— 4 Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — vor Ednard Ofkmann in Gießen, 1* Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ¹ Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Bei Rüc .2. Lesepreis. gabe eines geliehenen Buches wird von ll jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ K den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entge gennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 4 4 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4— ↄꝓꝓ————— p auf 1 Monat: 1 Mt. f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Pf. 2— 3—— 5. du wärie Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten 1 Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Al unterb ſeines keit bit „1 „8 Stund Statit Viertes Kapitel. Euch iſt dieſe Reiſe geweiht. Shakſpeare. Als Cleveland und Maltravers nach Haus kehrten unterbrach der letztere plötzlich die heitere Geſchwätzigkeit ſeines Freundes:„Ich muß Sie um eine große Gefällig⸗ keit bitten.“ „Um welche?“ „Laſſen Sie uns morgen Burleigh verlaſſen; die Stunde gilt mir gleich; wir brauchen bloß zwei oder drei Stationen zu machen, wenn Sie ermuͤbet ſind.“ „Sehr gafffreier Wirth! Weßhalb?“ „Es iſt mir Pein und Qual, die Luft von Burleigh zu athmen,“ rief Maltravers mit wildem Ausdruck;„kön⸗ nen Sie mein Geheimniß nicht errathen, habe ich es denn ſo geſchickt verborgen? Ich liebe Eveline Cameron und ſie iſt verlobt; ſie liebt einen Andern!“ Cleveland war vor Eeſtaunen athemlos; Maltravers hatte ſein Geheimniß ſo gut verhehlt, und jetzt war ſeine Regung ſo ungeſtüm, daß der alte Mann ſtutzte und er⸗ ſchrak, der nie eine Leidenſchaft erfahren hatte, ob er ſich gleich früher dem Gefühle hingab. Er ſuchte zu tröſten und zu beſänftigen; nach dem erſten Ausbruch des Schmer⸗ zes kam Maltravers wieder zu ſich und ſagte ſanft:„Er⸗ waͤhnen wir niemals wieder dieſen Gegenſtand; es iſt recht, daß ich dieſe Tollheit uͤberwinde, und überwinden will ich dieſelbe. Sie kennen jetzt meine Schwäche, Sie werden dieſelbe verzeihen. Meine Heilung kann nicht eher beginnen, als wenn ich aus meinem Fenſter das Dach nicht mehr ſehe, welches die Verlobte eines Anderen umſchließt.“ „Wohlan denn; morgen reiſen wir ab; mein armer Freund! Es iſt wahrhaftig...“ „O ſchweigen Sie,“ unterbrach der ſtolze Mann— „ich flehe um kein Mitleih; geben Sie mir nur Zeit und Schweigen, dies ſind die einzigen Mittel.“ Vor dem nächſten Tage war Burleigh wieder von ſei⸗ nem Herrn verlaſſen. Als der Wagen durch das Dorf fuhr, ſah ihn Frau Elton durch das offene Fenſter; allein ihr Beſchützer, damals zu ſehr in ſich vertieft, um ſogar Wohlwollen zu empfinden, vergaß ihr Daſein. Die Ge⸗ webe des Schickſals aber ſind ſo verwickelt, daß die Bruſt jener demüthiger Fremden ein Geheimniß umſchloß, wel⸗ ches für Maltravers von der höchſten Wichtigkeit war. „Wohin reist er?“ fragte Frau Elton ängſtlich. „Man ſagt,“ erwiderte die Bäuerin,„daß er auf kurze Zeit ins Ausland reiſen will; um Weihnachten iſt er wie⸗ der zurück.“ „Um Weihnachten bin ich vielleicht geſtorben,“ mur⸗ melte die Kranke vor ſich hin,„doch was wird ihn oder irgend ſonſt Jemand die Sache angehen?“ Auf der erſten Station ward Maltravers und ſein Freund wegen Mangels an Pferden kurze Zeit aufgehalten. Lord Raby's Landfitz war am vergangenen Abend mit Gäſten gefüllt geweſen und die Ställe des kleinen Wirths⸗ nd; es iſt üüberwinden wäche, Sie das Dorf iſter; allein um ſogar Die Ge⸗ iß die Bruſt hloß, wel⸗ eit war. gſtlich. er auf kurze iſt er wie⸗ en,“ mur⸗ d ihn oder 3 und ſein ffgehalten. Abend mit n Wirths⸗ 7 hauſes, mit dem Raby⸗Wappen geziert und nur zwei Stunden von des vornehmen Mannes Landſttz entfernt, waren burch die zahlreichen, von Knaresdean zurückkeh⸗ renden Gäſte erſchöpft worden. Es war ein ruhiges ein⸗ ſames Poſthaus, und Geduld, bis einige abgejagte Pferde zurückkehrten, das einzige Mittel. Der Wirth gab den Reiſenden die Verficherung, daß er jeden Augenblick vier Pferde erwarte, und lud ſie in ſein Haus. Der Morgen war kühl und ein Kaminfeuer Herrn Cleveland nicht un⸗ willkommen; ſomit gingen fie in das kleine Beſuchzimmer. Hier fanden ſie einen äͤltlichen Herrn von ſehr einnehmendem Außern, der wegen deſſelben Zwecks wartete; er ſtand ar⸗ tig vom Sitze am Kamin auf, als die Reiſenden eintraten und gab Cleveland die Provinzialzeitung. Cleveland ver⸗ beugte ſich artig:„Ein kalter Tag, Herr, der Herbſt be⸗ ginnt anzubrechen. „Allerdings,“ erwiderte der alte Herr,„und ich fuͤhle die Kälte um ſo mehr, da ich gerade die mildere Luft des Sübens verlaſſen habe.“ „Italiens?“ „Nein, nur Englands. Ich ſehe aus dieſer Zeitung (ein Politiker bin ich gerade nicht), daß eine Parlaments⸗ aufloͤſung nahe iſt und daß Herr Maltravers wahrſchein⸗ lich als Candihat für dieſe Grafſchaft auftreten wird. Sind Sie mit ihm bekannt, Herr?“ „Ein wenig,“ ſagte Cleveland lächelnd. „Er iſt ein Mann, an dem ich viel Intereſſe empfinde,“ ſagte der alte Herr, und ich hoffe, bald mit ſeiner Bekannt⸗ ſchaft beehrt zu werden.“* „Wirklich! Reiſen Sie in ſeine Nähe?“ fragte Cle⸗ veland, indem er aufmerkfamer den Fremden betrachtete und an einer gewiſſen einfachen Aufrichtigkeit in ſeinen Zügen und in ſeinem Weſen viel Vergnügen empfand. „Ja, zur Pfarrei Merton.“ 3 Maltravers, der bis dahin eine Stelle am Fenſter ein⸗ genommen hatte, wanbte ſich um. „So, zur Pfarrei Merton?“ wiederholte Cleveland —„find Sie mit Herrn Merton denn bekannt?“ „Noch nicht, ich kenne aber einige Mitglieder ſeiner Familie. Indeß betrifft mein Beſuch eher eine junge Dame, die in der Pfarrei wohnt, Miß Cameron.“ Maltravers ſeufzte ſchwer; der alte Herr blickte ihn neugierig an.„Vielleicht, Herr, wenn Sie in der Nachbar⸗ ſchaft bekannt ſind, haben Sie geſehen...“ „Miß Cameron? Gewiß, die Ehre iſt nicht leicht zu vergeſſen.*. Der alte Herr ſah vergnügt aus. „Das theure Kind,“ ſagte er, mit dem Ausdruck ehr⸗ licher Zuneigung und fuhr mit ſeiner Hand über die Augen. Maltravers kam ihm näher mit den Worten:„Kennen Sie Miß Cameron? Sie ſind zu beneiden.“ „Ich habe ſie ſeit ihrer Kindheit gekannt, Lady Var⸗ grave iſt meine liebſte Freundin.“ „Lady Vargrave muß einer ſolchen Tochter würdig ſein; nur unter dem Licht eines ſanften Charakters und eines reinen Herzens konnte eine ſo ſchöne Natur anfer⸗ zogen werden.* Maltravers ſprach mit Begeiſterung und verließ das Zimmer, als beſorge er, ſich nicht länger auf ſich ſelbſt verlaſſen zu können. kert;“ Geſicht ſein Lol auf die lings he De ſelte der N verlaſſen v J Der ben Stu HSof geke betrachtete in ſeinen pfand. enſter ein⸗ Cleveland 4 der ſeiner ge Dame, blickte ihn Nachbar⸗ tleicht zu druck ehr⸗ ie Augen. „Kennen ady Var⸗ er würdig kters und ur aufer⸗ erließ das ſich ſelbſt 9 „Der Herr ſpricht mit mehr Waͤrme wie Gerechtig⸗ kert;“ ſagte der alte Mann mit Üüberraſchung;„er hat ein Geſicht, welches, wenn die Phyſiognomie nicht täuſcht, ſein Lob zu einem nicht gewöhnlichen Complimente macht — darf ich nach ſeinem Namen fragen?“ „Maltravers,“ erwiderte Cleveland, ein wenig eitel auf die Wirkung, die der Name ſeines ehemaligen Zög⸗ lings hervorbringen würde. Der Pfarrer Aubrey(dies war er) ſtutzte und wech⸗ ſelte den Ausdruck ſeiner Geſichtszuͤge. „Maltravers! Iſt er nicht im Begriff das Land zu verlaſſen?“ „Ja, auf einige Monate.“ Der Wirth trat wieder ein; vier Pferde, die nur fie⸗ ben Stunden gemacht hatten, waren gerade wieder in den Hof gekommen. Könne wohl Herr Maltravers zwei Pferde jenem Herrn überlaſſen, der ſie vor ihm beſtellt hatte? „Gewiß,“ ſagte Cleveland;„aber ſein Sie nur ſchnell.“ „Und iſt Lord Vargrave noch bei Herrn Merton? fragte der Pfarrer nachſinnend. „O ja— ich glaube das. Miß Cameron wird bald an ihn verheirathet werden; iſt das nicht der Fall? „Ich weiß nicht,“ erwiderte Aubrey etwas verſtört; „kennen Sie Lord Vargrave?“ „Sehr gut.“ „Halten Sie ihn für würdig der Miß Cameron?“ „Das iſt eine Frage, die ſie ſelbſt beantworten muß. Ich ſehe aber, die Pferde ſind angeſpannt; guten Tag, Herr! Wollen Sie Ihrer ſchönen jungen Freundin ſagen, daß Sie einen alten Herrn getroffen haben, der ihr Alles Glück wünſche und wenn ſie um ſeinen Namen frägt, ſo ſagen Sie Cleveland.“ Bei den Worten verbengte ſich Cleveland, und betrat wieder den Wagen. Maltravers ward noch vermißt; er kehrte zum Haus durch die Hinterthür zurück und begab ſich noch einmal in das kleine Gaſtzimmer. Es war ihm von Bedeutung, noch einmal einen Mann zu ſehen, der bald mit Eveline zuſammen ſein würde! „Wenn ich mich nicht irre,“ ſagte Maltravers,„ſind Sie der Herr Aubrey, über deſſen Tugenden ich Miß Cameron mit ſo viel Entzücken reden hörte? Glauben Sie meinem Bedauern, daß unſere Bekanntſchaft jetzt ſo kurz iſt?“ Als Maltravers dies einfach ſprach, lag in ſeinen Zügen und ſeiner Stimme eine ſchmermüthige Süße, welche den guten Pfarrer ſehr gewann. Als Aubrey auf die edle Miene und die ſtolzen Züge blickte, wunderte er ſich nicht länger über den Janber, den er auf Eveline übte. „Darf ich nicht hoffen, Herr Maltravers,“ ſagte er, „daß unſere Bekanntſchaft in kurzem erneut werden wird? Könnte nicht Miß Cameron,“ fügte er mit einem Lächeln und einem forſchenden Blick hinzu,„Sie zu einer Reiſe nach Devonſhire verführen?“ Maltravers ſchüttelte den Kopf, murmelte etwas nicht ſehr Hoͤrbares und verließ das Zimmer. Der Pfarrer hoͤrte das Rollen der Räder und der Wirth trat ein, um ihn zu benachrichtigen, ſein Wagen ſei bereit. „Da iſt etwas, was ich nicht begreifen kann,“ dachte Aubrey.„Sein Benehmen, ſeine zitternde Stimme, be⸗ zeugten Aufregung, die er zu verbergen ſtrebte. Kann Lord nicht! Lo den fo war ne einem! ſie ihre prüft un frägt, ſo und betrat ermißt; er und begab s war ihm ſehen, der vers,„ſind n ich Miß lauben Sie jetzt ſo kurz gin ſeinen büͤße, welche ey auf die derte er ſich line übte. „“ ſagte er, erden wird? iem Lächeln einer Reiſe etwas nicht der Pfarrer at ein, um un,“ dachte timme, be⸗ Kann Lord 11 Vargrave ſein Ziel erreicht haben? Iſt Gveline wirklich nicht länger mehr frei?* Fünftes Kapitel. Wohl iſt ein großer Fall der Fall, Bei dem Ihr lärmt mit Hall und Schall, In einer und der andren Art; Der Teufel wird in Euch gewahrt! Voiture. Lord Vargrave hatte die Nacht nach dem Ball und den folgenden Morgen in Knaresdean zugebracht. Es war nothwendig, den Rath der politiſchen Planmacher zu einem vollen und beſtimmten Schluß zu bringen. Nachdem ſie ihre Kräfte gezählt, Freund und Feind gleicher Weiſe ge⸗ prüft und beachtet hatten, nachdem eine gehoͤrige Berech⸗ nung der zu Gewinnenden abgeſchloſſen war, ſchien es wirklich ſogar den am wenigſten Sanguiniſchen, daß dis Sa⸗ ringham⸗ oder Vargrave⸗Partei ſehr wohl dahin ſtreben könne, der Regierung Geſetze vorzuſchreiben, oder die⸗ ſelbe zu ſprengen. Jetzt war nichts mehr zu überlegen, als die zum Handeln günſtige Zeit. In beſter Laune kehrte Lord Vargrave gegen die Mitte des Tages zur Pfarrei zurück. „So,“ hachte er, als er ſich in ſeinen Wagen zurück⸗ lehnte,„ſo, in der Politik erhellt ſich die Ausficht, da die Sonne hervorbricht. Meine Partei iſt offenbar von langer Dauer, denn ſie beſitzt das groͤßte Grundeigen⸗ thum und das hartnäckigſte Vorurtheil. Welch treffliche Elemente für eine Partei! Jetzt brauche ich nur ein ge⸗ nügendes Vermögen, um meinen Ehrgeiz zu unterſtützen. Nichts kann meinen Weg hemmen, als dieſe verfluchten — — 12 Schulden, dieſer Mangel an Geld, der mir Unehre bringt. Und dennoch beunruhigt mich Eveline! Wäre ich jünger, oder hätte ich mir nicht zu bald meine Stellung erwor⸗ ben, ſo würde ich ſie durch Betrug oder Gewalt heira⸗ then; ich ginge mit ihr nach Gretna und machte den dortigen Schntied zum Vulkan, um Plutus zu dienen. In meinen Jahren und bei meinem Rufe, würde das aber nicht angehen. Eine hübſche Geſchichte für die Zeitungen! ſte ſeien verdammt! Wer nichts wagt, gewinnt nichts; ich trotze dem Wagniß! Mittlerweile iſt Doltimore mein. Caroline wird ihn beherrſchen, und ich beherrſche fie. Seine Stimme und ſeine Wahlflecken ſind etwas; ſein Geld wird von größerem unmittelbarem Nutzen ſein; ich muß ihm die Ehre erweiſen, einige tauſend Pfd. von ihm zu borgen: Caroline muß die Sache ausführen. Der Tropf iſt ein Knicker, obgleich ein Verſchwender; er ſah verdrießlich aus, als ich ihm neulich einen zarten Wink gab, ich brauche einen Freund, d. h. ein Anlehen. Geld und Freundſchaft iſt daſſelbe, zwei Begriffe ohne weſent⸗ lichen Unterſchied!“ Bei den Gehanken vertrieb ſich Vargrave die Zeit, bis ſein Wagen an Herrn Merton's Thür hielt. Als er in die Flur trat, begegnete er Caroline, welche gerade ihr Zimmer verlaſſen hatte. „Wie glücklich bin ich, daß Sie Ihren Hut aufhaben! Ich wünſche mit Ihnen einen Spaziergang um den Ra⸗ ſenplatz zu machen.“ „Und auch ich hin erfreut, Sie zu ſehen,“ ſagte Caro⸗ line, indem ſie ihren Arm in den ſeinen legte. „Empfangen Sie meinen beſten Glückwunſch, meine füße Freundin,“ ſagte Vargrave, als ſie im Garten wa⸗ alt heira⸗ achte den ſienen. In das aber eitungen! it nichts; nore mein. erſche fie. was; ſein in ſein; ich d. von ihm hren. Der der; er ſah arten Wink lehen. Geld hne weſent⸗ ch Vargrave Thür hielt. line, welche t aufhaben! im den Ra⸗ ſagte Caro⸗ unſch, meine Garten wa⸗ 43 reu.„Sie haben keinen Begriff, wie glücklich Doltimore iſt; er kam geſtern nach Knaresdean, um die Neuigkeit mitzutheilen, und ſeine Halsbinde war noch mehr geziert wie gewöhnlich. Gest un bon enfant.“ „Wie können Sie ſo reden, fühlen Sie keine Pein bei dem Gedanken, daß ich einem Andern angehöre?“ „Ihr Herz wird ſtets das meine ſein, und dies iſt die wahre Treue. Was war ſonſt zu thun. Was Lord Doltimore betrifft, ſo wollen wir uns in ihn theilen; halb Part! wie wir auf der Schule zu ſagen pflegten. Kommen Sie, meine Theure, ich ſchwatze fort, um Sie bei guter Laune zu erhalten; bilden Sie ſich nicht ein, ich ſei glücklich.“ Caroline ließ einige Thränen fallen, jedoch durch den Einfluß von Vargrave's Blendwerk und Schmeiche⸗ lei erlangte ſte allmählig ihre gewöhnliche und harte und eigennützige Stimmung wieder. „Wo iſt Eveline?“ fragte Vargrave,„die kleine Hexe ſchien mir auf dem Balle halb toll. Ihr Kopf war verdreht. Als ſie beim Abendeſſen mir zunächſt ſaß, be⸗ antwortete ſie nicht allein jede meiner Fragen à tort el à travers, ſondern ich glaubte auch jeden Augenblick, ſie werde in Thränen ausbrechen. Koͤnnen Sie mir ſagen, was ſie im Sinn hatte? „Sie grämte ſich, daß ich den Mann, den ich nicht liebe, heirathen würde. Vargrave, ſie beſitzt mehr Herz als Sie.“* „Sie bildet ſich doch aber nicht ein, daß Sie mich lieben?“ fragte Lumley erſchreckt;„ihr Weiher ſeid ſo verflucht vertraulich gegen einander.“ „Nein, fie beargwohnt unſer Geheimuiß nicht. a 14 „Dann kann ich mir kaum einbilden, daß Ihre nahe Heirath ein genügender Grund zur Zerſtreuung war.“ „Vielleicht hörte ſte Einiges von dem impertimenten Geflüſter über ihre Mutter:„„Wer war Lady Vargrave, und welcher Cameron war Lady Vargrave's erſter Gatte?““ Ich hörte hundert gemeine Fragen, welche Leute in der Provinz ſo laut fluͤſtern.“ „Ja, die Löſung des Geheimniſſes iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich. Was mich betrifft, ſo weiß ich faſt ebenſo we⸗ nig, wie Jemand ſonſt, was Lady Vargrave früher war.“ „Sagte dies Ihnen nicht Ihr Oheim? „Er ſagte mir, ſie ſei von keiner hohen Geburt und Stel⸗ lung, ſonſt nichts; ſie ſelbſt entſchluͤpft mit ihrer ruhigen, nichtsſagenden Weiſe allen meinen ſorgloſen Fragen wie ein Aal. Sie iſt noch ein ſchönes Geſchöpf, ſogar noch regelmäßiger gebildet wie Eveline. Der alte Templeton hatte einen ſehr ſüßen Milchzahn hinten im Kopfe, ob⸗ gleich er ſeinen Mund nie weit genug öffnete, um den⸗ ſelben zu zeigen.“ „Sie muß wenigſtens immer ſehr tadellos geweſen ſein, nach dem Ausdruck ihrer Züge zu ſchließen, der fogar jetzt noch eher dem eines Kindes, wie einer Ma⸗ trone gleicht.“ „Ja, ſie hat nicht viel von der Wittwe an ſich, die Arme! Allein ihre Erziehung iſt mit Ausnahme der Muſik nicht ſehr ſorgfältig geweſen und ſie weiß von der Welt eben ſo viel, wie der Biſchof von Autun, beſſer bekannt unter dem Namen Fürſt Tayllerand, von der Bibel. Wäre ſie nicht ſo einfach, ſo wäre ſie einfältig. Einfältigkeit iſt giemgls einfach, ſondern immer liſtig. Indeß auch lieg Chr ihr wo ſeine erwe als ſagen nd Stel⸗ ruhigen, agen wie gar noch empleton pfe, ob⸗ um den⸗ geweſen ißen, der ner Ma⸗ ſich, die der Mufik der Welt bekannt el. Wäre tigkeit iſt deß auch Zeit, daß Lady Vargrave nach Hauſe zurückkehrt.“ 45 liegt einige Liſt harin, daß ſie ihre frühere Cameroniſche Chronik ſo geheim hält; vielleicht erfahre ich nächſtens von ihr etwas mehr, denn ich beabſichtige nach C*s zu reiſen, wo mein Oheim einſt wohnte, um zu ſehen, ob ich dort ſeinen alten Parlamentseinfluß unter der Hand wieder erwecken kann; Pairs dürfen ja nur Wahlangelegenheiten als Schmuggel treiben! Man kann mir dort vielleicht mehr ſagen, wie ich weiß.“ „Verheirathete ſich der verſtorbene Lord in C***2a „Nein in Devonſhire; ich weiß ſogar nicht einmal, ob Frau Cameron jemals in C⸗as wohnte.“ „Sie müſſen ſehr neugierig ſein, um zu erfahren, wer der Vater ihrer zukünftigen Frau war.“ „Nein, ich hege keine Neugier in dieſer Hinſicht, und um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, bin ich mit der Gegen⸗ wart zu ſehr beſchäftigt, um in dem alten Plunder, den wir Vergangenheit nennen, herumzuſtoͤbern. Ich glaube, daß ihre gute Großmutter und der alte artige Pfarrer in Brooke Green über Lady Vargrave mehr wiſſen und da Beihe ſie ſo ſehr ſchätzen, ſo nehme ich es für ausgemacht an, daß ſie sans tache iſt.“ „Wie konnte ich ſo albern ſein! A propos bes alten Pfarrers; ich vergaß Ihnen zu ſagen, daß er hier iſt. Er iſt vor zwei Stunden angelangt und ſeithem mit Evelinen ſtets im geheimen Geſpräch.“ „Zum Henker! Was brachte den alten Mann hieher?“ „Ich weiß nicht, Papa empfing geſtern Morgen einen Brief von ihm, worin er aukündighe, daß er heute hier ſein würde. Bielleicht glaubte Lady Vargrave es ſei „Was ſoll ich thun?“ fragte Vargrave ängſtlich; „ darf ich ihr ſchon jetzt einen Antrag machen?* „Das wird vergeblich ſein, Vargrave. Sie müſſen ſich auf abſchlägige Antwort gefaßt machen.“ „Und auf meinen gänzlichen Ruin,“ murmelte Var⸗ grave vor ſich hin;„hoͤren Sie, Caroline— ſie mag mich ausſchlagen, wenn es ihr gefällig iſt; ein Mann wie ich läßt ſich aber nicht prellen. Haben will ich ſie, auf die eine oder andere Weiſe. Nache brängt mich beinah ebenſo wie Ehrgeiz. Der Lebensfaden dieſes Mädchens iſt der düſtre Streifen in meinem Gewebe; ſie hat mir ein Ver⸗ möͤgen geraubt, ſie hemmt mich in meiner Laufbahn, ſle demüthigt mich in meiner Eitelkeit; aber wie ein Jagd⸗ hund, der Blut koſtete, will ich ſie niederrennen, welche Wendung ſie auch nehmen wirh.“ „Vargrave, Sie erſchrecken mich! Bedenken Sie, wir leben nicht in einer Zeit, worin Gewaltthätigkeit—“ „Still!“ unterbrach ſie Lumley, mit einem jener dü⸗ ſtern Blicke, welcher bisweilen, obgleich ſelten, den ge⸗ wöhnlichen Ausdruck der Glätte und Liſt aus ſeinen Zügen verſcheuchte; ſtill! wir leben in einer Zeit, die für Ver⸗ ſtand und Kraft eben ſo günſtig iſt, wie ſolche, die jemals in Romanen geſchildert wurde. Ich hege genug Vertrauen auf das Glück und auf mich ſelbſt, um Ihnen mit einer Prophe⸗ tenſtimme zu ſagen, daß Eveline den Wunſch meines ſter⸗ benden Oheims erfuͤllen ſoll. Die Glocke aber ruft uns ins Haus.“ Als ſie ins Haus traten, überreichte Lord Vargrave's Kammerdiener ihm einen Brief, welcher am Morgen an⸗ gelangt und lau Mi men me jetzigen Lordſcha können. Reſpekt aängſtlich; 1 bie muſſen nelte Var⸗ mag mich ann wie ich ſe, auf die inah ebenſo dens iſt der ir ein Ver⸗ nufbahn, ſie e ein Jagd⸗ nen, welche en Sie, wir kkeit—“* im jener dü⸗ Vargrave's Morgen an⸗ 17 gelangt war. Er war von Herrn Guſtav Douee geſchrieben und lautete folgendermaßen: Mylord! Mit groͤßtem Bebauern benachrichtige ich Sie im Na⸗ men meiner ſelbſt und meiner Firma, daß wir bei dem jetiggen Stanbe des Geldmarktes die Anweiſung an Eure Lordſchaft von 10,000 Pfd. am 28. dieſes nicht erneuen können. Indem ich Ew. Lorbſchaft dieſes mit hoͤchſtem Reſpekt bemerklich mache, habe ich die Ehre zu ſein Ich ſelbſt und Comp., Mylord, Ew. Lorh⸗ ſchaft gehorſamſter und Ihnen höchſt verbundener demüthiger Diener Guſtav Douce. Dieſer Brief erhöhte die Angſt und die Entſchloſſen⸗ heit von Lord Vargrave. Seine ſcharfen Geſichtszüge ſchie⸗ nen noch ſchärfer zu werden, als er verſchiedene Flüche gegen die Herren Douce und Comp. ausſtieß während er ſein Halstuch am Spiegel in Ordnung brachte. Sechstes Kapitel. Mit Erlaubniß Eurer ehrenwerthen Lordſchaft ſprachen wir über dieſen und jenen, über hier und dort. Der Fremde. Aubrey hatte den ganzen Morgen mit CEveline eine geheime Unterredung gehabt; gleichzeitig mit ſeiner An⸗ kunft erhielt ſie die Nachricht von Maltravers Abreiſe; dieſe Kunde verſetzte ſie in große Aufregung. Gveline ſetzte dieſes Ereigniß mit den feierlichen Worten am vergange⸗ Bulwer, Alice. II. 2 18 nen Abend in Verbindung und fragte ſich erſtaunt ſelbſt, welche Gefühle ſie Maltravers eingefloͤßt haben könnte. Konnte er ſie lieben? Sle, die ſo jung, ſo untergeordnet, ſo wenig unterrichtet war!— Unmöglich! Ach, was Maltravers betrifft, ſo entfernten ſein Genius, ſeine Gahen, ſeine hohen Eigenſchaften, Alles was die Bewun⸗ derung und beinahe die Ehrfurcht Evelinens erwarb, ihn zu ſehr von ihrem Herzen. Als ſie ſich ſelbſt fragte, ob er ſie liebte, fragte ſie ſich nicht zugleich, ob ſie ihn liebte. Allein auch jene Frage beantwortete ihre Urtheilskraft in verneinender Weiſe. Warum ſollte er ſie lieben, und ſie doch fliehen? Sie verſtand nicht ſeine hochgeſpannten Bedenklichkeiten; ſeinen ſelbſttänſchenden Glauben. Aubrey war eher verwirrt, als daß er durch das Geſpräch mit ſeiner Schülerin Aufklärung erhielt; nur eins ſchien ſicher: ihr Entzücken, zum kleinen Landhauſe und zu ihrer Mutter zurückzukehren. Eveline konnte nicht genug ihre Faſſung wieder erlau⸗ gen, um ſich in die Geſellſchaft unten zu miſchen; Aubrey überließ ſie beim zweiten Läuten der Mittagsglocke ihrer Einſamkeit und entſchuldigte ſie bei Frau Merton. „Wahrlich,“ ſagte die würdige Dame,„es thut mit ſehr leid. Schon beim Frühſtück hielt ich Miß Gameron für ſehr angegriffen; ihre Stimmung ſchien etwas hyſte⸗ riſch und ich glanhe die Ueberraſchung über Ihre Ankunſt hat ſie beſtürzt. Ceroline, meine Theure, gehen Sie doch hin, um zu fragen, was ſie auf ihrem Zimmer eſſen möchte. Ein wenig Snppe und den Schenkel einel Hühnchens.“* „Meine Theure,“ ſagte Herr Merton etwas pomp⸗ haft;„ ſen, we „ J über die Eveline ſten alle wenig a Alle ſchon de „K Merton „Dt „wir mi „Ne Kinder; Der nahm ſie weißen. und Güt mer. Als müthiges er eilte zu ſeine her: ſich zärtl verſchwa⸗ Merton Cameron im Auge ſchien er etwas ſtil erſtaunt ſelbſt, haben könnte. untergeordnet, ch! Ach, was Genius, ſeine bas die Bewun⸗ ns erwarb, ihn ſſt fragte, ob er b ſie ihn liebte. Urtheilskraft in lieben, und ſie hochgeſpannten Zlauben. Aubrey 3 Geſpräch mit ins ſchien ſicher: zu ihrer Mutter ung wieder erlau⸗ iſchen; Aubrey ttagsglocke ihrer hu Merton. e,„es thut mir h Miß Cameron ien etwas hyſte⸗ er Ihre Ankunſt ure, gehen Sie ihrem Zimmer Schenkel einen n etwas pomp⸗ 19 haft;„der Miß Cameron würke paſſende Achtung erwie⸗ ſen, wenn Sie ſelbſt Caroline begleiteten.“* „Ich gebe Ihnen die Verſicherung ſagte der Pfarrer, über die Lawine von Artigkeit erſchreckt, womit die arme Eveline bedroht wurde, daß Miß Cameron jetzt am lieb⸗ ſten allein ſein wird; wie Frau Merton ſagte, iſt ſie ein wenig aufgeregt.“ Allein Frau Merton hatte nach leichter Verbeugung ſchon das Zimmer verlaſſen, und Caroline mit ihr. „Kommt zurück, Sophie und Cäeilie,“ ſagte Herr Merton, indem er ſeinen Buſenſtreif zurecht legte. „Die theure, arme Eveline iſt krauk,“ ſagte Sophie; „wir möchten zu Eveline; ich will zu ihr, Papa.“ „Nein, meine Theure, ihr ſeid zu lärmend. Die Kinder ſind gänzlich verzogen, Herr Aubrey.“ Der alte Mann blickte wohlwollend auf Beide und nahm ſie auf ſein Knie; während Cäcilie ſeine langen, weißen Locken ſtrich und Sophie von der Niedlichkeit und Güte ſchwatzte, ſchlenderte Lord Vargrave ins Zim⸗ mer. Als er den Pfarrer erblickte, erglänzte ſein frei⸗ müthiges Geſicht von Überraſchung und Vergnügen; er eilte zu ihm hin, ergriff ihn bei beiden Händen, ſprach ſeine herzliche Entzückung ihn zu ſehen aus, erkundigte ſich zärtlich nach Lady Vargrave und ſeine Entzückung verſchwand erſt als er außer Athem war und als Frau Merton und Caroline zurückkehrend ihn von Miß Camerons Unpäßlichkeit benachrichtigten. So wie er im Augenblick vorher voll von Freude geweſen war, ſchien er jetzt voll von Kummer. Das Mittageſſen ging etwas ſtill vorüber; die Kinder, die zum Deſſert wieder — ͦ— 20 zugelaſſen wurden, ertheilten der Geſellſchaft wieder einige Heiterkeit; als dieſe und die beiden Damen fort waren, ſtand Aubrey ſchnell auf, um ſich wieder zu Evelinen zu begeben. „Gehen Sie zu Miß Cameron?“ ſagte Lord Var⸗ grave;„bitte, ſagen Sie ihr, wie unglücklich ich durch ihre Krankheit mich fühle. Ich glaube, dieſe Trauben (ſie find ausgezeichnet) können ihr keinen Schaden brin⸗ gen. Darf ich Sie bitten, ihr dieſelben zu überreichen, mit der Verſicherung meiner Betrübniß! Ich werde mich bis zu Ihrer Rückkehr ſehr unbehaglich befinden. Nun Merton(als die Thür ſich hinter dem Pfarrer ge⸗ ſchloſſen hatte), laſſen Sie uns noch eine Flaſche von dieſem trefflichen Bordeaux trinken— ein drolliger alter Mann, ein ſonderbarer Charakter.“ „Er iſt ein großer Günſtling bei Lady Vargraye und Miß Cameron, wie ich glaube,“ ſagte Herr Mer⸗ ton;„ein bloßer Dorfprieſter, nicht wahr, ohne Talent und Kraft; ſonſt beſaße er in dem Alter eine höherr Pfründe.“ „Sehr wahr; eine ſcharffinnige Bemerkung. Der geiſtliche Stand iſt ebenſowohl wie jeder andere daßu geeignet, ſich vorwärts zu bringen. Sie werde ich noch als einen Biſchof erblicken.“ Herr Merton ſchüttelte den Kopf. „O gewiß! Obgleich Sie bis jetzt eines der drat Haupterforderniſſe für die Biſchofswürde zu zeigen ver⸗ ſchmäht haben.“ „Welche ſind das?“ „Die Herausgabe eines griechiſchen Trauerſpielst die Verf⸗ teiabfall „Ha „O Kirche er man ihn vortrefflie In ſe ton ernſt ſinniger u den Verſr des in ſeit Aubre keit, um nen. Das geworden. grave hat haft wieder Damen fort ch wieder zu ee Lord Var⸗ lich ich durch ieſe Trauben Schaden brin⸗ wüberreichen, ! Ich werde lich befinden. n Pfarrer ge⸗ e Flaſche von drolliger alter ady Vargraye te Herr Mer⸗ e, ohne Talent er eine höhere merkung. Der er andere dazu werde ich noch eines der dre e zu zeigen ver⸗ Trauerſpiels 21 die Verfaſſung einer politiſchen Broſchüre und ein Par⸗ teiabfall im rechten Augenblick.“ „Ha, ha! Ew. Lordſchaft nimmt uns arg mit.“ „O nein! Ich wünſchte nur, ich wäre für die Kirche erzogen worden— ein trefflicher Stand, wenn man ihn gehörig verſteht. Bei Jupiter, ich wäre ein vortrefflicher Biſchof geworden!“ In ſeiner Eigenſchaft als Pfarrer ſuchte Herr Mer⸗ ton ernſt auszuſehen, in ſeiner Eigenſchaft als frei⸗ ſinniger und in der Welt gewandter Gentleman gab er den Verſuch auf und lachte vergnügt über den Scherz des in ſeiner Laufbahn ſteigenden Staatsmannes. Siebentes Kapitel. Kann Bönen Nichts gefallen? Lhas halten Sie vom Hofe Whycherley. Aubrey fand in einen Gegenſtande keine Schwierig⸗ keit, um Evelinens Wünſche und Stimmung zu erken⸗ nen. Das Experiment des Beſuchs, ſoweit derſelbe auf Vargrave's Hoffnung Bezug hatte, wer gänzlich miß⸗ lungen— ſie konnte die Ausſicht auf ſeine Verbindung nicht ertragen und äußerte freimüthig und durchans ihre Gedanken dem Pfarrer, daß alle ihre Wünſche ihre Be⸗ freiung von dem Verlöbniß erzielten. Da es jetzt verab⸗ rebet wurde, daß ſie mit Aubrey nach Brook Green zu⸗ rückkehren ſollte, ſo war das lang verſchobene Verſtänd⸗ niß mit ihrem Verlobten jetzt durchaus unabwendbar geworden. Jedoch hatte dies ſeine Schwierigkeiten. Var⸗ grave hatte ſo wenig gedrängt und auch nicht entfernt 2 22 auf ihr Verlöhniß angeſpielt, daß es als Keckheit und Mangel an Zartheit bei Eveline erſchien, würde die lang gewünſchte, aber gefürchtete Erklärung jetzt ſchon ge⸗ geben. Aubrey aber übernahm den Auftrag, und bei ſei⸗ nem Verſprechen hegte Eveline ein Gefühl, wie eiwa der Sklav, wenn ihm die Kette fortgenommen wird. Beim Frühſtück verkündete Herr Aubrey die Abſicht der Eveline, mit ihm am folgenden Tage nach Brook Green zurückzukehren. Lord Vargrave ſtutzte, biß ſich auf die Lippe, aber ſagte Nichts. Nicht ſo ſchweigend war Herr Merton. „Mit Ihnen zurückkehren! Mein theurer Herr Au⸗ brey; bedenken Sie, es iſt unmöglich; Sie ſehen Miß Camerons Rang im Leben, ihre Stellung— ſo ſonder⸗ bar— keine andere Dienerſchaft wie ihre Kammerfrau, nicht einmal einen Wagen! Sie werden doch nicht wollen, daß ſie in einer bloßen Poſtchaiſe reist? Lord Vargraye, Sie können ſicherlich nicht Ihre Zuſtimmung geben.“ „Wäre ich auch bloß Miß Camerons Vormund,“ ſagte Lord Vargrave ſpitzig,„ſo würde ich ſicherlich gegen eine ſolche Art zu reiſen Einwendung machen. Vielleicht will Aubrey ſeinen Plan dadurch vervollſtän⸗ digen, daß er zwei Plätze oben auf der Poſtkutſche ſich miethet?“ „Verzeihen Sie,“ ſagte der Pfarrer mild;„ich kenne beſſer, wie Sie glauben, was man der Miß Ca⸗ meron ſchuldig iſt. Lady Vargrave’s Wagen, welcher mich hierher brachte, wird kein unpaſſendes Fuhrwetk für Lady Vargrave's Tochter ſein, und Miß Cameron iſt gewiß nicht durch alle Ihre freundſchaftliche Aufmerk⸗ ſamkeit ſe Tagen m legen kön „Ich ich wußte Herr,“ nicht tade plötzlich;z ſtens eine Der herablaſſe wollte, tt „Und daß Miß Carol allein bef nen Thee zu lieben Es e ten Zeit deckheit und ürde die lang öt ſchon ge⸗ und bei ſei⸗ wie eiwa der wird. y die Abſicht nach Brool öte, biß ſich v ſchweigend rer Herr Au⸗ je ſehen Miß — ſo ſonder⸗ Kammerfrau, nicht wollen, rd Vargrave, ing geben.“ Cormund,“ ich ſicherlich ung machen. vervollſtän⸗ oſtkutſche ſich mild;„ich der Miß Ca⸗ gen, welcher des Fuhrwerk Niß Cameron iche Aufmerk⸗ ſamkeit ſo verzogen, daß ſie nicht eine Reiſe von zwei Tagen mit keinem andern Beſchützer, wie mich, zurück⸗ legen könnte.² „Ich vergaß Lady Vargrave’s Wagen oder vielmehr ich wußte nicht, daß Sie ihn benutzt haben, mein theurer Herr,“ ſagte Herr Merton;„Sie müſſen uns aber nicht tadeln, wenn wir bedauern, Miß Cameron ſo plötzlich zu verlieren; ich hoffte, daß auch Sie wenig⸗ ſtens eine Woche bei uns bleiben würden.“ Der Pfarrer verbeugte ſich bei Herrn Mertons herablaſſender Höflichkeit; gerade als er antworten wollte, trat Frau Merton ein. „Und noch dazu hatte ich mein Herz darauf geſetzt, daß Miß Cameron Carolinens Brautjungfer würde.“ Caroline erblaßte und blickte auf Vargrave, welcher allein beſchäftigt ſchien, geröſtete Brodſchnitten in ſei⸗ nen Thee zu brechen, eine Leckerei, die er früher nicht zu lieben bekannt war. Es entſtand eine Pauſe der Verlegenheit; zur rech⸗ ten Zeit trat der Diener mit einem Pack Bücher ein, mit einem Billet an Herrn Merton und dem Briefport⸗ feuille, dem vor Allem geſegneten Dinge auf dem Lande. „Was iſt das?“ ſagte Herr Merton, indem er ſein Billet öffnete, während ſeine Frau das Portfeuille auf⸗ ſchloß und den Inhalt vertheilte—„Herr Maltravers hat Burleigh auf einige Monate verlaſſen— einige Tage früher, wie er erwartete— entſchuldigt ſich, daß er auf franzöſiſche Mode Abſchied nimmt— ſchickt der Miß Merton Vücher zurück— iſt ihr ſehr dankbar— ſein Jörſter hat Befehl erhalten, ſeinen Wildpark mir 24 zur Verfügung zu ſtellen.— Wir haben alſo unſern Nachbar verloren!“ „Wußten Sie nicht, daß Herr Maltravers abgereist war?“ ſagte Caroline; ich hörte das geſtern Abend von Jenkins; er begleitet Herrn Cleveland nach Paris.“ „Wirklich,“ ſagte Frau Merton,„was konnte ihn nach Paris führen?“ „Ich glaube Vergnügen,“ erwiderte Caroline;„ich würde mich eher wundern, weßhalb er ſo lange in Bur⸗ leigh blieb.“ Vargrave erbrach während der Zeit ſeine Briefe, und überſah ſchnell mancherlei Gekritzel mit dem geüb⸗ ten Blicke eines Geſchäftsmannes; er kam zum letzten Brief; ſein Antlitz ſtrahlte. „Eine königliche Einladung, oder vielmehr ein Be⸗ fehl nach Windſor zu kommen,“ rief er aus;„ich be⸗ ſorge, daß ich noch heute abreiſen muß.“ „Wahrhaftig!“ rief Fran Merton aus.„Iſt der Brief vom König? Laſſen Sie mich ſehen!⸗ „Nicht gerade vom Könige, indeß von Jemand, bei welchem dies einerlei iſt. Lord Vargrave ſchoh ſorglos die gnädige Mittheilung der ungeduldigen Hand und dem loyalen Blicke der Frau Merton zu, ſteckte ſorg⸗ fältig die anderen Briefe in die Taſche und ging nach⸗ ſinnend ans Fenſter. Aubrey benützte die Gelegenheit ihm näher zu treten. „Mylord, kann ich einige Augenblicke mit Ihnen reden?“ „Gewiß, wollen Sie auf mein Zimmer kommen?“ genöthigt Oheims, berufen; nes von zufügen, bindend alſo unſern ers abgereist n Abend von „ Paris.* 3 konnte ihn noline;„ich nge in Bur⸗ ſeine Briefe, t dem geüb⸗ zum letzten nehr ein Be⸗ 1s;„ich be⸗ Zemand, bei ſchob ſorglos Hand und ſteckte ſorg⸗ dging nach⸗ Gelegenheit mit Ihnen kommen?“ Achtes Kapitel. Noch niemals gab es einen ſo armen Herrn, dem ein ſo plötzliches Glück zu Theil wurde. Beaumont und Fletcher. „Mylord,“ ſagte der Pfarrer, als Vargrave ſich. in den Lehnſtuhl geworfen hatte, und die Form ſeiner Stiefeln zu unterſuchen ſchien, während ſeine Seiten⸗ blicke, und zwar gerade nicht die der Liebe, auf ſeinen Geſellſchafter geheftet waren;„ich brauche wohl kaum mich anf den Wunſch des verſtorbenen Lords, Ihres Oheims, in Bezug auf Miß Cameron und Sie ſelbſt zu berufen; auch brauche ich hinſichtlich Ihrer, eines Man⸗ nes von ſo großmüthiger Empfindung wohl kaum hinzu⸗ zufügen, daß ein ſolches Verlöbniß nur in ſo weit bindend ſein kann, als beide Theile, deren Glück auf dem Spiele ſteht, zur paſſenden Zeit daſſelbe zu voll⸗ ziehen Willens ſind.“ „Herr,“ ſagte Vargrave, indem er ärgerlich die Hand bewegte und in ſeiner gereizten Erwartung deſ⸗ ſen, was kommen würde, ſeine gewöhnliche Selbſtbe⸗ herrſchung verlor, wich weiß nicht, was das Alles mit Ihnen zu ſchaffen hat; Sie überſchreiten da einen Bo⸗ den, der für Miß Cameron und mich geheiligt iſt. Was Sie mir auch zu ſagen haben, ſo muß ich Sie bit⸗ ten, ſchnell die Sache abzumachen.“ „Mylord, ich will Ihnen gehorchen;„Miß Came⸗ ron entſendet mich, ich darf hinzufügen, mit Lady Var⸗ grave's Einwilligung, um Ihnen anzukünden, daß Sie genöthigt iſt, die Ehre der Verbindung mit Ew. Lorbd⸗ 26 ſchaft abzulehnen, daß ſie jedoch das aufrichtigſte Ver⸗ gnügen empfinden würde, wenn ſie durch eine üÜber⸗ einkunft hinſichtlich des ihr hinterlaſſenen Vermögens ihre Achtung und Freundſchaft Ihnen bezeugen könnte.“ Lord Vargrave fuhr auf.„Herr,“ ſagte er,„ich weiß nicht, ob ich Ihnen für dieſe Mittheilung zu dan⸗ ken habe, deren Ankündigung ſo ſonderbar mit Ihrer Ankunft zuſammenfällt; erlauben Sie mir aber zu ſa⸗ gen, daß zwiſchen Miß Cameron und mir kein Geſand⸗ ter nothwendig iſt. Meine Siellung, meine Verwandt⸗ ſchaft, mein Charakter als Vormund, meine lange und treue Neigung, alle Rückſichten, welche Männer der Welt verſtehen, und womit Männer von Gefühl ſym⸗ pathifiren, erheiſchen es durchaus, daß ich nur von Miß Cameron die Verwerfung meiner Bewerbung ver⸗ nehme.“ „Ohne Zweifel wird Miß Cameron die Unterredung zugeſtehen, die Ew. Lordſchaft ein Recht zu verlangen beſitzt; verzeihen Sie mir jedoch meinen Glauben, daß Ihnen Beiden viel Kummer erſpart würde, wenn ein Dritter die Zuſammenkunft vorbereitete. Was nun das Geſchäft betrifft, ſo wird jede Vergütigung für Ew. Lordſchaft—* „Vergütigung! Was kann mir Vergütigung ge⸗ ben?“ rief Lord Vargrave aus, als er mit großer Ver⸗ ſtörung und Aufregung im Zimmer auf und abging; „können Sie mir Jahre der Hoffnung und Erwartung, die in einem eitlen Traum verſchwendete Mannheit zurückgeben? Hätte ich, dem ein ſolcher Lohn gezeigt war, jede Gelegenheit, eine paſſende Heirath zu bilden, entſchl entſchn Häͤtte wählt, nicht ge jungen deſſen? ner öffe mit ver gerichte gehegte Und Si tig auch deren G tigſte Ver⸗ eine über⸗ Vermögens n könnte. ¹ te er, vich ug zu dan⸗ mit Ihrer aber zu ſa⸗ ein Geſand⸗ Verwandt⸗ ee lange und Männer der Gefühl ſym⸗ ich nur von verbung ver⸗ (Unterredung zu verlangen Hlauben, daß e, wenn ein Was nun das ung für Ew. gütigung ge⸗ t großer Ver⸗ und abging; d Erwartung⸗ bte Mannheit Lohn gezeigt rath zu bilden, 27 entſchlüpfen laſſen, ſo lange meine Jugend noch nicht entſchwunden, ſo lange mein Herz noch frei war? Haͤite ich mir eine hohe und aufregende Laufbahn er⸗ wählt, für welche mein eigenes Vermögen durchaus nicht geeignet iſt? Vergütigung! Sagen Sie ſo etwas jungen Leuten! Ich ſtehe vor Ihnen als ein Mann deſſen Privatglück verwelkt iſt, deſſen Ausſichten in ſei⸗ ner öffentlichen Stellung verdunkelt find— ein Mann, mit verſchwendetem Leben, im Vermögen zu Grunde gerichtet— deſſen Lebensplan auf eine rechtmäßig gehegte Hoffnung erbaut, jetzt gänzlich geſcheitert iſt! Und Sie reden mir von Vergütigung!“ So ſelbſtſüch⸗ tig auch die Art der Klage ſein mochte, erkaunte Aubrey deren Gerechtigkeit. „Mylord,“ ſagte er, ein wenig verlegen,„ich kann nicht läugnen, daß Vieles, was Sie da ſagen, aller⸗ dings wahr iſt. Ach! Es beweist allein, wie eitel es iſt, die Zukunft zu berechnen, und welchen unglücklichen Irrthum Ihr Oheim beging, als er Bedingungen be⸗ ſtimmte, welche der Zufall des Lebens und der Eigen⸗ ſiun der Neigung zu jeder Zeit auflöſen konnte! Allein dieſer Tadel trifft nur den Todten; können Sie die Le⸗ benden tadeln?⸗ „Herr, ich betrachtete mich als verpflichtet, wegen der Gebote meines Oheims, Hand und Herz mir frei zu erhalten, damit dieſer Titel— eine ſo elende und unfruchthare Auszeichnung er auch ſein mag— wie er dies ſo eifrig wünſchte, auch auf Eveline übergehen möchte. Ich beſaß ein Recht, ein ähnliches Ehrgefühl von ihrer Seite zu erwarten!“ — 28 „Gewiß, Mylord, müſſen Sie, dem der verſtorbene Lord auf ſeinem Todtenbette alle Beweggründe ſeines Verfahrens und das Geheimniß ſeines Lebens anver⸗ traute, ſehr wohl erkennen, daß Ihr Oheim, während er Ihr weliliches Wohl zu befördern und ſeinen Rang, ſowie Vermögen in einer Linie zu vereinigen ſuchte, dennoch Evelinens Glück als ſeinen wärmſten Wunſch im Herzen hatte; Sie müſſen erkennen, daß eine Ehe mit Ihnen, im Fall jenes Glück dadurch verwirkt würde, nur zu einer untergeordneten Rückſicht werden kann. Lord Vargrave's Teſtament gibt den Beweis. Er ſchrieb nicht, als unausweichbare Bedingung der Eveline eine Verbindung mit Ihnen vor; er ſtellte nicht die Verwirkung ihres ganzen Vermögens als die Strafe hin, im Fall ſie jene Verbindung verwürfe. Durch die beſtimmte Grenze der Verwirkung ſprach er einen Un⸗ terſchied zwiſchen Befehl und Wunſch aus. Und ſicher⸗ lich, wenn Sie alle Umſtände betrachten, muß Ihre Lorſchaft glauben, daß Ihr Oheim mit der Verwirkung und dem, mit dem Titel verbundenen, Gute Alles ge⸗ than hat, was man vom weltlichen Geſichtspunkte aus nach Billigkeit und ſogar nach Neigung von ihm heiſchen konnte.“ Vargrave lächelte bitter, ſagte aber nichts. „Würde hieran noch gezweifelt, ſo habe ich noch einen beſtimmteren Beweis ſeiner Abſichten. Sein Vertrauen auf Lady Vargrave war ſo groß, daß er in einem vor ſeinem Tode an ſie gerichteten Briefe, den ich hiemit Ew. Lordſchaft zeige, wie Sie bemerken werden, es nicht allein der Klugheit der Lahy Vargrave überläßt, jene Geſchichte der Eve iſt, ſon die hinft den ſoll. Lork übergebe „W Urtheil; ſich entſo ihr Glüch ſprüchen im Herze Erziehen verſtorbene ünde ſeines bens anver⸗ n, während einen Rang, iigen ſuchte, ſten Wunſch aß eine Ehe ſch verwirkt ſicht werden den Beweis. dingung der ſtellte nicht s die Strafe . Durch die er einen Un⸗ Und ſicher⸗ „ muß Ihre Verwirkung te Alles ge⸗ spunkte aus ihm heiſchen 8. ſich noch einen ſiin Vertrauen n einem vor hiemit Ew. es nicht allein 29 der Eveline mitzutheilen, womit ſie bis jetzt noch unbekannt iſt, ſondern daß er auch klar die Verfahrungsweiſe angibt, die hinſtchtlich der Eveline und Ihrer eingeſchlagen wer⸗ den ſoll. Erlauben Sie mir, Ihnen die Stelle zu zeigen,“ Lorb Vargrave's Blicke überliefen ſchnell den ihm übergebenen Brief bis auf folgende Zeilen: „Wenn CEveline, ſobald ſie zum paſſenden Alter, ein Urtheil zu bilden, gelangt iſt, gegen Lumley's Anſprüche ſich entſcheidet, ſo wiſſen Sie, daß ich um keinen Preis ihr Glück opfern möchte; ich wünſche allein, daß ſeinen An⸗ ſprüchen ehrliches Spiel, und dem Entwurfe, welchen ich im Herzen habe, pflichtgemäße Nachſicht geboten wird. Erziehen Sie Eveline in dem Gedanken, daß ſie Lumley als ihren zukunftigen Gatten betrachtet; erwecken Sie ihr keine Vorurtheile gegen ihn; ſie mag ehrlich ſelbſt urthei⸗ len, wann die Zeit naht.“ „Sie ſehen, Mylord,“ ſagte Aubrey, als er den Brief zurüͤcknahm,„daß er daſſelbe Datum, wie das Teſtament Ihres Oheims fuͤhrt. Was er wünſchte iſt geſchehen, ſeien Sie gerecht, Mylord, und entbürden Sie uns alles Ta⸗ dels— wer kann Liebe als Befehl vorſchreiben?“ „Soll mir angedeutet werden, daß ich weder jetzt noch ſpäter, keine Ausſicht beſitze, Evelinens Neigung zu erlan⸗ gen? Gewiß, Herr Aubrey, können Sie in Ihrem Alter nicht die hitzige Romantik ermuthigen, die allen Mäaͤdchen in Evelinens Jahren eigen iſt. Perſonen unſeres Ran⸗ ges heirathen nicht wie Corydon und Phillis in der Jdylle. Nie war ich ſo albern, noch in meinen Jahren zu erwar⸗ ten, daß ich einem ſiebenzehnjährigen Mädchen eineleiden⸗ ſchaftliche Anhäͤnglichkeit einflößen würde. Glüͤckliche — Ehen beruhen auf paſſenden Umſtunden, gegenſeitiger Er⸗ kenntniß, Nachſicht und Achtung. Kommen Sie, Herr, laſſen Sie mich hoffen, daß ich noch eines Tages Ihnen für Ihre Beförderung Glück wünſche, und daß zugleich Ihr Glückwunſch mir als Ehemann gilt.“ Vargrave ſprach dies mit heiterem und leichtem Lächeln. Und der Ton ſeiner Stimme war der eines Mannes, der ernſten Sinn in ſcherzendem Aerent einzukleiden ſucht. Herr Aubrey, ſo ſanft er auch war, fühlte bie Beleidigung der angedeuteten Beſtechung und erröthete aus Zorn, der übrigens nicht ſobald ſich erhob, wie er auch gehemmt wurde.„Entſchuldigen Sie mich, Mylord, ich habe jetzt Alles geſagt; das Übrige wird Ihr Mündel Ihnen am Beſten ſelbſt eröffnen.“ „So ſei es; ich will Sie alſo bitten, Evelinen mein Geſuch zu überbringen, daß ſie mich mit einer letzten und zum Scheiden beſtimmten Unterredung beehren möge.“ Vargrave warf ſich in den Lehnſtuhl und Anbrey ver⸗ ließ ihn. Neuntes Kapitel. Der muntere Strephon rührt die Leier. Shenſtone. In dieſer Unterrehung mit Eveline zeigte Vargrave ſicherlich bis zum Außerſten alle ſeine Gewandtheit und ſeine Kunſt. Er fühlte, daß Heſtigkeit, bitterer Spott und ſelbſtſüchtige Klagen einem Manne nichts helfen würden, welcher nicht geliebt wurde, obgleich ſie bewundernswür⸗ dige Karten in den Händen desjenigen ſein moͤgen, wel⸗ cher wirk Angelege der Wutl nie ſehr l das ihn Sein ſcha er jetzt all leids und günſtigen hen koͤnn Lande zu! rüͤckzuziehe ſeiner Erf⸗ handelnd groß und: ſehr zarte ſich oft in einen Korl rade beßha Sogar die ſtänden nie im Antlitz durch ſein ſtänden ſich Adel und e line lebhaft nommen w „Genu für mich, d es mir nie eitiger Er⸗ Sie, Herr, ages Ihnen aß zugleich em Lächeln. dannes, der leiben ſucht. Beleidigung s Zorn, der ſch gehemmt ich habe jetzt 1 Ihnen am velinen mein r letzten und n möge.“ Aubrey ver⸗ undernswür⸗ öͤgen, wel⸗ 31 cher wirklich geliebt wird. Da ſein eigenes Herz bei der Angelegenheit gänzlich unberührt blieb, mit Ausnahme der Wuth und getäuſchten Hoffnung(Gefühle, die bei ihm nie ſehr lange währten), ſo konnte er ſein letztes Spiel, das ihn mit Verluſt bedrohte, mit Kälte durchfuͤhren. Sein ſcharfer und ſtets bereiter Verſtand belehrte ihn, daß er jetzt allein erwarten konnte, Gefühle großmüthigen Mit⸗ leids und freundſchaftlichen Intereſſes einzuflößen, einen günſtigen Einbruck zu bewirken, den er ſpäter noch erhö⸗ hen koͤnne, kurz, einen vortheilhaften Poſten in dem Lande zu behaupten, aus welchem er ſeine Streitkräfte zu⸗ rückzuziehen ſich den Anſchein gab. Er hatte bereits aus ſeiner Erfahrung bei Frauen erkannt— und dieſe, ob er nun handelnd oder ein bloßer Zuſchauer hatte ſein mögen, war groß und mannigfach, mochte jene Erfahrung auch nicht ſehr zarte und feine Naturen betreffen— daß eine Dame ſich oft in einen Freier verliebt, nachdem ſie ihm zuerſt einen Korb gegeben hat, daß fie einen lolchen zuletzt ge⸗ rade deßhalb annimmt, weil ſie ihn fruͤher verworfen hatte. Sogar dieſe Möglichkeit durfte in ſo verzweifelten Um⸗ ſtänden nicht vernachlaͤſſigt werden. Er zeigte deßhalb im Antlitz, in den Stellungen und in der Stimme eine durch ſein gebrochenes Herz hervorgerufene, aber den Um⸗ ſtänden ſich ergebende Verzweiflung; er affecktirte einen Adel und eine Großmuth in ſeinem Gram, wodurch Eve⸗ line lebhaft gerührt und gleichſam durch Überraſchung ge⸗ nommen wurde. „Genug,“ ſagte er in ſtammelnden Tuͤnen;„genug für mich, daß ich weiß, Sie können mich nicht lieben, daß es mir nie gelingen wurde, ſie glücklich zu machen; ſagen Sie nichts mehr, Eveline! Erſparen Sie mir wenigſtens den Kummer, welchen Ihre edelmuthige Natur in meinem Schmerze fühlen muß; ich verzichte auf alle Anſprüche hinſichtlich Ihrer Hand, Sie ſind frei! Mögen Sie glück⸗ lich ſein!“ „O Lord Vargrave, o Lumley,“ ſagte Eoeline wei⸗ nend und durch tauſend Erinnerungen ihrer Kindheit gerührt;„oh, könnte ich nur in anderer Weiſe meine Dankbarkeit für Ihr Verdienſt, Ihre zu parteiiſche Schätzung meiner und die Rückſicht auf meinen verlorenen Wohlthäter erweiſen, dann, erſt dann, würde ich glücklich ſein! Ach! wäre dieſer ſo wenig von mir erwünſchte Reichthum niemals mir zur Verfügung geſtellt! Wie die Verhältniſſe aber jetzt ſind, wird der Tag, welcher mich als Beſitzerin erblickt, auch zugleich erblicken, wie zer Ihnen zur Verfügung und unter Ihre Controle ge⸗ ſtellt wird. Dies iſt nur Gerechtigkeit, gemeine, Ihnen erwieſene Gerechtigkeit. Sie waren der nächſte Ver⸗ wandte des Verſtorbenen; ich beſaß keine Anſprüche auf ihn, keine andere als die der Liebe, und dennoch bin ich ihm ungehorſam!“ In Allem dem lag viel, was Vargrave im Gehei⸗ men geſiel; es ſchien jedoch nur ſeinen Gram zu ſteigern. „Reden Sie nicht ſo, mein Mündel, ach, noch ſtets meine Freundin,“ ſagte er, indem er das Schnupf⸗ tuch an die Augen hielt;„ich fühle keinen Verdruß; ich bin mehr wie zufrieden. Laſſen Sie mich aber mein Vorrecht als Vormund, als Rathgeber bewahren, ein Vorrecht, welches mir theurer iſt als alle Reichthümet Indiens. Lord Legard ei zen erregt indirekt a die Über, Legard ei gehabt, i reifen zu! Die gewö tenden M ſchen Evel ſah er kein⸗ ſollte beh⸗ Lumley w⸗ Ehrgefühl welche Leid nutz von d können, mi Er hatte 5 aber galt 6 ſchah es, d ſeines Char Welt ein ſe war, bei N Pfiffigkeit rolinens M Maltravers verſcheucht der Caroline ſein, wäre Bulwer, venigſtens in meinem Anſprüche Sie gluͤck⸗ zeline wei⸗ Kindheit geiſe meine parteiiſche verlorenen ich glücklich erwünſchte tellt! Wie ag, welcher blicken, wie ontrole ge⸗ ſine, Ihnen lchſte Ver⸗ Anſprüche nd dennoch im Gehei⸗ zu ſteigern. ach, noch 3 Schnupf⸗ n Verdruß; hh aber mein wahren. ein Reichthümer 33 Lord Varprave hatte einen ſchwachen Verdacht, daß Legard eine ungeziemende Theilnahme in Evelinens Her⸗ zen erregt habe; in dieſem Punkie ſuchte er ſie zart und indirekt auszuforſchen. Ihre Erwiderungen gaben die überzeugung, Eveline habe, wenn ſie auc Legard eingenommen ſei, keine Zeit oder Gele gehabt, ihre Neigung zur tiefwurzelnden Le reifen zu laſſen. Vor Maltravers fürchtete er f ht. Die gewöhnliche Selbſtbeherrſchung dieſes zurückhal⸗ tenden Mannes betrog ihn zum Theil. War Lie i⸗ ſchen Eveline und Maltravers vorhanden gew ſah er keinen Grund, weßhalb der Er ſollte behauptet und 1 Lumley würde jeden Gedanken an eine Rückficht aus Ehrgefühl auf ſo leicht zu brechender Verpflichtung, welche Leidenſchaft fuͤr Schönheit hemmen, oder Eigen⸗ nutz von der Erjagung einer Erbin hätte zurückhalten können, mit einem verächtlichen„Bah⸗ begleitet ha Er hatte Maltravers als ehrgeizig gekannt; bei ihm aber galt Ehrgeiz und Eigennutz als daſſelbe. So ge⸗ ſchah es, daß Vargrave gerade wegen der Schlauheit ſeines Charakters, er, der bei den Leuten der großen Welt ein ſcharfer und beinahe untrüglicher Beobachter war, bei Naiuren mit höherem Gefühl durch zu große Pfiffigkeit das Ziel verfehlte. Außerdem würden Ca⸗ rolinens Mittheilungen, wenn ihm ein Verdacht über Maltraners in den Kopf gekommen wäre, denſe verſcheucht hahen. Noch ſonderharer war die 2 der Caroliné; auch würde d ſein, wäre ſie nicht von Dulwer, Alige. II. e zw en. Blindheit ieſe nicht ſo blind geweſen ihren eigenen Entwürfen aus⸗ ſchließlich in Anſpruch genommen worden. All ihr ge⸗ wöhnlicher Scharffinn war ſeit Kurzem auf ihre eigenen Angelegenheiten gerichtet, und ein verdrießliches Ge⸗ fühl, welches zur Hälfte aus gewiſſenhaftem Wider⸗ ſtreben, Vargrave's Plane zu fördern, zur Hälfte aus eiferſüchtiger Reizbarkeit bei dem Gedanken, Vargrave würde eine Andere heirathen, entſprang, hatte verhin⸗ dert, daß ſie eine ſehr freundſchaftliche oder vertrante Mittheilung mit Eveline ſuchte. Die gefürchtete Unterredung war vorüber; Eveline treunte ſich von Vargrave gerade mit dem Gefühl, das er zu erwecken berechnet hatte; im Augenblick, wo er aufhörte ihr Liebhaber zu ſein, begann aufs Neue die Anhänglichkeit ihrer Kindheit. Sie bemitleidete ſeine Niedergeſchlagenheit; ſie achtete ſeine Großmuth; ſie empfand tiefes Dankgefühl wegen ſeiner Schonung; aber ſie war frei und ihr Herz klopfte bei dem Gedanken vor Freude. Mittlerweile begab ſich Vargrave nach dieſem feier⸗ lichen Abſchied von Eveline auf ſein Zimmer, wo er blieb, bis die Poſtpferde anlangten; alsdann begab er ſich ins Beſuchzimmer und war froh, daß er dort weder Aubrey noch Eveline antraf. Er wußte, daß viele Ziererei bei Herrn und Frau Merton weggeworfen wäre; ſomit dankte er ihnen mit ernſter und kurzer Herzlichkeit für ihre Gaſtfreundſchaſt und wandte ſich an Caroline, welche am Fenſter ſeit⸗ wärts ſtand. „Alles iſt mit mir vorbei,“ flüſterte er ihr zu „Caroline, ich verlaſſe Sie, indem ich Vermögen, Ranz der Hand die ſeinige herzig, la grave denn hatte. Si vielleicht d Caroline 2 jener gleich fühlte und blicken und überzengt! 35 All ihr ge⸗ und Glück bei Ihnen vorausſehe. Das iſt einiger Troſt. ihre eigenen Was mich ſelbſt betrifft, ſo ſehe ich in der Zukunft nur eßliches Ge⸗ Beſchwerden, Verlegenheit und Armuth; ich verzweifle Ftem Wider⸗ aber an nichts. Später können Sie mir vielleicht dienen, r Hälfte aus wie ich jetzt Ihnen diente. Adien!— Frau Merton, n, Vargrave ich habe Caroline gerathen, Doltimore nicht zu ver⸗ hatte verhin⸗ ziehen; er iſt ſchon eingebildet genug. Guten Tag. Gott der vertrante ſegne Sie Alle! Küſſen Sie Ihre kleinen Mädchen; wenn ich Ihnen dienen kann, Merton, laſſen Sie es mich ber; Eveline wiſſen. Guten Tag!“ So ſchwatzte Vargrave, bis er Gefühl, das in dem Wagen ſaß. Als er beim Fenſter des Beſuch⸗ nblick, wo er zimmers vorüberfuhr, ſah er dort Caroline ſo bewegungs⸗ aufs Neue die los ſtehen, wie er ſie verlaſſen hatte; er warf ihr mit itleidete ſeine der Hand einen Kuß zu; ihre Augen waren traurig auf roßmuth; ſie die ſeinigen geheftet. Obgleich Caroline Merton hart⸗ chonung; aber herzig, launiſch und eigennützig war, ſo verdiente Var⸗ Gedanken vor grave dennoch nicht die Neigung, die er ihr eingeflößt hatte. Sie konnte fühlen, er war dazu nicht fähig— hdieſem feier⸗ vielleicht der Unterſchied der Geſchlechter. Dort ſtand mmer, wo er Caroline Merton und erinnerte ſich der letzten Töne dann begab er jener gleichgültigen Stimme, bis ſie ihre Hand ergriffen er dort weder fühlte und ſich umwandte, um Lord Doltimore zu er⸗ blicken und den glücklichen Liebhaber anzulächeln, welcher arrn und Frau überzengt war, daß man ihn anbete. er ihnen mit nſtfreundſchaft Fenſter ſeit⸗ tte er ihr zun armögen, Rang Sechstes Buch. Dir bring' ich Feuer, deines ſchaut ich nicht. Eurip. Androm. 256. Erſtes Kapitel. Er knirſchte mit den Zähnen Am höchſten Grimm, vergeblich Rache drohend. Spencer. „Paris iſt ein entzückender Ort— das geſtehen Alle ein; er iſt entzuͤckend für die Jungen, die Heiteren, die Müßiggänger, die literariſchen Löwen, die geliebkost wer⸗ den wollen, für den weiſen Epikuräer, der ſich einem meht zu rechtfertigenden Genuß überläßt. Er iſt entzückend für Damen, welche behaglich leben und ſchoͤne Hüte kaufen wol⸗ en; er iſt entzuͤckend für Menſchenfreunde, welche Entwürſt über Koloniſation des Mondes zu vernehmen wünſchen er iſt entzückend für Herumſtreicher auf Bällen, Balletten, kleinen Theatern und prächtigen Kaffeehäuſern, wo Männt mit Bärten von aller Groſte auf Engländer ſcheel blicke und ihre Geiſtesgaben in das bezaubernde Dominoſpit vertiefen. Für dieſe und viele Andere iſt Paris entzückendt ich habe nichts dagegen; was gher mich hetrifft, ſo moͤcht ſen, als 9 von Holz ber erheiſt wärmen; ſen uber ckung und nicht den? durch die und das G tionen ohn lungen di tutionen,” Kugelung entziehen. ſiasmus fi ſcheußliche verfluchen? zeigt, das „Tanz Franzoſen ſie ausgeze braucht nie ich nicht. ndrom. 256. ch Rache drohend. Spencer. s geſtehen Alle (Heiteren, die geliebkost wer⸗ ſich einem meht entzückend füt üte kaufen wol⸗ pelche Entwuͤrft men wünſchen llen, Balletten, rn, wo Männa r ſcheel blicke e Dominoſpiel aris entzückend rifft, ſo moͤcht 37 ich zu London lieber in einer Dachſtube als in einem Palaſt der Chaussée d'Antin wohnen. Chacun à son mau- vais gout.“ „Ich liebe nicht die Straßen, worin man in der Goſſe ſpazieren muß; ich liebe nicht bie Läͤden, die nichts enthal⸗ als was an den Fenſtern ſteht; ich liebe nicht die Häuſer, welche Gefängniſſen gleichen und auf den Hof ausgehen; ich liebe nicht die beaux jardins, wo keine Pflanzen wach⸗ ſen, als Liebesgötter von Gyps; ich liebe nicht die Feuer von Holz, welche eben ſo viel petits soins als die Wei⸗ ber erheiſchen und keinen Körpertheil als das Augenlid wärmen; ich liebe nicht die Sprache mit den ſtarken Phra⸗ ſen über Nichts, welche wie ein Pendel zwiſchen Entzü⸗ ckung und Verzweiflung hin und her ſchweben; ich liebe nicht den Aecent, den man nicht bekommen kann, ohne durch die Naſe zu ſprechen; ich liebe nicht den ewigen Lärm und das Geſchwätz über Bücher ohne Natur und Revolu⸗ tionen ohne Nutzen; ich hege keine Spmpathie mit Erzäh⸗ lungen die einen todten Eſel betreffen, noch mit Conſti⸗ tutionen, welche den Repräſentanten die Abſtimmung durch Kugelung geben und allgemeines Stimmrecht dem Volk entziehen. Auch habe ich nicht viel Glauben an den Enthu⸗ ſiasmus für die beaux arts, welcher ſeine Produkte in ſcheußlicher Muſik, verabſcheuungswürdigen Gemälden, verſluchenswerther Skulptur und jenem brolligen Dinge zeigt, das die Franzoſen wie ich glaube, Poeſte nennen.“ „Tanzen und Kochen, das ſind die Künſte, worin die Franzoſen ſich auszeichnen; ich geſtehe dies ein, darin ſind ſie ausgezeichnet. Aber o, England! o Deutſchland! ihr braucht nicht eiferſüchtig auf eure Nebenbuhlerin zu ſein.“ Dies ſind nicht die Bemerkungen des Verfaſſers; er weist ſie von ſich zurück. Es waren die Bemerkungen Herrn Clevelands. Er war ein Mann, voll von Vor⸗ urtheilen; Maltravers war freiſinniger, er machte aber auch keine Anſprüche, ein Witzling zu ſein. Maltravers war jetzt mehre Wochen in der Stadt der Städte geweſen und bewohnte allein ſeine Zimmer in der düſtern, aber intereſſanten Vorſtadt St. Ger⸗ main. Cleveland, nachdem er acht Tage eine Auktion beſucht und außerdem alle Läden mit Curiofitäten ge⸗ pländert, Bronzen und Schränke und genueſiſche Sei⸗ denzeuge und objets de vertu in ſolcher Maſſe einge⸗ ſchifft hatte, daß er damit das halbe Font⸗Hill hätte möbliren können, war mit ſeiner Sendung fertig und kehrte auf ſeine Villa zurück. Bevor der alte Herr ab⸗ reiste, ſchmeichelte er ſich mit dem Gedanken, daß der Wechſel der Luft und der Seenen ſeinem Freunde ſchon von Nutzen geweſen ſeien, und daß die Zeit eine voll⸗ kommene Heilung der gewöhnlichſten aller Krankheiten, einer unerwiderten Leidenſchaft oder eines ſchlecht ange⸗ brachten Eigenſinns bewirken würde. Maltravers, ſeine Regung ſowohl zu beſtegen, wie zu verbergen gewohnt, ſtrebte jetzt ernſtlich, das Bild zu verdrängen, welches Beſitz von ſeinem Herzen ge⸗ nommen hatte. Eitel auf ſeine Selbſtbeherrſchung und ſeine Lieblingstugend, die Tapferkeit, ſeine betrügliche Philoſophie von der goldenen Mittelſtraße verehrend, wollte er nicht ſchwach der Leidenſchaft nachgeben, da er finſter vor ihrem Gegenſtand geflohen war. Aber dennoch verfolgte ihn das Bild der Eveline; es erſchien ihm; es wie im G Lächeln, n ſeiner See Blüte rein Genius, b geboren iß fühls und bildet, was Gattin ver die ausgeze weniger da Kampfe m ſchien in ti ſeines Herz zurückgelaff Maltra nen, deren Valerie rungen an knüpft! G war, ſonde Phantaſie Bild ſtets ten. Es w finſtern Gre keiner ſtets rung an Vo Gefühl berr waren. Bel ſſers; er kerkungen von Vor⸗ ſchte aber eer Stadt Zimmer St. Ger⸗ 2 Auktion täten ge⸗ iſche Sei⸗ ſſe einge⸗ Bill hätte ertig und ſankheiten, lecht ange⸗ egen, wie das Bild 39 ihm; es kam unerwartet über ihn, in der Einſamkeit, wie im Gedränge. Das ſo heitere und doch ſo ſaufte Lächeln, welches ſteis Gewalt beſaß, den Schatten von ſeiner Seele zu bannen; die jugendliche und üppige Blüte reiner und beredter Gedanken— die Blüte des Genius, bevor deſſen Frucht, die ſüße wie die bittere, geboren iſt— jene ſeltene Vereinigung ſchnellen Ge⸗ fühls und heiterer Stimmung, welche das Ideal deſſen bildet, was wir in der Geliebten erträumen und von der Gattin verlangen— Alles dies, ſogar noch mehr als die ausgezeichnete Geſtalt und die zarte Grazie der noch weniger dauerhaften Schönheit, kehrte ihm nach jedem Kampfe mit ſich ſelbſt ſtets wieder zurück. Die Zeit ſchien in tieferen, wenn auch mehr verborgenen Falten ſeines Herzens einen nicht zu entwurzelnden Eindruck zurückgelaſſen zu haben. Maltravers erneute ſeine Bekanntſchaft mit Perſo⸗ nen, deren ſich der Leſer wohl noch erinnert. Valerie von St. Ventadour— wie viele Erinne⸗ rungen an ſchöne Tage waren mit dieſem Namen ver⸗ knüpft! Gerade weil ſie nie bis zu ſeiner Liebe gereift war, ſondern weill ſie nur ſeine Phantaſte erweckte(die Phantaſie im zweiundzwanzigſten Jahre!), hatte ihr Bild ſtets eine liebliche und angenehme Färbung behal⸗ ten. Es war mit keinem tiefen Kummer, mit keinem finſtern Gram, mit keinem düſtern Selbſtvorwurf, mit keiner ſtets quälenden Scham verbunden. Die Erinne⸗ rung an Valerie befand ſich unter denjenigen, die mit Gefühl berührt und nicht durch Leidenſchaft verwelkt waten, Beibe trafen ſich wieder. Frau von Ventadour war noch ſchön und bewundert— vielleicht noch mehr be⸗ wundert wie jemals, denn die vornehme Welt, die Mode rühmtheit erſchafft eine zweite und noch mehr Jugend. Maltravers, wenn er ſich freute, daß le llane Ban mäüe 8 ſehr verſchont hatte, gen eine größere Hei⸗ zeiti in den lieblichen Geſichtszügen. von St. Ventadour war ihrem Zewunderer durch die Myſterien des Lebens agen; ſie hatte die wirklichen Zwecke des ſie unterſchied zwiſchen dem Vorhandenen und dem Erträumten, dem Schatten und der Subſtanz; ſie hatte ſich Zufriedenheit für die Gegenwart erworben, und blickte mit ruhiger Hoffnung in die Zukunft. Ihr Charakter war noch ſtets fleckenlos, oder vielmehr, jedes Jahr der Verſuchung und der Prüfung hatte ihm einen höheren Glanz ertheilt. Die Liebe, welche einſt ihren Unterg aug hätte bewirken können, errettete ſie von Ge⸗ fahr, als dieſelbe uͤberwunden war. Die erſte Begegnung zwiſchen Maltravers und Valerie zeigte allerdings Ver⸗ legenheit und Zurückhaltung, nicht aber die zweite. Nur einmal und nur leſchthin berührten ſie die Ver⸗ gangenheit. Von dem Augenblick an entſtand eine wahre Freundſchaft; nihnen, gleichſam durch eine ſchwei⸗ gende Üübereinkunft. Keines von Beiden fühlte Schmerz, daß die Täuſchung verſchwunden war; ſie waren nicht mehr für einander dieſelben. Beide konnten ſich veredelt haben, und ſo war es; die Valerie und der Ernſt von Neapel waren verſtorbene und verſchwundene Perſonen. Vieileicht war das Herz der Valerie ſogar über die Hei⸗ lung ſein Ernenern Der gere Enthuſia⸗ hatte, m Außeren tiſchen K der wirklit gen noch Abentener in golden er als Ar war! Sie nen Beſtre den Eifer ihre Liebe dem Ufer mern von welcher je und ſogar ein Mann Jugend), ſ ohne Gefah ihr, wie es wicklung, veränderlie Seite ſte k roth auf de Wie ruft di traß zwiſch hmehr be⸗ die Mode noch mehr reute, daß out hatte, ößere Hei⸗ ſichtszügen. war ihrem des Lebens Zwecke des prhandenen Subſtanz; erworben, zunft. Ihr nehr, jedes eihm einen einſt ihren e von Ge⸗ Begegnung dings Ver⸗ bie zweite. ſie die Ver⸗ eine wahre ſeine ſchwei⸗ te Schmerz, aren nicht ſich veredelt Ernſt von ſe Perſonen. ber die Hei⸗ 41 lung ſeiner ſanften und üppigen Krankheit durch die Erneuerung ihrer Bekanntſchaft noch mehr getröſtet. Der gereifte und erfahrene Denker, in welchem der Enthuſtasmus ſeinen gewöhnlichen Wechſel erfahren hatte, mit der ruhigen Stirn und dem befehlenden Außeren nüchterner Mannheit, war ein vom roman⸗ tiſchen Knaben durchaus geſchiedenes Weſen, welcher der wirklichen Welt eioilifirter Mühen und Vergnügun⸗ gen noch gänzlich neu, mit dem friſchen Eindruck der Abentener des Oſtens von den Reiſen heimkehrte und in goldenen Träumen der Dichtkunſt ſchwelgte, bevor er als Autor oder öffentlich als handelnd aufgetreten war! Sie vermißte die glänzenden Irrthümer, die küh⸗ nen Beſtrebungen, ſogar die lebhaften Bewegungen und den Eifer der Beredſamkeit, welche ihr Intereſſe und ihre Liebe bei dem jungen Mann erregten, der an dem Ufer Bajä's, oder unter den grabähnlichen Kam⸗ mern von Pompeji umherſchweifte. Der Maltravers, welcher jetzt vor ihr ſtand, war weiſer, edler, beſſer, und ſogar ſchöner wie früher(Maltravers war nämlich ein Mann, dem die Mannheit beſſer ziemte wie die Jugend), ſo daß die Franzöſtn zu jeder Zeit Freundſchaft ohne Gefahr für ihn hätte empfinden können. Dies ſchien ihr, wie es auch wirklich der Fall war, die natuͤrliche Ent⸗ wicklung, jedoch gerade ein Contraßt zu dem glühenden, veränderlichen, phantaflereichen Jünglinge, an deſſen Seite ſie beim Mondlicht auf die Flut und im Abend⸗ roth auf den Himmel des ſanften Neapels geblickt hatte! Wie ruft die Zeit nach langer Abweſenheit uns den Con⸗ traft zwiſchen Demjenigen hervor, den wir ſehen, und Demjenigen, deſſen wir uns erinnern! Welch ein truͤb⸗ ſeliger Hohn wird unſeren eigenen eitlen Herzen geboten, wenn wir von Eindrücken träumen, die niemals wech⸗ ſeln, und von Neigungen, die niemals erkalten! Wie freute ſich Valerie jetzt, wenn Beide ſich mit der Behaglichkeit herzlicher und argloſer Freundſchaft unterhielten, daß kein Flecken der Scham auf ihrer Freundſchaft ruhte, und daß ſie nicht die Tröſtung einer Häuslichkeit ohne Liebe verwirkt hatte, die zuletzt in heitere und unentweihte Ergebung ausging— Trö⸗ ſtungen, die ſich allein im Gewiſſen und im Stolze finden. Herr von Ventadour hatte ſich nicht verändert, außer baß ſeine Naſe länger geworden war, und daß er jetzt eine gelockte Perüke anſtatt ſeines eigenen ſchlichten Haares trug. Auf die eine oder andere Weiſe— vielleicht bloß durch den Reiz der Gewohnheit— war er in Valeriens Augen liebenswürdiger geworden; die Gewohnheit hatte ihn mit ſeinen Schwächen, Mängeln und Fehlern ausge⸗ ſöhnt; im Vergleich mit Andern konnte ſie ſeine guten Eigenſchaften, ſo wie ſie waren, beſſer würdigen— ſeine Großmuth, ſeine gute Laune, ſeine Gutmüthigkeit und ſeine grenzenloſe Nachſicht gegen ſie ſelbſt. Mann und Frau haben ſo manches Intereſſe gemein, daß, wenn ſie genügende Zeit auf den holperigen Wegen des Lebent geſchüttelt ſind, das zuerſt beſchwerliche Band zuletzt angenehm wird. Valerie, deren Gefühl und Phantafie jetzt nüchtern geworden waren, konnte ferner an tau⸗ ſend Dingen Vergnügen finden, welche früher bei ihren Neizbarkeit überſehen wurden. Sie konnte Dankbar⸗ keit für alle Vortheile ihrer Stellung und ihres Reich⸗ thums erreiche ranthen We den mit zur krar ihnen w vermöge Gerecht Beſten gleich d Hütte in geborner Glück zu an eina Unabhänu der Ehe tadour ſi gedrängt hohlen L ward fie verfeiner lent und bot. Sie ihrer Zei Witz und allein in gezeichnet Verſchied nigen. D ſch ein truͤb⸗ zen geboten, emals wech⸗ lten! eide ſich mit Freundſchaft n auf ihrer föſtung einer ie zuletzt in ng— Trö⸗ ptolze finden. undert, außer Fer jetzt eine hten Haares ielleicht bloß in Valeriens ohnheit hatte ehlern ausge⸗ ſeine guten würdigen— utmüthigkeit elbſt. Mann n, daß, wenn ihres Reich⸗ 43 thums empfinden; ſie konnte die Roſen, welche ſie zu erreichen vermochte, ſich ausleſen, ohne nach den Ama⸗ ranthen des Elyfiums ſich zu ſehnen. Wenn den höhern Klaſſen mehr Verſuchung wie den mittleren geboten wird, und ihr Sinn des Genuſſes zur krankhaften Apathie leichter verzogen wird, ſo ſtehen ihnen wenigſtens, wenn ſie die Sättigung zu überleben vermögen, weit mehr Hülfsquellen zu Gebote. Viel Gerechtigkeit liegt in dem alten Spruch:„Reue iſt am Beſten in einer ſechsſpännigen Kutſche,“ ob derſelbe gleich denen mißfallen mag, die von Liebe in einer Hütte träumen. Wenn unter den Adeligen, den Hoch⸗ gebornen weniger Liebe bei der Ehe und weniger ruhiges Glück zu Hauſe ſich vorfindet, ſo find ſie auch weniger an einander gekettet, Mann und Weib beſitzen mehr Unabhängigkeit; Beſchäftigung und Troſt außerhalb der Ehe läßt ſich ſo leicht erwerben! Als Frau von Ven⸗ tadour ſich von der Frivolität der Geſellſchaft, von den gedrängten Räumen, von dem leeren Geſchwätz und dem hohlen Lächeln der bloßen Bekannten ſich zurückzog, ward ſie empfänglicher für die Vergnügungen, die ihr verfeinerter und eleganter Verſtand an Kunſt und Ta⸗ lent und an der Mittheilung die Freundſchaft ihr dar⸗ bot. Sie umringte ſich mit den gebildetſten Geiſtern ihrer Zeit und ihres Landes. Ihre Fähigkeiten, ihr Witz und ihre Anmuth im Geſpräch, ſetzte ſie nicht allein in den Stand, auf gleichem Fuße mit den aus⸗ gezeichnetſten Talenten zu verkehren, ſondern auch die Verſchiedenheiten des Talents zum Einklang zu verei⸗ nigen. Dieſelben Perſonen, wenn ſie ſich ſonſt trafen, ſchienen ihren Reiz verloren zu haben; unter Valeriens Takt athmeten Alle eine ihnen angemeſſene Atmoſphäre. Muſik, Wiſſenſchaften, Alles, was das elviliſirte Leben verſeinert und verſchönert, trug dazu bei, die inneren Hülfsquellen dieſes begabten und ſchönen Weibes zu ſteigern. So erkannte ſie, daß die Seele Erregung und Beſchäftigung ebenſowohl beſitzt wie das Herz, und daß erſtere, letzterem ungleich, den Anbau durch eine Ernte belohnt. Wir ſprechen von der Erziehung ber Armen, vergeſſen aber, wie ſehr die Reichen ihrer be⸗ dürfen! Valerie war ein lebendiges Beiſpiel der Vor⸗ theile, welche Frauen mit Kenntniß und Geiſt wie Hülfsquellen beſitzen. Dadurch hatte ſie ihre Phantaſie gereinigt; dadurch hatte ſie ihre innere Unzufriedenheit überwunden; dadurch ward ſie mit ihrem Leben und mit ihrem Looſe wieder ausgeſöhnt! Als ihr ſchweres Herz die eine Waggſchale niederſenkte, ward das Gleichge⸗ wicht durch die Seele wiederhergeſtellt. Der Zauber der Fran von Ventadour zog Maltra⸗ vers in den Kreis der Höchſten, Reinſten und Begabte⸗ ſten, welche die Pariſer Geſellſchaft darbot. Dort traf er nicht, wie in den Zeiten des ancien regime witzelnde Abbe's, die in Intriguen lebten; keine alten, verliebten Wittwen, die über Rouſſeau ſchwatzten; keine gepuderten Höflinge, die gegen Könige und Religionen Epigramme ſchlenderten— Stroh, das den nahen Wirbelwind ver⸗ kündete. Paul Courrier hatte Recht. Franzoſen ſind noch immer Franzoſen; ſle lieben die ſchönen Phraſen und ihre Gedanken riechen nach dem Theater; ſie halten die Folie für Diamanten, das Groteske für das Natür⸗ liche, da noch ſage einzigen Voltaire“ und nied auf den die Umw ſind die 3 Malt teien und den höher richtigkeit Erinnermn Elemente mochte er ordnung in ihren man dach Auch rückkehren ſchon erw rerei des Valeriens tmoſphäre. ſirte Leben die inneren Weibes zu regung und Herz, und durch eine ziehung der en ihrer be⸗ l der Vor⸗ Geiſt wie e Phantaſie ufriedenheit ben und mit weres Herz s Gleichge⸗ og Maltra⸗ ud Begabte⸗ Dort traf er ne witzelnde , verliebten gepuderten Epigramme helwind ver⸗ unzoſen ſind nen Phraſen r; ſie halten das Natür⸗ 4⁵ liche, das Übertriebene für das Erhabene— aber den⸗ noch ſage ich, Paul Courrier hatie Recht! In einem einzigen Salon findet ſich jetzt mehr Ehrlichkeit, wie zu Voltaire's Zeiten in ganz Frankreich! Hohe Intereſſen und niedrige Zwecke werden nicht mehr wie Federbälle auf den Raketen leerer Zungen umhergeſchleudert durch die Umwandlung aller Verhältniſſe in der Revolution ſind die Franzoſen auf ihre Füße gekommen. Maltravers, welcher mit Männern von allen Par⸗ teien und allen Klaſſen zuſammentraf, erſtaunte über den höheren Ton öffentlicher Moral und die ernſte Auf⸗ richtigkeit des Gefühls, im Vergleich mit ſeinen erßen Erinnerungen an die Pariſer. Er ſah, daß wahre Elemente nationaler Weisheit in Thätigkeit waren, mochte er auch bemerken, daß deren Wirkungen der Un⸗ ordnung mehr ausgeſetzt, langſamer und unregelmäßiger in ihren Reſultaten ſich zeigten. Die Franzoſen gleichen den Iſraeliten in der Wüſte, als fie nach der hebräiſchen Tradition jeden Morgen an dem Rande von Pisgah zu ſein ſchienen, und an jedem Abend mehr wie jemals davonentfernt waren. Indeß die Eceigniſſe rollen fort, die Wanderung naht ſich dem Schluß und ein Canaan muß zuletzt erreicht werden. In Valeriens Haus begegnete Maltravers den de Montaigne's. Die Begegnung war peinlich, denn man dachte an Ceſarini. Auch iſt es Zeit, daß wir zu dem Unglücklichen zu⸗ rückkehren. Cäſarini oder vielmehr Ceſarint(ich glaube ſchon erwähnt zu haben, wie eine charakteriſtiſche Zie⸗ verei des Dichters ſchon früh darin beſtand, daß er die 15 6 3 46 lateiniſche Schreibweiſe für einen aus dem Lateiniſchen abgeleiteten Namen ſeiner Mutterſprache zum Trotz annahm) war aus England entfernt worden, als Mal⸗ travers ſein Vaterland nach dem Tohe der Florenee verließ. Maltravers hatte es für zweckmäßig gehalten, de Montaigne mit allen Umſtänden bekannt zu machen, wodurch der unglückliche Zuſtand herbeigeführt worden war; der Stolz und die Ehre des hochgeſinnten Fran⸗ zoſen ward durch die Erzählung des Betrugs und der Schuld, ſo gemildert derſelbe auch ſein mochte, tief ver⸗ letzt; allein der Anblick des Schuldigen, ſeine furchtbare Strafe ließ jedes andere Gefühl im Mitleid erlöſchen. Zuerſt hegte man bedeutende Hoffnung über Ceſarini's Wiedergeneſung, welcher der Sorgfalt der geſchickteſten Ärzte von Paris übergeben wurde. Auch ſchien er bald gänzlich wiederhergeſtellt, ſoweit die Kur äußere und oberflächliche Zeichen der Geiſtesgeſundheit zu zeigen vermochte. Er zeigte vollkommenes Bewußtſein hinſicht⸗ lich der Guͤte ſeiner Verwandten und deutliche Erinne⸗ rung der Vergangenheit; allein auf das unzuſammen⸗ hängende Raſen des Wahnfinns folgte eine düſtere noch mehr beklagenswerthe Melancholie. In dieſem Zuſtande ward er wieder der Hausgenoſſe ſeines Schwagers; obgleich er noch immer alle Geſellſchaft mit Ausnahme der von Tereſa, vermied, deren liebevolle Natur nie an Sorgfalt ermüdete, nahm er manche ſeiner früheren Beſchäftigungen wieder auf. Wiederum ſchien er an flüchtigen und nutzloſen Studien Gefallen zu ſinden, wiederum überließ er ſich der Schwelgerei einſam leben⸗ der Menſchen,„der dankloſen Muſe“. Seiner Schweſter war es gel ſich einigen indem fle düſtern Urſ von den ſüß mehr wie v jedoch flel voll vom Lo den Pair lo des Unterh⸗ Dieſer brachte auf ren Urſach konnten. T Selbſtmord die heftigſte kehrte mit es war not bewachen 3 er wieder b äußerte; in war jener vers einma brachte er in Verbind Lateiniſchen zum Trotz n, als Mal⸗ der Florenee zig gehalten, t zu machen, ührt worden nnten Fran⸗ ugs und der te, tief ver⸗ ne furchtbare d erlöſchen. er Ceſarini's geſchickteſten hien er bald äußere und it zu zeigen ſein hinſicht⸗ iche Erinne⸗ nzuſammen⸗ düſtere noch em Zuſtande Schwagers; t Ausnahme tatur nie an er früheren ſchien er an zu finden, inſam leben⸗ er Schweſter 47 war es gelungen, die düſtere Stunde zu verſüßen und ſich einigen Einſluß auf den Unglücklichen zu verſchaffen, indem fle jeden Gegenſtand vermied, welcher mit der büſtern Urſache ſeines Unglücks in Verbindung ſtand und von den ſüßen Erinnerungen Italiens, ſowie der Kindheit mehr wie von neueren Erinnerungen ſprach. Eines Tages jedoch fiel eine engliſche Zeitung in ſeine Hand, welche voll vom Lobe des Lord Vargrave war; der Artikel, welcher den Pair lobte, verwies auf deſſen Dienſte als Mitglied des Unterhauſes unter dem Namen Lumley Ferrers. Dieſer Vorfall, ſo unbedentend er auch ſchien, brachte auf Cäſarini eine ſichtbare Wirkung hervor, de⸗ ren Urſache ſeine Verwandten unmöglich erforſchen konnten. Drei Tage ſpäter machte er einen Verſuch zum Selbſtmord. Auf das Mißlingen des Verſuchs folgten die heftigſten Anfälle des Wahnſtnns. Seine Krankheit kehrte mit aller furchtbaren Heftigkeit wieder zurück und es war nothwendig, ihn in einer Irrenanſtalt noch mehr bewachen zu laſſen wie zuvor. Nach einem Jahre ſchien er wieder beſſer zu werden und man brachte ihn wieder in de Montaigne's Haus. Seine Verwandten kannten nicht den Einfluß, den Lord Vargrave's Name auf Cäſarini äußerte; in des Maltravers ſchwermüthigem Berichte war jener Name nicht erwähnt worden. Hatte Maltra⸗ vers einmal unbeſtimmten Verdacht gehegt, daß Lum⸗ ley eine verrätheriſche Rolle in Bezug auf Florence ge⸗ ſpielt habe, ſo war dieſer Verdacht, weil keine Beſtä⸗ tigung ſich ergab, ſchon lange verſchwunden; deßhalb brachte er Lord Vargrave mit Cäſarini's Unglück nicht in Verbindung, und die Montaigne's eben ſo wenig wie Maltravers, Als deßhalb de Montaigne einmal beim Mittageſſen auf eine Frage frember Politik anſpielte, die gerade in der Kammer debattirt worden wer, und wobei er ſelbſt geſprochen hatte, berief er ſich zufällig auf eine Rede Vargrave's, welche ſowohl im Auslande wie in England Eindruck gemacht hatte. Tereſa fragte, ohne Böſes zu ahnen, wer Lord Vargrave ſei; de Mon⸗ taigne, mit den Biographien der haupiſächlichſten eng⸗ liſchen Staatsmänner wohl bekannt, erwiderte, er habe ſeine Laufbahn als Herr Ferrers begonnen und erinnerte Tereſa daran, daß ſie ihm einſt in Paris vorgeſtellt worden wären. Cäſarini ſtand plötzlich auf und verließ das Zimmer; ſeine Abweſenheit ward nicht bemerkt, denn ſein Kommen und Gehen war immer ſonderbar und plötzlich. Tereſa verließ bald darauf das Zimmen mit ihren Kindern und de Montaigne, der durch ſeine Anſtrengung und die Aufregung des Morgens etwas er⸗ mädet war, ſtreckte ſich in ſeinen Lehnſtuhl, um eine kurze Sieſta zu halten. Er erwachte plötzlich mit einem Gefühle der Pein und Erſtickung; er erwachte noch hei Zeiten, um gegen einen feſten Griff an ſeiner Kehle zu ringen. Das Zimmer war durch die beginnenden Schat⸗ ten des Abends verdunkelt; Denjenigen, welcher ihn an⸗ gegriffen hatte, konnte er kaum am Funkeln her auf ihn gehefteten wilden Augen erkennen. Zuletzt gelang es ihm jedoch, ſich los zu machen und den Unbekannten, welcher Meuchelmord beabſichtigte, auf den Boden zu werfen. Er rief um Hülfe. Diener ſturzten mit Lichtern ins Zimmer und de Montaigne erkannte das Antlitz ſeinet eigenen Schwagers! Cäſarini, ohgleich in heftigen Zuckungen Rache aus räther und Seele hatt gehalten, Todten hin ſinn zu ver Jetzt n Tod und 6. ſich nicht a deln. Er r Aufſeher w rühmt ware bracht, un Zwiſchenräͤ längerer D Wahnfinn man ihn oh und ſtärkſte oder allein heit ward leinmal beim tik anſpielte, n wer, und ſich zufällig im Auslande nd erinnerte s vorgeſtellt und verließ cht bemerkt, er ſonderbar das Zimmer r durch ſeine us etwas er⸗ ihl, um eine ch mit einem chte noch hei ner Kehle zu enden Schat⸗ Alcher ihn an⸗ der auf ihn gelang es ihm aten, welcher en zu werfen. Lichtern ins Antlitz ſeinet in heftigen 49 Zuckungen, ſtieß Geſchrei und Verwünſchungen der Nache aus; er ſchmähte de Montaigne als einen Ver⸗ räther und Mörder! In der düſteren Verwirrung ſeiner Seele hatte er den Vormund für den entfernten Feind gehalten, deſſen Name genügte, um die Geſpenſter der Todten hinaufzubeſchwören und die Vernunft in Wahn⸗ ſinn zu verſenken. Jetzt war es offenbar, in Cäſarini's Krankheit liege Tod und Gefahr; Arzte erklärten, ſein Wahnfinn laſſe ſich nicht auf beſtimmte und fortgeſetzte Weiſe behan⸗ deln. Er ward in ein neu errichtetes Irrenhaus, deſſen Aufſeher wegen Menſchlichkeit und Geſchicklichkeit be⸗ rühmt waren, in einiger Entfernung von Verſailles ge⸗ bracht, und wurde dort jetzt verwahrt. Seine lichten Zwiſchenräume waren ſeit Kurzem häufiger und von längerer Dauer geworden; indeß Kleinigkeiten, die aus ſeiner eigenen Seele entſprangen, und melche keine Sorgfalt verhindern oder entdecken konnte, genügten, um ſein Unglück in aller Heftigkeit zu erneuen. Alsdann erheiſchte er eine unaufhörliche Wachſamkeit, denn ſein Wahnfinn nahm einen ſehr wilden Charakter an; hatte man ihn ohne Feſſeln gelaſſen, ſo mußten die kühnſten und ſtärkſten ſeiner Wächter ſich ſcheuen, unbewaffnet oder allein in ſeine Zelle zu treten. Seine Seelenkrank⸗ heit ward noch durch den Umſtand beſtätigt, daß der Körper an Geſundheit und Kraft zuzunehmen ſchien. Dies iſt kein ungewöhnlicher Fall beim Wahnfinn und gewöhnlich deſſen ſchlimmſtes Symptom. In früherer Jugend war Cäſarini zart und beinahe weiblich gebaut; ſeine Körperverhältniſſe nahmen jetzt an Umfang zu; Bulwer, Alice. II. 4 ſeine Geſtalt, vbgleich noch ſchlank, ward muskulös und kräftig, gleichſam als ob ſein thieriſcher Theil in der Erſtarrung, welche auf die Ausbrüche des Wahnſinns folgte, durch die Ruhe und Verſtörung des geiſtigen gewinne. In ſeinen beſſeren und ruhigeren Stunden, worin nur der Erfahrene ſeine Krankheit entdecken konnte, bildeten Bücher ſein hauptſächliches Vergnügen. Als⸗ dann aber beklagte er ſich bitter, wenn auch kurz, über ſeine Einſchließung und über die Ungerechtigkeit, die er erleide; wann er, alle Gefährten vermeidend, finſter in dem Park umherging, welcher das Haus des Elends umringte, ſo ſahen ſeine, von ihm nicht erblickten Wäch⸗ ter, wie er gegen einen geſpenſtiſchen Feind die Fauſt ballte, oder ſie vernahmen, wie er ein Phantom ſeines Gehirns der von ihm erlittenen Qualen anklagte. Ob⸗ gleich der Leſer in Lumley Ferrers die Urſache ſeines Wahnſinns und den Gegenſtand ſeiner Verwünſchungen entdecken kann, war dies weder bei den de Montaigne’s, noch bei den Arzten und Wächtern des Kranken der Fall; in ſeinem Wahnſinn nannte er ſelten oder nie⸗ mals die Schatten, die er anrief, nicht einmal den Na⸗ men der Florence. Es iſt auch keine ungewöhnliche cha⸗ rakteriſtiſche Eigenſchaft des Wahnſinns, daß der Kranke durch eine Art Liſt alle Erwähnung der Namen von Denjenigen vermeidet, durch welche die Tollheit erregt wurde. Es ſcheint, als ob die Unglücklichen ſich einbil⸗ den, ihr Wahnſinn werde nicht entdeckt werden, wenn die damit verbundenen Bilder nicht verrathen wurden. Von ſolcher Art war damals der unglückliche Zuſtand des Mannes, deſſen Talente einſt eine ſchöne und ehren⸗ volle Lauft Kindheit a ungeſunde überſtröme gleich er ſ Unglück in berührte, d von Verbre muth und dennoch R Frieden ve „Ich ſt ſein männ! bliebenen Bruder, yr Dieſer Kun ſucht, kehr Gedanken! Wie düſter wenn Verr ben iſt! U der— fur vom Gefül „Mein furchtbar? ſarini's Kr Bau, ſonde lung eines ſchaften, der gen Vernac muskulös und Theil in der Wahnſinnz des geiſtigen en Stunden, decken konnte, ügen. Als⸗ hh kurz, über gkeit, die er (dend, finſter s des Elends antom ſeines nklagte. Ob⸗ rſache ſeines wünſchungen Montaigne's, Kranken der ten oder nie⸗ mal den Na⸗ böhnliche cha⸗ aß der Kranke Namen von ollheit erregt n ſich einbil⸗ erden, wenn then wuürden. kliche Zuſtam ee und ehren⸗ volle Laufbahn verſprachen, hätte nicht ſein Geiſt von Kindheit an eine unglückliche Neigung beſeſſen, jedes ungeſunde und unheilige Gefühl als ein Zeichen des überſtrömenden Genins zu nähren. De Montaigne, ob⸗ gleich er ſo leicht wie möglich dieſes düſtere häusliche Unglück in ſeinen erſten Mittheilungen an Maltravers berührte, deſſen Verfahren in jener traurigen Geſchichte von Verbrechen und Schmerz den Stempel der Groß⸗ muth und des Gefühles, wie er einſah, trug, verrieth dennoch Regungen, welche offenbarten, wie ſehr ſein Frieden verbittert war. „Ich ſuche Tereſa zu tröſten,“ ſagte er, indem er ſein männliches Haupt wegwandte,„und die ihr ver⸗ bliebenen Segnungen zu zeigen; allein dieſer ſo geliebte Bruder, von welchem ſo viel vergebens erwartet wurde! Dieſer Kummer, obgleich ſie ihn vor mir zu verbergen ſucht, kehrt ihr ſtets wieder und vergiftet ihr jeden Gedanken! Tauſendmal beſſer, wäre er geſtorben! Wie düſter und teufliſch iſt das zurückbleibende Leben, wenn Vernunft, Verſtand und beinah die Seele geſtor⸗ ben iſt! Und läge es im Blute— wenn Tereſa's Kin⸗ der— furchtbarer Gedanke!“ De Montaigne ſchwieg, vom Gefühl übermannt. „Mein theurer Freund,“ übertreiben Sie nicht ſo furchtbar Ihr Unglück, ſo groß es auch ſein mag. Cä⸗ ſarini's Krankheit entſtand offenbar nicht aus phyſiſchem Bau, ſondern dieſelbe war nur die Kriſe, die Entwick⸗ lung eines lang vorhandenen Seelenleidens der Leiden⸗ ſchaften, dem er ſich krankhaft hingab, ſo wie der hartnäcki⸗ gen Vernachläſſigung des Denkvermögens. Und dennoch iſt er vielleicht wieder herzuſtellen. Je weiter die Erin⸗ nerung des erlittenen Stoßes entfernt liegt, deſto größer iſt auch die Wahrſcheinlichkeit, daß ſeine Seele Geſund⸗ heit wieder erlangt.“ De Montagne drückte die Hand ſeines Freundes. „Sonderbar, daß von Ihnen Sympathie und Troſt kommt, von Ihnen, den er ſo verletzte! Von Ihnen, wel⸗ chen ſeine Thorheit oder ſein Verbrechen aus der ſtolzen Laufbahn und aus dem Vaterland trieb! Allein die Vorſehung wird ſicherlich noch das Böſe dieſes irrenden Geſchöpfes ausgleichen, und ich werde Sie noch der Hoffaung und der Heimath wiedergegeben, als ein glück⸗ licher Gatte und als geehrter Bürger ſchauen; bis da⸗ hin hege ich die Empfindung, als ruhe der Fluch auf meinem Stamm.“ „Reden Sie nicht ſo, was auch mein Geſchick ſein mag, ſo habe ich mich von jener Wunde erholt. Dem⸗ noch finde ich, daß im Leben ein Leiden auf das Andere, Tänuſchung auf Täuſchung, gleichſam wie Woge auf Woge folgt. Unſere einzige Philoſophie iſt das Dulden, der Glauben, daß wir in einem glänzenderen Planeten einſt wiederum leben werden, iſt die einzige Hoffnung⸗ welche unſere Vernunft von unſern Wünſchen anneh⸗ men ſollte.“ Maltr⸗ Seelenſtär mäß, gege Lebens anz aus dem n durch die 2 daß ſeine E Mancher Zerſtreuun zwungene der beobac mers, zu; ſich jedoch nungen de nehmen od glücklichere Nahrung 2 haben würt Der 3 beinah in nirgends a demjenigen ſchen Civit ter die Erin⸗ „deſto größer eele Geſund⸗ s Freundes. hie und Troſt n Ihnen, wel⸗ us der ſtolzen ! Allein die als ein glück⸗ auen; bis da⸗ der Fluch auf Geſchick ſein erholt. Den⸗ sf das Andere, vie Woge auf ſt das Dulden, eren Planeten ige Hoffnung, nſchen anneh⸗ 5³ Zweites Kapitel. Mir zeigte ſich Vorbedeutung, Zum Hauſe kam ein fremder ſchwarzer Hund, Auch eine Schlange fiel vom Dach herab, Die Henne krähte. Terenz. Maltravers fuhr fort mit ſeiner charakteriſtiſchen Seelenſtärke und ſeinen angenommenen Theorien ge⸗ mäß, gegen die letzte und ſtärkſte Leidenſchaft ſeines Lebens anzukämpfen. Aus der Bläſſe ſeiner Stirn und aus dem namenloſen Ausdruck der Leiden, welcher ſich durch die Züge um den Mund verräth, erkannte man, daß ſeine Geſundheit durch den Kampf im Innern litt. Mancher plötzliche Anfall der Geiſtesabweſenheit und Zerſtreuung, mancher traurige Seufzer, worauf er⸗ zwungene und unnatürliche Heiterkeit folgte, erklärten der beobachtenden Valerie, er ſei die Beute eines Kum⸗ mers, zu deſſen Enthüllung er zu ſtolz ſei. Er zwang ſich jedoch ein Intereſſe an den ſonderbaren Erſchei⸗ nungen des ihn umringenden ſocialen Zuſtandes zu nehmen oder zu affektiren, Erſcheinungen, welche bei glücklicherer ober heiterer Stimmung keine gewöhnliche Nahrung Vermuthung oder der dem Nachſinnen geboten haben würden. Der Zuſtand des ſichtbaren übergangs findet ſich beinah in allen erleuchteten Geſellſchaften Enropa's; nirgends aber iſt er ſo ſcharf ausgeſprochen, wie in vemjenigen Lande, welches ſich das Herz der europäi⸗ ſchen Civiliſation nennen läßt. Dort erſcheint Alles, woran der Geiſt der Geſellſchaft ſich hält, als zerbro⸗ chen, unbeſtimmt und halb entwickelt; das Alte liegt in Trümmern, das Neue iſt noch nicht gebildet. Frank⸗ reich iſt vielleicht das einzige Land, worin der erbauende Grundſatz mit dem zerſtörenden keinen Schritt gehalten hat. Die Vergangenheit iſt erloſchen; die Zukunft iſt der Schatten eines fernen Landes in einer großen und ſturm⸗ bewegten See. Maltravers, welcher mehre Jahre die Fortſchritte moderner Literatur nicht unterſucht hatte, blickte mit einem gemiſchten Gefühl der Üüberraſchung des Wider⸗ willens und gelegentlicher, widerſtrebender Bewunde⸗ rung auf die verſchiedenen Werke, welche die Nachfolgen Voltaire’'s und Rouſſeau's hervorgebracht haben und Sproͤßlinge der mit Wahrheit vereinigten Romantit zu nennen belieben. Mit dem Mechanismus und den Elementen der deutſchen und engliſchen Meiſterwerke, denen die Fran⸗ zoſen ſo viel entlehnten, während ſie originell zu ſein vorgaben, durchaus bekannt, fand Maltravers um ſo größeren Anſtoß an den Ungeheuern, welche jene Fran⸗ kenſteins von den Reliquien und vom Abfall der heilig⸗ ſten Graͤber geſchaffen hatten. Der Kopf eines Rieſen und die Glieder eines Zwerges, unverträgliche Korper⸗ theile untereinander geworfen— einzelne liebliche und ſchöne Partien— das Ganze eine ſcheußliche Ver⸗ drehung!“ 1 „Möglich,“ ſagte er zu de Montaigne,„daß man dieſe Werke bewundert und erhebt; wie ſich jene aber, durch das Beiſpiel Shakſpeare’s, Göthe's und ſogat tigungen die Eeſche ſelbe zu k eine Sünd aus dem: „Ein aus Schla monſtröſe ſogar in d lichen Ge tor Hugo einen Cor Und bei ſo die ſämm kann ſich wunderbo gebeſſert Europa's , als zerbro⸗ Alte liegt in lildet. Frank⸗ der erbauende hhritt gehalten Bukunft iſt der len und ſturm⸗ e Fortſchritte e, blickte mit g des Wider⸗ ger Bewunde⸗ Romantik zu klementen der nen die Fran⸗ iginell zu ſein travers um ſo he jene Fran⸗ all der heilig⸗ eines Rieſen liche Körper⸗ liebliche und eußliche Ver⸗ e,„daß man ich jene aber, s und ſogat 5⁵ Byrons rechtfertigen laſſen, welcher aͤrmliche und me⸗ lodramatiſche Gedanken mit männlicher Kraft der Aus⸗ führung durch Energie und Vollſtändigkeit des Plans wieder ausglich, wie ſie Dryden niemals übertroffen haben würde— das iſt mir unbegreiflich!“ „Ich gebe zu, daß in Allem dem eine große Mi⸗ ſchung von Bombaſt und Rauſch vorhanden iſt,“ er⸗ widerte de Montaigne; allein dies ſind bloß die vom Wind abgeſchüttelten Früchte an Bäumen, welche zur gehörigen Jahreszeit reichen Ertrag geben werden; mittlerweile iſt jede neue Schule beſſer, wie die ewige Nachahmung der alten. Was die kritiſchen Rechtfer⸗ tigungen der Werke ſelbſt betrifft, ſo iſt die Zeit, welche die Eeſcheinungen hervorbringt, niemals geeignet, die⸗ ſelbe zu klaſſificiren und zu analyfiren. Wir haben eine Sündflut gehabt; jetzt entſpringen neue Geſchöpfe aus dem neuen Boden.“ „Ein ausgezeichnetes Gleichniß; ſie entſpringen aus Schlamm und Moder, ſchmutzig und kriechend, mit monſtröſer Bildung. Ausnahmen geſtehe ich Ihnen zu; ſogar in der neuen Schule, wie fie heißt, kann ich wirk⸗ lichen Genins bewundern— die ſchöpferiſche Kraft Vik⸗ tor Hugo's; aber wie iſt es möglich, daß eine Nation, die einen Corneille kannte, jemals einen Janin ausbrütete! Und bei ſolchen verwachſenen und faſelnden Mißgeburten, die ſämmtlich ihre Anhänger und Schmeichler haben, kann ſich Ihr Publikum noch ſagen laſſen, daß es auf wunderbare Weiſe im Vergleich mit jener Zeit ſich gebeſſert hat, als es Geſetze und Muſter der Literatur Europa's darbot; es kann ertragen,*** als ein hohes —— “ Genie in denſelben Cirkeln preiſen zu hören, die Vol⸗ taire jetzt verhöhnen. Voltaire iſt bei den Franzoſen nicht mehr in Mode, aber Rouſſeau bewahrt noch ſeinen Einfluß und hat ſeine Nachahmer. Rouſſeau war der Schlimmere der Beiden; vielleicht war er auch der gefährlichere Schrift⸗ ſteller; allein ſein Ruf iſt dauerhafter und dringt tiefer in die Herzen des Volkes; die Gefahr ſeiner unmöglich beſtehenden und lauuenhaften Lehren iſt entſchwunden. In Voltaire erblicken wir das Schickſal aller nur zer⸗ ſtörenden Schriftſteller; ihr Nutzen hört mit dem Böſen, das ſte anklagen, auf. Rouſſ eau ſuchte aber ſowohl zu hauen als zu vernichten; mochte auch nichts abgeſchmack⸗ ter wie ſein Bau ſein, ſo blickt man dennoch gerne auf ſeine täuſchenden Gebilde, auf ſeine Luftſchlöſſer, die auf dem Platze verwüſteter Städte errichtet ſind; einen Kirchhof bevölkern wir lieber mit Geiſtern, als daß wir ihn einſam laſſen. Maltravers wurde jedoch, als er alle Züge der fran⸗ zöftſchen Literatur erkannt hatte, allmählig duldſamer hinſichtlich der gegenwärtigen Mängel und hegte grö⸗ ßere Hoffaungen über die zukünftigen Reſultate. Er erkannte, daß jene Literatur in einer Hinſicht die Keime ihrer endlichen Erlöſung enthielt. Ihre allgemeine charakteriſtiſche Eigenſchaft im Gegenſatz der alten klaſ⸗ fiſchen Schule beſteht darin, daß ſie das Herz zum Ge⸗ genſtand ihrer Studien macht, daß ſie Leidenſchaft und Gefühle in Handlung ſetzt und ebenſo die Geſchichte des Inneren wie des Außeren bildet. In Allem dem begann unſer betrachtender Aanalytiker allmählig ein⸗ wicklung Mit lich Unm längere des Gent von ſelbf und unſe und Leide ausgeſuc zelnen bi wir uns nen uns erhoben moralitä chelei ſch und Kel ren, die Vol⸗ nehr in Mode, influß und hat chlimmere det ichere Schrift⸗ d dringt tiefer ner unmöglich entſchwunden. aller nur zer⸗ iit dem Böſen, ber ſowohl zu abgeſchmack⸗ noch gerne auf tſchlöſſer, die et find; einen I, als daß wir züge der fran⸗ lig duldſamer nd hegte grö⸗ keſultate. Er cht die Keime te allgemeine der alten klaſ⸗ derz zum Ge⸗ denſchaft und ie Geſchichte n Allem dem Umaͤhlig ein⸗ 57 zuſehen, daß die Franzoſen nicht ſehr Unrecht hatten, als ſie behaupteten, Shakſpeare ſei die Quelle ihrer Begeiſterung— eine Quelle, welche die Mehrheit un⸗ ſerer ſpäteren engliſchen Romandichter, und beſonders Scott vernachlaͤſſigt hat. Die Dichtung erlangt nicht ihr höͤchſtes Ziel durch eine mit intereſſanten Vorfällen durchwobene Geſchichte, durch Darſtellung der Ober⸗ fläche von Charakteren, humoriſtiſche Phraſen und all⸗ tägliche Moral. In der ſo charakterifirten franzöſtſchen Literatur liegt viel falſche Moral, verſchlechtertes Gefühl und hohler Bombaſt. Allein dennoch enthält ſie den Keim des Höheren, welcher früher oder ſpäter im Fortſchritt des nationalen Genius zu ſeiner vollkommenen Ent⸗ wicklung gelangen muß. Mittterweile liegt darin ein Troſt, daß nichts wirk⸗ lich Unmoraliſches ſtets populär bleibt und deßhalb auf längere Zeit ſchäͤdliche Wirkungen übt; was im Werke des Genius Gefährliches liegt, wird in wenigen Jahren von ſelbſt geheilt. Wir können jetzt den Werther leſen und unſere Herzen durch deſſen Darſtellung der Schwäche und Leidenſchaft belehren, unſern Geſchmack durch deſſen ausgeſuchte Einfachheit im Bau des Ganzen und Ein⸗ zelnen bilden, ohne jemals die Beſorgniß zu hegen, daß wir uns in Stulpſtiefeln erſchießen werden! Wir kön⸗ nen uns durch die edlen Gedanken in den Räubern erhoben fühlen und unſern Blick über die gänzliche Im⸗ moralität des conventionellen Geſchwätzes und der Heu⸗ chelei ſchärfen, ohne daß wir Gefahr laufen, Räuber und Kehlabſchneider aus Liebe zur Tugend zu werden. Die Vorſehung hat den Genius der Wenigen in allen Zeiten und Ländern zum Führer und Prophet der Vielen geſchaffen und die Literatur als das erhabene Werkzeug der Civiliſation, der Meinung und des Rechtes eingeſetzt; zugleich auch hat ſie die von letzterer angewandten Ele⸗ mente mit der göttlichen Macht der Selbſtreinigung begabt. Durch Ruhe und Zeit ſetzt ſich der Strom; unreine Theile verſchwinden, oder werden durch die geſunden neutraliſirt. Nur die Thoren nennen Werke eines hohen Genius immoraliſch. In der Literatur der Welt exiſtirt kein beliebtes Werk, welches unmoraliſch zwei Jahrhunderte nach ſeiner Herausgabe geweſen wäre. Das Falſche lebt nicht lang in den Herzen der Nationen, und das Wahre bleibt moraliſch bis zum Ende der Zeit. Von der Literatur Frankreichs wandte Maltravers ſeinen neugierigen und nachdenklichen Blick zum politi⸗ ſchen Zuſtande. Er ſtutzte über die Ähnlichkeit, welche die ſo eiviliſirte, ſo durchaus europäiſche Nation in einer Hinſicht zu den Deſpotieen des Orients bietet. Die Zuckungen der Hanptſtadt entſcheiden das Schickſal des Landes; Paris iſt der Tyrann Frankreichs. Er erkannte in dieſer entzündbaren Concentration der Ge⸗ walt, welche ſtets an großen Übeln fruchtbar ſein muß, eine der Urſachen, weßhalb die Revolutionen dieſes mächtigen und feinen Volkes ſo unvollſtändig und un⸗ genügend ſind, weßhalb Syſtem nach Syſtem und Re⸗ gierung nach Regierung wie Cardinal Fleury, —— ſloruit sine fructu, Defloruit sine luctu.* * Blühete ohne Frucht Verblühete ohne Trauer. Maltrav⸗ verkehrte nicht gem noch weit liſation b Kraft ſie Staaten fährliches zu ſtärken Schlagfl Centraliſ ſchwächt gierung n allen Vielen ationen, er Zeit. ltravers politi⸗ und un⸗ und Re⸗ 59 Maltravers betrachtete es als ein ſonderbares Beiſpiel verkehrter Logik, daß die Franzoſen, durch Gefahren nicht gewarnt, darauf beſtanden, dies politiſche Laſter noch weiter zu üben, daß alle ihre Politik die Centra⸗ liſation bleibt— ein Grundſatz, welcher augenblickliche Kraft ſichert, aber ſtets mit plötzlicher Vernichtung der Staaten endet. Die Centraliſation iſt wirklich ein ge⸗ fährliches toniſches Mittel, welches zwar das Syſtem zu ſtärken ſcheint, aber das Blut zu Kopf treibt und Schlagfluß oder Tollheit hervorzurufen pflegt. Durch Centraliſation werden allerdings die Provinzen ge⸗ ſchwächt; ſie werden ſo ſchwach, daß ſie weder der Re⸗ gierung widerſtehen, noch ihr helfen können— zu ſchwach, um einem Pöbel zu widerſtehen. Nun iſt kein Pöbel ſo mächtig, wie der in Paris; die politiſche Ge⸗ ſchichte von Paris, iſt die Geſchichte des Pöbels. Die Centraliſation iſt eine ausgezeichnete Quackſalberei für einen Deſpoten, welcher wünſcht, daß die Gewalt nur für ſein Leben währt und welcher kein lebendiges Intereſſe am Staate hat; für wahre Freiheit und bleibende Ord⸗ nung iſt die Centraliſation ein tödtliches Gift. Je mehr die Provinzen ihre eigenen Angelegenheiten regieren, deſto mehr finden wir Alles, ſogar Wege und Poſt⸗ pferde, dem Volke ühberlaſſen; jemehr der munieipale Geiſt jede Ader des ungeheuren Körpers durchdringt, deſto ſicherer tritt auch Reform und Wechſel durch all⸗ gemeine Meinung ein, welche langſam wirkt und vor der Zerſtörung bhaut; nicht aber durch den Schrei des Volks, welcher plötzlich eintritt und nicht allein das Gehäude niederreißt, ſondern die Ziegelſteine verkauft. 60 Eine audere Eigenthümlichkeit der franzöſiſchen Ver⸗ faffung war Maltravers widerlich auffallend. Dies von republikaniſchen Gefühlen ſo durchdrungene Volk, wel⸗ ches ſo viel für Freiheit geopfert hat— dies Volk, welches im Namen der Freiheit ſo viel Verbrechen mit Robespierre begangen und ſolchen Ruhm mit Napoleon erworben hat— dies Volk ließ ſich als Volk von aller Gewalt und Stimme im Staate ausſchließen. Von 33 Millionen Unterthauen gibt es weniger als 200,000 Wähler! Ißt jemals eine Oligarchie einer ſolchen gleich⸗ gekommen? Welche ſonderbare Thorheit, eine Ariſto⸗ kratie umzureißen, und ein Volk auszuſchließen! Welch eine Anomalie politiſcher Architektur, eine umgekehrte Pyramide zu errichten! Wo iſt das Sicherheitsventil der Regierungen, wo die natürliche Offuung für die Aufregung einer ſo entzündbaren Bevölkerung? Das Volk ſelbſt gilt als Pöbel; es hat gleichſam keinen Einſatz im Spiele des Staats, keine Thätigkeit in ſei⸗ nen Angelegenheiten, kein Intereſſe hinſichtlich der Ge⸗ ſetzgebung für ſeine Sicherheit. Andererſeits iſt es aber auch ſonderbar, wie nach dem Fall der Adelsari⸗ ſtokratie, eine andere der Literatur entſtand. Eine Pairie zur Hälfte aus Journaliſten, aus Zeitungsſchreibern, Philoſophen und Schriftſtellern beſtehend! Dies war das Ideal von Algernon Sidney's ariſtokratiſcher Re⸗ publick, ſeine Viſion deſſen, was die Vertheilung öffent⸗ licher Auszeichnung ſein ſollte. Iſt dieſe Ariſtokratie aber dennoch wünſchenswerth? Gewann die Geſellſchaft, verlor die Literatur? War die Prieſterſchaft des Genius heiliger und reiner durch dieſe weltliche Auszeichnungen und hohle ſelbſt ein ſcharfſinne tes, oder leicht zu laſſen, vie erregen, vertraut tereſſe bei Aufgabe länder, r Inſtinkt land feſſel „Sie eines Tag einer Über aufgegebe einen n ſei⸗ r Ge⸗ iſt es sari⸗ Jairie bern, war Re⸗ ffent⸗ kratie chaft, enius ungen 641 und hohlen Titel geworden, oder iſt die Ariſtokratie ſelbſt ein höheres, uneigennützigeres, mächtigeres oder ſcharfſinnigeres Element in der Verwaltung des Rech⸗ tes, oder in der Erhebung der Meinung? Dieſe nicht leicht zu beantwortenden Fragen konnten nicht unter⸗ laſſen, die Spekulation und Neugier eines Mannes zu erregen, der mit dem Studirzimmer und dem Forum vertraut geweſen war. Im Verhältniß, wie ſein In⸗ tereſſe bei dieſer, von einer fremden Nation zu löſenden Aufgabe rege wurde, empfand der gedankenvolle Eng⸗ länder, wie noch einmal ernſtlich und lebhaft der alte Inſtinkt erwachte, welcher den Bürger an ſein Vater⸗ land feſſelt. „Sie ſelbſt, als Individuum,“ ſagte de Montaigne eines Tags zu Maltravers, befinden ſich wie wir in einer übergangsperiode. Sie haben für immer das Ideal aufgegeben und verwenden Ihre Ladung von Erfahrung auf das Praktiſche. Wenn Sie jenen Hafen erreichen, werden auch Sie die Entwicklung Ihrer Kräfte vollendet haben.“* „Sie irren ſich an mir, ich bin nur ein Zuſchauer.4 „Ja, aber Sie wünſchen hinter die Scene zu gehen. Wer einmal mit dem Garderobezimmer vertraut iſt, wünſcht ein Schauſpieler zu werden.“ Maltravers brachte mit Frau von Ventadour und den de Montaigne's den hauptſächlichſten Theil ſeiner Zeit zu. Jene wußten ſeine edleren Gaben und Eigenſchaften zu ſchätzen und ſeine ſanfteren zu lieben; ſie fühlten zugleich ein warmes Intereſſe um ſein zukünftiges Schickſal; ſie bekämpften ſeine Philoſophie der Unthäͤtigkeit; ſie em⸗ pfanden, daß er weiſe war, weil er ſich nicht gluͤcklich fühlte. Die Erfahrung war ihm daſſelbe geweſen, was der Alice die Unwiſſenheit. Seine Geiſtesgaben waren er⸗ ſtarrt und eingeſchlafen. Daſſelbe, was die Liebe den in allen Dingen Ungeſchickten iſt, iſt ſie auch Denen, welche an Allem verzweifeln. Die Seele des Maltravers war eine Welt ohne Sonne. Drittes Kapitel. Was ſoll ich Hageſtolz treiben? Horaz. In einem Zimmer von Fentons Hotel ſaß Lord Var⸗ grave und Caroline Lady Doltimore— zwei Monate nach der Verheirathung der Letzteren. „Doltimore hat ſich alſo beſtimmt entſchloſſen, außer Landes zu gehen, ſobald Sie aus Cornwall zurückgekehrt ſind?⸗ „Ja, und zwar nach Paris; Sie können doch wohl um Weihnachten zu uns kommen? „Ich bezweifle das nicht, und bis dahin hoffe ich ge⸗ wiſſe oͤſſentliche Angelegenheiten in Ordnung gebracht zu haben, die mich ſogar mehr quälen und in Anſpruch neh⸗ men wie meine Privatverhältniſſe.“. „Es iſt Ihnen alſo gelungen, den Termin von Herrn Douce zu verlängern und die Bezahlung Ihrer Schuld hinauszuſchieben?⸗ „Ich hoffe dies, bis ich Miß Camerons Einkommen erhalte, welches in ihrem achtzehnten Jahre, wie ich mich darauf verlaſſe, mein ſein wirb.“ Zweifel, Auch habe Verwandte Correſpond nachrichtigt ſchlagen iſ ſte zu lang daß Evelin majoren, il deſto mehr Bezug auf daß Sie liebten, k kleinſte. außer ekehrt wohl h ge⸗ ht zu neh⸗ Herrn chuld amen e ich 63 „Sie meinen die Verwirkung von 30,000 Pfd. 24 „Nein, ich meine was ich ſage.“ „Koͤnnen Sie ſich wirklich noch einbilden, daß ſie Ihre Hand annehmen wird?4 „Ja, mit Ihrer Hülfe; hören Sie mich. Sie müſſen Eveline mit ſich nach Paris nehmen. Ich hege keinen Zweifel, daß ſie entzückt ſein wird, Sie zu begleiten. Auch habe ich bereits den Weg für Sie gebahnt. Als Verwandter und Vormund der Eveline habe ich eine Correſpondenz mit Lady Vargrave unterhalten; ſie be⸗ nachrichtigt mich, daß Eveline nicht wohl und niederge⸗ ſchlagen iſt, daß ſie beſorgt, Brook Green würde für ſie zu langweilig ſein u. ſ. w. Ich ſchrieb als Antwort, daß Eveline, je mehr ſie von der Welt ſehe, bevor ſie, majoren, ihre Stellung in derſelben erlange, werde ſie auch deſto mehr die Wünſche meines verſtorbenen Oheims in Bezug auf Erziehung u. ſ. w. erfüllen; ich fügte hinzu, daß Sie nach Paris reisten, und da Sie Eveline ſo liebten, könne ſich keine beſſere Gelegenheit für ihren Eintritt ins Leben unter den günſtigſten Umſtänden dar⸗ bieten. Lady Vargrave's Antwort auf dieſen Brief langte heute Morgen an. Sie wird in die Anordnung ein⸗ willigen, im Fall Sie dieſelbe vorſchlagen.“ „Kann aber etwas Gutes aus dieſem Entwurf ent⸗ ſtehen? In Paris werden Sie Nebenbuhler haben und..“ „Caroline,“ unterbrach ſie Lord Vargrave,„ich weiß ſehr gut, was Sie ſagen wollen; ich kenne auch alle Gefahr, der ich mich ausſetze; aber hier findet ſich nur die Wahl zwiſchen zwei Übeln, und ich wähle das kleinſte. Sie ſehen, daß ich nichts bei ihr ausrichten kann, ſo lange ſie in Brook Green unter den Augen des alten ſchlauen Pfarres ſich befindet. Dort iſt fie meinem Einfluß gänzlich entzogen. Nicht ſo im Auglanbe, nicht unter Ihrem Dache. Hören Sie mich ferner. In Eng⸗ land und beſonders in der Einſamkeit und unter dem Obdach von Brook Green kann ich nicht zu denjenigen Mitteln meine Zuflucht nehmen, die ich anzuwenden ge⸗ nöthigt bin, im Fall alles übrige mir mißlingt.“ „Was können Sie vorhaben?“ fragte Caroline mit leichtem Schauber. „Ich weiß nicht was ich vorhabe; aber dies wenig⸗ ſtens kann ich Ihnen ſagen, daß ich Miß Camerons Vermögen haben will und muß. Ich bin ein Mann in verzweifelten Umſtänden und ſpiele, wenn es noͤthig iſt, ein verzweifeltes Spiel.“ „Glauben Sie, daß ich Ihnen helfen, Ihnen Vor⸗ ſchub leiſten werde?“ „Still, nicht ſo laut; ja Caroline, Sie wollen und müſſen mir in meinem ſpäteren Entwurf helfen und Vorſchub leiſten.“ „Ich muß, Lord Vargrave?“ „Ja,“ ſagte Lumley lächelnd, indem er ſeine Stimme zum Geflüſter dämpfte;„Sie ſind in meiner Gewalt!“ „Verräther! Sie können es nicht wagen, Sie können nicht die Abſicht hegen... 14 „Ich hege weiter keine Abſicht, als Sie an die Bande zu erinnern, die zwiſchen uns vorhanden ſind, Bande, welche die feſteſte und vertrauteſte Freundſchaft bedingen. Kommen Sie, Caroline, bedenken Sie, daß die Vor⸗ theile nicht allein auf einer Seite liegen dürfen; ich habe fü Ihnen Frau ve Car Händen „Ie reden f ſich genn bezauber drückt, Gemahl ſeine E dem Ra wären „W nur etw ſänftige reizten ugen des e meinem gLamerons Mann in othig iſt, nen Vor⸗ ollen und Afen und Stimme Bewalt!“ ie können ie Bande „Bande, bedingen. die Vor⸗ rfen; ich 6⁵ habe für Sie Rang und Reichthum erlangt; ich habe Ihnen einen Gatten verſchafft; Sie müſſen mir zu einer Frau verhelfen.“ Caroline ſank zurück und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. „Ich gebe zu,“ fuhr Vargrave mit Kälte weiter zu reden fort,„daß Ihre Schönheit und Ihr Talent an ſich genügten, einen weiſeren Mann wie Doltimore zu bezaubern; hätte ich aber nicht die Eiferſucht unter⸗ drückt, die Liebe geopfert— hätte ich Ihrem jetzigen Gemahl nur einen Wink gegeben— ja, hätte ich nicht ſeine Eitelkeit, die der eines Schoßhundes gleicht, mit dem Rahm und Zacker ſchmeichelnder Liebe genährt, ſo wären Sie noch Caroline Merton!“ „Wollte Gott, daß ich dies noch wäre; wäre ich nur etwas Anderes als Ihr Werkzeug, Ihr Opfer! ich Thörin! ich werde mit Recht geſtraft!“ „Vergeben Sie mir, Theuerſte,“ ſagte Vargrave be⸗ ſänftigend;„ich war zu tadeln, verzeihen Sie mir; Sie reizten mich aber und machten mich toll mit Ihrer ſchein⸗ baren Gleichgültigkeit gegen mein Glück und mein Schick⸗ ſal; ich ſage Ihnen noch einmal, Stolz meiner Seele, Sie ſind das einzige Weſen, welches ich liebe, und wenn Sie mir dies erlauben, wenn Sie ſich, wie ich bisher hoffte, über Heuchelei und Vorurtheil der Convention und Erziehung erheben wollen, das einzige Weib, das ich ſowohl achten wie lieben kann. Später, wenn Sie mich auf dem Gipfel ſehen, den ich zu erklimmen, wie ich fühle, geboren bin, ſo laſſen Sie mich glauben, daß ich Ihrer Großmuth, Ihrer Neigung und Ihrem Effer mein Steigen verdanke; gegenwärtig ſtehe ich am Ab⸗ grund; ohne ihre Hand falle ich auf immer. Mein eige⸗ nes Vermögen iſt verſchwunden; die elende Summe, die an mich verwirkt wird, wenn Gveline fortfährt meine Bewerbung zu verwerfen, ſobald ſie das Alter von acht⸗ zehn Jahren erreicht, iſt ſchon bedeutend verpfändet. Ich habe mich in ungeheure und kühne Entwürfe eingelaſ⸗ ſen, wodurch ich mich entweder zur höchſten Stellung em⸗ porſchwinge, oder diejenige, welche ich jetzt einnehme, verliere. In beiben Fällen iſt mir Reichthum nothwen⸗ dig; in dem einen, mein Vorrücken zu befördern, im an⸗ dern mir Erſatz für meinen Fall zu bieten!“ „Haben Sie mir aber nicht geſagt,“ fragte Caro⸗ ine,„daß Gveline vorgeſchlagen und verſprochen hat, Ihr Vermögen Ihnen zur Verfügung zu ſtellen, ſelbſt wenn ſie ihre Hand zurückweist?“ „Albernes Geſchwätz,“ rief Vargrave aus;„alberne Prahlerei eines Mädchens, ein jeder andern Laune ausge⸗ ſetzter Antrieb! Können Sie ſich einbilden, daß Eveline, wenn ſie ſich der Verſchwendung übergibt, die ihrem Al⸗ ter natürlich, und für ihre Stellung nothwendig iſt, nicht tauſend Gelegenheiten, ſich nach ihren Einkünften zu erkundigen, finden wird, wovon ſte ſich jetzt nichts träumen läßt, daß tauſend Eitelkeiten und Spielereien meinen armen und hohlen Anſpruch aus ihrer Erinne⸗ rung verwiſchen werden? Können Sie ſich einbilden, daß ihr Mann, wenn ſie einen Andern heirathet, jemals zu der Romantik eines Kindes ſeine Einwilligung geben wird? Und ſelbſt, wäre dies Alles möglich— wäre es möglich, daß Mädchen nicht verſchwenderiſch ſind und Gatten es alsd ler bei als ein cherlich mand, ertrage Harpa Reichtl gewähr lange ſelben mehr und me genſtar in der nug do den S Sie E Sie m meiner Ich arl line mi Mein glänzer chen hat, n, ſelbſt „alberne ne ausge⸗ Eveline, jhrem Al⸗ endig iſt, Linkünften tt nichts pielereien Erinne⸗ einbilden, t, jemals ing geben wäre es ſind und 67 Gatten keinen geſunden Menſchenverſtand beſitzen, würde es alsdann mir als Lord Vargrave geziemen, einen Bett⸗ ler bei widerſtrebender Freigebigkeit abzugeben? Etwa als ein armer Vetter, oder ein penſionirter Offieier? Si⸗ cherlich beſitze ich ſo wenig falſchen Stolz wie irgend Je⸗ mand, allein eine ſolche Entwürdigung kann ich nicht ertragen. Außerdem, Caroline, bin ich kein Geizhals, kein Harpagon; den Reichthum erſtrebe ich nicht um des Reichthums willen, ſondern wegen der Vortheile, die er gewährt— Achtung, Ehre, äußere Stellung; dieſe er⸗ lange ich als der Gatte der großen Erbin: ſollte ich die⸗ ſelben als von ihr abhängig gewinnen?— Nein! Seit mehr als ſechs Jahren habe ich meine Entwürfe erbaut und mein Verfahren auf einen feſten und beſtimmten Ge⸗ genſtand gerichtet, und dieſer Gegenſtand ſoll jetzt nicht in der elften Stunde meinen Händen entſchlüpfen. Ge⸗ nug davon! Wenn Sie von Cornwall zurückkehren, wer⸗ den Sie durch Brook Green kommen; alsdann nehmen Sie Eveline mit ſich nach Paris; das Übrige überlaſſen Sie mir. Beſorgen Sie keine Thorheit, keine Heftigkeit von meinen Plänen, von welcher Art dieſelben auch ſein mögen. Ich arbeite im Dunkeln. Auch bezweifle ich nicht, daß Eve⸗ line mich noch lieben, und mich freiwillig annehmen wird. Mein Temperament iſt ſanguiniſch; ich betrachte nur die glänzende Seite der Dinge. Thun Sie baſſelbe!“* Hier ward ihre Unterredung durch Lord Doltimore unterbrochen, welcher ſorglos mit dem Hut aufeinem Ohr ins Zimmer ſchlenderte.„Ah Bargrave! wie geht's? ver⸗ geſſen Sie nicht die Empfehlungsbriefe! Wohin wollen Sie, Caroline?⸗ 68 „Nur auf mein Zimmer, um meinen Hut aufzuſetzen: der Wagen wird in wenigen Minuten hier ſein;“ bei den Worten entwiſchte Caroline. „So wollen Sie alſo morgen nach Cornwall abreiſen Doltimore?“ „Ja, verdammt langweilig; aber Lady Gliſabeth beſteht darauf uns zu ſehen, und ich habe nichts dagegen, eine Woche auf der Jagd zuzubringen. Die alte Dame hat ohnedem ein Vermoͤgen zu hinterlaſſen und Caroline keine Mitgift. Ich bekümmere mich zwar nicht darum, allein die Ehe iſt koſtbar.“ „Beiläufig geſagt, Sie brauchen wohl die fuͤnftauſend Pfd. die ſie mir liehen?“ „Nun, wenn es Ihnen gerade gelegen iſt, ſie zu bezahlen.“ „Sagen Sie nichts mehr— nun ſo ſoll es ſein. Dol⸗ timore, mir iſt viel daran gelegen, daß Lady Doltimore’s Auftreten in Paris glänzend, brillant iſt; Alles hängt davon ab, daß ſie in die rechte Geſellſchaft kommt. Was mich betrifft, ſo bekümmere ich mich nicht um die Mode; dies war nie bei mir der Fall; aber waͤre ich verheirathet und müßig wie Sie, ſo wäre es was anders.“ „O, Sie werden uns ſehr nützlich ſein, wenn wir nach London zurück kehren; mittlerweile haben Sie durch Voll⸗ macht meine Stimme im Oberhauſe. Wie ich glaube, wird es einen harten Kampf in der erſten oder zweiten Woche nach den Ferien geben.“ „Sehr wahrſcheinlich! Verlaſſen Sie ſich darauf, mein theurer Doltimore, daß, wenn ich im Kabinet bin, ein ge⸗ wiſſer Freund von mir den Grafentitel erhält. Adieu.“ „Adien, theurer Vargrave; Adien— ja, ich wollte ſagen, nach u genehn „ und be wir tre bemerk erneut! jenes I länger: „Dr „Di iſt. W arme§ oder ke und ſeit wickeln großen Ihrese Nehme zügler! keine W ihrer F „ S ich ein, „Erl daß Ihr grave ſe ufzuſetzen: ;“ bei den Il abreiſen heth beſteht gen, eine Dame hat oline keine um, allein ünftauſend bezahlen.“ ſein. Dol⸗ oltimore’s lles hängt mt. Was bie Mode; lerheirathet n wir nach (urch Voll⸗ ſch glaube, eer zweiten rauf, mein iin, ein ge⸗ Adieun.“ ich wollte 2 69 ſagen, machen Sie ſich keine Sorgen über jene Kleinigkeit; nach wenig Monaten wird mir die Bezahlung ebenſo an⸗ genehm ſein.“ „Ich danke; ich will nur meine Rechnungen auſehen, und bei Ihnen keine Umſtände machen. Gut, ich denke wir treffen uns in Paris. Ach, ich vergaß noch eins! Ich bemerke, daß Sie Ihre vertraute Bekanntſchaft mit Legard erneut haben; er iſt ein ſehr guter Kerl, und ich verſchaffte ihm jenes Amt aus Gefälligkeit gegen Sie. Da Sie aber jetzt nicht länger Junggeſell ſind— aber vielleicht beleidige ich Sie?“ „Durchaus nicht! Was wollen Sie gegen Legard ſagen?“ „Durchaus nichts, als daß er eine Art Aufſchneider iſt. Wahrſcheinlich war ſein Vorfahr ein Gascogner, der arme Kerl! Er rühmt ſich, daß Sie keinen Rock wählen oder kein Pferd kaufen können, ohne ſeine Beiſtimmung und ſeinen Rath anzuhören, daß er Sie um ſeinen Finger wickeln könne. Dies aber ſchabet Ihrer Bedeutung in der großen Welt; Sie erlangen dadurch kein Anſehen wegen Ihres eigenen ausgezeichneten Verſtandes und Geſchmackes. Nehmen Sie meinen Rath an, vermeiden Sie dieſe Nach⸗ zügler der Mode, dieſe Löwen der Clubs! Weil dieſelben keine Wichtigkeit ſelbſt beſitzen, ſtehlen ſie die Wichtigkeit ihrer Freunde. Verbum’sat.“ „Sie haben Recht, Legard iſt ein Narr, und jetzt ſehe ich ein, weßhalb er davon ſprach uns in Paris zu treffen.“ „Erlauben Sie das nicht! Er wird den Franzoſen ſagen, daß Ihre Ladyſchaft in ihn verliebt iſt, ha! ha!“ „Ha! ha! Ein guter Scherz— arme Caroline! Ein ſehr guter Scherz! Wohlan noch einmal Adieu!“ und Var⸗ grave ſchloß die Thür. 70 „Legard will nach Paris? Er ſoll es nicht, wenn Eveline dort iſt,“ murmelte Lumley vor ſich hin; außerdem brauche ich Niemand, der das Wenige theilt, was ſich aus dieſem Eſel herausquetſchen läßt.“ Viertes Kapitel. Herr Bumblecaſe ein Wort mit Ihnen, ich habe ein kleines Geſchäft. Lebe wohl, du ſchönes Gut Blackakee, mit all deinen Wäl⸗ dern, Unterhölzern und jeglichem Zubehör. Wycherley. Als Lord Vargrave Fentons Hotel verließ, ging er nach einem Clubs in St. James⸗Street; dies war bei ihm ungewöhnlich, denn Clubs pflegte er nicht zu beſuchen. Es lag nicht in ſeinem Syſteme die Zeit umſonſt zu ver⸗ ſchwenden; allein es war ein feuchter Decembertag; das Parlament war noch nicht verſammelt und er hatte ſein officielles Geſchäft beendet. Als er dort eifrig ſeinen Bis⸗ quit kaute und einen Artikel in einem miniſteriellen Blatte las, deſſen Hauptpunkte er ſelbſt angegeben hatte, trat Lord Saxingham zu ihm hin und nahm ihn ans Fenſter. „Ich habe Urſache zu glauben,“ ſagte der Graf,„daß Ihr Beſuch in Windſor gute Wirkung gehabt hat.“ „Das habe ich auch geglaubt.“ „Nach meiner Meinung wird eine gewiſſe Perſon nie⸗ mals ihre Einwilligung zur** Frage geben; der Premier⸗ miniſter, den ich heute ſprach, ſcheint erhitzt und ärgerlich. „Vortrefflich! Vortrefflich! Ich weiß, daß wir im rechten Boote ſind.“ „Ich hoffe, es iſt nicht wahr, Lumley, daß Ihr Ver⸗ loͤbniß t, wenn tit Ihnen, wohl, du linen Wäl⸗ Zubehör. rley. „ ging er r bei ihm beſuchen. ſt zu ver⸗ rtag; das hatte ſein inen Bis⸗ len Blatte atte, trat 8 Fenſter. raf,„daß at.* herſon nie⸗ Premier⸗ irgerlich.“ ß wir im Ihr Ver⸗ 71 loͤbniß mit Miß Cameron abgebrochen wurde; ſo ſagte mun heute im Club, gerade bevor Sie eintraten.“ „Widerſprechen Sie dem, mein theurer Lord; ich hoffe, nächſtes Frühjahr Ihnen Laby Vargrave vorzuſtellen. Wer aber hat das abgeſchmackte Gerücht ausgeſprengt?“ „Ihr Protégé Legard ſagte, er habe es von ſeinem Oheim gehört, der es von Sir John Merton hörte. „Legard iſt ein Narr und Sir John Merton iſt ein Spionierer. Legard thäte beſſer, ſich um ſein Amt zu be⸗ kümmern, wenn er vorrücken will; es wäre mir lieb, wenn Sie ihm das ſagten. Ich habe irgendwo gehöoͤrt, daß er nach Paris will; geben Sie ihm einen Wink, daß er der⸗ gleichen träge Gewohnheiten aufgeben muß; öͤffentliche Beamte lkönnen nicht mehr ſo ſein, wie früher. Man er⸗ wartet, daß die Leute fuͤr das Geld, welches ſie einſtecken, arbeiten; ſonſt iſt Legard ein geſchickter Kerl und verdient Beförderung. Ein oder zwei Worte der Warnung von Ihnen, werden ſehr viel Gutes ausrichten.“ „Gewiß will ich ihm eine Vorleſung halten. Lumley, wollen Sie heute mit mir ſpeiſen?“ „Nein, ich erwarte meinen Miteurator, Herrn Douce in Geſchäftsangelegenheiten, zu einem Eſſen unter vier Augen.“ Lord Vargrave hatte, wie er beabſichtigte, mit vieler Geſchicklichkeit Herrn Douee beſchwatzt, daß derſelbe ſeine Schuld für den Augenblick ſtehen ließ; mittlerweile hatte er Herrn Douee mit Herablaſſung überhäuft. Dieſer Herr hatte zweimal bei Lord Vargrave geſpeist, und Lord Var⸗ grave zweimal bei ihm. Die Gelegenheit für die jetzt ver⸗ trautere Unterhaltung war durch einen Brief von Herrn Douee geboten, worin derſelbe bat, Lord Vargrave wegen beſonderer Geſchäfte zu ſprechen, Vargrave, welcher das Wort Geſchäfte bei einem Herrn, dem er Geld ſchuldig war, gar nicht liebte, glaubte, daſſelbe könne leichter von Statten gehen, wenn es durch Champagner etwas befeuch⸗ tet würde. Somit bat er ben theuern Herrn Douce um Entſchul⸗ digung, daß er keine Umſtände mache und ihn Donnerſtag ſieben Uhr zum Eſſen einlabe; er habe des Morgens zu viel Geſchäfte.“ Um ſieben Uhr kam Herr Douce. Im Augenblick, wo er eintrat, rief Vargrave laut aus:„Sogleich das Eſſen!“ Als der kleine Mann ſich verbeugte, ſich unruhig hin und herſchob, als glaube er, Vargrave wolle ihn ins Geſicht ſpeien, da er ihm die Hand drückte, ſagte ihm dieſer: „Mit Ihrer Erlaubniß wollen wir das Budget bis nach Tiſch verſchieben, gegenwärtig ig es ja Mode, ie Verhandlung über ein Budget ſo lang wie möglich zu verzögern. Nun, find alle wohl zu Haus?— Verteu⸗ felt kalt, nicht wahr? So begeben Sie ſich alſo jeden Tag in ihr Landhaus; gerade das erhält Sie in ſo treffli⸗ cher Geſundheit. Sie wiſſen, auch ich hatte ein Landhaus, ob ich gleich niemals Zeit hatte, mich dorthin zu be⸗ geben.“ „O ja, ich glaube, ich erinnere mich, ich glaube in Fu— Fu- Fulham,“ ſprach Herr Douce, gleichſam als wenn er nach Luft ſchnappte;„Ihres armen Oheims Land⸗ haus, jetzt Lahy Var— Var— Vargrave's Wittwenſitz, So-— ſo— ſo.* „Sie wohnt nicht dort,“ fiel Vargrave ein, viel zu ungedult fuͤr ſie; aber ver dort nier ler verm Sie wer in Cham ſtets riee nem Leh achtbare Mittage Var Banquie heiten in er fort, Herrn 2 de wegen ſcher das ſchuldig hter von befeuch⸗ Entſchul⸗ unerſtag rgens zu blick, wo Eſſen!“ hin und Geſicht m dieſer: dget bis Mode, möglich Verteu⸗ lſo jeden o treffli⸗ andhaus, zu be⸗ glaube in hſam als ns Land⸗ ttwenſitz, viel zu ungeduldig, um höflich zu ſein.„Der Ott iſt zu ſtaͤdtiſch für ſie; ſie hat ihn mir überlaſſen; ein huͤbſches Haus, aber verdammt koſtbar! Mir war es zu theuer, ich kam dort niemals hin; ſomit habe ich es an meinen Weinhänd⸗ ler vermiethet; die Miethe tilgte gerade ſeine Rechnung. Sie werden heute einige der dortigen Sopha's und Tiſche in Champagner genießen. Ich weiß nicht, wie es kömmt, ſtets riecht mein Teres nach meines armen Oheims leder⸗ nem Lehnſtuhl— ein ſehr ſonderbarer Geruch, eine Art achtbaren Geruches! Ich hoffe, Sie ſind hungrig, das Mittageſſen iſt fertig.“ Vargrave ſchwatzte ſo in einem fort, um dem guten Banquler den Gauben zu erwecken, daß ſeine Angelegen⸗ heiten im blühendſten Zuſtande wären, und ebenſo fuhr er fort, beim Mittageſſen den Ball zu ſchlagen, indem er Herrn Douee's traurigen, kleinen, aufgeriſſenen Mund eines Weißfiſches mit einem:„Ein Glas Wein, Douce oder,„Beiläufig geſagt, Douce,“ jedesmal ſchloß, ſobald er ſah, der wurdige Herr ſei im Begriff, die Aeſchyleiſche Verbeſſerung des tragiſchen Dialoges durch Einführung einer zweiten Perſon in Anwendung zu bringen. Als zuletzt vas Mittageſſen vorbei war und die Bedienten ſich entfernt hatten, rückte Lord Bargrave, da er wußte, daß die Reihe des Redens früher oder ſpäter an Herrn Douee kommen mußte, ſeinen Stuhl ans Feuer, legte die Füße auf das Kamingitter und rief aus, als er ſeinen Bordeaux ſortſtieß:„Nun, Donce, was kann ich für Sie thun?“ Herr Douce riß die Augen auf und ſchloß ſie eben ſo ſchnell; dies Verfahren ſetzte er fort, bis ſie, gleich⸗ 4 —— —. — 74 ſam wie Lichter geputzt, nicht heller ſtrahlen konnten, und er überzeugt war, daß Seine Lordſchaft ihn nicht mißverſtehen würde. „Wahrhaftig,“ begann er in ſeinem blöden Weſen, „wahrhaftig, ich— ich— Euer Lordſchaft mißverſteht mich, ich— ich— ich wollte mit Ihnen von Geſchäften ſprechen.“ „Gut, was kann ich für Sie thun— irgend eine kleine Gunſt, nicht wahr? Eine behagliche Sinekure für Ihren Lieblingscommis, oder eine Stelle im Stem⸗ pelamt für Ihren fetten Bedienten, John, glaube ich, heißen Sie ihn! Sie wiſſen, theurer Douee, Sie dür⸗ fen über mich verfügen.“ „Wahrhaftig, Sie find die Gü— Gü— Güte ſelbſt, aber— aber—* Vargrave lehnte ſich zurück, verſchloß die Augen, riß ſeine Lippen auseinander und erwartete muthig, was Herr Douce ohne Unterbrechung ihm enthüllen würde. Er empfand eine bedeutende Erleichterung, als er erkannte, daß deſſen Geſchäft ſich allein auf Miß Cameron bezog. Herr Douee erinnerte Lord Vargrave, wie dies ſchon früher oft der Fall geweſen war, an die Wünſche ſeines Oheims, daß der größere Theil des von Eveline ererbten Vermögens in Land angelegt werden möchte; dann bemerkte er ferner, eine ausgezeichnete Gelegenheit biete ſich gegenwärtig dar; ein Kauf laſſe fich ſchließen, worüber das Herz des verſtorbenen Lords hätte erfreut ſein müſſen. Ein herrlicher Ort, nach Art von Bickling— der Wildpark drei Stunden im Um⸗ fang— 10,000 Aeres Land, mit 8000 Pfund jährli⸗ „L travars 2 8 heimni wird b „4 geweſe n konnten, ihn nicht Sinekure im Stem⸗ glaube ich, Sie dür⸗ i— Güte die Augen, te muthig, enthüllen erung, als auf Miß Vargrave, ar, an die il des von gt werden gezeichnete Kauf laſſe nen Lords nach Art t im Um⸗ nd jährli⸗ 7⁵. cher Einkünfte. Ankaufsgeld nur 240,000 Pfund. Das ganze Gut war wirklich noch größer als 18,000 Aeres; aber die entfernter liegenden Pachtungen ließen ſich ja in kleinen Looſen verkaufen, damit man gerade diejenige Summe genau einhalte, welche die Curatoren der Miß Cameron darauf verwenden durften. „Gut,“ ſagte Vargrave;„wo liegt das Gut? Mein armer Oheim dachte an de Cliffords Gut, allein der Rechtstitel war nicht geſichert.“ „Oh, dies Gut iſt noch vi— vi— viel ſchön— ſchön— ſchöner; treffliche Gelegenheit Ge— Ge— Geld anzulegen; aber etwas entfernt— im Nor— Nor— Norden— L— 2— Lisle⸗Court.“ „Lisle⸗Court, das gehört ja dem Oberſt Mal⸗ travars.“ „Ja, ja, ein Geheimniß, ein Ge— Ge— Ge⸗ heimniß— noch nicht im Markt, durchaus nicht— wird bald fort ſein.“ „Hm! Iſt Oberſt Maltravers ein Verſchwender geweſen?“ „Nein, aber er liebt nicht— ſo höre ich— oder vielmehr 2— 2— Lady Julia— ſo hat man mir wahrhaftig erzählt— li— li— liebt nicht den Ort. Sie wollen nicht ſ— ſ— ſo weit reiſen und br— br— bringen darum den Wi— Wi— Winter in Italien zu— ja, ſonderbar!— Schöner Ort.* Lumley war mit dem älteren Bruder ſeines alten Freundes oberflächlich bekannt; mit einem Manne, wel⸗ cher mehre Fehler von Ernſt beſaß; derſelbe war ſehr ſtolz und wähleriſch und machte große Anſprüche; allein alle ng 76 dieſe Fehler waren in der alltäglichen Weiſe und nicht durch die verfeinerten Grundſätze ſeines jüngeren Bru⸗ ders entwickelt worden. Oberſt Maltravers war, ſeiidem er in die Garde trat, durchaus der Mann der Mode geblieben und ſonſt nichts geworden. Reich und von alter Familie, mit hohen Verbindungen und durchaus à la mode, befand er ſich unbehaglich in London, während ſein wähleriſches Weſen ihm auch den Aufenthalt auf dem Lande widrig machte. Er war ein ziemlich bedeutender Mann, wollte aber ein ſehr bedeutender Mann ſein. Dies war er in Lisle⸗ Court; allein damit war er nicht zufrleden; er wollte nicht allein ein ſehr bedeutender Mann, ſondern auch ein ſehr beheutender Mann unter ſehr bedeutenden Män⸗ nern ſein; ſomit wurden Grundbeſitzer und Pfarrer ihm langweilig. Lady Inlia, ſeine Frau, war eine ſchöne Dame, leer und hübſch, welche Alles mit den Augen ihres Mannes betrachtete. Er war Herr auf ſeinem Gute und Oberſt Maltravers, war aber oft auf dem Feſtlande, wo ſein Einkommen prinzlich ſchien, wo ſein ſtolzer Charakter, ſeine feine Erziehung und ſeine äußeren Vortheile, welche auffallend waren, ihm eine bedeutendere Stellung an fremden Höfen verſchafften, wie er am engliſchen Hofe hätte einnehmen können. Zwei Dinge erweckten ihm Widerwillen gegen Lisle⸗ Court; dieſe wären Andern Kleinigkeiten geweſen, nicht aber Herrn Cuthbert Maltravers; erſtens hatte ein Mann, der Sachwalter ſeines Vaters, die zu Fleiſch gewordene, grobe, unabweishare Vertraulichkeit, ein Gut dicht bei Lisle⸗Court gekauft und war(horesco referens gory Gr vers! E. begegnen ſen, ohn gory's ſe zu ſpazi ſuchte, war, ha aus dem weißes, ſtattliche vers zu Flotte 3 mer übe ein höfl glas hit Ihrem Maltra Die haus de Paville travers Geſpen konnte dem hü er dach Kopf 6 0 8⁸— Pfarrer var eine mit den berr auf oft auf hien, wo nd ſeine zm eine hafften, 1* können. Lisle⸗ eweſen, s hatte Fleiſch it, ein 1 oresco 77 referens*) zum Baronet erhoben worden! Sir Gre⸗ gory Gubbins erhielt den Vorrang vor Oberſt Maltra⸗ vers! Er konnte nicht aus fahren, ohne Sir Gregory zu begegnen— er konnte nicht außerhalb des Hauſes ſpei⸗ ſen, ohne das Vergnügen zu haben hinter Herrn Gre⸗ goty's ſchönem, blauem Frack mit ſchönen Metallknöpfen zu ſpazieren. Als er zum letztenmal Lisle Court be⸗ ſuchte, welches mit modiſchen Leuten jeder Art gefüllt war, hatte er am erſten Morgen nach ſeiner Ankunft aus dem großen Fenßter ſeines Hauptſaales ein großes, weißes, blaues und vergoldetes Ding am Ende eines ſtattlichen Baumgangs geſehen, den Sir Gay Maltra⸗ vers zu Ehren des Sieges über die unüberwindliche Flotte Philipps II. gepflanzt hatte. Er blickte in tum⸗ mer Überraſchung, und Jedermann blickte dort hin; ein höflicher dentſcher Graf, welcher durch ſein Augen⸗ glas hinſchaute, ſagte:„Ach, das iſt, was man in Ihrem Lande ein Vim* nennt!— der Vim des Oberſt Maltravers!“ Dieſer Vim beſtand in einem chineſiſchen Garten⸗ haus des Sir Gregory Gubbins, welches nach Art des Pavillous von Brighton errichtet war. Oberſt Mal⸗ travers war unglücklich; der Vim ſuchte ihn wie ein Geſpenſt heim; vieſer war ihm allgegenwärtig; er konnte demſelben nicht entgehen, denn der Bau war auf dem höchſten Punkte der ganzen Grafſchaft errichtet; er dachte kleine Mandarinen zu ſehen, die über ihn den Kopf ſchüttelten. Dies war ein großer Fluch von * Ich ſchaudre es zu erzählen. 80 Whim, ein ſondecharer Einfall⸗ 78 Lisle⸗Court; ein zweiter war noch kränkender. Die Ein⸗ wohner von Lisle⸗Conrt hatten mehre Generationen hindurch den überwiegenden Einfluß in der Haupiſtadt der Grafſchaft beſeſſen. Der Oberſt ſelbſt bekümmerte ſich wenig um Politik und war ein zu feiner Herr für die Plackereien des Parlamentes; er hatte Eruſt den Parlamentsſitz angeboten, ais derſelbe ſeine öffentliche Laufbahn begann, allein die politiſchen Anſichten Bei⸗ der waren abweichend und die Verhandlung ward abge⸗ brochen, ohne daß irgend einer der Brüder über den andern gereizt geweſen wäre. Somit trat die Erledi⸗ gung des Sitzes ein. Lasy Julia's Bruder(welcher gerade zum Lord der Schatzkammer ernannt war) wünſchte ins Parlament zu kommen. Der Sitz für die Hauptſtadt der Grafſchaft ward ihm angeboten. Nun hatte der ſtolze Gemeine in die Familie eines Pairs ge⸗ heirathet, welche ebenſo ſtolz, wie er ſelbſt war; Oberſt Maltravers war daher ſtets erfrent, wenn er ſeine Be⸗ deutung jenen Verwandten durch die Erweiſung einer Gefälligkeit fühlbar machen konnte. Er ſchrieb ſeinem Verwalter, dieſer möge daranf ſehen, daß die Angelegen⸗ heit gehörig in Ordnung gebracht werde und kam dann zur Wahl herüber, um an deren Kampf und Ruhm Theil zu nehmen. Man denke ſich ſeinen Unwillen, als er den Neffen des Herrn Sir Gregory Gubbins ſchon auf dem Kampfplatze fand. Das Reſultat der Wahl beſtand darin, daß Herr Auguſt Gubbins zum Parlaments⸗ gliede ernannt, Oberſt Maltravers mit Kohlſtengeln beworfen und des Verſuchs angeklagt wurde, die wür⸗ digen und unabhängigen Wähler an ein von der Regie⸗ rung zu wollen. das Har ſich wie Ung zählung gekomm glücklich bahngef Gregor der Sp lichſten Bill du empfin cher die herrlich gerade Linie g ſetzte, Die Ein⸗ erationen ekümmerte Her für über den bie Erledi⸗ (welcher unt war) Sitz für die ten. Nun Pairs ge⸗ ar; Oberſt ſeine Be⸗ ſung einer rieb ſeinem Angelegen⸗ kam dann uhm Theil als er den en auf dem hl beſtand arlaments⸗ ohlſtengeln die wür⸗ der Regie⸗ 79 rung zu ernennendes Parlamentsglied verkaufen zu wollen. Voll Scham und Ekel gab Oberſt Maltravers das Haus, das er in Lisle⸗Court machte, auf und begab ſich wieder auf das Feſtland. Ungefähr eine Woche vor dem Datum unſerer Er⸗ zählung war er mit Lady Julia von Wien nach London gekommen und eine neue Kränkung erwartete den un⸗ glücklichen Eigenthümer von Lisle⸗Court. Eine Eiſen⸗ bahngeſellſchaft war errichtet worden, in welcher Sir Gregory Gubbins der hauptſächlichſte Aktionär war; der Spekulant, Herr Auguſt Gubbins,„eines der nütz⸗ lichſten Parlamentsglieder“, hatte es übernommen, die Bill durchs Parlament zu bringen. Oberſt Maltravers empfing einen Brief von unheilſchwangerer Greöße, wel⸗ cher die Karte aller Ortſchaften enthielt, wodurch dieſe herrliche Eiſenbahn geführt werden follte; und Wehe! gerade unten an ſeinem Parke war eine ſchauderhafte Linie gezogen, welche ihn von dem Opſer in Kenntniß ſetzte, deſſen Darbringung man von ſeiner Seite für das öffentliche Wohl erwartete— hauptſächlich für das Wohl gerade derjenigen Hauptſtadt der Grafſchaft, deren Einwohner ihn mit Kohlſtengeln geworfen hatten! Oberſt Maltravers verlor die Geduld. Mit dem weiſen Verfahren unſerer Geſetzgebung unbekannt, wußte er nicht, daß der Entwurf einer Eiſenbahn von einer An⸗ legung derſelben ſehr verſchieden iſt und daß Parlaments⸗ ausſchüſſe Entwürfen gar nicht günſtig ſind, nach welchen das Publikum durch den Park eines Landedelmannes transportirt werden ſoll. „Ja, da wir keine Söhne, und nur allein Töchter 8⁰ haben, und da für Ernſt ſo gut geſorgt iſt,“ ſagte Lady Julia,„und da der Ort von London ſo weit entfernt liegt, und da die Nachbarſchaft ſo unangenehm iſt— ſo glaube ich, daß wir ſehr gut ohne das Gut leben können.“ Oberſt Maltravers gab keine Antwort; er uͤberlegte das Für und Wiher und dann, wie viel ihn die Wild⸗ hüter und die Zimmerleute, die Gärtner und Gott weiß was ſonſt noch, koſteten; und alsdann kam ihm das chi⸗ neſiſche Gartenhaus und dann ſeine Bewerfung mit Kohlſtengeln in den Sinn; zuletzt ging er zu ſeinem Advokaten. „Sie können Lisle⸗Court verkaufen,“ ſagte er ruhig. Der Advokat tunkte ſeine Feder in das Tintenfaß; „die Einzelnheiten, Oberſt?“ „Die Einzelnheiten von Lisle⸗Cvurt! Jedermann, d. h. Jedermann von Stande kennt es ja.“ „Der Preis, Herr?“ „Sie kennen ja die Einkünfte! Darnach berechnen Sie den Werth. Für einen Einzelnen iſt der Ankauf zu groß; verkaufen Sie die in größerer Entſernung lie⸗ genden Wälder und Pachtungen abgeſondert von dem Übrigen.“ „Wir müſſen eine Ankündigung in die Zeitungen ſetzen laſſen, Oberſt,“ „Was, in die Zeitungen? Davon iſt keine Rede. Ich will meiner Abſicht keine Offentlichkeit ertheilen. Sagen Sie die Sache in der Stille einigen Kapitaliſten. Geben Sie aber Acht, daß es nicht eher in die Zeitun⸗ gen kömmt, als bis alles feſtgeſetzt iſt. In einer oder zwei W je beſſer Auf und pra daß ſein Abſicht ſelbe zu ſcheute ſich ſei durch e ſelbſt de Der heiten a er ſo he wirklich land we Brauer wie die ſagte Lady it entfernt ehm iſt— Gut leben ruͤberlegte die Wild⸗ Gott weiß öm das chi⸗ erfung mit zu ſeinem te er ruhig. Tintenfaß; Jedermann, h berechnen Ankauf zu ernung lie⸗ rt von dem Zeitungen keine Rede. t ertheilen. kapitaliſten. die Zeitun⸗ einer oder 81 zwei Wochen werden Sie einen Kaͤufer finden; je eher, je beſſer.“ Außer ſeinem Schauder vor Zeitungsbemerkungen und prahlenden Anzeigen, beſorgte Oberſt Maltravers, daß ſein ſich damals in Paris befindlicher Bruder ſeine Abſicht erfahren und ven Verſuch machen würde, die⸗ ſelbe zu verhindern; auf die eine oder andere Weiſe ſchente ſich der Oberſt ein wenig vor Ernſt und ſchämte ſich ſeines Entſchluſſes. Er wußte nicht, daß Ernſt durch ein ſonderbares Zuſammentreffen der Umſtände ſelbſt daran gedacht hatte, Burleigh zu verkaufen. Der Advokat war über dieſe Weiſe, die Angelegen⸗ heiten anzuordnen, gar nicht zufrieden; indeß flüſterte er ſo herum, daß Lisle⸗Court zu verkaufen ſei, und da es wirklich einer der berühmteſten Orte ſeiner Art in Eng⸗ land war, verbreitete ſich das Geflüſter unter Bankiers, Brauern, Seifenſiedern und andern reichen Leuten(die wie die Mediei eines neuen Adels ſich unter uns erhe⸗ ben) bis es zuletzt die Ohren des Herrn Douee evreichte. Lord Vargrave, ſo ſchlecht er auch ſein mochte, be⸗ ſaß keinen derjenigen Charakterfehler, welche ich die perſönliche Klaſſe der Laſter nennen möchte, d. h. er hegte gegen Individuen keine Bosheit. Gewöhnlich war er weder eiferſüchtig noch hämiſch, noch boshaft, noch rachſüchtig; ſeine Laſter entſprangen aus gänzlicher Gleichgültigkeit gegen alle Menſchen und alle Dinge; ausgenommen gegen ſolche, die er zu ſeinen Zwecken brauchte. Er hätte keinem Wurm geſchadet, wenn dieſer für ihn nicht zu brauchen geweſen wäre; würde aber jedes Haus angezündet haben, hätte er kein anderes Bulwer, Alice. II. 6 Mittel, ſeine Eier zu roͤſten gehabt. Fand ſich jedoch irgend ein Gefühl perſönlichen Grolls in ſeiner Bruſt, ſo war derſelbe erſtlich gegen Eveline Cameron und zweitens gegen Ernſt Maltravers gerichtet. Zum erſten⸗ male in ſeinem Leben ſtrebte er Rache zu nehmen; an der einen, weil ſie ſein Erbtheil geſtohlen und ſeine Hand ausgeſchlagen hatte, und dieſe Rache hoffte er zu befrie⸗ digen. Was den Andern betrifft, ſo fühlte er weniger Haß wie eine unbehagliche Empfindung der Unterord⸗ nung. So ſehr er auch ſelbſt in der Welt fortgekommen war, ärgerte er ſich über den Ruhm eines Mannes, den er als launiſchen und unerfahrenen Knaben gekannt hatte; er hörte nicht gern Maltravers rühmen. Er bil⸗ dete ſich ein, dies Gefühl ſei gegenſeitig und Maltravers höre eben ſo ungern, wann er(Vargrave) einen Schrittin ſeiner eigenen Laufbahn vorwärts gethan habe. Es war wirklich diejenige Art Eiferſucht, welche die Menſchen gegen Gefährten ihrer Jugend oft empfinden, deren Charaktere höher wie die ihrigen und deren Talente von ſolcher Art ſind, daß ſie dieſelben nicht richtig begrei⸗ fen. Nun glaubte Lord Vargrave in dem Augenblick einen glänzenden Sieg über Herrn Maltravers von Burleigh zu erringen, wenn er ſelbſt Lord von Lisle⸗ Court, dem ererbten Familienſitz des älteren Zweiges der Familie, werde, und gleichſam dort ſogar in die Pan⸗ toffeln des älteren Bruders von Maltravers treten könne. Er wußte auch, mit dem Gute ſei große Bedeutung ver⸗ knüpft. Lord Vargrave von Lisle⸗Court würde eine ganz verſchiedene Stellung in der Pairie einnehmen, wie Lord Vargrave von— Fulham! Niemand würde den Eigent Niema daß er mere. werde die We auch ſe weg. ſolte, er ſuch ſich mi Allerdit 2 die Aus pitals auch ge gemein der Ev klarung nes aus ich jedoch ger Bruſt, eron und im erſten⸗ hmen; an eine Hand zu befrie⸗ r weniger Unterord⸗ gekommen unnes, den n gekannt u. Er bil⸗ Naltravers Schritt in 2. Es war Menſchen hen, deren alente von tig begrei⸗ Augenblick avers von von Lisle⸗ n Zweiges n die Pan⸗ eten könne. utung ver⸗ eeine ganz men, wie würde den Eigenthümer von Lisle⸗Court einen Abenteurer nennen; Niemard würde ſolch einen Mann in Verdacht haben, daß er ſich das Geringſte um Amt und Gehalt beküm⸗ mere. Und würde nicht Lisle⸗Court ſein Eigenthum werden, wenn er Eveline heirathete? Er hüpfte über die Wenns, ſo ſteife und einſilbigen Worte dieſelben auch ſein mochten, mit einem einzigen Sprunge hin⸗ weg. Außerdem, wenn auch die Sache zu nichts führen ſollte, ſo hatte er jetzt gerade die Entſchuldigung, die er ſuchte, um ſich zu Eveline nach Paris zu begeben, ſich mit ihr zu unterhalten und ſie um Rath zu fragen. Allerdings hatte das Teſtament des verſtorbenen Lord die Auswahl des Landgutes für die Anlegung des Ka⸗ pitals dem Urtheile der Curatoren überlaſſen. Wenn auch geſetzlich nicht nothwendig, war es wenigſlens der gemeinen Höflichkeit angemeſſen, daß man den Willen der Eveline berückſichtigte. Pläne, Zeichnungen, Er⸗ klärungen und Liſten der Einkünfte würden ihn recht⸗ fertigen, wenn er jeden Morgen allein mit ihr zubringe. Während Lord Vargrave dies bedachte, ließ er Herrn Douce Satz nach Satz herausſtammeln, bis er zuletzt den Kaffee beſtellte und ſich mit der Miene eines Man⸗ nes ausſtreckte, der Selbſtgefälligkeit oder Behaglichkeit genießt. Er begann:„Herr Douce, ich will ſobald wie möglich nach Lisle⸗Court; ich will das Gut ſehen und alle Einzelnheiten darüber unterſuchen. Ich will vie Sache gehörig überlegen und ſtimme mit Ihnen in dem Glauben überein, daß der Ankauf etwas ganz Vorzüg⸗ liches ſein wird.“ „Aber,“ ſagte Herr Douce, der über die Angele⸗ genheit ſehr beſorgt ſchien;„wir müſſen eilen, Mylord, denn wahrhaftig— ja wirklich— we— we— wenn Baron Rothſchild, d. h.. „O ja, ich verſtehe— halten Sie die Sache geheim, mein theurer Douee; befreunden Sie ſich mit dem Ad⸗ vokaten des Oberſten; ſpielen Sie mit ihm ein wenig, bis ich ihn in Grund bohren kann.“ „Anußerdem, wie Sie ſehen— Sie find ein ſo guter Geſchäftsmann, Mylord— daß Sie ſehen, daß— ja wirklich! Es iſt Zeit, das Ankaufsgeld aus den Staa— Staa— Staatspapieren zu ziehen— alle zu verkaufen.“ „Natürlich! Wahrhaftig, es iſt ſchon ſpät! Ich be⸗ ſorge, mein Wagen wartet auf mich; ich muß zu Ma⸗ dame de L***. 4 Herr Douee, welcher noch Vieles auf dem Herzen zu haben ſchien, mußte dies bis auf ein andermal ver⸗ ſparen und Abſchied nehmen. Lord Vargrave begab ſich zur Madame de 9**. Seine Stellung in dem, was exelufive Geſellſchaft heißt, war etwas eigenthümlich. Diejenigen, welche ſich als die beſten Richter aufwarfen, erklärten, die Freimüthig⸗ keit ſeines Benehmens und die leichte Sonderbarkeit ſeines Geſpräches ſtehe mit der ruhigen Heiterkeit voll⸗ kommener Erziehung im Gegenſatz. Aber dennoch war er ein großer Günſtling ſowohl bei feinen Damen, wie Stutzern. Seine hübſchen, ſcharfen Geſichtszüge, ſeine Talente, ſeine Politik, ſeine Intriguen und die lebhafte Keckheit ſeines Weſens glichen ſeine ſtete Verletzung der Kleinlichkeiten in orthodoxen Geſellſchaftsformen wieder aus. In dieſem Hauſe traf er Oberſt Maltravers und benützte Herrn Geflüſt Lisle⸗C Mylord, — wenn ze geheim, t dem Ad⸗ ein wenig, in ſo guter daß— ja en Staa— verkaufen.“ ät! Ich be⸗ suß zu Ma⸗ dem Herzen dermal ver⸗ ne de L***. lſchaft heißt, elche ſich als Freimüthig⸗ Sonderbarkeit eiterkeit voll⸗ dennoch war Damen, wie tszüge, ſeine d die lebhafte gerletzung der formen wieder altravers und benützte die Gelegenheit, die Bekanntſchaft mit dem Herrn zu erneuen. Er berief ſich in einem vertrauten Geflüſter hierauf auf die Mittheilung, die er hinſichtlich Lisle⸗Courts erhalten hatte. „Ja,“ ſagte der Oberſt,„ich glaube, daß ich den Ort verkaufen muß, wenn mir das in der Stille möglich iſt. Allerdings ſprach ich mit meinem Advokaten darüber, zuerſt nur im Augenblick des Zorus, als ich vernahm, die — Eiſenbahn ſoll durch den Park gehen; allein ich finde jetzt, daß ich dieſe Gefahr zu hoch angeſchlagen habe. Wollen Sie mir jedoch die Ehre erweiſen und das Gut ſich anſehen, ſo können Sie ſich dort mit der Jagd amü⸗ ſiren; nach Ihrer Rückkehr köͤnnen Sie überlegen, ob es Ihnen anſteht. Sagen Sie nichts davon, wenn Sie dort ſind; es iſt beſſer, meine Abſicht in der Grafſchaft ge⸗ heim zu halten. Wenn Sie etwas davon ſagen, wird mir Sir Gregory Gubbins mit Anträgen, es zu kaufen, auf den Hals kommen.“ „Sie können ſich auf meine Verſchwiegenheit verlaſ⸗ ſen. Haben Sie kürzlich etwas von Ihrem Bruder er⸗ fahren?“ „Ja, ich glaube, er reist nach der Schweiz. Er würde bald nach Englaud zurückgekehrt ſein, wenn er vernähme, daß ich Lisle⸗Conrt verkaufen will.“ „Wie, würde das ihn ärgern?“ „Ich glaube, ja; allein er beſitzt ſelbſt ein hübſches altes Gut; es iſt nicht zur Hälfte ſo groß, und deßhalb auch nicht zur Hälfte ſo läſtig wie Lisle⸗Court.“ „Nun, auch er ſprach davon, dies hübſche alte Gut zu verkaufen.* „Burleigh zu verkaufen! Sie ſetzen mich in Erſtau⸗ nen; aber Landſitze in England ſind jetzt wirklich zur Laſt. Ich glaube, er hat ſeine Gubhins ebenſowohl wie ich.“ Bei den Worten ging der erſte Miniſter der mit Lord Vargrave's Tugenden geſchmückten Regierung vor⸗ über; Lumley wandte ſich um, ihn zu begrüßen. Die beiden Miniſter ſprachen ſehr liebevoll mit ein⸗ ander in leiſem Geflüſter— ſo liebevoll, daß jeder mit halbem Auge hätte ſehen können, Veide haßten ſich ein⸗ ander wie Gift. Fünftes Kapitel. So wie im Spiegel laß ich hier das Leben Aller ſchau'n. erenz. Ernſt Maltravers war noch in Paris und gab alle Gedanken, weiter zu reiſen, auf. Er war wirklich des Reiſens müde. Indeß auch noch ein anderer Grund feſ⸗ ſelte ihn an jenen„Nabel der Erde“; es gibt keinen beſſern Ort, um Gerüchte von London zu ſondiren, wie das eng⸗ liſche Quartier zwiſchen dem Boulevard des Italiens und den Tutlerien. Hler konnte er jedenfalls das Schlimmſte erfahren; jeden Tag, ſo wie er eine engliſche Zeitung in die Hand nahm, kam ein krankhaftes Gefühl der Furcht über ihn. Nein! Bis das Siegel unter die Urkunde ge⸗ ſetzt— bis der Rubikon überſchritten, bis Miß Came⸗ ron die Gattin des Lord Vargrave war, konnte er weder nach einem Hauſe zurückkehren, welches ihm ſo beredte Erinnerungen an Epeline darbot, noch durch weitere n Erſtau⸗ erklich zur benſowohl r her mit erung vor⸗ zen. Ul mit ein⸗ jeder mit en ſich ein⸗ Leben Aller Terenz. ud gab alle wirklich des Grund feſ⸗ einen beſſern vie das eng⸗ Ftaliens und Schlimmſte ſche Zeitung hl der Furcht Urkunde ge⸗ Miß Came⸗ ite er weder n ſo beredte urch weitere Entfernung von England die Erhaltung einer Nachricht verzögern, hinſichtlich welcher er ſich vergeblich einre⸗ dete, er ſei genügend vorbereitet, dieſelbe zu ver⸗ nehmen. Er fuhr fort, ſolche Zerftreuungen durch Nachdenken ſich aufzuſuchen, die in ſeinem Bereiche lagen. Da ſein Herz für die ſchon längſt ihm ſchaal gewordenen Ver⸗ gnügungen zu ſehr erfüllt wurde, ſo waren dieſe Zer⸗ ſtreuungen von ernſter und edler Art, wie fie ein höhe⸗ res Geiſtesvermögen den Leidenſchaften einzuflößen ein Vorrecht beſitzt. De Montaigne war weder ein Doctrinär noch ein Republikaner, und dennoch vielleicht etwas von Beiden. Er glaubte, daß alle europäiſchen Staaten eine Rich⸗ tung zur Demokratie haben, betrachtete jedoch dieſe Regierungsform als keine Panacee für alle übel der Geſetzgebung. Er war der Meinung, daß ein Staats⸗ mann ſich begnügen müſſe, mit ſeiner Zeit zu gehen, während ein Schriftſteller ihr wohl vorauseilen dürſe; daß eine Nation ſich nicht wie eine fremde Pflanze durch künſtliche Mittel zur Reife bringen laſſe, daß jene allein ſich durch natürlichen Einfluß entwickeln könne. Er glaubte, Regierungsformen ſeien in ihren Wirkungen nie allgemein; hieraus folgerte de Montaigne, daß wir irri⸗ gerweiſe mehr Wichtigkeit auf Reform der Geſetzgebung wie des geſelligen Zuſtandes legen. Er betrachtete z. B. unſern immer mehr wachſenden Widerwillen gegen Todes⸗ ſtrafen als des ſicherſte Zeichen unſerer fortſchreitenden. Civiliſation Er glaubte nicht an die endliche Vollkom⸗ menheit der Menſchen, aber an ihre fortſchreitende Ver⸗ — vollkommnung. Er glaubte, die Verbeſſerug ſei unendlich, ſchrieb aber ihre Förderung der republikaniſchen Regie⸗ rung nicht mehr wie der monarchiſchen zu.„Voraus⸗ geſetzt,“ pflegte er zu ſagen,„daß unſere Hemmniſſe der Gewalt richtig ſind, ſo iſt es gleichgültig, welchen Hän⸗ den die Gewalt anvertraut iſt.“ „Agina und Athen,“ ſagte er,„waren Republiken, handelnde und ſeefahrende Staaten— unter demſelben Himmel gelegen, von denſelben Nachbarn umringt und von denſelben Kämpfen zwiſchen Oligarchie und Demo⸗ kratie zerriſſen. Waͤhrend die eine ein unſterbliches Erb⸗ theil des Genins der Welt hinterließ, wo find die Phi⸗ loſophen, Dichter und Staaismänner der andern? Artian erzählt uns von Republiken Indiens, deren Da⸗ ſein auch neuere Reiſende vermuthen; dieſe aber erwecken nicht mehr Freiheit der Gedanken, noch Gährung der Geiſtesvermögen, wie die Monarchien. In Italien gab es ebenſo freie Republiken wie Florenz; ſie erzeugten aber nicht einen Macchiavell oder Dante. Welcher kühne Gedanke, welche rieſenhafte Spekulation, welche De⸗ mokratie von Weisheit und Genins iſt in den Deſpotieen Deutſchlands entſprungen? Sie können zwei Individuen nicht ſo erziehen, daß dieſelben Reſultate ſich aus beiden ergeben; ſie können nicht durch ähnliche Verfaſſungen (Erziehungsmittel der Nationen) daſſelbe Reſultat in verſchiedenen Staaten hervorrufen. Der gehörige Zweck der Staatsmänner ſollte darin liegen, dem Volke jede Leichtigkeit zur Entwicklung darzubieten, ſowie jede Leichtigkeit über die zuletzt zu erreichenden Zwecke nach⸗ zuſinnen, zu ſtreiten und zu verhandeln. Sie können neudlich, n Regie⸗ Voraus⸗ andern? deren Da⸗ r erwecken ihrung der ttalien gab erzeugten lcher kühne welche De⸗ Deſpotieen Individuen aus beiden erfaſſungen deſultat in zrige Zweck Volke jede ſowie jede wecke nach⸗ Sie können 89 aber als praktiſcher Geſetzgeber über Ihrem Vaterlande kein Treibhaus erbauen, es muß von ſelbſt wachſen.“ Ich will nicht ſagen, ob de Montaigne Recht hatte, oder nicht; Maltravers ſah wenigſtens, daß er ſeiner Theorie treu blieb, daß alle ſeine Beweggründe auf⸗ richtig, und daß ſeine Handlungsweiſe rein war. Auch mußte er zugeben, daß de Montaigne in allen ſeinen Beſchäftigungen und Arbeiten einen hohen Genuß zu empfinden ſchien; daß ferner de Montaigne, indem er alle ſeine Seelenkräfte auf thätige und nützliche Ge⸗ genſtände wandte, bei weitem glücklicher ſich fühlte, wie Maltravers durch die Philoſophie der Gleichgültigkeit und die Verſchmähung des Ehrgeizes geworden war. Eigen⸗ thümlich war der Einfluß, den der vielſeitige und prak⸗ tiſche Franzoſe auf das Schickſal und die Geſchichte von Maltravers äußerte. Offenbar und direkt hatte er auf deſſen äußeres Geſchick allerdings keine Einwirkung ge⸗ äußert; deſtomehr jedoch indirekt, durch Einwirkung auf ſeine Seele. Vielleicht hatte er deſſen erſtem ſchwan⸗ kenden und ungewiſſen Antrieb zu literariſcher Thätigkeit eine feſte Form ertheilt; er tröſtete ihn dann über die Kränkungen im Beginn ſeiner Laufbahn und vielleicht konnte es ihm jetzt bei der vollen Kraſt ſeines Verſtandes gelingen, den Engländer mit den Anſprüchen des Lebens bleibend wieder auszuſöhnen. Gewiſſe Geſpräche, welche Maltravers mit de Mon⸗ taigne hielt, muß ich im Keim und im Marke hier dar⸗ legen, denn ich beſchreibe ſowohl die innere wie änßere Geſchichte eines Mannes, und die wichtigen Ereigniſſſe eines Lebens werden nicht allein durch die dramatiſche Handlung von Andern, ſondern auch durch unſer Schlie⸗ ßen und unſere Gewohnheit des Denkens herbeigeführt. Was ich jetzt hier ſchreibe, mag langweilig ſein; aber es iſt keine Epiſode und ich verſpreche, daß hiemit die letzte didaktiſche Unterhaltung im Werke geboten wird. Eines Tages erzählte Maltravers de Montaigne von Allem, was er in Burleigh zur Verbeſſerung des Zuſtandes ſeiner Bauern entworfen habe und legte ihm ſeine Theorien über Taglöhnerſchulen und Armenabga⸗ ben dar, als de Montaigne ſich plötzlich mit den Worten zu ihm wandte:„So haben Sie alſo auf Ihrem kleinen Dorfe wirklich gefunden, daß Ihre nicht ſehr mühſamen und kaum ein Zehntheil von Ihrer Zeit in Anſpruch nehmenden Bemühungen, praktiſch gute Folgen geäußert haben?“ „Gewiß glaube ich das,“ erwiderte Maltravers mit einigem Erſtaunen. „Und noch geſtern haben Sie erklärt, daß alle Be⸗ mühungen der Philoſophie und Geſetzgebung vergeblich, ihre Wohlthaten zweideutig und ungewiß wären, daß die Civiliſation, dem Meere gleichend, welches an einem Punkte verliert, was es am andern gewinnt, uns allein einen theilweiſen Nutzen verſchafft, daß ſie uns eine Tugend ſtiehlt, während ſie eine andere gewährt und die Verhältniſſe des Guten und Böſen ſtets als dieſelben läßt.“ „Allerdings; ich habe aber nicht geſagt, daß ein Menſch Individuen durch individuelle Thätigkeit nicht helfen könne, obgleich er durch abſtrakte Theorien und ſogar durch praktiſche Handlung im weiteren Kreiſe der Maſſe keine Wohlthaten zu gewähren vermag.“ kleinen ühſamen Anſpruch geäußert vers mit alle Be⸗ ergeblich, ren, daß an einem ns allein uns eine t und die en läßt. 4 daß ein eit nicht rien und reiſe der 1 91 „Wenden Sie nicht in Bezug auf Individuen die⸗ ſelbe moraliſche Wirkſamkeit an, welche weiſe Geſetz⸗ gebung oder geſunde Philoſophie hinſichtlich der Maſſe äußern wird? Z. B. Sie erkennen, daß die Kinder Ihres Dorfes glücklicher, ordentlicher, gehorſamer find und weiſere und beſſere Menſchen in ihrer Lebensſtel⸗ lung zu werden verheißen, ſeitdem Sie das neue, und ich gebe zu, ausgezeichnete Syſtem der Schuldisciplin und Lehre errichtet haben. Warum ſollte die Geſetz⸗ gebung nicht in einem Königreiche ausführen können, was Sie in einem Dorfe zu Stande brachten? Ferner, indem Sie Hoffnung und Nacheiferung der Induſtrie einfach darboten— einen ſtrengen Unterſchied zwiſchen Thätigen und Faulen, der unabhängigen Regſamkeit und der Bettelei aufſtellten, haben Sie einen Hebel ge⸗ funden, durch welchen Sie die kleine Welt Ihrer Um⸗ gebung im buchſtählichen Sinne bewegten und änderten, Worin liegt tenn der Unterſchied zwiſchen der Herr⸗ ſchaft eines Dorfherrn und dem Verfahren einer weiſen Geſetzgebung? Das moraliſche Gefühl, worauf Sie ſich berufen, exiſtirt allgemein; die moraliſchen Mittel, welche Sie anwandten, ſtehen ſowohl der Geſetzgebung wie dem individuellen Grundeigenthämer zu Gebote.“* „Ja; aber wenn Sie denſelben Grundſatz, welcher ein Dorf umbildet, auf eine Nation auwenden, ſo ent⸗ ſtehen neue Grundſätze, welche ein Gegengewicht bilden. Gebe ich Erziehung meinen Bauern, ſo ſchicke ich ſie in die Welt mit Vortheilen, wodurch ſie ihren Standes⸗ genoſſen überlegen werden; da dieſe Vortheile bei jener Klaſſe nicht ſehr gewöhnlich ſind, ſo werden jene dadurch —— in Stand geſetzt, ihre Standesgenoſſen zu überholen. Wäre aber dieſe Erziehung dem ganzen Stande allge⸗ mein, ſo würde Niemand einen Vortheil vor den An⸗ dern voraushaben; indem die von ihnen erworbene Kenntniß von Allen getheilt würde, müßten ſie was ſie jetzt ſind bleiben, Holzhacker und Waſſerträger; das Princip individueller Hoffnung, welches aus der Kennt⸗ niß entſpringt, würde bald niedergehalten werden durch die ungeheure Bewerbung, wie ſie durch allgemeine Kenntniß erzeugt werden müßte. So müßte durch allge⸗ meine Verbeſſerung allgemeine Unzufriedenheit ent⸗ ſtehen. „Betrachten Sie dieſen Gegenſtand in einer ausge⸗ dehnteren Ausſicht; Vortheile, die den Wenigen in meiner Umgebung ertheilt werden, höherer Lohn, leich⸗ tere Arbeit, größeres Gefühl von der Würde des Men⸗ ſchen bringen keine Veränderung der Geſellſchaft hervor. Ertheilen Sie dieſe Vortheile der ganzen Maſſe der arbei⸗ tenden Klaſſe, ſo wird dasjenige, was im kleinen Kreiſe den Wunſch des Individuums, ſich zu erheben, bildet, in größerer Peripherie der Wunſch einer Klaſſe, ſich zu erheben; ſo entſteht ſoeiale Ruheloſigkeit, ſoeialer Wechſel, Revolutionen und deren Wagniß; denn Revo⸗ lutionen entſtehen nur durch die Beſtrebungen einer Klaſſe und den Widerſtand einer andern. Folglich iſt Verbeſſerung durch Geſetzgebung von individueller bei weitem verſchieden. Dieſelbe Wirkung, welche den kleinen Körper reinigt, wirkt zerſtörend, ſobald man ſie auf den großen anwendet. Liegt kein Unterſchied im Reſultat, wenn man die Flamme an den Holzklotz auf dem Heerde ſſe, ſich ſoeialer n Revo⸗ n einer glich iſt Uler bei kleinen ſie auf teſultat, Heerde 93 oder an den Wald bringt? Der ſaufte Wind, welcher die Quelle erfriſcht, geht auf den Ocean über. Ein Strom drängt den andern, Wogen drängen Wogen und der ſanfte Wind wird zum Sturme.“* „Wäre dieſe Darlegung richtig,“ erwiderte de Mon⸗ taigne,„hätten wir immer es vermieden, die Genüſſe und Vortheile der Wenigen der Maſſe mitzutheilen; wären wir ſtets vor dem Guten zurückgeſchaudert, weil das Gute Wechſel und deſſen theilweiſe Übel erzeugt, was wäre dann aus der Geſellſchaft geworden? Liegt kein Unterſchied im allgemeinen Glück und allgemeiner Tugend, zwiſchen dem tätowirten Piktenoder dem Gottes⸗ dienſt der Druiden und der glorreichen Harmonie, Er⸗ leuchtung und Ordnung der großen engliſchen Nation?“ „Die Frage iſt populär,“ ſagte Maltravers mit einem Lächeln,„und wären Sie mein Opponent in einer Wahl, ſo würde man Sie vor jedem Wahlgerüſt im Königreich mit Beifall begrüßen. Ich habe jedoch unter wilden Stämmen gelebt, vielleicht unter eben ſo wilden wie jene, welche Cäſar Widerſtand leiſteten, und ihr Glück ſcheint mir, wenn auch vielleicht nicht daſ⸗ ſelbe der Wenigen zu ſein, deren Quellen des Genuſſes zahlreich, verfeinert, und nur durch ihre eigenen Leiden⸗ ſchaften beſchmutzt find, jedoch dem der großen Maſſe in den civilifirteſten und vorgerückteſten Staaten gleich⸗ zuſtehen. Die Handwerker, welche in der verdorbenen Luft der Fabriken zuſammengedrängt werden, an deren innerſtem Leben phyſiſche übel von der Wiege bis zum Grabe nagen, welche von der Morgendämmerung bis zu Sonnenuntergang in niehriger Arbeit ſich plagen, und die, um Erholung ſich zu verſchaffen, zu her furchtbaren Aufregung des Branntweinladens, oder zu den wilden und eitlen Hoffnungen deſpotiſchen Fanatismus fliehen— dieſe ſind in meinen Augen nicht glückticher als die wilden In⸗ dier mit abgehärtetem Koͤrper und ruhigem Temperament, die an die Entbehrungen, wegen welcher Sie dieſelben be⸗ mitleiden, gewöhnt und nicht mit dem Fluch von Wün⸗ ſchen nach einem beſſeren Zuſtand belaſtet ſind, den ſie niemals erreichen können. Der Araber der Wüſte hat all die Üüppigkeit des Paſchas in ſeinem Harem geſehen; er beneibet dieſelbe nicht, ſondern iſt zufrieden mit ſeinem Pferdegeſchirr, ſeinem Zelt, ſeiner oͤden Wüſte und ſeinem Quell erfriſchenden Waſſers.“ „Gagt man uns nicht täglich, predigen unſere Prie⸗ ſter uns nicht von der Kanzel, die Hütte bedecke ein Glück, welches dem des Palaſtes gleichkomme? Iſt aber der Unterſchied zwiſchen Bauern und Fürſten verſchieden von dem zwiſchen Bauern und Wilden? Es gibt mehr Ge⸗ nüſſe und mehr Entbehrungen in einem wie im andern; wenn aber in letzterem Fall die Genüſſe, obgleich weniger, ſchärfer gefühlt werden— wenn die Entbehrungen, ob⸗ gleich ſcheinbar härter, auf dumpferes Gefühl und mehr abgehärteten Körper fallen, ſo verliert Ihr Maaß der Ver⸗ hältniſſe an Werth. Der Arme ſieht täglich und ſtündlich die ungeheure Ungleichheit der eiviliſirten Geſellſchaft; kehrt man die Parabel des Evangeliums um, ſo iſt er der Lazarus, welcher von weitem und aus dem Abgrund der Verzweiflung auf den Reichen in dem Schooße des Para⸗ dieſes blickt; dadurch werden ſeine Entbehrungen und Leiden durch Vergleich mit der üppigkeit Anderer ſchäͤrfer —,— empfun trennen durch 1 Gebräͤu bieten, ſache be zende Reichth aber ni dern de ſundhei die dun menſchl! Auch er Verbre unfruch ſchichte reichs, verfaul der gekr welche den! T ſagen: vermin zelnen theile erhebt mern d wirkten „ tbaren ſen und dieſe en In⸗ ament, en be⸗ Wün⸗ den ſie hat all en; er ſeinem ſeinem Prie⸗ Glück, er der den von ehr Ge⸗ andern; veniger, en, ob⸗ id mehr er Ver⸗ tüͤndlich lſchaft; t er der und der 3 Para⸗ gen und ſchaͤrfer — 8 9⁵ empfunden. Nicht ſo in der Wuͤſte und im Walde. Dort trennen nur kleine Auszeichnungen, und zwar gemildert durch Überlieferung undenklicher Zeiten und durch ererbte Gebräuche, welche in ſich die Heiligkeit der Religion bar⸗ bieten, den Wilden von ſeinem Häuptling. Die That⸗ ſache beſteht darin, daß wir in der Ciolliſation eine glän⸗ zende Anhäufung erſchauen: Literatur und Wiſſenſchaft, Reichthum und Luxus, Handel und Ruhm; wir ſehen aber nicht die Million Schlachtopfer, die unter den Rä⸗ dern der Maſchine zermalmt werden, die geopferte Ge⸗ ſundheit, den brodloſen Tiſch, die gefüllten Gefängniſſe, die dunſtigen Hoſpitäler, das in jeder Quelle vergiftete menſchliche Leben, das wie Waſſer vergoſſene Blut! Auch erinnern wir uns nicht aller der durch Verheerung, Verbrechen und Blut bezeichneten Schritte, wodurch dieſer unfruchtbare Gipfel erreicht wurde. Nehmen Sie die Ge⸗ ſchichte jedes eiviliſirten Staates— Englands, Frank⸗ reichs, Spaniens, bevor letzteres zur zweiten Kindheit verfaulte— der italieniſchen, der griechiſchen Republiken, der gekrͤnten Buhlerin der ſieben Hügel— welche Käͤmpfe, welche Verfolgungen, welche Verbrechen und welch Mor⸗ den! Wo können wir auf die Geſchichte zurückblicken und ſagen: Hier hat Verbeſſerung die Summe des Böſen vermindert? Dehnen Sie auch ihr Ziel jenſeits des ein⸗ zelnen Staates aus, ſo hat ein Staat immer ſeine Vor⸗ theile durch die Wehen eines andern erlangt. Spanien erhebt ſich üͤber die alte Welt auf den blutbefleckten Trüm⸗ mern der neuen; die Seufzer und das Gold Merxiko's be⸗ wirkten den Glanz Karls V.! „Schauen Sie England, das weiſe, liberale, freie England! durch welche Kämpfe hat dieſer Staat hin⸗ durch müſſen! iſt das Volk zufrieden? Denken Sie an die finftere Adelsherrſchaft der Normannen, an unſere verbrecheriſchen Angriffe auf Schottland und Frankreich, an das geplünderte Volk und die geſchlachteten Könige — dann an rie Verfolgung der Lollhards— die Kriege von Lancaſter und York— die neue Dynaſtie der Tudor's, welche zugleich die Freiheit zurückwarf und die Civiliſa⸗ tion förderte— an die Reformation, welche im Buſen eines ſcheußlichen Deſpoten gehegt und mit Gewaltthat und Raub genährt wurde— an die Scheiterhaufen der Maria und die liſtigen Grauſamkeiten der Eliſabeth— an England, wie es durch die Verheerung Irlands ge⸗ kräftigt ward— an die bürgerlichen Kriege— an die Herrſchaft der Heuchelei, welche auf die Herrſchaft des nackten Laſters folgte— an die Nation, welche, nach⸗ dem ſie den anmuthigen Karl enthauptet hatte, ruhig am Schaffot des erhabenen Sidney zuſchaute— an die eitle Revolution von 1688, welche, wenn ſie ein Jubelfeſt für England, mörderiſch für Irland war— an Marl⸗ boroughs eitlen Ruhm— an die organifirte Verderbniß des Walpole— an den wahnſinnigen Krieg mit unſern amerikaniſchen Söhnen und an den erſchöpfenden Kampf mit Napoleon! „Wohl, ſchließen wir die Seite— ſagen wir: Schaue ein Jahrtauſend unaufhörlicher Kämpfe und Leiden!— Millionen find umgekommen, aber die Kunſt hat ſie überlebt; unſere Bauern tragen Strümpfe, un⸗ ſere Weiber trinken Thee, unſere Dichter leſen Shak⸗ ſpeare und unſere Aſtronomen bauen auf Newton fort! Sind u Neue K formen ſelben? eine Pa beſſerurn nen? 8 woben, für die große H Sie ſag friedene derung „ruhig am an die eitle n Jubelfeſt an Marl⸗ Verderbniß mit unſern den Kampf agen wir: ämpfe und er die Kunſt fümpfe, un⸗ leſen Shak⸗ ewton fort! 97 Sind wir jetzt zufrieden? Nein, raſtloſer wie jemals! Neue Klaſſen ſind zur Gewalt gelangt; neue Regierungs⸗ formen werden verlangt; noch ſtets vernimmt man die⸗ ſelben Loſungsworte, Freiheit hier, Religion dort. Die eine Partei ſchwatzt von Ordnung, die andere von Ver⸗ beſſerung. Wo iſt das Ziel und was haben wir gewon⸗ nen? Bücher werden grſchrieben und Seidenzeuge ge⸗ woben, Paläſte werden erbant— große Erwerbungen für die Wenigen: der Bauer aber bleibt Bauer! Der große Haufen befindet ſich noch immer unten am Rade; Sie ſagen, er befinde ſich beſſer. Nein, er iſt nicht zu⸗ friedener! Der Handwerker ſtrebt ebenſo nach Verän⸗ derung wie früher der Leibeigene; die Dampfmaſchine hat ebenſowohl ihre Opfer, wie das Schwert. „Sie ſprechen von Geſetzgebung; alle iſolirten Ge⸗ ſetze pflaſtern den Weg für allgemeine Beränderung in den Regierungsformen! Emancipiren Sie die Katho⸗ liken und Sie eröffnen die Thür dem demokratiſchen Grundſatz, daß die Meinung frei ſein ſollte. Wird fie dem Bekenner einer andern Religion freigegeben, ſo darf ſie auch dem Wähler nicht entzogen werden. Die Abſtimmung durch Kugelung iſt nur eine Folge der ka⸗ tholiſchen Emancipationsbill. Geſtehen Sie die Kuge⸗ lung zu, und daraus folgt wieder ein erweitertes Stimmrecht. Das erweiterte Stimmrecht wird nur durch eine zur ickweichende Oberfläche(durch einen ſich erweiternden Kreis auf der Oberfläche des Waſſers) vom allgemeinen Stimmrecht geſchieden. Allgemeines Stimmrecht iſt Demokratie. Iſt Demokratie beſſer als ariſtokratiſche Republik? Bulwer, Alice. II. 98 „Betrachten Sie die Griechen, welche beide For⸗ men kannten, ſtimmen ſie hinſichtlich der beſten überein? Plato, Thueydides, Penophon, Ariſtophanes— der Träumer, der Hiſtoriker, der Philoſoph in der Hand⸗ lung, der ſcharfe Witzling haben kein Ideal über Demo⸗ kratie! Algernon Sidney, der Märiyrer der Freiheit geſteht der Maſſe keine Regierung zu. Brutus ſtarb für eine Republik; aber eine Republik von Patriziern! welche Regierungsform iſt denn die beſte? Alle ſtreiten, die Weiſeſten können nicht übereinſtimmen. Die Maſſe ſagt, eine Republik; aber doch, wie Sie ſelbſt zugeben werden, thut das deſpotiſche Preußen daſſelbe, was alle Republiken thun. Ja, aber ein guter Deſpot iſt ein glücklicher Zufall; allerdings, aber eine gerechte und wohl⸗ wollende Republik iſt gleicher Weiſe ein kurz lebendes Ungeheuer. Hat das Volk keinen andern Tyrannen, ſo wird die öffentliche Meinung zu einem ſolchen. Kein geheimes Spioniren iſt einem freien Geiſt unerträglicher, wie der grobe Blick eines amerikaniſchen Auges. „Eine Republik von Bauern iſt bloß ein patriarcha⸗ liſcher Stamm; keine Nacheiferung, kein Ruhm— Friede und Sumpf. Welcher Engländer, welcher Fran⸗ zoſe möchte ein Schweizer ſein? Eine Handelsrepublik iſt nur eine bewunderungswürdige Maſchine, Geld zu machen. Iſt der Menſch für nichts Edleres geſchaffen, als Schiffe zu befrachten und auf Seide und Zucker zu ſpekuliren? Wirklich bietet die Geſetzgebung kein ſicheres Ziel; wir wollen Utopia koloniſiren und mit Phan⸗ tomen in den Wolken fechten. Begnügen wir uns damit, Niemand Unrecht zuzufügen und in unſerer kleinen Sphäre das Sie phus ro „M haben ſi führt, ¹ den Thr vereine verſenke Frage w Iſt das Fluch ol „Di erwidert tet den von Go „W der Ge großen ſichtbar lichkeit ide For⸗ überein? — der r Hand⸗ r Demo⸗ Freiheit ſtarb für atriziern! e ſtreiten, ie Maſſe ſt zugeben ,was alle ot iſt ein und wohl⸗ z lebendes rannen, ſo hen. Kein rträglicher, ges. patriarcha⸗ Ruhm— lcher Fran⸗ delsrepublik e, Geld zu geſchaffen, d Zucker zu kein ſicheres mit Phan⸗ uns damit, erer kleinen 99 Sphäre Gutes zu thun. Staaten und Senate moögen das Sieb der Danaiden füllen und den Stein des Sifi⸗ phus rollen.“ „Mein theurer Freund,“ ſagte de Montaigne,„Sie haben ſicherlich die Verhandlung ſo gut wie möglich ge⸗ führt, welche, wenn Sie Recht hätten, die Regierung den Thoren und Schurken überliefern und die Staaten⸗ vereine der Menſchen in den Moraſt der Verzweiflung verſenken müßte. Allein eine ſehr alltägliche Anſicht der Frage würde ſchon genügen, Ihr Syſtem zu erſchüttern. Iſt das Leben, ſogar das bloße animaliſche Leben, ein Fluch oder ein Glück? „Die Mehrzahl der Menſchen in allen Ländern,“ erwiderte Maltravers,„genießt das Daſein und fürch⸗ tet den Tod. Wäre es anders, ſo würde die Welt nicht von Gott, ſondern vom Teufel geſchaffen ſein.“ „Wohlan denn; beobachten Sie, wie der Fortſchritt der Geſellſchaft die Beute des Grabes vermindert! In großen Städten, wo die Wirk ung der Ciyiliſation am ſichtbarſten ſein muß, ſteht die Verminderung der Sterb⸗ lichkeit im entſprechenden Verhältniß zur Vermehrung der Civiliſation in höchſt auffallender Weiſe. In Berlin verhielt ſich die jährliche Sterblichkeit vom Jahre 1747 bis 1755 wie 1 zu 28; von 1816 bis 1828 wie 1 zu 34! „Sie fragen, was England durch ſeine Fortſchritte in den Künſten gewonnen hat? Ich will Ihre Fragen mit den Liſten der Sterblichkeit beantworten. In Lon⸗ don, Birmingham und Liverpool haben die Todesfälle in weniger als einem Jahrhundert von 1 zu 20 bis 1 zu 40(gerade vie Hälfte) abgenommen. Ferner, ſobald ein Staat, ſogar eine einzelne Stadt, in Cioiliſation nebſt deren Begleitern, Thätigkeit und Handel, abnimmt, ſteigt die Sterblichkeit. Iſt aber die Civiliſation für die Verlängerung des Lebens günſtig, ſo muß ſie auch für Alles günſtig ſein, was das Leben beglückt— für die körperliche Geſundheit, die geiſtige Heiterkeit, die Fähig⸗ keiten des Genuſſes. Und wie großartiger, wie erhabener wirkt die Ausſicht auf Gewinn, wenn wir bedenken, daß für jedes ſo erweckte Leben, eine Seele, ein Schickſal jenſeits des Grabes, eine vervielfachte Unſterblichkeit vorhanden iſt! Welch ein Vertheidigungsgrund für den bleibenden Fortſchritt der Staaten! Können Sie aber auch ſagen, daß wir ungeduldig und unzufrieden bleiben, ſo lange wir fortſchreiten, ſo können Sie doch wirklich nicht vorausſetzen, daß es keinen Unterſchied in dem Grad und dem Weſen der Unzufriedenheit gibt, weil der Menſch in jedem Stande mit ſeinem Looſe unzufrieden iſt— keinen Unterſchied in dem Härmen um Brod und in dem Seh⸗ nen nach dem Monde! Das Sehnen iſt uns angeboren als das Prineip des Daſeins; das phyſiſche Sehnen er⸗ füllt die Welt, das moraliſche verbeſſert ſte. Wo Seh⸗ nen vorhanden iſt, muß auch Unzufriedenheit ſich vor⸗ finden; ſind wir mit allen Dingen zufrieden, ſo iſt das Sehnen erſtorben. Ein gewiſſer Grad von Unzufrieden⸗ heit iſt mit dem Glücke nicht unverträglich und bietet ſogar an ſich ein gewiſſes Glück dar. Welches Glück gleicht der Hoffnung? Was iſt Hoffnung anders als ein Sehnen? Der europäiſche Leibeigene, deſſen Herr über ſein Leben befehlen, oder die Keuſchheit ſeiner Tochter gls ein Recht verlangen konnte, ſe hut ſich, ſeinen Zu⸗ ſtand zu die Vor der Par und Lei dringt wird fr chem? länger: fundheit lichkeit: mindert ſchaffen! Qual u ſeinem Barmh auch für für die die Fähig⸗ eerhabener benken, daß n Schickſal ſterblichkeit ud für den n Sie aber den bleiben, irklich nicht n Grad und r Menſch in iſt— keinen n dem Seh⸗ s angeboren Sehnen er⸗ Wo Seh⸗ eit ſich vor⸗ n, ſo iſt das Unzufrieden⸗ h und bietet ellches Glück nders als ein en Herr über iner Tochter ,ſeinen Zu⸗ 101 ſtand zu verbeſſern. Gott bemitleidet ſeinen Zuſtand; die Vorſehung beruft den Ehrgeiz der Führer, den Kampf der Parteien, die Bewegung menſchlicher Beſtrebungen und Leidenſchaften zur Handlung; ein Wechſel durch⸗ dringt die Geſellſchaft und Geſetzgebung und der Sklav wird frei! Er ſehnt ſich nach Anderem, aber nach wel⸗ chem? Nicht länger nach perſönlicher Sicherheit, nicht länger nach den Vorrechten des Lebens und der Ge⸗ fundheit, ſondern nach höherem Lohn, größerer Behag⸗ lichkeit und leichter zu erlangender Gerechtigkeit bei ver⸗ mindertem Unrecht. Liegt kein Unterſchied in der Be⸗ ſchaffenheit dieſes Sehnens? War das eine eine größere Qual wie das andere? Erheben Sie die Wagſchale noch höher; eine nene Claſſe wird erſchaffen, die mittlere Claſſe, das eigenthümliche Geſchöpf der Civlliſation. Schauen Sie den Bürger, wie er ringt, kämpft und ſich ſehnt, und deßhalb unzufrieden iſt. Allein die Un⸗ zufriedenheit nagt nicht an den Springfedern des Lebens; es iſt die Unzufriedenheit der Hoffnung, nicht der Ver⸗ zwelflung; es ruft Fäͤhigkeiten, Kräfte und Leidenſchaf⸗ ten ins Leben, worin mehr Freude wie Kummer liegt. Es iſt daſſelbe Sehnen, welches den Bürger im Privat⸗ leben zu einem beſorgten Vater, zu einem fleißigen Ge⸗ werbsherrn, zu einem thäͤtigen und deßhalb nicht un⸗ glücklichen Menſchen macht. Sie geſtehen ein, daß In⸗ dividuen individuelles Gut erſchaffen können; dieſelbe Raſtſoſigkeit, dieſelbe Unzufriedenheit mit dem Ort, den er einnimmt, macht den Bürger zum Wohlthäter in ſeinem engen Kreiſe. Der Handel nährt noch beſſer wie Barmherzigkeit die Hungrigen und kleidet die Nackten. 10⁰²2 Der Ehrgeiz ertheilt noch beſſer als thieriſche Neigung unſern Kindern Erziehung und lehrt ſie Liebe zum Fleiß, den Stolz der Unabhängigkeit, Achtung hinſichtlich ihrer ſelbſt und Anderer.“ „Mit andern Worten,“ fiel Maltravers ein,„lehrt er ſie, ſich ſolchen Eigenſchaften hinzugeben, die ſie am beſten in der Welt fortbringen und das meiſte Geld zuſammen⸗ ſcharren koͤnnen.“ „Wenn Sie es wollen, moͤgen Sie die Sache von die⸗ ſem Geſichtspunkte aus betrachten; je weiſer aber und civilifirter ein Staat iſt, deſto weniger Wahrſcheinlichkeit bietet ſich dem Schurken in demſelben fortzukommen! Wohl mag Liſt, Heuchelei, Geiz, Verhärtung des Her⸗ zens im väterlichen Beiſpiel und Beſchützung irgend einer Thätigkeit liegen. Laſſen ſich aber ſolche nüchterne Schwä⸗ chen mit den Laſtern vergleichen, welche aus Trotz und Verzweiflung entſpringen? Ihr Wilder hat Tugenden, aber dieſe find meiſt phyſtſcher Art, Tapferkeit, Enthalt⸗ ſamkeit und Geduld— geiſtige und moraliſche Tugenden find zahlreich oder wenig im Verhältniß zum Bereich der Ideen und der Verhältniſſe des ſoeialen Lebens; bei dem Wilden müſſen ſie deßhalb getinger ſein, als bei eivilifir⸗ ten Menſchen; ſomit find ſie auch anf die einfachen und rohen Elemente beſchränkt, welche die Sicherheit ſeines Zuſtandes ihm nothwendig macht. Der Wilde iſt gewöhn⸗ lich gaſtfrei, bisweilen ehrlich. Allein Laſter ſind fuͤr ſeine Exiſtenz ebenſo wie Tugenden nothwendig; er iſt mit einem Stamme im Kampf, der vielleicht ſeinen eigenen vernich⸗ tet; Verrätherei ohne Bebenklichkeit, Grauſamkeit ohne Gewiſſensbiß ſind ihm weſentliche Eigenſchaften; er em⸗ pfinbet der Sogar der ſo rühmen berei wird aber Laſter nothwendit ehrt. Die Naͤuberei, für die Kr ſind fie au ſondern bef den Ihres in Gefahr welche für ſchweigend dig ſind. 6 abgegeben ſirter Mer Maltr wortete. 2 „Wenigſte Bemühun Arbeit, m Armuth v „Vor Menſchen jedem Ste die jetzt b⸗ ſtand vort ohne gött, teigung Fleiß, ch ihrer lehrt er n beſten ammen⸗ von die⸗ ber und nlichkeit dmmen! es Her⸗ nd einer Schwäͤ⸗ rotz und ugenden, Enthalt⸗ lugenden reich der bei dem eivilifir⸗ chen und eit ſeines gewöhn⸗ füͤr ſeine nit einem vernich⸗ keit ohne ; er em⸗ 10³ pfinbet deren Nothwendigkeit und neunt ſie Tugenden. Sogar der halbeivilifirte Menſch, der Araber, den Sie ſo rühmen, glaubt, er bebürfe ihres Geldes, und ſeine Räu⸗ berei wird ihm zur Tugend. In eiviliſirten Staaten ſind aber Laſter wenigſtens für die Griſtenz der Mehrheit nicht nothwendig; ſie werden deßhalb nicht als Tugenden ver⸗ ehrt. Die Geſellſchaft verbinhet ſich gegen ſie; Verrath, Räuberei, Mord ſind nicht weſentliche Bedingungen für die Kraft oder Sicherheit eines Staates. Allerdings ſind ſte auch vorhanden, allein ſie werden nicht befördert, ſondern beſtraft. Der Dieb in St. Giles beſitzt die Tugen⸗ den Ihres Wilden; er iſt ſeinen Gefährten treu, tapfer in Gefahr, gebuldig im Mangel; er übt die Tugenden, welche für die Verpflichtungen ſeines Beruſs und die ſtill⸗ ſchweigend zugeſtandenen Geſetze ſeines Treibens nothwen⸗ dig ſind. Er wurde einen bewunderungswürdigen Wilden abgegeben haben; aber ſicherlich iſt doch die Maſſe civili⸗ ſirter Menſchen beſſer wie Diebe?“ Maltravers ſtutzte und ſchwieg etwas, bevor er ant⸗ wortete. Alsdann wechſelte er den Gegenſtand des Streites. „Wenigſtens müſſen aber alle unſere Geſetze, alle unſere Bemühungen die Maſſe in einem jeden Staate zu einer Arbeit, welche das Geiſtespermögen tödtet, und zu einer Armuth verurtheilen, welche das Leben verbittert.“ „Vorausgeſetzt, dies wäre wahr, ſo gibt es noch große Menſchenmengen außerhalb der großen Volksmaſſe. In jedem Staate erſchafft die Cioiliſation eine mittlere Klaſſe, die jetzt bei weitem zahlreicher iſt, wie der ganze Bauern⸗ ſtand vor tauſend Jahren. Kann Bewegung und Fortſchritt ohne göttlichen Nutzen ſein, ſogar wenn ſie ihre Wirkung 1⁰⁴ auf die Erſchafſung einer ſolchen Klaſſe beſchränkt? Be⸗ trachten Sie auch die Wirkung der Kunſt, der Verfeine⸗ rung und gerechter Geſetze auf die höheren Klaſſen. Erken⸗ nen Sie, wie deren Lebensgewohnheiten dahin wirken, die Summe der Genüſſe zu erhöhen— erkennen Sie die große Thätigkeit, welche ſogar deren Luxus und frivoles Trei⸗ ben erſchafft! Würde es ohne Ariſtokratie eine mittlere Klaſſe gegeben haben? Würde ohne mittlere Klaſſe ein Zwiſchenglied zwiſchen Herrn und Sklave vorhanden ge⸗ weſen ſein? Bevor noch der Handel eine mittlere Klaſſe erſchafft, geſchieht dies durch die Religion. Die Prieſter⸗ ſchaft, wie auch ihre Jerthümmer ſein mochten, beugte die Gewalt. Um jedoch zur Volksmaſſe zurückzukehren— ſo ſagen Sie, daß dieſe zu allen Zeiten dieſelbe war. Iſt das der Fall? Ich kehre wieder zur Statiſtik zurück. Ich erkenne, daß nicht allein die Civiliſation, ſondern daß auch die Freiheit eine wunderbare Wirkung auf das menſchliche Leben äußert. Gleichſam durch den Inſtinkt der Selbſt⸗ erhaltung wird die Freiheit von der Menge ſo leidenſchaft⸗ lich erſtrebt; von Negerſtlaven z. B. ſterben einer von fünf oder ſechs, während von freien Afrikanern im engli⸗ ſchen Dienſt nur einer von fünfunddreißig ſterben. Frei⸗ heit iſt deßhalb kein bloßer abſtrakter Traum, lkein ſchö⸗ ner Name, keine platoniſche Beſtrebung; ſie iſt mit dem am meiſten praktiſchen aller Güter, mit dem Leben ſelbſt verwoben! Können Sie wirklich behaupten, daß die Ar⸗ beit durch Geſetze nicht erleichtet und die Armuth nicht vermindert wird? Wir ſind ſchon dahin übereingekom⸗ men, daß der Leibeigene vom Bauer verſchieden iſt, in ſo weit es Grade der Unzufriedenheit gibt;— wiſſen Sie, oles Trei⸗ ne mittlere Klaſſe ein en, beugte menſchliche der Selbſt⸗ eidenſchaft⸗ einer von en im engli⸗ rben. Frei⸗ „kein ſchö⸗ iſt mit dem Leben ſelbſt daß die Ar⸗ rmuth nicht hereingekom⸗ jeden iſt, in wiſſen Sie, 105 was der Bauer nach tauſend Jahren ſein wirh? Unzufrie⸗ den, werden Sie ſagen, noch immer unzufriehen. Ja, wenn er aber nicht unzufrieden wäre, ſo würde er noch ein Leibeigener ſein! Weit entfernt, dieſen Wunſch nach Verbeſſerung niederzubrücken, ſollten wir ihn als die Quelle immerwährenden Fortſchrittes begrüßen. Dieſer Wunſch wirkt, wie die Einbildung beim Dichter; er entrüͤckt in die Zukunft— Spes fovet agricolas; Crura sonant ferro, sed canit inter opus. Die allmählige Umwandlung von dem Wunſche der Ver⸗ zweiflung zu dem Wunſche der Hoffnung bildet den Unter⸗ ſchied zwiſchen Menſch und Menſch, zwiſchen Elend und Glück.“ „Aber alsdann naht die Kriſe, die Hoffnung reift zu Thaten; es beginnt die ſtürmiſche Revolution, vielleicht der bewaffnete Deſpotismus; zuletzt folgt der Rückfall in eine zweite Kindheit der Staaten.“ „Können wir mit neuen Hülfsmitteln; die uns zur Verfügung ſtehen, mit neuer Moral und neuer Weisheit die Zukunft nach der Vergangenheit vorherſagen? In an⸗ tiken Staaten beſtand die Maſſe aus Sklaven. Die Ci⸗ viliſation und Freiheit befand ſich bei Oligarchien; in Athen gab es 20,000 Bürger und 400,000 Sklaven. Wie leicht iſt Verfall, Entartung, Umſturz in ſolchen Staaten! — Eine Hand voll Krieger und Philoſophen ohne ein Volkl Jetzt haben wir nicht länger Hemmungen für den Umlauf des Blutes der Staaten! Die Abweſenheit der Sklaverei, s Hoffnung iſt günſtig dem Landwirth— Mühſam treibt er den Pflug, aber er ſingt bei dem Werk. 106 die Exiſtenz einer Preſſe, die geſunden Verhältniſſe der weder zu engen, noch zu großen Koͤnigreiche, haben neue Hoffnungen erweckt, welche die Geſchichte nicht zerſtoͤren kann. Als Beweis betrachten Sie alle Revolutionen der letzten Jahrhunderte; in England die Bürgerkriege und die Reformation— in Frankreich die furchtbare Erſchüt⸗ terung und den Militärdeſpotismus! Iſt eine der beiden Nationen zurückgeſunken? Die Sündflut geht vorüber; und es entſteht eine ſchönere Anſicht der Dinge wie fruͤher. Vergleichen Sie hie Franzoſen von heute mit denen des alten Régime. Sie ſchweigen; nun wohl, in allen Staa⸗ ten mag die Thätigkeit nicht die Geſahr des Böſen bieten; iſt das aber ein Grund, unthätig ſich niederzulegen?— Sie wollen den großen Haufen allein um das Steuerru⸗ der kämpfen laſſen! Wie viel Individuen können aber durch Verbreitung ihrer Gedanken, ſowohl in Schrift wie durch Handlung, die Ordnung großer Ereigniſſe leiten, bald verhindern, bald mildern, bald führen! Und ſoll ein Mann, dem die Vorſehung und das Glück ſolche Vorrechte ertheilt hat, ſich entfernt halten, weil er weder die Zu⸗ kunft vorausſehen, noch Vollkommenheit erſchaffen kann? Und Sie ſprechen von einem nicht gewiſſen und beſtimm⸗ ten Ziel! Wiſſen wir, daß es ein gewiſſes und beſtimm⸗ tes Ziel ſogar im Himmel gibr? Wiſſen wir, daß Vor⸗ züge nicht begrenzt ſein können? Genug, daß wir uns verbeſſern, daß wir fortſchreiten; wenn wir in dem großen Plane der Erde erkennen, das Wohlwollen ſei ein Attribnt des Schöpfers, ſo laſſen Sie uns alles An⸗ dere der Nachwelt und dem Höchſten überlaſſen.“ „Sie haben mir manche meiner Theorien verwirrt,“ ſagte Geſp nach die g ſchen nicht geübt Viell ich in Kirch Sie l Stan der R genng arbeit man einma Derje Prüft Entw ſitzt, nehm Natu ben a 1 einige ſchei grund Für euerru⸗ en aber leiten, ſoll ein vorrechte die Zu⸗ n kann? heſtimm⸗ beſtimm⸗ aß Vor⸗ wir uns in dem oollen ſei alles An⸗ 4 rrwirrt,“ 107 ſagte Maltravers aufrichtig,„und ich werde über unſer Geſpräch nachdenken. Darf aber überhaupt Jedermann nach Einfluß ouf Andere ſtreben, und ſeine Meinung in die große Wagſchale werfen, worin das große Men⸗ ſchengeſchick abgewogen wird? Das Privatleben kaun nicht eigentlich verbrecheriſch werden. Tugend wird nicht geübt, wenn man ein Buch ſchreibt, oder eine Rede hält. Vielleicht würde ich mich eben ſo gut beſchäftigen, kehrte ich in mein Dorf zurück und zankte ich mich mit den Kirchſpielaufſehern.“ „Ha!“ unterbrach ihn der Franzoſe lachend,„habe ich Sie bis dahin getrieden, ſo will ich nicht weiter. Jeder Stand im Leben hat ſeine Pflichten; Jedermann muß der Richter von dem ſein, wozu er ſich eignet. Es iſt genug, daß er thätig zu ſein wünſcht, und nützlich zu ſein arbeitet, daß er die Lehre anerkennt, am Wohlthun dürfe man nie ermüden. Iſt die Begierde nach dem Göttlichen einmal genährt, ſo wählt ſie ſich ihre eigene Nahrung. Derjenige Mann jedoch, welcher nach einer gehörigen Prüfung ſeiner Fähigkeiten und bei deren vollkommenen Entwicklung überzeugt iſt, daß er Geiſtesvermögen be⸗ fitzt, welche das Privatleben nicht gänzlich in Anſpruch nehmen kann, darf ſich nicht beklagen, die menſchliche Natur ſei unvollkommen, wenn er ſogar diejenigen Ga⸗ ben auszuüben ſich weigert, die er wirklich beſttzt.“ Dieſe Darlegung iſt ſehr langweilig geweſen; in einigen Punkten war fie alt und abgetreten, in andern ſcheint ſie vielleicht der abſtrakten Theorie von Haupt⸗ grundſätzen anzugehoͤren. Indeß aus ſolcher Darlegung Sür und Gegen laſſen ſich gleich praktiſche und erhabene Schlüſſe ziehen; die Tugend der Hanblung, die Ver⸗ pflichtung des Genius und die Philoſopie, welche uns lehrt, auf das Geſchick zu vertrauen und im Dienſte der Menſchen zu arbeiten. Sechstes Kapitel. Ich will ſie Ihnen ſchildern, bleiben Sie— ſie iſt es— Lelia. Der Capitän. Maltravers war nicht in das Syſtem falſcher Phi⸗ loſophie durch mürriſche und krankhafte Träume, aus abſichtlicher Selbſttäuſchung gekommen; im Gegentheil, ſeine Irrthümer beruhten auf ſeinen Uderzeugungen— ſobald die Überzeugung geſtört wurde, ward anch der Irrthum ſtark erſchüttert. Als jedoch ſeine Seele raſtlos zu den Pflichten bes thätigen Lebens ſich zurückwandte, wenn er ſich die Plackereien und Arbeiten des politiſchen Kampfes, oder die aufreibenden Mühen der Literatur mit ihren kleinen Feindſchaften, ihrer falſchen Freundſchaft und ihrem mageren, ſo wie launiſchen Belohnungen ins Gedächt⸗ niß zurückrief— dann verſank er in Zaghaftigkeit über ſein d nſamkeit zu Haus! Keine Lippen, um die Niedergeſchlagenheit zu tröſten, kein Herz, um im Triumphe Mitgefühl zu hegen, keine Liebe zu Haus, um dem Haß außerhalb deſſelben ein Gegengewicht zu bieten!— Und der beſte Theil des Menſchen, ſeine häusliche Neigungen, dem Verwelken oder der Ver⸗ ſchwendung an ideale Bilder oder melancholiſche Erin⸗ nerung zu überlaſſen! nung glück ſind. für g fühl zu T thäti uns fähr taign ein g nicht in de weibl war, einer Aben Schön ausge rein helle liche Schön die B Beſch ſchöng geſehe e Ver⸗ he uns iſte der Sie— än. er Phi⸗ ie, aus entheil, gen— uch der ten des ſich die es, oder kleinen d ihrem Gedächt⸗ eit über um die um im u Haus, wicht zu en, ſeine der Ver⸗ he Erin⸗ 109 Im Allgemeinen kann man, einer allgemeinen Mei⸗ nung entgegen, annehmen, daß die in ihrem Hauſe glücklichſten Männer außerhalb deſſelben die thätigſten ſind. Die animaliſchen Lebensgeiſter ſind nothwendig für geſunde Thätigkeit; Niedergeſchlagenheit und Ge⸗ fühl der Einſamkeit wird auch die kräftigtten Männer zu Träumern machen; der Eremit ſſt der Antipode des thätigen Bürgers; keine Götter beleben und begeiſtern uns wie die Laren. Eines Abends ſaß Maltravers, nachdem er unge⸗ fähr vierzehn Tage lang auf einem Landhauſe de Mon⸗ taigne's in der Nähe von St. Cloud geweſen war, als ein großer Liebhaber der Muſik, ob er gleich die Kunſt nicht länger übte, in der Loge der Frau von Ventadour in der italieniſchen Oper, und Valerie, welche über weibliche Eiferſucht, hinſichtlich der Schoͤnheit, erhaben war, ſprach mit großer Wärme des Lobes über die Reize einer jungen, engliſchen Dame, die ſie am vergangenen Abend bei Lahy G*'s getroffen hatte. „Sie iſt gerade mein Ideal der wahren engliſchen Schönheit,“ ſagte Valerte;„es iſt nicht allein die ausgeſuchte Schönheit der Geſichtsfarbe und die ſo rein blauen Augen, deren dunkle Wimpern je den hellen Augen der Schotten und Deutſchen ſo gewohn⸗ liche Kälte entfernen, welche bei ihr die nationale Schönheit bietet, ſondern die Einfachheit des Weſens, die Bewußtloſigkeit der Bewunderung, das Gemiſch von Beſcheidenheit und Verſtand im Ausdruck. Ich habe zwar ſchönere Frauen, aber niemals eine liebenswürdigere geſehen; Sie ſchweigen? Ich erwartete einen Ausbruch 1¹⁰ des Patriotismus zum Dank für das Compliment, wel⸗ ches ich Ihrer Landsmännin ertheilte.“ „Aber ich bin in dieſe wunderbare Paſta ſo ver⸗ ſunken.“ „Das iſt nicht der Fall; Ihre Gedanken find ab⸗ weſend. Können Sie mir etwas über die ſchöne Fremde und ihre Verwandte ſagen? Erſtens iſt dort ein Lord Doltimore, den ich früher kannte— von dem brauchen Sie übrigens nichts zu ſagen; zweitens deſſen junge Gemahlin, hübſch, mit dunklem Haar— Sie befinden ſich nicht wohl?“ „Es war nur die Zugluft; fahren Sie fort, ich erſuche Sie— der Name der jungen Dame, ihrer Freundin?“ „An den Namen erinnere ich mich nicht; ſie war aber mit einem Ihrer Staatsmänner, Lord Vargrave, verlobt— die Verlobung iſt abgebrochen— ich weiß nicht, ob das die Urſache einer gewiſſen Melancholie in ihrem Antlitz iſt— einer Melancholie, die für ihren hebegleichen Ausdrnck ſicherlich nicht natürlich iſt. Wer aber iſt in die gegenüherliegende Loge gekommen? Ah, Herr Maltravers, ſehen Sie, dort iſt die ſchöne Eng⸗ länderin!“ Maltravers erhob ſeine Augen und ſah wieder das n nich ſchöne Antlitz der Eveline Cameron. Lisle⸗ bei C „ G land ne gelern kar ohe ſein m anzuſe t;, wel⸗ ſo ver⸗ find ab Fremde ein Lord brauchen n junge befinden herſuche ndin?“ fie war kargrave, ich weiß lancholie für ihren iſt. Wer en? Ah, öne Eng⸗ dieder das Siebentes Buch. Deutung von Worten Kam über mich. Sophokles Oed. König. Erſtes Kapitel. Luce. Iſt der Wind günſtig, ſo paßt er für mich. Iſab. Kommen Sie her, ich vergeſſe ein Geſchäft. Witz ohne Geld. Tord Vargrave's Reiſewagen ſtand an der Thür; er ſelbſt zog in ſeinem Bibliothekzimmer ſeinen Überrock an, als Lord Saxingham eintrat. „Wie, reiſen Sie aufs Land?“ „Ja, ich ſchrieb Ihnen dies ſchon— um Lisle⸗Court anzuſehen.“ „Richtig, ich hatte es vergeſſen; mein Gedächtniß iſt nicht mehr ſo gut wie früher. Laſſen Sie mich ſehen, Lisle⸗Court liegt in**⸗ ſhire, Sie kommen fünf Meilen bei C** vorüber.“* „Soll ich hin? Ich bin in der Geographie von Eng⸗ land nicht ſehr bekannt; ich habe ſie nie auf der Schule gelernt. Was Polen, Kamtſchatka, Mexiko, Madagas⸗ kar oder ſonſt einen Ort betrifft, deſſen Kenntniß nützlich ſein moͤchte, ſo weiß ich jeden Zoll des Weges auswendig. 112 Doch à propos, bei C*s**, das iſt ja die Stadt, worin mein verſtorbener Onkel ſein Vermögen ſich verſchaffte.“ „Ja, ſo iſt es; ich erinnere mich, daß Sie für C*** als Candidat auſtreten wollten, aber den Parlamentsſitz Lord Staunch überließen— das war ſehr ſchön von Ihnen gehandelt. Beſitzen Sie dort noch Einfluß?“ „Ich glaube, mein Mündel hat dort einige Pächter— eine oder zwei Straßen heißen Richard⸗Street und Tem⸗ pleton⸗Place. Vor einigen Wochen wollte ich dorthin reiſen und nachſehen, welchen Einfluß meine Familie dort noch beſäße; aber Staunch hat mir ja geſagt, daß G⸗ss ihm ganz ſicher ſei.“ „Er glaubte das, heute Morgen aber kam er zu mir in großer Beſtürzung; er glaubt jetzt, daß er den Par⸗ lamentsſitz verliert. Ein Herr Winsley, der ſehr viel Einfluß dort beſitzt und der ihn unterſtützte, hat ſich von ihm zurückgezogen wegen der*3 Frage. Das iſt ſehr verdrießlich, denn Staunch gehört gänzlich zu uns, und wenn er jetzt abſiele, ſo wäre das für uns ſehr unglücklich.“ „Winsley— Winsley?— Die rechte Hand meines armen Onkels; ein großer Brauer, ſtets der Praͤſident des Templeton⸗Ausſchuſſes; ich kenne den Namen, ob⸗ gleich ich den Mann nie ſah.“ „Wollen Sie C'rt unterwegs beſuchen?“ „Gewiß! Staunch darf nicht verloren werden. Wir dürfen keine einzige Stimme wegwerfen, viel weniger eine ſo gewichtige. Wenigſtens achtzehn Centner ſchwer! Ich will in C**s unter dem Vorwande, nach den Häu⸗ ſern meines Mündels zu ſehen, anhalten und als dann mit Herrn Winsley eine ruhige Beſprechung halten. Hm, Pairs guten: einer I Lordſch erſten Es dem er Cathed⸗ Esg., geherrſ ſeine§ Zimme ſein Au ſeines hielt, in der innerun jener i ein Ge grave's ſtändig werbe errathq Bu tt, worin ſchaffte.“ für C AA*N amentsfitz on Ihnen zächter— und Tem⸗ h dorthin e Familie ſagt, daß er zu mir den Par⸗ rſehr viel at ſich von as iſt ſehr uns, und nglücklich.“ and meines Praͤſident kamen, ob⸗ 4 herden. Wir viel weniger tner ſchwer! ch den Häu⸗ als dann mit alten. Hm, 113 Pairs duͤrfen ſich in Wahlen nicht miſchen, ha! ha! Nun guten Tag, nehmen Sie Ihre Geſundheit in Acht; in einer Woche bin ich hoffentlich zurück; vielleicht ſchneller. Nach einer Minute fuhr Lord Vargrave und Herr Georg Friedrich Auguſt Howard(ein ſchlanker, junger Herr von hoher Geburt und Verbindung, der aber als ein eigenthumsloſer, jüngerer Bruder, ſich ſelbſt durch die Welt bringen mußte und deßhalb ſich herabließ, Seiner Lordſchaft Privatſekretär zu werden) über die Straßen zur erſten Station von C**s. Es war ſpät in der Nacht, als Lord Vargrave in dem erſten Wirthshaus dieſer wurdigen und reſpektablen Cathedralſtadt abſtieg, worin einſt Richard Templeton, Esg., ein Heiliger, Bankier und Politiker, unumſchränkt geherrſcht hatte. Sic transit gloria mundi! Als er ſeine Hände am Feuer des großen, weiß angeſtrichenen Zimmers wärmte, worein man ihn gewieſen hatte, fiel ſein Auge auf einen großen Kupferſtich mit dem Portrait ſeines Oheims, welcher eine Papierrolle in der Hand hielt, nämlich eine Parlamentshill über die Chauſſeen in der Nähe von C**s. Der Anblick rief in ihm die Er⸗ innerung jenes frommen und ernſten Verwandten zurück — ohne daß er's wollte, dachte der Miniſter an deſſen Todtenbett und an das ſonderbare Geheimniß, welches jener in dieſer letzten Stunde Lumley entdeckt hatte— ein Geheimniß, welches viel dazu beitrug, Lord Var⸗ grave's Verachtung für die conventionelle Form des an⸗ ſtändigen Lebens zu erhöhen. Hier nun mag erwähnt werden(obgleich der ſcharffinnige Leſer wohl ſchon etwas errathen haben mag), daß jenes Geheimniß, von welcher Bulwer, Alice. II. 8 114 Art es auch ſein mochte, ſich nicht durchaus ober aus⸗ ſchließlich auf des verſtorbenen Lords ſonderbare und un⸗ gleiche Ehe bezog. In dieſem Punkt war noch Vieles dunkel geblieben, um Lumleys Neugier zu erregen⸗ wãͤre er nämlich ein Mann geweſen, bei welchem dieſe Eigen⸗ ſchaft leicht zu entzuͤnden war. Allein darum bekümmerte er ſich wenig. Er wußte genug, um die Meinung zu hegen, eine fernere Kunde könne ihm keinen perſoͤnlichen Vortheil verſchaffen. Weßhalb ſollte er ſeinen Kopf mit Dingen füllen, die ja doch ſeine Taſche nicht füllten? Ein hörbares Gähnen des mageren Sekretärs weckte Lord Vargrave aus ſeiner Träumerei.„Ich beneide Sie, junger Freund, ſagte er in heiterer Laune;„das Ver⸗ gnügen, ſchläfrig zu werden, verlieren wir mit dem Alter; indeß zu Bett, wie Lady Macbeth ſagt. Wahr⸗ haftig, ich wundere mich nicht, daß der arme Teufel von einem Häuptling ſich bedachte, ob er mit einer ſol⸗ chen Tigerin zu Bett gehen ſollte; gute Nacht!“ Zweites Kapitel. Mein Glück reicht neu mir eine Anſicht dar. Racine. Am nächſten Morgen erkundigte ſich Vargrave nach Herrn Winsley's Hauſe und begab ſich allein zum Haus des Brauers. Der ſchlanke Sekretär ging fort, um ſich die Cathedrale zu beſehen. Herr Winsley war ein dicker, unterſetzter Mann, mit dem halb höflichen, halb groben Benehmen eines — Wäͤl hörte grave digen fand ſeinen 2 ihren „ nem v Neffen denken „4 liegt, foͤrdern chen Si ein Gla „Nß uns abe Sie wiff ſeitdem r aus⸗ nd un⸗ Vieles , waͤre Eigen⸗ mmerte nung zu önlichen kopf mit füllten? s weckte Wählers. Er ſtutzte, als er Lorb Vargrave's Namen hörte, und verbeugte ſich mit großer Steifheit. Var⸗ grave ſah mit einem Blick, daß in der Seele des wür⸗ digen Mannes irgend eine Urſache zum Groll ſich vor⸗ fand; auch trug Herr Winsley nicht lange Bedenken, ſeinen Buſen des gefährlichen Stoffes zu entladen. „Die Ehre, Mylord, iſt nnerwartet; ich kann mir ihren Grund nicht erklären.“ „Nun, Herr Winsley, Ihre Freundſchaft mit mei⸗ nem verſtorbenen Oheim kann vielleicht den Beſuch ſeines Neffen, welcher aufrichtige Anhänglichkeit an deſſen An⸗ denken hegt, zur Genüge erklären und entſchuldigen.“ „Hml ich habe gewiß Alles, was in meiner Gewalt liegt, gethan, um Herrn Templetons Intereſſe zu be⸗ foͤrbern. Niemand, darf ich wohl ſagen, hat mehr ge⸗ than, und dennoch, glaube ich, hat er nicht mehr viel daran gedacht, ſobald er den Wählern von C*** den Rücken gekehrt hatte. Ich hege durchaus keinen Groll 3 ich beſtnde mich wohl und unabhängig, ich brauche die Gunſt von Niemand— von Niemand, Mylord.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, ich hoͤrte ſtets, daß mein Onkel in den Ausdrücken höchſter Achtung von Ihnen redete.“ „So, ſo, daran iſt aber nichts gelegen; bitte, ſpre⸗ chen Sie nicht mehr davon! Darf ich Euer Lordſchaft ein Glas Wein anbieten?“ „Nein, ich bin Ihnen ſehr verbunden; laſſen Sie uns aber dieſe kleine Angelegenheit in Ordnung bringen. Sie wiſſen, mein Onkel kam niemals wieder nach C**⸗, ſeitdem er ſich verheirathet hatte; kurz vor ſeinem Tode 116 verkaufte er den gröͤßten Theil ſei nes Eigenthums in dieſer Stadt. Seine junge Frau, wie ich glaube, war gern in der Nähe von London; und wenn ältliche Män⸗ ner heirathen, ſo ſind ſie, wie Sie dies ja wiſſen, nicht länger ihre eigenen Herren. Wären Sie aber jemals nach Fulham gekommen, dann hätte ſich mein Oheim ſicherlich gefreut, ſeinen alten Freund wieder zu ſehen.“ „Glauben Sie das, Mylord?“ ſagte Herr Winsley mit bitterem Lächeln.„Sie irren ſich, ich beſuchte ihn in Fulham und obgleich ich ihm meine Karte ſandte, brachte mir Lord Vargrave's Diener(er war damals Mylord) die Nachricht zurück, Seine Lordſchaft ſei nicht zu Hauſe.“ „Das iſt ſicherlich wahr geweſen, er war nicht zu Hauſe, Sie können ſich darauf verlaſſen.* „Ich ſah ihn am Fenſter ſtehen, Mylord,“ ſagte Winsley, indem er eine Priſe Schnupftabak nahm. (Ha, zum Henker, jetzt hab' ich's, dachte Lumley.) „Sehr ſonderbar, wahrhaftig! wie können Sie ſich das erklären? Ah, vielleicht die Geſundheit der Lady Var⸗ grave— ſie war damals ſo ſehr zart, und mein armer Onkel lebte nur für ſie— Sie wiſſen, daß er all ſein Vermögen der Miß Cameron hinterlaſſen hat.“ „Miß Cameron! Wer iſt die, Mylord?“ „Nun, ſeine Stieftochter; Lady Vargrave war eine Wittwe, eine Frau Cameron.“ „Frau Cameron, ich erinnere mich jetzt; ſo ſtand es in den Zeitungen, aber ich glaubte, es ſei ein Ver⸗ ſehen; vielleicht jedoch,“ fügte Winsley mit einem La⸗ chen von beſonderer Bosheit hinzu,„vielleicht wollte & ums in e, war Män⸗ n, nicht jemals Oheim mſehen.“ Winsley uchte ihn ee ſandte, r damals t ſei nicht r nicht zu ve war eine bt; ſo ſtand ei ein Ver⸗ t einem La⸗ eicht wollte Ihr würdiger Onkel, als er daran dachte, ein Pair zu werden, nicht ſehr gerne, daß die Leute erführen, er habe ſo tief unter ſeinem Stande geheirathet.“ „Sie irren ſich, mein theurer Herr, mein Onkel läugnete es nie, daß Frau Cameron eine Dame ohne Vermögen und Verbindungen war; die Wittwe eines armen ſchottiſchen Herrn, der, wie ich glaube, in In⸗ dien ſtarb.“ „Er hinterließ ſie in ſehr ſchlechten Umſtänden; das arme Ding! Sie beſaß aber ſehr viel Verdienſt und ar⸗ beitete ſtark; ſte hat meine Mädchen das Clavierſpiel gelehrt!“ „Ihre Mädchen? Iſt denn Frau Cameron jemals in C'us geweſen?“ „Ja, damals aber hieß ſle Frau Butler; ein hüb⸗ ſcher Name, glaube ich.“ „Sie müſſen ſich irren; mein Onkel heirathete ſeine Gemahlin in Devonſhire.“ „Wohl möglich,“ ſagte der Brauer verdrießlich. „Frau Butler verließ die Stadt mit ihrem kleinen Mädchen, kurz bevor Herr Templeton ſich verheirathete.“ „Sie ſind weiſer, wie ich,“ ſagte Lord Vargrave, in⸗ dem er ſich zum Lächeln zwang.„Wie können Sie aber ſo gewiß überzeugt ſein, daß Frau Butler und Frau Came⸗ ron ein und dieſelbe Perſon waren? Sie kamen nicht ins Haus, Sie können Lady Vargrave nicht geſehen haben.“ (Hier errieth Lumley ſchlau genug, wenn die Geſchichte überhaupt wahr ſein mochte, die Urſache, weßhalb ſein Oheim jenen alten Bekannten nicht angenommen habe.) „Ich ſah Mylady anf dem Raſenßlatz ſpazieren ge⸗ 118 hen,“ ſagte Herr Winsley mit einem zweiten bitteren Lächeln;„und ich fragte den Portier, als ich fortging, ob das Lady Vargrave ſei. Indeß, Mylord, vorbei iſt vorbei; ich hege keinen Groll; Ihr Onkel war ein gnter Mann, und hätte er mir nur geſagt:„„Winsley, kein Wort über Frau Butler,““ ſo hätte er auf mich ebenſo rechnen können, als wenn er mir bei den Wahlen 5000 Pfund in die Hand drückte und ſagte:„„Winsley, keine Beſtechung, die iſt gottlos, vertheilt dies Geld als Almoſen.““ Wußte dann Jemand, wohin das Geld kam? Hat man Ihren Onkel jemals der Beſtechung angeklagt?“ „Nein! Wenn Sie aber bei mir morgen ſpeiſen wollen, ſo werden Sie mich ſehr verpflichten; was auch die Fehler meines Onkels geweſen ſein mögen(und in der letzten Zeit war er kaum bei Verſtande, der arme Mann, was für ein Teſtament hat er gemacht!)— laſſen Sie den Neffen nicht für dieſelben büßen. Kom⸗ men Sie, Herr Winsley!“ und Lumley hielt ſeine Hand mit bezauberndem Freimuth hin;„ Sie wiſſen, meine Beweggründe ſind uneigennützig; ich habe keinen Parla⸗ mentseinfluß zu betreiben— wir haben keine Conſti⸗ tuenten für unſer Hoſpital der Unheilbaren; das iſt recht, jetzt ſind wir Freunde; jehl muß ich fort und nach den Häuſern meines Mündels ſehen. Der Name des Agenten iſt——“ „Perkins, glaube ich, Mylord,“ ſagte Herr Wins⸗ ley, durch den Zauber von Vargrave's Worte und Benehmen ganz heſänftigt!„ich will nur meinen Hut holen und Eure Lordſchaft dann das Haus zeigen.“ bitteren fortging, vorbei iſt ein guter sley, kein ich ebenſo llen 5000 Zley, keine Geld als das Geld Beſtechung gen ſpeiſen ; was auch en(und in der arme ſeine Hand ſſen, meine linen Parla⸗ bine Conſti⸗ n; das iſt ch fort und Der Name — 119 „„Sie ſind ſehr artig, ſagen Sie mir unterwegs die Neuigkeiten über die Wahl; Sie erinnern ſich noch, beinahe wäre ich Parlamentsglied für Sie geworden.“ Vargrave erfuhr von ſeinem neuen Freunde einige andere Beſonderheiten über Frau Butler demüthiges Leben und einfache Lebensweiſe in C***, Umſtände, welche dazu dienten, ihm vollkommen zu erklären, weßhalb ſein ſtolzer und weltlich geſinnter Onkel ſich alles Verkehres mit jener Stadt enthalten und den Neffen verhindert hatte, als Candidat für den dortigen Parlamentsſitz aufzutreten. Außerdem ſchien es, daß Winsley, deſſen Arger nicht ſehr thätig und heftig war, ſeine Entdeckung den übrigen Einwohnern nicht mitge⸗ theilt, ſondern ſich mit Winken und abgebrochenen Sätzen begnügt hatte, ſo oft der Gegenſtand von Herrn Templetons Heirath verhandelt wurde; dadurch hatte er die Klatſchbaſen des Orts auf den Gedanken gebracht, er habe eine noch bei weitem ſchlimmere Wahl getroffer⸗ Was die Genauigkeit der Angabe von Winsley betraf, ſo hegte Vargrave, obgleich zuerſt überraſcht, nur wenig Zweifel, beſonders als er vernahm, daß Frau Butlers hauptſächlichſte Beſchützerin die Frau Leslie geweſen war, jetzt die vertrauteſte Freundin der Lady Vargrave. Von welcher Art aber war die Laufbahn, der früheſte Zuſtand und der Kampf dieſes einfachen und intereſſan⸗ ten Geſchöpfes geweſen? Mit ihrem Erſcheinen in Cir* begann Alles, was die Muthmaßung nur erdenken konnte⸗ Kein größeres Geheimniß umhüllte die Erſcheinung des Manco⸗Kapae am See Titiaca, als dasjenige, wel⸗ ches die Orte und Prüfungen verbarg, aus denen die arme Mufiklehrerin in die Straßen von C*** gelangt war. Des Vermuthens müde, und etwas ſorglos wandte Lord Vargrave, als er mit Herrn Winsley ſpeiste, das Geſpräch zum Geſchäft, welches ſeine Reiſe eigentlich veranlaßt hatte, nämlich auf den beabſichtigten Ankauf von Lisle⸗Court. „Ich ſelbſt,“ ſagte Vargrave,„bin kein guter Richter über Grundeigenthum; ich wünſchte, daß ein erfahrener Landmeſſer die Pachtungen und Wälder ſich anſähe. Können Sie mir einen ſolchen empfehlen?“ Herr Winsley lächelte und blickte auf ein rothwan⸗ giges, junges Mädchen, welches verlegen ausſah und ſich fortwandte.„Ich glaube, meine Tochter könnte Ihnen einen empfehlen, wenn ſie den Muth hätte.“ „O Papa!“ „Ich verſtehe ſchon. Wohlan, Miß Winsley, ich will keine andere Empfehlung, als die Ihrige annehmen.“ Miß Winsley ſtrengte ſich an, etwas zu ſagen. „Wirklich, Mylord, ich habe immer gehört, daß Herr Robert Hobbs für ſehr geſchickt in ſeinem Ge⸗ ſchäft gilt.“ „Herr Robert Hobbs iſt mein Mann; ſeine Geſund⸗ heit und ein hübſches Weib für ihn!“ „Miß Winsley blickte ihre Mama an, und dann ihre jüngere Schweſter, und dann entſtand ein Geflü⸗ ſter, und dann eine Verlegenheit, und Herr Winsley, Lord Vargrave und der ſchlanke Sekretär blieben allein. „Wahrlich, Mylord,“ ſagte der Gaſtgeber, indem er ſich wieder zurecht ſetzte und den Wein hinſchob„ob⸗ gelaugt s wandte eiste, das eigentlich Ankauf er Richter rfahrener h anſähe. rothwan⸗ h und ſich nte Ihnen sley, ich nehmen.“ lagen. hhört, daß rinem Ge⸗ e Geſund⸗ und dann ſein Geflü⸗ Winsley, ben allein. ſer, indem ſchob„ob⸗ gleich Sie unſere kleine Familienangelegenheit erriethen, und ich einiges Intereſſe an der Empfehlung habe, da Margarethe in wenig Wochen Frau Hobbs ſein wird, ſo kenne ich doch keinen ſcharfſinnigeren und verſtändi⸗ geren jungen Mann. Ee iſt ſehr achtbar und beſitzt ein unabhängiges Vermögen; ſein Vater iſt vor Kurzem geſtorben und hat wenigſtens 30,000 Pfund im Handel erworben. Sein Bruder Eduard iſt ebenfalls geſtorben; ſomit beſitzt er das hauptſächlichſte Vermögen, und er betreibt ſein Geſchäft nur noch zum Vergnügen. Er würde es als große Ehre betrachten.“ „Wo wohnt er?“ „Nicht in dieſer Grafſchaft, etwas entfernt, nahe bei**n; allein das Haus liegt auf dem Wege Eurer Lordſchaft; daſſelbe iſt noch dazu recht hübſch. Ich habe ſeine Familie gekannt, ſeit ich ein Knabe war; es iſt er⸗ ſtaunenswerth, wie ſein Vater den Ort verſchönert hat. Als er ihn kaufte, ſtand dort eine kleine Hütte aus Latten und Gyps, und jetzt iſt es ein ausgezeichneter Familienſttz. „Wohlan, geben Sie mir die Adreſſe und einen Einführungsbrief; ſoviel für jetzt. Kehren wir jedoch zur Politik zurück.“ Hierauf ſchwatzte Lord Vargrave mit viel Beredſamkeit, bis Herr Winsley in ihm den einzigen Mann erkannte, welcher den Staat von gänz⸗ licher Vernichtung retten könne, deren Möglichkeit er früher nie geahnet hatte. Hier mag auch noch hinzugefügt werben, daß Herr Winsley, als er Lord Vargrave gute Nacht wünſchte, ihm ins Ohr flüſterte:„Alles iſt in Ordnung!“ 8 tänzerin. Gegen fünf Uhr N 122 Drittes Kapitel. Dies iſt das Haus, Herr, Der Liebe Pilgerfahrt. Es kehren die goldenen Zeiten. Virgil. Am nächſten Morgen rollte Lumley und ſein mage⸗ rer Geſellſchafter ſchnell über dieſelbe Landſtraße, auf welcher Alice Darvil vor 16 Jahren, hungrig und müde Frau Leslie zuerſt angetroffen hatte. Als ſie über den⸗ ſelben Ort kamen, ſprachen fie gerade von einer Opern⸗ achmittags hielt der Wagen an einem eiſernen Gitterthor, woran ſtand:„Hobbs Lodge, man ſchelle. er,“ ſagte Lord Vargrave, als ſie „Ein hübſcher O die Ankunft des Bedienten erwarteten, um das Thor zu erſchließen. „Ja,“ ſagte Herr H Bürger, der ſich aus dem Haus ſich verwandeln ließe, Haus werden.“ Armes Dale Cottag oward;„wenn ein Londoner Geſchäft zurückzieht, in ein ſo würde er ein ſolches el Einſt die Heimath der Poefie und Leidenſchaft! der Wechſel aber ſacht ſowohl das Alltägliche, wie das Romantiſche heim. Seit Alice an jenes kalte Gitter ihr forſchendes Ange gedrückt hatte, war auch die gewöhnliche Revolution der Zeit bewirkt worden; die Alten waren geſtorben, die Jungen auf⸗ gewachſen. Von den Kindern, die auf dem Raſenplatze ſpielten, hatte einige der Tod, andere die Ehe in An⸗ ſpru Alle Robe bei i ſeine Win⸗ Geſa an d ſchwa Auge ein 2 C Comg an di gleich dünne thig und ſ Herr gut b würd dorth nehm aus d Herr legenh jeden wenn ſtänd G ſpeiſe fahrt. 5 ten. il. in mage⸗ aße, auf ind müde ber den⸗ r Opern⸗ er Wagen „Hobbs ſe, als ſie das Thor Londoner ht, in ein ein ſolches owohl das it Alice an ückt hatte, eit bewirkt ngen auf⸗ aſenplatze (Ehe in An⸗ der Poeſie ſpruch genommen; der deiertag der Jugend war für Alle verſchwunden. Der Diener öffnete das Thor, Herr Robert Hobbs war zu Haus; Freunde befanden ſich bei ihm; er war beſchäftigt. Lord Vargrave ſchickte ſeine Karte und den Empfehlungsbrief von Herrn Winsley ihm zu; nach zwei Sekunden brachten dieſe Geſandtſchaftsdokumente Herrn Robert Hobbs ſelbſt an das Thor, einen lebhaften jungen Mann, mit ſchwarzer Halsbinde, röthlichem Backenbart und einem Augenglaſe an einer Haarkette, welche möglicherweiſe ein Liebespfand der Miß Margaretha Winsley war. Es erfolgte eine Verſchwendung von Verbeugungen, Complimenten und Eniſchuldigungen. Der Wagen fuhr an die Hausthär; Lord Vargrave ſtieg ab und ward ſo⸗ gleich in Herrn Hohhs Privatzimmer geführt. Der dünne Sekretär folgte und ſaß ſchweigend, ſchwermü⸗ thig und aufrecht da, während der Pair ſein Geſchäft und ſeine Wünſche Herrn Hobbs herablaſſend darlegte. Herr Hobbs war mit der Oetlichkeit von Lisle⸗Court gut bekannt; es lag nur 15 Stunden entfernt. Er würde ſtolz ſein, Lord Bargrave den nächſten Morgen dorthin zu begleiten; aber dürfte er ſich die Kühnheit nehmen, dürfte er es ſich herausnehmen— ein Herr aus der Stadt war heute bei ihm zu Tiſche— ein Herr, von gründlichſter Kenntniß aller Ackerbauange⸗ legenheiten— ein Herr, welcher jede Pacht, beinahe jeden Acker kannte, der Oberſt Maltravers gehörte— wenn Seine Lordſchaft bewogen werden könnte, Um⸗ ſtände bei Seite zu ſetzen und mit Herrn Hobbs zu ſpeiſen— ſo würde es für ihn ſehr nützlich ſein, jenen 124 . Der magere Sekretär, welcher ſehr inen ungewöhnlich ſchmackhaften Ge⸗ Stiefeln Herrn zu ſprechen hungrig war und e ruch zu ſchnüffeln glaubte, blickte von ſeinen auf; Lord Vargrave lächelte. Mein junger Freund hier iſt ein zu großer Bewun⸗ derer der Frau Hobbs, das heißt der zukünftigen, um nicht die Bekanntſchaft eines jeden Mitgliedes der Fa⸗ milie zu erſehnen, in welche ſie zu treten im Begriff iſt.“* Das Erröthen des Herrn Georg Friedrich Auguſt Howard bot eine zornige Widerlegung der verleumde⸗ riſchen Beſchuldigung. Vargrave fuhr fort: „Was mich betrifft, ſo werde ich mit größtem Ver⸗ einem Ihrer Freunde machen, und bin Ihnen für Ihre Höflichkeit ſehr ver⸗ bunden. Howard, ſchicken Sie die Poſtillons fort. Um welche Zeit ſollen wir ſie wieder beſtellen? Um zehn Uhr?“ „Wenn Ihre Lordſchaft mir die Ehre erweiſen will, ein Bett von mir anzunehmen, ſo können wir Ihre Lordſchaft und dieſen Herrn logiren. Alsdann können wir zu jeder Stunde am Morgen abfahren, wenn— „So ſei es,“ unterbrach ihn Vargrave,„Sie reden wie ein Geſchäftsmann. Howard, haben Sie die Güte, die Pferde um ſechs Uhr zu beſtellen! Wir wollen in Lisle⸗Court frühſtücken.“ Als die Sache abgemacht war, wies man Lord Var⸗ d ihre Zimmer an. Die Reiſe⸗ kleider wurden gewechſelt, und das Mittageſſen auf ſpätere Zeit beſtellt; der Fiſch ward verkocht; was hatte aber ein gewöhnlicher Fiſch zu bedeuten, da Herr Hobhs jetzt ei ihm vr Pair, reiste ſein C und vr fahrt u wichtig war be˖ téte-3 Wirth zimme gen G. W Herrn dem L ſie die braten das A erhalt loren mit ei gen de willig äppig Weiſe ſeine dran! und ri dort e her ſehr ten Ge⸗ Stiefeln Bewun⸗ gen, um der Fa⸗ griff iſt.“ ch Auguſt erleumde⸗ ztem Ver⸗ Freunde t ſehr ver⸗ fort. Um Um zehn weiſen will, wir Ihre ann können wenn—“ „Sie reden ie die Güte, ir wollen in n Lord Var⸗ Die Reiſe⸗ tageſſen auf ht; was hatte Herr Hobhs jetzt einen ſo großen ſing! Welche Wichtigkeit mußte ihm von jetzt an auf immer zu Theil werden! Ein Pair, ein Miniſter, ein Fremder in der Grafſchaft, reiste zu ihm hin, um ihn um Rath zu fragen, um ſein Gaſt zu ſein, um gezeigt, vertraulich behandelt und vor den Übrigen der Geſellſchaft zu einer Spazier⸗ fahrt mitgenommen zu werden! Herr Hobbs ward zum wichtigen Mann! Vargrave bekümmerte ſich nicht darum, war bei Jedem zu Hauſe und vielleicht erfreut, einem téte-à-téte mit Herrn Howard in einem fremden Wirthshauſe zu entgehen; er ſchlenderte in das Beſuch⸗ zimmer und ward der wartenden Familie und den hungri⸗ gen Gäſten vorgeſtellt. Während der abſterbenden Junggeſellenſchaft des Herrn Robert Hobbs, übernahm Frau Tiddy(welche dem Leſer ſchon als junge Frau eingeführt iſt, indem ſie die Weisheit der Haushaltung und großer Lenden⸗ braten von den frugalen Lippen ihrer Mama vernahm), das Amt der Dame vom Hauſe— eine hübſche und gut erhaltene Frau, nur daß ſie einen vorderen Zahn ver⸗ loren hatte; ſie erſchien in einem gelblichen Atlaskleide mit einem Schleier brittiſcher Spitzen und einem Kra⸗ gen deſſelben Stoffs. Herr Tiddy war nämlich ein eigen⸗ williger Mann und wollte durchaus nicht, daß die zu äppigen Reize der Frau Tiddy auf eine zu verſuchende Weiſe bloßgeſtellt würden. Herr Tiddy war auch da, den ſeine Frau aus Liebe geheirathet hatte und der jetzt gut dran war, ein hübſcher Mann mit großem Backenbart und römiſcher Naſe, nur ein wenig ſchief. Außerdem war dort eine Miß Biddy oder Brigitte Hobbhs, eine junge Dame von vier oder fünfundzwanzig Jahren, welche überlegte, ob ſie Lord Vargrave bitten dürfe, etwas in ihr Stammbuch zu ſchreiben, und welche einen ſchaam⸗ haften Blick der Bewunderung auf den ſchlanken Sekre⸗ tär warf, als er in das Zimmer ſchlenderte— mit ſchwarzem Rock, ſchwarzer Weſte, ſchwarzen Beinklei⸗ dern, ſchwarzem Halstuch mit ſchwarzer Nadel, ſo daß er einem zur Hälfte geſpaltenen ebenholzenen Spazier⸗ ſtock glich. Miß Biddy war eine hübſche junge Dame— nur ein wenig verwelkt, mit ungewöhnlich dünnen Ar⸗ men und weißen Atlasſchuhen, worauf der magere Sekretär ſein Auge warf und ſchauderte! Eine Zugabe zu dieſer Familiengruppe war der Pfarrer von**“, ein angenehmer Mann, der Predigten und Gedichte heraus⸗ gab, auch Sir William Jekyll, welcher Herrn Hobbs in Anſpruch nahm, um die Karte eines Gutes zu ent⸗ werfen, welches er vor kurzem gekauft hatte; auch zwei Landedelleute und ihre Jrauen; ferner der Arzt der benachbarten Stadt, der Brillen trug und Anekdoten erzählte und endlich Herr Onslow, der Herr, welchen Hobbs erwähnt hatte— ein ältlicher Mann, von einnehmendem Außeren, großem Ruf als trefflicher Friedensrichter und Landwirth, überhaupt als der ver⸗ ſtändigſte Mann der Gegend. Aus dieſen beſtand die Geſellſchaft; der große Mann verbeugte ſich lächelnd vor einem Jeden und des großen Mannes Sekretär verbeugte ſich herablaſſend um drei Wirbel ſeines Rück⸗ grats. Die Glocke zur Tafel erſcholl; das Mittageſſen ward angekündigt. Sir William Jekyll trat zuerſt mit einer der Ge zimme Frau 2 Wi ſpräches nächſt in ſtum die zwe das Mi hatten, entdeckte Geſellſch Court;? natürlich Freundſo Gefühl, erzählte abentener Aufmerkf „Ich Jahren Gelegenh tereſſe; n (er war! fes Gefü wähnten, meinigen und in gr „Nei „Eur velche as in aam⸗ Sekre⸗ — mit inklei⸗ n Ar⸗ nagere ugabe *, ein eraus⸗ Hobbs u ent⸗ h zwei zt der kdoten zelchen „ von fflicher er ver⸗ und die ichelnd ekretär Rück⸗ nward t einer 127 der Gemahlinnen von den Lanbedelleuten ins Speiſe⸗ zimmer. Lord Vargrave bot ſeinen Arm der ſtattlichen Frau Tiddy an. Wie gewöhnlich war Vargrave die Seele des Ge⸗ ſpräches. Herr Howard, welcher der Miß Brigitta zu⸗ nächſt ſaß, unterhielt ſich mit ihr zwiſchen den Gängen in ſtummem Prunk. Herr Onslow und der Arzt ſpielten die zweite und dritte Rolle nach Lord Vargrave Als das Mittageſſen vorbei war und die Damen ſich entfernt hatten, ſaß Vargrave zunächſt bei Herrn Onslow und entdeckte in ſeinem Nachbar einen höchſt angenehmen Geſellſchafter. Sie ſprachen hauptſächlich von Lisle⸗ Court; von Oberſt Maltravers wandte fich das Geſprãch natürlich auf Ernft. Vargrave nannte ſeine frühe Freundſchaft mit dem letztern Herrn, beklagte ſich mit Gefühl, daß die Politik fie Beide entfremdet habe und erzählte zwei oder drei Anekdoten von ihren Jagend⸗ abenteuern im Orient. Herr Onslow horchte mit vieler Aufmerkſamkeit. „Ich habe die Bekanntſchaft ebenfalls vor vielen Jahren gemacht,“ ſagte Jener,„und zwar bei einer Gelegenheit ſehr zarter Art. Ich nahm an ihm viel In⸗ tereſſe; niemals habe ich einen ſo jungen Mann geſehen (er war damals beinah noch ein Knabe), welcher ſo tie⸗ fes Gefüͤhl äußerte. Nach dem Datum, das Sie er⸗ wähnten, muß Ihre Bekanntſchaft ſehr bald nach der meinigen begonnen haben. War er zu jener Zeit munter und in guter Laune?“ „Nein, hypochondriſch bis zum höchſten Grabe.“ „Eurer Lordſchafts genaue Bekanntſchaft mit ihm 128 und das Zutrauen, welches zwiſchen jungen Leuten ge⸗ wöhnlich vorhanden iſt, erweckt bei mir die Vermuthung, daß er Ihnen einen kleinen, mit ſeiner Jugend verbun⸗ denen Roman erzählt hat.* Lumley ſchwieg, um zu überlegen. Dies Geſpräch⸗ welches bei Seite geführt worden war, wurde plöͤtzlich von dem großen Doktor unterbrochen, welcher zu wiſſen wünſchte, ob Seine Lordſchaft die Anekdote über Lord Thurlow und den verſtorbenen König gehört habe. Die Anekdote war ſo lang wie der Doktor ſelbſt; als ſie vor⸗ über war und als die Herren ſich ins Beſuchzimmer ent⸗ fernten, ward alles Geſpräch durch den Geſang eines Matroſenliedes unterbrochen, welches bis zur Ankunft des Herrn Tiddy wegen deſſen vortrefflicher Baßſtimme verzögert worden war. Ach, auf demſelben Punkte der Erde hatte Aliee Darvil vor achtzehn Jahren die Seele der Muſik von den Lippen des Genins und der Liebe zuerſt empfangen. Aber ſo, wie es war, waren die Verhäͤltniſſe doch beſſer, weniger romantiſch, aber paſſender; Hobhs Lodge war weniger hübſch, aber mehr vor Wind und Regen ge⸗ ſichert wie Dale Cottage. Miß Brigitta wagte den gutgelaunten Lord zu fra⸗ gen, ob er finge?„Ich nicht, Miß Hobhs; aber Ho⸗ ward dort, o wenn Sie ihn hörten!“ Die Folge des Winkes war, daß der unglückliche Sekretär, welcher allein in einem entfernten Winkel ſeine Phantaſie bewußtlos mit einem ſchwachen und kalten Kaffee erfriſchte, ſogleich mit Bitten von Miß Brigitta, Frau Tiddy, Herrn Tiddy und dem großen Doktor beſtürmt wurde, um eine Prob ward len; der 8 geſan Tidd” treten war u Verſt Arge zu be Herrn flüſter den be ein za neuen Perſo anbot Sache auf. Schla auf ſe Unglü bedroh 129 ten ge⸗ Probe ſeines Talentes zum Beſten zu geben. Herr Ho⸗ uthung, ward konnte fingen, er konnte ſogar die Guitarre ſpie⸗ verbun⸗ len; aber in Hobbs Lodge zu ſingen, in der Begleitung 4 der Frau Tiddy, ſo daß ſein ſanfter Tenor im Rund⸗ eſpräch, geſang durch den ſchweren männlichen Baß des Herrn ploͤtzlich Tiddy, der gleichſam wie ein hinkender und hart auf⸗ zu wiſſen tretender Fuß erſcholl, verſchwinden mußte— der Gedanke ber Lord war unerträglich! Er brachte mit ſchwacher Stimme die abe. Die Verſicherung ſeiner Unwiſſenheit hervor und eilte, ſeinen 3 ſie vor⸗ Arger in der Zurückgezogenheit eines entfernten Sopha's mer ent⸗ zu begraben. Vargrave, welcher die bezeichnende Frage ung eines Herrn Onslows vergeſſen hatte, erneute in einem Ge⸗ aunnſt flüſter ſein Geſpräch mit jenem Herrn in Beziehung auf gaßſtim den beabſichtigten Ankauf, während Herr und Frau Tiddy ein zärtliches Lied anſtimmten. Onslow war mit ſeiner neuen Bekanntſchaft ſo zufrieden, daß er ſich als vierte Perſon in Lumley's Wagen für den nächſten Morgen anbot, um ihn nach Lisle⸗Court zu begleiten. Als die Sache abgemacht war, brach die Geſellſchaft in Kurzem auf. Gegen Mitternacht lag Lord Vargrave in feſtem Schlaf, und Herr Howard überdachte, indem er ſich auf ſeinem traurigen Lager hin⸗ und herwarf, all das Unglück, welches einen Eingeborenen von St. James aber Ho⸗. bhedroht, welcher ſich wagt nuter Folge des Die Menſchenfreſſer und die Männer auch, llcher Bebe Die ihre Häupter unterm Arme tragen. bewu hte, ſogleich— mpfangen. Bulwer, Alice. II. 430 Viertes Kapitel. Wie veränderten ſich ihre Zweiſel in beſtimmte Gewißheit. Huntley. Lord Vargrave's Wagen nahm am nächſten Morgen, als es noch dunkel war, Herrn Onslow an der Thür eines großen altmodiſchen Hauſes auf, welches dicht vor der Fabrikſtadt**s lag. Die Geſellſchaft war ſchweigend und ſchläͤfrig, bis ſie nach Lisle⸗Court kam; alsdann war die Sonne aufgegangen, der Morgen hell, die Luft froſtig und ſtärkend. Als nun nach der Fahrt durch den Park ein großer, viereckiger Bau von Ziegeln, mit maſſenhaften viereckigen Thürmen an den Ecken und mit Zinnen von gehauenem Stein Lord Vargrave's Auge traf, klopfte in ſeiner Bruſt ſein eigennütziges Herz, und das Bild der Eveline ward für ihn unausſprechlich lie⸗ benswürdig und verführeriſch. Obgleich der Verwalter auf die Ankunft Vargrave’s in ſo früher Stunde nicht bereit war, hatte er denſelben voch täglich erwartet. Die Holzklötze brannten bald auf dem weiten Herd des Frühſtückzimmers, die Thee⸗ maſchine kochte, die Cotelets rauchten und Vargrave bemächtigte ſich des Verwalters, während die übrige Geſellſchaft ſich am Feuer ſammelte und die Mäntel und die Shawlhalstücher ablegte. Mit entzückten Schritten durchwandelte er die prächtige Reihe von Zimmern, blickte auf die Gmälde, bewunderte die Staatsſchlaf⸗ zimmer, ſchaute in die Verwaltungsämter und erkannte in Allem eine für den Pair Englands würdige Wohnung⸗ welche aber, wie ein klügerer Mann mit einem Seuſter 8 beſtimmte tley. Morgen, hür eines vor der zweigend dann war die Luft durch den eln, mit und mit de's Auge Herz, und chlich lie⸗ argrave’s denſelben bald auf pie Thee⸗ Vargrave die übrige äntel und Schritten Zimmern, tatsſchlaf⸗ 13¹1 anerkannt haben würde, eine ſorgfaͤltige Haushaltung hinfichtlich der Einkünfte erheiſchte, um daſſelbe ver⸗ hältnißmäßig auszurüſten und zu erhalten. Solch eine Idee aber kam Vargrave nicht durch den Kopf; er dachte allein, wie ſehr man ihn ehren und beueiden müßte, wenn er als Staatsſekretär dieſe feudalen Zimmer mit dem Stolz und Rang Englands füllen würde! Es war ein charakteriſtiſcher Zug für das ungewöhnlich ſangni⸗ ſche Temperament und das Selbſtvertrauen Vargrave's, daß er ein kleines Hinderniß für dieſe Ausſicht gänzlich überſah, nämlich die beſtimmte Weigerung Evelinens, jene leidenſchaftliche Huldigung anzunehmen, welche er ihrem Vermögen anbot. Als das Frühſtück vorüber war, wurde der Verwalter hereingerufen; die Geſellſchaft be⸗ ſtieg Klepper und ritt zum Recognoseiren aus. Nach⸗ dem ſie den kurzen Tag mit Beſehen der Gärten, des Parks zugebracht und die Anſicht der entfernteren Theile des Eigenthums auf den nächſten Tag verſchoben hatte, kehrte die Geſellſchaft zum Eſſen zurück, als Vargrave's Blick den ſchimmernden Whim von Sir Gregory Gub⸗ bens erblickte. Er zeigte ihn Herrn Onslow und lachte ſehr, als er den Ärger vernahm, welchen derſelbe Oberſt Maltravers erregt hatte. „So,“ ſagte Lumley,„zerknittern wir das Roſen⸗ blatt zu unſern Fuͤßen und zanken mit dem üppigſten Bo⸗ den. Was mich betrifft, ſo wette ich, daß ich, im Fall das Gut mir oder meinem Mündel gehoͤrt, in drei Wo⸗ chen das Herz des Sir Gregory gewonnen haben würde, damit er ſeinen Whim nieberriſſe, daß ich ihn ferner zu⸗ gleich durch Schmeichelei um ſeinen Einfluß in der Stadt *„* gebracht haͤtte. Ein ſchöner Parlamentsſitz für Sie, Howard, zu einer oder der andern Zeit!“ „Sir Gregory hat einen merkwürdig ſchlechten Ge⸗ ſchmack,“ ſagte Herr Hobbs;„ich meines Theils glaube, daß eine gewiſſe beſcheidene Einfalt in der Darlegung des Reichthums herrſchen müßte, den man im Geſchaͤft erlangt hat; das war meines armen Vaters Grundſatz.“ „Ja,“ ſagte Lorh Vargrave,„Hobbs Lodge iſt ein Beweis, nett und nicht prunkend, wie der Teufel ſagte als er ſeinen Schweif erbſengrün bemalte. Wer war Ihr Vorgänger in dem hübſchen Ort?“ „Der Ort hieß damals Dale Cottage und gehörte einem Herrn Berners, einem reichen Junggeſellen und Kaufmann, der Geld genug hatte, um ſich über das Ge⸗ ſchwätz anderer Leute nicht zu bekümmern und der dort ein Maͤdchen hielt. Das Mäͤdchen ging ihm durch, und je⸗ ner vermiethete hierauf das Haus an einen jungen Mann, an einen, wie ich hörte, ſehr ſonherbaren Fremden, einen Herrn Butler; auch dieſer ertheilte der Hütte einen un⸗ geſetzlichen Reiz, ein ſehr ſchönes Mädchen, wie mir geſagt wurde.“ „Butler,“ wieherholte Vargrave,„Butler!“ Er erinnerte ſich, daß dies der wirkliche Name der Miß Ca⸗ meron war. Onslow blickte Vargrave ſcharf ins Geſicht.„Sie erkenuen den Namen Mylord,“ flüſterte er ihm zu, als Hobbs ſich fortgewandt hatte, um Herrn Howard etwas zu ſagen—„ich hielt Sie für ſehr verſchwiegen, als ich Sie geſtern Abend fragte, ob Sie ſich der Ingendthor⸗ der Stadt für Sie, chten Ge⸗ ls glaube, Darlegung Geſchaͤft -rundſatz.“ gge iſt ein ufel ſagte r war Ihr id gehörte eſellen und er das Ge⸗ er dort ein ) und je⸗ gen Mann, den, einen einen un⸗ , wie mir itler!“ Er r Miß Ca⸗ icht.„Sie hm zu, als ward etwas gen, als ich zugendthor⸗ 2 heiten Ihres Freundes erinnern?“ Plötzlich drang ein Verdacht auf den ſchnellen Geiſt Vargrave's ein; But⸗ ler war ein Name in der Familie von Maltravers müt⸗ terlicher Seite; die finſtere Stimmung von Ernſt, als er ihn zuerſt kennen lernte, des Knaben Winke, daß dieſe Stimmuung mit der Liebe zuſammenhänge, die außerordentliche und einzeln ſtehende Ausbildung der Lady Vargrave in jener Kunſt, worin Maltravers ein vollendeter Meiſter war; die Ahnlichkeit des Namens: — Alles dies in Verbindung mit der ausdrucksvollen Frage des Herrn Onslow:— Alles dies ließ Vargrave ahnen, daß er ſich am Rande eines Familiengeheimniſſes befinde, deſſen Kenntniß ihm von Nutzen ſein könne. Er trug Sorge, ſeine Unwiſſenhelt nicht zu geſtehen, ſondern fuhr fort, aus Herrn Onslow Mtttheilungen herauszuziehen. »„Nun ja,“ ſagte er, ich hatte mit Maltravers keine Geheimniſſe, wir waren damals wilde Geſellen— der Name Butler findet ſich in ſeiner Familie.“ „So iſt es, ich ſehe, Sie wiſſen Alles.“ Ja, er erzählte mir die Geſchichte, aber achtzehn Jahre find ſeitdem vergangen. Friſchen Sie mein Ge⸗ dächtniß auf; Howard, mein Theurer, reiten Sie vor⸗ aus und beſtellen Sie uns das Eſſen; Herr Hobbs gehen Sie zu dem Verwalter und ſehen Sle mit ihm die Kar⸗ ten, die äußerſten Grenzen ꝛc. an— nun, Herr Ouslow, Maltravers alſo miethete die Hütte und eine Dame da⸗ bei, ich erinnere mich.“ Herr Onslow war wuüklich der Friedensrichter, dern Ernſt ſeinen Namen anvertraut und die Nachforſchung 1³⁴ hinſichtlich der Alice übertragen hatte; er hegte wirk⸗ lich viel Intereſſe, ob von dem armen Mädchen Nach⸗ richten irgend ſonſt erhalten worden wären, und erzählte ſomit die Geſchichte, die der Leſer kennt; die Beraubung der Hütte, das Verſchwinden der Aliee, den Verdacht, welche daſſelbe mit ihrem verbrecheriſchen Vater in Ver⸗ bindung ſetzte, die Verzweiflung und Nachforſchung des Maltravers. Er fügte hinzu, daß Ernſt ſowohl vor ſei⸗ ner Abreiſe aus England, wie bei ſeiner Rückkehr ſich brieflich bei ihm erkundigt habe, ob von der Aliee jemals etwas bekannt geworden ſei; die Erwiderung des Frie⸗ densrichters war ungenügend.„Glauben Sie denn, My⸗ lord, daß Maltravers bis jetzt niemals hat erfahren kön⸗ nen, was aus dieſem armen Mädchen wurde?“ „Nun, laſſen Sie mich ſehen, wie hieß ſie? Der Friedensrichter bedachte ſich einen Augenblick und erwiderte:„Alice Darvil.“ „Alice!“ rief Vargrave aus, indem er bemerkte, daß dies der Taufname der Frau ſeines Onkels war. Dies ertheilte ihm beinah die vollkommene Beſtätigung ſeines erſten unbeſtimmten Verdachtes. „Sie ſcheinen den Namen zu kennen?“ „Ja, er gehört aber einer Dame an, die Maltravers nicht geſehen hat; ich glaube, er hat von dem Mädchen bis auf dieſe Stunde nichts vernommen. Sie ebenfalls nicht?“ „Nein, ein kleiner Umſtand, den mir Herr Hobbs erzählte, der Vater Ihres Commiſſionärs, machte mir einige Sorgen. Ungefähr zwei Johre, nachdem bas junge Weib verſchwunden war, hielt ein Mädchen von egte wirk⸗ hen Nach⸗ d erzählte Zeraubung Verdacht, er in Ver⸗ ſchung des ehl vor ſei⸗ ückkehr ſich liee jemals des Frie⸗ denn, My⸗ ahren kön⸗ 2 2 2 Augenblick merkte, daß war. Dies gung ſeines Maltravers n Mädchen ie ebenfalls Herr Hobbs nachte mir achdem bas tädchen von ſehr niederer Kleidung und Außerem am Thor von Hobbs Lodge und erkundigte ſich ſehr eifrig nach Herrn Butler. Als ſie hörte, daß er fort ſei, wandte ſie ſich hinweg und ward nicht mehr geſehen. Es ſcheint, daß dies Mädchen ein Kind auf den Armen trug, ein Umſtand, der dem Schicklichkeitsgefühl des Herrn und der Frau Hobbs ſehr anſtößig war. Der alte Herr erzählte mir den Vorfall einige Tage ſpäter, nachdem er ſich zugetragen hatte und ich ließ Nachforſchungen nach der Fremden anſtellen; man konnte ſie aber nicht auffinden. Ich glaubte zuerſt, dies könne die verlorene Alice ſein; ich erfuhr jedoch, Ihr Freund habe während ſeines Aufenthaltes in der Hütte, ungeachtet ſeines Irrthums, den wir nicht zu entſchuldi⸗ gen ſuchen wollen, eine ſo großmüthige und ausgedehnte Mildthätigkeit unter den Armen in der Stadt und der Ge⸗ gend geübt, daß die wahrſcheinlichere Vermuthung doch diejenige iſt, nach welcher jenes Mädchen zu einer früher von ihm unterſtützten Familie gehört haben und ihr Be⸗ ſuch nicht der einer Geliebten, ſondern der einer Bettle⸗ rin geweſen ſein würde. Somit entſchloß ich mich nach langer Überlegung Herrn Maltravers den Umſtand nicht zu ſchreiben, als er bei ſeiner Rückkehr vom Feſtlande mir einen Brief überſandte. Eine beträchtliche Zeit war da⸗ mals ſchon verſchwunden, ſeit das Mädchen ſich an Herrn Hobbs gewandt hatte; jede Spur von ihr war verloren gegangen; der Vorfall konnte Wunden aufreißen, welche die Zeit damals geheilt haben mußte; er konnte falſche Hoffnungen erregen, oder was noch ſchlimmer war, friſche und unbegründete Gewiſſensbiſſe bei dem Gedanken an die gänzliche Verlaſſenheit und Noth der Aliee erwecken; 136 kurzum die Mitiheilung konnte nichts Gutes wirken und allein unnöthige Pein veranlaſſen. Ich unterbrückte deß⸗ halb jede Erwähnung. „Sie handelten recht; das arme Mädchen trug alſo ein Kind auf dem Arm? Hm! Wie ſah dieſe Aliee Darvil aus? Natürlich hübſch.“ „Ich habe ſie nie geſehen, und Niemand als die im Gebände angeſtellten Perſonen kannten ſie von Anſehen; dieſe beſchrieben ſie als ſehr liebenswürdig.“ „Schön und ſchlank, mit blauen Augen wie ich glaube. Dies ſind ja die hergebrachten Eigenſchaften einer Heldin.“* „Auf mein Wort, ich vergaß das; ich würde über⸗ haupt mich der Sache nicht ſo genau erinnern, wenn nicht die Berühmtheit des Herrn Maltravers, die Be⸗ deutung ſeiner Familie in dieſer Gegend zugleich mit dem Anblick ſeiner Seelenſchmerzen, die peinlichſten, die ich jemals geſchaut habe, mir nicht die ganze Sache ſehr tief eingeprägt hätten.“ „Wurde das Mädchen, welches am Thore von Hobhs Lodge erſchien, Ihnen beſchrieben?“ „Nein, man bemerkte kaum ihr Geſicht, ausgenom⸗ men, daß ihre Farbe für eine Zigeunerin zu ſchön war. Jetzt aber, da ich wieder daran denke, fällt mir ein, daß Frau Tiddy, welche bei ihrem Vater war, als er mir den Vorfall erzählte, beſonders erwähnte, daß fle ſchönes Haar und blaue Augen hatte, wie Sie ſo an⸗ muthig vermuthen. Frau Tiddy war gerade verheirathet und deßhalb auch romantiſch geſtimmt.* Wahrhaftig, eine ſonderbare Geſchichte; allein das 2 dirken und ückte deß⸗ trug alſo ieſe Aliee Is die im Anſehen; n wie ich enſchaften arde über⸗ ren, wenn inlichſten, nze Sache r, als er 137 Leben iſt voll von ſonderbaren Geſchichten. Hier ſind wir an Ihrem Hauſe, es iſt ein herrlicher alter Bau!“ Fünftes Kapitel. Unterbrochen ruhet die Arbeit jetzt in der Schwebe. Virgil. Vargrave grübelle über die vernommene Geſchichte, als er zu Bett gegangen war. Er mußte zugeben, daß wenig Grund zu mehr als zu einer bloßen Vermuthung vorhanden war, Alice Darvil und Alice Lady Vargrave ſeien eine und dieſelbe Perſon; es konnte ihm jedoch von großer Wichtigkeit ſein, daß er dieſer Vermuthung bis zur Gewißheit nachſpürte. Die Kunde einer gehei⸗ men Jugendſünde und Entwürdigung in einer ſo reinen und fleckenloſen Perſon, wie Lady Vargrave, konnte ihm von unendlicher Wichtigkeit ſein, indem ſie ihm Macht über dieſelbe ertheilte, die er in Bezug auf Eveline gebrau⸗ chen konnte. Wie konnte er weitere Nachforſchungen am Beſten anſtellen? Wenn er nach Brook Green reiste, oter— der Gedanke ſiel ihm auf— wenn er Frau Leslie, die Beſchützerin der Frau Buttler, in Cess beſuchte und auspumpte? Es war der Mühe werth, letztere auszu⸗ fragen; ſie wohnte nicht weit von ſeinem Wege nach London. Sein Erfolg, womit er aus dem Gehirn des Herrn Onslow ein Geheimniß herausgebracht hatte, ermuthigte ihn zur Hoffnung eines gleichen bei Frau Leslie. Er faßte ſomit einen Entſchluß und verſank in einen Traum von Weihn chtjagden, von königlichen Be⸗ 138 ſuchen, vom Kabinet und der Würde eines Premier⸗ miniſters! Wahrlich, kein Befitz kommt dem der Träume gleich; ſchlafen Sie, Mylord!— Sie würden ſelbſt noch unruhig ſein, wenn Sie Alles, was Sie erſtrebten, erhielten. In den nächſten drei Tagen unierſuchte Lord Var⸗ grave die allgemeinen Umriſſe des Gutes und das Re⸗ ſultat ſeiner Überſicht befriedigte ihn über die Nützlich⸗ keit des Ankaufs. Am dritten Tage war er mehre Meilen vom Hauſe entſernt, als ein ſtarker Regenſchauer ein⸗ traf. Lord Vargrave war zwar von hartem Körperbau, hatte aber, da er in den letzten Jahren den Unanehm⸗ lichkeiten des Wetters nicht beſonders ausgeſetzt geweſen war, noch nicht praktiſch die Erfahrung gemacht, daß ein Mann jenſeits des vierzigſten Jahres nicht mehr un⸗ geſtraft Alles ertragen kann, welches bei der Elaſtieität von ſechsundzwanzig Jahren nichts ſchadet. Er beküm⸗ merte ſich deßhalb nichts um den Regen, der ihn bis zur Haut durchnäßte und wechſelte nicht eher die Klei⸗ der, als bis er einige Briefe und Zeitungen geleſen hatte, die ihn bei ſeiner Rückkehr in Lisle⸗Court erwar⸗ teten. Die Folge dieſer Unbeſonnenheit beſtand darin, daß Lord Vargrave, als er am nächſten Morgen er⸗ wachte, ſich zum erſtenmale in ſeinem Leben krank be⸗ fand; er fühlte heftigen Kopfſchmerz, kalte Schauer ſchüttelten ſeinen Körper wie im Fieber; ſogar die Kraft ter Conſtitution, an welche das Übel ſich zu heften be⸗ gann, vermehrte deſſen Gefahr. Lumley, der letzte Mann in der Welt, welcher an die Möglichkeit des Todes dachte, kämpfte gegen ſeine Gefühle an, beſtellte die Poſtpferde, Premier⸗ r Trãume ſelbſt noch erſtrebten, Lord Var⸗ d das Re⸗ e Nützlich⸗ hre Meilen chauer ein⸗ Körperbau, Unanehm⸗ tzt geweſen nacht, daß zt mehr un⸗ Elaſtieität Er beküm⸗ der ihn bis er die Klei⸗ gen geleſen lar die Kraft heften be⸗ 1³⁹ da die Üherſicht des Gutes jetzt vorüber war, und er⸗ wähnte kaum ſein übelbeſinden. Ungefähr eine Stunde, bevor er abreiste, kamen Briefe. Einer derſelben be⸗ nachrichtigte ihn, daß Caroline, von Eveline begleitet, ſchon in Paris angelangt ſei; der andere war von Oberſt Legard, welcher in achtungsvollen Ausdrücken ſein Amt wegen des Grundes aufgab, daß er durch den plötzlichen Tod des Admirals deſſen Vermögen ererbt habe und der zugleich ſeine Abſicht ankündigte, das nächſte Jahr mit einer Reiſe auf das Feſtland zuzubringen. Dieſer letzte Brief rief in Vargrave beträchtliche Beunruhigung her⸗ vor; er hatte ſtets eine tiefe Eiferſucht hinſtchtlich des hübſchen, ehemaligen Garbeoffiziers empfunden und faßte ſogleich Verdacht, Legard wolle nach Paris als ſein Nebenbuhler reiſen. Er ſeufzte, ſah ſich im weiten Zimmer um, blickte auf die weite Ausſicht von Wald und Raſen, die ſich vom Fenſter aus darbot und ſagte zu ſich ſelbſt:„Soll mir ein Anderer das entreißen?“ Seine Ungeduld, Frau Leslie zu beſuchen, Einfluß auf Lady Vargrave zu erlangen, nech Paris zu reiſen, Ent⸗ würfe zu bilden, zu intriguiren und zu ſiegen, beſchleu⸗ nigte den Gang der Krankheit, welche jetzt in ſeinen Adern brannte. Die Hand, die er Herrn Hobbs, als er in den Wagen ſtieg, reichte, brannte beinahe in deſſen kalten, plumpen und naſſen Fingern. Vor ſechs Uhr Abends geſtand ſich Lord Vargrave mit Widerſtreben, er ſei zu unwohl, um weiter zu reiſen.„Howard,“ ſagte er, indem er ein Schweigen von mehren Stunden brach,„erſchrecken Sie nicht, ich empfinde, daß ich einen heftigen Krankheitsanfall haben werde; ich werde 140 in Mese halten laſſen(er nannte eine große Stadt, der ſie ſich nahten), und werde zum beſten Arzt ſchicken, den der Ort darbietet;— liege ich morgen im Fieberwahn⸗ ſinn, und bin ich nicht im Stande, meine Aufträge zu geben, ſo ſenden Sie einen expreſſen Boten an Doktor Holland. Sie aber müſſen mich nicht verlaſſen. In meinem Alter iſt es hart, Niemanden zu haben, der ſich um mich in der Krankheit bekümmert; wenn ich geſund bin, ſo mag die Liebe der Henker holen.“ Nach dieſem ſonderbaren Ausbruch der Empfindlich⸗ keit, welcher Herrn Howard ſehr erſchreckte, verſank Lumley wieder in Schweigen, welches er nicht eher brach, als bis er M⸗as erreichte. Der beſte Arzt ward herbei⸗ gerufen und am nächſten Morgen lag Lord Vargrave im Fieberwahnſinn, wie er es halb vorhergeſehen und vorhergeſagt hatte. Gechstes Kapitel. Nichts unterm Himmel lockt ſo ſtark den Sinn Des Mannes an und herrſcht in ſeiner Seele, Als Liebesköder, den die Schönheit beut. Spencer. Legard war, wie ich vorher ſchon angegeben habe, ein junger Mann von großmüthigem und ausgezeich⸗ netem Chatakter, wenn auch durch die Art ſeiner Eczie⸗ hung und ſeine mantere, ſorgloſe Geſellſchaft etwas verdorben, welche kräftigende Mittel ſeiner Eitelkeit und Opiate ſeinem geiſtigen Vermögen gereicht hatten. Die Wirkung, welche die Schönheit, die Anmuth und die und und eige thei eine weg übe. Ha ane bote ſon wele bare Gel ſein buh zu k die er, line Adn Rei⸗ Cha jäge neue Aus der war und adt, der ken, den erwahn⸗ träge zu Doktor en. In der ſich Hgeſund findlich⸗ verſank er brach, herbei⸗ Bargrave hen und ſer Eczie⸗ ft etwas Eitelkeit t hatten. huth und 141 die Unſchuld der Eveline hei ihm hervorrlef, war tief und heilſam geweſen. Verſchwendung war dadurch ſchaal und geſchmacklos geworden; er ſchaute tiefer in ſein eigen Herz und in die Regeln des Lebens; ob er gleich theils wegen ſeiner verdrießlichen Abhängigkeit von einem zugleich großmüthigen und groben Oheim, theils wegen des mißtrauiſchen und tief empfundenen Gefühls über ſeine eigenen, unzulänglichen Anſprüche an die Hand der Miß Cameron, theils wegen der älteren und anerkaunten Rechte des Lord Vargrave das ihm ange⸗ botene Amt halb in Verzweiflung angenommen hatte, ſo war es ihm doch unmöglich, das Bild zu verbannen, welches in glühenden und friſchen Affekten einen unlöſch⸗ baren Eindruck zum erſtenmal hinterlaſſen hatte. Im Geheimen war er über den Gedanken entrüſtet, daß er ſeine unabhängige Stellung einem glücklichen Neben⸗ buhler verdanke; auch beſchloß er die erſte Gelegenheit zu benützen, um ſich von Verpflichtungen loszumachen, die er eingegangen zu ſein tief beklagte. Zuletzt erfuhr er, Lord Vargrave habe einen Korb erhalten und Gve⸗ line ſei frei; wenige Tage nach dieſer Kunde ſtarb der Admiral am Schlage, und Legard beſaß plötzlich wo nicht Reichthum, doch ein genügendes Auskommen, um ſeinen Charakter als Freier von dem Verdacht eines Glücks⸗ jägers und Abenteurers zu reinigen. Ungeachtet der neuen, durch den Tod ſeines Oheims ihm eröffneten Ausſichten und ungeachtet des mürriſchen Eigenſinns, der ſich in des alten Admirals Güte gemiſcht hatte, ward Legard dennoch durch deſſen Tod ſehr erſchüttert, und ſeine dankbare und ſanfte Natur war zuerſt nur für 142 den Gram des erlittenen Verluſtes empfänglich. Als er jedoch zuletzt von ſeinem Kummer ſich wieder erholte, Eveline frei und ſich ſelbſt in ehrenvoller Lage ſah, um als Bewerber ihrer Hand aufzutreten, vermochte er den ſüßen und leidenſchaftlichen Hoffaungen, die auf ihn einbrachen, nicht zu widerſtehen. Wie wir geſehen haben, gab er ſein Amt auf und reiste nach Paris. Jene Stadt erreichte er ein oder zwei Tage nach der Ankunft des Lords und der Lady Doltimore. Erſteren, welcher die Warnung Vargrave's nicht vergeſſen hatte, fand er zuerſt kalt und zurückhaltend; theilweiſe aus träger Ge⸗ wohnheit, ſich Legards Beſchlüſſen in Sachen des Ge⸗ ſchmacks zu unterwerfen, theils aus Behagen an ſeiner Geſellſchaft, hauptſächlich aber wegen deſſen Beliebt⸗ heit in den modiſchen Kreiſen, die Legard immer zu Theil geworden und jetzt durch ſeine Ererbung von Ver⸗ mögen durchaus nicht vermindert war— aus allen dieſen Gründen überließ ſich Lord Doltimore, ſchwach und eitel, bald dem Einfluß ſeines alten Gefährten, und Legard ward ruhig als das enfant de la maison eingeſetzt. Caroline war in dieſem Punkte den Plänen Vargrave's nicht ſehr treu. Der ſchlaue Intriguant hatte in ſeiner eigenthümlichen Verbindung mit Lady Dolti⸗ more den gewöhnlichen Fehler pflffiger Leute begangen; durch zu große Schlauheit hatte ernfich ſelbſt geprellt. Im Beginn der ſonderbaren und grundſatzloſen Ver⸗ bindung hatte Vargravevielleicht keinen andern Gedanken als den, Cveline zu reizen, ſeiner Eitelkeit Behagen zu erwecken, ſich die Langeweile zu vertreiben und eher ſeinen Neigungen zur Galanterie nachzugeben, als eigennützige Zwe Kna lege eine ſtatt ſiche erwo ſücht lichen hiera Dure er ſic als T Chare eigenn gen, wodu eine das P noch e Als er rholte, h, um er den iuf ihn haben, 2 Stadt uft des cher die fand er ger Ge⸗ des Ge⸗ in ſeiner Beliebt⸗ ſchwach ſefährten, maison 143 Zwecke zu verfolgen. Allmählig aber und beſonders zu Knaresdean wurde Vargrave immer mehr in eine Ange⸗ legenheit verfangen, die er früher nie als wichtiger wie eine vorübergehende Unterhaltung betrachtet hatte; an⸗ ſtatt ſich eine Freundin in ſeinen Plänen auf Eoeline zu ſichern, erkannte er ploͤtzlich, daß er ſich eine Geliebte erworben hatte, die ängſtlich auf ſeine Liebe und eifer⸗ ſüchtig auf ſeine Huldigung war. Mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Schnelligkeit und Selbſtvertrauen befreite er ſich hierauf von allen üblen Folgen ſeiner Unbedachtſamkeit. Durch ihre Verheirathung mit Lord Doltimore ſchaffte er ſich Caroline als Geliebte vom Halſe und behielt ſie als Werkzeug. Durch den großen Einfluß, welchen ſein Charakter auf den ihrigen übte, durch ihren eigenen, eigennützigen Ehrgeiz, gelang es ihm, ſie dahin zu brin⸗ gen, daß ſie alle Romantik einer Verbindung aufopferte, wodurch ſie Rang und Vermögen erhielt; Vargrave hoffte alsdann, die gewandte Frau würde ihm nicht allein eine bleibende Macht über den politiſchen Einfluß und das Privatvermögen ihres ſchwachen Gatten erwerben, ſondern auch alle ſeine Plane unterſtützen, um ihm eine in gleicher Weiſe wünſchenswerthe Verbindung zu ſichern. Hier aber ward Vargrave durch ſeine Unfähigkeit über⸗ wunden und betrogen, die feineren Gefühle und Bedenk⸗ lichkeiten in der Neigung und Natur eines Weibes zu verſtehen, mochte die eine noch ſo ſchuldig, die andere noch ſo eigennützig ſein. Caroline, obgleich die Frau eines Andern, konnte ohne Seelenpein eine ähnliche Knechtſchaft für ihren Geliebten nicht ertragen; da ſie noch einige der beſſeren Eigenſchaften ihres Geſchlechtes heſaß, ſo widerſtrebte ſie, eine Mitſchuldige bei den⸗ jenigen Schlichen zu werden, welche das junge, uner⸗ fahrene und argloſe Geſchöpf, das ſie Freundin nannte, in die Arme eines Mannes treiben ſollte, der die eigen⸗ nützigſten Beweggründe offen anerkannte und der Götter wie Menſchen zu Zengen nahm, daß ſein Herz einer Andern geweiht ſei. Dieſe Bedenklichkeiten wurden nur in Vargrave's Gegenwart bemeiſtert; im Augen⸗ blick, wo er entfernt war, kehrten ſie mit voller Kraft zurück. Sie hatte aus Furcht ſeinem Beſehle nachge⸗ geben, Eveline nach Paris zu bringen, zitterte aber bei dem Gedanken an die unbeſtimmten Winke und düſteren Drohungen, die er hinſichtlich ſeines weiteren Ver⸗ fahrens fallen ließ, und ward durch den Gedanken ge⸗ foltert, in einen verbrecheriſchen oder leidenſchaftlichen Plan verwickelt zu werden. Als deßhalb der Mann, den Vargrave am meiſten fürchtete, beinahe ein Bewohner ihres Hauſes wurde, leiſtete fie nur einen ſchwachen Widerſtand; ſie glaubte, wenn Legard ein willkommener und angenehmer Freier vor Lumley's Ankunft würde, müſſe der letztere ſeine Hoffnungen aufgeben, und ſie würde dadurch aus einer Verlegenheit geriſſen, deren Ausſicht ſie ſchreckte und niederdrückte. Außerdem be⸗ merkte jetzt Caroline, ein Narr laſſe ſich nicht ſo leicht regieren; ihr Widerſtand gegen das vertraute Verhält⸗ niß mit Legard hätte wenig geholfen. Doltimore beſaß in ſolchen Angelegenheiten einen hartnäckigen Eigen⸗ willen. Wie groß auch Carolinens Einfluß auf ihren Gatten früher geweſen ſein mochte, ſo hatte ſich doch derſelbe kürzlich ſehr vermindert, weil ſie ſich ihrer Stimn Kumm und di mögen Zauber Di roline f gen, ut getäͤuſc roline war no das Trei len. Die dieſen 2 Zauber; erblickte ſtanden i geſchaffe welche m nothwen! ihrer An Zwecke; geeignete Anſpruch wiſſen G noch nich Verhältn wo Eveli Geſellſche Bulwe bei den⸗ e, uner⸗ nannte, die eigen⸗ er Götter derz einer wurden Augen⸗ ller Kraft le nachge⸗ te aber hei d düſteren eren Ver⸗ danken ge⸗ ſchaftlichen Mann, den Bewohner ſchwachen Ulommener auft würde, u, und ſie ſſen, deren gen Eigen⸗ ß auf ihren tte ſich doch e ſich ihrer 14³ Stimmung hingab, welche ſtets reizbar und jetzt burch Kummer, Gewiſſensbiß, Verachtung gegen ihren Gatten und die traurige Entdeckung verbittert war, daß Ver⸗ mögen, Jugend, Schoͤnheit und höhere Stellung keinen Zauber gegen Elend bieten. Die Saiſon von Paris war gerade ſehr lebhaft; Ca⸗ roline ſtürzte ſich eifrig in den Strudel der Zerſtreuun⸗ gen, um ſich ſelbſt zu entgehen. War Doltimore's Herz getäuſcht, ſo fand ſich ſeine Eitelkeit durch die von Ca⸗ roline erregte Bewunderung geſchmeichelt; er ſelbſt war noch in einem Alter und in einer Stimmung, um das Treiben und die Vergnügungen ſeiner Frau zu thei⸗ len. Die junge Eveline nahm mit ihrer Wirthin an dieſen Vergnügungen Theil, welche neu durch ihren Zauber und Glanz ſie verblendeten; ſtets ihr zur Seite erblickte man Legards Geſtalt ohne Gleichen. Beide ſtanden in der Blüte ihrer Jugend; Beide waren ſowohl geſchaffen zu gefallen, wie an jener ſchönen Armida, welche man die große Welt nennt, Gefallen zu finden; nothwendigerweiſe fand ſich eine gewiſſe Verwandtſchaft ihrer Anſichten und Gefühle, ihrer Beſchäftigungen und Zwecke; auch war in jener glänzenden Stadt Niemand geeigneter wie Georg Legard, um Auge und Gefühl in Anſpruch zu nehmen. Legard jedoch, bis auf einen ge⸗ wiſſen Grad mißtrauiſch auf ſich ſelbſt und bloͤde, hatte noch nicht von Liebe geredet; auch war ihr vertrautes Verhältniß damals noch nicht bis zu dem Punkt gereift, wo Eveline ſich hätte fragen können, ob Gefahr in der Geſellſchaft von Legard oder ein ernſter Zweck in ſeiner Bulwer, Alice. II. 40 146 offenbaren Bewunderung liege. Ob jene Melaucholie, worauf Lady Vargrave in Bezug auf ihren Umgang mit Lumley angeſpielt hatte, durch Gedanken an Maltra⸗ vers, oder durch nicht eingeſtandene Crinnerung an Legard veranlaßt war, mag der ſcharffinnige Leſer ſelbſt entſcheiden. Die Doltimore's waren ungefähr drei Wochen in Paris und Legard während vierzehn Tage dieſer Zeit ihr beſtändiger Gaſt und beinahe der Be⸗ wohner ihres Hotels geweſen, als Maltravers an jenem Abende, den wir in unſerem letzten Buche erwähnt haben, plötzlich wiederum Eveline erſchaute und zugleich erfuhr, ihre. Hand ſei frei. Er verließ Valeriens Loge; mit brennendem Puls, klopfendem Herzen, mit Freude, Überraſchung und Hoffuung in ſeinen funkelnden Blicken, und in ſeiner ganzen Geſtalt gleichſam erſtrahlend, eilte er zu Eveline. Um die Zeit erwähnte Legard, welcher hinter Miß Cameron ſaß, und der Annäherung eines Nebenbuhlers unbewußt, mit einem jener Zufälle, wie ſie im Ge⸗ ſpräch vorkommen, den Namen des Maltravers. Er fragte Eveline, ob ſie ihn ſchon geſehen habe. „Wie, iſt er in Paris?“ fragte Gveline ſchnell. „Ich hörte allerdings,“ fuhr fle fort,„daß er Bur⸗ leigh verlaſſen habe, um nach Paris zu reiſen; ich glaubte jedoch, daß er ſich nach Italien begeben habe.“ „Nein, er iſt noch hier, kömmt aber, wie ich glaube, wenig in Geſellſchaften, welche Lady Doltimore haupt⸗ ſächlich beſucht; iſt er einer Ihrer Günſtlinge, Miß Cameron?“ Die Roͤthe auf Evelinens ſchöner Wange vermehrte ſich ete ſo beg⸗ an ihn eC erwidern behagli haltend Ich ſol wurf hi „N erwider lichen 2 daß Sie dern, n in Allen „I Camero Legard, er zu E Eve verſunke Loge un verſtellt wirklich Anblick kaum, d abtrat; grüßte einer Ve in tiefen ucholie, ung mit Maltra⸗ ung au er ſelbſt ihr drei on Tage der Be⸗ in jenem nt haben, h erfuhr, ge; mit Freude, Blicken, eend, eilte ter Miß enbuhlers im Ge⸗ vers. Er e ſchnell. er Bur⸗ lich glaubte ich glaube, ore haupt⸗ linge, Miß vermehrte 147 ſich etwas, als ſie antwortete:„Iſt es möglich, einen ſo begabten Mann nicht zu bewundern und kein Intereſſe an ihm zu finden 2⸗ „Er beſitzt ſicherlich edle und ſchöne Eigenſchaften,“ erwiderte Legard;„ich kann mich bei ihm aber nicht behaglich finden; eine Kälte, ein Hochmuth, ein zurück⸗ haltendes Weſen ſcheint ſogar die Achtung zu unterſagen. Ich ſollte aber nicht ſo ſagen,“ fügte er mit Selbſivor⸗ wurf hinzu. „Nein, Sie ſollten das allerdings nicht ſagen,“ erwiderte Eveline, indem ſie ihren Kopf mit einer nied⸗ lichen Affektation des Ärgers ſchüttelte;„denn ich weiß, daß Sie zu lieben vorgeben, was ich liebe, und zu bewun⸗ dern, was ich hewundere; ich aber bin enthuſtaſtiſch in Allem, was auf Maltravers Bezug hat.“ „Ich weiß, daß ich alle Dinge im Leben mit Miß Camerons Augen erſchauen moͤchte,“ flüſterte ſanft Legard, und dies waren die bezeichnendſten Worte, die er zu Evelinen noch geſprochen hatte. Eveline wandte ſich hinweg und ſchien in die Oper verſunken. In dem Augenblick öffnete ſich die Thüre der Loge und Maltravers trat ein; bei ihrem offenen, un⸗ verſtellten Entzücken, als ſie ihn wiederſah, egte er wirklich ein Gefühl, als ſei ihm das Paradies in ihrem Anblick erſchloſſen. Bei ſeiner Aufregung bemerkte er kaum, daß Legard aufgeſtanden war und ihm ſeinen Sitz abtrat; er machte Gebrauch von der Höflichkeit, be⸗ grüßte ſeinen alten Bekannten mit einem Lächeln und einer Verbeugung und befand ſich nach wenigen Minuten in tiefem Geſpräch mit Eveline. Noch niemals hatte er mit ſo viel Erfolg den eigenthümlichen Zauber, der zu ſeiner Verfügung ſtand, geübt, welcher jetzt um ſo ſtärker wegen ſeiner gewöhnlichen Kälte wirkte; ſogar im Aus⸗ druck ſeiner Augen, im Ton ſeiner Stimme lag ein Etwas, welches in Maltravers glücklicheren Augenblicken unwiderſtehlich die Aufmerkſamkeit gänzlich in Anſpruch nahm; dann vergaß man Alles, mit Ausnahme ſeiner und der reichen, leichten, aber ernſten Beredſamkeit, welche ſeiner Sprache gleichſam eine Järbung und Me⸗ lodie ſeiner Stimme ertheilte. In dieſer Stunde des er⸗ neuten Verkehrs mit einem Mann, der zuerſt Evelinens Phantafie und tieferes Sinnen, wenn auch nicht ihr Herz erregt hatte, ward ſogar Legard nicht vermißt. Als ſie lächelte und zuhörte, träumte ſie nicht von der Angſt, die ſie erweckte. Legard lehnte ſich an die Wand der Loge und beobachtete die in Anſpruch genommene Aufmerkſamkeit der Eveline, die anbetenden Blicke des Maltravers mit dem gänzlichen und niederdrückenden Gefühl des Elends, welches allein die Eiferſucht und auch nur ſo lang wie ſie ein jungfräulicher Schmerz bleibt, hervorzurufen vermag. Er hatte niemals vorher an jenen Nebenbuhler gedacht; allein jener unausſprech⸗ liche Inſtinkt, welcher Liebenden eigen iſt und welcher ſo ſelten irrt, verkuündete ihm auf einmal das größte Hin⸗ derniß, und die größte Gefahr für ſeine Leidenſchaft beſtehe in Maltravers Er wartete in der Hoffnung, daß Eveline wenigſtens die Gelegenheit benützen würde, ſich zu ihm zu wenden, als der vierte Akt vorüber war; ſie that dies nicht und er verließ plötzlich die Loge, inhem er weder ſeine Aufregung zurückhalten, noch an worten Als Arm de nach Le und Tre der zu ſtärker Evelinens vermißt. t von der die Wand enommene lausſprech⸗ welcher ſo 149 noch auf die ſaden Bemerkungen Lorb Doltimore's ani⸗ worten konnte. Als die Oper voruüber war, bot Maltravers ſeinen Arm der Eveline; ſie nahm denſelben an und ſah ſich nach Legard um. Er war fort, fie empfand Kummer und Traurigkeit; fie wußte kaum weßhalb. Achtes Buch. O Zeus, was haſt du mir beſchieden jetzt? Frevel———— Als er den ſteilſten Abgrund beſchritt Ttieb zum Verderben. 3 Soph. Oed. König. Erſtes Kapitel. 1 Die Jugend, Reiz und Weisheit iſt Ihr Erbe von Natur. Ehr' entſpringt, Wenn unſre Handlung nurſie uns erſchließtz Nicht wenn ſie Ahnen reichen. Shakſpeare. Brief von Ernſt Maltravers an den ehrenwerthen Friedrich Clevelund. Eveline iſt frei— ſie, iſt in Paris, ich ſehe ſie täglich. Wie wahr iſt es, daß wir keine Philoſophie der Gleichgültigkeit uns bilden können! Die Leidenſchaften ſind ſtärker, wie unſere Schlußfolgen. Wir müſſen jene zu unſern Verbündeten machen, oder ſie zerſtören alle unſere Theorien von Selbſtbeherrſchung. So find wir das Spielzeug des Schickſals, wir gehen von Syſtem zu Syſtem, von Plan zu Plan über, ſuchen vergehlich Leiden dieſe i die Ja als ich Weſen Verant hatte ie gen, de Ding u geheilte einem a ich wart meine v die neue gehüllt, zudehne ſchaften rigen Kr Reichthu Sturm war mit d wenn au ſtrebend Stunde! mers und ſelbſt zu Dann bil ner Natu erſchöpft Erſt in be dönig⸗ heit iſt ſs erſchließtz peare. renwerthen ſie täglich. ſophie der denſchaften müſſen jene ſtören alle o find wir bon Syſtem n vergehlich 151 Leidenſchaft und Kummer auszuſchlieſten, vergeſſen, daß dieſe in uns geboren ſind und kehren zur Seele, wie die Jahreszeiten zur Erde zurück! Vor vielen Jahren, als ich zuerſt mit Ernſt in meine eigene Natur und mein Weſen blickte— als ich zuerſt zur Wurde und feierlichen Verantwortlichkeit des menſchlichen Lebens erwachte— hatte ich beſchloſſen, mein Selbſt zu zaͤhmen und zu beu⸗ gen, damit es ein zu beherrſchendes und zu meſſendes Ding würbe. Ich trug in mir eine vernarbte, aber eine geheilte Wunde, das Bewußtſein des Unrechts, das ich einem auf mich ſich ſtützenden Herzen erwieſen hatte; ich ward heimgeſucht durch die düſtere Erinnerung, an meine verlorene Aliee; ich ſchauderte vor neuer Liebe, die neuen Gram erzeugen müßte. In ſtolzen Egoismus gehüllt, wünſchte ich meine Herrſchaft nicht weiter aus⸗ zudehnen, wie meine geiſtigen Fähigkeiten und Leiden⸗ ſchaften reichten; ich wandte mich fort von jenem habgie⸗ rigen Krämer mit Glück, der daſſelbe verhandelt und den Reichthum des Lebens auf Barken ladet, welche jedem Sturm auf den Meeren des Schickſals ausgeſetzt ſind; ich war mit der Hoffnung zufrieden, mein Leben allein, geehrt wenn auch nicht geliebt, zuzubringen. Langſam und wider⸗ ſtrebend wich ich dem Zauber der Florence Lascelles. Die Stunde unſers Verlöbniſſes war für mich die des Kum⸗ mers und der Beunruhigung. Vergeblich ſuchte ich mich ſelbſt zu täuſchen; ich empfand, daß ich nicht liebte. Dann bildete ich mir ein, die Liebe ſei nicht länger mei⸗ ner Natur eigen, ich habe ihre Schätze vor meiner Zeit erſchöpft und mit meinem Herzen Bankerot gemacht. Erſt in ber letzten Zeit, als die glorreiche Seele in allem 15⁵² ihrem Glanze um ſo mehr hervorbrach, je näher ſie der Quelle kam, zu welcher ſie heimgekehrt iſt— erſt da empfand ich, welcher Zärtlichkeit ſie würdig und ich fähig war. Sie ſtarb und die Welt war verdunkelt! Kräftiges Handeln und Ehrgeiz, meine früheren Beſtre⸗ hungen und Ziele wurden ſämmtlich an ihrem Grabe geopfert; allein unter den Trümmern und im Dunkel, hielt mich meine Seele aufrecht. Ich durfte nicht länger hoffen, aber ich konnte tragen; ich war entſchloſſen nie zu unterliegen; niemals ſollte die Welt von mir einen Seufzer vernehmen. Unter fremdartigen und fernen Scenen— unter Horden, denen ſelbſt meine Sprache unbekannt war, in Wüſten und Wäldern, welche der Schritt des eiviliſirten Menſchen mit ſeinem Kummer und ſeinen Träumen niemals betreten hatte, rang ich mit meiner Seele, wie einſt der Patriarch mit dem En⸗ gel— der Engel ward zuletzt der Sieger! Sie müſſen mich nicht mißverſtehen; Sie wiſſen, daß nicht allein der Tod der Florence dieſe furchtbare Revolution in mir hervorbrachte; allein jener Tod ſchien die Krone und und bie Kriſe eines tiefen Widerwilles gegen alle Dinge, die ich nicht für ſchön und edel gehalten hatte. Ihre Liebe war eine ſolche, welche die Entwürfe und Beſtre⸗ bungen der Mannheit begleitete und denſelben eine grö⸗ ßere Würde ertheilte— eine Liebe, welche die Menſch⸗ werdung des Ehrgeizes ſelbſt war; ſomit auch ſchienen alle äblen Tänſchungen, welche zum Ehrgeiz gehoͤren, ſich um mein Herz zu drängen, wie Geier zu einem Feſt durch Leichen eingeladen werden. Zuletzt auch verſchwand dies; der barbariſche Zuſtand gab mich dem eiollifirten zuruͤck vorber an den einmal der; h hoffte i men de Kaum kunft je und eine verwiſch meine 9 Eveline! es diejer Gegenwo lebte in Frühling Liebe für Jugend! Erſt würdig Weisheit Hebe als zes Leben Sättigung Allem H Dies beza Strahl n lächelnd a veland, ig ſie der erſt da und ich unkelt! Beſtre⸗ Grabe Dunkel, t länger ſſſen nie ir einen d fernen Sprache Alche der Kummer rang ich Üdem En⸗ e müſſen cht allein ſchienen 15³ zuruͤck. Ich kehrte zu Meinesgleichen heim, nicht mehr vorbereitet ein Schauſpieler, ſondern nur ein Zuſchauer an dem unruhigen Kampfplatz zu ſein; ich legte noch einmal mein Haupt unter dem Dache meiner Väter nie⸗ der; hatte ich keinen klaren und beſtimmten Zweck, ſo hoffte ich wenigſtens unter meinen alten vererbten Bäu⸗ men den Reiz der Betrachtung und Ruhe zu finden. Kaum hatte ich mich in den erſten Stunden meiner An⸗ kunft jenem Traume überlaſſen, als ein ſchönes Geſicht und eine ſüße Stimme, die einſt zuvor tiefe und niemals verwiſchte Eindrücke in meinem Herzen zurückließ, alle meine Philoſophie in die Winde zerſtreute; ich ſah Eveline! Gibt es eine Liebe beim erſten Anblick, ſo war es diejenige, die ich fuͤr ſie empfand; ich lebte in ihrer Gegenwart und vergaß die Zukunft, oder vielmehr, ich lebte in der Vergangenheit, in den Hainen meiner Frühlingszeit des Lebens und der Hoffnung! Meine Liebe für dies junge Herz war eine Wiedergeburt der Iugend! Erſt in reiferen Jahren erkennen wir wie liebens⸗ würdig unſere Jugendjahre waren! Welche Tiefe der Weisheit liegt in dem griechiſchen Mythus, welcher Hebe als den Preis des Heroen angab, der ſein gan⸗ zes Leben hindurch Mühen ertragen hatte, und den Sättigung an allen Reſultaten der Erfahrung Liebe zu Allem Hoffnungsvollen und Neuen eingeflößt hatte! Dies bezaubernde Kind, dieſe entzückende Eveline, dieſer Strahl noch nie geträumten Sonnenſcheins, ſchmolz lächelnd alle meine Eispaläſte hinweg. Ich liebte, Cle⸗ veland, ich liebte heißer, wilder und leihenſchaftlicher 454 wie zuvor. Plötzlich aber vernahm ich, daß ſie an einen Andern verlobt ſei, und empfand, es gezieme mir nicht, die Verbindung in Frage zu ſtellen und deren Vernich⸗ tung zu ſuchen. Ich wäre unwuͤrdig geweſen, Eveline zu lieben, hätte ich nicht die Ehre mehr geliebt. Ich floh ehrlich und entſchloſſen aus ihrer Gegenwart; ich ſuchte eine verbotene Leidenſchaft zu beſiegen; ich glaubte, daß ich keine Erwiderung der Neigung gewonnen habe; ich glaube nach gewiſſen Ausdrücken, die ich Eveline gegen eine Andere äußern hörte, ihr Herz ſei ebenſo wie ihre Hand an Vargrave gegeben; ich kam hierher; Sie wiſſen wie ſtreng und entſchloſſen ich eine Schwäche auszurot⸗ ten mich beſtrebte, welche ſogar ohne die Rechtfertigung der Hoffnung ſchien! Wenn ich litt, ſo verieth ich es nicht. Plötzlich erſchien Eveline wiederum vor meinen Blicken und zugleich erfuhr ich, ſie ſei frei! Welche Entzückung des Augenblicks! O hätte Sie ihr ſtrahlendes Antlitz, ihr bezaubernbes Lächeln, als wir uns wieber trafen, geſehen! Ihre offenherzige Unſchuld verbarg nicht die Freude mich wieder zu erblicken. Welche Hoff⸗ nung brach auf mich ein! Ich glaube, daß ſie mich un⸗ geachtet des Unterſchieds unſerer Jahre liebt, daß ich zuletzt in dieſer Liebe erfahren werde, welch ein Glück das Leben bietet! Eveline beſitzt die Einfalt der Zärtlichkeit der Aliee mit der feinen Ausbildung ſogar der Florenee, nicht den Genius, den kühnen Geiſt, den beinah farchtbaren Glanz jenes unglücklichen Weſens, allein einen ebenſo reinen Geſchmack hinſichtlich des Schönen, eine ebenſo empfäng⸗ liche Seele für das Erhabene! In Gvelinens Gegen⸗ wart en heit, de welcher ſle einen wiſſe N wohnte wahr, C Und den Stunde, kann dief pathie he hat? W dungskra det iſt, deren daſ erweckt der ruhit um Frau ſammelt wir uns ſanften ich nicht zu dem i ren und genwart nigen ur gungen i einnehme meine C Alter de einen nicht, ernich⸗ lline zu ſch floh ſuchte dte, daß ibe; ich le gegen wie ihre e wiſſen nszurot⸗ ertigung h ich es meinen verbarg che Hoff⸗ mich un⸗ , daß ich lin Glück der Aliee nicht den ren Glanz unſo reinen empſäng⸗ s Gegen⸗ 15⁵ wart empfinde ich das Gefühl des Friedens, der Sicher⸗ heit, der Heimath! Glücklich, dreimal glücklich iſt der, welcher fie an ſeine Bruſt drücken wird! Kürzlich hat ſie einen neuen Reiz in meinen Angen erlangt; eine ge⸗ wiſſe Nachbenklichkeit und Zerſtreung folgte auf ihre ge⸗ wohnte Heiterkeit. Die Liebe iſt nachdenklich, nicht wahr, Cleveland? Wie oft lege ich mir dieſe Frage vor! Und bennoch gibt es inmitten meiner Hoffnung manche Stunde, worin ich zittre und niedergeſchlagen bin! Wie kann dieſer unſchuldige und heitere Geiſt mit Allem Sym⸗ pathie hegen, welches der meinige ertragen und erkannt hat? Wie kann ich glauben, ſelbſt wenn ihre Einbil⸗ dungskraft durch die Gaukelei meines Namens verblen⸗ det iſt, daß ich ihr Herz zur tiefen und wirklichen Liebe deren daſſelbe fähig iſt, und welche die Jugend erregt, erweckt habe? Treffe ich ſie in ihrem Hauſe, oder unter der ruhigen, aber glänzenden Geſellſchaft, welche ſich um Frau von Ventadour oder um die de Mantaigne’s ſammelt, bei denen ſie beſonders in Gunſt ſteht— wenn wir uns unterhalten— wenn ich bei ihr ſitze und ihre ſanften Augen den meinigen begegnen: Dann emfinde ich nicht die Ungleichheit der Jahre; mein Herz ſpricht zu dem ihrigen und das iſt noch jung. Aber in der heite⸗ ren und gedrängteren Geſellſchaft, wohin mich ihre Ge⸗ genwart lockt, wenn ich ihre feenhafte Form von denje⸗ nigen umringt erblicke, welche noch nicht die Vergnü⸗ gungen überlebten, die Eveline natürlich verblenden und einnehmen, ſo fühle ich wirklich, daß mein Geſchmack, meine Gewohnheiten und Beſtrebungen einem andern Alter des Lebens angehören, und ich frage mich ängſt⸗ 156 lich, ob meine Natur und meine Jahre von der Art ſind, daß ſie daburch glücklich werden kann. Dann erkenne ich wirklich den weiten Zwiſchenraum, den die Zeit und die Prüfung zwiſchen einem der Welt überdrüſſigen Manne und einer Dame bilbet, für welche die große Welt noch neu iſt. Sollte fie ſpäter entdecken, daß die Jugend nur die Jugend zu lieben vermag, ſo würde die Reue meine bitterſte Qual ſein. Ich erkenne, wie tief ich ſie liebe, denn ich erkenne, wie unermeßlich theurer mir ihr Glück als das meinige iſt! Somit will ich noch eine Weile warten, ich will unterſuchen und überwachen, daß ich mich nicht täuſche. Bis jetzt glaube ich noch keine Nebenbuhler, die ich zu fürchten brauche, zu haben. Von den jüngſten und munterſten Männern umringt, wendet fie ſich ſtets und mit offenbarem Vergnügen zu mir hin, den ſie ihren Freund nennt. Sie gibt ſogar die am meiſten von ihr geliebten Vergnügungen auf, um ſie mit einer Geſellſchaft zu vertauſchen, worin wir mehr uns mit Ve⸗ haglichkeit unterhalten können. Sie erinnern ſich vielleicht des jungen Legard? Er iſt hier, und bevor ich Eveline traf, war er oft in Lady Doltimore's Haus. Ich kann hinſichtlich ſeiner überlegenen Vortheile der Jugend und Geſtalt nicht verblendet ſein; auch liegt etwas Auffalleu⸗ des und Einnehmendes in dem ſanften und doch männ⸗ lichen Freimnth ſeines Weſens; dennoch ſcheue ich ihn nicht als Rival— allerdings iſt er ſeit Kurzem nicht oft in der Geſellſchaft der Eveline geweſen; auch glaube ich nicht wegen der Leichtfertigkeit ſeiner Beſtrebungen, daß er ſeine Seele, um Eoeline ſchätzen zu können, gebildet hat, oder daß er diejenigen Eigenſchaften befitzt, wodurch Sie wiſſen klagt, vor Länge eine benken, mi über Lady noch ſo nien t ſind, ine ich und die Nanne lt noch Jugend Reue ich ſie eer mir ſch eine en, daß ch keine n. Von wendet nir hin, meiſten ielleicht Eveline gebildet 157 er ihrer werth werden müßte. Ungeachtet ſeiner Schwä⸗ chen zeigt aber der junge Mann eine gewiſſe Gäte, ein Etwas, welches mich gewinnt, und Sie werden erſtau⸗ nen, zu erfahren, daß er mir, der ich gewöhnlich ſo zu⸗ rückhaltend bin, das Geſtändniß meiner Anhänglichkeit und Hoffnung durch Überraſchung abgewonnen hat. Eveline erzählt mir oft von ihrer Mutter und beſchreibt ſie mit ſo glänzenden Farben, daß ich bas größte Intereſſe an einer Dame fühle, welche mitgewirkt hat, eine ſo ſchöne und reine Seele zu bilben. Können Sie erfahren, wer Lady Vargrave war? Es ſchwebt offenbar ein Geheimniß über ihrer Geburt und Verwandtſchaft und nach Allem, was ich höre, entſpringt dies aus ihrem nieberen Stande. Wie Sie wiſſen, iſt mein Familienſtolz, deſſen man mich an⸗ klagt, von beſonderer Art. Ich bin nicht ſtolz auf die Länge eines vermodernden Stammbaumes, ſondern auf einige hiſtoriſche Felder in meinem Wappenſchilde, auf einiges Blut von Gelehrten und Helden, das in meinen Abern rollt; dies iſt eine ähnliche Art des Stolzes, wie ſie ein Engländer empfinden kann, daß er zu einem Lande gehört, welches Shakſpeare und Baeon hervorbrachte. Wie ich hoffe, habe ich nie den gemeinen Stolz empfun⸗ den, welcher niedrige Geburt an Andern verachtet; ich kümmere mich nicht im geringſten, ob mein Freund ober meine Frau von einem König oder einem Bauern ab⸗ ſtammt. Nur ich ſelbſt, nicht meine Verbindungen können meinen Stamm ſchänden; deßhalb tragen Sie kein Be⸗ benken, mir Nachricht zu geben, ſollten Sie irgend etwas über Lady Vargrave's Familie erfahren, dieſelbe mag noch ſo niehrig ſein. 4⁵8 Geſtern Abend hielt ich ein Geſpräch mit Eveline, welches mich entzückte. Zufällig ſprachen wir von Lord Vargrave; ſie eröffnete mir mit entzückender Aufrich⸗ tigkeit die Lage, worin ſie ſich zu ihm befand, ſowie die gewiſſenhaften und edlen Bedenklichkeiten, die ſie über den Beſitz eines Vermögens empfand, hinſichtlich deſſen ihr Wohlthäter und Stiefvater offenbar die Abſicht hegte, ſie ſolle daſſelbe mit ſeinem nächſten Verwandten theilen. An dieſen Bedenklichkeiten nahm ich von ganzem Herzen Theil; ſollte ich Eveline heirathen, ſo wird mein erſtes Verfahren dieſelben in Wirkſamkeit ſetzen, indem ich Vargrave, ſoweit das Geſetz es erlaubt, das Einkommen ausſchließlich überlaſſe, wenigſtens bis Eve⸗ linens Kinder ein Recht beſitzen, es in Anſpruch zu neh⸗ men, ein Recht, welches nicht während ihres eigenen, und wahrſcheinlich auch deßhalb nicht während Var⸗ grave's Leben in Anſpruch genommen werden wird. Ich geſtehe, daß dies kein Opfer ſein würde, denn ich bin ſtolz genug, vor dem Gedanken zurückzuſchrecken, daß ich dem Weibe, welches ich liebe, ein Vermögen ver⸗ danken mußte. Jene Art von Stolz ertheilte Kälte und Zurückhaltung meinem Verhältniß zu Fiorence; was das Übrige betrifft, ſo wird mein Einkommen, durch die Einfachheit meines Lebens in den letzten Jahren ſehr vermehrt, für Eveline und mich vollkommen genügen— Thor, der ich bin! Ich rechne ſchon auf Ehe, während ich noch ſo viele Urſache zur Beſorgniß hinſichtlich der Liebe habe. Allein mein Herz ſchlägt— mein Herz iſt gleichſam zur Sonnenuhr geworden, welche Rechenſchaft uͤber die Zeit gibt. Nach deſſen Bewegungen berechn ich die 4 ſehen! Oh 7 meiner 3 würde, Freund! eine Freu Ihre Ern Rue d Wie M wenig zur wie Evelin und leiden eiferſüchtig er ſah vom travers Ey vertrauten gen der un und Eigen lne, Lord frich⸗ ie die über deſſen Abſicht andten ganzem o wird ſetzen, bt, das dis Eve⸗ zu neh⸗ eigenen, nd Var⸗ ird. Ich in ich bin fen, daß bgen ver⸗ lte Kälte Fiorence; nen, durch ahren ſehr lenügen— ,während ſchtlich der iin Herz iſt echenſchaft n herechne 159 ich die Augeublicke— in einer Stunde werde ich ſie ſehen! Oh, niemals hätte ich in den wildeſten Viſionen meiner Jugend mir eingebildet, daß ich jemals lieben würde, wie jetzt! Adieu, mein älteſter und gütigſter Freund! Bin ich zuletzt glücklich, ſo wird Ihnen wohl eine Freude durch das Gefühl geboten, daß ich zuletzt Ihre Erwartungen hinſichtlich meiner Jugend erfülle. Ihr liehender Ernſt Maltravers. Rue de*e* Paris. Januar 18—. Zweites Kapitel. In ihrer Jugend Liegt eine ſchnelle Sprache ſonder Worte, Die Männer rührt. Abt. Glücklich im Privatleben. Adr. Ebenfalls in Verſamudungen, Shakſpeare. Wie Maltiravers bemerkte, war Legard ſeit Kurzem wenig zur Lady Doltimore oder in dieſelbe Geſellſchaft wie Eveline gekommen. Mit der Heftigkeit eines heißen und leidenſchaftlichen Charakters überließ er ſich der eiferſüchtigen Wuih und dem Gram, der ihn verzehrte; er ſah vom erſten Augenblick zu deutlich ein, daß Mal⸗ travers Eveline anbetete; er glaubte ferner, wegen ihres vertrauten und artigen Benehmens gegen denſelben, we⸗ gen der unbegrenzten Verehrung, womit ſie ſeine Gaben und Eigenſchaften zu betrachten ſchien, daß die Liehe 160 gegenſeitig werden könne. Er wurde düſter und beinah finſter; er vermied Evelne; er unterließ es, den Kampf⸗ platz gegen ſeinen Nebenbuhler zu betreten. Vielleicht konnte die intellektuelle Überlegenheit des Maltravers, das außerordentlich glänzende Geſpräch, welches er in ſeiner Heiterkeit zu führen vermochte, die befehlende Würde ſeines Benehmens, vielleicht ſogar das gereifte Anſehen ſeines Ruhmes und Alters, ſowohl die Hoff⸗ nung niederhalten, wie die Eitelkeit eines Mannes ver⸗ wunden, der ſelbſt als das Ora kel eines Geſellſchafts⸗ kreiſes zu gelten gewohnt war. Dieſe Beweggründe hat⸗ ten vielleicht ſtarken Einfluß auf Legard geübt, ſo daß derſelbe ſich von Evelinens Geſellſchaft zurückzog; allein noch ein Umſtand mit edelmüthigeren Beweg⸗ gründen verbunden, beſtimmte hauptſächlich ſein Ver⸗ fahren. Maltravers ritt einſt, bald nach ſeiner erſten Unterredung mit Eveline, in dem entlegeneren Theile des bois de Boulogne ſpazieren, als er Legard eben⸗ falls allein und zu Pferde antraf; der Letztere hatte, als er ſeines Onkels Vermögen ererbte, Sorge getragen, ſeine Schuld an Maltravers zu bezahlen; er hatte einen kurzen, aber gefühlvollen und dankbaren Brief hinzu⸗ gefügt, den er Maltravers nach Paris ſandte, welcher demſelben gefiel und ihn rührte. Seit jener Zeit hatte er Gefallen an dem jungen Manne gefunden, und jetzt ſuchte er, da er ihn in Paris traf, bis zu einem gewiſſen Grade Legards genauere Bekanntſchaft. Maltravers be⸗ fand ſich in jener glücklichen Stimmung, worin wir Freunde mit aller Welt zu ſein wünſchen. Allerdinge ärgerte das ſtolze Benehmen des Maltrayers, welches oft ſogar ſe ſchein b jungen eine Vei gen ſei, aber wa ertraͤgli⸗ weckt, f Tage ab travers, nem Rit. Herz bef unterhiel ihnen ger auf Lord travers, war, in „Hah „Nie eine ande „Lady Do wenn das Form und wie ihrer „Wi Maltrave Lega Karneval ſchenden d „Ach Bulwe dbeinah Kampf⸗ gielleicht ltravers, hes er in efehlende gereifte die Hoff⸗ nnes ver⸗ ellſchafts⸗ ünde hat⸗ t, ſo daß zurückzog; n Beweg⸗ ſein Ver⸗ iner erſten ren Theile gard eben⸗ tere hatte, egetragen, hatte einen rief hinzu⸗ te, welcher Zeit hatte 7, und jetzt em gewiſſen ttravers be⸗ worin wit Allerdingt welches oft 161 ſogar ſeinen Tugenden einen nicht liehenswürdigen An⸗ ſchein bot, mochte er dies auch ſelbſt nicht ahnen, jenen jungen Mann, welcher wohl empfand, daß er gegen ihn eine Verbindlichkeit der Ehre und des Lebens eingegan⸗ gen ſei, die niemals erlöſchen könne. Gerade dadurch aber ward das Gefühl dieſer Verpflichtung Legard un⸗ erträglicher; es wurde ihm um ſo mehr der Wunſch er⸗ weckt, ſich der Verpflichtung zu entledigen. An jenem Tage aber lag ſo viel Herzlichkeit im Gruße von Mal⸗ travers, und er drängte Legard ſo freundſchaftlich, ſei⸗ nem Ritte ſich anzuſchließen, daß des jungen Mannes Herz beſänftigt wurde; Beide ritten zuſammen und unterhielten ſich vertraut über ſolche Gegenſtände, die ihnen gemeinſchaftlich waren. Zuletzt kam das Geſpräch auf Lord und Lady Doltimore; von dieſen kam Mal⸗ travers, deſſen Seele voll von einem Gedanken erfüllt war, in indirekter Weiſe auf Eveline. „Haben Sie jemals Lady Vargrave geſehen?⸗ „Niemals,“ erwiderte Legard, indem ſeine Augen eine andere Richtung wie die von Maltravers nahmen, „Lady Doltimore ſagt aber, ſie ſei ſo ſchön wie Eveline, wenn das möglich iſt, und noch ebenſo jugendlich in Form und Geſichtszügen, ſo daß ſie eher ihrer Schweſter, wie ihrer Mutter gleicht!“ „Wie gern moͤch ich ſie kennen lernen,“ ſagte Maltravers mit plötzlichem Nachdruck. Legard wechſelte den Gegenſtand. Er ſprach vom Karneval, von Bällen, Maskeraden, Opern, herr⸗ ſchenden Schönheiten. „Ach!“ ſagte Maltravers mit leiſem Seufzer;„die Bulwer, Alice. II. 14 ——-— Tage jener bl „für mi dartr „ dDar ſeiner Seele, auf das kindiſche fertigkeit ſeines 85 bt auf den Unter⸗ ben anſpielen; alle Menſchen ner k Män lirevers freund⸗ he Anſpielung, beabſichtigte. Glauben Sie mir, ich eichtig und mit Bedauern, denn ich habe alle dieſe igenſchaften des Genuſſes abgenutzt. Wahrlich, ich beneide Sie! Beſäße ich noch jene Eigenſchaften, ſo dürfte ich hoffen, mich zu einer größeren Verwandtſchaft mit der Schönheit beinahe anmaße und Jugend umzubilden.“ Maltravers ſchwieg einen Augenblick und begann dann mit ernſtem Lächeln:„Legard, ich hoffe, Sie werden weiſer ſein, wie ich; Sie werden die Roſen pflücken, ſo lange noch der Mai blüht; Sie werden nicht his zum ſechsunddreißigſten Jahre als ein getäuſch⸗ ter und einſamer Mann, voll Sehnſucht nach häus⸗ lichem Glück leben, bis Sie zuletzt, wenn Sie Ihr Ideal finden, erſchrocken zurückfahren und zugleich entdecken, daß Sie zwar keine Beſtrebung zur Liebe, aber manche ein e ich für! Camero: 1 m um Herz Sie hab genomm Erfahren gemein i Unter⸗ pielen; — 8 anf intans tig und mit haften des Sie! Beſaͤße und begann hoffe, Sie die Roſen Sie werden lein getänſch⸗ nach häut⸗ ie Ihr Ideal lich entdecken, aber manche 163 Aamut verloren haben, wodurch die Liebe augelockt eihn, das Schlimmſte e ellem Ton,„nur erklären, daß Sie ſeine Zuneigung ſeine natürliche —„ich erkläre e Hoffn ung, die Liebe zu Eoeline Gedank en, keinen ich für d Cameron Qer. 3 5* unern; allein mein Herz bleibt gebroch prechen wir nicht t mehr d avon; e haben mir mein Geheimmiß durch Überraſ chung gen en, mochte auch daſſelbe ſonſt verrathen w erden. Erfahren Sie von mir, wie übernatürlich ſtark, wie all⸗ gemein verhängnißvoll die Llebe wird, wenn man ſie Zwecke 464 bis auf den Tag verſchieht, an welchem ſie ſich bei dem ſtarken und finſtern Weſen aller Gefühle gleichſam in Granit eingrabt.“ Maltravers ſpornte ſein Pferd, als ob er ſich über ſeine eigene Schwäche ärgere, und Beide ritten, ohne miteinander zu reden, auf einige Zeit ſchnell mit ein⸗ ander. Dies Schweigen ward von Legard benutzt, um Alles, was er gehört und geſehen hatte, zu überdenken und ſich ſeiner Verpflichtung gegen Maltravers zu er⸗ innern; bevor das Schweigen gebrochen wurde, beſchloß der junge Mann auf edle Weiſe nicht allein als Neben⸗ buhler von Maltravers nicht aufzutreten, ſondern ſogar jede Hoffaung und jede Erwartung, die er ſo zärtlich genährt hatte, aufzugeben, ſich von Evelinens Geſell⸗ ſchaft fern zu halten, und mit Treue und Feſtigkeit jene Handlung der Großmuth zu vergelten, welcher er die Erhaltung ſeines Lebens und die Rettung ſeiner Ehre verdankte. Dieſem Beſchluß gemäß, enthielt er ſich aller Be⸗ ſuche von Orten, wo Eveline glänzte; brachte ſie der Zufall zuſammen, ſo war ſein Benehmen blöde und ab⸗ gebrochen. Sie erſtaunte; vielleicht ärgerte ſie ſich; vielleicht grämte ſie ſich; Maltravers hatte ficherlich in ſeiner Bemerkung Recht, daß ihr Weſen die in der Merton⸗Pfarrei gezeigte Munterkeit verloren habe. Jedoch darf es auch bezweifelt werden, ob Eveline von Legard genug geſehen hatte, und ob ihre Phantaſie und Romantik von dem Zauber des Genius, welcher dieſel⸗ ben in der beredten Huldigung des Maltravers aufregte, ſchon genügend frei waren, ſo daß ſie ſelbſt die gedan⸗ kenloſe weſenhei ſetzen ko der Wel! manche: merung Licht auf Erde bei Eine heim*u* er an der travers f unter der als er lei vor ihm, kurzem ei dung mit überging. und das ba laßte Lega h bei dem ichſam in —ſich über ten, ohne Il mit ein⸗ nutzt, um überdenken ders zu er⸗ e, beſchloß als Neben⸗ adern ſogar ſo zärtlich ens Geſell⸗ Feſtigkeit welcher er ung ſeiner h aller Be⸗ chte ſie der bde und ab⸗ ſte ſie ſich; ſicherlich in die in der die gedan⸗ kenloſe Schwermuth, welche über ſie kam, mit der Ab⸗ weſenheit ihres jüngeren Liebhabers in Verbindung ſetzen konnte. Bei ſehr jungen Mädchen, die ſowohl der Welt, als der Selbſikenntniß neu find, verkündigen manche unbeſtimmte und ungewiſſe Gefühle die Däm⸗ merung der Liebe. Schatten folgt auf Schatten und Licht auf Licht, bevor die Sonne hervorbricht und die Erde bei deren Gegenwart erwacht. Eines Abends, als Legard ſich in eine Geſellſchaft beim**eſchen Geſandten hatte führen laſſen, ſah er, als er an der Thür ſtand, in geringer Entfernung, Mal⸗ travers ſich mit Eveline unterhalten. Er wandte ſich unter der Pein der folternden Eiſerſucht wieder fort; als er leidend da ſtand, beſchloß er, wie Maltravers vor ihm, von dem Orte zu fliehen, der ihm noch vor kurzem ein Elyſium ſchien! Er wollte Evoeline nicht wiederſehen, bis die unwiderrufliche Scheidewand er⸗ richtet und ſie die Gemahlin des Maltravers war. In der erſten Hitze ſeines Entſchluſſes wandte er ſich zu einigen ihm nahe ſtehenden Leuten, unter denen einer gerade nach Wien reiſen wollte. Er machte heiter den Vorſchlag, ſich ihm anzuſchließen, und begann über die Reiſe, die Stadt, die glänzende und ſtolze Geſell⸗ ſchaft mit jener grauſamen Munterkeit zu ſprechen, welche allein die erzwungene gute Laune eines leidenden Herzens offenbaren kann, als Eveline, deren Unterre⸗ dung mit Maltravers beendet war, dicht bei ihm vor⸗ überging. Sie lehnte ſich auf Lady Doltimore's Arm und das bewundernde Gemurmel der Geſellſchaft veran⸗ laßte Legard, ſich ploͤtzlich umzuwenden. 166 „Heute Abend tanzen Sie nicht, Oberſt Legard,“ ſagte Caroline, indem ſie Gveline aublickte.„Jemehr die Zeit für die Bälle heranrückt, deſto t äͤger werden S Legard murmelie eine verwirrte Antwort, deren eine Hälfte munter ſchien und die andere nicht hörbar war. „Nicht ſo träg wie Sie glanben,“ ſagte einer aus der Geſellſchaft,„Legard hat eine Reiſe vor, die, wie ich hoffe, genügen wird, ſeinen Charakter in Ihren Augen wieder höher zu ſtellen. Die Reiſe iſt lang, und noch ſchlimmer, ſehr kalt, nach Wien.“ „Wien? Wollen Sie nach Wien reiſen?“ rief Caroline aus. „Ja,“ ſagte Legard, wich haſſe Pa iſt beſſer als dieſe verhaßte Stadt.“ Bei den Worten ging er fort. Evelinens Augen folgten ihm tran blieb einige Augenblicke bei Lady Doltimore ze und ſchweigend. 5 ◻ Mittlerweile ſagte Caroline, indem ſie ſich zu Lord Devonport wandte(der Herr, welcher die Reiſe nach rauſam von Ihnen, aſam, Lord Wien vorgeſchlagen hatte):„Es daß Sie nach Wien reiſen, und doppelt gre Doltimore ſeinen beſten Freund und Paris den beſten Tänzer zu entziehen.“ „Lady Doltimore, Legardm chte mir freiwillig den Antrag; glauben Sie mir, ich habe nicht die Künſte der Überredung angewandt. Die Hauptſache beſteht darin, daß wir von Madame***, der Schönheit Oſter⸗ reichs ſprachen, die eben ſo ſtolz und uneinnehmbar wie Ehrenbreitſtein iſt. Legards Eitelkeit ward erregt; als ein ar in Anſp Erſt als d warteten, denkliche „Sint „Nein cheln zwan der Nachri Minuten lerweile n Ruf ihrer erſtaunens geworden. „Wele daß ſie ſch Geſicht wf bemerken Nach all derbar, da mir, weß eren eine bar war. iner aus die, wie ſen Augen und noch Reiſe nach on Ihnen, iſam, Sart heit Oſter⸗ einnehmbar ard erregt; 167 eneroberer, hat er die Abſicht 4, was der ſchönſte Englän⸗ Lun Andere, die ihre Aufmerkſamkeit 2 1ef gle en Lord Devonport. hawlzimmer ſſe und nach⸗ Erſt als die D warteten, benerktee Lady Dor denkliche Stirn der Eveline. „Sind Sie e „Nein,“ antwortele Eveline, indem ſie ſich zum Lä⸗ cheln zwang; in demſelben Augenblick trat Maltravers mit der Nachricht zu ihnen, daß der Wagen erſt nach einigen Minuten anf n könne. Caroline un ſirte ſich mitt⸗ lerweile mit ſcharfer Kritik über die Kleidung und den Ruf ihrer verſchiedenen Freundinnen. Ke oline war zur erſtaunenswert in ihrem Urtheil über Andere geworden. „Welch* handelt klug, daß ſie ſcharla rcroth trã ägt, die Farbe überſtrahlt ihr Geſicht wie die Sonne bas Feuer. Herr Mealteenets, bemerken Sie Laſy Brn dem ſehr Nach all threr derbar, daß ſie allein r mir, weßhalb iſt die Ehe zwiſch hen Lad y. D*⸗ und Herrn Feer abgebrochen? Iſt es wahr, daß er ſo tief in Schulden ſteckt? Iſt er ein ſo arger Verſchwender? Man ſagt, ſie ſei gebrochnen Herzens.“ „Lady Doltimore,“« ſagte Maltravers lächelnd;„in Klatſchereien weiß ich noch ſchlecht Beſcheid; der arme F**s iſt, wie ich glaube, nicht ſchlimmer wie Andere. I üdet oder unwohl?4 fragte ſie. Was wiſſen wir, wer daran ſchuld iſt, daß ein Verlöb⸗ niß abgebrochen wird. Lady C. Dess mit gebrochenem Herzen! Welche Idee! Heut zu Tage findet flch keine Liebe in Verlöbniſſen der Art; das Band, welches leicht⸗ fertige Naturen verknüpft, iſt nur ein wollener Faden. Modiſche Herrn und Damen! Ihre Liebe und ihre Ehe blüht und welkt Ein Hauch vernichtet ſie, wie ſie ein Hauch erſchuf. Bilden Sie ſich doch nicht ein, daß ein Herz, welches lang daran gewöhnt iſt, nur in guter Geſellſchaft zu ſchlagen, jemals gebrochen werden kann; ein ſolches wird kaum berührt!“ Eoeline horchte aufmerkſam zu und ſchien betroffen; ſte ſeufzte und ſagte in ſehr leiſer Stimme gleichſam zu ſich ſelbſt:„So iſt es, wie konnte ich etwas anderes glauben.“ In den nächſtfolgenden Tagen war Eveline unwohl und verließ ihr Zimmer nicht. Maltravers war in Ver⸗ zweiflung. Die von ihm überſandten Blumen, Bücher und Muſik, ſeine ſorgfältigen Erkundigungen, ſeine mit Gefühl und Achtung verfaßten Billette, mit dem unaus⸗ ſprechlichen Zauber berührt, welchen tiefes Gefühl und hoher Geiſt dem kleinſten Gepräge ihrer Münze einhaucht: Alles dieſes rührte Evelinen merklich; vielleicht ſetzte ſie dies Alles mit Legards Gleichgültigkeit und ſchein⸗ barer Laune in Gegenſatz. Vielleicht gewann Maltra⸗ vers durch dieſen Gegenſatz mehr, wie durch alle ſeine glänzenden Eigenſ chaften. Mittlerweile reiste Legard nach Wien, ohne Beſuche, ohne Botſchaft und ohne Lebewohl; er wußte allerdings nichts von Evelinens Krankheit. Täß auf Ma Stolz! ein bloße es auch! Knoſpe ſtolzen, n ner Lehre Verlöb⸗ ochenem iſch keine es leicht⸗ r Faden. ihre Ehe huf. welches ſchaft zu n ſolches betroffen; ſam zu ſich glauben.“ e unwohl r in Ver⸗ „Bücher ſeine mit alle ſeine ste Legard und ohne Evelinens 169 Drittes Kapitel. Ein lieblich Land.. Ein Traum, der vor verſchloßnen Augen ſchwebt, Mit heitrem Schloß, das wie die Wolke ſchwindtt, Die eines Sommertages Schein umwebt. Thomſon. Täglich, ja ſtündlich ſteigerte ſich Evelinens Einfluß auf Maltravers. Welch ein Gimpel iſt eines Mannes Stolz! Wie thöricht iſt ſeine Weisheit! Ein Mädchen, ein bloßes Kind, welche kaum ihr eigenes Herz, ſo ſchön es auch war, kannte, deren tieferes Gefühl in der ſüßen Knoſpe kaum ſich zu entfalten begann, beſiegte dieſen ftolzen, weiſen Mann! Wie Du aber,— unſer allgemei⸗ ner Lehrer, Shakſpeare,— uns erklärt haſt, als du nach den Winken deiner eigenen Erfahrung ſprachſt, Wird Niemand je ſo feſt gefangen Wie Weiſe, die zu Thoren werden: Thorheit In Weisheit ausgebrütet, ja beſitzt Für Weisheit den Verhaftsbefehl. Mich däucht, Maltravers, daß du jetzt, ſeitdem du dich einer gefährlichen Leidenſchaft hingabſt, welche dich den Schwächſten gleich ſtellte, welche alle deine ſchöne Phi⸗ loſophie des Stoicismus über den Haufen warf, und dich zum Gärtner des Roſengartens machte, für immer alles Recht zum Stolze, alles Vorrecht, den großen Haufen zu verachten, verloren haft. Du warſt aber ſtolz auf deine Schwäche! Noch ſchärfer muß die Lehre ſein, welche dir zuletzt zeigt, daß der Stolz die Engel für immer zum Falle venurtheilt hat. Welch ein Irrthum liegt in dem Glauben, daß die 170 Leibenſchaften während der Jugend am ſtärkſten ſind. Die Leidenſchaften ſind durchaus nicht ſtärker, nur die Herrſchaft über vieſelben iſt ſchwächer. Sie werden leichter erregt, ſind heftiger und fallen mehri die Augen, beſitzen aber weniger innere Kraft, weniger Dau keit, weniger ſcharfe und concentrirte Gewalt, wie im ſpäteren Leben. In der Jugend folgt Leidenſchaft au Leidenſchaft; eine bricht über die Andere hin, wie Wo gen an einem Feiſen, bis das Herz durch Erſchöpfung zur Ruhe gelangt. In der Mannheit rinnt die große Flut ruhiger aber tiefer; ihre Heiterkeit iſt nur der Beweis der Macht und der Schrecken ihres Laufes, wenn der Wind bläst und der Sturm ſich erhebt. Eines jungen Mannes Ehrgeiz iſt nur Eitelkeit; er hat kein beſtimmtes Ziel und ſpielt mit tauſenderlei Spielzeng. Wie es ſich mit einer Leidenſchaft verhält, ſo verhält es ſich mit allen. In der Jugend bewegt Liebe ſtets die Schwingen, hat aber, wie Vögel im April, noch nicht ihr Neſt gebaut. Auf der ſo langen Laufbahn des Sommers und der Hoffaung folgt die Nenheit des Morgen auf die Täuſchung des Heute; die Sonne, die ſich um Mitiag erhebt, trocknet die heißen Thrä⸗ nen. Sind wir an jene Zeit des Leber gelangt, worin das Licht nns entſchwindet und worin die letzte Roſe verwelkt, ſo empfinden wir, daß der Verluſt nicht wieder ausgeglichen werden kann, daß der Froſt und das Dunkel uns bedroht; dann wird die Liebe zum Schatz, den wir mit der Sorgfalt des Geizhalſes über⸗ wachen und hegen. Unſere zuletzt geborene Liehe iſt unſer Liebling und unſer Götze, das zarteſte Pfand der Ver⸗ beruhte vig und des R Hoffan ng für die Zukunft. hmit der Freude beim Wir empfin⸗ 1 agenhett unſere thenerſte ngig nen Galeeren een des Stolzes n worden. Auf dieſem gebrech⸗ den, daß wir f„was kommt, vo fir Unſere ſind Unſen des Vergn opfung Der Stern, welcher ſe Flut weis der er Wind e doegin immer te. Sollte em Bri ef a an Cl evela nd ſe inen Lip aufbahn Meuhat Verluſt run en, welche die Mann⸗ — die große, aber theuer er⸗ fte Erfahrung ,die durre Weisheit, die auf Täuſchung ſes über⸗ der Hoffnungen begründete Philoſophie? Liebe zu ihm iſt unſer beruhte vielleicht nur auf dem eitlen Glanz des Namens der Ver⸗ und des Ruhms, und die Liebe konnte verſchwinden, ſo⸗ ber T 47² bald Gewohnheit die Taͤuſchung truͤbte. Männer von ſtar⸗ ken Neigungen ſind eiferſüchtig auf ihren eigenen Genius. Sie wiſſen, wie derſelbe von dem Charakter des häuslichen Lebens durchaus verſchieden iſt; ſie fürchten, daß man ſie wegen einer Eigenſchaft, nicht um ihrer ſelbſt willen liebt. Von ſolcher Art waren ſeine Selbſtgeſpräͤche, ſo er⸗ hob ſich eine neue Furcht, als der Pfad ſeinen Hoffnun⸗ gen geebnet war; ſo erſchuf die Liebe, wie es ſtets der Fall iſt, während ihres brennenden, wachen Zuſtanbes Den Schmerz, die Todespein, den Zweifel! Maltravers ſuchte bei dem von ihm gebildeten Ent⸗ ſchluß um ſo feſter zu beharren; er wollte ſich ſelbſt und Eoeline ſorgfältig erforſchen, er wollte jeden Strohhalm, den der Wind ihm zuwehte, in die Wagſchale legen; er wollte den Schatz nicht erſtreben, wenn er nicht zugleich die Sicherheit empfand, daß ſein Schrein den Edelſtein zu bewahren vermöge. Dies war nicht allein ein kluger, ſondern ein großmüthiger und gerechter Entſchluß. Es war ein ſolcher, wie wir ihn ſämmtlich faſſen ſollten, wenn die Hitze der Leidenſchaften dies erlaubte. Wir be⸗ ſitzen kein Recht, Jahre fuͤr Momente zu opfern und die Perle zu ſchmelzen, welche nur Werth für einen einzigen Trank beſitzt! Kann aber Maltravers bei dieſer weiſen Vorſicht beharren? Man muß die Wahrheit ſagen, es war vielleicht das erſtemal im Leben, daß Maltravers ſich wirklich verliebt hatte. Wie der Leſer ſich erinnern wird, war er in die ſtolze Florence nicht verliebt geweſen. Bewunderung, Dank⸗ barkeit, die Liebe des Kopfes, nicht die des Gefuͤhles hatte die Kette gebildet, welche ihn an die enthufiaſtiſche, mit begabter ſelte; di ſtände h gelaſſen. und das dem Ant tadour Herzens Antrieb allerding⸗ mantik ei lich gelieb er hatte: hatte derf müthiges Allein Si nicht ihre die zum Se — wie m riſch begat des Lebens und Liebe Dichter in bei allen G das Herz verbraucht ſchwunden Eveline zu konnte, lag welches ih on ſtar⸗ Genius. uslichen man ſie een liebt. , ſo er⸗ Hoffnun⸗ ſtets der ſtandes ten Ent⸗ ſelbſt und trohhalm, legen; er t zugleich Edelſtein in kluger, bluß. Es n ſollten, Wir be⸗ n und die einzigen ſer weiſen ſagen, es Naltravers die ſtolze begabter Schönheit ſich offenbarende Correſpondentin feſ⸗ ſelte; die düſteren, mit ihrem Schickſale verknüpften Um⸗ ſtände hatten tiefe Furchen in ſeinem Gedächtniß zurück⸗ gelaſſen. Zeit und Wechſel hatten die Wunden verwiſcht und das Licht der Schoͤnheit war ihm noch einmal auf dem Antlitz der Eveline aufgegangen. Valerie von Ven⸗ tadour war nur die Grille eines herumſchwärmenden Herzens geweſen, worin der Grundſatz noch nicht auf den Antrieb gefolgt war. Alice, die ſuͤße Alice! Sie hatte er allerdings in der erſten Blüte der Jugend mit der Ro⸗ mantik eines Knaben geliebt. Er hatte ſie tief und zärt⸗ lich geliebt, war aber vielleicht nie in ſie verliebt geweſen; er hatte ihren Verluſt jahrelang betrauert; unmerkbar hatte derſelbe ſeinen Charakter verändert und ein ſchwer⸗ müthiges Dunkel über alle Farben ſeines Lebens ergoſſen. Allein Sie, deren Ideenkreis ſo beſchränkt war, die noch nicht ihre Hülle zu irgend einer Art der Erkenntniß, wie die zum Schmetterling werdende Puppe, durchbrochen hatte — wie mußte dies Bauermädchen gegen ſeine verſchwende⸗ riſch begabte Natur zurückſtehen, welche die breite Ebene des Lebens betrat. Beide hatten nichts gemein, wie Jugend und Liebe. Es war ein Traum, der über dem jungen Dichter im Morgenzwielicht ſchwebte, der aber, wie es bei allen Gebilden des Knabenalters von je der Fall war, das Herz nicht ausgedehnt und die Leidenſchaften nicht verbraucht zurückließ! Lange Jahre waren ſeitdem ver⸗ ſchwunden; ein Reiz, welcher Maltravers ſo ploͤtzlich zur Eveline zog, ohne daß er ſich Rechenſchaft davon geben konnte, lag in einem unbeſtimmten, unerklärlichen Etwas, welches ihn an Alice erinnerte. In ihren Zügen fand ſich la⸗ 1 in Evelinens Stimme uen Nmignei eln 6 Wel rund der 1 eute,e Einfalt und 2 Charakter mehr wi virklic mehr Ehaberh eit de ſe Hälfte ihre ſprünglichen blieben. Aber gebildet, ſo l Forſchungen und ſeiner armen Bauerm Vochen vorans. mädchen au Eveline liebte en jetzt täglich; ihre Seelen n ander klarer. Mal zu reden; Beide waren Freundſchaft aber von der Jahre und ihre Er zuldigen Natur Begeiſterung, ihrer frommen und fand Maltravers Sriſche in der W an der Quelle weilende Kameeltreiber. Ohne daß er es es ahnete, ward ſein Herz wieder für ſeinen Nebeumeunſchen er⸗ wärmt. Was die Harfe D Davids dem Ohre Sauls, war dem ſeinigen die ſanfte Stimme, welche Erinnerung vers vermied es noch geſeban nem gan nen, dos ihn liebe ſchaft wo ſicht auf gefühl ar hbeſaß ſoſ die er nie Maäͤnner Hoffnung Abreiſe h den Reiz Geſellſch mählig ſe hänglichke in die Au den ſie 1 Freier, ſo Nebenbuh den, daß daß er un deren Und dieſe Zeit 175 Sti mme vers auf Sveli ſchmei te er er 9 4 öt bervor t hervor. erte und verehrte ſ ſe d hn n 3 4* r, um rgnügen an ſeiner Gefel⸗ hegte Mit⸗ rebungen, ſie t für ſeine Fehler, uchte, daß auch mißtrauiſche en Ey uptomen die günſtigſten Seft Legards für r Edelire 1 Er verlor ſo all⸗ wafin ſeine frühe ne zu ſcharfe Au⸗ hänglichkeit; zur großen Welt ſich bilden; da nichts mehr in die Augen fiel, wie Evelinens Gl ltigkeit gegen den ſie umringenden Schwarm der Schmeichler und Beſtrebung Freier, ſo fürchtete Maltravers auch nicht länger einen der an der Nebenbuhler. Er begann die Überzeugung zu empfin⸗ r es ahnete, den, daß Beide die Probe durchgemacht hätten und heuſchen er⸗ daß er um Liebe biiten dürfe, ohne einen Zweifel an Sauls, war deren Unveränderlichkeit und Wahrheit zu hegen. Um Erinnerung dieſe Zeit wurden Beide mit den Doltimore’s auf ein 176 Landgut de Montaigne's geladen; dort beſchloß Mal⸗ travers ſein Schickſal zu erfahren. Viertes Kapitel. Ein Chaos von Gedanken und Affekten. Pope. Der Lauf unſerer Geſchichte führt uns jetzt zu einer ſehr verſchiedenen Scene. Zwiſchen. St. Cloud und Verſailles lag damals und liegt vielleicht auch jetzt noch ein einſames, düſteres Haus, welches, für die Wahn⸗ finnigen beſtimmt, nicht wegen der Lage, ſondern wegen ſeines Zweckes düſter iſt. Es liegt auf einer Anhöhe und die Fenſter beherrſchen jenſeits der düſtern Mauern, welche den Garten umringen, einige jener ſchönen Aus⸗ ſichten, welche Frankreich den Namen des ſchoͤnen er⸗ werben. In der Entfernung ſieht man dort die herrliche Seine, wie ſie breit durch bunte Ebenen zwiſchen ſchim⸗ mernden Dörfern und Landhänſern ſich windet. Unter dem hellen, blauen Himmel dehnen ſich dort die Waͤlder von Verſailles und St. Germain mit üppigem Wuchſe weit hinaus; am Rande der Landſchaft erblickt man die mächtige, mit tauſend Thürmen gekrönte Stadt, unter welchen ſich der von Notre⸗Dame, gleichſam wie der Horſt von Napoleons Adler, ſtolz über die andern erhebt. Das Haus, obgleich einſam liegend, bietet eine Ausſicht der belebten Welt; der Verrückte blickt dort auf eine Landſchaft, welche das gedankenvolle Auge der Einbil⸗ dungskraft oder Weisheit entzücken konnte. In einem der Zimmer dieſes Hauſes ſaß Caſtruerio Caͤ⸗ ſarini. D nigfache; keit oder und Vorf allein, er auf die ſ ben habe: den Boder als er aus fich und ber licher und de Monta ſcheel den I nigen Wor mers und ſ trat auf ſei theurer Caf kauft, di ſte werden „Gebt dem er ſein ſperrt? W Tage in ein all er Dinge Pfiff; fie p Sehen Sie, ßen. Bieten Bulwer, 2 ß Mal⸗ Affekten. de. zu einer oud und jetzt noch Wahn⸗ en wegen thöhe und Mauern, nen Aus⸗ honen er⸗ herrliche hen ſchim⸗ et. Unter ie Waͤlder i Wuchſe t man die dt, unter m wie der ern erhebt. te Ausſicht t auf eine er Einbil⸗ truecio Ca⸗ 177 ſarini. Das Zimmer war ſogar mit Eleganz möblirt; man⸗ nigfache Bücher kogen auf den Tiſchen; keine Behaglich⸗ keit oder kein Troſt war unterlaſſen, welcher die Sorgfaſt und Vorſicht der Liebe andeuten konnte. Cäſarint war allein, er lehnte ſeine Wange euf die Hand und blickte auf die ſchöne und ruhige Gegend, die wir beſchrie⸗ ben haben.„Werde ich wieder einen freien Fuß auf den Boden ſetzen?“ murmelte er zornig vor ſich hin, als er aus ſeiner Träumerei auffuhr. Die Thüre öffnete ſich und der Waͤrter der traurigen Wohnung lein menſch⸗ licher und ausgezeichneter Arzt) trat ein; ihm folgte de Montaigne. Cäſarini wandte ſich um und blickte ſcheel den letzteren an; der Arzt entfernle fich nach we⸗ nigen Worten der Begrüßung in einen Winkel des Zim⸗ mers und ſchien in ein Buch vertieft. De Montaigne trat auf ſeinen Schwager zu, mit den Worten:„Mein theurer Caſtrueeio, ich habe Iznen einige Gedichte ge⸗ kauft, die gerade jetzt in Mailand herausgekommen ſind; ſte werden Ihnen gefall „Gebt mir meine F it,2 rief Cäſarini aus, in⸗ dem er ſeine Fauſt ballte,„ weßhalb bin ich hier einge⸗ ſperrt? Weßhalb wird mein Schlaf durch das Geſeufz Wahnſinniger u erbrochen? Weßhalb werden meine age in einer Einſamkeit verzehrt, die mir den Anblick aller Dinge in melner Umgebung zuwider macht? Bin ich verrückt? Sie wiſſen, daß das nicht der Fall iſt. Die Behauptung, daß Dichter verrückt ſind, iſt ein alter Pflff; ſie halten unſern Schmerz irrig für Wahnfinn. Sehen Sie, ich bin ruhig; ich kaun urtheilen und ſchlie⸗ ßen. Bieten Sie mir jede Probe über die Geſundheit Bulwer, Alice. II. 42 1. 4 1 178 meiner Seele, ſo ſtreng ſie auch ſein mag, ich werde dieſelbe beſtehen; ich bin nicht verrückt, ich ſchwöre es Ihnen!“ „„Nein, mein theurer Caßruceſo,“ ſagte de Montaigne beſänftigend;„Sie ſind noch immer unwohl, Sie haben noch ſtets das Fieber; wenn ich Sie das nächſtemal ſehe, ſind Sie vielleicht zur Genüge wieder hergeſtellt, um den Doktor entlaſſen und Ihren Wohnort verändern zu können. Mittlerweile ſagen Sie mir, ob Sie etwas hivzugefügt oder verändert wünſchen?“ Cäſarint hatte auf dieſe Worte mit einem Zug bit⸗ teren Spottes auf ſeinen Lippen, aber mit dem Ausdruck eines ſo hoffnungsvollen Elends in den Augen gehört, wie letzteren allein ſolche Leute begreifen können, welche die lichten Augenblicke des Wahnſinns beobachtet haben. Er ſank zurück und ſein Haupt hing düßter über ſeine Bruſt.„Nein,“ ſagte er,„ich brauche weiter nichts als friſche Luft oder Tod, einerlei welchen—“ De Montaigne blieb einige Zeit bei dem Unglück⸗ lichen und ſuchte ihn zu beſänftigen; allein ſeine Be⸗ mühungen waren vergeblich. Als er jedoch ſich zu er⸗ heben aufſtand, fuhr Cäſarini in die Höhe, heftete auf ihn ſeine großen, liſtigen Augen und rief aus:„Ach, verlaſſen Sie mich jetzt nicht, es iſt ſo furchtbar mit Todten, oder mit Lebenden, die noch ſchlimmer wie Todte, zuſammen zu ſein.“ Der Franzoſe wandte ſich hinweg, um ſeine Augen zu trocknen und die Regung ſeines Herzens zu unter⸗ drücken; er ſetzte ſich wieder und ſuchte wieder zu be⸗ ſänftigen. Zuletzt gab ihm Cäſarini, ſcheinbar heruhigt⸗ Erlaubni⸗ Sie Tere daß ich n ſte möcht fragten i — ja, di elgenen † — es iſt deſſen Fer Zweige hi lebendes? den Baun heimkehre verwelkt! miſcher N Baum wit dies Zim lächelte. „Gew vorziehen ich werde chwoͤre es Nontaigne Sie haben emal ſehe, ſtellt, um rändern zu Sie etwas n Zug bit⸗ n Ausdruck gen gehört, nen, welche htet haben. über ſeine m Unglück⸗ ſeine Be⸗ ſich zu er⸗ heftete auf eine Augen zu unter⸗ eder zu be⸗ ar heruhigt, 179 Erlaubniß fortzugehen.„Gehen Sie,“ ſagte er,„ſagen Sie Tereſa, daß ich beſſer bin, daß ich ſie zartlich liebe, daß ich noch leben werde, um ihren Kindern zu ſagen ſte möchten keine Dichter werden. Bleiben Sie! Sie fragten mich, ob ich ſonſt noch etwas verändert wünſchke — ja, dies Zimmer, es iſt zu ſtill; ich höre meinen eigenen Puls ſo laut in dem tiefen Schweigen ſchlagen — es iſt furchtbar! Unten iſt noch ein Zimmer, vor deſſen Fenſter ein Baum ſteht; der Wind ſchaukelt ſeine Zweige hin und her, und er ſeufzt und ſtöhnt wie ein lebendes Weſen. Es wird mir Vergnügen machen, auf den Baum zu blicken, und zu ſehen, wie die Vögel dort heimkehren; aber auch dieſer Baum iſt winterlich und verwelkt! Es wird mich entzücken, ihn während ſtür⸗ miſcher Nächte toben und ſüöhnen zu hören. Der alte Baum wird mir ein Freund ſein! Verſchoffen Sie mir dies Zimmer; blicken Sie einander nicht an; es iſt nicht ſo hoch wie dieſes, aber das Fenſter iſt mit Eiſen⸗ gittern verſehen; ich kann nicht entwiſchen!* Cäſarini lächelte. „Gewiß,“ ſagte der Arzt,„wenn Sie jenes Zimmer vorziehen; es bietet aber keine ſo ſchöne Ausſicht.“ „Ich haſſe die Ausſicht auf die Welt, die mich aus⸗ geſtoßen hat; wann kann ich ausziehen? „Noch heute Abend.“ „Ich danke Ihnen. Dies wird eine große Revolu⸗ tion in meinem Leben ſein.“* Cäſarini's Augen ſtrahlten und er ſah glücklich aus. De Montaigne, durchaus bekümmert, riß ſich fort. Das Verſprechen ward gehalten und Cäſarini noch an jenem 480 Abend in das von ihm erwählte Zimmer gebracht. In der Tiefe der Nacht, als der Wäͤchter ſeinen letzten Be⸗ ſuch abgeſtattet hatte und als überall Stille herrſchte, die allein durch ein ſcharfes Geſchrei in einem entfern⸗ teren Theile des Hauſes unterbrochen wurde, ſtand Ci⸗ ſarini vom Bette auf; ein wenig Licht ſtrahlte von den Sternen herab, welche durch die froſtige und ſcharfe Luft ſchienen; der ſchwache Schimmer drang durch die ſchweren Eiſenſtangen des Gitters. Hierauf zog Cäſerini unter ſeinem Kiſſen einen lang gehegten, ſorgfältig verbor⸗ genen Schatz hervor. O! mit welchem Entzücken ſetzte er ſich zuerſt in den Befitz heſſelben! Mit welcher Angſt⸗ lichkeit war derſelbe überwacht und bewahrt worden! Wie manche ſchlaue Liſt und tief erdachte Erfiahung hatte es bezweckt, die ſorgfältige Nachforſchung des Wächters und ſeiner Myrmidonen zu täuſchen. Dle verlaſſene und wandernde Mutter ſchloß nie ihr Kind zürtlicher an ihren Buſen, noch blickte ſie auf deſſen Züge mit leidenſchaft⸗ licheren Viſionen für die Zukunft. Was aber entzuckte ſo ſehr den armen Gefangenen und tä chte den armen Wahn⸗ ſinnigen? Ein großer Nagel! Er hatte ihn zufällig im Garten gefunden und Wochen lang verborgen; derſelbe hatte ihn mit der Hoffnung der Freiheit beſeelt. Oft hatte er in Tagen der fernen Vergangenheit von Wundern ge⸗ leſen, die dadurch bewirkt waren, von durchbrochenen Mauern und durchfeilten Riegeln, wobei jenes Werkzeug allein angewandt worden war. Er erinnerte ſich, daß einer jener berühmteſten unglücklichen Maͤnner, welche gegendas Geſetz leben, einſt die Worte ausgeſprochen hatte:„Wählt mein Gefängniß und gebt mir nur einen roſtigen Nagel, dann ſchlich ſchwas die Th Ac flimmer Krone die paf ſens. 2 Metall Preis es der ſeine ſich zur merkt, d waren „ acht. In tten Be⸗ herrſchte, entfern⸗ Rand Ci⸗ von den harfe Luft eſchweren ini unter g verbor⸗ icken ſetzte her Angſt⸗ worden! dung hatte Wächters aſſene und er an ihren idenſchaft⸗ utzuͤckte ſo nen Wahn⸗ zufällig im a; derſelbe . Oſft hatte undern ge⸗ chbrochenen Werkzeug „daß einer e gegendas :„Wählt gen Nagel, 181 hann lache ich eurer Schließer und eurer Mauern.“ Er ſchlich ſich zum Fenſter, unterſuchte ſeine Reliquie beim ſchwachen Sternenlicht; er küßte ſie leidenſchaftlich und die Thränen ſtanden in ſeinen Augen. 1 wer vermag den Werth der Dinge zu be⸗ fimmen! Kein König ſchätzte in jener Nacht ſo hoch ſeine Krone wie der Verrückte jenen roſtigen Zoll Draht— die paſſende Beute des Kothkarrens und bes Düngerhau⸗ ſens. Du bedachteſt wenig, alter Schmied, als du das Metaoll aus dem Feuer nahmſt, welch einen koſtbaren Preis es erlangen würde! Cäparini hatte ſchon lang mit der ſeiner Krankheit eigenthümlichen Liſt jenes Zimmer ſich zur Scene ſeines Verfahrens erwählt; er hatte be⸗ merkt, daß die Einfaſſung, worin die Eiſenſtangen geſetzt waren, alt und wurmſtichig war— das Fenſter ſei nur wenige Fuß vom Boden erhoben, der Schall der vom Wind bewegten Zweige in der Winternacht würde das Geräuſch der einſamen Arbeit übertönen. Jetzt ſollten ſeine Hoffnungen gekrönt werden. Armer Thor! auch du haſt Hoffnungen! Die ganze Nacht brachte er mit Arbeit zu, um ſeinen Nagel zur Feile umzubilden; balb verſuchte er die Eiſenſangen, bald die Einfaſſung. Ach, er hatte nicht die Geſchicklichkeit in ſolchen Werkzeugen erlernt, die ſein berüchtigtes Muſter, nach welchem er den Ge⸗ danken gefaßt hatte, beſaß; das Fleiſch ward von ſeinen Fingern abgerieben; die kalten Tropfen ſtanden ihm an der Stirn und der Morgen überraſchte ihn, als er kaum ein Haar breit in ſeiner Arbeit fortgekommen war. Er kroch ins Bett zurück und verbarg wieder das nutzloſe Werkzeug; zuletzt ſchlief er ein. Schlaf, du begluͤckter 182 Gott der Erde! Du allein haſt uns nie in unſern Schmer⸗ zen verachtet! Kein Abgrund iſt zu tief, daß ihn deine Flügel nicht überſchatteten! In jeder Nacht verſuchte Cäſarini dieſelbe Arbeit; ſtets ergab ſich daſſelbe Reſultat! Zuletzt jedoch, als er eines Tages von ſeinem düſteren Spaziergang im Garten heimkehrte(der Eigenthümer nannte denſelben einen Vergnügungspark), fand er beſſere Arbeiter wie er ſelbſt am Fenſter. Sie beſſerten die Ein⸗ faſſung aus und machten das Gitter ſtärker. Der Unglück⸗ liche ſagte nichts, er war zu ſchlau, um Verzweiflung zu zeigen; er betrachtete ſie mit Schweigen und verfluchte fie. Allein der alte Baum blieb noch dort und das war etwas von Bedeutung, Geſellſchaft und Mufik! Einige Tage nach dieſer barbariſchen Gegenliſt ging Gaſarini in dem Garten zu der Zeit ſpazieren, worin die Dunkelheit an kürzeren Tagen Schritt für Schritt allmählig nach dem kalten Sonnennntergang einbricht. Da trat ein Genoſſe ſeiner Gefangenſchaft zu ihm hin, welcher oft ſchon ſeine Bekaantſchaft geſucht hatte, denn dieſe armen Leute ſuchen ſich Freunde zu erwerben. Wir handeln ja ebenſo und wir ſagen, daß wir nicht verrückt ſind! Dieſer Mann war Soldat geweſen, hatte unter Napoleon ge⸗ dient, hatte Ehren und Orden erhalten und erträumte ſich vielleicht den Marſchallſtab. Allein ein Daͤmon hatte ihn in der Stunde ſeines Stolzes getroffen. Seine Krank⸗ heit beſtand darin, daß er ſich für einen Monarchen hielt. Er glaubte, denn er vergaß die Chronologie, daß er zu⸗ gleich die eiſerne Maske und der wahre Souverain von Frankreich und Navarra war, welcher von den Uſurpa⸗ toren ſeiner Krone in ein Staatsgefängniß eingeſpent wurde. nünftig ſtrengen Heftigk und fur dung un Dieſer weilen! denn B nen. D der Wü „D gehen. die Jah Cäf „Ja, a unſere ſ baß wir ſind wah ſperrt m uns ein „S en Schmer⸗ ß ihn deine t verſuchte e Reſultat! m düſteren igenthuͤmer ad er beſſere en die Ein⸗ er Unglück⸗ erzweiflung d verfluchte nd das war ik! genliſt ging „worin die tt allmählig Da trat ein welcher oft dieſe armen handeln ja ind! Dieſer apoleon ge⸗ derträumte daͤmon hatte eine Krank⸗ archen hielt. , daß er zu⸗ uverain von den Uſurpa⸗ eingeſpertt 183 wurde. In anderen Punkten war er im Allgemeinen ver⸗ nünftig; ein ſchlanker, ſtarker Mann, mit ſtolzen und ſtrengen Zügen, worin man manche biutige That der Heftigkeit und des Unrechts, geſetzloſer Leidenſchaften und furchtbarer Handlungen leſen konnte, deren Vollen⸗ dung und Fluch zugleich die Verrücktheit darbieten mochte. Dieſer Mann hatte an Cäſarini Gefallen gefunden; bis⸗ weilen hatte ihn Cäſarini weniger wie Andere vermieden, denn Beide konnten über alle Lebende gleicherweiſe höh⸗ nen. Der Wahnſinnige nahte Cäſarini mit der Miene der Würde und Herablaſſung. „Die Nacht iſt kalt, Herr, kein Mond wird auf⸗ gehen. Iſt es Ihnen niemals eingefallen, daß der Winter die Jahreszeit zum Entwiſchen iſt?“ Caͤſarini ſtutzte. Der ehemalige Offizier fuhr fort: „Ja, auch ich ſehe durch Ihr Benehmen, daß Sie uͤber unſere ſchmähliche Einſperrung entrüſtet ſind; ich glaube, daß wir zuſammen dem Schlimmſten trotzen können. Sie ſind wahrſcheinlich wegen eines Staatsverbrechens einge⸗ ſperrt worden; ich ertheile Ihnen vollkommene Verzei⸗ hung, wenn Sie mir helfen. Was mich betrifft, ſo brauche ich nur in meiner Hauptſtadt zu erſcheinen. Luhwig XIV. muß ſeinem Tode nahe ſein“ „Dieſer Verrückte iſt mein beſter Geſellſchafter,“ dachte Cäſarini, über ſeine Gebrechlichkeit empört, wie Gulliver, als er von den Yahoos fortreiste—„einerlei, er ſpricht von Entwiſchen.“ „Wie glauben Sie,“ ſagte der Italiener laut„daß uns eine Möglichkeit zur Befreinng geboten wird?“ „Still, ſprechen Sieleiſer,“ ſagte der Soldat,„wäh⸗ 184 rend der beiden letzten Tage hahe ich einen Mann beoß⸗ achtet, der Feizenbäume und Weinſtöcke an der Mauer befeſtigt. Zwiſchen dieſem Garten und jenem Grund⸗ ftück liegt nur ein hölzerner Zann; d wir leicht teigen. Jener arbeitet dis zur Dämmerung; ſo ſpäͤt wie möglich laſſen Sie uns über den Zann klettern, und zwi⸗ ſchen den Gemüsbeeten hinſchleichen, bis wir den Mann exreichen. Er braucht zu ſeiner Arbeit eine Leiter; das Üübrige iſt klar; wir müſſen über ihn herfallen, und ihn knebeln, auch im Nothfall erd n— ich habe ſchon einen Hals zugeſchnürt,“ ſprach der Wahnſinnige mit furchtbarem Lächeln.„Die Leiter wird uns über die Mauer helfen und die Nacht wird bald dunkel in dieſer Jahreszeit.“ Gäſarini horchte und ſein Herz ſchlug ſchneller.„Iſt es nicht heute zu ſpät zu dem Verſuche,“ ſagte er fluſternh. „Vielleicht nicht,“ erwiterte der Soldat, welcher allen ſeinen mili äriſchen Scharfſtun bewahrt hatte. „Sind Sie aber vorbereitet? Bedürfen Sie Zeit, um Muth zu faſſen?⸗ „Nein, nein, ich habe Zeit genug gehabt, ich bin bereit!⸗ „Wohlan denn, ſtill! Wir werden überwacht, dort iſt einer der Kerkermeiſter; ſprechen Sile leicht hin, lächeln und lachen Sie. Kommen Sie hierher.“ Sie gingen bei einem der Wächter vorbei und gerade als ſie ihm ſo nahe waren, daß er ſie hören konnte, ſagte der Soldat zu Cäͤſarini:„Herr, wollen Sie mir gütigſt eine Priſe Schnupftabak geben?⸗ „Ich habe keine Doſe.“ „Wie Schate! Mein guter Freund„“ er wandte ſich tönnen Ir jelr zu dem merme in eine T Wahnf welcher ihm jed Verdach Bäumer laufen E Der keit dahr den Zar trennte; hin; Caͤf chen vor gen, kah Mann ſi rend Cäſt fen hinan kulöſen? überraſch nicht, m abgeſpru nahen W lann beoh⸗ der Mauer m Grund⸗ wir leicht ug; ſo ſpät n, und zwi⸗ den Mann eiter; das a, und ihn habe ſchon innige mit 8 über die el in dieſer eller.„Iſt r flüſternb. t, welcher hrt hatte. Zeit, um in bereit!* pacht, dort leicht hin, her.“ Sie kade als ſie „ſagte der ütigſt eine wandte ſich 485 zu dem Wärter;„darf ich Sie bitten, aus meinem Zim⸗ mermeine Doſe zu holen; ſie ſteht auf dem Kamingeſims; in einer Minute ſind Sie wieder hier. s Der Soldat war einer derjenigen Kranken, deren Wahnfinn man für harmlos hielt und ſeine Verwandten, welche reich und von hoͤherem Stande waren, hatten erſucht, ihm jede Nachſicht zu zeigen. Der Waͤchter hegte keinen Verdacht und begab ſich in's Haus; ſobald er hinter den Bäumen verſchwunden war, ſagte der Soldat:„Jetzt laufen Sie beinah auf allen Vieren und ſchnell.“ Der Verrückte duckte ſich und ſaͦ luͤpfte mit Schnellig⸗ keit dahin; Caſarini blieb nicht zuruͤck. Sie erreichten den Zaun, welcher den Gemüsgarten von dem Park trennte; der Soldat ſchwang ſich mit Leichtigkeit darüber hin; Caͤſarini folgte mit mehr Schwierigkeit; beide kro⸗ chen vorwärts; die Kräuter und Gemüſe mit ihren lan⸗ gen, kahlen Stengeln verhehlten ihre Bewegungen; der Nann ſtand noch auf der Leiter.„La bonne espé- rance,“ ſagte der Soldat zwiſchen den Zähnen, indem er ein altes Feldgeſchrei aus den Kriegen hinzufügte; wäh⸗ rend Cäſarini unten die Leiter feſthielt, eilte er die Stu⸗ fen hinan und warf mit plötzlicher Anſtrengung ſeines mus⸗ kulöſen Armes den Gärtner auf den Boden. Der Mann, überraſcht, halb betäubt und ganz erſchreckt, wagte es nicht, mit den beiden Verrückten zu ringen; er rief laut um Hülfe; allein die Huͤlfe kam zu ſpät! Die beiden ſonderbaren und furchtbaren Gefährten hatten ſchon die Mauer erſtiegen, waren ſchon an der andern Seite hin⸗ abgeſprungen und eilten durch die dunklen Felder zu dem nahen Walde. 186 Fünftes Kapitel. Hoffnung, Furcht Fährt auf erſchreckt und blickt om engen Rande Des Lebens nieder; was eröffnet ſich? Ein bodenloſer Abgrund. Boung. Mitternacht und ſcharfer Froſt! Dort ſtanden die beiden Flüchtlinge, ohne Haurs und Brod, in der Mitte des ſchönen Waldes, in welchem ſo oft die Hörner köͤ⸗ niglicher Jagden erklungen waren. Der Soldat, deſſen Jugend an Strapatzen und an die Eroberungen gewöhnt war, welche unſer Mutterwitz der ſtiefmütterlichen Na⸗ tur abgewinnt, hatte durch Zuſammenreiben zweier tro⸗ ckener Stücke Holz ein Feuer angezündet; dies Holz war ſchwer zu finden, denn der Schnee bedeckte den Grund und lag tief in den Hohlwegen. Als es endlich entdeckt ward, ließ ſich ein Feuer nur langſam anſchüren; indeß zuletzt erhob ſich die Glut. Die beiden Verrückten ſaßen auf einer kleinen Erdbank, die von einem Halbkreiſe roher Bänme überragt war. Einander gegenüber ſitzend hockten ſie am Feuer und die Glut uͤbergoß ihre Züge mit rothem Schein. Ein Jeder wünſchte in ſeinem Herzen ſeinen verrückten Geſellen ſich vom Halſe zu ſchaffen; Jeder fühlte das Furchtbare der Einſamkeit, neben einem Gefähr⸗ ten zu ſchlafen, deſſen Seele Gottes Licht verloren hatte. „Ho,“ ſagte der Krieger, indem er das lang gehal⸗ tene Schweigen unterbrach,„wie kalt es iſt, der Hunger quält mich, ich ſehne mich beinahe wieder nach meinem Gefängniß.“ „Ich empfinde die Kälte nicht,“ ſagte Cäſarini,„und bekümn im Gef „ V einer ſe Stimme „. Verſuch „Hl daß man ſtehen w der Kron ſage ich! „Und ſer„4 rie nes Kam der Erde den Ster Der Jäg auf mein ſcheucheſt 2 Es Blutes ſq ſie geben „Ha er aufſpr welche di eiferten: Hoͤlle, de verbünde Mit ngen Rande ich? »oung. tanden die der Mitte Höͤrner köͤ⸗ dat, deſſen n gewöhnt lichen Nu⸗ zweier tro⸗ Holz war den Grund ich entdeckt ren; indeß ickten ſaßen kreiſe roher hend hockten mit rothem erzen ſeinen fen; Jeder em Gefähr⸗ ‚loren hatte. lang gehal⸗ der Hunger ach meinem ſarini,„und 187 bekümmere mich nicht um den Hunger, ich ſchwelge allein im Gefühle der Freiheit!“ „Verſuchen Sie zu ſchlafen,“ ſprach der So dat mit einer ſchmeichelnden und Unheil verkündenden Milde der Stimme;„wir wollen abwechſelnd Wache halten.“ „Ich kann nicht ſchlafen, machen Sie den erſten Verſuch.* „Hören Sie,“ ſagte der Soldat fiaſter;„ich will nicht, daß man meinen Befehl beſtreitet; jetzt, da wir frei ſind, ſtehen wir nicht mehr auf gleichem Fuße; ich bin Erbe der Kronen von Frankreich und Navarra— ſchlafen Sie, ſage ich!“ „Und welcher Fürſt oder Potentat, König oder Kai⸗ ſer,“ rief Cäſarini aus, indem er durch den Einfall ſei⸗ nes Kameraden angeſteckt wurde,„kann dem Monarchen der Erde und Luft, der Elemente und der Muſzathmen⸗ den Sterne befehlen! Ich bin Cäſarini, 1ußen. Der Jäger Orion hält in ſeiner Jagd am Himmel, um auf meine Leier zu hoͤren. Still. roher Mann! Du ver⸗ ſcheucheſt die Engel, deren Hauch durch mein Haar rauſcht“ „Es iſt zu furchtbar,“ ſchrie der grimmige Mann des Blutes ſchaudernd;„meine Feinde find unbarmherzig; ſie geben mir einen Verrückten zum Gefangenwärter.“ „Ha, einen Verrückten!“ rief Cäſarini aus, indem er aufſprang und auf den Soldaten mit Augen blickte, welche die Glut des Feuers auffingen und mit ihr wett⸗ eiferten:„Wer ſeid Ihr? Welch ein Teufel aus tiefer Hoͤlle, der Ihr Euch mit meinen Verfolgern gegen mich verbündet habt?⸗ Mit dem Inſtinkt ſeines alten Berufs und ſeiner 188 Tapferkeit ſtand auch der Soldat auf, als er die Bewe⸗ gung ſeines Gefährten ſah; in ſeinen trotzigen Zügen war Wuth und Furcht vereint. „Fort!“* rief er aus, indem er ſeinen Arm ſchwang, „Wir verbannen dich aus urſerer Gegenwart! Dies iſt Unfer Palaſt, Unſere Garden ſtehen bereit,“ Er zeigte bei den Worten auf die ſtillen und ſke ettartigen Bäume, die in geiſterhaften Racktheit um ſie gruppirt waren: „Hinweg mit dir!* In dem Augenblick vernahmen ſie in der Entfernung vas tiefe Gebell eines Hundes und Jeder rief zugleich aus:„Ich werde verfolgt, ich bin verrathen!“ Der Soldat ſprang an die Kehle des Cäſarini; der Italiener aber ergriff in demſelben Augenblick einen halb verbrann⸗ ten Feuerklotz und ſchlug das glühende Ende ſeinem Angreiſer ins Geficht. Der Soldat ſtieß einen Schrei des Schmerzes aus und fuhr geblendet und erſchreckt zu⸗ rück. Cäſarini, deſſen Wahnfinn, gehörig erregt, von tödtlichſter Art war, erhob wieder ſeine Waffe und wahr⸗ ſcheinlich hätte nur der Tod die beiden Feinde getrennt; aber wiederum vernahm man das Bellen des Hundes, und Caͤſarini, indem er den Schall mit wildem Geheul beantwortete, warf den Feuerbrand fort und floh durch den Wald mit nunbegreiflicher Schnelle. Er eilte über Gebüſch und Gräben hinweg; die Zweige zerriſſen ſeine Kleider und zerſetzten ſein Fleiſch; er hielt aber nicht an, bis er zuletzt athemlos und erſchöpft zu Boden fiel und von einer entfernten Glocke zwei Uhr Morgens ſchlagen hörte. Er hatte den Wald verlaſſen; ein Bau⸗ ernhaus ſtand vor ihm; die weißen Dächer der zerſtreu⸗ wieher her ten Hütt Die Näh über verr die Sin gewohnli die ruhig er ſich vo Bauernhe ſchlief gef Stimmen Er ſta cken wiede um jeden trat zu de ein Reiſen Walde ve Waſſer Stande, 1 erfriſchte dem Baue Wanderun Irrenhauf Geldes; d wohl, als dann bega und wie er Freiheit ſt die Bewe⸗ gen Zügen n ſchwang, 1 Dies iſt Er zeigte en Bäume, rt waren: Eutfernung ef zugleich en!“ Der r Itgliener verbrann⸗ nde ſeinem nen Schrei ſchreckt zu⸗ rregt, von und wahr⸗ getrennt; s Hundes, em Geheul floh durch eilte uͤber riſſen ſeine aber nicht Boden fiel Morgens ; ein Bau⸗ er zerſtreu⸗ 189 ten Hütten erhoben ſich ſchräg zum ruhigen Himmel. Die Nähe des Menſchen— der geſellige ruhige Himmel über vernuͤnftigen Menſchen, wirkte wie ein Zauber auf die Sinne, welche durch kürzliche Aufregung mehr wie gewöhnlich verſtört waren. Der Unglückliche blickte auf die ruhigen Wohnungen und ſeufzte ſchwer; dann erhob er ſich von der Erde und kroch in einen Schopven am Bauernhauſe; dort warf er ſich auf etwas Stroh und ſchlief geſund und ruhig bis zum Tage, und bis ihn die Stimmen der Bauern im Schoppen erweckten. Er ſtand erfeiſcht, ruhig und zu gewöhnlichen Zwe⸗ cken wieder auf, mit einem zur Genüge geſunden Geiſte, um jeden Verdacht ſeiner Krankheit fern zu halten. Er trat zu den beſtürzten Bauern und ſtellte ſich ihnen als ein Reiſender vor, welcher ſich in der Nacht und im Walde verirrt hatte und jetzt um eiwas Nahrung und Waſſer bat. Seine Kleider waren zerriſſen, aber neu und nach der Mode; ſeine Stimme war mild; ſeine ganze Erſcheinung und ſein Benehmen zeugte von einigem Stande, und der franzöſtſche Bauer iſt gaſtfrei. Cäfarini erfriſchte ſich und ruhte eine oder zwei Stunden in dem Bauernhauſe; alsdann begann er aufs Neue ſeine Wanderung; er bot kein Geld an, denn die Regel des Irrenhauſes unterſagte deſſen Einwohnern den Beſitz des Geldes; die Bauern boten thm aber ein ſo gütiges Lebe⸗ wohl, als ob er ihre Segnungen ſich erkanft habe. Als⸗ dann begann er zu überlegen, wo er Zuflucht nehmen, und wie er für ſich ſelbſt ſorgen wollte; das Gefühl ber Freiheit ſtärkte und ſtellte auf einige Zeit ſeinen Verſtand wieder her. Glücklicherweiſe hatte er außer einigen Rin⸗ 190 gen von geringem Werth, eine koſtbare Uhr, deren Ver⸗ kauf ihm in einer unbekannten und niedrigen Wohnung, wie er ſie zur Heimathufſich ſuchen mußte, auf einige Wochen, vielleicht auf Monate ernähren konnte. Dieſer Gehanke machte ihn heiter und erhob ſeinen Muth; er ging munter vorwärts, indem er die Heerſtraße vermied; der Tag war hell, die Sonne ſtrahlte, die Luft war ſcharf und geſund. Sanftes Entzuͤcken ſchwoll im Herzen des Gveli Wanderers, als er umherblickte; der Dichter und der Blicken in Freie regte ſich in ſeinem zerſplitterten Herzen! Er hielt mal, daß an, um die Eiszapfen an den Bäumen zu betrachten, um länger mö auf die ſcharfe Stimme der Amſel zu hören; und als er Früher he einſt an einer Hecke eine kalte und geruchloſe Gruppe Erfahrung von ausdanernden Veilchen fand, lachte er laut in ſeiner ermahnen, Freude. In dieſem Gelächter lag keine Tollheit und keine ſich ſo vie Gefahr; als er aber auf ſeinem weiteren Wege burch plö tzlicher einen kleinen Weiler kam, als er die Kinder auf dem jetzt aber Boden ſpielen ſah und an der offenen Thür einer Hütte war im den Schall ländlicher Mufik vernahm— da blieb er plöt⸗ Hauche. lich ſtehen. Die Vergangenheit drang auf ihn ein— er geworden erkannte, was er geweſen und was er jetzt war! Eine Hingebung furchtbare Erinnerung, eine Entdeckung voll Schrecken. wachſame Er bedeckte das Geſicht mit den Händen und weinie laut. beherrſchu In jenen Thränen lag die Gefahr und die Methobe des blickte ſie Wahnfinns; er erwachte von denſelben, um an ſeine Ju⸗ Frühe 3 gend, ſeine Hoffnungen, an Florence und an Rache zu ſanft gew denken!— Lumley, Lord Vargrave! Glücklicher wäre Empfängl es fur dich, ſeit jener Stunde, dem Tiger in ſeinem ſie Kumme Lager zu begegnen, wie mit jenem unglücklichen Mann vers ſo dur allein zuſammenzutreffen! welche den ren Ver⸗ Bohnung, uf einige . Dieſer Nuth; er vermied; var ſcharf erzen des und der Er hielt chhten, um nd als er e Gruppe in ſeiner und keine zege durch auf dem iner Hütte eb er plötz⸗ ein— er war! Eine Schrecken. veinte laut. kethode des n ſeine Iu⸗ an Rache zu llicher wäre in ſeinem chen Mann 191 Sechstes Kapitel. Es ſchien der keuſche Lorbeer und die Eiche Und alle Bäume die ſo ſchön belaubt, Es ſchien das Land, des Himmels Bogen Vom Hauch der Phantaſie und Lieb umzogen. Fairfax Taſſo. Eveline bemerkte in de Montagne's Villa aus den Blicken und dem Benehmen des Maltravers zum erſten⸗ mal, daß ſie von ihm geliebt wurde. Es war ihr nicht länger möglich, über die Zeugniſſe der Liebe ſichzu irren. Früher hatte er den Vortheil ſeiner Jahre und ſeiner Erfahrung geltend gemacht; er pflegte zu warnen, zu ermahnen, zu ſtreiten und ſogar zu tadeln; früher hatte ſich ſo viel ſcheinbarer Eigenfinn, kalte Zurückhaltung, plötzlicher und mürriſcher Stolz in ſeinem Weſen gezeigt; jetzt aber war der ganze Mann verändert; der Mentor war im Liebhaber verſchwunden. Er lebte von ihrem Hauche. Ihr geringſtes Vergnügen ſchien ihm zum Geſetz geworden zu ſein; keine Kälte veränderte jemals die tiefe Hingebung ſeines Weſens; ſeine ängſtliche, blöde und wachſame Sanftmuth erſetzte all ſeine ſtattliche Selbſt⸗ beherrſchung. Eveline ſah, daß ſie geliebt wurde; alsdann blickte ſie in ihr eigen Herz. Früher habe ich in dieſem Werke geſagt, Eveline ſei ſo ſanft geweſen, daß ſte ſogar gern Andern nachgab; ihre Empfänglichkeit ließ ſie vor dem Gedanken ſchaudern, daß ſte Kummer einem Andern erweckte; ſie verehrte Maltra⸗ vers ſo durchaus und empfand ſo viel Dank für eine Liebe, welche dem Stolz ſchmeicheln und ſie in ihrer Selbſtachtung 192 erheben mußte, daß fie die Zurückweiſung ſeiner Bewer⸗ bung für eine Unmoͤglichkeit hielt. „Liebe ich ihn, wie ich ihn lieben ſollte?“ fragte ſie ſich ſelbſt, und ihr Herz gab keine verſtändliche Antwort. „Ja, es muß der Fall ſein. Ia ſeiner Gegenwart empfinde ich ruhigen und beredten Zauber; ſein Lob entzückt mich, ſeine Achtung iſt mein hochſter Ehrgeiz, und dennoch ſie ſeufzte und dachte an Legard;„aber der liebte nich nicht!“ Sie wandte ſi ſich ruhelos von dem Bilde hinweg, „er denkt nur an die Welt und an Vergnügen; Maltra⸗ vers hat Recht. Die verzogenen Kinder der Geſellſchaft können nicht lieben— weßhalb ſollte ich an ihn denken?“ Sie dachte aber daran und der Gedanke trübte ihre Augen und minderte ihre Heiterkeit. Auf dem Landhauſe befanden ſich keine anderen Gäſte, als Maltravers, Eveline, Lord und Laty Dol⸗ timore. Eveline ward durch die anmuthige Lebhaftigkeit der Thereſe ſehr eingenommen, obgleich deeſalde nicht mehr von ſolcher Art wie vor dem Unglück ihres Bruders war; die Kinder, welche jetzt aufgewachſen waren, bil⸗ deten eine liebenswürdige und gebildete Familte; de Montagne ſelbſt war angenehm und einnehmend; Eve⸗ line horchte gern nachdenklich auf des Lob der Ter eſa über ihren Gatten, ungeach tet ſeines nüchternen Weſens und ſeiner Vorliehe für philoſophiſches Geſpräch; ſie horchte gern auf deren Bericht über das Glück ihrer Che, ungeachtet der Ungleichheit der Jahre; Eveline beganu die Wahrheit ihrer früheſten Viflon der Romantik in Frage zu ſtellen. Caroline betrachtete die unzweideutige Anhänglich⸗ iebe dur weſenheit hegte ſie er Bewer⸗ fragte ſie Antwort. t empfinde zückt mich, nnoch—* iebte mich de hinweg, 3 Maltra⸗ Geſellſchaft denken?“ hre Augen e anderen Laty Dol⸗ bhaftigkeit ſelbe nicht s Bruders varen, bil⸗ milte; de end; Eve⸗ der Tereſa en Weſens präch; fie ihrer Che, ne beganu pmantik in „, nhaͤnglich⸗ 193 keit des Maltravers mit derſelben Gleichgültigkeit, wo⸗ mit ſie die Bewerbung Legards früher angeſehen hatte; es galt ihr gleich, welche Hand Eveline und ſie ſelbſt von den Planen Vargrave's befreite; Vargrave aber nahm beinah alle ihre Gedanken in Anſpruch. Die Zei⸗ tungen hatten ſeine Krankheit, einmal ſogar ſeine Lebens⸗ gefahr berichtet. Er befand ſich jetzt auf dem Wege der Beſſerung, konnte aber ſein Zimmer noch nicht ver⸗ laſſen; er hoffte, bald in Paris zu ſein, und ließ ſein offenbares Vergnügen bei einer Bemerkung durchblicken, daß er in der Morning⸗Poſt geleſen habe, Legard ſei nach Wien abgereist. Jedoch er war entfernt, allein und ſchlecht gewartet. Obgleich Carolinens ſchuldige Liebe durch Vargrave's eiſige Selbſtſucht, durch Ab⸗ weſenheit und Selbſtvorwürfe ſehr vermindert war, ſo hegte ſie das Herz eines Weibes, und Vargrave war der einzige Mann, der es jemals gerührt hatte. Sie fühlte für ihn und grämte ſich ſchweigend; ſie wagte nicht, ihr Mitgefühl laut zu äͤußern, denn Doltimore hatte ſchon Beweiſe einer argwöhniſchen und eiferſüchtigen Stimmung gegeben. Auch Eveline ward durch den Bericht von der Krank⸗ heit ihres Vormundes gerührt. Wie ich früher ſagte, war ihre kindliche Neigung zu ihm zurückgekehrt, ſobald er aufhörte, ihr Liehhaber zu ſein. Sie erlaubte ſich ſo⸗ gar, an ihn zu ſchreiben, und ein Ton ſchwermüthiger Entmuthigung, welcher ſeine Antwort durchdrang, er⸗ weckte bei ihr eine Art Selbſtvorwurf. Er berichtete ihr in jenem Briefe, daß er ihr über den Ankauf eines Bulwer, Alice, II. 413 194 Gutes, den Wünſchen ihres Stiefvaters gemäß, viel zu ſagen habe; er werde deßhalb nach Paris eilen, ſogar bevor der Arzt es ihm erlaude. Vargrave überging die Erwähnung, von welcher Art das anzukaufende Gut war. Die letzten Berichte in den Zeitungen über des Miniſters Geſundheit waren aber ſo günſtig geweſen, daß man ſeine Ankunft täglich erwartete; ſowohl Caroline wie Eveline fühlten ſich erleichtert. Maltravers vertraute be Montaigne ſeine Liebe, und ſowohl der Franzoſe wie Tereſa billigten und ermuthigten dieſelbe. Eveline entzückte Beide, denn ſie hatten dasjenige Alter überſchritten, worin ſie es ſich als möglich hätten denken können, daß der Mann, den ſie einſt beinahe noch als Knaben kannten, durch die Jahre vom lebhaften Gefühl und von der Jugend der ECveline getrennt ſei. Sie konnten nicht glauben, daß die von ihm erweckten Gefühle, kälter wie jene, die ihn beſeelten, ſein wurden. Eines Tages war Maltravers auf einem einſamen Spaziergange mehre Stunden entfernt geweſen und de Montaigne von Paris noch nicht zurückgekehrt, das er beinahe täglich beſuchte. Es war ſchon ſpät am Nach⸗ mittage und der Abend nahe, als Maltravers bei ſeiner Rückkehr in den Garten durch ein Thor trat, welches vor einem ausgedehnten Walde lag. Er ſah GCveline, Tereſa und zwei ihrer Kinder, die auf einer Art Terraſſe, beinahe dicht vor ihm, ſpazieren gingen. Er ſchloß ſich ihnen an; auf die eine oder andere Weiſe traf es ſich bald, daß Tereſa und er ſelbſt hinter den Übrigen etwas zurückblieben, ſo daß dieſe ſie nicht vernehmen konnten. „Ach, Herr Maltravers,“ ſagte die erſtere,„wir Schönhei „Nei ober ich nicht an jung iſt ſi ſowie ſchön Sie mir die in Como v „Und t mit einem ſerer Verhe „Aber Sie das Lel „Sie a wenden ſich allein zu for „Erwech Maltravers ganzen Tag trogen würd „Glaube Sie doch, ß, viel zu leu, ſogar erging die Gut war. Miniſters man ſeine ie Eveline Liebe, und muthigten dasjenige lich hätten inahe noch lebhaften trennt ſei. erweckten ia würden. einſamen en und de t, das er „ welches Eveline, Terraſſe, chloß ſich nf es ſich en etwas konnten. are,„wir 195 vermiſſen den ſanften Himmel Italiens und die ſchönen Färbungen von Como.“ „Was mich betrifft, ſo vermiſſe ich die Jugend, welche Schönheit dem Graſe und Glanz der Blume ertheilte.“ „Nein, wir ſind glücklicher, glauben Sie mir das, ober ich wenigſtens würde es ſein, wenn— ich darf aber nicht an meinen armen Bruder denken— ach, wenn ſeine Schuld Sie einer Geliebten beraubte, welche Ihnen werth war, ſo wird auch ſeine Schweſter in dem Gedanken Troſt finden, daß dieſer Verluſt zuletzt wieder ausgeglichen wird. Haben Sie noch ſtets Bebenklichkeiten?“ „Jeder hat dergleichen, welcher aufrichtig liebt. Wie jung iſt ſie, wie liebenswürbig und leichterer Herzen, ſowie ſchönerer Formen als der meinigen werth! Geben Sie mir die Jahre zurück, welche ſeit unſerem Aufenthalt in Como vorüber ſind; alsdann darf ich hoffen.“ „Und dies ſagen Sie mir, die ich ein ſolches Glück mit einem älteren Manne genoſſen habe, welcher bei un⸗ ſerer Verheirathung zehn Jahre älter wie Sie war.“ „Aber Sie, Tereſa, ſind von ſolchem Charakter, daß Sie das Leben nur in dem heiterſten Lichte betrachten.“ „Sie ärgern mich durch dergleichen Einfälle; Sie wenden ſich von einem Glücke hinweg, deſſen Beſitz Sie allein zu fordern brauchen.“ „Erwecken Sie mir keine zu hohe Hoffnungen,“ rief Maltravers in großer Aufregung aus;„ich habe den ganzen Tag hindurch mir Lehren gegeben. Wenn ich be⸗ trogen würde!“ „Glauben Sie mir, das werden Sie nicht; ſehen Sie doch, wie ſie ſich jetzt umwendet, um nach Ihnen 196 zu ſehen. Eveline liebt Sie, wie Sie es verdienen. Dieſe Verſchiedenheit der Jahre, welche Sie ſo ſehr beklagen, wirkt nur darauf hin, daß ihre Anhänglichkeit tiefer und höher wird.“ Tereſa wandte ſich zu Maltravers, über ſein Schwei⸗ gen erſtaunt. Wie heiter weilte ſein Herz in ſeinen Blicken! keine Wolke lag auf ſeiner Stirn; kein Zweifel ſchien in ſeinen funkelnden Augen. Er war ein Menſch und überließ ſich dem Entzücken, daß er ſich für geliebt hielt. Er drückte Tereſa's Hand mit Schweigen, verließ ſie plötzlich und ſchloß ſich der Eveline an. Frau von Montaigne begriff Alles, was in ihm vorging; als ſie folgte, gelang es ihr bald, ihre Kinder von Gveline zu entfernen; ſie kehrte mit denſelben unter dem geflüſterten Vorwande, nachzuſehen, ob de Montaigne angekommen ſei, zum Hauſe zuruͤck. Eveline und Maltravers ſetzten den Spaziergang fort, indem ſte zuerſt nicht bemerkten, daß die Übrigen der Geſellſchaft etwas weiter entfernt waren. Die Sonne war untergegangen; ſie befanden ſich jetzt in demjenigen Theile des Gartens, welcher im Gegenſatz zu dem übrigen in engliſcher Weiſe angelegt war. Der Spaziergang, wand ſich ſchlangengleich unter immergrünen, unregelmäßig gepflanzten Gewächſen. Die Ausſicht war abgeſchloſſen, mit Ausnahme einer Offaung in den Bäumen, durch welche man in der Entfernung den Thurm einer Kirche erblickte, über welchem ſchwach unh ſchön der Abendſtern lächelte. „Dies erinnert mich an die Heimath,“ ſagte Eve⸗ line ſanft. „Und ſpäter wird es mich an Sie erinnern,“ ſagte Maltrave ſagte, hef Blick ſo hatte ſein ſchaftliche ſprungen ſein letzte wenn die und den g ein eigent uns und i Geiſtesver Derjenige Welt zu v des Feenl zu athmen Sie Weßhalb nahe ſei? „Miß nachdem f gegangen Ihre Ver geben. 2 wurden 6. waren, v was Sie en. Dieſe beklagen, iefer und Schwei⸗ in ſeinen Zweifel 1 Menſch ur geliebt 1, verließ Frau von ; als fle Foeline zu flüſterten ſekommen ſetzten den kten, daß 197 Maltravers mit flüſternden Tönen. Während er dies ſagte, heftete er auf ſie ſeine Angen. Niemals war ſein Blick ſo aufrichtig gegen ſein Herz geweſen; noch nie hatte ſeine Stimme ſo unverhüllt das tiefe und leiben⸗ ſchaftliche Gefuͤhl ausgeſprochen, welches in ihm ent⸗ ſprungen war, um, wie er damals glaubte, entweder ſein letztes Glück oder das größte Elend ſeines Lebens zu bilben. In dem Augenblick verkündete ihm eine Art In⸗ ſtinkt, ⸗daß ſie allein waren; wer hat nämlich nicht in den wenigen und merkwürdigen Stunden des Lebens, wenn die lang unterbrückte Liebe die Quelle überſtrömt und den ganzen Leib und Geiſt zu durchdringen ſcheint, ein eigenthümliches Gefühl gehegt, daß ein Zauber um uns und in uns eine ſchärfere Auffaſſung beſitzt wie das Geiſtesvermögen ſelbſt? Sind wir in ſolcher Stunde mit Derjenigen, die wir lieben, allein, ſo ſcheint die übrige Welt zu verſchwinden— unſere Füße ſcheinen den Boden des Feenlandes zu betreten und die Lippen deſſen Luft zu athmen. Sie waren allein. Weßhalb zitterte Eveline? Weßhalb empfand ſie, daß eine Kriſe ihres Daſeins nahe ſei? „Miß Cameron— Goeline,“ ſagte Maltravers, nachdem ſie einige Augenblicke ſchweigend neben einander gegangen waren,„hören Sie mich an, und mag alsdann Ihre Vernunft ebenſo wie Ihr Herz mir Erwiderung geben. Vom erſten Augenblick an, wo wir uns ſahen, wurden Sie mir theuer. Ja, als Sie noch ein Kind waren, verkündete Ihr ſanftes Weſen und Ihr Muth, was Sie einſt erwachſen ſein würden— auch da ſchon —— 198 hinterließen Sie meinem Gedächtniß einen entzückenden und geheimnißvollen Schatten, welcher das Licht vorher⸗ verkündete, das Ihr Bild jetzt heiligt und einhüllt! Wir trafen uns wieder, und die Anziehung, welche mich vor Jahren zu Ihnen hinzog, wurde plötzlich erneut. Ich liebe Sie mehr, als ich mit Worten erklären kann! Ihr zukünftiges Schickſal, Ihr Wohl und Ihr Glück enthal⸗ ten und verkörpern alle Hoffnungen, die mir im Leben geblieben ſind! Allein unſere Jahre ſind verſchieden, Eveline. Ich habe Kummer gekannt; die Tänſchung und Erfahrung, welche mich von der gewöhnlichen Welt trennte, hat mir mehr geraubt, wie die Zeit ſelbſt. Jene nahmen mir Empfänglichkeit für das gewöhnliche Spiel⸗ zeug und das Vergnügen unſeres Geſchlechtes. Süße Eveline, mag es Ihr Geſchick ſein, daß Sie dieſelbe ſtets bewahren! Für mich iſt die Zeit bereits angebro⸗ chen, welche der Prediger als das Loos des Alters vor⸗ herſagte, wann Sonne und Mond ſich verdunkeln, und wann ich nur in Ihnen und durch Sie Vergnügen em⸗ pfinde. Urtheilen Sie, ob ſolch ein Weſen lieben kann! Urtheilen Sie, ob ein ſolches Geſtändniß Sie nicht em⸗ pört und erſtarrt, ob es Ihnen nicht eine düſtere und freudeloſe Zukunft darbietet, ob es möglich iſt, daß Sie Ihr Loos mit dem meinigen vereinigen koͤnnen! Antwor⸗ ten Sie mir nicht aus Freundſchaft ober Mitleid; die Liebe, welche ich für Sie empfinde, kann allein eine Erwiderung durch Liebe und ſolches Denken erhalten, welches die Liebe allein in ihrer bleibenden Gewalt, in ihrem geſunden Vertrauen, in ihrer prophetiſchen Vorſicht gewährt! Ich kann auf Sie ohne Murren ver⸗ gültigkeit, wenn der Liebe geha vertraut, 1 und immer Ihrer Han Eveline Thränen fie unruhigt un ihr ins Gef „Sie fi ſen Lippen kann Alles „Nein, hege keine d „Sie li wild, inden Der M terliche Rat plötzlichen Alle ſo liebl wie göttlich überflutend ückenden vorher⸗ lt! Wir nich vor nt. Ich n! Ihr enthal⸗ n Leben ſchieden, uſchung en Welt t. Jene Spiel⸗ Süße dieſelbe 199 zichten, koͤnnte aber ohne Sie nicht leben und mir nicht einmal einbilden, daß Sie eine Sorge empfänden, die ich nicht zu befänftigen vermöchte, obgleich Sie ſich an Dingen beglückt fühlen, welche ich nicht zu theilen vermag. Das Schickſal bietet mir kein ſo finſteres und furcht⸗ bares Geſicht— nicht wie Ihren Verluſt, Ihre Gleich⸗ gültigkeit, Ihre Abneigung, ſondern wie Ihre Entdeckung, wenn der Kummer vergeblich iſt, daß Sie Einbildung oder Freundſchaft für Neigung, ein bloßes Gefühl füͤr Liebe gehalten haben. Eveline, ich habe Ihnen Alles vertraut, mein ganzes wildes Herz, welches für jetzt und immer Ihr Eigenthum iſt. Mein Geſchick liegt in Ihrer Hand!“ Eveline ſchwieg. Maltravers nahm ihre Hand; ihre Thränen fielen heiß und ſchnell auf dieſelbe hinab. Be⸗ unruhigt und ängſtlich zog er fie zu ſich hin und blickte ihr ins Geſicht. „Sie fürchten mich zu verletzen,“ ſagte er mit blaſ⸗ ſen Lippen und zitternder Stimme;„reden Sie, ich kann Alles ertragen.“ „Nein,“ ſagte Eveline mit ſtockender Stimme;„ich hege keine Furcht, verdiene Sie aber nicht.* „Sie lieben mich alſo, Theure!“ rief Maltravers wild, indem er ſie an ſeine Bruſt ſchloß. Der Mond erhob ſich in dem Augenblick; der win⸗ terliche Raſen und die dunklen Bäume wurden in dem plötzlichen Lichte gebadet. Die Zeit— das Licht— für Alle ſo lieblich, ſogar für Einſame und Kummervolle— wie göttlich war es in ſolcher Geſellſchaft!— in ſolchem überflutenden und unausſprechlichen Gefühl des Se⸗ 200 gens! Zum erſtenmal drückte Maltravers auf jene be⸗ ſcheidene und erröthende Wange den Kuß der Liebe und Hoffnung als das Siegel einer Verbindung, wovon er träumte, ſogar das Grab könne dieſelbe nicht trennen. Siebentes Kapitel. Königin. Wo ſchauen Sie hin? Hamlet. Auf ihn— ſehen Sie, wie blaß er ſtarrt. Shakſpeare. Vielleicht glichen die wenigen folgenden Minuten, als Beide langſam neben einander wandelten, allen Kum⸗ mer und alle Sorgen früherer Jahre bei Maltravers aus; Charaktere, wie der ſeine, empfinden Freude noch ſchärfer, wie Kummer. Vielleicht drückte ſeine Entzückung, das Raſen leidenſchaftlicher und froher Gedanken, die er ausſprach, als er zuletzt Worte fand, ſolche Gefühle aus, wie ſie die junge Eveline nicht begreifen konnte, und welche ſie über die neue von ihr eingegangene Ver⸗ antwortlichkeit weniger entzuͤckten wie erſchreckten. Allein eine ſo ehrliche, großmüthige und heftige Liebe, blendete, verwirrte und riß ihre ganze Seele fort. Gewiß empfand ſie in jener Stunde keinen Kummer und hegte keinen andern Gedanken, als daß ein Mann, in welchem ſie ſchon lang etwas Edleres, wie man dies gewöhnlich findet, erkannt hatte, durch ein Wort und einen Blich von ihr beglückt wurde! Ein ſolcher Gedanke iſt der koſt⸗ barſte Sieg des Weibes! Ein ſo durchaus uneigen⸗ nätziges, nachgiebiges und ſanftes Mädchen, konnte bei der von i bleiben. „ Ach 1 drückte, d „jetzt wen iſt! Deßh chende We Er ſah wieder auf ſchloſſen h ein ſchwat wo ſie ſta⸗ lich, denn unheilvoll ſeine früͤhe auf einen Zaunes u Sie blickt natürliche vers nur Du liebſt ſind die Evel⸗ und klam travers. „Ung „wie ka bei Freu „Be Lachen; ers aus; ſchärfer, ng, das , die er Gefühle n konnte, ene Ver⸗ n. Allein blendete, empfand e keinen ſccem ſie wöhnlich en Blick der koſt⸗ ineigen⸗ nnte bei 201 der von ihr erweckten Entzückung nicht unempfindlich bleiben. „Ach!“ ſagte Maltravers, als er wieder die Hand drückte, die er für immer gewonnen zu haben glaubte, „jetzt wenigſtens habe ich erkannt, wie ſchön das Leben iſt! Deßhalb bin ich aufbewahrt worden, und die wa⸗ chende Welt iſt glänzender wie alle meine Träume!“ Er ſchwieg plötzlich. In dem Augenblick ſtanden ſie wieder auf der Terraſſe, wo er ſich Tereſu zuerſt ange⸗ ſchloſſen hatte, und blickten auf den Wald, welcher durch ein ſchwaches und niedriges Pfahlwerk von dem Orie, wo ſie ſtanden, getrennt war. Maltravers ſchwieg plötz⸗ lich, denn ſeine Blicke begegneten einer furchtbaren und unheilvollen Geſtalt, welche in ſein früheres Schickſal und ſeine frühere Pein verflochten war. Die Geſtalt ſtand auf einem Haufen Brennholz auf der anderen Seite des Zaunes und ſchien von dort beinahe rieſenhaft im Wuchs. Sie blickte auf das Paar mit Augen von beinah über⸗ natürlichem Glanz, und eine Stimme, welche Maltra⸗ vers nur zu wohl kannte, kreiſchte laut:„Liebe! was, Du liebſt wieber? Wo ſind die Tobten? Ha, ha! Wo ſind die Todten?“ Eveline fuhr auf bei den Worten, ſah die Geſtalt und klammerte ſich in ſprachloſem Schrecken an Mal⸗ travers. Dieſer ſtand an dem Ort wie feſtgewurzelt. „Unglücklicher Mann,“ ſagte er zuletzt beſänftigend, „wie kamen Sie hierher? Fliehen Sie nicht, Sie ſind bei Freunden.“ „Bei Freunden,“ rief der Verrückte mit höhniſchem Lachen;„ich kenne Dich, Ernſt Maltravers, ich kenne 2⁰2 Dich; Du aber haſt mich nicht in Dunkelheit und Hölle, dicht neben höhnenden Teufeln eingeſchloſſen! Freunde! Keine Freunde ſollen jetzt mich fangen! Ich bin frei! Luft und Woge ſind nicht freier!“ Der Verrückte lachte mit furchtbarer Luſt.„Sie iſt ſchön!“ fuhr er fort, in⸗ dem er plötzlich ſeine Wuth hemmte, mit veränderter Stimme;„aber nicht ſo ſchön, wie die Todte. Treu⸗ loſer! Sie liebte Dich! Wehe Dir, Maltravers, Treu⸗ loſer! Wehe über Dich, bei Gewiſſensbiß und Schande!“ „Fürchten Sie ſich nicht, Eveline,“ flüſterte Maltravers ſanft, indem er vortrat;„bleiben Sie muthig, Niemand ſoll Sie kränken.“ Eveline, obgleich ſehr blaß und von Kopf bis zu Fuß zitternd, blieb bei Beſinnung. Maltravers ging auf den Verrückten zu, ſobald aber der ſchnelle Blick deſſelben die Bewegung bemerkt hatte, wandte er ſich mit der Beſorgniß, welche jener furchtharen Krankheit eigen iſt— der Beſorgniß, die Freiheit zu verlieren— mit lautem Geheul zum Walde und entfloh. Maltravers ſprang über den Zaun und verfolgte ihn einige Zeit lang vergeblich; das dichte Buſchholz des Waldes entzog bald jede Spur des Flücht⸗ lings ſeinen Blicken. Athemlos und erſchöpft kehrte Mal⸗ travers zum Orte zurück, wo er Eveline verlaſſen hatte, er erreichte denſelben und ſah wie Tereſa mit ihrem Gemahl demſelben näher kamen. Tereſa's heiteres Lachen ſchallte hell und muſikaliſch durch die ſcharfe Luft; der Schall erweckte des Maltravers Beſtürzung, er eilte zur Eveline mit den Worten:„SIch bitte, ſagen Sie der Madame de Montaigne nichts von dem, was wir ſahen, ich will Ihnen nachher den Grund ſagen.“ Eveline gen zu kömn den de M Franzoſen! konnte, rei nicht meine in Paris ge ich meine.“ „Ja, fort, um ne einmal habe lieb bei kten zu, wegung „welche ſorgniß⸗ eul zum n Zaun s dichte Flücht⸗ te Mal⸗ n hatte, t ihrem Lachen ft; der ilte zur Sie der ſahen, Eveline, zu ſehr beſtürzt, um ein Wort hervorbrin⸗ gen zu können, nickte ihre Bejahung; ſie ſchloſſen ſich den de Montaigne's an und Maltravers nahm den Franzoſen bei Seite. Bevor er ihm aber ein Wort ſagen konnte, redete ihn dieſer an:„Still, erſchrecken Sie nicht meine Frau, ſie weiß nichts; ich aber habe ſpeben in Paris gehört, daß er entwiſcht iſt. Sie wiſſen, Wen ich meine.“. „Ja, er iſt hier in der Nähe, ſchicken Sie Leute fort, um nach ihm zu ſuchen; ich habe ihn geſehen; noch einmal habe ich Caſtruecio Cäſarint geſehen.“ Neuntes Buch. Weh! Wehe! Ales iſt klar! Sophokles, Oed. König. Erſtes Kapitel. Das Vorrecht, das der Staatsmann ſtets verlangt, Der, wie er ſagt, die eignen Intereſſen Nie ſe ſchaut, ſobald er Andrer Glück beachtet. So haſt du, wenn der Wind ſich friſch gewendet, Dein Schiff noch ſtets in andrem Lauf entſendet. Dryden. Lord Vargrave war vierzehn Tage lang in dem Wirthshauſe zu Meer geblieben; er war zu krank, um ſich mit Sicherheit in einer ſo ſtrengen Jahrszeit fort⸗ bringen zu laſſen. Als er zuletzt in kleinen Stationen London erreichte, bekam er einen Rückfall. Seine Wie⸗ derherſtellung war nur langſam und allmählig. Bis da⸗ hin an Krankheit nicht gewöhnt, ertrug er ſeine Ein⸗ ſperrung nur mit höchſtem Verdruß; er beßand darauf, gegen die Vorſchrift ſeiner Arzte, ſeine Amtsgeſchäfte zu beſorgen und mit ſeinen politiſchen Freunden in ſei⸗ nem Krankenzimmer zu berathen. Lumley wußte nämlich ſehr wohl, wie verderblich es für Staatsmänner iſ, wenn man glaubt, ihre Geſundheit ſei im Abnehmen begriffen; ein Truthahn iſt nicht gefühlloſer gegen einen kranken Bru Staatsman Kopf ſei le in jeder Re der Zeit, wu Thätigkeit legenheit, f Körperſchw Legard Par in dieſer H ausſchließli auch glaubt eines Mar bonnes fof magerer, haber, für für Liebe i beide geirr beide dacht er kein G Gefühl be geſtellt w⸗ Miniſterin ſeine Kran Weiſe verl die ihn un war. Vo der Nachr und männ Vormund König. verlangt, et. wendet, ſendet. in dem rank, um zeit fort⸗ Stationen ine Wie⸗ Bis da⸗ ine Ein⸗ d darauf, geſchäfte n in ſei⸗ nämlich aner iſt, bnehmen gen einen 205 kranken Bruder, wie der Politiker gegen einen krauken Staatsmann; der Politiker glaubt alsdann, des Herrn Kopf ſei leidend und ſteht Schwindſucht oder Epilepfie in jeder Rede und Depeſche. Ohnedem machte die Nähe der Zeit, worin ſeine großen Entwürfe reifen ſollten, ſeine Thätigkeit doppelt nothwenvig und nahmen ihm die Ge⸗ legenheit, ſich durch zärtliches Mitleid hinſichtlich ſeiner Körperſchwäche zu ſchützen. Sobald er erfahren hatte, daß Legard Paris verlaſſen habe, hielt er ſich auf einige Zeit in dieſer Hinſicht für ſicher und überließ ſeine Gedanken ausſchließlich ſeinen ehrgeizigen Entwürfen. Vielleicht auch glaubte Lumley mit der leicht aufregbaren Eitelkeit eines Mannes von mittleren Jahren, welcher ſeine bonnes fortunes bereits gehabt hatte, daß ein blaſſer und magerer, ſo eben vom Krankenbett aufgeſtandener Lieb⸗ haber, für die Freundſchaft intereſſanter, wie anziehend für Liebe iſt. Er und Rouſſeau haben ſich, wie ich glaube, beide geirrt; doch das iſt eine Sache der Meinung; ſie beide dachten nicht ſehr fein von Frauen, er Eine, weil er kein Gefühl, der Andere, weil er ein krankhaftes Gefühl beſaß. Zuletzt, als Lumley zur Genüge her⸗ geſtellt war, um ſein Haus zu verlaſſen, in ſeinem Miniſterium zu erſcheinen und dort zu erklären, daß ſeine Krankheit ſeine Körperconſtitution auf wunderbare Weiſe verbeſſert habe, erhielt er Nachricht von Paris, die ihn um ſo mehr erſchreckte, je weniger ſie erwartet war. Von Maltravers ſelbſt erhielt er die Beſtätigung der Nachricht. Der letztere Brief war kurz, aber gütig und männlich. Er ſchrieb an Lord Vargrave als an den Vormund der Eveline, erwähnte leichthin die Bebenk⸗ 206 lichkeiten, die er gehegt hatte, bis Lord Vargrave's Be⸗ werbung abgebrochen war; er empfand, der Gegenſtand ſei zu zart für einen Brief und ſprach den Wunſch aus, mit Lumley wegen der Wünſche Evelinens über gewiſſe Anordnungen hinſichtlich ihres Vermögens zu verkehren. Deßhalb alſo hatte Lumley ſich abgearbeitet! Deß⸗ halb hatte er Lisle⸗Court beſucht! Deßhalb war er auf das Krankenlager geworfen worden! Er ſollte alſo ſeinen alten Rival, wenn es ihm beliebte, zum Ankäufer ſeiner eigenen Familiengüter machen! Lumley dachte in jenem Augenblick weniger an Eveline wie an Lisle⸗Court. Als er aus der Erſtarrung und aus dem erſten Anfall von Wuth erwachte, worin er durch dieſe Briefe gerieth, fuhr ihm der Gedanke an die von Herrn Onslow ge⸗ hörte Geſchichte durch den Kopf. War ſein Verdacht wahr, ſo befand er ſich im Beſite eines trefflichen Ge⸗ heimniſſes. Er vermochte ſich das Schickſal noch zu be⸗ freunden! Kein Augenblick war zu verlieren. So ſchwach und kränklich er auch war, beſtellte er ſeinen Wagen und reiste eilig zu Frau Leslie. In der Unterredung, welche ſtattfand, war er ſehr beſorgt, bei ihr nicht ſolche Beunruhigung zu erwecken, daß ſie durchaus nichts ſagen würde. Er leitete die Un⸗ terredung mit ſeiner gewöhnlichen vollendeten Gewandt⸗ heit; er ſchien gar nicht vorauszuſetzen, daß irgend eine unerlaubte Verbindung zwiſchen Alice und dem angeb⸗ lichen Butler ſtattgefunden habe. Er begann mit der einfachen Frage, ob Alice jemals im früheren Leben mit einer Perſon jenes Namens bekannt geweſen wäre und damals in ſei wahr. „Wa alte Dam ches, um wieſen?⸗ I Ni derte Lun auch abge Ihrer Ge wiſſen, ol Achtung würde er „Wa wer iſt er „Me wie ich ſe vorlegen. ich Ihner Vargrav⸗ jedoch au benachric dem Nar ihre Bek⸗ den Umf hegt, jen ſei noch mögen.? rave’s Be⸗ Gegenſtand n Wunſch ſnens über ögens zu tet! Deß⸗ war er auf alſo ſeinen (ufer ſeiner le in jenem Verdacht lichen Ge⸗ och zu be⸗ zo ſchwach n Wagen ar er ſehr erwecken, te die Un⸗ Gewandt⸗ gend eine m angeh⸗ mit der Leben mit väre und 207 damals in der Näͤhe von**gewohni habe. Der Wechſel in den Zügen, das Starren der Überraſchung bei Frau Leslie, erweckte bei ihm die Überzeugung, ſein Verdacht ſei wahr. „Warum fragen Sie mich, Mylord?“ ſagte die alte Dame.„Haben Sie mir die Ehre Ihres Beſu⸗ ches, um Gewißheit über dieſen Punkt zu erlangen, er⸗ wieſen?⸗ „Nicht gerade das, meine theure Madame,“ erwi⸗ derte Lumley lächelnd;„ich hatte Geſchäfte in C***, auch abgeſehen davon, daß ich Eveline Nachricht von Ihrer Geſundheit geben wollte, wünſche ich ſicherlich zu wiſſen, ob Lady Vargrave, vor der ich die vollkommenſte Achtung hege, ihre Bekanntſchaft mit beſagtem Butler würde erneuen wollen.“ „Was weiß Eure Lordſchaft von ihm? Wo iſt er? wer iſt er?⸗ „Meine theure Dame, Sie wenden das Blatt um, wie ich ſehe; gegen eine Frage wollen Sie mir fünfzig vorlegen. In allem Ernſt aber müſſen Sie mir, bevor ich Ihnen eine Antwort gebe, auch erklären, ob Lady Vargrave einen Herrn dieſes Namens kennt. Um Ihnen jedoch auch die Mühe zu erſparen, kann ich Sie zugleich benachrichtigen, daß ich ſehr wohl weiß, wie ſie unter dem Namen in C*us wohnte, als mein armer Oheim ihre Bekanntſchaft machte. Meine Frage betrifft allein den Umſtand, ob Lady Vargrave noch den Wunſch hegt, jenen Herrn Butler zu ſprechen, vorausgeſetzt, er ſei noch am Leben und ein Herr von Stand und Ver⸗ mögen.?“ 208 „Das kann ich Ihnen nicht ſagen,“ erwiderte Frau Leslie, indem ſie verlegen in ihren Lehnſtuhl zurückſank. „Schon gut; ich will die Sache nicht weiter in An⸗ regung bringen. Es freut mich, Sie ſo geſund zu ſehen— ein ſchöner Ort— ſchöne Bäume!— Haben Sie etwas in Ces* oder an Eoeline zu beſtellen?“ Lumley ſtand auf, um fortzugehen. „Bleiben Sie,“ ſagte Frau Leslie, indem Sie ſich an alle die ſchmerzhafte, raſtloſe, unveraͤnderte Liebe er⸗ innerte, welche Lady Vargrave zu dem Verlorenen hegte, und zugleich ſehr wohl empfand, ſie dürfe für kleine Bedenklichkeiten nicht das zukünftige Lebensglück ihrer Freundin aufopfern.„Bleiben Sie. Wie ich glaube, ſollten Sie dieſe Frage der Lady Vargrave vorlegen, oder ſoll ich das 2 „Wie Sie wollen. Vielleicht iſt es am beſten, daß ich ihr ſchreibe.“ Vargrave eilte hinweg. Er war zufrieden, mußte aber eine andere Perſon aus Gründen zufrieden ſtellen, die er ſelbſt am beſten kannte, ohne daß er eine dritte Perſon mit Lady Var⸗ grade in Verbindung brachte. Als er deßhalb in Cres anlangte, ſchrieb er an Lady Vargrave folgende Zeilen: „Theure Freundin! Halten Sie mich nicht für im⸗ pertinent oder für zudringlich— auch wiſſen Sie zu gut, daß ich dies nicht bin. Ein Herr mit dem Namen Butler iſt ſehr beſorgt zu erfahren, ob Sie einſt in einer kleinen Hütte, genannt Dove oder Dale oder Dell Cottage wohnten— und ob Sie einer Perſon ſeines Namens gedenken? Wünſchen Sie, daß auf dieſe Frage Antwort eriheilt wird, ſo ſenden Sie mir ein kleines Billet na⸗ Paris emt Sobal hatte, ſcht „Ther noch Jeme auch ſeinn ſind um ſo liche Beka Mittlerwe binden, d zu beweiſ als Frau? Oheim in mählte. chen, eine nothwend muß? De lung bitte ron habe für kleine glück ihrer ch glaube, vorlegen, jeſten, daß re Perſon am beſten Lady Var⸗ b in C*s de Zeilen: ht für im⸗ in Sie zu m Namen e einſt in oder Dell ſon ſeines jeſe Frage in kleines 209 Billet nach London, welches ich auf meiner Reiſe nach Paris empfangen werde. Ihr aufrichtiger Vargrave.“* Sobald er dieſen Brief geſchrieben und entſandt hatte, ſchrieb er Folgendes an Herrn Winsley: „Theurer Herr! Ich bin ſo krank, daß ich weder Sie, noch Jemand ſonſt beſuchen kann, wie angenehm es mir auch ſein mag Sie zu ſprechen(angenehme Geſellſchafter ſind um ſo aufregender!). Ich hoffe jedoch, unſere perſoͤn⸗ liche Bekanntſchaft, bevor ich C'*s verlaſſe, zu erneuen. Mittlerweile werden Sie mich durch ein Billet ver⸗ binden, durch deſſen Angabe ich im Stande ſein werde zu beweiſen, daß Lady Vargrave einſt in dieſer Stadt als Frau Butler wohnte, kurz bevor ſie ſich mit meinem Oheim in Devonſhire unter dem Namen Cameron ver⸗ mählte. Hatte ſie auch damals nicht ein kleines Mäd⸗ chen, einen Schützling oder wenigſtens ein Kind, welches nothwendig meines Oheims Erbin, Miß Cameron, ſein muß? Der Grund, weßhalb ich Sie um dieſe Mitthei⸗ lung bitte, iſt offenbar. Als Vormund der Miß Came⸗ ron habe ich gewiſſe Anordnungen, die mit dem Teſta⸗ ment meines Oheims in Verbindung ſtehen, zu ordnen. Außerdem iſt auch einiges Vermögen von dem verſtor⸗ benen Herrn Butler hinterlaſſen worden, und es könnte vielleicht nothwendig ſein, deſſen Identität zu beweiſen. Ihr ergebener Var grave.“ Auf letzteren Brief kam ſolgende Antwort: „Mylord! Es thut mir ſehr jeid, das Unwohlſein Bulwer, Alice. II. 44 210 Ihrer Lordſchaft zu vernehmen. Morgen werde ich meine Aufwartung machen. Sicherlich kann ich einen Eid darauf ablegen, daß die gegenwärtige Lady Var⸗ grave Frau Butler in Cexr hieß und dort Muſikun⸗ terricht gab. Da das Kind von demſelben Geſchlecht und ungefähr in demſelben Alter wie Miß Cameron war, ſo kann ſich nach meiner Meinung keine Schwie⸗ rigkeit darbieten, um den Beweis zu liefern, daß jene junge Dame und das Kind der Lady Vargrave von ihrem erſten Gatten ein und dieſelbe Perſon iſt. Hierüber jedoch kann ich nichts Beſtimmtes Ihnen mittheilen. Ich habe die Ehre u. ſ. w.“* Am nächſten Morgen entſandte Vargrave ein Billet an Herrn Winsley, worin er denſelben benachrichtigte, ſeine Geſundheit erheiſche ſogleich ſeine Rückkehr nach London, dorthin auch fuhr er ab. Am Tage nach ſeiner Ankunft erhielt er folgenden Brief, der mit eiliger Hand geſchrieben, in ſonderbarer Weiſe mit Tinte, vielleicht mit Thränen befleckt war: „Um des Himmels willen ſagen Sie mir, was Sie im Sinne haben. Ja, ich wohnte einſt in Dale Cottage; ich kannte einen Mann mit Namen Butler. Hat er den Namen, den ich führe, entdeckt? Wo iſt er? ich bitte Sie, mir zu ſchreiben oder zu mir zu kommen, bevor Sie England verlaſſen. Aliee Vargrae.“ Lumley lächelte triumphirend, als er den Brief ſorgfältig zuſammenlegte.„Ich muß ſie amüſiren und bei Seite ſchaffen— wenigſtens für jetzt.“ Als Antwort guf Lady Vargrave's Brief ſchrieb er ein Paa (einem † Vermöge anſtelle, indem er nicht lang tageſſen: der Reiſe blick, wo „My Lordſchaf das heißt werde ich ich einen „ daß jene von ihrem lüber jedoch w.* ein Billet ſchrichtigte, ckkehr nach naach ſeiner liger Hand , vielleicht „was Sie e Cottage; Hat er den 7 ich bitte nen, bevor ge.* den Brief üſiren und ſchrieh er 2141 ein Paar Zeilen: Er habe nur von einer dritten Perſon (einem Advokaten) von einem Herrn Butler gehört, der irgendwo außer Landes ſich aufhalte; jener wünſche, daß man dieſe Unterſuchungen anſtellen möge. Er glaube, dies beziehe ſich allein auf Anordnungen hinſichtlich eines Vermögens; ein Herr Butler, welcher die Nachforſchung anſtelle, ſei vielleicht der Erbe des von ihr gekannten Herrn Butlers. Lady Vargrave könne jetzt ſonſt nichts erfahren, als daß der Inhalt ihrer Antwort ins Aus⸗ land geſandt würde. Der Advokat könne oder dürfe nicht mehr ſagen. Sobald er weitere Mittheilung erhalte, werde er ihr dieſelbe zuſtellen; er ſei mit wahrer Zu⸗ neigung der Ihrige. Den übrigen Theil des Morgens widmete Lord Var⸗ grave dem Lord Saxingham und ſeinen Verbündeten; indem er erklärte und auch glaubte, er werde von Paris nicht lang entfernt ſein, hielt er ziemlich früh ſein Mit⸗ tageſſen und war wieder im Begriff, ſich dem Wagniß der Reiſe zu unterziehen, als Herr Douee, im Augen⸗ blick, wo er durch die Flur ging, haſtig auf ihn zukam. „Mylord, ich muß ein Wort mit Eurer Lo— Lo Lordſchaft re— re— reden. Sie wollen reiſen— das heißt, Sie wollen abfahren(der kleine Mann ſah erſchrocken aus), Sie beabſichtigen na— na—“* „Nicht Ihnen durchzugehen, Herr Douce, kommen Sie in meine Bibliothek; ich habe große Eile, aber immer Zeit für Sie. Wie geht's?“ „Nun denn, Mylord.— J— J— Ich habe nichts mehr von Eure Lordſchaft üher den Kau— Kau — Kan—* 21² „So! über den Kauf. Ich reiſe nach Paris, um alle Einzelnheiten darüber in Ordnung zu bringen; ſagen Sie das den Advokaten.“ „Dü— dü— dürfen wir das Geld aus den Sta— Sta— Staatspapieren herausziehen, um zu zeigen, daß wir Ernſt machen.. ſonſt beſorge ich— bearg⸗ wohne ich— ich meine, Oberſt Maltravers tritt zurück.⸗ „Nun, Herr Douee, darüber muß ich zuerſt mit meinem Mündel ſprechen; in zwei oder drei Tagen werden Sie von mir hören und die ſchuldigen zehntau⸗ ſend Pfund erhalten.“ „Ja, ja! die ze— ze— zehntauſend Pfund. Mein Compagnon iſt ſehr... 4 „Sicherlich ſehr beſorgt. Machen Sie ihm meine Empfehlung. Gott beſchütze Sie! Tragen Sie Sorgfalt für Ihre Geſundheit. Ich muß fort, um mein Gepäck in Sicherheit zu bringen.“ Vargrave eilte hinweg, in⸗ dem er vor ſich hin murmelte:„Der Himmel ſchickt Geld und der Teufel die Mahner!“ Douee ſchnappte wie ein Fiſch nach Athem; als ſeine Blicke den ſchnellen Schritten Vargrave's folgten, lag der ganze Groll getäuſchter Hoffnung in ſeinen kleinen Zügen. Lumley ſaß mittlerweile, von ſeinem Mantel um⸗ hüllt, im Wagen und hatte das Daſein ſeines Gläubigers d vergeſſen. Als er ſeinen Kopf aus dem Wagenfenſter beugte, flüſterte er ſeinem ariſtokratiſchen Sekretär zu: „Ich habe Lord Saxingham geſagt, Sie nach Paris zu ſenden, wenn die geringſte Nothwendigkeit meiner An⸗ weſenheit in London vorhanden iſt. Ich habe Sie zurück gelaſſen, Howard, weil Ihre Schweſter hei Hof und Ihr Vet Somit w nen— S glauben wiſſen, Oh, da Sagen 6. Der ward ba einige würde, Ihr Vetter bei dem ausgezeichneten Premierminiſter iſt. agen; Somit werden Sie jeden Wechſel im Wind merken kön⸗ nen— Sie verſtehen mich— Ich ſage Ihnen, Howard, en Sta— glauben Sie nicht, daß ich Ihre Guͤte vergeſſe! Sie zu zeigen, wiſſen, noch Niemand hat mir vergeblich gedient!— — bearg⸗ Oh, da ſieht der ſchreckliche Herr Douce hinter Ihnen. Sagen Sie, daß man ſchnell weiter fährt.“ Zweites Kapitel. ; Hörten Sie's? ¹ nd. Mein Welch ſurchtbar Schreckniß wird uns hier nuhülk. o. hm meine Der unglückliche Gefährte von Cäſarini's Flucht ſe Sorgfalt ward bald entdeckt und wieder eingefangen; alle Nach⸗ ein Gepäck forſchungen uͤber Cäſarini aber blieben ohne Erfolg, nicht nweg, in⸗ allein in der Nähe von St. Clond, ſondern auch in der mel ſchickt Gegend von Paris und in der Hauptſtadt. Ein einziger Troſt lag in dem Gedanken, daß wenigſtens ſeine Uhr ihn ; als ſeine einige Zeit vor den Schreckniſſen des Mangels bewahren lgten, lag würde, und daß man ſeine Spur durch den Verkauf der⸗ nen kleinen ſelben werde auffinden können. Die Polizei auch ward in dantel um⸗ Bewegung geſetzt— die wachſame Polizei von Paris! Ein Gläubigers— Tag folgte auf den andern und man erhielt keine Nach⸗ agenfenſter richt. Das Geheimniß der Flucht ward vor Tereſa ſorg⸗ ekkretär zu: fältig verborgen; offentliche Sorgen boten eine genügende h Paris zu Entſchuldigung für die Wolke auf de Montaigne's Stirn. neiner An⸗ Eveline vernahm von Maltravers mit gemiſchter Bie zurück Regung des Mitleidens, des Grams und der Verehrung Hof und die düſtere, mit der Geſchichte des Wahnfinnigen ver⸗ 214 knüpfte Erzählung. Sie beweinte das Schickſal der Flo⸗ rence; ſie ſchauderte bei dem Fluche, der Cäſarini ge⸗ troffen hatte; vielleicht ward Maltravers ihr theurer wegen des Gedankens, daß die Erinnerung ihm ſo Manches biete, welches einer Tröſtung und Beſänftigung bedürfe. Maltravers und Eveline kehrten nach Paris als Verlobte zurück. Eveline ſuchte ſorgfältig und entſchloſ⸗ ſen jede Erinnerung an den abweſenden Legard, ſowie jeden Kummer über ihn zu verbannen; ſie empfand die Feierlichkeit der ihr anvertrauten Pflicht, und ſie beſchloß, keiner ihrer Gedanken ſolle den großmüthigen und zarten Geiſt bekümmern, welcher ſein höchſtes Lebensglück ihr ver⸗ traut habe. Der Einfluß des Maltravers auf ſie ſteigerte ſich in ihrer neuen und vertrauten Stellung; dennoch zeigte ihre Empfindung zu viel von Verehrung und zu we⸗ nig von Leidenſchaft; allein dies mochte ihre Unſchuld und Jugend ſein. Er wenigſtens empfand keine Entbehrung; ſie hatte ihn aus einem größeren Schwarme herausge⸗ wählt; wie ſehr er ſie auch für wäͤhleriſch halten mochte, verließ er ſich ohne alle Zweifel auf die Zuverläſſigkeit ihrer Treue. Keine der Ahnungen, welche ihn heim⸗ geſucht hatten, als er einſt der Florenee zuerſt verlobt war, verſtörten ihn jetzt. Die Zuneigung eines ſo jungen und argloſen Mädchens ſchien ihn jetzt zu ſeiner eigenen Jugend zurückzuführen; wir find immer jung, ſo lang junge Mädchen uns lieben können! Plötzlich auch bot die Welt ſeinen Augen einen ſchöneren und glänzenderen Anſchein. Die wiedergeborene Hoffnung ſöhnte ihn mit ſeiner Laufbahn und mit ſeinem Geſchlechte wieder aus! Je mehr er auf Eveline horchte, deſto mehr über⸗ 4 wachte et müthigeu gung, da Ihre lieb aber nie merkbare er bei Er ſchein ein Reiz war lichen An war, wa und Pha ſprangen weckende ſchuld und tbehrung; herausge⸗ en mochte, rläſſigkeit ihn heim⸗ ſt verlobt ſo jungen er eigenen „ſo lang auch bot nzenderen hute ihn te wieder ehr über⸗ wachte er jedes Zeugniß ihrer gelehrigen, aber groß⸗ müthigen Natur, deſto mehr empfand er die Überzeu⸗ gung, daß er ein für ihn paſſendes Herz gefunden habe. Ihre liebliche Heiterkeit des Gemüths, ſtets vergnügt, aber nie nervös und unruhig, ertheilte ihm durch un⸗ merkbare Mittheilung eine gleiche Stimmung. War er bei Eveline, ſo wärmte er ſich gleichſam im Sonnen⸗ ſchein eines glücklichen Himmels. Ein unausſprechlicher Reiz ward einem Mann geboten, welcher der alltäg⸗ lichen Anfichten und Töne dieſer gehudelten Welt müde war, wann er die ſtets friſchen und funkelnden Gedanken und Phantaſten überwachte, die aus einer Seele ent⸗ ſprangen, welche für Alles Langeweile im Leben Er⸗ weckende ſo nen war. Jener Mann, welcher in Allem, auf den wahren Adel des Charakters Bezügliche, ſogar bis zur Peinlichkeit wähleriſch war, wurde um ſo mehr entzückt, da kein niedriger oder gemeiner Gedanke, wie verſchiedenartige Gegenſtände auch beſprochen wurden⸗ jene ſchönen Lippen befleckte. Es war nicht die bloße Un⸗ ſchuld oder Unerfahrenheit, ſondern die moraliſche Un⸗ fähigkeit zu Schlichen, welche ihn an der Gefährtin ent⸗ zückten, die er ſich fuür ſeinen Pfad zur Ewigkeit gewählt hatte! Ebenſo fand er Entzücken an den ſteis bereiten Hülfsquellen der Eveline; fie beſaß jene Eigenſchaft, ohne welche ein Weib keine Unabhängigkeit von der Welt und keine Bürgſchaft beſitzt, daß häusliche Zurückgezogenheit in einförmige Langeweile übergeht— die Fähigkeit, Klei⸗ nigkeiten zur Beſchäftigung oder zum Vergnügen zu be⸗ nutzen; ſie war leicht zufriedengeſtellt; und dennoch, war eine ihrer Hoffnungen vereitelt, ſo ließ ſie ſich bald mit ———— 216 ihrer Täuſchung wieder ausſöhnen. Sie empfand und ſchalt ſeine Thorheit, daß er aicht zuvor empfunden habe, wie ſie, jung und liebenswürdig, keines Reizmittels in den erhitzten Huldigungen und der hohlen Bewunderung des Haufens bedürfe. „So,“ dachte er,„find die Naturen, die allein Jahrelang die Poeſie der erſten leidenſchaftlichen Täu⸗ ſchung bewahren können, welche der Ehe allein dasjenige Siegel zu ertheilen vermögen, und die Liehe befeſtigt, nicht aber die bloße Ceremonie, welche ihr Grab ver⸗ geblich weiht.“ Maltravers, wie wir geſehen haben, ſchrieb förmlich an Lumley, einige Tage nach ſeiner Rückkehr nach Paris. Er würde auch an Lady Vargrave geſchrieben haben, aber Eveline hielt es für das Zweck⸗ mäßigſte, ihre Mutter ſelbſt durch einen Brief vorzu⸗ bereiten. Wenig Wochen fehlten jetzt vor dem achtzehnten Ge⸗ burtstag der Miß Cameron, an welchem ſie ſelbſt die Her⸗ rin ihres Schickſals wurde. Sohald ſie bas Alter erreicht hatte, ſollte die Ehe ſtattfinden. Valerie vernahm mit aufrichtigem Entzuͤcken das Verlöbniß ihres Freunhes. Sie ſuchte mit Eifer jede Gelegenheit auf, um das ver⸗ traute Verhältniß mit Eveline zu vermehren, welche durch ihre anmuthige Güte vollkommen gewonnen wurde. Das Reſultat der Unterſuchung Valeriens beſtand darin, daß ſie über die leidenſchaftliche Liebe des Maltrsvers nicht erſtaunte, ſondern daß ihre tiefe Kenniniß des menſchlichen Herzens(eine Kenntniß, ausgezeichnet hin⸗ ſichtlich der Frauen ihres Vaterlandes) ihr einigen Zwei⸗ fel erweckte, ob jene Liehe in gleicher Weiſe erwidert werde erſte ar und ſie Freunde allgeme lichkeit chen ſir unwiden ihre Ja als fie nichts v ihre Ue und das grave ſe „Lie travers. pfand und unden habe, zmittels in wunderung die allein chen Täu⸗ dasjenige befeſtigt, Grab ver⸗ en haben, ach ſeiner Vargrave as Zweck⸗ ief vorzu⸗ hnten Ge⸗ die Her⸗ er erreicht nahm mit Freundes. mdas ver⸗ , welche en wurde. nd darin, altrsvers iiniß des hnet hin⸗ en Zwei⸗ erwidert — 217 werde— in wie weit Eveline ſich getäuſcht habe. Ihre erſte angenehme Empfindung ward mit Angſt gemiſcht und ſie vertraute in Bezug auf daszukünftige Glück ihres Freundes mehr auf Gvelinens reine Denkungsweiſe und allgemeine Zartheit des Herzens, wie auf die Ausſchließ⸗ lichkeit und die Glut ihrer Liebe. Ach! wenige Mäd⸗ chen ſind im achtzehnten Jahre nicht zu jung für den unwiderruflichen Schritt und Eveline war jünger wie ihre Jahre. Eines Abends fragte Maltravers Eoeline als fie ſich bei Frau von Ventadour trafen, ob ſie noch nichts von Lady Vargrave gehört habe. Eveline ſprach ihre Ueberraſchung aus, daß dies nicht der Fall ſei und das Geſpräch gerieth wie natürlich auf Lady Var⸗ grave ſelbſt. „Liebt ſie die Muſik ebenſo wie Sie,“ fragte Mal⸗ travers. „Ja, ich glaube das, und beſonders die Lieher ei⸗ ner gewiſſen Perſon; dieſe beſitzen für ſie ſtets einen unbeſchreiblichen Reiz. Oft habe ich ſie ſagen hören, daß ſie gleichſam mit einem früheren Freunde ſich un⸗ terhalte, wenn ſie Ihre Schriften las. Ihr Name und Ihr Genius ſchien ihr einziges Verbindungsmittel mit der großen Welt zu ſein. Wahrhaftig— Sie wer⸗ den ſich aber ärgern— ich glaube beinah, daß ihr ſo ſonderbarer und ſeltener Enthufiasmus mir zuerſt In⸗ tereſſe an Ihnen einflößte.“ „Alsdann habe ich einen doppelten Grund Ihre Mutter zu lieben,“ ſagte Maltravers, indem er ſich ſehr geſchmeichelt fühlte;„liebt ſie nicht die italieniſche Muſik?“ „Nicht ſehr; ſie zieht einige, etwas altmobiſche beut⸗ ſche Arien vor, die ſehr einfach, aber ſehr rührend ſind.“ „Ebenfalls die Leidenſchaft meiner Jugend,“ ſagte Maltravers, indem er mehr und mehr Intereſſe em⸗ pfand. „Auch habe ich ſie ein oder zwei engliſche Lieder, jedoch nur gelegentlich ſingen hören. Eines beſonders rührt ſie ſo tief, ſogar wenn ſie die Melodie nur ſpielt, daß ich ſtets eine gewiſſe geheimnißvolle Heiligkeit damit verknüpft habe. Ich möchte dies Lied nicht vor einer Geſellſchaft ſingen; morgen aber, wenn Sie mich be⸗ ſuchen, und wenn wir allein ſind...“ „Morgen will ich es nicht unterlaſſen, Sie daran zu erinnern.“ Das Geſpräch ſchloß; wie es auch geſchehen mochte, Maliravers war an jenem Abend, als er ſich zur Ruhe legte, durch die Erinnerung an daſſelbe beunruhigt. Er empfand eine unbeſtimmte, unerklärliche Neugier hin⸗ ſichtlich dieſer einſam lebenden Mutter. Alles was ihre Jugend betraf, ſchien in Geheimniß gehüllt. Cleveland, als er ſeinen Brief beantwortete, hatte ihn benachrich⸗ tigt, daß alle ſeine Nachforſchungen über Geburt und erſte Ehe der Lady Vargrave vergeblich geblieben waren. Eveline wußte ſehr wenig davon, und Maltravers empfand eine gewiſſe Zartheit des Gefühls, um nicht mit Fra⸗ gen zu kommen, welche der Neugier eines gemeinen Familienſtolzes zugeſchrieben werden konnten. Außer⸗ dem haben Verliebte ſo viel einander zu ſagen, daß er noch keine Zeit gefunden hatte, mit Evelinen über dritte Perſonen weitläufig zu ſprechen. Jene Nacht ſchlief er tung ſtör mit düfle konnte; f reits ſein Sonnenſe durch den Lumle lichen, fö thigen Er! licher Sti Weiſe: „Mal der entfre Ihnen Fr len. Sie dieſe Entf bewußt, bin ich Verſchiede eine anden ſtets das den geſuch Sie mir Ich litt he beut⸗ id find.* „² ſagte eſſe em⸗ Lieder, eſonders elt, daß t damit 8r einer nich be⸗ e daran mochte, ur Ruhe digt. Er ier hin⸗ vas ihre eveland, dachrich⸗ urt und waren. empfand nit Fra⸗ emeinen Außer⸗ , daß er en über e Nacht 219 ſchlief er ſchlecht; düſtere Träume böſer Vorbedeu⸗ tung ſtörten ihm den Schlummer. Er ſtand ſpät und mit düſteren Ahnungen auf, die er nicht überwinden konnte; ſein Frühſtück war kaum vorüber; er hatte be⸗ reits ſeinen Hut aufgeſetzt um bei Eveline Troſt und Sonnenſchein zu finden, als die Thür aufging und er durch den Eintritt des Lord Vargrave überraſcht wurde. Lumley ſetzte ſich mit einem, ihm ſehr ungewöhn⸗ lichen, förmlichen Ernſt und begann, als wolle er unnö⸗ thigen Erklärungen ausweichen, mit ernſter und eindring⸗ licher Stimme und entſprechenden Zügen auf folgende Weiſe: „Maltravers, in den letzten Jahren find wir einan⸗ der entfremdet worden. Ich hege nicht die Anmaßung Ihnen Freundſchaft oder Mißfallen vorſchreiben zu wol⸗ len. Sie allein können die Urſache angeben, weßhalb dieſe Entfrembung eintrat. Meinerſeits bin ich mir nicht bewußt, Sie beleidigt zu haben; wie ich dereinſt war, bin ich noch jetzt. Sie haben ſich verändert. Ob die Verſchiedenheit unſerer politiſchen Meinungen, oder eine anbere, geheimere Urſache der Grund iſt, dies we iß ich nicht. Ich beklage es; jetzt aber iſt ein Verſuch je⸗ nen Grund zu entfernen, zu ſpät. Hegen Sie Verdacht, daß ich jemals geſucht oder gewünſcht habe zwiſchen Ih⸗ nen und meiner unglücklichen verſtorbenen Coufine Mißſtimmung zu erregen, ſo irren Sie ſich. Ich habe ſtets das Glück und die Vereinigung von Ihnen Bei⸗ den geſucht, und dennoch, Maltravers, verſcheuchten Sie mir einen früh gehegten und geliebten Traum. Ich litt ſchweigend; mein Verfahren war wenigſtens 220 uneigennützig und vielleicht edelmüthig; jedoch ſchweigen wir davon. Zum zweitenmal durchkreuzen Sie meinen Pfad. Sie gewinnen mir ein Herz ab, das ich lang als das meine zu betrachten gelernt hatte. Sie hegen keine Bedenklichkeit hinſichtlich unſerer Jugendfreundſchaft; Sie nehmen keine Rückſicht auf ein anerkanntes Verlöb⸗ niß; Sie find mein Nehenbuhler bei Eveline Cameron und Ihre Bewerbung hat Erfolg gehabt“ „Vargrave,“ ſagte Maltravers,„Sie haben offen geſprochen und ich werde Ihnen mit gleicher Aufrichtig⸗ keit antworten. Eine Verſchiedenheit des Geſchmackes, der Stimmung und der Meinung führte uns längſt auf entgegengeſetzte Pfade. Ich bin ein Mann, welcher öffentliche Moral von Privattugend nicht zu trennen vermag. Aus Beweggründen, die Sie am beſten kennen, die ich aber, wie ich Ihnen offen ſage, für Eigennutz und Ehrgeiz halte, gaben Sie Meinungen auf, die Sie lang und mit Überlegung ausſprachen, und ſpielten mit den Freiheiten und dem Wohl der Menſchen, als wären es bloß Zahlen für ein eigennütziges Spiel. Dies bewog mich Ihren Charakter genauer zu unterſuchen, und ich erkannte, daß man ihm nicht länger trauen dürfe. In Beziehung auf die Todten, ſo laſſen Sie uns das Grab mit dem Leichentuch verhüllen!— JIh ſpreche Sie von allem Tadel frei. Jener, welcher ſündigte, hat mehr gelitten, als zur Sühne des Verbrechens genügt. Sie werfen mir meine Liebe zu Evelinen vor. Verzeihen Sie mir, ich verführte keine Neigung, ich zerriß kein Band! Erſt als ſie in Herz und Hand frei war, um zwiſchen uns zu wählen, gab ich einen Wink üher Liebe. Laſſen Sie mir den Gedan wenigſtens lers kaum Sie nicht ſagt mir, Zunge an mit dem binden wer einen fur für Ihr h augenblickl Himmel iſt des Schrec Sie in Ihr Mädchen, „Alice! „Wuß Mutter Al „Ich Name iſt der Rede. „Höre „Mit Alie nicht wahr „Fahre „Sie hweigen meinen lang als gen keine dſchaft; Verlöb⸗ Lameron den offen frichtig⸗ hmackes, s längſt welcher trennen kennen, nutz und Sie lang mit den vären es bewog und ich rfe. In hrab mit en allem gelitten, rfen mir mir, ich Erſt als uns zu Sie mir 221 den Gedanken, ein Verfahren ſei möglich, um Ihnen wenigſtens einen Theil der Täuſchung zu verſüßen, welche Sie allerdings mit heftigem Schmerz empfinden müſſen.“ „Halt,“ ſagte Lord Vargrave, welcher in düſteres Sinnen verloren, die letzlen zwei Sätze ſeines Nebenbuh⸗ lers kaum zu hören ſchien.„Halt, Maltravers, ſprechen Sie nicht von Liebe zu Eveline! Eine farchtbare Ahnung ſagt mir, daß Sie nach wenigen Stunden lieber Ihre Zunge an der Wurzel ausreißen, als die Worte der Liebe mit dem Gedanken an jenes unglückliche Mädchen ver⸗ binden werden! Wäre ich rachſüchtig, ſo wuͤrde ich jetzt einen furchtbaren Triumph feiern! Welche Vergeltung für Ihr hartes Urtheil, Ihre kalte Verachtung, Ihren augenblicklichen und unglücklichen Sieg über mich! Der Himmel iſt mein Zeuge, mein einziges Gefühl ſei das des Schreckens und der Wehen! Maltravers, ſchloſſen Sie in Ihrer früheſten Jugend eine Verbindung mit einem Mäbchen, welches Alice Darvil hieß?* „Aliee! gnädiger Himmel! Was wiſſen Sie von ihr?“ „Wußten Sie nie, daß der Tanfname von Evelinens Mutter Alice iſt?“ „Ich fragte nie darnach, ich wußte es nie. Aber der Name iſt ja gewöhnlich,“ ſagte Maltravers mit ſtocken⸗ der Rede. „Hören Sie weiter,“ begann Vargrave auf's Neue. „Mit Aliee Darvil lebten Sie in der Nähe von**; nicht wahr?“ „Fahren Sie fort.“ „Sie nahmen den Namen Butler an; unter dieſem ——ÿy— 222 Namen war Aliee Darvil ſpäter in der Stabt bekannt, worin mein Oheim wohnte(es gibt Lücken in der Ge⸗ ſchichte, die ich nach meiner Kenntniß nicht ausfüllen kann); ſie gab Muſikunterricht; mein Onkel verliebte ſich in ſie, war aber eitel und eigennützig. Sie zog nach Devonſhire und er heirathete ſie dort unter dem Namen Cameron, unter welchem er vor der Welt die Niedrig⸗ keit ihrer Geburt und den demüthigen von ihr befolgten Beruf zu verbergen hoffte. Halt! Unterbrechen Sie mich nicht. Alice hatte eine Tochter, wie man glaubte, aus einer früheren Ehe; dieſe Tochter war der Sprößling desjenigen, deſſen Namen ſie führte— ja des falſchen Butler! Dieſe Tochter iſt Eveline Cameron!“ „Lügner, Teufel!“ rief Maltravers, indem er auf⸗ ſprang, als habe ein Schuß ſein Herz durchdrungen. „Beweiſe!“* „Werden dieſe Beweiſe genügen?“ ſagte Vargrave, indem er die Briefe Winsley's und der Lady Vargrave Maltravers vorlegte. Dieſer griff ſie auf, wagte aber mehre Augenblicke lang dieſelben nicht zu leſen. Er hielt ſich mit Schwierigkeit, um nicht niederzuſinken, feſt; in ſeiner Kehle erklang ein Gurgeln, ahnlich dem des To⸗ desröchelns; zuletzt las er und ließ die Briefe aus der Hand fallen.„Erwarten Sie mich hier,“ ſagte er ſehr ſchwach und ging mechaniſch zur Thür. „Halt,“ ſagte Lord Vargrave, indem er ſeine Hand auf Ernſts Arm legte;„hören Sie mich an um der Eve⸗ line, um ihrer Mutter willen. Sie find im Begriff Eve⸗ line zu beſuchen; es ſei. Ich weiß, daß Sie die göttliche Gahe der Selbſtbeherrſchnng beſitzen. Sie werden ihr nicht ver ches Mu Ihr Unr daß Sie vorwurf Mutter! ſich und „Für barem. Gewiſſen erwarten t bekannt, n der Ge⸗ ausfüllen verliebte e zog nach m Namen Niedrig⸗ befolgten Sie mich ubte, aus Sprößling es falſchen 41 m er auf⸗ hdrungen. Vargrave, Vargrave agte aber . Er hielt —, feſt; in des To⸗ fe aus der te er ſehr eine Hand der Eve⸗ griff Eve⸗ e göttliche erden ihr 223 nicht verkünden, ihre Mutter habe dasjenige gethan, wel⸗ ches Mutter und Kind gleicherweiſe entehrt. Sie werden Ihr Unrecht gegen Aliee Darvil nicht dadurch vollenden, daß Sie ihr die Frucht eines Lebens voll Buße und Selbſt⸗ vorwurf rauben? Sie werden nicht die Schande der Mutter der eigenen Tochter enthüllen. Überzeugen Sie ſich und gewinnen Sie Selbſtbeherrſchung.“ „Fürchten Sie nichts,“ ſagte Maltravers mit furcht⸗ barem Lächeln;„einen doppelten Fluch will ich auf mein Gewiſſen nicht laden. Wie ich ſäete, ſo muß ich ernten; erwarten Sie mich hier.* Drittes Kapitel. Das Kraſt gewinnt mit jedem eudenblia, So wie es weiter rollt, und das zuletzt Mich noch erdrücken muß. Lillo. Maltravers fand Eveline allein; ſie wandte ſich zu ihm mit dem ſüßen Lächeln des Willkommens; allein das Lächeln entſchwand ſogleich, als ihre Augen ſeine durchaus veränderte und zuckende Geſichtszüge erblick⸗ ten; kalte Tropfen ſtanden auf der ſtarren und mar⸗ mornen Stirn; die Lippen wanden ſich, wie bei körper⸗ licher Folter; die Muskeln des Geſichtes waren eingefallen und es lag in denſelben eine Wildheit, welche bei dem ſtarren und fieberhaften Glanz der Augen ſieerſchreckte. „Theurer Ernſt, Sie find unwohl, Ihr Blick er⸗ ſchreckt mich.“ „Nein, Gveline,“ ſagte Maltravers, indem er ſich 224 durch einige Anſtrengung wieder erholte, deren ſolche Männer allein fähig ſind, welche öftere Qual ohne Mit⸗ gefühl Anderer litten;„nein, ich befinde mich jetzt beſſer; ich war krank, ſehr krank, aber ich befinde mich beſſer.“ „Krank! und ich wußtte nichts davon!“ Eveline ver⸗ ſuchte bei den Worten ſeine Hand zu ergreifen, Mal⸗ travers fuhr zurück. „Sie iſt feurig, ſie brennt, fort!“ rief er wie wahn⸗ ſinnig aus.„O Gott, ſchone meiner!“ Eveline ward jetzt ernſtlich beunruhigt; ſie blickte ihn an mit dem zärtlichſten Mitleid. War dies einer der finſteren und erdruͤckenden Krampfanfälle, denen Maltravers, wie man flüſterte, bisweilen ausgeſetzt war? Wie ſonderbar es auch ſcheinen mag, ungeachtet ihres Schreckens war er in jener Stunde, wie ſie glaubte der Dunkelheit und Finſterniß, ihr weit theurer, wie in aller Glorie ſeines majeſtätiſchen Geiſtes oder in dem gewinnenden Weſen ſeiner ſanften Anrede. „Was iſt Ihnen zugeſtoßen?“ fragte fie, indem ſie wieder auf ihn zutrat;„haben Sie Lord Vargrave ge⸗ ſehen? Ich weiß, daß er angekommen iſt, denn ſein Be⸗ dienter hat uns die Nachricht gebracht; hat Lord Var⸗ grave etwas geſagt, was Sie quält, oder hat(fügte ſie in der Stimme ſtockend und ſcheu hinzu) hat die arme Eve⸗ line Sie beleidigt? Sagen Sie mir nur ein Wort!“ Maliravers wandte ſich zu ihr und ſein Geſicht ward ruhig und heiter; mit Ausnahme ſeiner äußerſten und beinahe geiſterhaften Bläſſe ließ ſich keine Spur der in ihm raſenden Hölle entdecken. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte er ſanft,„dieſen Mor⸗ gen weiß nicht an Stimme „Sol geſtern 2 ſchrieben es am li aber tiefe Mal beugte ſie ſtaben dr ſeinen A dächtniß ein Gedi entzücken denen K iheurer? geweſen daſſelbe ſo zärtli Buln eren ſolche ohne Mit⸗ jetzt beſſer; ich beſſer.“ veline ver⸗ fen, Mal⸗ wie wahn⸗ ſie blickte dies einer lle, denen eſetzt war? ſchtet ihres Zlaubte der er, wie in er in dem indem ſie ergrave ge⸗ in ſein Be⸗ Lord Var⸗ fügte ſie in arme Eve⸗ Wort!4 eſicht ward kerſten und pur der in eſen Mor⸗ 22⁵ gen weiß ich nicht was ich ſage oder thue— denken Sie nicht an mich; es wird vorübergehen, ſobald ich Ihre Stimme vernehme.“ „Soll ich Ihnen das Lied fingen, wovon ich Ihnen geſtern Abend ſagte? Sehen Sie, ich habe daſſelbe ge⸗ ſchrieben; ich weiß es auswendig, glaube aber, daß Sie es am liebſten leſen. Die Worte ſind ſo voll einfachen aber tiefen Gefühls.“ Maltravers nahm das Lied ihr aus der Hand und beugte ſich über das Papier; zuerſt ſchienen die Buch⸗ ſtaben dunkel und unbeſtimmt, denn ein Nebel lag vor ſeinen Augen. Zuletzt ward eine Saite in ſeinem Ge⸗ dächtniß beruͤhrt; er erinnerte ſich der Worte; es war ein Gedicht, das er für Alice in den erſten Tagen des entzückenden Umgangs verfaßt hatte— Lieder der gol⸗ denen Kette, womit er einſt verſuchte den Geiſt der Kenntniß an den der Liebe zu knüpfen.„Von wem,“ fragte er mit ſchwacher Stimme, als er die Verſe nie⸗ derlegte,„von wem hat Ihre Mutter dies Lied erlernt?“ „Ich weiß es nicht; vor Jahren verfaßte es ein theurer Freund und gab es ihr. Er muß ihr ſehr theuer geweſen ſein, darf ich nach der Wirkung urtheilen, welche daſſelbe noch ſtets hervorbringt.“* „Glauben Sie,“ ſagte Maltravers in hohler Stimme, „jener ſei Ihr Vater geweſen?“ „Mein Vater! von dem ſpricht ſie nie. Ich habe frühe erlernt, jede Anſpielung auf deſſen Erinnerung zu vermeiden— mein Vater! Es iſt wahrſcheinlich— ja, es war vielleicht mein Vater; wen ſonſt konnte ſie ſo zärtlich geliebt haben?4 Bulwer, Alice. II. 45 226 Es herrſchte ein langes Schweigen; Gveline brach es zuerſt. „Ernſt, ich habe heute einen Brief von meiner Mutter bekommen, dieſer beunruhigt mich; ich weiß kaum weßhalb.“ „Ha! weßhalb?“ „Er iſt eilig und unzuſammenhaͤngend, beinahe wild geſchrieben. Sie ſchreibt, daß ſie eine Nachricht, welche ihre Seele verſtoͤrt, vernommen hat; ſie bat mich, ich möge Nachforſchungen anſtellen, ob einer meiner Be⸗ kannten auf dem Feſtlande irgend einer Perſon mit dem Namen Butler begegnet ſei, oder von dem Namen ge⸗ hört habe; ſie fahren auf? Kannten Sie Jemand des Namens?“ „Ich!— hat Ihre Mutter jemals auf den Namen früher angeſpielt?“ „Niemals, und bennoch erinnere ich mich einmal...“ „Was?“ „Daß ich ihr aus den Zeitungen einen Bericht über den plötzlichen Tod eines Herrn Butler vorlas. Ihre Aufregung brachte bei mir einen heftigen und ſonder⸗ baren Eindruck hervor; ſie fiel in Ohnmacht und ſchien beinahe wahnfinnig, als ſie wieder zu ſich ſelbſt kam; ſie beruhigte ſich nicht eher, als bis ich den Bericht ge⸗ ſchloſſen hatte; ols ich auf die Einzelnheiten ſeines Alters u. ſ. w. k.m(ich glaube jener Herr war alt), faltete ſte ihre Hände und weinte. Die Thränen ſchie⸗ nen die der Freude zu ſein. Der Name aber iſt ja ſo häufig. Welchen Herrn des Namens haben Sie ge⸗ kannt?“ * „Ein deren Ha „Ja. Eveli auf die Vargrav⸗ lichkeit Schriftp chen Jah keiten,„ Beweiſe Zuge des erblicken, liebevolle in den A „Sot um Faſſt fruͤher no „Nie ſo treffli Sie meir Als vers mit Geſicht; gen zerri elline brach on meiner ich weiß inahe wilb ht, welche mich, ich heiner Be⸗ nmit dem tamen ge⸗ emand des en Namen inmal..* ericht über las. Ihre nd ſonder⸗ und ſchien elbſt kam; zericht ge⸗ ten ſeines war alt), inen ſchie⸗ iſt ja ſo Sie ge⸗ * 227 „Einerlei, iſt das Ihrer Mutter Brief? Iſt das deren Handſchrift?“* „ Ja. 4 Eveline übergab Maltravers den Brief. Er blickte auf die Buchſtaben. Ein oder zweimal hatte er Lady Vargrave's Handſchrift früher geſehen und keine Ahn⸗ lichkeit zwiſchen jener Handſchrift und den fruheren Schriftproben Alicens erkannt, wie er ſie vor ſo man⸗ chen Jahren geſchaut hatte. Jetzt aber wurden Kleinig⸗ keiten,„leicht wie Luft, eine ſo ſtarke Beſtätigung, wie Beweiſe der heiligen Schrift;“ er glaubte Alice in jedem Zuge des eiligen und mit Tinte befleckten Gekritzels zu erblicken, und als ſein Ange auf den Worten:„Ihre liebevolle Mutter Alice,“ ruhte, gerann ihm has Blut in den Adern. „Sonderbar,“ ſagte er, indem er mit ſich kämpfte, um Faſſung zu erlangen,„ſonderbar, daß ich niemals früͤher nach ihrem Namen fragte. Ihr Name iſt Alice?“ „Nicht wahr, ein lieblicher Name? Er eignet ſich ſo trefflich für ihren einfachen Charakter. Wie werden Sie meine Mutter lieben!“ Als ſie dies ſagte, wandte ſich Eveline an Maltra⸗ vers mit Begeiſterung, erſchrak aber wieder über ſein Geſicht; es war wieder mager, verdreht und von Zuckun⸗ gen zerriſſen. „Wenn Sie mich lieben!“ rief ſie aus,„ſo ſchicken Sie ſogleich zum Arzte; aber Ernſt, iſt es Krankheit oder ein Gram, den Sie mir verbergen?“ „Es iſt Krankheit, Eveline,“ ſagte Maltravers auf⸗ ſtehend, und ſeine Knie ſtießen ſchlotternd zuſammen; 228 „ich bin nicht einmal für Ihre Geſellſchaft geeignet; ich will nach Haus.“ „Schicken Sie doch ſogleich zum Arzt.“ „Der Arzt erwartet mich ſchon in meiner Woh⸗ nung.“ „Dem Himmel ſei Dank! Wollen Sie mir ein einzig Wort, um mich zu tröſten, ſchreiben? Ich bin ſo beſorgt.“ „Ich will Ihnen ſchreiben.“ „Noch heute Abend?“ „Ja.¹ „Jetzt gehen Sie, ich will Sie nicht aufhalten.“ Er ging langſam zur Thür; als er ſie erreichte, wandte er ſich um, begegnete ihren ängſtlichen Blicken und öffaete ſeine Arme; von ſonderbarer Furcht und liebevoller Sympathie bemeiſtert, brach ſie in leiden⸗ ſchaftliche Thränen aus; durch Überraſchung aus der Blödigkeit und Zurückhaltung herausgeriſſen, die bis dahin ihre reine und ſanfte Neigung charakterifirt hatte, ſank ſie an ſeine Bruſt und ſchluchzte laut. Maltravers erhob ſeine Hände, legte ſie feierlich auf ihr junges Haupt und ſeine Lippen murmelten etwas wie ein Gebet. Er hielt an und drückte ſie an ſein Herz, vermied aber jenen Abſchiedskuß, den er bis dahin ſo zärtlich geſucht hatte. Jene Umarmung war die des Schmerzes, nicht die der Entzückung, und dennoch ließ ſich Eoeline nicht träumen, daß er ſie als die letzte beabfichtige. Maltravers trat wieder ins Zimmer, worin er Lord Vargraye verlaſſen hatte, welcher noch auf ſeine Ankunft wartete. Er ging auf Lumley zu und reichte ihm die Hand.„Sie hahen mich von einem furchtharen Verbre⸗ chen, vo dieſem „S. mich ver das Pfa trug. V gen mic „J „A warum Sie mi ſüßes 2 ter, D Warur eignet; ich ner Woh⸗ rein einzig »beſorgt.“ zjalten.“ e erreichte, hen Blicken Furcht und in leiden⸗ ig aus der n, die bis rifirt hatte, Maltravers ihr junges ein Gebet. ermied aber lich geſucht erzes, nicht veline nicht e. prin er Lord ine Ankunft hte ihm die een Verbre⸗ 229 chen, von einem immerwährenden Gewiſſensbiß errettet! ich danke Ihnen!“ Lumley ward gerührt, ſo hart und kalt ſein Charakter auch war. Die Bewegung des Maltravers nahm ihn gleichſam durch Überraſchung ein.„Es war eine furcht⸗ bare Pflicht, Ernſt,“ ſagte er, indem er die Hand drückte.„Ach, daß ſie von mir, Ihrem Nebenbuhler, kommen mußte!“ „Fahren Sie fort, ich bitte Sie! Erklären Sie mir Alles. Doch wozu Erklärung! Was brauche ich zu wiſſen? Eveline iſt meine Tochter, Alicens Kind! Um Gotteswillen, geben Sie mir Hoffnung! Sagen Sie, es ſei nicht ſo; ſagen Sie, es ſei Alieens Kind, aber nicht das meinige! Vater, Vater! Man ſagt, der Name ſei heilig— mir iſt er furchtbar!“ „Faſſen Sie ſich, theurer Freund; bedenken Sie, welchem Unheil Sie entgingen! Sie werden ſich von dieſem Schlage erholen, Zeit und Reiſen....“ „Still, Mann, ſtill! Jetzt bin ich ruhig! Als Alice mich verließ, hatte ſie kein Kind. Ich wußte nicht, daß ſie das Pfand unſerer unglücklichen und irrenden Liebe in ſich trug. Wahrlich, die Sünden meiner Jugend haben ſich ge⸗ gen mich erhoben und der Fluch iſt bei mir eingezogen!“ „Ich kann Ihnen nicht alle Einzelnheiten barlegen.“* „Aber warum haben Sie mir nichts davon geſagt, warum haben Sie mich nicht gewarnt? Warum haben Sie mir nicht geſagt, ſo lange mein Herz durch ein ſo füßes Band erfreut werden lonnte:„„Du haſt eine Toch⸗ ter, Du biſt nicht verlaſſen, Du biſt nicht einſam.”“ℳ Warum haben Sie die Kunde des Glücks mir vorbehalten, 230 bis es zum Gifte wurbe? Teufel, der Sie find! Sie haben his auf dieſe Stunde gewartet, um Ihren Blick an dem Schmerze zu weiden, vor welchem ein Wort von Ihnen noch vor einem Monat— vor einem kurzen Monat mich und ſie bewahrt haben würde.“ Als Maltravers dies ſagte, trat er auf Vargrave mit funkelnden Augen, in heftiger Leidenſchaft zu; ſeine Fauſt war geballt, ſeine Geſtalt erhoben, die Adern auf ſeiner Stirn wie Sehnen geſchwollen; er bot einen farchtbaren Anblick, denn ſein Körper war ein ſolcher, welcher wegen des vollkommenen Ebenmaßes aller Theile, mit ungewöhnlicher Gewalt und Kraft begabt war; jetzt ſchien der herrſchende Geiſt erſtarrt und ſchlafend, und alle Wildheit, Macht und Grimm des thieriſchen Men⸗ ſchen ſichtbar erregt. Lumley, ſo muthig er auch war, fuhr zurück. „Ich wußte nichts von dem Geheimniß,“ ſagte er wie um Gnabde bittend,„bis wenige Tage vor meiner Abreiſe; ich kam hierher, um es Ihnen zu enthüllen. Wollen Sie mir zuhören? Ich wußte, daß mein Oheim eine Perſon, die tief unter ihm im Range ſtand, ge⸗ heirathet hatte. Er war jedoch zurückhaltend und vor⸗ ſichtig, und ich wußte nichts weiter, als daß jene Dame von einem erſten Mann eine Tochter— Eveline— gehabt habe. Eine Kette von Zufällen machte mich mit dem übrigen plötzlich bekannt.“ Hierauf erzählte Vargrave mit ziemlicher Treue, was er von dem Brauer in Eres und von Herrn Onslow gehört hatte; als er aber an die ſchweigende Beſtätigung ſeines Verdachtes hinſichtlich der Fran Leslie kam, übertrieh und verdrehte er ſehr ley,„” Ihre 2 Ihre Li ich hier jetzt zu Lippen fen, w Hoffnu brochen „T Lady 2 erfuhr, hat, d können find! Sie hren Blick ein Wort nem kurzen Vargrave t zu; ſeine die Adern bot einen in ſolcher, ller Theile, war; jetzt ffend, und chen Men⸗ auch war, “ ſagte er vor meiner enthüllen. ein Oheim ſtand, ge⸗ d und vor⸗ jene Dame Fveline— achte mich if erzählte em Brauer te; als er Verdachtes verdrehte 231 er ſehr den Bericht.„Somit urtheilen Sie,“ ſchloß Lum⸗ ley,„über den Schauder, womit ich vernahm, daß Sie Ihre Zuneigung der Eveline erklärt hatten, und daß Ihre Liebe erwidert wurde! So krank ich auch war, bin ich hierher geeilt. Sie wiſſen das Üübrige. Sind Sie jetzt zufrieden?“ „Ich will zur Alice eilen; ich will von ihren eigenen Lippen erfahren— aber wie kann ich ſie wieder antref⸗ fen, wie kann ich ihr ſagen: Ich habe Dir Deine letzte Hoffnung genommen, ich habe Deines Kindes Herz ge⸗ brochen.“ „Vergeben Sie mir; ich muß Ihnen geſtehen, daß Lady Vargrave nach Allem, was ich von Frau Leslie erfuhr, nur ein Gebet, nur eine Hoffnung im Leben hat, daß ſie nie mehr ihren Verführer ſehen möge. Sie können wirklich aus ihrem Brieſe erkennen, wie ſehr ſie hei dem Gedanken, von Ihnen entdeckt zu werden, er⸗ ſchrickt. Sie hat zuletzt den Frieden der Seele und die Ruhe des Gewiſſens wieder erlangt. Sie ſchaudert voll Furcht vor der Ausſicht, jemals einen Mann wieder zu ſehen, der ihr einß ſo theuer, jetzt in ihrer Seele mit Erinnerungen von Schuld und Kummer verknüpft iſt. Noch mehr, ſie hegt lebhafte Beſorgniß vor der Schmach und dem Schrecken der Entdeckung. Würde ihre Tochter jemals ihre Sünde erfahren, ſo wäre dies für ſie ein Todesſchlag. Ferner würde bei ihrem nervöſen Geſund⸗ heitszuſtande ihr ſchnelles und nicht zu beherrſchendes Gefühl, im Fall Sie mit ihr zuſammenkämen, nichts mehr verbergen, nichts verheimlichen. Der Schleier würde zerriſſen. Die Diener ihres eigenen Hauſes wür⸗ 23²2 den die Geſchichte erzählen; Neugier wuͤrde den Bericht ihrer Jugendirrthümer in Umlauf ſetzen und Klatſcherei ſie entſtellen. Nein, Maltravers, wenigſtens warten Sie, bevor Sie dieſelbe ſehen; warten Sie, bis ihre Seele für die Unterredung vorbereitet ſein wird, bis man Vorſichtsmaßregeln getroffen hat und bis Sie ſelbſt in einem ruhigeren Seelenzuſtande ſich befinden.“ Maltravers heftete ſeine durchdringenden Augen auf Lumley, während dieſer ſo ſprach und horchte mit tiefer Aufmerkſamkeit; er begann nach einer langen Pauſe:„Es iſt nichts daran gelegen, ob dieſes Ihre wirklichen Gruͤnde find, weßhalb Sie eine Zuſammen⸗ kunft zwiſchen Aliee und mir aufzuſchieben oder zu ver⸗ hindern ſuchen; das Unheil, welches über mich kam, bricht mit zu heller und verſengender Flamme auf mich ein, als daß ich eine Möglichkeit, ihm zu entgehen oder es zu mildern ſuchen ſollte; ſogar wenn Eveline die Tochter der Alice von einem Andern wäre, hliebe ſie dennoch immer von mir getrennt. Die Mutter und das Kind! Eine Art Blutſchande liegt ſchon in dem Gedanken. Allein eine ſolche Milderung meiner Angſt iſt meiner Vernunft unterſagt. Nein, arme Aliee, ich will nicht die Ruhe ſtören, die Du zuletzt erlangt haſt! Du ſollſt nie den Gram empfinden, daß Du erfährſt, unſer Fehl habe über Deinen Geliebten ein ſo dunkles Geſchick ge⸗ bracht. Alles iſt mit mir vorbei. Die Welt ſoll mich niemals wieder finden. Mir bleibt allein die Wüſte und das Grab!“ „Sprechen Sie nicht ſo, Ernſt,“ ſagte Lord Vargrave beſänftigend;„nach einiger Zeit werden Geſtalt über ſei gebroche Verzwei ſich ſo i über Lei gleich ſar den Na thigt, g Er, we derer h Geſchle theilwei Phariſe die Ha⸗ achtete, Natur menſch. welches en Bericht blatſcherei s warten bis ihre vird, bis Sie ſelbſt 1. 4 n Augen :chte mit r langen eſes Ihre ſammen⸗ r zu ver⸗ lich kam, auf mich n oder es Tochter dennoch s Kind! edanken. meiner vill nicht Du ſollſt iſer Fehl ſchick ge⸗ oll mich üſte und te Lord werden V 233 Sie ſich von dieſem Schlage erholen. Ihre Beherr⸗ ſchung der Leidenſchaft erfüllte mich ſogar in Ihrer Ju⸗ gend mit Bewunderung und Überraſchung; jetzt wird Ihr Sieg, in ruhigeren Jahren, bei ſolchem Reiz zur Selbſtbeherrſchung ſchneller eintreten wie Sie glauben. Eoeline iſt zu jung und hat Sie erſt kurze Zeit gekannt! vielleicht beruht ihre Liebe nur auf einer geheimuißvollen unſchuldigen Wirkſamkeit der Natur, und ſie wird ſich freuen, Sie Vater nennen zu können.“ Maltravers hörte nicht auf dieſen eitlen und hohlen Troſt. Sein Haupt ſank auf den Buſen; ſeine ganze Geſtalt war entnervt; große Thränen rollten ungehemmt über ſeine Wangen; er ſchien das Bild des Mannes von gebrochenem Herzen, den das Schickſal niemals von Verzweiflung erhehen konnte. Er, welcher Jahre lang ſich ſo in Stolz gehüllt hatte, auf deſſen Stirn der Sieg über Leidenſchaft und Unglück geſchrieben war, deſſen Fuß gleichſam die Erde mit dem Königthum einer herrſchen⸗ den Natur betrat— war jetzt im Geiſte mehr gedemü⸗ thigt, gefallen und erniedrigt, wie der kriechende Sklav! Er, welcher mit ſtolzen Blicken auf die Schwächen An⸗ derer herabgeſehen und es verſchmäht hatte, ſeinem Geſchlechte wegen der menſchlichen Thorheiten und theilweiſen Schwächen zu dienen; Er— ſogar Er, der Phariſäer des Genius, war nur durch Zufall und durch die Hand eines Mannes, den er beargwohnte und ver⸗ achtete, einem Verbrechen entgangen, vor welchem die Natur ſelbſt zurückſchaudert, welches alle Geſetze, menſchliche wie göttliche als unſühnbar brandmarken, welches die finſterſte Einbildung des Heiden als die dun⸗ 23⁴ kelſte Kataftrophe erfunden hatte, wie ſie die Weisheit und den Stolz der Sterblichen treffen kann! Nur noch ein Schritt und der fabelhafte Odipus hätte keinen größeren Fluch erduldet. Solche Gedanken, ungeordnet und verwirrt, aber ſtark genug, ihn in den Staub zu heugen, drangen durch die Seele des Unglücklichen. Er war mit dem Gram vertraut und ſogar kalt gegen den Genuß geweſen; traurige und düſtere Erinnerung hatte ſeine Mannheit verzehrt; aber der Stolz war ihm noch geblieben. Und er hatte es gewagt in ſeinem Herzen ſich zu ſagen, ich kann dem Schickſal trotzen! Jetzt war der Schlag ge⸗ fallen, der Stolz war zertrümmert; Selbſterniedrigung war ſeine Begleiterin; die Scham ruhte auf ſeiner gebeugten Seele; die Zukunft hatte ihm keine Hoffnung gelaſſen; Nichts war ihm geblieben, wie der Tod. Lord Vargrave blickte auf ihn mit aufrichtigem Kummer, denn ſein Charakter, obgleich liſtig und be⸗ trügeriſch, war nur in ſo weit grauſam, wie dies wegen der unabläſſigen Verfolgung ſeiner Entwürfe erheiſcht wurde. Kein Erbarmen konnte ihn von einem Plane ab⸗ bringen; jedoch beſaß er auch genug vom Menſchen, um ſogar für ſein eigenes Opfer Mitleid zu hegen. Zuletzt erhob Maltravers ſein Haupt und ſtreckte ruhi⸗ ger ſeine Hand gegen Vargrave aus. „Alles iſt jetzt erklärt,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme,„unſere Unterredung iſt vorüber. Ich muß allein ſein; ich muß meine Vernunft ſammeln, um ruhig und entſchloſſen mit mir ſelbſt zu verkehren; ich muß ihr ſchreiben, erfinden und lügen; ich, der ich glaubte, niemals einmal ihr mild Liebe we rohe W drücken! Schmäh Bewegg habe au dern N deſto ſe Kumme bürdet. Sünde welches Lor die We ihm au wies a wieder unten Vo peinlich ſamme nahm, ſchloſſ Einſat und be⸗ ies wegen erheiſcht Plane ab⸗ Nenſchen, zu hegen. kte ruhi⸗ ſchwacher Ich muß um ruhig ich muß glaubte, 23⁵ niemals eine Unwahrheit ausſprechen zu können, nicht einmal gegen einen Feind! Ich muß jetzt den Schlag ihr mildern; ich darf kein Wort der Liebe äußern, denn Liebe wäre Blutſchande! Ich muß mich bemühen, auf nohe Weiſe die von mir erſchaffene Neigung zu er⸗ drücken! Sie muß von Ihnen lernen, mich zu haſſen. Schmäͤhen Sie meinen Namen, verleumden Sie meine Beweggründe, bringen Sie ihr den Glauben bei, ich habe aus Leichtfinn, Treulofigkeit oder irgend einer an⸗ dern Niederträchtigkeit, gehandelt. So wird ſie mich deſto ſchneller vergeſſen, ſo wird ſie um ſo leichter den Kummer ertragen, den der Vater ſeinem Kinde auf⸗ bürdet. Sie hat nicht geſündigt! Gütiger Himmel, die Sünde war mein! Mag meine Strafe ein Opfer ſein, welches Du für ſie annimmſt!⸗ Lord Vargrave ſuchte vergeblich zu tröſten; allein die Worte erſtarben auf ſeinen Lippen; ſeine Liſt ging ihm aus. Maltravers wandte ſich ungeduldig fort und wies auf die Thüͤr mit den Worten:„Ich werde Sie wiederſehen, bevor ich von Paris abreiſe; laſſen Sie unten Ihre Adreſſe.“ Vargrave war vielleicht nicht mißvergnügt, eine ſo peinliche Seene zu beendigen; er murmelte einige unzu⸗ ſammenhängende Worte und ging plötzlich fort. Er ver⸗ nahm, als er fortging, wie die Thür hinter ihm zuge⸗ ſchloſſen wurde. Ernſt Maltravers war allein; welche Einſamkeit! 236 Viertes Kapitel. Sprich mir kein Mitleid aus und leihe nur Ein ernſt Gehör der Kunde, die ich gebe. Shakſpeare. Brief von Ernſt Maltravers an Eveline Cameron. „Eyeline! „Alles, was Sie von Treuloſigket und Wortbrüchig⸗ keit geleſen haben, wird Ihnen unbedeutend ſcheinen, verglichen mit dem Betragen, welches von mir zu er⸗ fahren Ihr Geſchick iſt. Wir müſſen uns trennen und auf immer. Wir ſahen einander zum letztenmal; es iſt nutzlos, nach der Urſache zu fragen; glauhen Sie, daß ich leichtſtnnig, falſch und herzlos bin, daß eine Laune mich veraͤndert hat, wenn Sie wollen. Mein Entſchluß iſt unveränderlich. Wir ſehen uns niemals wieder, ſelbſt nicht als Freunde. Ich bitte Sie nicht, mich zu vergeſ⸗ ſen, oder meiner nicht zu gedenken; betrachten Sie mich als einen Mann, der ſogar Ihres Zornes unwürdig iſt. Glauben Sie nicht, daß ich dieſes im Wahnſinn, oder Fieher, oder in Aufregung ſchreibe. Beurtheilen Sie mich nicht nach meiner ſcheinbaren Krankheit von heute Morgen. Ich erfinde keine Entſchuldigung, keine Mil⸗ derung meiner gebrochenen Treue und meiner verletzten Gelübde. Ruhig, kalt und mit überlegung ſchreibe ich dieſes; indem ich dieſes ſchreibe, verzichte ich auf Ihre Liebe. Dieſe Sprache iſt leichtfertige Grauſamkeit— eine teufliſche Beleidigung, nicht wahr, Eseline? Bin ich nicht ein Schurke; find Sie dem Himmel nicht dankbar, daß Sie gangenhe welchem „Ich mich zu e und auf i daß ein Seele, d ſpruch z0 ihrem Ge bringen? hinſichtli Sie, ſoh Wiſſens Erde ſich wenden, finden,! noch ſehr lebhaft, ſpaͤter w Ein ande dies wür Sie ein haben, bis dahi⸗ Hand a des Kai Lord Vo ern; mi Ihres leihe nur ich gebe. Entſchluß er, ſelbſt vergeſ⸗ Sie mich ürdig iſt. in, oder Sie mich n heute ne Mil⸗ erletzten eibe ich uf Ihre keit— 2 Bin ankbar,“ 237 daß Sie mir entgingen? blicken Sie nicht auf die Ver⸗ gangenheit mit einem Schauder über hen Abgrund, an welchem Sie ſtanden? „Ich bin mit dieſem Gegenſtand fertig und wende mich zu einem andern. Wir ſind geſchieden, Eoeline, und auf immer. Glauben Sie nicht, ich wiederhole dies, daß ein Irrthum, eine ſonderbare Bethoͤrung meiner Seele, daß eine Moͤglichkeit vorhanden iſt, den Urtheils⸗ ſpruch zu vernichten. Leichter wäre es, die Todten aus ihrem Grabe zu rufen, als uns ſo wieder zuſammenzu⸗ bringen wie wir waren und zu ſein hofften. Jetzt, da Sie hinſichtlich dieſer Wahrheit überzeugt ſind, ſo erfahren Sie, ſobald Sie ſich von der erſten Erſchütterung des Wiſſens erholt haben, wie viel Ruchlofigkeit auf der Erde ſich vorfindet— lernen Sie ſich zur Zukunft zu wenden, um glücklichere und paſſendere Bande aufzu⸗ finden, wie Sie mit mir hätten bilden können. Sie ſind noch ſehr jung; in der Ingend find unſere erſten Eindrücke lebhaft, aber ſie verſchwinden leicht; Sie werden ſich ſpäͤter wundern, daß Sie ſich einbildeten, mich zu lieben. Ein anderes und ſchöneres Bild wird das meinige erſetzen; dies wünſche und erflehe ich. Sobald ich erfahre, daß Sie einen Andern lieben, einen Andern geheirathet haben, ſo werde ich wieder in der Welt erſcheinen— bis dahin bin ich ein Wanderer und Verbannter. Ihre Hand allein vermag von meiner Stirn das Brandmal des Kain zu vertilgen! Wenn ich abgereist bin, wird Lord Vargrave wahrſcheinlich ſeine Bewerbung erneu⸗ ern; mir wäre es lieber, Sie heiratheten einen Mann Ihres eigenen Alters, einen Mann, den Sie zärtlich 238 lieben könnten, welcher die Erinnerung des Elenden, der Sie jetzt verläßt, verſcheuchen würde. Vielleicht habe ich mich aber in Lord Vargrave's Charakter geirrt; viel⸗ leicht iſ er Ihrer würdiger wie ich glaubte(wie darf ich als der Tadler Anderer auftreten?); vielleicht gewinnt und verdient er Ihre Neigung. Gveline, leben Sie wohl! Gott, welcher den Wind dem geſchorenen Lamm zumißt, wird über Sie wachen. Ernſt Maltravers.“ Fünftes Kapitel. Es ſind uns Engel unſre Thaten all, Die guten wie die böſen, die als Schatten Uns ſtets begleiten. John Fletcher. Am naͤchſten Morgen ſtand der Wagen an Maltra⸗ vers Thür, um ihn fortzutragen; es galt ihm einerlei, wohin. Wohin konnte er der Erinnerung entfliehen? Er hatte gerade den Brief an Eoeline abgeſandt, einen Brief, der abſichtlich verfaßt war, um die von ihm ſo zärtlich noch vor Kurzem betrachtete Neigung, den letz⸗ ten Reiz ſeines Lebens, zu zerſtören. Er wartete nur noch auf Vargrave, welchen er hatte rufen laſſen und welcher bei der Aufforderung ſchnell herbeieilte. Als Lumley ankam, erſchrak er über die Verände⸗ rung, welche eine einzige Nacht im Äußern von Mal⸗ travers hervorgerufen hatte; er ward jedoch überraſcht und erleichtert, als er ihn ruhig und ſich ſelbſt beherr⸗ ſchend antraf. „Vat auch unſe Ihnen zu bare Geh Band. H Aliee noc Ernſt Ma erſter Liel Beſorgnit lebt— er die Art d Ihrem S Hier gab von ihm nachdenkl „Ma erſt die 2 jedoch ve dungskra fährt Ev ihr, unt Liebe ſte Mal dies nich gegen all ich habe Beſten it den Pla Wahrhei rauben. all, s Schatten letcher. Maltra⸗ einerlei, nifliehen? adt, einen on ihm ſo „den letz⸗ rtete nur aſſen und te. Verände⸗ von Mal⸗ überraſcht ſt beherr⸗ 239 „Vargrave,“ ſagte Maltravers,„von welcher Art auch unſere frühere Kälte ſein mag, von jetzt an bin ich Ihnen zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet; dies furcht⸗ bare Geheimniß bildet zwiſchen uns ein unauflösliches Band. Habe ich Sie richtig verſtanden, ſo weiß weder Alice noch ein anderes lebendes Weſen wie Sie, daß ich, Ernſt Maltravers, der ſchuldige Gegenſtand von Alicens erſter Liebe bin; benehmen Sie der Seele der Alice die Beſorgniß, daß der Mann, welcher ſie verführte, noch lebt— er wird nicht mehr lange leben! Die Zeit und die Art der Darlegung überlaſſe ich Ihrem Urtheil und Ihrem Scharfſinn. Kommen wir jetzt auf Eveline.“ Hier gab Maltravers im Allgemeinen den Inhalt des von ihm geſchriebenen Briefes an. Vargrave horchte nachdenklich. „Maltravers,“ ſagte er,„es iſt recht, daß Sie zu⸗ erſt die Wirkung Ihres Briefes verſuchen. Wird dieſe jedoch verfehlt und dient jener allein dazu, die Einbil⸗ dungskraft zu entflammen und das Intereſſe zu erregen— fährt Eveline fort, Sie zu lieben, nagt dieſe Liebe an ihr, untergräbt ſie Geſundheit und Geiſt, würde jene Liebe ſie vernichten....* Maltravers ſeufzte, Lumley fuhr fort:„Ich ſage dies nicht, um Sie zu verwunden, ſondern allein, um gegen alle Umſtände Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Auch ich habe die Nacht mit überlegung zugebracht, was am Beſten in ſolchem Fall zu thun iſt, und ich habe folgen⸗ den Plan gebildet. Laſſen Sie uns im Nothfall die Wahrheit ſagen, indem wir derſelben allein die Schande rauben. Ja, ja, hören Sie zu! Warum ſollen wir 240 nicht ſagen, daß Sie unter jenem erborgten Namen und in der Romaniik der erſten Jugend Aliet kannten un liebten(obgleich in aller Unſchuld und Ehre)— Ihr zartes Alter, die Verſchiedenheit des Ranges verdot Ihre Verbindung; der Aliee Vater entdeckte Ihren heimlichen Briefwechſel, entfernte ſie plötzlich aus der Gegend und vertilgte jede Spur für Ihre Nachforſchung. Sie Beite verloren die Spur von einander. Ein Jeder glaubte, der Andere ſei todt. Alice ward von ihrem Vater gezwungen, Herrn Cameron zu heirathen. Nach dem Tode deſſelben zwang ſie Armuth und Liebe zu ihrem einzigen Kinde, die Bewerbung meines Oheims anzu⸗ nehmen. Jetzt wiſſen Sie Alles; Sie haben erfahren, daß Eoeline die Tochter Ihrer erſten Liebe iſt— die Tochter einer Dame, welche Sie noch ſtets anbetet und deren Leben die Erinnerung an Sie ſo manche Jahre verbittert hat. Eveline ſelbſt wied alle Bedenklichkeiten einer zartfühlenden Seele begreifen; Eveline ſelbſt wird vor dem Gedanken zurückſchandern, die Tochter könne als Rivalin der Mutter auftreten. Sie wird begreifen, weßhalb Sie geflohen ſind; ſie wird mit Ihren Kämpfen Mitgefühl hegen; ſie wird ſich an die ausdauernde Schwermuth der Alice erinnern; fie wird hoffen, daß die alte Liebe erneut, und aller Gram vertilgt werde. Großmuth und Pflicht werden ſie gleicherweiſe drängen, ihre Neigung zu überwinden. Später, wann die Zeit Sie Beide getröſtet hat, kann Vater und Kind ſich mit ſolchen Gefühlen wiederſehen, wie Sie Beibe unbe⸗ denklich geſtehen dürfen. Maltravers ſchwieg einige Minuten; zuletzt ſagte 1 ich kann kein pafſ mögen 9 „No Erzählu erhalte; klaͤren,! zu entde will kein nicht für Ma Worte Ich wil Billet g Zuflucht ich zu hi mandem Es Augen, ſchloſſen etwas v gann wi trifft, ſe ein öffe werden. Bul Namen und zunten und re)— Ihr ges verbot ickte Ihren ich aus der hforſchung. Ein Jeder von ihrem hen. Nach be zu ihrem eims anzu⸗ n erfahren, iſt— die unbetet und unche Jahre enklichkeiten ſelbſt wird chter könne d begreifen, en Kämpfen ausdauernde hoffen, daß tilgt werde. iſe drängen, un die Zeit „Kind ſich Beide unbe⸗ zuletzt ſagte 1 241 er plötzlich:„Vargrave, Sie lieben Eveline wirklich? Sie lieben noch ſtets? Ihre theuerſte Sorgfalt muß ihr Wohl ſein.“ „So iſt es!“ „Alsdann muß ich Ihrem Urtheil mich anheimgeben; ich kann keinen andern Vertrauten haben; ich ſelbſt bin kein paſſender Richter; meine Seele iſt verdunkelt; Sie mögen Recht haben, ich glaube dies.“ „Noch ein Wort! Sie verweigert vielleicht meiner Erzählung den Glauben, wenn ich keine Unterſtützung erhalte; ſchreiben Sie für mich ein Billet, worin Sie er⸗ klären, daß mir das Necht ertheilt iſt, jenes Geheimniß zu enthecken, und daß dies allein mir bekannt iſt. Ich will keinen andern Gebrauch davon machen, wenn ich es nicht für durchaus nothwendig halte. Maltravers ſchrieb haſtig und mechaniſch einige Worte von dem, was Lumley ihm eingegeben hatte. Ich will Sie,“ ſagte er zu Vargrave, als er ihm das Billet gab,„über den Ort in Kenntniß ſetzen, wo ich Zuflucht ſuchen werde; Sie können mir mittheilen, was ich zu hören fürchte und wünſche; ſagen Sie aber Nie⸗ mandem den Zufluchtsort der Verzweiflung!“ Es glänzte wirklich eine Thräne in Vargrave's kalten Augen, die erſte nach vielen Jahren. Er hielt unent⸗ ſchloſſen an, alsdann trat er vor, hielt wieder, murmelte etwas vor ſich hin und wandte ſich hinweg. Lumley be⸗ gann wieder nach einer Pauſe:„Was nun die Welt be⸗ trifft, ſo muß, da Ihr Verlöbniß öffentlich wurde, auch ein öffentlicher Bericht für die Abbrechung erfunden werden. Man hat Sie ſteis als ſtolzen Mann heirachtet Bulwer, Alige. II. 242 wir wollen ſagen, der Grund, weßhalb das Verlöbniß abgebrochen wurde, ſei die niedrige Geburt des Vaters und der Mutter geweſen(hinſichtlich der Letzteren ſei dieſelbe erſt kürzlich entdeckt worden).“* Vargrave ſprach zu einem Tauben; was kümmerte ſich Maltravers um die Welt? Er eilte aus dem Zim⸗ mer, warf ſich in den Wagen und ließ Vargrave zurück, um zu hoffen und zu ſtreben! nach de ſtaunen ſeinerL ihre ge ein Un ſie es t habe. bald jer hatte, Verlöbniß es Vaters zteren ſei kümmerte dem Zim⸗ dve zurück, — Zehntes Buch. Ein entſetzlicher Traum. Homer. Erſtes Kapitel. Wie ſich die Natter dir nahet... Die ſich von ſchädlichem Kraute genährt. Virgil. Gilt ihm das Mädchen ja doch nur gering. Ovid. Es wäre eine überflüſſige und vielleicht widrige Auf⸗ gabe die Art und Weiſe weitläufig darzulegen, wie Var⸗ grave ſeine Schlingen um das unglückliche Mädchen legte, welches vom Geſchick zu ſeiner Beute beſtimmt war. Er hatte ganz richtig vorausgeſehen, daß Eveline nach dem erſten, durch Maltravers Brief erregten Er⸗ ſtaunen, ihre Entrüſtung durch das ſichere Bewußtſein ſeiner Liebe, ihren Unglauben an ſeine Selbſtanklage und ihre geheime Überzeugung erdrücken würde, daß irgend ein Unfall, ein Mißgeſchick, wovon er nicht wollte, daß ſie es theile, ſein Lebewohl und ſeine Flucht veranlaßt habe. Vargrave hinterbrachte deßhalb der Eveline ſehr bald jene Erzählung, die er Maltravers ſchon angegeben hatte, Er erinnerte ſie an den bleibenden Kummer, wel⸗ cher bei Lady Vargrave ſo offenbar ſich zeigte, an beren Gleichgültigkeit hinſichtlich der Vergnügungen der Welt, und an den empfindlichen Widerwillen, womit ſie vor jeder Erwähnung ihres früheren Schickſals zurückwich. Das Geheimniß,⸗“ ſagte er,„liegt in einer jugendlichen und heißen Liebe; Ihre Mutter liebte einen Fremdling, der ihr an Rang überlegen und den Kopf voll von deutſcher Ro⸗ mantik, damals auf abenteuerlichen Fußreiſen unter dem angenommenen Namen Butler umherſtreifte. Sie warb von ihm ebenſo heiß geliebt. Ihr Vater, welcher den Rang ihres Geliebten vielleicht beargwohnte, beſorgte, ihre Ehre könne bloßgeſtellt werden. Jener Vater war ein ſonderbarer Mann; ich kenne nicht ſeinen wirklichen Charakter und ſeine Beweggründe; ich weiß nur, daß er plötzlich ſeine Tochter der Bewerbung und Nach⸗ ſuchung ihres Geliebten entzog; ſie ſahen einander nicht wieder; jener Liebhaber beklagte ſie als tobt. Im Ver⸗ lauf der Zeit ward Ihre Mutter von ihrem Vater ge⸗ zwungen, Herrn Cameron zu heirathen und ward Wittwe mit einem einzigen Kinde— mit Ihnen; ſie war arm, ſehr arm! Ihre Liebe und Angſtlichkeit wegen Ihrer be⸗ wog ſie zuletzt den Bewerbungen meines verſtorbenen Oheims nachzugeben; um Ihretwillen verheirathete ſie ſich wieder und wiederum trennte der Tod das Band! Aber dennoch erinnerte ſie ſich unaufhörlich und treu ihrer erſten Liebe, deren Andenken all ihr Leben ver⸗ duukelte und verbitterte; ſie lebte ſtets in der Hoffaung, den Verlorenen wiederzuſehen. Zuletzt ward die Entde⸗ ckung vor Kurzem mir beſchieden, der Gegenſtand dieſer unbefiegbaren Liehe ſei am Lehen, ſei frei in ſeiner Hand, wenn ber I. haßte Maltr und d Perſon zu ben gelaſſen wieder fühlvo! vor den und bit ter zu e Mutter beſtegen ſeiner an deren ber Welt, t ſie vor trückwich. llichen und bling, der ſcher Ro⸗ lunter dem Sie ward lcher den beſorgte, Vater war wirklichen nur, daß nd Nach⸗ under nicht Im Ver⸗ Vater ge⸗ rd Wittwe war arm, n Ihrer be⸗ erſtorbenen rathete fle as Band! Hund treu Leben ver⸗ Hoffaung, die Entde⸗ ſtand dieſer iner Hand, 245 wenn auch nicht im Herzen;— Sie ſchauen den Liehha⸗ ber Ihrer Mutter in Ernſt Maltravers; mir fiel die ver⸗ haßte und nur mit Widerſtreben eingegangene Pflicht, Maltravers zu benachrichtigen, anheim, Lady Vargrave und die Allce ſeiner Iugendliebe ſeien ein und dieſelbe Perſon, ihm ihre leidende, geduldige und nie beſtegte Liebe zu beweiſen, ihn zu überzeugen, die einzige im Leben ihr gelaſſene Hoffuung beſtehe darin, daß fie ihn noch einmal wiederſehe. Sie kennen Maltravers, ſeinen hohen, ge⸗ fühlvollen edlen Charakter zer ſchauberte voll Schrecken vor dem Gedanken, in ſeiner Liebe zur Tochter die letzte und bitterſte Bekümmerniß der von ihm ſo geliebten Mut⸗ ter zu erweiſen; da er auch wußte, wie vollkommen dieſe Mutter mit Ihrem Herzen verwachſen war, ſo ſchauderte er bei dem Kammer und dem Selbflvorwurf, welchen Sie empfinden würden, wenn Sie jemals entdeckten, daß Sie als ihre Nebenbuhlerin aufgetreten ſeien und wie Ihre verhängnißvolle Schönheit alle zärtlichen Hoffnun⸗ geu und Träume zerſtört habe. Gefoltert, verzweifelnd und halb außer ſich, floh er vor dieſer Leidenſchaft übler Vorbedeutung und ſucht dieſelbe jetzt in der Einſamkeit zu beſtegen. Von dem Schmerz und dem Gram der Aliee ſeiner Jugend gerührt, hegt er die Abſicht, ſobald er weiß, daß Sie dem Glück und der Zufriedenheit zurückge⸗ geben ſind, zu Ihrer Mutter zu eilen und ſeine zukünf⸗ tige Huldigung als Er füllung früherer Gelübbe darzubie⸗ ten. Von Ihnen, von Ihnen allein hängt es jetzt ab, Meltravers der Welt zuröckzugeben; von Ihnen allein hängt es jetzt ab, die noch übrigen Jahre der Mutter zu beglücken, welche Sie ſo zärtlich liebte.* 246 Man kann leicht begreifen, mit welchen Gefühlen des Erſtaunens, des Mitleids und des Schreckens Eveline der Erzählung zuhörte, deren Fortgang ihre Ausrufungen und ihr Schluchzen öfters unterbrachen. Sie wollte ſogleich an ihre Mutter und au Maltravers ſchreiben. O wie freudig gab ſie ſeine Bewerbung auf! Welch Entzücken verſprach ſie ſich von dem Umſtande, daß Maltravers ſie verlaſſen habe, um die von ihr ſo geliebte Mutter zu be⸗ glücken.“ „Nein,“ ſagte Vargrave,„Ihre Mutter darf nicht wiſſen, daß der geheimnißvolle Gegenſtand ihrer Jugend⸗ liebe derſelbe Maltravers iſt, deſſen Hand ihrer eigenen Tochter vor Kurzem angeboten wurde, bis ſeine Lippen ſelbſt ihr die Nachricht geben, und dieſelbe durch Betheue⸗ rungen ſeiner wiederkehrenden Liebe mildern. Würde nicht die Nachricht allen Stolz verletzen und alle Hoffaung vernichten? Wie könnte ſie zu dem Opfer einwilligen, welches Maltravers zu bringen beabſichtigt? Nicht eher, als bis Sie, um die Worte des Maltravers anzuführen, eine glückliche und geliebte Gattin ſind, darf Ihre Mutter die zu ihr wiederkehrenbe Huldigung des Mal⸗ travers erfahren; erſt dann darf ſie wiſſen, wem dieſe Huldigung kürzlich dargeboten wurde— nur erſt dann kann ſich Maltravers für gerechtfertigt halten, die von ihm beabſichtigte Vergütigung ihr anzutragen. Er iſt Willens ſich zu opfern, zittert aber bei dem Gedanken, Siezu opfern; ſagen Sie nichts Ihrer Mutter, bis Sie von deren eige⸗ nen Lippen erfahren, daß ſie Alles weiß.“ Konute Eveline Bedenken tragen und zweifeln? Wel⸗ ches Opfer war zu groß, um die Furcht zu vermindern und da ren ſo Welt geliebt⸗ ziehen, dem E Ac ſie ihn halb he ausgeſe und ſel wachſa⸗ In zückung und er Spielze Begeiſt einem! Eveline war fie andern eines b horchte thäͤter, Pflicht furchtbe und ſch unter e ihr von hatte ſie ffühlen des Eveline der fungen und ie ſogleich n. O wie Entzücken ltravers ſie itter zu be⸗ r darf nicht eer Jugend⸗ brer eigenen eine Lippen ch Betheue⸗ n. Würde le Hoffaung einwilligen, Nicht eher, anzuführen, darf Ihre g des Mal⸗ „wem dieſe ur erſt dann „die von ihm r iſt Willens bie zu opfern; deren eige⸗ ifeln? Wel⸗ vermindern 247 und das Gebet des Mannes zu erfüllen, deſſen Verfah⸗ ren ſo großmüthig ſchien? ihn dem Frieden und der Welt zurückzugeben? vor Allem aus dem Herzen der geliebten und ſanften Mutter jenen brennenden Pfeil zu ziehen, Glück über ihr Schickſal zu ergießen, ſie mit dem Geliebten und Verlorenen wieder zu vereinigen? Ach, weßhalb war Legard abweſend? Weßhalb hielt ſte ihn für eigenſinnig, leichtfertig und falſch? Weß⸗ halb hatte fie ihre ſanfteſten Gedanken yon ihrer Seele ausgeſchloſſen? Aber er, der wahre Liebende war fern und ſeine wahre Liebe unbekannt! Und Vargrave, die wachſame Schlange, war bereit. In einer verhängnißvollen Stunde, in der Ent⸗ zückung jener Begeiſterung, welche ebenſo unſere raſchen und erhabenen Thaten uns eingibt, wie ſie uns zum Spielzeug Anderer und zu Märtyrern macht— in jener Begeiſterung, die das Selbſt zertritt, welche Alles in einem hochgeſpannten Eifer für Andere verwirkt, willigte Eveline ein, die Gemahlin Vargrave's zu werden. Zuerſt war ſie des Opfers ſich nicht bewußt— ſie war keiner andern Regung ſich bewußt als eines edlen Geiſtes und eines billigenden Gewiſſens. Ja, zweien Pflichten ge⸗ horchte ſie allein, der Pflicht gegen ihren todten Wohl⸗ thäter, welche ſie beinahe aufgegeben hatte, und der Pflicht gegen ihre lebende Mutter. Später kam eine furchtbare Rückwirkung und dann zuletzt jene leidende und ſchlafähnliche Ergebung, welche nur Verzweiflung unter einem milderen Namen iſt. Ja, dies Loos war ihr vom Beginn an vorherbeſtimmt worden; vergeblich hatte ſie geſucht, ihm zu entfliehen. Das Schickſal hatte 248 ſie eingeholt und ſje mußte ſich dem Beſchluß unterwerfen. Es war ihr viel daran gelegen, daß die Kunde des neuen Bandes ſogleich Maltravers überſandt werde. Vargrave gab das Verſprechen, hütete ſich aber wohl, es auszu⸗ führen; er war zu ſcharffinnig, um nicht einzuſehen, daß Evelinens Beweggründe bei ſo plötzlichem Schritt am Tage lägen, und daß ſeine eigene Bewerbung unzart und ungroßmüthig erſcheine. Er wünſchte, Maltravers möge nicht eher etwas erfahren, als bis die Verheirathung ge⸗ ſchloſſen und die unauflösbare Kette geſchmiedet wäre. Beſorgt, Eveline nur auf einen Tag zu verlaſſen, be⸗ ſorgt, daß ſie in England eine Unterredung mit ihrer Mutter haben möchte, blieb er in Paris und betrieb eilig alle nothwendigen Vorbereitungen. Er ließ Douce rufen, der in Perſon mit den nothwendigen Urkunden kam, um das Ankaufsgeld fuͤr Lisle⸗Court flüſſig zu machen, welche Summe jetzt ſogleich vollſtändig herbei⸗ geſchafft werden ſollte. Das Geld ſollte in Herrn Dou⸗ ce's Bank deponirt werden, bis die Advokaten mit ihrem Verfahren fertig wären. Da nun Eveline in wenig Wochen das beſtimmte Alter erlangt haben würde, be⸗ trachtete ſich Vargrave als der Herr der verlobten Braut und der Familiengüter des niedergeworfenen Maltravers. Er verſchwieg Eveline den Namen des gegenwäͤrtigen Beſitzers jenes Gutes, deſſen Eigenthümerin ſie werden würde; er ſah alle ihre Einwürfe voraus, und wirklich war ſie auch unfähig, über ſolche Dinge zu denken und zu reden. Um eine Gunſt hatte ſie gebeten, und dieſe war ihr gewährt worden; man ſolle ſie bis zum ver⸗ hängnißvollen Tage ihrer Einſamkeit überlaſſen. In ihr grave ol niß eine zu ergri ſtürzte gnügun ſie beii ſagen k terwerfen. des neuen Vargrave es auszu⸗ ehen, daß ſchritt am mzart und vers möge tthung ge⸗ edet wäre. aſſen, be⸗ mit ihrer ud betrieb ieß Douce Urkunden fluͤſſig zu dig herbei⸗ errn Dou⸗ mit ihrem in wenig bürde, be⸗ bten Braut raltravers. enwärtigen ſie werden nd wirklich denken und und dieſe 3 zum ver⸗ ſen. In ihr 249 einſames Zimmer verſchloſſen, verurtheilt, Niemandem ihre Gedanken zu vertrauen, nicht einmal bei ihrer Mutter Mitgefühl zu ſuchen, bemühte ſich das arme Mädchen vergeblich, ihre erſte Begeiſterung zu erhalten und ſich mit einem Schritt wieder auszuſöhnen, den ſie heldenmüthig genug war, nicht zurückzuthun und zu be⸗ reuen, ſogar wenn ſie vor deſſen Betrachtung zurück⸗ ſchauderte. Lady Doltimore, erſchreckt uͤber die Vorfälle, üͤber die Flucht des Maltravers und den Erfolg Lumley's, unfähig die Urſache zu erkennen und Erklärung von Var⸗ grave oder Eveline herauszubringen, warb durch Beſorg⸗ niß eines ſchurkiſchen Betruges gequält, welchen ſie nicht zu ergründen vermochte. Um ihrer Unruhe zu entgehen, ſtürzte ſie ſich um ſo eifriger in den Strudel der Ver⸗ gnügungen. Vargrave, argwöhniſch und beſorgt, daß ſie bei ihrer nervöſen und aufgeregten Stimmung etwas ſagen könne, wenn ſie von ſeinen wachſamen Blicken entfernt ſei, hielt es für nothwendig, ſtets ſie zu um⸗ ſchweben. Sein Weſen und ſein Verfahren war höchſt zurückhaltend; allein Caroline, eiferſüchtig, gereizt und verſürt, erwies bei Zeiten ein Recht zur Vertraulich⸗ keit und Zorn, welches ihr und ihm die ſchlaue Wach⸗ ſamkeit der Klatſcherei zuzog. Mitlerweile ſchien Lord Doltimore, obgleich zu kalt und ſtolz, um offen auf dasjenige zu achten, was um ihn vorging, verdrießlich und ängſtlich. Sein Benehmen gegen Vargrave war zurückhaltend; er vermied jedes téte-à-tète mit ſeiner Frau. Lumley jedoch beachtete dies wenig; noch wenige Wochen und Alles war in Ordnung und Sicherheit. 250 Vargrave machte ſein Verlöhniß mit Eveline nicht be⸗ kannt; er ſuchte es ſorgfältig zu verbergen, bis der Tag nahe wäre; allein man flüſterte es herum; Einige lachten, Andere glaubten. Eveline ſelbſt war nirgends zu ſehen. De Montaigne hatte zuerſt bei dem Bericht einer ſo ärmlichen Schwäche wie Familienſtolz, als Urſache zum Abbrechen jenes Verlöhniſſes, welches ſo ſehr durch Liehe veranlaßt worden war, mit Unwillen zurückgewieſen. Ein Brief von Maltravers, welcher ihm und Vargrave allein das Geheimniß ſeines Aufent⸗ halts mittheilte, gab ihm ungeachtet ſeines Widerſtre⸗ bens die überzeugung, daß die Weiſen nur pomphafte Thoren find. Er ward zornig und empfand Ekel, um ſo mehr, da Valerie und Tereſa(weibliche Freundinnen ſtehen uns im Recht oder Unrecht bei) Winke über Ent⸗ ſchuldigungen gaben oder merken ließen, daß andere Ur⸗ ſachen wie die angegebenen im Hintergrunde lauerten. Allein ſeine Gedanken wurden von dieſem Gegenſtand durch ſeine ſteigende Angſt um Gäſarini abgelenkt, deſſen Aufenthalt und Schickſal ein beunruhigendes Geheimniß blieb. Zufälligerweiſe nahm Lord Doltimore, welcher ſtets einige Neigung zum Antiken beſaß und welcher deßhalb mit ſeinem behaglichen und neuangelegten Familienſitz unzufrieden war, die in Paris modiſche Gewohnheit an, Merkwürdigkeiten und Schränke, hohe Lehnſtühle und eichenes Schnitzwerk zu kaufen; mit dieſer Gewohnheit kehrte der frühere Wunſch und die Liebhaberet an Bur⸗ leigh zurück. Da er von Lumley erfuhr, Maltravers habe wahrſcheinlich ſein Geburtsland für immer ver⸗ laſſen, hielt er es für ſehr wahrſcheinlich, daß der Letz⸗ tere jetz! Vargrar ſenden. Var empfand Vorſchle Doltime daß er d halt zu that die Menſcht Leben b. Revolur Mo welches geeigne der ſche ten, n Himme Wande die eine ie nicht be⸗ n, bis der im; Einige ar nirgends dem Bericht enſtolz, als welches ſo it Unwillen welcher ihm es Aufent⸗ Widerſtre⸗ pomphafte Ekel, um rreundinnen eüber Ent⸗ andere Ur⸗ de lauerten. Gegenſtand enkt, deſſen Geheimniß velcher ſtets her deßhalb Familienſitz ohnheit an, nſtühle und hewohnheit et an Bur⸗ Naltravers umer ver⸗ ß der Letz⸗ 251 tere jetzt in den Verkauf einwilligen würde, und er bat Vargrave, einen Brief von ihm zu dem Zwecke zu über⸗ ſenden. Vargrave brachte eine Entſchuldigung vor, denn er empfand ſehr wohl die Unzartheit, womit ein ſolcher Vorſchlag zu ſolcher Zeit durch ſeine Hände gehen würde; Doltimore hatte zufälligerweiſe von de Montaigne gehört, daß er deſſen Adreſſe kenne, und bat ihn, ohne den In⸗ halt zu erwähnen, denſelben abzuſenden. De Montaigne that dies. Nun aber iſt es ſonberbar, wie unbedeutende Menſchen und unbedeutende Zufälle große Ereigniſſe im Leben bewirken. Jener einfache Brief bewirkte eine neue Revolution in der ſonderbaren Geſchichte des Maltravers. Zweites Kapitel. Hin zur Erde zieht er dich jetzt mit drückender Trauer. Horaz. Weßhalb haſcheſt du ſo nach des Traumes Gebilden? Du findeſt Nimmer ſie vor. Ovid. Maltravers in ſeinen Schmerzen floh nicht in ein Land, welches für majeſtätiſchen Gram oder ſanfte Schwermuth geeignet iſt, nicht zu den Gletſchern und blauen Seen der ſchönen Schweiz, der Mutter ſo mancher Verbann⸗ ten, nicht zu dem ſchöneren Lande und dem ſanfteren Himmel des lieblichen Italiens. Einſt war er auf ſeinen Wanderungen zufällig durch eine Gegend gekommen, die einen ſo finſteren und öden Anblick bot, daß ein ge⸗ 252 waltiger und unauslöſchlicher Eindruck in ſeiner Seele zurückblieb. Dieſes waren jene Sümpfen und Moräſte, die einſt das Schloß von Gil de Retz, des ehrgeizigen Barons, des gefürchteten Zauberers umgaben, welcher nach einer Laufbahn von Macht und Glanz auf dem Schei⸗ terhaufen in einer Weiſe ſtarb, daß der düſtere Glaube an ſeine übernatürlichen Kräfte gerechtfertigt ward. Hier ließ ſich Maltravers in einem einſamen, elen⸗ den Wirthshauſe, von allen andern Wohnſitzen abge⸗ ſondert, nieder. Bei ſanfterem Kummer liegt eine Art Genuß in körperlicher Unbehaglichkeit— bei unerbitt⸗ licher, ungemilderter Seelenangſt wird körperliche Un⸗ behaglichkeit nicht empfunden. In äußerſtem Schmerz ſcheint eine Art des thieriſchen Magnetismus zu liegen, wodurch der Körper ſelbſt eingeſchlafen, keinen Unter⸗ ſchied zwiſchen dem Bett Damiens und dem Roſenlager des Sybariten zu kennen ſcheint. Wagen und Diener ließ er in dem einige Stunden eutfernten Poſthauſe. Er kam allein in die einſame Wohnnng; in jener win⸗ terlichen Jahrszeit und öͤden Gegend lag für ſeine düſtere Seele etwas Verwandtes, welches in den finſteren Zü⸗ gen einer häßlichen und entſtellten Natur ſeiner Stim⸗ mung nicht höhnte. Vergeblich wäre die Beſchreibung ſeiner Gefühle und ſeiner Leiden. Hier mag die Bemer⸗ kung genügen, daß die göttliche Kraft des Menſchen nicht gänzlich in ihm erdrückt ward, daß er bei Tag und Nacht, daß er flündlich den Beiſtand des Höchſten, um gegen ſeine verbrecheriſche Liebe anzukämpfen, erflehte. So ehrlich und glühend, wie er jetzt mit ſeiner Leidenſchaft rang, kämpft Niemand durchaus vergeblich; in uns Allen iſt ein E gen, zule die Höl⸗ Ein Stillſcht Troſt u allmähli Orte, w de Mor Adreſſe gen erk ſeines T theilung „D jetzt lär nehme i ob Sie fühlen? der wir die Hy! aufnehn preiſes Verkauf Sie im Oberſt? iſt entſe Ihre Ar „H einer Seele d Moraͤſte, ehrgeizigen en, welcher dem Schei⸗ ere Glaube warb. men, elen⸗ itzen abge⸗ gt eine Art i unerbitt⸗ erliche Un⸗ n Schmerz zu liegen, nen Unter⸗ Roſenlager and Diener Poſthauſe. jener win⸗ ine düſtere ſteren Zü⸗ ner Stim⸗ eſchreibung die Bemer⸗ Menſchen i Tag und hſten, um „erflehte. eidenſchaft uns Allen 253 iſt ein Geiſt enthalten, welcher, wenn wir ihn nur pfle⸗ gen, zuletzt ſich erheben muß, welcher das Schickſal und die Hölle, ob auch nach hartem Kampfe, beſiegt. Eines Tages kehrte ſein Bote, nach einem längeren Stillſchweigen von Vargrave, deſſen Briefe ſämmtlich Troſt und die Üüberzeugung ausſprachen, daß Eveline allmählig Muth und Hoffnung wieder erlange, von dem Orte, worin die Poſt ſich befand, mit einem Briefe von de Montaigne's Handſchrift zurück. Ein nur mit der Adreſſe beſchriebenes Papier(de Montaigne's Schwei⸗ gen erklärte ihm, wie bedeutend er in der Achtung ſeines Freundes verloren habe) enthielt folgende Mit⸗ theilung von Lord Doltimore. „Mein theurer Herr! „Da ich vernommen habe, Ihre Pläne würden Sie jetzt längere Zeit auf dem Feſtlande zurückhalten, ſo nehme ich mir die Freiheit, meine Frage zu wiederholen, ob Sie Burleigh zu verkaufen vielleicht ſich bewogen fühlen? Ich bin entſchloſſen eine größere Summe, wie der wirkliche Werth beträgt, zu zahlen und würde auf die Hypothek meines eigenen Landgutes eine Summe aufnehmen, welches zur Zahlung des ganzen Ankaufs⸗ preiſes genügen müßte. Vielleicht laſſen Sie ſich zu dem Verkaufe um ſo mehr durch den Umſtand bewegen, da Sie im Haupte Ihrer Familie davon ein Beiſpiel haben. Oberſt Maltravers, wie ich von Lord Vargrave vernehme, iſt entſchloſſen, Lisle⸗Court loszuſchlagen. Indem ich Ihre Antwort erwarte, bin ich ꝛc. Doltimore.“ „Ha!“ ſagte Maltravers bitter, indem er den Brief 254 in der Hand zuſammendrückte;„mag unſer Name aus dem Lande vertilgt werden und unſer Herd in den Beſitz des Fremden übergehen. Wie könnte ich jemals den Ort wieder beſuchen, wo ich ſie zuerſt geſehen habe!“ Er beſchloß, ſogleich nach England zu ſchreiben und die Angelegenheit ſeinen Geſchäftsführern zu übergeben. Nur auf kurze Zeit wurden ſeine Gedanken dadurch ab⸗ gelenkt; die gewöhnliche Duſterkeit derſelben drang bald wieder auf ihn ein. Was ich jetzt erzählen will, mag einer haſtigen Kritik in das Übernatürliche zu ſtreifen ſcheinen; man kann jeboch den Vorfall auch nach den gewöhnlichen Triebfedern ſehr leicht erklären und das Ganze iſt buch⸗ ſtählich wahr. In dieſer Nacht hatte Maltravers einen Traum. Er glaubte, er ſitze allein in der alten Bibliothek von Bur⸗ leigh und blicke auf das Portrait ſeiner Mutter; als er hinſchaute, ſchien ihn ein kaltes und furchtbares Zit⸗ tern zu ergreifen; er bemühte ſich, wieder ſeine Augen von der Leinwand wegzuwenden; ſein Blick war durch unwiderſtehlichen Zauber gefeſſelt. Alsdann ſchien es ihm, das Porträt ändere ſich allmählig; die Geſichts⸗ züge blieben dieſelben, allein die Farbe des Antlitzes ward weiß und geiſterähnlich; auch die Farbe der Kleidung verblich. Letztere erhielt eine weitere und mehr wallende Form, aber ſchwerfällig und ſtarr, als ſei ſie in Stein gehauen— das Kleid des Grabes. Auf dem Antlitz lag aber ein ſanftes und ſchwermüthiges Lächeln, welches dem leichenähnlichen Anblick den natürlichen Schauder entzog— die Lippen bewegten ſich und es ſchien, als ——᷑—᷑—ʒ—ͦ—ỹ—V—X—x—ꝛ—ꝛ˖—·—— ob die oder vie und das ſterhaft dem Lic welchen welcher ſprang Du De nicht, f Die bewußtl Als denkwür geblich; Himmel tende T daß die terten Name aus den Beſitz ils den Ort be!“ hreiben und übergeben. dadurch ab⸗ drang bald ier haſtigen linen; man ewöhnlichen zze iſt buch⸗ Traum. Er k von Bur⸗ Nutter; als tbares Zit⸗ ſeine Augen war durch n ſchien es e Eeſichts⸗ tlitzes ward r Kleidung hr wallende fe in Stein Antlitz lag In, welches Schauder ſchien, als ———᷑—ỹ—;—Vʒ;ʒ;—:ʒ,·„4 4— 255 ob die erlöste Seele ohne Schall zu demjenigen redete, welcher der Erde noch angehörte. „Kehre zurück,“ ſprach die Erſcheinung,„in Bein Vaterland und Deine Heimath; laß nicht die letzte Re⸗ liquie von ihr, welche Dich gebar und Dich überwachte in fremden Händen. Dein guter Engel wird Dich wieder an Deinem Herde treffen!“ Die Stimme ſchwieg. Maltravers durchbrach mit heftiger Anſtrengung den Zauber, welcher ſeine Stimme gehemmt hatte. Er ſchri und der Traum ver⸗ ſchwand. Er war wach, Haar ſtand zu Berge; kalter Schweiß auf ſeiner Stirn. Das Bett, worauf er lag, oder vielmehr die Pritſche, ſtand dem Fenſter gegenüber und das winterliche Mondlicht ſtrömte bleich unb geſpen⸗ ſterhaft in das freudenloſe Zimmer. Zwiſchen ihm und dem Licht aber ſtand eine Geßaalt— ein Schatten, in welchen ſich das Porträt während des Traums verändert, welcher ſeine Seele angerebet und erſtarrt hatte. Er ſprang auf—„meine Mutter, ſogar im Grabe kannſt Du Deinen unglücklichen Sohn ſegnen; verlaß mich nicht, ſage, daß Du..“ Die Täuſchung verſchwand und Maltravers ſank bewußtlos zurück. Als Maltravers im geſunden Lichte des Tages dieſen denkwürdigen Traum überdachte, ſuchte er fich lange ver⸗ geblich zu überzeugen, daß die Träume keine Diener des Himmels oder der Hölle brauchen, um die vorüberglei⸗ tende Täuſchung auf die Pfade des Schlafes zu führen, daß die Wirkung jenes Traumes ſelbſt auf ſeine erſchüt⸗ terten Nerven und aufgeregte Phantaſte allein jenes 256 Geſpenſt hinaufbeſchworen habe, welches er erwachend zu ſehen glaubte. Erſt nach längerer Zeit konnte ſein Urtheil den Sieg erlangen und die Vernunft ſich der Herrſchaft einer verſtörten Phantaſte entziehen; ſogar als er zuletzt widerſtrebend zu jener überzeugung gelangte, ward er noch vom Traume heimgeſucht und konnte ihn nicht aus der Bruſt verdrängen. Augſtlich erwartete er die nächſte Nacht; dieſe kam, brachte ihm aber weder Träume noch Schlaf. Der Regen ſchlug und der Wind heulte gegen das Fenſter; eine zweite Nacht und der Mond ſchien wieder hell. Er verſank in tiefen Schlaf; kein Geſicht ſtörte oder heiligte denſelben. Er erwachte beſchämt über ſeine Erwartung. Das Ereigniß, ſo wie es war, gab aber ſeinen Gedanken eine andere Richtung; es hob und ſtärkte ſeinen Muth und das Unglück drückte ihn mit leichterer Laſt. Vielleicht auch bewirkte die ihn ſtets heimſuchende Erinnerung hauptſächlich einen Wech⸗ ſel ſeiner früheren Entſchlüſſe; er wollte zwar ſeine alle Halle noch verkaufen, aber auch zuerſt zurückkehren und jenes heilige Portrait mit frommen Händen entfernen. Er wollte Alles retten und aufſpeichern, was ihr gehört hatte, deren Tod ihm das Leben gab. Ach niemals hatie ſie gewußt, welche Prüfungen ihrem Kinde vorbehalten waren! Drittes Kapitel. Die düſtern Stunden ſchleichen, Allmählig weicht das Dunkel. Shakſpeare. Noch einmal erſchien der Herr von Burleigh plötz⸗ und blich auf das muth au unſerer er erwachend eit konnte ſein nunft ſich der tziehen; ſogar gung gelangte, und konnte ihn ch erwartete er zm aber weder und der Wind Nacht und der tiefen Schlaf; Er erwachte reigniß, ſo wie ddere Richtung; Unglück drückte ewirkte die ihn ch einen Wech⸗ zwar ſeine alte rückkehren und den entfernen. was ihr gehört en ſchleichen, as Dunkel. Phakſpeare⸗ Burleigh plöt⸗ 257 lich und unerwartet vor den Thoren ſeiner öͤden Halle, und wiederum gerieth die alte Haushälierin und ihre Trabanten in Schrecken und Beſtürzung. Maltravers ging in ſein Studirzimmer unter beſtürzten und ihn nicht freubig begrüßenden Geſichtern. Sobald die Holz⸗ klötze brannten, der Lärm vorüher und er ſelbſt allein war, nahm er ein Licht und ging in den anſtoßenden Bibliothekſaal. Es war ungefähr neun Uhr Abends; die Luft des Zimmers war feucht und kalt, und das Licht kämpfte nur ſchwach gegen das trübe Dunkel der düſteren, mit Bücher beſetzten Mauer und der finſtern Tapete. Er ſtellte das Licht auf den Tiſch, zog die Vorhänge bei Seite, welche das Porträt verhüllten, und blickte in tiefer, mit Ehrfurcht gemiſchter Regung auf das ſchöne Antlitz, deſſen Blicke mit düſterer Sanft⸗ muth auf ihn geheftet ſchienen. Dieſe gemalten Geiſter unſerer ſelbſt, welche unſeren Staub überleben, bewirken gleichſam einen myſtiſchen Ausdruck. Wer glaubt nicht beinah, wenn er lang und geſpannt darauf geblickt hat, jene Bilder ſchienen nicht unempfindlich gegen das ei⸗ gene Schauen, als ertheile unſer Blick ihnen Leben, als wären jene Augen, die uns folgen wohin wir uns auch bewegen, durch ſonderbarere Kunſt, wie durch die des Malers, belebt worden. Maltravers beſchaute mit gefalteten Armen, in Be⸗ trachtungen verſunken und bewegungslos jene Geſtalt, die bei den aufwärts dringenden Strahlen des flackernden Lichtes, zu dem betrübten Sohne ſich zu beugen ſchien. Wie hatte er ſtets das Andenken ſeiner Mutter geliebt! Wie oft hatte er in ſeiner Kindheit ſich inwegheſchlicen und Bulwer, Ilice, II. 258 hränen über den Verluſt jenes theuerſten aller irviſchen Bande vergoſſen, welches niemals ausgeglichen und er⸗ ſetzt werden kann! Wie hatte er Achtung und Mitgefühl für den Widerwillen gehegt, den ſein Vater gegen ihn, als die unſchuldige Urſache des frühzeitigen Todes ſeiner Mutter, zuerſt erwies! Er hatte ſie nie geſehen, nie⸗ mals ihren leidenſchaftlichen Kuß empfunden, und den⸗ noch ſchien es ihm, als er hinblickte, als habe er ſie Jahre lang gekannt. Dieſe ſonderbare Art innerlichen und geiſtigen Gedächtniſſes, welche oft uns an Orte und Perſonen erinnert, die wir nie geſehen haben, und welche Platoniker als das ungelöſchte, noch kämpfende Bewußtſein eines früheren Lebens erklären würden, ward jetzt in ihm rege und ſchien ihm zuzufläſtern: „Wir waren einſt vereint.“ „Ja,“ ſagte er halb laut,„wir wollen uns nie wieder trennen. Geſegnet ſei die Täuſchung des Trau⸗ mes, die in mein Herz die Erinnerung an dich zurück⸗ rief, die ich ohne Sünde lieben darf. Mein guter Engel wird mich an meinem Herde treffen! So ſagteſt du in der feierlichen Erſcheinung. Überwacht mich noch deine Seele? Wie lange wird es noch dauern, bis das Hemm⸗ niß durchbrochen iſt— wie lang, bis wir uns wieder⸗ ſehen, aber nicht in Träumen!“ Die Thüre ging auf; die Haushalterin blickte ins Zimmer.„Ich bitte um Verzeihung, Herr, glaubte aber, Ener Gnaden würden die Freiheit entſchuldigen, ob ich gleich weiß, daß es ſehr keck von mir iſt, zu— 4 „Was gibts, was wollt Ihr?* „Nun, Herr, die arme Frau Elton liegt im Ster⸗ ben; die machen k Hütte vo ſei zurück um zu b ſprechen. ſolchen B Gutsherr und— 4⁴ „Wer „Erir wurde, un laſſen, als „Ich Minuten ben,“ mu heneiden. Barke verl ſchien bei kommen; d allein. V jener arme dämmerun irviſchen en und er⸗ Nitgefühl gegen ihn, des ſeiner ehen, nie⸗ und den⸗ habe er ſie unerlichen z an Orte haben, und kämpfende n würden, zufläſtern: en uns nie des Trau⸗ bich zurück⸗ (uter Engel gteſt du in noch deine as Hemm⸗ us wieder⸗ blickte ins b, glaubte ſchuldigen, ſſt, zu—⸗ im Ster⸗ 259 ben; die Leute ſagen, fie würde dieſe Nacht nicht durch⸗ machen können, und da der Wagen am Fenſter der Hütte vorbeifuhr, ſo ſagte ihr die Amme, der Gutsherr ſei zurückgekehrt; da hat ſie ihre Wärterin hergeſchickt, um zu bitten, ſie möchte Euer Gnaden noch einmal ſprechen. Ich war gewiß ſehr abgeneigt, Sie mit einer ſolchen Botſchaft zu unterbrechen, und ich ſagte: Der Gutsherr iſt von einer Reiſe ſo eben erſt zurückgekehrt und— ⁴ „Wer iſt die Frau Elton?“ „Erinnern Sie ſich der armen Frau, die üb erfahren wurde, und die Sie ſo gut waren ins Haus bringen zu laſſen, als Miß Cameron—* „Ich erinnere mich; ſagt nur, ich würde in wenigen Minuten hinüber kommen. Sie iſt im Begriff zu ſter⸗ ben,“ murmelte Maltravers vor ſich hin;„ſie iſt zu beneiden. Die Gefangene erlangt ihre Freiheit; die Barke verläßt die öde Inſel.“ Er nahm ſeinen Hut und ging durch den nur ſchwach von Sternen erleuchteten Park zur Hütte der Leidenden. Er trat an ihr Bett und ergriff gütig ihre Hand; ſle ſchien bei ſeinem Anblick wieder zum Bewußtſein zu kommen; die Wärterin ward entlaſſen und Beide waren allein. Vor Tagesanbruch hatte der Geiſt den Leib jener armen Frau verlaſſen; der Thau der Morgen⸗ dämmerung lag ſchon ſchwer auf dem Graſe, als Mal⸗ travers heimkehrte. Sein Antlitz trug die Spuren neuer und ſonderbarer Erregung; ſein Schritt war elaſtiſch, ſeine Wange geröthet. Die Hoffnung war wieder in ihm aufgegangen, aber mit Zweifel vermiſcht und durch 260 Vernunft nur ſchwach bekaͤmpft. In der nächſten Stunde ſchon war Maltravers nach Brook⸗Gren unter⸗ wegs. Ungeduldig, raſtlos, fieberhaft trieb er die Pferde an; verſchwendete Gold auf dem Wege und zuletzt hielt ſein Wagen an dem Thore des Dorfwirthshauſes Er ſtieg ab, erkundigte ſich nach dem Wege zum Pfarr⸗ hauſe, ging über den Kirchhof, kam durch den Schatten des alten Eibenbaums und trat in Aubrey's Garten. Der Pfarrer war zu Haus; die folgende Uaterredung war für den Beſuchenden von tiefſtem Intereſſe. Wir müſſen jetzt in gehöriger Ordnung und Ver⸗ bindung die Einzelnheiten der Geſchichte dem Leſer vor⸗ legen, deren Kunde damals Maltravers in abgebrochenen Theilen erlangte Viertes Kapitel. Ich kann nicht anders, ſtets lieb ich Den Vater dir herzinniglich; Wo er auch wandeln mag und wellen, Es wird mein Herz ſtets zu ihm eilen. In Wohl und Weh, wo er auch weilt Iſt dies mein Herz ihm ſtets ertheilt. Altes ſchottiſches Lied. Man erinnere ſich unſerer Bemerkung im Anfange dieſer Abtheilung von Maltravers' Geſchichte, daß Aubrey in ſeiner Jugend das häufige Loos einer ge⸗ täuſchten Liebe erfahren hatte. Leonore Weſtörook, eine junge Dame von niedrigem Range, hatte ſeine Liebe gewonnen und ſchien dieſelbe zu erwidern; indeß ſie war dieſer Liehe unwerth. Eitel, flüchtig und ehrgeizig gab ſie d Ehe auf. ber ſich den Ruf in Londo gebar ei zehntes und ohn mord. D noch beg: die bei w und dann Gefaͤngnt 100 Pff Mit dieſe Land. Z und die ihren Wo Charakter waren, w zu begegn Boden wi Aufregung der Eede v beim Himn dieſe neue lich mit de chard Tem. dieſer Her Tod hatte nächſten u unter⸗ e Pferde letzt hielt ſes Er 1 Pfarr⸗ Schatten Garten. erredung ſe. ind Ver⸗ eſer vor⸗ rochenen ſeb ich weilen, im eilen. 261 gab ſie ben armen Stubenten wegen einer glänzenderen Ehe auf. Sie nahm die Hand eines Kaufmannes an, der ſich in ihre Schönheit verliebt hatte, und welcher den Ruf großen Reichthums beſaß. Beide ließen ſich in London nieder und Anbrey verlor ihre Spur. Sie gebar eine einzige Tochter; als dies Kind ſein vier⸗ zehntes Jahr erreicht hatte, endigte der Gatte plötzlich und ohne ſcheinbare Urſache ſein Leben durch Selbſt⸗ mord. Die Urſache jedoch ward offenbar, bevor man ihn noch begraben hatte. Er hatte ſich in Unternehmungen, die bei weitem über ſein Vermögen reichten, eingelaſſen und dann ſich entleibt, um dem Bettelſtande und dem Gefaͤngniß zu entgehen. Eine kleine Rente, die nicht 100 Pfund überſtieg, war ſeiner Wittwe geblieben. Mit dieſem Einkommen zog ſie nebſt ihrem Kinde aufs Land. Zufall, die Naͤhe einer entfernten Verwandten und die Wohlfeilheit des Ortes trug dazu bei, daß ſie ihren Wohnſitz in der Gegend der Stadt C*r* aufſchlug. Charaktere, die in der Ingend flüchtig und eigennützig waren, werden oft, wenn Unglück, dem ſie mit Muth zu begegnen nicht geeignet ſind, ſte niederbeugt und zu Boden wirft, in höchſt krankhafter Weiſe fromm; eine Aufregung iſt für ſie nothwendig, und wird dieſelbe von der Eede verweigert, ſo ſuchen jene ſie um ſo ungeduldiger hbeim Himmel. Dies war der Fall bei Frau Weſtbrook, und dieſe neue Richtung ihrer Geſinnungen brachte ſie natür⸗ lich mit dem größten Heiligen der Gegend, Herrn Ri⸗ chard Templeton in Verbindung. Wir haben geſehen, daß dieſer Herr in ſeiner erſten Ehe nicht glücklich war; der Tod hatte jenes Band damals noch nicht gelost; er 262 beſaß ein hitziges und ſinnliches Temperament, und überließ ſich ruhig unter dem breiten Mantel ſeiner Leh⸗ ren, den körperlichen Trieben. Vielleicht war er in die⸗ ſer Hinſicht nicht ſchlimmer, wie neun Menſchen unter zehn; er gab aber vor, beſſer zu ſein wie 999,000 unter einer Million. Zu den Fehlern des Temperaments ward die Liſt der Heuchelei hinzugefügt und der gemeine Fehler ward zum gefährlichen Laſter. Er ſchaute auf Mary Weſtbrook, die Tochter der Wittwe, mit Blicken, die von denen der Gottſeligkeit weit entfernt waren. Schon im vierzehnten Jahre entzückte fie ihn. Als nun noch drei Jahre zu jenem Alter hinzukamen, ward Herr Templeton, welcher die Ausdehnung der reifenden Schön⸗ heit überwacht hatte, in das Mädchen heftig verliebt. Mary war wirklich liebenswürdig, ihr Charakter von Natur gutmüthig und ſanft, aber ihre Erziehung mehr wie vernachläſſigt. Auf die Leichtfertigkeit und Gemeinheit einer Mode zweiten Ranges, die ihr bis zu ihres Vaters Tode eingeſchärft worden war, folgte jetzt die Quackſalberei, die ſklaviſche Unterwürfigkeit, die unduldſame Andächtelei eines ſchwärmeriſchen Aberglau⸗ bens. Der ganze Charakter des armen Mädchens ward bei ſo heftigem und plötzlichem Wechſel erſchüttert. In ihren unbeſtimmten und nicht feſt gebilbeten Grundſätzen verſtört, von mittelmäßigem und ſchwachem Verſtande, klammerte ſie ſich an das erſte Brett, welches ihr„auf bem weiten Meere von geſchmolzenem Wachs, worauf ſte umhertrieb“ zugeworfen wurde. Da ſie ſchon frühe gelernt hatte, den undedingteſten Glauben an Herrn Templeton's Vorſchriften zu hegen— da ſie ihren Glau⸗ ben an ih um die G bild des und das Die Theilnah das Ungli an einem und Unte In e aus vorh der Miß nt, und iner Leh⸗ er in die⸗ hen unter 999,000 peraments verliebt. Charakter Erziehung lgkeit und ihr bis zu folgte jetzt gkeit, die Aberglau⸗ hens ward ttert. In rundſätzen Perſtande, s ihr„auf b, worauf chon frühe ben an ihn heftete, wie der wilde Weinſtock ſeine Ranken um die Eiche ſchlingt, da ſie ſeinem Einfluß ſich hingab und an ſeinem aufmunternden und beinah liebkoſenden Weſen Gefallen fund— ſo war kein Beichtvater des katholiſchen Italiens einer ländlichen Tugend gefährli⸗ cher wie Richard Templeton, welcher ſich für das Ur⸗ bild des reinen Proteſtantismus hielt, für die Moral und das Herz der Mary Weſtbrook. Die Geſundheit der Frau Weſtbrook war durch lange Theilnahme an den Verſchwendungen Londons und durch das Unglück vor der Zeit untergraben, welches noch immer an einem Geiſte nagte, den es eher verbittert, wie ernie⸗ drigt hatte. Sie ſtarb, als Mary das achtzehnte Jahr erreicht hatte. Templeton war der einzige Freund, Tröſter und Unterſtützer der Tochter. In einer böſen Stunde(glauben wir, daß es nicht aus vorher überlegter Schurkerei geſchah)— in einer Stunhe, als das Herz der Einen durch Gram und Dankbarkeit beſänftigt und das Gewiſſen des Andern durch Leidenſchaft eingeſchlafen war, wurde Mary Weſt⸗ brook verführt. Ihr Kummer und ihre Selbſtvorwürfe, Templetons Furcht vor Entdeckung und das Erwachen ſeines Gewiſſens erweckte Letzterem den angſtvollſten und heftigſten Kummer. Ein junges Mädchen in der Frau Weßbrook Dienſte, hatte denſelben wegen ihrer Ver⸗ heirathung kurz vor dem Tode der Wittwe verlaſſen. Ihr Mann aber mißhandelte ſte; ſie war, um dieſem zu entgehen, und um ihre Dankbarkeit gegen die Tochter ihrer früheren Herrin zu beweiſen, gern in die Dienſte der Miß Weſtörvol, nach dem Begräbniß ihrer Mutter 3 264 zurückgekehrt. Der Name bieſer Frau war Sara Miles, Templeton ſah, daß Sara über ſeine Verbintung mit Mary ſtarken Verdacht heg te; er bedurfte einer Ver⸗ trauten und wählte ſie. Miß Weſtbroor ward in einen entfernteren Theil des Landes gebracht und Templeton beſuchte ſie vorſichtig und ſelten. Vier Monate ſpäter ſtarb Fran Templeton und der Gatte beſaß Freiheit, ſein Unrecht wieder auszugleichen. O wie bereute er damals was vorgefallen war! Nur vier Monate Verzug der Sünde! Wie viel Kummer wäre ihm dadurch erſpart wor⸗ den! Er ward von Verlegenheit und Zweifel gequält; ſein unglückliches Opfer befand ſich in vorgerückter Schwan⸗ gerſchaft. Wünſchte er, ſein Kind ſoll ein rechtmäͤßiges ſein, wünſchte er noch mehr, die Ehre von deſſen Mutter zu bewahren, ſo kounte er nicht lange Bedenken tragen, ſein Unrecht in ſolcher We iſe wiever auszugleichen, wie Pflicht und Gewiſſen ihn drängten. Andererſeits aber, konnte Er, der Heilige, das Orakel, das unbefleckte Mu⸗ ſter in allen Formen, in Anſtand und Ziemlichkeit, der böſen Welt durch eine ſo ſchnelle und vorzeitige Ehe Anſtoß geben— Als noch das Salz der nur verſtellten Thränen Die Röthe den geplagten Augen gab? Nein! Er konnte nicht dem Hohn der Klatſchbaſen, dem Siege ſeiner Feinde, der Niedergeſchlagenheit ſei⸗ ner Schüler bei ſo arger und raſcher Thorheit trotzen, Indeß Mary grämie ſich ſo, daß er wegen ihrer Geſund⸗ heit— wegen ſeines eigenen, noch nicht geborenen Kindes beſorgt war. Ein Mittelweg war noch vorhan⸗ den, ein ſchlug! in ſeiner ten ſich Namen Sara N und den Mit Frau G ſanguint derkunft ſollte fo oöͤffentlig bleiben; um ein? rer und Der leton zu kunft und zuerſt un ten ſeine Gewiſſen heiſchte; von einen nen Gew beſaß abe Erbin ſeit renes Kir und Hoff liebte er: a Miles. den, eine Ausgleichung ſeiner Pflicht mit der Welt; er ung mit ſchlug denſelben begierig ein, wie die meiſten Menſchen ner Ver⸗ in ſeiner Lage gethan haben würden. Beide verheirathe⸗ in einen ten ſich, aber im Geheimen und unter angenommenen empleton Namen; das Geheimniß ward ſorgfältig beobachter. te ſpäter Sara Miles war der einzige, mit dem wirklichen Stande hheit, ſein und dem Namen der jungen Eheleute bekannte Zeuge. r damals Mit ſich ſelbſt wieder ausgeſöhnt, erlangte die junge erzug der Frau Geſundheit und Muth wieder. Templeton faßte vart wor⸗ ſanguiniſche Hoffaungen. Er beſchloß, ſobalb die Nie⸗ uält; ſein derkunft vo rüber war, außer Landes zu reiſen; Mary 2 Schwan⸗ ſollte folgen; in einem fremden Lande ſollten Beide ſich tmäßiges öffentlich heirathen und einige Jahre auf dem Feſtlande n Mutter bleiben; nach der Rückkehr würde das Alter des Kindes tragen, um ein Jahr zurückgeſchoben werden. Nichts konnte kla⸗ chen, wie rer und einfacher ſein! 3 its aber, Der Tod aber machte alle Plane des Herrn Temp⸗ ckte Mu⸗ leton zu nichte; Mary hatte eine ſehr ſchwere Nieder⸗ keit, der b kunft und ſtarb wenige Wochen darauf. Templeton war tige Ehe zuerſt untröſtlich; allein eigennützige Gedanken milder⸗ ten ſeinen Schmerz. Er hatte alles gethan, was das e Gewiſſen zur Ausgleichung einer Sünde von ihm er⸗ 3 heiſchte; er war jetzt von einer ſehr argen Verlegenheit und von einer Verbannung auf einige Zeit befreit, die ſei⸗ ſchbaſen, nen Gewohnheiten und Ideen durchaus widerſtrebte. Er heit ſei⸗ beſaß aber jetzt ein Kind, ein rechtmäßiges Kind, als trotzen. Erbin ſeines Namens und Reichthums— ein erſtgebo⸗ V Geſund⸗ renes Kind, ſeine einzige Nachkommenſchaft, die Stütze Pborenen und Hoffnung ſeines vorrückenden Alters! Dies Kind liebte er mit jener väterlichen Neigung, welche die här⸗ 266 ieſten und kälteſten Menſchen oſt für ihr eigen Fleiſch und Blut empfinden; vaͤterliche Liehe iſt oft nur die Über⸗ tragung der Selbſtliebe von einem Kapital zum andern. Es war jedoch durchaus nothwendig, daß er dies von ihm ſo ſehr geliebte Kind, welches er der Welt zu zeigen ſich ſehnte, für den Augenblick verharg und nicht anerkannte. Zufällig ſtarb Sara's Mann wenige Wochen nach der Geburt von Templetons Kinde in Folge ſeiner Ausſchwei⸗ fungen, als ſie gerade von ihrem eigenen Kindbett ſich erholt hatte; Sara war deßhalb für immer befreit von den Anſprüchen und der Gewalt ihres Gatten. Ihrer Sorgfalt ward die Erbin anvertrant und ihr eigenes Kind in die Koſt gegeben. Dies war die Frau, und dies das Kind, welches ſo ſehr die wohlwollende Neugier in der Bruſt des würdigen Geiſtlichen der Hochkirche und der drei alten Jungfern in Ersr erweckt hatte. Über Sara's Bericht von der Nachforſchung des Geiſtlichen und uͤber ſeine eigene Begegnung mit jenem luchsäugigen Paſtor erſchreckt, verlor Templeton keine Zeit, um die Woh⸗ nung der Kindswärterin zu verändern; der Bankier hatte den Weg zu deren neuen Wohnung mit der Angel⸗ ruthe an dem Tage eingeſchlagen, an welchem wir ſein Abenteuer mit Lukas Darvil kennen gelernt haben. Als Herr Templeton Alice zuerſt ſah, war ſein eigenes Kind erſt dreizehn oder vierzehn Monate alt— nur wenig älter wie das der Alice. Erregte die Schönheit des Schütz⸗ lings von Frau Leslie zuerſt ſeine gröbere Natur, ſo berührte ihre ängſtliche Sorgfalt für ihr Kind eine ver⸗ wandte Saite im Herzen des Vaters. Dies verband ihn mit ihr durch ſtummes und unaufhörliches Mitgefühl⸗ ſeinen Klippen an welch ſein wür ſo ſanft, bewegen von ihren ihre Ni⸗ Dies wa als er A niß ihre waren di Werkes der Bew⸗ haben. 2 fel und? eiſch und e Über⸗ andern. dies von eigen ſich erkannte. nach der isſchwei⸗ bett ſich freit von Ihrer eigenes und dies eugier in e und der Sara's Schütz⸗ ntur, ſo eine ver⸗ 267 Templeton hatte die Beſorgniß und die Pein unerlaubter Liebe ſo tief empfunden; wie er gottloſer Weiſe glaubte, war er vom Abgrunde öffentlicher Schande durch eine ſo bemerkbare Dazwiſchenkunft göttlicher Gnade errettet worden, daß er ſich entſchloß, ſeinen guten Namen und ſeinen Seelenfrieden nicht mehr auf ſo gefährliche Klippen zu wagen. Der theuerſte Wunſch ſeines Her⸗ zens beſtand darin, daß er ſeine Tochter unter ſeinem Dache haben, mit ihr ſcherzen und ſpielen, ihr Heran⸗ wachſen überwachen und ihre Liebe gewinnen könne. Dies ſchien für jetzt unmöglich. Würde er aber heira⸗ then, eine Wittwe heirathen, welcher er die ganze Wahr⸗ heit oder einen Theil derſelben anvertrauen könne— ließe ſich das Kind als das ihrige ausgeben— ja, das war der beſte Plan! Templeton alſo brauchte eine Frau. Er wurde ohnedem älter, und der Tag mußte kommen, an welchem eine Frau ihm auch als Pflegerin nützlich ſein würde. Aliee hielt man für eine Wittwe; Alice war ſo ſanft, gelehrig und mütterlich. Wenn ſie ſich nur bewegen ließe, aus C fortzuziehen und ſich entweder von ihrem eigenen Kinde zu trennen, oder daſſelbe für ihre Nichte zu erklären und das ſeinige zu adoptiren! Dies waren von Zeit zu Zeit Templeton's Gedanken, als er Alice beſuchte und bei jedem Beſuch neues Zeug⸗ niß ihres zarten und ſchönen Charakters fand. Dies waren die Zwecke, die wir in der erſten Abtheilung dieſes Werkes als ſehr verſchieden von den bloßen Eindrücken der Bewunderung hinſichtlich ihrer Schoͤnheit angegeben haben. Dann aber wieder hielten ihn eigennützige Zwei⸗ fel und Beſorgniſſe, der Widerwillen vor einer ſo un⸗ paßenden Verbindung, die Geburt der Allce, noch ſchlimmer wie bloßer niedriger Stand, die Furcht vor Entdeckung ihres Fehltrittes ſchwankend und unent⸗ ſchloſſen zurück. Um die Wahrheit zu ſagen, auch ihre Unſchuld und die Reinheit ihres Sinnes hielt ihn in Entfernung. Er war ſcharfſinnig genug, um einzu⸗ ſehen, daß ſogar er, der reiche Richard Templeton, von der treuen Aliee einen Korb erhalten würde. Zuletzt war Darvil todt; er athmete freier; er be⸗ ſchloß ernſtlich ſeine Eatwürfe zu überlegen; zu jener Zeit auch wünſchte Sara ſich wieder zu verheirathen, da ſich ihr erſter Liebhaber wieder einſtellte. Würde dann nicht ſein Geheimniß in die Bruſt des zweiten Gatten übergehen und wie weit könnte es von dort aus ſich verbreiten! Dazu kam, daß Sara's Gewiſſen beun⸗ ruhigt wurde; der Flecken müſſe vom Andenken der todten Mutter vertilgt, die Rechtmäßigkeit des Kindes offen ausgeſprochen werden. Sie ward zudringlich, ermü⸗ dete den frommen Mann mit ihren Vorſtellungen und erweckte ſeine Beſorgniſſe. Er beſchloß deßhalb, ſich den einzigen Zeugen ſeiner Ehe, deſſen Zeugniß er beſorgen mußte, vom Halſe zu ſchaffen und ſich von der Ge⸗ genwart des einzigen Menſchen zu befreien, dem ſeine Sünhe und ſeine Ehe mit Mary Weſtbrool bekannt war. Er gab ſeine Einwilligung zu Sara's Ehe mit William Elton und bot eine freigebige Mitgift unter der Bedin⸗ gung an, daß ſie dem Wunſch Eltons ſelbſt, eines küh⸗ nen, jungen Mannes, nachgeben ſollte, welcher ſein Glück in der neuen Welt zu verſuchen ſtrebte. Seine Tochter mußte er anderswohin ſchaffen. Währenh dies keit unta ihres Ki voraus, damit w Alice ſell rufes ent konnte ſie derem N. ihr zu ve Patienten bar ſchien im Gehei reiſen ſol und eine ſie thun! ſie dann nehmen n beſorgt u zum Woh ce, noch ircht vor - unent⸗ auch ihre ſt ihn in m einzu⸗ mpleton, de. ; er be⸗ zu jener eirathen, Würde zweiten dort aus en beun⸗ nkeu der s Kindes 269 geſchah, ward Alicens Kind, ſchon lang ſchwächlich und hinfällig, eruſtlich krank. Es zeigten ſich Symptome des baldigen Hinſterbens; der Arzt empfahl eine mildere Luft, und Devonſhire ward gewählt. Nichts konnte der großmüthigen und väterlicher Güte gleichkommen, welche Templeton bei dieſer höchſt peinlichen Gelegenheit dar⸗ legte. Er beſtand darauf, Aliee mit den Mitteln zu ver⸗ ſehen, daß ſie die Rei ſe mit Leichtigkeit und Behaglich⸗ keit unternehmen konnte; die arme Alice willigte um ihres Kindes willen, mit einem von Dankbarkeit und Kummer ſchweren Herzen in alle ſeine Anerbietungen. Jetzt begann der Bankier zu bemerken, daß alle ſeine Hoffnungen und Wünſche in gutem Zuge waren. Er ſah voraus, das Kind der Alice ſei dem Tode verfallen; damit war ein Hinderniß aus dem Wege geräumt. Alice felbſt ſollte aus der Sphäre ihres niedrigen Be⸗ rufes entfernt werden. In einer entfernteren Grafſchaft konnte ſie von beſſerem Stande ſcheinen und unter an⸗ derem Namen auftreten. Dieſen Abſichten gemäß gab er ihr zu verſtehen, daß die Arzte um ſo ſorgfältiger ihre Patienten behandelten, je mehr dieſelben reich und acht⸗ bar ſchienen. Er machte Alice den Vorſchlag, daß fie im Geheimen nach einer mehre Meilen entfernten Stadt reiſen ſollte, daß er ihr dort einen Wagen verſchaffen und eine Magd annehmen würde; daß er dies Alles für ſte thun wolle, gleichſam als für eine Verwandte; daß ſie dann aber auch den Namen dieſer Verwandten an⸗ nehmen müſſe. Hiezu gab Aliee, für ihr Kind ängftlich beſorgt und ſich Allem unterwerfend, was ihrem Kinde zum Wohl gereichen konnte, gleichſam gls habe ſie keinen eigenen Willen, ihre Einwilligung. Der Plan ward ſo ausgeführt wie vorgeſchlagen. Alice reiste unter dem Namen Cameron, der ihm als ſehr gewöhnlich und doch wohlklingend einfiel, mit ihrer Krankenwärterin und einer Magd, welche von ihrem früheren Berufe und ihrer Geſchichte nichts wußte, nach der Landſtraße von Devon⸗ ſhire ab. Templeton ſelbſt beſchloß, ihr dorthin in wenigen Tagen zu folgen; es ward verabredet, daß fie ſich in Exeter treffen wollten. Auf dieſer ſchwermüthigen Reiſe ereignete ſich der denkwürdige Vorfall, daß Aliee Maltravers noch einmal ſah, wie ſie glaubte, indem er das Gelübde der Liebe einer Andern gab. Die Krankheit ihres Kindes hatte ſie einige Stunden in dem Wirthshauſe aufgehalten; die arme Kranke war eingeſchlafen und Aliee hatte ſich auf einige Augenblicke vom Lager fortgeſchlichen, als ihre Augen auf dem Vater ruhten. Oh, wie ſehnte ſte ſich, wie glühte ſie von dem Wunſche, ihm die Heiligkeit eines neuen Bandes zu eröffnen, daß ein Menſchenleben zu ihrer Jugendliebe hinzugefügt ſei! Und als ſie nieder⸗ geworfen und krank von Herzen ſich hinwegwandte und ſich füͤr vergeſſen und erſetzt hielt, war es eher der Stolz einer Mutter als der einer Geliebten, welcher ihren Muth aufrecht erhielt. Sie, das ſanfte Geſchöpf, em⸗ pfand nicht die ihr ſelbſt zugefügte Schmach; aber ſein Kind, die kranke, vielleicht ſterbende Tochter, darin lag das Unrecht! Nein, ſie wollte ſich nicht der Gefahr eines kalten— großer Himmel! vielleicht eines ungläubigen Blickes auf das beruhigte, blaſſe Antlitz ausſetzen. Aber keine Zeit war zur Erklärung und Entdeckung gelaſſen. 8 Sie ſah verlorene jetzt an tigen Le Pfand d ſchlagen, Reiſe we Templett hendes u ihr eigen obgleich Alice um war ſo g zurückgel dorben. „Sie habe, ve je für S pleton, Ihre Ob ſehr theu⸗ es anbrin Kind, al Alice aber ihr Mädchen die ſchma⸗ Lieblings Geſpielin armen dü ward ſo tter dem und doch rrin und und ihrer Devon⸗ wenigen e ſich in ſich der heinmal er Liebe hatte fie ten; die als ihre ſie ſich, Heiligkeit enleben (hr eines ſich auf F . Sie ſah ihn, wie er unbewußt der ihm ſo nahen und ſo verlorenen Bande als ein Fremder vom Orte abfuhr. Von jetzt an war alle ſüße Hoffnung hinſichtlich ihres zukünf⸗ tigen Lebens verſchwund Ihr blieb nicht s als das Pfand deſſen, was geweſen war. Traurig, niederge⸗ ſchlagen, beinahe gebrochenen Herjens⸗ ſetzte ſie ihre Reiſe weiter fort. Wie verabredet, ſchloß ſich ihr Herr Templeton in Exeter an; mit ihm kam ein fchönes, blü⸗ hendes und geſunde es Mä hen, um den Gegenſatz gegen ihr eigenes, hinfälliges Kind zu bieten. Die kleine Fremde, obgleich nur wenig Wochen älter, ſchien dem Kind der Alice um ein Jahr vorangeeilt zu ſein; das eine Kind war ſo gut gebildet und ausgewachſen, das andere ſo zurückgeblieben und in der kränklichen Knoſpe ver⸗ dorben. „Sie können mir Alles, was ich für Sie gethan habe, vergelten, und mir noch mehr erweiſen, wie ich je für Sie und die Jhrigen gethan habe,“ ſagte Tem⸗ pleton,„wenn Sie dieſe junge Fremde ebenfalls unter Ihre Obhut nehmen wollen; es iſt das Kind einer mir ſehr theuren Perſon, eine Waiſe; ich weiß nicht, wo ich es anbringen ſoll, laſſen Sie es für jetzt als Ihr eigenes Kind, als das ältere gelten.“* Alice konnte ihrem Wohlthäter nichts abſchlagen; aber ihr Herz erſchloß ſich zuerſt nicht vor dem ſchönen Mädchen, deſſen fankelnde Augen und roſige Wangen die ſchmachtenden Blicke und verwelkte Farbe ihres eigenen Lieblings höhnten. Allein das kranke Kind ſchien eine Geſpielin zu begrüßen; es lächelte, es ſtreckte ſeine armen dünnen Hände ihm entgegen; es ließ unartikulirte 272 Rufe der Freude vernehmen, und Alice brach in Thränen aus und ſchloß ſte Beide an ihr Herz. Herr Templeton trug Sorge, nicht unter demſelben Dache mit Alice zu bleiben, die er jetzt zu heirathen ernſtlich beabſichtigte; er folgte ihr jedoch an die Küſte und beſuchte ſie täglich. Ihr Kind beſſerte ſich; es hatte durch die ſchärfere Luft eine größere Zähigkeit erhalten; es hing ſo feſt am Leben; das arme Kind, es konnte nicht vorherſehen, wie das Leben für ſo Viele etwas ſehr Herbes iſt. Als nun Templeton von Aliee ihr Abenteuer mit dem abweſenden Geliebten, und wie alle Hoffnung ihr in dieſer Hinſicht entſchwunden war, erfuhr, benützte er die Gelegenheit und brachte eifrig ſeine Bewerbung an. Alice überfloß in jener Stunde von Dankbarkeit; in den wieder auflebenden, Blicken ihres Kindes las ſie alle Verpflichtungen gegen ihren Wohlthäter. Aber den⸗ noch ſchauderte ihr Herz bei dem verhängnißvollen Wort Liebe und bei dem Namen der Ehe. Der Verlorene, Treuloſe, kehrte auf ſeinen Thron zurück. In erſtickten und gebrochenen Tönen erſchreckte fie den Bankier mit der Zurückweiſung, mit der ſtotternden, von Thränen begleiteten, aber entſchloſſenen Zurückweiſung ſeiner Be⸗ werbung. Templeton aber ſetzte neue Maſchinen in Bewe⸗ gung; er brauchte ihr Kind als Mittel zu ſeiner Bewer⸗ bung; er malte alle die glänzenden Ausſichten, die ſich demſelben durch ihre Ehe mit ihm eröffnen würden. Er wollte haffelbe lieben, aufziehen und verſorgen wie ſein eigenes. Dies erſchütterte ihre Entſchlüſſe, war aber nicht entſcheidend. Er nahm Zuflucht zu einer großmüthi⸗ geren A ſchichte! haßtig ei dem er Bebenkli einer Eh höhnen o über die könne, ie und ſeine dem vät ward Alie Sie hatte das ihrer erblaßte, keit litt, welcher zu einfach: ſtand im Ihre Toch „So i der überra fügte er, langte, hi Ihnen vert „Und Sie heirath und alle J werden?“ „Allerd Bulwer, Thränen demſelben heirathen die Küſte es hatte erhalten; es konnte twas ſehr lbenteuer Hoffnung benützte werbung kbarkeit; ten Wort leerlorene, erſtickten geren Anrufung; er gab ihr eine Erzählung ſeiner Ge⸗ ſchichte mit Mary Weſtbrook, die übrigens erſt bei ſeiner haßig eingegangenen und unziemlichen Che begann, in⸗ dem er die Haſt der Liebe zuſchrieb; er machte ihr ſeine Bebenklichkeiten über die Anerkennung des Kindes aus einer Ehe begreiflich, welche die Welt ſicherlich ver⸗ höhnen oder verurtheilen würde; er redete weitläufig über die unſchätzbaren Segnungen, die ſie ihm ertheilen könne, indem ſie ihn aus allen Verlegenheiten reißen und ſeine Tochter, wenn auch mit erborgtem Namen, dem väterlichen Dache zurückgeben würde. Hierüber ward Aliee nachdenklich; hierüber ſchien ſte unentſchloſſen. Sie hatte ſchon lange erkannt, wie unausſprechlich thener das ihrer Sorgfalt anvertraute Kind ihm war, wie er erblaßte, ſobald daſſelbe an der geringſten Unpäßlich⸗ keit litt, wie er ſich ſogar über den Wind entrüſtete, welcher zu rauh ihre Wange heimſuchte. Sie fragte ihn einfach:„Iſt Ihr Kind wirklich Ihr theuerſter Gegen⸗ ſtand im Leben? Sind Ihre theuerſten Hoffnungen an Ihre Tochter und an dieſe allein geknüpft?“ „So iſt es,“ ſagte der Bankier ehrlich, indem er in der Uberraſchung ſeine Galanterie vergaß.„Wenigſtens,“ fügte er, indem er ſeine Selbſtbeherrſchung wieder er⸗ langte, hinzu,„ſo weit dies mit meiner Neigung zu Ihnen verträglich iſt.“ „Und glauben Sie, daß Ihr Geheimmiß, wenn ich Sie heirathe und Ihre Tochter adoptire, ſicher bewahrt und alle Ihre Wünſche in Bezug auf Ihr Kind erfüllt werden?“ „Allerdings.“ Bulwer, Alice, I. 274 „Und beßhalb, hauptſächlich deßhalb laſſen Sie ſich herab, Alles, was ich geweſen bin zu vergeſſen und meine Hand zu ſuchen? Wohlan denn, wenn das Alles wäre, ſo bin ich Ihnen zu viel ſchuldig; mein armes Kind ver⸗ kündet mir zu lant, was ich Ihnen verdanke, als daß ich irgend etwas verweigern ſollte, was Ihnen einen ſo ſegensreichen Genuß verſchaffen kann. Ach, ein eigenes Kind unter dem eigenen Dach iſt ſolch ein hohes Glück! Wenn ich Sie aber heirathe, ſo kann es allein geſchehen, um Ihnen dieſen Zweck zu ſichern, um eine Mutter Ihrem Kinde, Ihnen aber eine Gattin nur dem Namen nach zu ſein! Ich bin nicht ſo geſunken, daß ich mich verach⸗ tete; ich weiß jetzt, daß ich mich vergangen habe, obgleich ich es zuerſt nicht wußte! Nichts kann mein Vergehen entſchuldigen, als die ihm erwieſene Treue! Ja, nie⸗ mals werde ich dem Vater meines Kindes untreu werden. Was das üöbrige betrifft, ſo verfahren Sie wie Sie wollen.“ Alice äußerte Alles dies wegen ihrer Unſchuld ohne Erröthen, faltete leidenſchaftlich ihre Hände und verließ bleton, der aus Kräͤnkung und Überraſchung ſprach⸗ os daſtand. Als er wieder zu ſich kam, gab er vor, ſie nicht ver⸗ ſtanden zu haben; allein Aliee ließ ſich nicht zufrieden ſtellen, und alles weitere Geſpräch hörte auf. Er begann langſam, nach wiederholten Unterredungen und Drän⸗ gen, zuletzt zu begreifen, wie ſonderbar hartnäckig das demüthige, durch ſeine Anträge ſo hoch geehrte Geſchöpf in gewiſſen Punkten war. Obgleich ſeine Tochter ſein Theuerſtes im Lehen hilkete, obgleich er Willens war, eine Me Größe ſo — ſo err bere und drücken! Verſprec ſchwatzen feierlichen aus verla er auch vor geſag hen. Er vorwurf einen Eit Seele ar Ehe nien krank. ihn; ein ihn und geſchehen, tter Ihrem lamen nach ich verach⸗ be, obgleich Vergehen 1 Ja, nie⸗ reu werden. ſe wie Sie ſchuld ohne und verließ zung ſprach⸗ ie nicht ver⸗ ht zufrieden Er begann und Drän⸗ etnäckig das rte Geſchöpf Tochter ſein Zillens war, 27⁵ elne Mesalliance um ihretwillen zu ſchließen, deren Größe ſorgfältig zu verbergen ſeine Angelegenheit war — ſo erweckte dennoch die Schönheit der Alice eine grö⸗ bere und mehr irdiſche Empfindung, die er zu unter⸗ drücken durchaus nicht beabſichtigte. Er wollte wohl Verſprechungen geben und in großmüthiger Weiſe ſchwatzen, ſobald es aber an einen Eid kam— an einen ſelerlichen und bindenden Eid, wie dieſen Aliee durch⸗ aus verlangte, ſo ſlutzte er und zog ſich zurück. Mochte er auch ein Heuchler ſein, ſo hegte er doch, wie zu⸗ vor geſagt wurde, einen aufrichtigen, religiöſen Glau⸗ hen. Eer konnte ein Verſprechen ohne allen Gewiſſens⸗ vorwurf umgehen; er war jedoch kein Mann, der einen Eid verletzt und die Bürde des Meineids ſeiner Seele aufgeladen haben würde. Vielleicht würde die Ehe niemals eingetreten ſein, allein Templeton wurde krank. Die ſanfte und erſchlaffende Luft paßte nicht für ihn; ein ſchleichendes und gefährliches Fieber ergriff ihn und der eigennützige Mann zitterte beim Anblick des Todes. In dieſer Krankheit pflegte ihn Alice mit der Wachſamkeit und Sorgfalt einer Tochter; als er zuletzt wieder hergeſtellt, durch ihren Eifer und ihre Güte ge⸗ rührt, durch Krankheit beſänftigt, über die Nähe ſeines einſamen Alters erſchreckt, und ſich der Pflichten gegen ſein mutterloſes Kind um ſo ſchärfer bewußt war, warf er ſich Aliee zu Füßen und verſprach feierlich Alles, was ſie verlangte. Wäͤhrend ſeines Aufenthalts in Devonſhire und beſon⸗ ders während ſeiner Krankheit hatte Templeton die Be⸗ kanntſchaft von Aubrey gemacht und unterhalten. Der 276 gute Geiſtliche betete an ſeinem Krankenbett und als Templetons Gefahr am höͤchſten war, ſuchte er ſein Ge⸗ wiſſen durch ein Geſtändniß ſeines an Mary Weſtbrook erwieſenen Unrechtes zu erleichtern. Aubrey ſtutzte bei dem Namen. Als er nun erfuhr, das liebenswürdige Kind, welches ſo oft auf ſeinem Knie ſaß, und ihm ins Geſicht lächelte, ſei die Enkelin ſeiner erſten und einzigen Geliebten, empfand er eine neue Theilnahme an deſſen Wohl, und hatte einen neuen Grund, Templeton zur Ausgleichung ſeines Unrechtes zu drängen, ſo wie einen neuen Beweggrund zu dem Wunſche, daß die gütige Sorgfalt der jungen Mutter, welche, wie er kummervoll vorausſah, ihres eigenen Kindes bald beraubt ſein müßte, dem Kindesalter der Enkelin ſeiner Leonore erworben würde. Vielleicht trug der Rath und die Ermahnung Au⸗ brey's dazu bei, Templetons Gewiſſen zu beruhigen, und ihn mit dem Opfer auszuſöhnen, welches er der Liebe zu ſeiner Tochter brachte. Wie dem auch ſei, dieſer heira⸗ ihete Eveline und Aubrey feierte und ſegnete die kalte und unfruchtbare Verbindung. Jetzt aber trat ein neuer unausſprechlicher Kummer ein; das Kind der Alice hatte fich nur auf einige Zeit gebeſſert; die toͤdtliche Krankheit hatte nur mit ihrer Beute geſpielt; ſie brach mit ſchneller und ploͤtzlicher Ge⸗ walt wieder ein; nach einem Monat ſeit der Verheira⸗ thung der Alice mit Templeton entſchwand die letzte Hoffnung. Die Mutter verlor ihr Kind. Der Schlag, welcher Alice gänzlich betänbte, war nach dem erſten Schmerz des Mitgefühls kein dem Ban⸗ kier unwillkommenes Ereigniß. Jetzt mußte ſein Kind Alicens 6 Gellatſch im Leben gehörige Er be glücks zu welche ſie Frau nac haben, Nähe auf mehr auf auf ſeiner line Cam In de beunruhig zu entgeh Alicens Sorgfalt ausſchließlich in Anſpruch nehmen; kein Gellatſch, kein Verdacht konnte entſtehen, weßhalb er im Leben und nach ſeinem Tohe das eine ihm nicht an⸗ gehörige Kind dem andern vorziehen würde. wrd— Er beeilte ſich, Aliee von dem Orte ihres letzten Un⸗ ihm ins glücks zu entfernen. Er entließ die einzige Dienerin, einzigen welche ſie auf ihrer Reiſe begleitet hatte; er brachte ſeiue in deſſen Frau nach London und ſchlug zuletzt, wie wir geſehen eton zur haben, ſeinen Wohnſitz in einem Landhauſe in deſſen vie einen Nähe auf. Dort drängte ſich mit jedem Tage ſeine Liebe e gutige mehr auf die angebliche Tochter der Frau Templeton, auf ſeinen Liebling und ſeine Erbin, auf die ſchöne Eve⸗ n müßte, line Cameron zuſammen. rworben In den erſten ein oder zwei Jahren zeigte Templeton ung Au⸗ beunruhigende Neigung, dem von ihm beſchworenen Elde gen, und zu entgehen; allein bei dem geringſten Wink traf er auf Liebe zu finſtere Strenge bei ſeiner Frau; ſie drohte ſogar, ſein ſer heira⸗ Dach für immer zu verlaſſen, wenn die Heiligkeit ſeines die kalte Gelübdes auch nur im Geringſten in Frage geſtellt würde. Einmal ſogar ward ſie nur mit Schwierigkeit daran ver⸗ Kummer hindert, ihre Drohung zur Ausführung zu bringen. Tem⸗ nige Zeit pleton zitterte; ſolch eine Trennung würde Klatſcherei, mit ihrer: Neugier, Skandal, Lärm in der Welt, öffent iches Ge⸗ icher Ge⸗ ſchwätz und mögliche Entbeckung veranlaſſen. Außerdem Verheira⸗ war Alice für Eveline, wie für ſeine eigene Behaglich⸗ die letzte keit nothwendig; er hatte an ihr Jemand, mit her er, wenn geſund, ſchmaͤlen und auf deſſen Pflege er ſich als bte, war krank verlaſſen konnte. Allmählig ſöhnte er ſich deßhalb dem Ban⸗ mit ſeinem Looſe, wenn auch mürriſch, wieder aus. Als ein Kind Alter und körperliche Schwächen auf ihn einbrachen, war ₰ 278 er wenigſtens zufrieden, ſich eine treue Freundin und eine eifrige Wärterin geſichert zu haben. Jedoch eine Ehe von dieſer Art war keine gluͤckliche; Templetons Ei⸗ telkeit war verwundet; ſeine immer barſche Stimmung ward gänzlich verbittert; er rächte ſich an dem Trotz der Alice mit tauſend kleinen Tyranneien; Aliee litt viel⸗ leicht in jenen Jahren des Ranges und Reichthums ohne Murren mehr, wie in ihren Wanderungen ohne Dach, als ſte noch Liebe im Herzen und ihr Kind auf dem Arme trug. Eveline ward zur Erbin hes Reſchthums beſtimmt; aber der Titel des neuen Pairs! Könnte er nur Reich⸗ thum und Titel vereinigen und die Pairskrone auf jene jugendliche Stirn ſetzen! Dies hatte ihn bewogen, die Verbindung mit Lumley zu ſuchen. Auf ſeinem Todten⸗ bett enthüllte er ſeinem erſtaunten und erſchreckten Neffen nicht das Geheimniß der Aiice, ſondern das der Mary Weſtbrook und ihrer Tochter, um die ſcheinbar unge⸗ rechte übertragung des Vermögens in andere Hände zu entſchuldigen und die Urſache der von ihm geſuchten Ver⸗ bindung anzugeben. So lange der Gatte lebte, wenn man ihn einen Gatten nennen durfte, ſchien Altce in ihrem Buſen den Kummer, ſo tief, ſtark und leidenſchaftlich er auch war, um das verlorene Kind, das Kind ihres unvergeſſenen Geliebten zu begraben, welchem ſie von Anfang bis zu Ende unter ſolchen Prüfungen und unter ſo neuen Ban⸗ den treu geweſen war. Als fie wieder frei war, flog ihr Herz zu dem fernen und niebrigen Grabe zurück. Deß⸗ halb reiste ſie jaͤhrlich nach Brook⸗Green; deßhalb kaufte ſie das kl die Tocht ſenplatz es die ſan Kammer zuletzt Ve Staub au nicht einn unterließ friedigen, war, ihre begab fie line eine den einſa am wenig Jetzt daß dieſe einer Kun gewoͤhnli auf dem beſtimmt; ur Reich⸗ ee auf jene pogen, die Todten⸗ ten Neffen der Mary bar unge⸗ Hände zu chten Ver⸗ ihn einen Buſen den auch war, vergeſſenen ung bis zu euen Ban⸗ r, flog ihr ück. Deß⸗ halb kaufte ſie das kleine Landgut, welches burch die Grinnerung an die Tochter geheiligt war. Dort hatte ſie auf den Ra⸗ ſenplatz das gebrechliche Kind hinausgetragen, damit es die ſanfte Luft im Mondſchein athme; dort in dieſer Kammer hatte ſie gewacht, gehofft und gebetet, und zuletzt Verzweiflung empfunden; dort ruhte der geliebte Staub auf jenem ruhigen Kirchhofe! Aber Alice war nicht einmal ſelbſtſüchtig in ihrem heiligſten Gefühl; fie unterließ es, den erſten Wunſch ihres Herzens zu be⸗ friedigen, bis Evelinens Erziehung genügend vorgerückt war, ihren damaligen Wohnort zu verlaſſen; alsdann begab ſie ſich, zum Entzücken Aubrey's(welcher in Eve⸗ line eine ſchönere, edlere und reinere Eleonore ſah), an den einſamen Ort, welcher für fie auf der ganzen Erde am wenigſten einſam war. Jetzt kehrte ihr das Bildniß ihres Jugendgeliebten, welches ſie während ihrer Ehe wenigſtens zu verbannen geſucht hatte, bei Zeiten wieder und erfüllte ſie mit den einzigen Hoffnungen, welche das Grab noch nicht auf den Himmel übertragen hatte. Wann ſie ihre Geſchichte Aubrey erzählte, oder mit Frau Leslie ſich unterhielt, deren Freundſchaft ſie noch ſtets fortſetzte, ſo glaubten Beide, daß dieſer unbekannte und wandernde Butler, welcher in einer Kunſt, deren höheren Grad allein Muſiker vom Fache gewoͤhnlich erlangen, ſo ſehr geſchickt war, von mitt⸗ lerem oder vielleicht niedrigem Stande ſein müſſe. O träſe ſie als frei und reich ihn jetzt wieder! Wäre ſeine Liehe noch nicht gänzlich entſchwunden und würde er an ihte ſonderbare und bléibende Treue glauben, ſo ließe ſich jetzt ſeine Untreue vergeben und in den Wohlthaten vergeſſen, 280 die ſie ihm erweiſen könne! Aber, arme Aliee, wie ſoll ihn der Zufall zu jenem abgelegenen Dorfe führen? Das wußte ſie nicht, aber Etwas flüſterte ihr oft zu:„Du wirſt wiederum jene Augen erſchauen und jene Stimme vernehmen. Du wirſt weinend an ſeiner Bruſt ihm ſagen, wie du ſein Kind geliebt haſt! Konnte er ſie vergeſſen haben? Konnte nicht ein neues Band von ihm geſchloſ⸗ ſen ſein? Vermochte er die Lieblichkeit nie wechſelnder Neigung in jenen bleichen und nachdenklichen Zügen zu leſen? Ach! Wenn wir die innigſte Liebe hegen, ſo kön⸗ nen wir uns nur mit Schwierigkeit einbilden, daß unſere Liebe nicht erwidert wird. Deer Leſer iſt mit den Abenteuern der Frau Elton be⸗ kannt, der einzigen, welche um die geheime Ehe Temple⸗ tons mit Evelinens Mutter wußte. Durch ſonderbares Verhängniß wirkte gerade die ſelbſtſüchtige und charakte⸗ riſtiſche Sorgloſigkeit Vargrave's darauf hin, daß jene in Burleigh blieb und zur Enthüllung ſeines ſchurkiſchen Betruges beitrug. Als jene nach England zurückkehrte, hatte ſie ſich nach Herrn Templeton erkundigt und ſeine zweite Ehe, ſeine Erhebung zur Pairie unter dem Titel Lord Vargrave, ſowie ſeinen Tod erfahren; ſie hatte keine Anſprüche auf ſeine Wittwe oder Familie; ſie konnte das unglückliche Kind, welches ſein Eigenthum ererbt haben müßte, nur für todt halten. Als ſie Eveline zuerſt ſah, erſchrack ſie bei deren Ahn⸗ lichkeit mit der unglücklichen Mutter. Allein der ihr fremde Name Cameron, die von Maltravers erhaltene Nachricht, daß Evelinens Mutter noch am Leben ſei, verſchenchte ihre Vermuthung; obgleich die Ahnlichkeit ihr bei und erkt ward in Sinne i Nun travers kunft in ſehr lang lich verat Die Kre Nachrich lichkeit I brook ert „Und war mit lobt, und einem gr geweſen mehr, haftig, de Grafſchaf e, wie ſoll ren? Das zu:„Du e Stimme ihm ſagen, e vergeſſen n geſchloſ⸗ vechſelnder Zügen zu en, ſo kön⸗ daß unſere Elton be⸗ de Temple⸗ onderbares d charakte⸗ daß jene churkiſchen rückkehrte, und ſeine dem Titel hatte keine konnte das erbt haben deren Ahn⸗ in der ihr erhaltene Leben ſei, Ahnlichkeit ihr bei Zeiten immer wieder auffiel, hegte ſie Zweifel und erkundigte ſich nicht weiter. Ihre eigene Krankheit ward immer ſtärker und ihre Schmerzen nahmen alle ihre Sinne in Anſpruch. Nun langte die Nachricht von dem Verlöbniß des Mal⸗ travers und der Miß Cameron kurz vor des Erſteren An⸗ kunft in der Grafſchaft an— Nachrichten gelangen nur ſehr langſam vom Feſtlande in unſere Provinzen. Natür⸗ lich veranlaßte die Nachricht Geſchwätz unter den Bauern. Die Krankenwaͤrterin hinterbrachte der Frau Elton die Nachricht, welche ſich ſogleich das Namens und der Ähn⸗ lichkeit Miß Camerons mit der ungluͤcklichen Mary Weſt⸗ broot erinnerte. „Und,“ ſagte die ſchwatzende Krankenwärterin,„ſte war mit einem vornehmen Lorb, wie man erzählt, ver⸗ lobt, und gab denſelben für den Gutsherrn auf— mit einem großen Lord vom Hofe, der bei Pfarrer Merton geweſen iſt— mit Lord Vargrave!“ „Lord Vargrave!“ rief Frau Elton aus, indem ſte ſich des Titels erinnerte, zu welchem Herr Templeton erhoben wurde. „Ja, und dann erzählt man, wie der verſtorbene Lord Miß Cameron all ſein Geld, einen gar großen Haufen, obgleich ſie noch ein Kind war, mit übergehung ſeines Neffen, des gegenwärtigen Lord, vermacht habe, wobei er aber zu verſtehen gab, daß ſie ſich heirathen ſollten, wenn ſie großjährig würde. Sie wollte ihn aber nicht mehr, als ſie den Gutsherrn geſehen hatte. Und wahr⸗ haſtig, der Gutsherr iſt auch der ſchönſte Mann in der Grafſchaft.“ 282 „Halt, halt!“ ſagte Frau Elton ſchwach,„der ver⸗ ſtorbene Lord hinterließ all ſein Vermögen der Miß Ca⸗ meron? Und die wäre nicht ſein Kind? Ich errathe das Räthſel, ich verſtehe Alles! Mein Pflegekind!“ murmelte ſie, indem ſte ſich hinwegwandte,„wie hätte ich mich je⸗ mals über die Ahnlichkeit täuſchen können!“ Die Aufregung über die Entdeckung, welche ſle ge⸗ macht zu haben glaubte, ihre Freude bei dem Gedanken, jenes Kind, welches ſie als das eigene liebte, ſei am Leben und habe ſeine Rechte erlangt, ſteigerte die Krank⸗ heit der Frau Elton; Maltravers kam gerade noch zur rechten Zeit, um ihr Bekenntniß anzuhören, welches ſie natürlich vor einem Manne abzulegen wünſchte, welcher ſowohl ihr Wohlthäter, wie auch nach ihrer Meinung, der zukünftige Gatte ihres Pflegkindes war. Er wurde von Hoffaung und Freude bei der feierlichen Überzeugung über die Wahrheit ihrer Angaben bewegt. Welch eine Laſt wurbe von ſeiner Seele genommen, wenn Goeline nicht ſeine Tochter war, ſogar im Fall ſie nicht ſeine Braut mehr wäre! Er eilte nach Brook⸗Green; indem er ſich fürchtete vor einer plotzlichen Zuſammenkunft mit Alice, gedachte er des Aubrey. In der von ihm geſuchten Un⸗ redung wurde Alles, oder wenigſtens ſehr viel aufgeklart. Er erkannte die vorher uberdachte und geſchickt angelegte Schurkerei Lord Vargrave’s. Und Alice, ihre Erzählung, ihre Leiden, ihre unbeſiegliche Liebe!— Wie würde er ſie wiederſehen? Wäh Pfarrers ſich natü enthüllth und ſah! auf das „Wo entfernen ihr zu beg 1 Ja, brauchten mußte ſie der ver⸗ Niß Ca⸗ athe das nurmelte mich je⸗ e ſie ge⸗ edanken, „ſei am e Krank⸗ noch zur elches ſie , welcher nung, der zurde von ung über eine Laſt line nicht ne Braut em er ſich nit Alice, chten Un⸗ ufgeklärt. angelegte Erzählung, würde er Fünftes Kapitel. Noch einmal, o ihr Lorbeeren, ſeid gegrüßt Noch einmal auch ihr Myrten. geiſß, Milton. Waͤhrend Maltravers durch die Enthüllungen des Pfarrers noch bewegt und aufgeregt war, vor dem er ſich natürlich als die Perſon des geheimnißvollen Butler enthüllt hatte, wandte Aubrey ſeine Augen zum Fenſter und ſah die Geſtalt der Lady Vargrave, welche langſam auf das Haus zukam. „Wollen Sie ſich,“ ſagte er,„in das innere Zimmer entfernen; ſie kömmt. Sie ſind noch nicht vorbereitet, ihr zu begegnen! Wäre dies ſogar zweckmäßig?“ „Ja, ich bin vorbereitet, wir müſſen allein ſein. Ich will ſie hier erwarten.“ „Aber.“ „Nein, ich flehe Sie an.“* Der Pfarrer, ohne ein Wort zu ſagen, entfernte ſich ins innere Zimmer und Maltravers erwartete in den Lehn⸗ ſtuhl ſinkend, athemlos den Eintritt der Lady Vargrave. Er vernahm den leichten Schritt vor dem Hauſe; die Thür, welche ſich von außen auf das altmodiſche Beſuch⸗ zimmer öffnete, ward leiſe erſchloſſen und Lady Vargrave war im Zimmer. Bei der Stellung, die Ernſt eingenom⸗ men hatte, konnte Alice nur den Umriß von der Geſtalt tes Ernſt ſehen; das Tageslicht fiel nur ſchwach durch das Fenſter. Als Lady Vargrave in dem gewöhnlich ge⸗ brauchten Lehnſtuhl des Pfarrers Jemand ſitzen ſah, mußte ſie glauben, dies ſei Aubrey ſelbſt. 284 „Laſſen Sie ſich durch mich nicht ſtören,“ ſprach die ſanfte, leiſe Stimme, deren Muffk ſo viele Jahre lang ſür Maltravers ſtumm geweſen war;„ich habe einen Brief aus Frankreich von einer Fremden erhalten; dieſer ſetzt mich ſo ſehr in Unruhe— er handelt von Eveline.“ Dann nahm Lady Vargrave, als beabſichtige ſie einen längeren Beſuch wie gewöhnlich, ihren Hut ab und legte denſelben auf den Tiſch. überraſcht, daß der Pfarrer nicht antwortete und nicht vortrat, um ſie zu bewillkommnen, kam ſie näher. Maltravers erhob ſich, und Beide ſtanden einander gegenüber. Wie liebenswürdig war noch Aliee! Liebenswürdiger wie er ſogar früher geglaubt hatte! Dieſe ſo göttlichblauen, ſo taubengleichen und ſanften Augen, mit geiſtigem und unergründlichem Myſter in ihrer hellen Tiefe, waren wieder auf ihn geheftet. Aliee ſchien in Stein verwandelt; ſle bewegte ſich nicht, ſie redete nicht, ſie athmete kaum; ſie blickte gleichſam durch Zauber ge⸗ feſſelt, als ob ihre Sinne, als ob das Leben ſelbſt ſie verlaſſen habe. „Alice,“ murmelte Maltravers,„endlich ſehen wir uns wieder.“— Seine Stimme gab Gedächtniß, Bewußtſein und Ingend ihr plötzlich zurück; ſie ſtieß einen lauten Ruf unausſprechlicher Freude und des Entzückens aus; ſie ſprang auf ihn zu; Zurückhaltung, Furcht, Zeit, Wech⸗ ſel— Alles war vergeſſen; ſie warf ſich in ſeine Arme und drückte ihn wiederholt an ihr Herz. Der treue Hund, welcher ſeinen Herrn wiederfindet, drückt ſeine Entzückung nicht ungezähmter und wilder aus. In dem Übermaße ihrer Entzückung lag eiwas Furchtbares; ſie küͤßte ſeine Hänbe n legte ſie i lich:„It weſen! S Dann bli Schweige auf die W „Ich bin „Ich waren Si Liebe mei Bei d geſſenheit eignet hat ſanft und „Ach, Tönen,„ keine Lieb ſelbe, ſtets Gedanke abgetrage Haupt, g ſprach die ahre lang abe einen en; dieſer Eveline.“ ſte einen und legte arrer nicht kommnen, de ſtanden och Aliee! tte! Dieſe en Augen, hrer hellen ſchien in edete nicht, gauber ge⸗ ſelbſt ſie ſehen wir ßtſein und auten Ruf aus; ſie eit, Wech⸗ ſeine Arme reue Hund, Entzückung Übermaße küßte ſeine Häͤnde und ſeine Kleider; zuletzt, als ſie Worte fand, legte ſie ihr Haupt auf ſeine Bruſt und ſagte leihenſchaft⸗ lich:„Ich bin Dir treu geweſen! Ich bin Dir treu ge⸗ weſen! Sonſt würde mich dieſe Stunde getödtet haben.“ Dann blickte ſie ihm ins Geſicht, als ſei ſie durch ſein Schweigen erſchreckt; als ſeine brennenden Thränen ihr auf die Wangen rollten, wiederholte ſie mit heftiger Eile: „Ich bin treu geblieben, glauben Sie es nicht?“ „Ich glaube es, edle Alice Sondergleichen! Warum waren Sie mir ſo lange verloren? Warum beſchämt Ihre Lebe meine eigene!“ Bei dieſen Worten ſchien Aliee aus ihrer erſten Ver⸗ geſſenheit Alles deſſen, was ſeit ihrer Trennung ſich er⸗ eignet hatte, zu erwachen. Sie erröthete und wand ſich ſanft und verſchämt aus ſeiner Umarmung. „Ach,“ ſagte ſte in veränderten und gedemüthigten Tönen,„Sie liebten eine Andere! Vielleicht haben Sie keine Liebe für mich übrig! Iſt dies der Fall? Nein, nein, dieſe Augen ſagen mir, daß Sie mich noch lieben!“ Sie umarmte ihn wieder, als ſei der Glaube an Alles ihr Himmel und ein Zweifel ihr Tod. Alsdann zog ſlie ihn mit beiden Händen ſanft zum Lichte undblickte ihn zärtlich und ſtolz an, als wolle ſie Zug für Zug das Antlitz unterſuchen, welches ihren ſanften Gedanken gleich⸗ ſam daſſelbe geweſen war, was Sonnenlicht den Blumen— „verändert,“ murmelte ſie vor ſich hin,„aber ſtets der⸗ ſelbe, ſtets ſchön und göttlich!“ Sie hielt an, ein plöͤtzlicher Gedanke kam ihr durch den Sinn; ſeine Kleider waren abgetragen und durch die Reiſe beſchmutzt, und jenes ſtolze Haupt, geſunken und niedergedrückt, ragte nicht laͤnger 286 mit ſtolzem Trotze über die Söhne der Menſchen empor. „Sie ſind nicht reich!“ rief ſie heftig aus;„ſagen Sie, daß Sie nicht reich ſind; ich bin für Belde reich genug; all mein Eigenthum iſt das Ihrige— ich habe Sie we⸗ gen des Reichthums nicht verrathen; es iſt keine Schande damit verbunden. Wir werden glücklich ſein. Du biſt zu Deiner armen Alice zurückgekehrt! Du wußteſt, daß ſie Dich liebte.”* In Alieens Weſen, ihrer wilden Freude, lag Etwas, was von ihrem gewöhnlichen Weſen ſo verſchieden war, daß Niemand, welcher ſie als ruhig, nachdenklich und unterwürfig geſehen hatte, in ihr daſſelbe Weſen ſich ge⸗ dacht haben würde. Alles, was die Geſellſchaft und deren Wehen ſie gelehrt hatten, war entſchwunden und die Natur nahm noch einmal ihr ſchönſtes Kind in Anſpruch. So⸗ gar die Jahre ſchienen von ihrer Stirn zu entſchwinden, und ſie ſchien kaum älter als zu jener Zeit, wo ſie mit ihrem Geliebten beim Mondlicht an den Veilchenbeeten ſtand. Plötzlich ſchwand ihre Farbe und das Lächeln ihrer von Grübchen umringten Lippen; ein trauriger und feier⸗ licher Anblick folgtanguf den Ausdruck leidenſchaftlicher Freude.„Komm, ſagte ſie flüſternd,„komm und folge mir;“ indem ſie ſeine Hände umſchloß, zog ſie ihn zur Thür hin. Schweigend und erſtaunt folgte er ihr über den Raſenplatz durch das moosbewachſene Thor auf den einſamen Kirchhof; mit geräuſchloſem, dahingleitendem Schritt eilte ſie ſo blaß, ſtill und athemlos dahin, daß man ſogar um Mittag ſich beinah häͤtte einbilden können, die ſchöne Geſtalt gehöre der Erde nicht an. Sie ſtand ſtill, wo der Eibenbaum ſeinen hüſteren Schatten warf; der kleine, vo ſtein befan auf ihre Kind!“ 0 ihre Geſt Neber Dort verf ſchen Sto line; dort ſelbſt und Dort ſchy dem Schu mit deren des Pfar ſchien, ih n empor. gen Sie, h genug; Sie we⸗ 2Schande Du biſt zu t, daß ſie ag Etwas, eden war, nklich und en ſich ge⸗ und deren die Natur ruch. So⸗ ſchwinden, wo ſie mit lchenbeeten icheln ihrer und feier⸗ ſchaftlicher und folge ſie ihn zur er ihr über por auf den igleitendem dahin, daß den können, Sie ſtand n warf; der kleine, von den übrigen getrennte Grabhügel ohne Grab⸗ ſtein befand ſich vor ihnen: Sie zeigte auf denſelben, fiel auf ihre Knie und murmelte:„Still, dort ſchläft Dein Kind!“ Sie bedeckte ihr Geſicht mit beihen Händen und ihre Geſtalt zitterte krampfhaft. Neben ihr und vor dem Grabe kniete Maltravers. Dort verſchwand auch das Letzte, welches von ſeinem ſtoi⸗ ſchen Stolze noch übrig war; dort vergaß er ſelbſt die Cve⸗ line; dort erflehte er vom Himmel Verzeihung für ſich ſelbſt und Segnung für die, welche er verführt hatte, Dort ſchwur er feierlich, die ihm noch bleibenden Jahre dem Schutze der treuen und kinderloſen Mutter zu weihen. Sechstes Kapitel. Kömmt nie das Glück mir mit gefüllten Händen, Und ſchreibt es ſtets die ſchönſten Worte mir In häßlich ekler Schrift. Shakſpeare. Ich übergehe die Erklärungen, den Bericht von Alicens ereignißvoller, eigener Geſchichte, welchen Mal⸗ travers von ihren eigenen Lippen pernahm und welcher die Erzählung des Pfarrers beſtätigte und ergänzte, mit deren Inhalt der Leſer ſchon bekannt iſt. Erſt nach mehren Stunden erlangte Aliee gehörige Faſſung wieder, um ſich des Zweckes zu erinnern, weß⸗ halb ſie den Pfarrer beſucht hatte. Sie legte den mit⸗ gebrachten und alles erklärenden Brief auf den Tiſch des Pfarrhauſes. Als Maltravers Aliee, die beſorgt er⸗ ſchien, ihn nur einen Augenblick aus den Augen zu ver⸗ lieren, ſich nach ihrer Wohnung zu entfernen und etwas auszuruhen bewogen hatte, zur Pfarrei zurückkehrte, traf er Aubrey in dem Garten an. Der alte Mann hatte die ihm zuerkannte Erlaubniß ſeiner Freundin benutzt, um den offenbar für ſeine Anſicht beſimmten Brief zu leſen; erſchreckt und ängſtlich ſuchte er jetzt voll Eifer eine Berathung mit Maltravers. Der Brief war von Frau von Ventadour und engliſch ver⸗ faßt, womit jene Dame ebenſo vertraut war, wie mit ihrer Mutterſprache. Derſelbe war offenbar durch das freundſchaftlichſte Gefühl veranlaßt worden. Nachdem ſie ſich kurz wegen ihrer Einmiſchung entſchuldigt hatte, bemerkte ſie, daß Lord Vargrave's Verheirathung mit Miß Cameron jetzt eine allgemein bekannte Sache ſel, daß ſte in wenigen Tagen ſtattfinden würde, daß man mit Argwohn beobachte, wie Miß Cameron nirgends ſich ſehen laſſe; daß ſie beinahe eine Gefangene auf ihrem Zimmer zu ſein ſcheine; daß gewiſſe Ausdrücke, welche Lady Doltimore habe fallen laſſen, ihr, der Schreiberin dieſes Briefes, große Beſorgniſſe erweckt hätten. Nach dieſen Ausdrücken ſcheine es, daß Lady Vargrave mit dem nahen Ereigniß nicht bekannt ſei. In Betracht des plötzlichen Abbruchs der früheren Ver⸗ lobung von Miß Cameron mit Herrn Maltravers(wel⸗ cher wie Valerie glaube, höchſt ſeltſam ſei) bald nach der Ankunft des Lord Vargrave: in Betracht ihrer außer⸗ ordentlichen Iugend und ihres glänzenden Vermögens; in Betracht ferner des Charakters von Lord Vargraye (Valerie gab hlerüber nur zarte Winke), welcher bekannt ſei, daß er alle ſeine Plane mit gewiſſenloſer Entſchloſ⸗ ihre Zudri an Miß Freundſch ron kürzlich Vargrave d zweckmaͤßig übernehmer den Brief: ſchauderte. „Dieſer Lady Varg lich kein W nommen, n glaubte, wi Herrn—, beſſerte ſich immer in K am Tage;! zu thun?⸗ 1 Ich ke Intriguen Bulwer, und etwas rrückkehrte, ilte Mann Freundin beſtimmten dte er jetzt ers. Der gliſch ver⸗ e, wie mit durch das Nachdem digt hatte, athung mit Sache ſei, „daß man n nirgends ngene auf Ausdrücke, daß Lady ekannt ſei. eeren Ver⸗ bald nach hrer außer⸗ ſermögens; Vargrayve er bekannt Entſchloſ⸗ vers(wel⸗ ſenheit verfolge— in Betracht alles deſſen habe Frau von Ventadour es gewagt, ſich an Miß Cumerons Mutter zu wenden, um ſie vor der Möglichkeit eines betrügeri⸗ ſchen Planes zu warnen. Ihre beſte Eatſchuldigung für ihre Zudringlichkeit beſtehe in ihrer tiefen Theilnahme an Miß Cameron und in ihrer ſchon lang dauernden Freundſchaft zu jenem Herrn, mit welchem Miß Cume⸗ ron kürzlich verlobt geweſen ſei. Kannte und billigte Lady Vargrave das Verlöoniß, ſo war ihre Zudringlichkeit un⸗ zweckmäͤßig und überflüſſig, würde aber nichts deſto we⸗ niger wohl Verzeihung wegen ihres Beweggrundes finden. Maltravers konnte leicht aus dieſem Brieſe die Großmuth und den Eifer der zu ihm gehegten Freund⸗ ſchaft erkennen, wodurch eine Dame der großen Welt ſich bewogen fühlte, eine ſo dienſtwillige Aufgabe zu übernehmen. Allein daranu dachte er nicht, als er eilig den Brief überlas und über Evelinens offenhare Gefahr ſchauderte. „Dieſer Brief,“ ſagte Aubrey,„muß allerdings für Lady Vargrave ſehr überraſchend ſein. Wir haben näm⸗ lich kein Wort von Eoeline oder Lord Vargrave ver⸗ nommen, welches eine ſolche Ehe uns ankündigte; ſie glaubte, wie ich, daß der Miß Cameron Verlöbniß mit Herrn—, ich wollte ſagen, mit Ihnen“(Aabrey ver⸗ beſſerte ſich ſehr verſtört in ſeiner Stimmung)„noch immer in Kraft ſei. Lord Vargrave's Schurkerei liegt am Tage; wir müſſen auf der Stelle handeln. Was iſt zu thun?⸗ „Ich kehre morgen nach Paris zurück; ich will ſeine Intriguen vereiteln und ſeine Falſchheit bloßſtellen.“ Bulwer, Alice. II. 19 290 „Sie bedürfen vielleicht eines Bevollmächtigten der Laby Vargrave, ſo wie eines Maunes, der auf Eoeline Einfluß beſitzt, und welcher, wie auch Vargrave weiß, das Geheimniß ihrer Geburt und Rechte kennt. Ich will Sie begleiten. Wir müſſen mit Lady Vargrave reden.“ Maltravers wendete ſich plötzlich um;„Alice weiß nicht, wer ich bin, daß ich noch vor wenigen Wochen mich um eine Andere hewarb, und zwar um das Kind, welches ſie als ihr eigenes auferzog! Unglückliche Aliee! Soll dieſer neue Kummer ſie in der Stunde meiner Rück⸗ kehr peinigen.“* „Soll ich es ihr plötzlich eröffnen?“ ſprach Aubrey milleidig. „Nein, dieſe meine Lippen müſſen ihr das letzte Unrecht zufügen.“ Maltravers ging fort und der Pfarrer ſah ihn vor dem Abend nicht wieder. Mittlerweile begab ſich Maltravers noch ſpät am Abend zur Alice. Das Feuer hrannte hell auf dem Herde. Die Vorhänge waren heruntergelaſſen; daß liebliche aber einfache Beſuchzimmer des kleinen Land⸗ hauſes lächelte, als Maltravers eintrat, ihm willkom⸗ men, und Alice ſprang auf, ihn zu begrüßen. Es war als ob die alten Tage des Muſtkanterrichts und der Meerſchaumpfeife zurückkehrten. „Dies iſt Ihr Eigenthum, ſegte Alice zärtlich, all er ſich im Zimmer umſah.„Jetzt weiß ich, welch ein Glüͤck im Reichthum liegt! Sie blicken auf jenes Ge⸗ mälde; es iſt Diejenige, welche Ihrer Tochter Stell einnahm; eine Tocht bis jetzt v ſogleich h Rath gebe „Alic Alice, ſet von mir pflegte ich Winternä wie die u vom Hör ſolche zu wie jene. mehr als in Friſche trafen dur Jahren zu ſchlechte, allein auf war Leide jenem Al⸗ wickelt. E kannte abe in ihre S wußten la Er ſuchte quälten iß Schatten keit ihrer cchtigten der auf Eoeline grave weiß, kennt. Ich y Vargrave „Alice weiß igen Wochen m das Kind, ckliche Aliee! meiner Rück⸗ prach Aubrey ihr das letzie ſah ihn vor noch ſpät am hhell auf dem gelaſſen; das kleinen Land⸗ ſihm willkom⸗ ßen. Es war chts und der e zärtlich, all ch, welch ein 294 einnahm; ſie iſt ſo ſchön und gut, Sie werden ſie als eine Tochter lieben. Ach, dieſer Brief— ich habe ihn bis jetzt vergeſſen; er liegt in der Pfarrei; ich muß dort ſogleich hin, Sie werden mitgehen, Sie werden uns Rath geben.“ „Alice; ich habe den Brief geleſen, ich weiß Alles. Alice, ſetzen Sie ſich, um mir zuzuhören; Sie haben von mir Manches zu erfahren. In unſerer Ingend pflegte ich Ihnen Geſchichten, wie dieſe, während der Winternächte zu erzaͤhlen, Geſchichten von einer Liebe, wie die unſrige, von Schmerzen, die wir damals nur vom Hörenſagen kannten. Ich habe Ihnen jetzt eine ſolche zu berichten, die wahrer und noch trauriger iſt, wie jene. Zwei Kinder— fie waren damaſs nicht viel mehr als Kinder— Kinder in Unkenntniß der Welt, in Friſche des Herzens— Kinder beinah an Iahren— trafen durch ſonderbares Geſchick vor mehr ais achtzehn Jahren zuſammen. Sie waren von verſchiedenem Ge⸗ ſchlechte, ſie liebten und fehlten; allein der Fehl war allein auf Seiten des Knaben; was Unſchuld in ihr, war Leidenſchaft in ihm. Ee liebte ſie zärtlich; allein in jenem Alter waren ihre Eigenſchaften unr halb ent⸗ wickelt. Er kannte ſie als ſchön, einfach und zaͤrtlich; er kannte aber nicht alle Tugend, Treue und Adel, die Gott in ihre Scele gepflanzt hatte. Sie trennten ſich und wußten lange nichts von ihrem beiderſeitigen Schickſal. Er ſuchte ſie ängſtlich auf; Kummer und Selbſtvorwurf quälten ihn lange Zeit und ihre Erinnerung warf einen Schatten auf ſein Leben; er beſaß nicht die hohe Heilig⸗ keit ihrer Liehe(ſie blieb treu) und ſuchte bei Anderen 29²2 den Zauber zu erneuen, den er mit ihr verloren hatte. Vergeblich, lange Zeit vergeblich. Alice, Sie wiſſen, worauf ſich die Erzählung bezieht; hören Sie weiter. Ich habe von jenem alten Mann vernommen, daß Sie vor vielen Jihren eine Scene erſchauten, welche in Ihnen den fälſchlichen Glanben erweckte, daß Sie eine Nebenbuhlerin erblickten. Das war nicht der Full; jene Dame iſt noch am Leben, damals wie jetzt war ſie mir eine Freundin, nichts mehr.* „Gott ſegne Sie wegen dieſer Worte,“ ſagte Alice, während ſie näher zu ihm rückte. Maltravers fuhr fort.„Umſtände, die Sie bei einer ruhigeren Gelegenheit vernehmen werden, verknüpften mein Schickſal durch Vermählung beinahe mit einer An⸗ dern. Ich hatte Sie damals in einiger Entfernung von Ihnen unerblickt geſehen; Sie waren offenbar in acht⸗ barem Stande und Reichthum, und ich ſegnete den Himmel, daß Ihr Loos wenigſtens nicht das der Armuth und des Mangels war.“ Hier erzaͤhlte Maltravers, wie er früher Alice fluͤch⸗ tig geſehen hatte, wie er wiederum ſie vergeblich ſuchte. „Von jener Stunde an,“ fahr er fort„fühlte ich mich mehr mit der Vergangenheit ausgeſöhnt, da ich Sie in Umſtänden ſah, wovon ich nicht zu träumen gewagt haben würde; als ich aber am Rande der Ehe mit einer Anbern ſtand, ſo ſchön begabt und großmäthig ſie auch ſein mochte, hielt ein Gedanke, eine nur halb aner⸗ kannte, düſter gezeichnete Erinnerung meine Gefühle zurück; Bewunderung, Achtung und Dankbarkeit waren keine Liebe! Der Tob— ein büßerer und tragiſcher Tod verh in die we ten vorül Liebe beſt ſeit ich D ein Weſen wie damal ſonderbare Aliee, zul Ihnen au keit mit 2 Tönen der Bewegung glücklichen mir jetzt ihren Elte fie am me ihrem zart leicht die Alice, ſind Eveline Ca wahren Ch jener Malt line verlob Er hie war ungew allein ſie w war vorübe gener Anſtr Betrug un oren hatte. Sie wiſſen, ie weiter. 1, daß Sie welche in ß Sie eine Fall; jene war ſie mir ſagte Alice, die bei einer verknüpften t einer An⸗ ernung von har in acht⸗ ſegnete den er Armuth Alice flch⸗ en gewagt ſe mit einer tragiſcher ich Sie in 293 Tod verhinderte dieſe Vereinigung und ich ging wieder in die weite Welt als Pilger und Wanderer. Jahre roll⸗ ten vorüher und ich glaubte wieder den Wunſch nach Liebe beſtegt zu haben, einen Wunſch, der mich quälte, ſeit ich Dich verlor. Plötzlich aber und kürzlich erweckte ein Weſen, ſchön wie Sie ſelbſt, ſanft, arglos und jung wie damals, als wir uns trafen, in mir ein neues und ſonderbares Gefühl. Ich will Ihnen dies nicht verhehlen, Aliee, zuletzt liebte ich eine Andere! So ſonderbar es Ihnen auch ſcheinen muß, war es eine gewiſſe Ahnlich⸗ keit mit Ihnen, nicht in den Zügen, ſondern in den Tönen der Stimme, in der namenloſen Anmuih Ihrer Bewegung und Ihres Weſens, in der Mufte Ihres einſt glücklichen Lachens— kurzum, jene Ähnlichkeit, die ich mir jetzt erklären kann und welche Kinder nicht von ihren Eltern allein, ſondern auch von denjenigen, die ſie am meiſten ſehen und lieben, durch Nachahmung in ihrem zarten Alter annehmen— Alles dies war viel⸗ leicht die hauptſächlichſte Anziehung, welche mich— Alice, ſind Sie bereit, es zu hören?— welche mich zu Eveline Cameron hinführte. Kennen Sie mich in meinem wahren Charakter, bei meinem wahren Namen? Ich bin jener Maltravers, welcher vor wenigen Wochen mit Eve⸗ line verloht war!“ Er hielt an und wagte zu Alice emporzublicken; ſie war ungewöhnlich blaß; ihre Hände waren eng gefaltet; allein ſie weinte weder noch ſprach ſie. Das Schlimmſte war vorüber; er ſetzte ſchneller und mit weniger erzwun⸗ gener Anſtrengung ſeine Rede fort:„Durch die Liſt, den Betrug und die Falſchheit des Lord Vargrave ward mir 294 ploͤtzlich der Glauben beigebracht, daß Eveline unſere Tochter ſei und daß Sie Schauder bei dem Gedanken empfänden, noch einmal den Urheber ſo manchen Elends zu erblicken. Aliee, ich brauche Ihnen von dem Schrecken nichts zu ſagen, welcher auf die Liebe folgte; ich über⸗ gehe die von mir erduldete Folter. Durch eine Reihe Vorfälle, die ich Ihnen ſpäter erzählen will, ward mir Argwohn an Vargrave's Erzählung erweckt. Ich kam hierher; ich erfuhr Alles von Aubrey; ich be⸗ klage nicht länger die Liebe, die mich auf einige Zeit ſo quälte! Ich beklage nicht länger den Bruch meiner Ver⸗ bindung mit Eveline; ich beklage nichts, welches mich zuletzt frei und ungefeſſelt zu Deinen Füßen führt und mich mit Deiner erhabenen Trene und unauslöſchlichen Liebe bekannt macht. Hier alſo, hier unter Deinem eigenen Dache kniet Dein früheſter Freund und Feind, um Ver⸗ zeihung und Hoffnung zu erflehen; er bewirbt ſich um Dich als ſeine Frau, als ſeine Gefährtin bis zum Grabe! Vergiß alle ſeine Irrthümer und werde ihm unter hei⸗ ligerem Namen Alles, was Du ihm vor Alters warſt.“ „Sie alſo waren der Bewerber um Eveline? Sie ſind derjenige, welchen fie liebt; ich ſehe Alles! Alice ſtand auf, und bevor er noch ihre Abſicht bemerkte oder ſeiner Gefühle ſich bewußt war, verſchwand ſie aus dem Zimmer. Lange Zeit und mit bitterem Gefühl erwartete er ihre Wiederkehr; ſie kam nicht. Zuletzt ſchrieb er eilig ein Billet, worin er ſie anflehte, wieder zu ihm zu kommen und ihn von der Qual der Ungewißheit zu befreien, an ſeine Aufrichtigkeit zu glauben und ſeine ihr Zimn begrahen. war mit! „Ich zeihen Si iſt ſo ſchö bald mit: ſegne Sie Die T travers tre „Gehe Sie ihr, könne je Zweck im; zu verdien Wort ein. Aubret erfuhr, gi nacht, als auf dem K das übrige „ Sie Abenteure berühmte ine unſere Gedanken een Elends Schrecken ich über⸗ eine Reihe bill, ward weckt. Ich ;; ich be⸗ ige Zeit ſo neiner Ver⸗ elches mich führt und glöſchlichen gem eigenen d, um Ver⸗ arbt ſich um zum Grabe! unter hei⸗ ſie aus dem -rwartete er Qual der t zu glauben ſie anſlehte, und ſeine Hand anzunehmen. Er ſchickte das Billet auf ihr Zimmer, wohin ſie geeilt war, ihre Regungen zu begraben. Nach wenig Minuten kam eine Antwort; ſte war mit Bleiſtift geſchrieben und mit Thränen befleckt. „Ich danke Ihnen; ich verſtehe Ihr Herz; aber ver⸗ zeihen Sie mir, ich kann Sie jetzt noch nicht ſehen; ſie iſt ſo ſchön und gut; ſie iſt Ihrer würdig. Ich werde bald mit meinem Schickſal wieder ausgeſöhnt ſein. Gott ſegne Sie Beide!“ Die Thüre der Pfarrei ward plötzlich geöffnet. Mal⸗ travers trat mit haſtigem und ſchwerem Tritte ein. „Gehen Sie zu jenem Engel, ich erſuche Sie! ſagen Sie ihr, daß ſie mir Unrecht thut, wenn ſie glaubt, ich dönne je eine Andere heirathen und je einen andern Zweck im Leben haben, als ihr Erſatz zu leiſten und ſie zu verdienen. Gehen Sie und legen Sie fuͤr mich ein Wort ein.“ Aubrey, welcher von Maltravers die Vorgänge bald erfuhr, ging zum Landhauſe; es war beinahe Mitter⸗ nacht, als er zurückkehrte. Maitravers begegnete ihm auf dem Kirchhofe an dem Erbenbaume. „Wohlan, welche Botſchaft bringen Sie?“ „Sie willigt ein, ſie wünſcht, daß wir Beide morgen nach Patis reiſen. Kein Tag iſt zu verlieren— wir müſſen Eveline aus dieſer Schlinge retten.“ „Eveline, ja Eoeline ſoll gerettet werden! Allein das Ührige— weßhalb wenden Sie ſich fort?“ „Sie ſind nicht der arme Künſtler, der wandernde Abenteurer; Sie find der hochgeborene, der reiche, der berühmte Maltrayers. Aliee kann Ihnen nichts ſchenken; 296 Sie haben die Liebe der Eveline gewonnen; Aliee kann nicht das ihr anvertraute Kind zur hoffanngsloſen Nei⸗ gung verurtheilen. Sie lieben Eveline; Alice kann ſich nicht mit dem jungen, woherzogenen und ſchoͤnen Ge⸗ ſchöpfe vergleichen, deren Liebe ein Schatz von nicht zu beſtimmendem Werth iſt. Alice bittet Sie, ſich nicht um ſie zu grämen; ſte wird in Ihrem Glück zufeieden und glücklich ſein. Dies iſt die Botſchaft.“ „Und was ſagten Sie? Sagten Sie ihr nicht, ſolche Worte würden mein Herz brechen.“ „Einerlei, was ich ſagte; ich hege Mißtrauen, wenn ich R th gebe. Ihr Gefahl iſt wahrer wie alle unſere Weisheit!“ Maltravers gab keine Antwort, und der Pfarrer ſah, wie er ſchnell über die Gräber beim Sternenlicht zum Dorfe eilte. Siebentes Kapitel. Glaubt Ihr, deß den Entſchluß ich faſſen kann Bei blumenreicher Zaͤrtlichkeit? Shakſpeare. Beide befanden ſich nach Dover unterwegs. Mal⸗ travers lehnte ſich in die Ecke des Wagens mit nieder⸗ gebrücktem Hut zurück, obgleich der Morgen noch zu dunkel war, als daß der Pfarrer mehr wie ſeine Ge⸗ ſichtszüge hatte ſehen können. Ein Meilenſtein nach dem andern glut bei den Rädern voruüber und keiner der Rei⸗ ſenden brach das Schweigen. Es war ein kalter, rauher Morgen und der Nebel erhob ſich düſter über die kahlen Hecken und öde ausſehenden Felter. Finſter und ſelbſt⸗ anklagent allen Fal ten der 5 Mutter, ſich wiede Rechenſch gemacht, die Freur Bild der Wanderu ihrem hol Körpers waͤhrte- fang bis wilde und und Leide wandte. anmaßen! ſatz, dere er verglic und Zwee Lebens u Erfüllun einſt ſo r ſtürzt, vo geblickt u wie ihr, pfindlich deutlicher Stolzes?: Aſiee kann sloſen Nei⸗ ice kann ſich ſchönen Ge⸗ don nicht zu ich nicht um ffeieden und nicht, ſolche launen, wenn alle unſere Pfarrer ſah, nenlicht zum b ch faſſen kann ſpeare. wegs. Mal⸗ mit nieder⸗ gen noch zu e ſeine Ge⸗ in nach dem ner der Rei⸗ lter, rauher er die kahlen und ſelbſt⸗ anklagend war die Nachforſchung des Maltravers in allen Falten ſeines Gewiſſens und in den befleckten Sei⸗ ten der Vergangenheit. Die blaſſe und einſam lebende Mutter, an dem Grabe ihres Kindes trauernd, erhob ſich wieder vor ſeinen Blicken und ſchien ihm ſchweigend Rechenſchaft für das Herz abzuverlangen, das er öͤde gemacht, und für die Jagend, über welche ſeine Liebe die Freudenloſigkeit des Alters gebracht hatte. Mit dem Bild der Aliee, wie ſie fern, allein, ſowohl auf ihren Wanderungen als Bettlerin und ausgeſtoßen, wie auch in ihrem hohlen Glücke lebte, worin die Behaglichkeit ihres Körpers dem Schmerz ihres Herzens größere Muße ge⸗ waͤhrte— mit jenem reinen, trauernden und von An⸗ fang bis zu Ende treuen Bilde verglich er ſeine eigene wilde und verſchwendete Jugend, wie er zur Phantaſie und Leidenſchaft, nur um Aufregung zu erlangen, ſich wandte. Er ſetzte mit threr geduldigen Ergebung ſeine anmaßende Empörung gegen ſeine Prüfungen in Gegen⸗ ſatz, deren Bitterkeit ſein ſtolzer Geiſt übertrieben hatte; er verglich damit ſeine Verachtung gegen die Beſtrebungen und Zwecke Anderer, die ſoolze Trägheit ſeines ſpäteren Lebens und die Vergeſſenheit der Pflichten, zu deren Erfüllung ihn die Vorſicht befähigt hatte. Seine Seele, einſt ſo rauh von dem ihm theuren Piedeſtal hinabge⸗ ſtürzt, von welchem ſie ſo lang auf die Menſchen herab⸗ geblickt und ſich geſagt hatte, ich bin weiſer und beſſer wie ihr, ward jetzt für ihre eigenen Schwächen zu em⸗ pfindlich; ſeine tiefe Sehnſucht nach Tugend leß ſich deutlicher unter den Trümmern und im Schweigen ſeines Stolzes vernehmen. 298 Von der Betrachtung der Vergangenhett riß er ſich los, um die Zukunft zu überſchauen. Alice hatte ſeine Hand ausgeſchlagen; Allce ſelbſt hatte ſeine Vereini⸗ gung mit einer Andern gut geheißen un⸗ d geſegr et! Die ſo heiß gelieb'e Eveline konnte ne nwerden; kein Geſetz, vor deſſen Verletzung foge in n Gedanken die Natur erſchreckt und ſchaudernd zurückfährt, verbot ihm wiedernm Anſprüche auf jene Hand zu erheben, ſie Vargrave zu entreißen, wieder um ſie zu freien und ſie zu gewinnen! Hieß aber Maltravers einen ſolchen Ge⸗ danken willkommen? Erweiſen wir ihm Gerechtigkeit, er that es nicht. Er empfand, daß Aliceus Entſchluß in der erßen Stunde gekränkter Neigung nicht als der endliche zu betrachten ſei; ſeibſt wenn dies der Fall wäre, ſo empfand er um ſo tiefer, daß ihre Liebe, welche ſo manche Prüfung widerſtand, niemals von ihr ſelbſt beſtegt werden konnte. Sollte er ihren Seelenadel zum Fluch machen? Sollte er ſagen, Du biſt für Delne Generation verweikt und ich übergebe Dich wieder der Einſamkeit um Jener willen, die Du als Kind gepflegt haſt? Erſchrocken fuhr er bei dem Gedanken an dieſen neuen und letzten Schlag, der jenen gebrochenen Muth treffen würde, auf. Auch dann erhoben ſich allmählig neue und gſeich geheiligte Hinderniſſe, zwiſchen Eveline und ihm. Konnte Templeton ſich aus dem Grabe er⸗ heben, mit welchem Zorn, mit welchem gerechten Wider⸗ derwillen würde er dann in dem Verführer ſeiner Frau (obgleich nur Fran dem Namen nach) den Freſer ſeines Kindes erkannt haben. Dieſe Gedanken drangen in ſchneller und furcht⸗ barer Gey ſeine Ehr wie ſein dadurch ve als eine 2 ten einer dem Geſe der Schme aber denn Eveline iſ war ſchon ſeiner Se vor demj dienen ſch ihn ja no könnte ihr merei mit Der Pfar der Überr wurden n den Tage Mannes, ſtehlichen geriſſen ſ fährten in ängßliche men, zur ie Dover ke Morgen riß er ſich atte ſeine harer Gewalt auf Maltravers ein, und dienten dazu, Vereini⸗ ſeine Ehre und ſein Gewiſſen zu kräfligen. Er fühlte, gret! Die wie ſein Band mit Alice von ſolcher Art war, daß er den; kein dadurch von einer Dame getrennt wurde, weiche Aliee anken die als eine Mutter betrachtet hatte, obgleich kein Schat⸗ erbot ihm ten einer Verwandtſchaft zwiſchen Eveline und ihm nach heben, ſie dem Geſetz vorhanden war. Die Bürde des Schanders, en und ſie der Schmerz der Scham, war allerdings verſchwunden, Dlchen Ge⸗ aber dennoch flüſterte ihm eine Stimme wie fruͤher zu: echtigkeit, Eveline iſt auf immer für dich verloren! Ihr Bild Entſchluß war ſchon in den kürzlichen Stürmen und Zuckungen öt als der ſeiner Seele ſo erſchüttert, daß dieſer Gedanke, nicht der Fall vor demjenigen Alicen zu opfern, den Vorzug zu ver⸗ be, welche dienen ſchien. Wäre das nur Alles! Eveline könnte ihr ſelbſt ihn ja noch lieben; die der Alice erwieſene Gerechtigkeit nadel zum könnte ihr Unglück bewirken! Er fuhr aus ſeiner Träu⸗ ür Delne merei mit heftiger Bewegung auf und ſeufzte hoͤrbar. wieder der Der Pfarrer wandte ſich um, um an ihn einige Worte d gepflegt der Überraſchung und Frage zu richten, allein die Worte an dieſen wurden nicht gehört, und er bemerkte bei dem vorrücken⸗ nen Muth den Tageslicht, die Züge des Maltravers ſeien die eines allmählig Mannes, welcher in einen vorherrſchenden und unwider⸗ en Eveline ſtehlichen Gedanken gänzlich verſunken und davon fort⸗ Grabe er⸗ geriſſen ſei. Deßhalb war er ſo verſländig, ſeinen Ge⸗ en Wider⸗ fährten in Ruhe zu luſſen und kehrte zu ſeinen eigenen iner Frau ängßlichen Gedanken, die ihn gänzlich in Auſpruch nah⸗ eler ſeines men, zurück. Die Reiſenden ruhten nicht eher, als bis ſie nach d furcht⸗ Dover kamen. Das Poſtſchiff fuhr erſt am nächſten Morgen ab, und Aubrey, welcher ſehr ermüdet war, * 300 ging zu Bett. Maltravers ſah auf die Uhr über dem Kamingeſims; es war neun. Ee hatte keine Hoffaung zum Schlaf; ſeine Ausſicht auf die langſum hinſchlei⸗ chende Nacht war die einer kummervollen Ungewißheit und eines quälenden Selbſtgeſpräches. Ais er ſich raſt⸗ los auf ſeinem Sitze umwandte, trat der Kellner ein, um ihm zu ſagen, es ſei ein Herr im Hauſe, welcher bei ſeiner Ankunft ihn unten geſehen habe, und welcher ihn dringend um eine Unterredung erſuche. Bevor Mal⸗ travers antworten konnte, trat der Herr ſelbſt ein, und jener erkannte Legard. „Ich bitte Sie um Verzeihung,“ ſagte der Letz⸗ tere im Tone großer Aufregung,„mir war ſehr viel daran gelegen, Sie auf einige Augenblicke zu ſprechen; ich bin ſo eben erſt nach Englond zurückgekehrt; alle Orte ſind mir gleich verhaßt; ich leſe in den Zeitungen eine— eine Ankündigung, welche— welche mir den größten— ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll. Iſt es wahr? Leſen Sie dieſen Zeitungsartikel.“ Legard legte den Courier vor Maltravers hin. Die Stelle war folgente:„Man flüſtert umher, Lord Vargrave, der ſich jetzt in Paris befindet, werde in wenigen Tagen ſich mit der ſchönen und reichen Miß Cameron verheirathen, mit welcher er lange Zeit ver⸗ lobt war. Sogleich nach der Verheirathung wird Seine Lordſchaft zu Ihren amttlichen Pflichten zurückkehren.* „Iſt es möglich!“ rief Legard aus, indem er den Blicken des Maltravers folgte,„waren Sie nicht der Liebhaber, der angenommene, glückliche Liebhaber der Miß Cameron? Reden Sie, ſagen Sie es mir, ich flehe Sie Leben ret wegen jer nungen i aufgab, d gewinnen Ein! travers. Antlitz Le Sie liebt nie; wen einen Auf „Ja, Himmel Noch jetz Ihre Nei ich, daß i niemals ſogleich„ ich fand j wie ein 2 nie zu t. gangen iſ mir gleich weßhalb, angekomr „Wie hohler St Lord Var wahr, da r über dem le Hoffnung n hinſchlei⸗ Ungewißheit er ſich raſt⸗ Kellner ein, iſe, welcher und welcher Bevor Mal⸗ öſt ein, und te der Letz⸗ r ſehr viel u ſprechen; kehrt; alle Zeitungen de mir den oll. Iſt es Legard legte tert umher, tt, werde in teichen Miß ze Zeit ver⸗ wird Seine ückkehren.* dem er den e nicht der bhaber der 3 mir, ich 30¹ flehe Sie an; haß ich wegen Ihrer, der Sie mir mein Leben retteten und meine Ehre einlösten, und nicht wegen jenes kalten Intrignanten auf alle meine Hoff⸗ nungen irdiſchen Glückes verzichtete und den Traum aufgab, das Herz und die Hand des einzigen Weibes zu gewinnen, welches ich jemals liebte!⸗ Ein düſterer Schatten kam über die Züge des Mal⸗ travers. Er blickte ernſt und lang in das aufgeregte Antlitz Legards und ſagte nach einer Pauſe:„Alſo auch Sie liebten Eoeline. Ich wußte es nie und errieth es nie; wenn ich es einſt beargwohnte, ſo war es nur für einen Augenblick und—* „Ja,“ unterbrach ihn Legard leidenſchaftlich;„der Himmel iſt mein Zeuge, wie heiß und wahr ich liebte! Noch jetzt liebe ich Eveline Cameron! Als Sie mir aber Ihre Neigung und Ihre Hoffaung geſtanden, empfand ich, daß ich Ihnen Alles verdanke; ich empfand, daß ich niemals Ihr Nebenbuhler werden dürfe. Ich verließ ſogleich Paris. Was ich litt, will ich Ihnen nicht ſagen; ich fand jedoch einigen Troſt in dem Gedanken, daß ich wie ein Mann gehandelt habe, welcher gegen Sie eine nie zu tilgende, oder nie zu bezahlende Schuld einge⸗ gangen iſt. Ich reiste von Ort zu Ort; ein jeder war mir gleich verhaßt und langwellig zuletzt, ich weiß kaum weßhalb, kehrte ich nach England zurück. Ich bin heute angekommen, und jetzt ſagen Sie mir, iſt es wahr?“ „Wie ich glaube, iſt es wahr,“ ſagte Maltravers mit hohler Stimme,„daß Eveline in dieſem Augenblick mit Lord Vargrave verlobt iſt. Ich halte es ebenfalls für wahr, daß dieſes, auf falſchen Eindrücken begründete 30² Verlöbniß, niemals ſeine Erfüllung erlangt. Mit dieſer Hoffnung und mit dieſem Glauben bin ich nach Paris unterwegs.* „Und ſie wird noch die Ihrige werben,“ ſagte Legard, indem er ſein Geſtcht wegwandte;„das kann ich ertra⸗ gen; mögen Sie glücklich ſein 1⸗ „Bleiben Sie, Legard,“ ſagte Maliravers mit ge⸗ fühlvoller Stimme;„laſſen Sie uns einander beſſer verſtehen; Sie haben auf Ihre Leidenſchaft aus Ehr⸗ gefühl verzichtet(Maltravers ſchwieg nachdenklich)— dies war edel von Ihnen und mehr wie gerecht hinſichtlich meiner. Ich danke Ihnen und achte Sie. Aber Legard, lag noch ſonſt Etwas im Weſen und im Benehmen der Eveline Cameron, das Sie zu der Vermuthung führen konnte, ſie würde Ihre Leidenſchaft erwidern? Allerdings wäre ich nicht blind genug geweſen, im Fall wir Beide als Nehenbuhler unter gleichen Bedingungen aufgetreten wären, um die Vortheile Ihrer Ingend und Ihres Auße⸗ ren nicht zu erkennen; ich glaubte jedoch, die Neigung der Goeline ſei bereits mein geweſen, bevor wir uns in Paris trafen.“ „Vielleicht war es ſo,“ ſagte Legard fiaßer, auch geziemt es mir nicht zu ſagen, daß ein ſo reines und edles Herz, wie das der Eveline, Sie oder mich habe täuſchen können; dennoch hatte ich, während Sie ſich entfernt hielten, geglaubt und gehofft, daß die Parteilichkeit, womit Eyeline Sie betrachtete, eher die der Bewun⸗ derung wie der Liebe ſei; daß Sie eher ihre Elnbil⸗ dungskraft gehlendet, wie ihre Liebe gewonnen häͤtten. Ich hoffte, daß ich ihre Liebe gewinnen würte und ſchon gewänne immer ar mir Gere Stolz ha⸗ ärgert u wie bishe ſchung fä meine Th daß Cvel welches d Dies travers- Verachtu den groß Mann ka „Leg kam über rechten 2 Sie, der ich es für von dieſe daß ich i Lega gab abe wagte es denkliche Eoveline hung nit Mit dieſer nach Paris agte Legard, n ich ertra⸗ rs mit ge⸗ inder beſſer t aus Ehr⸗ klich)— dies hinſichtlie lber Legard, mnehmen der zung führen 2 Allerdings U wir Beide aufgetreten Ihres Auße⸗ die Neigung wir uns in aßer,„auch ges und edles habe täuſchen ſich entfernt Zarteilichkeit, der Bewun⸗ ihre Einbil⸗ nnen haͤtten. de und ſchon 303 gewänne! Doch ſtill davon. Ich gebe bies Ziel für immer auf— nur ein nes, Maltravers— erweiſen Sie mir Gerechti Sie ſiud ein ſtolzer Mann und Ihr Stolz hat mich u azu meiner Dankbarkeit oft ge⸗ ärgert und verletzt. Sein Sie gelinder gegen mich wie bisher; bedenken Sie, daß ich einiger Selbſtbeherr⸗ ſchung fähig bin, mag i ich auch meine Jerthümer und meine Thorheiten haben. Aufrichtig wänſche ich Ihnen, daß Evelinens Liebe Ihnen jenes Glück darbieten möge, welches dieſelhe mir gereicht haben wünde.“ Dies war ein neuer Sieg über den Stolz des Mal⸗ travers— eine neue Demüthigung. Er hatte mit kalter Verachtung auf dieſen Mann geblickt, weil er ſich über den großen Haufen nieht zu erheben vorgab, und dieſer Mann kam ihm in demſelben Opfer zuvor, welches er ſelbſt beabſichtigte. „Legard,“ ſagte Maltravers, und eine leichte Röthe kam über ſeine Wangen,„Sie ertheilen mir einen ge⸗ rechten Tadel. Ich erkenne meinen Fehler an und bitte ie, denſelben zu verge ben. Von dieſem Abend an werde ich es für eine Ehre halten, Sie meinen Freund zu nennen; von dieſem Abend an wird Georg Legard niemals finden, daß ich ihn durch Anmaßung oder Härte verletze.“ Legard druͤckte die ihm dargereichte Hand mit Wärme, gab aber keine Antwor!; ſein Herz war voll und er wagte es nicht, etwas zu ſagen. „Sie glauben alſo,“ begann Maltravers mit nach⸗ denklicherem Tone aufs Neue;„Sie glauben alſo, daß Eveline Sie geliebt haben würde, hätte meine Bewer⸗ hung nicht die Ihrige durchkreuzt? Sie glauben auch — verzeihen Sie mir, theurer Legard— daß Sie genug Charakterfeſtigkeit und Beſtimmtheit hinſichtlich Ihrer Zwecke erlangen koͤnnen, wie dies ein ſo ſchönes, junges, unerfahrenes, von tauſend Verſuchungen umringtes Mädchen in ihrem Führer und Beſchützer bedürſen wird?“ „Beurtheilen Sie mich nicht nach dem, was ich war. Ich empfinde, daß Eveline noch ſchlimmere Irrthümer, wie die meinigen, gebeſſert haben könnte; daß ihre Liebe leichtere und alltäglichere Charaktere zu erheben vermocht hätte. Sie wiſſen nicht, welche Wunder die Liebe wirkt. Was bleibt mir aber jetzt noch übrig?— Was ſonſt, als die leichifertigen und äemlichen Beſchäftigunzen, welche meine Gedanken zerſtreuen und mir Vergeſſenheit bringen können? Verzeihen Sie mir, ich beſitze kein Recht, all dieſen Egotsmus Ihnen aufzudrängen.“ „Laſſen Sie den Muth nicht ſinken, Legard,“ ſagte Maltravers freundlich;„vielleicht iſt Ihnen ein heſſeres Glück vorbehalten, wie Sie glauben. Jetzt kann ich Ihnen nichts mehr ſagen. Wollen Sie noch einige Tage in Dover bleiben? Innerhalb einer Woche werden Sie von mir hören. Ich will keine Hoffnungen erwecken, die ich vielleicht nicht verwirklichen kann. Jedoch iſt es, wie Sie glauben— nun, auf mich wird wirklich wenig an⸗ kommen; blicken Sie mich nicht ſo forſchend an,“ fügte Maltravers mit einem ſchwermüthigen Lächeln hinzu; laſſen Sie uns jetzt über dieſen Gegenſtand nichts mehr reden. Sie werden doch in Dover bleiben?“ „Ja, aber.... a „Keine Aber, Legard, die Sache iſt abgemacht.⸗ Es iſt Seine am! licht; Aller meron war in gerinere gerichteten den, die a entfernen! alle Urkund des Hauſes ſtändig au ankündigen fürſtlichen; tik betraf, verſchoben Dulwer Sie genug tlich Ihrer tes, junges, umringtes rfen wird?“ Jas ich war. IJrrthümer, ß ihre Liebe en vermocht Liebe wirkt. Was ſonſt, äftigunzen, ergeſſenheit befitze kein ngen.* ard,“ ſagte ein beſſeres st kann ich einige Tage werden Sie wecken, die iſt es, wie wenig an⸗ an,“ fügte heln hinzu; nichts mehr emacht.⸗ Elftes Buch. Der Menſch iſt zu Wohlthaten geneigt erſchaffen. M. Antonin. Erſtes Kapitel. Er knirſchte mit den Zähnen In höchſten Grimm, vergeblich Rache drohend. Spencer. Es iſt Zeit, daß wir zu Lord Vargrave zurückkehren. Seine am meiſten ſanguiniſche Hoffaungen waren verwirk⸗ licht; Alles ſchien ihm zu gelingen. Die Hand der Miß Ca⸗ meron war ihm zugeſagt und der Hochzeitstag feſtgeſetzt; in gerinerer Zeit wie in einer Woche ſollte dem zu Grund gerichteten Pair eine glänzende Mitgift übertragen wer⸗ den, die alle Hinderniſſe auf der Bahn ſeines Ehrgeizes entfernen würde. Herr Don ce hatte ihm geſchrieben, daß alle Urkunden, welche ihm die großen Güter vom Haupte des Hauſes Maltravers übertragen ſollten, beinahe voll⸗ ſländig ausgefertigt ſeien; am Hochzeitstage hoffte er ankündigen zu können, das glückliche Paar ſei nach ſeiner fürſtlichen Wohnung Liele⸗ Court abgereist. Was die Poli⸗ tik betraf, ſo war der endliche Schluß auf ſeine Räckkehr verſchoben; Briefe von Lord Saxingham aber kündigten Bulwer, Alice. II. 20 30 6 ihm an, daß Alles ein günſtiges Ausſehen darbiete, der Hof und die Häupter der Ariſtokratie würden mit jedem Tage dem Premierminiſter abgenelgter und für eine Revo⸗ lution im Kabinet mehr vorbereitet. Vargrave überſchätzte vielleicht, wie die meiſten Leute in ber Noth, diejenigen Vor⸗ theile und diejenigen ſervilen Meinungen, die er ſich in ſei⸗ nem neuen Charakter als Grundbeſitzer und reicher Pair gewinnen würde. Er war nicht unemp fiadlich hinſichtlich der ſchweigenden Angſt, welche Eveline zu dulden ſchien, auch nicht hinſichtlich des bitteren und finſteren Aus⸗ drucks, welcher auf der Stirn der Lady Doltimore ſchwebte. Allein das waren keine Wolken, die einen Sturm vor⸗ herverkündeten; nur leichte Schatten, welche kaum die Heiterkeit des günſtigen Himmels verdunkelten. Er ſchien keins von Beiden zu bemerken, ſondern das kommende Ereigniß als etwas ganz Natürliches aufzunehmen. Ge⸗ gen Eoeline erwies er eine ſo artige, nicht zutrauliche, achtungsvolle und zarte Zuneigung, daß er ihr jede Ge⸗ legenheit zue Vertraulichkeit oder Klage abſchnitt. Die arme Eveline! Ihre Munterkeit, ihre entzückende Leich⸗ tigkeit, ihre liebliche und kindliche Spielerei im Weſen war wirklich verſchwunden. Blaß, mager, duldend und ohne Lächeln, war ſie der Geiſt ihres früheren Selbſt! Die Tage aber rollten dahin und der böſe Tag rückte näher; ſle ſchauderte, aber ſte träumte von keinem Wi⸗ derſtand. Wie manche aͤhnliche Opfer ihres Alters und Geſchlechtes ſind ſchon vor dem Altar geſtanden! Eines Tages, am Morgen, begab ſich Lord Vargraye zur Epe⸗ line; er hatte einen politiſchen Beſuch in der Vorſtaht Saint-Germain abgeſtattet und durchwandelte jetzt lang⸗ ſam den Gartens; alter, un Augen nier unter den chen, wilt aufſtand u nicht den auf ſeinen „Er if Lord 2 er jenen ſi „Ferre indem er Vargrave“ Ihr Schri Kaum we uns trenn ſchwer hei gegangen Caſtru raͤume; i unnatürlic cher darleg wine loszu Niemand die vom vollgedrän manche in erkannte, arbiete, der nmit jedem reine Revo⸗ überſchätzte jenigen Vor⸗ er ſich in ſei⸗ reicher Pair hinſichtlich ulden ſchien, ſteren Aus⸗ ore ſchwebte. Sturm vor⸗ che kaum die en. Er ſchien s kommende ehmen. Ge⸗ zutrauliche, ihr jede Ge⸗ ſchnitt. Die ckende Leich⸗ ei im Weſen duldend und deren Selbſt! e Tag rüͤckte keinem Wi⸗ s Alters und nden! Eines aye zur Eoe⸗ der Vorſtadt lte jetzt lang⸗ 307 ſam den ruhigeren und einſamen Theil des Tuilerie⸗ Gartens; ſeine Hände waren auf feinem Rücken, nach alter, unveränderter Gewohnheit, gefaltet und ſeine Augen niedergeſchlagen, als plötzlich ein Mann, der allein unter den Bäumen ſaß, und ſeine Schritte mit ängſtli⸗ chen, wilden Blicken einige Zeit lang überwacht hatte, aufſtand und auf ihn zutrat. Lord Vargrave bemerkte nicht den ſich Aufdrängenden, bis der Mann ſeine Hand auf ſeinen Arm legte und ausrief: „Er iſt es, Lumley Ferrers; wir treffen uns wieder!* Lord Vargrave fuhr auf und wechſelte die Farbe, als er jenen ſich Aufdrängenden anblickte. „Ferrers,“ ſuhr Cäſarini fort(denn dieſer war es,) indem er ſeinen Arm bei den Worten feſt um den Lord Vargrave's ſchlang;„Sie haben ſich nicht geändert; Ihr Schritt iſt leicht, Ihre Wange geſund; aber ich! Kaum werden Sie mich erkennen; ich habe, ſeit wir uns trennten, furchtbar gelitten! Warum bin ich ſo ſchwer heimgeſucht worden? Weßhalb ſind Sie frei aus⸗ gegangen? Der Himmel iſt nicht gerecht!“ Caſtruccio befand ſich in einem ſeiner lichten Zwiſchen⸗ räume; in dem ungewiſſen Blick und in der ſonderbaren, unnatürlichen Stimme fand ſich jedoch ein Ausdruck, wel⸗ cher darlegte, auch der leiſeſte Windhauch vermöge die La⸗ wine loszureißen. Lord Vargrave ſah ängſtlich um ſich; Niemand befand ſich in der Nähe. Er wußte aber, daß die vom Publikum mehr beſuchten Theile des Gartens vollgedrängt waren und er bemerkte durch die Bäume hin manche in der Entfernung ſich bewegende Geſtalten. Er erkannte, der Schall ſeiner Stimme könne ihm Hülfe 308 in einem Augenblick herbeiſchaffen und das Gefühl der Sicherheit kehrte ihm zurück. „Mein armer Freund,“ ſagte er beſänftigend, während er ſeinen Schritt beſchleunigte,„es thut mir bis zum inner⸗ ſten Herzen leid, daß ich Sie in ſo ſchlimmen Umſtänden ant. effe; denken Ste nicht zu ſehr an die Vergangenheit.⸗ „Cs gibt keine Vergangenheit,“ erwiderte Caͤſarini finſer;„die Vergangenheit iſt meine Gegenwart! Ich habe über Alles, was ich litt in Duntelt eit und in Ketten gegrübelt und gegrübelt, und ein Licht iſt in ten Stun⸗ den mir aufgegangen, in denen man ſagte, ich ſei verrückt. Lumley Ferrers, nicht um meinetwillen haben Sie mich⸗ Teufel der Sie ſind, zur niedrigſten Holle geführt! Sie hatten einen Zweck, der ſich allein auf Sie bezog im Auge, um Florence von Maltravers zu trennen. Sie gebrauchten mich allein als Werkzeug. Was war ich Ihnen, daß Sie um meinethalben hätten ſändigen ſollen? Antworten Sie mir die Wahrheit, wenn Ihre Lippen noch Wahrheit reden können.“* „Cäſarini,“ erwiderte Vargrave in den ſchmeichelnd⸗ ſten Tönen,„ein andermal wollen wir über die Vergan⸗ genheit reden. Glauben Sie mir, mein einziger Zweck war Ihr Glück, allerdings mit Haß gegen Ihren Ne⸗ benbuhler verbunden.“ „Lügner,“ ſchrie Cäſarini, indem er Vargrave's Arm mit der Kraft der einbrechenden Tollheit packte, während ſeine brennenden Augen auf die wechſelnden Züge ſei⸗ nes Verſuchers geheftet waren.„Auch Sie liebten Fo⸗ rence, auch Sie ſuchten Ihre Hand; Sie waren mein wirklicher Nehenbuhler!* „St Griff de lich beun ziergänge uns beol „We halb iſt worden? fängniß meine GC Gehirn nießen S achten! 2 Menſcher „We tung aus „Hor ich aus mich gen athmete Seele wi rers, ich Gefühl der end, während is zum inner⸗ n Umſtänden gangenkeit.“ erte Cäſarini enwart! Ich iund in Ketten n ten Stun⸗ ſei verrückt. en Sie mich⸗ eführt! Sie ie bezog im ennen. Sie Zas war ich digen ſollen? Ihre Lippen ſchmeichelnd⸗ die Vergan⸗ zziger Zweck Ihren Ne⸗ grave's Arm te, während Züge ſei⸗ liebten Fo⸗ waren mein „Still, Freund!“ ſagte Vargrave, inbem er den Griff des Wahnſinnigen abzuſchütteln ſuchte und ernſt⸗ lich beunruhigt wurde.„Wir nähern uns dem von Spa⸗ ziergängern gefüllten Theile des Gartens; man wird uns beobachten.“ „Weßhalb ſind die Menſchen meine Feinde? Weß⸗ halb iſt meine eigene Schweſter meine Verfolgerin ge⸗ worden? Weßhalb hat ſie mich der Folter und dem Ge⸗ fängniß übergeben? Weßhalb ſind Schlangen und Teufel meine Gefährten? Weßhalb brennt Feuer in meinem Gehirn und Herzen und weßhalb find Sie frei und ge⸗ nießen Sie Freiheit und Leben? Man wird uns beob⸗ achten! Was kümmern Sie ſich um Beobachtung? Alle Menſchen ſuchen nach mirl“ „Weßhalb denn ſetzen Sie ſich ſo offen der Beobach⸗ tung aus? Weßhalb...* „Hoͤren Sie mich,“ unterbrach ihn Cäſarini;„als ich aus dem furchtbaren Gefängniß, in welches man mich geworfen hatte, entwiſchte; als ich die friſche Luſt athmete und über das Gras hüpfte; als ich an Leib und Seele wieder frei war, erklang plötzlich Mufik aus ei⸗ nem Dorfe vor meinem Ohre; ich ſand ſlill, legte mich nieder und hielt den Athem an, um zu horchen. Die Mu⸗ ſik ſchwieg, ich glaubte bei Florence geweſen zu ſein und weinte bitterlich! Als ich wieder zu mir kam, kehrte mir das Gebächtniß beſtimmt und klar zurück und ich ver⸗ nahm eine Stimme, welche mir zurief:„Räche ſie und dich!“ Von jener Stunde an iſt die Stimme Tag und Nacht von mir wieder vernommen worden! Lumley Fer⸗ rers, ich höre ſie jetzt! Sie ſpricht zu meinem Herzen, erhitzt mein Blut und kräftigt meine Hand. Auf wen ſoll die Rache fallen? Nenne mir ihn! 4 Lumley ſchritt ſchnell weiter; Beide waren jetzt außerhalb des Waldes; ein heiteres Gedränge lag vor ihnen.„Alles iſt in Sicherheit,“ dachte ber Engländer. Er wandte ſich plötzlich und ſtolz zu Cäſarini und be⸗ wegte ſeine Hand.„Fort, Verrückter!“ rief er in lauter und feſter Stimme;„fort mit Dir, qnäle mich nicht mehr, oder ich laſſe Dich verhaften!* Cäfarini hielt an, für den Augenblick beſtärzt und eingeſchüchtert und ſtürzte dann mit finſterem Blick und gebämpftem Ruf auf Vargrave. Das Auge und die Hand des Letzteren war wachſam und vorbereitet; er er⸗ griff den aufgehobenen Arm des Wahnfinnigen und rie um Hülfe. Allein der Verrückte war jetzt in ſeiner vollen Wuth; er warf Vargrave mit einer Kraft zu Boden, auf welche der Pair nicht vorbereitet war, und Lumley hätte ſich nie wieder lebenbig von dem Orte erhoben, wenn nicht zwei in der Nähe ſitzende Soldaten zu ſeiner Hülfe herbeigeeilt wären. Cäſarini kniete ſchon auf ſeiner Bruſt; ſeine langen knöcherigen Finger drückten auf die Kehle ſeines beabſichtigten Opfers. Als er fortgeriſſen ward⸗ ſtarrte er trotzig auf diejenigen, die ihn angepackt hat⸗ ten; nach einem wüthenden, wenn auch nur einen Au⸗ genblick währenden Kampf entrang er ſich ihren Hän⸗ den. Dann wandte er ſich zu Vargrave, welcher ſich mit einiger Anſtrengung vom Boden erhoben hatte, kreiſchte aus:„Ich werde dich noch treffen,“ entfloh durch die Bäume und verſchwand. So! mühte er und Ung die erſch vorgebra ſinnigen warnende ſein Hot im Stand gewöhnli einer zwe nes noch auszuſetze ſtellte er wohne. allein der habe eintn tierloge,3 luf wen ſoll waren jetzt ige lag vor Engländer. ini und be⸗ er in lauter mich nicht eſtärzt und Blick und ge und die eitet; er er⸗ gen und rie ſeiner vollen t zu Boden, und Lumley hoben, wenn ſeiner Hülfe ein er Bruſt; uf die Kehle riſſen ward, Bepackt hat⸗ r einen Au⸗ ihren Hän⸗ welcher ſich Zweites Kapitel. Ha! Wer iſt nah— er komme— Freund und Feind Mein Park, mein Gut und Alles, was ich hatte, Verläßt mich jetzt. Shakſpeare. So kühn auch Vargrave von Charakter war, ſo be⸗ mühte er ſich doch vergeblich aus ſeiner Seele den finſtern und Unglück verkündenden Eindruck zu verbannen, den die erſchreckende Unterredung mit Cäſarini in ihm her⸗ vorgebracht hatte. Das Antlitz, die Stimme des Wahn⸗ ſinnigen quäͤlte ihn ſtets aufs Neue, wie die Geſtalt des warnenden Geſpenſtes den Bergbewohner. Er kehrte in ſein Hotel zurück und war mehre Stunden lang nicht im Stande ſich zu faſſen, ſo wie der Miß Cameron ſeinen gewöhnlichen Beſuch abzuſtatten. Indem er beſchloß, einer zweiten Begegnung mit dem Italtener während ſei⸗ nes noch übrigen Aufenthaltes in Paris ſich dadurch nicht auszuſetzen, daß er zu Fuß durch die Straßen ging, be⸗ ſtellte er ſeinen Wagen gegen Abend, ſpeiste im Café de Paris und beſtieg dann wieder ſeinen Wagen, um nach Lady Doltimore's Wohnung zu fahren. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Mylord,“ ſagte der Bediente, als er die Wagenthür verſchloß,„daß ich bis jetzt Ihnen zu ſagen vergaß, ein fremder Herr habe ſich bald nach Ihrer Rücktehr heute Morgen beim Por⸗ tier erkundigt, ob ein Herr Ferrers nicht in dem Hotel wohne. Der Portier ſagte, hier wohne kein Herr Ferrers allein der Herr beſtand darauf, daß er Herrn Ferrers habe eintreten ſehen. Ich war damals gerade in der Por⸗ tierloge, Mylord, und ſagte.... 4 312 „Daß Herr Ferrers und Lorb Vargrave eine und die⸗ ſelbe Perſon wäͤren. Wie ſah der Mann aus 7 „Mager und mit ſchwarzem Haar, Mylord; offen⸗ bar ein Fremder. Als ich ihm ſagte, Sie wären jetzt Lord Varg rave, ſtarrte er mir einen Augenblick ins Geſicht und ſagte dann ſehr abgebrochen, er erinnere ſich deſſen voll⸗ kommien; dann lachte er und ging hinweg.“ „Sagte er nicht, er wünſce mich zu ſprechen?2 „Nein, Mylord, er ſagte, er würde ein andermal wieder vorkommen. Es war ein ſonderbar ausſehender Herr; ſeine Kleider waren abgetragen.“ „Aha] Jegend ein zudringlicher Bittſteller; vielleicht ein Pole in Noth! Sagen Sie nur, ich ſei nicht zu Hauſe, wenn er wieder kommt. Schließen Sie die Wagenthür. Zur Lady Doltimore.“ Lumleys Herz ſchlag, als er fich in dem Wagen zu⸗ rücklehnte; er fühlte wieder die Fauſt des Verrückten an ſeiner Kehle. Er erkannte ſogleich, daß Cäſarini ihn auf⸗ geſpürt hatte; er beſchloß am nächſten Morgen ſeine Wohnung zu wechſein und ſich an die Polizei zu wenden. Sonderbarer Weiſe war eine plötzliche Furcht in die Biuft dieſes ſonſt ſo eutſchloſſenen und verhärteten Man⸗ nes gedrungen. Als er zu Lady Doltimore kam, fand er Caroline ollein im Beſuchzimmer. Dies Zuſammentreffen hatte er durchaus nicht gewünſcht. „Lord Vargrave,“ ſagte Caroline mit Kälte,„ich wünſchte mit Ihnen ein kurzes Geſpräch zu halten, un da Sie heute Morgen nicht kamen, ſo ſchickte ich Ihnen vor einer Stunde ein Billet. Haben Sie es empfangen?“ „N. ſen, jetz „W ſammen blaſſer; Beſorgr mich he ſcheinen Lord V „Je Ihre ei Grunde „M Lady De ſtens ha ſicht erw will ich „Icl der Fehl ich muß ine und die⸗ 322 lord; offen⸗ en jetzt Lord Geſicht und deſſen voll echen?“ in andermal ausſehender er; vielleicht ſcht zu Hauſe, Wagenthür. Wagen zu⸗ herrückten an rini ihn auf⸗ Korgen ſeine i zu wenden. urcht in die rteten Man⸗ er Caroline treffen hatte Kälte,„i halten, und te ich Ihnen empfangen?“ „Nein, ſeit ſechs Uhr bin ich nicht zu Hauſe gewe⸗ ſen, jetzt iſt es neun.“ „Wohlan denn, Vargrave,“ ſagte Caroline mit zu⸗ ſammengepreßten und verzerrten Lippen und mit ſehr blaſſer Wange,„mit Zittern verkünde ich Ihnen meine Beſorgniſſe, daß Doltimore Argwohn hegt; er blickte mich heute Morgen ſehr fiaſter an und ſagte:„„Sie ſcheinen unglücklich, Madame; dieſe Verheirathung von Lord Vargrave macht Ihnen viel Kummer. 44 „Ich habe Sie gewarnt, daß es ſo kommen müßte; Ihre eigene Selbſtſucht wird Sie verrathen und zu Grunde richten.“* „Machen Sie mir keine Vorwürſe, Mann!“ ſagte Lady Doltimore mit großer Heftigkeit.„Auf Sie wenig⸗ ſtens habe ich ein Recht, daß Sie mir Mitleid und Nach⸗ ſicht erweiſen und daß Siemir helfen; Vorwurf von Ihnen will ich nicht ertragen.* „Ich mache Ihnen um Ihrer ſelbſt willen und wegen der Fehler Vorwürfe, die Sie gegen ſich ſelbſt begehen; ich muß Ihnen ſagen, Caroline, daß Sie gegen mich, der ich großmüthig alle Selbſtſucht unterdrückte und Ihnen zu einer ſo wünſchenswerthen und ſogar glänzenden Lage verhalf, weder gerecht noch hochſinnig handeln, indem Sie eine ſo widrige Abneigung gegen meine einzige Verfahrungsweiſe zeigen, welche mich vom wirklichen Un⸗ tergang zu retten vermag. Welchen Verdacht aber hegt Doltimore? Welchen Grund hat er zum Argwohn, ab⸗ geſehen von jenem Mangel an Selbſtbeherrſchung der Geſichtszüge, die ſich ſo leicht erklären läßt und die ein Weib und eine vornehme Dame(Lumley lächelte hoͤhniſch) um ſo viel leichter ſich aneignen kann?“ „Ich weiß nicht; man hat es ihm in den Kopf geſetzt. Paris iſt voll von Klatſcherei. Aber Vargrave— Lum⸗ ley— ich zittere— ich ſchaudere vor Schrecken— wenn Doltimore jemals entdecken ſollte...* „Bah! Unſer Benehmen in Paris iſt höchſt zurück⸗ haltend und klug geweſen Doltimore iſt der perſonffieirte Eigendünkel und der iſt immer blind. Ich bin im Begriff Paris zu verlaſſen und eine Dame, die in Ihrem eigenen Hauſe ſich aufhält, zu heirathen; bei ein wenig Klugheit und Selbſtbeherrſchung, bei einem lächelnden Geſicht, wenn Sie uns Gluͤck wünſchen ꝛc. iſt alles in Sicherheit. Still, denken Sie nicht mehr daran; das Schickſal hat für Sie die Karten abgenommen und gemiſcht— das Spiel iſt für Sie gewonnen, wenn Sie nur immer richtig bedienen. Verzeihen Sie mein Gleichniß, es iſt paſſend und ich ſelbſt habe es gehörig abgenützt; aber das Men⸗ ſchenleben gleicht einem Rubber im Whiſt. Wo iſt Eveline?“ „In ihrem Zimmer. Haben Sie kein Mikleid mit ihr?“ „Sie wird als Laby Vargrave ſehr glücklich ſein und ich werde weder einen finſtern noch eiferſüchtigen Gatten abgeben; denſelben Charakter würde ſie nicht in dem hoch⸗ trabenden Maltravers angetroffen haben.“ Bei den Worten trat Eveline ins Zimmer. Vargrave beeilte ſich, ihre Hand zu drücken, ihr zärtliche Be⸗ grüßungen und Complimente zuzuflüſtern, den Armſtuhl zum Kamin zu rücken, ihr den Schemel hinzuſtellen, erreicht. Var und das mit einſi ſchirm vo chenes S ſchaft fin blickte die „Me Stimme Der travers er richtig iſt paſſend das Men⸗ Wo iſt Nitleid mit h ſein und en Gatten dem hoch⸗ Vargrave lliche Be⸗ Armſtuhl azuſtellen, 31⁵ kurz all die kleinen Dienſte an ihr zu verſchwenden, welche ſo angenehm ſind, wenn ſie kleine Beigaben der Liebe bilden. Eveline war blaſſer und zerſtreuter wie gewöhnlich. Ihre Augen zeigten keinen Glanz, ihr Schritt kein Le⸗ ben; ſie ſchien der Kriſe, welcher ſie ſich näherte, gänzlich bewußtlos zu ſein. Wie die Myrrhe und der Yſop, welche durch Vergiftung den Miſſethätern alter Zeiten Vergeſſenheit ihrer Hinrichtung einflößten, ſo betäubt mancher Gram, bhevor er den letzten und höchſten Gipfel erreicht. Vargrave ſprech leichthin über Wetter, Neuigkeiten und das letzt erſchienene Buch. Eoeline erwiderte nur mit einſilbigen Worten und Caroline, mit einem Hand⸗ ſchirm vor ihrem Geſicht, beobachtete ein ununterbro⸗ chenes Stillſchweigen. So waren zwei von der Geſell⸗ ſchaft finſter und freudlos, der dritte dagegen munter und lebhaft, als die Uhr auf dem Kamingeſims zehn Uhr ſchlug; als der letzte Schlag erſtarb und Eveline ſchwer aufſeufzte(denn eine Stunde war dem verhängnißvollen Tage näher gerückt), ward die Thüre plötzlich aufge⸗ riſſen und zwei Herrn, die den Diener bei Seite ſchoben, traten ein. Caroline, welche dieſe zuerſt erblickte, fuhr mit einem ſchwachen Ausruf der Überraſchung von ihrem Sitze auf. Vargrave wandte ſich plötzlich um und er⸗ blickte vie finſteren Züge des Maltravers. „Mein Kind, meine Gveline!“ rief eine vertraute Stimme aus und Eveline ruhte in Aubrey's Armen. Der Anblick des Pfarrers in Geſellſchaft mit Mal⸗ travers erklärte Vargrave Alles auf einmal. Er ſah, 81b daß bie Maske von ſeinem Geſicht gezogen, die Beute ſeinen Händen entriſſen, ſeine Falſchheit bekannt, ſeiner Intrigue entgegengewirkt, ſeine Schurkerei vereitelt war! Er kämpfte vergeblich mit ſich ſelbſt, um Feſ⸗ ſung zu erlangen; elle ſeine Hülfsquellen des Muthes und der Liſt ſchienen vertrocknet und erſchöpft. Blaß, ſprachlos, beinah zitternd krümmte er ſich vor den Blicken des Maltravers. Eveline, welche noch nicht die Gegenwart ihres früheren Liebhabers bemerkt hatte“ brach zuerſt das Schweigen. Sie erhob ihr Antlitz beun⸗ ruhigt vom Buſen des guten Pfarrers.„Befindet ſich meine Mutter wohl? Lebt ſie? Was bringt Sie hieher? „Ihre Mutter befindet ſich wohl, mein Kind. Ich bin auf ihr ernſtliches Verlangen hierhergekommen, um Sie vor einer Verheirathung mit jenem unwürdigen Manne zu retten.“ Lord Vargrave lächelte todtenbleich und gab keine Antwort. „Lord Vargrave,“ ſagte Maltravers,„Sle werden jetzt einſehen, daß Sie in dieſem Hauſe kein weiteres Geſchäft haben. Entſernen Sie ſich mit mir, ich bin Ihnen ſehr viel Dank ſchuldig.⸗ „Ich will nicht fort,“ rief Vargrave leidenſchaftlich aus, indem er mit dem Fuße auf den Boden ſtampfte, Miß Cameron, der Gaft der Lady Doltimore, in deren Haus und Gegenwart Sie ſich auf ſo rohe Weiſe ein⸗ drängen, iſt meine verlobte Braut— mit ihrer eigenen Einwilligung mir verlobt. Eoeline, geliebte Eveline! Sie ſind mein! Sie allein können das Band zerreißen. Herr, ich weiß nicht, was Sie zu ſagen haben, welches Geheim hüllen Ihre He befiehlt, dies gef Ihrer geben, d „Ver travers: Achtung die niedrt kommt, unſeres E Ausdrück weigerte, Der Vargrave vergeblich bie Bente ut, ſeiner vereitelt erkt hatte“ tlitz beun⸗ findet ſich le hieher?° Kind. Ich men, um nwürdigen gab keine Sie werden in weiteres ir, ich bin en ſchaftlich n ſtampfte, e, in deren Weiſe ein⸗ rer eigenen ee Eveline! zerreißen. en, welches V 317 Geheimniß Sie in Ihrem unbefleckten Leben mir ent⸗ hüllen wollen; wenn aber nicht Lady Doltimore, die Ihre Haſtigkeit erſchreckt, mir ihr Hars zu verlaſſen befiehlt, ſo habe ich mich nicht eingedrängt, ſondern dies geſchah allein von Ihnen. Laby Doltimore, mit Ihrer Eclaubniß will ich Ihrem Diener den Auftrag geben, dieſen Herrn an ſeinen Wagen zu führen.“ „Verzeihen Sie mir, Lady Doltimore,“ ſagte Mal⸗ travers mit Kälte;„ich will mich nicht zum Mangel an Achtung gegen Sie brängen laſſen. Mylord, wenn nicht die niedrigſte Feigheit zu Ihren übrigen Laſtern hinzu⸗ kommt, ſo werden Sie dies Zimmer nicht zum Schauplatz unſeres Streites machen. Ich fordere von Ihnen mit den Ausdrücken, bei denen noch niemals ein Gentleman ſich weigerte, daß Sie ſich mit mir aus dem Zimmer entfernen.* Der Ton und das Weſen des Maltravers ühte auf Vargrave eine ſonderbare Herrſchaft; er bemühte ſich vergeblich, die Heftigkeit rege zu halten, in die er ſich hineinzubringen geſucht hatte; ſeine Stimme ſtotterte, ſein Haupt ſank ihm auf die Bruſt Die Gruppe bot ein außergewöhnliches Bild!— Caroline wandte ihre Augen von Einem zum Andern voll Erſtaunen und Schrecken; Eveline hielt Alles für einen Traum, lebte aber allein in dem Gedanken, daß ſie durch eine gnädige Dazwi⸗ ſchenkunft der Vorſehung den Folgen ihrer eigenen Raſch⸗ heit entginge; ſie klammerte ſich an Aubrey und heftete den Blick auf Maltravers; Aubrey, deſſen ſanfter Cha⸗ rakter durch die heftigen und ſtürmiſchen Leidenſchaften, die jetzt im Kampf an einander ſtießen, niedergedrückt und verſtummt war, euthielt ſich aller Ginmiſchung als 348 Vermittler und war doch aus Furcht vor Blutvergießen, die ihm jetzt zum erſtenmal durch den Kopf kam, zum Einſchreiten und beinahe zum Verſuch einer Ausſöhnung getrieben. Es war ein Augenblick tödtlichen Schweigens, worin Vargrave ſich für das Verfahren zu kräftigen und zu ſammeln ſchien, welches am Zweckmäßigſten für ihn einzuſchlagen ſei, als die Thüre ſich wieder öffnete und der Name des Herrn Howard angekündigt wurde. Eilig und aufgeregt ſtürzte der junge Sekretär, in⸗ dem er kaum die Übrigen der Geſellſchaft bemerkte, auf Lord Vargrave zu. „Mylord, ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, daß ich Sie unterbreche— ein Geſchäft von der höchſten Wichtigkeit! Endlich bin ich ſo glücklich, Sie zu finden.“ „Was gibts, Herr?“ „Dieſe Briefe, Mylord! Ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen!“ Jede Unterbrechung, ſogar ein Erdbeben, wäre in dem Augenblick Lord Vargrave willkommen geweſen. Er beugte ſein Haupt mit höflichem Lächeln gegen die Ge⸗ ſellſchaft, ſchlang den Arm in den ſeines Sekretäns und trat mit dieſem zum entfernteſten Fenſter. Nach einer Minute ſagte er, bevor er ſich mit einem Blicke hoͤhni⸗ ſchen Frohlockens wegwandte.„Herr Howard, gehen Sie und erfriſchen Sie ſich und kommen Sie zu mir um zwölf Uhr Nachts; alsdann bin ich zu Haus.“ Der Se⸗ kretär verbengte ſich und ging. „Jetzt, Herr,“ ſagte Vargrave zu Maltravers,„bin ich Willens, Ihnen das Feld zu überlaſſen. Miß Cameron, ſein, län zu hegen. daß Sie n Kapital m um den 2 Douce iſt Brief iſt n geſchickt; erhalten w verliere; d Summe ij Ihr Vorm verantwor! hin flüſſig Fall. Da habe, ſo b then wird, Maltraver hören, wa Allen gute Hut und v „Eveli fahren wü verhaßt, i ergießen, im, zum sſöhnung s, worin t und zu für ihn fnete und de. etär, in⸗ erkte, auf rzeihung, höchſten mfinden.“ n ſo viel wäre in beſen. Er n die Ge⸗ etäns und kach einer ke hoͤhni⸗ rd, gehen unmir um Der Se⸗ ers,„ bin n. Miß V V V 319 Cameron, wie ich beſorge, wird es für mich unmöglich ſein, länger meine früheren, glänzenden Hoffaungen zu hegen. Ich bedaure, Sie benachrichtigen zu müſſen, daß Sie nicht länger die große Erbin ſind; Ihr ganzes Kapital ward den Händen des Herrn Douce übergeben, um den Ankauf von Lisle⸗Court auszuführen. Herr Douce iſt bankrot und nach Amerika entflohen. Dieſer Brief iſt mir von meinem Advokaten durch einen Courier geſchickt; das Haus hat Bankrot gemacht. Vielleicht erhalten wir nur einen Sixpence vom Pfunde Auch ich verliere; die mir hinterlaſſene, von Ihnen zu verwirkende Summe iſt ebenfalls fort. Ich weiß nicht, ob ich als Ihr Vormund für den Verluſt Ihres Vermögens nicht verantwortlich bin, welches auf meine Verantwortlichkeit hin ſlüſſig gemacht wurde; wahrſcheinlich iſt dies der Fall. Da ich aber jetzt keinen Heller im Vermögen habe, ſo bezweifle ich, ob Herr Maltravers Ihnen ra⸗ then wird, einen Prozeß gegen mich anzufangen. Herr Maltravers, morgen um neun Uhr werde ich auf Alles hören, was Sie zu ſagen haben. Ich wünſche Ihnen Allen gute Nacht“ Er verbeugte ſich, ergriff ſeinen Hut und verſchwand. „Eveline,“ ſagte Aubrey,„können Sie mehr zu er⸗ fahren wünſchen, um ſich zu freuen, daß Sie jetzt gänz⸗ lich von einer Verbindung mit einem Manne ohne Herz und Ehre befreit find?* „Nein, ich bin ſo glücklich,“ rief Eveline indem ſle in Thränen ausbrach;„dieſer Reichthum war mir verhaßt, ich empfinde nicht ſeinen Verluſt; ich bin 320 aller Pflicht gegen meinen Wohlthäter ledig. O Gott, ich bin frei!“ Das letzte Band, welches die ſchuldige Crroline mit Vargrave vereinigt hatte, war zerriſſen; eine Frau ver⸗ gibt Sünde an ihrem Geliehten, aber niemals Gemein⸗ heit. Die beſchimpfende und elende Stellung, welche jetzt ein Mann einnahm, dem ſie als Sklavin gedient hatte, erfüllte ſie mit Scham, Schauder und Wider⸗ willen(und dennoch waren ſeine ärgſten Schurkereien ihr unbekannt). Sie ſtand plötzlich auf und verließ das Zimmer. Die ÜUbrigen vermißten ſie nicht. Maltravers trat auf Eveline zu, er nahm ihre Hand und drückte an ſeine Lippen und an ſein Herz. „Eoeline,“ ſagte er betrübt,„Sie erwarten eine Erklärung, morgen will ich Ihnen dieſelbe geben und die Gelegenheit dazu aufſuchen. Heute Nacht ſind wir Beide für ſolche Mittheilungen zu ſehr angegriffen; ich kann jetzt allein Freude über Ihr Entkommen und Hoff⸗ nung empfinden, daß ich zu Ihrem zukünftigen Glücke noch beitragen kann.“ Seine Stimme ſtockte und er ſeufzte. „Aber,“ ſagte Aubrey,„können wir dieſer neuen und ſtaunenerregenden Angabe glanben? Kann dieſer Verluſt gänzlich unabhelflich ſein? Können wir nicht Vorſichtsmaßregeln treffen und wenigſtens einige Trüm⸗ mer dieſes großen Vermögens retten.“ „Ich danke Ihnen, daß Sie mich zur Welt zurück⸗ rufen,“ ſprach Maltravers mit Eifer;„ſogleich will ich fort und Maßregeln treffen. Morgen, Eveline, will ich nach meiner Unterredung mit Ihnen, nach London eilen und Vormunt Er w Eveline: heute Na werden G laſſen Sie „Ich haben uns fügte er, ſter hinzu, In de engliſcher Geſchäfte ſetzte ihn über den Auftrag, bald er ein reiſen. J Maltraver den werde war, fuhr daß er es: Als ſein W Bulwer . O Gott, V groline mit 2 Fran ver⸗ is Gemein⸗ ng, welche din gedient ind Wider⸗ churkereien verließ das ihre Hand 3. varten eine geben und bt ſind wir griffen; ich und Hoff⸗ gen Glücke kte und er eſer neuen kann dieſer wir nicht hige Trüm⸗ zelt zurück⸗ gleich will eline, will ich London eilen und in der mir noch verbliebenen Eigenſchaft Ihres Vormundes und Freundes handeln.“ Er wandie ſein Geſicht hinweg und ellle zur Thür. CEveline umſchlang Aubrey.„Sie werden mich doch heute Nacht nicht verlaſſen? Sie können bleiben; wir werden Gelegenheit fur Ihr Unterkommen finden. Ver⸗ laſſen Sie mich nicht!“ „Ich ſollte Sie verlaſſen, mein Kind! Nein, wir haben uns tauſend Dinge mitzutheilen. Ich werdenicht,“ fügte er, ſich zu Maltravers wendend, mit einem Gefluͤ⸗ ſter hinzu,„Ihren Mittheilungen zuvorkommen.“ Drittes Kapitel. Ha, er iſt es! So eben ſahen wir ihn noch ſo verrückt, ſo toll wie eine ſturmbe⸗ wegte See. Shakſpeare. In der Rue de la paix wohnte ein ausgezeichneter engliſcher Advokat, mit weſchem Maltravers frůͤher Geſchäfte gehabt hatte; er fuhr jetzt zu dieſem Herrn, ſetzte ihn in Kenntniß von der vernommenen Nachricht über den Bankerot des Herrn Douce, und gah ihm Auftrag, Paris im erſten Augenblick zu verlaſſen, ſo⸗ bald er einen Paß erhalten könne, um nach London zu reiſen. Jedenfalls würde er dort einige Stunden vor Maltravers ankommen, und auch in dieſen wenigen Stun⸗ den werde etwas gewonnen werden. Als dies geſchehen war, fuhr er zum nächſten Hotel, welches zufällig, ohne daß er es wußte, auch Lord Vargrave's Wohnort war. Als ſein Wagen vor dem Thore hielt, ſprang ein Mann, Bulwer, Alice, II, 21 322 waͤhrend der Portier die Thüre offnete, unter den Lam⸗ pen hervor, wo er herumgeſchlendert war, blickte ins Wagenfenſter und betrachtete Maltravers mit großem Ernſt. Maltravers, in ſeine Gedanken vertieft, be⸗ merkte ihn nicht; als der Wagen in den Hof fuhr, folgte der Fremde, der in einen abgetragenen, zerfetzten Mantel gehüllt war, und deſſen Bewegungen unter dem Lärm der Ankunft nicht beobachtet wurden. Des Portiers Frau führte die Ankommenden in den zweiten Stock, der gerade leer ſtand, und der Frotteur begann das Feuer anzuſchüren. Maltravers warf ſich zerſtreut auf vas Sopha und bemerkte nichts von ſeiner Umgebung; als er plötzlich die Augen aufſchlug, erblickte er vor ſich Caͤſarini's Antlitz! Der Italiener, welchen die Perſo⸗ nen im Hotel wahrſcheinlich für einen der neuen An⸗ kömmlinge hielten, lehnte ſich über den Rücken eines Aemſeſſels, flützte das Geſicht mit den Händen und heftete ſeine Augen mit düſterem und kummervollem Ausdruck auf die Züge ſeines alten Nebenbuhlers. Als er ſich erkannt ſah, trat er auf Maltravers hin und ſagte in leiſer Stimme auf Italieniſch:„Sie ſind der Mann, den ich vor allen Andern am meiſten zu ſehen wünſche. Ich habe Ihnen Vieles zu ſagen und meine Zeit iſt kurz. Koͤnnen Sie mir auf einige Minuten Ge⸗ hör ſchenken?“ Der Ton und das Weſen Cäſarini's war ſo ruhig und verſtändig, daß Maltravers ſeinen erſten Entſchluß änderte, welcher darin beſtand, den Verrückten feſt zu nehmen, deſſen abgemagertes Geſicht und ſchmutzige Kleider— ein über die ganze Geſtalt verbreiteter Anſchein des Elende travers ko Gedanken Art Luxus als wenn e nur einen ſind wenigt In dem A ſehr wenig Worten w um. Hinfi⸗ irren. Mal⸗ der Diener ſonderbarer wohin die Gefängniß ſchen geleſ Mahl hielt Stunde iſt unwiderſtel aber habe i ſeres Geſch Es iſt der den Lam⸗ blickte ins nit großem rtieft, be⸗ ahr, folgte en Mantel dem Lärm Portiers lten Stock, egann das erſtreut auf imgebung; er vor ſich die Perſo⸗ neuen An⸗ icken eines änden und zmervollem hlers. Als s hin und iie find der en zu ſehen und meine inuten Ge⸗ r ſo ruhig Entſchluß kten feſt zu ſchmutzige teer Anſchein 3²3 des Elendes— unwiderſtehliches Mitleid erweckten. Mal⸗ travers konnte, wie ſehr auch ängſtliche und drückende Gedanken auf ihm laſteten, die ſo erbetene Unterre⸗ dung nicht abſchlagen. Er entließ ſeinen Diener und bat Cäſarini ſich zu ſetzen. Der Italiener rückte an das Kaminfeuer, welches jetzt hell und lodernd brannte, ſtreckte ſeine dünnen Hände über die Flamme und ſchien die Wärme als eine Art Luxus zu genießen.„Kalt, kalt,“ ſagte er kläglich, als wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche;„die Natur gewährt nur einen ärmlichen Schutz. Allein Froſt und Hunger ſind wenigſtens gnädiger wie Sklaverei und Finſterniß.“ In dem Augenblick trat der Diener von Ernſt ein, um ſich zu erkundigen, ob ſein Herr nicht einige Erſri⸗ ſchungen zu ſich nehmen wolle, denn dieſer hatte nur ſehr wenig Nahrung unterwegs genoſſen. Bei deſſen Worten wandte ſich Cäſarini eifrig und ausdrucksvoll um. Hinſichtlich ſeines Verlangens konnte man ſich nicht irren. Maltravers beſtellte Wein und kaltes Fleiſch; als der Diener verſchwunden war, wandte ſich Caͤſarini mit ſonderbarem Lächeln zu Jenem und ſagte:„Sie ſehen, wohin die Liebe zur Freiheit die Menſchen bringt; im Gefängniß hatte ich überfluß! Ich habe aber von Men⸗ ſchen geleſen, die vor ihrer Hinrichtung ein üppiges Mahl hielten— nicht wahr, Sie ebenfalls?— Meine Stunde iſt nah. Den ganzen Tag ward ich durch ein unwiderſtehliches Schickſal an dies Haus gefeſſelt. Sie aber habe ich nicht geſucht. Einerlei! In der Kriſe un⸗ ſeres Geſchickes treffen alle deſſen Werkzeuge zuſammen. Es iſt der letzte Akt einer furchtbaren Tragödie.“ 324 Der Italiener wandte ſich wieder zum Feuer und beugte ſich darüber hin, indem er vor ſich hinmurmelte. Maltravers ſaß ſchweigend und nachdenklich da. Jetzt war der Augenblick gekommen, den Verrückten ſeiner Familie wieder zu übergeben, ihn den Schreck⸗ niſſen, vielleicht ſelbſt dem Hungertode zu entreißen, wozu ihn ſeine Flucht verurtheilt hatte, wenn er nur Cäſarini bis zur Ankunft de Montaigne's aufhalten könne. Dieſen Gedanken gemäß zog er ſein Portefeuille, welches auf dem Tiſch lag, ruhig zu ſich hin und ſchrieb, während Cäſarini ihm noch den Rücken zudrehte, in der Haſt einige Zeilen an de Montaigne. Als ſein Diener mit Wein und Fleiſch wieder eintrat, folgte ihm Maltravers aus dem Zimmer und befahl ihm, das Billet ſogleich zu beſorgen; als er zurückkehrte fand er, daß Caͤſarint die vor ihm ſtehende Nahrung mit der Gefräßigkeit des Hungers verſchlang. Der Anblick war furchtbar. Der Verſtand war zu Grunde gerichtet, die Seele verdun⸗ kelt, das Wilde, Thieriſche blieb allein noch übrig. Als Cäſarini ſeinen Hunger geſtillt hatte, trat er zu Mal⸗ travers und redete ihn auf folgende Weiſe an: „Ich muß Sie in die Vergangenheit zurückführen, ich ſündigte gegen Sie und die Todte; allein der Him⸗ mel hat Sie gerächt und Sie können mich bemitleiden und mir verzeihen. Maltravers, ein Anderer iſt noch ſchuldiger, wie ich, aber ſtolz, glücklich und groß. Der Himmel hat ſein Verbrechen der Rache des Menſchen überlaſſen! Ich verpflichtete mich durch einen Eid, ſeine Schurkerei nicht zu enthüllen. Den Eid hreche ich jetzt, denn die man mich pheten un nicht die d und ich, 1 finden.“ Hierat beſtimmter der vollſte welche in ſogar die? heit verrien Lumley's. dringliche Widerwille die heftige Seine Erz „Jetzt ſta Stunde lel Hunger, wurf der lag meine Feuer und inmurmelte,. denklich da. Verrückten en Schreck⸗ n entreißen, denn er nur 3 aufhalten Portefeuille, und ſchrieb, lehte, in der Diener mit Maltravers illet ſogleich daß Cäſarini räßigkeit des htbar. Der übrig. Als er zu Mal⸗ ſeche ich jett ele verdun⸗ denn die Kunde ſoll ihn und mich überleben. Obgleich man mich für verrückt haͤlt, ſind die Verrückten Pro⸗ pheten und eine feierliche Überzeugung, eine Stimme, nicht die der Erde, verkündet mir, daß wir Beide, er und ich, uns bereits in dem Schatten des Todes be⸗ finden.“ Hierauf erzählte Cäſarini mit einer ruhigen und beſtimmten Genanigkeit der Selbſtbeherrſchung, mit der vollſtändigſten Angabe aller einzelnen Umſtände, welche in der Wirkung um ſo ſchauderhafter war, da ſogar die Augen des Erzählenden ſeine furchtbare Krank⸗ heit verriethen, den Rath, die Überredung und die Liſt Lumley's. Langſam und beſtimmt erregte er auf ein⸗ dringliche Weiſe das Herz des Maltravers durch den Widerwillem erregenden Bericht der kalten Liſt, welche die heftige Leidenſchaft als ein Werkzeug gebraucht hatte. Seine Erzuͤhlung beſchloß er mit folgenden Worten: „Jetzt ſtaunen Sie nicht mehr, daß ich bis zu dieſer Stunde lebte, weßhalb ich an Frelheit bei Mangel und Hunger, unter Bettlern, Verbrechern und bei dem Aus⸗ wurf der Geſellſchaft ſo gierig feſthielt. In jener Freiheit lag meine letzte Hoffnung, die Hoffaung nach Rache!“ Maltravers gab einige Augenblicke lang keine Ant⸗ wort, zuletzt ſagte er ruhig:„Cäſarini, es gibt ſo große uns zugefägte Miſſethaten, daß ſie der Rache trotzen. Laſſen Sie uns, da wir auf gleiche Weiſe verletzt wur⸗ den, unſere Sache Ihm vertrauen, welcher in allen Herzen liest, und beſſer, wie wir es vermögen, das Verbrechen und deſſen Entſchuldigung abwägt. Sie glau⸗ ben, daß er nicht gelitten hat, daß er frei ausgegangen 326 iſt. Wir kennen nicht ſelne innere Geſchichte; Wohlſtand und Macht ſind keine Zeichen des Glücks; ſlie bieten keine Befreiuung von Sorgen. Laſſen Sie ſich beſänf⸗ tigen und vernünftigen Rath geben, Cäſarini; laſſen Ste den Stein noch einmal das Grab verſchließen! Wen⸗ den Sie ſich mit mir zur Zukunft und laſſen Sie uns vielmehr ſuchen, Richter unſerer ſelbſt, wie die Henker Anderer zu ſein.“ Cäſarini hörte finſter zu und war im Begriff zu antworten, als... Wir müſſen aber jetzt zu Lord Vargrave zurückkehren. Viertes Kapitel. Mein edler Herr, die würd'gen Freunde Verlaſſen Euch. Er führt es aus, die Thür ſteht offen. Shakſpeare. Lumley fuhr in ſein Hotel, als er Laby Doltimore Haus verlaſſen hatte; ſein Sekretär hatte ihm noch an⸗ dere Briefe überbracht, mit deren Inhalt er ſich noch nicht bekannt gemacht haite; allein er ſah aus der Über⸗ ſchrift, daß die Mittheilungen von der großten Wichtig⸗ keit waren. Jedoch nicht einmal in der Einſamkeit ſeinet eigenen Zimmers konnte er ſeine Gedanken von dem Ruin aller ſeiner Glücksumſtände wegwenden; nicht allein Evelinens Eigenthum, ſondern ſeine eigenen An⸗ ſprüche darauf(das ganze Kapital war Herrn Douce übergeben worden) waren verloren, ſeine großen Pläne hatten g vers eine tiger Wi mit haftt ging. 31 „Ha, die friſche C tend und ves Inſe Athem i ihrem K heit nich jemals e und ſeine Ich habe aber ich Troſt!: Der Lord Sa Die vor Kabinet den wort ham war und eine Miniſter Lord Sa gierung Lord Sa Könige. „Ve Wohlſtand ; ſie bieten ſich beſänf⸗ rrini; laſſen eßen! Wen⸗ ſen Sie uns die Henker Begriff zu zurückkehren. 'gen Freunde ſteht offen. veare. Doltimore’s hm noch an⸗ er ſich noch us der Über⸗ ten Wichtig⸗ amkeit ſelnet ken von dem enden; nicht eigenen An⸗ derrn Douce roßen Pläne hatten gänzlich Schiffbruch gelitten; er hatte Maltra⸗ vers einen Triumph bereitet! Er knirſchte in ohnmäch⸗ tiger Wuth mit den Zähnen und ſtöhnte laut, als er mit haſligen, ungleichen Schritten durch das Zimmer ging. Zuletzt blieb er ſtehen und murmelte vor ſich hin: „Ha, die Spinne arbeitet fort, ſelbſt wenn ihre Kraft, friſche Gewebe zu bilden erſchöpft iſt; ſie lauert war⸗ tend und drängt ſich in die Gewebe Anderer ein. Bra⸗ ves Inſekt, Du biſt mein Muſter! So lange ich noch Athem in meinem Körper habe, ſoll die Welt mit all ihrem Kreuz und Leiden, das Glück mit all ſeiner Bos⸗ heit nichts gegen mich vermögen! Welcher Mann ging jemals eher zu Grunde, als bis er zur Memme wurde, und ſeine Seele dem Teufel der Verzweiflung verkaufte? Ich habe nur ein Mädchen und ein Vermögen verloren, aber ich habe hart darum gekämpft; das iſt einiger Troſt! Was iſt mir jetzt noch verblieben?“ Der erſte Brief, den Lumley öffnete, war der von Lord Saxingham; derſelbe erfüllte ihn mit Schrecken. Die vorliegende Frage war förmlich und plötzlich im Kabinet gegen Vargrave und ſeine Mansver entſchie⸗ den worden. Einige haſtige Ausdrücke von Lord Saxing⸗ ham waren ſogleich vom Premierminiſter aufgegriffen, und eine eher angedeutete, wie erklärte Niederlegung des Miniſteriums ganz beſtimmt angenommen worden. Lord Saxinghams und Lumleys Anhänger in der Re⸗ gierung wurden ſämmtlich entlaſſen; im Augenblick, wo Lord Saxingham ſchrieb, war der Premierminiſter beim Könige. „Verflucht ſei ihre Thorheit! Die Marionetten, 328 die Tölpel!“ rief Lumley aus, indem er den Brief mit der Hand zerknitterte.„Im Augenblick, wo ich ſie ver⸗ laſſe, rennen Sie mit dem Kopf gegen die Mauer— ſie ſeien verflucht— ſei ich ſelbſt verflucht! Verflucht ſei Jeder, der auf Sand baut. Mir bleibt nichts übrig, als Verbannung oder Selbſtmord. Halt! Was iſt das?* Sein Auge fiel auf die wohlbekannte Handſchrift des Premierminiſters. Er riß den Umſchlag auf, ungeduldig, das Schlimmſte zu erfahren. Sein Auge funkelte, als er las. Der Brief war ſehr höflich, voll Complimente und in einer Weiſe verfaßt, ſich um ſeine Gunſt zu be⸗ werben. Der Miniſter war ein in den Künſten voll⸗ kommen gewandter Mann, ſowohl eine Partei zu ver⸗ mehren, wie ſie zu reinigen. Saxingham und ſeine Freunde waren einfältige, unfähige Leute, welche ihre Zeit überlebt hatten; aber Lord Vargrave, in der Blüte des Lebens, beweglich, geſchickt, kräftig, bitter, unbe⸗ denklich in der Wahl der Mittel— Vargrave war von anderer Art— Vargrave war zu fürchten, und deßhalb wo möglich beizubehalten. Sein Vermögen, Schaden anzurichten, war ohne Zweifel durch ſeine baldige Ver⸗ mählung mit einer ſo reichen Dame noch geſteigert. Der Miniſter kannte ſeinen Mann. In Ausdrücken affektirten Bedauerns erwähnte er den Verluſt, welchen die Re⸗ gierung an den Dienſten des Lord Saxingham erleiden würde ꝛc.; er war erfreut, daß Lord Vargrave's Abwe⸗ ſenheit von London ihn verhindert habe, ſich voreilig durch falſche Bedenklichkeiten hinſichtlich der Ehre dem Austritte der Miniſter arnzuſchließen, welchen ſein Urtheil nothwendig mißbilligen müſſe. Er behandelte die ſtreitige ſtand die Z Widerſtand auch nicht gänzlich ü Annahme e Nützlichkei herzlichſten Sitz im K geben hatte ſei zu gerit beſtimmtes glänzenden durch die neurs im So gr wir ihn vi er von jen hatte, zur und Verm Amt einzt nächſter T durch den erwerben verurtheil verkaufent werden: hätte er n worauf er ſchloſſen Brief mit h ſie ver⸗ Nauer— Verflucht öts übrig, iſt das?* hrift des ngeduldig, kelte, als nplimente uſt zu be⸗ ſten voll⸗ ei zu ver⸗ und ſeine helche ihre der Blüte er, unbe⸗ war von id deßhalb Schaden dige Ver⸗ gert. Der affektirten n die Re⸗ erleiden e's Abwe⸗ h voreilig Ehre dem cchen ſein hehandelte 329 die ſtreitige Frage mit der zarteſten Gewandiheit, ge⸗ ſtand die Zweckmäßigkeit von Lord Vargrave's früherem Widerſtand zu, behauptete aber, die Maßregel, wenn auch nicht weiſe, ſei jetzt unvermeidlich. Er ſchwieg gänzlich über die Gerechtigkeit der Maßregel, deren Annahme er vorſchlug, bemerkte aber ſehr viel über deren NRützlichkeit. Er ſchloß damit, daß er Vargrave in den herzlichſten und ſchmeichelhafteſten Ausdrücken denſelben Sitz im Kabinet antrug, den Lord Saxingham aufge⸗ geben hatte, und fügte zu der Entſchuldigung, jenes Amt ſei zu gering für die Verdienſte Seiner Lordſchaft, ein beſtimmtes und deutlich ausgedrücktes Verſprechen des glänzenden Vicekönigthums in Indien hinzu, welches durch die Rückkehr des gegenwärtigen Generalgouver⸗ neurs im nächſten Jahre erledigt ſein würde. So grundſatzlos Vargrave auch war, ſo beurtheilen wir ihn vielleicht nicht zu mild, wenn wir erklären, daß er von jener Niederträchtigkeit, welche er jetzt im Sinn hatte, zurückgeſchaudert wäre, wenn er Evelinens Hand und Vermögen wirklich erlangt hätte. Mit Kälte daſſelbe Amt einzunehmen, das ſein früheſter Beſchützer und nächſter Verwandter allein durch ihn verloren hatte— durch den Verrath ſeiner eigenen Partei ſich Nutzen zu erwerben— auf immer in den Augen ſeiner alten Freunde verurtheilt und von der Geſchichte als ein um Geld zu verkaufender Abtrünniger der Nachwelt überliefert zu werden: vor Alle dem hätte Vargrave ſchaudern müſſen, hätte er nur einen Punkt von ehrlichem Boden erblickt, worauf er ſeinen Fuß würde ſtellen können. Aber jetzt ſchloſſen ſich die Fluten des Abgrundes über ſeinem 330 Haupte; er hätte nach einem Strohhalm gegriffen; um ſo mehr willigte er ein, ſich von dem Schiffe eines Fein⸗ des aufnehmen zu laſſen! Aller Einwurf, alle Bedenk⸗ lichkelt verſchwand plötzlich. Das barbariſche Gold von Ormus und Indien ſchimmerte vor den gierigen Augen des Abenteurers ohne Pfennig! Kein Tag war jetzt zu verlieren. Wie glücklich, daß man ihm den Vorſchlag ſchriftlich gemacht hatte, bevor das Mißlingen aller ſei⸗ ner Ehepläne bekannt war. Zu glücklich, Paris zu ver⸗ laſſen, wollte er morgen abreiſen und in Perſon die Unter⸗ handlung ſchließen. Vargrave blickte auf die Uhr, es war kaum nach elf; welche Revolutionen geſchehen in Augen⸗ blicken! In Zeit einer Stunde hatte er eine Frau und ein großes Vermögen verloren, die Politik ſeines ganzen Lebens gewechſelt, einen Sitz im Kabinet erhalten und berechnete ſchon, wie viel er als Generalgouverneur In⸗ diens in fünf Jahren zurücklegen könne! Allein es war erſt elf Uhr; er hatte Herrn Howards Beſuch bis auf zwölf verſchoben und er wünſchte ſehnlichſt ihn zu ſehen, um all das Londoner Geſchwätz über die kürzlichen Er⸗ eigniſſe zu erfahren. Armer Herr Douce! Vargrave hatte ſchon ſein Daſein vergeſſen. Er ſchellte haſtig. Es dauerte einige Zeit, bis der Diener eintrat. Schnell und ſiets bei der Hand zu ſein verlangte Lord Vargrave unbedingt von ſeinen Bedienten, und da er den beſten Preis für dieſe Artikel weniger an Lohn wie an Raub zahlte, ſo war er ſtets ſicher, dieſelben zu erhalten. „Wo zum Teufel ſeid Ihr geweſen? Dies iſt das drittemal, daß ich ſchellte. Ihr hättet im Vorzimmer ſein müſſen!“ „Ich aber Hert welchen „Wo „Ja unſrigen. „Hn miethet! „Ne er zu ſe „Ah d'Antin ſelbſt, Howard ſprechen „J Der mung, war im biſſe üb erweckte gehen. Dache! Tag ve nach Lo terredu ein fei möglich ſein m Art für griffen; um eines Fein⸗ lle Bedenk⸗ e Gold von igen Augen war jetzt zu t Vorſchlag en aller ſei⸗ aris zu ver⸗ n die Unter⸗ ihr, es war n in Augen⸗ e Frau und ines ganzen hhalten und derneur In⸗ ein es war uch bis auf en zu ſehen, zlichen Er⸗ Vargrave elte haſtig. at. Schnell d Vargrave den beſten e an Raub jalten. dies iſt das Vorzimmer 331 „Ich bitte Eure Lordſchaft um Verzeihung; ich half aber Herrn Maltravers Bedienten einen Schläſſel ſuchen, welchen er im Hofe fallen ließ ⸗ „Was, iſt Herr Maltravers in dieſem Hotel?“ „Ja, Mylord, ſeine Zimmer liegen gerade über den unſrigen.“ „Hm! Hat Herr Howard hier eine Wohnung ge⸗ miethet?“ „Nein, Mylord! Er hat hier zurückgelaſſen, daß er zu ſeiner Tante Lady Jane gegangen iſt.“ „Ah, Lady Jane wohnt in Paris, Rue Chaussée d'Antin; wißt Ihr das Haus? Geht ſogleich, und zwar ſelbſt, verlaßt Euch auf keinen Boten. Bittet Herrn Howard, mit Each zurückzukehren; ich muß ihn ſogleich ſprechen.“ „Jn, Mylord.* Der Diener ging. Lumley befand ſich in einer Stim⸗ mung, worin die Einſamkeit ihm unerträglich war. Er war im höchſten Grade aufgeregt; natürliche Gewiſſens⸗ biſſe über das Verfahren, wozu er ſich entſchloſſen hatte, erweckten in ihm den Wunſch, ſeinen Gedanken zu ent⸗ gehen. Maltravers alſo befand ſich unter demſelben Dache! Er hatte ihm eine Unterrebung auf den nächſten Tag verſprochen; am nächſten Tage aber hoffte er ſchon nach London unterwegs zu ſein. Weßhalb ſollte er die Un⸗ terredung heute Nacht nicht halten? Konnte Maltravers ein feindliches Zuſammentreffen im Sinn haben? Un⸗ möglich! Von welcher Art auch ſeine Urſachen zur Klage ſein mochten, waren ſie von zu zarter und geheimer Art für Sekundanten, Kugeln und Zeitungsartikel! Er b 33²2 konnte ſich ſicher fühlen, daß er nicht durch eine Beſtel⸗ lung zum bois de Boulogne aufgehalten würde; allein es war durchaus erforderlich für ſeine Ehrell! daß er den Mann nicht zu meiden ſcheine, den er hetrogen und dem er geſchadet hatte. Er wollte plötzlich zu ihm hin⸗ aufgehen; eine neue Aufregung würde ſeine Gedanken zerſtreuen. Dieſem Entſchluß gemäß verließ Vargrave das Zimmer und war im Begriff, die äußere Thür zu verſchließen, als er ſich erinnerte, ſein Diener würde vielleicht Howard nicht treffen; der Sekretär könnte noch vor der feſtgeſetzten Zeit ankommen; es würde ebenſo zweckmäßig ſein, die Thür offen zu laſſen. Er hielt deß⸗ halb an und ſchrieb auf ein Stück Papier: „Theurer Howard! „Schicken Sie ſogleich in den obern Stock, ſowie Sie ankommen; ich werde dort bei Herrn Maltravers ſein. Vargrave.“ Alsdann befeſtigte er das Billet mit einer Oblate an die Thür, die er offen ließ, ſo daß der Schein der Lampe auf der oberſten Stufe der Treppe hell und voll auf daſſelbe ſchien. Die Stimme Vargrave's in der kleinen, mit Stein gepflaſterten Antichambre, welcher fich bei dem Bedienten erkundigte, ob Herr Maltravers zu Haufe ſei, hatte Cäſarini ſutzig gemacht und ihn in ſeiner Antwort unter⸗ brochen. Ein Jeder erkannte die ſcharfe helle Stimme; ein Jeder blickte den Andern an. „Ich will ihn nicht ſehen,“ ſagte Maltravers, indem er hagig auf die Thür ging;„Sie ſind nicht geeignet, „Ihm einem ver ein in ſein würde, d „ich will Augen ſin Bei d fie kaum „Ihr glaubte j⸗ könnten.“ großer G Malt Cäſarini Leben ein „Sie ich fürcht Ihrer Ur Ich betro die Liſt Preis we davon ab ſtehen; Eveline redung; rathen v coup de und geſie ziemlich wird Si e Beſtel be; allein ! daß er r könnte de ebenſo hielt deß⸗ „ ſowie altravers .. r Oblate chein der und voll dit Stein zedienten ei, hatte rt unter⸗ Stimme; , indem geeignet, „Ihm zu begegnen? Nein!“ ſagte Cäſarini mit einem verſtohlenen und Unheil verkündenden Blick, den ein in ſeiner Krankheit gewandter Mann verſtanden haben würde, den aber Maltravers nicht einmal bemerkte; „ich will mich in Ihr Schlafzimmer zurückziehen, meine Augen ſind ſchwer, ich möchte ſchlafen.“ Bei den Worten öffneie er die innere Thür und hatte fie kaum wieder verſchloſſen, als Vargrave eintrat. „Ihr Bediente ſagte, Sie wären beſchäftigt; ich glaubte jeroch, daß Sie einen alten Freund wohl ſehen könnten.“ Bei den Worten ſetzte ſich Vargrave mit großer Gemüthsruhe. Maltravers, verriegelte die Thuͤr, welche Beide von Cäſarini treunte; die Männer, deren Charakter und Leben einen ſo ſtarken Gegenſatz bot, waren jetzt allein. „Sie wünſchen eine Unterredung und eine Erklärung; ich fürchte mich vor keiner von beiden; laſſen Sie mich Ihrer Unterſuchung und Ihren Klagen zuvorkommen. Ich betrog Sie wiſſentlich und abſichtlich, das iſt wahr; die Liſt iſt im Kriege und in der Liebe erlaubt; der Preis war ungeheuer; ich glaubte meine Laufbahn ſei davon abhängig; ich konnte der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen; ich wußte, daß Sie zuletzt erfahren müßten, Eveline ſei nicht Ihre Tochter; daß die erſte Unter⸗ redung zwiſchen Ihnen und Lady Vargrave mich ver⸗ rathen würde; allein es war der Muͤhe werth, einen coup de main zu verſuchen. Sie haben mich überwunden und geſiegt; es ſei! ich wünſche Ihnen Glück. Sie ſind ziemlich reich und der Verluſt von Evelinens Vermögen wird Sie nicht quälen wie mich.“ 334 „Lord Vargrave, es iſt ärmliche Ziererei, die ſchwarze Lüge, die Sie erdachten, den furchtbaren Fluch, den Sie mir aufbürdeten, ſo leicht zu behandeln. Ihr An⸗ blick iſt mir peinlich; er erregt mir Leidenſchaften, die ich zu unterdrücken wünſche. Je eher Ihre Unterredung beendigt iſt, deſto beſſer. Ich habe Ihnen noch ein Ver⸗ brechen vorzuwerfen; es iſt vielleicht nicht größer als basjenige, was Sie ſo ruhig eingeſtehen; allein die Folgen waren verhängnißvoller— Sie verſtehen mich?“ „Nein!“ „Führen Sie mich nicht in Verſuchung, lügen Sie nicht, ſagte Maltravers noch immer in ruhiger Stimme, obgleich ſeine von Natur ſtarke Leidenſchaften ſeinen ganzen Körper erſchütterten.„Ihren Schlichen verdanke ich die Verbannung ſo mancher Jahre, die ſonſt beſſer zugebracht worden wären; jenen Schlichen verdankt Cäſarini ſeinen Wahnſinn und Florence Lascelles ihr frühes Grab. Ha! Sie ſind blaß, Ihre Zunge erſtarrt in Ihrem Munde! Glauben Sie, daß ſolche Verbrechen für immer ungeſtraft bleiben? Glauben Sie, daß die Donnerſchläge Gottes nicht gerecht ſind?“ „Herr!“ ſagte Vargrave, indem er aufſprang;„ich weiß nicht was Sie beargwohnen; mich kümmert nicht was Sie glauben! Aber den Menſchen bin ich verant⸗ wortlich, und dieſe Rechenſchaft will ich ablegen. Sie drohten mie in Gegenwart meines Mündels, Sie ſpra⸗ chen von Feigheit und gaben einen Wink von Gefahr. Von welcher Art auch meine Laſter ſein mögen, Mangel an Muth gehört nicht darunter. Beharren Sie bei Ihren Drohungen, ich bin hereit denſelben zu trotzen.“ „Vor er nate,“ erw tigkeit für ja noch her Leben erhei Verfolgung halben gewe hahben Sie heren Schu ſchon allein wortlichkeit welche Han mit Verbre und unvork Allgerechter Mag Ihne! Sie aus 3 Füße die ſchreiten.“ „Ich ko˖ das Geſchn Vargrave, nehmen ſich zeugendes „Nicht ich wenn Han rechtfertige Prophet vo nothwendig Männer w chwarze ch, den thr An⸗ en, die rredung in Ver⸗ ßer als lein die mich?“* gen Sie Stimme, ſeinen derdanke nt beſſer derdankt lles ihr erſtarrt brechen daß die ig; vich rt nicht verant⸗ en. Sie ie ſpra⸗ Gefahr. Mangel i Ihren 4 3 15 „Vor einem Jahre, vielleicht noch vor einem Mo⸗ nate,“ erwiderte Maltravers,„würde ich die Gerech⸗ tigkeit für meine ſterbliche Hand mir angemaßt haben; ja noch heute Nacht hätte das Wagniß eines unſerer Leben erheiſcht werden müſſen, um Eveline vor Ihren Verfolgungen zu retten; dann würde ich Alles um ihret⸗ halben gewagt haben! Allein das iſt vorbei; von mir haben Sie nichts zu beſorgen. Der Beweis Ihrer frü⸗ heren Schuld und deren furchtbarer Ausgang würde ſchon allein genügen, mich vor der feierlichen Verant⸗ wortlichkeit menſchlicher Rache zu warnen! Großer Gott, welche Hand dürfte es wagen, einen ſo verhärteten, ſo mit Verbrechen befleckten, ſo unbußfertigen, reueloſen und unvorbereiteten Sünder zu dem Richterſtuhl des Allgerechten zu entſenden? Gehen Sie, Unglücklicher! Mag Ihnen das Leben noch lange bleiben! Erwachen Sie aus Ihrem Treiben in dieſer Welt, bevor Ihre Füße die unwiderrufliche Grenze zur nächſten über⸗ ſchreiten.“ „Ich kam nicht hierher, um auf Predigten und auf das Geſchwätz der Pietiſtenconventikel zu hören,“ ſagte Vargrave, indem er vergeblich eine ſtolze Miene anzu⸗ nehmen ſich anſtrengte, welche ſein Gewiſſensbiſſe be⸗ zeugendes Antlitz in furchtbarer Weiſe Lügen ſtrafte. „Nicht ich, ſondern dieſe ſchlechte Welt iſt zu tadeln, wenn Handlungen, die ſich nach ſtrenger Moral nicht rechtfertigen laſſen, und deren Ausgang ich als kein Prophet vorherſehen konnte, für meinen Erfolg im Leben nothwendig waren. Ich bin daſſelbe geweſen, was andere Männer waren, die mit dem Glücke kämpfen, um reich 336 und groß zu werden. Der Ehrgeiz muß ſchlechte Leitern gebrauchen.“ „O,“ ſagte Maltravers mit ernſtem Ton, ungeach⸗ tet ſeines Abſcheus vor dem Verbrechen durch die Reue gerührt, welche dieſer elende Verſuch der Selbſtvertheidi⸗ gung zu bezeichnen ſchien„O laſſen Sie ſich warnen, ſo lang es noch Zeit iſt; hüllen Sie ſich nicht in dieſe elenden Trugſchlüſſe; blicken Sie auf Ihre vergangene Laufbahn; bedenken Sie, welche Höhe Sie erreicht ha⸗ hen würden, wenn Ihr Ehrgeiz bei dieſen ſeltenen Gaben und Kräften den geraden Weg anſtatt des krummen ge⸗ wählt hätte; halten Sie an! Noch manche Jahre bieten Ihnen vielleicht nach dem Laufe der Natur genügende Zeit, um Ihre Schritte wieder zurückzuthun, um bei Tauſenden das Unrecht zu ſühnen, was Sie Wenigen zu⸗ gefügt haben. Ich weiß nicht, weßhalb ich ſo mit Ihnen rede, allein Etwas von göttlicherem Urſprung wie Unwil⸗ len drängt mich— Etwas verkündet mir, daß Sie ſchon am Rande eines Abgrundes ſtehen!“ Lord Vargrave wechſelte die Farbe und ſchwieg einige Augenblicke, alsdaun erhob er ſein Haupt mit ſchwachem Lächeln und ſagte:„Maltravers, Sie ſind ein falſcher Prophet. In dieſem Augenblick hat mich mein Pfad, ſo krumm er auch ſein mag, weithin zu dem Gipfel meiner ſtolzeſten Hoffnungen geführt; der gerade Pfad würbe mich am Fuße der Berge gelaſſen haben! Sie ſelbſt find mir ein Warnungszeichen bei dem Verfahren, welches Sie anrathen. Stellen wir uns Beide in Gegenſatz; Sie ſchlugen den geraden Weg, ich den krummen ein; Sie find mir üͤherlegen an Vermögen; Sie ſtehen im Genins unendlich w ſich zu ſchn wir jetzt B fitzen einen Rang, ohn ich— aber ich bin im geheures Ve Stellung iſt Sie habene und find oh ſchwinge mi einerlei, ob d ge Menſchen den Hals ab ſtebenjährige ich eröffne em um das M Ein Jeder tr Ehre, Schw Reue zu Th Leben, niem mals das Al kunft ſchreite wären Sie n Adien! Un vergeſſen un drücken? S ſter. Gut, wieder... Bulwer, te Leitern ungeach⸗ die Reue vertheidi⸗ hHwarnen, in dieſe ergangene reicht ha⸗ en Gaben nmen ge⸗ hre bieten enügende „ um bei enigen zu⸗ nit Ihnen ie Unwil⸗ Sie ſchon unendlich weit über mir; Sie find zu befehlen und nicht ſich zu ſchmiegen geboren— welchen Stand aber nehmen wir jetzt Beide in der Blüte unſeres Lebens ein. Sie be⸗ ſitzen einen unfruchtbaren, nutzloſen Ruhm und ſind ohne Rang, ohne Macht, beinah ohne Hoffnung der Macht; ich— aber Sie kennen noch nicht meine neue Würde— ich bin im Kabinet von Englands Miniſterium; ein un⸗ geheures Vermögenöffnet ſich meinem Blicke; die ſtolzeſte Stellung iſt nicht zu hoch für meinen vernünftigen Ehrgeiz. Ste haben ein großes Trugbild zu Ihrem Zweck gemacht und find ohne Ziel, ſo bald es Ihrem Griff entgeht. Ich ſchwinge mich wie ein Eichhorn von Entwurf zu Entwurf; einerlei, ob der eine zerbricht, ein anderer iſt zur Hand; eini⸗ ge Menſchen würden ſich in Verzweiflung vor einer Stunde den Hals abgeſchnitten haben, weil ſie den Preis einer ſtebenjährigen Jagd, Schönheit und Reichthum verloren; ich eröffne einen Brief und finde Erfolg in einem Plan, um das Mißglücken eines andern aufzugeben! Bah! Ein Jeder treibe ſein Handwerk, Maltravers! Ihnen werde Ehre, Schwermuth und, wenn es Ihnen gefällig iſt, auch Reue zu Theil, mir das vorwärtsdrängende rauſchende Leben, niemals ein Rückblick in die Vergangenheit, nie⸗ mals das Abwägen der Stufen, auf denen ich in die Zu⸗ kunft ſchreite. Laſſen Sie uns nicht einander beneiden; wären Sie nicht Diogenes, ſo würden Sie Alexander ſein. Adien! Unſere Unterredung iſt vorrüber. Wollen Sie vergeſſen und vergeben, und mir noch einmal die Hand drücken? Sie ziehen Ihre Hand zurück, Sie blicken fin⸗ ſter. Gut, vielleicht haben Sie Recht. Treffen wir uns wieder.... Bulwer, Alice. II. 22 338 „So ſind wir einander gänzlich fremd.“ „Keine zu raſch gefaßten Vorſätze! Sie kehren viel⸗ eicht zur Politik zurüͤck, und brauchen wohl noch einmal ein Amt. Ich hege jetzt die Denkungsweiſe Ihrer Partei und, hal ha! der arme Lumley Ferrers könnte Sie zu einem Lord der Schatzkammer machen. Glauben Sie mir, aufkrummen Wegen kann man bequem reiſen und bezahlt wenig Chauſſeegeld. Leben Sie wohl!“ Als Maltravers ins Zimmer trat, wohin Cäſarini ſich zurückgezogen hatte, fand er dieſen entflohen; ſein Die⸗ ner ſagte, der Herr ſei bald nach Lord Vargrave's Ankunft fortgegangen. Ernſt machte ſich bittere Vorwüfe, weil er vernachläſſigt habe, die in die Antichambre führende Thür ebenfalls zu verſchließen; es war jedoch nicht un⸗ wahrſcheinlich, daß Cäſarini am Morgen zurückkehren würde. Der Bote, welcher den Brief an de Montaigne beſorgt hatte, brachte die Nachricht zurück, Letzterer ſei auf ſeinem Landhauſe und werde am nächſten Morgen in Paris zurück⸗ erwartet. Maltravers hoffte ihn vor ſeiner Abreiſe noch zu ſehen; mittlerweile warf er ſich aufs Bett; die von ihm erduldeten Mühen und Aufregungen hatten, ungeach⸗ tet der noch jetzt ihn erdrückenden Beängſtigung, die Aus⸗ vauer ſeines eiſernen Körpers erſchöpft und er ſiel in tie⸗ ſen Schlaf. Lord V dort Herrn und ſeine n am Feuer Stunde lau kretär ihn wieder, dar Als er Schreibtiſe erwähnt h brach träge in der A und der Ar Bah zu B. ſtrafbaren einer Dam Als ſeit ſagte ihm zur Abreiſe „Soll der Diener eines der ſie allen fr ren des Hr lich ſind. „Nein dren viel⸗ h einmal er Partei te Sie zu Sie mir, ad bezahlt Cäſarini ſein Die⸗ s Ankunft üfe, weil führende nicht un⸗ rückkehren ne beſorgt auf ſeinem ⸗ris zurück⸗ breiſe noch ; die von , ungeach⸗ , die Aus⸗ ſiel in tie⸗ Fünftes Kapitel. Um acht Uhr morgen wirſt du unſterblich ſein. Shakſpeare. Lord Vargrave kehrte in ſein Zimmer zurück und traf dort Herrn Howard, welcher ſo eben angekommen war und ſeine weißen, mit Ringen zierlich geſchmückten Hände am Feuer wärmte. Er unterhielt ſich mit ihm eine halbe Stunde lang über alle die Gegenſtände, worüber der Se⸗ kretär ihn benachrichtigen konnte und entließ ihn dann wieder, damit er zur Wohnung der Lady Jane zurückkehre. Als er ſich langſam entkleidete, ſah er auf ſeinem Schreibtiſch das Billet, welches Lady Doltimore ihm erwähnt hatte und welches noch uneröffnet war. Er er⸗ brach träge das Siegel, blickte ſorglos über die wenigen, in der Angſt gekritzelten Worte des Selbſtvorwurfs und der Angſt und warf es dann mit einem verächtlichen Bah zu Boden. So ungleich wird der Kummer bei einer ſtrafbaren Liebe von einem Manne der großen Welt und einer Dame der hohen Geſellſchaft empfunden! Als ſein Bediente Wein und Waſſer vor ihm hinſtellte, ſagte ihm Vargrave, er möge früh die Vorbereitungen zur Abreiſe treffen und ihn um neun Uhr wecken. „Soll ich jene Thür verſchließen, Mylord?“ fragte der Diener, indem er auf eine ſolche zeigte, welche in eines der großen Kabinette oder Armoirs führte, wie ſte allen franzöſiſchen Schlaſgemächern zum Aufbewah⸗ ren des Holzes und allerlei anderer Gegenſtände gewöhn⸗ lich ſind. „Nein,“ ſagte Vargrave mit munterem Ton!„Ihr 340 Bediente ſchließt ſo gern jeden Hauch Luft aus. Ich wuͤrde nie ein Fenſter offen haben, wenn ich es nicht ſelbſt auf⸗ ſchlöſſe. Laſſen Sie die Thür offen und kommen Sie nicht ſpäter wie nenn Uhr Morgens.“ Der Diener, welcher in einer Art Wandkaſten am Vorzimmer ſchlief, that wie ihm beſohlen ward; Var⸗ grave löſchte ſein Licht aus, legte ſich zu Bett und ver⸗ ſank in tiefen Schlummer, nachdem er ſchläfrig einige Minuten auf die ſterbende Aſche des Feuers geblickt hatte. Die Uhr ſchlug die erſte Stunde des Morgens und Alles im Hauſe ſchien ſtill. Am nächſten Morgen ward Maltravers durch de Montaigne auf ſeinem Zimmer geweckt, welcher von ſeinem Landhauſe, nach ſeiner haͤufigen Gewohnheit ſehr früh in Paris angekommen war und das Billet des Mal⸗ travers vom vergangenen Abend vorgefunden hatte. Maltravers ſtand auf und kleidete ſich an; während de Montoigne noch auf den Bericht hörte, den ſein Freund ihm über das Zuſammentreffen mit Cäſarini und über die vom Unglücklichen gegen ſeinen Mitſchuldigen erhobe⸗ nen Anklage mittheilte, trat der Bediente von Ernſt plötzlich ins Zimmer. „Herr,“ ſagte er,„ich dachte Sie wüßten vielleicht — was iſt zu thun?— Das ganze Hotel iſt in Ver⸗ wirrung; man hat nach Herrn Howard und Lord Dolti⸗ more geſchickt— ſo ſonderbar und plötzlich!“ „Was gibts? Sprechen ſie deutlich.“ „Lord Vargrae Herr, der arme Lord Vargrave—* „Lord Vargrave!“ „In, der Herr des Hotels hatte gehört, daß Sie Ihre Lordf herunterzuk todt in ſein Maltra ſam in der vergangene Hoffnung u Sobald und de Mo Treppe hine und hielt ih „Sagte laſſen habe, nah ſogleich das Verbrec „Ja. 4 Die Bl furchtbarer „Nein, „wie konnt grave's Bed Sie nicht da Sie eilt ßere Thüͤre an Howard angeheftet. ſtanden im ſich um daf Platz, als d des Maltras wuͤrde ſt auf⸗ e nicht ten am Var⸗ nd ver⸗ einige hatte. d Alles urch de eer von eit ſehr 6 Mal⸗ ſtte. hrend de Freund Ihre Lordſchaft kennen und läßt Sie inſtändig bitten, herunterzukommen. Lord Vargrave, Herr, iſt todt; er iſt todt in ſeinem Bette gefunden worden!“ Maltravers war aus Staunen und Schrecken gleich⸗ ſam in den Boden gewurzelt. Todt! todt, und noch vergangene Nacht ſo voll Leben, ſo voll von Entwürfen, Hoffnung und Ehrgeiz!“ Sobald er wieder zu ſich kam, eilte er auf den Platz und de Montaigne folgte. Der Letztere, als Beide die Treppe hinabſtiegen, legte ſeine Hand auf den Arm Ernſt's und hielt ihn zurück. „Sagten Sie nicht, daß Caſtruecio das Zimmer ver⸗ laſſen habe, ſo lange Vargrave bei Ihnen war, und bei⸗ nah ſogleich nach ſeiner Erzählung, wie Vargrave ihm das Verbrechen eingab?“ „Ja.“ Die Blicke der beiden Freunde begegneten ſich; ein furchtbarer Verdacht ergriff Beide. „Nein, es iſt unmöglich!“ rief Maltravers aus; „wie konnte er Eintritt erlangen— wie bei Lord Var⸗ grave’s Bedienten vorbeikommen? Nein, nein, denken Sie nicht daran!“ Sie eilten, die Treppe hinab und erreichten die aͤu⸗ ßere Thüre von Lord Vargrave's Zimmer; das Billet an Howard mit Vargrave's Unterſchrift war dort noch angeheftet. De Montagne ſah es und ſchauderte. Sie ſtanden im Schlafzimmer am Bett; eine Gruppe hatte ſich um daſſelbe verſammelt; die Leute aber machten Platz, als der Engländer mit ſeinem Freunde hinzutrat; des Maltravers Augen ruhten plötzlich auf dem Antlitz des Lord Vargrave, wie es verſchloſſen, ſtarr und ver⸗ zerrt von Zuckungen dalag. Das Geflüſter hatte aufgehört, ſo wie Maltravers eintrat; es ward jetzt ernent, man ließ einen in der Nähe wohnenden Wundarzt kommen, einen jungen Engländer von keinem großen Ruf oder Namen. Dieſer zog Erkun⸗ digungen ein, während er ſich über die Leiche beugte. „Ja, Herr,“ ſagte Lord Vargrave's Bediente;„My⸗ lord ſagte mir, ihn um neun Uhr zu wecken; ich trat um jene Zeit ins Zimmer, allein Mylord bewegte ſich weder, noch gab er mir Antwort. Ich ſah alsdann zu, ob er ſehr feſt ſchlief und bemerkte, daß die Kiſſen auf irgend eine Weiſe über ſein Geſicht gekommen waren, und daß ſein Kopf ſehr niedrig zu liegen ſchien; ſomit nahm ich die Kiſſen fort und ſah, daß Seine Lordſchaft todt war.“ „Herr,“ ſagte der Wundarzt, indem er ſich zu Mal⸗ travers wandte;„wie ich höre, waren Sie ein Freund von Seiner Lordſchaft. Herrn Howard und Lord Dol⸗ timore habe ich ſchon rufen loſſen; kann ich eine Minute mit Ihnen reden?“ Maltravers nickte Beifall. Der Wundarzt hieß alle fortgehen, mit Ausnahme ſeiner ſelbſt, de Montaigne s und Maliravers. „Iſt jener Bediente lange bei Lord Vargrave gewe⸗ ſen?“ fragte der Wundarzt. „Ich glaube— ja; ich erinnere mich ſeines Geſich⸗ tes. Weßhalb?* „Holten Sie ihn für zuverläͤſſig und ehrlich?“ „Ich weiß nichts von ihm.“ „Sehen Sie, Herr!“ Bei den Worten zeigte der Wunharzt’ einer Seite rein natürl einen Schla thätigkeit ſi ckung könnt „Wer men? War „Der bevor er z bei Seiner Vargrave f Fenſter ein; Recht, irge ſchaft war! ich höre, ei Gewiß, w' gegen Niem einem erfah De Mo ſah ſich jett merkte die! gleichſam d Das Kabin Haufen Ho Stühlen na Montaigne keine Spur Er kehrte zu züge den A ind ver⸗ liravers er Nähe agländer Erkun⸗ eugte. ;„My⸗ trat um h weder, b er ſehr eend eine daß ſein m ich die var.* zu Mal⸗ n Freund ord Dol⸗ e Minute hieß alle ntaigne’s ave gewe⸗ s Geſich⸗ 92“ zeigte der Wunbarzt auf eine leichte Verſchiedenheit in der Farbe an einer Seite des Halſes der Leiche.„Dies kann zufällig, rein natürlich ſein. Seine Lordſchaft iſt vielleicht durch einen Schlaganfall geſtorben; Zeichen äußerer Gewalt⸗ thätigkeit ſind nicht vorhanden; allein Mord durch Erſti⸗ ckung könnte.... „Wer konnte außer dem Diener ins Zimmer kom⸗ men? War die äußere Thür verſchloſſen?“ „Der Diener kann beſchwören, daß er die Thür, bevor er zu Bett ging, verſchloß, und daß Niemand bei Seiner Lordſchaft oder im Zimmer war, als Lord Vargrave ſich niederlegte. Es iſt unmöglich, durch das Fenſter einzuſteigen. Bedenken Sie Herr, ich beſitze kein Recht, irgend Jemand zu beargwohnen. Seine Lord⸗ ſchaft war kurz vorher ſehr krank geweſen und hatte, wie ich höre, einen heftigen Blutandrang zum Kopf gehabt. Gewiß, wenn der Diener unſchuldig iſt, dürfen wir gegen Niemand Verdacht hegen. Schicken Sie lieber zu einem erfahrenen Arzte.“* De Montaigne, welcher bis dahin nichts geſagt hatte, ſah ſich jetzt mit eiligen Blicken im Zimmer um; er be⸗ merkte die offen ſteheude Thür des Kabinets und ſtürzte gleichſam durch unwillkürlichen Antrieb auf dieſelbe zu. Das Kabinet war geräumig; allein ein beträchtlicher Haufen Holz und einiger Plunder von alten Tiſchen und Stühlen nahm einen großen Theil des Raumes ein. De Montaigne ſuchte mit haſtiger Eile zwiſchen dem Plunder; keine Spur eines verſteckten Moͤrders war dort ſichtbar. Er kehrte zum Schlafzimmer zurück, indem ſeine Geſichts⸗ züge den Ausdruck der Befriedigung und der Erleichte⸗ rung von Beſorgniſſen trugen. Er zwang ſich der Leiche näher zu treten, vor welcher er bis jetzt zurückgeſchaudert war. „Herr,“ ſagte er beinah rauh, als er ſich zum Wund⸗ arzt wandte;„was ſind das für eitle Zweifel! Können keine Menſchen in ihrem Bette plötzlichen Todes ſterben, indem kein Blutflecken auf dem Kiſſen ſich findet, indem kein Ver⸗ brecher durch irgend ein Schlupfloch hindurchkommen kann, ohne daß die Arzneikunde uns alberne Schrecken einflößt? Was den Diener betrifft, ſo ſtehe ich für ſeine Unſchuld ein; ſein Benehmen und ſeine Stimme bezeugen dies.“ Der Wundarzt nahm ſeine Behauptung beſchämt und gedemü⸗ thigt zurück, und begann ſich zu entſchuldigen und ſeine An⸗ gaben zu beſchränken, als Lord Doltimore plötzlich eintrat. „Gütiger Himmel!“ rief er aus;„was iſt das? Was höre ich? Iſt es möglich? So plötzlich toht!“ Er warf einen eiligen Blick auf den Körper, ſchauderte, empfand Übelkeit und warf ſich in einen Lehnſtuhl, als müſſe er ſich vom Schrecken erholen. Als er ſeine Hand vom Geſicht nahm, ſah er ein offenes Billet auf dem Tiſche liegen. Die Handſchrift war ihm bekannt; ſein eigener Name fiel ihm auf; es war das Billet, welches Caroline am Tage zuvor Lord Vargrave geſchickt hatte. Da Niemand ihn beachtete, las es Lord Doltimore und ſetzte ſich unbemerkt in Beſitz dieſes Beweiſes hinſicht⸗ lich der Strafbarkeit ſeiner Frau. Der Wundarzt wandte ſich jetzt von de Montaigne fort, welcher in den letzten Augenblicken ihm einen ge⸗ hoͤrigen Verweis gegeben hatte, mit den Worten:„Eure Lordſchaft war, wie ich höre, Lord Vargrave's vertrau⸗ teſter Freund in Paris.“ „Ich ſ verächtlich ſind durcha „Wolle „Nein nutzlos. G „Wem der Wund Montaigne verſtorbene wie ich gla⸗ offenbar de Vielleicht! grave zu be chung geko⸗ und freund ſein Anden rakter unte zige Geiſt entfernte, ließ er ih ſchloß ſich er Leiche dert war. nWund⸗ nen keine n, indem ein Ver⸗ ien kann, einflößt? Unſchuld es.“ Der gedemü⸗ ſeine An⸗ eintrat. iſt das? bbt!“ Er hauderte, euhl, als ine Hand auf dem int; ſein welches ickt hatte. more und hinſicht⸗ kontaigne einen ge⸗ n:„Eure vertrau⸗ 345 „Ich ſein vertrauter Freund!“ ſagte Doltimore mit verächtlichem Ton, indem er ſtark erröthete;„Herr, Sie ſind durchaus falſch unterrichtet? „Wollen Sie hier keine Aufträge ertheilen, Mylorb?⸗ „Nein, Herr; meine Gegenwart iſt hier gänzlich nutzlos. Guten Tag, meine Herrn!“ „Wem fällt denn die letzte Pflicht anheim?“ fragte der Wundarzt, indem er ſich zu Maltravers und de Montaigne wandte;„wahrſcheinlich dem Sekretär des verſtorbenen Lords? Ich erwarte ihn jeden Augenblick; wie ich glaube, iſt er hier.“ Herr Howard trat blaß und offenbar durch Aufregung überwältigt, ins Zimmer. Vielleicht beklagte der arme Sekretär, den Lord Var⸗ grave zu beleidigen oder zu betrügen niemals in Verſu⸗ chung gekommen war und welcher allein den gefälligen und freundſchaftlichen Beſchützer vermißte, am meiſten ſein Andenken und vertheidigte am meiſten ſeinen Cha⸗ rakter unter allen menſchlichen Weſen, die der ehrgei⸗ zige Geiſt jenes jetzt gefühlloſen Staubes in den Gewe⸗ hen des Eigennutzes, der Neigung oder Intrigue um ſich her gezogen hatte. Der Gram des armen Sekretärs war wirklich überwältigend; er ſchluchzte und weinte wie ein Kinb. Als Maltravers ſich aus dem Zimmer des Todten entfernte, begleitete ihn de Montaigne; bald aber ver⸗ ließ er ihn wieder, als Ernſt zur Eveline ging und ſchloß ſich Herrn Howard an, welcher gierig ſein An⸗ erhieten der Hülfe bei den letzten traurigen Pflichten und Anordnungen annahm. Sechstes Kapitel. Wir werden lächeln, Khan 64 bald uns wieder. Shakſpeare. Die Unterrebung mit Eveline war lang und pein⸗ lich; Maltravers war es vorbehalten, ihr die Nachricht vom plötzlichen Tode des Lord Vargrave zu verkündi⸗ gen, welche bei ihr einen unausſprechlichen Schrecken erweckte; dieſe Nachricht, wovon er zuerſt ſprach, ent⸗ fernte viele Zurückhaltung und ertödtete viele Aufregung in den weiteren Berichten. Vargrave's Toh erlöste auch Maltravers aus einer. ängſtlichen Verlegenheit; er beſorgte nicht länger, daß Alice in den Augen der GEveline heruntergeſetzt werden würde. Von nun an hlieb das Geheimniß, nach wel⸗ chem die irrende Alice Darvil mit der fleckenloſen Lady Vargrave ein und dieſelbe Perſon war, in vollkommene Sicherheit und allein der Frau Leslie und Aubrey be⸗ kannt. Nach dem Lauf der Natur mußte alle Möglich⸗ keit der Entdeckung mit Beiden bald erſterben; ſollte Cleveland beargwohnen, wie es übrigens nicht wahr⸗ ſcheinlich war, daß Maltravers zu ſeiner erſten Gelieb⸗ ten zurückgekehrt ſei, ſo wußte er, daß er ſich auf die unverletzliche Verſchwiegenheit ſeines älteſten Freundes verlaſſen konnte. Den Bericht, welchen Vargrave der Eveline von ſeiner jugendlichen, aber nach demſelben auch ſchuldloſen Leidenſchaft zur Alice gegeben hatte, beſtätigte er durch ſein Schweigen; er gab zu, daß die Erinnerung au ihre Tugenden und die Kenntniß ihres Kummers und ihrer unauslöſch angeblicher alsdann in Weiſe, wie worden wa Bankier die bald ſie( würde. Als und nicht u ſie ihn wier ihren plötz! daß ſie in i Bewerber: „Und j beiderſeitige Aliee. Die Abſtammun der Schlech Wahrheit m Verlöbniſſe durch Über nehmen, da ſo falſchen dem Entſch wieder. d pein⸗ achricht erkündi⸗ chrecken h, ent⸗ fregung us einer ger, daß werden ſch wel⸗ ſen Lady kommene drey be⸗ Nöglich⸗ ; ſollte t wahr⸗ Gelieb⸗ auf die Freundes line von zuldloſen er durch an ihre ind ihrer unauslöſchlichen Eigenſchaft ihn vor einer Ehe mit ihrer angeblichen Tochter zurückſchaudern ließ. Er ſetzte ſie alsdann in Erſtaunen durch die Erzählung der Art und Weiſe, wie ihre wirkliche Abſtammung von ihm entdeckt worden war, eine Mittheilung, hinſichtlich welcher der Bankier die Eröffaung der Alice anheimgeſtellt hatte, ſo⸗ hald ſie(Eveline) das achtzehnte Jahr erreicht haben würde. Alsdann berichtete er einfach, aber mit männlicher und nicht unterdrückter Rührnng die Freude der Alice, als ſie ihn wieder ſah, die Ausdauer und Glut ihrer Liebe, ihren plötzlich veränderten Entſchluß, ſobald ſie erfuhr, daß ſie in ihrem nie vergeſſenen Geliebten den kürzlichen Bewerber um ihr Adopttvkind erblickte. „Und jetzt,“ ſagte Maltravers am Schluß,„iſt unſer beiderſeitiger Pfad derſelbe. Unſere erſte Pflicht betrifft Alice. Die Entdeckung, welche ich über Ihre wirkliche Abſtammung machte, vermindert nicht die Anſprüche, die Aliee auf mich beſitzt, nicht die dankbare Liebe, zu welcher Sie verpflichtet ſind. Ja, Eoeline, wir bleiben nichts deſto weniger für immer getrennt. Als ich aber die abſichtliche Jalſchheit vernahm, die der unglückliche, jetzt zu ſeiner letzten Rechenſchaft gezogene Mann, dem Ihre Geburt bekannt war, mir auferlegte, indem er bei der Schlechtigkeit ſeiner eigenen Seele dachte, die bloße Wahrheit würde nicht genügen, die Vernichtung unſeres Verlöbniſſes zu ſichern— als ich auch erſuhr, daß Sie durch Üverraſchung bewogen wären, ſeine Hand anzu⸗ nehmen, da zitterte ich über Ihre Vereinigung mit einem ſo falſchen und niedrigen Menſchen; ich kam hieher mit dem Entſchluß, ſeine Plane zu vereiteln, und um Sie 348 vor einer Verbindung zu retten, deren Beweggründe ich vorherſah, und wozu Sie vielleicht mein eigener Brief und mein eigener Rücktritt gedrängt hatte. Neue Schurkereien von Seiten dieſes ruchloſen Mannes kamen mir zu Ohren; allein er iſt todt; laſſen Sie uns ſein Andenken ſchonen. Was Sie betrifft, ſo halten Sie mich noch ſteis für Ihren Freund, für mehr als Ihren Bruder; laſſen Sie mich hoffen, daß ich keinen Dorn in Ihre Bruſt gepflanzt habe, und daß Ihre Neigung vor dem kalten Worte der Freundſchaft nicht zurückſchaudert.“ „Unter allen Wundern, die Sie mir berichteten,“ erwiderte Eveline, ſobald ſie wieder der Worte mächtig war,„wird mir der größte Kummer daburch geboten, daß ich keinen rechtlichen Anſpruch befitze, ihr, die ich als meine Mutter verehre, die Liebe einer Tochter zu ertheilen. Oh, jetzt erkenne ich, weßhalb ich ihre Liebe für abgemeſſen und lau hielt! Und habe ich ihre Freude, Sie wieder zu ſehen, vernichtet? Sie werden eilen ſie zu tröſten und ſie zu beruhigen! Sie liebt Sie noch ſtets, ſte wird zuletzt glücklich ſein. Dieſer Gedanke gleicht mir Alles aus.“* In Evelinens kunſtloſem Benehmen lag ſo viel Wärme und Einfalt, es war ſo offenbar, daß ihre Liebe zu ihm nicht von der heißen Natur war, welche im erßten Augenblick jeden andern Gedanken, ihn für immer zu verlieren, hätte verdrängen müſſen, daß deren Maß⸗ ſtab Maltravers ſogleich klar vor Augen lag, und daß er plötzlich erblickte, ſeine eigene Liebe habe ihn über den wahren Charakter der ihrigen verblendet. Er war ein Menſch; ein ſcharfer Schmerz drang durch ſeine Bruſt. Er ſchwieg indem er fit feſt auf die „Jetzt C habe ich mi ledigen. Sie Lächeln war paſſenderen? aus edlen u ließ Sie ein Nebenbuhler Ihnen ſein legen? Geo Wange, wor färbt, die A leicht erhoben und fuhr fort „Dover getrof Venedig hinn redſamkeit be barkeit geäuß Lächeln fuhr verſchwand w ſüchtige Beſo Kein eitler Kummer Ev Gewiſſen in gendzeit ihm können. „Leben S ggründe eigener 2. Neue s kamen uns ſein Sie mich Bruder; in Ihre vor dem dert.“ zteten,“ mächtig geboten, „die ich chter zu re Liebe Freude, eilen ſie bie noch Gedanke ſo viel dre Liebe elche im r immer in Maß⸗ und daß hn über Er war ie Bruſt. Er ſchwieg einige Augenblicke, dann begann er wieder, indem er ſich zwang, ſeine Augen während er ſprach, feſt auf die ihrigen zu heften. „Jetzt Eveline— darf ich Sie noch ſo nennen?— habe ich mich der Pflicht gegen einen Andern zu ent⸗ ledigen. Sie werden geliebt“— er lächelte, aber ſein Lächeln war ſchwermüthig—„von einem jüngeren und paſſenderen Freier wie ich. Er unterdrückte dieſe Liebe aus edlen und großmüthigen Beweggründen; er über⸗ ließ Sie einem Nebenbuhler. Darf er jetzt, wo der Nebenbuhler entfernt iſt, ſich die Kühnheit nehmen, Ihnen ſein Benehmen und ſeine Beweggründe darzu⸗ legen? Georg Legard—“* Maltravers ſchwieg; die Wange, worauf er blickte, war mit ſanftem Roth ge⸗ färbt, die Augen niedergeſchlagen, das Halstuch ward leicht erhohen. Maltravers unterdrückte einen Seufzer und fuhr fort zu rehen. Er erzählte, wie er Legard in Dover getroffen habe, ging leicht über den Vorfall in Venedig hinweg, und verweilte mit großmüthiger Be⸗ redſamkeit bei dem Edelmuthe, womit jener ſeine Dank⸗ barkeit geäußert hatte. Evelinens Auge funkelte; ein Lächeln fuhr nur ſo eben über die roſigen Lippen und verſchwand wieder; die größte und am wenigſten ſelbſt⸗ ſüchtige Beſorgniß des Maltravers war entſchwunden. Kein eitler Zweifel blieb zurück, daß ein zu ſcharfer Kummer Eyelinens noch vorhanden ſei, womit er ſein Gewiſſen in Erfüllung ſeiner größten und aus der Ju⸗ gendzeit ihm überlieferten Pflichten hätte einſchläfern können. „Leben Sie wohl,“ ſagte er, als er um fortzugehen 350 aufſtand;„ich will nach London zurückkehren und bei den Bemühungen helfen, Ihr Vermögen aus dieſem allge⸗ meinen Schiffbruch zu retten. Das Leben ruft uns zu ſeinen Sorgen und Geſchaͤften zurück; leben Sie wohl, Eveline! Aubrey wird, wie ich hoffe, bei Ihnen bleiben.“ „Halt! Darf ich nicht zu meiner— zu ihr— ja, laſſen Sie mich ſie noch ſo nennen— zu meiner Mutter zu⸗ rückkehren?“ „Eveline,“ ſagte Maltravers in ſehr leiſer Stimme, „erſparen Sie mir, erſparen Sie ihr dieſen Kummer! Sind wir jetzt ſchon geeignet, ſie zu...;“ er ſchwieg. Eveline begriff ihn, verbarg ihr Geſicht mit den Hän⸗ den und brach in Thränen aus. Als Maltravers das Zimmer verließ, begegnete ihm Anbrey, der ihn bei Seite nahm und ſagte, Lord Dol⸗ timore habe ihn ſo eben benachrichtigt, er werde von Paris abreiſen; er habe einen mehr als zarten Wink gegeben, daß er wünſche, Miß Cameron möge ſein Haus verlaſſen. In dieſer Verlegenheit gedachte Maltravers der Frau von Ventadour. Kein Haus in Paris bot eine wünſchenswerthere Zuflucht, kein Freund zeigte größeren Eifer, kein Be⸗ ſchützer würde gütiger, kein Rathgeber aufrichtiger ſein. Er eilte deßhalb zu jener Dame, gab ihr einen kurzen Bericht von Vargrave's plötzlichem Tode, bemerkte, daß Eoelinens Rückkehr in ein abgelegenes engliſches Dorf eine zu ſtrenge Prüfung für ihren ſchon gebrochenen Muth ſein müßte, und erklärte offen, daß die Wohl⸗ fahrt der Eveline ihm eben ſo ſehr wie früher am Herzen liege, Bei dieſem erſten Wink beſtellte Valerie, welche für Eveline ſogleich ihr Seine Lord ſich nicht w mand ſprec ließ vergebl gnügte ſie begleitete 2 Maltravers ſie bei einer gewinnen u trat darauf Mochte grave's begl hen damals war auch ir Krankheit, den Verluſt Miß Camer troffenen N womit, wi verflochten taigne’s Br bei den allge⸗ uns zu ie wohl, leiben.“ a, laſſen ter zu⸗ Stimme, ummer! erde von en Wink ein Haus altravers werthere kein Be⸗ iger ſein. en kurzen rkte, daß hes Dorf brochenen ie Wohl⸗ m Herzen e, welche für Eveline um deren ſelbſt herzliche Theilnahme fühlte, ſogleich ihren Wagen und fuhr zur Lady Doltimore. Seine Lordſchaft war nicht zu Hauſe; Mylady befand ſich nicht wohl, war auf ihrem Ziumer und konnte Nie⸗ mand ſprechen, ſogar nicht einmal ihren Gaſt. Eveline ließ vergeblich um eine Unterredung bitten; zuletzt be⸗ gnügte ſie ſich mit einem liebevollen Abſchiedsbillet und begleitete Aubrey zur Wohnung ihrer neuen Wirthin. Maltravers war wenigſtens darüber vergnügt, daß er ſie bei einer Dame wußte, welche ſicherlich ihre Neigung gewinnen und ihre Stimmung beſänftigen würde und trat darauf ſeine einſame Reiſe nach England an. Mochten verdächtige Umſtände den Toh Lord Var⸗ grave's begleitet haben oder nicht, ſicherlich wurden dieſel⸗ hen damals durch kein Zeugniß beſtätigt und kein Gerücht war auch in dieſer Hinſicht verbreitet. Seine kürzliche Krankheit, ſeine vermuthliche Geiſteserſchütterung über den Verluſt des Vermögens, das er mit der Hand der Miß Cameron erwartet hatte, bei der zugleich einge⸗ troffenen Nachricht über die Niederlage ſeiner Partei, womit, wie man glaubte, ſein Ehrgeiz unauflöslich verflochten war— Alles dies ſchien genügende Erklä⸗ rung hinſichtlich des traurigen Ereigniſſes zu bieten. De Montaigne, welcher lange Zeit, obgleich nicht genau, mit dem Verſtorbenen bekannt geweſen war, übernahm die nothwendigen Anordnungen und beaufſichtigte das Leichenbegängniß. Howard kehrte nach der Ceremonie wieder nach London zurück und in Paris werden eben ſo wie im Grabe alle Dinge vergeſſen! Aber in de Mon⸗ taigne's Bruſt weilte noch eine furchtbare Beſorgniß. Sobald er von Maltravers die gegen Vargrave vorge⸗ brachte Entſchuldigung vernommen hatte, erinnerte er ſich jenes Tages, wie Cäſarini ſeinen Schwager zu morden ſuchte, indem er ihn offenbar in ſeinem Anfall für einen Andern hielt und des finſteren, liſtigen und trotzigen Charakters, den ſein Wahnſinn ſeitdem immer gezeigt hatte. Von Howard hatte er erfahren, daß die äußere Thür offen ſtand, als Lord Vargrave bei Maltra⸗ vers war. Das Billet an der Thür, der Name Vargrave's, mußte Caſtruccio's Angen, als er die Treppe hinabging, auffallen; der Diener war ausgeſchickt, und Niemand im Zimmer; Caͤſarini konnte ſich ins Schlafzimmer ge⸗ ſchlichen und im Dunkel der Nacht bei dem tiefen und hülfloſen Schlaf ſeines Opfers die That vollbracht haben. Was bedurfte er der Waffen? die erſtickenden Kiſſen konnten Sprache und Leben nehmen. Die Flucht war ſo leicht; er brauchte nur ins Vorzimmer zu gehen, die Thür zu entriegeln, in den Hof ſich zu begeben und dem Portier ein Zeichen zu geben, welcher, ohne ihn zu ſehen, den Cordon ziehen und ihm einen unbemerkten Ausgang ge⸗ währen konnte. Alles dies war ſo möglich und wahr⸗ ſcheinlich! De Montaigne nnterließ jetzt jede Nachfor⸗ ſchung hinſichtlich des Unglücklichen; er zitterte bei dem Gedanken, ihn zu entdecken, ſeinen furchtbaren Argwohn zu beſtätigen und in dem Bruder ſeiner Frau einen Mörder zu ſchauen! Es war ihm aber nicht beſchieden, um Cä⸗ ſarini lange Zeit Beſorgniſſe zu hegen; es war nicht ſein Schickſal, jemals ſeinen Verdacht in Gewißheit zu ver⸗ wandeln. Wenige Tage nach Lord Vargrave's Begräbniß ward ein Leichnam aus der Seine gezogen. Einige vorge⸗ erte er iger zu Anfall gen und immer daß die Naltra⸗ grave's, abging, tiemand mer ge⸗ fen und haben. Kiſſen war ſo die Thür Portier en, den gang ge⸗ d wahr⸗ Kachfor⸗ bei dem lrgwohn Möͤrder um Cä⸗ nicht ſein tzu ver⸗ egräbniß Einige Schreibtafeln in den Taſchen, mit wilden und unzuſam⸗ menhängenden Verſen bekritzelt, gaben eine Spur, die Verwandten des Todten zu entdecken; in der auf der Morgue ausgeſtellten, gebleichten und veränderten Leiche erkannte de Montaigne das Letzte, welches von Ca⸗ ſtruceio Cäſarint übrig geblieben war. Er war geſtorhen und hatte kein Zeichen hinterlaſſen. Siebentes Kapitel. Jegliches Ding erhalte den Plas, der ihm eigen beſchieden. Horaz. Maltravers und die Advokaten konnten nur einen ſehr geringen Theil des Reichthums, worauf Richard Templeton ſo ſtolz geweſen war, aus dem Bankerot retten. Der Titel war erloſchen, das Vermögen ver⸗ ſchwunden. So höhnt das Geſchick unſern Ehrgeiz nach unſerem Tode! Mittlerweile war Herr Douee mit be⸗ trächtlichem Raube nach Amerika geflohen. Die Bank hatte beinah eine Million Schulden; das Ankaufsgeld für Lisle⸗Court, welches Herr Donce mit ſo großer Gier in ſeine Klauen zu bekommen geſucht hatte, ge⸗ nügte nicht, den Bankerot abzuwehren; ein großer Theil deſſelben genügte aber, ihm ſelbſt eine behagliche Lage zu verſchaffen. Wie untergeordnet in Verſtand, Liſt und Scharfſinn war Douce gegen Vargrave und dennoch hatte ihn Douce wie ein Kind geprellt! Mit Recht ſagte der pfiffige kleine Philoſoph Frankreichs: Bulwer, Alice. II. 23 — — on peut ètre plus fin qu'un autre, mais pas plus in que tous les autres Maltravers t en Verluſt von hn um ſo hums, weit ent Foffnung zu heb garb reiste nach Pa Hatte aher? geſſen? Er war ils er einem la Gebanken, ſeine Hoffaum eine tiefe Dankbarkeit a iit feierlichem Ernſt i Altare den Bericht zub ſ egeben worden war. Er feſchütterung, welche ſ Lord Vargrave's Lüge vern te, ſein leidenſchaft⸗ licher Entſchluß, jede Spur einer Liebe zu vertilgen, welche damals mit Verbrechen und Schauder verknüpft ſchien— ein Entſchluß, der ſo nahe auf die Entdeckung von Alicens ausdauernder Treue und Liebe folgte— daß Alles dies das Bild der Eveline von dem Throne entfernt hatte, welchen es bis dahin in ſeinen Wünſchen und Ge⸗ danken einnahm; er erklärte aufrichtig, daß er jetzt über⸗ zeugt ſei, Eveline werde ſich uͤbler ſeinen Verluſt bald durch einen Andern tröſten, mit dem ſie glücklicher, wie mit ihm leben könne; aufrichtig und feierlich erklärte er end⸗ lich, daß ſeine Bewerbung um Eyoeline niemals erneut werden könne, ſelbſt wenn Alice ihn zuruͤckweiſe, ſelbſt it, ſeine Neigun erung und eherum flehte er ſie d anzunehmen und welcher der Eveline tig, daß die änglicher Glaube an — wie Blü Der unſeres G trachtete rein und des Leber Meinige einen mi Ihnen di ich einſt den Sie Jeder vr ſind alle glänzend ich den 6 Welt mi überſäͤtte lieben m die Kett innerune as plus lte ihm s liebte N te ver⸗ eweſen, le ſeine ig und te er ſie en und Fveline aß die be an ſchaft⸗ tilgen, knüpft eckung — daß atfernt d Ge⸗ über⸗ durch ie mit r end⸗ erneut ſelbſt — gend, Alice, vielleicht ſo ſchön und einſt ſo jung und leidenſchaftlich wie Eveline, blaß und verändert, aber liebenswürdiger wie einſt, wenn himmliſche Gedald und heilige Gedanlen und die Prüfungen, welche reinigen und erheben, über menſchliche Züge etwas Schöneres wie Blüte ergießen können. Der gute Pfarrer war allein außer den Beiden gegen⸗ wärtig, welche den Irrthum und die Liebe überlebt hatten, wodurch das Entzücken und das Elend von ſo Manchem unſeres Geſchlechtes geſchaffen wird. Der alte Mann be⸗ trachtete ſie eine Weile und ſchlich ſich unbemerkt hinweg. „Alice,“ ſagte Maltravers, und ſeine Stimme zit⸗ terte;„bis jetzt haben Sie die Hand des Geliebten Ihrer Jugend aus Beweggründen zurückgewieſen, welche zu rein und edel für die praktiſchen Neigungen und Bande des Lebens ſind. Hier flehe ich wiederum zu Ihnen, die Meinige zu werden. Ertheilen Sie meinem Gewiſſen einen mildernden Balſam durch den Glauben, daß ich Ihnen die Übel und den Kummer vergelten kann, die ich einſt Ihnen erweckte. Nein, weinen Sie nicht, wen⸗ den Sie ſich nicht hinweg; Jeder von uns ſieht allein, Jeder von uns bedarf des Andern. In Ihrem Herzen ſind alle meine zärtlichſten Ideenverbindungen, alle meine glänzendſten Erinnerungen verſchloſſen; in Ihnen erblicke ich den Spiegel von dem, was ich geweſen bin, als die Welt mir noch neu war, ehe ich erkannte, das Vergnügen überſättige und der Ehrgeiz betrüge ans! Alice, Sie lieben mich noch ſtets! Zeit und Abweſenheit haben nur die Kette geſtärkt, welche uns verbindet. Bei der Er⸗ innerung unſerer Jugendliehe, bei dem Grahe nnſeres 360 verlorenen Kinbes, welches, wenn es noch lebte, die Eltern vereint haben würde, flehe ich Sie an, die Mei⸗ nige zu werden.“ „Sie ſind zu großmüthig,“ ſagte Aliee, indem fie unter den Regungen beinah niederſank, welche den ſanf⸗ ten Geſſt und die gebrechliche Form erſchütterten.„Wie kann ich Ihr Mitleid erdulden? Es iſt nur Mitleid, Sie täuſchen ſich ſelbſt. Sie find von anderem Stande wie ich glaubte. Wie können Sie das Kind des Mangels und der Schuld zu Ihrem Rang erheben? Und ſoll ich, die ich, Gott weiß es, Sie von allem Kummer erretten möchie, Ihnen jetzt, da die Jahre den wenigen Reiz, den ich jemals beſaß, ſo verändert und gebrochen haben, dies verwelkte Herz, dieſen ermüdeten Muth überreich en? O nein!“ Alice ſchwieg plötzlich und Thränen rannen ihre Wangen hinab. „Sei es, wie Sie wollen,“ erwiberte Maltrapers traurig,“ wenigſtens gründen Sie Ihre Weigerung auf beſſeren Vorwand. Sagen Sie, daß Sie jetzt, unab⸗ hängig im Vermögen und an die von Ihnen gebildeten Gewohnheiten anhaäͤnglich, ihr Glück gegen mich nicht wagen wollen. Vielleicht haben Sie Recht. Zu meinem Glück würden Sie ſicherlich beitragen; Ihre Stimme würde manche Erinnerung und manchen Gedanken an die Jahre der Täuſchung hinwegzaubern, die ſeit unſerer Trennung verliefen; Ihr Bild würde die Einſamkeit ver⸗ ſcheuchen, welche ſich ſonſt an die Zukunft eines Lebens voll vereitelter Hoffnung und uͤberſtandener Oual für immer ſchließen muß. Bei Ihnen, und bei Ihnen allein würde ich eine Heimath, in Ihnen eine Tröſterin, eine mit⸗ Maltr⸗ einma einmal alleir 7 rief? größ⸗ lebte, die die Mei⸗ indem fie den ſanf⸗ 2u.„Wie Mitleid, 1 Stande Mangels ſoll ich, rerretten gen Reiz, en haben, rreichen? n rannen iltravers ung auf , unab⸗ ebildeten ich nicht reinem Stimme nken an unſerer keit ver⸗ dens voll r immer n würde ne mit⸗ —— 361 leibige und beſänftigende Freundin finden. Dies könnten Sie mir ertheilen und zugleich ein Herz und eine Ge⸗ ſtalt, welche einer Liebe treu blieb, die eine ſo dauernde Hingebung nicht verdiente. Aber ich— was kann ich Ihnen geben? Ihre Stellung iſt der meinigen gleich; Ihr Vermögen genügt für Ihre einfachen Behürfniſſe. Wahrlich, der Tanſch iſt nicht gleich; Alice, leben Sie wohl!“ „Grauſamer!“ ſagte Alice, indem ſie mit furcht⸗ ſamem Schritt ihm näher trat.„Wenn ich, ſo unbe⸗ ſchützt und Ihrer unwerth, Ihnen bei einer einzigen Sorge Troſt gewähren könnte...* Sie ſagte nichts mehr, aber ſie hatte genug geſagt; Maltravers ſchloß ſie an ſeinen Buſen und fühlte noch einmal dasjenige Herz, welches niemals, ſogar nicht einmal in Gedanken von ſeiner früheren Verehrung ab⸗ gewichen war, an ſeinem eigenen ſchlagen! Er zog ſie ſanft in die friſche Luft. Der liebliche und ſanfte Nachmittag des letzten Sommermonats ruhete auf den duftenden Blumen; die weite See, welche ſich fernhin ausſtreckte, zeigte auf ihren Wogen ein goldenes und heiteres Lächeln. „Ach,“ murmelte Aliee ſanft, als ſie von ſeiner Bruſt aufblickte;„ich frage Sie nicht, ob Sie Andere geliebt haben, ſeit wir uns trennten; die Treue des Mannes iſt ſo verſchieden von der unſern; ich frage allein, ob Sie mich jetzt noch lieben?“ „Mehr, unermeßlich mehr wie in unſerer Jugend,“ rief Maltravers mit glühender Leidenſchaft aus;„mit größerer Zärtlichkeit, größerer Achtung und größerem 362 Vertrauen, wie ich jemals ein lebendes Weſen liebte!— Mehr ſogar, wie ſie, in deren Jugend und Unſchuld ich die Erinnerung an Dich verehrte! Hier habe ich gefun⸗ den, was mein Ideal beſchämt und in Schaitem ſtellt! Hler habe ich eine Tugend gefunden, die, Von Goit und von der Natur entſprangen, weiſer war, wie meine falſche Philolophie und feſter wie mein Stolz! Ihre Wiege be⸗ fand ſich unter Elend; Ihre Kindheit ward unter Seeuen der Furcht und des Laſters auferzogen, welche Ihre Geiſteskräfte hinwegſcheuchten, aber Ihre Seele nicht befleckten— Ihr Vater ſelbſt war Ihr Verführer und Feind— Sie allein blieben ein Wunder und ein Engel bei dem Flecken eines ſüßen und unerkannten Fehls. Sie blieben ſich gleich in den Prüfungen der Armuth und des Reichthums— Ihnen war es heſchieden, ſich über Alle triumphirend zu erheben— ein Muſter der erha⸗ benen Moral, die uns lehrt, mit welcher geheimniß⸗ vollen Schönheit und unßerblichen Heiligkeit der Schöpfer unſere menſchliche Natur begabt hat, wann Sie durch unſere Neigungen geheiligt wird. Sie allein genügen, den hochmüthigen Glauben des Menſchen⸗ ſeindes und Phariſäers in Staub zu werfen. Ihre Treue gegen mich den Irrenden hat mich belehrt, flets meine Nebenmenſchen, die Geſchögfe Gottes, zu denen Sie bei all Ihrem Adel und Edelmuth gehören, zu lieben, ihnen zu dienen, ſie zu bemitleiden und zu achten.“* Er ſchwieg von ſeinen Gedanken überwältigt. Aliee empfand ein zu hohes Glück um Worte zu finden; allein im Gemurmel der von der Sonne beleuchteten Blätter, in dem Hauche der Sommerluft, in dem tiefen und — entfer erklan ſeine; ihrer N chene: und be ſterun nau ko ſich ge vermi ſchen, allen Muſt zu ver wirken Seine ſeine S Leben letzte u zuletzt aus ur zum? gen w bald Es iſt ebte!— huld ich gefun⸗ m ſtellt! hott und ie falſche lege be⸗ Sceuen he Ihre ele nicht zrer und in Engel hls. Sie uth und ſich über der erha⸗ heimniß⸗ beit der t, wann jiee allein tenſchen⸗ re Treue ts meine enen Sie u lieben, Blätter, fen und 1 363 entfernten Rauſchen ber vom Himmel umringten See erklang eine melodiſche Stimme, wodurch die Natur ſeine Worte zu wiederholen und die Wiedervereinigung ihrer Kinder zu ſegnen ſchien. Maltravers betrat noch einmal die ſo lang unterbro⸗ chene Laufbahn. Ee betrat ſie mit einer mehr praktiſchen und beharrlichen Kraft, wie ſie die auflodernde Begei⸗ ſterung früherer Jahre darbot. Allen denen, die ihn ge⸗ nau kannten, war es auffallend, daß ſein ſtolzes Weſen ſich gemindert hatte, während die Kraft ſeiner Seele un⸗ vermindert blieb. Er verachtete nicht länger den Men⸗ ſchen, wie er iſt und verlangte nicht länger mehr von allen Dingen das Ideal eines nur in Viſionen gebildeten Muſters; er war geeigneter, ſich mit der lebenden Welt zu vermiſchen und bei den großen Zwecken nützlich mitzu⸗ wirken, welche unſer Geſchlecht verfeinern und erheben. Seine Gefühle waren vielleicht weniger hochgeſpannt aber ſeine Theorien unendlich weiſer. Stufenweiſe haben wir ihn in den Geheimniſſen des Lebens begleitet. Die Eleuſinien ſind geſchloſſen und das letzte Trankopfer iſt ausgegoſſen. Und Aliee! Wird uns die Welt tadeln, wenn du zuletzt glücklich geworden bift? Wir verbannen ja täglich aus unſern Geſetzbüchern die Statuten, welche die Strafe zum Verbrechen in Mißverhältniß ſetzen; täglich predi⸗ gen wir die Lehre, daß wir das Volk demoraliſtren, ſo⸗ bald wir die Gerechtigkeit zur Grauſamkeit anſpannen. Es iſt Zeit, daß wir auch auf die Geſetze der Geſellſchaft 36⁴ die Grundſätze anwenden, die wir in der Geſetzgebung anerkenndn; es iſt Zeit, daß wir die Todesſtrafe für un⸗ bedeutende Verbrechen ſogar in Büchern fortſchaffen; es iſt Zeit, daß wir die Moral der Buße annehmen und einem Fehltritt das Recht zur Hoffnung als den Lohn ur ſeine Unterwürfigkein gegen deſſen Läden ertheilen. Man glaube nicht, daß der Schluß von Alicens Laufbahn eine Verſuchung für den Fehl im Beginn darbietet. Acht⸗ zehn Jahre Les Kummers, eine in ſchweigender Trauer am Grabender Freude verbrachte Jugend, bieten ſolche Bilder dar, welche einen düſteren und warnenden Schat⸗ ten über dieſe Eezählung werfen. Dfeſe werden der Jugend noch lange dosſchnehe, nachlem ſie ſich von dem Schluß dieſed Erzähkung fortgewandt hat! Wäre Aliee am gebrochenen Herzen geſtorben— wäre ihre Strafe härter geweſen, wie ſie ertragen konnte— dann hätte man, wie im wirklichen Leben, Reine Moral mit NRecht verurtheilen können, und das menſchliche Herz würde beim Mitleld für das Opfer, den Fehltritt vergeſ⸗ ſen haben— meine Erzähluniſt beendet gebung für un⸗ haffen; jen und n Lohn theilen. † zufbahn. .Acht⸗ Trauer ſolche Schat⸗ den der ſich von Wäre ire ihre — dann dral mit he Herz vergeſ⸗ 2t