—— eihbibliothek deutſcher, ngliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 1 rard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 6 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückge e der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nü tabe eines geliehe eenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme h Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet J wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 beträgt: für wöchentlich 2 5 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.—— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 1 „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Vor langer Zeit ſchon redeten Sie mir zu, eine Dichtung zu unternehmen, die ihre Charaktere aus unſern Überlieferungen entlehne und dazu diene, einige von jenen Wahrheiten zu erläutern, welche die Geſchichte nur zu häufig dem Romanſchreiber, dem Dramatiker und dem Dichter zu überlaſſen genöthigt iſt. Die Dichtung, wenn ſie nach etwas Höherem, als nur nach dem Romantiſchen ſtrebt, verdreht die Thatſachen nicht, ſondern erläutert ſie nur. Wer ſie würdig anwendet, muß, wie ein Biograph, die Zeit und die Charaktere berückſichtigen, die er auswählt, mit genauer und müh⸗ ſamer Sorgfalt, von der man kaum erwarten kann, daß der allgemeine Geſchichtſchreiber, der ſich über Jahr⸗ hunderte verbreitet, fie auf Gegenſtände und Perſonen einer einzelnen Epoche anwenden ſollte; ſeine Beſchrei⸗ bungen ſollten die kalten Umriſſe des raſchen Chroniken⸗ ſchreibers mit Farben und Zeichnungen der Einzelheiten ausfüllen, und trotz Allem, was Pſeudokritiker ange⸗ führt haben, ſollte ehen die Phantaſte, die ſein Thema angab und belebte, dazu dienen, des Leſers praktiſche und vertraute Bekanntſchaft mit den Gewohnheiten, den Motiven und der Art zu denken erhöhen, welche die wahre Eigenthümlichkeit eines Zeitalters bilden. Vor allen Din⸗ gen iſt der Dichtung jene liberale Anwendung der ana⸗ logen Hypotheſe geſtattet, die der Geſchichte verweigert iſt, und welche, durch Forſchung gemäßigt und durch jene Kenntniß des Menſchengeſchlechts(ohne welche die Dichtung weder Schaden noch Nutzen bringen kann, da ſie unlesbar wied) dazu dient, ſo Vieles aufzuklären, was ſonſt dunkel war, und die Streitigkeiten und Schwie⸗ rigkelten des widerſprechenden Zeugniſſes durch die hi⸗ loſophie des menſchlichen Herzens zu löſen. Meine eigene Vorſtellung von der Größe der Arbeit, wozu Sie mich einluden, machte mich um ſo mißtraui⸗ ſcher gegen den günſtigen Erfolg, um ſo mehr, da das Felb der engliſchen hiſtoriſchen Dichtung nicht nur von den brillanteſten unſerer vielen ausgezeichneten Roman⸗ ſchreiber, ſondern auch von ſpätern Schriftſtellern von hohem und verdientem Rufe iſt reichlich eultivirt worden. So ſehr aber auch die Annalen unſerer Geſchichte durch den Fleiß der Romanſchreiber mögen ausgebeutet ſein, ſo iſt doch der Gegenſtand, den Sie zuletzt meiner Wahl aufdrängten, ohne Frage ein ſolcher, der, ſowohl hin⸗ ſichtlich der Charakterzeichnung, des Ausdrucks der Lei⸗ deuſchaften oder der Auffindung hiſtoriſcher Wahrheiten, kaum verfehlen kann, den Romanſchreiber auf Pfade im Lande der Dichtung zu führen, die von ſeinen Vorgän⸗ gern noch nie hetreten worden. Durch Sie ermuthigt, begann ich meine Aufgabe — durch Sie ermuthigt, wage ich zu glauben, indem bman⸗ un von orden. durch ſein, Wahl hin⸗ Lei⸗ eiten, de im gän⸗ fgabe ndem 7 ich ſte ſchließe, haß ich ungeachtet der theilweiſen An⸗ nahme und des eingeführten Vergleichs zwiſchen der mo⸗ dernen und der älteren Redeweiſe, die Sir Walter Seott kunſtreich aus der rauheren Ausdrucksweiſe ver⸗ beſſerte, deren Strutt ſich bediente, und die ſpätere Schriftſteller bis zum Überdruß angewendet haben, doch jedes weſentliche Überſchreiten auf einen Boden hätte vermeiden können, den Andere bereits der Wüſte abge⸗ wonnen haben. Welches auch das Produkt des Bodens ſein mag, den ich erwählte, ſo mache ich wenigſtens darauf Anſpruch, ihn mit eigener Anſtrengung abge⸗ räumt und mit meinem eigenen Kalbe gepflügt zu haben. je Regierung Eduard des Vierten liefert an ſich ſchon neue Betrachtungen und nnerſchöpfliches Intereſſe für die, welche ſie genau betrachten. Da begann die von Heinrich dem Siebenten vollendete Politik, da wurden die großen Elemente der alten Feubalverfaſſang aufge⸗ löst; ein neuer Adel wurde zur Macht berufen, um bie wachſende Mittelklaſſe in ihren Kämpfen mit dem alten Ahel zu unterſtützen, und in dem Schickſal des Helden jenes Zeitalters, Richard Nevile's, Grafen von War⸗ wick, gemeinhin der Königmacher genannt, des größten, ſowie des letzten jener mächtigen Barone, welche früher die Könige in Schrecken ſetzten,“ war das eigentliche Princip unſerer gegenwärtigen Civiliſation enthalten. Der Kreis der Dichtung, die ſtets gern die Dämmerung * Hume fügt hinzu:„und das Volk zu der Civilregierung unfähig machten.“ Ein Ausſpruch, der vielleicht die ganze Frage in unſerer früheren Geſchichte in Betreff der Eiferſucht der Ba⸗ rone und des königlichen Anſehens zu haſtig beurtheilt, erforſcht, wird daburch noch erweitert, daß, wie Hume richtig bemerkt, kein Theil der engliſchen Geſchichte ſeit der normänniſchen Eroberung ſo dunkel, ſo ungewiß und ſo wenig authentiſch iſt, wie die Kriege zwiſchen den beiden Roſen. Auch wird die Wichtigkeit jener Unter⸗ ſuchung noch erhöht, wobei die Dichtung ſo intereſſant und nützlich werden kann, daß—„dieſe tiefe Dunkel⸗ heit uns am Vorabend der Wiederherſtellung der Wiſſen⸗ ſchaften umhüllt“— während wir in dem Düſter die Bewegung jener großen und herriſchen Leihenſchaften be⸗ merken, in welchen die Dichtung ewig neue Abſchattun⸗ gen findet, und die in Beruͤhrung gebracht werden mit Charakteren, vertraut genug, um Intereſſe zu erwecken, und entfernt genug, um für den Roman paſſend zu ſein, und vor allen Dingen ſo häufig verdunkelt durch wider⸗ ſprechendes Zeugniß, daß wir uns willig jedem hin⸗ geben, der unſer Urtheil über das Individuum durch Proben zu unterſtützen ſucht, die von der allgemeinen Keuntniß des Menſchengeſchlechts entlehnt find. Um das große Bild des Letzten der Barone gruppiren ſich Eduard der Vierte, zugleich freimüthig und falſch; die brillante aber unheildrohende Kindheit Richard des Dritten; der talentvolle Haſtings, ein guter und edler Ritter, aber etwas ausſchweifend in ſeinem Leben; die heftige und feurige Margaretha von Anjou, das ſanfte Bild ihres heiligen Heinrich und der blaſſe Schatten ihres Sohnes; dort können wir auch den glänzenden Prälaten, der an Liſt und Klugheit ſich verfeinert, ſo wie der Enthuſtasmus und die Energie, welche früher die alte Kirche aufrecht gehalten, in den ſtrengen und 9 verfolgten Anhänger der neuen übergehen ſehen. Wir ſehen in jenem ſoeialen übergange den nüchternen Han⸗ delsmann— über die Vorurtheile des rohen Unterthanen oder des bäuriſchen Freiſaſſen hinauswachſend, von wel⸗ chen er entſprungen— der die Intereſſen der Sekte ſeiner Klaſſe ſtandhaft unterſtützt und den Weg bereitet für die mächtige Mittelklaſſe, worin unſere moderne Civiliſation, mit ihren Fehlern und ihren Verdienſten, ihre Feſte gegründet hat; während wir im Gegenſatz zu den gemeſſenen und gedankenvollen Anfichten von Freiheit ſind, die der kluge Geſchäftsmann hegt, werden wir an den politiſchen Fanatismus des geheimen Lollard er⸗ innert— an die Jaequerie des ſtürmiſchen Volksanfüh⸗ rers, und bemerken unter den verſchiedenen Tyranneien der Zeit und oft theilweiſe mit dem kriegeriſchen Abel verbündet— ſtets eiferſüchtig über den königlichen Des⸗ potismus— die ruheloſe und ihres Zwecks unbewußte demokratiſche Bewegung, endlich unterdrückt, aber nicht zerſtört unter den Tudors durch die ſtarke Verbindung einer Mittelklaſſe, die angelegentlich nach Sicherheit und Ordnung ſtrebte, mit einer ausübenden Gewalt, die entſchloſſen war, die abſolute Herrſchaft zu erlangen. Auch würden wir keine vollſtändige und umfaſſende Anſicht von jener höchſt intereſſanten übergangsperiode bekommen, wenn wir nicht etwas von dem Einfluſſe ſähen, welche die düſtere und unheimliche Weisheit der italieniſchen Politik über den Nath der Großen auszu⸗ üben begann— eine Politir verfeinerter Kriegsliſt— verwickelter Intrigne— ſyſtematiſcher Lüge— gewiſſen⸗ loſer, aber geheimer Gewaltthätigkeit; eine Polltik, welche die verworfene Staatskunſt Ludwig des Elſten beſtimmte; welche ſtets, wenn er anhielt, um nachzudenken, den heitern und jovialen Charakter Eduard des Vierten ver⸗ dunkelte; welche ſich in ihrer vollkommenſten Verbin⸗ dung der tiefſten Argliſt und des entſchloſſenen Willens in Richard dem Dritten zeigten und— durch den leiden⸗ ſchaftloſen Scharfſiun Heinrich des Siebenten zu einem anmuthigeren Schein heruntergebracht— erreichte end⸗ lich den Zweck, welcher alle ſeine Schurkereien vor den „Fürſten ſeines Geburtslandes rechtfertigte— nämlich die Ruhe eines feſtgegründeten Staats und die Einrich⸗ tung eines civilifirten aber gebieteriſchen Deſpotismus. In jener Dämmerung, welcher die große Erfindung bevorſtand, die den Wiſſenſchafien die Beſtimmtheit und Dauer der gedruckten Seite verlieh, iſt es intereſſant, Vermuthungen aufzuſtellen, welches das Schickſal irgend eines wiſſenſchaftlichen Strebens geweſen ſein würde, worauf die Welt weniger vorbereitet ward. Die Ver⸗ breitung der Buchbruckerkunſt in England fiel in die glück⸗ liche Periode, wo Gelehrſamkeit und Literatur von den Großen begünſtigt wurden. Die Fürſten von York(mit Ausnahme Eduard des Vierten ſelber, der indeß die Gnabe hatte, den eigenen Mangel an Gelehrſamkeit zu bedauern, und den Geſchmack, ſie an Andern zu ſchätzen) waren vortrefflich erzogen. Die Lords Rivers und Haſtings waren in allem Wiſſen und aller Lehre ihres Zeitalters wohl bewandert. Prinzen und Pairs wetteiferten mit einander, Caxton zu protegiren, und Richard der Dritte ſparte während ſeiner kurzen Regierung keine Mühe, die Erfindung aufs Außerſte zu verbreiten, welche beſtimmt 11 war, ſein eigenes Andenken dem Haß und dem Abſcheu aller folgenden Jahrhunderte zu überliefern. Aber wenn wir uns umſehen, erblicken wir im Gegenſatz zu der gnädigen und beförbernden Aufnahme des bloßen Me⸗ chanismus, wodurch die Wiſſenſchaft verbreitet wird, die äußerſte Intoleranz gegen die Wiſſenſchaft ſelber. Die Mathematik insbeſondere wurde für die eigentliche Cabala der ſchwarzen Kunſt gehalten— Anklagen wegen Herxerei waren niemals häͤufiger, und doch, ſeltſam genug, ſcheinen die, welche offen bekannten, daß fie die unhei⸗ lige Wiſſenſchaft trieben und ihre Täuſchungen für einen unwürdigen politiſchen Zweck nützlich zu machen, in Sicherheit und zuweilen in Ehren gelebt zu haben; wäh⸗ rend die, welche mit irgend einem praktiſchen, nützlichen und dem Fürſten oder dem Volke unbegreiflichen Trei⸗ ben beſchäftigt waren und ihre Zauberei läugneten, ohne Guade hingerichtet wurden. Der Mathematiker und Aſtronom Bolingbrole(der größte Gelehrte ſeines Zeit⸗ alters) wurde als Zauberer gehängt und gevierttheilt, während einem gewiſſen Mönch Bungey nicht nur Straf⸗ lofigkeit, ſondern auch Ehrerbietung zu Theil geworden zu ſein ſcheint, weil er Nebel und Dünſte erregte, welche Eduard den Vierten in der Schlacht bei Barnet ſehr begünſtigten. Unſere Kenntniß von dem intellektuellen Geiſte des Zeitalters wird daher nur vollkommen, wenn wir den glücllichen Erfolg des Betrügers mit dem Schickſal des wahren Genies vergleichen. Und ha die Vorurtheile des Volks ſich gegen alle mechaniſchen Erfindungen erhoben, die gewohnten Arten der Arbeit zu verändern, ſo liegt 12 es wahrſcheinlich eben in dem Inſtinkt und in der Be⸗ ſtimmung des Genies, die daſſelbe ſtets zum Kampfe mit den Vorurtheilen des Volkes treiben, warum ein Mann von großer Erfindungsgabe und hohem Verſtande, wenn er die phyſtkaliſchen Wiſſenſchaften ſtudirt, ſtets ſeinen Ehrgeiz darauf richtet. Ob der Verfaſſer bei der Erfindung, die er ſeinem Philoſophen(Adam Warner) zugeſchrieben, zu kühn, die Möglichkeit einer der Zeit ſo weit vorauseilenden Auffaſſung angenommen, das werden Diejenigen am beſten entſcheiden koͤnnen, welche die bereits herausge⸗ gebenen Werke Roger Bacons geprüft haben; doch die Annahme ſelbſt gehört unbedingt den anerkannteſten Vor⸗ rechten der Dichtung an, und die wahre und wichtige Frage wird offenbar die ſein, nicht ob Adam Warner ſein Modell hätte conſtruiren können, ſondern ob das Schickſul, welches ihn traf, als er es conſtruirt hatte, wahrſcheinlich und natürlich war. Solche Charaktere, wie ich hier erwähnt habe, ſchie⸗ nen mir damals, als ich über die Behandlung des hohen und brillanten Gegenſtandes nachdachte, welchen ihre Beredſamkeit zu unternehmen mich anfeuerte, die geeig⸗ neten Repräſentanten der vielfachen Wahrheiten zu ſein, welche die Zeit Warwicks des Königmachers unſerem Intereſſe gewährt und unſerer Belehrung darbietet, und ich kann nur wünſchen, daß die Fähigkeiten des Autors des Gegenſtandes würdiger ſein möchten. Es iſt nothwendig, daß ich jetzt kurz die Grundlage der hiſtoriſchen Theile dieſer Erzählung augebe. Das unterhaltende und populäre Geſchichtswerk Hume’s, wel⸗ 13 ches indeß in der Behandlung der Regierungszeit Ebuard des Vierten mehr als gewöhnlich ineorrekt iſt, hat wahr⸗ ſcheinlich in den Gemüthern vieler meiner Leſer, die ihre Aufmerkſamkeit nicht auf die neueren und genaueren Un⸗ terſuchungen über jenen dunklen Zeitabſchnitt gerichtet haben, einen irrthümlichen Begriff von den Urſachen zurückgelaſſen, bie zu dem Bruch zwiſchen Eduard dem Vierten und ſeinem großen Verwandten und Unterthan, dem Grafen von Warwick, führten. Die allgemeine An⸗ ſicht iſt wahrſcheinlich noch jetzt herrſchend, daß es die Verheirathung des jungen Königs mit Eliſabeth Gray während Warwicks Verhandlungen in Frankreich wegen der Verbindung mit Boua von Savoyen(der Schwäge⸗ rin Ludwig des Elften) war, was den feurigen Grafen erbitterte und ſeine Vereinigung mit dem Hauſe Lan⸗ caſter bewirkte. Alle unſere neueren Geſchichtſchreiber haben mit Recht dieſe grundloſe Fabel verworfen, die ſelbſt Hume(deſſen Scharfblick häufig den Mangel ſeiner oberflächlichen Forſchung erſetzt) nur zweifelnd annimmt. Doktor Lingard zählt kurz die Gründe auf, weßhalb er dieſe Annahme verwirft, und in der That iſt es zu ver⸗ wundern, daß ſo viele von unſern Chronikenſchreibern ernſthaft eine Sage annehmen konnten, der die ganze folgende Handlungsweiſe Warwicks widerſpricht; denn wir ſehen, daß der Graf der Publikation der Heirath Ednards beſondere Ehre erwies, indem er bei ſeinem erſtgebornen Kinde(der Prinzeſſin Eliſabeth) Gevatter ſtand, als Geſandter beſchäftigt wurde, oder als Mi⸗ niſter handelte und für Eduard gegen die von Lancaſter focht während der fünf Jahre, die zwiſchen Eliſabeths Kroͤnung und Warwicks Rebellion vergingen. Die wahren Urſachen dieſes denkwürdigen Streites, in welchem Warwick ſeinen Titel Königmacher erhielt, ſcheinen folgende geweſen zu ſein. Nach Sharon Turner's Anſicht iſt es wahrſcheinlich genug, daß Warwick ſeine Hoffnung vereitelt ſah, da Eduard eine Unterthanin zur Gattin gewählt und die paſſendere Verbindung mit des Grafen älteſter Tochter verſäumt hatte, und es konnte unmöglich anders ſein, als daß der Graf, in Gemeinſchaft mit ſeinem ganzen Stande, ſehr ärgerlich wurde über die Erhebung der Verwandten der Koͤnigin, welche abgefallene Lancaſtrier waren und ſich erſt kürzlich der Partei des Koͤnigs ange⸗ ſchloſſen hatten. Aber es iſt klar, daß dieſe Urſachen zur Unzufriedenheit ſeinen Eifer fuür Eduard nicht vor dem Jahre 1467 ſchwächten, wo wir den wahren Urſprung des Romans in Betreff Bona's von Savoyen und die erſte offene Zwiſtigkeit zwiſchen Eduard und dem Grafen finden. In jenem Jahr ging Warwick nach Frankreich, um eine Allianz mit Ludwig dem Elften zu ſchließen und die Hand eines der franzöſiſchen Prinzen“ für Margaretha, Eduard des Vierten Schweſter, zu ſichern; während dieſer Periode empfing Ebuard den Baſtard⸗Bruder Karls Gra⸗ fen von Charolois, ſpäteren Herzogs von Burgund, * Welcher von den Prinzen dies war, iſt nicht klar. Lud⸗ wig hatte zu der Zeit keine Söhne, denn der Dauphin wurde erſt drei Jahre ſpäter geboren. Die wahrſcheinlichſte Perſon war der Herzog von Guienne, Ludwigs Bruder. 1⁵ und verabredete eine Heirath zwiſchen Margaretha und dem Grafen. So wurde Warwicks Geſandtſchaft mit Unehre be⸗ handelt, und die Unehre noch erſchwert durch die per⸗ ſönliche Feindſchaft gegen den Braͤutigam, welchen Eduard vorgezogen hatte. Ver Graf zog ſich mit Widerwillen auf ſein Schloß zurück. Aber Warwick, welchen Hume als einen Mann von unverſtellter Freimüthigkeit und Offenheit ſchildert, ſcheint dieſes Rachegefühl nicht lange genährt zu haben. Durch Vermittlung des Erzbiſchofs von York und Anderer wurde eine Ausſöhnung bewirkt, und im nächſten Jahre, 1468, finden wir Warwick wie⸗ der in Gunſt, und er vergaß ſelbſt ſo weit ſeinen frü⸗ heren Grund zur Klage, daß er an der Prozeſſion zur Verherrlichung der Vermählung Margaretha's mit ſeinem perſönlichen Feinde Theil nahm. Im folgenden Jahre aber entſtand die zweite Uneinigkeit zwiſchen dem Könige und ſeinem Miniſter, nämlich dadurch, daß der König ſeine Einwilligung zu der Heirath ſeines Bruders Cla⸗ rence mit des Grafen Tochter Iſabella verweigerte, eine Verweigerung, die von entſchloſſenem Widerſtreben be⸗ gleitet war, welches den Stolz des Grafen ſehr verletzen mußte, da Eduard ſelbſt ſo weit ging, den Papſt zu bitten, ſeine Sanction unter dem Vorwande der Ver⸗ wandtſchaft zu verweigern. Der Papſt gewährt dennoch die Diſpenſation und die Trauung findet zu Calais ſtatt. Eine Rebellion des Volkes bricht in England aus. Ei⸗ nige von Warwicks Verwandten— ſolche indeß, welche zu der Branche der Familie Nevile gehörten, die ſtets Laneaſtrier und der Partei des Grafen entgegen geweſen 16 waren— ſtehen an der Spitze. Der König, welcher in drohender Gefahr ſchwebt, ſchreibt einen bittenden Brief an Warwick, ihm zu Hülfe zu kommen. Der Graf ver⸗ gißt wieder ſeine früheren Urſachen zum Zorn, eilt von Calais herüber, befreit den König und unterdrückt die Empörung durch den Einfluß ſeines beliebten Namens. Zunächſt finden wir Eduard auf Warwicks Schloſſe Middleham, wo er, nach Ausſage einiger Hiſtoriker, gewaltſam zurückgehalten wird, eine Behauptung, die von Andern als eine verächtliche Erfindung behandelt wird. Dieſe Frage wird in dieſem Werke ausführlich un⸗ terſucht; doch welches auch die wahre Auslegung der Geſchichte ſein mag, ſo finden wir, daß Warwick und der König noch immer in ſo freundſchaftlichen Verhält⸗ niſſen ſtehen, daß der Graf in Perſou gegen eine Re⸗ bellion in dem ſchottiſchen Grenzbiſtrikte marſchirt, einen ausgezeichneten Sieg erlangt, und daß der Anführer der Rebellen(des Grafen eigener Vetter) von Ehuard zu York enthauptet wird. Gleich nach dieſem muthmaßlichen gezwungenen Aufenthalte auf Warwicks Schloſſe ſpricht Eduard von Warwick und ſeinen Brühern als von ſeinen beſten Freunden und verlobt ſeine älteſte Tochter mit Warwicks Neffen, dem maͤnnlichen Erben der Familie. Und dann plötzlich, nur drei Monate ſpäter(im Februar 1470), und ohne klare und deutliche Urſache, ſinden wir Warwick in offener Rebellion, belebt von tödtlichem Haſſe gegen den Konig. Von Anfang bis zu Ente ſchlägt er alle Anerbietungen zur Verſoͤhnung aus, und ſo ent⸗ ſchloſſen iſt ſeine Nache, baß er ſeinen bisher äußerſt empfindlichen Stolz vor der ungeſtümen Inſolenz Mar⸗ 17 garetha's von Anjou beugt und die feſteſte Verbindung mit der Partei Lancaſters ſchließt, zu deren Zerſtörung er bisher ſein ganzes Leben angewendet hatte! Hier nun, wo die Geſchichte uns im Dunkeln läßt, wo unſere Neugierde am meiſten aufgeregt iſt, tappt die Dichtung unter den alten Chroniken umher und ſucht die Wahrheit zu entdecken und zu muthmaßen. Und dann bemächtigt ſich die Dichtung, gewohnt mit den menſch⸗ lichen Herzen zu verkehren, einer hochwichtigen That⸗ ſache, welche der moderne Hiſtoriker unter die zweifel⸗ haften Nebenurſachen der Uneinigkeit ſtellt. Hall und Andere behaupten feſt und unumwunden, daß Eduarh einen rohen Angriff auf die Tugend einer der Verwandten des Grafen gemacht habe.„Und ferner iſt es nicht weit von der Wahrheit entfernt,“ ſagt Hall,„daß der Koͤnig einſt im Hauſe des Grafen eine That zu begehen ver⸗ ſuchte, die der Ehre des Grafen nachtheilig war; aber ob es die Tochter oder die Nichte war,“ fügt der Chro⸗ nikenſchreiber hinzu,„iſt zur Ehre Beider unberaunt; aber gewiß iſt, daß Eduard den Verſuch wagte u. ſ. w.“ Jeder, der mit Hall im Geringſten bekannt iſt(ſo wie mit allen unſern vorzüglichen Chroniſten, Fabyan ausgenommen) wird keine übergroße Genauigkeit hin⸗ ſichtlich der Zeit erwarten, in welche er die Beleidigung ſetzt. Er nimmt daher dafür daſſelbe Datum an, wie für die andern Klagen Warwicks(nämlich eine Zeit, welche alle urtheilsfähigen Geſchichtsſchreiber einige Jahre ſpäter ſetzen)— ein Datum, wo Warwick noch Eduards waͤrmſter Freund war. Bulwer, Barone. I. 2 18 Nehmen wir die Wahrſcheinlichkeit dieſer bem Grafen zugefügten Beleidigung an, ſo verſchwindet auf einmal die Dunkelheit, welche dieſen denkwürdigen Zwiſt ein⸗ hüllt. Es war offenbar eine Beleidigung geſchehen, die nie konnte vergeben und auch nie konnte bekannt ge⸗ macht werden. Wie Hall andeutet, erforderte es die Ehre ves Grafen, den Skandal zu vertuſchen, und Eduards Ehre, die Beleibigung zu verbergen.— Wenn die Beleidigung je verſucht wurde, ſo muß es vor der. erklärten Feindſchaft des Grafen geſchehen ſein, das iſt klar. Beleidigungen dieſer Art treiben die Menſchen an⸗ fangs zur unmittelbaren Handlung, oder wenn ſie ſich zur Verſtellung herablaſſen, um ſich ſpäter deſto wirkſamer zu rächen, wartet der Ausbruch ſeine paſſende Zeit ab. Aber die vom Grafen für ſeinen Ausbruch gewählte Zeit war die ſchlimmſte, die er nur hätte wählen können, und bezeugt den Einfluß einer plötzlichen Leidenſchaft— eine neue und unberechnete Veranlaſſung zur Nache. Er hatte keine geſammelten Streitkräfte— er hatte nicht einmal ſeinen Schwager, Lord Stanley, ausgeforſcht(da er ſeiner Abſichten ungewiß war) während er, wenn er noch vor wenigen Monaten den Wunſch gehegt hätte, den König zu eutthronen, er ihn entweder durch den Volksaufſtand, den der Graf ſelber unterbrückt hatte, vernichten laſſen, oder nach Gefallen über ſeine Perſon hätte verfügen kön⸗ nen, als er ein Gaſt auf ſeinem Schloſſe Middleham war. Sein offenbarer Mangel an aller Vorbereitung und allem Vorbedacht— ein Mangel, welcher den Baron, um deſſen Banner ſich wenige Monate ſpäter ſechzigtauſend Mann verſammelten, zu raſcher und gezwungener Flucht ſeinen ſeiner h vor König kand, aſſen, kön⸗ eham gund , um iſend lucht 19 trieb beweist, daß die Urſache ſeiner Entfremdung neu war. Wenn alſo die von Hall und Andern erwähnte Ur⸗ ſache als die wahrſcheinlichſte erſcheint, die wir auffinden können, ſo muß das Datum derſelben dorthin geſtellt werden, wo es in dieſem Werke iſt, nämlich unmittel⸗ bar vor die Empörung des Grafen. Die nächſte Frage iſt, wer die ſo beleidigte Dame ſein konnte, eine Nichte oder eine Tochter? Wohl ſchwerlich eine Nichte, denn Warwick hatte einen einzigen verheiratheten Bruder, den Lord Montagu und mehre Schweſtern; aber die Schwe⸗ ſtern waren an Lords verheirathet, welche mit Eduard in freundſchaftlichen Verhältniſſen blieben“ und Mon⸗ tagu's Töͤchter ſcheinen in den Kinderjahren geſtorben zu ſein,““* während dieſer Edelmann ſelber Warwicks Rebellion anfangs nicht theilte, ſondern fortbauernd Eduards Vertrauen genoß. Wir können uns daher ver⸗ nünſtigerweiſe nicht denken, daß der Oheim ſo viel rach⸗ ſüchtiger ſollte geweſen ſein, als die Eltern— die recht⸗ mäßigen Schützer der Ehre einer Tochter. Daher iſt es * Mit Ausnahme der Schweſtern, die an Lord Fitzhugh und Lord Orford verheirathet waren. Aber obgleich Lord Fitz⸗ hugh, oder vielmehr ſein Sohn, eine Rebellion begann, ſo war es doch wegen einer Urſache, mit welcher Warwick nicht ſympathiſirte, denn Warwick ſelber hob dieſe Rebellion auf; auch konnte die beleidigte Dame keine Tochter des Lord Oxford ſein, denn er war ein hartnäckiger, obgleich nicht offen aner⸗ kannter Lancaſtrier und ſcheint den Hof ſorgfältig gemieden zu haben. ** Montagu's Frau konnte zur Zeit ſeines Todes wenig älter als dreißig Jahre ſein. Sie heirathete wieder und hatte Kinder von ihrem zweiten Gemahl. 20 4 wahrſcheinlicher, daß das beleidigte Mädchen eine von Lord Warwicks eigenen Töchtern war, und dies iſt die allgemeine Annahme. Carte erklärt offen, daß es Iſa⸗ bella war. Aber Iſabella konnte es ſchwerlich ſein, denn ſie war ſchon damals an Eduards Bruder, den Herzog von Clarence, verhe irathet und es fehlte nur noch ein Monat zu ihrer Entbindung. Der Graf hatte nur noch eine Tochter, Namens Anna, die damals in der Blüte ihrer Jugend war; und obleich Iſabella eine auffal⸗ lendere Schönheit beſeſſen zu haben ſcheint, ſo müſſen doch Anna's Reize nicht unbedeutend geweſen ſein, um die Liebe des Laneaſtriſchen Prinzen Eduard zu gewinnen, und Richard, Herzog von Glouceſter, eine zärtliche und menſchliche Neigung einzuflößen.“* Es iſt auch beterkens⸗ * Nicht nur Majerus, der niederländiſche Chroniſt, ſpricht von Richards früher Neigung zu Anna, ſondern Richards Be⸗ harrlichkeit, ſie heirathen zu wollen, zu der Zeit, wo ihre Fa⸗ milie unterdrückt und gefallen war, ſcheint die Annahme zu be⸗ ſtätigen. Freilich erhieit Richard mit ihr einen beträchtlichen Theil der Beſitzungen ihrer Eltern. Aber ſowohl Anna als auch ihre Eltern waren des Adels verluſtig erklärt worden, und die ganze Beſitzung ſtand zur Verfügung der Krone. Zu der Zeit hatte Richard Eduard die wichtigſten Dienſte geleiſtet. Er war ihm wäyrend Clarence's Rebellion treu geblieben— er war ſowohl zu Barnet, als auch zu Tewksbury der Held des Tages ge⸗ weſen. Sein Ruf war damals außerordentlich hoch, und wenn er als rechtmäßige Belohnung die Beſitzung Middleham ohne die Braut gefordert, ſo hätte ihm Eduard dieſelbe nicht wohl ver⸗ weigern können. Er hatte gewiß einen viel beſſeren Anſpruch als der einzige andere Mitbewerber um die confiscirten Be⸗ ſitzungen, nämlich der meineidige und verächtliche Clarence. Ueber Anna's Widerſtreben, Richard zu heirathen und die Ver⸗ ſtellung, die ſie anwendete, ſiehe Miß Stricklands Leben Anna's von Warwick. Mehr zu Anna's als Richards Ehre, für deſſen „ um ihm vohl ge⸗ denn hne der⸗ ruch Be nce. er⸗ a's ſen 24 wee, als Anna, nicht ſo wie Shakeſpeare es dar⸗ ſtellt, ſondern nach langer Bewerbung und dem Anſcheine nach im eigentlichen Sinne gezwungen ihre zweite Hei⸗ rath ſchloß, Richard ſie ſorgfältig von dem froͤhlichen Hofe ſeines Bruders fern hielt, und fie bei Lebzeiten Eduarbds ſelten oder nie in London erſchien. Daß ſtets beträchtliche Dunkelheit auf den mit Edu⸗ ards beabſichtigten Verbrechen verbundenen Umßänden ruht— daß ſie nie unter den Klagen des ſtolzen Re⸗ bellen angeführt werden, iſt der Würde beiher Parteien und der Art der Beleidigung wegen natürlich— daß die nuͤchterne Geſchichte ſich nicht zu weit der Hypotheſe des Chroniſten hingibt, iſt recht und löblich. Aber wahr⸗ ſcheinlich werden Alle zugeben, daß die Dichtung hier ihren rechtmäßigen Bereich hat, und daß ſie durch keine unwahrſcheinliche oder grundloſe Conjeetur auf vernünf⸗ tige Weiſe helfen wird, die getrennteſten und dunkelſten Fragmente unſerer Annalen zu verbinden. Ich habe es für beſſer gehalten, theilweiſe der Er⸗ wartung des Leſers zuvorzukommen, indem ich ſo offen angebe, was er zu erwarten hat, als dem viel weniger günſtigen Eindruck zu begegnen(ſollte er bisher an den Andenken an einem Verbrechen mehr oder weniger nicht viel liegt, mag hier bemerkt werden, daß kein Grund vorhanden iſt, Glouceſter für einen Mitſchuldigen bei der Ermordung des jun⸗ gen Prinzen Eduard von Lancaſter zu halten, denn es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß jener Prinz gar nicht ermordet wurde, fondern(wie wir gern von dem Enkel Heinrich des Fünſten hoffen möchten) männlich kämpfend auf dem Schlachtfelde ſtarb. Harleian Mſſ.; Stove's Chronik von Tewksbury; Sharon Tur⸗ ners Geſchichte von England. III. 335. veralteten Roman von Bona von Savoyen geglaubt haben*), daß der Verfaſſer ſich eine nicht zu verantwor⸗ tenbe Freiheit mit den wahren Thatſachen genommen, da er doch ſeine Erzählung auf die wahren Thatſachen gründete, ſo weit dieſelben zu ermitteln waren, und ſeine kühnſten Erfindungen nur von dem umfaſſendſten Zeugniß hergeleitet, welches er zu ſammeln vermochte. Ja, er wagt ſogar zu glauben, daß, wer ſpäter die Geſchichte Eduard des Vierten ſchreibt, nicht verſchmähen wird, in dieſem Buche zerſtreute Andeutungen zu benutzen, einige, welche dazu dienen, ein neues Licht auf die Ereigniſſe jener verwichelten aber wichtigen Periode zu werfen. Wahrſcheinlich wird dieſes Werk eine weitere Ver⸗ breitung finden, als meine letzte Dichtung„Zanoni,“ an der nur Diejenigen Geſchmack finden konnten, die ſich für die verſchiedenen Probleme des menſchlichen Lebens intereſſiren, welche dieſelbe zu loͤſen verſucht. Aber ſo verſchieden und geſondert auch die Behandlung beider Dichtungen ſein mag, ſo find ſie doch nach jenen Grund⸗ ſätzen der Kunſt gebildet, welche ich in allen meinen ſpäͤteren Werken, ſo unvollkommen ſte auch ausgefallen ſein mögen, ſtandhaft zu befolgen bemüht geweſen bin. Meiner Anſicht nach ſollte ſich ein Schriftſteller zur Compofition einer Dichtung hinſetzen, wie ein Maler * Ich ſage, an den veralteten Roman von Bona von Sa⸗ voyen— in ſo fern als Eduards Zurückweiſung ihrer Hand zu Gunſten Eliſabeth Gray's die Urſache zu dem Streite mit War⸗ wick ſoll geweſen ſein. Aber ich läugne die Möglichkeit nicht, daß Warwick eine ſolche Heirath angerathen, obgleich er ſie weder zu Stande zu bringen ſuchte, noch dadurch ſich beleidigt fühlte, daß Eduard ſeine ſchöne Unterthanin vorzog. 23 zur Compoſttion eines Gemäldes. Seine erſte Sorge ſollte die Auffaſſung eines ſo erhabenen Ganzen ſein, wie ſein Geiſt es nur umfaſſen kann— ſo harmoniſch und voll⸗ kommen, wie ſeine Kunſt es vollenden kann; ſeine zweite Sorge, der Charakter des Intereſſes, welches die Ein⸗ zelnheiten der Abſicht nach erregen ſollen. Wenn wir geſchriebene Werke der Imagination mit Werken der Imagination auf der Leinwand vergleichen, ſo konnen wir uns am öeſten einen kritiſchen Begriff von den verſchiedenen Schulen bilhen, welche in beiden exi⸗ ſtiren, denn dem Schriftſteller und dem Maler find jene Style gemein, die wir den familiären, den pittoresken und den intellectuellen nennen. Wenn wir zu dieſem Vergleich zurückkehren, können wir ohne große Schwie⸗ rigkett Werke der Dichtung klaſſifiziren und ihnen ihren geeigneten Rang anweiſen. Der intellektuelle Styl wird wahrſcheinlich nie im erſten Augenblick die weiteſte Ver⸗ breitung finden. Wer es vorzieht, in dieſer Schule zu ſtudiren, muß auf Geringſchätzung vorbereitet ſein, denn die größte Vortrefflichkeit derſelben, ſelbſt wenn er ſie erreicht, iſt der Menge nicht geradezu einleuchtend. Wenn z. B. über ein neues Werk verhandelt wird, hören wir es vielleicht wegen einer auffallenden Stelle oder wegen eines vorragenden Charakters rühmen; aber wann hören wir je eine Bemerkung über die Harmonie der Conſtruktion, über die Fülle der Zeichnung, über den ldealen Charakter— über die weſentlichen Erforderniſſe, ku z, als ein Werk der Kunſt? Was wir am meiſten an dem Gemälde rühmen hören, finden wir am meiſten in dem Buche vernachläſſigt, nämlich die Compoſttion, und dies nur darum, weil die Malerei in England als eine Kunſt anerkannt und daher nach beſtimmten Theorien abgeſchätzt wird. In der Literatur aber urtheilen wir nach einem unbeſtimmten Geſchmack— nach tauſend Vor⸗ urtheilen und nach unwiſſender Vorliebe. Wir begreifen noch nicht, daß der Schriftſteller ein Künſtler iſt, und daß die wahren Regelu der Kunſt, wornach er ſollte ge⸗ prüft werden, beſtimmt und unveränderlich find. Daher die ſeltſamen und phantaſtiſchen Lannen der öffentlichen Meinung— ihre Übertreibungen des Lobes und Tadels — ihre Leibenſchaft und ihre Reaktion. Zu einer Zeit ihre feierliche Verachtung gegen Wordsworth— zu einer andern ihre abſurde Vergoͤtterung. Zu einer Zeit werden wir von der lärmenden Berühmtheit Byrons betäubt— zu einer andern ſagt man uns ganz ruhig, daß er kaum ein Dichter zu nennen iſt. Jeder von dieſen Variationen im Publikum folgt die gemeine Kritik unbedingt, und wie vor einigen Jahren unſere Jonrnale miteinander wetteiferten, Wordsworth lächerlich zu machen wegen der Fehler, die er nicht an ſich hatte, ſo wetteifern ſie jetzt mit einander in Lobſprüchen über Verdienſte, die er niemals an den Tag gelegt. Dieſe gewaltſamen Wechſel verrathen ein Publikum und eine Kritik, durchaus unerfahren in den Elementar⸗ prinzipien der literariſchen Kunſt und berechtigen den demüthigſten Autor, den Tadel der Stunde zu beſtreiten, während ſie die größten Autoren gegen das Lob argwöh⸗ niſch machen ſollten. Nicht in übereinſtimmung mit der anmaßenden Über⸗ zeugung von ſeiner eigenen Überlegenheit, ſondern mit 2⁵ ſeiner gemeinen Erfahrung und dem geſunden Menſchen⸗ verſtande, iſt es jedem Schriftſteller, der ein engliſches Auditorium in vollem Ernſte anredet, wohl erlaubt zu fühlen, daß ſein Endurtheil nicht von der Jury abhängt, vor welcher er zuerſt verhoͤrt wird. Die Literaturgeſchichte des Tages hängt von einer Reihe beſeitigter Urtheile ab. Doch dieſe Ungewißheit muß jedem noch ſo demüthi⸗ gen Anhänger der intellektuellen Schule zu Theil werden, die ſtets mehr ober weniger von den populären Regeln abweicht. Die harte Nothwendigkeit derſelben ſtört und beunruhigt die träge Ruhe des gemeinen Geſchmacks, denn wäre dies nicht der Fall, ſo könnte er ſich weder erheben noch bewegen. Wer die nieder ländiſche Kunſt für die italieniſche aufgibt, muß durch die Dunkelheit fortſchreiten, um die Grundſätze zu erforſchen, worauf er ſeinen Entwurf gründet— wornach er ſeine Ausfüh⸗ rung einrichtet; in Hoffnung und Troſtloſigkeit ſtets getren der Theorie, die ſich weniger um die Größe des erregten Intereſſe kümmert, als um die Quellen, von welchen das Intereſſe abgeleitet wird— ſucht er in der Handlung die Bewegung der großartigeren Leidenſchaf⸗ ten oder die feineren Springfedern des Benehmens, in der Ruhe das Colorit der intellektuellen Schönheit. Das Niedrige und Hohe der Kunſt iſt nicht ſo leicht zu begreifen; es hängt nicht von dem weltlichen Range oder der phyſtſchen Beſchaffenheit der geſchilderten Cha⸗ raktere ab; es hängt allein von der Art der Bewegungen ab, welche die Charaktere der Abſicht nach erregen ſollen — nämlich ob Mitgefühl für etwas Niedriges oder Be⸗ wunderung für etwas Hohes. Es liegt nichts Hohes in 26 dem Kopfe eines Bauern von Teniers— es liegt nichts Niedriges in dem Kopfe eines Bauern von Guido. Was macht den Unterſchied zwiſchen Beiden aus?— Die Ab⸗ weſenheit oder Gegenwart des Ideals! Aber Jeder kann über das Verdienſt des erſten urtheilen— denn er ge⸗ hört der familiären Schule an— es iſt ein Kenner nö⸗ thig, um das Verdienſt des letzteren einzuſehen, denn er gehört der intellekluellen an. Ich habe um ſo weniger Bedenken getragen, dieſe Bemerkungen der Chikane oder dem Sarkasmus preis⸗ zugeben, weil hieſe Dichtung wahrſcheinlich die letzte iſt, womit ich das Publikum beläßigen werde, und ich wünſche, daß ſſe wenigſtens mein Bekenntniß der Grund⸗ ſätze enthalte, wornach ſie und ihre letzten Vorgänge⸗ rinnen compofirt find. Sie wiſſen, wie auch Andere die— Thatſache befareiten mögen, mit welchem Ernſt ich uͤber dieſe Grundſſätze nachgedacht und angewendet habe— mit hohem Streßzen, wenn gleich mit geringem Erfolge. Es iſt ein Vergnügen zu fühlen, daß der Zweck, welchen ich höher ſchätze als den Erfolg, von Einem begriffen wird, deſſen ausgeſuchter Geſchmack als Kri⸗ tiker nur durch die viel ſeltnere Eigenſchaft— die Nei⸗ gung die Perſon zu überſchätzen, die Sie zu achten be⸗ bekennen— beeinträchtigt wird! Lehen Sie wohl, mein aufrichtiger und geſchätzter Freund, und nehmen Sie als ein ſtummes Zeichen der Dankbarkeit und Achtung dieſe letzten Blumen an, die in dem Garten geſammelt wur⸗ den, wo wir ſo oft miteinander lußwandelten. E. L. B. London, im Januar 1843. Erſtes Buch. Marmaduke Nevile's Abenteuer. Erſtes Kapitel. Der Spielplatz Old Cockaigne. Weſtlich jenſeits des noch angenehmen, aber ſelbſt damals nicht mehr einſamen Weilers Charing ſtellte ein weiter Raum, hie und da von einzelnen Hänſern und ehrwürdigen Baumgruppen unterbrochen, zu Anfang des Frühlings 1467 einen ländlichen Schauplatz füͤr die Spiele und Zeitvertreibe der Bewohner von Weſtminſter und London dar. Es bedarf kaum einer Erwähnung, daß freie Plätze für die Spiele und Unterhaltungen des Volks damals in den Vorſtädten der Hauptſtadt zahlreich wa⸗ ren. Einigen waren die friſchen Teiche zu Islington, Andern die unbegrasten Felder von Finsbury und Allen die heckenloſen Ebenen des ungeheuren Mile⸗End ange⸗ nehm. Aber der Platz, zu dem wir jetzt gerufen werden, war ein bisher zu dem Zwecke noch nicht benützter Raum, den der mächtige Graf von Warwick den Bürgern von Weſtminſter geſchenkt hatte. Vermöge eines grünen Abhanges über den niedrigen Boden von Weſtminſter erhoben, ſtand der Platz zur 28 Linken hin mit den Brookfields in Verbindung, durch welche der friedliche Tybourne dahinſchlich, und ge⸗ währte Ausſichten, die nach allen Seiten hin ſchön und überall abwechſelnd waren. Im Hintergrunde erhoben ſich die grünen Zwillingshügel Hampſtead und Highgate mit dem hochgelegenen Park und Jagdrevier Marybone — ſo wie mit dem ſtattlichen Herrenhauſe halb vom Walde verborgen. Im Vordergrunde ſah man das Klo⸗ ſter der Ausſätzigen, dem heiligen Jakob geweiht— jetzt ein Palaſt; dann zur Linken York⸗Houſe, die Reſidenz des Erzbiſchofs von York, jetzt Whitehall; weiterhin die Thürme der Weſtminſter⸗Abtei; dann der Palaſt mit ſeinem Bollwerk und Außenwerk, die ſich von dem Fluſſe erhoben, während ſich öſtlich, und der Scene näher, der lange mit Büſchen bewachſene Gang, der Strand, erſtreckte, maleriſch mit Brücken abwechſelnd und an der rechten Seite von den befeſtigten Hallen der Adeligen oder den Wohnungen der nicht weniger mächtigen Prä⸗ laten eingefaßt— waͤhrend ſich in der Ferne hoch und büſter unter den Hallen und den Wohnungen der Präla⸗ ten die gigantiſchen Ruinen des Savoyardenhoſpitals zeigten, welches bei der Inſurrektion Wat Tylers zer⸗ ftört worden. Weiter und weiter wanderte das Auge über Thürme, Thore, Bogen und Thurmſpitzen, während ſich häufig der breite, ſonnenbeſchienene Fluß und das entgegengeſetzte Ufer von dem Palaſte von Lambeth und der Kirche von St. Mary Overies gekröͤnt zeigte, indeß in unbeſtimmter Ferne die Zinnen und die Feſtung des Pfalzgrafen die intereſſante Ausſicht bekränzten. Da alles Neue eine Zeitlang beliebt iſt, ſo hatten fich auch 29 an dem Tage, wovon wir reben, uicht nur die Müßig⸗ gänger von Weſtminſter, ſondern auch die vornehmen Bewohner von Ludgate und Flete und die reicheren Bürger des belebten Chepe auf dieſem Spielplatze ver⸗ ſammelt. Der Platz war zu dem Zwecke, wozu er beſtimmt war, wohl geeignet. In der Umgebung befanden ſich freilich Sümpfe und Fiſchteiche; aber eine beträchtliche Stelle in der Mitte des Platzes beſtand in ebenem grünem Naſen, der ſchon braun und von den Füßen der Menge niedergetreten war. Vom Mitteſpunkte aus erſtreckten ſich zur Linken Alleen, wovon einige, erſt kürzlich ange⸗ pflanzt, im Sommer kühle und ſchattige Plätze für das beliebte Kegelſpiel gewähren ſollten, während zerſtreute Gruppen, größtentheils in alten beſchnittenen Bäumen beſtehend, zur Rechten den Raum auf llehliche Weiſe in einzelne Theile theilten, wovon jeder einer beſondern Erholung oder Zeitvertrelb gewidmet war. Ringsum waren viele Karren oder Wagen aufgeſtellt— Pferde von allen Arten und jedem Werthe wurden hin und her gefährt, während ihre Beſitzer mit Spielen beſchäftigt waren. Zelte und Schenkouden— Bühnen für Schau⸗ ſpieler und Jongleurs waren reichlich vorhanden und ver⸗ liehen dem Schauplatz das Ausſehen eines Marktes. Aber was jetzt beſonders unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, war ein geräumiger Platz, welcher der edlen Kanſt des Bogenſchießens geweiht war. Das regierende Haus York verdankte viel von ſeinem militäriſchen Glüͤck der Überlegenheit der Bogenſchützen, die ſich unter ſeinen Fahnen befanden, und die Londoner ſelbſt waren eifer⸗ ſüchtig auf ihren Ruf in dieſer kriegeriſchen Geſchicklich⸗ keit. Ungeachtet der kriegeriſchen Zeiten war ſeit den letz⸗ ten fünfzig Jahren die Ubung im Bogenſchießen in den Zwiſchenräumen des Friedens mehr vernachläſſigt wor⸗ den, als es den Herrſchern weiſe ſchien. Der König und ſeine getreue Stadt hatten ſich in der letzten Zeit viel Mühe gegeben, die gehörige Übung in Gottes Inſtru⸗ ment, wie der Biſchof Latiner in ſeiner berühmten ſechs⸗ ten Predigt den Bogen ausdrücklich benennt, zu erzwin⸗ gen, und worauf, wie ein Edikt erklärte,„mehr als auf irgend ſonſt etwas die Freiheit und Ehre Englands beruhte!“ Zahlreich war jetzt die Verſammlung, nicht nur von Bürgern, Laudbewohnern und müßigen Leuten, ſondern auch von prunkenden und tapfern Edelleuten, die den Hof Eduard des Vierten umgaben, damals in der Blüte ſeiner Jugend und der ſchönſte, prunkendſte und tapferſte Fürſt in der Chriſtenheit. Die königlichen Turniere, die von ihrem alten Glanze verloren hatten, aber jetzt wieder neu aufblühten, um unter der Herrſchaft der folgenden Tudors gänzlich zu erlöſchen, und ſich nur auf die Unterhaltungen der Ritter und Edelleute beſchränkten, zeigten ohne Zweifel mehr Pomp und Glanz, als die bunte und gemiſchte Ver⸗ ſammlung von allen Klaſſen, die ſich jetzt um die Be⸗ werber des filbernen Pfeils drängten, oder dem wan⸗ dernden Jongleur, Erzähler oder Minſtrel zuhörten— oder unter dem Schatten der alten Bänme ſitzend, ſich mit lebhaften Blicken und Händen, die ſich oft zu den Griffen ihrer Dolche verirrten, der verzehrenden Leiden⸗ Glanze , um ich zu Ritter mehr Ver⸗ ie Be⸗ wan⸗ en— „ ſich u den eiden⸗ 31 ſchaft des Würfelſpiels hingaben; boch keine ſpäteren oder früheren Scenen ber öffentlichenn Luſtbarkeit zeigten vielleicht mehr als je die Herzlichke it der Freude, jene allgemeine herzliche Heiterkeit, die man unter dieſer Miſchung aller Klaſſen gewahrte und auf eine Stunde eine gewiſſe Gleichheit zwiſchen dem Ritter und dem Dienſtmann, dem Bürger und den Höfling bildeten. Die Revolution, welche Eduard den Vierten auf den Thron geſetzt hatte, war in der That vom Volke aus⸗ gegangen. Nicht nur hatte die⸗Tapfe rkeit und Mäßigung ſeines Vaters, Nichard, Herzog von York ſeinem tapfern und talentvollen Sohne e rbſchaft der Liebe hinter⸗ laſſen— nicht nur waren die beliebtoſten von den großen Baronen die Anführer ſeiner Pantei— ſondern der König ſelber ſparte, theils aus Neigung, theils aus Politik, keine Mühe, die Gunſt jenes langſam ſich er⸗ hebenden, aber ſchon damals wichtigen Theils der Be⸗ völkerung— der Mittelklaſſe— zur gewinnen. Er war der erſte König, der ohne etwas von ſeiner Würde oder ſeinem Reſpekt zu verlieren, ſich von der Geſellſchaft ſeiner Pairs und Fürſten entfernte, um ſich vertraulich unter die Feſtlichkeiten und Zerſtreuungen der Kaufleute und Handwerker zu miſchen. Der Lord Mayor und der Stadtrath von London wurden bei mehr als einer feier⸗ lichen Gelegenheit bei den Berathungen des Hofes zu⸗ gelaſſen, und Eduard hatte vor nicht langer Zeit bei der Krönung ſeiner Königin, zum großen Mißfallen mehrer ſeiner Barone, vier von den Bürgern den Bathorden er⸗ theilt. Andererſeits, obgleich Eduards Galanterien— das einzige Laſter, welches dazu diente, ſeine Beliebtheit bei den nächternen Bürgerinnen zu verringern— ſeines Standes wenig wündig waren, wurde ſeine freimüthige und freudige Vertraulichkeit mit ſeinen Unterthanen nicht durch die Poſſenhaftigkeit entweiht, die zu dem Miß⸗ geſchick und dem ſuſchtbaren Unglück zweier ſeiner könig⸗ lichen Vorgänger geführt hatte. Es muß ein volksthüm⸗ licher Grundſatz, ſowie eine volksthümliche Vorliebe mit der ſtandhaften und glühenden Anhänglichkeit vereint geweſen ſein, welche die Bevölkerung von London ins⸗ beſondere, und die der meiſten großen Städte für die Perſon und die Sache Eduards des Vierten zeigte. Es herrſchte ein Gefühl, daß ſeine Regierung hinſichtlich der Civiliſation ein Fortſchritt ſei, nach den klöſterlichen Tugenden Heinrichs des Sechsten und der ſtrengen Grau⸗ ſumkeit, welche die großen Eigenſchaften„des fremden Weibes“ begleitete, wie das Volk ſeine hochmüthige Gemahlin, Margaretha von Anjou, nannte und be⸗ trachtete. Während ſo die Gaben, die Leutſeligkeit und die Politik des jungen Herrſchers ihn bei den Mittel⸗ klaſſen beliebt machten, verdankte er die Anhänglichkeit der mächtigeren Barone und die Gunſt des Landvolks einem Manne, der koloſſal in der Mitte der eiſernen Bilder des Zeitalters daßand, dem größten und letzten der alten normänniſchen Ritterſchaft, königlicher an Stolz, Pracht, Beſitzungen und Ruhm, als der König ſelbſt— Richard Nevile, Grafen von Salisbury und Warwick. Dieſe fürſtliche Perſon, in der vollen Kraft des Mannesalters, beſaß alle Eigenſchaften, die den Edlen der Menge theuer machen. Seine Tapferkeit im Felde war von einem Ehelmuthe begleitet, der bei den An⸗ ſeines 33 führern jener Zeit ſelten war. Er ſchätzte es zu ſeiner Ehre, die Gefahren und Mühſeligkeiten mit ſeinem ge⸗ ringſten Soldaten zu theilen. Sein Hochmuth gegen die Großen war nicht unverträglich mit der freimüthigen Leutſeligkeit gegen die Niedrigen. Sein Reichthum war ungeheuer; doch ſeine Prachtliebe kam demſelben gleich, und er machte ſich beliebt durch ſeine verſchwenderiſche Gaſtfreiheit. Nicht weniger als 30,000 Perſonen ſollen täglich an ſeiner offenen Tafel geſpeist haben, wodurch er die ſtarken Hände und dankbaren Herzen einer ktie⸗ geriſchen und obdachloſen Bevölkerung in ſeine zahlloſen Schloͤſſer lockte. Mehr hochmüthig als ehrgeizig, wurde er gefürchtet, weil er jede Beleidigung rächte, und doch nicht beneidet, weil er über jeder Gunſt erhaben zu ſein ſchien. Der Feiertag auf dem Schützenplatze war mehr als gewöhnlich feſtlich, denn es hatte ſich das Gerücht vom Hofe in die Stadt verbreitet, daß Ebuard im Begriffe ſei, ſeine Macht nach außen zu vergrößern, und was er in den Augen Europa's durch ſeine Vermählung mit Eliſabeth Gray verloren hatte, durch die Verbindung ſeiner Schweſter Margaretha mit dem Bruder Luhwig des Elften wieder herzuſtellen, und daß keine geringere Perſon, als der Graf von Warwick, am Tage zuvor zum Geſandten bei dieſer wichtigen Gelegenheit erwaͤhlt worden ſei. Über den Vorzug, den man bei dieſer Verbindung Frankreich vor dem Mitbewerber um die Hand der Prin⸗ zeſſin— nämlich vor dem Grafen von Charolois(ſpäter Karl der Kühne, Herzog von Burgund)— gegeben, herrſchten verſchiedene Anſichten. Bulwer, Barone. I. 3 34 „Bei unſerer lieben Frau!“ ſagte ein rüſtiger Bürger von etwa fünfzig Jahren, mir gefällt dieſe franzöſiſche Heirath nicht beſonders; ich wollte lieber, der tapfere Graf ginge mit Bogen und Lanzen, mit Helmen und Bruſtharniſchen nach Frankreich. Was wird aus unſerem Handel mit Flandern werden— beantwortet mir das, Meiſter Stokton? Das Haus York iſt ein gutes Haus und der König ein guter König; aber Handel iſt Handel. Jedermann muß Waſſer zu ſeiner eigenen Mühle leiten.“ „Still, Meiſter Heyford,“ ſagte ein kleiner hagerer Mann in hellgrünem Oberrock,„der König liebt es nicht, wenn man darüber ſpricht, was der König thut. Mit Löwen iſt übel ſcherzen. Denkt an William Walker, der gehenkt wurde, weil er geſagt, ſein Sohn ſollte Thronerbe ſein.“ „Wahrhaftig,“ antwortete Meiſter Heyford uner⸗ ſchrocken, denn er gehoͤrte zu einer der mächtigſten Cor⸗ porationen von London—„es war nur ein ſchäbiger Pfefferkrämer, der den Witz machte. Aber ein Scherz von einem würdigen Goldſchmied, der Geld und Ein⸗ fluß hat, und ein eigenes ſchönes Weib, welches der König ſelber zu rühmen beliebt hat, das iſt eine andere Sache. Aber da iſt mein ehrbarer Altgeſell, der immer die neueſten Nachrichten weiß. Heda! Alwyn— Niko⸗ laus Alwyn!— wer hätte gedacht, Dich mit einem Bogen zu ſehen, der eine gute halbe Elle hoͤher iſt als Du ſelber? Ich dachte, Du wäreſt viel zu nüchtern und mehr mit Deinen Studien beſchäftigt, um ſolchen ver⸗ teufelten Hokuspokus der Kriegsleute mitzumachen.“ „Wenn Ihr es denn wiſſen wollt, Meiſter Heyford,“ Bürger zöͤſiſche tapfere en und mſerem ir das, Haus Handel. eiten.“ hagerer iebt es g thut. Valker, ſollte uner⸗ en Cor⸗ häbiger Scherz d Ein⸗ des der andere immer Niko⸗ einem iſt als ern und en ver⸗ n.* yford,“ 3⁵ erwiderte die ſo eben angeredete Perſon, ein junger, bleicher und hagerer, obgleich muskulöſer Mann, mit ſehr klugem Geſichte, der aber langſam und förmlich ſprach und den Dialekt der Provinz hatte—„wenn Ihr es denn wiſſen wollt, König Ebuards Edikt befiehlt jedem Engländer, einen Bogen von ſeiner eigenen Höhe zu haben, und wer die Pfeile an einem Feiertag vernach⸗ läſſigt, verliert einen halben Pfennig und etwas von ſeiner Ehre. Übrigens, dünkt mich, werden die Buͤrger von London jedes Jahr mehr Würde und Macht erlan⸗ gen, und es ſoll nicht meine Schuld ſein, wenn ich es nicht thue, wenn ich gleich nur ein demüthiger Altgeſelle gegen Eure würdevolle Meiſterſchaft bin.“ „Wahrhaftig, das iſt gut geſprochen, Burſche; aber wenn die Londoner gedeihen, ſo iſt es, weil ſie Gold⸗ ſlücke in ihren Taſchen, und nicht, weil ſie Bogen in ihren Händen haben.“* „Meint Ihr denn, Meiſter Heyford, daß, wenn ein König in der Klemme wäre, er ihnen die Taſche laſſen würde, wenn ſie ihn nicht mit dem Bogen beſchützen könnten? Damit das Alter Gold habe, möge die Jugend das Eiſen nicht verachten.“ „Zum Henker!“ rief Meiſter Heyford,„es wäre beſſer, Du mäßigteſt Deine Zunge. Wenn ich gleich als ein reicher und eorpulenter Mann meinen Scherz mache, ſo ſollte doch ein Burſche, der erſt ſein Glück machen will, ſchweigſam ſein— aber er iſt fort.“* „Wo gabeltet Ihr jenen ſeltſamen Kerl auf?“ ſagte Meiſter Stokton, der hagere Seidenhändler, der den Goldſchmied an das Schickſal des Gewürzhändlers er⸗ innert hatte. „Er war für die Kutte beſtimmt, aber ſeine Mutter, eine Wittwe, geſtattete ihm den Wunſch, die flache Kappe zu wählen. Er war der beſte Lehrling, den ich je hatte. Beim Blut des heiligen Thomas! er wird zu ſeiner Zeit noch ſein Glück machen, er hat Kopf, Meiſter Stokton— Kopf— und ein Ohr, und ein Paar große Augen, die ſtets nach etwas ausſehen, was zu ſeinem Vortheil iſt.“ Inzwiſchen war der Altgeſelle des Goldſchmieds ge⸗ mächlich zu dem Schützenplatze gegangen, und ſelbſt in ſeiner Haltung und ſeinem Gange, als er zu einem Zeit⸗ vertreibe ging, lag etwas Feſtes, Geſetztes und Ge⸗ ſchäftsmäßiges. Die Jünglinge ſeiner Klaſſe und ſeines Berufs waren in jenen Tagen ſehr verſchieden von Ihresgleichen zu un⸗ ſerer Zeit. Viele von ihnen waren die Söhne von Päch⸗ tern aus der Provinz, einige ſelbſt von Freiſaſſen und Herren, die in ihrer Kindheit mit dem Glanz und den Spielen der Ritterſchaft bekannt geworden waren. Dieſe hatten gelernt zu ringen, mit Knitteln zu fechten, die Wurfſtange oder Wurfſcheibe zu werfen, den Bogen zu ſpannen und das Schwert und den Schild anzuwenden, ehe ſie von dem Raſenplatze des Dorſes in die ſtädtiſche Werkſtatt verſetzt wurden. Und ſelbſt da dienten die be⸗ ſtändigen Fehden und Kriege jener Zeit— das Bei⸗ ſpiel der Vornehmeren— das feſtliche Schauſpiel des Scheinkampfes— und vor allen Dingen die kräftige Vereinigung, die ſie unter ſich ſelber ſchloſſen, dazu, 37 ſie zu einer ſo wilden, jovialen und zügelloſen Rotte von jungen Kerlen zu machen, wie ihre Nachfolger jetzt nüchtern, vorſichtig und beſonnen find. Und als Niko⸗ laus Alwyn mit leichtem Kopfnicken an zwei oder an drei lauten, prahleriſchen, kühn ausſehenden Gruppen von Lehrlingen vorüberging— deren langes, ſtruppi⸗ ges Haar über ihre Schultern hing— ihre Kappen auf einer Seite— ihre kurzen, blauen Mäntel zerriſſen oder geflickt, ihre ſchweren Stöcke unter dem Arm— und ihr ganzes Ausſehen und Weſen nicht ſehr unähnlich den deutſchen Studenten im letzten Jahrhundert— da war der Contraſt ſeiner zierlichen Kleidung, ſeines gemeſſenen Ganges und die katzenähnliche Sorgfalt, womit er dem geringſten Schmutz aus dem Wege ging, der die Sohlen ſeiner eckig abgeſchnittenen Schuhe hätte beſudeln kͤnnen, ohne Zweifel von der Art, wie er ſeiner beſorgten Mutter würde gefallen haben. Die müßigen Lehrlinge winkten einander zu, fluͤſter⸗ ten und ſtreckten die Zungen gegen ihn heraus, als er vorüberging.„Oh! aber das muß eine Maientagsluſt ſein, wenn der nüchterne Nick Alwyn verſucht, zum erſten⸗ mal mit dem Bogen zu ſchießen. Hallo! Hallo! mäch⸗ tiger Bogenſchütze, nimm dort die Gänschen in Acht! Sieh hieher, wenn Du ſpannſt, und dann wehe der an⸗ dern Seite!⸗ Indem die Lehrlinge dieſe und ähnliche Proben der Laune von Cockaigne gaben, folgten ſie ihrem ehemali⸗ gen Collegen und drängten ſich durch die Menge, die ſich um die Bogenſchützen verſammelt hatte; und an dieſem Platze, der eine Überſicht über den ganzen Raum geſtattete, hätte ſich der Zuſchauer einen Begriff von dem ungeheuren Anhange des Hauſes Nevile machen können. Denn überall in den vordern Reihen— überall in den zerſtreuten Gruppen— konnte man im Sonnen⸗ ſchein die Wappenſchilder jener mächtigen Familie ſehen. Der ſcheckige Stier, welches das eigentliche Wappen der Neviles war, wurde vorzüglich von den zahlrei⸗ chen Verwandten des Grafen von Warwick getragen, die ſich des Namens Nevile erfreuten. Der Lord Mon⸗ tagn, Warwicks Bruder, dem der König den verfalle⸗ nen Titel und die Beſitzungen der Grafen von Nor⸗ thumberland verliehen hatte, unterſchied ſeine eigenen Anhänger indeß durch den beſonderen Helmſchmuck der alten Montagu's— ein Greif, der aus einer herzog⸗ lichen Krone hervortritt. Aber viel zahlreicher als Stier und Greif(ſo zahlreich beide auch ſchienen) waren die Wappenſchilder, welche Diejenigen trugen, die ſich zu den beſondern Begleitern des großen Grafen von War⸗ wick zählten, nämlich das Wappen mit dem Bären und dem rauhen Stabe, welches er von den Beauchamps an⸗ genommen, die er vermöge ſeiner Gemahlin repräſen⸗ tirte, welches die vornehmeren Pächter und Anhänger an den Hüten trugen, während der rauhe Stab allein vorn und hinten auf die ſcharlachenen Jacken ſeiner eige⸗ nen, perſönlichen Diener geſtickt war. Es war ein Ge⸗ genſtand der allgemeinen Beachtung und Bewunderung, daß man an denen, welche dieſe Abzeichen trugen, ſowie an den Trägern des Hutes und Stabes der alten Spar⸗ taner ein ernſtes und erhabenes Benehmen bemerken konnte, als ob ſie einer anderen Kaſte— einem anderen 39 Geſchlechte, von der großen Herde der Menſchen getrennt, angehörten. In der Nähe des Ortes, wo die Bewerber um den filbernen Pfeil ſich verſammelt hatten, hielt auch eine vornehme Geſellſchaft ihre Pferde an und unterhielt ſich mit einander, während die Kampfrichter die Bewerber vorſtellten. „Wer,“ ſagte einer von dieſen Herren,„wer iſt jener hübſche, junge Burſche gerade unter uns, mit dem Abzeichen der Neviles an ſeinem Hute? Er hat das Anſehen eines Menſchen, den ich kennen ſollte.“ „Ich ſah ihn nie zuvor, Mylord von Northumber⸗ land,“ antwortete einer von den ſo angeredeten Herren mit reſpektvoller Verbeugung,„aber bei Gott, wer alle Neviles von Anſehen kennt, muß halb England kennen.“* Der Lord Montagu, obgleich er in jenem Augen⸗ blick den Titel der Pereys führte, iſt doch nur unter dieſem Namen in der Geſchichte bekannt, und mit dieſem ſeinem rechtmäßigen Namen ſoll er in dieſem Buche be⸗ zeichnet werden— der Lord Montagu lächelte gnädig bei dieſer Bemerkung und ein Gemurmel in der Menge verkündete, daß der Wettſtreit um den ſilbernen Pfeil beginnen ſolle. Die Zielſcheiben waren von Raſen gebildet, und das kleine, weiße Centrum mit einem ſehr kleinen Pflock befeſtigt. Sie ſtanden von einander getrennt an jedem Ende, in der Entfernung von 220 Ellen. An dem Ende, wo das Schießen begann, verſammelte ſich die Menge, hielt ſich aber von der entgegengeſetzten Scheibe fern, als das warnende Wort„Platz!“ gerufen wurde; aber lebhaft war das allgemeine Gemurmel, und viele Wetten wurden angeboten und angenommen, wenn ein wohlbekannter Schütze ſein Glück verſuchte. In der Nähe der Scheibe, worauf jetzt geſchoſſen wurde, ſtand der Zeiger mit ſeinem weißen Stabe, und die Schnelligkeit, womit ein Bogenſchütze nach dem andern ſeinen Pfeilabſchoß, und dann, wenn er fehlte, über den Platz eilte, um ihn(die Pfeile waren zu theuer, um ſie leichtſinnig zu verlieren) unter dem Spott und Gelächter der Umſtehenden aufzu⸗ heben, war ſehr belebt und unterhaltend. Doch bis jetzt hatte noch kein Schütze das Weiße getroffen, wenn gleich manche demſelben nahe gekommen waren, als Nikolaus Alwyn vortrat; und es lag etwas ſo Unkriegeriſches in ſeinem ganzen Weſen, etwas ſo Zierliches in ſeiner Hal⸗ tung, etwas ſo Sorgfältiges in ſeiner bedächtigen Prü⸗ fung des Pfeils und in dem genauen Anpaſſen des leder⸗ nen Hand ſchuhes, der den Arm vor dem ſchmerzlichen Anſchlagen der Bogenſehne ſchützte, daß ein allgemeiner Ausbruch des Gelächters von den Umſtehenden bezeugte, daß ſte einen ausgezeichneten Fehlſchuß erwarteten. „Beim Himmel!“ ſagte Montagu,„er handhabt ſeinen Bogen, als wäre es ein Ellenmaaß. Man ſollte denken, er wollte die Bogenſehne verhandeln, ſo genau ſieht er ſie an.“ „Und nun,“ ſagte Nikolaus, langſam den Pfeil zurechtlegend,„ein Schuß zu Ehren des alten Weſtmo⸗ reland!“ Unh als er ſprach, flog der Pfeil davon und blieb zitternd in dem Herzen des Weißen ſtecken. Es entſtand eine allgemeine Bewegung des Erſtaunens unter den Zuſchauern, als der Zeiger zweimal ſeinen Stab um den Kopf ſchwang. Aber Alwyn, ebenſo gleichgültig gegen ihre Achtung, als er vorher gegen ihren Spott 41 geweſen war, wendete ſich um und ſagte mit einem be⸗ deutungsvollen Blicke auf die ſchweigenden Ebelleute: „Wir Sprößlinge von London koͤnnen für unſer Eigen⸗ thum Sorge tragen, wenn es noͤthig iſt.“ „Dieſe Burſchen werden unverſchämt. Unſer gute König verdirbt ſie,“ ſagte Montagu mit ſpöttiſch ver⸗ zogener Lippe.„Ich wollte, irgend ein junger Knappe von edlerem Blute verſchmähete es nicht, einen Schuß zu thun für Nevile gegen den Handwerksmann. Was fagt Ihr, ſchöner Herr?“ Und mit fürſtlicher Höflich⸗ keit wendete ſich Lord Montagu zu einem jungen Manne, der das Abzeichen des erſten Hauſes in England trug. Der Bogen war nicht die gewöhnliche Waffe der Hoch⸗ gebornen; aber dennoch gehörte in der Jugend die ubung mit demſelben zu der Ausbildung des künftigen Ritters, und ſelbſt Prinzen verſchmäheten es nicht, bei einer Volks⸗ beluſtigung einen Pfeil gegen des Dienſtmanns Tuchma⸗ cherelle zu wagen. Der ſo angeredete, junge Mann, deſſen redliches, offenes, ſchönes und abgehärtetes Geſicht auf eine freie und furchtloſe Natur ſchließen ließ, verbeugte ſich ſchweigend, näherte ſich dann langſam den Kampf⸗ richtern, bat um die Erlaubniß, ſeine Geſchicklichkeit verſuchen zu dürfen und borgte ſich Pfeil und Bogen. Als er die Erlaubniß erhalten und die Waffen geliehen bekommen, nahm der junge Herr ſeinen Standpunkt ein, und ſeine hübſche Perſon, ſeine Kleidung, die von beſſerer Beſchaffenheit war, als die der übrigen Mitbe⸗ werber, und vor allen Dingen das in Silber auf ſeinen Hut geſtickte Wappen der Neviles lenkte die allgemeine Aufmerkſamkeit von Nikolaus Alwyn ab. Der Pöbel iſt 42 gewöhnlich zur Vorliebe für die Ariſtokraten geneigt, und ein Gemurmel des guten Wunſches und der Erwar⸗ tung begrüßte ihn, als er den ihm angebotenen Hand⸗ ſchuh zurückwies und ſagte:„In meiner Jugend wurde ich gelehrt, den Bogen ſo anzulegen, daß die Sehne den Arm nicht berührte, und obgleich 220 Ellen nur eine Entfernung für einen Knaben ſind, ſo wird ſich doch ein guter Bogenſchütze eben ſo viele Mühe geben, als ſollte er has Weiße in einer Entfernung von 400 Ellen treffen.“ „Das iſt ein wackerer Kerl; und ich wette, aus dem Norden,“ ſagte Montagu, als der junge Herr den Pfeil anlegte. Und anmuthsvoll und künſtleriſch war die Stel⸗ lung, die er annahm, der Kopf ein wenig geneigt, die Füße feſt aufgeſetzt, der linke ein wenig voraus, indem allein die angeſpannten Muskeln der Hand, welche den Bogen hielt, zeigten, daß in jener Hand die ganze Kraft der leichten und nachläſſigen Geſtalt lag. Die allgemeine Erwartung wurde nicht vereitelt— der Jüngling vol⸗ lendete das für das geſchickteſte gehaltene Meiſterſtück, indem ſein Pfeil das Weiße verſchmähete und den kleinen Pflock traf, der es an die Scheibe befeſtigte, und der den Umſtehenden faſt gänzlich unſichtbar ſchien. „Beim heiligen Dunſtan! es lebt nur ein Mann, der es mir in dieſer Art zuvorthut, ſo viel ich weiß,“ murmelte Nikolaus,„und ich erwartete nicht, daß er ſich ſelber in die Hüfte beißen würde.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich ſeinem glücklichen Nebenbuhler. „Nun, Junker Marmaduke,“ ſagte er,„es iſt man⸗ ches Jahr her, als Ihr mir jenes Kunſtſtück auf dem Schloſſe Eures Vaters, Sir Guy's, zeigtet— Gott leinen er den Nann, beiß,* aß er dieſen gller. man⸗ f dem Gott 43³ habe ihn ſelig! Aber ich nehme es faſt übel, daß Ihr Eurem eigenen Landsmann den Sieg abgewonnen.“ „Ei, Wetter!“ rief der Jüngling, und ſeine heite⸗ ren Züge klärten ſich zu einer herzlichen und kordialen Frende auf;„wenn ich in Dir meinen alten Freund und Milchbruder Nick Alwyn ſehe, ſo iſt dies die glücklichſte Stunde, die ich ſeit manchen Tagen erlebt habe. Aber tritt zurück und laß Dich anſehen, Mann! Du ein zah⸗ mer Londoner Handwerksmann! Ha! ha!— Iſt es möglich?⸗ „Ei, Junker Marmaduke,“ antwortete Nikolaus, „jede Krähe hält ihren eigenen Schnabel für den ſchön⸗ ſten, wie man im Norden ſagt. Wir wollen ſogleich weiter davon reden, wenn Ihr mich beehren wollt. Ich vermuthe, das Bogenſchießen iſt jetzt zu Ende. Wenige werden daran denken, einen beſſeren Schuß zu thun.“ Hierauf näherten ſich die Kampfrichter, und der erſte von ihnen, ein alter Seidenhändler, der einſt Waf⸗ fen getragen und als Freiwilliger die Schlacht bei Tou⸗ ton mitgemacht hatte, erklärte, daß der Wettkampf vor⸗ über ſei,„wenn nicht,“ ſetzte er mit parteiiſchem Gefühl für den jungen Londoner hinzu,„wenn nicht dieſer junge Mann, den ich einſt als Alderman zu ſehen hoffe, noch einen Schuß fordert, denn bis jetzt hat Jeher nur einmal geſchoſſen.“ „Nein, Herr,“ erwiderte Alwyn,„ich habe meinen Mann getroffen; und üͤberdies,“ ſetzte er gleichgültig hinzu,„iſt der filberne Pfeil, obwohl ein hübſches Spiel⸗ werk, doch etwas zu leicht an Gewicht.* „Würdiger Herr,“ ſagte der junge Nevile mit gleicher Großmuth,„ich kann den Preis nicht annehmen für ein bloßes Kunſtſtück im Bogenſchießen— das Weiße war ſchon von Herrn Alwyns Pfeil getroffen. Über⸗ dies war der Wettlampf nur für die Londoner beſtimmt, und ich bin nur ein Zwiſchenläufer und verdanke Ihnen die Erlaubniß, mich im Bogenſchießen zu üben, und man hat mir ſelbſt einen Bogen geborgt— deßhalb muß der filberne Pfeil Nikolaus Alwyn gegeben werden.“* „Das kann nicht ſein, Herr,“ ſagte der Schieds⸗ richter, ihm den Preis hinreichend.„Da Alwyn ſich des zweiten Schuſſes begibt, ſo gehört er Euch von Rechtswegen.“ Lord Montagu war nicht unaufmerkſam auf dieſes Geſpräch geweſen, und er ſagte jetzt in lautem Tone, der die Menge zum Schweigen brachte:„Junger Dienſt⸗ mann, Deine Galanterie gefällt mir nicht weniger, als Deine Geſchicklichkeit. Nimm den Pfeil, Du haſt ihn gewonnen; aber da Du ein neuer Ankömmling zu ſein ſcheinſt, ſo iſt es recht, daß Du Deine Taxe beim Ein⸗ tritt zahleſt— dies ſei mir überlaſſen. Kommt hieher, mein guter Herr,“ und der Edelmann winkte gnädig dem Seidenhändler, näher zu kommen;„dieſe fünf Gold⸗ ſtücke ſeien der Preis für den Londoner, der ſich im Kampfe mit dem Knittel auszeichnet, und der Preis ſoll im Namen dieſes jungen Bogenſchützen gegeben werden. Dein Name, Jüngling?“ „Marmaduke Nevile, mein guter Lord.* Montagu lächelte und der Kampfrichter entfernte ſich, um den Umſtehenden die Ankündigung zu machen. Die Proklamation wurde mit einem Freudengeſchrei em⸗ 4⁵ pfangen, welches von einer Gruppe zur andern und von einer Reihe zur andern herzlicher ertönte wegen der Liebe und Ehre, die man mit dem Namen Nevile verband, als ſelbſt aus Dankbarkeit für die Großmuth des Bru⸗ ders des Grafen von Warwick. Ein einziger ſtämmiger, wohlgebauter Kerl in dem grünen Wamms eines Frei⸗ ſaſſen, der ſeine Kopfbedeckung halb über ſein Geſicht gezogen hatte, ſtimmte nicht in den allgemeinen Beifall ein.„Dieſe Anhänger von York,“ murmelte er, wiſſen nur zu gut, wie ſie das Volk am Narrenſeil führen können.“* Inzwiſchen ſtand der junge Nevile noch neben dem vergoldeten Steigbügel des großen Edelmanns, der ihn auf ſolche Weiſe beehrt hatte, und betrachtete ihn mit jenem Reſpekt und jener Achtung, die ein ehrgeiziger Jüngling ſtets für die empfindet, die ſich einen großen Namen erworben haben. Lord Montagu hatte einen ſehr verſchiebenen Charakter von dem ſeines mächtigen Bruders. Obgleich ein ſo ge⸗ ſchickter Anführer, daß er nie eine Schlacht verloren hatte, ſtand ſein Ruf als Krieger doch unter dem des großen Grafen, der vermöge ſeiner ungeheuren Kraft jene per⸗ ſönlichen Waffenthaten ausgeführt hatte, wodurch die große Maſſe geblendet wird und wohurch er den ſagen⸗ haften Ruhm der früheren normänniſchen Ritterſchaft wieder belebte. Die Vorſicht und Bedächtigkeit, die Montagu in der Schlacht zeigte, verurſachte wahrſchein⸗ lich ſeinen glücklichen Erfolg als General, ſo wie auch die Ungerechtigkeit, die ihm wenigſtens von dem gemei⸗ nen Volke als Soldat widerfuhr. Obgleich Lord Mon⸗ perſönlich in den Kampf gemiſcht. Gleich den Anführern der neueren Zeiten, begnügte er ſich damit, die Manö⸗ vers ſeiner Leute zu leiten, und bewahrte daher den un⸗ ſchätzbaren Vortheil der Kälte und Berechnung, wodurch ſich die lebhafte Tapferkeit ſeines Bruders nicht immer auszeichnete. Montagu's Charakter unterſchied ſich von dem des Grafen noch mehr im Frieden als im Kriege Man nahm an, daß er ſich durch alle jene gewandten Künſte des Hofmannes auszeichnete, die Warwick ver⸗ nachläſſigte oder verachtete, und wenn der letztere bei wichtigen Gelegenheiten der Rathgeber ſeines Fürſten war, ſo war der Andere im gewöhnlichen Leben ſein Geſellſchafter. Warwick verdankte ſeine Popularität ſeiner eigenen offenen, kühnen und verſchwenderiſchen Art. Der ſchlauere Montagn ſuchte durch Sorgfalt und Mühe zu gewinnen, was der Andere ohne Anſtrengung erlangte. Er wohnte den verſchiedenen feſttäglichen Zu⸗ ſammenkünften der Bürger bei, wo Warwick ſelten ge⸗ ſehen wurde. Er war glattzüngig und höflich gegen Sei⸗ nesgleichen und im Allgemeinen leutſelig, wenn gleich etwas gezwungen gegen Niedere. Er war ein genauer Beobachter und nicht ohne jene Anlage zur Intrigue, die in roheren Zeiten für das Talent eines Staatsmannes gilt. Und doch ſtand er dem Grafen in jener vollkomme⸗ nen Kenntniß der Gewohnheiten und des Geſchmacks der großen Maſſe, die einem Herrſcher Weisheit verleiht, weit nach. In Gemeinſchaft mit ſeinem Bruder beſaß er jene Majeſtät des Weſens, die dem Auge imponirt, und ſeine Haltung und ſein Geſicht waren von der Art, tagu's Muth unbeſtritten war, ſo hatte er ſich doch ſelten enauer üe, die nannes omme⸗ cks der erleiht, beſaß ponirt, r Art, 47 wie ſie ſich für die verſchwenderiſche Anwendung von Sammet, Hermelin, Gold und Juwelen eigneten, wo⸗ durch die prunkſüchtigen Magnaten jener Tage ihrem Ausſehen den anmaßenden Glanz ihrer Macht mittheil⸗ ten.„Junger Herr,“ ſagte der Graf, nachdem er den hübſchen Bogenſchützen mit einiger Aufmerkſamkeit an⸗ geſehen hatte,„es iſt mir lieb, daß Ihr den Namen Nevile führt. Benachrichtigt mich gefälligſt, welchem Sprößling unſeres Hauſes wir den Ruhm verdanken, womit Ihr heute unſer Abzeichen getragen habt?“ „Ich fürchte,“ antwortete der Jüngling mit leich⸗ tem, doch nicht ungraziöſem Zaudern,„daß Mylord von Montagu und Northumberland ſchwerlich die Anmaßung verzeihen wird, womit ich dieſer Verſammlung einen Namen aufgedrängt habe, den ſo berühmte Edle führen, beſonders wenn er jenen weniger glücklichen Zweigen ſeiner Familie angehoͤrt, welche in der letzten unglücklichen Volksaufregung auf einer andern Seite ſtanden als er. Mein Vater wer Sir Guy Nevile von Arsdale in Weſt⸗ moreland.“ Lord Montagu's Lippe verlor ihr gnädiges Lächeln — er ſah ſich raſch zu den Hofleuten in ſeiner Nähe um und ſagte ernſt:„Es thut mir leid, dies zu hören. Hätte ich dies gewußt, ſo wäre meine Taſche gewiß noch um fünf Goldſtücke reicher. Es ſchickt ſich nicht fuͤr einen Mann, den Koͤnig Eduard der Vierte mit ſeiner Gnabe beehrt, dem Sohne eines Mannes Gunſt zu erweiſen, der, obgleich ein Verwandter, für die unrechtmäßigen Herrſcher von Lancaſter Waffen trug. Ich bitte Euch, Herr, von jetzt an ein Wappenſchild abzulegen, welches nur dem Dienſte des königlichen York geweiht iſt. Nichts weiter, junger Mann; wir dürfen den Sohn Sir Guy Nevile's nicht anhören.— Meine Herren, wollen wir hinreiten, um zu ſehen, wie die Londoner mit Knitteln fechten?“ Ohne weiter auf Nevile zu achten, lenkte Montagu ſein Pferd herum und ritt zu einem entfernten Theile des Platzes, wohin ſich die Menge ſtürmiſch und ge⸗ räuſchvoll drängte. „Ihr ſeid hart gegen Euren Namensvetter, mein edler Lord,“ ſagte ein junger Cavalier, deſſen dunkel⸗ braunes Haar, deſſen adlerartige, ſtolze Züge, deſſen hagere, aber kräftige Geſtalt und deſſen unausſprechliche Miene des Anſehens und Beſehls alle Eigenſchaften des reinſten und älteſten normänniſchen Geſchlechts— jenen Patrizier der Welt— zeigten. „Lieber Raoul de Fulke,“ entgegnete Montagu kalt, „wenn Ihr mein Alter von vierunddreißig Jahren erreicht habt, werdet Ihr lernen, daß keines Menſchen Glück einen ſo breiten Schatten wirſt, um die Opfer einer verunglückten Sache vor dem Ungewitter zu ſchützen.“ „So würde Euer kühner Bruder nicht reden,“ ant⸗ wortete Raoul de Fulke, deſſen ſtolze Lippe ſich ein wenig verzog,„und ich ſtimme ihm bei, daß kein König ſo heilig iſt, daß wir ſeiner Rache unſer eigenes Fleiſch und Blut aufopfern ſollten. Weiß Gott, wer das Wappenſchild trägt und von dem Geſchlecht Raouls de Fulke entſpringt, ſoll nie von mir befragt werden, ob ſein Vater für York oder für Laneaſter gefochten.“ „Still, unbeſonnener Schwätzer!“ ſagte Montagu 49 der Nenſchen und neuen Moden angefüllt iſt, die alte ver⸗ lene normä 3 würde aufrecht halten ber Ihr ſeid ein tapferer Ritter, de Fulke, eſonderer Hofmann.“ a möͤgen mich ſo la 9 1 Beben bei nigs, vor dem Entblößen meines ptes vor einem ſchmutzigen el, vor der Heirath mit einem alten Weibe um gemeinen Goldes willen zu kalt, mögen die Heiligen ſtets Raoul de Fulke und ſeine Seele erreicht bewahren!— Amen!“ Glüͤck Auf dieſe Rede, wovon jeder Satz den einen oder einer rer d mit ſtechender Satire verwundete, een.* folgte ein widerwärtiges Schweigen, welches Montagu „ ant⸗ zuerſt unterbrach. wenig„Zum Henker!“ ſagte er,„wann verließ uns Lord heilig Haſtings? Und welches ſchöne Geſicht kann ihn ange⸗ d Blut lockt haben?“ nſchild„Er verließ uns plötzlich auf dem Schützenplatze,“ pringt, antwortete der junge Lovell.„Aber eben ſo gut könnten r York wir der Spur des leichten Windes zu der Roſe folgen, als aufſpüren, für welches Mädchen oder Matrone Lord ontagu William ſeufzt.“ Bulwer, Barone. I. Während die Cavaliere ſich ſo unterredeten, ihre Federbüſche im Winde wehten und ihre Mäntel unter dem Platz dahin ſchimmerten, folgte Marmaduke Ne⸗ vile’s Auge den Reitern mit jenem bittern Gefühle ver⸗ wundeten Stolzes und ohnmächtiger Wuth, womit die Jugend die erſte Beleidigung empfindet, die ſie von der Macht empfängt. Zweites Kapitel. Die zerbrochene Guitarre. Marmaduke Nevile raffte ſich aus ſeiner unwilligen Träumerei auf und folgte einem jener kleineren Strome, in welche ſich die Menge theilte, als ſie ſich von dem Schützenplatze entſernte, und befand ſich bald an einem Theile des feſtlichen Schauplatzes, welcher zu weniger männlichen, aber für jene Zeit nicht weniger charak⸗ teriſtiſchen Beluſtigungen als die des Knittels und Bo⸗ gens beſtimmt war. Unter einem Zelt, wo ein herum⸗ ziehender Wirth Kuchen und Bier feil bot, unterhielt der humoriſtiſche Bourdour(die gemeinſte Art der Min⸗ ſtrels oder Erzähler) ſeine bäueriſche Verſammlung, wäh⸗ rend zwei Harfenſpieler in der königlichen Lioree in ge⸗ ringer Entfernung abgeſondert daſaßen und ſich wegen der Beliebtheit ihres pöbelhaften Nebenbuhlers durch weiſe Betrachtungen über die verworfene Natur des ge⸗ meinen Volks tröſteten. Etwas weiter hin ſtutzte Mar⸗ maduke bei dem Anblick der Köpfe von Rieſen, die wenigſtens ſechs Ellen hoch zu ſein ſchienen; aber als er näher kam, verwandelten ſich dieſe furchtbaren Erſchei⸗ terhielt r Min⸗ 3, wäh⸗ in ge⸗ wegen 3 durch des ge⸗ e Mar⸗ en, die e als er Frſchei⸗ 51 nungen in eine Geſellſchaft von Tänzern auf Stelzen. Hier zeigte ein Mann die Kunſtſtücke ſeines wohlabge⸗ richteten Affen— dort verdunkelte ein Anderer die Reize des Pavians durch ein wunderbares Pferd, welches mit ſeinen Vorderfüßen eine Trommel ſchlug— dort ver⸗ ſprach ein finſterer Taſchenſpieler, der vor einem Tiſche auf einer hohen Bühne ſtand, einem traurig ausſehenden kleinen Knaben den Kopf abzuſchneiden und wieder auf⸗ zuſetzen. Jeder dieſer Wundermänner fand ſeine beſon⸗ dere Gruppe von Bewunderern, und groß war das Ent⸗ zücken und laut das Gelächter auf dem Spielplatze zu Cockaigne. Während Marmaduke, verwirrt von dem verſchie⸗ denen Geräuſch, um ſich her ſtarrte, fiel ſein Auge auf ein junges Mädchen, welches offenbar in Noth war und ſich vergebens bemühte, ſich von einem Trupp Mädchen, welche Schellentrommeln ſpielten, loszumachen, die ſie mit ſpottenden Geberden umringten, ihre Inſtrumente anſchlugen, um ihre Gegenvorſtellungen zu übertäuben und im Kreiſe um ſie her tanzten, um ſie an der Flucht zu verhindern. Das Mädchen war beſcheiden gekleidet, als gehörte ſie dem niedern Stande an, und ihr Schleier verbarg größtentheils ihr Geſicht; doch ungeachtet ihrer ſeltſamen und unwürdigen Lage und ihrer unverkennbaren Beſtürzung, zeigte ſie eine Art von ruhiger Faſſung— ein Bemühen, ihren Schrecken zu verbergen und ſich an die beſſeren und weiblicheren Gefühle ihrer Verfolge⸗ rinnen zu wenden. Wenn die Anderen einen Augenblick inne hielten, erregte ihre wohltönende und eindringliche, obgleich leiſe Stimme die Aufmerkſamkeit des jungen 5² Nevile; denn in jenen Tagen lag ein noch größerer Unterſchied in der Betonung und der Modulation der Stimme der verſchiedenen Klaſſen. Aber dieſer Unter⸗ ſchied, der ſo ſchlecht zu ihrer Kleidung und ihrer Lage paßte, diente nur dazu, die Unverſchämtheit der muſt⸗ kaliſchen Bact n, welche in den Augen der Nüchternene eine Bec liſche Begleitung der Luſhacdeien jener 3 n, und deren Frechheit h ſchaft den Alterthumsfor⸗ en Urſprung unter Heſdenih hums zu ſuchen. Um hens noch zu vermehren, utze end ahsgrlaſenee Lehrlinge und naden und redeten ſte noch beleidigender an, als Marmaduke dieſelben auf die Seite ſch ob und ihr zu Hülfe eilte. „Nun, Ihr verworfenen Kerle!— Ihr macht, daß ich am hellen Tage über meine Landsleute errölhe! ſind dies die Spiele und Scherze des fröhlichen England— dies Eure männlichen Kämpfe, indem Ihr wetteifert, wer ein armes Mädchen am beſten beleidigen kann? Pfui⸗ pfui über Euch gemeinen Wichte! Haltet Euch an mir⸗ junges Mädchen, und fürchtet nichts. Wohin ſoll ich Euch führen?“ Die Lehrlinge waren aber nicht ſo leicht zu erſchrecken. Zwei von ihnen näherten ſich, um ihm das Mädchen zu entreißen, und ſchwangen mit furchtbaren Geberden ihre ſchweren Kuittel um den Kopf. „Hoho,“ rief Einer,„welches Recht haſt Du, zwi⸗ ſchen die Jäger und das Reh zu treten? Die junge Dirne M 5³ wird ſich nur zu geehrt fühlen durch den Kuß eines kühnen Lehrlings von London. 4 Marmahuke trat zurück und zog einen Dolch, der zu jener Zeit die gewöhnliche Waffe eines Cavaliers war. Bei dieſer Bewegung ſchob er ſeinen Mantel zurück, ſo daß der gewonnene filberne Pfeil, den er im Gürtel trug, ſeinen Gegnern ſichtbar wurde. Zu gleicher Zeit bemerkten ſie auch das Wappen an ſeinem Hute. Dies erſchreckte ſte mehr als der gezogene Dolch. „Ein Nevile!“ ſagte der Eine, indem er ſich zurück⸗ zog.„Der gute Schütze, welcher Nick Alwyn beſiegte,“ ſagte der Andere, indem er ſeinen Stab ſinken ließ und ſeine Mütze abnahm.„Verzeiht uns, edler Herr, wir kannten Euren Nang nicht, aber was das Mädchen an⸗ betrifft, da leitet Euch Eure Galanterfe irre.“ „Des Zauberers Tochter! Ha, ha! Der Spröß⸗ ling der Finſterniß!“ ſchrien die Trommelmädchen, in⸗ dem ſie ihre Inſtrumente in die Höhe warfen und mit den Fingerſpitzen wieder auffingen.„Sie hat ihn durch ihr Geſchrei bezaubert. Häßlich iſt ſchön! Schlimm wird es Dir ergehen, junger Burſche, wenn Du in ihr Netz gehſt. Schatten und Kobold zu Kobold und Schatten! Fleiſch und Blut zu Blut und Fleiſch!“ Und indem fie mit frechen Blicken und bloßen Armen um ihn her tanz⸗ ten, berüͤhrten ihn ihre leichten Gewänder, als fie ſangen: Komm, küſſ' mich, mein Liebchen, Warme Küſſe wir geben; Wein, Muſik und Küſſe— Wozu ſonſt das Lehen! Mit einiger Schwierigkeit und mit einem Abſchen, 54 der von einer abergläubiſchen Furcht bei den ſeltſ amen Worten und dem ausländiſchen Ausſehen dieſer ekelhaf⸗ ten Delilas nicht frei war, riß ſich Marmaduke mit ſeinem neuen Schützling von dem Kreiſe los, und in wenigen Minuten befanden ſich Nevile und das Mädchen unbeläſtigt und unverfolgt an einem verlaſſenen Theile des Platzes; aber als ſie forteilten, tönte dem jungen Manne noch das Geſchrei der Trommelmädchen aus der Ferne verhängnißvoll ins Ohr:„Ha, ha! Die Hexe und ihr Liebhaber! Häßlich iſt ſchön! Häßlich iſt ſchön! Schatten dem Kobold, Kobold dem Schatten— und der Teufel hat, was ihm gehört!“ „Und welches Mißgeſchick, mein armes Mädchen, brachte Dich in ſo üble Geſellſchaft?“ fragte Nevile be⸗ ſänftigend. „Ich weiß nicht, edler Herr,“ ſagte das Mädchen, indem ſie ſich langſam wieder faßte,„aber mein Vater iſt arm und ich hatte gehört, wenn man einige Geſchick⸗ lichkeit im Guitarrenſpiel befitze, könne man ſich bei dieſen Feſtlichkeiten einige Groſchen von den Umſtehenden ver⸗ dienen. So ſchlich ich mich mit meiner Dienerin hinaus und hatte ſchon mehr gewonnen, als ich zu hoffen gewagt, als dieſe garſtigen Trommelſpielerinnen mich umringten und mich beſchuldigten, daß ich ſie um ihr Geld bringe. Dann riefen ſie den Aufſeher des Platzes herbei, der mich nach meinem Namen und Geſchäft fragte, und als ich antwortete, nannten ſie meinen Vater einen Zau⸗ berer, und der Mann zerbrach meine arme Guitarre— ſeht nur!“ Und ſie hielt ſie mit unſchuldigem Kummer in ihren Blicken empor, während zugleich ein Lächeln 55 ihre Lippen umſpielte—„und ſie trieben bald die arme alte Madge von meiner Seite, und ich wußte nicht mehr was ich thun ſollte, bis Ihr, würdiger Herr, herbei kamet und Mitleid mit mir hattet.“ „Aber warum legten ſie Deinem Vater einen ſo un⸗ heiligen Namen bei?“ fragte Nevile. „Ach, Herr! er iſt ein großer Gelehrter, der ſein Vermögen dabei aufgewendet hat, das zu ſtudiren, was, wie er ſagt, einſt dem Volke nützen wird.“ „Hm!“ ſagte Marmaduke, der allen Aberglauben ſeiner Zeit hegte und einen Gelehrten, wenn er nicht der Kirche angehörte, mit einer Miſchung von Ehrfurcht und Abſcheu betrachtete, und der daher mit der kunſt⸗ loſen Antwort des Mädchens nicht ſehr zufrieden war— „Hm! Dein Vater— aber—“ hier unterbrach er die harten Worte, die er zu ſagen im Begriff war, als er die hellen Augen und das ſchlaue, verſtändige Geſicht zu dem ſeinigen erhoben ſah—„aber es iſt hart, das Kind wegen der Irrthümer des Vaters zu beſtrafen.“ „Irrthümer, Herr!“ wiederholte das Mädchen ſtolz und mit einiger Verachtung in ihrem Geſichte und ihrer Stimme.„Aber ja, die Weisheit iſt vielleicht der trau⸗ rigſte Irrthum.“ Dieſe Bemerkung war verſtändiger als die vorher⸗ gehende. Die Einfachheit des Kindes ſtand im Wider⸗ ſpruch mit der ſtrengen Erfahrung, und aus ſolchen Widerſprüchen war jener Charakter gebildet, denn mit lieblicher und kindlicher Veränderung des Tones und des Geſichts fügte ſie nach einer Pauſe hinzu:„Sie nahmen 56 das Geld! die Guitarre— ſeht, die ließen ſie mir, als ſie ſie unbrauchbar gemacht hatten.“ „Ich kann die Guitarre nicht wieder ausbeſſern, aber ich kann Dir die Taſche wieder füllen,“ ſagte Marmaduke. Das Mädchen wurde ſehr roth.„Nein, Herr, ver⸗ dienen iſt nicht betteln.“ Marmaduke beachtete dieſe Antwort nicht, denn als ſte jetzt an den alten Bäumen vorübergingen, unter welchen mehre Zecher ſaßen, die von ihren Bechern und Kannen zu ihm aufblickten, Einige mit ſpöttiſchem, An⸗ dere mit ernſtem Ausdruck, da begann er ernſtlicher als er es bisher in ſeiner Gutmüthigkeit gethan, zu beden⸗ ken, wie es ſich ausnehmen müſſe, wenn er öffentlich mit einem Mädchen von niederem Range und vielleicht zweifelhaftem Rufe ſpazieren gehe. Selbſt in unſern Tagen würde dies verdächtig ſein, und in jenen Tagen, wo die Klaſſen durch eiſerne Schranken getrennt waren, war ein junger Mann, deſſen Kleidung ihn als einen Vornehmen bezeichnete, in Geſellſchaft eines Frauen⸗ zimmers, welches einer niedrigern Klaſſe angehörte, und noch dazu am hellen Tage, noch weit mehr dem Tadel ausgeſetzt. Das Blut ſtieg bis zu ſeiner Stirne hinauf, er ſtand plötzlich ſtill und ſagte in trockenem und ver⸗ ändertem Tone:„Mein gutes Mädchen, ich denke, jetzt biſt Du aus aller Gefahr; es würde ſich ſchlecht für Dich ſchicken, ſo jung und ſchön, wie Du biſt, noch weiter mit einem Manne zu gehen, der nicht alt genug iſt, um Dein Beſchützer zu ſein. So, in Gottes Namen, entferne Dich raſch und denke an mich, wenn Du Deine neue Guitarre kaufſt— armes Kind!“ Bei dieſen Wor⸗ 57 ten verſuchte er, ihr ein Stuͤck Geld in die Hand zu ſtecken. Sie ſchob es zurück und das Geld fiel auf den Boden. „Nein, dies iſt thöricht,“ ſagte er. „Ach, Herr!“ ſagte das Mädchen ernſt,„ich ſehe wohl, daß Ihr Euch Eurer Güte ſchämt. Aber mein Vater bettelt nicht, und einſt— doch es liegt nichts daran.“. „Was war einſt?“ ſagte Marmadule, der ſich wider ſeinen Willen für das Mädchen intereſſirte. „Einſt,“ ſagte das Mädchen, ſich aufrichtend und mit einem Ausdruck, der den ganzen Charakter ihres Geſichts veränderte—„einſt aß der Bettler an meines Vaters Thor. Er iſt ein geborner Edelmann und eines Ritters Sohn.“ „Und was brachte ihn ſo herunter?⸗ „Ich habe es ſchon geſagt,“ antwortete das Mädchen einfach, doch mit demſelben halben Spott auf ihrer Lippe, den ſie ſchon vorher gezeigt hatte,„er iſt ein Gelehrter und dachte mehr an Andere, als an ſich ſelber.⸗ „Ich ſah noch nie, daß jene verdammten Bücher einem Edelmanne etwas Gutes brachten,“ ſagte Nevile; „ſie paſſen nur für Mönche und Kahlköpfe. Aber doch, um Deines Vaters Willen, obgleich ich mich der ärm⸗ lichen Gabe ſchäme—* „Nein— Gott ſei mit Euch, Herr, aund belohne Euch!“ Mit dieſen Worten blieb ſie ſtehen, zog ihren Schleier um ihr Geſicht und verſchwand. Nevile em⸗ pfand ein unbehagliches Gefühl der Reue und Mißbilli⸗ gung, weil er ſie fortgelaſſen, da noch die Möglichkeit vorhanden war, daß ſie konnte beläſtigt oder beleidigt werden, und er folgte ihr mit den Augen, bis eine Baum⸗ gruppe ſie ſeinen Blicken entzog. Das junge Mädchen ließ in ihren Schritten nach, als ſle ſich allein unter den unbelaubten Bäumen ſah— ein verlaſſener Ort, den Sümpfe melancholiſch machten und der mit wildem Graſe halb überwachſen war, und durch den der ſeichte Bach ſeinen traͤgen Weg nahm, der jetzt, obgleich ſeine Wellen nicht mehr zu ſehen ſind, einer der Hauptſtraßen in dem vornehmſten Stadtviertel der Hauptſtadt den Namen gibt. Auf einer Erhöhung, die von den verwickelten Wurzeln einer Zwergeiche ge⸗ bildet wurde, ſetzte ſie ſich nieder und weinte. In unſe⸗ ren frühern Jahren werden ſich die Meiſten von uns er⸗ innern, daß es einen Tag gab, der einen Abſchnitt in unſerem Leben bildete— der Tag, der die Kindheit von der Jugend trennte; denn jener Tag ſcheint nicht all⸗ mählig zu kommen, ſondern eine plötzliche Krifis, eine unerwartete Offenbarung zu ſein. Die Knoſpe des Her⸗ zens öffnet ſich, um ſich nie mehr zu ſchließen. Ein ſolcher Tag war dieſer in dem Schickſal jenes Mädchens. Aber der Tag war noch nicht vorüber! An jenem Morgen, als fie ſich ankleidete, um ihr Unternehmen der kindlichen Liebe zu beginnen, fühlte Sibylla Warner vielleicht zum erſtenmal, daß ſie ſchön ſei— wer kann ſagen, ob ſich nicht eine unſchuldige, natürliche Eitelkeit mit der in⸗ nigen, hingebenden Lebhaftigkeit vereinigte, die keine Schande in einer Handlung ſah, wodurch das Kind dem Vater helfen konnte. Vielleicht hatte ſie gelächelt, indem ſte die Prophezeihung der alten Madge anhörte, daß es dem Geſichte und der Guitarre auf dem feſtlichen Platze nicht an Bewunderern fehlen würde. Vielleicht mochte ein unbeſtimmtes und undeutliches Vorgefühl von der ich, Zukunft, wofür das andere Geſchlecht ſich geboren wähnt, — daß ihre Wange— nein, nicht erröthete, ſondern nur ten eine etwas roſigere Farbe annahm und der Puls ein ind wenig raſcher ſchlug, ſie wußte nicht warum. Auf jeden der Fall ging die junge Sibylla heiter und faſt glücklich in nd, ihrer Unbekanntſchaft mit dem wirklichen Leben zu dem rtel Platze und wenigſtens gewiß, daß Jugend und Unſchuld ing, hinreichten, ſie vor Beleidigung zu ſchützen. Und nun ge⸗ ſetzte fie ſich unter jenen laubloſen Bäumen nieder, um nſe⸗ zu weinen, und in jenen bittern Thränen wurde die Kind⸗ er⸗ heit ſelbſt auf immer von ihrer Seele hinweggewaſchen. t in„Was fehlt Dir, Mädchen?“ fragte eine tiefe von Stimme und ſie fühlte, wie eine Hand leicht auf ihre all⸗ Schulter gelegt wurde. Sie blickte in Schrecken und Ver⸗ eine wirrung auf, aber die Geſtalt und das Geſicht, die Her⸗ ihrem Auge begegneten, waren nicht von der Art, um ſcher ihr Furcht einzuflößen. Es war ein Cavalier, der ein lber reich gezäumtes Pferd am Zügel hielt, und obgleich ſeine gen, Kleidung einfacher und weniger übertrieben war, als chen die, welche Männer von Stande gewöhnlich trugen, ſo zum waren doch die Stoffe von ſolcher Art, wie ſte nach der ſich Kleiderordnung den Edelleuten vorbehalten waren. Ob⸗ in⸗ gleich ſein Oberrock nur von Tuch und die Farbe dunkel eine und nüchtern war, ſo war derſelbe doch auf fremden dem Webſtühlen gewoben— ein unpatriotiſcher Luxus, der dem über den Rang eines Ritters ging— und breit mit dem ß es koſtbarſten Pelzwerk beſetzt. Der Griff ſeines Dolches, latze der an ſeiner Seite hing, war nur von zierlich gearbei⸗ 60 tetem Elfenbein, aber die Scheide mit großen Perlen beſetzt. Übrigens war der Frembe von gewöhnlicher Statur, wohlgebaut, und mehr gewandt als kräftig und in dem Alter von etwa fünfunddreißig Jahren, welches man die zweite Jugend des Mannes nennen kann. Sein Geſicht war weit weniger ſchön, als das Marmaduke Nevile's, doch drückte es unendlich viel mehr Verſtand und Befehl aus, die Züge waren gerade und ſcharf mar⸗ kirt, die Geſichtsfarbe klar und blaß und ein dunkler Schatten unter den hellen grauen Augen denutete ent⸗ weder auf Ausſchweifung oder Nachdenken. „Was fehlt Dir, Mädchen?— Beweinſt Du einen treuloſen Geliebten? Die Liebe erneuert ſich in der Ju⸗ gend, ſo wie im Frühling Blume auf Blume folgt; darum beruhige Dich!4 Sibylla antwortete nicht, ſtand auf, ging einige Schritte weiter, blieb dann ſtehen und ſah ſich um. Sie hatte die Richtung ihres Heimweges verloren, und ſah mit Entſetzen in der Ferne die verhaßten Trommelmäd⸗ chen, die, von dem Pöbel begleitet, nach ihrer ſeltſamen Art tanzend, ſich dem Orte näherten. „Fürchteſt Du mich, Kind? Du haſt keinen Grund dazu,“ ſagte der Fremde ihr folgend,„und ich frage noch einmal, was fehlt Dir?⸗ Die smal war es eine Stimme des Befehls und das arme Mädchen gehorchte unwillkürlich. Sie erzählte ihr Unglück, ihre Verfolgung von den Trommelmädchen, ihre Flucht durch Nevile's Beiſtand, ihre Trennung von ihrer Dienerin und ihre Ungewißheit, welchen Weg fie einſchlagen ſolle. 61 Der Edelmann hörte ihr mit Intereſſe zu: er war ein Mann, überſaͤttigt vom Vergnügen und von der Welt, und die offenbare Unſchuld Sibylla's war eine Neuheit für ſeine Erfahrung, während der Contraſt zwiſchen ihrer Sprache und ihrer Kleidung ſeine Neu⸗ gierde erregte.„Und Dein Beſchützer verließ Dich,“ ſagte er,„da ſein Werk nur halb gethan war— pfui, das war nicht ritterlich! Aber ich, Mädchen, trage die ritterlichen Sporen, u kl iſt eine Pflicht, von: ein Eid mir nicht geſtat⸗ tet, abzuweichen. Hauſe geleiten, denn ich kenne hlen Londons. Du darfſt nur die Vorſtadt nennen, wo Dein Vater wohnt.“ Sibylla erhob unwil ihren Schleier, und richtete in verwirrter Dankbarkeit und Überraſchung ihre Angen auf den Fremden.— Sie hatte ihre Kind⸗ heit hei Hofe zugebracht— ihr Auge war an Nang und hohen Stand gewöhnt, und ſie bemerkte ſogleich die hohe Stellung des Redenden; der Contraſt zwiſchen dieſer unerwarteten und delikaten Galanterie und dem herab⸗ laſſenden Tone und der plöͤtzlichen Entfernung Marma⸗ duke s rührte ſie wieder zu Thränen. „Ach, würdiger Herr!“ ſagte ſie ſtotternd,„was kann Euch für dieſe unerwartete Güte belohnen?“ „Ein unſchuldiges Lächeln, liebenswürdige Jung⸗ fran!— denn, daß Du das biſt, will ich boſchwören.“* Er bot ihr nicht ſeine Hand an, ſondern hing den mit Gold eingelegten Zügel über ſeinen Arm und ging an ihrer Seite fort. Wenige Worte reichten hin, ihm die Richtung anzugeben, die er einzuſchlagen hatte, und er führte ſte uͤber den Platz mitten durch das Gedränge. Er empfand nichts von der jugendlichen Scham und Be⸗ denklichteit Marmaduke's bei den Blicken, die ihm be⸗ gegneten. Aber Sibylla bemerkte, daß von Zeit zu Zeit, als ſie weitergingen, Mützen und Hüte abgenommen wurden, und das reſpektvolle Gemurmel des Pöbels, der ſie noch kürzlich verhöhnt hatte, zeigte ihr den unermeß⸗ lichen Abſtand in der Achtung der Menſchen zwiſchen der Armuth, die von der Tugend, und der Armuth, die von der Macht beſchützt wird. Aber plötzlich draͤngte ſich eine geputzte Gruppe durch die Menge und trat ihnen in den Weg. Das vorberſte Mädchen naͤherte ſich frech dem Cavalier, ſah ihm voll in ſein Verachtung ausdrückendes Geſicht und rief:„Han⸗ delſt Du auch um Küſſe? Haha!— das Leben iſt kurz— Du haſt die Hexe behext! Aber Herxerei und Tod gehen zuſammen, wie Du vielleicht zu ſeiner Zeit erfahren wirſt, ſchmucker Werber!“ Dann eilte das Trommel⸗ mädchen an der Spitze ihrer bemalten und geputzten Gruppe davon, ſprang unter das Gedränuge und ver⸗ ſchwand. Dieſer Vorfall machte keinen Eindruck auf den guten Verſtand des Fremden. Ohne eine Bemerkung darüber zu machen, ſetzte er ſeine Unterredung mit ſeiner jungen Begleiterin fort und ſuchte ſich auf geſchickte Weiſe mit ihrem eigenthümlichen, kräftigen und begabten Geiſte bekannt zu machen. Er war mehr als thellnehmend; er war gerührt und überraſcht. Sein Weſen wurde noch reſpektvoller und ſeine Stimme gedämpfter und ſanfter. Von welchen Zufällen hängt unſer Schickſal ab! An jenem Tage fehlte wenig, und Sibylla hätte ihr reines und gefühlvolles Herz vielleicht dem jungen Nevlle ge⸗ ſchenkt. Er hatte ſie vertheidigt und gerettet; er war ſchöner als der Fremde, er war mehr von ihren Jahren und ſtand ihr dem Range nach näher; aber dadurch, daß er ſich beſchaͤmt gezeigt, mit ihr geſehen zu werden, hatte er ihr Herz verwundet und ſie zu bittern Thränen des Stolzes veranlaßt. Was hatte der Fremde gethan? Nichts weiter als die verwundete Delikateſſe mit ſich ſelber verſoͤhnt; und plötzlich wurde er für ſie ein Mann, deſſen ſie ſich ſtets erinnerte— den ſie bewunderte— ja, vielleicht noch mehr. Sie erreichten eine abgelegene Vorſtadt und trennten ſich auf der Schwelle eines großen, düſtern, halbverfallenen Hauſes, welches Sibylla als die Wohnung ihres Vaters bezeichnete. Das Maäͤdchen blieb unter dem Eingange ſtehen und der Fremde betrachtete mit der leidenſchaftsloſen Be⸗ wunderung, die ein ſchöner Gegenſtand der Kunſt bei einem Menſchen hervorbringt, der ſeinen Geſchmack ge⸗ läutert, aber die Begeiſterung überlebt hat, die geſenkte Wange, die bei ſeinem Blicke erroͤthete.„Lebe wohl!* ſagte er, und das Maͤdchen blickte bedeutungsvoll zu ihm auf. Er hätte ohne Gitelkeit dieſen Blick durch die Worte erklären können, welche die Lippen nicht auszuſprechen wagten:„und werden wir uns nicht wiederſehen?“ Doch er wendete ſich mit förmlichem aber hoͤflichem Gruße ab; und als er ſein Roß wieder beſtieg und lang⸗ ſam auf das Innere der Stadt zuritt, murmelte er mit ſchwermüthigem Lächeln bei ſich ſelber:„Nun koͤnnte das erwachſene Kind ſich ein neues Spielzeng machen; 6 aber ein unſchuldiges Herz iſt ein eigenes Ding und ein falſches Gelübde kann es brechen. Huͤbſches Mädchen, Du gefällſt mir gut genug, um Dich nicht zu lieben. So wie mein junger, ſchottiſcher Minſtrel ſingt und betet: 4 O Jeſus! halt in Käſ'gen dieſe Vögel; Im Lieben liegt Gefahr.“ n entgegen und und förmlichen Steifheit, die ang an ausgezeichnet hatte:„Ich danke urſche, für Eure Freundlichkeit. Es iſt Euer eigener zh. Ich wollte nur zeigen, daß Ihr Lon⸗ doner Jungen im Stande ſeid, Euren Ruhm aufrecht zu erhalten in dieſen Tagen, wo wenig Glück in einem Ellenmaße liegt, wenn dieſelbe Hand nicht auch einen Bogen ſpannen, oder den kalten Stahl handhaben kann. Aber je weniger wir an einen Kampf denken, wenn wir in der Werkſtatt ſind, deſto heſſer iſt es für unſre Ta⸗ ſchen. Und ſo hoffe ich, werden wir nicht mehr davon hören bis ich mein eigenes Geſchäft bekomme, und dann wird es mir willkommen ſein, je mehr von Ench kom⸗ men, um von ſolchen Dingen zu reden— vorausgeſetzt⸗ 22 „ich haſt rich doch dchen, jehen. und „ . Als le des ht, als Legion vurde, rlangt ,blieb in und eit, die danke t Euer ar Lon⸗ -ufrecht einem h einen n kann. un wir ſre Ta⸗ edavon nd dann h kom⸗ sgeſetzt⸗ daß Ihr höfliche Kunden ſeid und baar zahlt. Ubrigens ſind wir dieſem tapfern Junker Marmaduke Nevile Dand ſchuldig, der, obgleich der Sohn eines Ritters, der nie weniger als fünfzig Reiſige ins Feld ſtellte, ſich herab⸗ ließ, Theil an den Spielen friedlicher Londoner Hand⸗ werksleute zu nehmen; und wenn Ihr ihm je einen Gefallen thun könnt, ſo werbet Ihr es thun, dafür ßeh ich. Und nun ein Lebehoch für das alte London und noch eins für Marmaduke Nevile! Hurrah, meine Jungen!“ Und nach dieſer eindringlichen Anrede nahm Nikolaus Alwyn ſeine Mütze ab und gab das Signal zu dem Lebehoch, und als dieſes gehörigermaßen geſchehen war, verbeugte er ſich ſteif gegen ſeine Begleiter, die ſich mit herzlichem Lachen entfernten. Dann trat er an Nevile's Seite und die Beiden gingen in eine benachbarte Bube, wo ſie ſich bald bei einer Flaſche Rothwein in die ver⸗ traulichen Mittheilungen verſenkten, die ſie zu geben und zu empfangen hatten. Drittes Kapitel. Der Handwerker und der Adelige, oder die wechſelnden Generationen. „Nein, mein lieber Milchbruder,“ ſagte Nevile, eich begreife noch nicht die Wahl, die Du getroffen haſt. Du wurdeſt ſo ſorgfältig auferzogen und unter⸗ richtet, nicht nur im Leſen und Schreiben— was ich doch wahrlich ſchon ſür eine ſchwere Arbeit halte— ſondern auch im Krämerlatein und in der Logik und Bulwer, Barone. I. 5 66 Theologie, und im heiligen Ariſtoteles— iſt das nicht ein ſchwerer Name?— noch bazu, und Alles, weil Du einen Oheim hatteſt, der hoch in der heiligen Kirche ſtand. Ich kann nicht ſagen, daß ich ſelber ein Kahl⸗ kopf ſein möchte; aber ein Mönch mit der Hoffnung auf Beförderung iſt doch gewiß ein edlerer Beruf für einen Jungen von Geiſt und Ehrgeiz, als vor der Thür zu ſtehen und zu rufen: Kauft, kauft— was ſteht zu Eurem Befehl— die Jugend in einer flachen Kappe hinzubringen und das Mannesalter damit zu vergeuden, Tuch abzumeſſen, Metalle zu hämmern oder Spezereien abzuwägen!“ „Nur ſachte, Junker Marmaduke,“ ſagte Alwyn, „Ihr werdet mich ſogleich beſſer verſtehen. Mein Oheim, der Unterprior, ſtarb— Einige ſagen in Folge ſeines zu enthaltſamen Lebens, Andere, weil er zu viel Bier getrunken— doch das gehört nicht zur Sache; er war ein gelehrter und ſchlauer Mann.„„Neffe Nikolaus,“* ſagte er auf ſeinem Sterhebeite zu mir,„„denke zwei⸗ mal nach, ehe Du Dich ans Kloſter bindeſt, heutiges Tages iſt es ein übel Ding mit dem härenen Gewand. Wenn ein frommer Mann aus wahrem Antriebe die Kutte erwählt, ſo iſt nichts darüber zu ſagen; wenn er aber die Kirche als eine Profeſſion anſieht, und gleich ſeinen Kameraden vorwärts marſchiren will, ſo zeigen ihm dieſe Zeiten einen hübſcheren Weg zur Auszeichnung. Die Edelleute nehmen jetzt das Beſte für ſich, und ein gelehrter Mönch, wenn er der Sohn eines Dienſtmannes iſt, kann ohne beſondere Begünſtigung nicht hoffen, Abt oder Biſchof zu werden. Der Koͤnig, wer er auch ſein nicht il Du Kirche Kahl⸗ fnung if für Thür eht zu Kappe euden, eereien llwyn, Dheim, ſeines I Bier er war us,“* zwei⸗ eutiges wand. Kutte er aber ſeinen n ihm hnung. nd ein nannes n, Abt ch ſein 67 mag, muß ſo von ſeinen Kriegen ausgetrocknet werden, daß er ſeinen Günſtlingen wenig Gold oder Land zu geben hat; aber dieſe Edelleute richten ihr Auge auf die zeitlichen Vortheile der Kirche, und die Kirche und der König wünſchen ſich durch den Adel zu verſtärken. Dies iſt noch nicht Alles; es find freie Anſichten im Umlauf. Das Haus Laneaſter hat durch ſeine Verfolgungen und ſeine Scheiterhaufen den freien Spielraum verloren. Die Menſchen wagen ſich nicht offen zu widerſetzen, aber ſie bewahren die Erinnerung an einen verbrannten Groß⸗ vater oder an einen geröſteten Vetter im zehnten Gliede; das ſind Erinnerungen, die den Heinrichen viel Schaden gethan und die heilige Kirche ſelbſt einſt erſchüttern wer⸗ den. Die Ketzer halten ſich verborgen, aber die Ketzerei wird nimmer ſterben. Es erhebt ſich eine neue Klaſſe, bei denen ein wenig Gelehrſamkeit viel gilt, wenn ſie mit Geiſt und Verſtand gemiſcht iſt. Du liebſt die Gold⸗ ſtücke und einen achtbaren Namen— gehe nach London und werde ein Geſchäftsmann. London beginnt zu ent⸗ ſcheiden, wer die Krone tragen ſoll, und die Geſchäͤfts⸗ leute zu entſcheiden, welcher König London begünſtigen ſoll. Daher entferne Dich vom Kloſter und nimm Dei⸗ nen Weg zu dem Laden und der Werkſtatt.““ Am näch⸗ ſten Tage gab mein Oheim ſeinen Geiſt auf.— Sie hatten beſſeren Rothwein im Kloſter als dieſer da iſt, das muß ich geſtehen. Aber jeder Edelſtein hat ſeinen Fehler!“ „Aber wenn Du einen Widerwillen gegen das Klo⸗ ſterleben hatteſt,“ ſagte Marmaduke,„aus Gründen, die ich nicht beurtheilen will, die meinem armen Kopfe 68 aber ſehr unbebeutend erſcheinen, ba die Kirche ſo mäch⸗ tig iſt wie je, und König Eduard kein Freund von den Ketzern iſt, und Dein Oheim ſelber wenigſtens Unter⸗ prior war—* „Wäͤre er ber Sohn eines Barons geweſen, ſo wäre er Cardinal geworden,“ fiel Nikolaus ein,„denn ſein Kopf war der feinſte, der je aus dem nördlichen Lande kam. Aber fahret fort; Ihr wolltet ſagen, mein Vater ſei ein rüſiger Dienſtmann geweſen, und ich hätte ſei⸗ nem Berufe folgen können.“ „Du haſt es getroffen, Nikolaus.* „Still! Mann! ich bitte um Verzeihung, daß ich Euren Rang außer Acht ließ, Junker Nevile. Aber ein Dienſtmann iſt ein geborener Dienſtmann und ſtirbt als Dienſtmann— ich halte es für beſſer, als Lord Mayor von London zu ſterben, und ſo hat ich um meiner Mutter Segen und Erlaubniß, und ſo wurde ein Theil der alten Heide verkauft, um meinen erſten Schritt zu dem rothen Gewande zu zahlen, welcher, wie ich nicht erſt zu ſagen brauche, die flache Mütze iſt. Ich habe bereits ausgelernt und trage nicht mehr den blauen Maniel. Ich bin erſter Gehülfe meines Lehrherrn, und mein Lehrherr wird Sheriff von London werden.“ „Es iſt Schade,“ ſagte Nevile kopfſchüttelnd,„Du warſt ſtets ein wackerer, tapferer Burſche und wäreſt ein ſehr hübſcher Soldat geworden.“ „Ich danke Euch, Junker Marmaduke; aber das will ich den Edelleuten überlaſſen. Ich habe genug von dem Leben eines Dienſtmannes geſehen. Er geht zu Fuß mit ſeinem Schilde und ſeinem Schwert, oder mit ſei⸗ näch⸗ n den inter⸗ wäre ſein Lande Vater e ſei⸗ aß ich er ein bt als Nayor butter alten othen ſagen elernt erſter heriff „Du väreſt r das g von u Fuß it ſei⸗ 69 nem Bogen und ſeinem Köcher aus, wäͤhrenb der Herr Ritter zu Pferde ſitzt, vom Kopf bis zur Zehe gewappnet, und der Pfeil prallt von dem Reiter und dem Pferde ab wie ein Stein von einem Baum. Wenn der Dienſtmann nicht zu Ragout zerhackt wird, ſo kommt er heim zu einem Haufen Aſche und zu einigen Morgen Landes, die zu einer Wuſte verödet find; der Herr Ritter dankt ihm für ſeine Tapferkeit, baut ihm aber nicht ſein Haus auf; der Herr Ritter erhält ein Gnadengeſchenk vom König oder eine Erbin für ſeinen Sohn, und der Dienſtmann verwandelt Streitaxt und Partiſane in Pflugſchaaren. Nein, nein, es iſt keine Freiheit, keine Sicherheit, keine Erhöhung für einen Mann, der nicht das Recht hat, golbene Sporen zu tragen, als in der Gilde ſeiner Ge⸗ noſſen, und London iſt der Ort für einen geborenen Sachſen wie Nikolaus Alwyn.“ Als der ſtrebſame Jüngling ſo die Geſinnungen aus⸗ ſprach, die, obgleich ſie nicht ſo offen zugeſtanden und ſo ſcharffinnig behauptet wurden, zu jener langſamen Revolution hinſtrebten, die unter allen den ſtürmiſchen Ereigniſſen, welche der oberflächliche Bericht, den wir Geſchichte nennen, aufzuzählen geneigt, jene große Ver⸗ änderung in den Gedanken und Gewohnheiten des Volks hervorbrachte— jenes Strehen der Landbewohner nach der Stadt— jene allmählige Bildung einer Mittelklaſſe zwiſchen dem Ritter und dem Vaſallen— welche zuerſt verfaſſungsmäßig unter der Regierung Heinrichs des Siebenten ſichtbar und deutlich wurde, bedauerte und ver⸗ achtete Marmaduke Nevile halb und halh die Gründe 70 ſeines Milchbruders, ſpielte mit ſeinem Dolche und ſah ſeinen ſilbernen Pfeil an. „Aber Du hatteſt doch genug von dem rüſtigen Dienſt⸗ mann an Dir, um den Wettkampf um dieſes Spielzeug zu verſuchen und ein halbes Dutzend Köpfe mit einem Stabe zu zerſchlagen!“ „Wahr,“ ſagte Nikolaus,„Ihr müßt bedenken, daß wir noch halb Geſchäftsleute, halb Dienſtmannen ſind. Der alte Sauerteig will heraus! Aber das iſt nicht Alles: ein Mann, der in der Welt weiter kommen will, muß Achtung von Denen gewinnen, die ſpäter mit ihm ringen ſollen, und es iſt eine gute Politik, dieſen prah⸗ leriſchen Junkern zu zeigen, daß Nick Alwyn, ſo ſteif und geſetzt er auch iſt, das altengliſche Blut in ſich hat, wenn es darauf ankommt; es iſt auch eine Lehre für Euch Lords, ohne Eurem Range zu nahe treten zu wollen, wenn ſie je über unſere Gilden und Compagnien ſollten hinwegreiten wollen. Aber genug davon— Kellner⸗ noch eine Flaſche Rothwein. Nun, edler Junker, darf ich auch nach Euch fragen? Ich ſah, obgleich ich vor⸗ hin nicht davon ſprach, daß Lord Mantagu ſeinem Ver⸗ wandten ein kaltes Geſicht zeigte. Ich kenne dieſe großen Männer ein wenig, obgleich ich nur ein kleiner bin— ein Hund iſt kein übler Führer in der Stadt, durch die er dahin trabt.“ „Mein lieber Milchbruder,“ ſagte Nevile,„Du hatteſt ſtets mehr Gehirn als ich, wie Du auch haben ſollteſt, da Du die Nachthaube bei Seite legteſt, die, wie ich vermuthe, für uns Cavaliere und Krieger den Mangel erſetzen ſoll, und ich will daher ſehr gerne ad ſah ienſt⸗ elzeug einem enken, annen nicht will, t ihm prah⸗ ſteif 5 hat, te für ollen, ollten ener. darf vor⸗ Ver⸗ roßen in— ch die „Du haben , die, r den gerne 7⁴ Deinen Rath benützen. Du mußt alſo wiſſen,“ ſagte er, indem er ſich mehr dem Tiſche näherte, und ſein offenes Geſicht einen lebhafteren Ausbruck annahm,„daß, ob⸗ gleich mein Vater Sir Guy auf Antrieb ſeines Ober⸗ hauptes, des Grafen von Weſtmoreland und des Lord Nevile, anfangs für König Heinrich Waffen trug—“ „Still! ſtill! fuͤr Heinrich von Windſor!“ „Heinrich von Windſor!— ſo ſei es denn! doch, da er gleich den genannten Edlen mit dem Blute von Warwick und Salisbury verwandt war, ſo geſchah es mit Zweifel und ſchlimmer Ahnung, und eigentlich in der Hoffnung einer endlichen Verſöhnung zwiſchen beiden Parteien, welche die Mäßigung des Herzogs von York wahrſcheinlich machte, afs um einer von beiden den Un⸗ tergang zu bereiten. Aber als in der Schlacht bei York Margaretha von Anjon und ihre Generale ihren Sieg durch Grauſamkeit entweihten, die nicht verfehlen konn⸗ ten, aller Ausſöhnung die Thür zu ſchließen— als dann der kleine Sohn des Herzogs ſelber, obgleich Gefan⸗ gener, mit kaltem Blute gemordet wurde— als meines Vaters Vetter, der Graf von Salisbury ohne Verhör enthauptet wurde— als der Kopf des tapfern und guten Herzogt, der in der Schlacht gefallen war, gegen allen ritterlichen und königlichen Edelmuth gleich dem eines ehrloſen Räubers zum Hohn auf dem Thore von York aufgeſtelt wurde, da entfernte ſich mein Vater, tief verletzt ind empört, ſogleich von der Armee und ließ nicht eher Zaum und Sporen ruhen, als bis er ſich in ſeiner Halle zu Arsdale befand. Sein Tod, der zum Theil durg ſeine Mühſeligkeiten, zum Theil durch die 72 Aufregung ſeines Geiſtes verurſacht wurde, ſowie auch ſeine Entfernung von der Armee, bewahrte ſeinen Na⸗ men vor der Acht, die über die Lords Weſtmoreland und Nevile ausgeſprochen wurde. Mein älteſter Bruder, Sir John, nahm die angebotene Begnadigung des Königs an, leiſtete Eduard den Huldigungseid und lebt ſicher, wenn auch unbekannt in ſeines Vaters Hallen. Du weißt, mein Freund, daß ein jüngerer Bruder zu Hauſe nur wenig Ehre genießt. In ruhigeren Zeiten möchte ich meinen Stolz vielleicht nach meinem Berufe gebeugt, meines Bruders Hunde und Falken abgerichtet, ſein Jägerhaus bewohnt haben und möchte zufrieden zu Grabe gegangen ſein. Aber einem jungen Manne, der von Kindheit an die aufregenden Erzählungen der Ritter und Anführer hörte, welcher ſah, wie Tapferkeit und Glück zur Auszeichnung gelangten, und deſſen Ohren in der letzten Zeit mit den Erzählungen der wandernden Min⸗ ſtrels nebſt allen Wundern von Eduards Hofe waren angefüllt worden, mußte ein ſolches Leben bald verleidet werden. Gleich Deinem Oheim, dem Unterprior, er⸗ muthigte mich mein Vater auch auf ſeinem Sterbebette wenig, ſeiner Spur zu folgen.„„Ich ſehe,““ ſagte er, „„daß König Heinrich zu ſauft iſt, um ſeine Barone zu beherrſchen, und Margaretha zu aufbrauſend, um die Gemeinen zu verſöhnen, und daher ruht die einzge Hoff⸗ nung des Friedens auf dem Hauſe York. Darim ſollen Deines Vaters Irrthümer Deiner Erhöhung nicht im Wege ſtehen!““ Und hierauf ließ er ſeinen Beichtiger — denn der würdige Ritter verſtand ſich nicht beſonders auf tie Schreiberei— einen Brief an ſeinen goßen Ver⸗ 73 wandten, den Grafen von Warwick, ſchreiben. Er machte ſein Zeichen darunter und ſetzte ſein Siegel auf dieſe Depeſche, die ich in meinem Gaſthauſe habe, und ſtarb an bemſelben Tage. Mein Bruder hielt mich für zu jung, um ſchon bamals ſein Haus zu verlaſſen, und verurtheilte mich, ſeine Launen zu erdulden, bis ich ſte im dreiund⸗ zwanzigſten Jahre nicht mehr ertragen konnte! Nach⸗ dem ich ihm daher meinen geringen Antheil an der Erb⸗ ſchaft verkauft und gleich Dir ſchlechtes Land in gute Goldſtücke verwandelt hatte, ſchloß ich mich einer Ge⸗ ſellſchaft von Reitern an, die nach Lonbon ritten, und kam geſtern in Herrn Rackbuts Herberge in Eaſtchepe an. Dieſen Morgen ging ich in Lord Warwicks Haus, doch er war ſchon zum Könige gegangen, und da ich von dieſer Feſtlichkeit hörte, kam ich hieher, um die Zeit zu töbten. Ein zufälliges Wort von Lord Montagu, den der heilige Dunſtan rafen möge, machte, daß ich mir einbildete, meine Geſchicklichkeit im Bogenſchießen würde keine üble Empfehlung bei dem großen Grafen ſein, wenn ich meinen Brief abgäbe. Aber wahrhaftig! es ſcheint, als machte ich die Rechnung ohne den Wirth, und indem ich zu raſch mein Glück machen wollte, trug ich nur dazu bei, es zu zerſtoren.“ Hierauf erzählte er ſeine Unterredung mit Lord Montagu. Nikolaus Alwyn hörte ihm mit freundlicher und ge⸗ dankenvoller Theilnahme zu, und als er ausgeredet hatte, ſprach er folgendermaßen:„Der Graf von Warwick iſt ein großmüthiger Mann und hegt keinen Haß, außer gegen die, von welchen er glaubt, daß fie ihn verkennen oder heleidigen; er iſt ſtolz, als Beſchützer betrachtet zu 74 werden, beſonders von Denen ſeines eigenen Namens und ſeiner Verwandiſchaft. Eures Vaters Brief wird die rechte Saite anſchlagen, und Ihr könnt nicht beſſer thun, als ihn mit einer einfachen Geſchichte abgeben. Ein jun⸗ ger Anhänger, wie Ihr, iſt nicht zu verachten. Ihr müßt es Lord Warwick überlaſſen, ſeinen Bruder mit Euch auszuſöhnen. Und nun, ehe ich weiter rede, muß ich Euch offen und ohne Beleidigung fragen: liebt Ihr das Haus York ſo ſehr, daß kein Glücksfall Euch bewe⸗ gen könnte, Euer Schwert gegen daſſelbe zu wenden? Antwortet leiſe, wie ich Euch frage— dieſe Kellner find Spione!“ Und hier, um Marmaduke Nevile und den höheren Adeligen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, iſt es nö⸗ thig, ſeiner Antwort einige kurze Bemerkungen voraus⸗ zuſchicken, wofür wir die ernſte Aufmerkſamkeit des Leſers in Anſpruch nehmen müſſen. Was wir Pa⸗ triotismus nennen, in der hohen und rechtgläubigen Bedeutung des Worts, wurde wenig oder gar nicht ver⸗ ſtanden in jenen Tagen, wo Leidenſchaft, Stolz und Intereſſe Beweggründe waren, die nicht durch Nachden⸗ ken und Erziehung gemildert wurden, noch weniger durch die Vermiſchung der Klaſſen, welche die kleinen Staaten des Mittelalters und die Civiliſation der modernen Zeit charakterifirt. Obgleich das Haus York, wenn man die Genealogie allein befragt, ohne Zweifel den Vorrang vor dem Hauſe Lancaſter hatte, ſo würde doch die lange Ausübung der Macht in dem letzteren Hauſe, das Genie des vierten Heinrich und die Siege des fünften ohne Zweifel die veralteten Anſprüche des Hauſes York gänz⸗ s und rd die thun, n jun⸗ Ihr er mit „muß t Ihr bewe⸗ nden? er find öheren s nö⸗ praus⸗ it des Pa⸗ ibigen ht ver⸗ z und hden⸗ durch taaten n Zeit an die rrang lange Geuie ohne gänz⸗ 7⁵ lich aufgehoben haben, hätte Heinrich der Sechste irgend eine von den fuͤr die Zeit nothwendigen Eigenſchaften beſeſſen. So wurden die Menſchen durch Genealoglen und Chitane verwirrt; die mit dem Namen des Königs verbundene Heiligkeit wurde durch ſein zweifelhaftes Recht an den Thron geſchwächt und die Kriege der beiden Roſen wurden endlich mit zwei ſogleich anzuführenden Ausnah⸗ men der die bloßen Fehden erbitterten Parteien, wo die öffentlichen Rückſichten kaum noch zum Vorwande des perſönlichen Intereſſe, des Vorurtheils oder der Leiden⸗ ſchaft angewendet wurden. Daher wurde der Übertritt von der einen zur andern Partei ſelbſt bei den höchſten Adeligen— und ſogar kurz vor einer Schlacht— ſo allgemein, daß wenig oder gar keine Schande darauf ruhte, und jeder Ritter oder An⸗ führer hielt eine ihm angethane Beleidigung für einen hinreichenden Grund, zu einer andern Partei überzu⸗ treten. Es würde offenbar thöricht ſein, bei irgend einem Manne aus jenem Zeitalter erhabenere Anſichten von Treue gegen die Partei und von öffentlicher Ehre vor⸗ auszuſetzen, welche die klareren Überzeugungen von der öffentlichen Moralität und die heilſame Anwendung der allgemeinen Meinung, frei von den Leidenſchaften der Einzelnen, in unſeren aufgeklärteren Tagen in Anwen⸗ dung gebracht haben. Die perſönlichen Gefühle des in ſich ſtarken Mannes wurden ſeine Führer, und er war in hohem Grade frei von den regelmäßigen und gedan⸗ kenvollen Tugenden, ſo wie von den gemeinen und be⸗ liebten Laſtern Derjenigen, die nur als Maſſen und Corporationen handeln. Die beiden Ausnahmen dieſer 76 Ideenverwirrung des Beweggrundes und der Handlungs⸗ weiſe waren erſtens in der allgemeinen Stimmung der aufblühenden Mittelklaſſe, beſonders in London, große politiſche Intereſſen mit dem beliebteren Hauſe York zu vereinen. Die Gemeinen im Parlament hatten Heinrich dem Sechsten entgegengehandelt, wie die ihm abgedrun⸗ genen Geſetze beweiſen, und es war die handeltreibende Partei des Volks, die unter König Eduard zur Macht gelangte. Freilich war Eduard ſelber willkürlich genng, aber eine Volkspartei macht eben ſo viele Zugeſtändniſſe, als ihre Gegner zu Gunſten des Deſpotismus— wenn derſelbe gegen ihre Feinde angewendet wird. Und Eduard that ſein Möglichſtes, die Intereſſen des Handels zu be⸗ fördern, obgleich die Vorurtheile der Kaufleute dieſe Intereſſen auf die entgegengeſetzte Weiſe erklärten, wie es die politiſche Okonomie jetzt thut. Die zweite Aus⸗ nahme von den bloß perſönlichen Feindſeligkeiten und Fehden der Großen iſt nicht weniger als die erſtere von den Geſchichtſchreibern vielfach überſehen worden. Doch dies war ein noch mächtigeres Element in dem glücklichen Erfolge des Hauſes York. Die Feindſeligkeit gegen die römiſche Kirche und die Lehrſätze der Ketzer wurden von einem unendlich großen Theile der Bevölkerung getheilt. In dem vorhergehenden Jahrhundert, berechnet ein alter Schriftſteller, beſtand die Hälfte der Bevölkerung in Ketzern, und obgleich die Sekte durch Furcht verringert und zum Schweigen gebracht wurde, ſo hörte ſie doch nicht auf zu exiſtiren, und ihre Lehrſätze erſchütterten nicht nur unter Heinrich dem Achten die Kirche, ſondern vernichteten auch durch den ſtarken Arm ihrer Kinder, ungs⸗ g der große ork zu inrich drun⸗ bende Macht ennug, puiſſe, wenn duard zu be⸗ dieſe „wie Aus⸗ und e von Doch lichen en die n von heilt. alter ig in ngert doch erten ndern nher, 77 der Puritauer, den Thron unter Karl bem Erſten. Es iſt unmöglich, daß dieſe Leute nicht die bitterſte Rache bei der heftigen und beſtändigen Verfolgung ſollten em⸗ pfunden haben, die ſie unter dem Hauſe Lancaſter er⸗ dulden mußten, und ohne ſich Zeit zu laffen zu bedenken, in wie weit ſie von der Dynaſtie von York würden be⸗ günſtigt werden, hatten fie alle jene Beweggründe der Nache, die ſo oft irrthümlich für die Rathſchläge der Politik gehalten werden, ſich um jede Fahne zu verſam⸗ meln, die gegen ihre Unterdrücker erhoben wurde. Dieſe beiden großen Ausnahmen von der bloß eigennützigen Politik, die der Geſchichtſchreiber endlich klar zu erwei⸗ ſen hat— dieſe, und dieſe allein werden für den ſcharf⸗ ſichtigen Beobachter die Kriege der Roſen über jene blu⸗ nigen Fehden zum Abzeichen erheben, für welche wir ſie beim erſten Aublick zu halten in Verſuchung gerathen. Aber dieſe tieferen Beweggründe belebten ſehr wenig den hohen und niedern Adel und bei ihnen waren die herr⸗ ſchenden Grundſätze, wie wir ſo ehen geſagt, Intereſſe, Ehrgeiz und der Eifer für die Ehre und Erhebung der Häuſer und Anführer. „Wahrlich,“ ſagte Marmaduke nach einer kurzen Pauſe der Verlegenheit,„bis jetzt habe ich wenig Ver⸗ bindlichkeiten gegen das Haus York. Wo ich einen edlen Wohlthäter oder einen tapfern und weiſen Anführer ſehe, denke ich, wird mein Schwert und mein Herz am beſten ein Buͤndniß ſchließen.“ „Weiſe geſprochen,“ entgegnete Alwyn mit leichtem aber halb ſarkaſtiſchem Lächeln;„ich richtete die Frage an Euch— rückt näher— weil es weiſe Leute in un⸗ 78 ſerer Stadt gibt, welche glauben, baß das Band zwi⸗ ſchen Warwick und dem Könige weniger ſtark iſt, als ein Ankertau. Und wenn Ihr Euch an Warwick haltet, ſo wird es ihm vielleicht beſſer gefallen, wenn Ihr von Gehorſam und Treue gegen ihn ſelber, als von Betheue⸗ rungen der ausſchließlichen Loyalität gegen König Eduard redet. Wer wenig Silber in ſeiner Taſche hat, muß eine um ſo glattere Zunge haben. Ein Wort zu einem Manne aus Weſtmoreland oder Yorkſhire iſt eben ſo gut, wie eine ganze Predigt für Leute, die nicht ſo weit nördlich geboren ſind. Noch ein Wort, und ich habe ausgeredet. Ihr ſeid gütig, milde und leutſelig, mein lieber Milch⸗ bruder; aber es wird nicht gut für Euch ſein, wenn Ihr Euch wieder mit dem Gehülfen des Goldſchmids ſehen laßt. Wenn Ihr meiner bedürft, ſo ſchickt in der Däm⸗ merung zu mir; ich bin in Herrn Hayfords Hauſe in Chepe zu finden. Und wenn es Euch bei Hofe gelingt,“ fügte Nikolaus mit klugem Bedenken hinzu,„und Ihr meinen Herrn empfehlen könnt— es gibt keinen beſſern Goldſchmid— ſo kann es auch mir vielleicht nützlich ſein, wenn ich mich ſelber etablire, was ich in Kurzem zu thun gedenke.“ „Aber warum ſoll ich Dich, meinen eigenen Milch⸗ bruder, in der Dämmerung kommen laſſen, als ob ich mich Deiner ſchämte?“ „Hm! Junker Marmadule, wenn Ihr Euch meiner nicht ſchämtet, ſo würde ich mich ſchämen, mit einem ſo geputzten Junker, wie Ihr ſeid, geſehen zu werden. Man würde ja in Chepe ſagen, Nick Alwyn geht ſeinem Verderben entgegen. Nein, nein, die Voͤgel von einer zwi⸗ als altet, von heue⸗ Suard eine anne wie ꝛdlich tedet. bilch⸗ Ihr ſehen dpäm⸗ ſe in ngt,* Ihr ſſern ſein, n zu ilch⸗ ich einer inem rden. inem 79 Feder müſſen ſich vor denen von anderer Farbe ſcheuen, und ſo, mein lieber junger Herr, iſt es mein letzter Händedruck. Aber Halt! wißt Ihr Euern Weg nach Hauſe zu finden?“ „O ja— fürchte nichts!“ antwortete Marmaduke; „obgleich ich nicht einſehe, warum wir nicht wenigſtens ſo weit miteinander gehen können.⸗ „Nein, es iſt beſſer ſo; nach dieſem Tagewerk wird man viel von uns Beiden reden und wir würden auf dem Heimwege Manchem begegnen, der mein langes Geſicht kennt. Gott behüte Euch! und benachrichtigt mich, wie es Euch glückt.“ Mitt dieſen Worten enifernte ſich Nikolaus Alwyn, zu delikat, um einem Vornehmern anzubieten, ſeinen Theil an der Rechnung zu zahlen. Aber als er einige Schritte gegangen war, kehrte er um und redete Nevile an, als dieſer gerade ſeinen Mantel wieder umſchnallte. „Da fällt mir ein, Junker Nevile, daß dieſe Gold⸗ ſtücke, die ich durch mein gutes Glück gewonnen habe, in Eurer Taſche nützlicher ſein würden, als in der mei⸗ nen. Ich habe ſichere Einnahme und geringe Ausgaben — aber ein Edelmann verbient nichts, und muß ſeine Hand ſtets in der Taſche haben— ſo—* „Milchbruder!“ ſagte Marmabuke ſtolz,„ein Edel⸗ mann borgt nie— außer von den Juden und mit gehö⸗ rigen Zinſen. Überdies habe ich auch meinen Beruf, und was Dir Deine Werkſtatt, iſt mir mein gutes Schwert. Gott behüte Dich! Halte Dich überzeugt, daß ich Dir dienen werde, wenn ich kann.“ „Der Teufel iſt in dieſen jungen Sprößlingen des war er ziemlich gewiß, den Weg wieder zu finden, den 80 Heroldsbaumes,“ murmelte Alwyn, als er ſich entfernte, wals ob es eine Schande wäre, ein Goldſtück zu borgen, ohne einem Menſchen dafür die Kehle abzuſchneiden! Geld iſt übrigens eine fruchtbare Mutter; und dies iſt geung, mir eine goldene Kette zu kaufen fuͤr die Zeit, wo ich Alberman von London werde. Ja, ſo gehts in der Welt, des Ritters Spielzeug wird des Aldermans Wappen— um ſo viel beſſer!“ Viertes Kapitel. Schlecht ergehts der Landmaus, wenn ſie in die Fallen der Stadt kommt. Wir hoffen, wir werden nicht für unhöflich gehalten werden, weder einerſeits gegen die, welche ſich ihrer Faähigkeiten rühmen, oder andererſeits gegen die, welche auf den Ortsſinn Anſpruch machen, wenn wir die Be⸗ hauptung aufzuſtellen wagen, daß Beide ſelten in Ver⸗ einigung gefunden werden; ja, es erſcheint uns als eine ſehr einleuchtende Wahrheit, daß im Verhältniß zu der allgemeinen Thätigkeit bes Geiſtes bei gewichtigen Ge⸗ genſtaͤnden, der Geiſt gleichgültig ſein wird gegen jene unbedeutenden äußeren Gegenſtände, vermöge welcher ein weniger zur Betrachtung geeigneter Geiſt den auf das Gedächtniß hervorgebrachten Eindruck bezeichnen wird. Junker Marmadnke Nevile, von Kindheit an ein abgehärteter und geübter Weidmann, beſaß in großer Vollkommenheit die nützliche Fähigkeit, genau vor ſich hinzuſehen, wenn er auf der Erde wandelte, und daher ſeine haus ſo de äuße eent dach die dahe er p ein! ein g am? Nach den i erhel Rege nen t ware theil⸗ freut wäch „Haͤ 2 ernte, orgen, Geld enug, vo ich Welt, en— der halten ihrer velche e Be⸗ Ver⸗ z eine zu der Ge⸗ jene elcher n auf ichnen in ein roßer r ſich daher , den 81 er einmal betreten hatte, ſo verwickelt und dunkel er auch ſein mochte, ſelbſt wenn eine beträchtliche Zeit ſeitdem vergangen war. So find die äußeren Sinne des Men⸗ ſchen in dem wilden oder halbeivilifirten Zuſtande ge⸗ wöhnlich ſehr ſcharf und aufmerkſam. Daher hatte er auch ſeine allgemeine Scharfficht, bie Ortlichkeiten zu beobachten und zu behalten, nicht überſchätzt, als er ſich ſeiner Fähigkeit rühmte, ohne Alwyns Leitung ſein Gaſt⸗ haus wieder zu finden. Doch die Ereigniſſe dieſes für ihn ſo denkwürdigen Tages lenklen ſeine Aufmerkſamkeit von äußeren Gegenſtänden ab, um ſie in ihm ſelber zu eon⸗ centriren. Und indem er über den neuen Lebenslauf nach⸗ dachte, den er begonnen hatte, vergaß er die Richtung, die ſeine Füße hätten einſchlagen ſollen. Nachdem er daher eine Zeitlang unbewußt weitergegangen war, blieb er plötzlich verwirrt und erſtaunt ſtehen, als er ſich in ein Labyrinth zerſtreuter Vorſtädte verwickelt ſah, die ein ganz anderes Anſehen hatten, als der Weg, der ihn am Vormittage zu dem Schießplatze geführt hatte. Die Nacht war angebrochen, doch wurde ſie ein wenig durch den in Nebel gehüllten Mond und einige zerſtreute Sterne erhellt, über welche Wolken dahinrollten, welche auf Regen deuteten. Zu jener Zeit leiteten noch keine Later⸗ nen die Schritte des verſpäteten Wanderers; die Häuſer waren verſchloſſen und ihre Bewohner hatten ſich größten⸗ theils ſchon zur Ruhe begeben, und die Vorſtädte er⸗ freuten ſich nicht, wie die City der Runde des Nacht⸗ wächters, der den Bewohnern in ſchlaͤfrigem Tone zurief: „Hängt Eure Lichter herans! Die Fußgänger, welche Bulwer, Barone. 1. 6 8² anfangs in verſchiedenen kleinen Gruppen den Weg des Fremden belebt hatten, ſchienen plötzlich von den Stra⸗ ßen verſchwunden zu ſein, er befand ſich allein an Plätzen, die ihm gänzlich unbekannt waren, und es fiel ihm ein, daß die Zugänge der City von Räubern von verzweifeltem Charakter ſollten beſetzt ſein, welche das Aufhören der Bürgerkriege an die Grenzen der Geſell⸗ ſchaft gedrängt hatte, um ſich durch Räubereien und Plünderungen zu ernähren. Wie ſich natürlich erwarten ließ, hatten die Meiſten von dieſen der beſtegten Partei angehört, welche keinen Anſpruch an die Dienſte oder das Mitleid der Machthaber hatten. Und obgleich einige von den Neviles auf der Seite des Hauſes Laneaſter ge⸗ weſen waren, ſo wurde doch das von Marmaduke getra⸗ gene Wappen als ein Zeichen der Anhänglichkeit an das regierende Haus betrachtet, und fügte eine neue Gefahr zu denen hinzu, welche ſeinen Weg umlagerten. Da er ſich deſſen bewußt war— denn er erinnerte ſich jetzt der Ermahnungen ſeines Wirths, als er aus dem Gaſthauſe gegangen war— hielt er es für gerathen, ſeinen Mantel über den ſilbernen Schmuck zu ziehen; und während er ſo beſchäftigt war, hörte er nicht einen Fußtritt, der aus einer Gaſſe im Hintergrunde hervorkam, als plötzlich eine ſchwere Hand auf ſeine Schulter gelegt wurde. Er erſchrak, wendete ſich um und vor ihm ſtand ein Mann, deſſen Ausſehen und Kleidung nichts an ſich hatte, was den Schreck über den unhöflichen Gruß vermindern konnte. Marmaduke's Dolch war im Augenblick aus der. Scheide. „Und was wollteſt Du von mir?“ fragte er. :g des Stra⸗ in an es fiel n von de das zeſell⸗ t und harten Vartei oder einige er ge⸗ etra⸗ n das efahr Da er zt der hauſe antel nd er „der tzlich . Er kann, was ndern 3 der 83 „Deine Börſe und Deinen Dolch!« antwortete der Fremde. „Komm und nimm ſie!“ ſagte Nevile, ohne zu wiſ⸗ ſen, daß er eine in der Geſchichte berühmte Antwort ausſprach, während er einen Schritt zurückſprang und eine Stellung zur Vertheidigung annahm. Der Fremde erhob langſam einen rohen Streitkol⸗ ben oder Keule, unten mit einer eiſernen Kugel und langen Spitzen verſehen, und erwiderte:„Biſt Du toll genug, um ſolche Kleinigkeiten zu kämpfen?⸗ „Iſt es Deine Gewohnheit, ſo einem Engländer zu begegnen, der ſein Gut ohne einen Schlag einem An⸗ dern ausliefert?“ entgegnete Marmaduke.„Nur zu— Deine Keule erſchreckt mich nicht.“ Der Fremde zog ſich bedächtig einen Schritt zurück und ſetzte eine kleine Pfeife an den Mund. Nevile ſprang auf ihn los, aber der Fremde parirte den Dolchſtoß mit einem leichten Schwunge ſeiner ſchweren Waffe ab; und hätte ſich nicht der Jüngling im Augenblick zurückgezogen, ſo wäre es mit Marmaduke Nevile aus geweſen. Selbſt jetzt ſchlug ſein Herz raſch, als der Schwung der ungeheuren Waffe die Luft gleich einem ſtarken Winde gegen ſein Geſicht wehen ließ. Ehe er Zeit hatte, ſeinen Angriff zu erneuen, wurde er plötzlich von hinten ergriffen und befand ſich ringend in den Ar⸗ men von zwei Männern. Von dieſen riß er ſich los und ſein Dolch glitt harmlos an der ledernen Jacke ſeines erſten Gegners ab. Im nächſten Augenblick fiel ſein rechter Arm nutzlos und tief verwundet an ſeiner Seite nieder. Ein ſchwerer Schlag auf ſeinen Kopf— der 84 Mond— die Sterne tanzten vor ſeinen Augen— dann war Alles dunkel und er ſeiner ſelbſt unbewußt. Seine Gegner begannen ſehr vorſichtig den lebloſen Körper zu berauben, als einer von ihnen das ſilberne Wappen bemerkie und mit einem Fluche rief:„Einer von den kriechenden Neviles! Dieſer Hahn wird wenig⸗ ſtens nicht mehr krähen!“ Und indem er den Kopf des jungen Mannes auf ſein Knie legte, entblößte er mit der einen Hand ſeine Kehle und zog mit der andern ein langes ſcharfes Meſſer hervor, gleich denen, welche die Jäger anwenden, um den Hirſch vollends zu tödten. Plötzlich und in demſelben Augenblick, als das Meſſer die tödtliche Wunde verurſachen ſollte, wurde ſeine Hand mit Gewalt zurückgehalten, und ein Mann, der ſich ſchweigend und unbemerkt zu den Schuften geſellt hatte, ſagte mit ſtrengem, aber leiſem Tone:„Stehe auf und trenne Dich auf immer von Deiner Brüderſchaft. Wir wollen keine Mörder unter uns.“ Der Schurke blickte verwirrt auf.„Robin— Haupt⸗ mann— Du hier!“ ſagte er ſtotternd. „Ich muß nothwendig überall ſein, ſehe ich wohl, wenn ich ſolche Kerle wie Du und dieſe da vom Galgen frei halten will. Was iſt denn dies?— Ein ſeltſamer Pfeil— der junge Bogenſchütze— hm!“ „Ein Nevile!“ brummte der Mann, der den Mord beabſichtigt hatte. „Und aus demſelben Grunde ſollte ſein Leben ſicher ſein. Weißt Du nicht, daß Richard von Warwick, der große Nevile, ſtets die Gemeinen verſchont? Geh! ſage ich. 8⁵ Des Hauptmanns Stimme wurde ſchrecklich, als er die letzten Worte ausſprach. Der Unmenſch erhob ſich und ſchritt ohne ein Wort zu ſagen von dannen. „Seht, Ihr Herren,“ fagte Robin, ſich zu den Ühri⸗ gen wendend,„Soldaten müſſen ein feindliches Land plündern. So lange York auf dem Throne ſitzt, iſt Eng⸗ land ein feindliches Land für uns Lancaſtrier. Raubt und plündert denn, wenn Ihr wollt, aber wer ein Leben nimmt, ſoll das ſeine verlieren. Ihr kennt mich!“ Die Räuber blickten ſchweigend und beſchämt auf den Boden. Robin beugte ſich einen Augenblick über den Jüngling. „Er wird wieder ins Leben kommen,“ murmelte er. „So! er kommt ſchon wieder zu ſich. Eins von dieſen Häuſern wird ihm Obdach gewähren. Fort, Kerle, und nehmt Eure Hälſe in Acht!“ Als Marmaduke ſich einige Minuten nach dieſer Un⸗ terredung zu erholen begann, geſchah es mit einer Em⸗ pfindung des Schwindels, des Schmerzes und des hef⸗ tigſten Froſtes. Er ſuchte ſich vom Boden zu erheben, und endlich gelang es ihm. Er war allein; der Ort, wo er gelegen, war naß und roth von geronnenem Blute. Er taumelte einige Schritte weiter und ſah in einem Fenſter in geringer Entfernung noch ein Licht brennen. Bald ſchwankend— bald fallend, ſchleppte er ſeine Glieder ſort, da der Inſtinkt ihn zu dieſem Zeichen eines Zu⸗ fluchtsortes hinzog. Er erreichte den Eingang eines ein⸗ zelnen und düſteren Hauſes und ſank mit einem lauten Schrei auf den Stein vor demſelben nieder. Aber ſeine Stimme verwandelte ſich bald in ein tiefes Stöhnen, und noch einmal, als ſeine Anſtrengungen das Blut raſcher 86 fließen machten, wurde er hewußtlos. Der Mann, den man Robin genannt hatte, und der zu ſo gelegener Zeit ſein Leben gerettet hatte, trat jetzt hinter einer Mauer hervor, von wo aus er Marmaduke's Bewegungen beob⸗ achtet hatte. Er näherte ſich der Thür des Hauſes und rief mit lauter und deutlicher Stimme:„Offnet, um Gotteswillen!“ Jetzt ſtreckte ſich ein Kopf aus dem Fenſter hervor — das Licht verſchwand— noch eine Minute und die Thür wurde geöffnet. Robin zog ſich jetzt haſtig zurück und verſchwand, indem er bei ſich ſelber ſagte, als er fortſchritt:„Eines jungen Mannes Leben muß mir noth⸗ wendig theuer ſein; doch wäre der Burſche ein Lord ge⸗ weſen, ſo denke ich, hätte mir wenig daran gelegen, dem Volke noch einen Tyrannen zu retten.“ Nach einer langen Zwiſchenzeit kam Marmaduke wieder zu ſich und ſeine Augen wendeten ſich mit Schmerz von dem hellen Schein des Lichtes ab, welches vor ſeinem Geſichte gehalten wurde. „Er wacht, Vater!— Er wird leben!“ rief eine liebliche Stimme. 4 „Ja, er wird leben, Kind!“ antwortete ein tieferer Ton, und der junge Mann murmelte halb hörbar, wie in einem Traume, bei ſich ſelber:„Heilige Mutter, ſei geprieſen! Es iſt doch ſüß zu leben!“ Das Zimmer, in welchem der Leidende lag, trug die überbleibſel eines beſſeren Glückes an ſich und zeugte von den geringen Mitteln des gegenwärtigen Beſitzers Die Decke war hoch und gewölbt, und einige Farben verblichener, aber einſt prunkender Malerei verzierten , den Zeit Nauer beob⸗ s und , um ervor d die zurück ils er noth⸗ d ge⸗ dem aduke merz inem eine ferer wie „ſei 3 die ugte zers rben rten 87 die Abtheilungen und die vorſtehenden Rippen derſelben. Die Wände waren roth bemalt, denn gewirkte Tapeten waren damals ſelbſt bei den Reichſten ſelten; aber die Farben waren von der Zeit und der Feuchtigkeit halb erloſchen. Das Bettgeſtell, auf welchem der Verwundete ruhte, war zierlich geſchnitzt, über dem Kopfe mit einer Figur der heiligen Jungfrau verſehen und mit Vorhän⸗ gen geſchmückt, worin ungeheure Figuren aus der Bibel, aber in der Tracht aus der Zeit Richards des Zweiten gewirkt waren.— Salomo in ſpitzigen, aufwärts ge⸗ bogenen Schuhen, und Goliath in der Rüſtung eines Kreuzfahrers ſtarrten grimmig den Leidenden an. Neben dem Bette ſtand ein Mann, der in der Wirklichkeit nur wenig über das mittlere Alter hinaus war, aber deſſen bleiches, von tiefen Furchen durchſchnittenes Geſicht, deſſen langer, zum Theil grauer Bart und Haar ihm das Anſehen des vorgerückten Alters gaben; dennoch lag etwas ſehr Auffallendes in dem Anblick des Mannes. Seine Stirn war außerordentlich hoch und weit, aber der Hinterkopf unverhältnißmäßig klein, als ob der Verſtand zu ſehr das Übergewicht über alle die animali⸗ ſchen Eigenſchaften habe. Die Augen waren ſanft, dunkel und glänzend, aber träumeriſch und von unbeſtimmtem Ausdruck; in der Jugend mußten die Züge regelmäßig und ſchön geweſen ſein; aber ihr Umriß war jetzt durch die hohlen Wangen und Schläfe geſchäͤrft. Der obere Theil ſeiner Geſtalt war erel gebildet, hinlänglich mus⸗ kulös, wenn auch nicht kräftig, mit dem langen Halſe und den abwärts gehenden Schultern, die der Haltung ſteis etwas Anmuthiges und Würdevolles verleihen; herrſchte eine auffallende Ähnlichkeit zwiſchen ihr und 88 aber er hatte ſich frühzeitig gebeugt, und die unteren Glieder waren dünn und ſchwach, was gewöhnlich bei den Männern der Fall iſt, welche ſie wenig angewendet haben; ſie ſchienen im Mißverhältniß zu der breiten Bruſt und noch mehr zu jener prächtigen Stirne zu ſtehen. Die Kleidung dieſes Mannes entſprach dem Ausſehen der Wohnung. Die Stoffe waren die, welche von dem niederen Adel getragen wurden; aber ſie waren alt, abgetragen, entfärbt und mit zahlloſen Flecken über⸗ ſäet. Seine Hände waren klein und zart, mit vollen blauen Adern, welche das Nachlaſſen der Fibern andeu⸗ teten; aber ihre natürliche Weiße war von Rußflecken entſtellt, und ſein Bart— ein männlicher Schmuck, der unter dem jüngeren Geſchlechte unter König Eduards Regierung gänzlich aus der Mode war, aber wenn er von den älteren Herren getragen wurde, ſorgfältig be⸗ ſchnitten und parfümirt erſchien— war zu allen den ſpiralförmigen und verwickelten Locken verwirrt, die man an dem Bildniſſe irgend eines alten griechiſchen Weiſen oder Dichters ſieht. Auf der andern Seite des Bettes kniete ein junges Mädchen von etwa ſechzehn Jahren, mit einem Geſichte, welches wegen ſeiner Zartheit und ſeines Ausdrucks außerordentlich lieblich war. Sie ſchien von mittlerer Statur zu ſein, und ihre Arme und ihr Hals, wie das dicht anſchließende Kleid zeigte, hatten bereits den glatten und abgerundeten Umriß des erſten jungfräulichen Alters, während das Geſicht noch das Sanfte, Unſchuldige und die unvergleichliche Blute des Kindes an ſich hatte. Es 89 ihrem Vater(denn dies war der Grab der Verwandt⸗ ſchaft), ungeachtet ber Verſchiedenheit des Geſchlechts und der Jahre— dieſelbe ſchöne Form der Lippe und der Stirne— dieſelbe ſeltene Farbe der Augen(dunkelblau mit ſchwarzen Wimpern), und vielleicht diente der in dem Augenblick Beiden gemeinſchaftliche Ausdruck des ſanften Mitleids und der wohlwollenden Ängſtlichkeit nur dazu, die Ahnlichkeit noch auffallender zu machen. „Vater, es wird wieder ſchlimmer mit ihm!“ ſagte das Mädchen. „Sibylla,“ antwortete der Mann, indem er mit ſeinem Finger auf eine Seite in einem geſchriebenen Buche deutete, welches er in der Hand hielt, die Auto⸗ rität ſagt, daß bei einem ſo verletzten Patienten ein Aderlaß angewendet werden muß, und dann muß der Arm feſt mit einer Binde umwunden werden. Wahr⸗ lich, es fehlt mir das Nöthige dazu!“ „Nicht ſo, Vater!“ ſagte das Maͤdchen, wendete ſich erröthend um und nahm einen Kragen von feiner Leinwand ab, auf welchen Feſttagsſchmuck ſich ihre jun⸗ gen Augen an dem Morgen vielleicht mit Vergnügen gerichtet hatten, und weiß wie Schnee war der Hals, der ſich jetzt zeigte—„dies wird hinreichen, ſeinen Arm zu verbinden.“ „Aber das Buch,“ ſagte der Vater in großer Ver⸗ legenheit—„das Buch ſagt uns nicht, wie die Lan⸗ zette ſoll angewendet werden. Es i*ſt leicht zu ſagen, thue dies und thue das— aber um es einmal zu thun, ſollte man es ſchon vorher gethan haben! Dies gehört nicht zu meinen Experimenten.“ 90 Zum Glück vielleicht für Marmaduke trat in dieſem Augenblick eine alte Frau, die einzige Dienerin des Hauſes, ein, deren Leben in jenen kriegeriſchen Zeiten ſie ſo ziemlich gut mit der einfacheren Behandlung eines verwundeten Armes oder eines zerſchlagenen Kopfes be⸗ kannt gemacht hatte. Sie behandelte die von ihrem Herrn angeführte gelehrte Autorität mit großer Verachtung. Sie verband den Arm, bepflaſterte den Kopf, übernahm die Verantwortlichkeit, eine raſche Heilung zu verſprechen, beſtand darauf, daß Vater und Kind ſich zurückziehen ſollten und trat ihre einſame Wache neben dem Bette an. „Wenn es irgend ein anderer Mechanismus, als der des gemeinen menſchlichen Koͤrpers geweſen wäre!“ murmelte der Philoſoph, als wollte er ſich bei ſich ſelber entſchuldigen— und hiemit erlangte er ſeine Selbſtgenügſamkeit wieder und blickte ſtolz um ſich. Fünftes Kapitel. Heil dem Müßiggänger— wehe dem Arbeiter. Wie die Vorſehung den Wind mäßigt für das ge⸗ ſchorene Lamm, ſo bildete ſie auch vielleicht die Köpfe in jener Zeit zu einer Dicke, die für vie Schläge und Stöße geeignet war, welchen ſie zu verſchiedenen Zeiten ausgeſetzt wurden; doch überwanden Marmaduke's Sinne nicht ohne beträchtliche Anſtrengung den erhaltenen Schlag, der weniger wegen der Fleiſchwunde und des Blut⸗ verluſtes, als wegen einer Erſchütterung des Sitzes der Vernunft gefährlich war, die in unſeren entarteten Tagen 3 ge⸗ doöͤpfe und eiten Sinne tenen Blut⸗ 6 der 941 einen ziemlich ſtarken Ochſen hätten tödten können. End⸗ lich ſiegte die Natur, um nichts von Madge's Heilkunde zu ſagen, und Marmaduke erwachte eines Morgens im vollen Beſitze des Verſtandes, womit ihn die Natur aus⸗ geſtattet hatte. Er war allein, und mit großem Erſtau⸗ nen richtete er ſeine großen, nußbraunen Augen von einem Winkel zum andern in dem unbekannten Zimmer. Dann begann er verſchiedene unbeſtimmte Erinnerungen aufzuſpüren und mit einander zu verweben, und über⸗ zeugte ſich klar, daß er ſchwer verletzt worden; dann fiel ihm das einſame Licht in dem hohen Fenſter ein und ſeine Erinnerung führte ihn an den Eingang des großen, ein⸗ ſamen und halbverfallenen alten Hauſes zurück; dann wurde Alles ein verwirrter und fieberhafter Traum. Er hielt ſich an die Erſcheinung eines alten Mannes mit langem Barte, den er auf unangenehme Weiſe mit Er⸗ innerungen des Schmerzes in Verbindung ſetzte; dann kam ein ſchönes junges Geſicht, mit Augen, die voll zärtlichen Mitleids auf ihn hinblickten, wenn er unter den Qualen ſich wand und ſtöhnte, die ohne Zweifel jener verdammte alte Kerl ihm auferlegt hatte. Doch ſelbſt bei dieſem Geſicht verweilte er nicht mit Vergnügen— es erweckte verwirrte und unbeſtimmte Begriffe von etwas Zauberhaftem und Hexenartigem— von Zauberinnen und Trommelſpielerinnen— von wilden Warnungen, die ihm ins Ohr geſchrieen wurden— von Zauberſprü⸗ chen, von Teufeleien und Verderben. Dieſer Gedanken überdrüſſig, ſuchte er aus ſeinem Bette zu ſpringen und war erſtaunt, als der Sprung ſich in ein ſchwankendes Kriechen verwandelte. Er fand ein Waſchbecken, und 92 das Waſchen erfriſchte und ſtärkte ihn. Er ſuchte ſeine Kleidung und entdeckte Alles, mit Ausnahme ſeines Mantels, ſeines Dolches, ſeines Hutes und Gürtels, und während er ſich nach dieſen umſah, fiel ſein Auge auf einen alten, trüben ſtählernen Spiegel. Er ſtutzte, als hätte er ſeinen eigenen Geiſt geſehen; war es möglich, daß ſein abgehärtetes Geſicht ſich in jenes bleiche und faſt weibiſch zarte Antlitz konnte verwandelt haben? Mit dem Stolze, man nenne es nicht Putzſucht, der damals die Sorgfalt für die eigene Perſon zu einer Un⸗ terſcheidung der edlen Geburt machte, bemühte er ſich, die verwickelten Locken des langen Haares in Ordnung zu bringen, wovon ein beträchtlicher Theil em obern Kopfe, der bei der Berührung beſonders empfindlich war, ohne Gnade war abgeſchnitten worden, und als er eben dieſes Geſchäft mit geringer Zufriedenheit und vielem junern Arger über den Mangel an allen geeigneten Eſſen⸗ zen und Parfümerien beendet hatte, öffnete ſich die Thür leiſe und das ſchöne Geſicht, von dem er geträumt hatte, erſchien in der Offnung. Das Maädchen ſtieß einen Schrei des Erſtaunens und Schreckens aus, als ſie den Patienten auf und angeklei⸗ det ſah, und würde ſich ſchnell zurückgezogen haben, wäre nicht Nevile vorgeireten und hätte höflich ihre Hand genommen. „Schönes Mädchen,“ ſagte er,„wenn ich, wie ich vermuthe, meine Heilung Deiner Sorgfalt verdanke— ja vielleicht auch ein Leben, welches bisher außer für mich ſelber wenig Werth hatte— ſo entfliehe nicht mei⸗ ſeine eines tels, e auf „ als lich, und ben? der Un⸗ ſich, ung bern 93 nem Dank. Möge unſere liebe Fran von Walfingham Dich ſegnen und belohnen!“ „Herr,“ antwortete Sibylla, indem ſie ihm ſanft ihre Hände entzog,„unſere arme Sorgfaft iſt eine ge⸗ ringe Erwiderung für den großmüthigen Schutz geweſen, den Ihr mir gewährt.“ „Dir! Ach verzeihe mir! Wie konnte ich ſo vergeß⸗ lich ſein? Ich erinnere mich jetzt Deines Geſichts, und vielleicht verdiente ich das Mißgeſchick, welches mir be⸗ gegnete, weil ich Dich ſo unhöflich verließ. Mein Herz machte mir Vorwürfe, als Dein leichter Fußtritt ſich von meiner Seite entfernte.“ Ein leichtes Erröthen, dem ein gedankenvolles Lä⸗ cheln folgte— das Lächeln einer Perſon, die eine nicht unangenehme Erinnerung hegt— verbreitete ſich über Sibyllens reizendes Geſicht, als der Patient dies mit der Anmuth eines Mannes von guter Geburt ſagte, den man in ſeinen Knabenjahren gelehrt, Goit und den Da⸗ men zu dienen. Es trat eine kurze Pauſe ein, ehe ſie mit niederge⸗ ſchlagenem Blicke antwortete:„Nein, Herr, ich bin Euch ſo ſchon Dank genug ſchuldig— und übrigens war auch alle Beläſtigung vorüber. Aber ich will jetzt Eure Wärterin rufen— denn unſerer Dienerin, nicht uns, gebührt Euer Dank— um nach Eurem Zuſtande zu ſehen und die geeigneten Arzneien anzuwenden.“ „Wahrlich, ſchönes Mädchen, ich hungere und dürſte nicht gerade nach Arzneien, und wenn Eure Gaſtfreund⸗ ſchaft ein Stück Brod oder ein Stück von einer Paſtete und aus dem Keller einen Humpen Wein oher einen 94 Becher Bier entbehren könnte, ſo denke ich, würde es mehr dazu beitragen, mich wieder herzuſtellen, als dieſe Tränke, die meinem Geſchmack zuwider ſind, und wahr⸗ lich, meinen armen Sinnen iſt, als hätte ich ſeit einer Woche kein Brod über meine Lippen gebracht!“ „Es iſt mir lieb zu hören, daß Ihr ſo gutes Muths ſeid,“ antwortete Sibylla;„wartet nur einen Augen⸗ blick, bis ich Euren Arzt befrage.“ Mit dieſen Worten machte ſie die Thüre zu, ſtieg langſam die Treppe hinunter und ging in ein Gemach, welches mehr einem Gewölbe, als einem bewohnbaren Zimmer glich, wo ſie die einzige Dienerin des Hauſes fand. Die Zeit, die ſo phantaſtiſche Neuerungen in der Kleidung der beſſeren Klaſſen hervorbringt, hat eine größere Achtung vor der Tracht der Geringeren, und außer daß die Kleider von grober Serſche waren, herrſchte hinſichtlich der Bequemlichkeit und des Schnittes kein ſo großer Unterſchied, als man denken ſollte, zwiſchen der Kleidung der alten Madge und einer Dienerin im Nor⸗ den Englands während des letzten Jahrhunderts. Das Geſicht der Alten war ſchmal und zuſammengeſchrumpft, doch der ſcharfe Ausdruck deſſelben erhellte ſich zu einem Lächeln, als ſie durch die Dunkelheit und die Dämpfe die graziöſe Geſtalt ihrer jungen Gebieterin erblickte. „Ach, Madge,“ ſagte Sibylla mit einem Seufzer,„es iſt traurig, arm zu ſein!“ „Für eine Solche, wie Ihr, Fräulein Sibylla, iſt es in der That ſo. Für Leute wie ich bin, liegt wenig daran. Aber es thut meinem alten Herzen weh, Euch hier eingeſchloſſen und noch mehr, Euch in Eurem alten 9⁵ Rock und Schleier ausgehen zu ſehen— Euch, eines Ritters Enkelin— Euch, die Ihr um die Knie einer Königin geſpielt und die Ihr hättet im Wohlſtande ſein können, wenn mein Herr ſich ein wenig mehr nach der Welt gerichtet hätte. Aber Geduld iſt ein gutes Saum⸗ roß und trägt uns eine lange Strecke. Und wenn der Herr zu Stande gebracht hat, was er beabſichtigt, ſo wird der König— wie wir den neuen Mann auf dem Throne nennen müſſen— ihn gewiß belohnen. Aber, mein liebes Kind, verweilt nicht hier, das iſt eine üble Luft für Ench. Was führt Euch zu der alten Madge?“ „Es iſt beſſer mit dem Fremden und—⸗ „Ja, das will ich meinen, ich habe noch ſchlimmere Fälle kurirt. Er muß eine Löffel voll Suppe haben— ich vergaß es nicht. Ihr ſeht, ich wollte kein Mittag⸗ eſſen für mich ſelber— was liegt auch alten Leuten am Eſſen? Darum that ich Alles für ihn in den Topf. Die Suppe wird gut und ſtark ſein.“ „Meine arme Madge, Gott belohne Dich für das, was Du um unſertwillen leideft! Aber“— hier ſtieß ſie noch einen Seufzer aus und ſchlug die Augen nieder, denn ſie wagte nicht der Beſtürzung der armen Alten zu be⸗ gegnen, und fuhr mit halbem Lächeln fort—„aber er hat Fleiſch und einen Humpen Wein gefordert, Madge!“ „Guter Gott! wo wird er das bekommen? Nicht als würde es dem Jungen ſchlecht bekommen. Wein! Herr Saneroft in der Eiche wirb uns für keinen Pfennig borgen, der ſchlaue Kerl, und—“ „O Madge, ich vergaß— wir können noch etwas 96 Geltefür die Guitarre bekommen. Nimm Deinen Schleier um, Madge, ſchnell— während ich ſie hole.“ „Ei, ei, Fränlein Sibylla, das iſt Euer einziges Vergnügen, wenn Ihr in den langen Sommertagen allein daſitzt.“ „Es wird mir mehr Vergnügen machen, mich zu erinnern, daß ich damit die Bedürfniſſe des Gaſtes mei⸗ nes Vaters befriedigt habe,“ ſagte Sibylla, ging wieder die Treppe hinauf, kehrte mit dem zerbrochenen In⸗ ſtrumente zurück, ſchickte Magde damit ab und ertheilte ihr den Auftrag, ja von dem beſten Wein zu bringen. Dann ging ſie wieder die unebenen Stufen hinauf, blieb einen Augenblick an Marmaduke's Thür ſtehen, wo ſie ſeine matten Schritte ungedulvig hin⸗ und hergehen hörte und ſtieg dann noch höher hinauf, bis ſie einen vier⸗ eckigen, halbverfallenen Thurm erreichte, wo die Stu⸗ fen noch unebener, ſchmäler und dunkler wurden, und öffnete die Thür zu vem Zimmer ihres Vaters. Es war ein Zimmer, ſo ohne allen Schmuck und alles Hausgeräth, daß es nur aus den rohen Steinen herausgearbeitet zu ſein ſchien, welche die Wände des Hauſes bildeten. Nach der Straße zu wurde es durch eine enge Spalte erleuchtet, die freilich mit Glasſcheiben verſehen war, was nicht alle Fenſter des Hauſes waren, doch drang die Sonne kanm durch das trübe Glas und die Vertiefungen der Mauer ein. Das Zimmer enthielt einen ſtarken Schmelzoſen und ein rohes Laboratorium. Es lagen verſchiedene ſeltſam ausſehende mechaniſche Vor⸗ richtungen umher, mehre geſchriebene Bücher befanden ſich auf einem eichenen Buͤcherbrett, und im Winkel ſtand 97 ein großer Korb mit Holz und Kohlen. Das Geld, welches in dieſem ärmlichen Hauſe in der Mitte des Sommers allein für Feuerung ausgegeben wurde, wäre hinreichend geweſen, die Bewohner ganz bequem zu un⸗ terhalten; aber weder Sibylla noch Madge dachten je daran, über dieſe Verſchwendung zu murren, die dem gewidmet war, was zu dem Lebensbedürfniß eines Man⸗ nes geworden war, der in ſeiner eigenen Welt athmete. Dies war das erſte, wofür man ſorgen mußte, und die Wiſſenſchaft war eine gebletendere Nothwendigkeit als ſelbſt der Hunger. 1 Adam Warner war in der That ein Mann von aus⸗ gezeichnetem Genie— und Genie iſt in einem Zeitalter, wo es nicht geſchätzt wird, der größte Fluch, den das eiſerne Schickſal dem Menſchen nur auferlegen kann. Wenn auch nicht ganz ohne jene thörichten Einbildungen, welche die Weisheit der dunkleren Zeitalter zu dem Stein der Weiſen und dem Elixir führte, wenn er von der Jagd nach einer Chimäre durch den Mangel an Mitteln abge⸗ ſchreckt worden, denn es waren der Schutz und die Hülfs⸗ mittel eines Fürſten oder Edlen erfor derlich, um die koſt⸗ baren Ingredienzien zu erlangen, die in dem Schmelztiegel der Alchymiſten verzehrt wurden. Im früheren Leben baher und während er noch im Wohlſtande war, denn er ſtammte von einer Reihe ausgezeichneter und kriegeri⸗ ſcher Vorfahren ab, hatte ſich Adam Warner dem ſicheren und weniger koſtbaren Studium der Mathematik ge⸗ widmet, welches damals die Aufmerkſamkeit der Gelehrten auf ſich zu ziehen begann, die aber von der Menge noch als ein Zweig der ſchwarzen Kunſt betrachtet wurhe. Bulwer, Barone, I. 7 98 Dieſes Studium hatte ihm den Weg zu Entdeckungen eröffnet, die eben ſo nützlich als eerrhaben waren. Sie machten eine noch verſchiedenere Kenntniß nothwendig; und in einem Zeitalter, wo es keine Vertheilung der Arbeiten gab und ſeltener und mißlicher Verkehr unter Gelehrten herrſchte, wurde es für jeden Entdecker noth⸗ wendig, ſich die erforderliche Kenntniß zu den Neben⸗ experimenten zu verſchaffen. Indem Adham Warner die Mathematik zu den prak⸗ tiſchen Zwecken des Lebens anwendete, indem er die un⸗ endlichen Vortheile derſelben fuͤr den Verkehr und die Civiliſation einſah, war er gezwungen, nicht nur eine lausgebreitete Sprachkenntniß damit zu vereinen, ſondern auch viele der roheſten Handgriffe der Arbeiter, und bei manchen ſeiner Unterſuchungen wurde die Chemie mit zu Hülfe genommen. Nach und nach zog ihm die Tyrannei, die eines Mannes Genie über ſein Leben ausübt, von allen äußern Gegenſtänden ab. Er hatte ſeine Gattin zärtlich geliebt, aber der raſche Verbrauch ſeines Ver⸗ mögens zum Ankauf von Inſtrumenten und Büchern, die damals ungeheuer theuer waren und die Vernachläſſigung aller Dinge, die ſich nicht mit der Hoffnung vereinte, der Wohlthäter der Welt zu werben, hatten ihre Ge⸗ ſundheit zerſtört und ihr Herz gebrochen. Zum Glͤck bemerkte Warner ihr Dahinſchwinden erſt bei ihrem Tode; zum Glück erkannte er die Urſache davon nie, denn ihre Seele war in hie ſeine eingehüllt. Sie verehrte und liebte ihn und machte ihm niemals Vorwürfe, ihr Herz war der Märtyrer ſeines Geiſtes. Hätte ſie die künftige Beſtimmung ihrer Tochter vorausgeſehen, ſo nung ſorgt liegt gen des gekla endli erwe die d der l ſtesſe mals 99 möͤchte es anders gewefen ſein. Sie hätte dem Vater, wenn auch nicht dem Gatten, Vorſtellungen machen können. Aber zum Glück, wie es ihr ſchien, hatte fie, eine Franzöſin von Geburt, ihre Jugend im Dieuſte Margarethens von Aujou hingebracht, und dieſe ſtolze Königin, die eben ſo warm gegen ihre Freunde, als un⸗ erbittlich gegen ihre Feinde war, hatte bei der Verhei⸗ rathung ihrer Dienerin verſprochen, für ihre Nachkom⸗ menſchaft zu ſorgen. Sibylla war im achten Jahre ihres Alters— acht Jahre vor dem Beginn dieſer Geſchichte und zwei Jahre vor der unglücklichen Schlacht bei Tou⸗ ton, welche Eduard den Thron von England verlieh— unter jungen Mädchen aufgenommen worden, welche die Sitten jener Zeit unter die Dienerinnen der Königin ſtellten, und in der Zwiſchenzeit, welche verging, ehe Margaretha genöthigt war, ſie in ihre Heimath zu ent⸗ laſſen, ſtarb ihre Mutter. Sie ſtarh ohne die Unglücks⸗ fälle vorauszuſehen, welche erfolgen ſollten, in der Hoff⸗ nung, daß wenigſtens für ihr Kind werde reichlich ge⸗ ſorgt werden, und nicht ohne den Glauben— denn es liegt ſo viel Vertrauen in der Liebe— daß die Forſchun⸗ gen ihres Gatten, der ſich in ſeiner Jugend die Gunſt des Protektors, des Herzogs von Glouceßers, des auf⸗ geklärteſten Fürſten ſeiner Zeit, erworben hatte, ſich endlich die Belohnungen und die Ganſt ſeines Königs erwerben würden. Jene Zeit war in der That die ſchönſte, die der Philoſoph je erlebt hatte. Heinrich der Sechste, der langſam von einem jener Anfälle genas, die ſür Gei⸗ ſtesſchwäche galten, hatte ſich herabgelaſſen, ſich mehr⸗ mals mit Warner zu unterreden, wozu er anfangs durch 10⁰⁰ die Behauptung der unheiligen Art der Studien des Ge⸗ lehrten getrieben wurde, und nachdem er ſich von der Rechtgläubigkeit ſeines gelehrten Unterthans überzeugt hatte, fand der Monarch ein gewiſſes Intereſſe, vielleicht nicht ſo ſehr an den Gegenſtänden von Warners Beſchäf⸗ tigungen, als vielmehr an der gänzlichen Entfernung vom wirklichen Leben, wodurch ſich der Unterthan aus⸗ zeichnete, und was ihm eine traurige Ähnlichkeit mit dem Könige verlieh. Während das Haus Lancaſter auf dem Throne war, fühlte die Frau, daß ihres Gatten Studien geachtet und ſein harmloſes Leben vor dem ge⸗ fährlichen Vorurtheile des Volks geſichert ſein werde, und daß die gute Königin ihn nicht werde verhungern laſſen, wenn er das letzte Goldſtück bei dem Bemühen ausgegeben, ſeln Vaterland zu begluͤcken— und in dieſen Hoffaungen ſtarb die Fraul Ein Jahr ſpäter war der ganze Hof in Unordnung — bewaffnete Männer verſahen den Dienſt der jungen Mädchen, und Sibylle wurde mit einer Börſe voll Gold⸗ flücke, die bald in Manuſeripte verwandelt wurden, in ihres Vaters verlaſſenes Haus zurückgeſchickt. Dort war ſte wie eine Blume unter Ruinen, ohne Geſellſchafierin⸗ nen von ihrem Aiter, erwachſen und es blieb ihr über⸗ laſſen, wie es ihre ſanfte und zärtliche Natur wohl ver⸗ mochte, den Contraſt zwiſchen dem Luxus eines Hofes und der Dürftigkeit eines Herdes zu ertragen, auf den von Jahr zu Jahr Hunger und Mangel immer fühlbarer eindrangen. Sibylla hatte ſchon als Kind einige Fertigkeiten ge⸗ lernt, die damals weder hei dem einen noch bei dem gern ühen ieſen nung ngen Hold⸗ , in twar erin⸗ über⸗ ver⸗ bofes den barer 3 ge⸗ dem 101 anderen Geſchlechte viel geachtet wurden— ſie konnte Leſen und Schreiben, und Margaretha hatte in dem ſtren⸗ geren Norden nicht alle Erinnerung an die Fähigkeiten vergeſſen, die ihres Vaters Hof ſchmückten, um die Er⸗ ziehung Derjenigen zu vernachläſſigen, die in ihrem Haushalt auferzogen wurden. Der Muſik wurde viel Aufmerkſamkeit gewidmet, denn ſie erheiterte die dun⸗ keln Stunden König Heinrichs; das Ausmalen der Meß⸗ bücher oder der Lebensgeſchichten der Heiligen, nebſt den Arbeiten des Webſtuhls gehörten auch zu den Beſchäf⸗ tigungen von Sibylla's Kindheit und durch dieſe letzteren hatte ſie von Zeit zu Zeit mitgeholfen, die kleine Familie zu unterhalten, von welcher ſie, obgleich noch Kind, das wirkliche Oberhaupt wurde. Doch in der letzten Zeit — bas heißt ſeit den letzten wenigen Wochen— verſieg⸗ ten ihr auch dieſe Hülfsquellen; denn als friedlichere Zeiten ihren Nachbarn erlaubten, ſich für die Angelegen⸗ heiten Anderer zu intereſſiren, lebten auch die unheim⸗ lichen Gerüchte uͤber Warner wieder auf. Sein Name wurde mit Entſetzen genannt— das einſame Licht in ſeinem Fenſter, welches, gegen alle Sitte und Gewohn⸗ heit jener Tage, bis um Mitternacht brannte— der dunkle Rauch, der aus ſeinem Kamin beſtändig im Som⸗ mer und Winter aufſtieg, diente fern und nahe zum Ar⸗ gerniß, und da man mit großer Unzufriedenheit fand, daß die Regierung des Königs und die Kirche ſich nicht zu ihrem Schutze ins Mittel legten und ſie ſelber nicht im Stande waren, Anklagen gegen den Einſtedler vorzu⸗ bringen(denn die Kühe in jener Nachbarſchaft blieben außerordentlich geſund), ſo kamen ſie plötzlich und 10² gleichſam durch eine jener allgemeinen Sympathien, welche zu allen Zeiten der ungeheure Verfolger, den wir das Publikum nennen, an den Tag legt, wenn ein Opfer zu Grunde gerichtet werden ſoll, zu dem frommen Entſchluſſe, auszuhungern, wo ſie nicht verbrennen konnten. Warum ſollten ſie die hübſchen Teufeleien von des Zanberers Tochter kaufen? Es konnte kein Glück daraus kommen. Ein von ſolchen Händen ausgemaltes Meßbuch— eine Stickerei auf einem ſolchen Webſtuhl gearbeitet, glich dem rückwärts geleſenen Gebete des Herrn. Und eines Morgens, als die arme Sibyllla ſich wie gewöhnlich hinausſchlich, um die Arbeit eines Mo⸗ nats zu verkaufen, wurde ſie mit Fluͤchen und Verwün⸗ ſchungen von allen Thüren weggetrieben. Obgleich Sibylla's Herz ſanft war, ſo fehlte es ihr doch nicht an einer gewiſſen Geiſtesſtärke. Sie hatte viel von der geduldigen Hingebung ihrer Mutter, viel von der ruhigen Standhaftigkeit der Natur ihres Vaters. Die heftigen Vorurtheile— die unwiſſende Grauſamkeit, die ſich ſo gegen das Daſein ſelbſt empörten, erfüllten ſie freilich mit Traurigkeit, die aber nicht ungemiſcht war mit jener Verachtung gegen ihre Verfolger, die ſelbſt bei den wildeſen Gemüthern der Verzweiflung den Stachel nimmt. Aber der Hunger war dringend. Ihr Vater nä⸗ herte ſich dem Ziel ſeiner Entdeckungen, und in einem Augeublick jenes Stolzes, der bei ſeiner Verachtung des äußern Scheins demſelben trotzte, hatte ſich Sibylla auf den Spielplatz hinausgeſchlichen, und mit welchem Er⸗ folge, haben wie bereits geſehen. Nachdem wir ſo über 103 die ärmliche Lage des Hauſes berichtet haben, kehren wir zu dem Beſitzer zurück. Warner betrachtete mit offenbarem Wohlgefallen und Entzücken das Modell zu einer Maſchine, welches ihn ſeit vielen Jahren beſchäftigt hatte, und welches er jetzt raſch zur Vollendung zu bringen hoffte. Seine Hände und fein Geſicht waren mit dem Ruß ſeines Ofens be⸗ ſchmutzt und ſein Haar und Bart, wie gewöhnlich ver⸗ nachläſſigt, ſahen vertrocknet aus, wie von dem beſtän⸗ digen Fieber, welches in ſeinem Innern glühte. „Ja— ja,“ murmelie er,„wie werden ſie mich dafür ſegnen! Was Roger Bacon nur vermuthete, werde ich vollenden! Wie wird das Anſehen des Erdballs da⸗ durch verändert werden! Welcher Reichthum wird da⸗ durch über die noch ungebornen Geſchlechter kommen!“ „Mein Vater,“ ſagte Sibylla's ſanfte Stimme— „mein armer Vater, Du haſt heute noch kein Brod ge⸗ koſtet!“ Warner wendete ſich um und ſein Geſicht nahm einen zärtlichen Ausdruck an, als er ſeine Tochter erblickte. „Mein Kind,“ ſagte er, indem er auf ſein Modell deutete,„die Zeit kommt, wo dies leben wird! Geduld — Gebuld!“ „Und wer würde nicht Geduld mit Dir und für Dich haben, Vater?“ ſagte Sibylla, indem ſich Begeiſterung in allen ihren Zügen ausdrückte.„Was iſt die Tapferkeit eines Ritters und Kriegers— jener unempfindlichen Statuen von Stahl— gegen die Deinige? Du begegneſt mit Deiner bloßen Bruſt allen Gefahren— ſchärfer als Lanze und Schwert, und Alles—* 104 „Alles, um England groß zu machen!4 „Ach! was hat England von Männern, wie Du biſt, verdient? Das Volk, noch wilder als ſeine An⸗ führer, will alle die, welche ſich bemühen, es weiſer zu machen, auf den Scheiterhaufen, an den Galgen und in den Kerker bringen. Denke an den Tod Bolingbroke’s* — ein Zauberer, weil, o mein Vater!— weil ſeine Studien die Deinen waren.“ Adam ſtatzte bei dieſem Ausbruch und ſah ſeine Toch⸗ ter mit mehr Aufmerkſamkeit an, als er gewöhnlich gegen ein lebendes Weſen zeigte.„Kind,“ ſagte er end⸗ lich, indem er mit ernſtem Vorwurf den Kopf ſchüttelte, „laß mich nicht zu Dir ſagen: O du Kleingläubige! Es gähe keine Helden, wenn es keine Märiyrer gäbe.“ „Sieh mich nicht finſter an, Vater,“ ſagte Sibylla traurig;„laß die Welt finſter blicken— aber thue Du es nicht! Ja, Du haſt Recht. Du mußt endlich trium⸗ phiren.“ Und indem ihr ganzes Geſicht plötzlich in einen ſanften und liebkoſenven Ausdruck überging, fügte ſie hinzu:„Aber nun komm, Vater. Du haſt für dieſen Morgen genug gearbeitet. In wenigen Minuten werden wir eine kleine Mahlzeit fertig haben. Und Dank unſrer Heilkunſt iſt der Fremde geneſen. Er iſt begierig, Dich zu ſehen und Dir zu danken.“ „Gut, ich komme, Sibylla,“ ſagte der Gelehrte mit einem zaudernden und bedauernden Blick auf ſein * Ein Mathematiker, der als Mitſchuldiger Eleonore Cob⸗ hams, der Gemahlin Humphrey's, Herzogs von Glouceſter, angeklagt und wegen dieſer Beſchuldigung gehäagt wurde. Sein Zeitgenoſſe, William Wyrceſter, rühmt ſeine Gelehrſamkeit ſehr. 10⁵ Modell, und mit einem Seufzer, bei der Betrachtung deſſelben geſtört zu werden, wollte er langſam mit Si⸗ bylla das Zimmer verlaſſen. „Aber nicht ſo, lieber Herr und Vater— nicht ſo wirſt Du zu dem Fremden gehen, der von vornehmer Geburt iſt, wie Du ſelber. O nein! Deine Sibylla iſt ſtolz— ſtolz auf ihren Vater.“ Bei dieſen Worten hing ſte ſich zaͤrtlich an ihn und zog ihn mechaniſch, denn er war in eine Träumerei verſunken und achtete nicht auf ſie, in ein anſtoßendes Zimmer, wo er ſchlief. Die Be⸗ quemlichkeiten ſelbſt für Männer höhern Srandes, die ſo viel Morgen Landes beſaßen, als Adam verkauft hatte, waren unbedeutend und gering. Die hohen Adeligen und reichen Kaufleute beſaßen freilich Luxusartikel, die an Pracht und Pomp die Ihresgleichen heutigen Tages über⸗ trafen. Aber die Klaſſe des niedern Adels, wenn ſie wenig Geld hatte, unterzog ſich Beſchwerden, wovor heutiges Tages ſelbſt Leute der niedrigſten Klaſſe erſchrecken wür⸗ den. Alles, was ſie aufwenden konnten, nahm die Klei⸗ dung und die Tafel in Anſpruch. Dies waren die weſent⸗ lichen Erforderniſſe der Würde. Die Hausgeräthe waren in kläglichem Zuſtande. Viele Häuſer, ſelbſt die der Ritter, beſtanden mehr aus Gemächern für die Haus⸗ wirthſchaft, als aus Zimmern, die von den Beſitzern bewohnt wurden, und enthielten ſelten mehr als drei Betten, die in den Teſtamenten als Gegenſtände von großem Werih vermacht wurden. Der Leſer darf ſich va⸗ her nicht wundern, daß Warners Wohnung nur ein ein⸗ ziges Bett enthielt, welches im eigentlichen Sinne ſo genannt werden konnte, und dies war Nevile eingeräumt 106 worden. Das Lager, welches dem Philoſophen als Bett diente, lag am Boden, war mit Stroh ausgeſtopft und mit grobem Wollenzeug überzogen, und ein alter Mantel lag darauf anſtatt der Decke. Das ſeiner Tochter, in einem untern Zimmer, war wenig beſſer. Die Wände waren kahl und das ganze Haus hatte ſich nur eines ein⸗ zigen Lehnftuhles zu rühmen, der in Marmaduke's Zim⸗ mer ſtand— anderswo erſetzten Bänke oder Seſſel von rohem Eichenholz ihre Stelle. Nur in Nevile's Zimmer war ein Kamin und in dem, wo ſich der Schmelzofen befand. Zu dieſem Zimmer, welches einem Kerker glich, zog Sibylla jetzt den Gelehrten und nahm aus einem alten wurmſtichigen Kaſten ſorgfältig ein Gewand von braunem Sammet, welches ſein Vater, Sir Armine, ihm in ſei⸗ nem Teſtament vermacht hatte, freilich verblichen, aber doch von der Beſchaffenheit, wie es die Niedriggebornen nicht trugen, denn nach der Kleiverordnung jener Zeit war es nur einem Ritter erlaubt, Sammet zu tragen. Es war mit Pelzwerk beſetzt und vorn mit einem golde⸗ nen Haken zum Zumachen verſehen. Dann hielt ſie ihm das Waſchbecken hin, während er mit der Gelehrigkeit eines Kindes ſeine mit Ruß beſudelten Hände und ſein Geſicht wuſch. Es war rührend, in dieſem Allem gerade das Umgekehrte ihrer natärlichen Stellung zu ſehen— das Kind ſorgte für den Vater und beſchützte ihn gleich⸗ ſam, und zwar nicht wegen ſeiner Schwäche, ſondern wegen ſeiner Größe; nicht weil er an Einſicht unter den gewöhnlich en Menſchen, ſondern weil er über ihnen ſtand. Und als ſein patriarchaliſcher Bart und Haar geglättet s Bett sft und Mantel ter, in Wände es ein⸗ 3 Zim⸗ ſel von immer elzofen ch, zog nalten aunem in ſei⸗ aber bornen r Zeit ragen. golde⸗ le ihm rigkeit d ſein gerade hen— gleich⸗ ondern er den ſtand. gläͤttet 107 und geordnei waren, und ſein ſammines Gewand in ma⸗ jeſtätiſchen Falten um ſeine hohe und gebieteriſche Geſtalt niederſloß, folgte Sibylla ihrem Vater in Marmaduke's Zimmer und hätte wohl ſtolz auf ſein Ausſehen ſein kön⸗ nen. Sie empfand die unſchuldige Eitelkeit ihres Ge⸗ ſchlechts und Alters als ſie das Stutzen der Überraſchung demerkte, womit Marmaduke ſeinen Wirth betrachtete und den Ton des Reſpekts, womit er ſeinen Gruß und Dank ausſprach. Sein Weſen veränderte ſich auch gegen Sibylla; es wurde weniger offen und frei, aber höflicher und zurückhaltender, und als Madge kam und anmeldete, daß das Mahl aufgetragen ſei, ſtreckte Nevile mit einem Etroͤthen der Scham wegen der Behandlung der armen Guitarreſpielerin auf dem Spielplatze ſeine linke Hand aus, denn die rechte ſtand ihm noch nicht zu Gebote, um die junge Dame in die Halle zu führen. Dieſes Zimmer, welches von dem Eingange durch einen Schirm getrennt wurde, und außer einem kleinen auſtoßenden Kabinet das einzige Empfangzimmer zu einer Zeit bildete, wo es, wie jetzt auf dem Feſtlande, für keine Schande gehalten wurde, Gaͤſte in Schlafgemächern zu empfangen, war lang und niedrig. Ein alter und ſehr ſchmaler Tiſch, an welchem dreißig Perſonen haͤtten ſitzen koͤnnen, erſtreckte ſich über eine Erhöhung des ſtei⸗ nernen Fußbodens. Da war kein Kamin, der in jenen Tagen in den Häuſern der Hauptſtadt und der Vorſtäͤdte kein weſentliches Erforderniß geweſen zu ſein ſcheint; die Stelle deſſelben wurde durch eine bewegliche Kohlen⸗ pfanne erſetzt; drei eichene Stühle ſtanden an dem Tiſche 108 und zu einem derſelben führte Marmaduke in ungewoͤhn⸗ lichem Schweigen die ſchöne Sibylla. „Ihr werdet unſern Mangel an Vorräihen entſchul⸗ digen,“ ſagte Warner, der ſich der höflichen Sitte ſeiner früheren Tage erinnerte, die das ungewohnte Schauſpiel eines kalten Kapaunen, einer Paſtete und einer Flaſche Wein vermöge eines Gedankenganges, der raſch an den bazwiſchen liegenden Umſtänden vorüberglitt, die ihn bei dem Anblick mit Erſtaunen hätten erſüllen ſollen, in ſeinen Geiſt zurückbrachten—„denn meine Sibylla iſt noch eine junge Haushälterin und ich bin ein einfacher Gelehrter von wenigen Bedürfniſſen.“ „Wahrlich,“ antwortete Marmaduke, der ſeine Zunge wieder fand, als er einen Angriff auf die Paſtete machte, „ich ſehe nichts, worüber ſich der leckerhaftene Gaumen beklagen könnte. Schönes Fräulein Sibylla, Eure zar⸗ ten Lippen werden mir hoffentlich nicht abſchlagen, ein Glas mit mir zu trinken. Auf Eare Geſundheit auch, würdiger Herr! Vielen Dauk! Es ſcheint, als ob nichts beſſer den Appetit eines Mannes reiten könne, ais ein Krankenbett. Und da wir davon reden, mein guͤtiger Herr, ſo benachrichtigt mich gefälligſt, wie lange ich ſchon Eure Gaſtfreundſchaft genoſſen habe. Wahrlich, dieſe Paſtete hat einen vortrefflichen Geſchmack, und wenn nicht von Wildpret, ſo iſt fle doch wenigſtens beſſer. Aber, um wieder darauf zurückzukommen, ich möchte gerne wiſſen, wie lange Zeit vergangen iſt ſeit meinem Kampf mit den Räubern.“ „So waren es alſo Räuber, die Euch auf ſo grau⸗ ſame Weiſe angriffen?“ ſagte Sibylla. öͤhn⸗ chul⸗ einer iſpiel aſche n den n bei , in la iſt acher zunge achte, umen zar⸗ , ein auch, nichts s ein tiger ze ich rrlich, wenn eſſer. uͤchte einem grau⸗ 10⁰9 „Habe ich es noch nicht geſagt? Gewiß, wer ſonſt? Und wie ich ſchon zu Eurem würdigen Vater bemerkte, habe ich nicht die geringſte Muthmaßung, ob mir dieſes Ungemach vor Stunden, Tagen, Monaten ober Jahren begegnete.“ Warner lächelte, und da er bemerkte, daß eine Ant⸗ wort von ihm erwartet werde, ſo ſagte er:„Nun, in der That, junger Herr, ich fürchte, ich bin faſt eben ſo vergeßlich, wie Ihr. Es war nicht geſtern, als Ihr kamt, nicht vorgeſtern, auch nicht— Sibylle, liebes Kind, wie lange iſt dieſer Herr unſer Gaſt geweſen?“ „Dies iſt der fünfte Tag,“ antwortete Sibylla. „So lange und ich lag wie ein gefühlloſer Block an der Seite des Weges, während Andere Sporen und Ge⸗ biß auf der Landſtraße anwendeten! Ich bitte Euch, lieber Herr, erzählt mir die Neuigkeiten von dieſem Morgen. Iſt Lord Warwick noch in London— iſt der Hof noch im Tower? 4 Der aume Adam, deſſen Herz bei ſeinem Mobell war und der jetzt ſeinen mäßigen Appetit befriedigt hatte, ſah etwas verwirrt und verlegen aus bei dieſer Frage. „Der König, Gott erhalte ſein geehrtes Haupt,“ ſagte er, indem er ein eigenes verneigte,„iſt, fürchte ich, noch immer im Tower ſeit ſeiner unglücklichen Gefangen⸗ nahme; aber er achtet es nicht, Herr— er achtet es nicht; ſeine Seele iſt nicht auf dieſer Seite des Pa⸗ radieſes.“ Sibylla ſtieß einen matten Ausruf der Furcht aus bei dieſer unbeſonnenen Außerung der Geiſtesabweſen⸗ heit ihres Vaters; dann näharte ſie ſich Nevile, legte 110 mit rührendem Vertrauen ihre Hand auf ſeinen Arm und flüſterte:„Ihr werdet dies nicht wiederſagen, Herr! Mein Vater lebt nur in ſeinen Studien und hat nie einen andern als nur einen König gekannt.* Marmaduke wendete ſein kühnes Geſicht zu dem Maͤbchen und deutete auf das Salzfaß, indem er in dem⸗ ſelben Tone antwortete:„Verräth der brave Mann je ſeinen Wirth?“ Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. Mar⸗ maduke ſtund auf.„Ich fürchte, ich muß Euch jetzt ver⸗ laſſen,“ ſagte er,„und da es noch heller Mittag iſt, muß ich in der That blind ſein, wenn ich wieder meinen Weg verfehle.“ Dieſe Rede erweckte Adam plötzlich aus ſeinem Nach⸗ denken, denn wenn ſein einfaches und gütiges Wohl⸗ wollen in Anſpruch genommen wurde, vergaß er ſelbſt ſeine Mathematik und ſein Modell.„Nein, junger Herr,“ ſagte er,„Ihr müßt uns jetzt noch nicht verlaſſen; Eure Gefahr iſt noch nicht vorüber. Die Anſtrengung könnte das Fieber erneuern. Celſus empſiehlt Ruhe. Ihr müßt einwilligen, noch einen oder zwei Tage bei uns zu bleiben.“ „Könnt Ihr mir ſagen,“ ſagte Nevile zögernd,„wie weit es von hier bis zum Tempelthor oder bis zum näch⸗ ſten Landungsplatze des Fluſſes iſt? „Zwei Meilen wenigſtens,“ antworte Sibylll. „Zwei Meilen!— und nun fällt mir ein, ich habe nicht die nöthigen Kleidungsſtücke hier. Dieſe Diebe haben meinen Mantel geſtohlen, der, wie ich jetzt bemerke, nur ein bäuriſches Gewand iſt, welches ich mit der Tunika vertauſchen muß, ſo wie auch meinen Hut und Dolch; nund Herr! einen dem dem⸗ un je Mar⸗ ver⸗ g iſt, einen 11¹ auch haben ſie mir keinen Pfennig gelaſſen, um ſie zu erſetzen. Wahrlich, wenn Ihr mir daher erlaubt, Eurer Gaſtfreundſchaft noch länger zur Laſt zu fallen, ſo will ich es Euch nicht abſchlagen, vorausgeſetzt, würdiger Herr, daß Ihr einem Eurer Leute geßattet, in das Haus eines gewiſſen Herrn Hayford, eines Goldſchmieds in Chepe, zu gehen, und ſeinen Gehülfen, Nikolaus Al⸗ wyn, zu bitten, mich zu beſuchen. Ich kann ihn wegen meiner im Gaſthauſe zurückgelaſſenen Sachen beauftra⸗ gen und noch Einiges von ihm erfahren, was mir zu wiſſen nützlich iſt.“* „Gewiß. Sibylla, fage Simon oder Jonas, ſich unter den Befehl unſeres Gaſtes zu ſtellen.“ Simon oder Jonas! Der arme Adam hatte gänzlich vergeſſen, daß Simon und Jonas ſein Haus bereits vor ſechs Jahren verlaſſen hatten! Wie konnte er den Ka⸗ paunen, den Wein und das mit Pelz beſetzte Sammet⸗ gewand anſehen, ohne ſich in die Blüte ſeines Wohl⸗ ſtandes zurückzuverſetzen? Halb lächelnd und halb ſeufzend entfernte ſich Si⸗ bylla, um mit ihrer einzigen Rathgeberin Madge zu Rathe zu gehen, wie die Befehle des Gaſtes auszuführen, und wie der Tiſch zum Abendeſſen zu beſetzen ſei. Aber in dieſen beiden Verlegenheiten war ſie glücklicher, als fie erwartet hatte. Madge hatte die zerbrochene Guitarre — die muſtkaliſchen Inſtrumente waren damals verhält⸗ nißmäßig theuer, und dieſe war das Geſchenk einer Königin geweſen— für ſo viel Geld verkauft, als zu dem anſtändigen Unterhalt auf einige Tage ausreichte, und ſelber durch die Ausſicht auf ſo viele gute Dinge 11²2 erfreut, willigte fie gerne ein, Nikolaus Alwyn auf⸗ zuſuchen. Als Sibylla mit leichtem Schritte und leichterem Herzen in die Halle zurücktrippelte, war ſie kaum über⸗ raſcht, den Gaſt allein zu finden. Nach ihrer Entfer⸗ nung hatte ihr Vater große Unruhe gezeigt. Er beant⸗ wortete Marmaduke's Fragen nur durch zerſtreute und unpaſſende Einzelſilben, und als er ſeinen Gaſt endlich beſchäftigt ſah, einige alte Waffenſtücke an den Wänden zu betrachten, ſchlich er ſich fort und hielt nicht eher an, als bis er ſich wieder vor ſeinem geliebten Modell befand⸗ Ohne ſeine Entfernung zu bemerken, gab Marma⸗ duke, deſſen Rücken zu ihm gewendet war, ſeinem Wirthe, wie er ſich thörichterweiſe einbildete, mit großer mili⸗ täriſcher Kenntniß Aufklärung über die alten Helme und Waffen, welche die Halle ſchmückten.„Gewiß, mein Wirth,“ ſagte er nachdenkend,„dieſe Art von Helmen, die, wie ich glaube, vor einem Jahrhundert iſt getragen worden, hat ſeine Verdienſte; das Viſir iſt weniger offen für die Pfeile. Aber was dieſe Maſchenpanzer betrifft, die paßten nur— wie ich mit ſchuldiger Ehrerbietung zu erklären wage— für die Kreuzzüge, wo der Feind wenig anders als mit Wurfſpießen und krummen Säbeln. focht. Es würbe nur eine klägliche Vertheidigung gegen den Streitkolben und die Streitaxt ſein; dennoch waren ſie leicht für Mann und Pferd, und im Dienſt gegen Fußvolk könnte man ſie noch jetzt mit Vortheil anwen⸗ den. Meint Ihr nicht auch?“ Er wendete ſich um und erblickte Sibylla's ſchlaues Geſicht. yn auf⸗ ichterem m über⸗ Entfer⸗ beant⸗ ute und endlich Dänden eher an, befand ˖ Narma⸗ Wirthe, er mili⸗ Ime und , mein Helmen, etragen er offen betrifft, bietung r Feind Säbeln g gegen waren gegen anwen⸗ chlaues 113 „Ich bitte um Verzeihung wegen meiner Blindheit, liebes Fräulein,“ ſagte er mit einiger Verwirrung,„aber Ener Vater war eben noch hier.“ „Seine Morgenſtunden find ſo ſehr der Arbeit ge⸗ weiht,“ antwortete Sibylla,„daß er Euch wegen ſeiner Unhöflichkeit um Verzeihung bitten laäßt. Wenn Ihr in⸗ zwiſchen ein wenig Luft zu ſchöpfen wünſcht, ſo haben wir einen kleinen Garten hinter dem Hauſe.“ Und mit dieſen Worten ging ſie voran in das kleine Kabinet, wel⸗ ches ihr Lieblingszimmer war, von wo eine andere Thuͤr auf einen vernachläſſigten Grasplatz führte, der von hohen Mauern umgeben war und vorne eine erhoͤhte Ter⸗ raſſe hatte, die durch eine niebrige ſteinerne Mauer von dem grünen Raſen getrennt war. Auf dieſer Mauer ſaß halb ſchlafend ein einzelner Pfau; doch als Sibylla und der Fremde an der Thůr erſchienen, erwachte er plutzlich, ſtieg von ſeiner Höhe her⸗ unter und breitete mit einer Eitelkeit, nicht ganz un⸗ ähnlich dem Wunſche ſeiner jungen Herrin, ſich vor den Augen des Gaſtes ſo ſchön als möglich darzuſtellen, ſein Gefieder in der Sonne aus. Sibylla warf ihm etwas Brod zu, welches ſie zu dem Zwecke vom Tiſche mit⸗ genommen hatte; doch der ſtolze Vogel, obgleich hungrig, verſchmähte es zu eſſen, bis er ſich vollkommen überzeugt hatte, daß ſeine Pracht gehörig bemerkt worden ſei. „Armes, ſtolzes Thier,“ ſagte Sibylla halb bei ſich ſelber,„Dein Gefieder bleibt dir bei jedem Wechſel.“ „Gleich dem Namen eines tapfern Ritters,“ ſagte Marmaduke, der es gehört hatte. „Ihr denkt an die Laufbahn der Waffen.“ Bulwer, Barone. 1. 114 „Gewiß— ich bin ein Nevile!“ „Kann man denn keinen andern Ruhm gewinnen, als den eines Kriegers?“—. „Ich weiß es nicht und achte auch nicht darauf, Fräu⸗ lein Sibylla!⸗ „Meint Ihr nicht, es wäre eiwas, ein Minſtrel zu ſein, der Freude verurſacht?— Ein Gelehrter, der die Dunkelheit erhellt?⸗ „Was den Gelehrten hetrifft, ſo achte ich gewiß die heilige Mutterkirche, die, wie man mir ſagt, allein jene Art von Wundern mit voller Sicherheit für die Seele her⸗ vorbringt, und zwar allein bei höheren Prälaten und Würdenträgern Was den Minſtrel betrifft, den liebe ich— wuͤrde für ihn fechten und ihm in der Noth den letzten Pfennig in meiner Taſche geben. Aber es iſt beſſer, Thaten zu thun, als ſie zu beſingen.“ Sibylla lächelte und das Lächeln verwirrte den jun⸗ gen Abenteurer und mißfiel ihm beinahe. Aber das Feuer des jungen Mannes hatte auch ſeinen Reiz. Nach und nach, als ſie auf der vernachläſſigten Ter⸗ raſſe hin⸗ und hergingen, wurde das Geſpräͤch frei und vertraut, denn Marmaduke, gleich den meiſten jungen Maͤnnern voll von ſich ſelber, war freudig in dem glück⸗ lichen Egoismus einer offenen und ſorgloſen Natur. Er theilte ſeiner jungen Vertrauten ſeine Geburt, ſeine Ge⸗ ſchichte, ſeine Hoffnungen und ſeine Befürchtungen mit d erfuhr vagegen als Antwort auf die Fragen, die er un an ſie richtete, wenigſtens Einiges von ihrem vergan⸗ genen und gegenwärtigen Leben— die Unglücksfälle ihres Vaters, die durch ſeine koſtbaren Studien verurſacht 115 worden— ihren eigenen kurzen Aufenthalt am Hofe Mar⸗ unen, garethens— und die Einſamkeit, wenn auch nicht die 4 Kämpfe, worin ſie ihre Jugend hingebracht. Es wäre Fräu⸗ lieblich und belohnenb geweſen für einen Gegenwärtigen, dieſe angenehmen Mittheilungen zwiſchen zwei jungen el zu unbefreundeten Perſonen zu hören und ſich vorzuſtellen, er die daß Herzen, die ſo ſür einander geöffnet worden, ſich in eins vereinigen könnten. Aber Sibyllla, obgleich ſie ß die ihm mit Intereſſe zuhoͤrte und eine gewiſſe Sympathie jene für ſein Streben empfand, verglich ihn von Zeit zu Zeit her⸗ insgeheim mit einem Manne, deſſen Stimme noch in ihr und Ohr tönte, und ihr gebildeter und ſcharffinniger Ver⸗ liebe ſtand entdeckte in Marmaduke die mangelhafte Erziehung den und jene beſchränkte Erfahrung, welche die Thorheit und eſſer, das Glück der Jungen ausmacht. Andererſeits war Nevile’s Bewunderung auf ſeltſame jun⸗ Weiſe mit Überraſchung und wir dürfen wohl ſagen, mit Feuer Furcht gemiſcht. Dieſes Mädchen mit ihrer weiſen Un⸗ terredung und ihrem kindlichen Geſichte, war ein ſo gänz⸗ Ter⸗ lich neuer Charakter für ihn. Ihre Sprache war jeder und andern überlegen, die er je gehört hatte; die Worte ngen waren auserleſen und fließend— war das ihrem Hof⸗ lück⸗ leben oder ihrem gelehrten Vater zuzuſchreiben? Er„Ener Vater, ſchönes Fräulein,“ ſagte er, eine Pauſe Ge⸗ der Unterhaltung unterbrechend—„Euer Vater iſt alſo mit ein mächtiger Gelehrter und verſteht vermuthlich Latein ie er ſo gut wie Engliſch?“ gan⸗„Ei—, ein Heckenprieſter behauptet ja Latein zu ihres verſtehen,“ ſagte Sibylla lächelnd;„mein Vater iſt einer 3 116 von den ſechs lebenden Männern, welche Griechiſch und Hebräiſch gelernt haben. „Gott ſei mir gnädig!“ ſagte Marmaduke ſich be⸗ kreuzend.„Das iſt in der That ſchrecklich! Er hat Euch auch wahrſcheinlich in dieſen Sprachen unterrichtet?“ „Nein, ich verſtehe nur meine eigene und die fran⸗ zöſiſche Sprache; meine Mutter war eine geborne Fran⸗ zöfin.“ „Die heilige Jungfrau ſei geprieſen!“ ſagte Mar⸗ mabuke freier athmend;„denn ich habe meinen Vater und meinen Oheim ſagen hören, daß die franzöſiſche Sprache ſich für Edelleute und Ritter eignet, beſonders für die, welche gleich den Neviles vom normänniſchen Stamme ſind. Dieſe Margaretha von Anjou— liebtet Ihr ſie, Fräulein Sibylla?“ „Nein,“ antwortete Sibylla, Margaretha floͤßte eher Furcht ein, doch geſtattete ſie kaum einer Unter⸗ gebenen, ſie zu lieben, und obgleich gnädig und wohl⸗ geneigt, wenn ſie es wollte, ſo geſchah es doch nur gegen Solche, die ſie zu gewinnen wünſchte. Es lag ihr nichts an dem Herzen, wenn die Hand oder der Kopf ihr nicht dienen konnten. Aber, arme Königin, wer könnte ſie deßhalb tadeln?— Ihre Natur hatte ſich geändert, und als ich ſpäter hörte, wie Viele, denen fie vertraut, ſich gegen ſie empört haben, da machte ich mir Vor⸗ würfe, daß—* „Daß Ihr nicht an ihrer Seite waret!“ fügte Ne⸗ vile hinzu, als er bemerkte, daß ſie ſchwieg. „Nein, das meinte ich nicht eigentlich, Herr Nevile, ſondern daß ich je über ihre haßtige und unfreundliche iſch und ſich be⸗ t Euch tet?“ e fran⸗ Fran⸗ Mar⸗ Vater Böſtſche ſonders niſchen liebtet floͤßte Unter⸗ wohl⸗ ch nur ag ihr Kopf könnte indert, traut, Vor⸗ e Ne⸗ tevile, bliche 117 Stimmung gemurrt. An ihrer Seite fragt Ihr?— Ach! ich habe eine nähere Pflicht zu Hauſe; mein Vater iſt für mich Alles in der Welt! Ihr wißt nicht, Herr Nevile, wie es den Schwachen ſchmeichelt, zu denken, daß es Jemand gibt, den ſie beſchützen können. Aber genug von mir ſelber. Ihr werdet zu dem ſtolzen Grafen gehen und am Hofe leben, Ihr werdet goldene Sporen gewinnen, mit ſtarker Hand kämpfen und es Andern über⸗ laſſen, ihren Kopf anzuſtrengen.“ „Sie wahrſagt mir!“ murmelte Marmaduke, ſich wieder bekreuzend.„Die goldenen Sporen— ich danke Euch Fräulein Sibylla!— Werde ich auf dem Schlacht⸗ felde zum Ritter geſchlagen werden und von weſſen Hand?“ Sibylla blickte mit ihren klaren Augen den Frager an, und als ſie ſein lebhaftes Geſicht ſah, lachte ſie laut. „Denkt Ihr, Herr Nevile, ich könne alle Räthſel löſen ohne mein Sieb und meine Scheere?“ „Sind das die weſentlichen Erforderniſſe, Fräͤulein Sibylla?“ ſagte Neville mit plumper Einfalt.„Ich dachte, Ihr gelehrten Damen könntet aus der Hand wahrſagen oder aus— warum lacht Ihr über mich?“ „Nein, ich hahe ein Recht ärgerlich zu ſein,“ ant⸗ wortete Sibylla, ſich faſſend.„Da Ihr mich für eine Hexe halten wollt, ſo iſt Alles, was ich Euch von Eurer Zukunft ſagen kann,“ fügte ſie mit rührendem Ausdruck hinzu,„nur aus Eurer Vergangenheit geſchloſſen. Ihr habt ein tapferes und edles Herz; Ihr habt eine freie und höfliche Zunge, und dieſe Eigenſchaften machen die Männer geehrt und beliebt— außer wenn ſie die Gaben 118 befitzen, welche Alles in Galle verwandelu, und Unter⸗ drückung ſtatt der Ehre und Haß ſtatt der Liebe bringen. „Und dieſe Gaben, freundliche Sibylla?“* „Sind die meines Vaters,“ antwortete das Mäd⸗ chen mit einer neuen und traurigen Veränderung ihres ausdrucksvollen Geſichts, und die Unterhaltung wurde matter fortgeſetzt, bis Marmaduke, der ſich durch den Blutverluſt mehr geſchwächt fühlte, als er es für möglich hielt, ſich in ſein Zimmer zurückzog, um auszuruhen. Sechstes Kapitel. Junker Marmaduke Nevile iſt für das Seelenheil ſeines Wirths und ſeiner Wirthin beſorgt. Vor der Stunde des Abendeſſens, welches um ſechs Uhr aufgetragen wurde, erſchien Nikolaus Alwyn in dem Hauſe, welches ihm Madge bezeichnet hatte. Nach einem feſten Schlafe, der wenig ſchmeichelhaft für Sibylla's Reize war, ſtieg Marmaduke zu der Halle hinunter, um das Mädchen und ſeinen Wirth aufzuſuchen, und da er Niemand fand, ſchlenderte er in äußerſter Ungeduld in das kleine Kabinet, wo, da es jetzt dunkel war, ein einzelnes Licht auf einem melancholiſchen und verroſteten Wandleuchter brannte, und als er an der Thür ftand, die in den Garten führte, und ſich damit unterhielt, dem Pfau zuzuſehen, war ſein Freund der alten Madge in das Zimmer gefolgt und klopfte ihm leiſe auf die Schulter. „Nun, Junker Nevile. Ha! beim heiligen Thomas, was iſt Euch begegnet? Euer Arm verbunden, Eure Unter⸗ ringen.* 3 Mäbd⸗ ng ihres J wurde arch den möglich uhen. Wirths m ſechs in dem Heinem bylla's er, um d da er ruld in r, ein oſteten ftand, , dem ge in zulter. omas, Eure 119 Locken abgeſchoren, Euer Geſicht bleich! Mein geehrter Milchbruder, Euer Blut von Weſtmoreland ſcheint zu heiß für Cockaigne!“ „Wenn das iſt, ſo gibt es in dieſer Stadt Mörder genug, die das überflüſſige herauslaſſen,“ entgegnete Marmaduke und erzählte Nikolaus in der Kürze ſein Abenteuer. Als er damit zu Ende war, machte ſich der freund⸗ liche Geſchäftsmann Vorwürfe, daß er Marmaduke allein hatte gehen laſſen.„Die Vorſtädte ſind voll von dieſen Schurken,“ ſagte er,„und ein nächtlicher Spaziergang in der Nähe von London iſt gefährlicher als die einſam⸗ ſten Schluchten des grünen Sherwood,— um ſo mehr Schande für die Stadt! Wenn ich einmal Lord Mayor bin, ſo ſoll es beſſer werden. Aber unſre Bürgerkriege machen, daß man ein Menſchenfeben geringſchätzt und die Großen kümmern ſich ſehr wenig um das Blut und die Glieder der Wanderer. Aber der Krieg macht Diebe — und der Friede hängt ſie! Wartet nur, his ich die Angelegenheiten ordne!“ „Vielen Dank, Nikolaus,“ entgegnete Nevile;„doch es müßte mir ſchlecht ergehen, wenn ich je bei Sheriff oder Mayor Schutz ſuchen ſollte! Ein Mann, der ſein Leben nicht mit ſeiner eigenen rechten Hand vertheidigen kann, verdient wohl, es zu verlieren, und ich meines Theils werde ſchlecht von dem Tage denken, wo ein Eng⸗ länder mehr von den Geſetzen als von ſeinem guten Arme Sicherheit erwartet. Doch laſſen wir das, und ſage mir gefälligſt, ob Lord Warwick noch in der Stadt iſt?“ „Ja gewiß, ich weiß das an den Herbergen, die mit 120 ſeinen Wappenſchildern angefüllt ſind, und an den Ochſen, welche dutzendweiſe in das Schlachthaus geführt werden. Es iſt eine Schande für den Staat, einen Un⸗ terthanen ſo groß zu ſehen und es bedeutet nichts Gutes für unſern Frieden. Der Graf bereitet die präͤchtigſte Geſandtſchaft vor, die je über die ſalzige See fuhr— ich wollte, ſie ginge nicht nach Frankreich, denn unſere Intereſſen ſtehen dem entgegen; aber Du mußt noch ei⸗ nige Tage ruhig hier bleiben und Dich wieder ſtärken, denn ich wollte nicht, daß Ihr Euch mit einem Geſichte wie Kreide einem Manne darſtelltet, der ſein Geſchlecht größtentheils nach ihren Muskeln und Sehnen beurtheilt. Überdies ſolltet Ihr einen Schneider kommen laſſen und Euch aufs Feinſte herausputzen. Es wäre ein großer Schritt auf dem Wege Deiner Beförderung, wenn der Graf Euch in ſeiner Begleitung mitnähme, und je bunter Deine Federn, deſto höher iſt Ener Flug. Da Ihr alſo ſagt, daß man unter dieſem Dache ſehr freundlich gegen Euch iſt, ſo verweilt noch eine Zeitlang ruhig hier— ich will den Seidenhändler, den Tuchhändler und den Schneider zu Euch ſchicken, um Eure Ungeduld zu zer⸗ ſtreuen, und da dieſe Leute geldgierig find, mein lieber Junker Nevil, darf ich alſo ohne Beleidigung fragen, ob Ihr gehörig mit Geld verſehen ſeid?“ „Ja, ja, ich habe Geld im Gaſthofe, wenn Du mir meine Sachen ſchicken willſt. Üübrigens gefällt mir Dein Rath und ich will ihn befolgen!“ „Gut!“ antwortete Nikolaus.„Hm! Ihr ſcheint in ein armes Haus gekommen zu ſein— ein verarmter Edelmann, wie ich aus dem Verfall des Hauſes ſehe!“ an den geführt ien Un⸗ Gutes ichtigſte uhr— unſere och ei⸗ Färken, efichte ſcchllecht etheilt. en und großer nn der bunter r alſo gegen er— d den zer⸗ lieber agen, mir Dein heint nter he!* 424 „Ich wollte, das wäre das Schlimmſte,“ verſetzte Marmaduke feierlich und leiſe, und hierauf erzählte er Nikolaus von dem Abenteuer auf dem Spielplatze, von den Warnungen der Trommelmädchen und von der ge⸗ fahrdrohenden Gelehrſamkeit und dem ſeltſamen Treiben ſeines Wirths. Was Sibylla betraf, ſo war er offenbar geneigt, die widerſtrebende Bewunderung, die ſie ihm eingefloͤßt, der Zauberei zuzuſchreiben.„Denn,“ ſagte er,„obgleich ich nicht läugne, daß das Mädchen außer⸗ ordentlich ſchön iſt— ſo gibt es doch Viele mit roftgeren Wangen, die um handhoch größer find.“* Nikolaus hörte anfangs mit dem eigenthümlichen Ausdruck des verſchlagenen Sarkasmus zu, der ſeinem verſtändigen Geſicht beſonders eigen war, doch wurde ſeine Aufmerkſamkeit lebhafter, ehe noch Marmaduke geendet hatte. „Was das Mädchen betrifft,“ ſagte er lächelnd und kopfſchüttelnd,„ſo iſt es nicht immer die Schönſte, die uns am meiſten einnimmt, und ich ertheile Euch ver⸗ nünftigere Warnungen als Eure Trommelmädchen, wenn ich Euch ungeachtet Eurer kalten Sprache bitte, Euch vor ihren Reizen in Acht zu nehmen, denn wahrlich, mein lieber Milchbruder, Ihr müßt durch Liebesange⸗ legenheiten Euer Glück verbeſſern und nicht zerſtören, und müßt Euer ganzes Herz für irgend eine Schöͤne auf⸗ bewahren, die Marken in ihrer Taſche hat, und die der Graf für Euch auswählen wird. Liebe und Zauberinnen ſind zwei uͤble Dinge in einem Suppentopfe. Aber der Vater!— Jetzt fällt mir ein, daß ich ſchon ſeinen Na⸗ men gehört habe von meinem Freunde, dem Seidenhändler 122 Caxton, der ſeine außerordentlichen Kenntniſſe in der Mathematik nicht genug rühmen kann. Ich möchte ihn ſehr gerne ſehen, und mit Eurer Erlaubniß(wenn er mich einladet) möchte ich wohl zum Abendeſſen dableiben. Aber was iſt denn dies?“ Und Nikolaus nahm eine von den illuminirten Handſchriften auf, welche Sibylla zum Verkauf beſtimmt hatte.„Beim heiligen Blut! dies iſt köſtlich gemacht!“ Er hielt noch das Buch in der Hand, als Sibylla eintrat. Nikolaus ſtarrte ſie an, als er ſich mit ſteifer und ungraziöſer Verlegenheit verbeugte, in Folge deren man ſeinem kühnen klaren Verſtande und ſeiner voll⸗ kommenen Selbſtbeherrſchung in wichtigen Dingen Un⸗ recht that! „Das erſte Weibergeſicht, welches ich je ſah,“ mur⸗ melte Nikolaus bei ſich ſelber,„das den Verſtand eines Mannes zeigte. Und beim Kreuz, welch ein Lächeln!4 „Iſt dies Euer Freund, Junker Nevile?“ ſagte Si⸗ bylla mit einem Blicke auf den Goldſchmied.„Er iſt willkommen. Aber iſt das recht und höflich, Herr Nel⸗ wyn?“ „Alwyn, wenn's gefällig iſt, ſchönes Fräulein. Ein demüthiger Name, aber von gutem ſächſiſchem Urſprung — was nach meiner Anſicht Nelwyn nicht iſt,“ fiel Ni⸗ kolaus ein. „Herr Alwyn, verzeiht mir; aber ich kann Euch nicht ſo leicht verzeihen, daß Ihr ohne meine Erlaubniß meine Arbeiten durchſtöbert.“ „Eurel ſchönes Fräulein!“ rief Nikolaus ſeine Augen öffnend und den heiteren Tadel nicht beachtend— in der hte ihn venn er bleiben. ine von lla zum dies iſt Sibylla ſteifer deren r voll⸗ 123 „ei, dies iſt ja ein Meiſterſtück. Lorb Scales— ja, der Graf von Woreeſter ſelbſt hat kaum ein ſchöneres Buch in ſeiner ganzen Sammlung.“ „Nun, ich verzeihe Euch Euren Fehler wegen Eurer Schmeichelei, und bitte Euch in meines Vaters Namen da zu bleiben und mit Eurem Freunde zu Abend zu ſpeiſen.“* Nikolaus verbeugte ſich tief und heftete noch immer mit offenbarer Bewunderung ſeine Augen auf das Buch, ſo baß Marmaduke es für nöthig hielt, ſeine Geiſtes⸗ abweſenheit zu entſchuldigen; aber es lag etwas in dieſer Bewunderung, was Sibylla’'s Muth erhob, was ihre beinahe erloſchene Hoffnung wieder belebte, und ſie wurde ſo lebhaft, ſo geſprächig und reizend in der ihr natürlichen Heiterkeit, die bei engliſchen Mädchen ſo ungewöhnlich iſt, und die ſie zum Theil ihrem franzö⸗ ſiſchen Blut und zum Theil dem Beiſpiel der Mädchen von franzöſiſcher Erziehung an Margarethens Hofe ver⸗ dankte, daß Nikolaus Alwyn glaubte, er habe nie ein ſo unwiderſtehliches Weſen geſehen. Da Madge jetzt das Abendeſſen aufgetragen hatte, ſo ſteckte fie ihren Kopf durch die Thür, um es anzuſagen, und Sibylla entfernte ſich, um ihren Vater zu rufen. „Ich hoffe, er wird nicht zu lange ausbleiben, denn ich bin ſehr hungrig!“ murmelte Marmaduke.„Wie gefällt Dir das junge Mädchen?“ „Wahrlich,“ antwortete Alwyn gedankenvoll,„ich bemitleide und bewundere ſie. Es iſt genug in ihr, um zwanzig Schönheiten des Hofes auszuſtatten. Aber was kann ſo viel Witz und Schlauheit einem ehrlichen Mäd⸗ chen nützen?“ 124 „Das iſt gerade auch mein Gedanke,“ ſagte Mar⸗ maduke, und die beiden jungen Männer verſanken in Schweigen, bis Sibylla mit ihrem Vater eintrat. Zu Marmaduke's Erſtaunen gelang es Nikolaus Al⸗ wyn, deſſen weniger galantes Benehmen er lächerlich zu machen geneigt war, bald, ihren Wirth aus ſeiner Träumerei zu erwecken und alle Beachtung Sibylla's für ſich zu gewinnen, und ſeine Überraſchung wurde noch vermehrt, als er bemerkte, daß ſein Freund nicht ganz unbekannt mit jenen abſtruſen und geheimnißvollen Wiſ⸗ ſenſchaften zu ſein ſchien, womit Abam ſich beſchäftigte. „Was!“ ſagte Adam,„Ihr kennt alſo meinen wür⸗ digen Freund, Herr Carton! Er hat merkwürdige Dinge im Auslande geſehen.“ „Die, wie er deutlich ausſpricht, den Werth jener Handſchriften verringern wird, welche dieſe ſchöne Dame ſo köſtlich ausgeſchmückt hat,“ ſagte Nikolaus.„Auch hofft er bald den Engländern zu zeigen, wie man fünf⸗ zig, hundert, ja fünfhundert Exemplare von dem aus⸗ erleſenſten Buche in viel kürzerer Zeit zu Stande bringen kann, als ein Schreiber gebrauchen würde, um vierzig bis ſechszig Seiten einmal abzuſchreiben.“ „Wahrlich,“ ſagte Marmaduke mit mitleidigem Lä⸗ cheln,„der arme Mann muß ein wenig im Kopfe ver⸗ dreht ſein; denn ich meine, der Werth ſolcher Kurio⸗ ſttäten muß in ihrer Seltenheit beſtehen— und wem würde an einem Buche etwas liegen, wenn fünfhundert Anhere gerade daſſelbe hätten?— Dein würdiger Freund, mein lieber Nikolaus, will auch immer etwas Neues wiſſen. Fünfhundert! Bei Unſrer lieben Frau! Es würde 125 kaum fünfhundert Thoren im luſtigen England geben, die gute Goldſtücke an verdorbene Lumpen verſchwenden würden, beſonders da Bogen und Rüſtungen ſo theuer ſind.“ „Junger Herr,“ ſagte Adam verweiſend,„mich dünkt, Ihr thut unſerm Zeitalter und unſerem Vaterlande Unrecht, dem, wenn wir nur Frieden und Freiheit haben, wie ich hoffe, noch große Entheckungen bevorſtehen. Ge⸗ wiß, Herr Alwyn,“ fügte er hinzu, indem er ſich an den Goldſchmied wendete,„dieſe Aufgabe kann leicht aus⸗ geführt werden und hat ſchon, wie ich von einem gelehr⸗ ten Niederländer hörte, vor vielen Jahrhunderten unter einem fremden Volke* exiſtirt, welches den Venetianern bekannt iſt! Aber glanbt Ihr, daß die, welche das Land regieren, ſolchen Dingen viel Ermuthigung gewähren werden?“ „Mein Herr dient dem Lord Haſtings, dem Käm⸗ merer des Koͤnigs, und Mylord hat ſich oft herabgelaſſen, ſich mit mir zu unterreden, ſo daß ich nach meiner Kennt⸗ niß von ſeiner Theilnahme an allen vortrefflichen Er⸗ findungen und Wiſſenſchaften behaupten zu können glaube, daß Allem, was dahin ſtrebt, die Menſchen weiſer zu machen, ſeine Empfehlung und die Gunſt des Königs zu Theil werden wird.“ „Vortrefflich— vortrefflich!“ rief Adam, ſeine Hände reibend,„da wird meine Erfindung nicht ſterben!“ „Und dieſe Erfindung?“— „Iſt eine, welche Bücher ohne Hände vervielfältigen wird; ſte wird Kunſtwerke ohne Lehrlinge oder Arbeiter * Den Chineſen. 126 zu Stande bringen; wird Wagen und Sänften ohne Pferde bewegen; wird Schiffe ohne Segel lenken; wird — aber ach! ſie iſt noch nicht vollſtändig und wird es aus Mangel an Mitteln vielleicht auch nie werden.“ Sibylla's belebtes Geſicht war noch immer auf Al⸗ wyn gerichtet, deſſen Scharfſinn ſie bereits entdeckt hatte, und ſie war entzückt über die tiefe Aufmerkſamkeit, wo⸗ mit er zuhörte. Aber ihr Auge blickte von ſeinen ſcharfen Zügen zu dem ſchönen und ehrlichen Geſichte Nevile's, und der Contraſt war ſo gewaltſam, daß ſie ſich des Lachens nicht enthalten konnte, obgleich im nächſten Au⸗ genblick ein heftiger Schmerz ihr Herz durchzuckte. Der würdige Marmaduke war eben im Begriff geweſen, den Becher zu ſeinen Lippen zu führen— der Becher blieb in der Mitte des Weges ſchweben, ſein Unterkiefer ſank nieder, ſeine Augen öffneten ſich ſo weit als es ihnen nur möglich war, ein Ausdruck der offenbarſten Beſtür⸗ zung und des Schreckens ſprach ſich in jedem Zuge aus, und als er Sibylla's heiteres Lachen hörte, ſchob er ſeinen Stuhl ſo weit er konnte, von ihr weg und ſah ſie mit einem Blick der Furcht und des Mitleids an. „Ach! jetzt ſeid Ihr gewiß, daß mein armer Vater ein Zauberer iſt, nicht wahr?“ „Wahrhaftig!“ antwortete Nevile,„hat er es nicht ſelbſt geſagt? Hat er nicht von Wagen ohne Pferde, von Schiffen ohne Segel geſprochen? Und iſt dies nicht daſſelbe, was uns jeder Erzähler und Jongleur von Mer⸗ lin erzählt? Liebes Mädchen,“ fügte er ernſthaft hinzu, indem er ſich ihr näherte und ihr mit eindringlicher Stimme zuflüſterte:„Ihr ſeid jung und ich verdanke ohne wird rd es 4 f Al⸗ zatte, wo⸗ arfen ile’s, ) des Au⸗ Der den blieb ſank hnen ſtür⸗ aus, einen mit Zater nicht erde, nicht Ner⸗ nzu, icher anke 127 Euch viel. Sorgt für Euch ſelber. Solche Wunder und Zauber ſind zu feierlich, um darüber zu lachen.“ „Ach!“ antwortete Sibylla aufſtehend,„ich fürchte es ſelber. Ich kann nicht erwarten, daß das Volk klüger ſei als Ihr oder ihre harten Naturen gütiger in ihrem Urtheil, als Euer freundliches Herz.“ Ihre leiſe und ſchwermüthige Stimme drang in das Herz, an welches ſie ſich wendete. Marmaduke ſtand auch auf und folgte ihr in des Sprachzimmer oder Kabinet, während Adam und der Goldſchmied ihre Unterredung fortſetzten, ob⸗ gleich Alwyns Auge der jungen Wirthin folgte. Der Erſtere ſchien indeſſen die Entfernung der Beiden nicht zu bemerken. Aber Alwyns Aufmerkſamkeit war jetzt ge⸗ theilt und bald gelang es ihm, ſeinen Wirth in das Sprachzimmer zu ziehen. Als Nikolaus endlich aufſtand, um ſich zu entfernen, führte er Sibylla auf die Seite.„Schönes Fräulein,“ ſagte er mit linkiſcher Verlegenheit,„verzeiht meine plumpe und offene Rede; aber Ihr Leute von beſſerer Geburt ſeid nicht ſtets über den Beiſtand erhaben, ſelbſt von Solchen wie ich bin. Wenn Ihr dieſe ausgemalten Handſchriften verkaufen wollt, ſo kann ich Euch nicht nur einen edlen Käufer in Lord Seales ober Lord Ha⸗ ſtings, welcher ein gleich vollendeter Gelehrter iſt, ver⸗ ſchaffen, ſondern ich kann auch vielleicht dazu beitragen, irgend einen geeigneten Patron für Euren Vater zu in⸗ tereſſiren, und in dieſen Zeiten muß der Gelehrte unter den Mantel des Ritters kriechen.“ „Herr Alwyn,“ ſagte Sibylla, ihre Thraͤuen un⸗ terdrückend,„um meines Vaters willen wurden dieſe 128 Arbeiten verfertigt. Wir ſind arm und ohne Freunde. Nehmt die Handſchriſten und verkauft ſie, wie Ihr wollt, und Gott und die heilige Maria mögen es Euch ver⸗ gelten.“ „Euer Vater iſt ein großer Mann,“ ſagte Alwyn nach einer Pauſe. „Aber wenn er ſich auf der Straße ſehen ließe, würde man ihn ſteinigen,“ verſetzte Sibylla mit ruhiger Bit⸗ terkeit. Hier unterbrach ſie Nevile, der den Zauberer ſorg⸗ fältig vermied, welcher in der Aufregung, welche die Unterredung mit einem dem ſeinigen mehr entſprechenden Geiſte, als ihm ſeit vielen Jahren begegnet war, in ihm hervorgebracht hatte, im Begriff ſchien, ihn anzu⸗ reden.„Haſt Du keine andere Waffe als Deinen Stock?“ ſagte er.„Ich fürchte für Deine Sicherheit, lieher Milch⸗ bruder!“ „Nein, die Räuber greifen ſelten uns Handwerks⸗ leute an. Ich werde ein Boot in der Nähe von York⸗ Houſe finden; ſo wünſche ich Euch eine angenehme Nacht und eine raſche Heilung, mein geehrter Milchbruder! Ich will Euch morgen den Schneider und die andern Leute ſchicken.“ „Und zu gleicher Zeit ſchicke mir auch ein Gebeibuch, damit ich ein Ave plappern kann,“ flüſterte Marmaduke, indem er ſeinen Freund bis an die Thür begleitete.„Die⸗ ſer grauhaarige Kerl macht mein Herz zittern. Überdies kaufe mir auch eine Guitarre— eine gute— für das Fräulein. Sie iſt zu ſtolz, um Geld anzunehmen, und beim Himmel, ich hege wenig Zweifel, der alte Zauberer eunde. wollt, )ver⸗ Alwyn würde Bit⸗ ſorg⸗ he die enden r, in anzu⸗ ock?⸗ Nilch⸗ verks⸗ York⸗ Nacht uder! ndern buch, duke, Die⸗ erdies r das „und berer 129 könnte meine Hoſen in Goldſtücke verwandeln, wenn er Luſt dazu hätte. Wagen ohne Pferde— Schiffe ohne Segel hat er geſagt!“ Sobald Alwyn ſich entfernt hatte, erſchien Madze mit der letzten Erfriſchung, die in Gewürzwein und Confekt beſtand, und von dem erſteren genoß Nevile in feierlichem Schweigen. Siebentes Kapitel. Es gibt eine Ruthe für den Rücken jedes Thoren, der klüger ſein will als ſeine Zeitgenoſſen. Am nächſten Morgen, als Marmaduke in die Halle hinunterſtieg, redete ihn Madge auf der Schwelle an und benachrichtigte ihn, daß Fräulein Sibylla unwohl ſei und in ihrem Zimmer bleibe, und Herr Warner ſich nie Vormittags ſehen laſſe. Sie bat ihn daher, ſeine Mahlzeit allein einzunehmen.„Allein“ war ein Wort, welches Marmaduke Nevile beſonders unwillkommen war, denn er war ein durchaus geſelliges Geſchöpf. Er hielt daher die alte Dienerin auf, die außer dem Wohlgefal⸗ len, welches ein geſchickter Wundarzt natürlich an einem geneſenden Patienten empfindet, genug von ihrem Ge⸗ ſchlechte an ſich hatte, um ſich an einem hübſchen Ge⸗ ſichte und an einer freien und gutmüthigen Stimme zu ergötzen. Überdies wünſchte Marmaduke ſeine Nengierde zu befriedigen und lenkte die Unterhaltung auf Warner und Sibylla, einen Gegenſtand, über welchen die alte Bulwer, Barone. I. 9 —— ſ 130 Frau geneigt war, geſchwätzig zu ſein. Er erfuhr bal die Armuth des Hauſes und die Aufopferung der Gui⸗ tarre, und ſeine Großmuth und ſein Mitleid waren eifrig beſchäftigt, ein Mittel auszuſinnen, die ihm widerfah⸗ rene Gaſtfreundſchaft zu vergelten, als die Ankunft ſeiner Sachen nebſt dem Beſuch des Schneiders und des Seiden⸗ händlers, die Alwyn zu ihm geſchickt, ſeinen Gevanken eine neue Richtung gab. Bei den verhaͤltnißmäßigen Verdienſten der Mäntel und Oberröcke, der breiten und ſpitzigen Schuhen wurde einige Zeit mit großer Heiterkeit und Erbauung hin⸗ gebracht, doch als dieſe zudringlichen Beſucher ſich ent⸗ fernt hatten, erinnerte ſich der junge Gaſt wieder an die Armuth ſeines Wirths. Er legte ſeine Goldſtücke in dem kleinen Kabinet vor ſich auf den Tiſch, begann ſie zu überzählen und die Summe auf die Seite zu legen, die er für Warners Unterſtützung beſtimmte.„Aber wie,“ murmelte er,„wie ſoll ich ihn bewegen, das Gold an⸗ zunehmen? Ich weiß ſelber, was ein Edelmann und eines Ritters Sohn bei dem Anerbieten eines Almoſens em⸗ pfinden muß! Ich wollte eben ſo gerne, Alwyn hätte mich geſchlagen, als mir ſeine Geldtaſche angeboten— der unmanierliche, zärtliche Junge! Ich muß mich be⸗ denken— ich muß mich bedenken—“ Und während er noch nachdachte, öffnete ſich die Thür leiſe und Warner ſelber trat in tiefer Träumerei geräuſchlos ins Zimmer, denn er war auf ſeinem Wege in den Garten, wo er, wenn er über eine neue Trieb⸗ feder ſeiner Erfindung nachdachte, auf und ab zu wan⸗ dern pflegte. Das Gold auf dem Tiſche fiel dem einzig iſt ſo iſt. 2 — ic wollt mein er be Er r Phil Adan haft klang rbald Gui⸗ eifrig erfah⸗ ſeiner eiden⸗ hanken Läntel wurde hin⸗ hent⸗ an die n dem ſie zu 1, die wie,“ Id an⸗ eines s em⸗ hätte en— ch be⸗ ch die merei Wege Trieb⸗ wan⸗ dem 131 Philoſophen voll in die Augen und erweckte ihn ſogleich aus ſeiner Träumerei. Dieſes Gold— o welche koſtbare Inſtrumente, welche gelehrte Manuſcripte konnte er ſich dafür kaufen! Er ging bedächtig zu dem Tiſche und legte ſeine Hand auf einen von den kleinen Haufen. Marmaduke zog ſeinen Stuhl zurück und ſtarrte ihn mit offenem Munde an. „Junger Mann, was wollt Ihr mit all dieſem Gold machen?“ fragte Abam in ärgerlichem und vorwurfs⸗ vollem Tone. Steckt es ein— ſteckt es ein! Laßt nie den Armen Gold ſehen; es reizt ihn, Herr— es reizt ihn.“* Und mit dieſen Worten wendete der Gelehrte plöͤtzlich ſeine Augen ab und ging auf den Garten zu. Marmaduke ſtand auf und ſiellte ſich Aham in den Weg. „Geehrter Herr,“ ſagte der junge Mann,„Ihr fragt mit Recht, was ich mit all dieſem Golde will? Das einzige Gold, welches ein junger Mann haben ſollte, iſt ſo viel, als für die ritterlichen Sporen erforderlich iſt. Wenn Ihr ohne Beleidigung— das heißt— hm! — ich meine, wenn Ihr mir die Gefälligkeit erweiſen wollt! Ich werde es nimmer ſagen— aber ich glaube, mein Vater war Eurem Vater vier Mark ſchuldig und er befahl mir, ſie Euch zurückzuzahlen. Hier, Herr!“ Er reichte ihm die ſchimmernden Goldſtüͤcke hin— der Philoſoph griff darnach, wie der Fiſch nach dem Köder. Adam brach in ein Lachen aus, welches ſeltſam zauber⸗ haft und überirdiſch in Marmaduke's erſchrocknes Ohr klang. „Alles dies fuͤr mich!“ rief er.„Fuͤr mich! Nein 13² — nein! Nicht für mich, für meine Erfindung— ich nehme es, Herr! Ich will es Euch mit reichlichem Wucher zurückzahlen. Kommt über's Jahr wieder zu mir, wenn hieſe Welt eine neue Welt ſein wird und Adam Warner— ha!l ha! O Gott! ich danke dir!“ Plötzlich wendete ſich der Philoſoph um, ſchritt durch die Halle, öffaete die vordere Thür und ging auf die Straße. „Bei Unſrer lieben Frau!“ ſagte Marmabhuke, ſich langſam von ſeinem Erſtaunen erholend,„ich hätte mir nicht ſo viel Mühe zu geben brauchen; der alte Herr nimmt mein Gold ſo willig an, als wäre es Mutter⸗ milch. Beim Himmel! Meines Wirthes Lachen klingt aber gräßlich!“ Bei dieſem Selbſtgeſpräch ſteckte er klüglich das übrige Gold ein und verſchloß ſeine Man⸗ telſaͤcke. Als die Zeit verging, wurde dem jungen Manne ſeine eigene Geſellſchaft außerordentlich läſtig. Sibylla erſchien noch immer nicht; die düſtere alte Halle, der öde und unbebaute Garten waren ihm zuwider. End⸗ lich, da er etwas von der Außenwelt zu ſehen wünſchte, ſtieg er auf einen hohen Stuhl in der Halle und genoß ſo die Ausſicht, welche ein kleines Fenſter ohne Glas in der tiefen Mauer ihm gewährte. Aber die Scene außer⸗ halb war wenig mehr belebt, als die im Innern— Alles war ſo verlaſſen in der Nachbarſchaft.— Die Kaufläden waren zerſtreut und unbedeutend— die Straße faſt men⸗ ſchenleer. Endlich hörte er in der Entfernung ein Schreien und Rufen, und als er ſeine Blicke dorthin wendete, wo⸗ her es kam, ſah er eine Geſtalt mit einem Sack unter dem aus e vorko Bube der 3 Teuf Nach Fenſt Geſie Weih kant, rer! ſehen näher genhe wegte aber Nähe leidig ſie zo nach ſprar letzte es, art, Stin eigen mir 6 Verf 13³ dem einen Arm und mehren Büchern unter dem andern aus einer dem Fenſter gegenüber befindlichen Gaſſe her⸗ vorkommen. Hinter ihm folgte eine Schaar zerlumpter Buben, welche riefen und kreiſchten:„Der Zauberer! der Zanberer!— der alte Hexenmeiſter, der mit dem Teufel verkehrt!“ Bei dieſem Geſchrei ſchien die träge Nachbarſchaft plötzlich ins Leben zu treten. Aus den Fenſtern und Thüren jedes Hauſes kamen neugierige Geſichter hervor und viele Stimmen von Männern und Weibern, in tieferem Baß oder durchdringendem Dis⸗ kant, fielen in den Chor der Buben ein:„Der Zaube⸗ rer! der Zauberer!— Er läßt ſich am hellen Tage ſehen!“ Als der ſo bezeichnete Mann ſich dem Hauſe näherte, wendete er ſich mit einem Ausdruck der Verle⸗ genheit von einer Seite zur andern. Seine Lippen be⸗ wegten ſich krampfhaft und ſein Geſicht war ſehr blaß, aber er ſprach nicht. Und nun, da die Kinder ihn in der Nähe ſeines Zufluchtsortes ſahen, wurden fie noch be⸗ leidigender. Sie ſtellten ſich ihm drohend in den Weg— ſte zogen ihn an ſeinem Gewande— ſie ſchlugen ſogar nach ihm— und Einer, der kühner war als die Übrigen, ſprang in die Höhe und zupfte ihn am Bart. Bei dieſer letzten Beleidigung brach Adam Warner, denn er war es, das Schweigen; doch ſo milde war ſeine Gemüths⸗ art, daß er mehr mit mitleidiger als vorwurfsvoller Stimme ſagte:„Pfui, Kleiner!— Ich füͤrchte, Dein eigenes Alter wird wenig Ehre haben, wenn Du ſo in mir die reiferen Jahre verſpotteſt.“ Dieſe Milde diente nur dazu, die Kühnheit ſeiner Verfolger zu erhöhen, die ſich jetzt jeden Augenblick 134 vermehrten und ſeinem weiteren Fortſchritt ein furcht⸗ bares Hinderniß in den Weg ſtellten. Als er bemerkte, daß er nicht ohne Gegenwehr von ſeiner Seite weiter kommen könne, blieb der arme Gelehrte ſtehen, ſah die Menge mit milder Würde an und fragte:„Was ſoll dies bedeuten, meine Kinder? Wie, habe ich Euch beleidigt?“ „Der Zauberer— der Zauberer!“ war die einzige Antwort, die er erhielt. Adam zuckte die Achſeln und that einen plötzlichen Schritt vorwärts, ſo daß eines von den kleineren Kin⸗ dern, ein krausköpfiger lachender Schelm von etwa acht Jahren, zu ſeinen Füßen niederfiel und die Übrigen Platz machten. Aber anſtatt ſeinen Sieg zu verfolgen, blieb der arme Mann, als er einen ſeiner Feinde fallen ſah, wieder ſtehen, vergaß die koſtbare Laſt, die er trug, ließ den Sack und die Bücher fallen und erhob das Kind in ſeine Arme. Als fie ihren Kameraden in den Armen des Zauberers ſahen, ſtieß die Verſammlung ein einmü⸗ thiges Geſchrei des Entſetzens aus:„Er will den armen Tim verfluchen!“ „Mein Kind!— Mein Sohn!“ ſchrie ein Weib aus einem von den benachbarten Fenſtern—„laßt mein Kind los!“ Der Knabe wehrte ſich und ſchrie luſtig, als Abam ſein edles Geſicht zärtlich über ihn neigte und ſagte: „Du biſt nicht beſchädigt, Kind. Armer Junge, meinſt Du, ich würde Dir etwas zu Leide thun?“ Während er ſprach, hagelte es Koth, Stöcke und Steine auf ihn von dem Feinde, der ſich jetzt zurückgezogen hatte. Ein 13⁵ Stein traf ſeine Schulter. Jetzt veränderte ſich ſein Ge⸗ ſicht— ein zorniger Strahl ſchoß aus ſeinen tiefen und ruhigen Augen— er ſetzte das Kind nieder, wendete ſich mit Feſtigkeit zu den erwachſenen Leuten in den Fenſtern und ſagte:„Ihr erzieht Eure Kinder ſchlecht!“ Hier⸗ auf nahm er ſeinen Sack und ſeine Bücher auf, ſeufzte, als er die letztere mit Koth beſudelt ſah, wiſchte ſie mit ſeinem langen Armel ab und ging langſam, zu ſtolz um Furcht zu zeigen, auf ſeine Thüre zu. Zum Glück hatte Sibylla das Geſchrei gehört und war bereit, ihren Vater einzulaſſen und die Thür ſogleich vor den Verfolgern zu ſchließen. Der Pöbel erhob ein Geſchrei der Wuth und jetzt vereinigten ſich mehre furchtbarere Feinde mit den Knaben. Aus den benachbarten Häuſern— verſichert, daß über die Glieder und den Körper des Junker Tim einige furchtbare Verwünſchungen ausgeſprochen worden, der wahrſcheinlich in der Aufregung ſich zu der Würde eines Märtyrers erhoben geſehen, laut zu ſchreien und zu brüllen fortfuhr— brang mit Flüchen und Verwün⸗ ſchungen und ſolchen Waffen, wie ihnen in der Haſt in die Hände gekommen waren, die ganze würdige Bevöl⸗ kerung hervor, um die Feſtung des Zauberers zu ſtürmen. Von ſeinem unentdeckten Wachtthurme hatte Mar⸗ maduke Nevile Alles erſpaͤht, was bisher vorgegangen war, und obgleich unwillig über die Brutalität der Ver⸗ folger, hielt er dieſelbe doch keineswegs für unnatürlich. „Wenn Männer, geborne Edelleute, von der Geiſtlich⸗ keit verbotene Bücher leſen und ſich entſchließen, Zau⸗ berer zu ſein, ſo müſſen ſie ernten, was ſie ſäen!“ war die logiſche Betrachtung jenes geiſtreichen Jünglings; 136 doch als er jetzt die Ankunft mächtigerer Bundesgenoſſen bemerkte— als Steine durch die Fenſter zu fliegen be⸗ gannen— als er Drohungen hörte, das Haus in Brand zu ſtecken und den Zauberer zu verbrennen, der Zauber⸗ formeln über unſchuldige kleine Knaben ausgeſprochen, und dieſe immer lauter und lauter wurden, da fühlte Marmahuke ſeinen ritterlichen Muth aufgefordert, öff⸗ nete mit einiger Schwierigkeit das Fenſter und rief: „Schande über Euch, meine Landsleute, daß Ihr ſo am hellen Tage eine friedliche Wohnung ſtört! Ihr nennt meinen Wirth einen Zauberer. Ich ſage aber ſo viel von ihm: Ich wurde vor wenigen Nächten in Eurer Nachbharſchaft beraubt und verwundet, und in dieſem Hauſe allein fand ich Obdach und Heilung.“ Der unerwartete Anblick des ſchönen jungen Geſichts Marmaduke Nevile's und der volle Ton ſeiner klaren und durchdringenden Stimme brachte eine augenblickliche Wirkung auf die Belagerer hervor, als Einer vou ihnen, ein rüſtiger Bäcker, rief:„Achtet nicht auf ihn, er iſt ein Kobold! Dieſe Teufelskerle können euch jeden Au⸗ genblick ein Dutzend ſolcher backen, ſo geſchickt wie ich mein Brod aus dem Ofen ziehe!“ Dieſe Rede gab der Flut eine andere Wendung und in demſelben Augenblick kam ein wild ausſehender Mann, der Vater des gekränkten Knaben, von ſeinem weinen⸗ den und wehklagenden Weibe begleitet, aus ſeinem Hauſe gelaufen. Sein Arm war bis zur Schulter entblößt; er hielt in der rechten Hand eine Fackel, und das Geſchrei: „Zündet die Thür an!“ wurde allgemein. Die Gefahr wurde jetzt in der That drohend; mehre 137 Lente von der Menge begannen ſchon Stroh und Reiſig⸗ bündel auf der Schwelle aufzuhäufen und Marmahuke dachte ſchon, das einzige Mittel, ſeinem Wirthe und Sibylla das Leben zu retten, ſei, nach hinten hinaus zu entfliehen; als er einen Mann, nach Art eines Land⸗ manns gekleidet, erblickte, der einen furchtbaren Knoten⸗ ſtock in der Hand hielt, ſich mit ſeinen herkultſchen Schul⸗ tern durch die Menge drängte, ſich vor die Hausthüre ſtellte, ſeine furchtbare Waffe in der Luft ſchwang und rief:„Was, in des Teufels Namen, wollt ihr Alle wegen Aufruhrs gehängt werden? Meint ihr, daß Koͤnig Ebuard ein ſo ſaufter Mann iſt, wie König Heinrich war, und daß er irgend einem Andern, als ſich ſelber geſtatten wird, auf dieſe Weiſe: Häuſer anzuzünden? Wahrſcheinlich habt ihr Alle in der Hauptfache vollkom⸗ men Recht; aber beim Blut des heiligen Thomas, ich ſchlage dem erſten Manne den Schaͤdel entzwei, der ſich um einen Schritt nähert, um die übrigen zu retten.“ „Robin! Robin!“ riefen mehre von der Menge. „Es iſt unſer guter Freund Rohin. Hört Robin an! Er hat ſtets Recht!“ „Ja, das habe ich!“ ſagte der Vertheldiger;„das wißt Ihr nur zu gut. Wenn ich meinen Willen hätte, ſo ſollte die Welt umgekehrt werden, aber die armen Leute der Sonne näher kommen! Aber was ich ſage iſt dies: Widerſetzt euch nie dem Geſetze, ſo lange das Geſetz zu ſtark iſt. Und es wäre traurig, fünfzig hübſche Kerle aufknüpfen zu ſehen, weil ſie einen alten Zauberer ver⸗ brannt. Darum fort mit euch! Und laßt uns Alle, die es gut machen können, in Herrn S⸗ nerofts Gaſthaus ——— 138 gehen, und die Sache nüchtern bei einem Kruge Bier beſprechen; denn ich denke, da euer Blut jetzt aufgeregt iſt, werdet ihr doch wenig arbeiten.“ Dieſe Anrede wurde mit einem Zuruf der Billigung aufgenommen. Der Vater des gekränkten Kindes ſetzte ſeinen breiten Fuß auf die Fackel, der Bäcker ſchwang ſeine weiße Mütze und die zerlumpten Buben riefen: „Robin! Robin!“ Und in weniger als zwei Minuten war der Platz ſo leer, wie er vor dem Erſcheinen des Gelehrten geweſen war. Marmaduke, zwar in Büchern ungelehrt, war ſcharfſichtig, wo es aufs Handeln an⸗ kam, und konnte nicht umhin, die Geſchicklichkeit und Gewandtheit des Mannes mit dem Knotenſtock zu be⸗ wundern, und da jetzt die Gefahr vorüber war, ent⸗ fernte er ſich vom Fenſter, um die Bewohner des Hauſes aufzuſuchen. Als er die Treppe hinaufſtieg, fand er auf dem Abſatze in der Nähe ſeines Zimmers Adam und ſeine Tochter. Adam lehnte ſich mit gefalteten Armen an die Mauer, und Sibylla, die ſich über ihn neigte, ſprach die ſanfteſten und tröſtendſten Worte aus, die ihre Zärtlich⸗ keit ihr eingab. „Mein Kind,“ ſagte der alte Mann mit traurigem Kopfſchütteln, ich werde nie wieder Muth zu dieſen Studien haben— nie. Eines Königs Zorn könnte ich trotzen, eines Prieſters Bosheit könnte ich bemitleiden— aber die Kinder ſelhſt, das junge Geſchlecht, um derent⸗ willen ich Dich und mich arm gemacht habe, ſie ſo zu finden— ſo—“ Er hielt inne, denn ſeine Stimme ver⸗ ſagte ihm und die Thränen rollten über ſeine Wangen nieder. 139 „Kommt und ſprecht meinem Vater Troſt zu, Jun⸗ ker Nevile!“ rief Sibylla;„kommt und ſagt ihm, daß der, welcher ſich über die große Menge erhebt, ſei er nun Ritter oder Gelehrter, das Hohngeſchrei zu ver⸗ achten lernen muß, welches dem Verdienſt folgt. Vater, Vater! ſie warfen Koth und Steine nach Deinem Kö⸗ nige, als er durch die Straßen von London zog. Du biſt nicht der Einzige, den dieſe böſe Welt verkennt.“ „Mein würdiger Wirth!“ ſagte Marmabuke nach dieſer Aufforderung;„obgleich ich nicht die Wahrheit reden würde, wenn ich ſagte, ein Edelmann von guter Geburt dürfe mit einem Bündel Bücher unter dem Arm über die Straße gehen, ſo kann ich doch zu Eurem Troſte anführen, daß dieſer gemeine Pöbel an einem Tage ver⸗ ſpottet, was er am nächſten mit Beifall aufnimmt, und ich halte es für die Pflicht jedes Chriſten und jedes Man⸗ nes von guter Geburt, ihn wie den Koth auf den Gaſſen zu betrachten. Tapfere Soldaten halten es für keine Schande, einen Schlag von einem gemeinen Kerl zu empfangen. Wären es Ritter und Edelleute geweſen, die Ench verſpotteten, ſo möchtet Ihr Urſache haben, Euch zu ſchämen. Aber eine Menge von verworfenem Pöbel und zerlumpten Kindern— pah! wahrlich, das iſt nur ein Gegenſtand des Spottes und Gelächters.“ Dieſe philoſophiſchen Betrachtungen und Unterſchei⸗ dungen ſchienen nicht die gehörige Wirkung auf Adam hervorzubringen. Er lächelte indeſſen milde ſeinem Gaſte zu und ſagte, indem ſich ein Erröthen über ſein bleiches Geſicht verbreitete:„Ich bin mit Recht beſtraft, mein guter junger Mann; es war gemein und ſchmutzig von 140 mir, Euch Euer gutes Gold abzunehmen. Aber Ihr wißt nicht, welches Fieber in dem Gehirn eines Mannes brennt, welcher fühlt, welche große Dinge ſeine Kenntniß aus⸗ führen könnte, wenn er Reichthum beſäße! Ich dachte Euch Alles reichlich zurückzuzahlen. Jetzt iſt die Ver⸗ zuͤckung vorüber, und ich, der ich mich noch vor einer Stunde für einen mächtigen Weiſen hielt, ſinke in mei⸗ ner eigenen Meinung zu einem elenden verblendeten Tho⸗ ren herab. Kind, mir iſt ſehr ſchwach; ich will mich nie⸗ herlegen und ausruhen.“ Hierauf begab ſich der arme Philoſoph, auf den Arm ſeiner Tochter geſtützt, in ſein Zimmer. Nach wenigen Minnten kehrte Sibylla zu Marma⸗ duke zurück, der ſich in die Halle begeben hatte, und benachrichtigte ihn, daß ihr Vater ſich auf eine kurze Zeit niedergelegt habe, um ſich wieder zu erholen. „Es iſt ein hartes Schickſal, mein Herr,“ ſagte Sibylla mit mattem Lächeln—„ein hartes Schickſal, von der Welt verbannt und verflucht zu ſein, nur weil man geſucht hat, weiſer zu ſein als die Welt. „Mein junges und ſchönes Mädchen,“ entgegnete Nevile,„es iſt ein Glück für Euch, daß Euer Geſchlecht Euch verbietet, Eures Vaters Spuren zu folgen, ſonſt würde ich ſagen, ſein hartes Schickſal ſollte eine War⸗ nung für Euch ſein.“ Sibylla lächelte mait und ſagte nach einer Pauſe hoch erröthend:„Ihr ſeid gütig gegen meinen Vater ge⸗ weſen— verkennt ihn nicht. Er würde ſeinen letzten Heller elnem hungernden Bettler geben. Aber wenn die Leidenſchaft des Gelehrten und des Erfinders ſich ſeiner einer mei⸗ 141 bemaͤchtigt, könntet Ihr ihn für ſchlimmer als einen Geizhals halten. Es iſt ein allzu edles Verlangen, was ihn zuweilen herabwürdigt.“ „Nein,“ antwortete Marmabuke, durch den tiefen Seufzer und die in Thränen ſchwimmenden Augen ge⸗ rührt, womit die letzten Worte ausgeſprochen wurden, „ich habe Nick Alwyns Oheim, der ein gelehrter Mönch war, erklären hören, er könne ſich nicht zwingen, die Bitte:„„Führe uns nicht in Verſuchung!““ auszu⸗ ſprechen, indem er dadurch die Gelegenheit verlieren könne, irgend ein wichtiges Buch zu ſtehlen! Und übri⸗ gens,“ ſetzte er hinzu,„vergeßt Ihr, wie viel ich der Gaſtfreundſchaft des Herrn Warner ſchuldig bin.“ Während er ſprach, faßte er mit freundlicher und brüderlicher Galanterie ihre Hand; aber die Berührung der kleinen zarten Hand, die ihm frei und unſchuldig ge⸗ geben wurde, machie, daß ein ſeltſames Gefühl ſein Herz durchbebte— und wieder erſchien ihm Sibylla's Geſicht wunderbar ſchön. Es trat ein langes Schweigen ein, welches Sibylla zuerſt unterbrach. Sie lenkte die Unterhaltung wieder auf Marmaduke's Ausſichten im Leben. Für einen tieferen Beobachter, als er war, wäre es leicht zu ſehen geweſen, daß unter all der Einfalt und Lieblichkeit dieſes jungen Mädchens ein gefährlicher Ehrgeiz verborgen liege. Sie erinnerte ſich gern an das Hofleben ihrer Kindheit, ob⸗ gleich ſie es in ihrer Ingend mit Freudigkeit aufgegeben zu haben ſchien. Gleich Vielen, welche arm und herun⸗ tergekommen find, baute ſich Sibylla aus ihrem Stolze einen traurigen Troſt auf. Sie vergaß nie, daß ſie von 142 guter Geburt ſei. Aber Marmaduke, der in dem, was Ehrgeiz war, nur Intereſſe an ihm ſelber bemerkte, fühlte ſein Herz raſcher ſchlagen, als ſeine Augen ſich auf jenes geſenkte, gedankenvolle und lebhafte Geſicht richteten. Nachdem ſie ſo eine Stunde zugebracht hatten, ver⸗ ließ Sibylla den Gaſt und ſtieg wieder zu dem Zimmer ihres Vaters hinauf. Sie fand Adam in dem engen Ge⸗ mache auf⸗ und abgehend, und mit ſich ſelber murmelnd. Er wendete ſich plötzlich um, als ſie eintrat und ſagte: „Hieher Kind— ich erhielt von dieſem jungen Manne vier Mark, denn ich bedurfte Bücher und Inſtrumente, und hier ſind noch zwei übrig— ſieh, bringe fie ihm zurück.“ „Mein Vater, er wird ſie nicht annehmen. Fürchte nichts, Du wirſt ſie ihm eines Tages zurückzahlen.“ „Nimm ſie, ſage ich, und wenn der junge Mann ſte nicht will, ſo kaufe Dir Kleider und Schmuck, oder laß uns eſſen und trinken und lachen. Wozu iſt ſonſt das Leben da? Ha, ha! Lache, Kind, lache!“ Es lag etwas ſeltſam Pathetiſches in dieſem Aus⸗ bruch, in dieſer ſchrecklichen Fröhlichkeit, die aus tiefer Niedergeſchlagenheit entſtand. Beklagenswerih war dieſes ſchuldloſe, einfache Geſchöpf, welches mit der Gier eines Geizhalſes nach dem Golde gegriffen hatte— welches, die Bedürfniſſe ſeines eigenen Kindes vergeſſend, es zum Dienſte des abſtrakten Gedankens angewendet, und dem die Verachtung ſeiner Mitgeſchöpfe jetzt alle Falten ſeiner dicht gewebten Philoſophie und ſeines ſelbſtver⸗ geſſenen Genies zerriſſen hatte. Schrecklich iſt der Zwei⸗ kampf des Menſchen mit dem Zeitalter, in welchem kein eine zur nen kün Leh⸗ ſoll als war ein 143 er lebt! Zum Wohl der Nachwelt war Adam Warner zum Märtyrer geworden, und die Kinder verhöhnten und bewarfen ihn mit Koth und Steinen, als er durch die Straßen ging! Sibylla brach in Thränen aus. „Nein, mein Vater, nein,“ ſchluchzte fie, indem ſie das Geld wieder in ſeine Hände ſchob.„Laß uns lieber Beide verhungern, als daß Du verzweifeln ſoll⸗ teſt. Gott und Menſchen werden Dir noch Gerechtigkeit anthun.. „Ach, ach!“ ſagte der niedergeſchlagene Enihuſiaſt, „mein ganzer Geiſt iſt verwundet. Es iſt mir, als könnte ich die Menſchen nicht mehr lieben. Geh und verlaß mich. Geh, ſage ich!“ Und der arme Gelehrte, gewöhnlich ſo milde und ohne Galle, ſtampfte in ohnmächtiger Wuth mit dem Fuße. Sibylla weinte, als ſollte ihr Herz brechen, und verließ ihn. Dann ging Adam Warner wieder unruhig auf und ab und murmelte mehre Minuten bei ſich ſelber. Endlich näherte er ſich ſeinem Modell— dem Modell einer mäch⸗ tigen und erſtaunenswerthen Erfindung— der Frucht keiner chimäriſchen und träumeriſchen Wiſſenſchaft— einem großen prometheiſchen Dinge, welches, einmal zur Reife gediehen, die alte Welt von der neuen tren⸗ nen, in alle Operationen der Arbeit eingreifen, alle künftigen Angelegenheiten beleben, allen praktiſchen Lehrſätzen der thätigen Menſchen eine Färbung geben ſollte. Er blieb vor demſelben ſtehen und redete es an, als ob es ihn hören und verſtehen könne:„Mein Haar war dunkel und mein Schritt feſt, als in einer Nacht ein Gehanke in meine Seele trat— der Gedanke, —ꝛ: —— 144⁴ ven Stoff zum gigantiſchen Sklaven des Geiſtes zu machen. Aus dieſem Gedanken entſtandeſt du nach fünf⸗ undzwanzigjähriger Arbeit. Meine Koffer waren damals voll und mein Name geehrt— der Neiche achtete und der Arme liebte mich. Biſt du ein Teufel, der mich zum Untergange verlockt, oder ein Gott, der mich über die Erde erhoben hat? Ich bin alt vor meiner Zeit, mein Haar iſt gebleicht, meine Geſtalt gebeugt, mein Reich⸗ thum dahingeſchwunden, mein Name entweiht! Und Alles, ſtummes Idol von Eiſen und dem Element, Alles für dich! Ich hatte ein Weib, welches ich anbetete— fie ſtarb— ich vergaß ihren Verluſt in der Hoffnung auf dein Leben. Ich habe noch ein Kind— Gott und die heilige Jungfrau mögen mir verzeihen— ſie iſt mir weniger theuer, als du es geweſen biſt. Und nun“— der alte Mann ſchwieg plötzlich, ſchlug ſeine Arme über⸗ einander und blickte das taube Eiſen finſter an wie einen menſchlichen Feind. Neben ihm lag ein großer Hammer, den er zu den Arbeiten ſeiner Schmiede gebrauchte; plötzlich ergriff er ihn und ſchwang ihn empor, ein Schlag und die Arbeit ſo vieler Jahre wäre in Stücke zertrümmert geweſen! Ein Schlag!— Aber der Muth verſagte ihm und der Hammer fiel ſchwer zu Boden. „Ja,“ murmelte er,„wahr— wahr! Wenn du, welches du alles Andere zerſtört haſt, auch zerſtört wür⸗ deſt, was bliebe mir übrig? Iſt es echon ein Verbre⸗ chen, einen Menſchen zu morden— ein wie größeres Verbrechen, den Gedanken zu morden, der das Leben aller Menſchen iſt. Komm— ich verzeihe dir!“ Und den ganzen Tag und die ganze Nacht arbeitete Junke ſelten Edua nur ſe Geſel bald ſamke ſellſc ſuchu ſeine Siby eine geng Sie und Sche eitete 145 ber Enthuſiaſt auf ſeinem Zimmer, und am nächſten Tage war die Erinnerung an die Beleldigungen des Pö⸗ bels völlig aus ſeiner Bruſt entſchwunden. Das Modell begann ſich zu bewegen— Leben umſchwebte die Räder, und der Maͤrtyrer der Wiſſenſchaft hatte die Welt ſelbſt vergeſſen, für die er ſeufzend und frohlockend arbeitete. Achtes Kapitel. Junker Marmadule Nevile macht eine Liebeserklärung und wird erſchreckt. Zwei oder drei Tage lang waren Marmahuke und Sibylla nothwendig viel mit einander allein. Solche Vertraulichkeit des Umgangs war in jener Zeit beſonders ſelten, wo, außer vielleicht an dem ausſchweifenden Hofe Eduard des Vierten, die Jungfrauen von edler Geburt nur ſelten und mit großer Zurückhaltung ſich unter die Geſellſchaft der Männer miſchten. Marmahuke genas bald von den Wirkungen ſeiner Wunden und in der Ein⸗ ſamkeit ſeiner Abgeſchiedenheit allein auf Sibylla's Ge⸗ ſellſchaft beſchränkt, war er nicht feſt gegen die Ver⸗ ſuchung, welche ein ſo junges und ſo einnehmendes Weſen ſeiner Einbildung oder ſeinen Sinnen brachte. Die arme Sibylla— ſie war kein fehlerloſes Muſter— ſie war eine ſeltene und eigenthümliche Miſchung vieler entge⸗ gengeſetzten Eigenſchaften des Herzens und Verſtandes! Sie war in einem Augenblick kindlich in ihrer Einfalt und ihrer ſpielenden Heiterkett— im nächſten zog ein Schatten über ihr helles Geſicht und ſte ſprach einen Bulwer, Barone. 1. 10 146 Satz jeuer bittern und erkältenden Weisheit aus, welche die Verfolgung und Grauſamkeit der Welt ſie bereits gelehrt hatte. Sie war in dem Alter, wo das Kind und das Weib miteinander im Kampf lagen. Ihr Cha⸗ rakter war noch nicht ausgebildet— ein wenig Glück würhe ihn ſogleich zu der reichſten Blüte der Güte ent⸗ faltet haben. Aber der Kummer, der ſtets den Verſtand ſchärft, konnte nur dazu dienen, das Herz zu erbittern. Ihr Geiſt war ſo keuſch und rein, daß ſie nicht die Art der Bewunderung kannte, die ſle erregte. Aber die Be⸗ wunderung geſiel ihr, wie ſie einem jungen Kinde ge⸗ fällt— ſie war eitel, aber es war die Eitelkeit eines Kindes, nicht die eines Weibes. Und ſo lag eben wegen der Unſchuld eine Furchtloſigkeit, eine Freiheit, eine liehenswürdige Vertraulichkeit in ihrem Weſen, was auch einen klügeren Kopf, als den Marmahuke Nevile's, hätte verdrehen können. Und dies um ſo mehr, weil, während ihr junger Gaſt ihr gefiel, während ſie ihm vertraute, während er durch ſeine Galanterie in ihrer Achtung ſtieg und fie ſich eines ſo ungewohnten Umganges der Jugend mit der Jugend erfreute, und während ſie ihre frühere Heiterkeit wieder erlangte, als fie bemerkte, daß ihr Vater ſeine Demüthigung vergeſſen habe und zu ſeinen gewohnten Arbeiten zurückgekehrt ſei— ſie fur den hůͤb⸗ ſchen Nevile noch kein einziges Gefühl empfand, welches ſich der jungfräulichen Liebe näherte. Ihr Geiſt war dem ſeinigen ſo ſehr überlegen, daß es ihr faſt vorkam, als ſei ſie älter als er, und bei ihren Unterredungen predig⸗ ten ihre roſigen Lippen ihre ernſten Rathſchläge. Auf dem Abſatze vor Marmahuke's Zimmer befand fich e deſſell tere ſtigen S wurde hatte barſch ſelber friedi 8 verlor er die ſtreut Schat krank lebter lich v ſichtb 0 gens, kam, 2 hafte Geda des 2 Schu n' danke eines 147 ſich ein großes rundes Fenſter. Nur der obere Theil deſſelben war unvollkommen mit Glas verſehen, der un⸗ tere Theil dagegen wurde in der Nacht oder bei ungün⸗ ſtigem Wetter mit rohen Fenſterläden geſchloſſen. Die Vertiefung, welche von dieſem Fenſter gebildet wurde, entſprach daher dem Zweck eines Balkons; man hatte von dort eine vollkommene Ausſicht auf die Nach⸗ barſchaft und die Vorübergehenden konnten vermöge deſ⸗ ſelben auch in das Innere ſehen und ihre Neugierde be⸗ friedigen. Immer, wenn Marmabuke Sibylla aus den Augen verloren hatte und er des Pfaues überdrüſſig war, wählte er dieſe Stelle zu ſeinem Lieblingsaufenthalt. Es zer⸗ ſtreute ihn, den armen Jüngling, wie es— zu unſerer Schande ſei es geſagt— auch uns zerſtreut, wenn wir krank oder leidend ſind— aus dem Fenſter auf eine be⸗ lebtere Welt hinzublicken. Der Ort war freilich gewöhn⸗ lich verlaſſen, doch waren die Thürme von London ſtets ſichtbar und das war ſchon etwas. In dieſer Vertiefung ſtand Marmaduke eines Mor⸗ gens, als Sibylla, die aus dem Zimmer ihres Vaters kam, zu ihm trat. „Und nun, Junker Nevile,“ ſagte Sikylla mit bos⸗ haftem und doch reizendem Lächeln,„was nimmt Eure Gedanken in Anſpruch? Einige Bedenklichkeiten wegen des Beſatzes Eurer Tuntka ober wegen der Länge Eurer Schuhe?“ „Nein,“ entgegnete Marmaduke ernſt,„ſolche Ge⸗ danken, obgleich nicht ohne Wichtigkeit in dem Geiſte eines Cavaliers, der nicht will, daß ſeine Unbekanntſchaft —— 148 mit der Sitte des Hofes ihn dem Geſpötte von Seines⸗ gleichen ausſetze, waren doch in dieſem Augenblick nicht vorherrſchend. Ich dachte—“ „An jene Hunde, die um einen Knochen kämpfen. Geſteht es nur!“ „Bei der heiligen Jungfrau, ich ſah fie nicht! Aber jetzt, da ich ſie anſehe, finde ich, daß es wackere Hunde ſind, Ha!— Seht Ihr wohl, wie tapfer der eine dem andern gegenübertritt— das Haar ſträubt ſich, die Au⸗ gen ſind ſtaar, der Schwanz in die Höhe gerichtet, die Zähne ſchimmernd. Nun bewegt ſich der kleinere lang⸗ ſam, um den größeren, der, wohlbemerkt, Fräulein Sibylla, kein Dummkopf iſt und ſich auch raſch, wie ein Gedanke, bewegt, um nicht unverſehens angegriffen zu werden. Ha! das iſt ein wackrer Sprung! Hallo, Hunde, hallo! Ein vortrefflicher Anblick— er macht mein Blut warm!— Der kleine hat ihn an der Kehle!“ „Ach!“ ſagte Sibylla ihre Augen abwendend,„könnt Ihr Vergnügen daran ſinden, es anzuſehen, wie zwei arme Thiere einander wegen eines Knochens erwürgen?“ „Beim heiligen Dunſtan! Was liegt denn an der Urſache des Kampfes, wenn ſich Hund oder Mann wacker halten! Seht! der große iſt wieder auf. Ol! pfui über den Metzger, der ſie aus einander treibt. Dieſe trägen Handwerksleute wiſſen nicht, welche Freude ein ehrliches Gefecht dem Edelmann und dem Hande ge⸗ währt; denn ein Hund, müßt Ihr wiſſen, hat nichts Handwerksmäßiges in ſeiner Natur. Er iſt ein Edelmann durch und durch— tapfer gegen Seinesleichen und gegen Fremde, rückſichtsvoll gegen die Kleinen und terial geger 9 die 2 räulein wie ein egriffen 14⁴9 Schutzloſen, treu in Armuth und Noth, wo er liebt, ſtrenge und rückſichtslos, wo er haßt. Er verachtet die Diebe und den Pöbel ſo ſehr, wie nur irgend ein gol⸗ dener Sporn an König Eduarks Hofe! O gewiß, der beſte Edelmann iſt der beſte Hund!“ „Ihr moraliſirt heute und ich weiß nicht, wie ich Euch widerſprechen ſoll,“ entgegnete Sibylla, als die Hunde mit Gewalt aus einander getrieben wurden und ſich knurrend und widerſtrebend zurückzogen, während ein kleiner ſchwarzer Pudel, der bisher unbemerkt vor der Thür eines kleinen Hauſes geſeſſen, ſich jetzt ruhig näherte und den Knochen davon ſchleppte, um den man gekämpft.„Aber was ſagt Ihr jetzt? Seht! ſeht! der verachtete kleine Hund nimmt den adeligen Hunden den Knochen weg. Iſt das die Art in dieſer Welt?“ „Wahrhaftig! es iſt eine garſtige Welt, wenn es ſo iſt, und hat ſich ſeit der Zeit unſerer Väter, der Nor⸗ mannen, ſehr geändert. Aber dieſe Sachſen erlangen wieder die Oberhand, und ich fürchte, das Ellenmaß iſt mächtiger in dieſen Zeiten des Friedens, als der Streitkol⸗ ben oder die Streitaxt.“ Nevile ſchwieg, ſeufzte und veränderte dann den Gegenſtand:„Dieſes Euer Haus muß zu ſeiner Zeit ein ſtattliches Gebände geweſen ſein. Ich ſehe, es iſt nur eine Seite des Vierecks übrig, doch iſt es leicht, zu bemerken, wo die anderen drei geſtanden haben.“ „Und Ihr könnt die Steine und das übrige Bauma⸗ terial davon an den Häuſern des Metzgers und Bäckers gegenüber ſehen,“ verſetzte Sibylla. „Ja!“ ſagte Nevile,„der Abfall des Abels beginnt die Bürgerlichen zu bereichern.“ 150 „Wir hätten das wenig zu bebauern,“ entgegnete Sibylla,„wenn die Bürgerlichen nur milder gegen un⸗ ſere Armuth wären; aber ſie verabſcheuen das verringerte Vermögen, durch welches ſie ſich erheben, und während ſie Sklaven der Reichen ſind, ſind ſie die Tyrannen der Armen.“ Dies wurde in ſo tranrigem Tone ausgeſprochen, daß Nevile fühlte, wie ſeine Augen überfloſſen; und die demüthige Kleidung des Mädchens, die melancholiſchen Ueberbleibſel, welche die Lage eines edeln Hauſes andeu⸗ teten, welches jetzt zu einer troſtloſen Ruine zuſammen⸗ geſchrumpft war, die Erinnerung an den Spielplatz, an die Beleidigungen der Menge und die zerbrochene Gui⸗ tarre, Alles vereinigte ſich, ſein Mitleid zu erregen und noch zärtlichere Bewegungen in ihm zu erwecken. „Ach,“ ſagte er plötzlich, indem ſich ein raſches und mattes Eeröthen über ſein ſchönes und männliches Geſicht verbreitete—„ach, ſchönes Mädchen— ſchöne Sibylla! — Möge Gott geben, daß ich unter jenen Thürmen, auf welche die Sonne ſo heiter ſcheint, einiges Gold und Glück gewinne. Gott gebe es, nicht um meinetwillen — nicht um der Meinigen willen; ſondern damit ich noch etwas mehr habe, als ein treues Herz und einen unbefleckten Namen, was ich Euch zu Füßen legen kann. O Sibylla! bei dieſer Hand— bei meines Vaters Seele — ich liebe Euch, Sibylla! Habe ich es nicht ſchon frü⸗ her geſagt? Nun, ſo hört mich jetzt, ich liebe Euch!“ Während er ſprach, drückte er ihre Hand und ſie ließ fie einen Augenblick in der ſeinigen. Dann zog ſie ſie zurück und begegnete ſeinen verliebten Blicken mit einer gegnete en un⸗ ngerte ährend en der ochen, nd die liſchen andeu⸗ men⸗ it ich einen kann. Seele . 151 ſeltſamen Traurigkeit in ihren dunkleren, tieferen und geiſtreicheren Augen. „Ich danke Euch— ich danke Euch für die Ehre ſo freundlicher Gedanken,“ ſagte ſie,„und ich antworte frei, wie Ihr frei geſprochen habt. Es wäre ſüß für mich, die ich wenig im Leben erfahren habe, was nicht hart und bitter war— ſüß, zu wünſchen, ich hätte einen Bruder, wie Ihr ſeid, und wie ein Bruder kann ich Euch lieben und für Euch beten. Aber fordert nicht mehr, Marmaduke. Ich habe Zwecke im Leben zu verfolgen, die jede andere Liebe verbieten!“ 8 „Seid Ihr zu hochſtrebend für Einen, der ſeine Sporen noch gewinnen muß?“ „Nicht ſo, aber hört mich an. Meiner Mutter Leh⸗ ren und mein eigenes Herz haben meinen armen Vater für mich zu meinem Hauptzwecke auf Erden gemacht. Ich lebe, um ihn zu beſchützen, für ihn zu arbeiten und ihn zu ehren; und übrigens habe ich Gedanken, die Ihr nicht begreifen— einen Ehrgeiz, den Ihr nicht füͤhlen könnt. Ja,“ fügte ſle mit heiterem Lächeln hinzu, welches die ernſteren Gedanken verſcheuchte, die bisher ihren Anblick verdunkelt hatten,„was würde Euer nüchterner Freund, Herr Alwyn, ſagen, wenn er hoͤrte, Ihr hättet um des Zauberers Tochter geworben?“ „Meiner Treu,“ rief Marmaduke,„Ihr ſeid ein wahrer April— Lächeln und Wolken in einem Athem⸗ zug! Wenn Ihr meinen Mangel an Beleſenheit an mir verachtet und dergleichen, bei der heiligen Jungfrau! ſo will ich um Deinetwillen ein Gelehrter werden und— 4 Hier, als er wieder Sibylla’s Hand mit der leihen⸗ 452 ſchaftlichen Glut ſeiner kühnen Natur ergriffen hatte, die ſich durch eines Mädchens erſtes Nein nicht ſo leicht zurückſchrecken ließ, machte ein plötzliches, wildes und durchdringendes Gelächter unten von der Straße herauf und von einer unmelodiſchen Muſit begleitet, daß das Mädchen und der Jüngling ſtutzten und ihre Augen umwendeten. Ihre unanſtändigen Tänze ausführend, in ihren leichten Gewändern von Flor und Flittern, ihre bloßen Arme über ihren Köpfen ſchwingend und ihre Inſtrumente in die Höhe werfend, gingen die Trommel⸗ mädchen vorüber. „Ha! ha!“ rief die Anführerin,„ſeht den galanten, jungen Burſchen und ſein Hexenliebchen! Der Zauber hat gewirkt! Häßlich iſt ſchön!— Häßlich iſt ſchön! Und der Teufel hat, was ihm gehört!“ Aber dieſe Geſchöpfe, deren kühne Frechheit der alte Chronikenſchreiber erwähnt, wurden ſelten allein geſehen. Sie verfolgten Geſellſchaften des Pomps und Vergnügens; ſie vereinten die Extreme des Lebens— ſie bildeten den grotesken Chor, der die ſchreckliche Wahr⸗ heit des verdorbenen Laſters einführte und das Elend in der Mitte des feſtlichen Pomps der Welt. So, als ſle in die ſtille und ſchlechte Gaſſe traten, führten ſie eine ſtattliche Geſellſchaft von Damen und Cavalieren zu Pferde an, welche durch die benachbarten Ebenen in den Park Marybone ritten, um das Vergnügen der Falken⸗ jagd zu genießen. Die glänzenden Kleidungen dieſer Prozeſſion und die ernſte und gemeſſene Würde, womit ſte dahinzogen, bildeten einen auffallenden Gegenſatz zu den wilden Bewegungen und der ungeordneten Froͤh⸗ te, die leicht 3 und herauf ß das Augen Frend, „ihre ihre nmel⸗ 4⁵⁸ lichkeit der Trommelſpielerinnen. Dieſe Letzteren tanzten um die Reiter her, hielten ihre Inſtrumente hin, um eine Gabe zu empfangen und erwiderten mit Lachen und Spott den verächtlichen Blick oder die heftige Zu⸗ rückweiſung, die meiſtens ihren Begrüßungen wider⸗ fuhren. Plötzlich, als die Geſellſchaft Zwei und Zwei neben einander die Straße hinaufritt, ſtieß Sibylla einen matten Ausruf aus und ſuchte Nevile ihre Hand zu entreißen. Ihr Auge ruhte auf einem von den Reitern, der zuletzt kam und der in lebhafter Unterredung mit einer Dame beſchaͤftigt ſchien, die, obgleich ſie kaum ihre erſte Jugend überſchritten hatte, alle ihre ſchönen Begleiterinnen an Schönheit des Geſichts und Anmuth im Reiten, ſowie in der koſtbaren Ausſtattung ihres weißen Zelters übertraf, der unter ihrer leichten Hand curbettirte. In demſelben Augenblick blickte der Reiter auf und ſah Sibylla ſtarr an, deren Geſicht blaß und dann plötzlich roth wurde. Seine Augen wendeten ſich dann raſch zu Marmaduke— ein halbes Lächeln umzog ſeine bleichen und feſten Lippen; er erhob ſein Federbaret ein wenig von ſeiner Stirne, verneigte ſich ernſt gegen Sibylla, wendete ſich dann wieder zu ſeiner Begleiterin und ſchien eine Frage über den Gegenſtand ſeines Gru⸗ ßes zu beantworten, denn ihr Blick, welcher ſtolz, ſcharf und hochmüthig war, erhob ſich zu Sibylla und ſenkte ſich dann etwas verächtlich, als ſle auf die Worte horchte, die der Cavalier an ſie richtete. Die Luchsaugen der Trommelſpielerinnen hatten das 454 Wiehererkennen bemerkt und ihre Anführerin faßte mit kühner Hand den mit Gold eingelegten Zügel des Rei⸗ ters, und rief mit ſo lauter und durchdringender Stimme, daß es oben auf dem Balkon gehört wurde:„Ein Ge⸗ ſchenk! edler Herr, ein Geſchenk! Um der Dame willen, die Ihr am meiſten liebt!“ Die ſchöne Reiterin wendete bei dieſen Worten ihren Kopf ab; der Edelmann beobachtete ſte einen Augen⸗ blick und ließ dann einige Geldmünzen auf die Trommel fallen. „Ha! ha! ha!“ rief die Trommelſpielerin, indem ſie mit ihrem langen Arme auf Sibylla deutete und auf den Balkon zuſprang. „Die Taube wollt freien Hoch über ihren Stand, Und flattert um den Schnabel des Falken; Doch Tod für die Taube Iſt des Falken Liebe— Oh, ſcharf iſt der Schnabel des Falken!“ Vor dem Ende dieſes rohen Geſanges war Sibylla von dem Orte verſchwunden und die Geſellſchaft vor⸗ übergeritten. Ohne Marmabuke der Beachtung zu wür⸗ digen, eilten die Trommelſpielerinnen anderswo hin, um ihr unmuſtkaliſches Spiel fortzuſetzen. Nevile be⸗ kreuzte ſich andächtig und murmelte:„Jeſus ſchütze uns! Dieſe Irrlichter vermögen alles Blut aus unſerm Körper zu verjagen. Zum Henker mit ihnen! Sie er⸗ ſcheinen, flattern umher und verſchwinden dann, als wäre des Teufels Beſenſtiel hinter ihnen her! Bei der heiligen Meſſe! ſie haben das ſchoͤne Maͤdchen fortge⸗ aut te mit Rei⸗ mme, Ge⸗ öillen, ihren ugen⸗ mmel udem d auf ylla vor⸗ wur⸗ hin, . be⸗ hütze ſerm e er⸗ als der rtge⸗ 15⁵ ſcheucht, und es iſt mir gar nicht leid. Sie haben mir wenig Muth übrig gelaſſen, die Rolle des Sir Launval zu ſpielen.“ Seine Betrachtungen wurden durch die plötzliche Er⸗ ſcheinung Nikolaus Alwyns unterbrochen, der auf einem kleinen Pferde ſaß und dem ein rüſtiger Diener zu Pferde folgte, der ein ſchön gezäumtes Roß am Zügel führte. Im nächſten Augenblick war Marmaduke die Treppe hinunter geſtiegen— hatte die Thür geöffnet— und Alwyn in die Halle gezogen. Neuntes Kapitel. Junker Marmaduke Nevile verläßt das Haus des Zauberers und tritt in die große Welt. „Sehr froh bin ich,“ ſagte Nikolaus,„Euch ſo rüſtig und geſund zu ſehen, denn ich bin der Üüberbringer guter Nachrichten. Obgleich ich fort geweſen bin, ſo habe ich Euch doch nicht vergeſſen, und ſo kam es, daß ich geſtern Lord Warwick mit einigen Schnallen und andern Schmuckſachen meine Aufwartung machte, die er als Ge⸗ ſchenke und Proben von engliſcher Arbeit mitnimmt. Sie waren ziemlich gut gearbeitet, beſonders eine Agraffe, wovon der—* „Verſchone mich mit dieſen Dingen und komm zur Sache,“ fiel Marmaduke ungeduldig ein. „Verzeihet mir, Junker Nevile, ich unterbreche Euch auch nicht, wenn Ihr von Helmen und Bruſtharniſchen redet— jeder Schuhmacher bleibe hei ſeinen Leiſten. Doch 4⁵⁶ zur Sache, wie Ihr ſagt: Der wackre Graf, während er meine Arbeit betrachtete, denn die Agraffe war von mir verfertigt, ließ ſich herab, gnädig von meiner Ge⸗ ſchicklichkeit im Bogenſchießen zu reden, wovon er ge⸗ hört, und ſprach dann von Euch, von dem Lord Mon⸗ tagu ſchon herabwürdigend zu ihm geſprochen. Als ich den Grafen etwas mehr von Enren Eigenſchaften und Neigungen geſagt und ihm Euren Wunſch, ihm zu dienen, mitgetheilt hatte, und daß Ihr ihm einen Brief von Eu⸗ rem Vater zu überbringen habet, da glättete ſich ſeine dunkle Stirn ſehr gnädig, und er trug mir auf, Euch zu ſagen, Ihr möchtet dieſen Nachmittag zu ihm kommen, dann wolle er mit ſeinen eigenen Augen und Ohren über Euch urtheilen. Daher habe ich den Handwerksleuten befohlen, Eure Kleider und übrigen Bedürfniſſe in Eu⸗ ren Gaſthof zu bringen; auch habe ich drei Dienſtleute mit Pferden für Euch gedungen, damit Ihr ein paſſen⸗ deres Anſehen haben möget. Seid raſch; die Zeit und die Großen warten nicht auf uns. So nehmt aus Euren Mantelſäcken, was Ihr für jetzt bedürft und ich will das übrige vor Sonnenuntergang durch einen Arbeiter ab⸗ holen laſſen.“ „Aber die Guitarre für das Fräulein?“ „Die habe ich für Euch beſorgt, wie es paſſend war. Hierauf ging Nikolaus hinaus und befreite den Diener von einem Kaſten, der eine Guitarre enthielt, deren Arbeit und Schmuck Nevile entzückte. „Sie iſt von dem Inſtrumentenmacher des jungen Herzogs von Glouceſter, und der Herzog, obgleich noch ein junger Burſche, iſt ein ſehr ſcharfſinniger Richter 157 über dieſe liebliche Kunſt. So eilt und macht Euch auf den Weg!* Marmaduke zog ſich in ſein Zimmer zuruͤck und Ni⸗ kolaus, nachdem er einen Augenblick in ſchweigendem Nachdenken zugebracht hatte, ſuchte das Zimmer auf, wo ſich der Glockenzug befinden ſollte, welcher damals das Mittel des Verkehrs zwiſchen dem Herrn und den Dienern war. Da er dieſen nothwendigen Luxusartikel nicht fand, ſo ſuchte er ſich endlich durch ſeine Stimme der alten Madge in ihrem unterirdiſchen Gemache hör⸗ bar zu machen, und als ſie kam, ſchickte er ſie ab, um Sibylla aufzuſuchen. Er erhielt die Antwort, daß Fräulein Sibylla krank ſei und nicht im Stande, mit ihm zu reden. Alwyn machte ein unzufriedenes Geſicht bei dieſer Nachricht, nahm aber eine kleine reichgeflickte Geldtaſche von ſeinem Gürtel und bat Madge, ſle ihrem jungen Fräulein zu überlie⸗ fern, und ſie zu benachrichtigen, daß es die Frucht des Auftrages ſei, womit ſie ihn beehrt habe. „Es iſt ſehr ſeltſam,“ ſagte er, indem er allein in der Halle auf und abging—„ſehr ſeltſam, daß das arme Kind einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht hat. Bei alle dem würde ſie ſchlecht zu der Frau eines ſo einfachen Mannes paſſen, wie ich bin. Still! das iſt ja ganz und gar der Gedanke eines Handelsmannes. Habe ich kein friſcheres Gefühl von meinem Dorfplatze mitgebracht? Wäre es nicht ſüß, für ſie zu arbeiten und mich mit ihr an meiner Seite im Leben zu erheben? Und dieſe Mäd⸗ chen in der Stadt— ſo geziert und ſo geiſtlos!— Eben ſo gern wollte ich eine bemalte Puppe heirathen. Si⸗ 158 bylla! Bin ich denn im Irrwahn? Was habe ich mit dem Mädchen und mit der Heirath zu thun? Hm! Es ſoll mich doch wundern, ob Marmaduke wohl noch an ſie denkt und fie an ihn?“ Während Alwyn noch ſo mit ſich ſelber redete, hatte Neoile haſtig ſeine Kleidung geordnet, ſich mit dem Gelde beladen, welches ſein Mantelſack enthielt und die alte Madge gerufen, um ſein Geſchenk zu empfangen und ihn in Warner's Zimmer zu führen, um ihm Lebe⸗ wohl zu ſogen. Mit etwas furchtſumen Schritten folgte er der alten Frau, die noch ihren Dank und ihre Segenswünſche murmelte, indem ſie das Geld in ihrer Hand hetrachtete, die unbenen Treppen hinauf und klopfte zum erſtenmal an die Thür des Heiligthums des Gelehrten. Er erhielt keine Antwort.„Ei, Herr! Ihr müßt eintreten,“ ſagte Madge,„und wenn Ihr auch eine Kanone vor ſeinen Ohren abfeuertet, würde er doch nicht auf Euch achten.“ Die Handlung nach dem Worte einrichtend, öffnete ſie die Thür und machte fie hinter ihm wieder zu, als Mar⸗ maduke eintrat. 1 Das Zimmer war mit Rauch angefüllt, durch welchen das klare rothe Licht der brennenden Steinkohlen gleich einem Cykopenauge hervorblickte. Ein beſtändig arbei⸗ tender, regelmäßiger und anhaltender Ton, wie von einem Feenhammer, traf des jungen Mannes Ohr. Doch als ſein Blick ſich an die Atmoſphäre gewöhnte, ſah er ſich um, konnte aber die Urſache davon nicht entdecken. Adam Warner ſtand in der Mitte des Zimmers, hatte ſeine Arme zuſammengefaltet und betrachtete etwas in 159 geringer Entfernung, was Marmaduke nicht genau an⸗ terſcheiden konnte. Der Jüngling faßte Muth und näherte ſich.„Geehrter Wirth,“ ſogte er,„ich danke Euch für Eure Guͤte und Eure Gaſtfreundſchaft; ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch in Euren Zaub— hm!— Euren— Euren Studien ſtöre, und ich komme, Euch Lebewohl zu ſagen.“ Adam wendete ſich mit verlegener und zerſtreuter Miene um, als ob er ſeinen Gaſt kaum erkenne; endlich aber, als ſeine Erinnerung langſam zurückkehrte, lächelte er erfreut und ſagte:„Guter Jüngling, das Wenige, was für Euch zu thun in meiner Macht ſtand, iſt gern geſchehen. Vielleicht wird die Zeit kommen, wo die, welche Aham Warners Dach aufſuchen, weniger demü⸗ thige Bewirthung finden werden— und eine weniger ſchlechte Wohnung— denn ſeht!“ rief er plötzlich mit einem Ausdruck unwiderſtehlicher Begeiſterung, indem er Nevile's Arm faßte und durch allen Rauch und Ruß, der ſein Geſicht verdunkelte, die glühende Seele des trium⸗ phirenben Erfinders hervorblitzte—„ſeht! ſeit Ihr in dieſem Hauſe geweſen, iſt einer meiner großen Zwecke beinahe gereift und erreicht. Kommt hieher!“ Und er zog den verwunderten Marmaduke zu ſeinem Modell oder ſeinem Eureka, wie Adam ſeine Vorrichtung hoffaungs⸗ voll benannte. Nevile bemerkte jetzt, daß aus dem In⸗ nern dieſer Maſchine der Ton hervorkam, der ihm an⸗ fangs auffallend geweſen war; für ſein Auge war das Ding unförmlich und ſchrecklich, denn der Rachen einer eiſernen Schlange, die ſich um daſſelbe wand, erhob ſich in die Höhe und ſtieß eine raſche Säule ſchwarzen Rauches 160 aus und ein Staubregen fiel umher nieder. Eine eiſerne Säule in der Mitte war in beſtänbiger und regelmäßiger Bewegung und erhob und ſenkte ſich abwechſelnd, ſo wie der ganze innere Mechanismus lebendig zu ſein ſchien. „Der Syrakuſaner forderte einen Zoll breit Erde außerhalb der Erbe, um die Erde zu bewegen,“ ſagte Adam;„ich ſtehe in der Welt, und ſeht! mit dieſer Ma⸗ ſchine ſoll einſt die Welt bewegt werden.“ „Heilige Mutter!“ ſtotterte Marmaduke;„ich bitte Euch, gefürchteter Herr, wohl zu überlegen, ehe Ihr ſolche Späße mit der Wohnung unternehmt, woran jedes Weibes Sohn ſo ſehr betheiligt iſt. Bedenkt, wenn Ihr bei der Bewegung der Welt einen Fehler machen ſolltet, ſo würde—“ „Nun ſteht da und gebt Acht,“ unterbrach ihn Adam, der kein Wort von dieſer verſtändigen Ermahnung ge⸗ hört hatte. „Verzeiht mir, ſchrecklicher Herr!“ rief Marmaduke in großem Schrecken, indem er ſich raſch zur Thüre zu⸗ rückzog,„aber ich habe gehört, daß die Teufel ſehr bos⸗ haft gegen alle nicht eingeweihten Zuſchauer find.“ Wäͤhrend er ſprach, fuhr raſch der Rauch aus dem Rachen der Schlange hervor, ſchwer hoben ſich die Feen⸗ hämmer/ auf und nieder ging die Säule mit ihrem dum⸗ pfen Ton. Das Herz des jungen Mannes ſank bis in die Sohlen ſeiner Fuße. „In Wahrheit!“ ſtammelte er,„ich bin nur ein Dummkopf in dieſen Dingen. Ich wünſche Euch allen möglichen glücklichen Erfolg, der mit dem Seelenheil eines Chrißten verträglich iſt, und ſage Euch in trauriger dieſe ſerne giger bwie en. Erde ſagte Ma⸗ bitte Ihr jedes Ihr Ultet, dam, ge⸗ duke 2 zu⸗ bos⸗ bem keen⸗ dum⸗ die ein ullen mheil eiger 161 Demuth Lebewohl, und,“ ſetzte er leiſe hinzu,„möge der Herr Euch vergeben! Amen!“* Hierauf ſtürmte Marmaduke zur Thüre hinaus und verließ ſo ſchnell als möglich das Zimmer. Er athmete freier, als er die Treppe hinunterſtieg. „Ehe ich jenen grauen Kerl meinen Vater und ſein Kind mein Weib nenne, könnte ich vielleicht fühlen, wie alle Hämmer der Elfen und Geiſter, die er qualvoll in jenem garſtigen kleinen Gefängniß eingeſperrt hat, einen Tod⸗ tenmarſch auf meinem Köoͤrper ſpielen. Bei Gott! dieſe Trommelmädchen kamen zu rechter Zeit! Man ſagt, dieſe Zauberer haben immer ſchöne Töchter und ihre Liebe kann kein Segen ſein!“ Als er dies vor ſich hin murmelte, öffnete ſich die Thür von Sibylla's Zimmer und ſie ſtand auf der Schwelle vor ihm. Ihr Geſicht war ſehr blaß und zeigte die deutlichen Spuren, daß ſie geweint habe. Beide ſchwie⸗ gen und das Mäaͤdchen ſprach zuerſt. „Madge ſagt mir, daß Ihr im Begriff ſeid, uns zu verlaſſen.“ „Ja, edles Mädchen! ich— ich— das heißt, Lord Warwick hat mich rufen laſſen. Ich wünſche Euch allen möglichen Segen! und— wenn es mir je möglich iſt, Euch zu dienen, ſo wird es— das heißt— wahrlich, meine Zunge ſtottert, aber mein Herz— das heißt— lebt wohl, Mädchen! Wollte Gott, Ihr hättet einen weniger weiſen Vater, und ſo mögen die Heiligen— der heilige Antonins insbeſondere, vor dem der Böſe eine ſchreckliche Jurcht hat— Euch ſchützen und be⸗ wahren!“ Bulwer, Barone, J. 41 16²2 Mit dieſer ſeltſamen und unzuſammenhängenden An⸗ rede ließ Marmaduke das Mäͤdchen auf der Schwelle ihres elenden Zimmers ſtehen. Er eilte in die Halle, rief Al⸗ wyn aus ſeinem Nachdenken auf, übergab Madge die Guitarre mit dem Auftrage, ſie nebſt ſeinem Gruße ihrer Gebieterin zu überliefern, und ſchwang ſich leicht auf ſein Roß. Der bedächtigere und nüchternere Alwyn be⸗ ſtieg ſein Pferd mit langſamer Sorgfalt und gehöriger Vorſicht. Als die Frühlingsluft in den blonden Locken des jungen Cavaliers wehte, als das gute Pferd unter ſeiner leichten Laſt courbettirte, kehrte ſeine natürliche, geſunde, freudige und weltliche Stimmung zurück. Si⸗ bylla's Bild und das ihres ſeltſamen Vaters verſchwand wie ein kränklicher Traum aus ſeinen Gedanken. Zweites Buch. Des Königs Hof. Erſtes Kapitel. Graf Warwick, der Königmacher. Die jungen Männer betraten den Strand, der jetzt, in Folge des dort erhobenen Wegegeldes, ein erträglicher Weg für Reiter war, nach dem Fluſſe zu, wie wir ſchon vorher angedeutet haben, mit ſtattlichen und halb befe⸗ ſtigten Häuſern beſetzt, während auf der entgegengeſetz⸗ ten Seite einzelne Häuſer von demüthigerer Beſchaffen⸗ heit ſtanden, die Villen der Kaufleute und reicheren Ge⸗ ſchäftsleute— denn von den früheſten Zeiten ſeit der Eroberung liebten die Londoner ſolche zurückgezogene Wohnungen, von blühenden Obſtgärten umgeben und vorn mit Lilien geſchmückt, als das Sinnbild des eitlen Sieges bei Agincourt. Aber bei weitem der größere Theil des Weges nordwärts erſtreckte ſich unbebaut zu einer ſchönen Kette von Feldern und Wieſen, die von manchen Bächen bewaͤſſert wurden, die mit lieblichem Geräuſch Waſſermühlen trieben. Hoch auf dem Wege erhob ſich das berühmte Kreuz, bei welchem ehemals die wandern⸗ 164 den Richter außerhalb Londons zu Gericht ſaßen. Dort, geheiligt und einſam ſtand die Herberge für die büßenden Pilger, die zu Sanct Clemens Heilquelle wallfahrte⸗ ten; denn in dieſer Gegend gab es ſchon ſeit der Zeit der Römer keyſtallhelle Quellen, deren heilſame Eigen⸗ ſchaft unter den leichtgläubigen Kranken eines großen Rufes genoſſen. Durch die düſtern Bogen von Temple⸗ gate und Ludgate nahmen unſere Reiter ihren Weg und kamen endlich ſicher in Marmaduke's Gaſthaus in Eaſt Chepe an. Hier fand Marmaduke die Ausſchmücker ſeiner hübſchen Perſon bereits verſammelt. Die einfacheren aber männlicheren Moden, die er aus der Provinz mitgebracht hatte, wurden jetzt mit einem Anzuge vertauſcht, der des Verwandten des großen Miniſters eines Hofes wür⸗ dig war, der ſeit Wilhelm Rufus in ausſchweifender Kleiderpracht nicht ſeines Gleichen gehabt. Sein Korſett war vom feinſten Tuche, mit kleinen Perlen überſäet; darüber das Hemd von Kammertuch ohne Kragen und theilweiſe mit Gold geſtickt; darüber hing loſe eine Tu⸗ nika von karmeſinrothem Sarſenet, aufgeſchlitzt und mit einer ungeheuren Fülle von Franſen beſetzt. Sein Sam⸗ metbaret war an den Seiten aufgeſchlagen und bildete hoch über der Stirn eine Spitze. Seine Hoſen— unter welcher Beuennung wir das verſtehen, anſtatt deſſen wir heutigen Tages Strümpfe und Pantalons tragen— waren von weißem Tuch und ſeine ſehr ſchmalen Schuhe im Spann zierlich ausgeſchnitzt und mit Bändern von Goldfaden zugebunden und mit drei Zoll langen aufwärts gebogenen Schnäbeln verſehen. Sein Dolch hing an einer leichten, filbernen und vergoldeten Kette und ſein 165⁵ Gürtel enthielt eine große Geldtaſche von gepreßtem und reichvergoldetem Leder. Und dieſe Kleidung, ſo wunderbar es Nevile auch erſchien, war, wie der Schneider ernſthaft verſicherte, noch lange nicht nach der feinſten Mode, und wenn der eble Jüngling Ritter geweſen wäre, ſo hätten ſich die Schuhe noch wenigſtens drei Zoll über die natürliche Länge der Füße erſtrecken müſſen, und das Korſett hätte mit Juwelen beſetzt und die Tunika mit prächtigen Blu⸗ men verziert ſein müſſen. Selbſt jetzt empfand Marma⸗ duke ein natürliches Mißtrauen gegen ſeine Kleidung, vie ihm den vollen dritten Theil ſeines ganzen Kapitals koſtete. Und keine Braut entſchleierte ſich mit mehr Ver⸗ ſchämtheit als Marmadule Nevile empfand, als er ſein Pferd wieder beſtieg, von ſeinem Milchbruder Abſchied nahm und ſeinen Weg nach Warwick⸗Lane richtete, wo der Graf wohnte. Die innern Straßen waren indeß mit Reitern ange⸗ füllt, deren Kleidung die ſeinige verdunkelte und wovon einige ihren Weg nach dem Tower und andere zu den Palaͤſten in Flete nahmen. Wagen gab es nicht und nur zweimal begegnete ihm eine von den ungeheuren Sänf⸗ ten, worin ein bejahrter Prälat oder eine vornehme Dame ſaß, die ihre Größe vor dem hellen Tage verbar⸗ gen. Aber die häufigen Ausſichten auf den Fluß zeigten ihm die zierlichen Böte und Barken, womit die Themſe überfäet war. Die Straßen waren für London unge⸗ wöhnlich trocken und rein, obgleich Furchen und Löcher in dem Pflaſter dem unvorſichtigen Reiter häufig Gefahr drohten. Die Straßen ſelber konnten hinſichtlich des 166 Glanzes wohl hie Erwartung des Fremben täuſchen; denn obgleich das alte London, aus der Ferne geſehen, unend⸗ lich viel maleriſcher und ſtattlicher war, als das mo⸗ derne, ſo erſchien es, wenn man in dem Labyrinth der Straßen war, denen, welche ihren Geſchmack durch Reiſen gebildet hatten, als die gemeinſte und häßlichſte Haupt⸗ ſtadt in der Chriſtenheit. Die Straßen waren wunderbar ſchmal, die obern Stockwerke, größtentheils von Holz er⸗ baut, ragten weit über die unteren hinaus, welche aus Lehm und Mörtel gebildet waren. Die Kaufläden waren klägliche Buden und die Lehrlinge ſtanden in bloßem Kopfe mit den Mützen in der Hand am Eingange und unterhielten ein beſtändiges Geſchrei mit ihren Einladun⸗ gen zum Kaufen, die oft mit Witzworten eines Vorüber⸗ gehenden oder mit lautem gegenſeitigen Tadel abwech⸗ ſelten. Die ganze alte Familie ver Londoner Schreier war in voller Bewegung. Kaum hatten ſich Marmaduke's Ohren von dem Rufe:„Heiße Bohnen— ganz heiß⸗ erholt, als er mit:„Schaffüße— heiße Schaffüße“ begrüßt wurde. An den kleineren Schenken ſtanden die einladenden Schreier und riefen:„Hühnerpaſteten, Och⸗ ſenrippen— heißes Ochſenfleiſch,“ während mit dieſen vielfachen Mißtönen der durchdringende Schall einer Pfeife oder das Geklimper einer Harfe vereint war, an jeder Stelle, wo die Durſtigen ſtehen blieben, um zu trinken, oder die Müßigen, um zu gaffen. Durch dieſes Babel wand Marmapuke endlich lang⸗ ſam ſeinen Weg und kam vor dem mächtigen Hauſe an, wo der erſte Baron Englands reſidirte. Als er abſtieg und ſein Pferh dem Diener ühergab, 167 welchen Alwyn für ihn gedungen, blieb Marmaduke einen Augenblick ſtehen, betroffen von dem Contraſt zwiſchen dem ſtattlichen Gebäude und der ſchmutzigen Nachbar⸗ ſchaft. Er hatte dies nicht ſo ſehr bemerkt, als er bei ſeiner erſten Ankunft in London in das Haus des Grafen gegangen war, denn damals waren ſeine Gedanken von dem allgemeinen Treiben und der Neuheit der Scene zu ſehr verwirrt geweſen; jetzt aber glaubte er die Huldi⸗ gung beſſer begreifen zu können, die einem großen Edel⸗ manne widerfuhr, als er auf einen Blick die unermeß⸗ liche Höhe überſah, zu welcher er durch Reichthum und Rang über ſeine Mitmenſchen erhoben wurde. Zu heiden Seiten der Wohnung des Grafen erſtreck⸗ ten ſich unförmliche Gebäude, die mehr Schuppen als Häuſern glichen. Aber hie und da waren Gaſthäuſer, die mt dem niederen Gefolge ihres mächtigen Anſührers an⸗ gefüllt waren und das Auge fiel auf manche müßige Gmppe rüſtiger Dienſtmannen, einige halbgerüſtet, an⸗ dere in rohen Lederjacken vor den Thüren dieſer Häuſer, während andere, gleich Bienen, mit einem beſtändigen Gehimme aus⸗ und einſchwärmten. Das Außere von Warwick Houſe war von grauen, durhs Alter geſchwärzten Steinen und zeigte ein drohen⸗ des, halbbefeſtigtes Ausſehen. Nach der Straße zu be⸗ fandn ſich nur wenige, mit ſtarken eiſernen Stangen verſezene Fenſter oder vielmehr Luftlöcher. Der ſchwarze und naſſive Bogen des Thorweges zeigte ſich zwiſchen zwei mgeheuren viereckigen Thürmen und von einem noch höheren, aber ſchlankeren, achteckigen Thurme auf der innern Seite wehete die Flagge mit dem weißen Bären 168 und dem rauhen Stabe in der nebeligen Luft. Unter dem Portal hing das Fallgatter, und der viereckige Hofplatz, den er vor ſich ſah, war mit den Dienern des Grafen angefüllt, welche Scharlachjacken mit dem Kennzeichen des Anführers trugen. Ein Mann von rieſenhafter Sta⸗ tur und Umfang, der das Geſchäft des Portiers verſah und ſich an die Mauer des Bogens lehnte, kam jetzt aus dem Schatten hervor und fragte den jungen Fremden ziemlich höflich nach ſeinem Namen und Anliegen. Als er den erſteren hörte, nahm er ſeine Mütze ab, ver⸗ beugte ſich tief und führte Marmaduke über den erſten Hofplatz. Die heiden Seiten zur Rechten und zur Linken waren zu Räumen für den Haushalt und zu Gemächem für das Gefolge beſtimmt, von welchem nicht weniger als ſechshundert, um nicht von den eigentlichen Dienern zu reden, den letzten engliſchen Baron bei ſeinen Beſucken in der Haupiſtadt begleiteten. Weit entfernt, wie jtzt der Zweck der Großen zu ſein, Alles was zum Dieiſte des Hauſes gehoͤrt, dem Blicke zu entfernen, ſuchten ſie ihren Stolz darin, des Fremden Erſtaunen durch die ihrer Begleitung gewährte Bequemlichkeit zu errezen. Einige ſaßen auf ſteinernen Bänken längs den Mauern — Einige ſtanden in Gruppen in der Mitte des Hofs— Einige lagen der Länge nach auf zwei länglichen Plähen, wo grüner Raſen gewefen war, bis ihre Füße ihn nie⸗ dergetreten hatten. Dieſe häusliche Armee erfüllt den jungen Nevile mit viel größerer Bewunderung, as die zierlich geputzten Ritter und Cavaliere, die ſich aif dem Spielplatze um den Lord von Montagu und Nothum⸗ berland verſammelt hatten. guter niedr oder in de und tigt. madr geric Glar gleie des nähe „M Eur 169 Dieſe Verſammlung zeigte aber eine eigene, wenn gleich rohe Diſeiplin. Sie waren weder lärmend noch betrunken. Sie machten mit mürriſchem Gehorſam Platz, als der Cavalier kam und traten wieder hinter ihm zu⸗ ſammen gleich einer wilden Viehherde, ſahen ihm in ernſtem Schweigen nach und ſetzten dann wieder ihr leiſes Geſpräch miteinander fort. Als Nevile auf der letzten Seite des Vierecks in die ungeheure Halle eintrat, die von dem Gange durch einen Schirm von durchbrochenem Mauerwerk getrennt war, ſo ſchön, daß die Hand eines Baumeiſters der erſten nor⸗ männiſchen Dynaſtie daran zu erkennen war, und ſo un⸗ geheuer groß war dieſelbe, daß, obgleich mehr als fünfzig Perſonen darin auf verſchiedene Weiſe beſchäftigt waren, ſie ſich in dei unermeßlichen Raume faſt gänz⸗ lich verloren. Von dieſen waren einige Knappen von guter Kleidung und Ausſehen am Ende des längeren und niedrigen Tiſches unterhalb des Baldachins mit Schach⸗ oder Würfelſpiel beſchäftigt; Andere nunterhielten ſich in den düſtern Fenſtervertiefungen; Einige gingen hin und her und Andere waren um den Schenktiſch beſchäf⸗ tigt. Am Eingang dieſer Halle verließ der Portier Mar⸗ maduke, nachdem er einige leiſe Worte an einen Herrn gerichtet hatte, deſſen Kleidung die des jungen Nevile an Glanz bei weitem übertraf, und dieſe letztere Perſon, ob⸗ gleich von hoher Geburt, verſchmähete es nicht, das Amt des Kämmerers bei dem vornehmen Grafen zu verſehen, näherte ſich Marmaduke mit einem Lächeln und ſagte: „Mylord erwartet Euch, Herr, und hat dieſe Zeit zu Eurem Empfange beſtimmt, damit Ihr nicht durch die 170 Menge, welche am Vormittag Audienz verlangt, von ſeiner Gegenwart ausgeſchloſſen werden möget. Folgt mir gefälligſt!“ Hierauf ging der Herr langſam dem Fremden voran und blieb von Zeit zu Zeit ſtehen, um ein freundliches Wort mit den verſchiedenen Leuten zu wechſeln, die ihm auf ſeinem Wege begegneten; denn Warwicks eigene Höflichkeit war auf Alle übergegangen, die ihm dienten. Eine kleine Thür am andern Ende der Halle führte in ein Vorzimmer, worin etwa ein Dutzend Pagen, die Söhne von Rittern und Baronen, um einen alten Krieger verſammelt waren, der als eine Art von Lehrer über ſte geſetzt war, um ſie in allen ritterlichen Fertigkeiten zu unterrichten. Von dieſen Jünglingen winkte der Kämmerer des Grafen einen zu ſich und ſagte mit tiefer Ehrerbietung:„Wollt Ihr ſo gefällig ſein, mein junger Lord, Euren Vetter, den Junker Marma⸗ duke Nepile zu dem Grafen zu führen?“ Der junge Herr ſah Marmaduke mit übermüthigem Blicke an. „Wahrhaftig!“ ſagte er in naſeweiſem Tone,„wenn ein Mann, der im Norden geboren iſt, alle ſeine Vet⸗ tern ernähren ſollte, ſo würde er bald ein ſo langes Gefolge hinter ſich haben, mie mein Oheim, der edle Oraf. Kommt, Herr Vetter, dieſen Weg!“ Und ohne ſich Zeit zu laſſen, Nevile von dem Namen und dem Range ſeines neuen Verwandten in Kenntniß zu ſetzen— der kein geringerer war, als Lord Monta⸗ gu's Sohn, der einzige männliche Erbe der Titel der mächtigen Familie, obgleich er ſich jetzt unter den Pagen ſeines Oheims befand, um die ritterlichen Fertigkeiten zu lernen— ging der Knabe mit ſo gemächlichem Schritte 171 vor Marmaduke her, daß der ältere Vetter, wenn er ihn in den Ebenen von Weſtmoreland getroffen hätte, ihm eine derbe Ohrfeige würde verſetzt haben. Er erhob den Vorhang am Ende des Zimmers, ſtieg eine kurze und breite Treppe hinauf und klopfte leiſe an eine Spitzthür, die ſich tief in der Wand befand. „Herein!“ rief eine laute und deutliche Stimme, und im nächſten Augenblick ſtand Marmaduke vor dem Königmacher. Er hörte, wie ſein junger Führer ſeinen Namen ausſprach und ſah ihn boshaft lächeln bei der augen⸗ blicklichen Verlegenheit, die der junge Mann zeigte, als er an Marmaduke vorüberging, die Thür zumachte und verſchwand. Der Graf von Warwick ſaß in der Nähe eines großen Fenſters, welches auf einen innern Hof hinausſah, der mit dem Fluſſe in Verbindung ſtand. Das Zimmer war im Geſchmack Heinrichs III. mit ungeheu⸗ ren Figuren ausgemalt, welche die Schlacht bei Haſtings oder vielmehr, denn es waren mehre einzelne Stücke, die Eroberung des angelſächſiſchen Englands darſtellten. Um den Unwiſſenden zu belehren, hatte der Künſtler die Vorſicht angewendet, über dem Kopfe jeder Perſon eine Fläche anzubringen, worauf der Name und die vorzüg⸗ lichſte That derſelben geſchrieben ſtand. Die Decke war gewölbt und mit den reichſten Farben bemalt und ver⸗ goldet. Der Kami, ein moderner Schmuck, erhob ſich bis zur Decke und ſtellte in kühnen Reliefs, vergoldet und dekorirt, die Unterzeichnung der magna charta dar. Der Fußboden war dick mit getrockneten Binſen und wohlriechenden Kräutern beſtreut. Die Möbeln waren 172 nicht zahlreich, aber koſtbar. Die Stühle mit niedrigen Lehnen, deren ſich nur vier im Zimmer befanden, waren aus geſchnitztem Ebenholz und hatten Kiſſen von Sam⸗ met mit ſchweren goldenen Franſen. Ein kleiner Schenk⸗ tiſch war mit einer Decke von vergoldetem und bemaltem Leder von großem Werthe bedeckt und enthielt verſchie⸗ dene zierliche und künſtliche Silbergeräthe mit koſtbaren Steinen beſetzt, und neben dieſen— ein ſeltſamer Con⸗ traſt— lagen auf einem einfachen gothiſchen Tiſche der Helm und die Streitaxt des Herrn. Warwick ſelber ſaß an einem ſchweren und plumpen Schreibpult, ſchrieb langſam und mit Mühe und gab Nevile durch einen Wink mit dem Finger zu verſtehen, daß er ſein Geſchäft vorher zu beenden wünſche, welches ſeinem Geſchmack wahrſcheinlich wenig angemeſſen war. Aber Marmaduke war ihm dankbar für dieſen Aufſchub, welcher ihm Zeit gewährte, ſeine Faſſung wieder zu erlangen und ſeinen Verwandten zu betrachten. Der Graf war im kräftigſten Mannesalter. Sein Haar, vom dunkelſten Schwarz, trug er kurz, als wollte er dad urch der weibiſchen Mode des Tages ſpotten. An den Schläfen war es kahl von der beſtändigen Reibung des Helms, was einer von Natur hohen Stirn ein noch majeſtätiſcheres Anſehen verlieh. Seine Geſichtsfarbe, obgleich dunkel und von der Sonne verbrannt, glühte in der Fülle der Geſundheit. Der Bart war glatt geſcho⸗ ren und ließ den Umriß des ovalen Geſichts und des ſtar⸗ ken Unterkiefers— ſtark wie in Eiſen gefaßt— in ihrer ausgezeichneten Schönheit ſehen. Die Züge waren aus⸗ drucksvoll und adlerartig, wie ſie dem normänniſchen 173 Geſchlechte eigen waren. Der Körperbau war ſchlank, aber die Bruſt ſehr hoch und breit, was wegen des kurzen Obergewandes um ſo mehr ſichtbar war, welches er zu⸗ rückgeſchlagen und welches ein Unterkleid, nicht von feſt⸗ lichem Sammet oder Seide, ſondern von ſpiegelhellem Stahl und mit Gold eingelegt, zeigte. Als der Graf ſeine Arbeit vollendet hatte, erhob er ſich und winkte Marmaduke, auf einem Stuhle neben ihm Platz zu neh⸗ men, und jetzt erſtaunte ſein Gaſt über ſeine Groͤße, die wegen der Länge ſeiner Beine ſitzend nicht zu bemerken geweſen war. So groß Marmaduke auch ſelber war, ſo überragte ihn doch der Graf mit ſeiner hohen, majeſtä⸗ tiſchen, glatten und faltenloſen Stirn— gleich einem Paladin in dem Gedichte eines mittelalterlichen Minſtrel, und vielleicht blendete ihn eine glänzendere Vereinigung aller äußern Eigenſchaften, die wir den alten Helden zu⸗ zuſchreiben geneigt ſind, das Auge, oder machte Eindruck auf die Phantaſte. Aber ſelbſt die Wirkung der perſön⸗ lichen Eigenſchaften war derjenigen untergeordnet, welche dieſer ausgezeichnete Edelmann wenigſtens auf unter⸗ geordnete Perſonen durch ſein Benehmen ohne allen Stolz ausübte. Alles war ſo einfach, ſo offen, ſo herz⸗ lich und heldenmäßig, daß Marmaduke Nevile, beſonders empfänglich für äußere Eindrücke und bezaubert durch das Wort„willkommen,“ welches der Graf zuerſt aus⸗ ſprach, ſich auf ein Knie niederließ, die ihm dargereichte Hand küßte und ſagte:„Edler Verwandter, in Eurem Dienſte und für Euch will ich leben und ſterben!“ Wäre der junge Mann von dem erfahrenſten Meiſter in der höfiſchen Kunſt auf dieſe für ſein Glück ſo wichtige Un⸗ 174 terredung vorbereitet worden, ſo hätte er bei dem großen Grafen nicht um den hundertſten Theil ſo weit kommen können, als durch dieſen plötzlichen, freimüthigen Aus⸗ bruch der echten Empfindung; denn Warwick war be⸗ ſonders empfänglich für die Bewunderung, die er erregte — eitel oder ſtolz darauf, einerlei, aber dankbar wie ein Kind für Liebe und unerbittlich wie ein Weib bei einer Beleidigung. In rohen Zeitaltern hat das eine Geſchlecht häufig die Eigenſchaften des andern. „Ihr habt Eures Vaters warmes Herz und ſeinen haſtigen Gedanken, Marmaduke,“ ſagte Warwick ihn erhebend;„und nun, da er dorthin gegangen iſt, wo tapfere Männer, wie wir hoffen, ihrer Sünden ledig werden und auf uns niederblicken, wer ſollte Euer Freund ſein, wenn nicht Richard Nevile? So— ſo— ja— laßt Euch anſehen. Ha! des wackern Guy ehrliches Ge⸗ ſicht in jedem Zuge; aber für die Mädchen vielleicht hübſcher, weil es ihm an Narben fehlt. Erröthet nicht — Ihr ſollt ſte noch gewinnen. So habt Ihr alſo einen Brief von Eurem Vater an mich?“ „Hier iſt er, edler Herr.“ „Und warum,“ ſagte der Graf, indem er die Seide mit ſeinem Dolch durchſchnitt—„warum habt Ihr ſo lange gezögert, ihn abzugeben? Aber ich darf Euch nicht erſt fragen. Dieſe unruhigen Zeiten haben gemacht, daß Verwandte ſchlimmer von einander dachten, als Ihr bei Eurer Zögerung von mir. Sir Guy's Handzeichen, ganz gewiß! Wackerer alter Mann ich liebte ihn nur um ſo mehr deßhalb, weil, gleich mir, das Schwert beſſer für ſeine kühne Hand paßte, als die Feder.“ Hierauf las ein liel 175 Warwick etwas langſam die Zeilen, die der Verſtorbene dem Prieſter in die Feder diktirt hatte; und als er damit zu Ende war, legte er den Brief reſpektvoll auf ſein Pult, beugte ſeinen Kopf darüber und murmelte Etwas — vielleicht war es ein Gebet für den Verſtorbenen. „Nun,“ ſagte er, indem er ſich wieder ſetzte und Marma⸗ duke winkte, ſeinem Beiſpiel zu folgen,„Euer Vater war in Wahrheit zu tadeln wegen der Partei, die er im Kriege ergriffen. Welcher Sohn eines Normannen konnte ſein Knie oder ſeinen Federbuſch vor jenem Schatten⸗ könig Heinrich von Windſor beugen? Und was ſein blut⸗ dürſtiges Weib betrifft, die wußte nicht mehr von dem Geiſt und Stolz eines Engländers, als ich von den Reimen und Rondels des alten René ihres Vaters weiß. Guy Nevile— guter Guy— manchen Tag in meinen Knabenjahren unterrichtete er mich, wie ich meine Lanze zu dem Helmbuſch erheben und mein Schwert auf die Panzergelenke richten ſollte. Er war geſchickt im Fechten, Euer würdiger Vater, aber ich war ein ſchlechter Schüͤ⸗ ler, und mein träger Arm hofft noch bis zu dieſem Tage mehr von ſeiner Stärke als von ſeiner Geſchicklichkeit.“ „Ich habe ſagen hören, edler Graf, daß die ſtärkſte Hand kaum Eure Streitaxt erheben kann.“ „Fabeln!“ antwortete der Graf lächelnd;„dort liegt ſie— geht und verſucht es.* Marmahuke ging zu dem Tiſche und obgleich mit einiger Schwierigkeit erhob und ſchwang er doch dieſe furchthare Waffe. „Bei der heiligen Jungfrau, wohl geſchwungen, lieber Vetter! Die Anwendung derſelben hängt nicht 176 von der Stärke, ſondern von der Übung ab. Seht nur, da iſt der Knabe Richard Gloueeſter, der Euch nicht bls an die Schulter reicht, und doch hat er es durch tägliche übung dahin gebracht, daß er Streitkolben und Streit⸗ axt mit ſolcher Leichtigleit ſchwingt, wie ein Poſſen⸗ reißer ſein hölzernes Schwert. Ja, glaubt mir, Mar⸗ maduke— das Haus York iſt ein furſtliches, und wenn wir einen König haben müſſen, wir Borone, nun, in Gottes Namen, ſo mag kein niedrigeres Geſchlecht den Thron einnehmen. Aber was Euch betrifft, Marmaduke — welches find Eure Abſichten und Wünſche?⸗ „Einer von Eurem Gefolge zu ſein, ebler Warwick.“ „Ich danke Euch und nehme Euer Anerbieten an, junger Nevile; aber Ihr habt gehört, daß ich im Begriff bin, England zu verlaſſen und inzwiſchen wuͤrde Eure Jugend ohne Fuͤhrer in Gefahr kommen!“ Der Graf ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:„Mein Bruder von Montagu zeigte Euch ein kaltes Geſicht; aber ein Wort von mir wird Euch ſeine Gnade und Gunft verſchaffen. Was ſagt Ihr— wollt Ihr Einer von ſeinen Cavalieren ſein? Wenn das iſt, ſo will ich Euch die Eigenſchaften nennen, die ein Mann haben muß: Eine bedächtige Zunge, ein raſches Auge, die neueſte Mode in der Kopfbedeckung und der Schuhe, Vollkom⸗ menheit im Reiten, eine leichte Hand zur Guitarre, eine Stimme zu Liebesliedern und—“ „Von alle dem verſtehe ich weiter nichts als das Rei⸗ ten, mein gnädiger Lord; und wenn Ihr mich nicht ſelber aufnehmen wollt, ſo will ich auch den Lord von Montagn und Northumderland nicht beläftigen.“ tt nur, cht bis igliche Streit⸗ zoſſen⸗ Mar⸗ wenn in, in ht den naduke wick. n an, Zegriff Eure Graf Mein ſicht; e und er von Euch muß: eueſte Kom⸗ „eine Rei⸗ nicht d von 177 „Hitzig und raſch! Nein!— John von Montagu würde nicht für Euch paſſen und Ihr nicht für ihn. Doch weiß ich nicht, wie ich für Euch ſorgen ſoll, bis ich zurückkehre.“ „Darf ich alſo nicht hoffen, an Eurer Geſandtſchaft Theil nehmen zu dürfen, edler Graf?* Warwick zog die Augenbraunen zuſammen und ſah ihn erſtaunt an. „An meiner Geſandtſchaft! Ei, Ihr ſeid in der That hochmüthig! Ja, und das ſoll auch eines Kriegers Sohn und ein Nevile ſein! Ich tadle Euch nicht; aber ich könnte Euch nicht in meinem Gefolge mitnehmen, ohne mir hundert Feinde zu machen— für mich macht das freilich nichts, doch für Euch liegt mehr daran. Wißt Ihr nicht, daß kaum ein Cavalier in meiner Be⸗ gleitung iſt, der unter dem Range des Sohnes eines Pairs ſteht, und durch meine Weigerungen habe ich ſo ſchon manches Mißvergnugen erregt— doch halt! Da iſt mein gelehrter Bruder, der Erzbiſchof von York. Verſteht Ihr Latein und die übrigen Schulwiſſen⸗ ſchaften?“ „Beim Himmel, Mylord,“ ſagte Nevile unumwun⸗ den,„ich ſehe ſchon, es wird beſſer ſein, ich kehre zu den grünen Feldern von Weſtmoreland zurück, denn ich bin ebenſo unpaſſend für den hochwürdigen Erzbiſchof, wie für Lord Montagu.“ „Nun,“ ſagte der Graf trocken.„Da Euer Rang ſich noch nicht für melne Begleitung eignet, noch Eure Politur für Northumberland, noch Euer Witz und Cure Bulwer, Barone. I. 12 178 Gelehrſamkeit fͤr den Erzbiſchof, ſo deule ich, mein guter Jüngling, muß ich Euch wohl in die Umgebung des Königs bringen! Es iſt kein Poſten für ſo ſichere Beförderung und volle Taſchen, wie einer bei mir oder meinen Brüdern; doch werdet Ihr weniger beneidet werden, und es iſt gut für Euren erſten Anfang. Was mag die Uhr ſein? Oh, hier iſt eine von Nick Alwyns Uhren. Er ſagt mir, die Englaͤnder werden es bald den Holländern in dieſen Spielereien gleich thun. Um ſo mehr Schade!— Unſere rothbäckigen Dienſtmannen verwandeln ſich ſehr ſchnell in Handwerksleute mit lan⸗ gen Geſichtern! Wir werden den König innerhalb der nächſten halben Stunde in ſeinem Garten finden. Ihr ſollt mich begleiten.“ Marmaduke ſprach mit mehr Gefühl als Berehſam⸗ keit den Dank aus, den er für ein Anerbieten ſchuldig war, welches, wie er zu ſagen im Begriff war, ſeine Hoffnungen übertraf; doch ſeit ſeiner Abreiſe von Weſt⸗ moreland hatte er hinlängliche Beſonnenheit erlangt, um zweimal über ſeine Worte nachzudenken. Und ſo leb⸗ haft ſtrebte zu der Zeit der junge Adel nach der Ehre eines Poſtens in der Nähe von Warwicks Perſon und ſelbſt bei ſeinen Brüdern, und ſo ſtark war der Glaube, daß die Macht des Grafen das Glück eines jungen Mannes zu befördern oder zu zerſtören, die höͤchſte in England ſei, ſo daß ſelbſt eine Stelle im Haushalt des Königs als eine viel untergeordnetere Stellung ange⸗ ſehen wurde, als eine ſolche, wo Warwick der unmittel⸗ bare Patron und Beſchützer war. Dies war ganz beſonders bei dem ſtolzeren und älteren Adel der Fall, da Ehuard 179 den Verwandten ſeiner Gemahlin große Gunſt erwies und ſich gegen den Rang und die Geburt ſeiner Umge⸗ bung gleichgültig zeigte. Warwick hatte daher die Wahr⸗ heit geſprochen, als er ſein Mitleid mit dem Jüng⸗ ling ausdruͤckte, für den er nicht beſſer ſorgen konnte, als indem er ihm eine Stelle am Hofe ſeines Monar⸗ chen gab. Dann erhielt der Graf einen Bericht von Marma⸗ duke über ſeine frühere Erziehung, ſeine Abhängigkeit von ſeinem Bruder, ſeine Abenteuer auf dem Schützen⸗ platze, ſein Mißgeſchick mit den Räubern und ſelbſt ſeinen Aufenthalt bei Warner— obgleich Marmaduke vorſichtig genug war, Sibylla's Daſein zu verſchweigen. Inzwiſchen ging der Graf mit leichtem und nachläſſigem Schritte im Zimmer auf und ab, indem er jeden Augen⸗ blick ſtillſtand, um über die freimüthige Einfalt ſeines Vetters zu lachen oder eine ſcharffinnige Bemerkung zu machen, die er abſichtlich in dem rauhen Dialekt von Weſtmoreland ausſprach; denn kein Mann erreichte je die Popularität, deſſen ſich der Graf von Warwick er⸗ freute, ohne ein Streben nach der plumpen und ver⸗ trauten Laune, ohne eine gewiſſe Alltäglichkeit des Charakters in ſeinen flacheren und gewöhnlicheren Elgen⸗ thümlichkeiten. Dieſen Zauber, der bei den Großen ſtets von bedeutender Wirkung iſt, beſaß Warwick in großer Vollkommenheit; und an ihm— ſo groß war ſeine an⸗ geborne und unaffektirte Majeſtät des Benehmens und ſo groß der Glanz, der ſeinen Namen umgab— erſchien dies nie rauh oder unpaſſend, ſondern Alles was er that, ſtand ihm vortrefflich. Marmahuke hatte eben ſeine Er⸗ 180 zählung geendet, als nach einem leiſen Klopfen an die Thür, welches Warwick nicht hörte, zwei ſchöne, junge Geſtalten hereinſprangen, den Fremden nicht ſahen und ſich mit der liebkoſenden Vertraulichkeit der Kindheit an Warwicks Bruſt warfen. „Ach, Vater,“ ſagte die Altere von den beiden Mäh⸗ chen, als Warwick zärtlich ihr Haar ſtreichelte.„Du verſprachſt uns in Deiner Barke mitzunehmen, um die Luſtbarkeiten anf dem Fluſſe anzuſehen, und nun wird es zu ſpät ſein.“ „Schließt Frieden mit Euren jungen Couſinen hier,“ ſagte der Graf, ſich zu Marmadufe wendend;„Ihr habt ſie um die Ergötzlichkeit einer Stunde gebracht. Dies iſt meine älteſte Tochter Iſabella; und dies Jüngferchen mit den ſanften Augen und den bleichen Wangen— zu loyal, um ein Blatt von der rothen Roſe zu haben— iſt die Lady Anna.“ Sobald ihr Vater Marmaduke anredete, fuhren die Mädchen aus ſeinen Armen und ihre Geſichter gingen von dem liebkoſenden und kindlichen Ausdruck zu dem ſtattlichen Weſen über, womit man ſie gelehrt, einen Fremden zu betrachten. Dieſe Zurückhaltung, woran Marmaduke gewöhnt war, machte einen weniger feier⸗ lichen Eindruck auf ihn, als die abwechſelnde Heiterkeit und Traurigkeit der phantaſtiſchen Sibylla, und er re⸗ dete ſie mit all der Galanterie an, in deren Anwendung man ihn unterrichtet hatte, indem er ſeine Complimente mit einer Erklärung ſchloß, er wolle lieber den ihm von der Gunſt des Grafen angebotenen Vortheil der Vorſtellung heim Könige aufgeben, als eine ihm nach⸗ 181 theilige Erinnerung bei ſo ſchönen und geehrten Fräulein erwecken. Ein ſtolzes Lächeln zuckte auf einen Augenblick uͤber das hochmüthige, junge Geſicht Iſabella Nevile's; aber die ſanftere Anna erröthete und zog ſich verſchämt hinter ihre Schweſter zurück. Noch waren dieſe Mädchen— geboren zu dem glän⸗ zendſten und beſtimmt zu dem elendeſten Schickſal— in der vollen Blüte der früheſten Jugend; doch der Unterſchied zwiſchen ihren Charakteren war bereits in ihrer Miene und ihrem Geſichte zu bemerken. Iſabella, von hoher und gebieteriſcher Statur hatte in ihren adlerähnlichen Zügen, in ihrem uͤppigen, dunkeln Haar und in dem ſtrahlenden Glanze ihrer Augen einige Ahnlichkeit mit ihrem Vater, während Anna, weniger auffallend, doch nicht weniger liebenswürdig, von kleineren und ſchlan⸗ keren Proportionen, in ihrem hleichen, klaren Geſichte, in ihren taubenäbnlichen Augen und ihrer edlen Stirn einen Ausdruck nachgebender Milde, nicht ohne Schwer⸗ muth, zeigte, tie, vereint mit einer außerordentlichen Symmetrie der Züge nicht umhin konnte, Intereſſe zu erwecken, wo ihre Schweſter Bewunderung in Anſpruch nahm. Doch brachte Marmaduke, als Erwiderung auf ſeine Höflichkeiten, kein Wort von einer von Beiden heraus, auch ſchien weder er noch der Graf es zu erwar⸗ ten; denn der Letztere ſetzte ſich und zog Anna arf ſein Knie nieder, während Iſabella mit ſtattlicher Anmuth zu dem Tiſche ging, worauf ihres Vaters Waffen lagen, und ſpielte gleichſam unbewußt mit dem ſchwarzen Fedex⸗ buſch auf ſeinem ſchwarzen Helm. Dann ſagte der Graf 182 zu Nevile:„Nun, Ihr habt genug von dem Laneaſter⸗ ſchen Gewürm geſehen, um dem Hauſe York treu zu bleiben. Ich wollte, ich könnte eben ſo viel vom Könige ſagen, der bereits den Hof mit jener giftigen Partei überfüllt, der Dame Eliſabeth Gray zu gefallen— dem gebornen Fräulein Woodville und jetzt Königin von England. Ha! Meine ſtolze Jabella, Du würdeſt den Thron beſſer ausgefüllt haben, den Dein Vater gründete!“ Und bei dieſen Worten zeigte ſich ein ſtolzer Schim⸗ mer in dem dunkeln Auge des Grafen, der ſelbſt Mar⸗ maduke das Geheimniß ſeiner früheſten Entfremdung von Eduard dem Vierten verrieth. Iſabella verzog ſchmollend ihre volle Lippe, ſagte aber nichts.„Was Dich betrifft, Anna,“ fuhr der Graf fort, ſo iſt es Schade, daß Mönche nicht heirathen dür⸗ fen— Du würdet beſſer für einen nüchternen Prieſter als einen bewaffneten Ritter gepaßt haben. Beim hei⸗ ligen Georg, ich würde Dich nicht bitten, mir das Wehr⸗ gehänge umzuſchnallen, und wenn die Schlachtroſſe ſchon ſchnaubend vor der Thür ſtünden, doch Iſabella würde ich es anvertrauen, meinen Bruſtharniſch zu befeſtigen.“ „Nein Vater,“ ſagte Anna's leiſe und ſchüchterne Stimme,„wenn Du in die Gefahr gingeſt, ſo würde ich in Allem vorfichtig ſein, was Dich ſchützen koͤnnte!“ „Ei, das iſt mein wackeres Mädchen— küſſe mich! Du haſt jetzt den Biick Deiner Mutter— ja, das haſt Du! und ich will Dich das nächſtemal nicht wieder ſchelten, wenn Du wieder aus Mitleid für Heinrich von Windſor ſanfte Worte des Hochverraths murmelſt.* fü teaſter⸗ ſtreu zu (Könige Partei dem n von würdeſt Vater Schim⸗ Mar⸗ indung ſagte Graf n dür⸗ rieſter hei⸗ t ehr⸗ ſchon pürde gen.* terne pürde te!* 183 „Iſt er nicht zu bemitleibden?— Krone, Gattin, Sohn und Graf Warwicks rüſtiger Arm— Alles iſt für ihn verloren.“ „Nein!“ ſagte Iſabella plötzlich;„nein, liebe Schweſter Anna— und ſchäme Dich ſolcher Worte! Er verlor Alles, weil er weder die Hand eines Ritters, noch das Herz eines Mannes hatte! Übrigens enthauptete Margaretha von Anjou oder ihre Schlächter unſeres Vaters Vater!“ „Und mögen Gott und der heilige Georg meiner vergeſſen, wenn ich jene grauen und blutigen Haare vergeſſe!“ rief der Graf, ſchob Anna etwas unſanft von ſich, that einen Schritt durch das Zimmer und ſtand bei ſeinem Kamine ſtill.„Und doch Eduard, der Sohn Ri⸗ chards von York, welcher an meines Vaters Seite fiel — er vergißt— er verzeiht! Und die Günſtlinge des Lancaſtriers Rivers treten Richard von Warwick auf die Ferſen!“ Bei dieſer unerwarteten Wendung der Unterredung, die, wie ſich erwarten läßt, beſonders unwillkommen für den Sohn eines Mannes ſein mußte, der in der erwähn⸗ ten Schlacht auf der Lancaſterſchen Seite gefochten hatte, fühlte ſich Marmadnke etwas unruhig, wendete ſich zu der Laty ⸗Anna und ſagte mit dem Ernſt des verwun⸗ deten Stolzes:„Ich verdanke Eurem Herrn Vater mehr als ich je gewußt— wie ſehr habe ich es zu erkennen, daß er uͤberſehen hat—“ „Nicht ſo!“ fiel Warwick ein, der ſeine Worte ge⸗ hört hatte—„nicht ſo; Ihr thut mir Unrecht! Euer Vater entſetzte ſich uͤber dieſe Hinrichtungen— Euer 184 Vater entfernte ſich mit Widerwillen von jener ver⸗ fluchten Fahne— Euer Vater war von eben ſo altem und edlem Stamme, wie ich ſelber! Aber dieſe Wooh⸗ villes!— Still! Meine Leidenſchaften uͤberwältigen mich. Wir wollen zum Könige gehen— es iſt Zeit.“ Hier klingelte Warwick mit der Glocke, die auf dem Tiſche ſtand, und beim Eintritte ſeines aufwartenden Kammerdieners befahl er ihm nachzuſehen, ob die Barke in Bereitſchaft ſei; dann winkte er ſeinem Vetter, nickte ſeinen Töoͤchtern zu, nahm ſein Federbaret und ging ſo⸗ gleich in den Garten. „Anna,“ ſagte Iſabella, als die beiden Mädchen allein waren,„Du haſt meinen Vater aufgebracht, und des iſt auch nicht zu verwundern. Wenn die Laneaſtrier hemitleidet werden können, ſo muß der Graf von War⸗ wick verdammt werden!“ „Das iſt unfreundlich von Dir,“ ſagte Anna, Thrä⸗ nen vergießend;„ich kann Leiden und Unglück bemitlei⸗ den, ohne die zu tadeln, deren harte Pflicht es ſein mochte, jene aufzuerlegen.“ „Wahrlich, das kann ich nicht! Du würdeſt be⸗ mitleiden und verzeihen, bis Du keinen Unterſchied zwi⸗ ſchen Freund und Feind— zwiſchen Neigung und Ab⸗ ſcheu gelaſſen. Meine Sache ſei es, gleich meinem großen Vater zu lieben und zu haſſen.“ „Doch warum biſt Du ſo anhänglich an die weiße Roſe?“ ſagte Anna, wenn nicht zur Bosheit, doch zu Schlauheit aufgeregt.„Du weißt, daß es meines Vaters lebhafteſter Wunſch war, daß ſeine alteſte Tochter mit König Etuard vermählt werhen ſollte. Vergiltſt Du nicht 18⁵ Gutes mit Böſem, wenn Du außer dem Hauſe York keine Vortrefflichkeit ſiehſt?“ „Naſeweiſe Anna,“ antwortete Iſabella halb lä⸗ chelnd,„ich werde nicht von Deinen Pfeilen verwundet, denn ich war noch ein kleines Kind, als König Eduard ein Weib ſuchte. Aber wäre ich ärgerlich darüber, wen ſollte ich tadeln? Nicht den König, ſondern die Lanea⸗ ſtrierin, die ihn bezauberte!“ Sie ſchwieg einen Augenblick, wendete ihr Geſicht ab und fügte in leiſem Tone hinzu: Hörteſt Du, Schwe⸗ ſter Anna, ob der Herzog von Clarenee meinen Vater dieſen Vormittag beſuchte?“ „O Jaabella— Iſabella!“ „O Schweſter Auna— Schweſter Anna! Willſt Du alle meine Gebeimniſſe wiſſen, ehe ich ſie ſelber weiß?“ Und Iſabella legte ihre Hand mit der Scherz⸗ haftigkeit ihres Vaters auf Anna's lachende Lippen. Jazwiſchen ging Warwick einige Augenblicke ge⸗ dankenvoll im Garten dahin— denn Garten wurde es genannt, obgleich derſeibe nur aus Beeten von grünem Naſen beſtand, die von Fruchtbaͤumen und noch nicht blühenden, weißen Roſenſtöcken eingefaßt waren— wendete ſich zu ſeinem ſchweigenden Verwandten und ſagte:„Verzeiht mir, Vetter, meinen unnatürlichen Ausbruch gegen Eures tapfern Vaters Partei; aber wenn Ihr eine kurze Zeit am Hofe geweſen ſeid, werdet Ihr ſehen, wo der wunde Fleck iſt. Gewiß, ich liebe dieſen König!“ Hier erhellte ſich ſein finſteres Geſicht! „Ich liebe ihn wie einen König— ja, und auch wie einen Sohn! und wer wollte ihn auch nicht lieben, 186 tapfer, galant, einnehmend und gnädig wie ein Mittag im Sommer? überdies ſetzte ich ihn auf ſeinen Thron — ich ehre mich ſelber in ihm!“ Des Grafen Statur vergrößerte ſich, als er den letzten Satz ausſprach, und ſeine Hand ruhte auf dem Griffe ſeines Dolches. Dann fuhr er mit derſelben küh⸗ nen und unvorſichtigen Offenheit fort, die ſeine uner⸗ ſchrockene, kriegeriſche Natur bezeichnete:„Gott hat mir keinen Sohn gegeben. Iſabella von Warwick iſt die Ehegenoſſin Wiſhelms des Normannen geweſen, und mein Enkel, wenn er ſeines Großvaters Seele erbte, ſollte von dem engliſchen Throne aus die Reiche Karls des Großen beherrſchen! Aber es hat dem gefallen, vor dem ſich der chriſtliche Ritter allein ohne Scham beugt, es anders anzuordnen. Sei es ſo. Ich vergaß meine ge⸗ rechten Anſprüche— vergaß mein Blut und rieth dem Koͤnig, ſeinen Thron durch eine Verbindung mit Ludwig dem Elften feſter zu begründen. Er verwarf die Prin⸗ zeſſin Bona von Savoyen, um die Wittwe Eliſabeth Gray zu heirathen— ich war bekümmert um ſeinet⸗ willen und verzieh ihm die Verachtung meiner Rath⸗ ſchläge. Auf ſeine Bitte ſchloß ich mich dem Gefolge ſeiner Königin an und brachte die ſtolzen Herzen unſerer Barone zum Gehorſam. Aber ſeitdem muß dieſe Dame Woodville, die ich zur Königin machte, mit mir und den Meinigen um dieſes Königreich ſtreiten— ein Ne⸗ vile muß heutigestags ſeinen Federbuſch vor einem Wood⸗ ville ſenken. Und nicht die großen Barone, die Eduards Politik den Laneaſtriern abzugewinnen ſucht, nicht die Exeters und Somerſets— ſondern die gemeinen Diener Mittag Thron 187 und Lakaien und die Hefe des Lagers— gleich falſch gegen Heinrich und Eduard, werden mit Lordstiteln be⸗ ſchenkt und zu Macht und Anſehen gebracht. Junger Mann, ich rede hitzig— Richard Nevile lügt und ver⸗ heimlicht nie. Aber ich rede mit einem Verwandten, nicht wahr? Hört Ihr— Ihr werdet es nicht wieder⸗ ſagen?“ „Eher würde ich meine Zunge mit der Wurzel her⸗ ausreißen.“ „Genug!“ entgegnete der Graf mit beifälligem Lä⸗ cheln.„Wenn ich von Frankreich zurückkehre, will ich mehr mit Euch reden. Inzwiſchen ſeid höflich gegen Jeden— dienfibar gegen Keinen. Nun zum König.“ So redend, ſchob er ſein Obergewand zurück, zog ſeine Mütze über die Stirn und ging zu der breiten Treppe, an deren Fuß fünfzig Ruderer mit ihren Wappenſchildern auf den Schultern in der ungeheuren Barke warteten, die vorn und hinten reich vergoldet war, und worauf ſich ein ſeidenes Zelt befand, worin des Grafen Wappen gewirkt war. Als ſie abſtießen, be⸗ gannen ſechs Muſiker, die in der Nähe des Steuerruders ſtanden, einen langſamen und halborientaliſchen Marſch zu ſpielen, den ohne Zweifel ein Kreuzfahrer mit aus Paläſtina gebracht hatte. Zweites Kapitel. König Eduard der Vierte. Der Tower von London, mehr geeignet, Gedanken an Blut und Leiden, als an Fröhlichkeit und Glanz zu 188 erregen, war dennoch während der Regierung Eduard des Vierten der Sitz eines glänzenden und prachtlieben⸗ den Hofes. Der König, der von Anfang bis zu Ende dem Volk von London ſo theuer war, machte dieſen Ort zu ſeiner vorzüglichſten Refidenz, wenn er ſich in der Heupt⸗ ſtadt aufhielt, und die alten Hallen und Thürme deſſel⸗ ben waren der Schauplatz manches fröhlichen Gelages. Als Warwicks Barke ſich jetzt den ungeheuren Mauern näherte, die ſich aus dem Fluſſe erhoben, ſo lag darin Manches, was entweder aufregen, oder Ehrfurcht ge⸗ bieten konnte, je nach der Stimmung des Zuſchauers. Des Königs Barke nebſt vielen kleineren Fahrzeugen, zum Gebrauch der Hofleute beſtimmt, mit Zelten und Wimpeln, mit Malerei und Vergoldung verſehen, lagen an den Landungsplätzen, nicht weit von dem Sanet Thomasthor, jetzt das Verrätherthor genannt. Auf dem Gange auf der Mauer des inneren Feſtungswerkes gin⸗ gen nicht nur die Schildwachen auf und ab, ſondern auch Damen und Ritter ſchöpften dort um Mittag friſche Luft, und der Schimmer ihrer reichen Kleider von Goldſoff, fiel in häufigen Zwiſchenräumen von Thurm zu Thurm ins Auge. Über dem ungeheuren, runden Thurme hinter dem Verrätherthor, jetzt der Blutthurm genannt, flatterte luſtig im leichten Winde das königliche Banner. In der Nähe des Löwenthurmes leiteten zwei oder drei von den Aufſehern der Menagerie in des Kö⸗ nigs Livrée an einer ſtarken Kette den ungeheuren Bären heraus, der einer der vorzüglichſten Thiere der Samm⸗ lung und ein beſonderer Liebling des Königs und ſeines Bruders Richard war. Die Sherifs von Lonhon waren Horf 189 verbunden, dieſem graͤßlichen Liebling ſeine Kette und ſeinen Strick zu liefern, wenn er geneigte, ſich damit zu unterhalten, im Fluſſe zu baden oder zu fiſchen; und mehre Böte mit neugierigen Zuſchauern lagen in der Nähe des Landungsplatzes, um die Ergöbtlichkeiten des Bären mit anzuſehen. Dieſe Leute ſtießen ein lautes Geſchrei aus:„Warwick! Warwick!— Gott ſegne den wackern Grafen!“ als die prächtige Barke auf die Feſtung zueilte. Der Graf erwiderte ihren Gruß, indem er mit ſeinem Federbaret nickte und indem er an den Aufſehern mit einer heitern Anſpielung für ſein eigenes Wappen Sorge getragen und einem freundlichen Compliment gegen den brummenden Bären vorüberging, trat er ans uUfer und ſein junger Verwandter folgte ihm. Jetzt aber blieb er einen Augenblick ſtehen und ein gedankenvoller Schatten zog über ſein Geſicht, als er, nachläſſig zu der Fahne König Eduards aufblickend, das Fenſter in dem benachbarten Thurme bemerkte, wo der Monarch ſeiner Ingend, Heinrich VI., gefangen ſaß, ſo nahe, daß er faſt die Lußbarkeiten ſeines Nachfolgers hören konnte; dann eilte er mit raſchem Schritte uͤber den ungeheuern Hofplatz an dem weißen Thurme vorbei und erreichte die königliche Wohnung. Hier ließ er in der großen Halle ſeinen Begleiter unter einer Gruppe von Knappen und Herren zurück, welchen er den jungen Nevile als ſeinen jungen Freund und Verwandten förmlich vorſtellte, und wurde von dem ſtellvertretenden Kämmerer mit einer Entſchuldigung wegen der Abweſenheit ſeines Vorgeſetz⸗ ten, des Lord Haſtings, der auf die Falkenbeize ausge⸗ gangen ſei, in den kleinen Garten geführt, wo Eduard IV. 4190 die Zwiſchenzeit zwiſchen dem Mittag⸗ und Abendeſſen müßig hinbrachte— für welche Mahlzeiten der junge König jene unmäßige Neigung zeigte, die allen ſeinen Vergnügungen eigen war, und welche endlich die ſchönſte Perſon zerſtörte, und einen von den kraͤftigſten Geiſtern des Jahrhunderts herabwürdigte. Wenn es dem Garten an Blumen fehlte, ſo wurde ihre Stelle durch die verſchiedenen farbigen Kleider der lebendigen Schönheiten erſetzt, die auf den geraden We⸗ gen und den ebenen Raſen verſammelt waren. Unter einem von jenen zierlichen Kloſtergängen, die erſt kürz⸗ lich nach dem Geſchmack der Zeit erbaut und zierlich de⸗ korirt waren, wurde der Graf auf ſeinem Wege von einer Gruppe von Damen aufgehalten, welche Kegel ſpielten; und eine von dieſen ſchönen Damen, welche die übrigen an Geſchicklichkeit übertraf, hatte eben den mittleren gekrönten Kegel oder den ſogenannten König geworfen. Dieſe Dame, keine geringere Perſon als Eliſabeth, Königin von England, war damals in ihrem ſechsunddreißigſten Jahre— zehn Jahre älter als ihr Gemahl— doch die eigenthümliche Weiße und Zartheit ihrer Geſtchtsfarbe bewahrte ihrer Schönheit das Aus⸗ ſehen und die Blüte der Jugend. Von ihrem hohen Kopf⸗ putz, worin Lilien geſtickt waren und mit einem Diadem von Perlen umgeben, floß ihr hellgelbes Haar, welches damals für eine beſondere Schönheit gehalten wurde, ſo gerade und ſchimmernd über ihre Schultern faſt bis zu den Knieen nieder, daß es wie ein Mantel von Gold erſchien. Die blauen und goldenen Streifen ihrer Tunika bezeichneten ihren koͤniglichen Rang. Das hlaue Ober⸗ —— bendeſſen er junge n ſeinen ſchönſte Geiſtern o wurde ider der den We⸗ Unter ſt kürz⸗ lich de⸗ ge von Kegel welche ben den König ſon als ihrem els ihr artheit Aus⸗ opf⸗ ladem ſelches be, ſo is zu Gold nika pber⸗ 191 gewand von Atlas war mit Hermelin beſetzt und die Armel, die ſich dicht an einen Arm von ausgezeichneten umriſſen anſchloſſen, ſchimmerten von kleinen Perlen. Ihre Geſichtszüge waren gerade und regelmäßig, würden aber ohne einen Ausdruck, mehr der Verſchlagenheit als des Verſtandes, für einfältig gehalten worden ſein— und der hohe Bogen ihrer Augenbrauen nehſt dem ein wenig niedergezogenen ſonſt ſchönen Munde verbeſſerten den Ausdruck nicht durch eine Hinzufügung von eiwas mehr Übermüthigem und Verächtlichem, als etwas Stolzem und Majeſtätiſchem. „Mylord von Warwick,“ ſagte Eliſabeth, indem ſie auf den gefallenen Kegel deutete,„was würden meine Feinde ſagen, wenn ſie hörten, daß ich den Köͤnig ge⸗ ſtürzt?⸗ „Sie würden ſich damit begnügen, zu fragen, wel⸗ chen von Euren Brüdern Ihre Majeſtät wieder an ſeine Stelle ſetzen würden,“ antwortete der kühne Graf, der ſeinen Sarkasmus nicht unterdrücken konnte. Die Königin erröthete und ſah ſich zu ihren Damen mit einem Auge um, welches nicht gerade auf einen Gegenſtand hinblickte, ſondern mit einem verſlohlenen Ausdruck daran vorüberſchweifte und welcher viel dazu beitrug, ſie in den Ruf der Falſchheit und des Eigen⸗ nutzes zu bringen. Ihr Mißfallen wurde noch erhöht, als ſie das ſchlecht verhehlte Lächeln bemerkte, welches dieſe trotzige Antwort erregte. „Nein, Mylord,“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, „wir ſchätzen den Frieden unſers Königreichs zu hoch, um einen ſolchen Ehrgeiz zu hegen. Machten wir einen 192 Bruder auch nur zum Fürſten der Kegel, ſo wuͤrden wir die Hoffnungen eines Nevile vereiteln.“ Der Graf verſchmähte es, den Wortkrieg fortzuſetzen und antwortete kalt:„Die Neviles ſind mehr dadurch berühmt, daß ſie Undankbarkeit erfahren, als daß ſie um Gunſtbezeigungen bitten. Ich überlaſſe Ihre Majeſtät dem Kegeln!“ Hierauf wendete er ſich um und ſchritt auf den König zu, der an dem entgegengeſetzten Ende des Gartens auf einer Bank neben einer Dame ruhte, in deren Ohr er, nach ihrer geſenkten und erröthenden Wange zu urtheilen, keine unwillkommenen Worte fluͤſterte. „Bei Gott!“ murmelte der Graf, der ſelber voͤllig frei von den verliebten Thorheiten des Tatzes war und ſte mit ſo vieler Verachtung betrachtete, daß dadurch oft ſeine natürliche Scharfſicht und ſeine Beurtheilung der Charaktere verdunkelt wurde, und nie mehr, als wenn fie ihn ſpäter dahin führte, die Talente Eduard des Vierten gering zu ſchätzen—„bei Gott! wenn mir ein Zauberer vor der Schlacht bei Touton in ſeinem Glaſe den Garten des Tower, jene Puppe von einer Königin und jenen Damenknecht von König gezeigt hätte, ſo hätte ich nicht mein ſchwarzes Streitroß(den armen Malech) getödtet, um für Eduard, Grafen von March, zu ſiegen oder zu ſterben!“ „Aber ſeht!“ ſagte die Dame, von den verliebten und ſiegreichen Augen des Königs aufblickend;„ſchämt Ihr Euch nicht, Mylord? Der grimmige Graf kommt, Euch wegen Eurer Treuloſigkeit gegen Eure Königin, die er ſo ſehr liebt, zu ſchelten.“ V V 193 „Bei Gott!“ antwortete der König in ärgerlichem Tone,„ich wollte eben ſo lieb verſuchen, durch mein Viſir zu küſſen, als ihn von Ruhm und Touton, von König Johann und dem armen Eduard dem Zweiten reben zu hören, weil ich nicht immer im Harniſch bin. Geht, verlaßt uns, liebliches Fräulein!— Wir müſſen dem weißen Bären allein trotzen!⸗ Die Dame verneigte ſich, zog ihren Mantelkragen um ihr Geſicht und ſchlug den entgegengeſetzten Weg ein von dem, auf welchem Warwick langſam daher ge⸗ ſchritten kam und erreichte die um die Königin verſam⸗ melte Gruppe, deren anſcheinende Freiheit von Eifer⸗ ſucht, die Folge kalter Neigung und kluger Berechnung, eine hauptſächliche Urſache der Herrſchaft war, die ſie über den mächtigen Geiſt und die träge Gemüthsart des heitern und lenkſamen Eduard ausübte. Der König ſtand auf, als Warwick ſich ihm jetzt näherte; und das Erſcheinen dieſer beiden ausgezeichne⸗ ten Perſonen bildete einen ſeltſamen Contraft. Warwick, obgleich reich und ſelbſt prächtig, ja mit aller Sorgfalt gekleidet, welche in jenem Zeitalter als eine gebieteriſche Pflicht betrachtet wurde, die ein Mann von Stande und Geburt ſich ſelber ſchuldig war, legte eine erhabene Ver⸗ achtung gegen Alles, wodurch der Wechſel der Sitte die Bewegungen einſchränkte oher den Mann weibiſch machte. Keine loſe flatternde Gewände— keine Schuhe, die eine halbe Elle zu lang waren— keine Franſen und Flittern charakteriſirten das Erſcheinen des Barons, der ſelbſt im Frieden ſeiner Kleidung ein halb kriegeriſches Ausſehen verlieh. Bulwer, Barone. 1. 194 Aber Ebuard, der, wie alle Fürſten des Hauſes York, die Putzſucht bis zur Leibenſchaft trieb, hatte nicht nur viele von den weibiſchen Moden unter Wilhelm Nufus wieder eingeführt, ſondern fügte auch noch hinzu, was der alten normänniſchen Kleidung einen faſt orien⸗ taliſchen Charakter verlieh. Wie ſein Gewand— ein weibiſches Kleidungsſtück, welches bei Männern des höchſten Ranges nicht nur den Mantel, ſondern auch den Oberrock verdrängt hatte— fiel bis zu ſeinen Ferſen nieder, war mit Hermelin beſetzt und mit Stickereien verſehen, welche in großen karmeſinrothen Blumen auf Goldſtoff geſtanden. Darüber trug er einen Halskragen von Hermelin und ein Halsband von ungeſchliffenen Ju⸗ welen in Golddraht eingefaßt; ſeine Beine waren frei⸗ lich mit dicht anſchließenden Beinkleidern bedeckt, doch die Falten ſeines Gewandes waren, da das Wetter etwas friſch war, um ihn zuſammengezogen, ſo daß der ein⸗ zelne Theil ſeiner Kleihung, der wirklich das männliche Geſchlecht bezeichnete, verborgen war. Um dieſes un⸗ kriegeriſche Ausſehen noch zu vermehren, wallte Eduards Haar, welches von goldgelber Farbe war und die Luft umher mit Wohlgerüchen erfüllte, nicht in Locken, ſon⸗ dern gerade auf ſeine Schultern nieder, und die Wange der ſchönſten Dame ſeines Hofes wurde von der blen⸗ denden Klarheit ſeiner Geſichtsfarbe übertroffen, die zu⸗ gleich von Geſundheit und zarter Jugend ſtrahlte. Doch ungeachtet aller dieſer weibiſchen Eigenſchaften war das Erſcheinen Eduards des Vierten durchaus nicht weibiſch. Davor wurde es bewahrt durch eine Natur, nicht viel weniger gebieteriſch als die Warwicks ſelber, durch die auſes nicht lhelm hinzu, brien⸗ ein h des ſch den Ferſen ſereien n auf kragen en Ju⸗ n frei⸗ „ doch etwas er ein⸗ unliche es un⸗ duards ie Luft 1, ſon⸗ Wange r blen⸗ die zu⸗ . Doch var das eiibiſch. cht viel arch die 195⁵ große Stärke und Breite der Schultern, ſo wie auch durch freilich ſchöne, aber vorherrſchend männliche Züge, die groß und kühn in ihren Umriſſen waren und in ihrem Ausdruck alle die Tapferkeit und Kühnheit zeigten, die dem glühendſten Krieger nach Warwick und dem fähigſten Anführer des Zeitalters ohne Ausnahme eigen waren. „Willkommen— herzlich willkommen, lieber Vetter Warwick,“ ſagte Eduard, als Warwick ſein ſtolzes Knie ein wenig vor dem König beugte;„Euer Bruder, Lord Montagu, hat uns ſo eben verlaſſen. Ich wollte, unſer Hof gewährte Euch denſelben Genuß, wie ihm.“ „Theurer und geehrter Lehnsherr,“ antwortete War⸗ wick, deſſen Stirn ſich ſogleich glättete, denn ſeine zärt⸗ liche, obgleich haſtige und reizbare Natur war ſelten feſt gegen die freundliche Stimme und das einnehmende Lä⸗ cheln ſeines jungen Monarchen,„könnte ich Euch je am Hofe dienen, wie ich es beim Volke kann, ſo würdet Ihr Euch nicht beklagen, daß Johann von Montagu ein beſſerer Hofmann ſei, als Richard von Warwick. Aber Jeder nach ſeinem Beruf. Ich reiſe morgen nach Calais ab und von dort zu König Ludwig. Und gewiß konnte kein Geſandter einen beſſeren Willkommen erwarten, als einer, welcher ermächtigt iſt, ein Bündniß zu ſchließen, welches einem Prinzen, der hoffentlich ſein Glück ver⸗ dient, die Schweſter des tapferſten Monarchen im chriſt⸗ lichen Europa gewährt.“ „Pfui, pfui über Eure Schueichelei, mein Vetter, obgleich ich geſtehen muß, daß ich ſie durch meine Klage über Eure Vernachläſſigung des Hoflebens hervorgerufen habe, Doch Ihr habt Euren Auftrag erſt halb erfahren, 196 guter Warwick, und es iſt gut, daß Margaretha Euch nicht hörte. Iſt der Prinz von Frankreich nicht mehr zu beneiden, daß er eine ſchöne Dame gewinnt, als daß er einen glücklichen Krieger zum Schwager gewinnt?“ „Mein Lehensherr,“ verſetzte Warwick lächelnd,„Ihr wißt, ich bin ein ſchlechter Beurtheiler der ſchönen Wange einer Dame, obgleich ich die Tapferkeit eines Kriegers ſehr wohl verſtehe. Auf jeden Fall iſt Lady Margaretha in ihrer vortrefflichen Schönheit wohl wür⸗ dig, Mutter tapferer Männer zu werden.“ „Und das iſt Alles, was wir von Euren ſtrengen Lippen herausbringen können, eiſerner Mann. Nun, das muß uns genügen. Aber zu ernſteren Dingen.“ Hierauf lehnte der König ſeine Hand auf des Grafen Arm, ging lang⸗ ſam auf der Terraſſe auf und ab und fuhr fort:„Wißt Ihr nicht, Warwick, daß dieſe franzoͤftſche Verbindung, wozu Ihr uns bewogen habt, unſern guten Bürgern von London ſehr mißfällig iſt?“ „Bei Gott!“ erwiderte Warwick raſch,„und was haben die Flachmützen mit der Verbindung der Schweſter des Königs zu thun? Müſſen ſie ihren Segen zu den Verbindungen der Bourbons und Plantagenets geben? Pah! Ihr habt ſie verzogen, mein guter Herr und Kö⸗ nig— Ihr habt ſie verzogen durch Eure Herablaſſung. Heinrich der Vierte ſtählte nicht ſeine Majeſtät zu Be⸗ rathungen mit dem Mayor ſeiner Hauptſtadt. Heinrich der Fünfte gab den Heroen von Agincourt den Bath⸗ orden und nicht den Verkäufern von Tuch und Spezereien.“ „Ach, meine armen Ritter von Bath!“ ſagte Eduard gut gelaunt,„wollt Ihr nicht dieſe Wunde ruhig heilen ern von nd was hweſter zu den geben? nd Kö⸗ laſſung. zu Be⸗ Heinrich Bath⸗ ereien.“ Eduard g heilen 197 laſſen? Geſteht Ihr nicht zu, daß die Männer ihre Ver⸗ dienſte hatten?“ „Welches die Verdienſte waren, weiß ich nicht,“ antwortete der Graf,„wenn ſtie nicht vielleicht hübſche junge Weiber hatten!“ „Ihr thut mir Unrecht, Warwick,“ ſagte der König nachläſſig;„Frau Cook war verwachſen, Frau Philips eine Großmutter, Frau Jocelyn hatte ihre Vorderzähne verloren und Frau Waer ſah zugleich nach ſieben Rich⸗ tungen! Aber, Mann, Ihr vergeßt die Veranlaſſung zu dieſen Ehrenbezeigungen— es war am Abend vor Eliſabeths Krönung, und es war nicht mehr als recht, die City von London ihre Ehre ertheilen zu laſſen. Übrigens,“ fuhr der König ernſthaft und mit Würde fort,„verdanke ich und mein Haus London viel. Als die Pairs von England, außer Euch und Euren Freunden, ſich von meiner Sache getrennt hatten, war London ſtets loyal und treu. Ihr ſeht nicht, mein armer Warwick, daß dieſe Bürger durch den Verfall der höheren Klaſſen zur Macht gelangen, und wenn das Schwert das Mittel des Monarchen iſt, ſich Recht zu verſchaffen, ſo muß die zufriedene und geehrte Induſtrie ſein Schild im Frieden ſein. Dies iſt Politik— Politik, Warwick, und Ludwig der Elfte wird Euch dieſelben Wahrheiten ſagen, ſo verletzend ſte auch für das Ohr eines Kriegers find.* Der Graf verbeugte ſich hochmüthig und antwortete kurz aber mit rührender Anmuth:„Moͤge es Euch ſtets gewährt ſein, edler König, zu herrſchen, wie es Euch beliebt und mir, mit meinem Blute zu vertheidigen, was mein Kopf nicht billigt. Aber wenn Ihr die Weisheit 198 dieſer Verbindung bezweifelt, ſo iſt es noch nicht zu ſpät. Laßt mich mein Gefolge entlaſſen und nicht über die See gehen. Wenn Euer Herz der Heirath nicht beiſtimmt, ſo iſt das Band, welches ich ſchließe, nur von dünnen Fäden und Spinngeweben gemacht.“ „Nein,“ entgegnete Eouard unentſchloſſen,„in dieſen großen Staatsangelegenheiten iſt Euer Verſtand dem meinen überlegen, aber die Leute ſagen, der Graf von Charolois iſt ein mächtiger Lord und die Verbindung mit Burgund wird für Schifffahrt und Handel vortheil⸗ haft ſein.“ „Dann in Gottes Namen, ſchließt ſie ab!“ ſagte der Graf haſtig, indem ein dunkles Feuer in ſeinen Au⸗ gen glühte, ſo daß Eduard, der ihn beobachtete, ſein Geſicht veränderte,„nur verlangt nicht von mir, mein Lehnsherr, daß ich eine ſolche Heirath begünſtigen ſoll. Der Graf von Charolois kennt mich als ſeinen Feind— es wäre Schande für mich, mich zu ſcheuen, meine Liebe und meinen Haß frei auszuſprechen. Jener ſtolze Dumm⸗ kopf beleidigte mich einſt, als wir uns am Hofe ſeines Vaters trafen— und der höchſte Wunſch meines Herzens iſt, die Beleidigung mit meiner Streitaxt zu bezahlen. Gebt Enre Schweſter dem Erben von Burgund und ver⸗ zeiht mir, wenn ich zu meinem Schloſſe Middleham abreiſe.“ Eduard wurde durch dieſe ſcharfe Antwort verwundet und war im Begriff zu antworten, wie es der Majeſtät eines Königs zukam, als Warwick bedächtiger fortfuhr: „Doch bedenkt Euch wohl, Heinrich von Windſor iſt Euer Gefangener, aber ſeine Sache leht in Margaretha rſpät. ie See immt, ünnen „„in rſtand Graf ndung rtheil⸗ ſagte n Au⸗ . ſein „mein m ſoll. ind— e Liebe dumm⸗ ſeines derzens zahlen. id ver⸗ dleham wundet ajeſtät tfuhr: dſor iſt garetha 199 und ſeinem Sohne. Es iſt nur eine Macht in Europa, die Euch drohen kann, den Laneaſtriern Hülfe zu leiſten, und dieſe Macht iſt Frankreich. Machet Ludwig zu Eu⸗ rem Freund und Bundesgenoſſen und Ihr gebt Frieden Eurem Leben und Eurer Nachkommenſchaft; macht Lud⸗ wig zu Eurem Feind und Ihr kennt auf Complotte, Hin⸗ terliſt und Verrath— auf unruhige Tage und ſchlaf⸗ loſe Nächte rechnen. Schon habt Ihr eine Gelegenheit verloren, Euch jenes liſtigſten und ruheloſeſten Fürſten zu verſichern, indem Ihr die Hand der Prinzeſſin Bona ausſchluget. Zum Glück kann jetzt dieſer Verluſt wieder gut gemacht werden. Aber eine Verbindung mit Burgund iſt Krieg mit Frankreich— tödtlicher Krieg, weil Lud⸗ wig ein Mann iſt, der ihn nicht erklärt— ein Krieg, der durch Intriguen, Beſtechung, durch Spione und Günſtlinge geführt wird, bis irgend eine Unzufrieden⸗ denheit die Stunde reift, wo der junge Eduard von Lan⸗ eaſter mit der Oriflamme und der rothen Roſe an Euren Küſten landen wird— mit franzöfiſchen Soldaten und engliſchen Mißvergnügten. Wolltet Ihr dann Hülfe von Burgund erwarten?— Burgund wird genng zu thun haben, ſeine eigenen Grenzen vor dem nie ſchlummern⸗ den Ludwig zu wahren. Eduard, mein König, mein Zögling in den Waffen— Eduard, mein geliebter, mein geehrter Lehensherr, verzeiht Richard Nevile ſeine Ge⸗ rabheit und laßt nicht ſeine Fehler ſeinen Rathſchlägen in den Weg treten.“ „Ihr habt Recht, wie immer— Ihr Schutz Eng⸗ lands und Pfeiler meines Staats,“ ſagte der König freimüthig, indem er den Arm hrückte, den er noch feſt⸗ hielt.„Geht nach Frankreich und ordnet Alles, wie Ihr wollt.* Warwick verbeugte ſich tief und küßte die Hand ſei⸗ nes Monarchen.„Und,“ ſagte er mit faſt traurigem Lächeln,„wenn ich fort bin, will da mein Lehensherr nicht bereuen, nicht übel von mir denken, nicht auf meine Feinde hören, oder ſich durch Seufzer von Kaufmann und Mayor zu den Handwerksleuten von Flandern zu⸗ rückbringen laſſen?“ „Warwick, Ihr denkt ſchlecht von der königlichen Geſinnung Eures Königs.“ „Nicht von Eurer königlichen Geſinnung, doch eine gnädige Eigenſchaft, Euch dem Rathe Eurer Sklaven hinzugeben, macht oft, daß ich für Eure Feſtigkeit be⸗ ſorgt bin, wenn Euer Wille durch Euer Herz gewonnen wird. Und nun, mein guter Lehensherr, verzeihet mir noch ein Wort. Verhüte Gott, daß ich Eurer fürſtlichen Gunſt im Wege ſtehen ſollte, das Geſicht eines Königs iſt eine Sonne, die über Alle ſcheinen ſollie. Aber be⸗ denkt Euch wohl, die Barone Englands ſind ein hals⸗ ſtarriges und hochmüthiges Geſchlecht; reizet nicht Eure maͤchtigſten Pairs durch zu kalte Vernachläſſigung ihrer früheren Dienſte und durch zu verſchwenderiſche Geſchenke an neue Emporkömmlinge.“ „Ihr zielt auf Eliſabeths Verwandtſchaft,“ fiel Eduard ein, indem er ſeine Hand von dem Arm ſeines Miniſters zurüͤckzog,„und ich ſage Euch ein⸗ für alle⸗ mal, daß ich lieber zu meiner Grafſchaft March zurück⸗ kehren wollte, mit dem Rechte eines Unterthanen, zu ehren wo er liebt, als eine Krone tragen und ein Scey⸗ Ihr ſei⸗ igem sherr neine nann n zu⸗ lichen eine laven t be⸗ aunen t mir lichen önigs r be⸗ hals⸗ Enre ihrer henke fiel ſeines alle⸗ rrück⸗ n, zu 204 ter ſchwingen, ohne das unbeſtrittene Vorrecht eines Königs, die Verwandtſchaft und das Blut Derjenigen zu adeln, die er ſeines Thrones für würdig gehalten hat. Was die Barone betrifft, mit deren Zorn Ihr mir droht, ſo verbanne ich ſie nicht— wenn ſie in Mißmuth von meinem Hofe gehen— nun, ſo mögen ſie ſich ärgern, bis ſie wieder freundlich werden!“ „König Eduard,“ ſagte Warwick mißmuthig,„er⸗ probte Dienſte verdienen nicht dieſe Verachtung. Nicht weil es die Verwandten der Königin find, bedaure ich es, Land und Ehre an Leute verſchwenden zu ſehen, die ſo wenig in den Boden eingewurzelt find, daß der erſte Hauch der Kriegstrompete ſie in die Winde zerſtreuen wird. Doch was mich hekuͤmmert, iſt, zu bemerken, daß die, welche gegen Euch gefochten haben, Denen vorgezo⸗ gen werden, welche für Eure Sache Gut und Blut aufs Spiel geſetzt haben. Seht Euch an Eurem Hofe um; wo find die Maͤnner des blutigen York und des ſiegreichen Touton?— Unbelohnt, mürriſch in ihren Feſten— von ihren Anhängern und Dienſtmannen umgeben. Ihr ſteht — Ihr, der Erbe von York— faſt allein— mit Aus⸗ nahme wo die Neviles(welche Euer Hof auch einſt zu entehren und zu entfernen ſuchen wird) ihre alten Kameraden in den Waffen durch ihren bevorſtehenden Fall beunruhigen— Ihr ſtieht faſt allein unter den Günſt⸗ lingen, Anhänger von Lancaſter. Liegt keine Gefahr darin, Männern zu beweiſen, daß es Nachtheil bringt, ihnen gebient zu haben— daß es Belohnung und Gnade bringt, gegen Euch gekämpft zu haben?“ „Genug davon, Vetter,“ verſetzte der König mit 20² einer Anſtrengung, ſeine Feſtigkeit zu behaupten. In dieſem Punkt können wir nicht übereinſtimmen. Nehmt ſonſt Alles, was Ihr wollt der Königswürde— ſchließt Verträge und Vermählungen— macht Frieden oder er⸗ klärt Krieg; aber verkürzt mir nicht mein liebſtes Vor⸗ recht, zu geben und zu vergeben. Und nun, wollt Ihr V da bleiben und mit uns zu Abend ſpeiſen? Die Damen werden ungeduldig über eine Unterredung, die den ſtatt⸗ lichſten Ritter— ſeit die Tafelrunde zu Brennholz zer⸗ ſpalten wurde— ihren Augen vorenthält.“ „Nein, mein Lehensherr,“ ſagte Warwick, den eine Schmeichelei ſolcher Art mehr ärgerte als beſänftigte, „ich habe noch viel mit den Vorbereitungen zu thun. Ich überlaſſe Eure Majeſtät ſchöneren Huldigungen und be⸗ zaubernderen Rathſchlägen, als die meinigen ſind. Bei dieſen Worten küßte er des Konigs Hand und wollte ſich entfernen, als er ſich ſeines jungen Verwandten erin⸗ nerte, deſſen untergeordnete Intereſſen er bei dieſen wich⸗ tigeren Gegenſtänden bisher ganz vergeſſen hatte und fügte hinzu: da Ihr ſo gnädig gegen die Lancaſtrier ſeid, darf ich da um eine Gnade für meinen Namensvetter bitten? Es iſt ein Nevile, deſſen Vater die Partei be⸗ reute, die er erwaͤhlt— ein Sohn des Sir Guy von Arsdale.“. „Ei,“ ſagte der König boshaft lächelnd,„es gefällt uns ſehr, daß es dem warmen Herzen unſers Vetters Warwick leichter iſt, ſeinem Koͤnige ſtrenge Grundſätze zu predigen, als ſie in ſeinen eigenen Handlungen anzu⸗ wenden!“ „Ihr verkennt mich, Sire. Ich bitte nicht darum, . In Nehmt ſchließt der er⸗ 8 Vor⸗ Ult Ihr Damen in ſtatt⸗ ſolz zer⸗ pen eine uftigte, sun. Ich und be⸗ d. Bei ollte ſich en erin⸗ en wich⸗ atte und rier ſeid, ensvetter artei be⸗ zuy von s gefällt Vetters rundſätze en anzu⸗ darum, 20³ daß Marmaduke Nevile vornehmeren und älteren Män⸗ nern vorgezogen— ich bitte nicht darum, daß er zum Baron und Pair gemacht werde— ich bitte nur, daß, da er ein junger Cavalier iſt, der ſelber keinen Antheil an dem Kriege genommen und deſſen Vater ſeinen Fehler bereute, Eure Majeſtät möchten Euer Gefolge durch einen alten Namen und einen getreuen Diener verſtärken. Doch ich hätte mich erinnern ſollen, daß der Name Ne⸗ vile ſeiner Beförderung hinderlich ſein würde.“ „Erlebte man je ein ſo haſtiges Temperament?“ fragte Eduard, nicht ohne Grund.„Nun, Warwick, Ihr ſeid einem Scherz eben ſo ſehr abgeneigt, wie ein Weib dem guten Rath. Eures Vetters Glück ſoll meine Sorge ſein. Ihr ſagt, Ihr habt Feinde, ich weiß nicht, wer die ſein mögen. Doch um zeigen, was ich von ihnen denke, mache ich Euren Namensveiter und Schützling zu meinem Kammerherrn. Wenn Warwick falſch gegen Eduard iſt, ſo mag er nicht vergeſſen, daß Warwicks Vetter einen Dolch trägt, der Tag und Nacht im Be⸗ reiche des königlichen Herzens ig.“ Dieſe Rede wurde mit ſo edler und rührender Freunb⸗ lichkeit in Stimme und Benehmen ausgeſprochen, daß der Graf ſehr gerührt wurde, ſeinen Monarchen mit naſſen Augen anſah, und nur ſo viel ſagte:„Eoduard, Ihr ſeid König, Ritter, Cavalier und Soldat, und wahr⸗ lich, ich liebe Euch am meiſten, wenn mein ſtürmiſcher Eifer Euch am meiſten ärgert.“ Hierauf wendete er ſich mit offenbarer Bewegung ab, ging an der Königin und den jungen Damen mit demüthigerer Huldigung als vor⸗ her vorüber und verließ den Garten. Eduards Auge folgte 2⁰⁴4 ihm finnend. Der freimüthige Ausbruck verſchwand von ſeinem Geſicht und mit dem tiefen Athemzuge eines Mannes, der eine Laſt von ſeinem Herzen wirft, mur⸗ melte er:„Er liebt mich— ja— aber will Niemand anders geſtatten, mich zu lieben! Dies muß einſt ein Ende nehmen. Ich bin der Sklaverei überdrüſſig.“ Darauf näherte er ſich langſam den Damen und höͤrte ſchweigend, doch dem Anſcheine nach nicht mit Miß⸗ fallen, die heftigen Bemerkungen der Königin über die gebieteriſche Stimmung und die reizbare Gemüthsart des eiſenhändigen Hüters ſeines Thrones an. Drittes Kapitel. Das Vorzimmer. Als Warwick durch die Thür ging, die aus dem Garten führte, berührten ſeine Kleider die eines jungen Mannes, deſſen blau und golden geſtreifte Kleidung ſeine Verwandtſchaft mit dem Könige andeutete und der, ob⸗ gleich viel weniger majeſtätiſch als Eduard, eine hinläng⸗ liche Familienähnlichkeit beſaß, um für eine ſehr huͤbſche und gewandte Perſon zu gelten. Aber ſeinem Geſicht fehlte der offene und furchtloſe Ausdruck, welcher dem des Königs einen ſo männlichen und heroiſchen Charakter verlieh. Die Geſichtszuüge waren kleiner und weniger deutlich ausgeprägt und ein Beobachter von Phyſiogno⸗ mien würde viel Schwaches und Unentſchloſſenes in den hellblauen Augen und lächelnden Lippen gefunden haben, die ſich nie feſt über ſeine Zaͤhne ſchloſſen. Er trug nicht & D GU SAeanAͤnͤe nen is dem jungen ng ſeine er, ob⸗ inlaͤng⸗ hüͤbſche Geſicht eer dem darakter weniger ffiogno⸗ 3 in den haben, ug nicht 20⁵ das lange Gewand, welches damals ſo ſehr in der Mode war, ſondern ſeine leichte Geſtalt zeigte ſich vortheil⸗ haft in einer dicht anſchließenden Kleidung, die bis halb über die Schenkel herunterging und unten und am Kra⸗ gen mit Hermelin beſetzt war. Die Ärmel waren auf⸗ geſchlitzt, ſo daß das weiße Hemd darunter zu ſehen war, und mit goldenen Knöpfen und Schleifen verziert. Über dem linken Arm hing eine reiche Jacke von Pelz und Sammt, welche einige Aehnlichkeit mit der der heutigen Huſaren hatte. Sein Hut oder Mütze war hoch und einer Tiara ähnlich mit einer einzigen weißen Feder verſehen, und um ſein Knie trug er den Hoſenbandorden. Obgleich die Kleidung dieſes Mannes viel weniger weibiſch war als die des Königs Eduard, ſo war es doch ſein ganzes Weſen viel mehr— zum Theil vielleicht, weil ſeine Ge⸗ ſtalt viel weniger muskuloͤs war und zum Theil wegen ſeiner außerordentlichen Jugend; denn Georg, Herzog von Clarence, war damals, obgleich nicht nur in die Beluſtigungen, ſondern auch in alle Intriguen des Hofes eingeweiht, erſt in ſeinem achtzehnten Jahre. Indem der junge Prinz ſeine Hand, wovon alle Finger von Juwe⸗ len ſchimmerten, auf des Grafen Schulter legte, ſagte er leiſe:„Halt! ein Wort in Ener Ohr, ehler Warwick!“ Der Graf, welcher nach Eduard Clarence von ſeinem fürſtlichen Hauſe am meiſten liebte und der den Letzteren ſtets ſo gelehrig fand als der Andere, wenn die Laune oder Neigung ſich ſeiner bemächtigte, unbengſam war, nahm bei dem Gruß des Herzogs ein vertrauliches Lächeln an und ließ ſich voß dem jungen Prinzen von der Gruppe der Hofleute, womit das 206 Zimmer augefüllt war, in die Vertiefung eines großen Fenſters ſühren. Indem ſie ſich ſo unterredeten, wech⸗ ſelten die Hofleute Blicke und manches Auge wurde in Furcht und Haß auf die ſtattliche Geſtalt des Grafen ge⸗ richtet; denn dieſe Hofleute beſtanden größtentheils aus den Verwandten und Freunden der Königin, und obgleich ſie nicht offen die Bosheit zu ſagen wagten, womit ſie Warwicks erhabene Verachtung erwiderten, ſo wie den unverſtellten Nelb über ſein neues Glück, ſo hörten fie doch nicht auf, ſeine baldige Erniedrigung und ſeinen Fall zu hoffen, indem ihnen wenig daran lag, welches Ungewitter das Reich zerſtöre, wenn es nur die Rieſen⸗ eiche entwurzelte, die noch immer einigermaßen ihr Sonnenlicht verdunkelte und ihr Wachsthum hemmte. Unter dieſen waren, obgleich ſeltener, Männer von ſtär⸗ kerer Art und edlerer Geburt— einige alte Freunde von dem großen Vater des Königs— und dieſe, die ſich ſtrenge und hochmüthig von der Heerde entfernt hielten, betrach⸗ teten Warwick mit derſelben ehrerbietigen und doch zärt⸗ lichen Bewunderung, die er den Dienſtmannen, den Landleuten und den Handwerkern einflößte; denn in jenem zunehmenden, aber ruhigen Kampfe der Bürger, wie es oft in eiviliſirteren Zeiten geſchehen wird, waren die große Akiſtokratie und das Volk in ihrer Neigung ſehr einig, obgleich mit ſehr verſchiedenen Zwecken, und die mittlere und handelnde Klaſſe, bei welcher des Grafen Streben nach franzöſiſcher Verbindung und ſeine Ver⸗ achtung des Handels ſeine Beliebtheit ſehr geſchwächt hatte, theilte allein nicht den Enthuſiasmus ihrer Lands⸗ leute für den löwenherzigen Miniſter. Dennoch muß ihr 4 oßen wech⸗ de in en ge⸗ s aus Pgleich it ſie bie den en ſie ſeinen velches ieſen⸗ len ihr emmte. n ſtär⸗ nde von ſtrenge hetrach⸗ ch zärt⸗ n, den enn in Bürger, waren teigung en, und Grafen ne Ver⸗ chwächt Lands⸗ nuß ihr 207 zugeſtanden werden, daß die Erhebung von Eliſabeths Verwandtſchaft ein viel verſtändigeres und gebildeteres Geſchlecht in die Hofgunſt einführte, als ſeit vlelen Ge⸗ nerationen auf einem ſo ungeeigneten Boden geblüht hatte, und in dieſer Fehde des Vorzimmers beſtrafte der Stolz auf Erziehung und Geiſt mit gerechterem Sarkas⸗ mus den Stolz auf Geburt und kräftige Muskeln. Unter denen, die dem Grafen gegenüber ſtanden und in allen Eigenſchaften faͤhig waren, das Ober⸗ haupt eines neuen Aufruhrs zu werden, ſtand in dem Augenblick in der Mitte des Zimmers Anton Wood⸗ ville, und vermöge des Rechts einer reichen Erbin, die er geheirathet, Lord Seales genannt. Wie wenn ein furchtbarer Feind auf die Weiden tritt, wo die Schaf⸗ heerde weidet, ſich dieſe laugſam um ihren Anführer ver⸗ ſammelt— ſo zog ſich die Partei der Königin langſam und nach und nach um dieſen vollendeten Cavalier bei Warwicks verlängertem Aufenthalt zuſammen. „Wahrlich!“ ſagte Lord Seales mit etwas affektirter Botonung der Stimme,„die Vereinigung des Bären und des jungen Löwen iſt eine ſchreckliche Vorbedeutung, und ich wünſchte ſehr die Erklärung eines weiſen Aſtro⸗ logen darüber zu haben.“ „Man ſagt,“ bemerkte einer von den Hofleuten, „daß der Herzog von Clarence große Neigung für die Beſitzungen oder die Perſon der Lady Iſabella hegt.“ „Ein ganz hübſches, junges Fräulein,“ entgegnete Anton, obgleich ihre Züge etwas zu ſehr markirt ſind. Auch iſt ſie ohne Zweifel gänzlich unbeleſen, was Schade wäre, da Georg von Clarence einen hübſchen Geſchmack 208 an den Künſten und der Poeſie hat. Aber wie Oeeleve ſagt, würden: „Gold, Silber, Juwelen, Tuch, Betten und Schmuck“ den liebenswürdigen Georg in ein noch häßlicheres Ge⸗ ſicht als die hochnäfige Iſabella, und unbekannt mit dem Buchſtabiren oder dem Leſen, wie das Fräulein gewiß iſt, verliebt machen, darauf will ich mein beſtes Schlacht⸗ roß gegen eines Schneiders Hütſche wetten.“ „Siehſt Du jenen ungeputzten Papagei?“ flüſterte der Lord Sir John einem von ſeinen Kameraden von Touton zu, als ſie an die Wand gelehnt, Antons ſar⸗ laſtiſchen Bemerkungen und das Lachen der Hofleute hörten, die ihre Geſichter und ihre Stimmung nach ihm richteten.„Iſt die Zeit ſo aus dem Gelenk, daß Junker Anton Woodville in des Köͤnigs Vorzimmer wagen darf, ſeine ſchäbigen Witze über die Erbin von Salisbury und Warwick zu machen?“ „Und von Buchſtabiren und Leſen ſchwatzen, als ob das die Cardinaltugenden wären,“ entgegnete ſein müur⸗ riſcher Gefährte.„Bei der heiligen Jungfrau! ich habe zwei ſchöne Töchter zu Hauſe, die demnach wohl keine Männer bekommen werden, denn ſie können ſpinnen und keuſch ſein— zwei mädchenhafte Eigenſchaften, die mit der weißen Roſe aus der Mode gekommen zu ſein ſcheinen.“ Ohne die Aufmerkſamkeit, die ſie erregten, zu beach⸗ ten, fuhren Clarenee und Warwick fort, ſich noch leb⸗ hafter mit einander zu unterreden. „Nein, Georg, nein,“ ſagte der Graf, der als Ab⸗ kömmling von Johann von Gaunt und als Verwandter „»& A—= S———-,„» Deeleve V nuck“ tes Ge⸗ mit dem n gewiß Schlacht⸗ flüſterte den von ons ſar⸗ Hofleute nach ihm 5 Junker gen darf, bury und n, als ob ein mür⸗ ich habe pvohl keine unen und ften, die en zu ſein zu beach⸗ noch leb⸗ r als Ab⸗ erwandter 209 des Koͤnigs im Ptivatgeſpräch die Vertrautheit eines Vaters gegen die Prinzen von York anwendete, obgleich er bei oͤffentlichen Gelegenheiten und wenn Andere es hörten, gefliſſentlich ihren Nang bezeichnete—„nein, Georg, beruhigt Eure Hitze um Eures Bruders und Englands willen. Es thut mir aber ſehr leid um Euch, daß die Königin ſelbſt Euch in ihrer trotzigen und un⸗ weiblichen Laune nicht verſchont. Aber es liegt ein Zau⸗ ber hierin, das glaubt mir, der früher oder ſpäter ver⸗ verſchwinden wird, wenn unſer köͤniglicher Ebuard ſeine Sinne wieder bekommt.“ „Zauber!“ ſagte Clarence,„denkt Ihr in der That, daß ihre Mutter Joequetta den König behert hat? Wenn ein Wort von Eurem Glauben an ſolche Zauberei unter dem Volke ſich verbreitete, ſo würde bald derſelbe Sturm ſich erheben, der Eleonore Cobham aus Herzog Hum⸗ phrey’s Bett eutfernte.“ „Wahrlich,“ ſagte der Graf gleichgültig, ich üer⸗ laſſe ſolche ernſte Fragen den Prälaten und Prieſtern; der Zauber, von dem ich ſprach, iſt der eines ſchönen Geſichts über ein eitles Herz; und Eduard iſt kein ſo beſtändiger Liebhaber, daß dies nicht endlich aufhören ſollte!“ „Es wundert mich ſehr, mein ebler Veiter, daß Ihr den Hof zu dieſer Zeit verlaßt. Das Herz der Kö⸗ nigin iſt füͤr Burgund— der Haß der Stadt gegen Frank⸗ reich— und wenn Ihr einmal fort ſeid, ſo fürchie ich, wird der König ſich überreden laſſen, meine Schweſter mit dem Grafen Charolois zu verbinden.“ „Ha!“ rief Warwick mit lautem Fluche, der durchs Dulwer, Barone. I. 14 Zimmer ſchallte und worüber jebes Ohr erſchrak, wel⸗ ches es hörte. Dann bemerkte er ſeine Unbeſonnenheit, ſprach in tiefem und leiſem Geflüſter und ergriff faſt heftig des Prinzen Arm. „Könnte Eduard ſo meine Geſanbtſchaft verachten — ſo ſein Spiel mit meiner Treue treiben— mich ſo in den Augen der Chriſtenheit verſpotten, ſo würde ich — ich würde—“ er ſchwieg, ließ den Herzog los und fügte mit veränderter Stimme hinzu:„ich würde ſein Weib und ſeine Geliebte verlaſſen und jene Dinge von Seide, aus denen er Pairs macht, aber keine Männer machen kann— um ſeinen Thron vor dem Enkel Hein⸗ rich des Fünften zu ſchützen. Aber Eure Furcht, Euer Eifer und Eure Liebe zu mir, theuerſter Prinz und Vetter, machen, daß Ihr Eduards königliche Ehre und ſeine königliche Treue verkennt. Ich gehe mit dem ſeſten Bewußtſein, daß ich durch eine Verbindung mit Frank⸗ reich das Haus Lancaſter von aller Hoffnung auf dieſes Königreich ausſchließe.“ „Wäre es nicht beſſer, Ihr ſprächet mit meiner Schweſter Margaretha?— Sie hat einen hohen Geſſt, und ſie denkt, Ihr könntet wentgſtens um ihre Einſtim⸗ mung anhalten und ihr von den vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften ihres künftigen Gemahls erzählen!“ „Sind die Töchter von York durch die Sitten und has Benehmen eines Hofes, wo ich kaum unterſcheihen kann, welches die Weiber und welches die Männer ſind, auf ſolche Weiſe verzogen? Iſt es nicht genug, dem wackern England Friede zu gewähren— Wurzel dem Stamme ihres Bruders? Iſt es nicht genug, den Sohn ———,—„—— —-——— ak, wel⸗ anenheit, griff faſt verachten mich ſo würde ich g los und ürde ſein dinge von Männer kel Hein⸗ cht, Euer Brinz und Ehre und dem feſten it Frank⸗ auf dieſes nit meiner heu Geiſt, Einſtim⸗ den Eigen⸗ Sitten und terſcheiden inner find, enug, dem zurzel dem den Sohn 211 eines Königs zu heirathen— den Abkömmling Karls des Großen und Ludwigs des Heiligen? Muß ich mit der Mütze in der Hand zu ihr gehen und das glatte Aus⸗ ſehen der Wahl ihres Hauſes rühmen; ſchwören, daß des Braͤutigams Seitenlocken eben ſo lang ſind, wie die des Königs Eduard, und daß er ſich mit derſelben Anmuth verneigt, wie Herr Anton Woodville? Sagt ihr das ſelber, lieber Clarence, wenn Ihr wollt; Alles was Warwick ſagen könnte, würde ſie nur ärgern, wenn ſie das Mädchen iſt, wofür Ihr ſie auszebt.“ Der Herzog von Clarence zauderte einen Augen⸗ blick, wurde dann ein wenig roth und ſagte:„Wenn der Tochter Hand alſo nur allein von ihrer Familie ver⸗ geben wird, werdet Ihr mich dann hegünſtigen, wenn die Lady Iſabella—* „Georg,“ fiel Warwick mit zärtlichem und väterli⸗ chem Lächeln ein,„wenn wir England ſicher geſtellt haben, ſo gibt es nichts, warum der Sohn Richards von York Warwick vergebens bitten kann. Ach!“ fügte er in trau⸗ rigem Ton hinzu,„Euer und mein Vater waren vereint in demſelben mörderiſchen Tode, und ich denke, ſie lä⸗ cheln von ihrem Sitze im Himmel auf uns nieder, wenn eine würdigere Generation jene blutige Vereinigung durch ein Heirathsband erneuert!“ Ohne auf weitere Worte zu warten, wendete ſich der Graf plötzlich ab, warf ſein Baret auf ſein hohes Haupt und ſchritt gerabe durch die Mitte der fluͤſternden Höf⸗ linge, die ſich tief verbeugend aus ſeinem ſtolzen Wege zurückzogen, um in zornige Ausrufungen oder in ſarka⸗ ſtiſche Scherze über ſein unmanierliches Betragen aus⸗ 212 zubrechen, ſobald ſein ſchwarzer Federbuſch in dem Bogen der gewölbten Thür verſchwand. Während dieſe Sceue in den inneren Gemächern des Palaſtes vorging, hatte Marmaduke mit der freimüthi⸗ gen Einfachheit, die ſeiner Jugend und ſeiner Erziehung eigen war, ſchon viel Gunſt und Beliebtheit gewonnen, und er lachte mit einer Gruppe junger Männer bei dem Kegeltiſche, als Warwick eintrat. Oögleich der Graf ſich das Mißfallen der Hofleute in der unmittelbaren Nähe des Königs zugezogen hatte, ſo war er doch noch der Günſtling der weniger ausgezeichneten Ritter und Edel⸗ leute, die das untergeordnete Gefolge bildeten; und bei dieſen ging ſein Benehmen, ſo ſtolz und hochmüthig gegen ſeine Feinde und Nebenbahler, ſogleich in die Leichtigkeit des männlichen und vergötterten Anfüͤhrers über. Es gefiel ihm, zu ſehen, welchen Eindruck ſein junger Na⸗ mensvetter bereits gemacht hatte; er nahm ſeine Mütze ab, nickte der Gruppe zu, lehnte ſeinen Arm auf Mar⸗ maduke's Schulter und ſagte:„Dank, herzlichen Dank Euch, Ritter und Herren, für die hoͤfliche Aufnahme des jungen Sohnes meines alten Freundes. Ich habe unſeres Königs gnädigſte Erlaubniß, ihn unter die Mit⸗ glieder des Hofes einſchreiben zu laſſen, der durch Euch geehrt wird. Ei, Herr Falkonier, wie gehts mit Eurem würdigen Oheim?— Ein beſſerer Ritter betrat nie den Erdboden!— Wer iſt der junge Herr dort?— Ein neues Geſtcht und ein männliches; ſeid ſo gut, ihn mir vorzuſtellen!— Der Sohn eines Saville! Herr, bei meiner Rückkehr ſeid nicht der einzige Saville, der un⸗ ſere Tafel in Warwick⸗Court vermeihet. Herr Daeres, 2—=Sͤ=— 213 n Bogen empfehlt mich Eurer Frau Mutter; ſie und ich haben in alten Zeiten manchen Tanz mit einander getanzt— hern des wir leben Alle noch einmal in unſern Kindern. Guten eimuthi⸗ Abend, meine Herren. Marmaduke, folgt mir in das frziehung Bureau— Ihr wohnt im Palaſt. Ihr ſeid im Gefolge wonnen, des gnädigſten, und wenn Warwick lebt, des mächtigſten bei dem Monarchen in Europa. Ich werde Montagu zu Hauſe Graf ſich beſuchen; er ſoll Euch in allen Euren Pflichten unter⸗ ten Näͤhe richten, um ſeine Unhöflichkeit auf dem Spielplatze wie⸗ noch der der gut zu machen.“ ud Edel⸗ ; und bei hig gegen eichtigkeit— ber. Es uger Na⸗ ne Mütze auf Mar⸗ hen Dank Aufnahme Ich habe die Mit⸗ irch Euch it Eurem t nie den 2— Ein „ihn mir Herr, bei „der un⸗ Daeres, Drittes Buch. Worin die Geſchichte vom Hofe des Königs in die Zelle des Gelehrten übergeht und die Gefahren er⸗ zählt werden, die einen Philoſophen betrafen, weil er ſich in die Angelegenheiten der Welt gemiſcht. Erſtes Kapitel. Der einſame Weiſe und das einſame Mädchen. Während Marmaduke Nevile auf dieſe Weiſe bei einem Hofe eingefuͤhrt wurde, der, obgleich viel weniger gebildet und verfeinert als die Höfe ſpäterer Tage, doch mehr darauf berechnet war, die Phantaſie zu blenden, den Witz zu ſchärſen und die Sinne zu bezaubern; denn die Ritterſchaft um Ebuard des Vierten Thron war prächtig, die Intrigue ruhelos und das Vergnügen ſtets rege— hatte Sibyllla reichliche Muße in ihrer einſamen Wohnung über die Vorfälle nachzudenken, welche der Abreiſe des jungen Gaſtes vorhergegangen waren. Ob⸗ gleich ſie Marmaduke's angebotene Liebe zurückgewieſen hatte, ſo konnte doch ſein ſo plötzlich veränderter Ton — ſeine abgebrochenen, unzuſammenhängenden Worte und ſeine Verwirrung— ſein Lebewohl, welches ſo hald 8 in die hren er⸗ en, weil emiſcht. en. Weiſe bei l weniger aage, doch blenden, ern; denn hron war ügen ſiets einſamen velche der aren. Ob⸗ ckgewieſen eerter Ton en Worte des ſo bald 215 auf ſeine leidenſchaftliche Erklärung folgte— nicht um⸗ hin, jenen weiblichen Stolz zu verwunden, der nie ſchlummert, als bis die Beſcheidenheit verſchwunden iſt. Aber dies war die geringſte Urſache der tiefen Erniedri⸗ gung, die ihren Geiſt niederbeugte. Die bedeutungsvolle Drohung, die in den Verſen des Trommelmädchens lag, berührte ſie aufs Schmerzlichſte; das ruhige, gleichgültige Lächeln des Fremden, als er ſie beobachtete; die Schoͤn⸗ heit der Dame, die ihn begleitete— dies Alles erweckte gemiſchte und ſtreitende Gefühle, aber die der Elferſucht waren vielleicht die lebhafteſten; und in der Mitte alles deſſen fuhr ſie plötzlich auf und fragte ſich, ob ſie in der That ihre eitlen Gedanken zu zärtlich bei einem Manne habe verweilen laſſen, von dem die ungeheuren Ungleich⸗ heiten des menſchlichen Lebens ſie auf immer trennen mußten.— Was lag ihr an ſeiner Gleichgültigkeit? Nichts— doch hälte ſie eine Welt darum gegeben, jenes nachläſſige Lächeln für immer aus ihrer Erinnerung ver⸗ bannen zu koͤnnen. Indem ſie endlich vor der Tyrannei ſolcher Gedanken zurückbebte, die ihr bis zur letzten Zeit unbekannt gewe⸗ ſen waren, ſiel ihr Auge auf die Geldtaſche, welche Al⸗ wyn ihr durch die alte Dienerin geſchickt hatte. Der Anblick flellte die heilige Erinnerung an ihren Vater wieder her, die liebliche Freude, für ſeine Bedürfniſſe geſorgt zu haben. Sie verwahrte den kleinen Schatz in der Abſicht, ihn gänzlich Warner zu widmen; und nach⸗ dem ſie ihre ſchweren Augen gewaſchen, damit ihr Kum⸗ mer den Gelehrten nicht betrüben möge, ging ſie mit nachläſſigem Schritte in ihres Vaters Zimmer. 216 Für die raſchen und queckſtlberaͤhnlichen Geiſter der Jugend liegt etwas Wunderbares und Übernatürliches in jenem Leben innerhalb des Lebens, welches die ſtarke Leidenſchaft der Wiſſenſchaft und des Genies bildet und nährt— jene Leidenſchaft, die um ſo viel ſtärker iſt als die Liebe, und um ſo viel ſelbſtſtändiger— die kein Mit⸗ gefühl fordert— kein verwandtes Herz ſucht— welches allein in ſeinen Werken und Phantafien lebt, gleich einem Gott unter ſeinen Schöpfungen. Der Philoſoph hatte auch eine große Betruͤbniß er⸗ fahren, ſeit ſte einander zuletzt geſehen. Im Stolze ſei⸗ nes Herzens hatte er beabſichtigt, Marmaduke die ge⸗ heimnißvollen Wirkungen ſeines Modells zu zeigen, welches ſich an jenem Morgen dem Leben zu eröffnen ſchien; als der junge Mann fort war und er das Expe⸗ riment allein machte, ach! da fand er, daß ihn der neue Fortſchritt nur in neue Schwierigkeiten verwickelte. Er hatte die großen Schritte in der gigantiſchen Schöpfung der modernen Zeit gethan und es begegnete ihm das Hinderniß, welches ſo lange die Erwartungen des großen modernen Weiſen vereitelte. Da war der Cylinder— da der Keſſel, doch der Dampf mochte arbeiten wie er wollte, er konnte den Cylinder nicht in Bewegung erhalten. Un⸗ geduldig, wie die Spinne, die ihr zerriſſenes Gewebe wieder auftrennt, war ſein unermüdliches Streben darauf gerichtet, einen neuen Cylinder von andern Materialien zu bilden.„Seltſam,“ ſagte er bei ſich ſelber,„daß die Hitze des Bewegers die Bewegung nicht befördert!“ Und ſo ganz nahe an der Wahrheit vorüberſtreifend, arbeitete er weiter. eiſter der tuͤrliches die ſtarke ldet und er iſt als ein Mit⸗ welches „ gleich bniß er⸗ olze ſei⸗ die ge⸗ zeigen, eröffnen 3 Expe⸗ der neue lte. Er öpfung hm das großen er— da wollte, en. Un⸗ Bewebe darauf erialien daß die !* Und rbeitete V 217 Sibylla ſetzte ſich inzwiſchen zerſtreut auf einen Haufen von Reiſigbündeln, die im Winkel lagen, und ſchien beſchäftigt, mit der Spitze ihres zierlichen Schuhes Figuren auf den beſtäubten Fußboden zu zeichnen. So friſch und ſchön und jang erſchien ſie in jener trüben Atmoſphäre, in jener ſeltſamen Seene und neben jenem alternden Manne, daß es einem Dichter hätte ſcheinen können, als wäre die jüngſte der Grazien gekommen, den Vulkan in ſeiner Schmiede zu beſuchen. Der Mann ſetzie ſeine Arbeit fort— das Mädchen erneuerte ihre Träume— die dunkle Abendſtunde ver⸗ breitete ſich langſam über Beide. Das Schweigen wurde nicht unterbrochen(denn die Schmiede und das Modell ruhten jetzt) außer durch Adams Feile auf dem Metall, oder durch einen ſelbſtgefälligen Ausruf, der von Zeit zu Zeit dem Enthuſtaſten entfuhr. So getrennt von der geräuſchvollen, prunkenden und geſchwätzigen Welt, ſelbſt in der Mitte jener blutigen, ſtürmiſchen und halb barba⸗ riſchen Zeit, trieben es(die Eine vernachläſſigt und un⸗ bekannt, der Andere verabſcheut und gehaßt) die beiden Beweger des All, welches das luftige Leben des Schönen von Geſchlecht zu Geſchlecht fortſetzt— des Weibes träu⸗ mende Phantaſte und des Mannes thätiges Genie. Zweites Kapitel. Adam Warner wird ein Geizhals und beträgt ſich ſchmachvoll. Zwei ober drei Tage lang ſtörte nichts die äußere Einförmigkeit in dem Haushalte des Einſtedlers. Dem 218 Anſcheine nach war er wieder ebenſo ruhig, wie vor der Ankunft des jungen Cavaliers; aber Sibylla's Stimme hörte man nicht mehr wie früher ſingen, wenn ſie die Treppe zu ihres Vaters Zimmer hinauf⸗ der hinunter⸗ ging. Sie ſaß nicht weniger häufig und regelmäßig bei ihm, wenn er mit ſeiner Arbeit beſchäftigt war; ihr kindlicher Geiſt brach nicht mehr in jenes eitle Geplauder ober in jene unruhige Bewegung aus, wodurch ſie ſonſt den guten Mann in ſeinem Nachdenken und bei ſeinem Arbeiten geſört hatte. Die kleinen Sorgen und Beküm⸗ merniſſe, die ſonſt für Sibylla einen ſo großen Theil des Tages ausgefüllt haiten, indem ſie für den Lebensunter⸗ halt auf den kommenden Morgen ſorgte, waren jetzt unnöthig geworden; denn das Geld, welches ihr Alwyn für die ausgemalten Handſchriften zugeſtellt hatte, war hinreichend, Monate lang ihre beſcheidenen Bedürfniſſe zu befriedigen. Adam, der mehr und mehr von ſeinen Arbeiten in Anſpruch genommen wurde, ſchien die grö⸗ ßere Quantitaͤt ſchmackhafter Speiſen auf ſeinem Tiſche, noch auch den Ankauf verſchiedener kleiner nothwendigen Geräͤthe, die ihm ſeit Jahren unbekannt geweſen, nicht zu bemerken. Er ſagte nur eines Morgens:„Es iſt ſelt⸗ ſam, Mädchen, daß, ſowie mein Modell ſich dem Leben nähert, es ſchon meiner Einbildung nach für die Luxus⸗ artikel ſorgt, die es uns einſt in Wahrheit gewähren wird. Mir ſchien auch in der letzten Nacht, als ſei ſelbſt mein Bett weicher und die Deiken wärmer, denn ich wachte nicht mit Froſt auf!“ „Ach!“ dachte die liebenswuͤrdige Tochter, mit thrä⸗ nenvollen Augen lächelnd,„ſo lange meine Sorge Deinen 219 rauhen Lebenspfad glätten kann, warum ſollte ich geizen und mich quälen?“ Ihre Einſamkeit wurde jetzt von Zeit zu Zeit in den Abendſtunden durch Nikolaus Alwyns Beſuche unter⸗ brochen. Der junge Goldſchmied war ſelber nicht unbe⸗ kannt mit der niedern Mathematik; er hatie einiges Talent zur Erfindung und fand Vergnügen an der Zu⸗ ſammenſetzung von Uhren, obgleich dies nicht eigentlich zu ſeinem Geſchäfte gehörte. Seine Entſchuldigung we⸗ gen ſeiner Beſuche war der Wunſch, von Warners me⸗ chaniſchen Kenntniſſen zu profitiren; doch der Gelehrte war ſo ſehr mit ſeinem eigenen Vorhaben beſchäftigt, daß er ſeinem Gaſte wenig Belehrung ertheilte. Dennoch war Alwyn zufrieden, denn er ſah Sibylla. Er ſah ſie von der anziehendſten Seite ihres Charakters— als lie⸗ benhe, geduldige, hingebende Tochter, und der Anblick ihrer häuslichen Tugenden rührte mehr und mehr ſein redliches engliſches Herz. Aber da er ſtets zurückhaltend und verlegen war, ſo ſprach er nie ſeine Gefühle aus. Mit Sibylla ſprach er ſtets wenig und nur mit förm⸗ lichem Zwange; und da das Mädchen nichts von ihrer Eroberung wußte, ſo waren ihr ſeine Beſuche faſt ebenſo gleichgültig, wie ihrem zerſtreuten Vater. Aber ploͤtzlich erwachte Adam zu dem Bewußtſein der ſtattgeſundenen Veränderung— plöͤtzlich witterte er Gold, denn ſeine Arbeiten wurden durch den Mangel einiger feineren und koſtbareren Materialien gehemmt, als er für bas in ſeinem Beſitze befindliche Geld, das überbleibſel von Marmaduke's Geſchenk, kaufen konnte. Er hatte ſich ohne Sibylla's Wiſſen in der Dämmerung 220 hinausgeſchlichen und das Ganze für das Modell aus⸗ gegeben, aber vergebens! Das Modell an ſich war freilich vollendet; ſeine Erfindung hatte die Schwierig⸗ keit ͤberwunden, die ihm in den Weg getreten war, aber Adam hatte das Modell eomplieirt, indem er Vorrich⸗ tungen anbrachte, welche Proben von den Wirkungen zeigten, die er hervorbringen wollte. Es war nöthig in jenem Zeitalter, wenn er Andere überzeugen wollte, mehr als das Prineip einer Maſchine zu zeigen; er mußte auch etwas von den Wirkungen zeigen, eine Mühle ohne Wind oder Waſſer drehen, oder ein Fahrzeug ohne eine andere Kraft, als welche die Vorrichtung gewährte, in Bewegung ſetzen. Und hier erhoben ſich bei jedem Schritte neue Schwierigkeiten. Es war das Unglück der Wiſſenſchaft in jenen Tagen, daß nicht nur alle Bücher und mathematiſchen Inſtrumenten ungeheuer theuer waren, ſondern auch, daß die Gelehrten, die noch mit dem Lichte kämpften und durch die glänzenden Täuſchun⸗ gen der Alchymie und des Myſtici'smus geblendet wur⸗ den, ſich einbildeten, daß ſelbſt bei einfachen praktiſchen Operationen das gediegene Gold und gewiſſe koſtbare Steine eigenthümliche Eigenſchaften hätten. Es fehlte Adam an einer Verbindungskette bei dem Prozeß, wo⸗ mit er beſchäfligt war; ſeine Erfindungsgabe reichte nicht aus, und indem er wieherholt die gelehrten Handſchrif⸗ ten anſah, die leider jetzt verloren ſind, worin gewiſſe deutſche Doktoren die ausdrücklichen Andeutungen Roger Bacon's zu erklären geſucht, da fand er es ausgeſpro⸗ chen, daß die Achſe eines gewiſſen Rabes aus einem Diamanten beſtehen müſſe. Nun war Adams Vorrich⸗ aus⸗ b war ierig⸗ aber rrich⸗ ungen fig in ollte, ; er kühle ohne hrte, 221 tung ſelbſt ohne die Anwendung jener erwähnten Probe unendlich eomplieirter, als die neuere Forſchung es für nöthig gefunden, und hedurfte das fragliche Rad gar nicht, noch viel weniger des fehlenden Diamanten; auch war ſein Verſtand, obgleich im gewöhnlichen Leben ſo ſtumpf, in dieſen Dingen erſtaunlich klar, konnte aber keine mathematiſchen Operationen auffinden, vermöge welcher die diamantene Achſe im geringſten die Schwie⸗ rigkeit aufheben würde, die ſich plötzlich gezeigt, und doch verfolgte ihn beſtändig der Gedanke an den ver⸗ wünſchten Diamanten— die deutſche Antorität war ſo beſtimmt in dieſem Punkt und dieſe Autorität war in mancher Hinſicht richtig geweſen! Auch war dies noch nicht Alles— der Diamant ſollte kein gewöhnlicher Dia⸗ mant ſein, er mußte die Eigenſchaften eines Talisman beſitzen, nebſt mehren andern Fähigkeiten; er mußte eine beſtimmte Anzahl von Stunden den Strahlen des Voll⸗ monds ausgeſetzt werden; er mußte in einem urſprüng⸗ lichen und wunderbaren Elixir gewaſchen werden, zu deſſen Bereitung nicht wenig von dem feinſten Golde ge⸗ braucht wurde. Dieſer Diamant ſollte für die Maſchine ſein, was die Seele für den Körper iſt— ein herrliches, Alles durchdringendes, geheimnißvolles Prineip der Thä⸗ tigkeit und des Lebens. Dies waren die Träume, welche die Wiege der kindlichen Wiſſenſchaft verdunkelten! Und Adam, bei all ſeinem kräftigen Verſtande, bei ſeiner Kenntniß der mathematiſchen Lehrſätze war nur eins von den rieſenhaften Kindern des anbrechenden Morgens. Die prächtigen Phraſen und ſeierlichen Verheißungen des geheimnißvollen Deutſchen bemächtigten ſich ſeiner 222 Phantaſie Tag und Nacht, wachend und ſchlafend ſchim⸗ merte der Diamant in den Strahlen des Vollmonds vor ſeinen Augen, und inzwiſchen ſtand Alles ſtill. Noch bei den letzten Schritten ſeiner Entdeckung wurde er auf⸗ gehalten. Als er dann plötzlich um ſich blickte nach ge⸗ meinem Gelde, um den koſtbaren Edelſtein und die Ma⸗ terialien zu dem Elixir zu kaufen, bemerkte er, daß Geld um ihn her angewendet worden, daß er weich ge⸗ ſchlafen und koſtbar geſpeist habe. Er wurde von einer erhabenen Wuth ergriffen. Wie hatte Sibylla wagen können, ihm dieſen Schatz vorzuenthalten? Wie hatte ſie ſich einfallen laſſen können, an den gemeinen Körper zu verſchwenden, was dem ewigen Geiſte hätte Vortheil bringen koͤnnen. In dieſer Glut, in dieſer erhabenen Hingebung und Treue für die abſtrakte Idee lag eine Alles verzehrende Grauſamkeit, deſſen ſich dieſer ſanfte und milde Gelehrte gänzlich unbewußt war. Das grim⸗ mige eiſerne Modell hatte gleich einem Moloch Alles verſchlungen— Geſundheit, Leben, Liebe, und öffnete jetzt ſeinen Rachen gegen ſein Kind. Er ſtand von ſeinem Bette auf— es war Tagesanbruch— er warf ſein Hauskleid um— er ſchritt in das Zimmer ſeiner Tochter — das graue Zwielicht fiel durch das troſtloſe Fenſter ohne Vorhänge, welches ſich tief in der Wand befand. Adam ließ ſich nicht Zeit zu bemerken, daß das arme Kind, obgleich ſie ſeinen Zorn dadurch gereizt, daß ſie ſein unerfreuliches Zimmer neu ausgeſtattet, nichts darauf verwendet hatte, um ihrem eigenen ein weniger unheim⸗ liches Anſehen zu geben. Das unbedeutende wurmſtichige Hausgeräth, das chim⸗ 8s vor ch bei auf⸗ h ge⸗ Ma⸗ „ daß c ge⸗ einer wagen hatte Lörper rtheil abenen 223 elende Strohlager, die ärmliche Kleidung, anſtänbig neben demſelben zuſammengefaltet— nichts als jene un⸗ ausſprechliche Reinlichkeit und Zierlichkeit, womit in der beſcheidenſten Strohhütte ein reiner und mädchenhafter Geiſt ſich umgibt— nichts, was das Zimmer Derjeni⸗ gen, die ihre Kindheit an Höfen zugebracht hatte, von der Hütte der niedrigſten Tochter der Armuth und Müh⸗ ſeligkeit unterſchied! Nein— er, der das Vermögen ſeines Vaters und ſeines Kindes in das Grab ſeiner Idee geworfen hatte, nein— er ſah nichts von ſeiner ſelbſt⸗ vergeſſenen Habgier— der Diamant tanzte vor ihm! Er näherte ſich dem Bette— und ol welch ein Contraſt zwiſchen dem öden Zimmer, dem ärmlichen Lager und der zarten, reinen, bezaubernden Liebenswürbigkeit der ſchlafenden Bewohnerin deſſelben. Die ſpärliche Decke ließ zum Theil den ſchneeweißen Hals und die abgerun⸗ dete Schulter bloß; das Geſicht ruhte in kindlicher An⸗ muth auf dem Arm; das Geſicht war ein wenig gerö⸗ thet und die friſchen rothen Lippen zu einem Lächeln geöffnet— denn in ihrem Schlummer träumte das Mäd⸗ chen einen glücklichen Traum! Es war ein Anblick, der eines Vaters Herz hätte rühren, ſeine Fußtritte hemmen und ſeinen Athemzug in ein Gebet verwandeln können. Und nenne man nicht Adam hart und unnatürlich, das war er nicht— doch der Vater war in dem Augenblick nicht in ſeiner Bruſt— das menſchliche Weſen war dahin— er ſelber, gleich ſeinem Modell, war eine Maſchine von Eiſen— deſſen Leben ſein einziger Gedanke! „Erwache, Kind, erwache!“ ſagte er mit lauter 224 aber hohler Stimme.„Wo iſt das Golh, has Du vor mir verborgen haſt? Erwache— bekenne!“ So rauh ans ihren angenehmen Träumen erweckt, fuhr Sibylla auf und erblickte das lebhafte, geſchwärzte Geſicht ihres Vaters. Der Ausdruck deſſelben war eigen⸗ thümlich und unerklärlich, denn es war nicht drohend, zornig oder ſtrenge; es war eine Leere in den Augen, eine Anſtrengung in den Zügen und doch wurde Alles von einer wilden Lebhaftigkeit erhellt und durchdrungen— es war wie das Geſicht eines Nachtwandlers, und bei der erſten Verwlrrung des Erwachens meinte Sibylla in der That, daß dies ihres Vaters Zuſtand ſei. Aber die Ungeduld, womit er den Arm ſchüttelte, den er ergriff und wiederholte, indem er krampfhaft ſeine andere Hand öffnete:„Das Gold, Sibylla— das Gold! Warum verbargſt Du es vor mir?“ überzeugte ſie bald, daß ihres Vaters Geiſt unter dem Einfluſſe der vorherrſchenden Krankheit ſei, die alle ſeine Schwaäche und alle ſeine Stärke ausmachte. „Mein armer Vater!“ ſagte ſie mitleidig,„willſt Du Dir nicht ſelber die Mittel laſſen, um Stärke und Geſundheit für Deine hohen Hoffnungen zu behalten? Ach! Vater, Deine Sibylla ſparte ihren geringen Ge⸗ winn nur für Dich auf!“ „Das Gold!“ ſagte Adam mechaniſch, aber in ſanſ⸗ terem Tone,„alles— alles, was Du haſt! Wie kamſt Du dazu— wie?“ „Durch die Arbeit dieſer Hände. Ach! ſieh mich nicht finſter an!“ „Du— das Kinh von ritterlichen Vorfahren— Du halten? en Ge⸗ n ſanſ⸗ e kamf h nicht — Du 225 arbeiten!“ ſagte Aham, indem der Inſtinkt ſeine fruͤheren Adels und ſeiner hochherzigen Jugend aus ſeinens Augen ſprühte.„Das war unrecht von dir!“ „Arbeiteſt Du nicht auch? „Ja, aber für eine Welt. Nun— das Gold!“ Sibylla ſtand auf und warf beſcheiden den alten Mantel über ihre Geſtalt, welcher auf dem Strohlager lag, ging in einen Winkel des Zimmers, öffnete einen Kaſten, nahm die Geldtaſche heraus und reichte ſie ihrem Vater hin. „Wenn es Dir ſo gefällt, theurer und geehrter Herr, ſo ſei es ſo, und Gott ſegne es in Deinen Händen!“* Ehe Adam die Geldtaſche faſſen konnte, ergriff eine rauhe Hand ſeine Schulter, die Geldtaſche wurde Si⸗ bylla weggeriſſen und die halb bekleidete Geſtalt der alten Madge ſtellte ſich zwiſchen Beide. „Ja, Herr!“ ſagte ſie mit ihrer durchdringenden und gebrochenen Stimme,„ich dachte mir, als ich Eure Thür aufgehen und Euch die Treppe herunter kommen hörte, daß Ihr nichts Gutes vorhättet. Pfui, Herr, pfui! Ich bin bei Euch geblieben, als Euch Alles ver⸗ ließ, als Hunger drinnen und böſe Worte draußen mei⸗ nen ganzen Lohn ausmachten; denn ich hielt Euch ſtets für einen guten und milden Mann, obgleich ſtark ver⸗ ſchroben im Hirnkaſten; aber ach! Euer armes Kind ſo zu berauben— ſie dem Hunger und Leiden zu über⸗ laſſen! Wir alten Leute find daran gewöhnt. Seht Euch um— ſehr Euch um; ich erinnere mich dieſes Zimmers, als Ihr zuerſt aus Eures Vaters Halle kamet. Heilige des Himmels! Dort ſtand das ſchöne Bett, uichelan von Bulwer, Barone. I. 226 Dammaſt und Seide; an dieſen ſteinernen Mauern hingen ſchöne gewirkte Tapeten von den Niederländern — ein Hochzeitsgeſchenk an meine Dame von der Kö⸗ nigin Margaretha, ſehr prächtig anzuſehen und heilſam zum Troſt der Seelen waren Bibelgeſchichten einge⸗ wirkt. Ei, Herr! erinnert Ihr Euch nicht Eures Na⸗ mensvetters, des Herrn Adam in ſeinen hübſchen, ſcharlachrothen Hoſen und Madame Eva, in ihrem hüb⸗ ſchen, blauen Mieder und ihrem mit Spitzen beſetzten Rocke? und nun— nun ſeht Euch um, ſage ich, und ſeht, wozu Ihr Euer Kind heruntergebracht habt!“ „Still! ſtill, Madge!“ rief Sibylla, während Abam in offenbarer Verlegenheit und mit erwachender Scham die ungeſtüme Mahnerin anblickte, als ſie ſprach, ſeine Augen im Zimmer umherſchweifen ließ und von Zeit zu Zeit kurze und tiefe Seufter ausſtieß. „Aber ich will nicht ſtill ſein,“ fuhr die alte Frau fort;„ich will meine Sache herausſagen, denn ich liebe Euch Beide und liebte meine arme Herrin, die jetzt todt und dahin iſt. Ja, Herr, ſeufzt nur, es thut Euch gut.— Und nun, da dieſes liebenswürdige Fräulein heranwächst, und da Ihr daran denken ſolltet, ihr eine Mitgift zu erſparen, denn es iſt keine Hochzeit, wo kein Topf ſiedet, nehmt Ihr ihr mit Gewalt das We⸗ nige ab, was ſie ſich aufgeſpart hat!— Oh! pfui über Ener Herz!— Und für was— für was, Herr? Für die Naͤchbarn, um Eures Vaters Haus anzuzünden, und die Kleinen auch— 4 „Halt ein, Weib!“ rief Adam mit Donnerſtimme, „halt ein! Verlaß uns!“ Und er machte eine Bewegung timme, vegung 227 mit der Hand, während er ſprach und zeigte eine ſo wunderbare Majeſtät, daß Madge plötzlich zum Schwei⸗ gen gebracht wurde, Sibylla einen Blick des Mitleides zu⸗ warf und aus dem Zimmer humpelte. Adam ſtand einen Augenblick bewegungslos da; doch als er fuͤhlte, wie ſein Kind ſeinen Hals mit den Armen umſchlang— als er ihre Stimme mit ihren Thränen kämpfen hörte, indem ſie ihn bat, die thörichten Worte der alten Dienerin nicht zu beachten— Alles— Alles zu nehmen— da es leicht ſein werde, mehr zu gewinnen— da ſchmolz das Eis ſeiner Philoſophie ſogleich hinweg— das menſch⸗ liche Gefühl brach hervor, er drückte Sibylla an ſein Herz, küßte ihre Wangen, ihre Lippen, ihre Hände und ſtotterte hervor:„Nein! nein!— Vergib mir!— vergib Deinem grauſamen Vater! Viel Nachdenken hat mich wahnfinnig gemacht, glaube ich— ſo iſt es in der That! Armes Kind! Arme Sibylla!“ und er ſtrei⸗ chelte ſanft ihre Wange mit einer Bewegung des Mit⸗ leids—„armes Kind, Du biſt bleich— und ſo ſchlank und zart! Und dieſes Zimmer— und Deine Einſamkeit — und— ach, mein Leben iſt ein Fluch für Dich ge⸗ weſen, doch beabſichtigte ich, Dir ein Geſchenk zu hinter⸗ laſſen!“ „Vater! lieber Vater, rede nicht ſo. Du brichſt mir das Herz. Hier, hier— nimm das Gold— oder viel⸗ mehr, denn Du harfſt Dich nicht hinauswagen, um nicht wieder beleidigt zu werden, laß mich einkaufen, was Du bedarfſt. Sage mir, vertraue mir!“— „Nein!“ rief Abam mit jener hohlen Energie, wo⸗ durch ein Mann ſich ſelber Zwang aufzuerlegen bemüht 228 iſt,„ich will um alles deſſen willen, was die Wiſ⸗ ſenſchaft je erlangte, dieſe Schande nicht über meine Seele bringen— verwende dieſes Gold für Dich— ſchmücke dieſes Zimmer aus— kaufe Dir Kleider— Alles was Du bedarfſt— ich befehle— ich gebiete es! Und höre, wenn Du mehr bekommſt, ſo verbirg es vor mir— verbirg es gut— des Menſchen Wünſche ſind arge Verſucher! Indem ich der Weisheit folgte, wußte ich nie, daß mir auch ein Laſter eigen ſei. Ich erwache, und finde mich als Geizhals und Räuber!“ Und mit dieſen Worten entfloh er aus dem Zim⸗ mer des Mäͤdchens, erreichte ſein eigenes und verſchloß die Thür. Drittes Kapitel. Ein ſeltſamer Beſuch— Alle Zeitalter der Welt erzeugen Weltumwälzer. Sibylla, deren ſanftes Herz für ihren Vater blu⸗ tete und die ſich jetzt Vorwürfe machte, ihm ihren klei⸗ nen Schatz vorenthalten zu haben, begann ſich haſtig anzukleiden, um ihn aufzuſuchen und das ſchmerzliche Gefühl zu beſänftigen, welches die Rauhheit der redli⸗ chen Madge verurſacht hatte. Aber ehe ſie damit zu Stande war, wurde laut an die äußere Thür geklopft. Sie hörte die zitternde Stimme der alten Haushälterin auf einen lauten und klaren Ton antworten, und ſogleich kam Madge die Treppe herauf zu Warners Zimmer und es folgte ihr ein Mann, den Sibylla ſogleich wieder erkannte als ihren Beſchützer bei dem Angriffe hes Pö⸗ Zim⸗ -rſchloß eugen er blu⸗ en klei⸗ haſtig erzliche redli⸗ mit zu klopft. älterin ogleich zimmer wieder es Pö⸗ 229 bels auf ihr Haus. Sie zog ſich haſtig zurück, als er an ihrer Thüre vorüberging, und erwartete mit einiger Verwunderung und Unruhe die Rückkehr der alten Madge. Nachdem dieſe ehrwürdige Perſon ihren Herrn mit einiger Schwierigkeit bewogen hatte, ſeine Thür zu öffnen und den Fremden einzulaſſen, kam fie geradezu in das Zim⸗ mer ihrer jungen Dame herunter.„Erheitert Euch— erheitert Euch, liebes Kind!“ ſagte die alte Frau,„ich denke, es werden bald beſſere Tage ſcheinen, denn der ehrliche Mann, den ich eingelaſſen habe, ſagt, er komme nur, um Herrn Warner etwas zu ſagen, was ſehr zu ſeinem Vortheil ausſchlagen würde. Oh! er iſt ein wun⸗ derbarer Kerl, dieſer Robin! Ihr ſaht, wie er den Pöbel davon abbrachte, das alte Haus niederzubrennen.“ „Was! Du kennſt dieſen Mann, Madge? Wer und was iſt er?“ Madge ſah verlegen aus.„Das iſt mehr, als ich ſagen kann, liebes Fräulein. Doch obgleich er erſt einige Wochen in der Gegend geweſen iſt, ſo halten ihn doch Alle in großer Achtung; denn warum— man ſagt, er iſt ein reicher und gütiger Mann. Er thut den Armen viel Gutes.“ Während Sibylla der Erklärung zuhörte, welche Madge ihr geben konnte, begann der Fremde, nachdem er die Thüre des Gelehrten ſorgfältig geſchloſſen und Adam ſchweigend aber forſchend angeſehen hatte, mit folgenden Worten:„Als wir uns zuletzt ſahen, Adam Warner, hatten wir noch Bücherſäcke auf unſern Rücken. Sieh mich wohl an!“ „Wahrlich,“ antwortete Adam matt, denn er litt 230 noch an der tiefen Niedergeſchlagenheit, welche auf die Seene mit Sibylla gefolgt war,„ich kann mich Eurer nicht erinnern, auch iſt es nicht wahrſcheinlich, daß wir unſere Schuljahre zuſammen zugebracht haben, da mein Haar grau iſt und die Leute mich alt nennen, doch Ihr ſeid noch in der Blüte des menſchlichen Lebens.“ „Und doch ſind wir nur etwa zwei Jahre von ein⸗ ander entfernt,“ entgegnete der Fremde.„Als Du die verwickelten Schnörkel der alten Sprachen ſtudirteſt und Latein nach der Elle herplapperteſt, erinnerſt Du Dich da nicht eines Taugenichts, Namens Robert Hilyard, der ſtets die Schule in einen Aufruhr verſetzte und end⸗ lich aus der Schulwelt wie ſpäter aus der Männerwelt ausgeſtoßen wurde, weil er die Schwachen aufregte, ſich den Starken zu widerſetzen?“ „Ah!“ rief Adam, indem etwas, was der Freude glich, in ſeinem Geſichte ſchimmerte;„biſt Du in der That jener lärmende, ſtreitſüchtige, fechtende, offen⸗ herzige, kühne, junge Robert Hilyard? Hal! ha!— das waren luſtige Tage! Ich habe keine ähnlichen erlebt—“ Die alten Schulkameraden drückten einander herzlich die Hände. „Das Schickſal iſt nicht beſonders gut mit Dir ver⸗ fahren, fürchte ich, weder hinſichtlich der Perſon, noch hinſichtlich der Börſe, armer Adam,“ ſagte Hilyard; „Du kannſt kaum fünfzig Jahre ſein, und doch haben Dich Deine gelehrten Studien zu einem Sechziger ge⸗ macht, während ich, obgleich ſtets beſchäftigt und unter Mühſeligkeiten, wobei es mir oft an einer Mahlzeit fehlte und ich oft den Strick fuͤrchtete, ſtark und geſund 231 bin, wie damals, als ich meinen erſten Rehbock in des Koͤnigs Walde ſchoß und des Förſters hübſche Tochter küßte. Doch mich dünkt, Adam, wenn es wahr iſt, was ich von Deinen Bemühungen höre, ſo haben Du und ich zu einem Zwecke hingearbeitet, Du die Welt anders zu machen als ſie iſt, und ich—“ „Was! haſt Du Dich auch von der bittern Milch der Philoſophie genährt, Du, luſtiger Rob?“ „Ich weiß nicht, ob es Philoſophie heißt— aber wahrlich, Eduard von York würde es Rebellion nennen; es iſt faſt daſſelbe, denn Beide führen Krieg gegen die beſtehenden Regeln und Gewohnheiten,“ entgegnete Hi⸗ lyard mit mehr Tiefe des Gedankens, als ſein ſorgloſes Weſen zu verheißen ſchien. Er ſchwieg, legte ſeine ſchwere braune Hand auf Warners Schulter und fügte hinzu: „Du biſt arm, Abam?“ „Sehr arm— ſehr— ſehr!“ „Verſchmäht Deine Philoſophie das Gold?4 „Was kann Philoſophie ohne Gold erlangen? Sie iſt ein hungriger Drache und ihre wahre Nahrung iſt das Gold.“ „Willſt Du Dich einiger Gefahr ausſetzen— Du warſt ſtets ein furchtloſer Junge, wenn Dein Blut in Aufregung war, obgleich ſonſt ſo ſanft und milde— willſt Du Dich einiger Gefahr ausſetzen für eine große Belohnung?“ „Mein Leben trotzt der Verachtung der Menſchen, den Qualen des Hungers und vielleicht auch dem Schei⸗ terhaufen; Krieger kennen nicht die Hälfte der Gefahren eines weiſen Mannes in einem thörichten Zeitalter!“ 23²2 „Wahrlich! Du haſt das ruhige Ausſehen eines Hel⸗ den, während Du redeſt, und Deine Worte rühren mich! Höre! Als Heinrich von Windſor König von England war, pflegteſt Du ihn zu beſuchen und Dich über gelehrte Gegenſtände mit ihm zu unterhalten. Er iſt jetzt im Tower gefangen, aber ſeine Kerkermeiſter geſtatten ihm noch, Beſuche von frommen Mönchen und harmloſen Ge⸗ lehrten anzunehmen. Ich bitte Dich, ihm einen Beſuch abzuſtatten, und für dieſen Dienſt bin ich von reicheren Leuten, als ich bin, ermächtigt, Dir eine Belohnung von zwanzig Goldſtücken zu geben.“ „Zwanzig! Das iſt ja eine Mine— ein Goldberg!“ rief Adam mit unbeſiegbarer Freude.„Zwanzig!— O wahrer Freund!— Dann wird endlich mein Werk zu Stande kommen!“ „Aber höre weiter, Adam, denn ich will Dich nicht täuſchen— der Beſuch hat ſeine Gefahr! Du mußt zu⸗ erſt beobachten, ob der Geiſt des König Hetnrich(denn König iſt er, obgleich der Uſurpator ſeine heilige Krone trägt) klar und geſund iſt. Du weißt, daß er düſtern Stimmungen unterworfen iſt— wo die Vernunft des Menſchen aufgehoben wird; und wenn er, wie ſeine Freunde hoffen, geſund und bei richtigem Urtheil iſt, ſo gib ihm gewiſſe Papiere, die, wenn er ſie unterzeichnet hat, Du mir zurückgeben mußt. Wenn Dir dies gelingt, ſo kannſt Du dem königlichen Lancaſter den Purpur und den Thron wiedergeben; Du wirſt Fürſten und Grafen zu Gönnern und Beſchützern Deines gelehrten Lebens haben, und Dein Ruhm würde dadurch feſt gegründet ſein! Mißlingt es Dir aber und wirſt Du entdeckt, ſo 233 mußt Du wiſſen, daß Eduard von York niemals ver⸗ zeiht! Deine Belohnung wird der nächſte Baum und der ſtärkſte Strick ſein!“ „Robert,“ ſagte Adam, der dieſer Anrede mit un⸗ gewöhnlicher Aufmerkſamkeit zugehört hatte,„Du redeſt offen gegen mich, wie ein Mann gegen einen Mann thun ſollte. Ich weiß wenig von Liſt und Politik, von Krie⸗ gen und Königen; und außer daß König Heinrich, ob⸗ gleich ziemlich unwiſſend in der Mathematik und mehr den Alchymiſten als den ſoliden Forſchern nach Wahrheit ergeben, ein⸗ oder zweimal gnädig gegen mich war, könnte ich in dieſen vier Wäͤnden keine Wahl haben zwi⸗ ſchen einem Eduard und einem Heinrich auf dem Thron. Aber ich habe einen König, deſſen Thron in meiner eigenen Bruſt iſt, und dieſer legt mir ſchwere Taxen auf.* „Ich verſtehe,“ ſagte der Gaſt, ſich im Zimmer um⸗ ſehend—„ich verſtehe— Du bedarfſt Geld zu Deinen Büchern und Inſtrumenten und Deine melancholiſche Leidenſchaft beherrſcht Dich. Willſt Du Dich der Gefahr ausſetzen?“ „Ich will es,“ ſagte Adam.„Ich würde lieber in eines Löwen Hoͤhle ſuchen, was ich bedarf, als das thun, was ich heute beinahe gethan.“ „Welches Verbrechen war das, armer Gelehrter?“ fragte Robin lächelnd. „Mein Kind arbeitete für ihr Brod und meinen Lurus— ich war im Begriff, ſie zu berauben, alter Schulkamerad. Ha! ha! Was iſt Strick und Galgen für Einen, der in ſolche Verſuchungen geräth?“ 234 Eine Thräne ſtand in den klaren grauen Augen des biedern Fremden. „Ach, Adam!“ ſagte er traurig,„nur bei dem Lichte, welches die dürre Hand der Armuth hält, kann der Menſch ſein eigenes, finſteres Herz leſen. Doch Du, Forſcher nach der Kenntniß, biſt in derſelben Lage wie ein Armer, welcher gräbt und ſchaufelt. Obgleich ich durch einen ſeltſamen Umſtand der Diener und Abgeſandte Margarethens geworden bin, glaube ich doch nicht, nur der Diener der Großen zu ſein.“ Hilyard ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:„Du weißt vielleicht, daß mein Geſchlecht ſich aus älterer Zeit herſchreibt als dieſe normänniſchen Edelleute, die ſich ihrer räuberiſchen Väter rühmen. Von dem be⸗ rühmten angelſächſiſchen Thane, der ſich durch ſeine freie Hand und ſeine Gaſtlichkeit den Namen Hildegardis ge⸗ wann, nahm unſere Funilie ihren Urſprung. Aber unter dieſen normänniſchen Baronen ſanken wir mit der Na⸗ tion, zu der wir gehörten. Noch immer wurden wir Edelleute genannt und noch immer zu Rittern geſchlagen. Doch als ich zum Manne heranwuchs, fühlte ich, daß ich mehr Angelſachſe als Edelmann ſei, und als ein Mitglied eines unterjochten Geſchlechts war ich ein Sohn des ſächfiſchen Volks. Mein Vater war gleich Dir ein Mann des Nachdenkens und der Gelehrſamkeit. Ich wage Dir zu geſtehen, daß er ein Ketzer war, und mit der Reli⸗ gion jener kühnen Feinde der laſterhaften Prieſter ver⸗ eint ſich ein Geiſt, welcher fragt, warum das Volk je die Beute der Lords und Könige ſein ſollte? In meiner frühen Ingend ſuchte mein Vater, der in England die bgeſandte ardis ge⸗ ber unter der Na⸗ rden wir eſchlagen. , daß ich Mitglied vohn des in Mann vage Dir der Reli⸗ eſter ver⸗ Volk je n meiner gland die 23⁵ Folter und den Scheiterhaufen fürchtete, in der Hanſe⸗ ſtadt Lübeck Zuflucht. Dort lernte ich ernſte Wahrheiten — wie Freiheit kann gewonnen und beſchützt werden. Im ſpäͤteren Leben ſah ich die Republiken Italiens und fragte, warum ſie ſo berühmt ſeien in allen Kuͤnſten und Fertigkeiten des bürgerlichen Lebens, während die tapfe⸗ ren Männer von Frankreich und England neben den florentiniſchen Bürgern, ja neben den lombardiſchen Weingärtnern wie Wilde erſchienen, und ich ſah, daß ſelbſt, wenn dieſe Republiken das Opfer eines Tyrannen oder Podeſta würden, ihre Männer noch immer rechte und ausgeſprochene Gedanken beſäßen, wodurch fie freier und größer wären als die Gemeinen von England nach allen ihren berühmten Kriegen. Ich kehrte in mein Ge⸗ burtsland zurück und ließ mich wie meine Vorfahren als Freiſaſſe im Norden nieder. Die großen Beſitzungen meiner Vorfahren waren an die aͤltere Linie gefallen und gewährten Sir Robert Hilyard, der ſpäter bei Touton für die Lancaſtrier fiel, das Einkommen eines Ritters. Aber ich hatte mir in fernen Ländern Gold erworben und übernahm eine Pachtung in der Nähe von Lord War⸗ wicks Schloſſe zu Middleham. Die Fehde zwiſchen Lan⸗ caſter und York brach los; Lord Warwick rief ſeine An⸗ hänger zuſammen und mich auch, da ich auf ſeinem Lande wohnte. Ich ſuchte den großen Grafen auf und ſagte ihm kühn— ihm, den die Gemeinen für ihren Freund hiel⸗ ten und für einen Feind von jedem Mißbrauch und jeder Unterdrückung— ich ſagte ihm, daß der Krieg, zu dem er mich aufgefordert habe, mir nur als der Krieg ehr⸗ geiziger Lords erſchiene und daß ich nicht einſehe, welchen — 236 Vortheil die Gemeinen haben würden, es möge König ſein wer wolle. Der Graf hörte mich an und ließ ſich herab, ſich ausführlich mit mir zu unterreden, und als er ſah, daß ich nicht zu überzeugen ſei, ließ er mir meinen Willen; denn er iſt ein edler Anführer und ich bewun⸗ derte ſelbſt ſeinen ärgerlichen Stolz, als er ſagte:„„Es möge Niemand für Warwick fechten, deſſen Herz nicht für ſeine Sache ſchlägt.““ Es gelang mir ſpäter, meine Schuld an den ſtolzen Grafen abzutragen und ihm zu zeigen, wie ſelbſt der Löwe ins Netz gerathen und wie ſelbſt die Maus ihn daraus befreien könne. Aber zu mei⸗ ner eigenen Tragödie. Ich verließ dieſe Gegend, denn ich war in der Nähe eines ſo großen Mannes für meinen Entſchluß beſorgt, und gründete mir eine neue Heimath nicht weit von der Stadt York. So, Adam, als das ganze Land umher von Piken und Schwertern ſtarrte und während mein eigener Vetter und Namensgenannter, das Oberhaupt meines Hauſes, Lorbeeren gewann und Blut verſchwendete, lebte ich, Dein ſtreitſüchtiger und fechtluſtiger Freund, im Frieden zu Hauſe mit Weib und Kind— denn ich war jetzt verheirathet und Weib und Kind waren mir theuer— und pflügte meine Acker. Aber im Frieden war ich thätig und lebendig, denn meine Worte entflammten die Herzen der Arbeiter und Bauern, und viele von ihnen, umnachtet wie fie waren, dachten wie ich. Eines Tages— ich war abweſend von Hauſe und verkaufte mein Getreide auf dem Markte von York— eines Tages kam ein junger Anführer, faſt noch ein Knabe, Eduard, Graf von March genannt, in unſer Dorf und wollte Rekruten anwerhen. Hörſt Du auf r, meine p ihm zu und wie zu mei⸗ d, denn meinen Heimath als das ſtarrte enannter, dann und iger und Veib und Beib und ker. Aber in meine Bauern, dachten n Hauſe York— noch ein in unſer Du auf 237 mich, Adam? Nun alſo, Mann— die Bauern entfern⸗ ten ſich von der Trommel und der Fahne und antworteten auf Alles, was man ihnen von Sold und Ruhm vorſagen mochte:„„Robin Hilyard ſagt uns, wir haben nichts zu gewinnen, als ſchwere Schläge— ſo laßt uns hacken und ſchaufeln!““ O Adam dieſer Knabe— dieſer An⸗ führer— der Graf von March, jetzt gekrönter König Eduard, gab keine andere Antwort, als:„„Dieſer Ro⸗ bin Hilyard muß ein weiſer Mann ſein— zeigt mir ſein Haus!““ Sie zeigten ihm die Umzäunung, die Scheu⸗ nen, das Wohnhaus und in fünf Minuten ſtand Alles — Alles in Flammen.„„Sagt dieſem Kerl, wenn er zurückkehrt, ſo belohne Eduard von March, gütig gegen Freunde und ſchrecklich gegen Feinde, den Feigling, der die Männer von Yorkſhire von ihrem Oberhaupte ab⸗ wendig mache.““ Und an den brennenden Balken und den bleichen Geſichtern der ſchweigenden Menge ritt er weiter auf ſeinem Wege zur Schlacht und zum Throne!“ Hilyard ſchwieg, und der qualvolle Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts war ſchrecklich anzuſehen. „Ich kehrte zurück, um einen Aſchenhaufen zu finden — ich kehrte zurück, um meine Frau als eine Wahn⸗ ſinnige wiederzufinden— ich kehrte zurück, um mein Kind— meinen Sohn— großer Gott!— er war da⸗ von gelaufen, um ſich zu verbergen aus Schrecken vor den Fackeln und den grimmigen Männern— ſte hatten verfehlt, ihn zu entdecken, bis zu ſpät ſein Geſchrei unter den krachenden Wänden in ſeiner Mutter Ohr drang— und der verbrannte, verſtümmelte, lebloſe Koͤrper lag auf dem Schooße dieſer Mutter!“ 238 Abam ſtand auf, ſeine Geſtalt war verändert— nicht der gebeugte Gelehrte, ſondern der von Rittern ab⸗ ſtammende Mann ſchien ſich in dem dunklen Zimmer zu erheben; ſeine Hände griffen an ſeine Seite, wie nach einem Schwerte; er unterdrückte einen Fluch, und Hilyard ſetzte mit jener leiſen Stimme, welche einen ſtarken Geiſt in heftiger Aufregung andeutet, ſeine Erzählung fort. „Dank ſei es der Mutter unſeres Gottes, die Mutter des Todten ſtarb auch! Und jetzt ſiehſt Du mich vor Dir, als einen einſamen, ruinirten, weib⸗ und kinder⸗ loſen Unglücklichen! Die ganze Welt wurde mein Feind! Die alte Liebe zur Freiheit, die mir allein noch übrig war, wurde ein Verbrechen; ich ſtürzte mich in die Tiefe des Waldes und wurde ein Oberhaupt der Räuber! Nimmer— nimmer— nimmer verſchonte ich einen An⸗ führer von York— einen beſpornten Ritter— einen vornehmen Lord! Aber die Armen; meine ſächſiſchen Landsleute, ſie hatten gelitten und waren ſicher!— In einer dunklen Dämmerung— Du haſt die Geſchichte ge⸗ hört— jeder Dorfmuſikant ſingt ſie zu ſeiner Geige— ging ein majeſtätiſches Weib— ein verfolgter Flüchtling — über meinen Weg; ſie führte einen Knaben an der Hand, etwa ein Jahr jünger als mein gemordetes Kind „„Freund!““ ſagte das Weih furchtlos,„„rette den Sohn Deines Königs: ich bin Margaretha, Königin von England!““ Ich rettete Beide. Von der Stunde an wurde das Oberhaupt der Räuber, der freie Repu⸗ hlikaner, der Sohn des Ketzers der Freund einer Köni⸗ gin. Er begann ſich wenigſtens an dem verworfenen Mörder zu rächen. Nun ſiehſt Du, warum ich Dich auf⸗ mich vor d kinder⸗ n Feind! ch übrig die Tiefe (Räuber! inen An⸗ — einen ächſiſchen 2!— In hichte ge⸗ Geige— klüchtling nan der tes Kind rette den Königin Stunde ie Repu⸗ er Köni⸗ worfenen dich auf⸗ 239 ſuche— warum ich Dich in die Gefahr verlocke! Bleib ſtehen, wo Du ſtehſt, wenn Du willſt, denn meine Lei⸗ denſchaft erhitzt mein Blut— und alle Könige ſeit Saul find vielleicht nicht ſo viel werth, wie das Leben eines Gelehrten! Und doch!“ fuhr Hilyard fort, indem er ſeinen gewöhnlichen, ruhigen Ton wieder annahm,„und doch ſcheint es mir, wie ich gleich anfangs ſagte, daß Alle, welche arbeiten, hierin eine gemeinſchaftliche Sache und ein Intereſſe mit dem Armen haben. Dieſer Weiber⸗ könig, obgleich ein blutiger Mann, mit ſeinen Wein⸗ bechern und ſeinen Buhlerinnen— dieſer anmaßende York— ſchon ſein bloßes Daſein beeinträchtigt das Le⸗ ben der Söhne der Arbeit. Im bürgerlichen Kriege und Fehden, im Kampfe, welcher der Waffen des Volks be⸗ darf, wird das Volk erlangen, was ihm gebührt.“ „Ich will gehen,“ ſagte Adam und ging auf die Thür zu. Hilyard faßte ſeinen Arm.„Ci, Freund, Du haſt ja nicht einmal die Dokumente, und wie wollteſt Du Zu⸗ tritt in das Gefängniß erhalten? Höre mich an, oder,“ ſetzte der Verſchworene hinzu, als er die zerſtreute Miene des alten Adam bemerkte,„oder laß mich lieber ein Wort mit Deiner ſchönen Tochter reden; die Weiber haben einen ſcharfen Blick und befördern die Fortſchritte der Männer. Adam! Du träumſt!“— Hier ſchüttelte er rauh den Arm des Philoſophen. „Ich höre Dich!“ ſagte Warner milde. „Das erſte, was erforderlich iſt,“ fuhr Hilyard fort, „iſt die Erlaubniß, König Heinrich beſuchen zu dürfen. Dieſe muß entweder von dem Lord Worreſter, dem Com⸗ 240 mandanten des Tower, erlangt werden, einem grau⸗ ſamen Mann, der ſie verweigern wird— oder von Lord Haſtings, Eduards Kämmerer, einem menſchlichen und ſanſten Mann, der ſie leicht gewähren wird. Deine Toch⸗ ter darf nicht wiſſen, warum Du Heinrich beſuchen willſt; ſte darf nur vermuthen, daß es allein darum geſchieht, um Margaretha von ſeinem Befinden Bericht zu erſtat⸗ ten; theile ihr nicht mit, daß ein Complot oder Gefahr dabei iſt, ſo wird ſie wenigſtens durch ihre Unwiſſenheit geſichert ſein. Aber laß ſie zum Lord Kämmerer gehen und die Erlaubniß erwirken, daß ein Gelehrter den ge⸗ lehrten Gefangenen beſuchen darf, um— ha! ein guter Einfall— dieſe ſeltſame Maſchine iſt ohne Zweifel die Erfindung, von welcher Deine Nachbarn reden; ſie ſoll Deine Entſchuldigung ſein; Du willſt den Gefangenen durch Dein mechaniſches Kunſtwerk erfreuen— verſtehſt Du, Adam?“ „Ha! König Heinrich wird das Modell ſehen, und wenn er auf dem Throne iſt—“ „So wird er den Gelehrten beſchützen!“ fiel Hilyard ein.„Gut! gut! Warte hier— ich will mit Deiner Tochter reden.“ Er ſchob Adam ſanft auf die Seite, öffnete die Thür, und als er die Treppe hinunterſtieg, fand er Sibylla bei dem großen Fenſter, wo ſie mit Marmaduke geſtan⸗ den und die rohen Verſe der Trommelmädchen gehört hatte. Die Ängſtlichkeit, welche ihr Hilyards Beſuch ver⸗ urſacht hatte, wurde ſogleich entfernt, als er ſie benach⸗ richtigte, daß er ihres Vaters Schulkamerad geweſen ſei und ſein Freund zu werden wünſche. Und als er ein n grau⸗ von Lord chen und ne Toch⸗ nwillſt; eeſchieht, u erſtat⸗ rGefahr eiſſenheit er gehen den ge⸗ in guter eifel die ; ſie ſoll angenen verſtehſt en, und Hilyard Deiner le Thür, Sibylla geſtan⸗ rt hatte. ich ver⸗ benach⸗ geweſen er ein 241 lebhaftes Bild von der Verbannung Margarethens und des jungen Prinzen entwarf; ſo wie von ihrem natür⸗ lichen Wunſche, Nachrichten von dem Befinden des ab⸗ geſetzten Königs zu erhalten, da vergaß ihr ſauftes Herz den Hochmuth, womit ihre königliche Gebieterin ſte in ihrer Kindheit oft verwundet und erkältet hatte, und empfand all das edle und theilnehmende Mitgefühl, wel⸗ ches der Verſchworene zu erwecken wünſchte.„Die Ge⸗ legenheit, den Zuſtund des armen Gefangenen zu erfah⸗ ren, bietet ſich jetzt dar,“ fügte Hilyard hinzu.„Er hat von Eures Vaters Arbeiten gehört; er wünſcht die Beſchaffenheit derſelben von ſeinen eigenen Lippen zu erfahren. Ein Befehl von König Eduards Kämmerer erlaubt ihm, die Beſuche ſolcher Gelehrten anzunehmen, an deren Unterredung er ſtets Vergnügen zu finden pflegte. Wollt Ihr in ſo weit das chriſtliche Werk unterſtützen, indem Ihr Lord Haſtings beſucht und um die nöthige Erlaubniß anhaltet? Ihr ſeht, daß Euer Vater in ab⸗ weſender und zerſtreuter Stimmung iſt; er könnte ver⸗ geſſen, daß Heinrich von Windſor nicht mehr König iſt und könnte ihm dieſen Titel beilegen, wenn er mit Lord Haſtings ſpräche— und dies wäre ein Verſehen, welches das Geſetz Hochverrath nennt.“* „Gewiß,“ ſagte Sibylla raſch,„wenn mein Vater den armen Gefangenen beſuchen will, ſo will ich zu Lord Haſtings gehen. Aber, o Herr! da Ihr meinen Vaier in ſeiner Jugend gekannt habt, und ſo wahr Ihr am jüngſten Tage auf Gnabe hofft, bringt einen ſo ſchuld⸗ loſen Mann nicht in Gefahr!“ Bulwer, Barone. I.* 16 242 Hilyard ſtutzte und unterbrach ſie raſch:„Es iſt keine Gefahr, wenn Ihr die Erlaubniß verſchaffen wollt. Ich will nichts weiter ſagen, als, es wartet ſeiner eine Be⸗ lohnung, die nicht nur ſeine Armuth verbannen, ſondern ihm auch das Leben retten wird.“ „Das Leben?“ „Ja, ſeht Ihr nicht, ſchönes Mädchen, daß Adam Warner im Sterben iſt, nicht aus körperlichem Hunger, ſondern an dem der Seele? Er fordert Gold, damit ſeine Arbeiten ihre Belohnung ernten. Wenn dieſes Gold ihm verweigert wird, ſo würden ſeine Anſtrengungen ihn ins Grab bringen.“ „Ach! ach! es iſt wahr.“ „Dieſes Gold wird er auf ehrenvolle Weiſe gewin⸗ nen! Auch iſt das noch nicht Alles. Ihr werdet Lord Haſtings ſehen; er iſt vielleicht weniger gelehrt als Woreeſter— weniger ausgezeichnet mit koͤrperlichen Fä⸗ higkeiten und Gaben als Anton Woodoille, doch ſein Geiſt iſt tief; alle Leute rühmen ihn, mit Ausnahme der Verwandten der Königin. Er liebt die Gelehrten, er iſt milde gegen das Unglück; er lacht über den Aber⸗ glauben des gemeinen Volks. Ihr werdet den Tord Ha⸗ ſtings ſehen und könnt ihn vielleicht für Eures Vaters Genie und Schickſal intereſſiren.“ „Es liegt Offenheit in Eurer Stimme und ich will Euch vertrauen,“ antwortete Sibylla.„Wann ſoll ich dieſen Lord beſuchen?“ „Heute, wenn Ihr wollt. Er wohnt im Tower und wie es heißt, gibt er Allen Zutritt, die ſeiner Dienſte bedürfen oder Unterſtützung von ſeiner Macht ſuchen.“ es Gold gungen s nahme lehrten, Aber⸗ rd Ha⸗ Vaters 243 „Nun, ſo ſei es alſo heute!“ antwortete Sibylla ruhig. Hilyard ſah ihr Geſicht an, ſo edel in ſeiner jugenb⸗ lichen Reſignation— in ſeiner ſanften Feſtigkeit des Ausdrucks und murmelte:„Gott gebe Euch Gelingen, Mädchen; wir werden uns morgen wiederſehen!“ Hier⸗ auf ſtieg er die Treppe hinunter und verließ das Haus⸗ Sein Herz machte ihm Vorwürfe, als er auf der Straße war.„Wenn dieſem ſanften Gelehrten— dem Vater dieſes armen Kindes ein Unglück daraus entſtehen ſollte, hätte ich eine große Sünde auf meiner Seele. Aber nein— ich will nicht daran denken. Gott wird nicht zugeben, daß dieſer blutige Eduard lange trium⸗ phirt; und auf dieſem großen Schachbrett der Rache und der großen Zwecke, müſſen wir die Menſchen hin und her ſchieben und unſere Natur gegen die Wechſelfälle des Spiels abhärten.“ Sibylla ſuchte ihren Vater auf; ſein Geiſt war zu dem Modell zurückgekehrt. Er lebte ſchon in dem Leben, welches das verſprochene Gold dem ſtummen Gedanken gewähren ſollte. Freilich waren alle die erfindungsreichen Zuſätze der Maſchine— Zuſätze, welche die Vernunft überzeugen und die Phantaſie in Erſtaunen ſetzen ſollten — natürlich aus Mangel an dem von den Mondes⸗ ſtrahlen beſchienenen Diamanten noch nicht vollendet; dennoch aber war von der Erfindung bereits genug fer⸗ tig, um die Neugierde zu erregen und Ermuthigung zu erlangen. So bereitete der Philoſoph mit Fleiß und Sorgfalt und lebhafter Hoffnung das Modell vor, um es einem Mann darzuſtellen, der eine Krone getragen 244 und ſie vielleicht wieder tragen konnte. Aber mit jener unſchuldigen und traurigen Liſt, die ſich bei Enthuftaſten für eine einzige Idee, bei den erhabenen Bewohnern der engen Grenze zwiſchen Wahnſtnn und Begeiſterung fin⸗ det, gelang es Adam, vor ſeiner Tochter jeden Schim⸗ mer von der Gefahr zu verbergen, der er ſich ausſetzte, ſo wie von der Correſpondenz, deren Mittel er ſein ſollte— oder vielleicht hatte er auch Beides vergeſſen! Nicht der rüſtige Warwick ſelbſt dachte beim Brüllen der Schlacht ſo wenig an Gefahr für Leben und Glieder, als der ſanfie Gelehrte in den Träumereien ſeines einſa⸗ men Zimmers; und da Sibylla ohne allen Argwohn war, und nur eine Zerſtreuung für Adams Düſterheit und Verzweiflung und eine Eröffaung ſeiner glänzenden Aus⸗ ſichten vor ſich ſah, legte ſie ihre Feſttagskleider an, zog ihren Schleier dicht um ihr Geſicht, rief Madge, ſie zu begleiten und richtete ihren Weg zum Tower. In der Nähe von York⸗Houſe, in der Nähe des Tempels und Palaſtes von Weſtminſter nahmen ſie ein Boot und kamen am Landungsplatze des Tower an. Viertes Kapitel. Lord Haſtings. William Lord Haſtings war einer von den ausge⸗ zeichnetſten Maͤnnern des Jahrhunderts. Philipp de Co⸗ mines legte Zeugniß ab von ſeinem hohen Rufe der Weisheit und Tugend. Geboren als der Sohn eines Ritters von alter Abkunft aber geringen Beſitzungen, it jener uftaſten hern der ing fin⸗ Schim⸗ usſetzte, er ſein eeſſen! Brüllen Glieder, s einſa⸗ öhn war, heit und en Aus⸗ an, zog e, ſie zu In der pels und ot und n ausge⸗ p de Co⸗ dufe der hn eines itzungen, 245 hatte er ſich ſchon in der Blüte ſeines Lebens zu einem Range und Einfluſſe erhoben, die vielleicht nur dem Hauſe Nevile nachſtanden. Gleich Lord Montagu vereinte er in glücklicher Verbindung die Talente eines Kriegers und Hofmannes. Aber als Staatsmann, als Pläne⸗ macher, als Denker war Montagu ungeachtet aller ſeiner Liſt Haſtings untergeordnet. Darin hatte der Letztere nur zwei Seinesgleichen— nämlich Georg, den jüngſten der Brüder Nevile, Erzbiſchof von York, und einen Knaben, deſſen Geiſt noch nicht vollkommen entwickelt war, in dem aber der Beobachter ſchon die Morgenröthe eines ruheloſen, furchtloſen, berechnenden und ſcharf⸗ ſinnigen Geiſtes erkannt— jener Knabe, den die Phi⸗ loſophen von Utrecht in der Sophiſtik unterrichtet, den Warwicks Lehren in den Waffen geübt, war Richard, Herzog von Glouceſter, ſelbſt jetzt ſchon berühmt durch ſeine Geſchicklichkeit auf dem Turnierplatze und durch ſeinen Scharffinn in der Rhetorik der Schulen. Das feine Benehmen des Lord Haſtings hatte zu ſeinem Glück beigetragen. Ungeachtet der Neuheit ſeiner Chrenſtellen, hegte ſelbſt er Hochmüthigſte vom alten Adel keinen Groll gegen ihn, denn ſein Benehmen war zugleich beſcheiden und männlich. Er war beſonders ein⸗ fach und nicht prunkſüchtig in ſeinen Gewohnheiten und beſaß jenen namenloſen Zauber, welcher die Leute bei den Niedrigen beliebt und bei den Großen willkommen macht. Aber in jenen Tagen war eine gewiſſe Miſchung von Laſtern zu dem glücklichen Erfolge nothwendig; und Haſting verwundete keine Selbſtliebe, indem er eine der Mohe zuwiderlaufende Reinheit affektirte. Er ſtand in 246 geringer Gunſt bei der Königin, die ihn als den Ge⸗ ſellſchafter Eduards bei ſeinen Vergnügungen kannte und ihn zu einer ſpäteren Zeit anklagte, ihren untreuen Ge⸗ mahl zu unwürdigen Liebeshändeln zu verlocken. Und gewiß iſt es, daß er unter den Hofleuten bei dieſen Abenteuern eine Hauptrolle ſpielte, welche wir die Aus⸗ ſchweifungen der Fröhlichkeit und der Thorheit nennen, obgleich ſie nur zu oft zu Salomons Weisheit und Trau⸗ rigkeit führen. Aber die Ausſchweifung hatte bei Haſtings die Entſchuldigung der glühenden Leidenſchaften: er hatte in ſeiner früheren Jugend innig und unglücklich geliebt, und er gab ſich den Zerſtreuungen jener Zeit mit der ruheloſen Lebhaftigkeit hin, die ſtarken und thätigen Na⸗ turen eigen iſt, wenn das Herz nicht ruhig iſt; und unter all dem leichten Zauber ſeiner Unterhaltung oder den Zerſtreuungen ſeines Lebens lag das melanchollſche Tem⸗ perament eines Mannes verborgen, welcher edlerer Ge⸗ ſinnungen würdig war. Auch war das hofmänniſche Laſter der Ausſchweifung nicht das Einzige, was Haſtings nach Comines Berichte an einem tugendhaften Charakter fehlte. Seine Erfahrung hatte ihn etwas von der Men⸗ ſchenverachtung des Cynikers gelehrt, und er trug kein Be⸗ denken, ſeinen Vergnügungen oder ſeinem Ehrgeize durch Mittel zu dienen, welche ſeine höhere Natur vor ſeinem klaren Verſtande nicht entſchuldigen konnte. Aber die Welt, die ſich verſchlimmert hatte, konnte ihn doch immer nicht härter machen. Wenig ſo faͤhige Männer handelten ſo häu⸗ fig aus inneren Antrieben; die Antriebe waren größten⸗ theils zarter und edler Art, dann kam aber das Bedauern der Vorſicht und Erfahrung, und Haſtings wendete ſeinen 2/·.—=———— mit der der den ſe Tem⸗ rer Ge⸗ e Laſter igs nach harakter r Men⸗ ein Be⸗ ze durch ſeinem e Welt, er nicht ſo häu⸗ roͤßten⸗ :edauern ſeinen 247 Verſtand an, um die Bewegung ſeines Herzens zu ver⸗ beſſern— mit andern Worten: die Reflexion ſuchte das wieder aufzuheben, wozu ihn der Antrieb geführt. Ob⸗ gleich ſo erfolgreich in ſeinen galanten Abenteuern, hatte er doch nicht den gewiſſenloſen Egoismus des Senſuali⸗ ſten erlangt; und ſein Betragen gegen das weibliche Geſchlecht zeigte oft mehr die Schwäche der ſchwindligen Jugend, als die kalte Überlegung des ausſchweifenden Mannesalters. So lag ſelbſt in ſeinen Laſtern eine ge⸗ wiſſe Liebenswürdigkeit— ein verführeriſcher Zauber, während in den ernſteren Angelegenheiten des Lebens die intellektuelle Empfindlichkeit ſeiner Natur nur dazu diente, ſeine Scharfſicht zu ſchärfen und ſeine Thatkraft anzuſpornen, und Haſtings hätte mit einem ſeiner ita⸗ lieniſchen Zeitgenoſſen ſagen können, indem er ſich dem Einfluſſe der Weiber unterworfen, habe er die Beherr⸗ ſchung der Männer gelernt. Mit einem Wort, ſeine Anziehungskraft und ſeine Fähigkeit, zu gebieten, kann allein daraus geſchloſſen werden, daß Lord Haſtings der einzige Mann war, den Richard der Dritte als Herzog von Glouceſter geliebt, und der einzige Mann, den er gefürchtet zu haben ſcheint, als er entſchloſſen war, Kö⸗ nig von England zu werden. Haſtings war allein in den ihm im Tower angewieſe⸗ nen Gemächern, als ſein Page ihm mit eigenthümlichem Lächeln den Beſuch einer jungen Dame anmeldete, die ihr Geſchäft ſeinen Dienern nicht mittheilen wolle. Der hochbegabte Kämmerer blickte etwas ungeduldig von der ſchönen Handſchrift auf, die durch die filbernen Verſe Petrarka's bereichert war, welche offen auf ſeinem 248 Tiſche lag und murmelte bei ſich ſelber.„Nur Eduard iſt nie das Geſicht eines Frauenzimmers unwillkommen.“* Dann befahl er dem Pagen, die junge Dame einzulaſſen. Das Mädchen trat ein und die Thür wurde hinter hr zugemacht. „Beunruhige Dich nicht, Mädchen,“ ſagte Haſtings burch die Senkung ihres verſchleierten Geſichts und die unverkennbare und ſchüchterne Beſcheidenh eit der Frem⸗ den gerührt.„Was haſt Du mir zu ſagen?“ Bei dem Ton ſeiner Stimme ſtutzte Sibylla Warner und ſtieß einen matten Ausruf aus. Der Fremde von dem Spielplatze ſtand vor ihr. Inſtinktmäßig zog ſie den Schleier noch dichter um ihr Geſicht und faßte den Riegel der Thür, als wollte ſie ſich zurückziehen. Die Neugierde des Edelmanns wurde erregt. Er 1 ſah die Geſtalt noch einmal aufmerkſam an, die vor ſei⸗ nem Blicke zurückzubeben ſchien, ſtand dann langſam auf, trat näher und faßte ihren Arm.„Ich erkenne Dich wieder, Mädchen,“ ſagte er mit einer Stimme, un welche kalt und ſtrenge tönte,„welchen Dienſt ſoll ich an Dir leiſten? Rede— ich bitte Dich, rede!“ n „In der That, mein guter Lord,“ ſagte Sibylla, di ihre Verwirrung bemeiſternd und ihren Schleier erhebend, indem ihre dunkelblauen Augen den auf ſie gerichteten ft mit furchtloſer Unſchuld begegneten,„ich wußte nicht— und Ihr werdet es mir glauben— ich wußte nicht bis 4 zu dieſem Augenblick, daß ich ſolchen Grund zur Dank⸗ n barkeit gegen Lord Haſtings hätte. Ich ſuchte Euch nur 1 3 im Namen meines Vaters, Adam Warners, auf, wel⸗ I cher gern die den andern Gelehrten bewilligte Erlaubniß Gh. r Eduard ommen.* zulaſſen. de hinter Haſtings und die er Frem⸗ Warner mde von igg ſie den n Riegel egt. Er vor ſei⸗ langſam erkenne Stimme, ſoll ich Sibylla, rhebend, richteten nicht— icht bis Dank⸗ uch nur if, wel⸗ laubniß 249 haben möchte, Lord Heinrich von Windſor beſuchen zu dürfen, der in früheren Tagen gnädig gegen ihn gewe⸗ ſen und jenem fürſtlichen Gefangenen dadurch die Zeit zu vertreiben wuͤnſcht, daß er ihm ein künſtliches In⸗ ſtrument zeigt, welches er erfunden.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Haſtings, der ſeinen in jenen Tagen ſeltenen Ruf der Menſchlichkeit und Milde verdiente,„ohne Zweifel wird es mir Vergnügen machen und auch Seiner Majeſtät dem König nicht zu⸗ wider ſein, jenem unglücklichen Herrn und Lord, welchen gefangen zu halten das Wohl Englands uns verdammt, alle Höflichkeit und Nachſicht zu beweiſen. Ich habe von Deinem Vater gehört, Mädchen; er iſt ein redlicher und einfacher Mann, in dem wir keinen Verſchworenen fürchten dürfen, und von Dir, junges Fräulein, habe ich auch gehört, ſeit wir uns nicht geſehen.“ „Von mir, edler Herr?“ „Ja, von Dir,“ ſagte Haſtings mit einem Lächeln, und indem er ihr einen Siukl hinſetzte, nahm er eine ausgemalte Handſchrift vom Tiſche.„Ich habe es Dei⸗ nem Freunde, Herrn Alwyn, zu danken, daß er mir dieſen Schatz verſchafft hat!“ „Was, Mylord!“ ſagte Sibylla, und ihre Augen funkelten,„wart Ihr— Ihr— der—“* „Der glückliche Mann, den Alwyn um ſo geringe Koſten bereichert hat. Ja! beneide mir mein gutes Glück nicht. Ich denke, Du haſt einem Andern edlere Schätze zu gewähren!“ „Mein guter Lord!“ „Nein, ich darf Dich nicht betrüben. Und der junge 25⁰0 Herr hat ein hübſches Geſicht; möge es auch auf ein treues Herz deuten!“ Dieſe Worte gewährten Sibylla ein ſeltſames Ent⸗ zücken. Sie ſchienen traurig ausgeſprochen zu ſein— ſte erweckten das ſeliſame, unſtete, weibliche Gefühl, welches ſich freut über den Schmerz, der des Weibes Einfluß verräth, und des Mädchens roſige Lippen lä⸗ chelten boshaft. Haſtings beobachtete ſie und ihr Geſicht ſtrahlte ſo von jenem ſeltenen Schimmer geheimen Glücks — war ſo friſch, ſo jung, ſo rein und dabei ſo ſchlau und einnehmend, daß, ſo ſehr er vom gemeinen Vergnü⸗ gen überſättigt war, der Anblick beſſere und zärtlichere Gefühle als die des Senſugliſten in ihm erweckte.„Ja,“ murmelte er bei ſich ſelber,„es gibt einige Spielzeuge, mit welchen zu ſpielen und unter den zerbrochenen Schutt vergangener Leidenſchaften zu werfen eine Sünde wäre!“ Er wendete ſich zu dem Tiſche und fertigte die ſchrift⸗ liche Erlaubniß aus, Warner in Heinrichs Gefängniß einzulaſſen, und als er Sibylla das Blatt überreichte, ſagte er:„Wie ich ſehe, iſt Dein junger Liebhaber jetzt am Hofe. Es iſt eine gefährliche Prüfung, beſonders für Einen, dem der Name Nevile den Weg zur Beför⸗ derung und zur Ehre öffnet. Die Männer lernen bei Zeiten an Höfen die Liebe wegen des Reichthums auf⸗ zugeben, und mancher reiche Lord würde ſeine Erbin dem erſten Edelmanne geben, der auf die Verwandtſchaft mit dem Grafen von Salisbury und Warwick Anſpruch macht. „Möge dem Gaſte meines Vaters ein ſolches Glück h auf ein mes Ent⸗ zu ſein— e Gefühl, es Weibes eippen lä⸗ hr Geſicht en Glücks ſo ſchlau Vergnü⸗ grtlichere te.„Ja,“* pielzeuge, en Schutt de wäre!“ die ſchrift⸗ Hefängniß Vjerreichte, aber jetzt beſonders w Beför⸗ ernen bei ums auf⸗ rbin dem ſchaft mit Anſpruch hes Gluck 251 widerfahren,“ antwortete Sibylla,„denn er ſcheint von loyalem Herzen und ſanfter Gemüthsart!“ „Du biſt uneigennützig, liebes Mädchen,“ ſagte Haſtings, und überraſcht durch ihren ſorgloſen Ton, ſchwieg er einen Augenblick;„oder biſt du in Wahrheit gleichgültig? Sah ich nicht Deine Hand in der ſeinigen, als jene ekelhaften Trommelmädchen Dir die Warnung vorſangen, nicht über Deine Verdienſte, aber leider viel⸗ leicht über Deine Vermögensumſtände zu lieben?* Sibylla's Entzücken nahm zu. O, ſo hatte er alſo jene verhaßte Warnung nicht auf ſich angewendet! Er ahnte nicht ihr Geheimniß. Sie erröthete. Und dies Er⸗ röthen war ſo keuſch und mädchenhaft, während das da⸗ mit vereinte Lächeln ſo unausſprechlich freudig und be⸗ lebt war, daß Haſtings mit unverſtellter Bewunderung ausrief:„Gew ß, ſchönes Mädchen, Petrarka träumte von Dir, als er von dem jungfräulichen Erröthen und dem engelgleichen Lächeln Laura's ſprach. Wehe dem Manne, der Dir Unrecht thun könnte. Lebe wohl! Ich möchte Dich nicht zu oft ſehen, wenn ich Dich nicht immer ſehen könnte.“ Mit ritterlicher Galanterie erhob er ihre Hand zu ſeinen Lippen, während er ſprach, öffnete dann die Thür und rief ſeinem Pagen zu, ſie zum Thor zu begleiten. Sibylla fühlte ſich mehr durch die plötzliche Entlaſ⸗ ſung geſchmeichelt, als wenn er niedergeknieet wäre, um ſie zurückzuhalten. Wie verſchieden erſchien ihr die Welt, als ihr leichter Schritt ſich heimwärts wendete! 2⁵² Fünftes Kapitel. Adam Warner und König Heinrich der Sechste. Am nächſten Morgen beſuchte Hilyard Adam War⸗ ner wieder und brachte die Briefe an Heinrich mit. Der Verſchworene ließ ſich von Adam den inneren Mechanis⸗ mus ſeiner Eureka erklären, woran Adam, der die ganze Nacht gearbeitet hatte, eine der geiſtreichſten Vor⸗ richtungen angebracht hatte, die er ohne den Diamanten zu vollenden im Stande geweſen war, um die Wirkun⸗ gen, welche die Maſchine hervorbringen ſollte, beſſer zu zeigen. Dieſe Vorrichtung war voll geheimer Zellen und verborgener Behältniſſe, und in eins derſelben wur⸗ den die Dokumente gelegt. Und dort lagen ſie ſo ver⸗ ſteckt, daß ſie der genaueſten Nachſuchung entgehen muß⸗ ten, wenn der Erfinder nicht ſelber oder Einer, dem er die Geheimniſſe dieſer Vorrichtung erklärt, dabei half. Nach wiederholten Warnungen und Ermahnungen vorſichtig zu ſein, rief Hilyard, deſſen thätiger Geiſt alle möglichen Anordnungen getroffen, einen rüſtigen Kerl herauf, den er unten gelaſſen, und trug mit ſeiner Hülfe die ſchwere Maſchine durch den Garten zu einer Hintergaſſe, wo ein Mauleſel bereit ſtand, die Laſt anf⸗ zunehmen. „Laß Dich von dieſem zuverläſſigen Kerl führen, lieber Adam,“ ſagte Hilyard;„er wird Wege ein⸗ ſchlagen, wo Deine brutalen Nachbaren Dir wahr⸗ ſcheinlich nicht begegnen und Dich beläſtigen werden. Rufe all Deinen Verſtand zuſammen. Eile, und möge es Dir gelingen!“ ste. am War⸗ mit. Der Nechanis⸗ der die ſten Vor⸗ diamanten Wirkun⸗ te, beſſer ier Zellen lben wur⸗ ie ſo ver⸗ hen muß⸗ , dem er bei half. ahnungen ger Geiſt rüſtigen nit ſeiner zu einer Laſt auf⸗ l führen, zege ein⸗ ir wahr⸗ werden. ind moͤge 253. „Fürchte nichts,“ ſagte Adam verächtlich.„In der Nähe der Könige iſt die Wiſſenſchaft ſtets ſicher. Gott ſegne Dich, Kind!“ und er legte ſeine Hand auf Si⸗ bylla's Kopf, denn ſie hatte ihn ſo weit ſchweigend be⸗ gleitet—„nun geh hinein.“ „Ich gehe mit Dir, Vater,“ ſagte Sibylla mit Feſtigkeit.„Herr Hilyard, es iſt am beſten ſo,“ flü⸗ ſterte ſie;„wie, wenn mein Vater in ſeine Träumerei verfiele?“ „Ihr habt Recht— geht wenigſtens mit ihm bis zum Thor des Tower. Dicht dabei iſt das Haus einer edlen und würdigen Dame, die unſerm Freunde Hugo bekannt iſt; dort könnt Ihr warten, bis Herr Warner zurückkehrt. Es würde ſich nicht für Eure Beſcheidenheit und Euer Geſchlecht paſſen, unter den Pagen und Sol⸗ daten auf dem Hofplatze zu verweilen. Adam, Deine Tochter muß mit Dir gehen.“ Adam hatte nicht auf dieſes Geſpräch geachtet, beugte mechaniſch ſeinen Kopf nieder und ging weiter. Als er den Fluß erreichte, wo ſie ein Boot fanden, welches groß genug war, um nicht nur die Menſchen, ſondern auch den Maufeſel und ſeine Laſt aufzunehmen, war er ſehr erſtaunt, Sibylla an ſeiner Seite zu ſehen. Die Gefangenſchoft des unglücklichen Heinrich, ob⸗ gleich mit hinlänglicher Strenge gegen jede Wahrſchein⸗ lichkeit der Flucht geſchützt, war, wie der Leſer bemerkt hat, zu jeuer Zeit nicht durch unnöthige Strenge er⸗ ſchwert. Seine Umgebung behandelte ihn mit Reſpekt, ſein Tiſch war reichlicher und mit ſchmackhafteren Speiſen beſetzt, als ſeine gewohnte Enthaltſamkeit es erforherte, 25⁴4 und Moͤnchen und gelehrten Männern, die er begün⸗ ſtigte, war es, wie wir nicht erſt wiederholen dürfen, erlaubt, ſeine Einſamkeit durch ihre ernſte Unterhaltung zu erheitern. Andererſeits hatte man alle Verſuche, einer Corre⸗ ſpondenz zwiſchen Margaretha oder den verbannten Lan⸗ caſtriern mit ihm aufs Eiferſüchtigſte zu vermeiden ge⸗ ſucht, und wenn man dergleichen entdeckte, die Abgeſandten mit unverſöhnlicher Strenge beſtraft. Ein Mann, Na⸗ mens Haukins, war gefoltert worden, weil er verſucht hatte, von dem großen Londoner Kaufmann, Sir Tho⸗ mas Coor, Geld für die Königin zu borgen. Ein Schuh⸗ macher war mit glühenden Zangen zu Tode gefoltert worden, weil er ihre Correſpondenz mit ihren Anhängern hegünſtigt hatte. Verſchiedene Perſonen waren wegen ähnlichen Vergehungen gefoltert worden, aber die Ener⸗ gie Margarethens und der Eifer ihrer Anhänger waren noch unerſchöpft und unbeſiegt. Entweder unbekannt mit den Gefahren, welchen er ſich ausſetzte, oder ſie verachtend, beendete der Gelehrte mit ſeinen ſchweigenden Begleitern die Reiſe und landete bei der Feſtung. Hugo ſtand vor einem gut gebauten Hauſe ſtill, klopfte an die Thür, welche von einem alten Diener geöffnet wurde, verſchwand dort einige Augen⸗ blicke, kehrte dann zurück und benachrichtigte Sibylla in bedeutungsvollem Flüſtern, daß die Edeldame, die das Haus bewohne, eine gute Lancaſtrierin ſei, und bat das Mäd⸗ chen, in ihrer Geſellſchaft zu bleiben, bis Herr Warner zuruͤckkehre. Sibylla drückte ohne Furcht ihres Vaters Hand, denn 2⁵⁵ er begün⸗ ſte glaubte, die einzige Gefahr, welcher Adam ausgeſetzt en dürfen, ſei, rühre von dem Pöbel her, der ihm unterwegs be⸗ terhaltung gegnen könne und folgte Hugo in ein ſchönes Zimmer, welches mit Binſen beſtreut war und wo eine bejahrte ner Corre⸗ Dame von edler Miene und Ausſehen an ihrem Stick⸗ anten Lan⸗ rahmen beſchäftigt war. Dieſe Dame, Wittwe eines neiden ge⸗ Edelmanns, der im Dienſte Heinrichs gefallen war, em⸗ bgeſandten pfing ſie gnädig, und Hugo zog ſich dann zurück, um ſei⸗ tkaun, Na⸗ nen Auftrag zu vollenden. Der Gelehrte, der Mauleſel, er verſucht das Modell und der Arbeiter ſetzten ihren Weg fort zu Sir Tho⸗ jeuem Theil des düſtern Palaſtes, der von Heinrich be⸗ kin Schuh⸗ wohnt wurde. Hier wurden ſie angehalten und nachdem e gefoltert Adam lange vergebens noch dem Paſſe des Kämmerers Anhängern geſucht, entdeckte er ihn endlich zum großen Glück mit ken wegen einer Stecknadel durch Sibylla's Vorſicht an ſeinen die Ener⸗ Armel geheftet. Hierauf wurde ein Herr herbeigerufen, ger waren um das Papier einzuſehen, und nach einigen Augenblicken führte man Adam vor den berühmten Gefangenen. welchen er„Und was,“ ſagte einer von den Subalternen, der Gelehrte ſich im Thorwege des jetzt ſo genannten Blutthurmes nd landete in der Nähe des Wakeſieldthurmes, worin ſich der Ge⸗ gebauten fangene befand, umhertrieb, zu Ahams Führer, der als inem alten Wache bei dem Modell ſtand—„was mag das für eine ge Augen⸗ koſtbare Laſt ſein, welche Ihr zu geleiten habt?“ Sibylla in„Wahrlich, Herr,“ ſagte Hugo, der im Dialekt von das Haus Yorkſhire ſprach,„wahrlich, das weiß ich nicht— es iſt das Mäh⸗ eine intereſſante Puppenſchachtel oder irgend ſonſt eine r Warner Vorrichtung, welche Herr Warner, der ein ſehr geſchick⸗ ter Mann in ſolchen Dingen ſein ſoll, dem Lord Heinrich and, denn 25⁵6 zu ſeiner Unterhaltung zu zeigen die Erlaubniß er⸗ halten hat.“ „Eine Puppenſchachtel!“ ſagte der Subalterne mit großer Neugierde,„Bei der heiligen Meſſe! das muß ein angenehmer Anblick ſein. Hebt den Deckel auf, Mann!“ „Verzeihen Euer Gnaden, ich wage es nicht,“ ent⸗ gegnete Hugo—„ich gehorche nur den erhaltenen Be⸗ fehlen.“ „So gehorcht meinen Befehlen. Aus dem Wege!“ Und der Subalterne erhob den Deckel des Korbes mit der Spitze ſeines Dolches und blickte hinein. Er zog ſich ſehr getäuſcht zurück—„heiſige Mutter Gottes!“ ſagte er,„dies iſt mehr einem Folterinſtrument, als der Er⸗ findung eines luſtigen Gauklers ähnlich. Es ſieht ſehr garſtig aus.“* „Still!“ ſagte einer von den Umſtehenden, womit die verſchiedenen Eingänge und Höfe der Feſtung ange⸗ füllt waren,„ſtill! Deine Kappe und Dein Knie!“ Der Subalterne ſtutzte, ſah ſich um und bemerkte einen jungen Mann von kleiner Statur, der von drei oder vier Rittern und Edelleuten begleitet auf den Ein⸗ gang zukam, und in ſeiner Nähe wurde jedes Haupt entblößt und jedes Knie gebeugt. Das Auge dieſes jungen Mannes war bereits mit forſchendem Blicke auf den bewegungsloſen Mauleſel ge⸗ richtet, der geduldig bei dem Wakefieldthurme ſtand. Als er ſich von dem Mauleſel zu dem Begleiter wendete, zog ſich dieſer zurück und erblaßte bei dem feſten, durchdrin⸗ genden Blicke, welcher die Geheimniſſe in den Herzen der Menſchen zu erforſchen ſchien. — cht,“ ent⸗ ltenen Be⸗ in Wege!“* Korbes mit Er zog ſich ſtes!“ ſagte ls der Er⸗ z ſieht ſehr en, womit — ſtung ange⸗ Knie!“ d bemerkte er von dreit uf den Ein⸗ edes Haupt bereits mit Kauleſel ge⸗ eſtand. Als vendete, zog durchdrin⸗ den Herzen 2⁵⁷ „Wer mag dieſer junge Lord ſein?“ flüſterte er dem Offizier zu. d „Prinz Richarb, Herzog von Gloueeſter, Mann,“ war die Antwort.„Entblöße den Kopf, Kerl!* „Wahrlich,“ ſagte der Prinz, am Thor ſtehen blei⸗ bend,„dies iſt kein Saumthier, welches dem Lord Hein⸗ rich von Windſor Lebensmittel bringt. Man würde nur geringen Reſpekt gegen jene edle Perſon zeigen, den Seine Majeſtät der König leider genöthigt iſt, vor den boshaften Anſchlägen der Rebellen und Uaheilſtifter zu ſchützen, wenn Einer, der nicht des Königs Liprée trägt, den nothwendigen Bedürfniſſen eines ſo gütigen Herrn und Gaſtes abhelfen wollte!“ „Mylord,“ ſagte der Offizier am Thor,„ein gewiſſer Herr Adam Warner iſt eben nach erhaltener Erlaubniß zu Lord Heinrich geführt worden, und das Thier trägt eine ſeltſame und grimmig ausſehende Vorrichtung zur Unterhaltung des Lord Heinrich.“ Eine eigenthümliche Milde und Höflichkeit, die ben Ton und das Benehmen des Herzogs von Glouceſter zu jener Zeit gewöhnlich auszeichneten— die ihn an einem Hofe ſo voll von Parteien und Intriguen zu keines Menſchen Feind und dem Anſcheine nach zum Freunde Aller machten, und vereint mit bereits allgemein auer⸗ kannten Fähigkeiten, ſelbſt ſeinen Knabenjahren den Vor⸗ rang des ausgezeichneten Rufes und der guten Meinung verliehen hatte, die er in der That bis zu den ſchrecklichen mit ſeiner Thronbeſteigung unter dem blucigen Namen Richards des Dritten vereinten Umſtänden beibehielt, in allen Herzen die Überzeugung erweckten, daß das, was Bulwer, Barone, I. 47 2. 258 Tugend geſchienen, nur Verſtellung geweſen— dieſe eigenthümliche Gauſtheit des Benehmens und der Stimme, ſage ich, hatte dennoch eiwas an ſich, was einen wider⸗ wärtigen und ſchreckhaften Eindruck machte. Und wahr⸗ lich, in unſerm gewöhnlichen Leben müſſen wir bemerkt haben, daß, wo äußere Milde des Benehmens von dem Rufe eines eiſernen Willens, einer feſten Entſchloſſenheit und eines ernſten, tiefen und Alles erforſchenden Verſtandes begleitet iſt, ſie eine Majeſtät mit ſich füͤhrt, die gänzlich von dem Zauber verſchieden iſt, der von einem Manne ausgeübt wird, deſſen wilde Natur mit der äußeren Leut⸗ ſeligkeit übereinſtimmt; und wenn ſie nicht den Begriff der Falſchheit mit ſich führt, das Ausſehen jener vollkommenen Selbſtbeherrſchung, jener ruhigen Macht an ſich traͤgt, welche viel mehr einſchüchtert, als das gebieteriſche Be⸗ nehmen und die laute Stimme. Und wer den Herzog am beſten kannte, wußte auch, daß ſein Temperament, un⸗ geachtet ſeiner glatten Miene, von Natur reizbar, raſch und ſtürmiſchen Ausbrüchen der Leidenſchaft unterworfen ſei, die er, was ſeine Bewunderer an ihm rühmten, eifrig bemüht war, unter gehöriger Herrſchaft zu halten. Dem ſcharfen Beobachter war das Streben des aufgeregten Temperaments nur zu oft, ſelbſt in ſeinen mildeſten Augenblicken ſichtbar— ſelbſt wenn ſeine Stimme am meiſten muſikaliſch und ſein Lächeln am einnehmendſten war. Wenn ihn Etwas aufregte oder reizte, ſo bezeichnete ein unruhiges Nagen an der Unterlippe, ein ungeduldi⸗ ges Spielen mit ſeinem Dolche, den er in der Scheide auf und nieder zog, ein leichtes Verziehen der Muskeln ſeines Geſichts und ein Behen des Augenlides die An⸗ dieſe r Stimme, nnen wider⸗ lnd wahr⸗ bir bemerkt s von dem ſcchloſſenheit Verſtandes ßeren Leut⸗ Begriff der Ulkommenen ſich traͤgt, eriſche Be⸗ Herzog am ament, un⸗ eizbar, raſch unterworfen zimten, eifrig alten. Dem aufgeregten ein mildeſten Stimme am nehmendſten o bezeichnete n ungeduldi⸗ der Scheide der Muskeln des die An⸗ 259 ſtrengungen, die er anwendete, um ſeine Selbſtbeherr⸗ ſchung beizubehalten; und nun, als ſein dunkles Auge auf Hugo's bleiches Geſicht fiel und dann zu dem trägen Mauleſel hinüberglitt, der ruhig unter der Laſt des Mo⸗ dells des armen Adam daſtand, da griff ſeine Hand me⸗ chaniſch nach ſeinem Bolche und ſein Geſicht nahm einen unheimlichen und düſtern Ausdruck an. „Dein Name, Freund?“ „Hugo Withers— Eurer Hoheit zu Befehl.* „Hm! Aus dem Norden, nach dem Dialekt zu ur⸗ theilen. Dienſt Du bei dieſem Herrn Warner?“ „Nein, Mylord, ich wurde nur mit meinem Maul⸗ eſel gedungen, um dies da—“ „Ah, es iſt wahr! Um das hieher zu bringen, was Dein Korb enthält; öffne ihn.— Heiliger Paul! Ein ſeltſames Spielwerk, in der That! Dieſer Herr Adam Warner— mich dünkt, ich habe ſchon ſeinen Namen gehört— ein gelehrter Mann. Hm!— laß mich ſei⸗ nen Geleitsbrief ſehen. Richtig— es iſt die Unter⸗ ſchrift des Lord Haſtings.“ Aber noch immer hielt der Prinz den Paß in der Hand und ſah noch immer arg⸗ wöhniſch die Eureka und ihre Vorrichtungen an, die in ihrer verwickelten und urſprünglichen Häßlichkeit mit Thüren, Rädern, Pfeifen und Schornſtein vor ſeinen Augen ſtanden. In dieſem Augenblick kam einer von Heinrichs Dienern die Treppe des Wakefieldthurmes herunter und bat, daß man das Modell hinauftragen moͤge, um den Gefangenen zu unterhalten. Richard ſchwieg einen Augenblick, als der Offizier zaudernd ſein Geſicht beobachtete, ehe er die gewünſchte 260 Erlaubniß ertheilte, boch der Prinz wendete ſich zu ihm, glättete ſeine Stirn und ſagte milde:„Gewiß! Alles was Lord Heinrich unterhalten kann, muß ein unſchul⸗ diger Zeitvertreib ſein, und es iſt mir ſehr angenehm, daß er ſo zur Erheiterung geneigt iſt. Es wider ſpricht Denen, die uns der Strenge gegen ihn beſchuldigen möchten. Ja, dieſe Erlaubniß iſt vollgändig und in ge⸗ höriger Form ausgefertigt.“ Hierauf gab der Prinz dem Offizier den Paß zurück und ging langſam durch jenen düſtern Thorweg zurück, mit dem noch immer das An⸗ denken an Nichard von Glouceſter vereint iſt, und unter demſelben Zimmer, wo, wie man noch bis jetzt glaubt, die jungen Söhne Ednards des Vierten ermordet wur⸗ den. Doch während Glouceſter weiter ging, wendete er ſich beſtändig um und richtete ſeine Augen verſtohlen auf den Arbeiter. „Lovell,“ ſagte er zu einem von den Herren, die ihn begleiteten, und der zu den Wenigen gehörte, mit denen er vertrauten Umgang hatte;„jener Mann iſt aus dem Norden.“* „Nun, Mylord?* „Der Norden war ſtets auf der Seite des Hauſes Lancaſter. Herr Warner iſt der Zauberei angeklagt wor⸗ den. Wahrlich, ich möchte wohl ſeine Erfindung ſehen. Hm, Catesby, kommt hieher, nähert Euch, Herr. Kehrt zurück, und ſobald Adam Warner und ſeine Vorrichtung entlaſſen worden, bringt Beide zu mir in des Königs Zimmer. Ihr verſteht mich! Wir möchten auch ſeine Erfindung ſehen— und wenn ſie wieder erſcheinen, laßt weder Mann noch Maſchine aus Enren Angen; denn wendeie rſtohlen een, die te, mit iſt aus Hauſes gt wor⸗ g ſehen. . Kehrt richtung Königs ich ſeine een, laßt 1; denn 261 die Erfindungen verrätheriſcher Männer find vielfach und künſtlich!“ Catesby verbeugte ſich und Richard nahm ohne weiter ein Wort zu reden, ſeinen Weg zu den königlichen Ge⸗ mächern, welche jenſeits des weißen Thurmes nach dem Fluſſe zu lagen und längſt abgehrochen ſind. Inzwiſchen hatte der Arbeiter mit Hülfe eines von den Dienern das Modell in das Zimmer des erhabenen Gefangenen getragen. Heinrich, in ein weites Gewand gekleidet, ging mit langſamen Schritten und geſenkten Hauptes im Zimmer auf und ab, während Adam ſich mit großer Lebhaftigkeit üͤber die Wunder der Vorrich⸗ tung ausſprach, die er ihm zu zeigen im Begriff war. Das Zimmer war bequem und mit hinlänglicher Auf⸗ merkſamkeit auf den Nang und die Würde des Gefange⸗ nen ausmöblirt; denn Eduard, obgleich wild und un⸗ verſöhnlich, wenn ſein Blut aufgeregt, ließ ſich doch nie zu der kalten und fortdauernden Grauſamkeit im Ein⸗ zelnen herab. Des Zimmer iſt noch zu ſehen. Die Geſtalt iſt ein geräumiges Achteck; aber die Wände, jetzt rauh und kahl, waren damals mit verſchiedenen Seenen aus dem alten Teſtament bemalt. Die Thür führte unter dem Spitzbogen auf der mittleren Seite herein, nicht wo ſie jetzt iſt, durch welche man von einem kleinen Vorzimmer gelangte, wo jetzt alte Rollen und Papiere aufbewahrt werden. Zur Rechten des Einganges, wo jetzt ein Schrank ſteht, wenn uns unſere Erinnerung nicht täuſcht, ſtand das zierlich geſchnitzte Bettgeſtell mit dammaftnen Vorhängen. Am aͤußerſten Ende war die tiefe Niſche, 262 die ſich der alten Thür gegenüber befand, zu einem Betzimmer eingerichtet. Und vort ſah man, außer einem Krueſfix und einem Meßbuche, eine Menge kleiner Ge⸗ fäße von Gold und Kryſtall, welche die angeblichen oder wirklichen Reliquien von Heiligen und Märtyrern, welche Schätze der abgeſetzte König in ſeinen gluͤck icheren Tagen für eine Summe angekauft hatte, die nach der Auſicht ſeiner Nachfolger beſſer zu Waffen und Streitroſſen waͤre angewandt worden. Ein junger Mann, Namens Aller⸗ ton— einer von den drei Dienern, welchen Eduard be⸗ ſtändig zu Heinrich Zutritt geſtattete, und welche in andern Zimmern des Wakeſieldthurmes wohnten und ſeine Gefangenſchaft theilten, ſaß an einem Tiſche und folgte den Scrritten ſeines nachdenkenden Herrn mit leb⸗ haften und wachſamen Blicken. Einer von den kleinen Windhunden— denn unge⸗ achtet ſeiner Milde hatte Heinrich die Vergnügungen der Jagd geliebt— lag zuſammengerollt am Boden, ſprang aber mit lautem Bellen auf, als das Modell hereinge⸗ tragen wurde, während ein Staar in einem Käfig am Fenſter ſich über die Störung zu freuen ſchien, mit den Flügeln ſchlug und rief:„Böſe Menſchen!— Böſe Welt!— Armer Heinrich!“ Der Gefangene blieb ſtehen bei dieſem Geſchrei und ein trauriges und geduldiges Lächeln unausſprechlicher Schwermuth und Lieblichkeit umſchwebte ſeinen Lippen. Heinrich hatte noch viel von ſeiner perſönlichen Schön⸗ heit an ſich, die er zu der Zeit beſeſſen, als Margaretha von Anjon, der Gegenſtand des Lobes der Minſtrels und der Minneſänger, ihren heimathlichen Hof der Dichter ware t unge⸗ gen der ſprang reinge⸗ fig am nit den Böſe rei und chlicher Lippen. Schön⸗ garetha inſtrels Dichter 263 mit dem unglücklichen Throne Englands vertauſchte. Aber die Schönheit, gewöhnlich eine ſo beliebte und koſtbare Eigenſchaft für Koͤnige, war bei ihm nicht von der Art, die dem Auge imponirte und die Bewunderung eines ſtürmiſchen Volkes und einer ſtolzen Ritterſchaft erregte; die Züge, wenn gleich regelmäßig, waren klein; ihr Ausdruck milde und ſchüchtern; die Geſtalt, obgleich groß, nicht feſt und muskulös gebaut; die unteren Glie⸗ der waren zu dünn, der Körper hatte zu viel Fleiſch, die zarten Hände verriethen die kränkliche Bläſſe der ſchwachen Geſundheit; es lag eine traͤumeriſche Unbe⸗ ſtimmtheit in den klaren, ſanften, blauen Augen und eine Abweſenheit aller Energie in der gewohnten gebeugten Haltung, in dem langſamen, ſchweren und ſchlendernden Schritte— Alles in dieſem wohlwollenden Ausſehen, die ſanfte Stimme, die reſignirte Miene, das milde Benehmen, deutete auf eine außerordentliche, nie Wider⸗ ſtand leiſtende Güte, die den Niedrigen zum Trotz, den Hartherzigen zur Verachtung und den Unverſchämten zum Aufeuhr aufforderte— denn die Feinde eines Kö⸗ nigs in ſtürmiſchen Zeiten ſind oft weniger ſeine Laſter als ſeine Tugenden. „Und nun, mein guter Lord,“ ſagte Abam, indem er dem Träger lebhaft half, das Modell auf dem Tiſch niederzuſetzen,„nun will ich Euch die Vorrichtung er⸗ klären, die ich nach langen Jahren gehuldiger Arbeit endlich aus dem Gedanken in dieſe eiſerne Form ver⸗ wandelt habe.“ „Aber wäre es nicht gut, wenn ſich vorher dieſe guten Leute entfernten?“ ſagte Allerton.„Ein Erfinder 264 liebt es nicht, wenn Andere ſein Geheimniß erfahren, ehe die Zeit da iſt, die Vortheile deſſelben zur Reife zu bringen.“ „Gewiß— gewiß!“ ſagte Adam, und beuntuhigt durch den Gedanken, der ſich ihm plötlich darſtellte, warf er die Falten ſeines Gewandes über das Modell. Der Diener verbeugte und entfernte ſich; Hugo folgte ihm, doch nicht eher, als bis er einen bedeutſamen Blick mit Allerton gewechſelt hatte. Sobald das Zimmer für Adam frei war, ſtand Aller⸗ ton auf, ſah ſich haſtig im Zimmer um und näherte ſich dem Mechaniker.„Schnell, Herr,“ ſagte er leiſe,„wir ſind nicht oft ohne Zeugen.“ „Wahrlich,“ ſagte Adam, der jetzt Könige und Com⸗ plotte vergeſſen hatte und gänzlich in ſeine Erfindung verſenkt war,„wahrlich, junger Mann, Ihr dürft mich nicht auf dieſe Weiſe treiben— ich bin im Begriff an⸗ zufangen. Wißt alſo, Mylord,“ fuhr er fort, indem er ſich zu Heinrich wandte, der mit theilnahmloſem und träumeriſchem Blicke daſtand und die Eureka betrachtete —„wißt alſo, daß mehr als hundert Jahre vor der chriſtlichen Zeitrechnung ein gewiſſer Herr, ein Alexan⸗ drier, die Kraft des durch Hitze und Waſſer erzeugten Dampfes entdeckte. Daß dieſe Kraft den alten Weiſen nicht unbekannt war, bezeugen die nicht anders zu erklä⸗ renden Vorrichtungen bei den heidniſchen Orakeln; doch unſern großen Landsmann und Vorgänger Roger Baeon, welcher zuerſt die Vermuthung aufſtellte, daß Wagen ohne Pferde oder Stiere, und Schiffe ohne Segel fahren koͤnnten—⸗ r und ichtete or der lexan⸗ eugten Beiſen erklä⸗ doch aeon, Zagen ahren 265 „Ei, Herr,“ fiel Allerton mit großer Ungeduld ein, „nicht um uns ſolche abgedroſchene Fabeln von Mäunern oder ſolche uͤbermüthige Spiele des böſen Feindes vor⸗ zuſchwatzen, werdet Ihr Leib und Leben gewagt haben. Die Zeit iſt koſtbar. Man hat mich benachrichtigt, daß Ihr Briefe an König Heinrich habt; hringt fie raſch zum Vorſchein!“* Eine Glut des Unwillens hatte ſich über das Geſicht des Enthuſiaſten beim Beginn dieſer Anrede verbreitet; aber der Schluß erinnerte ihn in Wahrheit an ſeinen Auftrag. „Hitziger Jüngling,“ ſagte er mit Würde,„ein künftiges Zeitalter wird vielleicht anders von dem ur⸗ theilen, was Ihr abgedroſche Fabeln nennt, und wird vielleicht dieſe Erfindung ſehr hoch ſtellen, wenn die Feh⸗ den zwiſchen York und Lancaſter längſt vergeſſen find.“ „Hört ihn an, Junge,“ ſagte Heinrich mit ſanftem Lächeln, indem er ſeine Hand auf die Schulter des jun⸗ gen Mannes legte, welcher im Begriff war, eine leiden⸗ ſchaftliche und verächtliche Erwiderung auszuſprechen— „hört ihn an, Herr. Habe ich nicht oft und immer daſſelbe zu Euch geſagt? Wir Kinder des Tages bilden uns ein, daß unſere Kämpfe die einzigen Dinge ſind, welche die Welt bewegen. Ach! unſere Väter dachten eben ſo, und ſie und ihre Fehden ſchlummern in Vergeſſenheit! Nein Herr Warner“— denn hier begann der arme Adam, den Heinrichs Milde zur Scham über ſeine unhöfliche Prahlerei bewog ſich zu entſchuldigen—„nein, Herr, nein— Ihr habt Recht, unſere blutigen und nichtigen Kämpfe um Dornenkronen zu verachten; denn 266 Die Herrſchaft macht nur Sorgen, Der Staat iſt ohne Halt, Oft ſchwindet Reichthum morgen, Der Jugend Glut wird kalt. Und doch, Herr, glaubt mir, Ihr habt keine Urſache zu eitlem Ruhme bei Eurer eigenen Erfindung und Ar⸗ beit; denn Verſtand und Gelehrſamkeit hegen dieſelbe Eitelkeit und Unruhe des Geiſtes, wie Kriege und Herr⸗ ſchaft. Nur, o Mann, der Du weiſe ſein willſt, nur wenn wir an den Himmel denken, erheben ſich unſere Seelen aus der Schlinge des Vogelſtellers!“ „Mein Lehensherr, der Ihr einem Heiligen gleicht,“ ſagte Allerton, ſich mit Thränen in den Augen tief ver⸗ beugend, glaubt Ihr nicht, daß eben Eure Verachtung Eurer Rechte Euch derſelben würdiger macht? Wenn nicht um Euretwillen, ſo erinnert Euch um Eures Soh⸗ nes willen, doß der Uſurpator auf dem Throne des Siegers bei Agincourt ſitzt!— Herr Gelehrter, die Briefe!“ Adam, der ſchon den Fehler ſeiner erſten Vergeſſen⸗ heit wieder gut machen wollte, zog hier nach augenblick⸗ lichem Kampfe mit ſeiner Erinnerung die Briefe aus dem geheimen Verſteck hervor und Heinrich ſtieß einen Ausruf der Freude aus, als er die Seide zerſchnitten hatte und ſein Auge über die Schrift dahin ſchweifte. „Meine Margaretha! Mein Weib!“ Plötzlich wurde er blaß und ſeine Hände zitterten.„Die Heiligen mögen ſie ſchützen! Sie iſt hier, verkleidet, in London!“ „Margaretha! unſere Heldenkönigin! das männ⸗ liche Weih!“ rief Allerton ſeine Hände zuſammenſchla⸗ er, die egeſſen⸗ enblick⸗ us dem Ausruf tte und Züötzlich Heiligen ndon!“ männ⸗ enſchla⸗ 267 gend, dann ſeib gewiß, daß— er hielt inne, ergriff ploͤtzlich Abams Arm und zog ihn auf die Seite, während Heinrich zu leſen fortfuhr—„Herr Warner— wir kön⸗ nen Euch vertrauen— Ihr ſeid Einer von uns— ich weiß, Ihr ſeid von Rohin von Revesvale hiehergeſchickt worden— wir können Euch vertrauen?“ „Junger Herr!“ entgegnete der Philoſoph ernſt, die Furcht und Hoffanng der Macht gehören nicht zu den unruhigeren Leibenſchaften des Geiſtes des Gelehrten. Ich machte mich nur verbindlich, dieſe Papiere hieher zu bringen und mit dem zurückzukehren, was man mir wieder zurückgeden würde.“ „Aber, Ihr thatet es aus Liebe für die Sache, für die Wahrheit und das Recht?“ „Ich that es zum Theil wegen Hilyards Erzählung von dem Unrecht— zum Theil aber auch wegen des Gol⸗ des,“ antwortete Adam einfältig, und ſeine edle Miene, ſeine hohe Stirn, die heitere Ruhe ſeiner Züge bildete einen ſolchen Contraſt zu der Gemeinheit, welche die letzten Worte ſeines Bekenntniſſes ausdrückten, daß Aller⸗ ton ihn erſtaunt und ohne zu antworten anſtarrte. Inzwiſchen hatte Heinrich den Brief beendet und ſah mit ſchweren Seufzern die beigeſchloſſenen Papiere an. „Ach! ach! ach! Noch mehr Aufruhr, mehr Ge⸗ fahr, mehr Blut meines Volks!“ Er winkte dem jungen Manne und zog ihn in ein Fenſter, während Adam zu ſeinem Modell zurückkehrte, und überreichte ihm die Pa⸗ piere.„Allerton,“ ſagte er,„Du liebſt mich, aber Du biſt einer von den Wenigen in dieſem verkehrten Lande, die auch Gott lieben. Du biſt keiner von den Kriegern, 268 den Männern von Stahl. Rathe mir. Sieh! Marga⸗ retha verlangt, daß ich dieſe Papiere unterzeichnen ſoll, und das eine, welches zu der Aushebung von Rekruten im Norden ermächtigt und auffordert, das andere, wel⸗ ches Allen, welche Eduard verlaſſen wollen, Verzeihung verſpricht— das dritte, welches mir ſeltſamer und we⸗ niger königlich erſcheint, als die andern, verſpricht, alle Auflagen abzuſchaffen, ſo wie alle Geſetze, welche die Gemeinen drücken und, iſt dies eine heilige und fromme Stimmung? den Druck und die Verfolgungen der Prie⸗ ſterſchaft unſrer heiligen Kirche zu unterſuchen!“ „Sire!“ ſagte der junge Mann, nachdem er haſtig die Papiere durchgeleſen,„meine Lehensherrin zeigt gute Gründe zur Zuſtimmung, wentgſtens zu zweien von dieſen Unternehmungen. Seht, da find die Namen von fünfzig Herren, bereit, in Earer Sache die Waffen zu ergreifen, wenn Ihr Eare königliche Zuſtimmung gebt. Die Männer im Norden find unzufrieden über den Uſur⸗ pator, doch wollen ſie ſich moch nicht anders regen, als auf Euren Befehl. Solche Dokumente werden natürlich mit Vorſicht angewandt werden, um nicht die Sicher⸗ heit Eurer Majeſtät zu gefährden.“ „Meine Sicherheit!“ ſagte Heinrich mit einem Strahl der Heldenſeele ſeines Vaters in ſeinen Augen—„daran denke ich nicht! Wenn ich auch wenig Muth zum An⸗ griff habe, ſo beſitze ich doch Standhaftigkeit zum Dul⸗ den! Ader drei Monate, nachbem es unterzeichnet iſt, wie viele tapfere Herzen werden da ſtill ſtehen!— wie viele tapfere Haͤnde im Staube modern! O Marga⸗ Marga⸗ ien ſoll, dekruten re, wel⸗ zeihung und we⸗ ht, alle lche die fromme r Prie⸗ 1 r haſtig igt gute en von nen von affen zu ag gebt. 2n Uſur⸗ en, als atürlich Sicher⸗ Strahl „daran um An⸗ m Dul⸗ hnet iſt, — wie Marga⸗ retha! Margaretha! Warum verſuchſt Du mich? Warſt Du ſo glücklich als Königin?“ Der Gefangene riß ſich von Allertons Arme los und ging mit großer Unentſchloſſenheit im Zimmer auf und ab. Groß war der Contraſt zwiſchen ihm und Warner — Beide einander ſo ſehr ähnlich— Beide ſo wenig Ge⸗ ſchöpfe der gew chen Welt, ſo ſanft, ſo zerſtreut— ſo gänzlich ein abgeſondertes Leben lebend; und nun der Gelehrte ſo ruhig, der Fürſt ſo verſtört! Der Contraſt fiel Heinrich ſelber auf! Er blieb plötllich ſtehen, faltete ſeine Arme zuſammen und betractete den Philoſophen gleichſam mit zärtlichem Wohlgefallen; Adam machte ſich mit ſeinem geliebten Modell zu thun, öffnete und ſchloß die Thüren, rieb mit ſeinem Armel den Staub ab und trat dann einige Schritte zurück, um die ſtrenge Symmetrie deſſelben beſſer zu betrachten. „O! mein Allerton!“ rief Heinrich,„ſteh! das Königreich, welches ein Mann aus ſeinem eigenen Geiſte bildet, iſt das einzige, welches er mit Wonne regieren kann! Sieh! Er iſt Herr über die Federn und Bewe⸗ gungen, die Räder wälzen ſich um und ſtehen ſtill auf ſeinen Befehl. Hier, hier allein ſtraft Gott nie den Herrſcher. Warum wurde das Blut von Tauſenden wie Waſſer vergoſſen, damit ein Wurm eine Krone tragen möge?“ „Sire!“ ſagte Allerton feierlich,„wenn unſer himm⸗ liſcher König ſeinen geſalbten Stellvertreter auf Erden beſtimmt, ſo gibt er dieſem menſchlichen Abgeordneten keine Macht, die Geſandtſchaft und das Amt abzulehnen, Was Selbſtmord für einen gewöhnlichen Menſchen iſt, 270 iſ Abdankung für einen König! Wie könnt Ihr über Eu⸗ res Sohnes Rechte verfügen? und was wird aus dieſen Rechten, wenn Ihr für ihn dieſe Verbannung vorzieht — für Euch iſt es ſündlich, wenn eine Anſtrengung den Thron wieder herſtellen kann!“ Heinrich ſchien durch einen beweisführenden Ton be⸗ troffen, der ſowohl ſeinem eigenen Geiſte, als der Den⸗ kungsart des Jahrhunderts entſprach. Er ſah einen Au⸗ genblick den jungen Mann an, murmelte etwas bei ſich ſelber, ging ploͤtzlich zum Tiſche, unterzeichnete die Pa⸗ piere und gab ſie Adam zurück, der ſie mechaniſch wieder in ihr eiſernes Behältniß legte. „Nun geht, Herr!“ flüſterte Allerton, welcher fürch⸗ tete, Heinrich möchte wieder ſeinen Sinn ändern. „Will Mylord nicht die Maſchine anſehen?“ fragte Warner halb bittend. „Heute nicht, Seht, er hat ſich ſchon zum Gebet zu⸗ rückgezogen!“ Hierauf ging Allerton zur Thür und rief die Diener, um das Modell hinunterzutragen. „Nun, Gehuld, Geduld— Du wirſt doch endlich Gehör bekommen,“ murmelte Adam, als er ſich aus dem Zimmer zurückzog und ſeine Angen auf das vernach⸗ läſſigte Kind ſeines Genies richtete. Sechstes Kapitel. Die thörichte Weisheit verläßt König Log und rennt blind und taub an König Storch. An der äußern Thür des Thurmes, durch welche er eingetreten war, wurhe der Philoſoph von Catesby an⸗ bber Eu⸗ s dieſen vorzieht ung den Ton he⸗ er Den⸗ nen Au⸗ bei ſich die Pa⸗ h wieder er fürch⸗ n. ¹ fragte hebet zu⸗ und rief endlich ſich aus vernach⸗ blind und welche er esby an⸗ geredet— einem Manne, der gleich ſeinem jungen Pa⸗ tron unter einem ſanſten und leutſeligen Weſen großen Ehrgeit und angeborne Grauſamkeit verbarg. „Würdiger Herr,“ ſagte er, ſich tief verbeugend, doch mit halb höhniſchem Lächeln,„der König und Seine Hoheit, der Herzog von Gloueeſter, haben viel von Eurer ſeltſamen Geſchicklichkeit gehoͤrt, und befehlen mir, Euch vor ſie zu führen. Folgt mir, Herr, und Ihr, meine Leute, tragt dieſe ſinnreiche Erfindung in des Königs Gemächer.⸗ Mit dieſen Worten ging Catesby weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. Hugv's Geſicht verlängerte ſich — er wurde ſehr blaß, und da er ſich unbeobachtet glaubte, ſo wandte er ſich um und wollte ſich fortſchleichen. Doch Catesby, der auch hinter ſich ſehen zu können ſchien, rief in milbem Tone:„Guter Mann, helft die Maſchine tragen— wir werden vielleicht auch Eurer hedürfen.“ „Zum Henker!“ murmelte Hugo,„hätte ich nur gewußt, was es heißt, meinen Fuß in den Palaſt eines Königs zu ſetzen! Solche Spaziergänge mögen für die ſeidenen Schuhe paſſen, aber die henagelten Schuhe rut⸗ ſchen leicht aus.“ Hierauf nahm er eine heitere Miene an und half das Modell wieder auf den Mauleſel ſetzen. Inzwiſchen ſchritt der arme Adam, durch den könig⸗ lichen Befehl geſchmeichelt und überzeugt, daß ſein Hohn bereits Eduards Ohren erreicht habe und ärgerlich über die geringe Aufmerkſamkeit, die der fromme Heinrich ſeinem großen Werke gezollt, mit aufgerichtetem Haupte weiter.„Wahtlich,“ dachte der Gelehrte,„König Eouard mag in ſeiner Jugend grauſam und übermäßig haſtig 272 geweſen ſein; aber es iſt ſchrecklich, an Robin Hilyarhs Verleumdungen zu denken! Doch ſagen die Leute, er habe einen ſcharfen und ausgebildeten Verſtand, ohne Zweifel wird er auf einen Blick bemerken, welchen großen Vortheil ich ſeinem Königreiche bringen kann.“ Mit jeſer leider ſehr ſelbſiſüchtigen Betrachtung, deren ſich Adam, wenn der Gedanke an ſein Modell eine karze Zeit hätte ſchlummern können, mit Erröthen als eine Beleidigung für das widerfahrne Unrecht würde erinnert haben, folgte der Philoſoph Catesby über den geräumigen Hof in einen engen Gang dahin und eine Wendeltreppe hinauf zu einem Zimmer im dritten Stock, wo eine Thür in des Königs Kadinet und eine andere auf eine geräu⸗ mige Galerie führte, wie ſie ſchon damals mit zu dem Plan eines fürſtlichen Hauſes gehörte. In der nächſten Minute ſtanden Aham und ſein Modell vor dem Könige. Der Theil des Zimmers, wo Eduard ſaß, war durch einen kleinen orientaliſchen Teppich auf dem Fußboden ausgezeichnet— ein Luxusartikel, der ſich in jenen Ta⸗ gen häufiger in den Paläſten fand, als ein Jahrhundert ſpäter der Fall geweſen zu ſein ſcheint; ein Tiſch ſtand vor ihm und auf dieſen wurde das Mobell niedergeſetzt. Zu ſeiner Rechten ſaß Jacquetta, Herzogin von Bed⸗ ford, die Mutter der Königin, zu ſeiner Linken Prinz Richard. Die Herzogin, obgleich nicht ohne alle über⸗ bleibſel von Schönheit, hatte inen ſtrengen, hochmüthigen und verächtlichen Ausdruck in ihren ſcharfen, adlerartigen Zügen, in ihren zuſammengepreßten Lippen und ihren gebieteriſchen Augen. Die Bläſſe ihres Geſichts und der ſorgenvolle Ausdruck deſſelben wurde von dem Volke für ſein in d „H Ber Hilyarhs eute, er d, ohne n großen .“ Mit eren ſich ne karze als eine erinnert äumigen deltreppe ine Thür e geräͤu⸗ t zu dem nächſten Könige. ar durch Fußboden enen Ta⸗ rrhundert ſch ſtand ergeſetzt. on Bed⸗ en Prinz le Über⸗ müthigen erartigen nd ihren und der Bolke für 273 Wirkungen ihrer unheiligen Studien gehalten. Ihr Ruf wegen Hexerei nahm täglich zu und diente den unzufrie⸗ denen Baronen als ein Vorwand, die ſich über die Er⸗ hebung ihrer Kinder gekränkt und erbittert fühlten. „Kommt näher, Herr— wie ſagteſt Du doch, Ri⸗ chard, ſei ſein Name?“ „Adam Warner,“ verſetzte die liebliche Stimme des Herzogs von Glouceſter;„er iſt ſehr geſchickt in der Mathematik.“ „Kommt näͤher, Herr, und zeigt uns die Beſchaffen⸗ heit dieſer ausgezeichneten Erfindung.“ „Ich wünſche nichts Beſſeres,“ ſagte Adam kühn. „Aber vorher muß ich um ein wenig Brennmaterial bitten. Feuer, welches das Leben der Welt iſt, wie der Weiſe des Alterthums ſagt, iſt auch die Seele in dieſer meiner Maſchine.“* „Wahrſcheinlich,“ fluͤſterte die Herzogin,„will der Zauberer uns verbrennen!“ „Wohl eher das, was von verrätheriſcher Art in ſeiner Maſchine verborgen ſein mag,“ verſetzte Richard in demſelben leiſen Tone. „Wahr,“ ſagte Eduard und fügte dann laut hinzu: „Herr Warner, ſetzt Euer Puppenſpiel ohne Feuer in Bewegung— wir wollen es!“ „Es iſt unmöglich, Mylord,“ ſagte Adam mit er⸗ habenem Lächeln.„Die Wiſſenſchaft und Natur ſind wichtiger als eines Königs Wort.“ „Sagt das nicht öffentlich, mein Freund,“ ſagte Cduard trocken,„ſonſt müſſen wir Euch hängen laſſen. Ich moͤchte nicht, daß meinen Unterthanen etwas ſo Ver⸗ Bulwer, Barone, I. 18 274 rätheriſches geſagt wurde. Um Euch indeſſen keine Ent⸗ ſchuldigung zu gewähren, wenn es fehlſchlägt, ſo ſollt Ihr haben, was Ihr bedürft.“ „Aber gewiß nicht in unſerer Gegenwart,“ rief die Herzogin.„Dies kann eine Erfindung von den Lan⸗ caſtriern zu unſerm Untergange ſein!* „Wie Ihr wollt, Frau Mutter,“ ſagte Eduard und winkte einem Herrn, der einige Schritte hinter ſeinem Stuhle ſtand, und der den Mechaniker von Anfang an mit lebhaftem Intereſſe beobachtet hatte—„Junker Neolle, begleitet dieſen weiſen Mann, gebt ihm, was er bedarf und— in Euer Ohr— beobachtet ihn wohl, daß er nichts aus dem Innern der Maſchine herausnimmt— beobachtet, was er thut— ſeid ganz Auge. Marmaduke verbengte ſich tief, um die Veränderung ſeines Geſichts zu verbergen; dann trat er vor und gab Adam ein Zei⸗ chen, ihm zu folgen.“ „Geht Ihr auch, Catesby,“ ſagte Richard zu ſeinem Diener, der ſich in ſeine Nähe geſtellt hatte,„und macht das Zimmer von allen Zuſchauern frei. ² Sobald die drei Mitglieder der königlichen Familie allein waren, ſtreckte ſich der König mit leichtem Gäh⸗ nen und ſagte:„Dieſer Mann ſieht nicht wie ein Ver⸗ ſchworner aus, Bruder Richard, obgleich es ſeinem Ge⸗ ſchwätz von Natur und Wiſſenſchaft an Loyalität und Reſpekt fehlte.“ „Mein königlicher Bruder,“ antwortete Richard, „große Anführer übertölpeln oft ihre eigenen Werk⸗ zeuge; mich dünkt wenigſtens, daß Ihr wohl daran thun würdet. Bedenkt, was ich Euch geſagt habe, daß ſtarker ne Ent⸗ ſo ſolli rief die en Lan⸗ ꝛard und ſeinem fang an „Junker ,was er vohl, daß limmt— armaduke Geſichts ein Zei⸗ zu ſeinem nd macht Familie em Gäh⸗ ein Ver⸗ inem Ge⸗ lität und Richard, en Werk⸗ aran thun aß ſtarker 275 Grund vorhanden iſt, zu glauben, daß ſich Margaretha in London aufhält. Auch hat ſich in den letzten Wochen jener ſeltſame und gefährliche Mann, Robin von Rehes⸗ dale, gezeigt, von deſſen Zwecken nichts weiter bekannt iſt, als daß er unſer Feind iſt. Die Leute im Norden haben Luſt zur Empörung gezeigt; ein Mann aus jenem Lande begleitet jenen angeblichen Zauberer und er ſelber wurde in früheren Zeiten von Heinrich von Windſor begünſtigt. Dies ſind ſchlimme Zeichen, wenn man ſie mit einander in Verbindung bringt!“ „Wohl geſprochen; aber ein ſchoͤner Tag, unſre Pferde in die Luft zu bringen, iſt halb vorübergegangen,“ entgegnete der nachläſſige Fürſt.„Bei unſrer lieben Frau! mir gefällt der Schnitt Deiner Tunika ſehr, Richard, aber ſie erhöht Deine Schultern zu ſehr.“ Richards dunkles Auge ſprühte Feuer und er nagte an ſeiner Unterlippe, als er antwortete:„Gott hat mir nicht die ſchoͤne Geſtalt meiner Verwandten gegeben!* „Ich bitte Dich um Verzeihung, lieber Junge,“ ſagte Eduard freundlich;„doch Du beharfſt unſerer breiten Rücken und unſerer ſtarken Muskeln nicht, denn Du haſt eine Zunge, die Weiber zu bezaubern, und Verſtand, die Männer zu beherrſchen.“* Richard beugte ſein Geſicht nieder, welches nicht viel weniger ſchön war als das ſeines Bruders, vbgleich gänzlich verſchieden davon, denn Eduard hatte das lange ovale Geſicht, das blonde Haar, die reiche Färbung und die Umriſſe ſeiner Mutter, der Roſe von Rady. Richard dagegen hatte das kurze Geſicht, die dunkeln braunen Locken und hie bleiche, olivengelbe Geſichtsfarhe ſeines 276 Vaters, welchem er allein von ſeinen königlichen Brü⸗ dern auffallend glich. Auch die Wangen waren ein wenig eingefallen und ſchon bemerkte man, obgleich er kaum die Kindheit überſchritten hatte, in ſeinen Lppen die Linien des gedankenvollen Mannesalters. Dobei aber waren dieſe kleinen Geſichtszüge, die ſehr wenig ins Ad⸗ lerartige übergingen, ſo regelmäßig und zart— das dunkle Auge ſo tief und unergründlich in ſeinem hellen und ſinnenden Scharfblick— die bebende Lippe zugleich ſo ſchön gebildet und Scharffinn und hochmüthigen Willen ausdrückend— und jene bleiche Stirn— ſo maſſiv, hoch und majeſtätiſch, daß, als der ſchottiſche P älat Archi⸗ bald Quhitlaw Richards färſtliches Antlitz rühmte, das Compltment nicht beſtritten, viel weniger noch mit Ver⸗ achtung beſtraft wurde. Aber nun, als er gehorſam dem Geflüſter der Herzogin aufſtand und ihr in das Fenſter folgte, während Eduard beſchäftigt ſchien, ſeine langen aufwärts gebogenen Schuhe zu bewundern, da war jener Fehler ſeiner Geſtalt, den der Volkshaß und das Empor⸗ kommen des Hauſes Tudor in eine förmliche Mißzgeſtalt verwandelte, welchen die oberflächliche Unwiſſenheit der modernen Zeit und jener feierlichen Tragödie, die Shak⸗ ſpeare am wenigſten würdig und daher unter dem Volke am meiſten beliebt iſt, in eine vollendete Caxrikatur ver⸗ wandelt haben, hinlänglich ſichtbar. Verwachſen oder buckelig war er nicht, denn kein ſo entſtellter Mann hätte jene große körperliche Stärke beſitzen können, die er un⸗ geachtet ſeines ſchlanken Körpers zeigte. Er war be⸗ trächtlich unter der gewöhnlichen Größe, was um ſo unvortheilhafter gegen die hohe Statur ſeines Bruders mit Ver⸗ rſam dem s Fenſter ne langen war jener s Empor⸗ Nißgeſtalt enheit der die Shak⸗ em Volke Latur ver⸗ hſen oder ann hätte die er un⸗ war be⸗ as um ſo Bruderz 277 abſtach; doch ſeine untern Glieder waren ſtark und mus⸗ kulös gebaut. Obgleich der Rücken nicht gekrümmt war, ſo war doch eine Schulter ein wenig höher als die an⸗ dere, was um ſo mehr zu bemerken war wegen der gro⸗ ßen Mühe die er ſich gab es zu verbergen, und wegen der Pracht ſeiner Kleidung, die den Schein der Putzſucht hatte, wovon kein Plantagenet frei war. Und da in einem kriegeriſchen Zeitalter die korperliche Bildung der Männer ſtets mit einem kritiſchen Auge betrachtet wird, ſo wurde dieſer Fehler und der ſeiner kieinen Statur nicht ſo ſehr wie es in unſern Tagen geſchehen würde, durch die Schönheit und Intelligenz ſeines Geſichts auf⸗ gehoben. Dazu kam noch, daß ſein Hals kurz war und er die Gewohnheit hatte, ſeinen Kopf auf die Bruſt niederzubeugen, was entweder aus Nachdenken oder aus der Affektatton der Demuth geſchah, die einen Theil ſei⸗ nes Charakters bildete, wodurch derſelbe noch kürzer er⸗ ſchien. Aber dieſe Eigenthümlichkeit, während ſie der Anmuth Eintracht that, erhöhte die Stärke ſeiner Ge⸗ ſtalt, welche getrungen, muskulös und ſchlank, dem Be⸗ obachter jene Fähigkeit zur Ausdauer— jene Vereini⸗ gung der Halsſtarrigkeit und der Thatkraft zeigte, was ihn zu einem nicht weniger furchtbaren Gegner machte, als das ſchonungsloſe Schwert des mächtigen Eduard. „So, Prinz,“ ſagte die Herzogin,„dieſer neue Ca⸗ valier des Königs iſt alſo, wie es ſcheint, ein Nevile. Wann wird Ehuards hoher Geiſt dieſes verhaßte Joch abwerfen?“* Richard ſeufzte und ſchüttelte den Kopf. Durch die⸗ ſes Zeichen der Theilnahme ermuthigt, fuhr die Herzogin 278 fort:„Euer Bruder Clarence, Prinz Richard, verachtet uns und beugt ſich vor dem ſtolzen Grafen. Aber Ihr— „Ich bin kein Bewerber um Lady Iſabella. Clarence iſt ſehr verſchwenderiſch und Iſabella hat ein ſchönes Ge⸗ ſicht und eine königliche Mitgift.“ „Möge ich umkommen,“ ſagte die Herzogin,„ehe Warwicks Tochter die Kleidung der königlichen Familie trägt und eine eben ſo hohe Stellung einnimmt, wie die Mutter der Königin! Prinz, ich möchte mich gerne mit Euch unterreden; wir haben ein Projekt, dieſen verhaßten Lord zu erniedrigen und zu verbannen. Wenn Ihr Euch nur uns anſchließt, ſo iſt der Erfolg gewiß. Der Graf von Charolois—* „Theure Lady,“ fiel Richard mit einer Miene der tiefſten Demuth ein,„ſagt mir nichts von einem Com⸗ plot oder Projekt; meiner Jahre ſind noch zu wenig zu einer ſo erhabenen und feinen Politik, und der Lord War⸗ wick iſt ein wahrer Freund des Hauſes York geweſen.“ Die Herzogin biß ſich in die Lippen.„Doch habe ich gehört, daß Ihr zu Eduard ſagtet, ein Unterthan könne auch zu mächtig werden.“ „Nimmer, Lady, nimmer! Ihr habt mich nie ſo reden hören.“ 5 „Dann hat Eduard Eliſabeth geſagt, daß Ihr ſo geſprochen.“ „Ah!“ ſagte Richard, ſich mit einem Lächeln ab⸗ wendend;„ich ſehe, daß des Königs Gew ſſen in guter Obhut iſt. Verzeiht mir. Eduard hat jetzt ſeine Schuhe lange genug betrachtet, und muß ſich über dieſe verlän⸗ gerte Unterredung wundern. Und ſeht, die Thür geht auf.“ wenig zu ord War⸗ geweſen.“ habe ich an könne ch nie ſo Ihr ſo heln ab⸗ in guter Schuhe verlän⸗ ht auf.“ 279 Hierauf ging der Herzog langſam zu dem Tiſche und nahm ſeinen Sitz ein. Marmadnke, voll Furcht für ſeinen ehemaligen Wirth, hatte vergebens eine Gelegenheit geſucht, einige Worte der Ermahnung an ihn zu richten, ſich aller Zau⸗ berei zu enthalten und keine ſo gefährliche Unterſchei⸗ dungen zwiſchen der Macht Eduard des Vierten und der verdammenswerthen Natur und Wiſſenſchaft anzuwen⸗ den; aber Catesby beobachtete ihn mit ſo katzenartiger Wachſamkeit, daß er nicht im Stande war mehr zu ſagen, als:„Ach, Herr Warner, um Gottes Willen, erinnert Euch, daß Folter und Strick hier mehr ſind, als bloße Worte!“ Auf dieſe angenehme Bemerkung ant⸗ wortete Adam, der geſchäſtig den Keſſel füllte, nur mit einem bedeutungsvollen Anſtarren, indem er Nevile in ſeiner feinen Kleidung und in der neumodiſchen Art, ſein langes Haar zu tragen, nicht im geringſten erkannte. Aber Catesby wartete vergebens auf die Entfernung des verrätheriſchen Inhalts der Maſchine, was der Her⸗ zog von Glouceſter ſo ſcharffinnig geargwohnt hatte. Die Wahrheit muß geſagt werden. Adam hatte gänzlich vergeſſen, daß im Innern ſeiner Maſchine die Paviere verborgen waren, wodurch der Thron konnte umgeſtürzt werden! In dieſer Vergeſſenheit war er eine prächtige Verkörperung der Wiſſenſchaft ſelbſt, die ſich nicht um Männer und Nationen in ihrem kurzen Daſein kümmert, die ſich nur der Dinge erinnert— der Dinge, welche Jahrhunderte lang dauern, die in ihren erſtaunenswer⸗ then Berechnungen die Vereinigung einer Generation aus dem Geſicht verliert! Nein— er hatte Heinrich 280 gänzlich vergeſſen, Eduard und ſeinen eigenen Leib und ſein Leben— nicht nur York und Lancaſter, ſondern auch Adam Warner und die Folter. Großartig in ſeiner Vergeſſenheit ſtand er vor dem Tiger und der Tigerkatze — vor Eduard und Richard— da-— ein reiner Gedanke eines Menſchen Seele; die Wiſſenſchaft furchtlos in der Gegenwart der Grauſamkeit, der Tyrannei, der Liſt und der Macht. In Wahrheit, jetzt da Adam gänzlich in ſeiner ei⸗ genen Sphaͤre war, in dem Gebiet, wo er König war, galten ihm jene Weſen in Sammet und Hermelin nur als unwiſſende Wilde, die an die Grenzen ſeines Reiches zugelaſſen wurden. Seine Geſtalt erhob ſich zu einer Majeſtät, welche die Zuſchauer bisher nicht an ihm ge⸗ wahrt hatten und ſelbſt der träge Eduard murmelte un⸗ willkürlich:„Bei der heiligen Jungfrau, der Mann hat ein edles Anſehen!“ „Ich bin jetzt bereit, Sire,“ ſagte Adam mit erha⸗ benem Ausdruck,„meinem König und ſeinem Hofe zu zeigen, daß oft unbeachtet und in der Dunkelheit, in Studien verſenkt und zurückgezogen, Männer leben, welche Könige mit Stolz ihre Unterthanen nennen könn⸗ ten. Hierher, Mylords, wenn's gefällig iſt!“ Und er deutete ſo gebieteriſch auf das Zimmer, wo er ſeine Eu⸗ reka zurückgelaſſen hatte, daß ſeine Zuhoͤrer mit gemein⸗ ſchaftlichem Antriebe ſich erhoben und im nächſten Au⸗ genblicke im anſtoßenden Zimmer ſich um das Modell ſtellten. Dieſe wirklich wunderbare Erfindung— ſo wun⸗ derbar in der That, daß die, welche ſich nicht Zeit laſſen zu bedenken, welche ungeheuren Vorarbeiten für die mo⸗ dienen A kleinen längen der v es ihn liren, und z that. in vo der r arbei 281 derne Wiſſenſchaft gemacht und verloren gingen in der Dunkelheit der Jahrhunderte, die nicht geeignet waren, ſie aufzunehmen, es nicht werden glauben können— war ohne Zweifel in manchen wichtigen Einzelnheiten noch nicht zu der praktiſchen Anwendung geeignet, wo⸗ für Adam ſie beſtimmte. Aber als ein bloßes Modell, als die Andeutung rieſenhafter Erfolge, war es vielleicht eben ſo wirkſam, wie ein Mechaniker unſrer Tage es nur hätte zuſammenſetzen können. Freilich war es mit unnö⸗ thigen Cylindern, Walzen, Schrauben und Rädern über⸗ laden, häßlich und unfoͤrmlich anzuſehen— doch durch dieſe Verwicklung erreichte die große einfache Abſicht ihren Hauptzweck. Es zeigte, welche Kraft und Geſchicklichkeit der Menſch durch ſeine Verbindung mit der Natur er⸗ langen kann— und um ſo klarer, als der bamit verbun⸗ dene Mechanismus, noch erfindungsreicher als die Ma⸗ ſchine ſelbſt, wohl geeignet war, einige der vielen Anwendungen praktiſch zu erläutern, wozu das Prineip dienen ſollte. Adam hatte das Geheimniß nicht ergründet, den kleinen Cylinder mit hinreichendem Dampf zu einer ver⸗ längerten Wirkung zu verſehen— die große Wahrheit der verborgenen Hitze war ihm unbekannt; doch war es ihm gelungen, den Zudrang des Waſſers ſo zu regu⸗ liren, daß die Maſchine zu Befriedigung der Neugierde und zur Erklärung ihrer Zwecke ihre Pflicht hinlänglich that. Und nun war dieſes ſeltſame Ding von Eiſen in vollem Leben. Aus ſeinem Schlangenſchornſtein ſtieg der raſche Rauch hervor unh man hörte es im Innern arbeiten. 282 „Und was habt Ihr damit für Euch und das König⸗ reich fur eine Abſicht, Herr Abam?“ freagte Eduard, in⸗ dem er ſeine hohe Geſtalt neugierig über das gequälte Eiſen beugte. „Ich beabſichtige die Natur zur Arbeiterin für die Menſchen zu machen,“ antwortete Warner.„Als ich noch ein Kind von etwa acht Jahren war, beobachtete ich, daß das Waſſer zu Dampf anſchwellt, wenn Feuer darunter angemacht wird. Zwolf Jahre ſpäter, in mei⸗ nem zwanzigſten Jahre, bemerkte ich, daß, während dieſe Veränderung vorgeht, der Dampf eine mächtige, mechaniſche Gewalt ausübt. Im fünfundzwanzigſten ſagte ich nach beſtändigem Nachdenken: Warum könnte nicht dieſe Kraft der menſchlichen Kunſt unterworfen werden? Damals begann ich das erſte rohe Mohell, wovon dies der Abkömmling iſt. Ich bemerkte, daß der ſo hervorgebrachte Dampf elaſtiſch iſt— das heißt, das er ſich ausdehnt und einen Druck ausübt auf das, was ſich ihm entgegenſtellt; er hat eine Gewalt, die überall anwendhar iſt, wo Keaft für die Arbeit des Menſchen nöthig iſt. Dies iſt eine zweite Wirkfamkeit gigantiſcher Naturkräfte; und dann, als ich weiter darüber nach⸗ dachte, bemerkte ich, daß der ſo hervorgebrachte Dampf wieder in Waſſer kann verwandelt werden, indem er nothwendigerweiſe, während er ſo wieder umgebildet wird, ſich aus dem Raume entfernt, den er als Dampf einnahm und dieſen Raum leer läßt. Aber die Natur verabſcheut das Leere— man hringe einen leeren Raum hervor, und die ihn umgebenden Körper ſtürzen darauf ein. So wird der Dampf, der ſich wieder in Waſſer , was überall enſchen itiſcher nach⸗ Dampf em er ebildet Dampf Natur Naum darauf Baſſer 283 verwandelt, von Neuem eine Kraft— unſer Agens. Und während alle dieſe Wahrheiten ſich in einem Geiſte geſtalteten und ich mir die materielle Form ausdachte, vermöge welcher ich ſte dem Menſchen nützlich machen könne, bildete ſich endlich aus dieſen Wahrheiten dieſe Erfindung!“ „Wahrhaftig,“ ſagte Eduard mit der Haſt, welche hohen Perſonen eigen iſt,„was zwiſchen Eurem Ge⸗ ſchwätz von Rauch und Waſſer und dieſer garſtigen eiſer⸗ nen Vorrichtung gemeinſchaftlich ſein kann, geht über alle Begriffe. Aber verſchont uns mit Euren Reden und zeigt uns Euer Puppenſpiel.“ Adam ſtutzte einen Augenblick und empfand jene Ver⸗ wirrung, die ein Mann fühlt, der von ſeinem Gegen⸗ ſtande voll iſt, wenn er es unmöglich findet, ihn einem Anbern begreiflich zu machen, ſeufzte, ſchüttelte den Kopf und bereitete ſich vor, zu beginnen. „Bemerkt wohl,“ ſagte er,„hier iſt keine Gaukelei, keine Tänſchung. Ich will in dieſe Offnung dieſes kleine Stück Kupfer legen— ich wollte, die Größe meiner Maſchine geſtottete ein groͤßeres Experiment!— Nun bitte ich zu bemerken, ſowie ich eine Thür nach der an⸗ dern öffne, wie das Metall verſch edene Veränderungen annimmt, weliche alle durch die eine Wirkſamkeit des Dampfes hervorgebracht werden. Beachtet es wohl. Und wenn dieſes Werk Euch gefällt, großer König, ſo bedenkt, welches in größerem Maßſtabe die Wu kungen ſein würden; bedenkt, wie es alle Künſte vervielfaͤltigen und alle Arbeit verringern würde; bedenkt, daß Ihr hierin für ein ganzes Volk den wahren Stein der Weiſen erlangt habt. Jetzt gebt Acht!“ Er legte das rohe Metall in das Behältniß und plötz⸗ lich wurde es von einer inneren Feder ergriffen und ver⸗ ſchwand. Während er geſchickt auf die verwickelten Be⸗ deutungen achtete, öffnete er eine Thür nach der andern, um den erſtaunten Zuſchauern die raſchen Übergänge zu zeigen, denen das Metall unterworfen wurde und in der Mitte ſeines Stolzes hielt er plötzlich inne, als ihm wie ein Blitz die Erinnerung an die unheilvollen Papiere in den Sinn kam. In der nächſten Thür, die er öffnen ſollte, lagen ſie verborgen. Die Veränderung ſeines Ge⸗ ſichts entging Richard nicht, und er merkte ſich die Thür, welche Adam nicht öffnete. Der Gelehrte ging mit eini⸗ ger Geiſtesgegenwart zu der nächſten Thür über, wo das Metall gleich darauf erſcheinen ſollte. „ffnet dieſe Thür,“ ſagte der Prinz auf den Hand⸗ griff deutend. „Nein!— Haltet ein! Dort iſt Gefahr!— Haltet ein!“ rief der Mechaniker. „Gefahr für Euren eigenen Hals, Schurke und Betrüger!“ rief der Herzog und war im Begriff, ſelber die Thür zu öffnen, als plötzlich ein lautes Brüllen— eine plötzliche Explofion gehört wurde. Ach! Adam Warner hatte für ſeine Maſchine das ſogenannte Sicher⸗ heitsventil noch nicht erfunden. Der Dampf in dem kleinen Keſſel hatte einen zu ſtarken Druck erfahren; Adams Aufmerkſamkeit war zu ſehr in Anſpruch genom⸗ men werden, um die Zeichen davon zu entdecken, und das Übrige kann man ſich leicht denken. Nichts konnte dem Explo unben Thür was i hielten Unter ſich w verlor gen 2 darun len? den„ den C 4 gern den nicht Ihr) f naͤhe mein zigm er in tapfe Leher als i ſchla Thür, lit eini⸗ er, wo Hand⸗ Haltet ke und ſelber len— Adam Sicher⸗ n dem ahren; enom⸗ , und konnte dem Schrecken und Entſetzen ber Zuſchauer bei dieſer Exploſion gleichkommen. Nur der junge Herzog blieb unbewegt und ſah finſter drein. Alle ſtürzten auf die Thür zu und rannten auf einander los, kaum wiſſend, was im nächſten Augenblick mit ihnen geſchehen werde, hielten ſich aber überzeugt, daß der Zauberer ihnen den Untergang bringen wolle. Eduard war der Erſte, der ſich wieder faßte; und als er ſah, daß Keiner das Leben verloren hatte, war ſein erſter Antrieb der der unbändi⸗ gen Wuth. „Verworfener Verräther!“ rief er,„haſt Du uns darum durch Deine verdammten Hexereien täuſchen wol⸗ len? Ergreift ihn! Fort auf den Towerhägel und laßt den Prieſter ſein Gebet plappern, während der Henker den Strick knüpft.“ Keine Hand regte ſich; ſelbſt Catesby hätte ebenſo gern des Königs Löwen vor der Mahlzeit angerührt, als den armen Mechaniker, der beſtürzt daſtand und auf nichts weiter achtete, als auf ſeine verſtümmelte Maſchine. „Junker Nevile,“ ſagte der König ſtrenge,„hört Ihr uns?“ „Wahrlich,“ murmelte Nevile, ſich ſehr langſam nähernd,„ich wußte vorher, was geſchehen würde, aber meine Hände an meinen Wirth legen, und wäre er fünf⸗ zigmal ein Zauberer— nein! Mein Lehensherr,“ ſagte er in feſtem Tone, indem er auf ſein Knie ſiel und ſein tapferes Geſicht vor edlem Schrecken bleich war,„mein Lehensherr, verzeiht mir. Dieſer Mann kam mir zu Hülſe, als ich von einem lancaſtriſchen Schurken zu Boden ge⸗ ſchlagen und verwundet wurde— dieſer Mann gewährte 286 mir Obdach, Nahrung und Heilung. Befehlt mir nicht, o gnädigſter Herr, einem Manne das Leben nehmen zu helfen, dem ich mein eigenes verdanke.“ „Sein Leben!“ rief die Herzogin von Bedford,„das Leben dieſes höchſt berühmten Mannes, Sire? Ihr wer⸗ det nicht daran denken!“ „Bei den Heiligen, was iſt das?“ rief der Koͤnig, deſſen Zorn, obgleich heftig und rückſichtslos, nur von ſo kurzer Dauer war, wie es die Leidenſchaften der trä⸗ gen Leute gewöhnlich ſind und den die lebhafte Einrede ſeiner Schwiegermutter ſehr überraſchte und ergötzte. „Wenn Ihr, meine ſchöne Schwiegermutter, es für eine ſo ruhmvolle That haltet, uns einen toͤdtlichen Schrecken einzujagen, indem wir nur mit genauer Noth davon kommen, über den Fluß geworfen zu werden wie Kar⸗ tätſchen, ſo läßt ſich über den Geſchmack nicht ftreiten. Steht auf, Junker Nevile, wir achten Euch nicht weni⸗ ger wegen Eurer Kühnheit; ſtets werde der Wirth und der Wohlthäter verehrt von dem engliſchen Edelmann und dem chriſtlichen Jüngling. Herr Warner ſoll frei ausgehen.“ Hier ſtieß Warner einen ſo tiefen und hohlen Seufzer aus, daß alle Anweſenden darüber erſchraken. „Fünfundzwanzig Jahre der Arbeit und dies nicht vorhergeſehen zu haben,“ rief er.„Fünfundzwanzig Jahre und Alles dahin. Wie iſt dieſes Mißgeſchick wieder gut zu machen?— O unglücklicher Tag!“ „Was ſagt er? Was meint er?a fragte Jacquetta. „Kommt nach Hauſe! nach Hanſe!“ ſagte Mar⸗ mahnke, ſich dem Philoſophen mit großer Unruhe nä⸗ ſtreiten. t weni⸗ rth und elmann ſoll frei Seufzer s nicht wanzig wieder Juetta. Mar⸗ ee nä⸗ hernd, indem er fürchtete, er mochte ſein Leben noch einmal in Gefahr bringen. Aber Adam machte ſich leb⸗ haft von ihm los und unterſuchte mit zitternden Händen ſeine Maſchine, und da er kein Mittel ſah, ſich ins Künf⸗ tige gegen eine Gefahr zu ſchützen, die, wie er ſogleich einſah, wenn ſie nicht entfernt würde, ſeine Erfindung nutzlos machen mußte, ſchwankte er zu einem Stuhle und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Er ſcheint ſehr bekümmert zu ſein, daß unſere Kno⸗ chen noch ganz find!“ murmelte Eduard.„Und warum, ſchoͤne Schwiegermutter, wollt Ihr dieſen angenehmen Gaukler beſchützen?“ „Was!“ ſagte die Herzogin,„ſeht Ihr nicht, daß ein Mann, der ſolche Erfindungen machen kann, uns wichtige Dienſte gegen unſere Feinde leiſten könnte?“ „Nein— wie das?⸗ „Nun, wenn er bloß um ſein Mißfallen über das allzuneugierige Einmiſchen unſeres jungen Richard an⸗ zudenten, machen kann, daß dieſe ſeltſame Maſchine die Wände erſchüttert— ja ſich ſelbſt zerſtört, ſo bedenkt, was er thun könnte, wenn ſeine Macht und Bosheit zu unſerer Verfügung ſlünde. Ich weiß etwas von dieſen Zauberern.“ „Und ich wollte, Ihr wüßtet weniger davon! Denn ſchon murren die Gemeinen über die Gunſt, die Ihr ihnen gewährt. Aber ſei es wie Ihr wollt. Und nun — he da draußen!— Laßt uns unſere Pferde aufzäumen!“ „Ihr vergeßt, mein königlicher Bruder,“ ſagte Richard, der bisher die verſchiedenen Perſonen ſchwei⸗ gend heobachtet hatte,„den Zweck, weßhalb wir dieſen 288 würdigen Mann hierher brachten. Iſt es Euch jetzt ge⸗ fällig, Herr, jene Thüre zu öffnen?“ „Nein— nein!“ rief der Koͤnig haſtig,„ich will nicht, daß man den böſen Feind noch mehr reize— Ver⸗ ſchworner oder nicht, ich habe genug von Herrn Warner. Pah! mein armes Unterkleid iſt ganz ſchwarz geworden, Schoͤne Schwiegermutter, nehmt ihn in Enern Schutz, und nun komm mit mir, Richard.“ Mit dieſen Worten faßte der König den Arm des widerſtrebenden Gloneeſter und verließ das Zimmer. Die Herzogin befahl dann den übrigen, ſich auch zu entfer⸗ nen und blieb mit dem niedergeſchlagenen Philoſophen allein. Siebentes Kapitel. Die Meinung der Herzogin von Bedford von der Nützlichkelt der Erfindung des Herrn Warner und ihre Achtung vor der Exploſion derſelben. Ohne auf die eben ſtattgefundene Verhandlung und ſeine Befreiung von Strick und Galgen zu achten, er⸗ hob er ärgerlich ſeinen Kopf, als die Herzogin faſt lieh⸗ koſend ihre Hand auf ſeine Schulter legte und ihn ſo an⸗ redete:„Höchſt mächtiger Herr, glaubt nicht, daß ich eine von denen bin, die in ihrer Unwiſſenheit und Thor⸗ heit die Geheimniſſe ſchmähen, worin Ihr offenbar ein ſo großer Meiſter ſeid. Als ich Euch davon reden hörte, die Natur dem Menſchen zu unterwerfen, begriff ich Euch ſogleich und erröthete über die Dummheit meiner Verwandten. ⸗ entfer⸗ oſophen lützlichkeit vor der ung und ten, et⸗ iſt lieh⸗ ſo an⸗ daß ich Thor⸗ bar ein hörte, riff ich meiner 289 „Ah! Dame, ſo habt Ihr alſo die Mathematik ſtu⸗ dirt? Ach, dies iſt ein ſchwerer Schlag; doch iſt es kein mit der Erfindung zuſammenhäͤngender Fehler. Ich bin vollkommen der Meinung, daß er kann verbeſſet werben. Aber oh! welche Zeit— welches Nachdenken— welche ſchlafloſen Nächte— welches Gold wird nöthig ſein!“ „Widmet mir Eure ſchlafloſen Nächte und Eure großartigen Gedanken, und es ſoll Euch nicht an Gold fehlen!“ „Dame,“ rief Adam, ſich emporrichtend,„höre ich recht? Seid Ihr in Wahrheit die Beſchützerin, von der ich ſo lange geträumt habe? Habt Ihr den Kopf und das Herz, die Wiſſenſchaft zu unterſtützen?“ „Ja! und auch die Macht, die Gelehrten zu be⸗ ſchützen! Weiſer Mann, ich bin die Herzogin von Beh⸗ ford, welche die Menſchen der Zauberei beſchuldigen. Von der Gattin eines Privatmannes bin ich Mutter der Königin geworden. Ich ſtehe in der Mitte eines Hofes, der mir feindlich iſt; ich wünſche Gold, um beſtechen, Weisheit, um mich ſchützen, und Mittel, ſie vernichten zu können. Und dieſes Alles ſuche ich bei Männern, wie Ihr ſeid.“ Adam richtete ſeine verwirrten Augen auf ſie und antwortete nicht. „Man ſagt mir,“ erwiderte die Herzogin,„daß Heinrich von Windſor gelehrte Männer anwendete, um die gemeinern Metalle in Gold zu verwandeln. Wart Ihr Einer von dieſen?“ „Nein.“ „Ihr verſteht aber dieſe Kunſt?“ Bulwer, Barone, I. 290 „Ich ſtudirte ſte in meiner Jugend; aber die Erfor⸗ verniſſe waren mir zu koſtſpielig.“* „Bei mir ſoll es Euch nicht daran fehlen. Ihr kennt die Geſetze der Sterne und könnt die Abſichten der Feinde vorherſagen— die Stunde, wo man handeln oder ſich in Acht nehmen muß?“ „Aſtrologie habe ich ſtudirt, doch das war auch in meiner Ingend, denn die re in⸗ Mathematik hat mich zu meiner Erfindung geführt— „Zum Henker mit Eurer Erfindung, was ſie auch ſein mag— denkt nicht mehr daran, ſie hat in der Er⸗ ploſion ihren Zweck erreicht, welcher ſich als unheilvoll auswies— jetzt habt Ihr hohe Ausſichten vor Euch. Wollt Ihr Euch meinem Haushalt anſchließen— einer meiner Alchymiſten und Aſtrologen werden? Ihr ſollt Muße, Ehre und Geld haben, ſo viel Ihr bedürft.“ „Geld!“ ſagte Adam lebhaft, indem er ſeine Augen auf das verſtümmelte Modell richtete—„gut, ich gehe auf Alles ein, was Ihr wollt— Alchymiſt, Aſtrolog, Zauberer— was Ihr wollt. Dies ſoll Alles wiederher⸗ geſtellt werden— Alles— ich ſehe es jetzt— o ich ſehe es jetzt— ja, wenn eine Pfeife angebracht würde, die den überflüſſigen Dampf abführte— ja, ja!— Richtig, richtig!“ Und er rieb ſeine Hände. Jaequetta war betroffen von ſeiner Begeiſterung. „Aber gewiß, Herr Warner, dieſe Erfindung hat eine Eigenſchaft, die Ihr nicht habt erklären wollen— ver⸗ trauet mir— kann ſie Eiſen in Gold verwandeln?“ „Nein— aber—* „Kann ſie die Zukunft vorherſagen? „Nein— aber—* „Kann ſie das Leben verlängern?“ „Nein— aber— 4 „Dann in Gottes Namen, laßt uns keine Zeit mehr daran verſchwenden!“ ſagte die Herzogin ungeduldig, „Eure Kunſt iſt jetzt die meine. Heba!— Ich will meinen Pagen ſenden, um Euch in Eure Gemaͤcher zu ich zu führen. Ihr ſollt zunächſt bei dem Mönche Bungey woh⸗ nen, einem Manne von wunderbarer Gelehrſamkeit, Herr Warner, und ein würdiger Genoſſe Eurer For⸗ ſchungen. Haht Ihr Verwandte und Freunde zu Hauſe, denen Ihr Eure Beförderung ankündigen wollt?“ „Ach, Dame! der Himmel verzeihe mir, ich habe G einet eine Tochter— mein einziges Kind— meine Sibylla, r ſollt die kann ich nicht allein laſſen— und— ft.⸗„Nun, nichts ſoll Eure Sorge von Eurer Kunſt ab⸗ Augen ziehen— wir wollen ſie kommen laſſen. Ich will ſie unter 6 h gehe meine Mädchen aufnehmen. Lebt wohl, Herr Warner! ues Am Abend will ich Euch zu mir kommen laſſen, und Euch erher⸗ die Aufgaben vorlegen, die ich ausgeführt zu ſehen 9 ich wünſche.“ vürde, Mit dieſen Worten verließ die Herzogin das Zim⸗ mer und ließ Adam allein, der ſich in tiefer Träumerei über ſein Modell neigte. rung. Der arme Mann ſollte wieder aus ſeinem tiefen eine Nachdenken erweckt werden. ver⸗ Es lag in dem eigenthümlichen Charakter des jungen Prinzen von Glouceſter, wenn er ſich einmal einen Zweck vorgeſetzt hatte, ihn nie abſichtlich aufzugeben. Zuerſt ſchlich er wie eine Schlange um denſelben herum; doch 292 wenn es ſeiner Liſt fehlſchlug, wurde ſeine Leidenſchaft durch Wiberſtand erhöht und er ſprang wie ein Löwe auf ſeine Beute zu. Wer die Lauſbahn dieſes außeror⸗ dentlichen Mannes beobachtet, wird bemerken, haß, welches auch ſeine gewohnte Heuchelei ſein mochte, er ſie gänzlich aus den Augen verlor, wenn er einmal ent⸗ ſchloſſen war, Gewalt anzuwenden. Dann wurde die nackte Wildheit, womit er alle Hinderniſſe aus dem Wege räumte, auf furchtbare und ſchreckliche Weiſe ſichtbar und ſie bildet einen ſeltſamen Contraſt zu der Scheinheiligkeit, womit er in ruhigeren Augenblicken das Opfer in die Schlingen zu locken ſuchte. Feſt über⸗ zeugt, daß Adams Maſchine zu einer gefährlichen und verrätheriſchen Correſponbenz mit dem königlichen Ge⸗ fangenen angewendet worden und von jenem argwöhni⸗ ſchen, ruheloſen und fieberhaften Temperament, welches niemals ſchlummerte, wenn eine Furcht erweckt, ein Zweifel erregbar, hatte er ſich von ſeinem Bruder los⸗ geriſſen, deſſen offenere Tapferkeit und weniger unruhl⸗ ger Verſtand ſtets geneigt war, ſeine Krone mehr durch das Schwert gegen den erklärten Feind, als durch den Galgen für den entdeckten Verräther zu vertheidigen, und als er Eduards Erlaubniß erhalten hatte, dieſe ſelt⸗ ſame Sache weiter zu unterſuchen, ließ er ſogleich den Arbeiter rufen, der das Modell in den Tower gebracht hatte; doch dieſe verdächtige Perſon war fort. Die Ex⸗ ploſion der Maſchine hatte die Wache unten nicht weni⸗ ger erſchreckt, als die Zuſchauer oben. Sie ließen den Gefangenen los; Einige eilten davon, Andere ſtürzten in den Palaſt, um zu erfahren, welches Unheil geſchehen 293 ſei, und Hugo hatte eine ſo günſtige Gelegenheit zur Flucht nicht vorübergehen laſſen. Da ſtand der träge Mauleſel unten an der Thür, aber der Füͤhrer war ver⸗ ſchwunden. Durch das Verſchwinden von Adams Be⸗ gleiter noch mehr in ſeinem Verdachte beſtärkt, ertheilte Richard Catesby einige vorläufige Befehle und ging dann ſogleich in das Zimmer, wo der Philoſoph ſich noch mit ſeinem Modell befand. Er machte die Thür beim Eintreten zu und ſeine Stirn war düſter und un⸗ heimlich, als er ſich dem ſinnenden Gelehrten näherte. Aber hier müſſen wir zu Sibylla zurückkehren. Achtes Kapitel. Die alte Dame ſpricht von ihrem Kummer— die junge träumt von Liebe— der Hofmann geht von der gegenwärtigen Macht zur Erinnerung vergangener Hoffnungen über— und der Welt⸗ verbeſſerer eröffnet Utopien mit einer Ausſicht auf den Galgen für den thörichten Weiſen, den er zur Theilnahme an ſeinen Plänen verlockt hat— ſo geht es immer in der Welt! Die alte Dame blickte von ihrem Stickrahmen auf, als Sibylla finnend auf einem Stuhle vor ihr ſaß, und ſte betrachtete das Mädchen mit aufmerkſamen, etwas ſchwermüthigen Blicken. „Schönes Mädchen,“ ſagte ſie, indem ſie das Schwei⸗ gen brach, welches einige Augenblicke gewährt hatte, „es iſt mir, als hätte ich Dein Geſicht ſchon früher geſehen. Warſt Du nicht am Hofe der Königin Mar⸗ garetha?“ „Ja, in meiner Kindheit, Mylady.“ 294 „Erinnerſt Du Dich nicht meiner, der Frau von Longueville?“ Sibylla fuhr erſtaunt auf und ſah ſie lange an, ehe ſte die Züge ihrer Wirthin erkannte; denn die Frau von Longueville war, als Sibylla am Hofe geweſen, noch wegen ihrer Schönheit ausgezeichnet, und die Verände⸗ rung war groͤßer, als gewöhnlich in einer ſolchen Zeit vor⸗ zugehen pflegt. Die Dame lächelte traurig.„Ja, Du wunderſt Dich, mich ſo gebeugt und verblichen zu ſehen,“ ſagte ſie.„Mädchen, ich verlor meinen Gatten in der Schlacht bei Ganct Albans und meine drei Söhne bei Touton. Meine Beſitzungen und mein Vermögen ſind eingezogen worden, um neue Männer zu hereichern; und einem von ihnen— einem von den Feinden des ein⸗ zigen Königs verdanke ich die Speiſen auf meinem Tiſche und das Dach für mein Haupt. Wunderſt Du Dich jetzt, daß ich ſo verändert bin?“ Sibylla ſtand auf und küßte der Dame Hand, und die Thräne, welche auf dieſelbe fiel, war ihre einzige Antwort. „Ich höre,“ ſagte Frau von Longueville,„daß Dein Vater von Lord Haſtings die Erlaubniß erhalten hat, Koͤnig Heinrich zu beſuchen. Ich hoffe, wenn er zurück⸗ kehrt, wird er mir ſagen, wie der fromme Monarch ſeine Trübſal erträgt. Aber ich weiß, ſein Beiſpiel ſollte uns tröͤſten.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:„Beſucht Dein Vater den Lord Haſtings oft? „Er ſah ihn nie, ſo viel ich weiß,“ antwortete Si⸗ bylla erröthend;„die Erlaubniß wurde in gewöhnlicher Form einem Gelehrten gegeben.“ 295 „Und wer verlangte ſie?“ fuhr die Dame fort. „Ich,“ verſetzte Sibylla ſtotternd. Frau von Lonzueville lächelte. „Ah! Haftings konnte eine Bitte von ſo rofigen Lippen wohl kaum abſchlagen. Aber ich will nichts ſagen, um ſein menſchliches und edles Herz herunterzuſetzen. Nach Gott und ſeinen Heiligen verdanke ich Lord Ha⸗ ſtings, was mir auf Erden lieb iſt. Seltſam, daß er noch nicht hier iſt. Dies iſt der gewöhnliche Tag und die Stunde, wo er ſich von ſeinem Pomp und den Vergnü⸗ gungen entfernt, um die einſame Wittwe zu beſuchen.“ Und da es der Dame gefiel, eine aufmerkſame Zuhörerin bei ihrer dankbaren Resdſeligkeit zu finden, fuhr ſie mit warmen Lobſprüchen über ihren Beſchützer fort, und be⸗ nachrichtigte Sibylla, daß ihr Gemahl beim erſten Aus⸗ bruch des Bürgerkrieges Lord Haſtings gefangen genom⸗ men, und durch ſeine Tapferkeit und Ingend gerührt, ſo wie aus alter Bekanntſchaft mit ſeinem Vater ſeine Flucht vor dem gewiſſen Tode begünſtigt habe, der ihn von der Wuth der unverſoͤhnlichen Margaretha erwartet habe. Nach der Schlacht bei Touton habe Haſtings eins von den confiseirten Gütern des Hauſes Longueville ange⸗ nommen, nur um es der Wittwe des gefallenen Lords wieder geben zu können; und mit ritterlicher Ruͤckſicht, mit ſeiner Wohlthat nicht zufrieden, habe er keine Ge⸗ legenheit verſäumt, der Dame jede Huldigung und Ach⸗ tung zu beweiſen, um den Stolz zu beſänftigen, der der Armuth derjenigen, welche groß geweſen ſind, eine Krankheit wird. Die Loyalität der Frau von Longueville ſo ſelten in jenen Tagen, glich der Anhänglichkeit, welche 296 die letzten Stuarts einfloͤßten. Sie nahm eine Wohnung in der Nähe des Tower, um Morgens und Abends, wenn Heinrich ſein Fenſter öffnete, um die auf⸗ und untergehende Sonne zu begrüßen, den gefangenen König aus der Ferne zu ſehen und durch hieſen traurigen An⸗ blick die Hoffnungen und den Muth der Abgeſandten des Hauſes Lancaſter beleben zu können, welchen ſie, ohne auf die Gefahr zu achten, kein Bedenken trug, Rath und Zuflucht zu gewähren. Vielleicht, hätte man dieſes Ge⸗ fühl genau unterſucht, würde man gefunden haben, daß es nicht rein aus Loyalität entſprang; denn mit dem Gedanken an den Lancaſtriſchen Monarchen— mit dem Anblick ſeines melancholiſchen Geſtchts, waren zahlloſe andere und theurere Erinnerungen an ihre Blütentage der Schönheit und des Glücks vereint— wo ihr Lächeln der Stern der galanten Ritter und ihr Handſchuh der Preis des Turniers geweſen; und mit dem Bilde jenes weltverachtenden Heiligen war das ſüße Andenken an die Eitelkeiten der Welt vereinigt. Während Sibylla mit bezauberten Sinnen ihren Lobſprüchen auf Haſtings zuhörte, wurde leiſe an die Thür geklopft und der Edelmann ſelber trat ein. Nicht vor Eliſabeth in den Gemächern von Shene oder auf der Eſtrade der Halle des Palaſtes verbeugte ſich der an⸗ muthige Hofmann mit reſpektvollerer Ehrerbietung, als vor der machtloſen Wittwe, deren Brod ſelbſt ſein All⸗ moſen war, denn die wahre hohe Bildung der Ritter⸗ ſchaft iſt nie ohne Delikateſſe des Gefuͤhls und entſpringt aus der Wärme des Herzens; und wenn gleich die Wäͤrme ihre Glut verliert, ſo dauert doch die Delikateſſe 297 fort, wie der Stahl, der durch die Hitze ſeine Politur bekommt, ſeinen Glanz beibehält, ſelbſt wenn der Schim⸗ mer nur die Härt. verräth. „Und wie geht es der eblen Dame von Longueville? Aher darf ich noch fragen? Ihre Wange gleicht ja noch der Roſe von Lancaſter. Eine Geſellſchafterin? Ha! Fräulein Warner, jetzt fühle ich, wie viel Vergnügen in der Überraſchung liegt!“ „Sie iſt nur eine alte Freundin von mir,“ ſagte die Dame;„ſie gehörte einſt zu den jungen Mädchen, die am Hofe der Königin Margaretha auferzogen wurden.“ „Ei!“ rief Haſtings und ſetzte dann in verändertem Tone hinzu:„aber ich hätte mir ſchon denken können, daß ſo viel Anmuth nicht allein aus der Natur hervor⸗ gehen könne. Und Euer Vater iſt gegangen, um Lord Heinrich zu beſuchen, und Ihr erwartet hier ſeine Räck⸗ kehr? Ach, edle Dame! Moͤchtet Ihr ſtets ſo unſchul⸗ dige Laneaſtrier bei Euch aufnehmen.“ Der Zauber, welcher in der Stimme und im Weſen dieſes ausgezeichneten Mannes lag, gab Sibylla bald die Ruhe wieder, die ſie bei ſeinem plötzlichen Ein⸗ tritt verloren hatte. Er unterhielt ſich heiter mit der alten Dame über ſolche Hofanekdoten, wie ſie bei allen Veränderungen des Standes Perſonen ſtets willkommen find, die ſich an die Hofluft gewöhnt haben; aber von Zeit zu Zeit wendete er ſich an Sibylla und brachte Antwor⸗ ten von ihr heraus, deren Geiſt und Scharffinn ſie ſelbſt ſtutzen machte, denn ſie war ſich ihrer eigenen Fähigkei⸗ ten noch nicht bewußt. „Ihr erzählt uns nichts,“ ſagte die Frau von Lon⸗ gueville ſarkaſtiſch,„von dem glücklichen Verlöbniß von Eliſabeths Bruder mit der Herzogin von Norfolk— einem Junggeſellen von zwanzig und einer Braut von etwa zweiundachtzig Jahren. Wahrlich, dieſe Verbin⸗ dungen ſind neue Dinge in der Geſchichte der engliſchen Königsfamilie. Aber als Eduard, der, obgleich kein rechtmäßiger König, voch wenigſtens ein geborner Plan⸗ tagenet iſt, ſich herabließ, Fräulein Eliſabeth, eine ge⸗ borne Woodville, kaum von gutem adeligem Blut, zu heirathen, ſcheint nichts ſo ſeltſam und verwunderungs⸗ würdig.“ „Was die letzte Sache betrifft,“ entgegnete Haſtings ernſthaft,„obgleich Ihre Majeſtät die Königin keine warme Freundin von mir iſt, ſo fühle ich mich doch gedrungen, ihr und des Königs Ritter zu werden. Die Dame, die den entehrenden Antrag des ſchönſten Prinzen und kühn⸗ ſten Ritters in der chriſtlichen Welt zurückwies, machte ſich daburch der hohen Verbindung würdig, wodurch fie geehrt wurde; es war nicht Eliſabeth Woohville allein, die den Purpur gewann. An dem Tage, als fie den Thron beſtieg, wurde die Keuſchheit des Weibes gekrönt.“ „Was!“ ſagte Lady Longueville ärgerlich,„wollt Ihr damit ſagen, daß keine Schande in der Mißheirath des Geiers und Falken, Plantagenet und Woodville liege?“ „Ihr vergeßt, Dame, daß die Wittwe Heinrichs des Fünften, Katharina von Valois, eine Königstochter, den walliſiſchen Soldaten Owen Tußdor heirathete— daß ganz England von tapfern Männern erfüllt iſt, die aus ähnlichen Verbindungen geboren find, wo die Liebe alle bniß von rfolt— aut von Verbin⸗ gliſchen ich kein er Plan⸗ eine ge⸗ Blut, zu erungs⸗ Saſtings warme rungen, me, die d kühn⸗ machte urch ſie allein, Thron 4 „wollt heirath vodville inrichs tochter, — daß die aus be alle Unterſchiede ausgeglichen, einen reineren Herd gegrün⸗ det und eine kühnere Nachkommenſchaft erzeugt hat, als die laue Neigung der Herzen, die nur für Land und Gold ſchlagen. Daher, liebe Dame, wendet Euch nicht an mich, der ich ein Ritter der Damen bin und an das alte Parlament der Liebe glaube— jedes ſchöne und keuſche, jedes ſanfte und liebende Weib iſt in den Augen Wil⸗ liams von Haſtings einer Königin ebenbürtig!“ Sibylla wendete ſich unwillkürlich um, als der Hof⸗ mann mit lebhafter Stimme und ſprühenden Augen ſo ſprach; ſie wendete ſich um und ihr Athem ſtockte— ſie wendete ſich um und ihr Blick begegnete dem ſeinigen, und dieſe Worte und dieſer Blick ſenkten ſich tief in ihr Herz; ſte brachten glänzende und ehrgeizige Träͤume her⸗ vor; ſie bilbeten die Wurzel der aufwachſenden Liebe, aber ſie halfen, ſie heilig zu machen; ſie gaben der köſt⸗ lichen Einbildung einen Gegenſtand, für den ſie ſeufzen konnte; ſie gaben ihr das, ohne welches jede Einbildung früher oder ſpäter dahin ſtirbt; ſie gaben ihr das, wenn es einmal in ein edles Herz aufgenommen iſt, die Ent⸗ ſchuldigung für die nimmer wankende Treue ausmacht; ſie gaben ihr Hoffnung! „Und Ihr wollt damit ſagen,“ verſetzte Frau von Longueville, noch nachdrücklicher und mit bedeutungs⸗ vollem Lächeln—„wollt Ihr damit ſagen, daß ein tapferer und⸗wohlunterrichteter, ehrgeiziger und lieben⸗ der Jüngling in den Augen des Ranges und Stolzes ebenbürtig ſein ſollte mit—“ „Ach, edle Dame,“ fiel Haſtings raſch ein,„ich mag einen Kampf mit ſo ſcharfem Witz nicht länger ſortſetzen. Ich will die Antwort dieſem ſchönen Maͤhchen überlaſſen, denn mit Recht iſt es eine Herausforderung für ihr Ge⸗ ſchlecht und nicht für das meinige.“ „Was ſagt Ihr alſo, Fränlein Warner,“ ſagte die Dame.„Geſetzt, ein armer Edelmann ohne Rang, aber mit einer mächtigen Seele, geboren, um Größe zu er⸗ langen, würbe um eine junge Erbin von der höchſten Geburt, von den größten Beſitzungen und der ſchoͤnſten Geſtalt, ſollte ſie ſich herablaſſen, ſeinen Bewerbungen ihr Ohr zu leihen?“ „Ein Mädchen, dünkt mich,“ antwortete Sibylla mit reizendem Zaudern,„kann nicht wahrhaft lieben, wenn ſie unwürdig liebt; und wenn ſie würdig liebt, ſo iſt es nicht Rang ober Reichthum, was ſie liebt.“ „Aber ihre Eltern, liebes Fräulein, mögen anders denken, und ſollte ſich nicht ihre Liebe weigern, ſich ihrer Tyrannei zu unterwerfen?“ fragte Haſtings. „Nein, mein guter Lord,“ entgegnete Sibylla, ge⸗ dankenvoll den Kopf ſchüttelnd;„wenn der Bewerber würdig liebt, ſo wird er ſie nicht zu dem Fluche des Un⸗ gehorſams eines Kindes treiben!“ „Scharffinnig geantwortet,“ ſagte Frau von Lon⸗ gueville. „Da würde ſie dem armen Edelmann entſagen, wenn ihre Eltern ihr beföhlen, einen reichen Lord zu heirathen. Ah, Ihr zaudert; denn der Ehrgeiz eines Weibes ſucht gern die Entſchuldigung des kindlichen Gehorſams.“ Haſtings ſprach dies ſo bitter, daß Sibylla nicht umhin konnte, zu bemerken, daß ein perſönliches Gefühl ſeinen Worten Bedentung verlieh. Doch wie konnten ſie 30¹ erlaſſen, auf ihn anwendbar ſein— auf Einen, der jetzt an Rang ihr Ge⸗ und Ruf dem Höchſten am Throne gleichſtand? „Wenn das Fräulein ſo wählen ſollte, ſagte Frau fagte die von Longueville,„ſo ſcheint es mir, daß der verworfene ng, aber Bewerber es leicht finden könnte, zu verachten und zu e zu er⸗ vergeſſen!“ höchſten Haſtings antwortete nicht; doch jener bemerkens⸗ ſchoͤnſten werthe und tiefe Schatten der Schwermuth, welcher zu⸗ rhungen weilen in ſeinen heiterſten Stunden Diejenigen ſtutzen machte, die ihn ſahen, und welcher vielleicht Manche zu Sihylla den verbreiteten Prophezeihungen veranlaßte, daß ein lieben, früher gewaliſamer Tod ſeine glänzende Laufbahn enden tebt, ſo werde, zog ſich gleich einer Wolke auf ſeiner hohen und 4 gedankenvollen Stirn zuſammen. In dieſem Augenblick anders öffnete ſich leiſe die Thür und Robin Hilyard ſtand in ch ihrer der Offnung. Er war wie ein Mönch gekleidet, doch die erhobene Kaputze zeigte der Frau von Longueville ſeine la, ge⸗ Züge, welcher allein er ſichtbar war; und jene kühnen werber Züge drückten Schrecken und Aufregung aus. Er erhob ees Un⸗ ſeinen Finger zu ſeinen Lippen, winkte der Dame, ihm zu folgen und machte die Thür zu. n Lon⸗ Frau von Longueville ſtand auf, bat ihre Gäſte, ihre Abweſenheit einige Augenblicke zu entſchuldigen und ließ „wenn Haſtings und Sibyllla mit einander allein. 4 kathen.„Mylady,“ ſagte Hilyard im dumpfem Flüſtern, ſucht ſobald die Dame in dem niedrigen Vorſaal erſchien, von 3.4 wo eine Thür in das eben verlaſſene Zimmer und eine nicht anndere auf die Straße führte,„ich fürchte, Alles wird Gefühl entdeckt werden. Still! Adam und der eiſerne Koffer, ten ſie der die koſtbaren Papiere enthält, ſind vor Ehuard geführt 30²2 worden. Eine ſchreckliche Exploſion, die vielleicht mit der Erſindung in Verbindung ſtaud, verurſachte große Verwirrung unter den Wachen, ſo haß Hugo entfloh, um mich durch dieſe Nachricht zu erſchrecken. Da ich in dieſer Verkleidung in der Naͤhe des Thores ſtand, magh ich auf den Hofplatz zu treten und ſah— ſah den Fol⸗ terer— den ſcheußlichen, maskirten Bringer der Todes⸗ qual zu den Zimmern führen, wo unſer unglücklicher Bote von dem gewiſſenloſen Tyrannen verhört wird. Glouceſter, das luchsäugige Männchen, iſt dort. „O Margaretha, meine Königin!“ rief Frau von Longueville,„die Papiere werden ihren Aufenthalt ent⸗ decken.“ „Oh— fie iſt ficher,“ entgegnete Hilyard;„aber unſer armer Gelehrter, für ihn zittere ich und für die Köpfe aller Derjenigen, die in den Papieren genannt werden.“ „Was iſt zu thun? Ha! Lord Haſtings iſt hier— er iſt ſtets menſchlich und mitleidig. Sollen wir wagen, ihm zu vertrauen?“ ö Hilyards Geſichts erheiterte ſich plötzlich.„Ja, jan laßt mich allein mit ihm reden. Ich erwarte ihn hier— ſchnell¹* Die Dame eilte zurück. Haſtings unterhielt ſich leiſe mit Sibylla. Die ältere Dame flüſterte ihm etwas ins Ohr, zog ihn in den Vorſaal und ließ ihn mit dem ver⸗ kleideten Mönche allein, der ſeine Kapuze über ſein Ge⸗ ſicht gezogen hatte. „Lord Haſtings,“ ſagte Hilyard, raſch redend,„Ihr ſeid in Gefahr, wenn nicht Euer Leben, doch Eure Gunſt zu verlieren. Ihr gabt einem gewiſſen Warner einen Paß, 30³ eicht mit um den Erkönig Heinrich zu beſuchen. Warners Einfalt öte große iſt gemißbraucht worden— man hat ihn zu dem Über⸗ entfloh, bringer geheimer Nachrichten von den unglücklichen Da ich in Herren gemacht, die noch der lancaſterſchen Sache au⸗ d, wagte hängen. Er iſt im Verdacht— er wirh verhört— den Fol⸗ wvielleicht auf der Folter gefragt. Wenn die Verrätherei r Tohes⸗ entdeckt wirh, ſo war es Eure Hand, die den Paß un⸗ lückliche terzeichnete— Ihr wißt, die Königin haßt Euch— die art wirr. Woohville's wünſchen Euren Fall. Welch eine günſtige t. 4 Gelegenheit kann ihnen dies gewähren. Eilt, Mylord, Frau von mein Sohn— eilt in den Tower— vielleicht kommt halt ent: Ihr noch zur rechten Zeit— Euer Witz kann vielleicht noch das verbergen, was ſonſt offen da liegt. Rettet berunſer dieſen armen Gelehrten— verbergt ihre Correſpondenz. ie Köpfe— Hört Ihr, Lord! Seht mich nicht ſo finſter und hoch⸗ verden.“ müthig an— dieſe Correſpondenz nennt Euch als einen, hier— der Gold vom Grafen Charolois angenommen und den wagen, daher König Ludwig beſtechen kann. Seht Euch vor!“ Ein leichtes Erröthen verbreitete ſich über die bleiche Ja, ja; Stirn des großen Staatsmannes, doch er antwortete hier— mit feſter Stimme:„Mönch oder Laie, es iſt mir gleich, wer Ihr ſeid; das Gold des Erben von Burgund war ſich leiſe ein Geſchenk, keine Beſtechung. Aber ich bedarf keiner was ins Drohungen, um das Leben eines ſchuldloſen Mannes hem ver⸗ von der Folter und dem Schaffot zu erretten, wenn es ſein Ge⸗ nicht ſchon zu ſpät iſt. Ich gehe ſchon. Halt! ſagt dem Mädchen, der Tochter des Gelehrten, daß ſie mir in b,„Iyr den Tower folgt.“ ee Gunſt— en Paß⸗ Neuntes Kapitel. Das zerſtörende Organ des Prinzen Richard verheißt eine treffliche Entwicklung. Der Herzog von Gloueeſter näherte ſich Adam, als er daſtand und ſein Modell betrachtete.„Alter Mann,“ ſagte der Prinz, ihn mit der Spitze ſeines Dolches in der Scheide berührend,„blickt auf und antwortet. Welche Unterredung führtet Ihr mit Heinrich von Windſor, und wer trug Euch auf, ihn in ſeiner Gefangenſchaft zu he⸗ ſuchen? Redet die Wahrheit! Denn beim heiligen Pau⸗ lus, ich bin ein Mann, der eine Lüge entdecken kaun, und draußen vor der Thür ſteht der Folterer.“ Dieſe harten Worte unterbrachen einen angenehmen und freudigen Ton; Adam war jetzt allein mit dem Ge⸗ danken beſchäftigt, wie er die Maſchine wieder ausbeſſern ſollte und damit war die verwirrte Erinnerung verbun⸗ den, daß er jetzt von der königlichen Familie beſchützt werde, daß er Mittel und Zeit haben werde, ſeinen großen Plan auszuführen, daß er Freunde haben werde, die ihn beim Könige empfehlen könnten. Er erhob ſeine Augen und jenes junge ſinſtere Geſicht blickte ihn zornig an— das Kind drohte dem Weiſen— die rohe Gewalt in einer Pygmäengeſtalt hatte Macht über Leben und Tod der Rieſenſtärke des Genies. Aber dieſe Worte, welche Warner aus ſeiner Eriſtenz als Philoſoph zurück⸗ riefen, erweckten die des ſanften, aber braven und ehren⸗ vollen Mannes, der er war, wenn er zu der Erde zu⸗ rückgefuͤhrt wurde. 30⁵ „Herr,“ ſagte er ernſt,„wenn ich eingewilligt habe, mich mit dem Unglücklichen zu unterreden, ſo ge⸗ ſchah es nicht als Berichterſtatter oder Spion. Ich hatte die förmliche ſchriftliche Erlaubniß zu meinem Beſuch und wurde dazu aufgefordert von einem Freunde und dam, alz Kameraden, welcher mein Wohlthäter ſein wollte und Mann,“ meine armen Studien für des Königs Volk mit Gold zu olches in unterſtützen verſprach. . Welche„Pah!“ ſagte Richard ungeduldig und mit dem dſor, und Griffe ſeines Dolches ſpielend,„Eure ſchlauen und aus⸗ ft zu be⸗ weichenden Worte beweiſen Eure Schuld! Ich bin ge⸗ gen Pau⸗ wiß, daß dieſer eiſerne Verräther in ſeinen Höhlen und len kaun. Behältern das enthält, was Euch dem Henker überlie⸗ fert, wenn Ihr nicht belennt! Bekennt Alles und Ihr genehmen ſeid gerettet.⸗ dem Ge⸗„Wenn Eure Hoheit,“ ſagte Adam milde—„ob⸗ usbeſſen gleich ich Euren Rang nicht kenne, ſo glaube ich doch, verhun⸗ daß Keiner, der nicht der königlichen Familie angehört, beſchützt ſo drohen könnte; wenn Eure Hoheit ſich einbilden, daß „ ſeinen ich von einem gefallenen Manne mit Vertrauen beehrt i werhe, worden, ſo thut mir kein ſo großes Unrecht, zu glauben, hob ſeine daß ich den Tod mehr fürchten könnte, als die Schande; iu zornig denn gewiß,“ fuhr Adam mit unſchuldiger Pedanterie Gewall fort,„um die Sache ſcholaſtiſch und nach der popnlären ben und Logik zu nehmen, ſo habe ich ohne Zweifel etwas zu be⸗ Worte, kennenoder nicht.— Wenn ich etwas zu bekennen habe— zurück⸗„Hund!a fiel der Prinz ein, indem er mit dem Fuße d ehren⸗ ſtampfte,„glaubſt Du mich hintergehen zu können— Erde zue ſieh!“ Als er mit dem Fuße auf den Boben niedertrat, oͤffnete ſich die Thür, und ein Mann mit bloßen Armen, Bulwer, Barone, J 20 ißt eine 306 vom Kopf bis zu den Füßen mit einem Gewande von ſchwarzem Wollenzeug bedeckt und ſein Geſicht unter einer ſcheußlichen Maske verborgen, ſtand unheildrohend am Eingange. Der Prinz winkte dem Folterer, ſich zu nähern, was er geräuſchlos that, bis er hoch und grimmig neben Adam ſtand, gleich einem ſchweigenden und drohenden Unge⸗ heuer neben ſeiner Beute. „Bereuet Ihr Eure Hartnäckigkeit?— Ein Augen⸗ blick, und ich überlaſſe das Fragen einem Andern!a „Herr,“ ſagte Adam, ſich mit einer ſo ploͤtzlichen Veränderung ſeines Weſens aufrichtend, daß ſeine Er⸗ habenheit ſelbſt dem unerſchrockenen Richard faſt Chr⸗ furcht einfloͤßte,„Herr, meine Väter fürchteten nicht den Tod, wenn ſie für den Thron Englands kämpften, und warum?— well ſie in ihrer loyalen Tapferkeit nicht die Intereſſen des ſterblichen Menſchen, ſondern die Sache der unvergänglichen Ehre verfochten! Und ob⸗ gleich ihr Sohn nur ein arnker Gelehrter iſt, und nicht die goldenen Sporen trägt— obgleich ſein Körper ſchwach und ſein Haar grau iſt, ſo liebt er doch die Chre auch genug, um den Tod ohne Furcht zu betrachten.“* So heftig und gewiſſenlos der Prinz war, wenn man ihn reizte oder ſich ihm widerſetzte, ſo war er doch noch in ſeiner erſten Jugend, und der Ehrgeiz hatte hier kei⸗ nen Beweggrund, ihn zu Stein zu verhärten. Er war von Natur ſelber ſo tapfer, daß die Tapferkeit nicht umhin konnte, ihm einige Achtung und Theilnahme ah⸗ zugewinnen, und es überraſchte ihn ſehr, die Sprache eines Ritters und Helden von einem Manne zu hören, 307 de von den er nur als einen liſtigen Betrüger ober ein verächt⸗ t unter liches Werkzeug betrachtet hatte. drohend Er veränderte ſein Geſicht, als Warner ſprach und ſchwieg einen Augenblick. Dann fiel ihm ein Gedanke en, was ein, wobei ſeine Züge in ein halbes Lächeln übergingen, n Adam er winkte dem Folterer, ſagte ihm ein Wort ins Ohr— Unge⸗ und die ſcheußliche Geſtalt nickte und entfernte ſich. „Herr Warner,“ ſagte der Prinz dann in ſeinem Augen⸗ gewohnten ſüßen und glatten Tone,„es wäre Schade, n la wenn ein ſo tapferer Herr der Gefahr ausgeſetzt würde, oͤtzlichen wegen ſeiner Anhänglichkeit an eine Sache, die nimmer ine Er⸗ gelingen wird, und die, wenn ſie gelingen könnte, für iſt Ehr⸗ unſer gemeinſchaftliches Vaterland unglücklich ſein würde; en nicht denn ſeht, dieſe Margaretha, die jetzt, wie wir glauben, mpften, in London iſt“— hier ſah er genau Adams Geſicht an, eit nicht welches Erſtaunen zeigte—„dieſe Margaretha, welche eern die den Brand des Bürgerkrieges wieder anzuzünden ſucht, und oh⸗ hat bereits für gemeines Gold an den Feind des Reiches, nd nicht an Ludwig den Elften, eben jenes Calais verkauft, für ſchwach welches Eure Väter ohne Zweifel ihr Blut verſchwen⸗ hre auch deten, um es unſeren Beſitzungen hinzuzufügen. Pfui 1 uͤber die verworfene Buhlerin! Gah es je ein ſo blutdür⸗ enn man ſtiges und ausſchweifendes Weib? einen ſo ſchwachen och noch und ſchwankenden Mann, wie ihren Gemahl?“ hier kei⸗„Ach, Herr,“ ſagte Adam,„ich bin unpaſſend zu Er war dieſen hohen Staatsruͤckſichten. Ich lebe nur fuͤr meine eit nicht Kunſt und in ihr. Und nun ſeht, wie mein Königreich hme ah⸗ erſchüttert und zerriſſen iſt!“ Und er deutete mit ſo rüh⸗ Sprache rendem Lächeln und ſo einfältiger Traurigkeit auf ſeine hören, zertrümmerte Maſchine, daß Richard bewegt wurhe. „Du liebſt dies Dein Spielzeng? Ich kann dieſe Liebe zu einem ſtummen Dinge, wofür Du gearbeitet haſt, wohl begreifen. Ja!“ fuhr der Prinz gedankenvoll fort,„jal ich habe ſelbſt im Leben bemerkt, daß es Ge⸗ genſtände im Leben gibt, die eben ſo gefühllos ſind, wie jene Form von Eiſen, die, wenn wir für ſie arbei⸗ ten, ſich um unſere Herzen winden, als wären ſie Fleiſch und Blut. So lieben einige Männer die Gelehrſamkeit, andere den Ruhm, andere die Macht. So, Mann, liebſt Du jene Maſchine! Wie viele Jahre haft Du daran gearbeitet?“ „Vom erſten Anfang an bis jetzt fünfundzwanzig Jahre, und ſie iſt noch nicht vollendet.“ „Hm!“ ſagte der Prinz lächelnd—„Herr Warner, habt Ihr von dem Urtheil Salomons geleſen— wie der weiſe Koͤnig die Wahrheit entdeckte, indem er des Kin⸗ des Tod anbefahl?“ „Es war in der That ein ſchaffinniger Einfall des angebornen Witzes und der gelehrten Weisheit,“ ſagte Adam ohne Argwohn. „Es iſt mir lieb, daß Ihr es billigt, Herr Warner/“ ſagte Richard. Und als er ſprach, erſchien der Folterer wieder mit einem Schmied, mit den Werkzeugen ſeines Handwerks verſehen. „Guter Schmied, zerbrich dieſes hartnäckige Eiſen in Stücke; bringe alle innere Behälter an den Tag; laß kein Stück auf dem andern ſtehen! Delenda est tua Carthago, Herr Warner. Das iſt Latein als Antwort auf Deine Logik.“ Es iſt unmoͤglich, ſich einen Begricf von dem Schrecken, an dieſe arbeitet nkenvoll es Ge⸗ os find, e arbei⸗ Fleiſch ſamkeit, n, liebſt u daran dwanzig Warner, wie der des Kin⸗ nfall des ,u ſagte Varner,“ Folterer en ſeines ige Eiſen en Tag; a est tua Antwort Schrecken, 309 der Wuth und Verzweiflung zu machen, die ſich des un⸗ glücklichen Weiſen bemächtigten, als dieſe Worte in ſein Ohr tönten, und er die braunen Arme des Schmieds den Hammer ſchwingen ſah. Er warf ſich zwiſchen den mör⸗ deriſchen Streich und ſein geliebtes Modell. Er umarmte feſt das Giſen.„Tödtet mich!“ rief er mit erhabe⸗ nem Ausbruck,„tödtet mich!— nicht meinen Ge⸗ danken!“ „Salomon war in der That ein weiſer König,“ ſagte der Herzog mit leiſem und innerlichem Lachen.„Und nun, Mann, habe ich Dich! Um Dein Kind zu retten — das ſcheußliche Kind Deiner Kunſt— hekenne Alles!“ Jetzt ging ein furchtbarer Kampf in Abams Bruſt vor. Es war vielleicht— o Leſer! du, den Vergnügen, Liebe, Ehrgeiz, Haß, Geiz in deinem und unſerm ge⸗ wöhnlichen Daſein in Verſuchung führt— es war viel⸗ leicht für ihn die einzige große Verſuchung ſeines Lebens. Das wechſelnde Geſicht, die ſich hebende Bruſt, die be⸗ benden Lippen, die Augen, die ſich ſchloſſen und öffne⸗ ten, um ſich wieder zu ſchließen, als wollten ſie die unwürdige Schwäche ausſchließen— ja, in dem ganzen körperlichen Menſchen war die Kriſis des moraliſchen Kampfes zu leſen. Und was war ihm ein Eduard oder ein Heinrich, ein Lancaſter oder ein York? Nichts! Aber dennoch herrſchte in ihm jener Inſtinkt vor, jener Grund⸗ ſatz, jenes Gewiſſen, welches ſtets am flärkſten iſt in Denen, deren Augen gewöhnt ſind an das Aufſuchen der Wahrheit. So erhob er ſich plötzlich und ruhig, trat auf die Seite, überließ ſein Werk dem Zerſtörer und ſagte: „Prinz, Ihr ſeid ein Knabe! Laßt eines Knaben Stimme vernichten, was alle Zeit würde bevölkert haben, ſchlagt zu!“ Richard winkte— der Hammer ſiel— die Maſchine und das ganze Zubehör ſchwankte und krachte— die Thüren flogen auf— die Räder raſſelten— die Funken ſtoben umher und Adam Warner fiel auf den Bohden, als hätte der Schlag ſein Herz zerſpalten. Ohne auf das bewußtloſe Opfer ſeiner hartherzigen Klugheit zu achten, näherte ſich Richard, um die inneren Räume der Ma⸗ ſchinerie anzuſehen. Aber was Adam Verderben zu hro⸗ hen ſchien, rettete ihn. Der heftige Schlag hatte das Behälter zerſchlagen, worin die Dokumente lagen und ſie zwiſchen die Fugen des Eiſens geſchoben. Die getreue Eureka bewahrte ſelbſt bei aller Verletzung und Zertruͤm⸗ merung das Geheimniß ihres Herrn. Mit ungeduldigen Händen unterſuchte der Prinz alle Hffnungen, die ſich ihm zeigten, und nachdem er mehre Minuten bei dem fruchtloſen Nachſuchen angewendet, war er im Begriff, dem Schmied zu befehlen, das Werk der Zerſtörung zu vollenden, als ſich plötzlich die Thür öffnete und Lord Haſtings eintrat. Sein raſches Auge überſchaute die ganze Scene— er hielt den aufgehobenen Arm des Schmieds zurück, ging bedächtig zu Glouceſter und ſagte mit tiefer Verbeugung, aber mit halb vorwurfs⸗ vollem Lächeln:„Hoheit, Ihr ſeid in der That ſtrenge gegen meinen armen Gelehrten.“* „Könnt Ihr für Eures Gelehrten Loyalitäͤt einſte⸗ hen?“ fragte der Herzog finſter. Haßtings zog den Prinzen auf die Seite und ſagte Knaben haben, laſchine — die Funken Boden, auf das achten, er Ma⸗ zu dro⸗ atte das gen und getreue ertruͤm⸗ einz alle r mehre wendet, as Werk ie Thůr es Auge hobenen ouceſter rwurfs⸗ ſtreuge einſte⸗ nd ſagte 311 in leiſem Tone:„Für die Loyalität des armen Man⸗ nes, das weiß ich nicht; aber gewiß für ſeine Schuld⸗ loſtgkeit. Seht, lieber Prinz, ich weiß, welches Intereſſe Ihr habt, in gutem Vernehmen mit dem Grafen von Warwick zu ſtehen, welchen ich wahrlich wenig Urſache habe zu lieben. Ihr habt mir Eure jungen Hoffnungen auf die Lady Anna anvertraut; dieſer neue Nevile, der in die Nähe des Königs gekommen iſt, und deſſen Glück Warwick zu ſeiner Sorge macht, hat, wie ich nicht ohne Grund glaube, ein Liebesverhältniß mit der Tochter des Gelehrten— die Tochter holte von mir den Paß. Soll dieſer Marmaduke Nevile mit der unverſoͤhnlichen Rach⸗ ſucht des Gedächtniſſes eines Liebhabers zu ſeiner ſcho⸗ nen Verwandtin ſagen können, daß der fürſtliche Glou⸗ ceſter ſich herabgelaſſen, der Folterer jenes Mannes zu werden? Wenn Verrätherei in dem Gelehrten oder in jener zertrümmerten Maſchine iſt, ſo überlaßt mir die Unterſuchung.“ Der Herzog erhob ſeine dunkeln, durchdringenden Augen zu denen des Lords Haſtings, welche nicht zuckten. Denn hier begegnete eine Weltelugheit der andern, eine Liſt der audern. „Euer Grund hat mehr Spitzfindigkeiten und Um⸗ ſchweife an ſich, als einfache Wahrheit,“ ſagte der Prinz lächelnd.„Aber es iſt genug für Richard, daß Haſtings ſelbſt einen Spion beſchützen will!“ Haſtings kuͤßte ſchweigend des Herzogs Hand, ging zur Thür, verſchwand auf einen Augenblick und kehrte mit Sibylla zurück. Als ſie bleich und zitternd eintrat, 312 erhob ſich Abam und das Mähchen eilte mit einem lauten Schrei an ſeine Bruſt. „Es iſt ein einnehmendes Geſicht, Haſtings,“ ſagte der Herzog trocken.„Ich bemitleide Junker Nevile, den Liebhaber, und beneide den Lorbkämmerer, den Be⸗ ſchützer.“ Haſtings lachte, denn es gefiel ihm, daß Richards Argwohn dieſe Richtung nahm. „Und nun,“ ſagte er,„können vermuthlich Junker Nevile und der Page der Herzogin von Bedford ein⸗ treten. Eure Wache hielt ſie bisher zurück. Sie kommen von Ihrer Hoheit der Mutter der Königin, um dieſen Herrn abzuholen.“ „Tretet ein, Junker Nevile, und Ihr, Herr Page. Was iſt Euer Auftrag?⸗ „Mylord,“ ſagte der Page,„die Herzogin ſchickt mich, um Herrn Warner als ihren Vervielfältiger und Alchymiſten in die für ihn bereiteten Zimmer zu führen.“ „Was!“ ſagte der Prinz, der ungleich dem reizbaren Clarence, es zu ſeiner beſonderen Politik machte, den Verwandten der Königin alle mögliche Huldigung zu beweiſen;„hat jene hohe Dame dieſen Herrn in ihre Dienſte genommen? Warum ſagtet Ihr das nicht ſogleich, Herr Warner, das hätte Euch von allen weiteren Fra⸗ gen befreit. Lord Haſtings, ich danke Euch für Euer Einſchreiten.“ Als Antwort deutete Haſtings ſchlau auf Marma⸗ duke, welcher Sibylla half, ihren Vater zu unterſtützen. „Hegt Ihr noch Argwohn gegen mich, Prinz?4 flü⸗ ſterte er. lauten ,4 ſagte dile, den en Be⸗ dichards Junker ord ein⸗ kommen dieſen r Page. n ſchickt ger und ühren.“ eizbaren te, den zung zu in ihre ſogleich, en Fra⸗ ir Euer Marma⸗ rſtützen. 2 flü⸗ 313 Der Herzog zuckte die Achſeln, und Adam, der ſich von Marmaduke und Sibylla losriß, ging mit ſchwan⸗ kenden Schritten zu der halbzertrümmerten Arbeit ſeines einſamen Lehens. Er ſah die Zerſtörung mit trauervoller Troſtloſigkeit und bebenden Lippen an.„Seid Ihr mit mir fertig?“ fragte er, indem er ſein Haupt tief beugte, denn ſein Stolz war dahin—„können wir— das heißt ich und dieſes mein armes Modell— uns aus Eurem Palaſte entfernen? Ich ſehe, wir find nicht paſſend für Könige!“ „Redet nicht ſo,“ ſagte der junge Herzog milde, „wir haben uns jetzt von unſerm Jrrthume überzeugt und ich bitte um Eure Verzeihung, Herr Warner, we⸗ gen meines harten Verfahrens. Was dies Euer Spiel⸗ werk betrifft, das ſollen des Königs Arbeiter für Euch wieder in Stand ſetzen. Schmied, rufe die Leute dort, es Dir tragen zu helfen, und bringt es in—* Er ſchwieg und ſah Haſtings an. „In meine Gemächer,“ ſagte der Kämmerer.„Eure Hoheit kann ſich uͤberzengt halten, daß ich die Maſchine dort unterſuchen werde. Fürchtet nichts, Herr Warner, Enrer Erfindung ſoll weiter kein Leid geſchehen.“ „Kommt, Herr, verzeiht mir,“ ſagte der Herzog. Mit gnädiger Leutſeligkeit reichte der junge Prinz ſeine Hand, deren Finger von koſtbaren Edelſteinen ſchimmer⸗ ten, dem alten Manne hin; der alte Mann verbeugte ſich, als wollte er mit ſeinem Bart den Boden berühren, doch faßte er die Hand nicht. Er ſchien noch in einem Zuſtande zwiſchen Traum und Vernunſt, zwiſchen Leben und Tod. Er rührte ſich nicht, er ſprach nicht, bis die ——õ— 314 Männer kamen, ſein Modell fortzutragen; unb dann folgte er demſelben mit zuſammengeſchlagenen Armen, his es, als er auf dem Hoſplatze ankam, nach der ent⸗ gegengeſetzten Richtung zu den Gemächern des Kämme⸗ rers getragen wurde. Er folgte ihm mit ſehnſüchtigen Blicken und ſtieß einen ſolchen Seufter aus, wie man ihn von einem verlaſſenen Vater hätte erwarten können, der den letzten Blick von einem geliebten Sohne aus den Augen verliert. Richard zauderte einen Augenblick, da er ſein Nach⸗ ſuchen noch nicht aufgeben wollte, und war unentſchloſ⸗ ſen, ob er der Eureka folgen ſolle, um ſeine Nachfor⸗ ſchung zu erneuern; aber theils weil er ſeine Würde in den Augen des Lord Haſtings nicht comprommittiren wollte, falls ſein Verdacht ungegründet wäre, und theils nicht geneigt, ſich dem Mißfallen der rachſuͤchtigen Her⸗ zogin von Behford auszuſetzen, wegen der weitern Be⸗ leidigung eines Mannes, der jetzt unter ihrem Schutze war, vertraute er widerſtrebend alle weitere Unterſuchung der wohlbekannten Loyalität des Lord Haſtings an. „Wenn Margaretha in London iſt,“ murmelte er bei ſich ſelber, indem er langſam fortging,„ſo iſt jetzt die Zeit, die Löwin zu fangen und zu feſſeln! He, Catesby, komm hieher— ein ſchätzbarer Mann, dieſer Catesby — hat die Bildung eines Rechtsgelehrten und die Natur eines Bluthundes— Catesby, während König Eduard ſpaziren reitet, wollen wir Beide ſeine Feinhe aufſpüren. Wenn die Wölfin von Anjou ſich hieher gewagt hat, ſo verbirgt ſie ſich gewiß in irgend einem Kloſter. Sieh nach unſern Pferden, Catesby! Seltſam,“ fügte der „ und theils tigen Her⸗ veitern Be⸗ tem Schutze nterſuchung gs an. melte er bei iſt jetzt die , Catesby, er Catesby die Natur nig Eduard aufſpüren. igt hat, ſo ter. Sieh fügte der 315⁵ Prinz bei ſich ſelber murmelnd hinzu,„baß es mir mehr am Herzen liegt, die Krone zu bewachen, als ihm, der ſie trägt! Ja, ſo'ne Krone iſt ein hübſches Erbſtück in eines Mannes Familie und ein hübſcher Anblick, ſo recht in der Nähe anzuſehen.“ Der Prinz ſchwieg plötzlich, öffnete und ſchloß krampfhaft ſeine rechte Hand und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. — b Viertes Buch. Die Intriguen an König Eduards Hofe. Erſtes Kapitel. Margaretha⸗von Anjou. An dem Tage nach den in der letzten Abtheilung dieſer Erzählung mitgetheilten Ereigniſſen und um die Mittags⸗ ſtunde richtete Robert Hilyard, noch immer in der ehr⸗ würdigen Verkleidung, in welcher er Haſtings angeredet hatte, ſeinen Weg durch das Labyrinth von Gaſſen, die ſich in düſterer Verwirrung von Chepe nach dem Fluſſe hinzogen. Die Umgebungen der Themſe ſchützten in jenen Ta⸗ gen der mangelhaften Polizei Manchen, der von der Plünderung lebte oder Aufenthaltsorte aufſuchte, welche die Flucht begünſtigten. Hier konnte man zu Zweien oder Dreien umherſchlendern oder nachläſſig an die Thüren der Hütten gelehnt jene reichliche Bevöͤlkerung ſehen, welche die unheilige Ausgeburt des Bürgerkrieges war— die entlaſſenen Krieger der beiden Roſen, e zu ſehr an Gewaltthätigkeit und Streit gewöhnt, um eine friedliche Beſchäftigung zu treiben und zu jedem von der welche Zweien an die bölkerung erkrieges ſſen, die nt, um u jedem 317 Unternehmen bereit waren, wodurch der ſcharfe Stahl glänzendes Gold gewinnt. Endlich blieb unſer Freund an der Thür eines kleinen Hauſes am Rande des Fluſſes ſtehen, welches zu einem der vielen damals exiſtirenden religiöſen Orden gehörte, welches aber durch ſein Außeres die Armuth andeutete, wodurch ſich Jene ſelten auszeichneten. Hier klopfte er an; die Thür wurde von einem Laienbruder geöffnet, ein Zeichen und ein Lächeln gewechſelt, und der Beſuchende in ein Zimmer geführt, welches dem Vorſteher gehörte, aber ſeit den letzten we⸗ nigen Tagen einem Prieſter war eingeräumt worden, dem die ganze Brüderſchaft die Ehrfurcht eines Heiligen zu zollen ſchien. Und doch war dieſer Prieſter, welcher allein an einem Fenſter ſaß, von wo man den fernen Tower von London überſah, mit dem demüthigſten wol⸗ lenen Gewande bekleidet. Sein Geſicht war glatt und zart und die Lebhaftigkeit ſeines Außern, die heftige Un⸗ geduld in der Bewegung zeigten wenig von der heiligen Ruhe, welche Denen angehören ſollte, welche die Ange⸗ legenheiten der Erde für die Betrachtung der himmliſchen Dinge aufgegeben haben. Vor dieſer Perſou beugte der rüſtige Hilyard ſeine männlichen Kniee; und indem er ſich dem Prieſter zu Füßen warf, gingen ſeine Augen und ſein Geſicht von ihrem gewohnten, trotzigen und un⸗ bekümmerten Weſen in einen Ausdruck der Ehrfurcht und des Mitleidens über. „Nun, Mann— nun, Freund— guter Freund— geprüfter und wahrer Freund— redet! redet!“ rief der Prieſter in einem Dialekt, der deutlich ſeine fremde Ge⸗ burt zu erkennen gab. 318 „O gnaͤbigſte Dame! Alle Hoffnung iſt dahin! Ich komme nur, Euch zur Flucht aufzufordern. Adam War⸗ ner wurde vor den Uſurpator gebracht; er entkam frei⸗ lich der Tortur und zeigte ſich treu und verſchwiegen. Aber die Paplere— das Geheimniß von dem Aufſtande— ſind in Haſtings Händen.“ „Wie lange, o Gott,“ ſagte Margaretha von Anjon, denn ſie war unter dieſer ehrwürdigen Verkleidung ver⸗ borgen,„wie lange willſt Du die Stunde des Triumphes und der Rache aufſchieben?“ Während ſie ſprach, hatte die Fürſtin ihre Kapuze zurückfallen laſſen und ihr bleiches, gebieteriſches Geſicht, ſo wohl geeignet, glühende und ſchreckliche Bewegungen auszudrücken— zeigte jenen Anblick, worin mancher he⸗ klagte Mann ſein Urtheil geleſen, ein Anblick, der um ſo furchtbarer war, da die Leidenſchaft, die ihn durch⸗ drang, die Züge nicht entſtellte, ſondern ſie feſt und marmorähnlich in ihrer Schönheit ließ, wie das Haupt der Meduſa. „Der Tag wird endlich anbrechen,“ ſagte Hilyatd, „doch das Urtheil des Himmels wird langſam vollſtreckt Es iſt wenigſtens ein Glück, daß unſer Geheimniß in die Hände eines Mannes ſiel, der gütiger iſt, als ſeine Partei.“ Darauf erzählte er Margarethen von ſeiner Unterredung mit Haſtings im Hauſe der Lady Longue⸗ ville und fuhr bann fort:„Dieſen Morgen, noch nicht vor einer Stunde, ſuchte ich ihn auf; am letzten Abend verließ er Eduard nicht, denn es war eine Sitzung des Staatsraths im Tower, und erfuhr, daß er die Do⸗ kumente in Warners Maſchine entdeckt habe. Da ich von Hilyard, ölſſtreckt. iß in die als ſeine n ſeiner Longue⸗ cch nicht Abend ung des die Do⸗ ich von 319 Euch und Eurem Spionen wußte, daß er Geſchenke von Charolois angenommen, ſo ſprach ich offen zu ihm von der Belohnung, die er für ſein Schweigen erhalten werde. „„Mönch,““ antwortete er,„„wenn ich an dieſem Hofe und in dieſer Welt gefunden, daß es die Tugend eines Thoren ſein würde, reiner ſein zu wollen als Andere, und wenn ich gleich weiß, daß ich nur die Wuth Derjenigen erregen würde, die von dem burgundiſchen Golde Vortheil haben, wollte ich es allein zurückweiſen, ſo habe ich doch noch genug von meinem reineren Gewiſſen übrig, um keinen Handel mit Menſchenfleiſch zu treiben. Wollte ich dem König Ebuard dieſe Papiere geben, ſo würden die Köpfe von fünfzig tapfern Männern, deren Fehler nur in der Anhänglichkeit an ihren alten Monarchen be⸗ ſteht, in die Hände des Henkers fallen. Aber,““ fuhr er fort,„vich bin dennoch treu meinem Könige und ſeiner Sache; ich werde dennoch wiſſen, wie ich Eduard zu rathen habe, um alle Eure Plane zu vereiteln. Die Di⸗ ſtrikte, wo Ihr einen Aufſtand zu erregen hofftet, werden beſetzt, die Männer, auf die ihr rechnet, werden bewacht werden; der Herzog von Gloueeſter, deſſen Wachſamkeit nimmer ſchlummert, hat erfahren, daß Lady Margaretha als Prieſter verkleidet in England iſt. Morgen werden alle Klöſter burchſucht werden; wenn Ihr wißt, wo ſie ſich verborgen hält, ſo bittet ſie, ihre Flucht keine Stunde aufzuſchieben.““ „Ich will nicht fliehen!“ rief Margaretha;„mag Eduard, wenn er es wagt, meinem Volke bekannt machen, daß ihre Königin in der Staht London iſt. Mag er ſeine Söldner ſchicken, um ſie zu ergreifen. Nicht in hieſer 320 Kleidung ſollen ſie ſie finden. In Staatsgewändern, das Scepter in ihrer Hand, ſollen ſie die Gemahlin ihres Königs in das Gefängniß ihres Palaſtes ſchleppen.“ „Auf meinen Knieen, große Koͤnigin, flehe ich Euch an, ruhig zu ſein; mit dem Verluſte Eurer Freiheit endet in der That alle Hoffnung des Sieges, alle Wahr⸗ ſcheinlichkeit eines Kampfes. Glaubt nicht, daß Eduards Furcht Margarethen das Lehen laſſen würde, da ſeine Verachtung das Leben Eures königlichen Gemahls ver⸗ ſchont hat. Zwiſchen Eurem Gefängniß und Eurem Grabe iſt nur ein geheimer und blutiger Schritt! Laßt Euch leiten, keine Zeit iſt zu verlieren! Eben jetzt wartet mein treuer Hugo mit ſeinem Boote unten. Pferde ſind Tag und Nacht bereit, um Euch an die Küſte zu brin⸗ gen; während ich nach Eurer Wiedereinſetzung ſtrehte, habe ich niemals vernachläſſigt, Eure Flucht zu erleich⸗ tern. Zaudert nicht, gnädigſte Königin; laßt nicht Eu⸗ ren Sohn ſagen:„„Durch die Leidenſchaft meiner Mutter habe ich die Hoffnung auf meines Großvaters Krone ver⸗ loren.** „Mein Sohn, mein fuͤrſtlicher Sohn, mein Eduard!“ rief Margaretha in Thränen ausbrechend und die Krie⸗ gerin ging in der Erinnerung der zärtlichen Mutter un⸗ .„Ach, treuer Freund! er iſt ſo tapfer und ſo ſchan O, er ſoll Euch ſpäter belohnen!“ „Möge er leben, um dieſe Barone zu unterzräcen und dieſes Volk zu erheben,“ ſagte der Demagoge von Redesdale.„Aber nun rettet Euch!⸗ „Aber wie?— Iſt es nicht möglich, daß der Schlag noch geſchehen kann! Laßt uns lieher nach dem Norhen eilen ſchle Bre Gen Zeit Waf unſer verlo eines regen Schr Ludn des f mißv die Aher wick ſchon große ländl 2 321 wändern, eilen— laßt uns lieber die Stunde der Handlung be⸗ hlin ihres ſchleunigen und die rothe Roſe auf der ganzen Länge und ppen.“ Breite von England erheben.“ ich Euch„Ach, Mylady, wenn wir ohne Zuſtimmung Eures Freiheit Gemahls— ohne fremde Unterſtützung— ehe wir die le Wahr⸗ Zeit haben zur Reife kommen laſſen— ohne Geld, ohne Eduards Waffen und ohne einen von den großen Baronen auf da ſeine uuſerer Seite, einem Aufſtande zuvorkommen, ſo iſt Alles ahls ver⸗ verloren, was wir bereits gewonnen haben, und anſtatt d Eurem eines Krieges könnt Ihr kaum einen Gaſſenaufruhr er⸗ it! Laßt regen. Aber ohne dieſe verdammte Verbindung der tt wartet Schweſter Eduards mit dem Bruder des kaltherzigen ferde ſind Ludwigs wäre unſer Triumph ſicher geweſen. Das Gold zu brin⸗ des franzöſiſchen Königs hätte ein Lager ausgerüſtet, die g ſtrebte, mißvergnügten Lords beſtochen und ſeine Unterſtützung nerleich, die Hoffnung der treuen Lancaſtrier aufrecht erhalten. nicht Eu⸗ Aber es iſt vergebens zu läugnen, daß, wenn Lord War⸗ r Mutter wick Ludwig bewegt— rone ver⸗„Das wird er nicht!— das ſoll er nicht!— Lubwig, mein eigener Vetter!“ rief Margaretha mit einer Fduard!“ Stimme, in deren Tone ſich außer der Rache und Ver⸗ die Krie⸗ achtung eine tiefe Seelenqual zu erkennen gab. utter un⸗„Laßt uns hoffen, daß es nicht geſchehen wird,“ ver⸗ ſo ſchön ſetzte Hilyard beſänftigend,„irgend ein Zufall kann dieſe beabſichtigte Verbindung noch wieder abbrechen und erdrücken Frankreich wieder zu unſerm feſten Verbündeten machen. goge von Aber jetzt müſſen wir geduldig ſein. Eduard ſchwärzt ſchon den Glanz ſeiner Krone— ſchon verlaſſen die r Schlag großen Lords ſeinen Hof— ſchon beklagen ſich in den Norhen ländlichen Provinzen die Bauern und Freiſaſſen über den Bulwer, Barone, 1. 21 reichs von Euch enifernt hat— bei deſſen aufgehohenem Finger ganz England von hewaffneten Männern ſtarren würde, an der Seite Margarethens durch die Thore von London reitet.“ „Unheilvoller Rathgeber, nimmermehr!“ rief die Prinzeſſin aufſpringend, indem ihre Augen Feuer ſprüh⸗ ten.„Glaubt Ihr, daß der Geiſt einer Königin in mir ſo ſchwach glüht, daß ich, der Nachkomme Karls des Großen, das Unrecht verzeihen ſollte, welches mir von Warwick und ſeinem Vater widerfahren iſt? Aber Ihr, obgleich weiſe und treu geſinnt, gehört den Gemeinen an und wißt nicht, wie die fühlen, durch deren Adern das Blut der Könige rollt.“ Ein dunkler und kalter Schatten fiel bei dieſen Worten auf das kühne Geſicht Robins von Redesdale. „Ach, Mylady,“ ſagte er mit Bitterkeit, wenn kein Unglück Euren Stolz beugen kann, ſo würden wir ver⸗ gebens Euren Thron aufbauen. Dieſe Gemeinen, Mar⸗ garetha von Anjou— dieſe engliſchen Gemeinen ſind en — dieſes angelſächſiſche Volk, welches Euch allein die Herrſchaft ſichern kann, welches ſein rechter Arm ge⸗ winnt. Und wahrlich, ſo ſehr ich Eure Sache liebe— ſo ſehr Euer Kummer und Eure fürſtliche Schönheit mein Herz und meine Hand bezaubert haben— ja ſo,⸗ daß ich, der Sohn eines Ketzers, das Unrecht vergaß, welches de Druck ſeiner Günſtlinge— ſchon blickt das mächtige Haus Nevile finſter auf den Thron hin, den es gegrün⸗ det. Noch ein Jahr, und wer weiß, ob nicht der Graf von Warwick— der beliebte und furchtloſe— deſſen Staatskunſt allein die Waffen und den Beiſtand Frank⸗ nächtige gegrün⸗ er Graf deſſen Frank⸗ pohenem ſtarren Hore von rief die r ſprüh⸗ n in mir rarls des mir von ber Ihr, Hemeinen en Adern Worten venn kein wir ver⸗ en, Mar⸗ en ſind ei allein die Arm ge⸗ iebe— ſo heit mein , daß ich, velches die Ketzer vom Hauſe Lancaſter erlitten haben, ſo daß ich, der ich die ruhmvolle Frucht einer Republik geſehen, dennoch für Euch arbeite, um das Land mit dem Throne eines Einzigen zu überſchatten— doch— doch Mylady — wenn ich denken könnte, daß Ihr dieſelbe Margare⸗ tha von feüher wäret, die Ihr auf Eure todten Könige zurückblickt und Euer lebendiges Volk verachtet, ſo würde ich keiner Mutter Sohn auffordern, Lanze und Schwert für Euch zu erheben.“ So entſchloſſen ſprach Robin von Redesdale dieſe Worte aus, daß das ſtolze Auge der Königin ſich be⸗ ſchämt ſenkte, während er ſprach; und ihre Liſt und ihr Verſtand, ſo ſcharf und ſtets bereit, wenn ihre Leiden⸗ ſchaften ſie nicht betänbten und blendeten, kehrten ihr augenblicklich zurück. Wenig Weiber kamen dieſem ehe⸗ maligen Idol der Ritter und Troubadour's in dem be⸗ ſänftigenden Zauber gleich, den ſie in ihren glücklichen Augenblicken auszuüben vermochte. Ihre Leutſeligkeit war eben ſo anmuthig, wie ihre Wuth wild war, und mit würdevoller und einnehmender Freimüthigkeit reichte ſie ihrem Bundesgenoſſen ihre Hand, dem ſie mit lieb⸗ licher, weiblicher und faſt reuevoller Stimme antwor⸗ tete:„O tapferſter und getreueſter aller Freunde, ver⸗ zeiht Eurer unglücklichen Königin. Ihr Unglück verwirrt ihr Gehirn, ſcheltet ſte nicht, wenn ſie auch ihre Rede verbittert. Ihr Heiligen droben! Werdet ihr nicht Margaretha verzeihen, wenn ihre Natur aus der Mut⸗ termilch in Ströme von Galle und Blut verwandelt wird— wenn Ihr von Eurer heitern Heimath aus ſeht, in welcher Welt des Kampfes und der Falſchheit ſie 324 aufgewachſen und entweiblicht iſt!“ Sie ſchwieg einen Augenblick und aus ihren aufgehobenen Augen ſloſſen große Thränen nieder. Dann wendete ſie ſich mit einem Seufzer zu Hilyard und fuhr ruhiger fort:„Ja, Ihr habt Recht— das Mißgeſchick hat mich viel gelehrt. Und obgleich das Mißgeſchick nur zu oft unſern Stolz nährt und nicht vernichtet, ſo habt Ihr mir doch gezeigt, daß mehr wahrer Abel in den biedern Kindern des Volkes iſt, als in mancher Bruſt, welche von königlichen Ge⸗ wändern bedeckt wird. Verzeihet mir, die Tochter Karls des Großen ſoll dennoch eine Mutter der Gemeinen ſein, die Dich ihren Bruder nennt!“ Gänzlich dahinſchmelzend beugte ſich Robin von Re⸗ desdale über die hingereichte Hand nieder, die er au ſeine Lippen drückte, und ſeine rauhe Stimme zitterte, als er antwortete— doch dieſe Antwort nahm nur die Geſtalt des Gebetes an. „Und nun,“ ſagte die Prinzeſſin lächelnd,„um dauernden Frieden zwiſchen uns zu ſchließen, ſo über⸗ winde ich mich und füge mich Euren Rathſchlägen. Noch einmal verlaſſe ich ais Flüchtling die Stadt, die Hein⸗ richs unbeachtetes Gefängniß enthält. Seht, ich bin he⸗ reit. Wer wird Margaretha in dieſem Aufzuge erkennen? Führt mich!“ Erfreut, den Vortheil dieſer veränberten und unter⸗ würſigen Stimmung zu benützen, nahm Robin ſeinen Weg ſogleich durch einen engen Gang, wo eine kleine Thür zum Fluſſe führte. Dort wartete Hugo in einem kleinen Boot an den feuchten und ſchmutzigen Stufen. Durch einen Wink brachte Hugo den Mann davon 325 dofe ab, ſich vor dem angeblichen Prieſter auf die Kniee zu teinem werfen, und befahl ihm, ſo ſchnell als möglich zu rudern. hr habt Die Prinzeſſin ſetzte ſich in das Hintertheil des Boots . Und und dann durchſchnitt es raſch den edlen Strom. Ge⸗ nährt ſchmückte und vergoldete Barken mit Flaggen und wor⸗ t, daß auf ſich Wachen befanden, und mit Rittern und Ebel⸗ Volkes leuten angefüllt, mit lärmender Froͤhlichkeit und Mufik en Ge⸗ fuhren an ihnen vorüber. Dieſe beachtete die gefallene Karlt Königin nicht, ſondern da bei allen ihren Fehlern das meinen Herz des Weibes in ihrer Bruſt ſchlug, richtete ſie— ſie, die im Glück ihrem ſanſten Gemahl ſo oft Schande on Re⸗ und Weh bereitet hatte; fie, die um ihre Treue als er ah Königin unbekümmert geweſen, und die ſich den ſchwe⸗ itterte ren, wir wollen hoffen ungerechten Verdacht der Untreue mar die als Gattin zugezogen hatte— ihre Augen auf den dü⸗ ſtern Thurm, der ihren gefangenen Gemahl enthielt, ur und fühlte, daß ſie auf eine Zeitlang ſelbſt den Verluſt — üder⸗ der Macht hätte vergeſſen können, wenn es ihr geſtattet . Noch geweſen wäre, an ſein Herz zu fallen und mit dem tief⸗ Hein⸗ gebeugten Bräntigam ihrer Iugend über die Vergangen⸗ bin he⸗ heit zu reden. ennen? Zweites Kapitel. unter⸗ Der Charakter Eduards des Vierten und ſeines Hofes wird dem ſeinen Leſer offen dargelegt, nebſt den Machinationen der Woodvilles e kleine gegen den Grafen von Warwick. einem Es wird kaum nöthig ſein, Denen zu ſagen, die das tufen. menſchliche Lehen mit einiger Philoſophie betrachtet davon haben, daß das junge Daſein des Junker Marmaduke 326 Nevile, einmal eingeſchifft in die große allgemeine See, ſelten wieder einzeln und abgeſondert vor uns erſcheinen wird. Der Typus des jüngern Sohnes vom Lande, der an den Hof eilt, um ſein Glück zu ſuchen, verliert ſich bald unter den rieſenhaften Charakteren und den glühen⸗ den Leidenſchaften, die allein in der Geſchichte hervor⸗ treten. Und wie wir beim Leſen einer Lebensbeſchreibung zuerſt an der Perſon, welche erzählt, Intereſſe finden, aber wenn die Laufbahn in das breitere und aufgeregtere Leben übergeht, in welches er ſich mit Denen miſcht, welche eine glänzendere Erinnerung als ſeine eigene zu⸗ rückgelaſſen haben, ſich das Intereſſe von dem Erzähler zu Denen wendet, von welchen er umgeben und verdunkelt wird— ſo folgen wir unſerm jungen Abenteurer kaum an den Hof des glänzenden Ebuard, wenn die Scene uns ſchon von unſerm Führer trennt, deſſen Aufgabe beinahe vollendet iſt. Wir verlaſſen alſo auf eine kurze Zeit dieſe kühne und freie Natur— die friſch von der Geſundheit des ländlichen Lebens herkam— um ſich nach und nach bei dem Umgange, den ſie findet, zu verbeſſern oder zu verſchlimmern. Das Beiſpiel der Lords Haſtings, Seales und Woreeſter und die Fähigkeiten der beiden jüngern Prinzen von York, beſonders des Herzogs von Gloute⸗ ſter, haiten unter dem jüngern Theile des Hofes den Geſchmack an den Wiſſenſchaften verbreitet, der während der Herrſchaft des Hauſes Lancaſter geſchlummert hatte. Marmaduke wurde jetzt gewahr, daß Gelehrſamkeit nicht mehr die beſondere Auszeichnung der Kirche ſei, und daß Warwick hinter ſeinem Zeitalter zurückgeblieben, wenn er ſich rühmte, daß das Schwert ihm geläufiger ſei als ——.——— 2 2 ne See, eſcheinen ade, der iert ſich glühen⸗ hervor⸗ hreibung e finden, eregtere miſcht, gene zu⸗ Erzähler erdunkelt eer kaum cene uns beinahe zeit dieſe ſundheit und nach oder zu „Seales jüngern Glouce⸗ ofes den während ert hatte. keit nicht und daß 1, wenn r ſei als 327 die Feder. Er beſaß den Scharfblick, zu bemerken, daß die Verbindung mit dem großen Grafen nicht zu ſeiner Beliebtheit beim Hofe führe, und daß ſich die Hofleute ſelbſt in des Königs Gegenwart Schmähungen und Scherze uͤber den feurigen Warwick erlaubten, da ſie ſich doch lieber die Zungen abgebiſſen, als ſie in Gegenwart des Grafen ſelber ausgeſprochen hätten. Aber obgleich Nevile ſeine angeborne Aufrichtigkeit hinlänglich zügelte, um keinen unnützen Streit zu bekommen, oder eine un⸗ manierliche und unvernünftige Vertheidigung des helden⸗ müthigen Barons, wenn er angegriffen oder verſpottet wurde, ſo hatie er doch genug von dem Krieger und Ehrenmann in ſich, um von dem Neide der Zeit und des Ortes angeſteckt zu werden— um ſeine Dankbarkeit gegen ſeinen Patron oder ſeinen Reſpekt gegen das Boll⸗ werk des Landes zu verlieren. Wir können vielmehr ſagen, daß Warwick in ſeiner Schätzung ſtieg, wenn er ihn mit den geputzten Perſonen verglich, die ſich gegen ſeine Überlegenheit in Thaten durch Worte rächten. Nicht nur als Krieger, ſondern auch als Staatsmann waren die großen Verdienſte des Grafen in allen jenen Maß⸗ regeln ſichtbar, welche allein von ihm ausgingen. Ob⸗ gleich ſo nachläſſig erzogen, machten ihn doch ſeine ge⸗ geſchäftige und praktiſche Laufbahn, ſein leutſeliges Einmiſchen in alle Klaſſen, ſein herzliches und nationa⸗ les Gefühl ſo wohl bekannt mit ben Intereſſen ſeines Vaterlandes und den Gewohnheiten ſeiner Landsleute, daß er viel beſſer geeignet war zu herrſchen, als der wiſſenſchaftlich gebildete Worceſter oder der gelehrte Scales, Der junge Herzog von Glouceſter bildete einen 328 auffallenben Contraſt gegen den allgemeinen Leichtfinn des Hofes, wenn von dieſem mächtigen Edelmanne ge⸗ ſprochen wurde. Er nannte ihn nie anders als mit Re⸗ ſpekt, und war auffallend höflich ſelbſt gegen das demü⸗ thigſte Mitglied der Familie des Grafen. Hierin erſchien er neben Clarence vortheilhaft, deſſen Charakterſchwäche ihn beſtimmte, den Ton der Geſellſchaft anzunehmen, in die er gerieth, und der, während er Warwick wirklich liebte, oft über die Scherze über ihn lächelte. Der ganze Hof war von einem Geiſt der Intrigue belebt und erfüllt, den die Liſt der Königin, die verſchla⸗ gene Klugheit Jaequetta's und die Feindſchaft der ver⸗ ſchiedenen Parteien in einem Grade genährt hatten, der unter den früheren Regierungen gänzlich unbe⸗ kannt geweſen war. Es war ein Ort, wo der Ver⸗ ſtand junger Männer raſch alt wurde: unter Liſten und Complotten, unter ehrgeizigen Plänen und ſchlauen Übervortheilungen ging Richards des Dritten Kindheit in ſeine gewiſſenloſe Mannheit über; dies iſt die unver⸗ meidliche Frucht jener Epoche in der Cioiliſation, wo eine kriegeriſche Ariſtokratie ſich zuerſt in einen uͤppigen Hof zu verſenken beginnt. Durch dieſes bewegliche und veränderliche Gewehe des Ehrgeizes und der Intrigue bewegte ſich der könig⸗ liche Eduard mit ſorgloſer Grazie, einfach, da ſein Zwech erreicht war und das Vergnügen den Ehrgeiz erſetzt hatte. Sein träges und heiteres Temperament diente dazu, ſeinen kräftigen Verſtand zu unterdrücken, ober viel⸗ mehr ſein Verſtand ging jetzt in dem Strom der Sinn⸗ lichkeit unter, durch den er ſloß. Seine Pläne und In⸗ trig betr erfo wel berr keit mus vera Wit der war Geſ mänu nach pfle für zu? Mit dene theil Nac Kön tran man Aus wor Edu drun rend eichtfinn une ge⸗ mit Re⸗ 3 demü⸗ erſchien chwäche nehmen, wirklich eutrigue erſchla⸗ er ver⸗ hatten, unbe⸗ r Ver⸗ ten und hlauen indheit unver⸗ n, wo ppigen Bewebe konig⸗ Zweck hatte. dazu, viel⸗ Sinn⸗ d In⸗ 329 triguen waren darauf beſchränkt, einen Ehemann zu betrügen oder ein Weib zu täuſchen, und geſchickt und erfolgreich waren ſie ohne Zweifel. Aber ein Laſter, welches ſtets verderblicher iſt als die Liebe zu den Wei⸗ bern, begann ihn zu beherrſchen, nämlich die Unmäßig⸗ keit bei der Tafel. Der geſuchte und anmuthige Epikuräis⸗ mus der früheren Normannen neigte ſich zu Leckereien, verabſcheute aber das Uehermaß und betrachtete mit Widerwillen die ſchweren Mahlzeiten und die tiefen Züge der Angelſachſen; doch dieſes charakteriſtiſche Merkmal war längſt unter den Nachkommen jenes edelſten aller edeln Geſchlechter verſchwunden. Warwick, deſſen ſtattliches, männliches Weſen Abſcheu empfand vor Allem, was nach welbiſchem Weſen oder Ausſchweifung ſchmeckte, pflegte zu erklären, er wolle lieber fünfzig Schlachten für Eduard den Vierten kämpfen, als einmal mit ihm zu Abend ſpeiſen! Die Mahlzeiten dieſes Königs des Mittelalters währten mehre Stunden und glichen faſt denen der ſpäteren römiſchen Kaiſer. Lord Montagu theilte nicht die Enthaltſamkeit ſeines Bruders Warwick. Nach Haſtings war er der beliebteſte Geſellſchafter des Königs. Er aß faſt eben ſo viel wie der König und trank nicht viel weniger. Von wenigen Hofleuten konnte man daſſelbe ſagen. Ueber die Verſchwendung und die Ausſchweifung des Hofes wurde indeß ein Schleier ge⸗ worfen, der die Jungen und Hochgeſtimmten blendete. Eduard war ein vollkommener Cavalier, tief durch⸗ drungen von der Romantik des Ritterthums, und wäh⸗ rend er das individuelle Weib als Weib zu ſeinem Spiel⸗ zeug machte, behandelte er das ideale Weib wie eine 330 Göitin. Eine verfeinerte Galanterie— eine rückſichts⸗ volle Höflichkeit gegen verheirathete und unverheirathete Damen, vereinte die Sprache eines Amadis mit der Rohheit eines Gefangenwärters, und ein viel locken⸗ derer Contraſt als der Hof Karls des Zweiten gegen die ſtrenge Republik darſtellte, verführte das gemeine Voll, wenn es den Hof dieſes tapferſten und ſchönſten Fürſten mit den traurigen und kläglichen Kreiſen verglich, in welchen Heiurich der Sechste regiert und gebetet hatte. Eduard ſelber konnte ſo wenig mit ſtrenger Gerechtig⸗ keit beurtheilt werden, daß ſeine außerordentliche Be⸗ liebtheit in London, wo er täglich geſehen wurde, nie durch ſeine Fehler abnahm; er war ſo kähn im Felde und doch ſo milde in ſeinem Zimmer; wenn ſeine Lei⸗ denſchaften ſchlummerten, war er ſo außerordentlich gutmüthig und geſellig— ſo freundlich gegen Alle, die ihn umgaben— ſo herzlich und heiter in ſeinen Reden und ſeinen Laſtern— bei alle dem ſo prachtliebend und großmüthig, und ungeachtet ſeiner Trägheit war ſeim Befähigung zu Geſchäften wunderbar, und durch dieſ letztere erwarb er ſich die Ehrfurcht der guten Londoner denn gleich den Kalifen des Orients ſaß er oft ſelber zu Gericht und ſprach ſeine Urtheile mit großer Verſtandes ſchärfe und Richtigkeit aus. Gleich allen ausſchweifenden Menſchen hatte er eine heilſame Anlage zum Geiz. Jen Verachtung des Handels, welche eine moderne Ariſtt⸗ kratie charakterifirt, wurde von den Edelleuten jenn Tage wenig gefühlt, mit Ausnahme ſo trotziger Patri zier, wie Lord Warwick oder Raoul de Furke. Das großt Haus de la Pole, Herzog von Suffolk, deſſen Ert rückſichts⸗ iheirathete mit der el locken⸗ gegen die eine Voll, en Fürſten rglich, in etet hatte. Gerechtig⸗ tliche Be⸗ ourde, nie im Felde ſeine Lei⸗ rordentlich Alle, die nen Reden iebend und war ſeim durch dieſ Londoner ft ſelber zi Verſtandes⸗ hweifenden Geiz. Jen erne Ariſtr⸗ euten jenen iger Patri⸗ Das groft deſſen Ethe 331 Ebuards Schweſter, Ellſabeth, heirathete, war von einem Kaufmanne in Hull gegründet. Grafen und Erzbiſchöfe trugen kein Bedenken, von den Hülfsquellen des Han⸗ dels Einkünfte zu beziehen. Kein Haus hatte ſich in dieſer Hinſicht liberaler in ſeiner Politik und freier von allen herkömmlichen Vorurtheilen gezeigt, als das der Plantagenet. Selbſt Eduard der Zweite behauptete das Vorrecht des Handels mit Genna, und der Verkehr mit den fürſtlichen Kaufleuten jener Republik diente wahr⸗ ſcheinlich dazu, das Geſchäft des Handels mit dem Be⸗ griffe von Rang und Macht zu verbinden. Eduard der Dritte wird noch jetzt der Vater des engliſchen Handels genannt; aber Eduard der Vierte gab zu ſeinem eigenen Vortheil den Theorien ſeiner Vorfahren eine größere Ausdehnung. Der König, ſo träge in ſeinem Palaſte, war in der That der thätigſte Kaufmann auf dem Markte. Er trieb einen bedeutenden Handel mit ſeinen eigenen Schiffen, die er mit ſeinen eigenen Waaren befrachtete, und obgleich dies nach dem Urtheil verſtändiger Staats⸗ zkonomen der gegenwaͤrtigen Zeit durchaus keine Unter⸗ ſtützung für den Handel war, da kein Privatmann mit dem königlichen Kaufmann rivaliſiren konnte, der bei der Abfahrt und Ankunft zollfrei war, ſo diente doch ſchon die Gemeinſchaft bei der Gefahr und dem Gewinn und die gewöhnliche Unterredung, die daraus zwiſchen dem leutſeligen Monarchen und dem demüthigſten Han⸗ delsmanne entſtand, nur dazu, ſeine Beliebtheit zu ver⸗ mehren und ihm wegen ſeines praktiſchen Sinnes Re⸗ ſpekt zu verſchaffen. Eduard der Vierte war in dem Allem der Mann ſeines Jahrhunderts, nicht um einen 33²2 Zoll breit zurück oder voraus! Und zu dieſer gluͤcklichen Lage kam noch, daß er einer von den Lieblingen der Natur war, die ſo reichlich mit Gaben der Perſon, des Geiſtes und äußeren Scheines begabt, daß nur aus der Ferne der ſpäteren Zeit wir fragen können, warum Mähnner ſeines Jahrhunderts den falſchen, ausſchwei⸗ fenden und grauſamen Mann bewunderten, wo dieſe ge⸗ blendeten Zeitgenoſſen nur den herriſchen und den freu⸗ digen, den jungen und ſchönen Monarchen erblickten— leutſelig gegen ſeine Freunde und ſchrecklich gegen ſeine Feinde! So viel war über Eduards Neigung zum Handel— ſagen nöthig, weil ſie zu jener Zeit, nebſt andern Be⸗ weggründen, die bald klar werden ſollen, zu Gunſten des von den Feinden des Grafen von Warwick angelegten Complots, um jenen mächtigen Miniſter herabzuwür⸗ digen und aus dem Rathe des Königs zu vertreihen, mitwirkte. Eines Morgens erhielt Haſtings die Aufforderung, zu Eduard zu kommen, und als er in das känigliche Gemach trat, fand er Lord Rivers, den Vater det Königin, Anton Woohville und den Grafen von Wor⸗ ceſter bereits verſammelt. Der König ſchien gedankenvoll; er winkte Haſtings, ſich zu näͤhern, deutete auf einen Brief, der von Rouen datirt war, und ſagte:„Leſet und urtheilt, Haſtings!“ Der Brief war von einem Herrn in Warwicks⸗Ge⸗ folge. Er gab einen glühenden Bericht von den Chren⸗ bezeigungen, die Ludwig der Elfte dem Grafen hatte zu Theil werden laſſen, groͤßer als die, welche je einem Untert iſt es ſamen niß ſe Er hat quartit ſeinem Leute Einige einem garethe bringe Staatt „ L lücklichen igen der ſon, des aus der warum sſchwei⸗ dieſe ge⸗ en freu⸗ ckten— gen ſeine andel zu ern Be⸗ Gunſten gelegten bzuwür⸗ ttreiben, derung, enigliche ater der n Wor⸗ aſtings, Rouen dings!“ lcks Ge⸗ Ehren⸗ n hatte e einem 3³³ Unterthan widerfahren waren, und fuhr ſo fort:„Doch iſt es nicht mehr als Recht, daß ich Euch von den ſelt⸗ ſamen Gerüchten von der auffallenden Neigung in Kennt⸗ niß ſetze, welche König Ludwig dem Grafen beweist. Er hat ihn in dem ihm zunächſt befindlichen Hauſe ein⸗ quartirt und ſogar eine Oeffnung in die Wand zwiſchen ſeinem Zimmer und dem des Grafen machen laſſen. Die Leute ſagen, der König beſache ihn in der Nacht, und Einige meinen, daß dieſer verſtohlene Verkehr zwiſchen einem engliſchen Geſandten und dem Verwandten Mar⸗ garethens von Anjou unſerem Könige wenig Vortheil bringen könne.“ „Ich bemerke,“ ſagte Haſtings, die Aufſchrift an⸗ ſehend,„daß dieſer Brief an Loed Rivers gerichtet iſt. Kann er für die Wahrhaftigkeit ſeines Correſpondenten einſtehen?“ „Ja, gewiß,“ antwortete Rivers;„es iſt ein Herr von meinem eigenen Blut.“ „Wäre er nicht ſo beglaubigt,“ entgegnete Haſtings, „ſo würde ich die Wahrhaftigkeit eines Mannes in Frage ziehen, der ſich herablaſſen kann, gegen ſeinen Herrn und Vorgeſetzten den Spion zu ſpielen.* „Das öffentliche Wohl rechtfertigt Alles,“ ſagte der Graf von Worceſter, der zwar durch Heirath mit War⸗ wick nahe verwandt war, aber ſeine Macht mit der eifer⸗ ſüchtigen Verachtung betrachtete, die der Büchergelehrte oft gegen einen Mann empfindet, deſſen Talent in der Handlung liegt—„ſo ſagten unſere Meiſter in der Staatskunſt, nämlich die Griechen und Römer.“ „Gewiß,“ ſagte Sir Anton Woodyille,„es verletzt 334 den Stolz eines engliſchen Ritters, dem gebornen Feinde Englands, wofür ich natürlich den Franzoſen halte, für Höflichkeiten verbunden zu ſein.“ „Ja,“ ſagte Eduard mit ſtrengem Lächeln,„ich möchte lieber mit Trommeln und Fahnen vor die Mauern von Paris marſchiren, als den Grafen, meinen Vetter, ſchicken, um den Bruder des franzöfiſchen Königs zu bitten, die Hand meiner Schweſter anzunehmen. Und was ſoll aus meinen guten Handelsſchiffen werden, wemn Burgund dies als eine Beleidigung aufnimmt und ſeine Häfen ſchließt.“ „Sire,“ ſagte Haſtings,„Jebermann weiß, wie den Urſache ich habe, den Grafen von Warwick zu liehen. Wir Alle, mit Ausnahme Eurer gnädigen Majeſtät, haben uns einer Beleidigung, die er uns durch ſeinen Stolz und ſeine haſtige Gemüthsart zugefügt, zu erin⸗ nern; aber in dieſem Rathe muß ich aufhören, Willian von Haſtings zu ſein und darf nur als des Königs Diener handeln. Ich ſage alſo fürs Erſte mit ſchuldiger Ehrerbietung gegen dieſe edlen Pairs, daß Warwickz Treue gegen das Haus York zu vollkommen bewieſen iſt, um je verdächtigt zu werden wegen der Höflichkeiten des Königs Luhwig— eine künſtliche Liſt des ränkevollen Franzoſen, wie es mir klar genug ſcheint, um Euren Thron zu ſchwächen, indem er Euer Mißtrauen gegen die mächtigſte Stütze deſſelben rege macht. Laßt uns nicht in eine ſolche Schlinge gehen. Überdies können wir ge⸗ wiß ſein, daß Warwick nicht falſch ſein kann, wenn er den Zweck ſeiner Geſandtſchaft erreicht, nämlich wenn er Ludwig durch eine feſte Verbindung mit Eduard und York bringt die I. ſie jet darin ſeines der H Marg hatte eitelt von2 Verſc dieſer und d die La reich als d Verre fürcht Hand dies i zu be reich durch intere irgen roloit vprül land dieſe n Feinde alte, für n,„ich Mauern Vetter, önigs zu en. Und en, wenn ind ſeine ie wenig lieben. Najeſtät, h ſeinen zu erin⸗ William Königs culdiger Barwicks ieſen iſt eiten des kevollen Euren n gegen ins nicht wir ge⸗ wenn et ch wenn tard und 335 York von der Seite Margarethens und Lancaſters ab⸗ bringt. Zweitens, Sire, in Betreff jener Verbindung, die Ihr, wie es ſcheint, ſchon bereuen möchtet, halte ich ſie jetzt wie immer für ein Meiſterſtück der Politik, und darin beweist der Graf ſeinen ſcharfen Verſtand, der ſeines ſtarken Armes würdig iſt; denn wie Seine Hoheit, der Herzog von Gloueeſter jetzt klar entdeckt hat, war Margaretha von Anjou kürzlich in London, und man hatte verrätheriſche Abſichten vor, obgleich ſie jetzt ver⸗ eitelt find; doch jetzt läßt ſich fragen, warum die Freunde von Lancaſter ſich wirklich fern hielten? warum jede Verſchwörung vergebens war und iſt?— Eben wegen dieſer Verbindung mit Frankreich, Sire, weil das Gold und die Hülfstruppen Ludwigs nicht herbeikamen, weil die Lancaſtrier ſehen, daß, wenn Lord Warwick Frank⸗ reich einmal der rothen Roſe abgewinnt, nichts weniger als das Wunder, Warwick ſelber zu gewinnen, ihrer Verrätherei Hoffnung gewähren kann. Eure Majeſtät fürchten den Zorn Burgunds und die Unterdrückung Eures Handels mit den Niederländern; aber verzeiht mir— dies iſt nicht vernünftig. Burgund wagt nicht, England zu beleidigen, wenn ſeine Waffen mit denen von Frank⸗ reich vereinigt ſind; die Niederländer gewinnen mehr durch Euch als Ihr durch die Niederländer, und die dabei intereſſirten Bürger werden nicht zugeben, daß der Streit irgend eines Fürſten ihrem Handel Schaden bringe. Cha⸗ rolois mag prahlen und drohen, aber der Sturm wird vorübergehen und Burgund zufriehen ſein, wenn Eng⸗ land in der Fehde mit Frankreich neutral bleibt. Alle dieſe Gründe, Sire, hewegen mich, meinen Privat⸗ 336 feind, den Lord Warwick, zu unterſtützen und Euch zu bitten, den Gerüchten, die ſeiner Ehre und ſeiner Ge⸗ ſandtſchaft nachtheilig find, keinen Glauben zu ſchenken.” Die tiefe Klugheit dieſer Bemerkungen des Redenden und der wohlbekannte Groll zwiſchen ihm und Warwich, aus Gründen, die ſpäter zu erklären find, brachten eine ſtarke Wirkung auf Eduards Verſtand hervor, der ſtets kräftig war, außer wenn ihn Leidenſchaften umwehten. Aber Rivers, deſſen Groll gegen den Grafen nicht zu bezähmen war, begann von Neuem:„Jndem ich mein Urtheil dem des Lord Haſtings unterwerfe, Sire, den, wie wir wiſſen, die Liebe zuweilen blendet und deſſen Neigung zu der ſchoͤnen Schweſter des Grafen, der Laty Bonville, ihn vielleicht bewegt, den Tag zu vergeſſen, wo Lord Warwick—* „ Schweigt, Mylord,“ ſagte Haſtings, blaß vor unter⸗ drücktem Zorne;„dieſe Beziehungen paſſen nicht für den Rath ernſter Männer.“ „Still, Haftings,“ ſagte Eduard heiter lachend— „die Weiber miſchen ſich in Alles; ſie haben mit Tiſch und Rath, mit Bett und Schlacht zu thun— überall wo Unheil vorgeht, da kann man gewiß ſein, daß eines Weibes ſchlaues Geſicht unter ihrem Schleier hervor⸗ guckt. Fahrt fort, Rivers.“ „Ich bitte um Verzeihung, Lord Haſtings,“ ſagte Rivers—„ich wußte nicht, daß Euch meine Erwide⸗ rung ſo tief verletzen würde; hier iſt noch ein Brief, den ich dem Könige noch nicht vorgelegt habe.“ Hierauf zog er eine Rolle aus ſeinem Buſen und las, wie folgt: „Geſtern bewirthete der Graf den Köͤnig, und als ich Euch zu iner Ge⸗ cenken.“ Redenden Warwich, hten eine der ſtets nwebten. nicht zu ich mein re, den, d deſſen der Lahy ergeſſen, r unter⸗ für den it Tiſch überall uß eines hervor⸗ ſief, den auf zog folgt: als ich 337 meinem Amte gemäß Mylord aufwartete, hörte ich König Ludwig ſagen:„„Wahrhaftg, Mylord Warwick, unſere Couriere bringen uns die Nachricht, daß der Graf Charolois erklärt, er werde dennoch Lady Margaretha heirathen, und lache uͤber Eure Geſandtſchaft. Wie, wenn unſer Bruder, der König Eduard, von dem Vertrage zu⸗ rückträte?“«—„„Er wagt es nicht!““ ſagte der Graf.“ „Wagt es nicht!“ rief Eduard aufſpringend und mit ſeiner geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlagend— „wagt es nicht! Haſtings, hört Ihr das?“ Haſtings nickte mit dem Kopfe und ſagte:„Iſt das Alles, Lord Rivers?“ „Alles! und mich dünkt genug.“ „Genug, bei der heiligen Jungfrau,“ ſagte Eduard bitter lachend;„er ſoll ſehen, was ein König wagt, wenn ein Unterthan droht. Laßt die würdigen Depu⸗ tirten unſrer Stadt London ein— Lordkämmerer, es iſt Euer Amt— ſie warten im Vorzimmer.“— Haſtings gehorchte ernſt, und in karmeſinrothen Gewändern mit purpurnen Kopfbedeckungen und gol⸗ denen Ketten trat eine anſtändige Deputation von den verſchiedenen Corporationen Londons vor den König. Dieſe Perſonen näherten ſich bis auf wenige Schritte der Erhöhung, worauf die Herren ſich befanden, machten dort Halt und knieeten nieder, während der Sprecher auf den Knieen liegend eine lange Petition vorlas, worin ſte den König baten, den Zuſtand des Handels mit den Niederländern ſeiner gnädigen Beachtung zu würdigen; und obgleich ſie nicht eigentlich wagten, die beubſht hte Bulwer, Barone. 1 338 Verbindung mit Frankreich zu erwähnen, ſo baten ſie doch, Seine Majeſtät wolle ſte über gewiſſe Gerüchte zu⸗ frieden ſtellen, die bereits ſehr nachtheilig für ihren Hantel ſeien, da die Möglichkeit eines Bruches mit dem Herzog von Burgund vorhanden ſei. Der handelnhe König hörte mit großer Aufmerkſamkeit und Leutſelig⸗ keit ihre Bittſchrift an und erwiderte kurz, er danke der Deputation für ihren Eifer für das öffentliche Wohl — ein Konig würde genug zu thun haben, wenn er jedes müßige Geſchwätz widerlegen ſollte, doch ſei es ſein feſter Vorſatz, die Londoner Handelsleute auf alle Weiſe zu beſchützen und das freundſchaftlichſte Verhält⸗ niß mit dem Herzog von Burgund aufrecht zu erhalten. Dann entfernten ſich die Supplikanten aus dem Saale. „Bemerktet Ihr wohl, wie gnädig der König gegen mich war?“ flüſterte Heyford einem ſeiner Collegen zu; „er ſah mich an, während er antwortete.“ „Ihr Thor!“ murmelte der Vertraute, als ob ſein Auge nicht auf mich gerichtet geweſen wäͤre, als er ſagte: „„Ihr ſeid die Pfeiler des öffentlichen Wohls.““ Aher weil Heyford ein hübſches Weib hat, ſo glaubt er ganz LTonvon auf ſeine Hörner nehmen zu können!“ Als die Bürger den Palaſt verließen, trat Lord Rivers zu ihnen.„Ihr werdet mir danken, daß ich Euch den Vorſchlag zu dieſer Deputation gemacht habe, meine würdige Herren,“ ſagte er bedeutungvvoll lächelnd,„Ihr habt Eure Zeit wohl benützt!“*— Hierauf ging er ohne weitere Bemerkung an ihnen vorüber und nahm ſeinen Weg zu dem Zimmer der Köͤnigin. 339 ten ſie Eliſabeth ſpielte mit ihrer kleinen Tochter, warf das chte zu⸗ Kind in die Luft und lachte über die ausgelaſſene Fröh⸗ r ihren lichkeit des Kindes. Die ſtrenge alte Herzogin von Bed⸗ tit dem ford lehnte ſich über die Lehne des Staatsſeſſels, ſah mit ndelnhe dem Stolze einer Großmutter zu und ſang ein Wiegen⸗ utſelig⸗ lied. Es war ein lieblicher Anblick! Eliſabeth ſchien nie nke der liebenswürdiger; ihr künſtliches, verſtelltes Lächeln ging Wohl in herzliche mütterliche Freude über; ihre glatte Wange venn er war roth von der Anſtrengung, eine einzelne Ringel⸗ h ſei es locke entſchlüpfte dem ſteifen Kopfputze!— Und ach, uf alle ſobald die beiden Damen Rivers erblickten, war der erhält⸗ ganze Zauber vernichtet— das Kind wurhe haſtig auf halten. den Boden niedergeſetzt— die Königin, halb beſchämt as dem ſich ſelbſt vor ihrem Vater natürlich zu zeigen, glättete 1 die rebelliſche Locke, und die Herzogin, die in der Mitte g gegen ihres alterthümlichen Liedes abbrach, rief:„Nun, nun? gen zu;— Wie gelingt unſere Politik?⸗ „Der König iſt in einer Stimmung, wie wir ſte nur ob ſein wünſchen koͤnnen,“ antwortete Rivers.„Bei den Wor⸗ ſagte: ten:„„Er wagt es nicht!“a regte ſich der Plantagenet Aber in ſeiner Bruſt; und nun, damit er nicht verlangt, das er ganz Übrige von dem Briefe zu ſehen, will ich ihn vernichten!⸗ — Und indem er die Rolle auf den glühenden Herd t Lord warf, beobachtete er, wie ſie verbrannte. ch Euch„Warum dies, Vater?« fragte die Königin. meine„Weil die kühnen Worte durch das Folgende wieder 8,„Ihr aufgehoben werden, meine Eliſabeth,“ antwortete ihr er ohne Vater:„„Er wagt es nicht,““ ſagte Warwick, ſeinen„weil ein edles Herz am wenigſtenwagt, das gegebene Wort zu brechen und ein gütiges 340 Herz es am meeiſten vermeidet, einem ver⸗ trauenden Freunde Unrecht zu thun.“* „Es war ein Glück,“ ſagte die Herzogin,„daß Eduard bei den erſten Worten Feuer fing und nicht bis zu Ende wartete!“ „Es war ſchon ſo vorbereitet, Jaequetta— hätte er das Übrige ſehen wollen, ſo hätte ich den Brief in den Kamin geworfen, als enthielte er etwas, was ich nicht zu leſen wagte. Muth! Eduard hat die Kaufleute angehört; er hat Haſtings abgetrumpft— der uns wider⸗ ſprechen wollte. Ubrigens, Eliſabeth, iſt es Deine Gache, von Beleidigungen zu reden, die der Graf Dir zugefügt; Deine Sache ſei es, Jaequette, Eduard's Stolz aufzu⸗ regen, indem Du bei Warwicks übergroßer Macht ver⸗ weilſt. Meine Sache ſei es, ſeine Intereſſen in Betreff ſeines Handels in das rechte Licht zu ſtellen; Margare⸗ thens Sache ſei es, ſein Herz durch ſanfte Thränen um den kühnen Charolois zu rühren, und ehe ein Monat um iſt, ſoll Warwick finden, daß ſeine Geſandtſchaft nur ein Gegenſtand des Gelächters iſt. Kein Schatten ſoll zwi⸗ ſchen das Haus Woodville und die Sonne England treten.“ „Ich bin kaum Königin, während Warwick Miniſte iſt,“ ſagte Eliſabeth rachſüchtig.„Wie trotzte er mi als wir uns zuletzt ſahen!“ 3 „Aber höre, Tochter und Königin, höre! Eduarh iſt nicht auf den entſcheidenden Schlag vorbereitet. Ich habe mit Anton verabredet, deſſen ritterliche Thorheiten ihn nicht fähig machen, unſere Zwecke vollkommen in begreifen, daß unter gehsrigem Vorwande der Bruden m ver⸗ Eduarh zu Ende — hätte Brief in was ich aufleute z wider⸗ e Gache, agefügt; zaufzu⸗ icht ver⸗ Betreff kargare⸗ anen um onat um nur ein ſoll zwi⸗ england Miniſte er mir, Eduatd et. Ich orheiten men zu Bruder 341 des Erben von Burgund— der Graf de la Roche— London beſuchen ſoll, und wenn der Graf einmal hier iſt, ſo iſt Alles unſer! Still! nehmt die Kleine auf— Eduard kommt!“ Drittes Kapitel. Nicolaus Alwyn beſucht den Hof und erfährt dort Dinge, worüber der ſcharfſinnige Leſer ſelber urtheilen wird. Es war an einem Morgen gegen Ende des Mai, kurze Zeit nach Gduards gnädigem Empfange der Lon⸗ doner Deputirten, als Nicolaus Alwyn, von zwei bis an die Zähne bewaffneten Dienern begleitet— denn ſie führten Sachen von großem Werthe bei ſich, und ſelbſt am hellen Tage und an den beſuchteſten Theilen der Stadt vertrauten die Menſchen wenig der Sicherheit des Geſetzes— im Tower ankam und vor die Königin ge⸗ führt wurde. Eliſabeth und ihre Mutter waren in lebhaftem aber leiſem Geſpräche begriffen, als der Goldſchmied eintrat, und es lag eine ungewöhnliche Heiterkeit im Geſichte der Königin, als ſie ſich zu Alwyn wendete und ihn bat, ihr ſeinen neueſten Schmuck zu zeigen. Während Eliſabeth mit einer Neugierde und Leb⸗ haftigkeit die faſt kindlich ſchien, Ringe, Ketten und Tuchnadeln überſchaute und kaum auf Alwyn's Bemer⸗ kungen über den Glanz der Edelſteine oder die Zierlich⸗ keit der Faſſung horchte, verſchwand die Herzogin auf einen Augenblick und kehrte mit der Prinzeſſin Marga⸗ retha zuruck. 34⁴² Die junge Prinzeſſin hatte viel von der majeſtäti⸗ ſchen Schönheit ihres königlichen Bruders, aber anſtatt des offenen und ſorgloſen Ausdrucks, der bei Eduard ſo bezaubernd war, lag in ihrer vollen und gebogenen Lippe, ſowie in ihrem großen und glänzenden Auge etwas zu⸗ gleich Stolzes und Leidenſchaftliches, was eine Be⸗ ſtimmtheit und Lebhaftigkeit des Charakters ausſprach, die ͤber ihre Jahre ging. „Wählt für Euch ſelber, liebe Tochter,“ ſagte die Herzogin, zärtlich ihre Hand auf Margarethens volles Haar legend,„und laßt den edlen Gaſt, den wir erwar⸗ ten, geſtehen, daß unſere Roſe von England ſchöner blüht, als alle in der Welt.“ Die Prinzeſſin erröthete mit angenehm geſchmeichelter Eitelkeit bei dieſen Worten, näherte ſich der Königin und ſah ſchweigend ein Perlenhalsband an, welches Eliſabeth in der Hand hielt. „Wenn ich es zu ſagen wagen darf,“ ſagte Alwyn, „ſo werden Perlen zu der jugendlichen Blüte Ihrer Ho⸗ heit ſehr gut ſtehen. Und ſeht, hier iſt auch der zu dem Halsbande gehoͤrige Schmuck; wenn,“ fügte der Gold⸗ ſchmied hinzu, indem er ſich tief verbeugte und vor ſich niederblickte—„wenn es nicht vielleicht Ihrer Hoheit mißfällig ſein ſollte, daß ſie in der Form von Lilien ge⸗ bildet ſind—* Eine ungedulbige Geberde der Königin und eine plötzliche Wolke, die ſich über die ſchöne Stirn Marga⸗ rethens verbreitete, zeigten dem ſcharfſichtigen Handels⸗ manne ſogleich, daß er einen höchſt unwillkommenen Fehler begangen habe in dieſer letzten Anſpielung auf hie ajeſtäti⸗ anſtatt duard ſo n Lippe, was zu⸗ ne Be⸗ sſprach, agte die 3 volles erwar⸗ ſchoner eichelter gin und liſaheth Alwyn, ter Ho⸗ zu dem Gold⸗ vor ſich Hoheit ien ge⸗ d eine Narga⸗ indels⸗ menen auf die 343 Verbindung mit dem König Ludwig von Frankreich, welche, den Gerüchten nach, der Graf von Warwick bei⸗ nahe zum erfolgreichen Schluſſe gebracht hatte; und um ihn noch mehr von ſeinem Irrthum zu überzeugen, ſagte die Herzogin ſtolz:„Guter Mann, begnügt Euch, Eure Waaren vorzuzeigen und verſchont uns mit Euren Be⸗ merkungen. Was Eure ſcheußlichen Lilien betrifft, ſo kann ich Euch nur ſagen, daß Euer Herr, wenn er keine beſſeren Sachen hat, nicht lange der Juwelier des Königs bleiben wird!* „Dieſe Perlen gefallen mir nicht,“ ſagte Marga⸗ rethe plötzlich;„ſie ſind bleich und kränklich. Habt Ihr keinen ſchöneren und glänzenderen Schmuck?“ „Dieſe Smaragden, ſagt man, gehörten einſt zu den Juwelen des großen Hauſes von Burgund,“ be⸗ merkte Nikolaus langſam, indem er ſeinen ſcharfen und klugen Blick auf die königlichen Käuferinnen richtete. „Von Burgund!“ rief die Königin. „Es iſt wahr,“ ſagte die Herzogin von Bedford, in⸗ dem ſie den Schmuck ſorgfältig anſah und leicht errö⸗ thete, denn in der That waren die Inwelen ein Geſchenk Philipp des Guten an den Herzog von Bedford geweſen, und die Bedürfniſſe des Bürgerkrieges hatten vor einiger Zeit zuerſt zu ihrem Verſatz und dann zu ihrem Ver⸗ kaufe geführt. Die Prinzeſſin ſchlang zärtlich ihren Arm um Jae⸗ quetta's Hals und ſagte:„Wenn Ihr mir die Wahl laſſen wollt, ſo will ich nichts Anderes haben, als dieſe Smaragden.“ Die heiden leren Damen wechſelten lächelnde Blicke. „Seid Ihr gereist, junger Mann?“ ſagte die Her⸗ zogin. „Nicht in fremden Ländern, gnädige Dame, doch habe ich viel mit Leuten gelebt, die weit in der Welt herumgekommen find.“* „Ei! Und was ſagen ſie von den alten Freunden meines Hauſes, den Fürſten von Burgund?“ „Mylahy, alle Männer kommen darin überein, daß ein edlerer und gerechterer Fürſt, als Herzog Philipp nie über tapfere Männer herrſchte; und die, welche die Weis⸗ heit ſeiner Herrſchaft geſehen haben, find tief bekämn⸗ mert bei dem Gedanken, daß einem ſo vortrefflichen und mächtigen Herren in ſeinem Alter durch ſeinen Sohn, den Grafen von Charolois, Sorge und Unruhe bereitet wird.“ Wieder verdüſterte ſich Margarethens ſchöne Stirn, und die Herzogin beeilte ſich zu antworten:„Die Strei⸗ tigkeiten zwiſchen Fürſten, junger Mann, können nie von Solchen, wie Ihr und Eure Freunde ſeid, richtig verſtanden werden. Der Graf von Charolois iſt ein edler Herr, und das Feuer muß in der Jugend herausbrechen. Der löwenherzige Richard von England war nicht weni⸗ ger ein mächtiger König wegen der Unruhe, die er als Prinz ſeinem Vater verurſachte.“ Alwyn biß ſich in die Lippe, um eine Antwort zurückzuhalten, die man nicht gut moͤchte aufgenom⸗ men haben, und indem die Königin die Smaragden und einige andere Schmuckſachen auf die Seite legte, ſagte ſie lächelnd zu der Herzogin:„»Soll der Köoͤnig dies für Euch bezahlen, Mutter, oher haben Eure e Her⸗ „ doch Welt unden n, daß pp nie Weis⸗ ekuͤm⸗ en und Sohn, ereitet Stirn, Strei⸗ en nie richtig edler echen. weni⸗ er als twort nom⸗ agden legte, König Eure 345 gelehrten Männer ſchon das große Geheimniß ent⸗ deckt?* „Nein, böſes Kind,“ ſagte die Herzogin,„Du liebſt es, meiner zu ſpotten; und um die Wahrheit zu ſagen, es iſt ſchon mehr Gold im Schmelztigel geſchmolzen, als je wieder herauskommen wird; aber mein neuer Alchy⸗ miſt, Herr Warner, ſcheint dem Reſultat näher gekommen zu ſein als irgend einer, den ich bisher gekannt habe. Indeſſen muß des Königs Schatzmeiſter nothwendig den Schmuck für des Koͤnigs Schweſter bezahlen.“ Die Königin ſchrieb eine Anweiſung an den er⸗ wähnten Beamten, der kein anderer war, als ihr eigener Vater, der Lord Rivers. Alwyn packte ſeine Sachen ein und war im Begriff, ſich zu entfernen, als die Herzogin nachlaͤfſig ſagte:„Guter Jüngling, unſre Kaufleute handeln mehr mit Flandern als mit Frankreich, nicht wahr?“ „Gewiß!“ ſagte Alwyn,„die Niederländer find gute und redliche Kaufleute.“ „Ich ſetze voraus, daß es in der Stadt London wohl bekannt iſt, daß dieſe neue Verbindung mit Frankreich das Werk des allgemein beliebten Lord Warwick iſt,“ ſagte die Herzogin verächtlich;„aber Alles, was der Graf thut, iſt für Euch, die Ihr die flachen Mützen tragt, recht und gut, ſelbſt wenn er jenen Fluß ohne einen Kauffahrer ließe.“ „Welches auch unſre Gedanken ſein moͤgen, mächtige Dame,“ ſagte Alwyn vorſichtig,„ſo miſchen wir uns doch nie in Staatsangelegenheiten.“ „Ja,“ fuhr Jacquelta ſort,„Eure Antwort iſt loyal 346 und vorſichtig. Aber wenn Lord Warwick eine Verbin⸗ dung mit dem Grafen Charolois zu Stande zu bringen verſucht hätte, würde man da hellere Freudenfeuer an⸗ gezündet haben, als man jetzt auf Smithfield ſehen wird, wenn Ihr hört, daß das Geſchäft mit Burgund wegen ſchöner Worte von König Ludwig dem Liſtigen iſt auf⸗ gegeben worden?4 p „Wir vertrauen zu ſehr auf unſers Koͤnigs Liehe zu den Bürgern von London, um zu fürchten, daß es auſ⸗ gegeben werde,“ antwortete Alwyn.„Unſer Köͤnig ſelber iſt der größte von unſern Kaufleuten, und hat der Deputation unſrer Stadt eine gnädige Antwort ge⸗ geben.“ „Ihr redet weiſe, Herr,“ ſagte die Königin,„und Euer Koͤnig wird Euch dennoch vor den Complotten Eurer Feinde ſchützen. Ihr könnt Euch entfernen.“ Alwyn, welcher froh war, von Fragen befreit zu ſein, die wenig nach ſeinem Geſchmack waren, beeilte ſich, fort zu kommen. Am Eingange der königlichen Wohnung übergab er ſeine Käſtchen den Dienern, die ihn begleiteten, und ging dann langſam über den Hof⸗ platz, ſo mit ſich ſelber redend:„Unſre Nachbarn, die Schotten, ſagen, es iſt gut im trüben Waſſer ſiſchen; aber wer nach den Geheimniſſen der Höfe ſiſcht, muß ſeinen eigenen Kopfals Köder gebrauchen. Welches Unheil beab⸗ ſichtigt die liſtige und ſtolze Herzogin? Hm! Sie denken noch immer, die junge Prinzeſſin mit dem hitzigen Grafen von Charolois zu verbinden. Beſſer für den Handel wär es freilich, mit den Niederländern Hand in Hand zu gehen; aber ein Blatt hat zwei Seiten. Wenn ſie den gerbin⸗ bringen uer an⸗ n wird, wegen ſt aufe eiebe zu es auf⸗ Koͤnig ud hat ort ge⸗ „ vund plotten 4 freit zu beeilte iglichen en, die en Hof⸗ ru, die n; aber ſeinen il beab⸗ denlen Orafen el wäre Hand zu fie dem 347 wackern Grafen einen ſolchen Streich ſpielen, ſo iſt er kein Mann, ſich niederzuſetzen und nichts zu thun. Mehr Speiſe für die Raben, fürchte ich— mehr Hellebarden und glänzende Lanzen auf den grünen Feldern des armen England!— Und König Ludwig iſt ein ſchrecklicher Kerl, Flachs in ſeines Nachbarn Haus zu ſäen, wenn die Fackeln brennen. Hm! da iſt der hübſche Marma⸗ duke. Er ſieht ganz wacker aus in ſeiner zierlichen Tu⸗ nika. Nun, mein guter Herr Milchbruder, wie geht's Euch bei Hofe?“ „Mein lieber Nikolaus, herzlich willkommen ſei Dein ſcharfes und gedankenvolles Geſicht! Ei, Mann! wir werden eine luſtige Zeit haben für Euch Verkäufer von Schmuckſachen. Da werden Feſtlichkeiten und Tur⸗ niere ſein— Feſtlichkeiten im Tower und Turniere auf Smithfield. Wir Junker üben uns ſchon wacker auf der Rennbahn.“ „Scheingefechte find beſſer als wirkliche, Junker Nevile! Was iſt denn im Werk?“ „Wir erwarten ein Schiff, Nikolaus!— Wiſſe denn, daß der Graf von Charolois, Sir Anton, Grafen de la Roche, ſeinem Baſtardbruder, erlaubt hat, nach Lon⸗ don herüberzukommen, um mit unſerem Sir Anton, Lord Seales, eine Lanze zu brechen. Es iſt eine alte Forde⸗ rung und es wird ein wahrhaft königliches Turnier werden.“ „Hm!“ murmelte Alwyn,„dieſer Baſtard iſt alſo die Brieftaube. Und kommt Sir Anton von Burgund nur harum herüber, um mit Sir Anton von England harte Schläge zu wechſeln?“ ſagte er laut;„iſt hier 348 kein Hofgerücht von andern Dingen, die zwiſchen ihnen vorgehen?“ „Nein! was ſonſt? die Peſt über Euch Geſchäfts⸗ leute! Ihr könnt nicht einmal das Vergnügen begreifen, welches zwei Ritter daran finden, einander in den Schran⸗ ken zu begegnen!“ „Ich geſtehe es in Demuth zu, Junker Nevile. Aber es ſcheint mir in der That ſeltſam, daß der Graf von Charolois eben dieſen Augenblick wählen ſollte, um aus Hoͤflichkeit Boten zu ſenden, da ſeinem Stolze eine ſo heftige Kräͤnkung widerfahren und man ſeinen Intereſſen einen ſo gefährlichen Schlag verſetzt hat in der Verbin⸗ dung zwiſchen dem franzöſtſchen Prinzen und der Lady Margaretha. Der kühne Karl beſitzt einige Liſt, dafür ſlehe ich, und Euer Vetter Warwick iſt nicht hier, um ſie zu entdecken.“ „Still, Mann! der Handel, ſehe ich wohl, lehrt Euch ſo das Betrügen und Übervortheilen, daß Ihr glaubt, eines Riiters Helm ſei ſo voll von Streichen und Fallen wie eines Bürgers flache Mütze. Ich wollte dennoch, mein Vetter Warwick wäre hier,“ fuͤgte Mar⸗ maduke in leiſem Flüſtern hinzu,„denn die Weiber und Hofleute thun ihr Möglichſtes, ihn zu belügen.“ „Haltet Euch fern von ihnen Allen, Marmaduke,“ ſagte Alwyn,„denn bei Gott, ich ſehe, daß die ſchlimmen Tage noch einmal ſchnell und düſter daher kommen, und Männer wie Ihr werden wieder zwiſchen Freund und Feind, zwiſchen Verwandten und König wählen müſſen. Ich für meinen Theil ſage nichts; denn ich liebe das Fechten nicht, wenn ich nicht dazu gezwungen werde; hnen ifts⸗ ifen, ran⸗ Aber von aus ne ſo teſſen rbin⸗ Lady dafür „ um lehrt Ihr eichen vollte Mar⸗ r und uke,“ nmen und d und üſſen. e das berde; 349 aber wenn ich je fechte, ſo wird es nicht an Deiner Seite, unter Warwicks breiter Fahne, geſchehen.“ „Ha, Mann!“ ſiel Nevile ein. „Nein, nein!“ fuhr Nikolaus kopfſchüttelnd fort; „ich bewundere den großen Grafen, und wäre ich Lord oder Edelmann, ſo ſollte der große Graf mein Anführer ſein. Aber Jeder nach ſeinem Stande, und der Baum des Handelsmannes wächst nicht aus dem Spazierſtock eines Barons auf. Mag auch König Eduard ein ſtrenger Herrſcher ſein, ſo iſt er doch ein Freund der Goldſchmiede und hat eben unſere Rolle beſtätigt. Mag Jeder die Brücke rühmen, über die er geht, wie das Sprüchwort ſagt. Zum Henker mit dieſem Geſchwätz, Junker Ne⸗ vile. Ich höre, daß Eure junge Wirthin— hm!— Fräulein Sibylla, unter den Hoflenten ſehr bewundert wird— iſt es ſo?“ Marmaduke's offenes Geſicht wurde düſter.„Achl! lieber Milchbruder,“ ſagte er, indem er den etwas affek⸗ tirten Ton aufgab, in dem er bisher geſprochen—„ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich das Mädchen noch nicht aus meinem Kopf bringen kann, welches zu er⸗ reichen ich für die Aufgabe eines Mannes von Geiſt halte.“ „Wie ſo 24 „Weil, wenn ein Mädchen auf den Antrag eines Mannes beſtändig Nein ſagt, ich es für die Pflicht eines Hundes und nicht eines Mannes halte, ihren Ferſen zu folgen, zu wimmern und zu betteln.“ „Was!“ rief Alwyn in ſehr lebhaftem Tone— „wollt Ihr damit ſagen, daß Ihr um Sibylla Warner als Euer Weib geworben?“ 35⁵⁰ „Ja gewiß!* „Und es iſt fehlgeſchlagen?“ „Ja, fehlgeſchlagen!“ „Armer Marmaduke!“ „Da iſt kein arm dabei, Nik Alwyn,“ entgegnete Marmaduke trotzig;„wenn ein Mädchen mich mag, gut — wenn nicht, ſo gibt es zu viele andere in der weiten Welt für einen jungen Kerl, um ſich wegen Einer das Herz zu brechen. Doch,“ ſetzte er nach einer kurzen Pauſe mit einem Seufzer hinzu—„doch wenn Du ſie nicht geſehen haſt, ſeit fie an den Hof kam, ſo wirſt Du ſie wunderbar verändert finden.“ „Um ſo mehr Schade!“ ſagte Alwyn, ſeines Freundes Seußzer wiederholend. „Ich meine, ſie erſcheint nur um ſo hübſcher in der Hofluft. Und zum Henker, ich glaube, der Lord Ha⸗ ſtings mit ſeinen ſüßen Schmeicheleien hat es zu einer Art von Wahnfinn für alle jungen Männer gemacht, ſie zu umſchwärmen.“ „Ich möchte Herrn Warner wohl wiederſehen,“ ſagte Alwyn,„wo wohnt er?“ „Dort— bei dem kleinen Pförtchen im dritten Stock des Thurmes, neben dem Corridor, dem Mönch Bungey, dem Zauberer, zunächſt; aber es iſt heller Tag und daher nicht gefährlich— doch kannſt Du der Sicherheit wegen auch eben ſo gut ein Ave Maria plappern, wenn Du die Treppe hinaufgeheſt.“ „Lebt wohl, Junker Nevile,“ ſagte Alwyn lächelnd; „ich will den Mechaniker aufſuchen, und wenn ich Fräu⸗ lein Sibylla dort finhe, was ſoll ich ihr von Euch ſagen?“ — 3⁵¹1 „Daß es den jungen Leuten unter der Regierung Eduards des Vierten nie an ſchönen Mädchen fehlen wird,“ antwortete Nevile, indem er nachläſſig ſeine Halskrauſe glättete. Viertes Kapitel. Die Wohlthaten, womit der königliche Schutz das Genie über⸗ häuft. Die frühere Liebe des Lord Haſtings, nebſt andern er⸗ baulichen und ergötzlichen Dingen. Die Eſſe war thätig, die Flamme glühte, die Blas⸗ bälge hoben ſich, doch dienten ſie nicht mehr einer mäch⸗ tigen und praktiſchen Erfindung. Der Mathematiker, der Philoſoph war zum Alchymiſten herabgeſunken. Der Geiſt der Zeit hatte einen Geiſt überwunden, der die Zeit zu überwinden dachte. Jene Studien, die ſo weit gegangen waren, um dem Triumphe ſpäterer Jahrhun⸗ derte vorzugreifen, wurden mit Beſchäftigungen ver⸗ tauſcht, die mit den Spielzeugen der noch in den Win⸗ deln liegenden Weisheit ſpielten. Oh! wahrer Tartarus des Genies— wenn ſeine Kraft übel angewendet wird, wenn die Arbeit nur den Stein den Berg hinaufrollt, nur Waſſer auf Waſſer durch das Sieb ſchüttet! In Männern von hohem Verſtande liegt eine leb⸗ hafte Hoffnung, die ſie oft zu Thorheiten führt, welche die Trägen vermeiden. Als Adam Warner die Zerſtörung ſeiner Erfindung ſah, als er fühlte, daß Zeit, Arbeit und Geld zu ihrer Wiederherſtellung vergebens würden angewendet werden, und als das Gold, welches er be⸗ durſte, ihm nur als eine Belohnung fuͤr alchymiſtiſche — 3⁵² Arbeiten ausgezahlt wurde— wendete er ſich anfangs zur Alchymie, wie er ſich zum Pfluge würde gewenhet haben— wie er ſich zur Verſchwörung gewendet hatte— nur als ein Mittel, ſeinen Lieblingszweck zu erreichen. Aber mit raſchen Fortſchritten übte der Zauber, den alle älteren Weiſen bei dem großen Geheimniß erfahren haben, ſeine Gewalt über ſeinen Geiſt aus. Wenn Roger Bacon, obgleich er die Idee der Dampfmaſchine auf⸗ faßte, ſeine Zeit der Aufſuchung des Steines der Weiſen widmete— wenn ſelbſt in einem ſo viel aufgeklärteren Zeitalter Newton einige koſtbare Stunden bei der Ver⸗ wandlung der Metalle verſchwendete, ſo war es natür⸗ lich, daß der einſame Weiſe unter der Regierung Eduardt des Vierten wenigſtens auf eine Zeitlang ſich einem Stu⸗ dium hingab, welches ſo ungeheure Erfolge verſprach. Und das Schlimmſte bei der Alchymie iſt, daß ſie be⸗ ſtändig ihre Opfer anlockt; man kommt dem Ziele näher und näher— es ſcheint nur noch ein ſo Kleines zur Vollenbung der Summe zu fehlen! So war es alſo da — dieſes große praktiſche Genie— und arbeitete mit aller Anſtrengung, Kupfer in Gold zu verwandeln „Nun, Herr Warner,“ ſagte der junge Goldſchmied, als er in das Zimmer des Gelehrten trat—„es ſcheint, als erinnertet Ihr Euch kaum Eures Freundes und Gaſtez Nikolaus Alwyn!“ „Oh, gewiß erinnere ich mich Eurer! Ohne Zweiſtl ſeid Ihr einer von den Herren, die zugegen waren, all man mich auf die Folter bringen wollte— ſeid ſo gut 8 und tretet ein wenig auf dieſe Seite— was iſt Eun Wille?“ anfangs gewendet hatte— erreichen. ber, den erfahren nu Roger ine auf⸗ er Weiſen eklärteren der Ver⸗ es natür⸗ Eduards nem Stu⸗ verſprach. ß fie be⸗ ele näher eines zur s alſo da itete mit deln! dſchmied, s ſcheint, ad Gaſtez Zweifel rren, alt id ſo gut iſt Eutt 3⁵3 „Ich bin kein Ehelmann, unh es würbe mir leid gethan haben, müßig dabei zu ſtehen, als von der Folter geſprochen wurde, für einen freigebornen Engländer und Gelehrten. Und wo iſt Eure ſchöne Tochter, Herr War⸗ ner? Ich vermuthe, Ihr ſeht ſie jetzt nur ſelten, da ſie die Kammerfrau der großen Dame geworden iſt? „Und warum das, Herr Alwyn?“ fragte eine lieb⸗ liche Stimme, und Alwyn bemerkte jetzt erſt Sibylla in der Vertiefung eines Fenſters, von wo man unten auf dem Hofe eine bunte Gruppe von Lords und Hofleuten ſehen konnte, von deren ſchimmernden Kleidern der ein⸗ fache und dunkle Anzug des Lord Haſtings auffallend ab⸗ ſtach. Alwyn's Zunge ſtockte; Alles, was er zu ſagen hatte, war vergeſſen bei einer gewiſſen verſchämten und unbeſchreiblichen Bewegung. Der Alchymiſt war zu ſeiner Eſſe zurückgekehrt und der junge Mann und das Mädchen ſo ſehr allein, als wenn Adam Warner im Himmel geweſen wäre. „Und warum ſollte die Tochter den Vater am Hofe, wo die Liebe ſelten iſt, mehr verlaſſen als in der demü⸗ thigen Wohnung, wo ſie einander weniger bedürfen?“ „Ich danke Euch fuͤr die Zurechtweiſung,“ ſagte Alwyn, der ſich an ihrer Sprache erfrente;„denn es wäre mir leid geweſen, Euer Herz durch die Eitelkeiten verdorben zu ſehen, welche die meiſten Naturen tödten.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als fie ihm zu kühn und dreiſt erſchienen; denn er bemerkte jetzt die große Veränderung, wovon Marmaduke geſprochen. Sibylla's Kleidung paßte für den neuen Rang, den ſie einnahm; das Mieder vom feinſten Stoff und mit Gold Bulwer, Barone, I. 23 354 beſetzt, zeigte den außerordentlich ſchönen Umriß des Halſes und Nackens, den es bedeckte. Der reiche blaue Kopfputz ſtand gut zu der weißen Geſlchtsfarbe und dem dunklen kaſtanienbraunen Haar, und über ihrer Kleidung trug ſie jenes anmuthige Gewand, wovon her altfran⸗ zöſiſche Dichter ſingt: Car nulle robe n'est si belle 5„„ A Dame nèé à demoiselle.“ Dieſes Kleidungsſtück war vielleicht von klaſſiſchen Urſprung und findet ſich mit geringer Abänderung auf den etruriſchen Vaſen; es war lang und loſe— von het weißeſten und feinſten Leinwand— mit hängenden AÄrmeln und an den Seiten offen. Aber es war nicht nur die Kleidung, die des jungen Mädchens Geſtalt und Antlitz verſchönert hatte— es war vielmehr eine uner⸗ klärliche Veränderung im Ausbruck und im Weſen. Eie ſah aus, als wäre ſie fuͤr den Hof geboren; freilich noch immer beſcheiden und einfach— aber mit einem Be⸗ wußtſein der Würde und faſt moͤchte ich ſagen, der Macht; und in der That hatte das Weib die Macht ge⸗ lernt, welche die Weiblichkeit befitzt. Man hatte ſie bewundert, war ihr gefolgt, hatte ihr geſchmeichelt; ſie hatte die Autorität der Schönheit gelernt. Ihre Fähig⸗ keiten, in jenem Zeitalter ungewöhnlich unter ihrem Geſchlecht, hatten den Reiz der Perſon unterſtützt; ihr natürlicher Stolz, der, obgleich bisher verborgen, hoch und glühend war, erfüllte ihr Herz mit lieblichen Hof⸗⸗ nungen— eine glänzende Laufbahn ſchien ſich vor ihr auszuhreiten; und uͤber ihres Vaters Sicherheit beruhigt 4 triß des he blaue und dem leidung altfran⸗ iſſiſchem ung auf von der ngenden icht nur alt und ne uner⸗ en. Sie ich noch em Be⸗ en, der acht ge⸗ atte fie elt; ſie . Fähig⸗ ihrem zt; ihr n, hoch n Hoff⸗ vor iht eruhigt 35⁵ — von den drückenden Sorgen der Armuth befreit— war ihre Phantaſie frei, den Phantasmen der ſanguini⸗ ſchen Jugend durch das luftige Land der Träume zu folgen. Und daher kam es, daß das Mädchen verändertwar! Bei dem Anblick der zarten Schönheit— des ruhigen und gemeſſenen Ausdrucks— der Hofkleidung— und der edlen Miene Sibylla's— wich Nicolaus Alwyn zurück und wurde blaß— er wunherte ſich nicht mehr, daß ſie Marmaduke zurückgewieſen und ſitutzte bei der Erinnerung an die kühnen Gedanken, die er ſelber, als ſie arm und freundlos geweſen, zu hegen gewagt. Das Mädchen lächelte über die Verwirrung des jungen Mannes. „Es iſt nicht das Glück, welches das Herz verdirbt,“ ſagte ſie mit rührendem Ausdruck,„wenn das Herz nicht ſchon ſo niedrig iſt. Ihr erinnert Euch, Herr Al⸗ wyn, daß, als Gott ſeinen Heiligen prüfte, es durch Unglück und Trubſal geſchah.“. „Möge Eure Pröfung in dieſem letzteren vorüber ſein,“ antwortete Alwyn;„aber die Demüthigen müſſen ſich in ihrem Zuſtande mit dem Gedanken tröſten, daß die Großen auch ihre Pruͤfungen haben; und wie unſer demüthiges Sprüchwort ſagt, iſt nicht immer gut für den Magen, was ſuͤß für den Mund iſt. Seht Ihr meinen edlen Milchbruder häufig, Fräulein Sibylla?“ „Nur bei den Hoftänzen, Herr Alwyn; denn die meiſten Stunden, wo die Frau Herzogin meiner nicht bedarf, bringe ich hier zu. O, mein Vater hofft große Dinge! Und jetzt wenigſtens ſcheint der Ruhm für ihn nicht mehr fern zu ſein.“ 356 „Es freut mich, dies zu hören, Fraͤulein; und ſo, da ich Euch Beiden meine Huldigung dargebracht habe, nehme ich Abſchied und bitte zugleich um die Erlaubniß, Euch von Zeit zu Zeit beſuchen zu dürfen, und wäre es auch nur, um dieſen würdigen Herrn über gewiſſe Ver⸗ beſſerungen in Betreff der Uhr, an welcher ich arbeite, zu befragen, und worüber er mich bei ſeiner tiefen Ge⸗ lehrſamkeit in der Mathematik ohne Zweifel unterrichten kann.— Lebt wohl. Ich habe der Laby Bonville einige Inwelen zu zeigen.“ „Der Lady Bonville!“ wiederholte Sibylla, die Farbe wechſelnd;„es iſt eine Dame von ausgezeichneter Liebenswürdigkeit.“ „So ſagt man— und mit einem thörichten Lord verbunden; aber der Scandal, der Wenige verſchont, wagt ſich nicht an ſie— was ein ſeltenes Lob für eine Hofdame iſt. Wenige Häuſer haben den Ruhm, wie has des Lord Warwick, daß alle Männer ohne Furcht und alle Frauen ohne Makel find.“ „Man ſagt,“ entgegnete Sibylla mit niederge⸗ ſchlagenem Blicke,„daß Lord Haſtings einſt ſehr zärtlich gegen Lady Bonville war. Habt Ihr dieſes Gerucht auch gehört?“ „Ja gewiß. In der Stadt hören wir alle Erzäh⸗ lungen vom Hofe; denn nach Koͤnig Eduard's Beiſpiel, ſpeist mancher Hofmann heute bei tem Bürger zu Mit⸗ tag, damit er morgen von dem Bürger Geld borgen kann. Ja gewiß; und daher, ſagt man, kommt es, daß Haſtings dem wackern Graſen nicht beſonders hold iſt.“ „Wie iſt die Geſchichte? Setzt Euch, Herr Alwyn.“ und ſo, öt habe, laubniß, wäre es ſe Ver⸗ arbeite, fen Ge⸗ rrichten e einige la, die chneter en Lord ſchont, ür eine vie das ht und derge⸗ artlich t auch Erzäh⸗ iſpiel, Mit⸗ orgen , daß iſt.⸗ vyn.“ 3⁵7 „Nun, als William Haſtings noch ein Knappe war und von Richard, Herzog von York, ſehr begünſtigt wurde, erhob er ſeine Augen zu Lady Katharine Nevile, der Schweſter des Grafen von Warwick, die an Schön⸗ heit, Vermögen und Geburt für den Sohn eines Königs paßte. „Und ohne Zweifel erwiderte Lady Katharine ſeine Liebe?“ „So ſagt man, Fräulein; und der Graf von Salis⸗ bury, ihr Vater, und Lord Warwick, ihr Bruder, ent⸗ deckten das Geheimniß und ſchwuren, daß kein neuer Mann(bdas Lieblingswort der Verachtung des ſtolzen Grafen) und würde er auch zum Herzog gemacht, das Wappen von Montagu und Nevile der Nachwelt über⸗ liefern ſollte. Seht, Fräulein Sibylla, im Norden gibt es ein ſehr paſſendes Sprüchwort:„Glücklich iſt der Mann, deſſen Vater zum Teufel ging.“ Wäre irgend ein alter Haſtings ein Räuber oder Erpreſſer geweſen und hätte dem wackern William die Erbſchaft ſeiner Schlechtigkeit in großen Beſitzungen hinterlaſſen, ſo würde Lord Warwick ihn keinen neuen Mann genannt haben. Janker Haſtings wurde wie der Sohn eines Knechts vor den Grafen geſchleppt, der auf ſeinem Staatsſeſſel ſaß; und gewiß wurde er wacker herunter⸗ gemacht, denn ſein Blut war aufgeregt und er forderte den Grafen, wie ein geborner Edelmann zum Zweikampf. Da wollten des Grafen Anhänger über ihn herfallen; und wer in jenen Tagen unter König Heinrich einem Baron in ſeiner eigenen Halle Trotz bot, mußte einen bewaffneten Trupp hinter ſich haben, ober er konnte leicht 358 einen Strick um den Hals bekommen; aber der Graf (denn der Lowe iſt nicht ſo wüthend, wie man ihn ſchil⸗ dert) kam von ſeinem erhöhten Sitze herunter und ſagte:„Mann, mir gefällt Dein Muth und ich will Dich ſelber zum Ritter ſchlagen, damit ich Deinen Hand⸗ ſchuh aufnehmen und mit Dir kämpfen kann.“ „Und ſie fochten mit einander? Wackerer Haſtings!!“ „Nein; denn ob der Herzog von York es verbot, oder ob Lady Katharina nichts von einem Kampfe zwi⸗ ſchen ihrem Geliebten und ihrem Bruder wiſſen wollte, weiß ich nicht; aber Herzog Richard ſchickte Haſtings nach Irland und einen Monat ſpäͤter heirathete Lady Katharina Lord Bonville's Sohn und Erben— ſo wenigſtens geht das Gerücht und ſo ſingen die Bänkel⸗ ſänger. Die Leute fügen hinzu, Haſtings liebe die Dame noch, obgleich er ſich gewiß zu tröſten weiß.“ „Sie lieben! Nein, nein— das denke ich nicht,“ antwortete Sibylla in leiſem Tone und mit leicht ver⸗ zogener Lippe. In dieſem Augenblick ging die Thür leiſe auf und Lord Haſtings ſelber trat ein. Er näherte ſich mit der Vertranlichkeit eines Mannes, der an den Ort gewöhnt war. „Und wie ſteht es mit dem großen Geheimniß, Herr Warner?— Liebes Fräulein! Ihr erſcheint mir liebens⸗ würdiger in dieſem dunklen Zimmer, als wenn Ihr im Ballſaal Alle überſtrahlt. Ha! Herr Alwyn, ich bin Euch vielen Dank ſchuldig, daß Ihr mich zuerſt mit den ſeltenen Künſten der ſchönen Malerin bekannt machtet. Reicht mir jenen Stuhl, guter Alwyn.“ 22 5[A2 0 if und nit der wöhnt „Herr ebens⸗ ihr im ch bin it den achtet. 359 Indem der Goldſchmied gehorchte, blickte er von Haſtings auf Sibylla's erroͤthendes Geſicht und ihren ſich hebenden Buſen und ein heftiger Schmerz zuckte durch ſein Herz. Es war nicht Eiferſucht allein; es war Angſt, Mitleid, Schrecken, der mächtige Haſtings— der ehr⸗ geizige Lorh— der vollendete Wüſtling— welch ein Schickſal für die arme Sibylla, wenn für einen ſolchen Mann die Wange ſich röthete und der Buſen ſich hob! „Nun, Herr Warner,“ fuhr Haſtings fort,„ſchweigt Ihr noch immer über Earen Erfolg?“ Der Philoſoph ſtieß einen ungeduldigen Seufzer aus. „Ah, ich verſtehe. Der Goldmacher darf nicht vor dem Goldſchmied von ſeiner Kunſt reden. Guter Alwyn, Ihr könnt Euch entfernen. Alle Künſte haben ihre Geheimniſſe!“ Alwyn ging mit düſterer Stirn auf die Thür zu. „In Wahrheit,“ ſagte er,„ich habe mich ſchon zu lange verweilt, mein guter Lord. Lady Bonville wird mich ſchelten, denn ſie hat kein allzu geduldiges Tem⸗ perament.“ „Zügle Deine Zunge, Handwerksmann, und geh'l“ ſagte Haſtings mit ungewöhnlichem Hochmuth und Reiz⸗ barkeit. „Ich habe ihn auch verletzt,“ murmelte Alwyn, in⸗ dem er ſich entfernte—„Thor, der ich war, ſieh zu— nein, ich dachte nie daran, ich träumte nur davon. Was Wunder, daß wir Handelsleute dieſe ſeidenen Lords haſſen. Sie ernten, was wir ſäeten— ſie ſcherzen, wir arheiten— ſie ſtehlen ſich mit ſanften Worten in 360 die Herzen, die— o Marmaduke, Du haſt Recht— Recht!— Wackere Männer ſetzen ſich nicht unter den Weidenbaum nieder, um zu weinen. Aber ſle— das arme Mädchen? ſie ſah ſo ſtolz und glücklich aus. Jetzt ſind wir im Mai; wird ſie noch daſſelbe Ausſehen haben, wenn im Herbſt die Blätter fallen?“ 360 die Herzen, die— o Marmadu Recht!— Wackere Männer Weidenbaum nieder, arme Mädchen? ſind wir im M wenn im Her A 90 7 9 F„, =, — ——. *—.—j—* 8