* — Leihbibliorhe et deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepre Bei Nü eines geliehenen Buches wir jedem Tag 5 Pf bezahlt. Di Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſoie en müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, bei deſſen Zurucgabe vnn mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büe her: — ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. zur Em Tag von Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung er u auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und r(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größetzn Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſoſters darauf aufmerkſam gemacht, Laß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die von mir en dafür zu ſtehen haben. rdvon † Stun⸗, nahme umme ſtattet †; und E. L. Bulwer's ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. Neunzehnter Band. Penerent. II. Stuttgart:t SGeible, Rieger Sattler. 1815. Devereux. Ein Roman von Ednard Lytton Vulwer. Ueberſetzt von Eheodor Both. „ Z weiter Band. Stuttgart: . Scheible, Rieger& Sattler. 1835. Viertes Kapitel. Paris— Eine Frau, die ſich ſür Politik, wie für Kirche intereſſirt— Verſchiedene andere Dinge. Der Exminiſter wurde in Calais, wie in Paris mit ven ſchmeichelhafteſten Ehrenbezeigungen empfangen— er war damals ganz der Mann, die Franzoſen zu ge⸗ winnen. Sein hübſches Außere, ſein anmuthiges Be⸗ nehmen, ſein in jeder Hinſicht ausgezeichneter Geſchmack, die ungeheure Mannigfaltigkeit und feurige Lebendigkeit ſeiner Unterhaltung hezauberten ſie. Im ſpäteren Leben iſt er ſelbſt im gewöhnlichen Geſpräche zurückhaltender und tiefer geworden, und die Echtheit des Diamanten zieht jetzt die Aufmerkſamkeit auf ſich, während man zu jener Zeit zu geblendet war, um an etwas Anderes, als deſſen Glanz zu denken. Während Bolingbroke Staatsbeſuche annahm, machte ich es mir zum Geſchäfte, eine gewiſſe Frau von Balzae aufzuſuchen. Der Leſer erinnert ſich viel⸗ leicht, daß der Umſchlag des Briefes, den mir Oswald nach Devereur⸗Court gebracht, mit den Buchſtaben C. D. B. unterzeichnet war. Als Oswald nach jener ſchrecklichen Nacht, an welche zu erinnern ich mich kaum überwinden kann, verſchwand, kamen mir dieſe Anfangs⸗ buchſtaben wieder ins Gedächtniß, und da Oswald ge⸗ —— ſagt hatte, ſie gehören einer Dame an, die früher auf küßte vertrautem Fuße mit meinem Vater geſtanden, ſo fragte mir, ich meine Mutter, ob ſie nicht irgend eine Vermuthung mit: habe, welche franzöſiſche Dame dieſe Buchſtaben wohl gewi bezeichnen könnten. Mit ſichtlichem Schmerze der Eifer⸗( ſucht nannte ſie eine Frau von Balzac. An dieſe Dame blicke beſchloß ich, mich jetzt ſelbſt zu wenden, in der ſchwachen Fami Hoffnung, von ihr vielleicht einige Auskunft über dieſen ſie, Oswald zu erhalten. Es war nicht ſchwer, eine Dame,„aber welche zu ihrer Zeit eine nicht unbedeutende Rolle in„ der Komödie der Jerthümer— der großen Welt— ich ſi geſpielt hatte, ausfindig zu machen. Sie lebte noch ſah, immer in Paris; welche Franzöſin würde auch, wenn Balze es in ihrer Macht ſtünde, anderswo leben?„Hundert Dies Thore,“ ſagte die witzige Frau von Choiſy zu mir, Geſt „führen nach Paris, aber nur zwei Wege führen her⸗ nicht aus— der eine nach dem Kloſter, der andere(verhaßtes werd⸗ Wort!) nach dem Grabe.“ wund Ich eilte nach dem Hotel der Frau von Balzac. F Durch drei prächtige Gemächer wurde ich in ein viertes„Die gebracht, in welchem ich einen Thron zu erblicken gut, glaubte; bei näherer Anſchauung fand ich, daß es ein der n Bett war. Auf einem großen Stuhle, neben einem ſehr Kleid dürftigen Feuer— es war im Monat März— ſaß ich h eine große, hübſche Frau, ungehener geſchminkt und Volll auf eine Art gekleidet, welche meinem an engliſchen Ihr G Prunk gewöhnten Geſchmacke höchſt einfach vorkam. Raci Morgens hatte ich um die Erlaubniß bitten laſſen, ihr aufwarten zu dürfen, ſo daß ſie anf meinen Beſuch vor⸗ ſproch bereitet war. Sie ſtand auf, bot mir ihre Wange bar, r auf ragte thung wohl Fifer⸗ Dame achen dieſen dame, lle in — noch wenn indert mir, her⸗ aßtes alzae. iertes licken es ein n ſehr ſit t und liſchen rkam. , ihr h vor⸗ dar, 7 küßte die meinige, vergoß einige Thränen und bezeugte mir, kurz geſagt, ſehr viel Güte. Alte Damen, welche mit unſern Vätern kokettirt haben, ſcheinen immer ein gewiſſes Eigenthumsrecht auf die Söhne anzuſprechen! Ehe ſie ſich wieder ſetzte, hielt ſie mich einige Augen⸗ blicke mit ausgeſtrecktem Arme feſt.„Sie haben eine Familienähnlichkeit mit Ihrem tapferen Vater,“ ſagte ſie, einigermaßen in ihren Erwartungen getäuſcht; „aber—“ „Frau von Balzae möchte hinzufügen,“ unterbrach ich ſie, indem ich den Satz fortführte, den, wie ich wohl ſah, ihre bienveillance abgebrochen hatte,„Frau von Balzac möchte hinzufügen, daß ich nicht ſo hübſch ſei. Dies iſt wahr; mehr auf mein Inneres, als auf meine Geſtalt iſt die Ahnlichkeit übergegangen, und wenn ich nicht das Vorrecht meines Vaters habe, bewundert zu werden, ſo habe ich wenigſtens ſeine Fähigkeit, zu be⸗ wundern;“ damit verbeugte ich mich. Frau von Balzae nahm drei große Priſen Tabak. „Dies iſt ſehr gut geſagt,“ erwiderte ſie ernſt;„ſehr gut, in der That! obwohl Ihrem Vater ganz unähnlich, der nie in ſeinem Leben eine Schmeichelei ſagte. Ihre Kleidung zeugt, beiläufig geſagt, von ſehr viel Geſchmack; ich hätte nicht geglaubt, daß die Engländer eine ſolche Vollkommenheit in den ſchönen Künflen erreicht hätten. Ihr Geſicht iſt etwas zu lang! Sie bewundern natürlich Raeine? Wie gefällt Ihnen Paris?“ All dies wurde nicht im Scherze oder ſchnell ge⸗ ſprochen; Frau von Balzae war keineswegs eine mun⸗ tere oder lebhafte Perſon. Sie gehörte einer heſonderen — 8 Schule der Franzöfinnen an, welche ein wenig Schmach⸗ ten, ein gut Theil Steifheit, eine Gleichgültigkeit gegen äußere Formen, wenn dieſe von ihnen beobachtet werden ſollten, und ein ſtrenges Verlangen derſelben, wenn ſie ſolche von Andern verlangen konnten, erkünſtelten. Hiezu kommt noch, daß ſie ganz einfach über Alles ſpra⸗ chen, ohne ſich je auf Gefühle einzulaſſen. Dies war die Schule, welcher ſie angehörte; außer dieſen allge⸗ meinen Kennzeichen hatte ſie aber auch ihre beſondern. Sie war kühn, ehrgeizig, weltlich, weder herzlos, noch unfreundlich; ſehr ſtolz, ein wenig fromm— weil es damals Mode war— eine begeiſterte Bewundrerin krie⸗ geriſchen Ruhmes, und eine ſehr grübelnde, ſuchende, forſchende und doch talentloſe Ausheckerin politiſcher Pläne. „Wie mir Paris gefalle!“ ſagte ich, indem ich nur auf die letzte Frage antwortete, und zwar nicht mit ängſtlicher Rückſicht auf Wahrheit.„Kann Frau von Balzac an Paris denken, ohne das Entzücken zu empfin⸗ den, das Jeden begeiſtert, der dieſe Stadt zum Erſten⸗ male betritt? Allein es zog mich noch etwas Theureres hierher, als bloße Neugier eines Fremden; ich ſehnte mich, der Freundin meines Vaters meinen Dank für die Theilnahme auszuſprechen, die ſie mir, wie ich zu glauben wage, bei einer gewiſſen Gelegenheit bewie⸗ ſen hat.“ „Ah! Sie ſprechen von meiner Warnung vor dem ſchrecklichen Montreuil. Ja, ich hoffe, Ihnen damals einen Dienſt geleiſtet zu haben.“ Frau von Balzae beehrte mich ſofort mit der ganzen —— Geſ Bri dieſ des es d ſo n etw auf Fra und ehe endl Sie hört hatt Me dieſ Doe als von Feig gefü Alle ten, dieſ ſpre Bal Lan mach⸗ gegen eren nn ſie elten. ſpra⸗ s war allge⸗ dern. noch eil es krie⸗ enme, iſcher h nur t mit von pfin⸗ rſten⸗ weres ſehnte k für ich zu ewie⸗ dem mals anzen 9 Geſchichte, auf welche Art ſie zu dem mir zugeſchickten Briefe gekommen, begleitet von tauſend Verwünſchungen dieſer atroces Jésuites, und von tauſend Lobſprüchen des eigenen Geiſtes und der eigenen Tugend. Sobald es der Anſtand geſtattete, brachte ich ſie von dieſem ihr ſo wichtigen Gegenſtande ab und erkundigte mich, ob ſie etwas von Oswald wiſſe oder mir nicht angeben könne, auf welche Art Nachrichten über ihn zu erhalten ſeien. Frau von Balzae haßte gerade, plumpe, offene Fragen und wanderte ſtets durch eine Wildniß von Parentheſen, ehe ſie dieſelben beantwortete. Gleichwohl that ſie dies endlich, jedoch durchaus nicht zu meiner Zufriedenheit. Sie hatte nie mehr etwas von Oswald geſehen oder ge⸗ hört, ſeit er ſie mit ihrem Auftrage an mich verlaſſen hatte. Ich befragte fle ſovann über den Charakter jenes Menſchen und fand, daß Herr Maria Oswald ſich in dieſer Beziehung nicht eben zu rühmen nöthig habe. Doch ſchien er nach ihrer Schilderung mehr ein Schelm, als ein wirklicher Schurke zu ſein, und nach einigen mir von Frau von Balzae mitgetheilten Beiſpielen ſeiner Feigheit hielt ich ihn eines ſo kühnen, planmäßig durch⸗ geführten Streiches für gänzlich unfähig, deſſen ihn Alle, welche ſich um meine Angelegenheiten bekümmer⸗ ten, ſo gern verdächtigten. Als ich endlich fand, daß weiterer Aufſchluß über vieſen Punkt nicht zu erhalten ſei, wandte ich das Ge⸗ ſpräch auf Montreuil. Aus der Art, wie ſich Frau von Balzac über ihn ausſprach, entnahm ich, daß er in dem Lande in großem Anſehen und bei Hofe in großer Gunſt ſtehen müſſe. Er war frühe mit Vater La Chaiſe be⸗ 10 freundet geweſen und wurbe jetzt von dem Nachfolger dieſes Jeſuiten, Le Sellier, ganz beſonders geachtet und geſchätzt— von Le Sellier, dieſem ſtrengen, bigotten Diener Loyola's— dem Beherrſcher des Königs ſelbſt — dem Zerſtörer des Pont⸗Reyal, und dem Spotte und Schrecken der vom Teufel beſeſſenen und verfolgten Janſeniſten. überdies erfuhr ich, was mir ſchon vorher klar geweſen— nämlich, daß Montreuil in großem Vertrauen bei dem Chevalier ſtand, und daß er, wie man vermuthete, der Sache der Stuarts bereits weſent⸗ liche Dienſte geleiſtet habe. Sein Ruf hatte mit jedem Jahre zugenommen und war hinſichtlich der Heiligkeit ſeines Privatlebens ebenſo groß, wie hinſichtlich ſeines politiſchen Talentes. Nachdem Frau von Balzae mit dieſem Berichte, der mir in einem ganz anderen Geiſte, als ich ihn hier nach⸗ erzähle, gegeben wurde, zu Ende war, bemerkte ſie: „Ohne Zweifel werden Sie eine Privataudienz bei dem Könige erhalten?“ „Iſt es bei ſeinem nunmehrigen Alter und ſeiner Hinfälligkeit möglich?“ „Sie muß einem Sohne des Marſchall Devereur gewährt werden.“ „Ich werde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie, gnä⸗ dige Frau, mir angeben wollten, wie ich zu dieſer Ehre gelangen kann; Ihr Name, fühle ich, wäre ein beſſerer Geleitsbrief zu der Gegenwart des Königes, als der eines verſtorbenen Kriegers; der Gürtel der Venus kann eine Gnade erlangen, welche der Keule des Mars nie zugeſtanden worden wäre!“ olger t und tten ſelbſt e nd gten orher oßem „wie eſent⸗ jedem igkeit ſeines e, der nach⸗ e ſie: i dem ſeiner ereux gnä⸗ Ehre ſſerer z der en Mars 11 Gab es je ein ſo natürliches, ungezwungenes Com⸗ pliment? Meine Venus von fünfzig Jahren lächelte. „Sie irren ſich,“ Graf, antwortete ſie;„ich habe keinen Einfluß hei Hofe; die Jeſuiten laſſen dies einer Janſeniſtin nicht zu; aber ich will noch heute mit dem Biſchof von Frejus ſprechen; er iſt ein Verwandter von mir und wird Ihnen eine ſo unbedentende Gunſt leicht verſchaffen können. Er hat ſo eben ſeinen Biſchofsſitz verlaſſen; Sie wiſſen, wie verhaßt er ihm war. Nichts iſt ſpaßhafter, als wie er ſich einmal in einem Briefe an den Cardinal Quirini unterzeichnete—„Fleury, Evéque de Fréjus par l'indignation divine.“ Der König iſt ihm nicht beſonders zugethan; allein er iſt im Ganzen ein guter Mann, wenn auch jeſuitiſch geſinnt; er ſoll Sie einführen.“ Ich drückte meinen Dank für die Gnade aus, ließ aber durchblicken, daß möglicherweiſe die Verwandten der erſten Gemahlin meines Vaters, das ſtolze, alte Haus la Tremouille, dem Biſchof von Fréjus die Mühe erſparen könnte, ſich meinetwegen zu bemühen. „Sie ſind in einem großen Irrthume,“ antwortete Frau von Balzae,„Prieſter bahnen den Weg zu dem Hofe, wie zu dem Himmel; und Krieger und Adelige haben mit dem erſteren ſo wenig zu thun, als mit dem letzteren mit einziger Ausnahme des unglücklichen Her⸗ zog von Villars— eines Mannes, deſſen Mißgeſchick hinreicht, alle Lorbeeren Frankreichs zu zerſtören. Ma foi! ich glaube der pauvre Puc könnte hinſichtlich ſeines Glückes mit jenem italieniſchen Dichter wetteifern, der in einem Anfalle von Verzweiflung ſagte, daß, wenn er 12 zum Hutmacher erzogen wäre, die Menſchen gewiß ohne Köpfe geboren würben.“ Frau von Balzae lachte über dieſen Scherz, bis ich, als ich ſah, daß keine weitere Nachricht von ihr zu er⸗ halten ſei, mich verabſchiedete und entfernte. Nichts ging über die Freundlichkeit, welche mir von den ehemaligen Bekannten meines Vaters bewieſen wurde. Der Umſtand, vaß ich in Geſellſchaft Boling⸗ broke's gekommen, meine Jugend und eine Gewandt⸗ heit, die, wenn ſie nicht von beſonderer Lebhaftigkeit oder Laune zeugte, nicht ohne ein frühzeitiges Streben nach der Gunſt der Grazien erworben worden war, ver⸗ ſchafften mir einen gewiſſen Eelat, wie auch geſellſchaft⸗ lich Beachtung. Auch trug Bolingbroke, der zu Zeiten ſeiner Macht nur gegen Höhere eiferſüchtig war, in keiner anderen Beziehung Seinesgleichen hatte, durch ſeine Lobpreiſungen bedeutend zu meinem Anſehen bei. Jebermann ſuchte mich auf— und die Aufmerk⸗ ſamkeit der Pariſer Geſellſchaft möchte wohl den Meiſten ein wenig Mühe vergelten. Hätte ich gewollt, ſo hätte ich vielleicht Furore gemacht; allein dieſe Eitelkeit war vorüber. Ich war zufrieden, als Beobachter in die Zirkel zugelaſſen zu ſein, ohne daß ich das leiſeſte Verlangen ver⸗ ſpürt hätte, beobachtet zu werden. Hat man einmal den Ehrgeiz, in der Geſellſchaftzu glänzen, überwunden, ſo kenne ich nichts Läſtigeres, als allzugroße Aufmerk⸗ ſamkeit; und der Spektator machte es gerade ſo, wie ich es im ähnlichen Falle gemacht haben würde, als er ſeine Wohnung verließ, weil er jeden Morgen gefragt wurde, wie er geſchlaſen habe. In der unmittelbaren Nähe des Hof Kör imm für Nie Epit ſen dig, einet auch doch ſchre wert litãt Hau ware ( von, ihr, gleic Poli Trae ſtellt emp bei heit, erkü ringf iß ohne bis ich, zu er⸗ tir von wieſen ling⸗ wandt⸗ ſtigkeit treben , ver⸗ ſchaft⸗ Zeiten ar, in durch en bei. fmerk⸗ Reiſten hätte it war Zirkel en ver⸗ al den unden, fmerk⸗ wie ich r ſeine wurde, he des 13 Hofes verſetzten Frömmelei, Alter und Mißgeſchick des Königes die Geſellſchaft in Traurigkeit; allein es gab immer noch einige glänzende Zirkel, welche den König für außer der Mode erklärten und behaupteten, die Niederlagen ſeiner Generale geben herrlichen Stoff für Cpigramme. Welch zarte, feine Luft ſchwebte über die⸗ ſen Soireen, wo Alles, was glänzend, und liebenswür⸗ dig, vornehm und heiter, witzig und klug war, ſich zu einem ſtrahlenden Ganzen vereinigte! So unvollkommen auch meine Wiederholungen ſein werden, ſo hoffe ich doch, daß die wenigen Blätter, welche ich einer Be⸗ ſchreibung jener glänzenden Unterhaltungen widmen werde, noch immer etwas von jener pikanten Origina⸗ lität an ſich tragen, welche die Soireen keiner anderen Hauptſtadt zu erreichen oder zu würdigen im Stande waren. Etwa eine Woche nach meiner Unterredung mit Frau von Balzae erhielt ich eines Morgens ein Billet von ihr, worin ſie mich bat, ſie heute zu beſuchen, und zu⸗ gleich die Stunde beſtimmte. Ich begab mich demzufolge in das Haus der ſchönen Politikerin, und fand dort einen Mann in geiſtlicher Tracht von wohlwollenden, einnehmenden Zügen. Sie ſtellte ihn mir als den Biſchof von Frejus vor, und er empfing mich mit einer Miene, wie man ſie ſehr ſelten bei ſeinen Landsleuten trifft, nämlich mit einer Offen⸗ heit, welche mehr aus wirklicher Gutmüthigkeit, wie aus erkünſtelter Anmuth zu entſpringen ſchien. „Es wird mir,“ ſagte er ruhig und ohne den ge⸗ ringſten Schein von Wangel an Aufrichtigkeit,„ein 14 großes Vergnügen gewähren, Ihren Wunſch Seiner Majeſtät vorzutragen, und ich zweifle nicht im gering⸗ ſten, daß der König einen Mann, der ſolche Anſprüche auf ſeine Beachtung ererbt hat, vorlaſſen wird. Bei⸗ läufig geſagt, hat mich auch Frau von Maintenon be⸗ auftragt, Sie ihr vorzuſtellen, ſobald Sie mir Gelegen⸗ heit dazu geben wollen. Sie kannte Ihre vortreffliche Mutter genau und wünſcht um dieſer willen, Sie ein⸗ mal zu ſehen. Sie wiſſen vielleicht, Monſieur, daß die äußerſte Zurückgezogenheit, worin Frau von Main⸗ tenon lebt, dieſen Auftrag zu einer ungewöhnlichen und ſeltenen Ehre macht.“ Ich drückte meinen Dank aus;— mehr mit der Miene eines Vaters, als eines Hofmannes, nahm der Biſchof denſelben entgegen und beſtimmte mir einen Tag, an welchem ich ihn nach dem Palaſte begleiten ſollte. Wir ſprachen dann noch kurze Zeit über ver⸗. ſchiedene Gegenſtände, wobei, wie ich bemerkte, ver gute Biſchof beſonders bemüht war, die franzöſiſche Politik zu vermeiden. Gleichwohl ſtellte er an mich einige Fragen über den Stand der Parteien in England — über Finanzen und Nationalſchuld— über Ormond und Orford, und ſchien ſehr aufmerkſam auf meine Ant⸗ worten zu hören. Er lächelte einige Male, wenn ſeine Verwandte, Frau von Balzac, in Witzeleien über die Jeſuiten ausbrach, welche nicht zu den Gegenſtänden paßten, von welchen die Rede war. „Ach, ma chère cousine,“ ſagte er,„Sie ſchmeicheln mir dadurch, daß Sie mir zu erkennen geben, wie Sie in mir nicht den Stagismann, ſondern Seiner erin⸗ prüche Bei⸗ on be⸗ elegen⸗ effliche ie ein⸗ r, daß Main⸗ en und rit der hm der einen gleiten er ver⸗ e, der zöſiſche n mich ngland rmond e Ant⸗ n ſeine ber die ſtänden „Sie kennen ſondern 1⁵ X den Verwandten— nicht den Biſchof von Fréjus, ſon⸗ dern Andre von Fleury lieben.“ Frau von Balzac lächelte und antwortete durch eine Artigkeit. Sie nahm allerdings an der Politik des Kö⸗ nigreiches Theil, aber ſie war auch für ſich ſelbſt poli⸗ tiſch und weit entfernt, mit Pindar auszurufen:„Dein Geſchäft, meine Stadt, ziehe ich willig dem meinigen vor.“ Ach, es findet ein ſcharfer Unterſchied zwiſchen einem Politiſchen und Politiker ſtatt, und Frau von Balzac kannte denſelben. Der Unterſchied iſt dieſer: Politiker heißt Der, welcher für Andere klug iſt, po⸗ litiſch Der, welcher es für ſich ſelbſt iſt. Von Frau von Balzac ging ich zu Bolingbroke. „Der engliſche König auf dieſer Seite des Kanals hat mir ſo eben die Stelle eines Staatsſekretärs angeboten,“ ſagte er,„indeſſen mag ich mich ihm doch nicht ſo gänzlich übergeben. Und ich bin auch in der That nicht abgeneigt, mich nach dieſen langweiligen, ſtaubigen Staatsgeſchäften mich ein wenig in des Lebens Freuden zu erholen. Was ſagen Sie von Byullainvilliers heute Abend— Sie ſind gebeten?“ „Ja! alle Witzköpfe ſollen dahin kommen— Anton Hamilton— und Fontenelle— der junge Arauet— Chaulieu, dieſer bezaubernde Alte. Gehen wir hin und glätten die Falten unſerer Herzen hinweg. Was ein kosmetiſches Mittel für das Geſicht, iſt der Witz für das Gemüth; und überdies geht keine Weisheit über diejenige, welche uns vergeſſen lehrt.“ „So kommen Sie denn,“ ſagte Bolingbroke auf⸗ ſtehend,„wir wollen dieſe Papiere einſchließen und eine 16 trübſelige Fahrt machen, damit wir den Genuß der eine 2 Freude um ſo mehr empfinden.“ monts Dieſer . Fünftes Kapitel. / Eine Zuſammenkunft witziger Köpfe— Die Unterhaltung geht gefäll in einem Kleide von Sammt und Juwelen zu Tiſche. beſſer . Boulainvilliers! Comte de St. Saire! Was wahr werden unſere Enkel bei dieſem Namen denken? Der in jen Ruhm iſt in der That ein Räthſel! Zu der Zeit, von mit o welcher ich ſpreche, glaubte man, Witz— Gelehrſam⸗ ich I! keit— Anmuth— Alles, was bezaubert und erleuchtet, von b vereinige ſich in dem einen Worte— Boulainvilliers! vie it Der gute Graf hatte zwar viele Nebenbuhler, aber er wünſc 3 beſaß den ausgezeichneten, ſeinen Landsleuten eigenen eigene Takt, durch den Ruf eben dieſer Nebenbuhler den ſei⸗„ nigen zu erhöhen. Und während er fie um ſich verſam⸗ ich ei „ melte, ſtrahlte der Glanz der ihnen entſtrömenden Bon⸗ milto monts auf ihn ſelbſt zurück. den T Wir fanden unſern Wirth in einem freundlichen, jedoch nicht prächtigen Zimmer. Daſſelbe war hinläng⸗ macht lich mit Menſchen angefüllt, um einer Gruppe von denhe Sprechenden Freiheit und Abwechslung zu geſtatten,„ ohne ſo voll gedrängt zu ſein, um jene kleinen Kreiſe Ham 6 und Cotterien zu erlauben, welche das Verderben einer keit i literariſchen Geſellſchaft find. Ein alter Mann von etwa fiebenzig Jahren, einem ſcharfen, ſchlauen, aber feinen, hofmäßigen Ausdrucke in ſeinen Zügen, von äußerſt munterem Benehmen, gegen welches angenom⸗ mene Würde oft plötzlich abſtach, die jedoch ſelten über eigenen den ſei⸗ verſam⸗ en Bon⸗ ndlichen, hinläng⸗ ppe von eſtatten, n Kreiſe en einer nn von n, aber n, von genom⸗ en über 17 eine Minute vauerte und nie dem Anſtoße eines Bon⸗ monts wiverſtand, war der Erſte, welcher uns anredete. Dieſer Alte war der Wrack von dem einſt berühmten Grafen Anton Hamilton! „Nun, Mylord,“ ſagte er zu Bolingbroke,„wie gefällt Ihnen die Witterung in Paris?— ſie iſt etwas beſſer als die erbarmungsloſe Luft von Londun— nicht wahr! So wahr ich lebe!— ſogar im Juni kann man in jenen Regionen der Schnupfen und Katarrhe nicht mit offener Bruſt gehen— ein großes Unglück, ſage ich Ihnen, Mylord, wenn man gerade einen Batiſt von beſonders feinem, glänzendem Gewebe hat und in vie inneren Falten eines Damenherzens zu dringen wünſcht, daburch, daß man die äußeren Falten des eigenen im beſten Lichte zeigt.“ „Zum erſtenmale,“ antwortete Bolingbroke,„höre ich einen ſo vollendeten Hofmann wie den Grafen Ha⸗ milton mit Aufrichtigkeit bedauern, daß er ſeine Bruſt den Blicken Anderer nicht öffnen könne.“ „Ach!“ rief Boulainvilliers,„gerade die Eitelkeit macht oft, daß ein Menſch zeigt, was er aus Beſchei⸗ denheit verbergen ſollte.“ „Au diable mit ihrer Beſcheidenheit!“ entgegnete Hamilton,„das iſt eine Tugend für den Pöbel. Eitel⸗ keit iſt die wahre Eigenſchaft für Ariſtokraten und ſteht jedenfalls einem Manne von Stand wohl an. Wäre ich je wegen meiner ausgezeichneten Spitzen und wegen meines ſpinnwebfeinen Batiſtes berühmt geworden, wenn ich nicht eitel geweſen wäre? Nie, mon cher! Ich wäre in ein Kloſter gegangen, hätte Sackleinwand ge⸗ Bulwer, Devereur. M. 2 tragen, unb aus dem Grafen Anton hätte ich mich zu einem heiligen Antonius verfeiſtet.“ „Nun,“ rief Lord Bolingbroke,„Eitelkeit hat in der Sackleinwand eben ſo viel Spielraum als in Batiſt, venn ſie gleicht dem iriſchen Augleinmeiſter im Sper⸗ tator, und wenn ſie das Schauſpielhaus bei Kerzen⸗ licht beäugeln lehrt, ſo lehrt ſie es die Kirche bei Tag! Aber verzeihen Sie, Herr Chaulien, wie gut Sie aus⸗ ſehen! Die Myrte wirft, wie es ſcheint, ihr Grün nicht nur auf Ihre Dichtungen, ſondern auch auf den Dichter. Und es iſt recht, daß gegen den einen Ana⸗ krevn, welcher der Zeit einen unvergänglichen Schatz vermacht hat, die Zeit auch ihrerſeits freundlich ſei.“ „Mylord,“ antwortete Chaulieu, ein Greis, der, obwohl ſtark in den Siebzigen, nach ſeinem ganzen Auße⸗ ren und ſeinem Benehmen von einer Munterkeit und einem Leben beſeelt war, die einem Jünglinge Ehre ge⸗ macht hätten—„Mylord, der Kaiſer Julian hat ſchön geſagt, die Gerechtigkeit häbe die drei Grazien in ihrem Vorzimmer. Jetzt ſehe ich, daß er ſtatt Gerechtigkeit das Wort Weisheit hätte gebrauchen ſollen.“ „Geht,“ rief Anton Hamilton,„ſo werdet Ihr nie fertig. Complimente find das Langweiligſte, was man ſich denken kann. Um Gottes Willen, überlaſſen wir Dummköpfen die Lobpreiſungen und ſagen wir uns lieber etwas Bitteres, oder wir ſterben vor Langweile.“ „Vous avez raison!“ ſagte Boulainvilliers— „ſuchen wir einen armen Teufel heraus, um den An⸗ fang mit ihm zu machen. Einen Ab⸗ oder einen An⸗ weſenden? Wählt.“ tauſe Mach vereu tenon fragt 1/ Fröm als ei „ migke ihren Gott⸗ profa lichke welch Witz ſichtic „ als de mit ſt „ wir ei péle- dieſen will i fraget h mich zu it hat in in Batiſt, im Spec⸗ i Kerzen⸗ bei Tag! Sie aus⸗ ihr Grün hauf den rkeit und Ehre ge⸗ hat ſchön in ihrem echtigkeit 4 rdet Ihr ſte, was iberlaſſen wir uns igweile.“ liers— den An⸗ inen An⸗ 19 „O, einen Abweſenden,“ rief Chaulien;„es iſt tauſenbmal pikanter, zu verleumden als zu verſpotten! Machen wir mit Sr. Majeſtät den Anfang; Graf De⸗ vereux, haben Sie, ſeit Sie hier ſind, Frau von Main⸗ tenon und ihr frommes Kind ſchon geſehen?“ „Nein!— die Prieſter müſſen um Erlaubniß ge⸗ fragt werden, ehe ein Wunder öffentlich gezeigt wird.“ „Wie!“ rief Chaulien,„wollen Sie andeuten, vie Frömmigkeit Sr. Majeſtät ſei wirklich nichts Geringeres als ein Wunder?“ „Unmöglich!“ ſagte Boulainvilliers ernſt,„Fröm⸗ migkeit iſt den Königen ſo natürlich als Schmeichelei ihren Höflingen; ſagt man uns nicht, vaß ſie nach Gottes Ebenbild gemacht ſeien!“ „Wäre dies wahr,“ ſagte Graf Hamilton etwas profan—„wäre dies wahr, ſo könnte ich die Unmög⸗ lichkeit des Atheismus nicht länger läugnen!“ „Pfui, Graf Hamilton,“ ſagte ein alter Herr, in welchem ich den großen Huet erkannte,„pfui— der Witz ſollte bei dem Gebrauche ſeiner Schwingen vor⸗ ſichtig ſein— ſein Feld iſt die Erde, nicht der Himmel.“ „Niemand kann beſſer ſagen, was nicht Witz iſt, als der gelehrte Abbé Huet!“ antwortete Hamilton mit ſpöttelnder Ehrfurcht. „Pah!“ rief Chaulien,„ich dachte mir's, wenn wir einmal der Satire freien Lauf laſſen, würbe ſie uns péle-méle gegen einander werfen. um Ihnen aber dieſen Tropfen Citronenſäure zu verſüßen, lieber Huet, will ich mich an Lord Bolingbroke wenden und ihn fragen, ob England einen Gelehrten aufzuweiſen habe wie Peter Huet, der in zwanzig Jahren für einen Prin⸗ zen zweiundſechzig Vände von Klaſſikern“ mit Anmer⸗ kungen verſah, welcher nie eine Zeile in einem derſelben las 7“ „Wir haben einige Gelehrte,“ antwortete Boling⸗ brore,„allein wir haben allerdings keinen Huet. Es iſt höchſt ſonderbar, aber die Gelehrſamkeit kommt mir wie ein Kreis vor; ſie wird ſchwächer, je weiter ſie ſich ausbreitet. Wir ſehen jetzt viele Leute, welche im Stande ſind, einen Commentar zu leſen, dagegen in der That ſehr wenige, welche fähig wären, einen ſolchen zu ſchreiben.“ „Gewiß,“ antwortete Huet und führte in ſeiner Erwiderung jene berühmte Vergleichung an, welche bis auf den heutigen Tag zu ſeinen glücklichſten Bonmots gerechnet wird.„Gelehrſamkeit, früher die ſchwierigſte und durchaus keine Unterſtützung findende Aufgabe des Genies, iſt jetzt gerade durch die Mühen der erſten Segler zu einer leichten, gewöhnlichen Vergnügungs⸗ reiſe geworden. Wer aber wollte die großen Männer, deren Eifer nicht nur aus den ſich ihnen bietenden Schwierigkeiten hervorging, ſondern ſie auch mit der Geduld und dem Muthe ausrüſtete, welche allein den wahren Sieg erringen helfen, mit den gleichgültigen Müßiggängern der jetzigen Zeit vergleichen, die, da ſie nur geringe Schwierigkeiten zu überwinden, auch keinen Ruhm zu erwarten haben? Was mich betrifft, ſo ſcheint mir zwiſchen einem Gelehrten von heute und einem ſolchen der Vorzeit derſelbe Unterſchied ſtattzufinden * Die delphiniſchen Klaſſiker. wie eines Mien eine wir( — de thun Gehit teſten / was Quan Hami einen ſchlech Herze „ unſere „ haber, beſitze Sie be „2 chem ſ mont i „S den Hi Kleide ten Prin⸗ t Anmer⸗ derſelben Boling⸗ et. Es iſt mmt mir weiter ſie welche im agegen in en ſolchen in ſeiner welche bis Bonmots hwierigſte fgabe des der erſten nügungs⸗ Männer, bietenden h mit der allein den chgültigen die, da ſie uch keinen ſo ſcheint nd einem ttzufinden 24 wie zwiſchen Chriſtvph Columbus und dem Kapitän eines Paketbootes zwiſchen Calais und Dover““ „Aber,“ rief Anton Hamilton, indem er mit der Miene eines Mannes, der etwas Witziges ſagen will, eine Priſe Tabak nahm—„aber was haben wir— wir Geiſter der Welt, nicht Sprößlinge des Kloſters“ — dabei ſah er Huet an— mit der Gelehrſamkeit zu thun? Alles, was wir von kaſtaliſchem Waſſer in unſer Gehirn zu gießen brauchen, iſt das, welches am leich⸗ teſten auf die Zunge fließt.“ „Kurz,“ ſagte ich,„Sie behaupten alſo, vaß Alles, was ein Freund in unſerem Kopfe ſucht, eine artige Quantität Beredſamkeit iſt?“ „Nichts Anderes, mein lieber Graf,„entgegnete Hamilton ernſthaft,„und dieſem Grundſatze will ich einen zweiten beifügen, der ſich auf das andere Ge⸗ ſchlecht bezieht. Alles, was eine Geliebte in unſerem Herzen ſucht, iſt eine Quantität Liebe darin.“ „Wie! ſo gälten denn Edelſinn, Muth, Ehrliebe unſerer Geliebten nichts?“ rief Chaulien. „Nein; denn ſind Sie ein leidenſchaftlicher Lieb⸗ haber, ſo wird ſie glauben, daß Sie alle dieſe Tugenden beſitzen, und find Sie dies nicht, ſo wird ſie glauben, Sie beſitzen keine einzige derſelben.“ „Ach! es war ein ſchöner Hof der Liebe, an wel⸗ chem ſich der Freund und Biograph des Grafen Gram⸗ mont in dieſer Kunſt ausbildete!“ bemerkte Bolingbroke. „So glaubten wir damals, Mylord, aber die Mode, den Hof zu machen, wechſelt eben ſo oft, als die Mote, Kleider zu fertigen. Erweiſen Sie mir die Ehre, Graf —————————— 22 Devereur, ſich meiner Tabaksboſe zu bedienen, und werfen Sie dann einen Blick auf den Deckel.“ „Das Portrait Karls II. ſchmückt ihn— nicht wahr?“ „Nein, Graf Devereur, die Diamanten ſchmücken ihn. Das Geſicht Seiner Majeſtät dünkte mir ſehr ſchön, ſo lange der König lebte; jetzt aber, auf mein Gewiſſen, halte ich es für die häßlichſte Larne, die ich je geſehen. Allein ich lenkte Ihre Aufmerkſamkeit auf das Gemälbe, weil wir gerade von Liebe ſprachen, und der alte Rowley glaubte, er verſtehe ſich beſſer darauf als irgend ein Anderer. Alle ſeine Höflinge haiten dieſelbe Meinung von ſich, und ich varf wohl ſagen, die beaux gargons aus der Zeit ver Königin Anna werden behaupten, Nie⸗ mand von der Hterde König Karlchens habe gewußt, was Liehe ſei. Oh! es iſt ein ſonderbarer Kreis von umwälzungen, dieſe Liebe! Wie vie Erde wechſelt ſie ſtets und hat doch immer denſelben Stoff.“ „L'amour, l'amour, toujours'amour, mit dem Grafen Anton Hamilton!“ ſagte Bonlainvilliers.„Im⸗ mer iſt er an dieſem Kapitel, und sacre bleu! in ſeinen iüngeren Jahren, höre ich, ſei er wie Kakus, der Sohn Vul⸗ kans, geweſen, und habe nichts als Flammen geathmet.“ „Sie ſchmeicheln mir,“ entgegnete Hamilton.„Löſen Sie mir jetzt ein ſchwieriges Räthſel, Lorb Volingbroke Warum hält es ein junger Mann für das größte Con⸗ pliment, wenn man ihn für verſtändig hält, während man einem alten Manne nichts Angenehmeres ſagen kann, als— er ſei ein Narr geweſen?“ „Iſt denn Liebe eine Nrrheit?“ fragte Lord Bo⸗ lingbrole. ton; denkt, Bewe „ haben nicht: ſichten „ ſichter „werd heute zauber c „ werde aber k fand i die be ihn, n Vergn wortet wi antwo den wi driſche Daphe ſichert welch! Verdat 4 ten, und twahr ſchmücken ehr ſchön, Gewiſſen, e geſehen. Gemälde, te Rowley rgend ein Meinung garons pten, Nie⸗ e gewußt, Kreis von vechſelt ſie „mit dem ers.„Im⸗ in ſeinen Sohn Vul⸗ geathmet.“ on.„Löſen oliagbroke. ößte Com⸗ ,„ während eres ſagen e Lord Bo⸗ 23 Können Sie daran zweifeln?“ antwortete Hamil⸗ ton;„ſie macht, daß ein Menſch mehr an einen Anbern denkt, als an ſich ſelbſt! Ich kenne keinen größeren Beweis von Narrheit!“ „Ach— mon aimable ami,“ rief Chaulieu;„Sie haben den boshafteſten Witz, den ich je gehört. Ich kann nicht umhin, Ihre Sprache gern zu haben, Ihre An⸗ ſichten aber haſſe ich.“ „Meine Sprache iſt meine eigene— meine An⸗ ſichten ſind die aller Menſchen,“ antwortete Hamilton; „werden wir aber, beiläufig geſagt, den jungen Aronet heute Abend nicht hier zu ſehen bekommen. Welch be⸗ zaubernder Mann!“ „Ja,“ erwiderte Bonlainvilliers,„er ſagte, er werde ſpät kommen; auch Fontenelle erwarte ich, dieſer aber kommt vor dem Abendeſſen nicht. Heute Morgen fand ich Fontenelle im Geſpräch mit meinem Koch, über die beſte Art Spargeln zu bereiten. Neulich fragte ich ihn, welcher Schriftſteller, alt oder neu, ihm das meiſte Vergnügen gemacht habe? Nach kurzem Bedenken ant⸗ wortete der treffliche Alte:„„Dapheus.““ Dapheus! wiederholte ich— wer zum Teufel iſt der?„„Nun,““ antwortete Fontenelle mit Thränen der Dankbarkeit in den wohlwollenden Augen,„„ich hatte einige hypochon⸗ driſche Vorſtellungen, die Soupers ſeien ungeſund; Dapheus aber iſt ein alter Arzt, der das Gegentheil ver⸗ ſichert; denn er erklärt— denken Sie, mein Freund, welch bezaubernde Theorle!— der Mond helfe ſehr zur Verdauung!““ „Ha! ha! ha““ lachte der Abbé von Chaulieu. „Wie ähnlich dies Fontenelle ſleht! Was er doch ein wiberſprechendes Weſen iſt! Er iſt der gutmüthigſte und gefühlloſeſte Menſch, den ich je kannte. Hamilton ſoll ihn beſſer bezeichnen, wenn es ihm möglich iſt!“ Die etwaige Antwort, welche der Freund des ritter⸗ lichen Grammont hätte geben können, wurde durch das Eintreten eines jungen Mannes von etwa einundzwanzig Jahren abgeſchnitten. Von Geſtalt war dieſer Letztere klein, ſchmächtig und ſehr mager. In ſeinem Benehmen, wie in ſeinem Ausdrucke, lag ein gewiſſes Streben nach feinen Ma⸗ nieren, in welchem er jedoch nicht ganz glücklich war; obwohl er von den alten Witzköpfen mit großer Herz⸗ lichkeit und auf dem Fuße vollkommener Gleichheit auf⸗ genommen wurde, ging ihm doch jene nicht näher zu bezeichnende Miene, welche den Mann von Geburt ver⸗ räth, in demſelben Grade ab, als er ſie ſuchte. Dies konnte man indeſſen vielleicht der gewöhnlichen Uner⸗ fahrenheit der Jugend Schuld geben, die, wenn nicht unbeholfen ſchüchtern, doch gewöhnlich unbeholfen in ihrer Zuverſicht iſt. Was nun die Urſache ſein mag, der Eindruck verſchwand, ſobald er ſich in das Geſpräch ein⸗ ließ. Ich erinnere mich nicht, je einen Mann von ſo glänzendem, und doch ſo natürlichem Witze geſehen zu haben. Er hatte nur wenig von den gelehrten Anſpie⸗ lungen— den ſpitzigen Gegenſätzen— den klafſiſchen Metaphern, welche hauptſächlich die Witzköpfe der neue⸗ ren Zeit bezeichnen. Im Gegentheile war es eine aus⸗ nehmende, naive Einfachheit, die ſeiner Unterhaltung einen ſo unvergleichlichen Reiz und Zauber gab. Wäh⸗ rend i ſchwac andere ich mi ringſte Worte ganzes Erſche von J gezeich — wi Geſpr Stelle Geſch Junia übrig. der F 6 ſo bet nach auffa Steel ſamke als g Auge *„ Mann nahe des a Largil er doch ein thigſte und milton ſoll ſt!“ des ritter⸗ durch das undzwanzig ſchmãchti in einem einen Ma⸗ klich war; oßer Herz⸗ ichheit auf⸗ t näher zu geburt ver⸗ hte. Dies ichen Uner⸗ wenn nicht beholfen in in mag, det eſpräch ein⸗ ann von ſo geſehen zu ten Anſpie⸗ klaſſiſchen fe der neue⸗ s eine aus⸗ nterhaltung gab. Wäh⸗ 25 rend ich keine Bedenken trug, in dieſen Blättern eine ſchwache Nachahmung der eigenthümlichen Redeweiſe anderer ausgezeichneter Charaktere wiederzugeben, muß ich mich für gänzlich unfähig erklären, auch nur die ge⸗ ringſte Vorſtellung von der Art zu entwerfen, wie er ſeine Worte ſo unwiderſtehlich machte. Indem ich daher mein ganzes Beſtreben auf Beſchreibung ſeiner perſönlichen Erſcheinung beſchränke— die doch in ſo fern vielleicht von Intereſſe iſt, als es mein Loos war, mit dem aus⸗ gezeichnetſten literariſchen Charakter zuſammenzutreffen — will ich ſeinen Antheil an dem noch zu erzählenden Geſpräche hinweglaſſen und den Leſer bitten, ſich jener Stelle im Tacitus zu erinnern, in welcher der große Geſchichtſchreiber ſagt, bei dem Leichenbegängniſſe der Junia„haben die Bilder von Brutus und Caſſius alle übrigen gerade deßhalb überſtrahlt, weil ſie allein von der Feſtlichkeit ausgeſchloſſen geweſen ſeien.“ Das Geſicht von Maria Frangvis Arvuet(ſeither ſo berühmt unter dem Namen Voltaire) war den Zügen nach gewöhnlich, deſſen Ausdruck aber außerordentlich auffallend; ſeine Lebendigkeit war genau das, was Steele einmal ſo glücklich die„phyſiognomiſche Bered⸗ ſamkeit“ nannte. Die dunkeln Augen waren eher feurig als glänzend, und ſo unruhig, daß ſie nie auch nur einen Augenblick auf derſelben Stelle verweilten;* der Mund „ Der Leſer bedenke, daß Voltaire hier als ganz junger Mann beſchrieben iſt. Ich kenne keinen ausdrucksvolleren, bei⸗ nahe geiſterhafteren Gegenſatz, als den, welchen die Porträts des alt gewordenen Voltaire gegen das Gemälde bilden, welches Largillicre in einem Alter von vierundzwanzig Jahren von ihm 26 war der häßlichſte und zugleich eigenthümlichſte Theil im Gege ſeines Geſichtes; er deutete zwar Humor an, er verrieth Ausdruck. aber auch Bosheit— und nie lächelte er ohne einen Furche a Sarkasmus. So ſchmeichelhaft ſeine Wörte für die An⸗ ragung i . weſenden waren, miſchten doch die Bemerkungen über Witze un die Abweſenden, welche aus dieſer höhniſchen, gekrümm⸗ zenvoller ten Lippe kamen, der Frende an dem Witze einige Furcht wenn nie vor veſſen Atzkraft bei. Ich glaube nicht, daß Jemand, ſtanden. ſei er auch noch ſo kühn, abgehärtet, fehlerlos, als es Mann ei einem Menſchen nur möglich iſt, eine Stunte mit dieſem rariſchen Manne zuſammen ſein kann, ohne eine Bangigkeit zu iſt nicht fühlen. Niemand konnte ihn ſeinen Spott gegen Andere und gut ſchleudern ſehen und ſich ſelbſt ſicher glauben;— ſeinen annehme Spott, mit dem er ſo verſchwenderiſch war und doch ſo Solche 2 ſicher traf— ſo ausgelaſſen und doch ſcheinbar gerecht ſie könn — ſo zündend, vaß, während er in anſcheinender, aber in beider furchtbarer Spielerei ſein Ziel umſchwebte, er ven rechten Reiche, . Fleck verſengte und da ein Brandmal als unzerſtörhares, intrigue ² ewiges Zeichen eingrub. Sein muthwilliger, leichtfer⸗ ihrer M tiger Scherz ſchien um ſo gefährlicher, weil man auf ihres R denſelben mit weniger Sicherheit rechnen konnte, als Wi auf eine ſyſtematiſche Bitterkeit und Satire. Voling⸗ Boulair 5 broke verglich ihn nicht unpaſſend mit einem Kinde, bas ſo alte 3 ſich der Donnerkeile Jupiters bemächtigt habe und mit und der 1 den Werkzeugen ſpiele, die ein Gott nur im Zorne ge⸗ einer vr brauchen würde würden Arouets Stirn zeichnete ſich nicht durch ihre Höhe Vivent aus, aber ſie war ebel und großartig gebildet und hatte,„E entwarf,— und zu der Zeit, von welcher der Graf hler ſpricht, er ſein war er noch elwas jänger als vierundzwanzig. D. Herausg. unſerer Andere ſeinen doch ſo gerecht er, aber rechten örbares, ichtfer⸗ an auf te, als Boling⸗ de, das ind mit tne ge⸗ e Höhe hatte, ſpricht, rausg. 27 im Gegenſatze zu dem Munde, einen wohlwollenden Ausdruck. Wenn gleich noch ſo jung, war doch ſchon eine Furche auf der Oberfläche der Stirn, und eine Hervor⸗ ragung über den Augenbraunen deutete an, daß dem Witze und der Phantaſie in ſeiner Unterhaltung gedan⸗ kenvollere und erhabenere Eigenſchaften des Gemüthes wenn nicht beſtimmend, doch eontraſtirend zur Seite ſtanden. Zur Zeit, in welcher ich ſchreibe, hat dieſer Mann einen hohen Thron unter den Mächten der lite⸗ rariſchen Welt eingenommen. Was er noch werden mag, iſt nicht vorauszuſehen; er kann Alles werden, was groß und gut iſt, oder— das Gegentheil; ich kann aber nur annehmen, daß ſeine Laufbahn erſt begonnen hat. Solche Männer ſind geborene Beherrſcher des Geiſtes; ſie können deſſen Wohlthäter oder Tyrannen werden; in beiden Fällen ſind ſie größer, als Könige phyſiſcher Reiche, weil ſie Armeen verſpotten und über Staats⸗ intriguen lachen. Nur von ihnen kommt das Gewicht ihrer Macht, das Geſetz ihrer Herrſchaft und die Grenze ihres Reiches. Wir ſetzten uns zu Tiſche.„Graf Hamilton,“ ſagte Boulainvillers,„bilden wir nicht eine luſtige Reihe für ſo alte Knaben? Nun, Arouet, Mylord Bolingbroke und den Grafen Devereur ausgenommen, iſt wohl kaum einer von uns unter ſiebenzig. Wo anders als in Paris würden Sie bons vivans von unſerem Alter ſehen? Vivent la joie!— la bagatelle!— l'amour!“ „Et la vin de Champagne,“ rief Chaulieu, indem er ſein Glas füllte;„aber was iſt denn Beſonderes an unſerer guten Laune? Philemon, der komiſche Dich⸗ —.— ter, lachte als Siebenundneunziger. Mögen wir Alle ſo thun!“ „Sie vergeſſen,“ ſagte Bolingbroke,„daß Philemon am Lachen ſtarb.“ „Ja,“ erwiderte Hamilton;„wenn ich mich aber recht erinnere, ſo geſchah dies, weil er einen Eſel Fei⸗ gen eſſen ſah. Geloben wir daher, nie mit Eſeln um⸗ zugehen!“ „Bravo, Graf,“ rief Boulainvilliers,„Sie haben der Geſchichte die wahre Moral beigefügt. Schwören wir bei dem Geiſte Philemon's, daß wir nie über den Spaß eines Eſels, beſtehe er in Thaten oder in Worten, lachen wollen.“ „Dann müſſen wir, wenn wir nicht unter uns ſind, immer ernſthaft ſein,“ rief Chaulieu.„Oh, ich wollte lieber die Wahrſcheinlichkeit eines frühzeitigen Todes mit ſiebenundneunzig Jahren vor mir ſehen, als ein ſolches Gelübde ablegen!“ „Fontenelle,“ rief unſer Wirth,„Sie ſind melan⸗ choliſch. Was iſt die urſache?“ „Ich traure über die Schwäche der menſchlichen Natur,“ antwortete Fontenelle mit einer Miene patri⸗ archaliſchen Wohlwollens.„Dreimal ſprach ich mit Ihrem Koch über die Spargeln; und jetzt— verſuchen Sie. Ich ſagte ihm, er ſolle nicht ſo viel Zucker daran thun, und er hat gar keinen daran gethan. So iſt es mit der Menſchheit— immer in Erxtremen, und folg⸗ lich immer im Irrthum! So ſagte Luther ſo glücklich und wahr, der menſchliche Geiſt gleiche einem betrun⸗ kenen B Seite, „WP S6crett gedacht Betrach Schwar „B jeu de Eperno 6 villiers gehört. „J Gabel Champ erſchie Tour sacre! vous ẽ tour.“ (Cybè „2 ausger bietige „Sie( de m Witz i e 29 kenen Bauern zu Pferde— ſtütze man ihn von der einen Seite, ſo falle er auf der anderen hinunter.“ „Ha! ha! ha!“ fiel Chaulien ein,„le pauvre Sécretaire de PAcadémie des sciences! Wer hätte mich aber gedacht, daß eine Platte Spargeln zu ſolch moraliſchen Eſel Fei⸗ Betrachtungen Anlaß geben könnte! Koſten Sie dieſe Gſeln um⸗ Schwarzwurzeln.“ „Bitte, Hamilton,“ ſagte Huet,„was für ein Sie haben Jeu de mots machten Sie doch geſtern bei Frau von Schwören Epernonville, das ſolchen Beifall fand?“ eübet di„Ja, wiederholen Sie es, Graf,“ ſagte Baulain⸗ n Worten, villiers;„ich habe in langer Zeit nichts ſo Klaſſiſches gehört.“ uns ſind,„Nun,“ begann Hamilton, indem er Meſſer und ich wollte Gabel niederlegte, und ſich durch einen langen Zug Todes mit Champagner ſtärkte—„nun, Frau von Epernonville ein ſolches erſchien ohne ihre Tour; Sie wiſſen, Lord Bolingbroke, Tour iſt der feinere Name für falſches Haar.„„Ah, sacre!““ rief ihr Bruder ſehr artig,„„ma soeur, que vous ẽtes laide aujourdh'ui, vous n'avez pas votre nſchlichen tour.“„„Voilà, pourquoi elle west pas si belle patri⸗(Cybéèle),““ antwortete ich.“ ich mil„Ausgezeichnet! Famos!“ riefen wir Alle, Huet verſuchen ausgenommen, der den Wortſpieler mit ſehr unehrer⸗ ker b bietigem Auge zu betrachten ſchien. Hamilton ſah es. So iſt es„Sie glauben nicht, Monſieur Huet, daß in dieſen peux und folg⸗ de mots Witz ſteckt— vielleicht bewundern Sie den glncklich Witz überhaupt nicht?“ „Ja, ich bewundere den Witz wie ven Wind. Schüt⸗ telt er Bäume, ſo iſt er ſchön; kühlt er die Wellen, ſo ß Philemon nd melan⸗ betrun⸗⸗ 30 ifi er erfriſchend; ſtrelcht er über Blumen hin, ſo iſt er bezaubernd; pfeift er aber, Monſienr Hamilton, durch das Schlüſſelloch, ſo iſt er unangenehm.“ „Die ſchlechteſte Erläuterung, die ich je hörte,“ ſagte Hamilton kalt.„Bleiben Sie bei Ihren Klaſſikern, mein lieber Abbe. Als Jupiter den Peter Huet heraus⸗ gab, machte er es mit dem Witze, wie Peter Huet mit Lucian bei ſeiner Herausgabe der Klaſſiker— er be⸗ fürchtete, derſelbe könnte Unheil anrichten und ließ ihn veßhalb ganz weg.“ „Laßt uns trinken!“ rief Chaulieu;„laßt uns trin⸗ ken!“ und das Geſpräch nahm eine andere Wendung „Was ſagen Sie zu Tacitus, Huet?“ fragte Bou⸗ lainvilliers. „Daß ſeine Weisheit aus ſeiner Bosheit entſprang,“ antwortete Huet.„Er dringt vollkommen in die menſch⸗ lichen Laſter ein,“ weiß aber nichts von menſchlichen Tugenden. Slanben Sie, ein guter Menſch würde ſo feſt am Schlechten halten? Gewiß nicht! Ein Menſch kan nicht viel und gut über die Tugend ſchreiben, ohne tu⸗ genbhaft zu ſein, und kann nichttief und umſtändlich auf die Urſachen des Laſters eingehen, ohne daß er ſelbſt laſterhaft wäre.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Hamilton,„und Ihre Be⸗ merkung, welche ſo tief ſein will, iſt nur eine natür⸗ liche Folgerung aus dem gemeinen Grundſatze, daß Weis⸗ heit aus Erfahrung entſpringe.“ „ Der Leſer erinnert ſich wahrſcheinlich einer ähnlichen Bemer⸗ kung in den Huetianis und iſt hoffentlich über deren Prahlere und Unwahrheit mit mir einerlei Meinung. Der Herausg. „V „ſo gla mit der Schuld Germa „3 und lie Schwat wollte, ſchreibe ſie des Ausbur Byulai main e rendſtet ſtehe, boeuf gen laff Töchter donner „D Chaulie mein li ſchung „J tern bli ſichtlich „A bruch if lich, ich je hörte,“ laſſikern, net heraus⸗ t uns trin⸗ Wendung. agte Bou⸗ ntſprang,“ die menſch⸗ nenſchlichen ch würde ſy Nenſch kann t, ohne tu⸗ ändlich auf aß er ſelbſ Ihre Be⸗ ine natür⸗ daß Weis⸗ chen Bemer⸗ n Prahlere Herausg. 31 „Was aber mich betrifft,“ ſagte Boulainvilliers, „ſo glaube ich nicht, daß ſich Tacitus ſo unabänderlich mit der Analyſe des Laſiers beſchäftigt, als Sie ihm Schuld geben möchten. Denken Sie an Agrikola und die Germania.“ „Ja! die Germania vor Allem!“ rief Hamilton, und ließ, in der Eile zu ſprechen, ein köſtliches Stück Schwarzwildbret, das er ſchon zum Munde führen wollte, wie der fallen.„Natürlich nimmt der Geſchicht⸗ ſchreiber Boulainvilliers die Germania in Schutz, weil ſie des Urſprunges des Lehenweſens erwähnt— ein Ausbund von Vortrefflichkeiten, welchen der Graf von Byulainvilliers für le chef d'oeuvre de Pesprit hu- main erklärt hat; derſelbe Herr bedauert in den rüh⸗ rendſten Ausdrücken, daß es nicht mehr in der Art be⸗ ſtehe, daß ſich der Edelmann an gros morceaux de boeuf demi cru ſatt ißt, die Hälfte ſeiner Bauern hän⸗ gen laſſen kann, pour encourager les autres, und vie Töchter der Verſtorbenen ſchänden darf, pour leur donner quelque consolation.“ „Doch war im Ernſte,“ ſagte der alte Abbe von Chaulien mit blinzendem Auge, das letzterwähnte übel, mein lieber Hamilton, nicht ohne eine kleine Beimi⸗ ſchung von Gutem.“ „Ja, erwiderte Hamilton,„wenn es bei ben Töch⸗ tern blieh; vielleicht aber war der Ebelmann auch hin⸗ ſichtlich der Frauen nicht ſo gewiſſenhaft.“ „Ach! Zeter, Zeter!“ rief Chaulien feierlich.„Ehe⸗ bruch iſt in der That ein abſcheuliches Verbrechen. Wahr⸗ lich, ich würde aus voller überzengung mit bem ehrlichen Prebiger ausrufen:„„Ehebruch, meine Kinder, iſt die ſchwärzeſte Sünde. Ich erkläre, daß ich lieber mit zehn Mädchen der Liebe pflegen wollte, als mit einer Frau Wir lachten Alle über dieſen Ausbruch von Tugend⸗ begeiſterung bei dem keuſchen Chaulien, Arouet wandte das Geſpräch auf die geiſtlichen Streitigkeiten zwiſchen Jeſuiten und Janſeniſten, welche damals das König⸗ reich in Bewegung ſetzten. Hier gebrauchte Boling⸗ broke jenes herrliche, ſo bezeichnende Gleichniß für alle dieſe kirchlichen Händel, worin es als Eifer für die beſte Sache bezeichnet iſt, wenn man ſich den ſchlimmſten Leidenſchaften überließ; und wir beweiſen ohne Zweifel, wie ſehr wir Gott lieben, wenn wir zeigen, mit welch ergötzlichem Haſſe wir einander verfolgen können!„Die Prieſter,“ ſagte Bolingbroke,„erinnern mich an die Ammen Jupiters— ſie machen ein großes Geſchrei, un die Stimme ihres Gottes zu übertäuben.“ „Braviſſimo!“ rief Hamilton.„Iſt es nicht Schade, Meſſieurs, daß Lord Bolingbroke nicht als Franzoſe geboren wurde? Er iſt für einen ſolchen beinahe fein genug.“ „Wenn er etwas mehr tränke, ſo wäre er einer,“ rief Chaulien, der herrlich plein de boisson wurde. „Was ſagen Sie, Morton?“ rief Bolingbrole; „müſſen wir dieſe Herrn nicht unter den Tiſch trinken, um die Ehre unſeres Vaterlandes zu retten?“ „Eine Ausforderung! eine Ausforderung!“ rief Chaulieu.„Ich bin der Erſte, der den Kampf ah⸗ nimmt!“ Feſt de Je „Feſte räthlic Plane Wiren er mir chen w meinig obwoh Hanno den Ch ſtimmt Englä nen wi miſche und de über Z — un Grimn meinde E ſo Fürſte und dr Br kinber, iſt lieber mit mit einer Tugend⸗ uet wandte zwiſchen te Boling⸗ iß für alle ür die beſte chlimmſten ne Zweifel, mit welch nen!„Die ich an die eſchret, um cht Schade, s Franzoſe einahe fein er einer,“ n wurde. lingbroke; ſch trinken, 4 ng!“ rief kampf ah⸗ 33 „Sieg oder Tod!“ ſchrie Bolingbroke, und das Feſt der Minerva ging in ein ſolches des Baechus über. Sechstes Kapitel. Ein Hof, Höflinge, und ein König. Ich glaube, es war am zweiten Tage nach dieſem „Feſte der Vernunft,“ daß Lord Bolingbroke es für räthlich hielt, ſich nach Lyon zurückzuziehen, bis ſeine Plane für die Zukunkt zum Entſchluſſe gereift wären. Wir nahmen zärtlichen Abſchied von einander; nachdem er mir ſeine eigenen ehrgeizigen Plane mitgetheilt, ſpra⸗ chen wir, ehe wir ſchieden, noch ein wenig über die meinigen. Obwohl Kathvlik und Zögling Montreuil's, obwohl ich aus England geflohen und von dem Hauſe Hannover Nichts zu erwarten hatte, war ich doch für den Chevalier und ſeine Sache keineswegs günſtig ge⸗ ſtimmt. Ich möchte wohl wiſſen, ob dieſes Geſtändniß Engländern des kommenden Jahrhunderts ſeltſam ſchei⸗ nen wird. Engländern des gegenwärtigen ſind ein rö⸗ miſcher Katholik und ein Anhänger des Pfaffenthums und der Tyrannei gleichbedeutende Worte, als ob wir über Zehnten und Steuern— Unſicherheit des Eigenthums — und willkürliche Geſetzgebung nicht mit eben dem Grimme murren könnten, wie jede anbere Chriſtenge⸗ meinde. Nein! Nie war ich für die Sache der Stuarts, — ſo unglücklich und ſomit theilnahmeerregend dies Fürſtengeſchlecht auch war. Durch eine ganz ungereimte und doch vnauslöſchliche Gebankenverwirrung vermiſchte Bulwer, Drvereur U. 3 ⸗ 34 ich veſſen Augelegenheiten mit der Sache Montreuil's, und haßte den Letzteren genug, um auch das erſtere nicht leiden zu können; alle Parteineigungen bilden ſich, glaube ich, ſo ziemlich auf dieſelbe Art. Ich theilte Bolingbroke offen meine Abneigung gegen den Cheva⸗ lier mit. „Unter uns geſagt,“ bemerkte dieſer,„hat ein klu⸗ ger Mann in Ihrer Lage nur wenig Veranlaſſung, ſich an Jakob den Dritten anzuſchließen. Lieber möchte ich Ihnen rathen, Ihres Vaters Ruf an dem franzöſi⸗ ſchen Hofe zu benützen und bei dieſem Dienſte zu neh⸗ men, wie er. In England geſtalten ſich die Sachen düſter für Sie, überall aber ſonſt hell.“ „Ich habe bereits,“ antwortete ich,„bei mir die Vortheile begriffen und erwogen, welche ich von dem Eintritte in die Dienſte Ludwigs zu erwarten hätte. Aber er iſt alt— er kann nicht mehr lange leben. Das Volk macht jetzt den Parteien den Hof— nicht dem Könige. Welche Partei halten Sie für die vor⸗ theilhafteſte— die der Frau von Maintenon?“ „Nein, ich bin anderer Anſicht; ſie iſt eine kalte Freundin und verlangt nie eine Gunſt von Ludwig für Jemand aus ihrer Familie. Ein kühnes Spiel ließe ſich ſpielen, wenn Sie ſich an die Herzogin von Orleans, die Mutter des Herzoges, anſchließen wollten. Sie iſt zwar die bitterſte Feindin der Maintenon und eine hef⸗ tige, ſtolze, rohe Frau; aber ſie hat Verſtand, Talent, Geiſtesſtärke und wird es jedem Mann von Geburt, der ihr Achtung bezeugt, eifrigſt lohnen. Freilich kann ſie Nichts für Sie thun bis zum Tode des Königes, und dann n Aber- Biſcho vorſtel „ ſtimmt „2 es wir ſehr f Seite nen. keinen eines Kriſe ander ſtill u Plätze könne nicht nige e mal verge den, nen, verbli 2 ſchof in ſei tiges kenne franzöſi⸗ e zu neh⸗ ie Sachen bei mir die von dem ten hätte. ge leben. f— nicht r die vor⸗ 7 eine kalte udwig für Spiel ließe nOrleans, . Sie iſt d eine hef⸗ d, Talent, eburt, der h kann ſie iges, und 35 dann nur, wenn ihr Sohn an die Regierung kommt. Aber— laſſen Sie mich ſehen— Sie ſagen Fleury, der Biſchof von Frejus, wolle Sie der Frau von Maintenon vorſtellen?“ „Ja, er hat den übermorgenden Tag bazu be⸗ ſtimmt.“ „Nun, ſchließen Sie enge Freundſchaft mit ihm— es wird Ihnen dies leicht werden; ſein Benehmen iſt ſehr freundlich, und wenn ſie ihn an ſeiner ſchwachen Seite faſſen, können Sie leicht ſein Vertrauen gewin⸗ nen. Verſtehen Sie, Fleury hat keine faux Prillants, keinen Geiſt von ausgezeichneter Höhe; aber er iſt eines jener ſanften, weichen Gemüther, die in einer Kriſe, wie der gegenwärtigen, wo die Parteien mit ein⸗ ander ſtreiten und die Fürſten ſich zanken, ſich immer ſtill und ohne aufdringlich zu ſein, auf einen der beſten Plätze ſchleichen. Halten Sie ſich an Frejus— Sie können nicht ſchlimm dabei fahren— doch dürfen Sie nicht vergeſſen, daß er gegenwärtig übel bei dem Kö⸗ nige angeſchrieben iſt, und müſſen daher nicht zwei⸗ mal mit ihm nach Verſailles gehen. Vor allem aber vergeſſen Sie nicht, wenn Sie Ludwig vorgeſtellt wer⸗ den, daß Sie dieſem durch Niches mehr gefallen kön⸗ nen, als wenn Sie thun, als ob Sie von Ehrfurcht ganz verblüfft wären.“ Dies war Bolingbroke's Ahſchiedsrath. Der Bi⸗ ſchof von Frejus nahm mich an dem feſtgeſetzten Morgen in ſeinem Wagen mit nach Verſailles. Welch präch⸗ tiges Werk königlicher Phantafle iſt dieſer Palaſt! Ich kenne in keinem Heldengedichte eine großartigere Idee, 36 als wenn man die Zugänge zu demſelben die Straßen nach Spanien, nach Holland u. ſ. w. nannte. In Lon⸗ don würde man ſie die Straßen nach Chelſea und Pen⸗ tonville genannt haben! Während wir in dem Wagen des Biſchofs langſam vahinfuhren, hatte ich Zeit genug zur Unterhaltung mit dieſem Mann, der ſeither als Cardinal von Fleury einen ſo hohen Gipfel der Macht erſtiegen hat. Gewiß hat er ſehr wenig von einem großen Maune an ſich, und ich kenne keinen ſprechenderen Beweis der Wahr⸗ heit, daß in dem Spiele um Ehren, das an Höfen ge⸗ ſpielt wird, wir weniger durch unſere Talente, als durch unſere Geſchmeidigkeit gewinnen. Er lachte mit anmuthiger Wendung zum Spaße über die politiſchen Eigenheiten der Frau von Balzae, und ſagte, es ſchicke ſich fär die Partei, welche die Oberhand habe, nicht, über die Schmähungen der unterliegenden zu grollen. Er ſchweifte von dieſem Gegenſtande ab und fragte mich dann über die Luſtbarkeiten, welche ich ſchon mitgemacht habe. Ich beſchrieb ihm die Geſell⸗ ſchaft bei Boulainvilliers. An dieſer ſchien er viel An⸗ theil zu nehmen und zeigte, als er über die Charaktere der verſchiedenen Gelehrten der damaligen Zeit ſprach, mehr Scharffinn, als ich ihm zugetraut hatte. Nach einer allgemeinen Beſprechung über Dichterwerke ging er mit vieler Kunſt zu Beſprechung von ſtatiſtiſchen und pvlitiſchen über, und plötzlich gewann ich eine vollſtändige Einſicht in die Tiefen ſeiner Politik. Ich bemerkte, daß, während er ſich den Anſchein von Sleichgültigreit gegen vie Schwierigleiten unb Ver⸗ legenh ſäumt halten ſehr ge ſchtz aus de Schr einem deſſen der m Al ſprach ber B ich dye mögli Main gen O des a werde tigkeit A Schrit lich, e gebun Hofes Jahrh — Straßen In Lon⸗ ind Pen⸗ langſam rhaltung n Fleury Gewiß an ſich, rWahr⸗ pöfen ge⸗ nte, als achte mit olitiſchen and habe, een e e a nd eche ich e Geſell⸗ viel An⸗ haraktere it ſprach, e. Nach erke ging tiſtiſchen ich eine itik. Ich en n vf PVere ſagte, es 37 legenheiten ves Staates gab, er keine Gelegenheit ver⸗ ſäumte, auch die kleinſte Nachweiſung hierüber zu er⸗ halten, und daß er das mündliche Geſpräch, worin er ſehr gewandt war, als Mittel gebrauchte, diejenige Um⸗ ſicht zu erlangen, welche er nicht die Geiſteskraft hatte, aus dem eigenen Verſtande zu erſchaffen, oder aus den Schriften Anderer zu entnehmen. Machte ihn dies zu einem oberflächlichen Staatsmann, ſo war er in Folge veſſen auch ſtets bereit, und nie gab es einen Miniſter, ver mit ſo wenig Mühe ſo glücklich geweſen wäre. Als wir dem Ziele unſerer Beſtimmung näher kamen, ſprachen wir von dem Könige. Auf dieſem Punkte war ber Biſchof änßerſt vorſichtig. So pfiffig er war, haſchte ich dych ſo viel von ihm weg, daß es hohe Zeit ſei, jeden möglichen Nutzen aus der Bekanntſchaft mit Fran von Maintenon zu ziehen, und daß man nur ſchwer diejeni⸗ gen Orte genau zu errathen vermöge, wo nach dem Tobe des alten Königes die Macht ihren Sitz aufſchlagen werde, ſo daß vie tiefſte Politik gegenwärtig in Unthä⸗ tigkeit und Schweigen beſtehe. Als wir aus dem Wagen ſtiegen und ich den erſten Schritt in den Palaſt that, drängte ſich mir unwilleür⸗ lich, aber mächtig das Gefühl von dem Geiſte der Um⸗ gebung auf. Ich ſtand in dem Umfange des mächtigen Hofes, der alle Strahlen des Genies, die ein halbes Jahrhundert ausgeſandt, in einem einzigen blendenden * Bel ſeinem Tode erſchien folgendes Wortſpiel Floruit sine fructu, Defloruit sine luetu. Der Herausgeber. Brennpunkte vereinigt hatte, des Hofes, an welchem die Zeit auf einmal aus dem Morgen der Civiliſation in deren vollen Mittagsglanz getreten war; des Hofes eines Cvnde und Tmrenne— eines Villars und Tourville;— ves Hofes, wo über den Witz eines Grammont, die Fülle eines Fouquet, den unheilbringenden Geiſt eines Louvvis(unheilbringend für die Menſchheit, wie für Franereich)— Liebe, wahre Liebe ihre Hoheit und Wahr⸗ heit auszubreiten nicht verſchmähte, und den hohlen Prunk der Königspracht burch die Zärtlichkeit, Schön⸗ heit und Reue der La Valliere heiligte. Immer noch hing üher dieſem Schauplatze der Zauber eines Sinnes, ver, wenn künſtlich und kalt, auch umfaſſend, ſtattlich und prächtig war— eines Sinnes, der ſich in Raeine's reicher Harmonie fühlbar machte— der dem ebleren Geiſte und den freieren Gebanken Peter Corneille's“ Aufſchwung gab— der Boileau's glänzende Waffe ſchärfte— der über die glänzenden Blätter Molidres — Molitre's, des Bewunderungswürbigſten von Allen — eine Kenntniß der Menſchenherzen und Menſchen⸗ launen ausgoß, die, Shakſpeare ausgenommen, kein vramatiſcher Dichter übertroffen hat. In dieſen Mauern leuchtete noch immer, wenn jetzt auch ſchwach und däm⸗ merig, der Ruhm des Monarchen, der unbefleckt von ven Verbrechen bes Octavins, das Glück des Auguſtus bis zu ſeinen ſpäteren Tagen genoſſen hatte. Neunmal, ſeit vie Sonne dieſes Monarchen aufgegangen, hatte der „ Streng genommen, gehört Corneille einer früheren Pe⸗ riode an, als der Ludwigs XIV., ob er gleich in die Zeit dieſer Regierung eingeſchloſſen wird. Der Herausg. papſtli Beherr — De Zeitalt von M den ge ungehe ten der zwei v ſem ₰ im ges einzige ganget der E nigen mich! verkni ver S bauun der g für de Fürſt ſelbſt errich als be groß Einze * helm lchem die ſation in fes eines eiſt eines wie für nd Wahr⸗ n hohlen „Schön⸗ mer noch s Sinnes, „ſtattlich Raeine's edleren neille's* de Waffe Molidre's von Allen Nenſchen⸗ nen, kein n Mauern und däm⸗ fleckt von Auguſtus Neunmal, hatte der üheren Pe⸗ Zeit dieſer rausg. 39 päpſtliche Stuhl einen neuen Herru bekommen!— Sechs Beherrſcher hatten den Horden der Ottomanen geboten! — Der vierte Kaiſer ſchwang ſeit dem Beginne dieſes Zeitalters ſein Scepter über Deutſchland!— Fünf Czare von Michael Romanoff bis zu Peter dem Großen hatten den gefährlichen Beſitz ihrer eiſernen Gewalt über ihre ungehenren Ländereien ausgeübt!— Sechs Könige hat⸗ ten den Schmerzensring der engliſchen Krone getragen;* zwei von jenen Königen hatten als Flüchtlinge an die⸗ ſem Hofe gelebt— und dem Sohne des Letzteren bot er im gegenwärtigen Augenblicke ein Aſyl. Welch wunderbare Wechſel waren während dieſer einzigen Regierung über das Angeſicht Europa's hinge⸗ gangen! In England allein, welch ungeheurer Sprung der Ereigniſſe von der Regierung Karls I. bis zu derje⸗ nigen Georgs I.— Noch blieb ich ſtehen— ſtarrte vor mich hin, als dieſe Gedanken, in eine elettriſche Kette verknüpft, über mich hinblitzten!— Noch hielt ich an ver Schwelle dieſer prächtigen Hallen an, zu deren Er⸗ bauung die Natur ſelbſt beſiegt worden war!— Wo auf der ganzen Erde konnte ich ein ſo geeignetes Sinnbild für den Charakter und den Namen finden, welchen jeuer Fürſt der Nachwelt hinterließ, als eben den Palaſt ſelbſt?— Ein prächtiges Denkmal königlichen Prunkes, errichtet in einer Einöde— eben ſo voll leeren Scheines, als berühmter Namen— ein Wunber mühevoller Kunſt, groß durch ſeinen Totaleindruck— kleinlich in ſeinen Einzelnheiten; ein einſames Opfer für glänzende Selbſt⸗ * Außer Cromwell— Karl I., Karl M., Jakob II., Wil⸗ helm und Maria, Anna, Georg I. 5 40⁰ ſucht, merkwürdig vurch vie Schätze, die es verzehrt hatte, und durch die Armuth, von der es umgeben wirb! Fleury hatte mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit, einer Höflichkeit, die, hätte ſie ſich auf wichtigere Ver⸗ hältniſſe erſtreckt, Wohlwollen geweſen ſein würde, bis jetzt Nachſicht mit meiner Bewegung gehabt; jetzt legte er ſeine Hand auf meinen Arm und brachte mich zu mir ſelbſt. Ehe ich mich wegen meiner Zerſtreuung entſchul⸗ vigen konnte, wurde der Biſchof von einem alten Herrn angeredet; der Letztere war offenbar von hohem Range, ſein Geficht aber drückte die kleinen Sorgen eines bloßen Höflinges deutlicher aus, als ich je geſehen.—„Was Neues, Monsieur le Marquis?“ fragte Fleury lächelnd. „Oh, das Wichtigſte, was man ſich venken kann! Der König ſpricht davon, den däniſchen Miniſter am Donnerſtag zu empfangen, der doch, wie Sie wiſſen, ſein Tag für häusliche Geſchäfte iſt! Was mag dies bedeuten? überdies,“ und der Sprecher ſenkte ſeine Stimme zu einem Flüſtern herab,„höre ich von dem Herzoge von Rochefoucault, der König beabſichtige gegen alle gewöhnliche Ordnung und Regel, morgen Arznei zu nehmen— ich kann es nicht glauben— nein, ich kann es in der That nicht; ſagen Sie es aber nicht weiter!“ „Behüte der Himmel!“ antwortete Fleury mit einer Verbeugung, und der Höfling ging weiter, um ſeine Neuigkeit Andern zuzufſüſtern.„Wer iſt dieſer Herr?“ fragte ich. „Der Marquis von Angeau,“ antwortete Fleury; ein Edelmann von hohem Range, ber ein Tagebuch über A leicht n der We erhober vaß Si haben, ein leb Lärm l Ich hören z wolle e gen wit Wi ein Vo nicht el Hier b len. J Kupfer entfern ich war Na kehrte e „iſt hei willigt Ne voran, an die ſanft k vrei D und di gere Ver⸗ pürde, bis jetzt legte ch zu mir entſchul⸗ en Herrn m Range, es bloßen „Was lächelnd, ken kann! niſter am e wiſſen, mag dies te ſeine von dem abſichtige morgen — nein, ber nicht mit einer um ſeine Herr?“ Fleury; agebuch 41 über Alles führt, was der König ſagt oder thut. Viel⸗ leicht wird es nach ſeinem Tode veröffentlicht und wird der Welt dann zeigen, zu welcher Wichtigkeit das Nichts erhoben werden kann. Ich darf wohl annehmen, Graf, vaß Sie in England genug von einem Hofe geſehen haben, um zu wiſſen, daß es viele Leute gibt, die wie ein lebendiges Echo ſind und ihr Daſein nur durch ben Lärm bekommen, den ein Anderer macht.“ Ich hütete mich, einen Witz in meiner Antwort hören zu laſſen, damit Fleury nicht venken möchte, ich wolle es verſuchen, mit ihm zu wetteifern; und ſö gin⸗ gen wir ganz von einander befriedigt weiter. Wir ſtiegen die große Dreppe hinauf und kamen in ein Vorzimmer, das, wenn auch koſtbar und reich, doch nicht eben wegen ſeines Glanzes bemerkenswerth war⸗ Hier bat mich ver Biſchof, einen Angenblick zu verwei⸗ len. Ich unterhielt mich ſofort mit Betrachtung einiger Kupferſtiche verſchiedener Heiligen. Mein Begleiter entfernte ſich mittlerweile durch eine andere Thüre, und ich war allein. Nach einer Abweſenheit von beinahe zehn Minuten kehrte er zurück.„Frau von Maintenon,“ ſagte er leſe, „iſt heute unwohl. Gleichwohl hat ſie gerne darein ge⸗ willigt, Sie zu ſehen— folgen Sie mir!“ Nach dieſen Worten ging der geiſtliche Hofmann vorau, und ich folgte ihm auf den Ferſen. Wir kamen an die Thüre eines zweiten Zimmers, an welcher Fleury ſanft kratzte Man ließ uns ein und wir fanden dort vrei Damen, von venen die eine las, die zweite lachte und die vritte gähnſe; hierauf traten wir in ein drittes 42 Simmer, wo wir allein in einem großen Stuhle, den einen Fuß auf einem Schemel, neben dem Fenſter, in einer Stellung, welche mich ſehr an meine Mutter er⸗ innerte und allen frommen Frauen gewöhnlich zu ſein ſcheint, eine einfach gekleidete alte Frau fanden. Sie war nicht geſchminkt, trug eine Brille auf der Naſe un hatte auf einem kleinen Tiſche ein großes Buch vor ſich. Mit einem ſehr tiefen Bücklinge näherte ſich Fre⸗ jus, nahm mich bei der Hand und ſagte:„Will mir Ma⸗ dame erlauhen, ihr den Grafen Devereur vorzuſtellen?“ Frau von Maintenon erwiderte die Verbeugung mit einer Miene großer Sanftmuth und Herablaſſung.„Der Sohn der Madame la Maréchale von Devereux wirt mir immer ſehr willkommen ſein!“ Damit wandte ſie ſich gegen uns, deutete auf zwei Stühle und ſagte, wäh⸗ rend wir uns ſetzten:„Wie haben Sie meine vortreff⸗ liche Freundin verlaſſen?“ „Als ich meine Mutter das letztemal ſah, Mabame, jetzt vor beinahe einem Jahre, war ſie geſund und trz⸗ ſtete ſich für die zunehmenden Jahre durch die Neigung ihre Gevanken von der Welt zu entwöhnen, was nach ihrem eigenen Ausdrucke der göttlichſte Troſt für das Alter iſt!“ „Bewundernswürdige Frau!“ ſagte Frau von Maintenon mit niedergeſchlagenen Augen;„wahrlich dies find die Geſtnnungen, woran ich die Marſchallin wieder erkenne. Und wie ſieht es um ihre Schönheit! Dieſe goldenen Locken und blauen Augen, dieſe ſchnee⸗ weiße Haut ſind, hoffe ich, den inneren Schönheiten noch nicht ganz gewichen!“ „D uud of blicke, Beſchäf leuchten Dauer: Ein Frömm achtzig einer F kleine dieſelbe „S Manne nehme Majeſt „C können. Seine! Fle „D junger und fo ſehen.“ „T Maint ob ich Ab wenn verwei tuhle, den Naſe und Buch vor e ſich Fre⸗ mir Ma⸗ zuſtellen?“ ugung mit ng.„ Der gte, wäh⸗ e vortreff⸗ Madame, d und tri⸗ Neigung was nach tefür das Frau von „wahrlich arſchallin chönheit! ſe ſchner⸗ hönheiten 43 „Die Zeit, Mabame, iſt gütig gegen ſie verfahren, nud oft, wenn nie üherzeugter als in dieſem Augen⸗ blicke, habe ich gedacht, es liege in dieſen göttlichen Beſchäftigungen, welche das Gemüth beruhigen und er⸗ leuchten, etwas, das auch der Schönheit des Körpers Dauer und Feſtigkeit gebe.“ Eine ſchwache Röthe flog über das Geſicht der Frömmlerin. Nein, nein— auch bei einem Alter von achtzig Jahren iſt ein Compliment auf die Schönheit einer Frau nicht am unrechten Platze! Es entſtand eine kleine Pauſe. Ich meinte, der Reſpekt verbiete es mir, dieſelbe zu brechen. „Seine Majeſtät,“ ſagte Frejus in dem Tone eines Mannes, der fühlt, daß er ſich etwas Etwas heraus⸗ nehme und vaher äußerſt ehrerbietig auftritt,„Seine Majeſtät befindet ſich hoffentlich wohl.“ „Gytt ſei Dank, ja, ſo wohl, als wir erwarten können. Es iſt jetzt beinahe die Stunde, zu welcher Seine Majeſtät Ihre perſönliche Nachfrage erwartet.“ Fleury verbeugte ſich und autwortete: „Der König wird uns alſo heute empfangen? Mein junger Begleiter wünſcht ſehr, den größten Monarchen, und folglich den größten Mann des Jahrhunderts zu ſehen.“ „Der Wunſch iſt natürlich,“ erwiderte Frau von Maintenon. Sie wandte ſich ſodann an mich und fragte, ob ich den König Jakob III. ſchon geſehen? Abſichtlich ließ ich in meiner Antwort hören, vaß, wenn ich auch die Abſicht hätte, ſo lange in Paris zu verweilen, daß mir die Zeit erlaubte, ihm meine Ehr⸗ 44 furcht zu hezeugen, Pflicht und Reigung mich doch beſtimmt haben würden, meine Huldigungen einen Manne darzubringen, welcher der Wohlthäter meines Vaters geweſen ſei, und deſſen Staaten mir Schut gewährten.“ i „Sie find ſomit noch nicht entſchloſſen,“ ſagte Frai vyn Maintenon,„wie lange Sie ſich in Frankreich auß⸗ halten werden?“ „Nein,“ ſagte ich— und meine Antwort wurde mir durch den Wunſch eingegeben, zu ſehen, wie weit ich mich auf die Verwendung der Dame verlaſſen könne die ſich für eine ſo warme Freundin der ausgezeichneten Frau, Madame la Marechale, ausgegeben hatte.„Nein, Madame. Frankreich iſt das Land meiner Geburt, wenn auch meine Verwandten in England leben; und wem ich nur auf einen Theil der königlichen Gunſt hoffen dürfte, deren ſich mein Vater zu erfreuen hatte, ſo möchte ich Frankreich lieber als die Heimath meine Soffnungen, wie als die Zuflucht meiner Verbannunz anſehen. Aber—“und ich hielt plötzlich abſichtlich inne Die alte Dame ſah mich einen Angenblick ſehr ernſt⸗ haft durch ihre Brille an, räuſperte ſich dann zweima mit einer kleinen Verlegenheit und bemerkte dann wieder gegen Frejus, daß die Zeit, den König zu ſehen, vot der Thüre ſtehe. Fréjus, deſſen Politik zu jener Zeit derjenigen der heimlichen Königin ſehr ähnlich war, und der überdies keineswegs wünſchte, neue Bewerber um die offizielle Gunſt der Frau von Maintenon hervor⸗ zurufen, obwohl er nicht dagegen war, ſolche ihrer Privatfrennbſchaft zu empfehlen, faßte den Wink ſchnell auf. Er Beiſpiele Frau wo ich it könne ſie ſegnete m iubrünſii Königin ſeren Rü vorbei, w den Gem „Wa „Wa ſichtig,, nehmen ſ „Ger ſanftes C Benehme „Ja, ſichte unt aber amn Ruhe, we „De Fleury; „De „aber ni Ich habe wende ur jede Stu Ubertru einen er meines ir Schuß reich auf⸗ rt wurde wie weil ſen könne, zeichneten e.„Mein, urt, wenn und wem ſt hoffen hatte, ſo h meine rbannunz lich inne ehr ernſt⸗ zweimal in wiedet hen, vot ener Zeit ich war, Zewerhet hervor⸗ he ihrer r ſchnell 15 auf. Er erhob ſich, und ich ſah mich gensthigt, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Frau von Maintenon dachte, in dem Augenblicke, wo ich im Begriffe ſei, mich von ihr zu verabſchieden, könne fle ſich wohl einer kleinen Herzlichkeit hingeben, ſegnete mich daher und gab mir ihre Hand, die ich ſehr inbrünſiig küßte. Es war dazu trotz dem Alter der guten Königin eine ſehr hübſche Hand. Wir traten ſofort un⸗ ſeren Rückzug an, kamen wieder an den drei Damen vorbei, welche jetzt alle gähnten, und verfügten uns nach den Gemächern bes Königes. „Was denken Sie von Madame?“ fagte Frejus. „Was kann ich von ihr denken,“antwortete ich vor⸗ ſichtig,„als daß Größe in ihr die edelſte Form anzu⸗ nehmen ſcheint— die der Einfachheit!“ „Gewiß,“ verſetzte Frejus,„nie ſah man ein ſo ſanftes Gemüth verbunden mit einem ſo herablaſſenden Benehmen Bemerkten Sie Spuren früherer Schönheit?“ „Ja, es liegt wirklich etwas ſo Sanftes in ihrem Ge⸗ ſichte und etwas Regelmäßiges in ihren Zügen; was mir aber ammeiſten auffiel, war die nachdenkliche, ja traurige Ruhe,welche auf ihrem Geſichte liegt, wenn fie ſchweigt.“ „Der Ausbruck verräth den Geiſt,“ antwortete Fleury;„Uberdruß iſt der Fluch der Großen.“ „Der Großen ihrer„Stellung nach,“ ſagte ich, vaber nicht nothwendig der dem Geiſte nach Großen. Ich hahe mir ſagen laſſen, ber Biſchof von Fréjus ver⸗ wende ungeachtet ſeines Ranges und ſeiner Berühmtheit jede Stunde zum Vortheil Anderer, und folglich ohne Uberbruß ſür ſich ſelbß 4 46 „Aha!“ ſagte Fleury und tätſchelte mich mit freund⸗ lichem Lächeln auf die Wange;„man ſehe doch, ob die Palaſtluft nicht nothwendig ſchöne Redensarten hervor⸗ bringen muß.“ Ehe ich antworten konnte, waren wit in den Gemächern des Königes. Frejus verſchwand unter der Menge und ließ mich eine Weile in einer mit Schmetterlingen anzefüllten Galerie allein, welche ſich in der königlichen Sonn wärmen; kaum war er fort, ſo wurde ich durch den Anblick des Grafen getilii angenehm überraſcht welcher auf mich zukam. „Mort diable!“ rief er und ſchüttelte mir à[An- glaise die Hand;„ich bin in der That erfrent, Jemand hier zu treffen, der nicht vurch ſeine höhere Tugent meine Sünden verhöhnt. Ja, ſehen Sie ſſch nur einen Augenblick in dieſem Zimmer um! Würden Sie ſich an dem Hofe eines großen Königes, oder bei dem Lever eines römiſchen Cardinals glauben? Wen ſehen St vor Allem? Tapfere Krieger mit narbigen Geſichtern und glänzenden Uniformen; kluge Staatsmänner mil Verberben gegen Oſterreich und Trotz gegen Rom in jeder Stirnfalte; einen luſtigen Adel in koſtbaren Gewändern mit jener Haltung, welche der Freude den Anſtand unt der Würde die Fröhlichkeit ſo richtig lehrt? Nein! Prieſterrock und Hut, Roſenkranz und Mantel, welce ſchlaue, lauernde, heuchleriſche Geſichter bedecken, ſchleichen und krauern um uns her. Mir ſcheint es,“ fuhr der witzige Graf leiſe flüſternd fort,„als hätte der alte König, nachdem er ſeinen Ruhm bei Ramilies und Blenheim hübſch ordentlich zu Grabe getragen, alle dieſe gute ſingen! 2 „Ja, „Sie — der K verſetzte ſprechen, führen,: Vorzug v jenen M dem verſ hemerken nähert, 1 heure N Gefühl hi Mann iſt Argenten vorüberg da er eig dige Pri Sie je et lehrteſter kann. G nigen Bi nem alte heit, wi Prinzen doch will als Büch Fleury v ließ mich befüllten n Sonnt à l An- Jemand Tugend ur einen ie ſich an em Lever ehen Si weſichtern nner mit in jeder wändern land und N6ein „welqe bedecken, int es,“ hätte der iltes und en, all 47 dieſe guten Leute aufgeboten, um Pſalmen darüber zu ſingen! Aber warten Sie auf eine Privataubienz?“ „Ja, unter dem Schutze des Biſchofs von Frejus.“ „Sie hätten einen beſſeren Jührer wählen können — der König iſt zu ſehr wegen ſeiner geplagt worden,“ verſetzte Hamilton;„und da wir jetzt gerade von ihm ſprechen, will ich Ihnen ein auffallendes Beiſpiel an⸗ führen, wie ſehr bei Hofe ein gutes Benehmen den Vorzug vor anderen Fähigkeiten erhält. Sie bemerken jenen Mann von ruhigem, beſcheidenem Ausſehen, mit dem verſtändigen Geſicht und dem Prieſterrocke, Sie hemerken, wie er wegſchleicht, wenn ſich ihm Jemand nähert, um ihn anzureden, und wie er durch die unge⸗ heure Nichtachtung ſeiner ſeibſt Jedermann daſſelbe Gefühl hinſichtlich ſeiner einzuflößen ſcheint. Nun dieſer Mann iſt ein Namensvetter von Fleury, der Prior von Argenteuil; ich glaube, daß er irgend eines beſondern, vorübergehenden Zweckes willen hierhergekommen iſt, da er eigentlich den Hof verlaſſen hat. Nun dieſer wür⸗ dige Prieſter— ſehen Sie, wie er ſich verbeugt; haben Sie je etwas ſo Linkiſches geſehen?— iſt einer der ge lehrteſten Geiſtlichen, welche die Kirche aufweiſen kann. Er ſteht ſo unermeßlich hoch über dem glattſtir⸗ nigen Biſchyf von Frejus, wie Ludwig KIV. über mei⸗ nem alten Freunde KarlIl. Er hatte dieſelbe Gelegen⸗ heit, wie der beſagte Biſchof; er war Erzieher des Prinzen von Conti und bes Grafen Vermandvis, und doch will ich wetten, er lebt und ſtirbt als Hofmeiſter— als Bücherwurm— und als Prior; während der andere Sleuty ohne ein Titelchen von Verdienſt, auch nur ber 48 oberflächlichften Art, ſchon Könige durch ihre Mai⸗ treſſen, Königreiche durch ihre Könige retziert, mit meinem beſten Wiſſen noch ſich zum Premierminiſter aufſchwingen und zum Cardinal heraureifen kann.“ „Nun,“ ſagte ich lächelnd,„zu einer ſo erhabenen Stelle iſt für den würdigen Biſchof doch wenig Wahr⸗ ſcheinlichkeit vorhanden.“ „Verzeihen Sie,“ unterbrach mich Hamilton;„ich bin ein alter Hofmann und blicke ſtandhaft auf das Spiel, vas ich nicht länger ſpiele. Geſchmeidigkeit und Feinheit vermögen an einem Hofe, wie dem hieſigen, Alles; unv die glatte, niedrige Liſt eines Fleury kann zu derſelben Höhe führen, wie die tief angelegten Ränle des glänzenden Mazarin, oder der ſtolze Geiſt des herrſchſüchtigen Richelieu.“ „Stille!“ ſagte ich,„der Biſchof iſt wieder in dem Saale. Wer iſt dieſer alte Prieſter mit dem hübſchen Geſichte und einem Benehmen, das Ihnen mindeſtens beſſer gefallen wird, als das des Priors von Argenteuil der eben den biſchöflichen Höfling anhält?“ „Wie! Den kennen Sie nicht? Es iſt der berühmteſte Kanzelredner unſerer⸗Zeit— der große Maſſilon. Man fagt, dieſer ſchöne Mann trage viel dazu bei, unier den dames de la cour Proſelyten zu machen; ſo viel iſt wenigſtens gewiß, daß Maſſilon bei dem Antritte ſeines Amtes für die Seelen etwas Ihnliches war, wie der Speer des Achilles für die Leiber; und ſo kräftig er in Heilung der Wunden des Gewiſſens war, ſo ſchnell kvunte er ſolche auch ſchlagen.“ „Ach,“ ſogte ich,„da ſehe mar die Bosheit des Witzes neigt iſt ſich übe „A ſchlug d lieben d iſt etwa felhafte „U derte ie Höflin / ſehung verſam aber mi er in dem hübſchen nindeſtens irgenteuil rühniteſte on. Man unter den o viel iſt tte ſeines wie der tig er in o ſchnell sheit des 49 Wites, und ſehe, wie man vor Allem weit mehr ge⸗ neigt iſt, der Schwäche eines Menſchen zu erwähnen, ſtatt ſich über veſſen Tugenden zu verbreiten.“ „Allerdings,“ erwiderte Hamilton kaltblütig und ſchlug dabei auf ſeine Doſe—„allerbings, wir alten Leute lieben die Geſchichte mehr als die Dichtung, und Schwäche iſt etwas Gewiſſes, während Tugend immer etwas Zwei⸗ felhaftes bleibt.⸗ „Urtheilen Sie nicht über alle Menſchen,“ erwi⸗ derte ich,„nach den Beiſpielen, welche Sie unter den Höflingen Karls II. erlebten.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete Hamilton.„Die Vor⸗ ſehung hatte noch nie ſo viele Schurken an einem Orte verſammelt, ohne ſie an den Galgen zu bringen. Der aber müßte in der That ein ſchlechter Beurtheiler der Menſchennatur ſein, der die Charaktere der Menſchen im Allgemeinen nach den Helden von Newgate und den Opfern des Tyburn abwägen wollte. Doch da kommt Ihr Biſchof. Adieu.“ „Wie!“ ſagte Fleury, indem er zu mir trat und Hamilton grüßte, der eben weggehen wollte,„wie, Graf Antoine! Sie hat doch wohl nur eine Grille heute hier⸗ her gebracht?“ „Nein,“ erwiderte Hamilton;„ich bin bloß aus dem Grunde hier, aus welchem die Armen in den Tem⸗ pel des Kaitan gehen— nämlich, um den D ampfder Leckerbiſſen einzuathmen, welche ich die Prie⸗ ſter verzehren ſehe.“ „Ha! ha! ha!“ lachte der gutmüthige Biſchof, nicht im mindeſten aus der Faſſung gebracht; und Graf Ha⸗ Bulwer, Devereur. II. 4 50 milton ging mit augenſcheinlicher Freube über ſein Bon⸗ ver F mot hinweg. blenbe „Ich habe mit Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtät ge⸗— un ſprochen,“ ſagte der Biſchof;„der König iſt geneigt, mein wie er zuvor befohlen, Sie in ſeine Gegenwart zuzu⸗ wenig laſſen. Der Herzog von Maine iſt bei ihm, wie auch die vie uoch einige andere Glieder der königlichen Familie; Sie können ſindeſſen dieſe Audienz als eine Privataudienz als in hetrachten.“ heren . Ich vrückte meinen Dank aus— wir ſchritten vor⸗ gerade wärts— die Flügelthüren eines Zimmers wurden auf⸗ Sonn geriſſen— und ich ſtand vor Ludwig KIV. ſterber 1 Das gimmer war zum Theile finſter. In der Mittt um di veſſelben lehnte der König auf einem großen Sopha; er Ehrer trug(doch iſt dies mehr Erinnerung als augenblickliche Be⸗ Ich ſa merkung) einen ſchwarzſammtnen, leicht geſtickten Roc Große 3 ſeine Weſte war von weißem Atlas; man ſah weder Ju Hinfä 1 welen noch Orden, denn nur an Feſten oder Gallatazen Vorſt erſchien er in ſolchem perſönlichem Pomp. In geringe meine Entfernung von ihm ſtanden drei Mitgliever der könig nämli lichen Familie— dieſe ſah ich nie an— all meine Au womit merkſamkeit war auf den König gerichtet. Meine Ge⸗ ſuchte müthsbeſchaffenheit iſt nicht von der Art, daß Größe, bemäc oder überhaupt irgend äußerer Umſtand einen bedet⸗ König tenden Eindruck auf mich macht; als ich aber jetzt, der S vem Biſchof von Frijus in geringer Entfernung folgend, geweſe mich der Perſon des Königs näherte, muß ich geſtehen nicht vaß Bolingbrole's Warnung, nicht mit ſo vieler Faſſunz aufzutreten, kaum nöthig geweſen wäre. Hätte ich die⸗ ſen großen Monarchen in ſeinen beaux jours= in ein Bon⸗ jeſtät ge⸗ geneigt, rt zuzu⸗ wie auch ilie; Sie ataudienz itten vor⸗ rden auf⸗ der Mitte Sopha; er ckliche Be⸗ ten Roc n geringet der könig⸗ neine Auf⸗ Meine Ge⸗ aß Größe, en bedeu⸗ aber jetz, g folgend, h geſtehen, 51 ver Fülle ſeiner Macht— ſeiner Herrlichkeit— in dem blendenden Mittagsglanz ſeiner Perſon— ſeines Hofes — und Jſeines Ruhmes geſehen, ſo hätte mich vielleicht mein Stolz vorſichtiger gegen einen zu großen, oder wenigſtens zu augenſcheinlichen Eindruck gemacht; allein vie vielen Unglücksfälle des prachtliebenden Monarchen — unglücksfälle, in welchen er ſich größer gezeigt hatte, als in allen ſeinen vorhergehenden Triumphen und frü⸗ heren Erfolgen; ſein Alter— ſeine Gebrechlichkeit— gerade die Wolken, welche ſich um die untergehende Sonne ſammelten— eben das Freudengeheul um den ſterbenden Löwen— all das mußte zuſammenwirken, um die Achtung zur Ehrerbietung zu erhöhen und der Ehrerbietung einen Anſtrich von Ehrfurcht zu gehen. Ich ſah vor mir nicht nur die Majeſtät Ludwigs des Großen, ſondern die des Unglückes, der Schwäche, der Hinfälligkeit und des Alters, und ich vergaß über dieſer Vorſtellung, was unter anderen Umſtänden vielleicht meine Gefühle der Unterwürfigkeit abgeſtumpft hätte, nämlich die Verbrechen ſeiner Miniſter und den Druck, womit ſeine Regierung auf dem Volke laſtete! Ich ſuchte mich von der Befangenheit, welche ſich meiner bemächtigt, zu ſammeln, erhob meine Augen zu dem Könige und erblickte ein Geſicht, worauf die Spuren vder Schönheit, wegen deren ſein Mannesalter becühmt geweſen war, noch immer weilten; ſie war gebrochen, nicht zerſtört, und borgte ſogar von den Zeichen ver ſich mehrenden Jahre und von der ſichtbaren Erſchö⸗ pfung durch Leiden und Krankheit eine noch impoſantere Würde 52 Fleury ſagte mit leiſer Stimme etwas, das ich nicht verſtand. Es entſtand eine Pauſe— nur eine angen⸗ blickliche Pauſe; und dann ſprach der König mit einer Stimme, deren geprieſenen Wohlklang ich bis jetzt für übertrieben gehalten hatte; es lag in dieſer Stimme etwas ſo Gütiges, Ermuthigendes, daß ich plötzlich meine Be⸗ ſinnung wiever gewann. Vielleicht war deren Ton der ſichtbaren Wirkung wegen, welche die königliche Ge⸗ genwart auf mich hervorgebracht, beſonders mild. „Sie haben uns, Graf Devereur,“ ſprach der Kö⸗ nig,„ein Vergnügen gemacht, das wir Ihnen gegen⸗ über gerne perſönlich anerkennen. Es hat uns paſſend gedünkt, daß vas Land, worin Ihr tapferer Vater ſei⸗ nen Ruhm erwarb, auch dem Sohne eine Freiſtätte ge⸗ währen ſolle.“ „Sire, antwortete ich,„Sire, es ſoll nicht mein Fehler ſein, wenn dieſes Land nicht fortan mein Vater⸗ land wird; und indem ich den Namen meines Vaters erbe, erbe ich auch ſeine Dankbarkeit und ſeinen Ehrgeiz.“ „Wohl geſprochen, mein Herr,“ ſagte der König; und als ich meine Augen aufſchlug, bemerkte ich, daß auch ſeine Blicke auf mir ruhten.„Wohl geſprochen,“ wiederholte er nach einer kurzen Pauſe;„und indem wir Ihnen dieſe Andienz bewilligten, gaben wir uns nicht ungern der Hoffnung hin, vaß Sie ſich unſerem Hofe anzuſchließen wünſchten. Die Zeit fordert(hier vünkte mir des alten Königes Stimme nicht ganz ſo feſt wie zuvor) die Beweiſe Ihres Eifers nicht in derſelben Laufbahn, in welcher Ihr Vater für Frankreich und füt ſich ſelbſt Lorbeeren errang. Aber wir werden nicht verſäu lente z 0 / Majeſ Ausna werden für die welcher beweiſe „YQ viele U wollen Zahl ſe aber hi obachte fernun wußte, durcha mich m lichen G So Obwoh mir wa als dem kein Re aus kön Demoſtl Moral überred Kopfe ch enicht angen⸗ it einer jetzt für e etwas ine Be⸗ Lon der che Ge⸗ ld. ver Kö⸗ gegen⸗ paſſend ater ſei⸗ tätte ge⸗ cht mein Vater⸗ Vaters wir uns unſerem ert(hier z ſo feß berſelben und für en nicht 53 verſäumen, wenn nicht Ihren Degen, doch Ihre Ta⸗ lente zu beſchäftigen,“ „Dieſer Degen, Sire,“ ſagte ich,„den ich von Euer Majeſtät erhielt, ſoll ſtets gegen alle Nativnen, mit Ausnahme einer einzigen, auf Ihren Vefehl gezogen werden, und indem ich mir die Gunſt Eurer Majeſät für die Zukunft erbitte, ſuche ich nur einen Weg, auf welchem ſich meine Dankbarkeit für die Vergangenheit beweiſen kann.“ „Wir zweifeln nicht,“ erwiderte Ludwig,„daß, wie viele Undankbare wir durch Beweiſe unſeres Wohl⸗ wollens gegen Sie machen mögen, Sie nicht unter dieſer Zahl ſein werden.“ Hier machte der König eine leichte, aber höfliche Verbeugung und kehrte ſich ab. Der be⸗⸗ obachtende Biſchof von Fréjus hatte ſich in einige Ent⸗ fernung zurückgezogen, und gab mir jetzt, da er wohl wußte, daß der König nicht gerne mehr ſprach als er durchaus mußte, ein Zeichen. Ich gehorchte und zog mich mit aller gebührenden Ehrerbietung aus der könig⸗ lichen Gegenwart zurück. So ſchloß meine Unterredung mit Ludwig XIV. Obwohl Eeine Majeſtät nicht ſehr weitſchweifig mit mir war, ſprach ich doch lange Zeit nachher von ihm als dem heredteſten Manne. Man möge mir glauben, kein Redner thut es einem Könige gleich; ein Wort aus königlichem Munde bewegt das Herz ſtärker, als es Demoſthenes möglich geweſen wäre Es lag eine tiefe Moral in der Gewohnheit der Alten, die Göttin der überredung immer mit einem Diadem auf dem Kopfe vorzuſtellen. Siebentes Kapitel. Betrachtungen— Eine Soirée— Die Erſcheinung eines für die Geſchichte wichtigen Mannes— Ein ſehr befriedigendes und erheiterndes Geſpräch mit Frau von Balzac— Zuſammentreffen mit einem wunderlichen, alten Soldaten— Erlöſchen eines einſt großen Lichtes. Ich befand mich jetzt ſeit mehren Wochen in Paris, ohne die Luſtbarkeiten der Stadt weder eifrig geſucht noch gefliſſentlich vermieden zu haben. Tiefer Kummer benimmt uns nicht gänzlich die Fähigkeit, uns zu freuen er vermindert vieſelbe nur und dämpft die Freude; er ſtumpft uns nicht ab für die Intereſſen des Lebens — er bringt nur bälder die gleichgültigere Ruhe des Alters. Das Blut fließt nicht länger in jenem unregel⸗ mäßigen aber köſtlichen Laufe lebhafter und wilder Auf⸗ regung; der Schritt ſtampft nicht länger die Erde, und der Ehrgeiz wandert nicht mehr unerſättlich, aber unbe⸗ ſtimmt über die Millionen Pfade des Daſeins; aber wir verlieren unſere alten Fähigkeiten nicht— ſie ſind ruhiger geworben, nicht erloſchen. Das Herz kann nie gänzlich und lange ſchlummern; vielleicht bezaubern Klei⸗ nigkeiten daſſelbe nicht mehr, Leichtfertigkeiten machen keinen Eindruck mehr auf daſſelbe; aber es hat ein Auge, das noch nicht geſchloſſen iſt, und einen Puls, der zu ſchlagen noch nicht aufgehört hat. Wir betrachten die Welt um uns her mit einem Blicke, der nicht mehr durch jede vorüberflatternde Hoffnung zerſtreut wird, und ſind daher geeigneter für die ernſten Geſchäfte der Menſchheit als zuvor. Dos überſprudelnde Tempera⸗ ment i ein het Erde i ſo bla an Sc die leb der M uns nu glück e Kumm Zelle g Menſch in den Strebe ſeelt u erinner liebten düſtert ten, zu winnt ſchmerz zerbröc loſigkei Lager, fahrun wegen heure 3Z gehört unter d weniger ines für ndes und entreffen nes einſt Paris, geſucht kummer ufreuen Freude; s Lebens uhe des unregel⸗ der Auf⸗ machen in Auge, „der zu hten die 55 ment iſt in ſein Bett zurückgewieſen, der Ehrgeiz an ein vernünftiges und geſetzliches Ziel beſchränkt. Die Erde iſt nicht mehr ſo grün, der Himmel nicht mehr ſo blau, unſere Einbildungskraft nicht mehr ſo reich an Schöpfungen; aber wir blicken aufmerkſamer auf die lebendige Menge und vernünftiger auf die Abſichten der Menſchen. Das Unglück, das uns geändert, hat uns nur einem Klima mehr angepaßt, in welchem Un⸗ glück ein weſentlicher Beſtandtheil der Luft iſt. Der Kummer, der unſern Geiſt in eine engere, dunklere Zelle gefeſſelt, war auch die Kette, welche uns an die Menſchheit mit einer Kraft anknüpfte, von der wir uns in den Tagen ungebundener Freiheit und üppigeren Strebens nichts träumen ließen. Im ſpäteren Leben be⸗ ſeelt uns dann wieder ein Geiſt, der an den früheren erinnert. Die Einſamkeit, welche wir in der Jugend liebten, die aber, wenn Kummer die Gedanken ver⸗ düſtert, welche die Einſamkeit zu einem Feenlande mach⸗ ten, zu einer fürchterlichen, finſteren Leere wird, ge⸗ winnt ihren alten Zauber wieder, wenn die kranke, ſchmerzhafte Erinnerung an dieſen Kummer mit der Zeit zerbröckelt. Zufriedenheit iſt eine Einſiedlerin, Fühl⸗ loſigkeit aber gleichfalls Die Jugend liebt das einſame Lager, das ſie mit Träumen umgibt. Alter oder Er⸗ fahrung(das Alter des Geiſtes) lieben eben dieſes Lager wegen der Ruhe, welche es gewährt, aber der unge⸗ heure Zwiſchenraum zwiſchen der Jugend und dem Alter gehört der Anſtrengung, der Arbeit, und zwar der Arbeit unter den Menſchen. Der Schmerz der unſere Herzen weniger geſellig macht, macht uns im Umgange oft ——— 56 geſelliger. Gebanken, welche in der Ruhe die Welt ge⸗ mieden haben würden, ſind durch den Sturm ar ſie verſchlagen worden, wie die Vögel, welche das be⸗ wohnte Land verlaſſen, ſo lange der Wind ſchläft und der Donner in ſeinen Wolken ruht, einſam und unauf⸗ hörlich über der weiten See ſchweben können, aber ſo⸗ bald der Sturm erwacht und der Luftdruck ſie verfolgt, von einem überwältigenden Inſtinkt getrieben, nach einem wandernden Schifflein, irgend einer Spur menſch⸗ lichen, geſelligen Lebens fliehen und ſelbſt gegen die Gefahr, welche ihnen von Menſchenhänden droht, die Wüſte eines zornigen Himmels und die Einſamkeit eines Sturmes austanſchen. Weder von Frau von Maintenon, noch von dem Könige hörte ich mehr etwas. Inzwiſchen hatte mir die Flucht mit meinem Freunde Bolingbroke in den Augen des verbannten Prinzen eine Wichtigkeit gegeben, welcher ich mich ſonſt nicht zu erfreuen gehabt hätte, und ich wurde der ſchmeichelhafteſten Anerbietungen gewürdigt, um in ſeine aktiven Dienſte zu treten. Ich habe ſchon oben geſagt, daß ich keine Begeiſterung für ſeine Sache fühlte, und noch weit weniger fühlte ich daher für ſeine Perſon. Mein Ehrgeiz hoffte mehr von einer Laufbahn im Dienſte Frankreichs. Frankreich war das Land meiner Geburt, vas Land, worin mein Vater ſeinen Ruhm er⸗ worben. Hier erwarteten mich keine welke Erinnerungen — kein perſönlicher Schmerz klebte an vieſem Boden— keine Hintanſetzung wegen meines Glaubens war mit veſſen politiſchen Inſtitutionen verbunden. Obwohl ich noch keinen Beweis erhalten, daß Ludwig ſich meiner erinne von de auf eir womit und ich ſage, ſpäter digen( und lel Lord Z eines E er die ten, 5 der We ſtand m Eit in eine Famili und die haltend „A derte a Sie wi Rocke— wie Si hier ni leans! Sie hir wie er er verhe Velt ge⸗ tar ſie das be⸗ äft und nau⸗ aber ſo⸗ verfolgt, n, nach menſch⸗ gen die oht, die eit eines on em mir die n Augen „welcher und ich würdigt, be ſchon e Sache für ſeine aufbahn d meiner uhm er⸗ erinnerte, ſchien es mir nach dem gewöhnlichen Gange von dergleichen Gunſtbezeugungen noch nicht zu ſpät, auf einen ſolchen zu warten; überdies war die Treue, womit er ſein königliches Wort hielt, ſprüchwörtlich, und ich überließ mich der Hoffnung, die Art von Zu⸗ ſage, welche er mir gemacht, werve mir bälder oder ſpäter von Nutzen ſein. Ich lehnte daher mit aller ſchul⸗ digen Ehrerbietung die Anerbietungen des Chevalier ab und lebte in Müßiggang und Erwartungen fort, bis Lord Volingbroke nach Paris zurückkehrte und das Amt eines Staatsſekretärs bei dem Chevalier übernahm. Da er die Gründe, welche ihn zu dieſem Schritte veraulaß⸗ ten, öffentlich erklärt hat, halte ich es für überflüſſig, der Welt ſeine Privatunterredungen über dieſen Gegen⸗ ſtand mitzutheilen. Einige Tage nach ſeiner Rückkehr ging ich mit ihm in eine Geſellſchaft, welche ein Mitglied der königlichen Familie gab. Die erſte Perſon, welche uns anredete— und dies freute mich, denn wir hätten auf keine unter⸗ haltendere treffen können— war Graf Anton Hamilton. „Ah! Mylord Volingbroke,“ rief er und ſchlen⸗ derte auf uns zu,„wie geht es Ihnen?— erfreut, Sie wieder zu ſehen— welch herrliches Grün an Ihrem Rocke— gewiß kleidet ſich Niemand mit mehr Geſchmack wie Sie— ſelbſt unſer Freund, mein Bruder Graf, hier nicht. Betrachten Sie die Frau Herzogin von Or⸗ leans! Sahen Sie je ein ſolches Weſen? Wo gehen Sie hin, Mylord? Ach! ſehen Sie, Graf, ſehen Sie, wie er ſich zu der hübſchen Herzogin hinſchleicht— nun, er verbengt ſich graziös, das muß man geſtehen— nun, Sie werden voch nicht auch gehen?— was würde die Welt ſagen, wenn man den Grafen Anton Hamilton allein ſähe? Nein, nein, kommen Sie und ſetzen Sie ſich zu Frau von Cornuel— ſie wünſcht mit Ihnen bekannt zu werden und iſt eine der witzigſten Weiber in Europa.“ „Sehr gerne! vorausgeſetzt, daß ſie ihren Witz mit etwas Bosheit anwendet und ihn gebraucht, um Andere lächerlich zu machen, nicht um ſich ſelbſt zu loben.“ „Oh, Niemand kann ſatiriſcher ſein; gibt es aber einen Unterſchied zwiſchen Witz und Satire? Kommen Sie, Graf!“ Und Hamilton ſtellte mich ſofort der Frau von Cor⸗ nuel vor. Sie empfing mich ſehr höflich und ſagte mit der größten Ruhe zu einigen Leuten, welche um ſie her⸗ ſtanden:„Meſſieurs, haben Sie die Güte und ſuchen Sie ſich einen andern Gegenſtand für Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit; ich wünſche eine Privatconferenz mit meinem neuen Freunde.“ „Ich darf bleiben,“ ſagte Hamilton. „Ach, gewiß! Sie ſind niemals im Wege.“ „Was das betrifft, Madame,“ ſagte Hamiltvn, indem er eine Priſe nahm und ſich tief verneigte—„was das betrifft, ſo muß ich Sie doch an Ihren vortrefflichen Gemahl erinnern.“ „Pfni!“ rief Frau von Cornuel; hierauf wandte ſie ſich zu mir und ſagte:„Ach! Monſieur, hätten Sie einige Jahre früher nach Paris kommen können, ſo würden wir Sie entzückt haben— wir haben uns traurig verändert. Stellen Sie ſich den ſchönen alten König ein Sch ſpieler; Komödi ſie ſpiel Sie mir „Ja hörer m keiten.“ „Se Wahrhe mit Jen ſprochen Reiz de Armand tomiſirt Andere n.“ es aber ufmerk⸗ meinem indem was das efflichen wandte hätten können, hen uns en alten König vor, der es nicht ſowohl für einen Frevel hält, ein Schauſpiel, als deſſen Aufführung durch Schau⸗ ſpieler zu ſehen und ſo die königliche Familie zu einer Komödiantentruppe macht. Mon Pieu! wie erbärmlich ſie ſpielen; wiſſen Sie aber, warum ich wünſche, daß Sie mir vorgeſtellt werden?“ „Ja! um einen neuen Zuhörer zu haben; alte Zu⸗ hörer müſſen beinahe ſo langweilig ſein, als alte Neuig⸗ keiten.“ „Sehr ſcharffinnig bemerkt und nicht weit von der Wahrheit. Der eigentliche Grund iſt, daß ich gerne mit Jemandem über alle die hübſchen Leute hier ge ſprochen hätte, für deſſen Ohr meine Anekdoten den Reiz der Neuheit haben. Laſſen Sie uns mit Louis Armand, dem Prinzen von Conti, beginnen— Sie ſehen ihn dort.“ „Wie, dieſer kurzſichtige, ſtämmige, ſonſt aber ziem⸗ lich hübſche Mann, mit Zügen, nicht unähnlich denen der Bilder von Heinrich IV., der ſo luſtig lacht?“ „O ciel! wie komiſch! Nein, dieſer hübſche Mann iſt Niemand Geringeres als der Herzog von Orleans. Sie bemerken das kleine, häßliche Ding, wie ein ana⸗ tomiſirter Affe— ſehen Sie dort— eben hat er einen Stuhl umgeworfen, und als er ihn wieder aufheben wollte, fiel er beinahe über die holländiſche Geſandtin — das iſt Louis Armand, der Prinz von Conti. Wiſſen Sie, was der Herzog von Orleans vor einigen Tagen zu ihm ſagte?„„Mon bon ami,“ ſprach er, indem er auf die Beine des Prinzen zeigte—(haben Sie, beiläufig geſagt, je außer einer Menagerie ſolche Beine geſehen ²) —„Mon bon ami, es iſt gut für Sie, daß der Pſal⸗ miſt uns verſichert, der Herr habe keine Freude an den Beinen eines Menſchen.““ Nein, lachen Sie nicht, es iſt die reine Wahrheit!“ Jetzt war es an dem Grafen Hamilton, den Ball der Satire aufzufangen; er war um kein Haar gnädiger als die menſchenfreundliche Frau von Cornuel.„Der Prinz,“ ſagte er,„hat eine ſo auszeſuchte Unbehol⸗ fenheit, daß, ſo oft der König ein Geräuſch hört und nach der Urſache fragt, die unabänderliche Antwort lautet:„Der Prinz von Conti iſt eben niedergepur⸗ zelt.““ Aber ſagen Sie mir, was denken Sie von Frau von Aumont? Sie hat einen engliſchen Kopſfputz unt ſcheint triste à la mort.“ „Nach meinem Geſchmacke iſt ſie ziemlich hübſch.“ „Ja,“ rief Frau von Cornuel, le doux Antoine unterbrechend—(es war eine wahre Freude, zu ſehen, wie eifrig Beide einander im Skandal zu überbieten ſuchten)—„ja, man hält ſie für ziemlich hübſch; mit aber kommt ſie ſo ziemlich vor wie ein Fricandeau— weiß, weich und fad. Morgens und Abends,“ fügte die gutmüthige Cornuel hinzu,„findet man ſie nach ihrem Gebet ſtets in Thränen. Ich fragte nach den Grunbe und ſie antwortete mir ſehr einfältig, ſie fühle ſich immer zum Gebet gedrungen, daß ſie gut werden möge, und ſie fürchte, der Himmel möchte ſie bein Worte nehmen! Indeſſen hat ſie viele Anbeter, und dieſe nennen ſie den Abendſtern!“ „Man ſollte ſie lieber die Hyabe nennen! entgez⸗ nete Hamilton,„wenn es wahr iſt, doß ſie jeden Morgen Untert den iſt nannt w Monſier häßliche „Ja allein d einem R „Bf hei dem hörte; können f ergepur⸗ on Frau putz und hübſch.“ Antoine zu ſehen, berbieten ſch; mit deau— „ fügte ſie nach ach dem ſie fühle t werden ſie beim ter, und Hentgeg⸗ Morgen und Abend Thränen vergießt, und ihr Auf⸗und Untergehen ſomit immer mit Regen verbun⸗ den iſt.“ „Bravo, Graf Anton! in Zukunft ſoll ſie ſo ge⸗ nannt werden,“ ſagte Frau von Cornuel.„Aber jetzt, Monſieur Deverenr, wenben Sie Ihre Blicke nach jener häßlichen, alten Frau.“ „Wie! nach der Herzogin von Orleans?“ „Ja wohl. Sie iſt heute Abend in vollem Staate; allein den Tag über ſehen Sie dieſelbe gewöhnlich in einem Reitkleide und einer Männerperüke; ſie iſt—“ „Bſt!“ unterbrach Hamilton;„zittern Sie nicht bei dem Gedanken, was ſie thun würde, wenn ſie uns hörte; ſie verſteht ſich gar ſehr auf's Schlagen! Sie können ſich nicht vorſtellen, Graf, was ſie für einen Arm hat. Sie weiß wohl, wie häßlich ſie iſt, und lacht darüber, wie alle Anderen. Der König nahm eines Tags ihre Hand und ſagte lächelnd:„„Was mag wohl die Natur gedacht haben, als ſie dieſe Hand einer beut⸗ ſchen Prinzeſſin ſtatt einer holländiſchen Bäuerin gab?““ „„Sire,““ antwortete die Herzogin ſehr ernſt,„„die Natur gab dieſe Hand einer deutſchen Prinzeſſin, um ihre Hofvamen damit an die Ohren zu ſchlagen!““ „Ha! ha! ha!“ ſagte Frau von Cornuel lachend; „man iſt nie um Späße über eine Fran verlegen, welche Speckſalat ißt und erklärt, wenn ſie je unglücklich werde, beſtehe ihr einziger Troſt in Schinken und Bratwürſten! Ihr Sohn behandelt ſie mit der größten Achtung und fragt ſie in allen ſeinen Liebesangelegenheiten um Rath, vor welchen ſie den größten Abſchen zu haben vorgibt, vie ſie aber ihren Korreſponbenten in aller Welt in Briefen ſo lang wie ihr Stammbaum wieder erzählt. Aber Sie blicken auf ihren Sohn; iſt er nicht hübſch?“ „Ja, ſo ziemlich; nur nimmt er ſich neben Lord BVolingbroke, mit welchem er gerade ſpricht, nicht zu. ſeinem Vortheile aus. Sagen Sie, wer iſt die dritte Perſon, welche ſoeben hinzugetreten 2 „O der Schurke! es iſt der Abbe Dubois; ein lebem diger Beweis von der Unrichtigkeit des franzöſiſchen Sprichwortes, welches ſagt, ein Merkur ſollte du marbre, und nicht du bois gemacht werden. Nie kam ein Merkut dem Abbe gleich— aber, ſehen Sie den alten Herrn vort zur Linken— er iſt einer der merkwürdigſten Männer unſerer Zeit.“ „Wie! Der mit dem ſchmalen Geſichte, das ju Betracht ſeiner Jahre ziemlich hübſch iſt?“ „Derſelbe,“ antwortete Hamilton;„es iſt der be⸗ kannte Chviſy. Sie wiſſen, er iſt der moberne Tireſias Mann und Weib zugleich.“ „Wie verſtehen Sie dies?“ „Ach, wie mögen Sie noch fragen?“ ſagte Frau v Cornuel.„Er lebte mehre Jahre als Weib verkleidet und hatte alle Arten ſonderbarer Abenteuer.“ „Mort Diable!“ rief Hamilton;„er ſchlich ſich al Spion in Ihre Reihen ein, Madame. Wie ich höte gibt er nur einen magern Bericht über das, was dort ſah.“ „Gehen Sie, Graf Antvine,“ rief die lebhafte Cor⸗ nuel,„wir vürfen unſere Waffen nicht gegen einande fehren, und wenn Sie vas Geſchlecht einer Frau a greifen warum Prieſte Di treuil; haft zu für ein⸗ die Um erſt heu „ J „Ur „R nigs vo wir det zurück. „S auf mic begegne als hät wanbte Hier ri Ich ſah, Blick fic etwas 2 darauf; Angenb ſchien. lange U ich erſt 63 Weli in greifen, ſo greifen Sie vieſelbe perſönlich an. Aber erzählt. warum blicken Sie ſo aufmerkſam nach jenem häßlichen übſch Prieſter, mon petit Devereur?“ ben Lord Die ſo ſchmeichelhaft bezeichnete Perſon war Mon⸗ nicht u trenil; eben hatte ich ihn unter einer Gruppe ſehr leb⸗ die vritte haft zuſammen ſprechender Männer erblickt. „Still, Madame!“ ſagte ich,„entſchuldigen Sie ein lebem für einen Augenblick;“ und ich ſtand auf, um mich unter nzöſiſche die umgebung des Abbe's zu miſchen.„So, Sie ſind marbre, erſt heute angekommen,“ hörte ich Einen zu ihm ſagen. nMerkm„Ja, ich konnte meine Geſchäfte nicht eher abmachen.“ en Herrn„Und wie ſtehen die Angelegenheiten in England?“ Männer„Reif!— wird vas Leben Seiner Majeſtät(des Kö⸗ nigs von Frankreich) noch ein Jahr erhalten, ſo ſchicken e, das wir den Kurfürſten von Hannover in ſein Erbland zurück.“ ſt der be⸗„Still!“ ſagte der Nebenſtehende mit einem Blicke Tireſia, auf mich. Montreuil hielt plötzlich inne— unſre Blicke begegneten ſich— der ſeinige ſank zu Boden. Ich that, als hätte ich unter der Gruppe einen Bekannten geſucht, Frau m wandte mich dann hinweg und ſetzte mich allein bei Seite. verkleid HBier richtete ich unbemerkt meine Blicke auf Montreuil. Ich ſah, wie von Zeit zu Zeit ſein kühner, durchdringender ich ſich Blick ſich aufmich richtete, ohne daß ſich jedoch in bemſelben ich hör, etwas Anderes, als Wachſamkeit ausgedrückt hätte. Balb was darauf zerſtreute ſich ſein kleiner Kreis; ich ſah ihn einige Angenblicke mit Dubois ſprechen, der ihn, wie es mir hafte Co ſchien, etwas ferne hielt; hierauf ließ er ſich in eine einands lange Unterredung mit dem Biſchof von Fréjus ein, den Frau a ich erſt jetzt unter der Menge bemerkte. 64 Als ich die Treppe hinabſchlenderte, von wo aus ich ſah, daß ſich Montreuil mit dem Biſchof in dem Wagen des Letzteren entfernte, redete mich Hamilton an und heſtand barauf, ich ſolle mit ihm zu Chaulien gehen, wo ein ſpätes Abendeſſen die Verehrer des Weines und des Witzes erwarte. Ich zog indeſſen zum großen Er⸗ ſtaunen des guten Grafen für dieſen Abend Einſamkeit und Nachdenken allem Anderen vor. Montreuils Beſuch in der Hauptſtadt Frankreichs verkündete mir nichts Gutes. Er hatte großen Einfluß auf Fleury und ſtand in hoher Achtung bei Frau von Maintenon, und in der That blickte der Biſchof von Frejus ſehr bald nach Montreuils Rückkehr nach Paris mit ſehr kühlem Wohlwollen auf mich, und Frau von Maintenon ſagte ihrer Freundin, der Herzogin von St. Simon, es ſei doch Jammerſchade, daß ein junger Edel⸗ mann von meinem Stande und meinem einnehmenden Außern—(ja! mein einnehmendes Außere wäre der Frömmlerin nie aufgefallen, hätte ich nicht für das ihrige empfänglich geſchienen)— nicht nur den wildeſten Ansſchweifungen, ſondern, was noch ſchlimmer, Jan⸗ ſeniſtiſchen Grundſätzen ergeben ſei. Hienach gab es keine Hoffnung mehr für mich, als in dem Worte dez Königs; allein bei ſeiner zunehmenden Schwäche, welche ſeine Aufmerkſamkeit ganz an ſich riß, konnte ich nicht ſehr zuverſichtlich hoffen, daß dieſes Verſprechen ſeinem Gedächtniſſe durchaus nicht entſchwunden ſei. Gleich⸗ wohl glaube ich, ſo religiös⸗gewiſſenhaft war Ludwig in Bezug auf Ehrenpunkte, daß, wäre er am Leben ge⸗ blieben, ich mich über Nichts zu beklagen gehaht hätte⸗ lauben komme gezählt ſchlichen gleiche „Ge „ich ſelk politiſch Ihrem j „ſtellen!“ „Ic durch Ar ich, du gewonne nicht ſet liche Me Paralyſe den Wel Bulw aus ich Wagen an und gehen, nes und ßen Er⸗ nſamkeit nkreichs Einfluß rau von hof von ch Paris Frau von von St. 65 So aber— doch ich greife den Ereigniſſen vor!— Montreuil verſchwand von Paris beinahe eben ſo plöt⸗ lich, als er dort erſchienen war. Wie ein Unterfinkender ſelbſt nach einem Strohhalm haſcht, ſo beſchloß ich bei ver tiefen Ebbe meiner Angelegenheiten, mich ſogar bei Frau von Balzae Raths zu erholen. Ich begab mich demgemäß in ihr Hotel. Sie war zu Hauſe und glücklicherweiſe allein. „Sie ſind willkommen, mon fis,“ ſprach ſie;„er⸗ lauben Sie mir, Sie alſo zu nennen— Sie ſind will⸗ kommen— ſchon ſeit mehren Tagen habe ich Sie nicht geſehen.“ „Ich verſichere Sie, Madame, ich habe dieſelben gezählt,“ antwortete ich,„mit langſamem Schritie ſchlichen ſte voran; allein Sie wiſſen, das Geſchäft hat gleiche Anſprüche, wie das Vergnügen!“ „Gewiß!“ erwiberte Frau von Balzae pomphaft; „ich ſelbſt finde, trotz meiner übung, das Gewicht ver politiſchen Händel etwas unerträglich; wie läſtig es Ihrem jungen Kopfe ſein muß, kann ich mir leicht vor⸗ ſtellen!“ „Ich wollie, Madame, ich könnte Ihre Erfahrung durch Anſteckung erlangen; wie die Sachen ſtehen, fürchte ich, durch meinen Beſuch bei Seiner Majeſtät wenig gewonnen zu haben. Frau von Maintenon will mich nicht ſehen, und der Bi ſof von Frejus(der vortreff⸗ liche Mann!) wurde noch immer von einer plötzlichen Paralyſe des Gedächtniſſes befallen, b oft ich ihm in den Weg trat.“ „Mit dieſer Partei wird es nie 66— dachte Bulwer, Devereux. M. 66 mir's,“ ſagte Frau von Balzae, welche vie Mücke auf dem Rade vortrefflich nachzuahmen wußte;„meine Berühmtheit und die Kunde, daß ich mich um Ihres Vaters willen für Sie intereſſire, reichten, ſürchte ich, hin, die Theilnahme zu zerſtören, welche die Jeſuiten und deren Werkzenge vielleicht für Sie fühlten. Nun, nun, wir müſſen den Schaden wieder gut machen, den wir Ihnen verurſacht. Welche Stelle würde Ihnen am meiſten zuſagen?“ „Nun, irgend eine diplomatiſche. In meinem Alter möchte ich lieber reiſen, als ſelbſt in Paris in üppiger Unthätigkeit ſitzen bleiben!“ „Ach, nichts über Diplomatie!“ ſagte Frau von Balzac mit der Miene eines Richelieu und leerte ihre Doſe mit einer Priſe;„allein haben Sie, mein Sohn, außer der Luſt auch die erforderlichen Fähigkeiten zu dieſer Wiſſenſchaft? Eignen Sie ſich zur Intrigue? Können Sie Etwas ſagen und etwas Anderes dabei den⸗ ken? Verſtehen Sie die ungeheure Wichtigkeit eines Blickes, oder eines Bücklinges? Können Sie wie eine Spinne in dem Mittelpunkte eines nicht zu löſenden Netzes leben— eines Netzes, eben ſo ſchwer zu löſen, als gefährlich— für Alle, außer dem, der es gewoben? Dies, mein Sohn, iſt die Kunſt der Politik— das heißt ein Diplomat ſein.“ „Einem weniger durchbringenden Geiſte, als Frau von Balzac, erwiderte ich,„dürfte ich bei einer Probe jener edeln Kunſt der Staatsdoppelſinnigkeit, welche Sie ſo beredt beſchrieben haben, nicht ganz unkundig erſcheinen.“. anſchlief Wi bemerkt weniger — ſie g „Ni Rede v an mich geben, Sie hab „Hn aber— wiſſen E — vergn — da iſt ſtehen. 2 dieſer ei weniger legung— Hinſichtl und auch eine alte für den Frau He Nun, n, den trigne 7 bei den⸗ it eines wie eine öſenden u löſen, woben? as heißt ls Frau rProbe welche nkundig 67 „Möglich!“ ſagte die gute Dame;„ber müßte wirk⸗ lich tief in die Kunſt der Verſtellung eingedrungen ſein, der mich tänſchen wollte.“ „Was würden Sie mir aber in der gegenwärtigen Krifis zu thun rathen? Welcher Partei ſoll ich mich anſchließen— welcher Perſon ſchmeicheln?“ Wie ich bereits entderkt hatte und auch oben ſchon bemerkt, konnte die unſchätzbare Frau von Balzae nichts weniger leiden, als wenn man ſie Etwas geradezu fragte — ſie gab hierauf nie eine Antwort. „Nun, wirklich,“ begann ſie, ſich auf eine lange Rede vorbereitend,„es freut mich ſehr, daß Sie ſich an mich wenden, und ich will Ihnen den beſten Rath geben, der in meiner Macht ſteht. Ecoutez donc— Sie hahen den Herzog von Maine geſehen?“ „Gewiß!“ „Fm! hal es wäre klug, ſich an dieſen anzuſchließen; aber— Sie errathen mich— Sie verſtehen.— Dann wiſſen Sie, mein Sohn, iſt da der Herzog von Orleans — vergnügungsſüchtig— voll Talent— aber Sie wiſſen — da iſt ein wenig— wie nennen Sie es— Sie ver⸗ ſtehen. Was den Herzog von Bourbon betrifft— ſo iſt dieſer ein vollkommener Einfaltspinſel— nichts deſto weniger müſſen wir überlegen— nichts beſſer, als liber⸗ legung— glauben Sie mir, kein Diplomat übereilt ſich. Hinſichtlich der Frau von Maintchon— Sie wiſſen, und auch ich weiß, daß die Herzogin von Orleans ſie eine alte Hexe nennt— dann aber— ein Wort reicht für den Klugen hin— He!— was ſollen wir von der Frau Herzogin ſelbſt ſagen— was für ein fettes Weib 68 ſie iſt— aber ausnehmend gewandt— eine herrliche Briefſtellerin.— Nun— Sie ſehen, mein lieber junger Freund, daß es eine ſehr ſchwierige Sache iſt, ſich zu entſcheiden— aber bereits müſſen Sie vollkommen durch⸗ ſchaut haben, welchen Rath ich Ihnen gebe.“ „Bereits, Madame?“ „Gewiß! Was habe ich Ihnen die ganze Zeit über geſagt?— haben Sie mich nicht gehört?— Soll ich meinen Rath wiederholen?“ „O, nein! Jetzt verſtehe ich Sie vollkommen; Sie wollten mir den Rath geben— kurz— zu— zu— es ſo gut zu machen, als es mir möglich ſei.“ „Sie haben es ausgeſprochen, mein Sohn. Ich habe mir's gedacht, Sie würden mich nach einigem Nachden⸗ ken verſtehen.“ „Allerdings— allerdings,“ war meine Antwort. Nun wurden drei Damen gemeldet, und meine Un⸗ terredung mit Frau von Balzae war zu Ende. Ich beſchloß jetzt, ein wenig zu warten, bis die Fluten der Gewalt etwas ruhiger geworden waren, und ich beſtimmen könnte, nach welcher Richtung mein un⸗ ternehmendes Schifflein zu treiben ſei. Wie jetzt mein⸗ politiſchen Plane unthätig bleiben mußten, ſo gab ich mich mit größerem Eifer der Geſellſchaft hin. Mein Geiſt konnte nicht ruhen, ohne an ſich ſelbſt zu zehren, und kein übel ſchien mir ſo groß, als Unthätigkeit. So gingen der Frühling und der Anfang des Sommers vor⸗ über, bis im Auguſt die der Revolution vorangehenden Aufſtände in Schottland ausbrachen. Zu dieſer Zeit ſch ich Lord Bolingbroke nur ſelten unter vier Augen,„l⸗ wohl e trug, ruhte, keiten: die Sa tereſſir ſpräch Umgan jenigen dener 2 Ei in eine laden. Pferde verließ Ich lie von eir Es wa des erſt zurückg zier zu ich ihn ob ich und lar als ein Habich Runzel menſchl ſeinen Auge herrliche er junger „ſich zu en durch⸗ Zeit über Soll ich nen; Sie zu— es Ich habe Nachden⸗ lntwort. meine Un⸗ , bis die aren, und mein un⸗ etzt meine ſo gab ich n. Mein zu zehren, gkeit. Sy mers vor⸗ ngehenden r Zeit ſoh gen, ob⸗ 69 wohl er mit ſeiner charakteriſtiſchen Affektation Sorge trug, daß die Geſchäftslaſt, welche wirklich auf ihm ruhte, ihm nicht allen Genuß der öffentlichen Luſtbar⸗ keiten raubte Auch brachte meine Gleichgültigkeit gegen die Sache des Chevalier, für welche er ſich ſo ſehr in⸗ tereſſirte, eine natürliche Zurückhaltung in unſer Ge⸗ ſpräch und erzeugte eine unwillkürliche Kälte in unſerem Umgange. So unmöglich iſt Privatfreundſchaft für die⸗ jenigen, welche in öffentlichen Angelegenheiten verſchie⸗ dener Anſicht find. Eines Abends war ich zu einer großen Geſellſchaft in efnem Landhauſe, etwa zehn Stunden von Paris, ge⸗ laden. Ich ging und blieb einige Tage dort. Meine Pferde hatte ich bei mir und beſchloß, als ich das Schloß verließ, die Rückreiſe nach Paris zu Pferde zu machen. Ich ließ ſomit den Wagen nachfahren und machte mich, von einem einzigen Reitknechte begleitet, auf den Weg. Es war ein ſchöner, ſtiller Morgen— der erſte Tag des erſten Herbſtmonates. Ich hatte etwa zehn Meilen zurückgelegt, als ich mit einem alten franzöfiſchen Offi⸗ zier zuſammentraf. Noch erinnere ich mich— obwohl ich ihn ſeither nicht wieder ſah— ſeines Geſichtes, als ob ich ihm erſt geſtern begegnet wäre. Er war hager und lang, und gelb genug, um eher für eine Karrikatur, als ein Porträt Don Quirote's zu gelten. Er hatte eine Habichtnaſe und ein langes, ſpitziges Kinn; alle Linien, Runzeln, Falten und Furchen, die man ſich in einem menſchlichen Geſichte nur denken kann, ſchienen auf ſeinen Wangen vereint. Nichts deſtv weniger war ſein Auge hell und durchbringend— ſein Blick lebhaft— 70 und ſein ganzes Benehmen feſt, männlich und militä⸗ riſch. Er trug eine Art Interimsuniform und einen Schnurrbart, der, obwohl etwas dünn und grau, ſorg⸗ fältig geiräuſelt war, und hoch auf einer ſehr reſpek⸗ tabeln Perüke ſaß ein kleiner, mit einer ſchwarzen Feder! geſchmückter Stülphut. Er ſaß ſehr aufrecht im Sattel, und ſein Pferd, ein ſtämmiges, ſtarkes Thier von nor⸗ männiſcher Zucht mit furchtbar langem Schweife und einer ungeheuer breiten Bruſt, ſetzte in einer Art von Trott ſtattlich einen Fuß vor den andern, der zwar nach der hochbeinigen Bewegung und dem ſtolzen Blicke des Roſſes Anſprüche auf mehr als gewöhnliche Schnellig⸗ keit machte, à la vérité aber etwas langſamer als ge⸗ meiner Schritt war. Dieſer edle Ritter ſchien meinem Pferde ein hinläng⸗ licher Gegenſtand der Neugierde, um im Vorübergehen ſeine Verwunderung durch ein ſehr argwöhniſches und heftiges Scheuen an den Tag zu legen. Dieſe Ungezu⸗ genheit wurde von Seiten des normänniſchen Roſſes mit Entrüſtung erwidert, indem es eine Art Schrei aus⸗ ſtieß, ſeinen langen Kopf und Mähne ſchüttelte und eine Reihe von Kurbetten und Kaprivlen begann, von denen daſſelbe zurückzubringen dem alten Franzoſen keine kleine Mühe koſtete. Während dieſer ſeiner Launen kam mir das Pferd ſo nahe, daß es meine überkleider mit einer Freigebigkeit beſpritzte, welche vieſen eben ſo wenig zur Zierde, als mir zum Vergnügen gereichte. Als der alte Franzoſe dies gewahrte, nahm er ſeht höflich ſeinen Stülphut ab und entſchuldigte ſich wegen des Unfalles. Ich antwortete eben ſo höflich, und wie unſer ſich d auch neuen ſehr obwo! Mant denket einem ſagte verzei engliſ ſereſt das 1 der L / in ber zehn? ganz Dien Sie d gedrü der a dünn hätte Jahr d militä⸗ nd einen u, ſorg⸗ r reſpek⸗ zen Feder! n Sattel, von nor⸗ ei n Art von war nach Blicke des Schnellig⸗ r als ge⸗ hinläng⸗ bergehen ſches und e Ungezr⸗ n Roſſe chrei aus⸗ und eine n denen ine kleine kam mir mit einer wenig zur m er ſehr ich wegen und wie 71 unſere Pferde nach und nach ruhig wurden, ſo ließen ſich deren Reiter in ein Geſpräch ein. Begonnen und auch hauptſächlich unterhalten wurde dieſes von meinem neuen Gefährten, denn ich für meine Perſon bin nicht ſehr geneigt, einen unnöthigen Verkehr anzuknüpfen, obwohl ich von meinen Anſprüchen auf den Namen eines Mannes von Stande und eines Höflings ſehr gering denken mußte, wenn ich mich nicht in ein, auch von einem Bettler angebotenes Geſpräch einließe. „Sie reiten da ein hübſches Pferd, Monſieur,“ ſagte der alte Franzoſe;„aber ich kann nicht glauben- verzeihen Sie mir die Bemerkung— daß Ihre leichten engliſchen Pferde für Kriegszwecke ſo gut taugen, als un⸗ ſere ſtarken Laſtträger— voici, le mien, par exemple.“ „Wohl möglich, Monſieur,“ antwortete ich. Hat das Pferd, welches Sie hier reiten, im Felde wie auf der Landfraße Dienſte gethan?“ „Ah! le pauvre petit mignon— nein!—(petit! in der That! der kleine Liebling war zum Minbeſten ſieb⸗ zehn Fauſt hoch!)—„nein, Monfieur; dies iſt noch ein ganz junges Thier— ſein Großvater hat mir gute Dienſte gethan!“ „Ich brauche Sie nicht zu fragen, mein Herr, ob Sie die Waffen getragen— der Krieger iſt Ihnen auf gedrückt!“ „Mein Herr, Sie ſchmeicheln mir zu ſehr!“ ſagte der alte Herr, indem er bis zum Gipfel ſeiner langen, dünnen Ohren erröthete, und ſich ſo tief verbeugte, als hätte ich ihn einen Conde genannt;„mehr als ſünfzig Jahre habe ich das Waffenhandwerk getrieben.“ 72 „Fünſzig Jahre— eine lange Zeit!“ „Eine lange Zeit,“ verſetzte mein Gefährte und begleitete meine ſcharfſinnige Bemerkung wieder mit einem Bücklinge—„eine lange Zeit, wenn man mit Bedauern darauf zurückblickt.“ „Mit Bedauern! beim Himmel— ich ſollte den⸗ ken, die Erinnerung an fünfzig Jahre voll Bewegung und Ruhm müſſe ein wahrer Triumph ſein.“ Der Alte drehte ſich im Sattel um und ſah mich einige Augenblicke ſehr nachdenklich an—„Sie ſind jung, mein Herr,“ ſprach er;„und in Ihren Jahren hätte ich auch ſo gedacht,— aber—“(hier änderte er plötzlich die Stimme und fuhr fort)—„Trinmph, ſagten Sie? Herr, ich haite drei Söhne; ſie ſind todt— ſie ſtarben in der Schlacht— ich weinte nicht — ich vergoß keine Thräne, mein Herr,— keine Thräne! Aber ich will Ihnen ſagen, wann ich weinte. Als ein alter Kerl kehrte ich in die Heimath zurück, die ich jung verlaſſen. Ich ſah das Land verwüſtet. Ich ſah, daß die Edelleute Tyrannen— die Bauern Skla⸗ ven geworden— Sklaven, die aus Verzweiflung Wilde wurden, wenn ſie auch ihrer Gemüthsart nach noch ſo fröhlich waren. Herr, ich ſah, wie die Pfaffen plag⸗ ten und ſchindeten, wie der Gutsherr ausſaugte und plünderte, und der Steuereinnehmer das Wenige her⸗ auspreßte, was die andern Unterdrücker übrig gelaſſen hatten:— Arger, Mißvergnügen, Elend, Hunger, eine furchtbare Spaltung zwiſchen der einen Klaſſe der Nation und der anderen— von Seiten des Abels eine unglaubliche Gleichgültigkeit gegen das Elend, das ſein Deſt tücki Ungl renſt den voll delt gewo ausg Wor der Volk Lehet Vaſa Baue die Jahren derte er rinmph, ſie ſind te nicht keine weinte. rück, die et. Ich en Skla⸗ Wilde noch ſo en plag⸗ igte und nige her⸗ gelaſſen Hunger, laſſe der dels eine das ſein 73 Deſpotismus verurſachte— von Seiten des Volkes ein tückiſcher, rachſüchtiger Haß gegen die Urheber dieſes unglückes— alle Amter verkauft— ja ſogar alle Eh⸗ renſtellen bei Hofe, der zum öffentlichen Markte gewor⸗ den iſt, verſteigert— eine Provinz voll Bauern— voll lebendiger Menſchen, um ein paar Livres verhan⸗ delt und buchſtäblich von einer Hand in die andere geworfen— um von jedem neuen Beſitzer aufs Neue ausgezogen und ausgepreßt zu werden— mit einem Worte, mein Herr, ein verdorbener Hof, ein Abel, der ſich nicht durch eine einzige Wohlthat mit dem Volke verſöhnte, wie fle in anderen Ländern, wo das Lehensweſen noch auf der höchften Stufe ſieht, der Vaſall von ſeinem Herrn erhält— ein ausgehungerter Bauernſtand— eine mit Schulden überladene Nation, die durch Thränen bezahlen möchte;— das war es, was ich ſah— das ſind die Folgen dieſer herzloſen, elenden Eitelkeit, aus welcher Kriege entſprangen, welche eben ſo wenig Nutzen, als Ehre brachten— dies ſind die eigentlichen Beſtandtheile jenes Trium⸗ phes, wie Sie ſich ausdrückten, und auf den ich zu Ihrer Verwunberung mit Bedauern zurückblicke.“ Obwohl man in der ſpätezn Zeit Ludwigs XIV. un⸗ möglich an deſſen Hofe leben könnte, ohne an dem allge⸗ meinen Mißvergnugen, vas ſelbſt dort vorherrſchte, zu fühlen, welch püſtere Wahrheit in den Worten des alten Kriegers lag— war ich doch über eine ſo wenig mili⸗ täriſche Begeiſterung bei einem Manne erſtaunt, ter offenbar eine ſo kriegeriſche Haltung und Miene atte. 74 „Sie entwarfen da ein melancholiſches Gemälde,“ ſagte ich;„und der ſchlechte Zuſtand des Anbaues in der Gegend, welche wir eben bereiſen, zeigt, daß Sie durchaus nicht übertrieben haben. Inbeſſen ſind dies nur die gewöhnlichen übel des Krieges, und wenn Ihr Vaterland darunter leidet, ſo vergeſſen Sie nicht, vaß es dieſelben auch anderen Ländern zugefügt hat. Er⸗ innern Sie ſich, was Holland von Frankreich erfuhr, und geſtehen Sie, doß es nur Wiedervergeltung iſt, wenn Frankreich jetzt findet, daß das Unrecht, welches wir Andern zufügen(bei Nationen, wie bei einzelnen Perſonen), dem Thäter ſelbſt zum Nachtheil gereicht.“ Mein alter Franzmann drehte ſeinen Schnurrbart zwiſchen Daumen und Zeigfinger der linken Hand; dieſe Betrachtung war ihm beinahe etwas zu fein. „Dies mag wohl wahr ſein, Monſieur,“ erwiderte er,„aber morbleu, dieſe maudits Holländer verdien⸗ ten, was ſie von unſern Händen zu dulden hatten. Nein, Herr, nein— ich denle nicht ſo gemein— diß ich den Ruhm vergeſſen könnte, den ſich mein Vate⸗ land erwarb, obwohl ich wegen deſſen Wunden weine“ „Ich verſtehe Sie nicht ganz, mein Herr,“ ſagte ich;„gaben Sie nicht eben zu, daß die Kriege, welche Sie mitgemacht, weder Ehre, noch Vottheil brachten? Welcher Ruhm war alſo in einem Kriege dieſer Art zu erringen, weun er auch noch ſo belebt dadurch wurde, daß man dieſen maudits Holländern die Hälſe abſchnitt?“ „Herr,“ antwortete der Franzmann, indem er ſich aufrichtete,„Sie haben mich wirklich nicht verſtanden. emälde,“ waues in daß Sie ſind dies venn Ihr icht, vaß hat. EFr⸗ h erfuhr, eltung iſt, ,welches einzelnen gereicht.“ hnurrbart en Hand; fein. erwiderte r verdien⸗ n hatten. in— dif in Vatet⸗ en weine“ r ſagte ge, welche brachten? dieſer Art aurch die Hälſe dem er ſich verſtandeb. 75 Wenn wir Holland züchtigten, ſo thaten wir recht. Wir eroberten!“ „Ob Ihr erobertet, oder nicht(denn die guten Leute in Holland ſind hierüber nicht ganz derſelben Meinung),“ antwortete ich,„war boch dieſer Krieg ver ungerechteſte, in welchen ſich Euer König je einge⸗ laſſen; ſagen Sie mir aber doch, mein Herr, welchen Krieg beklagen ſie denn!“ Der Franzoſe runzelte die Stirne— pfiff— ſchob in einer Art ärgerlicher Verlegenheit die Unterlippe vor— ſpornte dann ſein großes Pferd zu einer Kur⸗ bette und ſagte:„Den letzten Krieg mit den Eng⸗ ländern!“ „Wahrhaftig,“ erwiderte ich,„dies war der ge⸗ rechteſte von allen.“ „Gerecht!“ rief der Franzoſe, indem er plötzlich anhielt und mir einen Feuerblick zuwarf,„gerecht! — Nimmermehr! Ich war bei Blenheim und Ra⸗ milies!“ Bei dieſen Worten bebte die Stimme des alten Kriegers; und obwohl ich innerlich über die Begriffs⸗ verwirrung lachen mußte, nach welcher Kriege gerecht over ungerecht waren, je nachdem ſie ein glückliches oder ein unglückliches Ende nahmen, ehrte ich doch ſeine Gefühle, wandte mein Geſicht ab und blieb ſtille. „Ja,“ nahm mein Gefährte wieder das Wort, in⸗ dem er offenbar ſchamroth wurde und ſeinen Stülphut in die Stirne drückte,„ja, ich erhielt meine letzte Wunde hei Ramilies. Dort öffneten ſich meine Au⸗ gen für die Gräuel des Krieges; dort ſah und ver⸗ 76 luchte ich vie übel ves Ehrgeizes; vort faßte ich den Entſchluß, mich von dem Heere eines Königes zurück⸗ zuziehen, der ſeinen Namen, ſeinen Ruhm, ſein Land auf immer verloren hatte.“ Gab es je ein beſſeres Bild der franzöſiſchen Na⸗ tion, als dieſen alten Krieger? So lange ihnen vas Glück lächelt, heißt es:„Marchons au diable!“ und „Vive la gloire!“ Sobald ſie geſchlagen ſind, hört man nur:„La pauvre patrie!“ und„Les calamités affreuses de la guerre!“ „Indeſſen,“ bemerkte ich,„nähert ſich der alte König dem Ende ſeiner Tage und ſoll Reue über das Elend zu erkennen geben, das ſein Ehrgeiz anſtiftete.“ Der alte Krieger ſchob ſeinen Hut zurück und bot mir ſeine Doſe an. Ich ſchloß daraus, daß er etwas weich geworben. „Ach!“ begann er nach einer Pauſe wieder,„Ach! die Zeiten haben ſich traurig geändert ſeit dem J. 1667, wo der junge König— damals war er jung— unter dem großen Turenne den Feldzug in Flandern mitmachte. Sacristie! Wie heldenmäßig er auf ſeinem weißen Schlachtroſſe ausſah! Ich— ja der gemeinſte, hin⸗ terſte Soldat in dem Lager— hätte ſich der Mündung der Kanonen eutgegengeſtürzt für einen Blick aus die ſem majeſtätiſchen Geſichte, oder für ein Wort aus dieſem Munde, der ſo gut wußte, was Worte ſind! Sir, in dem Kriege von zweiundſiebenzig, als wir Friede mit Großbritannien hatten, diente ein engli⸗ ſcher Herr in der Armee, der in der Folge Mar⸗ ſchall von Frankreich wurde; noch erinnere ich mich, ich den zurück⸗ in Land hen Na⸗ en das und d, hört Uamités der alte über das ſtiftete.“ und bot er etwas r„„Ach! J. 1667, — unter itmachte. tweißen ſte, hin⸗ Ründung aus die Bort aus te ſind! „ als wir in engli⸗ ge Mar⸗ ich mich, 77 als wäre es geſtern geweſen, wie iapfer er ſich benahm. Der König ließ ihm nach einem beſonderen Beweiſe von Muth und tapferem Benehmen ſeine Zufriedenheit bezeugen und fragte, welche Gnade er ſich wünſche. „„Sire,““ antwortete der Engländer,„„geben Sie mir die weiße Feder, die Sie heute getragen.““ Von die⸗ ſem Augenblicke an war das Glück des Engländers gemacht!“ „Die Schmeichelei that hier noch mehr, als der Muth, erwiderte ich lächelnd, als ich in der Anekdote den erſten großen Schritt erkannte, den mein Vater auf der Leiter des Glückes gemacht hatte. „Sacristie!“ rief der Franzoſe,„es war damals keine Schmeichelei. Wir vergötterten den König der⸗ geſtalt, daß einfache Wahrheit als Untreue erſchienen wäre; und wir dachten ſo wenig daran, daß auch in dem ausſchweifendſten, ihm gezollten Lobe Schmeichelei liege, als wir eine ſolche in dem Lobe, das wir unſerer erſten Geliebten ſpendeten, vermuthet hätten. Jetzt aber iſt Alles anders! Wer kümmert ſich jetzt um den alten, von den Pfaffen gerittenen Monarchen?“ Damit hatte den Veteran die augenblickliche Be⸗ geiſterung überwältigt, welche die Erinnerung an des Königs frühere Großthaten in ihm erweckt hatte. Er wandte ſein ganzes Talent der Beſchreibung der ent⸗ gegengeſetzten Seite zu und verbreitete ſich ſehr kräftig über die königlichen Fehler und Irrthümer, die im Glück ſo bezaubernd waren, und jetzt im Unglück ſo abſcheulich ſeien. Unter ſolchen Geſprächen kamen wir Verſailles 78 näher. Die Umgebung der Stadt dünkte nus ungewöhn⸗ lich menſchenleer. Wir ritten in die Hauptſtraße— Menſchenmaſſen waren da verſammelt— man hörte überall ein Gemurmel— Aufregung ſprach ſich in jedem Geſichte aus. Hier ſuchte ein altes Weib einem vreijährigen Kinde etwas zu erklären, was dieſes offen⸗ bar nicht verſtand; mit offenem Munde und ſtarren Augen ſchien es das mangelnde Verſtändniß durch Ver⸗ wunderung zu erſetzen; dort ſtand eine Gruppe alter, verabſchiedeter Soldaten mitten im Wege, die, wie man aus ihren halblauten Reben ſchließen konnte, über einen Prieſter lachten und ſpotteten, der mit niedergeſchlage⸗ nem Blicke und melancholiſcher Miene vorübereilte. Ein junger Burſche rief aus:„Wenigſtens iſt es Feiertag und ich gehe nach Paris!“— und im Gegen⸗ ſatze zu ihm lehnte ſich ein alter, verwitterter Hand⸗ werker, deſſen Geſicht in jeder Linie beredt den häßlich⸗ ſten Geiz ausdrückte, auf einen Stock mit goldenem Knopfe und murmelte gegen einen anderen Geizhals hin:„Keine Arbeit heute— kein Geld, Johann— kein Geld!“ Ein Haufen Weiber jeden Alters, an welchem mein Pferd nahe vorüberging, war ganz nur mit einem Gegenſtande beſchäftigt, und zwar ſo leiden⸗ ſchaftlich, daß ich die Worte, um welche ſich die Erör⸗ terung drehte, deutlich verſtand.„Traner— bekommen — welcher Schnitt?— wie lange?— 0 ciel!“ So zeigt ſich die Narrheit noch an der Todtenbahre! „Was gihtes venn Neues, meine Herren?“ fragte ich. „Neues— wie, Sie haben es noch nicht gehört? — Der König iſt geſtorben!“ Mann mit düt Den, r Sie ſir Recht, hatte e den Ka „E chen ki umher; Allem „U offenba „S nun— unterwe vor— pah! QT mein G nicht g Herr? wöhn⸗ aße— hörte ſich in einem offen⸗ ſtarren Ver⸗ e alter, i man r einen ſchlage⸗ lte. s iſt es Gegen⸗ Hand⸗ häßlich⸗ enem eizhals — ers, an anz nur leiden⸗ e Erör⸗ kommen So 1 agte ich. gehört? „Ludwig geſtorben— Ludwig der Große todt!“ rief mein Gefährte. „Ludwig der Große?“ ſagte ein finſter ausſehender Mann,„Ludwig der Verfolger!“ „Ha— das iſt ein Hugenott!“ rief ein Anderer mit dürren Wangen und tiefliegenden Augen, und ſah Den, welcher zuletzt geſprochen, ſauer an.„Kümmern Sie ſich nicht um ſolches Geſchwätz— der König hatte Recht, wenn er den Ketzern den Schutz verſagte— hatte er aber auch Recht, wenn er ſolche Stenern von den Katholiken erhob?“ „Stille!“ ſagte ein Dritter,„ſtille— das Spre⸗ chen könnte gefährlich werden— es ſchleichen Spioné umher; ich für meinen Theil glaube, daß der Adel an Allem Schuld war.“ „Und die Günſtlinge!“ rief trotzig ein Soldat. „Und die Diener!“ kreiſchte eine achtzigjährige Hexe. „Und die Pfaffen!“ murmelte der Hugenott. „Und die Steuereinnehmer!“ ſetzte der magere Ka⸗ tholik hinzu. Wir ritten langſam weiter. Mein Gefährte war offenbar ſehr angegriffen. „So, er iſt todt!“ ſagte er.„Todt!— nun— nun— Friede ſei mit ihm. Er ſiegte in Holland— er unterwarf Genua— er ſchrieb Spanien ſeinen Willen vor— er befahl einem Condé und Turenne— er— pah! Was ſoll dies Alles heißen?“ Dann wandte ſich mein Gefährte plötzlich zu mir und ſagte:„Ich habe nicht gegen den König geſprochen, nicht wahr, mein Herr 74 80 „Nicht beſonders.“ „Das freut mich— ja, das freut mich ſehr.“ Und der alte Mann blickte grimmig auf einen Trupp Straßenjungen, welche laut auf den todten Löwen ſchimpften.„Lieber wollte ich mir die Zunge abbeißen, als in die gemeine Freude dieſer belfernden Schurken mit einſtimmen, Himmel! wenn ich daran denke, wel⸗ chen Inbel ich mit anhörte— wenn nur der Name vieſes Mannes, der damals für nicht viel weniger als einen Gott galt, ausgeſprochen wurde!— und jetzt— warum ſehen Sie mich an, mein Herr? Meine Augen ſind feucht— ich weiß es, mein Herr— ich weiß es. Der alte, verwitterte, gebrochene Krieger, der ſeine erſten Feldzüge machte, als Derjenige, welcher jetzt Staub iſt, der Abgott Frankreichs war und Turennes Zögling— der alte Krieger ſoll keine trockene Angen behalten, wenn auch in dem ganzen, großen Reiche keine andere Thräne vergoſſen wirb.“ „Ihre drei Söhne?“ fragte ich;„weinten Sie nicht um Dieſe?“ „Nein, mein Herr— ich liebte ſie, als ich alt war; Ludwig dagegen liebte ich, als ich jung war!“ „Ihr unterdrücktes und berauhtes Vaterland?“ ſagie ich;„denken Sie an dieſes?“ „Nein, mein Herr, daran will ich nicht denlen!“ rief der alte Krieger leivenſchaftlich.„Daran will ich nicht denken, wenigſtens heute nicht.“ „Sie haben Recht, mein tapferer Freund; auch das dem Lande zugefügte Unrecht wollen wir mitbegrahen — aher nicht die Erinnerung varan. Möge die Freude die w — bi tiſche eit M wir ab ſagte e Freude ſeren kleinen ſie den auf— über di „Und h Landsle zeichnen Welches 1 Als! alter R weiter. ken eiwa Bulw 31 die wir auf dem Geſichte jedes Vorübergehenden leſen Und— die Freude über den Tod eines Mannes, den abgöt⸗ Truph tiſche Verehrung einſt für unſterblich zu halten ſchien Löwen— eine Lehre für künftige Könige ſein!“ beißen,* Mein Gefährte antwortete nicht augenblicklich; als churken wir aber nach einiger Zeit die Stadt hinter uns hatten, e, wel⸗ ſagte er:„Freude, mein Herr,— Sie ſprechen von Name Freude! Ja, wir find Franzoſen— wir vergeben un⸗ iger als ſeren Regenten gerne ihre perſönlichen Abwege und jett— kleinen Fehler; nie aber verzeihen wir es ihnen, wenn e Augen ſie den größten Fehler begehen, und einen Fleck laſſen weiß es. auf—. 8 ſeine„Was?“ fragte ich, als mein Gefährte plötzlich er je abbrach. urennes„Auf der Ehre der Nation, Monſieur!“ antwor⸗ e Angen tete er. Reicht„Sie haben es getroffen,“ erwiverte ich, lächelnd über die Eitelkeit, die ſo tief und wahr gefühlt wurbe. Pie nicht„Und hätten Sie Fplianten über den Charakter Ihrer Landsleute geſchrieben, Sie hätten ihn nicht beſſer he⸗ alt wr; zeichnen können.“ Achtes Kapitel. benken!“ Welches Grund zu der Befürchtung gibt, daß Fürſten nicht will ich immer frei von menſchlichen Schwächen ſelen. Als wir Paris erreicht hatten, verabſchiedete ſich mein auch da alter Reiſegefährte, und ich ritt nach meinem Hotel begraher weiter. Nachdem ſich bie erſte Aufregung meiner Gedan⸗ Frenude, ken etwas gelegt hatte, und nach verſchiedenen Pulwer, Devereur. II. 82 mehr allgemeiner Art, fing ich an zu überlegen, welchen Einfluß der Tod des Königes wohl auf mein eigenes Schickſal haben möchte. Auf den erſten Blick mußte ich erkennen, daß für die Sache des Chevalier und den Aus⸗ gang ſeiner gegenwärtigen Unternehmungen in Schott⸗ land kein unglücklicheres Ereigniß hätte eintreten können. Ich ſah voraus, daß in dem Streite der franzöſi⸗ ſchen Parteien der Ausſchlag ganz zwiſchen den Herzog von Orleans und die legitimen Kinder des verſtorbenen Königes gelegt ſei, und daß Letztere wegen ihrer ge⸗ nauen Verbindung mit Frau von Maintenon nicht ſehr geneigt ſein werden, die Wohlfahrt des guten Grafen Devereux in Vetrachtzu ziehen. Meine Wünſche wandten ſich daher natürlich dem Erſteren zu, und ich ſollte nicht lange in Ungewißheit bleiben. Jedermann weiß, daß gleich am folgenden Tage der Herzog von Orleans vor dem Parlamente erſchien und zum Regenten prokla⸗ mirt wurde;— das Teſtament des verſtorbenen Kö⸗ niges ließ man unbeachtet, und der Herzog von Maine ſank tout-à-coup ſo tief in dem Beſitze der Macht, als er wegen ſeines Verſtandes immer verächtlich ge⸗ weſen war. Es entſtand nun einiger Lärm— im All⸗ — emeinen aber lachten die Leute über die Feinheit des! 8 Regenten— und die Scharffinnigeren bewunderten den Muth und vie Gewandtheit, auf welchen dieſe Fein⸗ heit beruhte. Die Mutter des Regenten ſchrieb darüber einen Brief von neunundſechszig Seiten; und die Her⸗ zogin von Maine beohrfeigte den Herzog wacken, weil er nicht ſo geſcheit ſei als ſie ſelbſt. Ganz Paris trug ſich mit frendigen Ahnungen, und der Regent, der noch vor kt tern r menſte für de Herzet Tage: womit Je teren der S weg ur vertief dunkelt nigen, ſehr ſe rechten zuerſt dunkeln ſo viel beehrt und der Einbild dem St zu komn anderen ſchnitt, — der L ſtimmen Augenbl dem Ur elchen eigenes cht ſehr ans vor prokla⸗ en Kö⸗ Maine Macht, tlich ge⸗ im All⸗ heit des rten den ſe Fein⸗ darüber die Her⸗ en, weil ris trug der noch vor kurzer Zeit in dem Verdachte geſtanden, ſeine Vet⸗ tern vergiftet zu haben, wurde jetzt für den vollkom⸗ menſten Prinzen, den man ſich nur denken könne, und für das Ebenbild Heinrichs IV., ſowohl nach ſeiner Herzensgüte als nach ſeinen Geſichtszügen, erklärt. Drei Tage nach dieſem Ereigniſſe begegnete mir ſelbſt eines, womit meine öffentliche Laufbahn ſo zu ſagen begann. Ich hatte den Abend in einem Hauſe eines entfern⸗ teren Theiles von Paris zugebracht, und angezogen von der Schönheit der Nacht, ſchickte ich meinen Wagen weg und ging allein zu Fuße nach Hauſe. In Gedanken vertieft, und nicht ſehr genau mit den gefährlichen, dunkeln Straßen von Paris bekannt, in welche Dieje⸗ nigen, welche über einen Wagen zu gebieten hatten, nur ſehr ſelten zu Fuße kamen, kam ich unvermerkt vvm rechten Wege ab. Als ich dieſen unangenehmen Umſtand zuerſt entdeckte, befand ich mich in einer ſchmutzigen, dunkeln Gaſſe, Straße kann ich es nichtnennen, die ich, ſo viel mir erinnerlich, früher nie mit meinem Beſuche beehrt hatte. Während ich noch in der eiteln Hoffnung und dem ängſtlichen Beſtreben daſtand, mir durch meine Einbildungskraft eine Art Charte— einen Plan aus dem Stegreif zu bilden, um wieder auf den rechten Weg zu kommen, hörte ich ein verwirrtes Geſchrei aus einer anderen Gaſſe kommen, welche diejenige gerade durch⸗ ſchnitt, in welcher ich mich eben befand. Ich horchte — der Lärm wurde dentlicher— ich erkannte Menſchen⸗ ſtimmen in lautem, zornigem Wortwechſel im nächſten Augenblicke vernahm ich einen Angſtruf. Obwohl ich dem Umftande keine beſondere Wichtigkeit beilegte, 34 dachte ich voch, ich könne mich eben ſo gut dem Orte des Tumultes mehr nähern. Ich ging auf die Thüre des Hauſes zu, aus welchem der Angſtruf gekommen war; vaſſelbe war ſehr klein und niedrig. Als ich ge⸗ rade hinzutrat, wurde ein Fenſter aufgeriſſen, und eine Stimme rief:„Hülfe! Hülfe! um Gottes willen, Hülfe!“ „Was gibt es?“ fragte ich. „Wer Sie auch ſeien, retten Sie uns 1“ rief die Stimme,„und zwar ſogleich oder wir werben ermordet;“ im nächſten Augenblicke ſchwieg die Stimme plötzlich, und Degengeklirr ließ ſich vernehmen. Ich klopfte laut an die Thüre— ich rief ſo ſtark ich konnte— keine Antwort; vrinnen ſchien das Gefecht hitziger zu werden; links ſah ich eine ſchmale Sackgaſſe; eine der elenden Weibsperſonen, welche an ſolchen Orten zu Hauſe find, ſtand darin.„Auf welche Art kann man in das Haus kommen?“ fragte ich. „Ach!“ antwortete ſie,„kümmern Sie ſich nicht darum, es iſt nicht das erſtemal, daf Leute von Stande ſich da die Kehlen abſchneiden.“ „Wie! iſt es ein Haus von ſchlechtem Rufe?“ „Ja; und es find dort ebenſowohl Mönner, bie Dolche tragen und Börſen nehmen— als Frauen, die—“ „Guter Himmel!“ unterbrach ich ſie,„da iſt keine Zeit zu verlieren. Gibt es keinen anderen Eingang als durch dieſe Thüre?“ „Ja, wenn Sie den Muth haben, durch eine andere einzutreten!“ „Wo?“ 4 S zeigte hinau auf di Thüre ſcheide theter Auftri Ei bedeckt ſchiede dem B deutig⸗ deten 2 ungehe des Ge ſeinen ſehende geſchick aber da den St: Abſicht ein, un hindert ſcheinlic belagert ſchloß ie Hülfe g In Orte Thüre ommen ich ge⸗ nd eine willen, rief die ordet;“ lötzlich, ſo ſtark Gefecht ckgaſſe; nOrten nn man ch nicht Stande 2⁵ er, die die—“ iſt kein⸗ kang als e anbere 85 „Unten an dieſem Sacke.“ Sogleich trat ich in den Sack— die Weibsperſon zeigte auf eine kleine, dunkle, enge Treppe— ich ſtieg hinauf— der Lärm wurde immer ſtärker. Ich gelangte auf die zweite Treppe— ein Licht ſchimmerte aus einer Thüre— innen konnte man deutlich Degengeklirr unter⸗ ſcheiden— ich riß die Thüre auf und wurde unvermu⸗ theter Zeuge eines ſpaßhaften und zugleich furchtharen Auftrittes. Ein mit Flaſchen und überbleibſeln eines Mahles bedeckter Tiſch ſtand in der Mitte des Zimmers; ver⸗ ſchiedene Beſtandtheile weiblicher Kleidung lagen auf dem Voden zerſtreut; zwei Frauenzimmer von unzwel⸗ deutigem Außeren klammerten ſich an einen reich geklei⸗ deten Mann an. Dieſer war glücklicherweiſe hinter einen ungeheuren Stuhl gelangt, der wahrſcheinlich während des Gefechtes umgeworfen worden war, und ſuchte, in ſeinen Bewegungen ſehr gehindert, einen wild drein⸗ ſehenden Kerl von ſich abzuhalten, der den Degen mit geſchickter Hand führte, in der Bewegung ſeines Armes aber dadurch gehindert wurde, daß er mit der Linken den Stuhl wegzurücken ſuchte. So oft er ſich in dieſer Abſicht bückte, drang ſein Gegner ſehr heftig auf ihn ein, und hätten ſeine weiblichen Feinde dieſen nicht ge⸗ hindert, ſo würde er ſeinen Angreifer doch höchſt wahr⸗ ſcheinlich niedergemacht oder entwaffnet haben. Da der belagerte Herr mit dem Rücken gegen das Fenſter ſtand, ſchloß ich hieraus ſogleich, er ſei es geweſen, der um Hülfe gerufen. In der entgegengeſetzten Ecke des Zimmers ſtand 86 ein anderer Cavalier, ver ſeinen Degen äußerſt geſchickt führte, allein von zwei ſtämmigen Burſchen hart be⸗ drängt, dieſen mehr zu ſeiner Vertheidigung als zum Angriff zu gebrauchen ſich genöthigt ſah. übrigens zeigte das unordentliche Ausſehen des Zimmers, die zerbroche⸗ nen Flaſchen, der Dampf, wovon die heiße Luft voll war, die augenſcheinliche Verworfenheit der beiden Wei⸗ ber, die halb abgeriſſene Kleidung der Cavaliere, die ſchurkiſche Miene und die entſchloſſene Wildheit der Angreifer deutlich genug, daß hier eines jener gefähr⸗ lichen Freudenfeſte ſtattgefunden, bei welchen unvor⸗ ſichtige Lüſtlinge zu jener Zeit häuſig durch verräthe⸗ riſche Delila's in die Hände von Philiſtern geliefert wurden, welche nicht zufrieden damit, vaß ſie dieſelben auszogen, um ſie zu plündern, ſie auch häufig ermor⸗ deten, damit die Sache nicht ruchbar werde. Nach einem ſchnellen, aber genügenden Blick auf den Schauplatz hielt ich jede Einleitung für überflüſſig. Ich warf mich ſo wohlwollend auf den nächſten Brayo, daß ich ihn durch den Leib rannte, ehe er ſich von ſeinem Staunen über mein Erſcheinen erholt hatte. Dies macht die beiden Anderen etwas ſtutzig; ſie zogen ſich zurück und baten um Gnade. „Ja freilich, Gnade,“ rief der entferntere Cava⸗ lier, indem er ſich von ſeinen erſtaunten weiblichen Feinden losmachte und hurtig über die Barrikade weh in die Mitte des Zimmers ſprang—„ja freilich, Gnade, ihr verdammten Trunkenbolde! Nein, jetzt iſt die Reihe an uns und bei Joſeph von Arimathia, ihr ſollt hent mit Pilatus zu Nacht ſpeiſen.“ N Angret kurzem hier w Der n wegs f Knie: lagerte erbeten demüth grauſat furchtb das end wäre, in den „S doch m Schurk Dann auf, duld mi 87 eſchickt Nach vieſen Worten drang er auf ſeinen vorigen rt be⸗ Angreifer mit ſolcher Wuth ein, daß dieſer ſich nach ls zum kurzem Kampfe nach der Thüre zurückzuziehen anfing; zeigte hier wandte er ſich plötzlich um und verſchwand im Nu. broche⸗ Der noch übrig gebliebene dritte Bandit hielt ſich keines⸗ ft voll wegs für die drei Männer gewachſen; er fiel auf ſeine nWei⸗ Knie und bat um Gnade. Der Vertheidiger des be⸗ ere, die lagerten Stuhles war indeſſen wenig geneigt, ihm die eit der erbetene Milde zu gewähren und näherte ſich dem ge⸗ gefähr⸗ demüthigten Bravo mit einer ſo grimmigen Miene von unvor⸗ grauſamer Luſt, indem er mit geſchwungenem Degen erräthe⸗ furchtbare Drohungen ausſtieß, daß wenig Zweiſel über geliefert vas endliche Schickſal des zitternden Raufboldes geblieben ieſelben wäre, hätte ſich nicht der andere Herr ſeinem Freunde ermor⸗ in den Weg geſtehlt. „Stecke Deinen Degen ein,“ ſagte er lachend und lick auf voch mit einem gebietenden Ausdrucke;„wir dürfen der erflüſſig. Schurkerei nicht den Hof machen und ſie dann beſtrafen.“ Bravo, Dann wandte er ſich an den Räuber und ſagte:„Stehe n ſeinem auf, Schurke! der Teufel hat noch etwas länger Ge⸗ s machte duld mit Dir, und dieſer Herr wird ſeines wie Dei⸗ ch zurüc nes Herrn Wünſchen nicht entgegen handeln wollen.— Packe Dich!“ e Cava⸗ Der Burſche wartete auf keine zweite Aufforderung; beiblichen er ſprang auf und eilte nach der Thüre. Der hiedurch ade we getänſchte Cavalier half ihm mit einem Tritt die Treppe „Gnade, hinab, der bei jedem an ſolche Fußapplikationen nicht die Reihe gewöhnten Fleiſche den Dienſt des Degens gethan haben plIt heut würde. Der mildere Herr ſieckte ſeinen Degen ein und wandte ſich dann zu den Damen, welche zuſammen⸗ 68 gekauert unter dem ſchützenden Stuhle lagen, den ihr beabſichtigtes Opfer verlaſſen hatte. „Ah, Mesdames,“ ſagte er ernſt mit einer tieſen Verbeugung,„es thut mir leid, daß Sie ſo getänſcht wurden. So lange Sie ſich mit Diebſtahl begnügten, wäre es eine Schande geweſen, wenn man Ihre unſchul⸗ digen Beluſtigungen hätte ſtören wollen; aber entblößte Dolche werden ernſthaft. Monſieur d'Argenſon wird Sie morgen mit einer kleinen Unterſuchung begünſtigen; für jetzt empfehle ich Ihnen, den Reſt in der Flaſche zu leeren. Adien!— Mein Herr, dem ich ſo ſehr ver⸗ pflichtet bin, beehren Sie mich mit Ihrem Arme die Treppe hinab. Sie,“ ſich zu ſeinem Freunde wendend, „werden uns folgen und ein wachſames Auge nach hinten behalten. Allons, vive Henri Quatre!“ Während wir die dunkle, rauhe Treppe hinabſtiegen, ſagte mein neuer Gefährte:„Welch herrliches Gegen⸗ gift gegen die Wirkungen des Champagners iſt doch ein ſolcher Strauß. Mir iſt, als hätte ich ſeit ſechs Stunden keinen Tropfen genoſſen. Welcher glückliche Zufall brachte Sie hierher, Monſieur?“ fragte er mich. Wir waren jetzt an dem erſten Treppenabſatze; ein hohes, ſchmales Fenſter ließ das Mondlicht ein und wir ſahen deutlich unſere Züge. „Das Schickſal,“ antwortete ich und ſah dabei meinen neuen Bekannten feſt, aber mit dem Ausdrucke tieſer Ehrerbietung an—„das Schickſal, das über König⸗ veiche wacht und das, wie ich hoffe, an keinem Orte undunter keinen Umſtänden Eure Hoheit verlaſſen wird.“ „Hoheit!“ wiederholte mein Gefährte erröthend und n „Stil Sie le sezoge „ dieſe hoffe und in reich; sieur Sie g ſeinen kunft Doch en ihe tiefen tänſcht nügten, nſchul⸗ tblößte n wird ſtigen; Flaſche hr ver⸗ me die endend, hinten ſtiegen, Gegen⸗ doch ein Stunden Zufall ch. tze; ein und wh imeinen ke tieſer König⸗ m Orte nwird.“ rröthend und warf erſt ſeinem Freunde, dann mir einen Blick zu. „Still— mein Herr, ſo kennen Sie mich alſo— ſprechen Sie leiſe— Sie wiſſen alſo, für wen Sie Ihren Degen gezogen?“ „Ja, wenn Eure Hoheit erlauben. Ich habe ihn dieſe Nacht für Philipp von Orleans gezogen; doch hoffe ich, ich werde ihn auf einem anderen Schauplatze und in einer anderen Sache für den Regenten von Frank⸗ reich ziehen!“ Neuntes Kapitel. Ein Fürſt— Eine Audienz— Eine geheime Geſandtſchaft. Der Regent ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er in verändertem, ernſtem Tone: C'est hien, Mon- sieur! Ich danke Ihnen für die Unterſcheidung, die Sie gemacht. Es wäre nicht übel,“ ſetzte er gegen ſeinen Gefährten gewandt hinzu,„wenn Sie in Zu⸗ kunft auch bisweilen dieſe Unterſcheidung machen wollten. Doch hier iſt weder Zeit noch Ort zu vielen Worten. Vorwärts, meine Herren!“ Ich bot dem Prinzen wieder meinen Arm und durch⸗ ſchaute ſein Herz, als er, obwohl äußerſt höflich, den⸗ ſelben ablehnte. Auch durch Entdeckung ſeiner Größe werden wir einem Manne nicht theurer, wenn er dieſe geheim zu halten wünſcht. Inbeſſen war es ja nicht die Liebe des Wüſtlinges, ſondern Einfluß bei dem Prinzen, was ich wünſchte und weßhalb ich mein Spiel ſpielte. Wir verließen das Haus, traten auf die Straße 90 und gingen ſchnell und ſchweigend weiter, bis die natür⸗ liche Heiterkeit des Herzogs ſich in ihrer gewöhnlichen Art wieder äußerte und er unter Lachen ſagte:„Es iſt in der That ein wenig hart, daß ein Mann, der den ganzen Tag für das öffentliche Wohl gearbeitet hat, ſich ſchämen ſoll, wenn er des Abends einige Stunden ſeinem Privatvergnügen widmet; aber ſo iſt es. Einmal ehr⸗ bar, immer ehrbar! heißt der Grundſatz der Welt— he, Chatran?“ Der Begleiter verbeugte ſich.„Mit Erlaubniß Eurer königlichen Hoheit iſt dies ein ſehr guter Spruch, ver uns vor der Sünde bewahren ſoll, je ehrbar zu ſein!“ „Ha, ha! Sie haben un grand talent pour la morale, mon bon Chatran!“ rief der Herzog,„und würden aus dem ſchlimmſten Bonmont des Dubois eine Verhaltungsmaßregel ableiten. Monfleur, verzeihen Sie, aber ich habe Sie ſchon geſehen; Sie ſind der Graf—“ „Deverenx, Monſeigneur.“ „Ganz richtig! Ich habe viel von Ihnen gehoͤrt; Sie ſind ein vertrauter Freund Lord Bolingbrokes. Hätte ich doch fünfzig Freunde wie ihn.“ „Monſeigneur würde wenig Mühe von der Regent⸗ ſchaft haben, wenn dieſer Wunſch in Erfüllung ginge,“ ſagte Chatran. „Tant mieux, wenn ich eben ſo wenig Haß als Mühe davon hätte— ein Glück, das ich, Dank Ihnen und Dubois, wahrſcheinlich nicht genießen werde— Mais, voilà la voiture!“ Damit deutete der Herzog auf einen dunkeln, ein⸗ fachen Wagen, dem wir plötzlich nahegekommen waren. enatür⸗ hulichen „Es iſt der den hat, ſich nſeinem mal ehr⸗ Welt— iß Eurer ch, der nſein!“ bour la „„und wis eine hen Sie, raf—“ gehört; broke's. Regent⸗ ginge,“ ls Mühe en und — Mais, ln, ein⸗ waren. „Graf Devereur,“ ſagte der heitere Regent,„Sie werden mit uns fahren; meine Pflicht fordert, daß ich in dieſer verführeriſchen Stunde einen jungen Mann von Ihrem gefährlichen Alter wohlbehalten in ſeinem Hotel wiſſe!“ Wir ſtiegen ein, Chatran gab die nöthigen Befehle, und raſch fuhren wir weiter. Der Regent ſummte eine Melobie und ſeine beiden Begleiter hörten in ehrerbietigem Schweigen zu. „Ja, ja, Meſſieurs,“ ſagte er endlich laut,„ich will in Zukunft immer glauben, daß die Götter wohl⸗ wollend auf uns Verehrer der Alma Venus herabſehen! Kennen Sie den Tibull näher, Monſieur Devereur? Und können Sie meinem Gedächtniſſe durch Fortſetzung der Strophe nachhelfen— Ouisquis amore tenetur eat—“ —————„tutusque sacorque Oualibet: insidias non timuisse decet,“ antwortete ich. „Bon!“ rief der Herzog. Einen Mann von Stande liebe ich von ganzem Herzeu, wenn er eben ſo wohl fechten als Lateiniſch kann! Ich haſſe den Menſchen, der nur Weinſäufer und Renomiſt iſt. Bei St. Louis, wenn es auch etwas Vortreffliches iſt, ſich den Magen anzufüllen, beſonders mit Tokayer, ſo gibt es doch in der Welt keinen Grund, warum wir nicht auch den Kopf anfüllen ſollten. Doch, hier ſind wir ja. Adieu, Monſieur Devereur, wir werden Sie in dem Palais ſehen.“ In kurzen Worten bezeugte ich meinen Dank für 92 die Herablaſſung des Regenten, ſtieg aus bein Wagen, der ſogleich ſchnell weiter fuhr, und trat in mein Hotel. Zwei oder drei Tage nach meinem Abenteuer mit dem Regenten hielt ich es für am Platze, den excentri⸗ ſchen Prinzen mit einem Beſuche zu beehren. Es iſt be⸗ kannt, mit welchem Erfolge er während der erſten Zeit ſeiner Regierung ſeinen Hang zum Nichtsthun beſiegte, und wie gewiſſenhaft ſeine Vormittagsſtunden den Mühen des neuen Amtes gewidmet waren; iſt aber das Ver⸗ gnügen zur Gewohnheit geworden, ſo bedarf es eines ſtärkeren Geiſtes, als Philipp der Milde hatte, um die Arbeit zur bleibenden Nachfolgerin deſſelben zu machen. Das Vergnügen iſt in der That, wie jener Geiſt in der Fabel, der nützlichſte Sklave, ſo lange man es zu be⸗ meiſtern im Stande iſt— der unerträglichſte Tyrann, ſobald man zu wenig Acht auf ſich hat, ſo daß man von demſelben überwältigt wird. Die Stunden, zu welchen der Fürſt mehr den Ge⸗ noſſen ſeiner leichteren als ſeiner ernſteren Beſchäfti⸗ gungen Audienz gab, waren die unmittelbar vor und nach ſeinem Lever. Ich hielt dies für die angemeſſenſte Zeit, mich bei ihm vorzuſtellen, und begab mich ſomit eines Morgens nach dem Lever in ſeinen Palaſt. Die Antichamhre war ſchon angefüllt. Ich ſetzte mich ruhig in eine Ecke des Zimmers und betrachtete die hunten Gruppen um mich her. Ich mußte im Stillen lächeln, ſo lebhaft erinnerten ſie mich an die Stenen, welche in den früheren Tagen meiner Thorheit und mei⸗ nes Reichthums mein eigenes Vorzimmer gefüllt hatten; dieſelhe heterogene Verſammlung(nur in einem größeren Maßſta Genüſſe ſchreier Abgeſan ſters— übertre läufiger Großen, habereie Wibverſt Wä ſeinen zu beſich ihn. Je Beiſpiel auf die meinen zu Gebo Der ziemlich Prinzen mit der der Naſ Minuter ſuchte m folgen; alsbald Beit tyrer de Neglige Wagen, n Hotel. er mit rcentri⸗ s iſt be⸗ len Zeit beſiegte, Mühen as Ver⸗ es eines um die machen. t in der s zu be⸗ Tyrann, nan von den Ge⸗ ſchäfti⸗ vor und neſſenſte h ſomit h ſetzte rachtete Stillen Scenen, nd mei⸗ hatten; rößeten Maßſtabe) von Beförderern körperlicher und geiſtiger Genüſſe. Da war der tobende, unverſchämte Markt⸗ ſchreier neben dem ſtillen, geduldigen Gelehrten— der Abgeſandte der Courtiſane neben dem Boten des Prie⸗ ſters— der Polizeiintendant und der bevollmächtigte übertreter ſeiner Geſetze; hier— doch wozu eine weit⸗ läufigere Beſchreibung? Was iſt das Vorzimmer eines Großen, der viele Bedürfniſſe und verſchiedenartige Lieb⸗ habereien hat, Anderes, als ein Panvrama der vereinten Widerſprüche dieſer bunten Welt. Während ich ſo moralifirte, ſteckte plötzlich ein Herr ſeinen Kopf aus einer Thüre, um, wie es ſchien, uns zu beſichtigen. Plötzlich vrängte ſich die Menge gegen ihn. Ich vachte, ich könne wohl auch dem allgemeinen Beiſpiele folgen, drückte einige der gleichfalls Harrenden auf die Seite und präſentirte dem Herrn mich und meinen Namen mit der empfehlendſten Miene, die mir zu Gebote ſtand. Der Herr, welcher für den Großen eines Großen ziemlich höflich war, verſprach, mein Beſuch ſollte dem Prinzen ſogleich gemeldet werden, und ſchlug mir dann mit der höflichſt dankbaren Verbeugung die Thüre vor der Naſe zu. Nachdem ich etwa ſieben oder acht weitere Minuten gewartet hatte, erſchien der Herr wieder, ſuchte mich aus dem Haufen aus und bat mich, ihm zu folgen; ich ging durch ein anſtoßendes Zimmer und ſtand alsbald vor dem Regenten. Beinahe erſchrack ich, als ich den königlichen Mär⸗ tyrer der Ausſchweifungen beim Morgenlichte und im Negligs erblickte. Sein Geſicht war roth, aber aufge⸗ ——— 94 dunſen, und eine Schwäche in ſeinen Augen vervollſtän⸗ digte den matten, großen Ausdruck ſeiner Züge hinläng⸗ lich. Der wohlbeleibte Bauch, der beinahe an Feiſtigkeit grenzte, ſchien den Geſchmack für Gourmandiſe zu ver⸗ rathen, welche dieſer von Grund aus ſinnliche und ſon⸗ derbarerweiſe doch höchſt vielſeitig gebildete und wirk⸗ lich gutmüthige königliche Luͤſtling mit ſeinen übrigen Eigenſchaften verband. Als ich eintrat, gähnte er gerade ſo recht nach Herzensluſt über einen großen Haufen Papiere hin. Er endigte dieſes Gähnen, als ob eine ſo kurze und köſtliche Erholung nicht verloren gehen dürfte, und ſagte dann:„Guten Morgen, Monſieur Deve⸗ reux; es freut mich, daß Sie mich endlich gefunden haben.“ „Ich befürchtete, zudringlich zu erſcheinen, Mon⸗ ſeigneur, wenn ich Ihnen meine Huldigung früher dar⸗ gebracht hätte.“ „Ganz nach meinem Schickſale,“ erwiverte der Re⸗ gent, indem er ſich nach einem Manne wandte, der in einiger Entfernung an einem andern Tiſche ſaß und durch ſein verſchmitztes, ſchlaues Geſicht, ſein durch⸗ dringendes Auge und den frechen Ausdruck des Mundes und der Stirne die Brauchbarkeit und Verworfenheit andeutete, aus welchen ſein Charakter zuſammengeſetzt war.„Ganz nach meinem Schickſale, nicht wahr, Du⸗ pois? Wenn ich je einmal mit einem erträglich angeneh⸗ men Menſchen zuſammenkomme, der mir durch ſeine Ge⸗ burt vder ſeinen Ruf keine Schande macht, ſo iſt er immer fürchterlich ängſtlich, er möchte zudringlich erſcheinen! wenn ich aber eine ehrbare Perſon vhne Witz, oder einen Witzbolt mich wie ſich nach Dub wort, ur auf mir „Ni unſerer Ihre en „Ge Rückſtra „St Mann, was, Ei große L dort wol werde ie „Ich „Sie wi Neues it und unv die ſchw⸗ geſetzt, ihren Ha Monſeig finden w „Acd Herzog glaises Für ſtän⸗ läng⸗ igkeit ver⸗ dſon⸗ wirk⸗ rigen erade auen ine ſo ürfte, Deve⸗ unden Mon⸗ r dar⸗ er Re⸗ der in ß und durch⸗ undes fenheit geſetzt „Du⸗ geneh⸗ ne Ge⸗ immer einen! reinen 95 Witzbold ohne Achtbarkeit aufgable, ſo hängt er ſich an mich wie eine Klette, und kann keinen Tag leben, ohne ſich nach meinem Befinden zu erkundigen.“ Dubvis lächelte, verbeugte ſich, gab aber keine Ant⸗ wort, und ich bemerkte, daß ſein Blick finſter und ſtrenge auf mir ruhte. „Nun,“ fragte der Prinz,„was halten Sie von unſerer Oper, Graf Devereur?— Sie iſt beſſer, wie Ihre engliſche— he?“ „Gewiß, Monſeigneur! Die unſrige iſt nur ein Rückſtrahl der Ihrigen.“ „So ſagt auch Ihr Freund, Lord Bolingbroke, ein Mann, der von Opern beinahe ſo viel verſteht, wie ich, was, Eitelkeit bei Seite, viel heißen will. Ich hätte große Luſt, England einmal zu beſuchen— was ich dort wohl am beſten lernen würde? In Spanien(immer werbe ich dieſes Land lieben) lernte ich kochen.“ „Ich fürchte, Monſeigneur, antwortete ich lächelnd, „Sie würden in unſerm barbariſchen Lande nur wenig Neues in dieſer Kunſt lernen. Zwar haben einige rohe und unvollkommene Erfindungen in den letzten Jahren die ſchwachen Beförderer dieſer Wiſſenſchaft in Staunen geſetzt, aber noch immer liegt eine nuit 6paisse auf ihren Hauptgrundſätzen und leitenden Wahrheiten. Was Monſeigneur in England eines Studiums am würdigſten finden würde, wären vielleicht— les dames.“ „Ach! les dames überall in der Welt!“ rief der Herzog unter Lachen;„aber ich höre, Ihre belles An- glaises ſind ſentimental und lieben à lArcadienne.“ Für den Augenhlick iſt dies wahr; aber wer weiß. 96 wie weit ſie Monſeigneurs Beiſpiel über eine ſolch irrige Anſicht aufklären dürfte?“ „C'est vrai. Nichts über vas Beiſpiel, he Dubvis? Was wäre Philipp von Orleans ohne Dich?“ „Lexemple souvent n'est qu'un miroir trompeur, Ouelquefois'un se brise oü l'autre s'est sauvé, Et par oü l'un périt, un autre est conservé,“ antwortete Dubois aus dem Cinna. „Corneille hat Recht,“ verſetzte der Regent.„Um Dir, mon petit Abbé, endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lafſen, hat das Beiſpiel mit unſerer Verderbniß we⸗ nig zu thun. Die Natur iſt die Sachwalterin der Luſt, wie Hyperides der Sachwalter Phryne's war. Sie be⸗ varf keiner beſondern Beredſamkeit; ſie entſchleiert den Buſenihrer Klientin, und die Klientin, wird freigeſprochen.“ „Monſeigneur zeigt wenigſtens, daß meine unter⸗ thänige Unterweiſung in den Klaſſikern Höchſtdenſelben Nutzen gebracht hat,“ ſagte Dubvis. Der Herzog gab keine Antwort. Ich richtete den Blick auf einige auf dem Tiſche liegende Zeichnungen— und drückte meine Bewunderung derſelben aus.„Sie ſind von mir,“ ſagte der Regent.„Ach! ich würde es als Privatmann zu einer weit höheren Vollkommenheit gebracht haben, als ich es als ein von Mühen und Ge⸗ ſchäften überladener Staatsmann wohl je bringen werde⸗ Geſchäfte— pfui! Aber Nothwendigkeit iſt die einzige wahre Königin in der Welt, die einzige beneidenswerthe Beherrſcherin, für welche es kein Geſetz gibt. Wie! wollen Sie ſchon wieder gehen, Graf Devereur?“ „2 lichen Mißgu einzige ich ſehe Gott, durch ſ ſind Sie Sie bal Aufnah währen ſeiner 1 meinem blieben. einem über gl maßen welche] dieſen verdor einem rrige is „Um ahren ß we⸗ Luſt, ie be⸗ eiert ntin, unter⸗ ſelben te den gen— „Sie ürde es nenheit nd Ge⸗ werde. einzige zwerthe Wie! 24 97 „Monſeigneurs Vorzimmer iſt mit weniger Glück⸗ lichen als ich gefüllt, deren ſündhafte Eiferſucht und Mißgunſt ich jetzt zu verantworten habe.“ „Ach— ja! Ich muß die armen Teufel hören; das einzige Vergnügen, das ich habe, beſteht darin, daß ich ſehe, wie leicht ich ſie glücklich machen kann. Wollte Gott, Dubvis, man könnte ein großes Königreich nur vurch ſchöne Worte regieren! Graf Devereur, heute ſind Sie zu mir als einem Belannten gekommen; kommen Sie bald zu mir, als dem Bewilliger irgend eines Wun⸗ ſches. Bon jour, Monsieur.“ Und ich ging, ſehr zufrieden mit der mir geworbenen Aufnahme; von dieſer Zeit an heehrte mich der Prinz während meines noch kurzen Aufenthaltes in Paris mit ſeiner beſonderen Gunſt. Doch ich bin zu lange bei meinem Aufenthalte am franzöſiſchen Hofe ſtehen ge⸗ blieben. Die Perſynen, welche ich geſchildert, und welche dieſen Aufenthalt allein denkwürdig machen, mögen mich entſchuldigen. Eines Tages wurde ich von dem Abbé Dubvis mit einem Beſuche beehrt. Nach einer kurzen Unterhaltung über gleichgültige Gegenßände redete er mich folgender⸗ maßen an:„Sie kennen die Vorliebe, Graf Devereur, welche der Regent für Sie gefaßt hat. Zum Glück für dieſen von Natur ſo trefflichen, durch das Beiſpiel ſo verdorbenen Fürflen(hier zog Dubvis ſeine Brauen mit einem Ausdrucke ſpöttiſcher Schalkhaftigkeit hinauf) wäre es geweſen, wenn ſich ſeine Vorliebe häufiger Männern von Ihrem Verdienſte zugewandt hätte. Eine Senvung von außerordentlicher Wichtigkeit, zu⸗ Bulwer, Devereur. M. 98 gleich große perſönliche Gewanbtheit erfordert, gibt* Seiner königlichen Hoheit Gelegenheit, Ihnen ihre Achtung zu bezeugen. Der Herzog beehrte mich⸗ geſtern mit einer Unterredung über die Sache und hat mir jetzt aufgetragen, Ihnen die techniſchen Beſtandtheile der beſagten Sendung auseinanderzuſetzen und die Ehre eines ſolchen Auftrages anzubieten. Wenn Sie den Vorſchlag annehmen, werden Sie morgen Seiner Hoheit vor dem Lever aufwarten.“ Dubvis verbreitete ſich ſofort in der ihm eigenthüm⸗ lichen klaren, raſchen Weiſe über den Zuſtand Europa's. „Für Frankreich,“ ſagte er am Schluſſe ſeiner Skizze, „iſt der Friede unumgänglich nothwendig. Ein erſchöpf⸗ ter Schatz, ein ausgeſaugtes Land erfordern ihn. Sie ſehen aus dem Geſagten, daß Spanien und England hauptſächlich die Mächte ſind, von welchen wir Feind⸗ ſeligkeiten zu fürchten haben. Gegen Spanien müſſen wir auf unſerer Hut ſein— England müſſen wir ge⸗ winnen; Letzteres iſt jedenfalls leicht, mag Jakob oder Georg die Oberhand gewinnen. Denn wer auch König in England ſein mag, wird zu Hauſe vollauf zu thun haben, um von Herzen gerne nach Außen Friede zu haben. Die erſtere Aufgabe erfordert eine weitergehende Politik. Ich fürchte den Ehrgeiz der Königin von Spa⸗ nien und den unruhigen Geiſt ihres Günſtlings Albe⸗ roni. Wir müſſen uns durch den Abſchluß von Bünb⸗ niſſen mit verſchiedenen Höfen verſtärken, die uns vertheidigen und unſere Feinde zugleich einſchüchtern werden. Wir wünſchen einen Edelmann von Talent, und Gewandtheit zu einer geheimen Sendung nach Rußla Ihre 2 Sie w drollig werden Anſpri ſagen mich er De alle dis die er überle wünſch: in ſeine guen ngland Feind⸗ müſſen wir ge⸗ b oder König u thun iede zu gehende n Spa⸗ s Albe⸗ Bünd⸗ ie n üchtern Talent, ig nach 99 Rußland zu verwenden— wollen Sie Dieſer ſein? Ihre Abweſenheit von Paris wird nur kurz dauern— Sie werden ein ſehr drolliges Land und einen ebenſo drolligen Fürſten ſehen; wenn Sie hierher zurückkehren, werden Sie doppelt in die Mode kommen und gerechte Anſprüche auf wichtigere Verwendung haben. Was ſagen Sie zu dem Vorſchlage?“ „Ich muß mehr hören,“ antwortete ich,„ehe ich mich entſcheide.“ Der Abbe fing von Neuem an. Es iſt nicht nöthig, alle die Einzelheiten ſeines Auftrages zu wiederholen, die er aufzählte. Möge es genügen, daß ich nach kurzer überlegung die vorgeſchlagene Ehre annahm. Der Abbé wünſchte mir viel Vergnügen, fiel auf einige Minuten in ſeinen gewöhnlichen Ton gemeiner Frivolität zurück und verabſchiedete ſich mit der nochmaligen Erinnerung, ich ſollte dem Regenten am anderen Tage aufwarten. Es war leicht zu ſehen, daß in dem Herzen dieſes feinen, liſtigen Geiſtlichen, bei deſſen Umtrieben Privatintri⸗ guen ſtets mit den Staatsränken verbunden waren, unter dieſem Anerbieten zu Verwendung die Abſicht verborgen lag, mich aus der unmittelbaren Nähe des gutmüthigen Regenten zu entfernen, deſſen Gunſt der hochſtrebende Abbe gerade in dieſem Augenblicke als ausſchließliches Monopol zu beſitzen wünſchte. Daß bloße Lebemänner ſeine Plane in Bezug auf den Prin⸗ zen nicht durchkreuzen würden, wußte er wohl; bloße Geſchäftsleute hatte er noch weniger zu fürchten; aber einen Mann, der in dem Rufe ſtand, daß er die Fähig⸗ keiten Beider vereinige, und der überdies von dem Re⸗ 100 genten mit Auszeichnung behandelt wurbe, hielt er für einen gefährlicheren Nebenbuhler, als die unſchätzbare Perſon, welche ſeinen Verdacht erregte, wirklich war. Indeſſen kümmerte ich mich wenig um die Beweg⸗ gründe des ehrlichen Mannes. Abenteuer hatten für mich immer größeren Reiz, als ein üppiges Leben, und es ſagte dem Weſen meines Ehrgeizes weit mehr zu, mir auf eine ehrenvollere Art Auszeichnung zu erringen, als durch Gunſt an einem Hofe, der ſo hohl, gehaltlos und über alle Maßen zügellos war, wie der des Regen⸗ ten. Hier als Hofmann das meiſte Glück machen, hieß 1 der unterhaltendſie débauché ſein. Ach, das Vergnü⸗ gen iſt, wenn ſein Gegenſtand dem Herzen fremd bleibt und ſein übermaß dem Geſchmacke zuwider iſt, ſchlim⸗ mer, als Langeweile— es iſt eine Qual!— und der Teufel in Jonſon's Schauſpiel wich vielleicht nicht ſehr von der Wahrheit ab, wenn er verſicherte,„daß die Qualen in ſeiner Heimath eine Kurzweil ſeien gegen das Leben eines Modemenſchen.“ Der Herzog von Orleans empfing mich am anderen Morgen mit mehr als gewöhnlicher Bonhomie. Wie Schade, daß ein ſo gutmüthiger Fürſt ein ſo ſchlechter Menſch ſein mußte! Freier und ungebunbener, als ſein würdiger Lehrer gethan, verbreitete er ſich über die ver⸗ ſchiedenen Punkte, welche bei meiner Sendung zu be⸗ obachten ſeien;— dann ſagte er mir ſehr herablaſſend, wie ungerne er mich von ſeinem Hofe verliere und hat mich vor meiner Abreiſe von Paris jedenfalls noch zu einem ſeiner auserwählten Soupers zu Gaſt. Ich wußte dieſe Ehre gebührend zu würdigen. Zu dieſen Abendeſſen wurt wie Freu Köni ſchme e hielt. dung mit 1 Menf wenn lege f dinalt alle a Land er für ätzbare h war. Beweg⸗ ten für n, und ehr zu, ringen, ehaltlos Regen⸗ n, hieß Bergnü⸗ d bleibt ſchlim⸗ und der icht ſehr „daß die en gegen anderen ie. Wie chlechter als ſein die ver⸗ g zu be⸗ blaſſend, und bat noch zu ch wußte bendeſſen 5 10¹ wurden nur die eigentlichen Freunde, oder roués,“ wie er ſie nannte, gebeten. Da, entre nous, dieſe Freunde hauptſächlich die größten Tangenichtſe in dem Königreiche waren, konnte ich mich nur höchlich ge⸗ ſchmeichelt fühlen, daß ein ſo tiefer Menſchenbeurthei⸗ ler, wie der Regent mich ihrer Geſellſchaft für würdig hielt. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ich die Einla⸗ dung mit Freuden annahm und Philipp den Milden mit der überzeugung verließ, daß er der merkwürdigſte Menſch in Europa ſei. Welch ein Thor iſt ein Großer, wenn er ſich nicht der Leutſeligkeit befleißigt— man lege fürſtliche Herablaſſung in eine Schale und alle Car⸗ vinaltugenden in die andere, die Herablaſſung wird ſie alle aufwiegen. Der Regent von Frankreich richtete ſein Land ſo ſehr zu Grunde, als es immer möglich war, und voch blieb bei ſeinem Tobe kein Ange trocken. Selbſt das Andenken an Karl II., der im Privat⸗, wie im öffentlichen Leben der vollendetſte Schurke war, den England je geſehen, iſt bis auf den heutigen Tag eher ſeinem Volke werth, als nicht. O Lebensart, Lebens⸗ art, keine Heuchelei hat ſolchen Erfolg, wie du! So hatte nun ein Tag einen Wechſel— einen großen Wechſel in meinem Schickſale zu Stande ge⸗ bracht. Ein neuer Hof— ein neuer Schauplatz der Thätigkeit— ein neues Feld für den Ehrgeiz war mir auf einmal geöffnet. Nichts konnte verſprechender ſein, »Der jetzt ſo verſtandliche Ausdruck roué wurde zuerſt von dem Regenten einer ausgewählten Zahl ſeiner Freunde gegeben; ſie ſagten, weil ſie ſich ihm zu lieb hätten rädern laſſen, er behauptete, weil ſie„gerädert zu werden. Der Herausgeber. als meine erſte Verwendung— nichts angenehmer, als der Vorgenuß jenes Wechſels.„Ich muß mich zwingen, hente Abend angenehm zu ſein,“ dachte ich, als ich mich zu dem Souper des Regenten ankleidete.„Ich muß die Erinnerung an ein Bonmot zurücklaſſen, ſonſt vergißt man mich.“ Und ich hatte Recht. In dieſem Strudel der fran⸗ zöſiſchen Hauptſtadt ſinkt Alles unter, nur der Witz nicht— dieſer hält ſich immer auf der Oberfläche, und mit feſtem Griffe müſſen wir uns an ihn klammern, wenn wir nicht in„die Tiefe der Vergeſſenheit“ hinab⸗ fahren wollen. Zehntes Kapitel. Königliche Bemühungen für das Wohl des Volkes. Welch ſonderbaren Anblick bot dieſes Privatſonper des Regenten von Frankreich und ſeiner roués dar! Die Geſellſchaft beſtand aus zwanzig Perſonen; neun Herren vom Hofe außer mir, vier Männer von niede⸗ rem Stande und Charakter— aber herrliche Poſſen⸗ reißer— und ſechs Damen, wie ſie der Herzog am liebſten hatte— witzig, lebhaft, ſpöttiſch und für Nichts zu gut. Chatran redete mich an. „Je suis ravi, mon cher Monsieur Devereux,“ ſagte er ernſt;„Sie in ſo ausgezeichneter Geſellſchaft zu ſehen— Sie müſſen etwas ſein, ſich 36 zu finden!“ 5 Beſ geht l zwa ten. als Sat Plat ſich Din ſagte wie ner, als wingen, als ich „Ich n, ſonſt er fran⸗ de Witz che, und ammern, hinab⸗ lkes. atſonper 16s dar! en; neun on niede⸗ Poſſen⸗ erzog am und für vereux“ eſellſchaft ſich hir 103 „Ganz und gar nicht! Jeder Schauplatz iſt eines Beſuches werth. Wer einmal in das Correktivnshaus geht, mein guter Monſieur Chatran, iſt ein Philoſoph — wer zweimal hingeht, iſt ein Spitzbube!“ „Dank Ihnen, Graf— was bin ich denn— ich bin zwanzigmal hier geweſen?“ „Ich will Ihnen mit einem Geſchichtchen antwor⸗ ten. Die Seele eines Jeſuiten wanderte einmal Nachts, als deſſen Körper im Schlafe lag, in die Unterweltz Satan packte ſie und wollte ſie eben an einem paſſenden Platze unterbringen; die Seele bemühte ſich möglichſt, ſich zu entſchuldigen; Sie wiſſen, was für ein liſtiges Ding eine Jeſuitenſeele iſt!„Monſieur Satan,““ ſagte ſie,„„kein Fürſt ſollte einen Reiſenden beſtrafen, wie einen Unterthanen. Bei meiner Ehre, ich bin hier bloß en voyageur.““„„So gehen Sie denn, mon père!““ ſagte le bon Satan, und die Seele flog nach ihrem Körper zurück. Der Jeſuit aber ſtarb und kam zum zweitenmale à l'enfer. Vor des Satans Majeſtät geführt, brachte er dieſelbe Entſchuldigung vor.„„Nein, nein,““ rief Beelzebub;„„einmal hier, biſt Du le diable voyageur— zweimal hier, biſt Du le diable tout bon!““ „Ha! ha! ha!“ ſagte Chatran lachend;„ſo bin ich denn le diable tont bon! es iſt gut, daß ich Nichts Schlimmeres bin; denn wir rechnen die Roués für noch teufelmäßig ſchlimmer, als den ſchlimmſten der Teufel — aber ſehen Sie, da kommt der Regent.“ Der Regent verließ eine ſehr hübſche, enſouée ausſehende Dame und ſchwankte auf uns zu. Wenn er 104 ging, verlor ſich, beiläufig geſagt, alle Anmuth ſeines Außern. Ich weiß inbeſſen nicht, daß Jemand von einem Großen Anmuth fordert, ſo lange er familiär iſt. „Aha, Monfleur Devereur!“ rief er,„wir wollen Ihnen heute Abend einigen Unterricht im Kochen geben 5 — wir wollen Ihnen zeigen, wie Sie in dieſem bar⸗ hariſchen Lande, das Sie zu beſuchen im Begriffe ſtehen, für ſich ſorgen müſſen. Tout voyageur doit tout Savoir!“ „Ein herrlicher Satz, der mir zeigt, daß Monſeig⸗ neur ein großer Reiſender war.“ „Ja, nach Allem und an allen Orten— he! Graf!“ antwortete der Regent lächelnd;„aber,“ hier vämpfte er ſeine Stimme ein wenig,„noch habe ich nicht erfahren, wie Sie uns in jener Nacht ſo gelegen zu Hülfe kamen. Dieu me damne! aber es erinnert mich an die alte Geſchichte von den zwei Schweſtern, welche bei einem galanten Herrn zuſammentrafen.„„O Schweſter, wie kommſt Du hieher?““ fragte die Eine mit tugendhaftem Erſtaunen.„„Ciel! ma soeur!““ rief die Andere,„„was bringt Dich hieher?““ „Monſeigneur ſcherzt,“ erwiderte ich lachendz„aber bisweilen thut denn dochEiner(obwohl ich geſtehe, daß es ſehr ſelten iſt) etwas Gutes, ohne vorher etwas Schlechtes heabſichtigt zu haben! „Ihre Parentheſe gefällt mir,“ ſagte der Regent, „ſie erinnert mich an meinen Freund St. Simon, der ſo ſchlimm von der Menſchheit denkt, daß ich ihn eines Tages fragte, oh es möglich ſei, daß er etwas noch mehr verachte, als einen Menſchen?„„Ja,““ ſagte er n Men auf d ich m der 5 'hon vor e Dank werde Niem wir il geben denke wenn walt! Wahl Vaube ich ver unſet menz baldn ließen begon es ohn Bei de ſeines neinem ſt. wollen ngeben m bar⸗ ſtehen, it tout onſeig⸗ — he! hier abe ich 405 er mit einer tiefen Verbeugung,„„einen weiblichen Menſchen.““ „Seine Erfahrung,“erwiderte ich mit einem Blicke auf den weiblichen Theil der Geſellſchaft,„konnte ihn, ich muß geſtehen, leicht zu dieſer Anſicht führen.“ „Keine von Ihren Spöttereien, Monſieur,“ ſagte ver Regent.„amusement est un des besoins de Phomme— bemerkte, wie ich höre, der junge Arouet vor einigen Tagen ſehr richtig, und wir find Jedem Dank ſchuldig, der dieſem Bedürfniſſe abhilft. Nun werden Sie mit mir darin übereinſtimmen, daß dies Niemand ſo leicht kann, als die Weiber; deßhalb ſind wir ihnen Dank ſchuldig— deßhalb dürfen wir nicht zu⸗ geben, daß man ihnen Böſes nachſagt. Logiſch bewieſen, denke ich!“ „Gewiß,“ erwiderte ich,„es iſt ein Vergnügen, wenn man ſieht, vaß die Damen einen ſo geſchickten An⸗ walt haben, und Eure Hoheit beide Ausſagen in dem Wahlſpruche des großen Meiſters in der Befeſtigung, Vauban, auß ſich anwenden können:„Ich zerſtöre, aber ich vertheidige.“ „Genug,“ bemerkte der Herzog en riant,„jetzt zu unſern Vefeſtigungen,“ und er ging auf die Da⸗ men zu. Ich folgte dem königlichen Beiſpiele und ſaß bald neben einem hübſchen, ſehr kleinen Weibchen. Wir ließen uns in ein Geſpräch ein, und nachdem es einmal begonnen, ſorgte meine ſchöne Nachbarin bafür, daß es ohne ein Wunder nicht ſo bald wieber aufhören konnte. Bei der Göttin Facundia, welche Ströme von Worten quollen aus dieſem kleinen Munde hervor! und zudem 106 üher alles Mögliche! Kirche— Staat— Geſetze— Politik— Theater— Pasquille— Spitzen— Livreen — Könige— Königinnen— Roturiers— Bettler— man hätte, wenn man ſie hörte, glauben können, das Chaos ſei wieber gekommen, ſo ſchrecklich warf ſie Alles durcheinander. Unſer königlicher Wirth ging nicht leer aus.„Sie ſpeisten noch nie hier en famille,“ ſagte ſie,—„Mon Dieu! es wird Ihnen eine wahre Luſt ſein, zu ſehen, wie ungeheuer viel der Regent ißt. Er hat einen fürchterlichen Appetit— Sie wiſſen, er ſpeist nie zu Mittag, um beim Abendeſſen deſto mehr zu ſich nehmen zu können. Sie ſehen dort die kleine Schwarze, mit der er ſpricht?— es iſt Frau von Parabere— er nennt ſie ſeine kleine ſchwarze Krähe— haben Sie je einen ſolchen Liebesnamen gehört? Können Sie errathen, warum er ſie gerne hat? Nein, quälen Sie ſich nicht mit Gedanken— ich will es Ihnen mit einemmale ſi⸗ gen— einzig und allein deßhalb, weil ſle ſo viel ißt und trinkt. Parole dhonmeur, es iſt wahr. Der Re⸗ gent ſagt, er liebe in allen Dingen Sympathie!— Iſt das nicht drollig? Was für ein häßlicher alter Mann iſt doch dieſer Noes— ſein Geſicht ſieht aus, als ob ein Regenbogen varauf ſchiene. Dieſer unverſchämte Kerl, der Dubvis, ſchalt ihn, weil er dem guten Regenten ſo viele Louis auspreſſe. Das gelbe Geſchöpf wollte die Thatſache läugnen.„„Nein,““ ſchrie Dubois,„„Sie können es nicht in Abrede ziehen; ich ſehe ihre Geiſter in Ihrem Geſichte.““ Während meine Nachbarin ſich alſo vergnügte, tra NVo Rei zärt meit ich! iſt; Dau gute zu ih dach ſtieß ſagt wah ſchm eſetze— Pivreen ettler— en, das ſie Alles icht leer „ ſagte ahre Luſt ißt. Er er ſpeist hr zu ſich Schwarze, dre— er ie je einen errathen, ſich nicht nmale ſa⸗ iel ißt Der Re⸗ e!— I Mann iſt ls ob ein mte Kerl, egenten ſo wollte die s,„„Sie re Geiſter ügte, trt 107 Noet, unkundig ver Lobrede, die 6 ſeinen perſönlichen Reizen gehalten, zu uns. „Ah! mein lieber Nycé,“ ſegte die Dame äußerſt zärtlich,„wie gut Sie ausſehen! es freut mich unge⸗ mein, Sie hier zu treffen.“ „Ich zweifle nicht daran,“ erwiderte Noes,„denn ich habe Ihnen zu melden, daß Ihr Geſuch bewilligt iſt; Ihr Gemahl wird die Stelle erhalten.“. Oh, wie ewig dankbar bin ich Ihnen!“ rief die Dame in Begeiſterung;„wie wird ſich mein lieber, guter Mann freuen! Ich wollte, ich hätte Flügel, um zu ihm zu eilen!“ Der galante Noet ſagte ihr eine Artigkeit— ich vachte nun, ich ſei de trop, und ging hinweg. Wieder ſtieß ich auf Chatran. „Ich hörte Ihr Geſpräch mit der Frau Marguifin,“ ſagte er lächelnd;„ſie hat eine ſcharfe Zunge— nicht wahr?“ „Gewiß! wie ſie auf den armen Teufel von Noet ſchmähte!“ „Ja, und doch iſt er ihr Liebhaber!⸗ „Ihr Liebhaber!— Sie ſetzen mich in Erſtaunen; nun, ſie that, als ſei ſie in ihren Mann verliebt— die Thränen traten ihr in die Augen, wenn ſie von ihm ſprach.“ „Sie iſt verliebt in ihn!“ ſagte Chatran trocken. „Sie liebt den Boden, den er betritt— gerade aus dieſem Grunde begünſtigt ſie Noeé; ſie iſt nur glücklich, wenn ſie etwas pour Sson cher bon mari herausſchlägt. Sie bringt ganze Wochen in Noeé's Landhaus zu und 108 ſchreibt ihrem Manne mit einer in ihr Blut getauch⸗ ten Feder:„„Meln Herz iſt bei Dir!““ „Wahrlich,“ ſagte ich,„Frankreich iſt das Land der Räthſel; die Sphynr muß eine Pariſerin geweſen ſein. Und als Jupiter den Menſchen ſchuf, biltete er zwei ganz von einander verſchiedene Naturen. Die eine war die menſchliche, die andere die franzöſiſche Natur!“ In dieſem Augenblicke wurde das Eſſen angeſagt Wir begaben uns ſämmtlich in ein anderes Zimmer, wo ich zu meiner großen Verwunderung vie Taſel gedeckt — das Buffet beſetzt— den Wein in den Flaſchen, aber nichts zu eſſen auf dem Tiſche fand! Eine Frau von Savori, welche neben mir ſtand, bemerkte meine Ver⸗ wunberung. „Was ſetzt Sie in Erſtaunen, Monſieur?⸗ fragte ſie. „Nichts, Madame!“ antwortete ich;„das heißt, die Abweſenheit von Allem.“ „Wie! erwarteten Sie, Sie werden eln Souper zu Geſichte bekommen?“ „Ich geſtehe meinen Wahn— ich glaubte es.“ „Es iſt noch nicht gekocht!“ „O gut, ich kann warten!“ „Und auch helfen!“ ſagte die kleine Savori;„mit einem Worte, dies iſt eine von den Kochnächten des Regenten.“ Kaum hatte ich dieſe Erklärung erhalten, ſo begab man ſich insgeſammt in ein inneres Gemach, wo alles zum Kochen Nöthige uns zur Hand war. Der Regent trat uns voran, Und zeigt' zur Beute une Bie Bahn, wo das war won kunſ ſeien ſie n betri da ſ Wiſſ Geſe mein 2 getauch⸗ and der ſen ſein. er zwei war die atur!“ ngeſagt. mer, wo l gedeckt en, aber rau von ine Ver⸗ ragte ſie. as heißt, ouper zu es.“ ri;„mit chten des ſo begab wo alles 109 wo er mit unwiderſtehlicher Gravität und Wichtigkeit das Amt des Vorſtehers übernahm. In ſehr kurzer Zeit waren wir Alle beſchäftigt. Nichts ging über den Eifer, womit Jebermann ſich in die Manipulationen der Koch⸗ kunſt zu ſchicken ſchien. Man hätte glauben können, es ſeien lauter gebvrene Küchenjungen, ſo natürlich wußten ſie mit der batterie de cuisine umzugehen. Was mich hetrifft, ſo ſuchte ich Schutz bei Frau von Savori, und da ſie glücklicherweiſe große Geſchicklichkelt in dieſer Wiſſenſchaft beſaß, ſo konnte ſie mich bei vielen kleinen Geſchäften gebrauchen, die, wie ſie die Erfahrung lehrte, meine Begriffe nicht überſtiegen. Nachdem wir einige Zeit mit dieſem würdigen Ge⸗ ſchäfte zugebracht, kehrten wir in den salle à manger zurück. Die Bedienten ſetzten die Schüſſeln auf den Tiſch, und wir Alle fielen darüber her. War es Liebe zu ihrer eigenen Schöpfung, oder Gefälligkeit gegen die Produkte der Anderen, mit Recht kann ich weder das Eine noch das Andere behaupten, ſo viel iſt aber gewiß, daß alle Gäſte ihre Schuldigkeit à merveille thaten, und man hätte nicht, penken ſollen, bloß der Regent habe nicht zu Mittag geſpeist, um Abends deſto mehr eſſen zu können. Selbſt die ergebene Gattin ihres cher bon mari, welche ſich ſo ſtreng über die Schwäche des guten Regenten geäußert, arbeitete mit einem Eifer, der hei einem ausgehungerten Grenadier noch für wolfs⸗ mäßig hätte gelten können. Bis die Mahlzeit beinahe vorüber, war die Unter⸗ haltung ſehr unbedentend; dann machten ſich die Wir⸗ kungen des Weines bemerklicher. Der Regent zeigt⸗ 1¹⁰ zuerſt, doß er genug gegeſſen, um nunmehr ſprechen zu können. Indem er auch den dünnſten Schleier des An⸗ ſtandes oder der königlichen Würde von ſich wavf, lehnte er ſich über den Tiſch und ergoß ſich in einem ganzen Strome von Scherzen. Dann fingen auch die Gäſte an, es für unanſtändig zu halten, ſich noch mehr vollzu⸗ ſtopfen, und folgten dem Beiſpiele ihres Wirthes. Die unterhaltendſten Perſonen waren jedoch die Buffons; ſie ahmten Andern nach, ſpaßten, läſterten und logen wie durch Inſpiration. Als jedoch die Flaſche kreiste und das Geſpräch lauter wurde, blieb das Läſtern und Lügen nicht länger den Buffons allein überlaſſen. Im Gegentheile ſchienen die am höchſten Seborenen, welche die beſte Erziehung genoſſen, ſich in dieſen feinen Kün⸗ ſten beſonders hervorzuthun. Wer ſich auch am Hofe auf einen guten Namen ober einen unbeſcholtenen Ruf etwas zu Gute that, wurde gepackt, verdammt und in einem Augenblicke zermalmt. Und mit welcher Sorz⸗ falt die guten Leute ſchmähten! Nicht hingeworfene Worte oder ſchalkhafte Bemerkungen thaten den Ab⸗ weſenden ihr Recht— es war eine Präeciſion, eine Politur, eine Durcharheitung der Bosheit, welche zeig⸗ ten, daß Jeder ſchon eine Menge Reputationen bereits zerfetzt hergebracht hatte. Die gutherzigen Gäſte unter⸗ ſchieden ſich von allen anderen Verleumdern, die mir je vorgekommen, wie die Kröten von Surinam ſich von allen anderen Kröten unterſcheiden, das heißt, ihre giftige Brut beſtand nicht in halbgeformten, mißge⸗ ſtalteten Kaulfröſchen, ſondern kam auf einmal und völlig ausgebildet zur Welt. rolle welc wir hörer 8 wöhn häßli ſicht hörte ſind v haben und h echen ze des An⸗ , lehnte n ganzen äſte an,„ rvollzu⸗ hes. Die Buffons; nd logen e kreiste ſtern und ſſen. Im n, welche nen Kün⸗ am Hofe tenen Ruf mt und in her Sorg⸗ geworfene den Ab⸗ ſion, eine elche zeig⸗ nen bereits äſte untet⸗ t, die mir m fich von eißt, ihre n, mißge⸗ inmal und 1¹¹ „Chantons!“ rief der Regent, deſſen blinzelnde, rollende Augen zeigten, daß er dem Zuſtande nahe ſei, welcher den Bettler dem Könige gleich macht,„fingen wir ein Lied. Nocé, erhebe Deine Stimme und laß uns hören, was Dir der Tokayer in den Kopf gebracht hat!“ Noet gehorchte und ſang, wie halb Betrunkene ge⸗ wöhnlich ſingen. „0 ciel!“ flüſterte die boshafte Savori,„welch häßliches Gekrächze— man könnte meinen, ſein Ge⸗ ſicht habe ſich in eine Stimme verwandelt!“ „Braviſſimo!“ rief der Herzog, als ſein Gaſt auf⸗ hörte—„welch glückliche Leüte ſind wir! Unſere Thüren ſind verſchloſſen— keine Seele kann uns ſtören— Wein haben wir genug— betrunken ſind wir nächſtens— und haben ganz Paris zum verläſtern! Was ſagen Sie von Marſchall Villars, meine kleine Parabdre?“ Und die kleine Parabdrepackte ven unglücklichen Mar⸗ ſchall mit ihren Krallen. Endlich ruhte die Verleum⸗ dung— der Unſinn begann ſeine Herrſchaft— volle Be⸗ geiſterung kam auf die Orgien herab— die guten Leute verloren den Gebrauch ihrer Sinne. Lärm— Geſchrei, Aufruhr, zerbrochene Flaſchen, umfallende Stühle, und —(mit Bedauern ſage ich es) auch umfallende Men⸗ ſchen ſchloſſen die Scene bei dem königlichen Souper. Laſſen wir den Vorhang fallen! 112 Elftes Kapitel. Eine Zuſammenkunſt. Bei meiner Abreiſe von Paris machte ich einen kleinen Umweg, um Lord Bolingbroke zu beſuchen, der ſich damals auf dem Lande aufhielt. Es gibt gewiſſe Menſchen, welche man in den Hauptſtäbten nie wirklich ſieht; man ſieht ihre Masken, nicht ſie ſelbſt. Boling⸗ broke war ein ſolcher. In der Zurückgezogenheit vagegen, mochte dieſelbe auch von noch ſo kurzer Dauer ſein, zeigte ſich ſeine wahre Natur; mäde, bewundert zu werden, geſtattete er einem dann, ihn zu lieben, ja ſelbſt in dem wilbeſten Zuge ſeiner früheren Leidenſchaf⸗ ten zu achten. Mein Beſuch beſchränkte ſich auf wenige Stunden, machte aber einen unauslöſchlichen Eindruck auf mich. „Noch einmal,“ ſagte ich, als wir in dem Garten ſeines dermaligen Wohnortes auſ⸗ und abgingen,„noch einmal ſind Sie in Ihrem Elemente: Miniſter und Staatsmann eines Fürſten und Hauptbeförderer der großen Plane, welche dieſen auf ſeinen Thron zurück⸗ führen ſollen.“ Ein leichter Schatten zog über Bolingbroke's ſchöne Stirne.„Ihnen, meinem treuen Freunde,“ ſagte er, „Ihnen— der Sie unter allen meinen Freunden allein in der Verbannung treu geblieben und durch mein Un⸗ glück nicht wankend geworden ſind— Ihnen will ich ein Geheimniß anvertrauen, das ich keinem Andern mit⸗ * theilen möchte. Ich bereue bereits, daß ich mich dieſer Sache angeſchloſſen habe. Ich that es, ſo lange die Er⸗ hitter Adern Leiben mir zu unter laſſen noch e was ic ich je Amt, letzend ſehe ei iſt, iſt perſön macher habe, Sache ch einen en, e gewiſſe wirklich Bolinz⸗ dagegen, ner ſein, ndert zu eben, je denſchaf⸗ f wenige Eindruck n Garten en,„noch riſter und derer der n zurück⸗ e's ſchöne ſagte er, den allein mein Un⸗ n will ich ndern mit⸗ nich dieſer ge die Er⸗ 113 bitterung über eine ungerechte Anklage noch in meinen Adern zitterte; während die Flut der heftigen, heißen Leibenſchaft, die mich ſo oft irre geführt hat, noch über mir zuſammenſchlug. Ich ſelbſt angeklagt— die Liebſten unter meinen Freunden in Gefahr— meine Partei ver⸗ laſſen und dem Anſcheine nach verloren, hätte ſich nicht noch eine kühne Maßregel dargeboten; das war Alles, was ich ſah. Begierig horchte ich auf Vorſtellungen, die ich jetzt unwahr finde, und nahm den Rang und das Amt, die mir von einem Fürſten auf ſo grobe, ver⸗ letzende Art entriſſen worden, von einem Anderen an. Ich ſehe ein, daß ich unklug gehandelt, aber was geſchehen iſt, iſt geſchehen; keine perſönliche Bedenklichkeiten, kein perſönliches Intereſſe ſoll mich in einer Sache wankend machen, für deren Dienſt ich mich einmal verpflichtet habe, und kann ich irgend etwas thun, um eine ſchwache Sache mächtig, eine getrennte Partei ſiegreich zu machen, ſo ſoll es geſchehen; aber, Devereur, Sie irren, das iſt nicht mein Element. Während der Kämpfe habe ich ſtets nach Ruhe geſeufzt, und während ich die Plane meines Ehrgeizes am lebhafteſten verfolgte, habe ich am ſehnlichſten nach Zufriedenheit geſchmachtet. Die Kleinlichkeit der Intrigue ekelt mich an, und während die Aſte meiner Macht ſich am höchſten erhoben und ſich in der üppigſten Fülle ausbreiteten, quälte mich der Ge⸗ danke an den ſchmutzigen Boden, in welchem dieſe Macht Wurzeln zu ſchlagen verdammt war, auf welchem ſie ſtand, und aus welchem ſie ihre Nahrung empfangen mußte. Ich antwortete Bolingbroke, wie man einem Staats⸗ Bulwer, Devereux. M. 8 114 manne gewöhnlich antwortet, ber ſich über ſein Metier beklagt— halb mit einem Complimente, halb burch einen Widerſpruch. Er aber fuhr mit ungewöhnlichem Ernſt fort:„Glauben Sie nicht, daß ich nicht in vollem Ernſ ſpreche; Sie wiſſen, wie ich nach jeder Pauſe von den Staatsgeſchäften haſche, und wie ſtandhaft ich der Verluſt meines Einkommens und meiner Macht getre⸗ gen habe. Sie ſiehen jetzt im Begriffe, die gefähr⸗ lichen Pfade zu betreten, auf welchen ich Jahrelan gewandelt bin. Ihre Leidenſchaften ſind ſtark, wi die meinigen! Hüten Sie ſich, o hüten Sie ſich, ſih ohne Widerſtand denſelben hinzugeben! Es ſind Feuer, vie warm halten ſollen; laſſen Sie dieſelben nicht z Feuern werden, die zerſtören.“ In ſichtbarer, großer Bewegung hielt Bolingbrol inne— und fuhr dann fort:„Ich ſpreche ſtark, dem ich ſpreche mit Vitterkeit; ich wurde frühe in die Wel geſtoßen; meine ganze Erziehung war darauf gerichtet mich ehrgeizig zu machen: der Zweck wurde erreicht Ich wurde ehrgeizig, und zwar auf jeden Erfolg— in Genuſſe, wie im Anſehen. Dem erſteren mich zu ent wöhnen, überredeten mich meine Freunde zu einer He⸗ rath— Familie und Vermögen beſtimmten ſie bei de Wahl meiner Gattin, undich erlangte dieſe Vortheile uf Koſten Deſſen, was beſſer iſt als Beides— Glüc! Sie wiſſen, wie unglücklich jene Ehe, und wie jung ic war, als ich ſie einging. Können Sie ſich wundern, vaß ſie den gewünſchten Zweck verfehlte? Jederman bemühte ſich um mich, jede Verſuchung hot ſich mi dar; die Vergnſgungen außer dem Hauſe bekamen ny⸗ meh ben gab, ſtand beſch Grät wöhn eilun habe runge die Y die Z tadell irrun gen n man unvor kann. 11⁵ in Metier mehr Reiz, da ich in demſelben nicht länger auf Frie⸗ urch einen ven hoffen durfte; meine Leidenſchaft, der ich mich er⸗ em Ernſt gab, zog eine andere nach ſich; und obwohl mein Ver⸗ llem Ernſ ſtand mich auf meine Handlungen aufmerkſam machte, ſe von den beſchränkte er dieſelben doch nicht auf die richtige ft ich den Gränze. Der Anfang meiner Handlungen war ge⸗ acht getre⸗ wöhnlich überlegt, nur ihr Fortgang artete in Kber⸗ ie gefähr⸗ eilung aus oder führte zum Ubermaß. Devereux, ich Jahrelan habe furchtbare Zinſen für die Schuld meiner Verir⸗ ſtark, wie rungen bezahlt— bei den reinſten Beweggründen haben ſich, ſich die Menſchen Fehler in meinem Benehmen geſehen und ſind Feun, die Beweggründe verleumdet; war mein Benehmen en nicht ſ tadellos, ſo erinnerte man ſich meiner früheren Ver⸗ irrungen und verſicherte, die jetzigen Vorzüge entſprin⸗ Bolingbrul gen nur aus irgend einer ſchlimmen Abſicht— ſo nannte ſtark, den man mich verſchlagen, da ich doch in der Wirklichkeit in die Welt unvorſichtig war, und was man Ineonſequenz bei mir uf gerichtet nannte, war in Wahrheit nur Unbeſtändigkeit der Lei⸗ de erreicht. denſchaften.“ Ich habe daher guten Grund, wenn ich rfolg* Ich glaube, daß dies das richtige(wenn auch vielleicht nich zu 35 neue) Licht iſt, in welchem Lord Bolingbroke's Leben und Cha⸗ u einer He rakter zu betrachten ſind. Dieſelben Schriftſteller, welche uns ſie bei der von ſeinen unbezähmbaren Leidenſchaften erzählen, ſetzen ſeinem Bortheile uf Namen immer die Beiworte„der ränkevolle, der liſtige, der verſchmitzte“ u. ſ. w. bei. Nun wage ich es aber, dieſen Ge⸗ — Glüt ſchichtſchreibern zu ſagen, daß, wenn ſie die menſchliche Natur wie jung i ſtatt Parteiſchriften ſtudirt hätten, ſie geſunden haben würden, ich wunden, daß es gewiſſe unverträgliche Eigenſchaften gibt, die nie in n demſelben Charakter vereint vorkommen— daß kein Mann hef⸗ Jederm tige Leidenſchaſten, denen er ſich hinzugeben gewohnt bot ſich uh iſt, haben, und vahei ſyſtematiſch ränkevoll und verſchmitzt ſein bekamen no kann, Niemand kann zugleich ganz heiß und ganz kalt ſein; 116 Sie warne, Ihre Unterthanen nicht zu Ihren Beherr⸗ ſchern werden zu laſſen; und glauben Sie mir, keine Erfahrung iſt ſo tief, als diejenige eines Mannes, der Fehler begangen, aber deren Urſachen erkaunt hat. „Wenden Sie, mein theurer Lord, dieſe Erfahrung auf Ihre zukünftige Laufbahn an. Erinnern Sie ſich, was der ſcharfſinnigſte aller Pedanten,* obgleich ein Kaiſer, ſo glücklich ausgedrückt hat,— Reue iſt ein⸗ Gottheit und die Beſchützerin Derjenigen, welche ge⸗ irrt haben!“ „Möge ich ſie als ſolche finden!“ erwiderte Bo⸗ lingbroke;„aber wie Montaigne oder Charron ſagen würden,'homme se pipe**— der Menſch iſt zu⸗ gleich ſein eigener Quäler und ſein eigener Narr. Wir machen uns ungeheure Verſprechungen, und eine Lei⸗ denſchaft, ein Beiſpiel verwiſcht auch die Erinnerung an vieſe Verſprechungen aus unſerem Gemüthe. Man iſ gar zu geneigt, die Menſchen für Heuchler zu helten, wenn ihr Benehmen nicht zu ihren Geſinnungen paßt; vielleicht iſt aber kein Laſter ſeltener(denn es iſt eine äußerſt ſchwierige Aufgabe) alb aber entgegengeſetzte Urſachen bringen nicht ſelten gleiche Wir⸗ kungen hervor. Leidenſchaſt macht die Menſchen gewöhnlih veränderlich, bisweilen iſt vies auch bei der Verſchmitztheit de Fall; daher das Mißverſtändniß oberflächlicher, ſeichter Aut⸗ ren; und deßhalb werden, ſo lange ſareibt und.. zuſam⸗ menſtoppelt, die Charaktere großer Männer entſtellt und un⸗ richtig der Nachwelt überliefert. Der Herausgeber. „Der Kaiſer Julian. Der Originalausdruck iſt in den Terte paraphraſirt. as„Der Geiſt des Patriotismus.“ . ſyße keit, Locku wirkt ſten Herz Beneh über den hr vernah auch w der V getrieb Beherr⸗ r, keine nes, der rfahrung Sie ſich, leich ein iſt eine velche ge⸗ erte Be⸗ on ſagen iſ p arr. Wir eine Lei⸗ nerung an Man iſt zu halten, gen paßt; er(denn gleiche Wir⸗ gewöhnlih mitztheit dn eichter Auto⸗ d... zuſam⸗ ellt und u⸗ usgeber. iſt in den 117 ſyßtematiſche Heuchelei; und bieſelbe Empfänglich⸗ keit, welche die Menſchen der Gefahr ausſetzt, durch die Lockungen des Laſters leicht verführt zu werden, be⸗ wirkt, daß die Liebenswürdigkeit der Tugend ben ſtärk⸗ ſten Eindruck auf ihr Herz macht. Mit Mund und Herz ehren ſie die Würde der letzteren, während ihr Benehmen am meiſten um die falſchen Altare herirrt, über welchen die erſtere thront. Ja! ich bin gegen den hohen Vorzug des Guten nie blind geweſen. Ich vernahm die ſtillen, ſüßen Zuflüſterungen der Tugend, auch wenn der Sturm am lauteſten tobte und die Barle der Vernunft am ungeſtümſten über die Wellen hin⸗ getrieben wurde; und in dieſem Augenblicke erfüllte mich die Ahnung, daß ich früher oder ſpäter dieſe Zu⸗ flüſterungen nicht nur hören, ſondern ihrem Winke auch gehorchen werde; und daß ich ſerne von Höfen und Intriguen, von Zerſtreuung und Ehrgeiz, in der Zurückgezogenheit die wahren Geſetze der Weisheit, und die wirklichen Zwecke des Lebens kennen lernen werde.“ So ſprach Bolingbrole, und ſo hörte ich ihm zu, bis die Zeit zur Abreiſe herankam. Ich verließ ihn mit einem Gefühle von Schwermuth, das eher tröſt⸗ lich, als unangenehm war. Was immer ein Fehler dieſes blendenden, außerordentlichen Geiſtes geweſen ſein mögen, ſo war doch Niemand aufrichtiger in dem Bekenntniſſe derſelben.“ Ein ſyſtematiſch ſchlechter * Man kann unmöglich den Brief an Sir W. Windham leſen, ohne von der würdigen, und doch ſo offenen Aufrichtig⸗ keit, welche in demſelben weht, bedeutend angeregt zu werden. 118 Menſch zieht das Gute entweder in's Lächerliche, oder läugnet deſſen Exiſtenz; kein Menſch aber, deſſen Herz noch für den Vorzug und Adel der Tugend empfäng⸗ lich iſt, kann im Laſter verhärtet ſein. Dieſelbe Aufrichtigkeit in Allem, was ſich auf ihn ſelbſt bezieht, zeigt ſich in allen Schriſten und Briefen Bolingbroke's, und voch iſt Aufrichtigkeit dieienige Eigenſchaft, die man ihm in der Regel am wenigſten zugeſteht. Allein nie gab es einen Schriſtſteller, der von den Menſchen mehr beſprochen und we⸗ niger geleſen wurde; ich kenne hiefür keinen ſtärkeren Beweis, als die immer aufs Neue wiederholte Verſicherung(die von einem ſehr unzulänglichen Autor nachgebetet wurde), daß beſagler Brief an Sir W. Windham das Tüchtigſte von Allem ſei, was Lord Bolingbroke geſchrieben. Derſelbe iſt von großem Werthe für die Geſchichte jener Zeit, aber nach Anmuth und allen höheren Eigenſchaften der Compoſition einer der unbedeutendſten(und andererſeits hinſichtlich der Wortfüögung einer der inkorrekteſten), welche deſſen Verſaſſer uns hinterlaſſen bat(immer jedoch die nach ſeinem Tode herausgekommenen Werke ausgenommen). Ich weiß nicht, ob nicht die glänzendſten Stellen— die edelſten Gleichniſſe— die tieſſten Betrachtungen und die nützlichſtn Wehrheiten, die ſich in eben ſeinen Werken finden, gerade aus derjenigen Schrift abgeleitet werden könnteñ, welche am werig⸗ ſten bellebt iſt und den Litel führt:„Politiſche Abhandlungen“ Der Herausgeber. 56e ruhen! vollens⸗ Bahn e eines d biſt du unſerer befreite Wel ein hell , oder n Herz pfäng⸗ ſelbſ gbroke's, man ihm es einen und we⸗ Beweis, von einem gler Brief was Lorh Verthe für en höheren dſten(und rrekteſten) jedoch die enommen). die edelſten nützlichſten gerade au am wenig⸗ andlungen“ sgeber. Fünftes Buch. Erſtes Kapitel. Ein Porträt. SGeheimnißvoller Trieb des Herzens, der uns nie ruhen läßt, der uns— menſchliche, bis unſer Lauf vollenbet und unſer Licht erloſchen iſt, auf einer kleinen Bahn ewig dahineilende Planeten— durch den Kreis eines dunkeln, unerforſchlichen Schickſales fortſtößt! biſt du nicht eine ſchwache Andeutung, ein Vorbild unſerer ſpäteren Wanberungen? der niemals ſchlum⸗ mernden Natur der Seele? des ewigen Fortſchrittes, den wir durch die zahlloſen Stufen und Reiche, Harmo⸗ nien in der unendlichen Schöpfung zu machen beſtimmt ſind? Ach, oft habe ich es auf meinen Wanderzügen gewagt, ſo zu träumen, oft erhob ich mich auf den ſchwärmeriſchen Schwingen der Gedanken über den „Qualm und Lärm“ dieſer trüben Erde und ſchuf mir aus den Bildern meines nimmer ruhenden Gemüthes. eine Karte der Herrlichkeiten und Wunder, die der befreite Geiſt einſt erreichen und erblicken wird! Welch freudiges Erwachen aus uns ſelbſt,— welch ein heller, friſcher Trunk aus einer neuen Quelle des 120 Daſeins,— welch ein Rad im Rad, das die ganze übrige animaliſche Maſchine belebt, aufzieht und in Gang bringt, iſt die erſte Aufregung einer Reiſe! Das erſte freie Entkommen aus den Banden des gefeſſelten, zahmen Lebens der Städte und der ſocialen Mängel, aus dem quälenden Genuſſe und ber hohlen Liebe, dem einförmigen Kreiſe ſchmutziger Zwecke und dumpfer Wünſche,— aus der ewigen Kette, die uns an Dinge und Weſen feſſelt, das Geſpötte unſeres eigenen Selbſt, — dieſem ähnlich und doch wie verſchieden! der Stoß, der uns den Menſchen näher bringt, nur damit wit ihnen im Kampfe begegnen und aus dem rauhen Streite mit verſchleiertem Betruge und offener Gewalt lernen, daß, jemehr wir uns den Zwecken Anderer anſchließen, wir um ſo tiefer und niedriger in die eigene Kleinheit verwurzeln. Frankreich durchzog ich mit mehr Muße, als die anderen Gegenden, burch welche mich mein Weg führte. Ich hatte lange genug in der Hauptſtadt gelebt, um auf einen überblick des Lanbes begierig zu werden. Hier fiel denn die letzte Schuppe, welche der Zauber Lud⸗ wigs XIV. und die Erinnerung an ſeinen prächtigen Hof auf meinem moraliſchen Auge zurückgelaſſen haite ich ſah das wahre Weſen von der Größe des Monarchen und die wirklichen Folgen ſeiner Regierung. Ich ſih die armen, herabgewürdigten, bedrückten, von de Pfaffen geplagten Pflüger und Bebauer des Voden, welche die Subſtanz unter der glänzenden, falſche Oberfläche bildeten— den Körper des großen Reiche, von welchem ich his jetzt nur dos Geſicht, und au — die bebe ſeine zeiti einfl geſch und kann Woh elend nicht verar Streit lernen, ſchließen, Kleinheit „als die eg führte. um af en. Hier ber Lud⸗ rächtigen ſen haite, Nonarchen Jch ſih von den s Bodent, falſche n Reiche, und au dieſes nur dunkel und größtentheils durch eine Maske bedeckt, geſehen hatte! Niemand kann Frankreich, das ſchöne Frankreich, ſeinen ergiebigen Boden, ſein gemäßigtes, aber früh zeitigendes Klima, den tapfern, köhnen Muth, den es einflößt, ſeine von der Natur ſelbſt angedeuteten und geſchützten Grenzen, die Vortheile, welche es aus Meer und Land, aus Handel und Ackerbau zieht, Niemand kunn all dies betrachten, ohne ſich zu wundern, daß ſein Wohlſtand ſo geſunken und ſeine eigentliche Lage ſo elend und krankhaft iſt. Möge England eine Lehre daraus ziehen und ſich nicht nur vor erſchöpfenden Kriegen, ſonbern auch vor verarmenden Regierungen hüten. Eine Vergeudung des öffentlichen Schatzes iſt das dauerndſte Staatsunglück, und, der Schatz, der durch Ausſchweifungen geleert iſt, muß durch Verbrechen wiedes gefüllt werden.* Ich entfinne mich, daß ich an einem ſchönen Tage wegen einer Beſchädigung meines Wagens genöthigt war, einen ganzen Abend in einem kleinen Dorfe zu bleiben. Der Pfarrer beehrte mich mit einem Beſuche, und wir ſchlenderten nach einer frugalen Mahlzeit durch den Ort. Der Pfarrer war von gefälligem, ruhi⸗ gem Benehmen und für ſeine niedere Stellung und ſeine geringen Hülfsmittel nicht übel unterrichtet; in⸗ deſſen ſchien er die Lebhaftigkeit ſeiner Landsleute nicht zu beſitzen, ſondern war eher düſter und nachdenklich, nicht nur in dem Ausbrucke ſeines Geſichtes, ſondern nach ſeiner ganzen Denkweiſe. * Tacitus. 122 „Sie haben da eine bezaubernde Gegend; es kommt mir beinahe wie eine Sünde vor, ſie ſchon ſo bald zu verlaſſen.“ Wirklich befanden wir uns in dem Augenblicke, als ich dieſe Bemerkung gegen den guten Curé machte, an einem angenehmen, reizenden Punkte. Ein kleiner, aus einem Schlagholze zur Linken kommender Bach zog ſich glänzend und ſprudelnd zu unſern Füßen hin, um die Wieſen des Dorfes, durch welche er ſich in gewundener, nicht unmelobiſcher Strömung hinzog, mit lebhafterem Grün zu überdecken. Wir ſtanden ſtille und ich lehnte mich gegen einen alten, einſam ſtehenden Kaſtanienbaum, von wo aus man die ganze Seene überſah. Das Dorf war ein wenig im Hintergrunde, und der Rauch ſeiner wenigen Kamine ſtieg langſam und ſchön zu dem ſtillen, tiefen Himmel auf, nicht ganz unähnlich den menſchli⸗ chen Wünſchen, die, obwohl von der groben, dumpfen Erde kommend, ſich auf ihrem Wege zum Himmel läu⸗ tern. Und aus dem Dorfe ſcholl(wenn andere Laute, deren ich gleich gedenken werde, einen Augenbhlick ſchwie⸗ gen) das Geſchrei von Kindern, durch die Entfernung zu einem verwirrten, aber immer noch durchdringenden Ton geſänftigt, der wie die Stimme unſerer eigenen vahingeſchwundenen Kindheit zum Herzen brang. Vor uns in weiter Ferne zog ſich eine Hügelkette hin, auf welche die Herbſtſonne langſam niederſank und ihre gel⸗ ben Strahlen auf Gruppen von Landleuten warf, die auf der andern Seite des Baches in einiger Entfernung von uns, theils über die Wieſen zerſtreut waren, theils ſich unter dem Schatten einer kleinen Baumgruppe zuſam geren Jugen Mufil lauter ſtrömt eine ri kürlich eſſe zu Liebe g „2 nähert eine P chwie⸗ rnung enden igenen Vor „auf re gel⸗ f, die rnung theils rue 123 zuſammenbrängten. Erſtere beſtanden aus den Jün⸗ geren und Denjenigen, welche an der Beluſtigung der Jugend Freude hatten; ſie tanzten zu der fröhlichen Muſik, die hie und da mit dem Gelächter und den Tönen lauteren Scherzes vermiſcht, jubelnd an unſer Ohr ſtrömte. Die Väter und Mütter des Weilers genoſſen eine ruhigere Freude unter den Bäumen, und unwill⸗ kürlich ſchrieb ich ihrem Geſpräche ein wärmeres Inter⸗ eſſe zu, wenn ich annahm, ſie heißen gegenſeitig die Liebe gut, welche ſie bei ihren Kindern bemerken mochten. „Will Monfieur ſich den Tanzenden nicht mehr nähern?“ fragte der Pfarrer;„etwas weiter unten iſt eine Planke über den Bach gelegt.“ „Nein,“ erwiderte ich,„vielleicht nimmt ſich die Sache von hier geſehen beſſer aus— welche Freube ertrüge die Beobachtung in zu großer Nähe? „Wahr, mein Herr,“ bemerkte der Pfarrer und ſeufzte. „Und doch,“ begann ich nachdenklich wieder, indem ich mehr zu mir ſelbſt, als zu meinem Gefährten ſprach⸗ „und doch, wie glücklich ſcheinen ſie! welch ein Wieder⸗ aufleben unſerer arkadiſchen Träume ſind Flöte und Tanz, die glänzenden Bäume, überglüht von der unter⸗ gehenden Herbſtſonne, der grüne Raſen, der mur⸗ melnde Bach, das laute Lachen, das den Satyr in ſeinem umlaubten Schlupfwinkel aufſchreckt; vas ländliche Ge⸗ koſe, das noch lieblicher werden wird, wenn die Sonne hinunter iſt, und das Zwielicht dem Seufzer größere Zärtlichkeit und dem Erröthen eine ſanftere Farbe gibt! Ach, warum iſt es nur ein Wiederaufleben eines Trau⸗ 124 mes! warum muß es ein Zwiſchenſpiel zwiſchen Mühe und Schmerzen ſein— die kurzen Saturnalien ver Sklaven— der grüne Ruheplatz auf dem mühſeligen, langen Wege der Arbeit und Plage?“ „Von allen Fremden, denen ich begegnet, ſind Sie der erſte,“ ſagte der Pfarrer,„der den dünnen Schleier unſerer galliſchen Fröhlichkeit zu durchſchauen ſcheint; der erfle, in welchem das Schauſpiel, das wir vor uns ſehen, andere Empfindungen hervorruft, als Glauben an das Glück unſeres Landmannes und Veneidung ſeiner vermeintlichen überfülle. Wie jedoch die heiter⸗ ſten Menſchen nicht die glücklichſten ſind, ſo fürchte ich, iſt es auch mit den Nationen.“ Ich ſah den Pfarrer etwas erſtaunt an.„Ihre Bemerkung iſt tiefer, mein Vater, als die gewöhnliche Weisheit Ihrer Amtsgenoſſen,“ ſagte ich. „Ich habe drei Welttheile durchreist,“ antworteie der Geiſtliche;„ich war nicht immer für das beſtimmt, was ich bin;“ und ſeine milben Augen blitzten von einem plötzlichen Strahle auf, der ebenſo ſchnell wieder ver⸗ ſchwand.„Ja, ich habe den größeren Theil der be⸗ kannten Welt durchreist,“ wiederholte er in ruhigerem Tone,„und habe die Bemerkung gemacht, daß, wo ein Menſch viele Güter des Lebens zu hüten, viele Rechte zu vertheidigen hat, er natürlich die Nachbenklichkeit und den Ernſt Derjenigen annimmt, welche den Werth eines ihnen zugehörenden Schatzes kennen und nur ernſt⸗ lich darauf bedacht find, ſich gegen deſſen Verluſt zu ſichern. Auch habe ich bemerkt, daß die Freude, welche eine Folge der augenblicklichen Befreiung von der Arbeit iſt, in ganger päiſche niſchen ſeiner der ſtä wie wi ſten ha tiefen ſchmerz der kei meiner Sinn ühe der gen, Sie leier eint; uus uben dung iter⸗ rchte Ihre liche rtete mmt, inem ver⸗ be⸗ eem ein techte chkeit Berth ernſi⸗ ſt zu velche Urbeit 125 iſt, in einem natürlichen Verhältniſſe zu der vorange⸗ gangenen Mühe ſteht; daher kommt es, daß keine euro⸗ päiſche Frende ſo ausgelaſſen iſt, als die eines india⸗ niſchen Sklaven, wenn ein kurzer Feiertag ihn von ſeiner Arbeit befreit. Ach! gerade dieſe Freude iſt der ſtärkſte Beweis von der Schwere ſeiner Ketten, wie wir ſelbſt denjenigen Augenblick für den genußvoll⸗ ſten halten, der unmittelbar auf das Aufhören eines tiefen geiſtigen Leidens, oder eines heftigen Körper⸗ ſchmerzes folgt.“* Ich war über dieſe Bemerkung des Geißtlichen be⸗ troffen. „Ich ſehe jetzt,“ ſprach ich,„daß ich als Englän⸗ der keinen Grund habe, den ſprüchwörtlichen Ernſt meiner Landsleute zu beklagen, oder den leichteren Sinn der Söhne Italiens oder Frankreichs zu be⸗ neiden.“ „Nein,“ erwiberte der Pfarrer,„die glücklichſten Nationen ſind diejenigen, bei deren niederen Ständen man am wenigſten ein Zurückſinken von der Fröhlich⸗ keit zur Niedergeſchlagenheit wahrnahm; und Nach⸗ denken, das edelſte Merkmal bei einem einzelnen Men⸗ * Wenn dieſer Gedanke richtig iſt, ſo kann er uns für den Verluſt jener Dorſtänze und ländlichen Feſttage tröſten, wegen deren das„luſtige England“ einſt ſo berühmt war. Ihr Auf⸗ hören wurde dem düſteren Einfluſſe der Puritaner zugeſchriebenz allein nie ſiel es den guten Dichtern, welche dieſen Verluſt ſo ſehr betrauert haben, ein, daß derſelbe auch der Freiheit zugeſchrieben werden muß, welche dieſe Puritaner, wenn nicht einführten, doch allgemein machten.— Der Herausgeber. 126 ſchen, hat denſelben Werih bei einem Volke. Freie Menſchen ſind ernſthaft; es liegen ihnen Zwecke am Herzen, die werth ſind, ihre Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch zu nehmen. Sklaven bleibt es vorbehalten, ſich in dem einen Augenblicke dem Schmerze, im nächſten 5 der Fröhlichkeit hinzugeben.“ „In dieſer Hinſicht,“ ſagte ich,„würde es das beſte Zeichen für Frankreich ſein, wenn die Fröhlichkeit ſeiner Bewohner nicht länger ein richtiges Sprüchwort wäre, und die gedankenvolle Stirne an die Stelle des lächelnden Mundes träte.“ „Dieſer Tag wäre die Hegira unſeres politiſchen Glückes,“ verſetzte der Pfarrer. Wir ſchwiegen mehrere Minuten; unſer Geſpräch hatte eine Trübung auf die düſtere Scene vor uns ge⸗ worfen, und der Ton der Flöte klang nicht mehr mu⸗ ſikaliſch in meinem Ohr. Ich ſchlug dem Pfarrer vor, nach meiner auberge zurück zu kehren. Während wir langſam nach dieſer Richtung gingen, betrachtete ich meinen Begleiter aufmerkſamer, als ich bisher gethan. Er war ein Muſter männlicher Kraft und Anmuth und hätte ich ſeine Wange nicht ſehr aufmerkſam he⸗ trachtet, ſo hätte ich denken können, er müſſe die Eichen um die Dorfkirche her überleben, wo er Gottes Wort rede. Aber die Wange war verwelkt und hektiſch und ſchien anzudeuten, daß das heiße Feuer, das ungeſehen, aber ungeſchwächt, in der Tiefe ſeines Herzens brenne, den ſterblichen Stoff lange verzehren werde, ehe die Zeit die allmählige Zerſtörung nur begonnen haben würde. Freie m n An⸗ n, ſich ichſten es das lichkeit chwort elle des itiſchen eſpräch uns ge⸗ ehr mu⸗ rer vor, end wir tete ich gethan. lnmuth; ſam he⸗ ie Eichen es Wort tiſch und ngeſehen, s brenne, eche die en haben 127 „So ſind Sie denn weit gereist, mein Herr?“ fragte ich, und in meiner Stimme war Neugierde zu erkennen. Der gute Pfarrer durchſchaute meinen Wunſch, etwas über ſeine Abenteuer zu erfahren; und ſelten find die Einſiedler, welchen die Theilnahme Anderer nicht ſchmeichelt, oder welche dieſelbe nicht gern daburch belohnen, daß ſie biejenigen Lebensabſchnitte erzählen, die ſie ſelbſt am gernſten haben. Ehe wir uns an jenem Abende trennten, erzählte er mir ſeine kleine Geſchichte. Er war für die Armee erzogen worben; ehe er aber in dieſen Stand eintrat, hatte er die Tochter eines Nach⸗ barn geſehen— ſie geliebt— und die alte Geſchichte: ſie liebte ihn wieder und ſtarb, ehe die Liebe durch die Feuerprobe der Ehe gegangen war. Er verlangte jetzt nicht länger nach Ruhm, aber nach Zerſtreuung. Er verkaufte ſeine kleine Habe und reiste, wie er geſagt, beinahe vierzehn Jahre durch die eiviliſirten Länder Eurvpa's, wie unter fernen Himmelsſtrichen, wo Wahr⸗ heit eine Fabel ſcheint und Dichtung ihre Legenden verwirklicht, oder übertroffen ſindet. Arm an Geld und müde am Geiſte kehrte er nach Hauſe zurück. Er wurde Das, als was ich ihn jetzt ſah.„Mein Loos ſteht jetzt feſt,“ ſagte er am Schluſſe; „aber ich finde einen großen Unterſchied zwiſchen Ruhe und Zufriedenheit; mein Herz zehrt ſich hier auf; die Motte frißt das abgelegte Gewand ſtärker an, als es durch Sturm ober Kampf abgenützt worden wäre.“ Ich antwortete durch einige Gemeinplätze über Einſamkeit, das Glück eines hinlänglichen Auskommens 128 und des Landlebens. Der Vater ſchüttelte freundlich ven Kopf, gab aber keine Antwort; vielleicht vachte er richtig, daß unſere Gefühle ſtets jenſeits des Ur⸗ theilsbereiches eines uns Fremden ſtehen. Wir ſchieden mit mehr Herzlichkeit, als dies bei Bekannten von ſo kurzer Dauer gewöhnlich der Fall iſt. Auf meiner Rück⸗ reiſe vvn Rußland hielt ich in dem Dorfe an, um mich nach ihm zu erkundigen. Wenige Monate hatten das Ihrige gethan; die Motte hatte ſchon das menſchliche Gewand durchgefreſſen; ich ging auf ſein beſcheidenes, namenloſes Grab und fühlte, daß dort die einzige Ruhe zu finden ſei, deren Einförmigkeit ſich kein Be⸗ dauern beigeſellt. Zweites Kapitel. Ankunſt in Petersburg— Zuſammentreffen mit einem wißbe⸗ gierigen, geheimnißvollen Fremden— Nichts über das Reiſen! Es war in der That, als käme ich in eine neue Welt, als ich das froſtige Glück hatte, Rußland zu he⸗ treten. Petersburg hatte ich mir als eine wundervolle Stadt vorgeſtellt, ſah mich aber getäuſcht; es war der wundervolle Anfang einer Stadt und ſonſt hätte ich auch nichts erwarten ſollen. Nie aber gab es, glaub ich, einen Ort, zu welchem man mit ſo viel Schwierig⸗ keit gelangte; dieſe Winde— dieſes Klima— dieſe Polizeieinrichtungen— und dazu noch gehandhabt von welchen Kerlen! ſechs Fuß hoch, ohne etwas Menſch⸗ liches an ſich, als ihre Unſanberkeit und Wildheit! Solche Feuerp mußte Zufrie auf all welcher hollänt len un! eiviliſit Stapt, wenn 2 zu mir Gliedm welche loſigkeit eine neue nd zu be⸗ mdervolle s war der hätte ich s, glaube Schwierig⸗ — dieſt dhabt von s Menſch⸗ Wildheit! 129 Solche beſchwerliche Aufenthalte, Schwierigkeiten, Feuerproben, welche man nothwendig durchmachen mußte, und zwar mit einer Miene der vollkommenſten Zufriedenheit! Bei Gott! man hätte glauben ſollen, auf alle Fälle müſſe es ein irbiſches Paradies ſein, zu welchem man ſo ſchwer gelangen könne, und nicht eine holländiſch ausſehende Stadt mit unbehaglichen Kanä⸗ len und dem fürchterlichſten Klima, in welchem je ein eiviliſirtes Weſen erfroren iſt.„Es iſt genau eine Stadt, wie ſie eine Nation Bären erbauen würde, wenn Bären je Baumeiſter werden ſollten,“ ſprach ich zu mir ſelbſt, als ich mit klappernden Zähnen und Gliedmaßen in der nordiſchen Hauptſtadt ankam, welche ſich in einem Zuſtande vollkommener Gefühl⸗ loſigkeit befanden. Mein Wagen hielt endlich vor einem Gaſthofe, ven man mir empfohlen hatte. Ich glaube, es war eine, Petersburg ausſchließlich zukommende Eigenſchaft, daß zu der Zeit, von welcher ich ſpreche, keine ſeiner Straßen einen Namen hatte; mußte man nun ein Haus ausfindig machen, ſo konnte man dies nur durch münd⸗ liche Beſchreibung. Sehr angenehm war es dabei, mitten in einer Straße anzuhalten, auf eine ſolche Beſchreibung ihrer ganzen Länge nach zu horchen und zu finden, daß man, während die Details immer mehr anwuchſen, in kurzer Zeit ganz erſtarrte. Nach⸗ dem ich einquartirt, aufgethaut und geſpeist war, ſank ich in einen feſten Schlaf und ſchlief achtzehn Stunden, ohne auch nur einmal zu erwachen, es kam Bulwer, Devereux. M. 9 130 mir überhaupt wie ein Wunder vor, daß ich wieder erwachte. Ich kleidete mich alsdann an, nahm einen Dolmet⸗ ſcher, einen Livländer und großen, aber geſcheiten Spitzbuben, der ſich zweimal wöchentlich wuſch und den Bart nicht über acht Zoll lang werden ließ, ſetzte mich in einen Wagen und fuhr aus, um meine Empfeh⸗ lungsbriefe abzugeben. Beſonders hatte ich einen au Abmiral Apraxin; mit dieſem Mann ſollte ich zuerſt ſprechen, ehe ich eine Unterredung bei dem Kaiſer nachſuchte. Demzufolge begab ich mich nach ſeinem Hotel, das auf einer Art Kai lag, und für Petersburg in der That ſehr prächtig war. In dieſem Stadttheile lebten damals und auch noch etwas ſpäter noch etwa dreißig andere der höchſtgeſtellten Beamten, General Jagozinsty, General Czernicheff u. ſ. w.; und ſehr paſſend ſteht als das merkwürdigſte öffentliche Gebände in der Nachharſchaft das große Schlachthaus— eine hübſche Probe einer Satire aus dem Leben! Als ich durch den Hausflur des Admirals gehen wollte, widerfuhr mir die Kränkung, daß ich von ſei⸗ nen Bebienten zurückgewieſen wurde. Da zwei Herren in militäriſcher Kleidung augenblicklich eingelaſſen wur⸗ den, ſo fand ich dieſes Benehmen etwas hart gegen einen Menſchen, der ſo weit gereist war, um den Herrn Admiral zu ſehen, und ſprach meine Entrüſtung gegen Herrn Muskotofsky, meinen Dolmetſcher, aus. „Sie ſind nicht ſo reich gekleidet wie jene Herren,“ ſprach er. „Das wäre der Grund?“ — kleidet . „ ₰ lach u wieder vorgel uns ſt mache T — ob kaum ſah b war, nur Aufge wo es winn um ei die m 2 Verg ihre denkl mitte Bau ſein zu u wieder olmet⸗ ſcheiten und den zte mich Empfeh⸗ einen an ch zuerſt 1Kaiſer ſeinem tersburg adttheile och etwa General und ſehr Gebände 3— eine ils gehen von ſei⸗ i Herren ſſen wur⸗ rt gegen um den ntrüſtung e, a Herren,“ — 134 „Ja! bei St. Nikolas; überdies liefen vor jenen Herren zwei Bedienten her und riefen:„Platz gemacht!“ „So thäte ich wohl beſſer, wenn ich mich reicher kleidete und zwei Vorläufer nehme.“ „Ja, bei St. Nikolas.“ Hierauf kehrte ich zurück, kleidete mich in Schar⸗ lach und Gold, nahm ein paar Lakaien, begab mich wieder zu Admiral Aprarin und wurde augenblicklich vorgelaſſen. Wer hätte gedacht, daß dieſe Wilden uns ſo ähnlich wären? Man ſieht, überall in der Welt machen Kleider die Leute! Der Admiral, ein ſehr gewichtiger Mann bei Hofe — obwohl er einige Zeit ſpäter Sibirien oder der Knute kaum entging— war ſehr artig gegen mich; allein ich ſah bald, vaß der große Czar, ſo gewogen er Aprarin war, auf dem großen Schachbrett der Politik Anderen nur unbedeutende Züge überließ; ſomit ſchien meine Aufgabe an dieſem Hofe derjenigen an anderen Höfen, wo es beſſer iſt, den Günſtling als den Fürſten zu ge⸗ winnen, ganz unähnlich. Ich verlor daher keine Zeit, um eine Unterredung mit dem Czaren ſelbſt nachzuſuchen, die mir auch bereitwillig zugeſagt wurde. Am Tage vor dieſer Andienz machte ich zu meinem Vergnügen einen Gang durch die Stabt; ich betrachtete ihre zunehmende Größe und warf beſonders einen nach⸗ denklichen Blick auf die Feſtung oder Citadelle, welche mitten in der Stadt auf einer Inſel liegt, und bei deren Bau mehr als hunderttauſend Menſchen umgekommen ſein ſollen. Ein ſo graßes Opfer koſtet es, um die Natur zu unterwerfen. —— 132 Während ich mich auf dieſe Art unterhielt, be⸗ merkte ich einen Mann, ber in einem kleinen Chaischen, das nur von einem Pferde gezogen wurde, zweimal au mir vorüberfuhr und mich ſehr aufmerkſam anſah. Wie die meiſten meiner Landsleute, mag ich es nicht leipen, wenn man mich angafft; indeſſen hielt ich es in dieſem unbekannten Lande für beſſer, das zuerſt beabſichtigte Stirnerunzeln in eine gutmüthige Miene zu verwechſeln und ging weiter. Ein ſonderbarer Anblick feſſelte jetzt meine Aufmerkſamkeit. Zwei Männer mit Bärten, worin ſich ein Kaſuar hätte verbergen können, gingen in ihren wunderlich langen Röcken langſam dahin, und machten, mit aller Ehrerbietung geſagt, dem Bilde der Menſch⸗ heit in der That wenig Ehre; als ſie gerade an ein Thor kamen, ſtürzten zwei andere Männer von erſtaun⸗ licher Länge, Jeder mit einer Schneiderſcheere bewaff⸗ net, hervor. Ehe eine Sekunde verſtrichen, waren die Bärte der Erſteren weg, und ehe eine zweite Sekunde verfloſſen, ſah man auch von den Schößen ihrer Röcke nichts mehr. Nie ſah ich Auswüchſe ſo fertig operiren. Die beiden Operateurs, welche während des ganzen Vorfalles ein tiefes Schweigen heobachtet, zogen ſich dann ein wenig zurück, und die verſtümmelten Wanderer ſetzten mit einer äußerſt unzufriedenen Miene ihren Weg fort. „Nichts über das Reiſen, wahrhaftig!“ ſagte ich laut, ohne es zu wiſſen. „Gewiß!“ erwiberte eine Stimme auf Engliſch hinter mir. Ich wandte mich um und erblickte den Mann, der mich von dem einſpännigen Chaischen aus ſo gufmerkſam betra einfa ſchme hielt Ausſ des L „ das 9 „ gende ſeit ſ kam, menſc Geiſte ſonder ſt, be⸗ aischen, mal au h. Wie leiden, dieſem ichtigte vechſeln lte jetzt „worin in ihren rachten, Menſch⸗ an ein erſtaun⸗ bewaff⸗ ren die Sekunde er Röcke periren. ganzen gen ſich zanderer e ihren gte ich hhinter nn, der merkſam betrachtet hatte. Es war ein großer, ſtarker Mann, ſehr einfach und ſogar ſchäbig in eine grüne Uniform mit ſchmaler, abgetragener Goldtreſſe gekleidet; gleich mir, hielt ich ihn für einen Fremden, obwohl Aecent und Ausſprache deutlich zeigten, daß er kein Eingeborener des Landes ſei, in deſſen Sprache er mich angeredet. „Ganz gewiß,“ ſagte er noch einmal,„nichts über das Reiſen.“ „Und zwar Reiſen,“ verſetzte ich höflich,„in Ge⸗ genden, wohin Reiſende ſelten kommen. Ich bin erſt ſeit ſechs Tagen in Petersburg, aber bis ich hierher kam, wußte ich nichts von der Mannigfaltigkeit der menſchlichen Natur und der Macht des menſchlichen Geiſtes. Doch, erlauben Sie mir zu fragen, was der ſonberbare Auftritt, von welchem wir ſo eben Zeuge waren, zu bedeuten hatte?“ „Oh, nichts,“ verſetzte der Mann mit einem brei⸗ ten, kräftigen Lächeln,„nichts als einen Verſuch, aus Thieren Menſchen zu machen. Dieſe Scheerart iſt jetzt, Dank ſei dem Himmel, nicht mehr ſehr nöthig— vor einigen Jahren bedurfte man mehrere Stationen von Barbierern und Schneidern, um ihre Obliegenheiten zu erfüllen. Jetzt iſt dies nur ſehr ſelten mehr nöthig; jene Herren waren für die Operation ausdrücklich bezeichnet. Vei—— Chier that der Mann einen gut engliſchen, etwas nach der Marine ſchmeckenden Fluch, der mich in den Straßen von Petersburg etwas erſtaunt machte) ich wollte, es wäre ebenſo leicht, alle alten Gewohnhei⸗ ten abzuſcheiden! ebenſo leicht, den Bart des Gei⸗ ſtes zu ſtutzen, mein Herr! Ha— ha!“ „ 134 „Allein ber Czar muß doch einige Schwierigkeit ge⸗ funden haben, auch nur dieſe äußerlichen Verbeſſerungen zu Stande zu bringen, und die Wahrheit zu ſagen, ich ſehe noch immer ſo viele Bärte, daß es mir ſcheint, die Reform ſei nur eine theilweiſe, keine allgemeine ge⸗ weſen.“ „Ach, dies ſind die Bärte des gemeinen Volkes; dieſe läßt der Czar für jetzt noch. Hahen Sie die Docken ſchon geſehen?“ „Nein; ich bin zu wenig Seemann, um mich ſehr dafür zu intereſſiren.“ „Hm! hm! Sie find wohl Offizier?“ „Ich hoffe, es bälder oder ſpäter zu werden— ich hin es noch nicht!“ „Noch nicht? hm! für Diejenigen, welche es zu werben wünſchen, gibt es Gelegenheit genug— was iſt denn Ihr Beruf, und was verſtehen Sie am beſten?“ Die ehrliche Neugierde des Fremden ſprach mich nicht eben ſehr an. Man ärgert ſich über zudringliche Fragen nicht ſo ſehr, wenn man ſie leicht beantworten kann, ganz unentſchuldbar aber findet man ſie, wenn man dies nicht kann. Nun war gerade Letzteres mein Fall. So verſtändig der Graf Devereur war, wäre es; ihm doch nicht ſo leicht geweſen, zu ſagen, was er am heſten verſtehe.„Mein Herr,“ ſagte ich deßhalb „mein Beruf iſt, auf keine Frage zu antworten; und was ich am beſten verſtehe, iſt— den Mund zu halten!“ Der Fremde lachte.„Ja, ja, das verſtehen all⸗ Engländer am beſten!“ ſagte er;„ſeien Sie mir aber nicht wollet aber( Morg 5 zur E V mich. kehr: franzi nach Freun Sie h den re burg rach mich dringliche ntworten ie, wenn res mein wäre es as er am deßhalb ten; und Mund zu ehen alle mir abet 135 nicht böſe— wenn Sie mit mir nach Hauſe gehen wollen, ſetze ich Ihnen ein Glas Branntwein vor!“ „Ich bin Ihnen für das Anerbieten ſehr verbunden, aber Geſchäfte nöthigen mich, es abzulehnen. Guten Morgen, mein Herr.“ „Guten Morgen!“ antwortete der Mann, indem er zur Erwiderung meines Abſchiedes leicht den Hut rückte. Wir trennten uns, wie ich dachte, allein ich irrte mich. Mein böſer Stern wollte, daß ich auf der Rück⸗ kehr nach Hauſe den Weg verlor. Während ich einen franzöſiſchen Handwerker, der ſehr Eile zu haben ſchien, nach dem beſten Wege fragte, kam mein nengieriger Freund in dem grünen Rocke wieder auf mich zu.„Ha! Sie haben ſich verirrt— ich kann Sie beſſer wieder auſ den rechten Weg bringen, als irgend Einer in Peters⸗ burg!“ Ich hielt es für gerathen, das Anerbieten anzuneh⸗ men, und wir gingen neben einander weiter. Ich be⸗ trachtete meinen Mann jetzt ziemlich aufmerkſam. Ich habe geſagt, er ſei groß und ſtämmig geweſen— er war auch auffallend gut gewachſen, und hatte eine Art ſee⸗ männiſcher Ungezwungenheit in Weſen und Benehmen. Sein Geſicht war ſehr eigenthümlich; kurz, feſt und ſcharf gezeichnet; ein kleiner, dicker Schnurrbart bedeckte die Oberlippe— das übrige Geſicht war raſirt. Sein Mund war groß, ſchloß ſich aber, wenn er ſchwieg, mit jenem Ausdrucke eiſerner Entſchloſſenheit, die ſich in keinem andern Zuge, als gerade in dem Munde, ſo deut⸗ lich ausſpricht. Seine Augen waren groß, weit geöffnet und beinahe ſtreng; wenn er, was im Laufe der Unter⸗ redung vft geſchah, den Hut aus der Stirne ſchoh, ſo wurden zwei ſtarke, tiefe Furchen zwiſchen den Brauen ſichtbar, welche auf Nachdenken oder Zorn— ober auf Beides deuteten. Er ſprach ſchnell und bisweilen mit einiger Verlegenheit in der Stimme, die ſich jedoch nie ſeinem Benehmen mittheilte. Mit den Irrgängen dieſer werdenden Stadt ſchien er in der That vollkommen he⸗ kahnt zu ſein und ſtand hie und da ſtill, um mir zu fagen, wann dieſes Haus gebaut worden oder wohin jene Straße führen ſolle u. ſ. w. Da jede dieſer Einzelheiten einen großen Sieg über natürliche Hinderniſſe, bisweilen auch über Nationalvorurtheile bewies, ſo konnte ich mich nicht enthalten, einige enthuſiaſtiſche Lobpreiſungen des genialen Czar fallen zu laſſen. Die Augen des Mannes funkelten bei dieſen Worten. „Es iſt leicht erſichtlich,“ ſagte ich,„daß Sie mein Gefühl theilen, und daß die Bewunderung bieſes großen Mannes ſich nicht auf Englänber beſchränkt. Wie klein erſcheinen im Vergleich mit ihm alle anderen Monarchen; ſie zerſtören Reiche— der Czar ſchafft eines. Die ganze Weltgeſchichte gibt kein Beiſpiel ſo umfaſſender— ſo wichtiger— ſo ruhmvoller Trinmphe, wie die ſeinigen geweſen. Sollten ihn ſeine Unterthanen nicht anbeten?“ „Nein,“ antwortete der Fremde in verändertem, nachdenklichem Tone,„nicht ſeine Unterthanen, ſondern deren Nachkommen werden ſeine Beweggründe wür⸗ digen und ihm verzeihen, daß er aus Rußland ein Land für Menſchen zu machen wünſchte. Die jetzige Gene⸗ ration kann aus ihren barbariſchen Gebräuchen und viehiſchen Gewohnheiten bisweilen herausge ſpottet, bis⸗ großen ie klein tarchen; ie ganze r— ſo ſeinigen beten?“ wertem, ſondern de wür⸗ in Land Gene⸗ en und et, bis⸗ 137 weilen herausgezwungen werden, unmöglich kann man ſie aber durch Vernunftgründe von denſelben abbringen, und ſie lieben den Mann nicht, der dieſen Verſuch macht. Ja, Herr, es iſt die Frage, ob das Andenken Jwans IV., der zur Beſchäftigung unter vas Gebet und zur Appetit⸗ reizung während des Eſſens Hunde ſchlachtete, nicht ganz ebenſo beliebt iſt, als der jetzt lebende Czar. Ich weiß wenigſtens, daß, ſo oft Letzterer eine Reform unter⸗ nimmt, die guten Moskowiten die Achſeln zucken und murmeln:„„Solche Dinge durften wir in den guten alten Tagen Jwans IV. nicht thun.““ „Ach! bei allen Völkern hängt das gemeine Volk ſo außerordentlich an ſeinen alten Gebräuchen. Ich will Ihnen ſagen, wen ich für die größten Feinde halte, den die Lebenden je hatten— unſere Vorfahren!“ „Ha, ha!— recht— gut!“ rief der Unbekannte und fuhr dann nach einer kurzen Pauſe in einem Tone tiefen Geſühles, das bis jetzt durchaus keinen Theil ſeines Charakters zu bilden geſchienen hatte, fort:„Wir müſſen vas, was für vas Menſchengeſchlecht gut iſt, aus inne⸗ rem Antriebe thun, und dürfen daher unſere Bemühun⸗ gen durch den Wiberſtand, den Haß oder die Undank⸗ barkeit, welche wir von Außen erfahren, nicht nieder⸗ ſchlagen laſſen. Es wird Belohnung genng für Peter I. ſein, wenn dereinſt in jenem Umlaufe der Bildung durch die ganze Welt, die ich mit nichts beſſer vergleichen kann, als mit dem Umlaufe des Blutes in dem menſchlichen Körper, der Ruhm Rußlands nicht auf dem Umfange ſeines Gebietes, ſondern auf dem ſeiner Geſittung— nicht auf der Zahl ſeiner auf der Stufe des Thieres ſtehenden und verdummten Einwohner, ſondern auf der Zahl erleuchteter, glücklicher und freier Menſchen be⸗ ruht; es wird ihm genug ſein, wenn man ihn für den erſten Begründer dieſer großen Veränderung anſehen wird— wenn ſeine Leiſtungen gegen die entgegenſtehen⸗ den Hinderniſſe richtig abgewogen werden— wenn er für ſein redliches undunaufhörliches Bemühen, Millionen zu einem beſſern Zuſtande zu erheben, für den Anſtoß, den er vielleicht in einem beſchränkteren Kreiſe geben mag, nicht zu ſtreng beurtheilt wird— und wenn man ihm in Erwägung der großen Schlacht, die er gegen Gewohnheit, Umſtände und Widerſpruchsgeiſt zu führen hatte, verzeiht, daß er nicht auch immer ſich ſelbſt be⸗ ſiegt hat.“ Hier brach der Fremde plötzlich ab. Unwillkürlich war ich von ſeinen Worten und der Kraft, mit welcher ſie geſprochen wurden, ergriffen. Wir ſtanden jetzt vor meinem Quartiere. Ich bat meinen Führer, einzutreten; allein der Wechſel in unſerm Geſpräche ſchien ihn nicht für Geſellſchaft geſtimmt zu haben. „Nein,“ ſagte er,„ich habe jetzt zu thun; wir wer⸗ den uns wieder treffen. Wie heißen Sie?“ „Gewiß,“ dachte ich,„nahm nie Jemand ſo wenig Anſtand, geradezu zu fragen;“ gleichwohl antwortete ich wahr und offen. „Devereur!“ ſagte er, wie erſtaunt.„Ha!— gut — wir werden uns wieder treffen. Guten Tag!“ Der 5 A an unt Gepré des C einen dung über d Prach wurde geführ Kano ſowie Drittes Kapitel. Der Czar— Die Czarin— Ein Feſt bei einem ruſſiſchen Edelmanne. Am folgenden Tage legte ich meine reichſte Kleidung llionen an und begab mich meiner Weiſung zufolge mit ſo vielem inſtoß, Gepränge, als ich aufbieten konnte, nach dem Palaſte geben des Czaren, wenn eine äußerſt beſcheidene Wohnung nman einen ſo ſtolzen Namen verdiente. Obwohl meine Sen⸗ gegen vung keine öffentliche war, erſtaunte ich doch ein wenig führen über die ungeheure Einfachheit und den Mangel an jeder lbſt be⸗ Pracht, wie ſie die kaiſerliche Reſidenz darbot. Ich wurde für einige Augenblicke in ein elendes Vorzimmer lrürlich geführt, wo ſich verſchiedene Modelle von Schiffen, welcher Kanonen und Häuſern, einige unbedeutende Porträts, etzt vor ſowie eines von König Wilhelm III. und ein anderes utreten; von Lord Carmarthen befanden. Gleich darauf erhielt hu nicht ich Zutritt bei dem Kaiſer. Es waren nur zwei Perſonen in dem Zimmer— vir wer⸗ eine Frau und ein Mann; keine Offieiere, keine Höf⸗ linge, keine Bedienten, keine Inſignien oder Zeichen wenig der Majeſtät. Die Frau war Catharina, die Czarin; twortete der Mann war der Unbekannte, mit welchem ich am Tage zuvor zuſammengetroffen— und Peter der Große⸗ — gut Die Identität des Czaren mit meinem neugierigen Be⸗ 1 kannten machte mich ein wenig beſtürzt; gleichwohl nahm ich eine ſo zuverſichtliche Miene an, als ich nur konnte. Wirklich hatte ich hinlänglich gut von der Perſon des Kaiſers geſprochen, und war nur ſehr wenig beſorgt 140 darüher, daß ich der kaiſerlichen Würde unbewußt ſo wenig Achtung erwieſen hatte.. „Ho— ho!“ rief der Czar, als ich mich ihm ehr⸗ furchtsvoll näherte,„ich ſagte Ihnen, wir werden uns bald wieder treffen!“ Hierauf wandte er ſich um und ſtellte mich Ihro Majeſtät vor. Dieſe außerorbentliche Frau empfing mich mit ſehr vielem Anſtande, und ob⸗ wohl ich den künſtlichſten und prächtigſten Hof Europa's beobachtet hatte, muß ich bekennen, daß ich in dem Ve⸗ nehmen der Czarin Nichts wahrnehmen konnte, das verrathen hätte, daß ſie die Magd eines lutheriſchen Geiſtlichen und das Weib eines ſchwediſchen Dragoners geweſen. Dieſe Würde lag entweder in ihrer Natur, oder war dieſe Frau, was viel Wahrſcheinlichkeit für ſich hat, ein Beiſpiel für die Wahrheit des abgedroſchenen Gedanken in Sucklings Brennoralt:„Succeß iſt eine ſeltene Schminke— verbirgt jede Häßlichkeit.“ Während ich mich verbeugte, ſtand die Czarin ganz ruhig auf und brachte mir zu meinem nicht geringen Er⸗ ſtaunen mit eigener Hand ein ziemlich großes Glas reinen Branntwein. Nichts auf der Welt iſt mir ſo verhaßt, als dieſes Getränk; gleichwohl ſchlang ich es hinab, als wäre es Nektar geweſen und lobte daſſelbe in einigen ſchönen Worten, welche die gute Czarin nicht voll⸗ kommen zu verſtehen ſchien. Nach einigen einleitenden Bemerkungen ging ich ſodann zu meinem Hanptgeſchäfte mit dem Czar über. Die Kaiſerin ſaß etwas entfernt, hörte aber mit augenſcheinlicher Aufmerkſamkeit auf das Geſpräch. Der äußerſt ſcharfe und kräftige Verſtand meines faiſerlichen Wirthes ergriff mich im höchſlen Grade. Weg, a leitet w Vernun mentes ſpräch eine M eine ant Erzeugr Währen bemerkt ſicht des kürlich mich. 2 er währ Jugend Nac ten, als ich auf, freundlie und eilte Zwe einem gt ging hin poſſierlic ſandtent und Mac Eſſen nie Branntw ußt ſo m ehr⸗ en uns im und entliche nd ob⸗ ropa's em Be⸗ e, das eriſchen goners Natur, ſür ſich ſchenen 141 Grade. Da war keine Hoffnung, ihn burch viplomatiſche Ausflüchte zu täuſchen oder irre zu führen. Der einzige Weg, auf welchem dieſer wunderbare Mann je irre ge⸗ leitet wurde, waren ſeine eigenen Leidenſchaften. Seine Vernunft beſiegte alle Fehler, nur die ſeines Tempera⸗ mentes nicht. So fein als möglich hrachte ich das Ge⸗ ſpräch auf Schweden und Karl Kll.„Haß gegen die eine Macht,“ dachte ich,„erzeugt vielleicht Liebe für eine andere; und wenn dies der Fall iſt, ſo wird das Erzeugniß von einem ſehr kräftigen Vater ſtammen.“ Während ich mich über dieſen Gegenſtand verbreiteie, bemerkte ich, daß gräßliche Convulſionen über das Ge⸗ ſicht des Czaren kamen— ſo gräßlich, daß ich unwill⸗ kürlich den Blick abwandte. Dies war ein Glück für mich. Nichts brachte den Czar ſo in Wuth, als wenn er während dieſer Geſichtsverzerrungen, denen er von Jugend auf unterworfen geweſen war, beobachtet wurde. Nachdem ich mich ſo lange mit dem Czar unterhal⸗ ten, als ich es für der Schicklichkeit gemäß hielt, ſtand ich auf, um mich zu entfernen. Er entließ mich ſehr freunvlich. Ich ſtieg wieder in meinen ſchönen Wagen und eilte auf dem nächſten Wege nach Hauſe. Zwei bis drei Tage ſpäter ließ mich der Czar zu einem großen Mittageſſen bei Apraxin einladen. Ich ging hin und befand mich bald in Unterhaltung mit einem poſſierlichen, kleinen Manne, einem holländiſchen Ge⸗ ſandten und großen Günſtlinge des Czars. Der Admiral und Madame sa femme reichten, ehe wir uns zum Eſſen niederſetzten, Jedem von der Geſellſchaft ein Glas Branntwein auf einem Teller. 142 „Welch wibrige Sitte!“ flüſterte der kleine hollän⸗ diſche Geſandte, indem er gleichwohl mit einer Miene ziemlicher Zufriedenheit mit den Lippen ſchmatzte. „Nun,“ ſagte ich klüglich,„jedes Land hat ſeine eigenen Sitten. Vor einigen Jahrhunderten hielt es ein franzöſiſcher Reiſender für ſchrecklich, daß wir Engländer rohe Auſtern eſſen. Aber die Engländer hatten Recht, wenn ſie Auſtern aßen, und ſo werven wir bei der fort⸗ währenden Verbreitung der Civiliſativn vielleicht nach und nach zu der Anſicht kommen, daß die Ruſſen Recht haben, wenn ſie Branntwein trinken. Aber in der That (wir hatten uns jetzt zur Tafel geſetzt), ich ſehe mich hier angenehm überraſcht. Alle Gäſte find wie meine eigenen Landsleute gekleidet; überall herrſcht großer Anſtand. Wäre es etwas weniger kalt, ſo könnte ich glauben, ich ſei in London oder in Paris.“ „Warten Sie,“ ſagte der kleine Holländer, den Mund voll Kraftbrühe—„warten Sie, bis Sie dieſe Leute ſprechen hören. Was glauben Sie wohl, daß die Dame neben mir eben geſagt habe?“ „Das kann ich nicht errathen— aber ſie lächelt allerliebſt, und in ihrem Benehmen liegt etwas ſo Freunvliches, Ehrerbietiges, daß ich denke, ſie bittet entweder um eine große Gefälligkeit, vder ſtattet ihren Dank für eine ſolche ab.“ „Recht,“ rief der kleine Geſandte,„ich will e Ihnen vervollmetſchen; ſie ſagt zu jenem alten Herrn Mein Herr, ich bin außerordentlich dankbar—(möße der heilige Nikolas Sie vafür ſegnen)— für die groß — Güte, Diner „E „Si n 2 „aber große Icd wo ein demſell — ein „V „₰ iſt ſo e ahmen Ruſſen „G einzigen „Je ſolchen verhaßt ſeine Un Röcke ki „De Nartenz / Di Stimme Buffon, erzählen weine 7) ollän⸗ Miene e. it ſeine tes ein* gländer Recht, er fort⸗ ht nach n Recht der That he mich ie meine Sie dieſe vaß die e lächelt tet ihren will Hertu: (nigt bie große 143 Güte, womit Sie mir vorgeſtern bei Ihrem herrlichen Diner ein ſo köſtliches Räuſchchen beibrachten!“ „Sie ſind witzig, Monſieur,“ ſagte ich lächelud; „Si non é vero ö ben trovato.“ „Meiner Seele, es iſt wahr,“ rief der Holländer; „aber ſtille!— ſehen Sie, man ſchickt ſich an, die große Paſtete anzuſchneiden.“ Ich wandte den Blick nach der Mitte des Tiſches, wo eine ungeheuere Paſtete prangte. Sie wurde in vemſelben Augenblicke angeſchnitten, und heraus trat — ein häßlicher, kleiner Zwerg. „Werden ſie den wohl eſſen?“ fragte ich. „Ha!— ha!“ lachte der Holländer.„Nein! bas iſt ſo ein Witz des Czars, welchen der Admiral nachzu⸗ ahmen für gut findet. Sehen Sie, wie er die ſtumpfen Ruſſen kitzelt, ſie ſind ganz vergnügt darüber.“ „Gewiß,“ ſagte ich;„praktiſche Späße ſind die einzigen Witze, welche Wilde verſtehen.“ „Ja, und gäbe der Czar nicht hie und da einen ſolchen Spaß zum Beſten, ſo wäre er über die Maßen verhaßt; aber Zwergpaſteten und Narrenaufzüge laſſen ſeine Unterthanen es ihm beinahe verzeihen, daß er ihre Röcke kürzer gemacht und ihre Bärte geſtutzt hat.“ „Der Czar hat eine große Freude an ſolchen Narrenpoſſen!“ „Die größte!“ und der kleine Mann dämpfte ſeine Stimme zu einem Flüſtern herab;„er iſt der erſte Buffon, der je gelebt hat. Ich will Ihnen ein Beiſpiel erzählen:(beiläuſig geſagt, lieben Sie dieſe Ungar⸗ weine7) Am Neunten des letztverfloſſenen Juni nahm 144 der Czur mich und noch ein halbes Dutzend ber fremden Geſandten nach ſeinem Luſtſchloſſe Peterhof. Mittags⸗ tafel wie gewöhnlich, Alle von Tokayer betrunken und zum Schluſſe Jedem ein Quart Branntwein von Seiner Majeſtät eigener Hand. Zum Schlafen weggetragen, — die Einen in den Garten— die Andern in das Gehölz.— Um vier Uhr aufgeweckt, immer noch im Nebel. Nach dem Luſtſchloſſe zurückgetragen, fanden wir da den Czar, der uns eine tiefe Verbeugung machte und Jebem eine Art gah, mit der Weiſung, ihm zu folgen. Mühſam gingen wir weiter, ſchwankten aber hin und her wie Schiffe in der Zuyder⸗See; nun kamen wir in ein Gehölz und wurden ſogleich ange⸗ wieſen, einen Weg durch daſſelbe zu hauen. Hübſche Arbeit für uns von dem corps diplomalique! Und, bei meiner Seele, Herr, Sie ſehen, daß ich keineswegs ein magerer Mann bin! Wir hatten drei Stunden Zeit dazm— wurden dann wieder zurückgeführt— wieder betrunken gemacht— in's Bett geſchickt— nach einer Stunde wieder aufgeweckt— und zum drittenmale betrunken gemacht, und weil man uns nicht mehr zu wecken im Stande war, ließ man uns his den andern Morgen um acht Uhr in Ruhe Nach Hofe zum Frühſtücke geladen— ſehnten wir uns mit unſerem Kopfweh nach Kaffee— fanden Nichts als Branntwein— mußten, krank wie die Hunde, wieder trinken— dann auf den elendeſten Mähren, von denen keine einen holländiſchen Gulden werth war, friſche Luft ſchöpfen,— ohne Zügel und Sättel— hump— bump— bump mußten wir vor dem Fenſter — des C rina macht zehn — be eine E Sturn Czarin voll A heulte ſieben von R den A Herren machte holländ mein 145 mden des Czar auf und nieder— von wo aus er und Catha⸗ tags⸗ rina uns zuſahen. Ich verſichere Sie, dieſer Ritt n und machte mich um ſechszehn Pfund leichter— um ſechs⸗ eit zehn Pfund, mein Herr!— zum Mittageſſen geſchleppt ragen,— bei Gott, wieder beirunken gemacht— Alle auf n das eine Schuyte zuſammengeworfen— ein verteufelter ch im Sturm echebt ſich— der Czar faßt das Steuer— die fanden Czarin ſteht auf der hohen Bank in der Cajüte, die machte voll Waſſer war— die Wellen ſchlugen— der Wind hm zu heulte— das Ertrinken gewiß— reizende Ausſicht!— 6 aber ſieben Stunden umhergeworfen— enblich in den Hafen nun von Kronſtadt getrieben. Der Czar verläßt uns mit enge⸗ den Worten: Zu viel für einen Spaß, he, meine zübſche Herren. Steigen Alle an's Land, naß wie Seehunde, und, machten ein Feuer, zogen uns ſplitternackt aus(ein esweg holländiſcher Geſandter ſplitternackt— denken Sie, tunden mein Herr!)— krochen in ein paar Schlittendecken ihrt— und ſtanden am andern Morgen mit dem Fieber auf— reine Thatſache, mein Herr. Hatte das Fieber zwei Mo⸗ dzun nate lang. Sah den Czar im Auguſt.— Ein herrlicher Ausflug nach meinem Luſtſchloſſe, ſagte Seine Majeſtät — müſſen bald wieder eine Partie dahin machen.“ Ruhe. Während mein kleiner Holländer dieſe petite histo- wir unz riette preisgab, vergaß ex die Ungarweine keineswegs, Nichts und da Bacchus und Venus alte Verwandte ſind, wurde Hunte, er nach und nach beredt über die Frauen. „Was halten Sie von den rufſiſchen Damen?“ fragte er;„ſie haben einen lebhaften Blick, he?“ „Gewiß,“ antwortete ich,„aber Alle haben ſie genſtr ſchwarze Zähne— woher kommt dies?“ Bulwer, Deyereur. 1I. 10 5 ₰ — 1 146 „Sie halten es für eine Schönheit und ſagen, weiße Zähne ſeien ein Zeichen der Neger.“ Hier wurde der Holländer von einer mnderen Perſon angeredet, und es entſtand eine Pauſe. Das Mittageſſen war enblich vorüber, die Gäſte blieben„ aus ſehr guten Gründen nicht lange nach demſelben ſitzen; die Branntweinflaſche nöthigt ſehr zu einer liegerden Stellung. Ich hatte das Vergnügen, die ganze Geſellſchaft glücklich unter dem Tiſche zu ſehen. Der Holländer war der Erſte. Mir ſelbſt war es durch viele Geſchicklichkeit gelungen, einem gänzlichen Mangel an Bewußtſein zu entgehen, und ich hatte mich ſo in der Gewalt, vaß ich meinen Weg nach Hauſe fand, mehr belehrt, als erfreut durch dieſe Art ruſſiſcher Fröhlichkeit. Viertes Kapitel. Unterredung mit dem Czar— Wenn Cromwell(Cäſar ausge⸗ nommen) der größte Mann war, der ſich je zu der höchſien Gewalt emporſchwang, ſo war Peter der größte Mann, der je für dieſelbe geboren wurde. Es war doch wohl ſonderbar, daß mein erſtes Zuſammentreffen mit Peter dem Großen, wie mit Philipp dem Milden in ſo ferne unter ähnlichen Um⸗ ſtänden ſtattfand, als beide erlauchte Perſonen dabei mehr die Rolle von Unterthanen, als von Fürſten ſpielten. Gleichwohl kann ich mir keine ſtärkere Be⸗ zeichnung für den Gegenſatz zwiſchen den Charakteren Beider denken, als die Art und die Beweggründe, aus welchen Jeber ſein Ineognito angenommen hatte. — Schw Silen die ſi der YP auf da Pe präng ſeines um zu um die Hätte auf eine dem Cz dem G machen. mit Bei ren, die weiße nderen Das blieben 5 nſelben einer n, die ſehen. s durch Mangel ſo in e fand, nſſiſcher r ausge⸗ höchſten m, der je n erſtes wie mit* hen Um⸗ en dabei Fürſten kere Be⸗ wakteren nde, aus te. 147 Philipp verbarg auf einem Schauplatze niederer Schwelgerei und Ausſchweifung den Jupiter unter dem Silen— trug die Maske nur der Zügelloſigkeit wegen, die ſie verbergen ſollte, und entſagte dem Vorrechte der Macht nur, um die größte Freiheit in Beziehung auf das Laſter zu genießen. Peter dagegen verzichtete auf vas ſelbfiſüchtige Ge⸗ pränge nur, um deſto aufmerkſamer über die Intereſſen ſeines Volkes zu wachen— verbarg den Regenten nur, um zu unterſuchen— und ſpielte den Unterthanen nur, um die Pflichten des Fürſten peſtv beſſer zu lernen. Hätte ich Muße, ſo möchte ich hier anhalten, um auf einen hemerkenswerthen Gegenſatz nicht zwiſchen dem Czar und dem Regenten, ſondern zwiſchen Peter dem Großen und Louis le Grand aufmerkſam zu machen. Beide ſind Schöpfer einer neuen Zeit— mit Beiden verbindet ſich eine ungeheure Veränderung in den Verhältniſſen zweier mächtigen Reiche. Hier aber endet die Ahnlichkeit und der Contraſt beginnt; die derbe Einfachheit Peters, die überladene Pracht Ludwig's; die Strenge eines Geſetzgebers für Barba⸗ ren, die Milde eines Abgottes der Höflinge. Der Eine, der ſiegreiche Vertheidiger ſeines Landes, erkämpft einen feſten, dauerhaften und gerechten Triumph; der Andere, erobernder Verwüſter eines Nachbarvolkes— erringt einen flimmernden, verſchwindenden, entehren⸗ den Sieg. Der Eine verwirft ruhig Gepränge, Pomp und perſönliche Ehrenbezeigungen, und ſchafft eine Wildniß zu einem Staate um; der Andere umgibt ſich mit Förmlichkeiten und vergendet auf einem pomphaf⸗ 148 ten Throne die Einkünfte von Millionen, um die auf⸗ gedunſene Eitelkeit eines Einzigen zu pflegen. Der Eine ein Feuer, das brennt, ohne über einen ſehr engen Kreis hinaus zu leuchten, ſeinen Glanz an zer⸗ ſtörtem Stoffe hinſchleppend und ſeine Nahrung aus dem ziehend, was es verzehrt; der Andere ein Licht, das ſeine weniger blendende Helle über eine Welt ver⸗ hreitet und nicht wegen deſſen, was es zerſtört, ſon⸗ dern wegen deſſen, was es belebt und erſchafft, be⸗ rühmt iſ. Es ſpricht nicht eben zu meinen Gunſlen, daß, während die Herahlaſſuug des Regenten mir ganz ne⸗ türlich erſchien, ich über das Wohlwollen, das mir der Czar bewies, etwas erſtaunt war. In Paris hatte ich der Mann des Vergnügens geſchienen, und dies allein reichte hin, Philipp von Orleans für mich zu gewinnen. Was konnte ich aber in Rußland ſcheinen, vas nur einigermaßen geeignet geweſen wäre, mir die Gunſt des Czaren zuzuwenden? Ich konnte weder Schiffe bauen, noch ſie unter Segel bringen, wenn ſie fertig waren; ich konnte den Stern nicht von dem Steuer unterſcheiben und kümmerte, was noch ſchlimmer war, mich auch gar nicht um ſolche Kenntniß. Die † Mechanik war mir ein Räthſel, und der Straßenbu eine unerreichbare Wiſſenſchaft. Den Branntwen konnte ich nicht ertragen— ein derbes Betragen und gemeine Sitten konnte ich mir gar nicht angewöhnen. Aus welchem Grunde alſo ließ mich der Czar wenigſtens zweimal wöchentlich zu einer Privataudienz rufen, ſchloß ſich ſtundenlang mit mir ein und ſuchte mich mit Toka; ſehr u Herze meinet allein meine fühles Theil als M Et in dem Ausdri men. raliſche ſuchun ie auf⸗ Der en ſehr an zer⸗ ng aus n Licht, elt ver⸗ t, ſon⸗ fft, be⸗ n, dß, ganz na⸗ mir der is hatte und dies mich zu ſcheinen, äre, mir te weder wenn ſie von dem ſchlimmer iß. Dief traßenban ranntwein agen und gewöhnen. venigſten nz rufen, mich mit Tokayer betrunken zu machen, um(wie er eines Abends ſehr unvorſichtig herausplatzte), die Geheimniſſe meines Herzens zu erfahren? Anfangs glaubte ich, der Zweck meiner Sendung reiche hin, das Räthſel zu löſen; allein wir ſprachen ſo wenig hierüber, daß ich trotz all meiner friſchen diplomatiſchen Eitelkeit mich des Ge⸗ fühles nicht erwehren konnte, ich verdanke die mir zu Theil gewordene Ehre weniger meinen Eigenſchaften als Miniſter, wie derjenigen als Menſch. Endlich entdeckte ich, daß die geheime Anziehung in dem philoſophiſchen Wege beſtand, den nach dem Ausdrucke des Czars unſere Geſpräche gewöhnlich nah⸗ men. Nie ſah ich einen Mann, der ſo geneigt zu mo⸗ raliſchen Erörterungen und metaphyſiſchen Unter⸗ ſuchungen war, beſonders zu ſolchen, welche mit dem, was der Anfang oder das Ende aller Sittenlehre ſein ſollte, mit der Politik zuſammenhängen. Bisweilen gingen wir verkleidet aus und wählten unter den Gebräuchen und Gegenſtänden um uns her irgend Etwas zum Thema unſerer Betrachtung und Diskuſſivn; nie gab der Czar bei ſolchen Anläſſen zu, daß ich ſeinem Range irgend etwas einräumte, was ich ſeinen Beweisgrün⸗ den nicht zuzugeſtehen geneigt war. Ich erinnere mich, daß er mich eines Tages auf der Straße anhielt und mitnahm, um zuzuſehen, wie zwei Männer die furcht⸗ bare Strafe des Battaog“ erhielten; der eine war ein Deutſcher, der andere ein Ruſſe; der Erſtere ſchrie heftig— ſträubte fich unter den Händen ſeiner Peini⸗ *Eine fürchterliche Art der Geißelung; jedoch immer noch milver als die Knute. 15⁰ ger— und nur mit der größten Schwierigkeit wurbe ihm die Strafe zugemeſſen; der Letztere ertrug ſie ge⸗ duldig und in Stille; nur einmal ſprach er und zwar:„Gott ſegne den Czar!“ „Können Eure Majeſtät dieſen Mann hören,“ ſagte ich warm, als mir der Czar die Worte verdoll⸗ metſchte,„ohne ihn zu begnadigen!“ Peter runzelte die Stirne, allein dies brachte mich nicht zum Schweigen.„Sie kennen die Ruſſen nicht,“ ſagte er heftig und kehrte ſich bei Seite. Die Strafe war noch nicht zu Ende.„Frage den Deuiſchen,“ ſagte der Czar zu einem Polizeibeamten,„was er verbrochen habe?“ Der Deutſche, welcher ſich erſchrecklich geber⸗ dete und heulte, ſtieß einige heftige Worte über die Schmach der Beſtrafung und die Geringfügigkeit ſei⸗ nes Vergehens aus; worin vieſes beſtand, habe ich vergeſſen. „Jetzt frage den Ruſſen,“ ſagte Peter.„Meine Strafe war gerecht,“ antwortete der Ruſſe kalt und legte ſeine Kleider an, als ob Nichts geſchehen wäre; „Gott und der Czar waren zornig auf mich!“ „Kommen Sie, Graf,“ ſagte der Czar;„und jetzt löſen Sie mir ein Räthſel. Ich kenne dieſe beiden Men⸗ ſchen; der Deutſche wäre in einer Schlacht der Ta⸗ pfere geweſen. Wie kommt es, daß er weint und ſich geberdet wie ein Mädchen, während der Ruſſe dieſelbe Strafe ohne Murren erträgt!“ „Mögen Euer Majeſtät mir vergeben,“ ſagte ich, „allein ich kann den Wunſch nicht unterdrücken, der Ruſſe hätte ſich ſtärker beklagt; Fühlloſigkeit gegen Strafe lich. S gung fü daß ger⸗ Todesqt Ruhm fühl ma Gleichg „H ſo würd und ebe habe ge „D dieſer U gefährli nach m Bei ein Beweis ſie der; ſich auf deren T ſtens m liſirteſte zeihen halbnac Wüſte; leben, nicht ül ber Gri nicht zu e ge⸗ und en,“ doll⸗ mich cht,“ trafe ſagte chen eber⸗ r die ſei⸗ e ich Leine und äre; jetzt Nen⸗ Ta⸗ ſich ſelbe e ich, der Strafe iſt einem Thiere, nicht einem Helben eigenthüm⸗ lich. Sehen Sie nicht, daß der Deutſche die Entwürdi⸗ gung fühlte, der Ruſſe aber nicht; und ſehen Sie nicht, daß gerade der Stolz, der die Schande des Battaog zur Todesqual macht, auch das Gefühl iſt, vas für den Ruhm der Schlacht ermuthigt haben würde? Ehrge⸗ fühl macht beſſere Krieger und beſſere Menſchen, als Gleichgültigkeit gegen Schmerz.“ „Hätte ich aber den Ruſſen zum Tode verurtheilt, ſo würde er mit derſelben Apathie hingegangen ſein, und ebenſo ausgerufen haben:„„Es iſt gerecht! Ich habe gegen Gott und den Czar geſündigt!““ „Darf ich mir die Bemerkung erlauben, Sire, daß dieſer Umſtand ein ſprechender Beweis vafür iſt, welch gefährlicher Irrthum in der alten Anſicht liegt, wo⸗ nach man die Todesverachtung zur Tugend erhebt? Bei einzelnen Menſchen mag ſie, das gebe ich zu, ein Beweis von Tugend ſein; als Nationalzug aber iſt ſie der ſicherſte Beweis von Nationalelend. Sehen Sie ſich auf der ganzen Erde um. Welche Länder ſind es, deren Bewohner den Tod mit Heiterkeit, oder wenig⸗ ſtens mit Gleichgültigkeit ertragen? Sind es die eivi⸗ liſirteſten— die freieſten— die glücklichſten? Ver⸗ zeihen Sie, nein! Es ſind die halbverhungerten, halbnackten, halbwilden Söhne des Waldes und der Wüſte; oder wenn ſie je in einem Staatsverbande leben, ſind es Sklaven, deren Genuß und Verſtand nicht über den nächſten Augenblick hinausreichen; und ber Grund, warum ſie vor den Schrecken des Todes nicht zurückweichen, liegt darin, daß ſie die wahren Freuden oder die wahren Zwecke des Lebens nie gekannt haben.“ „Doch,“ ſagte der Czar nachdenklich,„war Tobes⸗ verachtung der große Kennzug des ſpartaniſchen Cha⸗ rakters.“ „Und daher,“ enigegnete ich,„das große Zeichen, daß die Spartaner eine elende Horde waren. Eure Majeſtät bewundern England und die Engländer; ohne Zweifel waren Sie Augenzeuge einer Hinrichtung in jenem Lande, haben bemerkt, wie der Verbrecher, ſelbſt wenn er die Tröſtungen der Religion empfängt, zittert und bebt— wie niedergeſchlagen— wie klein⸗ müthig er vor Vollziehung des Todesurtheiles iſt. Nehmen Sie daher den ärmſten Sklaven vom Kaiſer von Marokko, oder von dem großen Czar von Rußland. Er wechſelt weder Farbe noch Muskel; er verlangt kei⸗ nen Troſt; er bebt vor keiner Folter. Was folgt dar⸗ aus? Daß Sklaven den Tod weniger fürch⸗ ten, als Freie. Und ſo muß es ſein. Zweck der Geſetzgebung iſt nicht, den Tod, ſondern das Leben zu einer Wohlthat zu machen.“ „Sie haben die Sache in ein neues Licht geſetzt,“ ſagte der Czar;„aber Sie geben zu, das bei Einzelnen Todesverachtung bisweilen eine Tugend iſt.“ „Ja, wenn ſie aus Vernunftgründen, nicht aus phyſiſcher Gleichgültigkeit entſpringt. Indeſſen haben Eure Majeſtät bereits mächtige Federn eines Syſtemes in Vewegung geſetzt, welches Ihren Unterthanen endlich ſo viele Bahnen eröffnen muß, daß ſie die eigentlichen Zwecke des Daſeins nicht länger verachten, es nicht länger an t Lebe ſelbe über Phil lehrt und brech Geſe müſſe nicht zur V tion n die B fen du ekannt Lodes⸗ Cha⸗ eichen, Eure änder; chtung recher, fängt, e klein⸗ les iſt. an den entwürdigenden Zuſtand wezwerfen, der vas Leben ſchmählich macht, und an vas Beil, das dem⸗ ſelben ein Ende macht. Bereits haben Sie den Sieg über einen anderen höchſt weſentlichen Jrrthum in der Philoſophie der Alten begonnen; jene Philoſophie lehrte, der Menſch ſolle wenige Bevürfniſſe haben, und machte die Vermehrung derſelben zu einem Ver⸗ brechen, ihre Vetminderung zu einer Tugend. Ein Geſetzgeber ſollte im Gegentheile lehren, der Menſch müſſe viele Bedürfniſſe haben, denn Bedürfniſſe ſinb nicht nur Mittel zum Genuſſe— ſie ſind auch Mittel zur Verbeſſerung unſeres Zuſtandes, und viejenige Na⸗ tion wird die erleuchtetſte ſein, unter deren Bevölkerung die Bedürfniſſe am zahlreichſten ſind. Sie, Sire, ſchaf⸗ fen durch Verhreitung der Künſte, der Annehmlichkeiten und, wenn ich ſo ſagen parf, der Verſtändniſſe des Lebens ein weites Feld bisher unbekannter moraliſcher Bedürfniſſe, und in dieſen Bedürfniſſen wird ſpäter die Wohlfahrt Ihres Volkes, vie Quelle Ihrer Hülfsmittel und die Stärke Ihres Reiches liegen.“ Im Geſpräche über ſolche Gegenſtände hrachten wir oft Stunden mit einander zu, und von dieſer Unter⸗ haltung ging der Czar nur auf ſolche Gegenſtände über, die ihm einen mehr unmittelbaren Nutzen gewährten. Kein Menſch hatte vielleicht einen größeren Theil der menſchlichen Schwächen erhalten, als Peter der Große; aber ich geſtehe, daß bei dem Anblicke des Seelenadels, mit welchem er ſeinen Rang wie ein Kleid bei Seite warf und von Mann zu Mann, dem Niedrigſien wie dem Höchſten, dem Handwerker wie dem Fürſten, um⸗ 15⁴ herging— die Wohlfahrt ſeiner Unterthanen ſein ein⸗ ziger Zweck, und die Erwerbung von Kenntniſſen das einzige Mittel zu Erreichung deſſelben— ich geſtehe, daß dann mein Verſtand ſich weigerte, ſeine Schwächen auch nur zu bemerken, und daß ich das Knie beinahe hätte beugen mögen, um ein Weſen zu verehren, deſſen Wohlwollen ſo umfaſſend, und deſſen Macht eine ſo ruhmwürdige Dienerin der Wohlthätigkeit war. Gegen Ende Januars war mein Geſchäft zu Ende, und ich verabſchiedete mich von dem ruſſiſchen Hofe. „Sagen Sie dem Regenten,“ ſprach Peter,„ich werde ihn bald in Frankreich beſuchen, und erwarie ſeine Zeichnungen zu ſehen, wenn ich ihm meine Mo⸗ delle zeige.“ Wirklich begann der Czar im nächſtkommenden Monate(16. Februar) ſeine zweite große Reiſe. Es geſiel ihm, mir bei meinem Abſchiede einige Theilnahme zu zeigen.„Wenn Sie je aus den Dienſten des fran⸗ zöſiſchen Hofes treten, und Ihre eigene Regierung nimmt Sie nicht in Anſpruch, ſo bitte ich Sie, kommen Sie zu mir; hinſichtlich der Art und Weiſe Ihrer Be⸗ ſchäftigung gebe ich Ihnen carte blanche.“ Ich brauche nicht zu ſagen, daß ich meinen Dank für die fürſtliche Herablaſſung ausdrückte; und bei dem Scheiden aus Rußland, angefeuert durch das Beiſpiel ſeines Beherrſchers, ein größeres Verlangen mitnahm, der Menſchheit nützlich zu werden, als ich je zuvor empfunden. Vorbild und Lehrer der Könige, hätte jedes Land in jedem Jahrhundert einen Fürſten her⸗ vorgebracht, wie Du warſt, ſo wären jetzt alle Men⸗ ſchen zufrie ſein b als di durch gegen nen, t zerſtör (wenn eine ki beinah es nur vergelt Rückkehr Ei 15⁵ ſchen entweder mit der unbeſchränkten Herrſchgewalt zufrieden, oder frei. Ach! wenn Könige nur gut zu ſein brauchen, um in unſeren Herzen und Seelen ewig als die Götter und Wohlthäter der Erde fortzuleben, durch welches furchtbare Geſchick find ſie bisher ſo blind gegen ihren Ruhm geweſen? Wenn wir an die Milliv⸗ nen, die Generationen denken, welche ſie entwürdigen, zerſtören, erheben oder retten können, ſo möchten wir (wenn auch die übrigen Räthſel der jetzigen Exiſtenz eine künftige Löſung nicht erforderten), ſo möchten wir beinahe ein Jenſeits für nothw endig halten, wäre es nur, um die Tugenden oder Sünden der Fürſten zu vergelten!“ Fünftes Kapitel. Rückkehr nach Paris— Zuſammenkunft mit Bolingbroke— Ein galantes Abeuteuer— Vorfall mit Dubois— Das Staatsleben iſt ein Drama, bei welchem die Fehler von Privatperſonen gewöhnlich den Wechſel der Dekvrationen betreiben. Ein eigenthümliches Gefühl bemächtigt ſich unſer, wenn wir bei Nacht in eine große Stadt kommen— eine ſonderbare Miſchung von Aufforderungen zum ge⸗ ſelligen, wie zum einſamen Leben. Ich ſage bei Nacht, *Peter ſoll auf ſeinem Todtenbette geſagt haben,„ich darf hoffen, Gott werde in Hinblick auf das Gute, das ich meinem Lande gethan, gnädig auf meine Fehler ſehen.“ Dies iſt der letzten Worte eines Fürſten würdig! Selten gab es einen Mo⸗ narchen, welcher der Verzeihung des Schöpfers mehr bedurfte; nie aber gab es ein menſchliches Weſen, welches dieſelbe mehr verdiente. Der Herausgeber. 156 weil wir um dieſe Zeit am zugänglichſten für Gefühle ſind, und der Geiſt durch äußere Gegenſtände weniger zerſtreut als bei Tag, weit aufmerkſamer auf ſeinen Hoffnungen und Gedanken, Erinnerungen und Ideen⸗ aſſoeiationen verweilt— und über dieſelben die ver⸗ bindende, ſänftigende Farbe der ihm liebſten Empfin⸗ dung wirft. Bei Nacht kam ich wieder in Paris an. Obgleich es beinahe Mitternacht war, hielt ich mich doch nicht lange in meinem Hotel auf, ſondern begab mich nach Lord Bolingbroke's Wohnung. Da ich wußte, wie ſehr er in St. Germain beſchäftigt war, wo der Chevalier, ver nach dem unvorbereiteten, unglücklichen Verſuch von 1715 erſt wenige Wochen zuvor wieder nach Frankreich zurückgelehrt war, ſich gewöhnlich aufhielt, hatte ich nicht eben ſehr viel Hoffnung, ihn in Paris zu treffen. Ich ſah mich jedoch ſehr angenehm getäuſcht. Sein Diener wollte mich in ſein Studirzimmer begleiten, ich wünſchte mich aber ſelbſt einzuführen, wies den Bedienten zurück und trat allein in das Gemach. Die Thüre war halb geöffnet, Bolingbroke aber ſah mich weder, noch hörte er mich. In ſeiner Stellung und Miene lag etwas, das mich veranlaßte, ihn eine Zeitlang ſchweigend zu betrachten, ehe ich mich be⸗ merklich machen wollte. Er ſaß vor einem mit Büchern überdeckten Tiſche. Ein großer Foliant, die kaſaubo⸗ niſche Ausgabe des Polhbius, log offen vor ihm. Jc erkannte das Buch ſogleich— es war ein Lieblingswerk Bolingbroke's, und wir hatten oft zuſammen über die Verdienſte des Verfaſſers geſprochen. Mit Lächeln ſch . ich,1 Buch ſchäf Staa in de Auge aufm mend eine n miſcht tendet begier mir Schul fühle niger ſeinen deen⸗ e ver⸗* npfin⸗ bgleich nicht h nach ie ſehr valier, ch von nkreich atte ich treffen. Diener — — — 8 * 157 ich, wie dieſes für Staatsmänner ſo beſonders anziehende Buch noch immer die Quelle war, aus welcher ver ge⸗ ſchäftige, raſtloſe, feurige, hochſtrebende Geiſt des Staatsmannes vor mir ſeine Nahrung ſchöpfte. Allein in dem Augenblicke, in welchem ich eintrat, war ſein Auge nicht auf das Blatt gerichtet, ſondern haftete aufmerkſam an dem Boden. Sein Geſicht war ausneh⸗ mend blaß— ſeine Lippen feſt zuſammengepreßt, und eine nachdenkliche, wie es mir ſchien, mit Kummer ver⸗ miſchte Miene bildete den Hauptausdruck ſeiner gebie⸗ tenden, edlen Züge.„Es iſt die Erſtarrung der Ehr⸗ begierde nach einem erlebten Sturme,“ dachte ich bei mir— trat näher und legte meine Hand auf ſeine Schulter. Nachdem wir uns gegenſeitig begrüßt, ſagte ich: „Haben die Todten ſo viel Anziehungskraft, daß ſie Bolingbroke, den die Salons ſuchen, wie er die Salons ſucht, zu dieſer Stunde von der Vewunderung und dem umgange der Lebenden ferne halten?“ Der Staatsmann ſah mich ernſthaft an—„Haben Sie die Neuigkeit des Tages gehört?“ fragte er. „Wie iſt dies möglich? So eben komme ich in Paris an.“ „So wiſſen Sie alſo nicht, daß ich mein Amt bei dem Chevalier niedergelegt habe!“ „Ihr Amt niedergelegt?“ „Niedergelegt iſt nicht das richtige Wort— meine Entlaſſung habe ich erhalten. Sogleich nach ſeiner Rück⸗ kehr ließ mich der Chevalier rufen— umarmte mich— und bat mich, mich bereit zu halten, um ihn nach Loth⸗ 158 ringen zu folgen; drei Tage ſpäter kam der Herzog von Ormond zu mir und forderte mir Siegel und Papiere ab. Die letzteren legte ich ſorgfältig in eine kleine Brief⸗ taſche, und voilà das Ende von Lord Bolingbroke's Verwaltung. Die Jakobiten ſchmähen fürchterlich auf mich— ihr König klagt mich der Nachläſſigkeit, Un⸗ fähigkeit und Verrätherei an— und Fortuna reißt das Gebäude, das ſie für mich aufgeführt, nieder, um die Steine nach mir zu werfen!“* „Mein lieber, theurer Freund, Sie erregen in ber That meine ſchmerzliche Theilnahme; noch mehr aber bin ich über die Verblendung des Chevalier entrüſtet. Gewiß, gewiß muß er ſeinen Irrthum eingeſehen und Ihren Wiedereintritt verlangt haben.“ „Wiedereintritt!“ rief Bolingbroke mit Feuer ſprü⸗ henden Augen—„Wiedereintritt!— Hören Sie, was ich der Königin Mutter ſagte, die eine Verſöhnung ver⸗ ſuchen wollte: Mabame, ſprach ich in einem ſo ruhigen Tone, als es mir möglich war— wenn dieſe Hand je für den Prinzen den Degen zieht over vie Feder ergreift, ſo ſoll ſie verdorren!— Wiedereintritt! nicht, wenn mir die Weigerung den Kopf koſtete!— Doch, Devereux“ —(und hier änderten ſich Bolingbroke's Stimme und Miene)—„doch es ſind nicht des Schickſals Tücken, worüber ein vernünftiger Mann klagen wird. Wir thun recht, wenn wir uns um Ehrenſtellen bewerben; in ihnen liegt die Quelle der Befriedigung für uns ſelbſt; ja ſie find mehr— ſie ſind der Sporn zu dem Bemühen für das Wohl Anderer; unrecht thun wir aber, wenn wir * Brief an Sir W. Windham, Der Herausgeber. uns sper gen Kum ſich, ſolche bin je u Cheva er ſeit zogene Vergn Dunke erleuch og von zapiere Brief⸗ broke's ich auf t, Un⸗ ißt das um die in ber hr aber trüſtet. hen und r ſprü⸗ ie, was ing ver⸗ ruhigen d je für reift, ſo enn mir vereur“ ime und* Tücken, Bir thun in ihnen t; ja ſie ihen für enn wir sgeber. 159 uns über ihren Verluſt grämen. Nec quærere, nec spernere honores oportet. Es iſt gut, die Segnun⸗ gen des Glückes zu genießen; es iſt beſſer, ſich ohne Kummer ihrem Verluſte zu unterwerfen. Sie erinnern ſich, daß ich mich, als Sie von hier gingen, für einen ſolchen Schlag gefaßt machte— glauhen Sie mir, ich bin jetzt darauf vorbereitet.“ Und wirklich trug Bolingbroke die Undankbarkeit des Chevalier mit vollkommener Faſſung. Bald varauf ſetzte er ſeinen lange genährten Wunſch nach einem zurückge⸗ zogenen Leben ins Werk, und das Schickſal, das ein Vergnügen daran findet, ſeine Scheibe zu drehen, in Dunkelheit zu laſſen, was es ſoeben erleuchtete, und zu erleuchten, was es bisher in Nacht und Dunkel gelaſſen, trennte uns durch das zurückgezogene Leben meines Freundes, wie burch die Offentlichkeit, wozu es mich verdammte, für lange Zeit von einander. Lord Bolingbroke's Entlaſſung war übrigens nicht das einzige mir nahe gehende Ereigniß, das während meiner Abweſenheit von Frankreich vorgefallen war. Zu den thätigſten Anhängern des Chevaligr in dem kleinen Genre des Lord Mar hatte Montreuil gehört. Wirk⸗ lich waren entweder ſeine Dienſte oder die Vorſtellung, welche man ſich von ihrer Bedeutung machte, ſo groß, daß ein ungewöhnlich hoher Preis auf ſeinen Kopf ge⸗ ſetzt wurde. Bisher war er durchgekommen, doch glaubte man, er halte ſich noch immer in Schottland auf. Was mir aber noch näher ging, war die Lage Ge⸗ ralds. Bei dem Ausbruche der Empörung war er plötz⸗ lich feſtgenommen und ins Gefängniß geſetzt worden, 160 und erſt nach der Flucht des Chevalier hatte er ſeine Freiheit wieder erhalten. Es war jedoch Nichts bewieſen worden, was klar gegen ihn geſprochen hätte, und hei meiner Abweſenheit von dem Hauptquartiere der Be⸗ theiligten blieb ich in gänzlicher Unwiſſenheit ſowohl über die Gründe ſeiner Feſtnehmung, als über die Um⸗ ſtände ſeiner Freilaſſung. Indeſſen hörte ich von Bolingbroke, der einige von den Winken erhalten zu haben ſchien, welche die geiſt⸗ lichen Intriguanten jener Zeit einander auf ſo ſonder⸗ hare Weiſe von Hof zu Hof, von Hütte zu Hütte mit⸗ theilten, Gerald habe ſich, höchſt entrüſtet über ſeine Gefangennehmung, wieder nach Devereux⸗Court he⸗ geben. Wenn ich indeſſen an ſeinen verwegenen Muth, ſeine innige Vertrautheit mit Montreuil, und das Ta⸗ lent zu Intriguen dachte, welches der Abbe in ſo hohen Grade beſaß, ſo konnte ich die Regierung eben keinet unnöthigen Vorſicht bei ſeiner Feſtnahme beſchulbigen. Noch ein anderer mit der Empörung in Zuſammen⸗ hang ſtehender Umſtand nahm meine Theilnahme in hohem Grade in Anſpruch. Ein Mann, Namens Bar⸗ nard, war wegen aufrühreriſcher und verrätheriſcher Umtriebe in England hingerichtet worden. Ich gab mir alle nur mögliche Mühe, um über jeden einzelnen Um⸗ ſtand hinſichtlich ſeiner Gewißheit zu erlangen. Ich er⸗ fuhr, er ſei jung und ziemlich wenig bekannt geweſen, habe aber für talentvoll gegolten und ſei ſchon lange vor dem Tode der Königin von den Freunden des Chevalier im Stillen benutzt worden. Dieſer Umſtand verurſachte in mir eine große innere Aufregung, ob es gleich keinem Zwei verwi Günj 2 Artig heit; ausne welche der G die der Geſar S Enbe Art m Behau er ſeine ewieſen und hei der Be⸗ ſowohl die Um⸗ nige von ie geiſt⸗ ſonder⸗ itte mit⸗ er ſeine urt be⸗ n Muth, das Ta⸗ ſo hohem en keiner huldigen. ſammen⸗ tahme in ens Bar⸗ theriſcher gab mir lnen Um⸗ Ich et⸗ geweſen, lange vor Chenalier erurſachte ich keinem Zweifel unterliegen konnte, daß der Barnard, den zu verwünſchen ich ſo alle Urſache hatte, von dieſem Günſtlinge nur den Namen geborgt hatte. Der Regent empfing mich mit all der Huld und Artigkeit, wegen denen er ſo berühmt war. Die Wahr⸗ heit zu ſagen, waren die Ergebniſſe meiner Sendung ausnehmend glücklich geweſen; die einzige Sache, bei welcher der Regent betheiligt war, deſſen Intereſſe Peter ver Große keiner Beachtung zu würdigen ſchien, war vie des Chevalier; hierüber hatte ich jedoch, ehe ich meine Geſandtſchaft antrat, genügende Inſtruktionen erhalten. Sehr oft ſcheint zwiſchen dem Anfange und dem Enbe gewiſſer Verbindungen oder Bekanntſchaften eine Art moraliſchen Zuſammenhanges ſtattzufinden. Dieſe Behauptung iſt nicht ganz klar ausgedrückt. Ich will ſie vurch ein wichtiges Ereigniß in meinem politiſchen Leben erläutern. Während meiner Abweſenheit war Dubvis mit raſchen Schritten vorangeeilt, ein großer Mann zu werven. Seine Macht wuchs mit jedem Tage, und vie⸗ jenigen Höflinge, die weder zu ſtolz, noch zu rechtlich waren, das Knie vor einem ſo verworfenen, aber talent⸗ vollen Günſtlinge zu beugen, hatten ſich ihn ſchon als den Mann auserſehen, dem man ſchmeicheln und durch den man ſteigen müſſe. Ich für meinen Theil ſuchte ihn weder, noch vermied ich ihn; allein er war ſo höflich gegen mich, als ihm dies ſein barſches Temperament immer erlaubte, und va es nicht wahrſcheinlich war, daß ſich unſere Bahnen je kreuzen würden, ſo glaubte ich, wenn nicht auf ſeine Freundſchaft, voch auf ſeine Neu⸗ Bulwer, Devereur. I. 14 162 tralität rechnen zu dürfen. Ein Zufall gab den Ausſchlag gegen mich. Eines Tages erhielt ich einen anonymen Brief, worin ich erſucht wurde, zu einer gewiſſen Stunde in einem gewiſſen Hauſe in der Straße**s mich einzufin⸗ den. Alle Wahrſcheinlichkeit ſprach für die Annahme, die Zuſammenkunft werde ſich auf meine beſonderen Verhältniſſe, entweder in Betreff meiner Familien⸗ oder politiſchen Angelegenheiten beziehen, und ſo kam mir entfernt nicht der Gedanke an ein galantes Abenteuer in den Kopf. Zur beſtimmten Stunde erſchien ich an dem mir angewieſenen Orte. Mir ahnte etwas, als mich ein weihliches Weſen in ein Zimmer führte, auf deſſen Tapeten die Liebe des Mars und der Venus dargeſtellt war. Nachdem ich in dieſem Gelaſſe etwa elne Viertel⸗ ſtunde gewartet, ſegelte ein großes Weib von beinahe mohrenhafter Geſichtsfarbe herein. Ich verbeugte mich, die Dame ſeufzte. Ein Eelairciſſement folgte— und ich fand, daß ich das Glück gehabt, von der Lieblings⸗ maitreſſe des Abbe Dubvis zum Gegenſtand einer Ca⸗ priee auserkoren worden zu ſein. Nichts lag meinen Wünſchen ferner! Wie Schade, daß man einer Frau nicht immer ſagen kann, wie es einem ums Herz iſt! Ich verſuchte einige Trompetenſtöße über Freund⸗ ſchaft, Ehre und die der amante des vertrauteſten ami gebührende Achtung. „Pah!“ erwiderte die braune Kalypſo etwas ärger⸗ lich—„pah! man ſpricht hier nicht von ſolchen Dingen.“ „Madame,“ antwortete ich mit großem Nachdrucke, „ich beſchwöre Sie, halten Sie ein. Erregen Sie keinen zu he 8ch7 Zaub T wünſi häßlie mächt war d mitter bre h Monſ flucht ſchobe rgeſtellt Biertel⸗ beinahe te mich, und ich eblings⸗ ner Ca⸗ meinen er Frau ziſt! Freund⸗ ten ami ärger⸗ ingen.“ hdrucke, e keinen zu heftigen Kampf zwiſchen Leidenſchaft und Pflicht! Ich fühle, daß ich Sie fliehen muß— ſchon wirkt Ihr Zauber zu ſtark.“ Damit erhob ich mich. Aufrichtig geſprochen, ich wünſchte um eines Weibes willen, die mir ausnehmend häßlich ſchien, keineswegs Gefahr zu laufen, mir einen mächtigen Feind zu machen. Nicht ganz meiner Anſicht war die lange Dame. Eine weitere Unterredung folgte; mitten während derſelben ſtürzt die kemme de cham- bre herein und meldet nicht den Herrn Abbé, ſondern Monſeigneur den Regenten. Natürlich(die alte Aus⸗ flucht in ſolchen Fällen) werde ich in ein Kabinet ge⸗ ſchoben; Seine königliche Hoheit tritt ein und wird ziemlich herriſch empfangen. Ich muß in der That erſtaunen, welche Miene ſich dieſe Weiber geben können, wenn ſie mit Prinzen um⸗ gehen Meine Einſperrung dauerte indeſſen nicht lange — das Kabinet hatte eine zweite Thüre— die femme de chambre ſchleicht ſich herbei, öffnet, und ich wünſchte mir Glück, daß ich ſo entkam. Hat ſich eine Franzöſin einmal etwas in den Kopf geſetzt, ſo gibt ſie der Vernunft nicht länger Gehör; was mich betrifft, ſo glaube ich, jene langen Weiber, beſonders wenn ſie jene ſchwüle, mohrenhafte Farbe haben, ſind——. Doch gleichviel. Als ich am folgen⸗ den Tage ganz ruhig beim Frühſtücke ſaß, führte mein Kammerdiener eine vermummte Perſon herein, und ſiehe da, abermals meine Dame! Menſchengeduld hat ihre Grenzen, und der vorliegende Fall erforderte auf die eine oder die andere Art eine leidenſchaftliche Aus⸗ 164 einanderſetzung; ſo ſtellte ich mich denn zornig und ſprach mit ausnehmender Würde über die Lage, in welche ich den Tag zuvor verſetzt worden. „So wird es immer gehen,“ ſagte ich,„wenn man ſchwach genug iſt, ein Verhältniß mit einer Dame an⸗ zuknüpfen, welche ſo viele Andere begünſtigt!“ „Um Ihretwillen,“ erwiderte die zärtliche Dame, „um Ihretwillen will ich ſie Alle aufgeben!“ Darin lag etwas Großes; vielleicht wären mir da⸗ durch einige pathetiſche Außerungen entlockt worden, als— nie gab es eine ſeltſamere Ungelegenheit— der Abbe Dubvis ſich in meinem Vorzimmer hören ließ. Ich hielt dies für Zufall, aber es war mehr; der gute Abb⸗ hatte, wie ich ſpäter erfuhr, Gründe zum Verdacht aufgeſpürt, und war gekommen, um mir einen Beſuch von einer Art Liebespolizei abzuſtatten. Ich öffnete die Thüre meines Ankleidezimmers und ſchob die Dame herein.„Dort,“ ſagte ich,„iſt die Hintertreppe, und am Fuße derſelben befindet ſich ein Ausgang.“ Würde nicht Jedermann dieſen Wink für hinläng⸗ lich gehalten haben? Keineswegs; eben dieſe lange Dame ließ ſich zu der Kleinheit des Horchens herab, und ſtellte ſich, ſtatt ſich davon zu machen, an das Schlüſſelloch. Ich erfuhr nie genau, ob Dubvis den Beſuch ge⸗ argwohnt, den ſeine Geliebte mir gemacht, oder ob er bloß von ſeinen Kundſchaftern oder aus ihrem Schreih⸗ tiſche die Vermuthung entnahm, daß ſie eine Neigung zu mir hege; in beiden Fällen war ſein Benehmen nz⸗ türlich und ganz ihm angemeſſen. gegen dem Hi Ka zen ent zitternt Fäuſter weis, n zugeben werth. Hades redter geweſer Der alt Geſicht Gefühl ſeine G ſprach ſche ich nman me an⸗ Dame, nir da⸗ vorden, — der eß. Ich te Abbe erdacht Beſuch nete die Dame e, und inläug⸗ e lange herab, an das 165 Er ſetzte ſich— ſprach von dem Regenten, von Vergnügungen, von Weibern und endlich anch von der fraglichen langen Dame. „La pauvre diablesse!“ rief er verächtlich;„ich hatte einmal Mitleid mit ihr, habe es aber ſeither ſtets bereut. Sie können ſich nicht vorſtellen, was ſie für ein furchtbares Geſchöpf iſt— hat eine Geſchwulſt am Halſe— gerade wie ein Kropf. Mort diable!(und der Abbe ſpuckte in ſein Schnupftuch) ich wollte lieber eine liaison mit der Hexe von Endor unterhalten!“ Nicht zufrieden vamit, ging er jetzt in ſeiner ge⸗ wöhnlichen derben, ungefälligen Manier zu Aufzählung oder Erdichtung derjenigen Einzelheiten ihrerkörperlichen Reize über, die mich ſeiner Meinung nach am meiſten gegen ihre Anziehungskraft ſtählen mußte.„Dank ſei dem Himmel,“ vachte ich,„daß ſie wenigſtens fort iſt.“ Kaum war dieſer fromme Glückwunſch meinem Her⸗ zen entſtrömt, ſo ſuhr die Thüre auf, und blaß— zitternd— mit flammenden Augen— und geballten Fäuſten— trat die Dame herein. Ein wundervoller Be⸗ weis, wie eine Frau weit lieber ihren Ruf verlieren als zugeben wird, daß man ſage, er ſei des Verlierens nicht werth. Sie ſtürzte herein; und hätten alle Furien des Hades ihr ihre Zungen geliehen, ſie hätte nicht be⸗ redter ſein können. Der Auftritt wäre ſehr ſpaßhaft geweſen, wenn man nicht dabei betheiligt geweſen wäre. Der alte Abbé mit ſeinem ſcharfen, ſchlauen, markirten Geſichte, kämpfend zwiſchen Verwundrung, Furcht, dem Gefühle ſich lächerlich zu machen, und der Gewißheit, ſeine Geliebte zu verlieren; die Dame— mit ſchän⸗ 166 mendem Munde, und die geballte Fauſt höchſt drohend gegen ihren Verleumder ſchüttelnd— ich ſelbſt, bemüht Frieden zu ſtiften, und wie Jeder in ſolchen Augen⸗ blicken, ganz mechaniſch handelnd— obgleich man ſich nachher ſchmeichelt, man habe nur aus überlegung ge⸗ handelt. Allein die Geliebte des Abbé war keineswegs damit zufrieden, daß ſie ſich ſelbſt gerechtfertigt— ſie übte Vergeltung— und gab eine ſo genaue Beſchreibung von des Abbé's Qualitäten und Reizen, verbunden mit ſo manchen beluſtigenden Erläuterungen, daß ihn ſeine Kaltblütigkeit in ſehr kurzer Zeit verließ, und er eben ſo ſehr in Wuth gerieth wie ſie ſelbſt. Enblich ſtürzte ſie aus dem Zimmer. Der Abbé, zitternd vor Lei⸗ denſchaft, ſchüttelte mir ſehr herzlich die Hand, grinste von einem Ohr bis zum anderen, ſagte, dies ſei ein Hauptſpaß, wünſchte mir wohl zu leben, als liebte er mich mehr wie ſeinen Augapfel, und verließ das Haus als mein unverſöhnlichſter, bitterſter Feind! Wie konnte es anders ſein? Dem Nebenbuhler hätte der Abbe vielleicht verziehen— ſolche Dinge kamen ihm alle Tage vor— daß er aber auf eine ſo unver⸗ beſſerliche Art lächerlich gemacht worden war, konnte er nach der allgemeinen Schwäche der menſchlichen Na⸗ tur nicht vergeben; auch war das Alter des Abbé ſehr bedenklich, um in dieſer Art zu ſcherzen— er mochte ſechszig, oder ſo etwas zählen. Und dann ſolche un⸗ ſchmackhafte Sticheleien auf ſeine äußere Erſcheinung! „Bei Dem iſt Alles verloren,“ ſprach ich zu mir ſelbſt, „aber wir können einen Anderen finden;“ und noch an 1 demſell meine W den V eben ſi Mann litit we Ich mi ſchichte war,„ in der auf den würde zählte, aber zu anders aus, d. Worten A iſt ein ohend emüht lugen⸗ in ſich ng Be⸗ damit e übte eibung unden aß ihn , nd Endlich or Lei⸗ grinste ſei ein ebte er Haus 167 demſelben Tage fuhr ich zu dem Regenten, um dieſem meine Ehrfurcht zu bezeigen. Wie Schade, daß der Stolz des Menſchen ſo oft den Verſtand zu Schanden macht! Könnte man doch eben ſo gut in der Ausführung wie in der Theorie ein Mann von Welt ſein! Mein Meiſterſtreich von Po⸗ litit war in jenem Augenblicke augenſcheinlich folgender: Ich mußte zu dem Regenten gehen und dieſem eine Ge⸗ ſchichte erzählen, welche der wirklichen etwas ähnlich war, nur mit dem Unterſchiede, daß alles Lächerliche in der Sache bloß auf mich fiel, und der kleine Dubvis auf den Gipfel der Achtbarkeit erhoben wurde. Dies würde mich, da der Regent dem Abbe Alles wiederer⸗ zählte, gerettet haben. Ich durchſchaute den Plan, war aber zu ſtolz, ihn auszuführen; ich legte die Karten anders: ich warf den Buben weg und ſpielte den König aus, d. h. den Regenten. Nach einigen einleitenden Worten brachte ich die Rede auf den Abbé. „Ah, le scélérat!“ rief Philipp lächelnd,„er iſt ein biſſiger Hund, aber ſehr geſcheit und liebt mich; er wäre unvergleichlich, wenn er nur auch einige Rechtlichkeit beſäße.“ „Er iſt,“ antwortete ich,„wenigſtens kein Heuchler, und das iſt immer ein Lob.“ „Hm!“ äußerte der Herzog ſehr langſam, und ſagte vann nach einer Pauſe:„Graf, ich bin Ihnen wirklich freundlich geſinnt und will Ihnen einen Rath geben: denken Sie von Dubois ſo gut als es Ihnen möglich iſt, und reden Sie zu ihm, als wäre er Alles was Ihre Einbildungskraft aufzuhieten im Stande iſt.“ 168 Nach bieſem Winke, der mir in dem Munde jedes andern Fürſten als Philipp von Orleans, wegen ſeines Mangels an Würde nicht wenig aufgefallen wäre, ge⸗ ſtalteten ſich meine Ausſichten nicht viel glänzender; indeſſen verlor ich den Muth nicht „Der Abbé,“ ſagte ich ehrerbietig,„iſt ein jähzor⸗ niger Mann; man kann ihm mißfallen; darf ich aber hoffen, daß, ſo lange ich meinen Eifer und meine An⸗ hänglichkeit für die Intereſſen und die Perſon Eurer Hoheit unveyletzt bewahre, Niemand—“ Der Regent unterbrach mich.„Sie wollen ſagen, es ſolle Niemand gelingen, Sie mir in einem ungün⸗ ſtigen Lichte darzuſtellen. Nein, Graf,“(und hier ſprach der Regent mit einem Ernſte und einer Würde, hinſichtlich deren, wenn ihm daran gelegen war, es ihm Niemand an edlerem Anſtande zuvorthat)— „nein, Graf, ich unterſcheide zwiſchen Denjenigen, welche dem Staate, und Denjenigen, welche meiner Perſon dienen. Ich halte Ihre Dienſte für von zu hohem Werthe für den erſteren, als baß ich ſie von der Gnade der letzteren abhängig machte. Und da ſich jetzt unſere Unterhaltung den Geſchäften zugewandt hat, ſo wünſche ich mit Ihnen über den Plan von Görz zu ſprechen.“ Nach einer längeren Unterredung mit dem Regen⸗ ten über Geſchäftsſachen, wobei ſein tiefer Blick in die Menſchennatur mich nicht wenig überraſchte, entfernte ich mich, vollkommen zufrieden mit meinem Beſuche. Ich wäre es nicht geweſen, hätte ich mit meinen übrigen Vorzügen die Gabe der Prophezeihung verbunden. C es für gungs aller „ ſo w fallen als les mir di Zu ſehr u aber b Das C thümli einen 2 ſicht fü weder 169 Etwa fünf Tage nach dieſer Unterredung hielt ich es für rathſam, dem Abbé Dubvis eine jener Huldi⸗ gungsvifiten zu machen, deren Abſtattung bereits Sache aller Klugen geworden.„Gehe ich hin,“ dachte ich, „ſo wird es den Anſchein haben, als ob Nichts vorge⸗ fallen ſei; bleibe ich weg, ſo gewinnt es das Anſehen, als legte ich einem Auftritte Wichtigkeit bei, den ich mir die Miene geben muß, vergeſſen zu haben.“ Zufällig hatte der Abbé an jenem Morgen einen ſehr ungewöhnlichen Beſuch in der Perſon des ſtrengen, aber bewundernswürdigen Herzogs von St. Simon. Das Gemüth des Regenten unterſchied auf eine eigen⸗ thümliche und beinahe unabänderliche Art zwiſchen der einen Art von Achtung und der andern. Seine Rück⸗ ſicht für die eine Menſchenklaſſe entſprang immer ent⸗ weder aus ſeinen Laſtern, oder aus ſeiner Neigung zum Müßiggang; ſeine Rückſicht für die andere aus ſeinen guten Eigenſchaften und ſeinem kräftigen Verſtande. Der Herzog von St. Simon nahm in letzterer Be⸗ ziehung dieſelbe Stelle ein, welche Dubois in erſterer behauptete. Als ich eben in das Vorzimmer trat, kam der Herzog aus dem Kabinet tes Abbé. Er blieb ſtehen, um mit mir zu ſprechen, während Dubvis, welcher den Herzog herausbegleitet hatte, einen Augen⸗ blick anhielt, und mich mit einem Blicke wie eine Donnerwolke maß. Ich gab mir den Anſchein, als bemerke ich es nicht; St. Simon war es aber nicht entgangen. „Dieſer Blick,“ ſagte er, nachdem Dubvis einem Herrn zugewinkt hatte, in das Kabinet zu treten, und —— 17⁰ mit bieſem verſchwunden war,„dieſer Blick bedentet Ihnen nichts Gutes, Graf.“ Stolz iſt eine Bodenerhöhung, welche uns balb Schwungbrett, bald Block des Anſtoßes wird. Für mich war ſie we it öfter das letztere, als das erſtere.„Mon- seigneur le Duc,“ erwiderte ich ziemlich hochtrabend und beinahe mit zu lauter Stimme, in, ſo ferne das Zimmer ſehr voll war,„an keinem Hofe, welchem Morton Devereur ſeine Dienſte anbietet, ſoll ſein Glück von den Blicken eines niedrig gebornen Unver⸗ ſchämten, oder eines ruchloſen Prieſters abhängen.“ St. Simon, der eben ſo heftig, wie eingenommen für la haute naissance war, lächelte höhniſch. „Monsieur le Comte,“ ſagte er ziemlich höflich,ich ehre Ihre Geſinnungen, wünſche Ihnen Glück in der Welt und eine leiſere Stimme.“ Ich war im Begriffe, Etwas in gleichem Tone zu erwidern, denn ich war ſehr übler Laune, allein ich hielt an mich;„ich brauche,“ dachte ich,„mir unnb⸗ thiger Weiſe nicht zwei Feinde zu machen.“ „So lange der Herzog von St. Simon lebt,“ er⸗ widerte ich ernſt,„werde ich nie die Hoffnung auf⸗ geben, auf demſelben Wege die Gunſt guter Fürſten und die Achtung der Menſchen zu gewinnen.“ Der Herzog war geſchmeichelt und antwortete auf angemeſſene Weiſe, ging aber ſehr bald darauf weg. Ich war entſchloſſen, mich nicht bälder zu entfernen, bis ich mich genugſam überzeugt, welche Aufnahme ber Abbe mir zugedacht habe. Ich wartete nicht lange— er kam aus ſeinem Kabinet und empfing, nach ſeiner gewö den ₰ Beſu ich es ehrer! zu Ft ſagte Höfii nur h Zimm Abent V leien damit en.“ k in der Tone zu Uein ich runn⸗ bt,“ er⸗ ung auf⸗ Fürſten tete auf auf weg. ntfernen, ahme der lange— ch ſeiner . 171 gewöhnlichen, ungeſchliffenen Manier den Rücken gegen den Kamin gekehrt, die Höflichkeitsbezeigungen ſeiner Beſuche. Ich eilte nicht, mich vorzuſtellen, doch that ich es endlich mit einer vertraulichen, obwohl ziemlich ehrerbietigen Miene. Dubois maß mich von Kopf bis zu Fuß, wandte mir dann plötzlich den Rücken zu und ſagte mit einem Fluche zu einem neben ihm ſlehenden Höflinge:„Die Plagen Pharao's kommen wieder— nur haben wir ßatt der egyptiſchen Fröſche in unſeren Zimmern noch beſchwerlichere Gäſte— engliſche Abenteurer!“ Was auch der Grund ſein mag, meine Schmeiche⸗ leien thun ſelten Wirkung; ich bin freigebig genng damit, gewöhnlich aber haben ſie das Anſehen von Sarkasmen; indeſſen kann mich, Dank ſei dem Himmel, Niemand beſchuldigen, daß ich auf eine derbe Rede um eine eben ſolche Antwort verlegen war.„Ha! ha! ha!“ erwiderte ich mit beifälligem Lachen gegen Dubois, „Sie haben einen vortrefflichen Witz, Abbe. Gelegent⸗ lich der Abenteurer fällt mir bei, daß ich neulich mit einem Herrn St. Laurent, Vorſteher des Inſtitutes von St. Michael, zuſammentraf,„„Graf,““ ſagte er, als er hörte, daß ich nach Paris gehe,„„Sie können mir einen großen Gefallen thun!““—„„Worin beſteht dieſer?““ fragte ich.—„„Ach, einer meiner wegge⸗ laufenen Bedienten hält ſich in Paris auf— ein nichtswürdiger, kleiner Schuft, der mit einem meiner alten Röcke durchgegangen iſt. Ich höre, er gebe ſich ein gewaltiges Anſehen, und nenne ſich Abbé und Mann von Geburt; aber ich bitte Sie, wenn Sie ihn irgendwo 172 treffen, ihm für meine Rechnung tüchtig vie Reitpeitſche zu geben:— ſein Name iſt Wilhelm Dubvis.““— „„Verlaſſen Sie ſich darauf,““ antwortete ich Herrn St. Laurent,„„daß wenn er in Jemandes Dienſten iſt, der nicht zur königlichen Familie gehört, ich Ihren Auftrag vollziehen und ihn tüchtig reitpeitſchen werde; ſteht er aber in Dienſten der königlichen Familie, nun dann zwingt mich freilich die Achtung vor ſeinem Herrn, mich damit zu begnügen, Jedermann vor einem kleinen Schurken zu warnen, der unter allen Verhält⸗ niſſen das Benehmen eines Apothekerſohnes und die Schurkerei eines Kammerdieners beibehält.““ Während ich dieſe artige Anekvote erzählte, mußte es höchſt unterhaltend geweſen ſein, die entſetzten Ge⸗ ſichter der umſtehenden Herren zu beobachten. Dubvis war zu beſtürzt und verblüfft, um mich zu unterbrechen, und ich verließ das Zimmer, ehe eine einzige Silbe ſich vernehmen ließ. Wäre Dubvis zu jener Zeit ge⸗ weſen, was er ſpäter war, Cardinal und Premier⸗ miniſter, ſo würde ich wahrſcheinlich zur Erwiderung fär meine Geſchichte eine bleibende Wohnung in der Baſtille erhalten haben. So aber war der Abbe nicht ſo dankbar, als ich bei meiner Mühe, ihn zu unter⸗ halten, hätte erwarten können. Ungeachtet des Aer⸗ gers, in welchem ich den Günſtling verließ, vergaß ich doch die Klugheit nicht und begab mich ihr gemäß ſchlennigſt zu dem Fürſten. Nachdem mich der Regent vorgelaſſen, warf ich mich auf das Knie und erzählte ihm wörtlich den ganzen Vorfall. Der Regent, der ſehr wenig wahre Zuneigung für Dubois zu hegen ſchien ich ih dote e „Sie undr 5 in me Chaul mir de einem übertr binnen „( dieſe Wider Huldr Sie i ſeinem einem Dubvis rechen, e Silbe Zeit ge⸗ remier⸗ iderung in der e nicht unter⸗ es Aer⸗ vergaß gemäß Regent erzählte nt, der hegen „ 173 ſchien,“ konnte ſich des Lachens nicht enthalten, als ich ihm die allgemeine Beſtürzung, welche meine Anek⸗ dote erregt hatte, auf eine poſſierliche Art beſchrieb. „Courage, mon cher comte,“ ſprach er gütig, „Sie häben Nichts zu fürchten; kehren Sie nach Hauſe und rechnen Sie auf eine Geſanbtſchaft!“ Ich verließ mich auf das königliche Wort, kehrte in meine Wohnung zurück und brachte den Abend mit Chaulieu und Fontenelle zu. Am folgenden Tage ſtattete mir der Herzog von St. Simon einen Beſuch ab. Nach einem einleitenden Geſpräche entledigte er ſich des ihm übertragenen Geheimniſſes. Ich wurde erſucht, Paris binnen achtundvierzig Stunden zu verlaſſen. „Glauben Sie mir,“ ſagte St. Simon,„baß mir dieſe Botſchaft von dem Regenten nicht ohne großes Widerßrehen übertragen wurde. Er läßt Ihnen viel Huldreiches und Freundliches entbieten, ſagte, er werde Sie immer gleich achten und lieben, und hofft, Sie bälder oder ſpäter im Palais⸗Royal zu ſehen. Ueberdies wünſcht er, daß dieſe Sendung geheim bleibe, und hat mich beſonders dazu ausgewählt, weil er, da er von meiner Freundſchaft für Sie hörte und wußte, daß ich Dubvis haſſe, glaubte, ich werde noch der willkommenſte Ueberbringer einer ſo unangenehmen Votſchaft ſein. „„Ihnen die Wahrheit zu ſagen, St. Simon,““ bemerkte * Bei dem Tode von Dubvis ſchrieb er an den Grafen Nocé, den er wegen einer indiskreten Aeußerung, welche dieſer bei einem der Privotſoupers des Regenten gegen den Günſtling gethan hatte, verbannt;„Mit der Schlange ſtirbt ihr Giſt; ich erwarte Sie heute Abend zum Souper im Palais⸗Royal.“ 174 der Regent lächelnd,„„ich willige nur in ſeine Ver⸗ bannung, weil ich die feſte Ueberzeugung habe, daß im Weigerungsfalle Dubvis irgend eine Gelegenheit er⸗ greifen würde, ihm den Kopf abſchlagen zu laſſen.““ „Wollen Sie,“ ſagte ich, mit erträglich gutem An⸗ ſtande lächelnd,„wollen Sie Seiner Hoheit meinen gefühlteſten und unterthänigſten Dank für ſeine über⸗ legte und gütige Vorſicht überbringen. Ich ſelbſt könnte nicht beſſer für mich gewählt haben, als Seine Hoheit es für mich gethan hat; was mich bei meinem Scheiden aus Frankreich allein bekümmert, iſt die Trennung von einem ſo leutſeligen Prinzen wie Philipp und einem ſo tugendhaften Hofmanne wie St. Simon.“ Obwohl der gute Herzog jedes Jahr nach dem Kloſter de la Trappe ging, um für ſeine Sünden Buße zu thun, und ſeine Religion in einer ſo gottloſen At⸗ moſphäre, wie das Palais⸗Royal zu bewahren, war er doch nicht über Schmeichelei erhaben, und äußerte ſich, nachdem ich zu Ende war, mit beſonderem Wohlwollen gegen mich. Bei Hofe wird man eine Art menſchlicher Ameiſen⸗ bär und lernt ſeine Beute durch die Zunge fangen. Nachdem wir uns durch Schmähungen auf Dubvis ein wenig erleichtert, verabſchiedete ſich der Herzog, um mir Zeit für die Vorbereitungen zu meiner Reiſe zu laſſen, wie er ſich höflich ausdrückte. Ehe er mich ver⸗ ließ, fragte er noch, wohin ich mich wenden werdet Ich ſagte ihm, ich wollte mein Glück bei dem Czar Peter verſuchen und ſehen, ob Seine kaiſerliche Maje⸗ ſtät glaube, vaß dem in Ungnade gefallenen Höflinge bieſelb ploma Ab worin an den ſchrieb gütiger iſt ein und mi ſich Jh erweiſe Bühner niſſen und Ve 1 könnte war er rte ſich, wollen meiſen⸗ gen. Dubvis zog, um eiſe zu tich ver⸗ werde? m Czar e Maje⸗ Höflinge — 175 vieſelbe Achtung gebühre, wie dem begünſtigten Di⸗ plomaten. Abends erhielt ich einen Brief von St. Simon, worin ſich ein Einſchluß in all der gebührenden Form an den Czaren befand.„Sie werden den Einſchluß,“ ſchrieb St. Simon,„als einen neuen Beweis von den gütigen Geſinnungen des Regenten für Sie anſehen; es iſt ein höchſt ſchmeichelhaftes Zeugniß zu Ihren Gunſten und muß bei dem Czar den innigen Wunſch erregen, ſich Ihrer Dienſte zu verſichern.“ Ich war nicht wenig gerührt von einer Freundlich⸗ keit, welche Fürſten entlaſſenen Höflingen ſo ſelten erweiſen. Sie verſöhnte mich vollkommen mit einem Bühnenwechſel, den mir unter irgend anderen Verhält⸗ niſſen meine beinahe krankhafte Liebe zur Thätigkeit und Veränderung ohnehin eher in einem angenehmen, als unangenehmen Lichte gezeigt haben würde. Sechsunddreißig Stunden nach meiner Abdankung hatte ich der franzöſiſchen Hauptſtadt den Rücken zuge⸗ wandt und ſiellte ſehr weiſe Betrachtungen über die Bemerkung an, welche ich dieſer Erzählung der Ur⸗ ſachen meiner Abreiſe vorgeſetzt habe, nämlich,„vaß ſehr oft eine Art moraliſchen Zuſammenhanges zwiſchen dem Anfange und dem Ende gewiſſer Verbindungen oder Bekanntſchaften ſtattfinde.“ Gewiß war es paſſend, daß die königliche Gunſt, welche in einem maison de débauche angefangen, durch eine flle de joie enden mußte. 176 Sechstes Kapitel. Ein langer Zwiſchenraum von Jahren— Eine Sinnesänderung mit ihren Urſachen. Aus den letzten Berichten, die ich über ven Czar erhielt, entnahm ich, daß er ſich in Danzig befinde. Bei meiner Ankunft daſelbſt war er jedoch ſchon wieder abgereist. Ich verlor keine Zeit, ihm nachzureiſen, und ſtellte mich Seiner Majeſtät eines Tages nach Tiſche vor, als er, das eine Bein über den Schooß der Czarin gelegt, vor einer Flaſche des beſten eau de vie ſiß. Ich hatte meine Zeit gut gewählt; nach einem ſehr gnädigen Empfange las er das Schreiben des Regenten. Des Schickſales Bellervphon's eingedenk, war ich nicht ohne gewiſſe Beſorgniſſe hinſichtlich des Inhaltes ge⸗ weſen, der jedoch, wie die Folge zeigte, äußerſt ſchmei⸗ chelhaft für mich war. Peter erklärte, er ſei außeror⸗ ventlich glücklich, mich wieder zu ſehen, und ſo ſparſam er auch gegen Fremde gewöhnlich war, hatte ich doch nie Grund, mich in dieſer Beziehung zu beklagen. Gleich am folgenden Tage erhielt ich eine ehrewolle einträgliche Stelle bei der Perſon des Kaiſers; von da wurde ich zu der Armee verſetzt, wo ich ſehr raſch avaneirte; und nur gelegentlich rief man mich von mei⸗ nen kriegeriſchen Pflichten ab, um mir diplomatiſche Sendungen von dem größten Vertrauen und der höchſten Wichtigkeit zu übertragen. über dieſen Lebensabſchnitt— eine Reihe von neun Jahren, bis zu dem Tode des Czaren— werde ich in . zänderung den Czar befinde. n wieder iſen, und h Tiſche er Czarin vie ſaß. nem ſehr Regenten. ich nicht außeror⸗ b ſparſam ich doch beklagen. hrenvolle von neun de ich in 177 meiner Erzählung am kürzeſten und gedrängteſten ſein. Wollte ich länger dabei verweilen, ſo könnte ich wohl wenig mehr als eine Darſiellung politiſcher Ereigniſſe geben— die zwar in mancher Hinſicht von der bekann⸗ ten Geſchichte jener Tage abwiche, aber doch Nichts enthalten würde, was den Mangel an Intereſſe durch Nützliches erſetzte. Daß damals die rechte Zeit für Abenteurer war, haben Dubvis und Alberoni hinläng⸗ lich bewieſen. Nie gab es eine ſo bewegte, rührige, un⸗ ruhige Periode— nie eine Periode, in welcher der Geiſt der Intrigue eine ſo bedeutende Rolle ſpielte. Ich war nicht minder glücklich, als meine Genoſſen. Obwohl kaum vierundzwanzig Jahre alt, als ich in die Dienſte des Czaren trat, ließen mich die Gewohnheit, mit weit älteren Menſchen umzugehen— der Ernſt, die Zurückhaltung, das Nachdenken, die mir zur anderen Natur geworden,— meine Freiheit ſeit Iſora's Tode, von jugendlichem Leichtſinn, oder Ausſchweifung— mein früher Eintritt in die Welt— und ein vor der Zeit mit den Linien tieferen Denkens gezeichnetes und durch ihre Farbe nüchtern gemachtes Geſicht— bedeu⸗ tend älter erſcheinen, als ich wirklich war. Ich be⸗ wahrte mein Geheimniß, und that, als ſei es ſo; Jugend iſt eine große Feindin unſeres Fortkommens, und oft wird einer gefurchten Stirne mehr Achtung gezollt, als einem arbeitenden Gehirn. Alle Nachrichten über meine Familie, welche ich während dieſer Zeit aus England erhielt, waren nichts weniger als ſehr umfaſſend. Meine Mutter genoß noch immer die Ruhe ihrer frommen Abgeſchiedenheit. Ein Bulwer, Devereur. M. 12 178 durch Nachläfſigkeit eines Bedienten entſtandener Brand hatte beinahe ganz Devereur⸗Court verzehrt(ſchönes, altes Gebäude! bis zu dieſem Ereigniſſe glaubte ich in England noch einen Freund zu haben). Nach dieſem Vorfalle war Gerald nach London gegangen und, ob⸗ wohl kein Zweifel über ſeine Theilnahme an der Em⸗ pörung von 1715 ſtattfand, bei Hofe günſtig aufge⸗ nommen worden. Vereits war er in ganz London wegen ſeiner berauſchenden Luſtbarkeiten, ſeiner Ausſchweifun⸗ gen und ſeiner verſchwenderiſcheu Pracht berühmt. Montreuil, der dazu beſtimmt ſchien, durch ſeine Ränke immer wieder zu verlieren, was er durch bie tüchtige Grünblichkeit ſeines Geiſtes gewonnen, war bei den übereilten, aber rieſenhaften Planen eines Görz und Alberoni tief betheiligt; Plane, die, wären ſie gelungen, nicht nur einen neuen König auf den engli⸗ ſchen Thron geſetzt, ſondern die Angelegenheiten von ganz Europa anders geſtaltet haben würden. Mit Alhe⸗ roni und Görz fiel Montreuil. Aus Frankreich und Spanien war er verbannt, in Brittanien wartete ſeiner die Todesſtrafe, und man glaubte, er habe ſich in ein italieniſches Kloſter zurückgezogen, wo ſein Name und ſein Charakter unbekannt waren. In dieſer kurzen Nach⸗ richt war Alles zuſammengedrängt, wos ich ber die Perſonen erfahren konnte, welche in der früheren Pe⸗ riode meines Lebens hanbelnd aufgetreten waren. Mit dreiunddreißig Jahren hatte ich ein Anſehen erlangt, das meinem Ehrgeize genügte— mein Ver⸗ mögen überſtieg meine Bedürfniſſe— an Höfen wr, ich beliebt— in Schlachten war ich glücklich geweſen von als i Ich wenn eher ich* die L an ih dieſer und! und durch Trüb hang Licht loſigt klam ganze ſtund Zwec hinau pfind Emp Nied eine diges mang mit! ſes A er Brand (ſchönes, bte ich in ch dieſem und, ob⸗ der Em⸗ ig aufge⸗ on wegen chweifun⸗ ühmt. urch ſeine durch bie nen, war ines Görz wären ſie reich und tete ſeiner ſich in ein heren Pe⸗ ren. n Anſehen nein Vet⸗ — ſchon haite ich Alles erreicht, was manche Menſchen von größerem Verdienſte und glühenderen Wünſchen als ich, Belohnung für das ganze Leben geweſen wäre. Ich war immer noch jung— mein Außeres hatte, wenn gleich ſehr verändert, durch das Mannesalter eher gewonnen, als verloren. Meinem Körper hatte ich durch Ausſchweifungen Nichts vorweggenommen, vie Quellen des Genuſſes durch zu ſtarke Forderungen an ihre Kraft vertrocknet; woher kam es dann, daß in dieſem goldenen Zeitalter— in der Blüthe des Lebens und der Glorie der Mannheit— gerade in dem Zenith und Sommer meines Glückes— ein tiefer, dunkler, vurchbringender Trübſinn mich befiel? Ein ſo düßerer Trübſinn, als ob ein dicker, undurchpringlicher Vor⸗ hang nach und nach zwiſchen mich und das ſegensreiche Licht der menſchlichen Freuden herabſänke. Eine Fühl⸗ loſigkeit beſchlich mich— eine unthätige, ſchwere, an⸗ klammernde Stumpfheit verbreitete ſich über mein ganzes Weſen— vas phyſiſche, wie das geiſtige; ſtundenlang ſaß ich ohne Buch, ohne Papier, ohne Zweck, ohne Gedanlen da und ſtarrte in die leere Luft hinaus— ohne mich zu rühren— ohne etwas zu em⸗ pfinden— doch ja, ich empfand, aber nur eme einzige Empfindung, eine kranke, traurige, dahinſchmachtende Niedergeſchlagenheit— ein Einſinken des Herzens— eine Art von innerlichem Nagen, als ob etwas Leben⸗ diges ſich um meine Lebensorgane ſchlänge und in Er⸗ manglung eines anderen Futters ſich von ihnen, obwohl mit kränkelnder, langſamer Eßbegierde, nährte. Die⸗ ſes Mißbehagen kam allmählig über mich; erſt mit dem 180 Beginnen eines zweiten Jahres, nachdem es bemerkbar und vorübergehend hegonnen, erreichte es die eben be⸗ ſchriebene Höhe. Es fing mit einem Ekel an Allem an, deſſen Genuß oder Verfolgung mir früher Freude gemacht. Muſik, die ich immer leidenſchaftlich geliebt, obwohl ich in Folge einer Mangelhaftigkeit meines Ohres nicht die geringſte Kenntniß in derſelben zu er⸗ langen vermochte, Muſik verlor für mich ihren ganzen göttlichen Zauber, ihre ganze Fähigkeit, ein neues Daſein, ein Leben der Träume und der unbeſtimmten Schwelgerei im Gemüthe zu erſchaffen— ſie wurde zu einem einförmigen Schall, der meiner matten Empfäng⸗ lichkeit weniger angenehm war, als gänzliche Todesſtille. Ich war nie, was man gewöhnlich einen guten Geſell⸗ ſchafter nennt, geweſen; wenn aber nicht den geſell⸗ ſchaftlichen Geſchmack, ſo beſaß ich doch geſellſchaftliche Eitelkeit, und ohne daß ich es ſelbſt wußte, waren mir die Tafel, die von Beifall über meine Einfälle wieder⸗ tönte, und die Genoſſen, die, während ſie ſich gegen meinen Spott verwahrten, denſelben noch ſtets gerne als Witz begrüßten, theuer geworden. Eine meiner Schwächen iſt Liebe zur Pracht, und trotz ſeines Ur⸗ ſprunges aus einer kleinlichen Quelle, war es mir nichts deſtoweniger ein wohlthuendes Gefühl geweſen, als ich durch meine Equipagen, meine Wohnung, meine Ban⸗ kette dieſelbe Berühmtheit erlangte, welche man durch Gepränge eben ſo leicht erhalten kann, als durch Thaten; jetzt wurde ich gegen die Abzeichen des Pompes, wie gegen die Spielereien der Mode gleichgültig— das mir * geſpendete Lob traf ein unempfängliches Ohr, und (ſelt welch mach ich fr anger zeichn Kriti Lippe tiefe Wun die fli Forſc Jedes meine Zaube neuer meinet Gedäc und v emerkbar eben be⸗ n Allem r Freude h geliebt, t meines en zu er⸗ en ganzen ein neues eſtimmten wurde zu Smpfäng⸗ odesſtille. en Geſell⸗ en geſell⸗ ſchaftliche waren mir le wieder⸗ ſich gegen ets gerne e meinet eines Ur⸗ mir nichtz en, als ich 181 (ſeltener Grad der Ueberſättigung!) die Vergnügungen, welche in unſeren Schwachheiten ihren Grund haben, machten mir keine Freude mehr. Von Bolingbroke hatte ich frühe eine Vorliebe für Unterhaltung mit Männern angenommen, die ſich durch Kenntniſſe oder Witz aus⸗ zeichneten; die angenehme Plauberei, wie die ſcharfe Kritik— der glänzende Flug pikanter, von Lippe zu Lippe kreiſender und zurückſpringender Worte, wie die tiefe Betrachtung über die geheimnißvollen umhüllten Wunder der Menſchheit, der Natur und der Welt— die flüchtige Bemerkung über Gebräuche, wie die tiefe Forſchung in den Gruben der Wiſſenſchaft: Alles und Jebes hatte ein Glied zu der Kette geliefert, welche meinen Sinn und Geſchmack an die Anmuth und den Zauber des geſelligen Lebens feſſelte. Jetzt kam ein neuer Geiſt über mich; das Lächeln verſchwand von meiner Lippe, und der Scherz mied meine Zunge; mein Gedächtniß ſchien ebenſo treulos wie meine Phantaſie, und verließ mich in dem Augenblicke, wo ich mich in einen jener wiſſenſchaftlichen Streite einlaſſen wollte, in welchen es mir früher nicht an Auszeichnung gefehlt hatte. Ich wurde verwirrt und verlegen beim Sprechen — meine Worte drückten einen ganz andern Sinn aus, als den beabſichtigten, und als endlich meine Apathie zunahm, ſaß ich ſtill und leblos am eigenen Tiſche und machte den Strom der Unterhaltung, den zu löſen und zu erwärmen ich ſonſt der Erſte geweſen, zu Eis erſtarren. Zu der Zeit, von welcher ich ſpreche, war ich Ge⸗ ſundter an einem der kleinen Höfe des Feſtlandes, wo 182 vas Leben ein Kreislauf leerer Etikette und läſtiger Zörmlichkeiten, ein tägliches Abmühen um Kleinigkei⸗ ten— ein unaufhörliches Prunken mit dem Nichts iſt. Ich war wegen eines wichtigen Ereigniſſes dahin ge⸗ ſandt worben; das daraus entſpringende Geſchäft war bald heendigt, und ſämmtliche Obliegenheiten, deren Erfüllung mir noch übrig blieb, waren von negativer, leidender Natur. Nichts, was einen Geiſt wecken— Nichts, was einen ſolchen beſchäftigen konnte, der jahrelang an eine immerwährende Aufregung gewöhnt geweſen, blieh mir in dieſem furchtbaren Behälter der Laugweile. Von den Scharmützeln und dem kleinen Kriege mit einem Tatarenfeinde, einem Kriege, der, wenn auch wenig Ruhm dabei gewonnen wurde, wenig⸗ ſtens immer in Thätigkeit und Aufregung erhielt, war ich auf einmal hieher gekommen. Ich war hieher ge⸗ kommen, und der Wechſel war ſo groß, als hätie ich einen Bergſtrom gegen einen ſtehenden Pfuhl ver⸗ tauſcht. Die Geſellſchaft an dieſem Hofe erinnerte mich an einen fürßlichen Leichenzug; alles war prachtvoll und traurig, ſelbſt bis zu der Draperie— ſelbſt bis zu den Federn— die auf anderen Schauplätzen der Verbin⸗ dung von Heiterkeit und Anmuth gewidmet ſind; das ſtündliche Gepränge ſchlich longſam, ſchwerfällig und traurig dahin, und der Zweck der vabei Betheiligten war nur, das Vergnügen zu begraben, das zu feiern ſie ſich den Anſchein gaben. Welch ein Wechſel gegen das wilde, ſeltſame, neue, intriguante, abwechſelnde Leben, das ich bisher an Höfen, wie in Feldlagern gefül rung Wint im 3 ten, lieger A nung überh — au nem„ danket finſter ſeit d hatte, ſtande erträg erklär läſtiger einigkei⸗ ichts iſt. hin ge⸗ äft war „deren gativer, ecken— te, der gewöhnt älter der kleinen ge, der, „wenig⸗ elt, war ieher ge⸗ hätie ich uhl ver⸗ mich an tvoll und is zu den Verbin⸗ ſiud; das ällig und theiligten zu feiern hſel gegen eldlagern pechſelnde ⸗ 183 geführt hatte. Kaum varf man ſich über die Verände⸗ rung, die in meinem Innern vorging, wundern; die Winde hatten ſich gelegt, und die Halme, die ſie balb im Zorn, bald im Spiel von Ort zu Ort geweht hat⸗ ten, fingen an, auf dem Flecke zu vermodern, wo ſie liegen geblieben. Aus dieſem Stillßande der Beſtrebungen, Hoff⸗ nungen und Gedanken des Lebens wurde ich durch die überhandnahme einer anderen Krankheit aufgeweckt; — auf den todten, dumpfen, bangen Schmerz in mei⸗ nem Innern folgte ein heftiger, ſchneidender; die Ge⸗ dankenlofigkeit wich einem Gedanken, der ſchrecklicher, finſterer, verzweiflungsvoller war, als mich je etwas ſeit dem erſten Jahre nach Iſora's Tod heimgeſucht hatte, und aus einer Betäubung und einem Still⸗ ſtande des Daſeins entſtand eine allzuſcharfe und un⸗ erträgliche Empfindung deſſelben. Ich will mich näher erklären. An dem Hofe von—— lebte ein Italiener, nicht unberühmt wegen ſeiner Kenntniſſe, und beliebt wegen einer Unſchuld und Reinheit des Lebenswandels, wie man ſie ſelten unter ſeinen Landsleuten trifft. Die Bekanntſchaft mit dieſem Manne, der etwa fünfzig Jahre alt war und der ſich beinahe ausſchließlich philoſo phiſchen Studien widmete, hatte ich eifrig unterhalten. Seine Unterhaltung gefiel mir, ſeine Kenntniſſe be⸗ lehrten mich, und ſeine Herzensgüte, welche mich in ihrer Kindlichkeit an die Züge Lafontaine's erinnerte, flößte mir Liebe zu ihm ein. Während meine peinliche Gemüthskrankheit zunahm, hatte ich den Italiener 184 nicht mehr beſucht und nicht mehr eingeladen, und Bezoni(ſo hieß er) fühlte ſich durch meine Vernach⸗ läſſigung etwas beleidigt. Sobald jedoch der gute Mann meinen Gemüthszuſtand entdeckte, verließ ihn aller Groll. Er drängte ſich in meine Einſamkeit und ſaß oft ganze Abende bei mir— bisweilen ohne daß wir ein Wort wechſelten— bisweilen mit dem vergeb⸗ lichen Verſuche meine Aufmerkſamkeit zu feſſeln, zu wecken, oder mich zu unterhalten. Endlich eines Abends, dem Anfangspunkte eines furchtbaren Leidens für mich, wandte ſich unſere Unter⸗ haltung auf denjenigen Gegenſtand, welcher der wich⸗ tigſte und der zugleich am ſeltenſten beſprochene iſt. Wir ſprachen über Religion. Zuerſt handelten wir die Theologie der geoffenbarten Gotteslehre ab. Als Vezoni ſo recht zur Aufrichtigkeit erwarmte, bemerkie ich, daß ſeine Anſichten von den meinigen abwichen, und vaß ſein Inneres nicht von dem göttlichen Glauben erfüllt war, zu deſſen Verehrung ſich die Chriſten be⸗ kennen. Von einem Streite über den Grund des Glau⸗ bens kamen wir zu einer Erörterung, auf dem zu einer Diskuſſion mehr geeigneten Felde der Vernunft. Von der geoffenbarten kamen wir auf die natürliche Religion zu ſprechen und ließen uns tief und ernſt in die wich⸗ tigſten aller Erdenfragen— die metaphyſiſchen Be⸗ weiſe von der Unſterblichkeit der Seele ein. Wieder ſtan⸗ den Bezoni's Begriffe den meinigen entgegen. Er glaubte an die dunkle Lehre, welche behauptet, daß der Menſch Staub und im Grabe Alles vergeſſen ſei. Die, Klarheit und Beſtimmtheit, womit er ſeine Auſichten — pre all ren beh Me ſeit ich Sil einz den en, und Vernach⸗ der gute rließ ihn nkeit und ohne daß nvergeb⸗ ſſeln, zu —— kte eines re Unter⸗ der wich⸗ chene iſt. elten wir ab. Als bemerkte abwichen, Glauben hriſten be⸗ des Glau⸗ m zu einer uft. Von e Religion ndie wich⸗ iſchen Be⸗ zieder ſtan⸗ egen. r t, edaß det n ſei. Die, e Anſichten — 185* preisgab, machten einen um ſo größeren Eindruck, weil alle Sophismen und Rednerkünſte darin vermieden wa⸗ ren. Schweigend, aber mit tiefem, ſchauderndem Un⸗ behagen, hörte ich zu. Noch jetzt meine ich, ich ſehe den Mann vor mir ſitzen, wie der Schein der Lampe auf ſeine hohe Stirn und dunkeln Züge fiel; noch jetzt meine ich zu hören, wie ſeine ruhige, leiſe Stimme— der Silberton ſeines Landes— mein Herz beſchlich und die einzige reine und unbefleckte Hoffnung, die ich noch in demſelben nährte, vernichtete. Ohne zu wiſſen, welche Qualen er in mir rege ge⸗ macht, ging Bezoni weg und überließ, was er geſagt, meinem Nachdenken. Ich ſchlief nicht, legte mich nicht einmal zu Bette. Den Kopf auf die Hände geſtützt, gab ich mich unruhigen, tiefen Betrachtungen hin. Jeder, der lange in der Welt gelebt und mit ihren verſchiedenen Vewohnern Umgang gepflogen hat, iſt, fürchte ich, mit Vielen zuſammengetroffen, welche in Beziehung auf dieſen wichtigen Gegenſtand ſich zu demſelben Glauben bekennen wie Bezoni. Er aber war der Erſte, der mir von dieſer Sekte vorgekommen, und der offenbar den angenommenen Glauben zum Gegenſtand langen und tiefen Nachdenkens gemacht hatte. Er war weder Wüſt⸗ ling, noch Prahler, noch Witzbold. Weder die Täu⸗ ſchungen der Eitelkeit, noch die der Sinne hatten ihn irre geführt. Er war ein reiner, ſchuldloſer, beſcheidener Mann, voll zarten Erbarmens und milder Sinnesart gegen die Menſchheit; der Glaube an ein zukünftiges Leben hätte offenbar nur vortheilhaft für ihn ſein können; zu fürchten hatte er von demſelben Nichts. Auch nicht 186 einer Leidenſchaft war er ergeben, welche das Geſetz einer andern Welt hätte verdammen können. Dazu kommt noch, was ich ſchon oben bemerkt, daß er ſeinen Verſtand nichts weniger als zur Schau tragen wollte oder zu Erörterungen der Vernunft die Artillerie des Witzes in Bewegung ſetzte. Er war mehr als irgend ein Anderer ernſt, beſcheiden und ohne zu großes Ver⸗ trauen auf ſich ſelbſt. Ein Königreich hätte ich geben mögen, wäre es mir möglich geweſen, in dem Verthei⸗ diger der Sache etwas zu finden, in Folge deſſen ich dieſe ſelbſt hätte verwerfen können: ich vermochte es nicht und war unglücklich. Die ganze folgende Woche brachte ich unter meinen Büchern zu. Ich durchſuchte Alles in meiner kleinen Bücherſammlung, was ſich dort von Schriften oder Ver⸗ mächtniſſen der Theologen oder Philoſophen über dieſes große Geheimniß vorfand. Ich ordnete ihre Beweiſe in meinem Geiſte und bewehrte mich mit ihren Waffen. Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich die erlangte Kraft fühlte; ich ließ den Philoſophen um einen Beſuch bitten, um ihn zu befiegen und zu widerlegen. Er kam; allein er ſprach ungerne und mit Widerwillen. Er ſah, daß ich mir die Sache weit mehr zu Herzen genommen, als er bei einem Höflinge und Weltmanne für möglich ge⸗ halten hatte. Wie wenig kannte er mich und die Tiefen meiner Seele! Endlich ſiegte ich über ſeine Zurückhal⸗ tung. Ich entwickelte meine Beweiſe, beantwortete die ſeinigen, und ſo brachten wir die ganze Nacht bei dieſer Streitfrage zu. Zuletzt entfernte er ſich, und ich war verwirrter als je. F ich nu nen F er ſell er zu war a Temp genßta miren mehr, er er und b unläu Nicht ſpräch in me 5 gehen dem« ſprach Satzu ſchaff Vern mich, zu ei ſchaut lächel Treib wart, Geſetz Dazu daß er tragen tillerie irgend Ver⸗ geben erthei⸗ en ich hte es neinen kleinen rVer⸗ dieſes eiſe in affen. Kraft bitten, allein , daß n, als ch ge⸗ Tiefen ickhal⸗ ete die dieſer h war 187 Freilich hatte er dem Gegenſtande Jahre gewidmet, ich nur eine Woche. Schritt für Schritt war er zu ſei⸗ nen Folgerungen gelangt; langſam, vorfichtig und, wie er ſelbſt bekannte, unter Angſt und Widerſtreben war er zu ſeinem Schluſſe gekommen. Was für ein Gegner war alſo ich, der einem Denker wie er, nur ein raſches Temperament und kurzes Nachdenken über dieſen Ge⸗ genſtand entgegenſetzen konnte? Seine Offenheit flößte mir noch mehr Bedenklichkeiten ein, erkältete mich noch mehr, als ſeine Logik. Beweiſe, die mir für die Ver⸗ theidigung meiner Auſicht nicht beigefallen waren; ſtellte er endlich auf, und zwar mit Nachdruck. Ich hörte, und bis er zu ihrer Widerlegung kam, hielt ich ſie für unläugbar— die Wiberlegung kam, und ich konnte Nichts erwidern. Oft wieverholten wir vergleichen Ge⸗ ſpräche; und wenn er von mir ging, traten Thränen in meine wilden Augen, und ich weinte! Ich muß jetzt genauer, als bisher, auf die Art ein⸗ gehen, wie mein Gemüth zur Zeit dieſes Streites mit dem Italiener ſich über religiöſe Angelegenheiten aus⸗ ſprach. Offen geſagt, hatte mir ſein Widerſpruch gegen Satzungen des kirchlichen Glaubens weit weniger zu ſchaffen gemacht, als der gegen Gegenſtände der reinen Vernunft. Obwohl Stolz, Hartnäckigkeit, Gewohnheit mich, den im katholiſchen Glauben Erzogenen, äußerlich zu einem Anhänger dieſer Kirche machten, ſo durch⸗ ſchaute ich in meinem Inneren doch ihre Irrthümer, und lächelte über ihren Aberglauben. Dabei hatie ich in dem Treiben der Welt, wo beinahe immer nur die Gegen⸗ wart, oder ſehr menſchliche Betrachtungen über die — 188 Zukunft die Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen, der Sache nie denjenigen Ernſt gewidmet, der mich(wie es ſeither geſchehen iſt) in den Stand geſetzt hätte, die Lehren der Prieſter von den Vorſchriften des Heilandes zu unterſcheiden und ſo meinen Glauben als Chriſt durch eben die Mittel zu befeſtigen, welche meinen Glau⸗ ben als Anhänger einer Sekte vernichten mußten. Eo verletzte mich denn zur Zeit meiner Bekanntſchaft mit Bezoni in Folge einer gewiſſen Gleichgültigkeit gegen religiöſe Lehren, die wohl aus einer Unbekanntſchaft mit denſelben entſpringen mochte, die Bekämpfung von An⸗ ſichten wenig, welchen ich mich zwar anſchloß, für die ich aber nur laue und unvollkommene Zuneigung fühlte. Ganz anders verhielt es ſich mit reinen Vernunftſätzen, ganz anders, wenn die Hoffnung, dieſe hinfällige, ſo unheilige Hülle zu überleben zerſtört wurde. Bei Spitz⸗ findigkeiten über das, was wirklich das Wort Gottes ſei, hätte ich gleichgültig bleiben können, nie aber, wenn die Gerechtigkeit Gottes ſelbſt in Zweifel gezogen wurde. Auf der ganzen Welt gab es Niemand, der aufrichtiger an die Unvergänglichkeit unſers Weſens geglaubt hätte, oder tiefer bei dieſem Glauben betheiligt geweſen wäre. Man ſchließe daraus, daß ich Iſora's Tod nur ſelten erwähnt, oder daraus, daß ich meine Geſchichte in ſcherz⸗ haftem, leichtem Tone fortgeführt habe, nicht, daß dieſes Ereigniß mir je aus dem Gedächtniſſe gekommen, das mir ſo bittern Schmerz bereitet hatte. Nie in den Irrgewinden der Intrigue, bei den Feſtgelagen der Freude, im Aufruhr der Ehrbegierde, in dem Schimmer eines ausgelaſſenen Hofes oder unter den rauhen Zelten eines Liebe, würde Gott oder P Tages mein war ic mel er ſchmol Das( mit de erſchie angene Auftri zu den das H Empfi verſchr welche durch darum nigen einſtig Schme gelten reine L es, w Gebete Geiſt en, der (wie es tte, die eilandes Chriſt nGlau⸗ en Co aft mit t gegen haft mit on An⸗ für die fühlte. ftſätzen, lige, ſo i Spit⸗ Gottes r, wenn wurde. ichtiger t hätte, n wäre. r ſelten ſcherz⸗ t, daß ommen, in den zen der himmer Zelten 189 eines harbariſchen Feindes— nie, meine begrabene Liehe, habe ich deiner vergeſſen! Dieſes Andenken würde, hätte ich keine andere Urſache gehabt, mich zu Gott geführt haben. Jede Nacht, was auch die Mühen oder Beſtrebungen, die Mißgeſchicke vder Triumphe des Tages geweſen ſein mochten,— jede Nacht, ehe ich mein Haupt auf mein verwaistes, einſames Kiſſen legte, war ich niedergekniet und hatte mein Herz zum Him⸗ mel erhoben, und die Hoffnung auf dieſen Himmel ver⸗ ſchmolz mit dem Andenken und dem Bilde Iſora's. Das Gebet war mir nicht nur als eine Gemeinſchaft mit dem lebendigen Gotte, ſondern auch mit den Tohten erſchienen, welche ſein Reich umſchweben. Lieblich und angenehm war es für mich, während der ermattenden Auftritte dieſes harten und rauhen Dramas des Daſeins zu dem einen Gedanken zurückzukehren, an welchem das Heiligſte meines Weſens hing. Selbſt die bittere Empfindung über Iſora's frühen und ungerächten Tod verſchwand, wenn ich an den Himmel dachte, nach welchem ſie vorangegangen und wo, wenn ich auch jetzt durch Sünde und Mühe hinwandelte, und mich wenig darum kümmerte, oh die Pfade Anderer von den mei⸗ nigen abwichen, eine fromme Zuverſicht mir ihr der⸗ einſtiges Wiederfinden verhieß. Dort hoffte ich, ihre Schmerzen zu belohnen— dort ihre Hingebung zu ver⸗ gelten— dort ſie durch eine ebenſo unſterhliche, ebenſo reine Liebe, wie die ihrige war, zu verdienen. Dies war es, was in der genannten Stunde, wo ich nach einem Gebete zu Gytt um unſere Wiedervereinigung meinen Geiſt glänzenden, wilden Geſichten über ihre ferne, aber 190 unerreichbare Heimath überließ,— dies war eg, kein was um dieſer einzigen Stunde willen Alles um mich kost, her in ein Paradies entzückter Gedanken verwantelte! banke Um mich her war dann nicht mehr die kleine Erde, dauer der kalte Himmel, die wechſelnde⸗Woge, der vergäng⸗; imme liche Raſen— nein, nicht mehr die todte Mauer und ren,: das enge Zimmer! Kein Träumenber war je den Hrt⸗ die ir lichkeiten des fleiſchlichen Lebens ſo ferne, als ichim mali ſolchen wonnevollen Stunden; ein Licht ſchien alle ſie de Gegenſtände um mich her zu übergießen; ihre Stimme kannt flüſterte an mein Ohr; ihre Küſſe zerſchmolzen auf Lod meiner Stirne; ich ſchloß die Augen und bilbete mir heure ein, ich ſehe ſie! einzig Wozu dieſer Troſt?— woher der Zauber, der mich die G in dieſes Feenland einführte? Was war die Quelle der hingeſ Hoffnung, des Entzückens, der Täuſchung? War e der ſi nicht die zuverläſſige Gewißheit, daß Iſora noch wa, WMond daß ihr Geiſt, ihr Weſen, ihre Liebe unverletzt erhalten nicht und noch dieſelben ſeien? Daß ſie über mich wachten, einſt 3 vaß ſie wußte, wie nahe ich ihr in dieſer Stunde ſei- hat? daß ſie mein Gebet fühle— daß ſie ſogar den Augen⸗ Himm blick vorausſehe, wo meine Seele den menſchlichen Heimq Kerker durchbrechen und wieber mit ihr vereint werbent halb b werde? Wolke Wie! und dies ſollte nicht mehr ſein?— ſollen dieſe geheimnißvollen, ſüßen Offenbarungen auf immer für mich verſtummen? Sollten meine Gedanken an Iſpra fortan mit dem Beinhaus und den Würmern ſih verknüpfen?— War ſie wirklich nicht mehr? Nicht mehr— oh, unerträgliche Verzweiflung! Gab es do 3 war es, um mich wantelte! eine Erbe, vergäng⸗ Nauer und den Ort⸗ als ich in chien alle e Stimme wlzen auf ildete mir „der mich Quelle der War es noch war, tt erhalten h wachten, unde ſei— en Augen⸗ enſchlichen int werden „„ — ſollten auf immer danken an rmern ſih r Nicht⸗ zab es bo 191 kein Weſen, das ich je gekannt, keinen Hund, den ich gelieb⸗ kost, kein Buch, das ich geleſen, ohne daß ich bei dem Ge⸗ vanken, ich werde es nicht mehr ſehen, ein gewiſſes Be⸗ dauern empfand. Nicht mehr! Waren wir wirklich für immer und ewig geſchieden? War ſie in ihren jungen Jah⸗ ren, mit ihrer warmen Liebe, mit den neuen Hoffnungen, die in ihrem Herzen noch unverwelkt grünten, auf ein⸗ mal in Staub, Stille und Eis übergangen? Hatte ich ſie deßhalb nur ein Jahr, ein einziges kleines Jahr ge⸗ kannt, um ſie mir durch einen gewaltſamen, blutigen Tod entriſſen zu ſehen, und trauernd in dieſem unge⸗ heuren, ewigen Beinhaus zurückzubleiben, ohne einen einzigen Troſt vber Schimmer von Hoffnung? Sollte die Erde fortan nur einen aus den Gebeinen unſerer hingeſchiedenen Väter hervorgerufene, von deren Mo⸗ der ſich mäſtende Maſſe ſein?— Sollten Sterne und Mond bloße Atome und Flecken eines kalten Lichtes, nicht länger Welten ſein, welche die glühende Seele einſt zu erreichen und ſich ihrer zu freuen die Fähigkeit hat? Sollte der Himmel, der ſanfte, blaue, liebende Himmel, in deſſen fernen Regivnen ich mir Iſora's Heimath gedacht hatte, und in deſſen Anſchauen ich deß⸗ halb beſſer und glücklicher geworden war, nur Luft und Wolken ſein? Und war dieſe Liebe, die ſo unſterblich, ſo ganz ein Kind deſſen geſchienen, was in keiner Verbin⸗ dung mit der Sterblichkeit ſteht, nur eine grobe Leuchte geweſen, die ſich von den Beſtandtheilen thieriſcher Na⸗ tur nährt und in eine dunkle Zelle von Steub geſetzt iſt, um mit den hinfälligen Wänden, die ſie erhellte, zu glänzen, zu hrennen und aufzuhören? Staub, Tod, 192 Würmer— ſollte dies unſer ganzes Erbe, das ganze Erbe der Liehe, Hoffnung, des Gedankens, der Leiden⸗ ſchaft, alles veſſen ſein, was in uns athmet, erwärmt, erhebt und erſchafft? Konnte ich dieſe Vorſtellung betrachten, konnte ich ſie für möglich halten? Ich konnte es nicht. Aber hatte ich für dieſe abſtrakten, für dieſe rein logiſchen Beweiſe einer ſolchen Vorſtellung— hatte ich für ſie eine Widerlegung? Mit Schaudern ſchreibe ich nieder, daß ich damals keine hatte! Ich ſuchte alle meine Gedanken auf die Prüfung jener ſpitzfindigen Ver⸗ ſtandesfolgerungen zu richten, die ich bisher ſo unvoll⸗ kommen gekannt hatte; aber mein Geiſt war mißſtimmt, unentſchloſſen, verwirrt, betäubt; das Feld ſchien mir zu groß, als daß ich bei meinem Gpiele hätte kaltblütig bleiben können. Wer ſich je mitten in der lauten, geränſchvollen Welt zu einem feineren, tieferen Forſchen veranlaßt ſah, wird ein Gefühl, das ſich damals meiner bemäch⸗ tigte, wohl leicht begreifen, das Gefühl, daß Abſtraktion und Sammlung der Gedanken Demjenigen ganz un⸗ möglich wird, der jedem Eindringenden preisgegeben iſt, und doch durch jede Störung in fieberhafte Span⸗ nung geräth. Menſchen, die ſich frühzeitig und lange Zeit gewöhnten, mit dem Berufe des Hof⸗ und Stadt⸗ lebens ſolche Betrachtungen zu verbinden, werden ab⸗ gehärtet gegen ſolche Unterbrechung, und die tiefſten Spekulationen wurden mitten in dem Schvoß der rau⸗ ſchenden Menge angefangen und betrieben; ich aber war nicht aus dieſem Guß gemacht. Die Welt, welche mir vo lich; einer g unhetr Nachde göttlic ich den Zeit, 6 Junere nach R meine in Erf Je ſich, w über d Anſpri Scheid koſtet mein 6 gen da V wahr endlich wegge B guten Sie d Dunk die A B as ganze Leiden⸗ rwärmt, onnte ich t. Aber logiſchen h für ſie ch nieder, lle meine zen Ver⸗ o unvoll⸗ ißſtimmt, chien mir kaltblütig uſchvollen veranlaßt r bemäch⸗ bſtraktion ganz un⸗ eisgegeben fte Span⸗ und lange nd Stadt⸗ verden ab⸗ ie tiefſten ß der rau⸗ ich aber lt, welche 193 mir vorher widrig geweſen, wurde mir jetzt unerträg⸗ lich; ich verlangte nach einer Abgeſchiedenheit, nach einer gänzlichen Einſamkelt, nach irgend einem ruhigen, unhetretenen Winkel, um meinen Geiſt ungetheilt dem Nachdenken üder jene Dinge hingeben und den Thurm göttlicher Betrachtung erbauen zu können, mittelſt deſſen ich den Himmel zu erſteigen im Stande wäre Um dieſe Zeit, gerade während des heftigen Kampfes in meinem Juneren, ſtarb der große Czar, und ich wurde plötzlich nach Rußland abgerufen. Jett,“ ſprach ich, als ich meine Erlöſung vernahm,„jetzt werden meines ünſche in Erfüllung gehen⸗“ Ich ſandte nach Bezoni. Er kam, allein er weigerte ſich, wie er ſchon ſeit einiger Zeit gethan, mit mir weiter über den Gegenſtand zu ſprechen, der mich ſo ſehr in Anſpruch nahm.„Ich vergebe Ihnen,“ ſagte ich beim Scheiden,„ich vergebe Ihnen Alles, was Sie mich ge⸗ koſtet haben; ich fühle, daß der Augenblick nahe iſt, wo mein Glaube eine Waffe ſchmieden wird, um den Ihri⸗ gen damit niederzukämpfen!“ Vater im Himmel! Dant ſei Dir, daß meine Worte wahr geweſen! Dank ſei Dir, daß meine Zweifel ſich endlich hoben und die Wolke endlich von meiner Seele weggewälzt wurde! Bezoni umarmte mich und weinte über mich.„Jedem guten Menſchen,“ ſagte er,„iſt viel daran gelegen, daß Sie den Sieg davon tragen; für mich gibt es nichts Dunkles, ſelbſt in dem ſtummen Grabe nicht, wenn es die Aſche eines Menſchen hedeckt, der ſeine Brüder ge⸗ Vulwer, Devtreur. II. 13 194 liebt und Ihnen Guies erzeigt, und keinem lebenbigen Geſchöpfe mit Willen Unrecht gethan hat.“ Balb darauf ſtarb der Italiener als Wärter der Opfer einer fürchterlichen, anſteckenden Krankheit, welche ſelbſt die gewöhnlichen Ausüber der Heilkunde zu beſuchen Anſtand nahmen. In dieſem Augenblicke bin ich in dem ſtrengſten Sinne des Wortes Gläubiger und Chriſt. Ich hege in Bezug aufbie ebelſte und tröſtendſte aller Religionen weder Angſt noch Zweifel, und bin dankbar unter den anderen Seg⸗ nungen, welche ver Glaube mir zugewandt— bin dankbar für die überzeugung von der göttlichen Barmherzig⸗ keit. Finſter für alle menſchliche Weſen war Bezoni's Anſicht— finſter vor Allem für diejenigen, welche auf Erden getrauert haben.— Sv ertödtend für alle Hoff⸗ nungen, welche am innigſten an dem Herzen hängen, war ſein unſeliger Glaube— daß Derjenige, welcher weiß, wie unzertrennlich, wenn auch unmerklich, unſere moraliſche Geſetzggebung mit Dem, was wir für bas Intereſſe unſeres eigenen Ich halten, verwoben iſt, ſich, wenn er ſolche auch verdammt, doch kaum über die un⸗ kluge und unheilige Verfolgung wundern wird, welcher dieſer Glaube allenthalben ausgeſetzt iſt! Manche elende Stunde, manchen Schmerz der Todesqual und Ver⸗ zweiflung brachte dieſe Lehre über mich; aber ich weiß, daß Bezoni's Abſicht Wohlwollen, und das ganze Thun ſeines Lebens Tugend war; und während mir meine Vernunft ſagt, daß Gott den unwillkürlichen, nur mit Widerſtreben gefaßten Irrthum eines Menſchen, dem alle Geſchöpfe Gottes ſo theuer waren, nicht rächen werde, ich ihn thum m liche Le an ſein Unendli bendigen er Opfer che ſelbſt beſuchen en Sinne n Bezug er Angſt en Seg⸗ dankbar herzig⸗ Bezoni's elche auf lle Hoff⸗ hängen, welcher „unſere für das die un⸗ werde, bietet mir meine 195 Religion die Hoffnung, daß ich ihn in jener Welt wiederfinden werde, wo kein Irr⸗ thum mehr iſt, und wo der liche Leidenſchaft kennt, an ſeiner Gerechtigkeit große Geiſt, der keine menſch⸗ den augenblicklichen Zweifel vurch einen Beweis von der Unendlichkeit ſeiner Gnade beſtraft. Erſtes Kapitel. Die Zurückgezogenheit. Bei meiner Ankunft in Petersburg fand ich die Czarin, deren eheliche Treue mehr als verdächtig war, ziemlich getröſtet über das Erlöſchen des ſtrahlenden Lebens, deſſen unberechenbare, gottähnliche Nützlichteit zu würdigen, um nicht zu ſagen anzubeten, der Nach⸗ welt überlaſſen bleibt! Beiläufig geſagt, habe ich in der Regel die Bemerkung gemacht, daß die Menſchen um ſo weniger von ihrer Familie beweint werden, je mehr die Geſammtheit ihren Tod beklagt. Große Männer ſind ſelten liebenswürdig, und ſtets ſind unſere Ver⸗ wandten Diejenigen, welche am wenigſten Nachſicht mit unſern Fehlern haben! Mehre Umſtände vereinigten ſich damals, um von meiner Seite den Wunſch, aus kaiſerlichen Dienſten zu treten, ebenſo natürlich als angemeſſen erſcheinen zu laſſen. Der Tod des Czaren, neben einer wachſenden Eiferſucht und Beargwöhnung zwiſchen England und Rußland, die zwar ſchon längſt beſtanden, jetzt aber dentlicher und offenkundiger hervortrat, gab mir volle ſogar n Kathari ſchmeich breasort Auszeich würdige kaiſerlich Ich thum na ich mire vom Sch Obwohl als Hau angegebe gedrückt, zu beſuch chen. W Himmel mein Kör habt, unt eine abge Schaupla ſchiedenhe ſtaunen, gelebt, u licher pp ich die tig war, hlenden tzlichkeit Nach⸗ be ich in Nenſchen rden, je Männer e Ver⸗ icht mit um vn nſten zu inen zu chſenden d und tzt aber ir volle 197 Gelegenheit zu der Bemerkung, daß ich ſchon vor drei Jahren Verzeihung von Georg I. erhalten habe, und vaß Rückſichten für meine Perſon wie für meine Nation, die Rückkehr nach Englanb nicht nur räthlich, ſondern ſogar nothwendig für mich machten. Die Kaiſerin Katharina bewilligte mir meine Entlaſſung in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken, und fügte dem St. An⸗ breasorden, den ich ſchon früher erhalten, die hohe Auszeichnung des Krenzes bei, das zu Ehren der denk⸗ würdigen That tet worden, wodurch ſie ihren aiſerlichen Gemahl und bas rufſiſche Heer gerettet hatte. Ich ſchaffte meinen ungehener geworbenen Reich⸗ thum nach England, und trat die lange Landreiſe, die ich mir ausgeſonnen, mit einem Pomp an, wie er bem vom Schickſal mir zugetheilten Rang und Ruf geziemte. Obwohl ich meinen Wunſch„England wieber zu ſehen, als Hauptgrund für meine Entfernung aus Rußland angegeben hatte, ſo hatte doch auch die Abſicht aus⸗ gedrückt, vor meiner Ri ins Vaterland Italien zu beſuchen, und vort einen kurzen Aufenthalt zu ma⸗ chen. Wirklich hatten mir auch die Arzte dieſen milden Himmel als ein Mittel für vie übel angerathen, welche mein Körper unter dem ſtarren Norden zu tragen ge⸗ habt, und in dem eigenen Herzen hatte ich mir irgend eine abgelegene Gegend di göttlichen Lindes zum Schauplatz meiner beabſie igten Einſiepelei und Abge⸗ ſchiedenheit auserſehen. Es iſt in der That zuin Er⸗ ſtaunen, wie Menfe en, welche lange in kalten Klimaten gelebt, nach den Länbern milden Lichtes und ſommer⸗ licher üppigkeit ſichſehnen; ich empfand dieſelbe unwider⸗ 1 c 198 ſtehliche Sehnſucht nach einem ſüdlichen Himmel, welche Seeleute mitten in dem ungeheuren Ocean nach den grünen Gefilden und dem Landſchaftswechſel der Küſte empfunden haben. So durchzog ich denn die unermeßlichen Ebenen Rußlands— reiste durch Ungarn— und kam in die Türkei, die ich zu ſehen gewünſcht hatte, und wo ich mich kurze Zeit aufhielt; ich durchkreuzte ſodann da avriatiſche Meer und begrüßte zum erſtenmale das auſo⸗ niſche Geſtade. Im Monat Mai— ein Monat, von deſſen glänzender Schönheit man unter einem nordiſchen Klima keine Vorſtellung hat, betrat ich Italien. Als Beleg für die Macht, womit mich damals ein Gedanke ergriffen hatte, der, wenn auch noch ſo wichtig, in Allgemeinen für zu abſtrakt und über unſere Natur hin⸗ ausreichend erachtet wird, um ein Gemüth tief zu er⸗ greifen, mag dienen, daß ich,— keineswegs ein kalter oder unbegeiſterter Verehrer der rlaſſiſchen Muſe— gleichwohl nach keiner Stadt oder Ruine pilgerte, ſon⸗ dern nach einem kurzen Aufenthalte in Ravenna, wWo ich meine ganze Dienerſchaft entließ, mich allein auf den Weg machte, die ſtille Klauſe aufzufinden, nuch welcher ich mich mit der Liebe eines Einſiedlers ſehnte. In einem kleinen Dorfe am Fuße der Appenninen fand ich den Gegenſtand meiner Nachforſchungen. Selt⸗ ſam genug geſellte ſich hier zu meinem philoſophiſchen Eifer eine ſtarke Beimiſchung meiner früheren Ro⸗ mantik. Die Natur, für veren Stiqnme der Bewohnt der Städte, der Kämpfer mit dem Menſchengeſchlecht⸗ ſo lange taub geweſen, revete wieder hörbar zu meinen Herzen ihr mül ſich m Lieblich — der nige S alte H vergant ſendfach berin, el, welche nach den der Küſte Gbenen m in die nd wo ich ann das das auſo⸗ nat, von nordiſchen lien. Al n Gedanke ichtig, in Natur hin⸗ tief zu er⸗ ein kalter Muſe— gerte, ſon⸗ venna, wWy allein auf nden, nach ers ſehnte. ppenninen, ngen. Sel⸗ oſophiſchen heren Ro⸗ Bewohner ngeſchlechte zu meinen 199 Herzen und rief mich in ihre Arme, wie eine Mutter ihr mübes Kind ruft. Wie durch neue Sehkraft öffnete“ ſich mein Auge für die lautloſe und doch ſo beredte Lieblichkeit dieſer ſchönen Erde— und Berg und Thal — der Spiegel des ſchweigenden Waſſers— die ſon⸗ nige Stille der Wälder, der Satyre und Nymphen alte Heimath— belebten wieder in mir die Quellen vergangener Pveſie, und wurden der Boden eines tau⸗ ſendfachen Zaubers, mächtiger als der Stab jeder Zau⸗ berin, die Liebe ausgenommen— die nicht mehr da war— und die Jugend, welche ſich ihrem Ende nahte — und die Natur, die lebendiger als je für mich exiſtirte. So wählte ich denn meine Klauſe. Da ich in mei⸗ ner Wahl eitel geweſen, kann ich mir die Luſt nicht verſagen, den Ort zu beſchreiben. Ach, ich ließ mir nicht träumen, daß ich hierher gekommen, nicht nur um einen göttlichen Troſt zu finden, ſondern auch die Quelle eines menſchlichen, grimmigen Wahns! Mäch⸗ tigſter der römiſchen Barden! in welchem Zartheit und Weisheit ſo innig verſchwiſtert waren, der du ſelbſt unheilige Irrthümer durch einen ſo ſchönen und ſeltenen Genius heiligteſt! welch unvergängliche Wahrheit drückſt du in jener einzigen Zeile aus: Selbſtin dem ſchön⸗ ſten BornderLuſtſprudelt eine geheime, böſe Quelle ewig mit auf, und ſprengt ihr bit⸗ teres Waſſer über die Blumen, die ihren Randbekränzen! Mitten in einem kleinen, ſonnenhellen Thale ſtand ein kleines Bauernhaus; bies war meine Wohnung⸗ 200 Die guten Leute leiſteten mir alle Dienſte ber Gaſt⸗ freundſchaft, deren ich bedurfte. Ich hatte die Vorſicht gebraucht, meinen Namen und Stand dem Superior eines nahe gelegenen Kloſters mitzutheilen. Nicht alle Italiener— und ebenſo wenig alle Mönche— gehören in eine ber beiden großen Klaſſen, worein man ſie gemeinig⸗ lich wirft— in die der Schurken oder Thoren. Abt Anſelmo war ein Mann von ziemlich freiſinnigem, um⸗ faſſenden Geiſte; er bewahrte nicht nur, was für mei⸗ nen Frieden nothwenbig war, mein Geheimniß, ſondern trat auch ſelbſt für mich ein, was vielleicht meine Si⸗ cherheit erheiſchte. Ein Philoſoph, der ſich nur zu über⸗ zeugen wünſcht, undzwar nur über einen Gegenſtand, braucht nicht viel Bücher. Die Wahrheit liegt zwiſchen engen Srenzen, und ich für meinen Theil wollte lieber einBuch des Euklid zum Vorblld bei meinen ſpekulativen Betrachtungen, als alle Werke des Vatikans zu Autoritä⸗ ten. Freilich ſetze ich auch keinen Werth darein, mich bei Vernunftſchlüſſen anderer Mittel als die der Vernunft ſeibſt zu bedienen; weiſere Männer als ich, ſind in dieſem Punkte nicht ſo genau. Die wenigen Bücher, deren ich hedurfte, waren indeſſen in Italien ſehr verboten; ber gute Vater ließ ſie mir unter ſeiner Protektion von Ra⸗ venna kommen.„Ich ſei,“ ſagte er,„ein helliger Mann, der der katholiſchen Kirche durch Abfaſſung eines um⸗ faſſenden, gegen gewiſſe ruchloſe Meinungen gerichteten Werkes, einen großen Dienſt zu leiſten wünſche, und die Schriften, welche ich leſe, ſeien größtentheils ſolche, die ich wiverlegen wollte.“ Dieſes Gerücht verſchaffte mir Schutz und Anſehen, und nachbem ich noch meinen Bang Abte ſelten dieſes der ge 5 war e einen Frem ſeinen ſich z welch meine kleine ſtillen in mi wilde blieb u über⸗ nſtand, wiſchen e lieber tlativen toritä⸗ nich bei ernunft dieſem ren ich ;der on Ra⸗ Mann, s um⸗ chteten e, und ſolche, ſchaffte neinen 201 Banquier in Ravenna beauftragt hatie, dem trefflichen Abte ein Silbergeſchirr und eine anſehnliche Ladung ſeltenen Ungarweines zu ſchicken, war es nicht der Fehler vieſes Mannes, wenn ich nic icht der beliebteſte Menſch in der ganzen Um 3 Doch zu Beſc bung: Meine Wohnung war ein Bauernhaus— das Thal, worin ſie lag, durch einen Waldbach getheilt, der als ſchäumender, wilder Fremdling aus den Wäldern des Appennins kam, und in ſeinem weiteren Laufe zwiſchen den grünen Thalufern ſich zur Ruhe und Stille ſinftigte. Und dieſe Ufer, welch blendendes Grün! Etwa eine halbe Stunde von meiner Hütte entfernt, brach ſich vas Flüßchen zu einem kleinen Waſſerfalle, deſſen Rauſchen man an dieſem ſtillen Orte deutlich und voll verne oft hielt ich an in mitternächtigen Gedanken, um auf ſeine bezaubernde, wilde Melodie zu horchen. Dem gewöhnlichen Wanderer blieb er unſichtbar, denn gerade an dieſer Stelle ſtrömte ver Fluß durch ein dichtes Gehölz, und ſelbſt wenn man vurch das Dickicht drang und das ufer erreichte, ſo über⸗ hingen dunkle Bäume das tobende Waſſer, und der durch die Blätter emporgeworfene Silberregen fiel in Dia⸗ manten auf den dunkelgrünen Raſen. Dies war eines meiner Lieblingsplätzchen; die Sonne, vie durch die ſtillen Blätter ſchien— die Muſik der Wellen— das feie Schweigen ringsumher, den Geſang der Vögel gusgenommen, an welchen ſich jedoch das Ohr gewöhnte und ihn, wenn ſich der Geiſt in tie⸗ feres Nachvenken verlor, kaum mehr von der Stille unterſchied— die duſtenden Kränter— die unzähligen, 202 namenloſen Blumen, auf welchen ich mich lagerte— Alles trug dazu bei, daß ich ununterbrochen dem Faden der Betrachtungen nachſchlenderte, den ich in der we⸗ niger genußreichen, rauheren Einſamkeit des Zimmers zuerſt aus dem Gewebe ernſterer Gedanken gezogen. Ich ſage nachſchlenderte, denn es war eine zu wollüſtige, zu ſinnliche Abgeſchiebenheit, um einem ſtrengeren, ſchär⸗ feren Zuge der Betrachtung folgen zu können; wenig⸗ ſtens war ich es nicht im Stande. Iſt jedoch der Gedanke einmal geboren, ſo halte ich derartige Umgebungen für am geeignetſten, ihn zu wiegen und groß zu ziehen. Die Schlaffheit des Körpers ſcheint den Geiſteskräften volle Freiheit und Macht zu laſſen; die Entfernung menſchlicher Sorgen, Töne und Bewegungen wird die beſte Pflegerin für Betrachtungen, und eben dieſes köſt⸗ liche, unbeſtimmte Gefühl des Genuſſes, das auf den erſten Anblick der Einbildungskraft vortheilhafter ſein ſollte als dem rein geiſtigen Vermögen, läßt, weiler ſich zufrieden fühlt, den Gebanken ungeſtört, ſo daß mit Ausnahme bes ſchaffenden Gemüthes Alles in Schlaf verſinkt, während jenes ſelbſt hell und thätig bleibt, wie ein Traum— nicht aber wie ein unbeſtimmier, ver⸗ wirrter, nicht befriedigender Traum, ſondernmit höherer Klarheit, Genauigkeit und Kraft begabt, als im wa⸗ chenden Zuſtande.. In geringer Entfernung von dieſem Waſſerfalle war ein Brunnen, ein überbleibſel aus eiher klaſſiſchen, gol⸗ denen Zeit. Nie ſchaute eine Najade in einen glänzen⸗ deren Spiegel, oder wohnte in einer göttlicheren Ver⸗ borgenheit. Durch die Spalte eines über den ſmaragbenen Raſer quell Läche glänz beim ben! mitte ſamer ten 1 ſten“ eine Orte ſpazi Silb welch rnung rd die s köſt⸗ uf den r ſein er ſich mit Schlaf leibt, „ver⸗ herer wa⸗ war gol⸗ nzen⸗ Ver⸗ enen 203 Raſen hereinhängenden Hügels ſchlich ſich die Mutter⸗ guelle heraus, wie die Liebe unter Blumen und dem Lächeln der Sonne geboren; dann fiel ſie, breiter und glänzender in ein Marmorbecken, auf deſſen Grund man beim hellen Mittag einen Boben erblickte, der die Far⸗ ben des Goldes täuſchend wieberſpiegelte, während mitten in den Wogen die Waſſerinſekten in ihren ſelt⸗ ſamen Geſtalten und unbekannten Spielen ſich gruppir⸗ ten und bewegten. Ein kleiner Tempel von der leichte⸗ ſten Bauart ſtand vor dem Brunnen und in einer Niſche eine verſtümmelte Bildſäule— vielleicht der Genius des Ortes. An dieſer Quelle weilte ich auf meinen Abend⸗ ſpaziergängen, bis das kurze Zwielicht zerfloß, und die Silberquelle im Licht des Abendſternes zitterte. Oh! welche Empfindungen drangen dann auf mich ein, wenn ich langſam heimwärts kehrte; die Luft ruhig, athemlos, leuchtend— die Stzrne, glänzend über den fernen Wäl⸗ dern der Appenninen— die Hügel, größer werdend im Schatten— die kleinen Inſekten im Fluge ſummend— und hie und da die ſchnelle Fledermaus, durch ſie, oder um ſie her ſchwirrend— die Muſik des Waſſerfalles im Ohr verhallend, und ſelbſt der Ruf der unheimlichen, nach Beute flatternden Eule durch das Licht der ſpäten Stunde mit einem geheimnißvollen Zauber umgeben,— all Dies bildete ſich zu einer Harmonie in meiner Seele, und gab den Betrachtungen, unter welchen meine Tage und Nächte verfloſſen, Nahrung. Die Welt reißt den Ban unſerer urſprünglichen Natur ein, die Einſamkeit aber führt ihn auf feſterer Grundlage von Neuem auf. 204 Zweites Kapitel. Der Sieg. O Erde! Schvos des Lebens, über deſſen Tiefe der 8— allſeiende Geiſt ſeine Schwingen breitet, Segen und Kraft über Dich ausſchüttet— GSegen und Kraft zur Erzeu⸗ gung und Wiedererzengung des Lebendigen aus dem Todten, ſo daß unſre irbiſche Hülle aus denſelben Atv⸗ men gewoben iſt, die einſt die Atome unſerer Väter waren, und Verfall die unerſchöpfliche Nahrung des Seins wird! Uralte, heilige Erbe, vie du ſelbſt deine Lieblichkeit und Freude mit ecken und Schauder paarſt! Dein Sonnenſchei it Wolken umgeben, Sturm und Wetter ſc ein! Dein Tag kommt aus dem Abgrunde der Fi ß, und zur Finſterniß kehrt er zurück, wie der Menſch in Deinen Schops zu⸗ rückſinkt. Das grüne Gras, das in dem Thale lacht, das Waſſer, das freudig dem Walde entle murmelt; die viel beſchwingte, alldurchdringende Luft, die das Le⸗ ben wie eine Ernte einſammelt, und wie einen Somen ausſtreut: Alle ſind mit Verweſung ſchwanger und eine Wiege des Toves, wie eine Eiche den zerſtörenden Wurm mäſtet. Wer aber, der Dich ſieht und Dich liebt und Deine Segnungen einathmet, wird je eine zu ernſte Ve⸗ trachtungmit ſeinem Genuſſe verbinden? Fragen wir nicht, woher die Kränze kommen, pie wir um unſere Altäre winden, oder auf unſere Feſie ausſtreuen; blühen ſie nicht eben ſo herrlich, athmen ſie nicht Lenſelben reichen Duft, ſie mögen in dem Garten, oder auf tem Grabe gepflückt ſein? O Erde, meine Muttererde dunkles r m Grab, halle b wander male T Ja ich das Nie w Freude hoffnun ſpräche Man ſa nichts„ der Ehr der Unſ erhaben Unſterbl an der aus geri ziehen ſt das Gol geſetzt, meiner Geiſte b aus man grauer? ſtille, u ſtaunte i auf.„G ſten dieſ nicht, g iefe der d Kraft Erzeu⸗ 1s dem n Ato⸗ Väter ug des deine hauder geben, kommt ſterniß os zu⸗ lacht, melt; as Le⸗ amen d eine Vurm tn e Be⸗ nicht, Utäre en ſie ichen rabe nkles 205 Grab, das ſich über jeder Staubhülle ſchließt, aber Vor⸗ halle der weiten Gefilde, durch welche die Seele einſt wandern wird, wie ſchlug mein Herz, als ich zum erſten⸗ male Deinen wahren Zauber ergrünbete! Ja! nie werde ich das Entzücken vergeſſen, womit ſch das Licht begrüßte, vas mir endlich entgegendämmerte! Nie werde ich die erſtickende— volle— jauchzende Freude vergeſſen, womit ich die mächtigſte der Menſchen⸗ hoffnungen erfüllt ſah, und fühlte, als ob ein Engel ſpräche, daß es ein Lehen jenſeits des Grabes gebe! Man ſage mir nichts von dem Stolze des Ehrgeizes— nichts von den Triumphen der Wiſſenſchaft; nie hatte der Ehrgeiz ein ſo erhabenes 3 als das Forſchen nach der Unſte ſſenſchaft einen ſo erhabenen h die über eugung, daß Unſter warte! Die ganze Nacht war ich an der Arbeit geweſen,— ein bleicher Alchemiſt, der aus geringeren Wahrheiten die größte von allen auszu⸗ ſucht! Siehe, mit der erſten Tagesſtunde war as Gold gefunden; die Arbeit, an die ich mein Leben e. war vollendet, die Taube entſtieg den Waſſern meiner Seele. Ich ſtoh aus dem Hauſe, wie von einem Geiſte beſeſſen. beſtieg einen Hügel, von welchem aus man das ſchlafende Thalmeilenweitüberſchaute. Ein grauer Nebel hing um mich wie ein Schleier; ich ſtand ſtille, und langſam brach die große Sonne hervor; ich ſtaunte ihre Majeſtät an, und mein Herz ſchwoll hoch auf.„So ſteigt die Seele,“ ſprach ich,„aus den Dün⸗ ſten dieſes dumpfen Daſeins, aber die Geele erbleicht nicht, geht nicht unter, kennt keine Nacht, als die, aus 8 di iel, 206 welcher ſie aufpämmerte!“ Die Nebel wälzten ſich all⸗ mählig hinweg, Sonnenſchein folgte, und das Antlitz der Natur lag lächelnd, aber ſchweigſam, vor mir— ein Schauſpiel, das ich oftgeſehen, begrüßt, verehrt hatte; aber es war nicht das nämliche; eine Glorie war darüber hingegangen; es war in eine Schönheit und Heiligkeit getaucht, worein es weder Jugend, noch Poeſie, noch ſelbſt Liebe zuvor gekleidet hatte! Die Veränderung, welche über die Erde gekommen, glich der eines Weſens, das wir geliebt— wenn der Tod vorüber, und daſſelbe aus einem Sterblichen ein Engel gewordeniſt. Ich ſtieß einen Freudenſchrei aus und war dann ſtille, wie Alles um mich her. Es war mir, als beſtehe fortan ein neuer Bund zwiſchen der Natur und mir, als müſſe fortan jeder Baum und Grashalm eine Sprache reden; und von einem Zauber beſeelt ſein. Es war mir, als ob das Reich Gottes auf die Erde gekommen wäre, und Alles, was die Erde trägt, zu einem Orakel machte; die alte Fabel von Dodona ſollte in Erfüllung gehen und ſelbſt das Laub von einer Heiligkeit durchdrungen werden und Wahrheit flüſtern. Nicht länger war ich bloß ein Theil deſſen, was verwelkt und zerfällt, nicht länger eine Maſchine aus Lehm, durch eine Springfeder in Bewegung geſetzt, um einſt wiever in den Staub getre⸗ ten zu werden, den ich getreten hatte; nicht länger war ich durch Bande an die Menſchenwelt gekettet, die nie gebrochen werden konnten, oder deren Brechung mich nichts helfen würde. Wie durch ein Wunder war ich Theil eines unermeßlichen, wenn gleich unſichtbaren Gei⸗ ſtes ge Weſen wandt ten Eit gel und Stimn „Ich b den D für all verbun Ic Abend, nen hie um der Stund welche Nie, 1 ruhiget Neuem den; v pfen C Wiedet ſen. erhaber ihr auf Stimm hören k für die dern d dem Se ſich all⸗ Antlitz mir— rthatte; Glorie heit und Poeſie, nderung, Weſens, er, und Engel nn ſtille, he fortan als müſſe eren; mir, als äre, nd machte; ehen nd hdrungen r war ich Ut, nicht ringfeder ub getre⸗ nger war , die nie ung mich r war ich aren Gei⸗ — 207 ſtes geworden. Nicht mit dem Stoffe, ſondern mit dem Weſen der Dinge war ich fortan verbunden und ver⸗ wandt; Sterne und Himmel gewannen wieder ihren al⸗ ten Einfluß über mich, und wie ich über die fernen Hü⸗ gel und die ſchweigende Landſchaft hinblickte, ſchien eine Stimme die Stille zu durchbrechen und mir zu ſagen: „Ich bin das Leben dieſer Dinge, ein Geiſt, der von den Dingen ſelbſt ſich unterſcheidet. Mir gehörſt Du für alle Zeiten an; von mir getrennt, aber mir ewig verbunden; abgeſondert, aber eben ſo ewig wie ich!“ Ich brachte den Tag auf den Bergen zu. Es war Abend, als ich nach Hauſe kehrte. Bei dem alten Brun⸗ nen hielt ich an und ſah die Sterne aufgehen und einen um den andern auf dem Waſſer zittern. Es war die Stunde, welche Iſora am meiſten geliebt hatte, und welche durch ihre Liebe mir zur hejligſten geworden war. Nie, v nie ſank dieſe Zeit mit ſüßerer Luſt, mit be⸗ ruhigenderem Balſam auf mein Herz nieder. Von Neuem hatte ich meine Seele mit der ihrigen verbun⸗ den; von Neuem konnte ich von der mühſamen, dum⸗ pfen Erde emporblicken, konnte im Traume unſerer Wiedervereinigung vergeſſen, daß Iſora mich verlaſ⸗ ſen. Tadelt mich nicht, die ihr euch einer ſtrengeren, erhabeneren Hoffnung auf den Himmel überlaßt— die ihr auf Erden keinen Fußtritt vermiſſet und nach keiner Stimme ſchmachtet, die euer Menſchenohr nicht mehr hören kann— tadelt mich nicht, ihr, deren Pulſe nicht für die wilde Liebe zu dem Erſchaffenen ſchlagen, ſon⸗ dern deren Geiſt nur nach engerer Gemeinſchaft mit dem Schöpfer verlangt— tadelt mich nicht zu hart um 208 meiner irdiſchen Wünſche willen, und glanbet nicht, mein Glaube ſei weniger tief geweſen, weil er in die unwanbelbarſte Farbe des Menſchenherzens getaucht und unauflöslich mit dem Antenken an eine Todte ver⸗ woben war. Ofte ingen die feſteſten Grundſätze unſerer Handlungsweiſe aus unſerer Schwäche, und aus der Eichel, die ein Lüftchen abgeſchüttelt, ſchießt die Eiche auf, welche dem Sturme trotzt. Der erſte Wonnerauſch, der dem Lohne meiner Mühen folgte, war vorüber; aber, ungleich anderen Aufregungen, folgte keine Abſpannung, keine traurige, dumpfe Ruhe; ein ſänftigendes, ki es Gefühl durch⸗ drang mich— meine aufgeregten e ſchlummerten ein; und die Erinnerung, welche wieder die alte Welt hervorrief, freute ſich des Zufluchtsortes, den die Hoffnung aufgeſunden. Ich gab mich jetzt einer edleren Philoſop hie hin, als diejenige war, welche ich im Gedränge der Menge und in Städten bisher gekannt hatte. Ich ſpottete icht mehr— ich prüfte; ich verlachte nicht mehr— ich unterſuchte. Von den natürlichen Beweiſen für die Unſterblichkeit blickte ich zu dem geoffenbarten Verſpre⸗ chen unſeres Vaters auf— ich ſuchte nicht mehr, Menſchen zu verblüffen, ſonder hrheit zu erforſchen — mit mehr Aufmerkſamkeit ſtrebte ich nach der Kennt⸗ niß von Gut und Böſe— ich beugte meine Seele vor der Liebenswürdigkeit der Tugend, und obwohl in der Zukunft noch Zorn und Leidenſchaft lauerten, obwohl ich noch einmal und ſchnell hervorgeruſen ward, zu hauveln— zu raſen— zu kämpfen— vielleicht zu ſündige der Pr Altar. Die ten, deren durch e iſt von ſo ſaget ich glat als ein tief mi durchd⸗ müſſen nem fe Gegen Staub! genden ren Be gewünf chem d wiß, mit E ihren Er mü derung Bu nicht, in die etaucht te ver⸗ undſätze e, und „ſchießt meiner anderen raurige, durch⸗ nmerten te Welt den die ie hin, Menge ſpottete nehr— für die Berſpre⸗ mehr, forſchen Kennt⸗ eele vor lin der obwohl ard, zu eicht zu 209 fündigen— ſo iſt doch das Gottesbild unzerbrochen und der Prieſter hat immer noch ein Opfer für ſeinen Altar. Drittes Kapitel. Der Einſiedler des Brunnens. Die vollkommene, tiefe Erforſchung der Wahrhei⸗ ten, durch die wir die Unſterblichkeit der Seele und deren wahre Zwecke kennen lernen, führt den Geiſt durch ein ſolches Feld der Betrachtung und Prüfung— iſt von ſo vielen erhebenden, läuternden und, wenn ich ſo ſagen varf, entſinnlichenden Gedanken begleitet, daß ich glaube, Niemand iſt je dieſe Bahn gegangen, ohne als ein beſſerer, edlerer Menſch zurückzukehren. Ja, ſo tief müſſen dieſe erhebenden, veredelnden Gegenſtände durchdacht werden, auf ſo umfaſſende, fühlbare Weiſe müſſen ſie in unſeren Verſtand eindringen, daß mei⸗ nem feſten Glauben nach ſelbſt ein Senſualiſt, der den Gegenſtand nur betrachtet hätte, um ſich von ſeinem Staubbeſtande zu überzeugen und ſomit bei dem fra⸗ genden Gewiſſen eine Entſchuldigung für ſeine gröbe⸗ ren Begierden zu haben, wäre er auch wirklich zu dem gewünſchten, troſtloſen Schluſſe gekommen, vor wel⸗ chem die Natur ſchaudernd zurückſchreckt, dennoch ge⸗ wiß, wenn ſein Studium lang und tief geweſen iſt, mit Erſtaunen bemerken würde, wie ſeine Begierden ihren Stachel, ſein Ziel ſeinen Zauber verloren habe. Er müßte von der erklimmten Alpe zu der flachen Nie⸗ derung, auf welcher zu leben er früher für ſein höchſtes Bulwer, Devereur. II. 44 21¹⁰ Glück gehalten, mit der Empfindung eines Menſchen herabſteigen, der lange an hohen Orten eine reine Kuft einſog und dadurch unfähig geworden iſt, den alten Rauch und Dunſtqualm zu athmen. Die einmal em⸗ porgerichtete Seele müßte ſich, wenn er es auch nicht bemerken ſollte, in ihm regen, und iſt er auch kein Gläubiger geworden, ſo wird er wenigſtens kein bloßer Wollüſtling mehr ſein. Ich hatte einmal die Abſicht, hier einerſeits die Argumente aufzuführen, die mich irre gemacht, und andererſeits wieder diejenigen, welche mich dagegen überzeugt hatten. Aus mehrfachen Gründen thue ich es nicht, wovon ein einziger genügen mag, nämlich der augenſcheinliche, handgreifliche Umſtand, daß eine Abhandlung dieſer Art in einer Lebensbeſchreibung, wie die vorliegende, nach Ort und Zeit ganz unpaſſend angebracht wäre. Vielleicht lege ich in einer ſpäteren Periode meines Lebens meine Anſichten über dieſe Sache in einem beſonderen Werke nieder, das ich alsbann ei⸗ nem ſpäteren Geſchlechte unter denſelben Bedingungen, wie vorliegende Denkwürdigkeiten, vermache. Eines Tages wurde ich von einem Mönche aus dem nahegelegenen Kloſter mit einem Beſuche beehrt. Nach einem allgemeinen Geſpräche fragte er mich, ob ich ſchon dem Einſiedler des Brunnens begegnet ſei? „Nein,“ antwortete ich,„und eben wollte ich hinzu⸗ ſetzen, daß ich nicht einmal von ihm gehört habe; nun fällt mir aber ein, daß die guten Leute im Hauſe ge⸗ genüber vor mir mehrmals ſeiner als eines ſtrengen, ſelbſtpeinigenden Klausners erwähnt hatten.“ Menſchen eine Luft en aten mal em⸗ uch nicht uch kein in bloßer rſeits die cht, end dagegen thue ich nämlich daß eine hreibung, unpaſſend ſpäteren eſe Sache sdann ei⸗ ingungen, önche aus he beehrt. mich, ob et ſei ch hinzu⸗ abe; nun auſe ge⸗ ſtrengen, 244 „Ja,“ ſagte der fromme Bruder;„der Himmel wolle mich bewahren, daß ich gegen das Verfahren hei⸗ liger und frommer Männer, um die Lüſte des Fleiſches abzuſchneiden, etwas einzuwenden hätte; ſolche Buße kann aber zu weit getrieben werden. Gleichwohl iſt ſie eine vortreffliche Maßregel, und der Einſiedler des Brunnens iſt ein vortrefflicher Menſch. Santa Maria! was für ein köſtlich Ding iſt der Ungarwein, den Derv Gelahrheit unſerem Vater Abt zu ſchicken die Gewogen⸗ heit hatte. Vorgeſtern Abend ließ er mich denſelben verſuchen. Ich hatte an Schmerzen in den Nieren ge⸗ litten, und der Wein wirkte ſo herrlich auf mich, wie eine heilſame, unſchätzbare Arznei. Finden Sie, mein Sohn, daß er die Reiſe zu Ihrer Wohnung hier ebenſo gut ertragen hat, wie die nach dem Kloſterkeller?“ „Wahrhaftig, mein Vater, ich habe keinen hier; aber die Leute im Hauſe haben einige Flaſchen beſſeren Weines, als man gewöhnlich bekommt, falls Sie dieſen anſtatt des Ungarweins zu koſten wünſchen.“ „Oh— oh!“ ächzte der Mönch,„meine Nieren ſchmerzen mich gewaltig— vielleicht ſchafft mir der Wein Linderung!“ und der Wein wurde gebracht. „Er hat keine ſo feine Blume wie der, welchen Sie unſerem ehrwürdigen Vater ſandten,“ ſagte der Mönch und wiſchte den Mund mit ſeinem langen Ar⸗ mel.„Ungarn muß ein herrliches Land ſein— liegt es weit von hier?— Es gränzt an die Ketzer— ich bitte um Verzeihung— es gränzt an den engliſchen Conti⸗ nent, wie ich glaube?“ „Nicht ganz ſo, Vater; was aber auch ſeine Lage 212 ſei, es iſt ein herrliches Land— für Diejenigen, wel⸗ chen es dort gefällt. Aber erzählen Sie mir von dieſem Einſiedler des Brunnens. Wie lange lebt er ſchon hier — und wie kam er zu ſeinem Namen?— Aus welchem Lande iſt er— und welches Standes?“ „Sie fragen mich zuviel auf einmal, mein Sohn. Die Heimath des heiligen Mannes iſt uns Allen ein Geheimniß. Er ſpricht die toskaniſche Mundart gut, aber mit einem fremden Accente. Nichts deſtoweniger hat der Wein, wenn er auch nicht aus Ungarn iſt, eine angenehme Blume. Ich wundere mich, wie die Schur⸗ ken ihn ſo lange der Kenntniß und dem Zuſpruche ihrer frommen Kloſterbrüder verborgen hielten.“ „Und wie lange lebt der Einſiedler ſchon in Ihrer Nähe?“ „Beinahe acht Jahre, mein Sohn. An einem Win⸗ terabende kam er in der Tracht eines weltlichen Rei⸗ ſenden in unſer Kloſter, unſere Gaſtfreundlichkeit und ein Obdach für die Nacht anzuſprechen, die rauh und ſtürmiſch war. Er blieb einige Tage bei uns und hatte einige Unterredungen mit unſerem Vater Abt; eines Morgens, nachdem er in der Nachbarſchaft umherge⸗ ſchweift war, um nach den alten Steinen und Ruinen zu ſehen, wie es ſo der Brauch der Reiſenden iſt, kam er nach Hauſe, legte einige Almoſen in unſere Armen⸗ büchſe, und zwei Tage darauf erſchien er an dem Orte, den er jetzt bewohnt, und in der Kleidung, die er jetzt trägt.“ „Und welcher Art, mein Vater, iſt der Ort und die Kleipung?“ Erſte bezo noch E nen hiere 1 unwi als m hann bes 2 verſte weni weiß ich di heilig zwei liegt, geſeh Tröp oder zu ei Anſp heilig als d Ihne 2 nen! en, wel⸗ n dieſem hon hier welchem Sohn. Ullen ein art gut, weniger iſt, eine eSchur⸗ che ihrer in Ihrer m Win⸗ en Rei⸗ hkeit und rauh und ind hatte t; eines umherge⸗ Ruinen iſt, kam Armen⸗ m Orte, „ die er Ort und 213 „Heiliger St. Franz!“ rief der Vater mit einem Erſtaunen, daß ich den Ausruf zuerſt auf den Wein bezog,„Heiliger St. Franz— haben Sie den Brunnen noch nicht geſehen?“ „Nein, Vater, Sie müßten denn von dem Brun⸗ nen ſprechen, der etwa eine und eine Viertelmeile von hier entfernt iſt.“ „Stille— ſtille!“ ſagte der gute Mann,„was für unwiſſende Menſchen Ihr Reiſende doch ſeid; Ihr thut, als wüßtet Ihr, was für Pantoffeln der Prieſter Jo⸗ hann trägt, und als wäret Ihr in das Schlafzimmer des Pagoden von China zugelaſſen worden, und doch verſteht Ihr, wenn man Euch auf den Zahn fühlt, ſo wenig von alle dem, was ein eigentlicher Gelehrter weiß, als ein Engländer von ſeinem Meßbuche. Dachte ich doch, jeder Tropf in jedem Lande habe von dem heiligen Brunnen von St. Franz gelingt, der genau zwei Meilen von unſerem berühmten Kloſier entfernt liegt, und jeder Tropf in der Nachbarſchaft habe ihn geſehen.“ „Auf die Kenniniß deſſen, mein Vater, was die Tröpfe in dieſer oder einer anderen Gegend geſehen oder gehört haben mögen, kann ich, der ich mich offieiell zu einem ſo ehrenwerthen Orden nicht bekenne, keine Anſprüche machen; ſeien Sie aber verſichert, daß der heilige Brunnen von St. Franz mir ebenſo unbekannt iſt, als der Pagode von China— Gott habe ihn ſelig— Ihnen.“ Nachdem der gelehrte Mönch ſein gerechtes Erſtan⸗ nen hierüber ausgedrückt, erbot er ſich, mir den Brun⸗ 2¹4 nen zu zeigen, und da ich ſeiner, wenn ich in den Vor⸗ ſchlag willigte, um ſo eher los zu werden dachte und überdies den Abt zu ſprechen wünſchte, dem kürzlich wieder einige Bücher für mich zugeſandt worden, ſo ſagte ich zu. Der Brunnen, ſagte der Mönch, liege nicht über eine Meile“ von dem gewöhnlichen Wege nach dem Kloſter ab; und ſo machten wir uns denn, nachdem wir die Flaſche geleert, auf unſere Wunderung— der Mönch auf einem ſtattlichen, kräftigen Eſel— ich zu Fuße. Der Abt hatte, als er mir ſeine Freundſchaft und ſeinen Schutz zuſagte, bemerkt, daß ich nicht der ein⸗ zige Fremde und Klausner ſei, auf den ſich ſeine Gunſt erſtrecke. Er hatte mir damals den Einſiedler des Brunnens als einen ſchwärmeriſchen und ſonderbaren Mann genannt, der ein ſtrenges Büßerleben führe, harmlos für Andere, nur ſich ſelbſt zur Qual. Dieſe Angabe fand in den wenigen Geſprächen, die ich mit meinen Wirthsleuten geführt, ihre Beſtätigung. Dieſe Letzteren, Mann wie Frau, ſchienen ein beſonderes Vergnügen an der Unterhaltung über den Klausner zu finden; ſie theilten mir mehre Züge ſeiner Mildthätig⸗ keit gegen Arme, wie ſeiner Sorgfalt für Kranke mit. Alle dieſe Umſtände fielen mir wieder bei, als der gute Mönch ſich über jenen Menſchen verbreitete, und einige Neugierde über meinen Mitklausner wurde endlich doch in mir rege. 2. Ich brauche wohl nicht zu erinnern, daß der Verfaſſer natürlich immer von engliſchen Meilen ſpricht. Der Ueberſ. 2 eines der g haber tholiſ welch zwein gen 1 ſtimm heiter einige liche men fortw keit i Ketze 2 die, Entſt den Vor⸗ chte und kürzlich oren, ſo icht über ach dem nachdem rung— ſel— ich haft und der ein⸗ ine Gunſt edler des nderbaren en führe, l. Dieſe e ich mit ig. Dieſe eſonderes ausner zu ildthätig⸗ anke mit. der gute ind einige dlich doch r Verfaſſer r Ueberſ. Ich erfuhr ſofort von bem Mönche, daß der Poſten eines Einſieblers des Brunnens ein Amit ſei, welches der gegenwärtige Eremit keineswegs als der erſte In⸗ haber verwalte. Der Brunnen gehörte zu jenen in ka⸗ tholiſchen Ländern ſo häufig vorkommenden Quellen, an welche ſich eine Sage, ein Geruch von Heiligkeit knüpft; zweimal im Jahre, im Frühlinge und im Herbſte, zo⸗ gen die in der Nähe wohnenden Bauern an einem be⸗ ſtimmten Tage dahin, um zu trinken und ihre Krank⸗ heiten zu keilen. Da die Quelle hochſt wahrſcheinlich einige Heilkräfte beſaß, ſo waren einige außerordent⸗ liche Kuren vorgekommen, beſonders unter ſolch from⸗ men Leuten, die nicht nur zweimal im Jahre, ſondern fortwährend von dem Waſſer tranken; deſſen Heilig⸗ keit in Zweifel zu ziehen, galt ſomit geradezu für Ketzerei. Nun war hart neben dieſem Brunnen eine Höhle, die, mochte ſie nun der Natur, oder der Kunſt ihr Entſtehen verdanken, jetzt im Ganzen zu einer ſehr be⸗ quemen Wohnung eingerichtet war; hier hatte ſeit un⸗ vordenklichen Zeiten immer ein vereinzelter Menſch ſeinen Aufenthalt genommen, um das Waſſer auszu⸗ theilen und zu ſegnen, von den umwohnenden Bauern gemäſtet zu werden, ein langes Gewand von Sarſche oder Sackleinwand zu tragen und der Einfiedler des Brunnens zu heißen. So oft ein ſolcher Mann ſtarb, waren Kandidaten genug bemüht, ſeine Stelle zu er⸗ ſetzen; denn gar manchem pfennigloſen Abenteurer ſchien es kein ſchlechtes Metier, Quakſalber und privi⸗ legirter Verſchließer eines heiligen Sperificums zu wer⸗ 246 den. Die Wahl unter dieſen Bewerbern ſtand dem je⸗ weiligen Superior ves benachbarten Kloſters frei, und es iſt nicht unmöglich, daß er von dem jährlichen Er⸗ trag ſeiner Protektion und Wahl ſchöne Procente zog. Zur Zeit, wo der Fremde erſchien, war der frühere Eremit gerade gus dem Leben gegangen und in der da⸗ durch entſtandenen Vakanz war es ihm gelungen, die Wahl auf ſich zu lenken. Der neue Pfründner ſchien indeſſen von ganz anderem Schlage, als ſeine Vorgän⸗ ger. Er nahm zwar die Gaben an, die in regelmäßi⸗ gen Zeitabſchnitten auf einen großen Stein zwiſchen der Klauſe und dem Brunnen gelegt wurden, allein er theilte unter die Geber Almoſen aus, die von weit höhe⸗ rem Werth waren, als das, was ſie darbrachten. Er ritt auf keinem mit Zwerchſäcken behangènem Eſel in die Dörfer, um die Einwohner auf fromme Art zu plündern; nie hörte ein Landmann, der zu ſpäter Stunde arglos ſeiner Wohnung zu nahe kam, profane Geſänge aus derſelben ſchallen; mein Führer, der Mönch, beklagte ſich bitter über ſeine Ungeſelligkeit, und keine Aergerniß erregende Geſchichte von nymphenartigen Tröſterinnen und weiblichen Beſuchen, die an der hei⸗ ligen Stätte geſehen worden, entſchlüpfte der wohlge⸗ fällten Plandertaſche des geſchwätzigen Bruders. „Studirt er viel?“ fragte ich mit dem Iniexeſſe eines Gelehrten. „Ich fürchte ihn nicht,“ erwiderte der Mönch.„ch hatte oft Gelegenheit, in ſeine Wohnung zu kommen, und unterſuchte Alles mit ſcharfem Auge— denn, Gott ſei Dank, ich ſehe äußerſt hell und genau— aber ich erbl und erin Ma er ſi woll Bil! ſant men ren war ſo di daß Schi bare nach gega Raſi eckig unge ſtant eiſer pum wels nd dem je⸗ frei, und lichen Er⸗ orente zog. der frühere in der da⸗ ingen, die dner ſchien e Vorgän⸗ regelmäßi⸗ wiſchen der allein er weit höhe⸗ chten. Er em Eſel in me Art zu zu ſpäter n, profane ährer, der ligkeit, und henartigen an der hei⸗ er wohlge ers. n Iniereſſe önch.„Ich zu kommen, denn, Gott — aber ich 217 erblickte kein Buch varin, ausgenommen ein Miſſale und ein lateiniſches oder griechiſches Teſtament, ich erinnere mich nicht mehr genau;— ja der heilige Mann iſt ſo ohne alle Neugier und Gelehrſamkeit, daß er ſogar das Leben des Franciskus, das man ihm leihen wollte, nicht annahm, ungeachtet es viele und ſeltene Bilder enthält, nichts zu ſagen von den höchſt intereſ⸗ ſanten, wunderbaren Geſchichten.“ Der Mönch wäre wohl noch nicht zu Ende gekom⸗ men, hätten wir jetzt nicht plötzlich einen dichten, finſte⸗ ren Wald betreten. Ein ſchmaler durchgehauener Pfad war nur für Reiter und Fußgänger zugänglich, und ſo dicht waren oben vie Zweige in einander verflochten, daß das Licht kaum und nur hie und da in gebrochenem Schimmer die grüne Decke durchbrach. „Dies iſt der Wald,“ ſagte der Mönch, indem er ſich bekreuzte,„wo dem heiligen Franeiskus die wunder⸗ bare Geſchichte begegnete, die ich Ihnen bald der Länge nach erzählen will.“ „Und wir ſind jetzt dem Brunnen nahe, denke ich.“ „Er iſt gleich hier, antwortete der Mönch. Wirklich waren wir keine zwanzig Schritte weiter gegangen, als der Pfad uns auf einen runden, grünen Raſenplatz brachte, in deſſen Mitte ein kleines, vier⸗ eckiges Gebäude aus Stein, von einfacher, jedoch nicht ungefälliger Form und offenbar aus ſehr alter Zeit, ſtand. Auß einer Seite des Hauſes befand ſich eine eiſerne Handhabe, um das Waſſer mittelſt verſelben zu pumpen, das ſich in ein ſteinernes Becken ergoß, an welches ein eiſerner Becher vurch eine ſtarke Kette be⸗ 248 feſtigt war. Eine Inſchrift in Mönchslatein über dem Becken hieß den Wanderer anhalten und trinken und bedeutete ihm, vaß, was dieſes Waſſer für den Leib, der Glaube für die Seele ſei; neben dem Brunnen ſtand ein rauher, aus einem Baumſtamm gefertigter Sitz. Die eiſerne Thüre der Brunnenſtube war durch Schloß und Kette geſichert; vielleicht war das Pump⸗ werk ſo eingerichtet, daß ohne Zuflucht zu einer Ma⸗ ſchine im Innern zu nehmen, auf einmal nur ein he⸗ ſtimmtes Quantum des heiligen Trankes, hinaufgezogen werden konnte, wodurch die Vorübergehenden gehin⸗ dert waren, ſich ſelbſt ad libitum zu bedienen und ſo ven Anachoreten um den Vortheil und die Nothwendig⸗ keit ſeines Amtes zu bringen. In der That war es ein ſonderbarer, einſamer, wil⸗ der Ort; der grüne Raſen, rund wie ein Elfenring, um⸗ ſtanden von Bäumen, die ſchwarz, dicht und hoch ihn wie eine Mauer umgaben, und in der Mitte das einſame, graue Gebäude, ſchaurig und kalt, das durch ſein plötz⸗ liches Hervortreten und den auffallenden Gegenſatz ſeine verblichenen Farbe zu dem dunkeln Grün des düſteren Waldes umher das Auge erſchreckte! Ich trank von dem Waſſer, das ſehr kalt und g⸗ ſchmacklos war, und erinnerte den Mönch an ſeine Nierenſchmerzen, gegen welche ein gleicher Trunk viel⸗ leicht von guter Wirkung ſein dürfte. Auf dieſe Auf⸗ forderung erwiderte mein Begleiter, er werde das Wafſer allerdings mit Nächſtem verſuchen, für jetzt aber möchte der Wein, den er getrunken, deſſen göttliche Eige⸗ ſchaften beflecken. Damit brach er das Geſpräch ab und lud 1 unſer block, gut a ſelbet eine den! welch fand, Erem Thür Man und ſ Stein Wir Pfade die G befrat reits Schlu zweife Stant darau lich gr Gabe auf m Würd Habſt über dem nken und den Leib, Brunnen efertigter war durch is Pump⸗ iner Ma⸗ ur ein be⸗ ufgezogen en gehin⸗ en und ſo thwendig⸗ amer, wil⸗ mring, um⸗ d hoch ihn us einſame, ſein plötz⸗ nſatz ſeiner es düſteren dieſe Auf⸗ das Waſſer ber möchte 2¹9 lud mich ein, ihm nach der Einſiebelei zu folgen. Auf unſerem Wege dahin zeigte er auf einen großen Stein⸗ block, mit der Bemerkung, das Waſſer würde übel, ſtatt gut auf mich wirken, wenn ich vergeſſe, den Hüter deſ⸗ ſelben zu belohnen. Ich verſtand den Wink und legte eine Silbermünze auf den Stein. Ein kurzer Gang durch das Gehölz brachte uns an den Fuß eines mit Bäumen bewachſenen Hügels, an welchem ganz unten ſich eine ſtarke ſteinerne Thüre be⸗ fand, der Eingang zu der unterirdiſchen Wohnung des Eremiten. Der Mönch klopfte dreimal ſachte an dieſe Thüre, aber es erfolgte keine Antwort.„Der heilige Mann iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte er,„kehren wir um.“ Wir thaten dies; der Mönch hielt ſich hinter mir und ſorgte, wie er glaubte unbemerkt, dafür, daß der Stein ſo nackt zurückblieb, wie wir ihn gefunden hatten. Wir durchſchritten nun den Wald auf einem andern Pfade und waren bald vor dem Kloſter. Ich verſäumte die Gelegenheit nicht, den Abt über ſeinen Inſaſſen zu befragen, erfuhr aber von ihm wenig mehr, als die be⸗ reits erzählten Umſtände, ausgenommen daß er am Schluſſe ſeines Berichtes ſagte:„Kaum kann ich daran zweifeln, daß der Einſiedler, wie Sie, ein Mann von Stande iſt; ſein Benehmen und ſein Außeres ſcheinen darauf hinzudeuten. Er hat gegeben und gibt noch jähr⸗ lich große Summen zum Beſten des Kloſters; die üblichen Gaben der Dorfbewohner nimmt er zwar an, allein nur auf meinen Rath und um keinen Verdacht zu erwecken. Würde bekannt, daß er Geld beſitzt, ſo könnte dies die Habſucht locken, und es gibt verwegene Hände und 220 ſcharfe Meſſer genug im Lande, um einen ſchutzloſen Reichen in Gefahr zu bringen. Wer er auch ſein mag — denn er hat mir ſein Geheimniß nicht anvertraut— ſo hin ich überzengt, daß er für ein großes Verbrechen Buße thut; und worin dieſes letztere auch beſtehen mag, ſo glaube ich, daß deſſen irviſche Beſtrafung bald vor⸗ über ſein wird. Der Einſiedler iſt von Natur von zärt⸗ licher, ſchwacher Conſtitution, und Jahr um Jahr habe ich bemerkt, wie er ſichthar dahinwelkt, ſo daß„als ich ihn vor drei Tagen zum Letztenmale ſah, ich über die augenſcheinlichen Verheerungen erſchrack, welche Krank⸗ heit vder Kaſteiung über ihn gebracht. Schrieb der Tod je leſerlich, ſo that er es auf dieſer Stirne und auf dieſen Wangen.“ „Der arme Mann! Wiſſen Sie nicht einmal, wem Sie ſeinen Tyd anzuzeigen haben, wenn er nichtmehr iſt?“ „Bis jetzt noch nicht; als ich ihn aher das Letztemal ſah, ſagte er mir, er fühle, daß er ſeinem Ende nahe ſei, und er werde nicht aus dieſem Leben ſcheiden, ohne noch eine Bitte an mich zu ſtellen.“ Hierauf ſprach der Abt von andern Gegenſtänden, und ich brach meinen Beſuch bald ab. Mehr für den Klausner intereſſirt, als ich mir ſelbt geſtand, ging ich unbewußt den weiteren Weg nach Hauſe, der mich zunächſt an dem heiligen Brunnen vor⸗ überführte. Ich widerſtand dem inſtinktartigen Zuge nicht, ſondern ging in dem dämmernden Zwielichte, venn der Tag neigte ſich, weiter, bis ich an den Brunnen kam. Als ich aus dem Walde trat, fuhr ich unwillkür⸗ lich zuſammen und trat zurück. Eine von Kopf bis zu Fuße i auf de ſo ſtil Zuſan Herz! Farbe große, am Br die mil zu hetr jetzt de weiß; und ab das üb kohlſch war fe Furcher auf. T Hauptl nicht ſe zen Ge hätte g ſcheinen mir ſeh ſchutzloſen ſein mag ertraut— Berbrechen ehen mag, bald vor⸗ von zärt⸗ Jahr habe aß„als ich h über die ſche Krank⸗ eb der Tod auf dieſen mal, wem mehr iſt?“ ts Letztemnl Ende nahe eiden, ohne benſtänden, mir ſelb Weg nach unnen vor⸗ tigen Zuge en Brunnen unwillkür⸗ opf bis zu 221 Fuße in ein langes, ſchwarzes Gewand gehüllte Geſtalt ſaß auf dem rauhen Holzblocke neben dem Brunnen; ſle ſuß ſo ſtill, ſo regungslos, daß bei einem ſo unvermutheten Zuſammentreffen an einem ſo ſonberharen Orte mein Herz bei dem Anblicke einer Erſcheinung von ſo dunkler Farbe, ſo todtenähnlicher Ruhe wild aufſchlug. Der große, breite, der Tracht entſprechende Klapphut lag am Boden, und das aufwärts gerichtete Antlitz ſchien die milde Luft ves ruhigen, ſanften Himmels ſehnſüchtig zu betrachten. Ich trat einige Schritte näher und ſah jetzt das Profil deutlicher als zuvor. Es war marmor⸗ weiß; die Züge, obwohl durch die Krankheit ſchärfer und abgemagert, waren von ausgezeichneter Schönheit; das überaus lange, beinahe franenartige Haar hing in kohlſchwarzen Locken zu beiben Seiten herab; der Mund war feſt geſchloſſen, und tiefe Linien ober vielmehr Furchen zogen von deſſen beiden Winkeln zur Naſe hin⸗ auf. Der Bart des Mannes, ebenſo ſchwarz wie vas Haupthaar, war unorbentlich und vernachläſſigt, aber nicht ſehr lang; vie eine Hand, welche auf dem ſchwar⸗ zen Gewande lag, war ſo dünn und bleich, daß man hätte glauben mögen, das Sternenlicht könne durch⸗ ſcheinen. Ich zweifelte nicht, daß ich den Klausner vor mir ſehe; ich trat näher und redete ihn an. „Eueren Segen, heiliger Vater, und Eure Erlaub⸗ niß, von dem heiligen Waſſer Eueres Brunnens trinken zu dürfen.“ So unerwartet mein Erſcheinen, ſo unvermuthet meine Stimme war, verrieth doch keine auffahrende Bewegung des Einſiedlers irgend ein Erſtaunen. Er 222 wandte ſich ſehr langſam um, warf einen gleichgülti⸗ gen Blick auf mich und ſagte mit zarter, ganz leiſer Stimme: „Empfange meinen Segen, Fremdling; in dem Becken iſt Waſſer— trinke und werde geſund.“ Ich tauchte den Becher in das Becken und nippte von dem Waſſer. In dem Aecent und Ton des Fremden erkannte mein an die Mundarten mehrer Nationen gewöhntes Ohr etwas Engliſches; dies beſtimmte mich, ihn lieber in meiner Mutterſprache anzureden, als in meinem mittelmäßigen Italieniſch, worin ich mich zuerſt an ihn gewandt. „Das Waſſer iſt friſch und kühlend; möchte es, hei⸗ liger Vater, zu einer tieferen Krankheit, als die übel des Fleiſches find, eindringen; möchte es das Fieber des Herzens beſänftigen, oder von der müden Seele den Staub abwaſchen; der ſich von dem Schmutze und den Mühen der Welt auf ihr ſammelt.“ Jetzt zeigte der Eremit allerdings Verwunderung; ſie war jedoch leicht und vorübergehend. Er ſah mich aufmerkſamer an als bisher, und ſagte dann nach einer Pauſe:„Ein Landsmann! und an dieſem Orte! Nicht oft vringen Engländer in Gegenden, wo keine prun⸗ zende Eitelkeit wohnt, um die Neugier zu befriedigen und dem Stolze zu ſchmeicheln. Ein Landsmann!— gut, das iſt vielleicht ein Glück. Ja,“ ſagte er nach einer zweiten Pauſe,„ja; es wäre in der That ein Segen, wenn die Erbe eine Quelle hätte für die Wun⸗ den, die im Inneren ſchwären, und die Krankheiten, welche vort zehren.“ Vergeſſ — Nei Seele! aber die Jahrhut durch d ſie fort Hölle! Die noch me Ausbruc 223 „Die Erde beut Vergeſſenheit, mein Vater, wenn nicht Heilung.“ „Nimmermehr!“ rief der Eremit leidenſchaftlich und in dem fuhr wild von ſeinem Sitze auf;„die Erbe kennt keine Vergeſſenheit. Das Grab— iſt das Vergeſſenheit? b nippte— Nein, nein— es gibt kein Grab für die Fremden Seele! die Thaten vergehen— vas Fleiſch verwest— ationen aber die Erinnerung vergeht und verwelkt nicht. Von te mich, Jahrhundert zu Jahrhundert, von Welt zu Welt, „als in durch die Ewigkeit, durch die ganze Schöpfung vauert ich zuert ſie fort— eine Unſterblichteit— ein Fluch— eine Hölle!“ e es, hei⸗ Die Heftigkeit des Einſiedlers überraſchte mich, die übel noch mehr beſtürzt aber wurde ich durch den geiſterhaften ieber de Ausdruck von Todesſchmerz in ſeinen Zügen. eele den„Mein Vater,“ ſagte ich,„verzeiht, wenn ich eine und en wunde Stelle berührte. Auch ich trage pas in mir, was, würde es von einem Fremden berührt, mein ganzes inderung; Weſen qualvoll durchſchauberte, und gerne möchte ich ſah mich Greren heiligen Troſt, Eueren frommen Zuſpruch um nach einer Linderung oder Stärkung bitten.“ te! Nicht Der Einſiebler trat näher zu mir, legte ſeine ah⸗ ine pru⸗ gemagerte Hand auf meinen Arm und blickte mir lange efriedigen und nachbenklich in das Geſicht. Hier wurde zuerſt der nann!— Verdacht in mir rege, welchen ſpätere Beobachtungen te er nc als richtig erwieſen, daß in dem Umherirren dieſes dun⸗ That ein keln Auges und in dem Ausdrucke dieſer bleichen Stirn die Wu⸗ etwas Wahnfinniges liege. ankheiten,„Bruder und Mitmenſch,“ ſagte er kummervoll, haſt Du in Wahrheit gelitten? und thut Dir die Er⸗ 224 innerung immer noch wehe? Dann ſind wir Freunde. jene Haſt Du ſo viel gelitten, wie ich, ſo will ich vor Dir Wahr niederfallen und Dir als meinem Oberen huldigen; ich wi denn der Schmerz hat ſeine Stufen, und ich meine bis⸗ herzig weilen, Niemand habe die Höhe erklommen, welche ich entdec erreichte. Aber Du ſiehſt nicht aus wie einer, der Nächte P des Wahnſinnes und Tage erlebte, an welchen das Herz los un in der Bruſt liegt⸗wie ein mit Bewußtſein begabter Stirne Leichnam im Grabe liegen würde, ber fühlt, wie der ſeieſtn Wurm an ihm nagt und die Verweſung ihn zerſtört, ren, d und voch unfühig iſt, Widerſtand zu leiſten, ja ſich mur htehe zu bewegen. Deine Wange iſt mager, aber ſeſt; Dein ſein kar Auge iſt ſtolz und ſtrahlend; Du ſiehſt aus, wie ein in Flan Mann, der mit Menſchen gelebt und gekämpft hat und„ im Kampfe nicht unterlegen iſt! Gelitten! nein, Vater, Menſch, Du haſt nicht gelitten.“ des, vv „Mein Vater, nicht in das Geſicht gräbt das Schick⸗ mit der ſul ſeine Schrift ein. Ich habe, es iſt wahr, mit mei⸗ Gurer é nen Mitmenſchen gerungen, und wenn Reichthun gurem und Ehre ein Lohn ſind, nicht vergebens; doch nicht mit„Di gleichem Erfolge kämpfte ich mit dem Kummer, und indem P ich ſtehe vor Euch als ein Weſen, das, wenn Leiben⸗ annahm ſchaft eine Qual und der Tod ver Geliebten ein Ver⸗ Deiner luſt iſt, getragen hat, was der Unglücklichſte nicht he⸗ neiden möchte.“ Wieder kam ein fürchterlicher Wechſel über das Geſicht des Klausners— heftig faßte er meinen Arm. „Du ſprichſt meinen eigenen Gram aus— Du nennſt meinen eigenen Fluch— ich werde Dich wiederſehen — Du wirſt meinen letzten Willen heſſer vollziehen als 8 8 S — — — Freunde. vor Dir uldigen; eine bis⸗ eche eich r Nächte das Herz begabter wie der zerſtört, ſich nur ſt; Dein wie ein hat und nein, er, und n Leiden⸗ ein Vet⸗ nicht be⸗ 225 jene Mönche. Kann ich Dir trauen? Wenn Du in Wahrheit das Unglück kennen gelernt, ſo will ich!— ich will es,— ja, ſelbſt bis zum Ausſchütten— Barm⸗ herziger, gnädiger Gott, was wollte ich ſagen— was entdecken!“ Plötzlich änderte ſich ſeine Stimme, er ließ mich los und ſagte, indem er mit bedeutſamer Geberde ſeine Stirne berührte, mit ruhigem Lächeln,„Du ſagſt, Du ſeieſt mein Nebenbuhler im Leiden? Haſt Du je erfah⸗ ren, baß die Wuth und Verzweiflung des Herzens bis hieher ſtieg? Es iſt ein Wunder, daß man ſo ruhig ſein kann, wie ich jetzt bin, wenn ſich dieſes Aufſteigen in Flammen und Foltern fühlbar machte!“ „Kann von meiner Seite irgend etwas geſchehen, Vater, das ein Mann, der vor dem Beſuche keines Lan⸗ des, vor keiner That— wenn keine Schuld oder Schande mit derſelben verbunden iſt— bange, zur Beruhigung Eurer Seele thun kann, ſo ſprecht es aus, und ich will Eurem Wunſche genügen.“ „Du biſt gut, mein Sohn,“ erwiderte der Eremit, indem Miene und Haltung wieder die Trauer und Würbe annahmen, die er im Anfange gezeigt,„und es liegt in Deiner Stimme etwas, das mir mit einem Tone ver⸗ wandt ſcheint, ven ich in meiner Ingend gehört. Wohnſt Du in der Nähe?“ „In dem Thale, etwa vier Meilen von hier; ich bin, wie Ihr, ein Flüchtling vor der Welt.“ „So komme morgen Abend zu mir; doch halt, dies iſt ein heiliger Abend, den ich unter Geißeln und Beten zubringen muß. übermorgen mit Sonnenuntergang. Bulwer, Deverenr, U. ¹⁵ — — 226 Ich werde dann gefaßt ſein und möchte gern mehr von Dir wiſſen, als bis jetzt. Segen über Dich, mein Sohn — Sptt befohlen.“ „Halt, Vater, ſoll ich Euch nicht nach Eurer Woh⸗ nung geleiten?“ „Nein— meine Glieder ſind ſchwach, aber ich hoffe, ſie tragen mich immer noch nach jener Heimath, bis ich von da zu der ewigen eingehe. Lebe wohl! Die Nacht rückt vor, und der Menſch ſüllt ſelbſt dieſe Schat⸗ ten mit Gefahr. übermorgen Abend bei Sonnenunter⸗ gang treffen wir uns wieder.“ Damit wintte der Eremit mit der Hand; ich blieb allein und beobachtete die verſchwindende Geſtalt, bis die Bäume den letzten Schimmer derſelben meinem Auge verhüllten. Dann wandte ich mich heimwärts und er⸗ reichte trotz des Einſiedlers Bedenken wohlbehalten meine Hütte. Aber ich legte mich nicht zur Ruhe; eine mäch⸗ tige Ahnung mehr, als Vermuthung, daß die abgewelkie verwüſtete Geſtalt, die ich geſehen, eine und dieſelbe Perſon ſei, mit der ich ſeit Jahren nicht mehr zuſammen geweſen, und die ich nicht mehr auf Erden glähbte, durchdrang mich ſchaudernd. „Kann es— kann es ſein?“ dachte ich„Kann der Gram zu einer Verzweiflung, die Erinnerung zu einer Todesqzual ſich ſteigern, die fähig ſind, eine ſo ſchreckliche Veränderung hervorzubringen? Und mußte unter allen menſchlichen Weſen gerade dieſes hiezu aus⸗ erleſen werden; dieſen, in welchem Leidenſchaft und Sünde, wenn ſie je in ihm vorhanden waren, ſchon im erſten Keime zerſtört und jeden Fruchttriebes beraubt wurde Auge veränt derfin nicht1 ich mi das G als die Gedan Spieg hineinl gend n einem kennen U1 feinen Den la chen G Sitte! die abr teriſche f gebilde waren loſe S und de demr chen, i chen vy dener em Auge und er⸗ en meine ne mäch⸗ bgewelkte dieſelhe uſammen gläkhte, „Kann erung zu „eine ſo d mußte iezu aus⸗ haft und ſchon im beranbt 227 wurden! Wenn überdies beinahe im Widerſpruche mit Auge und Sinn ein angeborener Inſtinkt in dieſer ſo ſehr veränderten Form die Spur zu einem gräßlichen Wie⸗ derfinden entdeckt hätte, würde ſein eigenes Gedächtniß nicht noch treuer geweſen ſein, als das meinige? Habe ich mich ſo ſehr verändert, daß er mir ſo aufmerkſam in das Geſicht blicken konnte, ohne dort etwas Anderes, als die Züge eines Fremden zu finden?“ Von dieſem Gedanken belebt, ſtellte ich das Licht neben der kleinen Spiegel, welcher mein Zimmer ſchmückte. Wie ich ſo hineinblickte, rief ich mir die Züge meiner früheſten Ju⸗ gend wieder ins Gedächtniß.„Nein,“ ſprach ich mit einem Seufzer,„hier iſt Nichts, das er hätte wieder er⸗ kennen können.“ Und ich hatte Recht, meine urſprünglichen zarten, feinen Züge waren breit und vorſpringend geworden. Den langen Locken meiner Jugend(denn nur bei feſtli⸗ chen Gelegenheiten fügte ſich meine frühere Eitelkeit der Sitte des Tages) waren kurze, krauſe Ringeln gefolgt; die abwechſelnd bleiche und hektiſche Farbe, welche dich⸗ teriſſhe Träume einſt über meine Wange ausgegoſſen, hatte fich zu dem unveränderlichen Braun der Mannheit gebildet; die glatte Lippe und das ungeſchorene Kinn waren mit dichtem Haar überwachſen; die einſt furchen⸗ loſe Stirne zog ſich gewöhnlich gedankenvoll zuſammen, und der feurige, unruhige Ausdruck des Jünglings war dem ruhigen, unbewegten Geſichte eines Mannes gewi⸗ chen, in welchem lange Gewohnheit jedes äußerliche Zei⸗ chen von Aufregung und mannigfache Ereigniſſe verſchie⸗ dener Art kein anderes Merkmal zurückgelaſſen hatten, 228 als beſtändige, wenn auch flille Entſchloſſenheit. Mein Körper, früher kaum weniger ſchlank, als der eines Mädchens, war gedrungen und muskulös geworden, und nichts war mehr vorhanden, woran ſelbſt meine Mutter unter dem fremden Ausſehen, ber ruhigen Stirne und den athletiſchen Formen, die ſchmächtige Geſtalt und das veränderliche Antlitz des Knaben, den ſie zuletzt geſehen, hätte wieber erkennen können. Selbſt der ſpöt⸗ tiſche Blick hatte ſich verloren, und ich hatte die leichte Vorſchrift der Welt gelernt— den Hohn in das ernſte Gewand der äußeren Ruhe zu kleiden. Etwas, was ich auch bei Andern bemerkt habe, trat in beſonderem Grade bei mir hervor, daß nämlich nur Wenige, die ſehr viel mit Menſchen umgegangen ſind, und Plane von Höflingen oder Großſtädtern hegten, Höhe und Ton ihrer urſprünglichen Stimme beibehalten. Die Stimme eines jungen Mannes wird noch durch die Natur modulirt und druckt die augenblickliche Leidenſchaft aus; diejenige des gereiften Zöglinges der Kunſt deutet eher die gewöhnliche Veſchäftigung ſeines Lebens an: liege es nun in ſeiner Abſicht, zu überreden, zu überzeu⸗ gen, oder Anderen zu befehlen— unabänderlich wird ſeine Stimme den Ton beibehalten, welcher ihm der gewöhnlichſte iſt; und da Ueberredung das Mittel iſt, deſſen ſich die Menſchen in ihrem gegenſeitigen Verkehre, hauptſächlich in der Nähe eines Hofes, gewöhnlich be⸗ dienen, ſo iſt ein Ton künſtlicher Milde und demüthig einſchmeichelnden Weſens derjenige, worein ſich die Re⸗ deweiſe der Leute von Welt vorzugsweiſe kleidet; eine longe Fortſetzung dieſer Tonart wird zur anderen Natur 1 und P lieren zu der ich in zwiſche ſchwan läſſigſt Grade konnte haben, Me durch d Mi bis zu dahinſc punkte, Ehre eit in Begl einen zie der, wi nen ſagt mit gew am Aber lichkeit g Der dieſen M gen über „daß ich ein feierl Erlaubn Mein eines orden, meine Stirne eſtalt zuletzt r ſpöt⸗ leichte ernſte e, trat ich nur n ſind, hegten, halten. rch die nſchaft deutet 229 und Mark und Stamm des urſprünglichen Tones ver⸗ lieren ſich. Bei mir war die Veränderung groß, denn zu der Zeit, welche ich mit der jetzigen verglich, ſtand ich in einem Alter, wo die Stimme noch unentſchieden zwiſchen dem Accente des Jünglings und des Knaben ſchwankt, ſo daß mir ſelbſt dieſes mächtigſte und zuver⸗ läſſigſte Aufweckungsmittel des Gedächtniſſes in hohem Grade abging, und nur etwaein zufälliger, ſeltener Klang konnte dieſe ſchwache, ungewiſſe Erinnerung erweckt haben, von welcher der Einſiebler geſprochen. Man möge mir dieſe Egvismen verzeihen, welche durch die Art meiner Geſchichte nöthig gemacht werden. Mit welch hrennender Ungebuld ſah ich die Stunden bis zu der feſtgeſetzten Unterredung mit dem Eremiten dahinſchleichen. Indeſſen wurbe ich vor dieſem Zeit⸗ punkte, am Abend des folgenden Tages, durch die ſeltene Ehre eines Beſuches von Anſelmo überraſcht. Er kam in Begleitung zweier Bettelmönche ſeines Ordens, vie einen ziemlich umfangreichen Korb zwiſchen ſich trugen, der, wie mir meine Wirthin ſpäter unter vielen Thrä⸗ nen ſagte, ſchwerer, als er gekommen, fortging, beladen mit gewiſſen Behältern jenes ſeltenen Weines, den ſie am Abende zuvor herzuſchaffen die unkluge Gaſtfreund⸗ lichkeit gehabt hatte. Der Abt kam, um mir zu ſagen, vaß ver Eremit dieſen Morgen bei ihm geweſen ſei und verſchiebene Fra⸗ gen über mich gethan habe.„Ich ſagte ihm,“ ſprach er, „daß ich Ihren Stand und Namen kenne, vaß mir aber ein feierliches Verſprechen verbiete, dieſelben ohne Ihre Erlaubniß Jemanden mitzutheilen; und ich bin nun hier, 230 mein Sohn, um Sie zu fragen, ob Sie mir dieſe Er⸗ laubniß ertheilen wollen?“ „Wahrhaftig nein, heiliger Vater!“ rief ich haſtig aus, und gab mich erſt nach einer Erneuerung ſeiner Zuſage über dieſen Punkt zufrieden. Dies ſchien dem; Abte einiges Leidweſen zu verurſachen; vielleicht hatte ihm der Eremit eine Belohnung für die Entdeckung mei⸗ ner Verhältniſſe geboten. Allein ich wußte, daß An⸗ ſelmo, obwohl gewinnſüchtig, doch ein zuverläſſiger Mann war, und ich beruhigte mich bei ſeinem wiederhol⸗ ten Verſprechen. Mit großer Befriedigung ſah ich ihn weggehen und überließ mich wieder meinen Vermuthun gen über den ſonderbaren Klausner. Als ich mich am folgenden Tage zum Abgange nach der Einſievlerwohnung bereit machte, war ich beſon⸗ vers darauf bedacht, mir ein fremdes, täuſchendes Aus⸗ ſehen zu geben. Ein weites Gewand von rohem, ein⸗ fachem Stoffe und eine hohe Pelzmütze unterſtützten mich mit vielem Erfolge in dieſem Vorhaben. Vor dem Weggehen warf ich noch einen letzten Blick in den Spie⸗ gel und ſprach zu mir ſelbſt:„Wenn meine ſeltſame, unwahrſcheinliche Vermuthung über die Anachoreten Grund hat, ſo üben doch die Zeit und dieſe Kleidung einen hinlänglich ſtarken Zauber aus, um mich gegen jede Möglichkeit einer Entveckung zu ſichern. Mit Worten und Ausſprache werbe ich ſehr vorſichtig ſein, bis, wenn ſich meine Gedanken bewähren ſollten, ein paſſender Augenblick kommt, um mich ihm zu entdecken. Wollte indeſſen Gott, der Gedanke wäre grundlos! unter ſolchen Umſtänden und nach einer ſolchen Abwe⸗ ſenhei Zuſan Die L Ol wußt das J Erem mich erweh ich ld hatte Argw meine Verm daß di wünſe ſproch ſein 2 wenn Herze durch Vor⸗ wiſſer ſe Er⸗ haſtig gſeiner ien dem t hatte ng mei⸗ daß An⸗ rläſſiger ederhol⸗ ich ihn muthun⸗ en Spie⸗ ſeltſame, achoreten Kleidung 231 ſenheit, ihn treffen? Nein! und doch—— Nun, dieſe Zuſammenkunft wird entſcheiden.“ Viertes Kapitel. Die Löſung vieler Geheimniſſe.— Ein dunkler Blick in das Leben und die Natur des Menſchen. Ohne mir in meinem Innern des Grundes klar be⸗ wußt zu ſein, fühlte ich mich doch mächtig angetrieben, das Incognito während meiner Unterredung mit dem Eremiten zu bewahren. Ich habe ſchon geſagt, daß ich mich eines unbeſtimmten, aber tiefen Glaubens nicht erwehren konnte, der Einſiedler ſei eine Perſon, die ich längſt im Grabe glaubte; und mehr als einmal hatte ich gegen den dunkeln, jedoch vorübergehenden Argwohn angekämpft, als ſtehe dieſe Perſon— wenn nicht direkt, doch mittelbar— mit den Geheimniſſen meines früheren Lebens in Verbindung. Waren beide Vermuthungen richtig, ſo hielt ich es für wahrſcheinlich, daß die Mittheilung, welche mir der Eremit zu machen wünſchte, bereitwilliger gegen einen Fremden ausge⸗ ſprochen würde, als wenn er erfuhr, wer in Wahrheit ſein Vertrauter ſei. Auf jeden Fall konnte ich mich, wenn es mir gelang, den ſtürmiſchen Drang meines Herzens nach unmittelbarer Kundgebung zu bezwingen, durch Winke und vorläufige Andeutungen über die Vor⸗ und Nachtheile einer ſolchen Entdeckung verge⸗ wiſſern. Ich kam hei dem Brunnen an, der Eremit ſaß ſchon —— 232 an dem Orte des Stellvichein in derſelben Stellung, in welcher ich ihn neulich geſehen. Mit einer Verben⸗ gung redete ich ihn an. „Ich habe Wort gehalten, Vater.“ „Deſſen rühmen ſich die Menſchen ſelten mit Recht,“ ſagte der Eremit mit traurigem Lächeln, aber ohne Spott;„und hätte ſich das Verſprechen auf etwas Wichtigeres bezogen, ſo wäre es vielleicht nicht ſo ſtreng gehalten worden.“ „Das Verſprechen, Vater, ſchien mir von größerer Wichtigkeit, als Ihr zu verſtehen geben wolltet,“ er⸗ widerte ich. „Wie verſtehſt Du das?“ fragte der Einſiebler haſtig. „Nun, daß wir einander durch dieſe Zuſammenkunft vielleicht gegenſeitig einen Dienſt thun; Ihr, Vater, könnt mich durch Euren Rathtröſten; ich Euch durchmeine Bereitwilligkeit, Eurem Verlangen zu entſprechen.“ Der Klausner ſah mich einige Augenblicke an, wäh⸗ rend welcher ich mein Geſicht ſeinem Blicke ſo gut wie möglich zu entziehen ſuchte. Dieſe Mühe hätte ich mir erſparen können; er ſchien nichts Bekanntes in meinen Zügen zu finden; vielleicht unterſtützte hierin ſeine Gei⸗ ſteskrankheit mein verändertes Ausſehen. „Ich habe,“ ſagte er nach einer Pauſe,„Erkundi⸗ gungen über Dich eingezogen und gehört, daß Du ein gelehrter und weiſer Mann biſt, der viel von der Welt geſehen und auf ihren verſchiedenen Schauplätzen als Krieger und Gelehrter aufgetreten iſt; hat man mich recht berichtet?“ „Nicht recht in Beziehung auf Gelehrſamkeit, Vater, wohl Lände „ mitn Wund J Arm dieſe! trieb, trauer mich. Eremi ruhige gewant derung Führte die er lung, erbeu⸗ techt,“ rohne etwas ſtreng rößerer haſtig. enkunft Vater, ich mir „Vater, 23³3 wohl aber in Beziehung auf Erfahrung. Ich habe viele Länder Europa's durchpilgert.“ „Wirklich!“ rief der Einſiedler lebhaft.„Komme mit mir in meine Wohnung und erzähle mir von den Wundern, die Du geſehen.“ Ich half dem Eremiten aufſtehen, und auf meinen Arm geſtützt, ſchritt er langſam der Höhle zu. Wie mich dieſe leichte Berührung durchſchauderte! Wie es mich trieb, zu rufen:„Biſt Du Der, den ich geliebt, be⸗ trauert und im Grabe geglaubt habe?“ Aber ich hielt an mich. Schweigend gingen wir bahin. Als die Hand des Eremiten die Thüre der Höhle berührte, ſagte er in ruhigem Tone, aber mit ſichtbarer Anſtrengung und ab⸗ gewandtem Geſichte:„Und brachten Dich Deine Wan⸗ derungen je nach den fernen Gegenden des Norden? Führte Dich der Ruf des großen Czar je nach der Stadt, die er gegründet?“ „Ich habe Recht— ich habe Recht!“ dachte ich, als ich antwortete:„Wirklich, heiliger Vater, ich habe nicht lange in Petersburg gelebt, doch fremd bin ich weder ſeinen Wundern, noch ſeinen Bewohnern.“ „So biſt Du vielleicht mit dem engliſchen Günſt⸗ linge des Czar zuſammengetroffen, von dem, wie ich in meiner Abgeſchiedenheit höre, in der neueren Zeit ſo viel geſprochen wurde?“ Der Einſiedler ſchwieg wieder. Wir befanden uns jetzt in einem langen, niederen, bei⸗ nahe ganz finſteren Gange. Kaum ſah ich meinen Be⸗ gleiter, allein ich vernahm eine krampfhafte Bewegung in ſeiner Kehle, ehe er den Satz mit den Worten endete: „Er heißt Graf Devereur.“ „Vater,“ entgegnete ich ruhig,„ich habe den Mann geſehen und gekannt.“ „Ha!“ rief der Einſiedler und lehnte ſich einen Augenblick gegen die Wand—„ihn gekannt— und— wie— wie— ich meine, wo iſt er gegenwärtig?“ „Dies, Vater, iſt eine ſchwierige Frage, wenn es ſich um einen Mann handelt, der ein ſo bewegtes Leben führt. Er war Geſandter an dem*** Hofe, als ich eben von dort wegging.“ Wir hatten jetzt den Gang durchſchritten und ein ziemlich geräumiges Gemach erreicht; eine eiſerne Lampe brannte in demſelben und gab ein hinlängliches, aber etwas düſteres Licht. Der Eremit ſank beim Schluſſe meiner Antwort auf eine lange, ſteinerne Bank nieder, die ſich neben einem Tiſche von derſelben Maſſe befand⸗ ſtützte ſein Geſicht auf die Hand, ſo daß der lange, weite Armel ſeine Züge gänzlich verbarg, und ſagte:„Ver⸗ zeihe mir, mein Athem iſt kurz, und meine Glieder ſind ſchwach— ich bin ganz erſchöpft— will aber gleich weiter fortfahren.“ Ich antwortete kurz und rückte einen kleinen hölzer⸗ nen Stuhl bis auf wenige Fuße vor das Lager des Ein⸗ ſiedlers. Nach kurzem Schweigen erhob er ſich, ſtellte Wein, Brod und getrocknete Früchte vor mich und hieß mich eſſen. Ich that, als folgte ich ſeiner Aufforderung, und dieſe anſcheinende Abwendung meiner Aufmerkſam⸗ keit von ihm hob einigermaßen die Verwirrung, mit welcher er augenſcheinlich kämpfte. „Glaubſt Du,“ ſagte er,„wenn mein Auftrag an Dieſen— den Grafen Devereux— ginge, Du würbeſt ihn g Du h haben wand Müh als di ohne Mort biete ſprech rief d dem( Ausfü wurde und ein e Lampe es, aber befand⸗ ge, weite :„Ver⸗ eder find er gleich n hölzer⸗ des Ein⸗ h, ſtellte und hieß orderung, merkſam⸗ ung, mit uftrag an u würdeſt 235 ihn getreulich und ſchlennig vollführen? Doch halt— Du haſt ein vornehmes Ausſehen, wie Jemand, der er⸗ haben iſt über die Wechſel des Glücks; allein Dein Ge⸗ wand iſt rauh und ärmlich; kann daher Gold Dir die Mühe lohnen, ſo hat der Einſiedler noch andre Schätze, als dieſe Zelle.“ „Ich werde Eurem Wunſche willfahren, Vater, ohne die Armen zu berauben. Ihr wünſcht alſo, daß ich Morton Devereur aufſuche— vaß ich ihn hierher ent⸗ biete— Ihr wünſcht ihn zu ſehen und mit ihm zu ſprechen!“ „Um des barmherzigen Gottes willen— nein!“ rief der Einſiedler mit ſolcher Heftigkeit, daß ich von dem Gedanken, mich ihm zu erkennen zu geben, deſſen Ausführung ich ſehr nahe geweſen war, zurückgeſchreckt wurde.„Ich wollte lieber, daß dieſe Wände mich zu Staub zermalmten, oder daß dieſer feſte Stein unter meinen Füäßen zuſammenbräche— ja, hinunter in end⸗ loſe Tiefe, als daß ich dem Auge von Morton Devereur begegnete.“ „Steht es ſo?“ ſagte ich, und beugte mich über meinen Becher;„ſo ſeid ihr vermuthlich Feinde gewe⸗ ſen.— Nun, gleichviel— ſagt mir Euern Auftrag, und er ſoll vollzogen werden.“ „Vollzogen!“ rief der Eremit, und eine neue, aller⸗ dings ſehr natürliche Beſorgniß befiel ihn,„vollzogen! und— Thor, der ich bin!— wer oder was biſt Du, daß ich glauben könnte, Du nehmeſt ſo innigen Antheil an den Wünſchen eines Dir gänzlich unbekannten Men⸗ ſchen? Ich ſage Dir, mein Wunſch iſt, daß Du Meere 236 durchſchiffeſt und Länder durchzieheſt, bis Du den Mann gefunden, den ich Dir genannt. Wird ein Fremdling ſo etwas thun, und ohne Belohnung— nein— nein— ich war ein Thor, ich will mich den Mönchen anver⸗ trauen und ihnen Gold gehen, ſo wird mein Auftrag vollzogen.“ „Vater, oder vielmehr Bruder,“ entgegnete ich in langſamem, beſtimmtem Tone,„denn Ihr ſeid von meinem Alter und habt die Leidenſchaft und die Schwäche, die alle Menſchen zu Brüdern macht, mir gilt jeder Ort gleichviel; mir iſt es einerlei, ob ich ein nördliches oder ein ſüdliches Klima beſuche— mein Reichthum reicht hin, die Mühe zu lindern— ich habe Muße, und dieſe macht die Beſchäftigung zum Genuſſe. überdies bin ich ein Menſch, der in ſeinen heiterſten und wildeſten Augen⸗ blicken die Menſchen liebte und zu jeder Zeit ſeine eigene Annehmlichkeit dem Vortheile Anderer geopfert haben würde. Gegenwärtig aber bin ich mehr als je geneigt, mich ſelbſt zu vergeſſen, und in Euern Worten liegt Etwas, das mich hoffen läßt, ich könne Euch einen ſehr großen Dienſt erweiſen.“ „Du ſprichſt gut,“ antwortete der Einſiedler nach⸗ denklich,„und ich glaube Dir trauen zu dürfen; doch will ich mich noch länger bedenken, und morgen um dieſe Stunde ſollſt Du meine entſcheidende Antwort erhalten. Vollziehſt Du den Auftrag, den ich Dir anvertraue, ſo möge der Segen eines ſterbenden, höchſt unglücklichen Menſchen auf ewig an Dir haften!— Doch ſtille— die Glocke ſchlägt— es iſt die Stunde meines Gebets.“ Und indem er nach einer großen, ſchwarzen Uhr deutet Stun der, f andäch Beiſpi drei E drucke meine Gefüh verflu „2 an die ſtorber „C ſiedler von ſe die für los unt ich red Fort! blicke ſ M ſonderl den Ge unſchli ſollte; auf ſei krankhe wenn: dieſer nMann ling ſo nein— manver⸗ Auftrag te ich in ſeid von chwäche, eder Ort hes oder m reicht nd dieſe bin ich Augen⸗ ne eigene t haben geneigt, en liegt nen ſehr er nach⸗ n; doch um dieſe erhalten. raue, ſo ücklichen ſtille— Hebets.“ zen Uhr 237 dentete, welche ver Thüre gegenüber hing und bie neunte Stunde anzeigte, fiel der Klausner auf ſeine Kniee nie⸗ der, faltete ſeine Hände feſt und beugte das Geſicht in andächtiger Demuth darüber hin. Ich folgte ſeinem Beiſpiele. Nach wenigen Minuten erhob er ſich.„Alle drei Stunden einmal,“ ſprach er mit geiſterhaftem Aus⸗ vrucke,„habe ich in den letzten zwölf Jahren angſtvoll meine Seele vor Gott gebeugt und bin ſtets mit dem Gefühle aufgeſtanden, daß es umſonſt war— ich bin verflucht nach Außen und nach Innen!“ „Mein Vater, mein Vater, iſt dies Euer Glaube an die Gnade des Erlöſers, der für vie Menſchen ge⸗ ſtorben iſt?“ „Sprich mir nicht vom Glauben!“ rief der Ein⸗ ſiedler wild.„Ihr Laien und Weltkinder wißt Nichts von ſeinen Geheimniſſen und ſeiner Macht. Aber gehe! die fürchterliche Stunde iſt über mir, wo meine Zunge los und mein Gehirn finſter iſt, wo ich nicht weiß, was ich rede, und vor meinen Gedanken zurückſchaudere. Fort! kein menſchliches Weſen ſoll Zeuge ſolcher Augen⸗ blicke ſein— ſle ſfind nur für Gott und meine Seele.“ Mit dieſen Worten faßte mich dieſer unglückliche, ſonderbare Menſch beim Arme und drängte mich gegen den Gang, durch welchen wir hereingekommen. Ich war unſchlüſſig, vb ich nachgeben oder Widerſtand leiſten ſollte; allein ein Stieren in ſeinem Auge und eine Röthe auf ſeiner Wange verriethen ſeine fürchterliche Geiſtes⸗ krankheit und erweckten die Beſorgniß in mir, es möchte, wenn man ſeinen Wünſchen Wiberſtand entgegenſetze, dieſer gefährlich auf eine ſo ſchwache, herabgekommene Natur wirken. So fügte ich mich denn mechaniſch. Er öffnete den Eingang zu ſeinem rauhen Hauſe, und hleich ſtrömte das Mondlicht über das ſchwarze Gewand und die geſpenſtartige Geſtalt. „Gehe,“ ſagte er milder als zuvor—„gehe, und vergib die Heftigkeit eines Menſchen, in welchem Geiſt und Herz gleich gebrochen ſind. Gehe, aber kehre morgen mit Sonnenuntergang wieder. Deine Miene macht mich geneigt, Dir zu trauen.“ Nach dieſen Worten ſchloß er die Thüre hinter mir und ich ſtand allein außerhalb der Höhle. Kehrte ich nach Hauſe zurück? eilte ich, mich zu Schlaf und ſüßem Vergeſſen auf mein Lager zu ſtrecken, während er ſich in dieſem düſteren Grabe der Lebendigen befand, ſeinen Qualen preisgegeben und von den Krallen des Wahnſinns und einer fürchterlichen Krankheit zer⸗ riſſen? Nein— auf dem feuchten Graſe unter dem ſchweigenden Himmel brachte ich eine Nacht zu, die meines Erachtens kaum minder unglücklich geweſen ſein kann, als die ſeinige. Meine Vermuthung war jetzt vollkommen beſtätigt. Himmel! wie hatte ich dieſen Menſchen geliebt— wie hatten ſich von meiner früheſten Kindheit an die zärtlichſten Neigungen meiner Seel⸗ mit ihm verwoben!— mit welchem Schmerze hatte ich ſeinen vermeintlichen Tod beweint! und jetzt zu wiſſen⸗ daß er innerhalb dieſer Mauern lag, Herz und Gehirn durch einen furchtbaren, geheimmßvollen Fluch zerriſſen — zu wiſſen, daß er meinen Anblick fürchtete— mich, der ich mein Leben für das ſeinige gegeben haben würde!— das Grah, das ich für ſeine Wohnung ge⸗ halten Schick „( Thrän ins A über i helfen iſt die gekom in dieſ neuen den, des W D horcht fangen ern de der Ve unter erwart nenauf komme Erſchö währe um K Zuſam Begier Zi Höhle nachde iſch. Er nd bleich and und he, und nter mir mich zu ſtrecken, bendigen Krallen zu, die eſen ſein war jetzt ch dieſen früheſten er Seele hatte ich u wiſſen⸗ d Gehirn zerriſſen n haben nung ge⸗ halten, wäre Barmherzigkeit gewe ſen gegen ein ſolches Schickſal! „Er fürchtet,“ murmelte ich vor mich hin, und Thränen entſtürzten dabei meinen Augen,„Demjenigen ins Antlitz zu blicken, der mit mehr als Frauenliebe über ihm wachen, ſeinen Schmerz lindern und tragen helfen würde. Durch welches furchtbare Verhängniß iſt dieſe Trübſal über einen ſo Heiligen und Reinen gekommen? durch welche Vorausbeſtimmung wurde ich in dieſe verlaſſenen Gegenden geführt, um mit einem neuen Reize für die Erde zugleich einen Zauber zu fin⸗ den, der ſie abermals in eine Wüſte und in einen Ort des Wahns verwandelte?“ Die ganze Nacht hielt ich bei der Höhle Wache und horchte, ob ich einen Seufzer oder anderen Laut auf⸗ fangen könnte; allein alles war ſtille; die dicken Mau⸗ ern des Felſen entzogen meinem Ohr ſelbſt die Stimme der Verzweiflung. Als der Tag dämmerte, zog ich mich unter die Bäume zurück, damit er mich bei einem un⸗ erwarteten Heraustreten nicht ſehen möchte. Mit Son⸗ nenaufgang ſah ich ihn für einige Augenblicke heraus⸗ kommen und dann wieder im Innern verſchwinden. Erſchöpft und von den Stürmen in meinem Innern während der Nacht abgemattet, eilte ich nach Hauſe, um Kaltblütigkeit und Faſſung für die bevorſtehende Zuſammenkunft zu gewinnen, welcher ich mit angſtvoller Begierde entgegenſah. Zu der feſtgeſetzten Stunde begab ich mich nach der Höhle; die Thür war nur angelehnt; ich öffnete vieſelbe, nachdem ich auf mein Pochen keine Antwort erhielt, 240 und ſchritt ſachte durch den Gang; als ich aber dem Zimmer näher kam, hörte ich Geſchrei und Achzen und wildes Gelächter. Ich blieb einen Augenblick ſtehen und trat dann unter Grauen und Mißbehagen in das Ge⸗ mach. Daſſelbe war leer, allein neben der Uhr erblickte ich eine kleine Thüre, aus welcher die ſchauderhaften Töne hervorkamen. Ohne Bedenken öffnete ich und be⸗ fand mich in dem Schlafzimmer des Eremiten, einem kleinen, dunkeln Gelaſſe, wo der unglückliche Bewohner in einem Zuſtande tobender Geiſtesverwirrung auf einem Strohbündel lag. Stumm und betäubt ſtand ich da, während ſeine wahnſinnigen Ausrufungen zu meinem Ohr drangen. „Hier— hier!“ rief er,„ich habe Dein Herz durch⸗ bohrt und will jetzt knieen und dieſe weißen Lippen küſ⸗ ſen, und meine Hände in dieſem Blute waſchen. Ha!— haſſe ich Dich?— haſſen— ja— haſſen, verabſcheuen, verwünſchen! Habt Ihr den Roſenkranz da?— laſſet mich ihn beten. Ja, ich will zur Beichte gehen— zur Beichte? Nein, nein— alle Prieſter in der Welt könn⸗ ten eine ſo ſchuldbeladene Seele nicht aufrichten. Helft — helft— helft! Ich falle— falle— hier iſt der Abgrund und das Feuer und die Teufel! Hört Ihr ſie lachen?— Auch ich kann lachen!— ha— ha— ha! Stille, ich habe alles in ſchöner Schrift aufgeſchrieben — er ſoll es leſen— und dann, o Gott! welche Flüche wird er auf mein Haupt häufen! Heiliger St. Franz, höre mich! Lazarus, Lazarus, ſprich für mich!“ Alſo raſete der Eremit, während ich bei dieſen Aus⸗ rufungen ſchauderte. Ich ſtand neben ſeinem Lager, aber e als w verſie Hand verwi Augern ber be chen i nicht; dem 6 ging! Währ Schrei noch wären bis ich des Kl D am m ſie ver folgen Toben Genau fiel er Je Brüde kehr n ſich un jetzt ſt neben Bi aber dem chzen und tehen und das Ge⸗ r erblickte derhaften und be⸗ n, einem Zewohner auf einem d ich da, meinem erz durch⸗ ppen küſ⸗ Ha!— bſcheuen, — laſſet n— zur elt könn⸗ en. Helft r iſt der t Ihr ſie a— ha! ſchrieben he Flüche t. Franz, . ſen Aus⸗ n Lager, 241 aber er ſah und hörte mich nicht. Oben an dem Bette, als wäre es unter den Kiſſen hervorgefallen, lag ein verſiegeltes, an mich adreſſirtes Paket; ich kannte die Handſchrift auf den erſten Blick, vbwohl die Buchſtaben verwiſcht, unregelmäßig, und vielleicht in dem erſten Augenblicke, wo der gegenwärtige Zuſtand den Schrei⸗ ber befallen, hingeworſen waren. Ich ſteckte das Päck⸗ chen in die Bruſt; der Einſiedler ſah die Bewegung nicht; er lag anſcheinend in gänzlicher Erſchöpfung, mit dem Geſicht nach der Wand gekehrt in dem Bette. Ich ging hinweg, und eilte nach dem Kloſter um Hülfe. Während ich durch den Gang rannte, drang das Schreien des Eremiten wieber zu mir, und zwar mit noch ſtärkerer Heftigkeit, als zuvvr. Ich floh, als wären es Töne aus dem Abgrunde des Hades. Ich floh, bis ich athemlos und halb ohne Beſtnnung an der Pforte des Kloſters erſchöpft niederſtürzte. Die heiben Brüder, welche ſich auf ärztliche Hülfe am meiſten verſtanden, wurden ſogleich gerufen, und ſie verloren keinen Augenblick, mir nach der Höhle zu folgen. Den ganzen Abend bis Mitternacht ſchien das Toben des Wahnſinnigen eher zu⸗, als abzunehmen. Genau um dieſe Stunde, als eben die Uhr zwölf ſchlug, fiel er plötzlich in einen tiefen Schlaf. Jetzt zum erſtenmale, aber erſt, als die müben Brüder bei dieſem günſtigen Zeichen ſich eine kurze Rück⸗ kehr nach dem Kloſter erlaubten, um Erfriſchungen für ſich und neue Arzneien für den Kranken zu holen— jetzt ſtand ich zum erſtenmale von ſeinem Lager auf, neben welchem ich bisher gewacht, ging in das äußere Bulwer, Devereur. II. 16 242 Zimmer und nahm vas mit meinem Namen überſchrie⸗ bene Paket hervor. Einſam in vem grauen Gewölbe, bei dem trüben Scheine der einzigen Lampe, las ich, wie folgt. Des Eremiten Manuſtript. „Morton Devereur, gelangen dieſe Blätter je zu Dir, ſo lies ſie, ſchaudere und, was auch Dein Jammer ſein mag, preiſe Gott, daß Du nicht biſt, wie ich. Er⸗ innerſt Du Dich des vorherrſchenden Charakterzuges in meinen Knabenjahren? Nein, Du erinnerſt Dich beſ⸗ ſelben nicht. Du wirſt ſagen,„Frömmigkeit!“ Dies war es nicht!„Sanftmuth!“ Auch nicht— es war Eiferſucht! Geht Dir jetzt ein Licht auf? Ja, dies war die Krankheit in meinem Blute und in meinem Her⸗ zen, durch deren Geſpenſterſchein ich jedes lebende Weſen ſah. Liebte ich Dich? Ja, ich liebte Dich— ach, beinahe mit einer Liebe, welche der Deinigen für mich gleichkam. Ich liebte die Mutter— ich liebte Ge⸗ rald— ich liebte Montreuil. Liebe gehörte zu meinem Weſen, und ich wiberſtand dem Triebe derſelben nicht. Dich liebte ich mehr als alle Andere; aber ich war eifer⸗ ſüchtig auf Jeden. Liebkoste die Mutter Dich vder Ge⸗ rald— öffneteſt Du Dein Herz einem von Beiben, ſo ging es mir durch die Seele. Ich war es, der zur Mut⸗ ter ſagte:„Liebkoſe ihn nicht, ſonſt glaube ich, Du habeſt ihn lieber, als mich.“ Ich war es, der von mei⸗ nen früheſten Knabenjahren an die Kluft zwiſchen Dir und Gerald erweiterte. Ich war es, der dem kindiſchen Vorwurf ein Gift, dem kindiſchen Zanke einen Wiber⸗ haken ich kon ſo lieb wenn: traute nicht t M Gemüt leicht. mir m Bösart gebebt. über m Montr und D wir B es nich vieſem er mich tödtet! fragte liebte, gethan ſich me Leidenſ in Auf Du der ſpä war die abwech erſchrie⸗ Hewölbe, las ich, tter je zu Jammer ich. Er⸗ terzuges Dich deſ⸗ t Dies — es war Ja, dies nem Her⸗ s lebende war eifer⸗ der Ge⸗ zur Mut⸗ ich, Du r von mei⸗ iſchen Dir kindiſchen en Wiber⸗ Beiden, ſo haken gab. War dies Liebe? Ja, es war Liebe; aber ich konnte es nicht ertragen, daß Ihr Euch gegenſeitig ſo lieben ſolltet, wie Ihr mich liebtet. Es freute mich, wenn mir der Eine eine Klage gegen den Andern anver⸗ traute und ſagte:„Aubrey, ſo etwas hätteſt Du mir nicht thun können!“ Montreuil erkannte die ſchiefe Richtung meines Gemüthes bald, er hätte ſie verbeſſern können, und zwar leicht. Es war bei mir nicht böſe Denkart, und ich war mir meines Laſters nicht bewußt. Hätte man mir deſſen Bösartigkeit enthüllt, ſo wäre ich mit Schrecken zurück⸗ gebebt. Montreuil beſaß eine ungeheure Gewalt über mich; er konnte mich nach ſeinem Willen formen. Montreuil, ich wiederhole es, hätte mich retten können und Dich und ein drittes Weſen, beſſer und reiner als wir Beide noch in der Wiege waren. Montreuil that es nicht; er hatte einen beſtimmten Zweck im Ange, und dieſem opferte er unſer ganzes Haus. Eines Tages fand er mich, wie ich über einen Hund weinte, den ich ge⸗ tödtet hatte.„Warum nahmſt Du ihm das Leben?“ fragte er, und ich antwortete:„Weil er Morton mehr liebte, als mich!“ Der Prieſter ſagte:„Du haſt recht gethan, Aubrey!“ Ja, von dieſer Zeit an machte er ſich meine Schwäche zu Nutzen und konnte alle meine Leidenſchaften, je nachdem er ſie reizte oder beſänftigte, in Aufruhr bringen, oder beruhigen. Du kennſt den Zweifel dieſes Menſchen, während der ſpäteren Periode ſeines Aufenthaltes bei uns; es war die Wiedereinſetzung des Hauſes Stuart. Er war abwechſelnd Spion und Aufwiegler in dieſer Sache. 244 Neben umfaſſenderen Planen zu Erreichung ſeines Zweckes beabſichtigte er auch, ſich der Erben des reichen und beim Volke beliebten Sir William Devereur zu verſichern. Dies war nur eine geringe Maſche in den verwickelten Gewebe ſeiner Plane; allein es liegt in dem Charakter dieſes Menſchen, ſich wegen eines u⸗ bedeutenden Zieles ganz dieſelbe Mühe zu geben und dieſelben beſchwerlichen Ränke zu verfolgen, wie für ein großes. Bei ſeinem Eintritte in unſer Haus war ſeine Stimmung zuerſt zu Gunſten Geralds; und ich glaube, er liebt ihn bis auf den heutigen Tag mehr als Jeden von uns. Theils Deine Spöttereien, theils Geralds Zänkereien mit Dir, theils meine Vorſtellungen— dem ich war ſogar auf Montreuils Liebe eiferſüchtig— neh⸗ men ihn gegen Dich ein. überdies glaubte er, Geralh habe mehr Geſchick, ſeinen Planen zu dienen, und mehr Empfänglichkeit, um für dieſelben gebildet zu werden, als Du; unſeres Oheimes Vorliebe für Dich hielt keineswegs für unabänderlich. Ich habe geſagt, daße zu der ſpäteren Zeit ſeines Aufenthaltes bei uns Agen ves verbannten Königshauſes war. Zur Zeit, von wel⸗ cher ich jetzt ſpreche, hatte er ſich noch nicht in di großen politiſchen Entwürfe eingelaſſen, welche ih ſpäter in Anſpruch nahmen. Er war bloß ein unruhige hochſtrebender Prieſter, deſſen ganze Hoffnung, Ab⸗ ſicht und Ehrbegierde Förderung ſeines Ordens zun Ziele hatte. Er wußte, daß Wer auch des Oheim Reichthum ganz oder theilweiſe erbte, jeden Zwec, den die Häupter des Ordens beſtimmen würden, uit geſetzlicher Gültigkeit zu fördern im Stande ſei, un deßhall komme bunden habend erlangt Deine! nung v gewinn der Ta worden und ſp den Ta fungen werden zu entft zuzuwer Die Plane. blicken, ſiegte ſe — und Die nu mens, tigten i Oheime ſes auf ſich Dei * Y Verſicher Zug des ng ſeines des reichen evereur zu ſche in dem es liegt in eines un⸗ geben und wie für ein s war ſeine ich glaube, as Jeden ls Geralds gen— dem — er, Geral) t, und mehr zu werden, ich hielt ſagt, daß er i uns Agent it, von wel⸗ nicht in dir welche iht in unruhige ffnung, Ab Ordens zun des Oheim eden Zwes, würden, mit nde ſei, un deßhalb wünſchte er, uns Alle in ſeine Gewalt zu be⸗ kommen. Die Intrigue war eng mit ſeinem Geiſte ver⸗ bunden, und nur durch fie ſuchte er jeden im Sinne habenden Zweck zu erreichen.“ über Gerald und mich erlangte er bald eine unerklärliche, durchdringende Macht. Deine Gemüthsart ärgerte ihn und ließ ihn an der Hoff⸗ nung verzweifeln, je Einfluß über einen Menſchen zu gewinnen, der, wenn er auch in der Kindheit keines der Talente zeigte, wegen deren er ſeither berühmt ge⸗ worden, nichtsdeſtoweniger eine ſchlaue, durchdringende und ſpöttiſche Beobachtungs⸗ und Entdeckungsgabe an den Tag legte. So beſchloß er denn, Dich den Ausſchwei⸗ fungen Deiner Natur zu überlaſſen, überzeugt, dieſe werden ihm noch Gelegenheit geben, Dir den Oheim zu entfremden, und deſſen Beſitzungen endlich Gerald zuzuwenden. Die Prüfung in der Schule änderte zuerſt ſeine Plane. Er glaubte damals Fähigkeiten in Dir zu er⸗ hlicken, die ihm hätten nützlich werden können; er be⸗ ſiegte ſeinen Stolz— ein Hauptzug ſeines Charakters — und beſchloß, ſich um Deine Zuneigung zu bewerben. Die nunmehr folgende Regelmäßigkeit Deines Beneh⸗ mens, ſowie Deiner Fortſchritte in den Studien beſtä⸗ tigten ihn in ſeinem Entſchluſſe, und als er gar aus des Oheimes eigenem Munde hörte, daß die Güter des Hau⸗ ſes auf Dich übergehen werden, hielt er es für leichter, ſich Deine Zuneigung zu ſichern, als die des Oheimes » Man wird bemerken, daß Aubrey früher ausgeſprochene Verſicherungen häufig wiederholt; dies iſt ein ſehr gewöhnlicher Zug des Wahnſinnes. Der Herausgeber. 246 von Dir abzulenken. Damals, ich wiederhole es, ſchwebte ihm noch kein beſonderer Zweck vor, wenigſtens kein anderer als der, zum Nutzen ſeines Ordens die Verfi⸗ gung über große Reichthümer und einigen politiſchen Einfluß zu gewinnen. Einige Zeit darauf— ich weiß nicht genau wann, allein ehe wir zurückkehrten, um un⸗ ſeren bleibenden Wohnfitz in Devereur⸗Cvurt zu haben — wurde eine Rolle in der großen politiſchen Intrigue, welche ſich damals in ſo vielen Zweigen durch ganz England, ja, durch Europa hinzog, Montreuil zu⸗ getheilt. Hierin war er nach meiner Anſicht mehr der Die⸗ ner ſeines Ordens, als das unmittelbare Organ des verbannten Hauſes; auch habe ich ſeither gehört, daß er bis auf dieſen Tag unter den Mitgliedern des erſteren in großem Anſehen ftehe. Dich, Morton, köderte er vor ſeinem Abgange aus England nicht für ſeinen Plan; der Einfluß, den er über Dich errungen, ſchien ihn nicht hinreichend, um Dir das Geheimniß anzuvertrauen. Gegen Gerald und mich war er offener. Gerald ginz wegen ſeines Hanges zu Wagniſſen,— ich aus Grin⸗ den der Ehrfurcht und Religion begierig auf ſeine Vot⸗ ſchläge ein. Aus Gründen der Religion! Ja,— damals— noch lange nachher— jetzt,— wo mein Herz die Heimath aller zerſtörenden Eigenſchaften wa und iſt— herrſchte und herrſcht die Religion als De⸗ ſpotin und Tyrannin über mich. Ihre Schrecken jagen mich in vieſer Stunde um— ſie bevölkern die Erde un die Luft mit geſpenſtiſchen, drohenden Geſtalten! Sie — der Himmel möge es mir verzeihen! was wollte ich im W bies Folter Y ſchiede uns ir er vor lende „Aubr ſänfti dem at wahre Für di ligion gefälli wirken nur die Vorhal auf ein ſchmeie die Un er dur beſiege ruhig Wi den au Mortot fühl,: nerſt D die Er! ſchwebte tens kein ie Verfü⸗ olitiſchen ich weiß ,m un⸗ zu haben Intrigue, urch gan treuil zu⸗ der Die⸗ organ des ehört, daß es erſteren köderte er nen Plan; ſchien ihn vertrauen. erald ginz aus Grün⸗ ſeine Vor⸗ wo mein lten! Sie ß wollte ich 1 Ja,— im Wahnſinn ſagen? Wahnſinn?— Wehnſinn? Ja, bies iſt die wahre Geißel, das wahre Feuer, die wahre Folter, die wahre Hölle dieſer ſchönen Erde! Montreuil gewann alſo Gerald und mich auf ver⸗ ſchiedenen Wegen. Er verließ uns, blieb jedoch mit uns in fortwährendem Briefwechſel.„Aubrey,“ ſagte er vor ſeiner Abreiſe, als er ſah, wie mich ſeine auffal⸗ lende Herzlichkeit gegen Dich und Gerald verletzte,— „Aubrey,“ ſagte er, mich wegen ſeines Benehmens be⸗ ſänftigend,„glauben Sie nicht, daß ich Gerald oder dem anmaßenden Morton vertraue, wie Ihnen. Mein wahres Herz, mein wahres Vertrauen gehört Ihnen. Für die Ausführung unſeres für die Intereſſen der Re⸗ ligion ſo wichtigen, dem Willen des Himmels ſo wohl⸗ gefälligen Planes iſt es nöthig, daß wir uns aller Mit⸗ wirkenden verſichern; allein Jene, Ihre Brüder, ſind nur die Werkze uge— Sie find der Freund des großen Vorhabens.“ Wenn er der ſchwachen Seite meiner Natur auf eine zu verletzende Weiſe zu nahe getreten war, ſo ſchmeichelte er derſelben wieder ſo ſehr, daß er fie für die Unterſtützung ſeiner Plane gewann; und ſo ſiegte er durch meine übeln Neigungen, anſtatt dieſelben zu beſiegen. Fluch—— Nein, nein, nein! Ich will ruhig bleiben. Wir kehrten nach Devereur⸗Court zurück, und wur⸗ den aus Knaben Jünglinge. Ich liebte Dich damals, Morton. Ach! was gäbe ich jetzt für ein ſo reines Ge⸗ fühl, wie ich es in der Liebe zu Dir empfand? Erin⸗ nerſt Du Dich des Tages, an welchem Du dem Oheime die Erlauhniß abgedrungen hatteſt, uns zu verlaſſen, 248 um die Vergnügungen und die Pracht Londons zu ge⸗ nießen? Erinnerſt Du Dich des Abends jenes Tages, als ich Dich aufſuchte, wir uns auf einen kleinen Erd⸗ hügel ſetzten und von Deinen Planen redeten, und Du zu mir von meiner Frömmigkeit und meinen reineren, weniger heißen Empfindungen ſprachſt? Morton, in eben jenem Augenblicke hrannten meine Adern vor Lei⸗ denſchaft!— in eben jenem Augenblicke nährte mein Herz den Geier, der in demſelben ewig leben und ſeine Raubgier befriedigen ſollte! Dreimal faßte ich, wäh⸗ rend wir damals beiſammen ſaßen, den Entſchluß, mich Dir anzuvertrauen, und dreimal ließ es mein böſer Engel nicht zu. Du ſchienſt, trotz Deiner Zärtlichkeit für mich, ſo gänzlich von Deinen eigenen Hoffnungen in Anſpruch genommen— ſchienſt ſo wenig Schmerz über die Trennung von mir zu empfinden— verletzteſt in jenen kurzen Geſprächen das Gefühl, vermöge deſſen ich gerne alle Diejenigen ausſchließlich beſeſſen hätte, die ich liebte, ſo oft und ſo tief, daß ich in meinem In⸗ neren ſagte:„Warum ſollte ich mein Herz Jemanden aufſchließen, der es ſo wenig verſteht?“ ſo gingen wir nach Hauſe, und Du ahnteſt nicht, was damals in mir vorging, und was Dein wie mein Fluch werden ſollte. Wenige Wochen vor jenem Abende hatte ich ein Weſen geſehen, daß ich in demſelben Augenblicke auch liebte! Liebe! Ich ſage Dir, Morton, dieſes Wort vrückt ſanfte unv zärtliche Empfindungen aus, und e ſollte daher noch ein anderes geben, für Alles was grim⸗ mig, finſter, erbarmungslos im Menſchenherzen iſ! — für Alles, was dem töbtlichſten, ſchwärzeſten Haßſ gleich und v Natur ich mie Somm in dem ich blie welche lichkeit oder d an kat Orte i Gift fand i zu ſpr berühr treten Je und ic geſtant heimhe müths zu eir Gemü ein ein und ic vor G ſchen fen an üblich s zu ge⸗ Tages, en Erd⸗ und Du eineren, rton, in vor Lei⸗ rte mein und ſeine h, wäh⸗ uß, mich ein böſer rtlichkeit ffnungen Schmerz verletzteſt ge deſſen en hätte, inem In⸗ Jemanden ingen wir ils in mir en ſollte. te ich ein licke auch ſes Wort „ ndes was grim⸗ erzen iſt! ſten Haſſe 249 gleich ſieht, und voch kein Haß iſt! Ich ſah dieſes Weſen, und von dieſem Augenblicke an erwachte meine wahre Natur, welche bisher geſchlafen hatte! Noch erinnere ich mich wohl, es war an einem Abende im Anfange des Sommers, als ich ſie zum erſtenmale ſah. Sie ſaß allein in dem kleinen Garten neben der Thüre des Landhauſes; ich blieb ſtehen und blickte ungeſehen über die dünne Hecke, welche uns trennte, und labte mein Auge an einer Lieb⸗ lichkeit, die, wie ich bisher gedacht, nur dem Zwielichte oder den Sternen gehören könne! Von dieſem Abende an kam ich Tag für Tag, um Abends an demſelben Orte ihrer zu harren, und ſo oft ich ſie ſah, drang das Gift tiefer und immer tiefer in meine Seele. Endlich fand ich Gelegenheit, ihr bekannt zu werden— mit ihr zu ſprechen— ſie ſprechen zu hören— den Boden zu berühren, den ſie geheiligt hatte— in das Haus zu treten, worin ſie wohnte! Ich muß dies erklären; ich habe geſagt, Gerald und ich haben in geheimem Briefwechſel mit Montreuil geſtanden— wir waren Beide Dir gegenüber zu Ge⸗ heimhaltung deſſelben verpflichtet— was meine Ge⸗ müthsart und Geralds Kälte gegen Dich uns Beiden zu einer leichten Aufgabe machte;— ich ſage meine Gemüthsart— denn ich gefiel mir in dem Gedanken, ein einem Anderen unbekanntes Geheimniß zu befitzen, und ich trieb die Zurückhaltung ſo weit, daß ich ſogar vor Gerald den größeren Theil der Correſpondenz zwi⸗ ſchen dem Abbe und mir verheimlichte. In ſeinen Brie⸗ fen an uns Beide benahm ſich Montreuil mit der ihm üblichen Feinheit; Gerald, dem Alteren, dem Unter⸗ 250 nehmungsluſtigeren, dem nach Ausſehen und Charakter Männlicheren, wurde zugewieſen, was Gegenſtand wirk⸗ lichen Vertrauens, wirklicher Bedeutung war. Gerald war es, der unter dem Vorwande, als ginge er ſeinen gewöhnlichen Jagden nach, mit den verſchiedenen ge⸗ heimen Agenten verkehrte, welche von Zeit zu Zeit unſere Küſte beſuchten; mir gab der Abbe zärtliche Worte und nahm die Sprache noch innigeren Vertrauens an. „Was,“ konnte er ſagen,„bei unſeren gegenwärtigen, halbgereiften Plänen einer Gefahr unterliegt, aber kei⸗ nen Lohn verſpricht, vertraue ich Gerald an; ſpäter ſollen weit wichtigere Aufträge und ſicherere und ge⸗ fahrloſere Verhältniſſe Ihnen zu Theil werden. Wir ſind die Häupter— unſer ſei die eblere Arbeit an dem Plane— überlaſſen wir geringeren Naturen den leeren, gefährlichen Triumph, das auszuführen, was wir aus⸗ gedacht haben.“ All dem fügte ich mich ſehr gerne; denn trotz meiner Tbeilnahme an Montreuil's Wünſchen han⸗ velte ich nicht gerne, ſondern haßte vielmehr Alles, was mich aus meiner träumeriſchen, abſtrakten Unthä⸗ tigkeit herausriß, welche meinem Temperamente am meiſten zuſagte. Bisweilen verlangte indeſſen Mont⸗ reuil, wobei er mit ſeinem Vertrauen ſehr groß that, die Ausführung irgend eines ruhigen, unwichtigen Geſchäftes von mir; von dieſer Art war ein Auftrag, den ich erhielt, als ich, dem Gegenſtand meiner Liebe noch unbekannt, meine Seele in den erſten Rauſch der Liebe tauchte. Ich brauche nicht zu ſagen, daß die An⸗ ſchläge, welche gewiſſe Geiſtliche damals hegten, ſich in eit des ſonde Werk warer in Fo men, heibe chens wißhe nehm verſp 2 wiſſe Gege geheit er ſp mitzu ſollte Brie habe Letzte und nach der g des konnt einm der mit ſ harakter d wirk⸗ Gerald er ſeinen enen ge⸗ it unſere e Worte mens an. värtigen, aber kei⸗ ſpäter und ge⸗ en Wir it an dem en leeren, wir aut⸗ enn trotz en n⸗ ehr Alles, en Unthä⸗ mente am n Mont⸗ groß that, wichtigen Auftrag, iner Liehe kauſch det ß die An⸗ ten, ſich in einer geglieberten Kette über den größeren Theil des Continentes verbreiteten. Spanien war insbe⸗ ſondere der Schauplatz dieſer Intriguen, und unter den Werkzeugen, welcher man ſich zur Ausführung bediente, waren Leute, die, obwohl aus jenem Lande verbannt, in Folge der hohen Stellung, welche ſie dort eingenom⸗ men, durch ihren bloßen Namen einen gewiſſen Einfluß beibehielten. Unter dieſen ſtand der Vater des Mäd⸗ chens, welches ich liebte, vornen an— und mit Ge⸗ wißheit durfte man annehmen, daß er in jeder Unter⸗ nehmung, welche einem unruhigen Geiſte Beſchäftigung verſprach, gleichfalls nicht zurückbleiben werde. Montreuil gab mir jetzt den Auftrag, einen ge⸗ wiſſen Barnard aufzuſuchen(einen damals in unſerer Gegend lebenden untergeordneten Gehülfen bei jenen geheimen Geſchäften oder Dienſtleiſtungen, wegen deren er ſpäter mit dem Leben büßte) und ihm eine Botſchaft mitzutheilen, welche er dieſem Spanier überbringen ſollte. Ein Gedanke blitzte in mir auf— Montreuil's Brief erwähnte zufällig des Umſtandes, der Spanier habe Barnard noch nie geſehen:— konnte ich nicht den Letzteren vorſtellen— ſelbſt die Nachricht überbringen und ſo mir die Einführung bei der Tochter verſchaffen, nach welcher ich ſo heiß verlangte, und die ich wegen der großen, ſtrengen Zurückhaltung in dem Benehmen des Vaters auf keine andere Weiſe bewerkſtelligen konnte? Dem FPlane ſtanden zwei Umſtände entgegen: einmal, daß man mich in der Stadt, in deren Nähe der Spanier wohnte, perſönlich kannte, und dieſer ſo⸗ mit ſehr bald entdecken konnte, wer ich wirklich ſei; 252 ſodann, daß ich nicht in dem Beſitze alles deſſen war, was Barnard vielleicht wußte, und worüber der Spa⸗ nier Aufklärung wünſchte; allein dieſe Einwürfe waren für mich nicht von beveutendem Gewichte. Was den erſten betrifft, ſprach ich zu mir ſelbſt, ſo will ich die beharrlichſte Vorſicht gebrauchen; ich will immer zu Fuße, und allein gehen— ich will mich nie in der Stadt ſelbſt ſehen laſſen— und ſollte je der Spanier, der ſelten aus dem Hauſe zu kommen ſcheint und viel⸗ leicht nicht einmal unſere Sprache ſpricht— ſollte er je erfahren, daß Barnard nur ein anderer Name für Aubrey Devereur iſt, ſo wird dies wenigſtens erſt ge⸗ ſchehen, nachdem ich meinen Zweck erreicht habe, ja vielleicht erſt wenn ich ſelbſt die Bekanntwerdung mei⸗ ner wahren Verhältniſſe wünſche. Auf die zweite Einwendung hatte ich eine noch ſchnellere Antwort. „Ich will Montreuil,“ ſagte ich,„auf einmal mit meinem Vorhaben bekannt machen, will ſeine Nachſicht als einen Beweis ſeines Vertrauens und als einen Ver⸗ ſuch, worin er mein eigenes Talent zur Intrigue er⸗ proben könne, in Anſpruch nehmen. Geſagt, gethan; der Prieſter, dem es vielleicht recht war, mich ſo tief zu verwickeln und mich ſo glühend für ſein Projekt zu finden, willigte ein. Glücklicher Weiſe war Barnard, wie bereits geſagt, bloßer Helfershelfer— jung— unbekannt— von niedriger Herkunft. Meine Jugend war ſomit kein ſo großes Hinderniß meiner Verkah⸗ pung, als ſie möglicher Weiſe hätte ſein können. Mont⸗ reuil verſah mich mit allen nöthigen Notizen. Ich verſuchte(das erſtemal mit klopfendem Herzen und zitte ihn Fluc — 1 welc ſchul beter den ( durch ſtellt von ging „Ich ſende dara Unte mein — n gefül Auge dieſe ten( ren! Ran! Arm ſtürz les n ſamk an; en war, er Spa⸗ e waren Vas den lich die uer zu in der Spanier, nd viel⸗ ſollte er ame für erſt ge⸗ habe, ja ing mei⸗ e zweite Antwort. mal mit Nachſicht nen Ver⸗ igue er⸗ gethan; ch ſo tief rojekt zu Barnard, jung— e Jugend Verkap⸗ WMont⸗ en. Ich rzen und zitternder Stimme) den Trug; er gelang— ich ſetzte ihn fort. Ja, Morton, ja!— ſprich Deinen bitterſten Fluch über mich aus— in mir— in Deinem Bruder — in dem Dir ſo theuren Bruder— in dem Bruder, welchen Du für ſo leidenſchaftlos— ſo rein— ſo un⸗ ſchuldig hielteſt— erkenne jenen Barnard— den An⸗ beter— den vergötternden Anbeter— den Feind— den Todfeind— von Iſora d'Alvarez!“ (Hier war das Manuſetipt mehrere Seiten fort durch unzuſammenhängende, finnloſe Raſereien ent⸗ ſtellt. Es ſchien, als ſei einer jener düſtern Anfälle von Wahnſinn über den Schreiber gekommen. Endlich ging es in feſteren und deutlicheren Zügen alſo weiter:) „Ich liebte ſie, aber ſchon damals mit einer aufbrau⸗ ſenden ahnungsvollen Liebe— voll Ahnung deſſen, was daraus entſtand. Oft wenn wir an ſtillen Abenden dem Untergange der Sonne mit einander zuſahen— wenn meine Zunge bebte, aber nicht zu ſprechen wagte— — wenn nun ſanfte, liebliche Gedanken das Herz des gefühlvollſten, ſchönſten Weſens füllten und in ſeinen Augen glänzten— wenn meine eigene Stirne vielleicht vieſelben Empfindungen wiederzuſtrahlen ſchien— tob⸗ ten Gefühle in mir, die mich ſchaudern machten. Wä⸗ ren wir in ſolchen Augenblicken mit einander an dem Rande eines Abgrundes geſtanden, ſo hätte ich meine Arme um ſie ſchlingen und mich mit ihr in die Tiefe ſtürzen können. Mit Ausnahme eines einzigen Gefüh⸗ les nährte Alles meine Leidenſchaft— Natur— Ein⸗ ſamkeit— frühere Träume— Alles fachte das Feuer an; nur die Religion widerſetzte ſich demſelben; ich 254 wußie, daß es eine Sünde ſei, ein Erdengeſchöpf ſo zu lieben, wie ich liebte. Ich wandte Geißel und Faſten an— ich weinte heiße, brennende Thränen— ich betete, und die Inbrunſt meines Gebetes erſchreckte mich ſelbſt, wie es in der tiefen Stille der einſamen Racht meinem wahnſinnigen Herzen entſtieg; allein die Flamme brannte in Folge des Wiberſtandes nur höher und verſengender; ja eben das Bewußtſein meiner ſünd⸗ haften Liebe war es, das derſelben eine ſo furchtbare, düſtere Geſtalt gab.„ Du biſt die Urſache meines Ab⸗ falles vom Himmel!“ murmelte ich, wenn ich in Iſoras ruhiges Antlitz blickte—„Du fühlſt es nicht, und ich möchte dich und mich verderben— mich den Freyler— dich, die Urſache des Frevels!“ Meine Augen müſſen meine Gefühle ausge⸗ vrückt haben, ſo daß Iſora mich nicht liebte— daß ſie gleich anfangs vor mir zurückbehte— wie hätte ſie ſonſt nicht dieſelben Gefühle erwecken müſſen, die ſie für Dich zeigte? Waren die Verhältniſſe meiner Geſtalt nicht eben ſo vollkommen wie die Deinigen? — jlüſterte meine Stimme nicht in eben ſo ſüßem Tone?— liebte ich ſie nicht mit derſelben ſchwärmeri⸗ ſchen Liebe? Warum ſollte ſie nicht auch mich lieben? Mich ſah ſie zuerſt— ſie würde,— ach, ſie würde mich vielleicht geliebt haben, wenn Du nicht gekommen wäreſt und Alles vervorben hätteſt. Fluch denn über Dich, daß Du mein Nebenbuhler warſt!— Fluch über Dich, daß Du mein Herz zu einem Flammenpfuhl mach⸗ teſt, und mein Gehirn durch Wahnſinn zerriſſeſt— Fluch— O heilige Jungfrau, vergib mir!— ich weiß Hand D kennen fuhr, dem A Iſora voraus zu lieb Liebe e 39 ſal nen O! den GS meinen den iſt. N hauſe e liebend wir ein fen, w Verdru Morge Abſicht noch m Strom badurch Von D bemerkt Deiner verbreit pf ſo zu id Faſten n— ich rſchreckte einſamen allein die ur höher ner ſünd⸗ urchtbare, eines Ab⸗ in Iſora's „und ich Freyler— le ausze⸗ te— daß wie hätte üſſen, die ſſe meiner Deinigen? ſo ſüßem gekommen venn über hwärmeri⸗ 2⁵5 weiß nicht, was meine Zunge ſpricht, noch was meine Hand ſchreibt! Du kamſt denn, Morton, Du kamſt— lernteſt ſie kennen— liebteſt ſie— und ſie liebte Dich. Ich er⸗ fuhr, daß Du Zutritt in das Landhaus erhalten, und in dem Augenblicke, wo ich es erfuhr, durchſchaute ich Iſora und fühlte mein Schickſal wie durch Eingebung vpraus; ich ſah auf einmal, daß ſie geeignet war, Dich zu lieben— ich ſah den Augenblick vorher, wo dieſe Liebe aus dem Funken ſich zur Flamme anfachen würde. Ich ſah es— und meine Augen kreisten, und in mei⸗ nen Ohren hrauste es wie das Getöſe einer branden⸗ den See, und mir war es, als riſſe eine Saite in meinem Gehirne, die ſeitdem nie wieder vereinigt wor⸗ den iſt. Nur einmal, nachdem Du Zutritt in dem Land⸗ hauſe erhalten, nährte ich den Gevanken, mich Dir als liebender Nebenbuhler zu entdecken, und zwar nachdem wir eines Abends in der Schloßhöhle zuſammengetrof⸗ ſen, wo Deine Freunblichkeit mich zu meinem eigenen Verdruſſe gerührt und milder geſtimmt hatte. Am Morgen nach jener Nacht ſuchte ich Dich auf, in der Abſicht, Dir Alles mitzutheilen; während ich jedoch noch mit meiner Verlegenheit und dem erſtickenden Strome meiner Empfindungen kämpfte, kamſt Du mir badurch zuvor, daß Du mich in DeinVertrauen zogeſt. Von Deinen eigenen Gefühlen in Anſpruch genommen, bemerkteſt Du die meinigen nicht; und während Du bei Deiner Liebe zu Iſora verweilteſt und Dich über dieſelbe verhreitetet, ſchwand mit Ausnahme der QOnal und 256 des Haſſes jede Empfindung aus meiner Bruſt. 3 antwortete Dir nicht ausführlich, denn ich war zu ſehr aufgeregt, um mich an ein weitläufigeres Geſpräch zu wagen; am folgenden Tage aber hatte ich mich gefaßt und entſchloſſen, ſo gut ich es konnte, den Heuchler u ſpielen.„Er kann ſie nicht lieben, wie ich!“ ſprach ich;„vielleicht kann ich, ohne mich als Nebenbuhler zu entdecken, und ohne hei dem Verſuche, eine Sünde zu hegehen, ihn durch Vernunftgründe von ihr ab⸗ bringen.“ Von dieſem Gedanken durchdrungen, nahm ich mich zuſammen— ſuchte Dich auf— machte Dir Vorſtellungen— hielt Dir Deine thörichte Liebe in Deinen Verhältniſſen vor und ſagte Alles, was die Klugheit— umſonſt predigt, wenn ſie gegen Leiden⸗ ſchaft ſpricht. Laſſe mich kurz ſein. Ich ſah, daß ich keinen Eindruck auf Dich machte— ich erſtickte meinen Grimn — fuhr fort, Iſora zu beſuchen und zu bewachen. Meine Gelegenheit paßte ich wohl ab— meine beſtän⸗ dige Kenntniß aller Deiner Schritte machte mir bie leicht; überdies ſtellte ich dem Spanier vor, wie es py⸗ litiſche Gründe nothwendig machen, daß ich Dir ver⸗ borgen bleibe; und ſomit begegneten wir uns ni, Eines Abends war Alvarez behufs einer Zuſamme⸗ kunft mit einem ſeiner Landsleute und Mitverbünd⸗ ten ausgegangen. Ich fand Iſora allein in dem abhe⸗ legenſten Theile des Gartens— ich fand ſie allein; ihre Liebenswürdigkeit und die ausnehmende Zartheit ihres Benehmens überwältigten mich. Zum erſtenmale ſprach ſich mein Herz aus, und ich ſagte ihr, wie ich ſe vergs Wort Furch und il nunft Der auf. Iſora mich. und V mich il der Br nes, de wildeſt ich wei und er ober vi In die nes Pf Miene er wirt ich mit blitzte i Armn Weib! gleitete Devere benbuh je entd Bu ruſt. Ich ar zu ſehr eſpräch u ich gefaſt eche e ſprach ebenbuhler eine Sünde on ihr ab⸗ gen, nahm nachte Dir e Liebe in „ was die gen Leiden⸗ ich keinen ten Grimm bewachen. eine beſtän⸗ te mir dies „wie es po⸗ ch Dir ver⸗ runs nie Zuſammen⸗ itverbünde⸗ n dem abze⸗ allein; ihre artheit ihres erſtenmalt r, wie ich ſe 257 vergöttere. Vergöttere!— ja, dies iſt das einzige Wort, da es zugleich Hingabe und Sünde bezeichnet. Furchtſam, ſanft, kalt hörte ſie mich an. Sie ſprach— und ihr Mund beſtätigte mir das, was mir meine Ver⸗ nunft vorhergeſagt— daß keine Hoffnung für mich ſei. Der Pfeil, der mein Herz vurchbohrte, regte es auch auf.„Genug!“ rief ich tobend,„Du liebſt dieſen Mor Devereur, und ſeinetwegen werde ich verſchmäht.“ Iſora erröthet, zitterte, und alle meine Sinne verließen mich. Kaum weiß ich, in welche Worte mefne Wuth und Verzweiflung ſich kleideten; aber ich weiß, daß ich mich ihr entveckte— ich weiß, daß ich ihr ſagte, ich ſei der Bruder— der Nebenbuhler— der Feind des Man⸗ nes, den ſie liebe— ich weiß, vaß ich die fürchterlichſten, wildeſten Drohungen und Verwünſchungen ausſtieß— ich weiß, daß meine Heftigkeit ſie dergeſtalt überwältigte und erſchreckte, daß ihre Sinne eben ſo umwölkt— ober vielmehr ebenſo vernichtet waren, wie die meinigen. In dieſem Augenblicke ließen ſich die Hufſchläge Dei⸗ nes Pferdes hören; Iſora's Auge leuchtete auf und ihre Miene gewann Feſtigkeit.„Er kommt,“ ſagte ſie,„und er wird mich beſchützen!“—„Höre mich!“ erwiderte ich mit gebämpfter Stimme, und der gezogene Degen hlitzte in meiner einen Hand, während die andere ihren Arm mit wüthender Kraft packte—„höre mich an, Weib!“— und ein Schwur der grimmigſten Wuth be⸗ gleitete meine Drohung—„ſchwöre, daß Du Morton Devereur nie entdecken willſt, wer ſein wirklicher Ne⸗ benbuhler iſt— daß Du weder ihm, noch ſonſt Jemand je entdecken willſt, daß Barnard und Aubrey Devereur Buſwer, Devereur. II. 17 F 258 dieſelbe Perſon ſind— ſchwöre mir dies, oder ich ſchwöre(und ich wiederholte in feierlicher Wuth den fürchterlichen Eib), vaß ich hier bleibe— daß ich mich meinem Nebenbuhler gegenüber ſtelle— daß ich in dem Augenblicke, wo er meiner anſichtig wird, dieſen Degen in ſeine Bruſt ſtoße— und daß ich, ehe ich ſelbſt mit dem Leben büße, nach der Stadt eile und dort ein Geheimniß veröffentliche, das Deinen Vater an den Galgen bringt— jetzt, Deine Wahl?“ Morton, Du haſt die weibliche Sanftheit meines Geſichtes oft geprieſen, der Oheim hat oft darüber ge⸗ ſpöttelt. Es hat Augenblicke gegeben, wo ich dieſes Geſicht im Spiegel geſehen und nicht erkannt habe, ſon⸗ dern in wildem Schrecken zurückfuhr und einen Teufel zu ſehen glaubte: vielleicht war in jenem Augenblick eine ſolche Veränberung über daſſelbe gekommen. Lang⸗ ſam blickte mich Iſora an— langſam erbleichten ihre Lippen und Wangen zu den Farben des Todes— lang⸗ ſam ſprach ihr Mund den verlangten Eid nach. Jch ließ ihren Arm los und plötzlich fiel ſie, wie vom Blitze getroffen, befinnungslos zu Boden. Ich verweilte nicht bei dem Anblicke deſſen, was ich angerichtet— ich hört⸗ Deine Schritte näher kommen— ich floh auf einem Pfade, der von dem Garten nach der Küſte führte— und erreichte meine Wohnung, ohne daß mir auch m eine einzige Erinnerung blieb, welchen Weg ich zu i⸗ ſem Behufe eingeſchlagen. Trotz der Racht, die ich verlebt— einer Nacht deren Vorſtellung ich Dir überlaſſe— ſtand ich am fo genden Morgen mit der brennenden Begierde auf, von Dir z gen, genth Deine mit m daß i Liebe Dir z mißfie A Erſta ging Nähe werth miren derba Gefü wünſi und ſem geſag res ü ment dieſer Mon Dir oder erlan wurd wähl oder ich Wuth den ich mich d dort ein er an den eit meines arüber ge⸗ ich dieſes habe, ſon⸗ nen Teufel Augenblicke es— lang⸗ nach. Jh vom Blitze weilte nicht — ich hörte auf einen te führte— ir auch nut g ich zu di⸗ iner Nacht, d ich am fol⸗ de auf, von aß ich in d, dieſen e ich ſelbſt en. Lang⸗ eichten ihre 259 Dir zu erfahren, was ſich nach meiner Flucht zugetra⸗ gen, und mit einer der ſtürmendſten Leidenſchaften ei⸗ genthümlichen Kraft äußerlicher Faſſung hörte ich auf Deinen Bericht. Ich ſah, daß ich ſicher war, und hörte mit wonniger Freude, wie Iſora Dich zurückgewieſen, daß ich nicht weiß, ob ihre Einwilligung in meine Liebe mich in gleiches Entzücken verſetzt haben würde. Dir zum Troſte äußerte ich einige Gemeinplätze— ſie mißfielen Dir, und wir ſchieden. An dem Abende jenes Tages erhielt ich zu meinem Erſtaunen einen geheimen Beſuch von Montreuiſ. Er ging mit Planen um, die ihn aus Frankreich in unſere Nähe gebracht hatten, die es ihm jedoch wünſchens⸗ werth machten, unentveckt zu bleiben. Bald hatte er mir mein Geheimniß entlockt; es iſt in der That wun⸗ derbar, welche Macht er beſaß, meine Gedanken und Gefühle zu durchſchauen, zu beherrſchen, zu leiten. Er wünſchte damals, Alvarez eine Mittheilung zu machen und einen Brief zuzuſtellen. Ich ſelbſt durfte mich die⸗ ſem Auftrage nicht unterziehen, denn Du hatteſt mir geſagt, Du wolleſt Wache halten, ob Du nichts Nähe⸗ res über dieſen Barnard erfahren oder mit ihm zuſam⸗ mentreffen könneſt, und ich wußte, daß Du in eben dieſer Abſicht ausgegangen warſt. Eben ſo wenig hatte Montreuil ſelbſt Luſt, ſich der Gefahr auszuſetzen, von Dir bemerkt zu werden— von Dir, über den er, früher oder ſpäter, damals noch hoffte, dieſelbe Gewalt zu erlangen, welche er über Deine Brüder ausübte. So wurde denn Gerald zu Beſorgung des Auftrages ge⸗ wählt. Er übernahm denſelben— er kam mit Alvarez 260 das erſte⸗ und einzigemal an der Küſte unweit der Stadt zuſammen. Du ſahſt ihn und glaubteſt den wahren Bar⸗ nard zu erblicken. Doch, ich greife vor— denn erſt ſpäter unter⸗ richteteſt Du mich von dieſem Vorfalle und den Folge⸗ rungen, die Du daraus gezogen. Du kehrteſt, nachdem Du Zeuge der Zuſammenkunft geweſen, nach Hauſe, und zwei Tage hielten Dich Deine Leidenſchaften(Leiden⸗ ſchaften, welche, ſo tief und grimmig wie die meinigen, zeigten, daß Du unter ähnlichen Umſtänden vielleicht in dieſelbe Schuld verfallen wäreſt) in einem Fieber. Du konnteſt mehre Tage das Bett nicht verlaſſen; dieſe Zeit machte ich mir zu Nutzen. Montreuil gah mir einen Plan an, der mir ſehr willkommen war. Ich ſuchte den Spanier auf und ſagte ihm im Vertrauen, Du bewer⸗ beſt Dich, jedoch in der ſchändlichſten Abſicht, um ſeine Tochter. Ferner ſagte ich ihm, daß Du, um Iſora jeden Schutzes zu berauben und jedes Hinderniß, das aus ihrem Stolze entſpringen dürfte, aus dem Wege zu räumen, beabſichtigeſt, ihn, deſſen Pläne Du entdeckt, ver Regierung anzugeben. Ich ſagte ihm, das beſte und klügſte, ja das einzige Rettungsmittel für ihn und Iſora beſtehe darin, daß er ſeine jetzige Wohnung verlaſſe und ſich in das Gewühl der Hauptſtadt flüchte Ich ermahnte ihn, Dir nicht zu verrathen, daß er um Deine verbreche⸗ riſchen Abſichten wiſſe, um Dich nicht unnöthigerweiſe zu erbittern. Ich verſah ihn mit dem Nöthigen, um Dir Dein Darleihen zurückzugeben, durch welches ſich Deine Bekanntſchaft mit ihm angeſponnen hatte, und piktirte ihm Wort für Wort das Billet, welches er jener Sun warf teſt mehr ſelbe mir vacht ſucht andet geber mir wirkl Men Du Barn That den ſeinet ſch 5 gende Tage nach Unter war wega erſtau bemä reits der Stadt hren Bar⸗ er unter⸗ en Folge⸗ „nachdem ch Hauſe, n(Leiden⸗ meinigen, vielleicht m Fieber. ſſen; dieſe mir einen ſuchte den Du bewer⸗ um ſeine ſora jeden das aus Wege zu entdeckt, beſte und und Iſora laſſe und ermahnte htte„und s er jener 261 Summe beiſchloß. Nun fühlte ich mich glücklich. Du warſt von Iſora getrennt— ſie konnte Dich, Du konn⸗ teſt ſie vergeſſen. Ich beſaß das Geheimniß des nun⸗ mehrigen Aufenthaltes ihres Vaters— ich konnte den⸗ ſelben nach Gefallen aufſuchen und endlich— ſo flüſterte mir die Hoffnung ein— ihre Liebe gewinnen. Einige Zeit darauf erwähnteſt Du Deines Ver⸗ vachtes hinſichtlich Geralds; ich verſtärkte denſelben nicht, ſuchte ihn aber auch nicht aufzuheben. Sie haſſen ein⸗ ander bereits, dachte ich, kann es einen größeren Haß geben? inzwiſchen wird aber dadurch der Verdacht von mir abgeleitet!— Gerald wußte von dem Treiben des wirklichen Barnard; allein daß ich den Namen dieſes Menſchen angenommen, war ihm nicht bekannt. Als Du ihn beſchuldigteſt, er wiſſe Näheres über dieſen Barnard, gerieth er natürlich in Verwirrung. Der Thatſache ſeiner Nebenbuhlerſchaft mit Dir legteſt Du den Grund dieſer Verwirrung unter, während ſie in Wahrheit aus dem Glauben entſprang, Du ſeieſt mit ſeinen politiſchen Anſchlägen bekannt. Montreuil, der ſich hauptſächlich auf der der Schloßhöhle gegenüberlie⸗ genden kleinen Inſel aufgehalten, war an demſelben Tage nach Frankreich zurückgekehrt, an welchem Alvarez nach London abreiste. Zuvor hatten wir noch mehre Unterredungen hinſichtlich meiner Liebe gehabt. Anfangs war er nicht mit derſelben einverſtanden und wollte ſie wegargumentiren, endlich aber gab er, betroffen und erſtaunt über die Kraft, mit welcher ſich dieſelbe meiner bemächtigt hatte, meiner Heftigkeit nach. Ich habe be⸗ reits geſagt, daß ich in einer Hinſicht ſeinem Rathe ge⸗ 262 folgt ſei. Das Bewufßtſein, ſeinem Rathe nachgehandelt zu haben— dem Rathe eines ſo frommen, von menſch⸗ lichen Leidenſchaften ſo reinen— einem einzigen Zwecke, den er als Sache der Religion erkannte, ſo hingegebenen Mannes— zudem dem Rathe eines Andern in einer ſo leidenſchaftlichen, überwältigenden Liebe— dieſes Be⸗ wußtſein war Schuld, daß ich mich ſelbſt für weniger ſündhaft hielt, als zuvor. Auch jetzt berieth er mich wleder.„Suchen Sie Iſora nicht auf,“ ſagte er, „ehe einige Zeit verſtrichen iſt— erſt wenn die noch friſche Liebe zu Ihrem Bruder ſich verloren— wenn der Eindruck von Furcht, den Sie ihr gemacht, ſich etwas verwiſcht hat— wenn endlich Zeit und Entfernung auch in Mortyns Gemüth das Ihrige gethan haben, dann werden Sie eines Nebenbuhlers enthoben ſein, der nicht nur Bruder, ſondern außerdem ein Menſch von kühner, entſchloſſener, unnachgiebiger Sinnesart iſt.“ Ich folgte dieſem Rathe— theils weil er mir ſo ſchöne Ausſichten eröffnete, theils weil ich nicht ſyſte⸗ matiſch böſe war und daher womöglich gern über unſere Rivalität hinweggekommen wäre, hauptſächlich aber weil ich wußte, daß, wenn ich ihrer Gegenwart beraubt ſei, es Dir auch nicht beſſer gehe; denn Eiferſucht war in mir eine weit durchgreifendere, unerträglichere Lei⸗ venſchaft, als ſelbſt die Liebe, aus welcher ſie entſprang. So ging die Zeit hin— Du gabſt Dir den Anſchein, als habeſt Du Deine Liebe beſiegt und findeſt an der Leichtfertigkeit und dem leeren Treiben der Weltkinder Gefallen. Ich ſah tiefer in Dein Herz. Ich nährte die Leidenſchaft der Liebe in der eigenen Bruſt, und meine Augen verbor ſchaute Zu Deiner das eit Deinen Ich ſpr einen„ er, geb angehs beſaß r reien, hatte z trauen hülfloſe eine St zufällie in mei Deines hatte, Desma land, ſ genomr doppelt einträg jeden in unſe über je ten Sp gehandelt nmenſch⸗ nZwecke, eebenen einer ſo ieſes Be⸗ weniger er emich ſagte er, die noch wenn der ich etwas mng auch en, dann der nicht nkühner, er mir ſo cht ſyſte⸗ er unſere lich aber t beraubt ſucht war chere Lei⸗ ntſprang. Anſchein, ſt an der eltkinder ährte die ind meine 263 Augen bekamen dadurch eine Sehkraft, womit ich die verborgenſten Geheimniſſe in der Liebe Anderer durch⸗ ſchaute. Zwei Ereigniſſe von Wichtigkeit begaben ſich vor Deinem Abgange von Devereux⸗Court nach London; das eine war die Einführung von Jean Desmarais in Deinen Dienſt, das andere Dein Bruch mit Montreuil. Ich ſpreche zunächſt von dem erſten. Der Abbe hatte einen Jugendbekannten, der in demſelben Dorfe, wie er, geboren war und urſprünglich auch demſelben Stande angehörte; er hatte eine gute Erziehung genoſſen und beſaß natürlichen Verſtand. In Folge einiger Betrüge⸗ reien, welche er ſich im Hauſe eines franzöſiſchen Großen hatte zu Schulden kommen laſſen, wo man großes Ver⸗ trauen in ihn geſetzt, ſah er ſich in einer verzweifelt hülfloſen Lage, als Montreuil Gelegenheit fand, durch eine Stelle in unſerer Familie für ihn zu ſorgen. Einige zufällige, leichtfertige Bemerkungen von Dir, deren ich in meiner Correſpondenz mit Montreuil als Belege Deines Benehmens und damaligen Treibens erwähnt hatte, gaben Gelegenheit für einen längſt gefaßten Plan. Desmarais kam auf einem Schmugglerſchiffe nach Eng⸗ land, ſtellte ſich Dir als Bedienter vor und wurde an⸗ genommen. Bei dieſem Plane hatte Montreuil einen doppelten Zweck— einmal, Desmarais einen ziemlich einträglichen Poſten in England zu ſichern, der für jeden Plan ober Anſchlag geeignet wäre, den Montreuil in unſerm Lande von Jenem fordern würde; ſovann, über jeden Deiner Schritte fortwährend einen gewand⸗ ten Spion zu haben. 264 Was das zweite vorerwähnte Ereigniß betrifft, näm⸗ lich Deinen Bruch mit Montreuil——“ (Hier erzählte Aubrey mit derſelben fürchterlichen Genauigkeit, die ſeinen bisher gegebenen Bericht be⸗ zeichnet, und den Gegenſatz mit den dunkleren, mehr an Verrücktheit grenzenden Stellen in dem Manuſeripte doppelt ſchauderhaft machte, das, was der Leſer ſchon von Oswald vernommen zu haben ſich erinnern wirb, nämlich hinſichtlich des Briefes, den dieſer von Frau von Balzac überbrachte. Montreuils plötzliches Erſchei⸗ nen in dem Schloſſe war dem Vermuthen nach von Des⸗ marais herbeigeführt worden, welcher Oswald beim Ab⸗ ſteigen am Thore erkannt hatte und längſt wußte, daß derſelbe in Dienſten der intriguanten Jeſuitenfeindin, Frau von Balzae, ſtehe. (Aubrey ſchritt dann zu der Bemerkung, daß Mont⸗ reuil, jetzt weit mehr mit direkter Vollmacht und Ge⸗ walt als bisher für die Plane des weiſen Ordens aus⸗ gerüſtet, deſſen Grundſätze er ſo ſchlimm verdrehte, ſich nach London begab, und daß bald nach meinem Abgange nach dieſer Stadt Gerald und Aubrey Devereur⸗Court zuſammen verließen, daß aber Gerald, den die unbe⸗ veutendſten Dinge von dem wichtigſten Vorhaben ab⸗ bringen konnten, noch ehe er London erreicht hatte, nach Devereur⸗Court zurückkehrte, um irgend eine angefan⸗ gene ländliche amour vollends zu Ende zu bringen. Aubreh dagegen war nach London gereist, hatte die Vor⸗ ſtadt, in welcher Alvarez lebte, aufgeſucht, ſich, umn jedes mögliche Zuſammentreffen mit mir zu vermeiben, in demſelben wenig beſuchten Stadttheile eine Wohnung zu v erner Unter wahr durch ſeiner Iſore dies i einige düſter komm e dem f ſtande ſo un ſeines verſch rather des P bei jer in ihr meine walt. mir! nen Z über 2 Und d der bl deckt leben fft, näm⸗ hterlichen ericht be⸗ „mehr an muſeripte eſer ſchon ern wird, von Frau s Erſchei⸗ von Des⸗ beim Ab⸗ ußte, daß enfeindin, aß Mont⸗ und Ge⸗ dens aus⸗ rehte, ſich Abgange ur⸗Court die unbe⸗ aben ab⸗ atte, nach angefan⸗ bringen. e die Vor⸗ ſich, umn ermeiden, Wohnung 265 zu verſchaffen gewußt und ſeine Bewerbung um Iſora erneuert. Der Leſer kennt den ſchlimmen Erfolg dieſes Unternehmens bereits. Aubrey hatte dem Vater ſeinen wahren Namen endlich entdeckt. Der Spanier ward durch die Ausſicht auf eine ſo ehrenwerthe Verbindung ſeiner Tochter geblendet. Von Beiden wurde jetzt in Iſora gedrungen, Beiden aber widerſtand ſie. Doch dies iſt ſchon oben erzählt worben; ich gehe daher über einige Stellen unzuſammenhängenden Sturmes und düſterer Leidenſchaft in dem Manuſeripte hinweg und komme zu Nachfolgendem) „Ich erfuhr ſofort von Desmarais, daß Du ſie ſammt dem ſterbenden Vater weggeſchafft und in eine ſichere, ſtandesgemäße Wohnung gebracht habeſt. Dieſer Menſch, ſo unbedingt die Kreatur Montreuils oder vielmehr ſeines Eigennutzes, mit welchem Montreuil in Eins verſchmolz, war leicht zu bewegen, Dich auch mir zu ver⸗ rathen— mir, den er überdies ganz für das Werkzeug des Prieſters hielt, ohne zu wiſſen, wie qualvoll ich ſelbſt bei ienen Aufſchlüſſen betheiligt war. Ich beſuchte Iſora in ihrer neuen Wohnung und abermals bebte ſie vor meiner Wuth. Da verſuchte ich zum zweitenmale Ge⸗ walt. Ha! ha! Morton! ich meine, ich ſehe Dich vor mir!— ich meine, ich höre den Fluch zwiſchen Dei⸗ nen Zähnen! Fluche! Wenn Du dies lieſeſt, bin ich über Deine Rache— über menſchliche Gewalt erhaben. Und doch, glaube ich, wenn ich bloßer Staub würde— der bloße bewußtloße Aſchenhaufen, den das Grab be⸗ deckt— wenn ich nicht ein Weſen wäre, das ewig fort⸗ leben muß in Welten, von denen wir keine Vorſtellung 266 haben, wohin nichts Irdiſches gelangen kann,— doch müßte ich unter dem Raſen zittern, welchen Dein Fuß betritt, über welchem Deine Verwünſchung erſcholl. Zum zweitenmale wandte ich Gewalt an— zum zweitenmale wurde ich durch vaſſelbe Mittel— durch den von der Hand eines Weibes geführten Dolch zurückgedrängt. Aber ich wußte, daß ich eine Gewalt über Iſora beſaß, aus welcher ich, ſo lange ſie Dich liebte, nicht zu vertreiben war; ich wußte, daß, wenn ich Dein Leben bedrohte, ich ihrem Willen gebieten und ſie dem meinigen unterthan machen konnte. Ich ließ ſie ihren Eid der Verheimlichung wiederholen, und entbeckte aus einigen Worten, welche ihr in der Angſt entfielen, daß ſie glaubte, Du habeſt ſchon Verdacht auf mich und ſeieſt nur durch ihre Bitten abgehalten worden, mich aufzuſuchen. Ich that noch einige Fragen und ſah bald, was ich eigentlich zuvor wußte, daß Dein Argwohn auf Gerald, nicht auf mir ruhe; voch ſagte ich hievon Iſora Nichts. Ich ließ ſie in einem meiner Vermummung günſtigen Irrthume, begriff jedoch ſogleich, daß, wenn Du je mit Gerald zuſammenkämeſt und Dich des Weiteren über dieſen Punkt ausließeſt, ich verrathen werben könnte; ich drängie vaher Iſora das eibliche Verſprechen ab, Dir ein gänzli⸗ ches Verſchweigen Deines Verdachtes gegen Gerald zur ewigen Gewiſſenspflicht zu machen. Nachdem ich das Zimmer verlaſſen, kehrte ich noch einmal zurück, um ſie vor einer Vermählung mit Dir zu warnen. Elender, ſelbſtſüchtiger, fluchwürdiger Elender, der Du warſt, daß Du ſie zu Mißachtung dieſer Warnung brachteſt! Ich ſloh aus dem Hauſe, wie ein Teufel von elnem Weſer rück,1 auf u Wohr nung chen h Abſich mit de aus w ſtand Stron Zärtli der W an ein meines jener: bleiber dem T würde daß ic geliebt über wollte Menſe Du ſch Falle verletz Vuſen Ganft S — doch ein Fuß UI. Zum tenmale von der gt. Aber aß, aus rtreiben ohte, ich nterthan nlichung „welche u habeſt eBitten hat noch h zuvor auf mir ließ ſie rrthume, t Gerald r dieſen drängte n gänzli⸗ erald zur mich das k, um ſie Elender, u warſt, achteſt! on einem 267 Weſen flieht, das er beſeſſen. Des Nachts kehrte ich zu⸗ rück, um nach dem Fenſter hinaufzublicken, vor der Thüre auf und abzugehen und Wache zu halten vor Iſora's Wohnung. So hatte ich auch vor ihrer früheren Woh⸗ nung jeden Abend gethan. Bei dieſen nächtlichen Wa⸗ chen hatte ich keinen böſen Gedanken, keine ſchändliche Abſicht— nein, wirklich nicht! Seltſam genug war mit den ſtürmiſchen, überwältigenden Empfindungen, aus welchen meine Liebe dem größeren Theile nach be⸗ ſtand— wenn auch unterdrückt und im Stillen— ein Strom der ſanfteſten, ja ich möchte ſagen der heiligſten Zärtlichkeit verbunden. Oft nach einem jener Ausbrüche der Wuth, der Drohung und Verzweiflung konnte ich an einen ſtillen Ort fliehen und weinen, bis alle Härte meines Herzens in Thränen zerfloſſen war. Oft während jener nächtlichen Wachen konnte ich an der Thüre ſtehen bleiben und vor mich hin murmeln:„Dieſes Obdach, das dem Bettler und des Bettlers Kind nicht verſagt wird, würdeſt du mir verſagen, wenn du träumen könnteſt, daß ich dir ſo nahe bin. Und doch, hätteſt du mich geltebt, ſtatt all deinen Haß und deine Verachtung über mich auszugießen— hätteſt du mich geliebt, ſo wollte ich dir gedient und dich verehrt haben, wie die Menſchen noch keinen Dienſt, keine Verehrung ſahen. Du ſchauderſt jetzt über meine Heftigkeit— in jenem Fulle hätte ich keinen Athemzug thun können, der bich verletzt hätte. Du zitterſt jetzt über die Wildheit meines Buſens— in jenem Falle hätteſt du dich eher über ſeine Ganftmuth gewundert.“ Schon ſtand ich auf meinem alten Poſten, als Du 268 ebenfalls kamſt;— Du redeteſt mich an, ich gab keine Antwort— Du trateſt mir näher und ich floh. Floh— dies— dies war die Schmach, der Stachel, der Dorn in meiner Empfindung gegen Dich. Von Natur fürchte ich die Gefahr nicht, obwohl meine Nerven hie und da ſchwach find, und bisweilen vor derſelben zurückbeben. Ich habe in ſpäteren Jahren, als meine Kraft gebengt und gebrochen war, erfahren, was Gefahr heißt— Gefahr in Stürmen zur See und unter den Dolchen der Räuber auf dem Lande— ich habe ihr ruhig ins Angeſicht geblickt. Aber Dich, Morton Devereur, Dich habe ich ſtets gefürchtet. Von Deiner Kindheit an hatte ich geſehen, wie Andere, deren Natur viel ſtärker als die meinige war, der Deinigen ſich fügten und vor ihr bangten— ich hatte Geralds rieſenhafte, kühne Kraft vor Deinem Stirnerunzeln erſchlaffen ſehen— ich hatte ſelbſt den unternehmenden Stolz Montreuils durch Deine höhniſche Lippe und den ſtrengen Spott Deines Blickes in Verwirrung gerathen ſehen— hatte endlich Dich ſelbſt in den wilden Ausbrüchen ungezähmter Wuth beobachtet— und wußte, daß, wenn es auf Erden einen Menſchen gab, deſſen Leidenſchaften die meinigen an Ungeſtüm übertrafen, Du es warſt. Allein Deine Leidenſchaften hatten in ihren wildeſten Ausbrüchen noch einen Halt— ſie waren nur die Waffen Deines Gemi⸗ thes, die meinigen waren die Peiniger und Tyrannen meiner Seele. Deine Leidenſchaften unterſtützten Dei⸗ nen Willen— die meinigen verblendeten und überwäl⸗ tigten ihn. Von meiner Kindheit an hielteſt Du mich, obgleich ich Dich am meiſten liebte, in Furcht; die Zeit verſta löſchl nachb treten ſo me Stach Je mir n Ich ſt hindur meine ſelben derung zu ſein — in t ich das „Dem ab keine Floh— er Dorn fürchte e und da ickbeben. gebengt heißt— Dolchen uhig ins ux, Dich an hatte ärker als r ih ne Kraft ich hatte ch Deine s Blickes lich Dich eWuth den einen nigen an n Deine chen noch s Gemi⸗ Lyrannen zten Dei⸗ überwäl⸗ Du mich, die Zeit 269 verſtärkie bieſen Eindruck und machte ihn endlich unaus⸗ löſchlich. Ich konnte den Gebanken nicht ertragen, daß, nachbem Du Alles erfahren, ich Dir noch unter die Augen treten ſollte. Wenn dieſe Angſt mich zuweilen entnervte, ſo machte ſie zu andern Zeiten meine Wuth durch den Stachel der Scham und Selbſtverachtung um ſo tobender. Ich floh von Dir— Du verfolgteſt mich— kamſt mir nahe— Du erinnerſt Dich, wie ich gerettet wurde. Ich ſtürzte zwiſchen den berauſchten Nachtſchwärmern hindurch, welche Dir den Weg vertraten, und erreichte meine ganz nahe gelegene Wohnung; denn noch an dem⸗ ſelben Tage, an welchem ich Iſora's Wohnungsverän⸗ derung erfahren, war auch ich ausgezogen, um ihr nahe zu ſein. Freute ich mich über mein Entkommen? Nein — in dem durchbohrenden Gefühle meiner Scham hätte ich das Fleiſch von meinen eigenen Knochen nagen mögen. „Dem Weibe, das mich verwarf,“ ſprach ich zu mir, „konnte ich trotzen, drohen— Gewalt gegen daſſelbe verſuchen; dem Nebenbuhler, um deſſentwillen ich ver⸗ achtet werde, konnte ich nicht in das Geſicht blicken! In dieſem Augenblicke durchblitzte ein Entſchluß mein Gemüth, gerade als ob ein Streifen brennenden Feuers vor mir hinzöge. Morton, ich faßte den Entſchluß, Dich zu ermorden, und zwar noch in derſelben Stunde! Eine Piſtole lag auf meinem Tiſche— ich nahm ſie, verbarg ſie auf meinem Leibe und begab mich unter das Dach eines breiten Säulenganges in der Straße, in welcher Du wohnteſt, an welchem Du, wie ich wußte, auf Deinem Nachhauſewege vorüber kommen mußteſt. Kaum drei Minuten waren während der Zeit verfloſſen, wo ich in 270 meiner Wohnung ankam und ſie zu genannten Zwecken wieder verließ. Ich wußte, denn ich hatte Degengeklirre gehört, daß Du von ven Nachtſchwärmern einige Zeit in der Straße aufgehalten wurdeſt; zugleich wußte ich, vaß, wenn Du auch ſogleich nach Hauſe geeilt wäreſt, Du kaum dort ankommen konnteſt, ehe ich den Säulen⸗ gang erreichte. Ich ſtürmte fort— kam an dem Orte an— verharg mich und wartete auf Deine Ankunft. Du kamſt, getragen von zwei Männern— Andere folg⸗ ten nach— Ich ſah Dein Geſicht ohne Lebensfarbe— Deine Kleider trieften von Blut. Schrecken ergriff mich. Ich ſchloß mich den Leuten an— ich erfuhr, daß Du, wie man fürchte, tödtlich verwundet ſeieſt. „Ich kehrte nicht nach Hauſe zurück— nein, ich ging hinaus auf das freie Feld und lag da die ganze Nacht, erhob mein Herz zu Gott, weinte laut, und Frieden kam über mich— wenigſtens das, was Frieden war im Ver⸗ gleiche zu dem ſtürmiſchen Dunkel, das zuvor in meiner Bruſt geherrſcht. Wie ich Dich blutend, bewußtlos geſehen— Dich, gegen den ich einen brudermörderiſchen Anſchlag gehegt— durchzuckte es mich, als wäre die Waffe von meiner eigenen Hand geführt worden— eine Folge meines wahnſinnigen Gemüthes. Ich ſchauderte bei dem Gedanken an das, wovon ich gerettet geworden — ich ſegnete Gott dafür, daß er mich deſſen überhoben — und mit dem Danke und dem Schauer kam Reue— und Reue erzeugte in mir den Eniſchluß zur Flucht, da ich den Kampf mit der mächtigen, fürchterlichen Ver⸗ ſuchung nicht zu beſtehen vermochte;— in dem Augen⸗ plicke wo ich dieſen Entſchluß gefaßt, war es, als ſei ein vrücken andern Angſt vergaß ich ſah nicht k Deine einen! mal in Be mir ſic mit ein einmal nung v meinem dem O will,“ gehen frühen 271¹ vrückender Alp von meiner Bruſt genommen. Auch am andern Morgen kehrte ich nicht nach Hauſe— meine Angſt Deinetwegen war ſo groß, daß ich alle Vorſicht vergaß— ich ging ſelbſt nach Deiner Wohnung— wäreſt, ich ſah einen Deiner Bedienten, der mich perſönlich äulen⸗ nicht kannte. Ich fragte nach Dir und erfuhr, daß em Orte Deine Wunde nicht tödtlich ſei, ſo daß der Bediente Ankunft. einen der Arzte hatte ſagen hören, Du ſeieſt nicht ein⸗ ere folg⸗ mal in Gefahr. farbe— Bei dieſer Nachricht fühlte ich die Schlange in iff mich. mir ſich wieder regen, allein ich war entſchloſſen, ſie daß Du, mit einemmale zu zermalmen— ich wollte mich nicht einmal der Verſuchung ausſetzen, an Iſpra's Woh⸗ ich ging nung vorüberzugehen— geraden Weges eilte ich nach e Nach, einem Pferde— ich ſtieg auf und floh entſchloſſen von eden kam dem Orte, wo meine Seele in Gefahr ſchwebte.„Ich im Ver⸗ will,“ ſprach ich,„in die Heimath unſerer Kindheit in meiner gehen— will mich mit den ſtummen Zeichen der ewußtlos frühen Liebe umgeben, die mein Bruder mir bewahrte 1 rderiſchen— will— während Buße und Gebet meine Seele von wäre die ihrer ſchwarzen Schuld reinigen— denken, auch ich en— eine bringe dieſem Bruder ein Opfer.“ ſchauderte So kehrte ich denn nach Devereux⸗Court zurück geworden und war entſchloſſen, jede Hoffnung— jede Verfol⸗ überhoben gung Iſora's aufzugeben! Mein Bruder— mein Bru⸗ Reue— der, mein Herz ſehnt ſich in dieſem Augenblicke nach Flucht, da Dir, wenn auch Jahre und Entfernung, und vor Allem chen Ver⸗ meine eigene Sünden eine nie zu überſchreitende Kluft m Augen⸗ zwiſchen uns ſetzen— es ſehnt ſich nach Dir, wenn ich als ſei ein der ruhigen Schatten und der Orte gedenke, wo wir 272 rein und unbefleckt mit einander hinwanbelten, als das Leben noch ſo grün und friſch war und wir keine Ah⸗ nung von dem hatten, was noch kommen ſollte! Wenn ſich ſelbſt jetzt mein Herz nach Dir ſehnt, Morton, bei dem Gedanken an jene Heimath und jene Tage, ſo glaube, daß auch vamals einige Milde und Freundlich⸗ keit für Dich in dem ſelben wohnte. Ja, ich wieder⸗ hole es, ich beſchloß, meine eignen Empfindungen zu unterjochen, und nicht länger ſtörend zwiſchen Iſora und Dich zu treten. Von dieſem Entſchluſſe durchdrun⸗ gen und ganz liebevoll für Dich geſtimmt, ſchrieb ich Dir einen langen Brief, wie wir uns in unſerer frühe⸗ ſten Jugend geſchrieben haben würden. Zwei Tage ſpäter waren alle meine Vorſätze weggeſchwemmt, und der Boden böſer Gedanken, den ſie nur bebeckt, nicht aber ausgerottet hatten, erhob ſich, nachdem die Flut vorüber, ſchwarz und zerriſſen, wie zuvor. In eben der Nacht, in welcher ich dieſen Brief geſchrieben, kam Montreuil heimlich auf mein Zimmer; ſchon längſt pflegte er Gerald verſtohlen und unver⸗ muthet zu beſuchen, und in der Art, mit welcher er ungehindert und ungeſehen von Ort zu Ort zu gelangen ſchien, war beinahe übernatürlich. Jetzt eben hatte er einen ſchänblichen Plan ausgedacht und war nach De⸗ vereur⸗Court gekommen, um ſich über die Wahrſchein⸗ lichkeit des Erfolges Aufſchluß zu verſchaffen; dort fand er, daß es nöthig ſei, mich in die Sache zu verwickeln. Der Arzt meines Oheimes hatte im Vertrauen geſagt, Sir William könne nicht mehr, als noch einige Monate leben. Dieſen Umſtand erfuhr Montreuil entweder von Geralt die Fa gehen, dieſelb Abbé Regelt aber und v bedeut in der allein durfte zu hab Entſch terneh entziel nicht Je die er bracht ich bei vrückt Meine ſchein mich ü ſagte i mir at faßten maſſe „als das eine Ah⸗ Wenn rton, bei Tage, ſo eundlich⸗ wieder⸗ ungen zu en Iſora chdrun⸗ hrieb ich er frühe⸗ ei Tge imt, und ckt, nicht die Flut en Brief Zimmer; d unver⸗ velcher er gelangen hatte er nach De⸗ hrſchein⸗ dort fand rwickeln. n geſagt, Monate eer en 273 Gerald oder von meiner Mutter, und beſchloß ſogleich, die Familiengüter ſollen nicht in Deinen Beſitz über⸗ gehen, wovurch ihm jeder nur mögliche Einfluß auf dieſelben für immer abgeſchnitten worden wäre. Der Abbe war wirklich ganz ſo arm, wie es die ſtrengen Regeln ſeines Ordens vorſchreiben; alle ſeine Entwürfe aber erforderten die Verfügung über große Summen, und von keinem andern Privatmanne konnte er auf ſo bedeutende pekunläre Unterſtützung rechnen, wie er ſie in der Kaſſe jedes Gliedes unſerer Familie— Dich allein ausgenommen— zu finden ſich Rechnung machen durfte. Dieſer Mann ſetzte ſeinen Stolz darein, Nichts zu haben und doch über Alles zu gebieten, und ſein Entſchluß ſtand feſt, daß, wenn irgend eine Liſt, Un⸗ ternehmung oder Schuld des Oheims Reichthum Dir entziehen und Gerald oder mir zuwenden könne, bieſe nicht verabſäumt werden ſollte. Jetzt endlich zog er den Vortheil aus der Zwietracht, die er in unſern Herzen geſäet, oder vort zum Reiſen ge⸗ bracht hatte. Er kam, die feindſeligen Geſinnungen, die ich bei unſerem letzten Zuſammenſein gegen Dich ausge⸗ vrückt hatte, zu Förverung ſeines Planes zu benützen. Meinen Sinn fanb er ſehr verändert, gab ſich aber den An⸗ ſchein, als gefalle ihm die Veränderung. Er befragte mich über den Geſundheitszuſtand des Oheimes, und ich ſagte ihm, was wirklich geſchehen, daß der Oheim nämlich mir am Tage zuvor einige Stellen aus ſeinem eben abge⸗ faßten Teſtamente vorgeleſen habe, wonach die Haupt⸗ maſſe ſeines Vermögens Dir zufiel. Bei dieſer Nachricht Vulwer, Devereux. M. 18 274 mußte Montreuil ſogleich die Nothwendigkeit einſehen, meine Zuſtimmung zu ſeinen Projekten zu gewinnen; denn da ich das echte Teſtament geſehen, war es un⸗ möglich, vas darin vermachte Eigenthum einem Ande⸗ ren zuzuwenden, ohne daß ich die vorgegangene Fäl⸗ ſchung bemerkte. Montreuil kannte mich genau— er wußte, daß Geld, Vergnügen, Auszeichnung bei mir leere Worte waren, die keine Wirkung hervorbrachten und keinen Reiz ausübten; er wußte aber auch, daß Leivenſchaft, Eiferſucht, Schrecken der Religion die Federn waren, welche jeden Theil und jeden Nerv meines moraliſchen Weſens in Bewegung ſetzten. Die beiven erſteren machte er jetzt rege— die dritte ſparte er für den Nothfall auf. Er ſprach mit mir nicht weiter über den Gegenſtand, der ihm am Herzen lag, ſagte kein Wort von der Vertheilung der Güter— ſondern ſprach bloß von Iſora und von Dir; durch Winke und Einflüſterungen verſcheuchte er den Schlaß, worein alle jene Gefühle— die Furien des Herzens— für einen Augenblick gelullt geweſen waren. Er ſagte mir, er habe Iſora vor Kurzem geſehen— ſchilderte mit glühenden Farben ihre Schönheit— rühmte den Heldenmuth, womit ich ſie einem Bruder abtrete, deſſen Liebe zu ihr im Vergleich mit der meinigen mur gering ſei— der in Wirklichkeit mich nie geliebt hahe, veſſen Sticheleien und Spöttereien auf mich eben ſo gut gerichtet geweſen ſeien, wie auf Andere. Er malte Deine Perſönlichkeit, wie Deinen Geiſt, im Vergleiche zn der meinigen, mit ſo entwürdigenden Farben, daß er nach und un h meine Eitelkeit aufregte, mit welcher Eifer vielle entſp Du T ich, zichte /7 von d noch ſter gewiſ aber zug 6 der b haben allen oder rolle. keines Mort Aufg „Nie über ihn: ſo lar dieſe Nach klärte Verb des einſehen, winnen; ar es un⸗ m Ande⸗ gene Fäl⸗ — bei mir rbrachten uch, daß igion die den Nerv ten. Die tte ſparte mir nicht erzen lag, Güter— ir; durch en Schlaf, erzens— Er ſagte ſchilderte ihmte den abtrete, nigen nur iebt habe, h eben ſo Er malte Vergleiche ben, daß it welcher 275 Eiferſucht ſo innig verwoben iſt, und aus welcher ſie vielleicht(das Rieſenkind einer ſo ſchwachen Mutter) entſpringt. Lange verweilte er bei dem Kleinod, deſſen Du Dich erfreuen werdeſt,— und auf welches ich— ich, der erſte Entdecker, ſo evel und großmüthig ver⸗ zichtet habe. „Verzichtet!“ rief ich,„nein, verdrängt wurde ich von demſelben, ich gab es nicht auf, ſo lange ich nur noch eine Hoffnung auf deſſen Beſitz hatte.“ Der Prie⸗ ſter ſtellte ſich verwundert.—„Wie! ob ich deſſen gewiß ſei? ich habe allerdings um Iſora geworben, ob aber dieſe, wenn fie auch Morton innerlich keinen Vor⸗ zug gegeben, den Erben eines fürſtlichen Vermögens der beſcheidenen Liebe eines jüngeren Sohnes geopfert haben dürfte? Ich kenne die Weiber nicht— bei ihnen allen ſei die Liebe entweder Sinnlichkeit, Gewohnheit oder Stolz— bei Iſora ſpiele der letztere die Haupt⸗ rolle. Ob ich verſucht, ihn für mich zu gewinnen— keineswegs. Sodann habe ich bloß geſtrebt, Iſora von Morton abzubringen; ob ich jemals die weit leichtere Aufgabe verſucht, Morton von Iſora abzuziehen? „Niemals;“ und Montreuil wiederholte ſeine Lobſprüche über meine großmüthtge Entſagung. Ich unterbrach ihn:„ich hätte nicht entſagt,— ich werde nie entſagen ſo lange mir noch eine Hoffnung bleibe. Wo ſei aber dieſe Hoffnung, und wie könne fle verwirklicht werden?“ Nach einer langen und kunſtreichen Eingangsrede er⸗ klärte ſich der Prieſter. Er ſchlug vor, gegen Deine Verbindung mit Iſora alle Triebfedern des Ehrgeizes, des Eigennutzes und der Vergrößerungsſucht aufzu⸗ 276 hieten.„Ich kenne Morton's Charakter,“ ſagte er, bis in ſeine verborgenſte Tiefe. Seine Haupttugend iſt Ehre— Ehrbegierde ſein Haupttrieb. Er wird auf keine andere Weiſe, als durch eine Heirath, gerade aus dieſen Gründen in den Beſitz des Mädchens gelangen wollen, welche die meiſten anderen Männer zu einer anderen Verfahrungsweiſe beſtimmen würden, nämlich ihre freundeloſe Lage, ihre Armuth, ihr Vertrauen zu ihm und ihre Liebe, oder der Schein von Liebe, welchen er für die Leidenſchaft ſelbſt hält. Dieſe Tugend— ich nenne ſie ſo, vbwohl ſie den Namen nicht verdient, denn es gibtkeine Tugend, als Religion— dieſe Tugend denn wird ihm nur zwei Wege offen laſſen, entweder ſie zu heirathen, oder ſie aufzugeben. Können wir nun ſeinen Ehrgeiz, den großen Hebel ſeines Benehmens, in Wider⸗ ſpruch mit dem erſten Auswege bringen, ſo bleibt ihm nur noch der zweite; ich ſage, wir können dieſe Feder zu Ihren Gunſten wirken laſſen— überlaſſen Sie die Sache mir, und ich will es ſo machen. Dann, Aubrey, in dem Augenblicke, wo ſie über dieſes treuloſe Verlaſſen aufgebracht— rachedürſtig— wo ihre Eitelkeit im höchſten Grade gekränkt iſt, müſſen Sie erſcheinen, nicht unter Drohungen und Schrecken, wie dies bisher der Fall geweſen, ſondern ſanft— unterwürfig— mit Blicken voll Liehe— mit Gelübden voll Reue— indem Sie Ihre ganze frühere Heftigkeit durch das übermaß Ihrer Liebe rechtfertigen und für die Zukunft nur Zärtlichkeit unter Angabe derſelben Triebfeder verſprechen, einer Triebfeder, um derentwillen ein Weib jede Verirrung ver⸗ verzeiht und jedes Verhrechen entſchuldigt. Dann wirdſie Ihre — de — da einſel gegen ſtamn * Sie: will! G ſteller beglei düſter ſinne ſichtli Mon neuer drücke ſchrie den„ hafte durch Brief ganze Woh ſchien wolle ſchaft vorau er, bis end iſt ird auf ade aus elangen u einer nämlich auen zu welchen — ich nt, denn nd denn r ſie zu n ſeinen Wider⸗ eibt ihm ſe Feder Sie die Aubrey, Berlaſſen lkeit im en, nicht der Fall Blicken dem Sie aß Ihrer rtlichkeit n, einer ung ver⸗ wirbſie 277 Ihre Liebe mit derjenigen Ihres Bruders zuſammenſtellen — dann werben ihr die Schuppen von den Augen fallen — dann wird ihre bisherige Verblendung aufhören und ſie einſehen, daß Ihr Bruder Ihnen gegenüber ein Saiyr gegen Hyperion iſt— dann wird ſie ertöthen und ſtammeln und ihre Wange an Ihrer Bruſt verbergen.“ —„Halten Sie ein, halten Sie ein!“ rief ich!„thun Sie mit mir, was Sie wollen! rathen Sie, und ich will handeln!“ (Abermals folgte hier in dem Manuſeripte ein ent⸗ ſtellender Ausbruch von Verwünſchungen auf Montreuil, begleitet von Faſeleien, welche nach und nach ſich zu den düſterſten, unzuſammenhängendſten Ergüſſen des Waha⸗ ſinnes geſtalteten. Endlich ging die Erzählung weiter.) „Du bateſt mich in einem Briefe, den Oheim hin⸗ ſichtlich Deiner beabſichtigten Heirath auszuforſchen. Montreuil ſetzte mir die Antwort auf, und trotz meinem neuerwachten Haſſe gewann ich es über mich, die Aus⸗ drücke der Zärtlichkeit abzuſchreiben; auch der Oheim ſchrieb Dir; wir ſteigerten ſeinen Widerwillen gegen den von Dir vorgeſchlagenen Schritt durch une'ren⸗ hafte Winle über Iſora, die ich ſelbſt fallen ließ und durch einen zu gleichem Zwecke geſchriebenen anonycen Brief mit dem Poſtzeichen von London. Während dieſer ganzen Zeit wußte ich nicht, daß ſich Iſora in De ner Wohnung befand; Deine Antwort auf meinen Bref ſchien anzudeuten, daß Du dem Oheime nachgeben wolleſt. Montreuil, der noch immer in der Nachbar⸗ ſchaft lauerte und Nachts im Hauſe oder an anteren vorausbeſtimmten Orten mit mir zuſammenkam, ſtellte 278 ſich hoch erfreut über den beginnenben glücklichen Erfolg ſeines Rathes. Er behauptete, er erhalte fortwährende Nachricht über jeden Deiner Schritte, und ſagte mir jetzt, Iſora ſei auf die Nachricht von Deiner Verwun⸗ dung zu Dir geeilt; Du habeſt(ganz ſeiner Anſicht von Deinem Charakter entſprechend, ſetzte Montreuil bei) Dir ihre Unvorſichtigkeit nicht zu Nutzen gemacht, habeſt Dich unmittelbar nach dem Empfange der Briefe des Oheimes und von mir, getrennt, und es gehe, ob⸗ gleich Du ſie noch immer beſucheſt, doch Deine Abſicht, vas ganze Verhältniß allmählig und ſachte abzubrechen, deutlich hervor; jedenfalls habeſt Du keine Maßregeln zur Heirath getroffen.„Nun denn,“ ſagte Montreuil, „noch einen Hauptſtreich und der Preis gehört Ihnen. Sie ſelbſt ſehen, daß Ihr Oheim nicht mehr lange leben kann; wäre er nur zu überreden, ſeine Güter außer einem, vergleichungsweiſe geſprochen, unbedeuten⸗ dem Legate für Morton, Ihnen oder Gerald zu ver⸗ machen, ſo würde dieſer weltlich geſinnte, unterneh⸗ mungsſüchtige Menſch für immer verhindert, eine vermögensloſe, unbekannte Ausländerin zu heirathen. und ſeine glänzenden Ausſichten, die ihn der Nothwen⸗ digkeit eines Beibringens von ſeiner Frau ſo gänzlich überhehen, können einen ſolchen Schritt jetzt vor ſeinem eigenen Urtheile rechtfertigen; gelingt es uns daher, jene Vermögensübertragung zu bewerkſtelligen und Morton bis dahin von der Heirath abzuhalten, ſo iſt Ihr Nebenbuhler für ewig auf die Seite geſchoben, und mit ſeinem glänzenden Vorzuge des Reichthumes werden auch ſeine übrigen Verdienſte in Iſora's Augen eten⸗ zu ver⸗ terneh⸗ „ eine rathen. thwen⸗ änzlich ſeinem daher, n und „ſo iſt choben, thumes Augen 279 ſchwinden. Erſchrecken Sie nicht über dieſen Gedanken; es liegt nichts Arges darin, ich, Ihr Beichtvater, Ihr Erzieher, der Diener Gottes, würde Ihnen zuletzt etwas rathen, ja nur andeuten, was ein Verbrechen wäre; ledoch der Zweck heiligt alle Mittel. Durch übertra⸗ gung jenes ſo ſehr großen Beſitzthumes auf einen an⸗ deren Erben ſichern Sie ſich nicht nur Ihr eigenes Ziel, ſondern Sie fördern auch eine große Sache des Köni⸗ ges, der Kirche und endlich der über beiden ſtehenden Religion. In Mortons Händen würde der Reichthum dieſer Sache nichts nützen, ja, derſelben vielleicht ſchäd⸗ lich werden; in Ihren oder in Geralds Händen wird er derſelben unſchätzbare Dienſte leiſten. Schätze, welche das Gemeinweſen abwirft, ſollten auch zum Nutzen des Gemeinweſens verwendet werden, ja, ſelbſt um den Preis eines kleinen Unrechtes an einem einzelnen Menſchen.“ So und auf dieſe Art bereitete Montreuil mein Gemüth zu dem beabſichtigten Schritte vor; noch war ich aber nicht reif für denſelben. So folgewidrig ver⸗ fährt die Sünde, daß ich Mord— Gewalt— beinahe jede Unthat, welche die Leidenſchaft verlangte, hätte begehen können, während der Gedanke an einen Betrug mich mit Geſpenſterſchrecken durchſchauderte. Montreuil ſah, daß ich noch nicht ganz ihm gehöre, und ſein näch⸗ ſter Plan ging nunmehr dahin, mich von einem Orte zu entfernen, wo ich ſeinen Maßregeln im Wege ſein konnte. Er beredete mich, einige Zeit zu reiſen.„Wenn Sie zurückkehren,“ ſagte er,„ſo betrachten Sie Iſora als die Ihrige; inzwiſchen verkürzen Sie ſich den Auf⸗ 289 ſchub durch Veränderung des Aufenthaltes.“ Ich fügte mich ganz ſeinem Willen, und ging dahin, wo er es für gut fand. Laſſe mich über den nunmehr folgenden ſchwarzen Betrug kurz weggehen. Zu den übrigen Künſten des Jean Desmarais gehörte auch dos Talent, genau jede Handſchrift nachzumachen. Er befand ſich damals in London in Deinem Dienſte. Montreuil beſchied ihn in die Nähe von Devereux⸗Court. Mittlerweile hatte ſich der Prieſter von dem Notar, welcher das Teſtament auf⸗ geſetzt, und der jetzt, ohne daß der argloſe Oheim einen Verdacht hatte, im BVeſitze deſſelben war, dieſes Doku⸗ mentverſchafft. Montreuil kannte dieſen Menſchen ſchon lange, und hatte ihn bisweilen zu politiſchen Aufträgen verwendet, denn er war der Halbbruder jenes Oswald, den ich als Jugendgeſpielen des Abbt und Desmarais genannt habe. Dieſer Umſtand brachte Montreuil wahrſcheinlich zuerſt auf den Gedanken, ein anderes Teſtament unterzu⸗ ſchieben. Noch war Demarais nicht angekommen, um die⸗ jenigen Stellen des Teſtamentes, welche der Oheim aus irgend einer Laune mit eigener Hand geſchrieben hatte, zu kopiren, als Du, beunruhigt durch einen Brief des Letzteren, ſelbſt anlangteſt, und Sir William, der den Abend zuvor bedeutend krank geworden, noch am Tage Deiner Ankunft ſtarb. In der Zwiſchenzeit bis zu dem Leichenbegängniſſe wu de das Teſtament von Desmarais kopirt; nur wurde Geralds Name ſtatt des Deinigen eingeſchrieben, und die ihm vermachten vierzigtauſend Pfund— eben ſo viel als die mir ausgeworfene Summe — zu einem Legate von zwanzigtauſend Pfund für Dich geſchm reuil Rückſi Erwäl ſtamer welche wurde offenb⸗ meinet ſtelligt Verleſ und g „2 Ihretr Ziel v fügte es für arzen en des jede als in ihn in te ſich t auf⸗ einen Doku⸗ nſchon trägen ld, den enannt einlich nterzu⸗ m die⸗ im aus hatte, ief des er en n Tage zu dem marais einigen tauſend Summe ür Dich 281 geſchmälert. Zu einem geringeren Betrage wagte Mont⸗ reuil Deine Erbſchaft nicht anzuſetzen, und dieſelbe Rückſicht für Wahrſcheinlichkeit hat ihn wohl von jeder Erwähnung ſeiner ſelbſt in dem untergeſchobenen Te⸗ ſtamente abgehalten. Dies war die ganze Veränderung, welche vorgenommen wurde. Des Oheimes Handſchrift wurde genau nachgeahmt; und die Abweichung von ſeiner offenbaren Zuneigung zu Dir ausgenommen, konnie meines Erachtens nicht der kleinſte Punkt in der bewerk⸗ ſtelligten Verfälſchung Verdacht erregen. Sogleich nach Verleſung des Teſtamentes reiste Montreuil zu mir ab und geſtand alles Geſchehene. „Aubrey,“ ſagte er,„ich habe dies zum Theil um Ihretwillen gethan; allein ich hatte noch ein höheres Ziel vor Augen als ſelbſt Ihr Glück, oder meinen auf⸗ richtigen Wunſch, daſſelbe zu fördern. Ich lebe bloß für einen Zweck— die Erhebung des heiligen Ordens, welchem ich angehöre; ſeine Entwürfe ſind bloß den Intereſſen des Himmels gewidmet, und wenn ich den⸗ ſelben diene, ſo diene ich dem Himmel ſelbſt. Aubrey. mein Pflegekind, Kind meiner irdiſchen Hoffnungen, dieſe Entwürfe fordern Werkzeuge des Fleiſches und arbeiten ſelbſt durch den Mammon auf das Ziel der Gerechtigkeit hin. Was ich gethan habe, iſt recht vor Gott und Menſchen. Einem Feinde habe ich eine Waffe entriſſen, und ſie in die Hand eines Verbünteten ge⸗ geben. Nicht den geringſten Theil dieſes Reichthumes habe ich berührt, obwohl ich mit verſelben Leichtigkeit, mit welcher ich ihn von Morton auf Gerald übergetra⸗ gen, meine Privatvortheile hätte fördern können. Kein 282 Atom habe ich berührt; auch in Bezug auf Sie, den ich mehr als Alles auf der Welt liebe, bin ich nicht dem Zuge meines Herzens gefolgt. Ich hätte die Erbſchaft auf Sie übertragen können. Ich habe es nicht gethan. Warum? Weil ich dann einen ſelbſtſüchtigen Wunſch auf Koſten des Intereſſes ver Menſchheit befriedigt haben würde. Gerald eignet ſich mehr zu einem Werkzenge, wie es jene Intereſſen erheiſchen, als Sie. Gerald habe ich zu dieſem Werkzeuge gemacht. überdies erſparte ich Ihnen dadurch die Vorwürfe, die Ihnen Ihr ſo eigen⸗ thümlich, ſo krankhaft geſchärftes Gewiſſen darüber ge⸗ macht haben dürfte, daß Sie zum Organ eines ſchein⸗ baren Unrechtes an Morton erwählt worden. Alles, was man von Ihnen verlangt, iſt Stillſchweigen. Erfordern Ihre Bedürfniſſe je mehr als Ihr Legat, ſo haben Gie, wie ich, Anſprüche an den Reichthum, den Gerald mit Ihrer Zuſtimmung beſitzt. Sichern wir Ihnen inzwiſchen jenen Schatz, der für Sie mehr Werth hat als Gold.“ Verblendete mich Montreuil auch nicht ganz durch Reden dieſer Art, ſo bedurfte doch meine verzehrende, überwältigende Leidenſchaft nur wenig, um ſich an jede Hoffnung einer endlichen Erreichung ihrer Wünſche zu klammern. So willigte ich denn, obwohl nicht ohne manchen vorgängigen Kampf, in Montreuils Plan, oder vielmehr in die Verheimlichung deſſelben; ja, ich ſchrieb ſogar nach einiger Zeit auf ſein Verlangen einen von ihm diktirten Brief an Dich, worin ich die Umän⸗ verung der früheren Abſichten des Oheimes durch einige erdachte Gründe zu erklären ſuchte, und Gerald von ijeder Theilnahme oder Aufreizung zu dieſem Betruge, wofür war ich iſt meit der Ar glaubte und da reuil li Dich a aushob Verfah reuil w lichen? Vermö Deines meine tigen 2 weiß ic mir die mitthei nach Lr und hör nungen hinaus ich wüt gänzlic rückzuh M meine benden nem G ie, den cht dem rbſchaft gethan. Wunſch thaen rkzenge, Ud habe arte ich o eigen⸗ iber ge⸗ ſchein⸗ es, was fordern e ie, rald mit zwiſchen Gold.“ iz durch hrende, an jede nſche zu cht ohne z Plan, ja, ich en einen Umän⸗ ch einige rald von Betruge, 283 wofür Du die Sache offen erklärteſt, freiſprach. Dies war ich Gerald ſchuldig; denn dieſer war damals, und iſt meines Wiſſens noch heute gänzlich unbekannt mit der Art, auf welche er zu ſeinem Vermögen kam; er glaubte, Deine Liebe zu Iſora habe den Oheim erbittert, und daher ſchreibe ſich Deine Enterbung; und Mont⸗ reuil ließ es ſich beſonders angelegen ſein, ihn gegen Dich aufzureizen, indem er ſtets die Feindſeligkeit her⸗ aushob, welche Dein Verdacht und Dein gerichtliches Verfahren gegen ihn ſo offen kund gäben. Ob Mont⸗ reuil wirklich glaubte, Du werdeſt den Plan einer ehe⸗ lichen Verbindung mit Iſora nach dem Verluſte Deines Vermögens aufgeben, was nach ſeiner Beurtheilung Deines Charakters höchſt wahrſcheinlich iſt, oder ob er meine Einwilligung zu einer für ſeine Zwecke ſo wich⸗ tigen Maßregel um jeden Preis zu erhalten wünſchte, weiß ich nicht; allein von der Stunde an, in welcher er mir die fälſchliche Unterſchiebung des Teſtamentes zuerſt mittheilte, bis zu unſerer gemeinſchaftlichen Abreiſe nach London, verließ er mich keinen Augenblick mehr, und hörte nicht auf, meine fieberhaften, unheiligen Hoff⸗ nungen zu nähren. Dieſe Abreiſe wurde jedoch ſo lange hinausgeſchoben, als er mich durch die Verſicherung, ich würde durch mein Erſcheinen vor Iſora, ehe Du ſie gänzlich verlaſſen, Alles ververben, auf dem Lande zu⸗ rückzuhalten vermochte. Morton, bisher habe ich geſchrieben, als wären meine Adern mit Waſſer gefüllt und nicht mit dem to⸗ benden Feuer, das durch ſie hinſtrömt, bis es zu mei⸗ nem Gehirn gelangt und dort ſtille ſteht und Alles hin⸗ 284 wegfrißt— ſelbſt die Erinnerung, die einſt ewig zu ſein ſchien. Jetzt fühle ich, je näher ich zu der Vollendung von— ha— von was— ja, von was? Bruder, haſt Du je, wenn Du Dich ganz allein glaubteſt— bei Nacht— wenn ſich kein Athem rührte— haſt Du je aufgeblickt und Dir gerade gegenüber einen Teufel ge⸗ ſehen?— ein furchtbares Weſen, das ſich nicht rührt, nicht ſpricht, ſondern Dich mit einem feſten, todten, erbarmungsloſen Auge anſtarrt?— ein ſolches Weſen ſteht jetzt vor mir und ſieht jedes Wort, das ich ſchreibe. Allein es ſchreckt mich nicht! nein, es ſetzt mich nicht in Furcht! Ich habe geſagt, ich wolle dieſe Aufgabe er⸗ füllen, und beinahe bin ich damit zu Ende; obwohl bis⸗ weilen die graue Höhle gähnte, und ich ihre zerriſſe⸗ nen Wände auf jeder Seite hinunter klaffen ſah, bis ſie die Hölle erreichten; und dort ſah ich— aber ich will es Dir nicht ſagen, bis wir uns dorttreffen! Jetzt bin ich wieder ruhig— lies weiter. Wir konnten weder Iſora, noch ihre Wohnung ausſin dig machen, vielleicht ſorgte der Prieſter dafür, daß es ſo ging; denn damals wußte ich, verwirrt von ſe'nem teufli⸗ ſchen Geflüſter, wie von dem eigenen Herzen, oft kaum, wer ich war oder was ich wollte. Stundenlang ſaß ich da und ſtierte in die Luft, und ſie ſchien mir ſo ſanft und ſtill, daß ich eine Sffnung in meine Stirne hätte machen mögen, um ſie einzulaſſen, und ſo die dumpfe, klopfente, brennende Angſt zu kühlen, die wie geſchmolzenes Wei auf meinem Gehirn lag; endlich fanden wir das Hous. „Morgen,“ ſagte der Abbe und vergoß Thränen über mich— denn es gab Zeiten, wo dieſer harte Menn fühlte; — ſei Montr er blick nicht he der Na und m und B „hat A ſagte e „„höre niß me ich hab ſo will, erſt nac „Aber Paket und ich lich abe die kom We Wuth ich zuvo gefühlt Strahl aber es richt en iſt, un ſollen in mein zu ſein lendung er, haſt — bei ſt Du je ufel ge⸗ t rührt, todten, s Weſen ſchreibe. ich nicht gabe ei⸗ vohl bis⸗ zerriſſe⸗ ah, bis aber ich effen! machen opfente, 285 fühlte;—„morgen, mein Sohn, ſollſt Du ſie ſehen — ſei aber ſanft und ruhig.“ Der Morgen kam; aber Montreuil war blaß, bläſſer als ich ihn je geſehen, und er blickte mich an und ſagte:„Nicht heute, mein Sohn, nicht heute; fie iſt ausgegangen und kehrt vor Einbruch der Nacht nicht zurück.“ Mein Bruder, der Abend kam, und mit ihm kam Desmarais; er kam in Schrecken und Beſtürzung.„Der Schurke Oswald,“ ſagte er, „hat Alles verrathen; er nahm mich bei Seite und ſagte es mir ſelbſt.„„Höre, Jean,““ flüſterte er, „höre mich— Dein Herr hat das ſchriftliche Geſtänd⸗ niß meines Bruders und das echte Teſtament; allein ich habe für Deine Sicherheit geſorgt, und wenn er ſo will, auch für die von Montreuil. Das Paket wird erſt nach ſieben Tagen eröffnet— fliehe alſo vorher.““ „Aber ich weiß,“ ſetzte Desmarais hinzu,„wo das Paket liegt;“ hierauf nahm er Montreuil bei Seite, und ich hörte eine Weile nicht, was ſie ſprachen; end⸗ lich aber verſtand ich Desmarais doch, und erfuhr, daß die kommende Nacht Deine Brautnacht ſei. Was empfand ich damals? dieſelbe ungeſtüme Wuth— denſelben wirren Sturm des Herzens, den ich zuvor bei dem bloßen Gedanken an ſolch eine That gefühlt hatte? Nein, es war mir, als ob ein heller Strahl der Freude mich durchzuckte. Ja, der Freude; aber es war die Freude, die ein Eroberer bei der Nach⸗ richt empfindet, daß ſein Todfeind in ſeiner Gewalt iſt, und er dieſen ſodann zum Tode verurtheilt.„Sie ſollen ſterben— und zwar in vieſer Nacht,“ ſagte ich in meinem Inneren.„Ich habe es geſchworen— ich 286 ſchwor Iſora, ihr Brautbett ſolle mit Blut befleckt werden, und ich will meinen Schwur halten!“ Ich näherte mich den Beiden— ſie ſprachen über die Mit⸗ tel, wie das Paket zu erhalten ſei. Montreuil drang in Desmarais, es von dem Orte, wohin Du es gelegt, zu entwenden und dann zu entfliehen; dieſem Plane wiberſetzte ſich jedoch Desmarais heftig. Er gab im⸗ mer zu bedenken, daß er den genanen Nachforſchungen, welche nothwendig folgen müßten, faſt unmöglich ent⸗ gehen könne, und er war augenſcheinlich entſchloſſen, die Gefahr des Diebſtahles nicht allein auf ſich zu nehmen.„Der Graf,“ ſagte er,„ſah, daß ich zu⸗ gegen war, als er das Paket einſchloß. Der Verdacht wird allein auf mich fallen. Wohin ſollte ich fliehen? Nein— alle meine Talente ſtehen Dir zu Dienſten, aber nicht mein Leben.“—„Elender!“ entgegnete Montreuil,„wenn das Paket geöffnet wird, ſo iſt es um Dein Leben auch geſchehen.“—„Ja,“ erwiderte Desmarais,„wir können aber die Papiere uns zueig⸗ nen und die Schuld nach einer anderen Seite hin leiten⸗ Wie, wenn ich Dich während der Abweſenheit des Gra⸗ fen einließe? Wie, wenn Du das Paket entwendeteſt und zugleich andere Gegenſtände von ſcheinbar höherem Werthe mitnähmeſt? Wie, wenn Du mich in den Arm, oder in die Bruſt verwundeteſt und ich irgend eine Schreckgeſchichte von Räubern und von meinen Widerſtande ausheckte, könnten wir dadurch nicht den Verdacht auf gewöhnliche Diebe— ja vielleicht auf Oswald ſelbſt lenken? Stopfen wir dem Verräther den Mund durch den Tod, wer ſoll dann unſerer Au⸗ ſage 1 Plane dem 6 eines Beden Desm mit de ſich zu in Mr Gefah gewort ſo,“ ſe das Ur Tag ve an ein dannen vollbra dem S will m vollfüh mit S mir ger Du ſpr mitneh ſollte, wie Di Stelle, nachden ſchichte gehen; befleckt 14 Ich die Mit⸗ il drang s gelegt, 1 Plane gab im⸗ chungen, lich ent⸗ ſchloſſen, f ſich ich ze⸗ Verdacht fliehen? Dienſten, tgegnete ſo iſt es erwiderte höherem in den ch irgend meinem nicht den eicht auf 287 ſage wiberſprechen? Keine Gefahr ſoll mit vieſem Plane verbunden ſein. Ich gebe Dir den Schlüſſel zu dem Schreibtiſche— der ganze Diebſtahl iſt das Werk eines Augenblickes.“ Montreuil äußerte im Anfange Bedenklichkeiten hinſichtlich dieſes Vorſchlages, allein Desmarais war, ich wiederhole es, entſchloſſen, die mit dem Diebſtahl verbundene Gefahr nicht allein auf ſich zu nehmen; es ſtand Großes auf dem Spiele, und in Montreuils Natur lag es nicht, vor irgend einer Gefahr zurückzubeben, wenn es einmal nothwendig geworden, derſelben die Stirne zu bieten.„Sei es ſo,“ ſagte er endlich,„ſo ſchwierig und gefahrvoll auch das Unternehmen iſt: ſei es ſo. Wir dürfen keinen Tag verlieren. Morgen wird der Graf das Dokument an einen anderen ſicherern Ort bringen, den wir als⸗ dann nicht kennen— die That muß noch vieſe Nacht vollbracht werden. Verſchaffe mir den Schlüſſel zu dem Schreibtiſche— laſſe mich dieſe Nacht ein— ich will mich vermummt in das Zimmer ſchleichen— und vollführe die That, vor welcher Du, der Du ſie allein mit Sicherheit vollbringen könnteſt, zurückbehſt. Gib mir genau an, wo die anderen Gegenſtände, von welchen Du ſprichſt, aufbewahrt ſind, ſo will ich auch dieſe mitnehmen. Sorge, daß, wenn der Graf erwachen ſollte, er keine Waffe zur Hand habe. Verwunde Dich, wie Du ſelbſt ſagteſt, an einer nicht lebensgefährlichen Stelle, und erzähle morgen oder ſchon eine Stunde, nachdem ich das Haus verlaſſen, eine beliebige Ge⸗ ſchichte. Inzwiſchen will ich unverweilt zu Oswald gehen; entweber erkaufe ich ſein Stillſchweigen— 288 ja, und ſeine unverweilte Entfernung aus England— oder er ſtirbt. Ein Mord zu unſerer eigenen Selbſt⸗ erhaltung iſt nach allen, göttlichen wie menſchlichen, Geſetzen entſchuldbar!“ Ich horchte, aber ſie hielten mich gefühllos gegen Alles, ſchon dachten ſie kaum mehr an meine Gegen⸗ wert. Montreuil wurde mich gewahr, und ſein Ge⸗ ſicht wurde ſanft.„Ich weiß Alles,“ ſprach ich, als ich ſein Auge mitleidig auf mich blicken ſah;„ich weiß Alles,— ſie find vermählt. Genug! mit mei⸗ ner Hoffnung ſchwindet meine Liebe, kümmern Sie ſich nicht um mich.“ Montreuil ſchloß mich in die Arme und ſprach freundlich und lobend zu mir. Er verſicherte mich, Du habeſt in Beziehung auf Deine Heirath ein ſo ſtrenges Schweigen beobachtet, daß er, ja ſelbſt Des⸗ marais erſt am verfloſſenen Abende Kunde davon er⸗ halten— erſt nachdem er, Montreuil, mir verſprochen, ich ſollte Iſora heute ſehen. Ob er hierin aufrichtig war, weiß ich nicht und kümmere mich nicht darum. Auf welche Art dieſe oder jene Zeile in dem grauen⸗ vollen Briefe ſeines Verfahrens zu leſen ſein mag, der Brief war in Sünde geſchrieben und mit Blut beſie⸗ gelt. Ich ſtellte mich, als beachte ich Montreuil oder ſeinen Genoſſen nicht mehr. Der Letztere verlleß vas Haus zuerſt. Montreuil ſtahl ſich fort, wie er glaubte, unbemerkt; er trug eine Maske und war vollſtändig vermummt. Auch ich ging fort. Ich eilte nach einem Laden, wo dergleichen Dinge zu haben wa⸗ ren, und kaufte eine Maske und einen Mantel, ähnlich denen, hatte redete, um be: mich ze hineing ſchmitz bunkle eine P hahe T und ſti — das ſeine E tücher glanzlo Dein ſtand i Ihr la Gott! dieſer e bem ₰H De in einer ein ein einem einzige ſelbe g meine römiſch meine Bu and— Selbſt⸗ hlichen, s gegen Gegen⸗ ein Ge⸗ ch, als ich tit mei⸗ Sie ſich d ſprach e mich, ein ſo bſt Des⸗ won er⸗ prochen, ufrichtig t darum. grauen⸗ mag, der ut beſie⸗ tontreuil e verlleß „ wie er und war Ich eilte aben wa⸗ eähnlich 299 denen, welche ich bei dem Prieſter wahrgenommen. Ich hatte gehört, wie Montreuil mit Desmarais verab⸗ redete, die Hausthüre ſollte nur angelehnt werden, um dem Erſteren die Flucht zu erleichtern; ich begab mich zeitig genug vor Deine Wohnung, um Montreuil hineingehen zu ſehen. Eine wunderbare, feine Ver⸗ ſchmitztheſt, die ich nie zuvor gekannt, zog durch die vunkle Verwirrung meines Geiſtes hin. Ich wartete eine Minute, bis ich annehmen konnte, Montreuil habe Dein Zimmer erreicht; dannöffnete ich die Thüre und ſtieg die Treppe hinauf. Ich begegnete Niemanden — das Mondlicht umgab mich von allen Geiten, und ſeine Strahlen kamen mir wie die bleichen, in Leichen⸗ tücher gehüllten Geiſter vor, die mich mit erſtorbenen, glanzloſen Augen anſtierten. Ich weiß nicht, wie ich Dein Zimmer fand, doch trat ich in kein anderes. Ich ſtand in demſelben Gemache mit Iſora und Dir— Ihr laget im Schlafe— Iſora's Antlitz——. O Gott! ich weiß nichts weiter— nichts weiter von dieſer Schreckensnacht— außer daß ich bluttriefend aus dem Hauſe floh— ein Mörder— Iſora's Mörder! Dann folgte ein langer, langer Traum. Ich lag in einem See von Blut— blutroth war der Himmel, und ein einziger ſtiller, einſamer Stern, ver von ferne mit einem krankhaften, bleichen Lichte flimmerte, war der einzige Punkt über mir und um mich her, der nicht die⸗ ſelbe gräßliche Farbe trug. Und es war mir, als ſeien meine Augenlider abgeſchnitten, wie man es von jenem römiſchen Conſul erzählte, und ich hatte Nichts, um meine Augen gegen das Scharlachlicht und die kräu⸗ Bulwer, Deverenr, M. 15 290 ſelnden Wellen des unnatürlichen Sees zu ſchützen. Und die rothe Luft brannte durch meine Augen in mein Gehirn, und es war mir, als werde dieſes ſofort auch zu Blut; und alle Erinnerung— alle Bilder der Er⸗ innerung— alle Gedanken bekamen körperliche Geſtalt und körperliche Farbe und wurden auch zu Blut. Alles war unbeſchreiblich ſtill, ausgenommen wenn mein eige⸗ nes Geſchrei über den küſtenloſen Oeean hintönte, wäh⸗ rend ich von dem Waſſer fortgetrieben wurde. Endlich heftete ich meine Augen— die Augen, die ich nie mehr ſchließen konnte— auf den bleichen, einſamen Stern; und nachdem ich eine kleine Weile hingeſehen, ſchien ſich der Stern langſam— langſam zu verwandeln, bis er dem blaſſen Antlitze des ermordeten Mädchens ähnlich ſah, und dann gänzlich verſchwand und Alles Blut war. Dieſes Geſicht wurde bisweilen unterbrochen— bisweilen vermiſchte es ſich mit andern— immer aber kehrie es wieder, und als ich endlich wieder vollſtändig von demſelben erwachte, befand ich mich in einem Kloſter in Italien. Montreuil hatte keine Zeit verloren, mich aus Englanb zu entfernen. Nur ein einzigesmal, bald nach meiner Geneſung— denn ich war mehre Monate verrückt geweſen— beſuchte er mich und ſah, wie ſehr ich zu Grunde gerichtet war. Er hatte Mitleid mit mir; und als ich ihm ſagte, ich ſehne mich vor Allem nach Freiheit— nach der grünen Erde und der friſchen Luft und einer Veränderung dieſes düſteren Aufenthaltes, öffnete er die Kloſterpforte, ſegnete mich und hieß mich gehen.„Alles, was ich von Ihnen fordere,“ ſagte er, „iſt ein Verſprechen. Sobald bekannt wird, daß Sie leben, gen vet überfül Gerüch Einwil lien nie Jch gehalte die ſchr Möge der Né bringer und al Ohr,: es, als ich ihm das G Herzen Weſen den um wohl 8 wie vo ſchreib einem ſtierter lächter Gebein meine mich j ſchützen. in mein ort auch der Er⸗ Geſtalt t. Alles ein eige⸗ e, wäh⸗ Endlich nie mehr Stern; hien ſich „ bis er ähnlich lut war. che ner aber Uſtändig nKloſter en, mich al, bald Monate wie ſehr nit mir; em nach hen Luft nthaltes, ieß mich ſagte er, daß Sie 291 leben, ſo wird man Sie mit Nachforſchungen und Fra⸗ gen verfolgen, in Folge deren Sie Ihrer Schuld enblich überführt werden müſſen; laſſen Sie daher in England das Gerücht um ſich greifen, Sie ſeien todt. Geben Sie Ihre Einwilligung zu dieſer Ausſage und verſprechen Sie, Ita⸗ lien nie zu verlaſſen und Morton Devereur nie zu ſehen.“ Ich verſprach es— und habe dieſes Verſprechen gehalten; aber ich verſprach nicht, Dir nie ſchriftlich die ſchwarze That mitzutheilen, die ich hier erzählt habe. Möge der Bericht zu Dir gelangen! Es iſt Jemand in der Nähe, der mir verſprochen hat, ihn Dir zu über⸗ bringen; er ſagt, er habe das Unglück kennen gelernt— und als er dies ſagte, klang ſeine Stimme in meinem Ohr, wie die Deinige; und ich ſah ihn an und mir war es, als ob ſeine Züge etwas den Deinigen glichen— ſo habe ich ihm vertraut. Ich habe jetzt Alles geſagt. Ich habe das Geheimniß unter Angſt und Zittern von meinem Herzen geriſſen. Ich habe Alles geſagt,— obwohl Weſen, die ich für Teufel halte, aus den düſtern Wän⸗ den um mich herausfuhren, um mich abzuhalten— ob⸗ wohl dunkle Flügel neben mir ſchwebten, und Klauen, wie von einem Vogel, mir das Papier, worauf ich ſchreibe, wegzureißen ſuchten— obwohl Augen mit einem nicht von der Erde genommenen Lichte mich an⸗ ſtierten— und höhnende Stimmen und ſcheußliches Ge⸗ lächter mich kalt überrieſelten und durch das Markmeines Geheines drangen— ich habe Alles geſagt— ich habe meine letzte Arbeit auf dieſer Welt vollendet, und will mich jetzt niederlegen und ſterben. Aubrey Devereur. 292 Das Papier enifiel meinen Händen. Welche Gefühle auch während des Leſens in mir rege geworden, nicht ein einzigesmal bin ich von meiner Aufgahe abgeſtanden. Von dem erſten Worte bis zu bem letzten habe ich die furchtbare Erzählung durchwandert, ohne eine Silbe zu ſprechen oder ein Glied zu rühren. Und als ich jetzt auf⸗ ſtand und das Weſen gefunden hatte, durch deſſen Schuld mir die Welt zur wandelloſen Wüſte verwelkt war— als ich den unverſöhnlichen Feind und entkommenen Mörder Iſora's— den Gegenſtand meines jahrelangen Fluches und Rachedurſtes gefunden— war nicht ein ein⸗ ziger Pulsſchlag des Zornes— nicht ein einziges Rache⸗ gefühl mehr in meiner Bruſt. Unverweilt trat ich an das Bett meines Bruders; er war wach, aber ſtill und ruhig— die Stille und Ruhe der Erſchöpfung. Leiſe kniete ich neben ihm nieder. Ich faßte ſeine Hand und ſchauderte nicht vor ihrer Berührung zurück, obwohl vurch dieſe Hand das einzige Weib, das ich je geliebt, um⸗ gekommen war. „Sieh anf, Aubrey!“ ſagte ich, mit Thränen käm⸗ pfend, die ich, trotz meinem ernſtlichſten Bemähen, nicht zurückzuhalten im Stande war,„ſieh auf, Alles iſt ver⸗ geben. Wer auf Erden wird einem Verbrecher Ver⸗ zeihung vorenthalten, der hier ſchon ſo ſchrecklich beſteaft worden iſt? Sieh auf, Aubrey; ich bin Dein Bruder, und ich vergebe Dir. Du haſt Recht— mein Knaben⸗ alter war rauh und wild, und hätteſt Du mich nicht gefürchtet, ſo hätteſt Du vielleicht Vertrauen zu mir gefaßt und nicht geſündigt und gelitten, wie es jetzt der Fall war. Fürchte mich nicht länger. Sieh auf, Anbrey, Morto Bruder ich beſe Ei Momei zitterte ſank zu Meine geſchnit dieſe V Worin t näher ko Nas liſchen ſtattet. möglich verabſch Kloſter gewähr geleſen ob nie lerlebet in Ver ſtand 2 nach vr male h eGefühle en, nicht eſtanden. he ich die Silbe zu jetzt auf⸗ nSchuld twar— mmenen relangen tein ein⸗ s Rache⸗ t ich an ſtill und g. Leiſe ann obwohl ebt, um⸗ nen käm⸗ en, nicht s iſt ver⸗ e Ver⸗ beſtcaft Bruder, Knaben⸗ ich nicht zu mir jetzt der Aubrey, 293 Morton ruft Dir. Warnm ſprichſt Du nicht? Mein Bruder, mein Bruber— ein Wort, ein einziges Wort, ich beſchwöre Dich!“ Einen Moment erhob Aubrey die Augen— einen Moment hegegnete er meinem Blicke. Seine Lippen zitterten wild— ich hörte die Klapper des Todes— er ſank zurück, und ſeine Hand entglitt der meinigen. Meine Worte hatten den letzten Lebensfaden entzwei⸗ geſchnitten. Barmherziger Himmel! ich danke dir, daß dieſe Worte Worte der Verzeihung waren. Fünftes Kapitel. Worin die Geſchichte der Endkataſtrophe um einen großen Schritt näher kommt— Rückkehr nach England und Beſuch bei einer Frommen. Nachts, unter den erſchütternden Formen des katho⸗ liſchen Ritus, wurde Aubrey Devereur zur Erbe be⸗ ſtattet. Nach dieſer Ceremonie war es mir nicht länger möglich, in der Nähe der Einſiedelei zu verweilen. Ich verabſchiedete mich von dem Abte und beſchenkte ſein Kloſter reichlich für den Schutz, den es dem Anachoreten gewährt, und für die Meſſen, welche dort für ſeine Seele geleſen wurden. Ehe ich Anſelmo verließ, fragte ich ihn, ob nie ein Freund des Eremiten, während des Einſied⸗ lerlebens des Letzteren hinſichtlich ſeiner mit dem Abte in Verbindung geſetzt habe. Nach einigem Bedenken ge⸗ ſtand Anſelmo, ein Mann, ein Franzoſe, dem Anſcheine nach von nicht hohem Range, habe das Kloſter mehre⸗ male heſucht, als wollte er über vas Leben und Treiben 294 des Anachyreten Erkundigungen einziehen; er gab an, er ſei von den Verwandten des Eremiten beauftragt ge⸗ weſen, von Zeit zu Zeit Nachforſchungen über denſelben anzuſtellen, habe aber dem Abte keine Spur an die Hand gegeben, welche zu ſeiner eigenen Entdeckung hätte führen können, obwohl Anſelmo darauf hingebentet habe, wie nöthig es ſei, daß ihm irgend ein Ort bezeichnet werde, wohin er etwaige Veränderungen in dem Ver⸗ halten oder dem Geſundheitszuſtande des Eremiten he⸗ richten könne. Etwa zwei Monate vor der jetzigen Zeit ſei dieſer Mann zum letztenmale in dem Kloſter geweſen; einer der Brüder gab jeboch an, er habe ihn am Todes⸗ tage des Eremiten in der Nähe des Brunnens geſehen. Die Beſchreibung, welche man mir von dieſem Fremden machte, wich von einer ſolchen der Geſtalt Montreuils weſentlich ab; indeſſen war ich ver Anſicht, derſelbe müſſe, wenn nicht der Abbs ſelbſt, voch veſſen Vertrauter oder Beauftragter ſein. Ich begab mich jetzt nach Rom, wo ich mit ber nöthigen Vorſicht die ausgedehnteſten Nachforſchungen über Montreuil anſtellte und endlich erfuhr, daß er unter einem angenommenen Namen verfleckt over vielmehr ignorirt in England lebe, da es ihm vurch Freunde ober Geld gelungen ſei, wenn nicht offene Begnadigung, voch ſtillſchweigende Duldung zu erhalten. Kaum hatte ich dieſe Nachricht erhalten, ſo beſchloß ich, unverweilt nach meinem Vaterlande abzureiſen. Ich überſtieg die Alpen— vurchreiste Frankreich— und ſchiffte mich in Calais nach Dover ein. So ſieht man mich nun auf der ſchnellen See, einen doppel Brude nicht 9 ich ent war ke ſönlich war de rechtig eines 6 welche Himm wahr, getrieb gebung Geralt denſche abgedr aufteh ich hat das vo Fſicht hatte. langen ich es hatte i zeihun dies t Wurm Streie gab an, ragt ge⸗ enelben ran die ng hätte tet habe, ezeichnet em Ver⸗ titen be⸗ gen Zeit eweſen; Todes⸗ geſehen. Fremden ntreuils derſelbe rtrauter mit der chungen er unter ielmehr nde ober ng, doch atte ich verweilt tieg die mich in e, einen . 295 doppelten Zweck vor mir— Ausſöhnung mit einem Bruder, dem ich Unrecht gethan, und Rache— nein, nicht Rache, Gerechtigkeit gegen den Schurken, den ich entdeckt hatte! Nein! es war keine Rache— es war kein wüthendes, unheiliges Verlangen, einen per⸗ ſönlichen Feind zur Strafe zu ziehen, das in mir brannte — was meinen Arm ſtählte und mein Herz füllte, war, war der feſte, ruhige, unerſchütterliche Entſchluß, Ge⸗ rechtigkeit zu erhalten gegen die tiefe, planmäßige Schuld eines Schurken, der die Peſt aller Derjenigen geweſen, welche mit ihm in Berührung kamen. Sei Zeuge, o Himmel, ich bin kein rachſüchtiger Menſch! Es iſt wahr, ich habe den Haß, wie die Liebe aufs Außerſte getrieben, aber ſtets behielt ich die Macht, ſeinen Ein⸗ gebungen zu widerſtehen. Als die volle überzeugung von Geralds Schuld bei mir feſtſtand, hatte ich meine Lei⸗ venſchaft bezwungen, hatte ſie in das eigene Herz hin⸗ abgedrückt, obgleich ſie dort, gefeſſelt und ſich ſelbſt aufzehrend, eine Todesqual, eine Folter für mich war; ich hatte der Stimme des Blutes Widerſtand geleiſtet, vas von der Erde gegen den Mörder ſchrie und die ewige Pflicht der Gerechtigkeit in meine Hände übergeben hatte. Jahr um Jahr nährte ich ein ungeſtilltes Ver⸗ langen, und nie, ſelbſt wenn es am meiſten reizte, ließ ich es zur wirklichen Rache werden. Weinend und weich hatte ich an Aubrey's Bett gekniet— hatte meine Ver⸗ zeihung über ihn ausgeſprochen— hatte, während ich dies that, nicht ſo viel Zorn empfunden, um einen Wurm zu tödten. Von ſeiner Hand war der mörderiſche Streich geführt worden— auf ſeiner Seele lag der 296 rothe Fleck des Blutes, das in ven Abern des ſanfteſten, unſchulbigſten Geſchöpfes Gottes gefloſſen war— der Schlag blieb ungerächt, das Verbrechen ward verziehen. Für Aubrey trat eine Milberung, ja vielleicht ſogar eine düſtere, aber nicht ganz zu verwerſende Entſchul⸗ digung ein. Nach dem Geſtändniſſe, welches das Ge⸗ heimniß meines Lebens auf eine ſo ſchrechliche Weiſe löste, konnte der Keim des Fluches, der zuletzt zum Wahnſinn wurde, bei meinem Bruder ſchon in der erſten Morgendämmerung ſeines Daſeins entdeckt wer⸗ den. Pas ſchleichende Gift ließ ſich in dem krankhaften Fieber ſeiner jugenblichen Andacht nachweiſen— in ſei⸗ nem eiferſüchtigen Sehnen nach Zärtlichteit— in dem erſten Aufflammen ſeiner unheilverkündenden Liebe, noch ehe Nebenbuhlerſchaft und Zorn begonnen hatten. Dann hatte ſich ſeine Schuld auch nicht regelmäßig zu einem kalten, überlegten Syſtem organiſirt— in ge⸗ waltſamen Zuckungen, in wahnfinnigen Parorismen brach ſie hervor— oft wurde ſie, freilich nur von einem, ſchwachen Gemüthe, bekämpft— oft von einem zarten, wenn auch reizbaren Temperamente überwältigt— ſie wäre wohl nicht zum letzten, furchtbaren Verbrechen geſtiegen ohne die verdammungswürdige Anreizung und die ruchloſe Liſt eines Menſchen, der, wie Anbrey richtig bemerkte, das unglückliche Opfer nach ſeinem Willen lenken und formen konnte. Sie wäre nicht ſo weit ge⸗ ſtiegen, ſagte ich? Ja, hatte ich doch Andrey's eigenes Wort, daß ohne Montreuils verdammten Einfluß dieſes Verbrechen nie begangen worden wäre! Er hatte beſchloſſen, ſeine Llebe zu erſticken— ſchon war ſein Serz Eüßig und d gengef unter zur Tl terlich nicht wahrt ſchreib pfindu allver: Augen Iſora W danken nunft und ve Mont: ſerer f Politi ſtimmt chens nur 3 — wi noch verdre herrſc ſtatt d den C anfteſten, ar— der erziehen. cht ſogar Entſchul⸗ das Ge⸗ he Weiſe letzt zum n in der eckt wer⸗ nkhaften — in ſei⸗ —in dem n Liebe, hatten. näßig zu in ge⸗ orismen meinem zarten, — rbrechen ung und richtig Willen weit ge⸗ eigenes ß dieſes Er hatte var ſein 297 Herz für Iſora und mich erweicht— ſchon hatte er die Süßigkeit eines tugendhaften Entſchluſſes empfunden und die erſte Bitterkeit des ſeiner Leivenſchaft entge⸗ gengeſetzten Wiverſtandes beſiegt. Warum hätte ein unter ſo glücklichen Vorzeichen gefaßter Entſchluß nicht zur That reifen ſollen? Warum ſollte die dankbare, fürch⸗ terliche Erinnerung an die Sünde, der er entgangen, nicht ferner vor abermaliger Hinneigung zur Schuld be⸗ wahrt haben? Und(o Gedanke, der, während ich hier ſchreibe, mit einem unermeßlichen Schwarme von Em⸗ pfindungen über mich kommt) ohne dieſen allbefleckenden, allverweikenden Einfluß wäre Anbrey's Seele in dieſem Augenblicke rein von Mord, und Iſora, die lebende Iſora, an meiner Seite. Was Wunder, daß in dem Maße, wie vieſe Ge⸗ danken in mir auftauchten, Verſtand, Gefühl, Ver⸗ nunft nach und nach zu einem feſten Entſchluſſe erſtarrten und verhärteten? Wie von einer Höhe überblickte ich Montrenils ganzes Benehmen. Ich ſah, wie er in un⸗ ſerer früheſten Kindheit mit mehr als der gewöhnlichen Politik der Intrigue ohne beſtimmten Grund, ohne be⸗ ſtimmten Zweck, wodurch die Hinterliſt ſeines Verbre⸗ chens noch einigermaßen gemildert worden wäre, nicht nur Zwietracht in den Herzen von Brüdern unterhielt — wie er nicht nur die Zeit warmer Zuneigung, aber noch nicht gereifter Leidenſchaft zu Streit und Hader verdrehte— ſondern ſich auch der angeborenen, vor⸗ herrſchenden Fehler unſerer Herzen bemächtigte, um, ſtatt dieſelben zu erſticken, nach dieſen Hauptgebrechen den Charakter jedes Einzelnen zu formen und unſer 298 Benehmen nach ſeinem Willen zu leiten, ſobald eine kalthlütige, ſchonungsloſe Politik es nöthig machen ſollte, vaß wir Spielpuppen und Werkzeuge dieſes Wil⸗ lens würden. So hatte er Aubrey bei ſeiner krankhaften Eiferſucht gepackt, und führte ihn an dieſer Handhabe, unterſtützt von der geheimen Springfeber des Aber⸗ glaubens, auf ſeiner jammervollen Bahn des Elendes und der Sünde. So hatte er in Folge der moraliſchen Unentſchloſſenheit Geralds auch vieſen ſeinen Zwecken unterthan gemacht, und die kindliche Feindſeligkeit zwi⸗ ſchen dieſem Bruder und mir dazu benutzt, uns Beide in einem gegenſeitigen Haſſe zu erhalten, deſſen Schil⸗ derung mich ſchaudern machte. Leicht begriff ich jetzt, daß meine Beſchuldigung Geralds, oder der gegen den⸗ ſelben gehegte Verdacht, welche dieſer unter gewöhnli⸗ chen Umfländen auf eine leidenſchaftloſe Art entkräſtigt haben würde, ihm von Montreuil im Lichte einer grund⸗ loſen, abſichtlichen Beleivigung dargeſtellt wurde, und er ſich ſomit nicht zu ver gänzlichen, kaltblütigen Erklärung veranlaßt ſah, die, wenn fie auch das Geheimniß meiner Leiden nicht ganz auftlärte, ihn doch von dem falſchen Ver⸗ dachte einer Schuld, und mich von der wirklichen Schulb des Zornes und der Feindſeligkeit bewahrt hahen würbe. Das Verbrechen der Teſtamentsverfälſchung und vas dem Erblaſſer und mir zugefügte Unrecht war ein Glied in der Kette ſeiner Frevel, das ich am wenigſten beachtete. Mehr hatte ich die ſchwarze, vollendete Arg⸗ liſt vor Augen, durch welche Aubrey in dieſe Sünde verwickelt worben war; und Schander geſellte ſich meinem Unwillen, wenn ich Montreull auf vieſes Wert ves B vollen noch 1 — de ſah. den Fi einer Ehrge „aber ballte für in Al langen die tie liche hreche dieſe Schick Blicke ren B der V Tribu quäler örteru thun? mich ſe ſei,„ keit zu bei die ich ent bald eine machen mkhaften andhabe, s Aber⸗ Elendes raliſchen Zwecken keit zwi⸗ 1 Beide n Schil⸗ ich jetzt, gen den⸗ wöhnli⸗ kräftigt grund⸗ „und er rklärung meiner en Ver⸗ Schuld würde. ng und war ein enigſten te Arg⸗ Sünde ſich zu es Werk ves Betruges nicht nur durch Aufreizung einer ſchulb⸗ vollen, unrechtmäßigen Leidenſchaft, ſondern vurch das noch unnatürlichere, gräßliche Mittel der Verrücktheit — der Verzweiflung eines Wahnſinnigen hinarbeiten ſah. Durch Trug und Mord war dieſer Prieſter über den Frieden— das Glück— die Ehre— die Tugend einer ganzen Familie dem Ziele ſeines kalten, herzloſen Ehrgeizes ohne Erbarmen, ohne Reue zugeſchritten; „aber nicht,“ ſagte ich, indem ich die Hand zur Fauſt ballte, daß die Nägel in das Fleiſch drangen,„nicht für immer ohne Strafe und Vergeltung.“ Aber auf welchem Weze war Gerechtigkeit zu er⸗ langen? Vor einem öffentlichen Gerichtshofe? Wie! die tiefe Schmach meines Hauſes— die düſtere, pein⸗ liche Geſchichte meines verſtorben Bruders— ſein Ver⸗ brechen und ſeinen Wahnſinn ans Licht ziehen? Wie! dieſe Geſchichte in ihrem Zuſammenhange mit dem Schickſale Iſpra's vor die neugierigen, verletzenden Blicke der ſchwatzenden Welt bringen? Den furchtba⸗ ren Bericht hloßſtellen, den Scherzen, der Nachſpürung, der Verwunderung und dem Mitleid des roheſten aller Tribunale— einem engliſchen Gerichtshofe? und der quälendſten aller Veröffentlichungen— der gemeinen Er⸗ örterungen eines engliſchen Publikums? Konnte ich dies thun? Ja, in der ſtrengen Seele fühlte ich, daß ich mich ſelbſt dieſer Demüthigung zu unterwerfen im Stande ſei, wenn ſich kein anderer Weg zeige, um Gerechtig⸗ keit zu erlangen. Gab es keinen anderen Weg?— bei dieſer Frage hielten meine Vermuthungen ſtille— ich entwarf keinen Plan, oder vielmehr ich entwarf 300 deren hunberte und verwarf ſie alle wieber; endlich blieb mein Gemüth bei dem unbeſtimmten, unerörterten, aber prophetiſchen Entſchluſſe ſtehen, daß, wenn ſich je mein Pfad mit dem von Montreuil kreuzen ſollte, der Eine von uns untergehen müſſe. Ich fragte nicht wie, noch wo der Schlag geführt werden ſolle; ich fühlte nur die he lige, freudige Gewißheit, daß meine Hand, möge ſie nun das Schwert des Geſetzes, oder die Waſſe per⸗ ſönlicher Vergeltuna borgen, die Aſche der Todten und die Todesqual der überlebenden rächen werde. Sobald ich zu dieſem Entſchluſſe gekommen, ließ ich meine Getanken auf weniger peinlichen Gegenſtänden verweilen. Sehnſüchtig ſah ich einer Zuſammenkunft mit Gerald und einer Verſöhnung nach all unſeren frü⸗ hen, ſo lächerlichen Zänkereien entgegen. Als Buße für das Unrecht, das ihm mein Verdacht gethan, beſchloß ich, meine Erbſchaft nicht anzuſprechen. Bereits war ich im Beſitze eines bedentenden Vermögens, und Alles, was ich von den Erbgütern zu beſitzen wünſchte, waren die Ruinen des alten Schloſſes und die Waldungen des umliegenden Parkes; dies trat mir Gerald aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach gerne ab, und mit meinem von Natur ſo ſanguiniſchen Temperamente entwarf ich ſchyn den Plan zu Wiederaufbauung des alten Schloſſſes und die Eintheilung des Eremitenlebens, worin der Reſt meiner Jahre verfließen ſollte. Von derartigen Gedanken kam ich auf das geheim⸗ nißvolle, plötzliche Verſchwinden Oswalds zurück; die⸗ ſes konnte ich mir jetzt leicht erklären. Es war nicht zu zweifeln, daß Montreuil(unmittelhar nach dem Morde Beſlech Englar hatte. die ſer 2 der kei oder de — konn reuilen deren d Fieber, Nacht ſtrichen ſchung und H ſchien n lien beg Hie Aubrey lichen 1 wäre.“ ſo hefti furchtbe Jedem der An Erſchie nige alt ren auc Er war So ich blieb rterten, n ſich je te, der cht wie, hlte nur d, möge ſſe per⸗ ten und ließ ich ſtänden enkunft ren frü⸗ uße für beſchloß its war d Alles, waren gen des Wahr⸗ Natur on den und die meiner eheim⸗ k; die⸗ r nicht ch dem 301 Morbe) ſeiner Erklärung zufolge Oswald entweber durch Beſlechung, oder durch Drohungen zur Abreiſe aus England und zu Bewahrung des Geheimniſſes vermocht hatte. Wenn ich mir den Eindruck zurückcief, welchen dieſer Menſch auf mich gemacht hatte,— ein Eindruck, ber keineswegs ſehr zu Gunſten der Unerſchrockenheit, oder der ſtrengen Rechtlichkeit ſeines Gemüthes ſprach — konnte ich nicht anders, als annehmen, daß es Mont⸗ reuil nicht ſchwierig geworden, mit dem einen oder an⸗ deren dieſer Mittel durchzudringen. Das beſinnungsloſe Fieber, welches mir die Wunden und Vorfälle jener Nacht zugezogen, und die lange, in Folge deſſeiben ver⸗ ſtrichene Zwiſchenzeit, ehe ſich die gerichtliche Nachfor⸗ ſchung auf Oswald wandte, gab dieſem jede Gelegenheit und Hülfe, ſich aus dem Lande zu entfernen, und es ſchien nicht unwahrſcheinlich, daß er Aubrey nach Jla⸗ lien begleitet hatte. Hier hielt ich an, in tiefer Anerkennung der von Aubrey ausgeſprochenen Richtigkeit,„daß ich unter ähn⸗ lichen Umſtänden veelleicht eben ſo ſchuldig geworden wäre.“ Meine Leidenſchaften waren in der That„eben ſo heftig und wild, wie die ſeinigen,“ und es lag eine furchtbare Ahnlichkeit in dem Gemüthszuſtande, welchen Jedem von uns die Ereigniſſe jener Nacht, für uns Beide der Anfangspunkt eines troſtloſen Daſeins, zugezogen. Erſchien mein Wahnfinn nur als vorübergehend, der ſei⸗ nige als feſtüehende, dauernde Geiſteskrankheit, ſo wa⸗ ren auch die Urſachen unſerer Leiden gar ſehr verſchieden. Er war der Verbrecher— ich nur der Dulder! So flatterten die Schatten von Gedanken und Er⸗ 302 innerungen um mich, als ich, über das Verbeck gelehnt, hinabſah auf die Wogen, bie mich nach ſo manchen Jah⸗ ren und Wechſeln heimwärts trugen. Wie ſcheinbar ge⸗ trennt, und voch wie eng verbunden waren die Haupt⸗ ereigniſſe in meinem wilden Wanderleben geweſen. Meine frühe Bekanntſchaft mit Bolingbroke, den ich ſeit mehr als neun Jahren nicht geſehen, und der, oberfläch⸗ lich betrachtet, mehr von Einfluß auf mein öffentliches, als auf mein Privatleben geweſen— wie geheim und doch wie mächtig hatte ſie zu den Gedanken, welchen ich jetzt hingegeben war, wie zu dem Zwecke, welchen ich jetzt verfolgte, geführt. Ohne dieſe Bekanntſchaft würde ich den Aufenthalt von Don Diego d'Alvarez, während ſei⸗ ner letzten Krankheit, nicht erfahren— würde ich meine Liebe zu Iſora nicht erneuert haben, und welches Schic⸗ ſal ſie auch getroffen hätte, Verlaſſenheit und Armuih wären ein geringeres Unglück für ſie geweſen, als die Verb ndung mit mir. Ohne meine Freundſchaft für Bo⸗ lingbroke hätte ich weder Frankreich beſucht, noch die Gunſt des Regenten, noch den Haß von Dubois, noch die Protection und Huld des Czars gewonnen. Ich wäre wohl nie Geſandter am** Hofe geworden, noch mit Bezoni zuſammengetroffen, noch hätte ich am Fuße der Appenninen ein Aſyl für einen von dem Gepränge der Welt überſättigten und nach Wahrheit dürſtenden Geiſt geſucht, noch hätte ich die Geſchichte(die dann wohl freilich auch nicht vorgefallen wäre) geleſen, die jetzt in meinem Herzen brannte, meine Schritte antrieb und allen meinen Wünſchen ihre Färbung verlieh. So wer denn der Faden meiner politiſchen Ehren durch das feinſte, ſal ver ſenſten lebloſen Ereigni unverm aus ich und Sc Ung Kanal; des letzt dieſer E und ich oder G Abgeſch am ande Wel Menſche bedenkt, gleich ſi einen, trieben — Unrt einem f Flecke n fühl zun ſein— nen Na Unt deſſen 2 k gelehnt, chen Jah⸗ inbar ge⸗ e Haupt⸗ geweſen. en ich ſeit oberfläch⸗ fentliches, und doch nich jetzt ich jetzt würde ich rend ſei⸗ ich meine es Schick⸗ Armuth „als die tfür Bo⸗ noch die ois, noch Ich wäre noch mit Fuße der änge der den Geiſt nn wohl ie jetzt in rieb und So war uch das 303 feinſte, aber ſtärkſte Netz mit meiner perſönlichen Trüb⸗ ſal verwoben, und ſo war ſelbſt während ver ausgelaſ⸗ ſenſten Feſte des Regenten von Frankreich vder des lebloſen Prunkes des*** Hofes der dunkle Strom ver Ereigniſſe unter meinen Füßen fortgerollt und hatte mich unvermerkt dem Zeitpunkte näher gebracht, von welchem aus ich jetzt die Vergangenheit überſah und auf die Nebel und Schatten der Zukunft blickte. Ungünſtige Winde machten die kleine Reiſe über ben Kanal zu einem Geſchäfte von vier Tagen. Am Abende des letzten landeten wir in Dover. Dreißig Meilen von dieſer Stadt lag der ſtille Aufenthalt meiner Mutter, und ich beſchloß, ehe ich eine Ausſöhnung mit Gerald oder Gerechtigkeit für Montreuil ſuchte, ſie in ihrer Abgeſchiedenheit zu beſuchen. Demzufolge begab ich mich am andern Morgen nach dem Orte. Welch ein Gegenſatz in dem Leben verſchiedener Menſchen! Wie wunderbar verſchieden iſt, wenn man bedenkt, daß Anfang und Ende aller ſterblichen Bahnen gleich find, der Raum zwiſchen beiden ausgefüllt! Die einen, das Unkraut der Welt, von Küſte zu Küſte ge⸗ trieben— nichts als Wechſel— Unternehmung— Streit — Unruhe; andere, das Moos der Welt— an irgend einem friedlichen Felsftücke wurzelnd— an demſelben Flecke wachſend, blühend, verwelkend,— kaum ein Ge⸗ fühl zum Leben— kaum eine Empfindung zum Bewußt⸗ ſein— kaum ein Zehntheil von den Kräften ihrer eige⸗ nen Natur zur Thätigkeit gebracht. Unter dem röthlichen, viereckigen Gebäude, vor deſſen Pforte mein Wagen hielt, lag ein Ausbruck von 304 Ruhe und Stille, der mich wie ein leiſer Vorwurf gegen den traf, der nach dem Orte des Friedens mit Gefühlen kom, welche nicht mit denen, ſo hier zu Hauſe, harmo⸗ nirten. Ein kleiner, vorſpringender Thorweg war mit Epheu bedeckt, und eine hejahrte Pförtnerin trat auf mein Pochen heraus. „Die Gräfin Devereur,“ ſagte ſle,„iſt jetzt Vor⸗ ſteherin der Geſellſchaft“(Kloſter nannten ſie es nicht), „und ſieht nur ſelten Fremde bei ſich.“ Ich nonnte meine Anſprüche auf Vorlaſſung und wurde in ein kleines Sprachzimmer geführt; auch hier war alles ſtill— das braune, eichene Getäfel— bie hohen Stühle— die wenigen alten Gemälde— das Anſehen von Unbewohntheit in dem Zimmer— Allez ſprach ſtumm von Ruhe— aber von einer unerquicklichen, düſteren Ruhe. Endlich erſchien meine Mutter. Ich ſprang ihr entgegen— meine Kindheit ſtand vor mir— Jahre— Leiden— Veränderung waren vergeſſen— ich war wieder ein Knabe— ich ſprang ihr entgegen und lag in den Armen meiner Mutter! Lange dauerie es, bis ich zur Beſinnung kam; ich bemerkte, wie leblos und kalt ihre Umarmung war, aber erſt nach einiger Zeit, und mein Entzücken war auf einmal dahin. Wir ſetzten uns und ſprachen lange und ununter⸗ brochen, aber unſer Geſpräch glich dem von Bekannten, nicht tem der innigſten, nächſten Verwandten—(denn ich brauche wohl kaum zu bemerken, vaß ich ihr Nichts von meinem Zuſammentreffen mit Aubrey ſagte, uoch ſie hinſichtlich der Zeit ſeines Todes enttäuſchte). Jeber von der Welt Zurückgezogene, den ich bisher geſehen, hatte ſeinem und für me Intere mich z derung und ic ihr kei zu hör ſelbſt Tages, vyn zel die Loc Farbe ſie nich Opfer war eit änderu deren k Lebens blühte eingefa mangel aus die gelullt Stimm ſie mac betritt, dahin g Bul urf gegen Gefühlen , harmo⸗ war mit trat auf jetzt Vor⸗ es nicht), ſſung und auch hier fel— bie — — Alles uicklichen, or mir— ter. Ich egeſſen— wie leblos ch einiger hin. ununter⸗ e). Jeder geſehen, entgegen e dauerte 305 hatte ſelbſt bei der vollkommenſten Zufrievenheit mit ſeinem Zuſtande gerne von der äußeren Welt geſprochen und Intereſſe an ihren Begebenheiten gezeigt— nur für meine Mutter ſchienen weltliche Gegenſtände und Intereſſen gänzlich todt. Sie zeigte wenig Erſtaunen, mich zu ſehen— wenig Erſtaunen über meine Verän⸗ derung; ſie ſagte nur, mein Außeres habe gewonnen und ich erinnere ſie an meinen Vater; ich bemerkte bei ihr keine Neugier, von meinen Reiſen und Abentenern zu hören— ja ſie ſchien nicht einmal geneigt, von ſich ſelbſt zu ſprechen;— ſie beſchrieb mir das Leben eines Tages, und ſagte mir dann, darin liege die Geſchichte von zehn Jahren. Eine eng anliegende Mütze ſchloß alle vie Locken ein, wegen deren reicher Fülle und goldener Farbe ſie einſt ſo berühmt geweſen— denn hier fielen ſie nicht, wie in einem eigentlichen Kloſter, als das Opfer eines Gelübdes ganz weg.— Ihre Kleidung war einfach, ſchlicht und ſchmucklos; außer den Ver⸗ änderungen in ihrem Anzuge waren in ihrem Außeren deren keine bemerkbar— die Bewegungsloſigkeit ihres Lebens ſchien auch die Zeit gelähmt zu haben— noch blühte ihre faltenloſe Wange— ihr Mund war nicht eingefallen— die mangelloſen Züge waren noch immer mangellos. Aber eine tiefere Ruhe als jemals athmete aus dieſer Geſtalt; es war, als ſei die Seele in Schlaf gelullt worden— ihr Geſicht war leblos— ihre Stimme war leblos— ihre Geberden waren leblos— ſie machte den Eindruck eines Zimmers, welches man betritt, nachbem ſeit einem Jahrhundert kein Menſch dahin gekommen iſt. Gie willigte in meine Bitte, den Bulwer, Devereur. M. 20 306 ganzen Tag bei ihr zubringen zu dürfen— ein Bett wurde für mich bereitet, und mit Sonnenanfgang am folgenden Morgen umſchloſſen mich noch einmal kalt und mechaniſch ihre Arme und entließen mich zur Weiterreiſe nach der Hauptſtadt. — Sechstes Kapitel. Die Zurückgezogenheit eines berühmten Mannes, und ein Beſuch bei einem großen Dichter. Ich kam in London an und fuhr ſogleich hei Gerald vor; es war nicht ſchwer, ſeine Wohnung aufzufinden; in meinen jungen Tagen war es die Reſidenz des Her⸗ zogs von*** geweſen; und ſo genau ich den Reichthum des Beſitzers der Güter von Devereux kannte, war ich doch etwas betroffen über die Größe und Pracht ſeines Palaſtes. Zu meinem unbeſchreiblichen Verdruſſe erfuhr ich, Gerald habe wenige Tage vor meiner Ankunft Lon⸗ don verlaſſen, um einen mit unſerer Familie nahe ver⸗ wandten Edelmann zu beſuchen, deſſen Wohnung in verſelben Grafſchaft, wie Devereux⸗Court, liege. Seit dem Brande, der mit Ausnahme des alten Thurmes, ven ich ſtets als mein heſonderes Eigenthum betrachtet, das alte Gebäude ganz zerſtört hatte, nahm Gerald, wie ich hörte, beim Beſuche ſeiner Ländereien ſeine Wohnung immer bei dem Einen vder dem Andern ſeiner Nachbarn. So beſchloß ich benn, mich nach Lord*** Gut zu begehen. Zufälliger Weiſe traf ich vor dem Hotel, wohin ich von Gerald's Wohnung fuhr, den d ein Gerald t ſeines e erfuhr ft Lon⸗ ahe ver⸗ ung in e Seit hurmes, trachtet, Geralb, n ſeine n ſeiner or dem hr, den 307 Lieblingsdiener Lorb Bolingbroke's, wodurch meine Abreiſe um einige Tage aufgeſchoben wurde. Dieſer Umſtand machte meine ganze Anhänglichkeit an dieſen Manne wieder aufleben; und als ich hörte, daß er ſich auf ſeinem, wenige Meilen von der Stadt entfernten, Landhaufe befinde, beſchloß ich, ihn am andern Morgen zu beſuchen. Ich ſah nicht nur mit lebhaftem, ſondern auch ſchwermüthigem Intereſſe der Zuſaimnmenkunft mit einem Manne entgegen, deſſen glänzende Laufbahn lange meine Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatte, und deſſen Briefe (denn während der Zeit unſerer Trennung ſchrieb er mir oft) jest vieſelbe überſättigung an den Triumphen und dem Prunke des Ehrgeizes auszudrücken ſchienen, welche auch mir einige Weisheit gebracht hatten; nicht nur wünſchte ich in ſeiner Zurückgezogenheit jenen Boling⸗ broke zu ſprechen, den ich als das Orakel der Staats⸗ männer und den Stolz der Höfe gekannt hatte; nicht nur liebte ich endlich den Mann und ſehnte mich, ihn wieder zu umarmen;— ein minder friedlicher, dringen⸗ der Grund trieb mich zu einem Beſuche Desjenigen, der ſowohl wegen ſeiner Kenntniß aller Menſchen, wie wegen der Geſchicklichkeit, dieſelben je nach ihren Fähig⸗ keiten zu verwenden, gleich berühmt war und der ſelbſt in ſeiner jetzigen frieblichen Abgeſchiepenheit nicht un⸗ wahrſcheinlich von dem Aufenthalte des unruhigen, ränkevollen Geiſtlichen unterrichtet war, nach beſſen Auffindung ich jetzt dürſtete, und den Bolingbroke fräher vft geleitet vder gebraucht hatte. Als mein Wagen vor der Thüre des Staatsmannes hielt, ſagte man mir, Lord Bolingbroke ſei auf ſeinem 308 Pachthofe. Pachthof! wie ſeltſam klang dieſes Wort, verbunden mit dem Namen eines ſo glänzenden, unru⸗ higen Mannes, in meinem Ohr. Ich fragte den Diener nach der Richtung, wo ich meinen Freund finden werde, und ging, ſeiner Weiſung folgend, allein weiter, den⸗ ſelben aufzuſuchen. Es war ein Tag gegen Ende des Herbſtes, hell, mild, klar und ruhig, wie die Neige eines kräftigen, geiſtvollen Greiſenalters. Ich ging langſam über ein ſeines goldenen Kornes beraubtes Feld hin und erblickte, als ich durch die Hecke eines zweiten trat, den Gegenſtand meiner Nachforſchung. Wie es ſchien, hatte er einem wie ein Taglöhner gekleideten Manne ſo eben einen Auftrag gegeben, der jetzt von ihm ging, und er näherte ſich mir mit zu Voden gerichteten Blicke. Wie langſam und gleichmäßig war der Schritt geworden, der nicht ſo ſtattlich, jedoch raſch und un⸗ gleich, den hohen, aber ungebundenen Ginn verrieth. Oft blieb er wie in Gevanken ſtehen und einmal hielt er länger, als ſonſt an und ſchien nachdenklich auf den Boden zu blicken. Wir kamen ſpäter, nachdem ich zu ihm getreten, noch einmal an dieſer Stelle vorüber, und mit heimlichem Lächeln bemerkte ich, daß ſich dort einer von den kleinen Hügeln befand, worin das ge⸗ ſchäftige Inſektenvolk, das ein Spott und Vorbild des geſellſchaftlichen Zuſtandes der Menſchen zu ſein ſcheint, ſeine wimmelnde Behauſung hat. In dem Stehenbleiben und der Beobachtung des mißvergnügten Staatsmannes neben dieſem Hügel ſchien ſich eine ſtille Lehre auszuſprechen, welche einen Schlüſſel zu der Att ſeiner Betrachtungen gab. Wort, unru⸗ Diener werde, „den⸗ de des Neige hging es Feld weiten Wie es eideten on ihm chteten Schritt nd un⸗ rrieth. l hielt uf den ich zu orüber, ch dort s ge⸗ Borbild zu ſein n dem nügten ne ſtille er Att 309 Er erblickte mich nicht, bis ich dicht vor ihm ſtand und ſeinen Namen genannt hatte; auch erkannte er mich nicht ſogleich, denn ich trug ausländiſche Kleidung, ein Schnurrbart beveckte meine Oberlippe und, wie ich ſchyn oben ſagte, die Jahre hatten mich auffallenb verändert. Als aber die Erkennung folgte, geſchah es von ſeiner Seite mit all der Herzlichkeit, die ich erwartet hatte. Ich legte meinen Arm in den ſeinigen und wir gingen einige Stunden lang umher, ſprachen von Allem, was ſich ſeit und vor unſerer Trennung begeben und wir fühlten, wie unſere Herzen während des Geſpräches immer wärmer für einander ſchlugen. „Als ich Sie zum letztenmale ſah,“ ſprach er,„wie ſo ſehr verſchieden waren da unſere Hoffnungen und Zwecke— Sie nahmen damals ſcheinbar den beſſeren Platz ein, aber es war nur eine künſtliche Höhe, und mein niederer Standpunkt, obwohl dem Anſchein nach weniger verlockend, war der weniger gefährliche. Ehen hatte mich die Ungnade eines irregeführten, undankbaren Fürſten getroffen. Bereits hatte ich mich in eine Abge⸗ ſchiedenheit zurückgezogen, wo meine einzigen Ehren ſich nach der Feſtigkeit richteten, mit welcher ich meine Ver⸗ werfung ertrug— und meine einzige Schmeichlerin die Hoffnung war, einen Gefährten und Mentor in mir ſelbſt zu finden. Sie, mein Freund, ſchieden mit der Ausſicht auf ein ganzes Leben vor Ihnen; Sie verließen die Verfolgung des Glückes an dem einen Hofe nur, um daſſelbe an einem anderen in noch höherem Maße zu finden. Beinahe zehn Jahre ſind ſeit jener Zeit ver⸗ floſſen— meine Lage hat ſich nur wenig geändert— 310 ich bin zwar zu dem heimathlichen Voden zurückgelehrt, aber nicht zu einem Boden, welcher der Ehrliebe und Thatkraft günſtiger wäre als der Schauplatz meiner Ver⸗ bannung. Mein Wirkungskreis iſt mir noch immer ver⸗ ſchloſſen— mein Geiſt iſt noch immerverbannt.⸗ Jung an Jahren, aber gekrönt mit Triumphen, kehren Sie zurück. Haben ſolche Ihnen Glück gebracht, De⸗ vereur? oder ſahen Sie ſich eher in dem Falle, meine Zufriedenheit zu beneiden?“ „Ach!“ erwiderte ich,„wer könnte eine zu genaue Prüfung unter der Maske und dem Mantel ertragen? Sprechen Sie jetzt nicht von mir. Es ziemt dem Glück⸗ lichen die Klage nicht— und ich ſpare, was mich in meinem Inneren beunruhigen mag, für Ihre zukünftige Tröſtung und Berathung auf. Jetzt erzählen Sie mir von Ihnen ſelbſt— Sie ſind alſo glücklich?“ „Ich bin es!“ ſagte Bolingbroke mit Nachbruck.— „Das Leben ſcheint mir zwei Schätze zu beſitzen— den einen glänzend und unſicher, ten anderen von minder reichem Anſehen, aber von reellerem Werthe. Der eine iſt die Macht, der andere die Tugend, und der Haupt⸗ unterſchied zwiſchen beiden iſt folgender: Macht wird uns als ein Anlehen übergeben, des ſtets wieder und zwar mit einem furchtbaren Rückſtande on Zinſen, zu⸗ rückgefordert werden kann— Tugend erhalten wir als ein Seſchenk, das wir, iſt daſſelbe einmal in unſerem * Kaum brauche ich den Leſer varan zu erinnern, daß Lord Bolingbroke, obwohl er volle Verzeihung erhalten, doch ſeinen Sitz im Oberhaus nicht wieder einnehmen durſte. Der Herausgeber. Beft kön ang In: mei meit ſetzt ihn Ihn wen ände wäh begi und Züg was volle in d trug einer mit zu u nehn und Unw heit auch ſeine edlet gekehrt, be und er Ver⸗ er er⸗ nnt.* kehren t, De⸗ meine genaue ragen? Glück⸗ nich in ünftige uck.— — den minder er eine ſeinen er⸗ 311 Beſitze, nur vurch unſere eigene Thorheit verlieren können. In meiner Jugend wurde ich vurch die erſtere angezogen— daher meine Mißgriffe und mein Unglück! In meinen ſpäteren Jahren ſuchte ich die letztere; daher meine Heilung und mein Troſt. Aber noch haben Sie mein Haus mit allen ſeinen Reizen nicht geſehen,“ ſetzte Bolingbroke mit einem Lächeln hinzu, das mir ihn ganz, wie er früher war, zurückrief.„Ich will ſie Ihnen zeigen.“ Damit wandten wir uns dem Gebäude zu. Auf dem Wege dahin mußte ich mich wundern, wie wenig Trübes die mit Bolingbroke vorgegangene Ver⸗ änderung in ſich ſchließe. Allerdings hatten zehn Jahre, während deren die Blüte des Mannes ſchon abzunehmen beginnt, mächtige Spuren auf ſeiner ſtattlichen Geſtalt und der noch immer unerreichten Schönheit ſeiner edlen Züge zurückgeloſſen; allein das Benehmen erſetzte Alles was das Außere verloren. In den Tagen ſeiner geräuſch⸗ volleren Größe lag etwas Erkünſteltes und Unruhiges in dem ſchimmernden Wechſel, den er gerne zur Schau trug. Er geſiel ſich zu ſehr darin, von der Weisheit zu einem ſchnellen Witzworte überzuſpringen— das Ernſte mit dem Heiteren— das Geſchäft mit dem Vergnügen zu umkränzen. That dies auch der Feinheit ſeines Be⸗ nehmens keinen Eintrag, ſo minderte es doch die Würde und gab ihm den Ausdruck von etwas Geſuchtem und Uunwahrem. Jetzt war Alles ruhig, ernſt, tief; Zart⸗ heit lag ſogar in ſeiner Melancholie, und bemerkte man auch noch die Affektation, den klaſſiſchen Charakter mit ſeinem eigenen zu verbinden, ſo war die Maske doch ebler, die Affettation weniger bemerkhar. Allein dieſes 312 Benehmen war nur der matte Spiegel eines Gemüthes, das zwar ſein früheres Weſen nicht einmal veränderte, aber durch Mißgeſchick verſchönt und erhoben worden war, und, ohne ſeine frühere Schwächen abzulegen, um ſolche gut zu machen, tauſend neue Tugenden er⸗ worben hatte. „Hier ſehen Sie,“ ſagte mein Begleiter, indem er auf die Wände der Halle zeigte, die wir jetzt eben be⸗ treten hatten,„den Gegenſtand, der gegenwärtig haupt⸗ ſächlich meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, Ich denke darüber nach, welches Gewand ich der Halle geben will, das die Beſchäftigung ihres Beſitzers am deut⸗ lichſten hervorhebt. Sie ſehen, der Wunſch zu verbeſſern, zu ſchaffen und das Verbeſſerte und Geſchaffene mit uns in Verbindung zu bringen, folgt uns verbannten Leuten ſelbſt in unſere Abgeſchiedenheit nach. Ich habe im Sinne, dieſe Wände mit landwirthſchaftlichem Geräthe bemalen zu laſſen, und durch Bilder von Spaten und Pflugſcharen meine Beſchäftigung und meine Zufrie⸗ denheit mit derſelben an den Tag zu legen.“ „Cincinnaius iſt, ich geſtehe es, ein beſſeres Vor⸗ bild als Ariſtippus,“ ſagte ich lächelnd.„Wenn aber die Senatoren hieher kommen, um Sie auf den Herr⸗ ſcherſtuhl zu berufen, werden Sie dem Römer nicht nur darin gleichen, daß man Sie am Pfluge findet, ſondern auch in dem Widerſtreben, womit Sie denſelben ver⸗ laſſen, und in der Begierde, zu demſelben zurückzu⸗ kehren?“ „Was ſoll ich hierauf ſagen?“ erwiverte Boling⸗ broke.„Wollen Sie den Cyniker ſpielen, wenn ich mit ſonderb jede St Bol es bei ei mehr alt ihn eben ſcheint. nüthes, nderte, worden ulegen, den er⸗ dem er hen be⸗ haupt⸗ t. Ich geben deut⸗ beſſern, nit uns Leuten be im eräthe en und Bufrie⸗ s Vor⸗ n aber Herr⸗ cht nur ondern n ver⸗ rückzu⸗ oling⸗ ch mit 313 Nein antworte? Wir dürfen uns nicht rühmen, eine Macht zu verachten, wenn ſie Anderen nützlich werden kann, ſondern unſer Ruhm beſteht darin, auch ohne dieſelbe zufrieden leben zu können. Dies iſt das Ende meiner Philoſophie! Erlauben Sie mir aber, daß ich Ihnen Jemand vorſtelle, der mir mehr iſt, als mir der Befitz der Macht je war.“ Mit vieſen Worten öffnete Bolingbroke die Thüre eines Zimmers und führte mich bei einer Dame ein, mit welcher er das häusliche Glück gefunden hatte, das ihm in ſeiner erſten Ehe verſagt geblieben.— Die Nichte der Frau von Maintenon, ein ſo überaus reizendes Weſen, beſaß allen Verſtand ihrer Tante, die ſie an Schönheit bei weitem übertraf.“ Ihre Geſundheit war ſchwächlich, ihre Lebhaftigkeit jedoch außerordentlich und ihre Unterhaltung ganz das, was die Unterhaltung einer Frau ſein ſoll, die glänzt, ohne ſich deßhalb Mühe zu geben. Das Vorhaben, womit ich umging, geſtattete mir bloß zwei Tage bei Bolingbroke zuzubringen; dies ſetzte ich gleich anfangs feſt, um nicht von ihm auf ſeinem Gute umhergeſchleppt zu werden. Es kommt mir ganz ſonderbar vor, daß ich, der ich mich auf dem großen »Ich ſchäme mich nicht, Ihnen zu geſtehen, daß ich ſie jede Stunde meines Lebens mehr bewundere. Brief Lord Bolingbroke's an Swift. Volingbroke liebte ſie bis zu ihrem Ende, und vielleicht iſt es bei einem wegen ſeinen Galanterien ſo berühmten Manne nicht mehr als billig, beizuſetzen, doß dieſe ſchöne, geiſtreiche Frau ihn eben ſo ſehr bewundert und hochgeſchätzt, als geliebt zu haben cheint. Der Herausgeber. abminiſtrativen Standpunkte mit den Angelegenheiten der Landwirthſchaft für nicht ganz unbekannt halte, in einer niedereren Sphäre derſelben ausnehmend unwiſſend bin, und ich haſſe in der That Hafer und Gerſte, wenn ſie nur ſo ſackweiſe in Betracht kommen, mit einem ganz unphiloſophiſchen Haſſe. „Nun,“ ſagte mein Wirth nach vergeblichen Ver⸗ ſuchen, mich zum Verſprechen eines längeren Aufent⸗ haltes zu vermögen,„können Sie uns nur zwei Tage ſchenken, ſo muß ich einem großen Manne, bei dem ich heute ſpeiſen ſollte, ſchreiben und mich entſchuldigen; freilich möchte ich Sie, erſchiene es nicht ſo gar ungaſt⸗ freundlich von mir, gerne in jenes Haus mitnehmen, denn ich geſtehe, ich wünſchte ſehr, daß Sie meine Ge⸗ ſellſchafter kennen lernten und ſähen, daß, wenn ich noch immer Orakel befrage, dies weniger um der Verkündi⸗ gung eines Glückszufalles willen geſchieht, als um von dem Gotte begeiſtert zu werden.“ „Ach!“ ſagte Lady Bolingbroke, die nur franzöſiſch ſprach,„ich weiß, wen Du meinſt. Bringe ihm meine Empfehlungen und verſichere ihn, wenn er uns das nächſte Mal beſuche, werde er ſechs Dames du palais treffen, die ihn empfangen und hätſcheln ſollten.“ Hierauf drang ich in Bolingbroke, er möchte mich zu einem ſo glücklichen Menſchen führen, und mit ſchein⸗ barem Widerſtreben, aber ſichtlichem Vergnügen willigie er in meinen Wunſch. „Und wer,“ fragte ich Laby Bolingbroke,„iſt der beneidenswerthe Gegenſtand ſo großer Beachtung?“ Sie erwiderte lachend, nichts ſei ſo angenehm, als geſpann wenn ſi hielten das Zin Abweſer der Ben lich und „Er kann es auch an einem „welche haben, zwar hie gehen? heſchrän wie ein aber ſch zenheiten halte, in mwiſſend te, wenn it einem hen Ver⸗ Aufent⸗ wei Tage i dem ich huldigen; ungaſt⸗ itnehmen, neine Ge⸗ nich noch Verkündi⸗ s um von ranzöſiſch hm meine uns das du palais en.“ zchte mich nit ſchein⸗ n willigie „„iſt der ung?“ nehm, als 315 geſpannte Erwartung, und es wäre grauſam von ihr, wenn ſie mich einer ſolchen berauben wollte. Wir unter⸗ hielten uns ſo lebhaft, daß ich erſt, als Bolingbroke das Zimmer auf einige Augenblicke verlaſſen hatte, ſeine Abweſenheit bemerkte. Ich benützte dieſe Gelegenheit zu der Bemerkung, wie ſehr es mich freue, ihn ſo glück⸗ lich und mit ſo gerechtem Grunde zum Glücke zu finden. „Er iſt glücklich, obwohl bisweilen unruhig. Wie kann es bei einem an dieſe Ruderbank gefeſſelten Manne auch anders ſein?“ erwiderte Lady Bolingbroke mit einem Seufzer;„aber ſeine Freunde“ fuhr ſie fort, „welche am meiſten Genuß von ſeiner Zurückgezogenheit haben, müſſen dieſelbe doch bedauern. Sein Geiſt geht zwar hier nicht verloren, wo könnte er auch verloren gehen? Wer aber fühlte nicht, daß er ſich in einer zu heſchränkten Sphäre bewegt. Und doch“— und ich ſah, wie eine Thräne ſich aus ihrem Auge ſtahl—„ſollte wenigſtens ich mich nicht beklagen. Ich würde das Beſte an meinem Glücke verlieren, wenn ich ihn für nichts zu tröſten hätte.“ „Glauben Sie mir,“ antwortete ich,„ich habe Bo⸗ lingbroke in dem Zenith ſeines Anſehens gekannt, nie aber ſchien er mir ſo gerechten Anſpruch auf Beglück⸗ wünſchung zu haben, als jetzt!“ „Iſt dies eine Schmeichlei für mich, ober für ihn?“ fragte Lady Bolingbroke mit ſchalkhaftem Lächeln, denn dieſes folgte bei ihr unmittelbar auf die Thränen. „Detur digniori!“ antwortete ich.„Aber Sie müſſen geſtehen, daß, ſo angenehm es iſt, Alles zu be⸗ 316 ſitzen, was vie Welt geben kann, es doch immer noch beſſer iſt, etwas zu erlangen, was die Welt nicht neh⸗ men kann?“ „Et vous aussi ẽtes philosophe l rief Labh Bo⸗ lingbroke heiter.„Ach, ich Arme! In meiner Jugend war mir das Kloſter beſchieden;“ in meinen ſpäteren Jahren bin ich zur Stva verwieſen! Sie können ſich nicht vorſtellen, Monſieur Devereur, was für weiſe Geſichter und tiefe Maximen wir hier haben; beſon⸗ ders da Alle, die meinen Gemahl hier beſuchen, es fit nöthig halten, Cicero zu eitiren und von der Einſam⸗ keit zu ſprechen, als wäre ſie ein Himmel! Les pauvres bonnes gens! Sie ſcheinen etwas erſtaunt, wenn Henry ſie lächelnd empfängt— ſie bittet, ihr Latein richtig zu eonſtruiren— ihnen guten Wein vor⸗ ſetzt, und ſie mit halb ſo langen Geſichtern, als ſie mit⸗ gebracht, nach London zurückſchickt. Mais voici Mon- sieur le fermier philosophe!“ Und Bolingbroke trat ein; ich verabſchiedete mich von der lebhaften, intereſſanten Dame und ſtieg in ſe nen Wagen. Sobald wir ſaßen, fragte er mich dringend nah ven Gründen, welche mir einen längeren Beſuch nicht erlaubten. Da ich glaubte, dieſelben werden nach u⸗ ſerer heutigen Exeurſion mehr am Platze ſein, und ich mich nach einem ſolchen Berichte überhaupt nicht ſehnte, ſo bat ich, die Auseinanderſetzung bis zu unſerer Rüc⸗ „ Sie wurde in St. Cyr erzogen. Der Herausgeber. kehr auf vas Geſp „Me nachdem Mann, 1 Fehler u ſage, als überleger ſich dieſe mernden tief forſe über etn Wirkung ſehen? Krankhei mer noch icht neh⸗ Lady Bo⸗ er Jugend ſpäteren önnen ſich für weiſe en; beſon⸗ en, es für r Einſam⸗ nel! Les s erſtaunt, ittet, ihr Wein vor⸗ us ſie mit⸗ ici Mon edete mich ſtieg in ſei⸗ 317 lehr auf den Abend verſchieben zu dürfen, und lenkte pas Geſpräch auf einen anderen Gegenftand. „Mein Hauptgeſellſchafter,“ ſagte Bolingbroke, nachdem er mir ſeine Lebensweiſe beſchrieben,„iſt der Mann, den wir alsbald ſehen werben; er hat ſeine Fehler und Schwächen— womit ich endlich Nichts ſage, als daß er ein Menſch iſt— aher er iſt klug, überlegend, edelmüthig und theilnehmend; denken Sie ſich vieſe Eigenſchaften in Verbindung mit einem ſchim⸗ mernden Witze und einem, wenn nicht erhabenen, doch tief forſchenden Geiſte, und was Wunder, daß wir über etwas Eitelkeit und mürriſches Weſen— eher Wirkungen des Körpers, als des Geiſtes— hinweg⸗ ſehen? Das Wunder iſt nur, daß mit einer jeder Krankheit unterworfenen, von der Wiege an verkrüp⸗ pelten und ſiechen Conſtitution ſeine Schwächen nicht zahlreicher ſind, ſein Sinnen und Trachten ſich nicht ganz auf ſeine Beſchwerden beſchränkt— denn kränk⸗ liche Leute werden beinahe nothwendig ſelbſtſüchtig— und ungeheuer wohlwollend muß das Gemüth ſein, das genug Milde zur Liebe und Wohlthätigkeit gegen An⸗ dere beizubehalten vermag, wenn Krankheit und Leiden ngend nach eſuch nicht n nach un⸗ in, und ich icht ſehnte ſerer Rüc⸗ usgeber. pie Kette bilden, die es ewig an ſich ſelbſt feſſelt. Iſt dieſer große Mann mein Hauptgefährte, ſo iſt mein Hauptcorreſpondent nicht weniger ausgezeichnet; mit einem Worte, um Sie nicht länger in Ungewißheit zu laſſen, Pope iſt mein Gefährte, und Swift mein Cor⸗ reſpondent.“ „Sie find glücklich— doch Jene ſind es nicht min⸗ 318 der. Ihre Briefe unterrichteten mich von Ewift'z ehrenvollem Exile in Irland— wie erträgt er es?“ „Gar zu empfindlich— ſeine getäuſchten Erwar⸗ tungen verwandeln ſein Blut in Eſſig. Bezeichnend genug ſagt er in einem ſeiner Briefe, daß er als klei⸗ ner Knabe beim Augeln einmal einen großen Fiſch am Ende der Schnur gefühlt und dieſen auch beinahe an's Land gebracht habe; er ſei aber wieder in das Waſſer zurückgefallen und der Verdruß hierüber, ſagt er wei⸗ ter, gehe ihm noch bis auf den heutigen Tag nach, und er glaube hierin das Vorbild all ſeiner nachfolgenden fehlgeſchlagenen Hoffnungen zu erkennen;* es iſt er⸗ „ In dieſem Briefe fügt Swiſt bei:„Ich würde mich dieſer Aeußerung ſchämen, verſtände nicht Ihr(Bolingbroke's) Gl⸗ müth beſſer, eigenes Unglück zu tragen, als das meinige, daran zu denken;“ und dies iſt richtig. Nichts iſt auffallender und ehrenvoller für Lord Bolingbroke, als der Gegenſ tz zwiſchen ſeinen und Swifts Briefen über den Gegenſtand ihrer gegen⸗ ſeitigen Unfälle. Ich deute beſonders auf dieſen Gegenſatz hin, weil es immer das alte Lied von Lord Bolingb oke's Ver⸗ ſchreiern war, ſeine Liebe für Zurückgezogenheit als nichtig, und ſeine Reſignation im Unglücke eher eine Prahlerei, denn als eine Thatſache darzuſtellen. Nun fordere ich aber Jeden auf, Alles, was aus dem Leben dieſes großen Mannes auf uns gekommen iſt, gründlich und leidenſchaftlos zu prüfen und nachdem er dies gethan, aus der ganzen neueren Geſchichte ein Berſpiel von einem Mann aufzuſuchen, der in der Bläte ſeines Lebens und auf der Höhe ves Ehrgetzes je von einer thätigen, aufregenden Laufbahn in Abgeſchiedenheit und Un⸗ gnade fiel, und dieſen Wechſel, ſo lang; bitter und anhaltend er war— mit größerer, kräftiger durchgeführten Seelengröße trug, als Lord Bolingbroke. Man hat ihm vorgeworfen, er habe mitten in ſeinem Lobe und„affektirten Genuſſe“ der Ein⸗ ieden Trie ſaunlic Geiſt ſi „W ſamkeit ihm aber ſtand, we ſollte. D kräftigen gewöhnlic gegen ein digen Mé wunderſar noch beſſe ſonders e Menſchhei man geſte ſich bloß den Selbſ ſchließt; d ſie den S der Menſe ſer Art di ſuchen un Antrieb ei loſigkeit d mir unter würdig er tigem Au lament g meinem haben, hi einem Pa nützlich wieder zu Ewift's es?“ Erwar⸗ eichnend als klei⸗ Fiſch am he an Waſſer er wei⸗ ach, und olgenden z iſt er⸗ nich dieſer ke*s) Ge⸗ ge daran ender und zwiſchen er gegen⸗ enſatz hin, ke's Ver⸗ s nichtig, rei, denn er Jeden s auf uns rüfen und Geſchichte der Blüte von einer und Un⸗ anhaltend eelengröße oren, er der Ein⸗ 349 ſaunlich, mit welchem Widerwillen ein ſehr thätiger Geiſt ſich in die Ruhe findet.“ „Warum ſollte aber Zurückgezogenheit Unthätigkeit ſamkeit Theil an politiſchen Streitigkeiten genommen; was ihm aber hier zum Vorwurfe gemacht wird, iſt gerade der Um⸗ ſtand, wofür er nach meiner Anſicht am meiſten gelobt werden ſollte. Denn ſieht man auch über alle Beweggründe zu einem kräftigen politeſchen Handeln, an deren Reinheit die Menſchen gewöhnlich nicht glauben, hinweg, wie zum Beiſpiel der Haß gegen eine ſchlechte Regierung(eine Antipathie, die bei verſtän⸗ digen Männern ebenſo wunderſam ſtark, wie bei Dummköpfen wunderſam ſchwach iſt), der edle Trieb des Körpers und das noch beſſere und höhere Gefühl; für welches Bolingbroke be⸗ ſonders empfänglich geweſen zu ſein ſcheint— vie Liebe zur Menſchheit— ſieht man auch ürer all dies hinweg— ſo muß man geſtehen, daß Reſignation um ſo edler iſt, je weniger ſie ſich bloß paſſiv verhält— daß Zurückgezogenheit zur kränkeln⸗ den Selbſtſucht wird, wenn ſie die Wirkſamkeit Anderer aus⸗ ſchließt; daß ſie nur dann wahrhaft würdig und edel iſt, wenn ſie den Schatten bildet, aus welchem die Orakel zur Belehrung der Menſchen hervortönen, und daß eine Zurückgezogenheit die⸗ ſer Art die einzige Abgeſchiedenhett iſt, welche ein weiſer Mann ſuchen und empfehlen wird. Eben die Philoſophie, auf deren Antrieb ein ſolcher Menſch die Ruhe ſucht, lehrt ihn die Nutz⸗ loſigkeit des Einſiedlerlebens ſcheuen Lord Bolingbroke würde mir unter ſeinen Heumachern und Pflügern ſehr wenig preis⸗ würdig erſcheinen, wenn er unter dieſen Leuten mit gleichgül⸗ tigem Auge auf ein verkehrtes Miniſterium und ein feiles Par⸗ lament geblickt hätte; ſehr wenig Intereſſe würde ſich nach meinem Dafürhalten an ſeine Bohnen und Wicken geknüpft haben, hätten dieſe ihn vergeſſen laſſen, daß, wenn er auf einem Pachthoſe glücklicher war, er in einem Senate hätte nützlich ſein können, und hätte ſeine Wirkſamkeit als Amtmann jeden Trieb in ihm erſtickt, als Geſetzgeber ſeine Thätigkeit wieder zu entwickeln. Der Herausgeber 320 mit ſich bringen? Erinnern Sie ſich noch, wie in der erſten Unterredung, welche wir zuſammen hatten, wir vyn Cowley ſprachen? Erinnern Sie ſich, wie richtig, ja wie erhaben dieſer ſagt:„Nachdenken iſt das, wo⸗ durch ſich die Einſamkeit eines Gottes von der Einſam⸗ keit eines wilden Thieres unterſcheidet?“ „Schön geſagt,“ erwiderte Bolingbroke,„aber nicht zum Nachdenken, ſondern zum Handeln— für ſtürmiſche, nicht für ruhige Zeiten war Swift geboren. Er hört auf, groß zu ſein, ſobald er ſtill iſt, und ſein Unwillen über jede Störung iſt ſo groß, daß mir bei ſeinen Worten oft der Abbé von Cyran einfiel, der, als er Nußſchalen aus ſeinem Fenſtergitter werfen wollte und nie damit zu Stande kam, in einem Anfall von Wuth ausrief: Hat die Vorſehung eine ſolche Freude daran, meine Abſichten zu vereiteln?“ „Sie aber ſind von einer viel größeren Höhe der Hoffnungherabgeſtürzt, als Swift je hätte erreichen können.— Sie tragen dieſen Wechſel gut, doch, hoffe ich, nicht ohne einigen Kampf.“ „Sie haben Recht— nicht ohne Kampf; ſo lange die Verderbniß blüht, werde ich nicht ſchweigen; ſo lange ſchlechte Menſchen regieren, werde ich nicht ſtill ſein.“ Unter Geſprächen dieſer Art verſtrich die Zeit, bis wir bei Pope's Villa anlangten. Wir fanden den Dichter in ſeinem Studirzimmer— gekleidet, wie ihn einige Gemälde darſtellen, in einen langen Bolint Geſun! darauf Dichter nächſte müthig kleinen dert. ſcheln g Genius ich wei Baches deſſen den Ech von Bä ſich die 321 in der langen Schlafrock mit einer Sammimütze. Er empfing 6. wir Bolingbroke äußerſt zärtlich, und da, wie er ſagte, ſeine richti, Geſundheit kräftiger war, als ſeit Monaten, beſtand er s, wo⸗ darauf, uns in ſeine Grotte zu führen. Nichts iſt bei inſam⸗ õ Dichtern gewöhnlicher, als Eitelkeit in Bezug auf ihre nächſten Umgebungen, und vielleicht macht einem gut⸗ „aber müthigen Menſchen nichts ſo große Freude, als den — fir kleinen Schwächen Derer nachzugeben, welche er bewun⸗ eboren. vert. Wir ſetzten uns in einem kleinen, ganz aus Mu⸗ nd ſein ſcheln gebauten Tempel. Vielleicht, daß ber ſchöpferiſche mir bei Genius dieſem Orte einen nicht vorhandenen Reiz lieh, l, der, ich weiß es nicht; wenn man aber das Gemurmel eines werfen Baches, kryſtallhell wie der blanduſiſche Quell, und Anfall deſſen allſeitiger Wiederhall in Folge eines fortlaufen⸗ e ſolche den Echos vernahm, wenn man durch einen Bogengang 3 von Bäumen, deren Blätter unter dem leichten Hauch ößeren der Herbſtluft hie und da ranſchend auf den Boden fielen, 1 Swift die Segel auf dem Fluſſe vorüberziehen und verſchwinben n dieſen ſah, wie die Sorgen über den glatten Spiegel der Weis⸗ einigen heit hinfliegen, aber nicht ſo lang verweilen, um ihn zu trüben: war es nicht ſchwer, in dem Orte, bei all ſeiner ſo lange Beſcheidenheit, ein klaſſiſches Intereſſe zu finden, oder igen; ſo ſſch die beliebten Schlupfwinkel der römiſchen Barben icht ſtill ohne ein zu mitleidiges Lächeln über den Unterſchied her⸗ vorzurufen.“ * Der in den Schlußworten dieſer Beſchreibung ausgeſpro⸗ mmer— chene Gedanke wird demjenigen nicht beikommen, der die Villa in einen des Dichters in jetziger Zeit ſieht, wie ſie durch den prächtigen, 6 zauberartigen Sinn Sir Wathen Wallers eingerichtet worden iſt. Der Herausg. Buſwer, Devereur. M. 2¹ 322 Süßes Echo, das dem Aug' verhüllet, In der Luſt als holde Nywphe weilt, Wo durch grüne Fluren der Mäander ziehet, Wo im ſtillen Thal manch' Veilchen blühet, Wo die Nachtigall, vom Schmerz erſüllet, Dem Geliebten ruft, der ihr enteilt. Süßes Echo, willſt du denn enffliehen, Nach dem nord'ſchen Strande willſt Du ziehen, Wo der Sturmwind durch die Höhlen heult? „Möge das Ihnen gemachte Compliment, Pope,“ ſagte Bolingbroke,„die Entheiligung entſchuldigen, wo⸗ mit ich drei ſchlechte Zeilen von mir dieſen ſo tonvollen Strophen Miltons einverleibte.“ „Ach!“ ſagte Pope,„ich wollte, Sie gäben mir eine paſſende Inſchrift für meine Quelle und Grotte. Die einzige, welche mir beifällt, iſt abgenützt, und hat mich doch, fürchte ich, unfähig für jede andere gemacht. Hujus Nympha loci, sacri custodia fontis Pormio dum plandae sentio murmur aquae; Parce meum, quisquis tanges csva marmora, somnum Rumpere; sivo pibas, sive lavere, tace.* „Wir dürfen nicht hoffen, dieſelbe zu erreichen,“ ſagte Bolingbroke,„obwohl Sie wiſſen, daß ich mir auf dergleichen Dinge etwas zu gut thue. Aber ſagen Sie mir, was Sie von Goy wiſſen— wird er klüger?“ „Nicht im geringſten; er iſt für immer der Dupe der spes credula, immer ſpricht er davon, ſich eine „ Die engliſche Ueberſetzung(von Pope) dieſes Verſes ver⸗ ſuche ich mit den Worten wiederzugeben; Der Grotte Nymphe wohnt an dieſer heil'gen Stelle Und ſchlummert ſanft beim Murmel aus der Quelle; Wen auch der Fuß zum hohlen Marmor trägt, Er ſchweig' und hüte ſich, daß er ſie nicht erweckt. D. Ueberſ. Leibren gibt er um gro „T ſpiel d welcher Regel widrig ſendet Billet: Fpfel zurück; Theile: Sie, n, Pope,“ gen, wo⸗ onvollen mir eine te. Die hat mich acht. somnum reichen,“ mir auf agen Sie e Dup ſich eine zerſes ver⸗ telle elle; t. eberſ. 323 Leibrente zu kaufen, um unabhängig zu ſein, und doch gibt er, was er einnimmt, im Augenblicke wieder aus, um großmüthig zu erſcheinen.“ „Der arme Gay! allein er iſt ein gewöhnliches Bei⸗ ſpiel der Unvorſichtigkeit der Art von Menſchen, zu welcher er gehört, während Sie eine Ausnahme von der Regel machen. Hören Sie indeſſen, Devereux, wie folge⸗ widrig Pope's Wirthſchaftlichkeit und Vorſicht iſt: er ſendet einigen Damen wenige Früchte mit folgendem Billet:„„Geben Sie auf die Papiere Acht, worin die Ipfel ſind, und ſchicken Sie mir dieſelben unverſehrt zurück; es iſt die einzige Abſchrift, die ich von einem Theile meiner überſetzung der Fliade habe.““ Sv, ſehen Sie, ſpart unſer Okonom ſein Papler und ſetzt ſein Epos aufs Spiel!“ Pope, dem eine Anſpielung auf ſeine Gleichgültig⸗ keit gegen den Ruhm ſtets ſchmeichelte, antwortete mit leichtem Lächeln:„Welcher Menſch macht ſich je die Lehren ſeiner Freunde zu Nutze? Wie viele genaue Ver⸗ haltungsmaßregeln hat unſer guter Dechant von St. Pa⸗ trit für uns Beide ausgefertigt— wie bitter ſchmäht er uns ſtets über unſeren Mangel an Klugheit und unſere Neigung zum Wohlleben. Als Antwort auf ſeine Be⸗ ſchuldigungen in letzterer Hinſicht gedenke ich ihm, ſo ſehr ich mich auch für unſere Mäßigkeit verbürge, die Erwiderung des Weiſen an den thörichten Höfling zu geben.“ „Wie lautet dieſe?“ fragte Volingbroke. „Nun, der Höfling ſah den Weiſen bei Tiſche die beſten Schüſſeln herauswählen.„„Wie,“fragte er hohn⸗ 324 lächelud,„„find Weiſe ſolche Epikuräer?““—% Glauben Sie, mein Herr,““ verſetzte der weiſe Mann, indem er über die Tafel hinüberreichte, um ſich zu bedienen,„„Goit der Allmächtige habe das Gute dieſer Welt hloß für Narren geſchaffen?““ „Wie der Dechant ſich geberden und ſeine Perüke zauſen wird, wenn er Ihre Zurechtweiſung liest,“ ſagte Bolingbroke lachend.„Wir werden in unſeren Anſichten über dieſen Theil der Philoſophie nie übereinſtimmen. Swift geht ausdrücklich auf Entbehrung und Elend aus und hat keinen Begriff von epikuräiſcher Weisheit; ich für meinen Theil glaube, unſer Wiſſen nützt uns nur, wenn wir dadurch glücklicher werden. Ich möchte das menſchliche Gemüth mit der ſchönen Bildſäule des Amors von Praxiteles vergleichen— waren deſſen Augen ver⸗ bunden, ſo ſchien das Geficht ernſt und traurig; ſobald man jedoch die Binde wegnahm, verbreitete ſich das hei⸗ terſte, bezauberndſte Lächeln über das ganze Antlitz.“ So verging der Morgen bis zur Stunde der Tafel, die mit einer Eleganz und einem Aufwande beſetzt war, wie man ſie ſelten chez les fils d'Apollon trifft.* Gegen Abend kamen wir auf Freundſchaft und die mit den ſpäteren Jahren zunehmende Vorliebe für dieſelbe zu ſprechen.„Während mein Geiſt,“ ſprach Bolingbroke, „ſich mehr und mehr von der großen Welt entfernt und in ſeiner Unabhängigkeit ſich weniger für äußerliche » Pope ſcheint in dieſer Beziehung etwas launiſch geweſen zu ſein; im Gonzen liebte er den Spaß, den zuvorkommenden Wirth gegen Diejenigen zu ſpielen, welche kein Mittageſſen wünſchten, und den Knicker gegen Diejenigen, welche ein ſolches erwarteten. Der Herausg. Gegen ſchaft Werde unſere jeniger einand ten vo fühlen ſamme W verwel und A Freunt Liebe z dem A gungen riſſen Hocha für m ſchwin Rufw die Na lauben dem er „ Goit loß für Perüke „ſagte nſichten immen. end aus eit; ich ns nur, chte das zAmors zen ver⸗ ſobald das hei⸗ tlitz.“ r Tafel, etzt war⸗ trifft.* die mit dieſelbe ngbroke, ernt und ußerliche geweſen mmenden littageſſen in ſolches usg. Gegenſtände intereſſirt, regt ſich ber Gebanke an Freund⸗ ſchaft öfter, beſchäftigt mich und erwärmt mich mehr. Werden wir vielleicht zärtlicher, je näher der Augenblick unſerer großen Trennung heranrückt? oder fangen die⸗ jenigen, welche beſtimmt ſind, in einer andern Welt mit elnander zu leben(denn Freundſchaft iſt nur für die Gu⸗ ten vorhanden), an, jene göttliche Sympathie ſtärker zu fühlen, welche vas große Band ihres zukünftigen Zu⸗ ſammenſeins bilden wird?* Während Bolingbroke ſo ſprach, und auf Pope's verwelktem, aber ausdrucksvollem Geſichte all die Liebe und Achtung zu leſen war, die er offenbar für ſeinen Freund fühlte, ſagte ich zu mir ſelbſt:„Wahrlich, die Liehe zwiſchen ſolchen Gemüthern ſollte fortdauern, ohne dem Wechſel unterworfen zu ſein, dem gewöhnlich Nei⸗ gungen unterliegen! Wer würde nicht trauern über die Schwächen aller menſchlichen Bande, wenn dieſe ſpäter riſſen und Bitterkeit auf Freundſchaft, Abneigung auf Hochachtung folgte? Ich, ein Wanderer, ohne Erben für mein Gevächtniß und meine Habe, werde dahin⸗ ſchwinden und mein ſchneller, nicht zur Reife gediehener Ruf wird mit meiner Staubhülle vergehen; werden aber die Namen derjenigen, die ich jetzt vor mir ſehe, je matt in den Ohren eines kommenden Geſchlechtes wiedertönen, und wird ihre Freundſchaft nicht immer noch ein milde⸗ res, wärmeres Mitgefühl erwecken, als die Bewunde⸗ rung ihres Ruhmes?“ „ Dieſe ſchönen Worte finden ſich mit geringer Abänderung in einem Briefe Bolingbroke's an Swiſt. Der Herausgeber. Etwa zwei Stunden vor Mitternacht verließen wir unſeren berühmten Wirth und kehrten nach Dawley zurück. Auf unſerem Wege dahin fragte ich denn Bolingbrole über Montreuil und fand meine Vermuthung, hier ei⸗ nige Auskunft über dieſen Ränkeſchmied zu erhalten, be⸗ ſtätigt. Geralds Geld und anererbter Einfluß hatten aus⸗ gewirkt, daß man den Aufenthalt des Jeſuiten in England ſtillſchweigend duldete, und während mehrer Jahre hatte derſelbe ein ruhiges, nirgends Anſtoß erregendes Leben in ſtrenger Zurückgezogenheit geführt.„Kürzlich, jedoch,“ ſagte Volingbroke,„habe ich gehört, der alte Geiſt ſei wieder erwacht, und zufällig vernahm ich vor drei Tagen von einem in Staatsangelegenheiten wohl unterrichteten Manne, unſer ſo reines Miniſterium habe einen Anſchlag oder Anſchläge entdeckt, bei welcher Montreuil eine Rolle ſpiele; ich denke, man wird ſich ſeiner binnen weniger Tage verſichern.“ „Und wo treibt er ſich herum?“ „So viel ich höre, ſah man ihn zuletzt in der Nähe des Schloſſes Ihres Bruders in Devereur⸗Court, und meiner Anſicht nach wird er ſich wohl noch in jener Ge⸗ gend aufhalten.“ Dieſe Nachricht beſtimmte mich, Dawley noch früher zu verlaſſen, als ich anfangs beabſichtigt hatte, und ich machte Lord Bolingbroke mit meinem Entſchluſſe bekannt, am andern Morgen, mit Sonnenaufgang, von ihm zu ſcheiden. Vergebens verſuchte er mein Vorhaben zu be⸗ kämpfen. In der Beſorgniß, Montreuil möchte auf die Kunde der ihm von Seiten des Staates drohende Ge⸗ fahr meiner Rache durch Aufſuchung irgend eines un⸗ erforſc Zuſam kung ic zuge au von me erſtens Ha die Auf etwas! ich ihn platze ßen wir zurück. ngbroke hier ei⸗ ten, be⸗ ten aus⸗ ngland re hatte eben in jedoch,“ Heiſt ſei i Tagen ichteten Anſchlag ne Rolle weniger er Nähe rt, und ner Ge⸗ h früher und ich bekannt, ihm zu n zu be⸗ auf die nde Ge⸗ ines un⸗ 327 erforſchlichen Schlupfwinkels entgehen, wollte ich mein Zuſammentreffen mit ihm und Gerald, deſſen Mitwir⸗ kung ich wünſchte, nicht dem mindeſten unnöthigen Ver⸗ zuge ausſetzen. Daher verabſchiedete ich mich noch Abends von meinem Wirthe und befahl, meinen Wagen mit der erſlen Morgendämmerung bereit zu halten. Siebentes Kapitel. Der Knoten naht ſich ſeiner Auflöſung. Haben auch die Einzelheiten meines letzten Kapitels die Auflöſung, womit vorliegender Band ſchließen ſoll, etwas hinausgeſchoben, ſo denke ich doch, ein Leſer, wie ich ihn mir wünſche, wird nicht ungerne auf einem Schau⸗ platze verweilt haben, wo das Schickſal dem außerordent⸗ lichſten Charakter, womit ich dieſe Blätter geſchmückt, nach Jahren unruhigen Unternehmens und langer Ver⸗ bannung enblich eine Freiſtätte bereitet hatte. Vor Tages⸗ anbruch trat ich meine Reiſe an. Die Läden des Hauſes waren noch geſchloſſen; die grauen, langſam von der Erde aufſteigenden Nebel, das unter den Bäumen ruhende Vieh, die kalte, aber windſtille Friſche des Morgens, das Schweigen der noch nicht erwachten Vögel, Alles gab der Scene eine unbeſchreibliche Stille und Ruhe. Langſam gingen die Pferde eine kleine Anhöhe hinauf, und ich ſah aus dem Wagenfenſter auf den frieblichen Aufenthalt, den ich verlaſſen. Ich ſeufzte, und eine krankhafte Empfindung, verbunden mit dem Gedanken an Iſora, kam kalt über meine Bruſt. Kein Menſch, der in glücklichen, geſelligen 328 Verhältniſſen lebt, kann ſich vorſtellen, mit welch neibi⸗ ſchen Gefählen ein Wanderer wie ich, ohne Familienbande oder Heimath, an welchem die jugenbliche Luſt am Umher⸗ ſtreiſen vorüber iſt, auf die ſicheren, Obbach gewährenden Plätzchen blickt, wo das Herz alle häuslichen Bande und heiligſte Wonnen beiſammen fintet; den geſelligen Herd, das Lächeln der Kinder, und theurer als Alles, das Auge, das unſere reinſten, zärtlichſten, geheimſten Gedanken zurückſtrahlt; Niemand— o Niemand, der dieſe Güter genießt, weiß, wie der, welcher ſie nicht kennt, darnach lechzt und ſchmachtet! Noch war ich erſt wenige Stunden unterwegs, als nein Wagen, der mich ohne Unfall von Rom nach London gebracht, auf der einſamſten Strecke der Landſtraßen zu⸗ ſammenbrach. Die Poſtillone ſagten, etwa eine Meile von dem Orte entfernt befinde ſich ein kleines Wirthshaus; bahin begab ich mich; man ſchickte nach einem Schmiebe, und ich bemerkte, daß die Wieberherſtellung des Schadens, deu der Wagen erlitten, mehre Stunden dauern werde. Eine Chaiſe war in dem Wirthshauſe nicht zu bekommen, der Wirth aber, ein Freiſaſſe und Jagdfreund, pries ſein werthvolles, ſchnelles Pferd an, das, wie er erklärte, für einen Kaiſer ober Wegelagerer nicht zu ſchlecht ſei. Ich gab bem Wirthe, was er als Miethe für ſein Pferd ver⸗ langte, verſorgte meine Piſtolen in zwei ungehenren Holf⸗ tern, die den hochgebauſchten Sattel, womit ich beehrt wurde, zierten, und ſetzte etwa eine Stunde nach dem Unfalle meine Reiſe wieder fort. Schon fing es an, Abend zu werden, als ich einen Reiſegefährten neben mir gewahrte. Er war, wie ich, zu Pferde lange, ſchlapp Dunkel ſeiner vorüber in welc allzuſeh nicht ſe anzukni Unterhe des Re licher G zum vie rebete, das mi ihn au endlich haltung Unterhe 3 Thier, heute n N Nacht; entfern „A Reiter Ei auf ein . lch neibi⸗ ilienbande m Umher⸗ vährenden zande und gen Herd, das Auge, Gedanken eſe Güter „ arnach wegs, als ch London traßen zu⸗ ine Meile rthshaus; Schmiebe, Schadens, rn werde. ekommen, pries ſein klärte, für ſei. Ich Bferd ver⸗ ren Holf⸗ ich beehrt nach dem ich einen vie ich, zu Pferde, trug einen kurzen dunkelgrauen Mantel, eine lange, rabenſchwarze Perüke und einen großen, herab⸗ ſchlappenden Hut, der, unterſtützt durch die zunehmende Dunkelheit, mir nur einen ſehr unvolltommenen Ueberblick ſeiner Züge geſtattete. Zwei ober dreimal war er an mir vorübergeritten und zwar jedesmal mit einer Begrüßung, in welcher der Wunſch nach näherer Bekanntſchaft nicht allzuſehr verborgen war; allein ſchon von Natur bin ich nicht ſehr geneigt, mit dem nächſten Veſten ein Geſpräch anzuknüpfen, und zu jener Zeit lag mir beſonders an der Unterhaltung mit mir ſelbſt. Ich hatte daher den Gruß des Reiters nur kurz erwibert und war mit ſehr unhöf⸗ licher Eitelkeit von ihm weggetrabt. Als er mir endlich zum viertenmale nahe kam und mich zum viertenmale an⸗ rebete, fiel mir in dem Tone ſeiner Stimme etwas auf, das mir nicht ganz unbekannt vörkam. Ich betrachtete ihn aufmerkſamer, als bis jetzt, und antwortete ihm endlich höflicher. Durch dieſen Nachlaß meiner Zurück⸗ haltung augenſcheinlich ermuthigt, ſetzte der Mann die Unterhaltung eiligſt fort. „Ihr Pferb, mein Herr,“ ſagte er,„iſt ein ſchönes Thier, aber es ſcheint abgetriehen;— Sie ſind wohl heute weit geritten?“ „Nun ja, mein Herr; aber die Stabt, wo ich die Nacht zuzubringen gebenke, iſt nur noch etwa vier Meilen entfernt, glaube ich.“ „Ach!— So übernachten Sie in D**?⸗ fragte der Reiter angelegen. Ein Verdacht wurde in mir rege— wir ritten gerade auf einer ſehr einſamen Straße, die, wie bekannt, von . Wegelagerern beunruhigt wurde. Die Geſellſchaft meines Reiſegefährten zu Pferde mochte vaher irgend etwas zu bebeuten haben. Ich ſah nach meinen Holftern, nahm langſam eine meiner Piſtolen heraus, unterſuchte die Ladung und ſieckte dieſelbe alsdann wieder in das Behält⸗ niß. Der Reiter bemerkte die Geberde und lenkte ſein Pferd unbehaglich, und wie es mir ſchien furchtſam, auf die andere Seite der Straße. „Sie reiſen wohlbewaffnet, mein Herr,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Eine nothwendige Vorſicht, mein Freund,“ aut⸗ wortete ich gelaſſen,„auf einer Straße, die man nicht kennt, und neben Leuten, mit welchen zuſammen zu ſein man früher nie das Glück gehabt hatte.“ „Hm!— hi!— Parbleu, Monsieur le Comte, Sie ſpielen auf mich an; allein ich verfichere Sie, es iſt nicht das erſtemal, daß wir uns treffen.“ „Ha!“ erwiderte ich und ritt näher an meinen Reiſe⸗ gefährten,„ſo kennen Sie mich alſo— und wir waren ſchon zuſammen. Ich glaubte, Ihre Stimme zu erkennen, doch kann ich mich nicht entfinnen, wann oder wo ich die⸗ ſelbe das letztemal hörte.“ „Ach, Graf, ich glaube, wir begannen unſere Be⸗ kanntſchaft nur durch einen Zufall, und nur durch einen Zufall erneuern wir dieſelbe, wie Sie ſehen. Allein ich ſehe, Sie wünſchen allein zu ſein. Leben Sie wohl, Graf, eine angenehme Nacht in Ihrem Gaſthofe.“ „Nicht ſo ſchnell, mein Herr,“ entgegnete ich unb faßte meinen Begleiter feſt bei der Schulter,„ich kenne Sie jetzt und danke der Vorſehung, daß ich Sie getroffen habe. auseina „V Herzen laſſen 6 ſchwach auch fin ſichere 6 wegzukr ich auf „ W uns ein einen w werden Dankba „ Y mit eine ihm geſ dort we preisge meines vas zu nahm te die Zehält⸗ te ſein n, auf gte er at⸗ nicht zu ſein omte, es iſt Reiſe⸗ waren kennen, ich die⸗ re Be⸗ einen lein ich „Graf, ich und enne troffen habe. Maria Oswald, ſo leicht kommen wir jetzt nicht auseinander!“ „Wird mich von Herzen freuen, mein Herr, von Herzen freuen. Aber, worbleu, Monsieur le Comte, laſſen Sie meine Schulter los— ich bin ein nerven⸗ ſchwacher Menſch, und Ihre Piſtolen ſind gelaben— auch ſind Sie wohl choleriſch und vorſchnell. Ich ver⸗ ſichere Sie, daß ich nichts weniger, als ſchnell von Ihnen wegzukommen wünſche, denn ſchon ſeit zwei Tagen lauere ich auf Sie, um die Ehre dieſer Unterredung zu haben.“ „Wirklich! nun da ſpart Ihr Wunſch Jedem von uns eine Welt von Mühen. Ich glaube, Sie können mir einen weſentlichen Dienſt leiſten— iſt dies der Fall, ſo werden Sie mich geneigter und fähiger zu Beweiſen meiner Dankbarkeit finden, als je.“ „Mein Herr, Sie ſind zu gütig,“ ſagte Herr Oswald mit einer ſo ehrerbietigen Miene, wie ich ſie nie zuvor an ihm geſehen.„Eilen wir jetzt nach Ihrem Gaſthofe, und dort werbe ich mich äußerſt glücklich ſchätzen, Ihre Befehle zu empfangen.“ Mit dieſen Worten trieb Maria ſein Pferd an und ich ſpornte das meinige nach demſelben Ziele. „Aber ſagen Sie mir,“ begann ich im Weiterreiten wieber,„warum wünſchten Sie, mit mir zuſammenzu⸗ treffen?— mit mir, den Sie ſo grauſam verlaſſen und preisgegeben haben?“ „Oh, parbleu— ſchonen Sie mich auf dieſem Punkte! nicht ich habe Sie verlaſſen— ich war zur Flucht gezwungen— Tod— Ermorbung auf der einen Seite; — Sicherheit, Geld und ein behagliches Plätzchen in Flalien, als Laienbruher des Inſtitutes, auf der andern! 332 — Was konnte ich machen?— Sie lagen krank zu Beite — ohne die Wahrſcheinlichkeit der Wiedergeneſung— unfähig, mich gegen die damals drohende Gefahr zu ſchützen— in einem Zuſtande, ber aller Vermuthung nach meine Dienſte für die Zukunft nicht mehr nöthig machte. Oh, Monsieur le Comte, es war kein Verlaſſen — dies iſt ein grauſames Wort— es war Selbſterhal⸗ tung und menſchliche Klugheit.“ „Nun,“ ſagte ich freunblicher,„Sie ſetzen bie Worte beſſer, als ich es gethan. Und ſeit wann ſind Sie nach England zurückgekehrt?“ „Seit wenigen Wochen, Graf, nicht länger. Ich war bei Ihrer Ankunft in Lonbon— hörte von berſelben— begab mich ſogleich in Ihr Hotel— Sie waren zu Lord Bolingbroke gegangen— ich folgte Ihnen bahin— bei meiner Ankunft hatten Sie Dawley ſchon verlaſſen— ich erfuhr, welchen Weg Sie eingeſchlagen, und folgte Ihnen. Parbleu und morbleu, ich finde Sie, und Sie halten mich für einen Wegelagerer.“ „Verzeihen Sie meinen Irrthum; auch die hell⸗ ſehenbſten Leute ſfind ſolchen Mißverſtändniſſen unterwor⸗ fen, und die Unſchuldigſten müſſen harunter leiden. Alſo Montrenil vermochte Sie, Englanb zu verlaſſen— ver⸗ mochte er Sie auch zur Rückkehr?“ „Nein— ich war von dem Inſtitnte mit einer Bot⸗ ſchaft an ihn und Andere beauftragt. Aber wir ſind ja nahe bei der Stabt, Graf, verſchieben wir unſere Unter⸗ redung bis dorthin.“ Wir kamen in D' an, gaben unſere Pferde ab — verlangten ein Zimmer welch letzterer Forberung Oswalb begannt wünſchte bekannt der Güte daß Osn land Ger ſei. Aut Gerald v Abreiſe a mentsfäl laſſen, n ſeiner A gerichtlic gegen iht dacht err Lande, g gungenk liebe heg politiſche ihn jedoe derlichen die verw reuil Ge auslegte einen ger in Bezu⸗ Vorwan vollſten bei mein u Beite ung— fahr zu uthung nöthig erlaſſen ſterhal⸗ Worte ie nach Ich war — zu Lord — bei — ich Ihnen. halten e hell⸗ terwor⸗ Alſo ver⸗ r Bot⸗ ſind ja Unter⸗ rde ab rherung 333 Oswalb noch bie weitere um Wein beifügte— und nun begann der ehrliche Maria ſeine Erklärungen. Beſonders wünſchte ich zu wiſſen, ob Gerald je mit dem Betruge bekannt gemacht worben, in Folge deſſen er in den Beſitz der Güter von Devereur gelangt war; und ich erfahr, daß Oswald über Alles, was ſeit ſeiner Abreiſe von Eng⸗ land Gerald begegnet war, durch Desmarais unterrichtet ſei. Aus Oswald's fernerer Mittheilung erfuhr ich, daß Gerald von dem Tode meines Oheimes an bis zu meiner Abreiſe aus England nicht das Geringſte von der Teſta⸗ mentsfälſchung gewußt habe. Leicht hatte er ſich einreden laſſen, mein Oheim habe ſeine Gründe zu der Aenderung ſeiner Abſichten in Bezug auf mich gehabt; und mein gerichtliches Einſchreiten, wie mein heftiges Benehmen gegen ihn, hatten nur ſeinen Unwillen, nicht ſeinen Ver⸗ dacht erregt. Er lebte während dieſer Zeit ſtets auf dem ande, gab ſich der Gaſtfreunblichkeit und den Vergnü⸗ gungen der Jagd hin, für welche er eine beſondere Vor⸗ liehe hegte, und war im Geheimen tief in Montreuils politiſche Plane verwickelt. Dieſe ganze Zeit über gebrauchte ihn jedoch der Abbe hloß bazu, die für ſeine Zwecke erfor⸗ derlichen Summen von ihm zu borgen. Iſora's Tod und die verwirrte Geſchichte mit dem Dokumente legte Mont⸗ reuil Geralden ſo aus, wie ſie die Welt im Allgemeinen auslegte, d. h. er warf den Verdacht auf Oswald, als einen gewöhnlichen Spitzbuben, der meine Leichtgläubigkeit in Bezug auf das Teſtament benützt— ſich unter dieſem Vorwande in das Haus Eingang verſchafft— die werth⸗ vollſten Sachen in demſelben zu ſich genommen— und bei meinem ſofortigen Erwachen und dem Kampfe mit 3* 334 ihm unb ſeinem Genoſſen mir und Iſora die Wunden bei⸗ gebracht habe, welche meine Geiſtesverwirrung und Iſora's Tod nach ſich gezogen. In dieſer Hinſicht blieb Montreuil ſtets bei ſeiner Ausſage, und Gerald glaubte ihr bis auf den heutigen Tag. Die Ereigniſſe von 1715 traten ein; vie Regierung, mit den Anſchlägen Gerald's bekannt, kam ſeiner Abſicht, ſich den Rebellen anzuſchließen, zuror — er wurde gefänglich eingezogen— keine offenbare Schuld von ſeiner Seite wurde erwieſen ober zur Sprache gebracht— und ſo wurbe er, da die Regierung vielleicht zu keinen gewaltſamen Maßregeln gegen einen ſehr jungen Mann, das Haupt eines ſehr mächtigen, mit mehr als dreißig Zweigen des engliſchen hohen Abels verwandten Hauſes ſchreiten mochte, unmittelbar vor der Freiſprechung Sir William Windham's und einiger anberen verdächtigen Tories auf freien Fuß geſetzt. Noch vor dei Ausbruche jener Empörung und un⸗ mittelbar vor der Abreiſe Montreuil's nach Schottland, ließ dieſer Prieſter Desmarais rufen, den, wie man ſich erinnern wird, ich früher aus meinem Dienſte geſchickt, und den Montreuil ſeither zu verſchiedenen Anſträgen be⸗ nützt hatte, und ſagte ihm, daß er ihm bei Gerald bieſelbe Stelle ausgewirkt habe, die der Fataliſt früher bei mir eingenommen. Bald nach dem unglücklichen Ausgange der Rebellion zerſtörte ein zufällig entſtandener Brand Devereur⸗Court, und Montreuil, der verkleidet gekommen war, um ſeine Angriffe auf die Kaſſe meines Brubers zu erneuern(Angriffen, welchen dieſer nur ſehr ſaumſelig Folge leiſtete, indem er mehrmals verſicherte, daß er ſich der Gefahr politiſcher und aufrühreriſcher Entwürfe nicht mehr blo zu zieher ſchwichti miſchen. nach ſein ſtadt den Verändet war, ſch die Wied Ehe Ger ließ, der und den zur Woh neten Ja Desmare fängt ſch wir wiſſe ihn— a bemerkte üppigkeit zur Reife zu ſorget diener, leicht Ei zum Ueb gnügen, Würte * Dis Montreuil wie Geral enoß, er edürfen en bei⸗ Iſora's ntreuil bis auf en ein; ekannt, zuvor fenbare prache elleicht jungen hr als andten echung chtigen nd un⸗ ttland, an ſich ſchickt, en be⸗ ieſelbe ei mir sgange Brand mmen ers zu mſelig er ſich e nicht 335 mehr bloßſtellen wolle), rieth Geralb jetzt, nach Lonbon zu ziehen und, um den Argwohn der Regierung zu be⸗ ſchwichtigen, ſich offen in die Luſtbarkeiten des Hofes zu miſchen. Geralb willigte gerne hierein; denn wenn auch nach ſeiner inneren Ueberzeugung vie Genüſſe der Haupt⸗ ſtadt denen des Landes nicht gleich kamen, ſo liebte er doch Veränderung, und nachdem Devereux Cvurt eingeäſchert war, ſchauderte er auch ein wenig bei dem Gedanken an die Wiederaufbauung eines ſo ungeheueren Bauweſens. Ehe Gerald den alten Thurm(meinen Thurm) ver⸗ ließ, der allein von den Flammen verſchont geblieben war und den er ſich, vbwohl ohne ſeinen Haushalt, einſtweilen zur Wohnung eingerichtet, nur um„einer ſo ausgezeich⸗ neten Jagd“ nicht allzuferne zu ſein, ſagte Montreuil zu Desmarais,„dieſer undankbare Seigneur du village fängt ſchon an den Knicker zu machenz er ſoll wiſſen, was wir wiſſen— dies gibt uns allein einen ſicheren Halt an ihn— aber jetzt darf er es noch nicht erfahren,“— ſofort bemerkte er weiter, daß man es den Treibhäuſern höfiſcher üppigkeit überlaſſen müſſe, die Gelegenheit zur Entbeckung zur Reife zu bringen. Er wies Desmarais an, dafür zu ſorgen, daß Gerald(auf welchen ſelbſt ein Kammer⸗ diener, wenigſtens ein ſo ſchlauer wie Desmarais, leicht Einfluß gewinnen konnte) jedes Vergnügen bis zum Uebermaß genießen,— wenigſtens jedes Ver⸗ gnügen, an welchem ein Mann von Stanbe, ohne ſeiner Würte etwas zu vergeben, Theil nehmen konnte.* *Dieſe rettende Klauſel ſcheint ein bezeichnender Charakterzug Montreuil's, der wahrſcheinlich vorausſah, daß in dem Verhältniſſe, wie Gerald das Vergnügen eines Mannes von Stande enoß, er auch das Vermögen eines Mannes von Stande edürfen werde. Der Herausgeber⸗ 336 Geralb ging nach London und wurde bald Alles, was Montreuil wünſchte. Montreuil kam abermals nach England; ſein großer Plan, Alberoni's Plan, war mißlungen. Aus Frankreich und Spanien verbannt, von Italien ausgeſchloſſen, wünſchte er ſo lange in Englanb eine Freiſtätte zu erhal⸗ ten, bis er ſich die Rückkehr nach Paris aus gewirkt hätte. Zu Erreichung des erſten dieſer Zwecke(der Freiſtätte) war es nöthig, daß ſich Jemand für ihn intereſſirte; für den zweiten(die Auswirkung der Rückkehr) war Geld nöthig. Zu Beidem hatte er ſich Gerald Devereur auser⸗ ſehen. Dieſer war jedoch ſchon auf dem behaglichen Standpunkte angekommen, wo man das Geld nicht leicht weggibt. Ein Wortwechſel entſpann ſich; Montreuil lüf⸗ tete den Schleier und zeigte dem Erben, auf welchem Wege er in den Befitz ſeines Reichthumes gekommen. Montreuil hatte richtig in dem Menſchenherzen ge⸗ leſen. So lange Gerald auf dem Lande lebte und nicht alle Freuden genoß, zu welchen ihn ſein großer Reichthum berechtigte, hätte die Entdeckung dieſes Geheimniſſes ſehr gefährlich werden können, denn obgleich er mich nicht beſonbers liebte und Kühnheit genng beſaß, ſich jeder Gefahr auszuſetzen, war er doch weder ein Desmarais, noch ein Montreuil. Er war das ſo häklige Ding, ein Mann von Ehre, und würde zu jener Zeit augenblicklich das Vermögen mir abgetreten, Montreuil und den Phi⸗ loſophen dem Henker überliefert haben. Aber nach zwei oder drei unter jeder Art von Genuß verlebten Jahren, den ihm ſein Reichthum zu ſchaffen vermochte— nachdem er in jenen Cirkeln gelebt, wo Reichthum das größtmögliche Verbienſt Reichen das Gew Gerald ir dreißigta breißigta: nen; wir ſchönes 2 einen ant genug be Als daher in einem an ſeine große Vr jenen Ete ſeines Le ausmacht geehrte, Tauſendet Bruder h welche ſei auf die e den er am ein Gege dachtes b durch ein den könne nachgab? er verlan pekuniärer Bulwe was großer nkreich hloſſen, erhal⸗ t hätte. eiſtätte) te; für r Geld auser⸗ iglichen t leicht uil lüf⸗ velchem en. zen ge⸗ d nicht chthum ſes ſehr h nicht h jeder narais, ig, ein blicklich n Phi⸗ ch zwei Jahren, achdem ögliche 337 Verbienſt iſt, und bie öffentliche Meinung ſomit nur den Reichen ehrt, hatte das Vermögen viel mehr Bedeutung, das Gewiſſen weit weniger Gewicht erhalten. Während Gerald in Devereur⸗Court lebte, hatte er jährlich bloß vreißigtauſend Pfund; in London hatte er Alles, was preißigtauſend Pfund jährliche Einkünfte verſchaffen kön⸗ nen; wirklich ein ſehr großer Unterſchied! Ehre iſt ein ſchönes Bollwerk gegen eine kleine Macht, ohne jedoch einen anderen Reiz im Hinterhalte iſt daſſelbe ſelten ſtark genug bemannt, um einen größern Wiberſtand zu leiſten. Als daher Montreuil Geralb zeigte, daß er ſeine Güter in einem Augenblicke verlieren könne— daß die Welt nie an ſeine Schulbloſfigkeit glauben werde, wo Schuld ſo große Vortheile abgeworfen— daß er ſich ſomit von allen jenen Etcetera's trennen müſſe, die jetzt, in der Blüte ſeines Lebens, ſeinen ganzen Begriff irdiſchen Genuſſes ausmachten,— daß er nicht länger der reiche, mächtige, geehrte, prachtvolle, beneibete, vergötterte Herr von Tauſenden ſeie, ſonbern auf einmal zu einem jüngeren Bruher herabſinken würde, der bei einer Schuldenmaſſe, welche ſein wahres Erbtheil bei weitem überſteige, bis auf die eigene Subſiſtenz von dem Menſchen abhinge, den er am meiſten haſſe— und durch ſein ganzes Leben ein Gegenſtand verächtlichen Mitleibs, oder ſcheuen Ver⸗ dachtes bleiben müſſe— daß dieſe ganze Veränberung durch ein einziges Wort Montreuil's hervorgebracht wer⸗ den könne: was Wunder, daß Geralb ſchwankte, zauderte, nachgab? Montreuil erhielt nunmehr jebe Summe, die er verlangte, und erhielt in Folge des politiſchen, wie pekuniären Einfluſſes meines Bruhers von dem Miniſter Bulwer, Devereuxr. M. 22 338 die ſtillſchweigende Erlaubniß, unter angenommenem Namen und in ſtrenger Zurückgezogenheit in England bleiben zu bürfen. Seitdem hatte es geſchienen, Montrenil mache es(vbwohl insgeheim in verrätheriſche Plane ver⸗ wickelt) zu ſeinem einzigen Geſchäfte, Verzeihung in Paris auszuwirken. Gerald hatte gelebt, wie ein Mann, der, nachdem er den Frieden ſeines Gewiſſens verloren, wenig⸗ ſtens durch Ergreifang jeder Art von Genuß zum Erſatze noch den beſten Vortheil aus dem Hanbel zu ziehen ſucht, und le petit Jean Desmarais, dem Prieſter wie dem Verſchwender von gleichem Nutzen, hatte ſeine Zeit ſehr angenehm zugebracht— über ſeine Herren gelacht, Phi⸗ loſophie ſtudirt und ſeine Taſchen gefüllt; venn ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß ihm Gerald ſeinen Antheil an der Fälſchung ohne große Schwierigkeit vergab. Der Menſch iſt, wie Oswalb ſchlau bemerkte, ſelten unerbitt⸗ lich gegen diejenigen Verbrechen, durch welche er gewon⸗ nen hat.„Und wo treibt ſich Montreuil jetzt herun?“ fragte ich;„in der Nähe von Devereun Court?“ Oswald ſah mich etwas erſtaunt an.„Woher wiſſen Sie das, mein Herr? Es iſt ſo. Ruhig und insgeheim lebt er in jener Gegend. Das Gehölz um das Haus her, die Höhlen an der Küſte und die kleine dem Schloſſe gegenüber liegende Inſel bieten ihm abwechſelnd eine Zuflucht; und die Leichtigkeit, mit welcher von hier aus Verkehr mit Frankreich unterhalten werden kann, macht den Schlupfwinkel beſonders geeignet für ſeine Ab⸗ ſichten.“ Nun fing ich an, Oswald über ſeine eigene Perſon auszufragen, venn ich war nicht ſehr geneigt, unbe⸗ vingtes ſetzen, d deſſen z ſtellung er nicht Weines geneigt. anderen zur Beo dem To nicht al Kenntn Befehle üherbrit ſelbſt in über ein nal Fler unb Zur Theile* die Ben durchſch faſſende früherer Aubrey terwürfi Grund tungen. der käu Kenntn müſſen; nenem nglanp ntreuil e ver⸗ Paris t, der, wenig⸗ Erſatze ſucht, e dem it ſehr „Phi⸗ rauche eil an Der erbitt⸗ ewon⸗ um“ wiſſen eheim Haus chloſſe d eine er aus macht e Ab⸗ zerſon unbe⸗ 339 vingtes Vertrauen in die Dienſte eines Mannes zu ſetzen, der ſich früher lohnſüchtig und feig gezeigt. In⸗ deſſen zeigte dieſer Herr wenig Gleißnerei oder Ver⸗ ſtellung; er machte keine Anſprüche auf Tugenden, die er nicht beſaß; und ſchien jetzt durch den Genuß des Weines und der Vertraulichkeit beſonders zur Offenheit geneigt. Er war es geweſen, der neben verſchiedenen anderen, weniger geheimen Aufträgen von Montreuil zur Beobachtung Aubrey's gebraucht worden war; nach dem Tode meines Brubers war nach England geeilt, nicht allein um Montreuil von dieſem Ereigniſſe in Kenntniß zu ſetzen, ſondern auch, um ihm einige ſpecielle Befehle von gewiſſen Mitgliedern ſeines Ordens zu überhringen. Er hatte Montreuil geſchäftig, unruhig, ſelbſt in ſeiner Abgeſchiedenheit intriguirend und erfrent über eine in neueſter Zeit erhaltene Zuſage des Cardi⸗ nal Fleury gefunden, daß ihm in Kurzem Verzeihung unb Zurückberufung zu Theil werden ſollten. Bei dieſem Theile von Oswalds Bericht konnte ich mit Leichtigkeit die Beweggründe ſeines erneuerten Vertrauens zu mir durchſchauen. Montreuil, in neue, verwickelte und um⸗ faſſende Plane vertieft, ſchenkte den Trümmern ſeiner früheren Projekte nur noch wenig Aufmerkſamkeit. Aubrey todt— ich außer Landes— Gerald ſein un⸗ terwürfiges Werkzeug— ſah er in unſerem Hauſe keinen Grund zu beſonderen Vorſichtsmaßregeln oder Befürch⸗ tungen. Offenbar war er deßhalb weniger bemüht, ſich der käuflichen Dienſte Oswalds zu verſichern, als die Kenntniß von deſſen Charakter ihn ſonſt hätte machen müſſen; und als vaher dieſer Herr von meiner plötzlichen 340 Ankuuft im Vaterlande hörte, ſah er auf einen Blick, wie weit vortheilhafter es für ihn ſein würde, mir ſeine Dienſte zu widmen, als eine ſchlecht belohnte Treue gegen Montreuil zu bewahren. Indeſſen war die Klug⸗ heit des Prieſters, wie ich ſpäter erfahren, auch hierin weniger zu tadeln, als ich glaubte; denn Oswald war von unerhört unverſchämter, niederträchtiger, ver⸗ ſchwenderiſcher Natur, und ſeine Geldforderungen überſtiegen den Werth ſeiner Dienſtleiſtungen, oder wie Montreuil denken mochte, ſeit Aubrey nicht mehr lebte, auch die Wichtigkeit ſeines Stillſchweigens in hohem Grade. Als ich daher meinem neuen Verbündeten von dem ernſtlichen Vorſatze ſagte, endlich einmal Gerech⸗ tigkeit an den Freveln Montreuil's zu üben, fand ich, vaß ſein Dienſteifer durch meinen Entſchluß keineswegs erkältet wurde— ja die Feigheit dieſes Menſchen machte ihn ſogar mordluſtig; und in dem Augenblicke, wo er ven Entſchluß gefaßt, Montreuil zu verrathen, machte auch ſeine Furcht vor der Rache des Prieſters den Wunſch in ihm rege, den Verrathenen zu verderben. Ich bin kein Freund von unnöthigem Aufſchube, und ſo wollte ich denn den unerwarteten Zeugen, den ich für meine Rache gefunden, ſo bald als möglich mir zu Nutzen machen. Zugleich erkannte ich auch, daß Os⸗ walds Zeugniß in einer Erklärung mit Gerald, wie in einem gerichtlichen Verfahren gegen Montreuil, jede Schwierigkeit bedeutend erleichtern müſſe; die erſtere Maßregel hielt ich für nothwendig, um die letztere zu ſichern, over zu beſchleunigen. Ich ſchlug daher Oswald vot, mich ſogleich in das Landhans zu begleiten, wo Geralb ſich ber noch ei nannie, Pferde, Gaſthoſ Gerald niſſe di gegeben Zu büberei aber fa Wirklie Leute ſe ihm her brauche ſamkeit war, h mitten ſuiten 1 ich eing ſpiele! meinen über d meiſten weit ge ſpätere und da noch le ihm get Blick, ſeine Ereue tlug⸗ hierin dwar ver⸗ ungen r wie lebte, ohem n von erech⸗ d ich, zwegs achte wo er nachte z den erben. „und n ich nir zu Os⸗ vie in jede rſtere re zu swald „wo 341 Geralb gerade zu Beſuch war; ver ehrliche Maria fügte ſich bereitwillig meinem Wunſche und bedingte ſich nur noch eine zweite Flaſche als Reiſeſtärkung, wie er es nannte, aus. Augenblicklich beſtellte ich Wagen und Pferde, und noch waren wir keine zwei Stunden in dem Gaſthofe geweſen, als wir uns ſchon auf den Weg zu Gerald machten. Welch einen Stoß hatten die Ereig⸗ niſſe dieſes einzigen Tages dem Rade des Schickſals gegeben! Zu jeder anderen Zeit würde mir die ſchlaue Spitz⸗ büberei meines Gefährten Spaß gemacht hahen, jetzt aber fand er in mir nur einen unaufmerkſamen Zuhörer. Wirklich bediente ich mich ſeiner, wie man ſich der Leute ſeines Schlages gewöhnlich bedient; ſobald ich von ihm herausgebracht, was ich zum augenblicklichen Ge⸗ brauche nöthig hatte, ſchenkte ich ihm wenig Aufmerk⸗ ſamkeit mehr. Jede Mittheilung, welche mir nöthig war, hatte er erſchöpft, und ſo ſtellte ich mich denn mitten in einer langen Geſchichte von Italien, den Je⸗ ſuiten und der Klugheit von Maria Oswald, als ſei ich eingeſchlafen; mein Begleiter folgte meinem Bei⸗ ſpiele bald in Wirklichkeit und überließ mich ungeſtört meinen Betrachtungen über Alles, was ich gehört, und üher die Plane, von welchen ich mir nunmehr den meiſten Erfolg zu verſprechen hätte. Bald war ich ſo weit gekommen, daß ich mit gelindem Auge auf Geralds ſpätere Gutheißung von Montreuil's Betrug blickte; und da ich fühlte, welch ungeheueren Rückſtand ich dem noch lebenden Bruder für das lange Unrecht, das ich ihm gethan, ſchuldig ſei, freute es mich beinahe, daß ich 342 auch etwas in der anbern Wagſchale fand. Alle Menſchen werden wohl lieber verzeihen, als ſich verzeihen laſſen. Ich beſchloß daher, zu thun, als ſei mir Geralds Mit⸗ wiſſenſchaft der Fälſchung gänzlich unbekannt, und, ſollte er mir dieſelbe auch zugeſtehen, mit Aufbietung aller Feinheit dem Geſtändigen jede Beſchämung zu erſparen. Von dieſer Gedankenrichtung wandte ſich mein Gemüth bald feindſeligeren, mir näher gehenden Vor⸗ ſtellungen zu; wie zu Marmor erſtarrt, ſtand mir das Herz ſtill, wenn ich an Montreuil und vie ihm gebüh⸗ rende Vergeltung dachte. Beinahe war es Mittag, als wir am folgenden Tage auf Lord***'s Landhauſe ankamen. Wir erfuhren, Gerald ſei den Tag zuvor abgereist, um in Devereux⸗ Cvurt der Jagd obzuliegen, und augenblicklich reisten wir vahin ab. Oft hat es mir gedünkt, daß, wenn es nach der Fabel der Chaldäer wirklich in der ganzen Natur, der menſchlichen wie der allgemeinen, eine ſich ßets wiederholende Figur gebe, dies der Kreis ſei. In der Runde, in unendlicher Monotonie, in ewigem Kreis⸗ laufe rollen die Kugeln des Weltraumes dahin. Ebenſo bewegt ſich der Geiſt des ſchöpferiſchen Lebens, wär⸗ mend, vorſchreitend, zeitigend, verwelkend, ſterbend, neu eutſtehend und abermals fortrollend— ewig auf derſelben Bahn, und ſo möchte es beinahe ſcheinen, bewege ſich ſelbſt der geheimnißvolle Lauf des menſch⸗ lichen Thun und Treibens. Dos Alter kehrt vor ſeinem übergange zur zweiten Kindheit, jener gänzlichen Ver⸗ geſſenheit, von welcher aus es in das Grab finkt, zu den Erinnerungen und Gedanken der Kindheit zurück; ſeine be Freund müden der Bo⸗ hat ein ſetzten triumpl einen u math.( unſerer dem Ot der Ert enden liche m welcher überall wiederl punkt eigniß ſtimmt * 0 dieſe ez lichen G dieſelbe Entwick Oswald vorgehe ſie ſo ſe ruhige, ſichtbare Zügen Devere ſchen aſſen. Mit⸗ und, etung ig zu mein Vor⸗ r das ebüh⸗ enden thren, reu⸗ eisten nn es katur, ſtets n der kreis⸗ benſo wär⸗ bend, g auf einen, enſch⸗ einem Ver⸗ t, zu rück; 343 ſeine begrabene Liebe ſteht wieder auf— ſeine erloſchen⸗ Freundſchaft facht ſich von Neuem an. Die Räder der müden Maſchine ſind über den Meridian hinaus, und der Bogen, in welchem ſie ſich jetzt abwärts bewegen, hat eine entſprechende Ihnlichkeit mit dem entgegenge⸗ ſetzten Kreisausſchnitte, durch welchen ſie raſch und triumphirend aufwärts fuhren. So fühlen wir auch einen unwiderſtehlichen Zug zu unſerer früheſten Hei⸗ math. So ſagen wir:„Gleichviel, wo wir in der Mitte unſerer Laufbahn ſtehen, aber ſterben wollen wir an dem Orte, wo wir geboren wurden— an dem Punkte der Erde, wo unſer Kreislauf begann, ſoll er auch enden!“ Dies iſt die große Bahn, welche der Sterb⸗ liche nur einmal zurückgelegt; allein dieſelbe Figur, in welcher derſelbe ſich nach dem Grahe bewegt, herrſcht überall vor.“ So iſt ein beſtimmter Tag des immer wiederkehrenden Jahres für Manche immer der Zeit⸗ punkt geweſen, der ihrem Leben durch irgend ein Er⸗ eigniß ſeine Färbung gab. So war für Andere ein be⸗ ſtimmter Ort, ſo oft ſie im Verlaufe ihres Schickſales *Ich habe mir die Schriftſtellerfreiheit nicht genommen, vieſe epiſodiſchen Bemerkungen, obwohl ſie einem unverſtänd⸗ lichen Geſchwätze ſehr nahe kommen, wegzulaſſen, theils weil dieſelben mit einer gewiſſen dramatiſchen Nothwendigkeit in die Entwicklung der Erzählung des Graſen— das Wiederfinden Oswalds— die Rücktehr nach Devereur⸗Court und die dort vorgthende Scene einzugreifen ſcheinen— thells aber auch, weil ſie ſo ſehr bezeichnend für das unbeſtimmte Streben— die un⸗ ruhige, nur halb entwickelte Sehnſucht nach etwas„jenfeits der ſichtbaren Welt des Tages“ ſind, die ſich mit den weltlicheren Zügen in der eigenthümlichen Gemüthsorganiſation des Grafen Devereux ſo innig verbinden. Der Herausgeber. 344 wieber an deuſelben kamen, der Schauplatz eigenthüm⸗ licher, auf ihr ganzes Daſein einwirkender Handlungen. So ſagte ein großer Zauberer des Alterthums, deſſen Werke noch jetzt vorhanden ſind, obwohl in dem Augen⸗ blicke, wo ich hier ſchreibe, kaum brei Perſonen leben, welche deren Exiſtenz kennen— es gebe Niemand, der bei einer genauen Prüfung der Ereigniſſe ſeines Lebens nicht finden werde, daß in irgend einem beſtimmten Orte, einer Stunde oder einem Menſchen, wenn auch verhüllt und dunkel, der beherrſchende Dämon ſeines Schickſales liege; ſo oft die beiden Kreiſe des Daſeins ſich auf ihren Bahnen berührten, ſo beginne, ohne daß man es bemerke, die Epoche künftigen Glückes oder Un⸗ glückes. Ich erinnere mich wohl, daß dieſe verwirrende, wenn auch nicht unheilige Betrachtung, oder vielmehr Phantaſie, durch mein Gemüth ging, als ich nach viel⸗ jähriger Abweſenheit wieder der Heimath meiner Kind⸗ heit zueilte, in der ſtürmiſchen Hoffnung, das Schickſal einer Liebe zu rächen, welche ſich dort in mein Herz geſenkt. Tief und ſchweigend brütete ich über den dun⸗ keln Gebilden, die meine Seele erſchuf, und erwachte erſt aus meinen Träumereſen, als wir mit einbrechender Dunkelheit die Markung von Devereux⸗Curt erreich⸗ ten. Die Straße war rauh und ſteinig, und die Pferde gingen nur laugſam weiter. Wie vertraut war mir Alles, was ich erblickte! Die alten, in dichten Gruppen auf beiden Seiten der Straße zerſtreuten, geſtutzten Bäume, die von Erben zu Erben fortgelebt hatten, ſicher wegen der geringen Lockung, welche ſie der Ge⸗ winnſucht boten, ſchienen mich mit leiſem, aber ver⸗ ſtänblich ſielen in wollten zurückgek Deines. — wie r Der hei drang, v rungen, linge in jener Be Ziele une Mißachtt kommt at geld eine Geſchöpf Als des Parke gelangten ſchenräun die Farbe dem fern über der ſchern, de deutlich u Stimme meiner K muthet ve Haupt zu eines lebe thüm⸗ ungen. deſſen ugen⸗ leben, , der ebens unten auch ſeines iſeins e daß Un⸗ ende, mehr viel⸗ dind⸗ ickſal Herz dun⸗ chte nder eich⸗ erde mir pen zten ten, Ge⸗ bet⸗ 345 ſtändlichem Willkommen zu begrüßen. Ihre Blätter ſielen im Herbſtwinde um uns her, und es war, als wollten die mir zuwinkenden Aſte ſagen:„Du biſt zurückgekehrt, verändert wie wir; die grünen Blätter Deines Herzens find eines um das andere abgefallen — wie wir, biſt Du der überlebende, aber vhne Troſt!“ Der heiſere Schrei der in ihr Neſt flatternden Krähe drang, verbunden mit der Muſik jugendlicher Erinne⸗ rungen, in mein Ohr. Oft hatte ich im lachenden Früh⸗ linge in dieſen Gehölzen gelegen und der jungen Brut jener Bewohnerinnen der Luft aufgelauert, als einem Ziele unausgebildeter Geſchicklichkeit und rückſichtsloſer Mißachtung des Lebens. Mit unſerer geiſtigen Kraft kommt auch das Mitleid in uns— nicht um das Löſe⸗ geld eines Königes hätte ich jetzt einem dieſer ſchwarzen Geſchöpfe ein Leid zufügen mögen. Als wir den mehr mit Wald bewachſenen Gürtel des Parkes hinter uns hatten und auf den offenen Raum gelangten, wo die Bänme einzeln und in größeren Zwi⸗ ſchenräumen ſtanden, während rothe Wolken, noch in die Farben der untergegangenen Sonne getaucht, über dem fernen Höhenzuge ſchwebten— wie die Hoffnung über der Zukunft— traf ein ſanftes, raſches Plät⸗ ſchern, das ſich von dem Branden der entlegeneren See deutlich unterſchied, plötzlich mein Ohr. Es war die Stimme des Baches, deſſen Ufer die Lieblingsplätze meiner Kindheit geweſen, und wie ich ſie jetzt ſo unver⸗ muthet vernahm, hätte ich allein ſein mögen, um mein Haupt zu beugen und zu weinen, als hörte ich den Gruß enes lebenden Weſens! Mit einemmale war, wie durch 346 ein Zauberwort, vie verhärtete Lava, ber erſtarrte Strom des Atna meiner Seele von meinem Gedächtniſſe weg⸗ gehoben, und die alten Laubengänge und Paläſte, die Welt vergangener Tage, lag vor mir! Mit welch wilder Begeiſterung hatte ich dieſen Bach an dem Tage angeredet, an welchem ich zum erſtenmale den Entſchluß faßte, die ruhige Gegend und ſein duftiges Ufer gegen den Sturm und den Lärm der großen Welt zu vertau⸗ ſchen. An demſelben Abende hatten auch Aubrey und ich ſo einträchtig uns berathen— an demſelben Abende hatten wir uns Schutz, Liebe, Unterſtützung zugeſchworen — und jetzt! Ich ſah bereits den Hügel, auf welchem wir damals ſaßen— ein einſames Wild hatte ihn zu ſeinem Lager gemacht und erhob ſich, als der Wagen näher kam; nun bemerkte ich, daß es wahrſcheinlich in einem Streite mit ſeinesgleichen verwundet worden war und kaum von der Stelle kommen konnte. Ich wandte mein Geſicht ab, und allmählig ſtiegen die Trümmer meines Ahnenhanſes vor mir auf. Wirklich war dieſes Haus ſehr verändert; ein großer, ſchwarzer Haufe von Trümmern lag umher; die mächtige Halle mit ihrem eichenen Sparrwerk und ihrem gewaltigen Kamine war nicht mehr— die ſe vermißte ich, das übrige kümmerte mich nicht. Die langen Galerien, die prächtigen Zimmer, die Schauplätze lärmender Luſt und Pracht glichen jenen Gefährten an Höfen, welche uns unterhalten, aber nicht feſſeln; die Halle dagegen— die alte Halle— die alle, gaſtliche Halle— war zu jeder Zeit für jeden Ankömm⸗ ling wie ein Freund geweſen, und ihre Freuden ſtanden Jedem ehen ſo offen als das Herz ihres letzten Beſitzers! Thurm, genoſſen gelegen ha ernſt, rieſ geräumte ſtattete. tritte vern ſöhnung? die mir gle blicke fand wartete vr rung— f gefaßt auf mein Bede niß, und Doch ich vergeſſ noch aufe Schmerz Skizze vor führlich v ſyſtematiſ benen unt Strom e weg⸗ e, die n Tage tſchluß rgegen vertau⸗ ey und Abende hworen velchem ihn zu 347 Meine Blicke entfernten ſich von der Stelle, wo die⸗ ſelbe geweſen, und der hohe, einzeln ſtehende, graue Thurm, den man nach meinem unglücklichen Namens⸗ genoſſen naunte, und in welchem meine eigenen Zimmer gelegen hatten, ſtieg, wie der Letzte einer Kriegerſchaar, ernſt, rieſenhaft und einſam über die umliegenden Rui⸗ nen empor. Der Wagen fuhr jetzt raſcher über die vernachläſſigte Straße hin und bog ein, wo der zu beiden Seiten weg⸗ geräumte Schutt die Anfahrt gegen den Thurm ge⸗ ſtattete. Zwei Minuten ſpäter, und ich ſtand in dem⸗ ſelben Zimmer mit dem allein noch lebenden Bruder. Ach, warum— warum kann ich nicht bei dieſem Auf⸗ tritte verweilen— bei dieſer Umarmung, dieſer Ver⸗ ſöhnung?— ach, noch iſt die Wunde nicht vernarbt, die mir gleich darauf geſchlagen wurde. Im erſten Augen⸗ blicke fand ich Gerald hochfahrend und trotzig; er er⸗ wartete von meiner Seite Vorwürfe und Herausforde⸗ rung— für dieſe war er verhärtet; aber er war nicht gefaßt auf meine Bitten um fernere Freundſchaft und mein Bedauern über das bisherige feindſelige Verhält⸗ niß, und mit einemmale wurde er weich. Doch laßt mich darüber hinwegeilen. Beinahe hatte ich vergeſſen, daß ich an dem Schluſſe meiner Geſchichte noch auf eine ſo theure Erinnerung und einen ſo bitteren Schmerz ſtoßen würde. Schnell entwarf ich Gerald eine Skizze von dem unglücklichen Schickſale Aubrey's; aus⸗ führlich verbreitete ich mich dagegen über Montreuils ſyſtematiſchen, fluchwürdigen Einfluß auf den Verſtor⸗ benen und uns Mlle, und ſuchte Theilnahme an meiner 348 tiefen Entrüſtung gegen den Böſewicht zu erwecken. Hierin war ich ſo glücklich, daß Gerald erklärte, er wünſche beinahe ebenſo ſehnſüchtig wie ich, ihn zur Strafe zu ziehen; aber in ſeinem Tone war eine Ver⸗ legenheit, deren Grund ich leicht durchſchaute. Eine öffentliche Anklage Montreuils hätte endlich Geralds ſpätere Kenntniß von dem Betruge ans Licht bringen können. Eilig erklärte ich daher, ich ſehe durchaus keine Nothwendigkeit, die geheime, düſtere, ereignißvolle Ge⸗ ſchichte unſeres Hauſes der Unterſuchung eines Gerichts⸗ hofes preiszugeben. Nein, in Oswalds Mittheilungen hatte ich Belege genug für die Richtigkeit von Boling⸗ broke's Ausſage gefunden, daß Montreuil fortwährend, und namentlich während der letzten Wochen, tief in hochverrätheriſche Plane verwickelt war— wofür zu⸗ reichende Beweiſe beigebracht werden konnten, um ihm den Tod durch Henkershand zu ſichern. Auf dieſen Grund hin ſchlug ich vor, ihn in der nächſten Stadt(dem denk⸗ würdigen Seehafen von***) anzuklagen und eine Voll⸗ macht zu ſeiner augenblicklichen Verhaftung auszuwirken — nur auf dieſen Grund hin verlangte ich gerichtliche Einſchreitung gegen ihn, nur auf dieſem Wege ſollte er für ſeine Privatverbrechen büßen. Mein Bruder gab enblich ſeine Einwilligung.„Ich weiß,“ ſagte ich,„daß Montreuil ſich in der Nähe dieſer Ruinen, oder auf der gegenüberliegenden kleinen Inſel verſteckt hält. Iſt Dir bekannt, ob er im gegen⸗ wärtigen Augenblicke hier oder dort ſeinen Schlupf⸗ winkel hat?“ „Nein, mein Brnber,“ antwortete Gerald;„allein ich habe G unmittelba bewilligen. „So h kehr nach „Ja Briefe, da cheln, zu Wenn dies Angenblick ſchlauer M erfahren, kunft mit ſcheinlich it tiges Vertr erfahren, 1 hat, und ſi zur Flucht. eilen und Hülfe zu bleibe Du einſtellen, Dieſen w ſich wahrſe „Wie, wecken. Grund denk⸗ Voll⸗ wirken htliche ſollte „Ich Nähe leinen zegen⸗ lupf⸗ allein 349 ich habe Grund zu der Annahme, daß er ſich in unſerer unmittelbarer Nähe befindet, denn vor drei Tagen er⸗ hielt ich bei Lord*** einen Brief von ihm, worin „er in mich dringt, ihm vor ſeiner Abreiſe aus Eng⸗ land ſobald als möglich hier eine Zuſammenkunft zu bewilligen.“ „So hat er denn wirklich die Erlauhniß zur Rück⸗ kehr nach Frankreich erhalten?“ „Ja,“ verſetzte Gerald,„er ſagt mir in eben jenem Briefe, daß er in dieſem Augenblicke die Nachricht von ſeiner Begnadigung erhalten habe.“ „Möge ſie ihn,“ entgegnete ich mit ſtrengem Lä⸗ cheln, zu gewiſſer Verurtheilung geeigneter machen. Wenn dies wirklich richtig iſt, ſo haben wir keinen Angenblick zu verlieren; ein beſtändig ſo wachſamer, ſchlauer Menſch wird alsbald meine Anweſenheit hier erfahren, und ſelbſt den Gedanken an eine Zuſammen⸗ kunft mit Dir aufgeben, wenn er, was ziemlich wahr⸗ ſcheinlich iſt, unſere Ausſöhnung und unſer gegenwär⸗ tiges Vertrauen argwöhnen ſollte— überdies könnte er erfahren, daß die Regierung ſeine Abſichten entdeckt hat, und ſichert ſich vielleicht augenblicklich die Mittel zur Flucht. Laſſe mich daher unverzüglich nach* eilen und einen Verhaftsbefehl, ſo wie polizeiliche Hülfe zu ſeiner Auffuchung auswirken. Unterdeſſen bleibe Du hier und halte ihn, ſollte er ſich bei Dir einſtellen, feſt;— aber wo iſt ſein Mitſchuldiger?— Dieſen wollen wir ſogleich feſtnehmen, denn er wird ſich wahrſcheinlich bei Dir befinden!“ „Wie, Desmarais?“ verſetzte Gerald.„Ja, außer 350 der alten Pförtnerin iſt er der einzige Diener, den vieſe alten Ruinen unter einem Dache mit mir zulaſſen. Meine übrige Dienerſchaft blieb bei Lord“**. Aber auch Desmarals befindet ſich im Augenblicke nicht hier; vor eiwa zwei Stunden ging er aus.“ „Ha!“ ſagte ich,„aller Wahrſcheinlichkeit nach Behufs einer Zuſammenkunft mit dem Prieſter— ſollen wir ſeine Rückkehr abwarten, und ihm Auskunft über Montreuils Schlupfwinkel abnöthigen?“ Noch ehe Gerald antworten konnte, hörten wit außen ein Geräuſch, und ſogleich unterſchied ich di weichen Töne des heuchleriſchen Fataliſten in ſanftem Hader mit der triumphirenden Stimme von Herri Maria Oswald. Ich eilte hinaus und erfuhr, baß der Laienbruder, den ich in der Chaiſe zurückgelaſſen, bemerkt hatte, wie der Kammerdiener ſich unter den Ruinen herumſchlich; er hatte ihn erkannt, ergriffen und mit Hülfe der Poſtillone nach der Thüre des Thur⸗ mes geſchleppt. In dem Augenblicke, wo Desmarait mich erblickte, hörte er auf, ſich zu ſträuben; feſt, aber nicht unehrerbietig blickte er mir ins Auge; ohne auch un die Farbe zu wechſeln, hielt er unter den Händen ſeinet Häſcher ſtill; wenn überhaupt eine Spur ſeines In⸗ nern auf den blaſſen Zügen und in dem glitzernden Auge zu entdecken, ſo war es gewiß keine Andeutunz von Furcht, oder Beſtürzung, oder auch nur Verwunde⸗ rung, wohl aber der ſchnelle Entſchluß, der Gefahr entgegen zu treten, verbunden vielleicht mit einigen Zweifel, ob er derſelben trotzen oder ſie zuerſt zu min⸗ dern ſuchen ſolle. Degen;„b die Spitze d den Ausfall willkürlich Wangen tre zuckte nicht „Will Lächeln,„f ſo möge er wiverſtehen „Oswal los; warten Desmarais, Ich ſtie hinauf.„ bieſe laſſen. Abet hier; t nach — kunft en wir ich die anftem Herrn , da griffen Thur⸗ marais es In⸗ hinauf.„Jetzt,“ ſagte ich, als er mit Gerald unb mir Lange ſah ich ihn an— kämpfend in meinem In⸗ nern zwiſchen Zorn und Ekel— mit jenem gemiſchten Gefühle von Verachtung und Zerſtörungsluſt, womit wir auf die Kraftanſtrengung eines kleinen, aber gifti⸗ gen und frechen Gewürmes ſehen— lange ſah ich ihn an, bis ich endlich meine Stimme beruhigt und geſam⸗ melt hatte, um zu Wort zu kommen. „So habe ich Dich endlich! Zuerſt kommt vas nie⸗ derträchtige Werkzeug, und dieſes will ich auch zuerſt zerbrechen, ehe ich die Hand, die es geführt, abhaue.“ „Wenn es der gnädige Herr Graf erlaubt,“ ant⸗ wortete Desmarais, indem er ſich bis zum Boden ver⸗ neigte,„das Werkzeug iſt eine Feile, und es wäre nutz⸗ los, auf dieſe zu beißen.“ „Das wollen wir ſehen,“ ſagte ich und zog den Degen;„bereite Dich zum Tode!“ Damit hielt ich die Spitze der Klinge mit einem ſo plötzlichen, drohen⸗ den Ausfalle an ſeine Kehle, vaß ſich ſeine Augen un⸗ willkürlich ſchloſſen und das Blut aus ſeinen hageren Wangen trat, die nur noch aſchgrau blieben; aber er zuckte nicht. „Will Monſieur,“ ſagte er mit einer Art von Lächeln,„ſeinen armen, alten, treuen Diener tödten, ſo möge er zuſtoßen. Dem Schickſale kann man nicht wiverſtehen, und Bitten ſind hier nutzlos!“ „Oswald,“ ſagte ich,„laſſen Sie Ihren Gefangenen los; warten Sie hier und halten Sie gut Wache. Jean Desmarais, folge mir!“ Ich ſtieg, von Desmarais begleitet, die Treppe 352 allein war,„ſind Deine Tage gezählt; Du wirſt fallen, nicht durch meine, ſondern durch des Henkers Hand. Nicht nur Deine Fälſchung, ſondern auch Dein Dieb⸗ ſtahl und Deine Aufhetzung zum Mord ſind mir be⸗ kannt; Dein nunmehriger Gebieter, gleich mir über Dich entrüſtet, übergibt Dich der Gerechtigkeit. Haſt Du irgend etwas, nicht zu Deiner Rechtfertigung— denn darauf werde ich nicht hören— ſondern als Sühne für Deine Schuld vorzubringen? Oder kannſt Du jetzt irgend etwas thun, das mich veranlaßen dürfte, Dir Deine früheren Handlungen zu verzeihen?“ Desmarais zögerte.„Sprich,“ ſagte ich. Er ſah mich mit einem forſchenden Blicke an. „Monſieur,“ erwiederte der Schurke, mit ſeinem unterwürfigen Lächeln,„Monfieur iſt gereist— hat geglänzt— hat Erfolge erlebt— Monſieur muß ſich Feinde gemacht haben; er nenne ſie, und ſein ar⸗ mer, alter, getreuer Diener wird ſein Mögliches thun, um das beſcheidene Werkzeug ihres Schickſales zu werden.“ Schaudernd wandte ſich Gerald bei Seite. Viel⸗ leicht hatte er bis dahin nicht gewußt, daß der Mord eben ſo ſchlau, als der Betrug, unter glatten Worten und Spitzenmanchetten verborgen ſein kann. „Ich habe,“ ſagte ich,„nur einen Feind, und an dieſem wird der Henker mein Amt übernehmen; be⸗ zeichneſt Du mir jedoch genan den Ort, wo er in die⸗ ſem Augenblicke verſteckt liegt, ſo ſoll es Dir frei ſtehen, England auf immer zu verlaſſen. Dieſer Feind iſt Jultan Montrenil!“ zu mir Auge, d der auf! noch eine ſie keimt⸗ „Wie der Tod ter welc meinen, als der an Deine Icht ſeinem E Träumer „Wa „Hätte e Bulw⸗ fallen, Hand. Dieb⸗ ir be⸗ über Haſt ng— Sühne jetzt „Dir narais einem einem „Hm, hm!“ erwiderte Desmarais nachdenklich und in einem von ſeiner gewöhnlichen Art zu reden ganz ver⸗ ſchiedenen Tone;„muß es wirklich ſo ſein? Zwanzig Jahre lang, als Jüngling und als Mann, habe ich mich an dieſen Menſchen geklammert und mein Schick⸗ ſal mit dem ſeinigen verwoben, weil ich ihn unter dem⸗ ſelben Sterne geboren glaubte, der auf Staatenlenker und Päbſte nieberſcheint. Zwingt mich jetzt die harte Nothwendigkeit, ihn zu verrathen?— Ihn, den ein⸗ zigen Menſchen, den ich je geliebt. So— ſo— ſo! Graf Devereur, durchbohren Sie mein Herz— ich werde Bertrand Collinot nicht verrathen! „Geheimnißvolles Herz des Menſchen,“ ſprach ich zu mir ſelbſt, als ich die niedere Stirne, das boshafte Auge, die verſchmitzte Lippe des Elenden betrachtete, der auf dem Grunde einer ſo gemeinen Bruſt immer noch eine großmüthige, edle Empfindung nährte. Doch ſie keimte dort nur, um zu verwelken! „Wie Du willſt,“ entgegnete ich,„erinnere Dich, der Tod iſt die Alternative. Bei dem Sterne, un⸗ ter welchem Du geboren, Jean Desmarais, ich ſollte meinen, Treuloſigkeit ſei immer noch etwas Beſſeres, als der Galgen— doch die Zeit drängt— Adieu; an Deinem Gerichtstage werden wir uns wiederſehen.“ Ich wandte mich gegen die Thüre, um Oswald zu ſeinem Gefangenen zu rufen. Desmarais fuhr aus der Träumerei auf, in welche er verſunken ſchien. „Warum zaudere ich noch?“ ſprach er langſam. „Hätte er die Wahl, würde er mich nicht laſſen, Bulwer, Devereur, II. 354 wie ſeinen Hund, wenn dieſer toll wäre und hiemit Ge⸗ fahr ihm drohte? Mein ſehr edler und gnädiger Ge⸗ bieter,“ fuhr der Fataliſt zu mir gewandt und in ſeine gewöhnliche Manier zurückfallend fort,„es iſt genug! Ich kann einem Herrn, der ein ſo einnehmendes Weſen und ſo unvergleichlichen Batiſt hat, Nichts abſchlagen. Noch dieſe Nacht kann Montreuil in Ihrer Gewalt ſein; dies hängt jedoch allein von mir ab. Wenn ich nicht rede, ſo bringen ihn wenige Stunden unwiderruf⸗ lich aus Ihrem Bereiche. Verrathe ich Ihnen denſelben, will mir Monſieur dann ſchwören, daß ich Verzeihung erhalte für meine früheren Irrthümer?“ „Unter der Bedingung, daß Du England verläſſeſt,“ erwiderte ich, denn mein Wunſch, Vergeltung an Des⸗ marais zu üben, war verhältnißmäßig nur gering; und ſeitdem ich mit Gerald übereingekommen, unſere Fa⸗ milienangelegenheiten nicht ans Tageslicht zu bringen, wat es auch keine leichte Sache, Gerechtigkeit an dem Fataliſten zu nehmen, während andererſeits die Mög⸗ lichkeit, Montreuil noch vor ſeinem Abgange aus Eng⸗ land zu entdecken, ohne ſichere Kunde, nach welcher Richtung er ſich wenden werde, ſo prekär war, daß ich mich entſchloß, jedem weniger heißen Wunſche zu ent⸗ ſagen, um ſchnell zu der Erfüllung desjenigen zu gelan⸗ gen, der die einzige noch dauernde Leidenſchaft meines Daſeins bildete. „Sei es ſo,“ verſetzte Desmarais;„der Wein in Frankreich iſt beſſer! Und Monſieur, mein dermaliger Gebieter— Monſieur Gerald, wollen auch Sie Ihrem armen Desmarais ſeinen Beweis großer Anhänglichkeit verzeihen, die er ſtets für Sie empfunden hat?⸗ dem In Wollen müſſen( Begleite ich für: „Be von De „Je rais bitt ſo würd Ich übergab ſchnelle durch d vielleicht „Hinweg, Elender!“ rief Gerald zurückfahrend; „Du verpeſteſt die Luft mit Deiner ſchändlichen Gegen⸗ wart!“ Desmarais erhob ſeine Augen gen Himmel mit einem Blicke gekränkter Unſchuld; aber ich war dieſer verhaßten Fratze müde. „Die Bedingung iſt gemacht,“ ſagte ich,„erinnere Dich, daß es nur gut abläuft, wenn wir Montreuil in unſere Gewalt bekommen. Jetzt erkläre Dich.“ „Nun,“ begann Desmarais,„heute Nacht gedenkt Montreuil mit Hülfe eines franzöſiſchen Seeräubers oder Piraten, wenn Ihnen dieſes Wort beſſer geſällt, England zu verlaſſen. Punkt zwölf Uhr will er am Strande, bei der Schloßhöhle, mit einigen Matroſen zuſammentreffen, von dort fahren ſie in Booten nach dem Inſelchen, wo ſie das Schiff des Piraten erwartet. Wollen Sie Montreuil in Ihre Gewalt bekommen, ſo müſſen Sie für Mannſchaft genug ſorgen, um über ſeine Begleiter Herr zu werden. Das übrige iſt Ihre Sache; ich für meinen Theil bin fertig.“ „Bedenke wohl! Ich wiederhole es, wenn vies eine von Deinen Erfindungen iſt, ſo ſollſt Du hängen.“ „Ich habe die Wahrheit geſagt,“ erwiderte Desma⸗ rais bitter;„und wäre das Leben nicht ſo gar angenehm, ſo würde ſie mir die Folter nicht abgepreßt haben.“ Ich gab keine Antwort, ſondern rief Oswald und übergab Desmarais ſeiner Obhut. Sodann hielt ich eine ſchnelle Berathung mit Gerald, der jedoch, verdüſtert durch das Gefühl einer drückenden Demüthigung und vielleicht betäubt durch den plötzlichen, raſch auf einan⸗ 356 der folgenden Gang der Ereigniſſe, mir bei meinem Vor⸗ haben nur geringen Beiſtand leiſtete. Mit großem Miß⸗ fallen bemerkte ich ſeine Empfindungen; allein jetzt war nicht der Zeitpunkt, dieſelben zu bekämpfen. Ich ſah, daß ich auf eine kräftige Mitwirkung von ſeiner Seite nicht mit Sicherheit rechnen konnte, ja daß er, ſelbſt wenn ihn Montreuil aufſuchen ſollte, nicht die nöthige Geiſtesgegenwart und Energle haben würde, ihn feſt zu halten. Ich änderte daher den anfangs feſtgeſetzten Plan. „Ich will hier bleiben,“ ſagte ich,„und die alte Pförtnerin anweiſen, Jedermann, der Dich zu ſprechen wünſcht, zu mir zu ſchicken. Inzwiſchen magſt Du Dich mit Oswald, falls Dir mein Wunſch nicht zuwider iſt, nach** begeben, die Obrigkeit von der uns hinter⸗ brachten Nachricht in Kenntniß zu ſetzen und Dir ſo viel bewaffnete Mannſchaft erbitten, als im Fall der Noth zu Bekämpfung der Piraten und zur Feſtnahme Montreuils erforberlich ſind; dieſer Beiſtand dürfte wohl nnerläßlich ſein; auf jeden Fall erfordert die Klug⸗ heit, ſich denſelben zur Hand zu ſchaffen; ginge Oswald allein, ſo dürfte die Obrigkeit nicht mit ſo viel Eifer und Schnelligkeit verfahren, als ein einziges Wort von Dir zur Folge haben wird.“ „Von mir,“ ſagte Gerald,„ſage vielmehr von Dir; Du biſt der Herr dieſer ausgedehnten Beſitzungen!“ „Nie, theuerſter Bruder, ſollen ſie von ihrem der⸗ maligen Beſitzer auf mich übergehen; aber laß uns jetzt zum Werk der Gerechtigkeit eilen, von der Freundſchaft werden wir ſpäter ſprechen.“ Sofort ſuchte ich Oswald auf, der, wenn auch Ich meh ihn inne walt als ſah i Her m Vor⸗ m Miß⸗ etzt war 3ch ſah, Seite „ ſelbſt nöthige feſt zu nPlan. die alte ſprechen du Dich ider iſt, hinter⸗ Dir ſo Fall der ſtnahme ürfte ie Klug⸗ Oswalb el Eifer ort on hr von ingen!“ em der⸗ uns jetzt ndſchaft un auch 357 phyſiſch eine Memme, moraliſch betrachtet doch ein thätiger, ſchnell beſonnener, dienſteifriger Menſch war. Ich fühlte ſogleich, daß ich mich in dieſem Augenblicke mehr auf ihn, als auf Gexald verlaſſen könne, enthob ihn daher ſeiner Wache und ſchloß Desmarais in das innere Zimmer des Thurmes ein. Sodann trug ich Os⸗ wald ſehr ernſtlich auf, die nöthige Mannſchaft ſo ſchnell als möglich zur Stelle zu ſchaffen. Erfreut über die Wärme und Entſchloſſenheit, womit er mir antwortete, ſah ich ihn mit Gerald abgehen, und hoch ſchlug mir das Herz im Vorgefühl der vergeltenden Mitternacht. Achtes Kapitel. Die Kataſtrophe. Die Sendung nach*** war unglücklicher Weiſe nicht zu umgehen. Die dürftige Einrichtung des Thurmes hinderte Gerald, ſich mit ſeiner gewöhnliche Diener⸗ ſchaft zu umgeben, und die in der Nähe wohnenden Land⸗ leute waren zu wenig an der Zahl und zu ſchlecht mit Waffen verſehen, um Menſchen, die im Schvoß der Gefahr aufgewachſen, die Stirne zu bieten; überdies war es vor allen Dingen nöthig, daß kein Gerücht oder Verdacht über unſer Vorhaben laut würde, das, wäre es zu Montreuils Ohren gekommen, dieſen veranlaßt hätte, ſich auf einem anderen ſichereren Weg zu retten. Ich ſetzte keinen Zweifel in die Aufrichtigkeit der Aus⸗ ſagen des Fataliſten, und ſelbſt wenn ich einen ſolchen gehegt hätte, würde die nach Geralds und Oswalds Abgang nochmals mit ihm gehabte Unterredung hinge⸗ 358 reicht haben, denſelben zu entfernen. Augenſcheinlich ging ihm ſeine Verrätherei ſehr nahe, und ſeltſam ge⸗ nug, mit Montreuil ſchienen alle ſeine weltlichen Hoff⸗ nungen und Beſtrebungen unterzugehen. Desmarais, fand ich, war ein Menſch von viel höherem Ehrgeize als ich gedacht hatte, und er hatte ſich eng mit Mont⸗ reuil verbündet, weil er aus dem Genie und der Ent⸗ ſchloſſenheit des Prieſters die ſanguiniſchen Ausſichten auf deſſen einſtige Stellung entnommen. Mit dem Vor⸗ rücken der Nacht wuchs ſeine Angſt ſichtbar, und nach⸗ dem ich mich vollkommen überzeugt, daß ich ſeiner An⸗ gabe unbedingt trauen dürfe, überließ ich ihn abermalz ſeinen Betrachtungen, um mich allein in dem vorderen Zimmer für die kommenden Ereigniſſe zu bereiten. Ich hatte beſtimmt gehofft, Montreuil werde ſich in dem Thurme zeigen, um Gerald aufzuſuchen, und dies war der Hauptgrund, der mich beſtimmte, dort zu bleiben; aber die Zeit verſtrich, er kam nicht; und endlich wurbe es ſo ſpät, daß ich zu ſürchten anfing, die bewaffnete Hülfe von*** möchte nicht zur rechter Zeit mehr kommen. Es ſchlug ein Viertel nach elf Uhr: in weniger als einer Stunde mußte mein Feind entweder in meiner Gewalt oder außer meinem Bereiche ſein; noch war Ge⸗ rald mit der Mannſchaft nicht angelangt— meine Unruhe wurde unerträglich, fieberhaft tobte mein Puls; nicht zwei Sekunden konnte ich an demſelben Orte blei⸗ ben; hundertmal ſchon hatte ich meinen Degen gezogen und ungeduldig auf die blanke Klinge geblickt.„Schon einmal,“ dachte ich,„biſt du dem Stahl meines Tob⸗ — einlich im ge⸗ Hoff⸗ tarais, rgeize Mont⸗ Ent⸗ ſichten Vor⸗ nach⸗ e An⸗ ermals rderen . Ich ndem es war 359 feindes begegnet, eher mir zur Gefahr als zum Sieg; die Zeit hat die Hand, die dich damals führte, geſchickter gemacht, und auf der rothen Bahn der Schlacht wurdeſt du nie umſonſt gezückt. Noch einmal beflecke dich Men⸗ ſchenblut, und jeder Tropfen dieſes Blutes ſoll mir theurer ſein als alle Triumphe, die du mir gebracht!“ Ja, mit wilder, inniger Frende hatte ich vernommen, Montreuil werde zu Gefährten ſeiner Flucht verhärtete Freibeuter haben, die ihn ohne Kampf nicht feſtnehmen laſſen würden; und ich kannte den muthigen, ſtolzen Sinn meines beabſichtigten Opfers genug, um über⸗ zeugt zu ſein, daß er ungeachtet ſeiner Prieſterſchaft ohne Bedenken ſeine Zuflucht zu den Waffen ſeiner Ver⸗ bündeten nehmen, oder ſie mit den ſeinigen unterſtützen werde. In dieſem Falle berechtigte mich das Geſetz zur Gewalt gegen ſeinen Widerſtand, und gab mir die Vollmacht, mit eigener Hand den rächenden Todesſtreich zu führen. Während dieſe Gedanken mich durchzuckten, wurde mein Herz härter, und mein Blut rollte bren⸗ nender durch meine Adern.„Sie kommen nicht, Gerald kehrt nicht zurück,“ ſprach ich, indem mein Auge auf der Uhr haftete und Minute um Minute verſtreichen ſah—„gleichviel— er wenigſtens ſoll mir nicht ent⸗ gehen!— wäre er von einer Million umgeben, ſo wollte ich ihn aus dem Haufen herausfinden; ein Streich von dieſer Rechten iſt Alles, was ich von dem Leben fordere, dann mögen ſie ihn rächen, wenn ſie wollen.“ Mit dieſem Entſchluſſe verließ ich, an Geralds Rückkehr endlich verzweifelnd, den Thurm, ſchloß die äußere Thür als weitere Sicherheitsmaßregel gegen ein Ent⸗ 360 kommen meines Gefangenen, und ging mit leiſen, aber ſchnellen Schritten an die Küſte bei der Schloßhöhle. Noch fehlte etwa eine halbe Stunde bis Mitternacht; die Nacht war ſtill, kein Lüftchen regte ſich, ein trüber Nebel ſtieg von der See gegen den Himmel auf, und nur in ziemlich großen Zwiſchenräumen glimmten die Sterne dumpfig hindurch. Der Mond ſtand am Him⸗ mel, aber die Dünſte umher verliehen ſeinem Lichte eine krankhafte Trübe, und wo immer ein Schatten in die Spalten und Höhlen fiel, war dichte, nicht durch den leiſeſten Strahl gebrochene Finſterniß; nur der nahen See entlang und auf den hellen Strecken des Uferſandes konnte man die Gegenſtände ohne Schwierigkeit unter⸗ ſcheiden. Mehre Minuten ging ich vor der Schloß⸗ höhle auf und ab; ich bemenkte Niemanben und ſetzte mich mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf einen Stein in einem zerklüfteten Winkel des Felſen, hart am Aus⸗ gange der Höhle. Der Ort war in völliges Dunkel ge⸗ hüllt, und ich vurfte gewiß ſein, daß der Augenblick meiner Entdeckung von mir ſelbſt abhänge. Noch be⸗ fand ich mich erſt wenige Minuten an dem Orte meiner Lauer, als ich von der linken Seite her die Geſtalt eines Mannes näher kommen ſah; er ſchritt raſch vorwärts, und als er einmal über einen Fleck hinging, an welchem das bleiche Himmelslicht weniger getrübt war, ſah ich genug von Geſtalt und Zügen, um Montreuil zu er⸗ Lennen. Er näherte ſich der Höhle— ſtand ſtill— nur wenige Schritte von mir entfernt— ich wollte eben aufſtehen, als plötzlich eine andere Geſtalt aus dem In⸗ neren der Höhle hervortrat. 361 „Ha!“ rief der Letztere,„ſiehe da, Bertrand Col⸗ linvt— das Schickſal ſei geprieſen!“ Hätte eine Stimme aus dem Grahe in mein Ohr getönt, ſie hätte mich kaum mehr in Verwunderung ſetzen können, als diejenige, welche ich jetzt hörte. Durfie ich meinen Sinnen trauen? es war die Stimme von Desmarais, den ich in das innere Zimmer des Thurmes eingeſchloſſen hatte.„Fliehe,“ begann er dann wieder,„fliehe augenblicklich; Du haſt keinen Augen⸗ blick zu verlieren— ſchon paßt der wüthende Morton auf Dich— ſchon ſind die Hunde der Juſtiz auf Deiner Spur; warte nicht auf die Piraten, ſondern mache Dich ſogleich aus dem Staube.“ „Du biſt verrückt, Menſch! Was willſt Du damit ſagen? Die Boote werden im Augenblicke hier ſein. Noch während Deines Geſchwätzes meine ich ſie auf der See zu unterſcheiden. Etwas dieſer Art ahnte mir, als ich vor einigen Stunden Gerald auf der Straße nach*** erblickte. Ich ſah das Geſicht ſeines Beglei⸗ ters nicht, aber ich traute mich doch nicht in den Thurm — die Bovte jedoch muß ich erwarten— Flucht iſt allerdings nöthig, gerade jene aber ſind das Mittel, wovurch dieſelbe mit Sicherheit bewerkſtelligt werden kann!“ „So bete denn, Du Gläubiger, bete, daß die Fahr⸗ zeuge bald kommen mögen, oder Du ſtirbſt— und ich mit Dir. Morton iſt zurückgekehrt— iſt mit ſeinem ſchwachen Bruder ausgeſöhnt. Gerald und Oswald ſind nach***gefahren, um Leute zu holen, die Dich greifen und zum Henkertod ſchleppen. Ich wurde feſtgenommen 362 — bedroht; nur ein Ausweg gegen Kerker und Strick blieb mir. Fluche mir, Bertrand, denn ich ergriff den⸗ ſelben. Ich ſagte ihnen, daß Du heute Nacht fliehen wolleſt und mit Wem. Sie ſchlo ſſen mich in das innere Zimmer des Thurmes— Morton hielt außen Wache. Enblich hörte ich ihn das Zimmer verlaſſen— die Treppe hinabſteigen und das Thor verſchließen. Ha! ha! er ließ ſich nicht träumen, wie ſchlau Jean Des⸗ marais iſt. Dein Freund, Bertrand Collinot, muß Schloß und Riegel verachten. Man hatte mich nicht durchſucht— meine Inſtrumente waren mir geblieben — Du weißt, daß ich mittelſt derſelben durch ſteinerne Wände ſchlüpfen könnte!— Ich öffnete die Thüre— ſtand in dem äußeren Zimmer— zog die Fallthüre auf, welche der alte Sir William mit Brettern hatte ver⸗ ſchlagen laſſen und die Du ſo künſtlich und unbemerkt wieder in ihren vorigen Stand ſtellteſt, als Du geheime Zuſammenkünfte mit Deinen Zöglingen hielteſt— ich eilte durch den Gang— kam an die eiſerne Thüre— rührte an die Feder, die Du in der Platte angebracht, welche der alte Ritter über das Schlüſſelloch befeſtigt hatte— und bin gekommen, meinen feigen Verrath wieder gut zu machen— Dich zu retten und mit Dir zu fliehen. Allein während wir hier ſprechen, ſtehen wir am Rande eines Abgrundes. Morton hat das Haus verlaſſen und ſpürt Dir vielleicht in dieſem Augen⸗ blicke nach.“ „Ha! gleichviel,“ erwiderte Montreuil in leiſem, aber ſtolzem Tone.„Bin ich auch ein Prieſter, ſo habe ich doch das Kleiv des Laien nicht angelegt, ohne auch deſſen blicke Bann tes 2 dieſen aus n Beide 2 Auge den E undet Bonj C aber ſtam mein er ſie laut ans find wart Flůc Sch ſpu mei mei tödt 363 deſſen Waffe zu mir zu nehmen. In eben dieſem Augen⸗ blicke hält meine Hand denſelben Degen, der unter den Bannern Mar's ſunkelte, und der, wäre mein thörich⸗ tes Mitleiden nicht geweſen, mich ſchon früher von dieſem perſönlichen Feinde befreit hätte.“ „So ziehe ihn jetzt, Julian Montreuil!“ rief ich, aus meinem Verſleck hervortretrnd, und ſtellte mich den Beiden gegenüber. Montreuil wich einige Schritte zurück, in dieſem Augenblicke hallte ein Schuß über das Waſſer her. „Schnell, ſchnell,“ rief Desmarais und eilte gegen den Strand, als ein um die Klippe beugendes Boot undeutlich ſichtbar wurde;„ſchnell, Bertrand, hier iſt Bonjean mit ſeinen Leuten— aber ſie werden verfolgt!“ Einmal wandte ſich Montreuil, als wollte er fliehen; aber mein Degen war auf ſeiner Bruſt. Zornig ſtampfte er auf den Boden, zog ſeine Klinge, parirte meinen Angriff und gab ihn zurück; noch fechtend, zog er ſich jedoch raſch gegen das Ufer zurück, und wild und laut erſchollen die Stimmen aus dem Boote, das jetzt ans Land ſtieß. „Komm— komm— komm— die Strandwächter ſind uns auf den Ferſen; wir können keinen Augenblick warten!“ Als Montreuil dieſen mit Schwüren und Flüchen untermiſchten Ruf vernahm, beeilte er ſeine Schritte nach der Gegend, woher derſelbe kam. Blut⸗ ſpuren bezeichneten ſeine Fährte— zweimal war ihm mein Degen durch den Leib gegangen, aber zweimal hatte meine Rache ihr Ziel verfehlt, zweimal hatte ich keine tödtliche Stelle getroffen. Ein zweites, gleichfalls mit 364 Piraten gefülltes Boot folgte dem erſten; ſodann ſchwebte ein anderes, größeres Fahrzeug raſch und dunkel über das Waſſer daher— am Lande hörte man Menſchen unter Geſchrei hin und her rennen— abermals und näher tönte ein Schuß über die feuchte Luft— noch einer und noch einer— ein anhaltendes Feuer. Das ufer war jetzt voll von Strandwächtern. Auf der andern Seite hinderte das Fahrzeng die Flucht nach dem gegen⸗ über liegenden Inſelchen. Den Piraten blieb kein Aus⸗ weg, als ſich in ein Gefecht einzulaſſen, oder ſich in die Klippen und das Gehölz am Ufer zu zerſtreuen. Schnell faßten ſie ihren Entſchluß und ſtanden kampfbereit und feſt theils in ihren Booten— theils am Ufer daneben. Obwohl die Strandwächter weit zahlreicher waren, ſchien doch das wilde, verzweifelte und Mann gegen Mann geführte Gefecht auch von der entgegengeſetzten Seite mit gleicher Kraft fortzudauern. Indem ſich Montreuil vor mir zurückzog, gerieth er mehr in das allgemeine Handgemenge, das Gevränge nahm zu, und wir wurben für einige Augenblicke getrennt. Während dieſer Zeit unterſchied ich auch Gerald in dem Dunkel; er ſchien mich gleichfalls bemerkt zu haben und arbeitete ſich raſch auf mich zu. Plötzlich verlor ich ihn aus dem Geſichte; der Kampf ließ nach; die Strandwächter, augenſcheinlich zurückgeſchlagen, zogen ſich landein⸗ wärts zurück und noch einmal ſchienen die Seeräuber Hoffnung zu einem Entkommen zu Waſſer zu faſſen. Wahrſcheinlich dachten ſie, die Dunkelheit der Nacht werde es ihnen möglich machen, der Verfolgung des feindlichen Fahrzeuges, das jetzt erwartend und un⸗ thätig übrig Boot renil. Zähn Kling hatte die K Schul ihm i wand von n und dieſer und Mon liche, mein⸗ überg Hant ließ Fall zuſan heit; nur Arm Stoß der 1 Blut 365 thätig auf dem Waſſer lag, zu entgehen. Wie dem übrigens ſein mag, ſie näherten ſich mit einemmale den Booten und mitten in dem Gedränge erkannte ich Mont⸗ renil. Mit ſtillem, ahnungsvollem Grimme biß ich die Zähne übereinander. Nach drei Streichen meiner guten Klinge durch den Haufen war ich an ſeiner Seite; ſchon hatte er den Rand des Bootes erfaßt und ſtand bis an die Knie im wogenden Waſſer. Ich faßte ihn bei der Schulter und meine Wange berührte die ſeinige, als ich ihm ins Ohr flüſterte:„Noch bin ich bei Dir!“ Trotzig wandte er ſich um und ſuchte, jedoch vergebens, ſich von meinem Griffe los zu machen. Das Boot ſtieß ab, und ſeine letzte Hoffnung zur Flucht war dahin. In dieſem Augenblicke brach der Mond durch den Nebel, und deutlich ſahen wir einander in das Geſicht. Auf Montreuils ſtrengen, ſtolzen Zügen ſtand eine ſchauer⸗ liche, aber gefaßte Verzweiflung, die allmählig, wie er meinem Blicke begegnete, in einen wilderen Ausdruck überging. Noch einmal begannen wir, Fuß an Fuß und Hand gegen Hand, den Kampf; die vermehrte Helle ließ mehr Kunſt bei dem Gefechte zu, als bis jetzt der Fall geweſen, und Montreuil ſchien ſeine ganze Kraft zuſammen zu nehmen und mit feſter, kalter Entſchloſſen⸗ heit zu fechten. Nichts deſto weniger dauerte der Kampf nur kurz. Mein Gegner hatte die Unvorſichtigkeit, den Arm zu erheben und dadurch ſeinen Körper meinem Stoße preiszugeben: ſein Degen ſtreifte meine Wange — ich werde die Narbe mit in mein Grab nehmen— der meinige drang zweimal durch ſeine Bruſt, und in Blut gebadet ſtürzte er zu meinen Füßen. 366 „Richtet ihn auf!“ rief ich den Leuten zu, welche ſich jetzt um mich her ſammelten. Dies geſchah— er ſchlug die Augen auf und ſtarrte mich an, während der Todeskampf ſeine Züge verzerrte und der Schaum aus ſeinem Munde trat. Aber ſeine Gedanken waren weder auf ſeinen Verderber gerichtet, noch auf das Unrecht, das er begangen, noch auf irgend ein einzelnes Weſen in der großen Geſellſchaft, gegen welche er geſün⸗ digt hatte. „Orden Jeſu,“ murmelte er,„hätte ich nur drei Monate länger gelebt, ſo——“ So ſtarb Julian Montreuil. Schluß. Montreuil fiel nicht als das einzige Opfer in dem kurzen Kampfe jener Nacht; mehre der Piraten und ihrer Gegner blieben ebenfalls, und unter den Leichen fanden wir auch Gerald. Er war von einer Kugel in das Gehirn getroffen und zeigte, als man den Leichnum fand, keine Spur von Leben mehr. Wie durch eine Art Ver⸗ geltung ſchien mein unglücklicher Bruber die tödtliche Wunde durch einen von Desmarais, wahrſcheinlich auf Ge⸗ rathewohl abgefeuerten Schuß, empfangen zu haben, und ſo wurde das Werkzeug des Vetruges, dem er ſich ſchwei⸗ gend gefügt hatte, die Urſache ſeines Todes. Ja ſelbſt in der Art, auf welche Desmarais entkam, ſchien noch Ver⸗ geltung erkennbar. Der unterirdiſche Gang, welcher, wie der Leſer erfahren, heimlich geöffnet wurde, um meinen Oheim zu betrügen, mußte jetzt eben den Weg bilden, der Geralds Mörder zu dem Schauplatze der nachfolgen⸗ den Ereigniſſe führte. Das lange Ausbleiben der Strand⸗ wächter hatte ſeinen Grund in einer Nachricht über die tärke und Zahl der Piraten, welche der Obrigkeit ſchon vor E jene a den V aus de gung Inſel Schüf gewech das fr von d gehört Schur M Wirth men, artiger hat er er ſcho ſoll, u ihrem D in den bin ich auf eir Ja, ic meines noch be beim 3 lichen Ehrgei Un vierun Ob de niederl 367 che vor Geralds Ankunft zugekommen war, in Folge deren jene auf eine militäriſche Verſtärkung der auszuſenden⸗ 6 den Mannſchaft wartete. Diejenigen Korſaren, welche zit aus dem Gefechte entkamen, entgingen auch der Verfol⸗ e gung des feindlichen Fahrzeuges; ſie erreichten die kleine cht„ Inſel und gewannen das Schiff ihres Kapitäns. Wenige . Schüſſe zwiſchen den beiden Machten wurden erfolglos gewechſelt, und die Freibeuter erreichten wohlbehalten das franzöſiſche Ufer; mit ihnen entkam Desmarais, 5 von dem ich bis auf die heutige Stunde nichts mehr gehört habe— ſo launenhaft ſpielt das Schickſal mit Schurken! Maria Oswald hat in neueſter Zeit ein bekanntes Wirthhaus auf dem Wege nach dem Norden übernom⸗ men, eine Stelle, die zu Entwicklung ſeiner verſchieden⸗ artigen Talente vortrefflich geeignet iſt; auch ein Weib hat er übernommen, über deren Zunge und Gemüthsart er ſchon mit nicht eben ſokratiſcher Milde geklagt haben ſoll, und wir dürfen daher annehmen, daß ſeine Sünden das ihrem gebührenden Theil der Strafe nicht entgangen ſind. and, Durch den Tod meines armen Bruders auf einmal e⸗ in den Beſitz der Güter von Devereux⸗Caurt gelangt, liche bin ich fortwährend beſchäftigt, das Haus meiner Väter . auf einem noch großartigeren Fuße wieder aufzubauen. und Ja, ich ſehe mit ſo lebhafter Ungeduld der Vollendung bwei⸗ meines Unternehmens entgegen, daß ich weber bei Tag, ſt ſ noch bei Nacht Ruhe geſtatte, und die Hälfte der Arbeit Ver⸗ beim Fackelſchein verrichtet werden muß. Mit der glück⸗ Wie lichen Ausführnng dieſes Projektes endigt mein letzter lgen⸗ Und ſo ſchließe ich denn hier, in einem Alter von vierunddreißig Jahren, die Geſchichte meines Lebens. and Ob der Stern, der, während ich hier ſchreibe, auf mich niederblickt, und in welchem ich eine noch nicht erloſchene 368 Schwärmerei, ohne den hellen Verkünder meines Schick⸗ ſales zu ſehen glaubte, mir noch künftige Ereigniſſe Leiden oder Freuden vorbehalten, oder ob mein Leben in ber einſamen Heimath meiner Kindheit und dem Orte meiner nunmehrigen Zurückgezogenheit hinfließen werde, gibt mir nur ger ingen Stoff zu Betrachtungen oder Muthmaßungen. Ich habe die Quellen der Empfin⸗ dungen erſchöpft, welche durch das Bette der Sorgen und der Hoffnungen der Zukunft zuſtrömen; die Unruhe meiner Mannesjahre hat ihr letztes Ziel erreicht, das Geſchäft der Zeit übernommen und mir den Gleichmuth des höheren Alters als Erbe eingebracht. Gibt es für mich auch keine Liebe mehr, ſo weiß ich, daß die Frinnerung an Diejenige, welche einſt mein Herz beſeelte, weit mehr für mich iſt, als die Ge⸗ genwart der Liebe für Andere, und vielleicht gibt es keinen Seelenzuſtand, der ſo voll zarter, fanfter, hei⸗ ligender Gefühle iſt, als eine durch den Tod beſiegelte Liebe. Habe ich viel getrogen und hat mein Geiſt ſeinen irdiſchen Veruf unter Mühen und Thränen erfüllt, ſo möchte ich gleichwohl die Lehren, die ich aus meinem eigenen Leben gezogen, nicht verlieren, find ſie auch noch ſo tief mit Kummer und Schmerz verwoben. Nein! frägt man mich, was der Gegenwart Würde, der Ver⸗ gangenheit heilige Weihe gibt; was uns allein befähigt, aus der Fabel des Lebens die echte Lehre zu ziehen; was das reinſte Licht über unſere Vernunft verbreitet; was unſerer Religion den feſteſten Haltpunkt gibt, und was, mögen wir den Reſt unſerer Jahre in Abgeſchie⸗ denheit oder in einem rührigen Leben hinbringen, ſich am meiſten eignet, das menſchliche Herz zu ſänftigen und die Seele zu Gott zu erheben, ſo antworte ich mit Laſſus: es iſt„Erfahrung!“ —— Schick⸗ eigniſſe Leben n Orte werde, n oder mpfin⸗ Sorgen Unruhe , as chmuth ſo weiß e einſt die Ge⸗ gibt es r, hei⸗ ſiegelte tſeinen ——— ————