Ich geſtehe, mein Gefuͤhl war anfangs verletzt. Ich bin haſtig, aber gebe der Vernunft Gehoͤr. Wollen Sie mit mir nach dem Hauſe zuruͤckgehen, welches Sie ſo eben ver⸗ ließen? und alsdann koͤnnten wir ja zuſammen nach dem Wirths⸗ haus gehen und unſere Notizen vergleichen.“ „Gern!“ antwortete der große Fremdling, und beide Inquiſi⸗ toren machten Geſellſchaft miteinander. Das Reſultat ihrer For⸗ ſchungen war indeß nicht ſehr befriedigend. Mrs. Joplin war fort, obwohl Alle uͤbereinſtimmten, daß ſie in Geſellſchaft eines Mannes von ſchlechtem Charakter und gemeiner Lebensweiſe gegangen ſei; 31 ebenſo erinnerten ſich Alle noch des Kindes und manche beſannen ſich, daß es feinere Kleidung gehabt habe, als man ſie bei einem Kinde erwarten konnte, welches Mrs. Joplin eigenthuͤmlich angehoͤrte. Eine alte Frau beſann ſich, daß Mrs. Joplin, als ſie derſelben wegen einer harten Behandlung des Kindes Vorwuͤrfe machte, erwidert haͤtte, es ſei nicht ihr Fleiſch und Blut, und wenn ſie nicht mehr erwartet haͤtte, als man ihr gegeben, ſo wuͤrde ſie die Pflege nie uͤbernommen haben. Waͤhrend man die an den verſchiedenen Orten geſammelten Nachrichten verglich, fand man, daß Alles uͤbereinſtimmte, was uͤber den perſoͤnlichen Charakter der Mrs. Joplin geſagt wurde. In dem Dorfe, wo ſie zuerſt nachgeforſcht hatten, kannte man ſie als eine achtbare junge Frau, die zu einer kleinen Gemeinde ſtrenger Diſſenter gehoͤrte. Sie hatte ein Mitglied der Secte geheirathet und ein Kind geboren, welches zwei Wochen nach der Geburt ſtarb. Darauf war ſie als Pflegerin eines anderen Kindes geſehen worden, obwohl man nicht wußte, wie ſie dazu gekommen. Bald darauf ſtarb ihr Mann, ein in gutem Rufe ſtehender Zimmergeſelle; aber zum Staunen der Nachbarn fuhr Mrs. Joplin fort, ebenſo gut wie vorher zu leben und ſchien den Verdienſt ihres Gatten nicht zu ver⸗ miſſen; ja ſie begann ſogar nun, gleichſam als waͤre ſie fruͤher durch den jetzt Verſtorbenen davon abgehalten worden, nach ihrer Art verſchwenderiſch zu leben und kleidete ſich auf eine Weiſe, die ſich ebenſowenig mit der Trauer um den verlorenen Gatten, als mit den ſtrengen Grundſaͤtzen der Secte vertrug. Dieſes unanſtaͤndige Be⸗ tragen erregte unwillige Neugier und zog ernſte Ermahnung nach ſich. Mrs. Joplin, offenbar unwillig, daß man ſich in ihre Angelegenheit miſchte, ging aus dem Dorfe nach einer kleinen Stadt, etwa zwan⸗ zig Meilen entfernt, und öͤffnete dort einen Schenkladen. Aber ihr moraliſcher Verfall beſtaͤtigte ſich nun vollkommen; ſie fuͤhrte ein notoriſch aͤrgerliches Leben und ihr Haus wurde ein Sammelplatz aller Ruchloſen im Orte. Ob ſich nun ihre Mittel erſchoͤpfen moch⸗ ten, oder ob das Aergerniß, welches ſie gab, die Aufmerkſamkeit der 8 32 Obrigkeit auf ſich lenkte und ihr eine Schranke entgegenſetzte, das wußte man nicht gewiß; aber ſie verkaufte ploͤtzlich ihre Habe und zog zunaͤchſt nach dem Dorfe, wo Mr. Grabman ſeinen neuen Ge⸗ hilfen fand; und dort, obwohl ihr Benehmen minder verwerflich und ihr Aufwand minder verſchwenderiſch war, machte ſie doch auch nur einen ungünſtigen Eindruck, der durch ihre Flucht mit einem wandernden Hauſirer der niedrigſten Art gerechtfertigt wurde. Waͤhrend ſie bei ihrem Weine ſaßen, verglichen die beiden Herren ihre Erfahrungen und beriethen ſich, wie am beſten der abgeriſſene Faden der For⸗ ſchung wieder zu finden ſei; endlich ſagte Mr. Grabman kalt:„Am Ende halte ich es doch fuͤr wahrſcheinlich, daß wir nicht auf der rech⸗ ten Spur ſind. Dies Weib iſt wohl nicht die Perſon, die man ſuchen ſollte.“ 1 „Laſſen wir uns durch dieſen Zweifel nicht irren. Das ge⸗ wuͤnſchte Zeugniß beizuſchaffen, muͤſſen wir doch dies elende Weib aufſpuͤren.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Sicherlich.“ „Hm! Hoͤrten Sie nie von einem Mr. Walter Ardworth?“ „Ja; was iſt's mit ihm?“ „Nun, der kann am beſten ſagen, wo man das Kind zu ſu⸗ chen hat.“ „Gewiß wuͤrde er meinem Rathe beiſtimmen.“ „Sie kennen ihn alſo?“ „Ja.“ „Wie— er lebt noch?“ „Ich hoff' es.“ „Koͤnnen Sie mir ihn nachweiſen?“ „Wenn es noͤthig iſt.“ „und jener junge Mann, der ſeinen Namen fuͤhrt und von Mr. Fielden erzogen ward?“ „Nun, Sir?“ t ſu⸗ Mr. F 33 „Iſt er nicht der Sohn Mr. Braddell's?“ Der Fremde ſchwieg, und ſchien, das Geſicht in der Hand ber⸗ gend, in Gedanken verſunken. Dann ſtand er auf, ergriff ſein Licht und ſagte ruhig: „Sir, ich wuͤnſch' Ihnen guten Abend, Ich muß auf meinem Zimmer Briefe ſchreiben. Ich will morgen, wenn Sie ſo lange hier bleiben, zuſehen, ob wir wirklich einander helfen koͤnnen, oder ob wir unſere Forſchungen einzeln fortſetzen muͤſſen.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſchloß er die Thuͤr und Mr. Grabman blieb betroffen und ver⸗ wirrt zuruͤck. Indeß hatte auch er einen Brief zu ſchreiben; er forderte daher Tinte und Papier und ein Glas Branntwein und ſetzte ſeine Klagen und Nachrichten fuͤr Varney auf. „Jaſon,“(begann er),„Sie treiben ein falſches Spiel mit mir. Haben Sie einen zweiten Mann auf die Spur gebracht, um mich um meinen verſprochenen Lohn zu bringen?— Erklaͤren Sie das oder ich gebe das Geſchaͤft auf.“ Hiernach gab Mr. Grabman eine Schilderung des Fremden und berichtete ausfuͤhrlich, was zwiſchen dieſem Herrn und ihm ſelber vorgegangen war. Dann fuͤgte er den Fortgang ſeiner eigenen For⸗ ſchungen hinzu und erneuerte, ſo gebieteriſch als er es wagte, ſein Verlangen nach Aufrichtigkeit, offenem Verfahren. Nun traf es ſich, daß Mr. Grabman, als er die Treppe hinaufſtieg, um zu Bett zu gehen, vor dem Zimmer vorbeikam, wo ſein raͤthſelhafter College wohnte und daß, wie es in Wirthshaͤuſern uͤblich iſt, vor der Thuͤr ein Paar Stiefeln ſtanden, die am Morgen gereinigt werden ſollten. Obwohl etwas betrunken, bewahrte Mr. Grabman ſeinen natuͤrlichen Scharfblick doch. Eine ſchlaue und ganz natuͤrliche Idee, die ihm durch den Kopf ſchoß, erleuchtete den Branntweinnebel; er blieb ſtehen, und waͤhrend er ſich mit der einen Hand an der Wand feſtſtuͤtzte, ergriff er mit der andern einen Stiefel, ſchaute hinein und ſah leſerlich geſchrieben:„John Ardworth, Esq., Gray's Inn.“ Bei Bulwer, Lucretia. V. 3 1 34 dieſem Anblick empfand er das Gefuͤhl eines Philoſophen, dem ploͤtz⸗ lich ein Licht uͤber ein großes Problem aufgeht. Er wankte wieder hinunter, oͤffnete ſeinen Brief wieder und ſchrieb:—„P. S.— Ich habe Ihnen mit meinem Verdachte Unrecht gethan, Jaſon; vergeſſen wir das— jubilate! Dieſer Zwiſchenlaͤufer, der mich ſo eifer⸗ ſuͤchtig machte,— wer, glauben Sie, iſt er? Ei, der junge Ard⸗ worth ſelber,— d. h. der Burſch fuͤhrt dieſen Namen. Nun, iſt es nicht klar? Natuͤrlich, Niemand ſonſt koͤnnte ſo viel daran liegen, die Ge⸗ burt des Verlorenen auszukundſchaften, als dem Kinde ſelbſt— hier iſt er! Wenn der alte Ardworth noch lebt(wie er ſagt), ſo hat ihn der alte Ardworth in ſeiner eigenen Angelegenheit beſchaͤftigt. Jener Fielden aber— doch nein, ich verſtehe ſchon! der alte Ardworth gab den Knaben der Mrs. Joplin und nahm ihn wieder von ihr, als er zu dem Pfarrer ging. Nun duͤrfte jedenfalls ganz nothwendig ſein zu beweiſen, erſtens, daß der Knabe, den er von Mr. Braddell nahm, der Mrs. Joplin uͤbergeben wurde; zweitens, daß der Knabe, den er bei Mr. Fielden ließ, derſelbe war, den er jener Frau wieder genommen— daher die Nothwendigkeit, Mutter Joplin als Haupt⸗ zeugin aufzuſuchen; darauf kommt es an, Mr. Jaſon.“ Erſt nachdem ſich die Sonne ſeit einigen Stunden erhoben hatte, folgte Mr. Grabman dem Beiſpiele dieſes Geſtirns. Dabei fand er denn zu ſeinem Aerger, daß John Ardworth bereits laͤngſt fort war. Welchen Anlaß der letztere auch zum Suchen haben mochte, er hatte von Grabman jedenfalls Alles erfahren, was ihm dieſer Mann mittheilen konnte, und die Unterredung hatte ihm einen ſolchen Widerwillen gegen den Anwalt eingefloͤßt und zugleich eine ſo⸗ geringe Meinung von deſſen Mitwirkung(worin er ſich indeſſen viel⸗ leicht irrte), daß er beſchloſſen hatte, ſeine Forſchungen allein fortzu⸗ ſetzen. Auf ſeinem fruͤhen Morgenſpaziergange durch das Dorf hatte er bereits erfahren, daß der Mann, mit welchem Mrs. Joplin den Ort verlaſſen hatte, einige Zeit nachher zu ſechsmonatlicher Haft im Grafſchaftgefängniß verurtheilt worden war. Moͤglich, daß die lötz⸗ leder Ich eſſen ifer⸗ Ard⸗ ſt es Ge⸗ hier ihn ener vorth „als endig ddell nabe, ſeder 35 Gefaͤngnißbeamten etwas wußten, was zu ſeiner Entdeckung fuͤhren konnte, und durch ihn konnte man dann Nachrichten uͤber ſeine Gefaͤhrtin erfahren. Zwanzigſtes Kapitel. Beck's Entdeckung. Unter den Cederbaͤumen zu Laughton ſaß jenes abſcheuliche und entſetzliche Weſen, welches dort jung, leidenſchaftlos und hoffnungs⸗ reich als Lucretia Clavering geſeſſen hatte— unter den alten Ceder⸗ baͤumen, welche immer dieſelben geblieben waren, außer daß ihre ge⸗ waltigen Aeſte immer unmerklich breitere Schatten auf die Moos⸗ flaͤche warfen. Wo durch die unteren Zweige die herbſtlichen Son⸗ nenſtrahlen fielen, ſah man die mit manchem Wappenſchild verzierten Fenſter hell im Abendſtrahl ſchimmern. Von den Blumenbeeten des nahen Gartens wehte die friſche doch ſanfte Luft ſchwache Duͤfte des Heliotrop und der welkenden Roſe heruͤber. Der Pfau ſaß traͤge auf der ſchwerfaͤlligen Baluſtrade; das Rothkehlchen huͤpfte munter uͤber die ſonnige Raſenflaͤche; aus der Ferne klangen die Glocken der Schaf⸗ heerde, das Bruͤllen einer Kuh, Toͤne, welche, indem ſie das Schwei⸗ gen unterbrachen, ſich doch mit der Ruhe innig vertrugen. Alles rings⸗ um trug dazu bei, das Gemaͤlde feierlicher Stille zu vervollſtaͤndigen, welche der Charakter ſolcher alten Herrenhaͤuſer iſt, welche ein Eigen⸗ thuͤmer nach dem andern liebte und wahrte, indem er ihnen den Schmuck des Alterthums ließ und ſie vor der Veroͤdung des Verfalls ſchuͤtzte. Allein ſaß Lucretia unter den Cederbaͤumen und ihr Herz ſtand in haͤßlichem Contraſt zu der hehren Ruhe, welche ringsum athmete. Von jeder beruhigenden oder reuevollen Empfindung, welche die Scene ihrer Jugend zuerſt in ihr erweckt haben mochte, von jeder 22* 9 36 minder verſchuldeten Pein, welche ihr die Erinnerung bereitet hatte, als ſie zum erſten Mal wieder unter dieſen Zweigen ſaß und, gleich einer Stimme aus anderer Welt, ein ſchwaches Fluͤſtern von jugend⸗ licher Liebe durch die Wuͤſte und die Aſche ihrer veroͤdeten Seele zog, — von allen ſolchen neu aus der Vergangenheit erwachenden menſch⸗ lichen Empfindungen hatte ſie ſich jetzt mit duͤſterer Gewalt losge⸗ riſſen. Verbrechen, gleich dem ihrigen, laͤßt eine Empfindung, welche die Gewiſſensqual uͤber leichtere Vergehen lindert, nicht lange be⸗ ſtehen. Wenn da auf einen Augenblick aus der Vergangenheit der warnende und melancholiſche Geiſt erwacht, ſo erhebt ſich bald aus dem Abgrunde die Furie mit erhobener Geißel und hetzt vorwaͤrts auf der wahnſinnigen Bahn der Zukunft entgegen. In der Zukunft muß der Sinn des Verbrechers leben, muß ſich ſelber mechaniſch in Ma⸗ ſchen und Netze einſpinnen und Vergangenheit und Gegenwart in der willkommenen Atmoſphaͤre der Finſterniß verlieren. Waͤhrend Lucretia ſo daſaß und ihre Augen auf den Hallen ih⸗ rer Jugend ruhten, uͤberſprang ihre Seele den Abgrund, der noch zwiſchen ihr und ihrem Ziele gaͤhnte. Bereits war in ihrer Phantaſie dieſe Heimath wieder ihr eigen; das eingedraͤngte Geſchlecht von Ver⸗ non mußte nun zu Ende gehen, und betrachtete alsdann ein neugie⸗ riger Nachkomme den Stammbaum, ſo fand er, wie ſich der Stamm⸗ baum wieder fortſetzte in der Nachkommenſchaft Lucretia Clavering's. Bei allen ihren unausſprechlichen Laſtern war doch bloße Hab⸗ gier, wie wir geſehen haben, kein Hauptcharakterzug dieſes fuͤrchter⸗ lichen Weibes geweſen; und in ihrer Abſicht, durch das aͤrgſte Ver⸗ brechen ihrem Sohne das Erbe ihrer Ahnen zu verſchaffen, hatte ſie bisher nur wenig an die blos gewinnbringenden Vortheile fuͤr ſie ſelbſt gedacht; jetzt aber, bei dem Anblicke dieſes ehrwuͤrdigen und großen Beſitzes, kam eine plotzliche Habſucht zum Ausbruch. Haͤtte ſie Alles zu ihrem eigenen Nutzen ſtatt zu dem ihres Sohnes gewin⸗ nen koͤnnen, ſo wuͤrde ſie einen ſtaͤrkeren Eifer in ihrem grauſamen Streben gefuͤhlt haben. Sie blickte auf die Scene wie ein abgeſetzter 37 Monarch auf ſein uſurpirtes Reich; ihr kam es zu. Die fruͤhere Ge⸗ wohnheit, es als ihre Beſitzung zu denken, kehrte zuruͤck. Wider⸗ ſtrebend nur mochte ſie ſelbſt ihrem Kinde ihre Anſpruche abtreten. Hier, auch in dieſer Region, koſtete ſie noch einmal, was ihr lange verloren geweſen war— die ſuͤße Empfindung wuͤrdevoller Geltung, welcher die Hochgebornen ſich erfreuen. Hier hoͤrte ſie auf, die ver⸗ daͤchtige Abenteurerin, die freundloſe Verworfene, die mit feindſeli⸗ gem Geſchick Ringende, die Feindin des Geſetzes zu ſein. Sie erhob ſich noch einmal, und ohne Anſtrengung, zu ihrer urſpruͤnglichen Stellung— zu der geehrten Tochter eines beruͤhmten Hauſes. Das demüthigſte Willkommen, welches ihr von einem alten, aber unver⸗ geſſenen Dorfbewohner geboten wurde, die beſcheidene Huldigung, die tiefe Ehrfurcht in ſolchem Gruße— ſelbſt derartige Kleinigkeiten waren ihr werth und ſtaͤrkten ſie in dem Entſchluß, Alles zu behaup⸗ ten. In dem ſtillen Traumbilde, welches ihr Inneres barg, erblickte ſie ſich ſelbſt in dieſen Hallen, herrſchend im Namen ihres Sohnes, ſicher auf immer vor Verdaͤchtigung und erniedrigender Noth, und vor elenden Verbrechen fuͤr elende Zwecke. Hier galt es nur ein gro⸗ ßes Verbrechen, und ſie erwarb die Majeſtaͤt ihrer Jugend wieder. Jährend ſie ſo in der Zukunft weilte, wendete ſich ihr Auge nicht ab von den ſonnbeſtrahlten Thuͤrmen nach den Geſtalten unten, welche unmittelbarer zur Betrachtung einluden. Auf derſelben Stelle, wo beim Beginn dieſer Erzaͤhlung Sir Miles St. John ſaß und ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen ſeinen Hunden und ſeinen Gaͤſten theilte, ſaß jetzt Helene Mainwaring; an der Baluſtrade, auf welcher Char⸗ les Vernon geruht hatte, lehnte Percival St. John; und auf der⸗ ſelben Stelle, wo er an dem ereignißvollen Abend geſtanden, als er in ſeiner boshaften Skizze die Zuͤge ſeines Vaters verzerrte, ſtand Gabriel Varney mit demſelben ironiſchen Laͤcheln auf den Lippen und war beſchaͤftigt, ein wahrheitgetreueres Bild von des Erben erwaͤhl⸗ ter Braut auf der Leinwand zu ſkizziren. Ach! Helene Mainwaring war traurig veraͤndert ſeit dem Abend, wo ſie zuerſt das Herz des 38 zungen Liebenden bezaubert hatte! Und wie unendlich tiefer war gleichwohl jetzt ſeine Liebe! Wie wuchs mehr und mehr, waͤhrend die blos ſinnliche Schoͤnheit ſchwand, ſeine Bezauberung durch die göttlichere Schoͤnheit der Seele und des Gedankens. Helenens Ge⸗ ſicht ließ allerdings verhaͤltnißmaͤßig wenig von den Verheerungen blicken, welche die töoͤdtliche, ſo vorſichtig beigebrachte Nahrung auf ihren Koͤrper aͤußerte. Das Auge war freilich eingefallen und es lag eine ſchmachtende Schwerfaͤlligkeit im Blick; aber die Wange war ſo natuͤrlich gerundet, und die Zuͤge ſo zart und ſchoͤn, daß man die Ab⸗ nahme der Muskeln nicht ſehr bemerkte; und die ſtrahlende Waͤrme der Geſichtsfarbe, und die Perlenreihen der Zaͤhne gaben ihrem An⸗ ſehn noch immer eine truͤgeriſche Friſche. Aber die Geſtalt war ſchreck⸗ lich verwuͤſtet, und die Haͤnde, welche jetzt leicht gekreuzt uͤber einan⸗ der ruhten, ſchienen faſt durchſichtig. Aus der hoͤlliſchen Auswahl der Materialien, welche ihnen zu Gebote ſtanden, hatten die Gift⸗ miſcher eine Mirtur gewaͤhlt, welche wirkt, indem ſie ein beſtuͤndiges Fieber unterhaͤlt; welches wenig Schmerz, wenig Leiden gibt, außer Muͤdigkeit und Durſt; welches gleich der Schwindſucht verheert und doch den Arzt in Verlegenheit ſetzt, indem es wenig oder keines der gewoͤhnlichen Symptome dieſer Krankheit zeigt. Viele der ſubtilſten Entdeckungen Dalibard's waren ſeinen entſetzlichen Erben nicht be⸗ kannt; ganz beſonders eine hoͤchſt wunderbare Anwendung verderb⸗ licher Gaſe bei der toͤdtlichen Kunſt, welche, nur Nachts und im Schlafe eingehaucht, raſch(doch nicht ploͤtzlich) das Opfer toͤdten und wobei keine Kraͤuter oder Mineralien von Noͤthen ſind; dieſes Geheimniß iſt allerdings einem Hinderniß unterworfen: es iſt nur anwendbar, wenn im Hauſe ein vollkommen Vertrauter thaͤtig ſein kann, und daß dem Leidenden, wenn die Fortſetzung vor den drei bis vier letzten Einathmungen unterbrochen wird, noch Hoffnung auf Geneſung bleibt. Wahrſcheinlich war es eine ſolche Vorrichtung der hoͤhern Chemie, welche Lurretia beſtanden, und der ſie durch ihres Gatten Tod entgangen war. 39 var Aber in dem Buche, welches in Lucretia's Haͤnde gefallen, war end genug, um einen ſo grauſamen Geiſt zu verfuͤhren, zumal da die die gegebenen Recepte ſcheinbar natuͤrliche Krankheiten bewirkten; durch Ge⸗ künſtliche Mittel erzeugten ſie die Krankheiten, welchen unſre menſch⸗ geu liche Hinfaͤlligkeit gewoͤhnlich preisgegeben iſt; beſonders Fieber in auf all' ſeinen Abſtufungen, von dem leiſen und verzehrenden bis zu lag dem ſchnell dahinraffenden. Hier waren ebenſo Mittel geboten, r ſo welche das Blut nach dem Herzen treiben, welche Aneurisma erzeu⸗ Ab⸗ gen oder durch einen ploͤtzlichen Krampf todten; Vorſchriften fan⸗ rme den ſich, welche lehren, die Wirkungen von Zorn und Aufregung An⸗ nachzuahmen, welche das Blut nach dem Gehirn jagen und das eck Lachen des Deliriums erregen, welche den Arzt uͤber den Zuſam⸗ dan⸗ menhang zwiſchen Seele und Koͤrper zu raͤſonniren und ſeine Zu⸗ vahl hoͤrer zu warnen veranlaſſen, ſich vor jeder ploͤtzlichen Nervener⸗ jift⸗ ſchuͤtterung zu huͤten. Wie wahrſcheinlich mußt' es ſein, daß der ges Tod dieſes Maͤdchens in ſolcher Weiſe auf das junge Blut dieſes fßer innig Liebenden wirkte! Indem man verraͤtheriſche Mineralien und vermied und ſich nur vegetabiliſcher Gifte bediente, welche jeder der Unterſuchung nach dem Tode ſpotten und die Ohnmacht von Seetio⸗ ſen nen beweiſen, konnte man ſich Strafloſigkeit vor dem Geſetze ver⸗ he⸗ ſprechen. In ſolcher Weiſe hatte man die Mittel bereitet, um He⸗ erb⸗ lenens Tod minder verdaͤchtig erſcheinen zu laſſen; er ſollte lang⸗ in ſam nahen, obwohl nicht zu langſam, und mit gehöriger Abwech⸗ den ſelung, mit Stillſtand und ohne gewoͤhnliche toͤdtliche Symptome, ſſes damit die Hoffnung bis zuletzt erhalten bliebe, wo ein ploͤtzlicher un Schauer, eine Vernachlaͤſſigung, dann die Schuld an dem plötzlichen ſein Verſcheiden des bedrohten Opfers tragen konnte. Auch den Trank tis hatte man bereits ausgewaͤhlt und bereitet, welcher dem Schmerze des trauernden Juͤnglings die natuͤrlichen Paroxismen der Ver⸗ zweiflung geben ſollte, damit man ſo in ein nicht beargwohntes Grab die beiden Hinderniſſe ſtuͤrzen koͤnnte, welche zwiſchen dem 40 Beſitzthume Laughton und dem Sohne ſtanden, in welchem Lucretia Clavering's verlorne Rechte wieder aufleben. Obwohl der October weit vorgeruͤckt war, war der Tag doch ſo mild und warm wie im Auguſt. Allein Percival, welcher Helenens Geſicht mit der Beſorgniß der Liebe beobachtet hatte, wollte das Sitzen nun abgebrochen wiſſen. Die Sonne ſtand tief und es konnte fuͤr Helenen nicht mehr heilſam ſein, ſich der Luft ohne Bewegung auszuſetzen. Er ſchlug vor, man ſolle durch den Garten gehen und Helene, die froͤhlich aufſtand, legte ihre Hand auf ſeinen Arm. Aber kaum war ſie die Stufen der Terraſſe hinabgeſtiegen, als ſie ploͤtzlich ſtehen blieb und ſchwer und ſchmerzlich Athem holte. Der Anfall war bald voruͤber, und indem man langſam weiter ging, wandelte man, wenige Worte wechſelnd, bei Lucretia voruͤber und war bald weit genug, um von den Cedern aus nicht mehr geſehen zu werden. „Stuͤtze Dich feſter auf meinen Arm, Helene,“ ſagte Percival. „Es iſt doch eigen, daß Dir die Veraͤnderung der Luft ſo wenig, und unſer Landarzt noch weniger genüͤtzt hat! Ich wuͤrde mich wirklich ungluͤcklich fuͤhlen, haͤtte mir nicht Simmons, auf welchen meine Mutter ſtets ſehr viel hielt, die Verſicherung gegeben, es ſei nichts zu fuͤrchten, denn dieſe Symptome ſeien nur nervoͤs. Sei munter, Helene! ſuͤße, liebe, ſei munter!“ Helene erhob ihr Geſicht und verſuchte zu laͤcheln, aber die Thraͤnen ſtanden ihr in den Augen;„es waͤre bitter, jetzt ſterben zu muͤſſen, Percival!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme. „Zu ſterben! o! Helene!— Nein, wir duͤrfen uns nicht laͤn⸗ ger hier aufhalten— die Luft iſt gewiß zu ſcharf fuͤr Dich. Viel⸗ leicht wird Deine Tante nach Italien gehen— warum wollen wir nicht alle dorthin und meine Mutter aufſuchen? Sie wird Dich pflegen, Helene,— und— und—“ Er vermochte nicht weiter zu ſprechen. Helene druͤckte ſeinen Arm zaͤrtlich.„Vergib, lieber Pereival cretia ch ſo enens e das onnte gung und Arm. ls ſie Der ging, r und ſehen cival. eenig, mich chen 41 — nur in Momenten fuͤhle ich mich ſo niedergeſchlagen, wie jetzt;— nun iſt es vorbei. Ach, ich ſehne mich ſo ſehr, Deine Mutter zu ſehen! Wann erhaͤltſt Du Nachricht von ihr? Biſt Du nicht zu ſanguiniſch? Biſt Du wirklich gewiß, daß ſie eine ſo niedrige Wahl billigen werde?“ „Zweiſle nicht an ihrer Liebe, an ihrer Achtung gegen Dich,“ antwortete Percival heiter, indem er hoffte, Helenens natuͤrliche Beſorgniß moͤge die verborgene Urſache ihrer Niedergeſchlagenheit ſein.„Oft, wenn wir, unter dieſen naͤmlichen Cedern, von der Zukunft ſprachen, hat meine Mutter geſagt: Du haſt keinen Grund, aus Ehrgeiz zu heirathen— vermaͤhle Dich blos, um gluͤcklich zu werden.— Sie hatte nie eine Tochter— zur Vergeltung all' ih⸗ rer Liebe will ich ihr dieſen Segen geben.“ So redend, wandelten die Liebenden, bis die Sonne ſank, und als ſie dann nach dem Hauſe zuruͤckkehrten, fanden ſie, daß ihnen Varney und Madame Dalibard vorausgegangen waren. Dieſen Abend gewann Helenens Geiſt all' ſeine Elaſticitaͤt wieder; und Percival konnte ſich noch einmal beim Silberton ihres Lachens be⸗ ruhigen. Als zu der gewoͤhnlichen fruͤhen Stunde alle uͤbrigen zur Ruhe gingen, begab ſich Percival nach ſeinem Arbeitszimmer, um endlich wieder an Lady Mary und Capitain Greville zu ſchreiben. Waͤh⸗ rend er beſchaͤftigt war, trat ſein Kammerdiener ein, um zu berichten, daß Beck, der am Morgen ausgegangen war, um ein von der Weide verirrtes Pferd zu ſuchen, ſo eben mit dem Thiere zuruͤckgekehrt ſei, welches faſt bis Southampton entflohen war. „Das freut mich,“ ſagte Percival zerſtreut, und ſetzte ſeinen Brief fort. Der Diener zoͤgerte noch, und Percival blickte verwun⸗ dert auf. „Erlauben Sie, Sir; Sie wuͤnſchten ausdruͤcklich, mit Beck zu reden, wenn er zuruͤckkaͤme.“ 42 „Ich— o, es iſt wahr! Sag' ihm, er ſolle warten. Ich werde mit ihm ſprechen— Du brauchſt nicht aufzubleiben fuͤr mich— Beck ſoll auf die Klingel Acht haben.“ Der Diener ging. Pereival ſetzte ſeinen Brief fort, und fuͤllte Seite um Seite, Bogen um Bogen; und als endlich die Briefe, die nichts von dem enthielten, was er mitzutheilen wuͤnſchte, fertig wa⸗ ren, verſank er in eine Traͤumerei, welche waͤhrte, bis die Kerzen niedergebrannt waren, und die Thurmuhr Eins ſchlug. Erſtaunt uͤber die Flucht der Zeit ſtand er auf, erinnerte ſich erſt jetzt wieder an Beck, und zog die Klingel. Der ci-devant Kehrer zeigte ſich in ſeiner ſchmucken Livree an der Thuͤr. „Beck, mein armer Burſch, ich bin beſchaͤmt, Dich ſo lange war⸗ ten gelaſſen zu haben! aber ich erhielt dieſen Morgen einen Brief, der Dich betrifft. Ich hab' ihn in meinem Schlafzimmer gelaſſen. Folge mir hinauf, ich muß Dich Einiges fragen.“ „Hoffentlich nichts gegen meinen Charakter, Ew. Gnaden,“ ſagte Beck ſchuͤchtern. „O, nein!“ „Alſo wegen der Matratze?“ rief Beck freudig. „Auch das nicht,“ antwortete Percival lachend, waͤhrend er eine Kerze anzuͤndete, und Beck voraus die Treppe hinanſtieg. Percival hatte allerdings dieſen Morgen einen Brief empfan⸗ gen, der ihn ſehr in Erſtaunen ſetzte; er war von John Ardworth und lautete ſo: „Mein lieber Percival,— Es ſcheint, daß Sie einen jungen Mann in Ihren Dienſt genommen haben, den man nur unter dem Namen Beck kennt. Iſt er jetzt bei Ihnen in Laughton? Iſt dem ſo, ſo bitt' ich, ihn dort zu behalten, und es ſo einzurichten, daß er auf Verlangen ſofort zu mir kommen kann, obwohl es wahrſcheinlich iſt, daß ich eher zu Ihnen komme. Jetzt, ſo ſeltſam es Ihnen ſcheinen mag, werd' ich in London durch Geſchaͤfte zuruͤckgehalten, die mit die⸗ verde Beck füllte die zwa⸗ erzen taunt eer an ee an war⸗ Brief, aſſen. ſagte reine pfan⸗ worth ungen r dem t dem er auf ch iſt heinen it die⸗ ſer wichtigen Perſon in Zuſammenhang ſtehen. Wollen Sie ihm wohl inzwiſchen— in gleichgiltigem Tone— folgende Fragen vorlegen: „Erſtens: wie er in Beſitz einer gewiſſen Kinderklapper gekom⸗ men, die er im Hauſe einer gewiſſen Becky Karruthers hier zuruͤck⸗ gelaſſen?“ „Zweitens: ob er ein Zeichen an ſeinem Arme kennt— und iſt dies der Fall, ob er es beſchreiben will?⸗ „Drittens: Wie lang' er die beſagte Becky Karruthers ge⸗ kannt hat?“ „Viertens: Ob er ſie für ehrlich und zuverlaͤſſig haͤlt?“ „Setzen Sie ſeine Antworten auf, und ſenden mir ſelbige. Ich kann im Voraus vermuthen, welcher Art ſie ſein werden; aber ich wuͤnſche, daß Sie die Fragen vorlegen, damit ich urtheilen kann, ob ein Widerſpruch zwiſchen ſeinen Angaben und denen der Mrs. Car⸗ ruthers ſtattfindet. Ich habe Ihnen viel zu ſagen, und bin begierig, Ihre freundlichen Gluͤckwuͤnſche zu einem Ereigniß zu empfangen, welches mich gluͤcklicher gemacht hat, als der Succeß meines Buͤch⸗ leins. Gruͤßen Sie Helenen recht herzlich! In der Hoffnung, Sie bald zu ſehen, ſtets der Ihrige. „P. S. Sagen Sie kein Wort vom Inhalte dieſes Briefes der Madame Dalibard, oder Helenen, oder irgend Jemand, außer Beck. Schaͤrfen Sie ihm dieſelbe Vorſicht ein. Wenn Sie ſeiner Verſchwie⸗ genheit nicht trauen koͤnnen, ſo ſchicken Sie ihn nach der Stadt. Als der Poſtbote dieſen Brief brachte, war Beck bereits ausge⸗ gangen, und nachdem er ſich mit vagen Vermuthungen geplagt, war Percival zu ſehr mit der Beſorgniß um Helenen beſchaͤftigt geweſen, als daß er wieder an jenen Gegenſtand haͤtte denken koͤnnen. Jetzt, wo ſein Gedaͤchtniß in dieſer Hinſicht wieder angefriſcht war, nahm er Schreibmaterial zur Hand, ſtellte die Fragen der Reihe nach, und zeichnete die Antworten nach Verlangen auf, waͤhrend er uͤber Becks furchtſame Neugier laͤchelte, der gern gewußt hätte, wer 4½ ſich wohl um ſolche Sachen kuͤmmern koͤnne. Da Percival, gerade der Furcht wegen, ſeiner Verſchwiegenheit traute, ließ er ſeinen Stallknecht zur Ruhe gehen. Beck war vorher noch nie in dieſem Theile des Hauſes geweſen, und als er auf den Corridor kam, ward er irre und wußte nicht, wohin er ſich wenden ſollte, ob links oder rechts. Er hatte kein Licht bei ſich; der Mond ſchien jedoch hell durch ein großes in der Decke angebrachtes Fenſter. Dieſes Licht konnte ihm indeß den Weg nicht zeigen. Waͤhrend er, ſehr verlegen, ſtill ſtand und nicht einmal ſicher war, ob er die Thuͤr des ſo eben verlaſſenen Zimmers wieder erkennen wuͤrde, wofern er wagen wollte, ſeinen jungen Herrn um einen Faden durch dieſes Labyrinth zu bitten, ward er unausſprechlich erſchreckt und entſetzt uͤber eine ploͤtzliche Erſcheinung. Eine Thuͤr an dem einen Ende des Corridors oͤffnete ſich geraͤuſchlos und eine Geſtalt,, anfangs kaum unterſcheidbar, denn ſie war vom Kopf bis zum Fuß in Schwarz gehuͤllt, ſo daß das Ganze kaum den Umriß einer menſchlichen Geſtalt zeigte, ſchlich heraus. Beck rieb ſich die Augen und ſchlich mechaniſch in die Niſche einer der Thuͤren auf dem Gange. Die Geſtalt bewegte ſich einige Schritte nach ihm zu; und welche Worte koͤnnen ſein Erſtaunen ſchildern, als er ſo aufrecht und in vollem Beſitz phyſiſcher Kraft und Bewegung die gelaͤhmte Ge⸗ brechliche ſah, deren Rollſtuhl er ſo oft im Garten geſehn und deren ungluͤcklicher Zuſtand taͤglich in der Geſindeſtube beſprochen wurde. Ja, der Mond von oben ſchien voll auf dieſes Geſicht, welches, ein⸗ mal geſehn, nicht wieder zu verkennen war. Und es erſchien un⸗ natuͤrlich ſtreng und blaß im Gegenſatz zu dem Schwarz der ſelt⸗ ſamen Huͤlle und bei dieſem melancholiſchen Lichte betrachtet. Waͤre wirklich ein Geſpenſt aus dem Grabe gekommen, es haͤtt' ihn kaum mehr Entſetzen einfloͤßen koͤnnen. Madame Dalibard ſah den un⸗ willkuͤrlichen Spion nicht, denn die Niſche, in die er geſchlichen, be⸗ fand ſich auf der vom Mondſchatten hedeckten Wandſeite. Mit ra⸗ ſchem Schritt ging ſie in ein andres Zimmer, dem verlaſſenen gegen⸗ 45 über, deſſen Thuͤr weit offen ſtand, und verſchwand geraͤuſchlos wie ſie erſchienen war. Es waͤhrte indeß mehrere Minuten, bis ſich Beck von ſeinem Staunen und Schrecken genuͤgend erholt hatte, um aus ſeinem Ver⸗ ſteck hervorzutauchen. Dabei machte er in der Verzweiflung den Weg, den er gekommen, wieder zuruͤck. Dies brachte ihn indeß zum Gluͤck auf einmal an die Haupttreppe und dort entſetzten ihn die blutrothen Flecken, welche die bunten Fenſter auf den Steinboden warfen, nicht viel weniger, als der Anblick, uͤber welchen ſich noch immer ſein Haar ſtraͤubte. Er vermochte kaum zu athmen, bis er ſeine eigne kleine Schlafſtelle erreicht hatte, wo er dann, waͤhrend allmaͤlig ſeine Beſinnung zuruͤckkehrte, fortfuhr, uͤber das Erblickte zu gruͤbeln und nachzudenken, und zwar mit jener Neigung, die Er⸗ ſcheinungen auf's Schlimmſte zu deuten, was natuͤrlich war, in Folge ſeiner langen Bekanntſchaft mit betruͤgeriſchen Taͤuſchungen und Ver⸗ larvungen der Verbrecher. Wir haben geſehn, daß Beck im Anfang ſehr uͤberraſcht war, als Gaſt in ſeines Herren Hauſe den ſchmuckgekleideten, ſchnurr⸗ baͤrtigen Beſucher Grabman's wiederzuerkennen, der es gewagt hatte, den Reſurrectionsmann in ſeiner Hoͤhle zu wecken, und der ſo furcht⸗ los heimiſch an einem Orte war, wo, wie Beck gar wohl merkte, ehrliche Leute nie eintraten, außer wenn ſie durch ihre Armuth ge⸗ ſchuͤtzt waren. Er wußte, daß zu Grabman gewoͤhnlich nur Leute jener zweideutigen Claſſe kamen, die das Geſetz nicht ſuchen, ſondern demſelben entgehen wollen; und als einen ſolchen hatte er bei ſich ſelbſt natuͤrlich den Gaſt beurtheilt, dem er die Treppe hinaufleuchtete, und der in Kleidung und Miene ſo ungewoͤhnlich zierlich und vornehm war. CEhrlich, wie Beck es ſelbſt war, wuͤrde er deswegen, weil er ihn als Bekannten Grabman's geſehn, nicht ungewoͤhnlich ſchlimmer als von andern derartigen Leuten gedacht haben, haͤtt' er ihn nur nicht jetzt in der Huͤlle eines achtbaren Gentlemans erblickt. Die Liebe des dankbaren Geſchoͤpfs zu ſeinem jungen Wohlthaͤter erweckte 46 ſein Gewiſſen aus ſeiner Lethargie und machte ihn ſchaudern, daß das Verbrechen, welches er zuvor mit Gleichmuth betrachtet, Eingang in ein ſo unbeſcholtenes Haus finden ſollte. Auch St. John's Ju⸗ gend und daraus folgende Unerfahrenheit erfüͤllten ihn mit Miß⸗ trauen— wie leicht mußte ſolche Guͤte zu bethoͤren ſein! Beck hatte es ſich ſehr angelegen ſein laſſen, in der Geſindeſtube Alles über Varney's Thun und Treiben zu erfahren. Eingedenk der klugen Bemerkungen ſeiner Pflegemutter, wie leicht die Betruͤger junge reiche Maͤnner zu ihrer Beute machen, fuͤhlte er ſich feſt uͤberzeugt, daß Varney einer von jener ſaubern Zunft ſei; allein er ward irre, als er fand, daß Karten und Wurfel nie zum Vorſchein kamen, und ſeine Furcht war noch mehr beſeitigt worden, als er ſah, daß Varney der beſondre Freund und Vertraute von St. John's eigner Verwandten, der Madame Dalibard, zu ſein ſchien. Aber nun erfuͤllte ihn gerade dieſe Vertraulichkeit mit Schrecken und Argwohn. Paarte er das Bild Varney's als Gaſt Grabman's mit der Entdeckung, daß Ma⸗ dame Dalibard eine ihm gar wohl bekannte Betruͤgerei, als vorgebliche Gebrechliche, ſpielte— ſo konnte er nicht umhin zu glauben, daß ein ſeinem jungen Herrn gefaͤhrlicher Anſchlag im Werke ſei; er blieb unentſchloſſen, ob er ſeinen Argwohn und ſeine Entdeckungen St. John vertrauen, oder ob er erſt alle Wachſamkeit anſtrengen ſollte, um das Vermuthete zu beſtaͤtigen. Jene ſcharfblickende Schlauheit, welche die verachteten Armen, faſt zur Selbſtvertheidigung, erwerben, und welche durch die Unterdruͤckung edlerer Eigenſchaften eher erhöht als vermindert wird, ließ Beck einiges Vertrauen zu dem Erfolge der Wache empfinden, die er zu halten beſchloß, waͤhrend ſie ihm zugleich die Beſorgniß eingab, daß eine voreilige Entdeckung bei einem ſo jun⸗ gen Herrn nur ſeine eigne Niederlage, vielleicht ſeine Entlaſſung zur Folge haben koͤnnte. Er beſchloß daher, ſeine Zeit zu erwarten. Die dankbare Neigung, die dieſes armen Weſens Charakter ſchmuͤckte, ließ ihn fuͤr den Augenblick ſo wenig an ſich ſelbſt denken, daß er rein vergeſſen hatte, was außerdem wohl ſeinen Muthmaßungen Stoff ——— 1 gegeben haben wuͤrde— naͤmlich der Brief, den St. John erhalten, und die ſeltſamen Fragen, die ihm ſein Herr vorgelegt hatte; als er aber endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, vermiſchten ſich all' die Erſcheinungen, die ihn wachend beunruhigt, verworren, wie zu einem duͤſtern und eutſetzlichen Gemaͤlde. Er glaubte in ſeiner alten Kammer in St. Giles' zu ſein; der Leichenraͤuber rang mit Varney um ſeinen Koͤrper, waͤhrend er ſelber, kraftlos auf dem Lager liegend, traͤumte, er werde ſo lange ſicher ſein, als er ſeine Kinderklapper, die er an's Herz gedruͤckt hielt, als Talisman bewahren koͤnnte.— Plötzlich beugte ſich, in der formloſen ſchwarzen Huͤlle, in welcher er ſie geſehen, Madame Dalibard uͤber ihn mit ihrem ernſten, farbloſen Geſicht und entrang ihm ſeinen Talisman. Darauf gab Varney, laut lachend, den Kampf mit dem ſchrecklichen Gegner auf, und der Leichenraͤuber ergriff ihn mit ſeinen toͤdtlichen Armen. Ein und Zwanzigſtes Kapitel. Das Tapetenzimmer. Am naͤchſten Tage nuͤtzte Beck den Umſtand, daß die Herrſchaft außer dem Hauſe war, um den gutmuͤthigen Diener, der ihn unter ſei⸗ nen beſondern Schutz genommen hatte, dahin zu bringen, ihn das ganze Haus beſichtigen zu laſſen. Er hatte die andern Diener ſagen horen, es befaͤnden ſich da ſo viel ſchoͤne Sachen, daß ein Blick in die Zimmer ſo gut wie der Beſuch einer Ausſtellung ſei, und der Kammerdiener fuͤhlte ſich ſtolz, den Cicerone zu machen, war es auch nur für Beck. Nachdem er zur Gnuͤge den Bankettſaal, das Speiſe⸗ zimmer, den Waffenſaal, die Buͤſten und die Gemaͤlde angeſtarrt und mit offenem Munde ſeines Fuͤhrers kritiſche Bemerkungen angehoͤrt, 48 wurde Beck die große Treppe hinauf nach der alten Familiengemäͤlde⸗ gallerie und in Sir Miles' altes Zimmer an dem Ende gefuͤhrt, wel⸗ ches mit dem Bett im Winkel ungeſtoͤrt geblieben war; und als man von dort zuruͤckkehrte, befand ſich Beck in dem Corridor, der mit den vornehmſten Schlafzimmern in Verbindung ſtand und wo er ſich in der vorigen Nacht verirrt hatte. „Und was für ein Zimmer iſt das mit dem kleinen weißen Kopf uͤber der Thuͤr?“ fragte Beck, auf das Zimmer deutend, aus welchem Madame Dalibard gekommen war. „Dieſer weiße Kopf, Maſter Beck, das iſt die Goͤttin Forian; aber was verſteht ein Heide wie Du von Goͤttinnen! Forian hat einen halben Mond im Haar, wie Du ſiehſt, was anzeigt, daß ſie bei den abgoͤttiſchen Tuͤrken angebetet wird, denn das tuͤrkiſche Wappen iſt ein halber Mond, wie ich in Conſtantinopel geſehen habe! Ich bin gereiſ't, Maſter Beck!“ „Und was fuͤr ein Zimmer iſt das?“ fuhr Beck fort. „Ci, jetzt hat es die huͤbſche junge Lady, Miß Mainwaring. Da iſt nichts drin zu ſehen. Das dort aber, gegenuͤber,“ und der Die⸗ ner naͤherte ſich der Thuͤr, durch welche Madame Dalibard verſchwun⸗ den war,„das iſt curios; und da Madame Dalibard nicht zu Haus iſt, ſo koͤnnen wir gleich einmal hineingucken.“ Er oͤffnete die Thuͤr ſacht und Beck ſah hinein.„Dieſes, welches das Thurmzimmer heißt, gehoͤrte der Madame Dalibard, als ſie Maͤdchen war, wie ich die alte Beſſy ſagen hoͤrte. Was mich anlangt, ich wuͤrde lieber in Deiner kleinen Bucht ſchlafen, als die großen müͤrriſchen Geſtalten da beim Kaminfeuer auf mich blicken laſſen, die ihre Koͤpfe bei jedem Windſtoß in der Winternacht ſchuͤtteln. Der Diener nahm dabei eine Prieſe Tabak, waͤhrend er Beck's Aufmerkſamkeit auf die ver⸗ blichene Tapete der Waͤnde richtete. Waͤhrend ſie ſprachen, ver⸗ urſachte der Zug zwiſchen Thuͤr und Fenſter, daß ſich die duͤſtere Tapete gleichſam wie lebendig bewegte, und fuͤr dieſe mehr aberglaͤu⸗ biſchen als romantiſchen Leute hatte das Zimmer gewiß keinen ein⸗ ladenden Anblick. „Nie ſeh' ich dieſe alten Tapetenzimmer,“ ſagte der Kammer⸗ diener,„ohne an die Geſchichte von der Lady zu denken, die, wie ſie von einem Balle kam und ihre Juwelen ablegte, zufaͤllig emporſah und da ein Auge an einer von den Geſtalten erblickte, welches nicht in die Tapete gehoͤrte.“ „Was war's denn?“ fragte Beck, indem er die Behaͤnge ſchuͤch⸗ tern emporhob und bemerkte, daß ſich zwiſchen ihnen und der Mauer ein betraͤchtlicher Raum befand, der zum Theil mit feſtgemauerten Kaͤſten und Kleiderſchraͤnken ausgefüllt war, jedoch mit Zwiſchen⸗ raͤumen, mehr als tief genug, um einen Menſchen zu verbergen. „Nun,“ antwortete der Kammerdiener,„es war ein Dieb. Er war der Juwelen wegen gekommen; aber die Dame hatte die Geiſtes⸗ gegenwart, laut, wie zu ſich ſelbſt, zu ſagen, daß ſie was vergeſſen haͤtte; ſo ſchluͤpfte ſie aus dem Zimmer, ſchloß die Thuͤr, rief die Diener, und der Dieb— der keine geringere Perſon war, als der Unterkuͤper— ward erwiſcht.“ „Und die franzoſiſche Frau ſchlaͤft hier 2“ fragte Beck ſinnend. „Franzoͤſiſche Frau! Maſter Beck, nichts iſt ſo gemein, als ſolche Spitznamen in einer diſtinguirten Stellung. Mag Alles ſein, wenn man mit Pfennigfuchſern zu thun hat; aber bei einem Herrn wie der unſre, da muß Reſpect gelten. Ueberdies iſt Madame keine franzöo⸗ ſiſche Frau; ſie iſt eine von der Familie— und es iſt eine ſo alte Familie, als irgend eines Lords in den drei Koͤnigreichen. Aber komm, Deine Neugier iſt jetzt befriedigt, und Du mußt zu Deinen Pferden zuruͤck.“ Als Beck nach den Staͤllen zuruͤckkehrte, wurde ſein Verdacht immer ſtaͤrker hinſichtlich der verbrecheriſchen Abſichten der Gaͤſte ſei⸗ nes Herrn. Aus Helenens Zimmer war die falſche Gebrechliche ge⸗ kommen. Helene mußte daher ohne Zweifel von dem Betruge wiſſen. Nun konnte der Zuſtand von Percival's Herzen in der Geſindeſtube 4 Bulwer, Lucretia. V. 4 —— — —— 50 kein Geheimniß mehr ſein, und waͤhrend die Maͤnner ſeine muth⸗ maßliche Wahl hoͤchlich prieſen, glaubten die Weiber, daß die junge Lady allerdings einen guten Fang machte. Daß St. John auf die eine oder andere Weiſe von der ganzen Geſellſchaft dupirt oder ge⸗ taͤuſcht werde, war Beck's natuͤrliche Ueberzeugung. Allein wie konnte er, was er gehofft hatte, ihre Plaͤne vereiteln?— Der arme Stall⸗ knecht, der nur zufaͤllig einmal zu dem von den Herrſchaften bewohn⸗ ten Theile des Hauſes Zutritt erhielt, und der auch nur ſelten, nur wenn man ausdruͤcklich nach ihm ſchickte, Percival zu Geſicht kam? Der Tag verging ohne ein weiteres bemerkenswerthes Ereigniß. er Doctor kam, ſah Helenen, veraͤnderte die Arzneien in etwas(die in der Hauptſache mit den Vorſchriften des Londoner Arztes im Ein⸗ klang ſtanden) und war immer noch voll Hoffnung auf guten Erfolg. In der Stille der Nacht, als das Haus in Schlaf begraben zu ſein ſchien, ſchlich Beck ohne Schuh aus ſeinem Schlafgemach, und da er jetzt den zu nehmenden Weg ſeinem Gedaͤchtniß genau eingepraͤgt hatte, ſchlich er in den Winkel des Schlafzimmerganges, und indem er die Thuͤr am Ende oͤffnete, ſchluͤpfte er dahinter und wartete dort. Um dieſelbe Stunde, wie das vorige Mal ſah er die dunkle unbe⸗ ſtimmte Geſtalt kommen, diesmal aus Madame Dalibard's eigenem Zimmer, das Helenens betreten, darin wenig laͤnger als einen Mo⸗ ment weilen, wieder erſcheinen, und wieder, dunkel und ſchweigend wie eine ziehende Wolke, in demſelben Gemach verſchwinden, aus dem ſie gekommen war. Die Kuͤrze dieſes Beſuchs uͤberraſchte den Lauſcher. Was konnte die Tante zu ſagen haben, das ſich in ſo kurzer Zeit ſagen ließ? Be⸗ friedigt indeß durch das Reſultat ſeiner Wache kehrte Beck zurück und erreichte ſein eignes Bett in Sicherheit. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Erlaͤuternde Briefe. Helene Mainwaring an Mr. Fielden. Theurer und geehrter Freund.— Ihr letzter Brief traf an dem Morgen ein, als ich London verließ, und mit dankbarer Ehrfurcht kußte ich jene liebevollen und frommen Stellen, wo Sie meinen Un⸗ muth und meine kindiſche Melancholie beſaͤnftigen und mein Herz in ſeinem Streben nach Ruhe und Hoffnung ermuthigen. Ja, ich habe in der That vielen Grund, dem Himmel dankbar zu ſein; nicht der letzte dieſer Gruͤnde iſt, daß mir in der Jugend der Himmel Sie zum Führer gab. Wie oft, wenn ſich meine wilde Phantaſie eine Zukunft baute und ſagte: So ſoll meine Heimath ſein!—, wie oft, obwohl ich nicht einmal Ihnen meine Traͤume ſagte, haben Sie mich durch ſanfte, unerwartete Worte auf ſicherere Pfade geleitet und meiner Seele einen hoͤheren Schwung gegeben.„Nicht auf Erden kannſt Du Deine Zukunft ſuchen— nicht in der Zeitlichkeit kannſt Du eine Heimath errichten!“ So fluͤſterte mein Herz, waͤhrend ich Ihren Wor⸗ ten lauſchte, und es beruhigte ſich von ſeiner Traͤumerei und ward ſtill. Dann verwandelte, was ich Poeſte genannt und in eitlen Phantaſien und leeren Reimen auszudruͤcken geſucht, ſeine Natur, und verſchmolz in Religion. Sie wiſſen, wie ſelbſt die Formen unſeres Glaubens auf mich wirken— die Glocke, die Ihre kleine Heerde in die Dorf⸗ kirche ruft— die Kinderſtimmen, die ſich zu dem einfachen Geſange vereinigen— jene traulichen Gruppen, die nach dem Gottesdienſt zwiſchen den Graͤbern zerſtreut ſtehen, bis Sie ſich naͤhern, und Ihr Laͤcheln, geweiht von dem feierlichen Gottesdienſt auf Ihren demuͤ⸗ thigen Kindern ruht! Wie tief haben ſich mir dieſe Sabbathe ein⸗ gepraͤgt! Wie deutlich fuͤhlte ich an jenen Tagen und meinem Schritte die Bruͤcke zwiſchen Erde und Himmel! Solche Sabbathe habe ich 52 nie wieder erlebt. Wenn ich in der großen Stadt, der ich nun ent⸗ flohen bin, allein nach der benachbarten Kirche ging, ſuchte ich ver⸗ gebens das liebevolle Band zwiſchen dem Hirten und der Heerde! Dieſe kalte, unvertrauliche Zuhörerſchaft, dieſe ſtudirte, ausgear⸗ beitete Predigt— Ach! hier war die Form der Religion bei Ihnen aber die Seele! Dieſe ſo große, in ihrem Gottesdienſte ſo kalte Menge floßte mir ein eigenthuͤmliches Mitleid ein. Zu Ihnen kommen zu⸗ gleich alle Sorgen, Hoffnungen und Schmerzen Ihrer Gemeinde; in jenem kleinen Kreiſe eroffnet jedes Leben ſeine Chronik fuͤr Alle. Wie oft ſtrebte Ihre Rede einen beſondern Kummer, einen verein⸗ zelten Zweifel zu ſtillen. Aber in dieſer unzuſammenhaͤngenden Maſſe fallen die Worte wie Schnee auf die Oberflaͤche des Waſſers, ſie zer⸗ ſchmelzen, waͤhrend ſie fallen. Wie Viele koͤnnen am naͤchſten Feier⸗ tag abweſend ſein, ohne vermißt zu werden;— die kalte Predigt könnte eben ſo gut fuͤr Auslaͤnder gehalten werden. Jede Woche koͤn⸗ nen Mißgeſchick und Tod unter dieſer gleichgiltigen Menge ihre Opfer gefunden haben. Wenn ich die Verſammlung betrachtete, ſo erſchien mir die Schaar in dem Gebaͤude wie ein Bild alles Lebens im Tem⸗ pel der Schoͤpfung; der Tod iſt unter ihnen und rings um ſie, und doch hoͤren ſie gleichgiltig die Verſicherungen der Unſterblichkeit oben! „Warum kehren mir dieſe Gedanken jetzt ſo feierlich und truͤbe zuruͤck? Weil ich ſelbſt— o, mein zweiter Vater!— gleich den Uebrigen, die Unſicherheit irdiſchen Gluͤckes zu ſehr vergeſſen habe; weil Ihre Stimme nicht nahe war, um mein Herz zu erwecken, als es, noch ſchlimmer als in der Kindheit, eine irdiſche Zukunft aus⸗ dachte, und eine irdiſche Heimath baute. Ach, Sie haben das Geheim⸗ niß meines Herzens geleſen, obwohl ich Ihnen nur die Oberflaͤche zeigte; Sie haben voraus errathen, was Percival mir geworden iſt — wie ſein Gluͤck jeden Gedanken eingenommen hat— wie ich in ſeiner Liebe einem Phantom zulaͤchelte, welches davonfliegt, und fluͤſtert: Es giebt keine Gluͤckſeligkeit auf Erden. „Wie wuͤrden Sie ihn lieben, nicht meinetwegen, ſondernſeiner ſelbſt „.* 7—.—, d 53 willen! Wie wuͤrden Sie uber Ihre eigne Furcht laͤcheln, daß ich ge⸗ taͤuſcht ſei! Wiſſen Sie, was ich in ihm liebe? Es iſt die Abweſen⸗ heit des Trugs— die Unmsglichkeit, zu taͤuſchen. Nein,„es iſt kein Ideal meiner eignen Einbildungskraft, welches ich betrachte,“ wo⸗ fern wirklich, mir ſelbſt kaum bewußt, ein ſolches Ideal geſchaffen war, bevor ich ihn kannte. Von meiner Einbildungskraft ſteht er fern. In den Traum⸗Geſichten, die mir meine Phantaſie gewaͤhrt, bin ich allein betheiligt. Ihm kann ich nicht beſchreiben, warum ich in dem einen Augenblick laͤchle, und in dem naͤchſten weinen könnte. Mein Herz iſt, welches ſich beſcheiden zu ſeinem Herzen neigt, durch⸗ drungen von ſeiner vortrefflichen Guͤte, geehrt durch ſein edles Ver⸗ trauen. Ich kann ihm meine truͤben und eitlen Gedanken nicht ent⸗ decken; aber wenn ein Gedanke ſich zu den hoͤchſten Regionen erhebt, dann ſteh ich beſchaͤmt, denſelben verkleinert zu ſehen, wenn ich ihn mit einer großherzigen Handlung vergleiche, die, gleich⸗ ſam ohne Gedanken, aus ſeinem fromm⸗einfuͤltigen Streben nach Wohlthun und Edelſinn entſpringt. Dann iſt es, als ob die Einbil⸗ dungskraft, die das Gute vorher nur wie einen Schatten erſtrebte, in ſeinem Herzen das verwirklichte Gute gefunden haͤtte,— als ob ich in ſeiner Faͤhigkeit, edel zu handeln, meine traͤumeriſche Vereh⸗ rung deſſen, was edel iſt, verwirklicht ſaͤhe; denn ſelbſt die hoͤchſte Poeſie iſt nur der Lobgeſang hoher Thaten, und ſelbſt die glaͤnzend⸗ ſten Traͤume unſerer Phantaſie ſind nur der unvollkommene Wider⸗ ſchein guter menſchlicher Handlungen. Dennoch hat es Augenblicke gegeben, wo ich ſeufzte, wenn ich ſein treues Weſen klar vor mir aus⸗ gebreitet ſah, daß ich das meine nicht ebenſo durchſichtig zu machen vermag— daß, obwohl ich ohnehin nur wenig zu gewaͤhren habe, in meiner Seele oder meinem Herzen auch noch etwas iſt, was ich zurückzuhalten verurtheilt bin. Neuerdings hat mich dieſer Gedanke minder gequaͤlt; ich fuͤhlte, daß in jenem Etwas, was hienieden nie enthuͤllt oder verſtanden wird, eine Vorbedeutung dafuͤr liege, daß mein Schickſal hier unvollendet bleiben moͤchte. In der Einſamkeit, ———,, 75 2 des Nachts— in den Strahlen der ſinkenden Sonne— im Lichte des ſteigenden Mondes, tritt all' dies Unausgeſprochene bei mir herrſchend in den Vordergrund. Die Erde verſchwindet— die unbeſtimmte Er⸗ hebung vereinigt mich mit dem Unendlichen— mir iſt, als häͤtt' ich dann die Bande des Staubes abgeſchuͤttelt, und meine Seele weilt unter den Geiſtern droben. Entſinnen Sie ſich, wie Sie mir einſt ein Buch mit ſanftem Verweis wegnahmen, welches ich ohne Erlaub⸗ niß aus Ihrer Bibliothek genommen—„Das Leben der aͤltern Hei⸗ ligen?“ Sie wollten mich vor der krankhaften Begeiſterung bewah⸗ ren, welche jene Schilderungen in einer erhitzten Phantaſie erzeugen koͤnnten.— Ach, Ihre Warnung war vielleicht weiſſagungsvoll! warum kaͤmen ſonſt ſolche Entzuͤckungen und Traͤume, in lichten Stunden, zu einem ſo demuͤthigen, fehlenden Weſen, wie Ihre He⸗ lene? Sehen Sie zu, warum ich meinen Seelenzuſtand ſo ſchildern mußte. Leiten Sie mich, wo ich irre, ſtaͤrken Sie mich, wo ich ſchwach bin, ermahnen Sie mich, wo ich klage, mein geliebter Lehrer! „Sie befragen mich uͤber meine Tante, deren Lebensweiſe und Gewohnheiten. Was kann ich Ihnen ſagen? Fuͤr mich iſt ſie ſtets dieſelbe— ich kann durch kein Mittel ihre Liebe gewinnen. Aber ich glaube nicht, daß ſie unfreundlich, noch weniger, daß ſie harther⸗ zig iſt— ſie iſt nur zuruͤckhaltend. Ich betrachte ſie mit einer ge⸗ wiſſen mitleidigen Ehrfurcht. Sie erſcheint mir wie eine einſame Verbannte auf einer wuͤſten Inſel. Die Segel des Lebens ziehen hin und her auf der See, aber ſie floͤßen der Verbannten keinen Wunſch zur Flucht ein. Sie ſcheint in ihrer Einſamkeit wie feſtge⸗ wurzelt zu ſein, und dieſelbe wie ein Reich zu beherrſchen. Wenn ich ſie aber mit Andern ſprechen hoͤre(mit mir unterhaͤlt ſie ſich nie), ſo iſt mir's, als ob die Welt, und nur die Welt, ihr duͤſteres Sinnen beſchaͤftigte. Eine Erfahrung, ungeheuer aber traurig, die ſie aus Buͤchern und aus dem Leben geſchoͤpft, giebt ihren ſtarren Ausſprü⸗ chen etwas, was Weisheit ſcheinen wuͤrde, wenn es nicht Hohn waͤre. Giebt ſie ihre Erfahrung auf ſolche Weiſe kund, ſo fällt die⸗ —— b2 4 55 ſelbe gleich einer Buͤrde auf mich; aus ihren harten Vorraͤthen geht nie eine Hoffnung oder ein Glaube hervor. Wie ſie bei ſolchem Leiden und ſo finſtrer Niedergeſchlagenheit in Gegenwart der Guten hienie⸗ den ſo ſtreng geduldig und reſignirt ſein kann, wie ſie nie zum Glauben in Freude und Tugend ihre Zuflucht nimmt, zum Glauben an ein Sein oder ein Princip außer ihrer eignen ſchrecklichen Exiſtenz— das macht mich ſtaunen, als uͤber eine, den Sterblichen nicht verliehene Kraft; denn ſind wir nicht mitten unter Schmerz und Kummer ſchwach geſchaffen, damit wir im Gefuͤhl unſrer eignen Sterblichkeit erkennen moͤgen, daß Schmerz und Kummer mit uns zugleich ſterb⸗ lich ſind? und damit wir ſo, gerade aus unſerer Gebrechlichkeit, den ſicherſten Troſt ſchöpfen moͤgen? Aber waͤhrend ich ehrfurchts⸗ volle Scheu vor ihr empfinde, liebe ich doch dieſe Arme, Stolze, Ein⸗ ſame ſo herzlich! Ich habe in letzter Zeit ein ſtilles, wenn auch truͤbes Vergnügen in dem Gedanken empfunden, daß ſie, wenn mir kein langes Leben beſchert iſt, erkennen werde, wie ich ſie liebte und bemitleidete, wenn ich nicht mehr bin. Ich habe ihr, gerade durch meinen Tod, die Freundlichkeit zu vergelten geſucht, die ſie meinen Eltern bewieſen hat. Und dann wird vielleicht ihr Herz fuͤr die Waiſe aufgehen, die ſie ohne Liebe beſchuͤtzte, und ſie wird zugeben, daß noch Dankbarkeit auf Erden wohnt. „Das einzige Weſen, gegen welches meine Tante ſich warm zu zeigen ſcheint, iſt mein Coufin. Ich ſehe ihre Augen glaͤnzen, wenn er eintritt. Ihre Stimme wird ſanfter, wenn ſie ihn be⸗ grüßt: und ſie iſt ſo ſtolz auf ſein Genie! Er hat Ihnen ohne Zweifel von ſeinem letzten glaͤnzenden Succeß Nachricht gegeben. Sein Buch liegt ſtets in der Naͤhe meiner Tante; ſeltſam ſcheint es mir gleichwohl, daß ſie, bei ihrer Verachtung gegen die Meinung der Welt, ſich mehr uͤber den Ruf des Buches als uͤber die Ver⸗ dienſte deſſelben freut. Die letztern kann ich nicht beurtheilen— was verſteh' ich von den Streitfragen der Maͤnner? Alles was ich zu faſſen vermag, iſt Friede, Liebe und Schoͤnheit. Aber wenn 56 zwiſchen den Seiten, die mein ſchwacher Verſtand nicht beurtheilen kann, ein Gedanke, warm von erhabener Hoffnung und begeiſtertem Wohlwollen hervorblitzt, o, dann fuͤllen ſich auch meine Augen mit Thraͤnen und auch ich werde dann ſtolz auf den Ruhm meines theu⸗ ren Couſins. Bisweilen erſchrecke ich bei dem Gedanken, daß in ihm meine Einbildungskraft mehr lebt, als in meinem edlen Perci⸗ val. Er zieht jenen geheimnißvollen Theil meines Weſen an— meine Phantaſien, arme Traͤumerin die ich bin, verſchmelzen mit ſeinem Genie, ſeiner Laufbahn. Wie wuünſche ich, ſeine Schweſter zu ſein, oder daß ich eine Schweſter haͤtte, deren Schickſal an ſeines gefeſſelt waͤre— um ihm bei ſeiner rauhen Pruͤfung zuzulaͤcheln, mit ihm ſeine harten Entbehrungen zu tragen; ſeinen Hoffnungen zu lauſchen, ſeinen Triumph zu theilen, der, wie mir eine ſichere Ahnung ſagt, ihm gewiß werden wird. Wie wenn zwei getrenute Weſen in mir waͤren, wandern auf dieſe Weiſe oft, waͤhrend mein Herz ſtill, treu und zufrieden bei Percival weilt, meine unruhigen Gedanken mit Ardworth von hinnen; und nun im Gebete umſchließ ich ſie Beide! Aber ich bin in Laughton, welches Sie mir, wie Sie ſich erinnern, oft am Kamin oder bei unſeren laͤndlichen Spazier⸗ gaͤngen beſchrieben haben! Ach, wenn dies jemals wirklich meine Heimath werden ſollte, wie werd' ich mich ſehnen, Sie hier zu be⸗ gruͤßen, und aus ihrem eignen Munde zu hoͤren, wie ſuͤße Pflichten am beſten erfuͤllt werden! Es iſt natuͤrlich, wenn dieſer Ort meine Liebe gewonnen hat, als wenn es ein lebendiges Weſen waͤre! Waͤre Percival's Heimath die rauheſte Huͤtte, ſo wuͤrd' es ebenſo ſein. Es iſt nicht darum, wie Sie wohl wiſſen, daß das alte Herrenhaus groͤßer iſt, als Ihre kleine Helene je eines zuvor außer in ihren Feenmaͤhrchen gekannt hat— ſondern daß ein Verbindungsglied zwiſchen dem Herrenhaus und der Huͤtte vorhanden iſt. Percival's ganzes Denken ſcheint darauf gerichtet, was um ihn iſt, gluͤcklich zu machen— die Haͤrte des Contraſtes zwiſchen Armuth und Reich⸗ thum, Muͤhe und Leichtigkeit verſchwinden zu laſſen. Es ſcheint z X 1 2 4 57 als ob man, wenn man hier das Herrenhaus zerſtoͤrte, zugleich die Huͤtte verwuͤſtete. Kein Elend iſt hier zu ſehen; die eine Woh⸗ nung iſt beſcheidener als die andre, aber jeder Eigenthuͤmer ſcheint in gleichem Maße zu haben, was ihm ſeiner Erziehung nach am meiſten ſchaͤtzbar iſt. Und da herrſcht eine Vertraulichkeit, weit verſchieden von bloßer Herablaſſung und Reſpect, welche alle verei⸗ nigt, die an dieſem glücklichen Orte wohnen. Man tritt in eine Huͤtte und ſpricht mit dem Bewohner, als ob man daheim waͤre. Jedes Verlangen aͤußert man wie gegen einen Freund. Percival's Reichthum ſcheint nur ein anvertrautes Gut zum allgemeinen Be⸗ ſten. Eine Art von Religion weht mich da an und die Atmoſphaͤre des Ortes iſt das Gute. Seine Mutter— man liebt ſie ſo ſehr! Ach, wird dieſe Mutter je die meinige ſein! Was hab' ich gethan, um ein ſolches Loos zu verdienen? Nur dieſer Gedanke kann mich mit beſcheidnem Zweifel uͤber eine ſo ſelige Zukunft beunruhigen. Mein theurer Lehrer, ſchelten Sie mich nicht, wenn ich geſtehe, daß — ſo ſehr ich ringen will, Ihnen gehorſam zu ſein und die Ahnun⸗ gen, die Sie verwerfen, aus meiner Seele zu verbannen,— daß ſie gleichwohl wiederkehren und mich dennoch heimſuchen werden. Wenn in Ihrem Hauſe— waͤhrend meine Geſundheit ſo feſt war, waͤhrend mir die Kaͤlte nie Schauer, die Hitze nie Fieber bereitete— meine Augen beim anbrechenden Fruͤhling von den knospenden Blaͤttern und den Bluͤthen fern abſchweiften, um auf der Stelle der Land⸗ ſchaft zu ruhen, wo ſich unter düſterem Immergruͤn die fernen Graͤ⸗ ber erhoben— wenn ſelbſt damals kein Geſpraͤch, kein Buch, kein Gegenſtand mich mehr erquickte, als diejenigen, welche die Gedan⸗ ken jenſeit des Grabes trugen und mein Herz zu jener dunkeln Grenze floh wie ein Vogel zum Neſte; wenn ſelbſt damals ſolcher Art die Neigungen waren, die ich nicht zu zuͤgeln vermochte, iſt es dann zu verwundern, wenn ſie mich jetzt bewegen? Allerdings iſt es eine ſeltſame Krankheit, welche mich befallen hat. Ich leide wenig Schmerz. Ich weiß keine beſtimmte Beſchwerde anzugeben, 58 aber Kraft und Leben vergehen mir von Tag zu Tage mehr. Nun, wenn es ſo ſein muß, wenn die Ahnung, die ich nicht zu verbannen vermag, nur der himmliſche Ruf iſt, der freundlich die Loͤſung der Ketten andeutet, die mich zu ſehr an die Erde feſſeln, die ich ver⸗ laſſen ſoll— ſo moͤge ich wenigſtens ſterben, ohne daß mein wahres Leben vernichtet iſt; bevor meine Fehler mir einen Feind bereitet, bevor ein Schmerz mein Vertrauen auf Gott geſchwaͤcht oder eine Taͤuſchung meinen Glauben an menſchliche Herzen vernichtet hat! Alle Weſen liebend, moͤge ich im Urquell der Liebe untergehen! Vielleicht wird eben, was hier unvollendet in mir ruht, Entwicke⸗ lung und Ziel finden— und meine eigene Seele, jetzt truͤb' und un⸗ ruhig, wird im Laͤcheln Gottes mir ſelbſt klar werden. Bis zu unſerm Wiederſehn— wenn ich eher ſcheide, bis zu Ihrem Wie⸗ derſehn, o mein irdiſcher Vater!“ „Helene.“ Schreiben von John Ardworthan Mr. Fielden. „Wenn Sie, theurer Freund und Lehrer, mir, dem Widerſtreben⸗ den, in meiner launiſchen Jugend befahlen, Newton und Thucydides bei Seite zu legen und mit Ihnen auszugehen— wenn Sie mich auf das große Syſtem der Natur aufmerkſam machten und wie alle Dinge ihre beſtimmte Zeit erwarteten— wie das gewelkte Laub auf den Fruͤhling harre und das Korn auf die Aernte im Herbſt; wenn Sie mir ſo das Geſetz der Geduld einpraͤgten— da ahnten ſie vielleicht kaum, auf wie harten Boden die Lehre geſaͤet wurde, oder wie ſehr mein rebelliſches Innere dem aufgelegten Zuͤgel widerſtrebte. Als Sie mir dann, da ich aͤlter und empfaͤnglicher fuͤr die eleuſiniſchen Geheimniſſe wurde, die unter den ſchlichten Lehren des chriſtlichen Glaubens liegen, erklaͤrten, in wie wunderbarem Einklange die Vor⸗ ſchriften dieſer ſo unausſprechlich weiſen Religion mit den Syſtemen der Welt ſtehen; wie in dem, was anfangs nur als Pflicht gegen 1—— ' 59 Gott erſcheint, in dem Gehorſam gegen Gebote, eine Philoſophie wohne, welche den Geiſt am trefflichſten zu erziehen vermoͤge und alle edlern Faͤhigkeiten zeitige; wie wir im Glauben nicht nur das Ver⸗ trauen auf eine göttliche Zukunft, ſondern auch auf die Redlichkeit der Menſchen wach erhielten, die jene Zukunft mit uns theilen ſollen; wie wir in der Geduld unter Pruͤfung und Leiden unſere Leidenſchaften von ihren Taͤuſchungen reinigten; ſelbſt bei dieſen Erklaͤrungen ahn⸗ ten Sie wenig, mit welchem Widerſtreben ich Ihre Gruͤnde aufnahm und ihrer Wahrheit Gehoͤr lieh. Aber, der Himmel ſei geprieſen, die Lehren haben am Ende Wurzel gefaßt. Erfuͤllen ſich je meine Traͤume der Zukunft, ſo verdank' ich es jenen Lehren, die den Stoizis⸗ mus zum Chriſtenthum erwäͤrmten und mehr als die Autoritaͤt Epi⸗ ktet's die Lehre von der Geduld bekraͤftigten! „Seit meinem letzten Briefe hab' ich zwei große Pruͤfungen er⸗ fahren— einen Triumph fuͤr den Geiſt, ein Weh fuͤr das Herz. Ich habe die beiden goͤttlichen Grundſaͤtze in irdiſchen Angelegenheiten an⸗ gewendet und bin am Ende dadurch ruhig geworden. Staͤrker, wenn auch trauriger, ſteig' ich jetzt den Berg meiner Laufbahn empor. Und in dem Augenblick, wo vielleicht mein Schritt am mindeſten feſt war, iſt mir ein großes Gut zugefallen. Nebel, die mich einen Augenblick verwirrten, ſind vor der Vergangenheit gewichen. Da ich jetzt weiß, was und werich bin, ſo kann ich beſſer beurtheilen, was ich ſein werde. „Waͤhrend meiner letzten Prufungen erwachte ein Gedanke, der mich vielleicht zu der krankhaften und fehlerhaften Anſtrengung aufregte, welche eine Epiſode der Beruͤhmtheit bewirkte fuͤr das ernſtere Epos, welches das Leben eines Mannes, der wahre Auszeichnung ſucht und Nutzen ſtiften will, ſein ſollte;— ein Gedanke, der mich ſehr auf⸗ regte und beunruhigte, erwachte aus dem Zweifel, den Ihre ſchriftliche Erzählung hinſichtlich meiner Jugend mir natuͤrlich eingefloͤßt hatte. War ich zugleich vaterlos und namenlos? Dieſer Zweifel iſt ver⸗ ſchwunden. Lang und ſchmerzlich iſt die Geſchichte, die Sie von mir hören werden, oder von einem Andern, der ſie füglicher erzaͤhlen kann. 60 Sobald ich einen gewiſſen Auftrag, den ich uͤbernommen, ausgefuͤhrt habe, werd' ich zu Ihrem ſtillen Hauſe kommen. Wie in den alten Tagen, wenn ich, nachdem ich durch das Jargon metaphyſiſcher Spe⸗ culationen meine Begriffe verwirrt, in Ihr kleines Zimmer ſtuͤrzte und rief:„Legen Sie Ihre griechiſchen Poeten bei Seite, öͤffnen Sie ihren Beauſobre— ſagen Sie mir, woher der Gedanke kommt und was Leben iſt!“ ſo will ich auch jetzt wieder alle Unruhe meiner Bruſt ausſchuͤtten und mich noch einmal als gluͤckliches Kind vor Ihnen fuͤhlen!“ „Sie fragen mich bedeutſam, ob ich Percival St. John kenne und was ich von ihm halte? Dieſe Fragen ſind ſo ſehr mit ihren Aeußerungen uͤber Helenen verflochten, daß Sie ſogleich das Ge⸗ heimniß Ihres Intereſſes verrathen. Laſſen Sie Ihre Beſorgniß ſchwinden; Helene hat Einen gefunden, der ihrer werth. Sie wiſ⸗ ſen, wie ſchwer es mir wird, meine Altersgenoſſen zu bewundern. Dieſen Percival, einen bloßen Knaben und unerfahren, bewundere ich nicht nur— ich verehre ihn. Seine offenherzige Jugend laͤßt deutlich ſichtbar mannhaftes Ehrgefuͤhl erkennen. Ich, ein harter, muͤhevoller Arbeiter, ſtrebe nach einem fernen Guten. Er ſteht vor mir, wie das Gute ſelbſt! Wenn wir uns ſehen, ſollen Sie mundlich die Beweiſe fuͤr das Geſagte erfahren. Ja, er, und er allein ver⸗ dient jenes Engelskind. Wie herrlich ſteht Beiden die Jugend! wie ſchade, daß ſie einmal alt werden ſollen! Sie, mit ihrer Dichterſeele — Er, mit ſeinem humanen Herzen— die Pſyche und der Eros! Nein, Ehrgeiz, Sorge und Alter ſind nicht fuͤr ſie! Adieu. „Ewig Ihr dankbarer Schuͤler, 4„John Ardworth.“ Gray's Inn, October 1831. .„— ᷣ——— 5 61 Schreiben Gabriel Varney's an—*). „Duͤſtres Landleben, Freund! traurige Verſchwenkung von Stunden, die nie zurückkehren! Meine Philoſophie iſt Schnelligkeit — Vorwaͤrts und in Bewegung!— Das Leben, alter Freund, iſt ein Federball, munter und raſch genug, wenn er gehöͤrig gehandhabt wird, aber nichts als ein Kork und einige ſchlechte Federn, wenn er zur Ruhe kommt. Ein huͤbſcher Landſitz das, den mein Freund Per⸗ cival St. John hat! Ich verlebte meine Kindheit hier, und ſo obſcur der Ort nun iſt, ſo wuͤrd' ich ihn doch nicht verſchmaͤhen als einen pied-de-terre mit einem halben Dutzend Freunden wie Du, einem halben Dutzend Dirnen wie Celeſte, und Wein und Wurfeln dabei. Aber nie ſahſt Du Reichthum ſo weggeworfen wie bei dieſem jungen Gentleman! Ach, wenn dieſer Reichthum ein Jahr lang mein waͤre, wie ſollten die Gevattern ſchwatzen und die ernſten Frommen die Schultern in die Höhe ziehen! Kannſt Du,—; mich hat ſtets das Verlangen gepeinigt reich genug zu ſein, wenn auch nur auf ein Jahr — meinen Wunſchen den Zuͤgel ſchießen zu laſſen im Bereich eines jener coloſſalen Vermögen, welche durch den Gegenſatz die armſeligen Aus⸗ ſchweifungen von uns armen vauriens in den Staub demuͤthigen. Jedenfalls bin ich ſtets in der Phantaſie ein Millionaͤr. Ich ſchwimme in Ueberfluß, wenn ich einſam mit meiner Eigarre daſitze— dann kommt ein verdammter Mahner und all' mein Witz muß in Trab ge⸗ ſetzt werden, um ein elendes Paar Stiefeln zu bezahlen! Wie kann eines Menſchen Genie gehorig in ſo einem winzig kleinen Blumentopf groß wachſen! Den Wurzeln eines kranken Orangenbaumes muß man Raum ſchaffen; aber das Schickſal erweitert nie den Kuͤbel, in welchen eines Mannes Genie gepflanzt iſt.— Apropos! der ver⸗ fluchte Weinhaͤndler iſt unverſchaͤmt— er draͤngt! Geh' hin und ſag' *) Dieſer Brief iſt an einen von Varney's vertrauten Bekannten ge⸗ richtet, einen Genoſſen ſeiner gewoͤhnlichen Laſter, der aber voͤllig unbe⸗ kannt mit ſeinen duͤſtern Verbrechen iſt 62 ihm gelegentlich, daß ich vertraut mit dem jungen St. John bin, der naͤchſtens volljaͤhrig wird und Keller hat, ſo groß wie die Katakom⸗ ben! Wozu, zum Teufel, ſind denn dieſe reichen Freunde gut, wenn nicht dazu, einem Credit zu verſchaffen? Vermißt Ihr mich nicht in B**** St.?— Wer troͤſtet die kleine Julie?— Beilaͤufig: Sophie ſchreibt mir einen Sermon. Sag' ihr, daß ich mich ſehr ge⸗ ſchmeichelt fuͤhle, wenn ich wirklich„ihr Herz gebrochen und ihren Frieden vernichtet“ habe. Wenn ein Mann üuͤber vierzig iſt, ſind ſolche Vorwuͤrfe wahre Complimente! Du aͤrgerſt mich durch Dein dummes Lob von M—'s letztem Artikel. Ich bin nicht eiferſuͤchtig, gewiß nicht. Aber wenn ich weiß, was an mir iſt, und ich hoͤre Deinesgleichen ſchwatzen von einem ſublimen Gemaͤlde von Martin, oder von einer brillanten Compoſition von Donizetti, oder von M—'s wundervollem Aufſatz in der Edinburgh— dann ſtelgt der Groll in mir. Was hab' ich fuͤr ein hartes Loos—! In Rom wuͤrde C— ſtundenlang vor meiner Staffelei ſtehen. In Berlin wuͤrde S— g mich unter allen Savans auswaͤhlen, um uͤber Metaphyſik mit mir zu ſprechen. Roſſini haͤtte mich ſeinen kuͤnftigen Nachfolger genannt. Und bei all' dieſen Gaben muß ich unfruchtbar und obſcur in dieſer unſeligen Atmoſphaͤre ſtehen. O, ſagen ſie— Es fehlt ihm an Fleiß! Ja, weil ich eines Gentleman's Geiſt habe und das Leben ge⸗ nießen muß. Fleiß!— Verdienſt der Dummkoͤpfe! Nein, mein Stern ſoll ſchon noch leuchten! Mein ſeien die kuͤhnen, raſchen, kecken Eingebungen des Geiſtes oder des Gluͤcks, gleichviel!„die Welt iſt meine Auſter, die ich mit dem Schwerte oͤffnen will!“ Da iſt ein langer Brief fuͤr Dich! Es hat mir wohl gethan, denn ich war greulich verſtimmt, als ich mich zum Schreiben niederſetzte. Jetzt hab' ich mich in den Gedanken an die verlorene Zeit eingewiegt, die ich wieder gewinnen muß, wenn ich Euch alle wiederſehe! Welche Toaſte, welche Lieder, und welche ſchwarzaͤugige Blicke! Ach, ja! alles das iſt mir nothwendig; und zu all' dem fluͤſtert eine kleine 63 leiſe Stimme zu,„Geld, Geld, Geld, Gabriel Varney!“ Verdammt, — Geld muͤſſen wir freilich haben! Tout à vous, „Und etwas fuͤr des Gouverneurs Steinbild! „Don Juan.“ Drei und zwanzigſtes Kapitel. Mehr von Mrs. Joplin. Eines Tages um die Mittagszeit wurde der Hof, welcher ſich der Wohnung Mr. Grabman's zu ruͤhmen hatte, aus der bei hellem Tageslicht dort gewoͤhnlich herrſchenden Ruhe durch das Erſcheinen von zwei Maͤnnern geſtoͤrt, die keine Bewohner des Ortes zu ſein ſchienen. Die ſchmutzigen, mißtrauiſchen Bewohner, die muͤſſig an den Thuͤren ſtanden, machten große Augen und als ſie einen jener Maͤnner genauer betrachteten, zogen ſich die meiſten haſtig in ihre Wohnungen zuruͤck. Darauf konnte man in jenen Haͤuſern ein Gemurmel des Schreckens und der Unruhe vernehmen. Der Haͤſcher war da— ein Bowſtreetbeamter im Hofe! Die beiden Maͤnner blieben ſtehen, ſahen ſich rings um und indem ſie vor dem alten thurmaͤhnlichen Hauſe ſtillhielten, waͤhlten ſie die Klingel, welche den Bewohnern des Erdgeſchoſſes zur Linken anzugehoͤren ſchien. Bei dieſem Zeichen ließ Bill, der Einbrecher, unvorſichtig ſein Geſicht durch ſein vergittertes Fenſter ſehen; mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit zog er es wieder zu⸗ ruͤck, aber nicht zeitig genug, um dem Auge des Bowſtreetmannes zu entſchluͤpfen. „Oeffnet die Thuͤre, Bill—'s iſt nichts zu fuͤrchten— ich habe keinen Auftrag euretwegen, auf Ehre. Ihr wißt, ich taͤuſche nie. Warum auch? Oeffnet die Thuͤr, ſag' ich!“ 64 Keine Antwort. Der Beamte klopfte mit ſeinem Stock an das ſchmutzige Fenſter. „Bill, hier iſt ein Herr, der Euch um eine Nachricht erſucht, und er will gut dafuͤr bezahlen.“ Bill erſchien wieder am Fenſter und guckte ſehr behutſam durch die Staͤbe. „Ei, lieber Himmel, Mr.—! ſind Sie es? Was ſagten Sie denn von gut bezahlen?“ „Euer Zeugniß wird gebraucht, in ganz unſchuldiger Angelegen⸗ heit. Es wird Ench gar nichts ſchaden und wenigſtens fuͤnf Guineen in Eure Taſche bringen.“ „Zehn Guineen!“ ſagte der Begleiter des Gerichtsbeamten. „Sie ſind ein Mann von Ehre, Mr.—!“ ſagte Bill mit Nach⸗ druck,„und ich kann an Ihnen nicht zweifeln. Darum treten Sie nur ein.“ Damit zog er ſich vom Fenſter zuruͤck und bald nachher wurde die Thuͤr geoͤffnet und Bill bat mit einer Verbeugung die Gaͤſte, in ſein Zimmer zu treten. Waͤhrend der Zwiſchenzeit hatte der Einbrecher Muße genug ge⸗ habt, jede Spur der gewoͤhnlichen Erziehungsinſtrumente ſeiner hoff⸗ nungsvollen Kinder zu beſeitigen. Die Kleinen ſaßen am Boden und ſpielten Nadelſchieben; der Gerichtsbeamte klopfte freundlich auf ein Paar Lockenkspfe, waͤhrend er voruͤberging, zog einen Stuhl an den Tiſch und ſetzte ſich, ganz wie zu Hauſe, nieder. Darauf ſetzte ſich Bill ſelbſt bedaͤchtig nieder, knoͤpfte ſeine Weſte auf und ließ den Gaͤſten die Enden von einem Paar Piſtolen erblicken. Mr. R.*s Gefaͤhrte ſchien durch dieſe bedeutſame Handlung wenig beunruhigt. Er heftete einen feſten forſchenden Blick auf den Einbrecher, der ihm, wie Bill ſpaͤter ſagte, durch und durch ging, und indem er eine Boͤrſe hervorzog, durch deren Geflecht die Goldſtuͤcke angenehm blitzten, legte er dieſelbe auf den Tiſch und ſagte: „Dieſe Boͤrſe gehoͤrt Ihnen, wenn Sie mir ſagen, was aus einer 8 65 Frau Namens Joplin geworden iſt, die Sie in dem Dorfe—, in Lan⸗ caſhire, im Jahre 18— verließen.“ „Und,“ fiel Mr. R— ein,„der Herr wuͤnſcht das zu wiſſen, ohne irgend eine nachtheilige Abſicht gegen die Frau. Es wird ihr zum Vortheil gereichen, wenn wir ihren Aufenthalt erfahren.“ „Alſo, auf Ehre?“ ſagte Bill. „Auf Ehre!“ „Nun gut, ich hab' ein Herz im Buſen, und wenn es ſo iſt und ich dem Weibe, das ich liebte, einen Vortheil verſchaffen kann— warum nicht?“ „Freilich, warum nicht?“ ſagte Mr. R—.„Und da wir nicht nur zu wiſſen wuͤnſchen, was aus Mrs. Joplin, ſondern auch was aus dem Kinde geworden iſt, das ſie aus— mitnahm, ſo fangt beim Anfang an und erzaͤhlt uns Alles, was Ihr wißt.“ Bill beſann ſich. „Wieviel iſt in der Boͤrſe?“ „Achtzehn Goldſtuͤcke.“ „Machen Sie zwanzig draus— ja?— alſo zwanzig— abge⸗ macht! Nun will ich ordentlich anfangen. Sie muͤſſen wiſſen, daß ich, da ich einige Monate, nachdem ich mit Peggy Joplin— verlaſſen hatte, in Lancaſter in's Gefaͤngniß kam, die Frau aus den Augen verlor. Als ich frei wurde und nach London kam, vergingen wohl ſieben Jahre, bis ich ſie ploͤtzlich bei der Ecke von Common⸗Garden wiedertraf.„Ach, Bill,“ ſagt ſie.„Ei, Peggy!“ ſag' ich und wir kuͤßten einander herzlich.„Werden wir wieder zu einander kom⸗ men?“ ſagt ſie.„Ach, nein,“— ſag' ich—„Ich hab' ein Weib genommen, die gut iſt, und Brod verdient mit ſieben kleinen Kin⸗ dern!„Ja, Peggy, was iſt denn aus Deinem Kleinen geworden?“ Denn ſie hatte, wie Sie ſagten, Sir, ein Kind zur Pflege uͤbernom⸗ men.„Ach,“ ſagt ſie, waͤhrend ſie wie toll lacht,„ach, den Kleinen bin ich los geworden, als Du im Gefaͤngniß ſaßeſt, Bill.“—„Und wie denn?“ ſag' ich.„Nun, es bettelte eine Frau dort bei St. ulwer, Lucretia. V. 5 —„————— 66 Paul's Kirchhof— da ſtellt' ich mich, als ſaͤh' ich vom weiten eine Freundin— haltet den Kleinen ein Bischen, ſag' ich zu der Frau — ich muß dort geſchwind mit einer Freundin reden. So nahm ſie den Kleinen und ich ſah' ihn niemals wieder.“„Aber werden ſie nicht nach dem Kinde fragen, die es Dir gegeben haben?“—„Ach nein,“ ſagt Peggy,„ſie haben es ſchon zu lang' im Stich gelaſſen, das Geld iſt laͤngſt aufgezehrt und es iſt ſchwer genug jetzt, nur einen Mund zu ſaͤttigen.“„Nun gut,“ ſag' ich,„wo haͤltſt Du Dich denn auf, ich will Dich gelegentlich einmal beſuchen.“ Sie gab mir den Ort an in Lambeth(ich beſinne mich nicht genau mehr) und wir ſind gar oft bei einander geweſen.“ „Und wo iſt ſie jetzt?“ fragte Mr. R—'s Gefaͤhrte. „Das weiß ich nicht genau, aber ich kann ſie finden. Sehen Sie, als mein armes Weib ſtarb, kuͤnftige Weihnacht vor vier Jah⸗ ren, und mich mit einer ſo huͤbſchen Familie verließ, wie ſie der alte Koͤnig Georg auf der Terraſſe in Windſor um ſich ſah, von allen Größen und Altern, bis zum Saͤugling auf dem Arm herunter (denn der Kleine da war nur ein Jahr alt und mußte mit dem Loͤf⸗ fel aufgefuͤttert werden), und die groͤßern, die Sie nicht ſehen, ha⸗ ben alle außerm Hauſe ihr gutes Fortkommen, Mr. R—!“ Mr. R— laͤchelte bedeutſam. Bill begann wieder:„Was ſollt' ich machen? Ja, als mein Weib ſtarb, da braucht' ich Jemand, um die Kinder zu warten, und ſo nahm ich die Peg in's Haus. Ach aber, ſie behandelte ſie uͤbel, ſie hat ein hartes Herz— nicht wahr, Bab? Bab iſt ein kluges Kind, Mr. R—. Wie ich nun gerade daran dachte, ſie naͤchſtens wieder los zu werden, da ſagt ein Herr, der oben im Hauſe wohnt — ein Advocat, der meinen Hals gerade erſt gerettet hatte, indem er ein Alibi bewies, Mr. R—,— dieſer ſagt,„das iſt ein behen⸗ des Geſchöpf, Ihre Peg!“(denn ſehen Sie, der Herr hat mich oft beſucht, ſeit er hier, drei Treppen hoch, die Wohnung Nr. 9 einge⸗ nommen hat.)„Ich habe mit Ihr geſprochen und gefunden, daß 67 ſie ſich zur Krankenpflege paßt. Ich hab' einen Freund, der einen kranken Oheim hat; koͤnnen Sie die Frau entbehren, Bill, damit ſie den Mann wartet?“— Das kann ich, ſag' ich, Ihnen zu die⸗ nen.“ Alſo packte Peg ihre ſieben Sachen zuſammen und ging.“ „Und wie hieß der kranke Herr?“ fragte der Begleiter des Mr. R—. „Es war ein Mr. Varney, ein Maler; ich habe Peg ſeitdem aus dem Geſicht verloren; denn wir hatten unſern Streit um die Kinder, und ſie iſt ein boͤſes Weib. Aber wo ſie iſt, koͤnnen ſie bei Mr. Varney hoͤren, wenn er noch lebt.“ „Und fuͤhrte dieſe Frau immer den Namen Joplin?“ Bill grinſte.„So eine Naͤrrin war ſie nicht. Jener Name ſtand zu oft in ihren ſchwarzen Buͤchern, Mr. R—, als daß er ſich fuͤr eine anſtaͤndige Krankenwäͤrterin gepaßt haͤtte; nein, damals hieß ſie Martha Skeggs, was der Name ihrer Mutter war, ehe ſie heirathete. Brauchen Sie noch mehr, meine Herrn?“ „Ich bin zufrieden,“ ſagte der fremde Gaſt, indem er aufſtand. „Hier iſt die Boͤrſe, und Mr. R— wird Ihnen noch zehn Goldſtuͤcke dazu bringen. Leben Sie wohl.“ Bill begleitete mit ungeheuren Buͤcklingen und hoͤchſt freundlich ſeine Gaͤſte hinaus und begann darauf uͤber die Maßen froͤhlich mit ſeinen Kindern zu jubeln. Und der ganze Familienkreis befand ſich in einem Zuſtande der ſtuͤrmiſchſten Freude, als ſich plöͤtzlich die Thuͤr oͤffnete und Grabman, die Reiſetaſche in der Hand, mit Staub bedeckt und unraſirt, hineintrat. „Ah, Nachbar! Ihr Diener— Ihr Diener,— ſo eben zu⸗ ruͤckgekommen!— Immer ſo luſtig! ich konnte mir nicht helfen, ich mußte hereinſehen! Ei Bill, was iſt das! ah, Sie ſind ſehr gluͤcklich!“ fuͤgte Mr. Grabman hinzu, indem er auf ein Häuſchen Goldſtücke zeigte, die Bill aus der Boͤrſe genommen, um ſie zu zaͤh⸗ len und auf der Spitze des Zeigefingers zu waͤgen. „Ja,“ ſagte Bill, das Gold in ſeine Taſche ſteckend;„und was 5*† 68 meinen Sie, was mir dieſe blanken Dinger eingebracht hat? Ja, wer anders als die alte Peggy, das Weib, das ſie von mir nach Clapham gebracht haben.“ „Nun, laßt nur die Peggy ſein, Bill! ich moͤchte gern wiſſen, was Sie mit Margarethe Joplin gemacht haben, welche Sie, Sie ſchlauer Verfuͤhrer, von— wegbrachten—“ „Ei, liebſter Freund, Peggy iſt Joplin und Joplin iſt Peggy! und ihr verdank' ich all' die ſchoͤnen Bildniſſe Sr. Majeſtaͤt hier!“ „Verwuͤnſcht,“ rief Grabman anf's Hoͤchſte erſtaunt—„der junge Burſche hat mir das Spiel wieder verdorben!“ Damit er⸗ griff er ſeine Reiſetaſche und ſchoß aus dem Hauſe, in der Hoffnung, wenigſtens in Clapham vor ſeinen Nebenbuhlern einzutreffen. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Die Schaeten der Sonnenuhr. Der folgende Morgen war allerdings ereignißvoll fuͤr die Fa⸗ milie zu Laughton und er erwachte, gleichſam als wuͤßte er, was er brächte, truͤb' und ſonnenlos; ein ſchwerer Nebel bedeckte die Land⸗ ſchaft und ein rauher Regen rieſelte durch das gelbe Laub nieder. Madame Dalibard verließ wegen ihrer angeblichen Gebrech⸗ lichkeit Ihr Zimmer ſelten vor Mittag und Varney pflegte zu ſehr unregelmaͤßigen Stunden aufzuſtehen; das Fruͤhſtuͤck veranlaßte da⸗ her keine geſellige Zuſammenkunft der Familie, ſondern ein Jedes nahm daſſelbe in der Einſamkeit ſeines oder ihres eigenen Zimmers. Percival, deſſen Lebensweiſe ganz mit ſeinem geſunden und einfachen Weſen im Einklange ſtand, pflegte fruͤh aufzuſtehen und ging an die⸗ ſem Tage, trotz des Wetters, beizeiten aus, um die Perſon zu treffen, ₰*—— 69 welche die Briefe fuͤr die Poſt zu beſorgen hatte. Dies hatte er be⸗ reits ſeit drei oder vier Tagen gethan, weil er ungeduldig Nach⸗ richten von ſeiner Mutter erwartete, da ſeiner Berechnung nach nun⸗ mehr die erwartete Antwort auf ſein Geſtaͤndniß und ſeine Bitte bereits angelangt ſein konnte. Er begegnete dem Boten unten beim Park, nicht weit von Guy's Eiche. Dieſen Tag taͤuſchte ſich ſeine Erwartung nicht. Der Briefbeutel enthielt drei Briefe für ihn, zwei mit dem fremden Poſtzeichen— den dritten mit Ardworth's Handſchrift. Auch enthielt er einen Brief fuͤr Madame Dalibard und zwei fuͤr Varney. Indem er es dem Boten uͤberließ, die letztern nach dem Schloſſe zu bringen, eilte Percival mit ſeiner eigenen Beute in den Thal⸗ grund, der vor ihm lag, und indem er ſich an Guy's Eiche niederſetzte, durch deren gewaltige Wipfel der Regen nur ſpaͤrlich und nur in ein⸗ zelnen Tropfen drang, oͤffnete er zuerſt den Brief ſeiner Mutter und las Folgendes: „Mein lieber, lieber Sohn.— Wie kann ich Dir die Unruhe ausſprechen, die mir Dein Brief verurſacht hat! Dies alſo ſind die neuen Verwandten, die Du entdeckt haſt! Ich glaubte gern, Du be⸗ zoͤgſt Dich auf Jemand von meiner Familie und dachte nach, wer r unter meinen vielen Vettern Deine Aufmerkſamkeit ſo ſehr in An⸗ ſpruch genommen haben möge. Dies die neuen Verwandten! Lu⸗ cretia Dalibard— Helena Mainwaring! Percival, weißt Du nicht — nein, Du kannſt es nicht wiſſen— daß Helene Mainwaring die r Tochter eines entehrten Mannes iſt— eines Mannes, der(mehr als V blos verdaͤchtig des Betrugs in dem Geldgeſchaͤft, deſſen Theilnehmer er war) ſeine Heimath verließ und ſelbſt von ſeinem eignen Vater ver⸗ urtheilt wurde. Wenn Du daran zweifelſt, ſo brauchſt Du Dich nur in——, keine zehn Minuten von Laughton, wo der aͤltere Main⸗ waring wohnt, zu erkundigen. Frage dort, was aus William Main⸗ waring geworden! Und Lucretia,— weißt Du nicht, daß die letzte 70 Bitte des ſterbenden Sir Miles St. John, ihres Oheims, war: ſie moͤge nie das Haus betreten, welches er Deinem Vater vererbte. Erſt nach meines armen Karl's Tode erfuhr ich die eigentliche Urſache von Sir Miles' Unzufriedenheit, ſo vertrauensvoll er auch war; aber dann fand ich unter ſeinen Papieren den undankbaren Brief, welcher ſo duͤſtre Gedanken und ſo unweibliche Leidenſchaften verrieth, daß ichim Namen meines Geſchlechts erroͤthete, ſie zuleſen. Koͤnnt' es moͤglich ſein, daß des armen alten Mannes Bitten unbeachtet blieben— daß der verraͤthe⸗ riſche Fuß je uͤber Deine Schwelle ſchritte— daß jenes grauſame Auge, welches mit ſo barbariſcher Freude die Verheerungen des Todes auf eines Wohlthaͤters Geſicht las, auf dem Heerde ruhen koͤnnte, an welchem Dein offnes aufrichtiges Geſicht ſo oft meine Thraͤnen hin⸗ weggelaͤchelt hat, dann wuͤrd' es mir in der That ſein, als ſchwebte ein drohender Donner uͤber dem Hauſe.— Guter Gott! und die Tochter Mainwaring's iſt es, die Nichte und Muͤndel Lucretia Dalibard's, der Du Deine treue Neigung geſchenkt haſt— die Du unter allen Frauen zu Deinem Weibe erleſen haſt! O, mein Sohn, mein ge liebtes, mein einziges Kind— glaube nicht, daß ich Dich tadle, daß mein Herz nicht blutet, waͤhrend ich ſo ſchreibe; aber ich bitte Dich auf meinen Knieen, zum wenigſten zu warten— dieſen Umgang ab⸗ zubrechen, bis ich ſelber in England eintreffen kann. Und was dann? Nun, dann, Percival, verſprech' ich meinerſeits, daß ich Deine Helene mit vorurtheilsfreiem Auge betrachten will— daß ich mich ſo viel als nur moͤglich uͤber alle Traͤume enttaͤuſchten Stolzes hinwegſetzen will— wie uͤber das Andenken der Vergehen, die nicht die ihren find; und wenn ſie ſo iſt, wie Du ſagſt und denkſt, ſo will ich ſte an mein Herz nehmen und Tochter nennen. Biſt Du zufrieden? Wenn das der Fall iſt, ſo komm zu mir— komm ſogleich und hole Troſt von den Lippen Deiner Mutter. Wie ſehne ich mich, bei Dir zu ſein, waͤhrend Du dies lieſeſt— wie zittere ich uͤber den Schmerz, den ich Dir bereite! Aber meine arme Schweſter feſſelt mich noch 71 hier, ich wage ſie nicht zu verlaſſen, um ihren letzten Seufzer nicht zu verlieren. Komm alſo, wir wollen einander troͤſten. „Deine zaͤrtliche(wie zaͤrtliche!) und bekuͤmmerte Mutter „Mary St. John.“ 3. October 1831. „N. S. Sorrento. „Du ſiehſt aus dieſer Adreſſe, daß wir von Piſa hieher gereiſ't ſind, weil uns der Arzt dieſen Ortswechſel empfohlen hat; daher ein unſeliger Verzug von mehreren Tagen fuͤr meine Antwort. Ach, Percival, wie ſchlaflos wird mein Kiſſen ſein, bis ich von Dir hoͤre!“ Lange, ſehr lange waͤhrte es, bevor St. John, ſtumm und uͤber⸗ waͤltigt von der qualvollen Erſchuͤtterung, ſeine andern Brief oͤffnete. Der erſte war vom Capitain Greville:— „Auf welche Faͤhrte biſt Du gerathen, naͤrriſcher Junge? Daß Du in eiw' oder die andre thoͤrige Klemme kommen wuͤrdeſt, war natuͤrlich genug. Aber in eine, die lebenslang waͤhrt, Sir— das iſt ernſthaft! Indeß, Gott ſegne Dich fuͤr Deine Aufrichtigkeit, mein Pereival— Du haſt uns bei Zeiten geſchrieben— Du biſt genugſam alter Sitte treu, um einer Mutter Einwilligung zur Ver⸗ bindung eines jungen Mannes fuͤr noͤthig zu halten. Und Du haſt es in unſre Macht gelegt, Dich noch retten zu koͤnnen. Doch genug von dieſer Predigt; ich werde beſſer thun, wenn ich, anſtatt ſcheltende Briefe zu ſchreiben, ſelber komme und Dich perſoͤnlich ſchelte. Mein Diener packt in dieſem Augenblick meinen Koffer, der Lohnbediente iſt meines Packets wegen nach Neapel gegangen. Faſt ebenſo bald, als Du dies empfängſt, werde ich bei Dir ſein, und zoͤgere ich einen oder zwei Tage laͤnger als die Poſt, ſo ſei geduldig; laß Dich nicht weiter ein. Brich Dein Herz, wenn Du Luſt haſt, aber bewahre Deine Ehre. Ich werde ſofort nach Curzonſtreet kommen. Adieu. H. Greville.“ Ardworth's Brief war kuͤrzer als die andern. Das war ein Gluͤck, denn ſonſt waͤr' er ungeleſen geblieben:— 72 „Wenn ich den Tag nach Empfang dieſes nicht ſelber komme, lieber Percival, was allerdings ſehr wahrſcheinlich iſt, ſo werd' ich Ihnen als Bevollmaͤchtigten einen Mann ſenden, den Sie meinet⸗ wegen gewiß freundlich aufnehmen werden. Er wird mein Geſchaͤft uͤbernehmen und alle Geheimniſſe auftlaͤren, mit denen, wie ich glaube, meine Correſpondenz Ihre lebhafte Einbildungskraft verwirrt hat.“ „Ganz der Ihrige „Gray's Inn. John Ardworth.“ Percival's Phantaſie beſchaͤftigte ſich in der That ſehr wenig mit den Geheimniſſen der Correſpondenz Ardworth's. Sein Verſtand faßte den Inhalt der Worte kaum, die ſein Auge mechaniſch uͤber⸗ flog. Und der Brief, welcher den Beſuch der Madame Dalibard in dem ihr ſo feierlich verbotenen Hauſe meldete, war unterwegs zu ſeiner Mutter; ja, er konnte dieſelbe nunmehr faſt erreicht haben. Greville befand ſich auf dem Wege; ja, da ſeines Vormunds Brief von London ausgegangen war, ſo befand er ſich heute vielleicht ſchon in Curzon⸗ ſtreet. Wie wuͤnſchenswerth war es, ihn zu ſehen, bevor er Laughton erreichte, um ihn auf Madame Dalibard's Beſuch vorzubereiten; ebenſo auf Helenens Krankheit; um ihm die Lage zu erklaͤren, in wel⸗ cher er ſich befand, und des alten Soldaten rauhes, liebreiches Herz mit ſeiner Liebe und ſeiner Bedrängniß auszuſoͤhnen! Er fuͤrchtete das Zuſammentreffen mit Greville nicht; er ſehnte ſich dar⸗ nach. Er brauchte einen Rathgeber, einen Vertrauten, einen Freund. Ploͤtzlich ſeine Gaͤſte aus ſeinem Hauſe zu entlaſſen, war unmöglich. Helenen wegen ihres Vaters Verbrechen aufzugeben, oder wegen der Schuld ihrer Tante(welcher Art dieſelbe auch ſein mochte— eine deutliche Erklaͤrung war nicht gegeben), das kam ihm nicht in den Sinn! Und gleichwohl, haͤtte er, bevor er Helenen geſehen, oder ſelbſt nachdem er ſie einmal geſehen, vernommen, daß ihr Name von einer Schmach befleckt ſei, ſo wuͤrde jener eigenthuͤmliche Stolz, der ihm als ein Beſtandtheil der Ehre ſelbſt eingepraͤgt worden und der ume d ich inet⸗ ſchaft wbe, mit ſtand über⸗ 73 in der Verehrung der Unbeſcholtenheit und einem ſtrengen Abſcheu vor jedem Flecken auf ſeinem Wappenſchild beſtand, dieſer Stolz wuͤrde ihm ohne Zweifel geſagt haben, daß er ſich, ohne ſeinen Namen zu ſchaͤnden, zwar mit der Niedriggebornen und Armen, nie aber mit dem Kinde der Unehre vermählen duͤrfte. Jetzt aber wurden alle dieſe Ruͤckſichten, welche fuͤr die nicht verliebte Vernunft ſo ſtarf ſind, durch die jugendliche Kraft einer Liebe verſcheucht, welche ſelbſt jene Schmach zu einem guͤnſtigen Argument machte. Rein und unbeſleckt ſtrahlte das ſternengleiche Antlitz Helenens um ſo heiliger aus dem umgebenden Gewoͤlk. Ein unausſprechliches und chevalereskes Mit⸗ leid miſchte ſich mit ſeiner Liebe und ſtaͤrkte ſeine Treue. Sie, das arme Kind, ſollte für die Thaten Andrer leiden! nein. Was war ſeine eigne Macht als Mann und ſeine Wuͤrde als Edelmann werth, wenn ſie in ihren Schutz nicht Diejenige nehmen konnten, die ſolches Schutzes nun doppelt beduͤrftig war! So war er, bei aller vielfachen Aufregung, doch feſt und entſchloſſen mindeſtens auf einem Punkte und begann bereits die Hoffnung ſeiner ſanguiniſchen Natur wieder zu kraͤftigen, indem er ſich auf ſeiner Mutter Liebe, auf das Ver⸗ ſprechen, welches ihre Eröffnungen und Warnungen milderte und auf ſeine Ueberzeugung verließ, daß man Helenen nur zu ſehen brauche, um jede Bedenklichkeit zu verlieren. So wanderte er nach dem Hauſe zuruͤck, und begegnete, als er ploͤtzlich die Terraſſe betrat, Varney, der mit einem offenen Briefe in der Hand bewegungslos an der Baluſtrade lehnte. Varney wartodtenblaß und ſeine gewoͤhnlich ſo voll gerundeten Wangen zeigten durch die Erſchlaffung ihrer Muskeln eine neue und duſtre Aufregung an. Allein Percival achtete darauf nicht, als er ihn ernſt am Arm nahm und ihn in den Garten fuͤhrte, wo er, nach einer peinlichen Pauſe, ſagte: „Varney, ich bin im Begriff, Ihnen zwei Fragen vorzulegen, die Sie wegen Ihrer genauen Bekanntſchaft mit Madame Dalibard wohl werden beantworten koͤnnen, wobei ich jedoch, aus leicht zu er⸗ kennenden Gruͤnden, das ſtrengſte Vertrauen in Anſpruch nehme. Sie 74 werden weder gegen ſie, noch gegen Helene etwas von meinen Worten erwaͤhnen.“ Varney ſtarrte unruhig auf Percival's ernſtes Geſicht und gab das geforderte Verſprechen. „Nun, erſtlich, welches Vergehen hat Madame Dalibard aus meines Oheims Hauſe, aus dem Hauſe Laughton hier vertrieben?— Zweitens, welches Verbrechen legt man Mr. Mainwaring, Hele⸗ nens Vater, zur Laſt?“ „Was das erſte betrifft,“ ſagte Varney, der ſeine Faſſung wie⸗ der gewann,„ſo glaubte ich Ihnen ſchon geſagt zu haben, daß Sir Miles ein ſtolzer Mann war und daß er— weil er kindiſche Liebelei zwiſchen ſeiner Nichte Lucretia(jetzt Nadame Dalibard) und Main⸗ waring entdeckte, der ſie nachher wegen Helenens Mutter verließ— daß er deshalb ſein Teſtament aͤnderte,„ſie aus ſeinem Hauſe vertrieb“ es iſt eine zu harte Strafe. Das iſt Alles, was ich weiß. Was die zweite Frage betrifft, ſo iſt William Mainwaring nie ein Verbrechen nachgewieſen worden. Man hatte ihn im Ver⸗ dacht, ungehoͤrig mit den Geldern des Geſchaͤfts gewirthſchaftet zu haben, und er erſtattete jedes Deficit, indem er ſein ganzes Vermoͤgen hingab.“ „Das iſt die Wahrheit?“ rief Percival freudig. „Die ſchlichte Wahrheit, denk' ich; aber warum dieſe Fragen in dieſem Augenblick? Auch— auch Sie haben Briefe erhalten, wie ich ſehe— ich verſtehe! Lady Mary fuͤhrt dieſe Gruͤnde an, um ihre Einwilligung zu verſagen.“ „Ihre Einwilligung iſt nicht verſagt,“ antwortete Percival; „aber, ſoll ich es geſtehn?— erinnern Sie ſich, daß ich Ihr Ver⸗ ſprechen habe, Madame Dalibard durch die Entdeckung nicht zu ver⸗ letzen oder zu beleidigen!— meine Mutter bezieht ſich auf die eben angefuͤhrten Gegenſtaͤnde, und Capitain Greville, mein alter Freund und Vormund, iſt unterwegs nach England— und kann vielleicht morgen in Laughton eintreffen. ten 75 „Ha!“ ſagte Vorney uͤberraſcht—„Morgen!— und was fuͤr ein Mann iſt dieſer Capitain Greville? „Der beſte Mann, wie ich ihn fuͤr meine Sache wuͤnſchen kann: mildherzig, obwohl kalt, klug, der feinſte Beobachter, der ſchaͤrfſte Menſchenkenner— nichts entgeht ihm. O, eine Zuſammenkunft wird hinreichen, um ihn Helenens unſchuldige und unvergleichliche Vortrefflichkeit ſofort erkennen zu laſſen. „Morgen! dieſer Mann kommt morgen 1 „Alles was ich fuͤrchte iſt— denn er iſt etwas rauh und ſchlicht in ſeinem Benehmen— alles, was ich fuͤrchte, iſt ſeine erſte Ueber⸗ raſchung, und darf ich ſo ſagen, ſein Mißfallen, wenn er die arme Madame Dalibard, deren Vergehen, fuͤrcht' ich, groͤßer waren, als Sie vermuthen, in dem Hauſe ſieht, aus welchem ihr Oheim— dem ich allerdings dieſe Erbſchaft verdanke“— „Ich verſteh'! ich verſtehe!“ unterbrach ihn Varney raſch.„Und Madame Dalibard iſt die empfindlichſte aller Frauen— es iſt na⸗ tuͤrlich— ſo vornehm geboren und ſo arm, ſo begabt und ſo hilflos. Koͤnnen Sie nicht ſchreiben und Capitain Greville einige Tage fern⸗ halten?— bis ich eine Auskunft finden kann, um unſern Beſuch zu endigen?“ „Aber mein Brief kann ihn ſchwerlich zu rechter Zeit erreichen; er kann morgen in der Stadt ſein.“ „So gehn ſie gleich nach der Stadt; Sie können ſpaͤt Abends oder wenigſtens am Morgen zuruͤck ſein. Lieber Alles andre, als den Stolz einer Frau verwunden, von welcher Sie am Ende doch hinſicht⸗ lich des freien und offenen Umgangs mit Helenen abhaͤngen.“ „Das iſt genau, woran ich ſelbſt dachte; aber was fuͤr ein Vor⸗ wand?“— „Vorwand!— tauſend fuͤr einen! Jeder Mann, der bei einem ſolchen Beſitzthume volljaͤhrig wird, hat Geſchaͤfte mit ſeinen Sach⸗ waltern; oder weshalb nicht einfach ſagen, daß Sie einen Freund treffen muͤſſen, der ſo eben Ihre Mutter in Italien verlaſſen hat?— kurz, jeder Vorwand iſt gut und keiner kann beleidigend ſein.“ „Ich will meinen Wagen gleich beſtellen.“ „Gut!“ rief Varney, und ſein Auge folgte dem fortgehenden Pereival mit einer Miſchung wilder Freude und angſtlicher Beſorg⸗ niß. Dann wandte er ſich nach dem Fenſter des Thurmzimmers, in welchem Madame Dalibard ruhte, und da er es nach innen ge⸗ ſchloſſen ſah, murmelte er einen ungeduldigen Fluch. Aber in die⸗ ſem Augenblick wich die Gardine des Fenſters langſam und ein Die⸗ ner, der aus dem Portal trat, naͤherte ſich Varney mit der Nachricht, daß ihn Madame Dalibard nach funf Minuten ſprechen wolle, wenn er dann die Guͤte haben wuͤrde, ſich nach ihrem Zimmer zu verfügen. Bevor dieſe Zeit noch verſtrichen war, befand ſich Varney ſchon in dem Gemach. Madame Dalibard war aufgeſtanden und ſaß auf ihrem Stuhle; die ungewoͤhnliche Freude, welche ihr Geſicht zeigte, contraſtirte ſehr gegen den duͤſtern Schatten auf ihres Stiefſohns Stirne und dem Beben ſeiner Lippe. „Gabriel,“ ſagte ſte, während er ſich zu ihr ſetzte,„mein Sohn iſt gefunden.“ „Ich weiß es,“ antwortete er hoͤhniſch. „Sie!— von wem?“ „Von Grabman.“ „Und ich von einer beſſern Autoritaͤt— von Walter Ardworth ſelbſt! Er lebt; er wird mein Kind wieder bringen!“ Bei dieſen Worten reichte ſie einen Brief. Er reichte ihr dagegen den ſeinigen, nicht den er noch in der Hand zerknickt hielt, ſondern einen, den er aus dem Buſen zog. Dieſe Briefe, die Beide beſchaͤftigten, waren faſt in demſelben Augenblick begonnen und geendigt. Der von Grabman lautete ſo:— „Theurer Jaſon,— ſchwenken Sie Ihren Hut und rufen Sie Juchhe! Endlich, von Perſon zu Perſon, hab' ich den verlornen Vincent Braddell gefunden. Er lebt noch! Wir koͤnnen ſeine Iden⸗ tität vor jedem Gericht geltend machen. Die Poſt wird gleich abgehn und ich kann daher nichts Einzelnes berichten. Ich werde die naͤch⸗ ſten zwei Tage darauf verwenden, um alle Beweiſe in die regel⸗ nden rechte Form zu bringen, die ich Ihnen dann zuſtelle. Inzwiſchen ſorg⸗ machen Sie ſich gefaßt, mich ſo bald als moglich in Beſitz meiner in Gebuͤhren zu ſetzen— 5000 Pfund— und meine Schnelligkeit ver⸗ ge dient noch was mehr. „Der Ihrige. „Nicolaus Grabman.“ Der Brief von Ardworth klang nicht minder entſchieden: venn„Madame,— Gehorſam dem Auftrage eines ſterbenden Freun⸗ des, nahm ich ſein Kind in Obhut und verbarg ſeine Exiſtenz vor gen chon ſeiner Mutter ſelbſt— vor Ihnen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß jauf ich bei meiner Ruͤckkehr nach England mit Theilnahme an meinen ate, Schutzbefohlnen dachte. Ihr Sohn lebt; und nach reiflicher Ueber⸗ aht legung hab' ich mich entſchloſſen, denſelben wieder in Ihre Arme zu legen. Dazu bin ich durch Nachrichten beſtimmt worden, die mir Je⸗ vhn mand, dem ich vertrauen darf, uͤber Ihre geaͤnderten Gewohnheiten, Ihr anſtaͤndiges Leben, Ihre traurige Gebrechlichkeit und den groß⸗ muͤthigen Schutz mittheilte, den Sie der Waiſe meiner armen Cou⸗ ſine Suſanna, meines alten Freundes Mainwaring angedeihen laſ⸗ ſen. Alfred Braddell ſelbſt, wenn es ihm vergoͤnnt iſt, herabzuſehen und meine Beweggruͤnde zu erkennen, wird mir gewiß verzeihen, daß ich von ſeinen Vorſchriften abweiche. Welches auch die Fehler ſein mochten, die ihm mißfielen, ſie ſind reichlich gebuͤßt worden. Und Ihr zum Manne erwachſener Sohn darf ſeiner Mutter nicht üe laͤnger entzogen werden. „Dieſe Worte ſind ſtreng, aber Sie werden Sie Demjenigen ver⸗ geſſen, der Ihnen Ihr Kind zuruͤckgiebt. Ich werde es wagen, gſe Ihnen perſoͤnlich aufzuwarten und Ihnen ſolche Beweiſe zubringen, jen die Sie uͤber die Identitat Ihres Sohnes zufrieden ſtellen werden. Ich gedenke morgen nach⸗Laughton zu kommen. Inzwiſchen unter⸗ 78 zeichne ich mich einfach mit einem Namen, in welchem Sie den Ver⸗ wandten eines Zweigs Ihrer Familie und den Freund Ihres verſtor⸗ benen Gatten wieder erkennen werden. „J. Walter Ardworth.“ „Craven Hotel, October 1831.“ „Nun, und Sie freuen ſich nicht?“ ſagte Lucretia, indem ſie erſtaunt Varney's duͤſteres und gleichgiltiges Geſicht betrachtete. „Nein! Weil die Zeit draͤngt, weil Sie, gerade waͤhrend der Entdeckung Ihres Sohnes, die Sicherung ſeiner Erbſchaft ver⸗ fehlen koͤnnen; weil ich, mitten in Ihrem Triumph, ſehe, wie ſich Newgate fuͤr mich oͤffnet! Sehen Sie, auch ich habe meine Nach⸗ richten erhalten— minder erfreulich, als die Ihrigen. Jener Stubmore(Fluch ihm!) ſchreibt mir, daß er gewiß naͤchſten Monat in der Stadt ſein wird, und daß er unmittelbar nach ſeiner Ankunft das Vermaͤchtniß der Bank von England abnehmen wolle, um es zu einer vortrefflichen Hypothek zu verwenden, von welcher er gehoͤrt hat. Waͤr' es nicht unſeres Planes wegen, ſo koͤnnt' ich an nichts, als an Flucht und Verbannung denken.“ „Ein Monat!— Das iſt eine lange Zeit. Meinen Sie, daß ich jetzt, da mein Sohn gefunden iſt, und zwar ein Sohn wie John Ardworth(denn es iſt kein Zweifel, daß ich richtig vermuthet hatte,) mit einem Genie, um die Macht zu gewinnen, von welcher ich in meiner Jugend traͤumte, an deren Erreichung mich aber mein Ge⸗ ſchlecht verhinderte— meinen Sie, daß ich ihn nun einen Monat fern von ſeinem Erbe laſſen wuͤrde? Bevor der Monat um ſſt, ſoll erſetzt ſein, was Sie genommen haben, und Sie ſollen, wenn es noͤthig iſt, des Bevollmaͤchtigten Schweigen erkaufen koͤnnen, ſei es mit den verſicherten Summen oder mit den Renten von Laughton. „Lucretia!“ ſagte Varney, deſſen friſche Geſichtsfarbe bleiern geworden war—„was geſchehen ſoll, muß gleich gethan werden.“ Percival St. John hat Nachricht von ſeiner Mutter. Merken Sie auf!“ Und Varney berichtete haſtig die ihm von St. John vorgelegten 79 Fragen, die befuͤrchtete Ankunft des Capitain Greville, die Gefahr eines ſo ſcharfen Beobachters— die Nothwendigkeit, jedenfalls ihren Beſuch abzubrechen— die Dringlichkeit um die Kataſtrophe raſch zum Schluß zu bringen. Lucretia hoͤrte in bedeutungsvollem und ununterbrochenem Schweigen zu. „Aber,“ ſagte ſie endlich,„Sie haben St. John beredet, dieſen Mann in London einzuholen, ſeinen Beſuch fuüͤr jetzt abzuwenden! St. John wird Morgen zu uns zuruͤckkehren. Gut. Und wenn er findet, daß ſeine Helene nicht mehr iſt— Gram toͤdtet bisweilen den Trauernden ploͤtzlich!“ „Allein dieſe Raſchheit, wenn überhaupt nothwendig, iſt gefuͤhr⸗ lich. Nichts in Helenens Zuſtande laͤßt ploͤtzlichen Tod bei na⸗ tuͤrlichen Mitteln erwarten. Die Seltſamkeit zweier Todesfaͤlle — beide ſo jung— Greville in England, wo nicht hier— welcher zur Unterſuchung mit ſo großer Voreingenommenheit gegen Sie her⸗ beieilt— eine gerichtsaͤrztliche Unterſuchung muß da unausbleib⸗ lich ſein.“ „Nun gut, was kann denn entdeckt werden? Ich war es, die fruͤher zurückbebte— ich bin es, die nun zur Vollendung draͤngt. Ich fuͤhle mich wie in meinem Eigenthum in dieſen Hallen. Ich mag ſte nicht wieder verlaſſen außer zu meinem Grabe! Ich ſtehe am Herde meiner Jugend. Ich kaͤmpfe fuͤr meine und meines Sohnes Rechte. Moͤgen ſie ſterben, die ſich mir widerſetzen!“ Eine graͤßliche Energie und Kraft lag in dem Anblick der Moͤrderin, waͤhrend ſie ſprach, und indeß ihre Entſchloſſenheit der minder ſtarken Schurkerei Varney's Furcht einfloͤßte, diente ſie doch zugleich dazu, ſeine Beſorgniſſe zu maͤßigen. Waͤhrend ſie ihre entſetzliche Abſicht genauer zu beſprechen be⸗ gannen, ſuchte Percival, indeß die Pferde angeſpannt wurden, um ihn zur naͤchſten Poſtſtadt zu bringen, Helenen auf und fand ſie in dem kleinen Zimmer, welches er als ihr eigenes beſchrieben und ihr zugeeignet hatte, als ihre zaͤrtliche Phantaſie ſich damit beſchäftigte, die Zukunft auszumalen. Dieſes Zimmer war urſpuͤnglich zur Privatandacht der katholi⸗ ſchen Gemahlin eines der Vorfahren unter Karl's II. Regierung ein⸗ gerichtet worden; und in einer, halb von einem Vorhang verhuͤllten Niſche ſtand noch immer jenes heilige Symbol, welches Niemand, ob Proteſtant oder Katholik, der von der erhabenen Weihe der heiligen Ge⸗ ſchichte durchdrungen iſt, ungeruͤhrt betrachten kann— das Kreuz mit dem ſterbenden Gotte. Vor dieſem heiligen Symbol ſtand Helene in eifriger Andacht. Sie kniete nicht(denn die Formen der Religion, in welcher ſie erzogen worden, widerſetzten ſich in dieſer Stellung der Got⸗ tesverehrung vor dem Bilde), aber man konnte in ihrem Geſichte, ebenſo viel Begeiſterung, als ſanfte Frömmigkeit ausſprechend, erkennen, daß die Seele erfuͤllt war mit den Erinnerungen und den Hoffnungen, die in allen Zeitaltern den Leidenden getroͤſtet und den Maͤrtyrer begeiſtert haben. Die Seele kniete vor dem Begriffe, wenn ſich auch das Knie nicht vor dem Bilde beugte, indem ſie der liebenden Hoheit des Opfers und der großen Erbſchaft gedachte, welche dem Glaͤubigen die Erloͤſung verheißt. Der junge Mann hielt den Athem zuruück, waͤhrend er ſie be⸗ trachtete. Er war geruͤhrt und er empfand Ehrerbietung. Lang⸗ ſam wandte ſich Helene nach ihm und reichte ihm, ſuͤß laͤchelnd, die Hand. Schweigend ſetzten ſie ſich in der Fenſtervertiefung nieder, und der trauernde Charakter der Landſchaft draußen, wo durch den nebe⸗ ligen Regen dunkel die Cedernwimpfel ſichtbar waren, zog ſie unwill⸗ kuͤrlich naͤher an einander, als wollten ſie einander in ihrer Liebe vor der ringsum drohenden Welt ſchuͤtzen. Percival hatte den Muth nicht, zu ſagen, daß er gekommen ſei, um Abſchied zu nehmen, ob⸗ wohl nur auf einen Tag; und Helene ergriff das Wort zuerſt: „Ich weiß nicht, was es bedeutet, Percival, aber ich bin erſtaunt uͤber die Veraͤnderung, die ich in mir fuͤhle— nein, nicht hinſichtlich der Geſundheit, lieber Percival, ich meine im Gemuͤth; und zwar 81 waͤhrend der letzten Monate, ſeitdem wir uns kennen. Ich erinnere mich ſehr gut des Morgens, wo der Brief meiner Tante in dem lieben Pfarrhaus ankam. Wir kehrten vom Dorfmarkte zuruͤck und mein guter Vormund laͤchelte uͤber meine Begriffe von der Welt. Ich war damals ſo munter und leicht und gedankenlos— Alles erſchien mir in heiteren Farben,— ich glaubte kaum an Schmerz— ich vergaß⸗ daß alles Leben ein Grab erwartet. Und nun iſt mir, wie wenn ich zu einem wahren Begriffe von der Natur, von den großen Zwecken unſeres Daſeins hier, erwacht waͤrez mir iſt, als wuͤßte ich nun, daß das Leben etwas Ernſtes und Bedeutungsvolles iſt. Dennoch bin ich nicht minder gluͤcklich, Percival. Nein, ich glaube vielmehr, daß ich das Gluͤck gar nicht recht kannte, bis ich Dich kennen lernte. Ich habe irgendwo geleſen, daß der Selave froͤhlich ſei an ſeinem arbeits⸗ freien Feiertage; ſobald man ihn befreie und bilde, verſchwinde ſeine Froͤhlichkeit, ſo daß ihm nicht mehr der Tanz unterm Palmbaum kümmert. Aber iſt er weniger gluͤcklich? Gerade ſo iſt's mit mir.“ „Meine ſuͤße Helene, lieber waͤre mir ein heiteres Laͤcheln von ehemals; das ſchalkhafte, ſorgloſe Lachen, welches ſo natuͤrlich von dieſen roſigen Lippen toͤnte, wuͤrd' ich lieber hoͤren als Deine Worte von Gluͤckſeligkeit mit dieſem Zittern in der Stimme— dieſen Thraͤ⸗ nen in Deinen Augen.“ „Aber Froͤhlichkeit,“ ſagte Helene ſinnend und in ihrer poetiſchen Redeweiſe,„iſt nur der leichte Eindruck des gegenwaͤrtigen Augenblicks — nur ein Spiel der Laune;— Gluͤckſeligkeit dagegen ſcheint ein Vorgeſchmack der Zukunft, der alle Zeit und allen Raum umfaßt.“ „Und ſo lebſt Du alſo in der Zukunft— Du haſt jetzt keine Be⸗ denklichkeiten, meine Helene. Gut, das troͤſtet mich! Sag' es, He⸗ lene, ſage, daß die Zukunft unſer ſein wird!“ „Sie wird— ſie wird es, auf immer und ewig,“ ſagte Helene mit Nachdruck, waͤhrend ihre Augen unwillkuͤrlich auf dem Kreuze ruhten. Bei ſeinem jugendlichen. Muthe und ſeinem minder phantaſie⸗ g Bulwer, Lucretia. V. 6 —— — 82² reichen Weſen begriff Percival die Tiefe der Schwermuth nicht, welche Helenens Antwort kund that; er nahm die letztere woͤrtlich, ihm war, als wenn eine Buͤrde von ſeinem Herzen genommen waͤre, und indem er mit Entzuͤcken ihre Hand kuͤßte, rief er:„Ja, dieſe Hand ſoll bald, o, recht bald mein ſein! Da Du hoffſt, fuͤrchte ich nichts mehr. Du ahnſt nicht, warum Deine Worte mich erquickt haben, denn ich verlaſſe Dich jetzt, wenn auch nur auf wenige Stunden, und ich werde jene Worte wiederholen— ſie werden mir im Ohr, im Herzen toͤnen, bis wir einander wiederſehen.“ „Mich verlaſſen!“ ſagte Helene erbleichend und ſeine Hand ſtär⸗ ker druͤckend. Das arme Kind empfand in ſeiner Naͤhe einen geheim⸗ nißvollen Schutz. „Aber hoͤchſtens auf einen Tag. Mein alter Vormund, von dem wir ſo oft ſprachen, iſt auf dem Wege nach England— vielleicht ſchon jetzt in London. Er hat einige falſche Auſichten uͤber Deine Tante — ſein Benehmen iſt ſchlicht und rauh. Es iſt nothwendig, daß ich ihn ſehe, bevor er hierher kommt. Du weißt, wie empfindlich der Stolz Deiner Tante iſt— ich muß ihn darauf vorbereiten, daß er ſie hier finden wird— Du verſtehſt?“ „Welche Anſichten gegen meine Tante? Kennt er ſie denn?“ fragte Helene; und wenn ein Gefuͤhl wie Argwohn dieſe reine Seelenunſchuld bewohnen konnte, ſo beunruhigte ſie jetzt dies Gefuͤhl gegen die ſtrenge Verwandte, deren Arme ſie nie umſchlungen, deren Lippen nie uͤber die Vergangenheit geſprochen hatten, deren Geſchichte ein verſiegeltes Buch war. „Eben weil er ſie nie kannte, thut er ihr Unrecht. Eine alte Ge⸗ ſchichte von ihrem Betragen als Maͤdchen— von ihres Oheims Miß⸗ fallen— was hat das jetzt zu bedeuten?“ ſagte Percival, indem er vor einer Eroͤffnung zuruͤckbebte, welche Helenen im Namen ihrer Ver⸗ wandten verwunden konnte.„Inzwiſchen, Theuerſte, wirſt du vor⸗ ſichtig ſein— wirſt dieſe ſchwere Nebelluft vermeiden, ruhig zu Hauſe bleiben und dich unterhalten, in ſuͤßen Zukunftgedanken ſchwaͤrmen velche war, indem ſoll nehr. n ich d ich ezen ſchon Tante aß ich und daran denken, wie dieſe alten Hallen zu verſchoͤnern ſind, wenn ſie und ihr unwuͤrdiger Beſitzer Dein eigen ſein werden. Gott behuͤte Dich! Gott ſchuͤtze Dich, Helene!“ Er ſtand auf, und mit jener treuen Ritterlichkeit der Liebe, die nur ehrerbietiger war, je nachſichtiger und unbekuͤmmerter die Vor⸗ mundſchaft war, unter welcher ſeine Helene ſtand, enthielt er ſich ſelbſt des Abſchiedskuſſes, den ſie gewaͤhrt haͤtte, und nach dem er ſich ſehnte. Aber waͤhrend er zoͤgerte, bewegte ein unwiderſtehlicher An⸗ trieb Helenens Herz. Mechaniſch oͤffnete ſie ihre Arme und ihr Haupt ſank auf ſeine Schulter. Schweigend blieben ſie einige Augenblicke in dieſer Umarmung und ein Engel konnte ohne Tadel ihre reinen Herzen durch die Stille ſchlager hoͤren. Endlich riß ſich Percival ſelbſt aus dieſen Armen, die ihn wider⸗ ſtrebend ließen— ſo wie der Ertrinkende auf grauſamer See das ein⸗ zige Bret laͤßt. Sie hoͤrte ſeinen Tritt die Treppe hinabeilen und einen Augenblick ſpaͤter den Wagen durch den Hof vollen. Ein banges Gefühl, wie das der aͤußerſten Verlaſſenheit, der ewigen Beraubung, machte ſie ſchaudern. Regungslos, wie in Stein verwandelt, ſtand ſie da. Ploͤtzlich beruͤhrte etwas Warmes ihre Hand— ein leiſes Winſeln erregte ihre Aufmerkſamkeit;—⸗Percival's Lieblingshund vermißte ſeinen Herrn und hatte zu ihr ſeine Zuflucht genommen. Das bange Gefühl der Verlaſſenheit verſchwand bei dieſer beſcheidnen Geſellſchaft; und indem ſie ſich an den Boden ſetzte, nahm ſie den Hund in die Arme, beugte ſich uͤber ihn und weinte ſtill. 84 Fünf und zwanzigſtes Kapitel. Mord ſchleicht wie ein Geſpenſt nach ſeinem Opfer. Der Leſer wird ohne Zweifel die vollendete Kunſt bemerkt haben, mit welcher die Giftmiſcherin ſich bisher ihrer Beute genaͤhert hatte. Der vom weiten begonnene und mit ſorgfaͤltiger Verſtohlenheit ausge⸗ fuͤhrte Plan trotzte jeder Moͤglichkeit der Entdeckung, gegen welche der Scharfſinn geuͤbter Schurkerei ſchuͤtzen konnte. Selbſt wenn die todt⸗ lichen Kraͤuter die Todesart, welche ſie veranlaßten, verriethen, wenn durch ein unvermuthetes Geheimniß in der Wiſſenſchaft der Chemie die Anweſenheit jener vegetabiliſchen Mittel, die bisher jeder Unter⸗ ſuchung geſpottet hatten, durch die Pruͤfung der geſchickteſten Aerzte deutlich dargethan werden ſollte: ſo konnte doch aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach kein Verdacht auf die Urheberin des Todes fallen. Die Arz⸗ neien waren nie der Madame Dalibard uͤberbracht, nie durch ſie ge⸗ reicht worden; nichts, was das Opfer je genoſſen, konnte auf die Tante eine Spur lenken. Die hilfloſe Lage einer Gebrechlichen, die Lucretia angenommen hatte, verbannte jeden Gedanken an ihre Be⸗ wegungsfäͤhigkeit. Nur in der Todtenſtille der Nacht, wenn, wie ſie glaubte, jedes menſchliche Auge, das ſie beobachten konnte, unterm Siegel des Schlafes lag, und auch dann nur in jener dunkeln Huͤlle, die ſelbſt ein Theil der Finſterniß zu ſein ſchien, ſo daß ſie ſelbſt bei einem Lichtſtrahl, der etwa durch ein Fenſter drang, nicht leicht zu unterſcheiden war, nur ſo ſchlich ſie zu dem Gemach und goß die farb⸗ und geſchmackloſe Fluͤſſigkeit in den Morgentrank, welcher Staͤrkung und Geneſung bringen ſollte*). Geſetzt auch, daß dieſer Trank un⸗ beruͤhrt blieb— daß er vom Arzt unterſucht— daß die unſelige Bei⸗ *) Das beruͤhmte neapolitaniſche Gift war voͤllig geſchmack⸗ und farblos. und 8⁵ miſchung entdeckt wurde:— doch konnte ſich der Verdacht eher nach jeder andern Seite wenden, als nach der verkruͤppelten und hilfloſen Verwandten, die nicht ohne Hilfe aus dem Bett aufzuſtehn vermochte. Und bisher war das Gift ſo allmäͤlig beigebracht worden, und ſo gut hatte daſſelbe den ſtufenweiſen Fortgang einer natuͤrlichen Krank⸗ heit nachgeahmt, daß auch in dem argwoͤhniſchſten Arzte nicht wohl ein Verdacht erwachſen konnte. Die moraliſche Ueberzeugung haͤtte denſelben zuruͤckgewieſen. Helene Mainwaring, nur von Verwandten und Liebenden umgeben, konnte doch unmoͤglich bei irgend Jemand den Gedanken erwecken, daß ſie zum Opfer einer Rache erleſen ſei, fuͤr welche ſich gar keine Urſache annehmen ließ. Jetzt aber mußte das geduldige Verfahren aufgegeben werden, und die geringelte Schlange mußte ploͤtzlich auf ihre Beute ſpringen. Es ward ſchwierig, wie Varney bemerkt hatte, einem ploͤtzlichen Tode, den keine deutlichen Symptome vorbereitet hatten, den Anſchein na⸗ türlicher Krankheit zu geben. Aber dieſe Schwierigkeit hatte man vorausbedacht; in den Chancen dieſes verzweifelten Spiels war die Anwendung eines raſchern und ploͤtzlichern Streichs, als man erſt beabſichtigt, von ſo kaltbluͤtigen und entſchloſſenen Rechnern natuͤr⸗ lich nicht uͤberſehen worden. Von unſern todtlichen Krankheiten iſt diejenige, die uns, Jugend wie Alter, am wenigſten ohne Voranzei⸗ chen befäͤllt, die ſchreckliche angina pectoris. Der Arzt, der uns taͤg⸗ lich beſucht, bemerkt oft ihre Urſachen nicht, ahnt oft ihre Naͤhe nicht. Die Nachahmung oder kuͤnſtliche Erzeugung dieſer Krankheit befand ſich unter jenen Recepten, die wir als Meiſterſtuͤcke der teufliſchen Kunſt Da⸗ libard's bezeichnet haben. Die Ingredientien dazu waren nunmehr in Bereitſchaft. Es war dafuͤr geſorgt, daß das Anſehn der Muskel⸗ ſubſtanz des Herzens, welche durch vorhergehende Gifte angegriffen war, den unterſuchenden Arzt nur auf jene Krankheit ſchließen laſſen konnte. Und obwohl dieſelbe mehr in mittlen Jahren als in der Ju⸗ gend, mehr bei Maͤnnern als bei Frauen vorkommt, ſo ſind doch Faͤlle genug vorhanden, daß Perſonen von nervoͤſem Temperament davon 86 befallen wurden— gleichviel von welchem Alter oder Geſchlecht— um die Todtenſchau auf„natuͤrlichen Tod“ erkennen zu laſſen. Obwohl Lucretia zur vollendeten Teufelin geworden, obwohl ihre Entſchluͤſſe durch die Entdeckung ihres Sohnes beſtaͤrkt und ihre Un⸗ geduld, ihm die verwirkte Erbſchaft zu geben, geſteigert war, ſo ſcheute ſie ſich heute doch, Helenens Geſicht zu erblicken. Unter dem Vorwand von Unwohlſein blieb ſie auf ihrem Zimmer, und ließ nur Varney vor, der ſich von Zeit zu Zeit mit ſchleichendem Schritt und eingefallenem Geſicht zu ihr ſtahl, um ihren oder ſeinen eignen Muth aufrecht zu erhalten. Jedesmal, wenn er eintrat, fand er Lucretia mit Walter Ardworth's offnem Brief in der Hand; und ſie wandte ſich ſtets mit einer unnatuͤrlichen Aufregung, die faſt wie Geiſtesverwir⸗ rung erſchien, von dem duͤſtern und entſetzlichen Gegenſtande, welchen er beruͤhrte, zu Gedanken an Reichthum, Macht, Triumph und freu⸗ digen Weiſſagungen hinſichtlich des Ruhmes, den ihr Sohn erwerben wuͤrde. Er blickte nur auf die Schwaͤrze des Abgrunds und ſchauderte; ihr Traum uͤberſprang den Abgrund und laͤchelte uͤber die Nebel⸗ palaͤſte, die ihre Phantaſte jenſeits baute. Nicht mißvergnuͤgt daruͤber, daß ſie ſich dieſen Tag ihren eignen Gedanken uͤberlaſſen konnte, brachte Helene die Stunden bis zur Nacht zu. Und was waren es fuͤr Gedanken? Wie in einigen na⸗ tuͤrlichen Krankheiten die Einbildungskraft einen hoͤhern Flug nimmt, oder ſelbſt die Vernunft eine lichtere Klarheit gewinnt, ſo mochte ſich vielleicht die Wirkung der toͤdtlichen Kraͤuter auf die zartern Organe des Gehirns aͤußern; bei der vollkommenen Einſamkeit, in welcher der groͤßere Theil des Tages verging, nahmen Helenens Traͤumereien einen erhabnern Charakter an, als jemals zuvor. Selbſt ihre Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr Percival erhob ſich weit uͤber das Gefuͤhl, ſo rein und edel es auch ſtets geweſen, mit welchem ſein Bild ſie bisher erfreut hatte; ihre Liebe wurde unausſprechlich feierlich, ſie hoͤrte gaͤnzlich und ploͤtz⸗ lich auf, ſich mit irdiſchen Ausſichten zu vermiſchen. In einer Art Entzuͤckung oder Traumerſcheinung glaubte ſie ſeine Zukunft enthuͤllt 87 zu ſehen; ſie ſah ihn in ſeinem thaͤtigen Mannesalter— und als ſchwachen Greis; ſie beugte ſich uͤber ſein Sterbelager und hoͤrte das Gelaut zu ſeinem Begraͤbniß⸗ Aber auch dieſen duͤſtern Traumbildern miſchte ſich kein Schmerz bei. Sie ſah ſich ſelber, bei ihm lebend, ob⸗ wohl aus dem Leben geſchieden; nicht als eine Todte, ſondern wie eine, die der Tod nicht erreichen kann;— ſie umſchwebte ihn, fluͤſternd, troͤſtend, veredelnd, erhebend, wie wenn ſie der unaufloͤslichen Ver⸗ einigung entgegenharrte. Da ſchien auf Augenblicke das Genie in ihr, welches ſich nie hatte ausſprechen und bethaͤtigen koͤnnen, mit ihr zu verkehren, wie ein anderes Weſen, und es durchdrang ihre Seele mit einer Sprache, die nicht aus Worten, ſondern aus wort⸗ loſen Melodien beſtand. Und auf dieſer Muſik, wie auf dem, was die Deutſchen ſo ſchoͤn die Tonleiter nennen, ſchien ſie Stufe um Stufe emporgetragen zu werden, bis, gleich einer gewaltigen Landſchaft un⸗ ter einer Berghohe, die Schoͤpfung ausgebreitet unter ihr lag und ſte die Sphaͤre nun erkannte, welche der Genius zuvor nicht gefunden hatte. Es war in der That, wie wenn eine Art von geiſtigem Mag⸗ netismus in der Atmoſphaͤre jenes verborgene Leben ins Leben riefe, die ſchlummernde Welt beſeelend, die uns Mesmers Schuͤler in einer begabten Somunambule bemerken laſſen. Eine wunderbare Poeſie fluthete über das Univerſum, ringsum, oben unten; und ihr war, als waͤre ſie von dieſer Poeſie nicht eine Stimme, ſondern ein Theil. Es war, wie wenn am heutigen Tage jene beſondern Faͤhigkeiten, die bei der Unreife ihrer Jugend und Erfahrung nur unbeſtimmt geflat⸗ tert hatten, plöͤtzlich befreit waͤren, wie wenn ſie, auf einen Tag, auf Erden erkennen und fühlen koͤnnte, was jene Faͤhigkeiten, die Erben des Himmels, andeuten und vorausverkuͤndigen;— ihre Vereini⸗ gung von geiſtiger Faͤhigkeit und Liebe, zart mit der Liebe des Seraph, mächtig mit der Erkenntniß des Cherub— ſo rein und doch ſo koſt⸗ lich in ihrer unausſprechlichen Wonne— ſo voll Hoffnung, daß aller Schmerz beſiegt ward— ſo ſtark im Gefühle der Willenskraft, daß 88 die Falſchheit des nicht exiſtirenden Dinges, Tod genannt, wie durch eine Offenbarung klar wurde! Allmaͤlig, waͤhrend die Nacht auf die Erde ſank, hoͤrte dieſe Ent⸗ zuͤckung, wenn man es ſo nennen darf, auf, und es folgte ein Gefuͤhl der Erſchoͤpfung, und darauf eine unbeſchreibliche Melancholie. Als fie aus dem Gemach gehen wollte, wo Percival ſie verlaſſen(und in welchem ſie den groͤßten Theil des Tages zugebracht), um zur Ruhe zu gehen, blieb ſie unwillkuͤrlich ſtehen; kaum wiſſend, was ſie that, zog ſie den Vorhang vom Fenſter und blickte lange und ſehnſuͤchtig hinab auf die Umgebung. Der Regen hatte aufgehoͤrt— die Wol⸗ ken verſchwanden am Himmel. Der Garten und der Hain weiter druͤben waren blaß und in unbeſtimmten Umriſſen im ruhigen Ster⸗ nenlicht zu ſehen. Ihr Blick ruhte truͤbſinnig auf der Terraſſe, wo ſie ſo oft mit ihrem jungen Geliebten ſaß; aber ſie wußte nicht, warum ſie truͤbſinnig war. Indem ſie ſich darauf umwandte, ruhte ihr Blick zoͤgernd auf dem kleinen Gemach, und ſie betrachtete, als wollte ſie es nie wieder vergeſſen, jedes Geraͤth. Langſam ging ſie endlich hin⸗ weg, und waͤhrend ſie im Gehen immer noch zoͤgerte, ſchien ſie jede Stelle, die ihr Fuß betrat, ihrem Gedaͤchtniß tief einpraͤgen zu wollen. So glitt ſie den Corridor entlang; als ſie an ihrer Tante Zimmer voruͤber kam, blieb ſie ſtehn und klopfte leiſe;— eine haſtige und uͤberraſchte Stimme hieß ſie eintreten. Mit ihrem ſuͤßen, ſchmei⸗ chelnden Blicke trat ſie ein, und ergriff Lucretiens Hand, welche vor dem Griff zuruͤckbebte. Indem ſiee ſich uͤber jene harte Stirn beugte, ſagte ſie einfach, aber mit einer Stimme, die wie ein Befehl erſchien, in Lucretiens Ohr:„Laſſen Sie mich Sie heut' Abend kuͤſ⸗ ſen!“ und ihre Lippen preßten ſich auf jene Stirn. Die Moͤrderin ſchauderte und ſchloß ihre Augen; als ſie ſie offnete, war der Engel gegangen. Die Nacht ruͤckte weiter und weiter vor bis zu jenen Stunden, von deren erſter an wir den Morgen rechnen, obwohl dann noch tiefe Nacht herrſcht. Mondſtrahl und Sternenſtrahl kamen durch die durch Ent efühl eiter Sdter⸗ do ſie rum Blick e ſie hin⸗ jede llen. amer und 89 Fenſter, ſchuͤchtern und feenartig, wie in jener Nacht, als die Moͤr⸗ derin jung und ohne Verbrechen war— der That, wenn auch nicht dem Gedanken nach;— wie in jener Nacht, als ſie nach dem Arznei⸗ buche die Stunden ausrechnete, welche ein menſchliches Leben noch zwiſchen ihrer Leidenſchaft und ſeinem Ende weilen konnte. Laͤngs der Treppen, durch die Halle, zogen die Armeen des Lichts— geraͤuſch⸗ los, und ſtill und klar, wie die Urtheile Gottes inmitten der Fin⸗ ſterniß und des Schattens menſchlicher Schickſale. Nur in einem Zimmer verboten die dicht zuſammengezogenen Vorhaͤnge jedem Strahle den Eintritt, außer einem einzigen; und dieſer Strahl ſiel direct herein wie der Lichtſtrom aus einer Laterne, wie der von einem Auge zuruͤckgeworfene Strahl:— wie ein Auge ſchien er wachend und feſt durch das Dunkel; er ſchoß laͤngs den Dielen hin— und fiel am Fuße des Bettes nieder. Plotzlich drang durch die tiefe Stille ein ſeltſamer und ſchreck⸗ licher Ton— es war das Heulen eines Hundes! Helene fuhr aus ihrem Schlaf empor. Percival's Hund war ihr in ihr Zimmer ge⸗ folgt, hatte ſich, dankbar fuͤr ihre Freundlichkeit, am Fuß ihres Bet⸗ tes niedergelegt. Jetzt war er auf dem Kiſſen, ſie fuͤhlte ſein Herz gegen ihre Hand ſchlagen; er zitterte; ſein Haar berſtete ſich auf, und das Geheul verwandelte ſich in ein gellendes Gebell des Schreckens und Zornes. Unruhig ſah ſie ſich um, raſch zwiſchen ihr und dem Strahl, der durch die Spalte drang, ſchwebte ein geſtaltloſes, dunkles Etwas voruͤber, und war verſchwunden! ſo ununterſcheidbar, ſo ohne Umriſſe, daß es keine Aehnlichkeit mit einer menſchlichen Geſtalt hatte — einer Wolke, einem Gedanken, einer Ahnung gleich, dunkelte es auf und verſchwand. Das Maͤdchen fluͤſterte ein Gebet; und der nicht mehr verdunkelte Strahl ſchien mit melancholiſchem Lichte auf ihr zu ruhen. Der Hund leckte ihr Geſicht, und indem er, wie zu ſeiner Erleichterung, einen tiefen Seufzer ausſtieß, legte er ſich wie⸗ der zum Schlafe zurecht. Sie lauſchte, aber alles war ſtill— fie ſchaute umher, aber nichts als der ſchmale, ruhig⸗feſte Strahl war 90 ſichtbar; ihre Furcht ſchwand— ſie hielt das, was ſie geſehn, nur fuͤr eine Taͤuſchung des Zuſtandes zwiſchen Schlaf und Wachen; und mit dem Muthe und dem Vertrauen der Unſchuld ſchloſſen ſich ihre Augen, um zu traͤumen,— vielleicht von Glüͤckſeligkeit und Liebe! Sechs und zwanzigſtes Kapitel. „Der Bote eilt— der Spion fliegt. Nachmittags, am folgenden Tage, ſaß ein aͤltlicher Gentleman in einem Kaffeehaus zu Southampton und ſchrieb einen Brief, waͤhrend der Kellner mit dem Drath einer Flaſche beſchaͤftigt war, der den ſtuͤrmiſchen Geiſt des Schweppe'ſchen Sodawaſſers jetzt noch gefangen hielt. In dem ganzen Weſen, ja ſelbſt in dem Tone des alten Herrn lag Etwas, das Achtung einfloͤßte, und der Kellner hatte ihm ſchon von allen uͤbrigen Tiſchen die neueſten Zeitungen ungebeten gebracht. Er war mit dem Paketboot erſt eben von Ha⸗ vre eingetroffen, aber ſelbſt die Zeitungen uͤbten auf ihn nicht die Anziehungskraft aus, die ſie ſonſt gewoͤhnlich fuͤr gerade in ihr Vater⸗ land zuruͤckkehrende Englaͤnder beſitzen, die dann oft zu ihrem Er⸗ ſtaunen finden, wie in dieſem, trotz ihrer Abweſenheit, Alles beim Alten geblieben iſt. Wir machen von dem uns zuſtehenden Privilegium Gebrauch und ſehen, waͤhrend er ſchreibt, uͤber ſeine Schulter. „Hier bin ich wieder, in Southampton, meine theure Lady Mary, und nur eine kurze Strecke von der alten Halle entfernt. Eines von Galignanis Blaͤttern, das ich zwiſchen Marſeille und Paris fand, benachrichtete mich unter„fashionable movements“ daß ſich Percival St. John, Esg., zu ſeinem Sitz in Laughton ver⸗ fuͤgt haͤtte. Meiner alten Taktik alſo gemaͤß, ſtets gegen das 8 91 Hauptquartier vorzurucken, brach ich direct nach Havre auf, anſtatt von Calais aus uͤber den Canal zu gehen, und werde nun ſehr wahr⸗ ſcheinlich unſern jungen Gentleman damit beſchaͤftigt finden, Ha⸗ ſen und Huͤhner umzubringen. Sehen Sie— es iſt ein ganz gutes Zeichen, daß er ſich von London trennen kann. Sein Sie aber auch guten Muths, meine theure Freundin. Sollte Percival wirklich dupirt und betrogen ſein— wie alle Muͤtter glauben— ſo ver⸗ laſſen Sie ſich auf einen alten Soldaten, daß er den Feind vertreibt oder die Kriegsliſt entdeckt; iſt aber das Maͤdchen— wie er es beſchreibt— unſchuldig, natuͤrlich und ſeiner Neigung werth— ei, dann ſchlage ich mich, mit Ihrem eignen guten Herzen, auf ſeine Seite. Ich würde nie die Verantwortung auf mich laden moͤgen, eines Mannes ganze Laufbahn zu zerſtoͤren, indem ich mich ſeiner Neigung entgegenwuͤrfe; ſonſt ſtimme ich aber ganz mit Ihnen uͤberein. „In wenigen Stunden werde ich mich in Ihrer und unſeres wackeren Knaben lieben Geſellſchaft befinden, und ſein ganzes Herz wird dann ſo ehrlich und offen vor uns liegen, als ob es noch unter ſeiner blauen Seecadettenuniform ſchluͤge.— In ein oder zwei Tagen ſoll er mich auch zur Stadt bringen und dem ganzen Neſte dort vorſtellen. Das Uebrige werde ich dann rapportiren. Adieu bis dahin. Meine beſten Gruͤße Ihrer armen Schweſter.— Ich denke, wir werden einen milden Winter bekommen.— Kein ein⸗ ziges Warnungszeichen bis jetzt vom alten Rheumatismus. „Noch immer Ihr alter, ergebener Freund „und preux chevalier „St. Greville.“ Der Capitain hatte ſeinen Brief beendet, ſchluͤrfte ſein Soda⸗ waſſer und ſiegelte eben das Couvert, als er eine Poſtkutſche drau⸗ ßen rollen hoͤrte⸗ Er glaubte erſt, daß es die von ihm ſelbſt be⸗ ſtellte ſei und ging an das offene Fenſter, es waren aber Fremde, die nur hier anhielten, um die Pferde zu wechſeln. Zu ſeinem 92 Erſtaunen, ja vielleicht zu ſeinem Verdruß— denn der Capitain hatte nicht darauf gerechnet, Fremde in der Halle zu finden— hoͤrte er, wie ſich Einer der Reiſenden nach der Entfernung bis Laughton erkundigte. Die Zuͤge des Fragenden waren ihm nicht bekannt. Indem wir aber den Capitain verlaſſen, der ſich, ohne genuͤgende Auskunft zu erhalten, bei dem Wirth nach den Reiſen⸗ den erkundigte und dann ſeinen eigenen Wagen beſorgte, begleiten wir indeſſen die Fremden auf ihrem Wege nach Laughton. Es waren nur zwei— die gehörige Ladung füͤr eine Poſt⸗ chaiſe und beides Maͤnner; der aͤltere in mittlerem Alter etwa, dem jedoch ſeine Thaͤtigkeit im Lebens ſchon das Anſehn eines Mannes gegeben hatte, den man aͤltli ch nennen konnte. In ſeinem ſchnel⸗ len, dunklen Auge lag aber noch genug Kraft, Regſamkeit und jene ewig junge Jugendfriſche des Charakters, der in ſo manchen gluͤck⸗ lichen Conſtitutionen Jahren und Sorgen zu trotzen ſcheint und ſich ſelbſt hier, in dem engen Umfang des Wagens, hinlaͤnglich durch lebhaftes Mienenſpiel und, freilich in dem Raume beſchraͤnkten Ge⸗ ſticulationen kund gab. Der Juͤngere ſchien ernſter und ruhiger und lehnte ſich mit unterſchlagenen Armen in ſeine Ecke zuruͤck, wo er mit achtungsvoller Aufmerkſamkeit den Worten ſeines Gefaͤhrten lauſchte. 3 „Dr. Johnſon hat wahrhaftig recht— eine engliſche Poſt⸗ chaiſe— ordentlich gefahren— gewaͤhrt den groͤßten Genuß, auf jeden Fall mehr als ein Palankin:„post equitem sedet atra cura;“ — kann ſich nur auf ſolche erbaͤrmliche Kaſten beziehen, die der alte Horaz kannte. Die ſchwarze Sorge ſitzt ſicherlich nicht hinter un⸗ ſeren froͤhlichen Engliſchen Poſtwaͤgen; wie mein Junge?“ Und waͤhrend er dies ſprach, hatte der alte Gentleman zweimal das Wa⸗ genfenſter niedergelaſſen und auch zweimal wieder in die Hoͤhe ge⸗ ſchoben. 7 „Und dennoch,“ fuhr er fort, ohne die kurze, gutmuͤthige Er⸗ widerung ſeines Gefaͤhrten weiter zu beachten,„und dennoch iſt das —ꝛ 5 34 2—— 93 hier ein aͤngſtliches Geſchaͤft, das wir verfolgen. Mein Gewiſſen laßt. mich gar nicht ſo recht ordentlich ruhen. Des armen Braddell's Vorſchriften waren ganz beſtimmt— und doch gehorche ich ihnen nicht. Es geſchieht auf Deine Verantwortung— John!“ „Und ich nehme dieſe auch ohne Zoͤgern auf mich; alle Beweg⸗ grͤnde fuͤr ſolche ſtrenge Trennung muͤſſen jetzt geſchwunden ſein; und iſt es denn auch nicht Strafe genug, zu finden, daß der gehoffte Sohn—“ 3 „Arme Frau“— unterbrach ihn der altliche Herr, indem wir jetzt anfangen, den soi- disant Mr. Tomkins zu erkennen—„wahr — wirklich— nur zu wahr. Wie deutlich erinnere ich mich noch des Eindrucks, den Lucretia Clavering zuerſt auf mich machte— und wenn ich ſie mir jetzt denken ſoll, ſo elend— ſo ungluͤcklich— Beim Jupiter, Du haſt recht, Sie— fahr' zu, Poſtillon— ſchnell — ſchnell.“ Ein kurzes Schweigen folgte. Der aͤltliche Gentleman legte ſeine Hand plotzlich auf ſeines Ge⸗ faͤhrten Arm. „Was Du doch fuͤr einen praͤchtigen Scharfſinn— fuͤr eine unverwuͤſtliche Geduld in dieſer Sache gezeigthaſt; was haͤtt' ich in der ganzen Geſchichte ohne Dich anfangen konnen? Wie oft hat dieſe geſchwaͤ⸗ tzige Mrs. Mivers mich mit Becky Carruthers und der Koralle und St. Pauls ennyirt und nicht die Probe von Verdacht habe ich geſchoͤpft — ein einziges Wort war fuͤr Dich genug. Und dann auch noch dieſer herzloſen alten Joplin von Platz zu Platz aufzuſpuͤren, bis Du ſie bei Mr. Braddell ſelbſt in Dienſten fandeſt.— Wunderbar! Ah, Du wirſt Deinem Stand und Deinem Vaterland einmal Ehre machen. Fuͤr welch' hartherzigen Burſchen mußt Du mich nur halten, daß ich Dich ſo lang' vernachlaͤſſigt habe!“ „Mein theurer Vater,“ ſagte John Ardworth zaͤrtlich—„Ihre jetzige Liebe entſchaͤdigt mich fur Alles; und ſollte ich mich nicht uͤberhaupt ſchon deshalb freuen, die Erzuͤhlung von einer Mutter Schande nicht 94 eher gehoͤrt zu haben, bis ich ſie an dem Herzen eines Vaters halb vergeſſen konnte?“ „John,“ ſagte der aͤltere Ardworth mit verſtaͤrkter Stimme— „ich ſollte eigentlich Sackleinwand mein ganzes Lebenlang tragen, daß ich Dir eine ſolche Mutter gegeben habe. Wenn ich auch daran denke, was ich ſchon deshalb ausgeſtanden, in allen Geldangelegen⸗ heiten ſo leichtſinnig geweſen zu ſein(irritamenta malorum in der That), ſo habe ich nur den einen Troſt, daß mein braver, geduldiger Sohn frei von meinem Laſter iſt. Du glaubſt aber gar nicht, was ich fuͤr ein rechtſchaffener ehrbarer Burſche in Deinem Alter war, und den⸗ noch hatte ich nur zu recht, wenn ich zu meinem armen Freund William Mainwaring eines Tages zu Laughton ſagte(ich erinnere mich noch recht gut daran):„Vertraue mir Alles in der Welt an, nur keine halbe Guinee“. Der Fehler war es auch, der mich in ſchlechte Ge⸗ ſellſchaft und in Beruͤhrung mit der Wirthstochter zu Limerick brachte. Ich verliebte mich und ich heirathete(denn trotz allen meinen Fehlern war ich nie ein Verfuͤhrer, John). Meine Heirath machte ich uͤbrigens nicht bekannt; weshalb auch? meine Verwandten hatten ſich laͤngſt von mir losgeſagt. Du wurdeſt da geboren und ich— ein gehetzter, armer Teufel, wie ich war, vergaß Alles an Deiner Wiege.“ „Da, inmitten meiner Sorgen, verließ mich das undankbare Weib, da— da war es, wo mich der Verdacht erfaßte, daß es nicht mein eigner Sohn waͤre, den ich gekuͤßt und geſegnet. Ach, John, haͤtte ich Dich ſonſt ſo verlaſſen koͤnnen? in Deiner Jugend ſahſt Du auch nur Deiner Mutter aͤhnlich. Spaͤter, als mich der Tod der Ehebrecherin wieder frei machte, Jahre ſpaͤter, als ich in Indien zum zweiten Male heirathete,— neue Banden knuͤpfte, wurde ich noch immer haͤrter gegen Dich. Ich entſchuldigte mich damals damit, daß Du auf jeden Fall gut verſorgt ſeiſt und einen beſſern Erzieher haͤtteſt, als ich Dir je ſein konnte; als aber, durch ſo wunderbaren Zufall, derſelbe Prieſter, bei dem Deine Mutter gebeichtet(ſie war Katholikin), nach Indien kam und(denn er kannte mich von Limerick lliam noch 95 her) die Veraͤnderung in meinen Zuͤgen bemerkte, erfuͤllte er das der Sterbenden gegebene Verſprechen und verſicherte mich, daß Du mein Sohn waͤreſt; oh, John, da, kannſt mir's glauben, da kehrte ich auf Fluͤgeln der Reue nach England zuruͤck. Ob ich Dich liebe, Junge?— in Madras habe ich drei junge und ſchoͤne Kinder zuruͤck⸗ gelaſſen, deren Mutter— die jetzt im Himmel iſt— ſtets brav und treu war, Du aber, John, biſt mir, bei meiner Seele, lieber und theu⸗ rer, als ſie Alle mit einander.“ Des Vaters Haupt ſank bei dieſen Worten an die Bruſt des Sohnes; ein paar Thraͤnen aber ſchnell aus den Augen ſtreichend, fuhr er fort: „Ach, warum ließ mich nicht Braddell, wie ich ihm vorſchlug, denſelben Erzieher für ſeinen Sohn waͤhlen, als fuͤr den meinigen; ſeine Bigotterie ſaß ihm aber im Nacken; ein Prediger der hohen Kirche das war ſchlimmer als ein Atheiſt. Mir blieb keine an⸗ dere Wahl, als das Dach dieſer Heuchlerin. Aber ich haͤtte nach England kommen und Glaͤubigern und Allem trotzen ſollen, als ich von dem Verluſt des Kindes hoͤrte— doch ich verdiente Geld— ich verdiente Geld— um mein Geldverſchwenden wieder gut zu machen und— und— Nun, Reue kommt zu ſpaͤt und— da— wahrhaftig— da iſt die alte Halle— der Park— die alten Baͤume. — Armer Sir Miles!“ Indeß war in Laughton Alles in groͤßter Aufregung und Ver⸗ wirrung. Fruͤh am Morgen hatte eines der Maͤdchen Helenen in gaͤnzlich bewußtloſem Zuſtand gefunden, und aus dieſem erwachte ſie nur mit krampfhaften Schmerzen in der Gegend des Herzens. Ma⸗ dame Dalibard bezeigte, als ſie ihrer Nichte Unwohlſein erfuhr, große — Angſt und Sorge, Varney ſelbſt ritt fort, Dr. Simmons, den ge⸗ woͤhnlichen Arzt, aufzuſuchen; dieſer aber machte, als er endlich kam, gar kein Geheimniß aus ſeinen wirklich das Schlimmſte kuͤndenden Befuͤrchtungen. Die Symptome waren unbezweifelt die der angina pectoris. Er wandte natuͤrlich die gewoͤhnlichen Mittel 96 an und bewirkte auch dadurch eine Linderung der Schmerzen, was kurze Hoffnung erweckte; noch vor Nachmittag aber kehrten dieſe krampfhaften Anfälle mit erneuter Heftigkeit zuruͤck. Madame Da⸗ libard beſuchte im Anfang das Krankenzimmer nicht, nach kurzer, ge⸗ heimer Berathung mit Varney aber, der ihr, wie man vermuthete, den gefaͤhrlichen Stand der Krankheit mittheilte, ließ ſie ſich in ihrem Stuhl an das Bett ihrer Nichte fahren, und ihr leichenblaſſes Antlitz mit dem ſtarren Schweigen, was ſie beobachtete und das nur dann und wann durch fluͤchtige, aͤngſtlich vorgeſtoßene Fragen unterbrochen wurde, wenn ihr Auge in fieberhafter Aufregung den Bewegungen des Arztes folgte, ließ zu Zeiten die Umſtehenden wohl glauben, daß ſie ganz Theil an dem Schmerz und der Angſt naͤhme, die Alle fuͤr die immer ſchwaͤcher werdende Patientin empfanden. Varney ging draußen im Corridor auf und ab und trat wohl dann und wann einen Augenblick in das Krankenzimmer, kehrte aber ſehr bald wieder zu ſeinem ſchildwachenartigen Marſch zuruͤck. Die Die⸗ nerſchaft ſchlich durch Gallerie, Halle und Kammer und blieb hier und da, in Gruppen verſammelt, fluͤſternd ſtehen; die ganze ſtattliche Wirthſchaft des Hauſes war desorganiſirt und Mitleiden fuͤr die arme Helene wie füͤr den ungluͤcklichen Percival ergriff ſelbſt den nie⸗ drigſten Diener der Halle. Selbſt die Kuͤchenjungen verſammelten ſich oben an der Treppe, oder krochen bis zum Eingang des Corridors. Pferde blieben geſattelt und Jockeys blieben zum Aufbruch geruͤſtet, im Fall neuer Rath geſucht oder andere Medieinen geſchafft werden ſollten. Indeſſen wanderte, mitten zwiſchen dieſer Verwirrung, Beck, der am fruͤhen Morgen nach einem andern Arzte(den er leider nicht zu Hauſe traf) geſandt war, durch den Corridor hin und her, oder blieb— ſelbſt von Varney unbemerkt— neben der Kammer⸗ thür ſtehen. Endlich— ſpaͤt Nachmittags— hielt Varney eins von den in das Krankenzimmer eilenden Maͤdchen auf und ſagte: „Bitten Sie die arme Madame Dalibard, einen Augenblick her⸗ auszukommen; die Scene greift ſie zu ſehr an. Mir iſt gerade ein 1 vann urde, rztes han nmer dann ſehr Die⸗ hier tliche r die nie⸗ helten dors. uſtet, erden rung, leider her. amer⸗ eins het⸗ e ein 97 neues Mittel eingefallen— bitte, laſſen Sie ſie in ihr eigenes Zim⸗ mer zuruͤckkehren; ich will dort mit ihr ſprechen!“ Das Moͤdchen nickte mit dem Kopf und trat ein, Varney, der ſich jetzt umdrehte, bemerkte zum erſten Mal Beck und ſagte muͤrriſch. „Was haſt Du hier zu thun? warte unten, bis man nach Dir fragt.“ Beck zupfte an ſeiner Locke vorn und zog ſich zuruͤck, aber nicht in der Richtung der Haupttreppe, ſondern nach der Hinterſtiege zu, die gewoͤhnlich nur von der Dienerſchaft benutzt wurde, und die er ſich ſchon, mit raſcher Ortskenntniß, gemerkt hatte. Auf dem Wege dorthin mußte er an Lucretia's Zimmer voruͤber, deſſen Thuͤr an⸗ gelehnt war. Varney drehte ihm den Ruͤcken zu; Beck athmete ſchwer auf— ſah ſich um und— kroch hinein. Im naͤchſten Augen⸗ blick hatte er ſich hinter den Falten der haͤngenden Tapete verborgen. Bald darauf wurde der Stuhl, in dem Madame Dalibard(un⸗ gewoͤhnlich aufrecht und mit feſtem, entſchloſſenem Ausdruck in den Zuͤgen) ſaß, durch Varney von ſelbſt in das Zimmer gezogen. Nachdem er die Thuͤr zugemacht und den Schluͤſſel im Schloſſe umgedreht hatte, ſagte Gabriel mit leiſer Stimme und augenſchein⸗ lich unterdruͤckter Leidenſchaft: „Iſt Ihr Muth dahin? iſt Ihr Geiſt irre? ich habe Sie in ent⸗ ſetzlicheren Pruͤfungen geſehen als die jetzige bei Faͤllen, wo we⸗ niger zu gewinnen war, als gerade hier, und nie— nie haben Sie ſich ſo gezeigt.“ Lucretia's Lippen bewegten ſich, und ſie hob die Hand mit zit⸗ ternden Fingern an die Stirn, als ob ſie einen Flecken von dort ab⸗ wiſchen wollte— dann murmelte ſie— „Es iſt der Kuß hier— der Kuß brennt—“ Dann aber, ſich ſelbſt bezwingend und waͤhrend ſie einen Theil ihrer alten Ruhe und Beſonnenheit wieder erlangte, fuhr ſie fort: „Was klagſt Du? die Arbeit iſt gethan— ſie kuͤßte mich geſtern Abend, aber ich las ihres Vaters Erklaͤrung vom Glauben und Liebe Bulwer, Lueretia. V. 7 98 wieder— ich las noch einmal den Brief, der die Entdeckung mei⸗ nes Sohnes ankuͤndigt und miſchte das Gift mit feſter Hand. Ich ſtahl mich hinein— das Licht kam von Gottes Himmel— es war Gottes Auge, aber der Hund heulte, als ob ſich ein Bewohner des Grabes — ein Feind einer andern Welt nahe. Und ſie fuhr aus ihrem Schlafe auf— und— doch was thut's!— heute Nacht wird ſie geſunder ſchlafen.“ „Ermuntern Sie ſich— Ermuntern ſie ſich!“ rief Varney und erfaßte mit Heftigkeit ihren Arm—„Bedenken Sie, wieviel uns noch zu thun bleibt— auf was wir uns Alles vorbereiten muͤſſen. Percival's Ruͤckkehr— vielleicht die Ruͤckkehr dieſes Greville eben⸗ falls.— Percival, geben Sie mir fuͤr ihn den Stoff! Den Schluͤſſel— den Schluͤſſel!“— „Genug des Mordes fuͤr einen Tag!“ „Dann iſt der Mord ſo unnüͤtz fuͤr Sie wie fuͤr mich geſchehen. Verſaͤumen wir die erſte Gelegenheit von des Knaben ploͤtzlichem Gram und Schmerz, welche andere wird ſich dann ſo ſchnell bieten, die ſeinen Tod wahrſcheinlich machte? Wollen Sie Ihren Sohn, den Sie bald in Ihre Arme ſchließen koͤnnen— als Bettler oder als Lord von Laughton begruͤßen?“ Lucretia erhob ſich bei dieſen Worten raſch von ihrem Sitze— ſchritt zu dem Secretair— ſchloß ihn auf— zog das verhaͤngniß⸗ volle Kaͤſtchen vor, öffnete es— kehrte zu dem Tiſch zuruͤck, ſetzte ſich ruhig wieder und bedeutete dann Varney ebenfalls neben ihr Platz zu nehmen. Hiernach bogen ſie ſich eine kurze Zeit ſchweigend uͤber den Inhalt. Als ihre Wahl getroffen war und Varney das, was er bedurfte, an ſeinem Koͤrper verborgen hatte, naͤherte er ſich dem im Kamin lo⸗ dernden Feuer und blies die Holzkohlen zu neuen Flammen an. „Und nun,“ ſagte er mit ſeinem eiſigen, ironiſchen Laͤcheln,„nun koͤnnen wir uns vielleicht unſerer bisher nuͤtzlichen Inſtrumente ent⸗ ledigen. Walther Ardworth, indem er ſelbſt Ihren Sohn in Ihre —— 6*—— 99 mei⸗ Arme fuͤhrt, macht uns freilich von eben dieſes Liebe abhaͤngig und Ich ich mag daher vielleicht wenig oder gar nichts durch eine Erbfolge ge⸗ ſottes winnen, wegen der ich ſchon mein Leben gewagt und ſel bſt jetzt noch rabes im Begriff bin, es wieder zu wagen; dennoch vertraue ich dem Ein⸗ hrem fluſſe, den Sie bis jetzt nie verfehlten, uͤber Andere zu gewinnen. Ich d ſie halte es fuͤr gewiß, daß wir, ſobald dieſe Hallen erſt einmal Vincent Braddell's Eigenthum ſind, auch keines Geldes, noch dieſer bleichen h und Stoffe mehr beduͤrfen. So fahret denn hin, Ihr ſtummen Zeugen un⸗ luns ſerer Thaten— Ihr Elemente, die wir unſerem Willen gebeugt lſſen. haben. Kein Gift ſoll in unſeren Haͤnden gefunden werden. Feuer eben⸗ vernichte Euch— Ihr Kinder der Vernichtung 1% Den Und waͤhrend er ſprach, warf er den Inhalt des Kaͤſtchens in's Kamin und ſetzte ſeinen Haken auf die Staͤmme. Eine blaͤuliche Flamme ſchoß empor— zerſtob in tauſend Funken und ver⸗ hehen. loͤſchte dann. Lucretia beobachtete, ohne ein Wort zu außern, jede ſeiner Be⸗ bieten, wegungen. n, den Als er zu dem Tiſche zuruͤckkam, fuͤhlte Varney unter ſeinem „Lord Fuße etwas Hartes, buͤckte ſich und hob den Ring auf, der rſchon fruͤher, als zu den fuͤrchterlichen Schaͤtzen des Kaͤſtchens gehoͤrig, be⸗ 6 ſchrieben iſt, und der, als er den Inhalt des Kaͤſtchens in die Flamme gniß⸗ leerte, faſt bis zu Lucretiens Fuͤßen gerollt war. ſetzte„Der wird uns wenigſtens nicht verrathen,“ ſagte er,— es waͤre Platz auch Schade darum, ein ſolches fuͤr uns unerſetzliches Meiſterſtuͤck der über Kunſt zu zerſtoͤren.“ „Ja ja,“ erwiderte Lucretia zerſtreut—„und— ſollten wir durfte, entdeckt werden, ſo— koͤnnte er von dem Galgen retten. Gieb mir Iin lo⸗ den Ring.“ „Eine Rettung, die fuͤrchterlicher als Entdeckung ſelber waͤre,“ nun ſagte Varney—„huͤten Sie ſich vor ſolchen Gedanken!“ und e mt⸗ Lucretia nahm den Ring aus ſeiner Hand und ſteckte ihn an ihren „abre Finger. 3 100 „Jetzt will ich Sie auf kurze Zeit verlaſſen, daß Sie ſich ſam⸗ meln— daß Ihre Zuͤge wieder die gewoͤhnliche Ruhe annehmen koͤn⸗ nen. Ich ſelbſt werde in Helenens Zimmer zuruͤckkehren und dort betreiben, daß noch ein anderer Arzt von Southampton geholt werde.“ Lucretia— die Augen feſt auf den Boden geheftet— achtete ſeiner nicht, als er das Zimmer verließ. So ſtill und regungslos war ihre ganze Geſtalt, ſo leiſe ſelbſt ihr Athmen, daß der unſichtbare Zeuge hinter dem Vorhange, der theils erſtarrt uͤber das Ungeheuere, was er gehoͤrt und deſſen allge⸗ meinen Inhalt er unmoͤglich mißverſtehen konnte, theils ſelbſt aͤngſtlich zu entfliehen und ſeinen lieben Herrn vor dem ſeiner harrenden Schick⸗ ſal zu bewahren, es wagte, an der Wand hin bis zur Schwelle zu ſchleichen. Dort ſchob er ſachte die Falten zuruͤck und blickte heraus — ſah, wie ſie noch mit niedergeſchlagenen Augen da ſaß, trat vor, und legte ſeine Hand auf die Klinke. In dem Moment erblickte ihn Lucretia— ſie hatte bemerkt, wie er die Tapete verließ— ihre Augen begegneten ſich— die ſeinigen hafteten feſt an den ihren, wie die des von der Schlange bezauberten Vogels. Jetzt kehrte aber auch ihre ganze Kraft, ihre ganze Geiſtes⸗ gegenwart zuruͤck— mit Gedankenſchnelle erkannte ſie die Gefahr, in der ſie ſich befand. Ehe er nur eine Ahnung davon hatte, ſtand ſie an ſeiner Seite— ihre Hand auf der ſeinen— ihre Stimme in ſei⸗ nem Ohr. „Thue keinen Schritt— wage keinen Laut— oder Du biſt—“ Beck ließ ſie nicht ausreden; mit der Gewalt, die mehr der Furcht als dem Muthe entſprang, ſchlug er ſie zu Boden, aber fie ließ nicht von ihm und wenn auch fuͤr den Augenblick durch die Stärke des Schlags der Sprache beraubt, ſo gewann doch der Ausdruck ihrer Zuͤge eine unbeſchreibliche Wildheit und Grauſamkeit. Er verſuchte mit aller Kraft ſie abzuſchuͤtteln, als es ihm aber gelang, beruͤhrte ſie mit der anderen Hand leiſe den Arm, der ſie geſchlagen, und er ſelbſt „ der allge⸗ gſtlich Schick⸗ lle zu ſeraus t vor, , wie inigen berten eiſtes⸗ ihr, in und ſie in ſei⸗ hr der ber ſie Staͤrke kihrer rſuchte rührte und et fuͤhlte einen ſcharfen Schmerz, als ob ſie ihre Naͤgel in ſein Fleiſch gegraben. Das reizte ihn zu neuer Wuth; er entrang ſich ihrem Griffe, zugleich aber zuckte um ihre Lippen ein hoͤhniſch triumphiren⸗ des Lächeln und Beck, der ſie von der Schwelle, vor der ſie lag, zu⸗ rückſtieß, öffnete die Thuͤr, eilte hinaus und entſprang. Sein ein⸗ zig Streben ging nun dahin, das Haus des Pelops— dieſer menſch⸗ lichen Teufel, die ſelbſt den Mord in das eigene Lager tragen, zu fliehen, um ſeinen Herrn zu ſuchen und ihn zu warnen und zu ſchuͤtzen — das war der einzige Gedanke, der ihm das wirre, entſetzte Hirn durchzuckte. Vier oder fuͤnf Minuten mochten es geweſen ſein, die Lucretia halb betaͤubt— halb bewußtlos auf der Diele lag, denn nicht allein der heftige Schlag, wie die Anſtrengung des Ringens, ſondern auch die jetzt durch das erſt kͤrzlich veruͤbte Verbrechen gereizten Nerven und die ſo ploͤtzlich aufſteigende Furcht vor Entdeckung hatte ihren ſonſt ſo ſtarken Geiſt und Köorper erſtarrt’— da trat Varney wieder ein. „Die Kraͤmpfe haben nachgelaſſen,“ ſagte er mit hohler Stimme und bemerkte noch nicht einmal die zu ſeinen Fuͤßen ausgeſtreckte Ge⸗ ſtalt. Varney's Schritt, Varney's Stimme aber hatte auch ſchon Lu⸗ cretia's Sinne wieder zu dem vollen Bewußtſein und dem Gefuͤhl ih⸗ rer Gefahr erweckt. Indem ſie, wenn auch mit Anſtrengung, auf⸗ ſtand, erzaͤhlte ſie ſchnell, was vorgegangen. „Fliege! fliege!“ ſtohnte ſie, als ſie geendet hatte—„fliege und ſuche ihn nur wenigſtens die naͤchſten Stunden aufzuhalten, ihn ir⸗ gendwo zu verbergen. Bewahre nur bis dann ſein Schweigen, das Uebrige habe ich ſelbſt ſchon gethan—“ und ihr Finger deutete auf den fuͤrchterlichen Ring. Varney wartete auf keine weiteren Worte— er eilte hinaus, und ohne weiteres Zoͤgern nach den Staͤllen hinunter. Sein Scharf⸗ ſinn ließ ihn augenblicklich vermuthen, Beck wuͤrde das, was er ent⸗ deckt, an einen andern Ort tragen. Der Stallknecht war ſchon fort und—(wie ſein Kamerad meinte) ohne ein Wort zu ſagen, hatte aber die Richtung nach der Southampton⸗Straße zu genommen. Varney ſprang auf eines der Pferde, die ſeit dem Morgen dort ge⸗ ſattelt ſtanden. „Auch ich muß nach Southampton— die arme junge Dame— ich muß Eueren Herrn vorbereiten— er iſt auf dem Weg hierher zu uns“— und das letzte Wort war kaum uͤber ſeine Lippen, als auch ſchon die Funken unter den Hufen ſeines Roſſes vorſtiebten und er aus dem Hofraum ſprengte. Waͤhrend er ſo durch den Park dahinraſ'te, eilten die Gedanken des Verbrechers der Schnelle ſeines Pferdes noch voraus— ſie flogen von Furcht zu Hoffnung, von Hoffnung zum freudigen Gefuͤhle der Sicherheit. Auch angenommen, daß der Horcher ſeine— an ſich ſchon unglaubliche Geſchichte erzaͤhlte— wer haͤtte ſie geglaubt?— wie leicht war es da, ihr gerade eine andere entgegenzuſetzen. Der Mann mußte auf jeden Fall eingeſtehn, daß er hinter der Tapete ver⸗ borgen geweſen waͤre; weshalb anders, als in der, gerade im Hauſe herrſchenden Verwirrung, zu ſtehlen? Durch Madame Dalibard entdeckt— erſann er dieſe elende Luͤge. Eine Unterſuchung der Todten konnte nachher verlangt werden, dieſe aber, die auf keinen Fall auch nur das geringſte Zeichen von Gift verrieth, mußte an ſich ſelbſt ſchon die Anklage vernichten. Der Spion konnte ja auch uͤber⸗ haupt den Tag nicht leben; er trug den Tod mit ſich, waͤhrend er ritt— er beſchleunigte ihn noch durch dieſe Eile, und die Wirkung des Giftes ſelbſt war— Wahnſinn. Ha— ſeine Geſchichte war zu⸗ letzt nur noch das tolle Hirngeſpinnſt eines Raſenden. Dennoch blieb es gut, ihm, wohin er floh, zu folgen und ihn womöglich auf⸗ zuhalten; Varney's Sporen trafen deshalb mit immer wieder er⸗ neuter Heftigkeit die blutenden Flanken des armen Thieres, das mit verzweifelter Anſtrengung weiter ſtuͤrmte. Er hatte jetzt die Straße erreicht— eine Chaiſe fuhr an ihm vorbei— er hoͤrte keine Stimme, die„Varney“ rief— er ſah nicht das erſtaunte Geſicht John Ardworth's,— uͤber die wehende Maͤhne gebogen war er tanb und blind fuͤr Alles um ihn her. Ein Meilenſtein ſchwindet an ihm vorbei— ein zweiter— ein dritter. Ha— ſeine Augen koͤnnen wieder ſehen— der Gegenſtand, den er verfolgt, iſt vor ihm— deutlich erkennt er auf dem Gipfel jenes Huͤgels Pferd und Reiter— in voller Flucht wie er ſelbſt. Sie ſprengen den Huͤgel hinab und entſchwinden ſeinem Blick— die Hoͤhe hinauf treibt der Verfolger. Er erreicht den Gipfel— er ſieht den Fluͤchtigen vor ſich— er kann faſt ſeine Stimme horen. Beck hat etwas eingezuͤgelt— er ſchwankt im Sattel hin und her. Hoho— der gewaffnete Ring beginnt in ſeinen Adern zu wirken! Varney blickt umher— keine Seele iſt weiter zu ſehen— ein dichter Wald begrenzt die Straße. Platz und Zeit ſcheinen guͤnſtig zu ſein. Beck hat ſein Pferd eingezuͤgelt— er biegt ſich uͤber den Sattel hinuͤber und ſieht aus, als ob er im Begriff waͤre zu ſtuͤrzen. Varney ſtoͤßt einen nur halb unterdruͤckten Triumphruf aus, preßte die Flanken ſeines Thieres und ſprengte weiter. Da—(bis jetzt durch die Biegung der Straße ſeinen Blicken entzogen) erſcheint eine zweite Chaiſe auf dem Schauplatz und gerade dort, wo Beck ermattet nicht weiter konnte. Sie haͤlt— Varney greift in die Zuͤgel und haͤlt ſich nach dem Holz hinuͤber— Irgend Jemand im Wagen ſpricht mit dem Fluͤch⸗ tigen,— konnte dies nicht St. John ſelbſt ſein? Zu ſeiner Wuth und ſeinem Entſetzen ſieht er, wie Beck muͤhſam vom Pferde gleitet — ſieht, wie er zum Schlage der Chaiſe taumelt— ſieht, wie ein Diener vom Bock ſpringt und ihm hinaufhilft— ſieht, wie er ein⸗ ſteigt. Das muß Percival auf ſeiner Ruͤckreiſe ſein— Percival, dem er jetzt die Erzaͤhlung all' des Schrecklichen bringt. Varney's thieriſcher Muth verließ ihn— ſein Herz war erſtarrt. In dem erſten paniſchen Schreck, der eben dieſem, wenn nur thieriſchen Muth, eigen iſt— behielt ſeine Seele allein noch einen einzigen Gedanken und der hieß— Flucht. Er wandte ſeines Pferdes Kopf der Einfriedigung zu, brach ſich verzweiflungsvoll ſeine Bahn — erreichte den Wald und ſaß da, zitternd und lauſchend, bis er in der naͤchſten Minute den Wagen vorbeirollen— die Pferde ſchnell huͤgelab dem Parke zu galoppiren hoͤrte. Der Herbſtwind ſtrich durch die Baͤume— er rauſchte in den Zweigen der hohen Eſche, die uͤber den Moͤrder hinaushingen. Wel⸗ cher Beobachter der Natur kennt nicht den Laut, den die vom Wind durchzogene Eſche von ſich giebt— es iſt nicht jenes feierliche Stoͤh⸗ nen der Eiche— nicht das hohle Murmeln der Buche, ſondern ein ſcharfer Klagelaut— ein Schrei wie von einer menſchlichen Stimme „im Schmerz ausgeſtoßen. Varney ſchauderte, als ob er den Todes⸗ ſchrei ſeines Opfers gehoͤrt haͤtte. Durch Dornen und Dickichte, von den ſcharfen Stacheln geriſſen, von den Zweigen gepeitſcht, warf er ſich tiefer und tiefer in den Wald— erreichte endlich den hindurch⸗ geſchlagenen Hauptpfad— kreuzte ihn, fand ſich in einen andern Weg und ritt weiter— immer weiter— ſorglos, welche Richtung er verfolge, bis er endlich eine kleine Stadt, etwa zehn Meilen von Laughton, erreichte, wo er zu bleiben beſchloß, bis ſeine Nerven ihre Staͤrke wieder erlangt haͤtten und er ruhig uͤberlegen konnte, was ihn am wahrſcheinlichſten erwarte, Sicherheit oder— der Galgen. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Lucretia findet ihren Sohn wieder. Es ſchien faſt, als ob jetzt, da die Gefahr am dringendſten und naͤchſten war, eben dieſe Gefahr auch Lucretia Dalibard's geiſtige Faͤhigkeiten, die den erſteren Theil des Tages in einer ſtumpfen Le⸗ thargie gelegen, gekraͤftigt und geſtaͤrkt haͤtte. Die abſolute Noth⸗ wendigkeit, ihre ſchaͤndliche Rolle mit vollkommener, durch Alles be⸗ dingte Heuchelei und Ruhe durchzuſpielen, verwandelte ſie faſt in bis er ſchnell in den Vel⸗ Wind Stöͤh⸗ en ein timme Todes⸗ e, von arf er durch⸗ indern htung n von ihre was en. 105 Eiſen. Die Verſtellung aber, die ſie erkuͤnſtelte, war uͤbernatuͤrlich — ſie ſpannte jede Fiber ihres Hirns zum Zerſpringen an, und ſie ſelbſt wurde ſich faſt bewußt, daß, wenn ihr Zweck erſt erreicht ſei— entweder Leben oder Verſtand dieſer raſenden Anſtrengung weichen mußte. Ein Wagen hielt vor der Thuͤr— zwei Herren ſtiegen aus. Nach den erſten, mit dem herzugeeilten Bedienten gewechſelten Wor⸗ ten zog ſich der Aeltere zuruͤck, als ob er ſeinen Beſuch jetzt fuͤr un⸗ paſſend halte, der Jungere aber, der einen Augenblick wie von Kum⸗ mer und Schmerz uͤberwaͤltigt, faſt regungslos dageſtanden hatte, ſchob den Diener bei Seite, und ſprang in das Haus. Der Aeltere blieb unentſchloſſen ſtehen, nahm endlich eine Karte heraus, die„Mr. Walther Ardworth“ beſchrieben war, und ſagte: „Wenn man Madame Dalibard einen Augenblick ſprechen kann, ſo geben Sie ihr doch dieſe Karte, und ſagen Sie ihr, daß ich ihre Befehle in den naͤchſten Tagen in Southampton erwarten will; ein paar Zeilen, unter Adreſſe der Poſt ſelbſt, werden mich treffen.“ Der Lakay ſtaunte erſt zoͤgernd die Karte an, und bat dann Walther Ardworth in die Halle zu treten, bis er die Botſchaft hin⸗ aufgeſandt habe. Der Beſuchende, der in der alten Halle uͤber das dunkele eichene Getaͤfel hin⸗ und herſchritt, und auf die verblichenen Banner ſchaute, durfte aber nicht lange warten, bis der Diener zu⸗ ruͤckkam— Madame Dalibard wollte ihn ſprechen. Er folgte ſei⸗ nem Fuͤhrer die Treppe hinauf. Als er den Corridor betrat, ſah er ſeinen jungen Gefaͤhrten in ernſtem Geſpraͤch mit einem Mann, deſ⸗ ſen Miene und Kleidung den Arzt verrieth. Jener ſchien um etwas zu bitten, was das bewilligende Nicken des Doktoren zugeſtand, die⸗ ſer öffnete eine Thuͤr, und der junge Mann ſchlich hinter ihm hinein. Von jenem unheimlichen Schauer durchbebt, der uns in einem Haus, über dem der Engel des Todes ſchwebt, faſt unwillkuͤrlich er⸗ faßt, wenn wir es betreten, fuͤhlte Walther Ardworth, wie ſein eig⸗ —— —— ner Schritt leiſer, ſein Athem ſchwerer wurde, als der Diener eine, der, durch die ſein Begleiter verſchwunden war, grade gegenuͤberlie⸗ gende, Thuͤr oͤffnete. Die Lehnen ihres Stuhles mit beiden Haͤnden gefaßt, die Augen angſtlich auf ſein Antlitz geheftet, erwartete Lucretia Dalibard den willkommenen Gaſt. So vorbereitet Walther aber auch auf eine Veraͤnderung in Lu⸗ cretia's Zuͤgen war, ſo erſchrak er doch uͤber dieſen faſt geiſterhaften Ausdruck, der noch durch die in ihr ſtuͤrmende Bewegung erhoͤht, auf ihnen lagerte. Er ſank in den fuͤr ihn Lueretien gegenüber geſtell⸗ ten Stuhl, und ſagte mit gewaltſamem Raͤuſpern und unſicherer Stimme: „Es ſchmerzt mich in der That, Madame, daß mein Beſuch, der eigentlich nur Freude bringen ſollte, in ſolch' ungluͤckliche Zeit trifft. Laſſen Sie mich wenigſtens hoffen, daß der Diener den Zuſtand Ihrer Nichte uͤbertrieben hat, und Ihnen in Ihren ſpaͤtern Jahren zwei Stuͤtzen geblieben ſind. Noch dazu Suſannens, der armen Suſanne, einziges Kind.“ „Sir,“ erwiderte mit hohler Stimme Lucretia—„dieſe Augen⸗ blicke ſind koſtbar. Sie werden ſich mein Verlangen, Sie zu ſprechen, denken koͤnnen, wenn ich Sie in ſolcher Zeit empfange. Sir— Sir — mein Sohn— mein Sohn!“ und ihre Augen wandten ſich nach der Thuͤr—„Sie haben einen Begleiter— wartet er draußen? mein Sohn!“ „Madame— ſchenken Sie mir nur wenige Minuten Gehoͤr, ich werde mich kurz faſſen, und das, was zu andern Zeiten eine lange Erzäͤhlung gaͤbe, in wenige Daten zuſammendraͤngen.“ Walther Ardworth ging nun ſchnell uͤber alle jene Einzelheiten, die wir dem Leſer nicht zu wiederholen brauchen, hinweg; uͤber die Befehle Braddell's— die Auslieferung des Kindes an die Frau, die ſein Sectenbruder für ihn ausgewaͤhlt(der uͤbrigens— wie es ſich nach John Ardworths letzten Nachforſchungen ergab— ſpaͤter aus der geſtell⸗ nſicherer uch, der it triff. d Ihrer nzwei uſanne, Augen⸗ prechen, — Sit ſich nach on? raußen Gehör, ne lange 107 Gemeinde geſtoßen worden, und— allem Anſchein nach, der erſte Verfuͤhrer jener ſo Empfohlenen geweſen). Dieſer Frau war aber, mit der fuͤr des Kindes Erhaltung beſtimmten Summe, kein weiteres Zeichen, was ſeine Eltern betraf, gegeben. Gerade dies Geld wurde dabei vielleicht die Urſache, die ſie auf ihre ruͤckſichtsloſe Bahn zu Schande und Verderben fuͤhrte. Der Erzaͤhler ging uͤber die Grau⸗ ſamkeit und Nachlaͤſſigkeit der Amme, und uͤber ihr Verlaſſen des Kindes, als das Geld einmal ausgegeben war, leicht hinweg. Gluͤcklicherweiſe uͤberſah ſie die Korallen um ſeinen Nacken, und an dieſen, wie an den Anfangsbuchſtaben V. B., die Ardworth damals zur Vorſicht auf des Kindes Handgelenk brennen ließ, war der ver⸗ lorene Sohn erkannt worden. Die Amme ſelbſt(in der Perſon einer Martha Skeggs— Lucretiens eigenem Dienſtboten, entdeckt) hatte, der Frau, der ſie das Kind gegeben, gegenuͤber geſtellt, dieſe augen⸗ blicklich erkannt. Auch war es nicht ſchwer geweſen, ein Geſtaͤndniß von ihr zu erhalten, das das Zeugniß genügend vervollſtaͤndigte. „In dieſer Entdeckung,“ ſchloß Ardworth,„traf die Perſon, die ich ſelbſt dazu verwandt hatte, Ihren eignen Agenten und die letzten Glieder dieſer Kette verfolgten ſie zuſammen. Dem aber— ſeinem Eifer und ſeiner Aufmerkſamkeit verdanken Sie das Gluͤck, das ich Ihnen zu bringen hoffe. Er ſympathiſirte mit mir um ſo mehr, da er Sie perſoͤnlich kannte, Ihre Sorgen theilte, und den Glauben nicht unterdruͤcken konnte, daß Sie ihn ſelbſt fuͤr das ſo heiß erſehnte Kind hielten. Madame, Sie haben meinem Sohn das Wiederſe⸗ hen des eignen zu verdanken.“ Ohne Laut hatte Lucretia dieſen Einzelheiten gelauſcht, obgleich ſich ihr Antlitz, im Fortlauf der Erzaͤhlung, entſetzlich veraͤnderte— jetzt ſtoͤhnte ſie in Schmerz und Pein laut auf.— „Madame,“ ſagte Ardworth jetzt, zwar gutmuͤthig, aber mit einigem Staunen,„das Wiederfinden Ihres Sohnes ſollte doch freu⸗ digere Empfindungen in Ihnen hervorrufen. Obgleich Sie natuͤr⸗ lich darauf vorbereitet ſein muͤſſen, daß dem armen, auf ſolche Art erzogenen Knaben, eine feine Erziehung mangelt, ſo habe ich doch genug gehoͤrt, um mich zu uͤberzeugen, daß er einen redlichen Cha⸗ rakter und ein dankbares Herz beſitzt. Urtheilen Sie ſelbſt— er iſt in dieſen Mauern— er iſt— „Von einer Metze verlaſſen— von einem Bettler erzogen.— Mein Sohn!“ unterbrach ihn Lucretia in einzelnen Ausrufungen. „Oh Sir— herrlich haben Sie Ihr Werk vollendet— eine Mutter getroͤſtet.“ Ehe Ardworth etwas darauf erwidern konnte, wurden im Corri⸗ dor laute und ſchnelle Schritte und eine heiſere— undeutliche— aber heftige Stimme gehoͤrt. Die Thuͤr ward aufgeriſſen und— halb von Capitain Greville unterſtüͤtzt, halb gezogen— die Zuͤge, ob durch Schmerz oder Leidenſchaft, verzerrt— taumelte der, der Lucretia’s Geheimniß entdeckt, der ihr Verbrechen an's Tageslicht gebracht, auf die Schwelle. Nach der Stelle hin, auf der ſie ſaß, mit ſeinem langen mageren Arme deutend rief er aus: „Faßt ſie— ich klage ſie an— Geſicht zu Geſicht— von wegen ſagte Ihnen— „Madame!“ nahm Capitain Greville das Wort—„Sie ſehen ſich hier von dieſem Zeugen des fuͤrchterlichſten Verbrechens ange⸗ klagt, das nur ein Menſch begehen kann. Gebe Gott, daß Sie un⸗ ſchuldig ſind. Ihre Nichte lebt ja noch, gebe Gott, daß ihr Tod nicht auf die Häͤnde einer Verwandten zuruͤckfalle.“ Lucretia— die den ſtieren Blick faſt bewußtlos von Einem der Maͤnner zum Anderen ſchweifen ließ, ſchwieg, aber um ihre Lippen zuckte zornige Verachtung; wilder Trotz zog noch immer dieſe Stirn in Falten. Endlich ſagte ſie langſam, und zu Ardworth gewandt: „Wo iſt mein Sohn? Sie behaupten, er ſei in dieſen Mauern — rufen Sie ihn, daß er ſeine Mutter ſchützt— Geben Sie mir wenigſtens meinen Sohn— meinen Sohn!“ Die letzten Worte wurden durch einen neuen Ausbruch von Wuth ungen. Nutter Corri⸗ — aber alb von b durch cretia's ht, auf langen wegen — ich e ſehen ange⸗ Lie un⸗ od vicht tem der Lippen Stirn ndt Mauern. Sie mur 1 Wuth 109 ihres Anklaͤgers uͤbertaͤubt. In den groͤbſten Schmaͤhungen, die ſeine Erziehung ihn gelehrt hatte, in all' der poͤbelhaften Sprache ſeines rohen Dialects— in der ganzen ungebaͤndigten Wildheit ſeines To⸗ nes, Blicks und Weſens, das einmal erregte Leidenſchaft der Hefe und dem Abſchaum des Volkes giebt— ſprudelte Beck ſeine entſetzlichen Anklagen— ſeine wahnſinnigen Verwuͤnſchungen vor. Vergebens ſuchte Capitain Greville ihn daran zu hindern, vergebens Walther Ardworth, ihn aus dem Zimmer zu ziehen. Aber noch waͤhrend der Ungluͤckliche, kaum mehr durch das Bewußtſein des Verbrechens, als durch das Gift in ſeinen Adern zur Raſerei getrieben, ſo tobte und wuͤthete, kreuzte ein fuͤrchterlicher Verdacht Walther Ardworth's Seele. Faſt mechaniſch, da ſeine Hand des Klaͤgers Arm gefaßt hielt, ſtreifte er den Aermel empor, und am Handgelenk— ſtanden die dun⸗ kelblauen in die Haut gebrannten Buchſtaben, die ſeine Identitaͤt mit dem verlorenen Vincent Braddell bezeugten. „Halt ein!“ halt ein!“ rief er da—„ungluͤcklicher Mann— es iſt Deine Mutter, die Du anklagſt!“ Lucretia ſprang empor— ihre Augen ſchienen aus ihren Hoͤhlen preſſen zu wollen— ſie erfaßte den Arm, der in Wuth und Droh⸗ ung gegen ſie gerichtet war und dort— zwiſchen den Buchſtaben, die ihr den Sohn verkuͤndeten, war jene kleine Wunde von einem rothen Zirkel umgeben. In demſelben Augenblick entdeckte ſie ihr Kind in dem Mann, der ſie dem Schaffot uͤberlieferte, und wußte ſich ſelbſt als ſeine Moͤrderinn. Sie ließ den Arm fallen und ſank in den Stuhl zuruͤck; Beck aber— ob nun das Gift ſein Inneres erreicht oder ſo heftige Erre⸗ gung in ſo ſchwachem Koͤrper genuͤgt hatte fuͤr den Todesſtoß— glitt mit einem leiſen, halbunterdruͤckten Schrei aus Ardworth's Arm und ſein Blut ſtuͤrzte, nachdem er ein oder zwei Schritte getaumelt war, aus dem Mund uͤber Lucretiens Kleid— ſein Haupt ſank— ruhte im Fall zuerſt auf ihrem Schooß und ſchlug dann ſchwerfaͤllig auf den Boden nieder. Die beiden Maͤnner bogen ſich uͤber ihn und hoben tigt hatte;— es waren das zwei Andenken von Helene— einige Veilchen, die ſie ihm einſt gegeben, und eine kleine Boͤrſe, die ſie fuͤr ihn geſtrickt hatte,(begleitet von einer freundlichen Prophezeiung künftiger Schäͤtze,) als er das Pfarrhaus verlaſſen hatte. Tadelt ihn nicht, die Ihr, mit mehr natuͤrlich romantiſchem Sinn und mit frucht⸗ barerer Phantaſie begabt, die zarteſten Erinnerungen mit den ernſte⸗ ſten Pflichten zu verſoͤhnen vermoͤgt, wenn er, bei all' ſeiner Kraft fühlte, daß die mit jenen Andenken verknuͤpften Gedanken nur ſeine Vorſätze laͤhmen und ſeine Entſagung verbittern könnten. Ihr koͤnnt die Groͤße des Opfers, die Bitterkeit des Schmerzes nicht ahnen, als er mit abgewandtem Geſicht jene Reliquien auf den Herd fallen ließ. Die Zeugniſſe truͤgeriſchen Ehrgeizes, die Zeichen getraͤumter Liebe — beide verzehrte die näͤmliche Flamme! Es war als beſtattete er ſeine Jugend auf dem Scheiterhaufen! 4 „So!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„laßt alles, was mich von den wahren Zwecken meines Lebens abwenden kann, verzehren!— die Arbeit erhaͤlt ihren Sohn wieder.“ Eine Stunde ſpaͤter fand der heimkehrende Schreiber Ardworth ſo ruhig wie gewoͤhnlich bei ſeinen Acten beſchaͤftigt. Sechzehntes Kapitel. 4 ..9 „ Die Einladung nach Laughton. 4 8 Als Pereival an dieſem Tage nach Brompton kam, erzäͤhlte er Madame Dalibard von ſeiner Zuſammenkunft mit dem excentriſchen Mr. Tomkins. Lucretia ſchien beunruhigt durch die Nachfragen, mit denen jener Herr ſie beehrt hatte, und ſobald Pereival gegangen war, ſendete ſie nach Varney. Er kam erſt ſpaͤt. Sie wiederholte ihm, was St. John von dem Fremden geſagt hatte. Varney theilte ihre U — mochten zu erra ſte eine Jahren St. J die Sic loſes S ſelbſt den le gehen 2 wurde und ge ſehen; ihrem; Er keh Pegen des Dr und w Arſcht Jußer Lererd MNerven anneſen an ſit vinige uühſt ſäne tlid iu ver Oeſene Kehle ſchallte erklang hr war m aber nd aus Wim ge⸗ Hallen Augen⸗ n wie⸗ iſt mir mehr 111 „O ſprich nicht ſo, Helene, Geliebte— ſprich nicht ſo— Dein Schmerz iſt voruͤber— Du wirſt Dich wieder erholen— Du wirſt leben!“ Der Arzt naͤherte ſich ihm, hielt warnend den Finger empor und fluͤſterte leiſe: „Bezäͤhmen Sie ſich— ſie muß ruhig gehalten werden.“ John Ardworth blickte auf— ſah Helenen an und— l achelte. Der Arzt legte ſeine Hand auf Ardworth's Schulter und gab ihm ein Zeichen ſich zu entfernen. Noch nicht— noch jetzt nicht,“ ſagte Helene,„ein Wort noch— und das unter vier Augen.“ Der Doctor zog ſich zoͤgernd zum Fenſter zuruͤck. „Couſin,“ fluͤſterte ſte dann, waͤhrend ſtch ein leichtes Erroͤthen uͤber ihr Antlitz ſtahl, das ihm den falſchen Schein von Geſundheit und Jugendfriſche gab—„Troͤſte Percival— Du biſt ſtark und weiſe— wache uͤber ihn; vielleicht vereinigen wir uns in dieſem Wachen.“ Damit preßte ſie ſeine Hand und, die ſchmolzen ihre Gedanken in ein Gebet. Eine Freude aber— ſo traurig ſie auch war, hatte doch das Schickſal noch fuͤr das Todtenbett der Dulderin— Percival kehrte zuruͤck, ehe Alles voruͤber war. In einem von jenen in letzter Zeit bei ihr ſo haͤufigen Traͤumen, hatte ſie ſeine Ankunft wohl eine volle Stunde, ehe er eintraf, geahnt. Als er in das Zimmer ſtuͤrzte, oͤffnete Augen nach oben gewendet, ſie die Arme und ſagte: „Nur deshalb habe ich noch geweilt!“ Und Percival's Hand war die letzte, die cival's Zugen galt ihr letztes Laͤcheln und an als das ihre ſchlug, hauchte ſie ohne ſie gefaßt hielt— Per⸗ dieſem treuen, braven Herzen, das kaum weniger rein Pein das junge Leben aus⸗ *†*†*†*†***†** *†*†**†*†*† 112 †* †** 4**†* Varney kehrte an demſelben Abend nach Hauſe zuruͤck, und hielt mit Greville und dem aͤlteren Ardworth eine lange Conferenz. Er ſelbſt ſtimmte jetzt für jede nur mögliche aͤrztliche Unterſuchung und ſeine Worte, wie die Art, mit der er ſich dabei benahm, brachten des ſonſt ſo ſcharffinnigen Soldaten Glauben an Beck's fuͤrchterliche Ent⸗ deckung zum Wanken. Bei der Unterſuchung wurden keine Thatſachen außer natuͤrlichen Urſachen entdeckt, die Helenens Tod beſchleunigt haben konnten. Keine Spur von Gift ward gefunden, nicht einmal ein Zeuge konnte auf⸗ treten, der auch nur Varney oder Madame Dalibard zu beſchuldigen vermochte, die gewoͤhnlichen Arzneimittel gereicht zu haben. Capi⸗ tain Greville hatte, als er an Beck die St. John Livree erkannte, ſeine Chaiſe(wie wir geſehen haben) halten laſſen, um ſich einfach zu erkundigen, ob Percival in der Halle waͤre, und als er ſpaͤter(da er jenen zu ſich einſteigen ließ, um die Deutung der abgebrochenen fuͤrchterlichen Saͤtze zu hoͤren, mit denen der Unglͤckliche antwortete,) von Grauſen uͤber das erfuͤllt war, was er vernahm, ſo ließ ihm ſeine Aufregung gar keine Zeit die Wahrheit des Mitgetheilten in Frage zu ziehen. Die ſo unzuſammenhaͤngend vorgeſtoßene Erzaͤhlung aber — ſo fluͤchtig aufgenommen und von einem Tode gefolgt, der ein zer⸗ ruͤttetes Hirn des Erzaͤhlenden verrieth— ward jetzt als unglaubbar bei Seite geworfen. Eine chirurchiſche Unterſuchung Beck's erkannte auch die Gehirnhaut und das Hirn ſelbſt mit Blut uͤberfüllt, wie das bei einem Delirium oder fiebriſchen Entzuͤndungen dieſes Organs der Fall iſt; der kleine Punkt am Handgelenk, der, wie man glaubte, von irgend einem roſtigen Nagel herrührte, erweckte bei Einem, deſ⸗ ſen Conſtitution man fuͤr ſo durch und durch verderbt und ungeſund hielt, ebenfalls keinen Verdacht, und wenn er ſelbſt mit der erſten * Urſache jenes toͤdtlichen Zufalls in Verbindung geſtanden haͤtte. Das 1 Erkenntniß uͤber die beiden Todten fiel deshalb gerade ſo aus, wie — es Varney gar nicht zu zuverſichtlich gehofft hatte. hielt Er und des Ent⸗ ſchen deine auf⸗ igen Lapi⸗ unte, fach (da enen ete,) ſeine rage aber zer⸗ bbar unte das gans lbte, deſ⸗ ſund eſten Das wie Wenn übrigens auch noch in Greville's Herzen einige Zweifel zuruͤckblieben, ſo uͤbereilte er ſich keineswegs, ſie auszuſprechen. Wes⸗ halb auch ſo nutzlos Percival's Verzweiflung mit dieſem Entſetzen mi⸗ ſchen oder einen ſolchen Schandfleck auf den wackeren Namen der St. John ſchleudern, ohne ſelbſt die Hoffnung dabei zu haben, vom Ge⸗ richt Hülfe und Beſtrafung der Schuldigen erlangen zu können. Sobald die Aerzte ihr Gutachten uͤber die Leichen ausgeſprochen, nahm Varney formellen Abſchied von Greville uünd ſchaffte die Ge⸗ ſtalt Lucretia Dalibard's aus dem Haus:— die Geſtalt, denn der Geiſt war dahin.— Jener raſtloſe, fruchtbare, nimmer ruhende Geiſt, der ſeine Plaͤne mit der faſt uͤbernatuͤrlichen Energie eines Teufels verfolgt hatte, war in Nacht und Chaos geſchleudert. Feſt und ſicher gebunden— denn zu Zeiten wurden ihre Anfälle fuͤrchter⸗ lich und nahmen ganz jenen zerſtoͤrenden, moͤrderiſchen Charakter an, der fruͤher ihre Sinne beherrſcht hatte— wurde ſie in den Wagen gelegt, neben den ſcheu vor ihr zuruᷣckweichenden Gefaͤhrten in Ver⸗ brechen und Suͤnde. Wie die Pferde aus dem Thore ſtoben, ſchellte die Todtenglocke fuͤr ein doppeltes Begraͤbniß. Lang' ſchon, ehe er London erreichte, hatte ſich Varney ſeiner fuͤrch⸗ terlichen Reiſegefaͤhrtin entledigt. Der Wagen mußte an den eiſer⸗ nen Gittern eines großen Gebaͤudes— etwas vom Hauptweg ab— halten, und die Thore der Irrenanſtalt ſchloſſen ſich hinter Lucretia Dalibard. Mit der ganzen Kuͤhnheit ſeines Temperaments und auch viel⸗ leicht durch den verzweifelten Stand ſeiner eigenen Angelegenheiten, wie durch Alles, was er zu fuͤrchten hatte, getrieben, ging Varney, ſobald er London erreicht hatte, augenblicklich daran, die Summen zu erheben, die auf Helenens Leben verſichert waren. Da Lucretia naͤm⸗ lich, zu deren Beſten dies Depoſitum gemacht, durch ihren Wahnſinn unzurechnungsfaͤhig geworden, ſo ſprach das Geſetz den Genuß ſol⸗ cher Summen, auf die ſie ein Recht hatte, denen zu, zu deren Gun⸗ ſten ſie, noch bei Verſtande, ein Teſtament ausgeſtellt. Mit Grab⸗ Lucretia. V. 8 Bulwer, — 114 man's Huͤlfe wurde ſolch' ein Document zu Gunſten Varney's leicht hergeſtellt und beſcheinigt, und Varney reclamirte jetzt die faͤlligen Summen. Die erſte Office aber, an die er ſich wandte, weigerte die Auszahlung. Es ſchienen ſtarke und legale Zweifel zu herrſchen, ob die Perſon, die ſich hier der Lebensverſicherung ſtellte, auch wirklich dem Leben Helenens ſo nahe geſtanden habe, als die klugen Serupel des Geſetzes verlangen. Schon das Anlegen ſo bedeutender Sum⸗ men auf die Unwahrſcheinlichkeit des Abſterbens eines ſo jungen, kraͤftigen Weſens, mit dem der Verſicherung ſo ſchnell folgenden Tode, erregte Verdacht;— einzelne in und bei Laugthon aufgeleſene Ge⸗ ruͤchte vereinigten ſich dann mit dem Reſultat der Nachforſchungen uͤber Varney's fruͤheres Leben, ebenſo wie die verdaͤchtigen Umſtaͤnde, die ſeines Oheims Tod begleiteten und die gar ſcharfſinnig ausge⸗ mittelt und verglichen wurden.— Das Alles veranlaßte die geſetz⸗ maͤßigen Anwaͤlte der Office, es bei dieſen Anſpruͤchen auf eine Un⸗ terſuchung ankommen zu laſſen. Indeß entſchloß ſich Varney— durch ſeine Schulden gedraͤngt, wie Tag und Nacht von Furcht gefoltert, ſeine Faͤlſchung der eng⸗ liſchen Bank entdeckt zu ſehen— nach Frankreich zu gehen und dort den Lauf des Proceſſes abzuwarten. Er traf deshalb die noͤthigen Vorbereitungen, uͤbertrug ſeine Sache an Grabman, dem er, da ihm die auf Beck's Entdeckung geſetzte Belohnung entgangen war, Ent⸗ ſchaͤdigung aus den Geldern der Aſſecuranz verſprach, und wollte eben an Bord des Bootes gehen, das ihn nach Boulogne fuͤhren ſollte, als er ziemlich unſanft auf die Schulter geklopft wurde, waͤhrend eine rauhe Stimme dazu ſagte: „Mr. Gabriel Varney, Sie ſind mein Gefangener!“ „Weshalb? Fuͤr irgend eine erbaͤrmliche Schuld?“ rief Varney⸗ veraͤchtlich. 4„Wegen Faͤlſchung der Bank von England.“ Varney's Hand fuhr unter ſeine Weſte, der Gerichtsdiener ergriff ſie aber noch zur rechten Zeit und entrang ihm das Meſſer. Einmal ſ's leicht fälligen igerte die ſchen, ob wirklich Serupel er Sum jungen, den Tode, eſene Ge rſchungen mſtände, gg ausge die geſetz⸗ eine Un⸗ gedräͤngt, der eng⸗ mund dort nothigen r, da ihm ar, Ent pollte eben ſollte, al grend eine Varneh 115 eines Verbrechens bezichtigt, bei dem ihm kein Leugnen half,— und ob es das kleinſte war, das ſein Gewiſſen beſchwerte— uͤberließ ſich jetzt Varney der wildeſten, fuͤrchterlichſten Verzweiflung. Hatte er auch oft, nicht allein gegen Andere, ſondern ſogar gegen ſein eigenes ſtolzes Herz geprahlt, mit welcher Leichtigkeit er das Leben, ſobald es ihm keinen Genuß mehr biete, ſelbſt und durch eine Hand⸗ lung ſeines freien Willens von ſich ſchleudern koͤnnte— obgleich er Lucretia's Giftring bei ſich trug, und Tod— wenn auch fuͤrchterlicher Tod in ſeiner Gewalt ſtand— ſo war doch Selbſtmord der letzte Gedanke, der ihn beſchlich. Die krankhafte Reizbarkeit der Einbil⸗ dungskraft, die ihm, ob nun im Geiſt oder in der That, jene ſonder⸗ bare Luſt an allem Fuͤrchterlichen eingefloͤßt, diente jetzt dazu, ihm den Tod in all' den graͤßlichen Bildern und Geſtalten vor das innere Auge zu fuͤhren, mit denen nur ſolche vertraut werden, die allein in das Grab ſelbſt— auf Ratten und Wuͤrmer und die ſcheußlichen Forſchritte der Verweſung ſtarren. Es war nicht die Verzweiflung des Gewiſſens, die ihn ergriff— es war das einzige Anklammern an das Leben— nicht die Reue der Seele— die ſchlief noch in ihm, ein zu edles Gefuͤhl fuͤr ſolchen Verbrecher— ſondern nur grobe, phyſiſche Angſt. Denn wie die Furcht des Tigers, einmal erweckt und in Verhäͤltniß der ſonſtigen Natur des Thieres, das Furcht nicht kennt, uͤberwaͤltigender iſt als die des Hirſches, ſo ging Varney's Keckheit, die nur aus der Vollkommenheit ſeiner Organiſation der Nerven entſprang und durch kein einziges moraliſches Gefuͤhl unter⸗ ſtutzt wurde— einmal uͤbermannt, in die erbaͤrmlichſte Feigheit uͤber. Mit ſeiner Kuͤhnheit wich aber auch ſeine Liſt. Auf Anrathen ſeines Advocaten, ſich ſchuldig zu bekennen, gehorchte er, und das Urtheil— lebenslaͤngliche Deportation— erleichterte im eerſten Augenblick ſein Herz; als ſich aber ſeine Einbildungskraft in der Dunkelheit ſeiner Zelle alle die wirklichen Schrecken jener Strafe auszumalen begann — die vielleicht weniger Fuͤrchterliches fuͤr den ungebildeten Straͤf⸗ ling der niederen Staͤnde hatte, der an Arbeit und rohe Gemeinſchaft 8* nur zu Vernichtung oder ewiger Verdammniß. 116 gewohnt, nicht ſo verzogen wie er ſelbſt, in all' ſeinen weichlichen, halb weibiſchen Beduͤrfniſſen war— das geſchorne Haar, des Straͤflings Tracht, die tauſend Entbehrungen, die Sclavenarbeit, da erſchien ihm Verbannung ſo ſchrecklich wie das Grab ſelbſt. In dieſem niederge⸗ druͤcktem Zuſtande, der bis zum Wahnſinn ging, ſchrieb er an das Miniſterium des Innern und erbot ſich, Geheimniſſe zu enthuͤllen, die mit bis dahin noch unentdeckten und dem Gericht entgangenen Ver⸗ brechen zuſammenhingen, wenn man dafuͤr ſein eigenes Urtheil wider⸗ rufen oder es wenigſtens in die mildere Form der Deportation ver⸗ wandeln wolle. Keine Antwort erfolgte hierauf, als aber Andere, die ſeine Liſt fuͤr ſich gewonnen und die, wenn ſie auch ſein Vergehen mißbilligten, doch(mit jenen anderen Verbrechen unbekannt) einige Entſchuldigung darin ſahen— ſich zu ſeinem Gunſten verwandten, erwiderte man ihnen:„Sollen wir einen Faͤlſcher begnadigen, weil er ſich ſelbſt als den Mitſchuldigen eines Mordes erklaͤren will?“ Verſchiedene Einzelheiten, die jetzt durch die unermuͤdlichen Nach⸗ forſchungen der Lebensverſicherung, die er ſelbſt dazu durch ſeine An⸗ forderungen gereizt hatte, an's Licht gebracht wurden, befeſtigten das Miniſterium noch in ſeiner Meinung uͤber ihn. Nicht eine einzige Gunſt, die ihn von dem verworfenſten, mit ihm zugleich verbannten Verbrecher unterſcheiden konnte, ward ihm gewaͤhrt. Der Gedanke an den Galgen verlor alle ſeine Schrecken. Hier war ein Galgen fuͤr jede Stunde— keine Hoffnung— kein Ent⸗ rinnen. Schon hatte ſich ihm jene dunkle Zukunft, die das„auf ewig“ in ſich ſchließt, ſchwarz und bodenlos eroͤffnet. Das Stunden⸗ glas war zerbrochen, der Zeiger der Zeit in ſeinem Lauf gehemmt, das Jenſeit dehnte ſich in Unendlichkeit vor ihm aus— und es führte 117 halb ſlinge Epilog des zweiten Theils. ihm derge Menſch, verweile auf dem Gipfel des Huͤgels in dem Schweigen 1 der Abendſtunde— und blicke, nicht mit freudigem, aber mit zufrie⸗ de denem Auge auf die ſchoͤne Welt rings um dich! Sieh, wo die Nebel, Ver⸗ zart und duftig, ſich uͤber die gruͤnen Wieſen erheben, durch welche der dder⸗ Bach ſich ſtill ſeinen Weg ſucht! Sieh', wo breit und tief ſich die ver Welle dem vollen Glanze der ſinkenden Sonne darbietet— und die dere, Weide, die im Luͤftchen erzittert, und die Eiche, die im Sturme nicht geher wankt, ihr feierliches Bild von der klaren Flaͤche des Waſſers zuruͤck⸗ inig geſpiegelt ſehen! Sieh, wo umrahmt von dem Golde der Ernten auf dem dten Hintergrunde von bluͤhenden Hainen ſich die Daͤcher der Stadt unter der weil ruhigen Glut des Himmels erheben! Kein Ton aus allen dieſen Woh⸗ nungen trifft mit einem Mißklang dein Ohr— nur von dem Kirch⸗ Nach⸗ thurm, der ſich uͤber die andern erhebt, ſchwebt vielleicht kaum hoͤr⸗ Ar⸗ bar in dem allgemeinen Schweigen, die Stimme der heiligen Glocke 1das heruͤber. Niedrig uͤber den Matten fliegt die Schwalbe dahin— auf ige der Welle zeigt der ſilberne Kreis, in Schaum ſich aufloͤſend, das 65 Spiel der Fiſche. Sieh die Erde, wie heiterruhig, obgleich uͤberall Thaͤtigkeit und Leben verkuͤndend! Sieh die Himmel, wie mild⸗ 9„ lachelnd, obgleich dunkle Wolken uͤber jenem Berg ihr Gold in den Pur⸗ en. pur des Abendhimmels miſchen! Schaue zufrieden um dich, denn das Gute iſt ringsum— nicht freudvoll, denn das Boͤſe iſt der Schatten hal des Guten! Laß deine Seele den Schleier der Sinne durchbrechen nden und den Blick ſich tiefer ſenken, als auf die Oberflaͤche, welche dein un Auge erfreut. Unter dem ruhigen Spiegel dieſes Fluſſes ſchießt der ührie Hecht auf ſeinen Raub; der Kreis auf der Welle, das leiſe Geplaͤt⸗ ſcher im Rohr, ſind nur Verkünder des Vernichters und des Opfers. In der Epheuhuͤlle der Eiche am Rande ſehnt ſich die Eule mit Gier nach der Nacht, die ihren Klauen lebendige Nahrung fuͤr ihre Jun⸗ gen geben ſoll; und das Zweiglein der Weide erzittert von den Fluͤ⸗ 118 geln des Rothkehlchens, deſſen helles Auge den Wurm auf dem Raſen erblickt. Und kannſt du, Menſch, alle Sorgen, alle Suͤnden zaͤh⸗ len, welche dieſe ſchweigenden Daͤcher verbergen? Mit jeder Win⸗ dung jener Rauchwolke ſteigt ein menſchlicher Gedanke ſo dunkel em⸗ por, ſchwindet eine menſchliche Hoffnung ſo ſchnell dahin. Und die Glocke vom Kirchthurm, welche deinem Ohr nur Mufik toͤnt, lautet vielleicht dem Todten zu Grabe. Die Schwalbe verfolgt auch den Schmetterling, und die Wolke, die die Pracht des Himmels mit einer ernſtern Farbe durchzieht, und die duftigen Schatten unter der Erde naͤhren blos den Sturm, der den Hain zerſtoͤrt, und das Ungewitter, welches die Ernte verwuͤſtet. Nicht mit Furcht, nicht mit Zweifel, o Sterblicher, erkenne auf Erden das Daſein des Boͤſen. Zäͤhme dein Herz mit demuͤthiger Ehrfurcht, daß ſein Spiegel den Schatten ſo ge⸗ treu wiedergebe wie das Licht. Vergebens ſuchſt du in der Land⸗ ſchaft die hohe Lehre, welche ſie verkuͤndet, wenn deine Seele der müͤſſi⸗ gen Sinnenluſt keinen Zaum anlegt. Zwei Schwingen nur erheben dich zum Gipfel der Wahrheit, wo der Cherub den Schmerz troͤſten, wo der Seraph die Freude erheben wird. Schwarz wie die Nacht, iſt die eine Schwinge, weiß wie der Schnee leuchtet die andere— trauer⸗ voll wie dein Verſtand, wenn er in die Tiefe hinabſteigt— freudvoll wie dein Glaube, wenn er ſich zu dem Morgenſtern erhebt. Auf dem Kirchhof von Laughton ſteht ein Grab abgeſondert von den uͤbrigen. Es erhebt ſich zwiſchen der Kirche und dem Eibenbaum; und innerhalb des ſchmalen Gitters pflegt eine ſorgliche Hand niedrige Straͤuche und einige Blumen. Dorthin kommt einmal des Jahres, ſeit Helenens Tod, ein Pilger aus der Rieſenſtadt; dort ruhet der ſtrenge Mann von ſeiner Arbeit; dort vergißt der Ehrgeiz ſeine Traͤume; dort kehrt wie an einem Erzſabbath ein ſtrebendes und ernſtes Gemuͤth zu ſeiner Kindheit zuruͤck und verkehrt durch den Tod mit Gott; und dorthin, nicht alljaͤhrlich, aber oft(o, wie oft!) und auch nicht ſeltner, weil die Zeit verlaͤuft und die Sorgen des Lebens ſich dichter um ihn draͤngen, kommt der ſanftere und liebendere Leidtragende. Bei dieſen 119 zwei Naturen, ſo entgegengeſetzt und doch ſo verbunden durch Liebe und Trauer um die Dahingeſchiedene, wirkt die Erinnerung an He⸗ lenen immer noch fort— ſtaͤrker und dauernder vielleicht, als die le⸗ bende Helene auf ſie haͤtte einwirken koͤnnen. John Ardworth hatte auf ſeiner Laufbahn nicht ſtillgeſtanden und die ſchoͤnen Verſprechungen ſeiner Jugend nicht unerfuͤllt gelaſſen. Obgleich theils durch eigne Anſtrengungen, theils durch ſeine zweite Heirath mit der Tochter des franzoͤſiſchen Kaufmanns(durch deſſen Vermittlung er mit Fielden correſpondirt) der aͤltere Ardworth ſich ein maͤßiges Vermoͤgen erworben hatte, ſo reichte es blos fuͤr ſeine Beduͤrf⸗ niſſe und fuͤr die Kinder aus zweiter Ehe aus, welchen die Maſſe deſ⸗ ſelben auch verſchrieben war. Daher befreite John Ardworth die Wohl⸗ habenheit ſeines Vaters, vielleicht zum Gluͤck fuͤr ſich und andere, nicht von der Nothwendigkeit zu arbeiten. Seine Erfolge in der kur⸗ zen Epiſode ſeines literariſchen Lebens konnten ihn weder berauſchen noch irre machen. Er wußte, daß ſeine eigentliche Sphare nicht auf dem Felde der Literatur, ſondern in der Menſchenwelt war. Ohne die edle Beſtimmung des Schriftſtellers zu mißachten, fuͤhlte er doch, daß dieſe Laufbahn, um das hoͤchſte Ziel zu erreichen, Kraͤfte anderer Art als die ſeinigen erforderte, und daß der Menſch blos ſeinem Genie treu bleibt, wenn dieſes Genie mit ſeiner Laufbahn vertraut iſt. Er wollte eine kurze Beruͤhmtheit nicht mit ſpaͤterm und dauerndem Ruhm eintauſchen. Er fuhr noch einige Jahre fort mit Geduld und feſtem Selbſtvertrauen und entbehrend zu arbeiten, bis der Beruf fuͤr den durch ſtrenge Zucht genaͤhrten Geiſt, und die durch Studien geſam⸗ melte Gelehrſamkeit kam, und den Keim fertig entwickelt und vorbe⸗ reitet fand; dann ſtieg er ſchnell von Stufe zu Stufe, denn immer noch durchgluͤht von hoher Begeiſterung dehnte er den Kreis ſeiner Thaͤtig⸗ keit von der einfoͤrmigen juriſtiſchen Prarxis auf die weitausſehenden ſo⸗ cialen Verbeſſerungen aus, welche das Geſetz, gehoͤrig betrachtet, lei⸗ ten, beleben und ſchaffen ſollte. Dann, und lange, bevor die zwanzig Jahre, die er ſich ſelbſt als Lehrzeit vorgeſchrieben, verſtrichen waren, 4 1 * 4 120 blickte er wieder auf den Senat und die Abtei und ſah die Pforte des einen ſich vor ſeinem entſchloſſenen Tritt aufthun, und erblickte im Geiſte das ruhmvolle Grab, das Kopf und Herz ihm in den andern gewinnen ſollten. Aber oft, wenn er den eiſigen Hauch der Erfahrung fühlte, wenn jener kalte Skeptizismus, welchen Menſchenkenntniß und das leicht erklaͤrliche Mißtrauen des Juriſten leicht erzeugen, die alte edle Glut des Ehrgeizes zu dem Egoismus erbleichen machte, der die Proſa der That iſt, da umſchwebte ihn das Bild des holden Weſens, an das ſich alle ſeine Jugendbeſtrebungen anknuͤpften, von deſſen einfachen Lippen edle und anmuthige Gedanken gefloſſen waren wie helle Waͤſſer aus reinen Quellen; und ſelbſt die Luft um ihn wurde waͤrmer wie ein lebendiger Odem. Dieſes Bild, die heiligen Erinnerungen, die ſich damit verbanden, der ernſte Schmerz, den es hinterlaſſen, ſchien ihn beſtaͤndig zu umſchweben, wie der ſichtbare Geiſt ſeiner eigenen Ju⸗ gend, und verbannte mit ſeinen reinen Augen die kältern und haͤrtern Geſtalten, in die ſich die Gedanken leicht kleiden, wenn wir aͤlter wer⸗ den und laͤchelte ihn bei edlen Gedanken und hoher That mit der bei⸗ ſtimmenden Freude einer Schweſter an. Viel laͤnger dauerte es, ehe Pereival zu den Pflichten des wirk⸗ lichen Lebens zuruͤckkehren konnte. Ziellos und hoffnungslos floh er ſein Vaterland, als köoͤnne er ſich ſelbſt entfliehen! Aber allmaͤlig gelangte auch bei ihm das Andenken an Helenen zu ſeiner wahren und rechten Einwirkung auf ihn. Er kehrte noch geſund zuruͤck, und fuͤhlte in der Ausuͤbung menſchlicher Pflichten ſeine beſte Gemein⸗ ſchaft mit ihrer unſterblichen Seele. Seine Mutter iſt ihm noch ge⸗ blieben— umzu troͤſten und zu ſtaͤrken; Greville lebte noch lange — um zu ermuthigen und zu leiten. Die unbeſtimmten Anzeichen von Talent, und die mannichfachen Verſprechungen der Vortrefflichkeit, die ſeine Juͤnglingsjahre gaben, ſind bis jetzt blos in einer Richtung zur Blüͤte gekommen— in tiefgemuͤthlicher, wohlthaͤtiger Guͤte. Wie Ardworth ſeinen geeignetſten Wirkungskreis in den großen Beſtre⸗ 121 bungen gefunden hat, welche die Zeit und die Menſchheit vorwaͤrts bringen, ſo auch Percival in dem engern aber intenſivern Kreiſe in⸗ dividueller Sympathie und barmherzigen Wirkens— der Eine ein Arbeiter im Reiche des Geiſtes, der Andere im Reiche des Herzens. Jeder goͤttlich in ſeiner Beſtimmung, und Jeder genoͤthigt in ſeine Sphaͤre einzutreten, denn der Geiſt verliert ſich in's Boͤſe, wenn das Herz ihn nicht fuͤhrt, und das Herz ſchafft ſich ſelbſt die Regel, wenn es Liebe und Erbarmen jühlt. Als Mittelpunkt der geraͤuſchloſen Gutthaten, welches der Reichthum ringsum ſich ausſaͤen kann, wird Percival St. John geliebt wie ein Kind und doch verehrt wie ein Weiſer! Und aus dieſem Kreiſe ſieht er wie aus einer Glorie mit den Augen ſeines Geiſtes eines Engels gluͤckliches, beifallſpendendes Antlitz! O, zu welch' einem Tempel wird die ganze Welt umgeſchaf⸗ fen durch ein Grab, welches gebuͤhrend geehrt wird! Die engſte Freundſchaft beſteht zwiſchen? Bercival und Ardworth. Bei ihrem ſeltnen Zuſammentreffen ſind ſie wie Glieder deſſelben Hauſes, die an demſelben Herde ſich treffen. Bis jetzt hat noch Keiner neue Bande des Herzens gefunden, aber Pereival wenigſtens iſt noch jung, und Ardworth nicht zu alt, um hoffen zu koͤnnen, im Alter gluͤcklich zu werden; aber noch keiner hat geklagt, daß er ſich einſam und ſein Herz verwaiſ't fühle. Fuͤr den Sterbenden und. den Liebenden kann die Welt Schmerzen haben, aber keine Vereinſa⸗ mung. Von den untergeordneten Perſonen unſerer Geſchichte brauchen wir wenig zu ſagen. Wir wiſſen, daß, wie groß auch der Schmerz des Pfarrers über den Tod Helenens geweſen, er nur bedachte, daß fur die über die Erde verhaͤngte Trauer der Himmel um eine Freude reicher geworden war. In ſeiner einfachen Frömmigkeit war er mit der einzigen Philoſophie gewaffnet: der Regenbogen erſchien in der Wolke und der Vorbote des Regens war nur ein Verſprechen der Erloͤſung von der Suͤndfluth. Wir moͤgen uns zufrieden geben, daß die Mivers ſich ziemlich 122 gleich bleiben werden, ſo lange der Handel bereichert, ohne zu bilden und ſo lange dennoch richtiges Fuͤhlen auf dem gemeinſamen Pfade der Pflicht barmherziger Geſinnung mit anmuthloſer Sprache ver⸗ einigen kann. Wir konnen überzeugt ſein, daß die arme Wittwe, welche den verlorenen Sohn Lucretia's auferzogen, aus Percival's Haͤnden Alles empfing, was ſie fuͤr ſeinen Tod troͤſten konnte. Wir haben nicht noͤthig die ſtumpfſinnigen Verbrechen Martha's oder die ſchlauen Laſter Grabman's bis zu ihrem unvermeidlichen Ziel, dem Spital oder dem Gefaͤngniß, dem Duͤngerhaufen oder dem Gal⸗ gen zu verfolgen. Ueber den älteren Ardworth iſt unſer letztes Wort weniger kurz. Wir ſahen ihn zuerſt als hoffnungsreichen und warmherzigen Juͤng⸗ ling mit edlern Grundſaͤtzen und klarerem Gefuͤhl fuͤr Ehre als William Mainwaring. Wir ſahen ihn dann als Verſchwender und Fluͤchtling, mit geſunkenen Grundſaͤtzen und befleckter Ehre. Er zeigt uns kein un⸗ gewoͤhnliches Beiſpiel der Verderbniß, die ein Kind jener niedrigen Genußſucht iſt, welche den Morgen fuͤr die Freuden des heutigen Ta⸗ ges einſetzt. Kein Gott kann herrſchen, wo die Bedachtſamkeit fehlt. Der Menſch, in ſich ſchon eine Welt, braucht zur Entwickelung ſei⸗ ner Eigenſchaften die Geduld; und als Schwerkraft ſeiner Handlun⸗ gen die Ordnung. Selbſt wo er ſich fuͤr den groͤßten Maͤrtyrer gehal⸗ ten, in ſeinem Bekennen zu bloßen politiſchen Meinungen, hatte Walter Ardworth blos die ruheloſe, leichtſinnige Ungeduld, die uͤber ſeine Maͤnnerjahre Truͤbſal und uͤber ſein Alter Reue gebracht, zur Theorie ausgebildet. Der Tod des ſeiner Obhut anvertrauten Kin⸗ des hatte lange(vielleicht bis zu ſeinem letzten Augenblicke) ſeinen Stolz auf den Sohn verbittert, den, ohne ſein Zuthun, die Vor⸗ ſehung zu einem glaͤnzenden Geſchick aufgeſpart hatte. Haͤtte ohne die Fehler, die ihn aus ſeinem Vaterland verbannt, und die Ge⸗ wohnheiten, welche ſein Gefuͤhl fuͤr Pflicht abgeſtumpft hatten, die⸗ ſes Kind ſo verlaſſen werden und ſo untergehen koͤnnen? 6 — Wir brauchen nur noch einen Blick auf die Strafe zu werfen, welche die ſinnliche Schlechtigkeit Varney's und die geiſtige Verderb⸗ niß ſeiner grauſenerregenden Stiefmutter fanden. Dieſe beiden Perſonen hatten aus dem Verbrechen, welche das irdiſche Geſetz mit dem Tode beſtraft, ein wahres Gewerbe gemacht. Sie hatten in ihren Herzen geſagt, daß ſie das Verbrechen veruͤben, der Strafe aber entgehen wollten. Durch wunderbare Schlauheit, Liſt und Geſchicklichkeit, welche die Schuld in eine Wiſſenſchaft ver⸗ wandelte, hatten ſie ihr Ziel erreicht. Die Vorſehung ſchien, als verachte ſie die gewoͤhnlichen Werkzeuge der Wiedervergeltung, ihnen das zu gewaͤhren, wonach ſie geſtrebt hatten— Rettung vom Strick und vom Galgen. Unentdeckt in ſeinen ſchwaͤrzeren und unſuͤhnbaren Verbrechen und nur beſtraft wegen des geringſten, behielt Vernon, was er vor Allem ſchäͤtzte, das Leben! Noch ſicherer vor dem raͤchen⸗ den Geſetz, hatte kein menſchliches Auge die tiefe Nacht von Lucretia's ſchrecklicher Schuld ermeſſen. Die Möoͤrderin des Gatten, der Nichte und des Sohnes entließ die blinde Gerechtigkeit unbeſtraft und un⸗ beargwoͤhnt. Ueberraſchend, wie vom Himmel ohne Wolke, fiel der. raͤchende Blitz. Iſt das Leben, welches ſie gerettet haben, des Preiſes werth? Iſt der kurze Schmerz ſchmaͤhlichen Todes fuͤrchterlicher, als das Loos, welches ſie zu tragen haben? Schaut hin, und ſprecht! Seht, jenes dunkle Schiff auf dem Meere! Seine Ladung iſt nicht von Ormus und Tyrus. Keine reiche Waare traͤgt es uͤber die Wogen, kein Gluͤckwunſch haftet an ſeinen Segeln; beladen mit Schrecken und Schuld, mit Verzweiflung und Reue, oder mit dem ſcheußlichſten von Allem, mit der ſtumpfen Apathie zu Stein verhaͤr⸗ teter Seelen, traͤgt es den Abſchaum der alten Welt, um eine neue damit zu bevoͤlkern. Auf einer Bankdieſes Schiffes ſitzen neben einan⸗ der zwei Maͤnner, einer dem andern als Gefaͤhrte zugetheilt. Bleich, abgezehrt, verzagt, aller Glanz von ſeiner Kleidung, aller muth⸗ willige Trotz von der Stirn verſchwunden— kann dieſer hohlaͤugige, ſieche Jammermenſch derſelbe Mann ſein, deſſen Sinne aufjauchzten 124 bei jeder Freude, deſſen Nerven jeder Gefahr ſpotteten? Aber neben ihm, mit einem Grinſen gemeinen Hohnes auf dem Geſicht, der Koͤr⸗ per ganz Muskel und Kraft, das glanzloſe Auge ganz trotzige und arge Tuͤcke, ſitzt ſein Kamerad— der Leichendieb! Auf den erſten Blick hat Jeder den Andern erkannt, und die Erinnerung an die Prophezeihung trifft wie ein Wetterſchlag das zaͤrtlichere Opfer! Wenn er ihm zu entfliehen ſtrebt, fordert ihn der Leichendieb als ſeine Beute, droht ihm mit ſeinen Augen wie einem Selaven, tritt ihn mit dem Fuß, während ſie daſitzen und lacht hoͤhniſch ſeiner Schmerzen. Blickt weiter: Hoͤrt den Ruf von der Maſtſpitze— ſeht das Land aus der Waſſerwuͤſte ſteigen! Ein Land ohne Hoffnungen! Anfangs finden, trotz der Strenge der Vorſchriften, die Erziehung und die Gaben Varney's ihre Wuͤrdigung— das Verbrechen, wegen deſſen er verurtheilt iſt, gehoͤrt nicht zu den ſchlimmſten. Er wird befreit von dem ſcheußlichen Geſellen, er kann Schullehrer werden; ſein Geiſt mag arbeiten, nicht ſeine Haͤnde! Aber die unverbeſſer⸗ lichſten Verbrecher ſind gerade die, welche durch Geburt und Erzie⸗ hung ſich uͤber die uͤbrige Hefe erheben. In den Klotz kann man Licht bringen, aber das Meteor muß ſich vom Sumpfe naͤhren! und Stolz und Eitelkeit ſuchen Nahrung, wo fuͤr das Verbrechen ſelbſt die Ver⸗ anlaſſung zu fehlen ſcheint. Immer tiefer und tiefer ſinkt er, und die Colonie ſieht bald in Gabriel Varney ihren verderbteſten Suͤn⸗ der; Erzverbrecher unter den Verbrechern, doppelt verloren unter den Verdammtenz ſie verbannen ihn in die ſtrengſte Strafcolonie— ſie ſchicken ihn mit den Gemeinſten hinaus, um Steine auf der Straße zu klopfen. Runzelicht, gebeugt und vor der Zeit alt— ſeht das ſpitze Geſicht, das mitten aus dieſer, kaum noch menſchenäaͤhnlichen Schaar hervorlugt— ſeht ihn zittern vor der Peitſche des rauhen Auf⸗ ſehers— ſeht die Paare zuſammengefeſſelt Tag und Nacht! Ho, ho! ſein Kamerad hat ihn wieder gefunden, der Kuͤnſtler und der Leichen⸗ dieb zuſammengeſchmiedet! Man denke ſich dieſe durch Erziehung uͤberreizte Phantaſie, dieſes durch ſchlaffe Nachſicht verweichlichte A —.— 125 Gefuͤhl— die eine Schrecken ſchauend, die nicht wirklich ſind, das andre zuruͤckſchaudernd vor aller Arbeit als einer Qual. Aber der noch nicht ganz entſchwundene Geiſt, obgleich er taͤglich mehr auf gleiche Stufe mit dem Thier hinabſinkt, ſinnt noch auf Befreiung und Flucht. Laßt den Plan reifen und das Herz hoffen! brecht ſeine Ketten, laßt ihn frei, ſchickt ihn hinaus in die Wildniß. Horch, das Geheul der Wilden! Sieh jene Geſchoͤpfe, eine Ver⸗ hoͤhnung unſeres Geſchlechts, um den verhungernden, niedergehetzten Fluͤchtling tanzen, und horch wie er aufſchreit uͤber ſeine Marter! Wie ſie ihn zerſtechen und brennen und zerreißen! Auch ſie verſchonen ſein Leben— er iſt befreit! Ein Kaliban unter Kalibans beladen ſie ihn mit ihrer Buͤrde und naͤhren ihn von ihrem Abfall. Laßt ihn leben; er liebte das Leben ſeiner ſelbſt willen, er iſt dem Galgen ent⸗ gangen— laßt ihn leben! Laßt ihn harren, laßt ihn noch ein⸗ mal entfliehen, nackt und verſtuͤmmelt kehrt er wieder zur Verbrecher⸗ hutte zurück. Seht, wie er dort ſchluchzend kniet und laut ausruft: Ich habe alle eure Geſetze verletzt, ich will euch all' meine Verbrechen verkunden; ich verlange blos mein Urtheil— haͤngt mich auf— laßt mich ſterben! Und aus der Schaar ſtoͤhnen viele Stimmen: Haͤngt uns auf— laßt uns ſterben! Der Aufſeher dreht ſich gleichgiltig um, und wieder wird Gabriel Varney mit dem Leichendieb zuſam⸗ mengefeſſelt. Ihr tretet ein in dieſe ſo ſorgſam gehuteten Thore— ihr geht mit ſchneller pulſtrendem Herzen an dieſen Gruppen im Garten vor⸗ uber, obgleich ſie harmlos ſind; ihr folgt dem Fuͤhrer durch die Gaͤnge; wo es die offenen Thuͤren geſtatten, ſeht ihr den Kaiſer ſei⸗ nen Scepter von Stroh ſchwingen,— hoͤrt den Speeulanten ſeine Millionen zaͤhlen— ſeufzt, wo das Maͤdchen laͤchelnd die Ruͤckkehr ihres todten Geliebten erwartet— oder ſchuͤttelt ernſt den Kopf und eilt vorüber, wo der Fanatiker von der Apokalypſe raſet, und uͤber die Welt zu Gericht ſitzt; ihr geht durch feſte Gitter in dunkleren und 126 entlegneren Corridoren. Naͤher und naͤher vernehmt ihr das Geheul und den gottesläͤſterlichen Fluch— ihr ſeid in dem tiefſten Innern des Irrenhauſes, wo die Unheilbaren und Gefährlichen angefeſſelt ſind— diejenigen, welche nur noch Verſtand genug haben, um zu ſchlagen, zu wuͤrgen und zu morden. Der Fuͤhrer oͤffnet eine Thuͤr, maſſiv wie eine Mauer, und ihr erblickt(wie der Erzaͤhler erblickt hat) Lucretia Dalibard, ein ſcheußliches, unſauberes, blutgieriges Hohnbild eines menſchlichen Weſens— graͤßlicher und tiefer gefal⸗ len, als Dante je von ſeinen Schatten traͤumte, oder Swift in ſeinem Yahus ſpottete! Doch wo alle andern Zuͤge den Stempel der Menſch⸗ heit verloren zu haben ſcheinen, brennt noch mit unausloͤſchlicher Fieberglut das verzehrende Auge. Dies Auge ſcheint nie zu ſchlafen, oder ſchließt ſich nie im Schlummer. Wie ihr vor der unheimlichen Flamme zuruͤckſchaudert, kommt es euch vor, als ob der Geiſt, der ſeinen Zuſammenhang und ſeine Harmonie verloren, immer noch in ſich, aber nicht mittheilſam, das Bewußtſein als Fluch behalten haͤtte. Tagelang, wochenlang beobachtet dieſe entſetzliche Wahnſtn⸗ nige hartnaͤckiges Stillſchweigen; aber wie ſich das Auge niemals ſchließt, ſo ruhen die Haͤnde nie— ſie oͤffnen und ſchließen ſich wie uͤber einem greifbaren Gegenſtande, den ſie mit krampfhaftem Griff, wie die Klauen eines Raubvogels, feſthalten— zuweilen fahren ſie uͤber die tiefgefurchte Stirn, als wollten ſie ein Brandmal abwiſchen oder einen Schmerzensgedanken entfernen— zuweilen ergreifen ſie den Saum des aͤrmlichen Gewandes und ſcheinen ſich ganze Stunden lang zu bemuͤhen einen Flecken auszureiben. Dann bricht durch das lange Schweigen ohne Urſache und Andeutung das ſchreckliche Lachen, bis der Körper, erſchöpft von der Anſtrengung, ſinnlos zuſammen⸗ ſtürzt. Aber verſtaͤndige und zuſammenhaͤngende Rede vernimmt man ſelten von dieſen Lippen. Es kommen allerdings Zeiten, wo die Waͤrter uͤberzeugt ſind, daß ihr Verſtand zum Theil wieder zuruͤckkehrt; und die Erfahrung hat ihnen gelehrt, die Kranke alsdann mit erhoͤhter Sorgfalt zu be⸗ hrung ube⸗ 127 wachen. Die Kriſis verraͤth ſich durch eine Veraͤnderung des Beneh⸗ mens— durch ein ſchnelles Auffaſſen aller Aeußerungen— einen angſtvoll geſpannten Blick auf die nackten Waͤnde— eine unterwuͤr⸗ fige Folgſamkeit— durch leiſe Klagen uͤber die druͤckenden Ketten und zuweilen, aber ſelten, durch vernuͤnftiger ſcheinende Bitten um mildere Behandlung und groͤßere Freiheit. In der erſten Zeit ihrer Einkerkerung, als man vielleicht in der Anſtalt glaubte, ſie ſei eine vornehme Kranke, deren Freunde ſich um ſie kuͤmmern und ihre Heilung reichlich belohnen wuͤrden, bewachte man ſie in dieſem Hauſe weniger ſtreng und wendete die milderen Mittel bei ihr an. Aber mit einer Liſt, welche die ſprüchwoͤrtlich gewordene Schlauheit der Wahnſinnigen weit hinter ſich ließ, wußte ſie ſtets von der Milderung der Aufſicht den toͤdtlichſten Gebrauch zu machen. Sie kroch dann an das Bett eines ſchwaͤcheren Kranken und das Geſchrei, welches die Waͤrter in die Zelle rief, rettete das aus⸗ erleſene Opfer kaum aus ihren Haͤnden. Es ſchien als ob in dieſem halblichten Augenblicken die Vernunft nur zuruͤckkehre, um zur Ver⸗ nichtung benutzt zu werden,— als ob ſie nur den zerruͤtteten Mecha⸗ nismus zu neuer Krankheit belebe. Jahre waren jetzt ſeit ihrer Ankunft in dieſen Mauern ver⸗ ſtrichen. Der ſie hergebracht, iſt nicht wieder zuruͤckgekehrt— er hatte einen falſchen Namen angegehen— keine Spur von ihm konnte entdeckt werden— das Geld, das er zuruͤckgelaſſen, reichte nur fuͤr ein Vierteljahr aus. Als Varney zuerſt verhaftet worden, ſchrieb John Ardworth, der ſich damals in Laughton vergeblich bemuͤhte, Percival zu troͤſten, an ſeinen Vater, den Fäͤlſcher in ſeinem Gefäͤng⸗ niß aufzuſuchen, und ſich bei ihm nach Madame Dalibard zu erkun⸗ digen, aber Varney fuͤrchtete damals ſo ſehr, daß ſte etwa im Wahnſinn ſeinen Antheil an ihren Verbrechen ausplaudern koͤnnte, oder wenn ſie geneſen waͤre, von dem Gedanken an ihres Sohnes Ermordung zur Reue und zum Geſtaͤndniß aus Verzweiflung erwachen koͤnnte, 128 daß der Elende es fuͤr kluͤger hielt, anzugeben, ſeine Mitſchuldige lebe nicht mehr— ihr Wahnſinn habe ſchon mit dem Tode geendigt. Da er gezwungen war, ſeine Anſpruͤche an die Verſicherungscompagnie aufzugeben, ſo blieb ihr Aufenthaltsort(den faſt der Proceß an den Tag gebracht haͤtte) ein in ſeine Bruſt verſchloſſenes Geheimniß⸗ Ein Egoiſt bis zuletzt, war ſie von nun an todt fuͤr ihn— warum nicht auch fuͤr die Welt? Der aͤltere Ardworth, ohne auf Details zu dringen, die ſeinem ſcharfſinnigem Sohne nicht entgangen waͤren, ſchenkte ſeiner Erzaͤhlung unbedingten Glauben; und der Schlag, welcher Lucretia betroffen, machte ſie ſelbſt fuͤr John wahrſcheinlich genug. So unterblieb jede weitere Nachforſchung, obgleich eine ge⸗ ringe zur Entdeckung verholfen haͤtte— und der Genoſſe ihrer Ver⸗ brechen ſchnitt ihr die einzige Rettung, das Mitleid ihrer Verwandten ab, und die Pforte der lebenden Welt ſchloß ſich hinter ihr auf ewig. Doch mit einer Art Mitleid, oder als ein Gegenſtand zum Experi⸗ mentiren— als ein Ding, mit dem ſich in dieſem Sectionszimmer des Geiſtes alles anfangen laſſe, gewaͤhrten ihr ihre Huͤter immer noch ein Aſyl. Aber mit jedem Jahre wurde ſie mehr vernachlaͤſſigt und rauher behandelt; und ſeltſam, waͤhrend die Zuͤge kaum noch erkenn⸗ bar waren, waͤhrend der Koͤrper alle den Veraͤnderungen unterlag, welche die Geſtalt erleidet, ſobald die Seele ſie verlaſſen hat, blieb ihre wunderbare Lebenskraft ungeſchwaͤcht. Kein Anzeichen des Hinſtechens war zu entdecken. Der Tod, als verſchmaͤhe er die Leiche, hielt ſich unerbittlich fern. Auch Du, entgangen dem menſchlichen Geſetz, haſt das Leben gerettet! Nicht fuͤr Dich gilt der Spruch: Blut fuͤr Blut! Du lebſt— Du kannſt die aͤußerſte Grenze des menſchlichen Lebens erreichen. Lebe fort, um den Kuß von Deiner Stirn, und das Blut von Deinem Kleid zu wiſchen!— Lebefort! Nicht des gemeinen Zweckes wegen, nichtigen Schrecken hervor⸗ zurufen— nicht wegen der Nervenerſchuͤtterung und des groͤbern In⸗ tereſſes, welche die Darſtellung des Verbrechens erweckt, iſt dieſes Buch nach den dem Verfaſſer zu Kenntniß gekommenen Thatſachen 129 und Materialien verfaßt worden. Wenn der große deutſche Dichter in einem ſeiner ſchoͤnſten Gedichte die ploͤtzliche Erſcheinung eines ungeheuern Schickſals in dem Kreiſe leichtſinniger Freude beſchreibt, ſo ſchenkt er dem, der die Welt in Parabel oder Lied belehrt, das Recht, das Geſpenſt zu beſchwoͤren. Es iſt nuͤtzlich, es zuweilen in die ruhige Alltaͤglichkeit, welche unſer gewoͤhnliches Leben umgiebt, heraufzubeſchwoͤren, damit es ein helles, ſtetiges und dauerndes Licht auf die dunklern Geheimniſſe des Herzens, auf die Gruͤfte und Hohlen der ſocialen Zuſtaͤnde werfe, auf welche wir den Markt und den Palaſt bauen. Wir erholen uns von dem Schauer und der halb unglaͤubigen Verwunderung, um genauer unſer innerſtes und gehei⸗ mes Selbſt zu betrachten. In dem, der nur den Verſtand bildet, und Herz und Geiſt wuͤſt und todt liegen laͤßt, der ſich ewig um die Achſe des Ichs dreht, nicht erwaͤrmt von Liebe, nicht geleitet durch die An⸗ ziehungskraft des Wahren, liegt der Keim, den das Schickſal zur Schuld Olivier Dalibard's emporreifen laſſen kann. Moͤge der, welcher vermittelſt der Sinne lebt, der die Schwingen der Phantaſie im bunten Lichte erſtrebten Genuſſes ſonnt, gierig den Reiz des Ver⸗ gnügens ſuchend, und die Arbeit ſcheu fliehend, deſſen Eigenſchaften auf den Bereich finnlicher Wahrnehmungen beſchraͤnkt ſind, deſſen Muth ſogar nur Nervenſtaͤrke iſt, der nur das Thier entwickelt, waͤh⸗ rend er den Menſchen erſtickt, auf die Schurkerei Varney's blicken, und entſetzt vor dem vergroͤßerten Schatten ſeines Selbſt, vor dem bleichen Bild des Spiegels zuruͤckſchaudern! Moͤgen die, welche mit Kraft zu herrſchen, und Leidenſchaften dieſe Kraft zu befluͤgeln, ohne Ruͤckſicht zum Ziele eilen wuͤrden, die mit eiſernem Fuße die menſch⸗ lichen Weſen zertretend, die auf ihrem Pfade bluͤhen, mit dem ſtolzen Schritte des Vernichters zum Siege ſchreiten moͤchten, in dem Ge⸗ laͤchter der wahnſinnigen Moͤrderin das Jubeln des Daͤmons verneh⸗ men, dem ſie ihre eigne Seele vermaͤhlt haben! Huͤte ſorgſam, Erbe der Ewigkeit, die Pforte der Suͤnde— den Gedanken! Je ſchaͤrfer Bulwer, Lucretia. V. 3 9 Dein Geiſt, je kuͤhner Dein Muth iſt, deſto kürzer und gerader iſt der Weg vom Gedanken zur That. Rechneſt Du auf einen Todesfall, um Geld zu erlangen, oder eine Leidenſchaft zu befriedigen?— Dein Gedanke hat ſich feindlich gegen ein Leben erhoben, wenn auch Deine Hand vor dem Mord zuruͤckſchaudert. Lies dieſe Blaͤtter mit ſtolzer Verachtung der Einkehr in Dich ſelbſt, und ſie werden Dich nur empoͤren. Lies ſte, und blicke feſt in Dein Herz und Du wirſt Dein Lebelang beſſer und reiner und weiſer ſein! 4 Druck der Teubnerſchen Officin in Leipzig. 7 per Ala- A he e M Tbl. ee h ſl‿ſt A U. H.. 7 t. r uſe. 8 — m Her Pflew ues 1qſ 2 2 4 — 2 Goſoùr& Grey Sontrol Shart Blue Green vellow Hed Magenta 1 1