—— Leihbibliothek ſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur duard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und dleſebedinguugen. Offensein der Bibliothek. Die Bioliothek ſteht zur Em⸗ pal,gthmde und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Übr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 ⁴. Bücher: 4 Bi Büshere — auf 1 Monat⸗ Pf. 1 N. 2 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtig.„honnenton haben für Hin⸗ und Zuri ückſendung der Bücher auf zihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3. Schadenersatz. 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Einige Wochen nach der Niederlage des Sir Geoffrey Gates war Eduard mit ſeinem glänzenden Hofe in Shene. Der Länge nach in einem Pavillon im köͤnig⸗ lichen Garten vor einer kühlen Quelle ausgeſtreckt, hoͤrte der König, von ſeinen Günſtlingen umgeben, nachläſſig der Muſik ſeiner Minſtrels zu und ſtreichelte das Ge⸗ fieder ſeines Lieblingsfalken, der auf ſeinem Handgelenke ſaß. Es wäre kaum möglich geweſen, in dem trägen Wollüſtling den glänzenden und unerſchrockenen Krieger zu erkennen, vor deſſen Lanze, wie das Wild vor den Hunden, noch kürzlich auf dem blutigen Schlachtfelde von Erpingham die Ritterſchaft der lancaſtriſchen Roſe geflohen war; aber entfernt von dem Pavillon und in einer von den verlaſſenen Alleen gingen Prinz Richard und Lord Montagu in ernſter Unterredung allein auf und ab. Der Letztere von dieſen beiden edlen Perſonen war während der Unruhen unthätig geblieben, und Eduard hatte ſich geſtellt, als hege er keinen Argwohn wegen ſeiner Theilnahme an dem Zorne und der Rache War⸗ wicks. Der König nahm ihm freilich die Ländereien und die Grafſchaft Northumberland ab und gab ſie der Fa⸗ milie Percy, doch hatte er dieſe Handlung mit gnähigen Entſchuldigungen begleitet, führte die Nothwendigkeit an, das Oberhaupt eines berühmten Hauſes zu ver⸗ ſöhnen, welches ſörmlich in ein Buͤndniß mit der Dyna⸗ ſtie von York getreten war und verlieh ſeinem früheren Günſtling als Entſchädigung die Marquiswürde. Der politiſche König machte Montagn, indem er ihm den Reichthum und den Anhang der Percy nahm, als einen jüngeren Bruder verhältnißmäßig arm und unbedeutend, wodurch er von Eduards Gunſt abhängig wurde, und nahm ihm ſo, wie er glaubte, die Macht, Unheil zu ſtiften; zu gleicher Zeit beſtand er mehr als je auf ſeiner Gegenwart, behielt ihn beſtändig bei Hofe und über⸗ wachte alle ſeine Handlungen. „Nein, Mylord,“ ſagte Richard, mit großer Leb⸗ haftigkeit die Unterredung fortſetzend, die er begonnen hatte,„beim heiligen Paulus, Ihr thut mir großes Unrecht, wenn Ihr den tiefen Kummer bezweifelt, den ich über die unglücklichen Ereigniſſe empfinde, die zu der Trennung meiner Verwandten geführt haben! England ſcheint mir ſein Lächeln verloren zu haben, indem es den Ruhm von Graf Warwicks Gegenwark verloren hat, und Clarence iſt mein Bruder und war mein Freund, und Ihr wißt, Montagu, wie theuer meinem Herzen die Hoffaung war, die ſanfte Lady Anna zu meiner Gattin zu gewinnen.“ „Prinz,“ ſagte Montagu plößtzllich,„obgleich der Stolz Warwicks und die Ehre unſeres Hauſes die öffent⸗ liche Bekanntmachung der Urſache verboten hat, die meinen Bruder zur Rebellion antrieb, ſo ſeid doch Ihr wenigſtens mit dem Geheimniß bekannt—* 7 „Haltet ein!“ rief Richard in großer Bewegung, die wahrſcheinlich aufrichtig war, denn ſein Geſicht wurde todtenbleich und ſeine Muskeln zuckten krampfhaft.„Ich möchte nicht, daß dieſe Erinnerung aus ihrer dunklen Ruhe aufgeſtört würde. Ich mochte gern den unbeſon⸗ nenen Wahnſinn meines Bruders in dem Glauben an ſeine dauernde Reue vergeſſen.“ Er ſchwieg und wendete ſein Geſicht ab, athmete tief und fuhr dann fort:„Die Urſache rechtfertigte den Vater, und ſie hätte auch mich gerechtfertigt, hätte Warwick auf meine Bewerbung gehoͤrt und mir das Recht gegeben, die ſeiner Tochter zugefügte Beleidigung als eine Beleidigung für mich anzuſehen.* „Und wenn, mein Prinz,“ entgegnete Montagu leiſe und ſich umſehend,„wenn Euch noch die Hand der Lady Anna verſprochen würde?“ „Führt mich nicht in Verſuchung!“ rief der Prinz, ſich bekreuzend, und Montagu fuhr fort:„Unſere Sache — ich meine Lord Warwicks Sache, iſt nicht verloren, wie der König meint.“ „Fahrt fort,“ ſagte Richard, die Augen nieder⸗ ſchlagend, während ſein Geſicht wieder ſeine gedanken⸗ volle Ruhe annahm. „Ich meine,“ fuhr Montagn fort,„daß bei meines Bruders Flucht ſeine Anhänger überraſcht wurden. Ver⸗ gebens würde der König ſeine Ländereien confisciren— er kann nicht die Herzen der Menſchen conſiseiren. Wenn Warwick morgen ſeinen bewaffneten Fuß auf den Boden ſetzte, glaubt Ihr, kluger und ſcharffinniger Prinz, daß der Kampf, welcher folgen würde, eine zweite Schlacht —xi von Erpingham werden würde? Ihr habt von den Ehrenbezeigungen gehört, womit König Ludwig den Grafen empfangen hat. Wird dieſer Koͤnig ihm Schiffe und Geld verweigern? Und glaubt Ihr, daß inzwiſchen ſeine Anhänger ſchlummern?“ „Aber wenn er landet, Montagn,“ ſagte Richard, welcher mit einer Aufmerkſamkeit zuzuhören ſchien, welche alle Hoffnungen Montagu's erweckte, ſich einen ſo mäch⸗ tigen Verbündeten zu ſichern—„wenn er landet und Eduard offen den Krieg erklärt— wir müſſen kühn her⸗ ausſprechen— welche Abſicht kann er angeben? Es iſt nicht genug, zu ſagen, König Eduard ſoll nicht regie⸗ ren, der Graf muß auch ſagen, welchen König Eng⸗ land erwählen ſoll!“ „Prinz,“ antwortete Montagu,„ehe ich auf dieſe Frage antworte, geruht, meinen eigenen herzlichen Wunſch anzuhören. Obgleich der König meinen Bruder tief verletzt, obgleich er mich meiner Beſitzungen beraubt hat, die vielleicht keine zu große Belohnung waren für zwanzig Siege in ſeiner Sache, und ſie dem Hauſe zu⸗ rückgegeben, welches ſiets ſeine lancaſtriſchen Feinde unterſtützte, ſo bemächtigt ſich meiner, wenn ich am rachſüchtigſten bin, doch oft die Erinnerung an die frü⸗ here Liebe und Freundlichkeit meines Monarchen— be⸗ ſonders der Gedanke an den feierlichen Contrakt zwiſchen ſeiner Tochter und meinem Sohne— und ich fühle jetzt, da die erſte Hitze des natürlichen Zornes über eine meiner Nichte zugefügte Beleidigung ſich etwas abge⸗ kühlt hat, daß, wenn Warwick wirklich landete, ich faſt meinen Bruder über meinen König vergeſſen koͤnnte.“ 9 „Faſt!“ wiederholte Richard lächelnb. „Ich rede offen mit Eurer Hoheit und ſage nur, was ich fühle. Ich möchte ſelbſt jetzt gern hoffen, daß der König durch Eure Vermittlung überredet würde, ſolche Zugeſtändniſſe und Entſchuldigungen, wie ſie ihn in Wahrheit nicht entehren würden, gegen den Vater der Lady Anna und ſeinen eigenen Verwandten zu machen, und daß, ehe es zu ſpät iſt, mir die bittere Wahl zwi⸗ ſchen den Banden des Bluts und der Anhänglichkeit an den König erſpart wird.“ „Aber wenn dieſe Hoffnung fehlſchlägt, die ich auf⸗ richtig theile— und Eduard, das muß man geſtehen, könnte kaum einem Briefe, und noch viel weniger einem Boten, das Geſtändniß des Verbrechens anvertrauen— wenn dieſe Hoffaung fehlſchlägt und Euer Bruder lan⸗ dete, und ich mich aus Liebe zu Anna unter der Be⸗ dingung, daß ſie mit mir verlobt würde, ihm anſchlöſſe — welchen Koͤnig würde er England zur Wahl vor⸗ ſchlagen?“ „Der Herzog von Clarence liebt Euch zärtlich, Lord Richard, verſetzte Montagu. Wißt Ihr nicht, wie oft er geſagt hat: Beim heiligen Georg, wenn Gloueeſter ſich mir anſchlöſſe, ſo wollten wir Eduard zeigen, daß wir Alle eines Mannes Söhne find, die mehr erhöht und bevorzugt werden ſollten als die Fremden von ſeines Weibes Blut.“ Richards Geſicht zeigte auf einen Augenblick die Merkmale der Täuſchung; aber er ſagte trocken:„So würde Warwick alſo vorſchlagen, daß Clarence Köͤnig werhen ſollte?— Und die großen Barone und die ehr⸗ lichen Bürger, und die rüſtigen Freiſaſſen würden, meint Ihr, nicht erſchrecken über ein Manifeſt, welches nicht erklärt, daß die Dynaſtie von York verdorhen und feh⸗ lerhaft iſt, ſondern daß der jüngere Sohn den älteren abſetzen ſoll— dieſer jüngere Sohn, nicht nur unbe⸗ kannt im Kriege und unerfahren im Rath, ſondern auch leichtſinnig und ſchwankend— nicht von ſchlauem Witz und entſchloſſener That, wie der Aufſtrebende es ſein ſollte!— Montagu— ein eitler Traum!“— Richard ſchwieg und fuhr dann in leiſem Tone, wie mit ſich ſelber redend, fort:„O nein, ſo werden Koͤnige nicht von ihren Thronen getrennt— ein Vorwand muß die Menſchen blenden— man ſage, ſie find unrechtmäßig— man ſage, ſie find zu jung— zu ſchwach— irgend ſonſt etwas— man ſtelle ſich an ihren Platz— und dann— nicht Krieg. Man toͤdtet ſie nicht— ſie verſchwinden“ Während der Herzog dies murmelte nahm ſein Geſicht einen düſtern und unheimlichen Ausdruck an— ſeine Augen ſchienen in den leeren Raum zu blicken. Plötzlich erwachte er aus ſeiner Träumerei, wendete ſich mit ſeinem gewohnten glatten und freundlichen Weſen zu dem beſtuͤrzten Mon⸗ tagu und ſagte:„Mein guter Lord, ich führte nur aus der italleniſchen Geſchichte eine weiſe, aber ſchreckliche und mörderiſche Lehre an. Kommen wir zur Sache zurück. Ihr ſeht, Clarence könnte nicht regieren, und ebenſo gut,“ fügte der Prinz mit einem leichten Seufzer hinzu —„ebenſo gut oder beſſer, denn ohne Eitelkeit zu ſagen, habe ich mehr von dem Geiſte eines Konigs in mir, könnte ich— ja ich— nach meines Bruders Krone ſtre⸗ ben!“ Hier ſchwieg er und ſah raſch und ſcharf den Mar⸗ — eint icht feh⸗ eren be⸗ auch Witz ſein hard lber hren chen age, 3— rieg. rend ſtern enen aus ten Non⸗ raus kliche ꝛrück. benſo hinzu agen, mir, ſtre⸗ 11 quls an; aber ob er durch dieſe Worte Montagu aus⸗ forſchen wollte nud ob dieſer Blick ihm hinlänglich zeigte, daß es zwecklos oder gefährlich ſei, deutlicher zu reden, er fuhr mit veränderter Stimme fort:„Genug davon — Warwick wird die Leerheit ſolcher Pläne entdecken, und wenn er landet, ſo müſſen ſeine Trompeten nach einem belebenderen Takte blaſen. John Montagu, glaubt Ihr nicht, daß Margaretha von Anjon und die Lancaſt⸗ rier Euren Bruder für ihre Seite zu gewinnen ſuchen werden. Darin liegt die wahre Gefahr fuͤr Eduard, nir⸗ gends ſonſt.“ „Und wenn das iſt,“ ſagte Montagu, ſeines Zu⸗ hörers Geſicht beobachtend. Richard ſutzte und nagte an ſeiner Lippe.„Hört mich an!“ fuhr der Marquis fort —„ich wiederhole, ich möchte gern hoffen, daß Eduard den Grafen beſänftigte; aber wenn nicht, ſo mag ſich Warwick lieber, als entehrt und gekränkt zu bleiben, mit Laneaſter verbinden, und Ihr vereint Euch mit ihm als Anna's Verlobter und Gemahl; was liegt auch daran, welche Puppe auf dem Throne ſitzt? Wir und Ihr werden die Herrſcher ſein, oder wenn Ihr es verwerft,“ fügte der Marquis hinzu, indem er die Eiferſucht des Herzogs liſtig zu erregen meinte—„Heinrich hat einen Sohn— einen ſchönen und, wie man ſagt, tapfern Prinzen— ſorgfältig in der Kenntniß unſerer engliſchen Geſetze unterrichtet, und der, wie Lord Oxford mir ver⸗ flchert, der einigermaßen das Vertrauen der Laneaſtrier genießt, mit Freuden alte Fehden vergeſſen und War⸗ wick Vater, und meine Nichte Gemahlin und Prinzeſſin von Wales nennen würde.“ —m Bei all ſeiner Verſtellung konnte Richard doch nicht die Bewegungen der Furcht, der Eiferſucht und des Schreckens verbergen, welche dieſe Worte erregten. „Lord Orford!“ rief er, mit dem Fuße ſtampfend —„Ha] John de Vere— hölliſcher Verräther, machſt du ſolche Pläne? Aber wir können uns deiner Perſon noch bemächtigen und wollen dein Haupt haben.“ Beunruhigt durch den Ausbruch und plößlich bemer⸗ kend, daß er ſein Herz dem Knaben zu offen dargelegt habe, den er zu blenden und zu ſeinen Plänen zu ver⸗ locken beabſichtigt hatte, ſagte Montagu ſtotternd:„Aber, Mylord, wir haben nur im Vertrauen geſprochen, auf Eure Bitte, mit Eurem Wort als Prinz und Verwandter, daß das, was meine Offenheit ausſprechen würde, nicht weiter verbreitet werden ſollte. Nehmt,“ fügte der Edelmann mit ſtolzer Würde hinzu—„nehmt lieber meinen Kopf als den des Lord Orford, denn ich ver⸗ diene den Tod, wenn ich Einem, der zum Verrathe fähig iſt, die leichtfertigen Worte des Vertrauens eines Andern entdecke!“ „Verzeiht mir, Vetter,“ ſagte Richard milde,„meine Liebe zu Anna führte mich zu weit. Lord Oxfords Worte, wie Ihr ſte berichtet, hatten einen Nebenbuhler herauſ⸗ beſchworen, und— aber genug davon.— Und nun,“ fügte der Prinz ernſthaft und mit einer Feſtigkeit der Stimme und des Weſens hinzu, die ſeiner kleinen Statur eine gewiſſe Majeſtät verlieh—„nun, da Ihr offen geredet habt, will ich auch offen antworten. Ich empfinde das der Laty Anna gethane Unrecht, als wäre es mir geſchehen; tief, glühend und dauernd wird es in meinem R aA ᷑₰n 1³ Geiſte leben und kann ſich früher oder ſpäter zu finſtern Thaten gegen Eduard und Eduards Blut erheben. Aber nein, ich habe des Koͤnigs feierliche Verficherung der Reue; ſeine ſchuldige Leidenſchaft iſt ausgebrannt und der heitere Eduard ſeufßt jetzt nach einer leichtfertigeren Geliebten. Ich lann mich nicht Clarence anſchließen, noch viel weniger den Laneaſtriern. Meine Geburt macht mich zum Pfropfreis des Thrones von York— ich über⸗ wache ihn wie eine Erbſchaft, die vielleicht einſt an die Meinigen— ja, an mich ſelber kommen kann! Und beachtet meine Worte wohl! Wenn Warwick einen Krieg des Brudermordes unternimmt, ſo iſt er verloren; wenn er ſich andererſeits den Händen Margarethens unter⸗ werfen kann, die mit dem Blute ſeines Vaters befleckt ſind, ſo wird ſich der glückliche Erfolg einer Stunde mit der Erniedrigung eines ganzen Lebens ſchließen. Noch ein dritter Weg iſt übrig, und dieſen Weg habt Ihr fromm und weiſe angedeutet. Laßt mich gleich ihm die Rache aufgeben und kein Bekenntniß und keine reuige Abbitte fordern, die kein König, viel weniger König Eduard von Plantagenet, hervorwinſeln kann— und laßt ihn das annehmen, was ſein Lehnsherr zu gewähren vermag. Seine Titel und Schlöſſer ſollen ihm zurück⸗ gegeben werden, Euch ſoll man gleiche Beſitzungen an⸗ weiſen, wie Ihr ſie verloren habt, und alle meine Belohnung, wenn ich dies zu Stande bringen kann, ſei ſeiner Tochter Hand. Denkt darüber nach, und, zum Frieden und Wohl des Reichs, beſchränkt ſo alle Eure Pläne, Mylord und Vetter!“ Bei bieſen Worien drückte der Prinz die Hand des Marquis und ging langſam zu dem Pavillon des Königs. „Schande über mein Mannesalter und meine Lebens⸗ klugheit,“ murmelte Montagu, tief gekränkt und aufge⸗ bracht über ſich ſelber.„Wie jener liſtige Zwerg mich Satz für Satz und Schritt für Schritt weiter führte, bis alle unſere Pläne— alle unſere Furcht und Hoffaung dem offenbar wurden, der ſie nur als Feinde anſieht. Anna mit Einem verlobt, der ſchon in der feurigen Ju⸗ gend ſo zu täuſchen und zu betrügen vermag!— War⸗ wick hieher verlockt durch ſchöne Worte, auf den Willen Eines, dem Italien— Knabe, hier vergaßeſt Du Deine Liſt!— gelehrt, wie die Großen nicht ermordet werden, ſondern verſchwinden] Nein, ſelbſt dieſe Niederlage belehrt mich jetzt. Aber richtig— richtig! Clarenee's Regierung iſt unmöglich und die Laneaſters von üblen Vorbeheutungen begleitet; und uͤbrigens ſteht auch mein Sohn durch ſeine Verbindung mit der Lady Eliſabeth dem Throne näher, als irgend ein anderer Unterthan. Wollte der Himmel, der König könnte dennoch— aber pfui über mich! Dies iſt keine Stunde, über meine eigene Vergrößerung nachzudenken; lieber laß mich gleich fliehen und Oxford warnen, der hurch meine Unbeſonnenheit in Gefahr gekommen iſt.“ Bei dieſem Gebanken, welcher zeigte, daß Montagn bei all ſeiner weltlichen Geſtunung eine der erſten Pflich⸗ ten eines Ritters und Cavaliers nicht vergaß, eilte der Marquis den Gang hinauf in der entgegengeſetzten Rich⸗ tung, welche Glonceſter eingeſchlagen und befand ſich bald auf dem Hofplatze, wo eine muntere Geſellſchaft ——— +„d/ ͤ.———— ☛— ☛ x pS„ 15 eben ihre Pferde beſtieg, um ſich eines Spazierrittes durch das benachbarie Jagdrevier zu erfreuen. Die kalten und halb heleidigenden Grüße dieſer Günſtlinge der Stunde, die jetzt den Nevile kränkten, der ſeiner Be⸗ ſttzungen beraubt war, die ihn fuͤr ſeine langen und glänzenden Dienſte belohnten, ſtanden in lebhaftem Ge⸗ genſatze zu den ehrerbietigen Huldigungen, die ihm früͤher zu Theil geworden waren und verletzten Montagu tief. „Wohin reitet Ihr, Bruder Marquis?“ ſagte der junge Lord Dorſet, Eliſabeths Sohn aus erſte Ehe, als Montagu ſeinem einzigen Knappen rief, der mit ſeinem Pferde auf ihn wartete.„Irgend eine geheime Expebi⸗ tion wahrſcheinlich, denn ich habe den Tag erleht, wo Lord Montagn nie mit weniger als dreißig Knappen aus dem Palaſte des Königs ritt.“ „Da Lord Dorſet ſich ſeines Gehächtniſſes rühmt,“ antwortete der Lord verächtlich,„ſo wird er ſich auch vielleicht des Tages erinnern, wo, wenn ein Nevile haſtig ſein Pferd beſteigen wollte, er den erſten Wood⸗ ville, den er ſah, ihm den Steigbügel zu halten bat.“ Und indem er den Marquis mit vornehmem Blicke anſah, den die Erwiderung zum Schweigen brachte, ritt der ahnenſtolze Montagu an den Hofleuten vorüber und langſam weiter, bis man ihn vom Palaſte aus nicht mehr ſehen konnte, ging dann in einen Galopp über und hielt nicht eher an, bis er London und das Haus erreicht hatte, wo damals der Graf von Orford, der mächtigſte aller laneaſtriſchen Edellente wohnte, der nicht verbannt und bisher mit dem regierenhen Hauſe in gutem Vernehmen geweſen war. — Zwei Tage ſpäter erhielt Ebuarh die Nachricht, daß Lord Orford und Jasper von Pembroke— Oheim des Knaben, ſpäter Heinrich der Giebente— von England abgeſegelt ſeien. Die Nachricht erreichte den König in ſeinem Zim⸗ mer, wo er ſich mit Glouceſter berieth. Die Unterredung zwiſchen ihnen ſchien warm und lebhaft geweſen zu ſein, denn Eduards Geſicht war geröthet und Glouceſters Stirn düſter. „Der Himmel ſei geprieſen!“ rief der König, indem er Richard den Brief uͤberreichte, der ihm die Flucht der mißvergnügten Lords mittheilte.„Wir haben zwei Feinde weniger in unſerm Königreiche und manche Baronie mehr für unſere königlichen Bedürfniſſe zu confisciren. Ha— ha! Dieſe Laneaſtrier dienen nur dazu, uns zu bereichern. Blickſt Du noch immer finſter drein, Richard? lächle doch, Junge!“ „Meiner Treu, Eduard,“ ſagte Richard mit Bitter⸗ keit, die mit ſeiner gewöhnlichen demüthigen Rückſicht gegen den König in auffallendem Widerſpruch ſtand, „die Heiterkeit Eurer Majeſtät iſt nicht am Platze; Ihr verwerft alle Mittel, Euren Thron zu ſichern— Ihr freuet Euch über alle Ereigniſſe, die ihn in Gefahr brin⸗ gen. Ich bat Ench, keinen Angenblick zu verlieren, wenn es möglich ſei, den großen Lord zu verſöͤhnen, dem Ihr Unrecht gethan, und Ihr erwidertet, Ihr wolltet lieber Eure Krone verlieren, als den Arm wiedergewinnen, der ſte Euch verſchaffte.“ „Ein Irrthum, Richard! Dieſe Krone war zugleich die Erbſchaft meiner Geburt und der Preis meines eigenen „ daß m des gland Zim⸗ edung ſein, reſters indem ht der Feinde aronie ceiren. uns zu hard? gzitter⸗ ickſicht ſtand, 3 Ihr Ihr brin⸗ wenn n Ihr lieber innen, gleich genen 17 Schwertes. Doch wäre es auch ſo, wie Du ſagſt, ſo liegt es doch nicht in der Natur eines Koͤnigs, die Gegenwart einer Macht zu ertragen, die ſtärker iſt als die eigene— ſich einer Stimme zu unterwerfen, die mehr gebietet als räth; und das größte Glück, welches mir je begegnete, iſt die Verbannung dieſes Grafen. Wie kann ich nach dem, was geſchehen iſt, ſein Geſicht je ohne Erniedrigung ſehen, oder er das meine ohne das Gefühl der Rache?“ „Das ſagtet Ihr mir ſoeben und ich antwortete: Wenn dem ſo iſt, und Eure Majeſtät vor dem Manne zittert, den Ihr beleidigt habt, ſo hütet Euch wenigſtens, daß Warwick, wenn er nicht als Freund zurückkehrt, nicht als unwiderſtehlicher Feind zurückkehren möge. Wenn Ihr nicht verſöhnen koͤnnt, ſo vernichtet! Eilt, durch alle mögliche Liſt Clarence von Warwick zu trennen— eilt, die Vereinigung der Beliebtheit des Grafen und der Rechte Heinrichs zu verhindern. Habt ein Auge auf alle laneaſtriſchen Lords und ſeht zu, daß keiner das Reich verlaſſe, wo ſie Gefangene find, und in das Lager zu kommen, wo ſie ſich zu Anführern erheben können. Und in demſelben Augenblick, wo ich Euch bitte, Oxford ſtreng zu bewachen und Eunre ſchnellſten Reiter abzu⸗ ſchicken, Jasper von Pembroke gefangen zu nehmen, lacht Ihr ganz heiter, da Ihr hört, daß Orford und Pembroke gegangen ſind, die Armee unſrer Feinhe zu vergrößern.“ „Beſſer Feinde außer meinem Reich als in demſel⸗ ben,“ antwortete Eduard trocken. „Mein Lehensherr, ich rede nichts weiter,“ ſagte Bulwer, Barone. III. 2 — Richard aufſtehend.„Ich wollte der Gefahr zuvorkom⸗ men; es bleibt mir nichts weiter übrig, als ſie zu theilen.“ Der König war gerührt.„Warte noch, Richard,“ ſagte er; und indem er dann ſeinen Bruder feſt anſah, fahr er halb lächelnd und mit erhoͤhter Farbe fort:„Ob⸗ gleich wir wiſſen, daß Du uns treu biſt, Richard, ſo wiſſen wir doch auch, daß Du ein perſönliches Intereſſe an Deinem Rath haſt. Du möchteſt auf irgend eine Weiſe den Grafen begünſtigen oder zwingen, Dir Anna's Hand zu geben. Gut alſo, geſetzt, Warwick und Clarenee vertreiben König Eduard von ſeinem Thron, ſo bringen ſie vielleicht eine Braut mit, um Dich fuͤr den Unter⸗ gang Deines Bruders zu tröſten.“ „Ihr habt kein Recht, mich zu ſchmähen oder Ver⸗ dacht gegen mich zu hegen,“ entgegnete Richard mit bebender Lippe.„Ihr habt mich in das Unrecht einge⸗ ſchloſſen, welches Ihr Warwick zuzufügen dachtet; und waͤre dieſes Unrecht geſchehen—“ „So hätteſt Du Dich vielleicht Warwick ange⸗ ſchloſſen?“ „Ganz gewiß!“ rief Richard mit zornigem Aus⸗ druck, indem er mit ſeinem Dolche ſpielte.„Aber,“ fügte er mit ploͤtzlich veränderter Stimme hinzu,„ich begreife und kenne Euch beſſer, als der Graf es konnte. Ich weiß, daß in Euch nur gedankenloſer Antrieb, Haſt oder Leidenſchaft iſt, die Gewohnheiten, welche Könige annehmen, Alles zu vergeſſen, außer der Liebe und dem Haß, außer dem Wunſche oder dem Zorn des Augen⸗ blicks. Ihr habt mir ſelber unter Thränen Euer Ver⸗ gehen mitgetheilt; Ihr haht mir meinen knabenhaften rkom⸗ eilen.“ hard,“ anſah, „Ob⸗ rd, ſo ereſſe d eine Anna's larenee ringen Unter⸗ er Ver⸗ rd mit einge⸗ t; und ange⸗ n Aus⸗ Aber,“ u,„ich konnte. , Haft Könige und dem Augen⸗ er Ver⸗ nhaften 19 Ausbruch verziehen, ich habe Eure boͤſen Gedanken ver⸗ ziehen; Ihr habt mir ſelber geſagt, daß ein anderes Geſicht auf die Herrſchaft von Anna's blauen Augen gefolgt iſt, und Ihr habt mir überdies Euer königliches Wort gegeben, daß, wenn ich noch die Hand einer Cou⸗ fine erlangen könne, die mir von Kindheit an theuer iſt, ſo wolltet Ihr die Verbindung beſtätigen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Eduard.„Aber wenn Du Deine Braut heiratheſt, ſo halte ſie vom Hofe entfernt — nein, blicke nicht finſter, mein Junge, ich will nur bamit ſagen, ich möchte nicht vor der Gattin meines Bruders erröthen! Richard verbeugte ſich tief, um den Ausdruck ſeines Geſichts zu verbergen, und fuhr fort, ohne weiter auf die Erklärung zu achten:„Und alles dieſes erwogen, Eduard, ſchwöre ich beim heiligen Paulus, dem höchſten Heiligen gedankenvoller Männer, und bei dem heiligen Georg, dem edelſten Patron hochgeborner Keieger, daß Eure Krone und Eure Ehre mir theurer ſind, als wären fie die meinigen. Welche Sünden Richarb von Glou⸗ ceſter auch begehen und zu bereuen haben mag, ſo ſoll doch kein Menſch je zu ihm ſagen, daß er der Ehre ſeines Vaterlandes etwas vergeben, oder daß er ſich bedachte, die Rechte ſeiner Vorfahren gegen die Verrätherei eines Vaſallen oder gegen das Schwert eines fremden Feindes zu vertheidigen. Daher ſage ich nochmals, wenn Ihr meine redlichen Rathſchläge verwerft— wenn Ihr zu⸗ gebt, daß ſich Warwick mit Lancaſter und Frankreich vereinigt— wenn Luhwigs Schiffe einen Feind an Eure Küſten tragen, deſſen Macht Enre unbeſonnene Kühn⸗ heit gering ſchätzt, ſo ſoll Richard Plantagenet in den vorderſten Reihen der Schlacht und zunächſt an Eurer Selte im Exil gefunden werden!“ Dieſe Worte, die mit Aufrichtigkeit ausgeſprochen wurden und ein Verſprechen enthieiten, welches nie gebrochen wurde, waren eindringlicher als die gewand⸗ teſte Beredſamkeit, die der liſtige und hochgebildete Glouceſter jemals anwendete, um ſeine Hinterliſt zu ver⸗ bergen, und ſie rührten Eduard ſo ſehr, daß er ſeinen Bruder umarmte; und nach einem jener Ausbrüche der Aufregung, die bei einem Manne häufig waren, deſſen Gefühle niemals tief und dauernd waren, aber leicht aufgeregt und mit Wärme ausgeſprochen, erklärte er ſich bereit, ihm zuzuhoͤren und alle Mittel anzuwenden, die Richard ihm vorſchlagen werde, ihr gemeinſchaftliches Wohl und ihre Intereſſen um ſo beſſer aufrecht zu er⸗ halten. Und dann entwickelte Richard mit jener wunder⸗ baren, wenn gleich etwas zu ruheloſen und zu ſehr ver⸗ feinerten Energie, die ihm eigen war, raſch den Plan zu ſeiner tiefen und verſtellungsreichen Politik. Seine ſcharfe und tiefe Einſicht in die menſchliche Natur hatte ihm die ſtrenge Nothwendigkeit gezeigt, die, gegen den Willen Beider, Warwick mit Margaretha von Anjou vereinen mußte. Seine Unterredung mit Montagu hatte keinen Zweifel an jener Gefahr in ſeinem ſcharfſichtigen Geiſte übrig gelaſſen. Er ſah vorher, daß dieſe Vereini⸗ gung durch die Vermählung Anna's mit dem Prinzen Eduard auf die Dauer konnte geheiligt werden; und es war ſein erſter Zweck, dieſe Verbinhung, theils durch Clar Eine rene weſen berei Achſ ware verſe gem geher zureit und ihrer und! auf d würd auf t Char bring dem Mar die tagu der b garet Gem beſtei nicht ſtaun in den n Eurer prochen hes nie gewand⸗ febildete zu ver⸗ r ſeinen üche der „deſſen r leicht e er ſich en, die fftliches t zu er⸗ vunder⸗ ehr ver⸗ en Plan Seine ir hatte gen den Anjou zu hatte ichtigen Bereini⸗ Prinzen und es z durch 21 Clarence, theils durch Margaretha ſelber zu hintertreiben. Eine Edeldame von dem Gefolge der Herzogin von Cla⸗ rence war arretirt worden, als ſie eben im Begriffe ge⸗ weſen, zu ihrer Gebieterin abzuſegeln. Richard hatte ſich bereits mit dieſer Dame unterredet, deren Ehrgeiz, Achſelträgerei und Talent zur Intrigue ihm bekannt waren. Nachdem er ſich dieſelbe durch Verſprechungen verſchwenderiſcher Würden und Belohnungen geneigt gemacht, ſchlug er ihr vor, es ſolle ihr erlaubt ſein, mit geheimen Botſchaften an Iſabella und den Herzog ab⸗ zureiſen. Sie ſolle ſie nämlich warnen, daß Warwick und Margaretha bei der gegenwärtigen Übereinſtimmung ihrer Intereſſen ihre früheren Fehden vergeſſen würden, und daß die Rebellion gegen König Eduard, anſtatt ſie auf den Thron zu ſetzen, nur die Laneaſtrier begünſtigen würde. Er ſah vorher, welche Wirkung dieſe Warnungen auf den eitlen Herzog und die ehrgeizige Iſabella, deren Charakter ihm von Kindheit an bekannt war, hervor⸗ bringen würde. Er überraſchte den König zugleich mit dem Vorſchlage, einen zuverläſſigen Diplomaten an Margaretha von Anjou zu ſenden und ihr anzubieten, die Prinzeſſin Eliſabeth, die Verlobte des jungen Mon⸗ tagu, dem Prinzen Eduard zu geben. Wenn der König, der bis jetzt keinen Sohn habe, ſtürbe, ſo würde Mar⸗ garetha den Thron, ſowohl in Folge des Rechts ſeiner Gemahlin als auch ſeiner eigenen Aökunft, im Friehen beſteigen können.„Ich darf nicht erſt ſagen, daß ich dies nicht in wahrem Ernſte meine,“ ſagte Richard, den er⸗ ſtaunten König unterbrechend—„ich will nur Marga⸗ retha hinhalten und ihre Ohren gegen Warwick's Aner⸗ bietungen betäuben. Wenn ſie darauf hoͤrt, ſo gewinnen wir Zeit— und dieſe Zeit wird unvermeidlich den un⸗ verſöhnlichen Streit zwiſchen ihr und dem Grafen er⸗ neuern. Sein hitziges Temperament und ſein Wunſch, ſich zu rächen, wird keinen Aufſchuh dulden. Er wird landen, ohne von Margaretha und ihren Anhängern unterſtätzt zu werden und ohne einen beſtimmten Grund⸗ ſatz der Handlung zu haben, welche die Macht verſtärken kann.“ „Du haſt Recht, Richard,“ ſagte Eduard, deſſen treuloſe Liſt die ſchlauere Politik begriff, die er ſelber nicht zu erfinden vermochte„Alles geſchehe, wie du willſt.“ „Und inzwiſchen beobachtet Montagu und den Erz⸗ biſchof wohl, aber erzürnet ſie nicht,“ fügte Richard hinzu.„Er wäre gefährlich, Mißtrauen gegen ſie zu zeigen, bis der Beweis klar vorliegt— aber es ware thöricht, ſie für treu zu halten. Ich gehe ſogleich, meine Aufgabe zu erfüllen.“ Siebentes Kapitel. Warwick und ſeine Familie in der Verbannung. Wir fordern jetzt den Leſer zu einer weiteren, wie⸗ wohl weniger klaſſiſchen Reiſe auf, als von Theben nach Athen, und führen ihn auf raſchen Flügeln von Shene nach Amboiſe. Wir müſſen vorausſetzen, daß die beiden Abgeſandten Glouceſters bereits ihre Beſtimmung er⸗ reicht haben— daß die Dame zu Iſabella und der Bote zu Margaretha gelangt iſt. innen en un⸗ in er⸗ unſch, wird ugern rund⸗ tärken deſſen ſelber eillſt.“ Erz⸗ ichard fie zu wäͤre meine wie⸗ n nach Shene beiden ig er⸗ Bote 23 In einem von den dem Grafen im königlichen Pa⸗ laſte angewieſenen Zimmern ſaß in der Vertiefung eines ungeheuren gothiſchen Fenſters Anna von Warwick; ein kleiner Theil des Fenſters war offen und gewährte die Ausſicht auf einen großen und ſchönen Garten mit dichten Gebüſchen und regelmäͤßigen Alleen, über welche der majeßätiſche Himmel des Sommerabends ein wenig vor Sonnenuntergang abwechſelnd Licht und Schatten warf. Zu dieſer Ausſicht war das liebliche Geſicht der Lady Anna nachdenkend gewendet. Das Auge war ge⸗ feſſelt— der Hals geneigt— die Arme ruhten auf dem Knie— die ſchlanken Finger gefaltet, ſo daß die ganze Perſon den Charakter der Träumerei und Ruhe an ſich hatte. In demſelben Zimmer waren noch zwei andere Da⸗ nen; die eine ging mit langſamen aber ungleichen Shritten auf und ab, ihre Lippen bewegten ſich von Zet zu Zeit wie im Selbſtgeſpräch, und ihre Augen⸗ braten waren ein wenig zuſammengezogen. Ihre Geſtalt und hr Geſicht hatten auch den Charakter der Traͤumerei, aber nicht der Rahe. Tas dritte Frauenzimmer, die ſanfte und liebens⸗ würdig Mutter der andern Beiden, ſaß in der Mitte des Ziumers an einem kleinen Tiſche, worauf eines von jenen reigiöſen Manuſeripten lag, voll von der Moral und den Wundern der Kloſterheiligkeit, welche einen großen Tbil der Literatur der mönchiſchen Zeitalter aus⸗ machten; aber ihr Auge ruhte nicht auf den gothiſchen Buchſtaben noch auf den reichen Verzierungen des hei⸗ ligen Buchs. Mit der Furcht und Zärtlichkeit einer Mutier blickte ſie von Iſabella zu Anna— von Anna zu Iſabella, bis die Gräfin endlich mit jener ſanften Stimme ſagte, die ſo ſelten gehort wird und macht, daß ſelbſt ein Fremder die Redende liebt:„Komm her, mein Kind, Iſabella, gib mir Deine Hand und ſage mir leiſe, was Dich ärgert.“ „Liehe Mutter,“ verſetzte die Herzogin,„es würde ſich ſchlecht für mich ſchicken, ein Geheimniß zu haben, welches Euch nicht bekannt wäre und doch glaube ich, würde es ſich noch weniger für mich ſchicken, etwas zu ſagen, was Euren Zorn erregen könnte!“ „Zorn, Iſabella! Wer empfand je Zorn gegen die, welche man liebt?“ „Verzeihet mir, liebe Mutter,“ ſagte Jfabella, ihre ſtolze Stirn glättend und die Wange ihrer Mutter küſſend Die Gräfin zog ſie ſanft zu einem Sitze an ihrer Seite. „Und nun ſage mir, wenn nicht vielleicht Dein Cli⸗ rence in der haſtigen Stimmung eines Geliebten Dch beleidigt hat; denn über Familiengeheimniſſe ſollte ſebſt eine Mutter ein treues Weib nicht befeagen.“ Iſabella ſchwieg und ſah Anna bedeutungsvoll an. „Nein— ſieh!“ ſagte die Gräſin lächelnd, ob leich traurig—„o ſie hat Gehanken, die ſie mir nicht ſagen will, doch ſcheinen es nicht ſolche zu ſein, welchemeine Furcht erregen würden, wie die Deinigen es thun; denn in dem Augenblick, ehe ich zu Dir ſprach, wa⸗ Deine Stirne ſinſter, und ihre Lippe lächelte. Sle böͤrt uns nicht, rede nur.“ „Iſt es denn wahr, meine Mutter, daß Mrgeretha von Anjon hieher eilt? und kann es moͤglich ſein, daß deren für ein ihre U zen G ſtarken Sorge wird, ſchien, und li Ausſer Seſſel tief ſe Anna uften daß mein mir bürde aben, ich, as zu die, ihre ſend zeite. Cli⸗ Dch ſebſt n. leich igen eine denn eine uns tha 25 König Ludwig meinen Vater zu uͤberreben vermag, an⸗ ders als auf dem Schlachtfelhe der bitterſten Feindin unſeres Hauſes zu begegnen?“ „Frage den Grafen ſelber, Iſabella; Lord Warwick verbirgt nichts vor ſeinen Kindern. Alles, was er thut, iſt ſteis das Weiſeſte, Beſte uns Ritterlichſte— ſo we⸗ nigſtens müſſen ſeine Kinder immer denken.“ Fſabella veränderte die Farbe und ihr Auge ſprühte Feuer. Noch ehe ſie antworten konnte, wurde der Thürvorhang aufgehoben und Lord Warwick trat ein. Aber des Helden Miene und Weſen zeigte nicht mehr jene herzliche und zärtliche Heiterkeit, die er bei allen Stürmen ſeines veränderten Lebens gezelgt hatte, wenn er von der Ausübung der Macht und von der Gefahr, aus dem Rathe oder aus dem Lager zu ſeinem irbiſchen Paradieſe— zu ſeiner tugendhaften Familie zurückkehrte. Düſter und zerſtreut, verrieth ſelbſt ſeine Kleidung, deren Vernachläſſigung die Normanunen zu jener Zeit für eine Sünde gegen die eigene Würde hielten— durch ihre Unordnung jene gänzliche Veränderung ſeines gan⸗ zen Geißts, jene ſchreckliche innere Revolution, die in ſtarken Naturen nur noch die Tyrannei einer großen Sorge oder einer großen Leidenſchaft hervorgebracht wird, ſo daß der Graf ſeine Gemahlin kaum zu beachten ſchien, welche haſtig aufſtand, aber in ſchüchterner Furcht und liebevoller Verehrung bei dem Anblick ſeines finſtern Ausſehens ſtehen blieh, als er ſich plötzllich auf einen Seſſel warf, mit der Hand über ſein Geſicht fuhr und tief ſeufzte. Dieſer Seufter vertrieb die Furcht ſeiner Gattin und erinnerte ſie nur an das Vorrecht, ihn zu beſänf⸗ tigen. Sie näherte ſich ihm, ſetzte ſich auf die grünen Binſen zu ſeinen Füßen, faßte ſeine Hand und küßte ſte, ohne zu reden Des Grafen Augen ſielen auf das liebliche Geſicht, welches durch Thränen zu ihm aufblickte; ſeine Stirn erheiterte ſich, er entzog ihr ſanft ſeine Hand, legie fie auf ihr Haupt und ſagte mit leiſer Stimme:„Gott und die heilige Jungfrau mögen Dich ſegnen, liebes Weib!“ Dann ſah er ſich um und bemerkte, daß Jſabella ihn aufmerkſam beobachtete, ſtand ſogleich auf, ſchlang ſeinen Arm um ſie, drückte ſie an ſeine Bruſt und ſagte:„Meine Tochter, für Dich und die Deinigen habe ich Tag und Nacht geſtrebt und Pläne entworfen, aber vergebens. Ich kann Deinen Gemahl nicht belohnen, wie ich es wollte— ich kann Dir nicht einen Thron geben, wie ich es hoffte.“ „Welcher Titel iſt Iſabella ſo theuer, als der der Tochter des Lord Warwick?“ ſagte die Gräfin. Iſabella blieb kalt und ſchweigend und erwiderte des Grafen Umarmung nicht. Zum Glück war Warwick zu ſehr mit ſeinen eigenen Gefühlen beſchäftigt, um die ſeines Kindes zu beachten. Indem er ſich abwendete, ging er durchs Zimmer und fuhr fort:„Bis zu dieſem Morgen hoffte ich noch, daß mein Name und meine Dienſte, daß Clarence's Beliebt⸗ heit beim Volke und ſeine Geburt als Plantagenet hin⸗ reichen würden, das engliſche Volk um unſere Fahne zu verſammeln— daß der falſche Eduard bei unſerer Landung Gattin heſänf⸗ grünen gte ſie, zeſicht, Stirn egie ſie ött und Veib!“ lla ihn ſeinen Meine ag und gebens. ich es wie ich der der erte des eigenen lachten. ner und icc, daß Beliebt⸗ iet hin⸗ ahne zu andung 27 genöthigt ſein würde zu fliehen, und daß ohne Verän⸗ derung der Dynaftie von York Clarence als nächſter männlicher Erde den Thron beſteigen würde. Frellich ſah ich alle Hinderniſſe— alle Schwierigkeiten— ich wurde gewarnt, ehe ich England verließ; aber dennoch hoffte ich. Lord Orford iſt angekommen— er hat mich eben verlaſſen. Wir haben die ganze Karte vor uns über⸗ blickt, den Werth jedes Namens abgewogen, der für und gegen uns iſt; und ach! ich kann nicht umhin, zu⸗ zugeben, daß jeder Verſuch, den jüngern Bruder auf den Thron des ältern zu ſetzen, nur zu zweckloſem Blut⸗ bade und zu unvermeidlicher Niederlage führen muß!“ „Warum denkt Ihr das, Mylord?“ fragte Iſabella in offenbarer Aufregung.„Ihr könnt ja ſelber ſechszig⸗ tauſend Mann ins Feld ſtellen— eine Armee, die größer iſt als die, welche Eduard und alle ſeine Lords von geſtern aufbringen können.“ „Mein Kind!“ antwortete der Graf, mit jener tie⸗ fen Kenntniß ſeiner Landsleute, die er mehr aus ſeinem engliſchen Herzen, als aus dem Scharffinn ſeines Ver⸗ ſtandes entlehnte—„Armeen können einen Sieg gewin⸗ nen, können aber keinen Thron erlangen, wenn ſie nicht wenigſlens Sklaverei herbeiführen wollen; und ich und Clarence wollen nicht unſer Vaterland gewoltſam er⸗ obern, ſondern die Schöpfer eines freien Reiches ſein, welches durch die Herrſchaft eines falſchen Mannes unter⸗ drückt wurde.“ „Und was bheabſichtigt Ihr denn, Vater?“ rief Iſabella.„Kann es möglich ſein, daß Ihr Euch mit den verabſcheuten Laneaſtriern— mit der wüthenden Mar⸗ garetha vereinen wollt, die meinen Großvater Salisbury enthaupten ließ? Wohl erinnere ich mich Eurer eigenen Worte: Mögen Gott und der heilige Georg meiner vergeſſen, wenn ich jene grauen und blutigen Haare vergeſſe!“* Hier wurde Iſabella durch einen matten Schrei Anna's unterbrochen, die bisher, von den Ubrigen unbe⸗ obachtet und von dem Auge ihres Vaters unbemerkt, in ber Fenſtervertiefung geſeſſen und jetzt aufgeſtanden war und mit athemloſer Anfmerkſamkeit die Unterredung zwiſchen Warwick und der Herzogin angehört hatte. „Es iſt nicht wahr— es iſt nicht wahr!“ rief Anna leibenſchaftlich.„Margaretha läugnet die unmenſchliche That.* „Du haſt Recht, Anna,“ ſagte Warwick;„obgleich ich nicht errathe, wie Du den Jerthum eines ſo allge⸗ mein geglaubten Gerüchtes erfuhrſt, deſſen Wahrheit ich bis vor ganz kurzer Zeit niemals bezweifelte. König Ludwig verſichert mir feierlich, daß jene ſchreckliche That ohne Margaretha's Mitwiſſen von dem verruchten Clif⸗ ford geſchah, und daß ſie, als ſie dieſelbe erfuhr, großen Kummer und Sorge darüber empfanb.“ „Und Ihr, der Ihr Eduard falſch nennt, koͤnnt Ihr Luhwig glauben?“ „Schweig, Iſabella— ſchweig!“ ſagte die Gräfin. „Kann mein Kind ſo meinen Herrn und Gemahl an⸗ reden? Verzeihe ihr, geliebter Richard.* „Eine ſolche Hitze iſt nicht unpaſſend für Clarence's Gattin,“ antwortete Warwick.„Ich kann ein ſolches Rachegefühl, welches ihre Vernunft endlich überwinden sbury genen neiner Haare Schrei unbe⸗ kt, in n war edung e. Anna hliche gleich allge⸗ eit ich König That Clif⸗ roßen t Ihr räfin. l an⸗ ence's olches inden 29 muß, an meiner ſtolzen Iſabella wohl begreifen und ver⸗ zeihen; denn glanbe nicht, Iſabella, daß ich ohne furcht⸗ haren Kampf und heftige Qual an Frieden und Ver⸗ einigung mit meiner alten Feindin denken kann; aber hier reden zwei Pflichten laut zu mir: Meine Ehre und mein häuslicher Herd, als Cavalier und als Mann, wollen wieder hergeſtellt ſein, und das Wohl und der Ruhm meines Vaterlandes fordern einen Herrſcher, der einen Krieger nicht entehrt, einer Jungfran nicht Ge⸗ walt anthut, ein Volk nicht durch leichtfertige Luſtbar⸗ keiten beſticht, noch ein Land durch übermäßige Auflagen erſchöpft; und dieſe Ehre ſoll gerettet werden— dieſem Lande ſoll Recht geſchehen, einerlei, durch welches Opfer des Privaſkummers und Stolzes.“ Die Worte und der Ton des Grafen brachten ſelbſt Iſabella auf einen Augenblick zum Schweigen; aber nach einer Pauſe ſagte fie düſter:„Und darum hat ſich Cla⸗ renee Eurem Streite angeſchloſſen und Euer Exil ge⸗ theilt— darum— um die ewige Schranke der lancaftri⸗ ſchen Linie zwiſchen ſich und den engliſchen Thron zu ſtellen!“ „Ich moͤchte hoffen,“ antwortete der Graf ruhig, „daß Clarence unſere harte Lage ruhiger anſähe als Du. Wenn er nicht Alles erlangt, was ich wünſchen köͤnnte, wenn das Glück unſern Waffen günſtig iſt, ſo wird er wenigſtens viel erlaugen; denn oft und wieder⸗ holt ſuchte mich Dein Gemahl, Iſabella, zu ſtrengen Maßregeln gegen Eduard zu treiben, und ich hielt ihn beſtändig zurück und beſänftigte ihn. Bei Gott! Wie oft klagte er über Verletzung und Beleidigung von Eli⸗ 4 — ſabeth und ihren Anhängern, über offenbare Schmach, die ihm Eduard angethan, über Verweigerung ſeiner Bedürfniſſe als Prinz— kurz, über ein Leben, welches gedemüthigt und verbittert werde durch alle Unwürdig⸗ keit, welche die Macht dem abhängigen Stolze aufer⸗ legen koͤnne. Wenn er den Thron nicht erlangen kanv, ſo wird er wenigſtens vermöge Deines Rechtes die Nach⸗ folge in den Baronien von Beauchamp erlangen, das mächtige Herzogthum und die ungeheure Erbſchaft von York und das Vieekönigreich in Irland. Kein Prinz von königlichem Blut hatte ſo viel Reichthum und ſo hohe Ehrenßeellen, wie ſie Deinen Gemahl erwarten; übri⸗ gens verwickle ich ihn nicht in meinen Streit— ſchon lange vorher häͤtte er mich gern in den ſeinigen verwickelt; auch ſchickt es ſich nicht für Dich, Iſabella, als Kind und als Schweſter, zu bereuen, wenn der Gemahl meiner Tochter ohne Berechnung des Vortheils und Gewinns die dem Hauſe ſeiner Gattin angethane Beleidigung empfand, wie brave Männer ſie empfinden ſollen. Aber wenn ich ſeine Ritterlichkeit und ſeine Liebe zu mir und den Meinigen überſchätze, oder ſeinem Ehrgeiz und ſeinen Hoffnungen im Wege bin, bei Gott! ſo halten wir ihn nicht gefangen. Eduard wird ſeine Friedensan⸗ erbietungen mit Freuden annehmen; er mag mit ſeinem Bruder unterhandeln und zurückkehren.“ „Ich will ihm berichten, was Ihr ſagt, Mylord,“ ſagte Iſabella mit kalter Kürze, verneigte ihr ſtolzes Haupt mit förmlicher Ehrerbietung und ging auf die Thür zu. Anna eilte ihr nach und faßte ihre Hand. „O Jſabella!“ flüſterte ſie,„kannſt Du unſern 3 Kind nir und iz und halten ensan⸗ ſeinem 31 Vater in ſeiner traurigen und düſtern Stunde ſo ver⸗ laſſen?“— Und die ſaufte Dame brach in Thränen aus. „Anna,“ entgegnete Iſabella bitter,„Dein Herz iſt auf der Seite der Lancaſtrier, und was meinen Vater bekümmert, gewährt mir nur Freude.“ Anna zog ſich bleich und zitternd zurück, und ihre Schweſter verließ das Zimmer. Obgleich der Graf die leiſen Worte der Schweſter nicht hörte, ſo beybachtete er ſie doch genau, und ſeine Lippe bebie vor Aufregung, als Iſabella die Thuͤr ſchloß. „Komm her, meine Anna,“ ſagte er zärtlich;„Du, die Du Deiner Mutter Geſicht haſt, haſt nie einen har⸗ ten Gedanken gegen Deinen Vater.“ Als Anna ſich an Warwicks Brußt warf, fuhr er fort:„Und woher weißt Du, daß Margaretha eine That läugnet, die, wenn ſie auf ihren Befehl geſchehen wäre, meine Vereinigung mit ihrer Sache zu einer gottloſen Beleidigung gegen meinen todten Vater machen würde?“ Anna wurde roth und drückte ihren Kopf noch feſter an ihres Vaters Bruſt. Ihre Mutter betrachtete ihre Verwirrung und ihr Schweigen mit ängſtlichem Auge. Zur Seite des Flügels, wo des Grafen Zimmer waren, befand ſich ein anderer Theil des Palaſtes, der Prunkgemächer enthielt, die von dem ſtrengen und ſpar⸗ ſamen Ludwig nur bei großen Feierlichkeiten benützt wurden und die, wie wir ſchon oben bemerkten, auf den Garten hinausgingen, der gewöhnlich einſam und verlaſſen war. Während Anna nach Worten ſuchte, um ihrem Vater zu antworten und die Gräfin ihre Ver⸗ legenheit beobachtete, hörte man plötzlich von dieſem Garten her die ſanften Toͤne einer provenzaliſchen Laute, die von einer leiſen, aber volltönenden Stimme begleitet wurde, die ſo tiefes Gefühl und ſo ausgezeichnete Kunſt⸗ fertigkeit zeigte, daß ſie felbſt noch einfacheren Worten als den folgenden Eindruck verliehen hätte. Lied des Erben von Lancaſter. Sein Erbtheil iſt des Vaters Nam', Großvaters Schwert ſein Hort; Der Bettler ſelbſt iſt glücklicher Als der freundloſe Lord.. Doch eine theure Hoffnung iſt Des Armen einz'ge Luſt; Im Himmel wohnen Engelein Und Wonw' in Anna's Bruſt. Bei dieſem Namen zitterte die Stimme des Sängers und ſchwieg einen Augenblick; der Graf, der anfangs kaum auf das gehört hatte, was er für eine unpaſſende Galanterie eines der königlichen Minſtrels hielt, ſtutzte in ſtolzer Überraſchung, und Anna ſelber, die ihren Vater noch feſter umarmte, brach in ein leidenſchaft⸗ liches Schluchzen aus. Das Auge der Gräfin begegnete dem ihres Gemahls, doch ſie legte ihren Finger an ihre Lippen, zum Zeichen, daß er zuhören möge. Der Geſang wurde fortgeſetzt. Erinnre dich der ſonn'gen Zeit In unſerm Vaterland, Wo wir als Knab' und Mädchen einſt Gewandelt Hand in Hand. Als um den Spielgenoſſen her Der Adel kniet' in Eil', Und Mönch und Volk von Gott erfleht Für Englands Erben Heil. aus fuh⸗ n Laute, begleitet e Kunſt⸗ Worten Sängers anfangs paſſende , ſtutzte die ihren enſchaft⸗ hegegnete an ihre Geſang 33 Der Graf ſtieß einen halb unterbrückten Ausruf aus, doch der Sänger hörte die Unterbrechung nicht und fuhr fort: So lieblich ſchien die Sonne nie Dem Mann in ſeinem Schmerz, Als an dem Morgen, wo ich Dir Eröffnete mein Herz. So lang ſein Erbtheil nur ein Nam', Großvaters Schwert ſein Hort, Wollt um die Hohe werben nicht Ich als freundloſer Lord. Gewinnt mit Trommel und Trompet' „Sein Erb' der Königsſohn, Und treibt die Arche übers Meer Zu ruhn auf einem Thron— Dann hörſt du des Verbannten Schwur, Den nicht Gefahr erſchreckt, Wenn er erlangt des Vaters Kron', Die Anna's Stirne deckt. Der Geſang ſchwieg und auch im Zimmer herrſchte Stille, die nur von Anna's leiſem, aber leidenſchaft⸗ lichem Weinen unterbrochen wurde. Der Graf ſuchte ihre Arme ſanft von ſeinem Halſe loszumachen, doch ſie, die ſeine Abſicht verkaunte, ſand auf ihre Kniee nieder, bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und rief:„Ver⸗ zeiht!— Verzeiht!— Verzeiht ihm, wenn auch nicht mir!“ „Was habe ich zu verzeihen? Was haſt Du mir verhorgen? Ich will nimmer glauben, daß Du insge⸗ heim mit einem Manne zuſammengekommen biſt, der—⸗ „Insgeheim! Nimmer— nimmer, Vater! Dies Zulwer, Barone. III. 3 iſ erſt das Drittemal, daß ich ſeine Stimme gehört habe, ſeit wir in Amboiſe geweſen, außer als—“ „Fahre fort!“ „Außer als König Lutwig ihn mir bei der Feſtlich⸗ keit unter dem Namen des Grafen von F. vorſtellte und mich fragte, ob ich ſeiner Mutter das Verbrechen des Lord Clifford verzeihen könne.“ „So iſt es alſo, wie die Verſe ſagten, und Eduard von Lancaſter liebt und bewirbt ſich um Lord Warwicks Tochter!“ Es lag etwas in der Stimme ihres Vaters, was Auna bewog, ihre Hände von ihrem Geſichte zu ent⸗ fernen und mit dem Entzücken der ſchüchternen Freude zu ihm aufzublicken. Auf ſeiner Stirn war in der That kein Zorn— auf ſeiner Lippe kein Lächeln des Hohnes zu leſen. In dem Augenblick war all ſein ſtolzer Kummer über den Fluch der Umſtände verſchwunden, der ihn zu ſeinem Erbfeinde hintrieb. Obgleich Montagu von Ox⸗ ford einen Wink von dem Wunſche der klügeren und ge⸗ mäßigten Lancaſtrier hinſichtlich dieſer Verbindung er⸗ halten, und obgleich Ludwig bereits dem Grafen die Zweckmäßigkeit derſelben angedeutet, ſo hatte doch War⸗ wick bis jetzt natürlich geglaubt, daß der Prinz die Feindſchaft ſeiner Mutter theile, und daß eine ſolche Verbindung, obgleich politiſch, voch unmöglich ſei; aber jetzt drang ploͤtzlich der volle Triumph der Rache und des Stolzes auf ihn ein. Eduard von York hatte gewagt, Anna einen entehrenden Antrag zu machen— Eduard von Lancaſter wagte nicht einmal, ſie als ſeine Gattin zu hegehren, bis ſeine Krone gewonnen ſei! dieſelbe ehoͤrt 1 llich⸗ und 1 des duard wicks was ent⸗ reude That ohnes mmer ihn zu n Ox⸗ nd ge⸗ ag er⸗ en die War⸗ nz die ſolche ; aber he und ewagt, Sduard Gattin dieſelbe 35 Tochter, die der undankbare Monarch beleidigt hatte, auf den Thron zu ſetzen— die, welche er hatte ernie⸗ drigen wollen, nicht nur zum Werkzenge ſeines Falles, ſondern auch zur Nachfolgerin auf dem Throne zu machen — in einem ruhmvollen Streite das dem Manne widerfahrene Unrecht und den Stolz des Vaters zu ver⸗ einen— dies waren die Gesanken, die in ſeinem Auge funkelten, und die dunkle Wange, die ſchon hohl ge⸗ worden war von Leidenſchaft und Sorge, mit glͤhendem Entzücken belebten. Er erhob ſeine Tochter vom Bohen und legte ſie in die Arme ihrer Mutter, doch ohne zu reden. 4 „Dies alſo war Dein Geheimniß, Anna,“ fluͤſterte die Gräfin, und ich errieth es fiht, als ich in der letzten Nacht neben Deinem Bette kniete, um zu beten, und Dich in Deinen Traͤumen murmeln hörte:„„Liebe Muiter, Ihr verzeihet mir; aber mein Vater— ach! er redet nicht!— Ein Wort! Vater! Vater, ſelbſt nicht ſeine Liebe könnte mich tröſten, wenn Ihr gegen mich aufgebracht wäret!“⸗ Der Graf, der wie in den Boden gewurzelt da ge⸗ ſtanden hatte, deſſen Augen gedankenvoll unter ſeinen dunkeln Brauen hervorſchienen, als wollten ſie die Zu⸗ kunft durchdringen, wendete ſich raſch um:„Ich gehe zu dem Erben von Laucaſter; wenn dieſer Knabe kühn und treu iſt— Englands Krone würdig— ſo wollen wir das traurige Lied jener Laute in einen ſolchen Sturm von Trompeten verwandeln, wie er dem Triumphe eines Eroberers unh der Hochzeit eines Prinzen ziemt.“ — Achtes Kapitel. Der Königmacher unterredet ſich mit dem Erben von Lancaſter. In Folge einer geheimen Botſchaft von dem ſchlauen Ludwig war der junge Prinz in der That am Hofe zu Amboiſe unter dem Namen eines Grafen von F. er⸗ ſchienen. Der König von Frankreich hatte ſich längſt vorher von der romantiſchen Neigung des Prinzen Ebuard zu der Tochter des Grafen durch den Boten in Kenntniß geſetzt, den Ehuard beauftragt hatte, Anna ſein Por⸗ trait zu Rouen zuzuſtellen, und von ihm hatte Oxford wahrſcheinlich den Vorſchlag entlehnt, den er Montagu zu machen wagte, und da er es jetzt zum Gegenſtande ſeiner Politik machte ie Sache ſeiner Verwandtin Mar⸗ garetha lebhaft und ernſtlich zu unterſlützen, ſo ſah er ſo⸗ gleich allen Vortheil für ſeine kalte Staatskunſt ein, der ſich aus dieſer knabenhaften Liebe ziehen ließ. Ludwig hegte eine wohlbegründete Furcht vor dem kriegeriſchen Geiſte und den militäriſchen Talenten Eduard des Vierten, und dieſe Furcht hatte ihn bisher zurückgehalten, ſich offen für die Sache der Lancaſtrier zu erklären, obgleich fie ihn nicht verhinderte, den Aufruhr und die Intriguen zu mehren, welche die Aufmerkſamkeit des kriegeriſchen Plantagenet auf die Gefahren ſeines eigenen Reiches heſchränken konnten. Aber jetzt, da der Bruch zwiſchen Warwick und dem Könige ſtattgefunden hatte— jetzt da der Graf den Wunſch des engliſchen Monarchen nicht länger bändigen konnte, ſeine erblichen Anſprüche ar die ſchönſten Provinzen Frankreichs, ja vielleicht an Frankreich ſelbſt geltend zu machen— während Lor War ſchei ihre zu m und Verl an. ſchen brin liebt rend Mar zu v zu br ches all nach übrig wide Verk trach rethe ſeine zigen in A war Rom zwiſe ncaſter. blauen vofe zu F. er⸗ längſt Ebuard untniß Por⸗ Oxford ontagu uſtande n Mar⸗ h er ſo⸗ ein, der Ludwig geriſchen Vierten, ich offen gleich fie atriguen geriſchen Reiches wiſcher — jetzt zen nicht rüche an leicht ar end Lor 37 Warwicks Niederlage den Laneaſtriern die erſte wahr⸗ ſcheinliche Hoffnung auf glücklichen Erfolg gewährte, ihre eigenen Anſprüche an den engliſchen Thron geltend zu machen— ſo wendete er alle Kraft ſeines Geiſtes und Willens zu der Wiedereinſetzung eines natürlichen Verbündeten und zu dem Sturze eines gefährlichen Feindes an. Aber er wußte, daß Margaretha und ihre laneaſtri⸗ ſchen Anhänger nicht allein eine Revolution zu Stande bringen könnten— daß es ihnen nur vermöge der Be⸗ liebtheit und der Macht Warwicks gelingen könne, wäͤh⸗ rend er bemerkte, welche Liſt nöthig ſein würde, um Margaretha zu bewegen, ihre lange genährte Rachſucht zu vergeſſen und den Stolz des großen Grafen dahin zu bringen, das Weib als Monarchin anzuerkennen, wel⸗ ches ihn als Verräther gebrandmarkt. Lange vor Lord Oxfords Ankunft hatte Ludwig mit all der Gewandtheit, die ihm eigen war, den Grafen nach und nach auf die einzige Wahl vorbereitet, die ihm übrig blieb, wenn er nicht machtlos das Gefühl des ihm widerfahrenen Unrechts zu ertragen und auf immer als Verhannter leben wolle. Der Koͤnig von Frankreich be⸗ trachtete mit mehr Unruhe die Bedenklichkeiten Marga⸗ rethens, und um dieſe zu entfernen, vertraute er weniger ſeiner eigenen Gewandtheit als ihrer Liebe zu ihrem ein⸗ zigen Sohne. Da der junge Eduarbd ſeine Iugend größtentheils in Anjon, jenem Hofe der Troubadours, zubrachte, ſo war ſein glühender Geißt von der ſüdlichen Poeſie und Romantik erfüllt worden. Vielleicht hatte die Fehde zwiſchen ſeinem Hauſe und dem des Lord Warwick, ob⸗ gleich Beide gemeinſchaftlich ihre Abkunft von Johann von Gaunt herleiteten, vermöge der Widerſprüche des menſchlichen Herzens nur dazu gedient, ihm die Erinne⸗ rung an die ſanfte Anna theuer zu machen. Er gehorchte mit Freuden der Aufforderung Ludwigs, erſchien bei Hofe, wurde Anna als Graf von F. vorgeſtellt, fand, daß er auf den erſten Blick wieder erkannt werde— denn ſein Portrait lag noch an ihrem Herzen und die Erinnerung an ihn weilte im Innern deſſelben— und zweimal vor dem angeführten Liede hatte er in Über⸗ einſtimmung mit den liebenswürdigen Gebräuchen von Anzou gewagt, die Dame ſeiner Liebe unter dem Schat⸗ ten des ſternbeſchienenen Gebüſches anzureden. Aber das letztemal war er von ſeiner früheren Beſonnenheit abgewichen; bisher hatte er eine ſpätere Stunde der Nacht gewählt, und ſich nur unter das Fenſter des Mädchens gewagt, wenn Alles im Palaſte ſchlief. Und die furchtloſe Erklärung ſeines Ranges und ſeiner Liebe, die er jetzt wagte, war von einem Manne angegeben, der die wildeſten Launen des Sängers, die hegeißertſte Romantik der Jugend zu ernſten Zwecken anzuwenden geneigt war. Ludwig hatte gerade von Orford das Reſultat ſeiner Unterredung mit Warwick erfahren. Zu derſelben Zeit erhielt er einen Brief von Margaretha, worin ſie ihm ihre Abreiſe von dem Schloſſe Verdun nach Tours mel⸗ dete, wohin ſie ihn zugleich zu kommen bat und er⸗ wähnte, ſie habe Nachrichten von England erhalten, die vielleicht alle ihre Pläne verändern und mehr als je ohann he des rinne⸗ porchte en bei fand, tde— und die — und Über⸗ en von Schat⸗ Aber nenheit de der ter des f. Und Liebe, egeben, iertſte wenden t ſeiner een Zeit ſie ihm rs mel⸗ und er⸗ thalten, r als je 39 die Moͤglichkeit einer Ausſöhnung mit dem Grafen von Warwick verhindern dürften. Der König ſah die Nothwendigleit ein, die Hülfe, welche ihm die Gegenwart und die Leidenſchaft des jungen Prinzen verſprach, in Anwendung zu bringen. Er ſuchte ihn ſogleich auf— fand ihn in einem ent⸗ fernten Theile des Gartens und behorchte ihn, wie er bei ſich ſelber das Lied wiederholte, welches er eben gedichtet hatte. „Bei Gott!“ ſagte der König, indem er ſeine Hand auf des jungen Mannes Schulter legte—„wenn Ihr nur das Lieh wiederholen wollt, wo und wann ich es Euch ſage, ſo verſpreche ich Euch, daß Lord Warwick, ehe der Monat zu Ende iſt, ſeine Tochter mit Euch verloben ſoll, und ehe das Jahr geſchloſſen iſt, ſollt Ihr neben Lord Warwicks Tochter in den Hallen von Weſtminſter ſitzen.“ Der königliche Troubadour befolgte den Rath des Königs. Das Lied war zu Ende; der Sänger kam aus dem Gebüſch hervor und ſtand auf dem Raſenplatze, als aus dem Nehenpförtchen des Palaſtes mit langſamen Schritten eine Geſtalt hervorkam, vor welcher er als Prinz und als Liebhaber im Kriege und im Frieden nicht zittern durfte. Die erſten Sterne waren jetzt auf⸗ gegangen; das Licht, obgleich heiter, war bleich und undeutlich. Die beiden Männer— der Eine näher kommend, der Andere bewegungslos ſtehen bleibend— ſahen einander mit ernſtem Schweigen an. Als Grafen von F. hatte der Graf unter den jungen Cavalieren im Gefolge des Königs den Erben Englands kaum bemerkt. — Jetzt ſah er ihn mit andern Blicken an— mit geheimem Wohlgefallen; denn vermöge der Schwäche eines Krie⸗ gers ſchätzte der kriegeriſche Baron die Männer zu ſehr nach ihrem Außern— und er erblickte eine Geſtalt, die ſchon männlich und ſtark war, obgleich ſie noch die gra⸗ ziöſe Symmetrie eines achtzehenjährigen Juͤnglings hatte. „Ein Juͤngling von gutem Ausſehen,“ murmelte der Graf bei ſich ſelber,„mit der Würde, die im Frie⸗ den gebietet, und Muskeln, die im Kriege Mühſeligkeiten und dem Tode Trotz bieten können.“ Er näherte ſich und ſagte ruhig:„Herr Sänger, wer nach Ruhm oder nach der Schoöͤnheit ſtrebt, mag vielleicht die Laute lieben, aber er muß auch das Schwert ſchwingen koͤnnen. So glaube ich wenigſtens würde Heinrich der Fünfte zu dem geſprochen haben, der auf das Schwert von Agineourt, als auf ſeine Erbſchaft, Anſpruch macht.“ „O edler Graf!“ rief der Prinz, durch Worte ge⸗ rührt, die viel ſanfter waren, als er ſte zu hoffen ge⸗ wagt hatte, indem er ſich einer freimüthigen und an⸗ muthigen Bewegung hingab—„o edler Graf! da Ihr mich kennt— da mein Geheimniß Euch bekannt iſt— da ich in dieſem Geheimniß eine Hoffnung ausgeſprochen habe, die mir eben ſo theuer iſt, wie die Krone und theurer als das Leben, kann ich hoffen, daß Euer Tadel nur Eure Gunſt verſchleiert und daß vor Lord Warwicks Augen der Enkel Heinrichs des Fünften ſich des Blutes würdig zeigt, welches in ſeinen Adern glüht.“ „Edler Herr und Prinz,“ ſagte der Graf, deſſen ſtreuge und ehle Natur durch Ednards Bewegung und eimem Krie⸗ u ſehr lt, die e gra⸗ hatte. rmelte Frie⸗ gkeiten änger, „ mag chwert würde der auf dſchaft, rte ge⸗ fen ge⸗ nd an⸗ da Ihr iſt— prochen ne und Tadel arwicks Blutes deſſen g und — als auf die wohlbekannte Liebe für England, für 41 Feuer erwärmt und erfreut wurde,„es ſind leider tiefe Erinnerungen an Blut und geſchehenes Unrecht— die traurigen Thaten und die grimmigen Warte der Par⸗ teifehde und des Bürgerkrieges zwiſchen Eurer könig⸗ lichen Mutter und mir; und wenn wir uns auch jetzt gegen einen gemeinſchaftlichen Feind vereinen mögen, ſo fürchte ich doch ſehr, daß Lady Margaretha keine engere Freundſchaft, kein näheres Band, als die Noth der Stunde es erfordert, zwiſchen Richard Nevile und ihrem Sohne geſtatten würde.“ „Nein, Herr Graf, laßt mich hoffen, daß Ihr ſie verkennt. Hitzig und ungeſtüm mag fie ſein, aber nicht gemein und verrätheriſch, und in dem Augenblick, wo ſte den Dienſt Eures Armes annimmt, muß ſie ver⸗ geſſen, daß Ihr ihr Feind geweſen ſeid; und wenn ich als der Erbe meines Vaters nach England zurückkehre, ſo geſchieht es in dem Vertrauen, das ein nenes Zeitalter gewinnen wird. Frei von den leidenſchaftlichen Feind⸗ ſchaften irgend einer Partei, ſind Yorkiſten und Lanca⸗ ſtrier nur Engländer für mich. Gerechtigkeit Allen, die uns gedient haben— Verzeihung Allen, die ſich wider⸗ ſetzt haben.“ Der Prinz ſchwieg und ſelbſt hei dem trüben Lichte gab ſein königliches Weſen ſeinen königlichen Worten Eindruck.„Und wenn Ihr dieſen Entſchluß billigt— und wenn Ihr ſeid, großer Graf, wofür Euch ſelbſt Enre Feinde erklären, ein Mann, deſſen Macht weniger auf Landbeſttz und Baſallen gegründet iſt— ſo groß auch der eine und ſo zahlreich die Andern ſein mögen Englands Ruhm und Frieden, ſo ſteht es bei Euch, auf immer in einem Grabe die Fehben Laneaſters und Yorks zu begraben! Welcher Yorkiſt, der bei Touton oder St. Albans unter Lord Warwicks Fahne gefochten, wird ſein Schwert gegen den Gemahl der Tochter des Lord Warwick erheben, welcher Lancaſtrier wird nicht einem Yorkiſten verzeihen, wenn Lord Warwick, der Verwandte des Herzogs Richarb, der Vater des lancaſtriſchen Erben und das Bollwerl des laneaſtriſchen Thrones wird? O Warwick, wenn nicht um meinetwillen, wenn nicht um Euch an dem Undankbaren zu rächen, den Ihr auf meines Vaters Thron geſetzt zu haben bereuet, wenig⸗ ſtens um Englands willen— zur Heilung der blutenden Wunden des Vaterlandes— um das getheilte Volk zu vereinen, hört den Enkel Heinrichs des Fünften an, der Euch um die Hand Eurer Tochter anfleht!“ Der königliche Bittende beugte ſein Knie, während er ſprach— der mächtige Unterthan ſah und verhin⸗ derte die Bewegung des Prinzen, der in dem Liebenden ſich ſelbſt vergeſſen hatte; er erhob die Hand, die er faßte, zu ſeinen Lippen und im nächſten Augeublick um⸗ ſchlang des jungen Prinzen Arm in männlicher und kriegeriſcher Umarmung die breite Schulter des Koͤnigs⸗ machers. Dit icch, auf Yorks eun oder n, wird 2s Lord t einem wandte Erben db?2 O icht um Ihr auf wenig⸗ lutenden Volk zu an, der vährend verhin⸗ ebenden „die er lick um⸗ her und Koͤnigs⸗ 43 Neuntes Kapitel. Die Unterredung des Grafen Warwick mit der Königin Mar⸗ garetha. Ludwig eilte zu Margaretha nach Tours; dorthin kam auch ihr Vater René, ihr Bruder, Johann von Calabrien, ihre Schweſter Yolante und der Graf von Vandemonte. Das Wiederſehen der Königin und ihres Vaters René war ſo rührend, daß ſelbſt in Ludwig des Elften harte Augen Thränen traten; aber als die erſte Anfregung vorüber war, zeigte Margaretha, wie wenig die Trübſal ihren hohen Geiſt gedemüthigt oder ihre zornigen Leidenſchaften beſänftigt hatte, und ſie unter⸗ brach Ludwig bei jedem Beweggrunde zur Ausſöhnung mit Warwick.„Nicht mit Ehre für mich und meinen Sohn,“ rief ſle,„kann ich jenem grauſamen Grafen ver⸗ zeihen, der die Haupturſache von König Heinrichs Fall iſt! Vergebens ſchließt man einen hohlen Frieden zwi⸗ ſchen uns, der nud dem Scheine nach beſtehen kann! Mein Geiſt kann niemals damit zufrieden ſein— ich will nichts von Verzeihung hören!“ Mehre Tage führte ſie eine Sprache, welche die Haupturſache ihrer eigenen unpolitiſchen Leidenſchaften verrieth, wodurch ſie ihre Krone verloren hatte. Sie zeigte Ludwig den Brief, worin ihrem Sohne die Hand der Lady Eliſabeth angeboten wurde und fragte:„ob das nicht eine vortheilhaftere Partie ſei— ob es nöthig ſei, daß ſie verzeihe und ob es nicht würdevoller von ihr ſei, mit Eduard zu verhandeln als mit einem zwie⸗ fachen Rebellen?“ In der That wäre die Koͤnigin vielleicht, ungeachtet aller Beweisgründe und halben Drohungen des ſcharf⸗ ſinnigen Ludwig, in Glouceſters liſtige Schlinge gegangen, wäre nicht ein gegenwirkender Einfluß da geweſen, auf den Richard nicht gerechnet hatte. Prinz Eduard, der zuruͤckgeblieben war, kam von Amboiſe an, und ſeine Üüberredungen wirkten mehr, als alle Vorſtellungen des ſtaatsklugen Königs. Die Königin liehte ihren Sohn mit der Innigkeit, welche die ſanfte Neigung heftiger Naturen auszeichnet. Nie hatte ſie ſich ſeinen kindiſchen Launen widerſetzt und jetzt ſprach er mit der Beredſam⸗ keit eines Jünglings, der ſein Herz und das Leben ſeines Lebens in ſeine Worte legte. Endlich willigte ſie wider⸗ ſtrebend in eine Unterredung mit Warwick. Der Graf kam, von Orford begleitet, in Tours an und die beiden Edelleute wurden zu Margareiha und König Ludwig geführt. Der Leſer muß ſich ein Zimmer vorſtellen, welches durch dichte Fenſtervorhänge verdunkelt wurde, denn das ſtolze Weib wollte nicht, daß der Graf in ihrem Geſichte die Verwüſtungen der Jahre oder die Bewe⸗ gungen des beleidigten Stolzes entdecken ſolle. Auf einem Thronſeſſel, der auf der Erhöhung ſtand, ſaß die bewegungsloſe Königin, ihre Hände faßten krampf⸗ haft die Armlehnen des Stuhles, ihre Züge waren bleich und ſtarr— und hinter ihrem Stuhle lehnte die an⸗ muthige Geſtalt ihres Sohnes. Die Perſon des lanea⸗ ſtriſchen Prinzen war nicht viel weniger ausgezeichnet, als die ſeines feindlichen Namensvetters, aber von ſehr verſchiedenem Charakter. Schlank und faſt hager, gleich unbe Bruß die 2 zu C Ausf Man Liebl Bru einze Prin und des ware edles den ſchie Jah Ben Jug ſowi eint gepr ſich Arm nung ſam Son und chtet arf⸗ gen, auf der ſeine des Sohn tiger ſchen ſam⸗ eines ider⸗ Graf eiden dwig Aches denn hrem zewe⸗ Auf faß mpf⸗ bleich e an⸗ lanca⸗ chnet, n ſehr gleich 45 Heinrich dem Fünften, erſchienen ſeine Proportionen unbedeutend gegen die ſtattliche Majeſtät und die breite Bruſt Eduards, doch deuteten ſie faſt auf gleiche Stärke; die Maskeln waren durch frühe Übung in den Waffen zu Eiſen verhärtet und die jugendliche Blüte nicht durch Ausſchweifungen zerſtört. Auf ſeinen kurzen purpurnen Mantel, mit Hermelin beſetzt, war ſeines Großvaters Lieblingsdeviſe, der ſtlberne Schwan, geſtickt— auf der Bruſt trug er den Oeden des heiligen Georg und die einzelne Straußfeder, welche das Kennzeichen des Prinzen von Wales ausmachte, bog ſich über eine weiße und hohe Stirn, auf welcher ſelbſt damals ſchon Linien des Nachdenkens und des hohen Entwurfes zu ſehen waren; ſein nußbraunes Haar lockte ſich dicht um ſein edles Haupt und ſein dunkles und glänzendes Auge hatte den Ausdruck des kräftigen Verſtandes. Alles an ihm ſchien einen Geiſt zu bezeichnen, der reifer war als ſeine Jahre, eine männliche Einfachheit des Geſchmacks und Benehmens, ein ernſtes Temperament, welches in der Jugend meiſtens mit reinen und erhabenen Wünſchen, ſowie mit einer ehrenvollen und ritterlichen Seele ver⸗ eint iſt. Unterhalb der Erhöhung ſtanden einige von den geprüften und tapferen Herren, die dem Eril getrotzt, ſich durch ihre Anhänglichkeit an das Haus Laucaſter der Armuth ausgeſetzt hatten, und ſich jetzt in der Hoff⸗ nung auf beſſere Tage wieder um ihre Königin ver⸗ ſammelten. Da waren die Herzoge von Exeter und Somerſet mit beſchmutzten und abgetragenen Kleidern, und manchen Tag hatten dieſe großen Herren in bet⸗ telhafter Armuth gelebt! Da ſtand Sir John Fortes⸗ eue, der ſeine berühmte Abhandlung zum Beſten des jungen Prinzen geſ ſchrieben, worin etwas zuviel von der Übung in Lanze und Schwert und von der Erholung des ritterlichen Geſanges vorkommt. Da waren Jaſper von Pembroke, Sir Henry Rous, der Graf von De⸗ mont und der Ritter von Lytton, und im Gegenſatze zu den nüchternen Kleidern der Verbannten ſchimmerten die Juwelen und der Goldſtoff, welche die reicheren Fremden beheckten, nämlich Ferri, Grafen von Vaude⸗ monte, Margarethens Bruder, der Herzog von Cala⸗ brien, und vie kräftige Geſtalt Sir Pierre de Brezé, der Margaretha auf ihren letzten unheilvollen Feldzügen mit aller Anhänglichkeit eines Ritters für eine erhabene Dame, die er insgeheim anbetete, begleitet hatte. Als die Thür ſich öffnete und den Augen dieſer ſtol⸗ zen Verbannten die Geſtalt ihres mächtigen Feindes zeigte, da unterdrückten ſie nur mit Mühe das Gemur⸗ mel ihres Rachegefühls und ihre Blicke wendeten ſich mit Theilnahme und Kummer zu dem farbloſen Geſichte ihrer Königin. Der Graf ſelber war verſtört— ſein Schritt we⸗ niger feſt, ſein Kopf weniger hochgetragen und ſein Auge weniger ſtet und heiter. Aber neben ihm ging Ludwig der Elfte in noch de⸗ müthigerer Kleidung als die des ernſten Verbannten und von einem Ausſehen und in einem Aufzuge, wie er auf immer in Vietor Hugo's und Walter Seotts Schil⸗ derungen lebt. „Frau Couſine,“ ſagte der König,„wir ſtellen Euch derſelb Ihr E rtes⸗ des von lung ſper De⸗ de zu erten deren zude⸗ Lala⸗ „der mit bene ſtol⸗ indes mur⸗ hmit ihrer we⸗ Auge h de⸗ und r auf Schil⸗ 47 den Mann vor, deſſen hohen Muih und gefürchteten Ruf wir ſo ſehr lieben und achten, ſo daß wir ihn ſo hoch ſchätzen, wie nur irgend einen König und ebenſo viel fur ihn thun würden, wie nur für irgend einen lebenden Menſchen; und neben Lord Warwick ſeht auch dieſen edlen Grafen von Oxford, der, obgleich er es eine Weile mit den Feinden Ihrer Majeſtät gehalten, jetzt kommt, Euch um Verzeihung zu bitten und ſein Schwert zu Euren Fußen niederzulegen.“ Lord Orford, der ſich ſtets ungern der Dynaſtie von York angeſchloſſen hatte, warf ſich bereitwilliger als Warwick vor Margaretha auf ſeine Kniee und ſeine Thraͤnen ſielen auf ihre Hand, während er ſie um Ver⸗ zeihung bat. „Steht auf, Sir John de Vere,“ ſagte die Königin, mit prüfenden Angen von Orford zu Lord Warwick hinblickend.„Eure Verzeihung iſt leicht zu erkaufen, denn ich weiß, daß Ihr Euch nur der Zeit fügtet— und Ihr und die Eurigen haben viel für König Heinrichs Sache gelitten; ſteht auf, Herr Graf.“ „Und“ ſagte eine ſo tiefe und feierliche Stimme, daß Alle, die ſie hörten, den Athem auhielten—„und hat Margaretha auch Verzeihung für den Mann, der mehr that, als alle Andere, um König Heinrich zu ent⸗ thronen, und auch mehr thun kann, als Alle, um ſeine Krone wieder herzuſtellen?“ „Ha!“ rief Margaretha in ihrer Leidenſchaft auf⸗ ſtehend und die Hand ihres Sohnes von ſich ſtoßend, die derſelbe auf ihre Schulter gelegt hatte—„ha! geſteht Ihr Euer Unrecht ein, ſtolzer Lord? Kommt Ihr end⸗ lich, um zu den Fuͤßen der Koͤnigin Margaretha nieder⸗ zuknieen? Seht ihren Hof— ein Dutzend tapfere und unglückliche Herren, aus ihrer Heimath und ihren Be⸗ ſitzungen getrieben— ihre Erbſchaft Schurken und knechtiſchen Güntlingen zur Beute geworden— ihr Monarch im Gefängniß— ihres Monarchen Weib, ihres Monarchen Sohn von dem engliſchen Boden ver⸗ trieben und verfolgt! Und kommt Ihr jetzt zu der ge⸗ fallenen Majeſtät des Kummers, um Euch Eurer Tha⸗ ten zu rühmen?“ „Verehrte Mutter,“ begann der Prinz— „Mach' mich nicht wahnſinnig, mein Sohn. Ver⸗ zeihung iſt für die Glücklichen, nicht für die, welche ſich im Unglück und in der Noth befinden.“ „Hört mich an,“ ſagte der Graf, der ſeinen Stolz einmal zu der Unterredung herabgeſtimmt hatte, und ſich gegen eine Leidenſchaft ſtählte, die er in ſeinem Herzen als den Ausbruch der unwiderſtehlichen Wuth eines Weibes verachtete;„denn ich habe ein Recht, gehört zu werden, und keiner von dieſen Rittern, Euren treuſten und edelſten Freunden, kann von mir ſagen, daß ich mich je herabgelaſſen habe, meingg dlungen zu ver⸗ ſchönern oder kühne Thaten mit liſtigen Worten zu ent⸗ ſchuldigen. Theuer als Waffenbruder— geheiligt wie das Haupt eines Vaters— war mir Richard von York, mein Oheim durch Heirath mit Lord Salisbury's Schwe⸗ ſter. Ich rede jetzt nicht von ſeinen Rechten der Abkunft, denn die konnte ſelbſt Koͤnig Heinrich nicht läugnen, doch hehaupte ich in Eurer Gegenwart, daß ſie von der Art waren, mich und die vielen trenen und tapfern nieder⸗ ere und en Be⸗ en und — ihr Weib, eenn ver⸗ der ge⸗ r Tha⸗ Ver⸗ iche ſich 49 Maͤnner, die ſie auf dem Schlachtfelde und dem Schaf⸗ fote behaupteten, vor dem Vorwurfe der Verrätherei ſchützten. Es mochte ein Irrthum ſein— aber es war der Irrthum von Männern, die ſich für die Vertheidiger einer gerechten Sache hielten. Auch gab ich mich nicht ganz dem Streite meines Verwandten hin, Königin Margaretha, noch theilte ich einen Plan, der zur Ab⸗ ſetzung König Heinrichs führen konnte, bis— verzeihet, wenn ich zu frei rede; es iſt meine Gewohnheit und würde es jetzt noch um ſo mehr ſein, wäre es nicht we⸗ gen Eures ſchönen Geſichts und Eurer weiblichen Ge⸗ ſtalt, welchen ich weniger entgegen zu treten wagen würde, als dem finſtern Blicke des löwenherzigen Nichard oder des erſten großen Eduard— verzeiht mir, ſage ich, wenn ich zu frei rede und behaupte, daß ich niemals eher König Heinrichs Feind war, als bis falſche Rath⸗ geber meinen Untergang in Land und Leben beſchloſſen hatten. Mitten im Frieden zu Conventry entkamen mein Vater und ich nur mit genauer Noth dem Meſſer des Mörders. Die Knechte und Henker im Dienſte Ihrer Majeſtät überfielen mich, als ich unbewaffnet durch die Straßen von Lonpoge ging; etwas ſpaͤter wurde mein guter Name von einem nungeſetzlichen Parlament ent⸗ adelt. Und erſt nach allen dieſen Dingen ritt Richard, Herzog von York, in die Halle von Weſtminſter und legte ſeine Hand an den Thron; und erſt nach allen dieſen Dingen ſagten mein Vater Salisbury und ich zu einander:„„die Zeit iſt gekommen, wo für uns unter König Heinrichs Regierung weder Friede noch Ehre zu finden iſt.““ Tadelt mich, wenn Ihr wollt, Königin Bulwer, Bgronk, III. 4 Margaretha; weist mich zurück, wenn Ihr meines Schwertes nicht bedürft; aber was ich in frühern Tagen that, war von der Art, was kein ſo beleidigter und zur Verzweiflung gebrachter Edelmann zu thun ſich geſcheut hätte— in Betracht, daß England nicht die Erbſchaft des Königs allein iſt, ſondern, daß Sicherheit und Ehre, Freiheit und Gerechtigkeit die Rechte ſeines normänni⸗ ſchen Adels und ſeines angelſächſiſchen Volkes find. Und Rechte werden zum Spott und Gelächter, wenn ſie nicht den Widerſtand rechtfertigen, wenn ſie verletzt werden, von wem es auch geſchehe.“ Nur mit einer gewaltſamen Anſtrengung hatte ſich Margaretha zurückgehalten, dieſe Anrede nicht zu unter⸗ brechen, die indeß keine unbedeutende Wirkung auf die rſtterlichen Zuhörer um den Thron hervorbrachte. Und nun, als der Graf ſchwieg, wurde ihr Unwille plötzlich durch den Schreck unterbrochen, als ſte den jungen Prinzen plötzlich ſeinen Poſten verlaſſen und an War⸗ wicks Seite treten ſah. „Vortrefflich habt Ihr geſprochen, edler Graf und Vetter— vortrefflich, wenn gleich offen und frei.“„Und ich,“ fügte der Prinz hinzu,„mit Vorbehalt der Gegen⸗ wart meiner Koͤnigin und Mutter— ich, der Repräſen⸗ tant meines königlichen Vaters, will Euch in ſeinem Namen Vergeſſenheit und Verzeihung des Vergangenen verſprechen, wenn Ihr dagegen meine königliche Mutter von aller Mitwiſſenſchaft an den Schlingen, die man Eurem Leben und Eurer Ehre gelegt, frei ſprecht und Euer ritterliches Wort gebt, von jetzt an dem Hauſe Lancaſter getreu zu ſein. Alle Erinnerungen an die Ver⸗ Feinde über T ſunken betrach ganzen und de mir ein ſelben Fort, neines Tagen nd zur eſcheut sſchaft Ehre, nänni⸗ . Und enicht derden, gangenheit, welche Mauern zwiſchen die Seelen der tapfern Männer ſtellen können, mögen verſchwinden!“ Bis zu dieſem Augenblick hatte Ludwig ſeine Arme über ſein Gewand gefaltet, ſein ſchmales ſuchsähnliches Geſicht auf den Boden gerichtet, ſchweigend und unge⸗ ſtort zugehoͤrt. Jetzt hielt er es an der Zeit, die Bitte des Prinzen zu unterſtützen. Heuchleriſch mit der Hand über ſeine thränenloſen Augen fahrend, wendete ſich der König zu Margaretha und ſagte: „Freudige Stunde!— Glückliche Vereinigung!— Mögen die heilige Jungfrau und der heilige Martin die Verbindung heiligen und ſegnen, durch welche allein meine geliebte Verwandte ihre Rechte und ihr König⸗ reich wieder erlangen kann. Amen.“ Ohne auf dieſen frommen Ausruf zu achten, indem ihr Buſen ſich hob und ihre Augen von dem Grafen zu Eduard hinwanderten, gab ſich Margaretha endlich dem Ausbruche ihrer Leidenſchaft hin. „Iſt es dahin gekommen, Prinz Eduard von Wales, daß das Deiner Mutter widerfahrene Unrecht nicht mehr das Deine iſt? Stehſt Du zur Seite meines tödtlichen Feindes, der anſtatt die Verrätherei zu bereuen, nur über Beleibigung zu klagen wagt? Bin ich ſo tief ge⸗ ſunken, daß meine Stimme nur wie ein leerer Schall betrachtet wird? Gott meiner Väter, höre mich! Von ganzem Herzen reiße ich mich von dem letzten Gedanken und der Sorge für den Pomp der Erde los. Verhaßt iſt mir eine Krone, um derentwillen ſich der Träger der⸗ ſelben vor einem Feinde und Rebellen beugen muß! Fort, Graf Warwick! Unnatürlich erſcheint es der Gattin des gefangenen Heinrich, Euch an der Seite von Heinrichs Sohne zu ſehen!“ Jedes Auge wendete ſich in Furcht zu dem Geſichte des Grafen, und jedes Ohr horchte auf die Antwort, die ſich von ſeiner wohlbekannten Hitze und ſeinem Stolze erwarten ließ— eine Antwort, die auf immer die letzte Hoffnung der laneaſtriſchen Linie zerſtören mußte. Aber ob das Bewußtſein ſeiner Macht, die zornige Rednerin zu erheben oder zu zermalmen, oder ob jene halb ritter⸗ lichen, halb verächtlichen Gefühle den natürlichen Zorn hei dem Gedanken an Margarethens Kummer unter⸗ drückten, oder ob die gewohnte Reizbarkeit ſeines Tem⸗ peraments zu einer beſtändigen und tiefen Leidenſchaft der Rache gegen Eduard von York hingeſchmolzen war, welche alle geringeren Urſachen zum Zorne verſchlang — des Grafen Geſicht, obgleich todtenblaß, war unbe⸗ wegt und ruhig, und er antwortete mit ernſtem und ſchwermüthigem Lächeln:„Mehr achte ich Euch, o Köni⸗ gin, wegen der hitzigen Worte, welche eine Wahrheit zeigen, die ſelten von königlichen Lippen kommt, alzs hättet Ihr Euch herabgelaſſen, die Verzeihung und freund⸗ liche Theilnahme zu erheuchelu, welche die Erinnerung Euch nicht zu fühlen geſattet! Nein, fürſtliche Mar⸗ garetha, noch kann keine aufrichtige Freundſchaft zwi⸗ ſchen Euch und mir ſein! Auch rühme ich mich nicht der Zuneigung, die jener tapfere Herr gezeigt hat. Offen, wie Ihr geredet habt, ſage ich, daß das Unrecht, wel⸗ ches ich von einem Andern erlitten habe, mich allein zu Euch bringt! Mögen Andere Euch aus Liebe zu Hein⸗ rich dienen— verwerft nicht meinen Dienſt aus Rache te von heſichte ntwort, Stolze ſe letzte .Aber ednerin ritter⸗ n Zorn unter⸗ 3 Tem⸗ uſchaft en war, ſchlang r unbe⸗ em und „ Köni⸗ ahrheit nt, als freund⸗ nerung Mar⸗ ft zwi⸗ icht der Offen, t, wel⸗ illein zu u Hein⸗ 3 Rache 53 gegen Eduard— von jetzt an bin ich eben ſo ſehr ſein Feind, als früher ſein Freund und Anhänger. Und wenn Ihr Ench ſpäter auf dem Throne der früheren Kriege erinnern ſolltet, ſo ſeid Ihr mir wenigſtens keine Dank⸗ barkeit ſchuldig und Ihr könnt mein Herv nicht verletzen wie der Mann, den ich einſt mehr als einen Sohn liebte! So entferne ich mich aus Eurer Gegenwart, ohne mich über Euren Zorn zu ärgern— erinnere mich nur Eures gerechten und ſanften Herzens, junger Prinz, und bin in meiner ruhigen Seele, worin ſich viel von unſerem Geſchick wie in einem Spiegel darſtellt, überzeugt, daß, wenn Eure ruhige Stimmung zurückkehrt, Ihr einſehen werdet, daß die Verbindung zwiſchen uns geſchehen muß— daß Euer Zorn als Weib Enren Pflichten als Mutter, Eurer Zaͤrtlichkeit als Gattin und Euren feier⸗ lichen Verpflichtungen gegen das Volk, welches Ihr als Königin beherrſcht habt, weichen muß! In der Tiefe der Nacht werdet Ihr die Stimme Heinrichs aus ſeinem Gefängniſſe hören, der Margaretha bittet, ihn in Frei⸗ heit zu ſetzen! Das Bild Eures Gohnes wird ſich vor Euch erheben und fragen, warum ſelne Muiter ihn einer Krone heraubt. Schaaren bleicher Landleute, von der tyranniſchen Herrſchaft niedergedrückt, und verzwei⸗ felnde Väter, die um ihre entehrten Kinder trauern, werden die chriſtliche Königin fragen, ob Gott den Zorn billigen wird, der das einzige Werkzeug verwirft, welches ihr Volk retten kann?“ Als der Graf dies geſprochen hatte, verneigte er ſich und wendete ſich um; aber bei dem erßen Zeichen ſeiner Entfernung entſtand eine allgemeine Bewegung 54 unter den edlen Umſtehenden. Von der Würde ſeines Benehmens ergriffen, von der Größe ſeiner Macht und der unbeſtrittenen Wahrheit überzeugt, daß Margaretha, wenn ſie ſeinen Beiſtand zurückwies, auch die Erbſchaft ihres Sohnes verlor, warfen ſich die Verbannten wie verabredet zu den Fuͤßen der Königin und riefen faſt mit denſelben Worten:„Gnade, edle Konigin!— Gnade für den großen Lord Warwick!“ „Meine Schweſter,“ flüſterte Johann von Cala⸗ brien,„Du bringſt Deinem eigenen Sohne den Unter⸗ gang, wenn Du den Grafen ſich entfernen läſſeſt.“ „Bei Gott! beläſtigt meine Coufine nicht— wenn ſie ein Kloſter dem Throne vorzieht, ſo tretet ihrer hei⸗ ligen Wahl nicht in den Weg,“ ſagte der liſtige Ludwig mit ſpoͤttiſcher Ironie in ſeinen zuſammengekniffenen Lippen. Der Prinz allein ſprach nicht, ſondern blieb ſtol, auf derſelben Stelle ſtehen und ſah den Grafen an, alz er langſam auf die Thür zuging. „O Eduard— Eduard— mein Sohn!“ rief die unglückliche Margaretha,„wenn ich um Deinetwillen die Vergangenheit vergeſſen muß— ſo rede Du für mich!“ „Ich habe geredet,“ ſagte der Prinz ſanft,„un Ihr habt mich geſcholten, edle Mutter; doch mich dünkt ich ſprach, wie Heinrich der Fünfte würde gethan haben wenn es in ſeiner Macht geſtanden, aus einem mäch⸗ tigen Feinde einen edlen Freund zu machen!“ Ein karzes, krampfhaftes Schluchzen wurde von dem Thronſeſſel her gehört, und es verſtummte eben ſo plötzlich als es ausbrach. Königin Margaretha ſtan Lieb ſeines cht und Jaretha, rbſchaft ten wie faſt mit Gnade 1 Cala⸗ Unter⸗ ſt. 4 — wenn brer hei⸗ Ludwig kniffenen ieb ſtol⸗ an, alz rief die eillen die rmich! ft,„und ch dünkt n haben m mäch ede von nte ebe tha flan 55 auf, und keine Spur von jener ſtürmiſchen Bewegung war in der großartigen und marmornen Schöͤnheit ihres Geſichts zu ſehen. Ihre unnatürlich ruhige Stimme feſſelte die Schritte des Grafen. „Lord Warwick, vertheihigt dieſen Knaben— ſtellt ſeine Rechte wieder her— befreit ſeinen geheiligten Vater — und Margaretha von Anjou verzeiht dem Retter ihres Sohnes Jahre des Leihens und der Verbannung!“ In einem Augenblick war Prinz Eduard wieder an des Grafen Seite— noch ein Augenblick, und des Gra⸗ fen ſtolzes Knie bog ſich huldigend vor der Königin— Freudenthränen waren in den Augen ihrer Freunde und Verwandten— ein triumphirendes Lächeln zeigte ſich auf Ludwigs Lippen— und Margarethens Geſicht— ſchrecklich wegen ſeiner ſteinernen und verſchloſſenen Ruhe, war erhoben, als bitte ſie den Allerbarmer um Verzei⸗ hung wegen der Verzeihung, welche die menſchliche Sünderin gewährt hatte! Zehntes Kapitel. Liebe und Ehe— Zweifel des Gewiſſens— Häusliche Eifer⸗ ſucht— und häuslicher Verrath. Die Ereigniſſe, welche auf dieſe ſürmiſche Unter⸗ redung folgten, waren von der Art, wie ſie die Stellung der Parteien nothwendigerweiſe erforderte. Ludwigs Liſt — die Exnergie und die Liebe des Prinzen Ebuard, und die Vorſtellungen aller ihrer Verwandten und Freunde befiegten, obgleich nicht ohne wiederholte Kämpfe, Mar⸗ garetha's Widerwillen gegen eine nähere Verbindung zwiſchen Warwick und ihrem Sohne. Der Graf wirkte nicht perſönlich in der Sache mit. Er üͤberließ es, wie es für ihn ſich paßte, Ludwig und dem Prinzen, und erhielt endlich von ihnen die Vorſchläge, welche das Bündniß beſtätigten und ſeine Rachepläne vervollſtän⸗ digten. Auf das wahre Kreuz in der Kirche der heiligen Maria zu Angers ſchwur Lord Warwick, unabänderlich bei der Partei König Heinrichs zu bleiben. Vor dem⸗ ſelben geheiligten Symbol ſchwuren König Ludwig und ſein Bruder, der Herzog von Guienne, in Leinwand gekleidet, den Grafen von Warwick, des Königs Hein⸗ richs wegen, aufs Außerſte zu unterſtützen, und Mar⸗ garetha leiſtete den Eid, den Grafen als einen wahren und treuen Freund zu behandeln und ihm nie wegen frü⸗ herer Handlungen Vorwürfe zu machen. Dann wurden die Heirathsbedingungen zwiſchen Prinz Eduard und Lady Anna unterzeichnet— die Letz⸗ tere ſollte bei Margaretha bleiben, aber die Vermäh⸗ lung nicht eher vollzogen werden, als bis Lord Warwick in England gelandet ſei und das Reich oder den größten Theil deſſelben für König Heinrich wieder erobert habe — eine Bedingung, die dem Grafen gefiel, der ſeiner geliebten Tochter keine geringere Mitgift als eine Krone geben wollte. Ein Punkt, der für die Sicherheit des Grafen und für den dauernden Erfolg des Unternehmens wichtiger war als alle übrigen, war der, welcher der heftigen und unbeliebten Margaretha die Zügel der Regierung nahm von befre deſſer tetiſch indung wirkte 8, wie , und he das Ulſtän⸗ eiligen derlich dem⸗ ig und nwand Hein⸗ Mar⸗ hahren n frů⸗ diſchen Letz⸗ mäh⸗ arwick öͤßten habe ſeiner Krone n und btiger n und nahm 57 und den Prinzen Eduard, wenn er ſeine Volljährigkeit erreiche, zum einſtigen Regenten des ganzen Reiches ein⸗ ſetzte. Dem Herzog von Clarence waren alle Beſitzungen und Würden des Herzogthums York vorbehalten, ſowie auch das Recht der Thronfolge für ihn und ſeine Nach⸗ kommenſchaft, falls der Prinz von Wales keinen männ⸗ lichen Nachkommen haben ſollte, nebſt einem Priyvat⸗ verſprechen des Vieekönigreichs Irland. Margaretha hatte ihrer Einwilligung eine Bedingung hinzugefügt, die ihrem muthigen Sohne ſehr ungelegen war, und womit er ſich nur durch Warwicks Gründe ausſöhnte. Sie ſetzte nämlich feſt, er ſolle den Grafen nicht nach England begleiten und auch nicht eher dort erſcheinen, als bis ſein Vater zum König ausgerufen worden. Darin wurde ſie ohne Zweifel durch mütter⸗ liche Beſorgniß und einem unausgeſprochenen Verdacht wegen Warwicks Treue, oder durch den Zweiſel geleitet, daß er im Stande ſei, eine hinlängliche Armee zu Stanbe zu bringen, um ſein Verſprechen zu erfüllen. Der tapfere Prinz wünſchte ſelber der Vorderſte in den Schlachten zu ſein, die für ſein Recht und ſeine Sache ſollten ge⸗ fochten werden. Aber zu Margarethens Überraſchung und Freude behauptete der Graf, daß es am beſten für die Intereſſen des Prinzen ſei, erſt nach England zu kommen, wenn kein Feind mehr im Felde ſei, es An⸗ dern zu überlaſſen, ihm den Weg zu bahnen und ſich von allem perſönlichen Haſſe der feindlichen Partei zu befreien, ohne daß ein Blutstropfen an dem Schwerte deſſen hafte, der als der Friedensſtifter und der unpar⸗ teliſche Verſöhner aller Fehden ſollte angekuͤndigt wer⸗ — den. Nach dem dieſe wichtigen Bedingungen abgeſchloſſen waren, legte Eduard von Lancaſter in Gegenwart der Könige Renèé und Ludwig, und des Grafen und der Gräfin von Warwick, zu Amboiſe ſeiner geliebten und liebenden Anna das Ehegelübde ab. Es war tiefe Nacht, und ein feſtliches Mahl im Palaſte zu Amboiſe ſchloß die Ceremonien dieſes denk⸗ würdigen Tages. Der Graf von Warwick ſtand allein in demſelben Zimmer, wo er zuerſt das Geheimniß des jungen Lancaſtriers entdeckt hatte. Von der glänzenden Geſellſchaft, die in den Prunkgemächern verſammelt war, hatte er ſich unbemerkt hinweggeſchlichen, denn ſein großes Herz war dis zum Üüberfließen voll. Die Rolle, die er ſeit einigen Tagen geſpielt, war beendet, und mit ihr auch die Aufregung und das Fieber. Seine Pläne waren erreicht— die Laueaſtrier für ſeine Rache gewonnen— des Königs Erbe mit ſeinem Lieblings⸗ kinde verlobt— und die Stunde war in der Ferne ſicht⸗ har, wo des Vaters Hand das Kind zu dem Throne deſſen führen ſollte, der ſie ſo tief hatte erniedrigen wollen. Wenn der Sieg ſeine lebhaften Hoffnungen be⸗ günſtigte, ſo wurde die Würde und Macht des Grafen als Vater ſeiner künftigen Königin am Hoſe Laneaſtert größer, als ſie es in den glänzendſten Tagen unter den Günſtlingen des undankbaren York geweſen waren. Ehr⸗ geiz, Stolz, Rache durften wohl frohlocken bei der Ausſicht in die Zukunft. Das Haus Nevile hatte noch nie ein ſo glänzendes Loos vor ſich geſehen, und doch war des Grafen Herz ſchwer und traurig. Obgleich er es vor den Augen Anderer verborgen hatte, ſo mußte ſchloſſen art der Graͤſin ebenden Nahl im es denk⸗ allein in miß des nzenden ſammelt n, denn ll. Die beendet, Seine e Rache leblings⸗ ne ſicht⸗ Throne iedrigen aen be⸗ Grafen mneaſterz uter den en. Ehr⸗ bei det atte noch und doch gleich ei o mußte 59 ihn doch der übermüthige Zorn Margaretha's in tiefſter Seele verwundet haben. Und ſelbſt als er an jenem Tage die heilige Wonne in Anna's Geſichte betrachtete, fuhr ein heftiger Schmerz durch ſeine Bruſt. Waren dies die Zeichen eines Verlöbniſſes von guter Vorbedeutung? Wie verſchieden von den herzlichen Gruͤßen ſeiner wackern Freunde war die abgemeſſene Höflichkeit der Feinde, die vor ſeinem Schwerte geflohen waren! Wenn er auf dem Schlachtfelde fallen ſollte, konnte die herrſchſüchtige Margaretha ein Gefühl des Mitleids für ſein Kind empfinden? Der Nebel, der bisher ſeinen Geiſt umhüllt, oder ihm nur den einen finſtern Gedanken der Wiederver⸗ geltung gezeigt hatte, war verſchwunden. Er ſah die furchtbare Kriſis, zu welcher ſein Leden übergegangen war— er hatte die Höhe erreicht, wo er die hinter ſich gelaſſenen glücklichen Gärten betrauerte. Auf immer verſchwunden war die liebliche und männliche Erinnerung an ſeine tapferen Kameraden und an ſeine frühe Liebe! Wer unter denen, die an ſeiner Seite für das Haus York gefochten, konnte ihm entgegeneilen und ihm die Hand drücken, als dem Anführer der verhaßten Lan⸗ eaſtrier. Hätte er es über ſich gewinnen lönnen, die wahre Urſache ſeines Übertritts bekannt zu machen, ſo würde das Herz jedes Vaters fur ihn geſchlagen haben; aber weniger als je konnte er jetzt die Geſchichte bekannt machen, die ſeinen Namen rechtfertigte. Freilich war der Übergang von der einen Roſe zur andern unter den Größten und Tapferſten ſo allgemein geweſen, daß die Strengſten kaum tadeln konnten, was das Zeitalter —. ſelbſt rechtfertigte. Aber welcher andere Mann hatte ſich bei dem Fall derjenigen, die er jetzt erheben ſollte, ſo ſehr auszeichnet? Welcher andere Mann war Richard von York ſo theuer geweſen— welchem andern Manne hatte der erhabene Vater geſagt:„Beſchütze meine Söhne?“ Das Blld jenes geehrten Fürſten ſchien ſich vor ihm zu erheben und ſeine kalten Lippen ihn zu fragen: „Mußt Du vor allen andern Menſchen der Henker meines Erſtgebornen ſein?“ Ein tiefer Seufzer entfuhr der Bruſt des Selbſtauälers— er fiel auf ſeine Knie und betete:„O, vergib mir, Allſehender!— Bitte fur mich, glückliche Mutter! wenn ich hier ſchwer geirrt habe, indem ich mein Herz mit meinem Gewiſſen verwechſelte und nur an ein ſelbſtfüchtiges Unrecht dachte! O gewiß, nein! Hätte Richard von York ſelber gelebt, um zu wiſſen, was ich von ſeinem unwürdigen Sohne erlitten habe— grundloſe Beleidigung, gebrochene Treue, öffent⸗ liche und unerhörte Schmach— ja, und wie ich ihm verziehen, ihm gedient und ihn geliebt, bis zuletzt die größte Schmach, die nur auf den Namen eines Men⸗ ſchen fallen kann, die abſichtliche Vergeltung für die un⸗ ermüdliche Aufopferung, gewiß, ſo würde Richard ſelber geſagt haben:„Endlich verbietet Deine Ehre alle Ver⸗ zeihung.“ Mit der Schnelligkeit, womit das menſchliche Herz die eigene Entſchuldigung ergreift und nach einander die Gründe dafür aufzählt, ging der Graf von der ihm ſelber zugefägten Beleidigung zu der ſchlechten Regierung des Landes über und zahlte die tauſend Beiſpiele der Grau⸗ ſamkeit und ſchlechten Regierung auf, die ſich ſeiner Er⸗ ite ſich lte, ſo ichard Manne meine en ſich ragen: neines ör der e und mich, habe, chſelte gewiß, um zu litten ffent⸗ H ihm tzt die Men⸗ ie un⸗ ſelber Ver⸗ Herz er die ſelber g des Brau⸗ r Er⸗ 61 innerung darſtellten— vergaß aber oder ſtählte ſich gegen die Erinnerung, daß er ſich ſo lange, bis Eduards Laſter ſeinen eigenen Herd und ſeine Ehre angegriffen, damit begnügt habe, ſie zu beklagen— daß er nicht ge⸗ wagt, ihn zu beſtrafen— dis er endlich beruhigt von ſeinem Selbſtbekenntniſſe, aufſtand, ſich an das offene Fenſter lehnte und die ſanfte und erquickende Sommer⸗ luft einathmete. Wie ſchon erwähnt, bildeten die Prunk⸗ gemächer einen Winkel mit dem Flügel, worin er ſich jetzt befand. Sie waren glänzend erleuchtet— die Fenfier offen, um den friſchen, ſanften Hauch der Nacht einzu⸗ laſſen, und er ſah deutlich die verſchiedenen Perſonen in ihren prächtigen Kleidungen im Innern. Aber eine Gruppe feſſelte beſonders ſeine Augen. In der Nähe des Mittelfenſters erkannte er ſeine ſanfte Anna mit niedergeſchlagenen Blicken; er glaubte faſt ihr Erröthen zu bemerken, als ihr junger Bräutigam, jung und ſchön, wie fie ſelber, ihr Liebesſchmeicheleien ins Ohr flüſterte. Etwas weiter hin, aber doch noch nahe, bemerkte er ſeine Gemahlin, und murmelte bei ſich ſelber:„Möge ihm Anna nach zwanzigjähriger Ehe noch eben ſo theuer ſein wie Du es mir jetzt biſt.“ Und er glaubte zu bemerken, wie das Auge ſeiner Gattin, nachdem es mit zärtlicher Wonne auf dem jungen Paar geruht, aufmerkſam um⸗ herſchweifte, als vermiſſe und ſuche fie den Theilnehmer an ihrer Mutterfreude. Aber welche Geſtalt ſchreitet mit ſo ſtolzer Majeſtät vorüber, bleibt dann bei den Ver⸗ lobten ſtehen, redet ſie nicht an, ſondern ſcheint ſie nur ſtarr anzuſehen? Er ſah an ihrem herzoglichen Diadem, an den geſtreiften Farben ihres Gewandes und an der unverkennbaren ſtolzen Miene, daß es ſeine Tochter Iſa⸗ bella war. Er konnte den Ausbruck ihres Geſichts nicht unterſcheiden, aber ein unheimliches Gefühl bemächtigte ſich ſeines Herzens; denn die Stellung ſelbſt hatte einen Ausdruck, und nicht den der Theilnahme und Liebe einer Schweſter. Er ſah ſie wieder an; die Herzogin war vor⸗ übergegangen und hatte ſich unter der glänzenden Menge verloren. Und voll ertönte die heitere Muſik, die zu dem ſtattlichen Pavon einlud. Er blickte noch hin; ſeine Gattin hatte ihren Platz verlaſſen; auch die Liebenden waren verſchwunden, und wo ſie geßanden hatten, ſtanden jetzt in angelegentlicher Unterredung ſeine alten Feinde Exeter und Somerſet. Die plötzliche Veränderung von den Gegenſtänden der Liebe zu denen des Haſſes hatte etwas an ſich, was eine jener abergläubiſchen Empfin⸗ dungen erregte, wofür das Herz in allen Zeitaltern empfänglich iſt. Der Graf vergaß wieder die Feſtlichkeit und wendete ſich zu der lieblicheren Ausſicht auf das Luſtwäldchen und den mondbeſchienenen Raſen, und ſann nach, bis ein ſanfter Arm ihn umſchlang und ihn aus ſeiner Träumerei erweckte. Darum hatte ſeine Gattin das Feß verlaſſen. Sie hatte vermöge des Inſtinkts der Liebe die düſtere Stimmung ihres Gatten errathen, und ſich vom Pomp und Vergnügen hinweggeſchlichen und an ſeine Seite begeben. „Ach,“ ſagte die Gräͤfin,„warum wollteſt Du mich auf eine Stunde Deiner Gegenwart berauben, da nur noch ſo wenige übrig find, denn wenn die Sonne, die der morgenden folgt, auf dieſe Mauern ſcheint, ſo wird r Iſa⸗ 3 nicht chtigte einen einer r vor⸗ Nenge u dem ſeine benden tanden Feinde g von hatte upfin⸗ taltern lichkeit if das d ſann ön aus Gattin kts der t, und n und a mich da nur e, die o wirh 63 die Nacht Deiner Ahweſenheit ſchon für mich ange⸗ brochen ſein.* „Und wenn der Gedanke des Scheidens, der für mich wie für Dich traurig iſt, meine Liebe, nicht hinreichte, die Luftbarkeit zu ſtoͤren,“ antwortete der Graf,„weißt Du nicht, wie ſchlecht die ernſten und feierlichen Gedan⸗ ken eines Mannes, der das Unternehmen vor ſich ſieht, welches die Dynaſtie eines Königreiches verändern ſoll, zu dem ſorgloſen Tanze und der leichtſinnigen Mufik paſſen? Aber in dieſem Augenblick dachte ich nicht an jene mächtigeren Sorgen, meine Gedanken waren meiner Familie näher. Haſt Du, liebes Weib, die ſtille Düſter⸗ keit und die umwölkte Stirn Iſabella's bemerkt, ſeit ſie erfahren, daß Anna die Braut des Erben von Lancaſter werden ſollte?“ Die Mutter unterdrückte einen Seufzer.„Wir müſſen die Stimmung eines Weibes verzeihen oder überſehen, die ihren Gemahl liebt, und um ſeine fehlgeſchlagenen Hoffnungen trauert. Es thut mir leid, daß ſle ſelbſt mich nicht zu ihrer Vertrauten macht und jene begünſtigte Dame, ihre neue Freundin, die erſt kürzlich zu ihrer Begleitung gekommen iſt, gibt ihr, glaube ich, auch weniger heilige Rathſchläge als eine Mutter!“ „Ha! Und welche Rathſchläge kann denn Iſabella von einer Fremden anhoͤren? Selbſt wenn Eduard, oder vielmehr ſeine liſtige Eliſabeth, dieſe Kammerfrau abge⸗ ſchickt hätten, ſo könnte doch unſere Tochter ſelbſt in einer Stunde des Zornes nicht auf die Botſchaft von unſerm Feinde hören!“ „Nein, aber eine Schmeichlerin näͤhrt oft durch Lob den irrenden Gebanken. Iſabella hat etwas von Deinem hohen Herzen unb Muthe, mein theurer Gemahl, und ſchon von Kindheit an hat ihr hochſtrebender Geiſt und ihre ſtattliche Schönheit ihr die Überzeugung verſchafft, daß ſie zu einem höheren Geſchick beſtimmt ſei, als un⸗ ſere ſanfte Anna. Ich hoffte, die Zeit und die Zärtlichkeit der edlen Schweſter werden die Eiferſucht der getäuſch⸗ ten Prinzeſſin überwinden.“ „Gebe der Himmel, daß es ſo ſein möͤge. Iſabella's übergewicht über Clarence iſt groß und könnte gefährlich werden. Ich wollte, ſie willigte ein, mit Dir und Anna in Frankreich zu bleiben! Ihren Gemahl glaube ich we⸗ nigſtens überzeugt zu haben, daß es beſſer iſt. Bei der Ausſicht auf ein ungeheures Vermögen und auf das Spielwerk der vleeköniglichen Macht, verſöhnt ſich ſeine leichtere Natur mit dem Verluſte einer Krone, die er, wie ich fürchte, nie hätte behaupten können. Je mehr ich bei unſerm nähern Umgange ſeine Eigenſchaft kennen gelernt habe, deſto mehr ſcheint es mir, daß ich kaum gerechtfertigt geweſen wäre, England einem König auf⸗ zudringen, der eines großen Volkes nicht würdig iſt. Er iſt noch jung, aber wie ganz verſchieden iſt die Jugend des lancaſtriſchen Eduard? Welcher ernſte und männ⸗ liche Geiſt iſt in ihm; welche erhabene Anſichten von den Pflichten eines Königs! Oh, wenn eine Sünde in der Leidenſchaft liegt, die mich weiter getrieben hat, ſo möge ich es allein büßen— und möge ich wenigſtenz das Werkzeug ſein, England einen Fürſten zu geben!“ Während die letzten Worte noch auf den Lippen des Grafen zitterten, fuhr ein Licht über den Fußboden deinem I, und iſt und ſchafft, ls un⸗ lichkeit täuſch⸗ bella's äͤhrlich „Anna ich we⸗ Bei der uf das h ſeine die er, nehr ich kennen h kaum ig auf⸗ iſt. Er Jugend männ⸗ en von ünde in hat, ſo nigſtens ben!“ Lippen aßboden 65 dahin, der bisher nur von den Sternen und hem Vollmond war erleuchtet worden, und gleich darauf trat Iſabella im Geſpräch mit der Dame herein, die ihre Mutter erwähnt hatte, und war auf dem Wege zu ihrem Privatzimmer. Das Geſicht dieſer Diplomatin, deren Talent zur Intrigue Philipp de Comines erwähnt, aber deren Namen die Ge⸗ ſchichte zum Glück für ihr Andenken verſchweigt, war ſanft und einnehmend für den gewöhnlichen Blick, ob⸗ gleich die Schärfe der Züge, das Zuſammendruͤcken der ſchmalen Lippen und die trockene Röthe bes Haares mit den Attributen uͤbereinſtimmte, welche die moberne Phi⸗ ſiognomik einem liſtigen und verräͤtheriſchen Charakter zuſchreibt. Sie trug ein Licht in der Hand und die Strah⸗ len deſſelben fielen auf das verſtorte und aufgeregte Ge⸗ ſicht der Herzogin. Iſabella bemerkte ſogleich ihre Eltern, unterbrach ihre leiſe Unterredung und ſtieß einen Schrei aus, der faſt Schrecken ausdrückte. „Du verläͤſſeſt das Feſt bei Zeiten, ſchoͤne Tochter,“* ſagte der Graf, mit etwas finſterm Auge ihr Geſicht be⸗ obachtend. „Mylady war für ihr Kind beſorgt,“ ſagte die Ver⸗ traute mit tiefer Verneigung. „Eure Lady, meine gute Kammerjungfer,“ ſagte Warwick,„bedarf nicht Gurer Zunge, um ihren Vater anzureden. Geht weiter.“ Die Kammerfrau biß ſich in die Lippen, gehorchte aber und verließ das Zimmer. Der Graf näherte ſich und faßte Iſabella's Hand— ſie war kalt wie Stein. „Mein Kind,“ ſagte er zärtlich,„Du thuſt wohl, Dich zur Rahe zu begeben— in der letzten Zeit hat Bulwer, Barone. III. 5 Deine Wange ihre Bläte verloren. Aber gerade jetzt wünſche ich, aus vielen Urſachen, Du möchteſt nicht unſere gefährliche Rückkehr nach England theilen, doch weiß ich nicht, ob es mich unruhiger machen würde, wenn ich für Deine Geſundheit fürchten müßte, wenn Du ab⸗ weſend, oder für Deine Sicherheit, wenn Du bei mir waͤreſt!“ „Mylord,“ verſetzte Iſabella kalt,„meine Pflicht ruft mich an die Seite meines Gemahls, und um ſo mehr, da es jetzt ſcheint, als wage er die Schlacht, ohne die Belohnung zu ernten! Eduard und Anna mögen hier in Sicherheit ruhen— Clarence und Iſabella gehen, das Diadem und die Herrſchaft für Andere zu erlangen!* „Sei nicht bitter gegen Deinen Vater, Mädchen— ſei nicht neidiſch auf Deine Schweſter,“ ſagte der Graf in ernſtem Tadel. Dann milderte er ſeinen Ton und fügte hinzu:„Das Weib eines edlen Hauſes ſollte keinen Ehrgeiz für ſich haben— ihren Ruhm und ihre Chre ſollten ſie ohne Murren den Händen der Männer über⸗ laſſen! Traure nicht, wenn Deine Schweſter den Thron deſſen beſteigt, der den Namen würde gebrandmarkt haben, zu dem Du und ſie geboren wurden!“ „Ich habe Euch keinen Vorwurf gemacht, Myloord. Verzeiht, wenn ich mich jetzt entferne; ich bin ſehr er⸗ müdet, und möchte gern Kraft und Geſundheit haben, um Euch nicht zur Laſt zu fallen, wenn Ihr abreist.“ Die Herzogin verneigte ſich mit ſtolzer Unterwürfigkei und ging weiter. „Hüte Dich!“ ſagte der Graf mit leiſer Stimme. „Hüten!— Vor was?“ ſagte Jſabella ſtutzend. de jetzt ſt nicht 1, doch , wenn Du ab⸗ bei mir Pflicht um ſo t, ohne gen hier een, das een!* ſchen— er Graf von und te keinen re Ehre er über⸗ n Thron ndmarkt Mylord. ſehr er⸗ t haben, abreist.“ üürfigkeit timme. tzend. 67 „Vor Deinem eigenen Herzen, Iſabella. Ja, gehe zu der Wiege Deines Kindes, ehe Du Dich niederlegſt, und indem Du den Schlaf der Unſchuld anſchauſt, be⸗ ruhige Dich und kehre zur Weiblichkeit zurück.“ Die Herzogin erhob raſch ihren Kopf, aber die ge⸗ wohnte Ehrfurcht vor ihrem Vater hielt die zornige Ant⸗ wort zurück; und indem ſie mit formeller Ehrerbietung die Hand küßte, welche die Gräfin ihr hinreichte, ver⸗ ließ ſie das Zimmer. Sie erreichte das Gemach, wo die Wiege ihres Sohnes ſtand, mit einem prächtigen Bal⸗ dachin von Seidenzeug überwölbt, worin das Wappen des königlichen Clarenee gewirkt war— und neben der Wiege ſaß die Vertraute. Die Herzogin zog den Vorhang zurück und betrach⸗ tete das rofige Geſicht des kindlichen Schläfers. Dann wendete ſie ſich zu ihrer Vertrauten und ſagte: „Noch vor drei Monaten hoffte ich, mein Erſtgeborner würde König werden! Fort mit dieſen Spöttereien von königlicher Geburt! Wie ſchicken ſich die fuͤr den Vaſallen des verabſcheuten Lancaſter?“ „Liebe Lady,“ ſagte die Vertraute,„ſagte ich Euch nicht vorher, daß dieſe Verbindung zum Nachtheil Eures gnädigſten Gemahls und dieſes theuren Knaben bereits im Werk ſei? Ich hoffte, Ihr würdet den Grafen daran verhindert haben!“ „Er achtet nicht auf mich— er kümmert ſich nicht um mich!“ rief Iſabella; ſeine ganze Liebe gehört Anna — Anna, die ich, da ſie ohne Energie und Stolz iſt, kaum für Meinesgleichen angeſehen habe, und nun muß ich vor meiner jüngern Schweſter mein Knie beugen— mich freuen, wenn ſie ſich herabläßt, mir zu befehlen, 1 die Schleppe ihres königlichen Gewandes zu tragen!— den duat 1 Nimmermehr— nein, nimmermehr!“ lungs „Beruhigt Euch; der Courier muß dieſe Nacht ab⸗ Graf reiſen. Der Herzog von Clarenee iſt bereits in ſeinem Zimmer; er wartet nur auf Eure Zuſtimmung, um an Eduard zu ſchreiben, daß er ſeine liebevollen Botſchaften ben C nicht verwirft.“ befrei Die Herzogin ging in großer Unruhe auf und ab. die, r „Aber ſo geheim und falſch gegen meinen Vater in wag te handeln?* 8 3 „Verdient er, daß Ihr ihm Euer Kind aufopfert? ter da Bedenkt— der König hat keinen Sohn! Die engliſchen die S 9 Barone erkennen kein Weib als Monarchin an; und ſo nich 4 lange Eduard auf dem Throne bleibt, iſt Euer Sohn dern f 1 der muthmaßliche Thronerbe. Es iſt wenig Wahrſchein⸗ lichkeit vorhanden, daß dem Könige noch ein männlicher ſich n Erbe geboren wird, während Anna und ihr Bräutigan eine lange Reihe von Nachkommen haben können. Uber⸗ renee dies, was auch ſchriftliche Verträge beſtimmen mögen, Anſpr wie kann Clarenee und ſein Sprößling von einem lan⸗ 3 eaſtriſchen Könige je anders angeſehen werden, denn all zuſam Feinde, nur gut für das Gefängniß oder den Blonl„ wenn irgend eine falſche Erfindung den Vorwand liefen, u das rechtmäßige Geſchlecht auszurotten.“ eine f „Schweig— ſchweig— ſchweig!“ rief Iſabella in rief: furchtbarem Kampfe mit ſich ſelber. Luhwi „Lady, die Zeit drängt ſich! Und bedenkt, einige erſt d wenige Zeilen ſind nur Worte, die beſtätigt oder zurüͤckk als ih genommen werden können, wenn die Gelegenheit es fot: Der? fehlen, en!— cht ab⸗ ſeinem um an ſchaften d ab. gater zu opfert! gliſchen und ſo r Sohn rſchein⸗ unlichet äutigan . Über⸗ mögen, em lan⸗ denn all n Block d liefen, abella in t, einig r zuruͤck⸗ t es for⸗ 69 dert! Wenn es Lord Warwick gelingt, und Köoͤnig Eduard ſeine Krone verliert, ſo könnt Ihr Eure Hand⸗ lungsweiſe nach der Zeit einrichten. Aber wenn der Graf verliert— wenn er wieder ins Exil getrieben wird— ſo befreien Euch und die Eurigen einige jetzt ausgeſprochene Worte von ewiger Verbannung, ſie ge⸗ ben Eurem Knaben ſeine angeborne Erbſchaft zurück, befreien Euch von der Unverſchämtheit Margarethens, die, wie es mir vorkam, Eurer Hoheit heute zu trotzen wagte.—* „Das that fie— das that ſte! O, wäre mein Va⸗ ter dabei geweſen, um es zu hoͤren! Sie bat mich, auf die Seite zu treten, um Anna vorüber zu laſſen— „„ nicht für die jüngere Tochter des Lorb Warwick, ſon⸗ dern für die Dame, die in die Königsfamilie von Laneaſter aufgenommen worden!“ Eliſabeth Woodville nahm ſich wenigſtens nie eine ſolche Frechheit heraus!“ „Und dieſe Margaretha ſoll der Herzog von Cla⸗ renee auf den Thron ſetzen, auf den Euer Kind ſonſt Anſpruch machen könnte?“ Iſabella ſchlug in ſtummer Leidenſchaft ihre Hände zuſammen. „Horch!“ ſagte der Vertraute, die Thür öffnend. Und den Gang daher kam in gemeſſenem Pomp eine ſtattliche Prozeſſion; der Kämmerer ging voran und rief:„Ihre Hoheit die Prinzeſſin von Wales!“ Und Ludwig der Elfte führte die jungfräuliche Braut(Gattin erſt dem Namen und der Ehre nach, bis das Königreich als ihre Mitgift geſichert war) zu ihrer ſanften Ruhe. Der Pomp und die königliche Huldigung, welcher der jüngern Schweſter zu Theil ward, die ſo über ſie er⸗ hoben wurde, vollendete in Ifabellens eiferfüchtigem Herzen den Triumph der Verſucherin. Ihr Geſicht nahm den Ausdruck des feſten Entſchluſſes an, und ſie ging ſogleich in das anſtoßende Zimmer, wo der Herzog Cla⸗ rence allein ſaß, den glühenden Wein nicht ungekoſtet vor ſich und die Tinte noch naß von einem Briefe, den er eben geſchrieben. Er wendete ſein unentſchloſſenes Geſicht zu Iſabella, als ſie ſich über ihn neigte und den Brief las. Er war an Ebuard gerichtet, und nachdem er ihn vor der be⸗ abſichtigten Invaſion gewarnt, fügte er bedeutungsvoll hinzu:„Und wenn ich an dieſem Unternehmen Anthell zu nehmen ſcheine, dem ich hier und allein mich nicht widerſetzen kann, ſo ſollt Ihr mich dennoch als Euern zärtlichen Bruder und getreuen Unterthan finden.“ „Nun, Jſabella,“ ſagte der Herzog,„Du weißt, ich habe dies bis zur letzten Stunde aufgehoben, um Dir gefällig zu ſein, denn wahrlich, holde Dame, Dein Wille iſt mein lieblichſtes Geſetz. Aber nun, wenn Dein Herz Dir Unheil prophezeiht—“ „Ja, das thut es!“ rief die Herzogin, in Thränen ausbrechend. „Wenn Dein Herz es Dir widerräth,“ fahr Cla⸗ rence fort, der ungeachtet aller ſeiner Schwäche viel von der Achſelträgerei ſeiner Brüder hatte—„nun, ſo wollen wir es laſſen. Stlaverei der verhaßten Mar⸗ garetha— Abhängigkeit von dem Gatten Deinet Schweſter— Triumph des Hauſes, welches wir beide von Jugend auf für verflucht zu halten gelehrt wurden ſie er⸗ htigem t nahm ie ging 8g Cla⸗ gekoſtet fe, den ſabella, Er war der be⸗ ngsvoll Antheil n mich och als inden.“ weißt, en, um e, Dein , wem Ehränen hr Cla⸗ iche viel nun, ſo n Mar⸗ Deinet dir beide wurden 71 — willkommen Alles! wenn Jſabella nur nicht weint und unſer Knabe uns in künftigen Tagen Vorwürfe macht.“* Iſabella, die den Brief ergriffen hatte, ließ ihn ſtatt aller Antwort auf den Tiſch fallen, ſchob ihn mit abgewandtem Geſichte dem Herzog hin und kehrte zu der Wiege ihres Kindes zurück, welches ſie mit ihrem Schluchzen erweckte. Ein Lächeln halb verächtlicher Freude umzog die ſchmalen Lippen des weiblichen Judas und ohne zu re⸗ den, ging ſie zu Clarence. Er band den Brief zu und verſiegelte ihn, nachdem er folgende Worte hinzugefügt hatte:„Meine Herzogin und Gemahlin, welches auch die Anſichten ihrer Verwandten ſind, hat dieſen Brief geſehen und billigt ihn, denn ſie iſt mehr eine Freundin von York als von dem Grafen, da er jetzt ein Lancaſtrier geworden iſt.“ Und er legte den Brief in einen kleinen eiſernen Koffer. Dieſen geſchickt verſchloſſenen Koffer gab er der Kammerfrau mit bedeutungsvollem Blicke:„Seid ſchnell, oder ſie bereut! Der Courier erwartet?— Sein Pferd iſt geſattelt? Sobald Ihr ihm dies gebt, reitet er ſort— er hat doch die Erlaubniß, das Thor zu paſ⸗ ſiren?“ „Alles iſt bereit, ehe die Glocke ſchlägt, iſt er auf dem Wege.“ Die Vertraute verſchwand— der Herzog ſank in ſeinen Stuhl zurück und rieb ſeine Hände. „Ohol Schwiegervater, Du hältſt mich für zu dumm für eine Krone. Ich bin hoch nicht dumm genug zu Deinem Werkzeug. Ich habe wenigſtens ſo viel Ver⸗ ſtand gehabt, Dich zu täuſchen— und die Rache unter einer lächelnden Stirn zu verbergen! Dummkopt Du, zu glauben, daß etwas Geringeres, als die Krone von England, Clarence bewegen konnte, ſich Deiner Sache anzuſchließen!“— Er wendete ſich zum Tiſche und leerte wohlgefällig ſeinen Becher. Plötzlich, bleich und wild wie ein Geſpenſt, ſtand Iſabella vor ihm. „Ich war wahnfinnig— wahnſinnig, George! Der Brief! der Brief— er darf nicht abgehen!“* In dieſem Augenblick ſchlug die Glocke.„Schönes Kind,“ ſagte der Herzog,„es iſt zu ſpät!“ ländlic ten zu als All äugigen Vo Zehntes Buch. Die Rückkehr des Königmachers. Erſtes Kapitel. Des Mädchens Hoffnung, des Hofmanns Liebe und des Ge⸗ lehrten gemächliches Leben. Schoͤn ſind deine Felder, o England; ſchoͤn has ländliche Pachthaus und die Obſtgärten, mo die Blü⸗ ten zu lächelnden Früchten gereift ſind; und ſchöner, als Alles, o England, find die Geſichter deiner ſanft⸗ äugigen Töͤchter. Von dem Felde, wo Sibylla und ihr Vater unter den Todten gewandert, waren die unheimlichen Zeugen des Krieges verſchwunden und über die grünen Weihen zogen die ruhigen Schafheerden dahin. Und das Pacht⸗ haus, wohin Haſtings die Wanderer geführt hatte, ge⸗ währte eine Ansſicht auf das friedliche Feld durch die Umgebung der belaubten Bänme, und dort hatten Vater und Tochter eine Heimath gefunden. Es war ein lieblicher Sommerabend und Sibylla ſtellte den Stickrahmen auf die Seite, woran ſie ſeit der letzten Stunde ohne zu arbeiten geſeſſen, und indem ſie zum Fenſter ſchlich, ſah ſte aufmerkſam den gewun⸗ denen Weg hinunter. Das Zimmer befand ſich im obern Stock und war mit einer Sorgfalt decorirt, welche has Aeußere des Hauſes nicht zu erkennen gab, und die ſich faſt der Eleganz näherte. Die friſchen grünen Binſen, welche den Boden bedeckten, waren mit ge⸗ trocknetem wildem Thimian und andern duftenden Kräu⸗ tern untermiſcht. Die Wände waren mit blauer Sarſche bedeckt, ein ſchoͤner lederner Teppich lag auf dem eichenen Tiſche, worauf zierlich gearbeitete muflkaliſche Jaſtru⸗ mente nebſt einigen Manunſeripten lagen, welche größten⸗ theils engliſche und provenzaliſche Gedichte enthielten. Die Seſſel waren mit Kiſſen von buntem Wollenzeug bedeckt. Alles war freilich einfach, deutete aber auf Bequemlichkeit, ja auf Geſchmack und Reichthum, die ſelbſt in den Häuſern des Adels der zweiten Klaſſe ſel⸗ ten waren. Als Sibylla hinausblickte, erhellte ſich plötzlich ihr Geſicht, ſie ſtieß einen Freudenſchrei aus— eilte aus dem Zimmer— ſtieg die Treppe hinunter und ging an ihrem Vater vorüber, der vor der Thuͤr ſaß und in tiefe Träumerei verſunken ſchien. Sie küßte ſeine Stirn— er achtete nicht auf ſie— ſie ſpräng mit leichtem Schritte über den Raſen des Obſtgartens, blieb am Pförtchen ſtehen und horchte mit klopfendem Herzen auf die herannahenden Hufſchläge eines Pferdes. Das Ge⸗ räuſch kam näher und näher— es erſchien ein Cavalier, der ſich aus dem Sattel ſchwang, es dem Pferde über⸗ ließ, ſeinen Weg zu dem wohlbekannten Stalle zu finden und leicht über die kleine Pforte ſprang. „Und Du haſt mich erwartet, Sibylla?“ ich im welche und die grünen nit ge⸗ Kräu⸗ Sarſche ichenen Jaſtru⸗ rößten⸗ hielten. Uenzeug ber auf im, die aſſe ſel⸗ llich ihr ilte aus ging an in tiefe btirn— leichtem lieb am rzen auf das Ge⸗ avalier, de über⸗ u finden 7⁵ Das Mädchen entzog ſich erroͤthend der lebhaften umarmung und ſagte rührend:„Mein Herz erwartet Euch ſtets. O, ſoll ich Euch danken oder ſchelten für ſolche Sorgfalt? Ihr werdet ſehen, wie Eure Arbeiter has unbedeutende Haus in die zierlichſte Wohnung ver⸗ wandelt haben?“ „Ach, meine Sibylla! ich wollte, es wäre Deiner Schönheit und unſerer gegenſeitigen Liebe würdiger! Geſegnet ſei Deine Treue und Deine liebenswürdige Geduld; möge der Tag bald kommen, wo ich Dich in eine edlere Heimath führen und Ritter und Baron Ha⸗ ſtings um ſeine Gattin kann beneiden hören!“ „Mein geliebter Lord!“ ſagte Sibylla mit dank⸗ haren Thränen in ihren vertrauensvollen Augen; aber nach einer Pauſe ſügte ſie ſchüchtern hinzu—„hegt der König noch immer ſo heftigen Zorn gegen eine ſo de⸗ müthige Unterthanin?“ „Der König iſt aufgebrachter als je, ſeit die Nach⸗ richt von Lord Warwick's ruheloſen Machinationen in Frankreich ſeine Laune verbittert hat. Er kann Deinen Namen nicht nennen hören, ohne Drohungen gegen Deinen Vater als einen geheimen Anhänger Lancaſters auszuſtoßen und Dich zu beſchuldigen, ſeinen Kämmerer bezaubert zu haben— was Du in der That auch gethan haft. Die Herzogin von Bedford iſt mehr als je unter dem Einfluſſe des Mönches Bungey, deſſen Zauber⸗ ſprüchen und nicht unſern guten Schwertern ſie die wunderbare Flucht Warwicks und die Zerſtreuung un⸗ ſerer Feinde zuſchreibt; und ich glaube, der Mönch hat Eduards Verdacht gegen Deinen harmloſen Vater ge⸗ nährt. Er macht ſich ſelbſt Vorwürfe, den armen Warner unverletzt haben gehen zu laſſen, und erinnert ſich ſogar des unglücklichen Abenteners mit der Maſchine und ſchwört, Dein Vater ſei von Anfang an in verrätheri⸗ ſchem Einverſtändniß mit Margaretha geweſen. Ja, ich bin gewiß, wenn ich Dich heirathen wollte, ſo lange ſein Zorn währt, würde er Dich als Zauberin verurtheilen und mich dem geheimen Haſſe meiner alten Feinde, der Woobvilles, ausliefern. Aber pfui! ſei nicht ſo er⸗ ſchrocken, meine Sibylla— Cduards Leidenſchaften, obgleich heftig, ſind veränderlich und die Geduld wird uns Beide endlich belohnen!* „Inzwiſchen liebt Ihr mich, Haſtings!“ ſagte Si⸗ bylla in großer Bewegung.„O, wenn Ihr wüßtet, wie ich mich in Eurer Abweſenheit quaͤle!— Ich ſehe Euch von den Schönſten und Vornehmſten umgeden und ſage zu mir ſelber:„„Iſt es möglich, daß er ſich meiner erinnert?““ Aber Ihr liebt mich noch— noch— noch und immer! Nicht wahr?“ Und Haſtings verſicherte es ihr mit einem Schwur. „Und die Laty Bonville?“ fragte Sibylla, indem ſte ſchlau zu lächeln verſuchte, doch mit dem bebenden Tone der eiferſüchtigen Furcht. „Ich ſah ſie ſeit Monaten nicht,“ verſetzte der Ca⸗ valier mit geringer Veränderung des Geſichts.„Sie iſt in einem ihrer weſtlichen Landſitze. Man ſagt, ihr Ge⸗ mahl ſei ſehr krank, und die Lady Bonvllle iſt eine er⸗ gebene Heuchlerin und ſpielt die zärtliche Gattin. Aber genug von ſolchen alten abgenützten Erinnerungen. Dein Jarner ſogar e und itheri⸗ Ja, ich ge ſein theilen 2, der ſo er⸗ daften, d wird te Si⸗ üßtet, h ſehe en und neiner — noch chwur. indem benden er Ca⸗ Sie iſt Pr Ge⸗ ine er⸗ Aber Dein 77 Vater— iſt er noch immer um ſeine Eureka bekuͤm⸗ mert? Ich kaun keine Spur davon entdecken.“ „Seht,“ ſagte Sibylla wieher zu ihrer kindlichen Liebe zurückgebracht und auf Warner deutend, als fle ſich dem Hauſe näherten—„er bildet eine neue Eureka aus ſeinen Gedanken!“ „Wie geht’s Euch, lieber Warner?“ fragte ber Cavalier, die Hand des Gelehrten faſſend. „Ah!“ rief Warner beim Anblick ſeines mächtigen Beſchützers.„Bringt Ihr Nachrichten von ihr? Euer heiteres Auge ſagt es mir— doch nein, Euer Geſicht verändert ſich! Man hat ſie zerſtört! O, wenn ich nur noch einmal jung ſein könnte!“ „Was!“ ſagte der Weltmann erſtaunt—„wenn Ihr noch eine Jugend zu verleben hättet, würdet Ihr Euch derſelben Täuſchung hingeben und noch ein Leben der Drangſale, der Verfolgung und der Beleidigung verleben?“* „Mein edler Herr,“ ſagte der Philoſoph,„die Stunden, wo ich Beleidigung, Verfolgung und Drang⸗ ſale erfahren habe, kommen nicht den Tagen und Nächten gleich, wo ich nur Hoffnung, Entzücken und Freude empfand! Sott iſt gütiger gegen uns alle, als die Men⸗ ſchen es wiſſen können; denn die Menſchen ſehen nur den Kummer auf der Oberfläche und nicht den Troſt in den Tiefen der unerforſchlichen Seele.“* Sibylla ließ Haſtings bei ihrem Vater und hüpfte leicht zu dem entfernteren Theile des Hauſes, der von den ländlichen Beſitzern bewohnt wurde, die den geringen Dienſt verſahen, um das Abendeſſen zu heſtellen— das heitere Abenbeſſen; denn der Hunger verleiht den Spei⸗ ſen keinen ſolchen Wohlgeſchmack, noch der Durſt dem Wein ſolchen Schimmer, wie die Gegenwart des ge⸗ liebten Gaſtes. uUnd als der Hofmann ſich auf den rauhen Seſſel unter dem Geißblatt niederſetzte, welches den Eingang umkränzte, da bemächtigte ſich eine köſtliche Ruhe ſeines geſättigten Geiſtes. Die reine Ruhe des Gelehrten, auf eine Weile von der Tyrannei des irdiſchen Treibens be⸗ freit— von der Plage der Arbeit, die, obgleich groß⸗ artig, dennoch nur der menſchlichen und materiellen Wiſſenſchaft diente— hatte in der Betrachtung feier⸗ licherer und ewiger Geheimniſſe nur ein anderes Ele⸗ ment gefunden. Gleich einem Vogel, der aus ſeinem goldenen Käfig befreit, zu dem Reiche des Himmels auffliegt, begann er jetzt mit ernſter und geiſtlicher Be⸗ redſamkeit von den Dingen und Viſionen zu reden, mit denen ſich in der letzten Zeit ſeine Gedanken vertraut gemacht hatten. Indem er von der Philoſophie zur Religion hinaufſtieg, ſprach er ſeine großartigen Ideen über Leben und Natur aus— von den Sternen, die jetzt am Himmel hervortraten— von den Geſetzen, die dem Weltall Harmonie verliehen— von den Beweiſen vom Daſein Gottes in dem Mechanismus der Schöpfung — von dem Funken der großen Gottheit, den wir, in des Menſchen Seele angezündet, Genie nennen— von der ewigen Auferſtehung der Todten, welche das wahre Prinzip des Weſens in dem Blatt und in dem Aton ausmacht— von der Unſterblichkeit des großen Mer⸗ ſchengeſchlechts. Er war erhabener jener Greis, aul bem ſeinen iſt, d könne 1 Lord Stun Herz Lächel hinge Spei⸗ ſt dem es ge⸗ Seſſel ingang ſ eines en, auf ens be⸗ groß⸗ eriellen feier⸗ 2s Ele⸗ ſeinem immels der Be⸗ u, mit dertraut hie zur 1 Ideen en, die en, die eweiſen öpfung vir, in — von z wahre n Aton n Men⸗ is, aut 79 bem Kreiſe ſeiner Mitgeſchöpfe herausgetrieben— in ſeinen Worten, als es je die Haudlung in ihren Thaten iſt, denn Worte können Wahrheit ergründen und Thaten können ihr nur lahm und unbeholfen folgen! Und der traurige, begabte und irrende Geiſt des Lord Haſtings, von ſeinem kleinlichen Ehrgeiz der Stunde abgebracht, hatte keine Antwort, wenn ſein Herz fragte:„Was können Höfe und eines Königs Lächeln mir zum Erſatz fär die heitere Ruhe und die hingebende Liebe gewähren?⸗ Zweites Kapitel. Der Mann erwacht in dem Weiſen und die Wölfin hat wieder das Lamm aufgeſpürt. Von der Nacht an, wo Haſtings Sibylla und ihren Vater von den Meſſern der Trommelmädchen errettet hatte, machte ſeine Ehre und Ritterlichkeit ihn zu ihrem Beſchützer. Die Bewohner des Hauſes— eine Wittwe mit ihren Kindern und Dienſtboten— waren freund⸗ liche und einfache Leute. Hätten die Wanderer eine ſichere Heimath finden können, als die, in die Haſtings ſie gebracht? Sibylla's Einfluß auf ſein veränderliches Herz war erneuert. Es wurden wieder Gelübde ge⸗ wechſelt und Treue verſprochen. Anton Woodville, jetzt Lord Rivers, obgleich ein tapferer Feind, war ſeit Warwicks Erll gefährlicher als je; und da er ſeiner Schweſter Widerwillen gegen Haſtings theilte und zu der Zeit natürlich in hoher Gunſt ſtand, ſo war Koͤnig Exuard begierig, die kurze Ungnade wieder gut zu machen, die ſein Schwager während der letzten Zeit von Warwicks Adminiſtration hatte erdulden müſſen. Be⸗ leidigt durch das Benehmen des neuen Günſtlings, eut⸗ fernte ſich Haſtings, ungeachtet ſeiner Stelle als Käm⸗ merer, häufig von der Geſellſchaft ſeines Monarchen. Bei dieſer Gegenwirkung ſeines Geiſtes war Sibylla's Ein⸗ fluß größer, als er ſonſt geweſen ſein möchte. Seine Be⸗ ſuche in dem Pachthauſe wurden häufig und regelmäßig. Die Wittwe glaubte, er ſei nahe mit Sibylla verwandt und hielt Herrn Warner für einen geächteien Laneaſtrier, der genöthigt ſei, ſich zu verbergen, bis er Begnadigung erlangt; ſo wurden die Beſuche des Cavaliers nicht übel ausgelegt, auch zeigte man kein Befremden über die auf⸗ merkſame Sorgfalt für Alles, was einen für den Rang ſeiner muthmaßlichen Verwandten ungeeigneten Aufent⸗ haltsort ausſchmücken konnte. Und bei ihrem völligen Vertrauen und ihrer ehr⸗ furchtsvollen Neigung wurde Sibylla's Stolz eher ge⸗ ſchmeichelt als verwundet durch die Verpflichtungen, welche nur Beweiſe der Liebe waren und wozu ihr die angelobte Treue ein ſüßes Recht gab. Warner hatte bis⸗ her geſchienen, als betrachte er die Aufmerkſamkeit des großen Lords nur als einen Tribut, den er ſeiner Wiſ⸗ ſenſchaft zolle und als ein Zeichen von dem Intereſſe, welches ein Staatsmann natürlich an einer Erfindung nehmen mußte, die dem Königreich großen Vortheil bringen konnte. Haſtings war delikat bei dem Vorwande für ſeine Beſuche geweſen. Einmal kam er, um hen Tod der armen Madge zu berichten, obgleich er freund⸗ lich g er ent nicht war u und ne auf de Eureke hinreie verfall überuc genwãͤt wurder begann die vor ſein Er dem eb und als fluͤſtert ſeinen; redete: „E unſerm für mie Mich d. dem Be habe eit ihren N Herz ni gzut zu eit von 1. Be⸗ 8, eut⸗ Käm⸗ en. Bei ² Ein⸗ ne Be⸗ mäßig. rwandt aſtrier, ndigung ht übel die auf⸗ n Rang Aufent⸗ er ehr⸗ her ge⸗ tungen, ihr die tie bis⸗ keit des er Wiſ⸗ tereſſe, findung Vortheil Prwande um den freund⸗ 81 lich genng war, die Art deſſelben zu verſchweigen, die er entdeckte und die ihn die allgemeine Meinung, wenn nicht das Geſetz zu beſtrafen verhot; denn das Ertränken war nur eine orthodoxe Probe einer mutbmaßlichen Hexe, und nicht ohne viele Bedenklichkeiten war das arme Weib auf dem Kirchhofe begraben worden. Das Aufſuchen der Eureka war ein Vorwand, der zu zahlloſen Beſuchen hinreichte; ferner hatte Haſtings Adam gerathen, das verfallene Haus zu verkaufen und ſelber das Geſchäft übernommen und die neuen Bequemlichkeiten ihrer ge⸗ genwärtigen Wohnung und die Koſten ihres Unterhalts wurden auf Rechnung dieſes Verkaufes geſetzt. Haſtings begann Adam für gänzlich blind und gleichguͤltig gegen die vor ſeinen Augen geſchehenden Dinge zu halten, und ſein Erſtaunen war groß, als Abam am Morgen nach dem eben erwähnten Beſuche plötzlich ſeine Augen erhob und als er ſah, daß der Gaſt Sibylla ſanfte Worte zu⸗ flüſterte, raſch aufſtand, ſich dem Cavalier näherte, ſanft ſeinen Arm faßte, ihn in den Garten führte, und ſo an⸗ redete: „Edler Lord, Ihr ſeid zärtlich und großmuüͤthig in unſerm Unglück geweſen. Die arme Eureka iſt auf immer für mich und die Welt verloren. Gottes Wille geſchehe! Mich dünkt, der Himmel beabſichtigt, mich dadurch zu dem Bewußtſein näherer Pflichten zu erwecken, und ich habe eine Tochter, die ich liebe, und ich beſchwöre Euch, ihren Namen nicht zu entehren, und bitte Euch, ihr Herz nicht zu brechen. Kommt nicht mehr hieher, Lord Haſtings!“ Dieſe Rede, obgleich die einzige, welche geſunden Bulwer, Barone, III. 6 Verſtand und Urtheil in den Angelegenheiten dieſes Le⸗ bens zeigte, die der Mann des Genies je ausgeſprochen, ſetzte Haſtings ſo ſehr in Verwirrung, daß er ſich nur mit Schwierigkeit ſo weit faſſen konnte, um zu ſagen: „Mein armer Gelehrter, was hat Euch ſo plötzlich auf einen Verdacht gebracht, der Eurem Kinde und mir Unrecht thut?“ „Am letzten Abend, als Ihr bei einander ſaßet, ſah ich, wie Eure Hand verſtohlen die ihrige faßte und plötz⸗ lich erinnerte ich mich des Tages, wo ich ſelber noch jung war und um ihre Mutter warb! Und in der letzten Nacht ſchlief ich nicht und Verſtand und Gedächtniß wurden thätig für mein lebendes Kind, wie ſie ſonſt mir für das eiſerne Kind meines Geiſtes zu ſein pflegten, und ich ſagte bei mir ſelber: Lord Haßings iſt König Eduards Freund und König Eduard ſchont nicht die jungfräuliche Ehre. Lord Haſtings iſt ein mächtiger Pair und wird nicht das arme und mehr als namenloſe Maͤdchen heirathen. Seih großmüthig! Entfernt Euch!“ „Aber“ rief Haſtings,„wenn ich nun Eure liebens⸗ würdige Sibylla in allen Ehren liebe— wenn ich ihr Treue gelobt habe—* „Ach!— Ach!“ ſeufzte Adam. „Wenn ich nur auf des Königs Erlaubniß warte, um ihre Hand bitten zu dürfen, könntet Ihr mir da die Gegenwart meiner Verlobten verweigern?“ „So liebt ſie Euch alſo?“ ſagte Adam im Tone heftiger Qual—„ſie liebt Euch— redet!“ „Es iſt mein Stolz, es zu denken.“ „Dann geht— geht ſogleich; kehrt nicht eher zu⸗ rück; Opf am2 gam komn dem Tuge Himn T kaum wicklu einem kens z ihrem daß in idealen es Le⸗ ochen, ch nur ſagen: loöͤtzlich nd mir et, ſah b plötz⸗ r noch letzten ächtniß nſt mir legten, König cht die ichtiger nenloſe Euch!“ jebens⸗ ich ihr warte, da die 1 Tone her zu⸗ 83 rück; als bis Ihr ſo viel Muih gefaßt habt, um das Opfer zu bringen; und nicht eher, als bis der Prieſter am Altar bereit iſt— nicht eher, als bis der Bräuti⸗ gam die Braut fordern kann. Und da dieſe Zeit nie kommen wird— nie— nie— ſo verlaßt mich, um dem brechenden Herzen zuzuflüſtern: Gut, Ehre und Tugend find Dir noch übrig und Deine Mutter vom Himmel ſieht herab auf ihr makelloſes Kind!“ Die Auferweckung der Todten hätte den Hofmann kaum mehr erſchrecken kännen, als dieſe plötzliche Ent⸗ wicklung des Lebens, der Leidenſchaft und Energie in einem Manne, der bisher in den Falten ſeines Gedan⸗ kens zu ſchlummern geſchienen, wie eine Cryſalide in ihrem Gewehe. Doch wie wir bereits geſehen haben, daß immer, wenn dieſes ſeltſame Weſen aus ſeiner idealen Abſtraktion erwachte, er zur Ehre, zum Muthe und zur Wahrheit erwachte— ſo wurde, ſei es nun, daß, wie er ſagte, die Abweſenheit ſeiner Eureka ſeinen Gelſt dem Bewußtſein ſeiner praktiſchen Pflichten zu⸗ rückgab, oder ob ihr gemeinſchaftliches Leiden ihm ſeine ſanfte Geſellſchafterin theuer gemacht hatte— Adam Warner mächtig und majeſtaͤtiſch in ſeinen Rechten und ſeiner Heiligkeit als Vater; größer in ſeinem de⸗ müthigen und häuslichen Charakter, als da er in dem Wahnfinn ſeines Erfindungstriebes und in dem erhabe⸗ nen Hunger des aufſtrebenden Genies ſich zu dem Lager Sibylla's fortgeſchlichen und ſie mit dem Geſchrei„Gold!“ erweckt hatte. Von der Gewalt und Kraft der Beſchwörung Adams— bei ſeiner ausgeſtreckten Hand— bei der Angſt und dem dennoch gebieteriſchen Weſen, welches auf ſeinem Ge⸗ ſichte geſchriehen ſtand— verließ alle Liſt und Faſſung den hochgebildeten Liebhaber und er war wie bezaubert. Er wußte in der That keine Antwort zu geben, bis Sibylla’s Anblick, die, von der ſeltſamen Unterrebung überraſcht, aber ohne den Gegenſtand derſelben zu er⸗ rathen, jetzt aus dem Hauſe kam, ihm ſeine Faſſung wie⸗ der gab, und ſein erſter Antrieb war wie immer würdig und edel, und zeigte, welch ein herrliches Geſchöpf er hätte werden können, waͤre er in eine Zeit und unter ein Geſchlecht verſetzt worden, welches den Impuls zur Gewohnheit haͤtte machen können. „Wackerer alter Mann!“ ſagte er, die Hand küſ⸗ ſend, die noch mit der Bewegung des Befehls erhoben war—„Ihr habt geſprochen, wie es für Euch ſich ziemt, und meine Anrwort will ich Eurem Kinde ſagen.“ Dann eilte er zu der verwunderten Sibylla und ſagte: „Dein Vater ſagt mit Recht, daß ich nicht ſo insge⸗ heim und mit zweifelhafter Abſicht die Heimath beſuchen ſollte, die durch deine geliebte Gegenwart geſegnet iſt— ich gehorche— ich verlaſſe Dich, Sibylla. Ich gehe zu meinem Könige wie Einer, der ihm lange treu gedient hat und ſeine Belohnung fordert— nämlich Dich!“ „O Mylord!“ rief Sibylla in edlem Schrecken; „bedenkt Euch wohl— erinnert Euch, was Ihr mit erſt geſtern Abend ſagtet. Dieſer König, ſo mächtig— mein Name, ſo verhaßt! Nein!— Nein! Verlaßt micht Lebt wohl auf immer, wenn es recht iſt, daß das ge⸗ ſchehen muß, was Ihr und mein Vater ſagt. Aber Euen Lehen— Eure Freiheit— Eure Wohlfahrt— die ſind fuhr, 1 Gelieb chen, ſchreckl bedeute kennens Adams Urſache ſchwun 8⁵ mein Glück und Ihr habt kein Recht, ſie in Gefahr zu bringen!4 Und ſie fiel auf ihre Kniee. Er erhob ſie und drückte ſie an ſein Herz; dann uͤbergab er fie den Armen ihres Vaters und ſagte mit von Bewegung erſtickter Stimme: „Nicht als Palr und als Ritter, ſondern als Mann nehme ich mein Recht der Helmath und des eigenen Her⸗ des in Anſpruch! Mag Eduard finſter blicken— ſeine Geſchenke wiherrufen— mich von ſeinem Hofe verban⸗ nen— Du biſt mehr werth als Alles! Erwarte mich— ſeufze nicht— weine nicht— lächle bis wir uns wieder ſehen!“ Mit dieſen Worten verließ er ſie— eilte in den Stall, wo ſein Pferd ſtand, zäumte es mit eigenen Hän⸗ den und ritt mit der Eile eines Mannes, den die Lei⸗ denſchaft treibt und anſpornt, auf den Tower von Lon⸗ don zu. Aber als Sibylla aus den Armen ihres Vaters auf⸗ fuhr, als ſie die ſcheidenden Hufſchläge des Noſſes ihres Geliebten vernahm— um auf den letzten Ton zu hor⸗ chen, der ihr von ihm erzählte, da erblickte ſie eine ſchreckliche Erſcheinung, die ihr ſtets Wehe und Entſetzen bedeutete. Auf der andern Seite des Gartenzaunes, der ihre Geſtalt, aber nicht ihr wohlbekanntes Geſicht verbarg, welches darüber wegſtarrte, ſtand das Trommelmädchen Graul. Ein Schrei des Entſetzens und des Wiederer⸗ kennens entſuhr Sibylla's Lippen, als ſie ſich wieder an Adams Brußt warf; aber als er ſich umſah, um die Urſache ihrer Beſtürzung zu entdecken, war Graul ver⸗ ſchwunden. Drittes Kapitel. Tugendhaſte Vorſätze werden der Prüfung, der Eitelkeit und der Welt unterworfen. Als Haſtings ſein eigenes Haus erreichte, erfuhr er, daß der Hof noch zu Shene ſei. Er wartete nur, bis das Gefolge, welches ſein Rang erforderte, bereit war und erreichte vor Einbruch der Nacht den Hof, von welchem er ſich in der letzten Zeit unter ſo vielen Vor⸗ wänden entfernt gehalten hatte. Eduard war gerade beim Banket und Haftings ein zu erfahrener Hofmann, um ihn zu einer ſolchen Zeit zu ſtören. In einer Stimmung, die für die Geſellſchaft unpaſſend war, nahm er ſeinen Weg zu den Zimmern, die ihm gewöhnlich eingeräumt wurden, als ihm ein Herr begegnete und ihn mit großem Reſpekt benachrichtigte, daß der Lord Seales und Rivers dieſe Zimmer bereits für die erſte Kammerfrau ſeiner Gräfin beſtimmt habe— daß ihm aber andere, wenn gleich weniger bequeme und geräumige Zimmer zu Ge⸗ bote ſtünden. Haſtings beſaß nicht den erhabenen und mehr als königlichen Stolz Warwicks und Montagu's, doch dieſe Nachricht kränkte und ärgerte ihn empfindlich. „Meine Zimmer als Lord Kämmerer— als einer von den erſten Generalen in des Königs Armee— der Kammerfrau von Sir Anton Woodville's Frau gegeben! — Auf weſſen Befehl, Herr?“ „Ihrer Majeſtät der Königin— verzeiht mir My⸗ lord!“ Hierauf ſah ſich der Herr um und ſetzte mit leiſer Stimme hinzu:„Ihre Majeſtät ſagte ferner: „We er vie Stelle verzei Ihr liche einan verget 45 Mylo zu der id der hr er, , bis t war von Vor⸗ beim , um nung, ſeinen räumt roßem Rivers ſeiner wenn u Ge⸗ hr als h dieſe z einer — der geben! r My⸗ zte mit ferner 87 „Wenn der Lord Kämmerer nicht zurückkehrt, ſo wird er vielleicht nicht nur ſeine Zimmer, ſondern auch ſeine Stelle beſetzt finden! Mylord, wir lieben Euch Alle— verzeihet mir meinen Eifer, ſeht Euch wohl vor, wenn Ihr Eure Stelle behalten wollt.“ „Ich danke Euch, Herr.— Iſt der Herzog von Glou⸗ ceſter im Palafte?* „Ja— und in ſeinem Zimmer. Er ſttzt nicht lange beim Mahl.“ „Seld ſo gut, mir Seiner Hoheit Erlaubniß zu verſchaffen, ihm aufwarten zu dürfen— ich erwarte hier ſeine Antwort.“ An die Wand des Corridor gelehnt, gab ſich Ha⸗ ſtings andern Gedanken, als denen der Liebe hin!— So ſtark iſt die Gewohnheit— ſo mächtig die Eitelkeit orer der Ehrgeiz, daß dieſe unbedeutende Beleidigung eine ploͤtzliche Umwäͤlzung in dem Geiſte des königlichen Günſtlings hervorbrachte— noch einmal machte das bewegte und glänzende Hofleben auf ihn Eindruck— jenes Leben, ſo langweilig, wenn es geſichert iſt, wurde ihm ſüß, als es gefährdet wurde. Seinen Feinden ent⸗ gegen zu wirken— ſeine Nebenbuhler zu demüthigen— des Königs Gunſt und Unterſtätzung wieder zu gewin⸗ nen— mit der Gewandtheit ſeines Geiſtes jede feind⸗ liche Liſt zu vereiteln— dies waren die Gedanken, die einander drängten und durchkreuzten, und Sibylla war vergeſſen. Der Herr erſchien wieder.„Prinz Richard wünſcht Mylords Gegenwart,“ ſagte er und Lord Haſtings ging zu den Gemächern des Herzogs. Richard, der das welte —,— 88 Gewand irug, welches man im Zimmer zu tragen pflegte, und welches ſeinen fehlerhaften Wuchs verbarg, erhob ſich von einem mit Papieren bedeckten Tiſche und umarmte Haſtings mit herzlicher Zaͤrtlichkeit. „Nie wart Ihr mir willkommener, lieber William. Ich bedarf Eurer weiſen Rathſchläge beim Könige und habe frohe Nachrichten für Euch.“ „Wahrlich, mein Prinz, ich glaube der König wird ſchwerlich auf den Rath eines todten Mannes achten.“ „Todt?* „Ja. An Hoͤfen ſcheinen die Männer todt zu ſein— ihre Zimmer werden beſetzt— ihre Stellen verſprochen oder vergeben, wenn ſie nicht Morgens und Abends kommen, um den König zu überzeugen, daß ſie am Leben ſind.“ Und mit erzwungener Heiterkeit wiederholte Haſtings die eben erhaltene Nachricht. „Was wollt Ihr ſagen, Haſtings?“ ſagte der Her⸗ zog achſelzuckend, doch mit einer verborgenen Bedeutung in ſeinem Tone.„Lord Rivers wäre an ſich nichts; aber ſein e Gemahlin iſt eine mächtige Erbin und erfor⸗ dert Aufwand, da ſie die Mittel dazu verleiht. Seht Euch um und ſagt mir, welcher Mann je ſeine Macht behauptete, ohne die bedeutenden Verbindungen, die geeignete Mitgift, den ungeſehenen und niemals ſchlum⸗ mernden Einfluß einer vornehmen Gattin? Wie kann ein armer Mann ſeinen Ruf, ſeinen beliebten Namen jenes luftige aber allmächtige Ding, welches wir Würde oder Rang nennen, gegen die Stacheln der weiblichen Intrigue und der weiblichen Verleumdung vertheidigen? Aber er verheirathet ſich, und ſiehe, es erſcheint ein Heer verſel dienſt gegen währe River mit d Coufi ren J „und laubn 3 u Braut ſen S richten halten letzten agen barg, und liam. und wird en. 4 in— ochen dends 2 am holte Her⸗ rtung chts; rfor⸗ Seht Nacht , die lum⸗ kann amen zürde ichen gen? 89 Heer feenhafter Kämpfer, welche die Nebenbuhler un⸗ verſehens zwicken. Seine Frau hat ihre Armee von dienſtbaren Geiſtern, die eine Schlachtordnung bilden, gegen die Damen ſeiner Feinde! Daher mein Freund, während Ihr unverheirathet ſeid, glaubt nicht, Lord Rivers die Stange halten zu können, der ein Weib hat mit drei Schweſtern, zwei Tanten und einigen zwanzig Coufinen!“* „Und wenn,“ verſetzte Haſtings, der bei der wah⸗ ren Ironie des Herzogs immer ungeduldiger wurde— „und wenn ich jetzt zum Könige käme, ihn um die Er⸗ laubniß zu bitten, mich zu verheirathen—* „Wenn das der Fall waͤre— und die erwählte Braut wäre eine Dame von Macht und Reichthum und mannigfachen Verbindungen, und der Gewohnheit am Hofe zu leben, ſo würhet Ihr nach Warwicks Exil der mächtigſte Lorh im Königreich ſein!“ „Und wenn ſie nur Jugend, Schönheit und Tugend beſäße?* „O dann, Lord Haſtings, bittet Euren Schutzheili⸗ gen um einen Krieg— denn im Frieden würdet Ihr unter der Menge verloren gehen. Aber genug von die⸗ ſen Scherzen; denn Ihr ſeid nicht der Mann, in hieſer arbeitsvollen Welt von Jugend, Tugend und dergleichen in nüchternem Ernſte zu reden, wo nichts jung und nichts tugendhaft iſt— und hört auf ernſte Dinge. Hierauf theilte der Herzog Haflings die letzten Nach⸗ richten mit, die man von Warwicks Machinationen er⸗ halten hatte. Er war in ſehr guter Laune, denn dieſe letzten Nachrichten berichteten Margarathens Weige⸗ rung, auf den Vorſchlag einer Vermählung ihres Soh⸗ nes mit der Tochter des Grafen einzugehen, obgleich andererſeits der Herzog von Burgund, der in beſtändi⸗ ger Korreſpondenz mit ſeinen Spionen war, meldete, daß Warwick Provifionen aus eigenen Mitteln für mehr als ſechszigtauſeub Mann zuſammenbringe, und daß der Graf mit oder ohne Laneaſter bereit ſei, ſeine eigenen Familienintereſſen gegen Eduards Armeen zu vertreten. „Und,“ ſagte Haſtings,„wenn ſeine ganze Familie ſich mit ihm vereint, welcher fremde König könnte ſo furchtbar ſein? Maltravers und die Mowbray's, Fau⸗ eonberg, Weſtmoreland, Fitzhugh, Stanley, Bonville, Woreeſter—* „Aber zum Gluͤck ſind die Mowbrays auch mit der Schweſter der Königin verbunden,“ ſagte Glouceſter; „Woreeſter verabſchent Warwick; Stanley murrt ſtets gegen uns, ein gewiſſes Zeichen, daß er für uns fechten wird; und Bonville— ich habe einen zuverlaͤſſigen Yorkiſten im Auge, dem die Anhänger dieſes Hauſes ſollen zugewieſen werden. Aber davon ſogleich. Was ich jetzt von Eurer Weisheit wünſche, iſt, mir zu helfen, Eduard aus ſeiner Trägheit zu erwecken; er lacht über ſeine Gefahr und hält weder Mittheilungen mit ſeinen Anführern, noch beſetzt er die Küſten. Sein Muth macht ihn zu einem Dummkopf.“ Nach einigen weiteren Worten über dieſe Gegen⸗ ſtände und nach einem genaueren Berichte über die Vor⸗ bereitungen, welche Glouceſter für nöthig hielt, um den König anzutreiben, ſagte der Herzog lächelnd, indem er ſeinen Stuhl Haſtings näherte: Soh⸗ gleich ändi⸗ dete, mehr ß der genen reeten. milie te ſo Fau⸗ ville, t der ſter; ſtets ꝛchten ſigen auſes Was elfen, über einen Muth egen⸗ Vor⸗ n den ndem 91 „Und nun, Haſtings, von Euch ſelber. Es ſcheint, als ob die Nachricht, die wir ſchon vor vier Tagen er⸗— hielten, noch nicht zu Euch gelangt iſt— Lord Bonville iſt toht— ſchon vor drei Monaten in ſeinem Landhauſe in Devon geſtorben. Eure Katharina iſt frei und in London. Nun Mann, wo iſt Eure Freube?* „Die Zeit iſt— die Zeit war!“ ſagte Haſtings düſter.„Der Tag iſt vorüber, wo dieſe Nachricht mich hätte erfreuen können.“ „Vorüber! Nein, Eure guten Sterne ſind Euch bei dem Aufſchub günſtig geweſen. Sieben treffliche Ritter⸗ güter vermehren die Beſitzungen der ſchönen Wittwe; ſelbſt ihre große Mitgift fällt an ſie zurück. Auch ihre Tochter wird Euch Macht verleihen. Die junge Cäcilie Bonville, die Erhin, wünſcht Lord Dorſet zum Verlob⸗ ten. Eure Gattin wird die Schwiegermutter des Soh⸗ nes der Königin werden; andererſeits iſt ſie bereits die Tante der Herzogin von Clarence und Georg wird ge⸗ wiß früher oder ſpäter Warwick verlaſſen und Verzei⸗ hung erlangen. Mächtige Verbindungen— ungeheure Beſitzungen— eine Dame— eine Dame von makel⸗ loſem Namen, ausgezeichneter Schönheit und Eure erſte Liebe— Eure Hand zittert— Eure erſte Liebe— Eure einzige und letzte Liebe!“ „Prinz— Prinz! Haltet ein! Auch wenn es ſo wäre— kurz, Katharine liebt mich nicht!* „Ihr irrt! Ich habe ſie geſehen und ſie liebt Each nicht weniger, weil ihre Tugend es ſo lange verbarg.“ Haſtings ſtieß einen Ausruf leidenſchaftlicher Freude aus, aber ſein Geſicht verfinſterte ſich wieder. Gloueeſter beobachtete ihn ſchweigend; außer der Neigung, die er damals für Haſtings empfand, mochte die Politik den Herzog wohl bewegen, einem ſo getreuen Yorkiſten die Hand und den Reichthum der Schweſter des Lord Warwick zu ſichern; um aber nicht weiter in ihn zu dringen, ſagte er in verändertem und nachläͤſſi⸗ gem Tone:„Verzeiht mir, wenn ich mich über Gegen⸗ ſtände ausgeſprochen habe, worüber jeder Mann ſelber urtheilt. Aber da ungeachtet aller Hinderniſſe Anna Nevile doch endlich die Meine werden ſoll, ſo würde es mich erfreut haben, in Lord Haſtings einen nahen Ver⸗ wandten zu haben. Und nun, da es ſpät wird, bitte ich Euch, laßt Eduard Euch in ſeinem Zimmer finden.“ Als Haſtings dem Könige aufwartete, bemerkte er ſogleich, daß Eduarbs Benehmen gegen ihn verändert war. Anfangs ſchrieb er die Urſache dem Einfluß der Koͤnigin und ihres Bruhers zu; aber der König ver⸗ rieth bald die wahre Quelle ſeiner veränderten Laune. „Mylord,“ ſagte er plötzlich,„ich bin kein Heiliger, hoch es gibt Liebesverhältniſſe, die meiner Anſicht nach ſich nicht für Ritter und Edle in der Nähe der Perſon eines Königs ſchicken.“ „Mein Lehnsherr, ich verſtehe Euch nicht!“ „Pah, William!“ verſetzte der König ſanfter,„Ihr habt mich mehr als einmal mit der Bitte beläſtigt, dem Teufelsbeſchwörer Warner zu verzeihen— und jetzt nimmt der ganze Hof ein Aergerniß an Eurer Liebe zu ſeiner Tochter. Ihr habt Euch unter ungenügenden Vorwänden von Euren Berufsgeſchäften entfernt! Ich kenne Ench zu gut, um nicht zu wiſſen, daß die Liebe alleit gen den Wor Schl ſein! Gefaͤ mehr luſtig chriſt t- ſo au 2 die F Günf „fie f den fi er lau lehrte rer h Rebe dieſes ſitzt, Euch beſuch Staan 2 ein, d gen 3 ſamm 93 r der allein Euch bewegen kann, Euren König zu vernachläſſi⸗ vochte gen— und Ihr habt Eure Zeit zu den Füßen oder in reuen den Armen dieſer jungen Zauberin zugebracht! Ein veſter Wort für alle— der, welchen eine Hexe in ihren ter in Schlingen hat, kann kein treuer Diener eines Königs läſſi⸗ ſein! Ich fordere von Euch als ein Recht oder als eine egen⸗ Gefälligkeit— ſeht dieſe ſchöne Landſtreicherin nicht ſelber mehr! Wie, Mann, giht es nicht Damen genng im Anna luſtigen England, daß Ihr Euch wezgen einer ſo un⸗ de es chriſtlichen Geliebten zu Granke richten ſolltet?⸗ Ver⸗„Mein König! wie kann dieſes arme Mädchen Euch te ich ſo aufgebracht haben?“ 4„Wißt Ihr nicht“— begann der König heftig und kte er die Farbe verändernd, als er das traurige Erſtannen ſeines ndert Günftlings ſah.„Ah, gut!“ murmelte er bei ſich ſelber, ß der„fie ſind bisher verſchwiegen geweſen, doch wie lange wer⸗ ver⸗ den ſie es ſein? Noch iſt es Zeit.— Es iſt genug,“ fügte ine. er laut und ernſt hinzu—„es iſt genug, daß unſer ge⸗ liger, lehrter Bungey ihren Vater für einen hölliſchen Zaube⸗ nach rer hält, der ſeine Zauberſprüche für Lancaſter und den erſon Rebellen Warwick murmelt, um überzeugt zu ſein, daß dieſes Mädchen die unheiligen Gaben ihres Vaters be⸗ ſitzt, und ich befehle Euch als Euer Lehnsherr und bitte „Ihr Euch als Freund, weder Kind noch Vater wieder zu dem beſuchen! Dies mag hinreichen— und jetzt will ich von jetzt Stiaatsgeſchäften hören.“ be zu Was Haſtings auch fühlen mochte, ſo ſah er wohl enden ein, daß es keine Zeit ſei, dem Könige Gegenvorſtellun⸗ Ich gen zu mochen, und er bemühte ſich, ſeine Gedanken zu Liehe ſammeln und gleichgültig über die wichtigen Jntereſſen zu reden, wozu Ebduard ihn einlud; aber er war ſo zer⸗ ftreut und abweſend, daß er nur einen ſchlechten Rath⸗ geber abgab, und der König, der Mitleid mit ihm hatte, entließ ſeinen Kämmerer für die Nacht. Schlaf beſuchte Haſtings Lager nicht; ſein Scharf⸗ ſinn bemerkte, daß Eduard, ſo groß auch ſein Aber⸗ glaube ſein mochte, einen weltlicheren Beweggrund zu ſeinem Zorne gegen die arme Sibylla habe. Und da Haſtings weher von dem zerſtreuten Warner, noch von der unſchuldigen Sibylla den wahren Grund erfahren hatte, ſo erſchöpfte er ſich in vergeblichen Muthmaßun⸗ gen und wußte nicht, daß Eduard unwillkürlich der über⸗ legenen Ritterlichkeit ſeines Günſtlings huldigte, wenn er wünſchte, daß Haſtings vor allen andern Menſchen das Geheimuiß ſeiner Schuld nicht von dem Philoſophen und ſeiner Tochter erfahren ſolle. Wenn Haſtings Si⸗ bylla ſeinen Namen und Rang gab, welches mächtige Gewicht mußte plötzlich die Erzählung der unbedeuten⸗ den Zeugin erhalten! Indem ſich Haſtings von Sibylla's Bilde abwendete, welches von ſolchen Gefahren, Verlegenheit, Erniedri⸗ gung und Untergang umlagert war, erinnerte er ſich der Worte Gloöuceſters, und Katharina's ſtattliches Bild, von jeder Erinnerung der frühen Leidenſchaft und jedem Attribut des gegenwärtigen Ehrgeizes umgeben, erhob ſich vor ihm und endlich ſchlief er ein, nicht um von Sibylla und dem Obſtgarten zu träumen, ſondern von Katharina in ihrer jugendlichen Blüte— von dem Baume bei der Halle von Middleham, wo er mit ihr zuſammengekommen— von dem zerbrochenen Ringe— Der 4 mehr daß ginge verſe. lobur Wut! ſeines Brief lingen das 2 beſtät zog„ wick's heftig ergrei ſeinen render lachte über! Graf Nieme demſel zer⸗ Kath⸗ hatte, harf⸗ Aber⸗ nd zu id da ) von ahren ßun⸗ über⸗ wenn ſchen phen Si⸗ htige uten⸗ dete, edri⸗ ) der Bild, edem rhob von von dem t ihr e— 9⁵ von dem Entzücken und dem Weh ſeiner erſten Jugend⸗ liebe. Viertes Kapitel. Der Kampf, den Sibylla herbeigewünſcht, zwiſchen Katharina und ihr, beginnt in vollem Ernſt. Haſtings fühlte ſich erleichtert, ale am nächſten Tage mehre Couriere mit ſo wichtigen Nachrichten kamen, daß alle andere Rückſichten in denen des Staats unter⸗ gingen. Ein geheimer Bote vom franzöſiſchen Hofe verſetzte Glouceſter durch die Nachricht von Anna's Ver⸗ lobung mit dem Prinzen Eduard in leidenſchaftliche Wuth, welcher er ſich ungeachtet ſeiner Verſtellung und ſeines Verſtandes zuweilen hingah; auch tröſtete der Brief von Clarence an den König, welcher das Ge⸗ lingen eines ſeiner Pläne bezeugte, Richard nicht für das Mißlingen des andern. Ein Brief von Burgund beſtätigte den Bericht des Spions und kündigte Her⸗ zog Karls Abſicht an, eine Flotte zu ſenden, um War⸗ wick's Invaſton zu verhindern und machte König Eduard heftige Vorwürfe, daß er keine geeigneten Maßregeln ergreife, einem ſo furchtbaren Feinde zu begegnen. Bei ſeinem heitern und ſorgloſen Uebermuth, der eines fah⸗ renden Ritters würdiger war als eines Monarchen, lachte Eduard über das Wort Invafion.„Die Peſt über die burgundiſchen Schiffe! Ich wollte nur, der Graf landete!* ſagte er in ſeinem geheimen Rath. Niemand ſtimmte in den Wunſch ein, aber ſpäter an demſelben Tage kam ein dritter Bote mit einer Nachricht, die Ebuards ganzen Zorn erregte; und unbekümmert um jede entfernte Gefahr, wurde plötzlich ſeine Thätigkeit angeregt, wenn ein Feind bereits im Felde war. Der Lord Fitzhugh, der junge Edelmann, den wir ſchon frü⸗ her unter den Rebellen zu Olney geſehen und der jetzt zu der Erbſchaft ſeines Hauſes gelangt war— hatte ſich nämlich im Norden plötzlich an der Spitze einer furchtbaren Rebellion erhoben. Kein Mann beſaß eine ſo große Erfahrung in der Kriegführung in jenen Di⸗ ſtrikten, Keiner kannte die Stimmung des Volkes und die Neigungen der verſchiedenen Städte und Herrſchaften ſo gut wie Montagu; er war der natürliche Ober⸗ beſehlshaber, den man gegen die Rebellen ſchicken mußte. Es entſtand ein lebhafter Streit, wie weit man ſich in dieſer Kriſis auf den Marquis verlaſſen könne; aber während die Scharffichtigeren es für ſicherer hielten, ihn nicht unbeſchäftigt zu laſſen und ſeine Dienſte bei einer Expedition anzuwenden, die ihn, wenn ſein Bru⸗ der, wie man es erwartete, an der Küßte von Norſolk landete, aus deſſen Nähe entfernen würde, glaubte Eduard mit einer Blindheit, die ſaſt unglaublich ſcheint, feſt an die Treue eines Mannes, den er beleidigt und arm ge⸗ macht, und den er noch vor ganz kurzer Zeit dadurch getäuſcht, daß er ſeine Tochter dem laneaſtriſchen Prin⸗ zen angeboten. Montagu wurde haſtig herbeigerufen und erhielt Befehl, zu den nöͤrdlichen Provinzen abzu⸗ marſchiren, Truppen auszuheben und ihr Commando zu übernehmen. Der Marquis gehorchte mit wenigeren Worten, als ihm natürlich waren— verließ die könig⸗ liche Gegenwart, ſchwang ſich auf ſein Pferd und zog t um igkeit Der frü⸗ jetzt hatte einer eine Di⸗ 3 und 97 einen Brief aus dem Buſen, als er aus dem Palafte ritt.„Ab, Eduard!“ ſagte er mit zuſammengebiſſenen Zähnen,„nach der feierlichen Verlobung Deiner Tochter mit meinem Sohne wollteſt Du ſie Deinem lancaſtriſchen Feinde geben. Feigling, ſo wolltet Du Dir Frieden erkaufen!— Verworfener, ſo brachſt Du Dein Wort! Ich danke Dir für dieſe Nachricht, Warwick; denn ohne dieſe Beleidigung hätte ich nie mein Schwert gegen die⸗ ſen treuloſen Mann ziehen können— beſonders nicht für Lancaſter. Ja, zittere, Du, der Du alle Treue und Ehre verſpotteſt! Wer ſich ſelbſt verräth, kann Rache nicht Verrath nennen!“ Um weitere Vorbereitungen zu treffen, begab ſich Eduard in den Tower von London. Neue Beweiſe von dem Abgrunde unter ſeinen Füßen erwarteten den un⸗ gläubigen König. An der Thür der St Paulskirche und an mehren Kirchen der Hauptſtabt, an dem Mo⸗ nument zu Chepe und an der Londoner Brücke war wäh⸗ rend der vergangenen Nacht— Niemand wußte von wem— die berühmte Proklamation, von Warwick und Clarence unterzeichnet und in dem kühnen Style des Grafen aufgeſetzt, angeſchlagen worden, worin ſie ihre baldige Rückkehr anmeldeten und eine karze und kräftige Beſchreibung der ſchlechten Verwaltung des Reiches ga⸗ ben und ihren Entſchluß ausſprachen, alle Uebel zu ver⸗ beſſern und alles Unrecht wieder gut zu machen. Obgleich die Proklamation nicht die Wiedereinſetzung der lancaſtri⸗ ſchen Linie erwaͤhnte, was ohne Zweifel aus Ruͤckſicht fur Heinrichs Sicherheit geſchah, ſo waren doch alle Be⸗ wohner der Hauptſtadt bereits mit der unheildrohenden Bulwer, Barone. III, 7 — Verbindung zwiſchen Margaretha und Warwick bekannt. Doch noch immer läͤchelte Eduard verächtlich, denn er vertraute dem von Clarence erhaltenen Briefe und hielt ſich überzeugt, daß, ſohald der Herzog und der Graf landeten, der Erſtere ſeinen Begleiter insgeheim an den König verrathen würde, und ſo, ungeachtet aller dieſer Veranleſſungen zur Unruhe, waren die nächtlichen Ge⸗ lage im Tower niemals heiterer und freudiger. Ha⸗ ſtings verließ das Mahl, ehe es zur Schwelgerei über⸗ ging, und trat in tiefen Gedanken in ſein Zimmer. Er warf ſich auf einen Stuhl und ſtützte ſein Geſicht auf ſeine Hände. „O nein— nein!“ murmelte er;„jetzt in der Stunde, wo wahre Größe ſich am meiſten zeigt— wo Fürſten und Pairs ſich um mich drängen, um Rath bei mir zu holen— wo Edle— Ritter und Knappen um die Erlaubniß bitten, in dem Trupp marſchiren zu dür⸗ fen, deſſen Anführer Haſtings iſt— jetzt fühle ich, wie unmöglich— wie trüglich der Traum war, daß ich Al⸗ les aufgeben könne— Alles für ein Leben der Verborgen⸗ heit— für eines jungen Mädchens Liebe! Liebe! Als hätte ich ihre Täuſchungen nicht ſchon bis zum Ueberdruß empfunden!— Liebe! als ob ich noch wieder lieben könnte! Wenn von Liebe die Rede iſt, ſo muß es ein Licht ſein, welches nur von der Erinnerung zuruͤck⸗ geſtrahlt wird! Und Katharina iſt wieder frei! Waͤh⸗ rend er ſprach, ſchlug er die Augen nieder— vielleicht ans Scham und Reue, da er ſo fühlte und ſo verſchieden gefühlt hatte, als er Sibylla geſagt, ſie moͤge lächelnn bis zu ſeiner Rückkehr! In oder de regen mer, näͤmlich De reka un zweiflu das eiſ Benem lagen; annt. un er hielt Graf n den dieſer Ge⸗ Ha⸗ über⸗ . Er ht auf 99 „Die Luſt bieſes verhammten Hofes iſt es, die un⸗ ſere begen Entſchlüſſe vernichtet!“ murmelte er als Ent⸗ ſchuldigung für ſich ſelber; doch kaum war dieſe aͤrm⸗ liche Entſchuldigung ausgeſprochen, als er einen Ausruf der Überraſchung und Freude ausſtieß. Ein Brief lag vor ihm— er erkannte Katharinens Hand. Wie viele Jahre waren vergangen, ſeitdem er ihre Handſchrift nicht geſehen— ſeit den Zeilen, worin ſie ihm Lebewohl ſagte und ihn bat, ſie zu vergeſſen! Jene Zeilen waren von Thränen halb ausgelöſcht, und auf bieſen, als er die Seide zerſchnitt, womit der Brief zuſammengebunden war, waren auch Thräͤnenſpuren zu ſehen! Doch, es waren nur wenige Zeilen und mit zitternder Hand ge⸗ ſchrieben. Sie lauteten ſo: „Lord Haſtings wird gebeten, morgen Vormittag eine Perſon zu beſuchen, deren Leben er durch den Ge⸗ danken und die Beſchuldigung getrübt hat, daß ſie das ſeine umwolkt und verbittert habe. Katharina von Bonoille.“ Indem wir Haſtings ſolchen Betrachtungen der Furcht oder der Hoffnung überlaſſen, welche dieſe Zeilen zu er⸗ regen geeignet waren, führen wir den Leſer in ein Zim⸗ mer, welches nicht ſehr fern von dem ſeinigen war— nämlich in das Zimmer des berühmten Mönchs Bungey. Der ehemalige Gaukler ſtand vor der eroberten Eu⸗ reka und ſah fle mit einer Miene ernſthaft⸗komiſcher Ver⸗ zweiflung und Wuth an. Wir ſagen, die Eureka— doch das eiſerne Geſchöpf verdiente nicht mehr dieſe ſtolze Benennung, denn die verſchiedenen Glieder derſelben lagen zerſtreut da. Zur Seite des Mönchs ſtand ein Frauenzimmer, welches in einen langen Scharlachmantel gehällt war, deſſen Kragen ſie zum Theil üͤber ihr Geſicht gezogen hatte, doch ſo, daß die ſchmalen, ſchurkiſchen Lippen, das ſcharfe Kinn und der feſte Unterkiefer noch zu ſehen waren. „Ich ſage Dir, Graul,“ ſagte der Mönch,„daß Du bei weitem den beſten Handel gemacht haſt. Ich habe dieſe teufliſche Erfindung auf jede mögliche Weiſe zu⸗ ſammengeſetzt und ſo viel Latein darüber gemurmelt, um ein Ungeheuer zu bändigen und lenkſam zu machen. Aber das verdammte Ding, nachdem es mir beinahe drei Finger abgeklemmt, mich mit ſtedendem Waſſer verbrüht und genug geſprudelt und gelärmt, um jeben andern Menſchen als den Mönch Bungey zu erſchrecken, iſ obstinatus ut mulum— widerſetzlich wie ein Mauleſel und war durchaus zu nichts nütze, bis es mir gläcklicher⸗ weiſe einfiel, dieſes Gefäß herauszunehmen, und es dient mir jetzt dazu, Eier darin zu ſieden! Aber bei der Seele des Vaters Merlin, den die Heiligen freiſprechen, ich hätte mir nicht ſo viel Mühe geben ſollen wegen eines Dinges, deſſen Geſchäft am Ende auch jedes irdene Töpfchen verſieht!“ „Schnell, Herr— es iſt ſchon ſpät! Ich muß gehen, ſo lange die Soldaten, die Couriere und Reiter, welche hin und her eilen, das Thor noch offen halten. Was wolltet Ihr von Graul?“ „Mehr Ehrerbietung, Kind!“ brummte der Mönch „Was ich von Dir will, iſt bald geſagt, wenn Du uu ſo viel Verſtand haſt, um mir zu dienen. Dieſer elenze mer, war, aogen ppen, ſehen „daß h habe ſe zu⸗ elt, um .Aber 10¹1 alte Warner muß mir ſelber den Gebrauch und die An⸗ wendung ſeiner boshaften Erfindung erklären. Du mußt ihn aufſuchen und hieher bringen!⸗ „Und wenn er es nicht erklären will?“ „Der Vicecommandant des Tower wirb mir ein ge⸗ wölbtes Gefängniß, und wenn es nöͤthig ſein ſollte, auch den Gebrauch der Folter erlauben, um die Zunge des kindiſchen Alten zu löſen.“ „Unter welchem Vorwande?“ „Daß Adam Warner ein Zauberer iſt, im Solde des Lord Warwick, den ein mächtigerer Meiſter wie ich bin allein gehörig examiniren und zurechtweiſen kann.“ „Und wenn ich den Zauberer bringe— was wollt Ihr mir dagegen lehren?⸗ „Was wünſcht Ihr am meiſten?“ Graul dachte nach und ſagte:„Es ſteht ein Krieg bevor. Graul folgt dem Lager— ihr Soldat erwirbt ſich Gold und Beute. Aber der Solbat iſt ſtärker als Graul; und wenn der Solbat ſchläft, hat er ſein Meſſer an ſeiner Seite und ſein Schlaf iſt leicht, denn er hat böſe Träume. Gebt mir einen Trank, um ſeinen Schlaf tief zu machen, damit ſeine Augen ſich nicht öffnen, wenn Graul ihm ſein Gold nimmt, und ſeine Hand zu ſchwer ſein möge, um ſein Meſſer aus der Scheide zu ziehen!“ „Immunda— detestabilis!— Deinen eigenen Geliebten!“ „Er hat mich mit dem Zägel ſeines Pferdes geſchla⸗ gen— hat Gretchen ein großes Silberſtück gegeben— Greichen hat auf ſeinem Knie geſeſſen— Graul ver⸗ zeiht nie! — So ſehr der Mönch Schurke war, ſo empfand er doch einen Schauder:„Ich kann Dir nicht helfen zum Morden— ich kann Dir den Trank nicht geben; nenne eine andere Belohnung.“ „Ich gehe—¹ „Nein, nein— bedenke Dich— verweile.“ „Ich weiß, wo Warner verborgen iſt. Bis morgen um dieſe Zeit ſoll er in Eurer Macht ſein. Sagt nur ein Wort und verſprecht mir den Trank.* „Nun, nun, mulier abominabilis!— das heißt unwiderſtehliche Schöne— ich kann Dir den Trank nicht geben; aber ich will Dir eine Kunſt lehren, die den Schlaf noch feſter macht als alle anderen Mittel, und wobei man keine Eſſenzen verſchwendet— eine Kunſt, die Du an Deinen Fingerſpitzen haben ſollſt und die oft die ſchwärzeſten Geheimniſſe aus dem Herzen des Schlä⸗ fers hervorbringt!“* „Es iſt ein Zauber,“ ſagte Graul freudig—„ia, ein Zauber.— Ich will Euch den alten Zauberer brin⸗ gen. Aber hoͤrt, er geht nie anders als mit ſeiner Tochter aus. Ich muß Beide bringen.“ „Nein, ich bedarf des Mädchens nicht.“* „Aber ich wage ſte nicht zu erdroſſeln, denn ein großer Lord liebt ſie, der die That entdecken und ſie räͤchen würde; und wenn ſie zurückbliebe, würde fie zu dem Lord gehen und der Lord würde entdecken, was Ihr mit dem Zauberer gethan habt, und Ihr würdet baumeln müſſen!“ * Der thieriſche Magnetismus war den Schwar zkünſtlern des Mittelalters nicht unbekannt. 1⁰³ „Rede nie vom Baumeln mit mir, Graul— es ſſt unmanierlich und unheilhrohend. Wer iſt der Lord?“ „Haſtings.“ „Peß!— Und ſchon hat er nach dem Dinge da ſuchen laſſen und ich habe Tag und Nacht darüber ge⸗ brütet, wie eine Henne über einem Kalkei— nur daß das Ei nicht die Klauen der Henne abklemmt, wie jenes Teufelsding mir gern die Finger abgeklemmt hätte. Aber der Krieg wird Haſtings in ſeinem Wirbel mit fort⸗ nehmen; und in der Gefahr iſt die Herzogin meine Sklavin und wird mir bei Allen durchhelfen. So kannſt Du auch das Mädchen mitbringen; und erwürge ſie nicht, denn es entſteht nie etwas Gutes aus einem Morde— es ſei denn, daß er durchaus nöthig wäre!“ „Ich kenne Leute, die mir helfen werden, kühne Kerle, die ich ſelbſt belohnen will; denn ich will kein Geld von Euch, ſondern nur Eure Kunſt. Wenn die Abenb⸗ glocke läutet, wenn die Fledermaus die Motte verfolgt, ſo wollen wir Euch die Beute bringen—* Graul wendete ſich um— aber als ſie die Thür er⸗ reichte, blieb ſie ſtehen und ſagte plötzlich, indem ſie den Kragen ihres Mantels zurückwarf:„Wie alt haltet Ihr mich?“ „Nun,“ ſagte der Mönch,„wenn ich Dich nicht auf dem Schooße Deiner Mutter geſehen hätte, als ſie mei⸗ ner Gauklerbude folgte, ſo würde ich Dich für dreißig gehalten haben, aber Du haſt ein zu luſtiges Leben ge⸗ führt, um noch blühend auszuſehen. Warum thuſt Du dieſe Frage?“ „Weil— wenn Solhaten und Räuber zu mir ſagen: „„Granl, Du biſt zu alt und abgelebt, um aus unſerm Becher zu trinken und auf unſerm Schooße zu ſitzen, dem jungen Geliebten in die Schlacht zu folgen und den mun⸗ tern Tanz auf dem Jahrmarkt aufzuführen““— ich mich von meinen Schweſtern trennen und eine eigene Hütte haben möchte— und eine ſchwarze Katze ohne ein weißes Haar, und Kränter ſammeln beim Neumond und Knochen aus dem Beinhauſe— und bie verfluchen, die ich haſſe — und auf einem Beſen die neblige Luft durchſchneiden, wie Mutter Halkin von Edmonton. Ha! ha! Meiſter, Du ſollſt mich am Sabbath vorſtellen. Graul hat Anlage zu einer wackern Hexe!“ Das Trommelmäͤdchen verſchwand mit einem Lachen. Der Mönch murmelte ein Vaterunſer, einmal in ſeinem Leben vielleicht andächtig; und nachdem er noch einmal bedächtig die einzelnen Theile der Eureka angeſehen, nahm er ernſthaft aus einem Schranke ein Entenet her⸗ aus und wendete den Hauptagenten der Maſchine, wo⸗ mit Warner die Oberfläche des Erdballs zu verändern gehofft, zu dem einzigen praktiſchen Zwecke an, den er nach den Begriffen des Gaukiers beſaß. Fünftes Kapitel. Die Unterredung zwiſchen Haſtings und Katharina. Am nächſten Morgen, während Eduard beſchäftigt war, bei ſeinen reichen Bürgern alle nur möglichen An⸗ leihen zu machen, da er wußte, daß das Golh der Nery des Krieges iſt— während Woreeſter die Feſtung des 105⁵ Tower bemannte, worin die Koͤnigin, die ihrer Enibin⸗ dung nahe war, während des Feldzuges reſtdiren ſollte — während Glouceſter die Vollmachten an Befehlehaber und Barone ſchrieb, Soldaten auszuheben— während Sir Anton Lord Rivers Verbeſſerungen an ſeiner zier⸗ lichen damascirten Rüſtung anzubringen befahl— und die ganze Feſtung von dem bevorſtehenden Kampfe belebt war— entfloh Lord Haſtings dem Gewühl und begab ſich zu Katharinens Hauſe. Aus welchem Beweggrunde und mit welchen Abſichten, war ihm ſelber nicht klar— vielleicht, denn es lag auch Bitterkeit in ſeiner Liebe zu Katharina, um ſich der Wiedervergeltung zu erfreuen, die er ſeinem verwundeten Siolze ſchuldig war und dem Jdol ſeiner Jagend zu ſagen, wie er zu Glouceſter ge⸗ ſagt hatte:„Zeit iſt— Zeit war—“ vielleicht mit der Erinnerung an die Treue, die er Sibylla ſchuldig war, die jetzt um ſo mehr erwachte, da Katharina von dem idealen Bilde in das wirkliche Weid überzugehen ſchien und leicht zu gewinnen war. So viel iſt gewiß, daß Si⸗ bylla's Sache noch nicht gänzlich verloren war, obgleich ſehr erſchüttert und gefaͤhrdert, als Lord Haſtings vor Lady Bonville’s Thor abſtieg; doch ſein Geſicht wurde nach und nach bläſſer, ſein Weſen weniger zuverſichtlich, als er ſich dem Zimmer und der Gegenwart der verwitt⸗ weten Katharina näͤherte. Sie ſaß allein in demſelben Zimmer, wo er ſte zu⸗ letzt geſehen. Ihre tieſe Trauer diente nur dazu, durch den Gegenſatz zu ihrer bleichen und zarten Geſtchtsfarbe ihre Schönheit zu erhöhen. Haſtings verbeugte ſich tief und ſetzte ſich ſchweigend an ihre Seite. —— Lady Bonville ſah ihn einige Augenblicke mit einem unausſprechlichen Ausdruck der Schwermuth und Zaͤrt⸗ lichkeit an. All ihr Stolz ſchien verſchwunden und ſelbſt der Charakter ihres Geſichts verändert zu ſein— die eruſte Strenge war zur ſanften Schüchternheit geworden und die ſtattliche Haltung in einen unverkennbaren Kampf der Hoffaung und Furcht übergegangen. „Haſtings! William!“ ſagte ſie in ſanftem und leiſem Geflüſter, und bei dem Tone dieſes letzten Na⸗ mens von dieſen Lippen fühlte der Cavalier ſein Herz erbeben.„Wenn der Schritt, den ich gethan,“ fuhr ſie fort,„Euch unweiblich und zu kühn erſcheint, ſo wißt wenigſtens, welches meine Abſicht und meine Entſchul⸗ digung war. Es gab eine Zeit,“ und Katharina erröthete, „wo, wie Ihr wohl wißt, dieſe Hand— hätte ich fie zu vergeben gehabt, dem gehört hätte, der die Häͤlfte dieſes Ringes beſaß.“ Und Katharina nahm aus einem kleinen kiyſtallenen Käſtchen das erwähnte Andenken. „Der gebrochene Ring verkündete nur die gebrochene Treue,“ ſagte Hafiings mit abgewandtem Geſichte. „Euer Gewiſſen macht Euch Vorwürfe wegen dieſer Worte,“ verſetzte Katharina tranrig;„ich gab Euch mein Wort, wenn Ihr meines Vaters Zuſtimmung erlangen könntet. Welches Mädchen, und noch dazu ein Mähchen vom Hauſe Nevile, hätte Pflicht und Edre ſo ſehr ver⸗ geſſen und Euch mehr verſprechen können? Wir wurden getrennt. O, wir wollen dieſe Zeit übergehen! Mein Vater liebte mich zärtlich; aber wann achteten Stolz und Ehrgeiz je auf die Phantaſien eines Mädchenherzens? Drei Bewerber, drei mächtige Lords, deren Verbindung 407 meine Verwandten unterſtützten, zu der Zeit, wo ihr Leben von ihren Schwertern abhing, waren Nebenbuhler um Lord Salisbury's Tochter. Lord Salisbury befahl ſeiner Tochter zu wählen. Euer großer Freund und mein Verwandter, Herzog Richard von York, ſprach ſelbſt für Euren Nebenbuhler. Er bewies mir, daß mein Unge⸗ horſam— wenn in der That zum erſtenmal ein Kind meines Hauſes ſeinem Oberhaupt ungehorſam ſein könne — eine ewige Schranke für Ener Glück ſein würde; daß, während Salisbury Euer Feind ſei, er ſelber Eure Tapſerkeit und Euer Verdienſt nicht belohnen könne; daß es bei mir ſtehe, Euren Ehrgeiz zu belohnen, wenn ich gleich Eure Liebe nicht belohnen könne; daß von der Stunde an, wo ich die Gattin eines Andern werden würde, meine mächtigen Verwandten dem Herzog bei Eurer Beförderung behülflich ſein würden. Seldbſt da⸗ mals, Haſtings, wäre ich lieber die Braut des Himmels als eines Menſchen geworden. Aber ich war wie jedes andere adelige Fräulein abgerichtet, mich gänzlich der Wohlfahrt und dem Willen meines Vaters zu unter⸗ werfen. Als Nonne konnte ich nur für das Gelingen der Sache meines Vaters beten; als Gattin ſollte ich Salis⸗ bury und York die Anhänger und die Feſten eines Barons bringen! Ich gehorchte. Hört weiter— von den drei Bewerbern um meine Hand waren zwei jung und galant — die Frauen hielten ſie für ſchön und einnehmend, und hätte ich einen von dieſen gewählt, ſo hättet Ihr glauben können, eine neue Liebe habe die alte verdrängt. Da ich die Wahl hatte, ſo wählte ich den Mann, den die Liebe nicht hätte wählen können, und heruhigte mich bei — dem traurigen Troſte— der aufgegebene Haſtings wird aus meiner Wahl erſehen, daß ich nur die Sklavin der Pflicht und meine Wahl ſelbſt meine Büßung war.“ Katharina ſchwieg, und es rollten Thränen über ihre Wangen. Haſtings bedeckte ſein Geſicht mit der Hand, und nur an dem Heben ſeiner Bruſt war ſeine Bewegung ſichtbar. Katharina fuhr fort:„Einmal verheirathet, wußte ich, was einer Gattin ziemte. Wir ſahen uns wieder, und auf Eure erſte Verachtung und Euren Zorn — nund es wäͤre eine Schande geweſen, hätte ich die⸗ ſelben durch ein einziges Wort mildern und ſagen wollen: Das Weid erinnert ſich der Liebe des Mädchens— auf dieſe Eure erſten Bewegungen folgte die grauſamere Rache, welche den Kummer und den Kampf in Reue und Scham würde verwandelt haben. Und dann— ſchwaches Weib, das ich war— hüllte ich mich in Ver⸗ achtung und Stolz. Ja, ich empfand tiefen Zorn— war er ungerecht?— daß Ihr ſo das Herz verkennen konntet, welches nichts weiter übrig hatte als die Tugend, um ſich für die Liebe zu entſchädigen. Und doch— doch, oft wenn Ihr mich am haͤrteſten, am meiſten abgehaͤrtet gegen Erinnerung und Gefühl hieltet— aber warum ſoll ich die Prüfung erzählen? Der Himmel unterßüͤtzte mich. Und wenn Ihr mich nicht mehr liebt, ſo könnt Ihr mich wenigſtens nicht verachten.“ Bei dieſen letzten Worten lag Haſtings zu ihren Füßen und neigte ſich, erſtickt von ſeiner Aufregung, über ihre Hand. Katharina ſah ihn einen Augenblick durch ihre Thränen an und ſuhr dann fort:„Aber Ihr hattet als Mann Tröſtungen, die ein Weib nicht wün⸗ 10⁰9 ſchen könnte. Und o, was mich am meiſten kränkte, war nicht— nein, nicht die eiferſuͤchtige, verwundete Eitel⸗ keit, ſondern es war wenigſtens dieſe Selbſtanklage, dieſe Reue, daß Ihr wegen einer Erinnerung erwiderter, aber unglücklicher Liebe Euch nie ſo von Eurer jüngeren Natur entferntet und nie ſo mit dem feierlichen Vertrauen der Zeit ſcherztet. O, wenn ich einen Fehler in Eurer rei⸗ feren Männlichkeit entdeckt zu haben glaubte, der Eurer glänzenden Jugend unwürdig war, ſo machte mich der Zorn über mich ſelbſt bitter und ſtrenge gegen Euch. Deßhalb, und da ich glaubte, daß bei alledem mein Bild nicht erſetzt werde— war ich dankbar, als meine Hand wieder frei war, noch denken zu können—“ die bleiche Wange der Dame röthete ſich, ihre Stimme ſtotterte und wurde leiſe und undentlich—„daß ich noch im Stande ſei, Euch für die Vergangenheit zu ent⸗ ſchädigen. Und wenn ich hierin,“ fügte ſie plötzlich mit edler Energie hinzu,„wenn ich hierin meinen Stolz ge⸗ beugt habe, ſo geſchah es, weil Ihr durch Stolz ver⸗ wundet waret, und nun habt Ihr endlich eine gerechte Rache.“* Eine ſchreckliche Nebenbuhlerin für dich, arme Sibylla! War es ein Wunder, daß, während dieſes Haupt ſich an ſeine Brußt ſenkte, während jene zauber⸗ artige Veränderung vorging, welche die Liebe um ſo ſanfter macht an Lippen, die lange verächtlich, und an Augen, die lange ſtolz und kalt waren, Katharina Nevile die ſtrenge Lady Bonoille, erſetzt habe, die er halb ge⸗ gehaßt, während er ſich um ſte beworben— o! war es wunderbar, daß die Seele des Lord Haſtings zu der 1¹0 alten Zeit zuruͤckkehrte, die inzwiſchen abgelegten Ge⸗ lübde und die kältere Neigung vergaß, und nun mit lei⸗ denſchaftlichen Lippen wiederholte:„Katharina, ſteis und immer geliebte— endlich, endlich mein! Dann folgte ein köſtliches Schweigen, Gelübde, Ge⸗ ſtändniſſe, Fragen, Antworten— der gerührte Aus⸗ tauſch lange getrennter Herzen, die ſich jetzt in eins ver⸗ einigten. Die Zeit verging, ſo daß Katharina ſich end⸗ lich ſanft von ihrem Geliebten losmachte und ſagte: „Und nun, da Du ein Recht haſt, meine Pläne zu wiſſen und zu leiten, ſo bitte ich Dich, meinen gegenwärtigen Vorſatz zu billigen. Krieg erwartet Dich, und wir müſſen uns auf eine Weile trennen! Bei dieſen Worten ver⸗ düſterte ſich ihre Stirn. O, daß ich erleben mußte, daß Lord Warwick, Salisbury und York untreu, ſeine Waffen mit Lancaſter und Margaretha vereinte— daß Katharina wegen des Bruders erröthen mußte, den fie für die Glorie ihres Hauſes gehalten! Nein, nein,“ fuhr ſie fort, als Haſtings ſie mit großmüthigen Ent⸗ ſchuldigungen des Grafen und mit Anſpielungen auf die bekannten Beleidigungen, die ihm widerfahren, unter⸗ brechen wollte—„nein, nein, mache nicht ſeine Sache noch ſchlimmer, indem Du ſagſt, daß ſein unwürdiger Stolz, der Groll über eine vereitelte Politik, ihn hat vergeſſen machen, was er dem Andenken ſeines Ver⸗ wandten York und der verſtümmelten Leiche ſeines Vaters Salisbury ſchuldig iſt. Glaubſt Du, ich hätte ſonſt— ¹ ſie hielt inne, aber Haßings errieth ihren Gedanken und ſetzte ihn folgendermaßen fort:„Glaubſt Du, ich hätte ſonſt ſelbſt jetzt die Huldigung eines Mannes angenommen, der mit Banner und Trompete ins Feld zieht, um mei⸗ nem Bruder als einem Feinde zu begegnen?⸗ Der liebliche Ausdruck war aus Katharinens Geſichte verſchwunden, und der Anblick deſſelben zeigte, daß ihr hoher und ahnenſtolzer Geiſt ſich nur einer Leidenſchaft hingegeben. Sie fuhr fort:„So lange dieſer Kampf währt, ſchickt es ſich für meine Wittwentrauer und meine Verwandtſchaft mit dem Grafen, mich in das Kloſter zurückzuziehen, welches meine Mutier gründete. Morgen reiſe ich ab.“ „Ach,“ ſagte Haſtings,„Du redeſt von dem Kampfe wie von einer einzigen Schlacht. Aber Warwick kehrte nicht an dieſe Küſten zurück und läßt ſich nicht zu einer Verbindung mit Lancaſter herab, um ein gefährliches und verzweifeltes Spiel zu wagen, wie Eduard ſich unhe⸗ ſonnener Weiſe einbildet. Es iſt vergebens, zu laͤugnen, daß der Graf auf einen ernſten und langen Krieg vor⸗ bereitet iſt, und ich zweifle ſehr, ob Eduard demſelben widerſtehen kann, denn die Abgötterei des Landes wird die Armeen des gefürchteten Rebellen vermehren. Wie, wenn es ihm gluͤckte— wie, wenn wir in die Verhan⸗ nung getrieben würden wie Heinrichs Freunde vor uns — wie, wenn der Königmacher den König entthronte? — Dann, Katharina, dann wirſt Du wieder Deiner feindlichen Verwandtſchaft preisgegeben ſein und Deine Hand für Haſtings verloren gehen.“ „Wenn das alle Deine Furcht iſt, ſo nimm das Ver⸗ ſprechen mit Dir: Warwicks Verrath an dem Hauſe, für welches mein Vater ſiel, hebt ſeine Macht auf über eine Perſon, die ſich gezwungen ſieht, ihn als Bruder —— zu verläugnen— da ich weiß, daß Graf Salisbury, hätte er eine ſolche Schande vorhergeſehen, ihn als Sohn würde verläugnet haben. Und wenn Niederlage, Flucht und Veibannung einireten ſollten— ſo ſoll Ka⸗ tharina an Deiner Seite gefunden werden, wohin Du auch wanderſt. Lebe wohl, und möge die heilige Jung⸗ frau Dich ſchützen; möge Deine Lanze ſlegreich ſein gegen alle Feinde— mit Ausnahme eines einzigen. Du wirſt meinem— das heißt dem Grafen ausweichen!“ Und durch dieſen Gedanken beſänſtigt, ſchluchzte Katha⸗ rina laut. „Und ich habe Dein Wort, möge nun Triurmph oder Niederlage erfolgen?“ ſagte Haſtings. „Sieh,“ ſagte Katharina, indem ſie den zerbrochenen Ring aus dem Käſtchen nahm,„jetzt zum erſtenmal, ſeit ich den Namen Bonville führe, lege ich dieſe Reli⸗ quie an mein Herz. Haſt Du Deine Antwort?“ Sechstes Kapitel. Haſtings erfährt, was Sibylla begegnet iſt— er geht zum Könige und trifft einen alten Nebenbuhler. „Es iſt eine Fügung!“ ſagte Haſtings bei ſich ſelber, als er am nächſten Morgen auf dem Wege nach dem Pachthauſe war, es iſt eine Fügung— und wer kann ſeinem Schickſal widerſtehen?“ „Es iſt eine Fügung!“— Eine beliebte Redensart des ſchwachen menſchlichen Herzens! Es iſt eine Fügung! Die geeignete Entſchuldigung fur jehen Fehler! Die sbury, hn als erlage, I Ka⸗ hin Du Jung⸗ n gegen eu wirſt 14 Und Katha⸗ ph oder rochenen ſtenmal, eſe Reli⸗ 4 geht zum ch ſelber, nach dem ver kann Redensart Fügung! gller! Die Starken und Tugendhaften nehmen keine Fügung an! Auf der Erde leidet das Gewiſſen! Im Himmel wacht Gott. Und das Geſchick iſt nur das Phantom, welches wir anrufen, um das erſiere zum Schweigen zu bringen und den letzteren zu entthronen! Haſtings ſchonte ſein gutes Roß nicht. Mit großer Schwierigkeit hatte er einen kurzen Aufſchuh von ſeinen dringenden Geſchäften erhalten, um die letzte ärmliche Pflicht zu erfällen, die ihm jetzt noch übrig war— um dem Maͤdchen entgegenzutreten, deren Herz er mit ver⸗ geblichen Hoffnungen erfüllt hatte, und endlich redlich und offen zu ſagen:„Ich kann Dich nicht heirathen. Vergiß mich und lebe wohl.⸗ Ohne Zweifel erdachte ſein gelehrter und erfindungs⸗ reicher Geiſt ſanftere Worte und zierlichere Perioden, um die Wahrheit darin zu verkleiden. Aber in dieſen beiden Sätzen lag die Wahrheit. Er kam in dem Pacht⸗ hauſe an— er trat ins Haus— er empfand es als einen Vorwurf, daß ihm Sibylla's leichter Schritt nicht entgegen kam, um ihn zu begrüßen. Er ſetzte ſich in dem demüthigen Zimmer nieder und wartete geduldig eine Weile— keine Stimme war zu hören. Endlich überraſchte und beunruhigte ihn das Schweigen. Er ging weiter. Die verwittwete Beſitzerin des Hauſes begegnete ihm weinend, und ihr erſter Gruß bereitete ihn auf das vor, was geſchehen war.„O Mylord, Ihr kommt, um mir zu ſagen, daß ſie gerettet ſind— paß fie nicht in die Hände ihrer Feinde gefallen find— der gute ſanfte Herr und die ſchöne junge Dame!“ Haſtings ſtand erſchrocken da— wenige Sätze er⸗ Bulwer, Barone. III. 8 — klärten ihm Alles, was er bereits errieth. Ein frember Mann ſei am Abend vorher ins Haus gekommen und habe Adam und ſeine Tochter gebeten, ihn zu Lord Ha⸗ ſtings zu begleiten, der mit ſeinem Pferde geſtürzt und in einer Hütte in der nahen Gaſſe liege— nicht gefähr⸗ lich verletzt, aber doch ſo, daß er nicht könne wegge⸗ bracht werden— und er habe ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen. Ohne die Wahrheit dieſer Geſchichte in Frage zu ziehen, waren Adam und Sibylla hinausgeeilt und nicht wieder zurückgekehrt. Durch ihre lange Ah⸗ weſenheit beunruhigt, ſei die Wiſtwe, welche zuerſt die Botſchaft von dem Fremden erhalten, ſelber in die Hütte gegangen und habe erfahren, daß die Geſchichte eine Fabel ſei. Seitdem habe man vergebens nach Adam und ſeiner Tochter geſucht. Die Wittwe, die in ihrem frü⸗ heren Glauben beſtätigt wurde, daß ihre Hausgenoſſen Lancaſtrier ſeien, konnte nicht anders denken, ols daß ſte auf dieſe Weiſe ihren Feinden überliefert worden. Haſtings hörte dies mit einem Schrecken und einer Reue, die unmöglich zu beſchreiben find. Seine einzige Ver⸗ muthung war, daß der König ihren Aufenthalt ent⸗ deckt und dieſe Maßregel angewendet habe, den Umgang abzubrechen, den er ſo ſtrenge verboten. Von dieſem Gedanken erfüllt, beſtieg er haſtig wieder ſein Pferd und hielt nicht eher an, bis er wieder vor den Thoren des Tower war. Er eilte in Ebuards Kabinet und rief, ſobald er den Köoͤnig erblickte, in großer Aufregung: „Mein Lehnsherr— mein Lehnsherr, macht nicht in dieſer Stunde, wo ich meiner ganzen Thaͤtigkeit bedarf, um Auch zu dienen, mein Gehirn wahnfinnig und meiven ember und „Ha⸗ t und fähr⸗ begge⸗ btiges te in geeilt e Ab⸗ rſt die Hütte eine n und n frü⸗ noſſen ls daß orden. Rene, Ver⸗ t ent⸗ mgang dieſem Pferd Thoren d rief, gung: icht in bedarf, meiven 115⁵ Arm lahm. Dieſer alte Mann— das arme Mädchen — Sibylla— Warner— rehet, mein Lehnsherr— ſagt mir nur, daß fie ſicher ſind— verſprecht mir nur, daß ſie frei ausgehen ſollen, und ich ſchwöre Euch, in allem Andern zu gehorchen! Ich will Euch auf dem Schlachtfelde danken!“ „Ihr ſeid toll, Haſtings!“ ſagte der König in großem Erſtaunen.„Still!“ und er ſah bedeutungsvoll nach einer Perſon hin, die vor mehren Goldhaufen ſtand, die auf einem Tiſche im Winkel des Zimmers lagen.— „Seht,“ flöſterte er,„dort iſt der Goldſchmied, der mir eine Anleihe von ſich ſelber und ſeinen Genoſſen ge⸗ bracht hat!— Es werden hübſche Geſchichten von Eurer Thorheit in der Stadt verbreitet werden!“ Aber ehe Haſtings ſeine ungeduldige Antwort aus⸗ ſprechen konnte, entfernte ſich dieſer Mann zu Eduards noch groͤßerem Erſtaunen von ſeinem Platze, vergaß alle Ceremonie, ergtiff das Gewand des Lord Hafings und rief:„Mylord, Mylord— welch ein neues Ent⸗ ſetzen iſt dies? Sibylla!— Ich glaubte, ſie wäre werth⸗ los und mit Euch entflohen!⸗ „Zehntanſend Teufel!“ rief der König—„ſoll ich beſtändig mit dieſem verdammten Zauberer und ſeinem Herenkinde geplagt werden? Und ſchickt es ſich, Herr Pair und Herr Goldſchmied, am Abend vor dem Ab⸗ marſch zur Schlacht in Eures Königs Kabinet zu kom⸗ men, und einander wie Wahnfinnige anzufahren?“ Weder Pair noch Goldſchmied wich, bis der Hof⸗ mann ſich natürlich zuerſt faßte, auf ſein Knie fiel und mit feſtem aber tiefem Reſpekt ſagte:„Sire, wenn der arme William Haſtings je einen ſreundlichen Gebanken oder ein gnädiges Wort von ſeinem Könige verdient hat, ſo verzeihet ihm jetzt, was Ench an ſeiner Leiden⸗ bas ſchaft oder an ſeiner Bitte mißfällt und ſagt ihm, welches in! Gefängniß die enthält, welche nicht ohne Schande für n in ſeine Ritterwürde, für ſein eigenes Vergehen könnten beſtraft werden.“. „Mylord!“ antwortete der König beſänftigt, aber flůc noch immer erſtaunt,„glaubt Ihr im Ernſt, daß ich, mer der ich mit Widerſtreben in dieſem lieblichen Monat ſchr meine grünen Gehölze zu Ehene verlaſſe, um meine verf Krone zu retten, mein Gehirn mit einer Liſt ſollte ge⸗ ua plagt hahen, mich eines Mädchens zu bemächtigen, um IE die— ich ſchwöre es beim heiligen Georg— ich Euch die nicht im geringſten beneide? Wenn Euch das nicht auf 1 hinreicht, Ungläubiger, ſo nehmt mein königliches Wort, welches nie wegen einer ſo unbedeutenden Sache gegeben 2 wurde, daß ich nichts von dem Aufenthalt Eurer Ge⸗ Kör liebten weiß— noch auch von dem Teufelsbeſchwörer, kam ihrem Vater— wo ſie ſich zuletzt aufgehalten— wo ſie ihn jetzt ſind und was noch mehr iſt, wenn ſich Jemand er⸗ wuß frecht hat, das Recht des Königs zu mißbrauchen, des ſo h Königs Unterthanen gefangen zu nehmen, ſo macht ihn endl ausfindig und beſtimmt ſeine Strafe. Seid Ihr jetzt Haſt überzeugt?“ glehe „Ja, mein Lehnsherr,“ ſagte Haſtings. ſeecki „Aber—“ begann der Goldſchmied. gehe „Hallo, Ihr auch, Herr! Dies iſt zu viel! Wit 2d haben uns herabgelaſſen, dem Manne zu antworten, de der dreitauſend Mann hewaffnet.“ 7. ebanken verdient Leiden⸗ welches ande für könnten gt, aber daß ich, Monat n meine ollte ge⸗ gen, um ich Euch as nicht es Wort, gegeben urer Ge⸗ ſchwörer, — wo ſle mand er⸗ hen, des nacht ihn Ihr jetzt iel! Wir ntworten, 117 „Und ich, Eurer Majeſtät zu Befehl, bringe Euch das Gold, um ſie zu bezahlen,“ ſagte der Geſchaͤftsmann in kurzem Tone. Der Koͤnig biß ſich in die Lippe, und brach dann in ſein gewöhnlichez heiteres Lachen aus. „Ihr habt Recht, Herr Alwyn. Zählt die Gold⸗ flücke vollends und geht dann, Euch mit meinem Käm⸗ merer zu berathen— er muß mit dem erſten Hahnen⸗ ſchret fort— aber da Ihr Euch mit einander zu verſtehen ſcheint, ſo ſoll er Euch zu ſeinem Abgeordneten machen und ich will jede Vollmacht unterzeichnen, die er vorſchreiben wird, um die verlorene Weisheit und die geſtohlene Schönheit wieder zu erlangen.⸗ „Ich will Euch ſogleich in Earem eigenen Zimmer aufwarten, Mylord,“ ſagte Alwyn leiſe. „Thut es,“ ſagte Haſtings, und dankbar für des Königs Rückficht, ging er in ſeine Zimmer. Alwyn kam bald zu ihm und erfahr von dem Edelmann, was ihn zugleich mit Freuden und Schrecken erfüllte. Da er wußte, daß Warner und Sibylla den Tower verlaſſen, ſo hatte er vermuthet, daß die Tugend des Mädchens endlich beſtegt worden ſei, und es entzückte ihn von Lord Haſtings, deſſen Wort gegen Männer nie in Frage zu zlehen war, die felerliche Verſicherung von ihrer unbe⸗ fleckien Keuſchheit zu erhalten. Aber er zitterte bei dieſem geheimnißvollen Verſchwinden, und wußte nicht, wem er die Schuld beimeſſen ſollte, bis Haſtings endlich, vermöge ſeiner Scharfſicht auf die rechte Spur kam. Die Herzogin von Bedford, ſagte er, deren Aberglaube mit der Gefahr zunimmt, hat vielleicht gewünſcht, einen 9 5 ſo großen Gelehrten und berühmten Aürologen und Schwarzkünſtler wieder aufzufinden— wenn das iſt, ſo ſteht die Sache ganz gut. Andererſeits aber hegte ihr Günſtling, der Mönch, ſtets einen eiferſüchtigen Groll gegen den armen Adam, und vielleicht kann er geſucht haben, ihn Ihrer Hoheit zu entziehen— in dieſem Falle könnte Adam Beläſtigung, aber Sibylla gewiß keine Gefahr widerfahren. Hört, Alwyn— Ihr liebt das Mädchen würdiger und“— Haſtings hielt inne— denn ſo ſchwach iſt die menſchliche Natur, daß, obgleich er Sibylla bei ſich ſelber entſagt hatte, er noch nicht ruhig den Gedanken foſſen konnte, ſie einem Neben⸗ buhler zu überlaſſen.„Ihr liebt ſie, fuhr er kälter fort, und Euch kann ich daher mit Sicherheit das Aufſuchen übertragen, welches die Zeit, die Umſtände und die Pflicht des Soldaten mir verbieten. Und glaubt mir — o glaubt mir, daß ich dies nicht aus einer Leiden⸗ ſchaft ſage, die Eare Eiferſucht erregen kann, ſondern vielmehr aus heiliger Liebe eines Bruders. Wenn Ihr ſie ſicher unterbringen könnt, wo die Gefahr und das Unrecht ſie nicht auffinven können, ſo habt Ihr keinen Freund in der weiten Welt, deſſen Dienſt im Leben Euch ſo zu Gebote ſteht wie der meine.“ „Mylord,“ ſagte Alwyn trocken,„ich bedarf keiner Freunde! So jung ich bin, habe ich doch lange genug gelebt, um zu ſehen, daß Freunde unſerm Gllck folgen, aber niemals unſer Glück machen! Ich will dieſes arme Maͤdchen und ihren geehrten Vater auffinden, und ſollte ich meinen letzten Heller bei dem Suchen zuſetzen. Ver⸗ ſchafft mir nur eine ſolche Vollmacht vom König, die — — œ&R— ð—— Z2A„S 2222ͤ— en und iſt, ſo egte ihr n Groll geſucht m Falle iß keine ebt das — denn gleich er ch nicht Neben⸗ ter fort, ufſuchen und die uht mir Leiden⸗ ſondern genn Ihr und das hr keinen ben Euch rf keiner ge genug f folgen, ſes arme und ſollte en. Ver⸗ znig, die 119 das Geſetz zu meiner Verfügung fellt, und ſelbſt Ihrer Hoheit, der Herzogin von Bedford Ehrerbietung ein⸗ fößt— ſo ſtehe ich für das übrige!“ Sehr beruhigt, ließ ſich Haſtings herab, des Gold⸗ ſchmieds widerſtrebende Hand zu drücken, und nachdem er ihn einige Minuten allein gelaſſen, kehrte er mit einer Vollmacht vom Könige zurück, die Alwyn beſtimmt und gebieteriſch genug ſchien. Darauf entfernte ſich der Goldſchmied und ſuchte zuerſt den Mönch auf, fand ihn aber nicht zu Hauſe. Bangey hatte ſeiner Gewohnheit nach die Schlüſſel zu ſeinem geheimnißvollen Zimmer zu ſich genommen. Dann eilte Alwyn anders wohin, um ſich den Beiſtand von Leuten zu ſichern, die in einem ſolchen Nachſuchen erfahren waren, die er ſelber an⸗ führen wollte. Im Tower verging der Abend in Geräuſch und Aufregung und bei den letzten Vorbereitungen zum Abmarſch. Die Königin ſollte, wie ſchon oben geſagt, im Tower bleiben, welcher ſtark bemannt war. Durch bie drohende Gefahr, die Eduards wartete, aus ihrer gewohnten Fühllofigkeit erweckt, brachte ſie die Nacht in Thränen und Gebeten zu— und er in dem ge⸗ ſunden Schlafe der zuverſichtlichen Tapferkeit. Am nächſten Morgen marſchirten die verſchiedenen Auführer nach dem Norden ab— Glouceſter, Rivers, Haſtings und der Koͤnig. — 120 Siebentes Kapitel. Lord Warwick's Landung und die darauf erfolgenden Ereigniſſe. Karl der Kuhne, Herzog von Burgund, hatte eine ſo große Flotte zuſammengebracht, wie man nicht leicht zu ſehen bekommt, welche, nach Art aller Nationen mit einander vereint, in der Mündung der Seine lag, bereit, mit dem Grafen von Warwick zu fechten, wenn er aus ſeinem Hafen hervorkommen ſollte. Aber die Winde fochten für den Rächer. In der Nacht kam ein furchtbarer Sturm, der die Schiffe des Herzogs zerſtreute, ſo daß nicht zwei bei einander an einem Platze blieben; und als der Sturm ſein Werk gethan, legte er ſich und der Wind wurde ruhig und der Himmel war heiter. Und am nächſten Tage hißte der Graf die Segel auf und kam bis vor Dartmouth. Nicht mit einer Armee von fremden Söldlingen machte ſich Lord Warwick auf den Weg zu dieſem mäch⸗ tigen Unternehmen. Unbedeutend waren freilich die Truppen, die er von Frankreich mitgebracht, denn er hatte von England die Nachricht erhalten, daß man täglich und ſtündlich ſeine Ankunft und Rückkehr wünſche, ſo daß faſt alle Männer in Harniſchen auf ſeine Lan⸗ dung harrten. Als die Schiffe ſich der Küſte näherten und das Banner mit dem rauhen Stabe in Gold gewirkt in der Sonne ſchimmerte, da ſchwärmten die Küſten von bewaffneten Schaaren, nicht um ſich ihm zu widerſetzen, ſondern um ihn willkommen zu heißen. Von Klippe zu Klippe, weit und fern ſchimmerten die Freudenfeuer, und von Klippe zu Klippe, weit und fern erhob ſich der Zurnf, als mit bloßem Haupte, aber ſonſt in volſſtän⸗ eigniſſe. te eine t leicht ttionen ze lag, wenn In der ffe des der an Werk g und hißte ah. lingen mäch⸗ h die enn er man nſche, Lan⸗ herten wirkt n von ſetzen, pe zu feuer, h der ſtän⸗ 121 diger Rüſtung, der Held des Volks zuerſt von allen ſeinen Leuten ans Ufer ſprang. Als der Graf das Land erreicht hatte, erließ er eine Proklamation im Namen des Königs, Heinrich des Sechsten, welche allen Maͤnnern, die im Stande waren, Waffen zu tragen, bei ſchwerer Strafe anbe⸗ fahl, gegen Eouard, Herzog von York, zu ſechten, der ſich unrechtmäßigerweiſe die Krone und die Würde dieſes Reiches angemaßt. Und wo war Ehuard?— Weit entfernt folgte er den Truppen des Lords Fitzhugh und Robins von Re⸗ desdale, die ihn vermöge eines künſtlichen Ruͤckzuges im⸗ mer weiter und weiter nordwärts lockten, ſo daß es allen andern Provinzen des Königreichs freiſtand, ihre Tau⸗ ſende zu den Bannern von Lancaſter und Warwick zu ſenden. Und ſelbſt, als die Nachricht von des Grafen Landung zu dem Könige gelangte, verbreitete ſie ſich auch in allen Städten im Norden— und alle Städte im Norden waren in großem Aufruhr, und machten Feuer, und ſangen Lieder und riefen:„Koͤnig Heinrich — König Heinrich!— Warwick— Warwick!“ Aber ſein kriegeriſcher und übermuͤthiger Geiſt verließ nicht das Oberhaupt jenes blutigen und unheilvollen Ge⸗ ſchlechts— das Geſchlecht des engliſchen Pelops, mit verwandtem Blute beſpritzt. Ein Bote von Burgund war in ſeinem Zelt, als die Nachricht zu ihm gelangte. „Zurück zum Herzog!“ rief Eduard;„ſagt ihm, er möge ſeine Flotte wieder ſammeln, die See bewachen, die Flüſſe blokiren, damit der Graf nicht entfliehen, oder nach Frankreich zurückkehren kann. In England 122 will ich ſchon mit ihm fertig werden! Ich habe die Fäͤ⸗ higkeit und die Macht, alle Feinde und Rebellen in mei⸗ nem eigenen Reiche zu überwinden.“* Und hierauf drach er ſein Lager ab, gab die Ver⸗ folgung Fitzhughs auf, rief Montagu zu ſich, ſich mit ihm zu vereinen, da es jetzt ſicherer war, den Marquis in ſeiner Nähe zu behalten und in der Nähe des Beils, wenn ſeine Treue verdächtig werden ſollte, und ſo mar⸗ ſchirte er dem Grafen entgegen. Auch blieb der Graf nicht zurück. Seine Armee, die auf dem Marſche beſtän⸗ dig zunahm, ſowie die Leute die Proklamationen laſen, alle Klagen zu beſeitigen und alles Unrecht wieder gut zu machen, marſchirte auf den König los, während Fitz⸗ hughs und Hyliards Truppen dicht hinter Eduard herka⸗ men, nicht mehr ſliehend, ſondern verfolgend. Der Kö⸗ nig war um ſo begieriger, mit Warwick zuſammenzu⸗ treffen, da er ſich ſehr auf Clarence's Verrätherei verließ, die er entweder geheim oder öffentlich erwartete. 4 Auch wußte er, wenn er das Letztere am Abend vor der 32 2 2—— 8— e Schlacht thue, ſo werde es nicht verfehlen, Warwick 3 moraltſch zu ſchwächen und ſeine Armee dadurch zu ent⸗ 1 muthigen, daß die Deſertion, wie es immer der Fall iſt, 8 die anſteckendſte Krankheit werden möge, die je ein Lager treffen kann. Es iſt indeſſen wahrſcheinlich, daß die Be⸗ ti geiſterung, die den Graſen mit ſo zahlreichen Freiwilli⸗ gen umgaben, die Erwartung des unerfahrenen Clarence 4 bei weitem übertroffen hatte, und ihm die Gelegenheit benommen hätte, den Grafen zu verrathen. Wie dem 3 auch ſei, die feindlichen Armeen rückten einander näher und näher. Der Koͤnig machte auf ſeinem raſchen die Fä⸗ in mei⸗ die Ver⸗ ſich mit Narquis 3 Beils, ſo mar⸗ er Graf beſtän⸗ n laſen, kder gut end Fitz⸗ d herla⸗ der Kö⸗ imenzu⸗ rätherei wartete. vor der Varwick zu ent⸗ Fall iſt, in Lager die Be⸗ reiwilli⸗ Clarence egenheit Vie dem er näher raſchen 123 Marſche in einem kleinen Dorfe Halt und nahm ſein eigenes Quartier in einem befeſtigten Hauſe, zu welchem kein anderer Zugang war, als eine einzelne Brücke. Eduard ſelbſt zog ſich eine kurze Zeit zurück, um auszu⸗ ruhen, denn in der Schlacht, die er vorausſah, bedurfte er all ſeiner Stärke. Aber kaum hatte er die Augen ge⸗ ſchloſſen, als Alexander Carlile, der Anführer der könig⸗ lichen Sänger, gefolgt von Haſtings und Rivers, deren Eiferſucht bei dem Bewußtſein der Gefahr des Kö⸗ nigs auf eine Zeitlang beſeitigt war, in ſein Z immer ſtürzten. „Rüſtet Euch, Sire!— Lord Montagu hat die Maske abgeworfen, reitet durch Eure Truppen und ruft:„Es lebe König Heinrich!* „Ha, Verräther!“ rief der Koͤnig, von ſeinem Bette aufſpringend.„Von Warwick habe ich H ß verdient— aber nicht von Montagu! Rivers, hilf mir meinen Panzer anſchnallen. Haſtings, ſtellt meine Leibgarve an der Brücke auf. Wir wollen unſer Leben theuer verkau⸗ fen.“ Eduard hatte kaum in der Eile ſeinen Helm, ſei⸗ nen Panzer und ſeine Beinſchienen angelegt, als Glou⸗ eeſter, ruhig inmitten der Gefahr, eintrat. „Eure Feinde kommen, um ſich Eurer zu bemäch⸗ tigen, Bruder. Horch! Hinter Euch tönt das Geſchrei; „„Fitzhugh— Robin— Tod dem Tyrannen!““ In der Fronte hört Ihr:„„Montagu— Warwick— es es lebe König Heinrich!““ Ich komme mein Wort zu löſen— Euer Exil oder Euren Tod zu theilen. Waͤhlt eins von Beiden, ſo lange noch Zeit dazu iſt. Eure Wahl iſt die meine!“ 124 Und während er ſprach ertönte von allen Seiten das Geſchrei näher und näher. Der Löwe von March war im Garne. „Nun mein zweihändiges Schwert!“ ſagte Eduard. „Glouceſter, aus dieſer Waffe erkenne meine Wahl!“ Aber jetzt ſtürzten alle die vorzüglichſten Barone und Anführer, die dem Könige noch treu waren, deſſen Krone bereits verloren war, plötzlich ins Zimmer. Sie fielen auf ihre Kniee und fleheten ihn mit Thränen an, ſich für glücklichere Tage zu retten. „Es iſt noch Zeit zu entfliehen“ ſagte Eyncourt— „die Brücke zu überſchreiten— den Seehafen zu errei⸗ chen! Denkt nicht, daß Euch der Tod eines Soldaten geſtattet iſt. Die Anzahl reicht hin, Euren Arm zu be⸗ läßtigen, ſich Eurer Perſon zu bemächtigen. Lebt nicht, um Warwicks Gefangener zu werden— um der ſchrei⸗ enden Menge wie ein wildes Thier im Kaͤfig gezeigt zu werden!“* „Wenn nicht mit Euch ſelber,“ rief Rivers,„ſo habt Mitleid mit dieſen getreuen Herren, und um ihret⸗ willen erhaltet Euer Leben. Was iſt Flucht? Auch War⸗ wick floh!* „Es iſt wahr— und kehrte zurück!“ fügte Glouceſter hinzu.„Ihr habt Recht, Mylords. Kommt, Sire, wir müͤſſen fliehen. Unſere Rechte fliehen nicht mit uns, ſondern ſie ſollen in unſerer Abweſenheit für uns kämpfen.“ 3 Der ruhige Wille dieſes ſeltſamen und ſchrecklichen Knaben übte ſeine Wirkung auf Eruard. Er ließ ſich von ſeinem Bruder aus dem Zimmer führen und knirſchte Seiten March duard. hl!“* ne und deſſen r. Sie en an, urt— errei⸗ daten zu be⸗ nicht, ſchrei⸗ eigt zu ,„ſo ihret⸗ War⸗ fügte ommt, ht mit ir uns klichen iß ſich 125 in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen. Er beſtieg ſein Pferd, während Rivers den Steigbügel hielt und ritt mit ſechs oder ſieben Rittern und Grafen zu der Vrücke, die bereils von Haßings und einem kleinen aber ent⸗ ſchloſſenen Trupp beſetzt war. „Kommt, Haſtings,“ ſagte der König mit gräß⸗ lichem Lächein—, man ſagt uns, wir müſſen fliehen ⸗ „Es iſt wahr, Sire, eilt— eilt! Ich bleibe nur da, um den Feind zu täuſchen, indem ich mich ſtelle, als ob ich den Uebergang vertheidige, und den getreuen Soldaten, die wir zurücklaſſen, ſo gut zu rathen als wir nur können.“ „Wackerer Haſtings!“ ſagte Glouceſter ſeine Hand drückend,„Ihr thut wohl, und ich beneide Euch den Ruhm dieſes Poſtens. Kommt, Sire.“ „Ja, ja,“ ſagte der König mit einem plötzlichen und wilden Schrei,„wir gehen— doch wollen wir un⸗ ſern Weg mit Blut bezeichnen. Seht jenen ſchurkiſchen Trupp! reiten wir mitten durch! Verwüſtung und Rache!“ Er gab ſeinem Pferde die Sporen, galoppirte über die Beücke und ſtürzte ſich, ehe ſeine Begleiter ihm fol⸗ gen konnten, allein in die Mitte der Avantgarde, die abgeſchickt war, um die Feſtung einzuſchließen, wäh⸗ rend ſie noch riefen:„Wo iſt der Tyrann?— Wo iſt Eduard?“ „Hier!“ antwortete eine Donnerſtimme—„hier, Rebellen und Verräther, in Euren Reihen!« Dieſe plötzliche und unerwartete Antwort erregte noch mehr als der Schwung des gewaltigen Schwertes, 126 welches Helmt oder Panzer zerſpaltete, wie des Holz⸗ hauers Axt die Reiſigbündel zerſpaltet, jenen paniſchen Schrecken unter dem Feinde, der in jenen Jahrhunder⸗ ten oft Schaaren vor dem Arme und dem Namen eines Einzigen zerſtreute. Viele warfen ihre Waffen weg und entflohen. Auf einem breiten Wege durch einen Wald von Lanzen folgten Glouceſter und die Anführer der Spur des Königs über die kopf⸗ oder gliederloſen Lei⸗ chen, die vor ſeinem Schwerte nieberſtürzten. Inzwiſchen benutzte Haſtings den Abmarſch, der die Feinde in Verwirrung ſetzte, rief die Getreuen zuſammen, die noch in der Feſtung waren, und rieth ihnen, als das einzige Mittel, ihr Lebeun zu retten, ſich zu ſtellen, als wollten ſie ſich Warwick unterwerfen, aber wenn die Zeit komme, ſich ihrer alten Treue zu er⸗ innern; indem er zugleich verſprach, daß er fie nur mit ſeinem Leben verlaſſen wolle, bis der Feind ihnen Sicherheit gelobt, ſchloß dann ſein Vifir wieder und ritt zu der Brücke zurück. Der Köͤnig und ſeine Kameraden hatten ſich einen Weg gebahnt, und der Feind ſchwankte noch unent⸗ ſchloſſen, bis man plötzlich den Ruf:„Robin von Re⸗ desdale“ hörte, und Hilyard, von einem Reitertrupp begleitet, mit dem Schwert in der Hand auf die Bela⸗ gerer zueilte, und als er erfuhr, daß der Koͤnig ent⸗ flohen ſei, fortritt, um ihn zu verfolgen. Seine kurze Gegenwart und der heſtige Tadel belebten den Muth der Unentſchloſſenen wieder und in wenigen Minuten erreichten ſie die Brücke. „Halt, meine Herren,“ rief Haſtings,„ich wollte die S 127 Eurem Anführer Capitulation anbieten! Wer iſt es?“ Ein Ritter näherte ſich ihm zu Pferde. Haßtings ſenkte die Spitze ſeines Schwertes. „Herr, wir übergeben dieſe Feſtung Euren Händen unter einer Bedingung: Unſere Leute dort find bereit, ſich zu ergeben und Heinrich den Sechsten zum König auszurufen. Gebt mir Euer Wort, daß Ihr und Eure Soldaten ihr Leben verſchonen und ihnen kein Leid zu⸗ fügen wollt, und wir marſchiren ab.“ „Und wenn wir's nicht verſprechen?“ ſagte der Ritter. „Dann zählt auf jeden Krieger, der dieſe Brücke heſetzt, zehn Todte unter Euren Reihen.“ „Thut Euer Aergſies— unſer Blut iſt aufgeregt! Wir wollen Leben für Leben!— Rache für die Unter⸗ thanen, die Euer Tyrann gemordet hat! He da, zum Angriff mit Pike und Lanze!“ der Ritter ſpornte auf ſeine Gegner los, die Lancaftrier folgten und der Ritter flürzte von Haſtings Schwerte getroffen vom Pferde in den Feſtungsaraben hinunter. Mehre Minnten wurde der Uebergang ſo hartnäckig vertheidigt, daß der Kampf ungewiß ſchien, obgleich die Streitkräfte ſehr ungleich waren, als Lord Montagn auf die Stelle zugaloppirte, ſeinen Commandoſtab nie⸗ derwarf und„Halt“ rief, worauf das Blutbad auf⸗ hörte. Dieſem Cavalier wiederholte Haſtings die vor⸗ geſchlagenen Bedingungen. „Und,“ ſagte Montagu, indem er ſich zornig zu den Lancaſtriern wendete, die eine Abtheilung von ditzhughs ———y— 128 Truppen bildeten—„koͤnnen Engländer darauf beſtehen, Engländer zu tödten? Wir wollen lieber Lord Haſtings danken, daß er dem guten König Heinrich das Leben ſo vieler Unterthanen verſchonen wollte! Dieſe Be⸗ dingungen ſind angenommen, Mylord, und Ener Leben, ſowie das Enrer Freunde, die vergebens tapfer ſind in einer ungerechten Sache, ſoll verſchont werden. Ihr könnt abmarſchiren!⸗ „Ach, Montagu!“ ſagte Haſtings gerührt und in leiſem Tone,„wie Schade, daß ein ſo tapferer Cava⸗ lier den Makel eines Rebellen auf ſeinen Wappenſchild kommen läßt.“ „Wenn Anfuͤhrer und Lehnsherren falſch und meinei⸗ dig ſind, Lord Haſtings“ antwortete Moutagu,„ſo iſt ihnen zu gehorchen nicht Unterthanentreue, ſondern Knechtſchaft; und Aufruhr iſt nicht Verrätherei, ſon⸗ dern die Pflicht eines freien Mannes. Einſt werdet Ihr vielleicht dieſe Wahrheit erkennen, wenn es zu ſpät iſt!“ Haſtings antwortete nicht— er winkte ſeinen Kame⸗ raden zu, welche die Brücke vertheidigten, und von ihnen begleitet, zog er langſam und vorſichtig weiter, bis er von dem murrenden und mißmuthigen Feinde frei war; dann gaben dieſe getreuen Krieger ihren Roſſen die Sporen und ritten raſch ihrem Könige nach. Unterwegs begegnete ihnen Hilyard und nach einem heftigen Ge⸗ fecht ſtieß Haßtings dem rüſtigen Robin den Helm herunter und warf ihn vom Pferde, ſo daß er betäuht liegen blieb und die weitere Verfolgung eingeſtellt wurde. Endlich erreichten ſie den König, kamen mit ihm in ſeiner Be⸗ gleitung in die Stadt Lynn und trafen glücklicherweiſt ſtehen, aſtings Leben e Be⸗ Leben, ſind in Ihr und in Cava⸗ enſchild neinei⸗ „ſo iſt ſondern 1²⁹ ein engliſches und zwei niederländiſche Schiffe, die im Begriff waren abzugehen. Ohne weitere Kleidung, als die Rüſtung die ſie trugen und ohne Gelh entflohen dieſe Männer, die noch vor wenigen Stunden als Monarch und als Pairs begrüßt wurden, wie Bettler und Aus⸗ geſtoßene aus ihrem Vaterlande. Neue Gefahren war⸗ teten ihrer auf der See: Die Schiffe der Oſtländer, die zugleich mit Frankreich und England im Kriege waren, verfolgten ihre Fahrzeuge. Mit Gefahr, Schiff⸗ bruch zu leiden, landeten fie in der Nähe von Alemaer. Die großen Schiffe der Oſländer folgten ihnen ſo weit, als das niedere Waſſer es geftattete, indem ſie bei der Flut ihre Beute zu erhaſchen dachten. In dieſer Noth kam der Statthalter der Provinz, Ludwig von Grauthhouſe, an Bord ihrer Fahrzeuge, ſchützte die Flüchtlinge vor den Oſtländern,— führte ſie nach Haag und benach⸗ richtigte den Herzog von Burgund, daß ſein Schwager ſeinen Thron verloren habe. Jetzt beſtätigte ſich War⸗ wicks Prophezeihung, wie ſehr man ſich auf die Treue des Herzogs von Burgund verlaſſen könne! Der Herzog, um deſſenwillen Eduard den Maun beleidigt hatte, dem er ſeine Krone verdankte, fürchtete den ſiegreichen Grafen ſo ſehr, daß er lieber von König Eduards Tode als von ſeiner Nieperlage gehört hätte. Und ſein erßer Ge⸗ banke war, eine Geſandtſchaft an den Königmacher zu ſchicken und um die Freundſchaft und das Buͤndniß der wieder eingeſetzten Dynaſtie zu bitten. OO—— Bulwer, Barone. III. Achtes Kapitel. Was Warner und Sibylla begegnete, als ſie in der Macht des großen Mönchs Bungey waren. Wir müſſen jetzt in den Tower von London zurück⸗ kehren— freilich nicht in die fürſtlichen Hallen und die vergoldeten Gemächer— ſondern in das Zimmer des Mönchs Bungey. Wir müſſen auch in der Zeit etwas zurückgehen und uns an dem Tage nach dem Abmarſche des Königs und ſeiner Lords das ſeltſam ausgeſchmückte Zimmer, die Geſtalt des wohlbeleibten Mönchs, vor der zertrümmerten Eureka ſtehend, und Aham Warner an ſeiner Seite vorſtellen. Wie wir geſehen haben, hatte Graul Wort gehalten und Sibylla und ihr Vater, die in ihre Schlinge ge⸗ fallen, waren plöͤtzlich gebunden auf Nebenwegen zu einer einſamen Hütte geführt, wo ein bedeckter Wagen ihrer wartete, und endlich mit Anbruch der Nacht in den Tower gebracht wurden. Der Mönch, der durch ſeinen Ruf, ſeine Beliebtheit und ſeine Gunſt bei der Her⸗ zogin von Bedford au dem Orte eines bedeutenden Ein⸗ fluſſes genoß, hatte bereits von dem Vicecommandanten die Erlaubniß erhalten, zwei Perſonen, die er vermöge ſeines Eiſers für den König böſer Zauberkünſte zu Gunſten der Rebellion überführen wolle, in beſonderen Zellen unterzubringen, die zu ſolchen Zwecken benützt wurden. Dorthin alſo wurden die Gefangenen geführt. Der Mönch hatte nichts dagegen, daß ſie in zwei zu⸗ ſammenhängende Zellen gebracht wurden und der Ge⸗ fangenwaͤrter hielt ihn für ſehr gütig und mitleihig, 131 als er befahl, ſie bis zu ihrem Verhöͤr gut zu behandeln und zu bewirthen. Er wagte indeß die Gefangenen nicht eher zum Verhör aufzufordern, als bis der König abgereist war, wo der Tower zur Verfügung ſeiner mächtigen Patronin ſtand und wo er ungefragt und ungetadelt ſeine Macht ſo weit erſtrecken zu können glaubte, als es ihm beliebte. Am Tage nach Eduards Abmarſch wurde Adam Warner alſo aus ſeiner Zelle geholt und in das Zimmer ge⸗ führt, wo der triumphirende Mönch ihn mit majeſtäti⸗ ſchem Stolze empfing. Sobald Warner eintrat, er⸗ blickte er die Trümmer ſeiner Eureka, ſtieß einen Schrei des Kummers und der Freude aus und eilte vorwärts, um ſeinen entweihten Schatz zu begrüßen. Der Mönch winkte dem Gefangenwärter ſich zu entfernen, flüſterte ihm zu, draußen zu warten, und ſie waren allein. Mit neugieriger und verwirrter Aufmerkſamkeit hörte Bungey auf die unterbrochenen Ausrufungen der Wehklagen und des Zornes des armen Adam, klopfte ihm endlich unſanft auf den Rücken und ſagte: „Ihr kennt das Geheimuiß dieſer garſtigen und zauberhaften Erfindung; aber in Euren Händen führt ſie nur zum Untergang und Verderben. Sagt mir das Geheimniß, und in meinen Händen ſoll es zum Vor⸗ theil und zur Ehre ausſchlagen. Porkey verbey! Ich bin ein Mann von wenigen Worten. Thut dies und Ihr ſollt mit Eurer Tochter frei ausgehen; ich will Euch beſchützen, Geld geben und meinen väterlichen Segen— weigert Ihr Euch, es zu thun, und Ihr ſollt von Eurer hübſchen Zelle in einen ſchwarzen Kerker verſetzt wer⸗ den, der von Molchen und Ratien voll iſt, wo Ihr modern ſollt, bis Eure Nägel wachſen, wie Vögel⸗ klauen und Eure Haut verſchrumpft zu einer Mumie und ſich mit Haar bedeckt, wie Tepukadnezar!“ „Elender Knecht! Dir mein Geheimuiß geben— Dir meinen Ruhm— mein Leben— nimmermehr! Ich verſpotte und verachte Deine Bosheit!* Das Geſicht des Mönchs verzog ſich krampfhaft von Wuth.„Elender!“ brüllte er,„wagſt Du Deine hündi⸗ ſche Bosheit an dem großen Bungey auszulaſſen?— Weißt Du nicht, daß er den Wänden gebieten kann, ſich zu öffnen und hinter Dir ſich zu ſchließen— daß er jenen Schlangen befehlen kann, ſich um Deine Glieder zu winden— und jenem Krokodil, Deine Eingeweide her⸗ auszunagen? Verachte nicht meine Gnade und nimm Vernunft an. Welchen Vortheil brachte Dir je Deine Maſchine?— Warum willſt Du Freiheit und Leben ver⸗ lieren wegen eines Dinges, welches Dir der Menſchen Abſchen und Haß zugezogen hat?“ „Biſt Du ein Chriſt und Moͤnch, und kannſt mich fragen, warum? Wurden nicht Chriſten ſelbſt von wil⸗ den Thieren gehetzt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt und wegen ihres Glaubens in Keſſeln geſotten?— Schurke, was das Heiligſte iſt, das verfolgen die Men⸗ ſchen ſtets! Lies nur Deine Bibel!“* „Die Bibel leſen?“ rief Bougey in frommem Entſetzen über eine ſolche Zumuthung—„Hal! Gottes⸗ läſterer, jetzt habe ich Dich.— Du biſt ein Ketzer.— Heda— draußen!* Der Mönch ſtampfte mit dem Fuße— die Thür Ihr ögel⸗ umie n— 1 Ich t von ündi⸗ 7.— , ſich jenen der zu e her⸗ nimm Deine n ver⸗ nſchen mich wil⸗ ottes⸗ er.— 1³³⁸ öffnete ſich, aber zu ſeinem Erſtaunen und Schrecken erſchien nicht der grimmige Gefangenwärter, ſondern die Herzogin von Beforh ſelber, welcher Nikolans Alwyn voranging. „Ich ſagte Eurer Hoheit die Wahrheit— ſeht!⸗ rief der Goldſchmied.—„Gemeiner Betrüger, wo haſt Du dieſes weiſen Mannes Tochter verborgen?* Der Mönch wendete ſeine trüben Augen in leerer Beſtürzung von Niklaus zu Adam und von Adam zur Herzogin. „Herr Mönch,“ ſagte Jacqnetia milde, denn ſie wünſchte, die beiden Nebenbuhler in der Wiſſenſchaft zu verſöhnen—„was bedeutet dieſe übereilte Verletzung des Geſetzes? Iſt es wahr, wie Herr Alwyn behauptet, daß Ihr dieſen ehrwürdigen Weiſen und ſeine Tochter — ein Mädchen, die eines Poſtens in meinem eigenen Haushalt für würdig geachtet wurde— entführt habt?“ „Hohe Dame,“ ſagte der Mönch mürriſch,„ich weiß aus ſicherer Quelle daß dieſer böſe Schwarzkünſtler Zaubereien für Lord Warwick und den Feind angewendet. Ihh rief ihn nur hieher, um durch meine Kunſt ſeine Zaubereien aufzuheben, und was ſeine Tochter betrifft, ſo ſchien es mir gütiger gehandelt zu ſein, wenn ſie ihn begleiten durfte, als ſte allein und ohne Freunde zu laſſen, beſonders,“ fügte der Mönch mit boshaftem Lächeln hinzu,„da der arme Lord, den ſie bezaubert hat, in den Krieg gegangen iſt.“ „So iſt es alſo wahr, Elender, daß Du oder Deine Helfershelfer die Hänbe an ein Maädchen von guter Geburt gelegt haben!⸗ rief Awyn.„Zittere!— ſieh hier den vom Könige unterſchriebenen Beſehl, der eine Belohnung für die Entdeckung ausbietet und mich er⸗ mächtigt, Dich den Geſetzen zu übergeben. Beim hei⸗ ligen Dunſtan! Dein Mönchsgewand ſchützt Dich, ſonſt ſollteſt Du hängen.“ „Still, ſtill! Herr Goldſchmied,“ ſagte die Her⸗ zogin hochmüthig,„ſtimmt Euren Ton herab; dieſer heilige Mann ſteht unter meinem Schutze, und ſein Fehler war nur übergroßer Eifer. Welches waren dieſes Weiſen Zauber und Erfindungen?“ „Wahrlich!“ ſagte der Mönch mürriſch,„dies zu erfahren, hat mich Ihre Hoheit ſo eben verhindert. Aber er kann nicht läugnen, daß er ein hölliſcher Stern⸗ deuter iſt und den Rebellen Nachricht ſendet, welche Stunden zum Kampf und Angriff glücklich oder unglück⸗ lich find.“ „Ha!“ ſagte die Herzogin,„er iſt ein Aſtrolog! Das iſt wahr, und kann im großen Geheimniß mehr als irgend ein Anderer, der mir je diente. Mein eigener Aſtrolog iſt eben geſtorben— warum ſtarb er gerade zu einer ſolchen Zeit? Friede— Friede ſei zwiſchen zwei ſo gelehrten Männern! Verzeiht Eurem Bruder, Herr Warner!“ Adam hatte es bisher verſchmäht, an dieſem Ge⸗ ſpräche Theil zu nehmen. Er war zu der Eureka zurück⸗ gekehrt und unterſuchte ſchweigend, ob bei der traurigen Trennung einer von den Haupttheilen verloren gegangen ſet. Jetzt aber wendete er ſich um und ſagte:„Dame, überlaßt die Lehre von den Sternen ihrem großen Schö⸗ pfer. Ich verzeihe dieſem Manne und danke Eurer Hoheit 13⁵ für die Gerechtigkeit. Ich nehme dieſe armen Trümmer in Anſpruch und bitte um die Erlaubniß, mich mit meiner Erfindung und meinem Kinde entfernen zu dürfen.“ „Nein— nein!“ ſagte die Herzogin, ſeine Hand ergreifend.„Still! Was Lord Warwick Euch zahlt, will ich verdoppeln. Jetzt iſt keine Zeit zur Alchymie; aber für das Horoſeop iſt der geeignete Zeitpunkt. Ich er⸗ nenne Euch zu meinem Aſtrologen!“ „Nehmt es an!“ flüſterte Alwyn,„um Eurer Tochter willen— um Eurer ſelbſt willen— ja um der Eureka willen!“ Adam verneigte ſein Haupt und ſagte ſeufzend: „Aber ich weiche nicht von hier— nein, keinen Fuß breit— bis dies mich begleitet. Grauſamer, wie er es entſtellt hat!4 „Und nun,“ rief Alwyn lebhaft,„dieſes beleidigte und unglückliche Mädchen?“ „Geht! Es ſei Euer Geſchäft, ſie zu befreien und ſie zu uns zu bringen,“ ſagte die Herzogin,„ſie ſoll bei ihrem Vater wohnen und alle Ehre empfangen. Folgt mir, Herr Warner!“ Sobald der Mönch aber bemerkte, daß Alwyn ge⸗ gangen war, um den Gefangenwärter aufzuſuchen, hielt er die Herzogin zurück und ſagte mit der Miene eines ſchwerbeleidigten Mannes:„Ich bitte Eure Hoheit ſich zu erinnern, daß, wenn nicht der größere Schwarzkünſtler alle Macht und allen Beiſtand hat, die Pläne des ge⸗ ringeren zu vereiteln, der geringere die Oberhand ge⸗ winnen kann, und wenn Enre Hoheit zu ſpät findet, daß Lord Warwicks oder Lord Fitzhughs Waffen den Sieg davon tragen, und daß dem Könige Unheil begegnet, ſo ſagt nicht, es war die Schuld des Mönchs Bungey! Dennoch werde ich ſtets wachen und arbeiten, und wenn ungeachtet Eurer unglücklichen Gunſt und Ermuthigung dieſes feindſeligen Zauberers der König ſeine Feinde ſchlagen ſollte, ſo iſt der Moͤnch Bungey nicht ſo kraft⸗ los, wie Eure Hoheit glaubt. Ich habe geſagt: Porkey verbey!— Vigilabo et conabo— et perspirabo — et hungerabo— pro vos et vestros, Amen!“ Die Herzogin war von dieſer beredten Anrede be⸗ troffen; aber mehr und mehr von der überlegenen Wiſſen⸗ ſchaft Adams durch die offenbare Furcht des großen Bungey überzeugt und ſeſt hoffend, daß ſie den Erſteren durch Beſtechung bewegen könne, eine ſonſt feindliche Wiſſenſchaft zu heilſamen Zwecken anzuwenden, begnügte ſie ſich mit einigen Worten des Beifalls und des Lobes, rief ihre Begleitung herein, die ihr gefolgt war, und befahl ihnen, die verſchiedenen Stücke der Eureka mit⸗ zunehmen, denn Adam erklärte beſtimmt, daß er ohne ſte nicht vom Platze gehe, und ließ den Philoſophen in ein hohes Zimmer führen, welches der verßorbene Aſtrolog bewohnt hatte. In kurzer Zeit war Alwyn ſo glücklich, Sibylla dorthin zu führen und Zeuge der freudigen Wiederver⸗ einigung des Kindes und des Vaters zu ſein. Nachdem er den kurzen Bericht von ihrer Entführung erfahren, erzählte er, wie ihm jedes Bemühen ſehlgeſchlagen, ihre Spur aufzufinden, bis er, in der Überzeugung, daß ent⸗ weder die Herzogin oder Bungey dieſe Entführung ver⸗ anlaßt habe, in den Tower zurückgekehrt ſei, die könig⸗ 137 liche Vollmacht gezeigt und erfahren habe, daß ein alter Mann und ein junges Frauenzimmer in die Feſte ein⸗ gelaſſen worden. Dann ſei er ſogleich zur Herzogin geeilt, die, von ſeiner Erzählung und Klage überraſcht und begierig, Warners Dienſte wieder zu erlangen, ihn ſogleich zu dem Moͤnche begleitet habe. „Und obgleich ich anderswo Euch eine beſſere Woh⸗ nung hätte verſchaffen können,“ ſetzte der Goldſchmied hinzu,„ſo iſt es doch gut, die Freundſchaft der Her⸗ zogin zu gewinnen, deren Feindſchaft ſehr nachtheilig ſein knnte.— Wie kam es, daß Ihr den Palaſt ver⸗ ließet?* Sibylla veränderte die Farbe und ihr Vater ant⸗ wortete ernſt:„Wir zogen uns des Königs Mißfallen zu, und die Entſchuldigung war der Haß des Pöbels gegen mich und die Eureka.“ „Der Himmel ſchuf das Volk und der Teufel ſteckt in dem größten Theile des Pöbels!“ ſagte Alwyn. „Und wie?“ fragte Sibylla—„wie, geehrter und treuer Freund, erlangtet Ihr des Königs Vollmacht und erfuhret, in welche Schlinge wir gerathen?“ Diesmal veränderte Alwyn die Farbe. Er dachte kurze Zeit nach und antwortete dann unbefangen:„Da⸗ für habs Ihr Lord Haßtings zu danken,“ und gab dann die Erklärung, die dem Leſer bekannt iſt. Aber die dankbaren Thränen Sibylla's, welche dieſe Erzählung veranlaßte— ihre gefalteten Hände— ihre unverkennbare Aufregung des Entzückens und der Liebe ſchmerzten den armen Alwyn ſo ſehr, daß er plötzlich aufſtand und ſich entſernte. 438 und jetzt wurde die Eurela dem Aſtrologen ehen ſo“ ſtrenge verboten wie fruͤher dem Alchymiſten. Wieder wurde wahre Wiſſenſchaft verachtet und die falſche eul⸗ tivirt und verehrt. Zu Berechnungen verdammt, die kein noch ſo weiſer Mann in jenem Zeitalter für gänzlich grundlos hielt, und die Warner dennoch mit ſehr be⸗ ſchränktem Glauben ſtudirte— traf es ſich, vermöge jener Übereinſtimmungen, welche die Leichtgläubigen von Zeit zu Zeit in ihrem Glauben an die Aſtrologie beſtärkt haben, daß Adams Prophezeihungen erfüͤllt wurden. Die Herzogin war auf die erſte Nachricht vor⸗ bereitet, daß Eduards Feinde vor ihm flohen. Dann wurde ſie auf den Tag vorbereitet, wo Warwick landete, und ihre Achtung vor dem Aſtrologen wurde mit Arg⸗ wohn und Schrecken gemiſcht, als ſie fand, daß er fort⸗ fuhr, nur unheilvolle und üble Ereigniſſe vorherzuſagen, und als endlich als Beſtätigung der unglücklichen und nur zu wahren Prophezeihung die Nachricht von des Königs Flucht und des Grafen Marſch nach London kam, da eilte ſie erſchrocken zu dem Mönch Bungey, und der Mönch Bungey ſagte:„Warnte ich Euch nicht, Tochter? Hättet Ihr mir geſtattet—“ „Wahr— ſehr wahr!“ unterbrach ihn die Her⸗ zogin.„Jetzt nehmt, hängt, foltert, ertränkt oder ver⸗ brennt Euren ſchrecklichen Nebenbuhler, wenn Ihr wollt, aber löst den Zauber und errettet uns vor dem Grafen!“ Die Augen des Möͤnchs funkelten; aber auf den erſten Gedanken des Haſſes und der Rache folgte ein anderer. Wenn er, der das berüchtigte Wachshild des Grafen von Warwick gemacht, jetzt einer grauſamen v 139 den ſo und ausdrücklichen Gewaltthätigkeit gegen Herrn Adam Wieder Warner ſchuldig gefunden werden ſollte, konnte nicht de eul⸗ der Graf eine ſo gute Entſchuldigung benützen, um auch die kein ſeinem Leben ein Ende zu machen? änzlich„Tochter,“ ſagte der Moͤnch, geheimnißvoll und ihr be⸗ 5 traurig den Kopf ſchüttelnd, als ihm dieſer Gedanke ermöge einfiel,„Tochter, es iſt zu ſpät.“ ubigen In großer Verzweiflung eilte die Herzogin zur rrologie Königin. Bisher hatte ſie ihrer königlichen Tochter die erfͤllt Beſchäftigung verborgen, die ſie Adam gegeben; denn ht vor⸗ Eliſabeth, welche gleich dem Volke an Jacquetta's Zau⸗ Dann bereien glaubte, hatte ſie in der letzten Zeit dringend landete, gebeten, alle derartigen Beſchäftigungen zu unterlaſſen. nit Arg⸗ Nun aber, als ſie der aufgeregten und beſürzten Königin er fort⸗ Adam Warners Gegenwart und ſeine unglücklichen Pro⸗ zuſagen, phezeihungen bekannte, da rief Eliſabeth, die aus Klug⸗ hen und heit und Stolz ihrer Mutter, die zu heftig war, um von des ein Geheimniß zu bewahren, das Vergehen des Königs pon kam, ſorgfältig verheimlicht hatte, wegen deſſen Erinnerung und der ihm Warner beſonders verhaßt war:„Unglückliche Tochter? Mutter, Ihr habt gerade den Mann in Eure Dienſte genommen, den mein vom Schickſal verfolgter Gemahl ie Her⸗ am ſorgfältigſten aus dem Palafte würde verbannt haben, pder ver⸗ denſelben Mann, der ſeinen Namen der Schande preis⸗ r wollt, geben könnte!“ brafen!“ Die Herzogin war wie vom Donner getroffen. auf den„Wenn ich je den Mönch Bungey wieder verlaſſe!“ plgte ein murmelte ſie bei ſich ſelber—„o, der große Mann!“ bild des Aber die Ereigniſſe, welche jetzt einen ausführlichen Bericht erfordern, waren ſo dringend, daß ſie der Her⸗ zogin nicht einmal Zeit ließen, eine weitere Erklärung der Worte Eliſabeths zu fordern, viel weniger noch ſich über den Zweifel zu entſcheiden, der ſich in ihrem auf⸗ geklärten Geiſte erhob, ob Adams Zauber nicht noch durch die zeitige Hinrichtung des Zauberers aufgehoben werde. Neuntes Kapitel. Die Berathung des Mavors und des Stadtraths, während Warwick auf London zu marſchirt. Es war an einem klaren und heiteren Tage, in der erſten Woche des Monats Oktober 1470, als verſchie⸗ dene Kundſchafter, die von dem Mayor und dem Stadt⸗ rathe von London ausgeſendet waren, mit ermüdeten und athemloſen Pferden nach Gulldhall zurückkehrten, wo dieſe würdige Korporation verſammelt war, um den raſchen Marſch des Grafen von Warwick zu melden. Der Lord Mayor jenes Jahres, Richard Lee, Ge⸗ würzhändler und Bürger, ſaß in der ehrwurdigen Halle auf einem ungeheuern ledernen Stuhle, über den man in der Haſt eine Sammetdecke geworfen, in ſeine Staats⸗ gewänder gekleidet, und von ſeinen Aldermen und Pa⸗ triziern der Stadt umgeben. Zu der perſönlichen Liebe, die der größere Theil der Korporation für den jungen und leutſeligen Könige hegte, kam noch der Schrecken vor der lancaſtriſchen Partei. Sie erinnerten ſich noch der furchtbaren Exceſſe, welche Margaretha im Jahre 1461 ihrer Armee erlaubt hatte. Die Aufregung und Unordnung der Zeit hatte mehre von den thätigern 141 und angeſehenern Bürgern in die Verſammlung geführt, die nicht mit Recht dazu gehörten; doch ſie ſaßen in ſchweigender Ordnung auf langen Bänken außerhalb des Tiſches da, der mit den Beamten angefüllt war. Unter den vorderſten von dieſen und durch die Feſtigkeit und den Scharfſinn ſeines Geſichts und die ernſte Faſ⸗ ſung, womit er den älteren Perſonen zuhörte, war Ni⸗ kolaus Alwyn, den man wegen ſeines großen Einfluſſes bei den Lehrlingen und jüngern Bürgern der Stadt mit zur Berathung gezogen. Als der letzte Kundſchafter ſeine Nachricht mitge⸗ theilt hatte und ernſthaft entlaſſen worden war, ſtand der Lord Mayor auf, und da er vielleicht ein beſſer un⸗ terrichteter Mann war, als viele von den hochmüthig⸗ ſten Baronen, und da ihm mehr auf dem Spiele ſtand wie den meiſten von ihnen, ſo hatte ſein Weſen und ſeine Sprache eine Würde und einen Ernſt, die dem Oberhauſe des Parlaments Ehre gemacht hätten. „Brüher und Bürger,“ ſagte er mit der entſchiede⸗ nen Kürze eines Mannes, welcher fühlte, daß keine Zeit zu vielen Worten ſei,„in zwei Stunden werden wir die Trompeten Lord Warwicks vor unſern Thoren hören; in zwei Stunden werden wir aufgefordert werden, einer Armee Einlaß zu geben, die im Namen König Hein⸗ richs verſammelt iſt. Ich habe meine Pflicht gethan— ich habe die Mauern beſetzt— ich habe alle Soldaten zuſammengebracht, die uns zu Gebote ſtehen. Ich habe zum Vicecommandanten des Tower geſchickt—* „Und welche Antwort gibt er, Lord Mayor?“ fiel Humphrey Heyford ein. „Keine, worauf man ſich verlaſſen kann. Er ant⸗ wortet, Eduard der Vierte habe ihm keine Macht zurück⸗ gelaſſen, ſich zu widerſetzen, wenn er der Regierung ent⸗ ſage, und Macht gehe vor Recht.“ Ein tiefer Athemzug gleich einem Seufzer ging durch die Verſammlung. Der Seidenhändler John Stokton ſtand auf, an allen Gliedern zitternd. „Lord Mayor und Aldermen,“ ſagte er,„mir ſcheint es, daß es unſere erſte Pflicht iſt, für uns ſelber zu ſorgen!“ Ungeachtet des bedenklichen Falles brachen Alle bei dieſem offenen Geſtändniß in ein lautes Lachen aus, welches aber ſogleich wieder verſtummte. „Ja,“ fuhr der Seidenhändler fort, indem er ſich umwandte und in der Aufregung mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug—„ja— denn König Eduard hat uns das Beiſpiel gegeben. Ein rüſtiger und unerſchrockener Krieger, der ſeine ganze Jugend im Felde zugebracht hat, iſt König Ebuard aus dem Reiche entflohen— König Eduard ſorgt für ſich ſelber— es iſt unſere Pflicht, daſſelbe zu thun!“ So ſeltſam es auch ſcheinen mag, ſo fand doch dieſe Selbſtſucht unter der Verſammlung Anklang. Es erfolgte ein Ausbruch des Beifalls und als derſelbe verſtummte, hörte man den dumpfen Knall einer Bombarde oder Kanone von der Stadtmauer, welcher verkündete, daß der Wächter den Vortrab der anrückenden Armee zu Ge⸗ ſicht bekommen habe. Herr Stokton fuhr zuſammen, als ob die Kugel dicht 14⁴³3 neben ihm eingeſchlagen, ließ ſich ſogleich wieder auf ſeinen Sitz nieder und rief:„Gott ſei uns gnädig!“ Es trat eine augenblickliche Pauſe ein und dann ſtanden Mehre von der Korporation ſogleich auf. Der Mayor behauptete ſeine Würde und forderte den Sheriff zum Reden auf. „Wenige Worte, Mylord, und ich habe ausgeredet,“ ſagte Richard Gardyner—„man kann nicht fechten ohne Soldaten. Auf die Truppen im Tower kann man ſich nicht verlaſſen. Die ganze Bevölkerung iſt auf der Seite des Lord Warwick, und wenn der Teufel ihm im Ruͤcken folgte. Wenn Ihr Euch widerſetzen wollt, ſo könnt Ihr vor morgen Abend auf Raub und Plünderung rechnen. Wenn Ihr GEuch ergebt und ſämmtlich hinausgeht, ſo iſt der Graf kein Mann, der einen Engländer am Leben oder Geſundheit ſollte gefährden laſſen, der ſich ihm an⸗ vertraut. Mein Wort iſt geſagt.“ „Mylord,“ ſagte ein hagerer, leichenhaft ausſehen⸗ der Alderman, der zunächſt aufſtand,„dies iſt ein Ur⸗ theil des Herrn und ſeiner Heiligen. Man hat den Lol⸗ lards und Ketzern zu viel Freiheit geſtattet und der Zorn des Himmels iſt gegen uns aufgeregt.“ Ein ungeduldiges Murren bezeugte die Abneigung des groͤßeren Theiles der Verſammlung, dieſen Redner weiter anzuhören; aber ein billigendes Nicken der älte⸗ ten Bürger bezeugte, daß der Fanatismus nicht ohne ſeine Begünſtiger, war. So ermuthigt fuhr der Redner fort und ſchloß ſeine Anrede, die ſtürmiſcher als alle vor⸗ hergehenden war unterbrochen worden, mit einer Er⸗ mahnung, die Stadt ihrem Schickſal zu überlaſſen und 144 in Maſſe nach bem neuen Gefängniß zu marſchiren, fünf verdächtige Lollarbs herauszunehmen und ſie auf Smith⸗ ſield zu verbrennen, um den Allmächtigen zu heſänftigen und das Ungewitter abzulenken! Als dieſer Gegenſtand des Streites einmal angeregt war, hätte er die Verſammlung aufhalten können, bis die rauhen Stäbe ver Anhänger Warwicks ſie aus ihrer Halle getrieben hätte, hätte die Beſonnenheit und Klug⸗ heit des Mayor es nicht verhindert. „Brüder,“ ſagte er,„es liegt mir nichts daran, ob der vorgeſchlagene Rath gut oder ſchlecht iſt; aber ſo viel habe ich gehört, daß nicht viel um eine Bekehrung auf dem Sterbebette zu geben iſt. Es iſt jetzt zu ſpät, aus Furcht vor dem Teufel zu thun, was unſer Eiſer für die Kirche verſäumte. Die einzige Frage iſt: Sollen wir fechten oder Bedingungen machen? Ihr ſagt, es fehlt uns an Soldaten— waßtlich ja, ſo lange keine Anführer zu ſinden find! Walworths, mein Vorgaͤnger, rettete London von Wat Tyler. Damals fehlte es an Männern, bis der Mayor und ſeine Mitbürger nach Mile⸗End marſchirten. Es mag jetzt derſelbe Fall ein⸗ treten. Wollt Ihr fechten, ſo laßt es uns verſuchen— was ſagt Ihr, Nikolaus Alwyn?— Ihr kenni die Stim⸗ mung unſerer jungen Leute.“ So aufgefordert, erhob ſich Alwyn, und ſo groß war der gute Name, den er bereits erlangt hatte, daß jedes Gemurmel zu einem aufmerkſamen Schweigen ver⸗ ſtummte. „Lord Mayor,“ ſagte er,„es gibt ein Sprüchwort in meinem Lande, weiches heißt: Der Fiſch ſchwimmt e2n, fuͤnf Smith⸗ änftigen angeregt nen, bis us ihrer d Klug⸗ aran, ob aber ſo ekehrung zu ſpät, Eifer fuͤr Sollen ſagt, es nge keine gaͤnger, ſte es an ger nach Fall ein⸗ uchen— die Stim⸗ groß war daß jedes gen ver⸗ brüchwort ſchwimmt 14⁵ am beſten, der in der See das Schwimmen gelerut hat; und das will ſo viel ſagen, meine ich, daß die Menſchen das am beſten können, worin ſie geübt find! Lord War⸗ wick und ſeine Leute ſind im Fechten geübt. Wenige von dieſen Fiſchen um die Londoner Brücke herum find ge⸗ übt, in jener See zu ſchwimmen! Ruft London zu Huͤlfe — legt Panzer und Helm an— was folgt daraus?— Herr Stokton hat es geſagt: Raub und Plünderung für die Stadt— Galgen und Strick für Mayor und Alder⸗ men. Sage ich dies aus Liebe zum Hauſe Lancaſter? Nein! Nein, ſo wahr der Himmel mich richten wird, ich meine die Politik, die König Eduard gewählt hat, und die ihn heute ſeine Krone koſtet, ſollte das Haus York dem Bürger und Geſchäftsmanne theuer machen. Er hat geſucht, die eiſerne Herrſchaft der großen Ba⸗ rone zu brechen— und nie wird es Frieden in England geben, bis das geſchehen iſt. Es iſt ihm fehlgeſchlagen; aber nur auf einen Tag. Er hat für jetzt nachgegeben; daſſelbe müſſen auch wir thun. Es gibt eine Zeit, wo man ſchielt, und eine Zeit, wo man geradeaus blickt. Ich rathe, daß wir dem Grafen entgegenziehen— daß wir ehrenvolle Bedingungen für die Stadt machen— daß wir eine Partei benutzen, um das zu gewinnen, was wir von der andern nicht gewinnen können— daß wir zu unſerm Vortheil fechten, nicht mit Schwertern, wo⸗ mit wir geſchlagen werden, ſondern im Rath und Par⸗ lament mit Reden und Petitionen. Eine neue Macht iſt ſtets ſanft und milde. Was liegt uns an York oder Lan⸗ eaſter?— Alles, was wir wollen, ſind gute Geſetze. Wir wollen ſuchen, ſo gute als möglich von Laneaſter zu Bulwer, Barone, III. 40 3 146 erlangen— und wenn Koͤnig Eduard zurückkehrt, wie er zurückkehren wird, ſo mag er hoͤher bieten als Hein⸗ rich um unſere Liebe. Würdige Herren und Brüder, während Barone und Knappen ſich die Köpfe zerſchla⸗ gen, erlangen ehrliche Leute auch, was ihnen ziemt. Die Zeit wächst unter uns wie Gras. York und Lancaſter mögen einander niederreißen— und was bleibt übrig? Drei Dinge, die in jedem Wetter gedeihen: London, Induſtrie und das Volk! Wir leben in einer rauhen Zeit. Nun, was ſagt das Sprüchwort? Siede Steine in Butter und Du kannſt eine gute Suppe davon machen. Ich habe ausgeredet.“ Dieſe charakteriſtiſche Aurede, die glücklicherweiſe mit dem Eigennutze eines Jeden übereinſlimmte und doch Allen die männliche Entſchuldigung des reifen Verſtandes und der weiſen Politik gewährte, war um ſo entſchei⸗ dender in ihrer Wirkung, da man von dem jungen Al⸗ wyn wegen ſeines bekannten entſchloſſenen Muthes und ſeines anerkannten Abſcheues gegen die lancaftriſche Partei kriegeriſche Rathſchläge erwartet hatte. Der Mayor ſelber, der Eduard perſönlich ergeben war, fügte ſich mit einem tiefen Seufzer der Stimmung der Ver⸗ ſammlung. Und als der Entſchluß einmal gefaßt war, ſuchte Heinrich Lee denſelben jeben möglichen Vortheil zu verſchaffen, der ſich von der raſchen und beſtimmten Handlungsweiſe herleiten ließ. „Laßt uns ſogleich hinausgehen,“ ſagte er—„gehen wie es uns geziemt in unſern Staatsgewändern und mit den Jaſignien der Stadt. Nie ſoll man ſagen, daß die Waͤchter der Stadt London ſich weder mit Muth ver⸗ theid Wir eigen Colle N Stokt Arm mit C u ton er die ſo ment Grün cher e hatte, A baher verließ gegeng blieber „8 Wille , wie Hein⸗ rrüder, rſchla⸗ t. Die neaſter übrig? ndon, rauhen Steine nachen. erweiſe nd doch ſtandes niſchei⸗ gen Al⸗ ees und nfriſche . Der , fägte r Ver⸗ ßt war, Lortheil immten „gehen und mit daß die th ver⸗ 147 theidigen, noch mit Ehren Bedingungen machen konnten. Wir laſſen Lord Warwick ein. Gut alſo, es muß unſere eigene freie Handlung ſein. Kommt! Beamten unſeres Collegiums, tretet vor.“ „Wartet ein wenig— wartet ein wenig,“ flüſterte Stokton, indem er ſeine ſcharfen Klauen in Alwyns Aum drückte—„laßt ſie voraus gehen— ein Wort mit Euch, lißtiger Nick— ein Wort.“ Ungeachtet ſeiner ſchwachen Nerven war Herr Stok⸗ ton ein Mann von ſo großem Reichthum, daß Alwyn die ſo vertraulich geſtellte Bitte wohl als ein Compli⸗ ment nehmen durfte; überdies hatte er ſeine eigenen Gründe, bei einer Prozeſſion zurückzubleiben, an wel⸗ cher er wegen ſeines Ranges in der Stadt nicht nöthig hatte, Theil zu nehmen. Waͤhrend der Mayor und die andern Würdenträger taher die Halle mit ſo großem Pomp und Ordnung verließen, als ob fie nicht einer anrückenden Armee ent⸗ gegengingen, ſondern zu einer feßlichen Luſtbarkeit, blieben Nikolaus und Stokton ein wenig zurück. „Herr Alwyn,“ ſagte Stokton mit ſchlauem Blin⸗ zeln,„Ihr habt Euch heute großes Anſehen verſchafft — Ihr werdet ſteigen— ich habe ein Auge auf Euch — ich habe eine Tockter! Ah! Ein junger Mann wie Ihr kann zu großen Dingen ommen!“ „Ich bin Euch ſehr verbunden, Herr Stokton,“ entgegnete Alwyn etwas zerſtreut,„aber was iſt Euer Wille?⸗ „Mein Wille?— Hm!— Ich ſage, Nikolaus was it Euer Rath? Es iſt ganz Recht, keine Gewalt anzu⸗ 148 wenden. Potz Wetter! Dieſer Mayor iſt ein wahrer Tiger! Aber glaubt Ihr nicht, daß es weiſer ſein würde, nicht an dieſer Prozeſſion Theil zu nehmen? Eduard der Vierte, wenn er zuruͤckkehren ſollte, hat ein langes Gedächtniß. Er handelt auch mit mir— ein guter Kunde für einen Seidenhändler; und o Gott! Wie viel Geld iſt er der Stadt ſchuldig!— Hm— ich möͤchte nicht gern undankbar ſcheinen.“ „Aber wenn Ihr nicht mit den Andern auszieht, ſo find andere Seidenhändler da, die Koͤnig Heinrichs Kundſchaft und Gunſt erhalten werden, und es iſt leicht einzuſehen, daß ein neuer Hof viel Seidenwaaren brau⸗ chen wird.* Stokton war in großer Verlegenheit. „Das wäre ſehr ſchade, guter Nikolaus; und ge⸗ wiß, da iſt Wat Smith Easdeath, der würde den Koͤnig Heinrich betrügen, den armen Mann! Und das wäre eine Schande für die Stadt; aber andererſeits zahlen die Yorkiſten größtentheils pünktlich, König Eduard aul⸗ genommen, Gott ſchütze ihn! Und die Laneoſtrier ſind arm wie Mäuſe. Überdies iſt König Heinrich ein ſanſter Mann und ſucht ſich nicht zu rächen— König Esuand dagegen iſt ein hitziger und ſtrenger Mann und moͤchte es Hochverrath nennen, wenn man mit der rothen Roſe ginge! Ich wollte, ich wüßte, wie ich mich entſcheiden ſollte!— Ich habe eine Tochter— eine einzige Tochter — ein hübſches munteres Ding und hat eine gute Mi⸗ gift. Ich wollte, ich hätte einen ſcharfſinnigen Schwie⸗ gerſohn, der mir rathen könnte.“ „Ein Wort alſo, Herr Stokton: Der kommt nit wahrer würde, Eduard n langes n guter Wie viel moͤchte jeht, ſo zeinrichs iſt leicht en brau⸗ und ge⸗ n König as wäre ahlen die ard aul⸗ trier ſind in ſaufter Eduard d möchte hen Roſe ſcheiden e Tochttr ute Mi⸗ Schwie⸗ mmt nie 149 zu weit vom rechten Wege ab, der mit den Haſen laufen und mit den Hunden jagen kann. Ich wünſche Euch einen guten Tag, ich habe anderswo Geſchäfte.“ Mit dieſen Worten machte ſich Nikolaus ziemlich haſtig von den zitternden Fingern des Seidenhändlers los und eilte aus der Halle. „Wahrhaftig,“ murmelte der untröſtliche Stokton, „mit dem Haſen laufen, hatte er geſagt!— das heißt mit König Eduard gehen; aber mit den Hunden jagen — das heißt mit König Heinrich gehen. Potz Wetter! Das iſt nicht ſo leicht für einen einfachen Mann, der nicht im Norden erzogen iſt. Ich will lieber nach Hauſe gehen und nichts thun!* Nachdenkend und verwirrt ſchlich ſich der arme Mann hinaus und verlor ſich bald unter der geräuſchvollen Menge, wovon Viele ebenſo verlegen waren, wie ex. Iazwiſchen umhüllte Alwyn ſein Geſicht ſorgfältig mit ſeinem Mantel, ging mit weiten und leiſen Schriiten durch die Straßen, erreichte den Fluß, ſtieg in ein Boot, welches ſeiner wartete und kam endlich im Palaſte des Tower an. Zehntes Kapitel. Der triumphirende Einzug des Grafen— Der königliche Ge⸗ fangene im Tower— Das Zuſammentreffen des Königmachers mit dem Könige. In den Zimmern der Feſtung war Alles in der groͤßten Verwirruug und Beſtürzung. Schildwachen ſtanden freilich noch auf ihren Poſten, Bewaffnete auf 150 den Außenwerken, die Kanonen waren geladen— die Fahne Eduard des Vierten wehte noch hoch von den Zinnen; aber von den Offizieren der Feſtung und den Anführern des Militärs waren Einige bleich vor Furcht in der alten Halle verſammelt und ſtritten mit einander — Einige entflohen, Niemand wußte, wohin— un Einige waren offen zu der vorrückenden Armee über⸗ gegangen. Durch dieſe ſtürmiſche und ſchwache Macht wurhe Nikolaus Alwyn von einem einzigen getreuen Diener der Königin gefüzrt, die ihn erwartete; und ein Blich ſeines raſchen Auges überzengte ihn von der Richtigkeit ſeiner Rathſchläge. Endlich kam er auf einer hohen Wendeltreppe zu einem der höchſten Zimmer in einem der höchſten Thürme, welches gewöhnlich für die unter⸗ geordneten Beamten des Haushalts beſtimmt war. Und dort ſah er in dem offenen Fenſter, welches eine weite Ausſicht auf die weite Umgebung, ſowohl des Fluſſes als des Landes gewährte, die Königin des flüchtigen Monarchen ſtehen. An ihrer Seite befanden ſich Lady Serope, ihre vertrauteſte Freundin und Raih⸗ geberin— ihre drei kleinen Kinder, Eliſabeth, Maria und Ceeilie um ihre Knie verſammelt und mit einander ſpielend, ohne um die Schrecken der Zeit zu wiſſen; ge⸗ trennt von den Übrigen ſtand die Herzogin von Bedford, die ſich lebhaft mit dem Mönch Bungey unterredete, deu ſie in der Eile herbeigerufen hatte, ob ſelne Kunſt nicht über bloß ſterbliche Feinde ſiegen könne. Der Diener meldete Alwyn an und zog ſich zuruͤck. Die Koͤnigin wendete ſich um.„Was gibts Neues, Herr n— die von den und den r Furcht einander — und ee über⸗ t wurhe Diener ein Blick ichtigkeit r hohen n einem te unter⸗ ar. welches ſowohl igin des hefanden d Raih⸗ Maria einander ſen; ge⸗ Zedford, ete, den nſt nicht zurüͤck. 8, Herr 151 Alwyn? Raſch! Welche Nachrichten von dem Lord Mayor?“ „Gnädigſte Königin,“ ſagte Alwyn auf ſeine Kniee fallend—,es liegt nur ein Weg vor Euch. Unter jenem Fenſter liegt Eure Barke— zur Rechten ſeht Ihr den runden, grauen Thurm von Weſtminſter; Ihr habt noch gerabe Zeit, dorthin zu kommen!“ Die alte Herzogin von Bedford wenhdete ihre klaren grauen Augen von dem hleichen und zitternden Mönch zu dem Goldſchmied, aber ſchwieg. Die Königin ſtand erſchrocken da.„Wollt Ihr damit ſagen,“ ſtotterte ſie endlich,„daß die Stadt London den König verläßt?— Schande über die Feiglinge und Verräther!“ „Keine Feiglinge und Verräther, gnädigſte Koͤni⸗ gin,“ ſagte Alwyn, ſich aufrichtend.„Wer einen Bären kratzen will, muß eiſerne Nägel haben— und vorzüglich noch den weißen Bären. Der König iſt geflohen— die Barone find geflohen— die Soldaten find geflohen— die Anführer ſind geflohen— die Bürger von London fliehen allein nicht; aber es iſt nicht weiter mehr zu ſchützen als Leben und Eigenthum.“ „Iſt dies Euer gerühmter Einfluß bei den Gemeinen und ben Jünglingen der Stadt?“* „Mein geringer Einfluß, Eure Majeſtät— ich ſage es jetzt offen und werde es übers Jahr wieder ſagen, wenn Koͤnig Eduard in dieſen Hallen wieder Hof halten wird— mein Einfluß, von welcher Art er auch iſt, wurde angewendet, um Leben zu retten, die der Wider⸗ ſtand vergebens aufopfern würde. Ach, ach! Hier iſt von keinem Widerſtande die Rede, gnädigſte Koͤnigin! 15⁵²2 Eure Barke liegt unten— ich ſage noch einmal, noch iſt es Zeit— wenn die nächſte Stunde ſchlägt, wird dieſe Zeit vorüber ſein!“ „Dann möge Jeſus dieſe Kinder ſchützen!“ ſagte Eliſabeth, ſich über ihre Kinder neigend und bitterlich weinend,„ich will gehen!⸗ „Halt,“ ſagte die Herzogin von Bedford,„die Menſchen verlaſſen uns— aber verlaſſen uns die Geiſter auch?— Redet, Mönch! Könnt Ihr noch etwas für uns thun?— und wenn nicht, glaubt Ihr, daß dies die rechte Stunde iſt, ſich zu ergeben und zu fliehen?“ „Tochter,“ ſagte der Mönch, deſſen Schrecken hätte Mitleid erregen koͤnnen—„wie ich ſchon vorher ſagte, habt Ihr es Euch ſelber zuzuſchreiben. Dieſer Watner — dieſer— kurz, der kleinere Zauberer iſt unterſtätz worden, um den gprößeren zu überwinden, wie ich es Euch vorher ſagte. Flieht! Lauft! Flieht! Wahrlich und in der That, es iſt die günſtigſte Zeit, uns zu retten, und die Sterne und das Buch und mein Hausgeiſt, Alle rufen aus: Auf und davon!“ „Beim H immel!“ rief Alwyn, der bisher bei dieſem ſeltſamen Zwiſchenſpiel ſtumm vor Erſtaunen dageſtan⸗ den hatte—„jetzt ſeid Ihr einmal ein ehrlicher Mann und ein weiſer Rathgeber. Horch! Die zweite Kanone! Der Graf iſt vor den Thoren der Stadt!“ Die Königin zauderte nicht länger— ſie nahm ihr jüngſtes Kind auf ihre Arme— die Lady Serope folgte mit den beiden andern—„kommt, folgt uns raſch, Herr Alwyn,“ ſagte die Herzogin, die jetzt, da ſie ſich genoͤthigt ſah, die Welt der Prophezeihung und des I, noch , wird ſagte tterlich „„ die Deiſter das fuͤr aß dies ehen?* mhätte ſagte, Jarner erſtützt ich es ch und retten, „Alle dieſem eſtan⸗ Mann none! m ihr folgte raſch, e ſich des 153³ Zaubers aufzugeben— das ſchlaue, thätige und ver⸗ ſchlagene Weib dieſes Lebens wurde—„kommt, Euer Geſicht und Euer Name werden uns nützlich ſein, wenn uns Widerſtand begegnet.“ Ehe Alwyn antworten konnte, wurde die Thür plötzlich aufgeriſſen und mehre von den Beamten des Haushalts ſtürzten erſchrocken herein. „Gnädigſte Königin!“ riefen mehre Stimmen zugleich:„Flieht!— Wir koͤnnen uns nicht auf die Soldaten verlaſſen— das Volk iſt in Bewegung und ruft König Heinrich auns— Doktor Gobard predigt gegen Euch zu St. Pauls Croß— Sir Geoffeey Gates iſt aus Weſtminſter gekommen und mit ihm alle Ver⸗ bannten und Geächteten— der Mayor iſt jetzt bei den Rebellen! Flieht!— Nach Weſtminſter— nach Weſt⸗ minſter!* „Und wer iſt von Euch an Rang der Höchſte?“ fragte die Herzogin ruhig; denn Eliſabeth war ſo er⸗ griffen, daß ſie nicht reden noch ſich bewegen konnte. „Ich, Giles de Malvoiſtn,“ ſagte ein alter Krieger, der vom Kopf bis zu den Füßen gerüſtet war und in Frankreich unter dem Helden Talbot gefochten hatte. „Dann Herr,“ ſagte die Herzogin mit Majeſtät, „vertraue ich Euren Händen die aͤlteſte Tochter Eures Koͤnigs an. Geht voran!— Wir folgen Euch. Eliſa⸗ beth, ſtütze Dich auf mich.“ Eliſabeth unterſtützend und ihre zweite Enkelin führend, verließ die Herzogin das Zimmer. Der Möͤnch folgte unter der Menge, denn er wußte wohl, wenn Warwicks Soldaten ſeiner habhaft würden, ſo würde es 154 ihm nicht beſſer ergehen, als dem Fuchs unter den Hun⸗ den. Da Alwyn in der allgemeinen Verwirrung ver⸗ geſſen wurde, ſo eiſte er in Adams Zimmer. Der alte Mann, der jede Veranlaſſung ſegnete, die ſeine Patronin bewegen konnte, ſich ſeiner aßtrologiſchen Arbeiten zu begeben, und ihm erlaubte, ſeine Sorgfalt wieder ſeiner Eureka zu widmen, war ruhig beſchäftigt, das Uanheil wieder gut zu machen, welches der boshafte Mönch angerichtet. Sibylla, die bei dem erſten Lärm zu ihm geflohen wer, begrüßte freudig den Eintritt des freundlichen Goldſchmieds. Alwyn war in der That verlegen, was er rathen ſollte, denn ohne Zweiſel war das Heiligthum mit den verworfenſten Schurken augefüllt, und die beſſeren Wohnungen, welche dieſer befeſtigte Ort, der eine kleine Stadt für ſich war, enthielt, waren ſchon längſt von den vornehmſten Yorkiſten beſetzt, und die anderen kleineren Heiligthümer waren in demſelben Falle. Über⸗ dies, wenn Adam unterwegs von dem Pöbel ſollte er⸗ kannt werden, welches mußte ſein Schickſal ſein bei der Bosheit des Pöbels. Übrigens war der Tower faßt gang leer, und ſobald Alwyn nach einigen raſchen Fragen von Sibylla erfuhr, ſie habe Grund zu hoffen, daß ihr Vater bei Lord Warwick Schutz finden werde, und er ſich erinnerte, daß Marmaducke Nevile im Gefolge des Grafen ſein müſſe, da rieth er ihnen, ruhig da zu blei⸗ ben, und verſprach, nach ihnen zu ſehen und für ſie zu ſorgen, ſobald der Tower der neuen Regierung üderge⸗ ben worden. Der Rath gefiel Sibylla und Warner wohl. Der — Boo viel gewi t Hun⸗ g ver⸗ ete, die giſchen orgfalt häftigt, oshafte Lärm ritt des rathen nit den zeſſeren er eine längſt anderen Üübet⸗ Ulte er⸗ bei der 8 ganz Fragen daß ihr und er lge des u blei⸗ ſie zu derge⸗ Der 155 Philoſoph hätte ſich auch nicht leicht bewegen laſſen, ſich wieder von ſeiner geliehten Eureka zu trennen, und Si⸗ hylla war zu der Stunde mehr mit Gedanken und Ge⸗ beten für den geliebten Haſtings beſchäftigt, der als Verbannter in weiter Ferne umher wanderte— als mit den ſtürmiſchen Ereigniſſen, unter welche ihr Loos ge⸗ fallen war. In den Stürmen einer Revolution, die ein Koͤnig⸗ reich verwandelte und einen Thron in den Stanb warf, ſah die Liebe nur einen einzigen Gegenſtand— die Wiſ⸗ ſenſchaft nur ihre ruhige Arbeit. Jenſeits des Reiches der Meuſchen liegt ſtets mit ihrer Freude und ihrem Kammer, ihrem Wechſel und ihrer Veränderung die Herrſchaft des menſchlichen Herzens. Während der Re⸗ volution wurde dem Gelehrten ſein Modell wieder ge⸗ geben; während der Revolution betrauerte das Mäd⸗ chen ihren Geliebten: In der Bewegung der Maſſe hatie Jeber ſeine beſondere Leidenſchaft. Der Sturm, der den Baum entwurzelt, erſchüttert eine verſchiehene Welt in jedem Blatt. Elftes Kapitel. Der Tower in Bewegung. Als Alwyn den Tower verließ, ſetzte er ſich in das Boot und nahm ſeinen Weg zur Stadt; und hier, wie viel Credit auch der würdige und vortreffliche Mann in gewiſſen Augen dadurch verlieren mag, iſt der Hiſtoriker verbunden zu bekennen, daß ſeine Beſorgniß für Sibylla ſeine Aufmerkſamkeit nicht gänzlich vom Intereſſe oder Ehrgeiz ablenkte. Das Oberhaupt ſeiner Klaſſe zu wer⸗ den, ſich zu den erſten Ehrenſtellen in ſeiner geliebten Stadt London zu erheben, war für Nikolaus Alwyn eine Hoffnung und ein Streben geworden, welches ebenſo ſehr einen Theil ſeines Weſens ausmachte, wie der Ruhm beim Kriege, die Macht beim Köͤnige, die Unſterblich⸗ keit beim Dichter, die Eureka bei einem Gelehrten. Jetzt begab ſich N kolaus Alwyn zu ſeinem Waarenlager in Chepe. Die Straßen zeigten nicht mehr die Unordnung und den Tumult, den er früher bemerkt hatte. Die Bürger hatten ſich jetzt entſchieden, welche Handlungs⸗ weiſe fle wäßlen ſollten; und obgleich die Läden und Buden ſorgfältig geſchloſſen waren, ſo hingen doch Flaggen von Seide und Goldſtoff aus den obern Fen⸗ ſtern; Balkons waren mit Gaffern im Feſttagsſtaat angeſüllt; das unzuverläſſige Volk— dieſelbe Heerde, die den ſanften Heinrich verſpottet hatte, als er zum Tower geführt wurde— rief jetzt:„Es lebe Warwick! Clarence!“ und drängte ſich herbei, um die Armee zu begaffen, die mit dem Mayor und den Aldermen bereits in die Stadt eingetreten war. Nachdem er für die Sicherheit ſeiner koſibaren Waaren geſorgt und ſeine Gehülfen für ihre Sorge um ſein Intereſſe und ihre Enthaltſamkeit, ſich der Menge anzuſchließen, gehöri⸗ germaßen gelobt hatte, ging Nikolaus in den obern Stock ſeines Hauſes und hing aus ſeinen Fenſtern und von ſeinem Balkon die reichſten Stoffe, die er beſaß. Indeſſen zeigte ſich ſein eigenthümliches ſarkaſtiſches Lächeln um ſeine feſten Lippen, als er zu ſeinen Ge⸗ oder wer⸗ iebten n eine benſo Ruhm blich⸗ Jetzt ger in dnung Die ſee zu 157 hülfen ſagte:„Wenn dies geſchehen iſt, packt ſie ſorg⸗ fältig wieder ein, bis Eduarh von York wieder ſeinen Einzug hält.“ Inzwiſchen ritten der Graf von Warwick und ſein königlicher Schwiegerſohn mit Trompeten, Trommeln und Herolden in die frohlockende Stadt. Hinter ihnen her kam die Sänfte der Herzogin von Clarence, von dem Grafen von Oxford, Lord Fitzhugh, den Lords Stanley und Shrewshury, Sir Robert de Lytton und einem fürſtlichen Gefolge von Rittern, Knappen und. Edlen begleitet, während die Armee in langen Reihen hereinzog. Warwick, in völliger Rüſtung von malländiſchem Stahl— mit Ausnahme des Helms, der ihm von ſei⸗ nem Knappen nachgetragen wurde— ſaß auf ſeinem edlen Roſſe Saladin, und zeigte in einem Geſichte, wel⸗ ches ſo wohl geeignet war, die Bewunderung des Volks zu erregen, denſelben Charakter männlicher Majeſtät und erhabener Freimüthigkeit wie ſonſt. Ein ſorgfältiger heohachtendes Auge hätte auf ſeiner ſonſt ſo glatten und faltenloſen Stirn die tiefen Spuren der Sorge, der Angſt und Leidenſchaft entdecken können, die jetzt in dichten Linien die Stirn durchkreuzten; und ſein könig⸗ liches Auge, welches nicht wie ſonſt geradeaus blickte, warf unruhige und forſchende Blicke um ſich her, ſowie er ſein bloßes Haupt von einer andern Seite vor den be⸗ grüßenden Tauſenden verneigte. Eine noch viel größere Veränderung war in dem ſchönen jungen Geſichte des Herzogs von Clarence zu bemerken, Seine gewöhnlich blühende Geſichtsfarbe war 158 jetzt nicht viel weniger blaß, als die ſeines Bruders Richard. Ein mürriſcher, mißmuthiger und unzufriede⸗ ner Ausdruck, den die Herzlichkeit der Gruͤße, die ihm zu Theil wurden, nicht entfernen konnte, bildete einen ſtarken Gegenſatz zu der gutgelaunten, lachenden Sorg⸗ lofigkeit, die Alle, auf welchen ſein hellblaues freudiges Auge ruhte, ihm zuzurufen bewog:„Gott ſegne ihn!⸗ Er war unbewaffnet, mit Ausnahme eines reich mit Gold ausgelegten Bruſtharniſches. Sein kurzer Mantel von rothem Sammet, ſeine Veinkleider von weißem Tuch, mit Gold beſetzt, und ſeine niedrigen Reiterſtiefel von ſpaniſchem Leder, zierlich ausgeſchnitzt, geſtickt und mit langen goldenen Sporen verſehen, ſein mit Juwelen beſetztes Federbaret, ſein weißes Schlachtroß, mit Decken, die mit Perlen und Goldſtoff beſetzt waren, ſein breites Halsband von koſtbaren Edelſteinen mit dem Orden des heiligen Georg, ſeinen Feldherrnſtab hoch erhoben und ſein Banner mit dem Wappen der Plan⸗ tagenet von dem Herold über ſeinem königlichen Haupte getragen— Alles dies zog die Augen der Menge auf ſich, nur um ſie noch mehr durch einen Anblick zu feſ⸗ ſeln, der ſich ſchlecht zu dem Triumphe eines blutloſen Sieges eignete. Zu ſeiner Linken, wo die Breite der Straßen es geſtattete, ritt der Mayor Heinrich Lee, der kein Wort ſprach, außer wenn er angeredet wurde, und auch dann nur mit kalter Ehrerbietung und trockenen Einzelſtlben antwortete. Eine enge Wendung der Straße, welche Warwick und Clarence allein neben einander ließ, gab dem Erſte⸗ ren hie Gelegenheit, zu Clarence zu ſagen: leiten 1 War die 2 Graf halsb E gebli volut Bild 459 „Wie, Prinz und Sohn— wie kommt es, daß Ihr unſere Eroberung mit dieſer ſorgenvollen Stirn trübt und ſo Enren Einzug in die Hauptſtadt haltet, die wir ohne einen Schwertſtreich gewonnen haben?“ „Beim heiligen Georg,“ antwortete Clarence mür⸗ riſch und eben ſo leiſe;—„glaubt Ihr, es ärgere nicht den Sohn Richards von York, nach ſo vieler Mühe und Blutvergießen, zur Entthronung ſeines Bruders und zur Wiedereinſetzung des Feindes ſeines Geſchlechts bei⸗ zutragen?“ „Das hättet Ihr vorher bedenken ſollen,“ entgeg⸗ nete Warwick mit Traurigkeit und Mitleid in ſeinem Vorwurf. „Ja, ehe Eduard von Laneaſter zu meinem Herrn und Bruder gemacht wurde,“ entgegnete Clarence bitter. „Still!“ ſagte der Graf,„und beruhigt den Aus⸗ bruck Eures Geſichts. So ſpracht Ihr in Amboiſe nicht; entweder wart Ihr damals weniger aufrichtig oder auch großmüthiger. Aber das Bedauern iſt vergebens. Wir haben den Sturmwind erregt und müſſen ihn jetzt leiten.“ Und als wollte er ſeinen Gedanken entfliehen, ließ Warwick ſein ſchwarzes Roß eine halbe Volte machen; die Menge rief wieder lauter bei den Reiterkünſten des Grafen und als man Clarence's ſchimmerndes Juwelen⸗ halsband erblickte. Während dieſer Prozeſſion der Sieger blieb der vor⸗ gebliche Gegenſtand dieſer mächtigen und plötzlichen Re⸗ volution in ſeinem Gefängniß im Tower ein wahres Bild des Gegenſtandes, wornach die Parteien ſtreben— 160 abweſend, unbedeutend, unbeachtet, und außer von we⸗ nigen Anführern und fanatiſchen Prieſtern gänzlich ver⸗ geſſen. In ſein einſames Zimmer müſſen wir jetzt die Leſer verſetzen; doch einſam iſt ein Wort von zweiſelhafter Bedeutung, denn obgleich der königliche Gefangene al⸗ lein war, ſoweit das menſchliche Geſchlecht die Geſell⸗ ſchaft und den Troſt eines Menſchen ausmacht— obgleich die getreuen Herren Manning, Bedle und Allerton bei der Nachricht von Warwicks Landung aus ſeinem Zimmer entfernt worden und ſich jetzt in den Reihen ſeiner neuen und fremden Vertheidiger befanden, ſo hatten doch Macht und Eiferſucht ſeine Gefangenſchaft nicht gänzlich ver⸗ geſſen. Da war noch der Staar in ſeinem Käfig und das fette, aſthmatiſche Windſpiel wedelte noch mit dem Schwanze bei der Stimme ſeines Herrn oder wenn es ſein langes Gewand rauſchen hörte. Und von dem elfen⸗ beinernen Cruciſix ſchimmerte noch das traurige und hei⸗ lige Geſicht des Etlöſers— welches vermöge des Glau⸗ bens und der Geduld ſtets den Kummer mit der Freude, aber auch die Erde mit dem Himmel vereint. Der erhabene Gefangene war nicht ſo gänzlich von allem Verkehr mit dem äußern Leben abgeſchnitten, daß er nicht eine ungewohnte und bedeatungsvolle Bewegung in der Feſtung und in der Stadt ſollte bemerkt haben. Der Knappe, der ihm ſein Frühſtück gebracht, war ſo aufgeregt geweſen, daß er die Aufmerkſamkeit des Ge⸗ fangenen auf ſich gezogen, und hatte dann eingeſtan⸗ den, daß der Graf von Warwick Heinrich zum König ausgerufen habe, und jetzt auf dem Marſche nach London on we⸗ ch ver⸗ e Leſer lhafter ene al⸗ Geſell⸗ bgleich on bei immer neuen Macht ch ver⸗ g und it dem 161 ſei. Aber weder der Knappe noch einer der Offtziere im Tower wagten den erhabenen Gefangenen frei zu laſſen, noch ihn in die Staatsgemächer zu bringen, aus welchen ſich Eliſabeth entfernt hatte. Sie wußten nicht den Willen des Graſen oder des Herzogs von Clarence und fürchteten, zu große Dienſtfertigkeit köͤnnte ihr ſchlimm⸗ ſtes Verbrechen ſein. Da ſie ſich aber natürlicherweiſe vorſtellten, daß Heinrichs erſter Befehl bei der neuen Lage der Dinge ſein würde, in Freiheit geſetzt zu werden, und unentſchloſſen, ob ſie nachgeben oder ſich weigern ſollten, entfernten ſie ſich aus ſeiner Näͤhe und ließen den ganzen Thurm, worin er ſich befand, völlig von Menſchen leer. Der König konnte aber aus ſeinem Fenſter die Be⸗ wegung ſehen— die Menſchenmenge am Ufer und auf dem Fluſſe, ſowie den Schimmer der Waffen und Fah⸗ nen, und den Ruf hören:„Warwick! Clarence! Lange lebe der gute Heinrich der Sechste!“ Eine ſeltſame Ver⸗ bindung von Namen, die in hohem Grade ſeine Ver⸗ wunderung erregte! Nach und nach ging die ungewohnte Aufregung und Verwirrung des Erſlaunens wieder in die ruhige Heiterkeit ſeines ſanften Temperaments über. Jenes Vertrauen zu einer leitenden Vorſehung, wozu er ſich gewoͤhnt hatte, trieb ſeine ſchöne Seele zu dem ent⸗ gegengeſetzten Fehler, der ihm in den Angelegenheiten des Lebens ſo unheilvoll war— jener Fehler, der die Kraft des freien Willens und die edle Anſtrengung der thätigen Pflicht tödtet und lähmt.„Warum nach den Dingen dieſer Welt ſtreben? Gott wird Alles auſf's Beſte anordnen,“ pflegte er zu ſagen.„Ach! Gott hat Bulwer, Barone. III. 11 162 uns in dieſe Welt geſetzt, und Alle, vom Koͤnig bis zum Bauern, mit Nerven, Herzen, Blut und Leidenſchaften begabt, um mit unſerem Geſchlechte zu ringen, und gleichviel, wie himmliſch das Ziel mit den Millionen den Wettlauf beginnen!“ „Wahrlich,“ murmelte der König, als er mit ſeinen auf dem Rücken gefalteten Händen im Zimmer auf⸗ und abging,„dieſe böſe Welt ſcheint nur eine Feder zu ſein, die von den Winden hin und her geweht wird und nie⸗ mals zur Ruhe kommt. Horch! Warwick und König Heinrich— der Löwe und das Lamm! Ach! und wir ſind nicht im Paradieſe, wo eine ſolche Verbindung kein Wunder wäre! Thorichter Vogel!“— Und mit mit⸗ leidigem Lächeln in jenem Geſichte, deſſen heilige Milde einen Teufel hätte entwaffnen können, blieb er vor dem Käfig ſtehen, und betrachtete ſeinen Mitgefangenen.— „Thöͤrichter Vogel, die Unruhe und der Lärm draußen gelangen ſogar bis zu Dir. Du ſchlägſt mit den Flügeln an den Draht— Du richteſt ruhelos Deine klaren Augen auf die meinigen. Warum? Verlangt es Dich, frei zu ſein, thörichter Kleiner, damit der Falke auf ſeine ſchutz⸗ loſe Beute niederſchießen möge? Beſſer vielleicht iſt der Käſig für Dich und das Gefängniß für Deinen Herrn. Nun— komm heraus, wenn Du willlſt! Hier wenigſtens biſt Du ſicher!“ Und als er den Käfig öffnete, flog der Staar an ſeine Bruſt und niſtete ſich dort ein und ſagte mit ſeiner klaren Stimme, die menſchliche Sprache nachahmend:„Armer Heinrich— armer Hein⸗ rich! Böſe Menſchen— armer Heinrich!“ Der König neigte ſeinen Kopf üher ſeinen Liehling is zum chaften , und hen den ſeinen ff⸗ und u ſein, ud nie⸗ König nd wir ng kein it mit⸗ Milde or dem ren.— raußen Flüͤgeln Augen frei zu ſchutz⸗ icht iſt Deinen 1 Hier öffnete, ort ein ſchliche Hein⸗ iebling 163 und das feite Winbſpiel, eiferſüchtig auf die Liebkoſung, kam zu ſeinem Herrn gewatſchelt, ſtieß ein klägliches Gewimmer aus und blickte zu ihm auf mit Augen, die mehr Treue und Liebe ausſprachen, als Eduard von York je in dem Blicke eines Weibes geleſen. Mit dieſen Genoſſen und mit Gebanken, die immer gefaßter wurden und ſich von dem abwendeten, was am Vormittag ſein Intereſſe erregt und ihn beunruhigt hat⸗ ten, blieb Heinrich in ſeinem Zimmer, bis die Stunde des Abendeſſens lange vorüber war. Endlich erſtaunt über eine Nachläſſigkeit, die, um ſeinen Gefangenwärtern Gerechtigkeit anzuthun, nie vorher vorgekommen war, und da er keine Antwort auf ſein Klingeln erhielt— da kein Diener im Vorzimmer war— da die äußeren Thüren wie gewöhnlich verſchloſſen waren, und außer dem Schritte der Schilbwache unten im Hofe Alles ſtill war, da erfaßte ihn ein plötzlicher Schreck. Sollte man ihn verlaſſen haben, um den Hunger ſein ſtilles Werk thun zu laſſen! Langſam kehrte er von den äußern Zim⸗ mern in ſein ſtilles Wohnzimmer zurück, und als er an dem Zimmer vorüberging, hörte er, wiewohl in weiter Ferne und durch die trübe Dämmerung, den Ruf:„Es lebe König Heinrich!“ Dieſe Anhänglichkeit außen, dieſe Vernachläſſigung innen war ein wunderbarer Contraft! Mit dem In⸗ ſlinkt der Treue, der die Bedürfniſſe des Herrn erräth, ging das Windſpiel ſchnüffelnd durch die Zimmer, his er im Vorzimmer ſtehen blieb und an einem Schrank kratzte, dann mit frendigem Bellen zu dem Könige zurück⸗ kehrte, den Sanm ſeines Gewandes zwiſchen ſeine Zähne 164 nahm und ihn zu der entheckten Stelle führte; und wirk⸗ lich hatte man dort aus Nachläſſigkeit einige von den kleinen Kuchen zurückgelaſſen, die gewoöͤhnlich zum Nacht⸗ eſſen aufgetragen wurden. Sie reichten zur Mahlzeit für den Koͤnig, den Hund und den Staar hin, welche dieſelben friedlich mit einander theilten. Als dies ge⸗ ſchehen war, ſetzte Heinrich den Vogel ſorgfältig wieder in ſeinen Kaͤfig, befahl dem Hunde, ſich ruhig am Ka⸗ min niederzutegen, ging dann zu dem Kreuze, wo die Reliquien der Heiligen und das feierliche Bild lagen— und vergaß im Gebete die Welt! Inzwiſchen brach die Dunkelheit an: die Straßen waren verlaſſen, außer wo hie und da in Winkeln und Nebengaſſen ſich Gruppen von Soldaten geſammelt hatten; aber größtentheils hatte Warwick dieſe in ihre Quartiere geſchickt, und es blieh wenig übrig, was die frieblichen Bürger erinnern konnte, daß an dem ereignißvollen Tage ein Thron geſturzt und eine Revolution beendet ſei. Um dieſe Zeit ging ein großer Mann, dicht in ſeinen weiten Reitermantel ge⸗ hüllt, allein durch die Straßen und erreichte den Tower. Bei dem Tone ſeiner Stimme am großen Thor fuhr die Schildwache erſchrocken zuſammen und in wenigen Mi⸗ nuten hatte ſich die ganze noch übrige Garniſon der de⸗ ſtung um ihn verſammelt. Von dieſen wählte er einen von den Knappen aus, der gewöhnlich Heinrich auf⸗ wartete und befahl ihm, zu dem Zimmer des Königs zu leuchten. Als Heinrich vom Gebete aufſtand, ſah er das rothe Licht einer Fackel durch die Thürſpalte ſchim⸗ mern; er hörte den langſamen Schritt, der ſich näherte, das Windſpiel ließ ein leiſes Knurren hören und ſeine und bekar kurze Gebe dern rich! der und f kaͤmp ihrer „ komn dwirk⸗ on den Nacht⸗ tahlzeit welche ies ge⸗ wieder m Ka⸗ wo die gen— rach die äßer wo ruppen ls hatte 3 blieb konnte, rzt und ing ein atel ge⸗ Tower. fuhr die 2n Mi⸗ der Fe⸗ r einen ch auf⸗ Königs ſah er ſchim⸗ äherte, i ſeine 165 Augen funkelten— die Thür öffnete ſich und die Fackel, die der Knappe nachtrug und erhob, ſo daß der Schein das ganze Zimmer erhellte, zeigte das dunkle und ſtolze Geficht des Grafen von Warwick. Auf einen Wink des Grafen zündete der Knappe die Wandleuchter und die Kerzen auf dem Tiſche an und verſchwand raſch. Königmacher und König waren allein! Beim erſten Anblick Warwicks wurde Heinrich blaß, wich einige Schritte zurück und erhob die Hand wie zur Bitte oder zum Befehl, während er mit der andern ſeine Augen be⸗ deckte— ob hieſe erſchrockene Bewegung von der Schwäche ſeiner Nerven herrührte, die durch Kränklichkeit und Ge⸗ fangenſchaft erſchüttert waren, oder von der plötzlichen Aufregung, die durch den Anblick eines Mannes hervor⸗ gerufen wurde, der ihm ſo ſchweres Leid angethan hatte, können wir nicht entſcheiden. Aber der feige Schrecken in Gegenwart eines lebendigen Feindes war bei all ſei⸗ ner Milde und all ſeinem heiligen Abſcheu vor Krieg und Blutvergießen jenem königlichen Herzen ebenſo un⸗ hekannt wie ſeinem Heldenvater. Und ſe, nach einer kurzen Pauſe und einem Gedanken, der hie Geſtalt des Gebetes annahm, nicht um Sicherheit vor Gefahr, ſon⸗ dern um Vergebung des Vergangenen, näherte ſich Hein⸗ rich der Sechste dem Lord Warwick, der noch ftumm auf der Schwelle ſtand und mit ſeinen eigenen gemiſchten und ſturmiſchen Bewegungen des Stolzes und der Scham kämpfte, und ſagte mit einer Stimme, die eben wegen ihrer Milde majeſtätiſch war: „Welchen neuen Bericht des Wehes und des Übels kommt der Graf von Salisbury und Warwick dem 166⁶ armen Gefangenen anzukündigen, der einſt ein König war 7“ „Verzelhet mir! Verzeihung, Hein ich, mein Koͤnig — Verzeihung!“ rief Warwick, auf ſein Kniee fallend. Der milde Vorwurf— die rührenden Worte— die Veränderung der Geſtalt und des Geſichts, die, ſeit er ihn zuletzt geſehen, von der Mannheit in das Greiſen⸗ alter übergegangen waren— die grauen Haare und die gebeugte Geſtalt des Koͤnigs machten einen mächtigen Eindruck auf ſein ſtolzes Herz, und als der Graf ſich über die weiße dürre Hand neigte, die er zu ſeinen Lippen erhob, ſchimmerte eine Thräne auf der Ober⸗ fläche derſelben, die alle Jawelen überglänzte, die ſte trug. „Doch nein,“ fahr der Graf fort— ungeduldig, wie es ſtolze Männer immer find, und von der Reue zum Erſatze zu eilen, denn die erſtere iſt eine Erniebri⸗ gung und der andere ein Gegenſaand des Stolzes— „doch nein, mein Lehnsherr— jetzt fordere ich Eare Verzeihung noch nicht. Nein, ſondern wenn Ihr in den Hallen Eurer Vorfahren von den Pairs von England umgeben ſeid und das fiegreiche Banner des heiligen Georg über dem Throne weht, den Euer Diener wieder aufgebaut hat— dann, wenn die Trompeten Eure Rechte verkünden, ohne die Antwort eines Feindes, dann — wenn von Küſte zu Käſte im ſchönen England der Ruf Eures Volks am Gewölhe des Himmels wiederhallt, dann will Graf Warwick vor ſeinem Könige niederknien und Euch um die Verzeihung bitten, die er auf nicht unedle Weiſe gewonnen hat.“ „Ach, Herr,“ ſagte der König in den Toͤnen trau⸗ König König fallend. — die ſeit er reiſen⸗ und die chtigen eaf ſich ſeinen Ober⸗ te trug. duldig, r Reue niehri⸗ zes— h Eare in den england eeiligen wieder Eure 3, dann und der erhallt, erknien f nicht trau⸗ 167 riger und doch halb vorwurfsvoller Freundlichkeit, nicht unter Trommeln und Fahnen gab der Sohn Gottes dem Menſchengeſchlecht das Beiſpiel und das Muſter der Liebe gegen die Feinde. Als Eure Hand die Sporen von meinen Ferſen ſchlug— als Ihr mich im Triumphe durch die ſchreiende Menge zu dieſer einſamen Zelle führtet, damals, Warwick, verzieh ich Euch und betete zum Himmel um Verzeihung fär Euch, wenn Ihr mir Unrecht thätet— füͤr mich, wenn eines Königs Fehler die harte Behandlung von einem Unterthanen verdient hätte. Steht auf, Herr Graf, unſer Gott iſt ein eifer⸗ ſüchtiger Gott, und dieſe Stellung der Verehrung ge⸗ bührt ihm allein.“ Warwick erhob ſich von ſeinen Knieen, und der König, der den Kampf bemerkte und bemitleidete, der des ſtarken Mannes Bruſt erſchütterte, legte ſeine Hand auf des Grafen Schulter und ſprach:„Friede ſei mit Dir, Du haſt mir kein wirkliches Leid zugefügt. Ich bin in dieſen Mauern ſo glücklich geweſen als in den grünen Parks zu Windſor, glücklicher als in den königlichen Hallen oder in der Mitte ſtreitender Armeen. Welche Nachrichten bringt Ihr jetzt?“ „Mein Lehnsherr, iſt es möglich, daß Ihr nicht wißt, daß Eduard ein Flüͤchtling und Beitler iſt, und daß der Himmel mir geſtattet hat, das Euch und mir widerfahrene Unrecht zu rächen? Heute habe ich ohne einen Schwertſtreich Eure Stadt London wieder einge⸗ nommen; die Straßen find mit meiner Armee bemannt. Von der Verſammlung der Pairs, der Krieger und Prälaten in meinem Hauſe habe ich mich allein und ins⸗ 168 geheim hinweggeſchlichen, um der Erſte zu ſein, Eure Majeſtät bei Wiedereinſetzung auf den Thron Heinrichs des Fünften zu begrüßen!“ Das Geſicht des Königs veränderte ſich ſo wenig bei dieſer Nachricht, daß die ruhige Traurigkeit deſſelben den ungeſtümen Warwick faſt in Wuth verſetzte und er nur mit Schwierigkeit den Gedanken auszuſprechen unter⸗ ließ:„Wem ſo wenig an einem Throne liegt, der iſt nicht würdig, ihn zu beſitzen.“ „Wehe mir!“ ſagte Heinrich ſeufzend—„da hat der Himmel mir in meinem Alter noch ſchwere Prü⸗ fungen vorbehalten! Tray— Tray!“ Und indem er ſich niederbückte, ſtreichelte er ſeinen Hund, der zu ſeinen Füßen Wache hielt und Warwick argwöhniſch anſtarrte — wir ſind Beide jetzt zu alt zur Jagd. Wollt Ihr Euch ſetzen, Mylord?⸗ „Glaubt mir,“ ſagte der Graf, als er dem Befehle gehorchte, nachdem er vorher dem Könige einen Stuhl und einen Schemel hingeſtellt hatte, der ihm mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen und auf die Bruß geſenktem Kopfe zuhörte—„glaubt mir, mein Lehnsherr, Eure ſpätern Tage werden frei von den Stürmen ſein. Alle Wahrſcheinlichkeit der Feindſeligkeit Eduards iſt ver⸗ ſchwunden. Eure Verbindung— obgleich es prahleriſch ſcheint, wenn ich ſo rede— Eure Verbindung mit einem Manne, auf den ſich das Volk hinſichtlich der Geſchick⸗ lichkeit in der Kriegsführung verlaſſen kann, und noch mehr wegen der Bekanntſchaft mit den Gewohnheiten und den Launen Eurer Unterthanen, als Eure früheren Rathgeber beſitzen konnten, wird Euch zu Euren heiligen 169 Betrachtungen Zeit genug laſſen, und Euer Ruhm und Eure Sicherheit ſoll das Geſchäft von Männern ſein, welche die unruhige Welt im Zaum zu halten vermögen.“* „Verbindung!“ ſagte der König, der nur dies eine Wort beachtet hatte.„Wovon redet Ihr, Herr Graf? 4 „Dieſe Briefe werden Alles erklären, mein Lehns⸗ herr. Dieſer Brief von Ihrer Majeſtät, der Königin Margaretha, und dieſer von Eurem erhabenen Sohne, dem Prinzen von Wales.“ „Eduard— mein Eduard!“ rief der König mit dem Ausdruck väterlicher Freude.„Ihr habt ihn alſo geſehen? Steht es gut mit ſeiner Geſundheit? Iſt er heiter und gutes Muths?4 „Er iſt ſtark und ſchön, berechtigt zu den herrlich⸗ ſten Hoffaungen und iſt ſo tapfer wie ſeines Großvaters Schwert.* „Und weiß er— iſt er ſich vollkommen bewußt, daß wir Alle nur der Töpferthon in Gottes Händen ſind?“ „Mein Lehnsherr,“ ſagte Warwick verlegen,„er hat ſo viel Religion, wie einem chriſtlichen Ritter und wackeren Prinzen geziemt.“ „Ach!“ ſeufzte der König.„Ihr Männer der Waffen habt ſeltſame Anſichten von dieſen Dingen.“ Und indem er die Briefe aufſchnitt, wendete er fich von dem Krieger ab. Sein Geſicht mit der Hand beſchattend, richtete der Graf ſeinen ſcharfen Blick auf die Züge des Königs, als dieſer ſich dem Tiſche näherte und Mittheilungen las, welche ihm ſeine neue Verbindung mit ſeinem alten Feinde meldeten. Aber Heinrich war anfangs ſo gerührt von dem An⸗ 170 blicke von Margarethens wohlbekannter Handſchrift, daß er den Brief dreimal niederlegte und ſich die Thräͤnen aus den Augen trocknete. „Meine arme Margaretha, wie viel Du gelitten haſt, ſelbſt dieſe Schriftzüge ſind weniger feſt und kühn wie ſonſt. Gut! Gut!“ Und endlich begann er ent⸗ ſchloſſen zu leſen. Einmal oder zweimal veränderte ſich ſein Geſicht und er ſtieß einen Ausruf der Überraſchung aus. Aber die Verbindung zwiſchen dem Prinzen Eduard und der Lady Anna empörte ſeinen verſöhnlichen Geiſt nicht, wie es bei dem ſtolzen und ſtrengen Charalter ſeiner Gemahlin der Fall geweſen war. Und als er ſeines Sohnes Brief beendet hatte, der voll von der Glut ſeiner Liebe und dem Geiſte ſeiner Jugend war, fuhr der König mit der linken Hand über ſeine Stirn, reichte hann Warwick ſeine Rechte und ſagte in Tönen, die vor Aufregung bebten:„Dient meinem Sohne— da er jetzt auch Euer Sohn iſt— gebt dieſem unglücklichen Königreiche den Frieden wieder— macht meine Fehler wieder gut— drückt nicht die zu hart, welche gegen uns ſtreiten, und Jeſus und ſeine Heiligen werden dieſes Bündniß ſegnen!“ Des Grafen Zweck, weßhalb er eine geheime Unter⸗ redung mit Heinrich geſucht, war vielleicht geweſen, damit Keiner, ſelbſt nicht ſein Bruder, die Vorwürfe anhören möchte, die er erwartete, und ſpäter ſagen könne, er habe gehört, wie ſich Warwick, da er als Sieger und Rächer in ſein Vaterland zurückgekehrt, in der Stunde des Triumphes zur Entſchuldigung und zur Abbitte herabgelaſſen. Aber die Milde von Heinrichs daß räͤnen litten kühn ent⸗ te ſich chung duard Geiſt ralter ſeines Glut fuhr reichte „ die — da klichen Fehler n uns dieſes Unter⸗ weſen, würfe ſagen er als et, in ind zur inrichs 171 Benehmen und Stimmung— die heilige Würde, die er während dieſer ganzen ſchmerzlichen Unterredung gezeigt hatte, und die rührende Anmuth und die vertrauensvolle Großmuth ſeiner letzten Worte, welche die großartigen Pläne des Ehrgeizes und der Rache des Grafen erfüllten, brachten eine mächtige Wirkung auf den Grafen hervor. „Mögen Eure Feinde untergehen! Mögen Krieg und Sturm ſie zerſtreuen wie Spreu!— Mein Lehns⸗ herr, mein königlicher Herr!“ fuhr der Graf mit tiefer, leiſer und bebender Stimme fort;„warum kannte ich nicht fruͤher Euer heiliges und fürſtliches Herz? Warum ſtanden ſo Viele zwiſchen Warwicks Treue und einem Könige, der derſelben ſo würdig war? Wie ärmlich er⸗ ſcheint gegen Eure hochherzige Tapferkeit und gegen Euren chriftlichen Heroismus die wilde Tapferkeit des falſchen Eduard! Schande dem, der die Treue verrathen kann, die Ihr in ihn geſetzt. Nimmermehr will ich es ihun— nimmermehr! ich ſchwöre es! Nein! wenn auch ganz England Euch verläßt, ſo will ich allein mit meiner gerüſteten Bruſt vor Eurem Throne ſtehen! O, ich wollte, mein Triumph wäre weniger friedlich und weniger blutlos geweſen!— Ich wollte, es wären noch hundert Schlachtfelder übrig, um zu beweiſen, wie tief im innerſten Herzen Warwick die Verzeihung ſeines Königs fühlt!“ „Nicht ſo— nicht ſo— keine Schlachtfelder, War⸗ wick!“ ſagte Heinrich.„Denkt nicht, baß Ihr dem Könige dient, wenn Ihr eines Unterthanen Blut vergießt.“ „Euer frommer Wille geſchehe!“ verſetzte War⸗ wick.„Wir wollen ſehen, ob Eure Gnade hbei Anderen dieſelbe Wirkung hervorbringt, wie bei mir. Und nun 172 mein Lehneherr, dürfen dieſe Mauern Guch nicht länger mehr einſchließen. Die Zimmer des Palaſtes erwarten ihren Monarchen. He da, draußen!“— Hierauf ging er zur Thür, öffnete ſte, und in Folge der von ihm ertheilten Beſehle waren alle in der Feſtung zurückge⸗ bliebenen Offiziere in dem kleinen Vorzimmer verſammelt, und ſtanden mit unbedeckten Köpfen und Kerzen in den Händen da, um den Monarchen zu den Hallen ſeines beſiegten Feindes zu führen. Bei dem plötzlichen Anblick des Grafeu brachen dieſe Männer unwillkürlich, und von dem großartigen Anblick ſeiner Perſon und ſeinem belebten Weſen betroffen, in den rauhen Ausruf aus:„Warwick, Warwick! 4 „Still!“ rief der Graf mit Donnerſtimme.„Wer nennt den Unterthan in der Gegenwart des Monarchen! Seht Euren König!“ Durch den Vorwurf beſchämt, verbeugten ſich die Männer und ſanken auf ihre Kniee nieder, als Warwick eine Kerze von dem Tiſche nahm, und den Zug aus dem Gefängniſſe anführte. Dann wendete ſich Heinrich um, und ſah mit zö⸗ gernden Blicken, die Wände an, welche Sorge und Einſamkeit ibm theuer gemacht hatten, das kleine Bet⸗ pult— das Erueifix— die Reliquien— die Kohlen, die matt auf dem Herde brannten— Alles nahm für ſein gedankenvolles Auge einen faſt menſchlichen Aus⸗ druck der Schwermuth und der traurigen Vorbedeutung an; und der Vogel, entweder durch den Glanz der Lichter oder durch den Zuruf der Männer erweckt, öff⸗ nete ſeine hellen Augen, flatterte ruhelos hin und her inger arten ging ihm ckge⸗ melt, n den eines dieſe nblick n, in „Wer chen! ih die rwick aus ſt zö⸗ und Bet⸗ hlen, für us⸗ tung der öff⸗ p her 173 und kreiſchte ſeine Lieblingsworte:„Armer Heinrich!— Armer Heinrich!— Böſe Menſchen!— Wer wollte wohl Koͤnig ſein?* „Hört Ihr ihn, Warwick?« ſagte Heinrich kopſ⸗ ſchüttelnd. „Koͤnnte der Adler reden, ſo würde er einen andern Zuruf haben, als der Staar,“ entgegnete der Graf mit ſtolzem Lächeln. „Nun ſeht,“ ſagte der König indem er den Vogel wieder herausließ, der ſich auf ſein Handgelenk ſetzte, „dem Adler waͤre in dem engen Käfig das Herz ge⸗ brochen— der Adler wäre kein Troſter für einen Ge⸗ fangenen geweſen; dieſe ſanfteren Geſchöpfe find es, die uns in unſerm Unglück lieben und uns am beſten trö⸗ ſten. Tray, Tray, wehle nicht jetzt, Burſche, ſonſt werde ich denken, Du biſt bisher in Deiner Zäͤrtlichkeit falſch geweſen! Vetter, ich begleite Euch! 4 Und ſeinen Vogel auf dem Handgelenk und ſeinen Hund an ſeinen Ferſen folgte Heinrich der Sechste dem Grafen in die erleuchtete Halle Eduards, wo die Tafel für das königliche Mahl bereits gedeckt war und wo ſeine alten Freunde Manning, Bedle und Allerton vor Freude weinend ſtanden; während die Muſikanten von der Galerie die rauhe und aufreizende Muſik anſtimmten, welche nach und nach außer Gebrauch gekommen war, die aber einſt die Nationalmelodie der Normannen ge⸗ weſen, und welche die Maſftkanten ſich auf Befehl der kriegeriſchen Margaretha von Anjou hatten wieder ein⸗ üben müſſen, nämlich die Schlachthymne von Rollo. Elftes Buch. Die neue Stellung des Königmachers. Erſtes Kapitel. Adam Warner wird empfohlen und erhöht— Und die Größe ſagt zur Weisheit; Dein Geſchick ſei mein, Amen! Die Chroniken benachrichtigen uns, daß drei Tage nach dem Einzuge Warwicks und Clarence's, nämlich am 6. Oktober, dieſe beiden Anfuͤhrer von den Lords Schrewobury, Stanley und einem zahlreichen edlen Ge⸗ folge begleitet, in den Tower zogen und den Koͤnig, in blauen Sammet gekleidet und die Krone auf dem Kopfe, in die St. Pauluskirche geleiteten, um ein öͤffentliches Dankgebet darzubringen und von dort in des Biſchofs Palaſt, wo er größtentheils reſidirte. Die Proklamation, welche die Veränderung der Dynaſtie ankündigte, wurde im ganzen Königreiche mit anſcheinender Zuſtimmung aufgenommen, und die Wie⸗ dereinſetzung des Hauſes Lancaſter ſchien nur um ſo feſter und ſicherer wegen der großmüthigen Mäßigung War⸗ wicks und ſeiner Räthe. Keine einzige Hinrichtung, die man einen Akt der Privatrache nennen konnte, ent⸗ weihete die zweite Regierung Heinrichs des Sechsten. 175 Nur ein einziges Haupt fiel auf dem Schaffot, nämlich das des Grafen von Woreeſter. Dieſe einzige Hinrichtung, die von allen Klaſſen als ein der Gerechtigkeit darge⸗ brachter ſchuldigen Tribut angeſehen wurde, ſetzte die allgemeine Milde der neuen Regierung nur in ein um ſo helleres Licht. Es war in den erſten Tagen nach dieſer plötzlichen Reſtauration, als Alwyn Gelegenheit fand, ſeinen Freunden im Tower zu dienen. Warwick war begierig, alle Bürger zu Freunden zu machen, die entweder frei⸗ willig oder nothgedrungen ſeine Sache unterſtützt hat⸗ ten, und ſo erhielt er auch bald die Nachricht von der Rolle, welche der junge Goldſchmied auf dem Rathhauſe geſpielt. Er ließ Alwyn in ſein Haus nach Warwick⸗ lane kommen, und nachdem er ihm zu ſeinen Fortſchritten im Wohlſtande und guten Rufe, ſeit Nikolaus ihm zuletzt vor ſeiner Geſandtſchaftsreiſe nach Frankreich mit einigen Schmuckſachen aufgewartet, Glück gewünſcht, bot er ihm den beſondern Rang des Goldſchmieds des Königs an. Der ſchlaue aber redliche Geſchäftsmann wurde ver⸗ legen und ſchwieg einen Augenblick, ehe er antwortete: „Mein guter Lord, Ihr ſeih edel und großmüthig genug, um meine Geſinnung zu verſtehen und zu ver⸗ zeihen, wenn ich ſage, daß ich bei meinem glücklichen Emporkommen die Begünſtigung des ehemaligen Königs Eduard und ſeiner Königin hatte; und obgleich das öffentliche Wohl mich beſtimmte, meinen Mitbürgern zm rathen, ſich Eurem Einzuge nicht zu widerſetzen, ſo wünſchte ich doch nicht, daß man ſagen könne, mein Übertritt ſei meinem Privatglück günſtig geweſen.“ 176 Warwick wurde roth und verzog ſeine Lippe.„Still, Mann, maße Dir keine Tugenden an, die nicht unter den Söhnen des Handels vorhanden ſind und überhaupt nur wenig unter den Söhnen Adams. Ich hurchſchaue Dich. Du hältſt es für unſicher, Dich offen dem neuen Staate anzuſchließen. Fürchte nichts— wir ſtehen feſt.“ „Nein, Myjord,“ entgegnete Alwyn, ves iſt nicht ſo. Aber es gibt manche beſſere Bürger als ich, die ſich erinnern, daß die Yorkiſten ſtets Freunde des Handels waren und Ihr werdet finden, daß Ihr nur durch große Milde und Begünſtigung des Handels das Herz Londons gewinnen könnt, obgleich Ihr in die Thore eingetre⸗ ten ſeid.“ 3 „Ich werde gerecht ſein gegen alle Menſchen,“ antwortete der Graf trocken;„aber wenn die Kach⸗ müätzen falſch ſind, ſo gibt es genug Stahlhauben, um die rothe Roſe zu überwachen.“ „Man ſagt, Mylord,“ entgegnete Alwyn unum⸗ wunden,„daß Ihr die Barone, die Ritter, den nie⸗ dern Adel, die Freiſaſſen und die Bauern liebt, aber die Geſchäftsleute verachtet— ich fürchte, daß das Ge⸗ rücht die Wahrheit redet.“ „Ich liebe nicht den Handelsgeiſt, Mann— den Geiſt, welcher betrügt, wuchert und ſich ſchmiegt, der Strohhalme ſpaltet, um Heller damit zu verdienen, und Eier fiedet bei anderer Leute brennenden Sparren. Eduard von York war in der That ein großer Handels⸗ mann! Es war eine traurige Stunde für England, als ſolche Leute, wie Ihr, Nick Alwyn, ihre grünen Dörfer verließen und zum Webſtuhl oder zur Bude übergingen. bringer und bit eigenen mein re manche Ihr nic Bul „Still, t unter erhaupt hſchaue n neuen n feſt.“ iſt nicht die ſich Handels h große kondons ngetre⸗ ſchen,“ Flach⸗ n, um unum⸗ en nie⸗ , aber as Ge⸗ — den gt, der en, und parren. andels⸗ nd, alz Dörfer gingen. 177 Aber ſo weit habe ich wie eju wackerer Kerl aus hen nördlichen Provinzen mit Euch geredet. Ich habe nicht viel Zeit an Worte zu verſchwenden. Wollt Ihr mein Auerbieten annehmen oder eine andere Gunſt nennen, die in meiner Macht ſteht? Der Mann, der mir gedient hat, thut mir Unrecht, bis ich ihm wieder gedient habe!“ „Ja, Mylord, ich will eine ſolche Gunſt nennen— Sicherheit, und, wenn Ihr wollt, einige Gnade und Chre einem gelehrten Manne, der jetzt im Tower iſt— einem gewiſſen Abam Warner, der—⸗ „Jetzt im Tower! Adam Warner! Und ihm fehlt es an einem Freunde, während ich nicht mehr im Exll bin! Das iſt meine Sache, nicht die Eure. Gnade, Ehre — ja, die ſollen ihm zur vollen Genüge zu Theil wer⸗ den. Und ſeine edle Tochter? Bei Gott! Sie ſoll ihren Braͤutigam unter den Edelſten Englands wählen. Iſt fle auch in der Feſtung?“ „Ja,“ ſagte Alwyn kurz, dem der letzte Theil der Rede des Grafen nicht gefiel. Der Graf klingelte mit der Schelle, die auf ſeinem Tiſche ſtand.„Schickt Sir Marmaduke Nevile hierher!“ Alwyn ſah ſeinen fruͤheren Nebenbuhler eintreten und hͤrte, wie der Graf ihm auftrug, mit einer paſſen⸗ den Begleitung ſeine eigene Sänfte in den Tower zu bringen.„Und Ihr, Alwyn, geht mit Eurem Milchbruder und bittet Herrn Warner und ſeine Tochter, nach ihrem eigenen Gefallen meine Gäſte zu ſein. Kommt hieher, mein rauher Nordmann— kommt. Ich ſehe, ich werde manche geheime Feinde in dieſer Stadt haben— wollt Ihr nicht wenigſtens Warwicks aufrichtiger Freund ſein?“ Dulwer, Barone. III. 4² 178 Der Zauber, der in dem Weſen und der Stimme des Grafen lag, war unwiderſtehlich für Alwyn, und dennoch hielt er ſich überzeugt, daß das Zeitalter gegen den Grafen ſei und daß der Handel Londons wenig Vor⸗ theil durch ſeine Herrſchaft haben werde, und ſo behielt der Handelsgeiſt die Oberhand in ſeiner Bruſt. „Mein gnädiger Lord,“ ſagte er, indem er ſein Kale bog, doch ohne knechtiſche Unterwürfigkeit—„wer der Freund meines Standes iſt, hat über mich zu gebieten.“ Der ſtolze Edelmann biß ſich in die Lippe und ent⸗ ließ die Milchbrüder mit einer ſchweigenden Hand⸗ bewegung. „Du biſt aufs Beſte nur ein Grobian, Nick,“ ſagte Marmaduke, als die Thür ſich hinter den beiden jungen Männern ſchloß.„Mancher Baron würde für ſolche Worte von des Grafen Lippen die Halle ſeiner Väter verkauft haben.“ „Mögen Barone ihre freien Handlungen um ſchöne Worte verkaufen. Ich halte mich ungefeſſelt und ſchließe mich der Sache an, die am beſten den Markt füllt und die Geſetze ausübt. Aber ſagt mir, ich bitte Euch. Herr Ritter, was macht Warner und ſeine Tochter Eurem Lord ſo theuer?“ „Was? Weißt Du es nicht? Und hat ſle es Dir nicht geſagt?— Ah— was wollte ich doch noch ſagen?“ „Sollte ein Geheimniß zwiſchen dem Grafen und dem Gelehrten ſein?“ fragte Alwyn verwundert. „Wenn das iſt, ſo iſt es unſere Pflicht, es zu ach⸗ ten,“ entgegnete Nevile, indem er ſeinen Mantel ord⸗ nete—„und nun müſſen wir die Saͤnfte begleiten.“ ein gr⸗ er es heſſer ſeine( den ur riment Verſte ſo auf imme „ und gegen Vor⸗ behielt Kaie er der jeten.“ d ent⸗ Hand⸗ ſagte jungen ſolche Väter ſchoͤne chließe lli und Herr Eurem ſes Dir gen?“ en und u ach⸗ I ord⸗ en. 4 179 Ungeachtet aller dringenden Geſchäfte beſuchte der Graf ſehr bald ſeine Gäße. Er begrüßte Sibylla mehr als höflich— ja väterlich. Als ſie ſich ſchüchtern und mit niedergeſchlagenen Angen näherte, legte er ſeine Hand auf ihren Kopf und ſagte:„Die heilige Mutter nehme Dich ſtets in ihre Obhut, Kinh!— Dies iſt eines Vaters Kuß, junges Mädchen,“ fügte der Graf hinzu, indem er ſeine Lippen auf ihre Stirn drückte—, und er⸗ innere Dich, daß ich Dir mit dieſem Kuſſe verſpreche, für Dein Glück zu ſorgen und Deinem Namen Ehre zu verſchaffen— mein Herz ſoll Dir dienen— mein Arm Dich vor Unrecht ſchützen!— Wackerer Gelehrter, Euer Schickfal iſt mit dem meinigen verwoben— glücklich iſt jetzt mein Geſchick— mein Geſchick ſei das Eure! Amen!“ Dann wendete er ſich zu Warner, und ohne ſich wei⸗ ter auf die Vergangenheit zu beziehen, die ſeinen ſtolzen Geiſt erniedrigte, ließ er ſich von dem Gelehrten die Art ſeiner Arbeiten erklären. In dem Geiſte jedes Mannes, der einen großen Theil ſeines Lebens in erfolgreicher Handlung zugebracht hat, liegt eine gewiſſe unbewußte Mathematik— aber beſonders iſt es bei denen der Fall, die zur Kriegskunſt erzogen ſind. Ein großet Krieger iſt ein großer Mechaniker— ein großer Mathematiker, wenn er es auch ſelber nicht weiß; und Warwick begriff daher heſſer als mancher Gelehrter das Prinzip, worauf Atam ſeine Experimente gründete. Aber obgleich er etwas von den ungeheuren Reſultaten begriff, welche ſolche Expe⸗ rimente zu bewirken berechnet waren, ſo ſah ſein geſunder Verſtand doch zugleich noch klarer ein, daß die Zeit zu ſo auffallenden Erfindungen noch nicht reif ſei. 180 „Mein Freund,“ ſagte er,„ich begreife Guch ſo ziemlich. Es iſt mir klar, wenn Ihr es dahin bringt, daß die Elemente das Werk der Menſchen mit gleicher Beſtimmtheit, aber mit viel größerer Kraft und Schnel⸗ ligkeit thun, ſo werdet Ihr alle Produkte der Induſtrie vervielfältigen und dadurch im Preiſe herunterbringen — Ihr würdet dieſes Land zum Weltmarkt machen— und Eure Alchymie iſt die wahre, welche Alles in Gold verwandelt“ „Mächtiger Geiſt— Ihr faßt die Wahrheit!« rief Adam. „Aber,“ fuhr ber Graf mit einer Miſchung von richtigem und unrichtigem Urtheil fort,„geſetzt, es ge⸗ länge Euch vollkommen, ſo machtet Ihr dieſes kühne Land des Ackerbanes und der Mannheit zu einer Gemein⸗ ſchaft habſüchtiger Handelsleute und kränklicher Hand⸗ werker. Bei Gott! wir haben ſo ſchon zu viel vom Handel — der Bogen wird mit dem Ellenmaß vertauſcht. Die Be⸗ völkerung der Städte iſt ſtets die werthloſeſte im Kriege. England iſt von gerüſteten Feinden umgeben, und wenn es durch irgend eine neue Erfindung Schätze anhäufen und Soldaten verlieren ſollte, ſo würde das nur zu feind⸗ lichen Einfällen reizen. Wahrlich, ich rathe Euch und bitte Euch dringend, Euren Verſtand und Eure Gelehr⸗ ſamkeit zu männlicheren Zwecken anzuwenden!“ „Mein Leben kennt keinen andern Zweck— töhtet meine Arbeit und Ihr richtet mich zu Grunde,“ ſagte Adam in düſterer Verzweiflung. Ach! welches auch die Veränderungen der Macht waren, ſo ſchien es doch, als war, Freuf Scho ſamke ſehen Rheir Könit Wiſſe wird. welche bildun unſers der jet gedach ländiſe unterd Dinger wodure uch ſo bringt, lleicher Schnel⸗ duſtrie dringen hen— Gold !4 rief ug von es ge⸗ kühne emein⸗ Hand⸗ Handel die Be⸗ riege. p wenn häufen feind⸗ ih und belehr⸗ töhtet ſagte uch die h, als 181 ob keine Veränberung die Hoffnungen der Wiſſenſchaft in einem eiſernen Jahrhunder: verbeſſern könne!“ Warwick war bewegt.„Nun gut,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ſo ſeid glücklich auf Eure eigene Weiſe. Ich will wenigſtens mein Möglichſtes thun, Euch zu be⸗ ſchützen. Morgen könnt Ihr Eure Arbeiten fortſetzen, aber heute wenigſtens muͤßt Ihr mit mir ſpeiſen.“ Und bei dem Banket an dem Tage ſaß Adam unter den Rittern und Baronen, unter Adten und Kriegern auf der Erhöhung des Saales in der Nähe des Grafen und Sibylla an einem andern Tiſche unter den Damen der Herzogin von Clarence. Und ehe das Mahl zu Enbe war, redete Warwick ſeine Geſellſchaft ſo an:„Meine Freunde— obgleich ich und die meiſten von uns, die im Schooße des Krieges erzogen ſind, wenig mehr Gelehr⸗ ſamkeſt beſitzen, als unſern kühnen Vätern genügte, ſo ſehen wir doch in den freien Städten Italiens und am Rhein— ja auch in Frankreich unter dem politiſchen Könige Ludwig— einen Tag ſich nähern, wo eine neue Wiſſenſchaft unſern weiſern Söhnen viele Wunder lehren wird. Daher iſt es gut, wenn ein Staat Männer nährt, welche arbeitſame Nächte und mühevolle Tage der Aus⸗ bildung der Künſte und Wiſſenſchaften widmen zum Nuhm unſers allgemeinen Vaterlandes. Ein würdiger Herr, der jetzt an dieſem Tiſche ſitzt, hat eine Erſtndung aus⸗ gedacht, wodurch unſere engliſchen Arbeiter die nieder⸗ ländiſchen übertreffen koͤnnen, die jetzt unſere Induſtrie unterdrücken und unſer Vaterland arm machen. Vor allen Dingen beabſichtigt er auch eine Erfindung zu vollenden, wohurch unſere Schiffe die ausgezeichnetſten in Europa —————ꝛ—ꝛ—ꝛ——— —— 182 werden ſollen. Ich ſage für jetzt nicht mehr hievon; aber ich empfehle unſern Gaſt, den Herrn Adam Warner, Euren Dienſten, und bitte ganz beſonders die hier an⸗ weſenden würdigen Herren der Kirche, ſeinen guten Na⸗ men vor jener Anklage zu ſchützen, welche redliche Män⸗ ner am meiſten kränkt und gefährdet; denn Ihr wißt wohl, daß die Gemeinen aus Unwiſſenheit Alles, was über ihre Begriffe geht, der Zauberei zuſchreiben möch⸗ ten. Nicht,“ fügte der Graf ſich bekreuzend hinzu, „als ob das Land nicht auf ſchreckliche Weiſe von der Zauberei angeſteckt wäre, welche Jaequetta von Bedford und ihre Heifershelfer Bungey und Andere geübt haben. Aber unſere Sache bedarf keiner ſolchen Hülfe; und Alles, was Herr Warner heabſichtigt, iſt zum Beſten des Volks und in Übereinſtimmung mit der heiligen Kirche. Und ſo trinke ich auf ſein und ſeines Hauſes Wohl.“ Als dieſe charakteriſtiſche Anrede mit Reſpekt, ob⸗ gleich mit geringerem Beifall als gewöhnlich, war auf⸗ genommen worden, fügte Warwick in ſanfterem und lebhafterem Tone hinzu:„Und in dem ſchönen jungen Fräulein, ſeiner Tochter, bitten wir Euch, die theure Freundin meines geliebten Kindes, der Lady Anna, der Prinzeſſin von Wales anzuerkennen, und in ihrem Na⸗ men maße ich mir mit Herrn Warner einen Theil an der Fürſorge und dem Schutze für dieſes junge Mädchen an. Und wißt, meine tapferen Freunde und Knappen, daß der, dem es gelingt, durch treue Liebe oder kuͤhne Thaten die Gunſt meiner jungen Mündel zu erlangen, von mir ein Rittergut zu erwarten hat, nebß ſo viel von meinen beſten Ländereien, als eine Stierhant zu um⸗ 1; aber Zarner, jer an⸗ en Na⸗ Män⸗ r wißt 3, was moͤch⸗ hinzu, von der Bedford theure 183 ſpannen vermag; und wenn der Himmel der Prinzeſſin Anna und ihrem edlen Verlobten eine glückliche Über⸗ fahrt geſtattet, ſo wollen wir zu Smithfield ein Turnier zu Ehren des heiligen Georg und unſerer Damen halten, wobri ich in große Verſuchung gerathen koͤnnte, die Ei⸗ ferſucht meiner Gräfin zu erregen und eine Lanze zu Ehren der Dame zu brechen, deren ſchoͤnes Geſicht mit einem edlen Herzen vereint iſt.“ An jenem Abend beim Tanze richtete ſich manches bew undernde Auge auf Sibylla und mancher junge Cavalier, der ſich der Worte des Grafen erinnerte, ſeufzte bei dem Wanſche, ſich ihre Neigung zu erwerben. Es hatte eine Zeit gegeben, wo eine ſolche Ehre und Huldigung in der That willkommen geweſen wären; doch Einer ſah ſie nicht, und daher waren ſie werthlos. Alles, wornach Sihylla in früheren Jahren geſtrebt hatte, wenn ſie an die glänzende Welt gedacht, ſchien jetzt erfüllt zu ſein— ihr Vater wurde von dem erſten Edler des Landes beſchützt, und nicht mit der demüthi⸗ genden Herablaſſung der Herzogin von Bedford, ſon⸗ dern vie die Macht allein das Genie beſchützen ſollte— geehrtwährend ſie ehrt— ihre edle Geburt wurde aner⸗ kannt— ihre Stellung war erhoͤht— nach ſo ſchweren Prüfumen lächelte das Glück und Alles war ohne Knechtſtaft oder Herabwürdigung gewonnen. Aber da ſich ihr Chrgeiz einmal in einer göttlicheren Leidenſchaft erſchöpft atte, ſchien alle Aufregung ärmlich und geiſt⸗ los im Vegleich zu dem einſamen Warten in dem de⸗ müthigen zachthauſe auf die Stimme und den Schritt des Lord Hſtings. Ja, waͤre es nicht um ihres Vaters 184 willen geweſen, ſo hätte ſie faſt das Vergnügen, den Pomp, die Bewunderung und die Huldigung verah⸗ ſcheuen können, die das Mißgeſchick des wandernden Verbannten zu verſpotten ſchienen. w Der Graf beabſichtigte, Sibylla unter Iſabella's Damen aufzunehmen, doch die ſtolze Miene der Herzogin erſchreckte das arme Mädchen; und indem ſie als Ent⸗ ſchuldigung augab, daß ihres Vaters Geſundheit ihre und heſtändige Gegenwart erfordere, bat ſie um die Erlauh⸗ niß, bei ihm bleihen zu dürfen, wo er anch möchte un⸗ tergebracht werden. Jetzt, da die Herzogin von Behford und der Mönch Bungey nicht im Tower waren, bat Adan ſelber um die Erlaubniß, an den Ort zurückkehren zu dürfen, wo er am erfolgreichſten an der geliebten Er⸗ reka gearbeitet hatte, und da der Tower ihn mehr els jebe Privatwohnung vor dem Haſſe und den Angrifen des Volkes ſchützte, ſo ließ Warwick dem Vater und der Tochter bei weitem bequemere Zimmer anweiſen, als dem T ſie bisher bewohnt hatten. Es wurden ihnen nehre ſo ſoll Diener beigegeben, und nie war ein Gelehrter ſo zeehrt fuͤgun worden, als jetzt der arme Philoſoph, den man olsher nur verfolgt und verachtet hatte! ſtätte; Wer kann Ahams heiteres Entzücken ſchldern! ſtrebte Alchymie und Aſtrologie ruhten— keine gebiteriſche er ſich Herzogin, kein verhaßter Bungey war in der tähe— ſitze de ſein freier Geiſt ſeinen geliebten Arbeiten übrlaſſen! thigt- Sibylla bemühete ſich ſtets, ein heiteres Geſiht anzu⸗ Gefang nehmen, wenn fie mit ihm zuſammen kam, ur bat fie der Gr ihn, niemals mit ihr von Haſtings zu reden. Der gute geſſen alte Mann, der in ſein gewohntes mechaniſes Daſein Sicher —;’ „ ben erab⸗ rnden ella's zogin Ent⸗ ihre laub⸗ e un⸗ dford Adam 185 verſank, hoffte, ſie habe die vorübergehende, mäͤdchen⸗ hafte Einbildung vergeſſen. Aber die Auszeichnung, die der Graf Warnern wider⸗ fahren ließ, beſtätigte die von Bungey in Umlauf ge⸗ ſetzten Gerüchte, daß er ein furchtharer Teufelsbeſchwörer ſei, der dem Grafen bei ſeinem Unternehmen geholfen. Des Grafen Anrede an ſeine Gäſte in Betreff Warners und Sibylla's— das Gerücht von dem hohen Range, der dem Gelehrten bewilligt worden, gelangte ſelbſt bis in die Freiſtätte; denn die Flüchtlinge erfahren dort leicht Alles, was in der Stadt vorging. Man denke ſich, wel⸗ chen Eindruck dieſer Bericht auf den neidiſchen Bungey hervorbrachte— man denke ſich, wie er es der leicht⸗ gläubigen Herzogin vorſtellte! Jetzt war es Jacquetta klar wie die Sonne, daß Warwick den Aſtrologen für geheime Dienſte belohnte, welche Bungey, wenn ſie nur auf ihn gehört, hätte vereiteln können, und ſie verſprach dem Mönch, wenn ſie je wieder die Macht dazu erhalte, ſo ſollten Warner und die Eurela gänzlich zu ſeiner Ver⸗ fügung geſtellt werden. Dem Mönch wurde die Einförmigkeit in der Frei⸗ ſtätte ſehr langweilig, und indem er nach den Vortheilen ſtrebte, die Adam genoß, begann er nachzudenken, wie er ſich der Partei anſchließen ſolle, welche jetzt im Be⸗ ſize der Macht ſei. Durch die Milde der Sieger ermu⸗ thigt— da er erfuhr, daß keine Belohnungen für ſeine Gefangennahme ausgeſetzt worden— da er hoffte, daß der Graf das alte Vergehen mit dem Wachsbilde ver⸗ geſſen und vergeben werde und da er wußte, welche Sicherheit ihm das Moͤnchsgewand gewährte, ſo ent⸗ 186 ſchloß er ſich eines Tages, ſeinen Zufluchtsort zu ver⸗ laſſen. Er ſchmeichelte ſich ſogar mit der Hoffaung, daß er Adam— den er in der That fuͤr den Beſttzer er⸗ habener und zauberhafter Geheimniſſe hielt, den er aber ſonſt als ein ſehr ſchwaches Geſchöpf verachtete— da⸗ hin bringen könne, ihm ſeine früheren Beleidigungen zu verzeihen und den Grafen zu bitten, ihm ſeine Gunſt zu gewähren. In der Dämmerung und mit Hülfe Eines von den Subalternen im Tower, den er früher zu ſeinem Freund gemacht, erhielt der Mönch Zutritt zu Warners Zim⸗ mer. Adam, der ſeinen eigenen Aberglauben beſaß, hatte es ſich in der letzten Zeit in den Kopf geſetzt, daß alle die verſchiedenen Uuglücksfälle, die der Eureka begegnet waren, nebſt allen kleinen Fehlern und Mängeln an ihrer Conſtruktion von dem Mangel des von den myſti⸗ ſchen Strahlen des Mondes beſchienenen Diamantet herrühre, wovon er ſchon längſt in ſeiner deutſchen Au⸗ torität geleſen— und jetzt, da er eine monalliche Summe ausgezahlt erhielt, die ſeine Bedürfniſſe weit überſtieg und er es für ſeine Pflicht hielt, dem Schutze des Grafen Ehre zu machen, ſo beſchloß er, daß der Diamant nicht länger ſehlen ſolle, um die Operationen ſeiner Maſchine zu verſtärken. Er verſchaffte ſich einen von beträchtlicher Größe, den er eine beſtimmte Anzahl von Nächten den Strahlen des Mondes ausgeſetzt, hatte bereits die Stelle in der Eureka dazu auserſehen und eingerichtet, wo er ihn einſetzen wollte, und betrachteie ihn mit feierlicher Freude, als Bungey eintrat. „Maͤchtiger Bruder,“ ſagte der Moͤnch, ſich bis zu ver⸗ ig, daß her er⸗ er aber — da⸗ gungen Gunſt don den Freund s Zim⸗ ß, hatte daß alle 187 auf den Boden verbeugend,„ſeib ebenſo gnädig, wie Ihr ſtark ſeid! Wahrlich, Ihr habt Euch als den wahren Zauberer gezeigt und ich bin nur im Vergleich ein armer Wicht— denn ſeht! Ihr ſeid reich und geehrt, und ich bin arm und verbannt: Laßt Euch herab, Eurem Feinde zu verzeihen und nehmt ihn durch das Recht des Siegers als Euren Stlaven in Anſpruch. Ei ſeht doch— welch' einen Juwel habt Ihr da!“ „Geht! Ihr ſtört mich,“ ſagte Adam, der in ſeiner Zerſtreuung den eigentlichen Grund ſeines Widerwillens vergaß, aber undeutlich fühlte, daß eine ſehr verhaßte Perſon in ſeiner Nähe ſei; und während er ſprach, paßte er den Diamanten an die beſtimmte Stelle ein. „Was!— Ein Juwel!— Ein Diamant— in die Maſchine!“ ſtotterte der Mönch in großem Erſtannen. Wenn die Eureka ſchon früher zu beneiden war— wie viel mehr war ſie es jetzt!„Wenn ich dich je wieder in meine Macht bekomme, o garſtiger Talisman!“ mur⸗ melte er bei ſich ſelber,„ſo werde ich etwas Beſſeres zu finden wiſſen, als einen Topf, um Eier zu ſieden.“ „Geht!— ſage ich,“ wiederholte Adam, ſich endlich umwendend und ſchaudernd, als er den Mönch deutlich erkaunte und ſich ſeiner Bosheit erinnerte.„Wagt Ihr mich noch immer zu beläſtigen?“ Der Möͤnch warf ſich in großer Unterwurfigkeit auf ſeine Kniee und bat den Gelehrten nach langen und bußfertigen Entſchuldigungen, bei dem Grafen für ihn zu ſprechen. „Ich ſtrebe nicht nach Eurer Ehre und Eurem ho⸗ hen Range, großer Adam— ich wünſche Euch nur zu — 188 dienen, Eure Eſſe zu ſchuͤren, Euch Eure Werkzeuge zu reichen und von Euch zu lernen, großer Meiſter. Ich weiß, der Graf wird auf Euch hören, wenn Ihr ihm ſagt, daß ich das Vertrauen ſeiner Feindin, der Herzogin, genoß; daß ich ihm alle ihre Geheimniſſe mittheilen kann und daß—* „Macht Euch fort! Ihr ſeid ſchlimmer als ich dachte, Elender! Ich wußte wohl, daß Ihr grauſam und unwiſſend wäret, und jetzt ſehe ich, daß Ihr ver⸗ worfen und trenlos ſeid! Ich ſollte mit Euch arbeiten! Ich ſollte dem Grafen einen Menſchen empfehlen, der dem Namen eines Gelehrten Schande macht! Nimmer⸗ mehr! Wenn Ihr Brod und Almoſen bedürft, die kann ich Euch geben, wie ſie ein Chriſt dem Durftigen gibt; aber Vertrauen und Ehre, gelehrter Ruf und edle Werk⸗ „zeuge, die find nicht für den Betrüger und Verräther. Hier— hier!“ Und er eilte zu einem Schrank, nahm eine Hand voll kleine Münze heraus, ſchob ſle dem Mönche in die Hand, drängte ihn zur Thür und rief den Dienern zu, ſeinen Gaſt vor die Thore der Feſtung zu bringen. Der Mönch wendete ſich murrend um. Er wagte die Drohung nicht auszuſprechen, that aber ein Gelübde bei ſich ſelber und ging ſeines Wegs. Einige Tage ſpäter traf Adam auf ſeinem Spazier⸗ gange um die Mauern des Tower einige Arbeiter, welche beſchäftigt waren, eine Kanone wieder herzuſtellen, und ha Alles, was die mechaniſche Kunſt betraf, ſtets ſein Intereſſe erweckte, ſo blieb er ſtehen und zeigte ihnen eine ſehr einfache Verbeſſerung, welche nothwendig da⸗ zu dienen mußte, die Kugeln weiter und gerader auf euge zu er. Ich hr ihm rzogin, ttheilen als ich rauſam hr ver⸗ zeiten! n, der mmer⸗ e kann gibt; Werk⸗ täther. nahm e dem nd rief eſtung d um. t aber azier⸗ welche 1, und s ſein ihnen ig da⸗ e auf 189 ihr Ziel hinzutragen. Der Vorgeſetzte der Arbeiter, bem dieſe Bemerkungen auffielen, eilte zu einem von den Offizieren im Tower; der Offtzier kam, um dem ge⸗ lehrten Manne zuzuhören und ging dann zum Grafen von Warwick und erklärte, Herr Warner beſitze ein wunderbares Talent für ben militäriſchen Mechanismus. Der Graf ließ Warner kommen, begriff ſogleich die ſehr einfache Wahrheit, die er angab, und indem er jetzt eine viel hohere Meinung von ihm bekam als je, ſo ſtellte er die Verfertigung einiger neuen Kanonen, womit man bereits begonnen, unter ſeine Aufſicht. Da dieſe Beauf⸗ ſichtigung nur wenig von ſeiner Zeit in Anſpruch nahm, ſo war Warner froh, dem Grafen ſeine Dankbarkeit zu beweiſen, indem er die zerſtoͤrenden Maſchinen nur als mechaniſche Erfindungen betrachtete, und ſich gänzlich unbewußt war, welchen neuen Schrecken er dadurch ſeinem Namen verlieh. Bald hörte die unwillige und von ihrem Gewiſſen gepeinigte Herzogin von Bedford in der Freiſtätte, daß der boshafte Zauberer, den ſle aus Bungeys Klauen gerettet, für die mögliche Räckkehr ihres Schwieger⸗ ſohnes die furchtbarſten und untrüglichſten Mordinſtru⸗ mente des Krieges verfertige! Indem wir Abam ſeinen Träumen, ſeinen Arbei⸗ ten und ſeinem furchtbaren Rufe überlaſſen, kehren wir zu der Welt auf der Oberfläche, zu dem Leben der Hand⸗ Unng zurück. 190 Zweites Kapitel. Das Glück des äußern Scheins— Die Sorgen des innern Menſchen Die Stellung des Königmachers war für den oher⸗ flächlichen Beobachter eine ſolche, wie ſie den Ehrgeiz und den Stolz eines Menſchen aufs Außerſte befriehi⸗ gen konnte. Er hatte einen der prachtliebendſten Für⸗ ſten und einen der kühnſten Krieger, die je auf einem Throne geſeſſen, aus dem Lande getrieben. Er hatte eine Dynaſtie ohne einen Schwertſtreich verändert. Durch die Vermählungen ſeiner Töchter ſchien es gewiß, daß die Nachkommen der einen oder der andern Könige von England werden würden. Die Leichtigkeit ſeines Sieges ſchien von ſelber zu beweiſen, daß die Herzen des Volls auf ſeiner Seite waren, und das Parlament, welches er zuſammenzuru⸗ fen ſich beeilte, beßätigte durch Geſetze die durch ein blutloſes Schwert bewerkſtelligte Revolution. Auch war nichts zu bemerken, das dem häuslichen Frieden Unheil drohte. Briefe von der Gräfin von Warwick und von Lady Anna meldeten ihren triumphi⸗ renden Einzug in Paris, wo Margaretha von Anjou mit Ehrenbezeigungen empfangen wurde, die ſonſt nur einer Königin von Fraukreich waren erwieſen worden. Inzwiſchen ſollte eine feierliche Geſandtſchaft von Paris nach London gehen, um Heinrich zu beglückwün⸗ ſchen und einen dauernden Friedens⸗ und Handelsver⸗ trag abzuſchließen, während Karl von Burgund ſelber, der einzige Verbündete, der Eduarh dem Vierten noch nnern ober⸗ Fhrgeiz friehi⸗ n Für⸗ einem hatte Durch 3, daß ge von ber zu Seite nzuru⸗ rch ein slichen in von imphi⸗ Anjou nſt nur rden. ft von ckwuͤn⸗ elsver⸗ ſelber, en noch 191 übrig blieb, um die Forthauer der freundſchaftlichen Verhältniſſe mit England bat, indem er angab, ſie ſeien mit dem Lande geſchloſſen, nicht mit einer beſondern Perſon, weiche zufäͤllig die Krone trüge, und ſeinen Un⸗ terthanen durch eine Proklamation verbot, ſich irgend einem Unternehmen anzuſchließen, welche Eduard ver⸗ ſuchen möchte, um ſeinen Thron wieder zu erlaugen. Warwicks Benehmen, den das Parloment in Ver⸗ einigung mit Clarence zum Protektor des Reichs wäh⸗ rend der Minderjährigkeit des Prinzen von Wales er⸗ klärt hatte, war des von ihm erlangten Triumphs würdig. Er zeigte jetzt ein größeres Talent zur Adminiſtration, als je zuvor; denn alle ſeine Leidenſchaften waren aufs Außerſte angeßtrengt, um ſeinen Sieg zu vollenden und ſeine Fähigkeiten zu ſchärfen. Er vereinte Milde gegen die beſtegte Partei mit einer Feßiigkeit, die jeden Verſuch zu einem Aufſtande unterdrückte. Im Gegenſatz zu dem Glanze, der ſeine Tochter Anna umgab, ſprachen alle Berichte von der Erniedri⸗ gung, womit Karl den verbannten König behandelte; und in der Freiſtätte unter Mördern und Verbrechern brachte die Gattin des geſchlagenen Feindes des Grafen ein männliches Kind zur Welt, welches, wie der Chro⸗ nikenſchreiber ſagt, wie der Sohn eines gemeinen Man⸗ nes getauſt wurde. Für den Rächer und ſeine Kinder waren königliches Auſehen und majeſtätiſcher Pomp— für den Fluͤchtling und ſeinen Sprößling das Brod der Verbannung oder die Zuflucht der Geächteten. Aber dennoch war das Glück des Grafen hohl— die eherne Statue ſtand auf thönernen Füßen.— Die 192 Stellung eines Mannes mit dem Namen eines Unter⸗ thanen und der Macht eines Königs war in England eine unbeliebte Regelwidrigkeit. In den vorzüglichſten Handelsſtädten hatte ſich längſt jene Feindſchaft gegen die Ariſtokratie genährt, deren ſich Heinrich der Sie⸗ bente bediente, um einen Despotismus zu erheben, und welche ſelbſt in unſern Tagen die hauptſächlichſten Strei⸗ tigkeiten der Parteien veranlaßt; aber die neue Revo⸗ lution war eine ſolche, woran die Städte keinen Antheil gehabt hatten. Es war eine Revolution, die der Reprä⸗ ſentant der Barone mit ſeinen Anhängern gemacht hatte. Sie brachte der Mittelklaſſe keine Vortheile und ſte erſchien den Männern des Handels nur als die Ge⸗ waltthätigkeit einer ſturmiſchen und gekränkten Ariſto⸗ kratie. Selbſt der Name, den man Warwicks Unter⸗ ſtützern beilegte, war in Städten nicht beliebt. Sie wurden nicht Lancaſtrier ober Freunde König Heinrichs genannt, ſondern die Lordspartei. Zu allen Zeiten haben die Klaſſen eine ſcharfe Un⸗ terſcheidungsgabe in dem, was ihre Klaſſenintereſſen be⸗ trifft. Die Revolntion, die der Graf bewirkt hatte, war ein Triumph der Ariſtokratie, ihre natürlichen Reſul⸗ tate mußten die moraliſche und vielleicht auch die ver⸗ faſſungsmäßige Macht verſtärken, welche jene kriegeri⸗ ſche Klaſſe bereits beſaß. Das neue Parlament ging aus ihnen hervor— Heinrich der Sechste war eine Null, ſein Sohn ein Knabe von unbekanntem Charakter und nach dem allgemeinen Gerüchte von zweifelhafter Recht⸗ mäßigkeit, und wie es ſchien, mit Hand und Fuß an das mäͤchtige Haus des großen Barons gehunden— der Unter⸗ England glichſten ft gegen er Sie⸗ en, und Strei⸗ Revo⸗ Antheil Reprä⸗ gemacht eile und die Ge⸗ Ariſto⸗ Unter⸗ t. Sie einrichs rfe Un⸗ eſſen be⸗ te, war Reſul⸗ die ver⸗ eriegeri⸗ it ging ne Null, ter und Recht⸗ an das — der 193 Graf ſelber hatte nie Bedenken getragen, einen Wiber⸗ willen gegen die Veränderung in der Geſellſchaft an den Tag zu legen, welche langſam eine ackerbautreibende Bevolkerung in eine handelnde verwandelte. Es läßt ſich auch die Beobachtung anſtellen, daß eine Mittelklaſſe eben ſo ſelten mit den Abgöttern des Volks als mit den Oberhäuptern des Adels ſich vereint. Die rohe Anhänglichkeit der Bauern und des Pöbels an den prachtliehenden und verſchwenderiſchen Grafen, er⸗ ſchien dem Bürger als des Zeichen einer barbariſchen Leibeigenſchaft, und jenem Fortſchritt in der Cyiliſation entgegenzuſtehen, wozn ſie halb unbewußt hinſtrebten. Warwicks Wiherwillen gegen den Handelsſtand war in der That nicht allein ein patriziſches Vorurtheil. Es bedurfte keiner großen Scharfſicht, um zu bemerken, daß Eduard beabſichtigt hatte, eine Klaſſe emporzubringen, welche mächtig war, wenn ſie gegen die Barone ange⸗ wendet wurde, die aber gegen die Eingriffe der Krone noch lange unmächtig ſein mußte; und der Graf be⸗ trachtete dieſe Klaſſe nicht nur als Feinde ſeines eigenen Standes, ſondern auch als Werkzeuge der Zerſtörung der alten Freiheiten. Warwick fürchtete indeſſen keine ernflen Folgen von der paſſiven Abneigung der Handelsſtädte. Sein krie⸗ geriſcher Geiſt führte ihn dahin, den am wenigſten krie⸗ geriſchen Theil der Bevölkerung zu verachten. Er wußte, daß ſich die Städte nicht in Waffen erheben würden, ſo ſo lange ihre Schutbriefe geachtet würden; und ſein Verſtand, obgleich ſo ſcharfſichtig bei unmittelbaren Ge⸗ fahren, vermochte nicht die langſam unterminirende Bulwer, Barone. III. 13 194 Feindſeligkeit zu begreifen, bie nur in der Meinung be⸗ ſteht. Eine beſtimmtere Urſache zur Furcht würde ein argwöhniſcher Geiſt in dem Benehmen des Herzogs von Clarence gefunden haben, der des Grafen College im Protektorat war. Es war offenbar Warwicks Poli⸗ tik, dieſen ſchwachen aber ehrgeizigen Mann zufrieden zu ſtellen. Der Herzog war, wie ſchon fruher beſtimmt, erklärter Erbe der ungeheuern Beſitzungen des Hauſet York. Er war zum Vieekönig von Irland ernannt, ver⸗ zögerte aber ſeine Abreiſe bis zur Ankunft des Prinzen von Wales. Inzwiſchen wurden ihm die einem Monar⸗ chen zukommenden Ehrenbezeigungen zu Theil; abet noch immer war des Herzogs Stirn finſter, obgleich er, wenn der Graf ihn beobachtete, eine anſcheinende Hei⸗ terkeit annahm, und die Betheuerungen der Treue und Freundſchaft wiederholte. Iſabella's Benehmen gegen ihren Vater war ver⸗ änderlich und unſicher: Einmal hart und kalt und ein aundermal, wie von geheimer Reue angetrieben, warf ſie ſich in ſeine Arme und bat ihn weinend, ihre veräͤn⸗ verliche Laune zu verzeihen. Aber der Fluch der Stel⸗ lung des Grafen war der, den er vorhergeſehen, ehe er Amboiſe verlaſſen hatte, und der mehr oder weniger die⸗ jenigen verfolgt, die aus irgend einer Urſache plötzlich die Partei verlaſſen, mit welcher alle ihre Erinnerungen des Ruhmes und der Freundſchaft verſchlungen ſind. Seine Rache gegen Einen hatte ſich auf Viele erſtreckt, die ihm noch theuer waren. Er war nicht nur von ſei⸗ nen alten Waffenkameraden getrennt, ſondern den Aus⸗ gezeichnetſten von ihnen hatte er in die Verbannung getrie die mit vereit ihn u Viele Woot ſich u eaſtri bereite Fulke geacht auf be und ſe ich erl Ihr 1 ringer ſollte von Lo des N greifer haͤtte: und 9 jene J Herzer leiſten, Roſenk ehebrec zu ſiche gegen ung be⸗ irde ein Herzogs Gollege 8 Poli⸗ rfrieden ſtimmt, Hauſet nt, ver⸗ Prinzen Nonar⸗ ; aber leich er, de Hei⸗ eue und ar ver⸗ und ein , warf veraͤn⸗ r Stel⸗ „ehe er ger die⸗ plötzlich erungen n find. erſtreckt, von ſei⸗ en Aus⸗ annung 195 getrieben. Er ſtand allein unter Männern, welche die Gewohnheiten eines thätigen Lebens unauflöslich mit den Erinnerungen des Zornes und des Uarechts vereint hatten. Unter jener fürſtlichen Geſellſchaft, die ihn umgab, begrüßte er kein befreundetes Geſicht. Selbſt Viele von denen, welche Eduard vder vielmehr die Woodvilles am meiſten verabſcheut hatten, empoͤrten ſich über einen ſo auffallenden Uebertritt zu dem lan⸗ eaſtriſchen Feinde. Es war ein ſchwerer Schlag für ein bereits tief verwundetes Herz, als der feurige Raoul he Fulke, ber Warwick ſo ſehr vergöttert hatte, daß er un⸗ geachtet ſeiner eigenen hohen Abkunft ſein Wappenſchild auf ber Bruſt getragen, ihn ſpät in der Nacht aufſuchte, und ſo zu ihm ſprach:„Lord Salisbury und Warwick, ich erbat mich einſt, Euch als Vaſall zu dienen, wenn Ihr mit dem ausſchweifenden Eduard um die Krone ringen wolltet, die nur ein männliches Haupt tragen ſollte; und wäret Ihr jetzt zurückgekehrt, wie Heinrich von Laneaſter vor Alters zurückkehrte, um das Scepter des Normannen mit der Hand eines Eroberers zu er⸗ greifen, ſo wäre ich der Erſte geweſen, der gerufen hätte:„„Lange lebe König Richard— Namensveiter und Nachahmer von Richard Löwenherz!“— Aber jene Mönchspuppe auf den Thron zu ſetzen und tapfere Herzen aufzufordern, einem Menſchen Huldigung zu leiſten, der nichts weiter kann, als Ave's plappern und Roſenkränze abzählen— die Nachfolge in England dem ehehrecheriſchen Sprößling der blutdürſtigen Margaretha zu ſichern— die Macht im Reiche Männern zu geben, gegen die Ihr mich oft mit Lanze und Streitart zum 196 Kampfe geführt— das heißt, einen Pfad eröoͤffnen, der nur zur Schande führt, und dorthin folgt Raoul de Fulke ſelbſt nicht den Schritten des Lord Warvick. Unterbrecht mich nicht— redet nicht! Wie Ihr gegen Eduard gethan, ſo verſchwöre ich jetzt die Treue gegen Euch und ſage Euch auf immer Lebewohli“ „Ich verzeihe Euch,“ antwortete Warwick,„und wenn Ihr je beleidigt worden wie ich, ſo wird Euer Herz mich rächen. Geht!“ Als dieſer ſtolze Mann ſich aber entfernt hatte, be⸗ deckte der Graf ſein Geſicht mit den Händen und ſeufzte laut. Ein Abfall, den er vielleicht noch tiefer fühlte, kam zunächſt. Katharina von Bonville war des Grafen Lieblingsſchweſter geweſen. Er ſchrieb an ſie in das Klo⸗ ſter, wohin ſie ſich zurückgezogen und bat ſie zättlich, nach London zu kommen, ſeinen bennruhigten Geiſt zu erheitern und die wahre Urſache zu erſahren, die er ihr nicht brieflich mittheilen könne, und die ihn zu Dingen geirieben, die einſt am weiteſten von ſeinen Gedanken entfernt geweſen. Der Bote kehrte mit dem unerbrochenen Briefe zurück, denn Katharina haite das Kloſter verlaſſen und war nach Burgund entflohen, indem ſie, wie es Warwick ſchien, Mißtrauen gegen ihren eigenen Bruder gehegt. Die Natur dieſes loͤwenherzigen Mannes war, wie wir bereits geſehen haben, außerordentlich milde, freimüthig und zaͤrtlich, und jetzt in der verhängnißvoll⸗ ſten, ängſtlichſten und qualvollſten Periode ſeines Lebens waren ihm Vertrauen und Zärtlichkeit verſagt. Was hätte er nicht um eine Stunde der beſänftigenden Geſellſchaſt ſeiner Gattin gegeben, des einzigen Weſens in der Well, dem Zweit Nimr hören — al Sonn Sein Stim nächf York und h hatte aber bindu näher kamer ſeiner Haus geheil Heim 2 theil verän huldit Kanzz dinals räaker und Gref liche en, der oul de arwick. wgegen e gegen „und er Her te, be⸗ ſeufzte fühlte, Grafen 48 Klo⸗ ärtlich, Geiſt zu e er ihr Dingen edanken ochenen erlaſſen wie es Bruder es war, milde, nißvoll⸗ Lebenz ae hätte ellſchaft er Welt, 197 dem ſein Stolz den Kummer ſeines Herzens oder die Zweifel ſeines Gewiſſens hätte mittheilen können! Ach! Nimmer ſollte er auf Erden dieſe ſanfte Stimme wieder hören! Auch Anna, die ſanſte, kindliche Anna war fern — aber fle war glücklich— ſie ſonnte ſich in dem kurzen Sonnenſchein und war blind gegen die dunklen Wolken. Sein älteres Kind vermehrte durch ſeine veränderlichen Stimmungen nur ſeine Unruhe und ſein Unglück. Zu⸗ nächſt nach Eduard hatte Warwick vom ganzen Hauſe York Clarence am meiſten geltebt, obgleich ein genauerer und haͤuslicher Umgang die Neigung dadurch geſchwächt hatte, daß die Achtung vermindert wurde. Wenn er aber weiter in die Zukunft blickte, fah er in dieſer Ver⸗ bindung die Saat zu manchem nagenden Kummer. Je näher Anna und ihr Verlobter der Macht und dem Ruhme kamen, deſto bitterer wurde die Eiferſucht Clarence's und ſeiner Gattin. So lag in den Verbindungen, die ſein Haus am meiſten zu befeſtigen ſchienen, Alles, was die geheiligte Einigkeit und den Frieden der Familte und der Heimath zerſtören mußte. Der Erzbiſchof von York hatte klüglich keinen An⸗ theil an Maßregeln genommen, welche die Dynafiie g verändert hatten— er kam jetzt, um die Früchte zu ernten, huldigte Heinrich dem Sechsten, empfing die Siegel des Kanzlers und begann ſeine Intriguen wegen des Car⸗ dinalshutes. Aber zwiſchen dem kuͤhnen Krieger und dem räakevollen Prieſter konnte wenig brüderliches Vertrauen und Liebe herrſchen. Mit Montagu allein konnte der Gref herzlich und ohne Rückhalt reden, und ihre ähn⸗ liche Stellung und gewiſſe übereinſtimmenhe Punkte in 198 ihrem Gharakter, die ſich jetzt klarer und deutlicher zeig⸗ ten, dienten dazu, ihre Freundſchaft für einander feſter und zärtlicher zu machen, als je vorher geſchehen war, da ihm jetzt alle anderen Bande entfremdet wurden. Aber der Marquis war bald genöthiet, in die nördlichen Pro⸗ vinzen abzureiſen, denn Warwick beſaß nicht das unbe⸗ ſonnene Vertrauen Eduards und vernachläſſigte keine Vorſicht, um die Rückkehr des entthronten Koͤnigs zu verhindern. So ſtand der Konigmacher allein in Pomp und Macht da, ſeine Rache war befriedigt, ſein Ehrgeiz ge⸗ ſättigt, aber die Liebe war ihm verweigert— mit ſchmer⸗ zendem Herzen und furchtloſer Stirn ſtand er da unter alten Feinden, die empor gekommen, während alte Freunde entfremdet und zu Grunde gerichtet waren— und Tag für Tag zeigten ſich mehr und mehr die frühzeitigen Streifen des grauen Haares nnter den rabenſchwarzen Locken des ſtarken Mannes. Drittes Kapitel. Tiefere Blicke in das Herz des Menſchen— und die Bedingungen der Macht. Aber wehe dem Manne, der mit übertriebenen Er⸗ wartungen von ſeiner Fähigkeit, Gutes zu thun, zur Macht berufen wird! Wehe dem Manne, den das Volk als einen Kämpfer für das Volk geachtet hat, und der plötzlich zum Schützer des Geſetzes gemacht wird! Die Gemeinen von England hatten die Verbannung des guten zeig⸗ feſter war, Aber Pro⸗ unbe⸗ keine g8 zu „ und z ge⸗ hmer⸗ unter eunde Tag itigen arzen zungen Er⸗ „ zur Voll d der Die guten 499 Grafen nicht allein aus Liebe zu ſeiner wohlbeſetzten Tafel und aus Bewunderung ſeiner ungeheuren Streit⸗ art beklagt— nicht nur aus Mitleid oder des Ruhmes wegen war ſein Name in jedem Liede erklungen— und daß, um den ſtarken Ausdruck des Chroniſten anzuwen⸗ den, das Volk urtheilte, die Sonne ſei gänzlich aus der Welt verſchwunden, wenn er abweſend ſei. Sie kannten ihn als einen Mann, der ſtets geſucht, die Mißbräuche der Macht abzuſtellen— das dem Armen widerfahrene Unrecht wieder gut zu machen— der ſelbſt im Kriege ſeinen Rittern verboten, die gemeinen Leute zu tödten. Er wurde daher als ein Weltverbeſſerer be⸗ trachtet, und wunderbar in der That waren die Dinge, die man nach ſeinem Ruhme und ſeiner Beliebtheit von ihm erwartete. Die ſchändlichen Beraubungen der könig⸗ lichen Beamten hörten auf— die räuderähnlichen Exceſſe der roheren Barone und Edelleute wurden ſtrenge be⸗ ftraft— das Land fühlte, daß eine ſtarke Hand die Zügel der Macht hielt. Aber was iſt Gerechtigkeit, wenn die Menſchen Wunder ſordern? Die Bauern und Arbeiter waren erſtaunt, daß der Lohn nicht verboppelt wurde— haß das Brod nicht umſonſt zu haben war— daß die Ungleichheiten des Lebens dieſelben blieben— daß der Reiche noch reich, der Arme noch arm war. Am erſten Tage der Revolution ſtellte ſich Sir Geoffrey Gates, der Freibeuter, der des Grafen milde Politik nicht begriff und natürlich begierig war, einen Sieg auf gewohnte Weiſe zum Raube und zur Plünderung zu benützen, an die Spitze eines bewaffneten Pöbelhaufens, marſchirte von Kent bis in die Vorſtädte von London, wurde von 200 den Verbrechern aus den verſchiedenen Freiſtätten unter⸗ ſüützt und brennte und pländerte, verwüigete und tödteie. Der Graf unterdruͤckte den Aufſtand mit Muth und Ruhe, und groß war das Lob, welches er ſich dadurch erwarh. Armen empfinden! Und ſelbſt wenn die Hefe des Volks Warwicks Schwert gefüͤhlt hätte, würde er einen Theil des Enthuſtasmus, den ihm das Volk ſonſt gezollt, ſchweigend verloren haben. Robert Hilyard, der ſo großen Antheil an her Wie⸗ dereinſetzung der Lancaßtrier gehabt, ſchlug jett ſeine Wohnung in der Hauptſtadt auf, und begierig, wie immer, den Strom der Ereigniſſe zum Vortheil des Volks zu lenken, ſah er mit der Wuth fehlgeſchlagener Hoffaung, daß bis jetzt noch keine andere Partei als die der Adeligen wirklich trium phirt habe. Es hatte ihn ver⸗ langt, eine Revolution zu bewerkſtelligen, die man die des Volks nennen könne, und er hatte zu einer geholfen, die des Lords Werk genannt wurde. Die Neigung, die er für Warwick empfunden hatte, entſtand größtentheils daraus, daß er ihn als ein Werkzeug betrachtete, die Geſellſchaft auf die mehr demokratiſchen Veränderungen vorzubereiten, die er zu bewerkſtelligen wünſchte, und ſiehe da! er ſelber war das Werkzeug geweſen, die Ari⸗ ſtokratie zu verſtärken. Die Beſellſchaft ſetzte ſich nach dem Sturme wieder feſt— der Edelmann behielt ſeine Armeen— der Volksanführer hatte ſeinen Pönelhaufen verloren! Obgleich in ganz England die Grundſätze ver⸗ breitet waren, welche endlich das Ritterthum zerſtören — die trotzigen Barone zu geputzten Lords erniedrigen Aber tief iſt das Mitgefühl, welches die Armen für die iter⸗ dteie. Ruhe, warb. ür die Volks Theil ezollt, Wie⸗ ſeine „wie l des gener Is die i ver⸗ an die olfen, , die theils , die ungen „und Ari⸗ nach ſeine aufen e ver⸗ ſören drigen 201 — die Kirche reformiren— durch das Repräſentativ⸗ ſyſtem zu einer freien Verfaſſung heranreifen ſollten, ſo lagen doch dieſe Grundſätze noch im Keime, und wenn Hilyard ſich unter die Kaufleute oder die Handwerker von London miſchte und eine Partei zu bilden ſuchte, die eine feſte Politik und einen beſtimmten Zweck haben moͤge, ſo wurde er von Einigen als ein fanaliſcher Gei⸗ ſerſeher und von den übrigen als ein gefährlicher Wage⸗ hals angeſehen. Seltſam genug war Warwick der ein⸗ zige Mann, der ihm mit Aufmerkſamkeit zuhörte— der Mann, der hinter dem Zeitalter zurück iſt, und der Mann, der dem Zeitalter voraus iſt, haben ſtets einige Zoll Grund und Boden mit einander gemein. Beide wünſchten die Freiheit zu erhöhen; Beihe liebten reblich und glühend die Maſſen; aber jeder in dem Geiſte ſeines Standes; Warwick vertheidigte die Freiheit gegen den Thron, Hilyard gegen die Barone. Ungeachtet ihrer verſchiedenen Anſichten war jeder von der Aufrichtigkeit des Andern ſo ſehr uberzeugt, daß es nur an einem Feinde im Felde fehlte, um ſie wieder wie vorher zu vereinigen. Der natürliche Verbündete des beim Volke beliebten Varons war der Anführer des Volks. Einige unbedeutendere, aber doch immer ernſtliche Kränkangen erhöhten die Verlegenheit der Lage des Grafen. Margaretha's Eiferſucht hatte ihm bie Ver⸗ bindlichkeit aufgelegt, alle Belohnungen für Lords und Andere eufzuſchieben und einen proviſoriſchen Rath zur Begutachtung aller bedeutenden Handlungen der Regie⸗ rung, ſowie aller Gewaͤhrungen von Stellen, Ländereien und Beneſizien eingeſetzt. Und wer kennt nicht die Er⸗ 20² wartungen der Menſchen nach einer erfolgreichen Re⸗ volution! Die königliche Schatzkammer war ſo leer, daß ſelbſt die gewöhnlichen Mitglieder des Haushalts entlaſſen werden mußten, und da das haare Geld damals außerordentlich ſparſam war, ſo reichten Warwicks mäch⸗ tige Einkünfte nur eben hin, um die Koſten der Expe⸗ dition zu zahlen, die auf ſeine eigenen Koſten die lan⸗ eaſtriſche Linie wieder eingeſetzt hatte. Eine harte Lage ſowohl für die Großmuth als für die Klugheit, gerechte Anſprüche und tapfere Dienſte mit Entſchuldigungen abſpeiſen zu müſſen. Mit lebhafter und qualvoller Ungeduld erwartete der Graf die Ankunft Margaretha's und ihres Sohnes. Die ihm auferlegten Bedingungen verkrüppelten in ihrer Ab⸗ weſenheit alle ſeine Hülfsquellen. Selbſt mehre von den lancaſtriſchen Edelleuten hielten ſich fern, während ſie keine andere Regierung als die Warwicks ſahen. Vor allen Dingen hoffte er auf die Wirkang, welche die Gegenwart des jungen Prinzen von Wales, ſeine Schöͤn⸗ heit, ſeine Leutſeligkeit, ſein freimüthiger Geiſt— milde wie der ſeines Vaters und kühn wie der ſeines Groß⸗ vaters— auf die ganze, träge und neutrale Maſſe des Volks hervorbringen werde, deſſen einmal gewonnene Zuneigung die ſolide Stärke einer Regierung ausmacht. Schon das Ausſehen und die Erſcheinung des Prinzen mußte die Läſterung über ſeine Geburt zum Schweigen bringen. Seine Aehnlichkeit mit ſeinem heroiſchen Groß⸗ vater mußte hinreichen, ihm alle die Herzen zu gewinnen, von denen er bei ſeiner Abweſenheit als ein Fremder von zweiſelhafter Abkunft betrachtet wurde. Wie vft ſeutzte der G Alles Null- Seine machten hatte Proklat Ketzer Hälſte verhind lichen? künſte, zender die Arm rdiſchen wird m eben au läſtigt, als der n Re⸗ leer, shalts amals mäch⸗ Expe⸗ e lan⸗ Lage rechte ungen ete der . Die er Ab⸗ e von ihrend Vor he die ſchön⸗ milde Groß⸗ ſe des nnene nacht. rinzen veigen Yroß⸗ nnen, er von eußzte 20³ der Graf:„Wenn nur der Prinz hier wäre, ſo wäre Alles gewonnen!“ Heinrich war ſchlimmer als eine Null— er brachte beſtäͤndig Verlegenheiten hervor. Seine guten Abſichten, ſeine ſkrupulöſe Frömmigkeit machten ihn ſtets bereit, ſich einzumiſchen. Die Kirche hatte ſich ſeiner hereits bemächtigt und ihn beſtimmt, Proklamationen gegen die unter den Lollards bekannten Ketzer zu erlaſſen, wodurch er auf einen Schlag die Hälſte ſeiner Unterthanen würde verloren hahen. Dies verhinderte Warwick zur großen Unzufriedenheit des ehr⸗ lichen Fürſten. Der Augenblick erforderte alle Gaukler⸗ künſte, welche die imponirende Gegenwart und ein glän⸗ zender Hof gewähren konnten. Und Heinrich, froh über die Armuth ſeiner Schatzlammer, hielt es für eine Sünhe, diſchen Pomp zur Schau zu ſtellen.„Der Himmel wird mich wieder beſtrafen,“ ſagte er milde,„wenn ich, ehen aus meinem Gefängniß befreit, meine unwürdige Perſon mit allen Sitelkeiten der vergaͤnglichen Macht vergolde.“ Ueberall erregte die Kaͤlte der Tugend dieſes armen Königs Unzufciedenheit. Die muntern Jünglinge, die an dem lachenden Hofe Eduard des Vierten geſchwelgt hat⸗ ten, hörten mit verächtlichem Spotte die Straſpredigten Heinrichs über die Länge ihrer Liebeslocken und die Schnäͤbel ihrer Schuhe an. Die tapfern Krieger, die ihm des Lobes wegen vorgeſtellt wurden, mußten Pre⸗ digten über die Sünde des Kriegs anhören. Selbſt der arme Adam wurde durch Heinrichs fromme Jurcht be⸗ läſtigt, daß er durch eitle Kenntniß höher ſteigen wolle, als der Wille der Vorſehung es geſtatte. 204 Obgleich er den ungeßümen Geiſt des Grafen be⸗ ſtändig reizte, ſo liebte doch der Graf den König immer mehr und mehr. Dieſe vollkommene Unſchuld, dieſe Abweſenheit der Argliſt und des Eigennutzes in der Mitte eines Jahrhunderts welches nie im Betruge, in der Falſchheit und der ſelbſtfüchtigen Verſtellung iſt uͤber⸗ troffen worden, erregten Warwicks Bewunderung, ſo⸗ wie ſein Mitleid. Alles, was einen Gegenſatz zu Eduard dem Vierten bildete, hatte einen Reiz für ihn. Er zügelte ſeine hitzige Gemüthsart und mllderte ſeine tiefe Stimme in jener heiligen Gegenwart; und die lebhafte Über⸗ zeugung von der Leerheit aller irdiſchen Größe, welche die irdiſche Größe ſelbſt dem Geiſte des Geafen auf⸗ gedrungen hatte, brachte eine Aehnlichkeit zwiſchen dem ſauften Heligen und dem feurigen Krieger hervor. Zum hundertſtenmal ſeufzte Warwick, als er Heinrich verließ: „Ich wollte, mein tapferer Schwiegerſohn wäre da! Sein Geiſt wird bald lernen, wie man regieren muß, und dann wird Warwick nicht mehr nöͤthig ſein! Ich bin des Geſchäftes ſehr überdrüſſig, Menſchen zu regieren!“ „Beim heiligen Thomas!“ rief Marmadnke mit derbem Ausdruck, an den dieſe Worte gerichtet waren —„verzeihet mir, Mylord, wenn Ihr den König be⸗ ſucht, kommt Ihr ummer halb entmannt zurück. Er wird noch einen Mönch aus Euch machen“* „Ach!“ ſagte Warwick gedankenvoll—„es find noch größere Wunder geſchehen. Unſere kühnſten Väter ſtarben oft als die ſanfteſten Mönche. Wenn ich dieſes Reich ſo lange beherrſcht hätte, wie Heinrich— ja wenn dieſes ſeinen Liebli der T dieſen T gänſtt ſo lar ters h ihresg d einzuſ vembe dem j wick a Drein fleur, ſehr b zurück heit d ein G. von 2 lieh, Wette hatte. zu tro König über Fahrze Land g en he⸗ immer „ dieſe in der ige, in huͤber⸗ g, ſo⸗ Sduard zuͤgelte btimme Über⸗ welche n auf⸗ en dem Zum erließ: waͤre egieren ſein! hen zu ke mit waren nig be⸗ . Er es ſind Paͤter dieſes wenn 20⁵ dieſes Lehen zwei Jahre lang mit ſeiner Unruhe und ſeinem Fleber fortdauern ſollte, ſo könnte ich wohl die Lieblichkeit der klöſterlichen Ruhe begreifen. Wie weht der Wind? Noch immer ihnen entgegen! Ich kann dieſen Aufſchub nicht ertragen!“ Die Winde hatten Margaretha von Anjou ſieis un⸗ gänſtig geſchienen, doch niemals mehr als jetzt. Eine ſo lange Dauer bes ſtürmiſchen und ungünſtigen Wet⸗ ters hatte man nie erlebt, und wir glauben, daß ſie nie ihresgleichen in der Geſchichte gehabt hat. Des Grafen Verſprechen, König Heinrich wieder einzuſetzen, war im Oktober erfüllt worden. Vom No⸗ vember bis zum folgenden April lag Margaretha mit dem jungen königlichen Paar und der Graͤfin von War⸗ wick an der Seeküſte und wartete auf günſtigen Wind. Dreimal, trotz allen Warnungen der Seefahrer zu Har⸗ fleur, ging ſie unter Segel und dreimal wurde ſie mit ſehr beſchädigten Schiffen an die Küſten der Normandie zurückgetrieben. Ihre Freunde behaupteten, dieſe Bos⸗ heit der Elemente werde durch Zauberei veranlaßt— ein Glaube, der ſich in England verbreitete, die Herzogin von Bedford erheiterte und Bungey neuen Ruhm ver⸗ lieh, der ſich das ganze Verdienſt anmaßte und deſſen Wetterkenntniß ihn zu richtigen Prophezeihungen geleitet halte. Viele baten Margaretha, der Vorſehung nicht zu trotzen und ſich nicht auf die See zu wagen; aber die Königin war feſt in ihrem Vorſatze und ihr Sohn lachte über die Vorbedeutungen— aber immer konnten die Fahrzenge den Hafen nur verlaſſen, um wieder an das Land getrieben zu werden. 206 Täglich war Warwicks erſte Frage, wenn bie Sonne aufging:„Wie weht der Wind?“ Jeden Abend, ehe er ſich zur Ruhe legte, ſeufzte der Graf:„Der Wind iſt ungünſtig!“ Die Winde, welche die Ankunft der königlichen Geſellſchaft verhinderten, brachten den un⸗ gern Verweilenden einen Courier nach dem Anbern— einen Boten nach dem Andern, und endlich konnte War⸗ wick die ſehnliche Erwartung in der Ferne nicht mehr ertragen, ging ſelbſt noch Dover und blickte Stunde für Stunde von den weißen Klippen nach den Segeln, welche Lancaſter und ſein Glüͤck tragen ſollten. Dieſe Wache wurde noch unerträglicher als die Erwartung in der Ferne, und der Graf reiste kummervoll zu ſeinem Schloſſe War⸗ wick ab, wo Jſabella und Clarence ſich damals aufhielten. Aber ach! Wo war die alte Lieblichkeit der Heimath? Viertes Kapitel. Die Rückkehr Eduards von York. Die Stürme wehten noch immer, und Margaretha kam nicht, als in dem unfreundlichen Monat Maͤrz die Fiſcher auf dem Humber ein einzelnes Schiff ohne Flagge ſahen, welches von dem ungünſtigen Winde ſehr gelitten hatte und auf die Küſte zuſteuerte. Das Schiff war nicht von engliſcher Bauart und glich einem damaligen Kaper⸗ ſchiffe. Die Dorſbewohner von Ravenspur, deren Bucht ſich das Schiff jetzt ſchnell naͤherte, glaubten, es ſei ein Handelsſchiff in der Noth, ſtellten ſich am Ufer auf und Einig blieb i ungen eine 2 D hoher denen der au portior war. nach e Kriege daß er Land fünfhu entgang dern mi „S ans Lan und ſeir zu ſchei eine ſeht Sonne nd, ehe Win uft der en un⸗ dern— War⸗ t mehr nde für welche Wache Ferne, War⸗ ielten. ath? aretha erz die Klagge elitten nicht kaper⸗ Bucht ei ein f und 207 Einige fuhren mit ihren Böͤten ans. Aber bas Schiff blieb in ſeiner Richtung, und da das Waſſer bei der Flut ungewöhnlich tief war, ſo legte es ſich an der Küſte nur eine Viertelmeile von der Menge vor Anker. Der Erſte, der ans Ufer ſprang, war ein Ritter von hoher Geſtalt und in vollſtändiger Rüſtung, die mit gol⸗ denen Arabesken verziert war. Ihm folgte ein Anderer, der auch gerüſtet, und obgleich wohl gebaut und pro⸗ portionirt, doch von weniger gebieteriſchem Anſehen war. Und dann brachte der dunkle Schooß des Schiffes nach einander eine viel größere Anzahl von bewaffneten Kriegern zum Vorſchein, als man hätte erwarten ſollen, daß er enthalten könne, bis der Ritter, der zuerſt ans Land geſtiegen war, in der Mitte einer Gruppe von fünfhundert Mann ſtand. Dann wurden, geſattelt und gezäumt, etwa hundert Pferde vom Schiffe herunter⸗ gelaſſen und endlich kamen die Matroſen und Ruderer, die nur mit Stahlhauben und kurzen Schwertern be⸗ waffnet waren, ans Uſer, bis kein Mann mehr an Bord des Schiffes war. „Nun ſei Gott und der heilige Georg geprieſen,“ ſagte der Anführer der Krieger,„daß wir dem Waſſer entgangen find und nicht mit unſſchtbaren Händen, ſon⸗ dern mit koͤrperlichen Feinden zu kämpfen haben.“ „Sire,“ rief der Ritter, der gleich nach dem Erſten ans Land geſtiegen war, und der nach ſeinem Benehmen und ſeiner Räſtung zu urtheilen, von höherem Range zu ſchein ſchien, als die Folgenden—„Sire, dies iſt eine ſehr kleine Armee, um ein Koͤnigreich wieder zu er⸗ 1 208 obern! Gebe der Himmel, daß unſere küßnen Gefährte auch der Tiefe entgangen find!“ „Wahrlich, wir koͤnnen keinen einzigen Mann ent⸗ behren,“ ſagte der Anfüͤhrer heiter;„aber ſeht nur, don kommt man ſchon, um uns willkommen zu heißen.“ Un) er deutete auf die Menge der Dorfbewohner, die ſich langſam der kriegeriſchen Gruppe näherten, aber i einiger Entfernung ſtehen blieben und ſte mit einige Unruhe und Angſtlichkeit anſahen. „He da! gute Leute!“ rief der Anführer, auf zie Menge zuſchreitend—„wie nennt Ihr dieſes Dorf?¹ „Ravenspur, Euer Gnaden zu dienen,“ antwortete Einer von den Landleuten. „Ravenspur— hört Ihr das, Lords und Freunde⸗ Ich nehme die glüͤckliche Vorbedeutung an! Ans her Verbannung kommend, landete an dieſer Stelle Hein⸗ rich von Bolingbroke, ſpäter in unſern Annalen alz Koͤnig Heinrich der Vierte bekannt! Der Boden iſt frei von Getreide und Bäumen— er verachtet geringen Früchte; er trägt Könige! Horch!“— Man hoͤrte in geringer Entfernung den Ton eines Hornes und in wenigen Augenblicken ſah man einen Trupp von eiw hundert Mann ſich uͤber den wellenförmigen Bohen er⸗ heben, und als die beiden Abiheilungen einander erkann⸗ ten, wurde ein Freudengeſchrei erhoben und erwidett, Als dieſe neue Verſtärkang anrückte, näherten ſih die Landleute und Fiſcher, von Neugierde herbeigezogen und durch das friedliche Benehmen der Fremden ermn⸗ thigt, und miſchten ſich unter die, welche zuerſt gekommn waren. „T ftagte Herkun ein klei Die da der ſeinen ihm ſta jeichnet Stimme hieher, ſcheint: entfalte Sonne „Marſe Tag, d „E „dies fi der Ihr wollt?⸗ „Au „Seht( den Vie Die luſtig vo jetzt die Antwort ſich raſch harte De Gefährien Nann ent⸗ nur, dort ben.“ Unh „ die ſih aber in nit einiger „ auf die 3Dorf 7¹ ntwortett Freunde⸗ Aus der lle Hein⸗ nalen alt en iſt frel geringere höoͤrte in und in von eiwa Zoden er⸗ eerkann⸗ erwidett. erten ſich eigezogen en erun⸗ ekommen 209 „Was ſeid Ihr fuͤr Männer und was wollt Ihr?“ ftagte Einer von den Umſtehenden, der von beſſerer Herkunft als die Übrigen zu ſein ſchien und in der That ein kleiner Freiſaſſe war. Die ihm zunächſt ſtanden, antworteten nicht, aber da der Anführer die Frage hörte, ſchnallte er plötzlich ſeinen Helm ab, gab ihn Einem von denen, die neben ihm ſtanden, zeigte der Menge ein Geſicht von ausge⸗ zeichneter Schönheit und Majeſtät und ſagte mit lauter Stimme:„Wir find Engländer wie Ihr und kommen hieher, um unſere Rechte in Anſpruch zu nehmen Ihr ſcheint wackere und rebliche Leute zu ſein. Fahnenträger, entfalte unſere Fahne!⸗ Und als die Fahne plötzlich eine Sonne in hlauem Felde zeigte, fuhr der Anführer fort: „Marſchirt unter dieſem Banner und Ihr ſollt für jeden Tag, den Ihr mir dient, einen monatlichen Sold haben.“ „Eil“ ſagte der Freiſaſſe mit argwoͤhniſchem Blicke, dies find hohe Worte. Und wer ſeid Ihr, Herr Ritter, der Ihr in König Heinrichs Reiche Soldaten anwerhen wollt?⸗ „Auf Eure Kniee, Leute!“ rief der zweite Ritter. „Seht Euren wahren Lehnsherrn und Koͤnig, Eduatd den Vierten! Lange lehe König Eduard!“ Die Soldaten ſetzten den Ruf fort, und er wurde laſtig von der kleineren Abtheilung wiederholt, welche jett die Stelle erreichte; aber die Landleute gaben keine Antwort. Sie ſahen einander erſchrocken an und zogen ſich raſch von den Truppen zurück. Der ganze benach⸗ harte Diſtrikt war Warwick ergeben, und viele von den andleuten in der Umgegend hatten an dem fruͤhern Bulwer, Barone, III. 14 210 Aufſtande unter Sir John Coniers Theil genommen. Der Freiſaſſe allein zog ſich nicht mit den Übrigen zu⸗ rück, er war ein hiederer, einfacher, kähner Maunn, ut gutem engliſchem Blut in den Adern, und als das Rufen aufhörte, ſagte er kurz:„Wir in dieſer Gegend erkennen keinen andern König an, als Koͤnig Heinrich. Wir fürchten, Ihr wollt uns täuſchen. Wir können nicht glauben, daß ein ſo großer Herr, wie der, den Jhr Eduard den Vierten nennt, mit einer Hand voll Sol⸗ daten landen würden, um den Armeen des Lord War⸗ wick zu begegnen. Wir warnen Euch, in Euer Schif zurückzugehen und Euch ſo raſch, wie Ihr kamt, wieder zu entfernen, denn England iſt der Fehden und Sirei⸗ tigkeiten überdrüſſig, und was Ihr vorhabt, iſt Ver⸗ rätherei!* Aus der neuen Abtheilung trat ein Züngling ven kleiner Geſtalt hervor, der nicht gerüſtet war und deſſen prächtige Kleidung vom Wetter ſehr gelitten hatte. Er legte ſeine Hand auf die Schulter des Freiſaſſen und ſagte:„Redlicher und aufrichtiger Mann, Ihr habt Recht: Verzeihet den thörichten Ausbruch dieſer kapfern Leute, die es nicht vergeſſen können, daß ihr Aufuͤhrer eine Krone getragen. Wir kommen nicht zurück, un dieſes Königreich zu beunruhigen, oder etwas gegen Heinrich zu unternehmen, den die Heiligen begünftigt haben. Nein, beim heiligen Paulus, wir kommen nur, um unſere Ländereien in Anſpruch zu nehmen, die man uns mit Unrecht genommen. Mein edler Bruber hier iſt nicht König von England, da das Volk es nicht wil, ſondern er iſt Herzog von York und er wird mit den Titel ¹ ihm hit weiter Jahre Jugend Richart So ber „N ſeines! lichkeit Richart erhalte ſür uns Gerecht teich, Nehmt mit G Landleu „T ſchwätz flüſterte nach de herr; ie Schiffen „D liegen l nommen. rigen zu⸗ aun, mit s Rufen er kensen h. Wir en nicht den Iht oll Sol⸗ d War⸗ r Schiff „ wieder d Sirei⸗ iſt Ver⸗ ing von d deſſen tte. Er ſen und hr habt tapfern laführer ück, um gegeu günſtigt ten nur, die man der hier cht will, nit dem 211 Titel und den Ländern zufrieden ſein, die unſer Vater ihm hinterließ. Ich, Richard von Glonceſter, verlange weiter nichts, als die Erlaubniß, meine männlichen Jahre in dem Lande zubringen zu dürfen, wo ich meine Jgugend unter den Augen meines berühmten Pathen, Nichard Nevile, Grafen von Warwick zugebracht habe. So berichtet von uns. Wohin führt jener Weg?“ „Nach York,“ ſagte der Freiſaſſe, der ungeachtet ſeines beſſern Urtheils durch die unwiderſtehliche Lieb⸗ lickkeit der Stimme beſänſtigt wurde, die ihn anredete. „Dorthin wollen wir mit Eurer Erlaubniß gehen, mein gnädiger Herzog und Bruder,“ ſagte Prinz Richard,„und zwar friedlich und als Biltende. Gott erhalte Euch, meine Freunde und Landsleute! Betet für uns, daß König Heinrich und das Parlament uns Gerechtigkeit anthun mögen. Wir ſind jetzt nicht allzu reich, aber vielleicht kommen beſſere Zeiten für uns. Nehmt dieſes Geſchenk!“ Hlerauf füllte er beide Hände mit Geld aus ſeiner Taſche und warf es unter die Landleute. „Tauſend Donner! Was ſoll dieſes demüthige Ge⸗ ſchwätz von König Heinrich und dem Parlament?“ flüſterte Eduard dem Lord Say zu, während die Menge nach dem Gelde griff und Richard ſich lächelnd unter ſie miſchte und ſich mit dem Freiſaſſen unterredete. „Laßt ihn nur machen, ich bitte Euch, mein Lehns⸗ herr; ich errathe ſeine weiſe Abſicht, und nun zu unſern Schiffen. Welche Befehle habt Ihr für den Kapitän?“ „Die andern Schiffe mögen abſegeln oder vor Anker liegen bleihen, wie ſie wollen. Aber für die Barke, die 212 Ebuard, König von England in das Laud ſeiner Vor⸗ fahrer getragen, iſt keine Rücktehr! ⸗ Der königliche Abenteurer winkte bann bem nieder⸗ ländiſchen Schiffer, der mit allen Matroſen ans Land gekommen war, und deren weite Kleider einen ſeltſamen Contraſt zu der Rüſtung der Krieger bildeten, unter die ſie ſich miſchten. „Freund,“ ſagte Eduard in franzöfiſcher Sprache, „Du haſt geſagt, Du wolleſt mein Gläck theilen und Deinen guten Leuten fehle es eben ſo wenig an Muth und Vertrauen.“ „So iſt es Sire. Kein Mann, der in Euer Geſicht geblickt und Eure Stimme gehört, kann umhin, zu wün⸗ ſchen, einem Mann zu dienen, auf deſſen Stirn die Natur das Wort König geſchrieben hat.“ „Und glaubt mir“ ſagte Ebuard,„kein Prinz von königlichem Blut ſoll mir theurer ſein als Ihr und die Eurigen, meine Freunde in Gefahr und Noth. Und da es ſo iſt, ſo ſoll das Schiff, welches ſolche Herzen und ſolche Hoffnungen getragen, keine gemeinere Fracht führen. Iſt Alles bereit?* „Alles, Sire, wie Ihr befohlen habt. Die Zünd⸗ ruthe iſt gelegt.“ „Auf denn mit dem feurigen Signal, und möge es von Klippe zu Klippe, von Stadt zu Stabt verkünden, daß Eduard Plantagenet, einmal nach England zurück⸗ gekehrt, es nur mit ſeinem Tode verlaͤßt.* Der Schiffskapitän verbengte ſich und lichelte grimmig. Die Matroſen, die auf das Verbrennen des Schiffes vorbereitet waren und deren ſorgloſe Herzen Eduarb ihrem. davon mn Edu „B führte, landete, Richard wolle ſe ſchen w Agenten Mit zw mit zeh Indem Leute, ich den theilen. glücklich Prinzen eine bre fiel in t Kracher Flamme loderte, die Küſt auf den er Vor⸗ nieder⸗ 1s Land ltſamen tter die prache, en und Muth Geſicht wün⸗ rn die nz von ind die Ind da en und Fracht Zänd⸗ zge es inden, urück⸗ ichelte en des Herzen 213 öduarb für ſich und ſeine Sache gewonnen hatte, folgten ihrem Herrn zu dem Schiffe. Die Soldaten, die nichts zavon wußten, ſahen müßig zu und Richard irat jetzt an Eduards Seite. „Bedenkt“ ſagte er, indem er ihn auf die Seite führte,„als Heinrich von Bolinbroke an dieſer Stelle landete, machte er nicht kund, daß er gegen den Thron Richard des Zweiten marſchirte. Er behauptete nur, er wolle ſein Herzogthum wieder erlangen und die Men⸗ ſchen wurden von Gerechtigkeit beſtimmt, bis ſie die Agenten des Ehrgeizes wurden. Dies ſei Eure Politik: Mit zweitauſend Mann ſeid Ihr nur Herzog von York; mit zehntauſend Mann ſeid Ihr König von England! Indem ich hierher marſchirte, begegneten mir manche Leute, und indem ich ihre Stimmung erforſchte, fand ich den Diſtrikt noch nicht reif, um Eure Gefahr zu theilen.— Die Welt reift aber bald, wenn ſie den glücklichen Erfolg zu begrüßen hat!“ „O glattes Knabengeſicht!— O tiefer Verſtand eines alten Mannes!“ ſagte Eduard bewundernd— „welch einen König hätteſt Du abgegeben!“ Ein plötzliches Erröthen verbreitete ſich über des Prinzen bleiche Wange und ehe es verſchwand, wurde eine brennende Fackel hoch in die Luft geſchleudert— ſie fiel in das Schiff— ein Augenblick und dann ein lautes Krachen— ein Augenblick und dann eine mächtige Flamme und das Feuer, welches von dem Verdecke auf⸗ loherte, ergriff die Segel und das Tauwerk. Es röthete die Küſte und den Himmel weit und ſern— es ſchimmerte anf den Geſichtern und den ſtählernen Rüſtungen der 214 kleinen Armee— es wurde meilenweit von den Wächtern auf dem mit Lanecaſters Truppen beſetzten Schlöſſern geſehen— es brachte manches Roß aus dem Stall und den Courier in den Sattel— es verbreitete ſich gleich dem Feuerzeichen, welches Clytemneſtra die Rückkehr des Königs von Argos verkündigte. Von Poſten zu Poſten verbreitete ſich die feurige Nachricht, bis ſie zu War⸗ wick in ſeiner Halle, zu König Heinrich in ſeinem Pa⸗ laſte, zu Eliſabeth in ihrer Freiſtätte gelangte. Der eiſerne Schritt des unerſchrockenen Eduard betrat wieder den engliſchen Boden. Fünftes Kapitel. Plantagenets Marſch. Wenige Worte mögen hinreichen, die eben berichtete Ankunft zu erklären. Obgleich der Herzog von Burgund durch eine öffentliche Proklamation ſeinen Uaterthanen verboten hatte, den verbannten Eduard zu unterſtützen, ſo gab er doch, entweder durch die Bitten ſeiner Ge⸗ mahlin bewegt, oder von den Vorſtellungen ſeints Schwagers ermüdet, dem entthronten Monarchen end⸗ lich 50,000 Gulben, um ſich dafür ſelber Truppen zu verſchaffen und miethete insgeheim niederländiſche Schiffe, um ihn nach England zu fahren. Aber ſo klein war die Macht, welcher der kühne Eduard ſein Glück anvertraute, daß es faſt ſchien, als ſende ihn Burgund ſeinem Uater⸗ gange entgegen. Er ſegelte ab; die Winde, wenn gleich weniger unbändig als die, welche an der Küſte wehten, beſonn die gat lich we theilur riſche Gunſt ter wu um de kehrte und„ und „Lang Rathe anerke ächtern blöſſern all und gleich ehr des Poſten War⸗ em Pa⸗ Der wieder ichtete ergund hanen ützen, r Ge⸗ ſeines end⸗ een zu chiffe, ar die raute, nter⸗ gleich ehten, 215 wo Margaretha auf einen günſtigen Wind wartete, wo⸗ ten boch immer ungänßtig. Von der Küſte von Norfolk zurch Wa wicks und Oxfords Wachſamkeit vertrieben, welche dieſen Diſtrikt mit Bewaffneten angefüllt hatten, trug ihn der Sturm endlich zu der Mündung des Hum⸗ her, wo wir ihn haben landen ſehen und von wo wir ſeinen Schritten folgen wollen. Die kleine Schaar trat ihren Marſch an und machte Abends in einem kleinen Dorfe, zwei Meilen landein⸗ wärts, Halt. Dann wurden Einige von den Leuten zu Pferde ausgeſchickt, um Nachrichten von den andern Schiffen zu erlangen, welche die übrigen Truppen führten. Dieſe hatten an verſchiedenen Plätzen ihre Lan⸗ zung bewerkſtelligt und vor Tagesanbruch vereinigten ſich Anton Woohville und die übrigen Truppen mit dem Anführer eines Unternehmens, welches nur aus der Un⸗ heſonnenheit der Verzweiflung hervorzugehen ſchien, denn die ganze Macht betrug nur etwa 2000 Mann. Angſt⸗ lich war die Berathung, die man jetzt hielt. Jede Ab⸗ theilung erſtattete einen gleichen Bericht üͤber die mür⸗ riſche Gleichgültigkeit der Bevölkerung, welche Alle zu Gunſten Eduards hatten aufzuregen geſucht. Leichte Rei⸗ ter wurden nach verſchiedenen Richtungen ausgeſendet, um die Nachbarſchaft noch weiter zu erforſchen. Alle kehrten vor Mittag zurück, Einige von den Steinwürfen und Knitteln der Bauern gemißhandelt und verwundet und keine einzige Stimme hatte den Ruf wiederholt: „Lange lebe König Eduard!“ Die tiefe Klugheit des Rathes, den Glonceſter gegeben, wurde jetzt allgemein anerkannt. Richard ſchickte einen geheimen Brief an 216 Clarence ab, und es wurbe beſchloſſen, ſogleich nach Pork zu gehen und überall auf dem Wege bekannt zu machen, daß der Flüchtling nur zurückgekehrt ſei, um ſeine Priyat⸗ erbſchaft in Anſpruch zu nehmen und dem Parlamente Vorſtellungen zu machen, welches das Herzogthum York ſeinem jüngern Bruder Clarence zugetheilt hatte. „Eine ſolche Macht,“ ſagt der Chroniſt,„übt die Gerechtigkeit ſtets auf die Menſchen, daß alle, von Mit⸗ leid bewegt, begannen, ihn entweder zu begünſtigen oder ſich ihm nicht zu widerſetzen.“ Und ſo, die Straußfeder, das Abzeichen des lancaſtriſchen Prinzen von Wales tragend und rufend, während ſie marſchirten:„Es lebe König Heinrich!“ kamen dieſe verhärteten Lügner vier Tage nach ihrer Landung vor den Thoren von York an. Hier wurde Eduard erſt nach langer Verhandlung und Zögerung als Herzog von York und unter der Be⸗ dingung eingelaſſen, daß er ſchwören wolle, ein getreuer und ergebener Diener König Heinrichs zu ſein. An dem Thor, durch welches er eintrat, leiſtete Eduard wirklich dieſen Eid und empfing von einem Prieſter den geweihten Leih des Erlöſers! Ebuard verweilte nicht lange in York, ſondern drang weiter vor. Zwei große Edelleute bewachten dieſe Di⸗ firikte: Montagu und der Graf von Northumberland, dem Eduard ſeine Beſitzungen und Titel wiedergegeben hatte, und der unter der Bedingung, ſie zu behalten, in den Dienſt Lancaſters getreten war. Dieſer Letztere, ein wahrer Diener der Zeit, der es mit allen Parteien ge⸗ halten hatte, hielt es jetzt für gerathen, neutral zu hlei⸗ ben. Aher Eduard mußte innerhalb weniger Meilen von c York nachen, Privat⸗ amente n York übt die Mit⸗ n oder feder, Wales s lebe vier kk an. dlung Be⸗ treuer dem rklich ihten rang Di⸗ and, eben , in „ein ge⸗ Hlei⸗ von 217 dem Schloſſe Pontefraet vorüher, worin Montagu mit einer Macht lag, die ihn auf einen Schlag vernichten konnte. Eduard war auf den Angriff vorbereitet, hoffte aber den Marquis zu täuſchen, wie er die Buͤrger von York getäuſcht hatte; um ſo mehr wegen der perſönlichen Liebe, die Montagu ſiets für ihn gehegt hatte. Wenn nicht, ſo war er vorbereitet, lieber auf dem Schlachtfelde zu ſterben, als wieder das hittere Brod der Verbannung zu eſſen. Aber zu ſeiner unbegreiflichen Freude und ſei⸗ nem Erſtaunen blieb Montagu ebenſo unthätig, wie Northumberland. Eduard und ſein kleiner Trupp über⸗ ſchritten ſicher den gefährlichen Jaß. Ach! Montagn hatte an dem Tage von dem Herzoge von Clarenee, als Mitprotektor des Reichs, den ansbdrücklichen Befehl er⸗ halten, Eduard vorübermarſchiren zu laſſen, wenn ſeine Macht klein ſei, wenn er Heinrich den Huldigungseid geleiſtet habe und nur auf den Titel des Herzogs von York Anſpruch mache,„denn Euer Bruder, der Graf, empfindet Gewiſſensbiſſe,“ hieß es weiter,„und möchte gern das Geſchehene vergeſſen um meines Vaters willen, und durch Eduards freiwillige Verzichtleiſtung auf den Thron alle Parteien vereinen— auf alle Fälle bin ich auf dem Marſche in die noͤrdlichen Provinzen und Ihr werdet nicht eher fechten als bis ich komme.“ Der Mar⸗ quis, der die Gewiſſensſerupel Warwicks kannte, der kein Recht hatte, dem Mitprotektor ungehorſam zu ſein, der keinen Grund kannte, gegen Lord Warwicks Schwie⸗ gerſohn Verdacht zu hegen und der überdies nicht begie⸗ rig war, Eduard den Untergang zu bereiten, den er einſt wahrhaft geliebt hatte— obgleich er ſich ein wenig üͤber 218 War wicks Milbe wunderte, mißtraute dem Brieſe nicht und hielt den freien Durchgang der zusückgekehrten Ver⸗ bannten bei ihrer geringen Anzahl fuͤr unbedeutend, um ſo mehr, da Eduard, wenn der Graf ſeine Abſicht äͤn⸗ derte, jetzt noch mehr in ſeiner Gewalt war, je weiter er unter einer feindlichen Bevölkerung vorrückte und ſich den Armeen näherte, welche die Lords Oxrford und Exeter bereits muſterten. Aber dieſer freie Durchgang war fuͤr Eduard Alles! Man mußte jetzt glanben, daß Montagu und Northum⸗ berland ſein Unternehmen begünſtigten; daß das Wag⸗ niß weniger unbeſonnen und hoffaungslos ſei, als es ge⸗ ſchienen; daß Eduard darauf rechnete, ſeine mächtigſten Verbündeten unter denen zu finden, die man fälſchlich für ſeine Feinde gehalten. Die Beliebtheit, die Eduand auf dem Marſche nach Middleham bei den Anführern von Warwickhs eigenen Truppen erlangt hatte, kam ihm jetzt zu Nutze. Viele von tenſelben wohnten in den Diſtrikten, durch die er jetzt kam. Sie vereinigten ſich nicht mit ihm, aber ſie widerſetzten ſich auch nicht. Dann drängten ſich zu der„Sonne von York“ zuerſt die Abenteurer, denen in einem Bürgerkriege jede Partei gleich iſt, wenn ſie nur gut bezahlt werden; dann kamen die Getäuſchten, die Ehrgeizigen und die Habgierigen. Die Zaudernden begannen ſich zu eniſchließen, die Neu⸗ tralen eine Partei zu ergreifen. Zuerſt öffneten Dun⸗ eaſter und Nottingham, dann Leiceſter dem handelnden Fürſten ihre Thore. Oxford und GExeter erreichten Newark mit bhren Truppen. Eduard marſchirte fogleich auf ſie los. Hin⸗ nicht Ver⸗ d, um t aͤn⸗ weiter d ſich - und llles! bum⸗ Vag⸗ 3 ge⸗ igſten chlich and hrern ihm den ſich Hann die artei men gen. teu⸗ dun⸗ nden hren din⸗ 219 ſichtlich ſeiner Macht getäuſcht, wurden ſie von einem paniſchen Schrecken ergriffen und flohen. Wenn der Feind einmal flieht, ſo erheben ſich überall Freunde wie ans dem Boden! Erbliche Anhänger— Herren, Ritter und Edle— ellten jetzt herbet und ſtellten ſich um den Abenteurer. Dann kamen Lovell, Cromwell und v'Eyn⸗ court, die York ſtets treu geweſen, und Stanley, der nie irgend einer Sache treu war. Dann kamen die tapfern Ritter Paro, Norvis und de Burgh, und nicht weniger als breitauſend Anhänger des Lord Haſtings kamen auf die Aufforderung ſeiner Couriere herbei und vereinigten ſich zu Leiceſter mit ihrem Anführer. Eduard von March, der zu Ravenspur mit einer handvoll Abenteurer gelandet war, ſah jetzt eine könig⸗ liche Armee unter ſeinem Banner. Dann warf der kuhne Meineidige die Maske ab und erließ nicht die Bitte des geächteten Herzegs von York, ſondern die Proklamation des unwilligen Königs. England hatte jetzt zwei Monar⸗ chen, deren Armeen einander gleich waren. Es handelte ſich nicht mehr um die Unterdrückung einer Rebellion, ſondern um die Entſcheidung für eine Dynaſtie. * Sechstes Kapitel. Lord Warwick mit dem Feinde im Felde und dem Verräther an ſeinem Herde. Jede Vorkehrung, welche die menſchliche Weisheit nur erdenken konnte, hatte Lord Warwick getroffen, um ſich vor einem Einfalle zu ſchützen oder ihn gleich beim 220 Beginn zu unterdrücken. Alle Küſten waren ſorgfältig bewacht, wo es wahrſcheinlich war, daß Eduard landen werde. Und wenn der Humber ohne regelmaͤßige Truppen geblieben war, ſo war es, weil man dieſen Platz für den unwahrſcheinlichſten hielt, wenn ihn nicht das Schick⸗ ſal ſeinem Untergange entgegen in die Mitte einer abge⸗ neigten Bevölkerung und gerade auf die Armeen Nor⸗ thumberlands und Montagu's zuführte. In dem Augen⸗ blick, wo der Graf von der Aufnahme Eduards in York hörte— weit entfernt von der Schwäche, die der falſche Clarence ihm zugeſchrieben, und welcher ſchon in Corre⸗ ſpondenz mit Glouceſter war— ſchickte er durch Mar⸗ maduke Nevile an Montagu den ansdrücklichen Befehl ab, Eduard in ſeinem Marſche aufzuhalten und mit ihm zu kämpfen, ehe er weiter in das Innere der Inſel vor⸗ rücken könne. Wir werden ſogleich erklären, wie es kam, daß dieſer Bote nicht zu dem Marquis gelangte. Aber Clarence war ihm in ſeinen Nachrichten und ſeinen Maß⸗ regeln um einige Stunden voraus. Als der Graf dann hörte, daß Eduard ungeſtraft an Pontefract vorüber marſchirt ſei und Doneaſter er⸗ erreicht habe, eilte er zuerſt nach London, um ſich zu ſeiner Vertheidigung zu rüſten, übergab Heinrich der Sorgfalt des Erzbiſchofs von York, muſterts eine Macht, die bereits in der Nähe der Hauptſtadt einquartirt war und marſchirte dann raſch nach Coventty zurück, wo er Clarence mit ſiebentauſend Mann zurückgelaſſen, wäh⸗ rend er neue Boten an Montagu und Northumberland ſchickte, den Erſteren wegen ſeines Zauderns ſchwer tadelte und ihm befahl, in aller Eile abzumarſchiren und ſeinen und 1 ſehr laſſen ruhige den§ an R endlie zu ver 221 Eduard im Rücken anzugreifen. Ungeachtet der Thätig⸗ keit, Beſtimmtheit und Fürſorge wurden ſeine weiſeſten Pläne durch die Fehler, das Schwanken und die Ver⸗ rätherei Anderer vereitelt. Ungeachtet des mürriſchen Weſens des Herzogs von Clarence hatte doch War⸗ wick bis jetzt noch keinen Grund eniheckt, ſeine Treue zu bezweifeln. Der Eid, den er nicht nur Heinrich in London, ſondern auch Warwick in Amboiſe geleiſtet, war der ſtärkſte geweſen, wodurch der Menſch nur den Men⸗ ſceen binden kann. Wenn der Herzog nicht Alles ge⸗ wonnen hatte, was er gehofft, ſo hatte er doch viel zu verlieren und viel zu fürchten, wenn er Warwick verließ. Er war ſehr laut in kuͤhnen Betheuerungen geweſen, als er von der Invaſton gehört, und vor allen Dingen haite Iſabella, deren derzeitigen Einfluß auf Clarence der Graf überſchätzte, bei der Nachricht von einer ſo drohenden Gefahr für ihren Vater all ihr Mißvergnügen vergeſſen und alle ihre Zärtlichkeit wieder erlangt. Während Warwicks kurzer Abweſenheit hatte ſich Jiabella in der That aufs Außerſte bemüht, ihr früheres Unrecht wieder gut zu machen und Clarence zu bewegen, ſeinem Elde treu zu ſein. Obgleich ihre Unbeſtändigkeit und Unentſchloſſenheit ihren Einfluß bei dem Herzoge ſehr geſchwächt hatten— denn Naturen wie die ſeine laſſen ſich nur durch das Üübergewicht eines feſten und ruhigen Willens beherrſchen— ſo gelang es ihr doch, den Herzog ſo weit zu bringen, einen geheimen Courier an Richard abzuſchicken und ihm zu melden, daß er ſich enblich entſchloſſen habe, ſeinen Schwiegervater nicht zu verlaſſen. 222 Dieſer Brief gelangte zu Glonceſter, als die an⸗ rückende Macht auf bem Marſche nach Coventry war, vor deſſen ſtarken Mauern der Herzeg von Clarenece ſein Lager aufgeſchlagen hatte. Nach einigem ſtillen Nach⸗ denken winkte Richard ſeinen Vertrauten, Catesby, zu ſich. „Marmaduke Nevile, den unſere Kundſchafter auf dem Wege nach Pontefract ergriffen, iſt ſicher und folgt hintennach?“ „Ja, Mylord, die Gefangenen beläſtigen uns nur; ſoll ich dem Profos den Befehl ertheilen, ſeine Gefan⸗ genſchaft zu beenden?“ „Stets bereit, Catesby!“ ſagte der Herzog mit bitterem Lächeln.„Nein, hört, Clarence ſchwankt. Wenn er Warwick treu bleibt und die beiden Armeen ehrlich mit einander kämpfen, ſo ſind wir verloren; anderer⸗ ſeits, wenn Clarence zu uns kommt, ſo wird er nicht nur alle Leute mitbringen, die er commandirt, und welche alle aus der Grafſchaft York ſind und ſich daßer leicht von ihrem eigentlichen Anführer abwendig machen laſſen, ſondern er wird auch ein Beiſpiel geben, welches großes Mißtrauen und Schrecken unter dem Feinde ver⸗ breiten und unſern Leuten die Hoffnung gewähren wird, daß noch neue Deſertionen ſattfinden werden, die uns die Hauptſtadt öffnen. Aber Clarenee ſchwankt, ſage ich; ſeht, hier iſt ſein Brief von Amboiſe an König Eduard; ſeht, ſeine Gemahlin, Warwicks eigene Tochter, billigt das Verſprechen, welches der Brief enthaͤlt. Wenn dieſer Brief Warwick erreicht und Clarence weiß, daß er in ſeinen Händen iſt, ſo wird er keine andere Wahl haben, als ſich uns anzuſchließen. Er wirh nicht wagen, war, e ſein Nach⸗ ſich. r auf folgt nur; efan⸗ mit Venn örlich erer⸗ nicht und aher ichen lches ver⸗ eird, uns ſage önig dter, zenn ß er Jahl dem Grafen wieder vor Augen zu treten, wenn ſein, Eduard gegebenes Verſprechen bekannt iſt. „Sehr wahr; eine wahrhaft juriſtiſche Spitzfindig⸗ keit, Mylord,“ fagie her rechtskundige Catesby bewun⸗ dernd. „Ihr könnt uns hierin dienen. Geht zurück, ſucht Sir Marmaduke auf, ſtellt Euch, als wenn Ihr Aniheil an ihm nähmet und es mit dem Grafen haltet; ſtellt Euch, als wünſchet Ihr in freundſchaftliche Verhältniſſe mit Warwick zu treten; ſtellt Euch, als wollt Ihr uns verrathen und als habet Ihr dieſen Brief geſtohlen. Gebt ihn dem jungen Nevile, bewirkt ſeine Flucht, als ge⸗ ſchehe es gegen unſer Wiſſen, und ſagt ihm, er ſoll keine Stunde— keinen Augenblick verlieren, zu dem Grafen zu kommen und ihm eine ſo wichtige Warnung von der beab⸗ fichtigten Verrätherei ſeines Schwiegerſohnes zu geben.“ „Ich will Alles thun; aber wie wird der Herzog zur rechten Zeit erfahren, daß der Brief auf dem Wege nach Warwick iſt?⸗* „Ich will den Herzog ſelber in ſeinem Zelte be⸗ ſuchen.“ „Und wie ſoll ich Sir Marmahuke's Flucht bewerk⸗ ſtelligen?“ „Schickt den Offizier hieher, der den Gefangenen bewacht; ich will ihm den Befehl ertheilen, Euch in allen Dingen zu gehorchen.“ Die Armee marſchirte weiter. Der Graf hatte in⸗ deſſen die Stadt Warwick erreicht— er war dorthin geeilt, um ſich in die ſtärkeren Feſlungswerke des nahen Coventry zu werfen, vor deſſen Mauern Clarence noch 224 in ſeiner Verſchanzung lag; Ebuard rückte auf die Stadt Warwick an, die von Vertheibigern entblößt war, und Richard ritt in der Nacht allein in Clarence's Lager. Am nächſten Tage war der Graf beſchäftigt, ſeinen Lieutenants Befehle zu ertheilen, weiter zu marſchiren, um ſich mit den Truppen ſeines Schwiegerſohnes zu ver⸗ einen, die eine Meile weit von den Mauern enifernt ſtanden, und auf Eduard anzurücken, der an dem Mor⸗ gen Warwick verloſſen hatte, als plötzlich Sir Mar⸗ maduke Nevile zu ihm geeilt kam, athemlos die Worte hervorbrachte:„Nehmt Euch in Acht, Mylord!“ und den unheilvollen Brief ſeinen Händen üͤbergab, den Clarence von Amboiſe abgeſchickt hatte. Nie erhielt das Herz eines Menſchen einen ſchwe⸗ reren Schlag! Clarenee's Treuloſigkeit ließ ſich noch mit Verachtung verſchmerzen— aber die letzten Zeilen, welche die Treuloſigkeit einer Tochter beſtätigten— welche Worte können die Qual eines Vaters ausdruͤcken? Der Brief fiel ihm aus der Hand, eine Betäubung bemächtigte ſich ſeiner Sinne, und ehe er ſich wieder erholt hatte, eilten bleiche Männer herbei, um ihm zu ſagen, wie unter freudigen Trompetentönen und mit fllegenden Fahnen Richard von Glonceſter den Herzog von Clarence zu der brüderlichen Umarmung Eduards geführt habe. Sich von dieſen Unglücksboten abwendend, beren Nachrichten ihn jetzt nicht mehr überraſchen konnten, eilte der Graf in das Zimmer ſeiner Tochter. Er übergab den Brief ihren Händen, ſchlug ſeine Stadt e, und ger. ſeinen chiren, zu ver⸗ nfernt Mor⸗ Mar⸗ Worte a und , den ſchwe⸗ noch eilen, en— icken? ibung vieder ihm dmit erzog tards beren nten, ſeine 225 Arme über einander und ſagte:„Was ſagſt Du hazu, Iſabella von Clarence?⸗ Der Schrecken, die Scham, die Reue, die ſich der unglücklichen Dame bemächtigten— dieleichen Lippen— der unterdrückte Schrei— die augenblickliche Erſtarrung, worauf ſie zu ihres Vaters Füßen ſiel und ſeine Kniee umfaßte, ſagten dem Grafen, wenn er vorher noch ge⸗ weifelt hatte, daß der Brief nicht log, daß Iſabella um den Inhalt gewußt und ihn gebilligt habe. Er ſah ſie, wie ſie zu ſeinen Füßen lag, mit einem Blicke an, dem ihre Augen wohl ausweichen mochten. „Verflucht mich nicht— verflucht mich nicht!“— rief Iſabella, ſelbſt durch ſein Schweigen erſchreckt.„Es war nur ein karzer Wahnſtnn. Böſe Rathſchläge— boͤſe Leidenſchaften! Mein Sohn, der eine Krone ver⸗ loren, brachte mich zum Wahnfinn. Ich bereute— ich bereute— Clarence wird noch treu ſein. Er hat es ver⸗ ſprochen— er hat es mir geloht— hat an Glou⸗ ceſter geſchrieben und Alles zurückgenommen— Alles— 4 „Weib!— Clarenee iſt in Eduards Lager!⸗ Iſabella ſprang auf und ſtieß einen ſo wilden und verzweiflungsvollen Schrei aus, der dem zerriſſenen Herzen ihres Vaters wenigſtens den Troſt verlieh, zu glanben, daß ſie die letzte Verrätheret nicht getheilt habe. Ein ſanfterer Ausdruck— des Mitleids, wenn auch nicht der Verzeihung— verbreitete ſich über ſein dunkles Geſicht. „Ich verfluche Dich nicht,“ ſagte er,„ich mache Dir keine Vorwürfe. Deine Sünde iſt Deine Strafe geweſen. Der Verräther am häuslichen Herde Pa nichts Bulwer, Barone. III. 226 Gutes zu erwarten! Nimmer wirſt Du heilige Liebe in dem Lächeln Deines Gemahls ſehen. Sein Kuß wird dem eines Judas gleichen. Mit Entſetzen wirſt Du aus ſeinen Armen fahren— aus denen des Verräthers, ja vielleicht des Henkers Deines beleidigten Vaters! We⸗ nig Gutes hat das Kind zu erwarten, deſſen Mutter eine Treulofigkeit gegen ihren Vater beging. Wehe Dir, Weib und Mutter! Selbſt meine Verzeihung kann Dein Urtheil nicht abwenden. „Tödtet mich— tößtet mich!“ rief Iſabella auf ihn zuſpringend; als ſie aber ſein Geſicht abgewendet und ſeine Arme gefaltet ſah über ſeine Bruſt— über jene edle Bruſt, die ihr nie mehr Schutz gewähren ſollte— fiel ſie leblos auf den Boden nieder*. Der Graf ſah ſich um, ob Jemand Zeuge ſeiner * Da unſere Erzählung das fernere Schickſal der Herzogin von Clarence nicht berührt, ſo wird der Leſer verzeihen, wenn wir ihn erinnern. daß ihr Erſtgeborner, der ſeines berühmten Großvaters Titel, Graf von Warwick, führte, bei der Thron⸗ beſteigung Heinrich des Siebenten ins Gefängniß geworfen und ſpäter enthauptet wurde. Dem Rechte der Geburt nach war er der rechtmäßige Thronerbe, Die unglückliche Iſabella ſtarb jung, fünf Jahre nach dem Zeitpunkte, zu welchem unſere Er⸗ zählung jetzt gelangt iſt. Eine von ihren Dienerinnen wurde wegen der Beſchuldigung, ſie vergiftet zu haben, verhört und hingerichtet. Clarence verlor keine Zeit, ihre Stelle erſetzen zu wollen. Er hielt um die Hand Maria's von Burgund, der ein⸗ zigen Tochter und Erbin Karls des Kühnen, an. Eduards Eifer⸗ ſucht und Furcht verboten ihm, eine Verbindung zu ſchließen, die, wie Lingard bemerkt, Clarence in den Stand ſetzen konnte, die Macht Burgunds anzuwenden, und die Krone Englands zu gewinnen; und daraus entſtanden die Zwiſtigkeiten, welche mit der geheimen Ermordung des meineidigen Herzogs endeten, ſeiner erzogin wenn ihmten Thron⸗ en und var er ſtarb re Er⸗ wurde rt und zen zu r ein⸗ Eifer⸗ ießen, onnnte, ds zu ee mit 227 Schwaͤche ſei, erhob ſie ſanft in ſeinen Armen, legte ſle auf ihr Bette und neigte ſich einen Angenblick über ſie und betete zu Gott, ihr zu verzeihen. Darauf verließ er haſtig das Zimmer— ließ ihre Dienerinnen und ihre Sänfie herbei bringen und wäh⸗ rend ſie noch bewußtlos war, öffneten ſich die Thore der Stadt und die bedeckte Saͤnfte der unglücklichen Herzo⸗ gin brachte ſie zu der neuen Heimath, die ihr Gemahl hei dem Feinde ihres Vaters gefunden hatte! Der Graf beobachtete den Zug aus dem Fenſter ſeines Thurmes und ſagte bei ſich ſelber: „Ich haͤtte nicht männlich handeln koͤnnen, hätte ich ſie mir in denſelben Mauern gewußt. Jetzt will ich ſie und ihr Verbrechen anf immer vergeſſen. Die Ver⸗ rätherei hat ihr Argſtes gethan und meine Seele iſt ge⸗ ſtählt gegen alle Stürme!“ Am Abend kamen Boten von Clarenee und Ebuard, der in die Stadt Warwick zurückgekehrt war, mit Aner⸗ bietungen der Begnadigung für den Grafen— und Verſprechungen der Gunſt, der Macht und Gnade. Eduard würdigte der Graf keiner Antwort; Clarence's Boten gab er folgende:„Sagt Eurem Herrn, ich hleibe lieber immer wer ich bin, als daß ich ein falſcher und meineidiger Herzog werden ſollte; und ich ſei ent⸗ ſchloſſen, den Krieg nicht eher aufzugeben, als bis ich entweder mein eigenes Leben verloren oder meine Feinde gänzlich vernichtet habe.“ Weder ſeine noch übrigen Truppen, noch der pa⸗ niſche Schrecken unter ihnen, den des Herzogs Deſertion veranlaßt hatte, noch die mächtigen Intereſſen, die bei 228 dem Erfolge ſeiner Waffen auf dem Spiele ſtanden, noch der unwiederbringliche Vortheil, den ſelbſt eine Schlacht von zweideutigem Erfolge mit dem Grafen in Perſon Eduard geben konnte, rechtfertigten Warwick, die Erwartungen des Feindes zu erfüllen, daß ſeine Tapferkeit und ſeine Wuth ihn ſogleich zu einer unbe⸗ ſonnenen Schlacht treiben würden. Nach der eitlen Prahlerei, bis dicht vor die Mauern von Conventry zu marſchiren, rückte Eduard auf London vor. Dorthin ſchickte der Graf Marmaduke mit dem Befehle an den Erzbiſchof von York und den Lord Mayor, die Stadt nur drei Tage zu halten, dann würde er ihnen mit einer ſolchen Macht zu Hülfe kom⸗ men, die einen dauernden Triumph ſichern würde; denn ſchon eilte Montagu, begierig, ſeinen Fehler wieder gut zu machen, mit Oxrford und Exeter zu ſeinem Ban⸗ ner. Dorthin führte auch ſein Neffe Fitzhugh des Gra⸗ fen eigene Unterthanen von Midhleham; dorthin eilte Somerſet aus dem Weſten und Sir Thomas Dymoke von Lincolnſhire und der Ritter von Lytton mit ſeinen kühnen Anhängern. Der kühne Hilyard wartete nicht weit von London mit einem Heere, welches aus Frei⸗ ſaſſen und Räubern gebildet war, und unter welchem er durch ſeine rüſtige Thatkraft und Sir Sohn Coniers durch ſeine militaͤriſche Erfahrung die Disciplia aufrecht erhielten. Wenn London ſich nur ſo lange hielt, his dieſe Truppen ſich vereinigen konnten, ſo war Eduarde Untergang noch immer unvermeihlich. anden, t eine fen in rwick, ſeine unbe⸗ dr die duard naduke id den dann kom⸗ denn wieder Ban⸗ Gra⸗ eilte ymole ſeinen nicht Frei⸗ ellchem oniers ffrecht , bis uarde Zwölftes Buch. Die Schlacht bei Barnet. Erſtes Kapitel⸗ Der König in ſeiner Stadt hofft ſein Reich wieder zu erobern — Ein Weib in ihrem Zimmer fürchtet das ihre zu verlieren. Eduard und ſeine Armee erreichten St. Albans. Große Aufregung— große Freude herrſchte in der Freiſtätte von Weſtminſter! Das Jeruſalemzimmer da⸗ rin wurde von den Freunden von York zu der Halle des hohen Rathes gewählt. Große Bewegung und großer Schrecken herrſchten in der Stadt London— der furcht⸗ ſame Herr Stokton war zum Lord Mayor erwählt wor⸗ den, und in der furchtharen Verlegenheit, ob er es mit Eduard oder Heinrich halten ſolle, ſtellte ſich oder wurde der furchtſame Herr Stokton krank. Sir Thomas Cook, ein wohlhabender und einflußreicher Bürger und Mit⸗ glied des Hauſes der Gemeinen, war zu ſeinem Stell⸗ vertreter ernannt worden. Sir Thomas Cook bekam auch einen Schreck und lief davon. Die Macht der Stadt kam nun in die Hände des Syndikus Orſewike, 230 eines eifrigen Yorkiſten. Große Bewegung und große Verachtung war in den Herzen des Volks, als der Erz⸗ biſchof von York, der dadurch ihre Treue wieder bele⸗ ben wollte, daß er König Heinrich auf ein Pferd ſetzte und mit ihm durch die Straßen zog von Walbrook his zur Paulskirche; denn die Nachricht von Eduards An⸗ kunft und die plötzliche Aufregung und Erſchütterung, die dadurch in ſeinem geſchwächten Körper hervorge⸗ bracht wurden, hatten dem armen Könige einen epilep⸗ tiſchen Zufall zugezogen, denen er von Kindheit an unterworfen geweſen, und welche die Urſache ſeiner häufigen Geiſtesſchwäche waren; und gerade von einem ſolchen Anfalle wieder hergeſtellt, erregte er, als er mit leeren Augen, hohlem Geſichte und niederhängendem Kopfe als das wahre Gegenſtück zu dem kraftigen Eduard, dahinritt, bei Wenigen nur Mitleid und bei Vielen nur Gelächter. Zweitauſend Edelleute von der Partei der Yorkiſten waren in den verſchiedenen Frei⸗ ſtätten; von dem Grafen von Eſſex angeführt und un⸗ terſtützt, kamen ſie bewaffnet heraus und ſchrieen unge⸗ ſtraft durch die Straßen:„Es lebe König Eduard!* Eduards Beliebtheit in London wurde unter den Kauf⸗ leuten durch die kluge Erinnerung an die ungeheuern Schulden, die er gemacht, erhöht, und die er nur, wenn er fiegte, ſeinen guten Bürgern zuruͤckzahlen konnte. Die Weiber auch, die in ſolchen Augenblicken ſtets thätige und nützliche Parteigänger find, verließen ihre Feuerherde, um alle ſtarken Arme und muthigen Herzen für den hübſchen Liebhaber der Weiber anzu⸗ werben. Der yorkiſche Erzbiſchof von Canterbury ihat 231 ſein Möglichſtes bei den Geiſtlichen, der vorkiſche Syn⸗ dikus ſein Möglichſtes bei den Flachmützen. Alwyn, ſei⸗ nen antiritterlichen Grundſätzen treu, regte alle jungen Geſellen auf, den Handelskönig zu unterſtützen— den Begünſtiger des Handels— den Mann ſeines Zeit⸗ alters. Die Stadtobrigkeiten begannen ſich ihrer eigenen und der allgemeinen hauptſtädtiſchen Vorliebe hinzuge⸗ ben. Aber noch hatte der Erzbiſchof ſechstauſend Solda⸗ ien zu ſeiner Verfügung und London konnte noch für Warwick gerettet werden, wenn der Erzbiſchof mit Energie, Eifer und Treue handelte. Daß dies ſeine erſte Abſicht war, iſt klar aus ſeiner Aufforderung der öffentlichen Loyalität bei der Prozeſſion Königs Hein⸗ richs; doch als er bemerkte, wie wenig Wirkung dieſes Schauſpiel hervorgebracht hatte— als er wieder in den Palaſt des Biſchofs von London eintrat, und die argloſe und huͤlfloſe Puppe der ſtreitenden Parteien, nach Athem ſchnappend und kaum fähig zu ſprechen, vor ſich ſah, da wendete ſich der herzloſe Prälat um mit einem leiſen Ausruf der Verachtung:„Clarence wäre nicht uͤber⸗ gegangen,“ ſagte er bei ſich ſelber,„hätte er nicht gröͤ⸗ ßeren Vortheil bei König Eduard geſehen!“ Und daun ging er mit ſich ſelber und mit ſeinem Collegen von Canterbury zu Rathe; und während dieſer Berathungen kam Catesdy mit Botſchaften von Eduard an den Erzbiſchof an— Botſchaften voll Verſprechun⸗ gen der Zuneigung auf der einen und der Drohung auf der andern Seite. Kurz— Warwicks Becher der Bit⸗ terkeit war noch nicht gefüllt geweſen; in jener Nacht kam der Erzbiſchof mit dem Mayor von London zuſam⸗ 232 men und der Tower wurde Eduards Freunden über⸗ geben— am nächſten Tage zog Eduard mit ſeiner Armee unter dem Zuruf des Volkes ein— ritt nach der St. Paulskirche, wo der Erzbiſchof ihm entgegen kam und Heinrich wieder als Gefangenen an der Hand führte; von dort begab ſich Eduarb in die Weſtminſter⸗Ahtei und kurz nach ſeinem verruchten Meineide zu York brachte er Dankgebete für ſeinen glücklichen Erfolg dar. Die Freiſtätte gab ihre königlichen Flüchtlinge heraus, und in Freude und Pomp führte Eduard ſeine Gemahlin und ihren neugebornen Knaben, nebſt Jaequetta und ſeinen ältern Kindern, nach Baynards Schloß. Am nächſten Morgen, als am dritten Tage, mar⸗ ſchirte Warwick ſeinem Verſprechen getreu mit dem jezt zuſammengebrachten mächtigen Heer auf London zu. Die Verrätherei hatte ihr Werk gethan— die Haupi⸗ ſtadt hatte ſich ergehen und König Heinrich war wieder im Tower. In Berückſichtigung alles deſſen ſagt der Chroniſt, ſah der Graf ein, daß er die Entſcheidung einer einzigen Schlacht überlaſſen müſſe. Er machte daher zu St. Al⸗ bans Halt, um ſeine Truppen ausruhen zu laſſen und marſchirte von dort nach Barnet, ſchlug ſeine Zelte auf einer Hochebene auf, die damals die Heide von Glads⸗ moor genannt wurde, und erwartete den kommenden Feind. Auch ſchoh Eduard dieſes furchtbare Zuſammen⸗ treffen nicht lange auf. Am 11. April hatte er ſeinen Einzug in London gehalten und rüſtete ſich, es am 43. wieder zu verlaſſen. Außer der Macht, die er mit⸗ gebrach hänger der H Trupp die Al Eduar uUnterr ausgen gut m Klaſſe gemeſ dadure lichen A Stun als H der C Edua 23³ gebracht haite, erhielt er jetzt Rekruten in ſeinen An⸗ hängern aus den Freiſtätten und andern Schlupfwinkeln der Hauptſtadt, währenb London ihm einen wackern Trupp von Bogenſchützen und Pilenmännern lieferte, die Alwyn angeworben hatte und zu deren Anführer Eduard Alwyn ſelber ſehr gern ernannte— der ſeine Unterwürfigkeit bei Heinrichs Wiedereinſetzung durch ſo Die ausgezeichnete Thätigkeit für den jungen Köuig wieder „ und zut machte, deſſen Regierung er den Intereſſen ſeiner Klaſſe und dem Wohl der großen Handelsſtadt für an⸗ a und gemeſſener hielt, die ſeine Dienſte einige Jahre ſpäter dadurch belohnte, daß ſie ihn zu ihrer erſten obrigkeit⸗ mar⸗ lichen Perſon erwählte. un jetzt An demſelben Tage, am 13. April, war es, einige n zu. Stunden vor dem Abmarſche der Armee der Yorkiſten, aupt⸗ als Haſtings in den Tower trat, um Befehle hinſichtlich vieder der Entfernung des unglücklichen Heinrich zu geben, den Eduard auf ſeinem Marſche mitnehmen wollte. oniſt, Und als er dies beordert hatte und im Begriff war zigen zurückzukehren, kam Alwyn aus einem der innern Höfe t. Al⸗ hervor, näherte ſich ihm in großer Aufregung und ſagte: m und„Verzeihet mir, Mylord, wenn ich Euch in einer ſo — — = e auf ernſten Stunde an eine Perſon erinnere, die Ihr wahr⸗ lads⸗ ſcheinlich vergeſſen habt!⸗ enden„Ahl das arme Maͤdchen; aber Ihr ſagtet mir in den flüchtigen Worten, die wir bereits gewechſelt, daß nen⸗ ſte in Sicherheit und wohl iſt.“ einen„In Sicherheit— Mylord— nicht wohl. O hört am mich an! Ich gehe, um für Eure und Eures Königs mit⸗ Sache zu kämpfen. Ein Herr aus Eurem Gefolge hat 234 mir die Nachricht mitgetheilt, daß Ihr Euch im fremden Lande mit einer edlen Dame vermählt habt. Wenn das iſt, ſo mag dieſes Mädchen, welches ich ſo lauge und treu geliebt habe, Euch vergeſſen— und noch die Meine werden. O, gebt mir dieſe Hoffnung und macht mich zu einem um ſo tapferern Soldaten.“ „Aber,“ ſagte Haſtings verlegen und mit veränher⸗ tem Geſichte,„aber die Zeit draͤngt und ich weiß nicht, wo das Fränlein—* „Sie iſt hier,“ fiel Alwyn ein,„hier in dieſen Mau⸗ ern— in jenem Hofe. Ich habe ſie eben verlaſſen. Ihr, den ſie liebt, vergaßet ſie? Ich, den ſie verſchmäht, erinnerte mich ihrer. Ich ging, um nach ihrer Sicher⸗ heit zu ſehen— ihr zu rathen, für jetzt hier zu bleiben, was auch geſchehen möge, und bei jedem Worte, das ich ſprach, unterbrach ſie mich mit einem Namen— mit Eurem Namen! Verletzt und bei dem Antriebe hes Augenblicks rief ich: Er verdient dieſe Neigung nicht! Man ſagt mir, Sibylla, daß Lord Haſtings in der Ver⸗ bannung eine Gattin gefunden hat— o dieſer Blick! dieſer Schrei! Sie verſolgen mich noch. Beweist es, beweist es, Alwyn, rief ſie, und— ich unterbrach ſie: Und könntet Ihr dann noch um Eures Vaters willen mein treues Weib werden?“ „Und was antwortete ſie, Alwyn?⸗ „Nur um meines Vaters willen könnte ich daun noch leben und— ihr Schluchzen unterbrach ihre Worte, bis ſie wieder rief: Ich glaube es nicht, Ihr habt mich getäuſcht. Nur von ſeinen Lippen will ich das Urtheil hören— Geht zu ihr, mäͤnnlich und offen, wie es Euch einen 2 ſagte e bin es: geit m ſteht„ f eine S cher 2 hatten ſie we „Du 235⁵5 emden V geziemt, hoher Lord— geht! Es iſt nur ein einziger eun das SGatz, den Ihr zu ſagen habt und Euer Herz wird nur um ſo leichter und Euer Arm um ſo ſtärker ſein wegen hdieſer ehrlichen Worte.“ b Haſtings zog ſein Baret über die Stirn und ſtand anen Augenblick, wie in tiefem Nachdenken, da, dann ändet⸗ ſagte er:„Zeigt mir den Weg, Ihr habt Recht. Ich nicht, hin es ihr und Euch ſchuldig; und da morgen um dieſe Zeit meine Seele vielleicht vor dem Richterſtuhle Gottes Mau⸗ ſeht, ſo mag dieſes armen Kindes Verzeihung vielleicht eine Sünde von der großen Rechnung ftreichen.“ Zweites Kapitel. en— Scharf iſt der Kuß von des Falken Schnabel. be des Haßiings ſtand vor dem Maͤdchen, dem er ſeine Treue nicht! gelobt hatte. Sie waren allein, aber in dem nächſten Ver⸗ Zimmer konnte man das eigenthümliche Geräuſch hören, Blick! welches der Mechanismus der Eureka hervorbrachte. st es, Glücklicher und lebloſer Mechanismus, der fortarbeitet, chſie: ſich bewegt und ſtrebt, die Beſtimmung von Millionen villen zu verändern, aber weder Ohr noch Augen, weder Sinn och Herz hat— die Zugänge zu der Qual des Men⸗ ſchen! Sie hatte ſeinen Schritt auf der Treppe erkannt, ſie war ſogleich aus jener Erſtarrung erwacht, mit wel⸗ ortk, der Alwyns Worte ihr Leben und ihre Seele gefeſſelt mich hatten. Sie ſprang vorwärts, als Haſtings eintrat— theil ſie warf ſich in wahnſinniger Freude an ſeine Bruſt. „Du biſt da— dg! GEs iſt nicht wahr— nicht wahr! 236 Der Himmel ſegne Dich!— Du biſt da!“ Aber ſo plötzlich die Regung war, ſo plötzlich war auch das Zu⸗ rückweichen. Sie zog ſich zurück, ſie blickte ihm feſt ins Geſicht und ſagte:„Lord Haſtings, man ſagt mir, daß Eure Hand einer Andern gehört. Iſt es wahr? „Hoͤre mich an!“ antwortete der Edelmann.„Als ich zuerſt—⸗ „O Gott!— O Gott! Er antwortet nicht— er ſtottert. Redet! Iſt es wahr?“ „Es iſt wahr. Ich bin mit einer Andern verheirathet.“ Sibylla ſank nicht zu Boden, wurde nicht ohn⸗ mächtig und gab ſich keinem Ausbruche ſtürmiſcher Leihen⸗ ſchaft hin. Aber die blühende Farbe, welche vorher wechſelnd geweſen, verließ ihre Wange und machte, daß ſie fahl wie Aſche wurde; auch ihre Lippen ſchloſſen ſich feſt und ſie faltete ihre kleinen Fiuger mit angeſtrengter und krampfhafter Kraft zuſammen, ſo daß das Behen der Arme ſichtbar wurde. Sonſt ſchien ſie ganz gefaßt, als ſie ſagte:„Ich danke Euch für die einfache Wahr⸗ heit, Mylord,— mehr iſt nicht nöthig. Der Himmel ſegne Euch und die Eurigen! Lebt wohl!“ „Halt!— Ihr ſollt— Ihr müßt mich weiter an⸗ hören. Ihr wißt, wie zärtlich ich in meiner Jugend Katharina Nevile geliebt. In meinen männlichen Jahren verfolgte mich die Erinnerung an dieſe Liebe, aber dei Eurem lieblichen Lächeln glaubte ich wenigſtens, daß ſie erloſchen ſei— ich verließ Euch, um den König auftu⸗ ſuchen und um ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung zu bitten. Ich rede nicht von den Hinderniſſen, die ſich da erhoben— zugleich hörte ich, daß Katharina ver⸗ ſolgten ihre Be hannten barkeit Vaters mer— Gewif — vie ſcher, E über gebro jener zes- 237 aſſen, verwittwet und frei ſei. Auf ihre eigene Auf⸗ forderung ging ich zu ihr und erfuhr, daß ſie mich ſtets feſt iw'ss geliebt und mich noch liebe. Der Rauſch meines frühen ir, daß Traumes kehrte zurück— Mißgeſchick und Verbannung folsten gleich darauf— Katharina verließ ihren Rang, .„Als hhre Befitzungen, ihr Vaterland und folgte dem ver⸗ hannten Manne und ſo vereinten ſich Erinnerung Dank⸗ t— er harkeit und Geſchick, und die Geliebte meiner Jugend vurde mein Weib. Keine Andere hätte Dein Bild er⸗ athet.“ ſeten— keine Andere mich die Treue vergeſſen machen bt ohn⸗ knnen, die ich Dir gelobt. Der Gedanke an Dich hat Leiden⸗ nich ſtets verfolgt und wird mich bis ans Ende meines vorher Lehens verfolgen. Ich darf Dir jetzt nicht ſagen, daß ſte, daß ich Dich noch liebe, aber doch—“ er hielt inne und fuhr ſſen ſich ꝛaſch fort:„genug, genug— theuer biſt Du mir und rengter geehrt— theurer und geehrter als eine Schweſter. Dem Beben Himmel und Deiner eigenen Tugend ſei Dank, daß gefaßt, meine Falſchheit Dich rein und makellos läßt. Deine Wahr⸗ Hand kann noch einen würdigeren Mann ſegnen. Wenn immel anſere Sache ſiegt, ſo ſoll Dein Glück und Deines Vaters Schickſal meine angelegenſte Sorge ſein. Nim⸗ er an⸗ mer— nimmer wird mein Schlaf erquickend und mein ugend gewiſſen ruhig ſein, bis ich Dich als geehrte Gattin fahren— vielleicht als geſegnete Mutter ſagen hören:„Fal⸗ er bei ſcher, ich bin glücklich!“ aß ſie Ein kaltes Lächeln flatterte bei dieſen letzten Worten zufzn⸗ über das Geſicht des Mädchens— das Lächeln eines ndung gebrochenen Herzens— aber es verſchwand, und mit e ſich ſener ſeltſamen Miſchung der Lieblichkeit und des Stol⸗ ver⸗ zes— milde und verzeihend, aber doch geiſtvoll und 238 feſt— wie es ihrem Charakter eigen war, ſtählte ſie ſich zu der letzten und traurigſten Anſtrengung, die Würde zu behaupten und die Verzweiflung zu verbergen:„Wei⸗ tere Worte ſind unnütz, Mylord— ich bin mit Recht beſtraft für eine ſtolze Thorheit. Kein Weib liebe üher ihren Stand. Denkt nicht mehr an mein Geſchick.“ „Nein, nein, ſiel der reuevolle Lord ein, Dein Ge⸗ ſchick muß mich verfolgen, bis Du einen Mann gewählt haſt, der ein beſſeres Recht hat, Dich zu beſchützen.“ Bei dieſer Wiederholung des Wunſches, auch ſie einem Andern zu übergeben, ſtörte ein edler Unwille die Ruhe, nach der ſie bisher nicht vergebens geſtrebt hatte. „O Mann!“ rief ſie mit Leidenſchaft,„gibt mir Deine Täuſchung ein Recht, einen Andern zu täuſchen? Ich — ich heirathen!— Ich— ich am Altar geloben— eine iodte Liebe— todt auf immer— todt, wie mein eigenes Herz! Ihr ſpottet meiner mit der hohlen Re⸗ densart:„„Du biſt rein und makellos!“* Iſt die Jung⸗ fräulichkeit der Seele noch da? Laſſen die Thränen, die ich für Dich vergoſſen— läßt das Klopfen meines Herzens, wenn ich ſeine Stimme hörte— läßt der Kuß, der noch jetzt auf meiner Stirn und auf meinen Lippen glüht— laſſen dieſe, dieſe mich frei, auf eine neue Neigung die ausgebrannten Kohlen und die Aſche einer Seele übertragen, die Du verwüſtet und zerſtört haſt? O pöbelhafter und gemeiner Glaube der Men⸗ ſchen, daß Nichts verloren iſt, wenn nur die Form rein iſt! Die Friſche der erſten Gefähle, die Blüte des ſchuld⸗ loſen Gedankens, der Anblick, das Erröthen der Hin⸗ gebung— das wird ſteis nur einmal empfunden! Dieſe, ‚ßt der meinen uf eine Aſche erſtärt Men⸗ n rein huld⸗ Hin⸗ dieſe, 239 dieſe ſind die wahre Mitgift, die ein Mädchen dem Herde zubringen ſollte, zu dem ſie als Weib kommt. O Beleidigung!— O Schmähung! Von Gluͤck— vom Altar zu reden! Du wußteſt nie, Lord, wie ich Dich liebte!“ Und zum erſtenmal kam ein heftiger Thränen⸗ ftrom, um ihr Herz zu erleichtern. Haſtings war ebenſo ſehr erſchüttert. So erfahren er in ſolchen Abſchieden war, wo Mähchen Vorwürfe machen und Männer um Verzeihung bitten, aber immer ſeufzen:„Lebe wohl!“— ſo hatte er doch jetzt keine Vorte, um jenen Ausbruch der unbeſchreiblichen Qual m beantworten, und er fühlte ſich zugleich erniedrigt and erleichtert, als Sibylla wieder mit einem jener Kämpfe, welche Jahre des Lebens erſchöpfen und uns gegen alle ſpäteren Prüfungen faſt gänzlich abhärten, die glühenden Thränen unterdrückte und mit unnatür⸗ licher Milde ſagte:„Verzeiht mir, Mylord— ich wollte Euch keine Vorwürfe machen— die Worte entſchlüpften mir— denkt nicht mehr daran. Ich möchte mich wenig⸗ ſtens jetzt gern von Euch trennen, wie ich mich einſt in der letzten Stunde des Lebens von Euch zu trennen hoffte— ohne eine Erinnerung der Bitterkeit und des Zornes, ſo daß mein Gewiſſen, welches auch ſein an⸗ derer Kummer ſein mag, ſagen kann:„„Meine Lippen belogen nie mein Herz— meine Worte kränkten ihn nie!““ Und nun, Lord Haſtings, trennen wir uns in aller Freundſchaft. Lebt wohl auf immer und auf immer! Jir habt Eine geheirathet, die Euch ohne Zwelfel eben ſo zärtlich liebt, wie ich es würde gethan haben. Ach! hewahrt dieſe Neigung! Es gibt ſelbſt in Gurer Lauf⸗ 240 bahn Zeiten, wo ein wenig Liebe ſuͤßer iſt als viel Ruhm. Wenn Ihr glaubt, ich habe Euch etwas zu verzeihen, ſo bete ich jetzt von ganzem Herzen, wie ich mein ganzes Leben lang beten werde:„„Der Himmel verzeihe dieſem Manne, wie ich es gethan! der Himmel mache ſeine Heimath zu der Heimath des Friedens und flöße denen, die ihm jetzt nahe und theuer find, die Liebe und die Treue ein, wie ich einſt.““— Sie hielt inne, denn die Worte erſtickten ihre Stimmen; dann verbarg ſie ihr Geſicht und ſtreckte ihre Hand aus zum Zeichen der Ver⸗ zeihung und des Lebewohls. „Ach! wenn ich wie Du zu beten wagte,“ murmelte Haſtings, ſeine Lippen auf dieſe glühende Hand drückend, „wie würde ich den Himmel anflehen, durch zahlloſe Segnungen das Unrecht wieder gut zu machen, welches ich Dir gethan. Und der Himmel wird es— o gewiß, er wird es thun!“— Er drückte die Hand an ſein Herz, ließ ſie dann finken und war verſchwunden. Auf dem Hofplatze wurde er von Alwyn angerehet- „Und ſeid Ihr aufrichtig geweſen, Mylord?“ „Ja, das bin ich.“* „Und ſie erträgt es und—* „Seht, wie ſie verzeiht und wie ich leide!“ ſagte Haſtings, indem er ſein Geſicht zu ſeinem Nebenbuhler wendete, und Alwyn ſah, daß die Thränen ſeine Wan⸗ gen herunterrollten—„fragt mich nicht weiter.“ Es trat ein langes Schweigen ein— ſie verließen die Umgebung des Tower und waren am Ufer des Fluſſes. Haſtings winkte Alwyn mit ber Hand und war im Begriff in das Boot zu treten, welches ihn zu den Ruhm. zeihen, ganzes dieſem e ſeine denen, nd die enn die fle ihr r Ver⸗ rmelte ückend, ahlloſe velches gewiß, n ſein det— 1 ſagte buhler Wan⸗ ließen r des d war u dem . 241 in Baynard's Schloß verſammelten Keiegsrath tragen ſollte, als der Geſchäftsmann ihn zurückhielt und ängſt⸗ lich ſagte:„Glaubt Ihr nicht, daß für jetzt der Tower der ſicherſte Zufluchtsort für Sibylla und ihren Vater iſn? Wenn es uns fehlſchlägt und Warwick zurückkehrt, ſo werden ſie von dem Grafen beſchützt; und wenn wir ſiegen, wollt Ihr ſie dann vor allen Feinden ſchützen?“ „Gewiß— in beiden Fällen iſt ihr gegenwärtiger Aufenthalt der ſicherſte.“* Dann trennten ſich die beiden Männer und nicht lange darauf war Hoſtings, der den Vortrab comman⸗ dirte, auf dem Wege nach Barnet: mit ihm gingen auch die Freiwilligen zu Fuß unter Alwyn. Die Armee von York war auf ihrem Marſche. Glouceſter, deſſen Wach⸗ ſamkeit und Energie die letzten Vorbereitungen über⸗ laſſen blieben, war daher der letzte von den Generalen, der die Stadt verließ. Und plötzlich, waͤhrend ſein Roß ſchon am Thor von Baynard's Schloſſe ſtand, trat er völlig gerüſtet in das Zimmer, wo die Herzogin von Bedford mit ihren Enkelinnen ſaß.„Madame,“ ſagte er, ich habe eine Gnade von Euch zu erbitten, die Euch nicht nnangenehm ſein wird zu gewähren. Meine Lieute⸗ nants berichten mir, daß ſich eine Beſtürzung unter meinen Leuten verbreitet hat— ein religiöſer Schauber vor einigen furchtbaren Bombarden und Kanonen, die ein Zauberer im Solde Lord Warwick's erdacht hat. Euer berühmter Mönch Bungey iſt indeß aus frommem Antriebe unter ihnen geweſen und hat ihnen verſprochen, daß der Nebel, der ſich jetzt über die Erde verbreitet, die Nacht hindurch und den frühen Morgen dauern ſoll: Hulwer, Barone, Ull 46 242 und wenn er uns nicht taͤuſcht, können wir unſere Leule ſo ſtellen, daß wir die feindliche Artillerie täuſchen. Aber da der Moͤnch ſo bekannt und einflußreich iſt und da die Meinung herrſcht, daß die Winde, welche Mar⸗ garetha zurückgetrieben haben, ſeinen Worten gehorchten, ſo fordern die Soldaten laut, er ſoll uns bis aufs Schlachtfeld begleiten und den Künſten des laneaſtriſchen Zauberers entgegenwirken. Der gute Mönch, der mehr gewöhnt iſt, mit Teufeln als mit Menſchen zu kämpfen, iſt erſchrocken und widerſetzt ſich. Da vielleicht viel da⸗ von abhängt, wenn er uns ſeinen guten Willen zeigt, und wenn unſere Leute glauben, daß wir den beſten Zauberer auf unſerer Seite haben, ſo bitte ich Euch, ihm zu befehlen, daß er uns begleitet und ihm Muth zuzuſprechen. Er wartet draußen.“ „Ein höchſt weiſer Rath, geliebter Richard,“ rief die Herzogin.„Der Mönch Bungey iſt in der That ein mächtiger Mann. Ich will ihn ſogleich zu Eurem Willen beſtimmen.“ Und die Herzogin eilte aus dem Zimmer. Als die Furcht des Mönchs endlich durch die Ver⸗ ſicherungen beruhigt war, und er ſolle während der Schlacht an einen vollkommen ſichern Ort geſtellt wer⸗ den, und ſeine Habſucht durch Verſprechungen der reich⸗ lichten Belohnungen erregt wurde, ſo willligte er ein, die Truppen unter einer Bedingung zu begleiten, näm⸗ lich, daß der furchtbare Zauberer, der ſo oft ſeine beſten Zauber vereitelt habe— derſelbe Zauberer, der die Auf⸗ ſicht bei der Verfertigung der Kanonen geführt und Eduards frühere Niederlage und Flucht prophezeiht habe, nebſt der teufliſchen Erfindung, worin alle Bosheit und ere Leute täuſchen. h iſt und he Mar⸗ horchten, bis auft aſtriſchen der mehr kämpfen, viel da⸗ en zeigt, n beſten ch Each, n Muth 5,“ rief That ein Willen zimmer. ie Ver⸗ end der llt wer⸗ r reich⸗ er ein, , näm⸗ e beſten ie Auf⸗ rt und t habe, eit und 243 Stärke ſeiner Zauberei concentrirt ſei, nach Jacquetta's früherem Verſprechen ſogleich ſeiner Willkuͤr überliefert werden und ihn an dieſelbe Stelle begleiten ſolle, wo er den Zauberſprüchen des lancaftriſchen Zauberers ent⸗ gegenwirken müſſe. Die Herzogin, nur zu froh, des Mönchs Zußtimmung unter ſo hilligen Bedingungen zu erhalten und zu deren abergläubiſchen Schrecken vor Adams Geſchicklichkeit in der ſchwarzen Kunſt jetzt noch ein rein politiſcher Beweggrund kam, zu wunſchen, daß er aus dem Wege geſchafft werde— um ſo mehr, da ſie in der Freißätte endlich von Eliſabeth das ſchwarze Ge⸗ heimniß herausgebracht hatte, welches ihn zu einem ſehr gefährlichen Zeugen gegen die Intereſſen und die Ehre Eduards machen konnte— willigte gern und freu⸗ dig in dieſen Vorſchlag. Eine ſtarke Wache wurbe ſogleich mit dem Mönche ſelbſt in den Tower abgeſchickt und es folgie ein bedeckter Wagen, auf dem Bungey und ſein Opfer fahren ſolltey. Nachdem Sibylla eine Zeitlang in dem Zimmer geblieben war, wo Haſtings fle ihrem einſamen Kummer überlaſſen hatte, ging ſie in das Zimmer, wo ihr Vater ſeinen ſtummen Verkehr mit ſeiner Eureka hielt. Die Maſchine war jetzt ganz vollendet und ſo vollkommen, wie ſie die Kunſt des Erfinders nur machen konnte. Da der arme Philoſoph glaubte, das Voruntheil gegen die⸗ ſelbe ſei nur von dem unzierlichen Ausſehen derſelben hergekommen, ſo hatte er ihr jetzt ein anmuthiges und impoſantes Anſehen verliehen. Er hatte ſie mit eigenen Händen bemalt und vergoldet— ſie ſah glänzend und geſchmückt aus mit ihren bunten Farben, und die aͤußere 244 Geſtalt war bes köſtlichen Juwels würdig, welches im Innern verborgen lag. „Sieh, Kind— ſleh!“ ſagte Abam,„ſieht ſie jetzt nicht ſchöͤn und zierlich aus 2 „Ja, lieber Vater!“ antwortete das arme Mädchen, indem ſie zu lächeln verſachte, und dann fuhr ſie nach kurzem Schweigen fort:„Vater, mich dünkt, ich habe Dich in der letzten Zeit zu ſehr vernachläſſigt; verzelhe mir, wenn das iſt. Von jetzt an habe ich keine andere Sorge im Leben als Dich, von jetzt an laſſe mich immer, wenn Du arbeiteßt, an Deiner Seite ſitzen. Ich mag nicht allein ſein! Vater— Vater! Gott ſchütze Dein harmloſes Leben! Ich habe nichts unter dem Himmel, was ich lieben kann, als Dich!“ Der gute Mann wendete ſich theilnehmend um und erhob mit zitternden Händen das traurige Geſicht, welches an ſeine Bruſt gedruͤckt wurde. Indem er es traurig an⸗ ſah, ſagte er:„Es iſt Dir irgend ein neuer Kammer begegnet, mein Kind. Mich dünkt, ich hörte noch eine andere Stimme außer der Deinigen im Zimmer. Ah! iſt Lords Haſtings—* „Vater, ſchone meiner!— Dyu hatteſt nur zu Recht — Du urtheilteſt nur zu weiſe— Lord Haftings iſt mit einer Andern verheirathet! Aber ſieh! ich kann noch lächeln— ich bin ruhig. Mein Herz wird nicht hrechen, ſo lange ich noch Dich lieben und für Dich beten kann!“ Sie umſchlang ihn mit ſeinen Armen, während ſie ſprach, und er erhob ſich wieder aus der Welt jenſeits dieſer Erde. Obgleich er ihr keinen Troſt gewaͤhren konnte, ſo lag doch für die Ungluͤckliche einiger Troſt n ſeine Schein und W. and in die Th negleit „ rer? Serge Ho, l fir die T mehr und f ſuchte los z ine 24⁵ ſeinen Worten der Liebe, in ſeinen Thränen des Mitleids. Sie ſaßen bei einander, als der Abend anbrach. die Eureka war vergeſſen in der Stunde ihrer Vollen⸗ zung! Sie beachteten nicht die Fackeln, welche unten ſammten, von Zeit zu Zeit die Wände ihres Zimmers tötheten unh die Vergoldung und die hellen Farben des Nodells erglaͤnzen machte. Doch dieſe Fackeln ſchimmerten k andere un die Sänfte, welche Heinrich den Friedlichen auf das Schlachtſeld bringen ſollte, welches über die Dynaſtie ch mag ſeines Reiches eniſcheiden ſollie! Die Fackeln ver⸗ ſchwanden und der gefangene König wurbe aus der pimmel, zunklen Feſtung gebracht. Die Nacht folgte dem Abend, als wieder ein rother in und Schein auf die Eureka fiel— Fußtritte und Stimmen welches und Waffengeklirr ertönten im Hofe, auf der Treppe rig an⸗ und in dem anſtoßenden Zimmer— und plötzlich wurde ummer die Thür aufgeriſſen, und von einem Dutzend Soldaten ch eine hegleitet, ſchritt der ſchreckliche Mönch herein. Ah!„Aha, Herr Abam! Wer iſt jetzt der größere Zaube⸗ rer? Ergreift ihn!— Fort! Und helft Ihr, Herr Recht Sergeant, dieſe Erfinbung des böſen Feindes tragen. ſt mit Ho, ho! Seht Ihr, wie ſie herausgeputzt iſt— Alles noch fir die Schlacht, dafür ſtehe ich!“ echen, Die Soldaten hatten bereits Adam ergriffen, der inn!« mehr ans Erſtaunen als aus Furcht kein Wort ſprach nd ſle und ſich nicht zu widerſetzen verſuchte. Doch vergebens nſeils ſachten ſie Sibylla's feſt umſchlingende Arme von ihm aͤhren los zu machen. Eine übernatürliche Stärke, die ihr durch Troſt eine Art von Aberglauben eingeflößt wurde, daß ihm lches im ſie jetzt — = =— . 9 246 kein Leid geſchehen könne, während ſte dabei ſei, he⸗ lebte ihre ſchlanke Geſtalt; und ſo roh die Soldaten auch waren, ſo beöten ſie doch vor wirklicher Gewalt⸗ thätigkeit gegen ein ſo junges und ſchönes Weſen zurüch. Dieſe kleinen Hände umſchlangen ihn ſo feſt, daß es ſchien, man könne nur mit der Spitze des Schwertez des Kindes Umarmung von des Vaters Halſe treunen. „Thut ihm nichts zu Leide— oder Ihr thut es auf Eure Gefahr, Moͤnch!“ rief ſie mit ſprühenden Augen. „Reißt ihn von mir los und wenn König Eduarh den Sieg gewinnt, ſo wird Lord Haſtings Dein Leben nicht verſchonen; und wenn Lord Warwick ſiegt, ſo find Deine Tage auch gezählt. Hüte Dich und geh'!“ Der Moͤnch war erſchrocken. Im Eifer ſeiner Rache hatte er Lord Haſtings vergeſſen. Er fürchtete, wenn Sibylla zurückbleibe, ſo werde ihre Erzählung ihm in der That einen mächtigen Feind in der Perſon ihres Geliebten über den Hals bringen— und andererſeits wenn Lord Warwick flegen ſollte, welche Rache mußte ſeiner von dem großen Beſchützer ihres Vaters warten! Er beſchloß daher ſogleich, Sibylla auch mitzunehmen; und wenn das Glück des Tages ihm erlaubte, Warner aus dem Wege zu ſchaffen, ſo mochte ſich vielleicht auch eine gute Gelegenheit finden, ſich auf immer von Si⸗ bylla's Zeugniß zu befreien. Er hatte ſchon eine ſchlaue Berechnung gemacht, indem er Warners Geſellſchaft wünſchte; denn wenn Eduard ſiegen ſollte, ſo war die Aufopferung des verhaßten Warner beſchloſſen, doch ſollte der Graf ſiegen, ſo konnte er ſich ein Verdienſt daraus machen, Warners Lehen gerettet zu haben, in⸗ gleiten mehr„ d daten fährten zu für laſſe, voorte zuſam ſtes: ehem ſchaf 217 en er ihn mitgenommen. In Uebereinſtimmung mit ſieſer doppelten Politik antwortete der Moͤnch milde „ uf Sibylla's Anrede:„Still, meine Tochter! Wenn buer Vater König Eduard treu iſt und meine Geſchick⸗ chkeit unterßützt, anſtatt ſie zu vereiteln, ſo wird ihm iieſe Reiſe nichts ſchaden; und wenn Ihr ihn zu be⸗ gleiten wünſcht, ſo iſt Platz genug im Wagen, und je mehr, deſto luſtiger. Thut ihnen nichts zu Leide, Sol⸗ zaten— ohne Zweiſel werden ſie ganz ruhig folgen.“* Während er dies ſprach, hatten die Leute, nachdem ſe ſich bekreuzt, die Earela bereits aufgeladen, und als Adam ſie aus dem Zimmer tragen ſah, folgte er inſtinkt⸗ mäßig den Trägern. Beruhigt durch den Gedanlen, zaß ſie in Wohl und Wehe wenigſtens ihres Vaters Schickſal theilen werde und da fie keine große Gefahr von einer Partei befürchtete, unter welcher ſich Haſtings und Alwyn befanden, ſo verſuchte Sibylla keine weitere Gegenreden. Die Eureka wurde auf den ungeheuren Wagen ge⸗ fellt und diente als eine Scheidewand zwiſchen dem Mönch und ſeinen Gefangenen. Sobald der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, redete der Mönch ſeine Reiſege⸗ fährten gauz höflich an und verſicherte ihnen, es ſei nichts zu fürchten, wenn Adam es ſich nicht vielleicht einfallen laſſe, ſeine Zaubereien zu ſtören. Die Gefangenen ant⸗ worteten nicht auf dieſe Aurede, ſondern rückten näher zuſammen, wechſelten von Zeit zu Zeit Worte des Tro⸗ ſtes und entfernten ſich ſo weit als möglich von dem ehemaligen Taſchenſpieler, der eine paſſendere Geſell⸗ ſchafterin in Geſtalt einer großen ledernen Flaſche mit⸗ 248 genommen hatte und ſank endlich, nachdem er reichlich getrunken in einen behaglichen Schlummer. Der Wagen fuhr mit andern Bagagewagen langſam weiter; in Übereinſtimmung mit den Prophezeihungen des Moͤnchs war die Nacht in dichten Nebel gehüllt; das rumpelnde Geränſch des Wagens, die Fußtritte der Soldaten, das dumpfe Raſſeln ihrer Waffen, das Wie⸗ hern eines Pferdes aus der Ferne war Alles, was die Stille unterbrach, bis, als ſie ſich ihrer Beſtimmung näherten, Sidylla von der Bruſt ihres Vaters auffuhr und mit einem Schauder den rauhen Geſang und die klingelnden Schellen der unheimlichen Trommelmädchen zu erkennen glaubte. Drittes Kapitel. Eine Pauſe. In der tieſen Dunkelheit der Nacht und in dem dunk⸗ len Nebel hatte Eduard ſeine Leute aufs Gerathewohl auf der Heide von Gladsmoor aufgeſtellt und umgab das Lager raſch mit Palliſaden und Laufgräben. Er hatte beabſichtigt, gerade vor der Fronte des Feindes Halt zu machen, doch in der Dunkelheit verkannte er die Aus⸗ dehnung der feindlichen Linie und ſeine Leute wurden dem linken Flügel der Armee des Grafen gegenüber auf⸗ geſtellt, ſo daß dem rechten Flügel keine Macht entgegen ſtand. Dieſer Irrthum war für Eduard ſehr glücklich, denn Warwicks Artillerie, nebſt den neuen Kanonen, die er hatte verfertigen laſſen, waren auf dem rechtet Flügel aufgeſtellt, und der vorfichtige Graf, der natürlich dieſen und! die F ſenen laus firent gewö mäch eichlich ngſam ungen hüllt; tte der Wie⸗ as die mung iffuhr d die dchen unk⸗ vohl ngab atte Halt Aus⸗ rden auf⸗ egen lich, nen, öten lich 249 wermuthete, daß Ebuards liaker Flügel ihm gegenüber ſtehe, ließ die ganze Nacht feuern. Als das Feuer der Kanonen die mitternächtliche Dunkelheit erleuchtete, be⸗ merkte Ednard den Vortheil ſeines Verſehens, und um Warwick zu verhindern, denſelben zu entdecken, wieder⸗ holte er ſeine Befehle, ſich völlig ruhig und ſiill zu ver⸗ halten. So begünſtigten Eduarh ſelbſt ſeine Fehler mehr, als die weiſeſten Vorkehrungen ſeinem vom Schickſal werfolgten Feinde genützt hatten. Rauh, kalt und unfreundlich dämmerte der Morgen des 14. April, welches der erſte Oſtertag war. In das Schickſal dieſes Tages waren alle die Perſonen ver⸗ wickelt, die ſich im Verlaufe dieſer Erzählung in beſon⸗ deren Kreiſen um den feurigen Stern Warwicks bewegt hatten. In dieſer verhängnißvollen Stunde umfaßte bas ungeheure und rieſenhafte Geſchick des großen Grafen Alle, auf die ſeine Dunkelheit oder ſein Licht gefallen war; nicht nur den üppigen Eduard, den meineidigen Elarenee, die hochmüthige Margaretha, ihren ritterlichen Sohn, die ſanfte Anna, die reuevolle Iſabella, die ſchwarzen Ränke Glouceſters und das ſeigende Glück des begabten Haſtings— ſondern von der Entſcheibung dieſes Würfeis hingen auch die Hoffnungen Hilyards ab und die Intereſſen des Geſchäftsmannes Alwyn, und die Foridauer jenes freimüthigen, ritterlichen, eniſchloſ⸗ ſenen, doch halb normänniſchen Geſchlechts, wovon Niko⸗ laus Alwyn und ſeine angelſächſiſche Klaſſe das rivali⸗ ſirende Prineip waren und Marmabuke Nevile der gewöhnliche Typus. Unerbittlich in den Wirbel dieſes mächtigen Schickſals wurde auch das Leben bes einfachen 250 Gelehrten und ſeines unbekannten und aufopfernden Kin⸗ des mit hineingezogen. In dieſen blutigen Oeean ſloſſen endlich alle einzelnen Bäche und Ströme zuſammen. Aber großartiger und auffallender als alle perſoͤnlichen Inter⸗ eſſen war die Entſcheidung dieſer Schlacht, die ſo denk⸗ würdig iſt in den engliſchen Annalen; nämlich der Unter⸗ gang oder der Triumph einer Dynaſtie— der Fall jeuer kriegeriſchen Barone, deren Vorbild Richard Nevile war — die höchſte Bluͤte— der größte und letzte Repraͤſentant — freilich mit Erinnerungen des Sturmes und Aufruhrs vereint, aber auch mit den ſtolzeſten und größten Thaten in unſerer früheren Geſchichte— mit allen ſolchen Frei⸗ heiten, die man ſeit der normänniſchen Eroberung er⸗ langt hatte— mit all dem Ruhme, der die Inſel berühmt gemacht— mit der Erhebung eines liſtigen, politi⸗ ſchen und gebieteriſchen Deſpotismus, auf die Theil⸗ nahme der Geſchäftsleute gegründet und auf der einen Seite zu der Tyrannei der Tudors, zu republikaniſchen Reaktionen unter den Stuarts, zur Sklaverei und zum Bürgerkriege heranreifend— aber andererſeits zur Ver⸗ einigung aller Kraft und alles Lebens des Genies in eine einzige und ſtarke Regierung, die Anmuth, die Künſte, die Wiſſenſchaften eines gebildeten Hofes, die Freiheit, die Energie, die Hülfsquellen einer handeltreibenden Beyölkerung, beſtimmt, ſich über die Tyrannei zu er⸗ heben, die ſie anfangs begünſtigt, und den emaneipirten Angelſachſen den Markt der Welt zu überlaſſen. Von dem Siege dieſes Tages hingen alle dieſe ſtreitenden Intereſſen ab. Pfui über die, welche weder die großen Wahrheiten des Lebens, noch die Größe der idealiſchen 2n Kin⸗ floſſen . Aber Inter⸗ p denk⸗ Unter⸗ I jeuer ile war ſentant fruhrs Thaten Frei⸗ ng er⸗ erühmt politi⸗ Theil⸗ einen riſchen d zum Ver⸗ n eine üünſte, eiheit, henden zu er⸗ pirten Von enden roßen iſchen 2⁵1 Kunſt begrelfen und von dem Dichter oder Erzähler die armliche und winzige Moral der poetiſchen Gerechtig⸗ keit verlangen— eine Gerechtigkeit, die in unſerer arbei⸗ tenden Welt nicht exiſtirt— eine Gerechtigkeit, die auf den bäſtern Blättern der Geſchichte nicht exiſtirt— eine Gerechtigkeit, die nicht exißirt in den erhabeneren Auf⸗ foſſungen der Menſchen, deren Genie mit dem Räthſel gerungen hat, welche Kunſt und Poeſle nur flüchtig ent⸗ werfen und ahnen können. Uns auf den Straßen und auf dem Markt unbekannt— uns unbekannt auf dem Schaffot des Patrioten oder unter den Flammen des Märtyrers— uns unbekannt in Lear und Hamlet— in Agamemnon und Prometheus. Millionen zu Millionen, Jahrhunderte zu Jahrhunderte werden nur als neue Beiſpiele auf die ungeheure Rechnung geſetzt, auf welcher der aufzeichnende Engel die Proben von der unabänder⸗ lichen Gerechtigkeit Gottes gegen die Menſchen aufzählt. Rauh, kalt und unfreundlich dämmerte der Morgen des 14. April. Uad an demſelben Tage landeten Mar⸗ garetha und ihr Sohn, ſowie die Gattin und Tochter Lord Warwicks endlich an den Kuſten Englands. Kommen ſie zur Freude oder zum Weh— zum Siege oder zur Verzweiflung? Der Ausgang des Kampfes auf der Heide von Gladsmoor muß es entſcheiden. Schmücke Deine Hallen, o Weſtminſter, für den Triumph des laneaſtriſchen Königs— oder öffae Dich, o Grab, um den heiligen Heinrich und deſſen Sohn aufzunehmen. Der Königmacher geht vor Euch her, geheiligter Vater und ebler Sohn, um Enre Throne unter den Lebenden oder Eure Wohnungen unter den Todten zu bereiten. Viertes Kapitel. Die Schlacht. Rauh, kalt und unfreundlich dämmerte der Morgen des 14. April. Der dichte Nebel deckte noch beide Armeen, aber ihr Gemurmel und ihre Bewegung— das Wiehern ihrer Schlachtroſſe und das Klirren ihrer Rüſtungen wurde ſchon deutlich gehört. Von Zeit zu Zeit zeigte eine Bewegung der einen oder der andern Armee düſtere Geſtalten, die bei dem Nebel rieſenhaft erſchienen, und es lag etwas Geiſterhaftes und Überirdiſches in hieſen unheimlichen Seſtalten, die plötzlich geſehen wurden und plötzlich wieder in der trüben Atmoſphäre verſchwanden. Um dieſe Zeit hatte Warwick den Irrthum ſeiner Artillerie entdeckt, denn zur Rechten des Grafen war die Stille noch ununterbrochen, während ſich plötzlich aus dem dichten Nebel zur Linken das rauhe Gemurmel und das leiſe Brummen des erwachenden Krieges erhob. Kein Augenblick war für den Grafen zu verlieren, um den Fehler der Nacht zu verbeſſern; ſeine Artillerie entfernie ſich raſch von dem rechten Flügel, und plötzlich, wie der Blitz, flammte das Feuer der Kanonen durch die trübe und ſchwere Luft und machte dicht bei der Stelle, wo Haſtings den ſeinem Commando anvertrauten Flügel auf⸗ ſtellte, eine tiefe Lücke in den geſchloſſenen Gliedern. Der Tod hatte ſein Feſt begonnen. In dieſem Augenblick aber erhod ſich aus der Mitte der Armee von York, kaum übertäubt von den feind⸗ lichen Kanonen, jener tief tönende Ruf der Begeiſterung, welchen der, der ihn nur einmal gehört, ſiets als den Norgen lemeen, Viehern ſtungen zeigte düſtere t, und dieſen en und anden. tillerie Stille 3 dem b das Kein n den feinte ie der trübe „ wo auf⸗ dern. Nitte eind⸗ ung, den 253 erkennen wird, der bie Pulſe am meiſten beſchleunigt und das Blut erbeben macht— denn durch jenen Theil der Armee ritt jetzt König Eduard. Seine RNäſtung war glänzend wie ein Spiegel, ſonſt aber ohne Schmuck, und glich der auf ſeinem Bilde im Tower; die Decken ſeines Pferdes waren mit filbernen Sonnen bedeckt, denn die filderne Sonne war das Abzeichen auf allen ſeinen Fah⸗ nen. Sein Kopf war entblößt, und in der nebeligen Atmoſphäre war es, als ob ſeine goldenen Locken wirk⸗ lich einen Schein um ſich verbreiteten. Von ſeinem Leib⸗ lnappen, der ſeinen Helm und ſeine Lauze trug, und von den Lorts ſeines Generalſtabes begleitet, ſeinen Com⸗ mandoſtab in der Hand, ritt er langſam an der ſtatt⸗ lichen Linie dahin, bis er an der Stelle anhielt, wo er glaubte, daß ſeine Stimme am weiteſten dringen könne. Hier erhob er ſeine Hand, der Zuruf der Soldaten ver⸗ ſtummte, obgleich, während er ſprach, Warwicks Bogen⸗ ſchtzen ihre Pfeile wie eine Wolke daher ſendeten, und die Dunkelheit und die Stille durch den Blitz und den Donner der Kanonen übertroffen wurde. „Engländer und Freunde,“ ſagte der kriegeriſche Monarch,„zu kühnen Thaten gehoͤren nur wenig Worte. Vor Euch iſt der Feind! Von Ravenspur bis London bin ich marſchirt— der Verrath floh vor meinem Schwerte, die Treue ſammelte ſich um meine Fahne. Nur mit zweitauſend Mann kam ich am 14. März in England an— am 14. April zähle ich fünfzigtauſend Mann. Wer wird ſagen, daß ich nicht König bin, wenn in einem Monat die Liebe der Unterthanen dem Monarchen eine Armee liefert? Und wohl wißt Ihr jetzt, daß meine 254 Sache die Eure und Englands Sache iſt. Die uns ent⸗ gegenſtehen, ſind Männer, die dem Geſetze zum Trot regieren möchten— Barone, die ich mit Gunſt über⸗ haͤuft habe, und die dieſes ſchöne Reich, welches dem Könige, den Lords und den Gemeinen gehört, zu der Beſitzung des maßloſen Ehrgeizes eines einzigen Mannes machen— ja, zu dem Park und der Umgebung von Lord Warwicks Privathauſe! Ihr Herren und Ritter von England, gelingt es ihnen und ihrem Poͤbel, ſo wird Euer Eigenthum beraubt— Euer Leben unſicher— und jedes Geſetz aufgehoben werden. Wie unterſcheidet ſich Richard von Warwick von Jack Cade— wenn ſein Name edler iſt, ſo iſt ſeine Verrätherei auch um ſo größer! Gemeine und Soldaten von England— freie, obgleich niedrige Männer— was wollen dieſe rebelliſchen Lords, die im Namen Lancaſters regieren möchten? Euch zu Sklaven und Leibeigenen machen, wie Eure Vorfahren es waren. Ihr verdankt Eure Freiheit von den Baronen den gerechten Geſetzen meiner Vorgänger, Eurer Könige. Herren und Ritter, Gemeine und Sol⸗ daten, Eduard der Vierte auf ſeinem Throne wird nicht mehr Vortheil von einem Siege haben. Dits iſt kein Krieg der Ritterlichkeit— es iſt ein Krieg redlicher Männer gegen falſche. Keine Gnade! Verſchont weder Ritter noch Söldling! Warwick wird die Gemeinen nicht tödten. Wahrlich nicht— der Pöbel iſt ja ſein Freund — ich ſage Euch—“ und Eduard ſchwieg in der Auf⸗ regung und blutdürſtigen Wuth ſeiner Tigernatur— die Soldaten, die er durch Blutdurſt aufgeregt, ſahen ſeine Augen funkeln und ſeine Zaͤhne knirſchen, als er uns ent⸗ um Trot nſt über⸗ ches dem t, zu der Mannes ung von d Ritier ſo wird licher— rſcheidet denn ſein um ſo — freie, elliſchen öchten? ie Eure zeit von gäͤnger, d Sol⸗ id nicht iſt kein edliche tweder en nicht Freund er Auf⸗ ur ſahen als er 255 in tieferem und leiſerem, aber nicht weniger hörbaren Tone hinzufügte—„ich ſage Euch, tödtet Alle! Welche Ferſe wird die Brut der Viper verſchonen?“ „Das wollen wir— das wollen wir!“ war die ſchreckliche Antwort, welche ziſchend oder dumpf aus Helm oder Stahlhaube hervorkam. „Horch! Ihre Kanonen donnern!“ fuhr Eduard fort.„Der Feind wollte aus der Ferne kämpfen, denn er iſt uns an Bogenſchützen und Kanonen überlegen. Auf ſie los— Mann gegen Mann! Rückt vor mit den Fahnen— blast, Trompeter! Sir Oliver, meinen Helm! Soldaten, wenn meine Fahne fiukt, ſo richtet Euch nach der Feher auf dem Helm Eures Königs! Nun zum Angriff!“ Dann mit einem noch wilberen und lauteren Zuruf, durch den Hagel der Pfeile— durch den Donner der Kanonen— mehr im Starm als im Marſche, rückte Eduards Ceutrum auf Somerſets Schlachtordnung an. Aber von einem Theile des Lagers, wo die Verſchan⸗ zung am ſtärkſten ſchien, rückte eine kleine Abtheilung Soldaten nicht mit den Uebrigen vor. Zur Linken des Kirchhofes von Habley bemerkt man zu unſerer Zeit eine niedrige Mauer; auf der an⸗ dern Seite dieſer Mauer iſt ein Garten, der damals nur eine rauhe Erhöhung der Heide von Gladsmoor war. Auf dieſer Stelle bemerkte man einen Trupp in vollkommener Rüſtung auf ungeduldig ſchnaubenden Pferden, der einen Mann umgab, der auf einem ſchlechten Pferde ſaß und ein blanes Gewand trug— die Farbe der Königswuürde und der Knechtſchaft— 256 dieſer Mann war Heinrich der Sechste. An derſelben Stelle ſtand der Mönch Bungey— ſeinen Fuß auf die Eureka geſetzt, murmelte er Beſchwörungen, daß der Nebel, den er prophezeiht und der die Yorkiſten in der Nacht vor den Kanonen geſchützt hatte, fortdauern möge zum Nachtheil des Feindes. Und in ſeiner Nähe unter einem verkrüppelten, laubloſen Baume und einen Strick um den Hals, ſtand Adam Warner und Sihylla treu an ſeiner Seite, ohne vor den Pfeilen und den Ka⸗ nonen zu erbeben— denn ihre ganze Furcht beſchränkte ſich auf das einzige Leben, weswegen allein ſie das ihre ſchätzte. Auf dieſer Höhe ſtanden alſo die Zuſchauer. Und Heinrichs Ohren vernahmen das dumpfe Klirren, welches ihm zeigte, daß die Schlacht begonnen habe. „Heiliger Vater!“ rief der fromme König,„und dies iſt der Oßertag, dein feierlichſter Tag des Frie⸗ dens.“ in meinen Zauberſprüchen. Barabbarana— Santhinoa — Foggibus incerscebo— confusio inimicis Ga- rabbora, vapor et mistes!“ Wir müſſen jetzt raſch die Stellung von Warwicks Armee überſehen. Auf dem rechten Flügel war das Commando dem Grafen Orford und dem Marquis Mon⸗ tagu auvertraut. Der Erſtere, der die Cavallerie jener Diviſion commandirte, ſtand im Vorderzuge; der Letz⸗ tere, von einer großen Menge von Rittern und Knap⸗ pen umgeben, blieb im Hintertreffen und leitete von dort durch ſeine Befehle die Bewegungen der Schlacht. Auf dieſem Flugel befanden ſich größtentheils Lancaſtrier, A. „Schweigt!“ donnerte der Mönch,„Ihr Rört mich erſelben auf die daß der n in der rtdauern er Nähe nd einen Sibylla den Ka⸗ chränkte das ihre ſchauer. Klirren, habe. „„ und s Frie⸗ Irt mich athinoa is Ga- arwicks dar das s Mon⸗ ie jener er Letz⸗ Knap⸗ ete von chlacht. raſtrier, 25⁵57 die auf Warwick eiferfüchtig waren und nur Montagu's Commando geſtatteten, weil er es mit ihrem Lieblings⸗ helden Orford theilte. Zwiſchen Beiden befand ſich die größte Menge von Bogenſchützen, nebſt einer guten An⸗ zahl von Lanzenträgern unter dem Herzog von Somer⸗ ſet; auch dieſe Abtheilung beſtand hauptſächlich aus Laneaſtriern, welche die Eiferſucht von Oxfords Solda⸗ ten theilten. Der linke Flügel beſtand größtentheils aus Warwicks Freiſaſſen und Dienſtmannen und wurde von dem Herzog von Exeter in Gemeinſchaft mit dem Gra⸗ fen ſelber commandirt. Beide Armeen hatten eine be⸗ trächtliche Reſerve, und außer dieſen hatte Warwick von ſeinen eigenen Leuten eine Abtheilung auserleſener Bogenſchützen ausewählt, die er geſchickt am Rande des Waldes aufgeſtellt hatte, der ſich von Wrotham Park bis zur der Säule zum Andenken an die Schlacht hei Barnet an der nöͤrdlichen Landſtraße erſtreckt. Dieſe letzigenannten Bogenſchützen hatte er, wo ſie in der Foonte Eduards Reitern preisgegeben waren, durch ſtarke und hohe Barrikaden geſchützt, die nur ſo viel Raum ließen, daß ein einziger Reiter zur Zeit hindurch konnte. Dieſe engen Oeffnungen wurden von einer Linie von Pikenmännern vertheidigt, wo man auch im Noth⸗ fall eine Zuflucht finden konnte. Als dieſe Auordnungen getroffen waren und ehe Eönard auf Somerſet anrückte, ritt der Graf zu der Fronte des Fügels, der unter ſeinent beſondern Com⸗ mando ſtand, und redete nach der damals gewöhnlichen und von ſeinem königlichen Feinde beobachteten Sitte die Truppen an. Hier waren die, welche ihn wie einen Bulwer, Barone. III. 17 258 Vater liebten und ihn wie ein hoheres Weſen verehrten — hier waren die Dienſtmannen, die mit ihm herange⸗ wachſen— die ihn dei ſeinen erſten Schlachten begleitet hatten— die unter dem Schutze ſeiner zahlreichen Schloͤſ⸗ ſer gelebt und die in jener rauhen Gleichheit eines pa⸗ triarchaliſchen Zeitalters erzogen waren, welches er noch an ſeiner verſchwenderiſchen Tafel aufrecht zu erhalten ſuchte. Und nun blieb Lord Warwicks kohlſchwarzes Roß im Vordertreffen bewegungslos ſtehen. Sein Knappe trug ihm ſeinen Helm nach, der von dem Abler von Mon⸗ thermer überſchattet wurde, deſſen ausgeſtreckte Flügel ſich mit ihren ſchwarzen Federn weit verbreiteten; und als des Grafen edles Geſicht ſich voll und ruhig zu den ſtahl⸗ gerüſteten Reihen wendete, da erhob ſich nicht der ge⸗ meine Aufruhr, der den Anblick des jungen Eduard he⸗ grüßte. Vermöge jener ſeltſamen Sympathie, die ſich ganzer Schaaren bemächtigt und ihnen ein gemeinſchaft⸗ liches Gefühl einflößt, wurde die ganze Abtheilung dieſer ergebenen Vaſallen plötzlich die Veränderung gewahr, welche ein Jahr in dem Geſichte ihres Oberhauptes und Vaters hervorgebracht hatte. Sie ſahen die grauen Streifen unter ſeinen Locken, die Furchen auf ſeiner erhabenen Stirn— die Höhlungen in jenem gebräun⸗ ten und männlichen Geſichte, welches für ihre rohe Bewunderung den zwiefach göttlichen Stempel des Wohl⸗ wollens und der Tapferkeit an ſich zu tragen ſchien. Ein Gefühl der Zärtlichkeit und der Ehrfurcht verbreitete ſich durch die Adern eines Jeden— Thränen der Zuneigung traten in manches männliche Auge. Nein— da war nicht der gewiſſenloſe Anführer, der ſeine gedungenen herehrten herange⸗ begleitet Schliſ⸗ ines pa⸗ er noch erhalten zes Roß Knappe n Mon⸗ ügel ſich und als en ſtahl⸗ der ge⸗ rard be⸗ die ſich nſchaft⸗ ig dieſer gewahr, hauptes grauen fſeiner ebräun⸗ re rohe Wohl⸗ n. Ein tete ſich neigung da war ngenen 259 Schlächter anredet; es war das Oberhaupt und der Va⸗ ter, der Dankbarkeit, Liebe und Verehrung in Anſpruch nahm zu der Kriſis ſeines ſtürmiſchen Schickſals. „Meine Freunde— meine Kameraden— meine Kinder“— ſagte der Graf,„das Schlachtfeld, welches wir betreten haben, iſt ein ſolches, von dem keine Rüͤck⸗ kehr iſt; hier muß euer Anführer ſiegen oder ſterben. Es iſt kein Stammbaum von Pergament— es iſt kein Name, der von der Aſche todter Menſchen hergeleitet wird, der das einzige Vorrecht eines Königs ausmacht. Dieſe Engländer wären nur Sklaven, wenn wir, indem wir die Krone und das Seepter einem Sterblichen geben, wie wir find, nicht dagegen koͤnigliche Tugenden fordern woll⸗ ten. Ehemals von böſen Rathgebern umringt, ward die Regierung Heinrichs VI. verdunkelt und das Wohl des Reichs gefährdet. Das mir ſelber widerfahrene Unrecht ſchien mir groß, aber nicht weniger das Mißgeſchick mei⸗ nes Vaterlandes. Ich glaubte, England würde bei dem Geſchlechte von York eine weiſere und glücklichere Herr⸗ ſchaft finden. Wie ſehr ich mich hierin irrte, wißt ihr größtentheils ſelber. Ein Fürſt, der den ausſchweifend⸗ ſten Laſtern ergeben war— ein Adel, der durch Günſt⸗ linge und Blutſauger erniedrigt wurde— ein Volk, von königlichen Beamten geplündert und ein Land, von Feh⸗ den und Parteiungen zerriſſen! Aber ihr wißt nicht Alles: Gott macht des Menſchen Herd zu ſeinem Altar— un⸗ ſer Herd wurde entweiht— unſere Weiber und Töchter als Buhlerinnen angeſehen— und die Unzucht beherrſchte das Reich. Eines Königs Wort ſollte feſt ſein, wie die Pfeiler der Welt. Welcher Menſch traute Eduard je und 260 wurde nicht betrogen? Selbſt jetzt ſteht der unritterliche Lügner mit einem Meineid auf ſeiner Geele in Waffen da. Ihr wißt, daß er noch vor drei kurzen Wochen Koͤ⸗ nig Heinrich einen ſeierlichen Eid der Treue ſchwnr. Und nun iſt König Heinrich ſein Gefangener und Koͤnig Heinrichs heilige Krone auf dieſes Verräthers Haupt— und Verräther nennt er uns? Welcher Name iſt ſchlimm genug für ihn? Eduard verſprach ein wackerer Mann zu ſein und ich diente ihm. Er zeigte ſich als ein verwor⸗ fener, falſcher, ausſchweifender und grauſamer König und ich verließ ihn; mögen alle freien Herzen in allen freien Ländern ſo mit Königen verfahren, wenn ſie Tyraunen werden! Wir fechten gegen einen grauſamen und ver⸗ worfenen Uſurpator, deſſen kühne Hand ein ſchwarzes Herz nicht heiligen kann— wir fechten nicht nur für König Heinrich, den Frommen und Milden— ihr fech⸗ tet nicht für ihn allein, ſondern für ſeinen jungen und fürfilichen Sohn, den Enkel Heinrichs V., der, wie alte Männer mir ſagen, das Geſicht dieſes Helben hat und der, wie ich weiß, jenes Helden offene, königliche und edle Seele beſitzt— ihr fechtet für die Freiheit des Lan⸗ des, für die Ehre eurer Weiber, fuͤr das, was beſſer iſt als irgend eines Königs Sache— für Gerechtigkeit und Gnade— für die Tugenden der Wahrheit und Maͤnn⸗ lichkeit— gegen die Beſtechung bei der Ausübung der Geſetze— gegen den Mord auf dem Schaffot— gegen die Falſchheit auf eines Herrſchers Lippen und gegen die ſchamloſen Rathſchläge der gewiſſenloſen Macht. Ich wiederhole jetzt den Befehl, den ich ſtets im Kriege ge⸗ geben— wir fuͤhren Krieg gegen die Urheber des Ubelt, ritterliche a Waffen ſchen Koͤ⸗ ſchwur. nd Koͤnig Haupt— ſchlium er Mann verwor⸗ Lönig und len freien Tyrannen und ver⸗ ſchwarzes nur für ihr fech⸗ agen und wie alte hat und liche und des Lan⸗ beſſer iſt gkeit und . Miaͤnn⸗ bung der — gegen gegen die ht. Ich riege ge⸗ es Übels, 261 nicht gegen die unglücklichen Werkzeuge— wir führen Krieg gegen die Unterdrücker, nicht gegen unſere irre⸗ geleiteten Brüder. Schlagt ihren Helmbuſch nieder, aber wenn der Kampf vorüber iſ, ſo verſchont jeden Ge⸗ meinen! Horcht! Während ich rede, höre ich den Marſch eurer Feinde!— Auf mit den Fahnen!— Blast, Trom⸗ peter! Und nun, während ich meinen Helm umſchnalle, möge uns Gott einen ruhmvollen Sieg oder ein ruhm⸗ volles Grab gewähren. Vorwärts, meine munteren Leute! Zeigt dieſen Londoner⸗Lümmeln die tapfern Herzen von Warwickſhire und Yorkſhire. Vorwärts, meine munteren Leute! Warwick, Warwick!“ Als er endete, ſchwang er leicht um ſeinen Kopf die furchtbare Streitaxt, die, wie die Sichel das Gras, die Ritterſchaft auf manchem Schlachtfelde zu Boden geworfen; und ehe der letzte Ton der Trompete verhallte, trafen die Truppen Warwicks und Glouceßters zuſanmen und wurden handgemein. Obgleich der Gret als er die Stellung des Feindes enideckt hatte, einen Theil ſeiner Artillerie von dem rechten Flügel entfernte, ſo war doch dort die größere Anzahl und Stärke. Und dort drängte Montagn's Trupp, der Orford zu Hülfe kam, ſo mächtig auf Haſtings Sol⸗ daten, daß die Schlacht bald ein ſehr ungünſtiges An⸗ ſehen für die Yorkiſten zeigte. Es ſchien in der That, als ob der Erfolg, der bisher beſtändig Montagn’s mi⸗ litäriſche Bewegungen begleitet hatte, hier ſeinen höͤch⸗ ſten Triumph erleben ſollte. Wie wir bereits geſagt, im Hintertreffen aufgeſtellt und von ſeinen leicht be⸗ waffneten Knappen auf raſchen Pferden umgeben, leitete er die Schlacht mit der ruhigen Beſonnenheit, die in 262 jenem Augenblick ſonſt kein anderer Anführer beider Ar⸗ b meen beſaß. Haſtings wurde völlig auf die Seite ge⸗ drängt, und obgleich ſeine Leute mit großer Tapferkeit fochten, ſo konnten ſie doch der überlegenen Anzahl nicht widerſtehen. In der Mitte dieſes Blutbades hielt Eduard ſein Schlachtroß an, als er den Siegesruf aus der Ferne hoͤrte. „Beim Himmel!“ rief er,„unſere Leute auf dem linken Flügel ſind Feiglinge— ſie fliehen! Sie fliehen! — Reitet zu Lord Haſtings, Sir Humphrey Bonr⸗ chier, und ſagt ihm, er ſoll alle Leute, die ihm noch übrig find, hieher marſchiren laſſen; und ehe unſere Kameraden noch wiſſen, was vorgegangen iſt, wollen wir angreifen, Ritter und Herren. Vorwärts, vor⸗ wärts!— Durchbrecht Somerſets Linie! Vorwärts, vorwärts, auf das Herz des rebelliſchen Grafen los!“ ge Mit geſchloſſenem Viſir und eingelegter Lanze ſprengte fl Eduard mit ſeiner Cavallerie durch die Bogenſchützen und nd Lanzenträger Somerſets; in völliger Rüſtung und un⸗ I zugänglich für die Waffen der Infanterie tödteten ſie U überall, wohin ſie kamen, und ihr Weg war von Leichen und Biutſtromen bezeichnet. Der Heftigſte und Wie ff thendſte von Allen war Eduard ſelber; als ſeine Lanſße zerſplitterte und er ſeinen Streitkolben aus der Schlinge an der Seite ſeines Sattels zog, wehe Allen, die ihm in den Weg zu treten verſuchten. Gleich unnütz war der ſtählerne Helm oder die lederne Mütze, die Jache oder die Rüſtung. Vergebens warf ſich Somerſet in das Handgemenge. Sohald Eduard und ſeine Cavallerie heider Ar⸗ Seite ge⸗ Tapferkeit nzahl nigt duard ſein der Ferne te auf dem die fliehen! ey Bonr⸗ ihm noch ehe unſere ſt, wollen erts, vor⸗ Vorwärts, fen los!“ ze ſprengte hützen und g und un⸗ dteten fie on Leichen und Wü⸗ eine Lanze Schlinge „die ihm nnütz war die Jacke et in das Iavallerie 263 einen Weg für ihre Infanterie gebahnt hatten, war der Verluſt des Tages halb wieder gewonnen. Es war kein raſcher Durchgang, der gleich wieder geſchloſſen wurbe, welchen er zu bewerkſtelligen wünſchte, es war der Keil in der Eiche des Krieges. Dort, eingewurzelt in der Mitte von Somerſets Truppen nach jeder Seite hin ſich wendend, nur vorwärts eilend, um wieder zurück⸗ zukehren, wo ein Helm zu zertrümmern und ein Mann iu Boden zu ſchlagen war, erweiterte Eduard den Durch⸗ gang in der Nähe, bis ſeine Schaaren ſchneller und ſchneller hereinmarſchirten und das Centrum von War⸗ wicks Armee ſchien zu ſchwanken, und um die ſich er⸗ weiternde Oeffaung durch ihre Glieder ſich im Wirbel zu drehen, gleich den Wellen eines Strudels. Aber in der Zwiſchenzeit wurden die hartbedrängten Truppen, welche Haſtings commandirte, auseinander geſprengt und zerſtreut; von dem Schlachtffelde getrieben, flohen ſie truppweiſe durch die Stadt Barnet; Viele hielten nicht eher an, als bis ſie London erreichten, wo ſie die Nachricht von dem Siege des Grafen und von Eduards Untergange verbreiteten. Durch den Nebel erkannte der Moͤnch Bungey die llüchtigen Yorkiſten unter Haſtings und hörte ihr ver⸗ weiflungsvolles Geſchrei. Durch den Nebel ſah Si⸗ bylla dicht unter der Verſchanzung der Stelle, wo fie ſunden, einen bewaffneten Reiter mit dem wohlbekannten Helmbuſch des Lord Haſtings auf ſeinem Helm, der mit erzobenem Viſtr und mit lauter Stimme der Wuth und dei Hohnes ſeinen Leuten zurief zurücktukehren. Und als ſie dann vorwärts ſprang, in ſeiner gegenwärtigen 264 Gefahr ſeine frühere Graufamleit vergaß und ſeinen Namen rief, verlor ſich der ſchwache Schrei unter dem Donner der Schlacht! Aber der Mönch, der jetzt fürch⸗ tete, einen Fehler begangen zu haben, ſtellte ſeine Zauber⸗ ſprüche ein, rehete Adam mit den unterwürfigſten Ent⸗ ſchuldigungen an, verſicherte ihm, man würde ihn im Tower ermordet haben, wenn er, der Mönch, es nicht verhindert, und der Strick um ſeinen Hals ſei nur eine bedeutungsloſe Ceremonie, welche die Vorurtheile der Soldaten erforderlich machten. Er ſchloß mit den Wor⸗ ten:„Ich ſehe noch immer, daß Ihr mächtiger ſeid als ich; Eure Zauberſprüche, obgleich ſtill, ſind wirkſamer, als die meinigen, obgleich mir faſt die Lungen dabei zer⸗ ſpringen! Confusio Inimicis Taralorolu— ich will dem Grafen kein Leid zu fügen, Gerrabora, mistes et nubes— Herr, was wird aus mir werden!“ Da Haſtings es mit einem kleinen Reitertrupp, der aus Rittern und Knappen beſtand, unmöglich fand, die Flüchtlinge zurückzubringen, ſo bahnten ſie ſich einen Weg durch Orfords Reihen zu dem Centrum, wo ſie dem furchtbaren Arme Eduards neue Hülfe leiſteten. Fünftes Kapitel. Die Schlacht. Der Nebel war noch immer ſo dicht, daß Montegu nicht im Stande war, das Schlachtfeld zu überſelen. Aber ruhig und entſchloſſen auf ſeinem Poßten unterden Linie ſe die des getriebe ſchon d verſcho „] fragte 265 Pfeilen, die oft au ſeiner mailändiſchen Rüſtung ab⸗ prallten, erhielt der Marquis von ſeinen Knappen die Rapporte, ſo wie einer nach dem andern aus bem Nebel hervorkam. „Nun,“ ſagte er, als einer von dieſen Boten zu der Stelle hingaloppirte,„wir haben Haſtings und ſeine Söldlinge zurückgeſchlagen; aber ich ſehe den filbernen heine Etern von Lord Oxfords Banner nicht.“ e der„Lord Orxford iſt dem Feinde, den er geſchlagen, Wor⸗ bis an den äußerſten Rand der Heide gefolgt, Mylord.“ dals„Die Heiligen mögen uns helfen! Iſt Orford ſo ꝛmer, halsſtarrig? Er wird Alles zu Grunde richten, wenn er ſich vom Schlachtfelde weglocken läßt! Reitet zurück, Herr! Doch halt!“— rief er, als ein anberer Ad⸗ L et tant erſchien.„Welche Nachrichten von Lord Warwicks Fluͤgel?“ der„Schwer bebrängt, kühner Marquis, Gloueeſters die Linie ſcheint zahllos; ſie erſtreckt ſich bereits weiter als die des Grafen. Der Herzog ſelber ſcheint vom Teufel ſie getrieben zu werden! Zweimal hat ſein ſchwacher Arm ſchon der Streitaxt des Grafen getrotzt, die den Knaben verſchonte, aber ſeine Kameraden in den Staub warf.“ „Nun— aber was geht im Centrum vor, Herr?“ feagte er, als ein weiterer Adjutant ankam. „Dort wüthet Eduard in Perſon. Er ſſt in die 8 Mitte eingedrungen; aber Somerſet hält ſich noch wacker.“ Montagu richtete ſich zu dem erſten Adiu⸗ cgu ta nten.. hen.„Reitet ſchnell zu Oxford— keine Verfolgung! Er ſoll mit allen ſeinen Leuten zum linken Flügel eilen und 266 Glonceſter in den Rücken fallen. Reitet, reitet— um Leben und Sieg! Wenn er nur zur rechten Zeit kommt!⸗ Der Adjutant eilte davon und der Nebel verſchlang Pferd und Reiter. „Blast die Trompeten zur Rückkehr!“ ſagte der Marquis dann nach angenblicklichem Nachdenken—„ob⸗ gleich Orford unſere beſte Reiterſchaar fortgeführt hat, ſo haben wir doch noch einige wackere Lanzen übrig und Warwick muß unterſtützt werden. Auf zum Grafen! Vorwärts! Montagu! Montagu!“ Und die Lanze ein⸗ gelegt, ritt der Marquis mit den ihn umgebenden Rit⸗ tern, die ſich bisher noch nicht dem perſoͤnlichen Gefechte ausgeſetzt hatten, in raſchem Galopp den Hügel hin⸗ unter. Ihnen begegnete ein Trupp, der den Ihrigen an Zahl überlegen war und von den Lorhs Eyncourt und Say eommandirt wurbe. Um dieſe Zeit war Warwick in der That in der⸗ ſelben Gefahr, welche die Truppen des Lord Haßtingt auseinander geſprengt hatte, denn Glonceſters Truppen hatten ihn ſchon faſt gänzlich eingeſchloſſen. Gloueeſter war hoch erfreut über das Vertrauen, daß man ſeinem jungen Arm die Blüte der Armee der Yorkiſten anver⸗ traut hatte. Durch den Nebel ſchimmerte der blutrothe Mantel, den er über ſeine Bruſt her ſchlug und die grimmige Zaͤhne des Eberkopfes auf ſeinem Helm üͤberall, wo ſeine Gegenwart am nöthigſten war, um die Wan⸗ kenden zu ermuthigen, oder die Wüthenden noch mehr anzuſpornen. Und es ſchien beiden Armeen eiwas Üher⸗ natürliches in der wilden Kraft dieſer kleinen ſchlanken Geſtalt zu liegen, die ſo auffallend ausſtaffirt war und die ma „Gloue Au⸗ in der durch hörte, ſeht!“ Gliede licher; retha's über d Fürcht treffen Luſt wo de teufliſ unter durch und ſe 2 Andre dräng Rüſtu Reß Himn der A keit u Laſt; begeg Lanze 267 hie man ſtets den lauten Schlachtruf ausſtoßen hörte: „Glouceſter zum Angriff! Nieder mit den Rebellen!“ Auch verſchmaͤhete es dieſer kühne junge Mann nicht, in der Mitte ſeiner Wuth die Wirkung der Tapferkeit durch die Liſt ſeines Gehirns zu erhöhen, die nie anf⸗ hörte, die Thorheiten der Menſchen zu nützen.„Seht! ſeht!“ rief er, als er gleich einem Meteor von einem Gliede zum andern ſchoß,„ſeht— dies iſt kein natür⸗ licher Nebel! Dort der mächtige Mönch, der Marga⸗ retha's Schiffe zurückhielt, ſpricht ſeine Zauberformeln über die Mächte aus, die auf dem Winde daher fahren. Fürchtet die Kanonen nicht— die bezauberten Kugeln treffen die Tapfern nicht! Die dunklen Legionen der Luft fechten für uns! Denn die Stunde iſt gekommen, wo der böſe Feind ſeine Beute zerreißen wird!“ Und teufliſch erſchien die Geſtalt, die ihre Prophezeihungen unter dem grimmigen Kopfputze hervorkreiſchte, dann durch ein Meer von Piken hindurch fuhr und verſchwand und ſeinen blutigen Pfad bahnte. Aber die unermädliche Macht Warwicks trotzte dem Andrang der Menge, die ſich Flat auf Flut um ihn drängte. Durch den Nebel zeigte ſich ſeine ſchwarze Rüßtung, ſein ſchwarzer Federbuſch und ſein ſchwarzes Roß gleich einer Donnerwolke in der Mitte eines düſtern Himmels. Das edle Roß trug den mächtigen Reiter, der Alles belebte und Alles lenkte, mit ſolcher Leichtig⸗ keit und Gewandtheit dahin, wie der Renner ſeine leichte Laſt; es war faſt eben ſo ſchrecklich, dieſem Roſſe zu begegnen, als der Streitaxt des Reiters. Vor Pfeil und Lanze durch eine ſtählerne Rüſtung geſchützt, war die 268 Spitze an ſeiner Stienplatte mit Blnt benetzt, ſo wie es dahin galoppirte. Keine noch ſo dichte gedrängte Linie konnte dem Angriff dieſes Pferdes und dieſes Reiters widerſtehen. Und vergebens war Glouceßzers nnerſchrockene Gegenwart und ſein durchdringender Schlachtruf, wenn man den rüſtigen Grafen durch den Nebel daherkommen ſah und ſeinen heitern Zuruf hörte:„Vorwärts, meine luſtigen Leute!“ Zum drittenmal galoppirte Glouceſter unter ſeinen zitternden und zurückweichenden Begleitern hervor, ſich tief uͤber ſeinen Sattelknopf bengend, vorn von ſeinem Schilde bedeckt, und ſtürzte ſich mit der zehnten Lanze, die er an dem Tage getragen— ſeine Lieblingswaffe, weil es die war, bei welcher die Geſchicklichkeit am beſten die Stärke erſetzt— auf die hohe Geſtalt ſeines furcht⸗ baren Feindes los. Mit jener unerſchütterlichen Energie — mit jener raſchen Berechnung, welche die Grundlage ſeines Charakters bildete, und welche ſtets alle Hinder⸗ niſſe überwand, wählte er in ſeiner erſten Schlacht, wie in ſeiner letzten zu Bosworth, den Anführer zum Kampf aus und ſtürzte ſich auf den Rieſen, wie der Bullen⸗ beißer auf die Hörner und die Wampen des Stiers. Warwick hielt auf dem weiten Raume an, den ſein Arm umher gemacht, als er den Feind erblickte und erkannte das grimmige Abzeichen und den Scharlachmantel ſeines Pathen. Und ſelbſt in dem Augenblick bei ſeinem er⸗ hitzten Blut, wo ſein Geiſt von der Erinnerung an das erlittene Unrecht voll und er in dringender Gefahr war, empfand ſein edles Herz ein Erglühen der Bewunderung bei der Tapferkeit des Knaben, den er in den Waffen unterr geliebt merm ſollte dieſe gezielt der G Sattel ploͤtzli und in p. Graf klang reite! „ faſt fe die S damit Schla Friede wenn liebe; Spitz und: dieſer bewaf ruhm dern meine meine 269 unterrichtet hatte— bei der Tapferkeit des Sohnes des geliebten York.„Sein Vater ließ es ſich nicht traͤumen,“ mermelte der Graf,„daß dieſer Arm Ruhm gewinnen ſollte gegen ſeines alten Freundes Leben!“ Und als er dieſe leiſen Worte ausgeſprochen hatte, traf die wohl⸗ gezielte Lanze Glouceſters ſeinen Helm und machte, daß der Graf ungeachtet ſeiner Stärke und Gewandtheit im Sattel ſchwankte, während der Prinz vorüber fuhr, ſich ploͤtlich herumſchwenkte, die zerſplitterte Lauze wegwarf und ihn mit dem Schwerte angriff. „Zurück, Richard— Knabe, zurück!“ ſagte der Graf mit einer Stimme, die durch den Helm hohl er⸗ klang—„nicht Dein Blut ſordert meine Rache— teite weiter!“ „Nicht ſo, Lord Warwick,“ antwortete Richard mit faſt feierlicher Stimme, indem er auf einen Augenblick die Spitze ſeines Schwertes ſenkte und ſein Viſir erhob, damit er beſſer gehoͤrt werden möge—„auf dem Schlachtſelde müſſen alle Erinuerungen ſterben, die im Frieden ſüß ſind! Der heilige Paul ſei mein Zeuge, wenn ich Euch nicht ſelbſt in dieſer Stunde aufrichtig liebe; aber ich liebe den Ruhm noch mehr. Auf der Spitze meines Schwertes iſt Macht und Königswürde, und was hohe Seelen am meiſten ſchätzen— Ehrgeiz: dieſer würde mich gegen meines eigenen Bruders Bruſt bewaffnen, wäre dieſe Bruſt mein Hinderniß zu einer ruhmvollen Zukunft. Ihr habt Eure Tochter einem An⸗ detn gegeben! Ich werfe den Vater in den Staub, um meine Braut wieder zu erlangen. Zieht und ſchonet meiner nicht!— Denn der, welcher Euch am meiſten 270 haßt, würde kein ſo grimmigar Feind ſein, wie der Mann, der ſein Glück gemacht oder zerſtört— ſeine Liebe vernichtet oder noch gekrönt ſteht, je nachdem ſich dieſe Schlacht zum Triumphe oder zur Niederlage wen⸗ det.— Rebell, vertheidige Dich!“ Es war keine Zeit zu weiterer Unterredung übrig; denn als Richards Schwert niederſiel, kamen zwei von Glouceſters Begleitern, Parr und Milwater mit Na⸗ men, aus den Reihen hervor und eilten ihrem jungen Prinzen zu Hülfe. In demſelben Angenblick galoppirten Sir Marmaduke Nevile und Lord Fitzhugh von der ent⸗ gegengeſetzten Seite herbei; ſo ermuthigt ritten beide Schaaren kühn auf einander los und das Handgemenge wurde heftig und allgemein. Aber noch immer zeichnete Richard's Schwert den Grafen aus und noch immer theilte der Graf, die Hiebe ſeines Gegners parirend, die ſeinigen an niedrige Häupter aus. Von dem Schwunge der Streitart zerſchmettert, ſtürzte Milwater zu Boden — mit einem zweiten Schwunge fiel Sir Humphrey Bourchier, der eben mit Botſchaften von Eduard zu Gloueeſter kam, die er nie in dieſer Welt mehr aus⸗ richtete. Von Marmaduke's Lanze fiel Sir Thomat Parr; und da dieſe drei Leichen eine Schranke zwiſchen Glouceſter und dem Grafen bildeten, wendete ſich der Herzog wüthend gegen Marmaduke, während der Graf ſich herumſchwenkte und einen Angriff auf die Mitte der feindlichen Linie machte, die er zur Rechten und Linken aus einander ſprengte. „Vorwärts— meine luſtigen Leute! Vorwärts! 4— tönte es wieder durch die rauhe Luft. Sie weichen, die London ten mi Yorkſh So vo Glouce geworf der ſich tiplin Widerf engliſch welche wmiſch und der fehl ihr ſelbſt a murme ſeiner gewilli nehmer Männe drücken Streito wer fl Schwe als er Roſſe; 271 Lonboner Schneider— Vorwärts!“ Und vorwärts ſtürz⸗ ten mit freudigem Schrei die luſtigen Männer von Yorkſhire und Warwick, die kriegeriſchen Freiſaſſen! So von ſeinem großen Feinde getrennt, galoppirte Glouceſter fort, nachbem er Marmaduke vom Pferde geworfen, um den Theil ſeines Gefolges zu unterſtützen, der ſich vor dem Angriff Warwicks und ſeiner Ritterſchaft zurückzuziehen und zu ſchwanken begann. 3 Dies was das Regiment, welches man in London zuſammengebracht hatte, und wenig gewoͤhnt in der That waren die würdigen Helden von Cockaigne an die Dis⸗ tiplin der Waffen und nicht gewöhnt, einen trotzigen Widerſtand der unter ihren geſchickten Anführern die engliſchen Bauern zu den ausdauerndſten Soldaten macht, welche die Welt je gekannt hat, ſeit dem Tage, wo die wmiſche Schildwache lieber unter den fallenden Säulen und den Lavafluten zu Pompeji umkam, als ohne Be⸗ ſehl ihren Poſten zu verlaſſen, obgleich die Geſellſchaft ſelbſt aufgelöst war.„Der heilige Thomas ſchütze uns!“ murmelte ein würdiger Schneider, der in der Begeiſterung ſeiner Tapferkeit, als er ſicher in Chepe geweſen, ein⸗ gewilligt hatte, den Rang eines Lieutenants zu über⸗ nehmen;„es iſt nicht vernünftig, zu erwarten, daß Männer von Umfang und Gewicht ſich zu Muß zer⸗ drücken und ſich von den Hufen der Pferde und den Streitäxten ſollen zerſpalten laſſen. Rechts um! Fliehe, wer fliehen kann!“ Hierauf warf der Lieutenant Schwert und Schild weg und machte ſich auf die Beine, als er die angreifende Golonne, von dem rabenſchwarzen Roſſe Warwicks angeführt, rieſenhaft durch den Nebel 272 daherkommen ſah. Der Schrecken eines einzigen Man⸗ nes iſt anſteckend, und die Londoner wendeten ſich wirk⸗ lich um, als Niklolaus Alwyn mit ſeiner ourchdrin⸗ genden Stimme und ſeinem nördlichen Dialekt rief: „fui über Euch! Was werden die Mädchen in Eaſtgate und Chepe von uns ſagen?— Hurrah, ihr lüh⸗ nen Herzen von London!— Stellt Euch um mich her, ihr rüſtigen Lehrlinge!— Laßt die Kuaben die Männer beſchämen! Dieſer Pfeil für Cockaigne!“ Und als der Trupp ſich unentſchloſſen umwendete und Alwyns Pfeil ſeinen Bogen verließ, ſahen ſie einen Reiter an Warwicks Seite im Sattel ſchwanken und ſogleich eu Boden ſtürzen; und ſo hoch war der Rang des Gefallenen, daß Warwick ſein Pferd anhielt, und die angreifende Colonne in der Mitie ihres Weges anhielt. Es war keine geringere Perſon als der Herzog ſein r von Exeter, den Alwyns Pfeil zum Gefecht unfaͤhig liche gemacht hatte. Dieſer Vorfall, nebſt der muthigen An⸗ nen 4 rede des rüſtigen Goldſchmieds, diente dazu, die Muth⸗ Lords loſen wieder zu beleben, und als Sloueeſter auf einem Ather Umwege im nächſten Augenblicke ihre Linie erreichte, hade ſtellten ſie ſich wieder in Ordnung und eine Wolle von 4 Pfeilen folgte ihrem lauten Rufe:„Hurrah— für die mehr tadt London!“ Aber Warwicks Angriff war nur verzögert worden, Hülf und während man den verwundeten Exeter zuräckteug, ſtürzte er ſich mit ſeiner Schaar anf die Londoner, brachte ihre ganze Linie in Verwirrung und trieh ſie ungeachtet aller Bemühungen Glouceßers weit üͤber die Ebene zurück. Dieſer geeignete Angriff diente dazu, den Glon Man⸗ wirk. chdrin⸗ t rief: aſtgate r küh⸗ r mich daaben gne!“ V V V V dendete en ſie vanken ar der ehielt, Weges derzog fähig n An⸗ Muth⸗ einem eichte, te von ir die orden, ktrug, oner, eb fie er die , den 273 Grafen von der hauptſächlichſten Gefahr ſeiner Stellung zu befreien; und indem er ſogleich ſeinen Vortheil be⸗ nutzen wollte, ſchickte er zu der Reſerve unter den Lords St. John, den Rittern von Lytton, Sir John Coniers, Dynbocke und Robert Hilyard, ihm Hülfe zu leiſten. Zu dieſer Zeit war es Ebuard nach hartnäcki⸗ gem Kampfe gelungen, eine beträchtliche Lücke in Somerſets Flügel hervorzubringen; und der Nebel war noch immer ſo dicht, daß der Feind, denn Somerſet hatte ſich klüglich zurückgezogen, um ſeine Schwadronen wieder zu ordnen, vom Felde verſchwunden zu ſein ſchien. Als er jetzt Halt machte und durch die trübe Atmoſphäre von verſchiedenen Seiten die Schlachtrufe ertönten, wornach allein er die Stärke oder Schwäche der Krieger in der Entfernung beurtheilen konnte, kühlte ſein ruhigerer Geiſt als General zur Zeit ſeine perſön⸗ liche Wildheit als Ritter und Krieger ab. Er nahm ſei⸗ nen Helm vom Kopfe, um genauer zu horen, und die Lords und Reiter um ihn her waren wohl zufrieden, Athem zu ſchöpfen und nach dem ermüdenden Blut⸗ hade eine Pauſe zu machen. Der Ruf:„Gloueeſter zum Angriff!“ wurde nicht mehr gehört. Schwächer und ſchwächer, zerſtreut und einzeln wurde der⸗Ruf verwandelt in:„Gloueeſter zu Hülfe!* Weiter entfernt hörte man den entgegengeſetzten Ruf:„Montagu!— Montagu!“—„Kämpft für Eyncourt und König Eduard!— Say— Say!“ „Hal“s ſagte Eduard gedankenvoll,„der kuͤhne Gloueeſter weicht— Montagu kommt Warwick zu Bulwer, Barone. III. 48 274 Hülfe— Say und Cyncort treten ihm in den Weg. Tauſend Millionen Donner!— unſere Sache ſteht ſchlecht! Reitet, Haſtings— reitet! Gewinnt Eure Lorbeern wieder und führt Clarenee's Reſerve herbei. Aber hört! Geht ihm nicht von der Seite— er könnte wieder zum Feinde übergehen! Ha! Schon wieder: Glouceßter zu Hülfe! Ahl wie luſtig tönt der Ruf Warwick! Bei dem flammenden Schwert des heiligen Michael, wir wollen jenen ſtolzen Raf dämpfen oder ſelber auf immer verſtummen, ehe der Tag um eine Stunde dem jüngſten Gerichte näher kommt!* Bedächtig ſchnallte Couard ſeinen Helm wieder an, ſetzte ſich im Sattel feſt und ritt mit ſeinen Rittern, die ſich dicht bei einander hielten, um ſich in der Dun⸗ kelheit nicht zu verlieren, wieder zu ſeiner Infanterie und führte ſie zu der Stelle hin, wo der Krieg am heftigſten tohte, um Warwicks ſchwarzes Roß und den blutrothen Mantel des feurigen Richard herum. Sechstes Kapitel. Die Schlacht. Es war jetzt kaum acht Uhr Morgens, obgleich die Schlacht ſchon drei Stunden gewährt hatte; und bit jetzt neigte ſich der Sieg ſo ſehr zu dem Grofen hin, daß nur ein ſchweres Mißgeſchick die Schale wenden konnte. Montagu hatte ſich zu Warwick durchgeſchlagen. Somerſet hatte ſeine Leute wieder in Ordnung gebracht. Die friſche Kraft der Reſerve des Grafen hätte beinahe ch die d bis hin, enden agen. racht. inahe 275 den Vortheil über Glouceſters Flügel vollendet. Die neue Infanterie unter Hilyard, die unerſchöpften Reiter unter Eir John Coniers und ſeinen ritterlichen Kamera⸗ zen richteten eine furchtbare Verwüſtung an, als fie die Ebene räumten; und Gloueeſter, der jeden Zollbreit des Bodens vertheidigte, hatte jetzt mit einer überlege⸗ nen Macht zu kämpfen und wurde näher und näher auf die Stadt zu getrieben, als plöblich ein bleicher, kränk⸗ licher und geiſterhafter Sonnenſtrahl, der mehr dem wäſſerigen Schimmer des abnehmenden Mondes glich als dem Glanze der Beherrſcherin des Tages— durch den Nebel brach und den lebhaften Truppen des Grafen das Banner und die Wappenſchilder einer neuen Schaar zeigte, die zu der Stelle hineilte.„Seht,“ rief der junge Lord Fitzhugh,„die Fahne und das Wappen des uſurpators— eine ſilberne Sonne! Eduard ſelder lie⸗ ſert ſich in unſere Hände! Vorwärts zum Angriff mit Pite und Partiſane, mit Lanze und Schwert, mit Pfeil und Bolzen!— Greift an und vollendet den Sieg!“ Hilyard theilte denſelben ungläcklichen Irrthum als er den anrückenden Trupp mit den filbernen Abzeichen bemerkte. Er gab das Commandowort und jeder Pfeil flog vom Bogen. In demſelben Augenblick, als Reiter und Fußvolk zugleich den vermeintlichen Feind angriffen, verſchwand der augenblickliche Schein vom Himmel, die beiden Truppenmaſſen miſchten ſich in dem dunklen Ne⸗ bel, und nach einem kurzen Kampfe hörte man von bei⸗ den Seiten den ploͤtzlichen und ſchrecklichen Ruf:„Ver⸗ rath! Verrath!“ Der ſcheinende Stern Orfords, der von der Verfolgung zurückkehrte, war für Eduards ſil⸗ 276 berne Sonne gehalten worden. Der Freund mordeie den Freund, und als der Irrthum entdeckt wurde, glaubte Jeder, der Anbere ſei zum Feinde übergegangen. Vergebenz ſuchten Montagu und Warwick hier und Orford und ſeine Hauptleute dort die Verwirrung zu beſeitigen, und die mſt einander zu vereinen, deren Blut gegen einander aufgeregt war. Während noch Alles in Schrecken und in der Verwirrung war, ſtürzte ſich Ednard von York ſelber mit ſeinen Rittern und Reitern in ihre Mitte; und ſeine Fahnen, die kaum von Oxrfords Sterne zu unter⸗ ſcheiden waren, vermehrten den allgemeinen Schrecken und die Ungewißheit. Laut erhob ſich in der Mitie Eduards Trompetenſtimme, während man ſeinen ſchnee⸗ weißen Helmbuſch durch den Nebel gleich dem Schaum auf der Woge der ſtürmiſchen See erkannte. Horch! Schon wieder— näher und näher— das Stampfen der Roſſe, das Klirren des Stahls, das Schwirren und Ziſchen der Pfeile, der Ruf:„Haſtings zum Angriffla Friſch und ſchnaubend nach Ruhm und Blut kam König Eduards Reſerve. Von allen zerſtreuten Theilen des Feldes galoppirten die yorkiſchen Ritter herbei, dorthin, wo der Aufrahr um ſo viel mächtiger war und ihnen ſagte, daß die Entſcheihung des Kampſes nahe ſeh, dorthin eilten ſle wie die Geier zu den Leichen; dorthin Eyncourt und Lovell und Cromwells blutiges Schwert und Say's ſchwerer Streitkolben; und dorthin, ſeine halbgeſchlagenen Myrmidonen wieder ſammelnd, der grimmige Glouceſter, deſſen Helm zerhackt war, aber deſſen Eberzähne noch grimmig von ſeinen Helmbuſch in Wuth und Entſetzen niederſtarrten. Aber der Schreck⸗ lichſte erſchre kaum zeichen vollen kaum hätte rollen dem a den 8 marſe „Ver warer gegen ſte da vor ſt Som der n unh F von heſetz Athe als r. ten i iſt S 277 lichſte und Verhaßteſte von Allen in den Augen des un⸗ erſchrockenen Grafen war der meineidige Clarence, der kaum einen Schritt weit an ihm vorüberritt, ſein Ab⸗ zeichen auf ſeinem ſchimmernden Mantel und in dem vollen Pomp ſeiner Feſttagskleidung. Jetzt konnte es kaum mehr ein Kampf genannt werden: Eben ſo gut hätte der Däne die See von ſeinem Fußſchemel zurück⸗ rollen können, als Warwick und ſein ungeordneter Trupp dem allgemeinen Wirbel und Strom des ihn umgeben⸗ den Feindes. Um die Verwirrung noch zu vermehren, marſchirte Somerſet gerade zu der Zeit, als der Ruf „Verrath“ ertönte, auf den Grafen zu. Seine Leute waren faſt Alle Lancaſtrier und hegten immer Zweifel gegen Montagu, wenn auch nicht gegen Warwick, da ſie das Beiſpiel Clarence's und des Erzbiſchofs von York vor ſich hatten, ſo verloren ſie ſogleich den Muth, und Somerſet ſelber führte die Flucht ſeines Trupps an. „Alles iſt verloren!“ ſagte Montagu, als die Brü⸗ der neben einander ſechtend dem Feinde die Stirn boten und auf einen Augenblick den Sturm aufhielten. „Noch nicht,“ entgegnete der Graf;„eine Schaar von meinen nordiſchen Bogenſchützen wird jenen Wald heſetzen— ich kenne ſie— ſie werden bis zum letzten Athemzuge kämpfen! Dorthin alſo mit ſo viel Leuten, als wir aufbringen können. Bringe Du unſere Solda⸗ ten in Ordnung und ich will den Räckzug decken. Wo iſt Sir Marmaduke Nevile?⸗ „Hier!“ „Schon wieder zu Pferde, junger Vetter!— Ich gebe Euch einen gefährlichen Auftrag. Wählt den Weg 278 den Hügel hinunter; der Nebel iſt dichter in der Ver⸗ tiefung und er wird Euch verbergen. Holt Somerſet ein— er iſt weſtwärts geflohen, und ſagt ihm von mir, wenn er nur einen Reitertrupp ſammeln und Eduard ploͤtzlich im Rücken angreifen kann, ſo wird er noch Alles wieder gut machen. Wenn er ſich weigert, ſo moͤge der Untergang ſeines Königs und der Tod der tapferen Männer, die er verläßt, über ſein Haupt kommen! Schnell— Marmabuke. Noch ein Wort,“ fügte der Graf leiſe hinzu—„wenn es Euch mit Somerſet nicht gelingt, ſo kehrt nicht zurück, ſondern ellt in die Frei⸗ ſtätte. Ihr ſeid zu jung, um zu ſterben, Vetter! Fort! — Haltet Euch in der Vertiefung!“ Der Ritter verſchwand und Warwick wendete ſich zu ſeinen Kameraden,—„kühner Neffe Fitzhugh und Ihr tapferen Reiter— ſtellt Euch um mich her— ſo, wir ſind fünfzig Ritter! Eile Du zum Wald, Montagn! Zum Walde!“ So ebel in jeuem Heldenalter war der einzelne Mann ſelbſt in der Mitte der Schaaren des Krieges, daß die Geſchichte mit der Romantik wetteifert, um zu zeigen, in wie weit das Schwert des Einzelnen oder Weniger in der Wagſchale des Krieges den Aasſchlag geben konnte. Während Montagu mit raſcher Gewandt⸗ heit und einer Stimme, die noch Sieg verhieß, die noch übrigen Glieder zurückbrachte und ſich in geſchloſſener Ordnang zu dem Saume des Waldes zurückzog, deckte Warwick mit ſeinen Rittern die Bewegung vor den zahlloſen Reitern, die aus Eduards dichten Reihen hert⸗ vorſtürzten. Bald theilten ſie ſich und griffen einzeln iie Frei⸗ Fort! einzelne Krieges, um zu en oder 279 an, bald vereint und Bruſt an Bruft verwirrten ſie den lebhaften Feind. Und nie in allen ſeinen Keiegen, in aller ſeiner früheren Macht ſeines ungebändigten Armes, hatte Warwick ſo die kriegeriſche Ritterſchaft ſeines Jahrhunderts übertroffen, wie in jener ereignißvollen Stunde. Dreimal drang er faſt allein in die Mitte von Eduards Leibgarde und ſchlug im eigentlichſten Sinne Alles vor ſich her zu Boden: da wurden von ſeiner Streitaxt Lord Cromwell und der berühmte Lord Say getödtet— dann, die alte Freundſchaft nicht mehr beachtend, wurde Glonceſter zu Boden geſtürzt. Das letztemal drang er ſelbſt bis zu Eduard vor, ſchlug des Königs Fahnenträger zu Boden und warf Haſtings vom Pferde, der ſich ihm in den Weg ſtellte. Eduard biß in ditterer Frende ſeine Zähne zuſammen, als er ihn er⸗ llickte, richtete ſich in ſeinen Steigbügeln empor und zf einen Augenblick begegneten der Streitkolben des Lönigs und die Streitaxt des Grafen einander, wie der Konner dem Donner begegnet; doch da eilten hundert Rtter dem Könige zu Hülfe und entzogen dem Rächer ſeite Beute. So angreifend und ſich zurückziehend und mi jedem Angriffe die mächtige Menge weiter und weiter zurückdrängend, gelang es dieſem großen Anfüh⸗ rer ind ſeinen tapfern Rittern endlich, Montagu's ge⸗ ſchidten Rückzug zu decken; und als fie den Saum des Wales erreichten und durch die enge Oeffaung zwiſchen den Aarrikaden hindurch eilten, rechtfertigten die Bo⸗ genſchittzen von Yorkſhire das Vertrauen ihres Lords und barüßten ſeine Ankunft, als ob es zu einem Hoch⸗ zeitsfeſe ginge. 230 Aber wenige von ſeinen Begleitern hatten dieſes wunderbare Unternehmen der Tapferkeit und Verzweiſ⸗ lung überlebt. Von den fünfzig Nittern, die ſeine Ge⸗ fahr getheilt hatten, erreichten nur eilf den Wald; und obgleich unter dieſer Anzahl die Ausgezeichnetſten waren, ſo hatten doch ihre Pferde größtentheils Wunden erhal⸗ ten und waren zum weitern Dienſte unbrauchbar. Zu dieſer Zeit brach die Sonne wieder ehen ſo ploͤtzlich her⸗ vor, aber jetzt nicht mit einem ſchwachen Schimmer, ſondern mit einem hellen und faſt heiteren Strahle, der eine Ueberſicht über die Lage der Schlacht gewaͤhrte, wie an dem Tage noch nicht geſchehen war. Was von Warwicks Cavallerie übrig war, ſah man rechts und links enifliehen— die Lanzen Oxrfords unt die Piken Somerſets waren fort. Exeter, von Alwynt Pfeil durchbohrt, lag kalt und bewußtlos da, fern vot dem Kampfe und ſelbſt von ſeinen Knappen verlaſſer. Vor den Bogenſchützen und den Männern, die Mon⸗ tagu vom Schwerte errettet hatte, machte die ungeheue Menge Eduarbs Halt, ihre tauſend Banner ſchimmertn im plötzlichen Sonnenſchein; benn als Eduard die letzen Ueberbleibſel ſeines Feindes in der Naͤhe des Wahes aufgeſtellt ſah, machte ihn das Verlaugen, ſeinen Cieg und ſeine Rache zu vollenden, vorſichtig, und da er enen Hinterhalt fürchtete, ſo machte er plötzlich Halt. Als die wenigen Begleiter des Grafen die ungeſeure Macht ſahen, die eu ihrem Verderben aufgeſtell war und die Größe ihrer Gefahr und ihres Verluſts be⸗ merkten, ſtießen fie einen einſtimmigen Ausrff des Schreckens und der Fulcht aus. fort, b 281 „Kinder!“ rief Warwick,„laßt den Muth nichi finten!— Zu Agincourt ſtand es mit Heinrich ſchlim⸗ mer als mit uns.“ Aber das Gemurmel unter den Bogenſchützen, dem getreneſten Theile der Anhänger des Grafen, danerte fort, bis ihr Hauptmann vortrat, ein grauer alter Mann, ber noch kräftig und ungebeugt, das eiſerne überbleibſel her⸗ von hundert Schlachten. „Zurück zu Deinen Leuten, Marl Foreſter!⸗ ſagte „der er Graf ſtrenge. hrte, Der alte Mann gehorchte nicht. Er kam zu War⸗ wick und fiel neben ſeinem Steigbügel auf die Knie. man„Fliehet, Mylord, die Flucht iſt noch möglich für unt Euch und Eure Reiter. Flieht aus dem Wald, wir wol⸗ wyn; len Euern Weg mit unſern Körpern, decken. Eure Kin⸗ vot der von Middleham verlangen kein beſſeres Schickſal, ſſer als für Euch zu ſterben! Iſt es nicht ſo?“ Und der lor⸗ alte Mann erhob ſich und wendete ſich zu denen, die ihn hören konnten. Sie antworteten mit einem all⸗ rtn gemeinen Zuruf. ben„Mark Foreſter hat Recht,“ ſagte Montagn.„Von bes Dir hängt die letzte Hoffnung Lancaſters ab. Wir kön⸗ ieg en uns noch mit Oxrford und Somerſet vereinen! ⸗en Hieher, durch den Wald— komm!“ Und er faßte des Grafen Zügel. re„Ritter und Herren,“ ſagte der Graf abſteigend, ar indem er ſein Viſir theilweiſe erhob, ols er ſich zu den 2 Reitern wendete,„wer will, mag mit Lord Montagu 3 flihen! Die, welche in einer gerechten Sache nie am Siege verzweifeln und ſelbſt im ſchlimmſten Falle nicht 282 fürchten, friſch von dem ruhmvollen Tode der Helden vor ihren Schöpfer zu treten, mögen mit mir abſteigen!“ Jeder ſprang vom Pferde, Montagu zuerſt.„Kamera⸗ den!“ fuhr der Graf fort, indem er ſeine Begleiter an⸗ redete,„wenn Kinder für ihres Vaters Ehre fechten, ſo entflieht der Vater nicht der Gefahr, in die er ſeine Kinder gebracht hat. Was wäre mir das Leben, von dem Blute meiner eigenen geliebten Anhänger befleckt, die ihr Anführer auf ſchändliche Weiſe verlaſſen? Eduard hat bekannt gemacht, daß er Niemand verſchonen will. Der Thor! Dazurch verleiht er uns die übermenſchliche Macht der Verzweiflung! Zu Euren Bogen!— Ein Pfeil— wenn er die Panzergelenke des Tyrannen durch⸗ bohrt— ein Pfeil kann jene Armee in alle Winze zer⸗ ſtreuen! Sir Marmaduke iſt gegangen, um den edlen Somerfet und ſeine Reiter wieder zu ſammeln— wenn wir uns nur noch eine kurze Stunde halten, ſo kann Ene der Feind noch im Ruͤcken angegriffen und der Sieg noch gewonnen werden! Muth alſo!“ Hier erhob der„Ur Graf ſein Viſir vollends und zeigte ſein heiteres Geſicht. wirt „Iſt dies das Geſicht eines Mannes, der alle Hoffnung Duß für verloren hält?* Während dieſer Zeit zeigte der plötzliche Sonnen⸗ fan ſchein dem König Heinrich die Zerſtreuung ſeiner Freunde. des Hinter den Palliſaden, welche die Stelle beſchützten, wo um er war, verſammelten ſich bereits die Zuſchauer, die, flu als das Fener der Kanonen nachließ, ſich hinauswagten, dat um zu erfahren, wie die SGache ſtehe, und die jetzt, den ſich Kirchhof von Hadley anfüllend, ſich bemühten, Heinrich den Heiligen oder den Zauberer Bungey zu Geſichte zu ku 22 — lleiter an⸗ fechten, er ſeine en edlen wenn ſo kann vonnen⸗ reunde. ten, wo er, die, vagten, zt, den einrich ichte zu 283 bekommen. Unter dieſen ſchimmerten die Kleiber der Trommelmaͤdchen, die ſich wie hungrige Wöͤlfe der Bar⸗ riere immer näher drängten und zu dem Wachtfeuer einiger nördlichen Wanderer traten. Zu dieſer Zeit wen⸗ dete ſich der Mönch zu einem von der Wache, der in ſeiner Nähe ſtand und ſagte:„Der Nebel iſt jetzt nicht mehr nöthig— König Eduard hat den Sieg gewonnen, nicht wahr?“ „Gewiß, großer Meiſter,“ ſagte der Solbat,„es ſehlt nichts weiter zu dem Triumphe des Königs als des Grafen Tod.“ „Verworfener Teufelsbeſchwörer, höre das!“ rief Bungey Adam zu.„Was helfen Dir jetzt Deine Ka⸗ nonen und Dein Talisman? Hört!— ſagt mir das Geheimniß des letztern— ich meine, dieſer verdammten Maſchine unter meinen Füßen, und ich werde vielleicht Euer Leben verſchonen.“ Adam zuckte die Achſeln in ungebuldiger Verachtung. „Und wenn ich Euch nicht meine Wiſſenſchaft lehre, ſo wird Euch mein Geheimniß unnütz ſein. Schurke und Dummkopf, thue Dein Argſtes.“ Der Mönch gab einem Soldaten, der hinter Adam ſtand, einen Zeichen, und der Soldat hand das Ende des Strickes, deſſen Schlinge den Hals des Gelehrten umgab, um einen Zweig des laubloſen Baumes.„Halt!“* flüſterte der Mönch,„nicht eher, als bis ich den Befehl dazu gebe. Der Graf kann noch ſiegen,“ fügte er bei ſich ſelber hinzu. Und hierauf begann er wieder ſeine Zauberſprüche. Inzwiſchen wendete Sibylla auf eine karze Zeit ihre Augen von ihrem Vater ab, denn bei dem 284 plötzlichen Sonnenſchein, der das Thal erhellte, erblickte ſte in der Ferne den Giebel des alten Pachthauſes mit dem winterlichen Obſtgarten, leider nicht mehr blühend und lächelnd für ſte. Weit von dem Schlachtfelde ent⸗ fernt lag jene Wohnung des Friedens— dieſe einſt glückliche Heimath, wo ſie auf die Ankunft des Falſchen gewartet hatte! Höher und heiliger waren die Gedanken des unglück⸗ lichen Königs. Er hatte ſein Geſicht von dem Schlacht⸗ ſelde abgewendet und ſeine Angen waren auf den Kirch⸗ thum gerichtet, der ſich in geringer Entfernung erhob. Und während er auf denſelben hindlickte, wurde die Glocke feierlich geläutet. Die Stunde des Gebetes war nahe, und ſelbſt bei dem Entſetzen und dem Blutbade wurde die heilige Sitte nicht vernachläſſigt. „Horch!“ ſagte der König traurig—„jenes Läuten fordert manche Seele zu Gott!“ Während dies die Scene auf der Höhe von Hadley war, benutzte Eduard, von Haſtings, Glouceſter und ſeinen vorzüglichſten Anführern umgeben, den Vortheil des unerwarteten Sonnenſcheins, um den Feind und ſeine Stellung zu erblicken.„Dieſer Tag bringt keinen Sleg,“ ſagte er,„und ſichert keine Krone, wenn Warwick le⸗ bendig bavonkommt. Euch, Lovell und Rateliffe, ver⸗ traue ich zweihundert Ritter an— und eure einzige Sorge ſei, den Kopf des rebelliſchen Grafen zu er⸗ halten!“* „Und Montagu?“ ſagte Rateliffe. „Montagu? Nein— der arme Montagu, ich liehte ihn einſt wie meiner eigenen Mutter Sohn; und Mon⸗ ᷣ — 285 tagn,“ murmelte er bei ſich ſelber,„dem that ich nie⸗ mals Unrecht und kann ihm daher verzeihen! Verſchont Montagn.— Mir gefällt jenes Gehölz nicht; ſie müſſen dort eine größere Macht verborgen haben als die Hand voll, die ſich vort am Rande zeigt. Kommt her, Eyn⸗ Falſchen court.“ Und wenige Minuten darauf ſahen Warwick und ſeine nglück⸗ Leute zwei Reiterabtheilungen die Hauptarmee verlaſſen chlacht⸗— die eine ging zur Rechten, die andere zur Linken, und Kirch⸗ es folgten zwei große Maſſen von Pikenmännern, welche erhob. von ihnen geſchützt wurden; und dann marſchirte die Glocke Hauptarmee langſam und ſicher auf den unbedeutenden nahe, Feind los. Die Abſicht war klar, den Feind von allen rde die Seiten einzuſchließen, aber Montagn und ſein Bruber waren in der Zwiſchenzeit auch nicht müßig geweſen; ſie äuten hatten den größten Theil der Bogenſchützen geſchickt anter den Bäumen aufgeſtellt. Die Pikenmänner ſtanden adley jetzt am Rande der Barrikaden, die aus ſcharfen Pfählen r und heſtanden, und wo man einen Durchgang für die Reiter erblickte ertheil gelaſſen, hatten ſich Hilyard und ſeine rüſtigſten Leute ſeine aufgeſtellt und füllten den Raum mit ihren Körpern. gleg,“ Und als mit Hoͤrnern und Trompeten die See von iclee Federbüſchen, Lanzen und Fäͤhnchen herankam, ſtand ver⸗ Warwick in der vorderſten Reihe, keine einzige Feder au nzige ſeinem Helmbuſch beſchädigt, mit noch erhobenem Viſir mer⸗ neben ſeinem berühmten Roſſe. Einige von den Leuten, hatten auf Warwicks Befehl dem Pferde die Rüſtung von der Bruſt abgenommen, und von der Laſt befreit, lebte ſchien das edle Thier eben ſo unermüdet wie ſein Reiter, und außer, wo der Schaum ſein glänzendes Fell be⸗ 286 beckte, war nicht ein Haar verletzt; und der Vorderzug der Yorkiſten hörte ſein wüthendes Schnauben, als fie langſam weiter zogen. Die Geſtalt des Reiters und des Pferdes ſtanden voran unter der kleinen Schaar. Lovell ritt an Rateliffe’s Seite und flüſterte:„Wahrhaftig, ich wollte lieber, König Eduard hätte meinen eigenen Kopf als den des tapfern Grafen gefordert.“ „Still, Jün gling,“ ſagte der unerbitiliche Ratelffe, —„es liegt mir nichts daran, aus welchen Sinfen die Leiter heſteht, die mich zum Ziele meines Ehrgeizes führt!“ Während ſie ſo ſprachen, wendete ſich Warwick zu Montagu und ſeinen Rittern und ſagte:„Unſere einzige Hoffnung beſteht in dem Muihe unſerer Leute. Und wie ich zu Touton, als ich jenem falſchen Manne den Thron gab, mit eigener Hand meinen edlen Malech tödtete, un draͤng zu zeigen, daß ich an der Stelle gewinnen oder ſterben wolle, und durch dieſes Opfer die Soldaten ſo anfeuerte,„ daß der Sieg ſich wendete— ſo will ich jetzt— o Ihr mit? Herren, in einer andern Stunde würdet Ihr meiner lebe, ſpotten, denn meine Hand verſagt mir den Dienſt: dieſe 2 Hand, aus der das arme Thier ſo oft gefreſſen! Sala⸗ Wart din— Letzter deines Geſchlechts, diene mir jetzt im Freu Tode, wie im Leben. Nicht um meinetwillen, o edelſtes Woll Roß, das je einen Ritter getragen— nicht um meinet⸗ der u willen dieſes Opfer!* Kam = ³ ⁸½ ₰ Er küßte das Pferd auf die Stirn, und Saladin, als heit ſei er ſich des Todesſtoßes bewußt, der ſeiner wartete, Bog beugte demüthig ſein ſtolzes Haupt und leckte die ſtahl⸗ niß, gekleidete Hand ſeines Herrn. So ſehr waren Pferd und rderzug als ſie und des Lovell ftig, ich n Kopf ateliffe, ffen die rgeizes wick zu einzige ind wie Thron te, um ſterben euerte, o Ihr meiner : dieſe Sala⸗ tzt im delſtes neinet⸗ n, als ertete, ſtahl⸗ d und 287 Reiter an einander gewöhnt, daß die Umſtehenden nicht mehr hätten gerührt ſein können, wenn es ein Men⸗ ſchenopfer geweſen wäre. Und als der Graf dem Pferde mit der einen Hand die Augen bedeckte und mit der an⸗ dern den Dolchſtoß ausführte, hörte man einen tiefen Seufzer unter den Reihen der Krieger. Aber die Wir⸗ kung war unausſprechlich. Die Leute wußten jetzt, daß ihnen und ihnen allein ihr Lord ſein Glück und ſein Le⸗ hen anveriraue.— Sie waren zu uͤbermenſchlicher Kuͤhn⸗ heit ermuthigt. Für Warwick war keine Flucht— in Warwicks Perſon lebten und ſtarben ſie jetzt. Auf Freund und Feind brachte das Opfer die Wirkung hervor, welche das letzte Mittel der Verzweiflung verſtärkte. Selbſt Eduard, der im Vorderzuge ritt, ſah und wußte die Be⸗ deutung der That. Die ſiegreiche Schlacht bei Touton brängte ſich mit einem ſeltſamen Schrecken und mit qual⸗ voller Reue ſeiner Erinnerung auf. „Er wird ſterben, wie er gelebt,“ ſagte Glouceſter mit Bewunderung:„Wenn ich eine ſolche Schlacht er⸗ lebe, ſo gewähre mir Gott einen ſolchen Tod!“ Als die Worte des Herzogs Lippen verließen und Warwick, einen Fuß auf den Köoͤrper ſeines ſtummen Freundes geſtellt, den Befehl ertheilte, fuhr eine dichte Wolke von Pfeilen auf die Linie der Yorkiſten los, und der vorrückende Feind mußte über hundert Leichen zum Kampfe gehen. Ungeachtet der ungeheuren überlegen⸗ heit der Anzahl machte die Geſchicklichkeit von Warwicks Bogenſchützen, die Stärke ſeiner Stellung, das Hinher⸗ niß, welches die Barrikaben der Cavallerie entgegen⸗ ſtellten, den Angriff aͤußerſt gefährlich. Aber Eduards 288 Befehle waren beſtimmi und kräftig. Es lag ihm nichts an dem Leben ſeiner Leute, und wenn ein Glied ſiel, rückte wieder ein anderes nach. Hoch vor den Barrikaden ſtanden Montagu, Warwick und die übrigen von jener unbeſiegten Ritterſchaft, die Blüte des alten normänni⸗ ſchen Herois mus. Ebenſo vergeblich ſchlagen die Wellen I an einen Felſen, als Eduards Reihen an jenes ſtählerne Vorgebirge ſchlugen. Die Sonne ſchien noch am Himmel und noch immer war Eduards Sieg nicht geſichert. Ja, wenn Marmaduke Somerſets Truppen in ſeinen Rücken führen könnte, ſo fühlten Montagu und der Graf, daß ihnen der Sieg noch geſichert werden konnte. Und oſt hielt der Graf inne, um auf den Ruf„Somerſet“ zu hören, und oft erhob Montagu ſein Viſir, um nach den Bannern und Lanzen des lancaſtriſchen Herzogs zu ſehen. Und wenn der Graf horchte und Montagu das ßeld n ko überſchaute, ſchien ſich Eduards Armee immer weiter none auszubreiten. Das Regiment, worin ſich Alwyn befand, ſürz war jetzt in Bewegung, und von dem jungen Angel bei a ſachſen ermuthigt, marſchirten die Londoner jetzt weiter,„Sc ohne ſich durch das Blutbad ihrer Vormänner ſchrecen. winn zu laſſen. Aber Alwyn vermied die Stelle, die von den Sieg Rittern vertheidigt wurde, defilirte ein wenig zur Lin⸗ tergt ken, wo ſein raſches Auge, an den nöͤrdlichen Nebel— gewöhnt, an der Stelle, wo Hilyard ſtand, die Schwäche fang der Barrikaden entdeckt hatte, und hier verſuchte Alwyn er e mit der Pike, einer Waffe, die dem heutigen Bajonet ling entſpricht, ſich durchzuſchlagen. Der erſte Angriff, den Pri er anführte, war ſo ſtürmiſch, daß er wirklich eindrang. Die Hinterſten drängten ſo ſehr auf die Vorerſten, daß zim nichts lied fiel, arrikaden on jener rmänni⸗ e Wellen ſtählerne Himmel ert. Ja, Ruͤcken raf, daß Und oſt rſet“ zu nach den u ſehen. as Feld weiter befand, Angel⸗ weiter, chrecken von den ur Lin⸗ 289 Hilyard nicht Raum genng hatte, ſein zweihändiges Schwert zu ſchwingen, welches an dem Tage vollkommen ſeine Pflicht gethan. Während hier der Kampf heftig und zweifelhaft war, drang der rechte Flügel, der von Eyncourt commandirt wurde, in den Wald ein, er⸗ ſtaunte, keinen Hinterhalt zu entdecken, und griff die Bogenſchützen im Rücken an. Die Scene war jetzt un⸗ ausſprechlich ſchrecklich; das Geſchrei und Geſtoͤhn und das unbeſchreibliche Brüllen und Kreiſchen der menſch⸗ lichen Leidenſchaft ertoͤnte dämoniſch durch den Schatten der laubloſen Bäume. Und in dieſem Augendlick hatte Eduard, raſch beſonnen, eine von ſeinen ſchweren Ka⸗ nonen aufgepflanzt. Warwick und Montagn, und die meiſten Ritter mußten ſich von den Barrikaden entfernen, um den im Rücken angegriffenen Bogenſchützen zu Hülſe zu kommen; aber einen Augenblick vorher hatte die Ka⸗ none dieſe Schutzwehr geſprengt. In der nächſten Minute ſtürzten ſich Reiter und Fußvolk durch die Offnung. Und bei all dem Geräuſch hörte man Eduards Stimme ruſen: „Schlagt ſle zu Boden! Keine Schonung! Wir ge⸗ winnen den Sieg!— Wir gewinnen den Sieg!— Sieg!— Sieg!“ wiederholten die Truppen im Hin⸗ tergrunde; eine Reihe trug den Ruf der andern zu — eine Abtheilung der andern— er erreichte den ge⸗ fangenen Heinrich und er hielt in ſeinem Gebete inne; er erreichte den gewiſſenloſen Moͤnch, als er dem Söld⸗ ling in ſeiner Nähe das Zeichen gab; er erreichte den Prieſter, als er unbewegt in die Kirche zu Hadley trat. Die Glocke ging in ein raſcheres und lieblicheres Läuten über und lud die Lebendigen ein, ſich auf den 1 vor⸗ Bulwer, Barone. III. zubereiten, und die Seele, ſich üͤber die Grauſamkeſt und Falſchheit, über die Freude und den Pomp, über die Weisheit und den Ruhm der Welt zu erheben! Und plötzlich, als das Geläute verſtummte, hörte man von der nahen Anhöhe einen qualvollen weiblichen Schrei, b der von dem Brüllen der Kanone unten im Felde uͤber⸗ täubt wurde.. Vorwärts drängten ſich die Yorkiſten durch den Ein⸗ gang, den Alwyn erzwungen hatte.„Ergebt Euch, rüſtiger Mann,“ ſagte der kühne Goldſchmied zu Hilyard, deſſen Entſchloſſenheit der ſeinigen glich und ſeine Be⸗ wunderung erregte, und indem er an dem Aecent, wo⸗ mit Robin ſeinen Leuten zurief, einen Landsmann aus der nördlichen Provinz erkannte—„ergebt Euch und ich will dafür ſorgen, daß Ihr an Leib und Leben unver⸗ letzt bleibt— ſeht Euch um— Ihr ſeih geſchlagen.“ „Thor!“ rief Hilyard, die Zähne zuſammenbeißend —„das Volk wird nie geſchlagen!“ Und als er eben dieſe Worte ausgeſprochen hatte, zerſchmetterte ihn ein Schuß von der Kanone. „Vorwärts für London und die Krone!“ rief Alwyn —„die Bürger find das Voll!“ Um dieſe Zeit galoppirten Ratcliffe und Lovell an der Spitze ihrer Ritter durch die Menge der Yorliſten, um ihren Auftrag auszufähren. Hinter der Säule, die zum Gehächtniß der großen Schlacht jenes Tages errichtet iſt, erſtreckt ſich jetzt en dreieckiges Stück Weideland vor einem kleinen Hanſe. Zu jener Zeit war der Platz mit Wald bedeckt, und wo ſich jetzt in der Hecke zwei kleine Bäume erheben, ſtan⸗ uſamkeit p, über en! Umd nan von Schrei, de uͤber⸗ den Ein⸗ t Ench, Hilyard, eine Be⸗ nt, wo⸗ ann aus uch und nunver⸗ hlagen.“ nbeißend er eben ihn ein fAwyn vvell an orliſten, großen jetzt ein Hanſe. und wo „ ſtan⸗ 291 hen damals zwei ungeheure Eichen von gleichem Alter mit den Kriegern der normänniſchen Eroberung. Sie ſlanden dicht bei einander, und obgleich ihre Wurzeln und Aeſte verſchlungen waren, ſo hatte doch die eine der andern keine Nahrung entzogen. Sie ſtanden da, gleich an Höhe und Umfang, die Zwillingsrieſen des Waldes. Vor dieſen Bäumen, deren ungeheure Stämme ſle vor den Schwertern im Rücken ſchützten, nahmen Warwick und Montagu ihren letzten Poſten. Vor ihnen erhoben ſich Hügel von Todten, mochten es nun Freunde oder Feinde ſein; denn ſie ſtanden jetzt faſt allein da in der erhabenen Verzweiflung der Tapferkeit unter den Truͤm⸗ mern der Schlacht und vor dem unwiderftehlichen Schritte des Schickſals. Als ſie dieſe Stelle erreicht hatten und die gemeineren Gegner ſich zurückzogen und ſich zuletzt noch hinter den Köͤrpern der Todten vor dem Tode zu ſchätzen ſuchten, wendeten ſie ihre Viſire zu einander, als wollten ſie einander zum letztenmal Lebewohl ſagen. „Verzeihe mir, Richard!“ ſagte Montagn—,ver⸗ zeihe mir Deinen Toh— hätte ich nicht ſo blindlings an Clarenee's unheilvollen Befehl geglaubt, ſo hätte der wilde Ebuard nimmer lebendig an Pontefract vorüber kommen ſollen.“ „Tadle Dich deßhalb nicht,“ verſetzte Warwick. „Wir ſind nur die Werkzeuge eines weiſeren Willens. Gott wolle Dir verzeihen, mein Bruder. Wir verlaſſen dieſe Welt der Tyrannei und des Laſters. Der Erlöſer nehme unſere Seelen auf!“ Einen Angenblick drückten ſte einander die Hände und hann war Alles ſtill. 292 Weit und ſern, hinter und vor ihnen in dem Glang ber Sonne, erſtreckte ſich die Armee des Siegers, un) dieſe Pauſe reichte hin, die Größe ihres Widerſtandes kha⸗ zu zeigen— das großartigſte Schanſpiel ſelbſt in der ſe 2 hoffnungsloſeſten Lage iſt der Trotz tapferer Herzen die d gegen die rohe Gewalt der Menge. Wo ſie ſtanden, tagu waren ſie Tauſenden ſichtbar, aber Keiner rückte auf* ſie an. Die Erinnerung an Warwicks frühere Waffen⸗ 4 thaten— ſeine Heldenthaten an dem Tage— der Glum ſh ſeines Ranges und Namens machten, daß die Gemeinen Eeſch ſich fürchteten, ihn zu todten, und die Tapfern ſich ſchäm⸗ ice ten, ihn zu ermorden. Der tapfere Eyneourt ſprang hatte von ſeinem Pferde und näherte ſich der Stelle. Seine Begleiter thaten daſſelbe. 1 4 hren „Ergebt Euch, Mylords— ergebt Euch! Ihr habt 4 Alles gethan, was Männer thun können.“ tast „Ergib Dich, Montagu,“flüſterte Warwick.„Eduar er vo kann Dir nichts zu Leide tüun. Das Leben hat ſein Ange⸗ fen H nehmes, ſo ſagt man wenigſtens.“ beleb „Nicht wenn Macht und Ruhm bahin find. Wir er⸗ bewe geben uns nicht, Herr Ritter,“ antwortete der Mar⸗ blutt quis in ruhigem Tone. „Dann ſterbt und macht den neuen Männern Platz, die Ihr verachtet habt!“ rief eine zornige Stimme, und gewer Rateliffe, der ſich der Stelle genähert hatte, ſtieg ab die 3 und hetzte ſeine Bluthunde an. Sieben Minuten mochten vergangen ſein, und vor Warwicks Art und Montagu's Schwerte waren ſieben Seelen in die Ewigleit gegangen. Bei der allgemeinen in Glanx gers, und derſtandes ſt in der r Herzen e ſtanden, ückte auf Waffen⸗ der Glan Gemeinen ch ſcham⸗ rt ſpraug le. Seine Ihr habt „Eduarh ein Ange⸗ Wir er⸗ er Mar⸗ rn Platz, ime, und ſtieg ab und vor en fieben gemeinen 293 Beſtürzung und Erſtarrung der Umſtehenden bildete dieſe einzige kleine Stelle eine Schlacht. Aher Schaaren draͤngten ſich auf Schaaren, ſowie die Wuth des Kampfes die Ermüdeten antrieb; Mon⸗ tagu war auf ſein Knie gefallen— Warwick ſchützte ihn mit ſeinem Körper— hundert Streitäxte donnerten auf des Grafen geſenkten Helm— hundert Klingen ſchimmerten um die Gelenke ſeines Panzers— ein ein⸗ ſimmiger Schrei wurde gehört— über die Hügel der Erſchlagenen, durch das Gedränge in dem Schatten der Eichen ſtürzte ſich Glouceſters Streitroß. Der Kampf hatte aufgehört. Die Henker ſtanden ftumm im Halb⸗ kreiſe. Neben einander, Axt und Schwert noch feſt in ihren eiſernen Händen, lagen Montagu und Warwick. Der junge Herzog hatte ſein Viſir erhoben und be⸗ trachtete ſchweigend die gefallenen Feinde. Dann ſtieg er vom Pferde und ſchnallte mit eigener Hand des Gra⸗ fen Helm ab. Auf einen Augenblick durch die Luft wieder beleht, öffneten fich die Augen des Helden, ſeine Lippen bewegten ſich, er erhob mit ſchwacher Anſtrengung die blutige Streitaxt, und die bewaffnete Menge wich vor Schrecken zurück. Aher des Grafen Seele, im Begriff zu ſcheiden, hatte ſich von jener Scene des Kampfes ab⸗ gewendet und verweilte bei den ſanften Erinnerungen, die zuletzt aus treuen und männlichen Herzen ent⸗ ſchwinden. „Weib! Kind!“ murmelte der Graf undeutlich. „Anna— Anna! Gott tröſte Euch, meine Theuren!“ Und mit dieſen Worien ſtanh der Athem flill— der Kopf ſiel ſchwer auf die Mutter Erde nieder— das 294 Geſicht erſtarrte ruhig und unentſtellt wie das Geſicht wunt eines Soldaten es ſollte, wenn ein tapferer Tod eines dee tapferen Lebens würdig geweſen. reſ „So,“ murmelte der düſtere und ſiunende Prinz, ſn ohne ſich der Menge bewußt zu ſein;„ſo geht das eiſerne Stel Geſchlecht unter! Am Boden liegt der letzte Baron, der ebr dem Throne gebieten und das Volk beherrſchen konnte, 5 Das Zeitalter der Gewalt verſchwindet mit der Rither⸗ derd ſchaft und den Waffenthaten. Und über der Leiche dieſes entz großen Mannes ſehe ich das neue Zeitalter anbrechen lanc Glücklich iſt von jetzt an, wer Pläne entwerfen, ſchmei⸗ cheln und lächeln kann!“ Plötzlich aus ſeiner Träumerei ein erwachend, ſagte der großartige Heuchler, wie in trau⸗ ene rigem Vorwurf:„Ihr ſeid zu hafiig geweſen, Ritter 8 und Herren. Das Haus York iſt mächtig genug, am 8 ſo edle Feinde zu verſchonen. Blast, Trompeter! 31 kun Ordnung! Platz da! König Eduard kommt! Es lehe reit der König!“ tre ſagt Siebentes Kapitel. Koöl Die letzten Pilger in der langen Prozeſſion zu dem allgemeinen Eu . Ziele. nac Der Koͤnig und ſeine königlichen Brüder ritten gleich 3 nach dem Siege nach London zurück, um ihren Triumph 5 zu verkündigen. Die Infanterie blieb noch zurück, um 8 ſich nach einer ſo heſtigen Anſtrengung zu ſtärken; und Ar zu der Erhöhung bei der Kirche zu Hadley drängten ſich 3 die Landleute aus der Umgegend in Ehrfurcht und Bi⸗ 1s Geſicht Tod eines de Prinz, das eiſerne aron, der en konnte. er Ritter⸗ iche dieſes anbrechen. n, ſchmei⸗ Träumerei le in trau⸗ n, Ritter enug, um eter! Jr ! Es lebe allgemeinen tten gleich Triumph rrück, um ken; und ngten ſich und Bi⸗ V 295 wunderung, denn an der Stelle hatte Heinrich geſtan⸗ den, den man jetzt leider wieder in das Gefängniß geführt hatte, welches er nicht mehr lebendig verlaſſen ſollte, und die Vernichtung des in ſeinem Namen zu⸗ ſammengebrachten Heeres anzuſehen— und zu jener Stelle hatte man auch Warwick's und Montagu's Leichen gebracht, während man eine Bahre verfertigte, um ſie nach London zu tragen— und an jener Stelle hatte der berühmte Moͤnch den Nehel beſchworen— die Kanonen entzaubert— und hie ſchrecklichen Machinationen des lancaſtriſchen Zanberers vernichtet. Und zu dieſer Stelle und durch dieſe Menge ging ein junger Hauptmann der Yorkiſten mit einem Gefan⸗ genen, den er zu dem Zelte des Lord Haſtings führte, den Einzigen von den Anführern, von welchem Gnade zu hoffen war, und der hiuter dem Könige und ſeinen königlichen Brüdern zurückgeblieben war, um Vorbe⸗ reitungen zu der Entfernung des mächtigen Todten zu treffen. „Haltet Euch in meiner Näͤhe, Sir Marmahnke,“ ſagte der Yorkiſt;„wir müſſen Haſtings bitten, den König zu beſänftigen; und wenn wir nicht hoffen koͤnnen, Eure Begnadigung zu erhalten, ſo kann er wenigſtens nach einem ſolchen Siege einem einzigen Feinde zur Jlucht verhelfen.“ „Sorge nicht für mich, Alwyn,“ ſagte der Ritter; „als Somerſet für alles Andere als für ſeine Furcht taub war, kehrte ich zurück, um an der Seite meines Anführers zu ſterben, aber ach— zu ſpät— zu ſpät! Jetzt iſt der Tod beſſer als das Lehen! Was Verwandte 296 Ehrgeiz, Liebe für andere Männer, war Lorb Warwickz Lächeln für mich!“ Alwyn achtete die redliche Bewegung ſeines Gefan⸗ genen und benützte dieſelbe, um ihn von einer Sielle hinwegzuführen, wo er ſah, daß die Ritter und Krieger in Ehrfurcht und Traurigkeit am dichteſten die Helden⸗ brüder umgaben. Er drängte ſich durch eine Menge von Bauern, Bürgern und Weibern mit Kindern auf den Armen und ſah ploͤtzlich einen Trupp Trommelmädchen um einen laubloſen Baum tanzen und hörte ſie ein wildes aber freudiges Gaſſenlied fingen. „Welch eine unſchickliche und unpaſſende Fröhlich⸗ keit iſt dies?“ ſagte der Geſchäftsmann zu einem gaf⸗ fenden Freiſaſſen. „Sie tanzen nur, die armen Mädchen, um den höſen Zanberer, den der Mönch Bungey hat hängen laſſen — und um ſeine Hexe von Tochter.“ Eine ſchreckenvolle Ahnung ergriff Alwyn; er eilte vorwärts und zerſtreute Bauern und Trommelmädchen mit ſeinem noch blutigen Schwert, und ſeine Füße ſtießen an einige zerbrochene Trümmer; es war die arme En⸗ reka, endlich des Diamanten wegen zerſtört! Werthlos für den großen Mönch, da die Wiſſenſchaft des Erfinders nicht auf ſeinen Mörder übergehen konnte— werthlos der Mechanismus und die Erfindung, die Arbeit und das Genie; aber der Aberglauben und die Thorheit und die Täuſchung hatten ihren Werth und der Betrüger, der die Maſchine zerßört hatte, war im Beſitze des Juwels! An dem unbelaubten Baume hing die Leiche eines arwickz Gefan⸗ Stelle drieger Helhen⸗ ge von uf den ädchen ſie ein öhlich⸗ n gaf⸗ böſen laſſen eilte ldchen tießen 2 Eu⸗ ethlos nders thlos t und t und üger, 2 des eines 297 Mannes; darunter lag ein Frauenzimmer, welches auch todt war; aber ob durch die Hand des Menſchen, oder die Guade des Himmels, war nicht zu erkennen. Der Gelehrte und ſein Kind waren gleich kalt; das grimmige Zeitalter hatte ſte verſchlungen, wie es ſtets die ver⸗ ſchlingt, welche ihm vorauseilen oder hinter ihm zurück⸗ hleiben— und ein gemeinſchaftliches Verdammungs⸗ urtheil über die zu Schuldloſen und die zu Weiſen ſpricht. „Warum drängt Ihr Euch Alle dorthin, Leute?“ ſagte eine gebietende Stimme. „Ha, Lord Haſtings!— Kommt näher!— Seht!“ rief Alwyn. „Ha— ha!“ rief Graul, als ſie ihre Schweſtern ſchreiend und kreiſchend und ihre Trommeln in die Höhe werfend von dem Platze hinwegſührte.—„Ha!— Die Hexe und ihr Liebhaber!— Ha! ha!— Häßlich iſt ſchön!— Ha— ha! Zauberei und Tod gehen zuſammen, wie Du endlich erfahren wirſt, freunblicher Werber!“* Und als nach langen Jahren Beſchuldigungen der Zauberei und des Verraths in Haſtings Ohren tönten und auf Glouceſters Signal die bewaffneten Henker hereinſtürzten, da erinnerte er ſich wieder dieſer un⸗ heimlichen Worte!. Um dieſelbe Stunde wurden die Thore des Towers der Menge geöffuet. Friſch von ihrem Siege waren Eduard und ſeine Brüder in die St. Paulskirche gegan⸗ gen, um dort Dankgebete darzubringen— fie waren fromm, dieſe drei Plantagenets!— und von dort nach Baynards Schloß, um die Königin und ihre Kinder 298 wieder in den Tower zu begleiten. Und nun brachte der Ton der Trompeten den freudigen Aufruhr der Menge zum Schweigen, denn eben hatte der Herold angemeldet, daß König Eduard ſich auf dem Balkon nach der Ka⸗ pelle zu dem Volke zeigen werde. Der Hofplatz war mit allen Menſchenklaſſen und jedem Alter angefüllt, ſie kletterten an den Mauern und an den Palliſaden hinauf, ſie ſchwenkten ihre Mützen, murmelten, drängten ſich, ſtampften— die Weſen der kurzen Stunde! Hoch von den Zinnen flatterte Eduards ſtegreiche Fahne— eine Sonne, die zur Sonne hinaufſchien. Zum zweiten⸗ und drittenmal erklang die Trompete, und auf dem Balkon, die Krone auf dem Haupte, doch noch in ſeiner Rüſtung ſtand der Koönig. Was lag der Menge an ſeiner Falſchheit und Treuloſigkeit— an ſeinem aus⸗ ſchweifenden Leben und ſeiner Grauſamkeit? Alle Laſter verſchwinden beim glücklichen Erfolge. Hurrah dem Kö⸗ nig Eduard! Hurrah dem König Eduard! Der Mann des Zeitalters paßte für das Zeitalter, beſaß Tapfer⸗ keit für ſeinen Krieg und Liſt für ſeinen Frieden und die Neigung des Zeitalters war auf ſeiner Seite! Da ſtand der König— zu ſeiner Rechten Eliſabeth, ihren kleinen Knaben, den Erben von England, in den Armen, und das ſtolze Geſicht der Herzogin war über der Schulter der Königin zu ſehen. An Eliſabeths Seite war der Herzog von Gloueeſter, der ſich auf ſein Schwert ſtützte und zur Rechten Eduards neigte der meineidige Clarenee ſein ſchönes Haupt vor der frendigen Menge! Beim Anblick des ſiegreichen Königs, der liebenswürdigen Kö⸗ nigin und vor Allen des jungen männlichen Erben, der ——— 299 der Linie von York eine lange Dauer verſprach, brach das Voll in den herzlichen Zuruf aus:„Lange lebe der König und des Königs Sohn!“ Mechaniſch wendete Eliſabeth ihre naſſen Augen von Eduard auf Eduards Brüder und plötzlich, wie mit dem prophetiſchen Geiſte einer Mutter, drückte ſte ihr Kind feſter an ihren Bu⸗ ſen, als ſie das ſchimmernde und unheimliche Auge Ri⸗ chards von Gloueeſter— Warwicks grimmigen Rächers in der Zukunft— auf jenes harmloſe Weſen gerichtet ſah— das einzige Leben außer dem des verachteten und kraftloſen Clarence, welches zwiſchen dem gewiſſenloſen Ehrgeize und der Erbſchaft des engliſchen Thrones ſtand. Anmerkungen. Das Wappen mit dem Bären und dem rauhen Stabe war ſo berühmt im fünfzehnten Jahrhundert, daß der folgende Auszug aus einem Briefe, den Herr Courthope an den Verfaſſer geſchrieben, den Leſer ohne Zweifel intereſſiren wird, und der Verfaſſer fühlt ſich glücklich, eine Gelegenheit zu haben, die höfliche Auf⸗ merkſamkeit öffentlich anzuerkennen, womit Herr Court⸗ hope ſeine Nachfragen beehrt hat: „Was das Wappen Richard Nevile's, Grafen von Warwick, betrifft, nämlich den Bären und den Stab, ſo ſtimme ich gewiß mit Ihnen darin überein, daß zuwei⸗ len das ganze Wappen und zuweilen der Stab allein angewendet wurde, denn ſo kommen ſie vor der Erobe⸗ rung vor. So finden wir ſie mit dem Stabe auf ihren Schilden und den Bären zu ihren Füßen abgebildet, und 300 der Stab allein iſt in ein Felb auf den Schilden aufge⸗ nommen. „Die Geſchichte von dem Urſprung dieſer Wappen iſt folgende: „Arth oder Arthgal ſoll der erſte Graf von War⸗ wick geweſen ſein, und da er einer von den Rittern von König Arthurs Tafelrunde war, ſo ſchickte es ſich fuͤr ihn, ein Wappen zu haben, und ha der brittiſche Name Arth oder Narth einen Bären bedeutet, ſo nahm er den Bären in ſein Wappen auf; ſein Nachſolger Morvidus, Graf von Warwick, überwand im Zweikampfe einen mächtigen Rieſen, deſſen Waffe ein Baum war, den er mit der Wurzel herausgezogen und deſſen Zweige er ab⸗ gebrochen. Zum Zeichen ſeines Sieges nahm er den rauhen Stab in das Wappen auf. Sie werden demnach ſehen, daß der Urſprung beider verſchieden iſt, was den Umſtand nicht unwahrſcheinlich macht, daß ſle dieſelben getrennt getragen; auch werden Sie gleichfalls zugeben, daß bride von den Beauchamps herkommen. Ich finde den rauhen Stab den Neviles nie vor der Verbindung mit der Familie Beauchamp zugeſchrieben. „Was das Abzeichen der Neviles, den braunen Stier, anbetrifft, ſo hat daſſelbe dieſer Famtlie ſeit ſehr frühen Zeiten angehört, und ſowohl der Königmacher als ſein Bruder, der Marquis Montagu, mögen denſelben an⸗ gewendet haben; der erwähnte Stier erſcheint in einer Abbildung zu Richard Nevile's Fäßen, von dem Adler der Monthermers begleitet; die Helmzeichen zu beiden Seiten find die Montagu's und Nevile’s; außer dieſen beiden Helmzeichen, die der Marquis Montagu mag angewendet haben, bediente er ſich gewiß auch des Grei⸗ fen, der aus einer Herzogskrone hervortritt, und zwar als einen nur für Montagu beſtimmten Helmſchmuck, V 301 da er den Wappen jener Familie den Vorrang vor ſei⸗ nem väterlichen Wappen der Nevlles gegeben; der Koͤnigmacher gibt gleichfalls auf ſeinem Siegel Mon⸗ tagu und Monthermer den Vorrang, und ſie allein er⸗ ſcheinen auf ſeinem Schilde.“— Hume, Rapin und Carte, alle weiſen die Geſchichte von Eduards mirklicher Gefangenſchaft zu Mirdleham zurück, während Lingard. Sharon, Turner und Andere ſie unbedingt annehmen. Uad doch, obgleich Lingard er⸗ folgreich gegen einige von Hume'’s Einwürfen ange⸗ kämpft, ſo hat er doch andere gänzlich unbeantwortet gelaſſen. Hume führt an, daß eine ſolche Thatſache in Eduard's nachfolgender Proklamation gegen Clarence und Warwick nicht erwähnt werde. Lingard antwortet, nachdem er einen unweſentlichen Fehler in Hume's Daten verbeſſert— daß die Proklamation ſie nicht habe er⸗ wähnen können, weil ſie ſich auf die Aufzählung der Vergehungen beſchränkt, die nach der allgemeinen Am⸗ neſtie im Jahre 1469 geſchehen.— Dann führt er mit einiger Inconſequenz die Beſchuldigung gegen Clarence au, die viele Jahre ſpäter geſchah, und in welcher der König dieſelbe unter ſeine Vergehungen zählt. Aber es iſt klar, daß, wenn die Amneſtie Eduard hinderte, War⸗ wick dieſer Gefangennahme zu beſchuldigen, nur ein Jahr, nachdem dieſelbe gewährt worden, ſo mußte ſie ihn noch mehr hindern, Carence dieſelbe nach neun Jahren zur Laſt zu legen. Höchſt wahrſcheinlich iſt es, daß dieſer Anklagepunkt ſich nicht auf irgend eine wirk⸗ liche Gefangenſchaft zu Middleham im Jahre 1469 be⸗ zieht, ſondern vielmehr auf Clarenee's Javaſton in Eng⸗ land im Jahr 1470. Endlich find Eduards Beſchuldi⸗ gungen gegen ſeinen Bruder, wie Lingard anderswo bemerkt, keine Beweiſe, und dieſer König trug kein 302 Bedeuken, irgend eine Lüge anzuwenden, wenn es ihm nützlich ſchien. Kurz, nichts kann unwahrſcheinlicher ſein, als dieſe Erzählung von Eduards Gefangenſchaft, auch war kein Zweck dazu vorhanden. Zu derſelben Zeit, wo dieſelbe ſoll flattgefunden haben, war Warwick mit einem Kriege gegen des Königs Feinde beſchäftigt. So⸗ bald Eduard Middleham verläßt, geht er, anſtatt nach London zu entfliehen, ganz offen und ſorglos nach York um denſelben Anführer der Rebellen, den Warwick be⸗ ſiegt hatte, zu verhören und hinrichten zu laſſen, und noch dazu in der Mitte von Warwicks Armeen! Weit entfernt, die natürliche Rache zu hegen, die ein ſo rach⸗ ſüchtiger König müßte empfunden haben, wenn ihm eine ſo große Beleidigung widerfahren wäre, verleiht er der Familie Nevile, gleich nachdem er York verlaſſen, noch größere Macht als je, überträgt Warwick neue Würden und verlobt ſeine älteſte Tochter mit Warwickt Neffen. Eine ſolche Anſicht von dem Beſuche des Kö⸗ nigs in Middleham, wie wir ſie in dieſer Erzählung mitgetheilt haben, kann alſo als eine nicht unwahr⸗ ſcheinliche Ausgleichung der beſtrittenen und wider⸗ ſprechenden Zeugniſſe über dieſen Gegenſtand angeſehen werden. Falkland. f mit Eine Erzählung York von 3 nat Ednard Iytton Bulwer. Kä⸗ Ueberſetzt 4 Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1 V 1846. Er aufreg kenne! über de ſo einf welche meiner iſt ſo Scher ſind ne durchd in D* nore“ M wohne in L** mit ra B6 Erſtes Buch. Erasmus Falkland Esg. an den ehrenwerthen Friedrich Monkton. Lorr, den— Mai 1822. Sie irren ſich, mein lieber Mankien. 1 Ihre Se derung des fröhlichen Lebens„der Saiſon“ wirkte nicht aufregend auf mich. Sie ſpeechen von Vergnügen; ich kenne keine ermüdendere Auſtr g; Sie verbreiten ſich über deſſen Mannigfaltigkeit; kein Einerlei erſcheint mir ſo einförmig. Sparen Sie zahes Ihr Mitleid für Solche, welche deſſelben bedürſen. Von dem hohen Standpunkte meiner Philoſophie bedaure ich vielmehr Sie. Niemand ſt ſo eitel, als ein zurückgezogen Lebender; und Ihre Scherze über mein Einſiedlerleben und meine Einſtedelei ſind nicht im Stande, die Falten eines Eigendünkels zu durchdringen, der Sie weder um Ihre Abendmahlzeiten in D*⸗ Haus, noch ſelbſt um Ihre Waſter mit Eley⸗ nore** beueidet. Mehr eine Ruine als ein Haus iſt es, was ich be⸗ wohne. Seit meiner Rückkehr vom Auslande bin ich nicht in L*** geweſen, und wäͤhrend dieſer Jahre iſt der Ort mit raſchen Schritten ſeinem Verfalle entgegengegangen; Bulwer, Falkland⸗ 20 306 er paßt vielleicht eben deßhalb um ſo beſſer für mich, tel maitre, telle maison. Unter allen meinen Beſitzungen hat dieſe an und für ſich am wenigſten Werth, es knüpft ſich an dieſelbe am wenigſten Anziehendes von den Erinnerungen an die Kind⸗ heit, denn ich brachte von jener Zeit keine Stunde in Leu zu. Gleichwohl habe ich dieſelbe zu meinem nunmehrigen Aufenthaltsorte gewählt, weil man mich nur hier nicht perſönlich kennt und ich deßhalb wahrſcheinlich auch wenig werde geſtört werden. Ich ſehne mich in der That nicht nach den Unterbrechungen, die man für Höflichkeiten hält, Glied um Glied ziehe ich vielmehr die Ketten an mich, welche mich an die Welt feſſelten; in mir ſelbſt finde ich die Abwechslung und Unterhaltung, welche ſie nur in dem Verkehre mit Anderen ſuchen; und ich laſſe, wie der Chineſe, meine Karte des Weltalls aus einem Kreiſe in einem Viereck beſtehen— der Kreis iſt mein eigenes Reich der Gedanken und das Ich; und in die aärmlichen muſe Ecken außerhalb des Kreiſes verbanne ich, was den an⸗ unſere dern Menſchenkindern gehört. ſ me Etwa eine Meile von ½*** iſt Herrn Mandeville's mhäne ſchöne Villa E**“, inmitten von Feldern, die einen rei⸗ ſichtig zenden Gegenſatz zu der wilden und romantiſchen Lend⸗ wie de ſchaft bilden, welche dieſelbe einſchließt. Da das Haus es kei im gegewärtigen Augenblicke ganz unbewohnt iſt, wußte V incon ich mir durch den Gäͤrtner freien Zutritt in die Beſitzun⸗ et on gen zu verſchaffen und ich bringe da ganze Stunden zu, de la indem ich mich, gleich dem Helden des Lutrin, eintt sainte oisiveté überlaſſe, einem wenig geräͤuſchvollen Bache lauſche und meine Gedanken beinahe ſo müßig Phoru V * r mic, V und für lbe am Kind⸗ in L**3 ehrigen er nicht wenig t nicht en hält, 307 und zwecklos umherſtreifen laſſe, wie die Vögel unter den mich umgebenden Bäumen. Ich könnte wahrlich wün⸗ ſchen, dieſes Bild moͤchte in jeder Beziehung treffend ſein— dieſe Gedanken moͤchten nicht nur ſo ungebunden, ſondern auch ſo glücklich ſein wie die mit ihnen vergliche⸗ nen Geſchöpfe; ſie möchten, wie dieſe, nachdem ſie den Tag über herumgeſchwärmt, Abends zu einem Ruheplätz⸗ chen zurückkehr en und da verweilen. Wir ſind die Narren und die Opfer unſerer Empfindungen. Während wir ſie gebrauchen, um von den Außendingen die Schätze einzu⸗ ſammeln, welche wir im Innern aufhäufen, haben wir die Strafen nicht vor Augen, welche wir uns ſelbſt be⸗ reiten; die ſtachelnde Erinnerung, die trügeriſche Hoff⸗ Aung, die Leidenſchaften, welche uns Entzücken verheißen und uns mit Verzweiflung lohnen, und Geanken, welche, wie ſte, die kräftige That erzeugen, auch die fieberhafte Aufregung der Seele verurſachen. Welcher Kranke hat in ſeinem Delirium nicht Dinge geträumt, welche auch unſere Philoſophen ausgeſprochen?* Aber ich verfalle in meine alte Gewohnheit, düſteren Betrachtungen nach⸗ zuhängen, und es iſt Zeit, daß ich ſchließe. Ich beab⸗ ſichtigte, Ihnen einen ſo munteren Brief zu ſchreiben, wie der Ihrige war; wenn es mir nicht gelang, ſo iſt es kein Wunder.—„Notre coeur est un instrument incomplet— une lyra oùð il manque des cordes, et où nous sommes forcés de rendre les accens de la joie sur le ton consacré aux soupirs.“ * Quid aegrotos unquam somniavit, quod philoso- phorum aliquid non dixerit? Lactantius. 308 Derſelbe an Denſelben. Sie bitten mich um eine Seizze meines Lebens und des hel mondo, deſſen ich ſo bald ſatt wurde. Selten laſſen die Menſchen eine Gelegenhelt entſchlüpfen, von ſich ſelbſt zu reden, und ich bin nicht abgeneigt, die Ver⸗ gangenheit noch einmal einer Prüfung u unferwerfen, ſte wieder mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen und aus einer Betrachtung beider zu ſchließen, welche Hoffnungen und Erwariungen mir noch für die Zukunft übrig bleiben. Meine Auseinanderſetzung wird ſich jedoch mehr auf Gedanken, als auf Handlungen beziehen; die meiſten Perſonen, deren Schickſal mit dem meinigen verhunden war, ſind noch am Leden, und ich möchte auch nicht einmal gegen Sie das Siegel der Verſchwiegenheit bre⸗ chen, das ein großer Theil meiner Geſchichte für ſich in Anſpruch nimmt. Trotz dem werden Sie nichts verlieren. Die Handlungen Anderer können wohl unſer Intereſſe erregen— größtentheils find es aber doch nur ihre Ge⸗ danken, welche uns anſprechen; denn Wenige haben gehandelt, gedacht aber haben wir Alle. Ueberdies würde ſich meine Eitelkeit weigern, auf Vorfälle einzugehen, deren Urſprung entweder in einer Thorheit odes in einem Irrthum lag. Zwar haben dieſe Thorheiten und Jerthümer aufgehört, aber ihre Wir⸗ kungen ſind geblieben. Mit den Jahren vermindern ſich unſere Fehltritte, aber unſere Laſter nehmen zu. Sie wiſſen, daß meine Muiter eine Spanierin war und daß mein Vater jenem alten Menſchenſchlage angt⸗ teſten? Verder ligtes ebelme ſchlimn Obgle chen denn er, in um d Ein2 ganze in me jüngf ens und Selten en, von 2 die Ver⸗ werfen, bringen „welche Zukunft nehr auf meiſten rbunden ch nicht eit bre⸗ ſich in erlieren. iatereſſe hre Ge⸗ haben n, anf in einer en dieſe 2 Wir⸗ ern ſich zu. in war eange⸗ 309 hörte, von dem ſo wenige Spröͤßlinge mehr vorhanden ſind; die, in einem abgelegenen Theile des Landes lebend, von dem Wechſel der Moden wenig berührt wurden und, indem ſie ſich auf das Alter ihres Namens etwas zu Gute thun, mit Verachtung auf die neueren Auszeich⸗ nungen und glückspilzigen Abeligen herabſehen, welche aufgeſchoſſen ſind, um die Einfachheit einer achtungs⸗ würdigeren nud ehrhareren Ehrenhaftigkeit aus der Faſ⸗ ſung zu bringen und zu verdunkeln. Mein Vater hatte in ſeiner Jugend bei der Armee gedient. Er hatte eine anſehnliche Menſchen⸗ und noch umfaſſendere Bücher⸗ kenntniß; aber dieſe Kenntniß hatte ſeine Vorurtheile, ſtatt ſolche auszurotten, vielmehr verſtärkt. Er gehörte (ich ſage dies mit Hochachtung, für ſeine Perſon, obwohl mit Bedauern für das Allgemeine) derjenigen Klaſſe von Mannern an, welche bei den beſten Abſichten die ſchlech⸗ teſten Bürger waren und es für ihre Pflicht hielten, alles Verderbliche zu verewigen, weil ſie es als etwas Gehei⸗ ligtes anzuſehen gelernt haben. Er war ein großer Land⸗ ebelmann, ein großer Jäger und ein großer Tory; drei ſchlimmere Feinde kann ein Land doch nicht wohl haben. Obgleich woh thätig gegen die Armen, ließ er den Rei⸗ chen doch nur eine kalte Aufnahme zu Theil werden; denn er war zu delikat, um mit niedriger Geſtellten, als er, in ein geſelliges Verhältniß zu treten, und zu ſolz, um die Mitbewerbung Seinesgleichen gerne zu ſehen. Ein Ball und zwei Mittagsmahle jährlich machten den ganzen ariſtokratiſchen Theil unſerer Gaßlichkeit aus, und in meinem zwölften Jahre waren meine edelſten und jüngſten Geſpielen ein großer däniſcher Hund und ein 310 wilder Bergklepper, ſo ungezogen und meiſterlos, wie ich ſelbſt. Erſt in ſpäteren Jahren find wir fähig, die ſo ſehr große Wichtigkeit der frühen Umgebungen und um⸗ ſtände, unter denen wir aufwuchſen, zu begreifen. In der Einſamkeit meiner ungeſtörten Wandernngen faßte ich meine frühe Neigung zum Nachdenken. In der Ah⸗ geſchiedenheit der Natur— unter welcher Geſtalt ſie meine Bewunderung erregen mochte— begann die Bil⸗ dung meines Geiſtes, und ſchon in dieſem zarten Alter erfreute ich mich(gleich dem wilden Hirſche, den der griechiſche Dichter ſchilvert*) an der Stille großer Wäl⸗ der und der durch keinen menſchlichen Fußtritt geſörten Einſamkeit. Der erſte Wechſel in meinem Leben fand unter tru⸗ ben Vorbedeutungen Statt; mein Vater wurde plötzlich krank und ſtarb; meine Mutter, deren Leben ganz durch bas Daſein des Erſteren bedingt ſchien, folgte ihm nach drei Monaten. Ich erinnere mich, wie ſie mich wenige Stunden vor ihrem Tode zu ſich rief; ſie rief mir ins Gedächtniß, daß ich durch ſie von ſpaniſcher Abkunft, daß ich in ihrem Vaterlande geboren ſei und daß ich eben bei der Erniedrigung und dem Jammer deſſelben ſpäter wohl einmal in den Beziehungen, worin ich zu dieſem Lande ſtehe, ein Andenken zu ehren oder gar eine Pflicht zu erfüllen finden koͤnne. Bei ihrer Zärtlichkeit gegen mich in jener Stunde, bei dem Eindrucke, welchendieſelbe auf mein Gemüth machte, und hei der heftigen, dauernden Betrübniß, die ich Monate lang nach ihrem Todefühlte, brauche ich nicht länger zu verweilen. * Eurip. Bacchae, v. 874. 6, wie die ſo d Um⸗ t. In faßte er Ab⸗ talt ſie ſe Bil⸗ Alter en der Waͤl⸗ Börten r truͤ⸗ lötzlich durch 311 Mein Oheim wurde mein Vormund. Er hat, wie Sie wiſſen, einen ziemlichen Namen als Parlaments⸗ mitglied; ſehr empfindlich und ſehr langweilig, von den Männern ſehr geachtet, bei den Frauen ſehr wenig be⸗ liebt, flößt er allen Kindern beiderlei Geſchlechtes die⸗ ſelbe ungemilderte Abneigung gegen ſich ein, die er ge⸗ gen ſle empfindet. Nicht lange blieb ich unter ſeiner unmittelbaren Auf⸗ ſicht. Ich wurde bald zur Schule geſchickt— jener vor⸗ bereitenden Welt, wo die großen Hauptgrundſätze der menſchlichen Natur, die Gewaltthätigkeit der Starken und die Erbärmlichkeit der Schwachen, die erſte Lehre von Wichtigkeit ausmachen, welche uns beigebracht wird, und wo die erzwungenen primitiae jener minder allgemeinen Bildung, unnütze für die Vielen, welche ſte im ſpäteren Leben vernachläſſigen, und bitter für die Wenigen, welche ſich darauf legen, vor Allem die Veranlaſſung ſind, daß unſer Geiſt der Angſt huldigen muß und unſere Herzen mit den Thränen bekannt werden. Kühn und entſchloſſen von Natur, brach ich mir hald ſelbſt eine Art von Bahn unter meinen Gefährten. Haß gegen jede Unterdrückung und eine ſtolze, unnach⸗ giebige Sinnesart machten mich bald zum Gegenſtande der Furcht und Abneigung für die Großmächte und Hauptperſonen der Schule, während meine Gewandtheit bei allen Knabenſpielen, oder mein bereitwilliger Bei⸗ ſtand oder Schutz für Jeden, der denſelben verlangte, mir in gleichem Verhältniſſe die Zuneigung und Huldi⸗ gung der demüthigeren Menge der niederen Klaſſen ge⸗ wannen. Stets war ich von den zügelloſeſten und muth⸗ 312 willigſten Jungen umringt, welche die Schule aufzu⸗ weiſen hatte: Alle gewärtig meiner Befehle und All⸗ zu deren Ausführung verpflichtet. Ich war in vollem Ernſte ein würdiger Roland einer ſolchen Rotte; obgleich ich mich in den ordentlichen Unterhaltungen der Schule auszeichnete, kümmerte ich mich doch wenig darum; lieber zettelte ich Unterneh⸗ mungen an, weſche unſeren geſetzlichen Einſchränkungen zuwider liefen, und ich that mir eben ſo viel auf meine Kühnheit beim Schmieden unſerer Plane, als auf meine Geſchicklichkeit za Gute, die Entdeckung abzuwenden. Aber ebenſo wie mich meine Schulzeit mit meinen Alterz⸗ genoſſen verband, ſo machten mich die Ferien unzu⸗ gänglich für jede vertrautere Gemeinſchaft, als diejenige, welche ich bereits in mir ſelbſt zu finden begann. Zweimal im Jahre, wenn ich nach Hauſe ging, kam ich in jene wilde, romantiſche Gegend, wo ich meine früheren Knabenjahre zugebracht hatte. Hier, allein und ungeſört, war ich ganzlich auf meine eigenen Hüͤlfs⸗ quellen angewieſen. Bei Tag durchwanderte ich die ranhe Umgegend und Abends brütete ich mit unermüd⸗ licher Begierde über den alten Legenden, welche jene Orte meiner Einbildungstraft heilig machten. Mein Weſen wurde allmäͤhlig nachdenklicher und träumeriſcher. Meine Gemüthsait ſog das Romantiſche meiner Studien ein, und ich mochts nan im Winter mich an dem großen Herde unſerer alten Halle wärmen ober in der unthä⸗ tigen Behaglichkeit des Sommers an den rauſchenden Waſſern ausſtrecken, welche den Hauptcharakter der Ge⸗ gend um uns her ausmachten, immer verſchwelgte ich wurde blieb; was n Die 5 mein aufzu⸗ nd Alle id einer atlichen erte ich terneh⸗ kungen fmeine meine denden. Alters⸗ 313 meine Stunden in jenen dämmernden und üppigen Träu⸗ men, welche vielleicht das Weſen einer Poeſie aus⸗ machten, welche in Worte zu kleiden mir der Genlus fehlte. In dieſem fortwährenden Wechſel von Thätigkeit und müßigen Betrachtungen, in welche ſich meine Jagend⸗ jahre theilten, geſtaltete ſich das feſte Gepräge meines Charakters; jene Heftigkeit des Temperamentes, jene Neigung zu Extremen haben mich durch mein ganzes Leben begleitet. Deßhalb erſcheinen mir nicht nar alle dazwiſchen wirkenden Mittel der Aufregung ſchaal, ſon⸗ hern es kann auch die gewaltſamſte Aufregung weder als Neuheit, noch als Reizmittel auf mich wirken. Ich habe gleichſam in Leidenſchaften geſchwelgt; ich habe das zu meiner täglichen Nahrung gemacht, was in ſolcher Stärke und ſolchem Uebermaße für Andere Gift geweſen wäre; ich habe meinen Geiſt unfähig gemacht, ſich an den gewöhnlichen natärlichen Speiſen zu er⸗ freuen, und habe durch allzufrühe Verſchwendung meine Hülfsquellen und mein Vermögen erſchöpft, bis ich mein Herz ohne Gegenmittel und ohne Hoffnung allen Auordnungen preisgegeben ſah, zu welchen ſeine eigene unenthaltſamkeit den Samen ausgeſtreut hatte. Derſelbe an Denſelben. Nachdem ich die Anſtalt des Doktor**“ verlaſſen, wurde ich zu einem Privatlehrer D— e geſchickt. Dort blieb ich etwa zwei Jahre. Während dieſer Zeit— doch, was mir damals begegnete, iſt für kein lebendes Ohr! Die Züge dieſer Geſchichte find mit Flammenſchrift in mein Herz gegraden; aber es iſt eine Sprache, die nur 344 ich zu leſen berechtigt bin. Zum Behufe meiner Be⸗ kenntniſſe genügt die Bemerkung, daß die Ereigniſſe jener Periode mit dem erſten Erwachen der mäͤchtigſten unter den menſchlichen Leidenſchaften in Verbindung ſtanden, und daß, was auch ihr Anfang geweſen ſein mag, ihr Ende Verzweiflung war! Und ſie— der Gegenſtand dieſer Liebe— das einzige lebende Weſen, das je das Geheimniß und den Zauberſchlüſſel zu meinem Inunern beſaß— ihr Leben war die Bitterkeit und has Fieber eines zerſtörten Herzens,— ihre Ruheſtätte iſt das Grab— Non la connobe il mondo mentre l'ebbe Conobbi l'io, che a pianger qui rimasi. Dieſe Neigung war nicht ſowohl ein einzelnes Ereig⸗ niß, als vlelmehr das erſte Glied einer langen Kette, die ſich um mein Herz ſchlang. Wiberlich und ſchmerz⸗ lich, wenn auch erlaubt, wäre es, Ihnen von all den Sünden und Unglücksfällen zu erzählen, mit welchen jene Leidenſchaft im ſpäteren Leben zuſammenhing. Ich will nur von der mehr geheimen, aber allgemeinen Wirkung ſprechen, die ſie auf meinen Geiſt geüht; obwohl von Natur allerdings zu einer kranken und düſteren Philoſophie geneigt, hätte er doch mehr als wahrſcheinlich ohne dieſen Vorfall nie Veranlaſſung ge⸗ funden, dieſe Anlage zu entwickeln. Frühe unter die Menſchen geworfen, hätte ich frühe ihre Empfindungen eingeſogen und wäre burch die Macht der Gewohnheit geworden wie fie. Ich hätte nicht unaufhörlich eine Er⸗ innerung in mir herumgetragen, welche mich, wie Fauſt, in der Wiſſenſchaft nur ihre Nutzlofigkeit, oder in der 31⁵ Hoffaung ihre Tauſchung finden laſſen ſollte, und mir, wie Jenem, in der ſegensreichen Jugend und unter den Lockungen des Vergnügens den Fluch und die immer⸗ währende Gegenwart eines Feindes zu tragen gab. Derſelbe an Denſelben. Nachdem der erſte heftige Kummer, veranlaßt durch die Verkettung von Umſtänden, welche ich nothwendig ſo dunkel andeuten mußte, vorüber war, fing ich an, mich ernſtlich auf die Bücher zu legen. Tag und Nacht ſtudirte ich unaufhörlich und wurde von dieſem Anfalle nur durch die lange und gefährliche Krankheit geheilt, die er zur Folge hatte. Ach! es gidt keinen größeren Thoren als den, der nach Wiſſenſchaft ſtrebt! Nur durch Leiden lernen wir nachdenken, und den Honig irdiſcher Weisheit ſammeln wir nicht von Blumen, ſondern von Dornen. „Une grande passion malheureuse est un grand moyen de sagesse.“ Von dem Augenblick an, wo die Elaſtieität meines Geiſtes zum erſtenmale durch wahren Kummer gebrochen wurde, wurden die Verluſte des Herzens durch die Erfahrungen des Geiſtes erſedt. Wie Melmoth ging ich mit einemmale von der Jugend zum reiferen Alter über. Was waren für mich nunmehr die gewöhnlichen Unterhaltungen meiner Altersgenoſſen? Ich hatte Jahre in Augenblicken erſchoöͤpft— ich hatte, wie die morgenländiſche Königin, meine koſtbarſten Edel⸗ ſteine in einem Trank vergendet. Ich hörte auf zu hoffen, zu fühlen, zu handeln, zu glühen— lauter Eigenſchaften der Jugend! Ich lernte zweifeln, klügeln, auseinander⸗ 316 ſetzen— lauter Gewohnheiten des Alters! Von dieſer Zeit an hatte ich, wenn ich auch die Genüſſe des Lebens nicht floh, doch keine Freude daran. Weiber, Wein, luſtige Geſellſchaft, der Umgang mit Weiſen, die ein⸗ ſame Beſchäftigung mit der Wiſſenſchaft, die kühnen Träume des Ehrgeizes— Alles hat mich der Reihe nach in Anſpruch genommen und Alles hat mich auf gleiche Weiſe getäuſcht; aber wie die Wittwe in der Geſchichte Voltaire's, habe ich zuletzt der„Tröſterin Zeit“ einen Tempel gebaut. Ich hin mit den Jahren ruhig und ge⸗ duldig geworden, und wenn ich mich jetzt von den Men⸗ ſchen zurückziehe, ſo habe ich doch wenigſtens von her mir anfangs durch Kummer zur Gewohnheit gewordenen Einſamkeit den Vortheil gezogen, daß ich, während ich mir bewußt bin, daß mein Wohlwollen gegen Andere gewachſen iſt, gelernt habe, das Gluͤck nur in mir ſeldbſt zu ſuchen. Diejenigen allein ſind unabhaͤngig von dem Schick⸗ ſale, welche ſich eine abgeſonderte Exißtenz von der Welt geſchaffen haben. Derſelbe an Denſelben. Mit einem großen Schatze allgemeiner Kenntniſſe und an beſtändigen Fleiß gewöhnt, kam ich auf die Uni⸗ verſität. Mein Oheim, der keine eigenen Kinder hatte und ſeinen Ehrgeiz in mich zu ſetzen anfing, hegte große Erwartungen von meiner Laufbahn zu Oxford. Ich blieb drei Jahre dort und that Nichts! Ich erhielt nicht einen einzigen Preis und machte anch durchaus keinen Verſuch, mich über das Allergewöhnlichſte emporzuſchwingen. Die t dieſer Lebens Wein, die ein⸗ kühnen he nach gleiche ſchichte einen nd ge⸗ Men⸗ on der rdenen end ich Andere rſeldſt Schick⸗ Welt 317 Sache iſt, daß mir Nichts des Riugens nach Erfolg würdig ſchieu. Ich ging mit Solchen um, welche ſich den aus⸗ gezeichneiſten akademiſchen Ruf errungen, und lächelte mit einem Bewußtſein der Überlegenheit über ihre gren⸗ zeuloſe Eitelkeit und ihre beſchränkten Anſichten. Die Grenzen ihrer errungenen Auszeichnung hielten ſie für ſo umfaſſend als den ausgebreitetſten Ruhm, und die wenige Gelehrſamkeit, welche ſie ſich in ihrer Jugend angeeignet, erſchien ihnen nur als eine Entſchuldigung für die Unwiſſenheit und Trägheit reiferer Jahre. Sollte ich mich auſtrengen, um es dieſen gleich zu thun? Ich fühlte, daß ich ſie bereits hinter mir gelaſſen! Sollte ich ihre gute Meinung, oder was voch ſchlimmer ge⸗ weſen wäre, die ihrer Bewunderer zu gewinnen trach⸗ ten? Ach! ich hatte zu lange gelernt, mir ſelbſt zu leben, als daß ich in der Achtung von Müßiggängern, die ich verachtete, ein Glück hätte ſinden können. Im Alter von einundzwanzig Jahren verließ ich Oxford. Ich trat die weitläufigen Befitzungen meines Erbes an, und zum erſtenmale empfand ich die der Jugend ſo natürliche Eitelkeit, als ich nach London kam, die Freuden der Hauptſtabt zu genießen undh mich meiner Mittel zu bedienen, um ſo recht alle Freuden mitzu⸗ machen. Das geſellſchaftliche Leben fanh ich wie den Tempel der Juden: Jedermann wird in die Vorhalle gelaſſen, aber nur den Meiſtern der Lehre ſteht der Zu⸗ tritt in das innere Heiligthum offen. Jung, reich, mit einem alten und geachteten Namen, das Vergnügen mehr als eine nothwendige Aufregung denn als eine gelegentliche Beſchäftigung auſſuchend, ange⸗ 348 nehm den Genoſſen, die ich um mich ſammelte, 1 meine Freigebigkeit ihren Genuß erhöhte und meine Ge⸗ müthsart zu ihrer Unterhaltung beitrug— ſah ich, wie Viele ſich um mich bemühten, während mir Keiner aus⸗ wich. Bald entdeckte ich, daß alle Höflichkeit nur irgend einer Aoſicht zur Mazke dient. Ich lächelte über die Artigkeit der Väter, die, als fie hörten, daß ich Talente beſitze, und wohl wiſſend, daß ich reich ſei, ſich nach meiner Unterſtützung umſahen, je nachdem ſie fich der einen oder der andern politiſchen Seite zuͤgewandt hatten. Ich ſah in den Billeten der Mütter deren ängſtliche Sorge für die Unterbringung ihrer Töͤfchter und ihre Achtung vor meinen Beſttzungen, und in der Herzlich⸗ keit der Söhne, welche Pferde zu verkaufen und Rouge et noir⸗Schulden zu bezahlen hatten, entdeckte ich alle mögliche Verehrung für mein Geld, neben aller muög⸗ lichen Verachtung für deſſen Beſitzer. Von Natur heob⸗ achtend und durch Mißgeſchick ſarkaſtiſch geworden, be⸗ trachtete ich die verſchiedenen Färbungen des geſel⸗⸗ ſchaftlichen Lebens mit prüfendem, philoſophiſchem Auge; ich entwirrte die Verworrenheiten, welche Kriecherei und Hochmuth, Gemeinheit und Prahlerei verknüpfen, und bis zu ihren Quellen verfolgte ich die allgemeine Niederträchtigkeit innerlicher Geſinnung und äußeren Benehmens, welche mir bei allen Klaſſen den einzigen ſich gleich bleibenden Hauptcharakterzug unſerer Lands⸗ leute zu bilden ſcheint. In demſelben Verhältniſſe, alt meine Menſchenkeuntniß ſich erweiterte, zog ich mich mit tieferer Täuſchung und Niedergeſchlagenheit auf meine eigenen Hülfsquellen zurück. Der erſte Angen⸗ lte, weil teine Ge⸗ ich, wie iner aus⸗ r irgend über die Talente ich nach ſich der thatten. ngſtliche und ihre Herzlich⸗ Rouge ich alle er moͤg⸗ ir heob⸗ en, be⸗ geſell⸗ n Ange; ie herei nüpfen, gemeine iußeren inzigen Lands⸗ ſe, alt h mich eit auf Ungen⸗ 319 blick wahren Gluückes, der mir waͤhrend eines ganzen Jahres lächelte, war der, wo ich im Begriffe ſtand, unter dem Elnfluſſe eines anderen Himmelsſtriches die ausgebreitetere Bekanntſchaft mit meinem Geſchlechte aufzuſuchen, die mich entweder mit ſtärkeren Banden zu demſelben hinziehen, oder mich wenigſtens mit den be⸗ reits vorhandenen Verbindungen wieder ausſöhnen ſollte. Bei meinen Abenteuern im Auslande will ich mich nicht aufhalten; eine Erzählung, welche in der eigenen Bruſt kein Intereſſe meckt, wird Andere nur wenig an⸗ ſprechen. Ich ſuchte Weisheit und erwarb mir nur Kenntniſſe. Ich dürſtete nach der Wahrheit, der Zärt⸗ lichkeit, der Liebe, und fand nur ihre Fieberunruhe und ihre Falſchheit. Wie die beiden Florimel Spenſers nahm ich in meinem Delirium das täuſchende Gewebe der Sinne für die göttliche Wirklichkeit des Herzens, und ich erwachte nur aus meinem Traume, wenn das Trug⸗ bild, das ich geſchaffen, wie Schnee zerſchmolz. Allen meinen Unternehmungen theilte ſich die Kraft, die Hef⸗ tigkeit meines Gemüthes mit; wenn ich mich heute in das Getümmel der Stadt warf und morgen mit meinem Herzen allein in die Einſamkeit der unbevölkerten Natur, bald in die wildeſten Ausſchweifungen mich ſtürzte, bald mit peinlicher, unermüdlicher Forſchung die Geheimniſſe der Wiſſenſchaften verfolgte, abwechſelnd Andere be⸗ herrſchte und unter der Tyrannei meiner eigenen Leiden⸗ ſchaften ſchmachtete— ich beſtand die Probe, ohne zu beben oder Schaden zu nehmen.„Die Erziehung, welche das Leben gibt,“ ſagte Frau von Stakl,„vervoll⸗ kommnet den denkenden Geiſt, aber fie verſchlimmert 320 den Leichtſinnigen.“ Ich unterſuche uicht, Monklon, zu welcher von dieſen beiten Klaſſen ich gehoͤre; aber ih fühle nur zu gut, daß, obwohl meine Seele nicht ver⸗ derbt wurde, ſie doch nur in der Schule des Unglück Vollkommenheit lernte, und daß, was auch die Erwer⸗ bungen ſpäterer Jahre ſein mögen, ſie doch durch Nichte die Verluſte unſerer Jugend aufzuwägen im Stande ſind. Derſelbe an Denſelben. b Ich kehrte nach England zurück. Ich beirat wieher die Schaubühne ſeiner Welt, aber ich miſchte mich jeht mehr in die größeren als in die kleineren Be grebungen. Ich ſah mehr nach der Maſſe als nach dem Sauerteige der Menſchen, und wöährend ich gegen die Wenigen, welche ich kannte, eine Abneigung fühlte, glühte ich von Menſchenfreundlichkeit für die Menge, die ich nicht kannte. Wenn man die Menſchen in der Ferne betrachtet, Mo ſo wird man wohlwollend. Wenn wir mit ihnen ver⸗ kehren, ſo leiden wir durch die Berührung und werden, wenn nicht bösartig in Folge erlittenen Unrechtes, doch wenigſtens ſelbſtſüchtig in Folge der Umſicht, zu welcher uns unſere eigene Sicherheit nöthigt; wenn wir aher, während wir unſerer Verbindung bewußt find, nicht durch das Band verletzt werden; wenn weder Eiſerſucht noch Neid, noch Empfindlichkeit gereizt ſind, ſo haben wir nichts gegen jene angenehmeren und freundlicheren Gefühle einzuwenden, welche die früheſten Eindrück unſerem Herzen natürlich gemacht haben. Wir können 5. he im Haſſe die Menſchen fliehen, wenn ſie uns geaͤrgert, am m weltli knüpft zu nel ſchung prüfte der n Verge B 321 nkion, zu aber das Gefühl erliſcht mit der Urſache. Nlemand wird aber ich gerne lange über bittere Gedanken brüten. Und ſo können nicht ver, wir, während wir in dem engen Kreiſe, worin wir uns Unglück bewegen, täglich von unſeren Umgebungen leiden, trotz e Erwer⸗ unſerer Erbitterung gegen dieſe, von allgemeinem Wohl⸗ ch Nichtz wollen gegen die weiteren Kreiſe emflammt ſein, wel⸗ inde ſinz. chen wir ferner ſtehen, und während unter dem Verrath der Freundſchaft, dem Stachel des Undankes, der Treu⸗ loftgkeit der Liebe unſer Herz blutet, würden wir bei⸗ at wieher nahe unſer Leben opfern, um irgend eine vergöͤtterte mich jezt Theorie der Geſetzgebung ins Leben zu rufen, und ſo tebungen. gibt es Tauſende, welche im Privatleben mißtrauiſch, auerteige berechnend, ſelbſtſüchtig, ſich mit leichtgläubigem Fana⸗ Wenigen, tismus als Opfer vor dem undanksollen Moloch nieder⸗ jich von werfen, den ſie das allgemeine Beſte nennen. ch nicht Indem ich nun viel für mich ſelbſt lebte, dabei aber auch viel uüber die Welt nachdachte, lernte ich die Men⸗ trachtet, ſcen lieben. Menſchenliebe brachte den Ehrgeiz mit ſich; (nen ver⸗ aber ich war ehrgeizig nicht um meiner eigenen Ver⸗ werden, größerung willen, ſondern im Dienſte Anderer— der 8, doch Armen— der Gedrückten— der Herabgewürdigten; welcher dies waren diejenigen meiner Mitgeſchöpfe, welche ich bir abee, am meiſten liebte, denn dieſe waren durch die engſten b, nicht weltlichen Bande— durch Unglück— mit mir ver⸗ iferſacht knüpft. Ich ſing an, an der Intrigue des Staates Theil o haben zu nehmen; ich dehnte meine Beobachtungen und For⸗ ſchungen von den Individuen auf Nationen aus; ich ſin drücke V prüfte die Geheimniſſe der Wiſſenſchaft, welche in können der neueſten Zeit erſtanden iſt, um die Weisheit der käͤrgert, Vergangenheit Lügen zu ſirafen, dle Feinheiten der Bulwer, Falkland, 21 322 Staatswiſſenſchaft auf einfache Probleme zurückzuführen und die Falſchheit des Syſtemes vor Angen zu ſtellen, welches durch Beſchränkung regierte, und glaubte, das Glück der Nationen ſei von der immerwährenden Ein⸗ miſchung der Regenten abhängig, und uns zu zeigen, daß die einzige, untrügliche Politik darin beſtehe, den verborgenen Kräſten und der Vorſehung der Natur eine freie, ungehemmte Entwicklung zu geſtatten. Aber nicht nur die theoretiſche Forſchung über das Weſen des Staates war es, die mich beſchäftigte. Ich verkehrte, obwohl nur insgeheim, mit den Bewegern ſeiner Fehern. Während ich nur das Vergnügen im Auge zu haben ſchien, nährte ich in meinem Herzen das Bewußtſein und die Eitelkeit der Macht. Hinter eiteln Redensarten verbarg ich die Arbeit und die Einſicht des Gehirnes und ſah, wie mit begabtem Auge, auf die Geheimniſſe der verborgenen Tiefen, während ich mit dem großen Haufen wie ein Müßiggänger nur auf der Oberfläche des Stromes hinzuſchwimmen ſchien. Warum war ich verbrießlich, wenn ich nur meine Hand ausſtrecken und nach jedem Gegenſtande greifen durfte, wornach mein Ehrgeiz trachtete? Ach! es war immer etwas zu Zärtliches in meinem Herzen, als daß es ſich hätte mit dem Ziele und dem Zwecke meinen Geiſtes befriedigen können. Ich fühlte, daß ich meine Jugendjahre in einem verworrenen, mühſeligen Streben vergendete. Was wäre für mich, der ich die Eitelkeit überlebt hatte, die Bewunderung der Menge geweſen? Ich ſeufzte nach dem Mitgefühl eines Weſens! und gramvoll ſchrak ich vor der Ausſicht auf Ruhm zuruͤc, zuführen ſtellen, bte, daz den Ein⸗ zeigen, he, den Natur n. Aber eſen des erkehrte, Federn. u haben vußtſein ensarten zehirnes eimniſſe großen erfläche r meine greifen es war als daß meines Hmeine Streben kitelkeit vweſen? 6! und zuruc, 323 um mein Herz über die Wahrhaftigleit der Liebe zu be⸗ fragen! Zu welchem Zwecke hatte ich mich auch dem Dienſte der Menſchheit gewidmet? Je mehr ich die Mühe empfand, welche die Verfolgung von individuellen zwecken koſtet, deſto mehr ſah ich das Unnütze ihrer Ausführung ein. Das große, rührige Syſtem der Er⸗ eigniſſe koͤnnen wir in ſeinem Vorwärtsſchreiten ver⸗ zigern, aber nicht aufhalten, und wenn wir es zu he⸗ ſchleunigen ſuchen, geben wir ihm nur einen gefährlichen und unnatürlichen Anſtoß. Oft wenn ich im Fieber der itternacht in meinen einſamen, traurigen Studien inne hielt, um auf das todverkündende Pulſiren meines Her⸗ zens“ zu horchen, wenn ich in ſeinen ſchmerzlichen, un⸗ regelmäßigen Schlägen das Leben in mir ſchwinden und erlöſchen fühlte, ſchmerzte mich bis ins Innerſte meiner Geele der Gehanke, daß unter Allen, zu deren Beſten ich Geſundheit und Jugendgenuß auſopferte, vielleicht nicht Einer ſei, der an meinem Leben Antheil nehme, oßer der meinen Tod durch eine Thräne ehren würde. Bei Chalmers findet ſich eine ſchöne Stelle über das Mitgefühl, welches uns auf der Welt zu Theil wird. Von meiner früheſten Jugend an hatte ich eine tieſe, immer zunehmende, heftige Sehnſucht— zu lieben und geliebt zu werden. Ich fand, zu jung, die Verwirklichung dieſes Traumes— er ging vorüber! und nie kam er mir wieder vor. Die Erfahrung langer und biterer Jahre lehrt mich mit Mißtranuen dieſe ferne Erinnerung an die Vergangenheit betrachten und zweifeln, ob dieſe Erde * Falkland litt von früher Jugend auf viel an einem Herzübel. 324 wirklich ein lebendes Weſen hervorbringen könne, ge⸗ ſchaffen, die Wünſche eines Herzens zu befriedigen, das unter den kindiſchen Schöpfungen der Phantaſie ſo lange verweilt— das ſich ein erdichtetes Idol gebildet, es mit Allem ausgeſtattet, was die Natur an Schönheit befitz, und ihm den reinen, aber brennenden Geiſt ſeiner ange⸗ borenen Liebe eingehaucht hatte, der es ſein Daſein ver⸗ dankte! Es iſt wahr, daß mein Mannesalter meine Jugend enttäuſchte, und mein Nachdenken über That⸗ ſachen hat mich von dem träumeriſchen Brüten üher Phantaſtegebilde losgeriſſen; aber welchen Erſatz habe ich in der Wirklichkeit gefunden? Wenn die Worte des Satirikers: Souvent de tous nos maux la raison est le pire* auch nicht wahr ſind, ſo zolle ich doch, wie der Wahn⸗ finnige, von dem er ſpricht, einem Begebniſſe wenig Dank, das,„indem es mich aus meinem Jerthume riß, mich auch meines Paradieſes beraubte.“ Ich nähere mich dem Schluſſe meiner Bekenntniſſe. Menſchen, welche durch keine Bande an die Welt ge⸗ knüpft ſind und ſich an die Einſamkeit gewöͤhnt haben, finden bei jeder neuen Täuſchung in jener eine größere Sehnſucht nach den Freuden, welche bieſe bietet. Tag für Tag verſenkte ich mich mehr in mich ſelbſt;„weder Mann noch Weib hatten etwas Anziehendes für mich.“ Bei meinem Ehrgeize waren es nicht die Mittel, wohl aber der Zweck, hinſichtlich deſſen ich mich getäuſcht fand. Bei meinen Freunden konnte ich mich nicht über * Boileau. Verr ich l weil Ende werb wam ſonde mich — un jr neue men in di zurü⸗ Entt gleit heilit wart mich mein „— nur gang unter thäͤti zu ir kein! tiſche une, ge⸗ igen, das ſo lange t, es mit it befitz, ꝛer ange⸗ ſein ver⸗ er meine er That⸗ ten über ſatz habe orte des bire* Wahn⸗ e wenig ume riß, intniſſe. Velt ge⸗ t haben, größere t. Tag „weder mich.“ , wohl taͤuſcht t über 325 Verrath, wohl aber über Schalheit beklagen; nicht weil ich bei vertraulicheren Verbindungen verlaſſen, ſondern weil ich derſelben überdrüſſig wurde, empfand ich am Ende keine Luſt mehr, mich um ihre Zuneigung zu be⸗ werben, und keinen Triumph, wenn ich ſie wirklich ge⸗ wann. Und ſo faßte ich nicht in augenblidlichem Arger, ſondern in der Ruhe der Überſättigung den Entſchluß, mich zurückzuziehen, den ich jetzt ausgeführt habe. Vor meinen Mitmenſchen zurückſchreckend, aber noch zu jung, um ganz für mich ſelbſt zu leben, habe ich einen neuen Bund mit der Natur gemacht; ich bin hierher gekom⸗ men, um ihn zu befiegeln. Ich bin wie ein Vogel, der in die Ferne gezogen war, aber endlich zu ſeinem Neſte zurückgekehrt iſt. Aber ein Gefühl iſt in mir, das ſein Entſtehen der Welt verdankt und mich ſtets noch be⸗ gleitet; das meine Erinnerungen an die Vergangenheit heiligt; welches dazu beiträgt, in Einſamkeit der Gegen⸗ wart ihre düſtere Farbe zu benehmen.— Fragen Sie mich nach dem Namen deſſelben, Monkton? Es iſt meine Freundſchaft für Sie. Derſelbe an Denſelben. Ich wollte, ich könnte Ihnen, lieber Monkton, auch nur die leiſeſte Ahnung von der Wonne des Müßig⸗ ganges beibringen. Sie gehören zu der Klaſſe, welche unter allen die geſchäftigſte, obwohl die am wenigſten thaͤtigſte iſt. Männer des Vergnügens haben nie Zeit zu irgend etwas. Kein Rechtsgelehrter, kein Staatsmann, kein drängender, treibender, ꝛaſtloſer Diener am Rechen⸗ tiſche oder an der Börſe iſt ſo ewig beſchäftigt wie ein 326 Pflaſtertreter in London. Durch eine Kette von einet unzähligen Menge Nichts iſt er an die Arbeit gefeſſelt. Seine Unabhängigkeit und ſein Nichtsthun dienen um dazu, ihn zu verſtricken und zu verwickeln, und ſeine Muße ſcheint ihm unter der Bedingung geſtattet, daß er nie einen Augenblick für ſich ſeldſt habe. Ich wollte, Ei⸗ könnten mich in dieſem Augenblicke ſehen, in der üppig⸗ keit meines Sommeraufenthaltes, umgeben von Bäumen, von Waſſern, von wilden Vögeln, von dem Geſumme, der Glut, dem Jubel, der für Geſtcht wie für Gehär bemerkbar an einem Sommernachmittag durch die Schh⸗ pfung flatet! Kein Zudringlicher ſtört mich, kein Ge⸗ ſchäft nimmt mich in Anſpruch. Ich laſſe den einen Augenblick mit dem nächſten zuſammenfließen, ohne den Gedanken, daß der letztere durch ein geſchäftiges Ver⸗ gnügen oder einen ermüdenden Genuß ausgefüllt werden muſſe. Hier fühle ich alle Kräͤfte meines Geiſtes und ſammle alle Hülfsquellen deſſelben. Ich rufe mir alle meine Erlebniſſe unter den Menſchen in's Gedächtniß; und nicht irre gemacht durch die Leidenſchaften und Vor⸗ untheile, welche uns nicht in die Einſamkeit verfolgen, weil ihr Vorhandenſein eigentlich von dem Anderer ab⸗ hängig iſt, ſuche ich meine Kenntniß des menſchlichen Herzens zu vervolllommnen. Wer ſich dieſe wahre Wiſſen⸗ ſchaft zu eigen machen will, muß in der Zuruͤckgezogen⸗ heit die in der Welt gemachten Erfahrungen ordnen und zergliedern. Ach, Monkion, wenn Sie oft Ihr Erſtauuen über den meiner Gemüthsart ſo zur Gewohnheit gewor⸗ denen Trübſinn ausſprachen, fiel Ihnen da nie bei, daß meine Bekanntſchaft mit der Welt allein hinreiche, den⸗ von einet t gefeſſell. dienen nur eine Muße daß er uie ollte, Eie der Üppig⸗ Bäumen, Geſumme, für Gehit die Schö⸗ kein Ge⸗ den einen ohne den iges Ver⸗ Ut werden eiſtes und mir alle dächtniß; und Vor⸗ verfolgen, derer ab⸗ nſchlichen e Wiſſen⸗ kgezogen⸗ dnen und krſtaunen it gewor⸗ bei, daß che, den⸗ 327 ſelben zu erllären?— Dieſe Kenntniß iſt weder für den Guten noch für den Glücklichen. Wer kann Pech anrühren, ohne ſich zu beſchmutzen? Wer kann die Wir⸗ kungen des Kummers anſehen und ſich frenen, oder mit der Schuld ſich verbinden und rein bleiben? Durch meinen Verkehr mit den Menſchen, nicht nur in ihrem gewoͤhnlichen Treiben, ſondern auch in ihren bewegten Stimmungen, habe ich dieſelben kennen gelernt. Ich bin hinabgeſtiegen in die Schlupfwinkel des La⸗ ſters; im Bordell und im Spielhaus habe ich Erfah⸗ rungen gemacht; ich habe die Gefühle in ihren unbe⸗ wachten Ausbrüchen beobachtet, und aus dem Drang des Augenblickes Schlüſſe gezogen, welche ein jahrelang heobachtetes früheres Benehmen Lügen ſtraften. Aber jede Kenniniß bringt uns Tänſchung, und dieſe Kennt⸗ niß am meißen— der Überdruß am Guten, der Argwohn des Schlimmen, der Verfall unſerer jungen Träume, die vorzeitige Kälte des Alters, die rückſichtsloſe, zweck⸗ loſe, freudloſe Gleichgültigkeit, welche auf eine über⸗ mäßige, fieberhafte Aufregung folgt— dies iſt das Loos der Menſchen, welche die Hoffnung auf die Er⸗ reichung klarer Einſicht aufgaben und, indem ſie die Triebſedern des menſchlichen Handels kennen lernen, Perſonen und Sachen verachten lernen, welche ſie früher wie Gottheiten entzückten. Derſelbe an Denſelben. In meinem erſten Briefe, lieber Monkton, erzählte ich Ihnen von meinem Lieblingsaufenthalte in den Be⸗ ſitzungen des Herrn Mandeville. Ich habe denſelben ſo 328 lieb gewonnen, daß ich den gröͤßten Theil des Tagts dort zubringe. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ſtetz mit einem Buche in der Hand ſpazieren gehen, als oh weder die Natur, noch ihre eigenen Gedanken ihnen ver⸗ nünftigen Stoff zur Unterhaltung zu bieten vermöchten, Ich gehe hier mehr en Paresseux, als en savant; ein kleines Bächlein, das durch die Fluren rieſelt, mündet zuletzt in einen tiefen, klaren, durchſichtigen See. Hie: überragen Föhren, Ulmen und Eichen mit ihren Zweigen das Ufer, und unter ihrem Schatten verlebe ich alle Nachmittagsſtunden in dem Wohlbehagen eines phanta⸗ ſtiſchen Träͤumers. Allerdings bin ich nie weniger mü⸗ ßig, als wenn ich es am meiſten ſcheine. Ich gleiche Proſper auf ſeiner öden Inſel und umgebe mich mit Geiſtern. Ein Zauber bewegt das zitternde Laub; jede Welle rauſcht mit ihrer eigenen Muflk gegen mich heran, und ein Ariel ſcheint die Geheimniſſe jedes Lüftchens auszuplandern, das, heladen mit den Wohlgerüchen des Weſtens, um meine Stirne fächelt. Aber glauben Sie nicht, Monkton, deß nur gute Geiſter die Schlupfwinke meiner Einſamkeit aufſuchen. Um das Bild bis zur Uebertreibung fortzuführen— Erinnerung iſt meine Syeorax, und Trübfinn iſt der Kaliban, den ſie erzeugt. Aber laſſen ſte mich von meiner Perſon auf meine min⸗ der eiteln Beſchäftigungen übergehen:— ich habe in neuerer Zeit meinen Gedanken dur ch die Wiederaufnahme eines Studiums gewiſſermaßen eine andere Richtung gegeben, dem ich nicht ganz beſonders ergeben war— der Geſchichte. Haben Sie je die Bemerkung gemacht, daß diejenigen, welche am meiſten für ſich leben, ihre Aufn wer als phen Arbe der U habe ſamk That die 2 führi C linge ihm mehr der 1 zen d Erza ſichtl hinſie ben, unter Undu Unwe welch durch eines unge unſer Unre des Tages t, die ſtetz en, als oh ihnen ver⸗ ermöchten. Vant; ein „ mündet heee. Hiet Zweigen e ich alle phanta⸗ niger mü⸗ ch gleiche mich mit ub; jede ch heran, Lüftchens ichen des iben Sie pfwinlel bis zur t meine erzeugt. ne min⸗ habe in fnahme Lichtung war— emacht, n, ihre 329 Aufmerkſamkeit am meiſten auf Anbere richten, und baß, wer unter Millionen lebt, nie an jemand Anders denkt, als an das eine Individnum— ſich ſelbſt? Phtloſo⸗ phen— Moraliſten— Hſſtoriker, deren Nachdenken, Arbeit und Leben der Betrachtung der Menſchheit oder der Unterſuchung geſchichtlicher Ereigniſſe gewidmet war, haben gewöhnlich eine auffallende Vorliebe für die Ein⸗ ſamkeit und Abgeſchiedenheit gezeigt. Wir find in der That ſo an unſere Mitgeſchöpfe gekettet, daß, wenn uns die That nicht an ſie feſſelt, uns der Gebanke zu ihnen führt und mit ihnen verbindet. Ich habe ſo eben die Betrachtungen meines Lieb⸗ linges Bolingbroke über Geſchichte beendigt. Ich kann ihm hinſichtlich ihrer Nützlichkeit nicht beiſtimmen. Je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr gelange ich zu der überzeugung, daß das Studium derſelben im Gan⸗ zen der Menſchheit verdeblich geweſen ick. Durch jene Erzählungen, die immer eben ſo unpaſſend find hin⸗ ſichtlich der daraus abgeleiteten Schlüſſe, als ſie offenbar hinſichtlich ihrer hiſtoriſchen Wahrheit zweifelhaft blei⸗ ben, werden Parteiſucht und allgemeines Vorurtheil unterſtützt und erhalten. Da iſt kein Mißbrauch— keine Unduldſamkeit— kein Überbleibſel alter Barbarei und Unwiſſenheit, das noch bis auf den heutigen Tag beſteht, welche nicht gerechtfertigt und wirklich beſtätigt wurden durch eine unbeſtimmte Hinweiſung auf die Bigotterie eines ungelehrten Chroniſten oder die Dunkelheit einer ungewiſſen Legende. Durch die beſtändige Berufung auf unſere Vorfahren überliefern wir Erbärmlichkeit und Unrecht unſern Nachkommen; um ein aus der Gegen⸗ 33³⁰ wart eniſprungenes Übel zu beſtätigen, würden wir zi klarſten und vollkommenſten Beweiſe verlangen; aher die ärmlichſte Vertheidigung genügt für einen uns burch die Barbarei der Vorzeit vermachten Übelſtand. Wit urtheilen von dem aus, was ſelbſt in alten Zeiten zwei⸗ felhaft war, als ob wir uns auf feſtſtehende Thatſachen bezogen. Und ſo haben wir es dahin gebracht, daß 68 keine ſo allgewaltige Beſtätigung für Mißbräuche giht, als die Geſchichte, und keine gefährlichere Feindin für die Gegenwart als die Vergangenheit. Lady Emilie Mandeyille an Mrs. St. John. Endlich, meine liebe Julie, bin ich in meinem hetr⸗ lichen Wohnſitze eingerichtet. Mrs. Dalton und Ladh Margarethe Leslie ſind die Einzigen, welche ich ver⸗ mochte, mich zu begleiten. Herr Mandeoille iſt voll von den Korngeſetzen. Er iſt zum Präfidenten eines beſon⸗ dern Ausſchuſſes im Unterhaus gewählt worden. Er murmelt im Schlafe von landwirthſchaftlichen übel⸗ ſtänden, und als ich ihn gelegenheitlich einmal bat, zu mir herab zu kammen, fuhr er aus ſeiner Träumerei auf und rief:„Nie, Herr Sprecher, als ein begütertet Landbeſitzer, nie werde ich meine Zuſtimmung zu meinen eigenen Ruin geben.“ Mein Kuabe, mein ſteter, hübſcher Begleiter, iſ bei mir. Ich wollte, Sie könnten ſehen, wie ſchnell er laufen und wie geſcheit er ſprechen kann.„Was für eine hübſche Figur er hat für ſein Alter!“ ſagte ich dieſe Tage zu Herrn Mandeville.„Figur! Alter!“ erwiderte ſein Vater;„im Hauſe der Gemeinen wird er in jehen den wir hie gen; ahe uns hurch and. Wit eiten zwei⸗ Thatſachen t, daß es uche gitt, keindin fr John. nem herr⸗ und Lady e ich ver⸗ voll von es beſon⸗ rden. Er en Übel⸗ l bat, zu räumerei egüterter rmeinem eiter, iſt ſchnell er für eine ich dieſer erwidert in jeden 331 Allter eine Figur machen.“ Ich weiß, daß Sie mit meinem Briefe nicht zufrieden ſein werden, wenn ich Ihnen nicht recht viel von mir ſchreibe. Ich ſage Ihnen daher, daß ich mich in Folge der Luft und der Reiſe⸗ anſtrengung, der Unterhaltung mit meinen zwei Gäſten und vor Allem der beſtändigen Geſellſchaft meines lieben Kindes viel beſſer fühle. An ſeinem letzten Geburts⸗ tage war es drei Jahre alt. Ich denke, daß ich, einund⸗ zwanzig Jahre alt, das weniger kindiſche von uns Beiden bin. Ich bitte, mich Allen in der Stadt in Erinnerung zu bringen, welche mich nicht ganz vergeſſen haben. Bitten Sie Lady*en an Eliſabeth eine Subſeriptions⸗ karte zum Almack zu ſchicken und— o da ich von Al⸗ mack ſchreihe, ich meine, die Augen meines Knaben ſeien noch blauer und ſchöner, als die der Lahy C*r*n. Adieu, meine liebe Julie. Immer u. ſ. w. E. M. Lady Emilie Mandeville war die Tochter des Her⸗ zogs von Lindvale. Sie heirathete in einem Alter von ſechszehn Jahren einen Mann von großem Vermögen und einigem parlamentariſchen Rufe. Weder ſeiner Per⸗ ſönlichkeit, noch ſeinem Charakter nach ſtand er viel uͤber oder unter dem gewöhnlichen Menſchenſchlage. Er war eines der Meiſterßücke der Natur in der Manier Mace⸗ Adams. Sein größter Fehler war ſeine Gleichheit und Ebenheit; und man ſehnte ſich nach einem Hügel, trotz der Mühe ihn zu erſteigen, oder nach einem Steine, mochte er auch im Wege liegen. Die Liebe heftet ſich an etwas Hervorragendes, ſollten auch Andere dieſes 332 Etwas haſſen. Für Mittelmäßigkeit kann man nicht wohl ſtarke Gefühle haben. Die wenigen Jahre, welche Lady Emilie vermählt war, hatten ihren Charakter nur wenig geändert. Von lebhaftem Gefühl, obwohl in ihrer Ge⸗ müthsart gemäßigt; munter, wenſger aus Leichtſiun, als in Folge jener erſten Schnellkraft des Herzens, das noch nie eine Veranlaſſung zur Traurigkeit kennen lernte, ſchön und rein, wie der Traum eines Schwärmers des Himmels, aber im Innern eine geheime, mächtige Lei⸗ denſchaft der Erde tragend, verhand ſte mit Allem eine Einfachheit und Unſchuld, welche ihre ſo frühe Ver⸗ mählung und das nüchterne Weſen ihres Gemahles eher zu vermehren, als zu vermindern geeignet waren. Sie beſaß viel von dem, was man Seelenadel nennt— die warme Aufregung— die lebhafte Empfänglichkeit— die Bewunderung für das Große— die Liebe zum Guten und jene gefährliche Verachtung gegen alles Gemeine und Unwuͤrdige, eine Geſinnung, deren freie Außerung ſchon für einen Verſtoß gegen die Gewohnheiten der Welt gilt. Ihre Neigungen waren jedoch zu weiblich und fittſam, als daß ſie je das richtige Maß überſchritten häͤtte; fie waren mehr geeignet, die geheimen Tiefen ihres Weſens zu verbergen, als zu offenbaren, und unter dieſer glänzenden Oberfläche des Betragens, welches ſſe mit Denjenigen gemein hatte, mit denen fie umging, verbarg ſte die Schätze einer Goldgrube, die noch kein menſchliches Auge erblickt hatte. Ihre von Natur zarte Geſundheit hatte in neueſter Zeit ſehr durch die Londoner Vergnügungen gelitten, und auf den Rath ihrer Arzte war ſie jetzt nach G*3 nicht wohl elche Laty nur wenig ihrer Ge⸗ Leichtfiun, zens, das ten lernte,; rmers des btige Lei⸗ llem eine ühe Ver⸗ hles eher ren. Sie nt— die chkeit— Guten Gemeine laßerung eiten der blich und ſchritten Tiefen nd unter lches ſie umging, och kein neueſter elitten, h 6*** 333 „ um hier den Sommer zuzubringen. kadh Nehumnetz⸗ Leslie, alt genug, um der Suube der Se iſchaft müde zu ſein, und Mrs. Dalton, die l5 Gatten verloren hatte und für den Augenblick von b. ſelligen Laſtbarkeiten ausgeſchloſſen war, hatten dn 3 4 ſie in ihre Zurückgezogenheit zu begleiten. hen beiben paßite wohl recht für Emiliens Ge⸗ 5 rt, aber Jugend und Frohflun machen, daß man ihen. mit Jedermann verträgt; eri mit den 4 1 welche unſere Gewohnheiten befeſtigen, und m d g trachtungen, welche unſeren Geſchmack verfeinern, uizegf es leichter, daß man bei Jemand anſtößt oder un ſhe aeni, nach Emiliens Ankunft in E*ss, ſaß Ain na dem Frühſtücke bei Lady Marherachs u s. Dalton.„Bitte,“ ſagte Jene, kuukn Sie no 5 N mit meinem Bche i Hnigdneen e efen ut in ihrer nächſten h.„ huchi in ſhn begierig wäre, B 4 Phe; 83 6 alte Ruine jenſeits des Dorfes gehört, gla. uh. ie ſollten ihn kennen lernen, er Phu dn en 12„Arſalen⸗ viealhahin ine der Perſonen von on, w„ Si enr then Alles, als Sneueanh, t. find;„Ihnen gefallen? unmöglich!⸗ 7 u5, oltaie Lady Margaretha unwillig,„er beſitzt 15 51 iſor⸗ derniſſe, um zu gefallen— Jugend, Tnrae⸗ hle⸗ zauberndes Benehmen biins Suunt llöen. 9 2 e Mrs. Dalton,„ 1 Menſi nanehtrer an ihm entheckt hätte. Mir 334 ſchien er eingebildet und ſatiriſch und— und— kurz ſehr unangenehm; freilich habe ich ihn auch nur einmal geſehen.“„Ich habe viele Urtheile über ihn gehört, die Alle von einander abmeichen,“ ſagte Emilie; „indeſſen glaube ich, die allgemeine Meinung neige ſich mehr zu der Anſicht der Mrs. Dalton, als zu der Ih⸗ rigen, Lary Margaretha.“„Das glaube ich wohl. Sehr ſelten nimmt er ſich die Mühe, zu gefallen, thut er dieſes aber, ſo iſt er unwiberſtehlich. Indeſſen iſt nur ſehr Weniges allgemein von ihm bekannt. Seit er zum Manne gereift, war er viel im Auslande; und wenn auch in England, miſchte er ſich nie mit viel Neigung in Geſellſchaft. Er ſoll ſehr außerordentliche Talente beſitzen, die, verbunden mit einem großen Vermögen und einem alten Namen, ihm ein Anſehen und einen Rang verſchaffen, wie ſie ſelten ein ſo junger Mann genießt. Er hatte wiederholte Anerhietungen, ins Staats⸗ leben einzutreten, ausgeſchlagen; aber er ſteht auf ſehr vertrautem Fuße mit einem der Miniſter, der, wie man ſagt, ſo klug war, aus ſeinen Talenten Vortheil zu ziehen. Alle anderen ihn betreffenden Nachrichten ſind äußerſt ungewiß. Über ſeine Perſoͤnlichkeit und ſein Be⸗ nehmen werden Sie beſſer ſelbſt urtheilen; denn gewiß, Emilie, iſt meine Bitte, ihn hieher einzuladen, ſchon gewährt.“„Allerdings,“ antwoprtete Emilie,„Sie können nicht begieriger ſein, ihn zu ſehen, als ich.“ Und damit hatte das Geſpräch ein Ende. Lady Marga⸗ retha ging in die Bibliothek; Mrs. Dalton ſetzte ſich auf eine Ottomane und theilte ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen dem neueſten Roman und ihrem italieniſchen 335 — kurz Wiudſpiel, und Emilie verließ ihr Zimmer, um ihre ich nur fruheren Lieblingsplätzchen wieder zu beſuchen. Ihr über ihn leiner Sohn war ihr Begleiter, und ſie war nicht ver⸗ Emilie; rießlich, daß ſie keinen Anderen hatte. Um die Erzie⸗ eige ſich herin eines Kindes zu werden, ſollte eine Mutter deſſen ber Ih⸗ Geſpielin ſein; und Emilie war vielleicht weiſer, als fie l. Sehr wohl ſelbſt glaubte, wenn ſie mit lächelndem Auge und thut er leichtem Schritte über das Gras hinlief und ſich beinahe iſt um mit demſelben Ernſte, wie ihr Kind, dieſen kindlichen er zum Freuden überließ. Als ſie durch das Gehölz kamen, das d wenn zu dem See im Mittelpunkte der Beſitzung führte, blieb ſeigung der Knabe, welcher Emilien voraneilte, plötzlich ſtehen. Talente Sie eilte ſchnell auf ihn zu und ſah kaum zwei Schritte ermögen vor ſich, obgleich halb verſteckt durch das ſteile Ufer des d einen Eees, an welchem er ſich niedergelegt, einen Mann, Mann augenſcheinlich im Schlaf. Ein Band von Shakſpeare Staats⸗ lag neben ihm, das Kind hatte ihn aufgenommen. Als auf ſehr ſe ihm das Buch abnahm, um es wieder an ſeinen Ort die man zu legen, blieb ihr Auge auf der Stelle haften, welche heil ꝛ1 der Kuabe zufällig aufgeſchlagen hatte. Wie oft trat in ten ſind ſpäteren Jahren dieſe Stelle gleich einer Vorbedentung M ein Be⸗ yor ihre Seele! es war folgende: gewiß⸗ Weh mir! nach Allem, was ich je geleſen „ ſchon und je gehört in Sagen und Geſchichten, „„Sie Nie treue Liebe rann auf glattem Strom. z ich.“ Sommernachtstraum. Narga⸗ Als ſie das Buch leiſe hinlegte, warf ſie einen Blick bte ſich auf das Geſicht des Schläfers; nie vergaß ſie den Aus⸗ ſamkeit druck deſſelben— finſter, ſtolz, trübſinnig ſelbſt im eniſchen Schlummer! 336 Sie wartete ſein Erwachen nicht ab. Sie eilte durch die Baͤume nach Hauſe. Dieſen ganzen Tag war fee ſchweigſam und zerſtreut; jenes Angeſicht ſchwebte ihr wie ein Traum vor. So ſeltſam es ſcheinen mag, ſie ſprach weder mit Lady Margaretha, noch mit Mre. Dalton von ihrem Abentener. Warum? Haben unſere Herzen ein Vorgefühl künftigen Unglückes? Am folgenden Tage wurde Falkland, der die Ein⸗ ladung der Lady Margaretha erhalten und angenommen, zum Eſſen erwartet. Emilie empfand eine heftige, aber verzeihliche Neugier, einen Mann zu ſehen, hinſichtlich deſſen ſie ſo viele und ſo widerſprechende Urtheile gehört hatte. Sie war allein in dem Salon, als er eintrat. Auf den erſten Blick erkannte ſie in ihm die Perſon, welche ſie den Tag zuvor am See getroffen hatte, und ſie erröthete tief, als ſie ſeine Begrüßung erwiderte. Zu ihrem großen Troſte traten nach wenigen Minuten Lady Mar⸗ garetha und Mrs. Dalton in das Zimmer, und die Un⸗ terredung wurde allgemein. In Falklands Benehmen war wenig von dem, was man Lebhaftigkeit nennt; aber ſein Witz, obwohl ſelten mit Froͤhlichkeit gepaart, war bei aller Feinheit doch ſar⸗ kaſtiſch, und die Lebhaftigkeit ſeiner Einbildungskraft warf einen Glanz und eine Originalität auf Bemerkan⸗ gen, welche im Munde Anderer vielleicht ſchaale Ge⸗ meinplätze geweſen wären. Das Geſpeäch wandte ſich haupiſächlich auf Geſel ſchaft, und Emilie, der Laby Margaretha geſagt hatte, daß Falkland ſich nur wenig in das Treiben derſelben eingelaſſen, war ehen ſo ſehr durch ſeine genaue Kennt⸗ ilte durch war ſſie webte ihr mag, ſie nit Mra. en unſere die Ein⸗ nommen, ige, aber nſſichtlich le gehört rat. Auf velche ſie erröthete u ihrem dy Mar⸗ die Un⸗ m, was hl ſelten doch ſar⸗ ngskraft merkan⸗ lale Ge⸗ (Geſell⸗ zt hatte, erſelben Kennt⸗ 337 niß der Menſchen, wie durch ſein richtiges Urtheil über ihr Benehmen ͤberraſcht. Mit ſeiner Satire verband ſich auch gelegentlich ein Zug von ſchwermüthiger Em⸗ pfindung, was Emilien um ſo rührender erſchien, weil es immer unerwartet und ungeſucht war. Nach einer ſolchen Außerung wagte ſie es zum erſtenmale, das An⸗ ziehende und Eigenthümliche im Angeſichte des Redenden zu prüfen. Es war über daſſelbe der gemiſchte Ausdruck von Thatkraft und Schlaffheit verbreitet, welcher ver⸗ räth, daß der Mann viele Stürme von Gedanken, Sorgen, Leidenſchaften oder Thaten beſtanden, denſel⸗ ben aber auch widerſtanden habe; daß er davon ermattet, jedoch nicht unterlegen ſei. Auf der breiten unh edeln Stirne, in dem feingeſchnittenen Munde und der me⸗ lancholiſchen Tiefe des ruhigen, nachdenklichen Anges ſprachen ſich eine Entſchloſſenheit und eine Kraft aus, die, obwohl düſter, doch nicht ohne Stolz waren, und, wenn ſie auch das Schlimmſte ertragen, ihm doch Trotz geboten hatten. Ungeachtet der fremden Herkunft ſeiner Mutter war ſeine Geſichtsfarbe gleichwohl ſchoͤn und blaß, und ſeine hellbraunen Haare fielen in reichen Locken alterthümlich über ſeine Stirne. Dieſe Stirne war wirklich der auffallendſte Zug ſeiner Geſichtsbil⸗ dung. Nicht allein in ihrer Höhe oder Ausdehnung be⸗ ſtand ihre merkwürdige Schönheit; wenn je der Geiſt zum Entwurfe, der Muth zur Ausführung großer Plane verkörpert und ſichthar war, ſo trug dieſe Stirne deren Stempel. Falkland blieb nicht lange mehr nach dem Eſſen; aber der Lady Margaretha verſprach er hinſichtlich der Bulwer, Falkland. 22 338 zukünftigen Länge der häufigen Wiederholung ſeiner Beſuche Alles, was ſie verlangte. Als er das Zimmer verließ, trat Lady Emilie unwillkürlich aus Fenſier, um ihn weggehen zu ſehen, und dieſe ganze Nacht klang ſeine tiefe, ſanfte Stimme in ihrem Ohr, wie die Muſft eines verworrenen, dem Gedächtniſſe halb entſchwunde⸗ nen Traumes. Herr Mandeville an Lady Emilie. Liebe Emilie! Geſchäfte von großer Wichtigkeit für das Tand ha⸗ ben mich abgehalten, Ihnen früher zu ſchreiben. Jh hoffe, Sie haben ſich wohl befanden, ſeit ich zuletzt von Ihnen hörte, und thun Alles, was in Ihrer Mast ſteht, um unnöthige Ausgaben zu vermeiden und auf eine kluge Sparſamkeit Ihre Aufmerkſamkeit zu verwen⸗ den, welche eben ſo ſehr Pflicht der Einzelnen, wie br Nationen iſt. In der Vorausſetzung, daß Sie ſich in Cuer e. weilen, und immer darauf bedacht, Sie zu unterhalten, wie zu belehren, ſchicke ich Ihnen einen ausgezeichneten gedruckten Aufſatz von Herrn Tooke*, nebſt meinen eigenen beiden letzten Reden, von mir ſelbſt korrigirt. In der Hoffaung, bald von Ihnen zu hören, bit ich unter herzlichen Grüßen an Henry mit aller Zärllichkeit der Ihrige John Mandeville. * Staatswirthſchaftlicher Schriſtſteller. 8 wicht Lady Mrs erkun und weiß Ihre jeder jene Reitz haftt welt nehn Leich gert nenr darf trau 339 Erasmus Falkland Esg. an der ehrenwerthen Friedrich Monkton.* acht klang Nun, Monklon, bin ich in E*s⸗ geweſen; bieſes die Muft! wichtige Ereigniß in meinem Mönchsleben ging vorüber. chwunde⸗ Lady Margaretha war geſprächig wie immer, und eine Mrs. Dallon, eine Bekannte von Ihnen, wie ich merkte, etkundigte ſich ſehr angelegentlich nach Ihrem Pudel und Ihnen. Aber Lady Emilie! Ja, Monkton, ich weiß nicht recht, wie ich dieſe Ihnen beſchreiben ſoll. Land ha⸗ Jhre Schoͤnheit iſt ebenſo anziehend als blendend. In ben. Ih jedem ihrer Worte, in jeder ihrer Handlungen liegt uletzt von jene tiefe und beredte Sanflmuth, welche von allen eer Macht Reizen der gefährlichſte iſt. Doch iſt ſie mehr ſchert⸗ at und auf haſter, als ſchwermüthiger, nachdenklicher Gemüthsart, verwen⸗ welche gewöhnlich mit einer ſolchen Zartheit des Be⸗ , wie der nehmens verbunden iſt; aber ihr Charakter hat nichts Leichtſiniges, und die Fröhlichkeit ihres Geifles ſtei⸗ *er lang⸗ gert ſich nie bis zu dem Grade, welchen wir Luſtigkeit terhallen, nennen. Sie ſcheint, wenn ich den Gegenſatz machen zeichneten darf, zu gefühlvoll, um luſtig, und zu unſchuldig, um § meinen traurig zu ſein. Ich erinnere mich, mit ihrem Gemahl orrigirt. häufig zuſammen gekommen zu ſein. Er iſt ſo kalt und zeen, bin feierlich, ſo ohne Alles, was die Einbildungskraft an⸗ ſpricht, oder die Neigung gewinnt, daß ich mir kein ge Weſen denken kann, das ihm weniger geiſtesverwandt ville. wäre, als ſeine ſchöne, romantiſche Frau. Aber ſie muß außerordentlich jung geweſen ſein, als ſie ihn hei⸗ * Ein Brief Falklands, worin er der Einladung der Lady Margaretha erwähnt, blieb weg. 340 rathete, und wahrſcheinlich ſteht ſte noch nicht ein, wie 4 ſehr ſie zu bemitleiden iſt, daß ſie ihre Kraft zu lieben ſchrie noch nicht kennen lernte. gen? Le veggio in fronte amor come in suo seggio Hera Sul crin, negli occhi— su le labra amore er na Sol dintorno al suo cuore amor non veggio. in de Ich bin ſeit meinem erſten Beſuche in ihrem Hanſe Gege zweimal dort geweſen. Ich höre gerne dieſe ſanfte, be⸗ aber zanbernde Stimme und flüchte gerne aus dem Dunkel helau meiner eigenen Betrachtungen in die unſchuldige Hell der ihrigen. In meinen früheren Tagen würde dieſe fand tröſtliche Genuß von Gefahr begleitet geweſen ſein, abe Beſo man wird hart durch das Uebermaß der Empfindunge. ſein Wir können die Aſche nicht wieder entflammen! Ich Miß kann ihre traumartige Schönheit betrachten, ohne auch tägle nur ein Verlangen zu fühlen, das die Reinheit meiner teter Verehrung befleckte. Ich lauſche ihrer Stimme, wem ſehe ſte liebkoſend hinſchmilzt bei ihren Vögeln, ihren Blu⸗ men, oder mit tieferer Innigkeit bei ihrem Kinde; aber durch mein Herz bebt nicht bei der Lieblichkeit dieſer Tine. Ver Ich berühre ihre Hand, und der Pulsſchlag der mein⸗ ſo ſ gen bleibt ſo ruhig, wie zuvor. Ueberſättigung an der Ent Vergangenheit iſt die beſte Schutzwache gegen die Ver⸗— ſuchungen der Zukunft; und die Gefahren der Jugend 9, ſind vorüber, ſobald ſte den Stumpffinn und die Fähl⸗ tend lofigkeit errungen, welche nur dem empfindungeloſn velc Alter angehören ſollten. beſc V t ein, wie zu liehen ſein, aber findungen. mnen! Ich ohne auch eit meiner ne, wenn hren Blu⸗ nde; aber ſer Toͤne. der meini⸗ ung an der die Ver⸗ er Jugend die Fuhl⸗ ungsloſen 341 Dies waren Falklands Anſichten zu der Zeit, wo er ſchrieb. Ach! was iſt ſo trügeriſch, als unſere Neigun⸗ gen? Unſere Sicherheit iſt unſere Gefahr— unſere Herausfordernng unſere Niederlage. Tag fuͤr Tag ging er nach Eirr. Den Morgen brachte er mit Ausflügen in der Geſellſchaft Emiliens in der wilden, romantiſchen Gegend zu, welche ſie umgab; und in der gefährlichen, aber herrlichen Stille der Sommerabenddämmerungen helauſchten ſie das erſte Flüſtern ihrer Herzen. In ſeiner Verwandtſchaft mit Lady Margaretha fand Falkland eine Entſchuldigung für ſeine häufigen Beſuche; und ſelbſ Mrs. Dalton war ſo bezaubert durch ſein hinreißendes Weſen, daß ſie trotz ihrer früheren Mißbilligung zu unterſuchen vergaß, in wie ferne ſeine tägliche Anweſenheit in Eres mit den von ihr angebe⸗ teten Schicklichkeitsgeſetzen der Welt im Widerſpruch ſtehe, oder wie weit ſie ſich auf ſie ſelbſt beziehe. Ich brauche das Entſtehen der Leidenſchaft nicht durch alle ihre Krümmungen zu verſolgen, deren ſpäteren Verlauf ich hier erzählen will. Was iſt ſo überirdiſch, ſo ſchön, als die Liebe eines Weibes in ihrem erſten Entſtehen? Die Luft des Himmels wogt nicht reiner — das Sonnenlicht iſt in ſeiner Wärme nicht heiliger. O, warum muß ſie ihrem Weſen nach entarten, wäh⸗ rend ſie an Stärke zunimmt? Warum muß der Fußtritt, welcher dem Schnee eine Form eindrückt, denſelben auch beſchmutzen? Wie oft, wenn Falkland dieſem ſchuld⸗ loſen, aber aufgeregten Auge begegnete, das ihm jene innern Geheimniſſe enthüllte, welche Emilie glüͤcklicher Weiſe eine Zeitlang ſeldſt noch nicht kannte; wenn, 34² wie eine Quelle unter Blumen, ihre Herzensgüte äbe die Anmuth ihres Benehmens gegen ihre Umgebungen und über ihr thätiges Wohlwollen gegen Untergebene ſich verbreitete; wie oft wandte er ſich ab mit einer Verehrung, zu tief für die Selbſtſucht menſchlicher Kei⸗ denſchaft, mit einer Zärtlichkeit, zu heilig für ihre Wänſche! In dieſer Stimmung, dem früheſten um anfruchtbarſten Zeichen echter Liebe, ſchrieb er ſolgen⸗ den Brief: Erasmus Falkland Esg. an den ehrenwerthen Friedrich Monkton. Ich habe zwei bis drei Mahnungsſchreihen von mei⸗ nem Oheime erhalten.„Der Sommer,“ ſchreibt er, „rückt vor, und Du bleibſt feſt in Deiner Unthätigkeit ſitzen. Noch haft Du einen großen Theil Europa's nicht geſehen, und da Dn weder in die Geſellſchaft treten willſt, um eine Gattin zu ſuchen, noch in das Haus der Gemeinen, um Ruhm zu erwerben, ſo verwenhe doch wenigſtens Dein Leben, ſo lange Du noch frei und ohne Feſſela biſt, zu thätigen Beſtrebungen, welche die Muße nachher verſüßen werden, oder zu jenen Beobach⸗ tungen und dem Lebensgenuß unter Andern, wodurch Du Deine eigenen Hülfsquellen vermehrſt.“ Alles dat klingt recht ſchön; aber ich habe mir ſchon mehr Kennt⸗ niſſe erworben, als ich für Andere oder mich je brauche, und ich bin nicht Willens, hier die Ruhe aufzugebe, in der ungewiſſen Hoffaung, anberswo Vergnügen zu finden. Vergnügen iſt in der That ein Sonntags⸗ gefühl, das Einem im alltäglichen Leben nicht vor⸗ er folgen⸗ berthen von mei⸗ ſchreibt er, inthätigkeit opa's nicht Haft treten das Haus verwenhe h frei und welche die Beobach⸗ wodurch Alles das hr Kennt⸗ brauche, afzugeben, gnügen vonntage⸗ licht vor⸗ 343 ommt. Wir verlieren einen jahrelangen Frieden, wenn wir dem Entzücken einer Stunde nachjagen. Ich weiß nicht, ob Sie je ſchon das Gefühl hatten, wie das Daſein dahinſtrömt, ohne ſeinem ganzen In⸗ halte nach benutzt worden zu ſein; was mich betrifft, ſo bin ich mir nie bes Lebens hewußt, ohne mir auch zu⸗ gleich deſſen bewußt zu ſein, daß ich mich nicht im höchſtmöglichen Grabe deſſelben erfeeut habe. Dies iſt ein bitteres Gefühl, und das Schmerzlichſte dabei iſt, daß wie nicht wiſſen, wie wir daſſelbe los werden ſol⸗ len. Meine Unthätigkeit will und kann ich nicht verthei⸗ digen, und doch iſt ſie mehr Folge der Nothwendigkeit als freier Wahl; es ſcheint mir, es gibt Nichts in der Welt, das mich aus der ſelben erwecken könnte. Es ver⸗ langt mich nach Thätigkeit, aber ich finde keinen Be⸗ weggrund, der mächtig genng wäre, dleſelbe zu erre⸗ gen; ſo laſſen Sie mich denn in meinem Müßiggange, wo ich doch nicht, wie andere Menſchenkinder, unthätig und dabei von Anderen abhängig bin; wo ich wenig⸗ ſtens das Fehlende durch einen gewiſſen Schein von Freiheit erſetze, welchen allein die Zuruͤckgezogenheit verleihen kann. Meine Zurückgezogenheit iſt keine Einſamkeit mehr, doch ſchätze ich ſie deßhalb nicht minder. Ich bringe einen großen Theil meiner Zeit in E'*** zu. Einſamkeit hat für denkende Menſchen etwas Anzichendes, nicht ſowohl weil ihnen ihre eigenen Gedanken gefallen; ſondern weil ihnen die Gedanken Anderer mißfallen. Die Einſamkeit verliert ihren Reiz, ſobald wir ein Weſen ſinden, deſſen Gehanlen uns angenehmer ſind, als unſere eigenen. Ich 344 habe Ihnen, glaube ich, die Perſönlichkeit der Lady Emilie noch nicht beſchrieben: ſie iſt groß und leicht, aber ſchön gebaut. Die Krankheit, welche ſie mitten in der Saiſon nöthigte, den Aufenthalt in London mit dem in Errszu vertauſchen, hat, meine ich, ihrer Wange eine noch zärtere Farbe gegeben, als dieſe von Natur hat. Ihre Augen ſind hell, aber die Augenwimpern lang und dun⸗ kel; ihr ſchwarzes, üppiges Haar trägt fie auf eine ihr eigene Art; aber ihr Benehmen, Monkton! wie kann ich Ihnen deſſen bezaubernden Reiz ſchildern? ſo einfach, und deßhalb ſo tadellos— ſo beſcheiden, und doch ſo zärtlich— ſcheint ſie, indem ſie die Erfahrungen des Weibes gemacht, nur die Reinheit des Kindes vervoll⸗ kommnet zu haben; und jetzt, nach Allem, was ich Ihnen geſagt, empfinde ich nur um ſo tiefer die Wahrheit von Bacons Bemerkung, daß das Beſte an der Schönheit dasjenige iſt, was kein Gemälde ausdrücken kann. Ich bin in Verlegenheit, dieſe Schilderung zu beendigen, weil es mir vorkommt, als habe ich dieſelbe kaum ange⸗ fangen; ich ſetze ſie nicht gerne fort, weil mir jedes Wort klarer die Geheimniſſe meines Herzens zu enthüllen ſcheint, die ich vor mir ſelbſt gerne verhehlt hätte. Noch liehe ich nicht, es iſt wahr, denn die Zeit iſt vorüber, wo ich leicht in Leidenſchaft gerieth; allein ich will mich der Gefahr nicht ausſetzen, deren Wahrſcheinlichkeit voraus⸗ zuſehen ich Prophet genng bin. Nie ſoll dies reine und unſchuldige Herz durch einen Mann entweiht werden, der ſein Leben hingäbe, um ihm das geringſte Mißgeſchick zu erſparen. Ich finde in mir ſelbſt einen mächtigen Ver⸗ theidiger der Wünſche meines Oheimes. Kommende Woche v wohl. Wer Gelübde lich des aufrichti teu. Wi Was we ein Blie Gedanke er ſle at ſich, wi hören! ſeines C eines ſe Landſche der We dieſe At entſtehe Got ſagt die ten Ge verſchie Neigun vergleic tende V Leichtfe 345 Lady WVoche werde ich in London ſein; bis dahin leben Sie leicht, vohl. E. F. ten in b Wenn das Sprüchwort ſagt:„JInpiter lacht bei den em in Gelübden eines Verliebten,“ ſo will es damit, rückſicht⸗ enoch lch des gewöhnlichen Laufes der Dinge nicht ihre Un⸗ aaufrichtigkeit, ſondern ihre Unbeſtändigkeit verſpot⸗ ten. Wir betrügen Andere weit weniger, als uns ſelbſt. e ihr Was waren für Falkland Entſchlüſſe, welche ein Wort, kann ein Blick umſtoßen konnte? In der Welt hätte er ſeine nfach, Gedanken zerſtreuen können; in der Einſamkeit richtete ch ſo er ſie auf einen Punkt; denn die Leidenſchaften laſſen n des ſich, wie die Stimme der Natur, nur in der Einſamkeit voll⸗ hören! Er beſchwichtigte ſeine Seele gegen die Vorwürfe hnen ſeines Gewiſſens; er ergab ſich ſelbſt der Berauſchung von eines ſo goldenen Traumes, und in dieſer herrlichen nheit Landſchaft ſtieg wie ein Opfer an den Sommerhimmel Ich der Weihrauch zweier Herzen empor, welche durch eben igen, dieſe Anſicht ſo ſtrafbare Flamme jeden andere in ihnen nge⸗ eniſtehende Gefühl gereinigt und geadelt hatten. de Gott hat das Land, der Menſch die Stadt gemacht! liebe ſagt die oft angeführte Stelle, und die in beiden geweck⸗ ich ten Gefühle ſind ebenſo je nach den Genius des Ortes der verſchieden. Wer möchte die zerſtückelten und getheilten uns⸗ Neigungen, welche in den Städten entſtehen, mit denen und vergleichen, welche keine Menſchenmenge durch ſich bie⸗ den, tende Verſuchungen trennen, keine Zerſtreuung mit ihren hick Seichtfertigkeiten beflecken kann? ber⸗ Ich habe oft gedacht, wäre die Ausführung der Atala nde Plane gleichgekommen, kein menſchliches Werk hätte dies 3 46 an Großartigkeit übertroffen. Welches Gemälde iſt enn⸗ facher und zugleich erhabener, als die ungehenere Ein⸗ ſamkeit einer menſchenleeren Wildniß, die Wälder, die Berge, die ganze Phyſtognomie der Natur, in die friſche und doch gigantiſche Form einer neuen, unentweihten Welt gegoſſen, und in dieſen ſiillſten und erhabenßten Tempeln des großen Gottes nur der Geiſt der Liehe waltend und Alles verklärend? So Frauer ten un gethan macher Schwa decken, pfindu für ſte häufer N Selbſt ſie un mit ei Alles, wußtſe Gefüh hatte und d allein land 1 Zweites Buch. So weiſe es bei Männern ſein mag, iſt es doch für Frauen gefährlich,„mit ihren eigenen Herzen zu verkeh⸗ ren und ſich ſtille zu halten!“ Emilie hätte klüger daran gethan, fortwährend die Thorheiten der Welt mitzu⸗ machen, als ſie zu fliehen; inne halten, ſich von dem Schwarme trennen, hieß die Leere ihres Daſeins ent⸗ decken, fühlen und darüber murren; und es mit den Em⸗ pfindungen erfüllen, welche es ungeſtüm verlangte, hieß für fie nichts Anderes, als Stoff zur Verzweiflung au⸗ häufen. Noch ehe ſie einen Schritt in der herben Schule der Selbſtkenntniß gethan, mit einem Mann vermählt, den ſie unmöglich lieben konnte, und doch von der Natur mit einer Seele voll Zärtlichkeit ausgeſtattet, die ſie über Alles, was ihr nahe, ausſtrömte, konnte ſle bem Be⸗ wußtſein des Elendes nur ſo lange entgehen, als das Gefühl in ihr ſchlummerte. Die Geburt ihres Sohnes hatte ihr ein neues Feld von Empfindungen eröffnet, und das Leben, das ſie einem Weſen gegeben, verlieh allein ihrem eigenen Daſein noch Reiz. Hätte ſie Falk⸗ land nie geſehen, ſo hätten ſich alle tieferen Quellen der 348 Liebe in ein einziges, rechtmäßiges Bette ergoſſen, wen aber er zu bezaubern wünſchte, der hatte nie ſeine Macht widerſtanden, und die Neigung, welche er ein⸗ floͤßte, ſtand im Verhaͤltniſſe zu der Strenge und innigen Wärme ſeines eigenen Weſens. Es war für Emilie Mandeville unmöglich, einen Mann wie Falkland zu lieben, ohne ſich bewußt zu werden, daß von dieſem Augenblicke an ihr beſonderet, ſelbſtiſches Daſein aufgehört hatte. Schönheit kann unſere Sinne gefangen nehmen; aber einen ſo ober⸗ flächlichen Eindruck können wir in der Entfernung ver⸗ geſſen, oder durch die Vernunft überwinden. Unſere Eitelkeit kann durch hohen Rang beſtochen werden, aber die Neigungen der Eitelkeit ſind in Sand gezeichnet; wer aber kann den Genius lieben, ohne zu fühlen, daß die durch ihn erweckten Empfindungen deſſen eigene Stärke und Unßerblichkeit theilen? Er erhebt, verſtärkt, ſteigert alle unſere Empfindungen, ſelbſt die feinſten und verborgenſten. Liebt man das Gemeine, ſo koͤnnen gewöhnliche Gegenſtände ein Gefühl verdrängen oder zerſtören, das durch einen alltäglichen Gegenſtand ge⸗ weckt wurde. Liebt man aber, was einem in der Arm⸗ ſeligkeit und Abgeſchmacktheit, die uns umgeben, nicht wieder vorkommt, wie kann man ſich dann nach einem neuen Gegenſtand umſehen, um den zu erſetzen, der auf Erden nicht mehr ſeinesgleichen hat? Das Erwachen aus einem ſolchen Delirium iſt wie die Rückkehr aut einem Feenland, und während die Erinnerung an einen hellen, unverwüſtlichen Himmel noch friſch in uns lebt, wie können wir die Langweiligkeit des irdi⸗ * ſchen d ſind? Eit Mrs. worin Zurück beunru That Falklar Neigun liche, g auf da für ihr erfahre nicht u inwele hatte Lady Sie be nehme nachde beklag warnte gend den E unterl ein, d Bewe etwas wenn 349 ſchen Daſeins ertragen, zu welchem wir fortan verdammt find? Einige Wochen waren vergangen, ſeit Emilie an Mrs. St. John geſchrieben hatte, und ihr letzter Brief, worin ſie Falklands erwähnte, hatte von ihm mit einer Zurückhaltung geſprochen, welche ihre Freundin mehr heunruhigte, als täuſchte. Mrs. St. John hatte in der That einen ſtarken, geheimen Grund zur Beſorgniß. Falkland war der Gegenſtand ihrer eigenen, früheſten Neigung geweſen, und ſie kannte wohl die eigenthüm⸗ liche, geheimnißvolle Macht, welche er, wenn er wollte, auf das Gemüth ausübte. Zwar hatte er ihre Gefühle für ihn nicht erwidert, ja nicht einmal etwas davon erfahren, und während der Jahre, in welchen ſie ihn nicht mehr geſehen, und unter den neuen Verhältniſſen, in welche ſie ihre Verbindung mit Herrn St. John gebracht, hatte ſie ihre frühere Neigung beinahe vergeſſen, als Lady Emiliens Brief jenes Andenken wieder erweckte. Sie beantwortete ihn durch eine leidenſchaftliche, theil⸗ nehmende Warnung an ihre Freundin. Sie ſprach ſich, nachdem ſie ſich über Emiliens neuerliches Schweigen beklagt, mißbilligend über Falklands Charakter aus und warnte vor ſeiner Bezauberung, auch ſuchte ſie die Tu⸗ gend und den Stolz aufzubieten, welche vereint ſo oft den Sieg davon tragen, während fie einzeln ſo leicht unterliegen. Wahrſcheinlich bildete fich Mrs. St. John ein, daß nur Freundſchaft ſie hiebei leite; aber bei den Beweggründen zu den beſten Handlungen läuft immer etwas Unreines mit unter; und die Selbſtſucht einer, wenn auch hoffnungsloſen, doch nicht ganz überwunde⸗ 35⁰ nen Eiferſucht übertraf vielleicht an Stärke die weri⸗ Überdr ger eigennützigen Empfindungen, welche ſie ſich alein Demüt geſtand. in den Es lag in meiner Abſicht, in dieſem Werke den icht z Fortſchritt der Leidenſchaften zu ſchildern; eine Ge⸗ habe ei ſchichte mehr durch Gedanken und Geſühle, als durch ihn, ſo Ereigniſſe der Begehenheiten, zu verfolgen, und die Et iſt kleineren und ſeineren Labyrinthe und Geheimmiffe des ſchreibe menſchlichen Herzens aufzudecken, welche neuere Wake Sie he ſo ſpärlich behandelt haben. In dieſer Abſicht hahe habe il ich von Zeit zu Zeit den Faden der Erzählung düöee vor zwe brochen, um die darin enthaltenen Charaktere lebendiger daß ich hervortreten zu laſſen, und da ich ſelbſt keinen Anſpruh nmich zu auf den gewöhnlichen Ehrgeiz der Erzählungenſchreiher Er— mache, habe ich mir die Freiheit genommen, von ißter ſcheint gewöhnlichen Art und Weiſe abzuweichen. Dies her delden Grund und die Entſchuldigung fuͤr die Aufnahme der aud me folgenden Auszüge und gelegentlicher Briefe. Sie ſchl⸗ mir— dern den innern Kampf; während die Erzählung ut CTheiln auf das aͤußere Ereigniß zu ſehen pflegt, und verſolgenden Habe Blitz bis in die Wolke, während die Geſchichte nur die Nein, Stelle bezeichnet, wo er zündete oder zerſtörte. denn zu bere Auszüge aus dem Tagbuch der Lady Emilie WMan-⸗ 1 M deville. lichen Dienſtag.— Vor mehr als ſieben Jahre habe ich zu beo dies Tagebuch angefangen! So eben habe ich es von Aber vorn herein durchgeſehen. Vlel und mannigfaltig fird fühle die Gefühle, welche es zu ſchildern verſucht— Atger, ſogar Kummer, Freude, Sorgen, Hoffnung, Vergnügen, nicht genden nrr die WMan. ibe ich es von g find Arger, nügen, 351 überbruß, Langeweile; aber nie, nicht ein einziges Mal, Demüthigung oder Gewiſſensbiſſe!— Dieſe waren mir in den freundlichen Jahren meiner früheſten Jugend nicht zugedacht. Wie ſoll ich ſie jetzt beſchreiben? Ich habe einen langen Brief von Julie bekommen— habe ihn, ſo weit es mir meine Thräuen erlaubten, geleſen. Es iſt wahr, daß ich nicht den Math hatte, ihr zu ſchreiben; wann werde ich dieſen Brief beantworten? Sie hat mir den Zuſtand meines Herzens euthüllt; ich habe ihn ſchon vorher mehr als geahnt. Hätte ich mir vor zwei Monaten— vor ſechs Wochen träumen laſſen, daß ich je einem Gefühle Raum geben werde, deſſen ich mich zu ſchämen hätte? Er iſt ſo eben hier geweſen— Er— der Einzige auf der Welt, denn die ganze Welt ſcheint mir ſich in ihm zu vereinigen. Er bemerkte meine Leiden, denn ich ſah ihn an, und meine Lippen zitterten aud meine Augen ſtanden voll Thränen. Er näherte ſich mir— ſetzte ſich neben mich— ſprach mir von ſeiner Theilnahme, ſeiner Beſorgniß— und war dies Alles? Habe ich geliebt, ehe ich wußte, daß ich geliebt war? Nein, nein; die Zunge war ſtumm, aber das Auge, die Wange, das Benehmen— ach! dieſe waren nur zu beredt! Mittwoch.— Es war ſo lieblich; ſeiner tiefen, zärt⸗ lichen Stimme zuzuhören, den Ausbdruck ſeines Geſichtes zu beobachten— ja dieſelbe Luft mit ihm einzuathmen. Aber jetzt, wo ich weiß, warum es ſo lieblich war, fühle ich, daß dieſe Luſt eln Verbrechen iſt, und bin ſogar elend, wenn er in meiner Nähe iſt. Heute iſt er nicht da geweſen. Es iſt Drei vorüber. Wird er kome 352 men? Ich ſtehe von meinem Sitze auf— ich gehe an das Fenſter, um Athem zu ſchöpfen— ich bin unruhig, aufgeregt verſtört. Laby Margaretha ſpricht mit mit — ich antworte ihr kaum. Mein Knabe— ja, mein lieber, theurer Henry kommt, und ich fühle, daß ich wieder Mutter bin. Nie will ich dieſer Pflicht untren werden, wenn ich auch eine eben ſo heilige, obwohl minder theure, vergaß! Nie ſoll mein Sohn Urſache haben, für ſeine Mutter zu erröthen! Ich will von hier fliehen— ich will ihn nicht mehr ſehen! Erasmus Falkland Esg. an den ehrenwerthen Friedrich Monkton. Schreiben Sie mir, Monkton— erinnern, ermah⸗ nen, oder verlaſſen Sie mich für immer. Ich bin glück⸗ lich, und doch ein Elender; ich gehe im Wahnſinn eines töbtlichen Fiebers umher, in welchem ich Traumbilher eines glänzenderen Lebens erblicke, aber jedes derſelben bringt mich nur dem Tode näher. Tag um Tag hahe ich hier gezögert, bis Wochen verfloſſen waren— und warum? Emilie iſt nicht wie die Weiber der Welt— Tugend, Ehre, Treue ſind ihr nicht bloße geſellſchaft⸗ lichen Convenienzen.„Da iſt kein Verbrechen,“ ſagte Lady A.,„wo das Geheimniß beobachtet wird.“ Nie kann dies die Anſicht von Emilie Mandeville ſein. Eie wird die Schuld nicht unter dem Leichtfinn der Weh, oder unter der Maske des Gefühles verbergen. Eſe wird unglücklich ſein, und zwar für immer. In meine Hand liegt das Schickſal ihres zukänftigen Lebens, am ich bin niederträchtig genng, noch zu zweifeln, ob ichſe Margar entſtand Lady T Blut tre dem En dem M geſproch hörte de Troſt g Du tetten oder verberben foll. O, wie fuͤrchterlich, wie ſelbſtſüchtig, wie entwürdigend iſt un echtmäßige Liebe! Sie kennen meine wohlwollende Theorie für Alles, was lebt; oft haben Sie üͤber dieſe Eitelkeit gelächelt. Jetzt ſehe ich ein, daß Sie Recht hatten, denn es er⸗ ſcheint mir beinahe als übermenſchliche Tugend, das Weſen, das mir am theuerſten auf Erden iſt, nicht zu unſac Grunde zu richten. Ich erinnere mich, Ihnen vor einigen Wochen von meiner Abſicht, nach London zu kommen, geſchrieben zu haben. Wenig kannte ich damals die Schwäche meines hſen eigenen Herzens. Ich ſprach ihr von meinem Entſchluſſe, abzureiſen. Sie wurde blaß— ſie zitterte— aber fie ſagte nichts. Dieſe Anzeichen, welche meine Abreiſe gläc⸗ hätten beſchleunigen ſollen, haben mir die Kraft geraubt, nur daran zu denken. nbiler Ich bin immer noch hier! Ich gehe jeden Tag nach ſelben E**s. Manchmal ſitzen wir ſchweigend da; ich getraue ghaze nir ſelbſt nicht zu ſprechen. Wie gefährlich ſind ſolche Angenblicke! Ammutiscon lingue parlan l'alme. elt— Geſtern ließ man uns allein. Wir hatten mit Lady ſchaft⸗ Margaretha von gleichgültigen Dingen geſprochen. Es ſaßte entſtand eine Pauſe von einigen Minuten. Ich ſah auf; Ne V Lady Margaretha hatte das Zimmer verlaſſen. Das Zlut trat mir in die Wangen— mein Auge begegnete Welh dem Emiliens; ich hätte Welten darum gegeben, mit Se dem Munde wiederholen zu dürſen, was dieſe Augen ein geſprochen. Kein Athemzug unterbrach die Stille; ich anhe hörte die Schläge meines Herzens. Ein Blitz wäre ein ichſe Troſt geweſen. O Gott! wenn es einen Fluch gibt, ſo Dulwer, Falkland. 23 354 iſt dies einer; von Gefühlen brennen, überſtrömen, raſen, deren Verheimlichung du geordnet haſt! Das heißt wahrlich„ein Kannihale ſein gegen das eigene Herz.“* Es war die Zeit des Sonnenunterganges. Emilie war allein auf dem Raſen, der ſich gegen den See hin⸗ abzog, and die blauen ſtillen Waſſer unten brachen in glänzenden Zwiſchenräumen durch die zerſtreuten, ver⸗ goldeten Baͤume. Mit nachdenklichen, thränenvollen Augen ſtand ſie da und ſah dem Untergange der Sonne zu. Ihre Seele war voll Kummer. Das Epheu, womit die Liebe ihr Werk zuerſt umrangt, war ſchon verblichen, und ſie ſah nur noch die verfallenen Nuinen, welche daſ⸗ ſelbe verborgen hatte. Dahin war für ſie jene Friſche des unentweihten Gefühles, das Alles mit einem ewigen Morgen von Sonnenſchein, Weihrauch und Thau um⸗ webt. Das Herz kann den Fall oder den Bruch einer ſchuldloſen und erlaubten Leidenſchaft überleben— la marque reste, mais le blessure guérit— aber die Liebe, ein Kind der Nacht und der Schuld, gräbt ſich mit unausloͤſchlichen, ewigen Zügen in das Herz ein. Jene, dem Blitze gleich, blendet eher, als ſie zerſtört, und göttlich ſelbſt in ihrer Gefahr, heiligt ſie, wat ſie verſengt;** aber die andere gleicht dem ſicheren, tödtlichen Feuer, das auf die Städte des Alterthumt fiel und in die Schauer der Wüſte, die es ſchuf, das Andenken und die Ewigkeit eines Fluches einzeichnete Bacon. on Nach einem Glauben der Alten⸗ ſtröͤmen, t! Das eigene Emilie See hin⸗ ichen in n, ver⸗ envollen Sonne womit blichen, che daſ⸗ Friſche ewigen au um⸗ einer — l ber die öt ſich z ein. rſtört, was heren, thumn , das hnett, 35⁵⁵ Eine leiſe, zum Herzen dringende Stimme traf Emi⸗ liens Ohr. Sie wandte ſich um— Falkland ſtand neben ihr.„Ich fühlte mich unruhig und unglückiich,“ ſagte er,„und kam, Sie aufzuſuchen. Wenn(ſagt ein Kir⸗ chenvater) ein Schuldbelaſteter und Unglücklicher auch nur wenige Minuten das Antlitz eines Engels ſchauen könnte, es würde ſich deſſen Ruhe und Herrlichkeit ſo tief in ſein Herz ſenken, daß er mit einemmale über die Kluft vergangener Jahre in ſeinen fruͤheſten nnentweihten Zuſtand der Reinheit und Hoffnung zurückkehrte. Viel⸗ leicht dachte ich an dieſen Ausſpruch, als ich zu Ihnen kam.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Emilie, bei dieſer Anrede tief erröthend, und in dieſem Errothen lag ihre ganze Antwort auf die ihr geſagte Artigkeit;„ich weiß nicht, woher es kommt, aber für mich hat dieſe Stunde immer etwas Schwermuthiges— etwas Trauriges, wenn ich den ſchönen Tag mit all ſeiner Pracht und Muftk, ſei⸗ nem Sonnenſchein und dem Geſang der Vögel dahin⸗ ſterben ſehe.“ „Und doch,“ verſetzte Falkland,„wenn ich mir die Zelt zurückeufe, wo meine Geſühle mehr mit den Ihri⸗ gen im Einklang ſtanden(denn jetzt haben alle äußern Gegenſtände für mich viel von ihrem Eir fluſſe und ihren Reizen verloren), hat die Schwermuth, welche Sie empfinden, eine unbeſtimmte, unausſprechliche Liehlich⸗ keit in ſich, die man gegen keine heiterere Stimmung vertauſchen möchte. Die Melancholie, welche ihren Grund nicht in unſerem eigenen Selbſt hat, iſt wie Muſik— ſie bezaubert uns im Verhältniß ihrer Wirkung auf unſer Gefühl. Vielleicht liegt ihe hauptſächlichſter Reiz(ob⸗ 3⁵5⁶ wohl es, um bieſen ermeſſen und beſchrelben zu können, der Befleckang ſpäterer Jahre bedarf) in der Reinhet der Quellen, woraus ſie entſpringt. Unſere Geflhle können noch nicht ſehr befleckt und verdorben ſein, ſo lange ſie noch den leidenſchaftloſen und urſprünglichen Sympathien mit der Natur entſprechen, und die Trau⸗ rigkeit, von welcher Sie ſprechen, iſt ſo rein von Bitter⸗ keit, ſo eng verbunden mit den edelſten und köſtlichſten Empfindungen, deren wir uns erfreuen, daß ich glet⸗ ben ſollte, ſelbi die Seligkeit des Himmels habe mehr von der Melancholie als von der Freude.“ Hier entſtand eine Pauſe von einigen Augenblicken. Selten ſpielte Falkland auch nur leicht auf die 3 kunft in einer andern Welt an, und wenn er es that, ſo ge⸗ ſchah es nie in gleichgültigen, abgedroſchenen Ausdrücken, ſondern mit einem Tone, der ſich lief in Emiliens Herz ſenkte. „Sehen Sie,“ ſagte ſie endlich,„dieſen ſchönen Stern! den erſten und glänzendſten! Ich habe oft ge⸗ dacht, er gleiche der Verheißung jenſeits des Grabes— ein Pfand für uns, daß auch in dem tiefen Dunkel der Mitternacht die Erde ein nicht erloſchenes und nie er⸗ löſchendes Licht vom Himmel haben werhe!“ Emilie wandte ſich bei dieſen Worten gegen Falk⸗ land, und ihr Antlitz leuchtete von der Begeiſterung, welche ſie beſeelie. Aber ſein Angeſicht war todesblaß. Es zog darüber, wie eine Wolke, ein Ausdruck eines vielbedeutenden, unausſprechlichen Gedankens hin, und dann plötzlich verſchwindend, ließ er ſeine Züge ruhſg Emilie ihm hat Schwar denn di Herz- Ruhe Sie zu ſpre ſchuldi und w zu. D ſpielig wilde Sogat Mand können, Reinhent Gefäͤhle ſein, ſo nolichen Trau⸗ Bitter⸗ klichſten h glar⸗ nmels In der blicken. kunft ſo ge⸗ rücken, s Herz Fönen fl ge⸗ des— kel der ie e⸗ Falt⸗ rung, öblaß. eines b und enhig 357 und klar, in all ihrer edeln, geiſigen Schoͤnheit wieder hervortreten. Ihre Seele verlangte, als fie ihn anſah, nach ihm mit der Zärtlichkeit einer Schweſter. Sie gingen langſam dem Hauſe zu.„Ich bin oft erſtaunt,“ ſagte Emitte mit einigem Zögern,„daß Sie ſo wenig Beg eiſterung zeigen ſelbſt bei Gegenſtänden, hinſichtlich deren Sie doch eine feße Üderzengung haben müſſen.“* „Ich habe mir die Begeiſterung wegge⸗ hacht!“ verſetzte Fulkland;„der Verluſt der Hoffnung hrachte mich zum Nachdenken, und im Nachdenken ver⸗ gaß ich das Gefühl. Ich wollte, es wäre mir nicht ſo leicht geworden, das wieder ins Leben zu rufen, was ſch für immer verloren glaubte!“ Faltlands Wange erröthete bei dieſen Worten, und Emilie ſeufzte leiſe, denn ſie verſtand deren Sinn. In ihm hatte dieſe Anſpielung auf ſeine Liebe einen ganzen Schwarm gefährlicher Erinnerungen heraufbeſchworen, denn die Leidenſchaft iſt die Lawine für das menſchliche Herz— ein einziger Hauch kannes aus ſeiner Ruhe ſtören. Sie blieben Fumm; denn Falkland getraute ſich nicht zu ſprechen, bis er, als ſie das Haus erreicht, ſeine Ent⸗ ſchuldigung ſtoiterte, warum er nicht eintreten koͤnne, und wegging. Er wandte ſich ſeiner einſamen Wehnung zu. Die Güter in E*us waren in klaßſiſchem und koſt⸗ ſpieligem Geſchmacke angelegt, der gewaltig gegen die wilde, einfache Natur der umgebenden Landſchaft abſtach. Sogar der kleine Raum zwiſchen dem Hauſe des Herrn Mandeville und Lees machte einen ſo entſchiedenen Wech⸗ 35⁵8 ſel in dem Charakter der Gegend bemerkbar, als mau nur von einer großen Strecke hätte erwarten ſollen. Falklants alte, zerfallende Burg mit ihren den Einſtunz drohenden Bogen und moosbewachſenen Bruſtwehren lag auf einem ſanften Abhange, umgeben von dunkeln lmen und Lerchenbäumen. Sie trug noch einige Spuren ihrer früheren Wichtigkeit, ſo wie der Gefahren an ſich, welchen ſie dieſer wegen ausgeſetzt geweſen. Eine breite von Geſtrüppe überwachſene Verttefung zeigte noch Epu⸗ ren eines früheren Schloßgrabens, und mächtige, zer⸗ ſtreut umherliegende Steine zeigten von Außenwerken, welche die Feſte vor Alters beſeſſen, und von dem hutt⸗ näckigen Widerſtande, den fie während der Parlaments⸗ kriege dem trotzigen Gefolge eines Ireton und Fairfar geleiſtet. Der Mond, der Schmeichler der Zerſtörung, goß die Fülle ſeiner ſänftigenden Schönheit über einen Ort aus, der in der That ohne dies öde und freudelos geweſen wäre, und verſtlberte mit ſeinen Küſſen hie langen, regungsloſen Schlingpflanzen, welche hier und dort aus den Ruinen hervorwuchſen, gleich falſchen Pa⸗ raftten gefallener Größe. Für Falkland aber hatte die Landſchaft kein Intereſſe, keinen Reiz, und er wandte ſich mit gleichgültigem, unbeachtendem Ange ſeinem Wohnzimmer zu. Es war das einzige im ganzen Hauſe, das mit Luxus, ja ſogar zur Bequemlichkeit eingerichtet war. Große Bücherkäſten, eingelegt mit ſonderbarem Eifenbeinſchnitzwerk; Büſten der wenigen öffentlichen Charaktere, welche nach Falklands Anſicht unter Allen, welche die Welt hervorgebracht, der Huldigung der Nach⸗ welt würdig waren; kanſtreich gearbeitete Tapeten von halten bis au ſollten 3 man ſollen. inſtutz gehren unkeln puren nſich, breite Spu⸗ zer⸗ erken, hart⸗ tents⸗ nirfax rung, einen delos n die und Pa⸗ e die andte inem auſ, ichtet arem ſchen llen, tach⸗ von 359 nledetländiſchen Webeſtählen, franzöͤftſche Fauteuils und Sophas von reichem Damaſt und maſſiver Vergoldung GReliquien aus den prächtigen Tagen Ludwigs XIV.) verrleihen eine ausgeſuchte Pracht, die eher mit Falk⸗ lands Reichthum, als mit der gewoͤhnlichen Einfachheit ſeines Geſchmackes im Einklange ſtand. Ein großer Schreibtiſch war mit Buͤchern aus mehren Sprachen und über die verſchiedenartigſten Gegenſtände bedeckt. Briefe und Papiere lagen darunter zerſtreut um⸗ her; Falkland beugte ſich nachläſſig über letztere hin. Eine der brieflichen Mittheilungen war von Lord***, dem**s. Er lächelte bitter, während er die darin ent⸗ haltenen ubertriebenen Complimente las, und durchſchaute bis auf den Grund die ſeichte Liſt, welche jene verbergen ſollten. Er ſtieß den Brief von ſich und öffnete eines um das andere der umherliegenden Bücher mit jener Schlaff⸗ heit und Sattheit, die Männern gemein iſt, welche tief genug geleſen haben, um zu fühlen, wie viel ſie gelernt haben und wie wenig ſie wiſſen.„Wir bringen,“ dachte er,„unſer Leben damit hin, zu ſäen, was wir nie ernten werden! Wir mühen uns ab, einen Thurm aufzurichten, her bis an den Himmel reichen ſoll, um einem Fluche zu entgehen, und ſiehe da! wir werden von einem an⸗ deren betroffen! Wir moͤchten uns über ein allgemeines Übel erheben und ſind von dieſem Augenblicke an durch eine beſondere Sprache von unſerem Geſchlechte getrennt! Gelehrſamkeit, Wiſſenſchaft, Philoſophie, die Welt der Menſchen und der Einbildung habe ich durchwüͤhlt— und wofür? Ich zog all mein Glück in den Beſitz der Weisheit zuſammen. Ich blickte auf die Beſtrebungen 360 Anderer mit veräͤchtlichem, ekligem Auge. Ich pffegte Gemeinſchaft mit den Männern, welche vor mir dahin⸗ gegangen ſind; ich wohnte unter den Denkmälern ihres Geiſtes und machte mich mit ihrer Geſchichte ſo vertraut wie mit Freunden; ich drang in den Schooß der Natar und verfolgte die geheimen Elemente bis zu ihrem Ur⸗ ſprunge; ich ließ die Sterne vor mir aufziehen und lerute die Regel und das Geheimniß ihrer Bahnen; ich befragte den Sturm um ſeine Grenze und erforſchte von den Winden ihren Pfad. Dies war nicht genug, meinen Durſt nach Wiſſenſchaft zu ſtillen, und ſo ſuchte ich in dieſer niedrigeren Welt nach neuen Quellen, ihn zu be⸗ friebigen. Ungeſehen und unbeargwohnt ſah ich die Trieh⸗ federn des Automaten, welchen wir Seele nennen, und ſetzte ſte in Bewegung. Ich fand einen Schlüſſel zu dem Labyrinthe menſchlicher Beweggründe und durchſchaute die Herzen meiner Umgebung, wie durch ein Glas. Ei⸗ telkeit der Eitelkeiten! Was habe ich gewonnen? Ich habe mich von meinem Seſchlechte losgemacht, aber nicht von den ſchlimmſten Feinden, meinen eigenen Leiden⸗ ſchaften! Ich habe aus meiner Seele eine Einoͤde ge⸗ macht, aber dieſer nicht den Spottnamen Friede“ ge⸗ geben. Während ich dem Schwarme der Menſchen entging, bin ich mir ſelbſt nicht entflohen; wie der verwunzete Hirſch trug ich den Schaft in mir, und dieſem konnte ich nicht entfliehen!“ Mit dieſen Gedanken entwand er ſich ſeinem Tieffinne, und verſuchte noch einmal, ſeinen Betrachtungen durch ſolche Gedanken einen Reiz zu ver⸗ * Solitudinem faciunt, pacem appellant.— Tacitus. ſo wie woraus Ergo Semp 361 ſchaffen, welche uns von Frieden ſprechen ſollten, denn ſle ſind auf die Blätter von Todten geſchrieben; aber ſeine Verſuche waren ſo fruchtlos, wie zuvor. Seine Gedanken waren noch auf der Flucht und verworren, und er konnte ſie weder beruhigen, noch ſammeln, er las, aber kaum unterſchied er eine Seite von der andern; er ſchrieb— die Ideen ſträubten ſich, ſeinem Rufe zu fol⸗ fragte gen; und das Einzige, was endlich ſeiner Anſtrengung, n den ſeine Gedanken zu verbinden, wenigſtens theilweiſe ge⸗ einen lang, waren die Verſe, welche ich dem Leſer mitzutheilen ſch in im Begriſſe bin. Es iſt eine anerkannte Eigenſchaft der ſu be⸗ goeſte, wie unvollkommen auch Einer die Gabe beſitzen rieb⸗ mag, daß ſie die Herzen Anderer in dem Maße anſpricht, und als die durch fie ausgedrückten Gefühle wirklich von uns dem erlebte find; und ich gebe unten die Strophen, welche haute das Datum dieſes Abents tragen, in der Hoffnung, daß Ei⸗ ſie mehr als viele Blätter den krankhaften, aber origi⸗ Ich nellen Charakter ihres Verfaſſers ins Licht ſetzen werden, nicht ſo wie auch die beſonderen Quellen ſeiner Empfindungen, den⸗ woraus ſie die in ihnen athmende Bitterkeit ſchöpften. ge⸗ Das Wiſſen. ng, Ergo hominum genus incassum frustraque laborat hete Semper, et in curis consumit inanibus aevum. nte Lucret. er ¹s iſt Mitternacht! Rund um die Lampe, Die einſam ihren Schein ergießt, Liegt klug umher der Lehre Zeichen, er⸗ Die ſich der Jugendtraum erkiest. Der Traum— der Durſt— die Glut nach Wiſſen, Die göttlich⸗raſende Begier, 362 Emporzuſtreben, einzuſaugen Den Athem ſchon des Himmels hier. Vom Meer, der Erde und den Sternen Den Schleier lüften der Natur, Und mit dem glüh'nden Auge dringen Dem Menſchenräthſel auf die Spur. Was hilſt es denn das tolle Ningen Des Geiſtes in der Mitternacht? O ſchnöde Hoffnung, eitles Mühen, Das uns noch einmal blinder macht. Vergangenheit, was kannſt du lehren? Geſchwätz von Schuld und Fluch und Ruhm. Der Zukunft dunkeln Schooß befragt' ich. Auch ſie blieb unergründlich ſtumm. Die Sonne ſchwieg, die Wellen ruhten, Die Luft nur ſtilles Säuſeln bot. Mild war die Erde, aus dem Grabe Entſtieg die ew'ge Antwort— Tod. Dies Alles! Die Natur den Weiſen Nur dieſe eine Wahrheit beut. 9 Thoren— über eiteln Blättern Vergeudet ihr die Jugendzeit. Was welke Jahre bringen ſollten, Bringt uns die Wiſſenſchaft als jung, Den matten Puls, die Fieberwangen, Den Geiſt mit mattem, trägem Schwung. Denken heißt nur uns ſeufzen lehren, Verachten Alles, was die Welt Anbetet, und ſich einſam fühlen, Auf öder Küſte hingeſtellt. bekannt Geßaͤn ganges 363 Helßt löſen ſelbſt der Bande höchſtes, Das uns aus Gnad' verliehen gilt; Das Denken reißt uns von dem Himmel, Das Glaub' und Hoffnung Träume ſchilt. Ich gehe zu einer ſtürmeriſcheren Periode meiner Geſchichte über. Die Leidenſchaft, bis jetzt nur durch das Auge verrathen, ſollte nun auch von dem Munde bekannt werden; und der Ort, welcher Zeuge des erſten Geßändniſſes der Liebenden war, war des endlichen Aus⸗ ganges idrer Liehe würdig. E*s lag ungefähr zwölf Meilen von einer bekann⸗ ten Klippe der Seeküſte, und Laby Margaretha hatte längſt einen Ausflug an einen ſowohl wegen der Natur⸗ umgebungen als wegen der an denſelben ſich knüpfenden Sagen merkwürdigen Ort vorgeſchlagen. Endlich wurde ein Tag zur Ausführung dieſes Planes feſtgeſetzt. Falk⸗ land zählte zu der Geſellſchaft. Als er etwas in den Taſchen des Wagens ſuchte, begegnete ſeine Hand der Emiliens, und unwillkürlich drückte er ſie. Haſtig zog ſie dieſelbe zurück, aber er fühlte ſie zittern. Er wagte nicht aufzublicken; dieſe eine Berührung hatte ihm neues Leben gegeben; berauſcht von den köſtlichſten Em⸗ pfindungen lehnte er ſich ſchweigend zurück. Ein Fieber hatte ſeine Adern ergriffen— der elektriſche Schlag der Berührung hatte wie Feuer ſein ganzes Weſen durch⸗ drungen— ſein ganzer Körper war wie ein Nerv. Lady Margaretha ſprach von dem Wetter und der Ausſicht, wunderte ſich, wie weit man ſchon gekommen, und tabelte die Wege, bis ſie ſich endlich, wie ein Kind, in Schlaf ſchwatzte. Mrs. Dalton las„Guy Manne⸗ 364 ring;“ aber weder Emilie, noch ihr Geliebter theiltn Beſchäftigung oder Gedanken ihrer Reiſegeſellſchaft, ſchweigend und in Gedanken vertieft, waren ſie umt empfänglich für den lebendigen Eindruck der Gegenwart Wenn es für uns Menſchen, die wir ſtets damit beſchäf⸗ tigt find, vorwärts oder rückwärts zu blicken, eine Stunze gibt, wo wir nur das Jetzt fühlen— wo wir gleichſim handgreiflich fühlen, daß wir leben und daß die Augen⸗ blicke der Gegenwart erfüllt find von der Wonne, von dem Entzücken des Daſeins— ſo iſt dies dann, wemn wir mit dem einen Weſen zuſammen find, deſſen Leben und Geiſt Hauptbeſtandtheil und Bedingung des unſe⸗ rigen geworden find. Sie erreichten den Ort ihrer Be⸗ ſtimmung— eine kleine Herberge nahe bei der Kiſte. Hier bliehen ſie kurze Zeit und ſchlenderten dann üßer den Sand nach der Kleppe. Seit Falkland Emilie ken⸗ nen gelernt, hatte ſich ihre Gemüthsart ſehr verändert. Sechs Wochen vor der Zeit, von welcher ich hier ſpreche, war ſie an Fröhlichkeit und heiterer Laune beinahe ein Kind; jetzt hatten ſich dieſe Spuren eines noch nicht er⸗ wachten Herzens in eine Zärtlichkeit verſchmolzen, welche eben um der köſtlichen Sanftheit ſo rührend und heilig iſt, welche ſie athmet und einfloßt. Aber an dieſem Tage ſchien ſie, ſei es nun aus einer allen Frauen gemeinſamen Koketterie oder aus einem für ſie natürlicheren Grunde, heiterer, als Faleland ſie je geſehen zu haben ſich er⸗ innerte. Sie lief über den Sand, las Muſcheln auf und verſuchte die Wellen mit ihrem kleinen, feenartigen Fuße. Ihn wagte ſie nicht anzublicken, und doch ſprach ſie bit⸗ weilen zu ihm in raſchem, leichtem Tone, der ihn über⸗ raſchte kannte, verberg hen.“ ſehen! ſollen bleiber welche ſehen, rückzul ich kan halten lunger enhlich 365 theitn raſchte und verletzte, obwohl er die Tiefe der Gefühle M ea kaunte, die ſie weder vor ihm, noch vor ſich ſelbſt zu verbergen vermochte. Allmählig wurden ſeine Antworten und Bemerkungen kalt und ſarkaſtiſch. Emillie ſtellte ſich gekränkt, und als man erfuhr, baß die Klippe beinahe noch zwei Meilen entfernt ſei, erklärte ſie, nicht eine leicſim mehr gehen zu können. Laty Margaretha beredete fie endlich, mitzugehen, und ſo ſchritten ſie ſo verdrießlich vweiter, als eine engliſche Luſtpartie nur ſein kann, bis ſie noch dreiviertel Meilen von dem Orte entfernt wa⸗ deben ren, wo denn Emilie erklärte, fie ſei ſo müde, daß fie in der That nicht weiter gehen könne. Falkland ſah ſie viel⸗ leicht mit einem nicht ſehr freundlichen Ausdrucke in ſeinen Züͤgen an, bemerkte aber, daß ſie wirklich blaß und er⸗ nmuͤdet ausſehe; als ſeine Augen den ihrigen begegneten, lie im⸗ waren Thränen in die letzteren getreten. inde„Wirtlicd, wirklich, Herr Falkland,“ ſagte ſle lebhaft, 4 ves iſt keine Ziererei, ich bin ſehr müde; aber ehe ich Ihnen den Spaß verrerbe, will ich lieber ver ſuchen, weiter zu ge⸗ he ei hen.“„Unſinn, Kind,“ ſagte Lady Margarethe,„Sie welct ſehen wirklich ermüdet aus. Mrs. Dalton und Falkland hell ſollen nach dem Felſen gehen und ich will hier bei Ihnen Lnn bleiben.“ Von dieſem Vorſchlage wollte jedoch Emilie, en welche den Wunſch der Laty Margaretha, den Felſen zu unde ſehen, kannte, Nichts hören; ſte beſtand darauf, allein zu⸗ p 9 rückzubleiben.„Es wird mich Niemand forttragen, und d ich kann mich mit Aufleſen von Muſcheln recht gut unter⸗ 4 halten, bis Sie zurückkommen.“ Nach langen Vorſtel⸗ di⸗ lungen, die jedoch ohne Erfolg blieben, willigte man her⸗ enblich in den Plan ein. Mit innigem Widerſtreben 366 machte ſich Faliland in Begleitung der beiden andeten Damen auf den Weg; aber nach dem erſten Schrit wandte er ſich und blickte zuruͤck. Er begegnete ihrm Auge und fühlte von dieſem Augenblicke an, daß ihn Verſöhnung befiegelt war. Endlich kamen ſie bei den Felſen an; ſeine Höhe, ſeine Höhlen, das romaniſſte Intereſſe, welches die Traditionen hinſichtlich ſeiner ein⸗ flößten, entſchädigte die beiden Damen reichlich für zit Strapazen der Wanderung. Falkland dagegen war ohne Bewußtſein alles deſſen, was um ihn her war und vor⸗ ging; er war voll von„ſüßen und bitteren Gedanken.“ Umſonſt betäubte der Mann, welcher dort herumſchlen⸗ derte und den ſie als Wegweiſer benützten, ſein Ohr mi wunderbaren Geſchichten und erhabenen Ausrufangen. Die erſten Worte, welche ihn aufweckten, waren die— „Ihr dürft Euch glücklich preiſen, mit Euer Gnaben Erlaubniß, daß Ihr gerade der Flut entgangen ſeid, Erſt in der vergangenen Woche wurden drei arme keute, als ſte hierher gehen wollten, fortgeriſſen; ſo wie et jetzt ſeht, müßt Ihr um den Felſen herum heimgehtn.“ Falkland fuhr auf; er fühlte, daß ſein Herz ſtille ſtand. „Guter Gott!“ rief Lahy Margaretha,„was wird aut Emilien werden?“ Sie befanden ſich in dieſem Augenblicke in einer da Höhlen, wo ſie ſich ſchon zu lange aufgehalten. Fall land ſtürzte hinaus auf den Sandboden. Die Flut braultt mit dumpfem Getöſe heran, das ſeine Seele wie ein Todtenglocke traf. Er ſah zurück auf den Weg, a welchem ſte hergekommen. Keine dreihundert Schritt fehlten, ſo hatte das Waſſer den Pfad bedeckt, Em anderr wovon der F kehren lag in durch noch wenig bewu⸗ währ ſeinen andera Schrütt ete ihrm daß ihn bei den mantiſch einer ein⸗ h für di war ohne und vor⸗ danken.“ mſchlen⸗ Ohr mi ufangen a die— Gnader gen ſeid. ne Leute, wie en gehtn.“ e ſtand. vird ant iner de . Fall brauit vie ein 9, an Schritt . Eim 367 Ewigkeit würde kaum den Schrecken dieſes Augenblickes aufrägen! Ein Haupicharakterzug Falkland's war ſeine Geiſtesgegenwart. Er wandte ſich zu dem Manne, der neben ihm ſtand— kalt und genau beſchrieb er ihm die Stelle, wo ſie Emilien geleſſen. Er ſagte ihm, er ſolle mit aller möglichen Schnelligkeit nach Hauſe eilen— ſein Boot ausſetzen— und nach der beſchriebenen Stelle rudern.„Tummelt Euch,“ ſetzte er hinzu,„ſo müßt Ihr noch zu rechter Zeit eintreffen; gelingt Euch dies, ſo ſollt Ihr in Eurem Leben nichts mehr von Armuth wiſſen.“ Im nächſten Augenblicke war er ſchon viele Schritte von dem Orte weg. Er lief, oder ſlog viel⸗ mehr, bis er ſich durch das Waſſer aufgehalten ſah. Er flürzte hinein; daſſelde bedeckte eine Vertiefung zwiſchen zwei Felſen— ſchon reichte es ihm bis an die Bruſt. „Es iſt noch Hoffnung,“ dachte er, als er dieſe Stelle hinter ſich hatte und den glatten Sand vor ſich ſah. Einige Minuten war er ſich kaum des Lebens hewußt, und dann lag er athemlos zu ihren Füßen. Auf der andern Seite, gegen Terr zu(dem kleinen Wirthshauſe, wovon wir ſprachen), hatten die Wellen ſchon den Juß der Felſen erreicht, und alle Hoffaung, dahin zurückzu⸗ kehren, war abgeſchnitten. Der einzige Ausweg für fie lag in der Möglichkeit, daß das Waſſer den Durchgang durch die Schlucht, welche Falkland ſo eben durchwatet, noch nicht unmöglich gemacht habe. Er ſprach kaum, wenigſtens war er ſich deſſen, was er ſprach, völlig un⸗ bewußt. Athemlos und zitternd riß er ſie mit ſich fort, während das Rauſchen der wogenden Waſſer ſchon zu ſeinem Ohr drang, die Wellen ſchon ſeine Füße erreichten. 368 Sie kamen bei der Schlucht an: ein einziger Blick reicht hin, um ihm zu zeigen, daß ihre einzige Hoffnung dahn war! Das Waſſer, welches ihm zuvor bis an die Buß ging, war beträchtlich geſtiegen; er konnte nicht ſchwin⸗ men. Er ſah in dieſem Augenblicke, daß ſie von ſchla⸗ nigem, ſchrecklichen Tode umringt waren. Wird un glauben, daß mit dieſer Gewißheit ſeine Angſt ven⸗ ſchwand? Er ſah in das blaſſe, aber ruhige Antlitz ſeine Begleiterin, und eine ſonderbare Beruhigung, in welce ſich ſoger Freude miſchte, bemäͤchtigte ſich ſeiner. Iht Athem berührte ſeine Wange— ihre Geſtalt lehnte ſich an ihn an— ſeine Hand faßte die ihrige; wenn ſi ſterben mußten, ſollte es ſo ſein! Was konnte ihm des Leben Köſtlicheres gewähren?„In dieſem Augenblicke, ſagte er und kniete, während er ſprach,„darf ich Di ſagen, was ſonſt nie meine Lippen ausgeſprochen hätten, Ich liebe— ich bete Dich an! Wende Dich nicht ſo von mir ab. Im Leben waren wir getreunt; wenn mn⸗ ſere Herzen im Tode vereinigt werden, dann wird er Tod ſüß ſein.“ Sie wandte ſich um— ihre Wange war nicht mehr blaß Er ſtand auf— er drückte ſie an ſeine Bruſt: ſeine Lippen waren auf die ihrigen ge⸗ drückt. O! dieſer lange, tiefe, brennende Druck!— Jugend, Liebe, Leben, Seele— Alles drängte ſich in dieſen einen Kuß zuſammen! Aber die Veranlaſſung, welche das Geſtändniß herbeiführte, heiligte auch i Trunkenheit ſeines Herzens. Was hatte die erſt bei den Herannahen des Todes erklärte Leidenſchaft mit den k⸗ diſcheren Wünſchen des Lebens zu thun? Sie blichen zum Himmel auf— er war ruhig und klar; der Aben wär zu 369 3 krreute ſeine Balſamgerüche aus, und die Luft war ru⸗ higer, als ihre Seufzer. Sie wandten ſich gegen das ſchöne Meer, das ihr Grab werden ſollte; die wilden LVögel flogen frohlockend darüber hin, die fernen Schiffe ſchienen„fröhlich ihre Bahn zu verfolgen.“ Alles warge voll von dem Hauche, der Herrlichkeit, dem Leben der Natur, und in wie vielen Minuten ſollte dies Alles ſein wie Nichts! Ihr Daſein ſollte den Schiffen gleichen, welche in dem Meere untergegangen ſind unter dem Lächeln des Elementes, das ſie zerſtörte. Sie blickten einander in die Augen und drängten ſich noch näher zu⸗ ſammen. Ihre Herzen, im ſicheren Zuſtande von einander abgeſchloſſen, vermählten ſich in der Gefahr und wur⸗ den eines. Minnten verfloſſen, und die großen Wellen brausten gegen ſie heran. Sie ſtanden auf dem hoͤchſten Punkte den ſie erreichen konnten. Die Brandung brach ſich an ihren Füßen, die Wellen ſtiegen und ſtiegen— ſie waren ſprachlos. Er glaubte ihr Herz ſchlagen zu hören, aber ihre Lippen zuckten nicht. Siehe da ein dunkler Punkt— ein Boot!„Blicke auf, Emilie! blicke auf! Siehe, wie es die Waſſer durchſchneidet. Näher igen g.— näher! nur ein wenig noch, und wir find gerettet. ck!— Es iſt nur wenige Schritte von dem Felſen entfernt— ſichk es kommt näher— es erreicht ihn!“ Ach, was war von aſſin) nun an für ſie der Werth des Lebens, wenn der Augen⸗ ucj 1 blick, wo daſſelbe erſt Reiz für ſte zu erhalten anfing, ſei a fir ſie auch der Anfang des Elendes wurde, und der den. Tod, dem ſie entronnen, das einzige Mittel geweſen licha wäre, ihre Vereinigung zu beſtegeln, ohne ihre Schuld Abenß zu vollenden? Bulwer, Falkland⸗ 370 Erasmus Falkland Esg. an den ehrenwerthen Friedrich Monkton. Ich werde Ihnen ſpäteſtens morgen ſchreiben. Gh ſind Ereigniſſe eingetreten, welche vielleicht die gane Entwſcklung der Zukanft anders geſtalten. Ich gehe jett zu Emilien, um ihr die Flucht vorzuſchlagen. Wir find nicht les gens du monde, welche durch den Verluſ der öffentlichen Meinung zu Grunhe gerichtet ſind. Sie hat gefühlt, daß ich ihr weit mehr ſein kann, alz hie Welt; und ich, was gäbe ich nicht hin, um eine einzige Berührung ihrer Hand? Auszüge aus dem Cagebuche der Lady Emilie Mandeville. Freitag.— Seit ich geſtern in dieſen Blättern die Geſchichte unſerer Rettung niederlegte, habe ich Nichtt gethan, als über jene zu theuere und deßhalb zu gefaͤhr⸗ liche Augenblicke nachgedacht; aber zuletzt habe ich mein Herz geſtählt— ich habe meiner Schwäche zu lange nachgegeben— ich ſchaudere vor dem Abgrunde, dem ich entrinne. Noch kann ich fliehen. Er wird heute hier⸗ her kommen— er ſoll mein Lebewohl empfangen. Samſtag, Morgens vier Uhr.— Seit elf Uhr hin ich allein in dieſem Zimmer geſeſſen. Ich kann meinen Gefühlen nicht Luft machen; ſie ſcheinen wie durch eine Laſt niedergedrückt, unter welcher ſie ſich nicht erhehen können.„Er iſt fort, und für immer!⸗ 3ch ſize da, wiederhole nur dieſe Worte und verſtehe kaum heren Sinn. Ach! wenn Morgen kömmt und der naͤchſte Tag und der wahrli⸗ nes V mich a 3ch wo härtete welchen gefaßt mir ve ſchwer bleiber theidig Auswe mein flehte Quale ſchiede ſchulb konnte ihm ne geſtat laut u dauer nicht E nicht nicht ſuch ſchäf mein 371 und der ubernächſte, und ich ihn immer nicht ſehe, bann, wahrlich, werde ich zu dem ganzen Todesſchmerz mei⸗ nes Verluſtes erwachen! Er kam hierher— er ſah mich allein— er flehte mich an, mit ihm zu fliehen. Ich wagte nicht, ſeinen Augen zu begegnen, ich ver⸗ härtete mein Herz gegen ſeine Stimme. Ich wußte, welchen Entſchluß ich zu faſſen hatte— ich habe ihn gefaßt; aber welche Kämpfe, welchen Jammer hat er mir verurſacht! Wer hätte gedacht, daß es mir ſo ſchwer werden könnte, auf dem Pfade der Tugend zu bleiben! ſeine Beredſamkeit trieb mich von einer Ver⸗ theidigung zu der anderen, und endlich blieb mir kein Ausweg mehr, als ſeine Barmherzigkeit. Ich ſchloß mein Herz auf— ich zeigte ihm deſſen Schwäche— ich flehte ihn um Schonung an. Meine Thränen, meine Qualen überzeugten ihn von meiner Aufrichtigkeit. Wir ſchieden ſchmerzlich, aber, dem Himmel ſei Dank, nicht ſchuldig! Er bat mich, mir ſchreiben zu dürfen. Wie konnte ich es ihm abſchlagen? Aber ich mag— ich kann ihm nicht wieder ſchreiben! Wie koͤnnte ich meinem Herzen geſtatten, die Erwiderung einer ſeiner Empfiadungen laut werden zu laſſen? und koͤnnte es ein Wort des Be⸗ dauerns, einen Ausdruck der Zärtlichkeit geben, wovon nicht meine innerſte Seele wiederhallen würde? Sonntag.— Ja, dieſer Tag— aber ich darf nicht daran denken, ſelbſt meiner Religion darf ich mich nicht hingeben. O Gott! wie elend bin ich! Sein Be⸗ ſuch war immer das große Ereigniß des Tages; er be⸗ ſchäftigte alle meine Hoffnungen bis er kam, und meine ganze Erinnerung, wenn er weg war. Jetzt 372 ſitze ich da und ſtarre auf den Platz hin, den er gi⸗ wöhnlich einnahm, bis ich die Thränen ſtille über meimne Wangen rollen fühle; ſie kommen ohne Mühe— fe fliehen, ohne mir Linderung zu ſchaffen. Montag.— Henry fragte mich, wohin Herr Falk⸗ land gegangen ſei; ich bückte mich nieder zu ihm, un meine Verwirrung zu verbergen. Wann werde ich von ihm hören? Morgen? O, daß es ſchon morgen wäre! Ich habe die Uhr vor mich hingeſtellt und zähle pünkt⸗ lich die Minuten. Er ließ ein Buch hier; es iſt ein Band von Melmoth. Ich habe jedes Wort darin ge⸗ leſen, und ſo oft ich an ein Bleiſtiftzeichen von ihm kam, hielt ich inne, um über dies vielſagende und he⸗ redte Angeſicht, den tiefen, ſanften Ton ſeiner zärt⸗ lichen Stimme zu phantaſtren, bis das Buch meinen Händen eutfiel, und ich ſchrak auf, um mich in gaͤnz⸗ licher Verlaſſenheit zu finden! Erasmus Falkland Esg. an Lady Emilie Mandeville. 24* Hotel, London, Zum erſtenmale in meinem Leben ſchreibe ich Jh⸗ nen! Wie meine Hand zittert— wie meine Wange brennt! tauſend und abertauſend Gedanken ſtürmen anf mich ein und erſticken mich beinahe durch die bunte, ver⸗ worrene Maſſe von Empfindungen, die ſte erwecken! Ich bin aufgeregt, eben ſo durch die Wonne, Ihnen ſchrei⸗ ben zu dürfen, wie durch die Unmöglichkeit, die Gefühle auszudrücken, die ich mir nicht einmal ſelbſt deutlich a⸗ klären kann. Sie lieben mich, Emilie, und doch ſtoh ich * ondon, ich Ih⸗ Wange ten auf te, ver⸗ 11 36h ſchrei⸗ defüͤhle ich er⸗ koh ich 373 von Ihnen, und zwar auf Ihr Geheiß; allein der Ge⸗ danke, daß ich, wenn auch abweſend, nicht vergeſſen bin, hilit mir Ales überwinden. Mit einem fieberhaften Gefuͤhl von Ueberdruß und Pein betrat ich dieſen Sammelplatz menſchlicher Laſter. Ich empfand auf einmal die Uufruchtbarkeit dieſes be⸗ fleckten Bodens, ſo unfähig, wahre Liebe zu nähren, und preßte Ihr Bild um ſo inniger an mein Hertz. Sie ſind es, die, als ich des Lebens am überdrüſſigſten war, mich mit neuem Leben begabten. Sie hauchten mir einen Theil Ihres eigenen Geiſtes ein; meine Seele fühlt dieſes Einſtrͤmen und wird heiliger. Ich habe mich von den Müßiggängern losgeriſſen, welche mich beläſtigen würden; ich habe einen Tempel in meinem Herzen erbaut, habe darin eine Gottheit eingeſetzt, und die Eitelkeiten der Welt ſollen nicht die Ihnen geweihte Stelle entheiligen. Unſer Abſchied, Emilie— erinnern Sie ſich deſſen noch? Wie Ihre Hand in der meinigen lag, wie Ihre Wange, obwohl nur einen Augenblick, an meiner Bruſt ruhte; und der Thränen, welche die Liebe hervorrisf, die aber die Tugend gleich an der OQuelle heiligte. Nie waren ſich Herzen ſo nahe und doch doch ſo getrennt; nie gab es eine ſo zärtliche, und doch ſo gefahrloſe Stunde. Leidenſchaft, Kummer, Wahnſinn, Alles verſank vor Ihrer Stimme, und lag ruhig wie ein tiefer See in meiner Seele!„Tu abbia veduto il leone ammansarsi alla sola tua voce!“* Ich riß mich von Ihnen los; ich eilte durch das Gehölz, ich ſtand an dem See, an deſſen Ufern ich ſo * Ultimo leitere di Jacopo Ortis. 374 oft mit Ihnen gewandelt, ich entblößte meine Bruſt den Winden, ich badete meine Schläfe mit dem Waſſen. Thor, der ich war! das Fieber, das Fieber war inner⸗ lich! Aber nicht alſo, nicht alſo, meine angebeteie, ſchöne Freundin, ſollte ich Sie tröſten und aufrichten. Eben während ich ſchreibe, ſchmilzt die Leidenſchaft zur Zärtlichkeit und verbreitet ſich ſanft über Ihr Anden⸗ ken. Eine Tugend, ſo zart und doch ſo ſtreng; Gefähle, ſo weich und doch ſo heilig, die Thränen, welche der Entſcheidung floſſen, die Ihre Lippen ausſprachen— dies ſind die Erinnerungen, welche wie ein Thau über mich kommen. Laſſen Sie, meine Emilie, Ihr eigenes Herz Ihren Lohn ſein, und wiſſen Sie, daß Ihr Ge⸗ liebter nur vergißt, daß er Sie anbetet, um ſich zu erinnern, daß er Sie hochachtet! Derſelbe an Dieſelbe. * ½☛ι*ν Park. Ich konnte den Tumult und das Geräuſch von Lon⸗ don nicht ertragen. Ich ſeufzte nach der Einſamkeit, um mich ungeſtoͤrt dem Andenken an Sie zu überlaſſen. Geſtern kam ich hier an. Es iſt die Heimath meiner Kindheit. Von allen Seiten bin ich umgeben von Seenen und Bildern, geheiligt durch die noch friſchen Erinne⸗ rungen meiner unentweihten Jahre. Dieſe haben ſich nicht verändert. Die Jahreszeiten, welche kommen und gehen, machen die Zerſtörungen, welche ſie anrichten, wieder gut. Wenn der Dezember verheert, belebt der April wieder; aber der Menſch hat nur einen Füh⸗ ling, die Verödung des Herzens nur einen Winter! 375 In eben dieſem Zimmer ſaß ich und brütete über Traͤn⸗ men und Hoffnungen, welche— doch gleichviel— jene Träume waren nie im Stande, mir eine Erſcheinung zu vergegenwärtigen, welche Ihnen gleichgekommen wäre, noch jene Hoffnungen, mir ein Glück zu zeigen, ſo wonne⸗ voll wie Ihre Liebe, Erinnern Sie ſich noch des Augenblickes, oder viel⸗ mehr, köͤnnen Sie denſelben je vergeſſen, in welchem die tiefſten Tiefen unſerer Seelen ſich öffneten? Ach! es war nicht unter Umſtänden, unter welchen, wenn ein ſolches Geſtändniß in Ihr Ohr gefläſtert wurde, Ihre Zärtlichkeit über die Erwiderung zu erröthen brauchte. Die in Dunkelheit verborgene Leidenſchaft entdeckte ſich in der Gefahr, und die Liebe, welche uns im Leben ver⸗ boten, war unſer Troſt unter den Schrecken des Todes! Und jener lange, heilige Kuß, der erſte, der einzige Augenblick, wo unſere Lippen die Vereinigung unſerer Seelen theilten!— ſagen Sie mir nicht, es ſei Unrecht, ihn zurückzurufen!— ſagen Sie mir nicht, es ſei Sünde, wenn ich die Stunden, wo ich allein daſitze, Ihnen weihe und den Traum dieſer wonnevollen Erinnerung hege. Die Gefühle, welche ſie in mir erweckt, können mich elend, aber nicht ſchuldig machen; denn Liebe zu Ihnen kann das Herz nur adeln— es iſt ein Feuer, das den Altar heiligt, auf welchem es brennt. Ich fühle, daß von der Stunde an, wo ich liebte, meine Seele reiner geworden. Ich hätte nie geglaubt, daß ich einer ſo unirdiſchen Leidenſchaft fähig wäre, oder daß die Liebe des Weibes dieſe göttliche Tugend beſitzen könnte, welche ich an der Ihrigen verehre. Die Welt iſt keine 376 Pflegemutter für inſere jungen Träume von Reinheit und Leidenſchaft; ich verwickelte mich in ihre Beſtte⸗ bungen und lernte ihre Genüſſe kennen; während di letzteren mich mit Unerlaubtem ſättigten, nahmen mit jene meinen Glauhen an reine Tugend. Ich betrachteie Ihr Geſchlecht als ein Räthſel, das meine Erfahrung bereits gelöst habe. Gleich den franzöſiſchen Phlloſo⸗ phen, welche während des Beſtrebens, die Wahrheit zu concentriren, ſie verlieren, und welche aus Ehrfurcht vor den Maximen an der Moral freveln, faßte ich meine Kenntniß der Weider in Aphorismen und Gegenſitzen zuſammen und träumte nicht von Ausnahmen, wenn ich mich nur in der allgemeinen Behauptung nicht getäuſcht fand. Ich geſtehe, daß ich irrie; ich entſage von die⸗ ſem Augenblicke an den kälteren Betrachtungen meines Mannesalters— den Früchten einer ſchmerzlichen Et⸗ fahrung— der Weisheit eines forſchenden, aber ſtürmi⸗ ſchen Lebens. Ich kehre mit Entzücken zu meinen frü⸗ heſten Träumen von Schönheit zur Liebe zurück und weihe ſie auf dem Altar meiner Seele Ihnen, die fie dieſelben verkörpert, geſtaltet und ihnen Leben einge⸗ haucht haben! Auszüge aus dem Tagebuche der Lady Emilie Mandeville. Montag.— Dies iſt der freudeloſeſte Tag in der ganzen Woche, deun er kann mir keinen Brief von ihm bringen. Ich ſtehe verdroſſen auf und leſe, und leſe immer wieher den letzten Brief, den ich von ihm erhielt— vergebliche Mühe! er iſt in mein Herz eingegraben! Ich wünſche auf m zitter! Ich C mütht ſuche kann ſetzen ausſt Dieſ Mor liebe 377 nur das Ende des Tages heran uatell ich morgen viel⸗ leicht wieder von ihm hoͤren werde. Wenn ich Nachts aus meinem verſlörten, unterbrochenen Schlummer er⸗ wache, ſo ſehe ich, ob der Morgen nahe iſt, nicht weil er Licht und Leben, ſondern weil er mir vielleicht Nachricht von ihm bringt. Wenn man mir ſeinen Brief bringt, ſo laſſe ich ihn einige Minuten uneröffnet — ich weide meine Angen an der Handſchrift— ich unterſuche das Siegel— ich bedecke es mit meinen Küſſen, ehe ich mich der Wonne, ihn zu leſen, über⸗ laſſe. Dann verberge ich ihn an meinem Buſen, wo ich ihn nur hervorhole, um ihn wieder und wieder zu leſen, ihn mit Thränen der Dankbarkeit und Liebe, und ach! der Rene und Gewiſſensunruhe zu befeuchten! Was wird das Ende dieſer Neigung ſein? Ich darf weder hoffen, daß ſie fortdauere, noch daß ſie aufhören werde; in heiden Fällen bin ich für immer elend! Montag, Nachis zwoͤlf Uhr.— Man iſt aufmerkſam auf meine Bläſſe, die Thränen, welche in meinen Augen zittern; auf mein zerſtreutes, niedergeſchlagenes Weſen. Ich glaube, Mrs. Dalton erräth den Grund. Gede⸗ müthigt und erniedrigt in meinem eigenen Gemüthe, ſuche ich, Falkland, Zuflucht bei Dir! Deine Liebe kann mich nicht in meinen früheren Zuſtand zurückver⸗ ſetzen, aber ſle kann mich ausſoͤhnen— nein— nicht ausſöhnen, aber mir erträglich machen meinen jetzigen. Dieſer theure Brief, ich küſſe ihn wieder— o, daß Morgen ſchon gekommen wäre! Dienſtag.— Wieder ein Brief— ſo frenndlich, ſo liebevoll, ſo ermuthigend; wollte Gott, ich verdiente 378 ſeine Lohſpräche! ach! ich fündige, während ich ſi leſe. Ich weiß, daß ich mehr gegen meine Gefühle an⸗ kämpfen ſollte— einmal verſuchte ich es; ich flehte zun Himmel um Stärke; ich entfernte von mir Alles, waß mich an ihn erinnern konnte— drei Tage öffuete ich ſeine Briefe nicht. Da konnte ich nicht länger wibe, 5 ſtehen, und meine Schwachheit wurde durch die unmacht meines Ringens nur erhöht. Ich erinnere mich, daßa uns eines Tages von einer ſchönen Stelle bei einen Alten ſprach, worin der bitterſte, gegen die Laſterhaften ausgeſprochene Fluch der iſt— ſie ſollten die Tugen vor Augen haben, aber nicht im Stande ſein, ſie zu erreichen“— dies iſt meine Strafe! Mittwoch.— Mein Knabe iſt bei mir geweſenz ich ſehe ihn jetzt vom Fenſter aus Feldblumen pflücken und jedem Schmetterling nachjagen, der ihm in den Weg kommt. Früher war er mein einziges Glück; nur er war es, mit dem ich mich beſchäftigte; jetzt iſt er mir theurer, als je; aber er nimmt nicht mehr alle meine Gedanken in Arſpruch. Ich durchlaufe die, Blätter dieſes Tagebuches; früher enthielt es alle die kleinere Vor⸗ kommenheiten während des Tages; jetzt erfieht man daraus nur noch die Einſörmigkeit meiner Schwermuth. Er iſt nicht hier— er kann nicht kommen. Welches Er⸗ eigniß ſollte ich dann aufzeichnen? * Perſius. Anmerkung. Sehr viele Briefe Falklands an Lady G. Mandeville hielt ich für angemeſſen, wegzulaſſen. V terhält Bei T und il „die aber Seele leriſch lig in von mein und Ihre in u eine 379 Erasmus Falkland Esg. an Lady Emilie Mandeville. aer Park. Wenn Sie wüßten, wie ich mich ſehne, wie ich ſchmachte nach einem Worte von Ihnen— nach einem Worte, das mir ſagte, daß Sie wohl ſind, daß Sie mich nicht vergeſſen haben!— Aber ich will Sie nicht hetrühen. Sie werden meine Gefühle errathen und dem Zwange, den ich denſelben auferlege, Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, wenn ich keinen Verſuch mache, Ihren Entſchluß, nicht zu ſchreiben, zu erſchüttern. Ich weiß, daß es gerecht iſt, und ich füge mich Ihrem Willen; können Sie mich aber tadeln, wenn ich unruhig bin und bekümmert? Es iſt Zwoͤlf vorüber; ich ſchreibe Ihnen immer Nachts. Dann, meine Geliebte, wird es meiner Phantaſte leichter, mich zu Ihnen zu tragen; dann un⸗ terhält ſich mein Geiſt zärtlicher, ungeſtörter mit Ihnen. Bei Tag kann ſich die Welt meinen Sedanken aufdrängen, und ihre Armſeligkeiten können ſich die Stelle anmaßen, „die ich dem Himmel und Dir bewahren möchte;“ aber bei Nacht ruft mir Alles Sie lebendiger vor die Seele; die Stille des ſchönen Himmels,— die ſchmeich⸗ leriſche Milde der ruhigen Luft,— die Sterne, ſo hei⸗ lig in ihrer Lieblichkeit, Alles ſpricht und athmet mir von Ihnen. Ich meine, ich halte Ihre Hand in der meinigen, ich trinke wieder die leiſe Muſik Ihrer Stimme und ſchlürfe wieder in der Laft den Hauch, der von Ihren Lippen gewürzt iſt. Es iſt mir, als ſtünden Sie in meinem einſamen Zimmer in dem Lichte und der Ruhe eines Geiſtes, der auf die Erde gekommen, um uns 380 Botſchaft von der Liebe zu bringen, welche man 1 Himmel fühlt. Ich kann, glauben Sie mir, ich kann dieſe 2. nung nicht lange aushalten; es muß mehr oder weniger werden. Sie muſſen die Meinige werden für immer, oder unſere Trennung muß ohne eine Milderung hlei⸗ ben, welche mehr eine grauſame Qual, als ein Truſt iſt. Wenn ſie mir nicht folgen wollen, ſo verlaſſe ich allein dieſes Land. Ich darf mich nicht nach und nach von Ihrem Bilde entwoͤhnen, ſondern muß auf einmal den Zauber brechen. Und wenn ich, Emilie, wieder in der weiten Welt bin, wenn keine Nuchricht von meinem Schickſale Ihr Ohr erreichen und die Zeit allmählig zie Gewalt der Entfremdung entwickelt— dann, wann Sie mich endlich vergeſſen haben, wann Ihr inneter Friede wieder hergeſtellt ſein wird und Sie, frei von den Kämpfen des Gewiſſens, keine bittere Reue mehr empfluden: dann, Emilie, wann wir wilklich getrennt find, dann laſſen ſie uns der Umgebungen, welche Zeu⸗ gen unſerer Leidenſchaft waren, der Briefe, welche meine Gelübde ausſprachen, des Unglückes, das wir erduldet, der Verſuchung, welcher wir widerſtanden, deſſen laſſen ſie uns in unſerem Alter uns erinnern, und indem wir vor dem Himmel erklären, daß wir ſchuldlot waren, auch hinzuſetzen— daß wir gelieht haben. Don Alphonſo d’Aguilar an Don**s. London. Unſere Sache gewinnt täglich mehr Bohen. Der große, Sendu andere „Ich 381 große, in der That der einzige oſtenftble Zweck meiner Sendung iſt beinahe erreſcht; aber ich habe noch eine andere Obliegenheit und einen anderen Zweck, die ich Ihnen jetzt erklären will. Sie wiſſen, daß meine Be⸗ kauntſchaft mit England und deſſen Sprache von der Verbin ung meiner Schweſter mit Herrn Falkland her⸗ rührt. Nach der Geburt ihres einzigen Kindes begleitete ich ſie nach England; ich blieb drei Jahre bei ihnen und zähle jene Tage immer noch zu den hellſten meines un⸗ ruhigen, bewegten Lebens. Ich kehrte nach Spanien zurück, ich wurde in die Usruhen und Mißhelligkeiten verwickelt, welche mein unglückliches Vaterland zerriſſen. Jahre verfloſſen, wie, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen. Einmal bei Nacht gab man mir einen Brief in die Hand; er war von meiner Schweſter auf ihrem Sterbebette geſchrieben. Ihr Gemahl war plötzlich ge⸗ ſtorben. Sie liebte ihn, wie eine Spanierin liebt, und konnte ſeinen Verluſt nicht überleben. Ihr Brief an mich ſprach von ihrem Vaterlande und ihrem Sohne. Unter den neuen Banden, welche ſie in England ge⸗ knüpft, hatte ſte nie das Land ihrer Väter vergeſſen. „Ich habe ſchon,“ ſchrieh ſte,„meinen Knaben gelehrt, eingedenk zu ſein, daß er ein zweifaches Vaterland hat; daß das eine, glücklich und frei, ihm ſeine Genüſſe ge⸗ währen kann, während das andere, durch immerwährende Kämpfe herabgewürdigt, von ihm die Erfüllung ſeiner Pflichten fordert. Wenn er, zu dem Alter herangereift, wo Du ſeinen Charakter beurtheilen kannſt, nur wegen ſemes Ranges in Achtung ſteht, nur wegen ſeines Ver⸗ mögens geſchätzt wird, wenn weder ſein Kopf, noch 382 ſein Herz ihn für unſſere Sache nütlich machen, ſo liſe ihn ungeſtört in ſeinem Wohlbehagen hier; wenn er aber, wie ich ahne, würdig wird des Blutes, das in ſeinen Adern fließt, dann beſchwöre ich Dich, mein Bruder, ihn zu erinnern, daß er von mir auf dem Sterbebette dem heiligſten Altar der Welt zugeſchworen worden iſt.“ Als ich vor einigen Monaten in England ankam, beſchloß ich, noch ehe ich ihn perfönlich aufſuchte, Er⸗ kundigungen über ſeinen Charakter einzuziehen. Wäre er geweſen, wie die jungen, reichen Leute gewoͤhnlich find — wäre ihm Zerſtrenung zur Gewohnheit, Fripolitat zur anderen Natur geworden, dann hätte ich hen erſten Auftrag meiner Schweſter weit lieber befolgt, als dies jetzt bei dem zweiten der Fall ſein wird. Ich finde, daß er vollkommen mit unſerer Sprache vertraut iſt, daß er eine bedeutende Summe in unſeren Fonds hat, und daß die Freifinnigkeit ſeiner Anſichten im Allgemeinen ebenſo zu der Hoffnung berechtigt, er werde ſich unſerer Sache anſchließen, wie für dieſen Fall der große Ruf ſeiner Talente die Gewißheit gibt, er werde ihr große Dienſte leiſten. Ich bin deßhalb im Begriffe, ihn aufzuſuchen. Ich höre, daß er in gänzlicher Zurückgezogenheit, in der Grafſchaft**s lebt, in der unmittelbaren Nachbarſchaft des Herrn Mandeville, eines Engländers von bedeuten⸗ dem Vermögen, der unſerer Sache mit Wärme zuge⸗ than iſt. Herr Mandeville hat mich eingeladen, ihn einige Tage auf ſeine Beſitzungen zu begleiten, und ich bin zu begierig, meinen Neffen zu ſehen, als daß ich hieſe verlaſſe bedrohe Erueifi Blicke Au M angen verme Alles 383 ſo laſf V einlabung nicht mit Freuben annehmen ſollie. Wenn denn ee ich Falkland bereden kann, uns zu unterſtützen, ſo wer⸗ das in zen uns in dieſer Beziehung ſein Name, ſeine Talente mein und ſein Reichthum von Nutzen ſein. Von ihm können f dem wir nicht die mit Mühen und Geſchäften verbundene woren Aufopferung verlangen, welcher wir ſelbſt uns unter⸗ ogen haben. Die Treuloſigkeit der Freunde, die Wach⸗ enkam, ſamkeit der Feinde, die Verwegenheit der Kühnen, die „Er⸗ Feigheit der Bedenklichen, Streit in dem Kabinet, Ver⸗ äre er rath in dem Senate, Tod auf dem Schlachtfelde— hfind dies iſt das Loos, welches zu tragen wir uns verbindlich olitit gemacht. Nur eine mangelhafte Vorſtellung kann ſich etſen Derjenige, welcher es nicht ſelbſt mitmacht, von dem dies Leben bilden, zu welchem alle Diejenigen verurtheilt „daß find, welche bei den Kämpfen eines aufgeregten, zer⸗ aßet tiſenen Landes betheiligt ſind; wenn ſie aber unſern daß Schmerz nicht kennen, ſo können ſie auch von unſerem heuſſ Troſte nicht träumen. Wir bewegen uns, wie in jenem zache Gleichniſſe vom Glauben, auf einem unfruchtbaren, einer verlaſſenen Boden; Felſen, Dornen und Natternſtiche enſte hedrohen unſere Füße; aber wir drücken zum Troſte das hen. Grucifir an unſer Herz und richten hoffnungsvoll unſere der Blicke zum Himmel! a. 3 Auszüge aus dem Tagebuche der Lady Emilie ige⸗ Mandeville. Mittwoch.— Seine Briefe haben einen andern Ton nige angenommen; ſtatt meinen Kummer zu lindern, ver⸗ bin vermehren ſie denſelben; aber ich verdiene Alles— Alles, was über mich kommen mag. Ich habe einen 384 Brief von Herrn Mandeville bekommen. Er wird anf einige Tage hierher kommen und beabſichtigt eingge Freunde mitzubringen; beſonders erwähnt er eines Spaniers— des Oheimes von Herrn Falklanz, und fragt mich, ob ich dieſen geſehen. Der Spanier iſt ſehr begierig, ſeinen Neffen zu ſehen— er weiß alſo nicht, vaß Falkland fort iſt. Einige Beruhi⸗ gung finde ich darin, daß ich Herrn Mandeville alliin ſehen werbe; aber auch ſo— wie ſoll ich ihm entgegen⸗ treten? Was ſoll ich ſagen, wenn er meine Bläſſe, mein verändertes Ausſehen bemerkt? Ich fähle nich ganz zu Boden gedrückt. Donnerſtag Abend.— Herr Mandeyille iſt ange⸗ kommen; zum Glück kam er erſt ſpät Abends und konnte in der Dunkelheit meine Verwirrung und mein verän⸗ dertes Ausſehen nicht bemerken. Er war freundlicher alt gewöhnlich. O, wie empfindlich rächte ihn mein Herz. Er brachte den Spanier Don Alphonſo d'Aguilar mit, ich meine eine ſchwache Familienähnlichkeit zwiſchen ihm und Falkland zu bemerken. Herr Mandeville brachte auch einen Brief von Julie. Uvermorgen wird ſie hier ſein. Der Brief iſt kurz, aber freundlich; ſie erwähnt ſeiner nicht; ſeit einigen Tagen habe ich nichts von ihm gehott. Erasmus Falkland Esg. an den ehrenwerthen Fried- rich Monkton. Ich habe mich entſchloſſen, Monkton, wieder zu ihr zu gehen! Ich bin überzeugt, daß es für uns Beihe beſſer ſein wird, wenn wir wieder zuſammenkomen, vielleicht auf immer uns vereinigen! Niemand, wer mich attge⸗ konnte veräͤn⸗ jer alt Herz mit, n ihm eauch ſein. einer ehoͤtt. ried- u iht Beie nen, mic 385 einmal geliebt, kann mich leicht vergeſſen. Ich ſage dies nicht aus Eitelkeit, denn ich habe es nicht meiner Uher⸗ legenheit über Andere, ſondern meiner Verſchie⸗ denheit von Anderen zuzuſchreiben. Ich bin überzeugt, daß die Gewiſſensbiſſe und der Kummer, welche ſte ſelbſt fühlt, größer find, als wenn ſie ſogar ſchuldiger, aber bei mir wäre. Dann hätte ſie wenigſtens ein Weſen, um ſie zu tröſten und nun Alles mitzufühlen, was ſie zu dulden hat. Fär eine ſo reine Seele wie Emilie iſt das Verbrechen bereits in ſeinem ganzen Umfange begangen. Die Unſchuld legt kein Gewicht auf die feine Scheide⸗ linie, welche die Moral zwiſchen dem Gedanken und der That zieht; ſolche Unterſcheibungen verlangen Nachden⸗ ken, Erfahrung, überlegung, Klugheit des Kopfes oder Kälte des Herzens; dies aber ſind die Eigenſchaften nicht des Schuldloſen, ſondern des Weltkindes. Die Neigung, nicht die Perſon einer tugendhaften Frau zu gewinnen, iſt ſchwer; in dieſer Schwierigkeit liegt die Schutzwache ihrer Keuſchheit; dieſe Schwierigkeit habe ich in dem vorliegenden Falle überwunden. Ich habe es verſucht, ohne Emilie zu leben, aber vergebens. Jeder Augenblick der Trennung überzeugte mich nur von der Unmöglich⸗ keit. In vierundzwanzig Stunden ſehe ich ſie wieder. Dieſer Gedanke ſchon macht meinen Puls fieberhaft ſchlagen. Leben Sie wohl, Monkton. Mein nächſter Brief ſoll, hoffe ich, meinen Triumph berichten. Bulwer, Falkland. 25 Drittes Buch. Auszüge aus dem Tagebuche der Lady Emilie Man⸗ deville. Freitag.— Inlie iſt hier und ſo liebreich! ſie er⸗ wähnte ſeines Namens nicht, aber ſie ſeufzte ſo tiff als ſie mein blaſſes, eingefallenes Antlitz ſah, daß ich mich in ihre Arme warf und ſchluchzte wie ein Kind. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung unter unsz dieſe Thränen ſprachen zugleich mein Geſtändniß und meine Reue aus. Kein Brief von ihm ſeit mehren Tagen! gen! Er iſt doch nicht gar krank! Wie unglücklich macht mich dieſer Gedanke! Samſtag.— So eben erhielt ich ein Billet von ihm. Er iſt zurückgekommen— hierher! Guter Himmel! Wie ſo höchſt unbeſonnen! Ich bin ſo auf⸗ geregt, daß ich nicht weiter ſchreiben kann. Sonntag.— Ich habe ihn geſehen! Laßt mich die Worte wiederholen— ich habe ihn geſehen! dieſer Augenblick! Vergütete er mir nicht Alles, wa ich gelitten? Ich wage nicht Alles niederzuſchreihen, was er mir ſagte, aber er bat mich, mit ihm zu fi⸗ hen— mit ihm— welches Glück, aber auch welche haften tief, n D ich we T Himr Ande ſtand Men entſe vorh und auch war Man- ſie er⸗ ſo tief daß ich Kind. dieſe meine ragen! macht t von Guter auf⸗ ich de 4 OD „was eiben, flie⸗ velche 387 Schuld ſchon in dem Gedanken! O, dies thörichte Herz— wollte Gott, es bräche! Ich fühle nur zu gut die Spitzfindigkeit ſeiner Gründe, und doch kann ich ihnen nicht widerſtehen. Er ſcheint mich mit einem Zauber umgarnt zu haben, der ſelbſt meine Anſtrengung demſelben zu entfliehen, vereitelt. Montag.— Herr Mandeville hat einige Leute aus der Gegend auf morgen zum Eſſen gebeten, und Abends ſoll Ball ſein. Falkland iſt natürlich auch ein⸗ geladen. So werden wir uns alſo wieder ſehen, und wie? Ich bin ſo wenig daran gewöhnt, meine Ge⸗ fühle zu verbergen, daß ich wahrlich zittere, ihn vor ſo vielen Zeugen zu ſprechen. Was ſagt Alfieri von den zwei Dämonen, deren Beute er immer ſei?„La mente e il cor in perpetua lite.“ Ach! bisweilen erwache ich aus meiner Träumerei mit einem ſo leb⸗ haften Gefühle der Todesangſt und Scham! Wie tief, wie tief bin ich gefallen! Dienſtag.— Heute wird er hierher kommen, und ich werde ihn ſehen! Mittwoch Morgens.— Die Nacht iſt vorbei, dem Himmel ſei Dank! Falkland kam ſpät zum Eſſen; alle Anderen waren ſchon verſammelt. Mit welchem An⸗ ſtande trat er ein! Wie erhaben ſchien er über die ganze Menge um ihn her! Es war, wie wenn er ſich wieder entſchloſſen hätte, Kräfte geltend zu machen, welche er vorher verſchmähte. Er nahm Theil an dem Geſpräche und ließ da nicht nur ſeinen Geiſt glänzen, ſonderu auch ſein Benehmen war gefällig und gewinnend! Es war kein Hohn auf ſeiner Lippe, kein Stolz auf ſeiner 388 Stirne— Nichts, was verrathen hätte, daß er ſich auch nur einen Augenblick ſeiner ungeheuren überle⸗ genheit über alle Anweſenden bewußt ſei. Als wir uns nach dem Eſſen zurückzogen, traf mich ſein Blick. Welche Beredſamkeit lag darin!— Und dann mußte ich ſeinem Lobe zuhören und durfte Nichts ſagen. Selbſt inmitten meiner Wonne fühlte ich Verdruß. Wer außer mir hatte das Recht, ſo gut von ihm zu reden! Der Ball begann; ich fühlte mich erſchöpft und niedergeſchlagen. Falkland tanzte nicht. Er ſeßzte ſich neben mich— er drang in mich, zu— O Gott! O Gott! ich wollte, ich wäre todt! Erasmus Falkland Esg. an Lady Emilie Mandeville. Wie befinden Sie ſich dieſen Morgen, meine ange⸗ betete Freundin? Sie ſchienen blaß und unwohl, als ich Sie geſtern Abend verließ, und ich bin ſo unglück⸗ lich, bis ich etwas von Ihnen höre. O Emilie, als Sie mir mit ſo thränenvollen, niedergeſchlagenen Au⸗ gen zuhörten, als ich bei jedem Worte, das ich Ihnen ins Ohr flüſterte, Ihren Buſen ſich heben ſah, als ich bei einer zufälligen Berührung Ihrer Hand dieſelbe unter der meinigen zittern fühlte; o! war in jenen Augenblicken Nichts in Ihrem Herzen, das beredter als Worte für mich ſprach? Rein und heilig wie Sie find, kennen Sie freilich die Gefühle nicht, welche in dieſelb unter heilig im G ſo iſt Sind des. wirkl ſchen — jetzt fůr er ſich berle⸗ r unz Blick. nußte gen. druß. m zu und eſich ! O 1 389 mir brennen und toben. Wenn Sie an meiner Seite ſind, glüht Ihre Hand nicht, wenn ſie auch zittert; Ihre Stimme, wenn auch gedämpfter, bebt nicht von Empfindungen, die ſie nicht ausſprechen durfte; Ihr Herz wird nicht, wie das meinige, von einer ſengenden, verzehrenden Flamme gequält; Ihr Schlaf iſt nicht durch unruhige, ſtürmiſche Träume aus einem Ver⸗ jüngungsmittel des Lebens in ein Gift verwandelt. Nein, Emilie, Gott verhüte, daß Sie die Schuld, den Kampf fühlen ſollten, welche an mir nagen; aber doch müſſen Sie in der tiefen, edeln Zärtlichkeit Ihres Herzens eine Stimme finden, welche zum Schweigen zu bringen Ihnen ſchwer wird. Mit all den erdichteten Banden und Verblendungen der Kunſt können Sie doch aus Ihrem Buſen die unüberwindlichen Triebe der Natur nicht verdrängen. Was iſt es, das Sie fürchten?— Sie werden antworten: die Schande! Können Sie dieſelbe aber fühlen, Emilie, wenn Sie dieſelbe mit mir theilen? Glauben Sie mir, daß die unter Scham und Kummer genährte Liebe von tieferer, heiligerer Natur iſt, als die im Stolze gehegte und im Genuſſe gepflegte. Aber wenn nicht die Schande, ſo iſt es vielleicht die Schuld, welche Sie fürchten? Sind Sie denn jetzt noch ſo ſchuldlos? Der Ehebruch des Herzens iſt nicht weniger ein Verbrechen, als der wirklich begangene und— doch ich will Sie nicht täu⸗ ſchen— es iſt Sünde, wozu ich Sie bereden möchte! — es iſt ein Fall von der ſtolzen Höͤhe, welche Sie jetzt behaupten. Ich gebe dies zu und biete Ihnen da⸗ für Nichts, als meine Liebe. Liebten Sie, wie ich, ſo 390 würden Sie fühlen, daß ein gewiſſer Stolz— ein Triumph— darin liegt, Alles, ſelbſt das Verbrechen, um des einen Weſens willen zu wagen, gegen wel⸗ ches Alles nichts iſt! Was mich betrifft, ſo weiß ich, daß, wenn mir eine Stimme vom Himmel zuriefe, ich ſolle Sie verlaſſen, ich Sie nur um ſo feſter an mein Herz drücken würde! Ich ſage Ihnen, Geliebte meines Herzens, wenn Ihre Hand in der meinigen liegt, wenn Ihr Haupt an meiner Bruſt ruht, wenn dieſe ſanften, bezaubern⸗ den Augen immer auf die meinigen gerichtet ſein wer⸗ den, wenn jeder Seufzer ſich mit meinem Athem mi⸗ ſchen wird und jede Thräne im Augenblicke ihres Entſtehens von meinen Augen weggeküßt wird— ich ſage Ihnen, daß Sie dann nur fühlen werden, wie jeder Stachel der Vergangenheit und jede Beſorgniß, hinſichtlich der Zukunft, nur ein neues Band ſein wird, um uns deſto enger an einander zu feſſeln. Emi⸗ fühle lie, mein Leben, meine Liebe, Sie können nicht, wenn kann Sie auch wollten, mich verlaſſen. Wer kann die Waſ⸗ ga ſer ſcheiden, die einmal vereinigt ſind, oder die Herzen des trennen, welche ſich gefunden und in ei nes verſchmol⸗ nich zen haben? bel — Ne Man wird bemerkt haben, daß Falkland, ſeit ſie lan ſich wieder geſehen, in dem Ausdrucke ſeiner Leiden⸗ 1 ſchaft einen neuen Ton angenommen. Ein neues ch Blatt, mit tieferen und brennenderen Charakteren be⸗ t ſchrieben, war in dem Buche der Schuld umgeſchlagen u worden. Er verſäumte keine Gelegenheit, die irdiſche⸗ 391 ren Gefühle zum Beiſtand ſeiner Sache aufzubieten. Er ſchmeichelte ihrer Phantaſie mit der goldenen Sprache der Poeſie und bemühte ſich, die geheimen Ge⸗ fühle ihres Geſchlechtes durch den ſanften Zauber ſei⸗ ner Stimme und den leidenſchaftlichen Inhalt ſeiner Worte zu wecken. Bisweilen aber kam ein tiefes, hef⸗ tiges Gefühl der Reue über ihn, und eben als ſein erfahrenes, geübtes Auge den Augenblick des Trium⸗ phes herannahen ſah, fühlte er, daß die Erfüllung ſeines Wunſches, wofür er ſeine und ihre Seele wagen wollte, ihm ein augenblickliches Entzücken, aber kein dauerndes Glück bringen würde. Zwiſchen der Liebe des Weibes und des Mannes iſt immer der Unterſchied, daß ſie bei dem erſteren, wenn ſie einmal aufgekommen iſt, alle Quellen des Gedankens verſchlingt und Alles außer ſich ausſchließt; bei dem letzteren dagegen ver⸗ gleicht ſie ſich mit allen früheren Anſichten und Ge⸗ fühlen, dem Vermächtniſſe der Vergangenheit, und kann, wie mächtig auch ihr Weſen iſt, doch nicht unſer ganzes Glück oder Unglück ausmachen. Die Liebe des Mannes in deſſen reiferen Jahren iſt in der That nicht ſowohl eine neue Empfindung, als eine Wieder⸗ belebung und Zuſammendrängung aller ſeiner früheren Neigungen; und die tiefe, innige Leidenſchaft Falk⸗ lands für Emilie war mit der Erinnerung an Alles, was ihm früher theuer und werth geweſen, verkettet; ſie berührte— ſie erweckte eine lange Kette jugendli⸗ cher, enthuſiaſtiſcher Gefühle, welche vielleicht um ſo kräftiger aus ihrem Schlummer erſtanden. Wer iſt, wenn er zu ſeinen erſten, zärtlichſten Erinnerungen 392 zurückkehrt, wenn er nach einander die Schichten von nagend Erde und Steinen wegwälzt, welche über dem Anden⸗ und di ken der Vergangenheit ſich anhäuften und verhärteten ihm w — wer iſt nicht erſtaunt über die Entdeckung, wie friſch und unverletzt dieſe vergrabenen Schätze in ſeinem Herzen wieder zu Tage kommen? Sie ſind aufbewahrt worden in dem Schatzhauſe der Zeit; ſie waren nicht verloren; gerade ihre Verborgenheit hat ſie geſchützt! Wir räumen die Lava weg, und die Welt vergangener Tage liegt vor uns! Der Abend des Tages, an welchem Falkland obi⸗ gen Brief geſchrieben, war rauh und ſtürmiſch. Die verſchiedenen Flüſſe, an welchen die Gegend ſehr reich 3 war, waren durch die neuerlichen Regengüſſe zu unge⸗ wöhnlicher, reißender Breite angeſchwollen, und ihr Rauſchen vermiſchte ſich mit dem lauten Geheule des 8 Windes und dem fernen Rollen des Donners, der ſich Leben endlich nur noch in einem Murren vernehmen ließ. ſamme Die ganze Gegend um 2*⸗* trug jenen wilden, aber verlier erhabenen Charakter, der ganz zu der Wuth der aufeſtändig geregten Elemente paßte. Dunkle Wälder, große die Al Strecken nichteingefriedigter Heiden, plötzliche Abwechs⸗ ſind u lungen von Hügel und Thal und ein trüber, unglei⸗ vart, cher Horizont über ununterbrochenen Bergketten, bile oollke deten die Hauptzüge dieſer romantiſchen Gegend. C Erfüllt von den Erinnerungen an ſeine Jugend ufer und die Wonne, welche ihm damals die Zuckungen und hin. der Wechſel der Natur gewährten, ſchweifte Falkland ſer an dieſem Abende herum Die dämmernden Schatten mmeiſt von Jahren, vermengt mit geheimen Ereigniſſen und nur t von Inden⸗ rteten friſch einem wahrt nicht hützt! Welt obi⸗ Die reich nge⸗ ihr des ſich ieß. ber zuf⸗ 4 393 nagenden Gedanken, verſammelten ſich um ſeine Seele, und die Düſterheit und der Sturm der Nacht erſchienen ihm wie das Mitgefühl eines Freundes. Er kam an einer Gruppe erſchreckter Landleute vorüber, die ſich unter einem Baume zuſammendräng⸗ ten. Der Alteſte verbarg ſein Geſicht und ſchauderte; aber der Jüngſte ſah beſtändig den Blitzſtrahlen zu, die, raſch auf einander folgend, über den Bergſtrom hinzuckten, welcher zu ihren Füßen rauſchte. Unbeachtet und ſtumm ſtand Falkland mit gekreuzten Armen und höhniſchem Munde neben ihnen. Für ihn waren Na⸗ tur, Himmel und Erde keine Gegenſtände der Furcht, wohl aber der Betrachtung. In der Jugend dachte er (indem er die Furcht, die man in dem einen Abſchnitte des Lebens empfindet, mit der Sorgloſigkeit in einem anderen zuſammenſtellte), gibt es ſo Vieles, was das Leben zertheilt und zerreißt, daß wir kaum zu dem ge⸗ ſammelten Bewußtſein unſeres Daſeins kommen. Wir verlieren den Sinn für das, was iſt, durch den be⸗ ſtändigen Gedanken an das, was ſein ſollte. Aber die Alten, welche keine Zukunft zu erwarten haben, ſind um ſo zugänglicher für die Eindrücke der Gegen⸗ wart, und fühlen den Tod mehr, weil ſie einen feſteren vollkommeneren Eindruck von dem Leben haben. Er verließ die Gruppe und ging allein an dem Ufer des ſich krümmenden, angeſchwollenen Stromes hin.„In dem Kampfe der Elemente,“ ſagt ein gewiſ⸗ ſer Philoſoph,„fühlt der Menſch ſeine Kleinheit am meiſten.“ Wie alle allgemeinen Sitze, iſt auch dieſer nur theilweiſe wahr. Der Geiſt, der ſeine erſten Vor⸗ 394 ſtellungen aus der Wahrnehmung ſchöpft, muß auch ſeine Stimmung von dem Charakter der wahrgenom⸗ menen Gegenſtände ableiten. Indem unſer Geiſt ſch mit den mächtigen Elementen vermiſcht, nimmt er an deren Erhabenheit Theil; der Gedanke erwacht aus den verborgenen Tiefen, wo er ſchlummernd lag, unſere Gefühle werden ſo ſehr aufgeregt, daß ſie nicht in uns eingekerkert bleiben können; ſie vereinigen ſich mit den gewaltigen Mächten der Außenwelt; und wie bei ſtür⸗ miſchen Bewegungen unter den Menſchen der Einzelne aus ſich ſelbſt heraustritt, um ein Theil des Ganzen zu werden, ſo werden wir durch die Convulſionen der Natur aus unſerem kleinen Selbſt heraus gerüttelt, um uns in der Größe des Kampfes um uns her zu verlieren. Falkland folgte noch immer der Spur des Fluſſes, dieſer wand ſich durch Mandeville's Beſitzungen und dann mündete zuletzt in den ſeiner Erinnerung ſo heiligen niß d See. Er blieb an dieſem Orte einige Augenblick ſtehen ſchme und blickte gleichgültig über den bedeutenden Waſſer⸗ in de ſpiegel hin, der bald ſchwarz war wie die Nacht, bald Wech unter dem Leuchten der Blitze zu einer großen Feuer⸗ ſeine fläche aufflammte. Dunkel und aufwärts ſtrebend zogen vele die Wolken in ungeheuren Säulen dahin und verhüll⸗ dem ten, während ſie ſich aufrollten, den weiten Himmel und gleich Schatten menſchlicher Zweifel. O! wie ſchwach, geh wie ſchwach war jener Ausſpruch des Philoſophen! wöl Ein Gefühl des Stolzes erweckt der Sturm, der nach ſeiner Lehre uns demüthigen ſollte; eine ermuthigende et Muſik lebt in ſeinem Sauſen, eine wilde Freude liegt„w nuß augj rgenom⸗ Heiſt ſich nt er an aus den unſere t in unz mit den bei ſtür⸗ Einzelne Ganzen nen der rüttelt, her zu gluſſes, en und eiligen ſtehen Vaſſer⸗ t, bald Feuer⸗ zogen erhüll⸗ immel hwach, pphen! r nach igende liegt 395 ſelbſt in ſeiner Zerſtörung, denn wir können frohlocken, während wir ſeiner Macht Trotz bieten, indem wir ſeinen Triumph theilen, in dem Bewußtſein eines in uns wohnenden, der Außenwelt überlegenen, Geiſtes. Wir können ſpotten über die Wuth der Elemente, denn ſie ſind weniger ſchrecklich, als die Leidenſchaften des Herzens; über die Verheerungen des ergrimmten Himmels, denn ſie ſind minder traurig, als der Grimm des Menſchen; über die Zuckungen der Natur um uns her, weil ſie keine Gefahr, keinen Schrecken für die Seele hat, welche weniger zerſtörbar und ewiger iſt, als die Natur ſelbſt. Falkland wandte ſich gegen das Haus, welches ſeine Welt umſchloß, und als der Blitz bisweilen die weißen Säulen der Halle ſehen ließ und die hohen, ſchwankenden Bäume rings umher wie ei⸗ nen Geſpenſterſchwarm in Feuerſtröme hüllte, und dann ſo plötzlich verſchwand und die gähnende Finſter⸗ niß die Seene verſchlang, da verglich er mit jener ſchmerzlichen Alchymie der Empfindung, welche Alles in dem Schmelztiegel eines Gedankens auflöst, dieſen Wechſel von Licht und Schatten mit der Geſchichte ſeiner eigenen ſündhaften Liebe— dieſer Leidenſchaft, welche geboren wurde in dem Schoße der Nacht, unter dem Schutze der Finſterniß, umgeben von Stürmen, und die von dem zornigen Himmel nur eine vorüber⸗ gehende Helle erhielt, noch ſchrecklicher, als ihre ge⸗ wöhnliche Düſterheit. Als er in den Saal trat, kam ihm Lady Marga⸗ retha entgegen.„Mein lieber Falkland,“ ſagte ſie, „wie gut iſt es von Ihnen, in einer ſolchen Nacht zu 396 kommen! Wir haben den Wolken zugeſehen, bis Emi⸗ lie ſich vor den Blitzen fürchtete; früher verurſachten ihr dieſelben keine Angſt.“ Damit wandte ſich Lady Margaretha gegen Emilie, ganz unbewußt des ausge⸗ ſprochenen Vorwurfes. Wandte ſich nicht auch Falklands Blick nach dieſer Stelle? Lady Emilie ſaß bei der Harfe, welche Mrs. St. John zu ſpielen ernſtlich beſchäftigt ſchien; ihr Geſicht war vorwärts gebeugt und brannte unter der Röthe, welche der Blick hervorrief, den ſie auf ſich ruhen fühlte. Es lag in Falkland's Charakter, daß er einen be⸗ ſonderen Widerwillen hatte gegen alles zur Schau Tra⸗ gen tieferer Gefühle. Er hatte Nichts von der Eitel⸗ keit der meiſten Männer bei gemachten Eroberungen; er wollte nicht, daß nur ein menſchliches Weſen wiſſe, daß er geliebt war. Er hatte Recht! Kein Altar ſollte und ſo ungeſehen ſo unverletzlich ſein, wie das menſchliche John Herz! Er ſah und hob zugleich die Verlegenheit, welche/ mers er verurſacht. Mit der ihm ſo ganz beſonders eigenen, ſpree gewinnenden Anmuth entſchuldigte er ſich bei Lay ihrer Margaretha wegen ſeines unordentlichen Anzuges; er Johr bezauberte ſeinen Oheim, Don Alphonſo, durch ein Neff Citat aus Lopez de Vegaz; er erkundigte ſich auf's Zar⸗ Tug teſte bei Mrs. Dalton nach dem Befinden ihres italie⸗ auß niſchen Windſpieles; und dann— aber erſt dann— im wagte er es, ſich Emilie zu nähern, und ſprach mit ſuch ihr in jenem ſanften Tone, den, wie die Feenſprache, zu nur die angeredete Perſon verſteht. Mrs. St. John ſein ſtand auf und verließ die Harfe. Falkland nahm ihren ſ ſei⸗ is Emi⸗ rſachten ch Lady ausge⸗ dieſer e Mrs. V V n; ihr ter der uf ſich ten be⸗ u Tra⸗ Eitel⸗ ingen; wiſſe, ſollte chliche welche enen, Lady 8; et h ein Zar⸗ talie⸗ n— mit ache, John hren 397 Sitz ein. Er beugte ſich herab, um Emilien zuzuflüſtern. Sein langes Haar berührte ihre Wange! Es war noch feucht von dem Nachtthau. Sie ſah auf, als ſie es fühlte, und begegnete ſeinem Blicke; beſſer wäre es für ſie geweſen, ſie hätte die Welt verloren, als das Gift der Seele aus dieſem Auge getrunken, wenn es zur Sünde verſuchte. Mrs. St. John ſtand in einiger Entfernung: Don Alphonſo ſprach mit ihr von ſeinem Neffen und von ſeiner Hoffnung, ihn zuletzt für die Sache ſeines Va⸗ terlandes von mütterlicher Seite zu gewinnen.„Sehen Sie nicht,“ entgegnete Mrs. St. John, indem ſie raſch die Farbe wechſelte,„daß, ſo lange ſolche Kräfte ihn hier feſthalten, Ihre Hoffnungen eitel ſind 2“„Was wollen Sie damit ſagen?“ verſetzte der Spanier, aber ſein Auge war der ihm angegebenen Richtung gefolgt, und die Frage kam nur von ſeinen Lippen. Mrs. St. John zog ihn in eine noch entferntere Ecke des Zim⸗ mers, und in der nun zwiſchen ihnen folgenden Be⸗ ſprechung verbanden ſie ſich für den Zweck, Emilie von ihrem Geliebten zu trennen.—„Ich,“ ſagte Mrs. St. John,„um meiner Freundin, und Sie, um Ihren Neffen zu retten.“ So ſteht es mit der menſchlichen Tugend:— der gute Schein und die edle That von außen— die eine, ewige Triebfeder der Selbſtſucht im Innern. Der Spanier hatte während ſeines Be⸗ ſuches in E*s Falkland hinlänglich kennen gelernt, um zu begreifen, von welch großem Nutzen er vermöge ſeiner vollkommenen Kenntniß der ſpaniſchen Sprache, ſeiner ausgezeichneten Fähigkeiten und vor Allem, ver⸗ 398 möge ſeines großen Reichthumes, der Sache derjenigen Partei ſein könne, welche Alphonſo ſelbſt ergriffen hatte. Deßhalb beſchränkte ſich ſein Wunſch nicht mehr darauf, Falkland’'s Verwendung und Unterſtützung in England zu gewinnen; er hoffte, ſich deſſen perſönli⸗ chen Beiſtand in Spanien zu ſichern; und gerne verband er ſich mit Mrs. St. John, um ſeinen Neffen von einem Bande loszureißen, welches ihn wahrſcheinlich einem Dienſte entziehen mußte, für den Alphonſo ihn zu gewinnen wünſchte. Mandeville hatte an dieſem Morgen E*— verlaſ⸗ ſen; er ahnte nichts von Emiliens Neigung. Dies war bei ihm weniger Vertrauen, als Gleichgültigkeit. Er gehörte zu den Menſchen, welche von keinem Daſein außer ſich wiſſen: alle ſeine Empfindungen gingen nach innen; ſie erzeugten nichts, als Selbſtſucht. Sogat das Haus der Gemeinen war ihm nur deßhalb ein Gegenſtand des Intereſſe, weil er ſich daſſelbe als einen Theil von ſich, nicht ſich als einen Theil von jenem dachte. Er ſprach mit dem Inſekt am Wagenrad:„bewundert unſere Schnellig⸗ keit!“ Verminderten aber die Mängel ſeines Charak⸗ ters Emiliens Schuld? Nein! Und dies war bisweilen ihr ſchmerzlichſtes Bewußtſein. Wer in dieſem Buche eine Entſchuldigung der Sünde zu finden glaubt, iſ im Irrthum. Es enthält mit Flammenſchrift die Be⸗ richte von den Leiden, der Reue und der Strafe des⸗ ſelben. Wenn in der Geſchichte eines Weibes ein vor anderen ausgezeichnetes Verbrechen iſt, ſo iſt dies der Ehebruch. Es iſt in der That das einzige Vergehen, liebte rer S ich hi in de Dieſ ten Wel uns Sie ver ſah ha we jenigen rgriffen ht meht zung in erſönli⸗ verband en von heinlich nſo ihn verlaſ⸗ es war Daſein n nach Sogar lb ein 2 als inen t dem nellig⸗ harak⸗ veilen Buche tt, iſ 2 Be⸗ des⸗ n vor s der ehen, 399 dem ſie im gewöhnlichen Leben ausgeſetzt iſt. Der Mann hat tauſend Verſuchungen zur Sünde— das Weib nur eine; wenn ſie dieſer nicht widerſtehen kann, ſo hat ſie keinen Anſpruch auf unſer Mitleid. Der Himmel iſt gerecht! Ihre Schuld ſelbſt iſt ihre Strafe! Sollten dieſe Blätter in dieſem Augenblicke einer Frau zu Ge⸗ ſichte kommen, welche der Mittelpunkt eines Kreiſes von Schande geworden iſt— ihr Haus entweiht— ihre Kinder entehrt hat— gleichviel, wie ſie ihr Ver⸗ brechen entſchuldigen mag— gleichviel, welche Mil⸗ derungsgründe in ihrer Stellung liegen— in den Ar⸗ men ihres Geliebten, in dem Netze der neuen Bande, welche ſie erwählt hat— fordere ich ſie auf, mir zu antworten, ob die zärtlichſten Augenblicke des Entzü⸗ ckens frei ſind von Demüthigung, wenn ſie auch die Reue vergeſſen haben, und ob die Leidenſchaft des Ge⸗ liebten nicht ebenſo ſehr die Strafe, wie der Lohn ih⸗ rer Schuld geworden iſt? Aber in der Stunde, welche ich hier beſchreibe, war weder in Emilien's Herz, noch in dem ihres Verführers, ein Gedanke an ihre Sünde. Dieſe Herzen waren zu voll für Gedanken— ſie hat⸗ ten Alles außer ſich vergeſſen. Ihre Liebe war ihre Welt: außer ihr war alles Nacht— Chaos— Nichts! Lady Margaretha näherte ſich ihnen.„Sie werden uns doch heute Abend ſingen, Emilie? Wir haben Sie ſo lange ſchon nicht mehr gehört!“ Vergebens verſuchte es Emilie— die Stimme verſagte ihr. Sie ſah Falkland an und konnte kaum ihre Thränen zurück⸗ halten. Noch hatte ſie nicht die letzte Kunſt gelernt, welche uns die Sünde lehrt— deren Verh eimli⸗ 40⁰ chung!„Ich will Lady Emiliens Stelle vertreten, ſagte Falkland. Seine Stimme war ruhig, ſeine Stirne heiter; die Welt hatte ihn nichts mehr zu leh⸗ ren.„Wollen Sie die Melodie ſpielen,“ ſagte er zu Mrs. St. John,„die wir vor einigen Tagen von Ihnen hörten? Ich will ſie mit Worten begleiten.“ Die Hand der Mrs. St. John zitterte, als ſie der Auf⸗ forderung Folge leiſtete. Lied. Laßt lieben uns, ſo lange noch Der Sommer nicht verfloſſen! Denn im December wird dem Herz Nie Maienblüt' erſproſſen. Laßt lieben uns, ſo lange wir Die Glut im Herzen wahren; Eh' noch des Denkens friſcher Quell Zu Eis wird mit den Jahren. O möchte fern der kalten Welt Eine Heimath uns umfangen: Wenn wir dann müde, wär' in uns Eine Welt ſelbſt aufgegangen. Man predigt: Leidenſchaft wird kalt, Kurz dauert das Vergnügen. Wenn kurz Dir nur die Liebe blüht, So trink mit vollen Zügen. O warte nicht, bis den Verſtand Der große Haufen findet; Der Eine ſprenget leicht das Band, Das Millionen bindet. Krank und mit Fieber ſtand Emilie den andern Tag auf. In Falklands Abweſenheit erwachte ihre Seele immer zu dem vollen Bewußtſein der Schuld, den ge außer und er farblo ruhige began reuen Verzei Sache Ihr 6 gleich beoba Stim Nier ben 6 funde bitte thue und Ma 401 treten, welche ſie auf ſich geladen. Sie war in den ſtrengſten, ſeine ſogar in den ängſtlichſten Grundſätzen erzogen worden, zu leh⸗ und ihr Weſen war ſo rein, daß ein bloßer Irrthum e er zu ihr wie eine Verwandlung ihres Daſeins erſchien— gen von wie ein Betreten einer neuen, unbekannten Welt, vor leiten. welcher ſie zitternd in ſich ſelbſt zurückſchrak. er Auf⸗ Man urtheile nun, ob ihr Gemüth ſich leicht an ihre nunmehrige Erniedrigung gewöhnte. Blaß und zerſtreut ſaß ſie an dieſem Morgen da; ihre Augen, ſchwer von unterdrückten Thränen, waren auf den Bo⸗ den geheftet. Mrs. St. John trat ein; Niemand war außer ihnen in dem Zimmer. Sie ſetzte ſich neben ſie und ergriff ihre Hand. Ihr Geſicht war beinahe ebenſo farblos, wie das Emiliens, aber deſſen Ausdruck war ruhiger und gefaßter.„Es iſt nicht zu ſpät, Emilie,“ begann ſie,„Sie haben viel gethan, was Sie zu be⸗ reuen haben— Nichts, was die Reue unnütz machte. Verzeihen Sie mir, wenn ich mit Ihnen über dieſe Sache ſpreche. Es iſt Zeit— in wenigen Tagen wird Ihr Schickſal entſchieden ſein. Ich habe zugeſehen, ob⸗ gleich ich bisher geſchwiegen habe; ich habe jenes Auge beobachtet, wenn es auf Ihnen ruhte; ich habe jene Stimme gehört, wenn ſie zu Ihrem Herzen ſprach. Nie widerſtand Jemand lange ihrem Eindrucke; glau⸗ ben Sie die Erſte zu ſein, welche die Kraft dazu ge⸗ funden? Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir, ich bitte Sie, theuerſte Freundin, wenn ich Ihnen wehe dern thue. Ich habe Sie von Ihrer Kindheit an gekannt ihre und wünſche nur, Sie bis in Ihr Alter rein von jedem Makel zu erhalten.“ Bulwer, Falkland. 26 40² Emilie weinte, ohne jedoch zu antworten. Mra. St. John fuhr überredend mit ihren Vorſtellungen fort. Was iſt ſo ſchwankend, wie die Leidenſchaft? Als endlich Mrs. St. John aufhörte und Emilie an ihrem Buſen heiße Thränen der Angſt und Reue ver⸗ goß, glaubte ſie, ihr Entſchluß ſtehe feſt und ſie hätte beinahe ewige Trennung von ihrem Geliebten geloben können! Falkland kam an dieſem Abende, und ſie liebte ihn raſender als zuvor. Mrs. St. John war nicht in dem Salon, als Falk⸗ land eintrat. Lady Margaretha kas die wohlbekannte Geſchichte der Lady T'*“* und der Herzogin von Me⸗, worin das Verſprechen gegeben und gehalten wor⸗ den, daß Diejenige, welche zuerſt ſterbe, der Überleben⸗ den noch einmal erſcheinen wolle. Als Lady Marga⸗ retha lachend von dieſer Anektode ſprach, fiel Emilien, welche Falklands Miene beobachtete, der dunkle Schat⸗ ten auf, welcher plötzlich dieſelbe überzog. Schweigend trat er an das Fenſter, wo Emilie ſaß.„Glauben Sie,“ fragte ſie mit mattem Lächeln,„an die Möglichkeit eines ſolchen Ereigniſſes?“„Ich glaube— aber ver⸗ werfe auch— Nichts!“ antwortete Falkland,„aber ich gäbe Welten für einen ſolchen Beweis, daß der Tod nicht vernichtet.“„Gew ß,“ ſagte Emilie,„läug⸗ nen Sie doch nicht den Beweis von unſerer Unſterb⸗ lichkeit, welchen wir aus der heiligen Schrift ſchöpfen! — gilt dieſe nicht ſo viel, als die Stimme einen Todten gelten könnte?“ Falkland ſchwieg einige Au⸗ genblicke; er ſchien die Frage nicht zu hören; ſeime Augen ſtarrten in die leere Luft hinaus; und als e endlich eine An leiſem, einen wortet len Na den mu wie m ſchaut lebend barend gegoſſ meine ſtern Seele ſen C pfun geme 40³ Mra. endlich ſprach, war dies mehr ein Selbſtgeſpräch, als llungen eine Antwort an Emilie.„Ich habe,“ ſprach er in ſchaft? leiſem, hohlem Tone,„über dem Grabe gewacht; ich ilie an habe in der Angſt meines Herzens ſie angerufen, welche ue ver⸗ unten ſchlief; gerne hätte ich meine Seele in einen e hätte: Zauberſpruch aufgelöst, hätte nur dieſer für einen, geloben nur für einen Augenblick das Weſen heraufbeſchwören und ſſe können, das einſt der Geiſt meines Lebens war! Ich war gleichſam verzückt von der inneren Stärke mei⸗ JFalk⸗ uer eigenen Beſchwörung; ich habe in die leere Luft kannte V geſchaut und meine Seele bezwungen, um ſie mit M*s, Wahngeſtalten zu erfüllen; ich habe laut in die Winde wor⸗ gerufen und meine Seele angeſtrengt, um ihr Schwei⸗ gleben⸗ gen zu einer Antwort zu vermögen. Alles blieb eine karga: Wüſte— eine Stille— eine Unendlichkeit— ohne nilien, einen Wanderer oder eine Stimme! Die Todten ant⸗ Schat⸗ worteten mir nicht, als ich ſie anrief, und in den ſtil⸗ eigend len Nachtwachen blickte ich von dem dichten Gras und Sie,“ den mooſigen Steinen, auf, zu dem ewigen Himmel, ichkeit wie man von der Zerſtörung auf zu der Unſterblichkeit rver⸗ ſchaut! O! dieſe ſchreckliche Pracht der Ruhe— dieſer „aber lebendige Schlaf— dieſe athmende, aber Nichts offen⸗ ß der barende Göttlichkeit, welche über dieſe ſtillen Welten läug⸗ gegoſſen war! Zu ihnen alſo lenkte ich den Strom ſterb⸗ meiner Gedanken— aber nur in einem Flü⸗ pfen!/ ſtern. Ich wagte nicht, die unheilige Qual meiner einen Seele laut aufzuathmen zu der Majeſtät der gefühllo⸗ Au⸗ ſen Sterne! In der unermeßlichen Ordnung der Schö⸗ ſeine pfung— inmitten des erſtaunlichen Syſtemes des all⸗ ls et gemeinen Lebens, murmelte ich meine Zweifel und 404 Fragen— eine Stimme, rufend in der Wild⸗ niß, ohne Echo und unbeantwortetzu mir ſelbſt zurückkehrend!“ Das helle Licht des ſommerlichen Mondes fiel auf Falklands Züge, welche Emilie betrachtete, während ſie beinahe zitternd auf ſeine Worte hörte. Seine Stirne war gerunzelt und blaß, und große Tropfen rieſelten langſam über dieſelbe herab, ausgepreßt gleichſam von der heftigen, aber unmächtigen Spannung der darunter arbeitenden Gedanken. Emilie rückte ihm näher— ſie legte ihre Hand auf die ſeinige.„Horen Sie mich,“ ſagte ſie,„wenn ein Herold aus dem Grabe Ihre Zweifel beſchwichtigen könnte, ſo wollte ich gerneſterben, um Ihnen erſcheinen zu koͤn⸗ nen!“„Hüten Sie ſich,“ antwortete Falkland mit bewegter, aber feierlicher Stimme;„die jetzt ſo leichthin geſprochenen Worte könnten oben aufgezeichnetwerden.“„Sei es ſo!“ erwiderte Emilie feſt, und ſie fühlte, was ſie ſagte. Ihre Liebe reichte über das Grab hinüber, und ſie hätte hier auf Alles verzichtet, um dereinſt vereinigt zu werden. „In meiner früheſten Jugend,“ ſagte Falkland ruhiger, als er bisher geſprochen,„fand ich in der Ge⸗ genwart und Vergangenheit dieſer Welt genug, was meine Aufmerkſamkeit auf die Zukunft in einer andern richten konnte; wenn ich nicht mit dem Enthuſiaſten Alles glaubte, ſo hatte ich auch Nichts mit dem Spöt⸗ ter gemein: ich ſetzte mich hin, um ſelbſt zu prüfen und nachzudenken; ich brütete ſowohl über den Werken der terkeit m, je unter und ſ auseit war v war, Sie das L mach der For ſelbe Wild⸗ zu mir fiel auf vährend Seine Tropfen gepreßt aunnung kte ihm ‚Höͤren Grabe te ich kön⸗ d mit zt ſo nten ſo!“ ſagte. nd ſie gt zu kland Ge⸗ was dern aſten pöt⸗ und der 40⁵ Philoſophen, wie der Theologen; ich ließ mich weder zurch ihre Spitzfindigkeiten irre machen, noch durch ihre Widerſprüche abſchrecken. Wie ſich die Menſchen zuerſt durch Beobachtung der Himmelszeichen geogra⸗ phiſche Kenntniß der Erde verſchafften, ſo huldigte ich dem unbekannten Gotte und ſuchte von dieſer Vereh⸗ rung aus die Meinungen der Menſchen zu erforſchen. Ich beſchränkte mich nicht auf Bücher— alle beſeelten und lebloſen Weſen zog ich in mein Studium herein. Selbſt dem Tode ſuchte ich ſein Geheimniß zu erpreſſen und ſaß ganze Nächte in den angefüllten Freiſtätten der Sterbenden, um das Aufflackern und Erlöſchen des letzten Lebensfunkens zu beobachten. Die Menſchen ſter⸗ ben weg wie im Schlafe, ohne Kampf, ohne Anſtren⸗ gung, ohne Erſchütterung. In dem Augenblicke vor dem Tode habe ich ihr Antlitz betrachtet, und die Hei⸗ terkeit der Ruhe lag darauf und nahm nur um ſo mehr zu, je näher der Schlummer herannahte, der nie unterbrochen wird; der Athem wurde ſchwächer und ſchwächer, bis die Lippen, denen er entſtrömte, auseinander ſanken, und Alles verſtummte; das Licht war von der Wolke gewichen, die Wolke ſelbſt aber war, ſo grau, kalt und verändert ſie ſchien, wie zuvor. Sie ſtarben und gaben kein Zeichen. Sie hatten das Labyrinth verlaſſen, ohne uns den Schlüſſel zu ver⸗ machen. Vergebens habe ich meinen Geiſt in das Land der Schatten geſandt— er hat kein Zeugniß ſeiner Forſchung mit zurückgebracht. Wie Newton von ſich ſelbſt ſagte:„Ich las einige Muſcheln an der Meeres⸗ 406 küſte auf, aber der große Ocean der Wahr rheit las unentdeckt vor mir.“ Jetzt folgte eine lange Pauſe. Lady Margarethe hatte ſich mit dem Spanier zum Schachſpiel niederge⸗ ſetzt. Kein Auge beobachtete die Liebenden; ihre Augen begegneten ſich, und mit dieſem einen Blicke war der ganze Lauf ihrer Gedanken verändert. Das Blut, das einen Augenblick zuvor Falkland's Wange ſo farblos gelaſſen, ſtrömte wieder in dieſelbe zurück. Die Liebe, welche ſein ganzes Weſen ſo durchdrungen und erfültt hatte, und welche ſo eben vor dunkleren und kälteren Gedanken verſtummt war, drang mit verdoppelter Kraft durch ſein ganzes Ich. Wie in Folge eines auni. lichen, gegenſeitigen Antriebes begegneten ſich ihre Liy⸗ pen; er ſchlang ſeinen Arm um ſie, er drückte ſie an ſeine Bruſt.„So düſter meine Gedanken ſind,“ flüſterte er, „und ſo ſchlimm mein Leben geweſen, willſt Du nicht jene erheitern, dieſen eine Führerin werden? Meine Emilie, meine Geliebte! Du Himmel des ſtürmi⸗ ſchen Meeres meiner Seele— willſt Du nicht die Meinige werden— einzig, ganz mein— und auf ewig?“ Sie antwortete nicht— ſie entzog ſich ſeiner Umarmung nicht. Ihre Wange flammte, als ſein Athem darüber hinwehte, und ihr Buſen wogte unter dem Arme, der dies ihm ſo ergebene Reich umſchloſſen hielt.„Sprich ein Wort, ein einziges Wort,“ fuhr er flüſternd fort, „willſt Du nicht die Meinige werden? Biſt Du im Her⸗ zen nicht ſchon in dieſem Augenblicke mein?“ Ihr Haupt ſank an ſeine Bruſt. Die tiefen und beredten Augen blickten durch ihre dunkeln Wimpern zu den ſeinigen em⸗ aufhör Fa ihrigen ſchin aber heit lag garetht ie derge⸗ Augen war der ut, das farblos e Liebe, erfüllt älteren Kraft illkür⸗ e Lip⸗ n ſeine rte er, nicht Meine rmi⸗ nicht d auf ſeiner them Erme, prich fort, Her⸗ nupt igen em⸗ 407 por.„Ich will die Deinige ſein,“ flüſterte ſie, nich ergebe mich willenlos Dir; ich habe fortan kein anderes Daſein, als in Dir. Meine einzige Furcht iſt, ich könnte aufhören, Deiner Liebe würdig zu ſein!“ Falkland preßte ſeinen Mund noch einmal auf den ihrigen; es war ſeine einzige Antwort und das letzte Siegel für ihren Bund. Da ſie vor dem offenen Git⸗ terfenſter ſtanden, blickte der ſtille, ſchuldloſe Mond nieder auf dieſes Zeichen der Schuld. Keine Wolke ſtand an Himmel, die ſeine Reinheit getrübt hätte, die Nachtwinde hatten ſich gelegt, um ihm zu huldigen; Alls ſchwieg außer ihren Herzen. Sie ſtanden unter dem ruhigen, heiligen Himmelsgewölbe, ein ſchuldiges verfluchtes Paar— ei fürchterlicher Contraſt der Sünde und Wrruhe dieſer ſtürmiſchen Erde gegen die leiden⸗ ſchaftloe Heiterkeit des ewigen Himmels. Dieſelben Sterne, velche vor unergründlichen Jahrtauſenden auf die Wechfl dieſer niederen Erde herabgeſchaut hatten, ſchimmerten blaß, rein und unbewegt auf das brennende aber vergängliche Gelübde. Was mochte wohl in weni⸗ gen Jahren von dem Fluche oder den bei dem Gelübde Betheiligten voch übrig ſein? Von anderen Lippen wurden vielleich an dieſer Stelle Eide geſchworen, neue Pfänder unwanvlbarer Treue gewechſelt, und Jahr für Jahr werden diezlben Sterne, bei jeder Veränderung von Zeit und Umſteden, von dem geheimnißvollen Hei⸗ ligthum ihrer unerründeten, undurchdringlichen Hei⸗ math herabſehen, umwie jetzt durch ihre Unveränder⸗ lichkeit der Veränderugen und Schattten unter den Menſchen zu ſpotten! 40⁸ Erasmus Falkland Esg. an Lady Emilie Mandeville. Endlich alſo ſollſt Du die Meinige werden— haſt 1 eingewilligt, mit mir zu fliehen. In drei Tagen verlaſ⸗ ſen wir dieſes Land, und haben keine Heimath— keine Welt mehr, als uns ſelbſt. Wir werden, meine Emillie in jene goldenen Länder gehen, wo die Natur, die eir⸗ zige Geſellſchaft, welche wir dulden, uns wie eine Mu⸗ ter winkt, eine Freiſtätte an ihrem Buſen zu ſuchn, wo die Lüftchen matt hinwehen unter dieſem leidenſſchit⸗ lich wollüſtigen Himmel, und wo das Purpurlicht das Alles mit ſeiner Glorie umhüllt, an Zärtlichker und Weihe nur dem Geiſte nachſteht, den wir mitbeingen. Iſt nicht, meine Emilie, zwiſchen der äußeren Natur, welche über der Schöpfung waltet, und der meiſchlichen buche Natur, welche in uns ſelbſt ihren Mittelpunt hat, ein die Ve geheimes, nicht zu erklärendes Einverſtändnß, eine ge⸗ auszu heime Anziehung. Sind nicht die Eindrück jener, wie einig Zauberſprüche für die Leidenſchaften dieſe? Und wenn einzu wir die Lieblichkeit um uns her betrachten gewinnen wir ein da nicht gleichſam einen Zuwachs des Jerlangens und der der Sehnſucht der Liebe und häufen denſelben in unſeren Herzen auf? Waskönnen wir uns vower Erdewünſchen, ein als ihre Einſamkeit— was von dem Limmel, als eine un⸗ vooll entweihte Luft? Alles, was Andee von denſelben ver⸗ d der langen könnten, finden wir in un ſelbſt. Reichtu zu Ehre— Glückſeligkeit— all⸗Gegenſtände des Ehr⸗ ſchl geizes und der Sehnſucht ſind außerhalb des Bereiches vor llie — haſt verlaſ⸗ — keine Emilie ie eir⸗ Mu⸗ ſuchn, ſchft⸗ öt das t und ngen. aatur, ichen , ein 2 ge⸗ wie venn wir und eren den, un⸗ 4⁰⁹ unſerer Arme nicht für uns vorhanden! Aber die Hütte, welche uns aufnimmt, ſoll nicht unwürdig ſein Deiner Schönheit oder unſerer Liebe. Unter Myrten und Re⸗ ben, in den Thälern, wo der Sommer ſchläft, bei den Flüſſen, welche das Andenken und die Legenden der Vor⸗ zeit murmeln, unter den Hügeln und den freundlichen lichten Stellen, bei den Silberquellen, immer noch ſo ſchön, als ob die Nymphen und Geiſter eine irdiſche Heimath hätten und ſchmückten:— unter dieſen Umge⸗ bungen wollen wir unſer Brautlager aufſchlagen, und der Mond des italieniſchen Himmels ſoll Wache über unſere Ruhe halten. Emilie!— Emilie! Wie gerne wiederhole und verweile ich bei dieſem ſchönen Namen! Wenn Dich ſehen, Dich anreden und vor Allem Dich berühren ein Entzücken war, welches Wort kann ich in dem Wörter⸗ buche der Glückſeligkeit finden, um mein Gefühl über die Verwirklichung der jetzt in mir brennenden Hoffnung auszudrücken— unſere Jugend in einen Strom zu ver⸗ einigen, wohin dieſer auch fließen möge; dieſelbe Luft einzuathmen, gleichſam ein Stamm zu werden und in ein Leben die Gefühle, die Wünſche, das Weſen Bei⸗ der zu verſchmelzen! Heute Abend werde ich Dich wieder ſehen; laſſe noch einen Tag hinfließen, und— ich kann den Satz nicht vollenden! Wie ich ſchon geſagt, das ſtürmiſche Glück der Hoffnung iſt über mich gekommen, um alles Andere zu verwirren und zu begraben. In dieſem Augenblicke ſchlägt mein Puls fieberhaft, des Zimmer ſchwimmt mir vor den Augen, Alles iſt mir unbeſtimmt und verworren 410 — ein Chaos von Empfindungen. O! daß das Gluͤck je ſolches Ubermaß haben kann! Als Emilie dieſen Brief erhielt, und an ihren Bu⸗ ſen legte, fühlte ſie nichts dem Geiſte Verwandtes, wel⸗ chen derſelbe athmete. Mit dem raſchen übergange und der bei Frauen ſo gewöhnlichen Unbeſtändigkeit der Empfindung, worin eben ſo oft ihre Sicherheit als ihre Gefahr beſteht, hatte ihr Gemüth bereits die Schwach⸗ heit des letzten Abends bereut und war in die Unent⸗ ſchloſſenheit und den Schmerz ihrer früheren Gewiſ⸗ ſensangſt zurückgefallen. Nie hatte eine menſchliche Bruſt einen härteren Kampf zwiſchen Gewiſſen und Leidenſchaft gekämpft;— wenn anders die ſo äußerſt ſanfte, wenn auch mächtige Liebe Emiliens Leidenſchaft genannt werden konnte; es war mehr eine Liebe, welche welcl mit ihrer Stärke auch an Veredlung zunahm; es lag Saa ihr nur die Schuld zur Laſt, derſelben Anfangs Raum Falk gegeben zu baben, eine Schuld, von welcher jene Klaſſe land von Engeln, deren Weſen Liebe iſt, ſie gerne ge⸗ Jol reinigt haben würde. Ihn ſehen, mit ihm leben, den erre Wechſel ſeiner Züge und ſeiner Stimme beobachten, bei lan Tage zuweilen ſeine Hand berühren und ſeinen Schlun⸗ die mer bewachen— dies war der Inbegriff ihrer Wünſche, unf dies die Grenzen ihrer Sehnſucht. Den Verſuchungen em der Gegenwart ſtand die ganze Geſchichte ihres früheren ein Lebens entgegen. Ihr Geiſt ſchwankte unſchlüſſig und Al elend von dem Einen zu dem Andern hinüber, wie der nu Augenblick ihm gerade eine Richtung gab. Sie hatte in ſei 411 s Glich der That keinen kräftigen Charakter; Erziehung und Lebensart hatten eine von Natur ſchon zu weiche Ge⸗ müthsart ſchwach gemacht, während ſie die weibliche Zartheit ſteigerten. Jede Erinnerung an ihre frühere en Bu⸗ Reinheit ſprach zu ihr mit der lauten Stimme der Pflicht 3, wel⸗ als Warnerin vor der großen Schuld, welche ſie auf ſich ge und laden wollte; und ſo oft ſie an ihr Kind dachte— die⸗ eit der ſen Mittelpunkt zärtlicher, ſündloſer Empfindungen, ls ihre einſt der ganze Schatz ihres Herzen— ſchmolzen auf wach⸗ einmal ihre Gefühle von dem Gegenſtande, der ſie ſo Inent⸗ mächtig wie durch einen Zauberbann gefeſſelt gehalten Bewiſ⸗ hatte, und lösten und verloren ſich in der großen, hei⸗ chliche ligen Quelle der Mutterliebe. und Als Falkland dieſen Abend kam, ſaß ſie in einer ußerſt Ecke des Salons, dem Anſcheine nach mit Leſen beſchäf⸗ ſchaft tigt, aber ihre Augen waren auf ihren Knaben gerichtet, velche welchen Mrs St. John an dem anderen Ende des lag Saales zu unterhalten ſich bemühte. Das Kind, welches daum Falkland liebte, ſprang auf ihn zu, als er eintrat; Falk⸗ laſſe land beugte ſich hinunter, es zu küſſen, und Mrs St. ge⸗ John ſagte mit leiſer Stimme, die eben noch ſein Ohr den erreichte,„auch Judas küßte, ehe er verrieth!“ Falk⸗ bei land wechſelte die Farbe; er fühlte den Stachel, der in um⸗ die Worte gelegt war. Dieſem Kinde, das ihn jetzt ſo ſche, unſchuldig liebkoste, ſtand er wirklich im Begriffe, das gen empfindlichſte Unglück, das in ſeiner Macht ſtand, und ren ein nicht wieder gut zu machendes Unrecht zuzufügen. und Aber wer hört in der Leidenſchaft die Stimme der Ver⸗ der nunft? Er verbannte den Vorwurf des Gewiſſens aus ſeiner Seele eben ſo ſchnell, als er aufgeſtiegen war, 412 ſetzte ſich neben Emilie und ſuchte ihr einen Theil der ihn beſeelenden Freude und Hoffnung einzuflößen. Mrs. St. John beobachtete ſie mit eiferſüchtigem, ängſtlichem Auge; ſie hatte bereits geſehen, wie erfolglos ihr frü⸗ herer Verſuch geblieben, Emiliens Gewiſſen kräftig ge⸗ gen ihren Geliebten zu waffnen; aber ſie beſchloß, we⸗ nigſtens den damals gemachten Eindruck zu erneuern. Die Gefahr war drohend, und das Heilmittel mußte ſchnell wirken, und es war ſchon etwas, wenn auch nicht gänzlich zu brechen, eine Vereinigung doch zu verzögern, gegen welche ebenſo ſehr die brennenden Gefühle der Eiferſucht, wie die beſſeren Empfindungen der Freund⸗ ſſ 9 ſchaft ſich auflehnten. Emiliens Auge glänzte ſchon bei den Worten, welche ihr Falkland ins Ohr flüſterte, als Mrs. St. John ſich ihr näherte. Sie ſetzte ſich auf einen Stuhl neben ihnen, und ohne Falkland's gerunzelte är⸗ gerliche Stirne zu beachten, ſuchte ſie eine allgemeine, gleichgültige Unterhaltung herbeizuführen. Lady Mar⸗ garetha hatte zwei oder drei Perſonen aus der Nach⸗ barſchafteingeladen, und als dieſe ankamen, wurden als⸗ bald Muſik und Karten mit jener engliſchen Politeſſe herbeigeſchafft, welche die erſte ſich darbietende Gelegen⸗ heit ergreift, um zu zeigen, daß die Unterhaltung mit unſeren Freunden das Letzte iſt, weßhalb wir ſie einla⸗ den; Aber Mrs. St. John verließ die Liebenden nie, und als Falkland, in Verzweiflung über ihre Beharrlich⸗ keit, endlich aufſtand, um an den Spieltiſch zu gehen, ſagte ſie:„Bitte, Herr Falkland, waren Sie zu einer ge⸗ wiſſen Zeit nicht vertrauter Freund von***s, der mit Lady rr floh?“„Ich kannte ihn nur oberflächlich,“ wand verle ihrer wo nach ſein ſie rich eil der Mrs. lichem r frü⸗ ig ge⸗ we⸗ uern. nußte nicht gern, 2 der und⸗ bei als inen är⸗ ine, ar⸗ ich⸗ ls⸗ eſſe en⸗ nit la⸗ ie, 413 erwiderte Falkland und ſetzte dann mit höhniſchem Lä⸗ cheln hinzu,„die wenigen Male, die ich ihn ſah, waren in Ihrem Hauſe.“ Ohne den Sarkasmus zu beachten, fuhr Mrs. St. John fort:—„Welch ungluͤckliche Ge⸗ ſchichte war dies! Sie hatten in früheren Jahren ſehr an einander gehangen— die einzige Entſchuldigung vielleicht, wenn eine Frau ihr ſpäter abgelegtes Gelübde bricht. Sie flohen. Das übrige ihrer Geſchichte iſt kurz erzählt: es iſt die Geſchichte aller Derer, welche der Leidenſchaft Alles aufopfern, ohne zu bedenken, das ſie unter Allem am kürzeſten dauert. Er, der ihr ſeine Ehre zum Opfer gebracht, opferte ſie wieder wegen einer Anderen. Sie konnte ſeine Untreue nicht ertragen; wie aber konnte ſie ihm dieſelbe vorwerfen? In dem Augen⸗ blicke, wo ſie ſich ſeiner Liebe hingab, war ſie deſſelben unwürdig geworden.„Sie machte ihm keine Vorwürfe — ſie ſtarb am gebrochenen Herzen! Ich ſah ſie gerade vor ihrem Tode noch, denn ich war ihr weitläufig ver⸗ wandt, und konnte ſie auch in ihren Sünden nicht ganz verlaſſen. Da ſprach ſie mir nur von dem Kinde aus ihrer früheren Ehe, das ſie in den Jahren verlaſſen, wo es ihrer Sorge am meiſten bedurfte; ſie fragte mich nach ſeiner Geſundheit,— ſeiner Erziehung— ja nach ſeinem Wachsthum: die unbedeutendſten Dinge hielt ſie es nicht unter ihrer Würde, nachzufragen. Die Nach⸗ richten von ihm waren das Einzige, was ihrer Seele wieder einigermaßen Freude und Spannkraft gab. Eines Tages brachte ich das Kind zu ihr, dieſes hatte wenigſtens ſie nie vergeſſen. Wie bitterlich weinte beide als ſie ſich trennen mußten! Und ſie— die arme, arme 414 Ellen— war eine Stunde nach der Trennung nicht mehr!“ Hier erſtand eine Pauſe von einigen Minuten. Emilie war tief ergriffen. Mrs. St. John hatte die Wir⸗ kung, welche die Erzählung hervorgebracht, geahnt und bot Allem auf, ſie noch zu verſtärken.„Sonderbar,“be⸗ gann ſie wieder,„daß ihr den Abend vor der Flucht einige Verſe von unbekannter Hand zugeſtellt wurden— ich glaube nicht, Emilie, daß ſie Ihnen ſchon bekannt ſind. Soll ich ſie Ihnen jetzt ſingen?“ und ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten, ſetzte ſie ſich an das Klavier; mit leiſer aber angenehmer Stimme, bedeutend gehoben durch den ausnehmenden Ausdruck ihres Vortrags, ſang ſie folgende Strophen:— An—— Und willſt Du verlaſſen dies glückliche Haus, Wo ſo lieblich dahinfloß das Leben? O bedenke, eh' du es nimmer ſiehſt, Welchen Schutz die Schuld Dir kann geben! Der Vogel, er wandert, doch kehrt er zurück, Von reinen Schwingen getragen; Doch die Heimath, ſte wird nie mehr zu Theil Dem Weib, das ſich ihrer entſchlagen. Ein Herz, das nur Blumenwege betritt, pfin Mag oft nach Ruhe ſich ſehnen; Unb Aber Du, in einer Welt von Schmerz, vor Willſt von dem Sitz der Ruhe Dich trennen. ſie Ruf' der Jugend Gelübde Dir zurück, ſtic Der Vergangenheit ſchöne Tage. ſo Dann wende Dich; bedenk' es wohl, He 1 Was der Zukunft Schoos Dir trage. 415 Nicht Zeit, nicht Hoffnung, bringet Troſt, nicht nuiit Wenn Schande klebt am Namen; e. Die Scham bricht Herzen, die noch friſch e Wir⸗ Aus ſchwerem Kummer kamen. 1 dn Und ſieh Dein armes Kind allein, , be⸗ Von Weh umringt ſein Leben. einige Es ſuchet Troſt an Söldlingsbruſt, — ich Den Du ihm ſollteſt geben. ſind. Das Kind hat man zuerſt gelehrt, Ant⸗ Daß es die Laute finde mit Zu Deinem Namen, und Du willſt, Daß dran nichts haft' als Sünde. oben ſang Weilt Krankheit um das Kindes Bett, Fehlſt Du an ſeiner Seite; Des Miethlings Tritte ſind nicht leis, Wie ſehr das Kind auch leide. Genug!'s iſt nicht zu ſpät, zu ſchau'n Den Trank, den Du wilſſt ſchaffen; Das letzte Glied, es fehlet noch, Dein Schiff iſt noch im Haſen. Iſt Kummer Dein beſchieden Theil, So ſtirb doch ohne Schande. Wohl beſſer iſt, es bricht Dein Herz, Als Du brichſt heil'ge Bande. Es wäre ein vergeblicher Verſuch, Emiliens Em⸗ pfindungen zu beſchreiben, als der Geſang zu Ende war. Unbeſtimmt und dunkel ſchwamm ihr Alles um ſie her vor den Augen. Die Heftigkeit ihrer Bewegung, welche ſie zu verbergen ſich bemühte, drohte ſie beinahe zu er⸗ ſticken. Sie ſtand auf, ſah Falkland mit einem Blicke ſo voll Jammer und Verzweiflung an, daß er ihm das (SHerz erſtarren machte, und verließ das Zimmer, ohne 416 ein Wort zu ſprechen. Noch einen Augenblick— man hörte ein Geräuſch— einen Fall. Man ſtürzte hinaus — Emilie lag ausgeſtreckt, dem Anſcheine nach leblos, auf dem Boden. Ein Blutgefäß war ihr ge⸗ ſprungen. ſehen und Sie aber letzt; wird ächt meh geg ich ſich ver übe Viertes Buch. KMrs. St. John an Erasmus Falkland Esg. Endlich kann ich auf Ihre Briefe eine günſtigere Antwort geben; Emilie iſt jetzt ganz außer Gefahr, ſeit dem Tage, wo Sie ſich mit ſo uneigennütziger Rück⸗ ſicht für ihre Geſundheit und ihren guten Ruf in ihr Zimmer drängten, wurde ſie, ohne Ihrer Schonung dafür verpflichtet zu ſein, allmählig beſſer. Ich hoffe, daß ſie in wenigen Tagen im Stande ſein wird, Sie zu ſehen. Ich hoffe dies um ſo mehr, weil ſie jetzt fühlt und entſchieden hat, daß es das Letztemal ſein muß. Sie haben zwar ihr Lebensglück auf ewig vergiftet, aber ihre Tugend iſt, Dank dem Himmel, noch unver⸗ letzt; und obgleich Sie ſie unglücklich gemacht haben, wird es Ihnen doch hoffentlich nicht gelingen, ſie ver⸗ ächtlich zu machen. Sie fragen mich in einem gewiſſermaßen drohenden, mehr aber noch klagenden Tone, warum ich ſo bitter gegen Sie ſei. Ich will es Ihnen ſagen. Nicht nur kenne ich Emilie und fühle in Folge dieſer Kenntniß zuver⸗ ſichtlich, daß ihr nichts die Vorwürfe ihres Gewiſſens vergüten kann, ſondern ich kenne auch Sie und bin überzengt, daß Sie am wenigſten der Mann ſind, ſſe Bulwer, Falkland. 27 418 glücklich zu machen. Ich ſetze für den Augenblick alle Anforderungen der Religion und der Sittlichkeit über⸗ haupt bei Seite und ſpreche zu Ihnen, um mich des abgedroſchenen, verbrauchten Ausdruckes zu bedienen, „ohne Vorurtheil,“ nur mit Rückſicht auf den vorlie⸗ genden Fall. Emiliens Gemüthsart iſt ſanft und em⸗ pfindlich, die Ihrige launiſch und im hoͤchſten Grade aufbrauſend. Die kleinſte Veränderung oder Laune bei Ihnen, die ein minder zartes Gemüth gar nicht beach⸗ tete, würde ihr das Herz verwunden. Sie wiſſen, daß eben die Sanftheit ihres Charakters aus einem Mangel an Stärke entſpringt. Überlegen Sie einen Augenblick, ob ſie die Erniedrigung und Schande ertragen könnte, welche ſo ſchwer die Fehltritte einer engliſchen Frau treffen? Sie iſt in den ſtrengſten Begriffen von Sitt⸗ lichkeit erzogen worden, und in einem von Natur nicht kräftigen Gemüthe kann nichts die erſten Eindrücke der 95 Erziehung verwiſchen. Sie iſt nicht— wahrlich nicht— Er geſchaffen für ein Leben voll Kummer und Entwürti⸗ gung. Bei einem anderen Charakter möchte eine andere mal Art des Benehmens wünſchenswerth ſein; aber in Rück⸗ nich ſicht auf ſie, halten Sie inne, Falkland, ich bitte Sie, dos ehe ſie einen neuen Verſuch machen, ſie auf immer zu Mir verderben. Ich habe Alles geſagt. Leben Sie wohl. M Ihre und vornehmlich Emiliens Freundin. o Erasmus Falkland Esg. an Lady Emilie Mandeville. ſo Du wirſt mich ſehen, Emilie, da Du jetzt ſo wit n hergeſtellt biſt, um dies ohne Gefahr zu können. Ich — verlange dies nicht als eine Gunſt. Wenn meine Liebe 419 etwas um die Deinige verdient hat, wenn frühere Er⸗ über⸗ innerungen mir ein Anrecht auf Dich geben, wenn mein Weſen nicht den Zauber verwirkt hat, den es früher auf das Deinige ausübte, ſo verlange ich es als ein Recht. Der überbringer wartet auf eine Antwort. Lady Emilie Mandeville an Erasmus Falkland Esgq. Peach⸗ Sie ſehen, Falkland! Können Sie daran zweifeln? Können Sie einen Augenblick glauben, daß Ihre Be⸗ fehle je aufhören können, mir Geſetze zu ſein? Kommen Sie hieher, wenn Sie wollen. Wenn man Sie während unte, meiner Krankheit zurückhielt, ſo geſchah es ohne mein „ heit z geſchah h Frau Wiſſen. Ich erwarte Sie, aber ich wünſche, daß dieſe Sitt. Unterredung die letzte ſein möge, wenn ich irgend An⸗ nicht ſprüche auf Ihre Barmherzigkeit habe. 4 d Erasmus Falkland Esgq. an Lady Emilie Mandeville. irdi⸗ Ich habe Dich geſehen, Emilie, und zum letzten⸗ dere male! Meine Augen ſind trocken— meine Hand zittert ück⸗ nicht. Ich lebe, gehe umher, athme wie zuvor— und Sie, doch habe ich Dich zum letztenmale geſehen! Du ſagteſt zu mir— während Du an meiner Bruſt lagſt und Dein Mund auf den meinigen gepreßt war,— Du ſagteſt in. mir(und ich ſah, wie aufrichtig Du es meinteſt), ich ſollte Dich ſchonen und Dich nicht mehr ſehen. Du 3 ſagteſt mir, Du habeſt keinen eigenen Willen, kein eige⸗ it nes Schickſal mehr; Du wollteſt wenn ich auf meinem h Verlangen beharre, Freunde, Heimath, Ehre um mei⸗ netwillen verlaſſen; aber Du verhehlteſt mir nicht, daß 420 Du eben damit auch Deinem Glücke entſagteſt. Da verhehlteſt mir nicht; daß ich Deine ganze Welt zu ſei nicht vermöge; Du warfſt Dich, wie Du früher ſchon einmal gethan, meinem ſogenannten Edelmuthe in die Arme; wie damals, haſt Du Dich auch jetzt nicht getäuſcht. In vierzehn Tagen verlaſſe ich England, wahrſcheinlich für immer. Ich habe noch ein anderes, mir durch ſeine Trübſale und Erniedrigung noch theureres Vaterland. und v Die Bande der Anhänglichkeit im Staatsleben ſind ihrem thun, Weſen nach wenig von denen des Privatlebens verſchie⸗ von den; und dieſes Geſtändniß des Vorzuges, den ich de die D gedemüthigten Lande vor dem ſtolzen gebe, wird zugleich eine Antwort auf die Behauptung der Mrs. St. John ſein, daß wir Männer im Unglücke nicht ſo lieben kön⸗ nen, wie in Zeiten des Glückes. Genug hievon. Wegen der von Dir getroffenen Wahl kann ich Dir keine Vor⸗ würfe machen. Du haſt weiſe, recht, tugendhaft gehan⸗ Lady delt. Du ſagteſt, dieſe Trennung müſſe mehr durch lieben mich, als durch Dich herbeigeführt werden, Du wollteſt⸗ 8 die Meinige in dem Augenblicke werden, wo ich es vor⸗ als lange. Ich will weder jetzt, noch irgend wann dieſes 2 Verſprechen annehmen. Niemand, am wenigſten ein ihn Weſen, das ich ſo innig, ſo aufrichtig liebe, wie Dich, 4 dies ſoll je von meinen Händen Schande empfangen, wenn diſ ſie nicht ſelbſt fühlte, daß dieſe Schande ihr theurer 2. ſei, als jede andere Herrlichkeit; daß das bloße Loos, mij mein zu ſein, nicht ſowohl eine Entſchädigung, als ma eine Belohnung ſei, und trotz aller Erniedrigung und d Beſchämung in den Augen der Welt all ihre Träune„ f von Glück und Stolz erfüllen und übertreffen würde. 421 getzt ſchreibe ich Dir, um Dir Lebewohl zu ſagen. Mögeſt Du— ich ſage Dies uneigennützig und von ganzem Herzen— mögeſt Du bald vergeſſen, wie ſehr Du mich liebteſt und noch liebſt! Zu dieſem Behufe kannſt Du keine beſſere Geſellſchaft haben, als Mrs. St. John. Ihre Anſicht von mir iſt laut ausgeſprochen terland, und vermuthlich wahr; auf jeden Fall wirſt Du gut dihrem thun, wenn Du ihr Glauben ſchenkſt. Du wirſt mich erſchiee von Vielen angreifen und tadeln hören. Ich läugne ich den die Beſchuldigungen nicht; Du weißt am beſten, was ugleich ich von Dir verdient habe. Gott ſegne Dich, Emilie. .. John Wohin ich auch gehe, nie werde ich aufhören, Dich zu Dich jetzt liebe. Mögeſt Du Glück finden teſt. Dh lt zu ſen her ſcho he in oir etäuſcht ſcheinlih rih ſeine I n kon⸗ lieben, wie ich Vegen in Deinem Kinde und Deinem Gewiſſen! Noch ein⸗ Vor⸗ mal, Gott ſegne Dich, und lebe wohl! der Lady Emilie Mandeville an Erasmus Falkland Esg. llteſ 1 O Falkland! Du haſt geſiegt! Ich bin die Deinige ver⸗— nur die Deinige— ganz und auf ewig. ieſes Als Dein Brief kam, zitterte meine Hand ſo, daß ich ein ihn einige Minuten nicht öffnen konnte; und als ich dich, dies that, war es mir, als ob der Boden unter meinen enn 4 Füßen wiche. Du wollteſt Dein Vaterland verlaſſen, rer Du ſollteſt für mich auf immer verloren ſein. Ich konnte os, mich nicht länger zurückhalten; all meine Tugend und als mein Stolz verließen mich auf einmal. Ja, ja, Du biſt nd in der That meine Welt. Ich will mit Dir fliehen in ne die weite Welt— wohin es auch ſei. Nichts iſt mir ¹ fuürchterlich, als Dich nicht ſehen; eine Dienerin— eine Sklavin— ein Hund wollte ich ſein, wenn ich 4²² nur um Dich bleiben, einen Ton Deiner Stimme hoͤren, einen Blick Deines Anges erhaſchen könnte. Ich ſehe kaum das Papier vor mir, ſo zerſtreut und verwirrt ſind meine Gedanken. Schreibe nur ein Wort, Falk⸗ ihn land; ein Wort, und ich will es an mein Herz legen— d und glücklich ſein. Erasmus Falkland an Lady Emilie Mandevxille. ranHotel, London. Ich eile zu Dir, Emilie— meine innig, einzig Geliebte. Dein Brief hat mir das Leben wieder gegeben. Morgen ſehen wir uns. Mit gemiſchten Empfindungen, getrübt und ver⸗ bittert, trotz der glühenden Hoffnung, welche unter allen die mächtigſte war, kehrte Falkland nach Exss zurück. bit Er wußte, daß er der Erfüllung ſeiner heißeſten Wün⸗ ha ſche nahe war, daß er ſchon ſeine Hand ausſtrecken konnte he nach dem Preiſe, welcher für ihn all die tauſend Ge⸗ ke genſtände des Ehrgeizes einſchloß, auf welche ſich bei A anderen Menſchen die vielfachen Wünſche richten; die u kühnſten Träume, die er vor Jahren zu träumen gewagt, d ſollten jetzt verwirklicht werden. Er hatte allen Grund, glücklich zu ſein;— er fühlte ſich, darin beſteht die Unbeſtändigkeit der menſchlichen Natur, beinahe elend. Die ihm immer eigene kränkelnde Schwermuth verbrei⸗ tete ihre Färbung über all ſeine Empfindungen und Gedanken. Er kannte die Gemüthsart des Weibes, deren Neigung er irre geleitet, und zitterte bei dem Gedanken zu welchem Schickſale er ſie zu verdammen im Begriffe ſtehe. Damit beſchlich ſeine Seele eine Reihe dunkler, einigender Erinnerungen. Emilie war nicht die Einzige, die er dem Verderben entgegengeführt Allen, welche ihn geliebt, hatte er mit Undank gelohnt; und Einer — der Erſten— der Schönſten— der Geliebteſten— mit dem Tode. Dieſe letzte Erinnerung drang ſich ihm ſchmerzlicher auf als alle anderen. Man wird ſich erinnern, daß Falkland in den Briefen, welche dieſe Erzählung begin⸗ nen, als er von Verbindungen ſprach, welche er nach dem Verluſte ſeiner erſten Liebe angeknüpft, ſelbſt ſagt, die Sinne, nicht das Herz, ſeien dabei betheiligt gewe⸗ ſen. Wirklich war auch ſeit ihrem Tode, bis er mit Emilie zuſammenkam, ſein Herz ihrem Andenken nie untreu geworden. Ach! nur Diejenigen, welche in ihrer. Seele ein Bild von Todten bewahren, welche lange, bittere Jahre in Heimlichkeit und Wehmuth gewacht haben, welche fühlten, daß es für ſie gleichſam eine heilige, von Geiſtern heimgeſuchte Stelle ſei, welche kein Auge außer dem ihrigen entweihen dürfe; die Alles mit Erinnerungenwie mit einem Zauber erfüllt und das Univerſum zu einem großen Mauſoleum für die Verlorenen gemacht haben:— nur Dieſe können das Geheimniß jener ſchmerzlichen Wehmuth verſtehen, welche über jede ſpätere Leidenſchaft, ſei ſie auch glü⸗ hender und inniger, ausgegoſſen iſt, jenes dem Bewußt⸗ ſein des Tempelraubes ähnliche Gefühl, womit wir in den verborgenen Niſchen des Geiſtes ein neues, leben⸗ diges Götterbild aufſtellen und die letzte Handlung der 424 Untreue begehen gegen die begrabene Liebe, welche unz der Himmel, der ſie neu aufgenommen, und die Erde, wo wir ſie einſt ſahen, mittelſt der zahlloſen Stimmen der Natur mit dem Weihrauchopfer unſerer Treue ver⸗ ehren heißen. Sein Wagen hielt an dem Waldhäuschen. Die Frau welche die Thüre öffnete, gab ihm folgendes Billet:— „Herr Mandeville iſt zurückgekommen; ich fürchte beinahe, daß er unſere Liebe ahnt. Julie ſagt, wenn Du wieder nach Ers kommeſt, werde ſie ihm Alles mit⸗ theilen. Ich wage nicht, theuerſter Falkland, Dich hier zu ſehen. Was iſt zu machen? Ich bin ſehr krank und habe Fieber, mein Gehirn brennt ſo, daß ich Nichts denken, fühlen und faſſen kann, als den Gedauken, das Gefühl, die Gewißheit— daß ich trotz der Schande und Schuld im Leben und Tod die Deinige bin. E. M. u Als Falkland dies Billet las, verdoppelte ſich ſeine außerordentliche, überwältigende Liebe zu Emilien mit jedem Worte; einen Augenblick zuvor hatte die Gewiß⸗ heit, ſie zu ſehen ſeine Seele nach tauſend Richtungen ſich zerſtreuen laſſen; jetzt verſammelte die Ungewißheit ihre ganze Thätigkeit wieder auf einen Punkt. Er ſchlug einen andern Weg nach L's ein und ſandte von da ein kurzes Billet an Emilie, worin er ſie für dieſen Abend um eine Zuſammenkunft am See anflehte, um das Nöthige wegen ihrer endlichen Flucht zu beſpre⸗ chen. Ihre Antwort war kurz, von ihren Thränen ver⸗ wiſcht, aber einwilligend. Während dieſes ganzen Tages, wenigſtens von dem Gegen Sinn erkält dauer 4 dem ſi ner zu deville Falkle ſie al ville, Zorn mütl Meig ahnt ſucht ſtän ſiſch Her Une — 42⁵ Augenblicke an, wo ſie Falklands Brief erhalten, war Emilie kaum im Stande, einen einzigen Gedanken zu faſſen; ſie ſaß ſtill und regungslos da, ſtarrte in die leere Luft hinaus und ſah in ihrer Seele, wie in den Gegenſtänden um ſie her nur eine fürchterliche Leere. Sinn, Gedanke, Gefühl, ſogar Gewiſſensangſt war erkältet und erſtarrt; die Flut der inneren Bewegung dauerte noch an, aber ſie war in Eis verwandelt! Als Falklands Diener außen gewartet, bis das Bil⸗ let an Emilie übergeben ward, hatte ihn Mrs. St. John bemerkt; ihr Schrecken und ihre Üüberraſchung dienten nur dazu, ihre Geiſtesgegenwart zu ſteigern. Sie fing Emiliens Antwort unter dem Vorwand auf, ſie ſelbſt Falklands Diener übergeben zu wollen. Sie las dieſelbe, und ihr Entſchluß war gefaßt. Nach⸗ dem ſie dieſelbe ſorgfältig wieder geſiegelt und dem Die⸗ ner zugeſtellt hatte, ging ſie plötzlich zu Herrn Man⸗ deville und entdeckte ihm Lady Emiliens Neigung für Falkland. Zu dieſer verrätheriſchen Handlung hatten ſie allein ihre Leidenſchaften getrieben, und als Mande⸗ ville, aus ſeiner gewöhnlichen Fühlloſigkeit zum heftigſten Zorne ſich aufraffend, ihr immer wieder für ihre edel⸗ müthige Freundſchaft dankte, welche ſie nach ſeiner Meinung allein zu dieſer Mittheilung veranlaßt hatte, ahnte er nichts von der heftigen, unbezähmbaren Eifer⸗ ſucht, die ſelbſt die Schande beneidete, welche ihr Ge⸗ ſtändniß abwenden ſollte. Mit Recht ſagt der franzö⸗ ſiſche Schwärmer,„daß das dem Anſcheine nach heiterſte Herz der ruhigen, glänzenden Quelle gleicht, welche die Ungeheuer des Nil in dem Schooße ihrer Waſſer hege.“ 42²⁶ Welchen Lohn ſich Mrs. St. John für dieſe Handlung verſprochen haben mochte, ſie trug wahrlich die ihr ge⸗ bührende Vergeltung davon. Die Folgen ihres Ver⸗ rathes, welche ich mich zu erzählen beeile, haben für Andere aufgehört— für ſie blieben ſie. Unter zerſtreu⸗ enden Vergnügungen vergiftet ein Gedanke ihr Gemüth; eine dunkle Wolke iſt geblieben zwiſchen dem Sonnen⸗ ſcheine und ihrer Seele, wie den Mörder bei Shakſpeare, hat die Feſtlichkeit, wohin ſie floh, um ſich zu vergeſſen, ſie mit dem Geſpenſte der Erinnerung erſchreckt. O du unbezähmbares Gewiſſen! das du nie ſchmeichelſt— das du ein Menſchenherz nicht ſchlummern oder ſchlafen läſſeſt— du nimmſt uns die Gegenwart, du ſchneideſt uns die Vergangenheit ab und ſchmiedeſt die ewige Kette, welche uns an den Felſen und den Geier der Vergan⸗ genheit feſſelt! Still und düſter kam der Abend heran; eine athem⸗ loſe ſchwere Ahnung ſchien durch die Luft zerſtreut; ſchwere, große Wolken hingen regungslos an dem finſteren Himmel, zwiſchen welchen in langen Zwiſchen⸗ räumen hier und dort die blaſſen Sterne herab ſchauten; ein doppelter Schatten ſchien die düſteren Baumgruppen einzuhüllen, welche ohne eine Bewegung an dem melan⸗ choliſchen Horizonte ſtanden. Die Waſſer des Seees lagen tief und ruhig da, wie der Schlaf des Todes; und der gebrochene Wiederſchein der ſteilen, gewunde⸗ nen Ufer ruhte auf ihrer Bruſt, wie die traumähnliche Erinnerung eines früheren Daſeins. Die beſtimmte Stunde war gekommen; Falkland war zur Stelle und betrachtete den vor ihm liegenden dlung hr ge⸗ Ver⸗ n für ſtreu⸗ nüth; inen⸗ eare, eſſen, O 1,— afen ideſt ette, an⸗ m⸗ 427 See, ſeine Wange flammte, ſeine Hand war verſengt und trocken von dem ſein Inneres verzehrenden Feuer. Sein Puls ging voll und heftig; der Dämon böſer Lei⸗ denſchaften wallte über ſeiner Seele. Er ſtand ſo in ſeine Gedanken verloren da, daß er einige Augenblicke das zärtliche thränenvolle Auge nicht gewahrte, welches auf ihm ruhte— auf dieſer Stirne, dieſem Munde, die immer ſchön, doch jetzt ſo göttlich erſchienen, daß ihre Ruhe ſtören faſt ein Heiligthum entweihen hieß; und obwohl Emilie mit leichtem ſchnellem Schritte auf ihn zueilte, blieb ſie doch unwillkürlich ſtehen und be⸗ trachtete das edle Antlitz, das ihre früheſten Träume von der Schönheit und Majeſtät der Liebe zu verwirk⸗ lichen ſchien. Er wandte ſich langſam um und bemerkte ſie; mit dem ihm eigenen Lächeln ging er auf ſie zu, drückte ſie ſchweigend an ſeine Bruſt und preßte ſeinen Mund auf ihre Stirne; ſie lehnte ſich an ſeine Bruſt und vergaß Alles außer ihm. O! wenn es ein Gefühl gibt, das die Liebe, ſelbſt die ſchuldige Liebe, zu einer Gottheit macht, ſo iſt es das Bewußtſein, daß mitten in dieſer lärmenden Welt ſie in einſamer Abgeſchieden⸗ heit lebt, und daß die ſie Verehrenden nichts wiſſen von der Armſeligkeit, dem Hader, dem Geräuſche, das die gewöhnlichen Erdenbewohner befleckt und bewegt! Was galt ihnen, wie ſie jetzt ſo allein daſtanden in der tiefen Stille der Natur, Alles, was, ehe ſie ſich kennen gelernt und geliebt, für ſie Werth hatte? Selbſt in ihr ver⸗ ſtummten die Gedanken an Schuld und Unglück; ſie war nur für Eines empfänglich— für die Gegenwart des neben ihr ſtehenden Weſens, 428 Des Ocears für ihrer Seele Ströme. Sie ſetzten ſich unter einer Eiche; Falkland beugte ſich, die kalte bleiche Wange zu küſſen, die noch an ſeiner Bruſt ruhte. Seine Küſſe waren wie Lava: die trüben ſtürmiſchen Elemente der Sünde und des Verlangens waren ſelbſt bis zur Raſerei in ihm aufgeregt. Er zog ſie näher an ſeine Bruſt; ihre Lippen begegneten den ſeinigen; ſie nahmen vielleicht etwas von dem Geiſte an, den ſie einſogen; ihre Augen waren halb geſchloſſen wild wogte der Buſen, der an ſein ſchlagendes, bren⸗ nendes Herz gedrückt war. Die Wolken wurden immer dunkler mit der ſie überſchleichenden Nacht; ein leiſes Rollen des Donners brach in der umwölkten, ſchweren Luft aus— ſie hörten es nicht; und doch war es die Todesglocke für Frieden— Tugend— Hoffnung— welche verloren waren, verloren auf immer für ihre Seelen! Sie ſchieden, wie noch nie zuvor. In Emiliens Bruſt war eine ſchreckliche Oede— eine ungeheure Leere— über welche eine leiſe tiefe Stimme, wie die eines Gei⸗ ſtes, hinhallte— ein verworrener, befremdender Ton, der eine Sprache redete, welche ſie nicht verſtand, — aber fühlte, daß ſie ſprach von Wehe— Schuld— Verdammniß. Ihre Sinne waren betäubt, die Lebens⸗ kraft ihrer Empfindungen gelähmt und erſtarrt: der erſte Herold der Verzweiflung iſt Unempfindlichkeit. „Morgen alſo,“ ſagte Falkland— und ſeine Stimme klang ihr zum erſtenmale rauh und hart—„werden wir für immer von hier fliehen; mit Tagesanbruch tref⸗ fen wir uns— der Wagen wird uns erwarten— wir können unſere Vereinigung jetzt nicht zu ſehr beſchleu⸗ nigen— ich wollte, wir wären in dieſem Augenblicke ſchon gerüſtet!⸗—„Morgen!“— wiederholte Emilie, „mit Tagesanbruch!“ und als ſie ſich an ſeine Bruſt warf, fühlte er, wie ſie ſchauerte;„morgen— ja⸗ morgen!—“ noch ein Kuß eine Umarmung— das einzige Wort„Lebewo Pl, und ſie trennten ſich. Falkland ging nach L⸗⸗ zurück; eine düſtere Ahnung laſtete auf ſeiner Seele; jene dumpfe unbeſchreibliche Furcht, die kein menſchlicher Verſtand, keine weltliche Urſache erklären kann jenes innere Zuſammenſchre⸗ cken— jenes unbeſtimmte Bangen vor der Zukunft— jenes Ringen gleichſam mit einem unbekannten Schatten jenes Herumſchweifen des Geiſtes— wohin? jener kalte, kalt berlaufende Schauer vor was? Als er in das Haus trat, begegnete er ſeinem vertrau⸗ ten Diener. Er gab ihm Befehle hinſichtlich der mor genden Flucht und zog ſich dann in ſein Schlafzimmer zurück. Es war ein alterthümliches, großes Gemach; das Getäfel war von Eichenholz, ein breites, hohes Fenſter beherrſchte die weite, unten ſich hinziehende Landſchaft. Er ſetzte ſich ſchweigend an das Fenſter und öffnete es; die dumpfe Luft kam ſeiner Stirne entgegen, verbunden mit keinem Gefühle der Erfriſchung, ſondern wie die ſengende Atmoſphäre des Oſten, beladen mit mächtiger Niedergeſchlagenheit, welche ſich tief in ſeine Seele ſenkte. Er verließ das Fenſter— warf ſich auf das Bett und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. Seine Gedanken machten ſich in tauſend verworrenen Geſtal⸗ 430 ten Luft; vor allen aber trat eine entzückende Vorſtel⸗ lung hervor, und dieſe beſtand darin, daß der mor⸗ gende Tag ihn für immer mit derjenigen verbinden ſollte, deren Beſitz ſie ihm nur noch theurer gemacht hatte. Inzwiſchen verfloſſen die Stunden, und wie er ſo ruhig und ſchweigend dalag, ſchlug die Glocke der fernen Kirche mit hellem, feierlichem Tone an ſein Ohr. Es war eine halbe Stunde nach Mitternacht. In die⸗ ſem Augenblicke durchlief ein eiskalter Schauer, der ſein Blut erſtarren machte, langſam ſeine Adern. Sein Herz ſchlug, wie in einem Vorgefühl des Nachfolgenden heftig und blieb dann ſtehen; das Leben ſelbſt ſchien hinzuſchwinden; kalte Tropfen ſtanden auf ſeiner Stirne; ſeine Augenlieder zitterten, und die Augäpfel rollten und ſtarrten wie die eines Sterbenden; eine tödtliche Furcht überkam ihn, ſo daß ſein Fleiſch erbebte und jedes Haar auf dem Haupte ein eigenes Leben erhal⸗ ten zu haben ſchien; das Mark in ſeinen Gebeinen ge⸗ rann, und ſein Blut wurde immer dicker, und wie zu einer ſtehenden, geronnenen Maſſe. In wilder unaus⸗ ſprechlicher Angſt ſtarrte er hinaus. Da ſtand am fern⸗ ſten Ende des Zimmers eine dämmernde, dünne Geſtalt wie Mondlicht, ohne beſtimmte Umriſſe oder Formen, ruhig unkenntlich, ſchattenhaft. Sprach⸗ und bewe⸗ gungslos ſtierte er ſie an; ſeine Geiſteskräfte und Sinne ſchienen in unnatürlicher Verzückung geſchloſſen. Allmählig wurde das Gebilde heller und immer heller vor ſeinem ſtarren weitaufgeriſſenen Auge. Er ſah wie durch einen wallenden, nebelartigen Schleier die Züge Emiliens, aber wie verändert!— eingefallen, farblos, 431 orſtel⸗ erſtorben. Die herabhängende Lippe, von welcher ein mor⸗ hochrother Tropfen wie Blut zu rinnen ſchien; das tod⸗ inden tenähnliche, lebloſe Auge; die ſtarre, ſchauerliche, ge⸗ nacht heimnißvolle Ruhe, welche auf dem Geſichte der Todten ie er liegt;— alles dies trat gleichſam für einen kurzen e der Augenblick voll Todesſchauer aus der umſchließenden Ohr. Nebelwolke hervor und verſchwand dann eben ſo plötz⸗ die⸗ lich; der Zauber wich von ſeinen Sinnen. Mit einem der lauten Schrei ſprang er vom Bette auf. Alles war Sein ruhig. Keine Spur war übrig von dem, was er geſe⸗ iden hen. Das ſchwache Sternenlicht beſchien die Stelle, wo hien wo die Erſcheinung geſtanden hatte; auf dieſer Stelle ene; ſtand auch er. Er ſtampfte auf den Boden— er war lten feſt unter ſeinen Füßen. Er betaſtete ſeinen Körper iche mmit den Händen— er war wach— er war nicht ver⸗ und ändert; Erde, Luft, Himmel waren um ihn wie zuvor. al⸗ Was war alſo über ſeine Seele gekommen, daß ſolcher ge⸗ Schrecken, ſolche Schwäche ſie befiel? Auf dieſe Fragen hatte ſeine Vernunft keine Antwort. Kühn von Natur, und ſkeptiſch vermöge ſeiner Philoſophie, fand ſein n⸗ Geiſt allmählig ſeine gewöhnliche Stimmung wieder; alt er gab keinen Vermuthungen Raum; er ſuchte es ſich n, 1 aus dem Sinne zu ſchlagen; durch natürliche Urſachen . ſuchte er die Erſcheinung, die er wirklich oder nur in d der Einbildung geſehen, zu erklären; und als er ſein 1. Blut wieder den ordnungsmäßigen Lauf nehmen r fühlte und die kühle Nachtluft ſeinen fieberhaften Kör⸗ e per anwehte, lächelte er mit trotziger, höhniſcher Bit⸗ e terkeit über den Schrecken, der ſeinen Geiſt ſo erſchüt⸗ tert, über die Einbildung, die ihn ſo getäuſcht hatte. 43²2 Erden, als ſich unſere Philoſophie träumen läßt?“ Ein Geiſt waltet vielleicht in der Luft, welche wir ath⸗ men; die Tiefe unſerer vorborgenſten Einſamkeit kann von unſichtbaren Weſen bevölkert ſein; unſer Aufſtehen und unſer Niederlegen wird vielleicht von Zeugen aus dem Grabe beobachtet. Auf unſeren Wanderungen fol⸗ gen uns vielleicht die Todten auf den Ferſen; bei unſe⸗ ren Feſtmahlen können ſie mit zu Tiſche ſitzen; und der froſtige Hauch des Nachtwindes, der in den Vorhängen unſeres Bettes ſpielt, kann uns eine unſeren Sinnen nicht verſtändliche Botſchaft von Lippen bringen, welche einſt Küſſe auf die unſerigen gedrückt! Warum über⸗ ſchleicht uns bisweilen ein Schauer, eine überwältigende und doch unerklärliche Angſt? Warum ſchaudern wir ohne Grund zuſammen und fühlen das warme Lebens⸗ blut in ſeinem Laufe ſtille ſtehen? Sind uns dann die Todten nahe? Berühren uns während ihrer Bewegungen überirdiſche Fittige? Unterhält unſere Seele einen Verkehr, welchen der Körper, wenner ihn auch fühlt, doch nicht theilt, mit der übernatürlichen Welt— wird ſie theilhaftig geheimnißvoller Offenbarungen— unbegreiflicher Gemeinſchaft— in einer ſchauerlichen, gewaltigen Sprache, welche die fleiſchliche Scheidewand bis ins Innerſte erſchüttert, die den Geiſt von ſeinen Genoſſen trennt? Wie fürchterlich iſt das Leben ſelbſt, welches wir leben! Wir haben unſer Daſein unter einer Wolke und ſind uns ſelbſt ein Wunder. Es gibt keinen einzigen Gedanken, der ſeine beſtimmten Grenzen hätte. Wie Gibt es nicht„mehr Dinge im Himmel und auf ud auf äßt? r ath⸗ kann ſtehen n aus fol unſe⸗ d der ngen nnen elche ber⸗ ende wir ns⸗ nn rer ere uch 4³³ Kreiſe im Waſſer, werden unſere Nachforſchungen ſchwächer, je weiter ſie ſich ausdehnen, und verſchwin⸗ den endlich in dem unermeßlichen, unergründlichen Naume der ungeheuren Sphäre wo unſer Wiſſen endet. Wir gleichen Kindern im Dunkeln; wir zittern in einer ſchat⸗ tenhaften, ſchrecklichen, von unſeren Phantaſiegebilden bevölkerten Leere! Das Leben iſt in der That für uns nur Nacht, und der erſte Schimmer des Morgens, der uns Gewißheit bringt, iſt der Tod. Falkland ſaß den Reſt der Nacht am Fenſter und beobachtete die Wolken, wie ſie grauer wurden, als die Dämmerung anbrach und ſich deren erſtes Lüftchen er⸗ hob. Er hörte das Stampfen der Roſſe unten, warf ſeinen Mantel um und ging hinab. An einer Straßen⸗ biegung jenſeits des Waldhäuschens ließ er den Wagen warten und ging dannnach dem verabredeten Orte. Emilie war noch nicht da. Mit unruhigen, eiligen Schritten ging er hin und her. Der Eindruck der Nacht war großentheils in ſeinem Gemüthe verlöſcht, und er überließ ſich ohne Bedenken den heißen, ſanguiniſchen Hoffnungen, welche zu hegen er ſo ſehr Grund hatte. Auch dachte er auf Augenblicke an das herrliche Klima, unter welchem er ein Aſyl zu ſuchen beabſichtigte, wo ſchon die Luft Muſik iſt, und das Licht den Färbungen der Liebe gleicht, und er dachte ſich die Seufzer gegenſeitigen Entzückens in Ver⸗ bindung mit den Wohlgerüchen der Myrten und dem Hauche des toskaniſchen Himmels. Die Zeit verſtrich. Längſt war die Stunde vorüber, und noch kam Emilie nicht! die Sonne ging auf, und Falkland wandte ſich in finſterem, ärgerlichem Mißmuthe von ihren Strahlen ab. Bulwer, Falkland. 28 434 Mit jedem Augenblick ſtieg ſeine Ungeduld, und endlich konnte er ſich nicht mehr halten. Er ging auf das Haus zu. Eine Zeitlang ſtand er in einiger Entfernung, als aber Alles noch in tiefer Ruhe zu liegen ſchien, ſchlich er ſich immer näher hin, bis er an der Thüre ſtand; zu ſeinem Erſtaunen war ſie offen. Er ſah Geſtalten raſch durch die Halle eilen. Er hörte ein verworrenes, un⸗ deutliches Geflüſter. Endlich wurde er flüchtig Mrs. St. John gewahr. Er konnte ſich nicht mehr beherrſchen. Er ſprang vor— trat in die Thüre— in die Halle — und faßte ſie beim Kleide. Er konnte nicht ſprechen, aber in ſeinen Zügen drückte ſich Alles aus, was ſein Mund zu ſagen ſich weigerte. Mrs. St. John brach in Thränen aus, als ſie ihn ſah.„Guter Gott!“ ſagte ſie,„was machen Sie hier? Iſt es möglich, daß Sie ſchon erfahren haben—?“ Die Stimme verſagte ihr. Falkland hatte inzwiſchen wieder Faſſung gewonnen. Er wandte ſich an die Dienſtboten, welche ihn umſtan⸗ den.„Sprecht,“ ſagte er ruhig.„Was iſt geſchehen?“ „Mylady— Mylady!“ tönte es auf einmal aus Meh⸗ rer Munde.„Was iſt mit ihr?“ fragte Falkland mit bleicher Wange, aber unveränderter Stimme. Alles ſchwieg. In dieſem Augenblicke ging ein Mann, in wel⸗ chem Falkland den nahe wohnenden Arzt erkannte, auf der entgegengeſetzten Seite durch den Saal. Ein Licht, ein betäubendes, unerträgliches Licht ging ihm auf.„Sie ſtirbt— ſie iſt vielleicht ſchon todt,“ ſagte er in leiſem grabähnlichem Tone, und ließ ſeinen Blick umherſchwei⸗ fen, bis er alle Anweſenden betrachtet. Niemand ant⸗ wortete. Er ſchwieg einen Augenblick, wie von einem 43⁵ plötzlichen Schlage gelähmt, und ſprang dann die Trep⸗ pen hinauf. Er ging durch das Ankleidezimmer in das Gemach, wo Emilie ſchlief. Die Läden waren nur halb geſchloſſen, ein ſchwaches Licht drang herein und fiel auf das Bett, neben welchem zwei Frauen knieeten. Dieſe ſah er weder, noch achtete er ihrer. Er zog die Vorhänge zu⸗ rück. Er ſah— was er im Traume ſchon in der verwiche⸗ nen Nacht geſehen— das veränderte, lebloſe Antlitz pon Emilie Mandeville! Das Geſicht, noch immer voll zar⸗ ter Schönheit, war theilweiſe ihm zugewandt. Einige dunkle Flecken auf Mund und Hals ſagten, wie ſie ge⸗ ſtorben— das Blutgefäß, welches früher geſprungen, war wieder aufgebrochen. Die liebevollen, ſanften Augen, welche für ihn ſtets nur einen Ausdruck ge⸗ habt, waren geſchloſſen, und die langen, aufgegangenen Flechten verbargen halb und hoben durch ihre Farbe die Bruſt, welche erſt in der verfloſſenen Nacht an der ſeinigen zu beben gelernt hatte. Glücklicher in ihrem Schickſale, als ſie verdiente, ſchied ſie aus dieſem bit⸗ teren Leben, ehe die Strafe ihrer Schuld begonnen hatte. Sie war nicht dazu verdammt, unter dem na⸗ genden Kummer der Schande oder der Kälte entfrem⸗ deter Neigung hinzuwelken. Von dem Manne, welchen ſie ſo ſehr verehrt, ſollte ſie nicht Kränkung oder Wechſel der Geſinnung gegen ſie erfahren, ſie ſtarb, während ſeine Leidenſchaft in ihrer vollen Kraft— ehe eine Blüte, ein Blatt verblichen war, und ſie verſank in den ewigen Schlummer, während ſein Kuß noch auf ihrer Lippe brannte, und ihr letzter Athemzug war bei⸗ nahe noch mit ſeinem Seufzer vermiſcht. Für ein ver⸗ 436 irrtes Weib hat das Leben nichts, was einem ſolchen Tode vorzuziehen wäre. Stumm und regungslos ſtand Falkland da; kein Wort des Jammers oder Schreckens entſchlüpfte ſeinem Munde. Endlich bückte er ſich nie⸗ der. Er ergriff die über das Bett herabhängende Hand und drückte ſie; ſie erwiderte den Druck nicht, ſondern entfiel kalt und ſchwer der ſeinigen. Er legte ſeine Wange an ihren Mund; nicht der ſchwächſte Hauch drang hervor, und jetzt erſt trat ein Wechſel auf ſeinem Geſichte ein; einen langen und letzten Kuß drückte er dieſem Munde auf und verließ ohne ein Wort, ohne eine Geberde, ohne eine Thräne das Gemach. Zwei Stunden ſpäter fand man ihn bewußtlos auf der Erde liegen, und zwar an eben der Stelle, wo er in der Nacht zuvor mit Emilien zuſammen geweſen. Wochenlang wußte er nichts von dieſer Erde— er war umgeben von den Geſpenſtern eines ſchreckli⸗ chen Traumes. Alles war Verwirrung, Finſterniß, Entſetzen— eine Reihe und ein ewiger Wechſel von Qualen! Bald ward er in einem feurigen Stern durch den Himmel geſchleppt, von oben, von unten und ringsum mit unauslöſchlichen, aber ihn nie verzehren⸗ den Flammen umgürtet. Wohin er auf ſeiner Wande⸗ rung durch ſein ungeheueres, loderndes Gefängniß trat, war geſchmolzenes Feuer ſein Boden, ein glühender Qualm ſeine Luft. Blumen, Bäume und Hügel wa⸗ ren in dieſer Welt wie in der unſrigen, aber aus ei⸗ nem düſtern unerträglichen Lichte geformt, und rings umher zerſtreut erhoben ſich rieſenartige Paläſte und Tempel von dieſer lebendigen Flamme, wie die Behau⸗ 8 =— 2—g—' 437 ſungen in der Höllenſtadt. Jeden Augenblick ſchweb⸗ den ſchattenhafte Geſtalten vorüber, auf deren Geſich⸗ tern unausſprechliche Pein eingegraben war; aber kein Schrei, kein Gewinſel hörte man in der rothen Luft, denn den Verdammten, welche die Flammen unterhielten und bewohnten, war der Troſt der Sprache entzogen. Darüber ſaß unbeweg⸗ lich und ſchwarz eine feſte, undurchdringliche Wolke— die Nacht zu einer Maſſe gefroren, und in der Mitte wehte ein Banner von blaſſem, mattem Feuer mit) der Inſchrift:„Auf ewig.“ Ein Fluß rauſchte heftig an ihm vorüber. Er bückte ſich, um die Todes⸗ pein ſeines Durſtes zu lindern— die Wellen waren Feuerwellen); und als er vor dem brennenden Tranke zurückfuhr, wollte er laut aufſchreien und konnte nicht. Dann warf er ſeine verzweifelnden Blicke nach Oben um Gnade und erblickte das fahle, regungsloſe Banner:„Auf ewig.“ Verändert ward nun ſeines Traumes Geiſt. Er wurde plötzlich von den Winden und Stürmen an die Meere getragen, wo ewiger Winter herrſcht. Er fiel gelähmt und widerſtandslos auf die ebbeloſen, trägen Wellen nieder. Langſam und ſchwer ſtiegen ſie über ihn empor, als er verſank; dann kam die langſame, erſtickende Marter dieſes Waſſertodes— das unmäch⸗ tige convulſiviſche Ringen mit den bedeckenden Fluten das Keuchen, das Würgen, das Brechen des erſtickenden Athems— die Bangigkeit des Herzens, ſein Todes⸗ kampf und ſein Stilleſtehen. Er fand ſeine Be⸗ ſinnung wieder. Er war tauſend Klafter unter dem 438 Meere an einen Felſen gekettet, um welchen her die ſchweren Waſſermaſſen wie eine Mauer ſich aufthürm⸗ ten. Er fühlte ſein Fleiſch verweſen und faulen und Stück um Stück von ſeinem Leibe fallen; er ſah die Korallenbänke, die nur in Jahrtauſenden ſich bilden, langſam aus ihrem ſchlammigen Bette aufſteigen und Theilchen an Theilchen ſich ausdehnen, bis ſie eine Wohnung für den Leviathan wurden; ihr Wachs⸗ thum erinnerte ihn allein an die Ewigkeit; und immer und immer, um ihn her und über ihm ka⸗ men ungeheuere mißgeſtaltete Weſen hervor— die Un⸗ geheuer der geheimſten Tiefen; die Seeſchlange, die un⸗ geheuere Chimäre des Nordens, nahm ihren Ruheplatz neben ihm und glotzte ihn mit gelbem, tödtlichem Auge an, fahl und doch noch brennend, wie eine erſter⸗ bende Sonne. Aber überall, bei jedem Wechſel, in jedem Augenblicke dieſer Unſterblichkeit ſah er ein blaſ⸗ ſes, regungsloſes Antlitz, das ſich nie von ihm abwandte. Die Teufel der Hölle, die Ungeheuer des verborgenen Meeres hatten für ihn nichts ſo furchtbar Entſetzliches, als dasmenſchliche Antlitz der Todten, welche er geliebt hatte. „Das Wort ſeines Verdammungsurtheils war aus⸗ geſprochen. Während ſeines Fieberwahnſinnes und ſeines noch fürchterlicheren Erwachens, für Vergangen⸗ heit und Zukunft, während des freudelos verlebten Ta⸗ ges und der unterbrochenen Träume der Nacht lag ein Zauber auf ſeiner Seele— eine Hölle war in ſeinem Inneren; und der Fluch ſeines Urtheils war— nie zu vergeſſen! 4³9 Als Lady Emilie in jener ſchuldbelaſteten, verhäng⸗ nißvollen Nacht nach Hauſe kam, ſtahl ſie ſich ſchnell auf ihr Zimmer; ſie entließ ihre Zofe und warf ſich auf den Boden in jener dumpfen Verzweiflung, welche auf dieſer Erde keine Hoffnung mehr kennt. Hier lag ſie ohne die Kraft, zu weinen, und ohne den Muth, zu beten— wie lange, wußte ſie nicht. Wie die Periode vor der Schöpfung war ihre Seele ein Chaos von ſtrei⸗ tenden Elementen und wußte weder etwas von der Art zu denken, noch von der Eintheilung der Zeit. Als ſie aufſtand, hörte ſie ein leiſes Pochen an der Thüre, und ihr Gemahl trat ein. Ihr Herz ahnte das Schlimmſte, und als ſie ihn ſvrgfältig die Thüre ſchließen ſah, ehe er ſich ihr näherte, war ihr, als ob ſie in die Erde verſinken könnte, ſowohl aus innerer Scham, als aus Furcht vor Entdeckung. Herr Mandeville war ein ſchwacher, alltäglicher Charakter, gleichgültig in gewöhnlichen Angelegenhei⸗ ten, aber, wie die meiſten ſchwachen Geiſter, heftig und wüthend in der Aufregung.„Iſt dies, Madame, an Sie gerichtet?“ ſchrie er mit einer Donnerſtimme, indem er ihr einen Brief vorlegte(er war von Falk⸗ land);„und dies, und dies, Madame?“ fuhr er in noch lauterem Tone fort, während er einen nach dem andern aus ihrem Schreibtiſche hinſchleuderte, den er aufgebrochen. Emilie ſank zurück und kämpfte Athem zu holen. Mandeville ſtand auf und faßte ſie wild lachend beim Arm. Er packte ihn mit all ſeiner Kraft. Sie ſtieß einen ſchwachen Schrei des Entſetzens aus; er achtete nicht dar⸗ 44⁰ auf; er ſchleuderte ſie von ſich, und als ſie auf den Bo⸗ den fiel, floß das Blut in Strömen über ihre Lippen. In dem plötzlichen Wechſel des Gefühles, welchen der Schrecken bewirkte, hob er ſie in ſeinen Armen auf. Siewar eine Leiche! In dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke mit erſchreckendem, feierlichem Tone an ſein Ohr; es war eine halbe Stunde nach Mitter⸗ nacht! Das Grab iſt jetzt geſchloſſen über dieſem ſanften, verirrten Herzen, und ſein ſchuldvollſtes Geheimniß blieb unentdeckt. Sie kam in das letzte Haus mit ge⸗ ſegnetem, unverkümmertem Namen, denn ihre Schuld war nicht bekannt, und ihre Tugenden leben noch fort in dem Gedächtniſſe der Armen. Man ſetzte ſie in dem ſtattlichen Grabgewölbe ih⸗ res alten Geſchlechts bei, und ihre Bahre wurde durch Thränen von Herzen geehrt, die deßhalb nicht weniger erſchüttert waren, weil ihr, obwohl heftiger, Schmerz nur kurz dauerte. Die Todten haben viele Leidtragende, aber nur ein Denkmal— die Bruſt, welche ſie am in⸗ nigſten liebte. Die Stelle, wo der Leichenzug hielt, der grüne Raſen unten, die umſtehenden Bäume, der graue Thurm der Dorfkirche, und die ſtolzen, jenſeits ſich erhebenden Hallen— alle waren Zeugen geweſen von der Kindheit, der Jugend, dem Hochzeitstage des Weſens, deſſen letzte Ehren und Feierlichkeiten ſie jetzt mit anſahen. Dieſelbe Glocke, welche bei ihrer Geburt erklang, war auch bei ihrer Vermählung geläutet wor⸗ den; jetzt verkündete ſie die Beſtattung ihrer irdiſchen 441 Bo⸗ Reſte. Erſt vor wenigen Jahren hatte ſie dieſe Hei⸗ pen. math ihrer jungen, unumwölkten Tage verlaſſen, unter der den Zurufungen und Segenswünſchen Aller, als Braut, auf. angethan mit den Ehrenzeichen bräutlichen Schmuckes lug— in der erſten Blüte ihrer mädchenhaften Schönheit ſein— in der erſten Unſchuld ihres noch nicht erwachten er⸗ Herzens, weinend, nicht über die Zukunft, welcher ſie entgegenging, ſondern um die Vergangenheit, welche ſie en, verlaſſen ſollte, und lächelnd durch die Thränen, als niß ob die Unſchuld nichts zu ſchaffen hätte mit dem Jam⸗ ge⸗ mer. Auf derſelben Stelle, wo er damals ſein Lebe⸗ ild wohl zugewunken, ſtand der Vater jetzt. Auf dem rt Grasplatze, den damals ihre Zahl füllte, ſtanden die Gruppen der Landleute, deren Bedürfniſſen ſie in den Tagen ihrer Jugend abgeholfen; neben demſelben Prie⸗ h⸗ ſter, der ihre Ehe eingeſegnet, kniete der Bräutigam, der das Gelübde derſelben abgelegt. Kein Baum, kein er Grashalm war gewelkt. Der Tag ſelbſt war hell und 3 herrlich; ebenſo hatte er ihrem Vermählungsfeſte ge⸗ , lächelt. Und ſie— ſie— vier kurze Jahre, und all ⸗ ihre Jugendunſchuld war verdunkelt, und ihre irdiſche . Schönheit zu Staub geworden! Ach! nicht ſowohl ſie 3 war zu beklagen, als der Trauernde, den ſie zurückließ! 9 Im Tode iſt auch die Liebe vergeſſen, im Leben aber gibt es kein ſo jammervoll ſchmerzliches Gefühl, als dasjenige, daß Alles unverändert iſt, ausgenommen das eine Weſen, das die Seele von Allem war— als das Bewußtſein, daß die Welt dieſelbe, und nur ihr Sonnenſchein entſchwunden iſt. 442 Der Mittag war ſtill und ſchwül. Die engen Stra⸗ ßen des kleinen Dorfes Lodar entlang wogte die ermü⸗ dete, aber noch nicht beſiegte Schaar, welche in dieſem Theile Spaniens die letzte Hoffnung und Kraft der Freiheit war. Die Geſichter der Soldaten waren ha⸗ ger und niedergeſchlagen; ſie zeigten ſogar noch we⸗ niger von der Munterkeit des Krieges, als ihre Rüſtung die Zeichen von deſſen Gepräge und Eigenthümlichkeit trug. Und doch waren ihre Kleider ſo beſchaffen, daß ſelbſt Bauern ſie verſchmäht haben würden; mit Blut und Staub bedeckt und in tauſend Lumpen zerriſſen, hatten ſie kein Merkmal der Ritterlichkeit, als ihre Aus⸗ dauer des Ungemachs; ſelbſt die zerriſſenen und ſchmu⸗ tzigen Fahnen hingen traurig an ihren Schäften herab, als ob ſelbſt die Winde Schooskinder des Glückes ge⸗ worden wäre und es verſchmähten, die Inſignien derer zu ſchwellen, welche daſſelbe verlaſſen hatte. Die ſtolze Schlachtmuſik ſchwieg. Der Schatten der Entmuthi⸗ gung über ein fehlgeſchlagenes Unternehmen lag auf der ganzen Schaar.„Dem Himmel ſei Dank,“ ſagte der Anführer, der den letzten Zug ſchloß, als er am Ziele ſeiner nothdürftigen Erquickung und kurzen Ruhe ankam;„dem Himmel ſei Dank, wir ſind wenigſtens außer dem Bereich der Verfolgung, und die Berge, dieſe letzte Zuflucht der Freiheit, ſtehen uns offen!“„Wahr, Don Rafael,“ verſetzte der jüngere der beiden Offiziere, welche an der Seite des Befehlshabers ritten,„und wenn wir uns noch zu Mina Bahn brechen, ſo können wir noch die Fahne der Conſtitution in Madrid auf⸗ pflanzen.“„Ja,“ ſetzte der ältere Officier hinzu,„und 44³ die Riego'shymne auf dem CEkkurialplatze ſingen!“ „Unſere Söhne vielleicht!“ ſagte der Anführer, der allerdings Niego ſelbſt war,„aber für uns— iſt alle Hoffnung verloren! Wären wir vereint, wir könnten kaum den Heeren Frankreichs die Spitze bieten, und ſo getheilt wie wir ſind, iſt es ein Wunder, daß wir ſo lange entronnen ſind. Ringsum von feindlichen Ein⸗ fällen bedrängt, ſind doch unſere größten Feinde wir ſelbſt geweſen. So groß war die Feindſeligkeit, welche der Parteigeiſt zwiſchen Spaniern und Spaniern er⸗ zeugte, daß wir den Franzoſen nichts zu verderben übrig gelaſſen zu haben ſcheinen. Wir können keine Freiheit gründen, wenn die Menſchen Sklaven ſein wollen. Wir haben keine Hoffnung, Don Alphonſo— keine Hoffnung — als den Tod!“ Als Riego dieſe verzweifelnde Ant⸗ wort ſchloß, die ſo gar nicht mit ſeiner gewöhnlichen Begeiſterung über einſtimmte, ritt der jüngere Officier unter die Soldaten, ſprach ihnen mit aufmunternden tröſtenden Worten zu, ordnete einige Abtheilungen, er⸗ mahnte ſie, jeden Augenblick bereit zu ſein und ſchärfte ihnen dringend jene kleinen, aber weſentlichen Punkte der Disciplin ein, deren Nichtachtung man einer ſpani⸗ ſchen Truppe ſchon zutrauen konnte. Als Riego und ſeine Begleiter in die kleine elende Hütte traten, welche das Hauptquartier an dieſem Orte bildete, blieb die⸗ ſer dritte Reiter noch außen; und erſt nachdem er die Gurten ſeines andaluſiſchen Roſſes aufgeſchnallt und ihm das ſchlechte Futter vorgeſchüttet, welches der Stall darbot, dachte er daran, den Verband um einen tiefen, ſchmerzhaften Sähelhieb in dem linken Arm feſter zu 444 binden, der ſeit einigen Stunden gänzlich vernachläſſigt worden. Der Officier, welchen Riego mit dem Namen Alphonſo angeredet, trat aus der Hütte, als ſein Ka⸗ merad ſich eben vergebens abmühte, mit den Zähnen und einer Hand den Verband wieder umzulegen. Wäh⸗ rend er ihm half, ſagte er:„Ihr wiſſet nicht, mein lie⸗ ber Falkland, wie bittere Vorwürfe ich mir darüber mache, Euch für eine Sache geworben zu haben, wo der Kampf keine Hoffnung, die Gefahr keinen Ruhm zu haben ſcheint.“ Falkland lächelte bitter.„Täuſcht Euch nicht ſelbſt, mein theurer Oheim,“ ſprach er, „Euer Zureden wäre fruchtlos geblieben, wären nicht meine eigenen Wünſche demſelben zu Hülfe gekommen. Ich bin keiner von den Schwärmern, die mit hochflie⸗ genden Hoffnungen ritterlichen Planen Euerer Sache beitraten; ich ſuchte nur Vergeſſenheit und Auf⸗ regung— und dieſe habe ich gefunden! Ich möchte nicht eine erlebte Drangſal mit dem vertauſchen, was das Vergnügen Anderer ausmacht:— doch genug hier⸗ von. Wie lange glaubt Ihr, daß wir ruhen können?“ „Bis zum Abend,“ antwortete Alphonſo;„dann wird ſich unſer Marſch wahrſcheinlich in die Sierra Morena richten. Der General iſt außerordentlich ſchwach und erſchöpft und bedarf einer längern Ruhe, als uns be⸗ ſchieden ſein wird. Es iſt eigenthümlich, daß er bei einer ſo ſchwachen Geſundheit ein ſo großes Uebermaß von Beſchwerden und Anſtrengungen aushalten kann.“ Während dieſes Geſprächs traten ſie in die Hütte. Riego lag ſchon im Schlaf. Als ſie ſich zu den elen⸗ den Lebensmitteln des Ortes niederſetzten, hörte man 445 in der Ferne ein verworrenes Geräuſch. Anfangs tönte es ihrem Ohr wie das Entſtehen des Bergwindes— leiſe, heiſer und tief; allmählig wurde es aber immer lauter und miſchte ſich mit andern Tönen, die ſie nur zu gut unterſchieden— das Toſen, das Wiehern, das Stampfen von Pferden, den überall hertönenden Wie⸗ derhall von dem Anmarſche Bewaffneter! Sie hörten es und wußten, daß der Feind ſich ihnen nähere!— im nächſten Augenblick ſchlug die Trommel zu den Waf⸗ fen.„Bei St. Pelagio,“ rief Riego, der bei dem erſten Laute der herannahenden Gefahr aus ſeinem leichten Schlummer aufgeſprungen war und noch nicht an die⸗ ſelbe glauben wollte,„es kann nicht ſein; die Franzo⸗ ſen ſind weit zurück;“ als aber dann die Trommel wir⸗ belte, änderte ſich ſeine Stimme plötzlich—„der Feind! der Feind! D'Aguilar, zu Pferd!“ und mit dieſen Wor⸗ ten ſtürzte er aus der Hütte. Die Soldaten, welche kaum ſich zu zerſtreuen angefangen, waren bald wie⸗ der geſammelt. Inzwiſchen ließ der franzöſiſche Befehls⸗ haber, d'Argout, den Vortheil der Ueberraſchung be⸗ nutzend, ſeine allein aus Reiterei beſtehenden Truppen unaufgehalten und unbeſchwert durch das Feuer der Poſten ſich entwickeln. Heran rückten ſie wie eine raſche, mit Donner geladene Wolke, welche neuen Grimm ſammelt, während ſie auf die Zuſchauer los⸗ zieht und ehe ſie gewitterſchwer ſich auf ſie entladet. Sie hielten nicht an, als bis ſie das äußerſte Ende des Dorfes erreichten; dort hatte die ſpaniſche Infan⸗ terie bereits zwei Vierecke gebildet.„Halt!“ rief der franzöſiſche Anführer, die Truppe hielt plötzlich mit 446 Front gegen das nächſte Viereck. Es war eine kurze Pauſe— der Augenblick vor dem Sturme.„Sturm!“ rief d'Argont, und das Wort ſcholl die ganze Linie hin⸗ unter zu dem klaren, freundlichen Himmel empor. Auf flammten die Schwerter wie Blitze, heran ſtürmten die Truppen gleich dem Andrang von tauſend Wellen, auf welche die Sonne ſcheint; und ehe die Reiter dreimal Athem geholt, begann das Krachen— der Stoß— das Gemetzel der Schlacht. Die Spanier leiſteten dem heftigen Angriff nur ſchwachen Widerſtand. Sie wichen auf allen Seiten dem gewaltigen Sturm, wie die ſchwachen Wehren eines angeſchwollenen, reißenden Stromes; und die franzöſiſchen Truppen rückten nach einem kurzen, aber blutigen Siege(nachdem eine zweite Schwadron von dem Nachtrabe zu ihnen geſtoßen) ge⸗ radezu gegen die ſpaniſche Reiterei vor. Falkland war an Riego'’s Seite. Als die Truppe vorrückte, wäre es merkwürdig geweſen, den Gegenſatz des Ausdrucks in Beider Geſichter zu beobachten; die Züge des Spaniers flammten auf in der kühnen Begeiſterung ſeiner Natur, jede Spur ihrer gewöhnlichen Erſchlaffung und Erſchö⸗ pfung verſchwand vor der unbezwinglichen Seele, die bei der Schwäche des Körpers nur um ſo glänzender hervortrat; ſeine Stirne war gerunzelt, ſein Auge blitzte, ſeine Lippen zitterten— und hart neben ihm die ernſte, finſtere, leidenſchaftsloſe Ruhe, die über der ſtrengen, aber edlen Schönheit von Falklands Zügen lag. Ihn reizte die Gefahr zum Hohn, nicht zur Begeiſterung, er verachtete ſie mehr, als daß er ihr trotzte.„Die Memmen! ſie wanken,“ ſagte Riego im Tone der Verzweiflung, als ſeine Truppen bei dem Angriffe der Franzoſen zu weichen begannen, und mit dieſen Worten ſprengte er ſein Roß in die vorderſte Reihe. Der Kampf war länger, aber nicht minder ent⸗ ſcheidend, als der eben erſt beendigte. Die Spanier, durch den erſten Stoß in Verwirrung gebracht, erhol⸗ ten ſich nicht wieder. Falkland, der in ſeinem Eifer, die Soldaten zu ſammeln und zu ermuthigen, mit zwei Officieren über die Reihen hinausgeritten war, wurde bald von einer Abtheilung Dragoner umringt; die Wunde an ſeinem linken Arme geſtattete ihm kaum die Führung ſeines Pferdes; er ſchwebte in der drohendſten Gefahr. In dieſem Augenblick brach ſich D'Aguilar, an der Spitze ſeiner nächſten Begleiter, Bahn in den Kreis und deckte Falkland's Rückzug; eine andere feindliche Abtheilung kam heran und ſie wurden zum zweiten Male umringt. Inzwiſchen floh das Hauptkorps der franzöſiſchen Reiterei nach allen Richtungen, und man hörte bisweilen durch Rauch⸗ und Staubſäulen hindurch Riego's tiefe Stimme, der ſie vergeblich zuſammenrief und aufmunterte. D'Aguilar und ſeine geringe Abthei⸗ lung durchbrach nach einem verzweifelten Handgemenge wieder die zu Verhinderung ſeines Rückzugs aufgeſtellte feindliche Linie. Dieſe ſchloß ſich wieder hinter ihnen wie Waſſer über dem darin verſunkenen Gegenſtand. Falkland und ſeine zwei Gefährten waren wieder um⸗ ringt; er ſah, wie ſeine Kameraden zu Boden geſtreckt wurden. Er riß plötzlich ſein Pferd auf, ſchlug mit einem verzweifelten Hiebe den Dragoner, mit dem er handgemein geworden, nieder, ſetzte dann ſeinem Pferde 448 die Sporen bis an die Räder ein und durchbrach mit Einemmale den Ring ſeiner Feinde. Seine außer⸗ ordentliche Geiſtesgegenwart, ſo wie die Stärke und Klugheit ſeines Pferdes begünſtigten ihn. Drei Säbel blitzten vor ihm und glitten unſchädlich an ſeinem Schwerte, wie Blitze in das Waſſer, nieder. Der Kreis war durchbrochen! Als er auf Riego zu galop⸗ pirte, ſcheute ſein Pferd an einem Leichnam, der ihm im Wege lag. Er hielt einen Augenblick an, denn das nach oben gekehrte Geſicht ſchien ihm bekannt. Wie groß war ſein Entſetzen, als er in dieſem fahlen, ver⸗ zerrten Antlitz die Züge ſeines Oheims erkannte! Die dünnen, ergrauten Haare waren mit Blut und Hirn be⸗ ſpritzt, und das Blut quoll noch aus der Stelle, wo die Kugel ſeine Schläfe durchdrungen hatte. Falkland konnte ſeinem Schmerze nicht lange nachhängen; die Verfolger waren dicht hinter ihm; er hoͤrte das Schnau⸗ ben des vorderſten Pferdes, ehe er dem ſeinigen wie⸗ der die Sporen einſetzte. Riego hielt mit ſeinen vor⸗ nehmſten Officieren in der Eile eine Berathung. Als Falkland athemlos bei ihnen ankam, hatten ſie über die zu treffenden Maßregeln entſchieden. Sie führten das noch übrige Infanterieviereck gegen die Bergkette, an welche ſich das Dorf gleichſam anlehnte, und hier zerſtreuten ſich die Leute nach allen Richtungen.„Für uns,“ ſagte Riego zu ſeinen berittenen Begleitern, welche ſich um ihn ſammelten,„für uns verſprechen die Berge noch ein Obdach. Wir müſſen reiten, meine Herren, um unſer Leben zu retten— Spanien kann deſſen noch bedürfen.“ kleine Schlu zweite Aben hoher mit die N der 7 durch des e, wo tlkland n; die ſchnau⸗ n wie⸗ n vor⸗ Als e über ührten gkette, id hier „Für eitern, hen die meine kann 449 Ermüdet und erſchöpft, wie ſie waren, floh dieſe kleine, treue Schaar, den ganzen übrigen Tag in die Schluchten der Berge— zwanzig Mann noch von den zweitauſend, welche in Lodar Halt gemacht. Als der Abend hereinbrach, kamen ſie in ein ſchmales Thal; die hohen Berge ſtiegen zu beiden Seiten empor, gekrönt mit der Herrlichkeit der untergehenden Sonne, als ob die Natur ſich freute, ihre Bollwerke zu einem Schutze der Freiheit zu machen. Ein kleiner, heller Fluß lief durch das Thal und funkelte von dem letzten Lächeln des ſcheidenden Tages, und hier und dort drang aus den zerſtreut umherliegenden Gebüſchen und duftenden Kräutern die Abendmuſik der Vögel und das Summen der Waldbienen herüber. Vor Durſt lechzend und ſchweißtriefend vor Anſtren⸗ gung, ſprengten die Reiſenden mit einem gleichzeitigen Freudenſchrei auf die ſpiegelhelle, friſche Flut los, welche ſie ſo unverhofft trafen, und man beſchloß, ei⸗ nige Stunden an einem Ort zu bleiben, wo Alles zu der ihnen ſo ſehr nöthigen Ruhe aufs Dringendſte ein⸗ lud. Sie warfen ſich Alle zumal auf das Gras nie⸗ der, und ſo groß war ihre Erſchöpfung, daß die Ruhe gleichbedeutend war mit Schlaf. Falkland allein konnte ſich nicht augenblicklich im Arme der Ruhe vergeſſen; das Geſicht ſeines Oheims, geiſterartig und entſtellt, trat ihm ſchaurig vor die Augen, ſobald er dieſe ſchloß. Eben war er indeſſen im Begriffe, in einen unruhigen, ſchreckhaften Schlummer zu verfallen, als er Schritte ſich nähern hörte; er richtete ſich auf und bemerkte zwei Männer, der eine ein Bauer, der andere in Mönchs⸗ Bulwer, Falkland. 29 450 kleidung. Sie waren die erſten menſchlichen Weſen, auf welche die Reiſenden ſtießen; und als Falkland Riego, der neben ihm ſchlief, die Sache mittheilte, wurde ſogleich vorgeſchlagen, ſie als Führer nach der St adt Carolina mitzunehmen, wo Riego Hoffnung hatte, kräftigen Beiſtand oder Mittel zur endlichen Flucht zu finden. Der Mönch und ſein Begleiter wei⸗ gerten ſich mit großer Beſtimmtheit gegen den ihnen angeſonnenen Dienſt; Riego aber befahl, ſie gewalt⸗ ſam feſtzuhalten. Er hatte ſpäter Grund, dieſe Nö⸗ thigung bitter zu bereuen. Die Mitternacht kam in all der prächtigen Schön⸗ heit eines ſüdlichen Himmels, und unter ihren Sternen ſetzten ſie die Wanderung fort. Als Falkland neben Riego hinritt, ſagte der Letztere mit leiſer Stimme zu ihm:„Es iſt noch Rettung mög⸗ lich für Euch und meine Begleiter, für mich keine; man hat einen Preis auf meinen Kopf geſetzt, und im Augenblicke, wo ich dieſe Berge verlaſſe, gehe ich mei⸗ nem Verderben entgegen.“„Nein, Rafael!“ ent⸗ gegnete Falkland,„noch könnt Ihr nach England fliehen, nach jener Freiſtätte der Freien, obwohl ver⸗ bunden mit dem Deſpotismus, dem Mitſchuldigen der Tyrannei und dem Obdach ihrer Opfer!“ Riego ant⸗ wortete in demſelben leiſen, niedergehaltenen Tone: „Ich frage jetzt nichts darnach, was aus mir wird! ich habe nur für die Freiheit gelebt; ich habe ſie zu meiner Herrin, meiner Hoffnung, meinem Traume ge⸗ macht; ich habe kein Leben als in ihr. Mit dem letz⸗ ten Aufſchwung meines Vaterlandes laßt auch mich un⸗ Se — ₰ —„— 451 tergehen! Ich habe in meinem Leben die Freiheit nicht nur überwunden, ſondern verhöhnt geſehen, habe ge⸗ ſehen, wie man ihre Anſtrengungen, ſtatt ſie zu unter⸗ ſtützen, verſpottete. In meinem eigenen Lande wurden nur diejenigen geachtet, welche ſie verfälſchten, welche ſie als einen Deckmantel für ihren Ehrgeiz brauchten. Bei andern Nationen ſahen die Freien von ferne müßig zu, als die Charte ihrer eigenen Rechte durch den Ein⸗ griff in die unſrigen verletzt wurde. Ich kann nicht ver⸗ geſſen, daß die hohe Verſammlung in dieſem England, wo Ihr mir eine Heimath verſprecht, in empörenden Beifall ausbrach, als ihr Staatsmann ſeinen Spott über unſere Schwäche, ſtatt ſein Mitgefühl für unſere Sache ausſprach; und ich— ich— ein Fanatiker— ein Träumer— ein Schwärmer, wie man mich viel⸗ leicht nennt, deſſen ganzes Leben ein unabläſſiger Kampf war für die von mir angenommene Meinung, bin we⸗ nigſtens von meiner Bethörung nicht ſo ſehr verblendet, daß ich nicht ſehen ſollte, welchen Spöttereien ich aus⸗ geſetzt wäre. Wenn ich morgen auf dem Schaffot ſterbe, werde ich von dem Märtyrerthum nichts haben, als die Verurtheilung; nicht den Triumph— den Weihrauch — die Unſterblichkeit durch den Beifall der Völker; ich würde, um mich in einem ſolchen Augenblick auf⸗ recht zu erhalten, keine Hoffnung haben, geſchöpft aus der Herrlichkeit der Zukunft— nichts als eine finſtere, prophetiſche Überzeugung von der Nichtigkeit einer ſolchen Tyrannei, welche mir das Urtheil ſpräche. Riego hielt einen Augenblick inne, ehe er wieder fortfuhr, und ſein blaſſes, leichenähnliches Antlitz er⸗ 4⁵² hielt einen ſchauerlichen, unnatürlichen Glanz durch die Heftigkeit der in ihm nagenden und brennenden Gefühle. Seine Geſtalt richtete ſich zu ihrer ganzen Höhe auf, und ſeine Stimme erklang durch die ein⸗ ſamen Hügel mit tiefem, hohlem Ton, der etwas Pro⸗ phetiſches an ſich hatte, als er fortfuhr:„Vergebens widerſetzt man ſich der Meinung; alles Andere kann man unterdrücken. Wind und Waſſer und die Natur ſelbſt kann man überwältigen, aber gegen den Fort⸗ ſchritt dieſes verborgenen, feinen durchdringenden Gei⸗ ſtes kann ihre Erfindungskraft keine Schranke erſinnen, ihre Macht keine aufführen; die Vertheidiger derſelben mögen ſie greifen und verderben, ſie ſelbſt kann man nicht berühren. Wenn man ſie an einem Orte aufſtört, dringt ſie in einen anderen ein; ſie kön⸗ nen doch keine Mauer um die ganze Erde bauen, und könnten ſie es auch, ſie würde darüber wegkommen! Ketten können ſie nicht binden, denn ſie iſt unkörper⸗ haft— Kerker ſie nicht einſchließen, denn ſie iſt über⸗ all. Ueber Faſchinen und Blutgerüſte— über die blu⸗ tenden Leichname ihrer Vertheidiger, welche man gegen ſie aufthürmt, ſchreitet ſie mit geräuſchloſem, aber nicht raſtendem Schritte daher. Ruft man Heere gegen ſie auf, ſo bietet ſie ihnen keinen greifbaren Gegenſtand des Angriffes dar. Ihr Lageriſt die Welt, ihre Freiſtätte die Bruſt ihrer Verfechter. Laßt ſie nach allen beliebigen Richtungen hin die Erde ent⸗ völkern und verwüſten, aber ſo lange ſie noch einen einzigen Bundesgenoſſen haben— ſo lange ſie noch Einen übrig laſſen, in deſſen Bruſt dieſer Geiſt ein⸗ Laßt ent⸗ inen noch ein⸗ 45³ ziehen kann— ſo lange werden ſie denſelben Schwie⸗ rigkeiten immer begegnen, denſelben Feind immer zu überwältigen haben.“ Als Riego ſchwieg, betrachtete ihn Falkland mit einer Miſchung von Mitleid und Bewunderung. So verwildert und nüchtern der Geiſt dieſes hoffnungs⸗ loſen, in ſeinen Erwartungen getäuſchten Mannes war, fühlte er doch etwas von verwandter Glut bei der durchdringenden heiligen Begeiſterung des Patrioten, dem er zugehört hatte; und obgleich es zu dem Weſen ſeiner Philoſophie gehörte, die Reinheit der menſch lichen Triebfedern in Zweifel zu ziehen, und die leb hafteren Aufregungen, für welche er ſelbſt todt war, zu belächeln, beugte er doch huldigend ſeine Seele vor den Grundſätzen, deren Heiligkeit er anerkannte und vor der eifrigen, brennenden Hingebung, womit ihre Ver theidiger ſie hegten und behaupteten. Falkland hatte ſich den Conſtitutionellen mit Achtung, aber ohne Eifer für ihre Sache, angeſchloſſen. Er verlangte Aufregung; woher ſie kam, darnach fragte er wenig. Er ſtand in dieſer Welt— ein Weſen, das ſich in alle ihre Wech ſelfälle miſchte, alle ihre Pflichten erfüllte, und wie von einer höheren, mechaniſchen Macht getrieben, an allen Ereigniſſen großen Antheil nahm, aber deſſen Gedanken und Seele wie einem anderen Planeten ent⸗ ſtammt waren, in menſchliche Geſtalt eingekerkert, und nach ihrer Heimath verlangend! Während ſie weiter ritten, fuhr Riego fort, mit jenem unklugen Mangel an Zurückhaltung zu ſprechen, den ihm die Offenherzigkeit und Wärme ſeines Weſens zur Gewohnheit machten; kein Wort entging dem Mönche und dem Bauer(der Lopez Lara hieß), die auf zwei Maulthieren hinter Falkland und Riego ritten. „Gedenke,“ flüſterte der Mönch ſeinem Gefährten zu, „der Belohnung!“„Gewiß,“ murmelte der Bauer. Dieſe ganze lange, unheimliche Nacht durchritten die Flüchtlinge ununterbrochen fort und befanden ſich mit Tagesanbruch in der Nähe eines Pächterhauſes: es gehörte Lara. Sie ließen den Bauer Lara pochen, ſein Bruder öffnete die Thüre. Die Entdeckung fürch⸗ tend, welche eine ſo zahlreiche Schaar herbeiführen konnte, gingen nur Riego, ein anderer Officier(Don Luis de Sylva) und Falkland in das Haus. Der Letztere, den nichts müde oder arglos machen zu können ſchien, heftete ſeinen kalten finſteren Blick auf die beiden Brü⸗ der, ſchloß, als er ſie einige Zeichen wechſeln ſah, die Thüre und verhinderte ſo ihre Flucht. Einige Stunden ruhten ſie mit ihren Pferden in den Ställen, die gezo⸗ genen Säbel neben ſich. Beim Erwachen fand es Riego für unumgänglich nothwendig, ſein Pferd beſchlagen zu laſſen. Lopez trat vor und erbot ſich, es zu dieſem Zwecke nach Arguillos zu führen.„Nein,“ ſagte Riego, der, obwohl von Natur unvorſichtig, doch in dieſem Falle Falklands Argwohn theilte.„Euer Bruder ſoll gehen und den Schmied hierher holen.“ Somit ging der Bruder und kehrte bald wieder zurück.„Der Schmied,“ ſagte er,„iſt ſchon unterwegs.“ Riego und ſeine Gefährten, vor Hunger beinahe ohnmächtig, ſetz⸗ ten ſich zum Frühſtücke nieder; aber Falkland, der zuerſt fertig war, und den Mann ſeit ſeiner Zurückkunft mit em 45⁵ der ſchärfſten Aufmerkſamkeit in’s Auge gefaßt hatte, ging an das Fenſter, ſah von Zeit zu Zeit durch ein Fernrohr, das ſie mit ſich führten, und drängte ſie voll Ungeduld ein Ende zu machen.„Warum?“ fragte Riegv, „ausgehungerte Männer ſind zu Nichts gut, weder zum Fechten noch zum Fliehen— und wir müſſen auf den Schmied warten.“„Wahr,“ ſagte Falkland,„aber —“ hier ſtockte er plötzlich. Sylva ſah ihm in dieſem Augenblicke in das Geſicht. Falkland wechſelte die Farbe und kehrte ſich um, indem er laut rief:„Auf! Auf! Riego! Sylva! Wir ſind verloren— die Soldaten kom⸗ men uns auf den Hals!“„Zu den Waffen!“ rief Riego und ſprang auf. In dieſem Augenblicke ergriffen Lopez und ſein Bruder ihre Karabiner und legten auf die verrathenen Conſtitutionellen an.„Der erſte, welcher ſich rührt,“ ſchrie Jener,„iſt ein Mann des Todes!« „Narren!“ ſagte Falkland mit kalter Bitterkeit und ging bedächtlich auf ſie zu. Nur drei Schritte machte er— da feuerte Lopez. Falkland taumelte ein paar Schritte zurück, erholte ſich dann wieder, ſprang auf Lara los, ſpaltete ihm mit einem Hieb den Schädel bis an den Schlund und fiel zugleich mit ſeinem Opfer leb⸗ los zu Boden.„Genug!“ ſagte Riego zu dem anderen Bauern,„wir ſind Deine Gefangenen, binde uns?“ Nach zwei Minuten drangen die Soldaten ein und ſie wurden nach Carolina geführt. Glücklicher Weiſe war Falkland während ſeines Aufenthaltes zu Paris mit einem franzöſiſchen Officier von hohem Range bekannt geworden, der damals in Carolina war. Er wurde in das Quartier dieſes Franzoſen gebracht. Arztliche 456 Hülfe wurde ſogleich herbeigeſchafft. Die erſte Unter⸗ ſuchung der Wunde war entſcheidend; Geneſung war nicht zu hoffen! Die Nacht brach wieder herein mit ihrer Pracht an Licht und Schatten— die Nacht, auf welche für Falk⸗ land kein Morgen folgte. Eine einſame Lampe brannte in dem Zimmer, wo er lag, mit Gott und ſeinem Her⸗ zen allein. Er hatte verlangt, daß man ſein Bett an das Fenſter ſtellen und daß die Wärter ſich entfernen möch⸗ ten. Die milde, balſamiſche Luft umſäuſelte ihn ſo frei und freundlich, als ob er ſie ewig athmen ſollte, und das ſilberne Mondlicht drang ſchimmernd durch das Gitterfenſter und ſpielte auf ſeiner blaſſen Stirne wie eine zärtliche Braut, welche ihn in den Schlaf küſſen wollte.„In wenigen Stunden,“ dachte er, als er fo dalag und die hohen Sterne betrachtete, die ſo ſtille Zeugen eines ewigen, unerforſchlichen Geheimniſſes ſchienen,„in wenigen Stunden wird dieſer fieberhafte raſtloſe Geiſt entweder für immer zur Ruhe ſein, oder er wird eine neue Laufbahn in einem noch unerprobten, unſerer Einbildungskraft nicht erreichbaren Daſein be⸗ gonnen haben! In wenigen Stunden bin ich vielleicht bei jenen Sternen, die ich jetzt betrachte— ein Theil ihrer Herrlichkeit— ein neues Glied in einer neuen Kette von Weſen— athmend in den Elementen einer herrlicheren Welt— ausgerüſtet mit den Eigenſchaften einer reineren, göttlicheren Natur— ein Wanderer un⸗ ter den Planeten— ein Genoſſe der Engel— ein An⸗ ter⸗ war t an alk⸗ nnte Her⸗ das uöch⸗ frei und das 2 wie üſſen er fo ſtille niſſes hafte oder bten, n be⸗ leicht Theil neuen einer daften er un⸗ 457 genzeuge der Geheimniſſe des großen Gottes— befreit, wiedergeboren, unſterblich, oder— Staub! „Kein Odipus löst das Räthſel des Lebens. Wir ſind—woher kamen wir? Wir ſind nicht— wohin gehen wir? Alles in unſerem Daſein hat ſeinen Zweck; das Daſein ſelbſt hat keinen. Wir leben, bewegen uns, pflanzen unſer Geſchlecht fort, ſterben— und w ofür? Wir befragen die Vergangenheit um ihre Lehre, wir forſchen bei den entſchwundenen Jahren nach dem Grunde unſeres Daſeins, und aus den Wolken von tauſend Geſchlechtern wird uns keine Antwort. Leben wir nur, um zu keuchen unter dieſer ſchweren Laſt, zu ſiechen unter dieſer Sonne, zu altern, wie Blätter in das Grab zu fallen und unſeren Erben die abgetragenen Gewänder von Mühe und Arbeit zu vermachen, welche wir zurücklaſſen? Wir leben, um immer in dieſelbe zu ſteuern, denſelben Ocean der Zeit mit neuen Furchen pflügend und ſeine Wellen mit neuen Trümmern näh⸗ rend, oder—“ und ſeine Gedanken ſtockten, betäubt und verwirrt. Kein Menſch, in welchem nicht der Geiſt ſchon durch den Verfall des Körpers gebrochen, iſt mit vollem Be⸗ wußtſein, wie Falkland in dieſem Augenblicke, dem Tode entgegen gegangen, und hat nicht ernſtlich an die Ver⸗ änderung gedacht, die ſeiner warte; und doch, welch neue Entdeckungen über dieſen Gegenſtand ſind uns von irgend wem überliefert worden? Hier ſinkt die aben⸗ teuerlichſte Einbildungskraft von ihrer Originalität zur Alltäglichkeit herab; hier ſind alle Gemüther, der Fri⸗ vole wie der Ernſte, der Geſchäftige wie der Müßiggän⸗ 458 ger, auf denſelben Pfad, dieſelben Grenzen der Gedanken beſchränkt. Uber dieſer unbekannten, ſtummen Kluft der Forſchung brütet ein ewiger, undurchdringlicher Nebel;— kein Wind weht darüber hin— keine Welle ſtört deſſen Ruhe; den feierlichen Todtenfrieden unter⸗ bricht kein Wechſel, der zum Abenteuer reizt— kein Schiff zieht aus auf Entdeckungen, das nicht gelähmt und zertrümmert wieder auf den Strand zuvückgetrieben worden wäre. Der Mond ſtieg empor auf ſeiner Bahn. Die Mit⸗ ternacht ſenkte ſich langſam auf die Erde— dieſe ſchöne, myſtiſche Stunde, gefüllt mit tauſend Erinnerungen, geheiligt durch tauſend Träume, theuer durch das An⸗ denken an die Gelübde, welche unſere jugendlichen See⸗ len unter ihren Sternen ſtammelten, und feierlich durch die alten Sagen, die ſich an ihren majeſtätiſchen Frie⸗ den knüpfen— die Stunde, in welcher Men⸗ ſchen ſterben ſollten; der Iſthmus zwiſchen zwei Welten, der Gipfel des vergangenen Tages, der Saum des kommenden; die uns in Schlaf hüllt nach mühſeliger Arbeit und uns einen Morgen verheißt, der ſeit der Geburt der Schöpfungnie ausgeblieben iſt. Mit den Minuten fühlte auch Falkland ſeine Kräfte dahineilen und allmählig abnehmen. Der Schmerz ſei⸗ ner Wunde hatte aufgehört, aber eine tödtliche Mattheit beſchlich ſein Herz; das Zimmer ſchwankte ihm vor den Augen, und die dumpfe Kälte ſtieg von ſeinen Füßen hinauf— hinauf bis zu der Bruſt, in welcher das Le⸗ bensblut ſchwer und dick wurde. Als die Uhr eine halbe Stunde nach Mit⸗ —B—..—,—— ,˙ 18 kit⸗ jne, gen, An⸗ See⸗ irch rie⸗ en⸗ wei um iger der iſt. äfte ſei⸗ heit den ßen Le⸗ it⸗ 459 ternacht zeigte, hörten die im Nebenzimmer harrenden Wärter einen ſchwachen Schrei. Sie ſtürzten eilig in Falklands Gemach; ſie fanden ihn mit halbem Leibe außer dem Bette ausgeſtreckt. Seine Hand war gegen die andere Seite der Wand erhoben; ſie ſank, wie ſie ſich näherten, allmählig herab, ſeine Stirne, anfangs finſter und gerunzelt, verklärte ſich in ſanften Uber⸗ gängen zu ihrer gewöhnlichen Heiterkeit. Aber der däm⸗ mernde Nebel legte ſich feſt auf ſein Auge, und die Kälte des Todes auf ſeine Glieder. Er ſuchte ſich aufzurichten, als wollte er ſprechen; die Kraft verſagte ihm, und er fiel regungslos auf's Angeſicht nieder. Einige Augen⸗ blicke ſtunden ſie ſchweigend um das Bett; endlich ho⸗ ben ſie ihn auf. An ſeinem Herzen lag eine aufgegan⸗ gene Locke von ſchwarzen Haaren, welche er mit einer Hand noch convulſiviſch feſthielt. Sie ſahen ihm in das Geſicht—(ein Blick war hinreichend)— es war ruhig — ſtolz— leidenſchaftlos— das Siegel des Todes war ihm aufgedrückt! ——;ꝛ——M— ñ ·ʃ:⅓:⅓—ꝛ——-:— O em