C. L. Bulwer's ſämmtliche Romane. Aus dem Engliſchen. Fünfzehnter Band. Der Verſtoßene. I. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1815. Der Verſtoßene. Ein Roman von Ednard Lytton Bulwer. Ueberſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Zweiter Band. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1815. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Die Rach' iſt jetzt die Speiſe An der ich widerkäu'.— Ich fordre ihn. Beaumont und Fletcher. Wir kehren zu der Modewelt zurück, wie die Be⸗ wunderer der verfeinerten Novelle von*** ſagen wür⸗ den. Die Mittagsſonne drang heiß und ſchwül durch vie halbzugezogenen Vorhänge von roſenfarbiger Seide und ſpielte in gebrochenen Strahlen auf ſeltenen und duftigen ausländiſchen Pflanzen, welche die Wohl⸗ gerüche ves ſüdlichen Sommers über ein Zimmer ver⸗ breiteten, welches zwar von mittler Größe, aber mit einem Glanz verziert war, der mehr prunkſüchtig als anmuthsvoll erſchien, und mehr eine Leidenſchaft für Lurus als einen verfeinerten Geſchmack andeutete. An einem kleinen Schreibtiſche ſaß die ſchöne La Meronville. Sie hatte gerabe einen Brief auf Roſa⸗ papier(der Jean Jacques würde bezaubert haben mit einer Feder von Perlmutter beendet, die wie ein Pfeil Cupido's geformt war, und dieſelbe in ein Dintenfaß von demſelben Material getunkt, welches wie ein Köcher geſtaltet war und von einem außer⸗ ordentlich zierlich gebildeten Liebesgotte auf dem Rücken getragen wurde. Sie faltete dieſes Billet zuſammen, Pulwer, der Verſtoßene. II. 1 2 als ein phantaſtiſch gekleideter Page eintrat und Lord Borodaile anmeldete, welcher ihm ſogleich folgte. Lebhaft und beinahe erröthend ſteckte La Meronville den Brief in ihren Buſen und eilte ihren Verehrer zu begrüßen und zu umarmen. Lord Borodaile warf ſich mit nachläſſiger und unzufriedener Miene auf eines von den Sopha's. Die erfahrene Franzöſin be⸗ bemerkte, daß eine Wolke auf ſeiner Stirn war. „Mein lieber Freund,“ ſagte fie in ihrer Sprache, „Du ſcheinſt übler Laune zu ſein— iſt Dir etwas Unangenehmes begegnet?“ „Nein, Cecilie, nein. Wer ſpeiste geſtern bei Dir zu Abend?“ „O, Dein Freund, der Herzog von Haverfield.“ „Mein Freund!“ fiel Borodaile hochmüthig ein —„er iſt nicht mein Freund— ein gemeiner ge⸗ ſchwätziger Kerl!— Das iſt ein ſchöner Freund!“ „Nun, ſo bitte ich um Verzeihung. Ferner war Mademviſelle Caumartin da und der Prinz Pietro del Orbino und Herr Trevanion und Herr Lin— Lin— Linten oder Linden.“ „Und darf ich fragen, wie Du mit Herrn Lin— Lin— Linten oder Linden bekannt wurdeſt?“ „Nun gewiß— durch den Herzog von Haverfield.“ „Em— Ceeilie, meine Liebe, jener junge Mann iſt nicht paſſend, ein Bekannter meiner Geliebten zu ſein— erlaube mir, ihn von Deiner Liſte zu ſtreichen.“ „Gewiß, gewiß!“ ſagte La Meronville haſtig, und indem ſie ſich nieherbeugte, als wollte ſie einen 3 niedergefallenen Handſchuh aufheben, in Wirklichkeit aber, um ihr Geſicht vor Lord Borobaile's forſchen⸗ den Blicken zu verbergen, ſiel der eben geſchriebene Brief aus ihrem Buſen. Lord Borodaile entdeckte die Aufſchrift, und ehe La Meronville den Brief wiebererlangen konnte, hatte er ſich ſchon in den Beſitz deſſelben geſetzt. „A Monsieur Monsieur Linden!“ ſagte er kalt, indem er die Adreſſe las;„und ſage mir doch ge⸗ fälligſt, wie lange Du mit dieſem Herrn correſpon⸗ dirt haſt?“ Nun war La Meronville's Lage in bieſem Augen⸗ blick keineswegs angenehm. Sie ſah mit einem Blick, daß keine Lüge oder Liſt ihr helfen werde, denn Lord Borodaile konnte ſich für vollkommen gerechtfertigt halten, den Brief zu leſen, der jeber beſchönigenden Ausſage, die ſie vorbringen konnte, widerſprechen mußte. Sie ſah dies. Sle war ein unabhängiges Frauenzimmer— ſie kümmerte ſich jetzt keinen Stroh⸗ halm um Lord Borovaile, obgleich fie früher Nei⸗ gung für ihn empfunden hatte— ſie wußte, daß ſie ihren bon ami aus ganz London wählen könne, und erwiderte:„Das iſt der erſte Brief, den ich je an ihn ſchrieb; aber ich geſtehe, daß es nicht der letzte ſein wird.“ Lord Borovaile wurbe blaß.„Und willſt Du mir erlauben, ihn zu leſen?“ ſagte er, denn ſelbſt in ſolchen Fällen beſaß er das ſtrengſte Ehrgefühl. La Meronville zauderte. Sie kannte ihn nicht. „Wenn ich nicht einwillige,“ dachte ſie,„ ſo wird er es ohne meine Einwilligung thuu: es iſt beſſer, wenn ich mich mit guter Manier füge.—„Gewiß!“ ant⸗ wortete ſie mit gleichgültiger Miene. Vorodaile öffnete und las den Brief. Eec lautete wie folgt: „Sie haben mir ein Gefühl eingeflößt, welches mich in Erſtaunen ſetzt. Ach, warum muß die Liebe die ſtärkſte ſein, welche am ſchnellſten wächst? Ich glaubte Lord Vorodaile zu lieben— jetzt achte ich ihn nur— die Liebe iſt zu Ihnen geflohen. Weun ich Ihre Worte und Blicke richtig dente, ſo wird Ihnen dieſes Geſtänbniß nicht unangenehm ſein. Kom⸗ men Sie und verſichern mich in Perſon von einer überzeugung, die meinem Herzen ſo theuer iſt. C. L. M.“ „Eine ſehr hübſche Ergießung des Gefühls!“ ſagte Lord Borodaile ſarkaſtiſch, indem er ſeine innere Wuth nur durch die zunehmende Bläſſe ſeines Ge⸗ ſichts und ein leichtes Zuſammendrücken der Lippen zeigte:„Ich vanke Dir für Dein Vertrauen,“ ſagte er,„Alles, was ich fordere, iſt, daß Du dieſen Brief erſt morgen abſenveſt. Erlaube mir, erſt von Dir Abſchied zu nehmen und in Linden mehr einen Nach⸗ folger, als einen Nebenbuhler zu finden.“ „Deine Bitte, mein Freund, iſt nicht mehr als gerecht,“ ſagte La Meronville ihr Haar ordnend. „Ich ſehe, daß Du Dich auf ſolche Anordnungen verſtehſt; und ich für meinen Theil denke, daß das Ende der Liebe ſtets der Anfang der Freundſchaſt ſein ſollte— laß es bei uns ſo ſein!“ 3 4 ſere Ge⸗ pen gte rief Dir ch⸗ als nd. en s aft 5 „Du thuſt mir zu viel Ehre an,“ ſagte Boro⸗ daile, ſich tief verneigend.„Inzwiſchen verlaſſe ich mich auf Dein Verſprechen und ſage Dir als Lieb⸗ haber auf immer Lebewohl.“ Mit ſeinem gewohnten langſamen Schritte ſtieg Lord Borodaile die Treppe hinunter und ging in das beſten Stadtviertel. Seine Vetrachtungen waren nicht von beruhigender Art.„Daß ich von jenem Manne in einer lächerlichen und entehrenden Lage mußte ge⸗ ſehen werden— daß er mich mit ſeiner verdammten Höflichkeit verfolgen— bei Lady Flora mein Neben⸗ buhler ſein— und mich bei meiner Geliebten ver⸗ drängen muß! Ja, dies Alles iſt geſchehen; aber die Rache wirb noch kommen. Was La Meronville hetrifft, ſo iſt der Verluſt nur Gewinn; und Dank dem Himmel, ich vergaß mich nicht ſo ſehr, daß ich meine Leidenſchaft zu erkennen gab und eine Stene machte. Aber ich hätte ſie entlaſſen ſollen— und nicht umgekehrt— und— Tod und Verderben— noch dazu wegen jenes Emporkömmlings! Und fie ſprach in ihrem Briefe von ſeinen Blicken und Worten. Unverſchämter Thor, zu wagen Blicke und Worte für Eine zu haben, die mir gehörte. Nun, er ſoll mir dafür büßen. Aber ich muß bebenken— ich darf nicht den eiferſüchtigen Thoren ſpielen— mich nicht wegen einer fille frangaise ſchlagen— der Welt nicht zeigen, daß ein Mann, den Niemand kennt, mich, Franz Borodaile, überliſten und ausſtechen kann!— Nein, nein— ich muß vie Beleidigung auf ihn werfen — muß ſelber der Beleidiger und der Geforberte ſein; dann habe ich auch vie Wahl der Waffen— Piſtolen natürlich. Wo ſoll ich ihn treffen?— Ich wollte, ich ſchöſſe ſo gut, wie ich in Neapel zu ſchießen pflegte. Damals war ich in guter übung.— Ein verdammter Ort, wo man nichts weiter zu thun hatte, als ſich zu üben.“ Mit dieſen und ähnlichen Betrachtungen beſchäftigt, ging Lord Borodaile nach Pall Mall. „Ei, Borodaile!“ ſagte Lord St. George, der plötzlich aus einem Laden hervorkam.„Dies trifft ſich in der That glücklich— Sie gehen gerade meinen Weg— erlauben Sie mir, Sie zu begleiten.“ Lord Borodaile, um davon zu ſchweigen, daß er gerade zu der Zeit in ungewöhnlich ungeſelliger Stim⸗ mung war, konnte nie den Gedanken ertragen, daß ihn ein Anderer als ein Werkzeug der Bequemlichkeit, des Vergnügens oder des guten Glücks benutzen wollte. Er erwiderte daher mit einigem Arger über Lord St. George's Vertraulichkeit:„Es thut mir leid, daß ich Ihr Anerbieten nicht annehmen kann. Ich bin gewiß, daß mein Weg nicht der Ihrige iſt.“ „Dann,“ verſetzte Lord St. George, der ein gut⸗ müthiger, nachläſſiger Mann war und ſich einbil⸗ dete, daß Jeder ſo abgeneigt ſei, allein zu gehen, als er—„dann will ich Sie auf Ihrem Wege be⸗ gleiten.“ Borodaile wurde roth; obgleich ſtets unhöflich, wollte er ſich doch nicht in guten Sitten übertreffen laſſen, und erwiderte daher, daß nichts als ein drin⸗ gendes Geſchäft in White's Kaffeehauſe ihn hätte olen Ute, eßen Ein hun chen nach der inen im⸗ daß eit, lte. St. iß, nt⸗ bil⸗ en, be⸗ ich, fen in⸗ 7 bewegen können, ſeinen eigenen Weg dem des Lord St. George vorzuziehen. Der gutmüthige Pair faßte Lord Borodaile's Arm. Es war nichts ungewöhnliches, doch es ärgerte den pünktlichen Visevunt, daß Jemand die Unterftützung annehme und nicht anbiete. „Da ſagt man mir,“ begann Lord St. George, „daß der junge Linden Lady Flora Ardenne heira⸗ then wird.“ „Les on-dits fonts la gazeite des fous,“ ent⸗ gegnete Borodaile ſpöttiſch.„Ich halte es nicht für wahrſcheinlich, daß Lady Flora eine ſolche mésalliance ſchließen wird.“ „Mésalliance!“ verſetzte Lord St. George.„Ich glaubte, Linden ſei aus ſehr alter Familie, was, wie Sie wiſſen, die Weſtboronghs nicht find, und daß er große Erwartungen habe—“ „Die nie werden verwirklicht werden,“ ſiel Bo⸗ rodaile verächtlich lachend ein. „Ei, wirklich!“ ſagte Lord St. George ernſt⸗ haft.„Nun, auf jeden Fall iſt er ein ſehr angeneh⸗ mer, unaffektirter junger Mann— und beiläufig geſagt, wenn Sie ihn heute bei mir treffen wol⸗ len, ſo wiſſen Sie, daß Sie bhei mir zu Mittag ſpeiſen.“ „Herrn Linden treffen! Ich werde ſehr ſtolz darauf ſein, die Ehre zu haben,“ ſagte Borodaile mit funkelnden Augen;„wird Lady Weſtborongh auch von der Partie ſein?“ „Nein; die arme Laby St. George iſt krank, und 8 ich habe die Gelegenheit benützt, nur Männer ein⸗ zulaben.“ „Das haben Sie klug gemacht, Mylorbd,“ ſagte Borovaile, secum multa revolvens;„und ich ver⸗ ſichere Ihnen, ich bedurfte keines Winkes, um mich an Ihre Einlabung zu erinnern.“ Hier kam der Herzog von Haverfield zu ihnen. Der Herzog verbeugte ſich nie gegen eine Perſon des männlichen Geſchlechts; er nickte daher Barodaile zu, der mit ſehr übermüthiger Förmlichkeit ſeinen Hut abnahm, indem er den Gruß erwiberte. Der Viscount hatte wenigſtens dies Verdienſt in ſeinem Stolze, daß, wenn er zurückhaltend gegen die Niedrigeren war, er die Vornehmen verächtlich behaudelte: er wollte, daß die Niedrigeren bleiben ſollten, wo ſie waren; aber Seinesgleichen wünſchte er zu demüthigen. „So ſpeiſe ich alſo heute bei Ihnen, Lorb St. George,“ ſagte der Herzog;„wen werde ich bei Ihnen treffen?“ „Lord Borodaile erſtens,“ antwortete St. George. — Der Herzog lächelte dem Visevunt zu, löste dann ſein Halstuch und rief:„Zum Henker mit dieſem ſteifen Zeuge, es bringt mich ganz aus meiner Faſ⸗ ſung.“—„Mein Bruder,“ fuhr Lord St. George fort,„Aspeben, Findlater, Urbino und Linden.“ „Linden!“ rief der Herzog;„es iſt mir ſehr lieb. das zu hören, C'est un homme fait exprés pour moi. Er iſt ſehr geiſtreich und weit darüber erhaben, den Thoren zu ſpielen; hat Humor, ohne ſich für einen Witzling auezugeben und iſt ein guter Kerl, ein⸗ ſagte ver⸗ mich nen. des e zu, Hut ount daß, er daß ber St. bei nn em rge 9 ohne ein ſchlechter Menſch zu ſein. Er gefällt mir außerordentlich.“ „Lord St. George,“ ſagte Barovaile, der an vem Tage der wahre Märtyrer des unſchuldigen Clarence zu ſein ſchien,„ich wünſche Ihnen einen guten Mor⸗ gen. Ich erinnere mich eben erſt einer Verabredung, die ich erfüllen muß, ehe ich zu White's gehe; à honneur!“ Und mit einer Verbeugung gegen den Herzog und einer Gegenvorſtellung von Lord St. George entfernte ſich Borodaile. Seine Geſlchtsfarbe war, ohne daß er es merkte, mehr geröthet als gewöhnlich, ſein Geiſt, zum erſtenmal ſeit Jahren, vollkommen be⸗ ſchäftigt und aufgeregt. Ah, wie ergötzlich iſt es für einen müßigen Mann, der vor Langeweile faſt ge⸗ ſtorben iſt, einen Feind zu finden. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Ihr müßt ihn fordern,'s iſt nicht zu vermeiden, Und Einer oder Beide müſſen fallen. Beaumont und Fletcher. „Ha, ha, ha— bravo, Linben!“ rief Lord St. George vom obern Ende ſeiner glänzenden Tafel, indem er einem Witze Lindens ſeinen Beifall gab, und ha, ha, ha! oder hi, hi, hi! je nach der verſchie⸗ denen Betonung der Gäſte ertönte es umher. „Eure Herrlichkeit ſcheinen unwohl,“ ſagte Lorb Aspeden zu Borodaile;„erlanben Sie mir, ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken.“ —, 10 Lord Borodaile ſprach durch ein Kopfnicken ſeine Zuſtimmung aus. „Haben Sie meinen Freund Talbot kürzlich geſehen?“ ſagte der jüängere St. George zu Clarenee. „Dieſen Morgen noch,“ verſetzte Linden;„ich beſuche ihn gewöhnlich drei⸗ oder viermal wöchentlich, und er fragt oft nach Ihnen.“ „Wirklich!“ ſagte St. George ſehr geſchmeichelt, „er thut mir große Ehre an; aber er iſt ein ent⸗ fernter Verwandter von mir, und ich vermuthe, daß ich ſeine Erinnerung an mich dieſer Urſache zuſchrei⸗ ben muß. Er iſt auch ein naher Verwandter von Ihnen, meine ich— nicht wahr?“ „Ich bin mit ihm verwandt,“ antwortete Cla⸗ renee erröthend. Lord Borodaile lehnte ſich vorwärts und ſeine Lippe verzog ſich ſpöttiſch. Obzleich in einiger Hin⸗ ſicht ein ſehr ſchwacher Mann, hatte er doch, wie ſchon bemerkt, ſeine guten Seiten. Er haßte die Lüge ebenſo ſehr wie Achilles, und er hielt ſich feſt über⸗ zengt, daß Clarenee eine ausgeſprochen habe. „Ei, Lord Borodaile,“ ſagte Lord Aspeden, der eine von ſeinen auffallend unglücklichen Bemerkungen machte—„die Talbots von Searsdale find ja Bran⸗ chen Ihres Stammbaums; daher müſſen Eure Herr⸗ lichkeit mit Linden verwandt ſein— Sie find zwei Kirſchen an einem Stengel.“ „Wir ſfind auf keine Weiſe verwandt,“ ſagte Lord Barovaile mit deutlicher Stimme, ſo daß es Clarenee eine zlich zu „ich lich, elt, ent⸗ daß rei⸗ von vie ige er⸗ 11 hören mußte;„vas iſt eine Ehre, die ich mit der größten Beſtimmtheit ablehnen muß.“ Es trat ein tiefes Schweigen ein— die Augen Aller, die eine ſo abſichtlich beleidigende Bemerkung hörten, richteten ſich auf Clarenee. Seine Wange glühte wie Feuer; er zauderte einen Augenblick und ſagte dann ebenſo laut, obgleich ſeine Stimme ein wenig bebte:„Lord Barodaile kann nicht begieriger ſein, die Ehre der Verwandtſchaft abzulehnen, als ich es bin.“ „Und doch,“ entgegnete der Viscount tief verletzt⸗ „ſollten die, welche falſche Behauptungen vorbringen, ſie wenigſtens durch etwas unterſtützen!“ „Ich verſtehe Sie nicht, Mylord,“ ſagte Clarence. „Es iſt möglich,“ antwortete Borodaile nachläſſig, „denn es gibt einen Grundſatz, welcher ſagt, daß Leute, vie nicht gewohnt find, die Wahrheit zu reden, dieſe Eigenſchaft auch an Andern nicht begreifen können.“ Ungleich den meiſten modernen Helden, die ſtets in Leidenſchaft ſind— tolle Kerle, bei denen Reiz⸗ barkeit eine Tugend iſt— war Clarence von beſon⸗ ders mildem Temperamente und hatte durch Kunſt eine Herrſchaft über alle ſeine Leidenſchaften erlangt, die bei ſo jungen Männern ſehr ungewöhnlich iſt. Er gab keine Antwort auf die nicht zu entſchuldigende Beleidigung, die ihm widerfahren war. Seine Lippe bebte ein wenig, und auf das Erröthen ſeines Ge⸗ ſichts folgte eine außerordentliche Bläſſe— dies war Alles; er verließ nicht einmal ſogleich das Zimmer, ſondern wartete, bis das Schweigen von einem wohl⸗ erzogenen Mitgliede der Geſellſchaftunterbrochenwurde; vann ſchützte er eine frühere Einlabung als Entſchul⸗ digung vor, ſich bald zu entfernen, ſtand auf und ging. Im ganzen Zimmer herrſchte eine allgemeine Theil⸗ nahme an der Beleidigung und Unwillen gegen den Beleibiger; denn um nichts von Lindens Beliebtheit und dem außerorbentlichen Widerwillen zu ſagen, den man gegen Lord Borodaile hegte, konnte man nicht an der Frechheit der Beleidigung und an der Mäßi⸗ gung des Beleidigten zweifeln. Lord Borovaile fühlte bereits die Strafe für ſeine Beleidigung; denn ver⸗ 3 möge ſeines Stolzes, der ihn gleichgültig machte gegen den Geiſt der Geſellſchaft, hatte er bisher ſorsfältig auf die Formalitäten geachtet, und er konnte nicht umhin, die Grobheit einzuſehen, womit er dieſelben verletzt hatte, ſowie in welchem Lichte ſein Betragen mußte angeſehen werden. Dieſe Unbequemlichkeit machte ihn indeß nur um ſo bitterer gegen Clarenee und be⸗ ſtärkte ihn in ſeinem Rachegefühl. Indem er vermöge einer mächtigen Anſtrengung alle äußerliche Gleich⸗. gültigkeit wieder annahm, die ihm eigen war, ver⸗ 1 ſuchte er ſich mit Denen, die ihm zunächſt ſaßen, in eine Unterredung einzulaſſen; doch ſeine Bemer⸗ ie kungen brachten nur kurze und kalte Antworten her⸗ ſe vor; ſelbſt Lord Aspeden vergaß ſeine Diplomatie al⸗ und ſein Lächeln: Lord St. George erwiderte ein⸗ ſe ſilbig auf ſeine Außerungen, und der Herzog von Haverfield behauptete zum erſtenmal in ſeinem Leben S das Vorrecht ſeines Ranges, ein Beiſpiel zu geben pa — Seine Durchlaucht gaben Lord Borobaile gar keine 13 Antwort. In Wahrheit, jeder ver Gegenwärtigen empfand ernſtes Mißfallen an ihm. Alle eiviliſtrten Geſellſchaften haben ein großes Intereſſe daran, die Rohheit zu unterdrücken. Dennoch ertrug Lord Boro⸗ daile ſeine Unbeliebtheit mit einer Standhaftigkeit und einer unverlegenen Faſſung, die einer beſſern Sache würdig war, und als er endlich einen Geſellſchafter, der geneigt war redſelig zu ſein, in der Perſon des Sir Chriſtopher Findlater fund(deſſen gutes Herz, obgleich er anfangs die Unhöflichkeit des Viscvunt lebhafter empfand als irgend einer der Gegenwärtigen, ſich bald für die Unannehmlichkeit ſeiner Lage er⸗ wärmte und ſich beeilte, ſeine Lieblingsmarime anzu⸗ wenden, zu vergeſſen und zu vergeben), blieb Lord Borodaile bis zu Ende der Geſellſchaft, und wenn er gleich nicht zuletzt ging, ſo war er doch nicht der Erſte, der Clarenee folgte. Inzwiſchen war Linden in ſeine einſame Wohnung zurückgekehrt. Er eilte in ſein Zimmer— verſchloß die Thür— warf ſich auf das Sopha und brach in einen heftigen, faſt weibiſchen Thränenſtrom aus. Dies währte länger als eine Stunde, und als Clarenee end⸗ lich das unwillige Schwellen ſeines Herzens ſtillte und ſich aus ſeiner liegenden Stellung erhob, erſchrack er, als ſein Auge auf den gegenüberhängenden Spiegel fiel, ſo graß und leichenhafi erſchien die erzwungene und furchtbare Ruhe ſeines Geſichts. Mit eiligem Schritte— mit bald über die Brnſt gefalteten— bald wild umhergeſchleuderten Armen— mit ſo feſt geballten Fänſten, daß die Knochen durch die Haut zu brechen drohten— mit bald zorniger, bald nur trauriger Stirn— und einer Geſichtsfarbe, die in einem Augenblick von Fieberglut geröthet und im nächſten bleich und farblos war, als hätte ein Ge⸗ ſpenſt ſeine Wange gebleicht— ging Clarence in ſeinem Zimmer auf und ab, nicht nur der Scham— der bitterſten Qual eines jungen und hochgeſtimmten Geiſtes— ſondern auch andern ſtreitenden Gefühlen hingegeben, die abwechſelnd ſeine Wuth aufregten und lähmten, und ſeinen Entſchlüſſen in einem Augenblick eine faſt wilde Grauſamkeit und im nächſten ein bei⸗ nahe feiges Schwanken verlieh. Die Glocke hatte eben zwölf geſchlagen, als ein Klopfen an die Hausthür einen Gaſt anmelbete. Man hörte Schritte auf der Treppe, und gleich darauf wurde an Lindens Thür geklopft. Er öffnete ſie und der Herzog von Haverfield trat ein. „e suis charmé de vous voir,“ rief der Herzog mit ſeiner gewohnten, halb freundlichen, halb nach⸗ läſſigen Anrede.„Ich war entſchloſſen, Sie zu be⸗ ſuchen und der Erſte zu ſein, der Ihnen ſeine Dienſte in dieſer unangenehmen Sache anbietet.“ Clarence drückte des Herzogs Hand, gab aber keine Antwort. „Nichts konnte unſchöner ſein, als Lord Borv⸗ daile's Benehmen,“ fuhr der Herzog fort.„Ich hoffe, Sie fechten und ſchießen gut. Ich werde Ihnen nie verzeihen, wenn Sie einer ſolchen Behandlung nicht bald ein Ende machen.“ Clarenee ging noch in großer Unruhe im Zimmer 15 auf und ab, und der Herzog ſah ihn mit einiger überraſchung an. Endlich blieb Linden am Fenſter ſtehen und ſagte halb unbewußt:„Es muß ſo ſein — ich kann es nicht vermeiden, zu fechten!“ „Vermeiden zu fechten!“ rief Seine Durchlaucht mit unverſtelltem Erſtaunen.„Nein, in der That nicht — aber das iſt der geringſte Theil der Sache— Sie müſſen nicht nur mit ihm fechten, ſondern ihn auch tödten.“ „Ihn tödten!“ rief Clarenee mit wildem Aus⸗ druck,„wen?“ Dann ſank er auf einen Stuhl nieder, bedeckte ſein Geſicht einige Augenblicke mit den Händen und ſchien mit ſeinen Bewegungen zu kämpfen. „Ich habe mich nie in meinem Leben mehr geirrt,“ dachte der Herzog.„Ich hätte mein ſchwarzes Pferd gegen Trevanions Julia wetten wollen, welches doch gewiß das werthloſeſte Ding iſt, welches ich kenne, daß Linden ein tapferer Kerl wäre; aher dieſe eng⸗ liſchen Helden bekommen immer Ohnmachten bei einem Duell, und Sterne ſagt ganz richtig, daß man ver⸗ gleichen beſſer in Frankreich handhabt.“ Clarenee ſtand jetzt ruhig und gefaßt auf. Er ſetzte ſich hin, ſchrieb einen Brief an Borodaile, und for⸗ derte die vollſtändigſte Entſchuldigung oder die frü⸗ heſte Beſtimmung zu einem Duell— übergab ihn den Händen des Herzogs und ſagte mit mattem Lächeln: „Mein lieber Herzog, darf ich Sie bitten, der Se⸗ kundant eines Mannes zu ſein, der ſo ſchmachvoll beleidigt worden iſt und deſſen Gencalogie man be⸗ ſtritten hat?“ 16 „Mein lieber Linden,“ ſagie Haverfield mit Wärme, „ich bin meinem Range ſlets für die Freiheit dankbar geweſen, vermöge welcher ſie mich in den Stand ſetzt, meine Bekannten zu wählen und meinem eigenen Sinne zu folgen. Ich bin jetzt noch dankbarer dafür als je, weil er mir eine beſſere Gelegenheit, als ich ſonſt würde gehabt haben, gegeben hat, einem Manne zu dienen, den ich ſtets achtete. Indem ich auf Ihren Streit eingehe, werde ich wenigſtens der Welt zeigen, daß es einige Männer gibt, welche an Anſprüchen dem Lord Borodaile nicht untergeordnet ſind, und welche Arroganz und übermuth rächen, ſelbſt wenn ſie gegen Andere angewendet worden. Ich betrachte Ihre Sache als die allgemeine Sache der Geſellſchaft; aber ich werde ſie, wenn Sie es mir erlauben, mit dem lebhaften Eifer eines Freundes übernehmen.“ Clarenee, der durch die Freundlichkeit dieſer Rede ſehr gerührt wurde, erwiderte in ähnlicher Weiſe, und nachdem der Herzog den Brief geleſen und ge⸗ billigt hatte, ſtand er auf.„Es iſt meiner Meinung nach keine Zeit zu verlieren,“ ſagte er.„Ich will noch dieſen Abend zu Borodaile gehen— leben Sie wohl, mein Lieber. Sie ſollen den Argus tödten und die Jo entführen. Ich bin doppelt aufgebracht über dieſe umherwanbelnde Ofengabel, die ſich nur ſchmie⸗ den läßt, wenn ſie glühend heiß iſt, wenn ich daran venke, welche ehrenvolle Rückſicht Sie am letzten Abend gegen La Meronville, ungeachtet ihrer Zuvorkommen⸗ heit, anwendeten; aber ich gehe Cäſar, zu hegraben, nicht ihn zu ſchelten.— Au revoir.“ ( Bele gerte baldi Pere in di Verf lung den ſo w den; Boht gleic wobe Freu als emp Sche ruhi ſein jung ſh 2 17 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Conon. Ihr ſeid willkommen, Crates. Crates. Wenn wir uns ſo nur trennen. Königin von Corinth. Es geſchah, wie es ſich von dem Charakter des Beleibigers erwarten ließ. Lord Borovaile verwei⸗ gerte jede Entſchuldiguug und nahm mit Begierde eine baldige Forberung an. Er wählte Piſtolen und nahm Perey Bobus zu ſeinem Sekundanten, welcher lieber in dieſer Eigenſchaft denn als Duellant handelte. Der Verfaſſer des„Lacon,“ einer ſehr brillanten Samm⸗ lung von Reflexionen, ſagt: Wenn alle Sekundanten den Duellen ſo abgeneigt wären, als die Duellanten, ſo würde wenig Blut in vieſer Weiſe vergoſſen wer⸗ den; und es iſt erſtaunenswerth, den Eifer, womit Bobus in dieſer Sache thätig war, mit dem zu ver⸗ gleichen, den er bei einer andern Gelegenheit zeigte, wobei er unmittelbarer betheiligt war. Der Morgen kam. Bobus frühſtückte bei ſeinem Freunde.„Verdamme mich, BVorobaile,“ ſagte er, als der Letztere ſeine letzte Politur von dem Friſeur empfing,„Sie ſahen nie heſſer aus. Es wäre ſehr Schade, wenn jener Kerl Sie erſchießen ſollte.“ „Mich erſchießen!“ ſagte Lord Borodatle ſehr ruhig—„mich— nein! davon kann nicht die Rede ſein; aber Scherz bei Seite, Bobus, ich will den jungen Mann nicht tödten. Wo ſoll ich ihn treffen?“ „In die Knieſcheibe,“ ſagte Pereh, ein Ei auf⸗ ſchlagend. Bulwer, der Verſtoßene. M. 2 18 „Nun, da würde er ja lebenslänglich lahm wer⸗ den,“ ſagte Lord Borodaile, indem er ſeine Cravatte mit heſonderer Pünktlichkeit anlegte. „Es geſchieht ihm recht,“ ſagte Vobus.„Zum Henker mit ihm, ich ſtand in meinem Leben nicht ſo früh auf— es iſt durchaus unmöglich, zu vieſer Stunde zu eſſen. Oh— à propos, Borodaile, haben Sie einige kleine Auſträge für mich hinterlaſſen?“ „Aufträge!— Zu was?“ ſagte Borodaile, der eben ſeine Toilette beendet hatte. „Nun,“ verſetzte Perey Bobus,„wenn Ihnen ein Unfall begegnen ſollte. Der Mann mag vielleicht gut ſchießen, obgleich ich ihn nie in der Galerie ſah.“ „Wie oft ſagte ich Ihnen, Bobus,“ verſetzte Lord Borodaile mit unterdrückter Leidenſchaft,„daß meine Tage nicht beſtimmt find, durch Herrn Linden geen⸗ det zu werden. Sie find doch gewiß, daß Carabine meine Piſtolen unterſucht hat?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Perey mit vollem Munde; „Gott ſei mir gnädig, da iſt der Wagen und das Frühſtück noch nicht halb beendet.“ „Kommen Sie,“ rief Borodaile ungeduldig,„wir müſſen nachher frühſtücken. Hier, Roberts, laß friſche Chokolade und geröſtetes Brod bereit halten, his wir zurückkehren.“ „Ich möchte ſie lieber jetzt haben,“ ſeufzte Bohus, ver die Möglichkeit bedachte, allein zurückzukehren. „Kommen Sie, wir haben keinen Augenblick zu verlieren,“ rief Borodaile die Treppe hinuntereilend, und Perey Bohus folgte mit einer ſeltſamen Miſchung n geen⸗ arabine Runde; und das g,„wir friſche bis wir Bohus, ehren. blick zu reilend, tiſchung 19 ves Bedauerns, iheils wegen des Frühſtücks, welches er verloren hatte, und theils wegen des Freundes, den er verlieren konnte. Als ſie auf dem Platze ankamen, waren Clarence und der Herzog ſchon da. Der Letztere, der ein ſehr guter Schütze war, hielt ſich vollkommen üherzengt, daß Clarenee ebenſo geſchickt ſei, und hatte aus Für⸗ ſorge für Borodaile einen Wundarzt mitgebracht. Dies war ein Umſtand, an den der Viscount in ſeinem vollen Selbſtvertrauen und in ſeiner Gleichgültigkeit gegen ſeinen Gegner nie gedacht hatte. Die Menſur wurde abgemeſſen— die Duellanten nahmen ihre Plätze ein. Lindens frühere Aufregung war gänzlich verſchwunden— ſeine Miene war ernſt und entſchloſſen, aber er zeigte nicht den ſorgloſen und wüthenden Trotz, der ſeinen Gegner charakte⸗ rifirte; im Gegentheil hätte ein genauer Beobachter etwas Trauriges und Niedergeſchlagenes bei aller Ruhe und Feſtigkeit ſeiner Stirn und Miene entbecken können. „Um des Himmels willen,“ flüſterte der Herzog, als er ſich von der Stelle zurückzog,„drehen Sie ſich ein wenig mehr zur Linken und bebenken Sie, daß Sie in der Richtung bleiben. Borodaile iſt viel kleiner als Sie.“ Es trat eine kurze Pauſe ein— das Signal wurde gegeben— Borodaile fenerte— ſeine Kugel durch⸗ drang Lindens Seite. Der Verwundete ſchwankte einen Schritt von der Stelle, aber fiel nicht. Er erhob ſeine Piſtole; Haverfield bengte ſich lebhaft vor; 20 ein Ausdruck ber überraſchung und ber fehlgeſchlage. en. nen Hoffnung zeigte ſich um ſeine Lippen: Clarenee ſtan hatte in die Luft gefeuert. Im nächſten Augenblick grof überfiel Linden eine Schwäche und er ſank in die Arme riſo des Wundarztes. Borovaile, gerührt durch eine Zu⸗ ſehr rückhaltung, welche zu erwarten er ſo wenig Recht ſein hatte, eilte zu der Stelle. Er lehnte ſich mit mehr hatte Reue und Mitleid über ſeinen Gegner, als er ſich ſelbſt würde eingeſtanden haben. Clarenee öffnete die xam Augen; ſie ruhten eine Sekunde auf dem lehhaften. und theilnehmenden Geſichte Borodaile's. ſich „Gott ſei Dank,“ ſagte er matt,„daß Sie nicht kenm das Opfer find.“ Und mit dieſen Worten ſank er ſie b bewußtlos zurück. Man trug ihn in ſeine Wohnung. ſo m Seine Wunde wurde genau unterſucht. Obgleich nicht und tödtlich, war ſie doch gefährlicher Art, und die Arzte ſprig endeten eine ſehr ſchmerzliche Operation mit dem Ver⸗ wie ſprechen einer ſehr langweiligen Geneſung. Welch eine reizende Genugthuung für eine Be⸗ leidigung! Achtundvierzigſtes Kapitel. Je me contente de ce qui peut sécrire, ot je röve tout oe qui peut se réver. De Sevigne. Etwa eine Woche nach ſeiner Wunde und am zweiten Morgen nach ſeiner Rückkehr zum Bewußtſein, ſielen Lindens Augen, als er ſie öffnete, auf eine weibliche Geſtalt, die wachſam und ängſtlich neben ſeinem Bette ſaß. Er erhob ſich in ſtummem Erſtau⸗ ie nicht ſank er re, ot je vigne. ind am ußtſein, uf eine neben Erſtau⸗ 21 nen, und die Geftalt, erſchrocken durch bie Bewegung, ſtand auf, zog den Vorhang zu und verſchwand. Mit großer Schwierigkeit klingelte er. Sein Diener Har⸗ riſon, auf deſſen Geiſt, obgleich derſelbe nicht von ſehr erhabener Art war, die Freunblichkeit und Milde ſeines Herrn einen ſehr großen Eindruck gemacht hatte, erſchien augenblicklich. „Wer war dieſe Dame?“ fragte Linden.„Wie kam fie hieher?“ Harriſon lächelte.„O Herr— bitte, legen Sie ſich wieder nieder und beruhigen Sie ſich— die Dame kennt Sie ſehr gut und wollte durchaus hieherkommen; ſie beſtand darauf, im Hauſe bleiben zu wollen, und ſo machten wir ihr ein Bett im Geſellſchaftszimmer, und ſie hat Tag und Nacht bei Ihnen gewacht. Sie ſpricht freilich ſehr wenig Engliſch, doch Sie wiſſen, wie gut ich Franzöſiſch ſpreche.“ „Franzöſiſch!“ ſagte Clarence matt—„Franö⸗ ſiſch? Im Namen des Himmels, wer iſt ſie?“ „Eine Madame— Mavame— La Melon⸗veal, oder ein ähnlicher Name, Herr,“ ſagte der Bediente. Clarenee ſank zurück. In dem Augenblicke wurde ſeine Hand gevrückt. Er drehte ſich um und ſah Talbot an ſeiner Seite. Der freundliche alte Mann hatte nicht zugegeben, daß La Meronville Lindens einzige Wärterin ſein ſollte— ungeachtet ſeines Alters und ſeiner eigenthümlichen Gewohnheiten hatte er den ganzen Tag in Lindens Wohnung zugebracht, und Nachts, anſtatt in ſein Haus zurückzukehren, ſein Quartier in dem nächſten Hotel aufgeſchlagen. Mit eiferſüchtigem und ängßllichem Auge für das wahre Intereſſe und den Ruf ſeines Pflegeſohnes, hatte Talbot alle ſeine Geſchicklichkeit und ſelbſt ſeine Macht angewendet, um La Meronville, die ſich vor Talbot dort eingefunden, zu bewegen, das Haus zu verlaſſen, aber vergebenzs. Mit der Beharrlichkeit, welche eine Franzöſin, wenn ſie ſentimental iſt, für Adel ves Herzens hält, heſtand die ehemalige Geliebie ves Lord Borodaile darauf, ihn bei jenen Leiden, deren unglückliche, aber unſchuldige Urſache ſie zu ſein glaubte, zu pflegen, und wenn er dringendere Gründe ihrer Entfernung andentete, eilte La Meronville in das Zimmer ihres Geliebten, redete ihn auf eine Weiſe an, welche einer von dArlincvurts Heldinnen wür⸗ dig war, und handelte ſo unvernünftig und übertrie⸗ ben, daß die Arzte, die für ihren Patienten beſorgt waren, von Talbot die erzwungene und widerſtre⸗ bende Einwilligung zu ihrem Dableiben erhielten. Oh! welch ein ſchreckliches Geſchöpf eine Fran⸗ zöfin iſt, wenn fie, anſtatt mit einer Laune zu koket⸗ tiren, die Leidenſchaft der Liebe zu empfinden be⸗ hauptet. Wenig ſah Clarence, ungeachtet ſeines Argers, als er die wohlwollende Aufopferung der La Meron⸗ ville erfuhr, die ganze Reihe der Folgen voraus, welche dieſe Handlungsweiſe nach ſich zog: noch we⸗ niger herechnete Talbot, ver in feiner Abgeſchieden⸗ heit die Berühmtheit der ſchönen Abenteurerin nicht kaunte, daß ihr Treiben ſo bekannt werden und ihre unverholene Anhänglichkeit eine ſo üble Wirkung auf Lindens Glück als Lady Flora's Liebhaber haben len Arzt liebt vor woll Corr einig Tady früh tröſtl ich e phan denk⸗ Aber freut Es um übert doch Daſe eingt letzte Mut darül kann 23 werde. Um bieſe Folgen dentlicher zu erklären, wol⸗ len wir für jetzt unſern Helden der Sorgfalt des Arztes, ſeiner Freunde und ſeiner vorgeblichen Ge⸗ vor liebten überlaſſen, und während ſeine Geneſung raſcher us zu vor ſich geht, als die Arzte hofften oder vorherſagten, chkeit, wollen wir unſere Bekanntſchaft mit einer ſchönen t, fü Correſpondentin erneuern— für deren Briefe wir einiges Intereſſe zu empfinden behaupten. Lady Flora Ardenne an Miß Eleonore Trevanion. ründe„Theuerſte Elevnore! ille in„Ich bin ſehr krank geweſen, ſonſt würdeſt Du Weiſe früher eine Antwort auf Deinen freundlichen und wür⸗ tröſtlichen Brief erhalten haben. In der That habe ertri⸗ ich erſt eben mein Bett verlaſſen; man ſagt, ich habe eſorgt phantafirt, und ich glanbe es, denn Du kannſt nicht erſtre⸗ denken, welche ſchreckliche Träume ich gehabt habe. ten. Aber dies iſt jetzt Alles vorüber, und Alle find ſo Fran⸗ freundlich gegen mich— beſonders meine arme Mutter! koke⸗ Es iſt angenehm, krank zu ſein, wenn man Perſonen n be⸗ um ſich hat, die uns lieben und unſere Geneſung lrgers, überwachen. Neryn⸗„Ich bin nur wenige Tage im Bette geweſen; vraus, doch es ſcheint mir, als ſei ein großer Theil meines ch we Daſeins vergangen— als ſei ich in eine neue Epoche hteden⸗ eingetreten. Du erinnerſt Dich, daß ich in meinem nicht letzten Briefe meine Gefühle in Betreff der Rede meiner wihre WMutter über Clarence auszuſprechen verſuchte, ſowie ng auf darüber, daß ich ihn ſo plötzlich geſehen. Nun, Theuerſte haben kann ich jenen Tag und jene Empfindungen nur wie 24 einen fernen Traum betrachten. Jeder iſt freundlich gegen mich; Mama liebkost mich ſo zärtlich, daß ich glaube, ich muß mich getänſcht haben Ich bin gewiß, man hat es nicht ernſtlich meinen können, ſeine An⸗ näherung verbieten zu wollen. Nein, nein, ich fühle, daß Alles noch gut gehen wird— ſo gut, daß ſelbſt Du, die Du von ſo zufriedener Gemüthsart biſt, ge⸗ ſtehen wirſt, wenn Du nicht Elevnore wäreſt, ſo möchteſt Du Flora ſein. „Es ſoll mich wundern, ob Clarenee weiß, daß ich krank geweſen bin. Ich wollte, Du kenüteſt ihn, er iſt gerade von dem Styl der Schönheit, den Du liebſt. Solche Augen und Stirn— eine ſo vollkommene und edle Geſtalt und eine Anrede, wobei Diana den Endymion würde verſchworen haben. Du ſiehſt, daß ich meine Mythologie nicht vergeſſen habe; in der That, ich bringe ſie bei allen Gelegenheiten mit ſo gelehrter Miene zum Vorſchein, daß Mama kürzlich bittere Ausfälle gegen les femmes savantes gemacht und Mrs. Montague förmlich beleidigt hat. Du weift, daß die Mütter, wenn ihre Grübchen auch noch ſo hübſch ſind, nicht immer lächeln, und daß die hellſten Angen von der Welt von Zeit zu Zeit zornige Blicke um ſich werfen können. Nun, Theuerſte, muß Dir dieſer Brief— eine ſehr unſchöne Erwiderung auf den Deinigen, geſtehe ich— für jetzt genügen, denn man will mich nicht mehr ſchreiben laſſen— obgleich ich körperlich nicht ſo ſchwach bin, daß ich Dir nicht von ihm ſchreiben könnte. Addio— carissima. F. A.“ 6 . und u zu ge ders! heit; verlat „ krank thörie jetzt hatte dies bitter Linde Neui ich w mein Schle kehrt wie Jerm wach alſo ſehr nicht licher bis 1 wunt undlich aß ich gewiß, ne An⸗ fühle, ſelbſt ſt, ge⸗ ſt, ſo ß, daß ſt ihn, en Du mmene na den ſt, daß in der mit ſo kürzlich zemacht weißt, noch ſo hellſten Blicke uß Dir ng auf t„ denn obgleich ir nicht na. A.“ 25 „Ich habe Mama überredet, die bei mir ſitzen und mich unterhalten wollte, heute Abend in die Oper zu gehen— die einzige Unterhaltung, die ſie beſon⸗ ders liebt. Der Himmel verzeihe mir meine Falſch⸗ heit; aber er kommt ſtets in unſere Loge, und es verlangt mich, etwas von ihm zu hören.“ Prief von Derſelben an Dieſelbe. „Eleonvre, theuerſte Eleonore, ich bin wieder ſehr krank, aber nicht, wie ich es früher war, aus einer thörichten Aufregung des Gemüths; nein, ich bin jetzt ruhig und ſelbſt glücklich. Durch eine Erkältung hatte ich mir einen Rüskfall zugezogen. Du kannſt dies glauben, ungeachtet Deiner wohlgemeinten und bittern Scherze über meine Verblendung für Herrn Linden, wie Du es nennſt. Du fragſt mich nach Neuigkeiten von der Oper? Thörichtes Mädchen, die ich war, ſtundenlang wachend dazuliegen und ſelbſt meine Arznei nicht zu nehmen, damit ich nicht vom Schlaf überraſcht werden möchte, bis Mama zurück⸗ kehrte. Sobald ich ſie an die Thür klopfen hörte(oh, wie ängßlich hatte ich darauf gehorcht!), ſchickte ich Jermyn hinunter, um ihr zu ſagen, daß ich noch wach ſei und ſie zu ſprechen wünſche. Darauf kam alſo Mama herauf, fühlte meinen Puls ſagte, er ſei ſehr ſieberhaft und wunderte ſich, daß die Arznei mich nicht beruhigt habe— und noch viel mehr von ähn⸗ licher Art, was ich ſo geduldig ertrug als ich konnte, bis die Reihe an mich kam zu reden, und dann be⸗ wunderte ich ihre Kleidung und ihren Kopfputz und 26 fragte, ob das Haus voll und die Primadonna be Stimme geweſen u. ſ. w., bis ich endlich meinen Wez zu der Frage bahnte, wer ſie in der Loge beſucht hab⸗ „„Lord Vorodaile,““ ſagte ſie,„und der Herzy von***, und Herr St. George, und Kapitän Leslie, und Herr Doktor Retz, und viele Andere.““ Ich fühlte mich ein wenig getäuſcht, Elevnore, wagte aber nich zu fragen, vb er nicht auf der Liſte ſei, bis endlich meine Mutter ſagte, indem ſie mich genau beobach⸗ tete:„„Und Herr Linden kam auch auf einige Augen⸗ blicke herein. Es iſt mir lieb, theuerſte Flora, daß ich mich vor wenigen Tagen ſo entſchieden über ihn gegen Dich ausſprach.““—„„Warum, Mama?““ ſagte ich, indem ich mein Geſicht in den Betttüchern verbarg.„„Weil,““ ſagte ſie mit etwas nachdrück⸗ licherer Stimme,„„er Deiner gänzlich unwürdig war! — Aber es iſt jetzt zu ſpät, und Du ſollteſt Dich z ſchlafen legen— morgen will ich Dir mehr ſagen.“ Ich hätte eine Welt darum gegeben, weiter fragen zu können, aber ich wagte es nicht. Mama küßte mich und ging. Ich verſuchte, ihren Worten hunder Bedeutungen zu geben, doch bei jever dachte ich nur, vaß ſie von einer weltlichen Auskunft eingegeben ſeien — von neuen Zweifeln an ſeiner Geburt oder ſeinen Vermögen, und obgleich vieſe Vermuthung mich ſehr bekümmerte, ſo konnte ſie doch meine Liebe nicht ändert oder mich der Hoffnung berauben, und ſo weinte ich und ſann, und ſann und weinte, bis ich mich endlich in Schlaf weinte. „Als ich erwachte, war Mams ſchon auf und ſaß neben mir bemer Jermt Flora als ic Brüde älteſte heſten und 1 ich ſte ich je „ tung, ich W weint dens wußt burt, bei d nung von eine für ſichte ſchön ſtand oder die obgl agen.“ fragen a küßt hundert ich nur, en ſeien ſeinem ich ſehr ändern inte ich endlich and ſaß 27 neben mir; ſie ſprach länger als eine Stunde mit mir über gewöhnliche Gegenſtände, bis ſie envlich bemerkte, wie zerſtrent und ungeduldig ich erſchien, Jermyn fortſchickte und ſo zu mir ſprach:„„Du weißt, Flora, daß ich Dich ſtets geliebt habe, mehr vielleicht, als ich hätte thun ſollen, gewiß mehr, als ich Deine Brüder und Schweſtern liebte; aber Du warſt mein älteſtes Kind, meine Erſtgeborene, und alle die frü⸗ heſten Neigungen einer Mutter ſind mit Dir vereint und verſchlungen. Du kannſt daher gewiß ſein, daß ich ſtets Dein Glück im Aage gehabt habe, und daß ich jetzt nur zu jenem Zwecke rede.““ „Ich war ein wenig erſchreckt durch die Einlei⸗ tung, doch war ich noch viel mehr gerührt, ſo daß ich Mama's Hand ergriff, ſie küßte und ſtill darüber weinte, bis ſie fortfuhr:„„Ich bemerkte Herrn Lin⸗ dens Aufmerkſamkeit gegen Dich ſchon in N*; ich wußte nicht mehr von ſeinem Range und ſeiner Ge⸗ burt, als ich gegenwärtig weiß; aber ſeine Stellung bei der Geſandtſchaft und ſeine perſönliche Erſchei⸗ nung bewogen mich natürlich, ihn für einen Mann von guter Familie und daher, wenn auch nicht für eine glänzende, doch wenigſtens für keine üble Partie für Dich zu halten, ſo weit nämlich weltliche Rück⸗ ſichten gehen. Dazu kam noch, daß er ungewöhnlich ſchön war und im allgemeinen Rufe hohen Talentes ſtand, welches oft beſſer iſt, als wirklicher Reichthum oder erbliche Titel. Ich trat daher einer Neigung, vie Du für ihn faſſen möchteſt, nicht in den Weg, obgleich ich ſie auch nicht begünſtigte, und da von beiden Seiten nichts erklärt oder beſtimmt war, alz wir N» verließen, ſo dachte ich, wenn auch eine augenblickliche, mäbchenhafte Neigung daraus entſtehen möchte, ſo würden Abweſenheit und Veränderung ber Seenen leicht und ſchnell den Eindruck verwiſchen. Ich glaube auch, daß er größtentheils verwiſcht war, alz Lord Aspeden nach England zurückkehrte und Herr Linden mit ihm. Du trafſt den Letzteren faſt ebenſo oft als früher in ver Geſellſchaft wieder; eine bei⸗ nahe überwundene Neigung wurde erneuert, und bei meinem lebhaften Wunſche, daß Du nicht höheren Rang, ſondern Glück durch Deine Heirath erlangen möchteſt, muß ich zu meinem Kummer geſtehen, daß ich ſeine Bewerbung eher begünſtigte als zurückwies, Du erinnerſt Dich, Flora, daß der junge Mann in Geſellſchaft als der Neffe und Erbe eines Herrn von alter Familie und beträchtlichem Vermögen erſchien; er ſtieg in der Diplomatie, wurde in der Geſellſchaft beliebt und war, ſo weit wir ſehen konnten, von tadelloſem Charakter; dies muß als meine Entſchul⸗ digung gelten, daß ich ſeine Beſuche duldete, ohne weitere Nachforſchungen über ihn anzuſtellen und Deine Neigung weitere Fortſchritte nehmen zu laſſen, ohne mich zu überzengen, wie weit vieſelbe bereits gegangen. Ich erkannte meine Unbeſonnenheit bei einer Frage, die bei Herrn Lindens Beliebtheit allgemein wurde, nämlich, wenn Herr Talbot ſein Oheim iſt— wer denn ſein Vater und ſeine nächſten Verwandten ſind? Und da benachrichtigte man uns von der Unwahrheit, die er entweder ſelber hehauptet oder doch haite verbreiten laſſer wie dens wurd Auch mehr liche Dein willig mit 2 vorſie bin. glaub mit Fall meine lichen theur die T Abent daß i ließ dem lichſte von d fenhei einige vorüb er ſei war, r, als ch eine tſtehen ug ber n. Ich r, als HBerr ebenſo ne bei⸗ nd bei öheren langen t„ daß ckwies. inn in n von ſchien; lſchaft „ von tſchul⸗ ohne Deine ohne ingen. Frage, vurde, wer find? it, die reiten 29 laſſen, daß Herr Talbot ſein Verwandter ſei. Dies, wie Du leicht einſehen wirſt, veränderte Herrn Lin⸗ dens Verhältniß zu Dir gänzlich. Sein Rang im Leben wurde nicht nur ungewiß, ſondern auch verdächtig. Auch war dies nicht Alles; ſelbſt ſein Ruf war nicht mehr tadellos. Sollte dieſe zweifelhafte und zudring⸗ liche Perſon, ohne Namen und mit befleckter Ehre, Dein Gatte werden? Nein, Flora, und in dieſer un⸗ willigen überzeugung ſprach ich vor einigen Tagen mit Dir. Verzeihe mir, mein Kind, wenn ich weniger vorſichtig und weniger vertrauensvoll war, als ich jetzt bin. Ich dachte nicht, daß die Wunde ſo tief ſei, und glaubte Dich am beſten heilen zu können, wenn ich mit Deiner Gefahr unbekannt zu ſein ſchiene. Der Fall iſt jetzt anders; Deine Krankheit hat mich von meinem Fehler und von der Größe Deiner unglück⸗ lichen Neigung überzeugt; aber wird mein eigenes, theures Kind mir verzeihen, wenn ich fortfahre und die Mißbilligung ihrer Wahl beſtätige? Am letzten Abend trat Herr Linden in meine Loge. Ich geſtehe, daß ich kälter gegen ihn war als gewöhnlich. Er ver⸗ ließ uns bald, und nach der Oper ſah ich ihn mit dem Herzog von Haverfield, einem der unverbeſſer⸗ lichſten Wüſtlinge unſerer Tage, ein Frauenzimmer von dem ſchlechteſten Rufe und der feechſten Verwor⸗ fenheit hinausführen. Er hätte einige Schicklichkeit, einigen Anſtand zeigen können, voch er ging an mir vorüber— an der Mutter des Frauenzimmers, welchem er ſeine Gelübde ehrenvoller Anhänglichkeit ſchuldig war, und das in demſelben Augenblick unter der Be⸗ 30 thörung für ihn litt. Nun, Flora, für bieſen Mann, einen unbekannten und wahrſcheinlich gemeinen Aben⸗ teurer— beſſen einziger Anſpruch auf Achtung auf eine Lüge begründet war— deſſen einziges Verdienſt, Liebe zu Dir, wenn nicht gänzlich zerſtört, doch wenig⸗ ſtens hefleckt und entweiht worden iſt— ſür dieſen Mann, gleich arm an Vermögen, Ruf und Ehre, kannſt Du nicht länger Neigung oder Achtung zu hege behaupten!““ „„Nimmermehr!““ rief ich, aus dem Bette ſprin⸗ gend, und mich meiner Mutter um den Hals werfend „„Nimmermehr; ich bin wieder Deine Flora. Nie⸗ mand ſoll mich je wieder bewegen, Dich zu vet⸗ geſſen,““— und dann ſchluchzte ich ſo heſtig, daß Mama erſchrack, mich bewog, mich niederzulegen un mich verließ, um zu ſchlafen. Mehrere Stunden ſin ſeitdem vergangen und ich konnte nicht ſchlafen ode venken, und ich wollte nicht weinen, denn er iſt me ner Thränen nicht mehr würdig; und ſo habe ich m Dich geſchrieben. „O, wie verachte und haſſe ich mich ſelber, de ich in meiner Eitelkeit und Thorheit meine Mutt⸗ ſo gänzlich vergeſſen habe, jene theure, gütige, b⸗ ſtändige Freundin, die mich nie eine einzige Thrän gekoſtet hat, als nur wegen meiner eigenen Undank harkeit. Denke nur, Elevnore, welche Schande ſi mich— für mich, die, wie er ſo oft geſagt, al andern Frauen in ſeinen Augen werthlos gemacht Haſſe ich ihn? Nein, ich kann ihn nicht haſſen. Ven achte ich ihn? Nein, ich will ihn nicht verachten aber und: Schre hat eben kann geſag liebte dem Zeit ſchwu liche weſen Herz, Dir 6 ich h alle getha Kam; duelli als f imme habt, Mann, n Aben⸗ ung auf erdienſt, wenig⸗ r dieſen Ehre, zu hegen te ſprin⸗ werfend. a. Nie⸗ zu vet⸗ tig, daß gen un den fin fen oder iſt mei e ich m her, de Mutte tige, b⸗ e Thrän Undanb ande ſi agt, all gemach ſen. Ven verachten 31 aber ich will ihn vergeſſen, unb meine Verachtung und meinen Haß für mich ſelber behalten. „Gott ſegne Dich— ich bin gänzlich ermattet. Schreibe bald, oder komm vielmehr, wenn es möglich iſt, zu Deiner liebenden, aber unwürdigen Freundin F. A.“ „Guter Himmel! Eleonore, er iſt verwundet. Er hat ſich mit Lord Borodaile duellirt. Ich habe es eben gehört; Jermyn hat es mir geſagt. Kann es, kann es wahr ſein? Was— was habe ich gegen ihn geſagt? Haſſen?— vergeſſen? Nein, nein— ich liebte ihn noch nie wie jetzt.“ Prief von Derſelben an Dieſelbe. (Nach einem Zeitraum von mehren Wochen.) „Seit Du mich verlaſſen, meine Eleonore, nach dem kurzen aber freundlichen Beſuche, iſt mir die Zeit mit ſchwerem aber heilendem Flügel dahinge⸗ ſchwunden. Ich denke nicht, daß ich je das ſchwind⸗ liche Mädchen wieder werden kann, welches ich ge⸗ weſen; mein Kopf wird ſich verändern, nicht mein Herz, das war nie ſchwindlich, und ſoll ſtets ſo ſehr Dir gehören, wie immer. Du irrſt, wenn Du denkſt, ich habe Herrn Linden nicht vergeſſen oder wenigſtens alle Neigung für ihn aufgegeben. Ja, ich habe es gethan, obgleich es mit einem langen und ſchweren Kampfe geſchah. Das Weib, für welches er ſich duellirte, ging, wie Du weißt, ſogleich in ſein Haus, als ſie von ſeiner Wunve hörte. Sie iſt ſeitdem immer bei ihm geblieben. Er hat die Kühnheit ge⸗ habt, ſogar einmal an mich zu ſchreiben; meine Mut⸗ 32 ter brachte mir den Brief und ſagte nichts. Sie hatte mein Herz richtig verſtanden. Ich gab ihn unerbrochen zurück. Er iſt ſelbſt ſeit ſeiner Herſtellung da geweſen. Meine Mutter war für ihn nicht zu Hauſe. Ich höre, daß er bleich und verändert ausſteht. Ich hof⸗ nicht— wenigſtens kann ich nicht umhin, für ſeine Geneſung zu beten. Ich bleibe beſtändig zu Hauſe; die Saiſon iſt vorüber und es werden keine Geſell⸗ ſchaften gegeben; aber ich zittere bei dem Gedanken, ihm im Park oder in den Gärten zu begegnen. Mein Vater ſpricht davon, in der nächſten Woche aufs Land zu gehen. Ich kann Dir nicht ſagen, wie begierig ich dieſer Ortsveränderung entgegenſehe; und Du wirſt dann kommen und mich beſuchen— nicht wahr thenerſte Eleonore? „O! welche glückliche Tage werden wir noch mi einander verleben; wir wollen Italieniſch mit einander leſen, wie wir zu thun pflegten; Du ſollſt mir Dein⸗ Lieder lehren und ich Dir die meinen. Du wirf niemals von meiner Thorheit zu mir reden: laß da ſein, als wäre es nie geſchehen; aber ich will mit Di über Deine künftige Wahl rathſchlagen und im Von⸗ gefühl Deines Glücks glücklich werben. O wie ſelbſ⸗ ſüchtig war ich vor einigen Wochen— da konnte ih Dich nur mit meinem Egvismus überſchütten; jehl iſt an Dir die Reihe, Elconore, und Du ſollſt ſehen wie geduldig ich dem Deinen horchen werde. Fürcht nie, daß Du zu weitſchweifig werden kannſt; je aut⸗ führlicher Du biſt, deſto leichter werde ich Di verzeihen. Liebli wolle einſtit wärti einfäl glückl Dein ſehen „ ſelber frage gültig Himn „ junge aufge Schri lieber Deine Ich b B e hatte rochen weſen. Ich h hoff⸗ r ſeine Hauſe; Geſell⸗ danken, Mein fs Land begierig nd Du t wahr, och mit inander r Dein u wirf laß da mit Di im Vor⸗ e ſelbſ⸗ nnte ich n; jet ſt ſehen Fürcht je aut⸗ ich Di 33 „Liebſt Du vie Poyeſie, Elevnore? Ich pflegte es von mir zu ſagen; aber ich fühlte es erſt in der letzten Zeit. Ich will Dir meine Lieblingsſtellen in meinen Lieblingsdichtern zeigen, wenn Du zu mir kommſt. Wir wollen ſehen, ob die Deinen mit den meinen über⸗ einſtimmen. Ich bin ſo ungeduldig, dieſe wiber⸗ wärtige Stabt zu verlaſſen, wo Alles ſo fieberhaft, einfältig und doch falſch erſcheint. Werden wir nicht glücklich ſein, wenn wir uns wiederſehen? Wenn Deine liebe Tante mit Dir kommen will, ſo ſoll ſie ſehen, wie ſehr mein Geiſt ſich entwickelt hat. „Lebe wohl. Stets Deine Dich liebende F. A.“ Neunundvierzigſtes Kapitel. Wir folgen, wackerer Talbot, Dir! Heinrich der Sechste. „Mein Brief beleibigend zurückgeſchickt— mir ſelber der Zutritt verweigert— keine einzige Nach⸗ frage gethan während meiner Krankheit— Gleich⸗ gültigkeit mit ausdrücklicher Verachtung vereint. Beim Himmel, es iſt unerträglich!“ „Mein lieber Clarence,“ ſagte Talbot zu ſeinem jungen Freunde, der reizbar durch den Schmerz und aufgeregt vurch die Kränkung, mit ungedulvigem Schritte in ſeinem Zimmer auf⸗ und abging;„mein lieber Clarenee, ſetze Dich nieder und verſchlimmere Deine Wunden nicht durch ſo heftige Anſtrengung. Ich bin eben ſo aufgebracht über die Behn Bulwer, der Verſtoßene. II. 34 die Dir wiberfahren iſt, und kann ſie mir ebenſo wenig erklären. Dein Duell, ſo unglücklich auch der Ausgang war, ſollte Dir doch Ehre gemacht haben und Dir einen Ruf wegen Deiner edlen Gefinnung und Deines Muthes erworben haben, ſo daß wir jenem Vorfall die Veränderung nicht zuſchreiben können. Laß uns vielmehr annehmen, daß Lady Flora's Neigung zu Dir ihren Eltern bekannt ge⸗ worden und daß ſie es natürlich für nicht wünſchens⸗ werth halten, ihre Tochter an einen Mann zu ver⸗ heirathen, deſſen Familie Niemand kennt, und der genöthigt war, ſich zu duelliren, um ſeinen Ranz zu behaupten. Erlaube mir daher, Lady Weſtbon⸗ rough zu beſuchen, die ich vor vielen Jahren kannte, und ihr Deine Herkunft, ſo wie Deine Verwandtſchaft mit mir zu erklären.“ Linden ſchwieg unentſchloſſen. „Wäre ich gewiß, daß Lady Weſtborvugh“ weltliche Anſichten nicht durchaus ohne Einfluß auß Flora geweſen, ſo würde ich gern in Ihren Von⸗ ſchlag willigen, aber—“ „Verzeihe mir, Clarenee,“ rief Talbot;„aber Du ſprichſt viel mehr wie ein ſehr junger Mann, ah ich Dich je zuvor habe reden hören— ſelbſt nicht vor vier Jahren. Gewiß haben ihrer Mutter Anſichten auf Flora Einfluß gehabt. Wollteſt Du es anders! Wollteſt Du, daß ſie aller Schicklichkeit, aller Be⸗ ſcheidenheit und allem Gehorſam gegen ihre Elter und allem richtigen Gefühl zum Trotz ein Verhältniß mit einer Perſon fortſetzen ſollte, die nicht un ebenſo uch der haben innung aß wir hreiben ß Lady mt ge⸗ nſchens⸗ zu ver⸗ und der n Rang eſtbon⸗ kannte, btſchaft rough luß auß Vor⸗ z„abe n, al nicht vor nfichten anders! ler Be⸗ Eltern rhältniß cht nu 35 unbekannt iſt, ſondern die ſich nicht einmal herab⸗ läßt, das Incognito gegen ein Frauenzimmer abzu⸗ legen, um ras ſie ſich bewirbt? Komm, Clarenee, gib mir Deine Inſtruktionen und laß mich morgen als Deinen Geſandten handeln.“ Clarence ſchwieg. „Ich kann es alſo als abgewacht anſehen,“ ver⸗ ſetzte Talbot;„inzwiſchen ſollſt Du zu mir ziehen; die reine Luft auf dem Lande, ſelbſt ſo nahe bei der Stadt, wird Dir zuträglicher ſein, als alle Arzte in London und überdies wirſt Du ſo im Stande ſein, der Dich verfolgenden Franzöſin ku entgehen.“ „Auf welche Weiſe?“ fragte Clarence. „Nun, wenn Du in meinem Hauſe biſt, ſo kaun ſie doch nicht wohl ihre Wohnung bei Dir aufſchla⸗ gen, und während ich Deine Bewerbung um Laby Flora begünſtige, ſollſt Du einen ſehr ſchmeichelhaften, ſehr dankbaren und entſchuldigenden Brief an Madame La Meronville ſchreiben. Aber überlaß es mir, ihn für Dich aufzuſetzen; inzwiſchen laß Harriſon Deine Kleider und Arzneien einpacken, und wir wollen unſere Flucht bewerkſtelligen, während Mabame Meronville noch ſchläft.“ Clarenee klingelte; die Befehle wurben gegeben und ausgeführt, und in weniger a's einer Stunde war er mit ſeinem Freunde auf dem Wege zu Talbots Villa. Als ſie langſam durch die Umgebung zu dem Hauſe fuhren, ſiel Clarence die Stille und Ruhe der Gegend lebhaft auf. Zu beiden Seiten des Weges ſtanden Roſen und Geißblatt, deren Wohlgerüche ver Sommerwinb umher verbreitete, ver, obgleich es kaun Mittag war, friſch die Bäume bewegte und wie mil einer zweiten Jugend die hohle Wange des Patienten anwehte. Die Fenſter des Hauſes, welches jetzt dich vor ihnen lag, waren zum Theil geöffnet und die Vorhänge flatterten hin und her, als wären ſie froh, einen Feiertag zu haben, und in der Abweſenhei ihres Herrn mit dem lieblichen Lufthauche ſpielen h können. Der alte Diener hatte das Rollen des Wo gens gehört, und kam mit dem Ausdruck ruhige Freude in dem trockenen Geſichte an die Thür, un ſeinen Herrn zu begrüßen. Sie hatten ſo viele Jahn miteinander verlebt, daß ſie einander ſehr ähnlich g⸗ worden waren. Der alte Diener rühmte ſich damit vaß er die Kleidung und das Weſen ſeines Hern auf ſehr glückliche Weiſe nachahme. Ich vermuth⸗ jener alte Diener war ein ſtolzer Mann, wenn Zeit und Zuhörer hatte, ſeiner ehrlichen Redſeligke freien Lauf zu laſſen; und dann wurde manche al Geſchichte von dem früheren Ruhme ſeines Hern aus ſeinem Gedächtniſſe aufgegraben. Mit welch freudigen Glut verbreitete er ſich über die Triumph der Vergangenheit; wie beredt ſchilderte er die A muth, womit der junge Herr Talbot ins Zimus Manr an!“ Blas' Sonn lebe n eines wieder Arm ich me Wie n wollte Bücher Leuten De ihren ſo bitt als ſe rung: aufgeſi nachah weit v des Ve ten de über i getreten, wo er ſogleich die Augen aller Damen g komme ſich gezogen; wie geiren beſchrieb er die hofmänniſch Kleidung, die ausgeſuchte Wahl der Farben, den koß baren Glanz des Stoffes, welches den Neid der Herr⸗ ten zu Ta Diener und die verzweifelnde Bewunperung der Diener e der Be regte; und dann das Entzücken, womit der gute al tiemne es kaun wie mit atienten etzt dich und dit ſie froh veſenhei ielen des Wu⸗ ruhign hür, un le Jahr nlich g⸗ h damit 3 Hern ermuth⸗ wenn dſeligke nche al Hern t welch⸗ riumph die An Zimm amen au nänniſch den koß⸗ er Herr 37 Mann zu rufen pflegte:„Ich kleibete den Jungen an!“ Noch jetzt wollte dieſer moberne Seipio(Gil Blas' Seipio, nicht Roms) nicht glauben, daß die Sonne ſeines Herrn gänzlich untergegangen ſei: er lebe nur zur Zeit in der Zurückgezogenheit und würde eines Tages wieder erſcheinen und die Londoner Welt wieder in Erſtaunen ſetzen.„Ich würde meinen rechten Arm darum geben,“ pflegte Jasper zu ſagen,„wenn ich meinen Herrn wieder bei Hoſe ſehen könnte. Wie würde der König ihn lieben.— Ja, ja, ich wollte, er wäre nicht ſo ſchwermüthig mit ſeinen Büchern beſchäftigt, und ging auch aus, gleich andern Leuten!“ Der arme Jasper! Die Zeit iſt oft ſehr rauh in ihren Umbildungen, aber die Veränderung, die du ſo bitter beklagteſt, war glücklicher für deinen Herrn als ſein früherer glücklicher Zuſtand der Bewunbe⸗ rung und Hulbigung.„Wir haben vas Vergnügen aufgeſucht,“ ſagte Rouſſeau in einer von ſeinen un⸗ nachahmlichen Antitheſen—„und das Glück iſt weit von uns entflohen.“ Aber in der Verfolgung des Vergnügens ſammeln wir einige zerſtrente Blü⸗ ten der Weisheit, und wenn jene Verfolgung vor⸗ über iſt, ſo wird das Glück endlich auf unſere Bitten kommen und uns helfen, den Honig aus dieſen Blü⸗ ten zu ziehen. Talbot ſtützte ſich freunblich auf den Arm ſeines Dieners als er aus dem Wagen ſtieg und fragle mit iener e der Beſorgniß eines Freundes nach ſeinem Rheuma⸗ gute tismus. Die alte Haushälterin, die im Vorſaale wartete, beſchäftigte zunächſt ſeine Aufmerkſamkeſ und als er mit jener Rückſicht, ſelbſt gegen Thier⸗ die ſein weltliches Wohlwollen ihn gelehrt, in de Geſellſchaftszimmer trat, blieb er ſtehen, um ein große, graue Katze zu liebkoſen, die ſich um ſein Füße ſchmiegte. Ich muß dir ſagen, lieber Leſer, deß ſelbſt darin ein Vergnügen liegt, eine graue Kat glücklich zu machen. Nachdem Clarence alles Achſelzucken, alle Seuft und Ausrufungen des Mitleids über ſein krank⸗ Ansſehen, welche das beſondere Vorrecht alter Di ner ſind, geduldig ertragen hatte, folgte er de alten Diener in vas Zimmer. Papiere und Bächt obgleich ſorgfültig abgeſtäubt, ſtanden und lage noch genau an denſelben Plätzen, wohin Talbotf zuletzt gelegt— ein unvergleichliches Glück! w würden wir nicht um ſolche Stubenmädchen geben — In allen Vaſen waren friſche Blumen; der gry Lehnſtuhl ſtand auf ſeinem gewohnten Platze, u Alles hatte für Talbots Augen jenes heitere und de nüchterne Ausſehen willkommener Vertraulichkeit, w. ches unſer Haus zu unſerm Freunde macht. Clarence ſetzte ſich an das offene Fenſter und T bot, der ſich freute, daß er ſeine rothen Vorhin wiederſah, nahm ſeinen Sitz in der gänſtigſten Sts lung, die ſeine Erfahrung ihn wählen lehrte. D. alte Mann war in ſehr guter Laune. „Ich weiß nicht, wie es kommt,“ ſagte er,„h ich fühle mich jünger als je! Du haſt oft den Wunſ ausgeſprochen, meinen Familienſitz zu Searsdale) ſeher Reiſ dortl was Flor röth die komr rony Lind ſpäte lerne hat Talh dung Zim Flor diger Stre bin, kſamkelt Thiere „ in de um ein um ſein eſer, da mue Kat e Seuft krank lter Di⸗ er de Büche nd lagn Lalbotf ück! we n geben der gri atze, m e und do hkeit, w . und T Vorhän ſten St hrte. D. er,„ch n Wunſ rsvale 39 ſehen; es iſt freilich weit von hier; aber wenn Du mein Reiſegefährte ſein willſt, ſo denke ich, gehe ich noch dorthin, ehe der Sommer ganz vorüber iſt; oder was ſagſt Du, Clarenee, ſoll ich es Dir und Lady Flora zu Euren Flitterwochen borgen?— Du er⸗ rötheſt!— ein diplomatiſches Erröthen!— Oh, wie die Welt ſich ſeit meiner Zeit verändert hat! Aber komm, Clarence, wie wäre es, wenn Du an La Me⸗ ronville ſchriebeſt?“ „Nicht heute, Herr, wenn Sie erlauben,“ ſagte Linden,„ich fühle mich ſehr matt.“ „Wie Du willſt, Clarence; aber einige Jahre ſpäter wirſt Du den Werth der Gegenwart ſchätzen lernen. Die Jugend liebt ſtets die Verzögerung und hat daher ſtets zu bereuen.“ Und hierauf ließ ſich Talbot auf eine halb ernſte, halb heitere Unterre⸗ dung ein, die ſo lange währte, bis Clarenee auf ſein Zimmer ging, um ſich niederzulegen und an Lady Flora Ardenne zu denken. Fünfzigſtes Kapitel. La vie est un sommeil.— Les vieillards sont ceux dont le somweil a été plus long: ils ne commencent ä se réveiller que quand il faut mourir. La Bruyére. „Du wunderſt Dich, vaß ich bei meiner beſtän⸗ digen Liebe zur Literatur und bei meinem früheren Streben nach Ruhm nie als Schriftſteller aufgetreten bin,“ ſagte Talhot, als er und Clarenee allein nach dem Mittageſſen ba ſaßen und verſchiebene Dinge ver⸗ handelten;„die Wahrheit iſt, ich habe es oft heah⸗ ſichtigt, und bin eben ſo oft von meinem Vorhaben abgeſchreckt worden. ZJene ſchrecklichen Fehden— jene heftigen Streitigkeiten— jene beredten Verleum⸗ dungen, die von dem literariſchen Leben faſt unzer⸗ trennlich find, erſcheinen mir zu ſchrecklich, als daß ein Mann, der nicht gänzlich abgehärtet oder bos⸗ haft iſt, ſich demſelben freiwillig ausſetzen ſollte. Guter Himmel! welche Bitterkeit iſt in dem Blute eines Schriftſtellers! Die Manifeſte feinvlicher Ge⸗ nerale, welche vorrücken, um zu plündern, zu ver⸗ brennen und zu zerſiören, enthalten nicht den zehnten Theil der Grauſamkeit, welche in den Schriften der literariſchen Kämpfer herrſchen! Kein Ausvruck des Vorwurfs iſt zu ſtrenge, kein Tadel iſt zu ſtark!— Die ſchwärzeſten Leivenſchaften, die bitterſte, vie ge⸗ meinſte Bysheit gießen Gift auf jede Seite! Es ſcheint, als wenn die größten Talente, die ausgebrei⸗ tetſte Kenntniß nur aus dem ſchwächſten und am ſchlechteſten geleiteten Geiſte entſprungen ſeien, wie ausländiſche Pflanzen aus dem Dung. In den Pri⸗ vatherichten, in den öffentlichen Werken der Literaten herrſcht eine nicht zu mildernde Wuth! Ihre Bio⸗ graphien könnten alle auf dieſe Sätze redueirt wer⸗ den— ſie wurden geboren— ſie zankten— fi ſtarben!“ „Aber es würde der Welt wenig daran liegen,“ ſagte Clarence,„wenn bieſe Zänkereien allein auf Dichter und Schriftſteller der Tageslitergtur beſchränkt u ver⸗ ehnten en der ck des — die ge⸗ 1 Es gebrei⸗ nd am wie n Pri⸗ teraten Bio⸗ t wer⸗ — ſie egen,“ in auf hränkt 41 wären, bei welchen die Reizbarkeit ſaſt nothwendig mit der lebhaften und raſchen Auffaſſungsgabe ver⸗ eint iſt, die ihr Genie bildet. Dieſe Dinge darf man mehr beklagen und ſich darüber wundern unter Phi⸗ loſophen, Theologen und Männern der Wiſſenſchaft; die Kälte, die Geduld, das Wohlwollen, welche ihre Werke charakteriſiren ſollten, würden wenigſiens ihre Eiferſucht mäßigen und ihre Zänkereien mildern.“ „Ach!“ ſagte Talbot,„aber die Eitelkeit der Ent⸗ veckung iſt nicht weniger lebhaft als die des pyetiſchen Schaffens: vie Selbſtliehe eines Philoſophen iſt nicht weniger Selhſtliebe als vie eines Dichters. überdies find dieſe Sekten, die am feſteſten in ihren Meinun⸗ gen find, ſei es nun in der Religion oder in der Wiſſenſchaft, ſtets die bigotteſten und verfolgungs⸗ ſüchtigſten. überdies täuſchen ſich faſt alle Menſchen im Streit, und bilden ſich ein, daß fie nicht aus Privateiferſucht, ſondern aus öffentlichem Wohlwollen intolerant find; ſie ſprechen ſich nie gegen die Un⸗ gerechtigkeit aus, die ihnen ſelber angethan worden — nein, es iſt die ſchreckliche Ungerechtigkeit gegen die Geſellſchaft, die fie kränkt und entflammt. Nicht die bittern Ausdrücke gegen ihre Dogmen ſind es, die ihnen Schmerz verurſachen; keineswegs, die ſchreck⸗ lichen Lehrſätze— ſo nachtheilig für das Land, wenn ſie die Politik betreffen— ſo verderblich für die Welt, wenn ſie in die Philoſophie einſchlagen— welche zu denuneiren und zu verdammen ihre Pflicht, nicht ihre Eitelkeit, ſie antreibt. Beachte nur War⸗ burtons Anfſcht von Lord Bolingb roke's Philoſophie 42 Gab es je eine ſolche Tänſchung in den Schlüſſen? Doch dieſe Täuſchung blendete ſeinen eigenen Geiſt mehr als dieſe Philoſophie je den Geiſt ves Leſerz blendete, und der biſchöfliche Kämpe glaubte ohne Zweifel wunderbar gerecht zu ſein, da er doch un wunderbar ſchmähſüchtig war. „Es ſcheint eine Art von Reaktion in der So⸗ phiſterei und Heuchelei zu ſein,“ ſagte Clarenee;„ez gab vielleicht nie einen Betrüger, der nicht ſelber durch ſeine eigenen Leidenſchaften getäuſcht wurde.“ „Sehr wahr,“ ſagte Talbot,„und es iſt Schade, vaß die Geſchichtſchreiber dieſe Thatſache nicht im Aug⸗ behalten haben; wir würden dann eine beſſere Anſicht von den Cromwells und Mahomets der Vergangen⸗ heit haben, als gegenwärtig, und nicht die durchauz für Betrüger erklärt haben, welche wahrſcheinlich eben ſo ſehr die Opfer des Betruges waren. Aber um z mir ſelber zurückzukehren. Ich denke, Du wirſt ſchon im Stante ſein, Deine Frage, warum ich kein Schrift⸗ ſteller geworden, ſelbſt zu beantworten, jetzt, da wi eine kurze Betrachtung der Unannehmlichkeiten eine ſolchen Berufs angeſtellt haben. Aber in Wahr⸗ heit, jetzt am Ende meines Lebens bedaure ich oſt, vaß ich nicht mehr Muth hatte, denn wir alle hegen eine gewiſſe Ruheloſigkeit bei der überzeugung hi⸗ herer Kenntniß und Einſicht, mag ſie nun wahr oder falſch ſein, und dieſe treibt uns an, die Probe zu beſtehen; oder wenn wir dem Antriebe wiverſtehen, macht ſie uns unzufrieden mit unſerem Müßiggange und der Vergangenheit. Ich beſitze jetzt alles, was der ſunt und wen gan mit ſtiei frei gerr Ben aufe hild So lebe angen⸗ rchaus ich eben um zu ſt ſchon Schrift⸗ da wir n eine Wahr⸗ ich oft hegen ng hi⸗ hr oder robe z rſtehen, ggang 6, was 43 der Wunſch meiner ſpäteren Jahre geweſen iſt: Ge⸗ ſundheit, Zurückgezogenheit, erfolgreiches Studium und die Neigung eines Mannes, in deſſen Bruſt, wenn ich vahingeſchieden bin, mein Andenken nicht ganz erlöſchen wird. Mit vieſen Vortheilen, vereint mit den Gaben des Glücks und einer gewohnten Ela⸗ ſtieität des Geiſtes bekenne ich, daß mein Glück nicht frei iſt von häufigem nagenden Bedauern; ich wäre gern ein beſſerer Bürger geweſen; ich wäre gern in dem Bewußtſein geſtorben, nicht nur vaß ich meinen Geiſt aufs Außerſte ausgebildet, ſondern daß ich vieſe Aus⸗ hildung zum Wohl meiner Mitgeſchöpfe angewendet. So wie die Sache iſt, indem ich gänzlich für mich lebe, fühle ich, daß meiner Philoſophie der Edel⸗ muth gefehlt hat, und daß meine Gleichgültigkeit gegen den Ruhm aus einer Schwäche und nicht aus einer Tugend hervorgegangen iſt, wie ich mir einſt einbil⸗ dete; aber die Fruchtlofigkeit meines Daſeins iſt die Folge der mühſamen Frivolität und der unbedeuten⸗ den Zwecke, womit ich meine früheren Jahre hin⸗ gebracht, und mein Geiſt, indem er die Freuden ver⸗ lor, die er früher beſaß, hatte nicht mehr die Kraft, ſich einen neuen Boden zu ſchaffen, von welcher Ar⸗ beit allein er ſchätzbarere Früchte hoffen konnte. Es iſt kein Widerſpruch, Jene, welche in ihrer Jugend ſich am eifrigſten in die Geſellſchaft miſchten, in ihrem Alter am empfindſamſten davor zurückbeben zu ſehen. Denn die, welche gewiſſe Vortheile befitzen und außer⸗ ordentlich eitel darauf ſind, werden natürlich geneigt ſein, die Sphäre aufzuſuchen, wozu dieſe Vortheile 44 am beſten geeignet ſind, und wenn ſich die Ingend mit ihren Begleitern entfernt, bleibt die ſo lange genährte Eitelkeit noch zurück und kränkt ſie beſtändig, indem ſie nicht ſo ſehr an die verlorene Eigenſchaften, als an die Achtung erinnert, die ihren Beſitz beglei⸗ tete, und nicht ſowohl ihre gegenwärtige Veränderung als den Wechſel der Rückſicht und Achtung Anderer in Contraſt ftellt. Was Wunder denn, daß ſie leb⸗ haft vor der Welt fliehen, die nur Kränkung für ihre Selbſtliebe hat, oder daß wir finden, wie die eifrigſten Anhänger des Vergnügens die ſtrengſten Einſiedler geworden ſind? Ich für meinen Theil denke, daß die Liebe zur Einſamkeit, welche die Alten heſaßen, und welche heutiges Tages von Einigen als das Zeichen eines großen Geiſtes betrachtet wird, faſt immer aus Eitelkeit entſteht, welche in dem Verkehr mit der rau⸗ hen Welt leicht verwundet wird, und vaß die Ein⸗ ſiedelei aus fehlgeſchlagener Hoffnung erbaut iſt. Di⸗ derot hatte Recht, ſelbſt auf die Gefahr hin, Rouſſeau zu beleidigen, gegen die Einſawkeit zu ſchreiben. Je mehr ein Moraliſt den Menſchen an den Menſchen bindet und uns verbietet, unſere Intereſſen von denen. unſeres Geſchlechts zu trennen, deſto wirkſamer wird der Zweck der Moralität erreicht. Sie ſind nur in der Abgeſchiedenheit zu rechtfertigen, die, gleich den griechiſchen Philoſophen, jene Abgeſchiedenheit als Mittel benützen, ihrem Geſchlechte zu dienen und es aufzuklären— die aus ihrer Zurückgezogenheit ihre Orakel der Weisheit ſenden und die Wüſte, vie ſie umgibt, heredt machen mit der Stimme der Wahr⸗ enen. wird r in den als d es ihre e ſie ahr⸗ 45 heit. Aber erinnere Dich, Clareuce(und laß mein Leben, nutzlos an ſich, wenigſtens dieſe Moral ent⸗ halten), daß für den, der auf keine Weiſe ſein Talent zum Wohl Anderer anwendet, der zufrieden iſt, ein guter Einfiedler zu ſein, anſtatt ein guter Bürger, der aus ſeiner Einſamkeit auf ein Leben hinblickt, welches er mit Nichtsthun verſchwendet hat und im Studirzimmer die im Salon übel angewendete Zeit nicht wieder einbringt; erinnere Dich, daß für ihn die Abgeſchiedenheit ihre Würde, die Philoſophie ihren Troſt, das Wohlwollen ſeine Hoffnung, und ſelbſt die Religion ihren Balſam verliert. Die unangewen⸗ dete Kenntniß wird uns vor dem Laſter bewahren— denn Laſter iſt nur ein anderer Name für Unwiſſen⸗ heit— aber die angewendete Kenntniß iſt Tugend. Vollkommenes Glück iſt in unſerem gegenwärtigen Zuſtande unmöglich, denn Hobbes ſagt mit Recht, daß unſere Natur von Wünſchen unzertrennlich iſt, und daß das Wort Wunſch(das Verlangen nach etwas, was wir nicht befltzen) andeutet, daß unſer gegen⸗ wärtiges Glück nicht vollſtändig iſt. Aber es gibt ein Mittel, das zu erreichen, was wir irdiſches Glück nennen können— dies iſt eine aufrichtige und unaus⸗ geſetzte Thätigkeit für das Glück Anderer. In dieſem einen Grundſatz iſt Alles enthalten, was in der Mo⸗ ralität edel, in der Religion erhaben und in der Wahrheit unergründlich iſt. In dieſem Streben haben wir Alle freien Spielraum für Alles, was in unſerm Herzen vortrefflich iſt, und keinen für die unbedeu⸗ tenden Leidenſchaften, die unſerer Natur ankleben. ——— 46 Welches auch unſere Irrthümer find, da wird Abel, nicht Schwäche in unſerer Reue ſein; welches auch unſere Fehler, Tugend, nicht Selbſtſucht in unſerem Bedauern; und in der Folge wird die Eitelkeit ſelbſt heilig und der Triumph ewig werden. Sv wie die Aſtrologen bei den Metallen die wohlthätige Stellung der Sterne zu beobachten pflegten, um gleichſam das Glück der Stunde, welches ſonſt flüchtig ſein würde, feſt zu halten, ſo wird jener Erfolg in unſerem Ge⸗ vächtniß einen Segen zurücklaſſen, der nicht dahin⸗ ſchwinden kann— und auf immer für unſere Namen, wie auf einem Siegelringe, den Einfluß der Stunbe bewahren, wo unſer großer Zweck erreicht wurde, und die Reliquien des Himmels in dem Heiligthun des menſchlichen Ruhmes niederlegen.“ Als der alte Mann ſchwieg, hatte ſich ein mattes und hektiſches Erröthen über ſein Geſicht verbreitet; alle ſeine Züge hatten einen Ausdruck der Begeiſte⸗ rung, den das Alter faſt heilig machte, und den Clarenee noch nie an ihm beobachtet hatte. Sein junger Zuhörer war tief gerührt, und der Rath ſeines Pflegevaters wurde ſeinem Gedächtniß ſpäter mit noch ehrfurchtsvollerer Feierlichkeit eingeprägt. Schon hatte er ſich viel Weltkenntniß aus Talbots Vorſchriften und Unterhaltungen angeeignet. Er hatte ſelbſt etwas Beſſeres erlangt, als weltliche Lehre— eine gütige und nachſichtige Stimmung gegen ſeine Mitgeſchöpfe; denn er hatte geſehen, daß Schwächen mit edlen und großen Eigenſchaften nicht unverträglich find, und vaß wir die menſchliche Natur unrichtig beurtheilen, wenn wir d ſelben mache Thore nern verach nicht dern 1 A Duldu Abend beſtärt Die C Abend und e fie er Düſte regte die, r ſie ert Beloh D des C innert geben. Nacht Herzl Wort liche A 47 wir die Kleinheit derſelben lächerlich machen. Die⸗ ſelben Umſtände, die den Flachköpfigen miſanthropiſch machen, bewegen den Weiſen, wohlwollend zu ſein. Thoren enidecken, daß Schwachheit mit großen Mänu⸗ nern nicht unverträglich iſt, ſie wunbern ſich und verachten; aber die Scharfſichtigen finden, daß Größe nicht unveriräglich iſt mit Schwäche, und ſle bewun⸗ dern und haben Nachſicht. Aber eine noch größere Wohlthat, als die der Duldung, ſchöpfte Clarenee aus der Unterredung dieſes Abends. Er wurde in ſeinem ehrenvollen Ehrgeize beſtärkt und zu unausgeſetzter Anſtrengung angeſpornt. Die Erinnerung an Talbots letzte Worte an jenem Abende kehrte ihm häufig zurück, wenn ſein Herz krank und ermattet war von fehlgeſchlagener Hoffnung— ſie erweckte ihn aus jener Troſtloſigkeit und jenem Düſter, welches ſtets der Tugend ungünſtig iſt, und regte ihn wieder zu jener Arbeit im Weinberge an, die, mag unſere Stunde ſpät oder früh ſein, wenn ſie ernſtlich und angeſtrengt iſt, einen Segen und eine Belohnung erhalten wird. Die Stunde war ſchon ſpät, und da Talbot ſich des Geſundheitszuſtandes ſeines jungen Freundes er⸗ innerte, ſo ſtand er auf, um ſich zur Ruhe zu be⸗ geben. Als er Lindens Hand vrückte und ihm gute Nacht wünſchte, glaubte dieſer etwas ungewöhnlich Herzliches und Zärtliches in ſeinem Weſen und ſeinen Worten zu bemerken. Vielleicht war dies die natür⸗ liche Folge ihrer Unterredung. Am nächſten Morgen wurde Glgrenee durch ein 48 Geräuſch erweckt. Er horchte und hörte deutlich rinen Schrei des Schreckens, der aus dem Zimmer kan, worin Talbot ſchlief und welches ſich dem ſeinigen gegenüber befand. GFr ſtand haſlig auf und eilte zu dem gimmer. Die Thür war offen, ber alte Diener beugte ſich über das Bett; Clarence näherte ſich und ſah, wie der ſeinen Herrn in ſeinen Armen hielt. „Guter Gott!“ rief er,„was iſt geſchehen?“ Der getreue alte Mann erhob ſein Geſicht zu Clarenee und große Thränen rollten ihm aus den Angen, wo die Quellen ſolcher Bewegungen längſt ausgetrocknet z ſein ſchienen. „Er liebte Sie ſehr, Herr!“ ſagte er, und meht konnte er nicht ſprechen. Er ließ den Körper ſauft wieder finken, warf ſich auf den Boden und ſchluchzt laut. Mit erſchrockenem und ahnungsvollem Herzen beugte ſich Clarenee vorwärts; das Geficht ſeine Wohlthäters lag vor ihm da, unv der Tod hatte ihn ſein Siegel aufgedrückt. Die Seele war ſchon ſeit mehren Stunden in der Stille der Nacht zu ihrer Rechenſchaft gegangen, und dem Anſcheine nach ohn Kampf oder Schmerz hinübergeſchweht, gleich den Winde, der die Harfe auf einen Angenblick heleht und dann dahin iſt. Linven ergriff ſeine Hand— ſie war ſchwer un kalt; ſein Auge ruhte auf dem Bilde der unglücklichen Lady Merton, welches Talhot ſeit der Nacht des Raubanfalles beſtändig um den Hals getragen hatte. Seltſam und mächtig war der Contraſt zwiſchen dem gemalten Geſichte, wo noch keine Farbe erloſchen war, und Al und de geſchier In tige M das Alt aber„ und un zu dem melte: „A als er nen au Es Claren Philoſ angeeit ſelben erlaubt Se ſchon ohne K dete, zu ben Bu 49 und Alles auf die Fülle der erſten Jugend deutete, und dem alten und eingefallenen Geſichte des Dahin⸗ geſchiedenen. In jenem Contraße lag eine traurige und mäch⸗ tige Moral; ſie brachte gleichſam die Jugend und das Alter in nahe Berührung und lieferte eine raſche, aber vollſtändige Geſchichte von unſern Leidenſchaften und unſerm Leben. Der Diener blickte noch einmal zu dem Geſichte auf, deutete darauf hin und mur⸗ melte:„Sehen Sie, wie furchtbar es verändert iſt.“ „Aber es iſt ein Lächeln darauf!“ ſagte Clarence, als er ſich neben der Leiche niederwarf und in Thrä⸗ dmeht nen ausbrach. r ſanft Einundfünfzigſtes Kapitel. ſeinet Die Tugend gleicht köſtlichen Wohlgerüchen, die tte i ſtärker duften, wenn ſie angezündet over ze v ückt tte ihm werden; denn das Glück zeigt das Loſter beſſer, on ſeit aber das Unglück die Tugend. Bacon. u ihrer Es iſt bemerkenswerth, daß, während Talbot ch ohm Clarence als das ſchätzbarſte Legat, die Lehrfätze einer ch den Philoſophie hinterlteß, die er ſich vielleicht zu ſpät belebt angeeignet hatte, um ſie auszuüben, Glendower die⸗ ſelben Lehrſätze, ſo weit es ſeine beſchränkte Sphäre er und erlanbte, zur Regel ſeines Lebens machte. cklichen Seit dem Tode des Buchhänblers, deſſen wir ht de ſchon oben erwähnt haben, war Glendower gänzlich hatt, ohne Hülfsquellen. Die andern, an bie er ſich wen⸗ en dem dete, waren nicht geneigt, eine unbekannte Fähigkeit n wat, zu benützen. Das Geſchäft des Büchermachens ſtand Bulwer, der Verſtoßene. II. 4 50 damals noch nicht auf dem Punkte, wie jetzt, un wenn es auch der Fall geweſen wäre, ſo würde dog der hochgeſtimmte und mit der Welt unbekannte G⸗ lehrte keinen Nutzen daraus gezogen haben. Einiz Buchhänbler boten ihm freilich ein hohes Honorg für eine unmoraliſche Erzählung; andere ſprachen vy dem Werthe eines Angriffs auf die Amerikaner; ein⸗ machte den Vorſchlag zu einer Ode an den Miniſte und ein anderer meinte, daß man dadurch vielleih eine Penſton erhalten könnte, wenn man beweiſn wollte, daß die Erpreſſung keine Tyrannei ſei. Ab dieſe Andeutungen fielen in ein taubes Ohr, und d Stamm des Barrabas war erſtaunt zu finden, de ein Schrifiſteller Vortheil und Grundſätze nicht fö gleichbedentend halten könne. Mit Mangel kämpfend, der ſtündlich gebieteriſch⸗ und drückender wurde, mit Studien beſchäftigt, 8 ſeinen Puls fieberhaft aufregten und ſeinem Ehrgeh nur Täuſchung brachten; durch die Kränkungen, ſeine Armuth ſeinem Stolze zufügte, in tiefſter Sei verwundet und mit thränenloſen Augen, aber f wahnfinnigem Gehirn die ſchlanke Geſtalt ſeiner Ga tin beobachtend, die jetzt ſchwächer und ſchwäch wurde, ſo wie der Krebs der Krankheit ihr jm ges Leben zernagte, war doch ein hoher, obgle nicht beſtändiger Troſt in ihm, wenn ſeine Gedank⸗ den Bekümmerniſſen dieſes düſtern Ortes entflohe gleich Vögeln, die, aus ihrem Käſig losgelaſſen, ſi in dem Glanze und der Freiheit ihres heimathlich⸗ Himmels verlieren. großen Eitelke nennen Forder dürfnif teriſch⸗ igt, 1 Fhrgei n, er Sei ber fi er Ge hwäch hr jm obglei ank flohen en, ſi thlich⸗ 51 „Wenn der Wind dieſen Samen zerſtreut oder der Fels ihn aufnimmt,“ dachte er, als er ſein ſchätz⸗ bares Werk anblickte,„ſo wurde er wenigſtens von einer Hand ausgeſtreut, welche keine ſelbſtſüchtige Be⸗ lohnung forderte, und von einem Herzen, welches die Ernte ſeiner Arheiten an die würde verſchwendet ha⸗ ben, die den Ackersmann nicht kennen und ſeine Hoffnungen in den Staub treten.“ Nach und nach aber wurde dieſer Troſt efner großen und edlen Natur, dieſe Einflüſterungen eine Eitelkeit, die man eher heilig als entſchuldigenswerth nennen konnte, wenig häufig und gemäßigter. Die Forderungen eines ſchwereren und dringenderen Be⸗ dürfniſſes, als das des Geiſtes, machten ſich raſch und lebhaft geltend; die ſchöne Wange ſeines Kindes wurbe bleich und hohl; ſeine Frau(o Weib! das du in gewöhnlichen Fällen ſo ſehr der Erde angehörſt, wie erhebſt du dich in den großen und ſeltenen Er⸗ eigniſſen des Lebens zu dem Engel!)— ſeine Frau überwand die Natur ſelbſt durch Liebe, darbte in der Stille, ſetzte ihm mit einem Lächeln ſein Brod vor und bat ihn, zu eſſen. „Aber Du— Du?“ pflegte er forſchend zu fragen und dann zu ſchweigen. „Ich habe ſchon geſpeiſt, Theuerſter; ich bedarf nichts; iß nur, Lieber, iß!“ Aber er aß nicht. Die ihr geraubte Speiſe ſchien ihm tödtlicher als Gift, und dann ſtand er auf, ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn, ging allein und mit unbefriedigter Natur hinaus, um dieſe herrliche 52 Welt zu betrachten und Zufriebenheit zu lernen. Naz einer ſolchen Seene wanderte er eines Tages au ven Straßen umher, verzweiflungssoll und verwirn im Geiſte, ohnmächtig vor Hunger und halb wahn⸗ ſinnig von glühenden und unrechten Gedanken, di über ſeine verödete und düſtere Seele dahinfuhren und ſie verwüſteten, aber nicht überwanden. Es wa Abend; er lehnte ſich an das Gitter vor einem Hauſ in einer einſamen und wenig beſuchten Straße, den er war anfangs ſo raſch gegangen, daß ſeine Kräft jetzt erſchöpft waren und er ſich genöthigt ſah, ſlll zu ſtehen. Kein Fußgänger war in der düſtern un unbelebten Gaſſe zu ſehen. Er ſtand im eigentlichſte Sinne, hinſichtlich der Seene und des Herzens ein ſam in der Mitte der großen Stadt, und wohin blickte, war Niemand zu ſehen. „Seit zwei Tagen iſt nur einmal Brod üh⸗ meine Lippen gekommen,“ ſagte er langſam un matt,„und das wurde ihren Lippen geranbt, die it mit ſüßen und heiligen Küſſen genährt und vn welchen ich meinen einzigen Troſt in dieſem traun gen Leben erhalten habe. Und ſie, ja ſie darbt- und mein Kind auch. Sie klagen nicht— ſie murre nicht— aber ſie erheben ihre Angen zu mir u bitten um—. Gnädiger Gott! Du ſchuſſt den Me ſchen im Wohlwolleu; Du überſchauſt dieſe Welt m erbarmungsvollem und väterlichem Auge— retl tröſte, erheitere ſie und zermalme mich, wenn N willſt.“ In dem Aungenblick kam plötzlich ein Mann 6 einem Glendv und R im näc Menſch „V zuz„w Glendo abgeſpe im Kr Stimm Geſtalt Kopf dem G verfolg — fie was ge ſtützen, tern kö die Gr ſtill ge Ende l ſerer 2 kener— folgune So tritte r Eiſen, ſam ka mender Nahh es au erwirt wahn⸗ n, di fuhren Fs we Hauſ „ dem Kräft 5, ſüi rn un lichſtn ns ein ohin d übe m un die i ind von traut arbt- murt nir n n Men Jelt m — ret nn 53 einem dunklen Gange gelaufen und eilte raſch an Glendower vorüber; gleich darauf hörte er ein Schreien und Rufen und das Stampfen vieler Fußtritte, und im nächſten Augenblick war die einſame Straße mit Menſchen angefüllt. „Wo iſt er?“ rieſen hundert Siimmen Glendower zu;„wo— welchen Weg nahm der Räuber?“— Aber Glendower konne nicht antworten, ſeine Nerven waren abgeſpannt und ſein ſchwindliches Gehirn drehte ſich im Kreiſe; die Geſichter, die ihn anſtarrten, und die Stimmen, die ihm ins Ohe ſchrieen, waren für ihn Geſtalten und Töne einer geiſterhaften Welt. Sein Kopf ſank auf ſeine Bruſt nieder— er hielt ſich an dem Gitter feſt— die Menge ging vorüber— ſie verfolgten einen Schuldigen— ſie vürſteten nach Blut — ſie wollten den Kerker und den Galgen füllen— was galt ihnen die Jugend, die ſie hätten unter⸗ ſtützen, oder der Hunger, den ſie hätten erleich⸗ tern können? Aber ſie kannten ſeine Noth nicht, noch die Größe ſeiner Schwäche, ſonſt wären gewiß einige ſtill geſtanden und hätten ihm geholfen, denn am Ende liegt eben ſo viel Güte als Grauſamkeit in un⸗ ſerer Natur; vielleicht dachten ſie, es ſei ein Betrun⸗ kener— oder ſie dachten auch in der Hitze ihrer Ver⸗ folgung gar nicht an ihn. So zogen ſie weiter, und ihre Stimmen und Fuß⸗ tritte verhallten, und bewußtlos und kalt wie das Eiſen, an dem er hing, war er wieder allein. Lang⸗ ſam kam er zu ſich, öffnete ſeine trüben und ſchwim⸗ menden Angen, ſah den Abendſtern aus ſeiner Kammer hervorbrechen und burch die trübe und neblichte Luft ſein mattes Lächeln auf die verunreinigte Stadt werfen. Er blickte ruhig in die ßtille Nacht hinaus, auf den Vorboten der himmliſchen Schaaren und fühlt⸗ wie ſich ein Balſam in ſeine Seele ſenkte; freilich nicht jene unbeſtimmte und köſtliche Ruhe, die er in ſeinen Knabenjahren der Poeſie und Romantik in der grünen Einſamkeit aus dem milden Zwielicht einge⸗ ſogen, ſondern eine Stille, die traurig und nüchter ſeinen Geiſt umkreiste und ihn von ſeinen verwirrin und ungeordneten Viſtonen zu der Erinnerung un Wirklichkeit ſeines bitteren Lebens zurückbrachte. Nach und nach wurde ihm die Seene, die er un unvollkommen beobachtet hatte, die Flucht des Rän⸗ bers und die lebhafte Verfolgung des Pöbels deut licher: ein finſterer und ſchuldiger Gedanke drängi ſich ſeinem Geiſte auf. „Ich bin ein Menſch, wie jener Verbrecher, ſagte er heftig.„Ich habe Nerven, Sehnen, Mus⸗ keln, Fleiſch; ich empfinde Hunger, Durſt, Schmen ebenſo lebhaft, warum ſollte ich mehr erdulden al er? Vielleicht hatte er ein Weib— ein Kind— un er ſah ſie Zoll für Zoll verhungern, und er fühlt daß er ihr Beſchützer ſein ſollte— und ſo ſündigl er.— Und ich— ich— kann ich nicht auch ſündige für die Meinigen? Kann ich nicht wagen, was do wilde Thier und der Geier und die kühnen Herzn meiner Brüder für ihre Genoſſen und ihre Jungn wagen? Ein Griff dieſer Hand— ein Schrei dieſt Stimme— und mein Tiſch könnte mit überfi belat ſtens cheln 1 drän Schw Glen über ſeinet gend ſchier Er ſ Frem die 1 Spei te Luſt werfen. s, au fühlt freilich e er in ein de einge⸗ rüchtern wirrte ng unh hte. er nn es Räu ls deut⸗ drängt recher, „ Mus Schmen lden al — rfühlt, ſündigi ſündige was da Herze Junga ei dieſe überfl 55 beladen, mein Kind geſpeist werden und ſie wenig⸗ ſtens auf einen Abend wird lächeln, wie ſie zu lä⸗ cheln pflegten.“ und als ſich Glendower'n dieſe Gedanken auf⸗ vrängten, ging er mit feſtem Schritte ſelbſt bei ſeiner Schwäche unbewußt weiter. Eine Geſtalt erſchien: Glendowers Herz ſchlug heftig. Er zog ſeinen Hut über die Stirn und kämpfte einen Augenblick mit ſeinem Stolze und ſeiner ſtrengen Tugend; die Tu⸗ gend ſiegte, aber nicht der Stolz, und das Bitten ſchien ihn weniger zu erniedrigen als das Rauben. Er ſprang vorwärts, ſtreckte ſeine Hände gegen den Fremden aus und rief mit heftiger Stimme, die durch die lange und öde Straße ertönte:„Almoſen— Speiſe!“ Der Fremde blieb ſtehen— einer der kühnſten Münner in ſeiner eigenen Sphäre, war er ſo ſchüch⸗ tern, wie ein Weib, in irgend einer andern; er ver⸗ kannte die Meinung des Bittenden, und erſchreckt durch die Heſtigkeit der Geberde, ſagte er in bebendem Tone, indem er haſtig ſeine Vörſe hervorzog:„Da, da! verletzt mich nicht— nehmt es— nehmt Alles!“ Glendower erkannte die Stimme, ſein Stolz, jener großartige Grundſatz der menſchlichen Handlung, der, obgleich auf einen Augenblick unterdrückt, unauslöſch⸗ lich in ihm war, kehrte in voller Kraft zurück.„Nie⸗ mand, der mich kennt,“ dachte er,„ſoll je meine gänz⸗ liche Erniedrigung erfahren.“ Und er wendete ſich ab; doch der Fremde erkannte dieſe Bewegung, ſtreckte ſeine Hand gegen ihn aus und ſagte:„Nehmt dies, 56 mein Freund— Ihr bedürft der Gewalt nicht!“ Un als er dem vermeintlichen Räuber näher trat, erkannt, er bei dem bleichen Lichte der Laterne augenblicklic ſeine Züge. „Ei!“ rief er mit Erſtaunen und innerer Freud —„ſind Sie es, der ſo ſehr heruntergekommen iſt?“ „Sie haben Recht, Crauford,“ ſagte Glendowe mürriſch, indem er ſich zu ſeiner vollen Höhe auf richtete;„ich bin's! aber Sie irren— ich bin ei Beitler, kein Räuber!“ „Guter Himmel!“ antwortete Crauford,„wie glüc lich, daß ich Sie treffe! Die Vorſehung wacht unauß hörlich über uns. Ich habe Gie lange vergebens ge ſucht. Aber—“ und hier brach die Bosheit, die zu eilen, obgleich nicht immer Craufords Natur eigen war, unwiverſtehlich hervor—„aber daß Sie unte allen Menſchen ſo leiden müſſen— Sie, ſo flol, ſo empfänglich, tugendhaft über menſchliche Tugen — Sie, deſſen Fibern ſo empfindlich find wie das bloße Auge— daß Sie bies ertragen ſollten und nich murren!“ „Sie thun meiner Menſchlichkeit Unrecht!“ ſag Glendower mit bitterem und gräßlichem Lächeln,„i thue mehr als murren!“ „Ei, iſt es ſo?“ ſagte Crauford;„find Sie endlich erwacht? Hat Ihre Philoſophie eine leidenſchaftlicher Farbe angenommen?“ „Spotten Sie meiner nicht!“ rief Glendower unb ſein gewöhnlich ſanftes Auge ſiarrte den Heuchler wil an, der zitternd und doch höhnend bei dem Sturm un erkannt⸗ blicklit rFreudt en iſt?“ endowe öhe auf bin ei ie glüc t unauß bens ge die zu ur eigen ie untet ſo ſtol, Tugen wie da und nicht 1“ ſagt In,„ic e enblich aftlicher⸗ wer un hler wil Sturme 57 daſtand, den er erregt hatte—„meine Leidenſchaften find ſelbſt jetzt nicht in meiner Gewalt— machen Sie nicht, daß ſie über Sie losbrechen!“ „Nein,“ ſagte Crauford ſanft,„ich wollte Sie nicht aufregen oder verwunden. Ich habe Sie ſeit dem letzten Ahend, wo wir einander ſahen, mehrmals auf⸗ geſucht; aber vergebens, Sie hatten Ihre Wohnung verlaſſen, und Niemand wußte, wohin Sie gegangen waren. Ich möchte gern mit Ihnen reden. Ich habe Ihnen einen Plan vorzuſchlagen, der Sie auf immer reich machen wird— wirklich reich— ſo daß Sie nicht nur frei von Armuth, ſondern im überfluſſe leben können.“ Glendower ſah den Redenden ungläubig an, welcher fortfuhr:„Es iſt einige Gefahr bei dem Plane— doch der können Sie trotzen!“ Glendower ſchwieg noch, aber ſein finſteres und entſchloſſenes Geſicht gab hinlängliche Antwort. „Ein Opfer für Ihren Stolz,“ ſetzte Crauford hinzu—„welches Sie auch ertragen können?“ Und der Verſucher lächelte teufliſch, als er dieſe Frage that. „Wer arm iſt,“ ſagte Glendower endlich,„hat ein Recht, ſtolz zu ſein. Wer darbt, hat es auch; aber wer die, welche er liebt, verhungern ſieht und nicht helfen kann, hat es nicht!“ „So kommen Sie mit mir nach Hauſe,“ ſagte Crauford,„Sie ſcheinen matt und ſchwach. Die Natur fordert Nahrung— ſpeiſen Sie bei mir— dann wollen wir den Plan beſprechen und die Ausführung deſſelben verabreden.“ 58 „Ich kann es nicht,“ antwortete Glendower ruhig. „Und warum nicht?“ „Weil ſie zu Hauſe darben!“ „Himmel!“ ſagte Crauford mit aufrichtiger Theil⸗ nahme—„es iſt in der That ein Glück, daß Ge⸗ ſchäfte mich hieherführten; aber inzwiſchen werden Sie dieſe Kleinigkeit nicht ausſchlagen— nur als Anleihe. Später wird unſer Plan Sie ſo reich machen, daß ich der Borger ſein muß.“ Glendower zauderte einen Augenblick— er unter⸗ drückte ein bitteres Gefühl; doch er dachte an Frau und Kind und der Kampf war vorüber. „Ich danke Ihnen,“ ſagte er,„ich danke Ihnen um Jener willen; die Zeit kann kommen—“ und der ſtolze Herr hielt inne, denn er erinnerte ſich ſeiner troſtloſen Lage, welche alle Hoffnung auf die Zukunſt verbot. „Ja!“ rief Crauford,„die Zeit kann kommen, wo Sie mir dieſes Geld hundertfach zurückzahlen werden. Aber wo wohnen Sie? Sie ſchweigen. Sie wollen es mir nicht ſagen? Nun, ich verſtehe Sie. So er⸗ warten Sie mich alſo hier, hier an dieſer Stelle, über drei Tage— Sie werden ſich einſtellen?“ „Gewiß,“ ſagte Glendower, und indem er Crau⸗ fords Hand mit edler und dankbarer Wärme drückte, welche ein weniger verhärtetes Herz hätte erweichen können, entfernte er ſich. Crauford ſtand mit über einander geſchlagenen Armen da, während ein bitterer und doch frendiger Ausdruck ſich über ſein Geſicht verbreitete, und ſah ſeiner ukunft n, w erden wollen So er⸗ Stelle, Crau⸗ rückte, veichen agenen udiger nd ſah 59 ver ſich entfernenden Geſtalt des edlen und ungluͤck⸗ lichen Mannes nach, den er zu ſeinem Opfer aus⸗ erſehen hatte. „Nun,“ ſagte er,„dieſe Tugend iſt ein ſchönes Ding, ein ſehr ſchönes Ding, um in hochtrabenden Worten davon zu reden! Ein wenig Begehrlichkeit der innern Saueen, ein geringes Zwicken dieſes ge⸗ meinen Leibes, wie unſere Philoſophen und Heiligen unſern beſſern Theil nennen, und ſiehe da! ſie quillt heraus, wie Waſſer durch ein leckes Schiff, und das Schiff ſinkt! Nein, nein; Tugend iſt ein ſchwaches Spiel, ein armes Spiel und ein verlorenes Spiel. Da iſt nun dieſer Mann, das Muſter der Rechtlichkeit und Reinheit, er bedarf jetzt nur der Verſuchung, um zu fallen— und er wird fallen, das will ich be⸗ ſchwören! Und wenn er einmal gefallen iſt, gibt es keinen Mittelweg, da wird er gänzlich verderbt werden, während ich, der ehrliche Dick Crauford, thue, wie andere kluge Männer auch thun, nämlich im Spiel mit dem Glück einige kleine Kunſtgriffe anwende, ohne deßhalb im geringſten übler daran zu ſein. Unter⸗ ſchreibe ich nicht zu milden Zwecken?— beſuche ich nicht regelmäßig die Kirche und die Bibelſtunde auch? bin ich nicht gütig gegen meine Diener, gefällig gegen meine Freunde, gehorſam gegen meinen König? Zum Henker, wenn ich mich ſelber weniger liebte, ſo wäre ich meinem Vaterlande viel weniger nützlich geweſen! Und nun laß mich ſehen, was mich in dieſe ekelhafte Vorſtadt gebracht hat? Ei, Madame H*. Ein unver⸗ gleichliches Weib! Mit Richard Crauford haſt Du bis⸗ her ein gutes Geſchäft gemacht!— Das Geſchäft würzt vas Vergnügen!“ Und der ſyſtematiſche Schurk⸗ ging weiter. Glendower eilte in ſeine Wohnung; ſie war viel elender als die, worin wir ihn zuletzt geſehen. Das unglückliche Paar hatte den gegenwärtigen Aufenthalt der Einſchränkung wegen gewählt; ſie hatten ihn ge⸗ wählt, weil ihn Keiner mit ihnen theilte, und ihr Darben, ihr Stolz, ihre Kämpfe und ihre Verzweif⸗ lung ohne Zeugen oder ohne Mitleid ſein möchten. Mit ſchwerem Schritte trat Glendower in das Zimmer, wo ſeine Frau ſaß. Aus der Ferne hatte er ein mattes Stöhnen gehört; aber als es ſich näherte, verſtummte es, denn die, von der es herrührte, kannte ſeinen Schritt und unterdrückte ihren Kummer und ihren Schmerz, damit ſein Elend dadurch nicht möchte vermehrt werden. Der Arger, die zänkiſche und ver⸗ letzende Reizbarkeit des Mangels, beſuchte nicht jenes zärtliche und gütige Herz, noch konnten alle jene nagenden und bittern übel des Schickſals, welche die Liebe, die für den Luxus geboren iſt, in Galle und Bitterkeit verwandeln, die ſchöne und heilige Leiden⸗ ſchaft vernichten, welche dieſe beiden überirdiſchen Naturen verbunden hatte. Sie ſchloſſen ſich einander nur noch feſter an; alle Dinge im Himmel und auf Erden, die im Sturm und Ungewitter zu ihnen redeten, verwandelten ihre Leiden in Zärtlichkeit und ihre Blick⸗ in Lächeln, und Jeder war bemüht, am Abgrunde der Verzweiflung Hoffnung und Troſt für den Andern zu pflücken. fall der auch gen in frie geg Mu licht deu ſein rein Tiſ auf Fre er, ſo Liel Kir mer hat äuß verl ken Göt eſchäft churke ar viel . Das enthalt ihn ge⸗ nd ihr rzweif⸗ öchten. in das e hatte äherte, kannte er und le jene lche die lle und Leiden⸗ rdiſchen inander ind auf redeten, e Blick⸗ inde der dern zu 61 Dieſe Hanvlungsweiſe war an ihr freilich auf⸗ fallender und heſtändiger als an Glendower; denn in der Liebe wird der Mann ßets übertroffen, er mag auch noch ſo großmüthig ſein. Doch wenn er in Au⸗ genblicken der äoßerſten Leidenſchaft und des Kampfes in Worte ausbrach, ſo ließ er doch nie ſeine Unzu⸗ friedenheit an ihr aus, ſeine Vorwürfe waren nur gegen das Schickſol oder ihn ſelber gerichtet, und ſein Murren mit keinem Athemzuge gemiſcht der ihre Zärt⸗ lichkeit verwundete oder den Mangel ſeiner Liebe an⸗ deutete. Als er die Thür öffnete, warf das elende Licht ſeine matten Strahlen an die feuchten, mit grünem Moder überzogenen Wände, auf das elende, aber reine Bett, den feuerloſen Kamin und den leeren Tiſch und die bleiche Wange ſeiner Gattin, als ſie aufſtand, ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang und ihre Freude und ihren Gruß ausſprach.„Hier,“ ſagte er, indem er ſich von ihr losmachte und das Geld, ſo wenig es war, auf den Tiſch warf,„hier, meine Liebe, quäle Dich nicht länger, ſättige Dich und unſer Kind, und dann laß uns ſchlafen und in unſern Träu⸗ men glücklich ſein.“ Einer der talentvollſten Schriftſteller unſerer Tage hat dem Schreiber dieſer Geſchichte geſagt, daß der äußerſten Armuth kein Intereſſe höherer Art kann verliehen werden. Wir wiſſen nicht, ob dies wahr iſt; doch wenn wir unſere eigenen Gefühle nicht ver⸗ kennen, ſo gibt es für uns nichts ſo Erhabenes, ſo Göttliches, als ein großer und muthiger Geiſt, der vurch jebes irbiſche Hinverniß und übel zu ſeinem Zwecke hinſtrebt, in der äußerſten Finſterniß beob⸗ achtet und den Phantomen ſtandhaft trotzt, die ihn umgeben; mit den mächtigen Lockungen kämpft und die furchtbaren Stimmen jenes Mangels, welcher der tödtlichſte und ſicherſte aller menſchlichen Verſucher iſt, ſtandhaft zurückweist; bei allem Elend die Liehe zu ſeinem Geſchlechte bewahrt, ſo wie die wärmeren und feſteren Bande der Zärtlichkeit; keine Pflicht auf⸗ opfert, jeder Sünde wiberſteht, und bei jedem Ent⸗ ſetzen und jeder Erniedrigung das ſtille und helle Licht des Genius nährt, welches, gleich der Lampe in der Fabel, obgleich ſie ſich ſeit Jahren in der Tiefe der Einſamkeit und in der Stelle des Grabes verzehrt, leben und unſterblich und ungetrübt fortbrennen wird, wenn alles umher nur Moder und Verweſung zeigt. Und doch müſſen wir bekennen, daß es ein ſchmerzliche und bittere Aufgabe iſt, die Demüthigungen, die nagenden und tief verwundenden Erniedrigungen der Armuth zu ſchildern; die Tropfen zu zählen, wi ſie langſam einer nach dem andern auf das zernagie und unwillige Herz niederfallen; mit der genaue und ſorgfältigen Hand der Gleichgültigkeit die kleinſten Abſchnitte und Eintheilungen auf der Uhrſcheibe de Elends zu bemerken; die zarten Bande der Geburt den männlichen Stolz des Blutes, die Wunde des Erkenntniſſes, den Reichthum des Wiſſens, die Zart⸗ heit und Anmuth der Weiblichkeit— alles, was die ſteinerne Maſſe der Gemeinplätze, woraus unſer Leben beſteht, veredeln und mildern kann, zu Atomen zer⸗ ſeinem ß beob⸗ die ihn pft und cher der ucher iſt, Liehe zu ren und cht auf⸗ em Ent⸗ elle Licht e in der Tiefe der verzehrt, ten wird, ng zeigt. es ein higungen, rigungen len, wie zernagie genauen e kleinſten cheibe des Geburt, unde des die Zart⸗ was die nſer Leben omen zer⸗ 63 rieben, auf den gemeinſten Gaſſen des Elends in den Staub und Koth getreten, Leben und Seele, die That⸗ kraft und die Zwecke des Menſchen zu einem nieder⸗ drückenden Mangel zermahlen zu ſehen— dies iſt, müſſen wir geſtehen, eine ſchmerzliche und bittere Auf⸗ gabe; aber ſie hat auch ihre beſſere Seite, einen Stolz ſelbſt in der Erniedrigung, ein Vergnügen ſelbſt im Weh, und daher haben wir ſie nicht vermieden, wenn gleich abgekürzt. Es gibt Einige, welche das ungewitter des Schickſals nur verfolgt, um ſie hei⸗ liger zu machen. Unter Allem, was demüthigt und zerſtört— unter Allem, was das Grün ihres Lebens vernichtet, den Pomp und die Höhe ihres Stolzes in den Staub wirft, und im Herzen des Daſeins eine plötzliche Mißgeſtalt hervorbringt, ſtehen ſie aufrecht va, erſchüttert, aber nicht entwurzelt, ein Denkmal weniger des Mitleids als der Ehrfurcht. Es gibt Einige, welche, unterſtützt durch einen Geiſt, der über aller Zufälligkeit und allem Weh erhaben iſt, die er⸗ niedrigendſten Umſtände mit einer Glorie angeborner und geweihter Macht zu umgeben ſcheinen, bei welchen die an ſich verächtlichſten und gemeinſten Dinge, wenn ſie mit ihnen in Verbindung ſtehen, faſt ehrwürdig und göttlich werden, und ein ſchwacher Theil von jener hohen Heiligkeit, die in dem Jeſuskinde über Krippe und Stroh Majeſtät ergoß, welche denen nicht verweigert iſt, die in der Tiefe der Betrübniß den Engel der Tugend in ihren Herzen bewahren, ver⸗ breitet über die gemeinſten Lokalitäten der Erde eine Emanation der Glorie des Himmels. 64 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Ich geb Euch Briefe von verſchiedenen Händen, Die uhs erſparen der Erzählung Müh'. Der Gerber von Tyburn. Eines Morgens, etwa vierzehn Tage nach Tal⸗ bots Tode, ſaß Clarenee allein, gedaukenvoll und ſchwer⸗ müthig da, als ihm die drei folgenden Briefe übher⸗ reicht wurden: Von dem Herzog von Haverfield. „Laſſen Gie mich, mein lieber Linden, der Erſt ſein, der Ihnen zu Ihrer Erbſchaft Glück wünſcht. Jünftauſend Pfund johrlich, Searsdale und achtzig⸗ tauſend Pſund in den Fonds, find ſehr hübſche Feinde gegen das Verhungern! O, mein lieber Junge wem Sie nur jenen froſtigen Kaukaſus der Menſglichkeit, jenen Pfeiler des Staats, der ſich nicht beugen kann — Sie wiſſen ſchon wen ich meine, und ſo will ich Ihnen mehr von meinen kläglichen Melaphern er⸗ ſparen— wenn Sie nur Lord Borodaile erſchoſſen hätten, ſo würde Ihr Glück jetzt vollſtändig ſein Jedermann ſpricht von Ihrem Glück. Lu Meronvill hat Sie mit ihren we ßen Händen gepflegt, mit den hübſcheſten Händen von der Welt— wer würde ſich nicht gern ſelbſt von Lord Borodaile verwunden laſſen, um eine ſolche Wärterin zu haben? Und dann Tal⸗ bots— doch davon will ich nicht reden, denn St ſind der gegenwärtigen Generation unähnlich, un wer weiß, Sie mögen vielleicht einige Dankbarkeih Händen, rn. ch Tal⸗ ſchwer⸗ e über⸗ er Erſte wünſcht. achtzig⸗ e Feinde e wenn rlichkeit, en kan will ich hern er⸗ erſchoſſen dig ſein⸗ ernill mit den vürde ſich en laſſen, ann Tal⸗ en S.i lich, unb nkbarkeih 65 Zärtlichkeit und natürliches Gefühl in ſich haben. Auch ich beſaß einſt dergleichen; aber das war vorher, ehe ich nach Frankreich ging— dieſe Pariſer mit ihren ſchönen Redensarten und ihrer witzigen Philvſophie treiben einem bald die guten altmodiſchen Gefühle aus. Alſo Lord Aspeden wird eine italieniſche Ge⸗ ſandtſchaft erhalten. Wie ergötzlich für jene ſüdlän⸗ diſchen Schurken! Werden Sie mit ihm gehen oder zu Hauſe bleiben, ſich Ihres neuen Vermögens er⸗ freuen— Jagden und Wettrennen mitmachen— aus⸗ wärts zu Mittag ſpeiſen— tanzen— im Unterhauſe votiren, kurz Alles thun, was ein engliſcher Cavalier thun ſollte? Ornamento e splendor del secolo nostro. Laſſen Sie mich die Umkehrung der La Me⸗ ronville haben, d. h. wenn ſie ſich will umkehren laſſen. Schreiben Sie mir, wenn Sie nichts Beſſeres zu thun haben, und glauben Sie mir, daß ich bin wahrhaft der Ihre Haverfield.“ „Wollen Sie Ihr ſchwarzes Pferd verkaufen oder mir mein braunes abkaufen? Utrum horum mavis accipe; der einzige lateiniſche Vrocken, deſſen ich mich erinnere.“ Prief von Lord Aspeden. „Mein lieber Linden, „Erlauben Sie mir, vollkommen auf Ihre Ge⸗ fühle einzugehen. Der Tod, mein Freund, iſt Allen gemein wir müſſen uns ſeinen Fügungen unterwer⸗ fen. Ich hörte zufüllig von dem großen Vermögen, Bulwer, der Verſtoßene. M⸗ 5„ 66 welches Herr Talbot, Ihr Vaier, wie ich ihn ver muthlich nennen darf, Ihnen hinterlaſſen hat. Ob⸗ gleich ein thörichtes Vorurtheil gegen unrechtmäßige Geburt obwaltet, ſo ſagt doch unſer unſterblicher Barde Warum verworfen? Sind deine Glieder nicht ſo feſt gefügt, Dein Geiſt ſo edel, die Geſtalt ſo echt, Wie ſie der Sprößling hat ehrbarer Gattin! Ich meines Theils, lieber Linden, ſage, daß Si höchſt wahrſcheinlich ein natürlicher Sohn find, dem die find immer die glücklichſten und die beſten! Oh wir, die wir dem diplomatiſchen Corps angehören wiſſen wohl, ein Compliment zu drechſeln. „Sie haben wahrſcheinlich von der Ehre gehört die Seine Majeſtät mir übertragen, indem mir der Ge ſandtſchaftspoſten der Stadt“*“ übergeben wurde. D mir die Wahl eines Sekretärs überlaſſen iſt, ſo dar ich Ihnen nicht erſt ſagen, wie glücklich ich ſein werde Ihnen mein Verſprechen zu halten. Wie ich Lon N»* ſchon geſtern Morgen ſagte, kenne ich keine jungen Mann von mehr Talent, um nichts von Ihre Geſchicklichkeit im Flötenſpiel zu ſagen. Aber, mei lieber junger Freund, es find traurige Gerüchte in Umlauf über Ihre Moralität und Ihre Bekannt⸗ ſchaft mit jener berüchtigten Franzöſin. Nun ſehen Sie, Linden, wir, die wir die Gebräuche der Wel und die Sitten des Hofes kennen— wir, die wir den diplomatiſchen Corps angehören, ſind nicht ſehr be⸗ denklich in ſolchen Dingen; aber wir müſſen den gemeinen Volke nachgeben und wie unſer berühmis rech gab verl mit wer zu rich that will mei Tus ihn vet⸗ t. Oh tmäßig rBarde 1 daß Si d, dem en! Oh gehören e gehört der Ge urde. D ſo da in werde ich Lor ch keine on Ihre er, mei üchte in Bekannt un ſehen de Welt wir dem ſehr be⸗ ſſen dem erühmie 67 Shakſpeare ſagt, weiſe und nicht zu leidenſchaftlich lieben. Ich weiß, ein Wink wird für einen jungen Herrn von Ihrem Verſtande und Ihrer Beſonnenheit hinreichend ſein, denn ber Schwan des Avon hat ſehr hübſch geſungen:„„Du warſt ein hübſcher Burſche, als Du noch nicht nöthig hatteſt, Dich um ihre fin⸗ ſtern Blicke zu kümmern! jetzt biſt Dn eine Null ohne Ziffer; ich bin jetzt beſſer als Du. Ich bin ein Narr— Du biſt nichts.““ „Leben Sie wohl, mein lieber junger Freund; ich weiß, Sie werden dieſen Rath zu ſchätzen wiſſen. „Und nehmen Sie die Verſicherung, daß ich bin wahrhaft der Ihre Aspeden.“ Prief von Madame de la Meronville. (Franzöſiſch.) „Sie haben mir Unrecht gethan— großes Un⸗ recht. Ich liebte Sie— wartete und pflegte Sie— gab Alles auf für Sie; und Sie verließen mich— verließen mich ohne ein Wort. Freilich waren Sie mit einer melancholiſchen Pflicht beſchäftigt, aber wenigſtens hatten Sie doch ſo viel Zeit, eine Zeile zu ſchreiben, einen Gedanken an eine Perſon zu richten, die Ihnen ſo viel Liebe bewieſen, wie ich ge⸗ than. Aber wir wollen dies Alles übergehen; ich will Ihnen keine Vorwürfe machen— es iſt unter meiner Würde. Die Laſterhaften ſchelten— die Tugendhaften verzeihen! Ich habe Ihr Haus ſeit mehren Tagen verlaſſen. Ich würde es nie betreten haben, wären Sie nicht verwundet worden, und, wie ich mir thörichterweiſe einbildete, um meinetwillen. Kehren Sie zurück, wann Sie wollen, ich werde nicht mehr dort ſein, Sie zu verfolgen und zu quälen. „Verzeihen Sie dieſen Brief. Ich habe zu viel geſagt für mich— hundertmal zu viel für Sie; aber ich werde nicht wieder fehlen. Dieſe Aufdringlichkeit iſt meine letzte. Cäcilie de la Meronville.“ Dieſe Briefe werden wahrſcheinlich hinreichen, jenen Theil von Lindens Geſchichte aufzuklären, der bisher noch nicht iſt berührt worden; ſie wer⸗ den zeigen, daß Talbot nach mehren Vermächtniſſen an ſeine alten Diener, ſeine nächſten Verwandten und zwei milden Stiftungen, die er gegründet und ſeit einigen Jahren unterhalten hatte, Clarenee zu ſeinem Univerſalerben eingeſetzt hatte. Die Worte, worin dies ausgeſprochen wurde, waren freundlich und be⸗ merkenswerth:„Meinem Verwandten und Freunde, der gemeinhin unter dem Namen Clarenee Linden be⸗ kannt iſt, und dem ich auf gleiche Weiſe durch Bluts⸗ verwandſchaft und Neigung verbunden bin u. ſ. w.“— Dieſe Ausdrücke, vereint mit der Größe des Ver⸗ mächtniſſes, die unerklärliche Anhänglichkeit des alten Mannes an ſeinen Erben und das Geheimniß, wel⸗ ches mit der Herkunft des Letzteren verbunden war, Alles trug dazu bei, eine Meinung zu beſtätigen, die leicht geglaubt und allgemein verbreitet wurde, daß Clarenee ein natürlicher Sohn des Verſtorbenen ſei, und fo ſtark iſt in England die ariſtokratiſche d, wie willen. e nicht quälen. zu viel ;aber lichkeit e reichen, klären, e wer⸗ tniſſen aten und ſeit ſeinem worin ind be⸗ reunde, den be⸗ Bluts⸗ w. 4 s Ver⸗ s alten z wel⸗ war, ätigen, wurde, benen ratiſche 69 Abneigung gegen eine unbekannte Herkunft, daß dieſer Glaube, ſo wenig ſchmeichelhaft er auch war, Linden eine viel höhere Berückſichtigung hinſichtlich der Ge⸗ burt verſchaffte, als ihm ſonſt würde zu Theil ge⸗ worden ſein. Ferner wird die obige Correſpondenz das allgemeine Aufſehen bezeugen, welches Madame de la Meronville's Anhänglichkeit hervorbrachte, ſo wie auch die natürliche Auslegung, die derſelben zu Theil wurde. Auch haben wir nicht viel in Betreff der Franzöſin ſelber zu erklären, was der einſichts⸗ volle Leſer nicht aus dem zuletzt mitgetheilten Briefe wird errathen haben. Linden's Gewiſſen machte ihm freilich ſchwere Vorwürfe wegen ſeiner Vernachläſſi⸗ gung und üblen Behandlung einer Perſon, die, welches auch ihre Fehler oder Thorheiten ſein mochten, wenigſtens nichts gethan hatte, was er ihr mit Recht vorwerfen konnte. Wir müſſen indeß zu ſeiner Ver⸗ theidigung bedenken, daß das unglückliche Ereigniß, welches kürzlich eingetreten, der Rückfall, den Cla⸗ renee in Folge deſſen erlitten und die geſchäftige Auf⸗ regung der letzten acht oder zehn Tage völlig hin⸗ reichend waren, ſie aus ſeiner Erinnerung zu verbannen. Doch ſie war ein Weib und hatte ihn geliebt, oder doch ihn zu lieben geſchienen; und als Clarence ihr einen langen, freundlichen und faſt brüderlichen Brief in Erwiderung des ihrigen ſchrieb, fühlte er, daß, indem man einer andern Perſon Schmerz verurſacht, man oft ebenſo viel dadurch leidet, wenn man eine Sünde vermeidet, als ſie begeht. Wir haben geſagt, daß dieſer Brief freunblich 70 war— er war auch offen und boch klug. Er ſagte darin, daß er längſt eine Andere geliebt, welche Liebe allein ihn gegen ihre Neigung unempfindlich machen könne; daß er deſſen ungeachtet ſich ihrer ſtets mit gleichem Intereſſe und gleicher Bewunderung erinnern werde, und verſuchte dann mit einem Takt der Schmeichelei, welche die Art der Correſpondenz und das Geſchlecht der angeredeten Perſon entſchuldigens⸗ werth machte, ſie ſo viel als möglich zu beſänftigen und der Eitelkeit zu ſchmeicheln, welche die Aufeich⸗ tigkeit ſeines Geſtändniſſes zu verwunden geeignet war. Als er dieſen Brief beendet hatte, ſchickte er einen zweiten an Lord Aspeden ab, worin er ſich eine Bedenkzeit von einigen Tagen erbat, ehe er den Vor⸗ ſchlag des Diplomaten beantwortete. Nachdem er dieſe Briefe geſchrieben, rief er ſeinem Bedienten und be⸗ fahl ihm in nachläſſigem Tone, ſich zu erkundigen, ob Lady Weſtborough noch in der Stadt ſei. Dann warf er ſich auf das Sopha und kämpfte mit dem Kummer und der Schwermuth, die der Tod eines Freundes, der ihm mehr als Vater geweſen, wohl auch in einem weniger empfänglichen Geiſte hätte erregen können, und zählte die langweiligen Stunden, bis ſein Diener mit der Antwort zurückkehrte, Lady Weſtborvugh ſei mit ihrer ganzen Familie ſchon vor einer Woche auf ihren Landſitz M“ zurückgekehrt. „Nun,“ dachte Clarenee,„wenn er noch lebte, könnte ich meine Sache einer Mittelsperſon anver⸗ trauen, jetzt muß ich ſie ſelber führen, oder mich wenigſtens verſichern, wie ſie ſteht. Harriſon,“ ſagte lebte, anver⸗ rmich ſagte 71 er Llant, halte morgen bei Sonnenaufgang mein ſchwarzes Pferd bereit, ich werde auf einige Tage die Stadt verlaſſen.“ „Doch nicht in Ihrem gegenwärtigen Zuſtande, Herr?“ ſagte Harriſon mit der Dreiſtigkeit eines Dieners, der ihn in ſeiner Krankheit gepflegt hatte. „Erlaube mir, ſelber meine Pläne zu machen,“ antwortete Clarence ſtolz.„Sieh darauf, daß mein Befehl befolgt wird.“— Und Harriſon verließ ver⸗ wundert und niebergeſchlagen das Zimmer. „Reich, unabhängig, frei nach den Höhen aufzuſtre⸗ ben, die in England allein Denen zugänglich ſind, welche Reichthum mit dem Ehrgeize verbinden, habe ich we⸗ nigſtens keine unwürbdigen Anſprüche auf die Hand der Lady Flora Ardenne,“ ſagte Clarenee ſtolz.„Wenn ſie mich um meiner ſelbſt willen lieben, wenn fie meiner Ehre vertrauen, ſich auf meine Liebe verlaſſen, ſich ſtolz fühlen kann in meinem Stolze und aufſtre⸗ bend in meinem Ehrgeize, dann wird mir dieſer Reich⸗ thum in der That willkommen ſein, und der an⸗ genommene Name, der mir ſo viele Kränkungen verurſacht hat, mir angenehm werden, wenn ſie es nicht verſchmähet, ihn zu theilen.“ Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Ein kleiner Wicht von abgelebtem Ausſehn; Doch war ſein Auge ſcharf, nicht ohne Milde, Und ſein Gewand roſtfarbig braun. Thomſon. Es war ein ſchöner heiterer Sommermorgen, als 72 Glarenee zu Pferde und allein ſein Unternehmen der Liebe und des Abenteuers begann. Nichts Beleben⸗ deres und Begeiſternderes gibt es auf Erden nach unſerem Geſchmack, als ein heiterer Tag, ein mu⸗ thiges Pferd, eine aufregende Reiſe vor uns un Einſamkeit. Rouſſeau— auf ſeine Weiſe ein großer, obgleich kränklicher Epieuräer in den Freuden dieſe Welt— ſpricht mit Entzücken von ſeinen Fußreiſen in ſeiner erſten Jugend. Aber was find unſere Spr⸗ ziergänge, unſere Freuden beim Fußgehen, gegen den freien Aufſchwung, den der leichte Schritt des Roſſe unſerem Geiſte gewährt, wenn es frohlockend unz verächtlich die unempfindliche Erde mit ſeinen Hufen ſchlägt. Wir unſererſeits lieben es nicht, den ſchmutzi⸗ gen Staub, den gemeinen Boden, zu dem wir hin⸗ gezogen werden, zu berühren— wir lieben es nicht, daß der Koth, der Stanb und die ſteinige Rauhhell der plebejiſchen und gemeinen Scholle, aus welcher alle fleiſchigen und gröberen Theile unſerer Geſtal entſpringen, die Glieder ermatten und die Kräfte erſchöpfen und das freie Blut ermüden durch eine rauhe Anſtrengung. Wenn wir der Macht der Er⸗ müdung unterliegen müſſen, ſo mag es durch bie freien und rauſchenden Ströme der Luft geſchehen, welche wir durchſchneiden können, ohne das gemeinere Element unten zu berühren; es mag durch die be⸗ ſtändige Beſiegung des edlen Sklaven geſchehen, den wir nach unſerem Willen beherrſchen, und nicht durch di⸗ abgemeſſene Arbeit, einen ermüdenden Schritt nach dem andern auf der mnempfindlichen Erde abzudprücken. s nicht, auhheit welcher Geſtalt Kräſt⸗ ch ein der Et⸗ ch die ſchehen, meinete die be⸗ den wir ch die tt nach drücken. 73 Aber es gibt Zeiten, wo eine eiſerne und ſtrenge Trau⸗ rigkeit gleichſam die Fähigkeit der Freude in uns ver⸗ ſchließt; und der Geſang der Vögel die grüne Friſche des Sommermorgens und die heitere Beweguug ſeines edlen Roſſes gewährten dem Nachdenken des jungen Abenteurers weder Erleichterung noch Veränderung. Er ritt mehre Meilen weiter, ohne etwas auf ſeinem Wege zu bemerken, und nur von Zeit zu Zeit bezeugte er die Art ſeiner Gedanken und das Be⸗ wußtſein der Einſamkeit durch kurze und abgebrochene Sätze und Ausrufungen, welche die ſchwermüthigen und doch aufregenden Gegenſtände ſeines Nachdenkens andeuteten. Während der Hitze des Mittags ruhte er in einem kleinen Gaſthauſe etwa dreißig Mei⸗ len von der Stadt aus, und da ſein Pferd nur noch zehn Meilen weiter gehen ſollte, ſo beſtieg er es gegen Abend wieder und ſetzte langſam ſeinen Weg fort. Er kam jetzt in die Grafſchaft, wo wir ihn zuerſt beim Beginn dieſer Geſchichte geſehen haben. Obgleich noch mehre Meilen von der Stelle entfernt, wo er die denkwürdige Nacht bei den Zigeunern zugebracht hatte, ſo erinnerte er ſich doch daran und ſeufzte bei den lebhaften Hoffnungen, die er damals genährt, und die ſein Herz belebt hatten. Während er ſo nachdachte, hörte er den Hufſchlag eines Pferdes hinter ſich und bald darauf erblickte er einen nüch⸗ tern ausſehenden Mann auf einem rauhen, ſtarken Pferde, welches außer dem Reiter mit Satteltaſchen von ungewöhnlicher Größe, die viele Gegenſtände zu enthalten ſchienen, beladen waren. 74 Clarenee ſah den Mann an und erkannte ſogleich ſeinen alten Bekannten Moritz Braun. Das Gedächt⸗ niß des würdigen Reiſenden war nicht ſo gut. Bei der großen Verſchiedenheit der Geſtalten und Geſich⸗ ter, mit denen er in ſeinem Berufe verkehrte, ließ ſich nicht erwarten, daß er ſich eines jeven ſogleich erinnerte. „Ihr Diener, mein Herr, Ihr Diener,“ ſagte Braun, als er an die Seite unſeres Reiſenden kam. „Reiten Sie dieſen Abend auch noch bis W.?“ „Ich weiß es kaum,“ antwortete Clarenee,„die Weite meines Rittes hängt mehr von meinem Pferde als von mir ab.“ „Oh, gut, ſehr gut,“ ſagte Braun;„aber Sie werden mir vielleicht erlauben, mit Ihnen zu reiten ſo weit Ihr Weg geht.“ „Sie erfreuen mich ſehr durch Ihren Vorſchlag, Herr Braun!“ ſagte Clarenee. Der Makler ſah ſeinen Begleiter erſtaunt an, und ſagte:„So kennen Sie mich alſo, mein Herr?“ „Ja,“ verſetzte Clarence,„und es wundert mich, daß Sie mich vergeſſen haben.“ Braun betrachtete ihn langſam, bis endlich ſein Gedächtniß erwachte.„O Herr, ich bitte tauſendmal um Verzeihung— jetzt erinnere ich mich Ihrer voll⸗ kommen— Herr Linden, der Neffe meiner alten Patronin, Mrs. Minden.— Oh, wie konnte ich ſo vergeßlich ſein! Ich hoffe beiläufig, daß die Hemden Ihren Beifall hatten, mein Herr. Ich denke, Sie werden noch mehr davon bedürfen. Ich beſitze einige vom beſten Kammertuch, ſehr fein und von vor⸗ reiten ſchlag, t an, er mich, h ſein ndmal voll⸗ alten ich ſo emden „Sie einige vor⸗ 75 trefflichem Gewebe aus der Garderobe der verſtorbe⸗ nen Lady Waddilove.“ „Ach, noch immer Lady Wabdilove!“ rief Cla⸗ renee.„Ei, mein guter Freund, Sie werden mir auch noch Pantalons aus der Garderobe Ihrer Herr⸗ lichkeit anbieten.“ „Ei, mein Herr, ich ſehe, daß Sie Ihre gute Laune behalten haben; aber denken Sie nur, ich habe ein oder zwei Paar pflaumenfarbige, ſammetne Unausſprechliche, die in meinen Beſitz übergingen, als der Gemahl Ihrer Herrlichkeit ſtarb, und die mit einer geringen Veränderung Ihnen paſſen over auf jeden Fall ein ſehr elegantes Geſchenk für Ihren Be⸗ dienten ſein würden.“ „Nun ja, Herr Braun, wenn ich oder mein Die⸗ ner pflaumenfarbige Sammetbeinkleider tragen, ſo werde ich ſie gewiß von Ihnen kaufen; aber um von einem andern Gegenſtande zu reden, können Sie mir ſagen, was aus meinem alten Wirthe, dem Herrn Copperas, und ſeiner Frau geworden iſt?“ „O Herr, ſie find noch immer dieſelben— ſehr feine Leute, in der That. Herr Adolph iſt zu einem hübſchen jungen Herrn herangewachſen, faſt ſo groß wie Sie und ich. Sein würdiger Vater bewahrt noch immer ſeine joviale Laune und iſt ſehr munter, wenn ich zu ihm komme. Noch in der letzten Woche machte er einen bewundernswürdigen Witz.„„Bob,““ ſagte er(Tom, Sie erinnern ſich Toms oder de Warrens, wie Mrs. Copperas ihn zu nennen beliebte; Tom iſt nämlich fort)—„„Bob, haſt Du die Kutſche an⸗ 76 gehalten?““„„Ja, Herr,““ ſagte Bob.„„Um welche Kutſche iſt es?““ fragte Herr Copperas.„„Ei iſt die Schwalbe, Herr,“ ſagte der Junge.„„Die Schwalbe! Oh, ſehr gut,““ rief Herr Copperas, „„da ich jetzt mein Frühſtück hinuntergerollt habe, will ich in der Schwalbe fortrollen!““ Ha! ha! ha! Herr, war das nicht ſehr ſpaßhaft?“ „Gewiß!“ ſagte Clarenee;„und ſo iſt alſo Her de Warrens fort; wie kam das?“ „Nun, Herr, ſehen Sie, der Junge hatte immer Anlage zur Luſtigkeit, und da hatte er ſich's in den Kopf geſetzt, ſich eine luſtige Nacht zu machen, un da wurde er gefangen genommen, weil er einen Nacht⸗ wächter geprügelt, und mußte am nächſten Morgen vor dem Richter Sir John erſcheinen.“ „Und was ſagte Sir John?“ „Oh, er fragte nach ſeinem Namen, und Ton, dem die arme gute Mrs. Copperas ſo viel Stolz in den Kopf geſetzt hatte, als für fünfzig Laufburſchen genug geweſen wäre, erwiderte:„„de Warrens,“ mit der Miene eines unabhängigen Mannes.„„De Warrens!““ rief Sir John erſtaunt,„„wir wollen hier keine De's; bringt ihn nach Bridewell!““ un da Mrs. Copperas nun vhne Laufburſchen war, ſo ſchickte ſie zu mir, und ich verſah ſie mit Bob.“ „Auch aus der Garderobe der verſtorhenen Lady Waddilove?“ ſagte Clarenee. „Ha! ha! vas iſt gut, ſehr gut, Herr. Nein, das nicht gerade, aber er war der Sohn des Kut⸗ ſchers Ihrer Herrlichkeit. Herr Copperas hat ſchon 77 zwei Diener Names Bob gehabt, aber dies iſt der größte von allen, und ſo nennt er ihn in ſeiner guten Laune:„„Dritter Bob der Größere.““ Sie bemer⸗ ken jenen Weg zur Rechten, Herr— er führt zu dem Landſitze eines alten Kunden von mir, des General Cornelius St. Leger; manchen guten Handel habe ich mit ſeiner Schweſter gemacht. Der Himmel ſchenke ihr Ruhe!— Als ſie ſtarb, verlor ich eine gute Freundin, obgleich ſie freilich ein wenig reizbar war. Aber ſie hatte eine Verwandte, eine junge Dame— ein ſo liebenswürdiges, edel ausſehendes Geſchöpf— es that meinem Herzen und meinen Augen wohl, ſie anzuſehen, und ſie iſt auch fort— ja, ja, man ver⸗ liert ſeine Kunden; ich fühle mich alt und troſtlos, wenn ich daran denke. Dort, ſo weit ſie unter jenen fernen Wäldern ſehen können, wohnte noch ein Freund von mir, dem ich zu ſeiner Verheirathung mit der erwähnten jungen Dame einige ſehr ſchätzbare Ge⸗ ſchenke zu machen beabſichtigte; aber der arme Herr hatte keine Zeit, ſie anzunehmen; er verlor wenige Monate nach ſeiner Verheirathung ſein ganzes Ver⸗ mögen durch einen Prozeß und eine ſehr verſchiedene Perſon iſt jetzt im Beſitze von Mordaunt⸗Court.“ „Mordaunt⸗Court!“ rief Clarence;„Sie wollen doch nicht damit ſagen, daß Herr Mordaunt ſein Vermögen verloren hat?“ „Nun ja, Herr, ein Herr Mordaunt hat es ver⸗ loren, und ein anderer hat es gewonnen; aber der wirkliche Herr Mordaunt beſitzt leider keinen Morgen Landes in vieſer Graſſchaft noch anberswv. Er wird —— 78 allgemein bedauert, denn er war ſehr gut und ſeht großmüthig, obgleich man ſagt, vaß er ſehr ſtolz unh zurückhaltend war; doch ich bemerkte es nie. Wenn man ſelbſt nicht ſtolz iſt, Herr Linden, ſo wird man durch den Stolz anderer Leute ſelten verletzt.“ „Und wo iſt Herr Mordaunt?“ fragte Clarenc, als er ſich des Zuſammentreffens mit dieſem Mann und der Theilnahme erinnerte, die ihm Algernon do⸗ mals eingeflößt. „Das iſt mehr als ich ſagen kann, Herr; er iß gänzlich verſchwunden. Einige behaupten, er ſei in Ausland gegangen, Anbere ſagen, er lebe in Walt in der größten Armuth. Wo er aber auch ſein mag, ſo bin ich gewiß, daß er nicht reich ſein kann, den der Prozeß hat ihn gänzlich ruinirt und die junge Dame, die er heirathete, hatte keinen Heller.“ „Der arme Mordaunt!“ ſagte Clarence nach⸗ denkend. „Ich glauhe, dem Herrn würde es nicht gut ge⸗ fallen, wenn er hörte, daß Sie ihn bemitleiden. 30 weiß nicht, wie es war, aber er ſah aus, ging un bewegte ſich wie Einer, den man ſchwer bemitleiden konnte. Aber ich halte es für eine große Schande, daß der General nichts für Herrn Mordaunts Fra that, denn ſie war doch ſein eigenes Fleiſch und Blut, und er hatte doch gewiß keine Urſache, ärgerlich zu ſein, daß ſie einen Herrn von ſo alter Familie, wi⸗ Herr Mordaunt, heirathete. Ich halte viel auf Ge⸗ burt, mein Herr— ich lernte es von der verſtorbe⸗ nen Lady Wardilove.„„Braun,““ ſagte ſie, und id ſeht olz unh Went rd man 4 larence, Manne won da⸗ er iſ ſei im Walet in mag, 1, denn junge 4 nach⸗ gut ge⸗ n. 39 ing un itleiden chande, 6 Frau Blut, rlich zu ie, wie uf Ge⸗ rſtorbe⸗ e, und 79 ich werde nie die Miene Ihrer Herrlichkeit vergeſſen, als ſie dies ſagte,„„Braun, achten Sie höhere Per⸗ ſonen, und fallen Sie nie in die Hände der Repu⸗ blikaner und Atheiſten.““ „Und warum verweigerte der General St. Leger ſeine Einwilligung?“ ſagte Clarence, der ſich ſehr für Mordaunts Schickſal intereſſirte. „Das weiß ich nicht genau, Herr; aber Einige ſagen, daß Herr Mordaunt ſich ſehr vornehm und ſtolz gegen den General betrug, und der General liebte ſeine Börſe ebenſo ſehr, wie Herr Mordaunt ſeinen Stammbaum— und ſo, vermuthe ich, ſchlug ein Stolz an den andern, und fie zankten mit ein⸗ ander.“ „Wollte denn der General nicht nach der Verhei⸗ rathung nachgeben?“ „O nein, Herr, denn es war eine Entführungs⸗ geſchichte. Miß Diana St. Leger, ſeine Schweſter, war ſehr erbittert darüber und reizte den armen Ge⸗ neral noch mehr auf, der nie der Mildeſte war, bis er endlich ſtrenge verbot, nur den Namen der armen jungen Dame zu nennen. Und als Miß Diana vor etwa zwei Jahren ſtarb, brachte er plötzlich eine braun⸗ gelbe Kreatur, die man eine Mulattin oder Creolin nennt, ins Haus, und wie es ſcheint, hat er mehre Kinder von ihr, die er bei Miß Diana's Lebzeiten nicht anzuerkennen wagte, die er aber jetzt für ſeine Erben erklärt. Jetzt beherrſchen ſie ihn mit eiſerner Ruthe und ſaugen ihn ſo trocken wie eine Orange. Sie ſind Alle ein böſes, habgieriges Geſchlecht, und 80 ich ſage es wirklich nicht aus irgend einem ſelbſtſüch⸗ tigen Gefühl, Herr Linden, obgleich ſie mir das Haus verboten und mich ins Geſicht einen alten betrügeri⸗ ſchen Juden genannt haben. Bedenken Sie das, Herr! — mich, den die verſtorbene Lady Waddilove in ihrer achtungswerthen Freundſchaft„„den ehrlichen Braun““ zu nennen pflegte— mich, den Ihre würdige—“ „Und wer heſitzt jetzt Mordaunt⸗Cvurt?“ fiel Cla⸗ rence unhoöflich ein. „Nun, ein entfernter Verwandter des letzten Be⸗ ſitzers, ein ältlicher Herr, der ſich Vavaſour Mor⸗ daunt nennt. Ich gehe morgen dorthin, denn ich unterhalte ſtets eine Verbindung mit der Familie. Der alte Herr kaufte mir einen liebenswürdigen kleinen Affen ab, den ich zu einem Geſchenk für den jungen Herrn Mordaunt beſtimmt hatte; wenn er mir gleich nicht beſonders gefällt— denn er iſt ſehr zähe im Handel— ſo will ich ihm wenigſtens ſein Recht wider⸗ fahren laſſen.“ „Was iſt er für eine Art von Mann? In welchem Rufe ſteht er?“ fragte Clarenee. „Es iſt in der That ſchwer, dieſe Frage zu beanit⸗ worten,“ ſagte der geſchwätzige Braun.„In großen Dingen iſt er ſehr verſchwenderiſch und prunkſüchtig, in kleinen aber ſehr karg und ſparſam, ja faſt geizig — und Alles für einen Sohn, der verwachſen und ſehr kränklich iſt. Er ſcheint ganz vernarrt in den Jungen zu ſein, und nun habe ich in dieſen Taſchen einige kleine Geſchenke für den jungen Herrn Hemh Gvtt verzeihe mir, aber wenn ich vas arme Geſchöpf tſüch⸗ Haus ügeri⸗ Herr! ihrer aun 44 e— 1 Cla⸗ n Be⸗ Mor⸗ nn ich e. Der kleinen jungen gleich ihe im wider⸗ velchem beant⸗ großen ſüchtig, geizig en und in den Taſchen Henry⸗ Neſchöpf 8¹ anſehe, mit ſeinem ganz verzogenen Geſichte, mit ſeiner ſauren und wiberwärtigen Stimme und ſeinen ver⸗ krüppelten Gliedern, ſo venke ich faſt, es wäre beſſer, er läge in ſeinem Grabe und der rechtmäßige Herr Mordaunt, welcher der nächſte Erbe iſt, wäre an ſeinem Platze.“ „So ſteht alſo dieſer unglückliche Krüppel allein zwiſchen Herrn Mordaunt und ſeiner Beſitzung?“ ſagte Clarenee. „So iſt es, Herr. Aber darf ich fragen, wo Sie in W* einkehren werden? Ich werde Ihnen mit einigen ſehr intereſſanten und werthvollen Gegenſtänden aufwarten, wenn Sie es mir erlauben, die Ihnen entweder für Sie ſelber oder als Geſchenke für Ihre Freunde ſehr wünſchenswerth ſein werden.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Clarence,„ich werde mich in W' nicht aufhalten, doch wird es mir lieb ſein, Sie in der nächſten Woche in der Stadt bei mir zu ſehen. Nehmen Sie inzwiſchen dieſe Kleinig⸗ keit von mir an.“ „O Herr, ich kann es in der That nicht annehmen,“ ſagte Braun, das Geld einſteckend—„Alles auf dem Wege des Tauſches— für einen Ring, ein Siegel oder—“ „Nein, nein, nicht jetzt,“ ſagte Clarenee;„die Nacht rückt heran und ich muß ſchneller reiten, um mein Ziel zu erreichen. Auf Wiederſehen, Herr Braun.“ Und Clarenee trabte weiter; doch hatte er kaum ſechzig Schritte zurückgelegt, als er den reiſenden Handels⸗ mann rufen hörte:„Herr Linden, Herr Linden!“ Bulwer, der Verſtoßene. I. 6 Unv als er ſich umſah, erblickte er ben ehrlichen Braun, der ſeinen rauhen Klepper in ſchnelleren Trab geſetz hatte, um ihn einzuholen, und ſo hielt er an. „Nun, Herr Braun, was wünſchen Sie?“ „Nun, ſehen Sie, mein Herr, Sie haben mir noch keine beſtimmte Antwort über die pflaumenfar⸗ bigen ſamminen Unausſprechlichen gegeben,“ ſagie Braun. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Wir ſind verſchmäht! Die Doppelhochzeit. Es war ſchon dämmerig, als Clarenee in dem⸗ ſelben Gaſthauſe ankam, wo er vor fünf Jahren ſeinen gegenwärtigen Namen angenommen hatte. Als er ſich des an ihn gerichteten Briefes mit der unbedeutenden Summe erinnerte, welche damals ſein ganzes Ver⸗ mögen ausmachte, konnte er nicht umhin zu lächeln über die Veränderung, die ſeitdem mit ſeinen Ver⸗ mögensumſtänden vorgegangen war; aber das Lächeln verſchwand bald, als er an die gütige und väterliche Hand dachte, welche dieſe Veränderung hervorgehracht hatte, und wußte, daß ſeine Dankbarkeit von keinen Nutzen mehr ſei, und daß dieſe Hand kalt geworden, als ſie ihn mit ihrer letzten Gunſt überſchüttet. E wurde in Nro. 4 geführt und bis zum Schlafengehen ſeinen Betrachtungen überlaſſen. Am nächſten Tag⸗ ſetzte er ſeine Reiſe fort. Weſtborongh⸗Park war, obgleich in einer andern Grafſchaft, doch nur ein it. dem⸗ ſeinen er ſich tenden s Ver⸗ lächeln Ver⸗ Lächeln terliche ehracht keinem vorden, et. E ngehen Tage k war, ur ein 8⁸ kurze Strecke vvn W*entfernt, und als er ſich näherte, veränderte ſich der Charakter der Landſchaft ganz und gar. Kühn, öde und unfruchtbar, hatte die Gegend etwas von dem ſchottiſchen Charakter an ſich. Auf der rechten Seite des Weges war ein ſteiler und ge⸗ fährlicher Abhang, und gerade waren einige Arbeiter beſchäftigt, an dem Fußwege, der neben dem Fuhr⸗ wege hinlief, Pfähle einzugraben, um unvorſichtige Kutſcher oder Reiter vor der gefährlichen Nähe des Abhanges zu bewahren, die ſie in einer dunklen Nacht vielleicht nicht ſehen möchten. Als Clarence den Arbei⸗ tern müßig zuſah und ſchmerzlich die brockelnde und gefährliche Höhe betrachtete, ließ er ſich nicht träumen, daß dieſelbe Stelle wenige Jahre ſpäter der Schau⸗ platz einer Kataſtrophe ſein werde, welche den mäch⸗ tigſten Einfluß auf die Intereſſen ſeines künftigen Lebens haben ſollte. Unſer junger Reiſender hielt in einem kleinen Gaſthauſe an, welches als Schild das Wappen der Familie Weſtborvugh führte und in ge⸗ ringer Entfernung von den Thoren des Parks lag. Jetzt, da er ſeiner Geliebten ſo nahe war— da eine Viertelſtunde ihn vor ſie bringen und ſein Schickſal entſcheiden konnte, ſank ihm der Muth, der ihn bisher aufrecht erhalten hatte, und machte, daß er zuerſt Furcht, dann Angſtlichkeit und endlich Troſtloſigkeit wegen ſeines Unternehmens empfand. „Auf jeden Fall will ich ſie allein ſprechen,“ ſagte er,„ehe ich mit ihrer liſtigen und ſtolzen Mutter, oder mit ihrer Null von Vater rede. Dann will ich ihr meine ganze Geſchichte erzählen und ihr alle meine —— ———— 84 Geheimniſſe eröffnen; nur will ich ihr meine gegen⸗ wärtigen Vermögensumſtände verbergen, denn ſelbſt wenn das Gerücht davon zu ihr gebrungen ſein ſollte, ſo darf ich es nur nicht beſtätigen; ich habe ein Recht zu dieſer Prüfung. Wenn ſie überzeugt iſt, daß meine Geburt und mein Charakter ihr wenigſtens keine Schande bringen können, ſo werde ich ſehen, ob ihre Liebe ſie in den Stand ſetzen wird, meine angebliche Armuth zu überſehen und mein ungewiſſes Lvos zu theilen. Wenn das iſt, ſo wird einiger Triumph darin liegen, ſie von ihrem Irrthum zu befreien und ihre Großmuth zu belohnen, wenn nicht, ſo wird es mir erſpart, mein Schickſal mit dem einer Perſon zu ver⸗ einen, die nur meinen weltlichen Beſitz berückſichtigt. Ich bin ihr freilich ſchuldig, zu zeigen, daß ich kein niedrig geborener Abenteurer bin; aber ich bin es auch mir ſelber ſchuldig, mich zu verſichern, ob meine eigenen perſönlichen Eigenſchaften hinreichend ſind, ihre Hand zu gewinnen.“ Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, die für einen Mann ganz natürlich waren, deſſen perſönlicher Schön⸗ heit ſo große Huldigung widerfahren war, wie der unſeres Helden, deſſen beſondere Verhältniſſe wohl geeignet waren, ihn bitter und argwöhniſch zu machen, und deſſen Stolz durch die Verachtung, womit man ſeinen Brief behandelt hatte, ſchwer verwundet wer — mit dieſen Gedanken beſchäftigt, ging Clarene in den Park, hielt ſich in der Nähe des Hauſes auf, beobachtete und wartete auf eine Gelegenheit, Lady Flora anzureden; voch die Stunden vergingen, de 85⁵ Abend brach an und Laby Flora hatte das Haus noch nicht verlaſſen. Mehr gekränkt und niedergeſchlagen, als er es ſich ſelber zugeſtehen wollte, kehrte Clarenee in ſein Gaſthaus zurück, beendete ſeine einſame Mahlzeit, ging dann wieder in den Park, beobachtete die Fenſter bis Mitternacht, verſuchte ihr Zimmer zu entdecken und fühlte ſein Herz bei jedem Licht hoch ſchlagen, welches aus dem Hauſe hervorleuchtete und verſchwand, ſowie bei jeder Geſtalt, die an den Fenſtern der großen Treppe vorüberging. Als Lady Flora allein in ihrem Zimmer ſaß und mit Thränen in den Augen über Lindens vermeintliche Werthlofigkeit und Untreue nach⸗ dachte, und ihrem Herzen wiederholt ſagte, daß ſie ihn nicht mehr liebe, ließ ſie ſich gewiß nicht träumen, weſſen Augen ihrer warteten und weſſen Füße den Thau vor ihrem Fenſter wegkehrten, oder weſſen Ge⸗ danken, obgleich nicht ohne Vorwurf, mit der vollen Glut der jungen und erſten Liebe auf ſie gerichtet waren. Es war ein unglück für Linden, daß er keine Ge⸗ legenheit hatte, ſeine Sache perſönlich vorzutragen; ſeine veränderte Geſtalt und ſein bleiches Geſicht würden ihm wenigſtens Gehör und Theilnahme verſchafft haben wegen ſeiner redlichen, obgleich etwas ſtolzen Aufrich⸗ tigkeit; doch obgleich Clarence drei Tage in der ängſt⸗ lichſten und unausgeſetzteſten Wachſamkeit zubrachte, ſo erblickte er doch Lady Flora nur einmal, und da befand ſie ſich unter einer großen Geſellſchaft. Da er eine zu frühe Entdeckung fürchtete, ſo war er ge⸗ 86 nöthigt, ſich in das Dickicht des Parks zurückzuziehen, und die Belohnung ſeiner Mühe faſt eben ſo bald zu verlieren, als er ſie gewonnen hatte. Durch dieſen Aufſchub ermüdet und verzweifelnd eine günſtige Gelegenheit zu einer Unterredung zu erlangen, ohne darum zu bitten, beſchloß Clarenee endlich an Lady Flora zu ſchreiben, ſie um die Ein⸗ willigung zu einer Unterredung zu bitten und zu ver⸗ ſprechen, Alles aufzuklären, was bisher zweifelhaft in ſeinem Betragen oder geheimnißvoll in ſeinem Cha⸗ rakter geſchienen. Obgleich reſpektvoll, dringend und den Ausdruck der Wahrheit und des Gefühls an ſich tragend, war der Ton des Briefes offenbar der eines Mannes, welcher ein Recht zu haben glaubt, ſich wegen der Vergangenheit zu rächen und einige Zuver⸗ ſicht zu der Zukunft zu zeigen. Der Brief war ſo, wie er wohl von einem Manne konnte geſchrieben werden, der ſich einbildet, daß ſeine Neigung nicht ſei erwidert worden, der aber von einer Dame, welche geglaubt, daß die Neigung ſelber eine Freiheit ſei, gewiß für ſehr anmaßend würde gehalten worden ſein. Als er dieſen Brief geſchrieben hatte, war ſeine nächſte Sorge, wie er ihn an fie abſenden ſolle. Nach langer überlegung wurde er endlich der Beſorgung eines kleinen Mädchens anvertraut, der Tochter des Thorwächters des Parks, welche Lady Flora dreimal wöchentlich perſönlich in den Geheimniſſen des Buch⸗ ſtabirens, Leſens und Schönſchreibens unterrichtete. Mit vielen Inſtruktionen, den Brief nur den Händen ihrer ſchönen Lehrerin zu übergeben, vertraute Cla⸗ 87 renee ſeine Depechen der kleinen Schülerin an, und mit zitterndem Körper und ängſtlichem Auge ſah er Euſanne mit ihrer grünen Büchertaſche und ihren rothen Wangen ihren Weg zu dem großen Hauſe nehmen. Mehre Stunden vergingen und die Bötin war noch immer nicht zurückgekehrt. Ruhelos und ungeduldig ging Clarenee wiever in ſein Gaſthaus, und noch war er erſt wenige Minuten dort geweſen, als ein Diener in Weſtboroughs Livree an der Thür des Hauſes er⸗ ſchien und zu ſeiner Unterhaltung folgenden Brief zurückließ. „Mein Herr! „So eben hat mir Lady Weſtborongh den für meine Tochter beſtimmten Brief gegeben. Ich weiß nicht, was zu der Sprache oder der höchſt ſeltſamen Bitte um eine geheime Unterredung, die Sie an Laby Flora Ardenne zu richten für gut gehalten, kann Ver⸗ anlaſſung gegeben haben; aber Sie werden mir er⸗ lauben, zu bemerken, daß, wenn Sie beabſichtigen, meiner Tochter die Ehre eines Heirathsantrages zu Theil werden zu laſſen, ſie vollkommen mit mir und ihrer Mutter in der Verneinung übereinſtimmt, welche ich mich genöthigt ſehe, Ihnen auf Ihr verbindliches Anerbieten zu ertheilen. Ich darf nicht erſt hinzu⸗ ſetzen, daß alle Correſpondenz mit meiner Tochter von jetzt an aufhören muß. Ich habe die Ehre zu ſein Ihr gehorſamſter Diener Weſtborvugh.“ Wäre Lindeus Blut in Feuer verwandelt wor⸗ 88 den, ſo hätten ſeine Adern nicht mehr aufſchwellen und mit größerer Hitze glühen können, als ſie es thaten, da er den obigen Brief las— vielleicht ein Meiſterſtück der zugleich höflichen und unhöflichen Briefform. „Unerträgliche Arroganz!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen.„Ich werve noch leben, dies wieder zu bezahlen. Treuloſes, gefühlloſes Weib— welch ein Glück, daß ich ihr entgangen bin!— Jetzt, jetzt bin ich allein in der Welt, dem Himmel ſei Dank! Ich will Aspedens Anerbieten annehmen und dieſes Land verlaſſen; wenn ich zurückkehre, wird es nicht als demüthiger Bewerber um Lady Flora Ardenne geſchehen. Pah!— wie der Name mich anekelt! Aber halt, ich habe einen Vater— wenigſtens dem Na⸗ men nach. Er iſt alt und ſchwach und kann ſterben, ehe ich zurückkehre. Ich will ihn noch einmal ſehen, und dann nach Italien! Oh! ich bin ſo glücklich— ſo glücklich über meine Freiheit und mein glückliches Entrinnen. Heda! Hausknecht, bringt mir augen⸗ blicklich mein Pferd!“ Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Lucr. Was that dein Vater? Beat. Und was that denn ich? Bin ich nicht ohne Schuld? Die Cenci. Die Dämmerung verbreitete ſich langſam in einem großen und koſthar möblirten Zimmer. Obgleich es Ud? einem 89 in der Mitte des Sommers war, ſo brannte doch ein kleines Feuer im Kamin und ein alter Mann von etwa ſechszig Jahren, der in einem zierlich geſchnitz⸗ ten Lehnſeſſel ſaß, hielt ſeine Hände über der ſchwa⸗ chen Flamme. Das trübe und doch flackernde Feuer warf ſein Licht auf ein ſtrenges, ſtolzes und abſto⸗ ßendes Geſicht, wo die Leidenſchaften der Jugend und der männlichen Jahre ſich in mancher eiſernen Linie und tiefen Furche Gräber gegraben hatten. Die Stirn, obgleich hoch, war ſchmal und zuſammengedrückt— die Augenbraunen hingen finſter über die Angen hin, und die Naſe, die ſehr vorragend erſchien, war von dem Alter noch mehr geſchärft, ſo daß ſie den übrigen mehr eingeſunkenen Zügen, über die ſie ſich mit über⸗ triebener Würde erhob, einen trotzigen und abſto⸗ ßenden Ausvruck verlieh. Zwei Flaſchen Wein, einige getrocknete Früchte und ein reich mit Gold verziertes Waſſerglas zeigten, daß der Bewohner des Zimmers ſeine Hauptmahlzeit beendet habe und ſeine Einſamkeit zu einer Zeit, die gewöhnlich von Geſellſchaft belebt iſt, ſchien anzudeuten, daß nur wenige Ollvenzweige ſeinen Tiſch zu beſchatten pflegten. Die Fenſter des Speiſezimmers reichten bis auf den Boden, und bei dem trüben Lichte war man gerade im Stande, ein dichtes Gehölz zu ſehen, wel⸗ ches nur durch einen nicht ſehr breiten Raſen vom Hauſe getrennt war. Während der alte Mann ſich ſo über das Feuer beugte und ſeine Abendbetrach⸗ tungen anſtellte, ſchlich ſich eine Geſtalt aus dem er⸗ wähnten Gehölz, näherte ſich der Glasthüre und 90 blickte forſchend ins Zimmer; dann öffnete ſie mit geräuſchloſer Hand das Schloß der Thür, welches von eigenthümlicher und altmodiſcher Einrichtung war und eine geübte und vertraute Berührung erfor⸗ derte, trat ins Zimmer und ſchlich leiſe und von dem Bewohner des Zimmers unbemerkt weiter, bis ſie mit übereindergeſchlagenen Armen kaum drei Schritte hinter dem hohen Lehnſtuhle des alten Mannes da ſtand. Nach wenigen Minuten veränderte der Letztere ſeine Stellung und ftand langſam auf; als er ſich aber plötzlich umwendete, ſah er die dunkle Geſtalt des Fremden gerade vor ſich. Er fuhr zurück und rief in erſchrockenem Tone:„Wer iſt da?“ Der Fremde antwortete nicht. Der alte Mann wiederholte die Frage mit einer Stimme, in welcher Zorn und Stolz mit Furcht gemiſcht waren. Die Geſtalt näherte ſich, ließ den Mantel finken, in den ſie eingehüllt war, zeigte Clarenee Lindens Geſichts⸗ züge und ſagte im leiſem aber deutlichem Tone: „Ihr Sohn!“ Der alte Mann ließ die Klingelſchnur los, die er kurz zuvor ergriffen hatte und lehnte ſich an das eichene Tafelwerk. Clarence trat näher. „Ja!“ ſagte er traurig,„Ihr unglücklicher aber ſchuldloſer Sohn. Länger als fünf Jahre bin ich aus Ihrem Hauſe verbannt geweſen: ich bin als Knabe, ohne Freunde, ohne Leitung, ohne Namen, in die weite Welt hinausgeſtoßen und dem Zufall preisgegeben worden. Ich komme jetzt als Mann zu Ihnen, fordere keinen Beiſtand, ſpreche keine Vorwürfe aus, ſon⸗ dern bin nur da, um Ihnen zu ſagen, daß Gott den erhalten hat, den ein irdiſcher Vater verſtieß! daß ich ohne eine unwürdige oder entehrende Handlung mir die Freunde erworben, die mich unterſtützen und den Wohlſtand, der das Leben verevelt, da er es unabhängig macht. Bei allen Schwierigkeiten, wo⸗ mit ich zu kämpfen hatte, habe ich meine Ehre und mein Gewiſſen rein und unbefleckt erhalten; Sie haben mich verſtoßen, aber Sie hätten mich ohne Scham anerkennen können. Vater, dieſe Hände find rein!“ Eine mächtige Bewegung erſchütterte die Geſtalt des alten Mannes. Er erhob ſich zu ſeiner vollen Höhe, die noch immer gebieteriſch war, und erwi⸗ derte mit einer Stimme, deren natürliche Rauhheit durch Leidenſchaft noch abſtoßender wurde:„Junge! Deine Zudringlichkeit iſt unerträglich. Was geht mich Dein elendes Schickſal an? Geh— geh— geh zu Deiner verworfenen Mutter, ſuche ſie auf — mache bei ihr auf Verwandtſchaft Anſpruch, lebt zuſammen, darbt zuſammen und verfault zuſammen; aber komme nicht zu mir— entehre nicht mein Haus — mache keinen Anſpruch an meine Zärtlichkeit; das Geſetz mag Dir meinen Namen geben, aber lieber wollte ich mich in Stücke zerreißen laſſen, als Dein Recht daran eingeſtehen. Wenn Du Geld bedarfſt, ſo nenne die Summe und nimm ſie; bemächtige Dich meines Eigenthums— verſchwende es— aber komm nicht hierher. Dieſes Haus iſt geheiligt— verun⸗ —— 92 reinige es nicht: ich verläugne— ich verſtoße Dich; ich— ja ich verabſcheue— ich haſſe Dich!“ Und mit dieſen Worten, die wie aus dem in⸗ nerſten Herzen des Redenden hervorkamen, der hei der Wuth erbebte, die er zu unterdrücken verſuchte, ſank er in ſeinen Stuhl zurück und ſtarrte hei der zunehmenden Dunkelheit Linden furchtbar an, der aufgerichtet und kummervoll vor ihm Fanb. „Unglücklicher Greis!“ ſagte Clarenee,„haben nicht die Jahre, die Ihre Geſtalt verwelkt und Ihre Locken gebleicht haben, Ihren Zorn gemildert und Ihrer Ungerechtigkeit einige Gnade gelehrt für Einen, deſſen einziges Verbrechen gegen Sie ſeine Gehurt geweſen zu ſein ſcheint? Aber ich ſagte, ich kam nicht hierher, um Ihnen Vorwürfe zu machen, und thue es auch jetzt nicht. Manche bittere Stunde, manche Qual der Scham, der Kränkung und des Elends, welche meinem Herzen Wunden geſchlagen haben, die nimmer heilen werden, hat mich das mir widerfahrne Unrecht gekoſtet— aber laſſen wir das. Mag es Ihre künftige und letzte Rechenſchaft nicht erſchweren. Ich bin im Begriff bieſes Land zu ver⸗ laſſen, und es geſchieht mit ſchwerem und ahnungs⸗ vollem Herzen, vielleicht ſehen wir uns auf bieſer Erde nicht wieder. Ich wünſche nicht mehr den Na⸗ men anzunehmen, deſſen Sie mich beraubt haben. Ich werde mich nie auf Ihre Verwandtſchaft berufen, noch Ihren Abſichten in den Weg treten. Verſchwen⸗ den Sie Ihren Reichthum an den, welchen Sie in Ihrer Zärtlichkeit ſo unenblich hoch über mich geſtellt 93 haben. Aber ich habe Ihren Fluch nicht verdient, Vater; geben Sie mir Ihren Segen und laſſen Sie mich in Frieden ſcheiden.“ „Frieden! und welchen Frieben habe ich gehabt? Welche Ruhe vor der nagenden Scham, vor dem Ausſatz der Erniedrigung und des Vorwurfes, ſeit — ſeit—* Aber dies iſt nicht Deine Schuld, ſagſt Du; nein, pein— es iſt die Schuld einer Anderen; Du biſt nur das Brandmal meiner Schande und haſt es mir nicht ſelber aufgebrückt. Ha! eine hübſche Unterſcheidung, wahrlich! Meinen Segen ſagſt Du, komm, knie nieder; knie, Knabe, und Du ſollſt ihn haben.“ Clarenee näherte ſich und ſtand gebückt und mit entblößtem Haupte vor ſeinem Vater, kniete aber nicht nieder. „Warum knieſt Du nicht nieder?“ rief der Greis heftig. „Es iſt die Stellung des Beleidigers, nicht des Beleidigten!“ ſagte Clarenee mit Feſtigkeit. „Beleibigt!— Unverſchämter Verworfener! Bin ich es nicht, der beleidigt worden? Lieſeſt Du es nicht auf meiner Stirn, hier, hier?“ Und ver Greis ſchlug ſich mit der geballten Fauſt heftig an die Schlä⸗ fen.„Wurde ich nicht beleidigt?“ fuhr er mit un⸗ natürlich leiſer Stimme fort,„vertraute ich nicht unbedingt?— gab ich nicht ohne Argwohn mein Herz hin?— wurde ich nicht köſtlich hintergangen?— war ich nicht gütig genug, blind genug, thöricht genug— und wurde ich nicht betrogen— ſchändlich betrogen? 94 Aber das war keine Beleidigung. Wurde nicht mein Greiſenalter in einen ſaftloſen Baum verwandelt?— Wurden nicht meine Tage zu einem Fluch für mich und meine Nächte zu einer Folterqual— war ich nicht, bin ich nicht ein Spott und Hohn, ein elender ohnmächtiger, ungerächter alter Mann? Beleivigt? — Aber dies iſt keine Beleidigung? O Knabe, was iſt das Dir widerfahrne Unrecht gegen das meinige?“ „Vater!“ rief Clarenee bittend,„ich bin nicht die urſache des Ihnen widerfahrnen Unrechts; iſt es gerecht, daß der Unſchuldige für die Schuldige leide?“ „Rede nicht mit dieſer Stimme!“ rief der Greis, „dieſe Stimme!— pfui, pfui! fort von hier!— fort, Junge— was zauderſt Du— mein Sohn und haſt dieſe Stimme?— Pah, Du biſt nicht mein Sohn. Ha, ha!— mein Sohn!“ „Was hin ich denn?“ fragte Clarence beſänfti⸗ gend; denn er war mehr ergriffen und traurig ge⸗ ſtimmt als gereizt vurch die Wuth, die ſich ſo ſehr dem Wahnfinn näherte. „Ich will es Dir ſagen,“ rief der Vater—„ich will Dir ſagen, was Du biſt— Du biſt mein Fluch!“ „Leben Sie wohl!“ ſagte Clarence ſehr bewegt, indem er ſich der Glasthüre näherte, durch die er eingetreten war;„möge Ihnen Ihr Herz nie Vor⸗ würfe machen wegen Ihrer Grauſamkeit! Leben Sie wohl!— Möge der Segen, den Sie mir vorent⸗ halten, auf Ihnen ruhen!“ „Halt!— halt!“ rief der Vater, denn ſeine Wuth war auf einen Augenblick gehemmt und ſeine — N rer lei Lei He mein t7— mich r ich lender digt? „was ige?“ nicht iſt es ide? Breis, r!— nund mein änfti⸗ ge⸗ ſehr F„ich luch!“ wegt, die er Vor⸗ n Sie orent⸗ ſeine ſeine Natur, ſo heftig ſie auch war, erweicht. Aber Cla⸗ renee war ſchon fort und der elende Greis blieb al⸗ lein mit der Dunkelheit und Einſamkeit und den Leidenſchaften, die eine Hölle aus dem menſchlichen Herzen machen können! Sechsund fünfzigſtes Kapitel. Sed quae praeclara, et prospera tanti, Ut rebus Jaetis par sit mensura malorum. Juvenal. Wir werden jetzt einen Vater und einen Sohn von verſchiedenem Gepräge ſehen. Es war um ein uhr Nachmittags, als die Thüre von Vavaſour Mor⸗ daunt's Stubirzimmer geöffnet wurde und der Be⸗ diente Herrn Braun anmeldete. „Ihr Diener, mein Herr— Ihr Diener, Herr Henry,“ ſagte der reiſende Handelsmann, indem er ſich vor den beiden ſo angeredeten Herren tief ver⸗ beugte. Der Erſtere, Vavaſour Mordaunt, mochte etwa von demſelben Alter ſein, wie Lindens Vater. Als ſchlauer und ehrgeiziger Weltmann hatte er ſich von einem jüngeren Bruder ohne Vermögen und mit ſehr wenig Einfluß außer der durch den erwähnten Rechtsſtreit erlangten Beſitzung zu einem beträchtlichen Reichthum und zu einem allgemeinen Einfluſſe und Rufe perſönlicher Fähigkeit emporgeſchwungen, deren ſich, in Berückſichtigung, daß er kein Amt bekleidete und keinen Sitz im Parlamente hatte, nur ſehr we⸗ nige Seinesgleichen erfreuten. Da er bheharrlich, 96 ſtandhaft und verſchlagen war, ſo wurde Vavaſour Mordaunt's Erhebung und Ruf weniger bewundert als heneidet; doch auch der Neid war nur für Die, welche nichts weiter als die Oberfläche der Dinge ſahen. In ſeinem Herzen war er ein ängſtlicher und unglücklicher Mann. Das Böſe, welches wir in der Welt thun, wird oft im Schvoße der Familie zurück⸗ gezahlt. Gleich Crauford hatte Vavaſour Mordaunt allein und unabänderlich für ſich ſelbſt gelebt, aber anſtatt das eigene Intereſſe mit dem Intereſſe An⸗ derer zu vereinen, betrachtete er ſie als völlig un⸗ verträgliche Zwecke. Aber der gute Ruf war eines von den Gütern, nach welchen er vorzüglich ſtrebte; denn wenn er ſich gleich ſelten zu dem hatte verleiten laſſen, was man eine Tugend nennen konnte, ſo hatte er doch nie die ſtrenge Sittlichkeit überſchritten, er beſaß nicht das Genie und die moraliſche Kühnheit Craufords; er hätte ſich nicht einem Vergehen un⸗ geſtraft hingeben können, indem er Muth und Heu⸗ chelei vereinte, um Andere zu täuſchen— er war der Sklave der Formel, welcher Crauford ſich unterordneie. Er glich nur in ſo weit Crauford, wie ein Weltmann an Selbſtſucht und Verſtellung dem andern gleicht: er konnte unredlich, aber nicht ſchurkiſch handeln, und war noch viel weniger ein ſyſtematiſcher Schurke. Seine ausgeſprochenen Anſichten waren, gleich denen Crauford's, ſehr verſchieden von ſeinen Handlungen; doch er glaubte die erſteren, während er in den letz⸗ teren ſündigte; er ſprach ſo aufrichtig, daß ihm die Thränen in die Augen kamen, während er ſprach. aſour dert Die, Dinge r und in der urück⸗ daunt aber e An⸗ g un⸗ eines rebte; rleiten te, ſo ritten, hnheit n un⸗ Heu⸗ ar der rdneie. tmann eicht: ndeln, churke. denen ungen; en letz⸗ hm die ſprach. 97 Es gab nie einen Mann, ber exemplariſcher in ſeinen Worten war; wer von ihm ging, nahm den Ein⸗ vruck mit, daß er übertrieben ehrenvoll und gewiſſen⸗ haſt ſei.„Es iſt faſt Schade,“ ſagten die Leute, „daß Herr Vavaſour ſo romantiſch iſt.“ Und darauf ernannten ſie ihn zu ihrem Teſtamentsvollſtrecker und zum Vormund ihrer Söhne. Keiner als er hätte den Prozeß gegen Mordaunt führen können, ohne dadurch etwas von ſeinem Rufe zu verlieren. Doch es war etwas ſo außerorbentlich Ehrliches in ſeinem Benehmen und in ſeinen Worten, während er Mor⸗ vaunt zu Grunde richtete, daß es unmöglich war, nicht zu glauben, daß er von den reinſten Beweggründen und dem heiligſten Streben nach Gerechtigkeit beſtimmt werde— es ſei nicht für ihn, ſagte er, denn er ſei alt und ſchon reich genug, ſondern für ſeinen Sohn. Von dieſem Sohne kam ihm die Strafe für alle ſeine Vergehungen— der ſchwarze Tropfen am Boden des Bechers, der ſo ſchimmernd erſchien. Auf ihn hatte Vavaſour, als er alt wurde und Ruhe ſuchte, alle ſeine Selbkiſucht, wie auf eine ſicherere Firma übertragen. Der Knabe war in ſeinen früheren Fahren außerordentlich ſchön und verſtändig geweſen, und wenn Vavaſour mit ſeinen erfindungsreichen Betrügereien beſchäftigt war, erfreute er ſich an der Vorausſicht der Wichtigkeit und der Vortheile, die der Erhe ſeiner Arbeiten genießen werde. Für dieſen Sohn beharrte er ſtandhafter bei dem Prozeſſe, als er ſonſt würde gethan haben, von deſſen Gerechtig⸗ keit er die Welt beſſer überzeugte als ſeine eigene Bulwer, der Verſtoßene, UI⸗ 7 98 Bruſt; ſeines Sohnes wegen freute er ſich, wenn er die ſtattlichen Hallen und die vortrefflichen Län⸗ dereien anſah, aus welchen er den rechtmäßigen Be⸗ ſitzer vertrieben hatte; für dieſen Sohn ging ſeine Sparſamkeit in Kargheit und die Hoffnung in Angſt⸗ lichkeit über; und da er zu alt war, um ſelber viel von der Welt zu erwarten, ſo hoffte er in ſeiner fieberhaften Phantaſie von dieſem Sohne Alles, was der Reichthum erkaufen, die Schönheit gewinnen oder worüber der Verſtand gebieten kann. Aber es war, als hätte Mordaunt⸗Court, gleich dem Schloſſe von Otranto, etwas an ſich gehabt, was dem unrechtmäßigen Beſitzer Unheil und Strafe brachte, denn ſobald Vavaſour die Beſitzung ſeines Verwandten übernommen hatte, vertrocknete und verwelkte das Glück ſeines Lebens, gleich Jonas' Kürbiß, in einer Nacht. Im Alter von dreizehn Jahren fiel ſein Sohn von einem Gerüſte, worauf die Arbeiter beſchäftigt waren, einige bedeutende Veränderungen an dem alten Hanſe vorzunehmen, und wurde auf ſeine Lebenszeit verkrüppelt und kränklich. Aber noch immer nährte Vavaſour die Hoffnung, daß ärztlicher Beiſtand ihn herſtellen könne, und er brachte den unglücklichen Kna⸗ ben von einem Orte zum andern, von einem Profeſſor zum andern, von einem Quackſalber zum andern, und als jedes Mittel fehlſchlug, war er nur um ſo begieriger, ein neues aufzufinden. Da der Vater aber ſeine Hoffnung ebenſo ſehr auf den Geiſt als auf den Körper ſeines Sohnes geſetzt hatte, ſo ließ er ihn nie von ſeinen Arbeiten, noch von den Lectionen der verſchie⸗ wenn Län⸗ en Be⸗ ſeine er viel ſeiner „ was n oder gleich t, was rachte, andten te das einer Sohn häftigt n alten enszeit nährte nd ihn n Kna⸗ rofeſſor n, und ieriger, ſeine Körper tie von erſchie⸗ 99 denen Lehrer ruhen, mit denen er ihn umgab. Der arme Knabe, welcher der phyſiſchen Anſtrengung be⸗ raubt und von Natur zum Ernſt und zum Fleiß ge⸗ neigt war, bedurfte keines Antriebes, um den Wün⸗ ſchen ſeines Vaters hinſichtlich ſeiner geiſtigen Ausbil⸗ dung nachzukommen, und da die Lehrer ſämmtlich von dem orthodoren Univerſitätsealiber waren, welche ſich einbilden, daß keine Kenntniß in andern Büchern liege, als in denen, worin ihre eigene Erziehung beſtanden, ſo wurde Henry Vavaſpur zugleich der Veſieger und das Opfer der Bentleys und Sealigers, jener Wortabwä⸗ ger und Versmeſſer, bis er, durchaus unbekannt mit Allem, was ſein Temperament hätte mildern, ſein Mißgeſchick veredeln und ihn mit ſeinem Looſe aus⸗ ſöhnen können, dem Grabe entgegeneilte, und durch unaufhörlichen Schmerz mürriſch, neidiſch und bitter wurde; erſchöpft durch ungeſunde und nutzloſe Anſtren⸗ gung bei unvortheilhaften Studien; der beſte Schüler mit dem am ſchlechteſten geleiteten und unterrichteten Geiſte, unterſchied ſich Henry von faſt allen ſeinen Altersgenoſſen, ihm gleich an Fähigkeiten. Aber als der eitle Vater von allen Seiten von ſeines Sohnes Talenten reden hörte, ſah er nichts Unheimliches in ihrer Richtung, und obgleich der arme Knabe täglich mehr geiſtig verſchroben und körperlich leidend wurde, nährte Vavaſour dennoch in ſeinem Herzen die Hoffnung ſeiner endlichen Heilung und des Ruhmes, den ſeine Talente ihm bringen ſollten. So fuhr er fort, Geld aufzuhäufen, ſeine Ländereien zu erweitern, zu pflanzen, zu verbeſſern, zu hauen und 100 zu hoffen, für Einen, deſſen Grab ſchon gegraben und deſſen Leichentuch ſchon ausgebreitet war. Aber wir verließen Herrn Braun im Studirzim⸗ mer, wie er ſeine Verbengungen machte und Herrn Vavaſpur Mordaunt und ſeinem Sohne ſeine Dienſte anbot. „Guten Tag, ehrlicher Braun,“ ſagte der Erſtere, ein wohlbeleibter Mann von mittlerer Größe, mit wohlgepudertem Kopfe und verſchlagenem, etwas bleichem Geſichte—„guten Tag— haben Sie für Henry einige von den fremden Liqueurs mitgebracht, wovon Sie ſprachen?“ „Ja, mein Herr, außer dem Marasquino und dem Curahnv habe ich eau d'or und liqueurs des iles. Die verſtorbene Lady Waddilove beehrte meinen Geſchmack in ſolchen Dingen mit ihrer beſondern Bil⸗ ligung.“ „Mein lieher Sohn,“ ſagte Vavaſour, inbem er ſich zu ſeinem Sohne wendete, der auf dem Sopha ausgeſtreckt lag und nicht den Prometheus(das ſchönſte Drama, welches je geſchrieben worden), ſondern vie Noten dazu las—„mein lieber Sohn, da Du die Liqueurs liebſt, ſo habe ich Braun gebeten, Dir einige recht gute zu bringen; vielleicht—“ „Still, Vater!“ ſagte der Sohn, ihn ärgerlich unterbrechend,„ich bitte Dich, nimm Deine Hand von meiner Schulter. Sieh, ich habe ſchon meine Stelle verloren. Ich wünſche wirklich, Du ließeſt mich den ganzen Tag üher nur einen Angenblick allein.“ „Ich hitte um Verzeihnng, Henry,“ ſagte der o und rs des meinen rn Bil⸗ dem er Sopha ſchönfte ern die Du die einige gerlich Hand meine ſt mich Mein.“ te der 101 Vater, ehrfurchtsvoll die griechiſchen Schriftzüge an⸗ ſehend, welche ſein Sohn der Zeitung vorzog.„Ich muß geſtehen, es iſt ſehr ſtörend; aber koſte nur dieſe Liqueurs. Doetor Lukewarm ſagte, Du könnteſt Alles haben, was Du wollteſt—“ „Nur keine Ruhe!“ murmelte der Krüppel. „Ich verſichere Ihnen, Herr,“ ſagte der wan⸗ dernde Kaufmann,„daß ſie vortrefflich ſind; erlauben Sie mir, Herr Vavaſour Mordaunt, wegen eines Korkziehers zu klingeln. Es kommt mir in der That vor, Herr, als ſähe der junge Herr viel beſſer aus— er hat ſchon etwas Farbe.“ „Nein, wirklich?“ ſagte Vavaſour lebhaft.„Nun, es ſcheint mir auch, als ob es beffer mit ihm würde. Ich beabſichtigte, ihm in einigen Tagen Herrn E.“s Patenthalsband anzulegen; doch wird ihn das etwas am Leſen hindern. Sehr Schabe; denn ich wünſche gerade jetzt, daß er keine Zeit mit ſeinen Studien verlieren möge. Er geht im October nach Cambridge.“ „Wirklich, Herr! Da wird er ein Aufſehen in der Stadt machen! Alle ſprechen davon, wie gelehrt der junge Herr iſt— ſelbſt in der Bedientenſtube!“ „Ja, ja,“ ſagte Vavaſour, ſelbſt durch dieſes Lob erfreut,„er iſt talentvoll genug, Braun— und was noch mehr ſagen will,“(und hier nahm Vavaſour einen heiligen Blick an)„er iſt auch ſehr gut. Seine Grundſätze machen ſeinem Kopfe und ſeinem Herzen gleich viel Ehre. Er müßte kein Sohn von mir ſein, wenn er nicht zugleich ein Cavglier und ein Gelehrter wäre.“ 102 Der Jüngling erhob ſein ſchweres und verzerrtes Geſicht von ſeinem Buche und ſeine Lippe verzog ſich ſpöttiſch; doch ein plötzlicher Schmerz ergriff ihn, der Ausdruck veränderte ſich und Vavaſour, deſſen Augen auf ihn gerichtet waren, eilte zu ſeinem Bei⸗ ſtande herbei. „Offnen Sie das Fenſter, Braun— klingeln Sie — rufen Sie—“ „Pah, Vater!“ rief der Jüngling in heftigem und ärgerlichem Tone,„ich werde noch nicht ſterben, auch nicht ohnmächtig werden; aber es iſt Alles Deine Schuld. Wenn Du dieſe verhaßten gemeinen Leute zu Deinem eigenen Vergnügen bei Dir haben willſt, ſo erlaube mir ein andermal, mich zu entfernen.“ „Mein Sohn, mein Sohn!“ rief der gekränkte Vater in vorwurfsvollem Ton,„um Dir einen klei⸗ nen Genuß zu verſchaffen, ließ ich Braun hieher rufen; das mußt Du doch erkennen.“ „Du ärgerſt mich zu Tode,“ murmelte der reiz⸗ bare Unglückliche. „Nun Herr,“ ſagte Braun,„ſoll ich die Flaſchen va laſſen, oder wollen Sie, daß ich ſie dem Keller⸗ meiſter gebe? Ich ſehe, daß ich Herrn Henry läſtig und widerwärtig bin; aber wie meine würdige Freun⸗ din und Patronin, die verſtorbene Lady—“ „Gehen Sie— gehen Sie, ehrlicher Braun,“ ſagte Vavaſour, welcher wünſchte, daß Jedermann gut von ihm reden möge,„gehen Sie und geben die Liqueurs an Preſton ab. Es iſt Henry außerorbentlich unlieb, daß er zu unwohl iſt, um jetzt mit Ihnen zu reden, — — — ES — — — „ 103 und ich— ich habe das Herz eines Vaters bei ſeinem Leiden.“ Braun entfernte ſich.„Verhaßte und gemeine Leute,“ ſagte er bei ſich ſelber in einer kleinen Wuth, denn Herr Braun hielt viel auf ſich ſelber—„ver⸗ haßte und gemeine Leute! man denke nur, daß Seine kleine Herrlichkeit ſo ſchmachvolle Worte ausſtößt! Doch ich will in das Zimmer des Hausmeiſters gehen und dort auf ihn ſchelten. Aber ich vermuthe, ich werde in dieſem Hauſe kein Mittageſſen bekommen — nein, nicht einmal eine Brodrinde; denn während der alte Herr ſo ungeheure Ausgaben macht, heidniſche Tempel baut und das ſchöne alte Haus mit ſeiner neuen Gemäldegalerie und dergleichen Unſinn verdirbt, iſt er in kleinen Dingen ſo karg, daß ihm gewiß kein Lichtſtumpen entgeht— mit der einen Hand ſcharrt er Geld zuſammen und mit der andern wirft er es weg, als wenn es nichts wäre— und das Alles für dieſen mürriſchen, garſtigen und verkrüppelten Sohn. Verhaßte und gemeine Leute! Welch eine entſetzliche Sprache! Herr Algernon Mordaunt würde nie ſolche Worte angewendet haben, das weiß ich wohl. Und jetzt, da ich daran denke— wo wohl dieſer arme Herr ſein mag? Der junge Erbe hier wird nicht lange mehr auf vieſer Welt bleiben, das ſehe ich wohl ein, und wer weiß, ob Herr Algernon nicht in großer Noth iſt. Es würde mir nicht darauf ankommen, ihm vierhundert Pfund, ja tauſend oder zweitauſend auf das Abſterben des Herrn Vavaſour und ſeines Hoffnungsvollen zu borgen. Ich thue gern eine gütige 104 Handlung und Herr Algernon war ſtets ſehr gut gegen mich, und ich kümmere mich gewiß nicht um die Sicherheit, obgleich ich glaube, daß er ſo ſicher ſei wie ein Sirpence; denn der alte Herr muß über ſechszig ſein, und der junge wird gewiß vor ihm ſterben. Man muß einander helfen, es iſt nicht mehr als Pflicht, und wenn er in großer Noth iſt, ſo wird es ihm auf ein hübſches Geſchenk nicht ankommen. Nun, Niemand kann ſagen, daß Moritz Braun nicht ſo wohlthätig iſt wie der beſte Chriſt, und wie die verſtorbene Lady Waddilove ſehr richtig bemerkte: „„Glauben Sie mir, Braun, ein kuges Wageſtück iſt der ſicherſte Gewinn!““ Ich will keine Zeit ver⸗ lieren, den ehemaligen Beſitzer ausfindig zu machen.“ Indem Braun dieſe Betrachtungen vor ſich hin⸗ murmelte, nahm er ſeinen Weg zu dem Zimmer des Hausmeiſters. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Clar. Wie, zwei Briefe? Der Liebe Wallfahrt, Prief von Clarence Linden an den Herzog von Haverſield. Calais,„ „Mein lieber Herzog! „Nach Ihrem freundlichen Briefe werden Sie mir verzeihen, daß ich Sie nicht noch beſuchte, ehe ich England verließ— denn Sie haben mich zu ber Hoff⸗ nung verleitet, daß ich bei Ihnen des Ceremonieis nicht bedarf, und in traurigem und nüchternem Ernſt ahrt, ſield. mir ich off⸗ nieis — 105 war ich in den wenigen Tagen, die ich vor meiner Abreiſe in London zubrachte, auch durchaus nicht in der Stimmung, ſelbſt Sie zu beſuchen. Ein franzö⸗ ſiſcher Philoſoph hat geſagt, daß es das beſte Com⸗ pliment iſt, welches wir unſern Freunden machen können, wenn wir ſte, während wir krank oder un⸗ glücklich find, vermeiden. Ich will nicht ſagen, in wie weit ich von dieſem Ausſpruche abweiche; aber ich weiß, daß ein franzöſiſcher Philoſoph bei Ihnen eine gewichtige Autorität iſt, und ſo will ich ſelbſt unter der Batterie eines Feindes Schutz ſuchen. Ich warte hier einige Tage auf Lord Aspedens Ankunft. Da ich nach dem, was mir kürzlich begegnet iſt, eng⸗ landmüde bin, war ich froh, eine Gelegenheit zu haben, es früher als mein Chef zu verlaſſen, und ich unter⸗ halte mich ſehr ſchlecht in dieſer langweiligen Stadt, indem ich den ganzen Morgen leſe, den ganzen Abend im Schauſpiel zubringe und die ganze Nacht von mei⸗ nen glücklicheren Freunden träume. „So iſt es Ihnen alſo leid, daß ich Lord Boro⸗ vaile nicht getödtet hahe? Mein lieber Herzog, es würde Ihnen noch mehr leid ſein, wenn ich es gethan hätte! Was hätten Sie da mit Ihren zerſtreuten Schmähſchriften und Sarkasmen thun wollen? Hätte eine unglückliche Kugel jenen Pair von England— jene Säule des Staats, wie Sie ihn nennen, hin⸗ weggenommen, gegen wen hätte da Herzog Humphrey ſeinen Schmerz ausſprechen wollen?— O Mylord, es iſt beſſer ſo, glauben Sie mir; und wenn es Ihnen an einem Gegenſtande für Ihren Witz fehlt, ſo werden 106 Sie Urſache finden, meine Zurückhaltung zu ſegnen und ſich Glück zu wünſchen, daß es noch einen ſolchen gibt. „Darf ich hoffen, daß Sie bei allen Luſtbarkeiten, die Sie umgeben, Zeit finden werden, an mich zu ſchreiben? Wenn das iſt, ſo ſollen Sie dagegen die früheſte Nachricht von jedem neuen Sopran und die ausführlichſten Kritiken von jeder aufblühenden Fi⸗ gurantin unſeres Hofes haben. „Sind Sie kürzlich mit Trollolop zuſammenge⸗ kommen— und in welcher neuen Sphäre bewegt ſich ſein menſchlicher Geiſt? Sehen Sie, da habe ich Eure Durchlaucht ganz geſchickt in eine Frage verwickelt, welche zu beantworten die gewöhnliche Höflichkeit Sie nöthigen wird. „Leben Sie wohl. Ich verbleibe Euer Durchlaucht treu ergebenſter u. ſ. w.“ Prief des Herzogs von Haverfteld an Clarence Linden. „Tauſend Dank für Ihren Brief, mein Lieber, obgleich er gewiß weniger unterhaltend und lebendig war, als ich es um Ihret⸗ und meinetwillen hätte wünſchen mögen; doch hätte er mir nicht willkom⸗ mener ſein können, wäre er auch eben ſo witzig ge⸗ weſen, wie Ihre Unterhaltung ſelber. Ich hörte, daß Sie die Stelle des Sekretärs bei Lord Aspeden angenommen, und daß Sie auf Ihrem Wege nach dem Feſtlande durch London gekommen und nach der Außerung des liebenswürdigen Callythorpe, der nie⸗ mals ſchmeichelt, mehr wie ein Geiſt, als wie Sie „ ſelb daß übe den. ber, ndig ätte om⸗ ge⸗ rte, den ach der ie⸗ Sie 107 ſelber ausgeſehen. Und ſo können Sie gewiß ſein, vaß ich ſehr begierig war, mein lieber Linden, durch Ihre eigene Handſchrift von Ihrem fleiſchlichen Daſein überzeugt zu werden. „Tragen Sie Sorge für ſich, mein lieber Freund, und bilden Sie ſich nicht ein, wie ich zu thun pflege, daß die Jugend meinem Renner Fürchtenicht gleicht und Sie über Alles hinwegtragen wird. In Erwi⸗ derung auf Ihre philoſophiſche Maxime will ich Ihnen mit einer andern dienen.„„Im Alter ſollten wir uns erinnern, daß wir jung geweſen ſind, und in der Jugend, daß wir alt werden.““— Sm— bin ich nicht tief als Moraliſt? Ich denke, einige ſolche Sentenzen würden meinem langen Geſichte gut ſtehen, und um die Wahrheit zu ſagen, bin ich des Witzig⸗ ſeins überdrüſſig— Jeder glaubt, daß er es ſein kann — ſo will ich mir Trollolops Philoſophie borgen, Tabak ſchnupfen, eine Perüke tragen und weiſe werden, anſtatt luſtig. „Da ich von Trollolop rede, ſo will ich nicht vergeſſen, daß Sie ihn mit einer Nachfrage beehrt haben. Ich ſah ihn vor drei Tagen, und da fragte er mich, ob ſich mir kürzlich die Idee, gemeinhin Clarenee Linden genannt, aufgedrängt habe, und dann fuhr er fort, mich zu benachrichtigen, daß er gehört habe, die Atome, welche Ihre Geſtalt bildeten, ſeien im Begriff, in eine neue Form wieder aufgelöst zu werden. Während ich bei dieſer Nachricht ſehr weiſe meine Angenbraunen zuſammenzog, fuhr er fort, mich zu bengchrichtigen, daß ich weder Länge noch Breite 108 oder Ausbehnung ober irgend ſonſt etwas hätte als Geiſt. Durch ein ſo delikates Compliment auf meinen Geiſt geſchmeichelt, gab ich meine Zuſtimmung, und dann veränderte er ſeinen Boden und ſagte mir, daß es gar keinen Geiſt gäbe— daß wir nur Modifi⸗ kationen der Materie wären— und mit einem Wort, daß ich ganz Körper ſei. Ich benützte dieſen Lehrſatz und entfernte ſogleich meine Modiſtkation der Ma⸗ terie von der ſeinen. „Findlater hat eben ſeinen jüngern Bruder in einem Duell verloren. Sie haben keinen Begriff davon, wie entſetzlich es war. Sir Chriſtopher hörte eines Tages, wie Major Elton ſeinen Bruder, der eben unter die Dragoner getreten war, wegen Mangel an Geiſt lächerlich machte, obgleich er des Jünglings heſter Freund zu ſein behauptete— das redliche Herz unſeres würdigen Baronets wurde durch dieſe Treu⸗ lofigkeit über die Maßen erſchüttert, und ſobald ſein Bruder Eltons Namen wieder mit Lob erwähnt, kommt die Geſchichte heraus. Sie können ſich das übrige denken; der junge Findlater forderte Elton, der ihn durch die Lungen ſchoß!„„Ich that es um ſeines Beſten willen,““ rief Sir Chriſtopher.“ „La pauvre petite Meromille!— Welch eine Ariadne! Gerade als ich daran dachte, nach Ihrem Theſeus den Bacchus zu ſpielen, kommt ein alter Herr aus Yorkſhire an, welcher hört, daß es Mode iſt, honas robas zu heirathen, macht ihr einen ehrenvollen Heirathsantrag und beraubt mich und die Welt der La Meronville. Am letzten Montag war die Hochzeit q 6 ü b t ( 109 und das glückliche Paar reiste zu ſeinem Landſitze im Norden ab. Wahrhaftig, wir werden in der nächſten Generation ein ganz neues Geſchlecht haben— alle Buben werden mit einem pas de zéphir in die Welt hüpfen und in lieblichem Sopran fingen: Wir ſind kleine Liebesgötter, Wiſſen nicht, wer unſre Väter. „Ich denke, Sie werden ſich wundern, zu hören, daß Lord Borobaile aufzuthauen beginnt. Vor einigen Tagen ſah ich ihn lächeln! Wahrlich, wir find dem Nordpol nicht ſo nahe als wir es waren! Wir beide gehen im Laufe des Herbſtes zu unſern alten Freunden, den Weſtboroughs. Das Gerücht ſagt, daß er ein wenig in die ſchöne Flora verliebt iſt; aber das Ge⸗ rücht iſt ein großer Lügner— ich wenigſtens wider⸗ ſpreche ihm immer.“ „Melden Sie mir, wie Lord Aspedens Schmei⸗ cheleien in Italien aufgenommen werden. Ahnlich dem Schnee in jenem Lande, ſollte ich denken— mehr überraſchend als angenehm! Ich nehme Ihr Aner⸗ bieten einer Correſpondenz begierig an und verſichere Ihnen, daß es wenig Leute gibt, durch deren Freund⸗ ſchaft ich mich ſo ſehr geehrt fühle, wie durch die Ihre. Sie werden dies glauben, denn Sie wiſſen, daß ich gleich Callythorpe niemals ſchmeichle. Leben Sie wohl für jetzt. Aufrichtig der Ihre. Haverfield.“ Achtundfünfzigſtes Kapitel. Königin Eliſabeth. Soll mich in Verſuchung ühren? König Richard. Ja, wenn er Dich verleitet, gut zu ſein. Königin Eliſabeth. Vergeſſen foll ich mich, ich ſelbſt zu ſein? Shakſpeare. Es fehlte noch eine Stunde an Mitternacht, als Crauford langſam zu der einſamen und demüthigen Straße ging, wohin er Glendower beßtellt hatte. Es war eine ſtürmiſche und furchtbare Nacht. Der Tag war ungewöhnlich ſchwül geweſen und dichte Wolken⸗ maſſen kamen durch die Luft gezogen und hingen ſchwer und unbeweglich am Himmel. um die Stunde der Dämmerung erſchien anſtatt des Abendſterns aus einem dunkeln Winkel des Himmels ein einzelner Blitz, der einen Augenblick zögerte Und eh' der Menſch noch ſagen konnte; ſieh! Hat ihn des Dunkels Rachen ſchon verſchlungen. Aber dann, wie durch ein allgemein anerkanntes Signal aus der Erſtarrung erweckt, kamen aus allen Höfen und Quartieren des Himmels Blitz auf Blitz und Donner auf Donner, und das Licht und die Stimmen der Elemente zeigten ſich öffentlich. Der Regen ſiel nicht. Alles war vürr und trocken. Die Stimmung der Natur ſchien nicht ſanft genug zu Thränen, und die bläulichen, gabelförmigen Blitze, die aus den düſtern und bewegungsloſen Wolken mit töbtlicher Heftigkeit fuhren, wurden durch die Stille * ntes len litz die der Die tze, nit 11¹4 der Luft dreifach gefährlich. Die Straßen waren ſtill und leer, als ſei die ungeheure Stadt der Wuth des Ungewitters preisgegeben, und von Zeit zu Zeit hielten die Blitze auf den Giebeln der Häuſer inne, zitterten und ſchwankten, als heabſichtigten ſie den Schlag und würden von einer höheren Macht zurückgehalten, zogen ſich wieder in ihre düſtern Gezelte zurück und kamen dann wieder auf einer entgegengeſetzten Seite des Him⸗ mels hervor. Es war ein merkwürdiges Beiſpiel von der Macht, womit ein Lieblingsgegenſtand die Gedanken beſchäf⸗ tigt, und von der Selbſtgenügſamkeit des menſchlichen Geiſtes, wie Crauford, ein weichlicher und von Natur furchtſamer Mann, langſam und der Gefahr unbewußt unter den zornigen Feuern des Himmels dahinging und ungeſtört und in dumpfer Heiterkeit über den Plänen ſeines Herzens brütete. „Eine herrliche Nacht für unſere Zuſammenkunft,“ dachte er;„ich denke, er wird nicht ausbleiben. Nun muß ich meine Aufgabe noch einmal wiederholen. Ich darf ihm noch nicht Alles ſagen. Solche Kinder müſſen zum Irrthum geführt werden, ehe ſie gehen lernen — ein kleiner Wink wird hinreichen— ein Blick in die Geheimniſſe meines Planes. Nun, wahrlich, es iſt ein Glück, daß ich ihn traf, denn ich bin von Gefahr umgeben, und eine ſehr geringe Zögerung des Beiſtandes, den ich zu ſuchen genöthigt bin, könnte mich zu einer größeren Höhe als die Pairswürde er⸗ hehen.“ Dies waren die Betrachtungen Crauforhs, als er 112 mit langſamem und ſchaufelndem Gange, der ihm eigen⸗ thümlich war, zu der beſtimmten Stelle ging. Ein ungewöhnlich langes Aufhören der Blitze und die darauf folgende Dunkelheit, gegen welche die trüben und ſpär⸗ lichen Laternen vergebens ankämpften, verhinderten Crauford und eine andere Perſon, die von der ent⸗ gegengeſetzten Seite herkam, einander eher zu ſehen, als bis ſie ſich faſt berührten.— Crauford blieb plötz⸗ lich ſtehen. „Sind Sie es?“ ſagte er. „Es iſt ein Mann, der ſein Glück überlebt hat!“ antwortete Glendower in der übertriebenen und bild⸗ lichen Sprache, welche die Gedanken von Männern, die eine lebhafte Einbildungskraft beſitzen und mächtig aufgeregt find, häufig annehmen. „Dann find Sie um ſo beſſer zu meinem Zwecke geeignet,“ entgegnete Crauford.„Wenn die Noth⸗ wendigkeit ein wenig nachtreibt, ſo wird die Scheu vor der Gefahr eher überwunden.— Hi! hi!“ und als er dies ſagte, bildete ſein leiſes, erſchütterndes Lachen einen ſeltſamen Contraſt zu dem Charakter der Nacht und ſeines Gefährten. Glendower erwiderte nichts, es trat eine Pauſe ein, und der Blitz, der ſich plötzlich von Oſten nach Weſten über die Stadt verbreitete, zeigte dem Einen das Geſicht des Andern, bleich und hohl und mit ſinſtern Gedanken beſchäftigt, und überirdiſch von dem geiſterhaften Licht, wovon es beleuchtet wurde.— „Es iſt eine furchtbare Nacht!“ ſagte Glendower. „Es iſt wahr,“ antwortete Cranford,„eine ſehr ent⸗ ſehen, plötz⸗ hat!“ bilb⸗ mern, ächtig zwecke Noth⸗ Scheu und rndes erder zauſe nach inen mit dem r. ſehr 113 furchthare Nacht; aber wir find Alle ſicher unter dem Schutze der Vorſehung.— Jeſus! welch ein Blitz! Denken Sie, daß es eine günſtige Gelegenheit zu un⸗ ſerer Unterredung iſt?“ „Warum nicht?“ ſagte Glendower,„was hat der Donner und die Wuth des Himmels mit uns zu thun?“ „Hm! Gott ſieht alle Dinge,“ erwiderte Cran⸗ ford,„und rächt ſich an den Schuldigen durch ſeine Ungewitter!“ „Ja, aber jenes find die Ungewitter des Herzens! Ich ſage Ihnen, daß ſelbſt der Unſchuldige das in ſich haben kann, wogegen das lauteſte Ungewitter friedliche Stille iſt! Aber Schuld, ſagen Sie— was haben wir mit der Schuld zu thun?“ Crauford zauderte, vermied die Antwort auf dieſe Frage, faßte Glendowens Arm und ſagte in leiſem Tone:„Glendower, ſehen Sie die Menſchheit an, betrachten Sie mit einem Auge ohne Leibenſchaft und Vorurtheil die Seene, die ſich um uns her bewegt; was ſehen Sie überall, als vafſelbe, ſtets wieverholte und ewige Naturgeſetz— jebes Geſchöpf beraubt das andere! Oder wenn es nur einen einzigen Menſchen gibt, der ſich davon zurückhält, ſo iſt er ein Mann ohne das allgemeine Wappenſchild, ohne das hoch⸗ zeitliche Kleid, und die übrigen treten ihn mit Füßen! Glendower, Sie ſind ein ſolcher Mann! Nun hören Sie, ich will Sie nicht täuſchen; ich ehre Sie zu ſehr, um Sie ſelbſt zu Ihrem eigenen Beſten zu hin⸗ tergehen. Ich geſtehe Ihnen offen und ſogleich, daß in dem Plane, den ich Ihnen entwickeln werde, etwas Bulwer, der Verſtoßene. M. 8 4¹4 liegt, was den herkömmlichen theoretiſchen Grund⸗ ſätzen der Erziehung widerſpricht— was den Vorur⸗ theilen, wenn auch nicht den Vernunftgründen des Geiſtes feindlich iſt; aber—“ „Halten Sie ein!“ fagte Glenbower plötzlich, indem er ſein kühnes und forſchendes Auge auf den Verſucher richtete—„wir bedürfen keiner Beweisgründe und keiner Beſchönigung in dieſer Sache; ſagen Sie mir ſogleich Ihren Plan, und ich will ihn entweder ſogleich an⸗ nehmen oder verwerfen!“ „Nur Geduld,“ antwortete Crauford,„zu jedem Contrakt gehört eine Einleitung. Hören Sie mich weiter an; wenn ich ausgeredet habe, will ich Si⸗ auch anhören. Es iſt vergebens, daß man den Men⸗ ſchen in Städte bringt— es iſt vergebens, daß man ihn mit Geſetzen feſſelt— es iſt vergebens, daß man das Licht einer unvollkommenen Moralität einer ſchim. mernden Weisheit und einer unwirkſamen Religion in ſeine Seele gießt; an allen Orten iſt er derſelbe — daſſelbe wilbe und hinterliſtige Weſen, welches die Leidenſchaften, die ihn ſelber beherrſchen, zu Werk⸗ zeugen ſeiner Groberung über Andere macht! In der ganzen Schöpfung gibt es nur ein ausdrückliches Geſetz — Selbſterhaltung! Zerſpalten Sie es zu der Breite eines Haars und zu Atomen, es liegt immer Allem zu Grunde und iſt weſentlich unverändert. Glendower, vieſe Selbſterhaltung iſt jetzt unſer Band. Von mir felber rede ich gegenwärtig nicht— ich nehme nur Rückſicht auf Sie. Die Selbſterhaltung gebietet Ihnen, unbedingtes Vertrauen in mich zu ſetzen; ſie zwingt aß man ſchim⸗ teligion derſelbe ches die Werk⸗ In der 3 Geſetz Breite Allem dower, on mir ne nur Ihnen, zwingt Sie, den Mangel abzuſchwören, indem Sie den Vor⸗ ſchlag annehmen, den ich Ihnen zu machen im Be⸗ griff bin.“ „Sie reden bis jetzt noch in Räthſeln,“ ſagte Glendower,„aber ſie ſind hinlänglich klar, mir zu ſagen, daß ihr Sinn kein ſolcher iſt, den ich Sie habe ausſprechen hören.“ „Sie haben Recht. Es iſt nicht immer ſicher, die Wahrheit entweder Andern, oder ſich ſelbſt anzuver⸗ trauen! Aber ich lege Ihnen jetzt mein wahres Herz offen dar. Blicken Sie in daſſelbe— ich darf behaupten, daß Sie Menſchenliehe, Wohlwollen, Gottesfurcht und in dieſem Angenblick Liebe und Freundſchaft für Sie darin ſehen werden; aber ich geſtehe auch, daß Sie eine Entſchloſſenheit dort finden— welche mir als Muth erſcheint— nicht das einzige müßige Weſen in der Welt zu ſein, wo Alles geſchäftig iſt, over noch ſchlimmer, der Einzige zu ſein, der ſich auf ein gefährliches und ungewiſſes Spiel eingelaſſen hat, und ſich doch ſcheut, alle die Liſt anzuwenden, die in ſeiner Macht fteht. Ich will Ihnen geſtehen, wäre ich ſchon längſt auf thörichte Weiſe träge geweſen, ſo würde ich in dieſem Augenblick noch ärmer und verlaſſener daſtehen als Sie. Ich lebe glücklich und geachtet! Ich erfreue mich im vollſten Maße der Segnungen des Lebens. Ich ſpende auch Andern dieſe Segnungen. Sehen Sie fich in der Welt um— weſſen Name ſteht reiner und geachteter da als der meine. Weſſen Hand erleichtert mehr die menſchliche Noth? Weſſen Zunge predigt reinere Lehrſütze? Keine, Glendower, 116 keine. Ich biete Ihnen Mittel an, die benen nicht unähnlich find, welche ich gewählt habe— Glücks⸗ umſtände, denen nicht ungleich, die ich beſitze. Nur die unverantwortlichſte Bedenklichkeit wird Sie bewe⸗ gen zu zandern bei meinem Anerbieten. „Sie können nicht erwarten, daß ich in dieſer Nacht mit Ihnen zuſammengekommen bin, um auf unverantwortliche Weiſe bedenklich zu ſein,“ ſagie Glendower mit hohlem und kaltem Lächeln. Crauford antwortete nicht ſogleich, denn er be⸗ dachte, ob es ſchon Zeit ſei, ihm das wichtige G⸗ heimniß zu eröffnen. Während er überlegte, ſenkten ſich die düſtern Wolken noch mehr, die Dunkelheit wurde erhöht und es ſielen einige große Regentropfen auf den Boden, als Vorboten einer allgemeineren Er⸗ gießung der Regenſtröme des Himmels. Die beiden Männer gingen weiter und ſuchten Schutz unter einen alten Bogengange. Crauford war der erſte, der das Schweigen brach. „Still,“ ſagte er,„hörten Sie nicht etwas?“ „Ja! ich hörte die Winde und den Regen, di⸗ Erſchütterung der Häuſer und das Plätſchern auf den Straßenpflaſter— weiter nichts.“ Nachbem ſich Crauford lange und ängſtlich um⸗ geſehen, um ſich zu überzeugen, ob auch gewiß kein Zeuge ihrer Unterredung da ſei, näherte er ſich Glen⸗ dywer und faßte ſeinen Arm feſt an. In dem Augen⸗ blick fuhr ein heller Blitz durch den halbverfallenen Bogengang und verlieh Craufords Geſichte einen Aus⸗ pruck, vor welchem Glendower beinahe zurückfuhr⸗ en nicht Glücks⸗ Nur e bewe⸗ * n dieſer um auf “ ſagie er be⸗ ige Ge⸗ ſenkten nkelheit atropfen ren Er⸗ e heiden er einem n brach. 74 en, die auf dem lich um⸗ wiß kein ch Glen⸗ Augen⸗ fallenen en Aus⸗ ückfuhr. 117 Das gewöhnlich ſo glatte, ruhige und wegen ſeiner Faſſung ausdrucksloſe Geſicht war jetzt, aufgeregt durch die Empfindungen des Augenblicks und von dem unheimlichen Lichte beſchienen, wirklich furchtbar an⸗ zuſehen. Die kalten blauen Augen ſtarrten aus ihren Höhlen hervor— die bleichen, zum Reden halb ge⸗ öffneten Lippen zeigten die weißen, ſchimmernden Zähne und die faſt höhniſch heruntergezogenen Mundwinkel gaben den Wangen, die bei dem Blitze bläulichgrün erſchienen, ein hohles und geiſterhaftes Anſehen. „Es iſt ein gefährliches Geheimniß, welches ich Ihnen zu eröffnen im Begriffe bin,“ ſagte Crauford in flüſterndem aber deutlichem Tone.„Ich habe frei⸗ lich keine Veranlaſſung dazu, aber meine Herren Richter haben ſie, und es wird Sie daher nicht überraſchen, wenn ich die Ceremonien ihres Gerichtshofes im Vor⸗ aus anwende und einen Eid fordere.“ Dann ging ſein Weſen und ſeine Stume plötz⸗ lich in eine ernßte und tiefe Feierlichkeit über, indem die Aufregung ihm eine Beredſamkeit verlieh, welche eindringlicher war, weil ſte ſeinem gewöhnlichen Be⸗ nehmen nicht entſprach, und er fuhr fort:„Bei jenen Blitzen und Bewegungen droben— bei dem Himmel, wo fie ihre furchtbaren Spiele treiben— bei der Erde, deren Thürme ſie zerſchmettern, deren Kräuter ſie verwelken machen und deren Geſchöpfe ſie nach ihrer Willkür zu Aſche verbrennen— bei Dem, welches auch ſein Name ſein mag, welchen alle Menſchen in der lebendigen Welt verehren und vor ihm zittern— hei Allem, was heilig iſt in die⸗ 118 ſem großen und geheimnißvollen Weltall, und auf die Gefahr alles deſſen, was verwelken machen, zer⸗ ſtören und vernichten kann— ſchwören Sie, ewig und unverletzlich das Geheimniß zu bewahren, welches ich Ihnen ins Ohr flüſtern werde.“ Die tiefe Dunkelheit, die in ven Pauſen zwiſchen den Blitzen vie Seene einhüllte, verhinderte Crauford die Wirkung zu beohachten, welche ſeine Worte her⸗ vorgebracht hatten, und er konnte nicht einmal ben Umriß von Glendowers Geſtalt ſehen, aber ſeine Stimme wurde bei der Dunkelheit um ſo deutlicher. „Verſichern Sie mir,“ ſagte Glendower,„daß keine Schande, kein Verbrechen in dieſer Mittheilung liegt, und ich will ſchwören.“ Crauford knirſchte mit den Zähnen. Er war im Begriff ungeſtüm zu erwidern, doch er hielt an ſich. „Ich will ihm meinen Antheil an dem Plane nicht mittheilen,“ dachte er,„ſondern nur angeben, daß ein ſolcher Plan eriſtirt, und dann andeuten, auf welche Weiſe er daraus Nutzen ziehen kann— in ſo weit iſt ſeine Verheimlichung nicht Unrecht und kann daher keine Entſchulbigung für ihn ſein, ſein Gelübde zu brechen.“ Nachdem er raſch zu dieſem Schluſſe gekommen war, ſagte er laut:„Ich verſichere es Ihnen!“ „Und ich ſchwöre!“ erwiderte Glendower. Am Schluſſe dieſes Satzes erhellte ein Blitz die Dunkelheit wieder, und Glendower, der das Geſicht ſeines Gefährten erblickte, bebte wieder zurück, denn die Bläſſe und der Triumph, den daſſelbe zeigte, er⸗ nd auf n, zer⸗ ewig welches wiſchen rauford te her⸗ nal den r ſeine utlicher. „daß heilung war im an ſich. te nicht n, daß n, auf — in ht und n, ſein dieſem rſichere litz die Geſicht „denn te, er⸗ 1¹9 ſchien ſeiner aufgeregten Einbilvungskraft als der Ausvruck eines Teufels!—„Nun,“ ſagte Crauford ſeinen gewöhnlichen nachläſſigen Ton wieder anneh⸗ mend,„nun müſſen Sie mich nicht in meiner Mit⸗ theilung durch jene plötzlichen Ausrufungen unter⸗ brechen, die aus Ihrer Philoſophie wie Funken aus dem Kieſelſtein hervorgehen. Hören Sie mich zu Ende.“ Und indem er ſich nieverbeugte, bis ſein Mund Glendowers Ohr erreichte, begann er ſeine Erzäh⸗ lung. Indem er geſchickt ſeine eigene Mitwirkung verbarg, die Hauptfeder der gigantiſchen Maſchinerie des Betruges, welche, zu mächtig für eine einzelne Hand, einen Gehülfen erforderte— indem er die Sünde in Dunkelheit ſßtellte, und da er den uner⸗ ſchrockenen Muth und die verzweifelten Vermögens⸗ umſtände des Mannes kannte, ſo wollte er ihm die Gefahr nicht verbergen, ſprach ſich über die Vortheile, die ungeheuren und faſt unerſchöpflichen Hülfsquellen des Reichthums aus, die ſein Plan einem Manne eröffnete, der ſich in dem tiefſten Abgrunde der Ar⸗ muth befand, und ſchilderte, um die Eitelkeit zu er⸗ regen, die Erfindungsgabe und das Genie, aus wel⸗ chem der Plan hervorgegangen und wodurch er allein konnte aufrecht erhalten werben. Bei der Kenntniß der menſchlichen Natur, bei der Anwendung der Grundſätze, bei der geſchickten Verſtellung ſeiner Ab⸗ ſichten und der eigenthümlichen Art der Lockung war Fraufords Verſuchung in der That ein glänzendes Meiſterſtück ſchurkiſcher Erfindung. 120 Aber während Glendower zuhörte und Crauford bei ſeinem Schweigen ſchon geſiegt zu haben glaubte, bemächtigte ſich keinen Augenblick ein ſchwaches oder nachgebendes Verlangen ſeines Herzens. So geſchickt auch der Plan verſchönert war, und obgleich kaum der zehnte Theil ſeines ungeheuren Umfanges ans Licht kam, ſo durchſchaute doch ſogleich der ſcharffichtige Geiſt, der lange gewöhnt war, die Sophiſterei zu entwirren und die einſame Wahrheit zu betrachten, ſogleich den Plan und ſah deutlich, vaß es nichts als Verrätherei und Schlechtigkeit ſei. Matt und muthlos lehnte ſich Glendower an die feuchte Mauer, indem jedes Wort, wovon der Verſucher thörichter Weiſe glaubte, daß es ihn unwiderſtehlich in ſeinem Vor⸗ ſatze beſtärke, den letzten ſchwachen Zweig abriß, wo⸗ ran ſich der Gelehrte in der Leichtgläubigkeit der Hoff⸗ nung gehalten, und ſeiner ſpottete, während es ſeinen thörichten Glauben vernichtete. Crauford ſchwieg und ſtreckte ſeine Hand aus, um Glendowers zu ergreifen. Er fühlte ſle nicht.—„Sie reden nicht, mein Freund,“ ſagte er;„überlegen Sie, oder haben Sie ſchon entſchieden?“ Noch immer keine Antwort. überraſcht und beunruhigt wendete er ſich um, und bemerkte bei einem Blitze, daß Glen⸗ dower ſich erhoben hatte, und ſich dem Ausgange des Vogens näherte. „Guter Himmel!“ rief Crauford,„wohin gehen Sie, Glendower?“ „überall hin auf dieſer großen Welt des Leidens,“ rief Glendower in einem plötzlichen Ausbruch unwil⸗ — auforh laubte, s oder eſchickt m der * icht ichtige ei ze chten, 1s als uthlos indem Weiſe Vor⸗ „wo⸗ Hoff⸗ einen „um „Sie Sie, nmer ndete len⸗ e des ehen ens, wil⸗ 121 liger Leibenſchaft,„wo ich nicht vurch die Stimme des Verbrechens verfolgt werde! und eines ſolchen Verbrechens!— Ich würde lieber auf die Landſtraße gehen und mein Brod mit dem ſcharfen Meſſer und dem Todeskampfe gewinnen, als meine Seele in einen ſolchen Pfuhl der Sünde verſenken. Betrug— Ver⸗ rätherei! Gütiger Vater! Welches muß mein Zu⸗ ſtand ſein, wenn man glaubt, daß mich das verlocken kann!“ Erſtaunt und erſchrocken blieb Crauford wie ein⸗ gewurzelt ſtehen. „Oh!“ fuhr Glendower fort, und ſeine edle Natur war aufs Außerſte verwundet.„O Menſch— Menſch! daß ich meine beſten und friſcheſten Jahre dem Traume weihen mußte, Dir zu dienen! Daß mich in meiner knabenhaften Begeiſterung, in meiner kurzen Laufbahn des Vergnügens und der Macht, in der Berauſchung der Liebe, in den Wechſelfällen des Schickſals, in den ſchmutzigen und finſtern Höhlen der Erniedrigung und der Armuth vieſe einzige Hoffnung beleben, erheitern und aufrecht halten mußte! Wurde veine große, der Entwicklung entgegenſchreitende Sache in Verſuchung, Krankheit oder Elend von dieſer Hand und dieſem Herzen vergeſſen und aufgegeben? Gibt es in der weiten Welt ein Weſen, dem ich auch nur in meinen Gedanken Unrecht gethan— ein Weſen, welches nicht in meiner Dürftigkeit aus meinem Becher getrunken oder mit dem ich nicht mein letztes Stück Brod getheilt hätte?— Und nun iſt es vahin gekommen!“ Und indem er ſein Geſicht mit den Händen be⸗ 122 veckte, gab er ſich einer Heftigkeit des Gefühls hin, vor welcher die ſchwächere Natur Craufords zitternd und beſchämt vaſtand. Es währte nicht lange; er erhob ſeinen Kopf und ſtand im Eingange da, wäh⸗ rend ein länger dauernder Blitz ſeine Geſtalt beleuch⸗ tete. Hoch und aufgerichtet ſtand ſeine ſtolze Geſtalt kühn da und ſein farbloſes Geſicht war deutlich zu ſehen; jede Spur der Leidenſchaft war verſchwunden: vollkommen ruhig und feſt erborgten ſeine Züge von ihrer marmorweißen Bläſſe eine hohe Würde. Mit einem Auge, dem der unerträgliche Glanz der Blitze etwas von ſeinem Feuer mitgetheilt zu haben ſchien, ſuchte er die gebückte Geſtalt ſeines Gefährten auf und ſagte:„Geh heim, elender Verſucher der Tugend⸗ die Du nicht begreifen kannſt— geh in Dein üppiges und koſthares Haus— geh und beklage, daß die menſch⸗ liche Natur nicht nach Deinen verſtümmelten Geſetzen zu meſſen iſt— ſuche Dir Dein Opfer unter Men⸗ ſchen, die tiefer gefallen find als ich— in Gefäng⸗ niſſen und unbedeckten Hütten— unter Lumpen und Elend, unter Unglücklichen, die der Hunger zum Wahnfinn gebracht hat, ſuche, bis Du einen ſolchen Schurken findeſt, wie Du forderſt.— Ich überlaſſe Dich dieſer Hoffnung und der Erinnerung!“ Als Glendower im Begriff war fortzugehen, kam Crauford wieder zu ſich. Zur Verzweiflung gebracht durch die äußerſte Nothwendigkeit, ſich raſche Hülfe zu verſchaffen, und noch nicht völlig überzeugt von der Trüglichkeit ſeines früheren Urtheils, war er ent⸗ ſchloſſen, Glenvower noch nicht ſo leicht fortzulaſſen⸗ hin, ternd wäh⸗ euch⸗ eſtalt ch zu den: von Mit Blitze chien, f und gend⸗ piges enſch⸗ ſetzen Men⸗ füng⸗ n und zum olchen rlaſſe kam bracht Hülfe ton r ent⸗ aſſen ⸗ 123 Indem er ſeine Gefühle durch eine heftige Anſtrengung überwand, eilte er auf Glendower zu und faßte ſeine Schulter. „Halt, halt,“ ſagte er mit beſänftigender Stimme, „Sie haben mir großes Unrecht gethan. Ich ver⸗ zeihe Ihnen Ihre Wärme, ja ich ehre ſie, aber ſpäter werben Sie Ihr Urtheil von mir berenen, wenigſtens meinen Abſichten Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Wäre ich in dem Ihnen vorgeſchlagenen Plane mit⸗ wirkend, was läge mir daran? Hätte ich den ge⸗ ringſten Vortheil dadurch? Könnte ich irgend einen andern Beweggrund haben als Freundſchaft für Sie? Wenn ich irrte, ſo geſchah es aus einer verſchiedenen Anſicht von der Sache; aber iſt es nicht die Pflicht eines Freundes, Abhülfe für die Noth zu finden und der Perſon, die ſich in Noth befindet, das Recht zu laſſen, ſie anzunehmen vder zu verwerfen? Aber laſſen wir das auf immer— theilen Sie mein Vermögen, ſeien Sie mein Bruder! Hier habe ich in vieſem Au⸗ genblick Hunderte bei mir. Nehmen Sie Alles und geſtehen Sie wenigſtens, daß ich es gut mit Ihnen meinte.“ Da er fühlte, daß Glendower, der anfangs ver⸗ gebens verſucht hatte, ſich von ſeiner Hand los zu machen, ſich jetzt zu ihm wendete, ſo fuhr ver liſtige Redner fort:„Ja, Glendower, wenn ich Sie noch immer bei dem Namen nennen muß, nehmen Sie alles, was ich habe— Niemand in der Welt iſt mir theurer als Sie. Ich bin ein einſamer und getäuſchter Mann, ohne Kinder, ohne andere Bande der Ver⸗ 124 wandtſchaft. Ich ſuchte einen Freund, der im Leben mein Bruder und im Tode mein Erbe ſein ſollte. Ich fand Sie— ſeien Sie mir das!“ „Ich bin matt und elend,“ ſagte Glendower lang⸗ ſam,„und glaube, meine Sinne können nicht klar ſein; noch vor einer Minute ſprachen Sie ausführ⸗ lich und in ſchrecklicher Deutlichkeit Worte aus, die mein Ohr befleckten, indem ich ſie anhörte, und jetzt reden Sie, als ob Sie mich liebten. Wollen Sie mir das Räthſel löſen?“ „Die Wahrheit iſt dieſe,“ ſagte Crauford;„ich kannte Ihren Stolz— ich fürchtete, Sie würden ſelbſt von einem Freunde einen dauernden Beiſtand nicht annehmen. Ich war daher genöthigt, einen Plan der Unabhängigkeit für Sie zu erdenken: mir ſiel kein anderer ein, als der, den ich Ihnen vor⸗ geſchlagen habe. Sie halten ihn für böſe; es mag ſein; aber er erſchien mir nicht ſo. Ich mag Unrecht gehabt haben— ich geſtehe, es iſt ein beſonderer moraliſcher Grunvſatz, aber er iſt wenigſtens auf⸗ richtig. Indem ich meinen Vorſchlag nach dem Grund⸗ ſatze beurtheilte, ſah ich keine Sünde darin. Ich ſah auch viel weniger Gefahr, als ich in der Redlichkeit meines Herzens ausſprach. Ich ſchwöre feierlich, daß ich ſelber in einer ähnlichen Noth ein ähnliches Hülfs⸗ mittel würde ergriffen haben. Auch iſt dies noch nicht Alles; der vorgeſchlagene Plan würde Sie in den Beſitz von Tauſenden geſetzt haben. Verzeihen Sie mir, wenn ich glaubte, daß Ihr Leben und das Leben Derjenigen, die Ihnen am theuerſten ſind, von größe⸗ ang⸗ klar ühr⸗ die jetzt Sie „ich den ſtand inen mir vor⸗ mag recht derer auf⸗ und⸗ ſah hkeit daß ülfs⸗ nicht den Sie Leben rem Werthe wären, als dieſe Summen für die be⸗ trogenen Perſonen— ja, betrogen, wenn Sie wollen: verzeihen Sie mir, wenn ich glaubte, daß Sie mit dieſen Tauſenden der Geſellſchaft mehr Nutzen ſchaf⸗ fen würden, als Ihre rechtmäßigen Beſitzer. Nach dieſen Gründen und einigen andern, deren Angabe hier zu weit führen würde, rechtfertigte ich meinen Vorſchlag vor meinem Gewiſſen. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie noch einmal bitte, meinen letzten Vor⸗ ſchlag anzunehmen; ſeien Sie mein Compagnon, mein Freund, mein Erbe, und vergeſſen Sie einen Plan, den ich Ihnen nie würde vorgeſchlagen haben, wenn ich gehofft hätte, was ich jetzt hoffe, daß Sie den andern Vorſchlag annehmen würden; ich ſetze meinen Stolz darein, Ihnen denſelben anzubieten, und ſelbſt Ihr Stolz darf Sie nicht bewegen, denſelben aus⸗ zuſchlagen.“ „Große Quelle aller Erkenniniß!“ ſagte Glen⸗ dower kaum hörbar bei ſich ſelber.„Erhabener und unerforſchlicher Gott!— verabſcheueſt oder hemit⸗ leideſt Du Deine verworfenen Creaturen mehr, die in ihrer düſtern Vernunft auf dieſer kleinen Erde umherwandeln und Betrug, Verrätherei, Verbrechen nach einem Grundſatze rechtfertigen, der von Deinen Geſetzen erborgt iſt! O! wann— wann wird Dein volles Licht der Weisheit zu uns hernieverkommen und Schuld, Sorgen und die höſen Geheimniſſe vieſer Welt gleich Wolken vor dem Sturm dahinrollen?“ „Ich höre Sie nicht, mein Freund,“ ſagte Crau⸗ ford.„Reden Sie laut; Sie werden— ich fühle 126 es, Sie werden mein Anerbieten annehmen und mein Bruder werden!“ „Fort!“ ſagte Glendower,„ich will es nicht.“ „Er iſt irre— ſein Gehirn iſt verwirrt!“ mur⸗ melte Crauford und ſetzte dann laut hinzu:„Glendower, wir ſind Beive jetzt unfähig zu reden— Beide ver⸗ ſtimmt durch unſere verſchiedene Anſicht. Sie werden mich morgen vielleicht wieber treffen. Ich will Sie jetzt zu Ihrer Thür begleiten.“ „Keinen Schritt; unſere Pfade ſind getrennt!“ „Gut, gut, wenn Sie es ſo wollen. Ich habe Sie beleidigt, und Sie haben ein Recht, mich zu beſtrafen und dieſe Nacht den Trotzigen zu ſpielen; aber Ihre Wohnung?“ „Dort,“ ſagte Glendower, indem er auf den Himmel deutete.„Kommen Sie in einem Monat vorthin, und Sie werden mich dort finden!“ „Nein, nein, mein Freund, Ihr Gehirn iſt er⸗ hitzt, und Sie verlaſſen mich. Ihr Wille iſt der meine, wie ich ſchon ſagte; aber nehmen Sie wenig⸗ ſtens einige von dieſen unbedeutenden Banknoten als Handgeld unſeres Vertrages; bedenken Sie, daß Sie, wenn wir uns wieder treffen, Alles theilen werden, was ich beſitze.“ „Sie erinnern mich, daß ich Ihnen noch eine alte Schuld zu bezahlen habe,“ ſagte Glendower ruhig. „Als ich Sie zuletzt ſah, borgten Sie mir eine Summe — hier iſt ſie wieder— nehmen Sie— zählen Sie— es fehlt nur eine einzige Guinee. Fürchten Sie nichts— auch dieſe ſoll bis auf den letzten Heller bezahlt werden.“ ———„— e e mur⸗ wer, ver⸗ erden Sie nt!“ e Sie rafen Ihre den konat ſt er⸗ t der enig⸗ n als Sie, erden, eine ruhig. umme — „Dies iſt aber unfreunblich, unedel. Warten Sie—“ Aber mit einer ungeduldigen Bewegung der Hand entfernte ſich Glendower raſch, bog in eine andere Straße und war bei der Dunkelheit ſogleich verſchwunden. „Thor, der ich bin,“ rief Crauford, heftig auf den Boden ſtampfend;„wie konnte meine Klugheit mir ſo fehlen, daß ich nicht einmal einen Mann ge⸗ winnen konnte, den der Hunger mir ins Netz trieb. Aber ich muß ihn dennoch auffinden— und ich will es— die Polizei ſoll mir behülflich ſein: dieſe halben Eröffnungen können mich zu Grunde richten. Und wie trügeriſch er ſich gezeigt hat— ſprach er nicht mißtrauiſcher von der Tugend, als eine heulende Buh⸗ lerin? Feigling bin ich ſo gut wie ein Thor, daß ich bei ſeiner Stimme in den Staub ſank. Aber ich muß ihn dennoch haben; die ärgſten Schurken machen den meiſten Lärm bei dem erſten Schritte. Freilich kann ich nicht ſtürmen, aber ich will unterminiren. Aber ich Elender, ich muß ihn bald gewinnen oder einen Andern, ſonſt muß ich am Galgen ſterben— pfui, garſtiger Gedanke!“ Nennundfünfzigſtes Kapitel. Formam quidem ipsam, Marce ſili, et tanquam faciem honesti vides: quae, si oculis cerneretur, mirabiles amores(ut ait Plato) excitaret spientiae. cero⸗ Der Morgen bämmerte beinahe ſchon, als Glen⸗ dower in ſeine Wohnung zurückkehrte. Da er ſeine Frau nicht ſtören wollte, ſo ſchlich er ſich mit leiſen Schritten in das feuchte und elende Zimmer, wo der letzte Sohn eines fürßilichen Geſchlechts und der recht⸗ mäßige Beſitzer von Ländereien und Hallen, die ihm ſelbſt ein Herzog hätte beneiden können, ſeinen elenden Zufluchtsort gefunden hatte. Die erſten matten Strahlen des anbrechenden Morgens fielen durch die zerbrochenen Fenſter ohne Laden, und er ſah ſeine Frau in tiefem Schlafe auf dem Stuhle neben dem Bette ihres Kindes ſitzen. Sie hatte nicht zu Bette gehen wollen, bis Glendower zurückgekehrt war, und hatte wachend und betend und auf ſeine Fußtritte hor⸗ chend, dageſeſſen, bis ſie der Schlaf in der äußerſten Erſchöpfung der Schwäche unb Krankheit überwältigt hatte. Glendower neigte ſich über fie. „Schlafe nur,“ ſagte er,„die Böſen kommen jetzt nicht zu Dir, Du biſt in einer Welt, die keine Gemeinſchaft mit dieſer hat— eine Welt, aus welcher das Glück nicht verbannt iſt! Kein Weh, kein Schmerz, keine Erinnerung der Vergangenheit, keine Verzweif⸗ lung über das, was Du vor Dir ſiehſt, bildet Deinen gegenwärtigen Zuſtand! Du genießeſt die Vergeſſen⸗ heit des Grahes im Voraus und Dein Herz vereint allen Troſt der Erde in dem einen Worte Vergeſſen⸗ heit. Wie ſchön biſt Du ſelbſt jetzt noch!— Dieſes Lächeln, dieſes augenblickliche Erröthen haben die Jahre nicht überwunden. Es iſt noch ſo, wie da⸗ mals, wo Du Dich als meine junge Braut zuerſt an meine Bruſt lehnteſt und tränmteſt, daß der Kummer —— ſeine leiſen o der recht⸗ ihm enden tatten ch die ſeine dem Bette „ und e hor⸗ jerſten vältigt mmen keine velcher hmerz, zweif⸗ deinen geſſen⸗ vereint geſſen⸗ Dieſes en die ie da⸗ erſt an ummer 129 nicht mehr ſei! Und ich habe Dich hieher gebracht. Dieſe grünen Wände find Dein Brautgemach— jene Stücke Brod Dein Hochzeitsſchmaus. Nun, was liegt daran? Du biſt auf dem Wege zu einem Lande, wo Alles, ſelbſt ein gebrochenes Herz Ruhe ſindet. Ich weine nicht; warum ſollte ich weinen? Thränen find nicht für die Todten, ſondern für die überlehenden. Ich möchte Dich lieber Zoll für Zoll ins Grab finken ſehen und dabei lächeln, als Dich durch eine Erb⸗ ſchaft der Sünde erretten. Was iſt in dieſem kleinen und ſchmutzigen Leben, was wir feſt zu halten uns bemühen ſollten? Was liegt in dieſem ſchrecklichen Traum, daß wir fürchten ſollten zu erwachen?“ und Glendower kniete neben ſeiner Frau nieber und ungeachtet ſeiner Worte ſtrömten Thränen über ſeine Wangen nieder, und ermüdet wie er war, wachte er bei ihr, bis der Schlummer von den Augen wich, für welche ſeine Gegenwart freudiger war, als der Tag. Es war ein ſchöner Anblick, ſelbſt im Kummer vieſes Paar zu ſehen, welches der Mangel nicht er⸗ niedrigen, noch das Mißgeſchick, welches ſelbſt die Großmuth ſelbſtſüchtig macht, ſcheiden konnte! Alles was das Schickſal der Poeſie und der Anmuth des Lehens geraubt, hatte der Romantik ihrer grünen und unverwelkten Neigung kein Blatt genommen! Sie waren das urbild der Liebe in ihrer heiligſten und dauerndſten Geſtalt, ihre Herzen waren zuſammen⸗ gewachſen— ihr Weſen war durch Höhlen und Wüſten gefloſſen und hatte die Ungewitter eines zornigen Himmels abgeſpiegelt; aber das Waſſer hulte ſich Bulwer, der Verſtoßene. M⸗ 9 430 unauflöslich in eins gemiſcht! Jung, talentvoll, edel und hingebend, waren ſie würdige Opfer dieſer bit⸗ tern unb zerſtörenden Welt! Ihr Garten war in eine Wildniß verwandelt; aber gleich unſern erſten Eltern gingen ſie Hand in Hand ihren einſamen Weg! Das übel verfolgte ſie, aber ſie wichen nicht ab, Regen und Winde fielen auf ihre unbeſchützten Häupter, aber ſie bengten ſich nicht, und durch die Jrrgänge und Dornenwege dieſes mühevollen Lebens verirrten ſich die blutenden Fußtritte nicht, denn ſie hatten einen Wegweiſer! Der Geiſt ſchien gleichſam ſichtbar und äußerlich zu werden, ſo wie die Körpergeſtalt hin⸗ fällig wurde, und den Leib mit etwas von ſeiner eigenen unverwundbaren Kraft zu bedenken, ſo daß Alles, was den ſterblichen und ſchwachen Theil hätte angreifen ſollen, auf den unvergänglichen und gött⸗ lichen fiel, der ihm widerſtand und es überwand! Es war ein Unglück für Glendower, daß er nie wieder mit Wolfe zuſammentraf, denn weder der Fa⸗ natismus der politiſchen Anſicht, noch das finſtere Temperament überwanden je in dem Republikaner das wahrhafte Wohlwollen, welches ſeinen Charakter erhob und veredelte, noch hätte ihn irgend ein An⸗ trieb der Parteiſucht bewegen können, gleich Crauford ſyſtematiſch ſeine Armuth zu benützen, um ihn zur Theilnahme an ſeinen Plänen zu bewegen.— Einem gefährlicheren Gefährten war Glendower noch immer nicht entronnen; auf irgend eine Weiſe machte Crau⸗ ford ſeine Wohnung ausfindig und verlor keine Zeit, die Entdeckung zu benitzen. Um ſeine unabläſſige 1, edel er bit⸗ in eine Eltern Das Regen iupter, rgänge rirrten einen r und t hin⸗ ſeiner ſo daß hätte gött⸗ nd er nie er Fa⸗ inſtere ikaner rakter n An⸗ uford nzur Finem mmer Crau⸗ Zeit, äſſige 13¹ Verfolgung Glenbowers vollkommmen zu begreifen, müſſen wir uns beſtändig erinnern, daß er zu dieſer Verfolgung durch vie dringendſte Nothwendigkeit ge⸗ trieben wurde, die ihn gegen jedes Hinderniß ab⸗ härtete und für alle Reue unempfindlich machte. Bei ſeiner Klugheit, die er beſaß, kehrte er nie offen zu ſeinem früherem Vorſchlage des Betruges zurück: er begnügte ſich mit dem Verſuche, Glendower zu überreden, Geldbeiſtand von ihm anzunehmen, aber vergebenz. Der Schleier, der einmal von ſeinem Charakter geriſſen war, konnte durch keine Liſt wieber⸗ hergeſtellt werden. Bei all ſeinen Vorwänden und ſeiner ſiebenfachen Heuchelei durchſchaute Glenvower ſogleich ſeine wahren Beweggründe: er ließ ſich nicht vurch Verſicherungen der Freundſchaft täuſchen, da er wußte, daß die Ungleichheit ihrer Naturen ſie unmöglich machte. Ungeachtet der Verſicherungen vom Gegentheil hatte er gleich aufangs geſehen, daß Crau⸗ ford bei dem hetrügeriſchen Vorſchlage, den er ihm gemacht, kein kalter und unbetheiligter Rathgeber ſein könne. Bei ſpäteren Unterredungen verrieth Crauſord durch verſchiedene wichtige Kleinigkeiten, wie weit er in das Verbrechen verwickelt war, zu welchem er Glendower hatte überreden wollen, und ſelbſt nicht vas ſichtbare und fortſchreitende Hinwelken ſeiner Frau und ſeines Kindes konnten Glendowers ſtrengen Geiſt bewegen, jenen Lohn der Ungerechtigkeit anzunehmen, von dem er nur zu gut wußte, daß er ihm als Hand⸗ geld eines Verbrechens geboten wurde. Es liegt eine Majeſtät in dem äußerſten Elende, wenn der Geiſt 132 mit dem verlornen Vermögen nicht fällt, die ſelbſt das verhärtete Laſter nicht ohne Scham verletzen kann. Häufig wurde Crauford, ungeachtet ſeiner Verſtellung, gedemüthigt und überführt von dem Manne fort⸗ getrieben, welchen am meiſten zu fürchten, wenn er ſich ſtellte als verachte er ihn am meiſten, ſeine bit⸗ terſte Strafe war; und eben ſo vft ernenerte er ſeine Verſuche, indem er ſich ſeiner Fähigkeiten erinnerte und ſeine Erfahrung in der menſchlichen Schwäche zu Hülfe rief. Er wartete vor der Thüre und auf den Wegen ſeines beabſichtigten Schlachtopfers. Er wußte, daß der Geiſt, der anfangs die Verſuchung kräftig zurückweist, ſelten die Macht hat, ihr zu wi⸗ derſtehen, wenn ſie ſich täglich und unabläſſig in jeder Form varſtellt, ſich zu jeder Stunde auforingt, durch Gewohnheit ihr Entſetzen verliert und in dem rebelliſchen Buſen ſelber ihre lockendſte Entſchuldigung findet. Es war in der That eine mächtige und ge⸗ fährliche Prüfung für Glendower, wenn er von ſeiner Frau und ſeinem Kinde kam— faſt ohnmächtig von dem ſich anhäufenden Leiden— faſt wahnſinnig von qualvollen Gedanken, auf jedem Schritte eine ſanfte, überredende Stimme flüſtern zu hören:„Rettung, gewiſſe, vollſtändige, augenblickliche Rettung!“— Die Stimme eines Menſchen, der durch Gefahr der Schmach und des Todes angetrieben wurde, ſein Be⸗ mühen nie aufzugeben— die Stimme eines Menſchen, der nie anders als im Tone der Freundſchaft und des Mitleids ſprach, der in jeder Liſt und Verſtellung geübt war, womit die Sprache die Handlungen einhüllt. ſeiner g von 133 Aber die Tugend hat Hülfsquellen in ſich ſelber, die wir nicht kennen, bis die drängende Stunde ſie aus ihrer Verborgenheit hervorruft. Draußen von feindlichen Scharen umgeben, und wenn die Natur ſelbſt zum Verräther würde, iſt ihr gefährlichſter Feind im Innern; ſie nimmt eine neue und über⸗ menſchliche Macht an, welche größer iſt, als die der Natur ſelber. Welches auch ihr Glaube— welches auch ihre Sekte iſt— von welchem Punkte des Erd⸗ balls auch ihre Gebete aufſteigen, die Tugend iſt Gottes Reich und von ſeinem Throne wird er fie vertheidigen. Obgleich auf dieſe entfernte Erde ver⸗ bannt und in dem dunklen Raume eines menſchlichen Herzens kämpfend, find alle Weſen droben Zuſchauer des Kampfes oder in die Sache verwickelt. Die Engel haben ſie unter ihrem Schutze— die Banner der Erzengel wehen an ihren Seiten, und von Sphäre zu Sphäre burch den unbegrenzten Ather und um die undurchvringliche Dunkelheit zu den Füßen Gottes wird ihr Triumph zu Harfen geſungen, die zum Ruhm ihres Schöpfers beſaitet ſind. Eines Abends, als Crauford ſich Glendower auf ſeinem einſamen Gange angeſchloſſen hatte, erneuerte der Verſucher ſeine Angriffe wieder. „Aber warum nicht von meiner Freundſchaft annehmen, was Sie meinem Wohlwollen verweigern würden?“ ſagte er.„Ich mache keine Bedingungen bei meinen Anerbletungen oder vielmehr meinen Bitten. Wie können Sie es mit Ihrem Gewiſſen vereinen, 134 Ihre Frau und Ihr Kind vor Ihren Augen umkom⸗ men zu laſſen?“ „Menſch— Menſch!“ ſagte Glendower,„verſu⸗ chen Sie mich nicht weiter— laſſen Sie ſie ſterben! Für jetzt iſt der Tod das Schlimmſte— was Sie mir anbieten, iſt Schande!“ „Himmel! wie unchriſtlich iſt dies! Können Sie die hloße Handlung, Geld von einem Manne anzu⸗ nehmen, der Sie liebt, Schande nennen?“ „Es iſt vergebens, daß Sie Ihre Pläne verſchö⸗ nern,“ ſagte Glendower ſtillſtehend und ſeine Augen auf ihn richtend.„Glauben Sie nicht, daß die Liſt ſich immer verräth? Aus tauſend Worten— aus tauſend Blicken, die Ihnen entgangen ſind, aber nicht mir, weiß ich, wenn es ein Weſen auf dieſer Erde gibt, welches Sie haſſen und zu Grunde richten möchten, ſo bin ich es. Nein, ſtutzen Sie nicht— hören Sie mich geduldig an. Ich habe geſchworen, daß es die letzte Gelegenheit iſt, die Sie haben ſollen. Ich will mich keiner fernern Verſuchung unterwerfen. Ich bin jetzt bei Verſtande; aber es gibt Dinge, die mich wahnfinnig machen können, und im Wahn⸗ finn möchten Sie ſiegen. Sie haſſen mich: es liegt außer der Natur der irdiſchen Dinge, daß Sie es nicht ſollten. Aber ſelbſt wenn es anders wäre, den⸗ ken Ste, daß ich glauben könnte, Sie würden aus Ihrer üppigen Wohnung in dieſe elenden Schlupf⸗ winkel kommen und unter Bettlern und Dieben ver⸗ weilen, um mich zu bewegen, die Armuth aufzugeben, ohne einen ſtärkeren Beweggrund als Liebe zu einem nkom⸗ verſu⸗ erben! ie mir en Sie anzu⸗ rſch⸗ Augen e Liſt aus aber dieſer ichten — ren, ollen. erfen. inge, ßahn⸗ liegt ie es den⸗ aus lupf⸗ ver⸗ eben, 135 Manne, der keine Liebe für Sie empfindet? Ich kenne Sie— ich habe in Ihrem Herzen geleſen— ich habe jenen ſtärkeren Beweggrund erforſcht— es iſt Ihre eigene Sicherheit. In dem ſcheußlichen Plane, den Sie mir vorgeſchlagen haben, find Sie die Haupt⸗ perſon. Sie haben mir bereits genug von der Größe des Syſtems offenbart, um mich zu überzeugen, daß ein einziger Schurke, ſo ſchlau er auch ſein mag, es nicht ohne Beiſtand aufrecht halten kann. Sie bebürfen der Hülfe; und Sie haben gewagt zu glau⸗ ben, daß ich der Mann ſei, der Ihnen dieſelbe ge⸗ währen könne. Sie ſind entdeckt und ſehen, daß Ihr Plan vereitelt iſt.“ „Iſt es ſo?“ ſagte Crauford; und als er ſah, daß es nicht länger möglich ſei, ſich zu verſtellen, zeigte ſich vas Gift ſeines Herzens. Der Teufel er⸗ hoh ſich aus der Schlange und ſtand in ſeiner na⸗ türlichen Geſtalt da. Indem er Glendowers ſtrengen und erhabenen Blick mit einem Auge erwiderte, wel⸗ chem alle böſen Leivenſchaften ein unheiliges Feuer verliehen, wiederholte er:„Iſt es ſo?— dann ſind Sie ſcharfſichtiger als ich glaubte; aber es iſt mir gleichgültig. um Ihret⸗, nicht um meinetwillen, höchſt gerechter Mann, wünſchte ich, daß Sie eine Beſchönigung haben möchten, um Ihren Bedenklich⸗ keiten genug zu thun. Es iſt Richard Crauford gleichgültig, ob Sie blind oder mit offenen Augen in ſeine Schlinge gehen. Aber hineingehen müſſen und ſollen Sie. Ja, finſtere Blicke erſchrecken mich nicht. Sie haben die Wahrheit zu wiſſen ver⸗ 136 langt; Sie ſollen ſie hören. Sie haben Recht, ich haſſe Sie— haſſe Sie mit einer Seele, von deren Haß Sie ſich nicht träumen laſſen. Ihren Stolz, Ihre Halsſtarrigkeit, Ihre Kälte des Herzens, welche das nicht erwärmen kann, was das Blut der Bettler in Bewegung ſetzen würde— Ihre eifige, leiden⸗ ſchaftloſe Tugend— ich haſſe— ich haſſe Alles! Sie haben auch darin Recht, höchſt weiſer Forſcher, daß ich in dem Ihnen vorgeſchlagenen Plane die Hauptperſon bin! Sie ſollten mein Werkzeug ſein, und ſollen es auch noch. Ich habe Ihnen milde Be⸗ weggründe vorgelegt— Vorwände, um die Förm⸗ lichkeiten Ihres Gewiſſens zu überwinden— Sie haben ſie zurückgewieſen— ſei es ſo. Nun wählen Sie zwiſchen meinem erſten Anerbieten und dem Gal⸗ gen. Ja, dem Galgen! In der Nacht, wo wir einander an den hewußten Ort beſtellten, hielten Sie mich auf der Straße an— forderten Geld von mir— beraubten mich— ich will es beſchwören— ich will es beweiſen. Nun zittern Sie, Mann von ſtrenger Sittlichkeit— Ihre eigene Kraft hat Sie zu Glunde gerichtet— Sie find in meiner Macht — zittern Sie! Doch in meiner Sicherheit liegt Ihre Rettung— ich bin großmüthig. Ich wieder⸗ hole mein früheres Anerbieten— Reichthum ſo viel Sie fordern— voder der Galgen— der Gal⸗ gen— rede ich laut genug— ſo daß Sie mich hören?“ „Armer Thor!“ ſagte Glendower, verächtlich la⸗ chend und ſich entfernend. Aber als Crauford halb ⸗ t, ich deren Stolz, welche ettler eiben⸗ lles! ſcher, e die ſein, eBe⸗ örm⸗ Sie ihlen Gal⸗ wir elten von n— von Sie acht liegt er⸗ viel Hal⸗ nich la⸗ al 137 aus Spott und halb drohend Glendowers Schulter faßte, als wollte er ihn zurückhalten, da ſchien ſich ſeine Verachtung in Wuth zu verwandeln— er wen⸗ vete ſich plötzlich um, faßte den Schurken mit der Kraft eines Rieſen an der Kehle und rief, während ſein Geſicht die ſtürmiſche Wuth ſeines Innern aus⸗ vrückte:„Wie, wenn ich Dir in dieſem Augenblick Dein giftiges Leben herauspreſſe?“ Dann brach er wieder in ein verächtliches Lächeln aus, als er den Schrecken bemerkte, den er erregt hatte, und ſetzte hinzu:„Nein, Du biſt zu gemein!“— dann ſchleu⸗ derte er den Henchler an die Wand des benachbarten Hauſes und ſchritt davvn. Zitternd vor Wuth und Furcht, faßte ſich Crau⸗ ford nach und nach wieder, ſah ſich um und erkannte, daß er in dem Spiel mit den Leidenſchaften, die er zu bändigen geſucht, zu weit gegangen. Als er ſich aber völlig überzeugt hatte, vaß Glendower fort war, kehrten alle ſeine zornigen Gefühle mit verdoppelter Gewalt zurück. Aber ſeine bitterſte Qual war das Bewußtſein ſeiner Ohnmacht; denn als der erſte Pa⸗ roxismus der Wuth ſich gelegt hatte, ſah er nur zu klar, daß ſeine Drohung nicht konnte in Ausführung gebracht werden, ohne ſich der Gefahr der Entdeckung auszuſetzen. Bei ſeinem guten Rufe war es möglich, vaß eine Anklage keinen Verdacht erregte; doch ein Wort konnte Nachforſchungen veranlaſſen— und die Nachforſchung mußte ihm den Untergang bringen. Da er ſich deßhalb genöthigt ſah, ſeinen Unwillen, ſeine Scham, ſeinen Haß und ſeine Rache zu unter⸗ 138 brücken, ſo wurde ſein eigenes Herz eine Strafe für ihn, die faſt ſeinem Vergehen entſprach. „Aber mein Feind wird ſterben,“ ſagte er, indem er ſeine Fauſt ſo heftig ballte, daß die Nägel ſeine Hand verwundeten;„er wird verhungern und ſeine Frau— ſein Kind— vorher ſterben ſehen. Ich werde meinen Triumph haben, wenn ich ihn auch nicht ſehe! — Aber jetzt fort auf meine Villa: dort wird we⸗ nigſtens Jemand ſein, den ich verſpotten, ſchlagen und mit Füßen treten kann, wenn ich will! Ich wollte, ich wäre dieſer Mann, ſo verlaſſen er iſt! Sein Hals iſt wenigſtens ſicher: wenn er ſtirbt, ſo wird es nicht am Galgen ſein, noch beim Zurufen des Pöbels! O Entſetzen! Entſetzen! Was iſt meine Villa, mein Wein, meine Weiher, mit die⸗ ſem ſchwarzen Gebanken, der mir ſtets wie ein Schatten folgt?— Wer wird ſich zum Schmauſe niederſetzen, während eine Lawine über ihm ſchwebt?⸗ Wir verlaſſen dieſen Mann, ob ihn das Schickſal erreicht, oder oh er es vermeidet, und kehren zu Glendower zurück. Es iſt unnöthig, zu ſagen, daß Crauford ihn nicht mehr beſuchte, und bald darauf veränderte auch Glendower wieder ſeine Wohnung. Aber jeden Tag und jede Stunde nahm vie Krankheit ſeiner geliebten Gattin zu, und Glendower, der nichts vor ſich ſah als einen Kerker, vov welchem fie bis jetzt noch auf wunderbare Weiſe waren verſchont ge⸗ blieben, trauerte nicht, als er ſie einer milderen und wohlthätigeren Heimath entgegengehen ſah. Oft, wenn fie ſich über ihr Kind bengte, ſaß er da, blickte fe für indem ſeine ſeine werde ſehe! d we⸗ lagen ſſen un er beim Was t die⸗ ein nauſe bt ickſal n zu daß rauf mng. kheit nichts e bis t ge⸗ und Oft, 139 auf ihre Wange und empfand eine unfinnige und furcht⸗ bare Freude bei den Zeichen, welche die Auszehrung ihr aufgebrückt; aber wenn ſie ihre zärtlichen Augen — dieſe tiefen Quellen der Liebe, welche nicht Mat⸗ tigkeit noch Krankheit erſchöpfen konnten— zu ihm wendete, da ſchmolz die unnatürliche Härte ſeines Herzens und er ſtürzte aus dem Hauſe, um einer Qual Luft zu machen, gegen welche Stärke und Mann⸗ heit vergebens waren! Sie konnten nicht auf Abhülfe hoffen. Seine Frau hatte ohne ſein Wiſſen(denn ſie fürchtete ſeinen Stolz) mehrmals an einen Verwanbten geſchrieben, den ihr das Schickſal verſchont hatte, aber ohne Wirkung; die Mitglieder einer großen, aber unrechtmäßigen Familie, welche ihn umgaben, verhinderten den Er⸗ folg gänzlich und gaben nicht zu, daß ſich ein anderer Bittender außer ihnen an ihn wendete. Glendower, deſſen Temperament ihn ſtets von allen, außer den alltäglichſten Bekaunten fern gehalten, kannte kein menſchliches Weſen, an welches er ſich hätte wenden können. Durch ſeine Geburt der gewöhnlichen Zu⸗ flucht der Armuth beraubt, und außer Stande, ſeine Kenntniſſe und Talente als Hülfsquelle zu benutzen — krank und troßlos im Herzen und durch Ehrgefühl oder vielmehr durch Grundſätze, welche nichts unter⸗ drücken konnte, von irgend einem ungeſetzlichen Mittel Brod zu verdienen, zurückgehalten, welches den Mei⸗ ſten der dringenden Noth wegen als erlaubt erſchienen ſein würde, ſah Glendower in düſterer Verzweiflung die Tage dahinſchleichen und beneidete jede Leiche, die 140 er zu dem Aſyl tragen ſah, wo alle irdiſchen Hoff⸗ nungen zu enden und ſich zu eoneentriren ſchienen! Sechszigſtes Kapitel. Denn unſre Liebe war nicht ird'ſcher Att. Und muß dies unſer letztes Scheiden ſein? O nein/ ich liebe ich auch nach dem Tode. Verſtummel u waren ſeiner Gertrud Jippen! Doch drückt' ihr ſchönes Antlitz Liebe aus, Die unvergänglich ſchien! Noch preßte ſie Feſt ſeine Hand ans Herz— an jenes Herz, Wo einſt der Liebe Zärtlichkeit gewohnt. Campbell. „Es ſoll mich wunbern, wo ich ihn ſinden werde,“ ſagte Moritz Braun bei ſich ſelbſt, indem er ſein rauhes Pferdchen in raſcheren Schritt ſetzte, als Beide gewöhnt waren.„Ich wollte nicht um des beſten Diamantenkreuzes der Lady Waddilove willen, daß mir Jemand mit der Nachricht zuvorkäme! Wer hätte denken ſollen, daß der junge Herr ſo bald nach mei⸗ mem letzten oder vielmehr meinem vorletzten Beſuche ſterben würde— und daß der alte Herr ſich ſeine Ungerechtigkeit gegen den rechtmäßigen Beſitzer ſo ſehr zu Herzen nehmen, ſagen, er ſei mit Recht beſtraft, und mich ſo dringend bitten würde, den Aufenthalt des letzten Beſitzers zu enidecken, und mir ſo unbe⸗ dingt vertrauen, als ich es übernahm, daß er mir den Brief gab!“ Und bei dieſen Worten unterſuchte Braun den Brief, der ſchwarz geſiegelt war, genau und bemühte ſich, an den Seiten hineinzuſehen, was Hoff⸗ ten! 13 ode. n! 18, ſie erz, . rde,“ ſein Beide eſten daß hätte mei⸗ ſuche ſeine ſehr raft, halt nbe⸗ mir chte nau 141 ſeine Neugierbe mehr aufregte als befriedigte.„Was ihm der alte Herr wohl ſchreiben mag— ich ver⸗ muthe, er wird ihm doch gewiß die Beſitzung und das Haus übergeben. Laß mich ſehen— jene lange Ge⸗ mäldegalerie, die erſt eben gebaut iſt, wird doch auf jeden Fall möblirt werden müſſen. Das würbe eine vortreffliche Gelegenheit ſein, die indiſchen Krüge, die Sophas und den großen türkiſchen Teppich los zu werden. Welch ein Glück, daß ich gerade zur rechten Zeit kam, um den Brief zu erhalten. Aber ich muß bedenken, wie ich ihn ausſindig mache. Eine Ankündigung in der Zeitung? Ja, das iſt der Plan: „„Algernon Mordaunt, Esg., dem man etwas ſehr Vortheilhaftes mitzutheilen hat, mag ſich an Moritz Braun wenden u. ſ. w.““ Ja, ſo wird's gut ſein. Der türkiſche Teppich wird nicht völlig lang genug ſein. Ich wollte, ich hätte Mordaunts Adreſſe ſchon früher entdeckt und ihm während des Lebens des jun⸗ gen Herrn etwas Geld geborgt. Da hätte ſich die Sache beſſer ausgenommen. Indeſſen kann ich es ihm noch jetzt anbieten, ehe ich ihm den Brief zeige. Oh, es wird ſchon dunkel. Komm, Dobdin, vor⸗ wärts!“ Dies waren die Betrachtungen des getreuen Freundes der verſtorbenen Lady Waddilove, als er nach London eilte, beauftragt, Mordaunt aufzuſuchen, und folgenden Brief an ihn abzugeben: „Mein Herr! „Sie ſind jetzt der Erbe der Beſitzung, die vor einigen Jahren von Ihren Händen in die meinigen überging. Mein Sohn, für den allein der Reichthum 142 und das Leben ſelbſt mir wichtig war, iſt nicht mehr. Ich allein, ein alter kinderloſer Mann, ſtehe zwiſchen Ihnen und der Beſitzung der Familie Mordaunt. War⸗ ten Sie nicht erſt auf meinen Tod, um ſie zu über⸗ nehmen. Ich kann hier nicht wohnen, wo mich Alles an meinen großen und unerſetzlichen Verluſt erinnert. Im nächſten Monat werde ich in eine andere Woh⸗ nung ziehen. Betrachten Sie nun dieſe ſogleich als die Ihre. Ich denke, Sie werden finden, daß dem Hanſe durch meine Veränderungen kein Nachtheil wider⸗ fahren iſt; die auf der Beſitzung haftenden Schulden ſind abbezahlt worden; Sie werden meinem Haus⸗ meiſter erlauben, Ihnen den früheren Ertrag zu be⸗ rechnen, und nach meinem Tode wird Ihnen der jetzige zukommen. Man ſagt mir, daß Sie ein ſtolzer Mann find und wahrſcheinlich kein Geſchenk annehmen werden. Sei es ſo, mein Herr!— Aber es ſind Umſtände mit dem Vertrage verbunden, den ich mit Ihrem Vater machte, die in der letzten Zeit mein Gewiſſen beunruhigt haben— und das Gewiſſen, mein Herr, muß auf jeden Fall beruhigt werden. Aber wir werden vielleicht perſönlich zuſammenkommen und die Ver⸗ gangenheit beſprechen; für jetzt will ich mich nicht weiter darüber verbreiten. Wenn Sie durch mich ge⸗ litten haben, ſo bin ich hinlänglich beſtraft, und meine einzige Hoffnung iſt, Ihren Verluſt wieder gut zu machen. Ich bin u. ſ. w. H. Vavaſour Mordaunt.“ Dies war der wichtige Brief an Mordaunt, mit welchem unſer würviger Freund beauftragt war. Durch mehr. iſchen War⸗ über⸗ Alles mert. Woh⸗ h als dem ider⸗ ulden aus⸗ u be⸗ etzige Nann rden. tände hrem iſſen Herr, erden Ver⸗ nicht e⸗ neine t zu 4 mit urch 143 den Verluſt ſeines Sohnes tief darnieder gebeugt und durch die Betrübniß dem Einfluſſe ſeines Gewiſſens hingegeben, hatte er doch zu lange gelebt, um nicht bis zuletzt für den Effekt empfänglich zu ſein, den ſeine großmiithige Abtretung hervorbringen mußte, und mit wahrhaft weltlicher Moralität gewährte der gehoffte Beifall Anderer ſeiner Verſöhnung mit ſich ſelbſt mehr einen Triumph als eine Erniedrigung. Um die Wahrheit zu ſagen, waren in der That mit ſeinem Vertrage mit Mordaunts Vater Umſtände verhunden, die wohl geeignet waren, ſein Gewiſſen zu beunruhigen. Er wußte, daß er nicht nur des ältern Mordaunt Noth benützt habe, ſondern auch, daß auf ſeinen Vorſchlag ein Dokument vernichtet worden, welches auf immer die Veräußerung der Be⸗ ſitzung würde verhindert haben. Während des Lebens ſeines Sohnes hatte er verſucht, dieſe Umſtände zu vergeſſen oder zu beſchönigen. Aber der Kummer iſt der Vater der Reue, und beim Tode dieſes vergötterten Sohnes wurde die Stimme ſeines Herzens gebieteriſch, und er verlor die Macht, ſie wegzußtreiten, indem er den Beweggrund verlor. Brauns Ankündigung blieb unheantwortet, und mit dem Eifer und der Geduld des Stammes, von welchem Braun ſeinen Urſprung herleitete, begann der gute Mann in Perſon eine höchſt mühſame Nach⸗ forſchung. Lange Zeit waren ſeine Bemühungen ſo unwirkſam, daß Braun in ſeiner Verzweiflung die heiden indiſchen Krüge um den halben Werth verkauſte und ſtets einen troſtloſen Seufzer ausſtſeß, wenn er 144 den großen türkiſchen Teppich in ſeinem Waarenlager aufrollen ſah. Nach langer und unermüblicher Nachforſchung er⸗ fuhr er, daß der Gegenſtand derſelben unter einem falſchen Namen in London gewohnt habe; er ſpürte ihm von einer Wohnung zur andern, von einem Winkel zum andern nach, bis er endlich Mordaunts gegen⸗ wärtige Wohnung auffand. Braun warf einen freu⸗ digen Blick auf den großen türkiſchen Teppich, als er an dem Morgen ſeines beabſichtigten Beſuches bei Mordaunt auf ſeinem Wege zur Hausthür an ihm vorüberging.„Es iſt eine ſchöne Sache, ein gutes Herz zu haben,“ ſagte er in dem wahren Sinne Sir Chriſtopher Finblaters, und er beäugelte noch einmal ven Teppich.„Ich fühle mich in der That glücklich bei dem Gedanken an das Vergnügen, welches ich ver⸗ urſachen werde!“ Nach einem Gange vurch viele finſtere und ſchmutzige Gaſſen und Höfe gelangte der geduldige Braun zu einer Gruppe von elenden Hütten in der Nähe des Tower. Er blieb verwundert vor einer Wohnung ſtehen, deren Fenſter zerbrochen waren und deren vom Dache geriſſene Dachziegel vor ver Thüre zerſtreut lagen, wo die Mauerſteine vor Alter und Näſſe zer⸗ bröckelten, und das Gebäude, welches von hohem Alter war, ſchien ſo verfallen, daß das Auge die verſchobene und überhängende Stellung deſſelben mit einem Ge⸗ fühl des Schmerzes und der Furcht betrachtete. Selbſt die Ratten hatten wegen der Unſicherheit des Aufent⸗ halts ihre Zellen verlaſſen, und die zerlumpten Mütter — e—„ e 8 145 in der Nachbarſchaft verboten ihren lärmenden Kin⸗ dern, unter den dryhenden Mauern umherzuwandern. Von den ſchmutzigen und ſtinkenden Höhlen des Elends umgeben und von der milden Sonne und der reinen Luft des Himmels ausgeſchloſſen, ſchien das elende Gehäude zu gefährlich ſelbſt für den verfolgten Ver⸗ brecher— zu öde für den Bettler, um es der freien Hecke oder dem Thüreingange vorzuziehen. Dreimal ſtieß Moritz Braun mit ſeinem ſchweren, mit Silber beſchlagenen Rohrſtocke an die Thüre, über welcher ſich ein ausgehauener ſchlafender Löwe mit einer Jahreszahl befand, wovon nur die beiden Ziffer— 15 zu erkennen waren. Durch ein ſo ſeltenes Zeichen und eine ſo ungewöhnlich anſtänvige Erſcheinung, wie die des würbigen Moritz, aufgeregt, kamen Schaaren ſchmutziger und vym Rauch ausgetrockneter Kinder aus den benach⸗ barten Hütten hervor, verſammelten ſich mit manchem ſeltſamen Schrei und lauten Fluche, die dem reſpektablen Herrn Braun durch Mark und Bein drangen, zu einer gaffenden Gruppe und traten dem Hauſe ſo nahe, als ihre Furcht und ihre Eltern es geſtatteten. „Es iſt ſehr gefährlich und ſehr abſchreckend,“ dachte Braun, indem er ſchaudernd zu dem überhän⸗ genben und ſchwankenden Dache hinaufſah und ſich dann zu der zerlumpten Kindergruppe wendete, welche jeden Augenblick zunahm. Endlich faßte er Muth und fragte in halb beſänftigendem, halb würbevollem Tone, ob ſte ihm nicht ſagen könnten, wie man Eintritt er⸗ halte, oder ſich den Bewohnern hörbar machen könne. Ein altes Welb, deren verfilztes Haar über ein Bulwer, der Verſtoßene. II. 10 146 ſchmutziges und verſchrumpfies Geſicht niederhing, ant⸗ wortete ihm aus einem gegenüber hefindlichen Fenſter. „Niemand wohnt dort, und es hat auch ſeit Jahren Niemand dort gewohnt,“ ſagte ſie in ihrem eigen⸗ thümlichen Dialekt, den der würdige Bürger kaum verſtand; aber Braun wußte es beſſer, und als er es dennoch behauptete, ſteckte ein Mädchen ihren Kopf aus einer andern Hütte und ſagte, ſie habe zuweilen in der Abenddämmerung einen Mann das Haus ver⸗ laſſen ſehen, aber ob noch ſonſt Jemand dort wohne, könne ſie nicht ſagen. Braun wendete wieder ſeinen Stock an, erhielt aber keine Antwort, bis er endlich mit Furcht und Zittern die Thür anfaßte. Er öffnete ſie ohne große Anßtrengung und trat ein; um der Menge den Eintritt zu verwehren, verriegelte er die ſchwache Thür ſo gut er konnte Das Haus war für die Gegend ungewöhnlich groß, und Braun war im Zweifel, ob er zuerſt die zerbrochene und gefährliche Treppe hinaufſteigen, oder die untern Zimmer durch⸗ ſuchen ſolle. Er entſchied ſich für das Letztere, fand aber Niemand; nur die Erinnerung an den großen türkiſchen Teppich konnte ſeinen Muth aufrecht er⸗ halten und ihn bewegen, die zerbrechliche Treppe hin⸗ aufzuſteigen. Alles war ſtill. Aber eine Thüre war nicht geſchloſſen. Er trat ein und ſah den Gegenſtand ſeines Nachſuchens vor ſich. über ein elendes Lager beugte ſich eine Geſtalt, in welcher, obgleich die Jugend dahingewelkt und ſelbſt der Stolz gebrochen war, die unbeſiegbare Seele etwas von der Anmnth und der Glorie zurückgelgſſen — e hrliche durch⸗ „fand rßen ht er⸗ e hin⸗ r nicht ſeines eſtalt, t und Seele laſſen d 147 hatte, welche des Zuſchauers Erinnerung an beſſere Tage unterſtützte— ein Kind kniete mit gefalteten Händen näher am Bette, richtete ſeine leeren Augen auf den Fremden und folgte mit glanzloſen Blicken ſeinen Schritten Aber Glendower, oder vielmehr Mor⸗ daunt, ſprach nicht und bewegte ſich nicht, als er ſich über das Bett neigte; ſeine Augen waren auf einen Gegenftand gerichtet, ſein Herz ſchien in Stein ver⸗ wandelt und ſeine Adern zu Eis erſtarrt. Erſchreckt und erkältet durch die Troſtlofigkeit ves Ortes näherte ſich Braun und ſprach, er wußte kaum was; der ge⸗ wohnte Gang ſeiner Gedanken, die ſeinen Worten etwas Lächerliches verlieh, verdoppelte gleichſam den ſchrecklichen Eindruck der Scene.„Sie ſind der Be⸗ ſitzer von Mordaunt⸗Cvurt,“ ſo ſchloß er ſeine An⸗ rede und übergab den Hänben der ſo hegrüßten Perſon den Brief. „Erwache, höre mich an!“ rief Algernon Iſabella zu, als ſie auf dem Lager ausgeſtreckt lag, und als der überbringer der freudigen Nachricht erſt jetzt ihr Geſicht erblickte, bemerkte er ſchaudernd, daß er im Zimmer des Todes ſei.„Erwache, Geliebte! glück⸗ liche Tage ſtehen uns bevor, unſer Elend iſt vorüber; Du wirſt leben, leben, um mein Segen im Reichthum zu ſein, wie Du es im Elend geweſen.“ Iſabella erhob ihre Augen zu den ſeinen, und ein liebliches, tröſtliches und liebevolles Lächeln um⸗ ſchwebte ihre Lippen, die ſich bald auf immer ſchließen ſollten.„Dem Himmel ſei Dank um Deinetwillen,“ murmelte ſie.„Es iſt angenehm, jetzt und auf ſolche 148 Weiſe zu ſterben!“ und er legte die Hand, die ſie mit ihren abgemagerten Fingern umſchloſſen hielt, auf den Buſen, der in qualvollen und hoffnungsloſen Jahren ſeine Zuflucht geweſen, und jetzt, da das Glück ſich gewendet, als hätte derſelbe nur geathmet, um ein 1 Troſt in ſeiner Trübſal zu ſein, zum erſtenmal und it auf immer ſelbſt für ihn kalt ſein ſollte. ſi „Du wirſt leben— Du wirſt leben,“ rief Mor⸗„ daunt in wilder und unglänbiger Verzweiflung— v „um des Himmels willen lebe! Du, die Du mein d Engel der Hoffnung geweſen biſt— o Gott, o Gott! 7 verlaß mich jetzt nicht!“ 2 Aber jenes getreue und liebende Herz war ſchon n taub für ſeine Stimme, und der Nebelflor verbreitete 3 ſich über ihre Augen, die ihn ſelbſt durch den Schatten f und hei der Todesqual noch aufſuchten. Sinn und ſ Bewußtſein waren dahin und trübe und verwirrte 4 Bilder umſchwirrten ihre Seele und kämpften einen f Angenblick, ehe ſie in die Tiefe und das Schweigen 5 hinabſanken, wo die Vergangenheit begraben liegt. t Aber ſeiner eingedenk und ſich gleichſam an ſeiner Erinnerung haltend, drückte ſie die eifige Hand feſter b und feſter an ihre Bruſt.„Deine Hand iſt kalt,„ d Theuerſter— kalt,“ ſagte ſie matt,„aber ich will n ſie hier wärmen!“— Uund ſo ſchwebte ihr Geiſt r hinüher, und Morbaunt fühlte ſpäter auf ſeiner ein⸗ S ſamen Wallfahrt, daß ihr letzter Gevanke gütig gegen il ihn geweſen, und daß ihre letzte Handlung bei den ſ Sorgen und der Aufopferung der Liebe eine Vergeſ⸗„ ſenheit ſelbſt des Todes ausgeſprochen. 8 ie fie t, auf ahren c ſich m ein l und Mor⸗ 9— mein Gott! ſchon reitete hatten n und wirrte einen veigen liegt. ſeiner feſter kalt, will Geiſt r ein⸗ gegen i den ergeſ⸗ * 149 Einundſechzigſtes Kapitel. Wechſel Zeit entfliehen zugleich. Das goldene Veilchen. An einem Herbſtahend, etwa drei Jahre nach den in unſerem letzten Kapitel erzählten Begebenheiten ſtieg ein Fremder in tiefer Trauer vor der Thür des „goldenen Vließes“ in der denkwürdigen Stadt W»** vom Pferde. Er ging in das Gaſtzimmer und for⸗ derte ein beſonderes Zimmer und ein Bett für die Nacht. Die Wirthin, welche, ſeit wir zuerſt ihre Bekanntſchaft machten, beträchtlich ſtärker geworden war, erhob jetzt ihre Augen zu dem Geſichte des Fremden, rief einen kurzen, unterſetzten Mann(der früher der Kellner und jetzt die Ehehälfte der hüb⸗ ſchen Wirthin war) und trug ihm in einem Tone auf, der mehr von dem gebieteriſchen Weſen ihrer früheren gegenſeitigen Stellung, als von dem Ge⸗ horſam an ſich hatte, der ihre gegenwärtige charak⸗ terifirte, den Herrn auf Nr. 4 zu führen. Der Fremde lächelte, als dieſer Ton ſein Ohr begrüßte und folgte nicht ſo ſehr dem Wirthe, als dem Ehemann der Wirthin in das ſo bezeichnete Zim⸗ mer. Eine junge Dame, die es ſich vor acht Jah⸗ ren nicht träumen ließ, daß ſie noch im cheloſen Stande ſein werde, und die alle Fremden, die ſie ihrer Jugend, ihrer Einſamkeit oder jener unaus⸗ ſprechlichen Miene nach, die gewöhnlich den unver⸗ heiratheten Mann bezeichnet, für ehelos hielt, ſtets mit ſehr aufmerkſamen Augen betrachtete, wendete ſich zu der Wirthin und ſagte:„Mutter, bemerkteſt Du nicht, welch ein ſchöner Herr das war.“ „Nein,“ erwiderte die Wirthin,„ich bemerkte nur, daß er keinen Diener hei ſich hatte.“ „Es ſoll mich wundern,“ ſagte die Tochter nach⸗ denkend,„ob er wohl bei der Armee iſt— er hat ein militäriſches Anſehen!“ „Ich vermuthe, er hat bereits zu Mittag geſpeist“ murmelte die Wirthin, mit einem Blick anf die Speiſe⸗ kammer, bei ſich ſelber. „Haben Sie Squire Mordaunt ſeit einem kurzen Abſchnitte der Zeit geſehen?“ ſagte etwas plötzlich ein kleiner, wohlbeleibter Mann, der im Fenſter ſaß und ſeine Pfeife zu ſeinem Negus rauchte. Die Ei⸗ genthümlichkeiten dieſer Perſon waren eine ſtruppige Perüke, eine dicke Naſe, Haut und Rock ſchnupf⸗ tahakfarbig, und eine Miene jener wichtigen Selbſt⸗ achtung, die den Philoſophen auszeichnet, der mit dem franzöſiſchen Weiſen übereinſtimmt und keinen Grund einfieht, warum ein Menſch ſich nicht ſelbſt achten ſollte. „Nein, Herr Boſſolton,“ entgegnete die Wirthin; „aber ich vermuthe, da er jetzt im Parlament iſt, wird er weniger zurückgezogen leben. Es iſt Schade, vaß man das Innere ſeiner alten Halle nicht mehr zu ſehen bekommt— und noch dazu nach allen Verbeſſerungen des alten Herrn! Man ſagt, daß die Beſitzung jetzt, da alle Schulden bezahlt ſind, über zehntauſend Pfund jährlich einträgt.“ „Und wenn ich nicht zu einem Irrthum bin ver⸗ „—+——„— — erkteſt e nur, nach⸗ er hat eist, peiſe⸗ kurzen lötzlich er ſaß ie Ei⸗ ppige nupf⸗ Selbſt⸗ r mit keinen ſelbſt rthin; , paß ſehen ungen jetzt, Pfund n ver⸗ 151 anlaßt worden,“ entgegnete Boſſolion, indem er ſeine Pfeife wieder ſtopfte,„ſo muß der alte Vavaſour außerdem noch eine große Summe haaren Gelbes hin⸗ terlaſſen haben, die dem Beſitzer von Mordaunt⸗Hall von großer Hülfe, Beiſtand und Vortheil muß ge⸗ weſen ſein, was der Berechnung Ihrer Fähigkeit— und ver— und der— Fähigkeit Ihrer Berechnung entgangen iſt!“(Puff.) „Sie irren Herr Boß,“ wie Mrs. Merrhlack den hochtrabenden Wundarzt in der freundſchaftlichen Un⸗ terhaltung zuweilen benannte,„Sie irren: der alte Herr hat all ſein baares Geld in zwei Vermächtniſſe getheilt— vas eine an ein Collegium der Univer⸗ ſität Orford und das andere an ein Hoſpital in Lon⸗ don. Ich erinnere mich genau der Worte des Te⸗ ſtaments, Herr Boß, welche ſo lauteten:„„Und da mein geliebter Sohn, wenn er am Leben geblieben, ein Mitglieb deſſelben Collegiums der Univerſität Or⸗ ford würde geworden ſein, welches er durch ſein Genie, ſein Wiſſen, ſeine jngendliche Tugend und die verſchiedenen Eigenſchaften, die ſeinen Kopf und ſein Herz auf gleiche Weiſe ehrten, würde geziert, und welches ihn gleich ausgezeichnet als Gelehrter und Chriſt würde gemacht haben, ſo hinterlaſſe ich dem⸗ ſelben Collegium die Summe von ſiebenunddreißig⸗ tauſend Pfund Sterling n. ſ w.;““ und dann folst die Art und Weiſe, wie er will, daß das Geld ſoll untergehracht und ausgetheilt werden, und wie man es mit dem Preiſe halten ſoll, der auf immer die Benennung„Vavaſours⸗Preis“ erhalten ſoll, und 152 welches die Worte der lateiniſchen Rebe ſein ſollen, die man halten ſoll, wenn der beſagte Preis vertheilt wird und noch viel mehr der Art, und dann geht er zu dem Legat, welches genau dieſelbe Summe beträgt, an das erwähnte Hoſpital über und ſagt:„„Und da uns in der heiligen Schrift, welche in dieſen Tagen der Gottesläſterung und des Aufruhrs aufrecht zu halten die Pflicht jedes treuen Britten und Mitglieds der Staatskirche iſt, verſichert wird, daß man durch Almoſengeben eine Menge von Sünden ſühnen kann — ſo vermache ich die erwähnte Summe dem beſagten Hoſpital unter der Bedingung, daß ſie ſtets den Na⸗ men„Vavaſours⸗Schenkung“ behalten ſoll, und daß am Jahrestage meines Todes ein ſolches Gebet für meine Seele, wie ich es weiter unten vorgeſchrieben habe, und ſpäter eine Predigt von einem Geiſtlichen der Staatskirche über einen für den Tag und die Hanvlung paſſenden Tert gehalten werde.““— Aber der Schluß ißt ſehr ſchön, Herr Boſſolton:„„Und nun, nachdem ich meine Pflichten nach Möglichkeit meiner ſchwachen Kräfte gegen meinen Gott, meinen König und mein Vaterland erfüllt habe, und ſter⸗ bend in dem vollen Glauben der proteſtantiſchen Kirche, wie ſie vom Geſetz eingeführt iſt, unterſiegle und un⸗ terzeichne ich u. ſ. w.““ „Ein ſehr angenehmes, mildthätiges, frommes und tugendhaftes Teſtament ober letzter Wille, Mrs. Merrylack,“ ſagte Boſſolton;„und in einer Zeit, wo die Zügelloſigkeit mit Rieſenſchritten die guten alten Sitten unſerer Ahnen und Voreltern zerſtört, ——— — „— ollen, theilt eht er trägt, nd da Lagen ht zu glieds durch kann ſagten nNa⸗ d daß et für rieben Uichen d die Aber „Und ichkeit neinen ſter⸗ dirche, nd un⸗ mmes Mrs. Zeit, guten rſtört, 153 verſchlimmert und beſchädigt, und mit giftigem Hauche die Magna Charta und die glorreiche Revolutivn verletzt, iſt es ſchön— ja ſüß— bemerken Sie es wohl, Mrs. Merrylack, einen Herrn aus den ariſto⸗ kratiſchen Claſſen oder Graden, die Einrichtungen dieſes Landes mit ſo ausgezeichneter Kraft der Ge⸗ finnung und mit— und mit— Mrs. Merrylack— mit Geſinnungen ſo ausgezeichneter Kraft unterſtützen zu ſehen.“(Puff.) „Sagen Sie mir doch,“ fiel die Tochter ein, die ihre Locken vor einem kleinen Spiegel ordnete, der über dem Schenktiſche hing,„wie lange iſt Herrn Mordaunts Gattin ſchon todt?“ „Oh, ſie ſtarb gerade, als ihr Gemahl zu dem Vermögen gelangte,“ ſagte die Mutter.„Das arme Ding— ſie war ſo hübſch. Ich kann verſichern, ich weinte eine ganze Stunde, als ich es hörte! Ich meine, es waren im letzten Monat drei Jahre, als es geſchah. Der alte Vavaſour ſtarb etwa zwei Monate ſpäter.“ „Der hetrübte Gatte,“ ſagte Herr Boſſolton, der zu Hauſe das Schlachtopfer einer ſehr wüthenden Mrs. Boß war—„ging in ferne Länder oder Erd⸗ theile, oder, wie man es gewöhnlich nennt, auf das Feſtland, gleich nach einem Ereigniß oder Vorfall, ver ſo unheilvoll für den Becher ſeines Glückes und den Sonnenſchein ſeiner Freude war— that er das nicht, Mrs. Mertylack?“(Puff.) „Das that er. Und Sie wiſſen, Herr Boß, er kehrte erſt vor ſechs Monaten zurück.“ 154 „Und für welchen Ort, Vorort oder Stadt iſt er Mitglied oder Repräſentant?“ fragte Jeremias 3 Boſſolton, indem er noch ein Stück Zucker in ſeinen it Negus warf.„Ich habe es freilich gehört, aber mein T Gedächtniß iſt kurz, und hei der Menge und Viel⸗* fachheit meiner Berufsgeſchäfte werde ich oft zu einer ſi Vergeſſenheit von Dingen geführt, die weniger wichtig C in ihrer Verſchiedenheit, und weniger— weniger verſchieden in ihrer Wichtigkeit find.“(Puff.) u „Ei, habe es auch vergeſſen,“ antwortete Mrs. d Merrylack;„aber es iſt ein entfernter Ort. Die Herren d wollten ihn zum Mitglied der Grafſchaft haben, doch u er wollte nichts davon hören: vielleicht liebte er die li Offentlichkeit der Sache nicht, denn er iſt ſehr zurück⸗ d haltenb.“ „Stolz, übermüthig und anmaßend!“ fagte Boſ⸗ n ſolton mit einem Puff von ungewöhnlicher Länge. „Nein, nein,“ ſagte die Tochter(denn junge Leute find zuerſt zur Vertheidigung bereit),„ich bin i gewiß, daß er nicht ſtolz iſt— er thut ſehr viel Gu⸗ tes und hat das lieblichſte Lächeln an ſich, was man ſich nur denken kann! Es ſoll mich wundern, ob 6 er wieder heirathen wird, er iſt noch ſehr jung und» 1 kann nicht über zwei⸗ oder dreiunddreißig ſein.“ 1 Das freundliche Mädchen würde noch vor einigen Jahren zwei⸗ oder dreiunddreißig nicht für ſehr jung 1 gehalten haben. Wir werden außerordentlich nach⸗ ſichtig gegen das Alter anderer Leute, wenn wir ſelbſt älter werden.. „Und welch ein Auge er hat!“ ſagte die Wirthin. dt iſt emias ſeinen mein Viel⸗ einer vichtig eniger Mrs. erren „ doch er die urück⸗ e Boſ⸗ nge. junge ch bin el Gu⸗ s man n, ob g und 4 inigen rjung nach⸗ ſelbſt irthin. 155⁵ „Nun, was mich betrifft— aber mein Himmel! komm John— John— John— Kellner— Mann, wollte ich ſagen— da iſt ein vierſpänniger Wagen vor der Thür. Lizzy, meine Liebe, ſitzt meine Haube recht?“ Mutter, Tochter und Mann eilten lächelnd und ſich verbeugend an die Thür, um ihre erwarteten Gäſte zu empfangen. Mit einer fehlgeſchlagenen Hoffnung, die wir, die wir keine Gaſthäuſer beſitzen, uns nur ſehr unvollkommen vorſtellen können, ſah das Kleeblatt nur eine einzige Perſon— einen Be⸗ dienten— vom Bock ſteigen, den Kutſchenſchlag öffnen und eine Mappe herausnehmen! Von allen menſch⸗ lichen Weſen, männlichen ſowohl als weihlichen, war der Wagen völlig leer. Der Bediente eilte zu der Wirthin:„Mein Herr muß hier ſein, Madame— er iſt vvrausgeritten!“ „Und wer iſt Ihr Herr?“ fragte Mrs. Merry⸗ lack, indem ſie ſich mit einem Schreck an Nr. 4 er⸗ innerte. „Wer?“ ſagte der Bediente, ſeine Hände reibend, „wer?— Nun, Clarenee Talbot⸗Linden, Esg., auf Scarsdale⸗Park in der Graſſchaft York, ehemaliger Legationsſeeretär am Hofe zu N., jetzt Parlaments⸗ mitglied und Unterſtaatsſeeretär Sr. Majeſtät.“ „Gott ſei uns gnädig!“ rief die erſtaunte Wir⸗ thin;„Nr. 4!— Denke nur. Lauf, John— John — lauf— zünde Feuer an, der Abend iſt kalt, glaube ich— in Nr. 16— bitte den Herrn um Verzeihung — ſage, das Zimmer ſei bisher heſetzt geweſen— frage, was er zum Mittageſſen verlaugt— Fiſche, 156 Fleiſch, Geflügel, Beefſteaks, Cottelets, Hammel⸗ ſchnitte, Paſteten— oder wenn es zu ſpät iſt— aber es iſt noch ziemlich früh und Du kannſt ja auch den Tag um eine Stunde oder ſo zurückſchiehen— ſo frage, was er zum Abendeſſen beſiehlt— lauf, John, lauf; worauf wartet der Kerl? Lauf, ſage ich Dir!— Bitte, mein Herr, treten Sie ein,“ fuhr ſie zu dem Bedienten, unſerem alten Freunde Harriſon, fort—„Sie werden hungrig ſein nach Ihrer Reiſe, denke ich; ich bitte, keine Umſtände.“ „Er iſt nicht ſo ſchön wie ſein Herr,“ ſagte Miß Eliſabeth, Harriſon unzufrieden anſehend—„aber er fieht wenigſtens nicht wie ein verheiratheter Mann aus. Ich will nur eben auf mein Zimmer gehen * und eine andere Haube aufſetzen; es wird nicht mehr als höflich ſein, wenn der Kammerdiener des Herrn mit uns zu Abend ſpeiſt!“ Clarenee, den man bisher in Nr. 4 allein ge⸗ laſſen, hatte das kleine Zimmer mit einem Intereſſe unterſucht, welches nicht ohne ſchmerzliche Betrach⸗ tungen war. Es gibt wenige Perſonen, ſo glücklich ſie auch ſein mögen, bie auf acht Jahre ihres Le⸗ bens zurückblicken können, ohne dabei einige getänſchte Hoffnung zu empfinden: wenige Perſonen, deren Glück die Welt beneidet, und in welchen das Zeichen der vergangenen Zeit, welches ſich plötzlich ihrer Erinnerung auforängt, nicht zerſtörte Hoffaungen und getäuſchte Wünſche erweckt, wovon die Welt nie etwas erfahren hat. Wir ſagen der Menge unſere Tri⸗ umphe, aber unſer eigenes Herz iſt der einzige Ver⸗ — ——=— BE mmel⸗ iſt— auch — lauf, ſage ein,“ reunde nach nde.“ Miß „aber Mann gehen. mehr Herrn n ge⸗ tereſſe trach⸗ ücklich s Le⸗ uſchte deren eichen ihrer nund etwas Tri⸗ Ver⸗ 157 traute unſeres Kummers.„Zweimal,“ ſagte Cla⸗ renee zu ſich ſelber,„zweimal war ich ſchon früher in dieſem demüthigen Zimmer; zuerſt, als ich mich im achtzehnten Jahre in die Welt ſtürzte— gleich einem Fahrzeng, welches als einzige Haffnung das Motto des ritterlichen Sidney hatte: Aut viam in- veniam, aut faciam; doch ſo unbebeutend und na⸗ menlos ich war, wie wohl erinnere ich mich des übertriebenen Ehrgeizes, ja der Gewißheit des Er⸗ folges, ſo wie des Verlangens, welches in mir glühte. Ich lächle jetzt bei der übertriebenen Eitelkeit jener Hoffnungen— einige ſind freilich verwirklicht, aber wie viele auf immer zerknickt und verwelkt! Saaten, wyvon einige auf üppigen Boden fielen und gediehen, von welchen aber bei weitem der größere Theil zer⸗ ſtreut wurde, einige auf den Weg, wo die Sorgen ſie ſogleich verſchlangen, einige auf ſteinigen Boden, wo ſie, als die Sonne der männlichen Jahre ſie be⸗ ſchien, verwelkten, weil ſie nicht Wurzel gefaßt hat⸗ ten, und einige unter die Dornen, welche aufwuchſen, und ſie erſtickten.— Ich bin jett reich, geehrt, ſtehe hoch in der Gunſt der Höfe, bin nicht ganz unge⸗ kannt und ungeachtet von der Volksgunſt: und doch glaube ich faſt, daß ich glücklicher war, als ich in der Begeiſterung der Jugend und Unerfahrenheit in die weite Welt hinausblickte und mir einbildete, daß in jedem Winkel ein Triumph für meine Eitelkeit und ein Gegenſtand für meine Neigungen ſich erhe⸗ ben würde. Als ich zum zweitenmal an dieſem klei⸗ nen Orte ſtand, war ich nicht mehr der müßige 158 Abenteurer, der keine Staffel hatte, als ſeinen Ehr⸗ geiz. Ich war damals gerade zum Erben des Reich⸗ thums erklärt worden, auf den ich vor fünf Jahren vernünftiger Weiſe nicht hätte hoffen können, und welcher an ſich hinreichend war, dem Streben ge⸗ wöhnlicher Menſchen zu genügen. Aber ich wurde von ängſtlicher Beſorguiß um den Gegenftand mei⸗ ner Liebe geplagt, ſo wie von Bedauern um den Freund, den ich verloren hatte; vielleicht machte die Lebhaftigkeit meines Herzens, daß ich mich in dem Augenblick weniger mit dem Einen als mit der An⸗ dern beſchäftigte; aber in ſpäteren Jahren büßte das Gevächtniß die kurze Verſäumniß ſeiner Pflichten reichlich ab. Wie oft habe ich mich in dieſer Welt kalter Verhindungen und falſcher Herzen an jenen treuen und edlen Freund erinnert, durch deſſen Leh⸗ ren mein Herz ſich verbeſſerte, und deſſen Warnun⸗ gen mir als Beiſpiel dienten; der im Leben ein Vater für mich war, und deſſen Großmuth ich alle weltlichen Vortheile, die ich genoſſen und alle Aus⸗ zeichnungen, die ich gewonnen, zu verdanken habe! Damals ging ich mit zerriſſenem und doch leicht⸗ gläubigem Herzen, um ihr mein Geheimniß und meine Leidenſchaft auszuſprechen, und in einer kur⸗ zen Woche nach der Zeit, wie waren alle meine Hoffnungen auf künftiges Glück geſcheitert! Viel⸗ leicht bedachte ich zu der Zeit nicht hinlänglich die entſchuldigenswerthen Vorſichtsmaßregeln der Welt — ich hätte den Brief ihres Vaters nicht ſo übel aufnehmen— ich hätte ihn von meiner Geburt und n den te die ndem r An⸗ te das lichten Welt jenen n Leh⸗ rnun⸗ n ein h alle Aus⸗ habe! leicht⸗ n kur⸗ meine Viel⸗ ch die Welt übel t und 159 meiner Erbſchaft in Kenntniß ſetzen, und das ſichere Glück nicht der romautiſchen Prüfung aufopfern ſol⸗ len. Abher es ißt jetzt zu ſpät, es zu bereuen. Jetzt muß mein Bild gänzlich in ihrem Herzen erloſchen ſein— ſie hat mich in der Menge geſehen und iſt kalt an mir vorübergegangen— ihre Wange iſt bleich, aber nicht um meinetwillen; und in ſehr kur⸗ zer Zeit wird ſie einem Andern angehören und auf immer für mich verloren ſein! Dennoch habe ich ſie nie vergeſſen, bei allem Wechſel der Zeit— hei den harten und rauhen Plänen des Ehrgeizes— bei den mühſamen Arbeiten des Geſchäfts oder den verwickel⸗ ten Plänen der politiſchen Intrigue. Niemals! aber jetzt iſt dies ein eitler und thörichter Gegenſtand des Nachdenkens.“ Indem Clarenee, ungeachtet dieſer weiſen und wahren Erinnerung, nicht weniger darüber nachdachte, wendete er ſich vom Fenſter, an welches er ſich ge⸗ lehnt hatte, und zog einen von den vier Stühlen an den einzigen Tiſch, ſetzte ſich mißmuthig niever, ſtützte ſein Geſicht auf die Hände, und verfolgte den ver⸗ wickelten und unzuſammenhängenden Faden ſeiner Betrachtungen, als ſich die Thür plötzlich öffnete und Herr Merrylack eintrat. „O Herr!“ rief er,„ich bitte tauſendmal um Verzeihung, daß man Sie hieher gebracht hat. Bitte! gehen Sie eine Treppe höher, Herr, das große Vor⸗ derzimmer iſt eben leer geworden. Was befehlen Sie zum Mittageſſen, mein Herr?“ ſetzte er in Folge der Inſtrnktionen ſeiner Frau hinzu. Zu Herrn 160 Merrylacks großem Schreck ſchlug Clarence alle Orts⸗ veränderung aus, ſagte, er wolle das Mittageſſen ganz der Wirthin überlaſſen und bat, his zu der Zeit, wo es ſertig ſei, ihn allein zu laſſen. Als John Merrylack in das Gaſtzimmer zurück⸗ kehrte und die halsſtarrige Anhänglichkeit des Bewoh⸗ ners an Nro. 4 mittheilte, gerieth die gute Wirthin außer ſich.„Du biſt auch ſo dumm, John,“ ſahte ſie.„Ich will ſelber gehen und es ihm vorſtellen.“ Doch als ſie zu dem Zweck aufſtand, hielt Harriſon, ver ſehr gut für ſich ſelber ſorgte, ſie zurück und ſagte:„Ich kenne das Temperament meines Herrn beſſer als Sie, Madame. Wenn er einmal in hals⸗ ſtarriger Laune iſt, ſo kann ihn der Teufel ſelber davon nicht abbringen. Ich denke, er will allein ſein; er iſt von Zeit zu Zeit gern allein; Staatsgeſchäfte, wiſſen Sie,“ ſetzte der Bediente hinzu, indem er ſeine Stirn geheimnißvoll mit dem Finger berührte,„und ſelbſt ich wage ihn um die Welt nicht zu ſtören; darum beruhigen Sie ſich und ich will zu ihm gehen, wenn er zu Mittag geſpeiſt hat und ich zu Abend. Es iſt noch Zeit genug für Nro. 4, wenn wir für Nro. 1 Sorge getragen haben.— Ihre Geſundheit, Miß!“ Die Wirthin gab wiverſtrebend ihre Abſicht auf. „Herr Clarenre Linden, Parlamentsmitglied, ſagen Sie, Herr,“ ſprach der gelehrte Jeremias;„ich muß dieſen Namen oder dieſe Benennung in meinen Büchern haben, aber ich kann mich in dieſem Augenblick der Zeit nicht an das genaue Datum und die Umſtände erinnern, unter welchen ich dem ſo bezeichneten oder ſei „fe der ſch ein kaf ihn ſas jug der fra ſtär wil mu rech thir Orts⸗ geſſen r Zeit, zurück⸗ ewoh⸗ irthin ſatte ellen.“ rriſon, n Herrn hals⸗ ſelber n ſein; ſchäfte, r ſeine „„und darum „wenn Es iſt Nrv. 1 Miß 1 cht auf. ſagen ich muß Büchern lick der mſtände en oder 161 benannten Herrn die Dienſte meines Berufs ge⸗ leiſtet.“ „Ich kann es nicht ſagen, mein Herr,“ ſagti Harriſon—„ich war ſchon viele Jahre bei meinem Herrn, hatte aber nie bas Vergnügen, Sie zu ſehen, noch dieſen Weg zu reiſen— ein ſehr bergiger Weg iſt es, Herr.— Miß, dieſer Negus iſt ſo klar wie Ihre Augen und ſo warm wie meine Bewunberung.“ „Oh, Herr!“ „Bitte,“ ſagte Merrylack, der, wie die meiſten ſeines Standes, ſich ein wenig um Politik bekämmerte, „ſagen Sie mir doch, iſt es derſelbe Herr Linden, der vor Kurzem die lange Rebe im Parlament hielt?“ „Gewiß, Herr. Er iſt ein ſehr beredter Herr; ſchade, daß er ſo wenig ſpricht— er hielt nur die eine lange Rede, ſeit er im Palamente ſitzt, und eine kapitale Rede war es. Sie ſahen, wie der erße Miniſter ihm darüber ſein Compliment machte.„Eine Rede,“ ſagten Seine Herrlichkeit,„welche die Anmuth des jugenblichen Genies mit den geſunden Berechunngen der gereiften Erfahrung vereint!““ „Sprach der erſte Miniſter in der That ſo?“ fragte Jeremias;„welch ein ſchönes, edles und ver⸗ ſtänbliches Compliment! Wenn ich nach Hauſe komme, will ich doch meine Bücher unterſuchen—„„die An⸗ muth des jugendlichen Genies mit den geſunden Be⸗ rechnungen der gereiften Erfahrung!““ „Wenn er im Parlamente fitzt,“ ſagte die Wir⸗ thin,„ſo wird er vermuthlich auch unſern Herrn Mor⸗ Bulwer, der Verſtoßene. MI. 1⁴ 4 baunt kennen lernen, wenn vieſer hei den nächſten Seſſionen ſeinen Platz einnimmt?“ „Herrn Mordaunt kennen lernen!“ ſagte der Be⸗ viente;„um ihn zu beſuchen, find wir ja hieher ge⸗ kommen. Wir beabſichtigten noch dieſen Abend dort⸗ hin zu gehen, aber mein Herr hielt es für zu ſpät, und ich ſah, daß er in ſchwermüthiger Laune war; vaher beſchloſſen wir, hieher zu kommen, und mein Herr nahm dem Reitknecht eines von den Pferden ab, den wir mit den andern zurückgelaſſen haben, und er ritt allein voraus. Er muß ſchon ſrüher in dieſer Stadt geweſen ſein, denn er beſchrieb das Gaſthans ſo gut— vortrefflicher Käſe, ſo milde— ſo milde wie Ihr liebliches Lächeln, Miß!“ „Oh, Herr!“ „Bitte, Mrs. Merrylack,“ ſagte Jeremias Boſſol⸗ ton, indem er ſeine Pſeife auf den Tiſch niederlegie und aus einer tiefen Träumerei erwachte, in welche ſeine Sinne während der letzten fünf Minuten ver⸗ ſenkt geweſen—„bitte, Mrs. Merrylack, rufen Sie nicht in Ihren Geiſt oder Ihre Erinnerung, oder Ihr Gevächtniß einen jungen Herrn zurück, von eben ſo wohlgebildetem Ausſehen und ſchmeichelnder Anrede, der vas unglück hatte, daß ſein Arm durch einen heftigen Schlag von Herrn Mordaunts Pferde, auf demſelben Hofe, wo Ihre Ställe erbaut find, ſchwer verwundet und verletzt wurde, und der zwei oder drei Tage in Ihrem Hauſe, Taverne oder Hotel verblieb? Ich erinnere mich, daß Sie wegen ſeines Namens in großer Verlegenheit waren, deſſen Anfangsbuchſtahen ächſten er Be⸗ her ge⸗ d dort⸗ n ſpät, e war; d mein den ab, und er n dieſer aſthans o milde Boſſol⸗ derlegie welche ten ver⸗ fen Sie g, oder n een Anrede, h einen de, auf „ſchwer oder drei erblieb? mens in ichſtahen er Ihnen nur angab, anvertraute oter mittheilte, bis Sie—“ „Ich erinnere mich,“ fiel Miß Eliſabeth ein— „ich erinnere mich ſehr gut— ein ſehr ſchöner junger Herr, für den hier ein Brlef abgegeben wurde, wor⸗ auf nur die Anfangsbuchſtaben C. L. ſtanden, der ſpäter von einem Pferde geſchlagen wurde, Deine Haube bewunderte, Mutter, und deſſen Name Cla⸗ rence Linden war. Du erinnerſt Dich ſeiner gewiß, Mutter?“ „Ich denke ja, Lizzy,“ ſagte die Wirthin lang⸗ ſam, denn ihr Gedbächtniß, welches nicht ſo ſehr wie das ihrer Tochter mit ſchönen jungen Herren beſchäf⸗ tigt war, kämpfte eine Zeitlang mit undeutlichen Vor⸗ ſtellungen von den verſchiedenen Reiſenden, die ihr Haus beehrt hatten, bis ſie endlich zu der Erinnerung an Clarence Linden kam—„ich denke ja— und Herr Mordaunt war ſehr aufmerkſam gegen ihn— und er zerbrach eine von den Fenſterſcheiben in Nro. 8 und gab mir eine halbe Guinee dafür. Ich erinnere mich vollkommen, Lizzy. Das iſt alſo der Herr Linden, der jetzt hier iſt? Man denke nur!“ „Ich würde ihn gewiß nicht gekannt haben,“ ſagte Miß Eliſabeth;„er iſt ſo viel größer geworden und ſein Haar iſt jetzt ganz dunkel, und ſein Geſicht viel ſchmäler als damals; aber er iſt noch immer ſehr ſchön — nicht wahr, Herr?“ ſagte ſie zu dem Bedienten. „Ei, nun ja,“ ſagte Harriſon, ſein rechtes Bein ausſlreckend und ein wenig nach der linken Seite zu⸗ rückfallend auf die Weiſe, welche der berühmte Gil 164 Blas in ſeiner Anrede an die ſchöne Laura anwendele —„ei, nun ja, ganz hübſch; aber nach meiner Anſicht ein wenig zu groß und zu ſchlank.“ Herrn Harriſons Fehler war gewiß nicht, zu groß und zu ſchlank zu ſein. „Vielleicht!“ ſagte Miß Eliſabeth, welche vie Eitelkeit vermöge eines verwandten Inſtinkts witterte, und ihre eigenen Gründe hatte, derſelben zu ſchmeicheln. „Aber dennoch iſt er bei den Damen ſehr beliebt; doch liebt er nur eine Dame. Oh, ich darf aber nicht ſagen welche, obgleich ich es weiß. Doch ſie iſt ſo ſchön; ſolche Augen, die Einen wie eine Gabel durch⸗ bohren; aber nicht ſo wie die Ihrigen, Miß, denn ich betheure, daß die Ihrigen ſo glänzend ſind, wie ein ſilberner Teller.“ „Oh, Herr!“ Bei dieſem Geplauder verging die Zeit, bis Lin⸗ dens Mittageſſen und des Dieners Abendeſſen beendet war, und da ſtellte ſich Harriſon ſeinem Herrn als ein durchaus verſchiedenes Weſen von dem dar, als welches er in der Geſellſchaft erſchien. Vorwitz, Dreiſtigkeit, und Plauderhaftigkeit, Alles ging in dem geſetzten, nüchtern und ernſten Benehmen unter, wel⸗ ches den reſpektvollen und wohlerzogenen Bevienten bezeichnet. Lindens Befehle waren bald gegeben. Sie be⸗ ſtanden nur darin, ihm Schreibmaterialien zu bringen, und ſobald Harriſon mit der Mappe ſeines Herrn erſchien, wurde er für den Abend entlaſſen. Clarenee ſetzte ſich ſehr langſam an ſein Geſchäft und verſuchte bee Tre per frel den ſo! keit Jul dadt Aug trüb wendete teiner groß che die itterte, eicheln. beliebt; er nicht iſt ſo durch⸗ „denn d, wie is Lin⸗ beendet rn als r, als zorwitz, in dem , wel⸗ dienten ie be⸗ ringen, Herrn larenee rſuchte 165 badurch der Langeweile ſeiner Einſamkeit oder der Ruheloſigkeit ſeiner Gedanken zu entgehen, daß er folgenden Brief ſchrieb. An den Herzog von Haverfield. „Ich war ſo unglücklich, mein werther Herzog, Sie zu verfehlen, als ich Ihnen vorgeſtern Ahend in Arlington⸗Street aufwarten wollte, denn ich hatte Ihnen viel zu ſagen— Einiges über öffentliche, An⸗ beres über Privatangelegenheiten. Ich will das Letz⸗ tere, da nur ich die betheiligte Perſon bin, auf eine künftige Gelegenheit auſſparen. Was das Erſtere betrifft,————— „Da ich jetzt den politiſchen Theil meines Briefes beendet habe, ſo erlauben Sie mir, Ihnen aufrichtig zu Ihrer bevorſtehenden Verheirathung mit Miß Trevanivn Glück zu wünſchen. Ich kenne ſie nicht perſönlich; aber ich erinnere mich, daß ſie die Buſen⸗ freundin der Laby Flora Ardenne war, die ich oft in den zärtlichſten Ausbrücken von ihr habe reden hören, ſo daß ich glaube, ihr Bruder könnte ſeine Unreblich⸗ keit, indem er Ihnen vor etwa drei Jahren die ſchöne Julia entführte, nicht beſſer wieder gut machen, als dadurch, daß er Ihnen in ehrlichem Tauſche ſeine Schweſter gibt— eine goldene Rüſtung für die eherne. „Was mein Loos hetrifft, obgleich ich in dieſem Augenblick vas Ihre nicht durch das Verweilen dabei trüben ſollte, ſo wiſſen Sie doch, wie lange, be⸗ ſtändig und glühend ich Lady Flora Ardenne geliebt habe— wie ich um ihretwillen Gelegenheiten zu einer Verhindung ausgeſchlagen, welche die weltliche Ge⸗ ſinnung vollkommen würde befriedigt haben, die mir Viele, welche mich nur unter der Menge geſehen, zu⸗ zuſchreiben geneigt find. Sie wiſſen, daß weder Ver⸗ gnügungen, noch Veränderung, noch die plötzliche Gleichgültigkeit, die ich ſo wenig von ihr verdiente, je ihr Bild haben auslöſchen können. Sie werden daher an meinen Gefühlen Theil nehmen, wenn ich Ste benachrichtige, daß kein Zweifel mehr ſein kann, ihre Verheirathung mit Lord Borodaile(oder Lord ulswater, wie er nach dem Tode ſeines Vaters heißt) werde ſtattfinden, ſobald der ſechste Monat ſeiner Trauer vorüber iß, woran jetzt nur noch zwei Mo⸗ nate fehlen. „Himmel! wenn man an vie Vergangenheit denkt, wie ungläubig könnte man hinſichtlich der Zukunft werden: wenn ich mich an alle Zeichen der Liebe er⸗ innere, die ich von jenem Weibe empfing, ſo kann ich mich nicht überreden, daß ſie jetzt ſämmtlich ſollten vergeſſen ſein oder alle an einen Andern verſchwendei werden. „Doch ich will ſie nicht tadeln— möge ſie glück⸗ licher mit ihm ſein, als ſie es mit mir hätte ſein können— und dieſe Hoffnung ſoll das Bedauern he⸗ ruhigen, welches ich thöricht genug geweſen bin, ſo lange zu hegen, und vielleicht iſt es gut für mich, daß es jetzt auf immer zwecklos wird. „Ich halte mich in einem Gaſthofe auf, ohne Bücher, Geſellſchafter vder irgend etwas, womit ich zu einer che Ge⸗ die mir en, ze⸗ der Ver⸗ lötzliche erdiente, werden venn ich in kann, e Lor s heißt) t ſeiner vei Mo⸗ it denkt, Zukunft iehe er⸗ ſo kann h ſollten chwendet ſie glück⸗ itte ſein uern he⸗ bin, ſo ür mich, f„ ohne vmit ich mir vie Zeit und die Gedanken vertreiben könnte, als dieſe Feder, Dinte und Papier. Sie werden daher einen Grund und eine Entſchuldigung darin finden, vaß ich an Sie ſchreibe, bis meine beiden Bogen voll ſind und die zehnte Stunde(man kann doch nicht wohl früher zu Bette gehen) gekommen iſt. „Sie erinnern ſich, daß Sie mich von einem außer⸗ ordentlichen Manne haben reden hören, den ich in Italien traf, und mit dem ich vertraut wurde. Er kehrte vor einigen Monaten nach England zurück, und als ich es hörte, wurde mein Verlangen, unſere Bekanntſchaft zu erneuern, ſo groß, daß ich ſchrieb und mich als Gaſt in ſeinem Hauſe anmeldete. Er ertheilte mir eine ſehr freunbliche Antwort und überließ mir die Wahl der Zeit. Sie ſehen jetzt, höchſt edler Juſtus, die Veranlaſſung zu meiner Reiſe hieher. „Sein Haus, eine ſchöne alte Halle, liegt etwa fünf oder ſechs Meilen von dieſem Orte, und da ich ſpät Abends hier ankam und ſeine zurückgezogenen und eigenthümlichen Gewohnheiten kannte, ſo hielt ich es für beſſer, die Nacht im Gaſthofe zu bleiben und meinen Veſuch in Mordaunt⸗Cvurt bis morgen aufzuſchieben. In Wahrheit war ich nicht abgeneigt, eine alte Bekanntſchaft zu erneuern— nicht, wie Sie in Ihrer Bosheit vermuthen werden, mit mei⸗ ner Wirthin, ſondern mit ihrem Hauſe. Vor einigen Jahren, als ich achtzehn Jahre alt war, wurde ich in eben dieſem Gaſthauſe oberflächlich mit Herrn Mordaunt bekannt, und jetzt, im ſechsundzwanzigſten, bin ich froh, an derſelben Stelle einen Abend für 168 mich zu haben und Alles zu überdenken, was ſeither geſchehen ißt. „Nun, werden Sie nicht ängßlich; ich will Sie nicht mit dem unruhigen Rückblick beläſtigen, womit ich mich ſo eben beſchäftigt habe; nein, ich will nur von meinem Bekannten und künftigen Wirthe reden. Ich ſagte ſchon, vaß ich Mordaunt vor einigen Jahren zuerſt in dieſem Gaſthauſe traf— ein Unfall, woran ſein Pferd ſchuldig war, machte uns bekannt— ich hrachte einen Tag in ſeinem Hanſe zu und intereſ⸗ firte mich ſehr für ſeine Unterhaltung; ſeitdem trafen wir erſt vor zwei unb einem halben Jahre in Ita⸗ lien wieder zuſammen. Während jener Zwiſchenzeit verheirathete ſich Morhaunt— verlor ſeine Beſitzung in einem Prozeß— verſchwand auf einige Jahre aus der Welt(Niemand wußte, wo er ſich aufhielt)— erhielt ſeine verlorne Beſitzung durch den Tod des Erben ſeines Vetters und den hald darauf folgenden Tod dieſes Vetters wieder, wurde Wittwer mit einem einzigen Kinde, einem ſchönen kleinen Mädchen von vier Jahren. Er lebte in vollkommener Abgeſchie⸗ venheit, vermied alle Berührung mit der Geſellſchaft und ſchien ſo gänzlich unbewußt, mich je vorher ge⸗ ſehen zu haben, wenn wir auf Spezierritten oder Spaziergängen einander begegneten, ſo daß ich es nicht wagen konnte, mich in eine ſo ſtrenge und un⸗ unterbrochene Zurückgezogenheit einzudrängen, die ſeine Gewohnheiten und ſein Leben charakterifirte. „Das Düſter und die Einſamkeit, worin Mor⸗ vaunt ſeine Tage zubrachte, waren indeſſen weit ent⸗ ſeither vill Sie womit vill nur eden. Jahren woran — ich intereſ⸗ trafen in Ita⸗ chenzeit eſitzung hre ans elt)— rod des lgenden teinem en von geſchie⸗ Uſchaft her ge⸗ n oder ich es ind un⸗ ie ſeine Mor⸗ eit ent⸗ 169 fernt, ihren Grund in jener Selbſiſucht zu haben, die den Einfledlern faſt nothwendig eigen iſt. überall, wohin er auf ſeinen Reiſen durch Italien kam, ließ er Freude und Heiterkeit zurück. Bei ſeinem Aufent⸗ halte in M* war er vertraut mit den Ausgeſtoßenen und Dürftigen, während er den Großen und Fröh⸗ lichen unbekannt war. Das Gefängniß, das Hoſpital, die ſchmutzigen Höhlen des Elends, die Wohnungen, wo das Genie gegen Armuth und Dürftigkeit an⸗ kämpfte(was in Italien, jenem gerühmten Eldo⸗ rado der Künſtler und Dichter, ſo häufig iſt)— dies waren die Orte, wo er ſeine Beſuche abſtattete. Es war ein ſeltſamer und auffallender Contraſt, den kränklichen Enthuſtasmus derjenigen, die ſich nach Italien drängten, um ihre Empfindſamkeit an Sta⸗ tuen und ihren Reichthum an moderne Nachbildun⸗ gen zu verſchwenden, die ihrem ungebildeten Geſchmacke als Meiſterſtücke der alten Kunſt verkauft wurden— es war ein evler Contraſt, ſage ich, jenen lächerli⸗ chen und eitlen Enthuſiasmus mit der ruhigen und geſunden Energie des Geiſtes und Herzens zu ver⸗ gleichen, die Morbvaunt dahin führte, nicht den be⸗ wußtloſen Monumenten der Todten ſeine Huldigung darzubringen, ſondern die Lebenden in ihrem Leiden, ihrem Mangel und ihrer Schwäche zu tröſten und zu unterſtützen. „Doch während er ſo beſchäftigt war, das Elend Anderer zu vermindern und ihr Glück zu erhöhen, ſchien die tiefſte Schwermuth ſich ſeiner bemächtigt zu haben. In tiefſte Trauer gekleidet, ſah man einen 170 ſtrengen und ununterbrochenen Trübſinn auf ſeinem Geſichte. Ich habe bemerkt, daß er ſogleich einen andern Weg einſchlug, wenn ſich ihm Jemand, be⸗ ſonders von den beſſern Claſſen, auf ſeinen Spazier⸗ ritten oder Gängen zu nähern ſchien. Er konnte den Blick oder die Unterredung einer Sekunde nicht ertragen; und ſeine erhabene und ßtolze Miene ſchien nicht nur Andere zurückzuſtoßen, ſondern auch der Milde und Wohlthätigkeit zu widerſprechen, welche ſeine eigenen Handlungen ſo unabläſſig und unzwei⸗ deutig zeigten. Es muß in der That ein mächtiges übergewicht der Grundſätze über vas Gefühl gewefen ſein, welches ihn bewog, beſtändig den Aufenthalt der rohen Weſen aufzuſuchen, die er unterſtützte und heglückte. „Wir trafen uns an zwei oder drei Orten, wo⸗ hin mich meine ſchwache und unvollkommene Wohl⸗ thätigkeit führte, beſonders in dem Hanſe eines kränk⸗ lichen und nothleidenden Künßtlers; denn in meinem früheren Leben hatte ich einen Mann dieſes Berufs ge⸗ kannt, und habe ſpäter verſucht, an ſeinen Brüdern die Schuld der Wohlthätigkeit abzutragen, die ich ihm wegen ſeines frühen Todes nicht zahlen konnte. So wurde ich zuerſt mit Mordaunts Treiben und Beſchäftigung bekannt; denn was ſeine Wohlthätigkeit veredelte, war die Verborgenheit, womit dieſelbe um⸗ geben war. In der Stille übte er ſeine Großmuth, und verbarg ſo ſorgfältig ſeinen Namen und ſelbſt ſein Geficht bei dieſen kurzen Beſuchen in dem Hauſe der Trauer, daß nur ein genauer und ſorgfältiger ſeinem einen d, be⸗ azier⸗ konnte nicht ſchien ch der welche nzwei⸗ htiges weſen nthalt e und „wo⸗ Wohl⸗ kränk⸗ einem fs ge⸗ üdern ie ich onnte. und tigkeit e um⸗ muth, ſelbſt Hauſe ltiger 171 Beobachter deſſen, was einſt ein Gegenßand des In⸗ tereſſes geweſen(wie ich es war), ſeine Hand in den verſchiedenen wohlthätigen Werken hätte entdecken können. „Eines Tages traf ich ihn mit ſeiner kleinen Tochter unter einigen alten Ruinen. Durch ein gro⸗ ßes Glück gelang es mir, die Letztere, die ſich eine Strecke von ihrem Vater entfernt hatte, von einem Fall loſer Steine zu erretten, wodurch ſie ohne Zwei⸗ ſel würde zu Tode gekommen ſein. Ich wurde bei der Bemühung ſelber ſchwer verletzt, denn ein Fels⸗ ſtück fiel auf meine Schulter; und ſo wurde unſere alte Bekanntſchaft wieder ernenert und reifte endlich zur Vertraulichkeit heran; doch muß ich geſtehen, daß es nicht ohne große Geduld und beſtändiges Be⸗ mühen von meiner Seite geſchah, denn ſeine Dü⸗ ſterkeit und ſeine einfiedleriſchen Gewohnheiten machten ihn durchaus unzugänglich für irgend einen Andern als einen Diplomaten, wie Lord Aspeden ſagen würde. Ich ſah ihn häufig während der ſechs Mo⸗ nate, die ich mich in Italien aufhielt, und— aber Sie wiſſen ſchyn, mit welcher Wärme ich ſeine außer⸗ ordentlichen Fähigkeiten bewundere und ſeinen Cha⸗ rakter verehre.— Lord Aspedens Rückkehr nach Eag⸗ land trennte uns. „Es erfolgte eine allgemeine Wahl. Ich wurde für M** gewählt. Ich ging lebhaft auf die in⸗ ländiſche Politik ein— Ihre Freundſchaft, Lord Aspedens Güte, mein eigener Reichthum und mein Fleiß beförderten ungewöhnlich raſch meinen günſtigen 172 Erfolg. Mit Herz und Hand mit dieſen kleinlichen und doch mühſamen Arbeiten beſchäftigt, für welche der, welcher ſich mit parlamentariſchen und Staats⸗ intriguen beſchäftigt, unglücklicherweiſe die umfang⸗ reicheren, obgleich abſtruſeren Spekulationen ver all⸗ gemeinen Philoſophie und Moral, die man univer⸗ ſelle Politik nennen könnte, aufgehen muß, habe ich mich nothwendigerweiſe mit ſehr verſchiedenen Dingen beſchäftigen müſſen, als die ſind, welchen Mordaunt ſeine Betrachtungen gewidmet hat; doch erinnerte ich mich oft ſeiner Grundſätze mit Bewunderung ihrer Tiefe und erhielt Beifall wegen Anſichten, die nur ſehr unvollkommen aus ſeiner reinen Quelle in mich übergegangen waren. „Es ſind etwa ſechs Monate ſeit ſeiner Rückkehr nach England verſtrichen, und er hat in der letzten Zeit einen Sitz im Parlamente erhalten— ſo voß wir hoffen können, ſeine Talente bald auf einer öffent⸗ licheren und größeren Bühne ſich entwickeln zu ſeher, als bisher geſchehen iſt, und obgleich ich fürchte, daß ſeine Politik der unſrigen entgegengeſetzt ſein wird, ſo ſehe ich doch ſeinem Debut mit jenem Intereſſe entgegen, welches das Genie, auch wenn es uns feind⸗ lich iſt, ſtets einflößt. Doch ich bekenne, daß ich he⸗ gierig bin, ihn zu ſehen und wieder einmal mit der Vertrautheit und Freundlichkeit der Privatunterhaltung mit ihm zu reden. Die Parteienwuth, die Engher⸗ zigkeit des Eifers der Sekten ſchließen bald von un⸗ ſerer Freundſchaft alle viejenigen aus, die ſich von unſern Anfichten unterſcheiden, und man gleicht Ser⸗ fahr rede fahr halt klein ſelbe jede tren eine der für verb auf zu d Erei Jah in ſ und die! mehr abge geize nen einer im, das nlichen welche Staats⸗ nfang⸗ er all⸗ tiver⸗ abe ich ingen rdaunt rte ich ihrer e nur mich ickkehr letzten o baß ffent⸗ ſehen, „doß wird, ereſſe feind⸗ ch be⸗ t der ltung gher⸗ 173 fahrern, die ſich zum letztenmal mit einander unter⸗ reden, ehe ihre Schiffe ſich trennen, um auf die ge⸗ fahrvolle und ungewiſſe See hinauszugehen, ſo unter⸗ halten wir uns in Frieden und Zurückgezogenheit eine kleine Weile mit Denen, die zugleich mit uns auf den⸗ ſelben ungeſtümen Ozean hinausfahren wollen, wo jede augenblickliche Laune der Winde uns auf immer trennen kann, und wo ſelbſt unſere Vereinigung nur eine Theilnahme der Arbeit und eine Kameradſchaft der Gefahr iſt. „Leben Sie wohl, mein Freund! Es iſt ein Glück für mich, daß unſere öffentlichen Anſichten ſo enge verbunden find, und daß ich im Privatleben ſo ſicher auf das Glück und vie Ehre rechnen kann, mich nennen zu dürfen Ihren aufrichtigen Freund C. L. Dies war der Brief, dem wir die Erklärung vieler Ereigniſſe überlaſſen, die während der letzten drei Jahre unſerer Erzählung vorgefallen waren, und der in ſeinem Tone dazu dienen wird, die Freundlichkeit und den Edelmuth ves Herzens und Gefühls zu zeigen, die durch die Zeit, welche Weisheit bringt, eher ver⸗ mehrt als vermindert worden waren, und ſich mit der abgehärteten Thätigkeit und dem entſchloſſenen Ehr⸗ geize vereinten, die den Geiſt unſeres„Verſtoße⸗ nen“ charakteriſirten.— Wir überlaſſen ihn jetzt einer ſolchen Ruhe, wie ſie das beſte Schlafzimmer im„goldenen Vließ“ gewähren kann, und ſchließen das Kapitel. Zweiundſechzigſtes Kapitel. Wenn gleich der lieblich wonnevolle Zauber, Den meine jugendliche Phantoſie Verſchmolz mit meiner Liebe Viſionen, Die Seele wie ein Traum der Nocht verläßt, Und eine Wüſte rings um mich ſich breitet. Sei ſtill, mein düſtrer Geiſt, die Weisheit tadelt Den Schwachen, welcher muthlos klagt und trauert; Sei ſtark, dem Felſen gleich, der ſich am Ufer Entgegen tauſend wilden Wogen ſtemmt. Campbell. „Soll ich den Wagen vorfahren laſſen, Herr?“ ſagte Harriſon,„es iſt ein Uhr vorbei.“ „Ja— doch halt— das Wetter iſt ſchön— ich will reiten— laß den Wagen am Abend nachkommen — laß mein Pferd ſatteln— Du haſt doch geſtern Abend nach ihm geſehen?“ „Ja, Herr. Es ſcheint ſehr geſtärkt zu ſein. Soll ich mit dem Wagen hier bleiben, Herr, bis der Reit⸗ knecht mit dem andern Pferde nachkommt?“ „Ja, thue das— ich weiß noch nicht, in wie weit fremde Diener dort willkommen ſind, wohin ich gehe.“ „Das trifft ſich glücklich!“ ſagte Harriſon zu ſich ſelber, als er die Thüre zumachte.„Ich werde volle fünf Stunden Gelegenheit haben, hier den Hof zu machen. Miß Eliſaheth iſt in der That ein ſehr hüb⸗ ſches Mädchen, und dürfte keine üble Partie ſein. Ich ſehe keine Brüder; wer weiß, vielleicht erbt ſie den Gaſthof— hm! Ich denke, ein Diener darf eben⸗ ſowohl ehrgeizig ſein, wie ſein Herr!“ adelt trauert; er ell. Herr?“ — ich lommen geſtern 1. Soll r Reit⸗ in wie hin ich zu ſich e volle Hof zu r hüb⸗ n. Ich ſie den eben⸗ 175 Mit vieſem Gedanken beſchäſtigt, ſchlenderte Har⸗ riſon in den Stall, ſah darnach, daß Lindens ſchönes Pſferd ſo zierlich geſattelt und gezäumt wurde, wie der Hausknecht es vermochte, führte es ſelber an die Thür, hielt ſeinem Herrn mit der Unterwürfigkeit und An⸗ muth ſeines Standes den Steigbügel und ſchritt dann fort— Stolz auf ſeiner Stirn und Glorie in ſeinem Auge— um das Orakel des Gaſtzimmers zu ſein. Inzwiſchen ritt Linden langſam weiter. Als er durch das Thor der Stadt hinausritt, wo er zuerſt eingetreten war, erinnerte er ſich plötzlich an den Zi⸗ geuner.„Es ſoll mich wundern,“ dachte er,„wo dieſer ſeltſame Mann jetzt ſein mag— ob er noch ſeinen Geſchmack an den Wäldern und ſeinen Wan⸗ derungen beibehalten hat— Si dumina silvasque inglorius amet, oder ob er, nachdem ſeine Familie an Alter oder Zahl zugenommen, ſeine Jrrfahrten aufgegeben und endlich eine friedliche Einfledelei gefunden hat. Wie deutlich ſteht mir die ganze Seene jener Nacht vor Augen— die wilden Zelte, ihre noch wilderen Bewohner, die Biederkeit, Poeſte, Gutmüthigkeit und Unternehmungs⸗ luſt, die den Charakter des Anführers bildeten,— das heitere Mahl und die Fröhlichkeit um das Holzfeuer und unter den ſtillen Sternen, ſo wie die Heiterkeit und Lebhaftigkeit, womit ich mich damals in die Freube miſchte. Ach!— wie ſchlecht bezahlt uns der Hoch⸗ muth und die Verfeinerung ſpäterer Tage für den elaſtiſchen und lebhaften Eifer, womit unſere erſte Jugend auf alles Freudige eingeht, ohne zu fragen, ob ſeine urſache und Natur unſern Gewohnheiten entſpricht oder unſerem Geſchmacke angemeſſen iſt. Indeſſen lag etwas wirklich Philoſophiſches in der Romantik des jovlalen Zigeuners, ſo kindiſch ſie auch erſchien; und ich möchte gern wiſſen, ob die Philo⸗ ſophie die Oberhand über die Romantik erhalten, oder ob die zur Gewohnheit gewordene Romautik ihre Philoſophie unv ihre Begeiſterung verloren hat. Nun, wenn ich von Mordaunt komme, will ich verſuchen, meinen alten Freund aufzufinden.“ Mit vieſem Entſchluſſe nahmen Lindens Gedanken eine neue Richtung und verweilten bei Mordaunt, bis er ſeine Beſitzung betrat. Als er durch den Park ritt, wo Büſche und Bäume in den gelben Farben erglühten, womit der Herbſt gleich dem Ehrgeize, vergoldet, ehe er dahinſchwindet, hielt et einen Augen⸗ blick an, um ſich die Seene ins Gedächtniß zu rufen, wie er ſie zuletzt geſehen. Damals war es Frühling geweſen, wo jeder Grashalm einen Wohlgeruch in die glückliche Luft ſendete und eine liebliche Mufik hervorbrachte, während die jungen Blätter tantten, wo jede Gruppe des braunen Farnkrautes, welches jetzt ſtill und bewegungslos um ihn her dalag, unter welchem das ſchwermüthige Wild aus der Ferne da⸗ ſtand und den Fremden anblickte, von den liehlichen Melodien des jungen Jahres ertönte— von den ſcharfen und doch lieblichen Stimmen der Vögel— jenen feenartigen und vielfarbigen Weſen— und dem in Zwiſchenräumen gehörten Zirpen der muntern Grille anken aunt, Park arben geize, ugen⸗ ufen, hling ch in Nuſik izten, elches unter e da⸗ ichen den dem rille 177 und dem Summen der erwachten Biene. Er ſeufzte, als er jetzt um ſich blickte und ſich des Wechſels der Zeit und der Jahre erinnerte; und mit jener Zärt⸗ lichkeit des Herzens, welche den Menſchen veranlaßt, ſein eigenes kleines Leben mit den Verſchiebenheiten der Zeit, den Zeichen des Himmels, oder jenen Re⸗ volutionen der Natur in Verbindung zu ſetzen, er⸗ kannte er etwas Verwandtes in dem Tauſch der Seene, mit dem Wechſel der Gevanken und Gefühle, welchen die Jahre in dem Zuſchauer hervorgebracht hatten. Als er aus ſeiner Träumerei erwachte, trieb er ſein Pferd an und war bald in der Nähe des Hauſes. Während der wenigen Jahre, wo Vavaſour Mordaunt⸗ Court in Beſitz gehabt, hatte er an dem alten Hauſe Verbeſſerungen und Vergrößerungen in einem ebenſo koſtharen als verſtändigen Style angebracht. Die ſchwerfällige und hunte Pracht ver Bauart des Hauſes blieb unverändert; aber ein Flügel, auf jeder Seite, obgleich durchaus dem Styl des Hauptgebäudes ent⸗ ſprechend, verlieh, vermöge des langen Säulenganges, der an dem einen dahinlief, und der ſtattlichen Fenſter, die den andern ſchmückten, dem Ganzen nicht nur das Anſehen eines größern Umfanges, ſondern auch dem maſſiven und veralteten Gebäude eine anmuthigere Leichtigkeit. Von dem Punkte aus geſehen, von wel⸗ chem Clarence ſich demſelben näherte, war es ein Gebäude, dem wenige hinſichtlich der Größe und des Effekts überlegen waren, und es harmonirte ſo gut mit dem geräumigen Park, den alten Wäldern und den ehrwürdigen Baumgängen, daß eine ſehr geringe Bulwer, der Verſtoßene. II. 12 178 Anſtrengung der Einbildungskraſt und der Liebe zu alterthümlichen Vetrachtungen hingereicht hätte, um die maſſiven Portale mit den Schauſtellungen alter Tage und den heitern Luſtbarkeiten der ritterlichen Romantik zu beleben, womit die Seene ſo ſehr im Einklang ſtand, und deren Zeugin ſie in früheren Zeiten häufig geweſen. Wer dieſes prächtige Gebäude und die weiten Landßrecken jenſeits der Umzäunung des Parks, die ſich über die Hügel der fernen Landſchaft verbreite⸗ ten und mit Kirchthürmen und Dörfern überſäet waren, welche die eine Hälfte von Mordaunt's großer Be⸗ ſitzung ausmachten, betrachtet hätte, würde ſich nicht haben träumen laſſen, daß der Beſitzer alles deſſen ſeine ſchönſten männlichen Jahre im bitterſten Kampfe mit dem nagenden Mangel, mit rebelliſchem Stolze und ſtürmiſcher Leidenſchaft zugebracht, ohne Freund oder Hülfe, als ſeine eigene ſiolze Tugend, daß er verurtheilt ſei, noch in ſeinem verödeten Herzen, das Zeichen des Ungewitters zu tragen, dem er muthig getrotzt. Keiner als Crauford, der ſeine guten Gründe zum Schweigen hatte, und der wandernde Handels⸗ mann, der leicht durch Beſtechung zum Schweigen zu bringen war, hatte je die äußerſte Armuth gekannt, von welcher Mordaunt zu dem rechtmäßigen Beſitze ſeines Erbtheils übergegangen war. Es ging freilich das Gerücht, daß er in dürftigen Umſtänden geweſen ſei, doch die eingebildete Armuth blieb weit hinter der Wirklichkeit zurück, denn Mordaunts Stolz, der große und faſt einzige Fehler ſeines Charakters, konnte iebe zu te, um n alter erlichen ehr im rüheren weiten ks, die breite⸗ waren, er Be⸗ h nicht deſſen kampfe Stolze Freund daß er n, das nuthig ründe ndels⸗ en z kannt, Beſitze reilich weſen hinter der onnte 179 nicht ertragen, vaß es dem Auge der Welt offenbar wurbe, was er geduldet und ertragen; und ſo gleich⸗ gültig er auch gegen den Ruhm war, ſo war er doch ſehr empfänglich für die Scham. Als Clarence an der mit Ephen bekränzten Pforte klingelte und nach Mordaunt fragte, ſagte man ihm, daß er am Bache im Park ſei, wo er die meiſten Stunden während der Tageszeit zubrachte. „Soll ich hinunterſchicken, und ihm ſagen laſſen, daß Sie gekommen ſind, mein Herr?“ fragte der Diener. „Nein,“ antwortete Clarenee,„ich will mein Pferd einem von den Stallknechten übergeben, zum Bache hinuntergehen und Ihren Herrn aufſuchen.“ Hierauf ſtieg er ab, übergab ſein Pferd, folgte der ihm angegebenen Richtung und näherte ſich dem Bache. Als er den Hügel hinunterſtieg, zeigte ſich ihm der Bach, der einen bezaubernden Anblick ge⸗ währte. Durch Rohr und wilde Blumen, die noch einen lieblichen Anblick gewährten, obgleich ſie im Verwelken begriffen waren, und durch grünen Raſen ſloß der Bach in ſeinem fröhlichen Laufe bahin, bil⸗ dete bald einen Contraſt zu den düſtern Föhren, die ſich über das Waſſer neigten und der Oberfläche etwas von ihrer eigenen Traurigkeit verliehen— blickte balb aus dem Schatten hervor, als bilde er Grübchen und lache der Sonne entgegen— beſpülte bald die knorrigen und weit verbreiteten Wurzeln einer einſamen Eſche, die ſtill und mit niederhängenden Aſten ſich über ihn niederſenkte und als der Eremit der Seene über ſeine 180 geräuſchvollen und abwechſelnden Wanberungen zu moraliſiren ſchien, wand ſich bald um den Hügel unb verlor ſich endlich unter dichtem Gebüſch, welches der Tag nur mit mattem Schimmer durchdrang, und wo er Nachts, wenn das Waſſer über das ſteinerne Beit dahinrauſchte, wie ein klagender Geiſt erſchien, un wohl mit dem Schrei der grauen Eule, die ſich a ihrem dunklen Verſteck aufſchwang, oder mit den klagenden und ſelten gehörten Tone des einſamen Wilves harmonirte. Als Linden's Augen bewundernd über die vor ihm liegende Seene vahinſchweifte, ruhten ſie endlich auf einem kleinen Gebäude, welches an der wildeſten Stelle des entgegengeſetzten Ufers lag; es war gan mit Epheu überwachſen, und nur der Umriß zeißt⸗ das gothiſche Alterthum der Bauart. Es war ei einzelner viereckiger Thurm, Niemand wußte wan oder wozu erbaut, und an den ſich folglich vielfach unbeſtimmte Sagen knüpften. Als er ſich noch wei⸗ ter näherte, ſah er den Gegenſtand ſeines Suchens allein auf einer kleinen Erhöhung neben dem Thurm fitzen. Morbanut blickte mit leeren, doch ernſten Augen auf das Waſſer hinunter, und ſo verſenkt war er in ſeine Betrachtungen, daß er Linden's Annäherunz nicht bemerkte. Große Thränen rollten aus dieſen ſtolzen Augen, welche Menſchen, die vor ihrem gleich⸗ gültigen Blicke zurückwichen, einer ſo ſchwachen und weibiſchen Regung nicht für fähig gehalten hätten. Fern in der ſchmerzlichen Einöde der Zeit waren die tgen zu igel und ches der und wo ne Beit en, und ſich auz nit den inſamen die vor endlich vildeſten ar gan ß zeigte var eit e wann ielfache ch wei⸗ Suchens Thurn Augen ar er in iherunz dieſen gleich⸗ en und hätten. ren bie 18¹ Gebanken des einſam Trauernden beſchäftigt; ſle ver⸗ weilten mit der vollen Lebhoftigkeit des Kummers bei dem Tage, wo er um dieſelbe Stunde und an demſelben Platze geſeſſen, wo Iſabella's jugendliche Wange ſich an ſeine Bruſt gelehnt und er einer Stimme gehorcht, die er jetzt nur in ſeinen Träu⸗ men hörte. Er erinnerte ſich des Augenblicks, wo er den unheilvollen Brief erhalten, der ihm die Nach⸗ richt von ſeiner Armuth gebracht, und des Schmerzes, der ſein Herz zerriſſen, als er bie Seene überblickt, welche der Frühling ſo eben belebt, und die er einem friſchen Sommer und einem neuen Herrn überlaſſen ſollte; und dann des innigen, zärtlichen, halb furcht⸗ ſamen Blickes, womit Iſabella ſeinem Auge begegnet war, und des ſelbſt in ſeiner Schwermuth ſtolzen Gefühls, womit er ſie an ſein Herz gedrückt und Gott in ſeinem Innerſten gedankt, daß ſie ihm noch übrig ſei. „Und ich bin wieder Herr,“ dachte er,„nicht nur alles deſſen, was ich vamals beſaß, ſondern auch, was meine reicheren Vorfahren beſaßen. Aber ſie, die meinen Kummer und meinen Mangel theilte, oh, wo iſt ſie! Ach! hundertmal lieber wollte ich⸗ ihre Hand ruhte noch in der meinen, und ihr Geiß hielte mich aufrecht in Armuth und Prüfung und ihre ſanſte Stimme murmelte mir den Troſt zu, der die Sorge verſcheucht, als ſo mit Reichthum und Ehre überſchüttet zu ſein, und allein— allein, wo nie Liebe oder Hoffnung oder das Verlangen der Zärtlichkeit vder die ſüße Fülle eines Herzens, wel⸗ ches unergründlich ſcheint in ſeiner Zärtlichkeit, wie⸗ verkehren kann! Wäre mein Loos, als ſie mich ver⸗ ließ, noch Bitterkeit und Armuth geweſen, ſo hätte ich ihren Tod ertragen und auf ihr Grab hinblicken können, ohne zu weinen— ja ich hätte mich be meinen eigenen Mühſeligkeiten tröſten können, daß ſie dem Elend entgangen; aber daß ſie in demſel⸗ ben Augenblick des Glücks die veränderte und vill verheißende Erde mit dem Hauſe der Dunkelheit und des Todes vertauſchen mußte, ohne einen Schimmer des Sonnenſcheins, ohne eine kurze Vergeltung ſir die qualvolle Vergangenheit, ohne eine augenblic⸗ liche Friſt zwiſchen den Thränen und dem Grabe— O Himmel! was— was nützt ein Reichthum, der zu ſpät kommt, da ſie, die allein den Reichthum zum Segen hätte machen können, jetzt Staub iſt, und das Licht, welches viele und glückliche Tage hätte vergol⸗ den ſollen, nur einen düſtern und geiſterhaſten Schim⸗ mer auf das Grab wirft?“ Aus dieſen Betrachtungen erwachenb, ſtand Mor⸗ daunt halb unbewußt auf, trocknete die Thränen aus ſeinen Augen und war im Begriff, in das nahe Ge⸗ büſch zu eilen, als er anfblickte und Clarence mur wenige Schritte vor ſich ſah. Ee ſtutzte und ſchien einen Augenblick unentſchloſſen, ob er ihm entgegen⸗ gehen, oder ihm ausweichen ſolle; doch wahrſchein⸗ lich hielt er es für zu ſpät zu enifliehen, verbannte vurch eine heftige Anſtrengung jedes äußere Zeichen der qualvollen Aufregung, eilte ſeinem Gaſt entgegen und begrüßte ihn auf eine Weiſe, die bei gewöhn⸗ liche rene hielt 183 „wi lichen Menſchen kalt geſchienen hätte, die aber Cla⸗ renee, der ſein Temperament kannte, für herzlicher hielt, als er ſie erwartet hatte. Dreiundſechszigftes Kapitel. demſel⸗ Der Vater vrängte ſehr, nd viel Die Mutter kein Wort ſprach, Sah mir nur in's Geſicht, eit un Daß mir das Herz faſt brach. chimmer Auld Robin Gray. ng ſir„Es iſt doch ſeltſam,“ ſagte Lady Weſtborvugh zenblick⸗ zu ihrer Tochter, als ſie an einem Nachmittage in abe— dem Muſikzimmer zu Weſborough⸗Park allein ſaßen, im, der„es iſt doch ſeltſam, daß Lord ulswater noch nicht m zum gekommen iſt. Er ſfagte, er würde gewiß vor drei und das Uhr hier ſein.“ vergol⸗„Sie wiſſen, Mutter, daß er militäriſche Pflich⸗ Schim⸗ ten hat, die ihn in W““ zurückhalten,“ antwortete Lady Flora, indem fie ſich über eine Zeichnung beugte, d Mor⸗ womit ſie ſehr eifrig beſchäftigt zu ſein ſchien. ten aus„Es iſt wahr, meine Liebe, und es iſt ſehr gütig ehe Ge⸗ von Lord N*, den Trupp, welchen er commandirt, e nur in ſeiner Grafſchaft einzuquartiren; auch trifft es ſich ſchien ſehr glücklich, daß W', wo er ſein Hauptquartier tgegen⸗ hat, uns ſo nahe iſt. Aber ich kann mir nicht venken, rſchein⸗ daß irgend eine Pflicht ſtark genug ſein ſollte, um bannte ihn von Dir zurückzuhalten,“ ſetzte Lady Weſtborough Zeichen hinzu, die ihr lebenlang an eine unvergleichliche Hul⸗ tgegen digung gewöhnt war.„Du ſcheinſt ſehr nachſichtig zu ewöhn⸗ ſein, Flora.“ 184 „Ach! ſie ſollte lieber ſagen ſehr gleichgültig,“ dachte Lady Flora; aber ſie ſprach ihren Gedanken nicht aus— ſie ſah nur einen Augenblick zu ihrer Mutter auf und lächelte matt. Ob etwas in dieſem Lächeln oder in der bleichen Wange ihrer Tochter lag, was ſie rührte, wiſſen wir nicht, aber Lady Weſtborvugh war in der That ge⸗ rührt; ſie umarmte Lady Flora, küßte fie zärtlich und ſagte:„Du ſiehſt heute nicht wohl aus, meine Liebe — iſt Dir nicht wohl?“ „O!— ſehr— ſehr wohl,“ antwortete Lady Flora, indem ſie die Liebkoſung ihrer Mutter erwiderte und ihre thränenvollen Augen verbarg. „Mein Kind,“ ſagte Lady Weſtborvugh,„Du weißt, daß ich und Dein Vater ſehr begierig ſind, Dich mit Lord Ulswater verbunden zu ſehen. Von hoher und alter Geburt und großem Reichthum, jung, von untadelhafter Perſon und Charakter, und Dir mit ſolcher Wärme ergeben, wie er iſt, könnte man keine beſſere Partie für Dich finden. Aber wenn der Gedanke Dich wirklich elend macht— und doch, wie kann es ſein?“ „Ich habe eingewilligt,“ ſagte Flora ſanft;„Allet, warnm ich bitte, iſt, reden Sie mir nicht mehr von dem Ereigniß, als durchaus nöthig iſt.“ Laty Weſtborough drückte ihre Hand, ſeufzte u antwortete nicht. Die Thür wurde geöffnet und der Marquis, der ſeit dem letzten Jahre durch die Krankheit der großen Männer, durch das Podagra, zum Krüppel geworden war dich Lau ſein wie ließ war, wurde auf ſeinem Rollſtuhl hereingerollt, und dicht hinter ihm folgte Lord U'swater. „Ich bringe Dir einen Troſt, für meine ſchlechte Lanne, junge Dame,“ ſagte der Marquis, der ſich ſeines trockenen Witzes rühmte.„Wenige alte Väter, die an der Gicht leiden, machen ſich ſo willkommen wie ich— nicht wahr, Ulswater?“ „Darf ich Lord Weſtboronghs Compliment auf mich anwenden?“ ſagte der junge Herr, indem er ſich Lady Flora näherte, ſeinen Stuhl zu ihr rückte und ſich mit ihr in eine flüſternde Unterhaltung ein⸗ ließ, die zwiſchen Verlobten ſo bedeutungsvoll iſt. Aber es lag wenig in Lady Flora's Benehmen, woran man die erwählte Braut hätte erkennen können; kein plötz⸗ liches Erröthen, kein niedergeſchlagener und verſtoh⸗ lener Blick, kein Zittern der kleinen, feengleichen Hand, keine undeutliche Verwirrung der Stimme, die mit unerklärlichen Bewegungen kämpfte. Nein— Alles war ruhig, kalt, achtlos; ihre Wange wechſelte die Farbe nicht und ihre deutlichen und ruhigen Worte ſchienen dem leiſen Murmeln ihres Verlobten zu wiver⸗ ſprechen. Aber ſelbſt auch in ſeinem Benehmen lag etwas, was Lady Weſtborongh für ihre Tochter würde beſorgt gemacht haben, wäre ſie weniger mit der äußern Oberfläche des Benehmens zufrieden geweſen. Eine düſtere Wolke war auf ſeiner Stirn, und zuweilen bebte ſeine Lippe wie ein Hohn, oder ſie war zu⸗ ſammengepreßt wie bei unterdrückter Leidenſchaſt. Selbſt in der Freude, vie in ſeinem Auge funkelte, wenn er ihrer nahe bevorſtehenden Verbindung erwähnte, war ein 186 Ausdruck, den man faſt zornig hätte nennen können, und der gewiß ehen ſo wenig der wahren Glut eines Liebenden glich, als Lady Flora's traurige und halb unbewußte Kälte der mißtrauenden Leidenſchaft des erröthenden Mädchens. „Sie ſind beträchtlich ſpäter gekommen, als wir Sie erwarteten, Mylord,“ ſagte Lady Weſtborongh, die ſelber noch für eine Schönheit gelten wollte und ein wenig eiferſüchtig auf den Vorzug war, den man der Schönheit ihrer Tochter gab. „Es iſt wahr,“ ſagte Lord Ulswater, indem er in ven gegenüber hängenden Spiegel blickte und mit dem Zeigefinger ſeine rechte Augenbraune glättete— „es iſt wahr, aber ich konnte es nicht verhindern. Ich hatte viele Geſchäfte mit meinen Lenten, ich habe ihnen ein neues Mauövre eingeübt. Wiſſen Sie, Mylord,“ fuhr er zu dem Marquis gewendet fort,„ich halte es für ſehr wahrſcheinlich, daß die Soldaten am zwan⸗ zigſten dieſes Monats zu thun haben werden.“ „Wo und weßhalb?“ fragte Lord Weſtborough, den ein plötzlicher Schmerz zu der kurzen Rede zwang. „Zu W' halten einige müßige Kerle an dem Tage eine Verſammlung, und wenn ich nach den An⸗ kündigungen und Anſchlägen an den Wänden und be⸗ ſonders nach den Gerüchten urtheilen darf, die deß⸗ halb umgehen, ſo zwelfle ich nicht, daß es auf einen Aufruhr und Aufſtand abgeſehen iſt. Die Magiſtrats⸗ perſonen ſind in großem Schrecken. Ich hoffe, wir werden etwas zu ſäbeln bekommen; ich habe kein Mit⸗ leid mit den rebelliſchen Hunden.“ ob W nie ſal ord,“ te es zwan⸗ ough, wang. dem n An⸗ d be⸗ deß⸗ einen rats⸗ wir Mit⸗ „Pfui— pfui!“ rief Lady Weſtborough, die, obgleich weltlich geſinnt, durchaus kein gefühlloſes Weib war;„hie armen Leute find verleitet worden — ſie wollen kein Unheil ſtiften.“ Lord ulswater lächelte verächtlich.„Ich ſtreite nie über Politik, als an der Spitze meiner Leute,“ ſagte er und lenkte die Unterhaltung auf etwas An⸗ deres. Bald darauf klagte Laby Flora über Unwohl⸗ ſein, ſtand auf, verließ den Salon und zog ſich auf ihr eigenes Zimmer zurück. Dort ſaß ſie länger als eine Stunde todtenhlaß und bewegungslos. Einen oder zwei Tage ſpäter erhielt Miß Trevanion fol⸗ genden Brief von ihr: „Von ganzem Herzen, theuerſte Eleonore, wünſche ich Dir Glück zu Deiner bevorſtehenden Vermählung. Du kannſt vernünftigerweiſe auf Alles hoffen, was das Glück gewähren kann; und obgleich Du Dich ſtellſt(denn ich kann nicht glauben, daß es wirklich der Fall iſt), als empfindeſt Du einige Furcht, daß Du nicht im Stande ſein möchteſt, einen ſo leicht⸗ fertigen und flatterhaften Charakter, wie den Deines Geliebten zu feſſeln, ſo muß ich doch geſtehen, wenn ich mich der Wärme Deines Herzens, Deines ge⸗ bildeten Verſtandes, Deiner Schönheit, Deiner Milde, ber Reize Deiner Unterhaltung und der durchaus un⸗ eigennützigen Liebe für einen Mann erinnere, deſſen große weltliche Vortheile leicht die Neigung beſtechen könnten, daß ich ſür Dein künfliges Schickſal unbe⸗ ſorgt bin. Ich danke Dir, Theuerſte, für die zarte Freunvlichkeit, womit Du auf mein Geſchick anſpielſt 188 — mir kannſt Du freilich nicht Glück wünſchen, wie ich Dir. Aber mache Dir meinetwegen keinen Kum⸗ mer, meine edle Eleonore, wenn auch nicht glücklich, werde ich wenigſtens zufrieden ſein. Mein armer Vater bat mich mit Thränen in den Augen— meine Mutter drückte mir die Hand, ſprach aber nicht; und ich— ich, deren Neigungen dahingewelkt, deren Hoffnungen vereitelt ſind, hätte in der That hart⸗ herzig ſein müſſen, wenn ſie mir nicht meine Ein⸗ willigung abgedrungen hätten. Und oh! müßte ich nicht gänzlich verloren ſein, wenn ich in jener Ein⸗ willigung, die fie beglückte, nicht einigen Frieden und Troſt fände? „Ja, Theuerſte, nach zwei Monaten, nach zwei kurzen Monaten werde ich Lord ulswaters Gattin ſein; und wenn wir uns wiederſehen, wirſt Du mich genau beobachten, um zu ſehen, ob Du oder er ein Recht hat, ſich über mich zu beklagen. „Haſt Du Herrn Linden kürzlich geſehen? Doch beantworte die Frage nicht: ich ſollte jenes unheil⸗ volle, vauernde Intereſſe für einen Mann nicht län⸗ ger nähren, der mich ſo gänzlich vergeſſen hat. Aber ich freue mich über ſein Glück; und wenn ich ihn rühmen höre und ſeine Laufbahn beobachte, bin ich ſtolz darauf, daß ich ihn einſt geliebt habe! Oh! wie konnte er ſo falſch und grauſam ſein bei allen ſei⸗ nen Betheuerungen ewiger und unwandelbarer Treue, in vemſelben Augenblick, wo ich krank und elend war und mein Herz um ſeinetwillen gnälte— und noch vazu ein ſolches Weib! Selbſt da ſein Brief zurück⸗ geſchickt wurde, hätte ihm, wenn er mich geliebt, ſein Gewiſſen ſagen ſollen, daß er es verdiene, und hätte er mich nicht in Perſon aufſuchen und ſich bemühen ſollen, von meiner Thorheit ſeine Verzeihung zu ge⸗ winnen? Aber ohne zu verſuchen, mich zu ſehen oder mit mir zu reden, oder ein ſo natürliches Mißfallen zu beſänftigen, das Land in der Stille zu verlaſſen, das iſt ja Verachtung; und als wir uns wiederſahen, mich mit Kälte und Stolz zu begrüßen und weder durch Wort, Zeichen oder Blick zu verrathen, daß er mir je mehr als ein Fremder geweſen! Ich Thö⸗ rin, noch einen Gedanken an ihn zu verſchwenden; aber es ſoll und darf nicht mehr geſchehen. In zwei Monaten werde ich auch nicht einmal das Vorrecht der Erinnerung haben. „Ich wünſchte, Elevnore— denn ich kann Dir verſichern, daß ich es wiederholt verſucht habe— ich könnte an dieſem Manne irgend etwas finden, was mir gefallen oder was ich achten könnte(da von Liebe nicht die Rebe ſein kann), der auf ſo uner⸗ klärliche Weiſe der Liebling meiner Eltern geworden iſt. Sein Geſicht und ſeine Stimme ſind ſo rauh und ſtrenge; ſein Weſen zugleich ſo ſelbſgefällig und finſter; ſeine Anſichten, ſelbſt in Betreff der Ehre, ſo beſchränkt; ſelbſt ſein Muth ſo wild und ſein Stolz ſtets ſo beleidigend, daß ich vergebens verſuche, mich von ſeinen Tugenden zu überreden, und we⸗ nigſtens zu der unwandelbaren Neigung zurückkehre, die er für mich zu empfinden behauptet. Freilich iſt er dreimal zurückgewieſen worden; ich habe ihm ge⸗ 190 ſagt, daß ich ihn nicht lieben kann; ich habe ſelbſt eingeſtanden, daß ich einen Andern geliebt: er ſetzte ſeine Bewerbung fort, und endlich iſt es ihm ge⸗ lungen. Aber zuweilen kann ich nicht umhin, zu deu⸗ ken, daß er mich mehr aus Haß, als aus Liebe heirathet: es iß ſo viel künſtliche Glätte in ſeiner rauhen Stimme, eine ſo verborgene Bedeutung in ſeinen Augen; und wenn er meinte, ich beobachte ihn nicht, bemerkte ich, wenn ich mich zuweilen plöt⸗ lich zu ihm wendete, einen finſtern und unheimlichen Ausdruck in ſeinem Geſichte, daß mir aus Furcht der Muth ſank. „Wäre meine Mutter weniger freundlich und mein Vater weniger dringend geweſen, ſo glaube ich, ja ich weiß, daß ich keinen ſolchen Sieg über mich würde gewonnen haben, als ich gethan hahe. Doch ge⸗ nug hievon. Ich dachte nicht, vaß ich einen ſo lan⸗ gen und thörichten Brief ſchreiben würde; aber wir, Theuerſte, die wir Kinder und Mädchen zuſammen geweſen find, wir haben einander ſo zärtlich und ohne Rückhalt geliebt, daß das Eröffnen meines Her⸗ zens vor Dir nur ein anderer Ausdruck für das laute Denken zu ſein ſcheint. „Indeſſen, in zwei Monaten werbe ich kein Recht ſelbſt zum Denken haben— vielleicht kann ich ſelbſt Dich nicht lieben— his dahin, theuerſte Eleonore, hin ich, wie immer, Deine Dich zärtlich liebende und getrene Freundin F. A.“ Wäre Lord Weſtborongh weniger dringend oder ihre Mutter weniger freundlich geweſen, ſo hätte Lady Flo: und Und dere dem zue nur die eige man gun ſchw zu e war Abe beit aus aus Ver aber Und woll niſſe haft zu e auch wide lung könr 191 Flora nichts die Einwilligung zu einer ſo unpaſſenden und vorbedeutungsvollen Heirath ahnöthigen können. Und es iſt hemerkungswerth, daß, während Iſabella, deren Loos in dieſem Falle einige Ahnlichkeit mit dem der Lady Flora hatte, vurch Härte und Gewalt zu einer Verzweiflung getrieben wurde, worin nicht nur die Klugheit, ſondern faſt auch jene Weiblichkeit, die ihrer ſanften und beſcheidenen Natur beſonders eigen war, wie in einem Strudel unterging, gewann man vermöge einer durchaus entgegengeſetzten Verfol⸗ gung, der Liebe und Freundlichkeit, durch Bitten und ſchweigende Blicke von Lady Flora die Einwilligung zu einer Heirath, welche ihr eben ſo widerwärtig war wie die, welche Iſabella vorgeſchlagen wurde. Aber es iſt auch wahr— denn da keine zwei Fälle bei der Verſchiedenheit des menſchlichen Unglücks durch⸗ aus ähnlich ſind, ſo kann keine richtige Folgerung aus dem Vergleiche gezogen werden— daß manche Verſchiedenheiten in ihrer beiderſeitigen Lage waren. Iſabella wußte, daß ſie glühend geliebt wurbe; aber Lady Flora glaubte an die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit unſeres unglücklichen Clarence; und wollten wir genau die Beweggründe ihres Zugeſtänd⸗ niſſes prüfen, ſo möchten wir vielleicht eine mädchen⸗ hafte Scham entdecken, eine Vorliebe für einen Mann zu empfinden, der dieſelbe nicht erwiberte, ſo wie auch etwas von dem weiblichen Arger über nicht er⸗ widerte Liebe, welcher ſo oft die Urſache von Hand⸗ lungen iſt, welche Jahre ſpäterer Reue nicht ſühnen können. 192 Dreimal war Lord ulswater(damals noch Lord Vorodaile) zurückgewieſen worden, bis Flora ihn end⸗ lich angenommen hatte, und die, welche nur nach den gewöhnlichen Wirkungen des Stolzes urtheilen, werden erſtaunen, daß er noch immer vabei beharrte. Aber ſein Stolz war jenes tiefgewurzelte Gefühl, welches, weit entfernt, durch einen einzigen Schlag zurückge⸗ trieben zu werden, trotzig und unverdroſſen weiter kämpft, bis die Schlacht vorüber und ſein Zweck er⸗ reicht iſt. In dem Augenblick, wo er ſich entſchloſſen hatte, ſich um Laby Flora zu bewerben, hatte er auch beſchloſſen, ſie zu gewinnen. Drei Jahre lang ſchloß er ſich, ungeachtet einer anfangs ſanften und dann beſtimmteren Weigerung, ihrem Zuge an. Er be⸗ hauptete, ihr Verlobter zu ſein. Bei allen Geſell⸗ ſchaften, an allen Orten vrängte er ſich in ihre Nähe, ohne auf ihre Gleichgültigkeit oder ihre finſtern Blicke zu achten, und ſein Rang, ſein Hochmuth, ſeine trotzige Miene und ſein anerkannter Muth hielten alle weniger ſtolzen und hartnäckigen Bewerber um Lady Floras Gunſt zurück. Dafür dankte ſie ihm freilich mehr, als ſie ihn tadelte, und es war das Einzige, was ihre Beſcheidenheit mit ſeiner Zudringlichkeit vder ihrem Stolz mit ſeiner Anmaßung aus ſöhnte. Er war klug ſowohl als kühn geweſen. Dem Vater hatte er Dienſte geleiſtet und die Mutter füt ſich eingenommen. Lord Weſtborvugh, der ein weniz der Politik, gar ſehr dem Prunk und ganz beſonders dem Spiel zugethan war, gerieth oft in große Ver⸗ legenheiten. Lord Ulswater war ſelhſt bei Lebzeite ſeine ihn heite fen, Zwes ſich L durch einzu quiſe tig u zog⸗ ſie d tiſch für ihre Ande arme prüf welt! den Toch Vew unw ihret zu 1 dure lich Aug 193 Lord ſeines Vaters(der verſchwenderiſch großmüthig gegen end⸗ ihn war) mit den Mitteln verſehen, den Verlegen⸗ heiten ſeines beabſichtigten Schwiegervaters abzuhel⸗ fen, und da ihm in Vergleich mit dem erſtrebten Zwecke wenig am Gelde lag, ſo war er willig genug, lches, ſich Lord Weſtboroughs Einwilligung, wenn auch nicht ückge⸗ durch Beſtechung zu verſchaffen, doch wenigſtens darauf weiter einzuwirken. Dieſe Anordnungen blieben der War⸗ c et⸗ quiſe keineswegs verborgen, welche, ſelber prunkſüch⸗ loſſen tig und verſchwenberiſch, nicht geringen Vortheil daraus auch zog, und obgleich ſie nicht allein hinreichten, ſo trugen ſchloß ſie doch viel dazu bei, ihm ihre Gunſt zu verſchaffen. dann Wenige Menſchen find planmäßig und ſyſtema⸗ r he⸗ tiſch böſe; ſelbſt die Böſeſten finden gute Beweggründe eſell⸗ für ihre böſen Thaten, und find eben ſo ſehr bemüht, Nähe, ihre Handlungen zu verſchönern, um ſich ſelber ſowie Blicke Andere zu täuſchen. Was Wunber denn, daß die rotzige arme Lady Weſtborough, die nie zu ſtrenge der Gelbſt⸗ eniger prüfung ergeben war, und alle Dinge aus einem ſehr lora's weltlichen Geſichtspunkte betrachtete, in der Liſt und mehr, den Zureden, die man gegen das wahre Glück ihrer was Tochter anwendete, die verſchiedenen preiswürdigen oder Veweggründe ſah, Lady Flora dauernd von einer unwürdigen Anhänzlichkeit frei zu machen, ihr ein Dem ihrem Range angemeſſenes Vermögen und einen Mann r füt zu verſchaffen, deſſen Anhänglichkeit, die er bereits wenig vurch ſo ſeltene Beharrlichkeit zeigte, ihr wahrſchein⸗ nbers lich alles gewähren werde, was in Lady Weſtboronghs Ver⸗ Angen das Glück ansmachte. zeiten Alle unſere Freunde wünſchen vielleicht unſer Hlück; Bulwer, der Verſtoßene. I. 13 194 aber dann muß es durchaus auf ihre eigene Weiſe geſchehen. Wie Schade, daß ſie nicht denſelben Eifer anwenden, uns auf unſere Weiſe glücklich zu machen! Vierundſechszigſtes Kapitel. Denn ſo du mit Fleiß 3rih trachteſt, und darum bet So du ſie ſucheſt, S Lioer, und forſcheſt ſie wie die Schätze: Alsdann wirſt du die Furcht des Herrn vernehmen, und Gottes Eikenntniß finden. Sprichwörter Salomonis Kap. 2. Vers 3, 4, 5. Während Clarenece ſo von einer Perſon unrichiiz beurtheilt wurde, deren Neigung und Betragen er natürlich mißdeutete— während Lady Flora abwech⸗ ſelnd gegen das Schickſal aukämpfte und ſich dem⸗ ſelben unterwarf, welches Laby Weſthorongh mit Freude, der Vater mit Gleichgültigkeit und der Bräu⸗ tigam mit Stolz, der weniger von Entzücken als von Rachegefühl an ſich hatte, herannahen ſahen, ſuchte unſer unglücklich Liebender ſich aus Mordaunts Un⸗ terhaltung und Beiſpiel etwas von der Philoſophie anzueignen, die ſo ſelten iſt, außer in den Thevrien der Civilifirten und in der gelegentlichen Anwendung der Barbaren, die, obgleich ſie uns keinen Zauber gegen das Unglück gewähren kann, uns wenigſtens die Energie verleiht, es zu ertragen. Wir haben bereits geſagt, daß, als der erſte Ein⸗ druck vorüber war, den Morvaunts anſcheinender gedan der D der V mehr keiten und dem zuſcht Einſe Betre er m leiden an d Seele dem tung hatte 195 Stolz und Kälte hervorbrachten, wenig Scharfficht nöthig war, das Wohlwollen und die Wärme ſeines Gemüths zu entdecken. Aber Keiner, der mit ſeiner urſprünglichen Stimmung oder dem Unglück ſeines Lebens unbekannt war, hätte je in die Tiefen ſeiner aufopfernden Natur eindringen oder die Höhe ſeiner erhabenen und hingebenden Tugend ermeſſen können. Vielleicht finden ſich viele Menſchen, die der Pflicht einen Lieblingswunſch oder ſelbſt ein Lieblingslaſter aufopfern, aber wenige werden um ber Pflicht willen ihren eingewurzelten Geſchmack oder die lange geübten Gewohnheiten aufgeben, die für ſie faſt ſelbſt zum Glück geworden ſind. Von Natur melancholiſch und gedankenvoll, die Empfindſamkeit ſeines Herzens an der Dichtkunſt nährend, und obgleich mehr der Cultur der Vernunft als der Phantaſte hingegeben, vielleicht mehr von den tieferen und ſchärferen Etgenthümlich⸗ keiten ves Dichters an ſich tragend, als von den ruhigen und abgehärteten Eigenſchaften einer Natur, die man dem Metaphyſiker und dem berechnenden Moraliſten zuſchreibt, liebte Mordaunt mehr als alle Andere die Einſamkeit und war zu weniger nützlichen als tiefen Betrachtungen geneigt. Iſabella's früher Tod, die er mit jener Liebe geliebt hatte, die ver Erguß des leidenſchaftlichen Nachdenkens iſt, welches ſich lange an der Romantik genährt, und ben Reichthum einer Seele, die von geheimer Zärtlichkeit überfließt, an dem erſten Gegenſtande verſchwendet, welche die Dich⸗ tung in die Wirklichkeit verſetzt— Iſabella's Tod hatte nicht nur vie Welancholie in Düſterheit verwan⸗ 196 delt, ſonbern auch die Ein amkeit vermöge aller Banbe der Erinnerung und der Weihe des Bedauerns ſeinen Gewohnheiten die Einſamkeit noch theurer gemacht. Die einſamen Wanderungen— die mitternächtlichen Studien— die Gedanken, die, wie Hume von den ſeinigen ſagt, nicht in der Welt exiſtiren konnten, ſondern alle mit dem Leben in der Einſamkeit he⸗ ſchäftigt waren: dieſe wurden angenehmer als je fir einen Geiſt, für welchen die gewöhnlichen Gegenſtänbe der Welt jetzt gänzlich liebeleer waren, und da Sinnen in der Einſamkeit war gleichſam eine ſchul⸗ dige Huldigung der Todten geworden. Wir können uns jetzt einigermaßen einen Begriff bilden, in we⸗ chem Grade in Mordaunts Charakter der Gruntſi vas übergewicht über die Neigung hatte, und die Ah⸗ tung vor Andern über die Selbſtliebe, wenn wir ſehen, wie er ſeinen Geiſt von ſeiner geliebten Zurückgep⸗ genheit und ſeinen abſtrakten Beträchtungen lobrij und ihn den Pflichten widmete, wogegen ſich der Hoch⸗ muth und die verfeinerte Eigenthümlichkeit deſſelben beſonders empörte. Wenn wir ſeine Anhänglichkii an vas Einſievlerleben betrachten, ſo vermögen wit vie Tngend zu ſchätzen, die ihn zu einem der thäligen Bürger der großen Welt machte, wenn wir die u⸗ türliche Selbſtſucht des Kummers, den Stolz der Phi⸗ loſophie, die Neigung zur Betrachtung, die Beret⸗ ſamkeit des Reichthums berückſichtigen, welche ſaßi „ruhe und arbeite nicht,“ und die lockende Verſuchung im Innern, welche ſagt,„gehorche der Stimme,“— wenn wir dies Alles hetrachten, ſo können wir viel⸗ Bitter war, von A vermi wohn ſein worin gendh V ſie fr an ei die T den 3 gewä gezog haltet und ſo w währ Bande ſeinen emacht. htlichen on ben onnter, keit he⸗ s je für nſtände nd dat ſchul⸗ könnel in wel⸗ rundſit ie A⸗ ſehen, ickgep⸗ losrij Hoch⸗ eſſelben zlichkei en wit ätigßen die ne⸗ er Phi⸗ Bered⸗ ſuchung e,— ir viel⸗ 197 leicht dem Manne Gerechtigkeit wiberfahren loſſen, der, zuweilen zu Fuß und im gröbſten Anzuge von Gaſthaus zu Gaſthaus, von Hütte zu Hütte wanderte, der das menſchliche Elend zum Gegenſtande ſeines Suchens und das menſchliche Glück zum Gegenſtande ſeines Wunſches machte; der einen faſt weiblichen Widerwillen gegen rauhe Berührung überwand, ab⸗ ſichtlich die rohſten Gefährten aufſuchte und ſich der gröbſten Aufdringlichkeit ausſetzte, für den das Weh⸗ klagen der Betrübniß vder das Stöhnen des Hungers eine Aufforderung war, welche weder Zaudern noch Bitten geſtattete; der zu den Zwecken des Guten überall war, faſt wie der Wanderer in der herrlichen Fabel von Melmoth wegen der Verſuchung zum Böſen; ber vermöge eines Eifers und einer Arbeit, die der Ge⸗ wohnbeit und der Neigung tauſend Qualen bereiteten, ſein Leben zu einem wahren Stunvenglaſe machte, worin jedes Sandkorn eine gute That oder eine tu⸗ gendhafte Abſicht war. Viele ſtürzen ſich in die Staatsgeſchäfte, wogegen ſie früher einen Abſcheu hatten, um die Erinnerung an ein Privatleiden zu vergeſſen; aber weit entfernt, die Wunden der Erinnerung durch die ſchmerzſtillen⸗ den Mittel heilen zu wollen, welche die Geſellſchaft gewähren kann, fand Mordaunt nur in der Zurück⸗ gezogenheit die Blumen, aus welchen er Balſam er⸗ halten konnte. Viele ſind aus Eitelkeit großmüthig, und wohlwollend aus Selbſtſucht des Ruhms; aber ſo weit entfernt, Beifall zu ſuchen, wo er Gunſt ge⸗ währte, hatte ſich Mordaunt ſorgfältig in Dunkelheit 198 und Verkleidung gehüllt. Und durch jenes zunehmende Streben nach Ruhe, welches man ſo oft bei denen findet, die ver erhabenen und abſtruſen Betrachtung ergeben ſind, hatte er den Ehrgeiz der Ingend durch die Philoſophie der männlichen Jahre beſiegt. Kurz, Viele find durch individuelle Motive, die ſich leicht in allgemeine und irdiſche Elemente des Wunſche auflöſen, für die Gemeinſchaft groß und gut gewor⸗ ven; aber die, welche die menſchliche Natur fleißiz unterſuchen, haben nicht oft das erhabene Glück, einen Charakter, wie den Mordaunts zu finden, der allein durch einen ſyſtematiſchen Grundſatz der Liebe beſtimm wird, der die Menſchheit, wie der Himmel die Erde, mit einer Atmoſphäre des Lichts bedeckt, die ſich in vie entfernteſten Winkel erſtreckt und die dunkelſten Räume durchdringt. Es war einer von jenen ſtürmiſchen Abenden, diz dem engliſchen Herbſte etwas Rauhes verleihen, al Mordaunt und Clarence bei einander daſaßen und ſich über vielfache Gegenſtände unterredeten. Die junge Iſabella, die einzige lebende Rellqule der Dahinge⸗ ſchiedenen, ſaß an ihres Vaters Seite auf dem Boder, und obgleich ihre Unterredung weit über ihre Begrift ging, ſo ſchien ſie doch mit ruhiger und angeſtrengtet Aufmerkſamkeit zuzuhören. So ſehr ſie auch noch Kind war, liebte und verehrte ſie ihren Vater ſo ſehr, vaß die Töne ſeiner Stimme einen Zauber an ſich hatten, der ſtets ihr Herz erbeben machte und fle um Schweigen brachte; und jene melaucholiſche und tiefe, obgleich etwas leiſe Stimme, wenn ſie, von Gedanken mende denen chtung durch Kurz, leicht unſche gewor⸗ fleißiz „einen allein ſtimm Erde, ſich in kelſten n, die n, al n und junge hinge⸗ Boden, egrifft engtet nh o ſehr, n ſich ie zum tieſe, anken 199 erfüllt— die für Mordaunt Gefühle waren— er⸗ zitterte, ſo wurde ſie traurig, ſie wußte nicht warum⸗ und wenn ſie vieſelbe hörte, pflegte ſie ſich an ſeine Seite zu ſchleichen, ihre kleine Hand in die ſeine zu legen und mit Augen zu ihm aufzublicken, in deren zartem und ſchimmerndem Blau der Geiſt ihrer Mutter zu ſchwimmen ſchten. Sie war ernſt und gedanken⸗ voll und ihre Liebe ſtärker als die der gewöhnlichen Kinder; vielleicht hatte ihre einſame Lage und der beſtändige umgang mit einem ſo ernſten Manne, wie ihr Vater war, und der ſie, wenn er nicht bei der Ausübung der Wohlthätigkeit abweſend war, ſtets gern um ſich hatte, ihrem Gemüthe eine Frühreife des Geſühls und ihrer kindlichen Einfalt die Färbung ſpäterer Jahre verliehen. Sie war zu den Spielen ihres Alters nicht geneigt— ſie ſaß am liebſten an Mordaunts Seite, wenn ſie mit einem Buche oter einer weiblichen Arbeit beſchäftigt war, und blickte von Zeit zu Zeit verſtohlen von ihrer Arbeit auf, um ſeine Bewegungen zu beobachten, oder für das zu ſorgen, was er zu wünſchen ſchien. Und oft, wenn ihre ſchlanke, feenartige Geſtalt um ihn beſchäftigt war und für ſeine Bedürfniſſe ſorgte, oder wenn ihr ſchönes Geſicht vor Vergnügen erglühte, wenn ſie ſeine Wünſche befriedigt zu haben glaubte, war es ihm beinahe, als ob Iſabella, obgleich in einer au⸗ vern Geſtalt, noch lebe, und als ſie eine ſo innige und heilige Liebe, wie die ihre geweſen, nur in eine andere Geſtalt übergegangen, ohne jedoch unter⸗ zugehen. 200 Die junge Iſabella hatte ſo früh eine Leibenſchaft für Muſik gezeigt, daß ſie ihr beinahe angeboren ſchien; und da vermöge ber milden und weiſen Et⸗ ziehung, die ſie erhielt, ihre Neigung nie war unter⸗ dräckt oder übermäßig angeſtrengt worden, ſo hatt⸗ ſie, als ſie eben erſt ihr fiebentes Jahr errelchte, eine auffallende Fertigkeit in der Kanſt erlangt— einer Kunſt, die ſehr wohl zu ihrem liebenswürbigen Ge⸗ ſichte, zu ihren zärtlichen Gefühlen und ihrem un⸗ ſchuldigen Herzen paßte; und es war im eigentlich⸗ ſten Sinne des Wortes faſt himmliſch, ihre liebliche, obgleich kindliche Stimme an den ſchönen Sommer⸗ abenten zu hören und ihr engelgleiches Geſicht, von der Begeiſterung belebt, die ihre eigenen Melodien hervorbrachten. Nie hatte ſte den biltern Hauch der Unfreunb⸗ lichkeit erwagen müſſen, noch ſich unter der gewohn⸗ ten Ungerechtigkeit gekrümmt, die an Andern die Sünden unſeres eigenen Temperamentes und die wechſelnde Reizbarkeit der Launen beſtraft. So hatte ſie nichts von der Furcht und Gemeinheit und den in Handlungen ausgebrückten Unwahrheiten an ſich, welche gewöhnlich die Unſchuld der Kindheit ent⸗ wethen uud beflecken. Aber die Verheißung der edlen Stirn, über welcher ſich das ſeidene Haar in zwei Goldſtröme theilte, und des furchtloſen aber zärt⸗ lichen Auges und des ruhigen Lächelns, welches ſtets den roſigen Mund umſchwebte, gleich der Freude, welche die Liebe überwacht, wurde in ihrer vollſten Bedeuntung von dem Geiſte gehalten, aus welchem alle G ten, ſeine der 6 mit ſelbe ſehr gerin denet Da und (uß Dort Baet ten jene frei über inne Eng tine ruhi Dich herr zen We mit reic ſchaft boren Er⸗ nter⸗ hatte eine einer Ge⸗ un⸗ tlich⸗ liche, mer⸗ von odien unb⸗ ohn⸗ die die hatte den ſich, ent⸗ edlen zwei zärt⸗ ſtets ude, lſten chem 201 alle Gebanken rein, gütig und ſchulblos hervorſtröm⸗ ten, wie Waſſer aus einer Quelle, die ein Geiſt zu ſeiner Wohnnung geheiligt hat. Wir haben geſagt, daß ſie an dieſem Abend an der Seite ihres Vaters ſaß und ſeiner Unterredung mit dem Gaſte horchte, obgleich ſie den Sinn der⸗ ſelben nur theilweiſe verſtand. Das Zimmer war ſehr groß und mit Büchern umßtellt, über welche in geringen Zwiſchenräumen die Büſten der dahingeſchie⸗ denen großen und unſterblichen Weiſen nieberblickten. Da war die erhabene Sckönheit Plato's, vas rauhere und irdiſchere Geſicht Cieerv's, des einzigen Römers (außer Lueretius), der ein Grieche hätte ſein lönnen. Dort ſtellte der ſtumme Marmor die umfaſſende Stirn Bacon's(an ſich eine Welt) dar— und dort zeig⸗ ten die Züge Locke's, wie der Geiſt mit der Feile jenes Gevankens, der alle Dinge, ſelbſt die Seele, frei macht, die Ketten des Fleiſches durchfeilt! Und über andern Abtheilungen jener Werke, die uns er⸗ innern, daß der Menſch wenig niebriger ſteht als die Engel, zeigte ſich das ſtrenge Geſicht des Floren⸗ tiners, der von der Hölle ſang, im Contraſt mit der ruhigen Größe, auf der ſchönen Stirn des engliſchen Dichters—„blind aber kühn“— und dort machte das herrliche aber heitere Geſicht deſſen, der in der gan⸗ zen Menſchheit einen Freund gefunden und ſich unter Weiſen und Sängern auszeichnete, auf Brüderſchaft mit Allen Anſpruch. Das Feuer brannte hoch und hell, verbreitete ein reiches Zwielicht(venn es war kein anderes Licht da) 202 über das gothiſche Zimmer und beſchien heiter Lin⸗ den's wechſelndes Geſicht und die in ernſte Betrach⸗ tung verſenkten Züge ſeines Wirthes. In den letzte⸗ ren konnte man ſehen, daß Eorge und Nachbenken rauhe aber nicht unheilige Geſellſchafter geweſen wa⸗ ren. In den Linien, die ſeine Stirn durchkrenzten, ſchien die Zeit manche Hoffnungen begraben zu ha⸗ hen; aber ſeine Miene, wenn gleich erhabener, war milder als in jüngeren Jahren, und obgleich ſie mehr Würde gewonnen, ſo hatte ſie doch viel von ihrer Zurückhaltung verloren. In dem alten Zimmer mit ſeiner zierlich gebilhe⸗ ten Decke und ſeiner alterthümlichen Ausſtattung, in den vielen Büchern, die es umgaben und Wände bildeten, welche die Gelehrten gebaut, um fie ſelber zu überdauern, und in den marmornen Bildniſſen derjenigen, für welche der Gedanke Ewigkeit gewon⸗ nen, vereint mit der Stunde, der Stille und dem Lichte des Feuers, bei deſſen einſamen Strahlen wir an Herbſtabenden om liebſten ernſtere und ſpitzſin⸗ digere Gegenſtände verhandeln— in dieſem Allen lag ein Zauber, der beſonders mit jenem Tone der Unterhaltung zu harmoniren ſchien, wovon wir jetzt einen Theil mittheilen wollen. „Wie laut ſtürmt der Wind vorüber, ſagte Cla⸗ rence, Sie erinnern ſich des ſchönen Diſtichons des Tibull: Quam juvat immites ventos audire cubantem, Et Pominam tenero detinuisse sinn!* »Welch Ergötzen, auf weichem Lager bei ſtürmiſchen Winden Ruhend, das liebende Weib zärtlich zu drücken ans Herz. Lin⸗ rach⸗ etzte⸗ nken wa⸗ zten, ha⸗ war nehr hrer lhe⸗ in inde lber ſſen on⸗ dem wir fin⸗ llen jetzt la⸗ des den 203 „Ja,“ antwortete Mardaunt mit kaum hörharem Seußzer,„das iſt das Gefähl des Liehenden bei den „„ſtürmiſchen Winden““; aber wir Weiſen der Lampe wählen die Weisheit zu unſerer Geliebten, und wenn die Winde draußen tohen, ſo halten wir uns an ſie. Sehen Sie, wie aus demſelben Gegenſtande verſchie⸗ dene Schlüſſe gelogen werden! Die gewöhnlichtten Aeußerlichkeiten der Natur, der Wind und die Wel⸗ len, die Sterne und der Himmel, die Erde ſelbſt, auf welcher wir wandeln, erregen nie in verſchiede⸗ nen Geiſtern dieſelben Ideen; und aus unſern eigenen Herzen, nicht aus einer äußern Quelle, entlehnen wir die Farben, welche das Gewebe unſeres Daſeins heleben.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Clarence.„Sie er⸗ innern ſich, daß das verliebte Mädchen in den beiden Flecken des Mondes zwei unglückliche Liebende er⸗ kannte, während der ehegeizige Landpfarrer ſte für die Thürme einer Cathedrale hielt? Aber nicht nur unſern Gefühlen, ſondern auch unſern Vernünf⸗ teleien geben wir die Farben, die ſie tragen. Die Moral, zum Beiſpiel, welche dem Einen grauſam erſcheint, iſt dem Andern göttlich. Werden je drei Perſonen über die Tendenz deſſelben Werks gleicher Anſicht ſein? Und wie ſoll der zuverſichtlichſte Mo⸗ raliſt hoffen, wohlthätig für die Menſcheit zu wir⸗ ken, wenn er findet, daß ſeine weiſeſten Bemühungen, zu belehren, oft nur als ein Streben zu verführen, betrachtet werden?“ „Ich glaube, daß unſere Uneinigkeit aus unſerer 204 Unwiſſenheit fließt,“ antwortete Mordaunt;„wir ſtrei⸗ ten mit Wuth und Haß; aber über den beſtrittenen Gegenſtand bleiben wir völlig im Dunkeln. Während wir, gleich den Arbeitern am Thurm zu Babel, ver⸗ gebens verſuchen, einander unſere Meinung veutlich zu machen, hleibt das Gebäude, vermöge deſſen wir von den Uebeln der Erde zum Himmel hinaufgeſtiegen ſein würden, beſtändig unvollendet. Laſſen Sie uns hoffen, daß Kenntniß die allgemeine Sprache iſt, die uns wieder vereinigen wird. So wie die Römer in ihrer erhabenen Allegorie andenteten, daß man nur durch Tugend zur Ehre gelangt, ſo laſſen Sie uns glauben, daß wir mur durch Kenntniß zur Tugend gelangen können.“ „Und boch,“ ſagte Clarenee,„ſcheint das eine traurige Wahrheit für die Maſſe des Volks zu ſein, die keine Zeit zur Erforſchung der Weisheit hat.“ „Nicht ſo ſehr, wie man anfangs glauben möchte,“ antwortete Mordaunt;„die Wenigen ebnen alle Pfade für die Vielen. Es iſt ſchwierig, die Vorſchriften des Wiſſens von dem Irrthum frei zu machen; aber einmal entdeckt, gehen ſie leicht in Grundſätze über: und wozu jetzt die ganze Lebenszeit eines Weiſen er⸗ forderlich iſt, das eignen ſich unſere Nachkommen in einem Augenblick an. Das Wiſſen gleicht der Atmo⸗ ſphäre— um die Dünſte zu zerſtreuen und den Froſt zu verringern, fällten unſere Vorfahren die Wälder, trockneten die Sümpfe aus und cultivirten die Ein⸗ öde; und wir athmen jetzt ohne Anſtrengung in der gereinigten Luft und in dem gemilderten Klima, was ſtrei⸗ enen rend ver⸗ tlich wir egen uns die r in nur uns gend eine ein, . 4 te, 4 fade ften er er: er⸗ in no⸗ roſt der, in⸗ der as 205 die Folge der Arbeiten von Generationen und des Fortſchritts der Jahrhunderte iſt! So wie heutiges Tages der gewöhnliche Handwerker vielleicht dem Mönche Roger Bacon, den ſeine Zeitgenoſſen als einen Zauberer fürchteten, an Wiſſen, wenn auch nicht an Genie gleichkommt, ſo mögen die Meinun⸗ gen, welche jetzt in Erſtaunen ſetzen, ſpäter als an⸗ erkannte Lehrſätze angenommen werden und in die gewöhnliche Praxis übergehen. Wir können nicht ſagen, in wie weit die übertriebenen Theorien ge⸗ wiſſer Philoſophen falſch ſind, wenn ſie in künftigen Jahrhunderten eine Kenntniß vorausſetzen, die dem Geiſte Vollkommenheit bringen, den Krankheiten des Körpers trotzen und die Beſtimmung des Lebens zu einer jetzt durchaus ungekannten Länge führen wird; denn die Welsheit iſt ein Palaſt, wovon uns bis jetzt nur die Vorhalle bekannt iſt; auch können wir nicht ahnen, welche Schätze in jenen Gemächern ver⸗ borgen ſind, von welchen uns die Erfahrung der Ver⸗ gangenheit weder eine Analogie noch einen Finger⸗ zeig gewähren kann.“ „So ſchreiben ſich alſo,“ ſaste Clarence, der ſeinen Gefährten dahin bringen wollte, von ſich ſel⸗ ber zu reden,„ſo ſchreiben ſich alſo von Studien, die nicht gewöhnlich zum Gegenſtande ber Forſchung gemacht werden(verzeihen Sie mir) Ihre Großmuth, Ihre Aufopferung, Ihr Gefühl für Andere und Ihre Glelchgültigkeit gegen ſich ſelbſt her?“ „Sie ſchmeicheln mir,“ ſagte Mordaunt beſcheiden (und wir dürfen wohl um Aufmerkſamkeit auf ſeine 206 Antwort bitten, da ſie die geheimen Springfedern eines ſo ausgezeichnet guten und reinen Charakiers aufdeckt)—„Sie ſchmeicheln mir; aber ich will Ihnen antworten, als hätten Sie die Frage ohne das Com⸗ pliment gethan; auch wird es vielleicht nicht ohne Belehrung ſein, wie es gewiß neu iſt, ohne Bezie⸗ hung auf Ereigniſſe, oder was wir äußere Thatſachen nennen können, eine kurze und fortlaufende Geſchichte des menſchlichen Geiſtes zu entwerfen.* „Unſere erſte Lebensepoche ſteht unter dem Ein⸗ fluſſe der urſprünglichen Gefühle: wir fühlen uns unterhalten und lachen; wir fühlen uns verletzt und weinen; wir laſſen unſere kleinern Leidenſchaften aus in dem Angenblick, wo ſie erregt werden; und wir haben ſo viel Neues zu beobachten, daß wir wenig Zeit haben zu überlegen. Nach und nach lehrt uns die Furcht unſere Gefühle zurückzuhalten; wenn wir Mißfallen empfinden, ſuchen wir unſer Mißfallen * Lieber Leſer, obgleich wir geſtehen wollen, daß wir einige Mühe an die ſolgenden Bemerkungen verwendet haben, um ſi ſo wenig langweilig zu machen, als ihre Natur es geſtattet, ſo haben wir ſie doch auch aus beſonderer Sorge für deine Unter⸗ haltung ſo eingerichtet, daß du das Ganze überſchlagen kannſt, ohne das Geringſte zu verlieren, was auf die Erzählung Bezug hat, und dies iſt in der That Alles, wofür wir erwarten können, daß du dich intereſſirſt. Indem wir es nun deiner Wahl über⸗ laſſen, geben wir unſere Andeutung in den eleganten und ge⸗ zwungenen Ausdrücken des berühmten Will Honeycomb: „Mein Herr, ich weiß, daß Sie lange Entwickelungen haſſen— aber wenn Sie wollen, ſo dürfen Sie denſelben widerſprechen— oder wie Sie wollen— aber ich denke, es liegt eine Moral darin,“ Urſt edern kters hnen Fom⸗ ohne ezie⸗ chen ichte Ein⸗ uns und aus wir enig uns wir allen inige m ſie t, ſo nter⸗ nnſt, ezug nnen, über⸗ ge⸗ ngen elben „es 207 zu rächen und werden beſtraft; das übermaß unſerer Freude, unſeres Kummers oder Zornes wird auß gleiche Weiſe als verbrecheriſch betrachtet, und durch Schelten unterdrückt. Durch Härte werden wir mit der Täu⸗ ſchung bekannt, das gegebene Verſprechen wird nicht erfüllt; die Drohung nicht ausgeführt, die Furcht fälſchlich erregt und die Hoffnung abſichtlich vereitelt; wir find von ſyſtematiſcher Täuſchung umgehen und nehmen die Anſteckung in uns auf. „Nachdem wir genöthigt worden, die Gedanken zu verbergen, die wir haben, heginnen wir Gedanken zu affektiren, die wir nicht haben; ſo früh lernen wir die beiden Hauptaufgaben des Lehens zu ver⸗ hehlen und zu erheucheln, daß unſere Erinnerung uns nicht über die Periode der Liſt zu einem natürlichen Zuſtande hinausführt, wo die beiden Grundſätze der Wahrhaftigkeit und des Glaubens ſo ſtark waren, daß ſie die Philoſophen einer neueren Schule zu dem Irrthum führten, ſie angeboren zu nennen. „Mit ruheloſem und verwirrtem Geiſte— mit Gefühlen, die wechſelsweiſe erkältet und fälſchlich nach⸗ geahmt wurden, welches die nothwenvige Folge meiner erſten Erziehung war— ſah ich mich genöthigt, mich unter Andere meines Alters zu miſchen. Ich gefiel ihnen nicht, auch tadle ich ſie deßhalb nicht.„Les maniéres que l'on néglige comme de petites choses, sont souvent ce qui fait que les hommes décident de vous en bien ou en male.“ Die Sitten werden ſo unmerklich erlangt, daß man ihren urſprung der Natur zugeſchrieben hat; ſo wie wir ihr 208 den urſprung alles deſſen zuſchreiben, wofür unſere Unwiſſenheit keine andere Quelle auffinden kan. Mein Benehmen war nicht einnehmend: ich mißſiel und erwiderte das Gefühl; ich ſuchte nicht auf und wurde vermieden. Damals glaubte ich, daß Alle un⸗ gerecht gegen mich wären, und wurde bitter, düſter und mürriſch; ich hüllte mich in den Trotz des Stolzes, verweilte bei den Büchern, die von der Werthloſigkeit der Menſchen reden, und gab mich der Unzufrieden⸗ heit mit mir ſelber hin, indem ich über die Schwach⸗ heiten meines Geſchlechts nachdachte. „Meine Leidenſchaften waren ſtark— man ſagte mir, ich ſollte ſie unterdrücken. Die Vorſchrift war alt und ſchien weiſe— ich bemühte mich, ſie anzu⸗ wenden. Ich hatte die Lektion ſchon in früher Kint⸗ heit begonnen: ich durfte ſie jetzt nur erneuern. Zum Glück wurde ich von dieſem Bemühen abgelenkt, ſonſt würde mein Geiſt, indem er ſeine Leidenſchaften über⸗ wand, auch ſeine Fähigkeiten überwunden haben. Später lernte ich, daß die Leidenſchaften nie ſollien unterdrückt werden: man muß ſie leiten, und während man ſie leitet, mehr ſtärken, als unterdrücken. „Hören Sie, wie ein Wort Einfluß anf ein ganze Leben haben kann. Ein Mann, deſſen Meinung ich achtete, machte gelegentlich die abgevroſchene Bemet⸗ kung: meine Natur ſei eine ſolchs, von der ſich weber Gutes noch Böſes prophezeihen laſſe; ſie könne it dem Einen vber dem Antern zum Außerſten gelanen Dieſe Bemerkung regte mich zum Nachbenken auf; konnte ich in der That vollkommen gnt oder böſe ſeint hatte was war in de a0[0 ſo er Ich mein aber haft Urſp habe einer delte ten, und der e als dere von Hon die 2 dient ſten Ent ſame gleie Lan geſu anzes g ich emet⸗ weber ne it nzet. auf; ſein 209 hatte ich die Wahl und konnte unentſchloſſen ſein, was ich wählen ſollte? Aber was war gut und was war böſe? das ſchien die ſchwierigſte Unterſuchung. „Ich fragte und erhielt keine genügende Antwort in den Worten des Erasmus:„totius negotii caput ac fontem ignorant, divinant, ac delirant omnes:““ ſo entſchloß ich mich zu forſchen und zu entſcheiden. Ich unterwarf den Moraliſten und den Philoſophen meiner Prüfung; ſah, daß ſie auf allen Seiten ſtritten, aber ich ſah auch, daß ſie bei dem Streite tugend⸗ haft wurden; ſie ſprachen vieles Thörichte über den Urſprung des Guten aus; aber noch viel mehr Er⸗ habenes zum Lobe deſſelben; und ich ſtand nie von einem Werke auf, welches geiſtreich über Moral han⸗ delte, welches auch die beſondern Anſichten ſein moch⸗ ten, ohne bei meinem Studium meine Bruſt erleuchtet und meinen Geiſt veredelt zu fühlen. Der Lehrer der einen Sekte rieth mir den der andern zu vermeiden als den Verbreiter eines moraliſchen Giftes, der An⸗ dere erwiderte den Vorwurf; aber ich vermied keinen von Beiden; ich las Beide und verwandelte Alles in Honig und feines Gold. Jede Unterſuchung über die Weisheit, ſo oberflächlich ſie auch ſein mag, ver⸗ dient Aufmerkſamkeit. Die Abſchweifungen der müßig⸗ ſten Phantaſie kommen oft zufällig auf die nützlichſten Eutdeckungen der Wahrheit, dienen ſpätern und lang⸗ ſamern Schülern der Weisheit als Führer und zeigen gleich dem Picken der Vögel in einem unbekannten Lande dem abenteuerlichen Säemann die beſten und geſundeſten Früchte. Bulwer, der Verſtoßene. 11. 14 210 „Von den Worten der Menſchen blickte ich in ihr Leben und fand, vaß ein ungeheurer Unterſchied zwi⸗ ſchen bem ſei, der ein Talent, und zwiſchen dem, der den Geiſt eultivirt; ich fand, daß die Männer des Genies in ihrem Leben oft irrten, oder gar verbre⸗ cheriſch handelten, aber daß Laſter und Verbrechen bei den Schülern der Philoſophie auffallend ſelten ſeien. Die höchſte Cultur der Vernunft war freilich noch nicht weit genug getrieben worden, um den Ar⸗ heiter vor Thorheiten der Meinungen zu hewahren; aber eine mäßige Cultur war hinreichend geweſen, ihn von den Laſtern des Lebens abzuſchrecken. Und nur den Söhnen der Weisheit, wie vor Alters den Weiſen des Morgenlandes, ſchien der unwandelbare Stern verliehen zu ſein, der ſie endlich durch die Wühſale der Erde und durch die Wolken des Him⸗ mels zu ihrem Gott leitete. „Als ich dieſe Thatſache aus der Biographie ſchöpfte, hielt ich inne und ſagte: da muß etwas Vortreffliches in der Weisheit liegen, wenn ſie ſelbſt bei ihren unvollkommenſten Schülern ſo wohlthätiz für die Moralität ſein kann. Indem ich dieſer An⸗ ſicht folgte, verdoppelte ich meine Vemühungen, und ſiehe, der Zweck meines Euchens war gewonnen. Vorher hatte ich eine genügende Antwort auf die Frage, was iſt Tugend? bei Männern von tauſend Lehrſätzen geſucht, und mein Herz hatte ſie alle ver⸗ worfen.„„Tugend,““ ſagten Einige, und meine Seele beugte ſich ehrerbietig vor dem Ausſpruch, „„Tugend iſt Religion.““ Ich hörte und demüthigte mich daß Ausſ furch Tuge ſelbe ſireck die 2 könn berul Erzw gend Paſſi lichke auf den hauf nicht der verw nem in de zu fi zugle der erlan mit haber Vorf ihren 211 mich vor dem göttlichen Buche. Ich will hoffen, daß ich mich nicht vergebens demüthigte. Aber der Ausſpruch hefriedigte mich weniger, als er mir Ehr⸗ furcht einflößte, denn entweder beſchränkle er die Tugend auf den bloßen Glauben, ober indem er die⸗ ſelbe auf die Ausübung der Religion erſtreckte, er⸗ freckte er auch die Forſchung auf die Methobe, wie die Ausübung ſollte angewendet werden. Aber wer könnte ſich bei der erſten Erklärung des Ausſpruches beruhigen?— Denn während in der vollkommenen Erzwingung der Lehrſätze unſeres Glaubens alle Tu⸗ gend gefunden werden kann, ſo finden wir in der Pafſivität und dem bloßen Glauben an ihre Gött⸗ lichkeit nur eine Maſchine, die ebenſo anwendbar iſt auf das Böſe, wie auf das Gute— die Fackel, die den Altar erleuchten ſollte, hat auch den Scheiter⸗ haufen angezündet, und der Eifer ves Verfolgers iſt nicht weniger aufrichtig geweſen, als der Heroismus der Märtyrer. Indem ich daher vieſe Auslegung verwarf, nahm ich die andere an: ich fühlte in mei⸗ nem Herzen, und freute mich, als ich es fühlte, daß in der Ausübung der Religion der Inhalt aller Tugend zn finden ſei. Aber hatte ich in dieſer überzengung zugleich eine Antwort auf meine Frage?— Konnte der bloße Wunſch des Guten hinreichend ſein, es zu erlangen— und war der Verſuch, tugendhaft zu ſein, mit dem Erfolge gleichhedentend? Im Gegentheil, haben nicht die, welche am Eifrigſten wünſchten, den Vorſchriften Gottes zu gehorchen, am meiſten gegen ihren Geiſt geſündigt, und ißt nicht ber Eifer häufig 2¹2 der glühendſte geweſen, wenn das Verbrechen den höchſten Grad erreicht hatte 27* Aber wie, wenn weder Aufrichtigkeit noch Eifer hinreichend waren, die Güte zu bilden— wie, wenn in der Bruſt Derjenigen, welche die beſten Abſichten hegten, das Verbrechen genährt wurde, was um ſo gefährlicher, weil es um ſo verborgener war— was folgte daraus?— daß ſie die Religion, die ſie bekannten, an die ſie glaub⸗ ten, die ſie verehrten, auch mißverſtanden hatten; und daß ſie die Vorſchriften, die man aus dem hei⸗ ligen Buche ableiten kann, durch ihre Unwſſenheit verdunkelt, und durch ihre Leibenſchaften verdreht hatten. Hier war alſo plötzlich mein Räthſel gelöst; hier wurde ich alſo auf einmal an das Ende meiner For⸗ ſchung geführt!— Unwiſſenheit und Verdrehung durh Leidenſchaſt ſind daſſelbe, obgleich unter verſchiedenen Namen, denn nur durch unſere Unwiſſenheit nehmen unſere Leidenſchaſten eine unrechte Richtung. Wat folgte daher?— Wenn durch Unwiſſenheit die größte „Es kann kein Zweifel ſein, datz die, welche die Albin⸗ genſer errichteten, die Inquiſition gründeten, die Scheiterhanſen auf Smithfield anzündeten, von dem Wunſche belebt wurden, nicht Böſes, ſondern, ſo auffallend es auch erſcheinen mag, Gutes zu thun, nicht dem entgegen zu handeln, ſondern das zu kr⸗ zwingen, was ſie für den Willen des Allmächtigen hielten; ſo daß eine gute Abſicht, ohne die Aufklärung, ſie auf einen paſ⸗ ſenden Gegenſtand zu richten, ebenſo gefährlich für das menſch⸗ liche Glück ſein kann, als eine der böſeſten Abſichten. Men erzählt uns von einem ganzen Volke, welches ſeine Gäſte z ermorden pflegte, nicht aus Grauſamkeit oder Habſucht, ſondem aus dem reinen und lobenswerthen Beweggrunde, die guten Eigenſchaften zu erlangen, die, wie ſie glaubten, durch den Mord von den Todten auf ſie übergingen. von war chem werd wußt thäti beſſe ſelbf Geſe gion Ern fluß beſc ſollt tige aber fade in! ſelb leid thu wer gen Ver der fah keir fäh auf 213 pon Gottes Gaben in ein übel verwandelt worden war, ſo war die Kenntniß allein das Licht, bei wel⸗ chem ſelbſt die Bücher der Religion ſollten geleſen werden. Es folgte, vaß die Vorſehung, welche wußte, daß die Natur, die ſie erſchaffen, beſtändig thätig ſein müſſe, und daß nur durch Arbeit Ver⸗ beſſerung komme, weiſe angeordnet hat, daß wir uns ſelbſt um den Segen ihrer heiligſten und klarſten Geſetze anſtrengen ſollen. Sie hat uns in der Reli⸗ gion, ſo wie in dieſer herrlichen Weit, Schätze und Ernten gegeben, die in nicht zu berechnendem über⸗ fluß könnten hervorgernfen werden; aber ſie hat auch beſchloſſen, daß ſie nur durch unſere Anſtrengungen ſollten hervorgerufen werden,— ein Palaſt, präch⸗ tiger als die zauberhaften Paläſte, war vor uns, aber ſeine Zimmer ein Labhrinth, welches eines Leit⸗ fadens bedurfte. „Welches war dieſer Leitfaden? Sollte man ihn in den Winkeln der Erde ſuchen, oder lag er in uns ſelber? War es nicht die Ausübung einer Macht, die leicht für uns anzuwenden iſt, wenn wir es nur zu thun wagen wollten? War es nicht die einfache An⸗ wendung der Unterſcheirung, die uns für alles Andere gewährt iſt?— War es nicht die Anwendung unſerer Vernunft?„„Vernunft!““ rief der Zelot,„„ver⸗ derbliches und verhaßtes Inftrument, es iſt mit Ge⸗ fahr für euch ſelber und Andere überladen; denkt keinen Augenblick daran, eine ſo trügeriſche und ge⸗ fährliche Maſchine anzuwenden.““ Aber ich hörte nicht auf den Zeloten; konnte die ruhige und helle Fackel, 214 vie, ſelbſt wo der Stern von Beihlehem ſein gölt⸗ licheres Licht zurückgehalten hatte, einige geduldige und unermübliche Schritte zu dem Throne der Tugend ge⸗ führt, ein trägeriſches Meteor für ihn werden, der es zur Hülfe der Religion und zu einer ewigen Sache angezündet? Konnte es gefährlich ſein, unſere Ver⸗ nunft in der Erforſchung der wahren Nützlichkeit un) verborgenen Weisheit der Werke Gottes anzuwenden, da Gott ſelber angeordnet hat, daß wir nur durch einige Anwendung unſerer Vernunft aus der Natur oder Offenbarung wiſſen können, daß er ſelber exi⸗ ſtirt?„„Aber,““ rief der Zelot wieder,„die bloß irdiſche Weis heit lehrt den Menſchen Anmaßung, und Anmaßung führt zum Zweifel.““—„„Verzeihen Sie mir,““ antwortete ich, es iſt nicht die Weisheit, ſon⸗ dern die Unwiſſenheit, welche den Menſchen Anmaßung lehrt; das Genie mag zuweilen arrogant ſein, aber nichts iſt ſo wenig zuverſichtlich als die Kenntniß.“ —„„Aber,““ fuhr der Zelot fort,„die, welche an ſpitzfindige Unterſuchungen gewöhnt ſind, werden nur bei den unbedeutenden Nebendingen des Glaubens ver⸗ weilen— unerklärlich, weil ſie unnöthig zu erklären find, und von dieſen Nebendingen ausgehend, ſtreiten ſie gegen die allgemeine Wahrheit.““—„„Ich bitte nochmals um Verzeihung; es iſt der unbedeutende, nicht der erweiterte Geiſt, welcher die Caſuiſtik der überzeugung vorzieht; es iſt das beſchränkte und kurze Geſicht der Unwiſſenheit, welches, nicht im Stande, den großen Inhalt der Wahrheit zu begreifen, nur in die engen und dunklen Winkel ſpäht und ſich damit beſche rend des C über unſer verfo Urſa⸗ — d bieſer ſo fl ander der S weil wir: brau nun die wir im 6 der( — 1 währ weld Verl Geſe gern einzi heilſ Fiſch 215 beſchäftigt, die Atome eines Theils zu erforſchen, wäh⸗ rend das Adlerauge der Weisheit die glänzende Majeſtät des Ganzen aus dem weiteſten Geſichtspunkte betrachtet. überſchauen Sie unſere Fehler, unſere Irrthümer, unſere Laſter— ein ſchreckliches und furchtbares Feld; verfolgen Sie ſie bis zu ihren Urſachen— alle dieſe urſachen vereinigen ſich in eine— in Unwiſſenheit! — denn, wie wir bereits geſehen haben, daß aus dieſer Quelle die Mißbräuche der Religion fließen, ſo fließen auch aus dieſer Quelle die Mißbräuche aller andern Segnungen— der Talente, des Reichthums, der Macht, deun wir mißhrauchen Dinge, entwever weil wir ihre wahre Urſache nicht wiſſen, oder weil wir uns mit gleicher Bindheit einbilden, daß der Miß⸗ brauch mehr zu unſerem Glück geeignet iſt. Da aber nun die Unwiſſenheit die einzige Quelle des übels iſt — ſowie die Kenntniß das einzige Gegenmittel gegen die Unwiſſenheit, ſo folgt nothwendig, daß wären wir vollkommen in der Kenntniß, wir auch vollkommen im Guten ſein würden. Wer daher den Fortſchritt der Erkenntniß hemmt, der begünſtigt das Verbrechen — ja, er iſt für den Staat der größte Verbrecher, während der, welcher jenes geiſtige Licht verbreitet, welches koſtbarer iſt als das ſichtbare, der heiligſte Verbeſſerer iſt, und der ſicherſte Wohlthäter ſeines Geſchlechts! Auch wollen wir nicht mit den Anhän⸗ gern einer leeren Politik glauben, daß auf Erden ein einziges Vorurtheil oder ein Irrthum exiſtirt, die man heilſam und wohlthätig nennen kann. Sowie der kleine Fiſch nach der Fabel im Stande iſt, den Fortgang 216 des größten Schiffes zu hemmen, an welches er ſich anhält, ſo kann auch ein einziges Vorurtheil, unbe⸗ achtet oder verachtet, mehr als der ungünſtige Wind oder die Windſtille, die Barke des Wiſſens auf den ungeheuren Seen der Zeit aufhalten. „Es iſt wahr, daß die übertriebene Erwartung die Philanthropen zu weit geführt hat; es iſt wahr(zwer iſt der Verſuch noch nicht gemacht worden), daß un Gott in dieſem Zuſtande die Vollkommenheit der Er⸗ kenntniß verweigert hat, ſowie auch die daraus fol⸗ gende Vollkommenheit im Guten; aber weil wir nicht vollkommen ſein können, ſollen wir uns denn ent⸗ ſchließen, böſe zu ſein? Ein Schritt in der Kennt⸗ niß, iſt ein Schritt von der Sünde weg; ein Schritt von der Sünde weg, iſt ein Schritt näher dem Himmel! Oh, man laſſe ſich nie von Denen täuſchen, die ats politiſchen Gründen die Göttlichkeit der religiöſen Wahr⸗ heiten mißbrauchen; man wolle nimmer glauben, daß unſer Vater im Himmel am meiſten das unangewen⸗ dete Talent belohnt, oder daß Vorurtheil, Trägheit und Thorhelt am meiſten Gunſt vor ſeinen Augen finden werben! Selbſt der Heide hat uns eine edlere Schätzung ſeiner Natur hinterlaſſen, und dieſelbe Seu⸗ tenz, welche ſo erhaben erklärt:„Wahrheit iſ der Leib Gottes,““ erklärt auch:„„und das Licht iſt ſein Schatten.““ „Uberzeugt alſo, daß Kenntniß den Schlüſſel zur Tugend enthalte, wendete ich mich an die Kenntniß. Die erſte große Lektion, die ſie mich lehrte, war de Löſung eines höchſt abgedroſchenen und wenig ver⸗ ſtande Bei! kläru mein⸗ Intei der A Geſch fahrt breit wähl unſet übert ände lien ten, Unte hera ſtatt ten lohn woll dem gibt weg zu1 Vor dem beſo dem Angen edlert Sen⸗ it iß das l zr ntniß. ar bi⸗ er⸗ ſtandenen Ausdrucks:„„Gemeiner Verſtand.“ Bei Plato hat dieſer Ausdruck ſeine rechtmäßige Er⸗ klärung erhalten; dort werden wir belehrt, daß„„ge⸗ meiner Verſtand““ das„„Verſtändniß des gemeinen Intereſſes““ iſt. Ja! es iſt die ſchönſte Wahrheit in der Moral, daß wir kein beſonderes und von unſerem Geſchlechte getheiltes Intereſſe haben. In der Wohl⸗ fahrt Anderer liegt die unſere, und indem wir die breiteſten Pfade wählen, um ihr Glück zu bewirken, wählen wir zugleich die ſicherſten und kürzeſten zu unſerem eigenen. Als ich dieſe Wahrheiten las und überdachte, war ich mir bewußt, daß eine große Ver⸗ änderung eine neue Welt aus den früheren Materia⸗ lien meines Geißes hervorbrachte. Meine Leidenſchaf⸗ ten, die ich vorher zur Nutzlofigkeit gezügelt oder zum Untergange angewendet, traten jetzt in edlerer Geſtalt heraus und bereiteten auf eine neue Leitung vor; an⸗ ſtatt mich zu perſönlicher Erhebung anzutreiben, pflanz⸗ ten ſie zum allgemeinen Beſten und nährten die Be⸗ lohnung des Ehrgeizes nur der Trinmphe des Wohl⸗ wollens wegen. „Dies iſt ein Stadium der Tugend— ich kann dem Glauben nicht wiverſtehen, daß es noch ein höheres gibt: nämlich, wenn wir beginnen, die Tugend nicht wegen ihrer Zwecke, ſondern um ihrer ſelbſt willen zu lieben. Denn in der Kenniniß liegen dieſe bei den Vortrefflichkeiten: erſtens, daß ſie jedem Menſchen, dem ſelbſtſüchtigſten ſowohl als dem erhabenſten, einen beſondern Antrieb zum Guten gewährt. Sie ſagt zu dem Erſteren:„„Diene der Menſchheit und Du dienſt ————— 218 Dir ſelber““— und zu dem Letzteren:„„Indem Du die beſten Mittel wählſt, Dein eigenes Glück zu ſuchen, wirſt Du den erhabeneren Antrieb haben, das Glück des Menſchengeſchlechts zu befördern.““ „Die zweite Vortrefflichkeit der Kenntniß iſt, daß auch der ſelbſtſüchtige Menſch, wenn er einmal ange⸗ fangen hat, aus kleinen Beweggründen die Tugend zu lieben, die Beweggründe verliert, ſo wie die Liebe zunimmt, und endlich die Gottheit verehrt, während es ihn vorher nur nach dem Golde auf dem Altar derſelben verlangte. Und ſo lernte ich die Tugend allein um ihrer eigenen Schönheit willen lieben. Ich ſagte mit Lord Shaftesbury, der unter vielen Schlacken auch reines Gold hat:„„Wenn ſie an ſich nicht ſchät⸗ bar iſt, ſo ſehe ich nichts Schätzbares darin, ihr um eines Handels willen zu folgen.““ „Ich ſah mich in der Welt um und erblickte vft die Tugend in Lumpen und das Laſter in Purpur; die Erſtere führt freilich zum Glück, aber das Glück liegt im Innern, nicht in Außendingen. Verächtlich iſt die täuſchende Thorheit der Schriftſteller, welche es poetiſche Gerechtigkeit nennen, das Gute endlich durch Reichthum, Ehre, Liebe und erreichte Wünſche glücklich zu machen. Nichts Falſches, ſelbſt in der Poeſie, kann richtig ſein, und jene vorgebliche Moral iſt von allen die falſcheſte. Die Tugend iſt nicht mehr als das Laſter von den übeln des Schickſals ausgenommen⸗ aber ſie hat ſtets eine Energie in ſich, denſelben zu widerſtehen, ein ſchmerzſillendes Mittel, denn um Ihr Citat aus Tibull zu erwidern: heit d mals Wirkt dem fi mag ernied aber iſt; mache will d mehr geht ſchwin aber als di lächelf lichſtet mir d weſen „ bung darſte ihrer? übert ihren lohnu Altert Bild Crura sonant ferro— sed canit inter opus! „Wenn ich in den Tiefen meiner Seele jene Gott⸗ heit dieſer niedern Erde erhebe, welche Brutus nie⸗ mals eigentlich begriff, wenn, weil erfolglos in ihren Wirkungen, er ihr Daſein bezweifelte, ſagte ich in dem ſtolzen Gebet, womit ich ſie verehrte:„„Armuth mag mein Loos demüthigen, aber ſie ſoll vich nimmer erniedrigen; Verſuchung mag meine Natur erſchüttern, aber nicht den Felſen, worauf dein Tempel gegründet iſt; Mißgeſchick mag alle Hoffnungen dahinwelken machen, die um deinen Altar geblüht haben, aber ich will dürre Blätter opfern, wenn die Blumen nicht mehr ſind. Wenn gleich Alles, was ich liebe, unter⸗ geht— Alles, an dem mein Herz hängt, dahin⸗ ſchwindet, ſo mag ich wohl über das Stickſal murren, aber ich will keine andere Stimme für dich haben, als die der Huldigung! Während du meinem Wege lächelſt, würde ich nicht mit dem höchſten und glück⸗ lichſten meiner Feinde tauſchen!““ Bitterer als ich mir damals träumen ließ, ſind meine Prüfungen ge⸗ weſen, aber ich habe mein Gelühde gehalten! „Ich halte das allein für eine wahre Beſchrei⸗ bung der Tugend, welche ſie an ſich als ausreichend varſtellt— das allein für eine richtige Scilderung ihrer Vortrefflichkeit, die ihre innere Macht nicht durch übertreibung ihrer äußern Vortheile verringert, noch ihren Adel durch zu langes Verweilen bei ihren Be⸗ lohnungen entweiht. Als die großartigſte Moral des Alterthums iſt mir immer die erſchienen, welche das Bild des Prometheus gewährt, in dem weder das 220 Erbeben der Erde, noch das Zerreißen des Himmelt, wever der Felſen draußen, noch der Geier im Imen Bebauern wegen des vergangenen Wohlwollens, Schr⸗ cken wegen des künftigen übels, oder ſelbſt in de Mitte der Qualen, Neid wegen des ehrloſen Glick ſeines Verfolgers erregen konnte! Wer, der von dieſen erhabenen Gemälde erglüht iſt, wird uns ſagen, deß man die Tugend glücklich machen muß, um dazu auſ⸗ locken, oder das Laſter mit Elend bekleiden, um ußs von ſeinem Bilde abzuſchrecken? Oh, wer würde niht im Gegentheil die Tugend wegen der bitterſten Leidn eines ſolchen Jüngers hundertmal mehr verehren lernn als er das Laſter wegen der prächtigſten Triumphe ſeiner beglückteſten Anbänger lieben würde?“ Es lag etwas in Mordaunts Stimme und Min und in dem leidenſchaftlichen Glühen ſeines Geſicht, was noch lange, als er ſchon geſchwiegen, in Linden Herzen nachhallte,„gleich dem im Gedächtniß zuric⸗ gebliebenen Tone einer ſtummen Leier.“ Und wen ihn ein ſpäteres Ereigniß in unbeſonnenen Augen blicken zu dem Zweifel führte, ob die Tugend in ke That vas höchſte Gut ſei, erinnerte ſich Linden ke Worte jenes Abends und der Begeiſterung, womiſ ausgeſprochen worden, bereute, daß er in ſeinen Zweifel der Wahrheit Unrecht gethan, und fühlte, di es eine Macht im tiefen Herzen des Menſchen giſ, welcher ſelbſt das Schickſal unterworfen iſt! Ar mit w hielt( Haver haben eigniß gemeit der d Laſſen rade liegt ſollte, will i queml nur d That Sie ich ni ich w zen 1 die A muel, mnen Schte⸗ in der Glick dieſen n, diß anh⸗ m u e nicht Leiden lerun, iumphe Mien zeſicht, Linden zurid⸗ d wemn Auger⸗ in der en be omit ſe ſeinen lte, dij Fünfundſechszigſtes Kapitel. Wollt Ihr den Brief hören?——— Dies iſt der ſeltſame Herr, der mir ſchon ſrüher im Walde begegnete. Wie's Euch gefällt. Am zweiten Morgen nach der Unterredung, wo⸗ mit wir unſer letztes Kapitel beſchloſſen haben, er⸗ hielt Clarence folgenden Brief von dem Herzog von Haverfield: „Ich würde Ihren Brief ſchon früher beantwortet haben, mein lieber Linden, hätte mich nicht ein Er⸗ eigniß daran verhindert, von welchem man im All⸗ gemeinen vorausſetzt, daß es die ganze Aufmerkſamkeit der dabei hetheiligten Perſonen in Anſpruch nimmt. Laſſen Sie mich ſehen— ja, drei— ja, ich bin ge⸗ rade drei Tage verheirathet! Bei meiner Ehre, es liegt viel weniger in dem Ereigniß, als man denken ſollte, und vas nächſtemal, wenn es wieder geſchieht, will ich mir nicht ſo erſtaunliche Unruhe und Unbe⸗ guemlichkeit machen. Aber man kauft die Weisheit nur durch Erfahrung. Nun aber, da ich Ihnen vie Thatſache mitgetheilt habe, erwarte ich für's Erſte, Sie werden meine Nachläſſigkeit entſchuloigen, baß ich nicht früher an Sie geſchrieben habe; denn(da ich weiß, daß die literas humaniores Ihnen am Her⸗ zen liegen, ſo will ich dem ſentimentalen Ausſpruch die Würde eines Citats geben): Un véritaple amant ne connait point d'amis; (Corneille) 222 und obgleich ſchon drei Tage verheirathet, bin ih noch immer ein Liebender! Zweitens erwarte ich Sie werden ſehr dankbar ſein, daß ich, alle Umſtäme erwogen, ſchon ſo hald an Sie ſchreibe; pour vri dire, mon cher, würde mich nach einer ſo verhäng⸗ nißvollen Ceremonie nichts Gewöhnliches bewogen haben, meine Feder auf's Papier zu ſetzen—(iſt du nicht die recht gemeine, commerzielle, akademiſch, metaphoriſche tournure du style 6pistolaire ²)— Hätte ich weiter nicts zu ſogen, als auf Jöre P⸗ merkungen über die Staatsgeſchäfte(zum Henker mil ihnen ¹) zu antworten, oder Ihrem italieniſchen Freunte meinen Beifall zu zollen, von vem ich ſage, wet Karl der Zweite von dem reolichen Gardiſten ſagte —„„Ich kann die Tugend bewundern, obgleich ih nicht im Stande bin, ſie nachzuahmen!““— ſo halt ich es für höchſt wahrſcheinlich, daß Ihr Brief noh in einer gewiſſen Schachtel von Schildkrötenſchale und Gold(die früher dem großen Richelien gehörte und jetzt in meinem Beſitze iß) liegen würde, in welchet ich in dieſem Augenblick mit manchem Blick des Kam⸗ mers und üblen Vorbedeutung verſchiedene Epiſteln in verſchiedenen Handſchriften entdecke, alle unter der furchtharen überſchrift„„unbeantwortet““ elaffifteirt. „Nein, mein guter Linden, mein Herz ſchreibt mir etwas Beſſeres vor. Hören Site mich an unb bleiben Sie dann bei Ihrem Wirthe oder laſſen Iht ſchnellſtes Pferd ſatteln, wie es Ihnen am paſſendfen erſcheint. „Sie haben Recht, wenn Sie ſagen, vaß Mi Treva fielb,! war. nicht 1 erneuet der zu Verſchi Vertra über. den Ti daß fie auch v theil, Reiſen redung Untreu bindun meine daß— denken lichen 1 — wel ſentime ſo will „J lieber ſtehe, liebte ſtreben ſchwer in ic e ich, ſtärde ri häng⸗ wohen iſt e niſt, )— e Be⸗ er mi reunde „wat ſagte ich ich halt f noh le und e und velchet Kum piſteln er der ſieirt. hreibt und nIht ndfien Niß Trevanlon, jetzt Ihre Durchlaucht Herzogin von Haver⸗ field, die vertrante Freundin der Lady Flora Ardenne war. Ich habe oft mit ihr— nämlich mit Elevnore, nicht mit Lady Flora— von Ihnen geſprochen, und erneuerte geſtern die Unterhaltung, als Ihr Brief, der zufällig vor mir lag, mich an Sie erinnerte. Verſchiedene kleine Geheimniſſe im ſchuldigen ehelichen Vertrauen gingen von ihrem Beſitze in den meinen über. Ich finde, doß Lady Flora glaubt, Sie haben den Treuloſen mit La Meronville geſpielt— ferner, daß ſie von Ihrem Briefe an Flora's Vater, noch auch von ſeiner Antwort nichts weiß— im Gegen⸗ theil, daß ſie Sie der Gleichgültigkeit beſchuldigt, auf Reiſen zu gehen, ohne zu verſuchen, zu einer Unter⸗ redung mit ihr zu gelangen orer Ihre vermeintliche Untreue zu entſchuloigen— daß ihr Herz einer Ver⸗ bindung mit dem verhaßten Lord Boro— pah— ich meine Lord Ulswater— durchaus abgeneigt iſt, und daß— bereiten Sie ſich vor, Linden— ſie Ihr An⸗ denken trotz der Zeit, des Wechſels und der vermeint⸗ lichen Untreue, mit einer Zärtlichkeit bewahrt, welche — welche— hol's der Henker, ich kann mich nicht ſentimental ausdrücken— aber Sie verſlehen mich und ſo will ich den Satz nicht ſchließen. „Ich überlaſſe Sie jetzt Ihrem Schickſal, mein lieber Linden. Ich meines Theils, obgleich ich ge⸗ ſtehe, daß Lord Ulswater ein Lord iſt, nach dem ver⸗ liebte Damen, nebſt allem Zubehör des Eheglücks, wohl ſtreben dürften, glaube doch nicht, daß es Ihnen ſchwer ſein würde, ihn zu verdunkeln! Ich kann 224 Ihnen freilich nicht rathen, mit Laby Flora durch⸗ zugehen; Männer von Stande gehen nicht mit der Tochter der Männer von Stande durch, obgleich z⸗ weilen mit ihren Weibern!—(dieſe Abenteuer jſind, dem Himmel ſei Dank, den Offieieren auf Halbſolh, den Ladendienern und den Abkömmlingen der irlin⸗ diſchen Könige vorbehalten)— aber ohne durchz⸗ gehen, können Sie Ihre Verlobte und Lord Ulswaten Beabſichtigte gewinnen.— Als ausgezeichnetes Mil⸗ glied des Hauſes der Gemeinen, als Beſitzer vyn Searsdale und Revräſentant der älteſten Familie de Talbots— mon Dieu! da könnten Sie ja eine ve⸗ wittwete Königin heirathen und die Mitgift ablehnen! „Und indem ich Sie der Leitung des geflügelten Gottes überlaſſe, der, wenn drei Tage eine Erfah⸗ rung gewähren können, Ihren Freund hewogen heh vas Vergnügen aufzugeben, um das Glück zu ſinden, ſage ich Ihnen, theuerſter Linden, Lebewohl. Haverfield.“ Als Clarenee dieſen Brief geleſen hatte, war plöszlich wie verwandelt! Von äußerer Ruhe unh Gefühllofigkeit, in deren Tiefe eine bittere und n gende Empfindung lag, ging er auf einmal in einn Zuſtand wilder und verwirrter Aufregung über; do am deutlichſten zeigte ſich eine glühende und lebhaft Hoffaung, welche zu hegen er ſich ſeit longen Jahren nicht geſtattet hatte. Er ging in das Früßſtückzimmer hinunter. Mor⸗ vaunt, der gewöhnlich ſpäter erſchien als Clareuis obgleich er nicht ſpäter aufſtand, war noch niht unten, ſeine 2 „ ves fin eines 2 „Le nehmen Morge Einfluf in Fol⸗ einem Pferde Me ſeiner vergebe ihre P die de Gründ ſich da liche 2 ſchaft Aufent Gl vor di mit de zurückk überra u Pf durch ihm A Bu urch⸗ t der h n⸗ ſind, bſolh, irlän⸗ rchi⸗ water Mit⸗ r won lie der e ven ehnen! ügelten Erfeh en hat finden, ld.“ war et e u nd na⸗ n einen r; do lebhaftt Jahren MWor⸗ larent h niht 225 unten, unb unſer Liebender hatte vollkommen Zeit, ſeine Pläne zu entwerfen, ehe ſein Wirtb eintrat. „Wollen Sie heute ausreiten?“ fragte Mordaunt, „es ſind einige alte Ruinen in der Gegend, die wohl eines Beſuches werth ſind.“ „Leider muß ich ſchon jetzt von Ihnen Abſchied nehmen,“ antwortete Clarence.„Ich habe dieſen Morgen eine Nachricht erhalten, der einen großen Eipfluß auf mein künftiges Leben haben kann, und in Folge deren ich genöthigt bin, einen Ausflug zu einem andern Theile des Landes zu machen, der zu Pferde beinahe eine Tagreiſe von hier entfernt iſt.“ Mordaunt ſah ſeinen Gaſt an und errieth aus ſeiner erhöhten Farbe und einer Verlegenbeit, die er vergebens zu verbergen ſuchte, daß die Reiſe wegen ihre Plötzlichkeit und Eile eine Urſache haben mußte, die das junge Parlamentsmitglied aus beſondern Gründen zu verbergen wünſchte Algernon begnügte ſich daher damit, ſein Bedauern über Lindens plötz⸗ liche Abreiſe auszuſprechen, ohne die Gaſtfreund⸗ ſchaft zu weit zu treiben und ihn zu einem längern Aufenthalt unter ſeinem Dache zu bewegen. Gleich nach dem Frühſtück wurde Lindens Pferd vor die Thür gebracht und Harriſon erhielt Befehl, mit dem Wagen in W'“ zu warten, bis ſein Herr zurückkehrte. Der würdige Diener war nicht wenig überraſcht von der plötzlichen Liebhaberei ſeines Herrn, zu Pferde zu reiſen. Mordaunt begleitete ſeinen Gaſt durch den Park und nahm mit einer Wärme von ihm Abſchiev, die Clarenee, ungegchtet der Abwe⸗ Bulwer, der Verſtoßene, M. 15⁵ 226 ſenheit und Aufregung ſeiner Gebanken, lebhaft rührte In der That hatte Lindens unaffektirter und einfacher Charakter, vereint mit ſeinem ſcharfen, kühnen und gebildeten Geiſte in hohem Grade Mordaunts Inter⸗ eſſe und Achtung gewonnen. Es war ein milder Herbſtmorgen, aber dicht Wolken am Horizonte verkündeten Regen, und tie Stille des Windes, der niedrige Flug der Schwalbe und das Brüllen der Rinder, die ſich langſam unte das nächſte Obdach innerhalb ihrer beſtimmten Gren zen zurückzogen, beſtätigten vie ungünſtige Vorbe⸗ veutung. Clarence hatte die Stadt W“ pafſirt un ritt eben auf einem beſonders hügeligen Wege, er eines großen Fremden auf einem zierlichen, wohl aufgezäumten, kleinen Pferde anſichtig wurde, der ſi den letzten zwei Minuten bemüht geweſen war, it gleiche Linie mit Clarence zu kommen, und dirh verſchiedene Blicke und Ausrufungen den Wunſch u⸗ gedeutet hatte, eine Bekanntſchaft und Unterhaliunz mit ſeinem Reiſegefährten anzuknüpfen. Endlich faßte er Muth und ſagte mit reſpel⸗ voller aber offener Miene:„Das iſt ein ſehr ſchi⸗ nes Pferd, Herr, welches Sie da reiten— ich hal⸗ ſelten eines ſo ſchnell im Schritt gehen ſehen; wen es in andern Bewegungen auch ſo gut iſt, ſo mf es ein wahrer Schatz ſein.“ Jeder Menſch hat ſeine Eitelkeit. Clarenee wu eben ſo eitel auf die Vortreff ichkeit ſeines Pferdts als auf ſeine eigene; und da ihm das Complinent des Fremden gefiel, ſo erwiderte er es damit, daß k in de meſſe ger( affekt „ gleit Ihre Sie und ja, Züge Schr benn unge über den und eifer und mit Jahr Kna Heit wir Jug bilde auf der rührte. infacher en und Inter⸗ dichte und die chwalbe m unte n Grer⸗ Vorb⸗ ſſirt un ege, a n, wohl „der ſi war, i nd durh nſch a⸗ rhaliun reſpelt⸗ ehr ſchi⸗ ich hahe n; wemn ſo mß ence wet Pferde mplinen aß in das Lob einflimmte, doch mit beſcheivener und ge⸗ meſſener Zurückhaltung, die, wie der Fremde hei eini⸗ ger Scharfſicht leicht hätte entbecken können, mehr affektirt als aufrichtig war. „Und doch glaube ich,“ fuhr Lindens neuer Be⸗ gleiter fort,„daß mein kleiner Schotte vielleicht mit Ihrem großen Roſſe Schritt halten könnte; ſehen Sie— ich lege ihm den Zügel auf den Hals— und ſehen Sie, er hält mit dem Ihrigen Schritt— ja, beim Himmel, er kommt ihm zuvor.“ Ein wenig ärgerlich darüber, ließ Linden den Zügel nach und trieb ſein Pferd zu einem ſchnelleren Schritte an; aber der kleinere Nebenbuhler behauptete dennoch ſeine überlegenheit, und erſt als Lindens ungeduldiges und muthiges Pferd in einen Trab überging, konnte es ihn einholen. Bisher hatte Lin⸗ den ſeinen neuen Begleiter nur mit einem raſchen und oberflächlichen Blicke angeſehen; aber der Wett⸗ eifer ſelbſt in unbedeutenden Dingen erregt Achtung, und unſer überwundener Held beobachtete ihn jetzt mit neugierigeren Augen. Der Fremde war zwiſchen vierzig und fünfzig Jahren, ein Alter, wo gewöhnlich wenig von dem Knaben übrig iſt; voch lag eine herzliche und offene Heiterkeit in dem Weſen und Blicke der Perſon, die wir beſchreiben, die ſelten anders als hei der erſten Jugend gefunden wird. Seine Züge waren wohlge⸗ bildet und ſeine Miene und ſein Ausſehen deuteten auf einen Mann, der ebenſowohl der mittleren als der obern Claſſe angehören konnte. Aber Clarence 228 wendete bei der Betrachtung des Fremden ebenſowohl ſein Gedächtniß als ſeine Aufmerkſamkeit au, un er erkannte in einem Geſichte, über welches rie Zeit ſehr leicht dahingegangen war, einen alten Bekann⸗ ten, deſſen er ſich oft erinnert hatte. Doch gab e ſich nicht ſogleich zu erkennen.„Ich will erßt ſehen vachte er,„ob er nach achtjähriger Abweſenheit in den gebräunten Fremden ſeinen jungen Gaſt wiedererkeunt“ „Nun, Sie haben gewonnen, Herr,“ ſaßte Cl⸗ rence, indem er ſich dem Beſitzer des kleinen Schu⸗ ten näherte, der mit kindiſcher Heiterkeit über ſeinen Sieg lachte,„aber die Schildkröte kann den Haſen im Schritt übertreffen, und ich begnüge mich damt, zu denken, daß im Trab oder Galopp der Erfolh ves Wettrennens ein ſehr verſchiedener ſein würde,“ „Ich bin deſſen nicht gewiß, mein Herr,“ ſuht der rüſtige Fremde, indem er den gebogenen hib ſeines kleinen Lieblingspferdes ſtreichelle;„wenn Eie es mit beiden verſuchen wollen, ſo habe ich nichs dagegen, eine kleine Wette zu wagen.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Clarence mit einen Lächeln, worin ſich Höflichkeit mit etwas verächtli cher Ungläubigkeit miſchte:„aber ich habe jetzt nict gernde Zeit, Ihnen Ihr Geld abzunehmen. 3ch ha eine weite Reiſe vor mir und darf einen getreuen Diener nicht ermüden; doch ich bekenne offen, daß ich glanbe,“ und Lindens Erinnerung der angertbeltn Perſon bewog ihn zu dem folgenden Citat:„miin Pferd übertrifft An Muth, Geſtalt und Schritt ein jedes andre“ mich ich v Ihr mir habe mehr Roß. 3 Perſ nen zu m Geb rung ſo v den ſorſ ſowohl t, und rie Zeit Zekant⸗ gab er ſehen,“ in den kennt.“ ſte Cle⸗ Schot r ſeinen Haſen damit, Erfolh würde.“ ſagi⸗ en hi enn Ei⸗ ni it einen erächtli⸗ etzt nicht Ich hab getreuen en, daf zeredelen „mein e.“ 229 „Ei, Herr,“ rief unſer Fremver, indem ſeine Augen bei den Verſen funkelten,„wenn Sie Will Shakſpeare als Gewährsmann anführen, ſo muß ich wohl geſtehen, daß Ihr Pferd ſo viel werth iſt als alle Pferde im Königreich. Auch will ich be⸗ kennen, daß Ihr Renner vas glänzende Lob vervient, welches den Zeilen folgt, die Sie angeführt haben: Rundhuſig, kurzgegliedert, lang von Feſſeln, Bruſt klein, die Augen voll, die Nüſtern weit, Kopf breit, die Ohren kurz, die Beine grad. Und ſtark, die Mähne dünn und ſtark der Schweif.“ „Nun,“ ſagte Clarence,„Ihr Gedächtniß hat mich für den Sieg Ihres Pferdes entſchädigt, und ich verzeihe Ihnen Ihren Sieg als Erwiderung auf Ihr Compliment, vollkommen; aber erlauben Sie mir zu fragen, wie lange Sie die Reitkunſt getriehen haben. Das arabiſche Zelt iſt, wenn ich nicht irre, mehr ein Zeichen Ihres Berufes, als das arabiſche Roß.“ König Cole, denn der Fremde war keine geringere Perſon, ſah ſeinen Begleiter erſtaunt an.„Sy ken⸗ nen Sie mich alſo, Herr! Ja, es iſt ſchwer ehrlich zu werden, wenn die Leute ein um ſo viel beſſeres Gebächtniß für unſere Sünden, als unſere Beſſe⸗ rung haben.“ „Beſſerung!“ rief Cſarenee,„ſoll ich es denn ſo verſtehen, daß Eure Majeſtät die Herrſchaft unter den grünen Bäumen des Waldes aufgegeben haben?“ „Ja,“ ſagte Cole, indem er ſeinen Begleiter ſorſchend anſah; 230 „Ich fürchte nicht die Sonnenhitze mehr, Noch auch des rauhen Winters ſtürm'ſche Wuth; Ich hab' gethan mein weltliches Geſchäft, Bin heimgegangen, hab' den Lohn gewonnen.“ „Ich wünſche Ihnen Glück,“ ſagte Clarenee;„aber nur zum Theil; denn ich habe vft Ihren früheren Zuſtand beneidet, und weiß nicht genug von Ihrem gegenwärtigen, um zu ſagen, ob ich den gleichfallz heneiden kann.“ „Nun,“ antwortete Cole,„am Ende begehen wir einen großen Irrthum, wenn wir uns einbilden, daß ver lebendige Wald oder die todte Wand das Glüc ausmachen. Mein Geiſt iſt für mich ein Königreich — und er iſt es, den Sie beneiden müſſen, wenn Sie etwas, das mir angehört, mit dieſem Gefühle beehren wollen.“ „Die Vorſchrift iſt gut und zugleich alt,“ ant⸗ wortete Clarenee;„doch ich glaube, es war vor ei⸗ nigen Jahren kein Lieblingsgrundſatz von Ihnen. Ich erinnere mich einer Zeit, wo Sie meinten, es könne kein Glück eriſtiren außer dem Walde oder der bu⸗ ſchigen Schlucht. Darf ich, ohne zudringlich Ihre Geheimniſſe erſpähen zu wollen, wiſſen, wie lauge Sie Ihre Anſichten und Ihre Lebensweiſe verändert haben? Nach dem Grunde der Anderung darf ich nicht fragen.“ „Gewiß,“ ſagte ber ehemalige Zigeuner nachben⸗ kend,„gewiß habe ich Ihr Geſicht ſchon früher ge⸗ ſehen, und ſelbſt der Ton Ihrer Stimme kommt mir nicht ganz unbekannt vor— doch ich kann mich ums Leben reden. zu bec fünf wohn liegt Sie: zu tr Ihne pelt Tage C Begr Rege Mor Mar und wert men nach nach hab aber heren hrem hfall wir daß Glück greich wenn fühl ant⸗ r ei⸗ könne bu⸗ Ihre lauge ndert f ich ben⸗ ge⸗ mir 231 geben nicht erinnern, mit wem ich die Ehre habe zu reden. Indeß trage ich kein Bedenken, Ihre Frage zu heantworten. Im letzten Sommer waren es gerade fünf Jahre, als ich die Zelte von Kebar verließ. Ich wohne jetzt etwa eine Meile von hier. Mein Haus liegt nur hundert Schritte von der Straße, und wenn Sie nichts dagegen haben, ein Glas Bier bei mir zu trinken, ſo wird es mich ſehr glücklich machen, Ihnen meine Wohnung zu zeigen. Sie werden dop⸗ pelt willkommen ſein, weil ich ſeit den letzten drei Tagen von Hauſe abweſend geweſen bin.“ Clarenee, der ſich ſeiner Reiſe erinnerte, war im Begriff, die Einladung abzulehnen, als einige ſchwere Regentropfen ſielen, und die wolkige Verheißung des Morgens zu erfüllen begannen.„Glauben Sie einem Manne,“ ſagte Cole,„der ſeit Jahren die Zeichen und Drohungen des Wetters beobachtet hat— wir werden ſogleich einen heftigen Regenſchauer bekom⸗ men. Sie haben jetzt keine andere Wahl, als mich nach Hauſe zu begleiten.“ „Nun,“ ſagte Clarence, der mit guter Manier nachgab,„es iſt mir lieb, eine gute Entſchuldigung zu haben, mich Ihrer Gaſtfreundſchaft aufzudringen. O Himmel! Warum verſprachſt du einen ſchönen Tag, Und machteſt, daß ich ohne Mantel ausritt?“ „Bravo!“ rief der Exhäuptling, nur zu erfreut, einen Kameraden zu finden, der mit Shakſpeare's Sonetten ſo wohl bekannt war, und ohne die kleine ungerechtigkeit zu beachten, die Clarenee dem Himmel gethan, indem er ihn einer Verrätherei beſchuldigle was die ſchwarzen Wolken keineswezs verdient hatten. „Bravo, Herr, und nun, mein Schotte gegen Ihren Renner— Trab— he— oder Golopp?“ „Trab, wenn es ſo ſein muß,“ ſagte Clarenet hochmüthig;„doch ich bin einige Schritte voraus.“ „Um ſo viel beſſer,“ rief der joviale Häuptling. „Der kleine Johann wird um ſo muthiger ſein. Vot⸗ wärts, Herr; wer in Galopp übergeht, verliert. Vorwärts!“ Clarenee berührte leicht ſein ſchönes Pferd und das Wettrennen begann. Anfangs erlangte ſein Pferd einen großen Vortheil.„Zur Rechten!“ rief der ehe⸗ malige Zigeuner, als Linden beinahe an einem engen Baumgange vorüber war, der zu der Beſitzung des ehemaligen Königs führte. Die Wendung gab den kleinen Johann eine Gelegenheit, die er ſogleich zu ſeinem Vortheil benötzte, und zu Linvens unwilligem Erſtaunen ſah er Cole jetzt dicht hinter ſich— jett neben ſich— und dann— dann vor ſich! In ber Hitze des Augenblicks gab er ſeinem Pferde zu heftiz die Sporen und das Thier kam ſogleich an ſeinem Nebenbuhler vorüber— doch im Galopp! „Geſtegt,“ rief Lole, ſein eigenes Pferd zurüc⸗ haltend,„geſiegt— geftehen Sie es ein!“ „Pah!“ ſagte Clarenee ärgerlich. „Nun, Herr, laſſen Sie ſich das nicht zu Herzen gehen,“ ſagte der zurückgezogene Monarch;„vielleicht war es ein verzeihliches Vergehen von Ihrem Pferde — un ſest! E ganz und 1 Wegel Geger jetzt e Thor c e und a geit D rothen Mitte eine„ zu H zu der von b fand Hirſe rath von befan ſchiede gewäc bie E den 9 Hügel winte erzen leicht ferde 233 — und auf auderem Boden würbe ich Sie nicht be⸗ ſiegt haben.“ Es iſt ſehr leicht, großmüthig zu ſein, wenn man ganz gewiß iſt, Sieger zu ſein. Clarenee fühlte dies und murmelte etwas von dem ſcharfen Winkel des Weges, wendete ſich dann plötzlich zu einem andern Gegenſtande und ſagte:„Ich vermuthe, wir kommen letzt auf Ihre Beſitzung. Führt nicht dieſes weiße Thor zu Ihrer Wohnung?“ „Ja,“ verſetzte Cole, des erwähnte Thor öffnend und anhaltend, um ſeinem Gaſte und Nebenbuhler Zeit zu loſſen, ſich umzuſehen und zu hewunbern. Das Haus, welches vor ihnen lag, war von rothen Ziegeln erbaut, klein und viereckig und in der Mitte mit einem Giebeldach verziert, auf welchem ſich eine Kugel von ſchimmerndem Metall befand, denen zu Holyrvod ähalich. Eine ſteinerne Treppe führte zu dem Eingange, der im Verhältniß zu dem Hauſe von beträchtlicher Größe war— über der Thüre be⸗ fand ſich ein ſteinernes Woppenſchild, oben mit einem Hirſchkopf verſehen, und über vieſem heraldiſchen Zier⸗ rath war ein Fenſter, im Vergleich zu den andern von großer Breite. Zu beiden Seiten des Hauſes befand ſich eine eiſerne Einzäunung, wodurch ver⸗ ſchiedene Beete mit ſchönen Blumen⸗ und Garten⸗ gewächſen geſchützt wurden, während zwei Pfauen auf die Ställe zuſchritten, um Schutz vor dem zunehmen⸗ den Regen zu ſucken. Dichte Bäume und ein ſteiler Hügel hinter dem Gebäude gewährten Schutz vor den winterlichen Winden, und im Vordergrunde weideten auf einem kleinen Raſenplatze einige Schafe und zwei zuhme Rehe. Am Ende dieſes Raſenplatzes waren zwei viereckige Fiſchteiche, von Pappeln unv Thränen⸗ weiden beſchattet. An jedem derſelben, als ſollte e auf alte Gewohnheiten deuten, war ein gewöhnliche Zelt, und auf dem vazwiſchenliegenden Raume ein ländliches Gartenhaus, durch eine Umzäunung vor dem Vieh geſchützt und von den umgebenden Lorbeer⸗ büſchen und dem ſchmarotzenden Epheu halb verborgen. Der ganze Ort hatte etwas Stilles, altmodiſch Bequemes und ſelbſt Lururiöſes an ſich, was ſehr wohl zu vem excentriſchen Charakter des ehemaligen Häuptlings paßte, und als Clarenee ſich umſah, fühlte er in der That, daß er den letzten Zuſtand des Be⸗ ſitzers für wenigſtens eben ſo gut halten könne, als ven erſten. Ohne auf den Regen zu achten, der jeßt in Strömen herunter zu gießen begann, ließ Cole ben kleinen Johann ven Zügel über den Hals niederfalln und den verwöhnten Liebling das Gras zu ſeinen Füßen abrupfen, während er Clarence auf die verſchiedenen Schönheiten ſeines Landſitzes aufmerkſam machte. „Dort bei jenen Fiſchteichen, worin der alte Iſuk mit Entzücken hätte ſiſchen können, hringe ich manchen Sommertag zu. Ich war ſtets ein Liebhaber von de Angel, unv der entferntere Teich iſt ein ſo angeneh⸗ mer Badeplatz, wie man ihn ſich nur denken kann denn der treffiiche Geoffroy Chaucer ſagt: Der Kies wie Gold, das Waſſer rein wie Glas, Das ufer rund und eben um den See⸗ Und ſanſt wie Sammt das friſche grüne Gras, Das luſtig drauf entſpringt. Und Frau und u unſere Und wenig vor d wählt geweſ Sie d gieru Fami es, u Dieſe terlic ſchlei ſitzen Aber Kom ſuche ſie in Cole Livre mit die I erhie Dar und Wol rfallen Füßen iedenen hte. e Iſutl anchen on der geneh⸗ kann, 235 Und in jener Laube ſitzt Lucy— das heißt meine Frau— an den Sommerabenden mit ihrem Vater und unſern Kindern; und dann— ach! ſehen Sie unſere zahmen Rehe kommen, mich zu begrüßen.“— Und er deutete auf die Rehe, die ſich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatten, ſich aber aus Furcht vor dem Fremden nicht weiter wagen wollten.„Luch wählte ihre Lieblinge unter Thieren, die früher wild geweſen waren, mir gefiel dies auch. Aber ſehen Sie das Haus an, Herr— es wurde unter der Re⸗ gierung der Königin Anna erbaut; es gehörte der Familie meiner Mutter, aber mein Vater verkaufte es, und vor fünf Jahren kaufte es ſein Sohn wieder. Dieſes Wappen gehört meinen Vorfahren von müt⸗ terlicher Seite. Sehen Sie, wie die Pfauen ſich fort⸗ ſchleichen— das iſt ein ärmlicher Stolz, den ſie be⸗ ſitzen, der den Regenſchauer nicht aushalten kann! Aber wahrhaftig, das erinnert mich an den Regen. Kommen Sie, Herr, laſſen Ste uns im Hauſe Schutz ſuchen.“ Und indem ſie ihren Weg fortſetzten, waren ſie in einer Minute an dem altmodiſchen Eingange. Als Cole klingelte, erſchien ein Mann, nicht in bunter Livree, ſondern in dem Frack eines Bedienten, der mit halb vertraulichem, halb reſpektvollem Kopfnicken die Pferde abnahm und von ſeinem Herrn den Befehl erhielt, für das Pferd des Fremden Sorge zu tragen. Darauf ging unſer alter Bekannter durch einen kleinen und niedrigen Vorſaal und führte Clarence in das Wohnzimmer des Hanſes. 236 Sechsundſechzigſtes Kapitel. Wir ſind nicht arm, wenn gleich kein Die Wohnung deckt. Herrick Als Clarenee ins Zimmer trat, erkannte er ſogleich Luch, welche acht Jahre in eine ſtattliche Matron⸗ verwandelt hatten, ohne ihr den urſprünglichen Auz⸗ druck der Beſcheidenheit und Gutmüthigkeit zu rauben. Sie eilte mit lebhafter und frendiger Miene, wie man ſte ſelten auf den Geſichtern von Verheiratheten nach 6 einem ſo langen Ebebändniß ſieht, ihrem Manne ent⸗ gegen, um ihn willkommen zu heißen. Ein ſchöner rüfliger Knabe von etwa elf Jahren ließ eine Arm⸗ hruſt ruhen, mit deren Ausbeſſerung er beim Eintritt ſeines Vaters eifrig beſchäftigt geweſen, um mit ſeinet 3 Mutter bie Begrüßungen des Zurückgekehrten zu theilen 3 Ein alter Mann ſaß in einem Armſtuhl am Feuer, und hielt ſcherzend ein Kind von etwa vier Jahren ſ feſt, welches ſich anſtrengte, ihm zu enifliehen, un zu dem lieben Papa zu eilen! Das Zimmer war mit Eichenholz getäfelt und iie Möbel einfach, ſolid und ſtark, nach der Mode, wie man ſie noch häufig in jenen Lauvhäuſern findet, welche ſeit den Tagen Georg des Zweiten unveränbert ge⸗ blieben find. 5 Drei langhaarige Hunde von einer Zucht, vie einen . Kenner würde in Verlegenheit geſetzt haben, ſchüttellen ſich, verließen den warmen Kamin und kamen näher, um ihren Herrn anf verſchiedene Weiſe zu begrüßen. betrachtete die Drei mit zärtlichen und heiteren Blick Der e ſeine Groß lampe bis zi und! der v vritte äußer und weil das r an de bei d ſich, haite älteſ Jün zugel gebr halb läſti Tag begr Stu ſich und Sti S2 — * S 237 Der eine rieb ſich an ſeinen ftarken Beinen und vrückte ſeine Freude durch ſanftes Murren aus; er war der Großvater des Hunvegeſchlechts, und ſeine Lebens⸗ lampe brannte ſchon niebrig. Der zweite ſprang faſt bis zu dem Geſichte ſeines Herrn hinauf und heulte und bellte vor Freuden; das war der Sohn, der ſich der vollen Kraft ſeiner Jugend erfreute!— Und der dritte ſprang und taumelte über die andern dahin, äußerte ſeine Freude in durchdringender Fiſtelſtimme und ſchalt ſehr vorlaut auf ſeine beiden Verwandten, weil ſie ſeinen Anſprüchen auf Beachtung zuvorkamen; das war der Hund im kindlichen Alter! Clarence ſtand an der Thür, ſein ſchönes Geſicht lächelte wohlwollend bei dem Glück, deſſen Zeuge er war, und er freute ſich, daß die Gruppe auf einen Angenblick vergeſſen hatte, daß er ein Fremder ſei. Sobald der Zigeuner ſeine Frau geküßt, ſeinem älteſten Hoffnungsvollen die Hände gedrückt, ſeinem Jüngſten zugenickt, dem Schwiegervater ſeinen Gruß zugelächelt und die Hunde durch Streicheln zur Ruhe gebracht hatte, wendete er ſich zu Clarence und ſagte halb verſchämt, halb gutmüthig:„Sehen Sie, wie läſtig es iſt, ſelbſt nach einer Abweſenheit von drei Tagen nach Hauſe zurückzukehren. Theuerſte Luey, begrüße einen neuen Freund!“ Hierauf ſtellte er einen Stuhl für ſeinen Gaſt an den Kamin und winkte ihm, ſich zu ſetzen. Der vorzüglichſte Ausbruck von Lindens offenem und kühnem Geſichte lag in ſeinen Augen und ſeiner Stirne, und als er jetzt ſeinen Hut abnahm, welcher 238 bisher jenen Ausbruck verborgen hatte, erkannten ih Luey und ihr Mann zugleich. „Ich bin in der That ſehr erfreut, Sie wieder zu ſehen, mein Herr,“ rief die Erſtere. „Ei, mein junger Gaſt im Zigeunerzelt!“ rief der Letztere, ihm herzlich die Hand driückend;„Wo waren meine Augen, daß ich Sie nicht ſchon früher erkannte?“ „Acht Jahre,“ antwortete Clarenee,„haben eine größere Veränderung mit mir und meinem jungen Freunde hier hervorgebracht,“ und er deutete auf den Knaben, den er zuletzt als kleines Kind geſehen,„alz mit Ihnen und ſeiner blühenden Muiter. Es iſt nicht ſo ſehr zu verwundern, daß Sie mich früher nicht erkannten, wohl aber, daß Sie mich jetzt erkennen!“ „Sie haben ſich freilich verändert, mein Hert,“ ſagte der biedere Häuptling.„Ihr Geſicht iſt ſchmäle und viel ernſter, und die vollen Wangen des Knaben, denn mit Ihrer Erlaubniß waren Sie damals weniz mehr als ein Knabe, ſind etwas verdunkelt durch das rauhe Kinn und die gebräunte Geſichtsfarbe, womit die Zeit den Mann beehrt.“ Und der gute Cole ſeufzte, als er Lindens bli⸗ hendes Geſicht und ſeine elaſtiſche Geſtalt, ſo wie et ihn zuletzt geſehen, mit dem ernſten und gedanken vollen Geſichte der vor ihm ſtehenden Perſon verglich; doch geſtand er innerlich zu, daß die Jahre, wenn ſie gleich in einigen Dingen Lindens Ausſehen Eintrag gethan, den Effekt dennoch in anderer Hinſicht ver⸗ heſſert hatten. Sie hatten ſeiner Miene Entſchieden⸗ heit: ſowie vollke Es 1 einen geger Vorb wahr hatte nicht 2 Vate Aug für ſchm zu 1 rene land an unte Epi Wi zum Fla Sec bli⸗ vie er nken⸗ glich; nn ſie ntrag ver⸗ eden⸗ 239 heit und ſeiner Stirn etwas Gebieteriſches verliehen, ſowie auch die Würde und die Kraft, welche vurch die vollkommene Proportion ſeiner Geſtalt erhöht wurden. Es lag auch etwas in ſeinem Blicke, was ihn als einen Mann bezeichnete, der ſich dem Schickſal ent⸗ gegengeſtemmt und glücklichen Erfolg gehabt, und die Vorbedeutung des künftigen Triumphes, die unſer wahrſagender Häuptling in ſeinen Zügen erkannt hatte, als er ihn zuerſt geſehen, ſchien ſich ſchon in nicht geringem Grabe erfüllt zu haben. Als Luch ihren Gaſt auf den Ehrenplatz ihrem Vater gegenüber ſitzen ſah, entfernte ſie ſich auf einige Angenblicke, und als ſie zurückkehrte, folgte ihr eine für ein Landmädchen ſehr zierliche Phillis, welche ſo ſchmackhafte Gerichte hereintrug, wie ſie das Haus zu liefern im Stande war. „Auf jeden Fall, mein lieber Wirth,“ ſagte Cla⸗ renee,„verließen Sie nicht die Fleiſchtöpfe Agypten⸗ lands, als Sie Ihre Zelte verließen.“ „Nein,“ ſagte der würdige Cole, indem er ſich an den Tiſch ſetzte,„ſowohl unter dem Dache als unter dem Zelt können wir mit den Worten des alten Epilogs ſagen: Wir können Euch nur Speiſe bringen, Stühl' hinſtellen Und zu dem ſagen, was wir haben, ſeid willkommen. Wir ſind noch einfache Leute, aber wenn Sie bis zum Mittageſſen bleiben können, ſo ſollen Sie eine Flaſche guten Wein haben, woran ſich die redlichen Seelen unſerer Väter würden erfrent haben.“ „Es thut mir wahrhaft leid, daß ich nach einem 240 ſo ſchönen Verſprechen nicht bei Ihnen bleiben kann,“ verſetzte Clarence;„doch vor Anbruch der Nacht muß ich ſchon viele Meilen von hier ſein.“ Luch trat ſchüchtern vor.„Erinnern Sie ſich dieſes Ringes, mein Herr?“ ſagte ſie, indem fie einen Ring zeigte;„Sie ſteckten ihn in vas Kleid meines Knaben, als wir Sie zuletzt bei uns ſahen.“ „Das that ich,“ antwortete Clarence.„Ich hoffe, er wird jetzt nicht das Geſchenk eines Fremden zurück⸗ weiſen wollen; möge er die Vorbedeutung eines eben ſo guten Glückes für ihn ſein, als jene Nacht in Ihrer Caravane für mich geweſen iſt.“ „Ich bin herzlich froh, zu hören, daß ſie Ihnen Glück gebracht hat,“ ſagte Cole—„nun, laſſen Si⸗ uns zugreifen.“ Siebenundſechszigſtes Kapitel. Von dieſen Neubekehrten Kann man gar Vieles hören und auch lernen⸗ Shakſpeare. „Wenn Sie uns durchaus ſo bald verlaſſen wollen,“ ſagte der revliche Cole, als Clarenee ſich nicht zum Dableiben entſchließen wollte, die Gelegenheit benützte, welche ihm das Aufhören des Regens gewährte, und aufſtaud, um ſich zu entfernen—„ſo will ich Gie pflichtſchuldigſt auf die Hauptſtraße wrückbegleiten.“ „Was, ſogleich nach Ihrer Rückkehr?“ ſagte Gla⸗ rence—„nein, nein— keinen Schritt. Was würde meine ſchöne Wirthin ſagen, wenn ich es zugäbef würde Ei,„ Sonet geren eſcheh als m Vierte Fuße „S Anerh WM willig Groß drückt⸗ ſo na Arm „ Zurüc „. ſo lie theilet unſer geſteh leben: mein ſoll i den K Kerle m ſi 2 aben, Poffe, rück⸗ eben Phrer Phnen Sie lernen. e. llen,“ ze ützte, „und Gie iten.“ Gla⸗ würde äbe 244 „Sie ſollten vielmehr fragen, was ſie ſagen würde, wenn ich eine ſolche Hoflichkeit verſäumte? Ei, Herr, wenn ich Jemand treffe, der Shakſpeare's Sonette kennt, um nichts von dem Lichte der gerin⸗ geren Sterne zu ſagen, was in acht Jahren nur einmal geſchehen iſt, glauben Sie nicht, daß ich ihn ſo viel als möglich ehren werde? überdies iſt es nur eine Viertelmeile bis zur Landſtraße und ich gehe gern zu Fuße nach einem Regenſchauer.“ „Ich werde wohl ſelbſtfüchtig genug ſein müſſen, das Anerbieten anzunehmen, Mrs. Cole,“ ſagte Clarence. Mrs. Cole gab erröthend und lächelnd ihre Ein⸗ willigung, worauf Clarence der ganzen Geſellſchaft, Großvater und Kinder mit eingeſchloſſen, die Hände drückte und ſich entfernte. Da Cole jetzt zu Fuße ging, ſo nahm Linden den Zügel ſeines Pferdes üher den Arm und ging neben ſeinem Wirthe her. „Ich darf alſo nicht nach den Gründen Ihrer Zurückgezogenheit fragen?“ ſagte er lächelnd. „Im Gegentheil,“ erwiberte Cole,„bin ich um ſo lieber mit Ihnen gegangen, um ſie Ihnen mitzu⸗ theilen, denn wir Alle find gern conſequent ſelbſt in unſeren abenteuerlichen Unternehmungen. Ich muß geſtehen, daß ich vor ſechs Jahren meines Wander⸗ lebens ein wenig überdrüßig zu werden begann; als mein Sohn heranwuchs, hedurfte er Spielkameraden; ſoll ich Ihnen geſtehen, daß ich ihn nicht gerne unter den Kindern meiner eigenen Kameraden ſah Die alten Kerle waren gut genng für mich, aber die Jungen zn ſchlecht für meinen Sohn. Unter uns ſei es geſagt, Bulwer, der Verſtoßene. II. 16 242 mein hoffuungsvoller Sohn war ſchon ein wenig ver⸗ vorben; der Hund Mim— Sie erinnern ſich des Mem, Herr— unterrichtete ihn insgeheim ſo gut im Stehlen, als wäre er ſein eigener Sprößling ge⸗ weſen, und wahrlich, unſere kleineren Beſitzthümer und Vorräthe, beſonders von eßbarer Natar, begannen ſo raſch und geheim zu verſchwinden, daß unſer wan⸗ vernder Palaſt es ſchwerlich ertragen konnte. Unter uns, d. h. unter den Zigeunern, gibt es ein Geſetz, nach welchem kein Mitglied der Bande einem Andern etwas wegſtehlen varf; aber mein kleiner Taugenichts wollte vurchaus nicht bei dieſer Unterſcheidung bleiben, und ſo kühn angelegt und ſo wohl ausgeführt waren ſeine Schurkereien, daß meine väterliche Beſorgni keine andere Ausſicht für ihn ſah als Botany⸗Bah auf der einen Seite und Newgate auf der andern.“ „Eine traurige Ausſicht für einen muthmaßlichen Erben,“ ſägte Clarenee. „So war es!“ antwortete Cole,„und dies brachte mich zum Nachdenken, denn ſo wie man älter wird, verdampft die Romantik ein wenig. Ich begann ju bemerken, daß ich zwar als Zigenner auferzogen, aber nicht eigentlich in ihren Kuͤnſten unterrichtet worden, und was noch ſchlimmer war, Lucy fühlte, obgleich ſie ſich nie beklagte, daß die Wände unſeres Palaſte nicht frei von den Feuchtigkeiten des Winters ſeien, noch unſer königlicher Zuſtand von den Flüchen des Callben Krämpfe Und Seitenſtechen, die den Athem hemmen. Sie wurde krank, und während ihrer Krankheit träumte ich h von unter Sohn als e Spei weni nicht wenn und * Zeit ſie n Groſ lichke ſie d die e und währ betre nenſl durch Fren leicht ſchaf mein der nähr gebr ihre ß ver⸗ h des o gut 8 ge⸗ hümer annen wan⸗ Unter Geſet, Undern nichts leiben, waren orgniß 9⸗Bah dern.“ ßlichen brachte wird, inn zu , aber orben, bgleich alaſtes , noch alihan äumte 243 ich häufig von warmen Zimmern, von Kohlenfener, von einem Freunde, mit vem ich mich über Chaucer unterhalten könnte, und von einem Lehrer für meinen Sohn, der ihn in andern Künſten unterrichten könnte, als einem Andern die Taſchen auszuleeren und die Speiſekammern zu plündern. Dennoch war ich ein wenig beſchämt wegen meiner Gedanken, und ich weiß nicht, ob ich ſie überhaupt würde ausgeführt haben, wenn nicht ein unbedeutender Umſtand den Zweifel und das Verlangen in Gewißheit verwandelt hätte. „Unſere muntern Geſellen hatten mich ſeit einiger Zeit mit Argwohn und Kälte betrachtet. Freilich hatten ſie mir anfangs wegen meiner Geburt und meiner Großmuth gegen ſie größere Vorrechte und Bequem⸗ lichkeiten eingeräumt, nach und nach aber verloren ſie die Achtung vor der einen und die Dankbarkeit für die andere, und da ich ihre Abenteuer ſelten theilte und auch während Luey's Krankheit, die mehre Monate währte, nicht bei ihren Fetlichkeiten zugegen war, ſo betrachteten ſie mich endlich als eine Drohne im Bie⸗ nenſtock und meinten, ich entſchädige ſie keineswegs durch meine Dienſte dafür, daß ſie mich als einen Fremden in ihre Bande aufgenommen. Sie können ſich leicht denken, mit wie ſchlechter Laune ſie die Herr⸗ ſchaft meiner ſtattlichen Caravane und die Anmaßung meines Oberbefehls ertrugen, als dies der Zuſtand der Gefüble gegen mich wurde. Vor allen Dingen nährten die Weiber die Uneinigkeit, welche ſehr auf⸗ gebracht darüber waren, daß ſich Lueh beſtändig von ihren Gelagen fern hielt, und endlich glaube ich 244 wirklich, daß ihnen nichts mehr ein Dorn im Auge ſein konnte, als weine hölzerne Wohnung und der Rauch aus dem einzigen Kamin. „Von böſem Willen gingen die Schurken zu böſen Handlungen über, und in einer Nacht, als wir unſer Lager auf derſelben Stelle aufgeſchlagen hatten, wo Sie uns beſuchten, machten Drei von ihnen, Mim an ihrer Spitze, in meiner eigenen Wohnung einen Angriff auf mich. Ich glaube in der That, wenn ſie ſich meiner bemeiſtert hätten, ſo würden ſie uns be⸗ rauht und ſämmtlich ermordet haben, vielleicht mit Ausnahme meines Sohnes, von dem ſie glaubten, vaß ich ihn übel behandle, weil ich ihn von Mims lehrreicher Geſellſchaft fern hielt. Indeſſen war ich noch auf, als ſie den Angriff machten, und mit Hülfe eines Hirſchfängers und eines ziemlich ſtarken Armes trieb ich die Angreifenden zurück; doch noch in derſelben Nacht zog ich aus Agyptenland und eilte ſo ſchul als möglich zu der nächſten Stabt, welche, wie Sie ſich erinnern, W* war. „Hier erfuhr ich am nächſten Tage, vaß das Hans, welches wir jetzt bewohnen, zu verkaufen ſei. Et hatte, wie ſchon geſagt, der Familie meiner Mutter gehört und mein Vater hatte es kurz vor ſeinem Tove verkanft. Es war das Haus, aus dem man mich geſtohlen, und in welches man mich zurückgebracht hatte; oft auf meinen ſternenhellen Wanderungen war ich in Gedanken dorthin geeilt; und jetzt ſchien es, als intereſſire ſich die Vorſehung ſelbſt, indem ſie mir für mein Alter einen Zufluchtsort anbot, nach dem Entfe Volks meine ſo eb daß r manti Neſt gebefſ glaul meine mung Böſe, mel nach Clare „ in de ſie a ihm einen wo e „ Auge p der böſen unſer „wWo Mim einen n ſie s be⸗ t mit ubten, Mim' ar ich Hülfe Armes ſelben ſchnell „ wie Haus, Et Mutter Tode tmich ebracht rungen ien es, em ſie „ nach 245 bem ich mich vor allem andern geſehnt, für meine Eutfernung von der Regierung eines undankbaren Volks und für die Buße meiner Sünden, die ich auf meiner Wanverung begangen. „Kurz, Herr, ich kaufte die Beſitzung, die Sie ſo eben geſehen, und jetzt denke ich am Ende doch, daß mehr Glück in der Wirklichkeit als in der Ro⸗ mantik liegt. Gleich der Lerche will ich hier mein Neſt bauen: Hier gib dem müden Geiſte Ruh und Frieden, Erhebe meine niedrigen Gedanken Von dieſer Erd'.“ „Und Ihr Sohn,“ ſagte Clarenee,„hat er ſich gebeſſert?“ „O ja,“ antwortete Cole.„Ich meines Theils glaube, daß der Geiſt weniger böſe iſt als die Leute meinen; ſeine vorzüglichſte Eigenſchaft iſt Nachah⸗ mung, und er wird das Gute nachahmen, wie vas Böſe, wenn wir ihm das Beiſpiel geben. Dem Him⸗ mel ſei Dank, Herr, daß mein Sohn jetzt von Dau nach Berſeba gehen könnte, ohne eine Geiß zu ſtehlen.“ „Welche Abſicht haben Sie mit ihm?“ ſagte Clarenee. „Nun, er liebt die Abenteuer, und ich kann ihn in der That nicht davon abbringen, denn ich liebe ſie auch; daher denke ich, wird es am Beßen ſein, ihm eine Stelle bei der Armee zu kaufen, damit er einen paſſenden und geſetzmäßigen Wirkungskreis hat, wo er ſich ſeiner Neigung hingeben kann.“ „Sie könnten nichts Beſſeres thun,“ ſagte Cla⸗ 246 renee.„Aber was ſagt Ihre feine Schweſter zu Ihrer Verheſſerung?“ „Ohl ſie ſchrieb mir einen langen Glückwünſchungt⸗ brief darüber, und ſcheint geneigt, uns jeden andern Sommer auf drei Monate mit einem Beſuche zu beehren, zu welcher Zeit ich bemerke, daß die arme Luch ſich gewöhnlich ſehr unbehoglich fühlt. Wir ſitzen in dem beſten Zimmer und jagen die Hunde hinaus; mein Schwiegervater raucht ſeine Pfeife in der Laube, anſtatt in dem Geſellſchaftszimmer, und ich erhalte verſchiedene vergebliche Winke über die Schicklichkeit, ſich zum Mittageſſen noch einmal he⸗ ſonders anzukleiden. In Erwiderung dieſer Aufmerk⸗ ſamkeiten von unſerer Seite bringt meine Schweſtt meinem Knaben beſtändig als Geſchenk ein Paar weißt Handſchuhe und meiner Frau ein franzöſiſches Ban nach dem neueſten Muſter mit; und anſtatt, daß ich am Abend den Shakſpeare leſe, erzählt ſie uns Aut⸗ doten vom vornehmen Leben, und wenn ſie geht, läßt ſie uns als Erwiderung für unſere Gaſtfreundſchaft eine ſehr allgemeine und behutſame Einladung in ihr Haus zu Theil werden. Luch ſpricht zuweilen davo, dieſelben anzunehmen; doch ich leihe ſolchen Einla⸗ dungen ein taubes Ohr, und ſo bleiben wir weit beſſere Freunde, als wenn wir einander öfter ſähen.“ „Und wie lange iſt Ihr Schwiegervater ſchon bei Ihnen?“ „So lange ich hier bin. Er gab ſeine Pachtun auf und beſorgt meine Landwirthſchaft für mich, dem ich verſtehe nichts von vergleichen Dingen. Ich vei⸗ hehlie zu be ſehene „ hört, Ihner der E ( /. than Erkur einige benn lange allen gleicht leben langt „ Mitth Ihrer den 6 der L Wirt ſelben ich ſu 6 lieren gewot Händ he zu arme Wir Hunde ife in und r die al he⸗ fmerk⸗ weſtet weiße Band daß ich Anel⸗ dſcheſt in ihr davoh, Einla⸗ r weit ähen.“ ſchon chtung 247 hehlte Luch ſeine Ankunft, um ihr eine überraſchung zu bereiten, und da hätten Sie Zeuge ihres Wieder⸗ ſehens ſein ſollen!“ „Ich denke, ich habe jetzt alle Einzelheiten ge⸗ hört,“ ſagte Clarence;„es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen Glück zu wünſchen. Werden Sie wirklich nie der Einförmigkeit des häuslichen Lebens überdrüſſig?“ „Ja— und vann thue ich, wie ich ſo eben ge⸗ than— ſattle den kleinen Johann und mache eine Erkurſion von drei oder vier Tagen over ſelbſt von einigen Wochen, ſo wie mir gerade die Laune kommt; benn ich kehre nie eher zurück, als bis mich das Ver⸗ langen nach Hauſe zieht, und das Geſühl, daß nach allen Wanderungen kein Ort dem heimiſchen Herde gleicht. Wenn man im öffentlichen, ſo wie im Privat⸗ leben ein wenig von ſeiner Freiheit aufgiht, ſo er⸗ langt man vafür viel Bequemlichkeit.“ „Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre offene Mittheilung,“ ſagte Clarence;„ſie hat in Betreff Ihrer manche Zweifel gelöst, die mir oft wieder in den Sinn gekommen find. Und nun find wir auf der Landſtraße, und ich muß Ihnen Lebewohl ſagen. Wir trennen uns, aber unſere Pfade fähren zu dem⸗ ſelben Ziel— Sie kehren zu dem Glücke zurück, und ich ſuche es.“ „Mögen Sie es finden, und ich es nicht ver⸗ lieren, Herr,“ ſagte der für das häusliche Leben gewonnene Wanderer, und mit einem herzlichen Händedruck trennten ſich die Beiden. 248 Achtundſechszigſtes Kapitel. Quicquid agit Rufus, nihil est nisi Naevia Rufo, Si gaudet, si flet, si tacet, hane loquitur; Coenat, propinat, poscit, negat, annuit, una es Naevia; si non sit Naevia, mutus erit. Seriberet hesterna patri cum luce salutem Naevia lux, inquit, Naevin numen, ave. Martial. „Das letztemal,“ ſagte Clarence bei ſich ſelber, „als ich dieſen Weg ritt, was gerade in derſelben Abſicht geſchah, erinnere ich mich, daß ich mit de Geſellſchaft eines Mannes beehrt wurde, der meinen redlichen Wirthe in jeder Hinſicht entgegengeſetzt wat denn ſo wie in dem Letzteren eine freie und exeeu⸗ triſche Wildheit liegt, eine offene und biedere Ein⸗ fachheit und ein geſunder Verſtand, der nicht nah Reichthum, ſondern nach Frieden ſtrebt, ſo liegt in dem Geiſte des Freundes der verſtorbenen Lady Wa⸗ vilove eine flache und eingeengte Abgeſchloſſenheit be Gedankens— eine Beſchränkung auf Handel und Proſit jeder Art— ſeine Gedanken verwandeln Senß töpfe, Ringe, Affen, goldene Ketten, Porzellange⸗ ſchirre und pflaumfarbige ſammetne Unausſprechliche mit der Alchymie des Handels in Gold; doch iſt e auch ſo ſchlau und ſcharfſichtig, wie der, von deſſe Charakter er ſo ſehr abweicht, und ſucht gleich ihn Bequemlichkeit und Heiterkeit und einen Zuflochtsort für ſeine alten Tage Seltſam, daß alle Temperamente einen gemeinſchaftlichen Zweck haben, und nie einen gemeinſchaftlichen Weg vazu wählen. Aber da ih den er f mich gegn Unte keite ange über Welt philr rung Glü hat, und Ken der men Vor der Unt Tho Hei wah Fur die hab end ein wa y Wad⸗ heit de del und n Senf zellange⸗ rechliche ch iſt e n deſſe eich ihn luchtsor eramente tie einen r da ih 249 den Contraſt begonnen habe, ſo will ich hoffen, vaß er ſich in ſeiner glücklichen Vorbedentung auch auf mich erſtrecken möge; ich will hoffen, da mir die Be⸗ gegnung des Handelsmannes Unglück in meinem Unternehmen brachte, indem dadurch die Mühſelig⸗ keiten und fehlgeſchlagenen Erwartungen derjenigen angedeutet werden, die ſich mit Betrügereien und übervortheilungen beſchäftigen, worin der Beruf der Welt beſteht, daß mein Zuſammentreffen mit dem philoſophiſchen Cole, der ſowohl auf ſeinen Wande⸗ rungen als in ſeiner Ruhe urſache hat, ſich ſeines Glücks zu rühmen, Autoritäten aus ſeinen Studien hat, um ſeine Neigung zu beiden zu begünſtigen, und Verſtand genug, zu verachten, was er mit Sir Kenelm Digby höchſt weiſe die verwelkenden Blüten der Erde nennen würde— ſo möge mein Zuſam⸗ mentreffen mit ihm ein Zeichen des Gelingens meines Vorhabens ſein und dadurch Einem Glück verheißen, der weder Reichthümer ſucht noch Ehre, noch die Unterſtützung der Schurken, und das gute Wort der Thoren, ſondern glückliche Liebe und eine ſlille Heimath.“ Halb meditlrend, halb moralifirend und mit dem wahren Sinne eines Liebenden Vorbedeutungen der Furcht oder Hoffnung aus Vorfällen ziehend, worin die einfache Vernunft nichts dergleichen würde bemerkt haben, ſetzte Clarenee ſeine Tagereiſe fort, und be⸗ endete ſie. Er kehrte in demſelben kleinen Gaſthauſe ein, welches er vor drei Johren beſucht hatte, und wariete eine Gelegenheit ab, Lady Flora allein zu 250 ſprechen. Glücklicher in dieſer Hinſicht als er es vorher geweſen, zeigte ſich ihm gleich am nächſten Tage eine ſolche Gelegenheit. Nennundſechszigſtes Kapitel. Herzog. Sir Valentin! Thurio. Dort iſt Silvia, und Silvia iſt mein. Valentin. Thurio, zurück. Die beiden Veroneſer. „Da der Morgen ſo ſchön iſt, Mama,“ ſagte Lady Flora zu ihrer Mutter,„ſo will ich in den Pavillon gehen und meine Zeichnung beenden.“ „Aber Lord ulswater wird in einer Stunde oder vielleicht noch früher da ſein— darf ich ihm ſagen, wo Du biſt, und ihn zu Dir gehen laſſen?“ „Wenn Sie ihn begleiten wollen,“ antwortete Lady Flora kalt, indem ſie ihre Mappe nahm und ſich entfernte. Nun war der Pavillon ein kleines Sommerhaus in dem entfernteſten Theile des Parks. Es war der Lieblingsaufenthalt für Lady Flora ſelbſt in den Wintermonaten, denn warme Fußdecken, eine geſchützte Lage und ein Kamin, der mehr zur Be⸗ quemlichkeit als zur Okonomie eingerichtet war, mach⸗ ten es kaum weniger dieſer Jahreszeit angemeſſen, als der milderen Sonne des Sommers. Der Morgen war ſo klar und milde, daß Labh Flora die Thür offen ließ, als ſie eintrat; ſie ſetzte ſich an den Tiſch und ließ, ohne an ihre beabſich⸗ tigte Veſchäftigung zu denken, die Mappe ungeöffnet. Inden mit 1 die T melter Auger als ol wenig Kumn D Schw ihre! rence „ eigene Jahre varf mißve blick vereit Flora 2 wußt mehr die i vorg L gekor mit folge blick net. 251 Indem ſie ihre Wange auf die Hand ſtützte, ſah fie mit leerem Blicke auf den Boden und empfand kaum die Thränen, die ſich langſam in ihren Augen ſam⸗ melten, aber nicht niederfielen, ſondern an den ſchönen Augenlidern kalt und bewegungslos hängen blieben, als ob der Gedanke, der ſie dorthin gelockt, aus einem weniger aufgeregten als ſtarren und ſchweigenden Kummer entſtanden ſei. Der Schatten eines Mannes verdunkelte die Schwelle und blieb dort ſtehen. Langſam erhob Flora ihre Augen, und im nächſten Augenblick war Cla⸗ rence Linden an ihrer Seite und zu ihren Füßen. „Flora,“ ſagte er in einem Tone, der von ſeiner eigenen Aufregung erzitterte—„Flora, haben die Jahre uns in der That auf immer getrennt— oder darf ich hoffen, daß wir beiderſeitig unſere Herzen mißverſtanden haben, und daß ſie in dieſem Augen⸗ blick mit mehr als der alten Zärtlichkeit und Treue vereint zu werden wünſchen?— Reden Sie zu mir, Flora, nur ein Wort.“ Aber ſie war überwältigt, überraſcht und faſt be⸗ wußtlos auf den Stuhl niedergeſunken, und es währte mehre Augenblicke, ehe ſie Worte hervorbringen konnte, die ihr mehr ausgepreßt, als von ihren Gedanken vorgeſchrieben wurden. „Grauſam und beleidigend— weßhalb find Sie gekommen?— Wollen Sie mich zu einer ſolchen Zeit mit der Eerinnerung meiner früheren Thorheit ver⸗ folgen, oder— vder—“ Sie ſcwieg einen Augen⸗ blick verwirrt und zögernd, faßte ſich aber ſogleich und 252 ſetzte in ruhigerem Tone hinzu:„Gewiß, Sie haben keine Entſchuldigung für vieſe Zudringlichkeit— Si⸗ werden geſtatten, daß ich Sie verlaſſe.“ „Nein, o nein!“ rief Clarence heftig bewegt. „Haben Eie mir nicht Unrecht gethan, mich im tief⸗ ſten Herzen durch Ihre Ungerechtigkeit verwundet?— Und wollen Sie jetzt nicht hören, daß ich etwas ganz Anderes von Ihnen verdient habe?— Auf einem Bette des Fiebers und der Schmerzen dachte ich nur an Sie; ich erhob mich von demſelben, von der Hoff⸗ nung belebt, Sie zu gewinnen! Obgleich währen der Gefahr meiner Wunde und der varauf folgenden Krankheit von meinen genaueren Bekannten Ihr⸗ Eltern es allein verſäumten, den Mann mit einer Nachfrage zu beehren, den Sie mit Ihrer Achtung zu beglücken behaupteten, ſo ſchrieb ich doch, ſobalb ich im Stande war, die Feder zu halten, an Sie, und hat um eine Unterredung, um Sie von meiner Herkunft in Kenntniß zu ſetzen und Sie an das mir gegebene Verſprechen zu erinnern! Dieſer Brief wurbe mir unbeantwortet und unerbrochen zurückgeſchick. Mein Freund und Wohlthäter, deſſen Vermögen ich ſpäter erbte, verſprach mir, Ihren Vater zu befuchen und für mich zu ſprechen. Der Tod verhinderte dit Erfüllung ſeines Vorhabens. Kaum hatte ſich der Boden über ſeinen Sarg geſchloſſen, als ich, faſt un⸗ verantwortlich allein mit Ihnen beſchäftigt, an vieſen Ort kam! Drei Tage lang hielt ich mich in der Nähe Ihres Hauſes auf, und ſuchte Gelegenheit zu einer Unterredung! Ich konnte die qualvolle Erwan⸗ tung Vater habe die ka Ich ſ mich als ie gen r Bei n der YM ſellſch richte ſicht, deutu Nein ich li ich hi aber obgle Lüge Lord nicht Stolz Aber zu b durch nicht urſa Herz Flore haben Sie wegt. tief⸗ 1 ganz einem h un Hof⸗ ihrend enden Ihre einet chtung ſobalh Sie, meiner as mir wurde en ich ſuchen te die ch der aſt un⸗ dieſen in det eit zu rwar⸗ 253 tung nicht länger ertragen— ich ſchrieb an Sie, Ihr Vater beantwortete den Brief. Hier— hier— ich habe ihn noch— leſen Sie!— beachten Ste wohl die kalte, verdammungsvolle Beleidigung in jeder Leile! Ich ſehe, daß Sie nichts davon wußten: ich freue mich darüber! Können Sie ſich wundern, daß ich, als ich ihn erhielt, mich keinen ähnlichen Beleidigun⸗ gen mehr ausſetzen wollte? Ich eilte ins Ausland. Bei meiner Rückkehr begegnete ich Ihnen. Wo? In der Menge— in dem Schimmer mitternächtlicher Ge⸗ ſellſchaften— in dem Strudel deſſen, was die Thö⸗ richten Vergnügen nennen! Ich beobachtete Ihr Ge⸗ ſicht, Ihr Weſen; zeigte ſich darin die geringſte An⸗ deutung zärtlicher oder hedauernder Erinnerung? Nein! Ich bemühte mich, mein Herz zu verhärten; ich ließ mich auf Politik, Geſchäfte, Intrigue ein— ich hoffte und bemühte mich eifrig, Sie zu vergeſſen, aber vergebens. Endlich hörte ich, daß das Gerücht, obgleich es ſich ſchon längſt verbreitet hatte, keine Lüge ſei, und daß Sie wirklich verheirathet— an Lord ulswater verheirathet werden ſollten! Ich will nicht ſagen, was ich litt, oder wie vergeblich ich den Stolz zu Hülfe rief, um der Neigung zu widerſtehen! Aber ich würde auch jetzt nicht gekommen ſein, Sie zu beläſtigen, Flora— Ihre hochzeitliche Freude durch einen Gevanken an mich zu ſtören, hätte ich nicht, verzeihen Sie mir, plötzlich geträumt, ich hätte urſache zu hoffen, daß Sie mich verkannt und mein Herz nicht verworfen, daß— Sie wenden ſich ab⸗ Flora— Sie erröthen— Sie weinen!— Oh, ſagen 254 Sie mir mit einem Wort, einem Blick, baß ich mich nicht getäuſcht habe!“ „Nein, nein, Clarenee,“ ſagte Flora, mit ihren Thränen kämpfend;„es iſt zu ſpät, zu ſpät! Oh, warum wußte ich dies nicht früher? Ich habe mein Wort gegeben, und bin gebunden!— In weniger als zwei Monaten werde ich vas Weib eines Andern ſein!“ „Nimmermehr,“ rief Clarenee,„nimmermehr! Sie gaben Ihr Verſprechen in einer falſchen Mei⸗ nung; man wird ein ſolches Verſprechen nicht fit bindend halten. Wer iſt es, der auf Sie Auſpruch macht? Ich bin Seinesgleichen an Geburt— und nach der Anſicht der Welt— und oh! wie viel größer iſt meine Liebe! Ich will ihm ins Geſicht meinen Anſpruch an Sie behaupten— ja, ich will nicht au vieſer Gegend weichen, bis Ihr Viter und mein Neben⸗ buhler das mir widerfahrene Unrecht wieder gut ge⸗ macht haben!“ „So ſei es, Herr!“ rief eine Stimme, und Clarenee ſich umwendete, erblickte er Lord Ulswatet. Sein dunkles Geſicht war von Wuth geröthet, die n vergebens zu verbergen ſuchte, und das Lächeln der Verachtung, welches er auf ſeine Lippen zu bringen ſuchte, bildete einen gräßlichen und unnatürlichen Gontraſt zu den finſtern Braunen und dem Feuer in ſeinen Augen—„ſo ſei es, Herr,“ ſagte er ſih langſam nähernd und Clarence entgegentretend;„Sie wollen meine Anſprüche an Laty Flora Ardenne“ Hand beſtreiten, welche längſt einem Manne verſprr⸗ chen iſt, der, ſo unwürdig er auch einer ſolchen Gohe ſein gen! ander wir buhle G ihm in de an de Furch Geſic „ renee, Jahre lübde. dieſe trennt ihrem Mißv dunke mein tigen. huhle ſeinig hat, lichen thum iſt— komm mit n h mic t ihren Oh, e mein ger alz ſein!“ rmehr! n Mei⸗ icht fir nſpruch — und größer meinen icht au Neben⸗ gut ge⸗ und alz lswater. , die er heln der bringen türlichen Feuer in er ſih ;„Ei⸗ rdenne“ verſpr⸗ en Geb 255 ſein mag, wenigſtens weiß, wie er ſie zu vertheibi⸗ gen hat. Es iſt gut, aber laſſen Sie uns den Streit anterswo entſcheiden. Es ißt nicht das erſtemal, daß wir einander begegnet ſind, wenn nicht als Neben⸗ buhler, doch als Feinde.“ Clarence wendete ſich, ohne zu antworten, von ihm ab, denn er ſah, daß Lady Weſtborvugh eben in den Pavillon getreten war und ſtumm und ſtarr an ver Thür ſtehen blieb, während ſich überraſchung, Furcht und Arger in ihrem königlichen und ſchönen Geſichte malten. „Ich wende mich an Sie, Mabame,“ ſagte Cla⸗ renee, ſich ihr nähernd.„Schon vor vier langen Jahren wechſelten Ihre Tochter und ich unſere Ge⸗ lübde. Ich ſchmeichelte mir mit der Hoffnung, daß dieſe Gelübde nicht Ihr Mißfallen hätten; ſeitdem trennte uns ein Mißverſtändniß, welches meinem und ihrem Glück tödtlich war. Ich komme jetzt, um das Mißverſtändniß aufzuklären. Meine Geburt mag dunkel geſchienen haben, ich komme, ſie aufzuklären: mein Betragen zweifelhaft: ich komme, es zu recht⸗ tigen. Ich finde Lord Ulswater als meinen Neben⸗ buhler. Ich bin bereit, meine Anſprüche mit den ſeinigen zu vergleichen. Ich bekenne, daß er Titel hat, die ich nicht habe, die ich aber von ver könig⸗ lichen Gunſt ſogleich erlangen kann— daß er Reich⸗ thum beſitzt, wogegen der meine nur gutes Auskommen iſt— aber Reichthum, als das Mittel zum Glück, kommt hier nicht in Betracht. Bei einer Verbindung mit mir haben Sie nur meinen Ruf und meine Ab⸗ 256 kunft zu berückfichtigen: die letztere iſt aber ſo rein und hoch, wie die meines Nebenbuhlers, und der erſtere ſteht bereits auf einer Höhe, welche zu er⸗ reichen Lord ulswater ſich ſelbſt in ſeinen kähnſten Träumen nicht einfallen laſſen wird. Im übrigen, Madame, beſchwöre ich Sie feierlich, ſo wahr Sie den Frieden Ihrer Seele, das Glück Ihrer Tochter, und Ihre Freiheit von den Qualen künftiger Reue ſchätzen— ich beſchwöre Sie, die nicht zu trennen, welche Gott, der im tiefen Herzen und in dem ge⸗ gebenen Worte redet, bereits verhunden hat. Dies iſt eine Frage, wobei das dauernde Weh ober das dauernde Glück Ihrer Tochter von der gegenwit⸗ tigen Stunde an bis zum letzten Augenblick dez Lebens auf dem Spiele ſteht. An ſie wende ich mih — ſie mag entſcheiden.“ Und Clarenee entfernte ſich von Lady Weſtborongh, die bewegt, erſchreckt von dem Zauber einer Macht und einer Natur, von der ſie nie geträumt, bleich un ſprachlos daſtand, und vergebens zu antworten ver⸗ ſuchte. Er näherte ſich Lady Flora, die ſich bei ihren ſtreitenden Bewegungen krampfhaft ſchluchzeud an die Wand lehnte; aber Lord Ulswater, deſſen feurige Blut vor Leidenſchaft kochte, flellte ſich zwiſchen Cle⸗ rence und den unglücklichen Gegenſtand des Streiles⸗ „Berühren Sie ſie nicht, nähern Sie ſich ihr nicht,“ ſagte er in heftigem und drohendem Lon⸗ „bis Sie bewieſen haben, daß Ihre Anſprüche höhe ſind als die meinen. Unbekannt, anmaßend und wahr⸗ ſcheinlich niedrig geboren, wie Sie find, ſollen Se liche C ruhige kurze Ruhe Befehl Herr, ſein m Gegen der B Flora' Wunſe zu der bereits von 2 trifft, Ihnen ſoll, ertheil ſtand Bu rein d der zu er⸗ huſten rigen, r Gie ochter, Reue ennen, m ge⸗ Dies er das enwir⸗ ick des mih rongh, cht und ich und en vet⸗ ei ihren an die feuriges en Cli⸗ treiles, ſich ih m Ton, e höher d wahr⸗ en Eit 257 nur über meinen Körper ſchreiten, um zu Ihrem Zwecke zu gelangen.“ Clarenee ſtand einen Augenblick pill, und ſuchte offenbar ſeine Wuth zu bemeiſtern, die im eigentlich⸗ ſten Sinne ſeine Geſtalt über ſeine gewöhnlichen Pry⸗ portionen erhob. Lady Weßtborough faßte ſich nach einer kurzen Pauſe, trat zwiſchen Beide, nahm ihrer Tochter Hand und führte ſie aus dem Pavillvn. „Warten Sie noch einen Angenblick Madame,“ rief Clarence, indem er ihr Gewand faßte. Lady Weſtborvugh blieb ſtehen, erhoh ihre ſiatt⸗ liche Geſtalt zu ihrer vollen Höhe und ſagte mit jener ruhigen Würde, wodurch ein Weib ſo oft auf eine kurze Zeit die zornigen Leidenſchaften der Männer zur Ruhe bringt:„Empfangen Sie die Bitte und den Befehl einer Mutter, Lord Ulswater, und Ste, mein Herr, welches auch Ihr wirklicher Rang und Name ſein mag, die Aufforderung, meine und meiner Tochter Gegenwart nicht zur Seene eines Kampfes zu machen, der Beiden Schande bringt. Noch weiter, wenn Lady Flora's Hand und meine Zuſtimmung ein Gegenſtand des Wunſches für Einen von Ihnen iſt, ſo mache ich es zu der ausvrücklichen Bedingung, daß ein Streit, der bereits für ihren guten Namen entehrend iſt, nicht von Worten zu Handlungen übergehe. Was Sie be⸗ trifft, Herr Linden, wenn ich Gie ſo nennen darf, Ihnen verſpreche ich, daß es meiner Tochter freiſtehen ſoll, jene Antwort auf Ihr ſeltſames Betragen zu ertheilen, welche ihre eigene Würbe und ihr guter Ver⸗ ſtand ihr eingeben werden.“ Bulwer, der Verſtoßene. I. 17 258 „Beim Himmel!“ rief Lord Ulswater, gänzlich außer ſich vor Wuth, die er zu Anfang von Lady Weſtborvughs Rede unterdrückt, die aher am Schluß ſich verdoppelt hatte.„Sie werden doch nicht zuge⸗ hen, daß Lady Flora oder irgend Jemand anders alz ihr verlobter Bräutigam, ihr einziger rechtmäßiger Vertheidiger, dieſem anmaßenden Menſchen antworte Sie können voch nicht varan denken, daß ihre Hand, die Hand meiner zukünftigen Gattin, eine Zeile vber ein Wort an einen Menſchen ſchreibe, der ſie ſo ſehr mit ſeinen Anträgen und mich mit ſeiner Rivalitit beleidigt hat?“ „Mann!“ rief Clarenee plötzlich, indem er hefüz Lord ulswaters Arm ergriff,„es gibt Dinge, welce Feuer aus dem Eiſe locken können— hüten Sie ſich — hüten Sie ſich, mich aufzuregen, meine Seele j beflecken mit dem Blute eines—“ „Was?“ rief Lord Ulswater. Clarenee beugte ſich nieder und flüſterte ihm ein Wort in's Ohr. Wäre dieſes Wort der Zauber geweſen, womit bi Zauberer des Alterthums den Teufel entwaffneten, ſo hätte es keine größere Veränderung in Lord Uh⸗ water's Geſicht und Miene hervorbringen köunen. Gt taumelte mehre Schritte zurück; die Glut auf ſeinr dunklen Wange ging in Todtenhläſſe über; das Wort welches die Leidenſchaft ihm eingab, erſtarb auf ſel⸗ ner Lippe und er ſtand da, ſeine weitgeöffneten Augen auf Linden's Geſicht gerichtet, in welchem ſein ftarter Blick eine unerfreuliche Gewißheit zu finden ſchien änzlich Ladh Schluß zuge⸗ rs alz täßiger wyrte! Hand, ile vbet ſo ſehr ivalitit heftig „welche Sie ſich eele i hm ein mit bie eten, ſo rd nl⸗ en. Er f ſeiner s Wort, auf ſei⸗ Augen ſtarter ſchien 259 Aber Linden wartete nicht, bis er ſeine Faſſung wie⸗ der erlangt hatte, ſondern eilte Lady Weſtborvugh nach, die mit ihrer Tochter raſch auf das Haus zuging. „Verzeihen Sie mir, Lady Weſtborvugh,“ ſagte er, als er ſich näherte, mit dem Tone und der Miene des tiefſten Reſpekts,„verzeihen Sie mir— aber darf ich nicht hoffen, daß Lady Flora und Sie in einem Augenblick größerer Ruhe Alles überlegen wer⸗ den, was ich geſagt habe— und daß Sie— Sie, Lady Flora, mir eine Zeile einer vorurtheilsfreien Antwort auf eine Liebe zu Theil werden laſſen, ſo ſehr ſie auch verkannt und verleumvet ſein mag, die aher nichts an ſich hat, was Derjenigen Schande bringen könnte, welcher ſie mit dauernder Beſtändigkeit und ungetrübter, vbgleich hoffnungsloſer Glut unverletzlich geweiht geweſen?“ Lady Flora ſprach nicht, erhob aber ihre Augen zu den ſeinigen, und in dieſem Blicke lag ein Zau⸗ ber, der ſein Herz von plötzlich auflodernder Freude erglühen machte, die ihn für die Dunkelheit der Jahre entſchäbigte. „Ich verſichere Ihnen, mein Herr,“ ſagte Laby Weſthorvugh, wider ihren Willen von der Aufrich⸗ tigkeit und dem Reſpekt, die Lindens Benehmen zeigte, gerührt,„vaß Laty Flora auf jeden Brief der Er⸗ klärung oder des Vorſchlages antworten wird, und ich nicht einmal ihre Antwort ſehen will. Wohin ſoll fie geſchickt werden?“ „Ich habe meine Wohnung in dem Gaſthauſe an 260 dem Thore Ihres Parks aufgeſchlagen. Dort werde ich bleiben— his— bis—“ Clarenee ſchwieg, denn ſein Herz war voll, und indem er es ſeinen Zuhörern überließ, den Satz zu vollenden, entſernte er ſich aus ihrem Wege und ließ ſie vorübergeben. Als er ſeine Augen an dem letzten Schimmer ihrer Geſtalt weidete, ehe eine Wendung des Ganges ſie ſeinem Anblick entzog, hörte er einen raſchen Schritt hinter fich; Lord Ulswater kam näher, legte ſeine Hand auf Linden's Schulter und ſagte ruhig:„Sind Sie mit den Beweiſen verſehen, un vas Wort zu beſtätigen, welches Sie ausgeſprochen?“ „Ja, vas bin ich!“ verſetzte Clarenee hochmüthig. „Und wollen Sie ſie mir mittheilen?“ „Sobald Sie Muße dazu haben, Mylord,“ ver⸗ ſetzte Clarenee. „Gut!— beſtimmen Sie die Zeit, und ich werde Ihnen aufwarten.“ „Am Dienſtag— ich muß bis vehin geit hehen, um meine Zeugen zu ſtellen.“ „So ſei es— doch halt, am Dienſtag habe ich ein militäriſches Geſchäft zu W“*, einige Meilen von hier— am nächſten Tage alſo— und beſtim⸗ men Sie den Ort.“ „Hier alſo, Mylord,“ antwortete Clarence;„Sie haben mich vor Lady Weſtborongh und Ihrer ver⸗ lobten Braut gröblich beleidigt, und vor ihnen muß meine Rechtfertigung geſchehen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Lord uſswater;„ſo ſei es, alſo hier um zwölf Uhr.“ unb denſe wahr ſein, ſoll netw jetzt will Zuſa entſa mant ſeine hafte zu d boro: theile auf Fri Weſt werde „ und atz zu d ließ letzten ndung einen näher, ſagte „un hen üthig. vet⸗ werde hahen, be c Neilen eſtim⸗ „Sie ver⸗ muß oſp 261 Clarence nickte zuſtimmend und entfernie ſich. Lord ulswater blieb mit niebergeſchlagenen Augen unb einer Stirn, auf welcher Nachdenken der Lei⸗ denſchaft folgte, auf der Stelle ſtehen.„Wenn dies wahr iſt,“ ſagte er laut, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein,„ſo bin ich ihm Genugthuung ſchuldig, und er ſoll ſie von mir haben. Ich bin ſie ihm um mei⸗ netwillen, ſo wie eines Andern willen ſchuldig, der jetzt nicht mehr iſt. Bis wir uns wieder treffen, will ich Lady Flora nicht wiederſehen; nach jener Zuſammenkunft kann ich ihrer vielleicht auf immer entſagen.“ und mit dieſen Worten ging der junge Edel⸗ mann, der ungeachtet vieler üblen Eigenſchaften, auch ſeine Tugenden an ſich hatte, wovon eine launen⸗ hafte und unbeſtändige Gryßmuth eine war, langſam zu dem Hauſe, ſchrieb einen Brief an Lady Weſt⸗ borvugh, deſſen Inhalt das nächſte Kapitel mitthei⸗ theilen wird, ließ ſein Pferd bringen, ſchwang ſich auf daſſelbe und ritt haſtig fort. Siebenzigſtes Kapitel. Wir wollen prüfen, ob der Unfall ihm, Den man Beleidigung gewöhnlich nennt, Verdientermaßen widerfährt, ob nicht. Der neue Gaſthof. Prief von Lord Alswater an Lady Weſiborough. „Verzeihen Sie meine Heftigkeit, theuerſte Lady Weſtborongh, Sie kennen die Schwäche meines Tem⸗ 262 peramenis und werden deßhalb nachfichtig ſein. Ich habe Ihnen und Lady Flora eine Bitte vorzutragen, die Sie mir hoffentlich nicht abſchlagen werden. „Nehmen Sie bis Mittwoch keinen Beſuch und keine Mittheilung von Herrn Linden an, und erlau⸗ ben mir an dem Tage um zwölf Uhr mit ihm in Ihrem Hauſe zuſammenzutreffen. Ich werde dann entweder beweiſen, daß er der gemeinſte Betrüger iſt, oder wenn mir dies fehlſchlägt und Lady Flora meinen Nebenbuhler mit einem einzigen Gefühle dez Vorzuges beehrt, mich ohne Murren ihrem Beſchluſſ und meiner Zurückſetzung unterwerfen. Darf ich hof⸗ ſen, daß dieſe Bitte dem gewährt werden wird, der ſich mit großer Achtung und Ehrerbietung unier⸗ zeichnet u. ſ. w.“ „Dies trifft ſich ſehr glücklich,“ ſagte Lady Weſ⸗ borvugh ſanft zu ihrer Tochter, die ihren Kopf an den Buſen ihrer Mutter lehnte und ſich bereits Hof⸗ nungen hingab, die wegen ihres langen Schlummers um ſo ſüßer waren.„Wir werden jetzt Zeit haben, ſorgfältig zu überlegen, was für Dein künftiges Glüt vas Beſte ſein wird. Wir verdanken dieſen Aufſchuh einem Manne, mit dem Du verloht geweſen biſ. Laß uns daher nur kurz an Herrn Linden ſchreiben, und ihn von der Bitte des Lord ulswater in Kennt⸗ niß ſetzen, und ſagen, daß, wenn er zu der be⸗ ſtimmten Zeit mit Seiner Herrlichkeit zuſammentreffen wollte, ſo würden wir, d. h. ich, ſehr glücklich ſein ihn zu ſehen.“ Lady Flora ſeufzte, aber ſie ſah ein, daß v Vor ſie leiſe 1 ſie 6 Vor Lind des nicht er z meit verſ und ſein mit iſt gen heir Die zuſt Mit Lad len aus ſtin ren ſpr n. Ich tragen, n. ch und erlau⸗ ihm in e daun etrüger Flrn hle des eſchluſ⸗ ich hyf⸗ rd, der unier⸗ Weß⸗ opf an ts Hof⸗ ummers haben, es Gliüc ufſchuß en biß. hreiben, Kennt⸗ der he⸗ entreffen ich ſein, vaß der 263 Vorſchlag ihrer Mutter vernünftig war, und indem ſie Lady Weſtborvugh die Hand drückte, ſprach ſie leiſe ihre Zuſtimmung aus. „Auf jeden Fall,“ dachte Lady Weſtborvugh, als ſie an Clarenee ſchrieb,„kann die Sache nur zum Vortheil ausſchlagen. Wenn Lord Ulswater Herrn Lindens Unwürdigkeit beweist, ſo iſt die Bewerbung des Letzteren natürlich auf immer zu Ende; wenn nicht, und Herr Linden in der That Alles iſt, was er zu ſein hehauptet, ſo läßt ſich gegen die Wahl meiner Tochter nichts einwenden. Lord Ulswater verſpricht ſeine Anſprüche friedlich zurückzunehmen, und wenn Herr Linden gleich nicht ſeinen Rang und ſein Vermögen beſitzt, ſo iſt er doch gewiß ein Mann, mit welchem jede Familie, wenn er von altem Blut iſt, ſtolz ſein würde, eine Verbindung zu ſchließen.“ Indem Lady Weſtborough mit dieſen Betrachtun⸗ gen eine nicht unbedeutende Neugierde wegen des Ge⸗ heimniſſes verband, welches ſo viel Romantiſches an ſich hatte, ſchickte ſie ihren Brief an Clarence ab. Die Antwort war kurz, reſpektvoll, und nicht nur zuſtimmend, ſondern auch vankhar für den Vorſchlag- Mit dieſer Anordnung mußte Lady Weſthorough und Lady Flora, obgleich mit ſehr verſchiedenen Gefüh⸗ len, zufrieden ſein; und es wurde ſchweigend als ausgemacht angeſehen, daß, wenn Linden die be⸗ ſtimmte Prüfung tabellos beſtehen ſollte, Lady Flora's Wahl würde gebilligt und begünſtigt werden, wäh⸗ rend im Gegentheil, wenn Lord ulswater der ver⸗ ſprochene Beweis gelingen ſollte, ſein früheres Ver⸗ 264 häliniß zu der Familie vollkommen wiederhergeſtell, und unſer unglücklicher Abenteurer auf immer ver⸗ abſchiedet werden müſſe. Hierein willigte Lady Flora unbedenklich; denn mit einem ſichern und lebhaften Vertrauen auf die Wahr⸗ heit und Ehre ihres Geliebten, welches wegen ihres chemaligen Verdachtes zehnfach ſtärker war, wollie ſie ſich keinen Zweifel an dem glücklichen Erfolge er⸗ lauben, und mit einer Ungeduld, die mit einer won⸗ nevollen Heiterkeit des Geiſtes gemiſcht war, und ſe in die erſte Friſche ihrer jüngſten Jahre zurückver⸗ ſetzte, zählte ſie die Stunden und Augenblicke bis zu dem beſtimmten Tage. Lady Weſtborvugh, die ſich überzengt hielt, daß in keinem Falle das Glück, d. h. die Verheirathung, ihrer Tochter weſentlich gefährdet werden könne, und deren Vorliebe für Clarence einigermaßen den großen Beſitzungen und dem hohen Namen Ulswaters das Gleichgewicht hielt, beſänftigte ihre Ungeduld, indem ſie ſich über die Seltſamkeit von Lindens plötzlichem Wievererſcheinen wunderte, über ſein geheimnißvolles Weſen und das Schickſal, welches, nachdem es ſi durch ihre beſten Tage in aller brillanten Zahmheit des patriziſchen Lebens erhalten, ſie endlich in der Perſon ihrer Tochter in ein für ein ſolches Leben ſehr beträchtliches, romantiſches Geheimniß verwickelt hatte. Während dies der Zuſtand der Angelegenheiten in Weſtborvugh⸗Park war, hatte Clarence wieder eine neue Erkurſion angetreten. um Mittag des liegend des He Stadt, wie ei ſonne erſtreck und T aber n hie un wie dr zurück und V weiß u in Sä ten. und B 265 folgenden Tages nach dem verhängnißvollem Zuſam⸗ mentreffen mit Lady Flora, näherte er ſich den äußer⸗ ſten Grenzen der Grafſchaft, in welcher Mordaunt⸗ Cvurt und die denkwürdige Stadt W““ lagen. Die Eigenthümlichkeiten der Gegend waren jetzt ſehr ver⸗ ſchieden von denen, welche der Umgebung von Al⸗ gernons Beſitzung ihr wildes und uneultivirtes Anſehen verliehen hatte. Als Linden langſam einen beträchtlich ſteilen und langen Hügel hinunterritt, zeigte ſich ihm eine Aus⸗ ſicht von eigenthümlicher und üppiger Schönheit. Den größten aller engliſchen Flüſſe ſah er durch grünen Raſen, Schatten und Blumen dahinfließen und ſeinen ſilbernen gewundenen Weg fortſetzen. Am gegenüber⸗ liegenden ufer befand ſich, von den goldenen Farben des Herbſtes umgeben, die geſchäftige und volkreiche Stadt, die von der Höhe ſtill und leblos erſchien, wie eine bezauberte Stabt, über welcher die Mittags⸗ ſonne wie ein Schutzgeiſt ſchwehte. Im Hintergrunde erſtreckten ſich in wellenförmiger Abwechslung Wälder und Thäler und Felder, ihrer reichen Ernte beraubt, aber nach dem Auge eine gelbe Oberfläche darſtellend; hie und da zeigten ſich einige hellgrüne Stellen, welche wie durch einen Zauber in den vergangenen Frühling zurück verſetzten, während die Landſchaft von Thürmen und Weilern oder einſamen Hütten überſäet war, die, weiß und einſam, ihren ſchwachen Tribut des Rauches in Säulen zu den Altären des Himmels hinaufſende⸗ ten. Der Fluß war belebter als ſeine Ufer; Barken und Böte glitten munter zu Thal und die Ruder der 266 kleinen, dem Vergnügen gewidmeten Fahrzeuge tauch⸗ ten ſich in das Waſſer, welches aus der Ferne glatt wie ein Spiegel erſchien. Auf Lindens rechter Seite, als er den Hügel hin⸗ unterritt, befanden ſich große Anpflanzungen vyn Föhren und Eichen, die durch eine Einzäunung von dem Wege getrennt waren, deren unebene Seiten mit braunem Mooſe bedeckt waren und durch ſeltene Hf⸗ nungen in dem jungen Holz einen Blick auf einen Park von bedentendem Umfange gewährten, dem Schat⸗ platz manches ſtattlichen Dickichts und Eichenhainet, der den Druiven als Heiligthum und Tempel, paſſend für die wilde Erhabenheit ihrer Verehrung, mochte gedient haben. Bei dieſen ſeltenen Ausſichten hielt Clarenee ſei Pferd an und blickte mit ſüßen und doch biiteren Empfindungen üher die Einzäunung fort und über vie grüne Fläche dahin. Und einmal, als er durh die Bäume ein wenig von den weißen Wänden bez Herrenhauſes erblickte, ſchienen alle Jahre ſeiner Kinb⸗ heit in ſeinem Herzen wieder aufzuleben und die tief⸗ ſten Tiefen mit einer mächtigen und ſchmerzlichen, abe voch ſüßen Melodie zu durchbeben, und ſangen ihm von ſeinen Knabenjahren und den Freuden der Hei⸗ math. Heimath! Ja, unter dieſen Hainen hatte ber April ſeines Lebens ſein gemiſchtes Lächeln und ſein Thränen verſchwendet! Dort war die Stelle geheiligt vurch ſeine erſten Frenden! Und die Seene des Lei⸗ dens noch heiliger als die der Frenden!— Und mun, nach vielen Jahren kehrte der verbannte Knabe al glücklic einen k für ihr nung e burt u ſeiner Er kleine am en überla häuſer druck, hinau und 1 Kindh noch zens die i weſe ßönli Einz 267 glückicher und gedankenvoller Mann zurück, um nur einen kurzen Blick auf die Heimath zu werfen, die für ihn weniger gaßtlich geweſen war, als die Woh⸗ nung eines Fremden, und einen Zengen ſeiner Ge⸗ burt und Herkunft unter Denen zu finden, die ſich ſeiner erinnerten! Endlich ritt er um die Anhöhe und kam in eine kleine Stadt am Fuße des Hügels, die der größeren am entgegengeſetzten Ufer des Fluſſes gerade gegen⸗ überlag, brachte ſein Pferd in einem von den Gaſt⸗ häuſern unter und ſtieg dann mit gleichgültigem Aus⸗ druck, aber klopfendem Herzen, den Hügel wieder hinauf, trat durch eins von den Thoren in den Park und befand ſich wieder auf dem Schauplatze ſeiner Kinbheit. Einundſiebenzigſtes Kapitel. Oh, der Haushofmeiſter— ich hätte es vermuthen können. Erzählungen von den Kreuz⸗ fahrern. Der Abend brach ſchon an; Clarenee wanderte noch im Park und ſuchte mit dem Auge ſeines Her⸗ zens jede Erhöhung, jeden Baum und Raſen auf, die ihm einſt auf ſeinen Wanderungen vertraut ge⸗ weſen waren. Zu der Zeit, wo wir ihn dem Leſer wieber per⸗ ſönlich vorſtellen werden, lehnte er ſich an eine eiſerne Einzäunung, die am linken Flügel des Hauſes fort⸗ lief und den Garten von dem Park trennte, und blickte 268 mit gefalteten Armen und aufmerkſamen Augen auf die Seene hin, auf welche ſich vie Dämmerung gl⸗ mählig nieberſenkte. Das Haus war urſprünglich unter der Regierung Karls des Zweiten erbaut worden, hatte ſeitdem Ver⸗ änderungen und Vergrößerungen erfahren und ſtellte jetzt dem Auge ein umfangreiches Gebände im grie⸗ chiſchen vder vielmehr italieniſchen Styl dar, auf un⸗ paſſende Weiſe mit dem maſſiven Fenſter, den ſteiſen Giebeln und dem ſchweren Dache vereint, welche das unmittelbar auf die Revolution folgende Zeitalter ein⸗ führte. Die Größe des Gebäudes, ſo wie die un⸗ fangreichen Umgebungen waren hinreichend, die Wit⸗ kungen des Ganzen impoſant zu machen, während vielleicht eben der Styl der Architektur, nach unſer Geſchmacke nicht unſchön, berechnet war, eine ſtatt⸗ liche Bequemlichkeit mit der Pracht zu vereinen, und durch Feſtigkeit wieder gut zu machen, was an der Grazie fehlte. In geringer Entfernung ron dem Hanſe, und in viel höherer Lage, befanben ſich einige alte, mit Ephen bewachſene Ruinen, jetzt freilich nur noch wenige und raſch dem Verfall entgegengehend, aber hinläng⸗ lich vem Alterthums forſcher die berbleibſel veſſen u zeigen, was einſt eine Veſte von nicht gewöhnlicher Größe und Stärke geweſen war. Dies waren die Trümmer des alten Herrenhauſes, welches, der Sage nach, zur Zeit des Protektorats, während der Ver⸗ bannung des rechtmäßigen Beſitzers durch ein zufül⸗ liges Feuer in dieſen Zuſtand verſetzt worden. Bei ſeiner Rückkehr wurde das gegenwärtige Haus erbaut, und n Baule König im K gierun Stuar das B zu gel Ji ſeiner men, merte ſenger treffli Indiv darſte hören Geſich rauhe alten Mom Nach A Mant ſagte ich w alten Kleid dieſel weni 269 unb nach dem Gerüchte jener Tage bezahlte man die Bauleute mit dem Golde jenes großen franzöſiſchen Königs, der ebenſowohl im Frieden zu beſtechen, als im Kriege zu verwüſten wußte, und unter der Re⸗ gierung des Verworfenſten von dem Geſchlechte der Stuarts wenige Engländer fand, welche feſt gegen das Beiſpiel waren, welches ihr königlicher Herr ihnen zu geben ſich herabgelaſſen hatte. Jener Gründer des neuen Hauſes hinterließ aber ſeiner Nachkommenſchaft einen nicht unberühmten Na⸗ men, und bei ſeinem Porträt, worauf die unbeküm⸗ merte Heiterkeit, der gedankenloſe Muth und die ver⸗ ſengenden, leichtfertigen Laſter des Jahrhunderts vor⸗ trefflich ausgedrückt waren, und welches nicht nur das Individuum, ſondern auch die Zeit bewundernswürdig darſtellte, verweilte der zeigende Diener und der zu⸗ hörende Fremde länger als bei allen den grimmigen Geſichtern und bepanzerten Geſtalten ſeiner edleren und rauheren Vorfahren, die man aus dem Brande ihrer alten Halle gerettet hatte, um die Heimath und das Monument ihres prunkſüchtigen, aber unwürdigen Nachfolgers damit zu ſchmücken. Als Clarence ſo daſtand, ſah er einen ältlichen Mann auf ſich zukommen.„Dies trifft ſich glücklich,“ ſagte er bei ſich ſelber,„gerade per Mann, auf den ich wartete. Nun, die Jahre ſind leicht über den alten Warbvur dahingegangen: noch immer dieſelbe Kleidung— derſelbe feſte und langſame Schritt— dieſelbe aufrechte Geſtalt. In Wahrheit, im Außern wenigſtens iſt er vas Muſter eines Haushofmeiſters, und würde ein paſſender Seneſchal für Sir Hubert ſelber geweſen ſein!“ Der ſo bezeichnete Mann kam jetzt näher und fragte in etwas würdevollem, obgleich ſehr reſpekt⸗ vollem Tone, ob Clarenee ein Geſchäft hei ihm habe. „Ich bitie um Verzeihung,“ ſagte Clarenee, in⸗ dem er ſeinen Hut über das Geflcht zog,„daß ich mich zu dieſer Stunde ſo nahe bei dem Hauſe auf⸗ halte; aber ich habe es vor vielen Jahren geſehen und hin ein Gaſt in den Mauern deſſelhen geweſen, ſo daß mehr meinem Intereſſe für einen alten Freund, als meiner Neugierde, einen neuen zu betrachten, meine übertretung zuzuſchreiben iſt.“ „O Herr,“ antwortete Wardour, ein kurzer un rüſtiger Mann von vierundſechszig Jahren, der einen chokoladefarbigen Rock, graue Beinkleider und ſeibene Strümpfe von berſelben Farbe trug, die bei dem matten Lichte eine dunklere und traurigere Schattirung annahmen,„o Herr, keine Entſchuldigung. Es thut mir nur leid, daß es ſchon zu ſpät iſt, um Ihnen das Innere zu zeigen. Wenn Sie ſich in der Nähe aufhalten, wird es Ihnen vielleicht lieb ſein, es morgen zu ſehen. Sie waren vermuthlich bei Lebzeiten meines alten Herrn hier?“ „Ja!— Ich beſuchte ſeinen zweiten Sohn— wir waren Knaben zuſammen.“ „Was! Herrn Clinton?“ rief der alte Mann mit großer Lebhaftigkeit; dann veränderte er plötzlich ſei⸗ nen Tyn und ſetzte mit gedämpfter und trauriger er und r einen ſeidene ei dem ttirung Ss thut Ihnen Nähe norgen meines hn— in mit ch ſei⸗ uriger 271 Stimme hinzu:„Ach! der arme junge Herr, wo er wohl jetzt ſein mag?“ „Nun, iſt er nicht in dieſer Gegend?“ fragte Clarence. „Ja— nein— vas heißt, ich kann es eigent⸗ lich nicht ſagen, wo er iſt— ich wollte, ich wüßte es— der arme Herr Clinton— ich liebte ihn wie meinen eigenen Sohn.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen,“ ſagte Clarenee. Liegt etwas in Clinton l'Eſtrange's Schickſal, was Ihr Mitleid erregt? Wenn das iſt, ſo würden Sie ein beſſeres Gefühl als Neugierde in mir befriedigen, wenn Sie mich davon benachrichtigen wollten. Die Wahrheit iſt, ich kam hicher, um ihn aufzuſuchen; denn ich bin viele Jahre aus dem Lande abweſend geweſen, und bei meiner Rückkehr war meine erſte Frage nach meinem alten Freunde und Schulkamera⸗ den. In London wußte Niemand etwas von ihm, und ich bildete mir daher ein, daß er ſich auf dem Lande niedergelaſſen habe. Ich war vollkommen vor⸗ bereitet, ihn hier beſchäftigt zu finden, die Fuchs⸗ hunde abzurichten und die Waldgehege abzuſtecken; und Sie können ſich daher meine Kränkung vorſtellen, als ich in meinem Gaſthauſe erfuhr, daß er ſich ſeit vielen Jahren nicht hier aufgehalten habe— mehr weiß ich nicht!“ „Ja— ja— Herr,“ ſagte der alte Haushof⸗ meiſter, der Linden's Erzählung ſehr aufmerkſam an⸗ hörte,„hätten Sie nur einen von den Dorfleuten etwas genaner gusgefragt, ſo würden ſie wahrſchein⸗ 272 lich mehr erfahren haben! Doch es iſt eine Geſchichte, die ich nicht gern erzähle, obgleich ich früher ſtunden⸗ lang von Herrn Clinton erzählen konnte, wenn ich Je⸗ mand fand, der Geduld hatte, mir zuzuhören.“ „Sie haben in der That ein ſehr ſchmerzliches Verlangen in mir erregt, mehr zu erfahren,“ ſagte Clarenee;„und wenn ich mich nicht in Familien⸗ geheimniſſe eindränge, ſo würden Sie mich ſehr ver⸗ binden, wenn Sie mir einige Nachrichten von meinem Jugendfreunde ertheilen wollen.“ „Nun, Herr,“ verſetzte Wardour, der das Redben ebenſoſehr liebte, wie irgend ein anberer alter Herr von vierundſechzig Jahren, ohne ſeiner Beſonnenheit zu nahe zu treten,„wenn Sie ſich herablaſſen wol⸗ len in mein Haus zu kommen, ſo werde ich mich ſtolz und glücklich fühlen, mich mit einem Freunbe meines lieben jungen Herrn zu unterhalten, und die Nachricht, die ich gehen kann, ſteht Ihnen gerne zu Gebote.“ „Ich danke Ihnen aufrichtig,“ ſagte Clarenee; „doch erlauben Sie mir, eine Anderung in ihrem Vorſchlage zu machen, und Sie zu bitten, mich auf eine oder zwei Stunden in mein Gaſthaus zu be⸗ gleiten?“ „Nein, Herr,“ antwortete der alte Herr in be⸗ leidigtem Tone,„ich hoffe, Sie werden mich der Ehre Ihrer Geſellſchaft nicht für unwürdig halten. Dem Himmel ſei Dank, ich bin im Stande, von Zeit zu Zeit gaſtfrei zu ſein.“ Clarenee, welcher ſeine eigenen Gründe zu ſeinem Vor biete ehrli genö durc führ holle von Eph rene Hau ſeine Mät von beha keit lich jung habe für in u fälli Klei die Beg ſchichte, tunden⸗ ich Je⸗ rzlichet *ſagte milien⸗ hr ver⸗ neinem Reden Herr nenheit n wol⸗ mich reunde und die erne zu renee; ihrem ch auf zu be⸗ in be⸗ Ehre Dem eit eze ſeinem 273 Vorſchlage hatte, kämpfte noch gegen dieſes Aner⸗ hieten an, ſah ſich aber endlich, aus Furcht, den ehrlichen Haushofmeiſter 6 beleibigen, nachzugeben genöthigt. Indem ſie einen Pfad einſchlugen, der durch einen Theil der Anpflanzung zu einer Stelle führte, wo ſich ein kleiner Garten, der zierlich in holländiſchem Geſchmack angelegt war, und ein Haus von mittelmäßigem Umfange hefand, welches halb mit Epheu und Jasmin überwachſen war, blieben Cla⸗ renee und ſein Führer vor der Thür des erwähnten Hauſes ſtehen und der Letztere hieß ſeinen Gaſt in ſeiner Wohnung willkommen. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte Clarenee, als ein Mädchen die Thür öffnete, wenn ein heftiger Anfall von Rheumatismus mich nöthigt, meinen Hut aufzu⸗ behalten; Sie werden mir hoffentlich meine Unhöflich⸗ keit nachſehen.“ „Gewiß, Herr. Ich ſelber leide im Winter ſchreck⸗ lich am Rheumatismus— obgleich Sie noch ſehr jung ſind, um das Leiden eines alten Mannes zu haben. Oh, zu meiner Zeit ſorgten die Leute mehr für ihre Geſundheit, und das iſt der Grund, daß wir in unſerm Alter noch ſo rüſtige Kerle find.“ Und der würdige Haushofmeiſter blickte wohlge⸗ fällig auf ſeine Beine nieder, welche die zierlichen Kleider ſehr gut ausfüllten. „Es iſt wahr, Herr,“ ſagte Clarence, indem er vie Hand des Haushofmeiſters faßte, der eben im Begriff war, die Thür eines Zimmers zu öffnen; „aber ich muß Sie bitten, mich nicht zu den Bulwer, der Verſtoßene. II. S Ihrer Familie zu bringen. Und wenn mein Leben auf dem Spiele ſtände, könnte ich ſie nicht ſo belei⸗ digen, meinen Hut aufzubehalten. Ich weiß ſehr wohl, was man dem andern Geſchlechte ſchuldig iſt, und muß Sie meiner Geſundheit wegen ernßlich bit⸗ ten, welche während des ganzen folgenden Winterz varunter leiden würde, daß unſere Unterredung nicht in Gegenwart der Damen ſiattfinde.“ „Mein Herr, ich ehre Ihre Höflichkeit,“ ſagte der zierliche kleine Haushofmeiſter—„ich ſelber verehre die Damen gleich einem echten Britten; wir wollen uns daher in mein kleines Arbeitszimmer zurückziehen. Marie,“ ſagte er zu der Dienerin,„beſorge uns in einer halben Stunde ein gutes Abendeſſen, und ſage Deiner Frau, ich habe ein ganz beſonderes Geſchäft mit einem vornehmen Herrn und dürfe nicht geſtört werden.“ Nach dieſen Aufträgen ging der Haushofmeiſter zu dem äußerſten Ende des Hauſes, führte Clarenee in ein kleines Zimmer, welches mit verſchiedenen Geſetzbüchern, einer großen Karte von der Befitzung, einem Kupferſtich von dem letzten Beſitzer, einer roſtigen Flinte, die am Kamin hing, zwei ausge⸗ ſtopften Faſanen und einem kleinen Schenktiſch von Mahagoniholz verziert war, flellte ihm einen Stuhl hin und ſagte:„Unter uns, Herr, ſei es reſpektvoll geſagt, daß es mir gar nicht unlieb iſt, daß unſere kleine Mittheilung allein ſtattfindet. Damen find ſehr angenehm— ſehr angenehm in der That; aber ſi laſſen Einen nicht eine Geſchichte auf ſeine eigen⸗ Wei unge aber Hert Wor lung geth plau Geſe einer wir ſchöb daß! Stär arme wend und licher des K hübſe erinn ches und; zwei dem änder Clare Leben belei⸗ iß ſehr dig iſ, ich bit⸗ Pinterz g nicht igte der verehre wollen kziehen. uns in nd ſage geſchift geſtört fmeiſter larenet iedenen fitung, „einer ausge⸗ ſch von n Stuhl pektvoll unſere ind ſehr aber ſie eigene 275 Weiſe erzählen— fie find aber ungebulbig, Herr— ungebuldig— nichts weiter; es iſt eine Kleinigkeit, aber es iſt unangenehm; überdies war meine Frau Herrn Clinton's Pflegemutter, und ſie kann kein Wort von ihm reden hören, ohne eine lange Erzäh⸗ lung von ihm zu beginnen, was er als kleines Kind gethan und ſo weiter. Ich liebe es, wenn die Leute planderhaft find, aber nicht geſchwätzig; ich kann die Geſchwätzigkeit nicht leiden— wenigſtens nicht an einem Frauenzimmer. Aber wie wäre es, Herr, wenn wir unſere Geſchichte bis nach dem Abendeſſen auf⸗ ſchöben? Ein Glas Wein oder warmer Punſch macht, daß die Worte beſſer gleiten; überdies bedarf ich einer Stärkung, wenn ich von Herrn Clinton rebe. Der arme junge Herr, er war ſo ſchön!“ „Meinen Sie das?“ ſagte Clarenee ſich zum Feuer wendend. „Ob ich es meine!“ rief Warbour faſt ärgerlich, und ſogleich begann er eine Lobreve über die perſön⸗ lichen, moraliſchen und geiſtigen Vollkommenheiten des Herrn Clinton, welche ſo lange währte, bis die hübſche Marie eintrat, um den Tiſch zu vecken. Dies erinnerte den guten Alten an das Glus Wein, wel⸗ ches ſo wirkſam war, die Worte gleiten zu machen, und zu dem erwähnten Schenktiſch gehend, brachte er zwei Flaſchen mit Portwein zum Vorſchein. Nach⸗ dem er beide langſam und ſorgfältig abgeklärt, ver⸗ änderte er den Gegenſtand ſeines Lobes und verſſcherte Clarenee, daß der Wein, den er koſten werde, wenig⸗ ſtens ſo alt ſei, als Herr Clinton, denn er ſei zur W6 freudigen Feier des Geburtstages des jungen Herrn gekauft worden; ſo brachte er die Minuten mit einer glühenden Lobrede über die edlen Eigenſchaften deſ⸗ ſelben hin, bis Marie mit den Fleiſchſpeiſen eintrat. Mit einem Appetit, der, ungeachtet ſeiner Ro⸗ mantik, durch langes Faſten erhöht war, that Cla⸗ renee den Speiſen volle Gerechtigkeit an, und der gute Haushofmeiſter, der durch die trefflichen Eiger⸗ ſchaften des weitberühmten Portweines zur Vertrat⸗ lichkeit erwarmte, ſchwatzte und lachte in halb ſimpler, halb ſchlauer Weiſe, was ihn zu keinem unangeneh⸗ men und witzloſen Wirthe machte. Als das Feuer zu einer hellen Flamme angeſchürt, der Herd abgekehrt und alle Zeichen des Abendeſſent, mit Ausnahme der königlichen Flaſche und ihrer Un⸗ terthanen, den beiden Gläſern, weggenommen waren ſetzten ſich der Haushofmeiſter und ſein Gaſt näher zu einander und der Letztere bekann ſeine Erzählung, Zweiundſiebenzigſtes Kapitel· Die Spieler ſind zur Hand, und durch ihr ſelbes Spil Erfahret Ihr genau, was ihres Zweckes Ziel. Sommernachtstraum⸗ „Sie wiſſen wahrſcheinlich, mein Herr, vaß mein verſtorbener Herr zweimal verheirathet war: mit ſeine erſten Frau hatte er drei Kinder, wovon nur do jüngſte, der gegenwärtige Graf, die erfte Periode b Kindheit überlebte. Als Herr Franz, wie wir ihn nh immer nannten, obgleich er zu dem Titel Viscomt gela ein Frat Tal und von meit ihre ſein groj vori glei Nie dent hatt er i dahe dem die gan lieb wen wär ihre will ſind nur hat Herrn it einer ten deſ⸗ eintrat. ter Ro⸗ at Cla⸗ und der Eigen⸗ Bertran⸗ ſimpler, angeneh⸗ geſchürt, ndeſſen, hrer Un⸗ n warer, iſt näher zählung . (bes Spir um. vaß mein mit ſeinet nur do eriode der ihn noh Viscomt 277 gelangte, ſechs Jahre alt war, ſtarb Mylady, und ein Jahr ſpäter heirathete Mylord wieder. Seine Frau war ungewöhnlich ſchön; ſie war eine Miß Talbot(eine Kathvlikin), Tochter des Oberſten Talbot und Nichte des berühmten Stutzers, Talbot, Befitzers von Scarsdale. Die arme Dames man ſagt, daß ſie meinen Herrn nur aus augenblicklichem Arger über ihren früheren Geliebten heirathete. Doch das mag ſein, ſie war ein ſchönes, hochgeſtimmtes Geſchöpf — freilich von ſehr heftigem Temperament, aber großmüthig und freundlich, wenn ihre Leidenſchaften vorüber waren, und obgleich hochmüthig gegen Ihres⸗ gleichen, wohlthäthig und mitleidig gegen die Armen. „Sie hatte nur einen Sohn, Herrn Clinton. Nie werbe ich den Jubel bei ſeiner Geburt vergeſſen, denn mein Herr ſchwärmte für ſeine jetzige Frau und hatte einen Widerwillen gegen die erſte gehabt, die er ihres Vermögens wegen geheirathet; und es war vaher natürlich, daß er das Kind ſeiner jetzigen Frau dem Herrn Franz vorzog. Oh, es iſt traurig, wie die Liebe wechſeln kann! Nun, Herr, Mylord ſchien ganz in das Kind vernarrt zu ſein; er pflegte es, liebkoste es und neigte ſich über vaſſelbe, mehr als wenn er beſſen Mutter, als deſſen Vater geweſen wäre. Mylady wünſchte, daß das Kind einen von ihren Familiennamen erhalten möge, und Mylord willigte ein, daß er Clinton genannt wurde.—(Sie ſind an der Reihe zu trinken, Herr! Bemerken Sie nur, daß er nicht im geringſten vie Farbe verändert hat, ungeachtet ſeines Alters.) 278 „Mylord liebte ein ſtilles zurückgezogenes Lehen; er war in der That ein großer Gelehrter und brachte den größten Theil ſeiner Zeit unter ſeinen Büchern zu. Doctor Latinas, der Lehrer des jungen Herrn, ſagte, Seine Herrlichkeit mache beſſer griechiſche Verſe als Doktor Latinas engliſche machen könne; darnach können Sie ſeine Gelehrſamkeit beurtheilen. Aber Mylady ging beſtändig nach London und lebte unter den heiterſten Geſellſchaften; auch kam ſie nicht oft hier hernnter, ohne einen ganzen Trupp von Gäſten milzubringen. Gott ſei uns gnädig, was gingen da für Luſtbarkeiten in dem großen Hauſe vor!— Tanzen und Muſik, Mittag⸗ und Ahendeſſen, Jugt⸗ partlen, Fiſchpartien und Zigeunerpartien; man hütie denken ſollen, ganz England mache ſich dort luſttg „Aber Mylord nahm ſelten viel Antheil baran, obgleich er Mylady all ihre Ausſchweifung und ihre Launen nachſah, Er war beſtändig mit ſeiner Vi⸗ bliothek und ſeinen Kinbern beſchäftigt und erlaubte weder Herrn Franz noch Herrn Clinton, ſich unter die Gäſte zu miſchen. Er hielt ſie ſehr ſtrenge zu ihren Studien an, und als der Letztere ſechs Jahre alt war, verſichere ich Ihnen, Herr, konnte er ſein propria quae maribus beſſer als ich—(Sie trinken, nicht!) Als Herr Franz ſechszehn Jahr alt war und Herr Clinton acht, wurde der Erſtere mit einen deutſchen Lehrer auf Reiſen geſchickt und kehrte in vielen Jahren nicht nach England zurück; inzwiſche wurde Herr Clinton vierzehn Jahre alt und nahn an Lichenswürbigkeit und Herzenbgüte zu. Er lieht⸗ ſein war ihn den vier Clir Das My und den My kam zum Biß My the ſchi ſeh kein kan iſt Jal ſeir Nu ner geb Br mit ind ihre ner V⸗ erlaubte h unier enge ſ 3 Jahre er ſein trinken, var und t einem ehrte in zwiſchen dnahn r liehte 279 ſeine Studien ſehr, viel mehr als Herr Franz, und war ſehr entſchloſſen für ſeine Jahre. Darum liebte ihn Mylord immer mehr und ließ ihn faſt nie aus den Augen. „Als Herr Clinton in dem erwähnten Alter von vierzehn Jahren war, wurbe ein Herr, Namens Sir Clinton Manners ein beſtändiger Gaſt im Hauſe. Das Gerücht ſagte, daß er in London beſtändig um Mylady ſei, bei Ranelagh, in den Ballſälen, Routs und all den ſchönen Orten— und gewiß war er hei den Luſtpartien im Park ſtets an ihrer Seite. Aber Mylaby ſagte, er ſei ein Vetter von ihr und alter Spiel⸗ kamerad ihrer Kindheit, und das war er auch— und zum Unglück für ſie noch etwas mehr. In ſeiner Bibliothek verſchloſſen, achtete Mylord nicht auf Muylady's Vertraulichkeit mit Sir Clinton; im Gegen⸗ theil, da er ein Vetter und Freund von ihr war, ſo ſchien ſeine Herrlichkeit ſtets froh, ihn bei ſich zu ſehen, und er war der Einzige in der Gegend, der keinen Verdacht hatte, was vorging. „O Herr, es iſt eine traurige Geſchichte, und ich kann mich kaum überwinden, ſie zu erzählen.(Es iſt wirklich köſtlicher Wein dies— ſechsundzwanzig Jahr alt am letzten Geburtstag— um nichts von ſeinem Alter zu ſagen, ehe ich ihn kaufte— ah!)— Nun, Herr, der Schlag kam endlich wie ein Don⸗ nerſtreich— denn da Mylady ihre Verſtellung ver⸗ gebens fand, entfloh ſie mit Sir Clinton. Es wurden Briefe enideckt, welche bewieſen, daß ſie ſeit Jahren mit ihm correſpondirt hatte— daß er ihr Geliebter 280 geweſen, ehe ſie ſich verheirathet— daß ſie in einem augenblicklichen Mißverſtändniß mit ihm Mylords An⸗ trag angenommen— daß ſie ſtets ihre Ubereilung bereut— und vaß ſie ihren Sohn nach ſeinem Namen genaunt— dies Alles, und noch viel mehr, erfuht Mylord gleichſam auf einen Schlag. „Er ließ ſich ſcheiden und Sir Clinton und My⸗ laby gingen ins Ausland. Aber von der Zeit an war Mylord nicht mehr derſelbe Mann. Stets ſtolz un finſter, wurde er jetzt unerträglich heftig und mürtiſch. Er ſchloß ſich ein, ſah keine Geſellſchaft irgend eine Art bei ſich, verließ ſelten das Haus und nie den Park— und von einem der belebteſten Orte, wure das Haus einſam und verlaſſen, als würde es von Geiſtern heimgeſucht.(Es iſt an Ihnen, Herr, bie zweite Flaſche zu beginnen.) Aber vie größte Veränderung ging mit Mylorb Benehmen gegen Herrn Clinton vor— nachdem er ſo zärtlich gegen ihn geweſen, vaß er jedes weniger milde Temperament würde verdorben haben, faßte er den heftigſten Wiberwillen gegen ihn. Nach ſeinen Namen und der langen Vertraulichkeit, die zwiſchen Muylady und ihrem Geliebten geherrſcht, wollte Seine Herrlichkeit nicht glauben, daß Herr Clinton ſein eigenes Kind ſei; und ich muß bekennen, daß gute Grund zu dem Argwohn vorhanden war. überdies war Herr Clinton ſeiner Mutter ſehr ähnlich. Er hatte ihre Augen, ihre Haare und ihre ſchönen Züge, ſo baß Mylord ihn nicht anſehen konnte, ohne ſich an ſeine Schande zu erinnern. Wenn daher der aru⸗ er arm 281 junge Herr in ſeine Nähe kam, ſo trieb er ihn mit Flüchen und Drohungen hinaus, die durch ganze Haus ſchallten. Er konnte es nicht einmal ertragen, daß die Diener ihm Dienſte oder Reſpekt erwieſen, und betrachtete ihn als einen Fremden, ja, noch nicht einmal als etwas ſo Gutes; und Seiner Herrlichkeit einzige Freude ſchien darin zu beſtehen, ihm alle mögliche Schmach und Schande anzuthun. Aber Herr Clinton war ein edel geſinnter junger Mann, und nachdem er vergebens verſucht, Mylord durch Gehor⸗ ſam und Reſpekt zu beſänftigen, vermied er endlich ganz und gar ſeine Nähe. „Er gab größtentheils ſeine Studien auf und wan⸗ derte den ganzen Tag und zuweilen auch die halbe Nacht in dem Park und in den Wäldern umher; ſeiner Mutter Betragen und ſeines Vaters Unfreund⸗ lichkeit ſchienen an ſeiner Geſundheit und an ſeinem Geiſte zu nagen, und endlich wurbe er faſt ebenſo verändert wie Mylord. Aus einem der munterſten Knaben, voll Leben und Geiſt, wurde er gedankenvoll und niedergeſchlagen; ſein Schritt verlor die Leich⸗ tigkeit und ſein Auge alles Feuer, welches Einem ſonſt das Herz zu erwärmen pflegte, wenn man ihn anſah; kurz, Herr, die Sünden der Mutter wurden ebenſo ſehr an dem Kinde als an dem Gatten heimgeſucht. (Nicht im geringſten verdorben, ſo alt er iſt.) „Anfangs ſchien Mylord froh, ſeinen Sohn jetzt nie zu ſehen; nach und nach aber, glaube ich, ſchien er das Vergnügen zu vermiſſen, ſeinen Groll an ihm auszulaſſen, und ſo befahl er meinem jungen Herrn, 282 nie vhne ſeine Erlaubniß auszugehen, und hielt ihn noch mehr als je zu ſeinen Studien an. Nun, Herr(wenn mich dieſer Portwein nicht ſtärkte, ſo könnte ich keinen Satz mehr herausbringen— ah), pflegten traurige Seenen zwiſchen ihnen vorzugehen; Mylord war ein ſchrecklich leidenſchaftlicher Mann und ſprach Worte aus, welche ſchärfer waren, als ein zweiſchneidiges Schwert, wie der Pſalmiſt ſich aus⸗ drückt, und obgleich Herr Clinton der ſanfteſte und gutmüthigſte Knabe von der Welt war, ſo konnier doch nicht immer ſeinen Geiſt bändigen, und nich meiner Anſicht, wenn ein Mann beſtändig erklärt, daß er nicht unſer Vater iſt, ſo kann man Einem wohl verzeihen, wenn man ſich nicht als ſein Sohn beträgt. „Auf vieſe Weiſe ging es etwa anderthalb Jahre traurig genug zu, als Herr Clinton beinahe achtzehn Jahre alt war. Eines Abends, nachdem Mylord unge⸗ wöhnlich ſtürmiſch geweſen war, wurde Herr Clintyn auch aufgeregt, glaube ich, und von Wort zu Wor nahm der Streit zu, bis Mylord in höchſter With die Bedienten hereinrief und ihnen befahl, ſeinen Sohn durchzupeitſchen. Denken Sie nur, Herr, welche Schand für dieſes edle Haus! Aber da war Keiner, der ſih nicht lieber die rechte Hand abgehauen, als einen Finger an Herrn Clinton gelegt hätte, ſo ſehr belieht war er. Endlich aber rief Mylord ſeinen eigenen Kammertiener, einen Deutſchen von ſechs Fuß Höhe, ver Seiner Herrlichkeit blind ergeben war, und befihl ihm, bei Strafe ſeiner augenblicklichen Entlafſung, ti Peitſche anzuwenden, die er ihm in die Hand gob“ nähe noch gewe Beiſt ling, ſich: Bode ſprac und er if Zimn beſch Sein wart Clint zu m die g b wage Herr dern noch leidis Herr anzu nicht bleib von ielt iht ah)), ugehen; ann und als ein ich aus⸗ eſte und onnie er d nach ärt, dß em woh beträgt. b Jaht achtzehn zu Wort rWuh en Sohn Schande s einen r beliebt eigenen Höh⸗ rd ung⸗ Clinion der ſich 255 „Der Deutſche wagte nicht, ſich zu weigern, und näherte ſich Herrn Clinton. Die Bedienten waren noch im Zimmer, und vielleicht wären ſie kühn genug geweſen, Herrn Clinton zu retten, hätte er ihres Beiſtandes bedurft; aber er war ein großer Jüng⸗ ling, ſo kühn wie ein Held, und als der Deutſche ſich näherte, faßte er ihn an der Kehle, warf ihn zu Boden und hätte ihn beinahe erwürgt. Während Mylord ſprachlos vor Wuth daſtand, verließ er das Zimmer und kehrte die ganze Nacht nicht zurück.(Wie ſtark er iſt, Herr— ah!) „Am nächſten Morgen war ich in dem kleinen Zimmer, welches an Mylords Studirzimmer ſtieß, und beſchäftigte mich mit einigen Papieren und Karten. Seine Herrlichkeit wußte nichts von meiner Gegen⸗ wart und ſaß allein hei ſeinem Frühſtück, als Herr Clinton plötzlich in das Studirzimmer trat; die Thür zu meinem Zimmer war nur angelehnt und ich hörte die ganze folgende Unterredung. „Mylord fragte ihn ſehr zornig, wie er habe wagen können, die ganze Nacht auszubleiben; aber Herr Clinton antwortete nicht auf tieſe Frage, ſon⸗ dern ſagte mit ſehr ruhiger, lauter Stimme, die ich noch jetzt zu hören glaube:„„Mylord, nach der Be⸗ leidigung, die Sie ſich herausgenommen—(ja, Herr, herausgenommen, war das Wort)— mir auzuthun, iſt es vielleicht unnöthig, zu bemerken, daß nichts mich bewegen kann, unter Ihrem Dache zu bleiben. Ich komme daher, meinen letzten Abſchicd von Ihnen zu nehmen.““ 7 284 „Er ſchwieg, und da Mylorb(den dies wahrſchein⸗ lich ebenſo wie mich überraſchte) nicht antwortete, fuhr er fort:„„Sie haben mir oft geſagt, Mylort, daß ich nicht Ihr Sohn bin, und es iſt auch möglich, vaß ich es nicht hin— um ſo weniger bin ich dahet genöthigt, mich der Ungerechtigkeit und Grauſamki zu unterwerfen, welche ich, nach einer Erfahrung n beinahe vier Jahren, auch für die Zukunft erwarten muß— und um ſo mehr müſſen Sie ſich bei den Gedanken freuen, von einem überläftigen befreit z ſein.““—„Und wie willſt Du anders als von meint Güte leben?““ rief Mylord.—„„Sie erinnern ſich,“ antwortete mein junger Herr,„„daß eine Untergebene der Familie meiner Mutter, die meine Gouvernante geweſen, mir bei ihrem Tode die Erſparniſſe ihr Lebens hinterließ. Ich glanbe, ſie betrugen beinah⸗ tauſend Pfund— und ich erwarte von dem Ehrg⸗ fühl Eurer Herrlichkeit, daß Sie mir entweder do Kapital oder die jährlichen Zinſen auszahlen werden — mehr verlange ich nicht von Ihnen.““—„Und denkſt Du, Junge,““ rief Mylord faſt ſchreiend vor Wuth,„„daß Du mit vieſer bettelhaften Kleinigktit in die Welt hinausgehen und den Namen eines glen Hauſes noch mehr entehren ſollſt? Willſt Du den Namen, woran Du keinen Anſpruch haß, wenn dal Geſetz ihn Dir gleich auf ungerechte Weiſe verleiht, durch ein Gewerbe oder Räuberei entehren? dem zu dem Einen oder dem Andern wirſt Du nothwentig getrieben werden.““—„„Ich ſah Ihre Rede vorhen Mylord, und bin auf eine Antwort vorbereitet Jen d ſei e deret mit bin; neue Schi vor Wel nicht geh vort Hau ſolle ober Wat Pfer And doch wiet Hell mir. und wele meit ande nich ſagt hört rſchein⸗ worteie, Mylord, möglich, ch daher uſamkeit ung von erwarten bei dem efreit zu n meiner n ſich, 44 ergebene vernanie ſſe ihres beinahe Ehrge⸗ eder das werden —„„Unh iend vor leinigkeit es alten Du den enn da verleiht, d den thwentiz vorhet, tet. Jen 285 ſei es von mir, mich in eine Familie einzudrängen, deren Oberhaupt es für gut hält, mich zu verläugnen — fern ſei es von mir, mein demüthiges Schickſal mit einem Namen zu beehren, den ich ebenſo bereit hin zu verläugnen als Sie. Ich beabſichtige daher einen neuen anzunehmen, und welches auch mein künftiges Schickſal ſein mag, ſo wird mich dieſer Name ſowohl vor Ihrer Erinnerung, als auch vor dem Erkennen der Welt ſchützen. Sind Sie jetzt zufrieden, Mylord?““ „Seine Herrlichkeit antwortete einige Minuten nicht; envlich aber ſagte er ſpöttiſch:„„Geh, Junge, geh! Ich bin erfreut, zu hören, daß Du einen ſo vortrefflichen Entſchluß gefaßt haſt. Sage meinem Haushofmeiſter, wohin Deine Kleider geſchickt werben ſollen; verhüte Gott, daß ich Dich Deiner Garderobe ober Deines fürſtlichen Vermögens berauben ſollte. Wardour wird Dir das letztere bis auf den letzten Pfennig durch dieſelbe Gelegenheit, mit der Du das Andere erhältſt, überſenden. Und nun, guten Morgen; voch warte und beachte meine Worte— wage nie wieder in mein Haus zu treten und erwarte keinen Heller Vermögen, noch die geringſte Gunſt mehr von mir. Und höre, wenn Du wagſt, Dein Wort zu brechen und während meines Lebens einen Namen anzunehmen, welchen zu entehren Du geboren wurdeſt, ſo falle mein grimmigſter, ewiger Fluch in dieſer und in ber andern Welt auf Dein Haupt!““—„„Fürchten Sie nichts, Mylord, mein Wort wird gehalten werden,““ ſagte der junge Herr, und im nächſten Angenblick hörte ich ſeinen Schritt im Vorſaale. 286 „Herr, mein Herz war voll(Ihr Glas iſt leerh) und mir ſchwindelte der Kopf, als oh ich vor einem Abgrund ſtünde; aber ich war entſchloſſen, mein junge Herr ſolle nicht gehen, ehe ich noch einmal ſein liel⸗ liches Geſicht geſehen; ſo verließ ich ſachte das Zimmer, worin ich war, eilte durch einen beſondern Ausgang aus dem Hauſe und traf Herrn Clinton im Park, nicht weit von bver Stelle, wo ich Sie eben traf, mein Herr. Zu meiner überraſchung war kein Zeichen des Kummers oder der Aufregung in ſeinem Geſichte zu bemerken; ich hatte ihn nie ſo ſtolz und ſeit Jahren nicht ſo glücklich geſehen. „„Wardvur,““ ſagte er in heiterem Tone, al er mich erblickte,„ich war im Begriff, in Ihr Has zu gehen; mein Vater hat endlich beſchloſſen, daß ich gleich meinem Bruder, meine Reiſen antreten ſol, und er ſagt, ich ſoll Ihnen den Ort nennen, wohit meine Kleider u. ſ. w. geſchickt werden ſollen.““ „Als ich dies hörte, Herr, konnte ich nicht länger an mich halten; ich brach in Thränen aus, bekannt⸗ ihm, daß ich zufällig ſeine Unterredung mit Mylor gehört habe, und hat ihn, nicht ſo haſtig und mitſo wenigem Gelbe abzureiſen; doch er ſchüttelte den Kohf und wollte mich nicht anhören.„Glauhen Sie mir, mein guter Wardour,““ ſagte er,„„ſeit der Ilucht meiner unglücklichen Mutter habe ich mich nie ſo glücklich und gehoben gefühlt wie jetzt; man nuß vurchgemacht haben, was ich durchgemacht habe, um das Entzücken der Unabhängigkeit zu lernen.“ Dann ſagte er mir, ich ſolle ſein Gepäck, mit den Anfang buch erſter wie auf mir doch brei zum und dour haben und! auf 3 leiden daß e wort; er ge und i ſelben fragte gab n Wech enthie dern lieben mir v —(6 eia Johre t leer) r einem njunger ein lieb⸗ Zimmer, lusgang n Park, en traf, Zeichen Geſichte Jahren ne, al hr Hn en ſoll, „wohin n. 44 tlängen bekannte Moylor dmit ſo en Kopf ie mit, Flucht nie ſo an muß be, um Dann nfangt⸗ 287 buchſtaben C. L. verſehen, in vas golbene Vließ, den erſten Gaſthof in der Stadt W, ſchicken, welche, wie Sie wiſſen, an der andern Seite der Grafſchaft auf dem Wege nach London liegt; dann drückte er mir freuudlich die Hand und riß ſich von mir los; doch kehrte er noch einmal wieder um, als er ſich erſt drei Schritte entfernt hatte, und ſagte, indem jetzt zum erſtenmal der Stolz ſeines Geſichts verſchwand und ihm Thränen in den Augen ſtanden:„„War⸗ dvur, machen Sie nicht bekannt, was Sie gehört haben; erklären Sie meine Abreiſe ſo gut Sie können und laſſen Sie den Tadel lieber auf mich fallen, als auf Ihren Herrn, denn bei alledem iſt er zu bemit⸗ leiden, nicht zu tadeln, und ich kann nie vergeſſen, daß er mich einſt liebte.“ Er wartete auf keine Ant⸗ wort; vielleicht wollte er mir nicht zeigen, wie ſehr er gerührt war, ſondern eilte in den Park hinunter und ich verlor ihn bald aus den Augen. An dem⸗ ſelben Morgen ließ mich Mylord zu ſich kommen und fragte, welche Beſtimmung ſein Sohn hinterlaſſen habe, gah mir einen Brief, der, wie ich glaube, in einem Wechſel das Vermögen meines armen jungen Herrn enthielt, und befahl mir, ihn ſogleich mit den Klei⸗ dern abzuſchicken.— Seitdem habe ich nichts von dem lieben jungen Herrn gehört oder geſehen. Sie müſſen mir verzeihen, Herr, ich kann nicht umhin, zu weinen —(Sie trinken nicht, Herr.)“ „Aber die Mutter, die Mutter,“ ſagte Clarence lebhaft,„was wurde aus ihr? Sie ſtarb vor zwei Jahren im Ausland, nicht wahr?“ 288 „Ja, Herr,“ antwortete der ehrliche Haushof⸗ meiſter, indem er ſein Glas wieder füllte.„Man ſagh vaß ſie ſehr unglücklich mit Sir Clinton lebte, der ſie, glaube ich, wegen ihrer Religion nicht heirathete, bis ſie plötzlich verſchwand und Niemand wußte, wohin ſie gekommen war.“ Glarence verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. „Endlich vor zwei Jahren,“ fuhr der Haushyf⸗ meiſter fort,„kam ein Brief von ihr an meinen Herrn; ſie war Nonne in einem Kloſter in Jtalien, wohin ſie ſich zu der Zeit, als ſie ver chwand, in⸗ geheim begeben. Sie hatte den Brief auf ihten Sterbehette geſchrieben, und er war ſo rührend, deß ſelbſt mein ſtrenger Herr mehre Tage nach den Empfange deſſelben in Thräuen geſehen wurde. Ai die wichtigſte Stelle darin betraf ihren Sohn; ſe verſicherte Mylord(denn ſo ſagte er mir vor Monaten gerabe vor ſeinem Tode), daß Herr Clinton in Wahrheit ſein Sohn ſei, und erſt viele Jehre nach ihrer Verheirathung ſei ſie in Verſuchung gefihr worden und endlich gefallen; ſie flehte Mylord a ihr dies zu glauben auf das Wort einer Perſon, ſ welche die Erde und die Zwecke der Erde nichts meht ſeien; dies waren ihre Worte. „Vor ſechs Monaten, als Mylord auf dem Bei⸗ lag, von dem er nicht wieder aufſtand, rief er mih zu ſich und ſagte:„„Wardvur, Sie find ſtets en getreuer Diener unſeres Hauſes geweſen und mei⸗ nem zweiten Sohne mit Wärme ergeben; ſagen Eie meinem armen Sohne, wenn Sie ihn je ſehen ſol⸗ ten, thun Sie blick er n Unr than im E 1 letzte war Vate duld — ſtaur ein, ſich ſie L gelel Pfle wart ände herv want die an i der Zaushoſ⸗ Lan ſagi, bte, ver irathete, , wohin it. Haushoſ⸗ n meinen Italien, and, in⸗ uf ihren end, deß nach den rde. Aher ohn; ſi vor i r Clinion ele Johr ig gefüht ylord an rſon, fir ſchts meht dem Bett f er nih ſets ein und mei⸗ ſagen Eie ſehen ſol⸗ 289 ten, vaß ich endlich meine Augen über meinen Irr⸗ thum öffnete und ihn als mein Kind anerkenne; ſagen Sie ihm, daß ich ſeinen Bruder(der in dem Augen⸗ blick an Mylords Seite kniete) gebeten habe, ſo wahr er meinen Segen ſchätze, ihn aufzuſuchen, und das unrecht wieder gut zu machen, welches ich ihm ge⸗ than; und ſetzen Sie hinzu, daß mein beſter Troſt im Sterben, die Hoffnung auf ſeine Verzeihung war.““ „Sagte er das?“ rief Clarence, der während des letzteren Theils der Erzählung ſehr aufgeregt geweſen war, und jetzt von ſeinem Sitze aufſprang—„mein Vater! mein Vater! ich wollte, ich hätte mehr Ge⸗ duld mit Dir gehabt— mein, mein war die Schuld — von ihm hätte die Verzeihung kommen ſollen!“ Der alte Haushofmeiſter ſaß ſchweigend und er ſtaunt da. In dem Augenblick trat ſeine Frau her⸗ ein, welche im Begriff war, zu ſchelten, weil er ſich ſo lange aufgehalten, doch fuhr ſie zurück, als ſie Lindens Profil erblickte, während er an die Wand gelehnt da ſtand.„Guter Himmel,“ rief ſie,„es iſt— ja, es iſt mein junger Herr, mein eigener Pflegeſohn!“ Clarenee hatte Recht gehabt, als er ihre Gegen⸗ wart vermieden; die Jahre hatten freilich eine Ver⸗ änderung in ſeinem Geſichte und in ſeiner Geſtalt hervorgebracht. Bekannte, Diener, Freunde, Ver⸗ wandte, Alle hatten ſeine Züge vergeſſen; aber ſie, die ihn als Kind auf ihrem Schooße geſchaukelt und an ihrer Bruſt genährt, ſte, welche die Anhänglichkeit der Untergebenen mit der Zärtlichkeit einer Mutter Bulwer, der Verſtoßent. M⸗ ¹⁰ 290 vereint hatte, ſie erkannte ihn auf den erſten Blick. „Ja,“ rief er, indem er ſich in ihre verwelkten Arme warf,„ich hins, das Kind, welches Sie auferzogen — ich bin nach vielen Jahren zurückgekehrt, um zu ſpät nach dem Tode meines Vaters zu finden, daß ich ein Recht an die Heimath eines Vaters hatte“ Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Laßt uns hineingeh'n, zum Verhör uns ſtellen Und treu und wahr auf Alles Antwort geben. Shakſpeark. „Aber erkannte Sie denn Niemand, ungeachtet Jh⸗ res veränberten Namens?“ ſagte die alte Pflegemutte, indem ſie Clarenee zärtlich anblickte, als er am nich⸗ ſten Morgen an ihrer Seite ſaß.„Wie konnte mu ein ſo einnehmendes Geſicht vergeſſen, wenn man einmal geſehen?“ „Sie erinnern ſich nicht,“ ſagte Clarenee, wie wir noch fortfahren wollen unſern Helden zu nennen, „daß auch Ihr Mann es vergeſſen hatte.“ „Ja, Herr,“ rief der beleidigte Haushofmeiſtet, „aber das geſchah nur, weil Sie Ihren Hut über die Augen gezogen hatten, wenn Sie den abgenom⸗ men hätten, ſo würde ich Sie ſogleich erkannt haben.“ „Laſſen wir das,“ ſagte Clarence, der nicht länger bei einem Ereigniß verweilen wollte, welches die Ge⸗ fühle des guten Wardvur verletzte;„übrigens iß ſehr leicht zu erklären, wie es geſchah, daß ich un⸗ erkannt blieb. Sie erinnern ſich, daß mein Vaie nier ner leich Jah daß die nach mich mich kann ihn ich eine nem liche beſte als nicht zu n urſa Blu ihm mich ſpät im rück meit Sie früh gewe n Blick. en Arme ferzogen um zu en, baß hatte.“ . ns ſtellen rt geben. ark. htet Jh⸗ emutter, m näch⸗ nte man man es ee, wie nennen, fmeiſter, t üe bgenom⸗ haben.“ t länger die Ge⸗ ns iſt e ich un⸗ n Vater 291 niemals geſtattete, daß ich mich unter die Gäſte mei⸗ ner Mutter miſchte; daher konnten Sie mich nicht leicht erkennen, beſonders va in den letzten viertehalb Jahren kein Fremder zu uns kam. Dazu kam noch, daß ich gerade in dem Alter wor, wo wenige Jahre die größte Veränderung hervorbringen, und als ich nach London ging, kam ich unter lauter Leute, die mich nie konnten geſehen haben. Zum Glück für mich wurde ich mit dem Oheim meiner Mutter be⸗ kannt— ſpäter führten mich die Umſtände dahin, ihn mit meiner Herkunft bekannt zu machen, wobei ich ihm aber das Verſprechen abnahm, mich nie bei einem anbern als dem angenommenen Namen zu nennen. Er, der das heſte, gütigſte und edelſte menſch⸗ liche Weſen war, faßte eine Neigung zu mir. Er beſtand nicht nur auf ſeiner Verwandtſchaft mit mir, als mein Großoheim, ſondern auch darauf, daß es nicht mehr als gerecht ſei, das Unrecht wieder gut zu machen, welches ſeine unglückliche Nichte mir ver⸗ urſacht. Die Zartheit ſeiner Güte— die Bande des Bluts— und ein Umſtand, der es mir möglich machte, ihm einen Dienſt zu leiſten— dies Alles verhinderte mich, der Verpflichtung auszuweichen, womit er mich ſpäter überſchüttete. Er verſchaffte mir eine Anſtellung im Auslande, wo ich vier Jahre blieb. Als ich zu⸗ rückkehrte, miſchte ich mich freilich unter die allge⸗ meine Geſellſchaft; aber vier Jahre hatten mich, wie Sie bemerken werden, ſehr verändert; und wenn früher die Möglichkeit meines Erkennens vorhanden geweſen wäre, ſo würde dieſe Veränderung wahr⸗ 292 ſcheinlich hingereicht haben, mein Geheimniß zu he⸗ wahren.“ „Aber Ihr Bruder— unſer gegenwärtiger Herr, trafen Sie nie mit ihm zuſammen, Herr?“ „Oft, gute Mutter; aber Sie erinnern ſich, daß ich nicht viel über ſechs Jahre alt war, als er Eug⸗ land verließ, und als er mich dann wiederſah, war ich etwa zweiundzwanzig, und es wäre beinahe ein Wunder geweſen, oder er hätte die Augen der Liebe haben müſſen, wie Sie, wenn er mich nach einer ſo langen Abweſenheit wievererkannt hätte.— Nun, um zu meiner Geſchichte zurückzukehren— theils we⸗ gen der nahen Verwandtſchaft, aber beſonders wegen der Neigung, welche mehr gilt als das Blut, erbte ich das Vermögen meines Oheims und Adoptivvaters. Das Glück begünſtigte mich: ich ſtieg in der Achtung und Ehre der Welt, und wurde bald ſtolzer auf mei⸗ nen erborgten Namen, als auf alle Titel meiner vornehmen Abkunft. In der letzten Woche ereigneten ſich umſtände, welche unnöthig zu erzählen find, die aber den größten Einfluß auf mein künftiges Leben haben können, und die nöthig machen, was ich niemals zu thun beabſichtigte— nämlich, meine Abkunſt zu b⸗ weiſen. Deßhalb kam ich hieher, um Sie aufzuſuchen.“ „Aber warum gab ſich mein geehrter junger Herr nicht gleich geſtern Abend zu erkennen?“ fragte det Haushofmeiſter. „Ich könnte ſagen,“ antwortete Clarence,„weil ich großes Vergnügen bei der überraſchung erwartete; gher ich haite noch einen andern Grund, welcher ſo⸗ gen Vat zu mich über erha ſuch erha in e weßl dieſe als meir ten verſt Geft treib beſä fahr ben Geb chen ſich Soh nur Mor der Gege zu fi hun zu be⸗ t Hert, ch, duß er Eng⸗ h, wat ahe ein er Liebe einer ſo N, eils w⸗. s wegen t, erbte vwaters. Achtung uf mei⸗ meiner eigneten ind, die s Lehen niemals ſt zu he⸗ ſuchen.“ ger Herr agte der e,„weil wartete; ſchet fol 293 gender war: ich hatte von dem Tode meines armen Vaters gehört, und hegte das ſchmerzliche Verlangen, zu erfahren, ob er ſich nicht zuletzt verzeihend gegen mich gezeigt— und noch mehr, um ſichere Nachricht über das Schickſal meiner unglücklichen Mutter zu erhalten. Sowohl im Auslande, als in England ſuchte ich überall vergebens Nachrichten von ihr zu erhalten: als Sie erwähnten, daß meine Mutter ſich in ein Kloſter zurückgezogen, war der Grund erklärt, weßhalb meine Nachforſchungen fruchtlos hlieben. In dieſen beiden Abſichten hielt ich es für wahrſcheinlicher, als Fremder die ganze Wahrheit zu erfahren, als in meiner eigenen Perſon; denn im letzteren Falle konn⸗ ten Sie ſich aus Delikateſſe over gütiger Gefinnung verſucht fühlen, mir das zu verhehlen, was meine Gefühle verwunben könnte, und alles vas zu über⸗ treiben, was meinen Gefühlen ſchmeicheln ober ſie heſänftigen könnte. Dem Himmel ſei Dank! ich er⸗ fahre jetzt, daß ich ein Recht an den Namen habe, den ich in meinen Knabenjahren führte, daß meine Geburt nicht mit dem niedrigſten aller Privatverbre⸗ chen gebrandmarkt iſt, und daß meines Vaters Herz ſich im Tode nach ſeinem zu haſtigen aber reuevollen Sohne ſehnte. Genug hievon— ich habe Sie jetzt nur zu bitten, mein Freund, mich am Mittwoch Morgen vor Tagesanbruch an einen Ort zu begleiten, der mehrere Meilen von hier entfernt iſt. Ihre Gegenwart wird vort nöthig ſein, um den Beweis zu führen, weßhalb ich hieher kam.“ „Von ganzem Herzen, Herr,“ ſagte der rebliche Haushofmeiſter—„und nach Mittwoch werden Sie 294 hoffentlich Ihren rechtmäßigen Namen wieder an⸗ nehmen?“ „Gewiß,“ verſetzte Clarence;„da der Beſitz deſ⸗ ſelben weder mir noch der Erinnerung deſſen, von dem ich ihn erbte, Schande macht.“ Indem wir Clarenee auf eine kurze Zeit verlaſſn, um ſeine Bekanntſchaft mit den Scenen ſeiner Kind⸗ heit zu erneuern und den Tribut der kindlichen Thri⸗ nen der Aſche ſeines Vaters darzubringen, deſſen Un⸗ gerechtigkeit nur aus der Qual ſeines Herzens her⸗ vorgegangen war, kehren wir zu einigen alten Be⸗ kannten von verſchiedenem Charakter zurück. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Mokanna ruht verſchleiert auf dem Lager. Der verſchleierte Prophet⸗ Die Herbſtſonne fiel durch die Fenſter eines Zim⸗ mers in einer Villa in der Nähe von London, welche auf höchſt verſchwenderiſche, doch nicht geſchmackloſe Weiſe ausgeſtattet war, und wo neben einem Tiſch, der mit geitungen, Beiefen und Rechnungen überſiet war, Richarb Crauford nachläſſig auf einem Sophr ausgeſtreckt lag, das faſt dem Sybariten, der nit einem Roſenblatte zankte, hätte genügen können. Neben ſeinem Ellbogen ſtand eine halb geleerte Jlaſch und ein eben gefülltes Weinglas. Ein Ausdruck de Triumphes und der Freude war in ſeinem ſchönen, aber gewöhnlich ausbrucksloſen Geſichte bemerkhmn. unſe vert Pai iſt, mili Abk eble mat bas nie, übe de an eſitz deſ⸗ n, ven erlaſſen, er Kind⸗ en Thri⸗ ſſen U⸗ ens her⸗ lien Be⸗ . Lager. Prophet. ines gin⸗ n, welche hmackloſe m Tiſche, überſiet n Soph ver mit können. te Flaſche bruck des ſchönen, nerkbat. 295 „Nun,“ ſagte er, indem er bie Zeitung aufnahm, „ich will dych dieſen Artikel noch einmal leſen. Welch eine ſchöne Empfindung iſt es, ſeinen Namen gedruckt zu ſehen!—„„Wir hören, daß Richard Crauford, Esg., Parlamentsmitglied für M., zu der Pairswürde ſoll erhoben werden. Vielleicht gibt es keinen Herrn im Lande, der allgemeiner geliebt und geachtet iſt““ —(merke dir das, Dicky Crauford)—„„die unaus⸗ geſetzte Großmuth, womit er ſein ungeheures Ver⸗ mögen angewendet hat— ſeine hohe Ehrenhaftigkeit in ſeinem Verufe— die beſtändige Redlichkeit in ſei⸗ ner politiſchen Laufhahn—““(ja gewiß, nur unſere redlichen Thoren find unbeſtändig: kein Mann kann von ſeinem Plane abweichen, der ein feſtes Prinzip bes Selbſtintereſſes hat)—„„ſeine männliche und kräftige Aufmerkſamkeit auf das Wohl der Religivn““ —(hi, hi, hi!)—„„vereint mit einem faſt nicht zu berechnenden Vermögen, machen, daß dieſe Gnade unſeres hohen Monarchen wenißer huldreich als wohl⸗ verdient erſcheint! Wir hören, daß der für den neuen Pair in Vorſchlag gebrachte Titel Vicomte Innisdale iſt, der früher, wie wir glauben, in der edlen Fa⸗ milie war, von welcher Herr Crauford ein entfernter Abkömmling iſt.““ „Hi! hi! hi! bravo! hravo! Vieomte Innisbale! edle Familie— entfernter Verwandter— der Teufel mag ich ſein! Welch ein Ignorant war mein Vater, das nicht zu wiſſen! Ruhe ſeiner Seele! Er wußte nie, wer ſein Großvater war; aber die Welt wird über dieſen wichtigen Punkt nicht unwiſſend bleiben. 296 Laß mich ſehen, wer ſoll Vicomte Innisvale's ur⸗ großvater geweſen ſein? Nun, nun, wer er auch iſt, langes Leben ſeinem Urenkel! Nicht zu berechnendes Vermögen! Ja, ja, ich hoffe auf alle Fälle, daß es wird nicht herechnet werden. Aber nun zu meinen Briefen. Pah— dieſer Wein iſt um ein Weniges zu ſauer für den Keller des Vicomte Innisdale! Was, noch ein Brief von Mutter H***? Dunkle Augen, kleiner Mund, fingt wie ein Engel— achtzehn! Pehl ich hin zu alt für ſolche Thorheiten; es iſt nicht hübſch für Vicomte Innisdale. Hm!— Liſſabon— ſieben⸗ hunbert Pfund, fünf Schilling und ſieben Pence. Ich muß mir das notiren. Anleihe für den König von Preußen. Gut, muß morgen negveirt werden. Ah, Hockit, der Weinhändler— eine Pipe Rothwein in den Docks vom Jahre 17.. Bravo! Alles geht vor⸗ trefflich für Vicomte Innisdale! Pah!— von meinem vervammten Weibe! welch eine Pille für Seine Herr⸗ lichkeit! Was ſagt fie?“ „„Dawliſh, Devonſhire. „„Du haſt meine Briefe ſeit Monaten nicht beant⸗ wortet, theuerſter Richard. Ich will mir inbeß nicht herausnehmen, über Dein Stillſchweigen zu klagen: ich weiß wohl, daß Vieles Deine Zeit in Anſpruch nimmt, ſowohl Geſchäfte als Vergnügungen. Aber eine kurze Zeile, lieber Richard— eine kurze Zeile von Zeit zu Zeit iſt doch gewiß nicht zu viel. Es iß mir in der That ſehr leid, ſchon wieder um Geld ſchreiben zu müſſen, und Du mußt wiſſen, vaß ich ** Ur⸗ uch iſt, nendes e, daß meinen eniges Wa, Augen, Pah hübſch ſieben⸗ ee. Ich ig von 1. Ah, wein in ht vor⸗ meinem Hert⸗ ire. beant⸗ ß nicht kiagen: nſpruch Aber e Zeile Es iß n Geld 297 mich ſo ſehr einſchränke als möglich““(Pah!— zum Henker mit dem Weibe— ſchickte ihr erſt vor drei Monaten zwanzig Pfund)—„„aber ich bin in der That in ſo großer Verlegenheit und die Leute drängen mich hier ſo ſehr, und auf alle Fälle kann ich den Gedanken nicht ertragen, daß Deine Frau in Schande gerathe. Vitte, verzeihe mir, Richard, und glaube mir, wie ſchmerzlich es mir iſt, ſchon ſo viel zu ſagen. Ich weiß, Du wirſt dieſen Brief beantworten, und melde mir auch, wie Du Dich befindeſt. Deine Dich zärtlich liebende Gattin Caroline Crauforb.““ „Wurde je ein armer Mann ſo geplagt? Wo iſt mein Notizenbuch? Car. morgen 26 Pfund ſchicken, um bis zu Ende des Jahres auszureichen.— Mutter H* 500 Pfund ſchicken.— Hockits Rechnung zahlen, 830 Pfund. Was ſoll ich mit der Vieomteſſe In⸗ nisvale anfangen 7 Nun, wenn ich nicht verheirathet wäre, ſo könnte ich der Schwiegerſohn eines Herzogs werden.— Nach Dawliſh gehen und zuſehen, ob ſie nicht bald ſterben will. Geſunde Lage, fürchte ich — verteufelt unglücklich— muß geändert werden. Sümpfe in Eſſex.— Wer mag das ſein?“ Ein Klopfen an die Thüre ſtörte Crauford in ſeinem Nachdenken. Er ſprang auf, ſchob Flaſche und Glas unter das Sopha, deſſen Vorhang dieſelben vollkommen verbarg, nahm eine Zeitung und ſagte in ſanftem Tone:„Herein!“ Ein kleiner, dünner Mann, ver ſich bei jedem Schritte verbeugte, trat ein. „Ah! Brabley, find Sie es, mein gnter Kerl?“ 298 ſagte Crauford;„iſt mir lieb, Sie zu ſehen— ein ſchöner Morgen; aber was führt Sie ſchon ſo früh aus der Stadt zu mir?“ „Nun, Herr,“ antwortete Brabley ſehr unter⸗ würſig,„etwas ſehr Unangenehmes hat—* „Gütiger Himmel!“ rief Crauford todtenblaß wer⸗ dend und mit einer Heftigkeit von dem Sopha guf⸗ ſpringend, ſo daß ber furchtſame Brabley bis an das andere Ende des Zimmers zurückfuhr,„das Comptoir — die Bücher— Alles ſicher?“ „Ja, Herr, ja, für jetzt— aber—“ „Aber was, Mann?“ „Nun, geehrter Herr,“ erwiderte Brabley, ſich bis auf den Voden verbeugend, ihr Compagnon, Herr Jeſſopp, hat ſehr genau nach den Rechnungen gefragt. Er ſagt, Herr da Coſta, der ſpaniſche Kaufmann, habe ſehr unangenehme Wink⸗ fallen laſſen, und er müſſe bei nächſter Gelegenheit eine Unterredung mit Ihnen haben, und als ich wagte, ihm vorzußtellen, wie unvernünftig es ſei, auf das zu achten, was Herr da Coſta ſage, da wurde Herr Jeſſopp ſehr beleibi⸗ gend und erklärte, es ſcheine eine ſehr geheimnißvolle Communilation zwiſchen Ihnen(ich bitte um Ver⸗ zeihung mein Herr) und mir ſtattzufinden, und er wiſſe nicht, wie ich dazu komme, brein zu reden, da ich doch kein Compagnon der Firma ſei.“ „Aber,“ ſagte Crauford,„Sie waren doch höflich gegen ihn— erwiderten ihm nicht haſtig— nicht wahr, mein guter Brabley?“ „Verhüte der Himmel, Herr, daß ich meine Stell meine geber zu ſe eiferſ denſc tung werd — n mein ment Fürc gem ley. Wol wen von Die Ande nach vieſe gibt ſeine aber ernf ein rüh iter⸗ wer⸗ auf⸗ bas toir bis Herr agt. ann, d er mit llen, Herr eidi⸗ olle Ber⸗ d er „da flich nicht 299 Stellung nicht beſſer kennen und dem Compagnon meines geehrten Wohlthäters ein unziemliches Wort geben ſollte. Aber, Herr, wenn ich wagen darf, es zu ſagen, ich glaube, Herr Jeſſopp iſt ein wenig eiferſüchtig auf Sie; denn er ſchien in großer Lei⸗ denſchaft zu ſein wegen eines Artikels in der Zei⸗ tung, worin ſtand, daß mein geehrter Herr ein Lord werden ſolle.“ „Richtig, ehrlicher Bravley: er iſt eiferſüchtig — wir wollen ihn beſänftigen. Gehen Sie zu ihm, mein guter Mann, überbringen Sie ihm ein Compli⸗ ment, und ſagen, ich werde um ein Uhr bei ihm ſein. Fürchten Sie nichts, dieſes Geſchäft wird leicht ab⸗ gemacht ſein“ Und mit tiefen Verbeugungen entfernte ſich Brad⸗ ley. Als Crauford allein war, zog ſich eine düſtere Wolke auf ſeiner Stirn zuſammen. „Ich ſtehe an einem Abgrunde,“ vachte er;„aber wenn mein eigenes Gehirn nur nicht ſchwindlich wirb von dem Anblick, ſo mag noch Alles gut gehen. Die grauſame Nothwendigkeit, die mich nöthigte, einen Anbern in das Geſchäft einzuweihen, zwang mich, nachbem es mir mit Mordaunt fehlgeſchlagen, mich dieſem ſchmeichelnden Schurken anzuvertrauen. So, ſo— ich glaube faſt ſelber, daß es eine Vorſehung gibt, jetzt, da Mordaunt reich geworden iſt; aber ſeine Frau ſtarb— ja— ja— Gott rettete ihn, aber der Teuſel töbtete ſie. Hi— hi— hi! Aber ernſthaft— ernſthaft, es iſt Gefahr in der Luft, die ich athme. Ich muß angenblicklich zu dem nei⸗ 300 diſchen Jeſſopp; aber vorher will ich meine Flaſche leeren.“ Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. Seltſam härmon'ſche Inclination Herrſcht überall zur Reformation. Hudibras. Eiwa fieben Meilen von W““, an der Haupt⸗ ſtraße vvn M'“, war um die Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts ein einzelnes Gaſthaus, wo jetzt ein präch⸗ tiges Hotel ſteht. Gleich vielen ſeiner Brüder in der Nähe der Hauptſtadt hatte es einen beſondern Ruf wegen gewiſſer Leckerbiſſen für den Gaumen; und von verſchiedenem Range und Charakter waren die zahlreichen Geſellſchaften von den benachbarten Dör⸗ fern und Höfen, die ſich an jevem geſetzmäßigen Feier⸗ tage in dem Gaſthauſe zum luſtigen Angler zu verſammeln pflegten, um Aalpaßteten zu verſpeiſen und bei dem echten Moſt aus Herfordſhire luſtig u Hot werden. Aber an dem beſondern Tage, wo wir unſem wur Leſer in die engen Grenzen des Gaſtzimmers führen zufr wollen, war das erwähnte Gaſihaus mit Perſonen an⸗ war gefüllt, die von den friedlichen Müßigängern ſehr dau 4 5 verſchieden waren, welche gewöhnlich die Speiſekammer hein 3. des Wirths zu leeren und den Preis des Getreibes bei ums den göttlichen Inſpirationen des Apfelnektars zu ver⸗ gere geſſen pflegten. Anſtatt des nachläſſigen ſelbſtzufri⸗ und denen Zechers, des umherziehenden Anglers oder des ion tion. Haupt⸗ Jahr⸗ präch⸗ in der n Ruf ren die n Dör⸗ Feier⸗ ler zu ſpeiſen ſtig zu unſern führen en an⸗ n ſehr ammer es hei er⸗ zuftie⸗ er des 304 vornehmeren Pächters mit ſeiner ſtattlichen Dame, die in ſeidenem Kleide einherging, anſtatt der ruhi⸗ gen, aber doch heiteren Geſichter ſolcher vergnü⸗ gungsſüchtigen Leute oder der lärmenderen Freube der Buben, die aus der Schule losgelaſſen worden, um eine kurze und vorübergehende Erholung zu genießen und zugleich auch die Leckerbiſſen des Wirths— anſtatt dieſer zeigte das kleine Gafizimmer eine ſehr verſchiedene und verwirrte Gruppe, auf deren Ge⸗ ſichtern weder die Aalpaſtete, noch der Apfelmoſt die Heiterkeit einer augenblicklichen Zufriedenheit her⸗ vorgebracht hatte. Der Tag, von dem wir jetzt reden, ging der be⸗ rühmten Verſammlung zu W““ vorher, und viele von den falſchen und wirklichen Patrioten, die aus der Ferne herkamen, um dieſer Verſammlung beizu⸗ wohnen, kehrten im luſtigen Angler ein, theils um in der Nähe des beſtimmten Ortes zu ſein, theils um billiger zu logiren, als in den lärmenden und theuren Hotels und Gaſthäuſern der Stadt W“ Die Zeit, in welcher die Verſammlung gehalten wurde, war die einer großen Aufregung und Un⸗ zufriedenheit des Volks. Der Zweck der Verſummlung war, eine Petition beim Parlament gegen die Fort⸗ dauer des amerikaniſchen Krieges, ſo wie eine andere heim Könige gegen die Fortdauer ſeines Miniſteri⸗ ums einzureichen. Anſchläge von ungewöhnlich auf⸗ geregter und unbeſonnener Art hatten die nüchternen und wohlgeſinnten Perſonen in der Nähe von W*“ in große Unruhe verſetzt, und man empfand vder 302 affektirte bei dieſer Gelegenheit ſo große Furcht, daß ein neues Detachement von Lord Ulswaters Regimen ausdrücklich in die Stadt ecommandirt wurde; und es ging das allgemeine Gerücht, daß die geſetzliche Macht mit Gewalt die erwähnte Verſammlung zerſtreuen würde. Dieſer Umſtand hatte der Maßregel ein all⸗ gemeines und ängſtliches Intereſſe verliehen, welche vieſelbe ſonſt nicht würde erregt haben; und während Jedermann von der Gefahr ſprach, der Verſamm⸗ lung beizuwohnen, beſchloß Jeder, ſich in dieſelbe zu ſtürzen. Es war um die Mittagsſtunhe, und die verſam⸗ melten Perſonen, ſechs an der Zahl, ſämmilich Mitglieder der heftigſten Partei, und von Freund und Feind als Anhänger der republikaniſchen An⸗ ſichten betrachtet. Einer von dieſen, eine kleine, ölige, korpulente Perſon, würde viel zu glatt und wohlgenährt erſchienen ſein, um für einen Störer der exiſtirenden Dinge zu gelten, hätte nicht ein mit Flecken und Sommerſproſſen überſätes, feuriges Ge⸗ ſicht, eine gefaltete Stirn und ein kleines, ſchwarzes Auge von unerträglicher Schärfe das geſetzte und zu⸗ friedene Ausſehen ſeiner Geſtalt und ſeines Umfange Lügen geſtraft. Dieſer Herr, deſſen Name Chriſte⸗ pher Culpepper war, ſprach in raſchem, ſchnüffeln⸗ dem Tone, gleich dem Schritte eines walifiſchen Pferdes, etwas lahm, ſehr kurzathmig, aber doch ein vyrtreff⸗ licher Schrittgänger. Ihm zunächſt ſaß, ſeine Hände über die Knie gefaltet, ein hagerer, kleiner Mann mit vor der ht, vaß egiment und es eMacht rflreuen ein all⸗ welche vährend rſamm⸗ dieſelbe verſam⸗ mmtlich Freund en An⸗ kleine, att und Störer ein mit ges Ge⸗ warzes und zu⸗ fanges hriſt⸗ üffeln⸗ ferdes, ortreff⸗ e Kni⸗ or der 303 Zeit gerunzeliem Geſichte und ſehr niebergeſchlagener Miene. Der arme Caſtleton! Ihm war das bittere Lvos eines redlichen, aber ſchwachen Mannes zu Theil geworben, der ſich mit Herz und Seele einer öffent⸗ lichen Sache anſchließt, die während feines Lebens wenigſtens hoffnungslos iſt. Drei andere Männer ſaßen bei dem offenen Fenſter und fritten mit den heftigſten Geberden über Wilkes' Charakter und am andern Fenſter ſaß ſchweigend, allein und in Gedan⸗ ken verſunken, ein Mann, deſſen Ausſehen und Ge⸗ ſichtszüge ſehr geeignet waren, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Sein Rabenhaar, welches bei der erſten Annäherung des Alters grau zu werden begann, war noch dicht und lockig. Seine ſtarken und buſchigen Augenhraunen, welche große Entſchloſſenheit anden⸗ teten, waren über den Augen zuſammengewachſen, welche gerade gedankenvoll und mit einer Ruhe, die ihnen nicht gewöhnlich war, in das Leere gerichtet. Der Mund, worin ſich beſonders der Charakter ausdrückt, war feſt und trotzis geſchloſſen; und obgleich beim erſten Blicke die niedergezogene Biegung und die eiſerne Strenge defſelben das Anſehen ungemäßigter Rauheit, Verachtung und Entſchloſſenheit an ſich trugen, ſo hätte doch ein aufmerkſamer Erklärer von Zeichen in dem Ausdruck deſſelben nichts enidecken können, was der Selbſtſucht oder der Sinnlichkeit glich, und würde dieſe Abweſenheit für hinlänglich gehalten ha⸗ ben, um die abſtoßenderen Andentungen des Geiſtes wieder gut zu machen. Es wurdt die Thür geöffnet und der Wirth führte 304 mit einigen Entſchuldigungen bei beiden Thellen, daß er kein anderes Zimmer frei habe, einen Man herein, deſſen Kleidung und Miene, ſowie eine Art von Satteltaſche, die er keinem andern Träger anver⸗ trauen wollie, ihn mehr als einen Handelsmann, denn als einen Politiker bezeichnete. Auch ſchien er ſich uner den Patrioten nicht ſehr zu Hauſe zu fühlen, die ihn einen Augenblick anſtarrten und dann ohne eine Be⸗ merkung ihre Stellungen und Beſchäftigungen wieder aunahmen. Nach einer kurzen Pauſe näherte ſich er Fremde dem einſamen Patrioten, den wir bereits beſchrieben hahen, machte ihm eine halb furchtſame, halb vertraute Verheugung und redete ihn ſo an: „Ihr Diener, Herr Wolfe, Ihr Diener. Ich glaube, ich hatte das Vergnügen, Sie vor längerer Zeit bel der Wahl zu Weſtminſter zu hören. Sie waren ſeht beredt, Herr!“ Wolfe ſah dem Redenden einen Augenhlick ins Geſicht, und da er es nicht erkannte, ſo wendete er ſich plötzlich um, riß das Fenſter auf, lehnte ſich hinaus und ſchien zu wünſchen, von aller weiteren Zubringlichkeit des Fremden befreit zu ſein; aher dieſer Herr war nicht ſo leicht los zu werden. „Schönes Wetter, Herr, für dieſe Jahreszeit— ſehr ſchönes Wetter, in der That. Oktober iſt ein reizender Monat, wie meine beklagte Freundin, die verſtorbene Lady Waddilove, zu ſagen pflegte. Du wir davon reden, daß der Winter herannaht, meinen Sie nicht, daß es klug ſein würde, Herr Wolfe, wen Sie ſich mit einem Regenſchirm verſähen? Ich hobe Theilen, n Mann eine Att r anver⸗ un, denn ſich unter „die ihn eine Be⸗ n wiedet ſich der bereits chtſame, ſo an: glaube, Zeit hei ren ſehr blick ins endete er hnte ſich weiteren er dieſer eszeit— bin, die te. Dn meinen fe, wenn h habe 305 ein bewundernswürdiges Exemplar bei mir, über welches ich verfügen kann; es iſt aus dem Nachlaß der ver⸗ ſorbenen Lady Waddilvve.„„Braun,““ ſagten Ihre Herrlichkeit eineſkurze Zeit vor ihrem Tode—„„Braun, Sie find ein gutes Geſchöpf; aber Sie fordern zu viel für die Meißner Vaſe. Wir haben einander lange Zeit gekaunt— Sie müſſen vierzehn Pfund zehn Schilling annehmen, und Sie können den Regenſchirm dort in der Ecke noch in den Kauf bekommen.““ Sehen Sie, Herr Wolfe, ſo wurde der Handel geſchloſſen und der Regenſchirm war mein— jetzt kann er der Ihre werden.“ Mit dieſen Worten legte Braun ſeine Satteltaſche auf den Boden und begann einen Regenſchirm von alterthümlicher Geſtalt zu entfalien. Er hatte einen ſehr langen Stock, mit einer elfenbeinernen Spitze und etwa einer Viertelelle ſeegrünem Seidenzeug verſehen, welches von der Zeit und dem Gebrauche etwas abge⸗ ſchoſſen war. „Es iſt ein ſchöner Artikel, Herr Wolfe,“ ſagte Braun, den Schirm mit Bewunderung betrachtend— „nicht wahr?“ „Pah!“ ſagte Wolſe ungeduldig—„was habe ich mit Ihren Scharteken zu thun? Gehen Sie und ſuchen Sie Ihre Täuſchungen und Betrügereien bei Andern anzuwenden.“ „Täuſchungen und Betrügereien, Herr Wolfe!“ rief der beleidigte Braun erſchrocken—„Sie müſſen wiſſen, Herr, daß ich den erſten Familien des Lanbes Bulwer, der Verſtoßene. II. 20 306 viente, ſowie auch in dieſer Grafſchaft, und baß man noch nie ſolche Worte auf mich anwendete— da waren die verſtorbene Lady Wadvilove und die geach⸗ tete Mrs. Minden, und ihr Neffe, der Geſandte, die Herzogin von Pugadale und Mordaunt von Mor⸗ daunt⸗Cvurt, der arme Herr— obgleich jetzt nicht mehr arm.“ Und Braun ſetzte das Verzeichniß ſeiner Kunden fort. Obgleich Wolfe Morbaunts eigentlichen Rang nicht kannte, ſo wußte er doch ſeinen wahren Namen, und als er denſelben hörte, murmelte er:„Mordaunt — Mordaunt— ja, aber nicht mein früherer Be⸗ kannter— nicht der, welcher ſich Glendower nannte. Nein, nein— der Mann kann ihn nicht meinen.“ „Doch, Herr, ich meine ihn,“ rief Braun in Wuth;„ich meine denſelben Herrn Glendower, der ſpäter einen andern Namen annahm, aber deſſen wahte Benennung Herr Algernon Mordaunt von Mordaunt⸗ Court iſt, Herr.“ „Was für eine Art von Mann iſt er?“ ſagie Wolfe,„groß, ſchlank, mit dem Weſen und der Miene eines Königs— ich wollte ſagen, beſſer als eine Königs— eines freien Mannes?“ „Ja, ja— derſelbe,“ antwortete Braun mürriſch; „aber warum ſollte ich es Ihnen ſagen?— Läl⸗ ſchungen und Betrügereien, in der That!— Mein Wort kann Ihnen voch von keinem Belang ſein— und ich werde hier nicht länger bleiben, um mich beleidigen zu laſſen, Herr Wolfe— dem ſich, da Sie von freien Männern reden, kein freier Mann unter⸗ baß man e— da ie geach⸗ ſanbte, on Mor⸗ etzt nicht Kunden en Rang Namen, Nordaunt erer Be⸗ nanntt. meinen.“ raun in wer, der en wahte ordaunt⸗ ſig er Mien ls eins nirtiſh; — Täu⸗ — Mein ſein— um mich da Sie unter⸗„ ſagte ſehr angemeſſen einer von den prei Streitenden 307 werfen ſollte; aber wie die verſtorbene Lady Wabbi⸗ love einſt ſehr weiſe zu mir ſagte:„„Braun, haben Sie nichts mit jenen Republikanern zu thun, ſie ſind die ſchlimmſten Tyrannen von allen.““ Guten Mor⸗ gen, Herr Wolfe— Ihr Diener, meine Herren— Tänſchungen und Betrügereien, in der That!“ Und Braun ſchlug die Thür zu, als er ſich entfernte. „Wolfe,“ ſagte Chriſtopher Culpepper,„wer iſt dieſer Mann?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete der Republikaner lakoniſch, indem er gebankenvoll auf den Boden blickte. „Er hat die Miene eines Sklaven,“ ſagte der freie Culpepper,„und Sklaven können die Geſellſchaſt der freien Männer nicht ertragen; daher that er wohl, zu gehen— oh— ho!— Hätten wir eine vollſtän⸗ dige und wirkſame Reform, ſo würde die menſchliche Natur nicht durch ſolche Profeſſionen und Geſchäfte erniedrigt werden, denn alle Profeſſionen ſind nach⸗ theilig für den Charakter und die Würde des Men⸗ ſchen— oh— ho!— aber wie ich morgen in der Verſammlung beweiſen werde, iſt es vergebens, auf eine Beſſerung in dem elenden Zuſtande der Dinge zu hoſſen, bis das Volk dieſes Reichs vollkommen frei und rechtlich repräſentirt wird— oh— ho!— Meine Herren, es iſt zwei Uhr vorbei und wir haben noch kein Mittageſſen beſtellt— vh— ho!“— Durch dieſen Ausruf wollte Culpepper ſeinen Ausſprüchen beſondere Kraft verleihen. „So klingeln Sie denn und rufen dem Wirth,“ 308 über den Charakter Wilkes'. Der Wirth kam unb das Mittageſſen wurde beßtellt. „Hat jener Mann, Herr Braun, glaube ich, heißt er, das Haus ſchon verlaſſen?“ fragte Wolfe. „Ja, Herr, er war ſehr beleidigt über etwae, was—“ „Und wie weit wohnt Herr Mordaunt von hier⸗ fiel Wolfe ein. „Etwa fünf Meilen auf der andern Seite von W'*,“ antwortete der Wirth. Wolfe ſtand auf, ergriff ſeinen Hut und wolle ſich entfernen. „Falt, halt,“ rief Ghriſtopher Sulpepper;„S. werden doch erſt mit uns zu Mittag ſpeiſen?“ „Ich werde zu W ſpeiſen,“ antwortete Wolſ. indem er das Zimmer verließ. „Dann wird unſere Rechnung größer werben“ ſagte Culpepper,„es iſt nicht ſchön von Wolfe, u zu verlaſſen. Oh— ho! Ich denke in der That, def unſer Bruder in der letzten Zeit in ſeinem Eifer fü vie große Sache nachgelaſſen hat— oh— ho!“ „Das iſt die menſchliche Natur!“ rief einer vor den Streitenden über Wilkes' Charakter. „Es iſt nicht die menſchliche Natur!“ rief de zweite Streitende, indem er trotzig ſeine Arme übe⸗ einander ſchlug, als bereite er ſich auf eine auzfüh⸗ liche Verhandlung vor. „Verächtliche menſchliche Natur!“ rief der drit⸗ Streitende mit übermüthigem Ausdruck zorniger Ve⸗ achtung. kam unb ich, heißt olfe. er etwat, n hier!“ Seite vyn wolli⸗ per;„Eſ “ te Wol werden,“ zolfe, u That, def Eifer fin ho!“ einer vn rief dn me üben e ausführ⸗ der dritt iger Ve⸗ 309 „Arme menſchliche Natur!“ mutmelte Caſtleton, indem er mit einem Seufzer aufwärts blickte; und indem wir dieſem Herrn weiter keine Worte in den Mund legen, als dieſe, glauben wir doch, daß ſie faſt hinreichend ſind, um unſere Leſer mit ſeinem Charakter bekannt zu machen. Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Silvis, ubi passim Palantes error certo de trawite pellit, 1Mle sinistrorsum hio dextrorsum abit; unus utrique Error, sed variis illudit partibus. Moratius. Als Wolfe aus dem Gaſthauſe ſchritt, murmelte er bei ſich ſelber:„Sollte Mordaunt plötzlich ſo reich geworden ſein? Wenn es wäre, würde ich mich dar⸗ über freuen. Freilich war er nicht für unſere Sache, aber er hatte den Geiſt und das Herz, die dazu ge⸗ hören. Wäre er nicht unter den Vorurtheilen der Geburt erzogen, oder hätte er in ſtürmiſcheren Zeiten gelebt, ſo möchte er der vorderſte Kämpfer für die Freiheit geweſen ſein. So wie die Sache iſt, beklage ich ihn mehr, als ich ihn verurtheile. Doch ich möchte ihn gern noch einmal ſehen. Vielleicht hat das Glück ſeine Philoſophie geändert. Aber kann er in der That derſelbe Mordaunt ſein, von dem jener wan⸗ dernde Handelsmann ſprach? Kann er ſich zu der verderblichen Höhe eines ariſtokratiſchen Gutsbeſitzers erhoben haben? Nun, es iſt wohl der Reiſe werth; 310 denn wenn er Macht in der Nachbarſchaft hat, ſo bin ich gewiß, daß er ſie zu unſerm Schutze anwenden wird; und im ſchlimmſten Falle werde ich den thi⸗ richten Worten meiner Landsleute entgehen, Oh! wem es möglich wäre, daß die Advokaten den Ruhm der Sache entweihen könnten, wie lange würde ich vor dem harten Dienſte zurückgewichen ſein, dem meit Leben geweiht iſt! Selbſtintereſſe, Neid, der Alle an⸗ knurrt, die über ihm ſtehen, ohne den Muth de Thieres zu haben, zu beißen— Thorheit, welct das Weſen der Freiheit nicht kennt, ſondern nur den Schimmer ihres Namens liebt— Furcht, welhe ſchwankt— Verbrechen, welches in der Ausſchweifunz eine Entſchulbigung ſucht— vereitelte Hoffnung, die nur eine Gelegenheit fordert, um zu ſchelten, Haß, Bitterkeit, die ſich ihres Eifers rühmen, ahn nur ihre ſchwarze Galle und ihre böſe Leivenſchaft auslaſſen— alle dieſe bilden unſere Anhänger und geben unſern Feinden die Macht und das Recht u ſpotten und zu verachten. Aber der Menſch wählt den Zweck und das Schickſal liefert ihm nur die Mit⸗ tel. Ein Glück für unſere Nachkommenſchaft, daß, wenn der Zweck einmal erreicht iſt, die Schwäche der Werkzenge nicht mehr ſein wird.“ So mit ſich ſelber redend, ging der Republikauer raſch weiter, bis eine Wendung des Weges ihm die Geſtalt des Herrn Braun vor Augen brachte, der auf einem kleinen rauhen Pferde ſaß und aus Ma⸗ gel an Gedanken pyfiff. Wolfe beſchleunigte ſeinen Schritt und holte ihn chweifunz offnung, ſchelten, en, abet idenſchaf inger u Recht ch wihli die Mit⸗ aft, daß, wäche der ublikanet ihm die hte, der us Mar⸗ holte ihn 311 balb ein.„Sie müſſen mir verzeihen, mein guter Mann,“ ſagte er beſänftigend,„ich wollte Ihre Ehr⸗ licheit und Ihren Beruf nicht vervächtigen. Ich war haſtig und ärgerlich, denn es gibt viele Dinge, die mich zerſtreuen und in üble Laune verſetzen.“ „Gut, mein Herr,“ antwortete Braun, ſehr be⸗ ſänftigt;„ich bin gewiß, kein Chriſt iſt verzeihlicher als ich; da es Ihnen leid iſt, was Sie geſagt, ſo wollen wir nicht weiter daran denken. Aher was den Regenſchirm hetrifft, Herr Wolfe— haben Sie keine Luſt zu dieſer intereſſanten und nützlichen Reli⸗ guie von der Lady Waddilove?“ „Für jetzt danke ich Ihnen,“ ſagte Wolfe milde „ich kümmere mich wenig um die Rauhheit des Him⸗ mels, und Sie werden leicht Leute finden, denen Ihr angebotenes Schutzmittel angenehmer ſein wird, als mir. Aber ſagen Sie mir, wohnte nicht der Herr Morvaunt, deſſen Sie erwähnten, in London, und war in ſehr dürftigen Umſtänden?“ „Wohl möglich,“ ſagte der vorſichtige Braun, der, wie ſchon vorher erwähnt, durch Beſtechung zum Schweigen gebracht worden war, der aber jetzt ſchwer bereute, daß die Leidenſchaft ihn zu der Unbeſonnenheit der Aufrichtigkeit verleitet hatte, aber ich kümmre mich nicht um anderer Leute Angelegenheiten.„„Braun,““ ſagte vie verſtorbene Lady Waddilove,„„Braun, Sie ſind ein gutes Geſchöpf, und reden nie von dem, was Sie nicht angeht.““ Dies, Herr Wolfe, waren Ihrer Herrlichkeit eigene Worte!“ „Wie Sie wollen,“ ſagte der Republiraner, dem 312 es nicht an Schlauheit fehlte und welcher ſah, daß er ſeinen Zweck bereits hinlänglich erreicht habe. „Und nun, um von einem andern Gegenſtand zu reden, ich vermuthe, wir werden Sie morgen auch bei der Verſammlung zu W' ſehen?“ „Ja,“ verſetzte der würdige Braun;„ich hielt es für wahrſcheinlich, daß ich manche von meinen alten Kunden bei einer ſolchen Gelegenheit in dieſer Stabt treffen würde, und ſo machte ich auf meinem Rückwege nach London einen kleinen Umweg, um dort eine over zwei Nächte zuzubringen. Ich habe einige ſchätzbare Artikel für den Friebensrichter, Herrn Glumford, der morgen auch zugegen ſein wird.“ „Man ſagt, daß die Magiſtralsperſonen gegen alles Geſetz, Recht und Sitte ſich ins Mittel legen und ſich der Verſammlung wiverſetzen wollen. Glau⸗ ben Sie, daß das Gerücht die Wahrheit ſagt?“ „Dieſe Frage kann ich nicht entſcheiden,“ ent⸗ gegnete Braun beſonnen.„Alles, was ich weiß, iſt, daß Squire Glumford mir vor fünf Tagen in ſeinem eigenen Hauſe ſagte, als er gerade ſeine Stiefeln anzog.„„Braun,““ ſagte er,„„Braun, beachten Sie meine Worte, wir wollen ſchon mit dieſen re⸗ belliſchen Hunden umſpringen!““ „Sagte er ſo?“ murmelte Wolfe zwiſchen den Zähnen,„oh, wie gut war es in jenen alten Zeiten oder wird es in künftigen ſein, wo unſere einzige Antwort ſein würde— das Schwert!“ „Und Sie wiſſen,“ fuhr Braun fort,„daß Lord ulswater und ſein Regiment in der Stadt find und ſchot Ver! kaun Mär Unt ſam einz ihre iſt kant das müf gef und als es Rel ſag den unt Ha etn ein un ſac ſan n dieſer eiß, iß, ſeinem Stiefeln beachten eſen re⸗ hen den n Zeiten einzige aß Lotd ind und 313 ſchon ſeit einer Woche große Vorbereitungen zur Verhinderung der Verſammlung gemacht haben?“ „Dies habe ich gehört,“ ſagte Wolfe;„aber ich kann mir nicht denken, daß ein Trupp bewaffneter Männer wagen ſollte, eine Verſammlung friedlicher Unterthanen zu ſtören oder anzugreifen, die nur zu⸗ ſammenkommen, um eine Petition beim Parlament einzureichen, damit ſie ſelber nicht verhungern und ihre Kinder keine Sklaven werden.“ „Verhungern,“ ſagte Braun.„In der That, es iſt ſehr wahr, die Zeiten ſind furchtbar ſchlecht. Ich kann mir nur kaum meinen Unterhalt erwerhen— das Parlament ſollte voch etwas thun; aber Sie müſſen mir verzeihen, Herr Wolfe: vielleicht iſt es gefährlich, mit Ihnen von dieſen Dingen zu reden, und nun fällt mir ein, daß es beſſer iſt, ſo ſchnell als möglich nach W* zu eilen— guten Morgen— es kommt ein Regenſchauer— Sie wollen alſo den Regenſchirm nicht?“ „Sie werden es nicht wagen, uns anzugreifen,“ ſagte Wolfe bei ſich ſelber—„nein, nein— ſie wer⸗ den es nicht wagen!“ Dann ballte er ſeine Fauſt und ſetzte mit raſcherem Schritte und noch geraderer Haltung ſeinen einſamen Weg fort. Als er noch etwa drei Meilen von W** entfernt war, holte ihn ein Mann von mittlerem Alter, von offener Miene und reſpeetablem Anſehen ein.„Guten Tag, Herr,“ ſagte er;„Sie ſcheinen denſelben Weg zu wandern — wird es gegen Ihre Wünſche ſein, wenn wir zu⸗ ſammen gehen?“ 314 Wolfe willigte ein, und der Fremde ſuhr ſort: „Ich vermuthe, mein Herr, Sie wollen morgen hei der Verſammlung in W* zugegen fein. Es wird ein ungeheurer Zuſammenlauf entſtehen, und der Einritt eines neuen Detachements Soldaten, und die ver⸗ ſchiedenen Gerüchte von der Wahrſcheinlichkeit, daß die Verſammlung wird unterbrochen werden, machen, daß man der Sache mit einigem Intereſſe und B⸗ ſorgniß entgegenſieht.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Wolfe langſam, indem er ſeinen neuen Bekannten mit bedächtiger und forſche⸗ der Aufmerkſamkeit anſah. Es wird in der That intereſſant ſein, zu ſehen, wie weit eine böſe unb harte Regierung wagen wird, in die Rechte des Voll einzugreifen, welches ſie zu Grunde richtet, währen ſie vorgibt, es zu leiten.“ „In Wahrheit,“ verſetzte der Andere,„ich freu mich, daß ich kein Politiker bin. Ich glaube, mein Geiſt iſt ebenſo frei, wie nur einer, der in den engen Kerker des irdiſchen Staubes eingezwängt iſt; doch ich bekenne, daß er nichts von ſeiner Freiheit au Büchern, Flugſchriften, Reden und Zeitungen der neuen Zeit entlehnt hat.“ „Um ſo viel ſchlimmer für Sie, Herr,“ ſagle Wolfe mürriſch;„der Mann, der Geſundheit und gut⸗ Erziehung beſitzt, kann keine Entſchuldigung für ſeine Gleichgültigkeit gegen jene Form der Geſetzgebung finden, wodurch ſein Vaterland in Verfall geräth un gebeiht.“ „Nun,“ ſagte der Andere heiter,„ich hekem indem e des Voll⸗ währen „ich freu tbe, meit den engen iſt; doch iheit au ngen der ſagie und gute für ſein⸗ etzgebung eräth und bekenn 315 gern, daß ich weniger ein Patriot als ein Philoſoph hin, und ſo lange ich harmlos bin, bemühe ich mich ſehr wenig, in einer öffentlichen Eigenſchaft nützlich zu ſein; in einer hüuslichen, als Vater, Gatte und Nachhar, hoffe ich nicht ganz ohne Werth zu ſein.“ „Pah!“ rief Wolfe,„wer ſeine öffentlichen Pflich⸗ ten vergißt, möge nicht von ſeinen Privatverdienſten ſchwatzen. Ich ſage Ihnen, Mann, daß der, welcher um ein Haarbreit das Glück und die Freiheit des Menſchen erhöhen kann, mehr gethan hat, um ſeine eigene Seele zu retten, als hätte er jeden Schritt in dem engen Kreiſe ſeines häuslichen Lebens mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks gethan.“ „Sie mögen Recht haben,“ ſagte der Fremde nachläſſig;„aber ich ſehe die Dinge in der Maſſe an, und ſehe vielleicht nur die Oberflächen, während Sie, wie ich bemerke, das Abſtracte lieben. Mir ſcheinen die beiden Definitivnen des alten Harry Fielding ebenſo gut für den gegenwärtigen Tag, als wie für die Vergangenheit zu paſſen:„„Patriot— ein Bewerber um eine Stelle! Politik— die Kuuſt, eine ſolche Stelle zu erhalten!““ Da Sie ein Mann von Erzichung zu ſein ſcheinen, ſo erinnern Sie ſich vielleicht der Worte unſeres großen Romanſchreibers.“ „Nein!“ antwortete Wolfe ein wenig verächtlich —„ich kann nicht ſagen, daß ich mein Gedächtniß mit Witzworten und leeren Bemerkungen von Roman⸗ ſchreibern beläſtige. Es iſt ein mächtiges und weit verbreitetes übel für die Welt geweſen, daß man die eitlen Fietionen der Dichter voder die ühertreibungen 316 der Romanſchreiber bisher ſo ſehr willkommen ze⸗ heißen und erhoben hat. Beſſer wäre es für unz geweſen, wenn die Zerſtörung des gelehrten Schatez zu Alexanbrien ſich auf alle leichteren Werke erſtrect hätte, die eben wegen ihrer Leichtigkeit der Stron der Zeit hinuntergetrieben als ein Beiſpiel und ein Verderbniß für die entweihten Geiſter der ſpäteren Tage.“ Die Augen des Fremden funkelten.„Sie über⸗ treffen ja noch die Gothen!“ rief er heftig.„Aber Se predigen offenbar gegen das, was Sie wenig ſtudirt haben. Bekennen Sie, daß Sie nur eine geringe Be⸗ kanntſchaft mit Shakſpeare, Speneer und dem ehlen Dan Chauecer haben. Ja, wenn Sie dieſelben ſo gut kennten, wie ich, ſo würden Sie gleich mir ihnen vollen Glauben ſchenken und ſie in Ihrem Herzn verehren.“ „Pah!“ murmelte Wolfe wieder, und entgegnele dann laut:„Es thut mir leid, die Zeit ſo verſchwen⸗ det und das Urtheil ſo verdreht zu ſehen, wie es bei Ihnen geſchehen zu ſein ſcheint; aber es erfüllt mich mit Mitleid und Erſtaunen, ſo wie mit Kummer, daß Sie, weit entfernt, ſich wegen ihrer weibiſchen Studien zu ſchämen, dieſelbe noch zu rühmen und ſich derſelben zu freuen ſcheinen.“ „Möge der Herr mir helfen und Sie erleuchten,“ ſagte Cole, den der Leſer wahrſcheinlich ſchon in dem Fremden wird erkannt haben.„Sie find wenigſten keine Neuheit in der menſchlichen Weisheit, was Ste auch für ein Charakter ſein mögen; denn GSie find und ein ntgegnele erſchwen⸗ wie es bei fült nih Kummer, veibiſchen men und euchten“ n in dem enigſtens was Sie Sie find 317 weit entfernt von dem, der ſtolz darauf iſt, unwiſ⸗ ſend zu ſein und die bemitleidet, welche es nicht ſind.“ Wolfe warf dem Rehner einen feurigen Blick zu, welcher denſelben, wenn auch nicht eben ſo feurig, doch wenigſtens eben ſo kühn erwiderte. „Ich ſehe,“ ſagte der Republikaner,„daß wir in den Dingen, die Sie vorgebracht haben, nicht übereinſtimmen werden. Wenn Sie mir Ihre Geſell⸗ ſchaft noch länger aufdringen wollen, ſo werden Sie wenigſtens einen andern Gegenſtand der Unterhaltung wählen.“ „Verzeihen Sie mir,“ ſagte Cole, deſſen Studien, während ſie zu ihrer Selbſtvertheidigung ſeine augen⸗ blickliche Wärme veranlaßt hatten, ihn gewöhnlich ſehr höflich und freundlich machten,„verzeihen Sie meinen haſtigen Ausdruck. Ich geſtehe, daß ich Un⸗ recht hatte.“ Und mit dieſer Entſchuldigung ging unſer ehemaliger Zigeunerkönig auf die neuen Ge⸗ genſtände ein, welche die Landſchaft und das Wetter ihm gewährten. Wolfe, der ſeine gegenwärtige Abſicht im Kopfe hatte, that einige Fragen nach Mordaunt, und ob⸗ gleich Cole nur unbeſtimmte Gerüchte über ſeine frühere Geſchichte wußte, ſo war dies Wenige doch hinreichend, um den Republikaner in ſeinem Glauben zu ſtärken, wenn er meine, während Cole's Bericht von ſeinem Range und Rufe in der Gegend Wolfe voppelt begierig machten, ſich wo möglich ſeinen Bei⸗ ſtand und ſeine Unterſtützung in Betreff der Ver⸗ ſammlung zu ſichern. Aber die Unterhaltung blieb 318 nicht immer auf neutralem und gleichgültigem Boben, ſondern von Zeit zu Zeit wurden verſchiedene A⸗ ſpielungen gemacht und Anſichten ausgeſprochen, bie von dem Andern heftig beſtritten wurden Hätten wir Zeit und unſer Leſer Gebuld, ſo würde es ein ſeltener und ſchöner Contraſt geweſen ſein, die großen Verſchiedenheiten der Gedanken unh Meinungen zwiſchen den beiden Reiſegefährten z berückſichtigen, wovon jeder auf ſeine beſondere Weſſ⸗ ſo glühend nach Freiheit ſtrebte und ſo abgeneizt gegen die Herrſchaft und Sitten der Geſellſchaft wa, Jeder ſo begeiſtert für denſelben Zweck und doch ſ kalt und verächtlich gegen die Begeiſterung des An⸗ dern. Der Eine wurde nur von ſeinem poetiſchen und irrthümlichen Geſchmacke geleitet, der Andere ur von Träumen, die der Welt nicht weniger grundlos erſcheinen, aber für ſeinen eigenen Geiſt den Namen des ſtrengen Urtheils führten. Beides, Männer von thätigem und abenteuerlichem Geiſte, welchen die Formen als Feſſeln erſchienen, und deren Ceremv⸗ nien ihnen verhaßt waren; die aber aus der gegen⸗ ſeitigen Ahnlichkeit nur Mitleid mit der Verkehrihel des Andern ableiteten. Sie waren merkwürdige Bei⸗ ſpiele von den großen Verſchiedenheiten, welche die Aehnlichkeit ſelber bei Geiſtern hervorbringt, die mehr unter dem Einfluſſe der Einbildungskraft als des Ur⸗ theils ſtehen. Auch würde es nicht unintereſſant geweſen ſein, wenn wir uns tiefer in die Erziehung ihres Lebens verſenkt, jene Schwierigkeiten entwickelt, die mit jenen Ihr bem kun wel rech wor uns Hir kön die ſeir wot unk wec die her d doch ſ des A⸗ poetiſchen ndere nur grunblos n Namen inner von lchen die Ceremv⸗ er gegen⸗ rkehriheit dige Bei⸗ elche bi⸗ die mehr des Ur⸗ ſen ſein, s Lebens nit jenen 3¹9 Ahulichkeiten in Verbindung ſtehen und jede auf die vem Anſcheine nach unbebeutenden, aber in der Wir⸗ kung mächtigen Umſtände zurückgeführt hätten, nach welcher der Philanthrop hoffen und der Moraliſt be⸗ rechnen muß, daß alle Charaktere bisher gebildet worden und ſpäter ſollen gebeſſert werden. Wir ſind uns hewußt, daß unſer jovialer Agypter in jeder Hinſicht beliebter ſein wird, als der Republikaner; doch können wir nicht umhin, zu bemerken, welches auch die Fehler des Letzteren ſein mochten, daß er wegen ſeines ganzen Lebens von einem Grundſatze geleitet worden, der, wenn gleich mißverſtanden, wenigſtens unbeugſam war, während der Andere nur dem ab⸗ wechſelnden Antriebe und dem Müßiggange gehorchte, die ſelbſtſüchtig in ihrer Urſache, ovgleich vielleicht unſchuldig in ihrer Wirkung waren. Ich weiß da⸗ her nicht, wenn wir unſern Liebhaber der Poeſie am meiſten beneiden, ob wir nicht, ſelbſt bei der Ver⸗ dammung ſeiner Irthümer, den Verehrer der Wahr⸗ heit, der ſich ſelbſt aufopferte, wenn gleich ſich tänſchte, die Palme der Billigung reichen müſſen. Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Gratis anhelans, multa agendo, nihil agens. Phaedrus. Als ſie in die Stabt traten, zeigten die Straßen das geräuſchvolle Treihen und die Aufregung, welche die bevorſtehende Verſammlung an einem gewöhnlichen und ungeſtörten Orte hervorzubringen geeignet war; 920 Gruppen von Männern waren an verſchiedenen Siel⸗ len zerſtreut und unterhielten ſich mit großer Lebhaf⸗ tigkeit; während hie und da ein Demoſthenes der Stadt, der dem bevorſtehenden Kampfe mit ung⸗ duld entgegenſah, ſeine kleine Gruppe bewundernder Freunde anrevete und ſeine vratvriſchen Organe durh kleine Scharmützel auf die große Schlacht des kom⸗ menden Tages vorbereitete. Von Zeit zu Zeit fiel bez Auge auf die rüſtigen Geſtalten der Soldaten des Lorh ulswater, wie ſie zwei und zwei nachläſſig durch bi⸗ Straßen ſchlenderten, völlig unintereſſirt bei dem großen Ereigniß, welches alle friedlicheren Bewohner der Staht in Gährung verſetzte und mit verächtlichem und hoch⸗ müthigem Ausdrucke die zornigen Blicke und gem⸗ melten Flüche erwiderten, welche von Zeit zu Zeit die entſchloſſenſten Geiſter der andern Partei ihnn freigebig zukommen ließen. Als Wolfe und ſein Ke⸗ merad in die Hauptſtraße eintraten, wurde der Erſten von einem ſeiner Bundesgenoſſen angeredet, der ſeinen Arm ergriff und die Umſtehenden durch einen plüt⸗ lichen Ausruf mit dem willkommenen Erſcheinen de beredten und geachteten Republikaners bekannt machen wollte. Aber Wolfe bemerkte und vereitelte ſeine Abſicht „Still!“ ſagte er mit leiſer Stimme;„ich bin jetzt nur auf dem Wege zu einem alten Freunde, der ein einflußreicher Mann in dieſer Gegend zu ſein ſcheint und uns morgen vielleicht von Nutzen ſein kann; ſchweigen Sie daher von mir, bis ich zurückkehre. 36 wünſchte nicht, daß man meine Abſicht verhinderte“ „Wie Sie wollen,“ ſagte der Bundesgenoſſe;„Khet wen h Und d Ausdr wiſſen wartet hetrach „2 müßig nutzloſ meinet daran, muß; genug „ von de „C leicht zu ein kann, der S „6 rechts Augen auf de Sie w „2 höchſte ſtokrat „1 Bu n Siel⸗ Lebhaf⸗ nes der Unge⸗ dernder ne durch es kom⸗ fiel boz es Loth urch di⸗ großen er Stabt nd hoch⸗ gemu⸗ zu get i ihnen ſein K⸗ Erſten r ſeinen en plöt⸗ inen des machen Abſicht. „ich bin nde, der zu ſein in kann; hre. 3% inderte“ e;„ahet 321 wen haben Sie da mitgebracht— einen Mitarbeiter?“ Und der Republikaner deutete auf Cole, der mit einem Ausdruck verſchlagener Laune, vereint mit einem ge⸗ wiſſen philoſophiſchen Mitleid, daſtand, auf Wolfe wartete und die vor ihm verſammelten lauten Gruppen hetrachtete. „Nein,“ antwortete Wolfe;„er iſt ein eitler und müßiger Ausſäer unnützer Blumen, eines von jenen nutzloſen Geſchöpfen, welche Poeſie lieben und ſie meinetwegen auch ſchreiben; aber das erinnert mich daran, daß ich mich von ſeiner Geſellſchaft losmachen muß; doch halt— kennen Sie dieſe Gegend genau genug, um mir als Führer zu dienen?“ „Ja,“ ſagte der Andere,„ich wurde drei Meilen von der Stadt geboren.“ „Ei!“ verſetze Wolfe;„da können Ste mir viel⸗ leicht ſagen, ob es einen Weg gibt, auf welchem man zu einem Orte Namens Mordaunt⸗Court gelangen kann, ohne durch die größeren und volleren Straßen der Stabt zu kommen.“ „Gewiß,“ verſetzte der Anbere;„Sie dürfen nur rechts den Hügel hinaufgehen und werden in einem Augenblick außerhalb des Gebiets von W* ſein, und auf dem kürzeſten Wege nach Mordaunt⸗Court. Aber Sie wollen doch nicht zu dem Beſitzer?“ „Und warum nicht?“ ſagte Wolfe. „Nun,“ verſetzte der Andere,„weil er der reichſte, höchſte, und wie das Gerücht ſagt, der ſtolzeſte Ari⸗ ſtokrat in dieſer Gegend iſt.“ „Um ſo viel beſſer,“ ſagte Wolſe,„kann er uns Bulwer, der Verſtoßene. II⸗ 21 322 daher morgen behülflich ſein, daß wir ein ruhige Gehör erlangen, ohne von rothröckigen Söldnern g⸗ ſtört zu werden, die ſich ven Schutz Britanniens nenun Viel beſſer wäre es, wenn wir bedenkeu, was ſe uns zu füttern und zu kleiden koſten, wenn man fe Britanniens Untergang nennte; aber leben Sie wyhl für jetzt; wir werden uns dieſen Abend wieder ſehenz Ihre Wohnung?“ „Dort,“ ſagte der Andere, indem er auf ein kleines, gegenüberliegendes Gaſthans deutete. Wolfe nickte ihn zum Abſchied zu und kehrte zu Cole zurück, der wegen ſeiner lebhaften und ruheloſen Natur bei der Zögerunz ſeines Begleiters ſchon unruhig geworden war, „Ich muß jetzt von Ihnen Abſchied nehmen,“ ſagte Wolfe,„und thue es mit einer herzlichen Er⸗ mahnung, daß Sie Ihre Studien verändern möger, die nur für weibiſche und ſklaviſche Gemüther pa ſend ſind.“ „Und ich erwidere die Ermahnung,“ antwotte Cole.„Ihre Studien erſcheinen mir zehnfach meht verkrüppelt als die meinen; die meinen empfangen all ihren irdiſchen Zwang von mir, und die Ihrizen ſcheinen Sie nur zu erinnern, daß die ganze Erhe ein Zwang iſt; die meinen zeigen mir, welche Welien die lebhafteſte Phantaſie nur wünſchen kann; die Ihri⸗ gen zeigen Ihnen nur die Thorheiten und Ketten dieſer Welt. Kurz, während mein Geiſt für mich ein König⸗ reich iſt, iſt der Ihrige für Sie nichts weiter als ein⸗ und eine Reform zu verlangen.“ große Verſammlung, um die Miniſter herunterzuſehen Nie zu glei um an einem auf der lung f In er ihm hei ſich fügung ſollte: triotis: um B ſicherſt Laſter gern b er iſt gewöhr M um, ſ ſich ba des He W bequen Court. war ei nach 2 ruhiges nern ge⸗ nenuen. was ſe man ſi ie wohl r ſehrn kleinet, ickte ihn r wegen ögerung ar. ehmen,“ chen Er⸗ mögen, her paſ⸗ twortete ch meht pfangen Ihrigen ze Erte Welien ie Ihti⸗ en dieſer Köni⸗ als ein. rzuſeten 3 23 Nicht gar wohl zufrieden mit dieſer Antwort und zu gleicher Zeit nicht geneigt, ſo lange zu warten, um antworten zu können, begnügte ſich Wolfe mit einem eiſernen Lächeln der Verachtung, drehte ſich auf der Ferſe herum und ſchritt raſch nach der Rich⸗ lung fort, die ihm ſein Freund angebeutet. Inzwiſchen folgte ihm Cole mit den Augen, bis ihm aus dem Geſichte war, und murmelte dann hei ſich ſelber:„Nie gab es eine paſſendere Hinzu⸗ fügung zu dem Narrenſchiff des alten Barelay! Es ſollte mich nicht wundern, wenn dieſes Mannes Pa⸗ triotismus ihn von der Verachtung der Geſetzgebung zum Brechen des Geſetzes führte, und wahrlich, der ſcherſte Weg zum Galgen führt weniger durch das Laſter als durch die Unzufriedenheit; doch möchte ich gern beſſere Dinge für ihn hoffen— denn mich dünkt, er iſt weder ein gewöhnlicher Deklamator, noch ein zewöhnlicher Menſch.“ Mit dieſen Worten wendeie ſich der redliche Cole um, ſchlenderte zu dem goldenen Vließ und befand ſich bald unter dem gaſtlichen Dache der Frau und des Herrn Merrylack. Während der Exkönig es ſich in dem Gaſthauſe heguem machte, begab ſich Wolfe nach Mordaunt⸗ Court. Der Erfolg der dort geführten Unterredung war ein Entſchluß von Seiten Algernons, ſich ſogleich nach W* zu begeben. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. In Kent ſind die Gemeinen unter Waffen.. Heinrich der Sechste, zweiter Lhil Als Mordaunt in W ankam, fand er, daß Provinzialbeamten(die alle mit den Vornehmßten ie Stadt bei einem Mittageſſen verſammelt waren), deren Händen das Schickſal der Verſammlung ruh in großem Zweifel und ſchrecklicher Beſtürzung warn Er kam noch zur rechten Zeit, um zuerſt die Stimm gleich zu machen und endlich den Ausſchlag zu gebn Sein kluger und ſcharfſichtiger Geiſt ſah, als er ih auf weltliche Angelegenheiten richtete, mit einem Bli die harmloſe, obgleich lärmende Art der Verſammlun und er fühlte, daß das Schlimmſte, was die Rezi⸗ rung oder die Grafſchaft thun könne, darin befteh, dem durch Gewalt Wichtigkeit zu verleihen, was vn den Meiſten nur belacht und von den übrigen m Gleichgültigkeit würde betrachtet werden. Seine großen Beſitzungen, ſein alter Name, ſit hoher Ruf wegen ſeines Talents, ſeine wohlbekann Loyalität, vereint mit jenem halb beredten und hel gebieteriſchen Weſen, dem es ſelten an Effekt fehl, wenn die überlegung nur eines Strohhalms auf eins von beiden Seiten bedarf, um zur Entſcheidung werden— Alles dies machte ſeine Vermittelung höch wirkſam, und es wurde beſchloſſen, daß man die Ve⸗ ſammlung, wie früher geſchehen war, ungeſtört ⸗ ginnen und enden laſſen wolle, ſo lange keine heſtim Hanvlu worden Ka Ulswat Zimme waren. als des wird, widerſe ſimmt „S Eure„ Trump „ Herr C Gli Vange hat die „N ſch bin am ant ſelben Eure H haben keinen Oh Uswat täfelte mterhi „ 325 Hanvlung des Aufruhrs gegen die Regierung begangen worden und der Stadt keine Geſahr drohe. Kaum war dieſe Beſtimmung gefaßt, als Lord Ulswater, der bisher abweſend geweſen war, in das Zimmer trat, wo die Magiſtratsperſonen verſammelt „daß i waren. Glumford(deſſen ſich der Leſer wahrſcheinlich mften he gls des Bewerbers um Iſabella St. Leger erinnern aren), k vird, und welcher ſich anfangs Morbaunts Vorſchlage ng ruhh, widerſetzt, envlich aher widerſtrebend bemſelben beige⸗ 8 warn ſimmt hatte) eilte raſch auf ihn zu. Stimm„So, Mylorb,“ ſagte er,„ſeit ich die Ehre hatte, zu gein Enre Herrlichkeit zuletzt zu ſehen, iſt ein ganz neuer ls er i Lrumpf ausgeſpielt worben.“ em Blit„Ich verſtehe Ihre bildlichen Rebensarten nicht, ammlun Herr Glumford,“ ſagte Lord Ulswater. ie Re⸗ Glumford erklärte ſich deutlicher. Lord ulswaters n beſth Vange wurde ſcharlachroth.„Alſo Herr Mordaunt was vu hat dieſe weiſe Veränderung hervorgebracht?“ ſagte er. rigen mi„Niemand anders, Mylord, Niemand anders, und ich bin gewiß, obgleich Eurer Herrlichkeit Beſitzungen me, ſeßſ em andern Ende der Grafſchaft liegen, ſo ſind die⸗ bekan ſelben voch gewiß viel größer als die ſeinen, und da und hih Eure Herrlichkeit einen Trupp unter Ihrem Commanbo ekt ſehh haben und dergleichen, ſo würde ich an Ihrer Stelle auf einn keinen ſolchen Widerſtand dulden.“ idung Ohne auf dieſe Anrede zu antworten, ſchriit Lord ng höht Uswater ſtolz auf Mordaunt zu, der ſich an die ge⸗ die Ve täfelte Wand lehnte und ſich mit ſeiner umgebung ſtört ⸗ mierhielt. eſtimmt„Ich kann nicht umhin, zu glauben, Herr Mor⸗ 326 daunt,“ ſagte er mit einer förmlichen Verbenzutg „daß die Nachricht unbegründet iſt, die ich eben e⸗ halten habe.“ „Sie werden mich vielleicht in Kenntniß ſun Mylord, welche Nachricht Sie meinen.“ „Daß Herr Mordaunt, der Repräſentant eiun der edelſten Familien in England, die Abſichten eine ſtürmiſchen und aufrühreriſchen Pöhels durch den Ein⸗ fluß ſeines Namens und Ranges begünßigt hat“ Mordaunt lächelte, indem er erwiderte:„Ein Herrlichkeit glauben mit Recht, daß die Nachricht ung⸗ gründet iſt. Gerade damit der Pöbel, von dem reden, nicht ſtürmiſch und aufrühreriſch werde, hah⸗ ich den Antrag gemacht, daß die morgen ſtattfindene Verſammlung ungeſtört bleibe.“ „Dann, Herr,“ rief Lord Ulswater, indem erſ heftig auf den Tiſch ſchlug, daß drei ehrenwerthe tentaten der Provinz erſchrocken zurückfuhren,„lm ich nicht umhin, dieſe Einmiſchung von Ihrer Se für höchſt unpolitiſch und unverantwortlich zu helin Dies ſind Zeiten von großer Gefahr für den Etuch wo es unerläßlich nöthig iſt, das Anſehen des Geſth⸗ zu unterſtützen und zu verſtärken.“ „Ich gebe für jetzt keine Antwort auf eine Sprah⸗ die weder höflich noch angemeſſen iſt,“ antwortit Mordaunt.„Ich zweifle nicht, daß die Magißrals⸗ perſonen in übereinſtimmung mit dem Geiſte des G⸗ ſetzes entſcheiden werden, der zu dieſer und jete andern Zeit ſollte aufrecht gehalten werden.“ „Herr,“ ſagte Lord ulswater, der mehr und mh außer ſteher war, . eine ſtrats rung gewö Mor Höfl Obr ſie e üben mach vera lich ſicht Mo Abſ We Sol ſi tige hiel den Ein⸗ hat“ „Eit icht ung⸗ dem Et de, haſ⸗ tifinden. dem erſ erthe J n,„lan rer Ei u heltn en Stut, s Geſehe Sprache, ntwortete agiftal⸗ des Ge⸗ inb jider 4 327 außer Faſſung kam, als er bemerkte, daß die Um⸗ ſtehenden, welchen er Ehrfurcht einzuflößen gewohnt war, ſich ſämmtlich zu Mordaunts Anſicht hinneigten —„Herr, wenn Ihr Name das Mittel geweſen iſt, eine ſo unheilvolle Entſchließung von Seiten der Magi⸗ ſtratsperſonen zu bewirken, ſo werde ich Sie der Regie⸗ rung für die Folgen verantwortlich halten, welche die gewöhnliche Klugheit vorherſehen kann.“ „Wenn Lord ulswater gelernt hat,“ entgegnete Mordaunt finſter,„nicht nur, was er ver allgemeinen Höflichkeit ſchuldig iſt, ſondern auch jenen geſetzmäßigen Obrigkeiten vieſes Landes, von denen er glaubt, daß ſie einen ungeſetzlichen Einfluß auf ihre Entſchlüſſe üben laſſen, ſo wird er vielleicht Gelegenheit finden, ſich beſſer mit der Natur jener Geſetze bekannt zu machen, die er jetzt mit ſolcher Heftigkeit aufrecht hält.“ „Herr Mordaunt, Sie werden für dieſe Worte verantwortlich ſein,“ ſagte Lord Ulswater in unnatür⸗ lich ruhigem Tone, und indem die Röthe ſeines Ge⸗ ſichts in Tobtenbläſſe überging⸗ „Zu jeder Zeit und in jeder Hinſicht,“ antwortete Mordaunt, und Lord ulswater drehte ſfich auf dem Abſatze herum und verließ das Zimmer. Auf dem Wege in ſein Quartier bemerkte er einen von ſeinen Soldaten in lautem und heftigem Streite mit einem Manne, der die einfache Kleidung eines friedlichen Bürgers trug; eine dritte Perſon ſtand dabei und ſchien vergeblich bemüht, die Streitenden zu beſänf⸗ tigen. Da Lord Ulswater ſehr ſtrenge auf Disciplin hielt, ſo geſtattete er nicht, daß Parteigefühle die 328 Oberhand über die Gewohnheiten des Berufs erhielen. Er rief den Soldaten zu ſich, und der Mann, mi dem der Letztere in Streit geweſen, kam auf Lor Ulswater mit eben ſo ſtolzem Schritte zu, wie ſe eigener. Die vritte Perſon, welche Frieden zu ſtiften verſucht hatte, folgte ihm. „Ich vermuthe, Herr,“ ſagte er,„daß Eie en Offizier von dem Regimente dieſes Mannes find.“ „Ich bin der eommandirende Offizier, Herr, ſagte Lord Ulswater, dem die Miene und der Ton der Perſon, der ihn anredete, durchaus nicht geſiel „Dann,“ antwortete der Mann, der in der Lhat kein Anderer war als Wolfe, der mit Mordaunt nah W* zurückgekehrt und dem es bereits gelungen war, ſich in einen Streit zu verwickeln,„dann erwarte ih von Ihnen, Herr, daß Sie ihn beſtrafen und mit Genugthuung verſchaffen.“ Und Wolfe begann in ſeiner übertriebenen Sprache einen ſehr vernünftigen Grund zur Klage vorzubringen. Wolfe war nämlich einem von ſeinen Verbündeten begegnet, hatte ſih etwas laut mit ihm unterhalten und Worte ausge⸗ ſprochen, die den Zorn des Solbaten erregten, der eben betrunken nach Hauſe taumelte, und der Eolbat hatte offenbar ſehr unpaſſende Worte gegen den vet⸗ dammten Rebellen ausgeſtoßen, der nicht durch di⸗ Straßen gehen könne, ohne von Aufruhr und Eu⸗ pörung zu ſchwatzen. Wolfe's Freund beſtätigte bieſe Ausſage. Der Solbat verſuchte ſich zu rechtfertigen, voch Lord ulswater ſah ſogleich, daß er betrunken war, ärgerte ſich insgeheim, daß die Klage nicht auf der a einer ſein« war, dem v ſich n ſagte die g Euch ſchicke Blut ſchätz 2 und würde Tage friedl und i venket könnt Ein 2 tigt i dung — unter anſeh im E „ terſte watet inftigen nämlich te ſich ausze⸗ n, der Solbat en vet⸗ rch die d En⸗ te bieſe rtigen, runken ht auf der anbern Seite war, und ſchickte den Soldaten mit einer kurzen aber ſichern Androhung der Strafe in ſein Quartier. Da Lord Ulswater aber nicht willens war, ſich unter ſo ſchmeichelhaften Verhältniſſen von dem verdammten Rebellen zu trennen, ſo wendete er ſich mit ſtrenger und zorniger Miene zu Wolfe und ſagte:„Was Euch betrifft, Kerl, ſo glaube ich, daß die ganze Schuld auf Eurer Seite war und wenn Ihr Cuch Eurem aufrühreriſchem Geſchwätz hingebt, ſo ſchicke ich Euch ins Gefängniß, um Euer ſtürmiſches Blut mit Brod und Waſſer zu zähmen. Geht und ſchätzt Euch glücklich, daß Ihr jetzt frei ausgeht!“ Wolfe's zorniger Geiſt war ſogleich in Waffen— und ſeine Antwort auf Lord Ulswaters Drohung würde ihn vielleicht verhindert haben, am nächſten Tage öffentlich zu reden, hätte nicht ſein Freund, ein friedlicher, verſtändiger Mann, ſeinen Arm ergriffen und ihm zugeflüſtert:„Was haben Gie vor?— Be⸗ denken Sie, weßhalb Sie hier find— noch ein Wort könnte die Verſammlung Ihrer Gegenwart berauben. Ein Mann, der mit einer öffentlichen Sache beſchäf⸗ tigt iſt, darf ſich nicht am Abend vor der Entſchei⸗ dung auf einen Privatſtreit einlaſſen.“ „Es iſt wahr, Freund,“ ſagte Wolfe, ſeine Wuth unterdrückend und Lord Ulswater mit drohendem Blicke anſehend;„aber die Zeit wird noch kommen, wo ich im Stande ſein werde, die Beleidigung zu rächen.“ „So ſei es,“ ſagte ber Anbere,„er iſt unſer bit⸗ terſter Feind. Sie wiſſen vielleicht, daß es Lord Uls⸗ water iſt, Oberſt bei Lord N's Regiment? Auf ſeinen — 330 Vorſchlag beabſichtigen die Magiſtratsperſonen d Verſammlung zu ſtören. Er hat öffentlich geſagt, buß alle, welche der Verſammlung beiwohnten, den Schwer⸗ tern ſeiner Solbaten preisgegeben werden müßten.⸗ „Der mörderiſche Feigling!“ ſagte Wolfe,„un⸗ hewaffnete Männer angreifen zu wollen; aber genng von ihm— ich muß noch in der Straße verweilet, um zu hören, welchen Erfolg unſer Vermittler gehaht hat.“ Und als Wolfe an dem Hauſe vorüberging, wo die Conferenz der Magiſtratsperſonen war gehal⸗ ten worden, kam Mordaunt heraus und redete ihn an. „Sie haben mir zugeſchworen, daß Ihre Abſſcht eine friebliche iſt,“ ſagte Morvaunt. „Ohne Zweifel,“ antwortete Wolfe. „Und Sie wollen ſich verbinvlich machen, daß kein⸗ Störung ſtattfindet, die von Ihnen und Ihren Frei⸗ den entweder erregt oder unterbrückt werden kann“ „Ich will es“ „Genug,“ antwortete Mordaunt.„Bedenken Ei⸗ wohl, daß, wenn Sie die geringſte Handlung begehen, die man für gefährlich halten kann, ich nicht in Stande ſein werde, Sie vor dem Militär zu ſchützen Wie die Sache jetzt ſteht, wird Ihrer Verſammlun kein Hinderniß in den Weg gelegt werden.“ Lord Ulswaters Prophezeihung entgegen, ging bi⸗ Verſammlung ſo ruhig vorüber, wie die Theegeſel⸗ ſchaft einer alten Jungfer. Die Redner, ſelbſt Wolfe trugen Sorge, nicht nur zur Ordnung und zum Fri⸗ den zu ermahnen, ſonvern vermieden es auch größlen⸗ theils, ſich auf eine ausführliche Erörterung ihrer ult ber 331 Klagen einzulaſſen. Und die klugen Wahrſager des ¹ übels, vie ſeit ver letzten Woche ihre ſilbernen Löffel verſchloſſen und ſehr weiſe die Köpfe geſchüttelt, hatten die angenehme Kränkung, vielmehr den Ausdruck der guten Laune auf den Geſichtern der Menge zu be⸗ r geng merken, als die wüthende Entſchloſſenheit gegen das rweilen, Leben und die Glieder der Wohlgefinnten, die fie mit r gehut, ſo großem Kummer erwartet hatten. bergin Als Mordvaunt, welcher während der ganzen Dauer r gehl⸗ bei der Verſammlung zugegen geweſen war, ſein Pferd ihn un. beſtieg und den Platz verließ, kam Lord Ulswater auf ˙ Abſit ihn zugeritten, welcher eben von ſeinem Quartier kar, wo er den ganzen Tag in der Erwartung geweſet daß eine gewaltthätige Hanblung der Redner oderder aß kein Menge ſeine militäriſchen Dienſte in Anſpruch neh⸗ Fre men würde. kann„Nach dem, was zwiſchen uns vorgegzangen,“ ſagte er mit ſeiner gewohnten förmlichen Anrede,„kann ken Sit es Herrn Mordaunt nicht unbekannt ſein, daß ich begehen Genugthuung von ihm zu fordern habe.“ icht in„Lord ulswater wird mich ſtets bereit finden, ſie 1 ſchüßzen zu geben,“ antwortete Mordaunt,„da er mir zuvor⸗ mmlunz gekommen iſt, die Genugthuung zu fordern, welche 3 er erwähnt.“ ging di⸗„Morgen habe ich ein Berufsgeſchäft,“ ſagte Lord eegeſell ulswater,„aber wenn es Ihnen übermorgen paſſend Wylfe iſt, ſo werden Sie mich pünktlich um zwei Uhr bei 3 m Frie⸗ ver Säule, in dem Walde vor uns, nur von einem rößen Freunde hegleitet, finden.“ 3 3ihre„Ich werde nicht verfehlen, Mylord, antwortete 3 332 Mordaunt, und nach dieſer tröſtlichen Anorbnung ver⸗ beugte ſich Lord Ulswater bis auf die Mähne ſeines Pferdes und entfernte ſich. Wolfe, der mit Mordaunt ſprechen wollie, war ihm gefolgt und hatte Lord Ulswaters letzte Worte gehört. Wolfe wurde aber verhindert, mit Mordaunt zu reden, denn dieſer gab ſogleich ſeinem Pferde di⸗ Sporen und ritt davon. „Nun, nun,“ murmelte Wolfe,„ich weiß nicht, warum mir das leid ſein ſollte— und doch iſt es der Fall; ſie find beide Ariſtokraten und Feinde dez Glücks der Menge. Machen denn die Privattugenden des Einen gegen die Arroganz und die Unverſchämt⸗ heit des Andern einen Unterſchied? Nein, nein; fe mögen Beide umkommen— ihre verworſenen Anſichten von Ehre mögen ihre Strafe und ihr Untergang wer⸗ den, und doch Mordaunt— ſeine Großmuth, ſein Talent, ſeine— Pah! was iſt vas für uns?“ Und der finſtere Wolfe ſtählte ſein Herz, ſtürzte ſich wieder unter die Menge und verlor bald unter ſeinen Bun⸗ vesgenoſſen jede Erinnerung an die eben erlebte Seene. Aber das Schickſal führte finſter und doch ſicher ſeinen Zweck aus, und weder das Werkzeug, noch das Opfer träumte von der Art oder der Stunde. wate Wel war Ang konn Cav wür in d wat Die die die( ford ſcher Squ ford bis ſeines is ver⸗ 333 Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Jam ite premet nox, fabulaeque Manes, Et domus exilis Plutonia. Horatius Der Morgen war trübe und düſter, als Lord Uls⸗ water ſein Pferd beſtieg und ohne Begleitung ſeinen Weg nach Weſtborongh⸗Park nahm. Sein Weſen war ungewöhnlich gedankenvoll und zerſtrent; zwei Angelegenheiten, die beide mit Blutvergießen enden konnten, waren hinreichend, ſelbſt den Geiſt eines Cavalerieoffiziers zum Nachdenken zu bringen. Kaum war er aus ber Stadt, als er von unſerm würdigen Freunde Glumford eingeholt wurde. Da er in dem Streite wegen der Verſammlung auf Lord Uls⸗ waters Seite geweſen war, ſo erwiderte dieſer, ſeiner Dienſte eingedenk, ſeinen Gruß mit Herablaſſung. Um die Wahrheit zu ſagen, liebte Seine Herrlichkeit nie die Einſamkeit, und das reſpektvolle Benehmen Glum⸗ fords, vereint mit jener Rbereinflimmung in politi⸗ ſchen Dingen, machte, daß ihm die Geſellſchaft des Squire nicht unangenehm war, ſo daß, als Glum⸗ ford ſagte:„Wenn Eurer Herrlichkeit Weg Sie fünf bis ſechs Meilen auf dieſer Straße fortführt, ſo wer⸗ den Sie mir vielleicht die Ehre erlauben, Sie zu be⸗ gleiten,“ Lord Ulswater gnädig ſeine Zuſtimmung aus⸗ ſprach und nachläſſig erwähnte, daß er nach Weſt⸗ borongh⸗Park gehe. Wir wollen uns auf einen Augenblick zu Cla⸗ renee wenden. Zu der heſtimmten Stunde kam er 334 in Weſtborvugh⸗Park an, bat ſeinen Begleiter, det getreuen Wardour, in dem Wagen zu hleihen, der ſie vorthin gehracht hatte, und wurde mit klopfen⸗ dem Herzen, aher ruhigem Außern zu Lady Weſ⸗ horough geführt; die Marquiſe war allein. „Ich hin mir bewußt, mein Herr,“ ſagte ſie mit einiger Verlegenheit,„daß es nicht eigentlich für mei⸗ nen Stand und die Umſtände paßt, eine Zuſau⸗ menkunft von ſolcher Art zwiſchen Lord Ulswater und Ihnen in dieſem Hauſe zu geſtatten; doch konnie ich der Bitte des Lord Ulswater nicht widerſtehen, da ich nach ſeinem Charakter üherzeugt bin, daß dieſelhe nichts Nachtheiliges für die Lady Flora Ardenne ſchul⸗ dige Rückſicht und Delieateſſe enthalten kann.“ Clarence verbeugte ſich.„So weit ich betheiligt bin,“ ſagte er,„halte ich mich überzeugt, daß Labh Weſtborongh ihre Herablaſſung nicht bereuen wird.“ Hier trat eine Pauſe ein. „Es iſt ſeltſam,“ ſagte Lady Weſtborongh nach einer franzöfiſchen Uhr ſehend, die auf einem gegen⸗ über befindlichen Tiſche ſtand,„daß Lord Ulswaier noch nicht gekommen iſt“ „Es iſt wahr,“ ſagte Clarenee, der ſich kaun ſeiner Worte bewußt war und ſich wunderte, oh Flor nicht erſcheinen werde. Wieder eine Pauſe. Lady Weſtborongh fühlte das Unangenehme ihrer Lahe Clarence machte noch eine Anſtrengung, ſich zu faſſen. „Ich ſehe nicht ein, wozu es nöthig iſt“ ſagte er,„die Erklärung, die ich Ihrer Herrlichkeit u geben habe, aufzuſchieben, his Lord ulswater es fir gut] meine ten e / Neug dig, Fami Wir lange C trat der 1 liche wurd durch alten auf 1 Sein die 5 gewo zu; des„ Anbl eilte des da ich dieſelbe e ſhul⸗ theilizi 5 Ladh wird.“ h nah gegen⸗ lswatet kaun b Flor Lady Lage. faſſen. ſagte keit zu es fir 335 zut hält, ſich einzufinden. Erlauben Sie mir ſogleich, meine Geſchichte zu beginnen; ſie iſt in wenigen Wor⸗ ten erzählt und leicht bewieſen.“ „Warten Sie,“ ſagte Lady Weſtborvugh mit ihrer Neugierde kämpfend,„ich bin es einem Manne ſchul⸗ dig, der eine ſo eigenthümliche Stellung in unſerer Familie eingenommen, noch ein wenig zu warten. Wir wollen den Zweck unſerer Zuſammenkunft ſo lange aufſchieben, bis die Stunde vollenvet iſt.“ Clarenee verbeugte ſich wieder und ſchwieg. Es trat eine längere Pauſe ein, die durch das Schlagen der Uhr unterbrochen wurde— die Stunde war um. „Nun,“ begann Clarenee, als er durch eine plötz⸗ liche und heftige Bewegung im Vorſaal unterbrochen wurde. Vor allem hörte Clarence einen lauten und durchbringenden Schrei, worin er die Stimme des alten Haushofmeiſters erkannte. Er ſtand plötzlich auf und blieb erſchrocken und bewegungslos ſtehen. Seine Augen begegneten denen der Lady Weſtborough, die bleich und aufgeregt, für den Augenblick alle ihre gewohnte Faſſung verloren hatte. Das Geräuſch nahm zu; Clarenee eilte in den Vorſaal; die offene Thür des Zimmers zeigte Lady Weſtborvugh und ihm einen Anblick, der ihr keine Zeit zum Bedenken ließ. Sie eilte Clarenee in den Vorſaal nach, ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und wurde ohnmächtig. 336 Achtzigſtes Kapitel. Iden. Aber du willſt mir trotzen in dieſe unverſchämten Ausdrücken⸗ Cade, Dir trotzen, ja! bei dem beſten Blu, welches je angezapft wurde, mit Hohr und Verachtung trotze ich dir. Shakſpeare. „Sie ſehen, Mhlord,“ ſagte Glumford zu Lond ulswater, als fie langſam weiterritten,„ſo lauge man dieſen rebelliſchen Schurken erlaubt, ihre Zu⸗ ſammenkünfte und Verſammlungen und dergleſchen Dinge zu halten, iſt kein Auskommen mit ihnen“ „Sehr richtig bemerkt, mein Herr,“ verſetzte Lyrh ulswater.„Ich wollte, alle Herren von Geburi) Einfluß hätten eine ſo ruhige, leidenſchaftsloſe un tiefe Anſicht von der Sache. Wollte der Himne es wäre mir überlaſſen, das Land von dieſen guſ⸗ rühreriſchen und gefährlichen Kerlen zu befreien— ſollte bald geſchehen ſein.“ „Davon bin ich überzeugt, Mylord. Es wat ſehr Schade, daß ſich geſtern jener pomphafte Kerl der Mordaunt, mit ſeiner Mäßigung, ſeiner Polit und dergleichen Dingen ins Mittel legte— ſo hi⸗ richt, Mylord— bloße Theorie und Romanill un vergleichen— es wäre ſonſt Alles nach unſern Willen gegangen.“ Lord Ulswater ſpielte mit ſeiner Reitpeitſche, htt antwortete nicht und Glumford fuhr fort:„Sahen Eire Herrlichkeit wohl, was für garſtige, ſchlechtgellepel Kerle dieſe Leute waren— und ganz beſonders bieſs Wolf ſehen. ich ſal den A Verſa Thorl dergle chen einen / Geſic Herrl etwas Begle „ keit r ſporn will men! began den V Wege entfer rauhe Seite Sonn graug thurm charal B in dieſun eſten Blu, mit Hohn dir. eare. zu Lord ſo lange ihre Zu sloſe un Himmel ſen auf⸗ ien— e Es wat fte Kerl, r Politt ſo hi⸗ mtik und unſeren che, aber hen Eir⸗ ekleidet s dieſtt 337 Volfe?— Oh, dieſer Kerl hat ein ſcheußliches An⸗ ſchen. übrigens verließ er dieſen Morgen die Stabt; ich ſah ihn gerade, als ich fortritt, von ſeinen Freun⸗ den Abſchied nehmen. Er geht zu irgend einer andern Verſammlung— zu Fuß. Bedenken Sie nur die Thorheit, von Politik, Klugheit, Menſchlichkeit und dergleichen Dingen zu reben und einen ſo jämmerli⸗ chen Kerl, wie den zu verſchonen, der nicht einmal einen Wagen bezahlen kann.“ „Sie ſehen die Sache durchaus von dem richtigen Geſichtspunkt an, Herr Glumford,“ ſagte Seine Herrlichkeit, ſein ſchönes Pferd ſtreichelnd, welches etwas ungeduldig bei dem langſamen Schritte ſeines Begleiters war. „Ein ſehr ſchönes Pferd, welches Eure Herrlich⸗ keit reiten,“ ſagte Glumford, ſein träges Thier an⸗ ſpornend.„Ich liebe die Pferde ſelber ſehr. Ich will Ihnen ſagen, wie ich zu dieſem Pferde gekom⸗ men hin.“ Und zum großen Mißfallen Lord Ulswaters hegann Glumford eine lange Geſchichte, wie er in den Befitz des Thieres gekommen. Die Reiter kamen jetzt zu einem Punkte des Weges, der etwa zwei Meilen von Weſthorvugh⸗Park entfernt war, und wo die Umgegend ein kühneres und rauheres Anſehen annahm, als bisher. Auf der einen Seite des Weges war ein ſteiler Abhang und die trübe Sonne blickte unerfreulich auf ein Thal, wo große graugelbe Felder, ein entfernter und einſamer Kirch⸗ thurm, und einige verkrüppelte Bäume, bie einzigen harakteriſtiſchen Merkmale ausmachten. Auf der an⸗ Bulwer, der Verſtoßene. MI. 22 338 dern Seite des Weges war ein ſchmaler Fußſet durch eingeſchlagene Pfoſten von der Hanptſtraße g⸗ trennt, und auf dieſem ritt Lord Ulswater. Aufde andern Seite des Fußweges befand ſich ein ſteil, felſiger Abhang, und nur mit nicht geringer Anwen⸗ dung ſeiner Geſchicklichkeit erhielt Lord Ulswater ſen muthiges und ſcheues Pferd auf dem ſchmalen un gefährlichen Wege. „Ich denke, Mylord, wenn ich wagen darf, zu ſagen,“ hegann Glumford wieder, nachdem er ehn ſeine Erzählung von dem Handel heendet hatte,„eß es beſſer ſein würde, wenn Sie gerade jetzt hier uf der Straße ritten, denn der Abhang an dem Fiſ⸗ pfade iſt ſehr ſteil und unſicher, ſo daß, wenn Ens Herrlichkeit Pferd ſich ſcheuen, oder einen falſch Tritt thun ſollte, es von unangenehmen Folze von einem Fall ober dergleichen, begleitet ſein könnt⸗ „Sie find ſehr gütig, Herr,“ ſagte Lord Ulsweig der gleich allen ſtolzen Leuten den Rath als eine Pe⸗ leidigung aufnahm;„ich halte mich für fähig, m Pferd zu lenken, wenigſtens auf einem ſo vorireſ⸗ lichen Wege, wie dieſer.“ „Gewiß, Mylord, gewiß, ich bitte um Verzeihung aber wer iſt jener große, ſchwarzgekleidete Mann byr der ſo heftig mit ſich ſelber ſpricht, Mylordk B der Wendung des Weges ſehen Sie ihn gerade jih nicht, aber ich ſehe ihn genau. Ha, ha! welh Gerberden er macht! Ich wette, es iſt einer von de Republikanern— ja, beim Jupiter, es iſt Welß ſelber! Verzeihen Sie, Mylord, es wird beſſer ſeit wenn iſt n damn nicht wüth in ei gegne „welt mir! daß i oder dem Glun heſter unver und gerech ein 9 überg haſtig kannt komm Bequ pfade nicht ſo kn Ulswate eine V⸗ hig, men vortte⸗ rzeihung ann bot, r Be rade jeßt a! welhe von be iſt Wlſ ſſer ſein 339 wenn Sie von dem Fußwege herunterkommen— er iſt nicht breit genug für zwei Leute— und der ver⸗ dammte Kerl, der Wolfe, würde dem Teufel ſelber nicht aus dem Wege gehen! Er iſt ein garſtiger, wüthender Kerl, ich möchte ihm um die Welt nicht in einer dunkeln Nacht oder dergleichen begegnen.“ „Ich ſehe nicht recht ein, Herr Glumford,“ ent⸗ gegnete Lord Ulswater mit übermüthigem Blicke, „welche Eigenthümlichkeiten des Temperaments Sie mir beilegen, oder wovon Sie die Annahme ableiten, daß ich einem ſo gemeinen Menſchen wie dieſem Woolt oder Wolfe, oder welches ſein Name ſein mag, aus dem Wege reiten ſollte.“ „Ich bitte um Verzeihung, Mylord,“ antwortete Glumford,„Eure Herrlichkeit wiſſen natürlich am beſten, was Sie zu thun haben, und wenn der Kerl unverſchämt iſt, ſo bin ich eine Magiſtratsperſon und will ihn gefangen nehmen; obgleich,“ fuhr unſer gerechter Daniel in leiſerem Tone fort,„er gewiß ein Recht hat, auf jenem Fußwege zu gehen, ohne übergeritten zu werden, oder dergleichen.“ Die Reiter waren jetzt Wolfe ſehr nahe, der ſich haſtig umwendete, und Lord Ulswater ſogleich er⸗ kannte.„Aha,“ murmelte er bei ſich ſelber,„hier kommt der blutdürſtige Lord, der uns ſelbſt die ärmliche Bequemlichkeit ſtreitig machen will, auf dieſem Fuß⸗ pfade zu gehen. Dem Himmel ſei Dank, er kann nicht an mir vorüber, und der freie Löwe geht einem ſo knechtiſchen Geſchöpfe nicht aus dem Wege.“ Von bieſem Gedanken geleitet, ſtellte ſich Wolfe 340 faſt unbewußt in die Mitte des Weges, ſo baß, bie Pfoſten auf ver einen und den unbeſchützten Abhanz auf der andern Seite, es faſt unmöglich war, a dem Republikaner vorüberzukommen, ohne über ſeinen Körper wegzureiten. Lord ulswater bemerkte die Bewegung, und e fehlte ihm nicht an Scharfficht, die Urſache berſelbn zu verrathen. Froh, eine Gelegenheit zu haben, einn Theil ſeiner Wuth an einem Mitgliede einer ihn verhaßten Geſellſchaft auszulaſſen, zog Lord Ulzwate den Zügel an, ſummte eine damals beliebte Melodie vor ſich hin und ſetzte ſeinen Weg fort, bis er un einen Fuß von dem Republikaner entfernt war. Jit hielt er auf einen Augenblick ſein Pferd an, undtif Wolfe in ruhigem aber übermüthigem Tone zu, uf die Seite zu treten, bis er vorüber ſei. „Bei dieſem Beſehle gerieth das zornige Blut b Republikaners in Feuer, welches ſchon bei der G⸗ innerung an die frühere Drohung des Lord Ulsma aufgeregt worden war. Er hielt an, wendete ſh halb herum und ſtand aufrecht in der vollen Kriſt ſeiner großen und nicht ungraziöſen Geſtalt h. „Armer ßolzer Thor,“ ſagte er mit einer Stimm⸗ welche vie hitterſte Verachtung ausdrückte, und tiß⸗ tete ſein beredtes Auge auf das ruhige und verich⸗ liche Geſicht des Patriziers—„armer ſtolzer Lhor meinen Sie, daß Ihre Vorrechte ſchon bis zu de angenehmen Höhe gelangt find, wo Sie über Merſh wie über Staub dahinreiten, und zugleich dus Giſi welches Ihre Unbedeutſamkeit vergoldet, und die mi baß, bie Abhang war, an per ſeinen und es derſelhen n, einen iner ihn Ulswater e Melode is er un bar. Jt undi e zu, uf Blut b i ber 6 E ndete ſih len Kruft eſtalt h. Stimm und ri⸗ d verich⸗ zer Then, is zu der Menſchn das Geſcz id die mi 341 Füßen ireten können, welche vie Vergolbung entbecken und das unedle Metall verachten? Zurück, Thor — ber gemeinſte Bauer in England, ſo erniedrigt er iſt, würde ſich widerſetzen und Ihre Anmaßung verlachen.“ Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ſpornte Lord Ulswater ſein Pferd an; vas muthige Thier ſprang vorwärts, faſt auf den Mann los, der auf dem Wege ſtand; mit ungewöhnlicher Gewandtheit wich Wolfe der Gefahr aus, ergriff mit kräftiger Hand den Zügel, hielt vas Pferd plötzlich an und ſchob es auf den Abhang zu. Der unglückliche Edel⸗ mann verlor ſeine Geiſtesgegenwart, erhob die Peitſche und ſchlug heftig auf den Republikaner los. Als der Letztere den Schlag fühlte, ſtieß er einen ſo wilben Schrei aus, daß Glumford's furchtſames Blut vor Schrecken erſtarrte, und drängte mit eiſerner Hand das Pferd mehrere Schritte den Abhang hinunter. Die unſichere Erde gab unter der Laſt nach und Lord ulswater ſpornte ſein Pferd in dem Augenblick heftig an, ſo daß das erſchreckte Thier ſich heftig bäumte, Wolfe den Zügel aus per Hand riß und einen Augen⸗ hlick aufgerichtet daſtand. Dann verlor es das Gleich⸗ gewicht, ſtürzte rücklings über und rollte mit ſeinem unglücklichen und hülfloſen Reiter die Felſenhöhe hinunter. „Guter Gott!“ rief Glumford, der ruhig auf ſeinem trägen Pferde daſaß und den Erfolg des Streites heobachtete,„was haben Sie gethan? Sie haben ihn getödtet— völlig getödtet— und ſein Pferd 342 auch, vermuthe ich. Sie ſollen dafür gehenkt ween, ſo wahr ich eine Magiſtratsperſon bin.“ Ohne auf dieſe Drohung zu achten, war Wolß zu der Stelle geeilt, wo Reiter und Pferd am iß⸗ des Abhanges lagen; und indem er den Erſtern auſ⸗ richtete, beugte er ſich nieder, um die Wirkung ſeiter Gewaltthätigkeit zu unterſuchen.„Mich dünkt,“ ſuge er, indem er die farbloſen, aber noch immer troh⸗ Züge ves Reiters anblickte,„mich dünkt, ich heh⸗ dies Geſicht ſchon vor Jahren geſehen— aber wo Vielleicht haben meine Träume mir dies vorhergeſagt“ Lord Ulswater war völlig bewußtlos, und ah Wolfe ihn erhob, bemerkte er, daß die rechte Gelt des Kopfes mit Blut bedeckt war und der eine Am zerquetſcht und zerbrochen ſchien. Inzwiſchen zeiz ſich ein Wagen, er wurde von Glumford angerufn und hielt ſtill. Als der Reiſende mit den nähere nmſtänden und dem Range des Verunglückten bekam gemacht war, ſtieg er aus, half den unglücklichn Edelmann aufheben, in ſeinen Wagen bringen ub fuhr auf Glumford's Anweiſung langſam auf Wiß⸗ borongh⸗Park zu. „Aber ber Schurke— der Rebell— der Mörber! ſagte Glumford, der ſich nach Wolfe umſah, welhtn ohne ſeinem Schlachtopfer beizuſtehen, mit verſchln⸗ genen Armen und einem Ausdruck geſättigter Wuth in ſeinen ſprechenden Zügen aufgerichtet daſtand. „Oh! was den betrifft,“ ſagte der Reiſende, inden er in ſeinen Wagen ſtieg, um den Unglücklichen unterſtützen,„den können Sie und mein Bedienin mitn mit daß lang Geſt der über ſehr körp Ver grof Glu und Ger der den Ver zur wer ſchn „U wer ergeſagt“ und al chte Geit eine An hen peizi angerufn n nähern en bekant glücklichn ingen ut auf Wiſ⸗ Morber“ „ welchet, verſchlu⸗ With in nd. de, inden klichen Bedieui 343 mitnehmen, oder in die nächſte Stadt bringen, oder mit ihm thun, was Sie wollen, nur ſehen Sie zu, daß er nicht entflieht— fahre weiter Poſtillon, ſehr langſam.“ Und der arme Glumford ſah die kräftige Geſtalt des trotzigen Wolfe allein ſeiner Sorge und der eines ſehr kleinen Mannes in grünen Strümpfen überlaſſen, der das Geſchäft eines Bedienten vielleicht ſehr vortrefflich verſehen mochte, aber hinſichtlich der körperlichen Kraft durchaus nicht geeignet ſchien, einen Verbrecher feſtzuhalten. Wolfe erſparte den Beiden große Mühe und Angſt. „Mein Herr,“ ſagte er, indem er ſich ernſt an Glumford wendete,„Sie ſahen den Streit mit an und werden mir, welches auch die Folgen waren, die Gerechtigkeit anthun, die Thatſache zu bezeugen, wer der erſte Angreifende war. Es wird indeß uns Bei⸗ den lieb ſein, ſo bald als möglich ein geſetzliches Verfahren einzuleiten, und ich werde daher nach W“ zurückkehren, wohin Sie mich ohne Zweifel begleiten werden.“ „Von Herzen gern!“ rief Glumford, dem eine ſchwere Laſt der Verantwortlichkeit vom Herzen fiel. „Und ich wünſche, daß Sie deportirt, anſtatt gehenkt werden mögen!“ 344 Einundachtzigſtes Kapitel. Doch röchelnd war des Lara Athemzug, Und trüb' der Nebel, der ſein Aug' umſchweh, hron, Das matte Licht ſiel durch die halbgeſchloſſenen Fenſterladen des Zimmers, wo Lord Ulswater lg, der, durch die Bewegung des Wagens zum Bewuſi⸗ ſein und zum Schmerze erwacht, jetzt wieder bewußllez geworden war. An der Seite des Sophas, auf welchen er lag, kniete Clarenee und benetzte die eine hnd mit heftigen Thränen: auf der entgegengeſetzten Seit, mit einem Ausdruck gemiſchter Zurcht und Sorge uf ſeinem lebhaften Geſichte, lehnte ſich der alte Hau⸗ hofmeiſter über ihn, während Lord Weſtborongh, be man in das Zimmer gerollt, ſtumm und ſtarr or Verwirrung und Entſetzen in ſeinem Stuhle daſſf und jeden Augenblick bis zu der Ankunſt des erwar⸗ teten Arztes zählte. Der Fremde, dem der Wagen gehörte, erzählte mit leiſer Stimme dem Kaplan dez Hauſes, was er von dem unglücklichen Ereigniß wußte, während das jüngſte Mitglied der Familie, ein Kuabe von zehn Jahren, der ſich bei der allgemeinen Ver⸗ wirrung unbemerkt ins Zimmer geſchlichen, mit yft⸗ nem Munde, dürſtenden Ohren, und einem Geſccht⸗ worin kindliches Intereſſe an einer furchtharen E⸗ zählung mit dem Gefühl des Schreckens bei der Wahr⸗ heit vereint war, neben den Beiden daſtand. Langſam öffnete Lord Ulswater ſeine Augen— ſie ruhten auf Clarenee. mit — voll gebr aufk nach voll mit der Und bie dieſ kurz glü er daß obg das dem Sei lich den blie s erwar⸗ Wagen plan bez wußt, n Knahe en Vet⸗ mit off⸗ Geſichte, ren Er⸗ Wahr⸗ igen— „Mein Bruber— mein Bruber!“ rief Clarenee mit bewegter Stimme—„ſo— ſo kamſt Du hieher — und“— er hielt inne, denn ſein Herz war zu voll. Lord Ulswater machte die eine Hand, die er gebrauchen konnte, von Clarence los und erhob ſie zu ſeiner Stirn, als wollte er dadurch ſein Gevächtniß aufklären. Dann wendete er ſich an Warbvur und ſchien nach ber Wahrheit von Lindens Anſprüchen zu fragen — wenigſtens erklärte der alte Mann ſeine bedeutungs⸗ vollen Blicke und matten, unverſtändlichen Worte ſv. „Es iſt— es iſt, mein geehrter Lord,“ rief er mit ſeiner Bewegung kämpfend—„es iſt Ihr Bru⸗ der— Ihr verlorener Bruder Clinton l'Eſtrange.“ Und als er dieſe Worte ſagte, fühlte Clarenee, wie die kalte und feuchte Hand die ſeine drückte, und an bieſem Druck und dem Lächeln— freundlich, aber kurz wegen des heftigen Schmerzes— womit der un⸗ glückliche Edelmann ihn anblickte, erkannte er, daß er den ſo lange unbekannten Anſpruch anerkenne, und daß das lange zerriſſene Band endlich geknüpft werbe, obgleich im Tobe. Der Arzt kam.— Alle außer Clarenee verließen das Zimmer, die erſte Unterſuchung war hinreichend. Da der Arzt mit Lindens naher Verwandtſchaft mit dem Leidenden unhekannt war, ſo zog er ihn auf die Seite und ſagte:„Es könnte freilich eine ſehr ſchmerz⸗ liche Operation angewendet werden, doch würde man den Patienten nur vergebens in ſeinen letzten Angen⸗ blicken quälen; keine menſchliche Geſchicklichkeit kann ſein Leben retten, oder anch mur hinhalten.“ 346 Der unglückliche Mann hatte noch ſein Bewußi⸗ ſein, obgleich er großen Schmerz empfand, und he⸗ wegte ſich. Sein Bruver eilte zu ihm.„Flora,“ murmelte er in ſo leiſem Tone, daß nur die aufge⸗ regten Nerven die Bedeutung hätten unterſcheiden können—„laß mich ſie ſehen, ich bitte Dich!“ Seine Bewegung unterdrückend ſo gut er konnt, und ſein Wiberſtreben überwindend, den Leidenden auch nur auf einen Augenblick zu verlaſſen, eilte G⸗ renee ſort, um Lady Flora aufzuſuchen. Er fan ſie; in raſchen und haſtigen Worten deutete er ihr den Wunſch des Sterbenden an und zog ſie, verwirrt, zitternd und faſt unbewußt des traurigen Anblict, der ihrer wartete, an die Seite ihres verlohte Bräutigams. Als Lord ulswater Flora ſich nähern und ſih weinend über ihn beugen ſah, verbreitete ſich ein augenblickliche Milde üher ein Geſicht, welches bald einen noch ſtrengeren Stolz annahm, als es im Leben gezeigt. Er nahm ihre Hand, näherte dieſelbe Gle⸗ rence, wendete ſich zu dem Letzteren und ſtotierte hervor:„Laß— meinen— Bruder— wieder— gut — machen—“ Nicht im Stande, den Satz zu he⸗ enden, ließ er ihre Hand los, ſank auf das Kiſn zurück, und blieb einige Minuten ſo ſtumm und athem⸗ los, vaß ſie glaubten, die Todesqual ſei ſchon vorüber. In dieſer Meinung war Clarence im Begriff, bi⸗ faſt bewußtloſe Flora aus dem Zimmer zu entfernen, als weniger zitternde und unbeutliche Worte von Lord ulswuters Lippen kamen. Clarenee eilte zu ihu, u als e es ſ des nicht war gefa über vahi jene ſtottert⸗ r— gut szu he⸗ s Kiſſen dathem⸗ vorübet. riff, bi⸗ tfernen, on Lord m, und 347 als er ſich über ſein Geſicht neigte, bemerkie er, daß es ſelbſt bei dem raſchen Wechſel und dem Schatten des Tobes die eigenthümlichen Merkmale der noch nicht freien Seele an ſich trug— die Augenbraunen waren mit mehr als gewöhnlicher Strenge und Stolz gefaltet, und in dem Auge, welches auf die gegen⸗ überſtehende Wand hinſtarrte, loderte das Licht des vahinſchwindenden Lebens noch einmal auf— es war jener raſche und ſchnell verſchwindende Blitz, ehe die Luft den letzten Funken des Weſens verſchlingt, wel⸗ ches ſie belebt hat, und die Nacht, die ſternenloſe und ewige Nacht— auf die erloſchene Lampe fällt! Die Hand des rechten Arms(die nicht bei dem Sturz verletzte) war geballt und erhoben; aber als die Worte beendet waren, welche Clarenee gehört hatte, fiel ſie ſchwer, wie eine Erdſcholle, zu welcher ſie ge⸗ worden war, an ſeiner Seite nieder. In dieſen Worten ſchien der tapfere Soldat verwirrte Traum⸗ bilder ſeines vergangenen Daſeins, die düſtere und undeutliche Erinnerung früherer Schlachten mit ſeinem letzten und unglücklichen, obgleich höchſt unedlen Kampfe zu miſchen. „Nieder, nieder mit ihnen,“ murmelte er zwi⸗ ſchen den Zähnen, obgleich in auffallend tiefem, doch hörbarem Tone;„nieder mit ihnen! keine Gnade den Ungläubigen— kämpft für England und Effingham! Ha! Wer will dort entfliechen? Tödtet ihn— keine Gnade, ſage ich— keine!— dort— dort— ich habe ihn getödtet— ha! ha!— Was? noch am Le⸗ ben— fort, Sklave, fort!— Oh, erſchlagen— er⸗ 348 ſchlagen in einem Graben, von einem gemeinen, niedrig gebornen Schuft— oh— bitter— bitter— hitter!“ Und mit dieſen Worten, wovon das letze wegen der durchdringenden Qual und Verzweiflung einen ſchrecklichen Contraſt zu dem Feuer und dem Trotze des erſten bildete, fiel der Kinnbacken nieher — das ſprühende und zornige Auge wurde gläſern und erloſch— und Alles von dem hochmüthigen ud kühnen Patrizier, was auf der Erde übrig blich, war— Staub! Zweiundachtzigſtes Kapitel. U n'est jamais permis de détériorer une ane humaine pour l'avantage des autres, ni de füir un scélérat pour le service des honnétes gens. Rousseau. Da ſich der Leſer dem Ende dieſer Erzählung nähert und auf die vielfachen Secenen zurückblickt, durch die er gegangen, findet er in der mimiſchen Darſtellung des menſchlichen Lebens vielleicht eine nicht ungetreue Ahnlichkeit mit dem wahren. So wie unter der Menge der Charakiere, di⸗ ſich in ihrem Laufe an einander drängen, einige auf der erſten, zweiten oder dritten Station abtreten, und nur wenige übrig laſſen, die bis zuletzt aushalten, während das Schickſal ſeine Agenten und die über⸗ lebenden unter denen auswählt, von denen die Um⸗ ſtehenden vielleicht am wenigſten vermutheten, daß die Wahl auf ſie fallen würde— und von benen, bie Anfa ren Perſ Erei dieſel entge dieſe Vern für er fi ſowo Lafte wir ten, des tatir heit Gefi Krä nach Sche Frei auff vere det, helle meit der auff une ane de fair s gens. sseau. zählunz ickblict, miſchen ht eine re, bie ige auf btreten, halten, über⸗ je Um⸗ daß bi⸗ n, die 349 Anfangs zu den vorzüglichſten Charakleren zu gehö⸗ ren ſchienen, einige plötzlich, andere allmählig zu Perſonen von geringer Bedeutung in dem Laufe der Ereigniſſe herabfinken; ſo wie der Leſer bemerkt, daß dieſelbe Leidenſchaft bei verſchiedenem Charakter die entgegengeſetzten Eigenſchaften hervorbringt, und von dieſer Kenntniß einige Schätzung von der ungeheuren Verwirrung erlangt, worin das moraliſche Geſetzbuch ſich befinden muß, welches von den Oberflächlichen für eine ſo einfache Wiſſenſchaft gehalten wird, wenn er findet, daß ein beſonderes und einzelnes Gefühl ſowohl die Tugend, die wir lieben, als auch das Laſter, welches wir verabſchenen, die Großmuth, die wir bewundern und die Gemeinheit, die wir verach⸗ ten, hervorbringen wird; wenn die ſchwachen Hände des Verfaſſers Unwiſſenheit und Weisheit, die Affee⸗ tation der Philoſophie und ihr wahres Weſen, Rauh⸗ heit und Verfeinerung, die niebrigſte Gemeinheit der Geſinnung mit einer Erhebung des Gefühls, vie an Kränklichkeit grenzt, die wirkliche Tugend mit der nachgemachten, die Glorie der Gottheit mit der Scheußlichkeit des Götzen, Kummer und lebhafte Freude, Hochzeit und Tod, Thränen und vas dar⸗ auffolgende Lächeln; ſo wie dies Alles, mit einander vereint, ein einziges, aber vielfarbiges Gewebe bil⸗ det, und uns im Zweifel laſſen, ob ein Glück die helle Farbe ober die dunkle— im Charakter das ge⸗ meine Material oder das Edle vorherrſcht— wenn der Werkmeiſter des Gewebes ſich beinahe mit dem auffallenden und großen Mangel der Kunſt durch die 350 ſchmeichelnde Ueberzeugung verſöhnen könnte, vaß er wenigſtens in ſeiner Wahl der Farbe des Gewebes etwas von der Ahnlichkeit der Natur aufgeſaßt hat: ſo weiß er doch his zur Erniedrigung ſeiner Eitelkeit, daß dieſe aufgezählten Einzelheiten der Ihnlichket mit dem Leben allen, ſelbſt dem ungeſchickteſten ſei⸗ ner Brüder eigen ſind; und es iſt nicht der bloße Aet, ein wahres Original zu eopiren, ſondern die ſeltene Kraft und Genauigkeit der Copie, was gllein einen gerechten Anſpruch auf Verdienſt begründen, und dem Künſtler mit der Hoffnung eines mäßigen Erfolges ſchmeicheln kann. Die Nachricht von Lord ulswaters gewaltſamem Tode verbreitete ſich bald in der Gegend und erreicht⸗ Mordaunt's Ohren in derſelben Stunde, wo er ſih auf das Duell mit jenem unglücklichen Edelmann vor⸗ bereitete. Da Algernon fand, daß ihm ein tödlicherer Feind zuvorgekommen war, ſo begab er ſich nach W'“, um von Wolfe einen weniger übertriebenen Bericht von dem Kampfe zu erhalten, als das vielzüngige Gerücht ihm gebracht. Es war nicht ſchwer, genau den Antheil der Schulb zu erkennen, den man Wolfe zuzuſchreiben hatte; und ungeachtet des von Glumford erſtatteten Berich⸗ tes und des Parteigeiſtes, der damals im Lorde herrſchte, konnte doch kein vernünftiger Mann ben Erfolg eines plötzlichen Streites einen beabſichtigten Mord, oder die Gewaltthätigkeit eines Beleibigten ſchwarze Vergehen eines vorſätzlichen Verbrechers nen⸗ nen. Wolfe wurde daher bald aus dem Gefinguiß daß er ewebes t hat: itelkeit, nlichkeit ken ſei⸗ r bloße ern die s allein ründen, näßigen tſamem rreichte er ſih nn vor⸗ licherer 5 W, Bericht züngige Schulb hatte; Berich⸗ Lande n den htigten eidigten rs nen⸗ ängniß 951 ſreigelaſſen; unb burch die offenbare Stimmung ſei⸗ ner Richter noch mehr aufgeregt, die ihn gern, wenn möglich, mit der äußerſten Strenge behandelt hätten, kehrte er zu Genoſſen zurück, die durch ihre Unterredung und ihre Gemüthsrichtung wohl geeignet waren, ihn mehr als je zu entflammen. Es geſchieht gewöhnlich, daß Männer, die ſehr heftig in einer beſondern Anſicht ſind, ihre Freunde nicht nach der allgemeinen Aehnlichkeit des Charakters wählen, ſondern im Verhältniß zu ihrer wechſelſeiti⸗ gen übereinſtimmung in gewiſſen Anſichten; auch ſind die, welche am lauteſten und heſtigſten über eine Meinung reden, mag ſie nun politiſch vder moraliſch ſein, ſelten die Weiſeſten und Reinſten ihrer Partei. Wolfe's Vertraute waren Männer, die keine von den edleren Eigenſchaften des Republikaners theilten; noch weniger begriffen ſie die aufgeklärten und wohl⸗ wollenden Abſichten, worein ſich die weiſen und großen Männer dieſer Sekte beſonders ausgezeichnet haben. Im Gegentheil waren Wolfe's Kameraden, die keine Erziehung und folglich auch keine Grundſätze hatten, durch verzweifelte Glücksumſtände und ver⸗ bornen Ruf zum Mißvergnügen getrieben worben. Aber die Schlimmſten können durch beſtändigen um⸗ gang die Beſten verderben; und die Schranken des Guten und Böſen, die Wolfe oft in der Blinbheit ſeiner Leidenſchaften verwechſelte, ſchienen hei vieſem Ungange gänzlich niedergeriſſen zu werden. Unglücklicherweiſe zeigte ſich die Aufregung des Volks bald nach Wolfe's Rückkehr nach London in 352 Zuſammenrottungen des Pöbels, die man mehr ord⸗ nungswidrig als aufrühreriſch nennen konnte. Die Miniſter aber vachten anders; das Militär wurde z Hülfe gerufen, und als der Pöbel auseinandergetrie⸗ ben wurde, geſchahen durch Zufall mehrere Unglück⸗ fälle. Einige wurden von den Säbeln der Soldaten ſchwer verwundet, Andere von den Pferden mit Füßen getreten, welche die Reizbarkeit ihrer Reiter theilten, und Einige, worunter zwei Weiber und brei Kinder, verloren ihr Leben. Wolfe war auch unter der Menge, und die Scene, die ihm von Seiten der Soldaten nicht zu entſchuldigen dünkte, ließ in ſeinen Geiſte ein tiefes und glühendes Gefühl der Rache zurück. Von ſtarken Abtheilungen des Volks wurde von den Soldaten Gerechtigkeit(wie ſie es nannten) gefordert, aber die Adminiſtration, die es für prli⸗ tiſch hielt, das Volk mehr in Schrecken zu ſetzn, als zu verſöhnen, rieth dem Monarchen, das Militir nicht zu tabeln, ſondern ihm vielmehr für ſeine Be⸗ mühungen zu danken. Von der Zeit an ſcheint Wolfe die Ausführung eines Planes beſchloſſen zu haben, über den er längſt nachgedacht. Das war kein geringeres Verbrechen (ihm erſchien es als eine Tugend), als eine günfiige Gelegenheit zu benützen, das vorzüglichſte Mitglied der Adminiſtration, welches den Mißvergnügten ke⸗ ſonders verhaßt war, zu ermorden. Es muß als Ent⸗ ſchuldigung ſeines gräßlichen Entſchluſſes angeführt werden, vaß ein Menſch, der ſich beſtändig mit einem Plane beſchäftigt, der ſich endlich mit ſeinem Deſein ſunig ſchunt geleite Unrec ſein ausſöl ſein n rechtig die G D Freihe Verth gottlo wenige ſhe A ſie ſich iſt S — no ſchen r or⸗ Die urde rgetrie⸗ glückt⸗ oldaten n mit Reiter md drei h unter iten der ſeinen Rache wurde annten) ir poli⸗ ſeten, Militir ine Be⸗ führung r längſt rbrechen günſtige Ritglied ten be⸗ s Ent⸗ ngeführt it einem Daſein 353 junig verwebt, beſtändig vereitelt und durch Täu⸗ ſcung verſtärkt, die Glut eines krankhaften und irre⸗ geleiteten Enthuſiasmus annimmt, den man nicht mit Unrecht Wahnfinn nennt, und vaß, während Wolfe ſein Gewiſſen mit der Ermordung eines Mitgeſchöpfs ausſöhnte, einem Wurm aus dem Wege gegangen ſein würde. Der Mord ſchien ihm in der That Ge⸗ rechtigkeit, und die Hinrichtung eines Verbrechers die Glorie des Märtyrthums. Dem Himmel ſei Dank, daß weber Religion noch Freiheit nach dem vorübergehenden Wahnfinn ihrer Vertheidiger zu beurtheilen ſind. Die Heere eines gottloſen Eroberers mögen beſſer diseiplinirt ſein und weniger Regelwidrigkeiten begehen, als eine patrivti⸗ ſche Armee, die durch Heiligkeit der Sache, für die ſe ficht, bis zum Uebermaß erhitzt iſt.„Nicht Alles it Schminke“(ſagt Lord Shaftesbury mit Recht); — noch iſt die Wahrheit weniger ſchön bei allen fal⸗ ſchen Masken, die man ihr angelegt hat.“ Dreiundachtzigſtes Kapitel. Und du, mein Kind, das ſtill an meinem Knie Die dunklen, ſanften Augen zu den meinen Erhebt, mit Kindeslieb' erfüllt, die ich Klar durch die Tieſe ſchaue— unverſtellt; Im Schlummer ruhteſt du an meiner Bruſt, Ich hemmt ihr Klopfen, um dich nicht zu ſtören. Vor mir ſchau' ich dein jugendliches Denken, Ich leite dein Gebet und hülle ein In freie, friſche Luft die junge Seele. Hemans. Die Ereigniſſe von Linden's Beſuch hei Worbaunt Bulwer, der Verſtoßene, Il⸗ 23 bis zu Lord Ulswaters Tode nahmen einen Zeitraum von wenig mehr als einer Woche ein. Wir müſſen jezt mehre Wochen übergehen; und da der Herbſt begann, als wir Clarence und Mordaunt dem Leſer vorſtellten, ſo wollen wir zu Anfang Winters den Faden unſerer Erzählung wieder aufnehmen. WMordaunt hatte ſich nach London begeben, und wenn er gleich noch keinen Antheil an den öffentlichen Geſchäften genommen hatte, ſo wartete er doch nur bie Gelegenheit ab, um eine Laufbahn zu beginnen, deren Glanz die, welche etwas von ſeinem Geiſte kannten, bereits zu prophezeihen begannen. Abwechſelnd mit ſeinen Studien und ſeiner Wohlthätigkeit beſchäftigt, beſuchte er ſelten die Hallen des Vergnügens, und die, welche nur ſeinen Namen kannten und ſein ſol⸗ zes Weſen, wichen vor der Kälte ſeines Aeußern z⸗ räck; und während ſie ſich über ſeine Zurückhaltung und Zurückgezogenheit wunderten, ſahen ſie in heiden nur vas mürriſche Weſen des Gelehrten und das Di⸗ ſter des Miſanthropen. Aber der Abel ſeiner Perſon— ſeine alte Her⸗ kunft— ſein Reichthum— ſein makelloſer Charakter und das mit ſeinem Namen verbundene Intereſſe we⸗ gen des ihm zugeſchriebenen Talents und des un⸗ durchdringlichen Geheimniſſes ſeines Lebens, Ales ſprach mächtig zu ſeiner Gunſt bei dem Geſchlechte, welches uns nicht ſowohl nach dem beurtheilt, was wir für Andere find, als nach dem, was wir nach ihrer Meinung für ſie ſein können. Von ſolchen, wie von allen andern Lockungen, wendete ſich der Lrau Lodte heilig Zärtl wacht Herze ihrer wiſch obzun Vater che ge Kinde Geiſt gerno weder aum von ſen jetz begann, rſtellten, unſerer n, und entlichen h nur die n, deren kannten, elnd mit ſhifig, ns, und ſein ſol⸗ ßern z⸗ khaltung n beiden das Di⸗ lte Her⸗ harakter reſſe we⸗ des un⸗ 3, Alls ſchlechte, ilt, was wir nach ſolchen, 355 Lrauernde nur ab, um noch inniger bas Andenken der Lodten zu feiern; und es war ein rührender und heiliger Anblick, das Uebermaß der Schwermuth und Zärtlichkeit zu beobachten, womit er den Schatz über⸗ wachte, in deſſen junger Schönheit und ſchuldloſem Herzen ſeine vahingeſchiedene Iſabella das Abbild ihrer Züge und ihrer Liebe zurückgelaſſen. Es ſchien zwiſchen ihnen ein noch theureres und feſteres Band obzuwalten, als das zwiſchen der Tochter und dem Vater; denn in Beiden hatten die Gegenſtände, wel⸗ che gewöhnlich die Neigungen des Mannes und des Kindes theilen, nur einen ſchwachen Reiz. Iſabella's Geiſt hatte ſich vor den Jahren entfaltet und der Al⸗ gernon's war über ſeine Zeit hinausgewachſen; ſo daß weder die ihrem Alter gewöhnlichen Spiele, noch der dem ſeinigen eigene Ehrgeiz geeignet waren, die Ein⸗ heit ihrer Liebe zu zerſtreuen oder zu entwöhnen. Wenn nach einer kurzen Abweſenheit ſein wohlbekann⸗ ter Schritt leicht durch den Vorſaal dahinging, eilten ihre Feenfüße ihm zuerſt entgegen, um ihn, auf beſſen Schritt ſie lange gehorcht, willkommen zu heißen; und wenn der geringſte Hauch der Krankheit ihre ſchlanke Geſtalt berührte, ſo war es ſeine Hand, die ihr Kiſſen zurechtlegte, und ſein Lächeln, welches ihren Schmerz verſcheuchte; und wenn ſie in Schlummer ſank, ſo wußte ſie, daß eines Vaters Herz bei ihr wachte— daß eines Vaters Auge das erſte ſein würde, dem ſie beim Erwachen bhegegnete. O! ſchön, und eben ſo ſelten als ſchön, war jene ſch dr Zirtlichkeit; der Vater zeigte keine Strenge des Be⸗ fehls, keine Schwäche oder Laune in der Liebe— bez Kind keine Furcht, welche die Ehrfurcht erniedrizt, doch auch keine Vertraulichkeit, welche die Achtung vermindert. Aber die Liebe, deren Stolz im Dienen beſteht, ſchien die gegenſeitig geleiſteten Dienſte zu heiligen— und die Natur, der in ihren Aus prüchen nie entgegengehandelt wurde, gruh ohne ſichtbare An⸗ ſtrengung die Kanäle, in welche dieſe Dienſte fließen ſollten, und jene Menſchenliebe, die nicht nur Sünden zudeckt, ſondern auch den Schleier von den Tugenben zieht, deren Schönheit ſonſt verborgen geblieben wir, vereinte ſie immer feſter und heiligte dieſes Band; denn es war Algernons ſüßeſtes Vergnügen, durch ihre jungen Hände Andern Gutes zu gewähren, und aus der reichen Glut ihres Engelsangeſichts die ge⸗ läuterte Selbſtſucht ſeiner Belohnung zu trinken. Und wenn nach der göttlichen Frende des Segens, den die Jüngſten vielleicht noch lebhafter koſten als ihre Väter, ſie ſeinen Hals umſchlang und ihm mit Freudenthri⸗ nen für die Wonne dankte, die er ihr gewährt, wie konnten fie hei dieſem Erguſſe des Herzens umhin, einander noch mehr zu lieben oder zu fühlen, daß in jener Liehe etwas liege, was das übermaß rechtſerliget Wir haben nicht mit übertreibendem Pinſel ge⸗ malt, und Iſabella, deren Geiſt älter war als ihre Jahre, erſtreckte dieſe Frühreife nicht auf ihr Hert⸗ Denn wo wir das Beiſpiel des Wohlwollens geben, und ſorgen, daß das Beiſpiel in keiner Hinſicht ein verdorbenes iſt, wird die Milch der menſchlichen Milde nicht weniger leicht aus der jüngſten Bruſt fließen, und heit d S er ur Recht tigkeit zu ge dürfti wohnt hekant auch halt er die Inzwi — bas iedrigt, Achtung Dienen nſte zu prüchen are An⸗ fließen Sünden ugenden n wire, Band; „durch en, und die ge⸗ en. Und den dit Vütet, enthri⸗ rt, wie umhin, daß in fertige? nſel ge⸗ als ihre Herz. geben, ſicht ein nMilde fließen, 357 und aus bem Munde der Säuglinge kommt die Weis⸗ heit der Wohlthätigkeit und Liebe! Seit Mordaunt in London geweſen war, hatte er unabläſſig Wolfe's Aufenthalt geſucht, da er mit Recht vermuthete, daß der Republikaner in Dürf⸗ tigkeit lebe, und er die Abſicht hatte, ihm Beiſtand zu gewähren. Aber die Wohnung eines Mannes in dürftigen Umſtänden, der nie lange an einem Orte wohnte und in der letzten Zeit lange nicht mehr ſo hekannt war als früher, war nicht leicht zu entbecken, auch fand er erſt nach langer Mühe den Aufent⸗ halt ſeines ſeltſamen Bekannten. über den Tag, wo er dieſen Zweck erreichte, müſſen wir ſpäter berichten. Inzwiſchen kehren wir zu Crauford zurück. Vierundachtzigſtes Kapitel. Entwirf die Pläne, webe nur dein Netz, In deſſen Maſchen deine ſchlaue Seele Ihr Giſt ausbrütet! Sieh nur um dich her, Von allen Seiten drängt des Schickſals Wolke Schwarz und gerüſtet auf dich an. Anonymus. Die Dämmerung eines Winterabends verbreitete ſch in einem Zimmer in Craufords Hanſe in der Siadt, und nur ein halberloſchenes Feuer verhinderte die völlige Dunkelheit; vor vieſem ſaß Bradley, hatte die Füße auf die Böcke geſtellt und verſuchte ſeine erſtarrten Hände an dem matten Feuer zu erwärmen. Crauford ſelber ging mit veränderlichem Schritte in dem Zimmer auf und ab und blickte von Zeit zu Zeit 358 mit ſeinem klaren und ſchönen Auge auf den Lhell⸗ nehmer ſeines Betruges hin, der, dem Anſcheine nach, der Beobachtung unbewußt, ſeine Aufmerkſamkeit allein mit der Schwierigkeit zu beſchäftigen ſchien, ſeine dürre und abgemagerte Geſtalt zu erwärmen. „Finden Sie es nicht ſehr kalt hier, geehrter Herrt⸗ ſagte Bradley nach einer langen Pauſe, indem er ſih den erlöſchenden Kohlen immer mehr näherte—„durf ich nicht klingeln, daß man noch einige Kohlen bringtt“ „Hölle und— Ich bitte um Verzeihung, mein guter Bradley, aber Sie bringen mich ganz aus meiner Geduld. Wie können Sie an ſolche Kleinigk⸗iten denken, wenn unſer Leben in ſo drohender Gefahr iſt“ „Ich bitte um Verzeihung, mein geehrter Wohl⸗ thäter, es iſt in der That in Gefahr!“ „Bradley, wir haben nur eine Hoffnung— wi müſſen einander treu ſein. Wenn wir bei derſelben Ausſage bleiben, ſo kann uns nichts bewieſen werden — nicht das Geringſte, mein guter Bradley, und wenn unſer Ruf auch ein wenig leibet— nun, wes liegt am Ende am Rufe? Werden wir weniger eſſen, weniger trinken, weniger genießen, wenn wir ihn verloren haben? Nicht im geringſten. Nein, mein Freund, wir wollen ins Ausland gehen; überlaſſen Sie es mir, aus dem Schiffbruch unſeres Vermögens ſo viel zu retten, um wie Fürſten leben zu können.“ „Wenn auch nicht wie Pairs, mein geehrter Wohlthäter.“ „Teufel!— Ja, ja, ſehr gut— hi! hi! hi! wenn auch nicht wie Pairs. Nun, alles Glück lezt 1Theil⸗ ne nach, eit allein t, ſeine 3 Herr?“ m er ſich —„darf ringt?“ g, mein s meiner nigkellen ahr iſt?“ r Wohl⸗ — derſelben n werden ey, und un, wat er eſſen, wir ihn n, mein herlaſſen rmögens können.“ geehrter hi! hi! ück liegi 359 jn den Sinnen, und Richard Crauford hat eben ſo ſiele Sinne als Vicvmte Innisdale; aber wären wir in Stande geweſen, die Unterſuchung noch eine Woche hinauszuſchieben, Brabley, ſo wäre ich Lord geweſen und Sie Sir John.“ „Sie ertragen Ihre Verluſte wie ein Held, mein Herr,“ ſagte Bradley. „Gewiß; es gibt keinen Verluſt, Mann, als das Lehen— keinen; laſſen Sie uns das erhalten— es wird unſere eigene Schulb ſein, wenn wir es nicht thun— und der Teufel hole alles übrige. Aber es wird ſpät, und auf jeden Fall find wir auf einige Stunden ſicher; die Unterſuchung wird nicht vor mor⸗ gen um zwölf Uhr ſtattſinden, warum ſollten wir es uns nicht wohl ſein laſſen bis zwölf Uhr in der Nacht. Klingeln Sie, mein guter Mann, vas Mittageſſen muß bald fertig ſein.“ „Nun, geehrter Herr,“ ſagte Brahley,„ich möchte nach Hauſe gehen, meine Frau beſuchen und mein Hans beſtellen. Wer weiß, ich kann ja morgen in Newgate ſchlafen.“ Crauford, ver bisher noch auf und abgegangen nar, ſtand bei dieſen Worten plötzlich ſtill, und ſein Auge funkelte ſelbſt in der Dunkelheit ſo ſehr, daß Prabley ſeinen demüthigen Blick ſogleich niederſchlug⸗ „Nach Hauſe gehen!— Nein, mein Freund, ich kann Ihrer dieſen Abend keinen Augenblick entbehren. Ich habe Ihnen viele Lektivnen zu geben. Wie ſollen wir unſere Rollen auf morgen lernen, wenn wir ſie nicht vorher probiren? Wiſſen Sie nicht, daß ein 360 einziges Verſehen die Poſſe in ein Trauerſpiel ver⸗ wandeln kann? Nach Hauſe gehen! Pah! warmn, Mann, ich hahe auch meine Frau nicht beſucht, noh mein Haus beſtellt, und wenn Sie mich nur anhi⸗ ren wollen, ſo ſage ich Ihnen wieder und wieder, aß man kein Haar auf unſern Köpfen anrühren kan“ „Sie wiſſen es am beſten, geehrter Herr; ich füge mich in Ihre Entſcheidung.“ „Bravo, redlicher Brab! und nun zum Mitiag⸗ eſſen. Ich habe den herrlichſten Champagner, der je in Schaum zu Ihren Lippen tanzte. Kein Rath⸗ geber gleicht der Flaſche, das glauben Sie mir!“ Als der Bediente eintrat, um zum Mittageſen zu rufen, nahm Crauford Brabley's Arm, lehnte ſch zärtlich darauf und ging durch eine Reihe unterwit⸗ figer Livreebedienten zu einem Zimmer, welches wn Lichtern und Silbergeſchirr ſtrahlte. Ein helles Feur war das Erſte, was Brabley's Lebensgeiſter wieder belebte, und als er ſeine Hände über demſelben au⸗ breitete, ehe er ſich an den Tiſch ſetzte, beirachtete er mit freudigen Blicken vier maſſiv goldene Vaſen, die früher einem Könige gehört hatten. Crauford, der ſtets ein Gourmand war, aß mit ungewöhnlichem Appetit und nöthigte Brabley mit ſo lebhafter Gafffreiheit zum Weintrinken, baß die Sinne des würdigen Mannes bald etwas umwölkt wurden. Das Mittageſſen wurde abgetragen, die Diener ent⸗ fernten ſich und die Freunde waren allein. „Auf eine glückliche Reiſe nach Frankreich!“ riet Crauford, indem er ein Glas füllte.„Das iß das Lanb was zrück Name mern abent ihnen Glas „ Man große Brad! „ ſucht, lira, unſer ſchütt engla der V lebe! noch es Bi inden Platz los a C die B einen iel vet⸗ warun, , noch r anhi⸗ er, daß kann.“ ich füge Mitiag⸗ er, der n Rath⸗ nir!“ tageſſen hnie ſc terwür⸗ hes von s Feuer wieder en aus⸗ rachtete Vaſen, aß mit mit ſo Einne vurden. er ent⸗ 1“ rief iſt bas 361 gund für Herzen wie die unſrigen. Ich will Ihnen vas ſagen, kleiner Brad, wir wollen unſere Weiber zrücklaſſen und mit einem neuen Lande auch neue Namen und eine neue Lebensart annehmen. Was küm⸗ nern ſich Männer darum, die in Paris ihre Liebes⸗ gbentener ausführen, was die Thoren in Lonbon von ihnen ſagen? Noch ein Glas, ehrlicher Brad— ein Glas auf die Mädchen! Was ſagen Sie dazu, he 7* „O Herr, Sie ſind ſo ſpaßhaft— ſo witzig! Man muß geſtehen, vaß ein ſchwarzes Auge einen großen Reiz hat— Lira— lira, la— la!“ Und Brabley's Augen drehten ſich freudig im Kreiſe. „Bravo, Brad!— Wer hätte das in Ihnen ge⸗ ſucht, ehrlicher Brad! Ihr Glas iſt—“ „Leer— geehrter Herr, ich weiß es!— Lira— kra, la!— aber es iſt leicht gefüllt! Wir, die wir unſer Lebenlang von einem Gefäß in das andere ge⸗ ſchüttet haben, ſtellen bis zuletzt unſern Mann!“ „Vortrefflich, Brad! Nun einen Toaſt auf Alt⸗ england, das Land, wo es Niemanden an Geld fehlt, der Witz genug hat, um es zu ſtehlen— Altengland lebe!“ Und Crauforb goß den Reſt der Flaſche, die mnch über halb voll war, in ein großes Glas und ſchob es Bradley zu. Dieſer leerte es auf einen Zug, und indem er murmelte:„Der redliche Sir John!— Flatz für Lady Bradley's Wagen!“ ſank er bewußt⸗ los auf den Boden nieder. Crauford ſtand ſogleich auf, überzeugte ſich, daß die Berauſchung echt ſei, gab dem hewußtloſen Körper einen verächtlichen Stoß mit dem Fuße, verließ das 362 Zimmer und murmelte bei ſich ſelber:„Der dumme Eſel, meinte er, daß ich auf ſeinem Rücken davor⸗ reiten wollte— hi! hi! hi! Aber halt, ich wil meinen Puls fühlen. Um zwanzig Schläge zu ſchnell! Man iſt ſeines Geiſtes niemals ſicher, wenn man den Körper nicht genau regulirt! Ich trank zu viel— muß ein Pulver nehmen, ehe ich aufbreche.“ Hierauf ſtieg Crauford vermöge einer Hintertreppe zu ſeinem Schlafzimmer hinauf, ſchloß einen Kaſten auf und nahm ein Bündel geißtlicher Kleider, einen Hut mit breitem Rande und eine ungeheure Perlle heraus. Nachdem er dieſe Kleider haſlig, aber nicht ſorglos angelegt, begann er ſeine Wangen mit einr dunklen Farbe zu bemalen. Dann legte er ſeine eigenen Kleider in den Kaſten, den er ſorgfältig verſchß und den Schlüſſel in die Taſche ſteckte. Hierauf nahn er aus einem Pult eine Börſe, öffnete dieſelbe und zog einen großen Diamant von ungeheurem Werthe hervor, den er ſchon vor Jahren in dieſer Abſcht gekauft hatte. Sein gewöhnliches ſpöttiſches Lächeln umzog ſeine Lippen, als er ihn betrachtete„Iſt es nicht ſeliſim“ ſagte er,„daß dieſer kleine Stein die mächtigen Be⸗ dürfniſſe des habſüchtigen Menſchen befriedigt? Wer ſchwatzt noch von Religton, Vaterland, von Weib und Kindern? Dieſes einzige Mineral kann ſie alle er⸗ kaufen! O, welch eine helle Freude ſtrahlt auf deiner weißen Wange, meine Schöne! Was find alle menſch⸗ lichen Reize gegen die deinen? Durch deinen Zaber, mächtigſter aller Talismane, kann ich ſcherzend ub gehen iſt eit Gedat ſchwel ich m ſelbſt auch, dann Wort ſeines ordne ſorgf er di befan kutſch fuhr. in zr Schi ſchad Hi! er e hing der( ford ſei. ſelbe Dok dumme davon⸗ ſch will ſchnell! nan den viel— ertreppe Kaſten „ einen Perüke er nicht tit einer eigenen erſchloß uf nahm lbe und Werthe Abſicht og ſeine ltſam,“ gen Be⸗ Wer zeib und alle er⸗ f deiner menſch⸗ Zauber, nd und 363 ſhwelgend durch eine Reihe von Schönheiten dahin⸗ gehen, bis ich ins Grab ſinke! Pah! dvieſes Grab iſt ein garſtiger Gedanke— ein ſehr, ſehr garſtiger Gedanke! Aber komm, meine Sonne der Hoffnung, ich muß dich auf eine Weile verfinſtern! Bild meiner ſelbſt— während du dich verbirgſt, verberge ich mich auch, und wenn ich dich wieder aus Tageslicht laſſe, dann wird auch Richard Crauford glänzen!“ Bei dieſen Worten nähte er ſorgfältig den Diamant in die Falten ſelnes Hemdes, und indem er ſeine Kleidung wieder ordnete, nahm er das abkühlende Pulver, welches er ſorgfältig und mit feſter Hand abwog; dann ſtieg er die Hintertreppe hinunter, öffnete die Thür und befand ſich auf der vffenen Straße. Die Glocke ſchlug zehn, als er in eine Mieths⸗ kutſche ſtieg und nach einem andern Theile von Lonbon fuhr.„Was, ſchon ſo ſpät?“ dachte er:„ich muß in zwölf Stunden in Dover ſein— bann ſegelt das Schiff ab. Hi! noch immer einige Gefahr! Wie ſchade, vaß ich jenem Thoren nicht trauen konnte. Bil hi! hi!— Was wird er morgen denken, wenn er erwacht und findet, daß er allein heſtimmt iſt, zu hängen!“ Die Miethskutſche hielt vor einem Gaſthauſe in der Cith an, wie er befohlen hatte. Hier fragte Crau⸗ ford, ob ein Brief an Doktor Stapylton abgegeben ſei. Es wurde ihm ein Brief eingehändigt, den er ſelber geſchrieben.„Güliger Himmel!“ rief der falſche Doktor, als er ihn las,„meine Tochter liegt auf dem Sterbebette!“ 364 Der Wirth ſah ihn theilnehmend an— der Dollyr ſchien auf einen Augenblick von ſchweigendem Schmerz gelähmt. Er faßte ſich wieder, ſchüttelte kläglich nit dem Kopfe und beſtellte eine vierſpännige Poſtcheiſt nach Canterbury. „Es weht ein ſchlimmer Wind, der Niemanben wohl thut!“ dachte der Wirth, als er auf den Hof⸗ platz ging, um den Befehl zu ertheilen. Die Chaiſe war bald bereit— der Doktor ſlieg ein— der Poſtillon trieb die Pferde an— Richard Erauford fühlte nach ſeinem Diamanten und dachte an Sicherheit unb Frankreich. Ein kleiner unbekannter Mann, der ſeit den lezen zwei Stunden ruhig im Gaſtzimmer geſeſſen, ſeinen Grog getrunken hatte, und wegen ſeiner Stille un Schweigſamkeit kaum bemerkt worden war, ſtand jezt auf.„Herr Wirth,“ ſagte er,„wiſſen Sie, wer bieſe Herr iſt?“ „Nun,“ ſagte Bonifaeius,„der Brief an ihn war überſchrieben: An Seine Hochehrwürbden, den Herrn Doktor Stapylton— wird abgeholt werben.“ „Ah!“ ſagte der kleine Mann gähnend— ich werde dieſe Nacht noch eine weite Reiſe machen müſſen⸗ Kann ich auch eine vierſpännige Chaiſe haben?“ „Gewiß, Herr, gewiß!“ rief ver Wirth erſtaunt, „So laſſen Sie ſie vorfahren. Noch ein Glas Grog — ein wenig ſtärker— kein Zucker!“ Der Wirth ſtarrte ihn an— die Kellnerin ſtarrte ihn an— ſelbſt der Oberkellner, eine ſehr ſtattliche Perſon, ſtarrte ihn auch an. r Doklor Schmerze lich mit oſſchtiſ emanden en Ho⸗ e Chaiſe zoſtillon lte nach eit unb n letzten „ſeinen ille un and jetz er dieſer an ihn n, den eren.“ —,ich müſſen. n7 rſtaunt. 6 Groß ſtarrte attliche 365 „Hören Sie,“ ſagte ver kleine Mann, inbem er ſinen Grog ſchlürfte,„ich bin ein ſehr gutmüthiger Kerl, darum will ich heute Nacht einen großen Mann aus Ihnen machen, denn nichts macht einen Mann ſo groß, als wenn er in ein großes Geheimniß eingeweiht wird. Hörten Sie je von dem reichen Herrn Crauford?“ „Gewiß— wer hörte nicht von ihm?“ „Sahen Sie ihn je?“ „Nicht daß ich wüßte.“ „Sie lügen, Wirth— Sie ſahen ihn dieſen Abend.“ „Herr!“ rief der Wirth, ſich aufrichtend. Der kleine Mann zog ein Paar Piſtolen hervor und begann fie aus einem kleinen Pulverhorn zu laden. Der Wirth fuhr zurück— der Oberkellner rief Raub und die Kellnerin Mord! „Wer zum Teufel find Sie, Herr?“ „Tickletrvut, der berühmte Diebsfänger, wie man mich nennt. Sehen Sie ſich vor, Madame, die Piſtolen find geladen. Ich ſehe, die Chaiſe iſt ſchon heraus — hier iſt mein Geld, Wirth.“ „O Herr! ich will kein Geld— es iſt eine zu zroße Ehre für mein armes Haus, mit Ihrer Ge⸗ ſellſchaft beglückt zu werden; aber, wenn ich fragen darf,“ ſetzte er hinzu, indem er dem kleinen Manne his zur Thür folgte,„wen wollen Sie fangen?“ „Herrn Crauford oder Doktor Stapylton.“ „O Gott! wie ſchrecklich! Was hat er gethan?“ „Betrogen, glaube ich.“ „Meine Augen! Warum nahmen Sie ihn nicht gefangen, als er hier im Gaſtzimmer war?“ 366 „Weil ich ſonſt meine Reiſe nach Dover uicht bezahlt bekommen hätte. Mache die Thür zu, Poſil⸗ lion; die erſte Station bis Canterbury.“ Hierauf zog Tickletront eine wollene Nachimite über ſeine Ohren und machte es ſich ſo beguem als möglich. An demſelben Tage, wo das Patent ſeiner Paits⸗ würde ſollte ausgefertigt werden— an demſelben Tage, wo er Paris hatte erreichen wollen, wurbe Richard Crauford nach Newgate gebracht und ihm der Prozeß gemacht. Fünfundachtzigſtes Kapitel. Wenn ich, o holde Liebe, richtig deute, Was dein geheiligt Band beſiegelte, So horchte ſie den Tönen mit Entzüdn Und barg an ſeiner Bruſt die Augen. Campbell. „So willſt Du alſo ſchon morgen nach London gehen?“ ſagte Lady Flora zärtlich. Dies wurde zu einem Manne geſagt, der unter den Namen Clarene Linden die Hauptrolle in unſerem Drama geſpielt hat, und den wir nach dem Tode ſeines Bruders den Leſern als Clinton l'Eſtrange, Graf von Ulswater vorſtellen. Sie waren allein in dem denkwürdigen Pavillyn, und obgleich es Winter war, ſo ſchien die Eonne doch heiter in das Gemach, und durch die Thire, welche halb offen war, ſah man das Immerzrün, welches einen Contraſt gegen die blätterloſen Zweig⸗ der G paſſen derjen dem d ten. 2 die Vi m wi Fenſte junget dürfu den d ihrem zweil hege aus 1 T wärts ſich i ſcäm Arm ſchnee die er tauſer die K Beſor warer gelaſſ er nicht achimitze ſuem alz er Paite⸗ emſelben „ wurhe und ihm . ig deute, gelte, Entzüce Augen. ll. London vurde zu Clarene geſpielt ders den Ulswater Zavillon, Eonne Thüre, nergrün, Zweige 367 der Eichen und Buchen bildete, dem Liebenden ein paſſendes Gleichniß der Liebe lieferte, und die Augen derjenigen tänſchte, die ſich durch eine Ahnlichkeit mit dem dahingeſchwundenen Sommer zu täuſchen wünſch⸗ ien. Das ungewöhnlich milde Wetter ſchien auch auf die Vögel, jene Kinder des Lichts und des Geſanges, z wirken, und ſie verſammelten ſich heiter unter dem Fenſter, und um die Thüre, wo der gütige Geiſt der jungen Bewohnerin des Ortes ſo oft für ihre Be⸗ türfniſſe geſorgt hatte. Von Zeit zu Zeit konnte man den durchdringenden Ton der Droſſel hören, der mit ihrem raſchen und niedrigen Fluge Takt hielt; und zweilen kam ein Haſe aus dem benachharten Ge⸗ hege furchtlos an die halbgeöffnete Thür, da er ſich aus langer Erfahrung ſicher wußte. Der Liebende ſaß zu Flora's Füßen, blickte auf⸗ wärts und ſchien die zärtlichen Augen aufzuſuchen, die ſich ihres Geheimniſſes bewußt waren, und ſich ver⸗ ſchämt von ſeinem Blicke abwendeten. Er hatte ihren Arm über ſeine Schulter gezogen und hielt jene kleine ſchneeweiße Hand, nach der er ſo lange geſtrebt, und die er endlich gewonnen, in der ſeinen und drückte tauſend Küſſe darauf. Alles war längſt erklärt— die Kluft zwiſchen ihrem Herzen vernichtet— Zweifel, Leſorgniß, Mißverſtändniß, dieſe Wolken der Liebe, waren längſt verſchwunden und hatten nichts zurück⸗ gelaſſen, um ihren Himmel zu verdunkeln. „Und ſo willſt Du uns morgen verlaſſen— muß es denn ſchon morgen ſein?“ „Ach! Florg, es muß; aber ſieh, ich habe Deine 368 Haarlocke— ich kann Dein ſchönes dunkles Han küſſen, wenn ich ferne von Dir bin, und ich werde auch Deine Briefe haben, Theuerſte— jeden Taz einen Brief; und oh! noch mehr als Alles, ich werde die Hoffnung, die Gewißheit haben, daß, wenn wir uns wiederſehen, Du auf immer die Meine ſein wirſt.“ „Und ich muß mich auch mit Deinem neuen N⸗ men ausſöhnen, wenn ich ihn in Deiner Handſchriſt ſehe. Ach! ich wollte, Du wäreſt noch Clarene⸗ — nur Clarence. Reichthum, Rang, Macht— ws ſind alle dieſe anders als Nebenbuhler Deiner armen Flora?“ „Aber Clinton iſt ein Name, der Clarenee ſeht ähnlich iſt, Theuerſte.“ Und die gefangen gehalten⸗ Hand wurde leidenſchaftlicher geküßt als je. „Und— und— wann wirſt Du zurückkehren?“ „Sobald ich enthehrt werden kann— Du weift, ich habe noch einige Geſchäfte bei den Miniſtern, ol⸗ gleich ich meine Stelle niedergelegt habe; doch in der gegenwärtigen Krifis wollen fie ſich ſelbſt meinen Beiſtand ſichern.“ Lady Flora ſeufzte und erröthete im nächſten Augenblick; und bei dem Seufzer und dem Erröthen wanderten Lindens Lippen von der Hand zu der Wange und vyn dort zu dem Munde, wo der Weſtwind die Süßigkeiten von tauſend Sommern zurückgelaſſen zu haben ſchien. Oh! auf dieſer bornenvollen und ftürmiſchen Erde, wo die Liebe, der Sprößling einer andern Welt, ſelten aubers höhle die Se Fußtrit und ge — auf einen ſchen, ig ißt. De eſchie ſil der ſhichte Mange Prüfun werdet tenſche genden Verzeil Lugenl Gefühl eurigen keiner deinen lichen wo nie ott all dein fe Sorge haſt du Bul es Haa ch werbe den Taz ich werde venn wir ine ſein en Ne⸗ undſchrift Clarente t— was er armen nee ſeht gehaltet kehren?“ weißt, ern, oö⸗ ch in der meinen nächflen Frröthen Wange wind die aſſen zu en Erde, t, ſelten aubers Schutz findet als in der Wildniß und in der Höhle— wo Kummer unb Täuſchung, Schande und e Schatten des frühen Todes ihren ungeregelten Fußiritten folgen und gleich den Furien den kurzen und gefahrvollen Schlummer des Oreſtes bevbachten — auf dieſer Erde iſt es ſüß, wenn auch nur auf inen Augenblick, die Liebe in einem Tempel zu ſchen, welcher der Darbringung unſerer Gelübde wür⸗ ig iſt. Denn euch, junge Liebende, deren glückliches Geſchick einen Gegenſatz bildet zu dem düſtern Schick⸗ ſil derjenigen, von welchen dieſe ungeordnete Ge⸗ ſhichte ebenfalls berichtet hat, die in Kummer und Mangel einander liebten, wie ihr unter den gleichen Früfungen des Glücks und des Glanzes ebenfalls thun werdet— denn euch ſtehen lange Jahre des Son⸗ tenſcheins bevor— Jahre, die, indem ſie eure Tu⸗ genden reifen, nur eure Liebe erhöhen werden!— Verzeiht, wenn euer Geſchichtſchreiber einen kurzen Angenhlick verweilt, um den Erguß ſeiner eigenen Gefühle mit der Erzählung zu vereinen, die er den ſrtigen weiht! Schönes Weſen, welches ich jetzt in leiner wilden und knabenhaften Viſion erblicke, mit deinen ſauften Augen, die den Spiegeln der menſch⸗ lchen Zärtlichkeit gleichen und deiner reinen Stirn, no nie weder Wolke noch Schatten den Aufenthalts⸗ att aller milben und weiblichen Gevanken trübte, und dein feenartiger Schritt, wo die Wachſamkeit und Sorge der Liebe vorherrſchen und nie ſchlummern, heſt du die Ouellen meines Herzens mit einem tiefen Bulwer, der Verſtoßene. M⸗ 2 370 und mächtigen Strome angefüllt, und ſollen ſie uhl überfließen? Deine Wange iſt bleicher als ſie es war, meine Liebe, und dein Lächeln hat ein matteres Epig, und die Muſik deiner lieblichen Stimme iſt leiſer n gedämpfter, und der Zephyr, der deinen Fußtritten folgt, flattert zu Zeiten mit matterem Flügel; ſo daß, wenn ich dich anblicke, meine Angen ſich nit Thränen füllen; aber es ſind nicht die Thränen dez Kummers; denn für mich liegt ein hellerer Glan in deiner Jugend, als da in der Glorie eines ſti⸗ früheren Lenzes, die Wange der Hebe trübe gegn die deine geweſen wäre! Iſt nicht die Blüte der Zärtlichkeit köſtlicher, als die Blüte der Geſunbheit In deinen Blicken ſehe ich die Lieblichkeit des Tw⸗ ſtes und der Hoffnung und dein Lächeln hat bi Schönheit der Schritte, die auf der Berghöhe be Verkünder fröhlicher Zeitungen ſind. Du haſt den Alles mir anvertraut; und während das Fahrzez noch durch die ſtürmiſche Flut dahinfährt, werdn deine Schätze ficher ſein! Aber Sturm und Unz⸗ witter haben bereits die Barke erſchüttert, die Wrl⸗ ken find noch ſchwarz; und das Land liegt fern; md in Wahrheit wirſt du mit dem unſteten Herzen vil⸗ leicht nur noch kurze Zeit Geduld haben können, bem meine Wanderungen ſind nicht ohne Schatten gewe⸗ ſen, noch einen Schlummer ohne Traumbilder, und ſelbſt jetzt kömmt mir die Stimme der Warnung, di⸗ ſich nicht will übertäuben laſſen, leiſe, aber unhei⸗ drohend ins Ohr! Ach, viel ſüßer als der Ruhmiſ der ſtille Schlaf, wo aller Streit, aller Haß b⸗ ſüfti das A verwe Lebe Gräbe unden fung! bie B hernen Schatz nit de bich, 1 Segen ich ein Schwei nfie nicht ie es war, tes Spitl, leiſer un Fußtritten lügel; ſo nſich mit ränen des rer Glan eines fti⸗ übe gegen Blüte der eſunbheit? des Trr⸗ that pie rghöhe bie haſt dein Fahrzez t, werden 371 ſuftigt iſt— bie früh vollenbete Beſtimmung, wo ds Auge im Tode bei dem Wachen der Zärtlichkeit verweilt, und das Herz nicht verurtheilt iſt, Jugend, Lebe und Hoffnung zu überleben und über vielen Gräbern zu trauern! Denn die Zeit raubt uns Alles, und nichts, was der Erde angehört, kann ihre Prü⸗ fung beſtehen: nicht nur die Ketten, ſondern auch bie Blumengewinde des Lebens werden mit der ſil⸗ bernen Schnur aufgelöst, und des Herzens letzter Schatz hricht lange vorher, ehe das Herz ſelber bricht nit der goldenen Schale an der Ciſterne. Aber für bich, mein letzter und lebender Traum— welchen Segen ſoll ich für vich erflehen? In der Stille habe ih ein Gelübde abgelegt; in ver Nacht und im Schweigen habe ich es mir gelobt. Komm unter den und Ung⸗ die Wol⸗ fern; und erzen viel⸗ nnen, dem tten gewe⸗ ilder, und rnung, die zer urhei⸗ Ruhmiſ Haß be⸗ Schatten meiner Seele; und während ſie noch lebt ſir die Dinge der Erde, ſollſt du veinen Segen in meinem Gelübbe finden! Sechsundachtzigſtes Kapitel. Ein Mann von Hounsditch, einer von des Teufels nahen Verwandten— ein Makler. Jedermann in ſeiner Laune. Wir haben den gefährlichſten Plan entdeckt, der je im Staate vorgekommen. Viel Lärm um Nichts. Es war an einem regnigten und ſtürmiſchen Abend in neun Uhr, als Moritz Braun unter dem Schutze jnes bewundernswürdigen Regenſchirms von ſeegrüner beide, worauf wir ſchon früher das Glück gehabt haben, vie Aufmerkſamkeit unſerer Leſer zu richten, nah s die einem geſchäftigen Tage heimwärts ging. Die ſchleh⸗ die tro ten Straßen, durch die er ſeinen Weg nahm, wun zur en niemals ſehr volkreich und jetzt bei dem ungünſtigen ſein Wetter und der ſpäten Stunde faſt gänzlich verlaſen klität Freilich ſah man von Zeit zu Zeit ein einſames Frauer⸗ liche V zimmer, welches mit der einen Hand ihre ſchon lig plölich lich beſchmutzten Kleider aufhoh, und mit der anden Die Se den feindlichen Winden ihren Regenſchirm entgegenhle, kt, w über die Straße gehen, vder hörte in ſeltenen zuſ⸗ſſyrtger ſchenräumen eine Miethskutſche über die unehenn zeſchah Steine dahinrumpeln. Zuweilen wagte auch ein tt⸗ nerkſa terlicher Liebhaber vom Katzengeſchlecht ſeine zut bieſer Pfoten auf das ſtrömende Pflaſter und ſchüttelte ut mporc leiſem aber widerwärtigem Geſchrei die Regentroſen both g von den pyramidenförmigen Dächern ſeiner zuin es ni Ohren. ingen Aber außerdem war Alles öde und leer um Worz eine he Brauns knarrende Fußtritte.„Ich wollte,“ ſuhe iß di der würdige Makler bei ſich ſelber,„ich hätte biſn ßrmlie vervammten Regenſchirm der verſtorbenen Lady Wi⸗ über di love vortheilhaft los werden können; er iſt ur fir worwur eine einzelne Dame von ſchlanker Geſtalt berechnet, ud eblickt obgleich er freilich den Regen von meinem Kopfe den m abhält, ſendet er ihn mit doppelter Gewalt auf mein Stellu Schultern nieder. Zum Henker mit dem Regenſchirn; und de die Erkältung wird mir noch den Tod zuzieh“ Veing Dieſe Klagen über ein Ungemach, welches geniß„ hinreichend war, um das von Natur ſanfte Tene⸗ nit de rament des Herrn Braun aufzuregen, hörten u aufſ weiflu 373 n, nah ils dieſer an der Straßenecke ſtehen blieb, um ſich e ſchlech⸗ die trockenſte Stelle auszuſuchen und den Ubergang t, waren zur entgegengeſetzten Seite zu bewerkſtelligen. Indem günſigen ir ſeinen Hals über die Goſſe ſtreckte, um die Lo⸗ verlaßen klität in Augenſchein zu nehmen, ſenkte der unglück⸗ s Frauem liche Wanderer ſeinen Schirm ein wenig und ein hon lig plölicher Windſtoß blies in das Innere deſſelben. er andern Die Schnelligkeit, womit es geſchah und die Heftig⸗ egenhie, t, womit der zu einem Ballon aufgeblaſene Schirm enen gui⸗ ſotgeriſſen wurde, was gerave in dem Augenblick unehenen geſchah, als Herr Braun ſich mit ängſtlicher Auf⸗ h ein ri⸗ nerkſamkeit über das Pflaſter neigte, machten, vaß ine zutn ſer zu ſeinem unausſprechlichen Schreck förmlich ittelte nt eporgehoben und in einen Strom von flüſſigem gentroyfn oth getaucht wurde, der in der Goſſe floß. Auch war ter zuin kies nicht Alles, denn der Wind, der ſich in dieſem ingen Behälter zu ſehr eingeſperrt fühlte, machte m Morz ene heftige Anſtrengung, ſich daraus zu befreien, ſo e, ſit daß die denkwürdige Reliquie der Lady Wabdilove itte deſn ſrmlich umgekehrt wurde, und als Braun, erſchrocken by Wrh iber die Calamität ſeines Fehltritts ſeine Augen mehr ſt uur fir wrwurfsvoll als unterwürfig zum Himmel erhob, echet u ablickte er tie Erſcheinung ſeines Regenſchirms bei hem Rohſt den melanchvliſchen Laternen in gerade umgekehrter auf mein Stellung, ſo daß derſelbe mit ſeinem langen Stabe genſcirn; ind dem umgekehrten obern Theile wie ein großes Veinglas ausſah. „Nun, das nenne ich angenehm,“ ſagte Braun nit der ironiſchen Bitterkeit, die der äußerſten Ver⸗ weiflung eigen iſt. Als wären die Elemente von allen den vahingeſchiedenen Seelen, die Braun je in ſeinem Berufe übervortheilt hatte, geleitet und au⸗ geſtiftet worden, kaum hatte der unglückliche Mall den letzten Satz ausgeſprochen, als ein zehnfach ſchwerer Regen in Strömen auf das ſchutzloſe Haupt des Wanderers niedergoß. „Dies wird nicht gehen,“ ſagte Braun, inbem er Muth faßte und aus dem kleinen Strome wieder auf den feſten Boden ſprang,„dies wird nicht gehen— ich muß irgendwo Schutz ſuchen.— O weh wie der Regen an mir herunterläuft. Ich gleiche den berühmten Staubbach in Derbyſhire. Welch ein Ungeheuer von einem Regenſchirm! Ich will doch nie wieder einen von einer alten Dame kaufen, ich vill mich hängen laſſen, wenn ich es thue!“ Als der unglückliche Moritz dieſe Sätze nach ei⸗ ander in einem unterbrochenen Strome der Klaht ausſtieß, ſah er ſich überall nach einem ſchützeden Obdach um. Vergebens— bei dem unſicheren Uicht konnte er nur Häuſer entdecken die keinen Siulen⸗ eingang hatten, und wo den Thüren ſelbſt die ge⸗ wöhnliche Vertiefung fehlie. „Ich werde gewiß den ganzen Winter am Rhet⸗ matismus leiden,“ ſagte Braun, indem er ſo ſchrell als möglich weiter eilte. Als er aber verzweiflungioyll eine enge Gaſſe hinunterblickte, die ſeinen Weg duch⸗ kreuzte, bemerkte er ein Gerüſte vor einem Hauſe, woran man eine Reparatur vorgenommen. Dies wat für ihn ein Hoffnungsſtrahl; er verdoppelte ſein⸗ Schritte, trat in den willkommenen Hafen und ſih ſh vo rüſte r graun ie Eig po war zfried hute Fockes mur au Gegen ſwei haut an die ortes 1 Regenf Un Siellu Männ „E waren „der 9 haben „N Stimn Erſtere haben fir M Gedan ſhäfti ſollten un je in ſch vollkommen vor dem Wetter geſchützt. Das Ge⸗ und a⸗ tiüſte war von beträchtlicher Größe, und obgleich e Mallet Braun hei der zunehmenden Dunkelheit der Nacht zehnfich tie Cigenthümlichkeit ſeiner Lage nicht hemerken konnte, ſe Haut ſ war er doch mit dem erlangten Schutze vollkommen zfrieden, und nachdem er den Regen von ſeinem zu abgeſchüttelt, die Armel und Schöße ſeines Fockes ausgewunden, ſich überzeugt hatte, daß er gehen— nr auf den Schultern völlig durchnäßt ſei, und als weh! wie Begenmittel gegen den gefürchteten Rheumatismus eiche bem wei Taſchentücher zwiſchen ſein Hemd und ſeine ßelch ein hnt geſteckt hatte, lehnte ſich Braun ganz bequem doch ni en die Mauer im äußerſten Winkel ſeines Zufluchts⸗ „ich vil rtes und beſchäftigte ſich damit, ſeinen beſchädigten Regenſchirm ſo gut als möglich wieder herzuſtellen. nach eit⸗ Unſer Wanderer war etwa drei Minuten in dieſer er Kug Stellung geweſen, als er die Stimmen von zwei chützerben Männern hörte, welche durch die Gaſſe dahineilten. ren Licht„Stehen Sie nur ſtill,“ ſagte der Eine, und dies Siulen naren die erſten Worte, welche Braun deutlich hörte, ſt die g⸗ der Regen kann nicht viel länger währen; und wir ⸗ noch einen weiten Weg zu gehen.“ m Rhe⸗„Nein, nein,“ ſagte der Andere mit gebieteriſcher ſo ſchrel Stimme und beſſerer Ausſprache, wogegen die des flungorll Erſteren etwas Fremdes an ſich hatte,„nein, wir zeg durch⸗ haben keine Zeit. Was iſt das ungünſtige Wetter m huſ, ſir Männer, die mit einem tiefen und glühenden Diez wur Bedanken beſchäftigt find, und welche durch die Be⸗ elte ſein ſöäftigungen des Geiſtes gegen das abgehärtet ſein und ſih ſllten, was dem Körper begegnet?“ „ indem ne wieder „Ja, mein guter Freund,“ ſagte der erſte Rebne, „das mag Alles recht ſchön ſein für Sie, der E einen Köperbau haben wie ein Pferd; aber ich bit kränklich und habe, ſo lange ich in dieſem verdammten Lande bin— bitte nicht übel zu nehmen— beſtändig einen heftigen Huſten gehabt; darum will ich auf einige Minuten unter dieſes Gerüſte treten, und wenn Sie den Regen ſo ſehr lieben, mein guter Freunb, ſo haben Sie ja Platz genug in der Straße— luf! uff!)— um ſich deſſelben zu erfreuen.“ Als der Mann dieſe Worte geſprochen hitte, wurde das matte Licht, welches am Eingange bes freunvlichen Obdachs ſchimmerte, von einem Schatlen verdunkelt, und gleich darauf kam ſein Begleiter zu ihm und ſagte:„Nun, wenn es ſo ſein muß; aher wie glauben Sie im Stande zu ſein, den Geſahren unſeres Planes zu trotzen, wenn Sie ſich wie ein alie Weib vor einigen Regentropfen fürchten?“ „Vor einigen Regentropfen, mein guter Freunb,“ antwortete der Andere,„Waſſer— wie nennen Si es doch— ja— Waſſerfülle ſollten Sie ſagen— (uff! uff!), aber ich muß Ihnen ſagen, daß Mancher ſeine Haut nicht mit Waſſer benetzen laſſen will und doch ſeinen Arm bis an den Ellenbogen in Blut tauchen würde!—(uff! uffl)“ „Teufel!“ ſagte Braun bei ſich ſelber, der bei dem Worte Plan einen Schritt aus ſeinem Verſteck vorgetreten war, ſich aber jetzt bei den letzten Woyr⸗ ten des Fremden ſo leiſe wie eine Schnecke in ihr Haus zurückzog, und obgleich ſeine Perſon zu ſchr — Gef doch erbe Reg — lff! Gefahren ein alte Freunt,“ nnen Sit ſagen— Mancher will und in Vlut der hei Verſteck en Wor⸗ e in ihr zu ſchr 377 in Schatten eingehüllt war, um im geringſten der Gefahr der Entdeckung ausgeſetzt zu ſein, ſo fühlte doch der ehrliche Makler ſeine Geſtalt vor Schrecken erbeben und eine neue Verwünſchung des unheilvollen Regenſchirms erhob ſich zu ſeinen Lippen. „Ah!“ ſagte der Zweite,„ich hoffe, daß es ſo ſein wird; aber um wieder von unſerm Vorhaben zu reden— find Sie ganz gewiß, daß dieſe beiden Miniſter regelmäßig von dem Parlament, welches ihr Despotismus ſo entehrt hat, zu Fuß nach Hauſe gehen?“ „Gewiß— ja, das bin ich; Davidſon beſchwört es.“ „Und ſind Sie auch mit ihren Perſonen ſo genau bekannt, daß Sie dieſe ſelbſt im Dunkeln erkennen können? Denn Sie wiſſen, daß ich ſie nie ſah.“ „So genau wie mit einem Sixpenee!“ entgegnete der erſte Sprecher, für den das Leben der erwähnten Perſonen von viel geringerem Werthe war, als die in ſeiner bildlichen Antwort genannte Summe. „Dann,“ ſagte der Andere im Tone finſterer Entſchloſſenheit—„dann ſoll dieſe Hand, durch welche einer der ſtolzeſten Unterdrücker gefallen iſt, zu einem noch würdigeren Werkzeuge der Rache des Himmels werden!“ „Sie ſind ein verdammt guter Schütze, glaube ich,“ ſagte der erſte Eprecher, ſo gleichgültig, als vb er die Geſchicklichkeit eines Gutsbeſitzers aus Norfolk gerühmt hätte. „Noch nie täuſchte mich mein Auge und meine Kugel wich nie ein Haarbreit von meinem Ziele ab! 378 Als ich die Kunſt in meinen Knabenjahren lernte, glaubte ich, ſie würde mir eher in der Schlacht, als zu Hinrichtung eines einzelnen Verbrechers nützlich ſein.“ „Nun, wir werden morgen Abend eine vortreff⸗ liche Gelegenheit haben!“ antwortete der erſte Spre⸗ cher;„das heißt, wenn es nicht ſo höllenmäßig regnet, wie dieſe Nacht; aber ich denke, wir werden mehre Stunden warten müſſen.“ „Daran liegt wenig,“ verſetzte der Andere; „müſſen wir auch eine Nacht nach der andern dieſelhe Wache halten, wenn ſie nur endlich ihre Belohnung bringt.“ „Recht ſo!“ ſagte der Erſtere;„es verlangt mich dabei zu ſein!—(uff! uff!)— welch einen ver⸗ dammten Huſten ich habe; er wird mir bald den Tod bringen, denke ich.“ „Wenn das iſt,“ ſagte der Andere mit einer Feler⸗ lichkeit, die wegen des ſeltſamen Contraſtes der Worte und des Gegenſtandes zugleich lächerlich und entſetzlich erſchien—„ſo ſterben Sie wenigſtens mit der Hei⸗ ligkeit einer tapfern und edlen That auf Ihrem Ge⸗ wiſſen und Ihrem Namen!“ „Uff! uff!— Ich bin nur ein farbiger Mann, aber ich bin bei alledem ein Patriot, mein guter Freund! Sehen Sie, der Regen hat ein wenig auf⸗ gehört; wir wollen weilergehen.“ Und mit dieſen Worten verließen die Beiden den Ort. „O Gott!“ ſagte Braun vortretend, indem er mit dieſem Ausruf gleichſam eine ganze Laß erſtickender Aufregung von ſeiner Bruſt warf—„welche blut⸗ dürſti niſter damm würde ſelbſt lebte! ich ge ganze oder Ich dieſe du ve ſchirn ſtinkt nur: aber dieſe nem und 379 bürſtige Böſewichter! Wollen Seiner Majeſtät Mi⸗ niſter etmorden— erſchießen wie Tauben— ein ver⸗ dammt guter Schütze, wahrhaftig. O Gott! was würde die verſtorbene Lady Waddilove ſagen, die ſelbſt die Whigs ſo von Herzen haßte, wenn ſie noch lebte! Aber welch eine Fügung der Vorſehung, daß ich gerade hier ſein mußte; wer weiß, ich kann dem ganzen Miniſterium das Leben retten und eine Penſion oder eine kleine Anſtellung bei der Poſt erhalten! Ich will geradezu zum erſten Miniſter gehen— ja, dieſe Minute! Nun, biſt du noch nicht in Ordnung, du verdammtes Ding?“ ſagte er zu ſeinem Regen⸗ ſchirm, der, halb recht, halb unrecht, mit einer in⸗ ſtinktmäßigen Widerſetzlichkeit begabt zu ſein ſchien, nur um ſeinen Beſfitzer zu quälen. Indem Braun aber bei ſeinem gegenwärtigen großartigen Entſchluſſe dieſe kleine Widerwärtigkeit vergaß, kam er aus ſei⸗ nem Verſteck hervor und eilte, ſeine wohlwollende und loyale Abſicht auszuführen. Siebenundachtzigſtes Kapitel. Wenn Schurken ſterben, die der Lorbeer ſchmückte, Verkünden Erd' und Himmel dieſe Botſchaft. Und ſcheiden denn die Guten ohne Zeichen? Anonymus. Es war am Abend nach dem im letzten Kapitel erzählten Ereigniſſe; Alles war ſtill und dunkel in dem Zimmer, wo Mordaunt allein ſaß; das Kohlen⸗ ſeuer im Kamin brannte düſter und durch die unge⸗ 380 ſchloſſenen Fenſter Flickten die Sterne bleich und matt herein. Das Zimmer befand ſich im Hinterhauſe, von wo man einen kleinen Garten ſah, worin ſich einige verkrüppelte Geſträuche, einige winterliche Pappeln und dunkle Föhren befanden, durch eine Atmoſphäre des Nebels und Rauches verdüſtert, die ſtets wie ein ſchwarzes Verhängniß auf unſerer Hauptſtadt laſtet. Ein unerfreuliches und erkältendes Düſter ſchwebt⸗ über der ganzen Seene, ſowohl im Außern als in Innern. Es lag eine ſeltſame Laſt auf Mordauntt Bruſt, gegen die er vergebens anzukämpfen ſuchte Von Zeit zu Zeit verbreitete ſich ein eiſiger Froß gleich einem Fieberſchauder durch ſeine Adern; ein wildes, überirdiſches Entſetzen fuhr durch ſein Haar und ſeine Augen füllten ſich mit einem gläſernen und kalten Thau. Vermöge ſeiner eigenthümlichen Ge⸗ wohnheiten nicht zu ſehr der Phantaſie hingegeben, und noch viel weniger an jenes übergewicht des Körperlichen über das Geiſtige gewöhnt, welches die gewöhnliche Quelle jenes Gefühls zu ſein ſcheint, welches wir Ahnung nennen, ſtand Mordaunt auf, ging im Zimmer auf und ab und verſuchte durch dieſe Bewegung die gewohnte und geſunde Cireulation in ſeinen Adern wieder herzuſtellen. Die Stunde war vorüber, wo ſeine Tochter zu Bette zu gehen pflegte; doch ſchlich er ſich oft in ihr Zimmer und beobachtete ſie in ihrem jugendlichen Schlummer, und an dieſem Abend empfand er mehr als gewöhnlich das Verlan⸗ gen, ſie anzuſchauen; deßhalb verließ er das Zimmer und ſtieg die Treppe hinauf. Es war ein großes, altes Beſitz von v und a haft ſelber tung Zimm zu ihr und i eine liebli liebli dunge Welc gen unbe regur welch muß den von Verd mer, einer hald kom und Tod ſein eint, auf, dieſe n in war gte; htete eſem lan⸗ mer ßes, 381 altes Haus, welches er bewohnte, und jetzt iſt es im Beſitze eines Herzogs. Die Treppe war breit und von oben vermöge einer gläſernen Kuppel erleuchtet, und als er hinaufſtieg und die Sterne ſtill und geiſter⸗ haft auf ihn niederſchienen, war es ihm— er wußte ſelber nicht wie— als liege eine ſchlimme Vorbeden⸗ tung in ihrem Schimmer. Er trat in Iſabella's Zimmer; es brannte ein Licht darin; er ſchlich ſich zu ihrem Bette, und als er den Vorhang zurückſchlug und ihre jugendliche Schönheit anblickte, empfand er eine belebende Wärme um ſein Herz herum. Wie lieblich iſt der Schlummer der Kindheit! Welche lieblichen und doch nicht durchaus angenehme Empfin⸗ dungen gewährt er uns, wenn wir ihn anblicken. Welche Gedanken, Hoffnungen, Sorgen und Ahnun⸗ gen erregt er! In jenem noch unbekümmerten und unbefleckten Herzen liegen zahlloſe Quellen der Auf⸗ regungen, der Leidenſchaft und des Weh's! Ach, welches auch ſeine früheren Triumphe ſind, das Opfer muß enblich doch fallen! Gleich dem jungen Hirſche, den die Schakals verfolgen, iſt die menſchliche Beute von dem Augenblick an, wo ihr Lauf beginnt, zum Verderben beſtimmt, nicht durch einen einzigen Kum⸗ mer, ſondern durch tauſend Sorgen; wenn ſie auch einer Reihe von Verfolgungen entgeht, ſo folgt doch hald eine neue; ſobald einer erſchöpft abſpringt, kommen ſchon andere, um die Verfolgung fortzuſetzen, und das unglückliche Schlachtopfer entflieht nur im Tode. Es war ein mattes Lächeln auf der Lippe ſeiner Tochter, als Mordaunt ſich niederbeugte, um 382 ſie zu küſſen; die dunkle Wimper ruhte auf dem ſchneeweißen Augenlide— ach, hätten doch die Thrä⸗ nen keine Quelle unter dieſer Oberfläche!— und der Athemzug kam von ihren vollen Lippen mit ſo regelmäßiger und ruhiger Bewegung, daß ſie gleich den Blättern des Waldes vom Gebete bewegt ſchienen! Ein Arm lag auf der Decke und der andere in der unnachahmlichen Anmuth der Kindheit unter ihrem Kopfe; jener Anmuth, von der wir faſt glanben könn⸗ ten, als käme ſie von der geſtaltenden, obgleich unge⸗ ſehenen Seele, wenn die ruhende Geſtalt ſich im In⸗ nern lebhafter bewegen ließe, und nur aus jener Seele, deren ungehemmte und Alles durchdringende Liebens⸗ würdigkeit noch keine Kunſt verdreht und keine Schuld entweiht hat. Der Geiſt jenes feenhaften und ſchönen Kindes hatte ſo wenig von den menſchlichen Schlaken an ſich! Ihre Einſamkeit und Trennung von andern ihres Alters hatten ſie mit einer Atmoſphäre umgeben, mit welcher ſich nie der Hauch einer rauheren Empfin⸗ dung gemiſcht hatte! Ihre Gedanken ſchienen kaum auf dem irdiſchen Boden zu verweilen, den ſie betrat, und konnten ohne übertreibung mit jenen Pögeln, den Verbannten aus Eden, verzlichen werden, die, auf den Flügeln getragen, welche noch den Segen ihrer Heimath beſitzen, nie die unheilige Erde berühren, über welche ihre Pilgerfahrt geht. Mordaunt bengte ſich noch einmal nieber, denn ſein Herz verlangte, als er ſein Kind anblickte, es noch einmal zu küſſen und einen Segen mit dem Kuſſe zu miſchen. Als er ſich erhob, war ein heller und ſchimn Iſabe würde tuhigt junger Kuſſe ſolltel doch ſt düſtere Gefüh blickli mächti in ſeir hat, angeh erblick mache würde wir u bieſer wie da hat! als ſe Trepp her n erfüllt von e in dei einzig in da 383 ſchimmernder Tropfen auf jenem ſchoönen Geſichte; Iſabella bewegte ſich im Schlafe und ſeufzte tief, als würde ſie plötzlich von ſchmerzlichen Träumen beun⸗ tuhigt. Es war das letztemal, daß die Wange des jungen, zur Waiſe heſtimmten Mäbchens von dem Kuſſe ihres Vaters berührt oder von ſeiner Thräne ſollte benetzt werden! Er verließ ſchweigend bas Zimmer; voch ſobald er das Zimmer verlaſſen hatte, kehrte das düſtere Vorgefühl ſeines Herzens zurück. Es gibt ein Gefühl, welches vielleicht Alle einmal in einer augen⸗ blicklichen Hypochondrie empfunden haben; es iſt ein mächtiger und ſchaudernder Eindruck, den Coleridge in ſeinem düſtern und übernatürlichen Verſe geſchildert hat, daß etwas hinter uns iſt, was nicht der Erde angehört— daß, wenn wir uns umſehen, wir etwas erblicken würden, was unſer Herz zu einem Eisklumpen machen und die Augen in ihrer Kreiſen verſengen würde. Und ſo lebhaft iſt die Phantaſie, daß, wenn wir uns umſehen und Alles leer iſt, wir ſelbſt aus tieſer Leere ein Geſpenſt bilden können, ſo furchtbar wie das Bild, welches unſer Schrecken uns vorgezeichnet hat! Ein dem ähnliches Gefühl hatte Mordaunt jetzt, als ſeine Schritte hohl und ohne Wiederhall auf der Treppe ertönten und die Treppe, die Luft um ihn her mit ihrer ſchattigen und feierlichen Gegenwart erfüllte. Indem er ſich vurch eine heftige Anſtrengung von einer Bezauberung losriß, fühlte er, daß ſein in der letzten Zeit zu ſehr angeſtrengter Körper der einzige wahre Zauberer ſei, und er kehrte wieder in das Zimmer zurück, welches er verlaſſen hatte, um 384 Iſabella zu beſuchen. Er hatte verſprochen, an bem Abend perſönlich im Unterhauſe zu erſcheinen, da eine wichtige Motiovn vorkommen ſollte, und es waren einige politiſche Papiere auf ſeinem Tiſche liegen ge⸗ blieben, vie er einem von den Mitgliedern ſeiner Partei zu geben verſprochen. Er trat ins Zimmer und beabſichtigte nur eine Minute dort zu bleihen; doch es verging eine Stunde, ehe er es verließ, und ſpäter bemerkte ſein Diener, als er durch den Vor⸗ ſaal zu ſeinem Wagen ging, daß ſeine Wange ſo weiß wie Marmor und ſein Schritt, gewöhnlich ſo ſtolz und feſt, gleich dem eines Ohnmächtigen ſchwankte und zitterte. Als der Diener in das Zimmer trat, welches Mordaunt verlaſſen, bemerkte er neben dem offenen Fenſter drei große friſche Blutstropfen; es war ein ſeltſamer, obgleich leicht zu erklärender Un⸗ ſtand, doch ſah man in demſelben ſpäter eine Vor⸗ bedentung. Man hatte die Flecken nicht abgewaſchen; ich habe ſie ſelber auf den eichenen Dielen geſehen und mit kaltem Schauder die Schritte der Schönen über dieſelbe Stelle hin zum Tanze eilen ſehen! Dunlles und unerklärliches Schickſal! du webſt wilde und uner⸗ wartete Contraſte, du biſt der Dämon dieſer eisgrauen Welt, du fährſt durch dieſelbe hin, wie der Geiſt über das Waſſer, und füllſt die Tiefen der Dinge mit einen feierlichen Geheimniß und einem ewigen Wechſel! du fährſt über unſere Gräber dahin und Freude wird aus der Aſche geboren; du fährſt über die Freude dahin, und ſiehe, ſie iſt ein Grab! Werkzeug des Allmächtigen, deſſen Jahre nicht welken, du wanvelſt die Ert ſelß du Grabe ſafft der Sch erneuer unſere ſücke ſi Söhnen Als von Lor im Ober Schwäch Wohnur und er Lord U ſeinem und Tit Es und obg doch der ſeiner te Buln dem eine varen n ge⸗ ſeiner mmer ihen; „und Vor⸗ weiß ſlz ankte trat, bem 385 tie Erde wie ein Gewand, und wie ein Kleid weck⸗ ſilſt dn ſie; du machſt fie zugleich zu einem ungeheuren Grabe und einem Schooße, du verſchlingſt und er⸗ ſchafft das Lehen! Von Geſchlecht zu Geſchlecht, von der Schöpfung Anfang his zu der Schöpfung Ende erneuerſt du denſelben Staub und die Atome, die unſere Väter waren, und welche die einzigen Erb⸗ ſücke find, die ſie durch zahlloſe Generationen ihren Söhnen hinterlaſſen. Achtundachtzigſtes Kapitel. Ich glaub', eh' unſer Schickſal ſich erfüllt, Beweget ſich ein Geiſt in uns und drängt Prophetenleidenſchaft auf unſre Lippen. Anonymus. O vitae philosophia dux, virtutis indagatrix. Cicero. Als Mordaunt das Unterhaus verließ, wurde er von Lord ulswater angeredet, der eben ſeinen Sitz in Oberhauſe eingenommen. Welche Zerſtreuung und Schwäche Mordaunt auch gezeigt hatte, ehe er ſeine Wohnung verlaſſen, jetzt war beides völlig überwunden und er erwiderte in ſeiner gewohnten ruhigen Weiſe Lord Ulswaters Gruß und wünſchte ihm Glück zu ſinem veränbderten Namen und ſeinem neuen Range und Titel. Es war eine ungewöhnlich ruhige und ſchöne Nacht, und obgleich der Mond nicht ſichtbar war, ſo ſchien doch der froſtige und klare Himmel, in den Glanz ſiner tauſend Sterne gekleidet, kaum ſein geheiligtes Bulwer, der Verſtoßene. 11. 25 386 Licht oder die Poeſie ſeiner Gegenwart zu bedauen, und als Lord Ulswater den Vorſchlag machte, Mor⸗ daunt ſolle ſeinen Wagen foriſchicken und mit ihn zu Fuße nach Hauſe gehen, willigte Algernon niht ungern in dieſen Vorſchlag. Die Geſellſchaft gewährt⸗ ihm in der That eine ungewohnte Erleichterung, und die ſtille Luft und der dunkelblaue Himmel ſchienen ihn, gleich einer beſänftigenden und ſchweſterlichen Liebe, von unwillkommneren Gedanken abzubringen. „Laſſen Sie uns, ehe wir nach Hauſe zurückkehren, noch einige Augenblicke zu der Brücke gehen,“ ſigte Lord Ulswater;„in einer ſolchen Nacht, wie dieſe, blicke ich gern den Fluß an.“ Wer die menſchlichen Umſtände unterſucht, wir unabänderlich finden, daß ein verborgener Strom de Schickſals ſie durchdringt. Der Ausſchlag eines Atons in der Wagſchale iſt es, was uns Sicherheit vder Gefahr, Ruhm oder Schande, einen Thron oder ein Grab brinzt! Eine geheime Stimme in Mordaunt Herzen ſagte ihm, er ſolle dieſen Vorſchlag nicht annehmen, ſo unbedentend er auch ſchien und ſo wil⸗ kommen er ihm auch in ſeiner gegenwärtigen eigen⸗ thümlichen Stellung war; er widerſetzte ſich der Stimme — der Augenblick war vorüber und das letzte Siegel auf ſein Schickſal geſetzt. Sie gingen zu der Brick⸗ Anfangs ſchwiegen Beide, denn Lord Ulswater henitzte das gewöhnliche Vorrecht eines Liebenden, mit ſeinen Gedanken abweſend zu ſein, und ſein Begleiter war nie der Erſle, der das Schweigen brach, welches ſeinen Gewohnheiten natürlich war. Endlich ſagte Lord Us⸗ waier: der Ha Taleut nicht g legenhe eſcheb müthig Sie di am me Herzen beſtimn ſcheine Geburt entgege „S —„ne Ihren auf de dürfen nunger Ruhm T ſich au gemach Ehrgei rühme an die aber 1 die Pr it oder der ein rdaunt g nicht ſo wil⸗ eiget⸗ Stimme Eiegel Briück. henizte ſeinen er war ſeinen rd U⸗ 357 water:„Ich freue mich, daß Sie jetzt in der Sphäre der Handlung find, wo ſie höchſt wahrſcheinlich Ihre LTaleute an den Tag legen werben— Sie haben noch nicht geſprochen; es iſt auch noch keine paſſende Ge⸗ legenheit da geweſen, ich hoffe aber, es wird bald geſchehen.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Mordaunt mit ſchwer⸗ müthigem Lächeln,„ob Sie richtig urtheilen, wenn Sie die Sphäre der politiſchen Anſtrengung für mich am meiſten geeignet halten; aber ich fühle in meinem Herzen eine Vorbedeutung, daß mein Planet nicht heſtimmt iſt, in irgend einer irdiſchen Sphäre zu ſcheinen. Kummer und Mißgeſchick haben ihn bei ſeiner Geburt betrübt und jetzt geht er ſeinem Untergange entgegen.“ „Seinem Untergange!“ wiederholte ſein Begleiter —„nein, vielmehr ſeinem Höhenpunkte. Sie find in Ihren kräftigſten Jahren, im Mittag Ihres Glücks, auf der Höhe Ihrer Einſicht und Kenntniß; Sie be⸗ dürfen nur einer Anſtrengung, um zu dieſen Seg⸗ nungen die dauerndſte von allen hinzuzufügen— den Ruhm!“ „Wohlan,“ ſagte Mordaunt, indem ſein Geſicht ſich auf einen Augenblick erhellte,„der Verſuch ſoll gemacht werden. Ich behanptete nicht, daß ich nie Ehrgeiz empfunden habe. Kein Mann ſollte fich deſſen rühmen, denn oſt verleiht er unſerer ſchwachen und an die Erde gebundenen Tugend Waffen und Flügel; aber wenn der Boden erſchöpft iſt, ſo fehlen auch die Produkte, und wenn wir unſere Herzen zu einem 388 zu großen Ertrage gezwungen haben, ſei es nun an Blumen, welche vergehen, oder an Getreide, welchez dauert, ſo bringen die Saaten ſpäterer Hoffuung nur eine ſchwache und kärgliche Ernte. Mein früheſtez Ideal war der Ehrgeiz; aber dann kamen andere, Liebe und Kenntniß, und ſpäter das Verlangen, zu beglücken Dieſes Verlangen mögen Sie Ehrgeiz nennen, doch wir wollen fie für getrennte Leidenſchaften halten, denn durch den Letzteren würde ich den Durſt nach Ruhm andeuten, ſei es nun im Böſen oder Guten, und der Erſtere lehrt uns, obgleich nach und nih, unſern Zweck nicht weniger insgeheim als um dez Beifalls willen zu erreichen, und die Weisheit, die uns eine Welt eröffnet, die ungeheuer, aber vor der Menge verborgen iſt, ſetzt auch über jene Welt eie eigenen Schiedsrichter, ſo daß ihre Schüler ſtolz werden, mit ihrem eigenen Herzen verkehren und ſich um kein lauteres Urtheil als das der ſtillen Stimme des Inner bekümmern. So nimmt bei uns die Gleichgültigkei überhand, nicht gegen die Wohlfahrt, ſondern gegen das Urtheil Anderer, und oft, während wir uns am glühendſten in ihrer Sache bemühen, ſfind wir am wenigſten beſorgt um ihre Achtung“ „Und voch,“ ſagte Lord Ulswater,„habe ich ge⸗ dacht, daß das leivenſchaftliche Streben nach Achtung die beſte Gewähr leiſte, ſie zu verdienen.“ „Auch nicht ohne Grund— andere Leibenſchaften können ihre Stelle einnehmen und dieſelben Wirkungen hervorbringen; aber die Liebe zum wahren Ruhm ißt der geſetzlichſte Agent des weitverbreiteten Wohlthuns, und die fe todt — Arm Alles, Bedauer ibrig w glücklick ſtternd Sie mir ſande z eit nich kungen; bie ich kaunten ſch etwe das Her Kalte, G zu diene ſchaft al dem Zv ſchrieben mm Me ichten.“ Sie ſill, lel ihnen. wo die( ſch auf Sille v koſen v un an velches ng nur üheſtez undere, en, zu ennen, halten, ſt nach Guten, h, m des ſt, die or der teiten erden, n kein nnetn tigkeit gegen us am ir am ge⸗ chtung haften ungen hm iß huns, 389 und bieſe verehren ſie nicht mit unrecht. Zür mich iſt ſe iodt— überlebt— ja, die Wahrheit ſoll heraus — Armuth, Mangel, Täuſchung, vereiteltes Streben, Ales, nur nicht die todtenöhnliche Erſtarrung des Bedauerns; als Niemand auf dieſer veränderten Erde ibrig war, um ihre Anßtrengungen zu erleben, ihrem zlücklic en Erfolge zu lächeln, als der letzte Funke itternd dahinſtarb— und— und— aber verzeihen Sle mir, ich bin nicht gewohnt, bei dieſem Gegen⸗ ſunde zu verweilen. Ich wollte ſagen, daß der Ehr⸗ geit nicht mehr für mich iſt— nicht ſo ſeine Wir⸗ kungen; aber die Hoffnung, jenen Menſchen zu dienen, tie ich wie Brüder geliebt habe— die mich aber nie künten— die nach dem Außern“(and hier miſchte ſch etwas Bitteres in ſeinen Ton)„das Urtheil über tas Herz ſprechen— in deren Augen ich nur ter Kalte, Stolze, Märriſche bin— die Hoffnung, ihnen zu dienen, iſt für mich jetzt eine viel ſtärkere Leiden⸗ ſhaft als der Eörgeiz es bſsher war, und was zu dem Zweck die Liebe zum Ruhm mir würde vorge⸗ ſhrieben haben, das werde ich vermöge der Liebe um Menſchengeſchlecht mit glühenderem Streben ver⸗ ichten.“ Sie waren jetzt auf der Brücke— ſie ſtanden ſill, lehnten ſich über und beſchauten die Scene vor ihnen. Still und düſter ſloß der Strom dahin, außer vo die Sterne oder vie Lichter der ungeheuren Stabt ſch auf ſeiner Oberfläche ſpiegelten, oder wo die Sille von dem ſchwachen Ruderſchlage eines Ma⸗ ſoſen oder von dem Rufe ſeiner rauhen Stimme 390 unterbrochen wurde, die, durch die Entfernung und vas Element gemilvert, nicht ganz unangenehm klang. Aber hinter ihnen, als ſie ſich über das Geländer lehnten, gingen die Füße der Vorübergehenden, nicht oft aber raſch dahin, und dieſes Geräuſch, das ge⸗ wöhnlichſte auf der Erde, wurde ſeltener und ſeltener bei der vorrückenden Nacht und erhöhte nur die Stile des Himmels und die Feierlichkeit der ſchweigenden Sterne. „Es iſt ein alter, aber richtiger Vergleich,“ ſagte Mordaunts Begleiter,„das Leben mit einem Flſe ähnlich zu finden, der wie dieſer vor uns abwechſiltd in Licht oder Dunkelheit, im Sonnenſchein oder in Ungewitter zu jenem großen Ocean dahingleitet, wo alles Waſſer ſich verſammelt.“ „Wenn es erlaubt iſt,“ ſagte Algernon mit ſeinen gewohnten finnenden Lächeln,„das Gleichniß zu ver⸗ ändern, ſo würde ich, den allgemeinen und edlen Luf des Geſchicks von den dahinfließenden Generationen ves menſchlichen Lebens trennend, den Fluß vor un mit jenem Laufe und nicht ihn, ſondern die an ſeinen ufern zerſtreute Stadt mit den Veränderungen und Wechſeln des Lebens vergleichen. Dort, in der let⸗ teren, zuſammengeſchaart in dem großen Chaos der geſelligen Vereinigung, wandeln wir in der Nacht der Zeiten, werfen den unbedeutenden Glanz unſerer tri⸗ ben Lichter auf die düſtere Flut, die neben uns da⸗ hinrollt— ſehen den bebenden Strahl auf der Ober⸗ ſläche ſchimmern, nur um uns zu zeigen, wie tief das Düſter iſt, welches er nicht vurchdringen kann, Dort ſhreitet aus, di ſchwelgt Werke f nit unſ tet zwiſ matteſte des Hir derung Erde un neuern! Es willkürl ſich von lebhafte tete. S an und aber ſit kann; langen leicht k die wir „In zuerſt, gen hre daß in liche V von de das geh der in 391 g unb ſhreitet das Verbrechen, das Weh ſtößt ſeine Klagen klang. as, die Armuth verbirgt ſich, und der Reichthum lnter ſchwelgt— und ber Tod ſchreitet bei allen in ſeinem nicht Werke fort. Aber der Strom des Schickfals, unbekannt as ge⸗ mit unſeren Veränderungen und unſerem Verfall, glei⸗ eltener iet zwiſchen ſeinen Ufern fort, und während er das Stile natteſte Lächeln und den geringſten drohenden Blick geem ke Himmels abſpiegelt, ſieht er ohne eine Verän⸗ derung auf ſeiner Oberfläche die Generationen der ſigte Erde umkommen und ſich an ſeinen Ufern wieder er⸗ Fliſe neuern— chſend Es trat eine Pauſe ein und vermöge eines un⸗ der in willkürlichen und natürlichen Antriebes wendeten ſie et, w ſch von den Wogen zu dem Himmel, der ſich in ſeinem lebhaften Gegenſatze ſtill aber beredt droben ausbrei⸗ ſenen tete. Sie blickten die lebendigen und funkelnden Sterne u v an und empfanden in ihren Herzen jenen lebhaften n uf aber ſtummen Zauber, den nichts auf Erden einflößen nionen kann; jene Qual der eingekerkerten Seele, jenes Ver⸗ r lngen nach der Unſterblichkeit in der Höhe, die viel⸗ ſinen leicht kein eingebildetes Vorbild der Unſterblichkeit iſt, nund die wir ſelber erben ſollen. er et⸗„In ſolchen Nächten wie dieſe,“ ſagte Mordaunt, der os ber juerſt, aber mit leiſer und ſanfter Stimme, vas Schwei⸗ chtter gen brach,„gerathen wir in Verſuchung zu glauben, er tri⸗ daß in Plato's göttlicher Phantafte eine ebenſo gött⸗ s d⸗ liche Wahrheit liegt— daß unſere Seelen in der That Obe⸗ von demſelben Stoff ſind wie die Sterne, und daß jef dus das geheimnißvolle Verlangen, ver ungeduldige Wunſch⸗ Dort der in uns ſich regt, uns mit ihrer Glorie zu miſchen⸗ 392 nur das inſtinkimäßige und natürliche Verlangen iſ, den getrennten Theil eines unſterblichen Geiſtes in dieſen Zellen von Staub mit dem urſprünglichen Glanze des himmliſchen Ganzen zu vereinen.“ „Und daher,“ ſagte ſein Begleiter den Gebanken verfolgend,„können wir wohl dahin kommen, an den wunderbaren Einfluß zu glauben, den die Sterne übet unſer Schickſal ausüben ſollen, und wir finden auf dieſem Wege vielleicht auch einen Leitfaden, der uns zu ihrer eingebildeten Macht über unſere Geburt, unſer Geſchick und unſern Tod führt.“ „Vielleicht,“ verſetzte Mordaunt, und Lord Ul⸗ water ſagte ſpäter, daß ſein Geſicht, während er ge⸗ ſprochen, einen ſeltſamen und ſchrecklichen Ausdruck angenommen, der noch lange im Gebächtniß ſeine Begleiters lebte,„vielleicht gibt es Zeichen zwiſchen der Seele und den Dingen des Himmels, welche die Lehre des Sokrates nicht gänzlich zu Schanden machen würden, aus deſſen reiner Quelle ſie Plato entlehnte, indem er ſie mit ſeinen eigenen prächtigen Irrthi⸗ mern ausmalte. Während Mordaunt ſo ſprach, ver⸗ änderte ſich ſeine Stimme; er ſchwieg plözlich, deu⸗ tete auf eine entfernte Himmelsgegend hin unb ſagte: „Sehen Sie dorthin! Bemerken Sie am fernen Ho⸗ rizont einen großen einzelnen Stern, der in dem⸗ ſelben Augenblick, wo meine Hand auf ihn hindeutet, bleich und bleicher zu werden ſcheint?“ „Ich ſehe ihn— er zittert und erbleicht, während wir ihn anblicken und ſcheint in die ferneren Tieſen des Hit höhere verſetzt mel zu dieſe 2 „V gehöre der W lichkeit die Der rend ie zuzunel ſeltſam Eeltſar glaube hängen ſo, wie Wolke iſt übe vyrübe „A leichten von de ich wol en iſ, ſtes in Glanze danken an den e übet en auf er uns ehurt, d ul⸗ er ge⸗ sdruck ſeines iſchen he die achen ehnte, rthü⸗ ver⸗ deu⸗ agte: Ho⸗ dem⸗ ntet, rend jefen 393 tdes Himmels zurückzutreten, als wollte er ſich zu einem höheren Kreiſe erheben.“ „Und ſehen Sie jene leichte aber trübe Wolke,“ verſetzte Mordaunt,„welche langſam durch den Him⸗ nel zu dem Sterne hinzieht? Welche Geſtalt nimmt dieſe Wolke für Ihr Auge an?“ „Mir ſcheint es,“ antwortete Lord Ulswater, als gleiche ſie einer Prozeſſion, ſei es nun der Freude oder der Trauer— die menſchlichen Geſtalten ſcheinen mir ganz deutlich in dem dünnen Dunſte abgebildet, auch würde vielleicht keine zu lebhafte Phantaſie dazu gehören, unter den dunkleren Formen in der Mitte der Wolke eine zu erkennen, die eine ſehr große Uhn⸗ lichkeit mit einem Sarge hat— da ſind die Federn, die Decken, die Pferde und die Leidtragenden! Wäh⸗ rend ich darauf hinblicke, ſchelnt die Ahnlichkeit noch zuzunehmen!“ „Seltſam,“ ſagte Mordaunt nachdenkend,„höchſt ſeliſam iſt das Weſen, welches wir Geiſt nennen! Eeltſam iſt es, daß ſich die Träume und der Aber⸗ glaube der Kindheit ſo feſt und unzertrennlich an ihn hängen! Ich erinnere mich, daß ich vor Jahren eben ſo, wie jetzt, durch den Anblick einer ganz ähnlichen Wolke ergriffen wurde. Aber ſehen Sie— die Wolke iſt über den Stern vahingegangen, und jetzt, da ſie vorüber iſt, iſt auch der Stern verſchwunden.“ „Aber ich denke,“ antwortete Lord Ulswater mit leichtem Lächeln,„daß wir weder von der Wolke, noch von dem Sterne eine Vorbedeutung ableiten können: ich wollte in der That, daß die Natur ſichtharer mit —— 394 unſerem perſönlichen Daſein verbunden wäre! ch wollte, im Himmel wäre ein Buch, in den Wogen eine Stimme, und auf der Erde ein Zeichen vyn den Geheimniſſen und Räthſeln unſers Schickſals!“ „Uad doch,“ ſagte Mordaunt langſam, als ſein Geiſt ſich nach und nach von ſeinem traumartigen Zuſtande zu ſeinem gewohnten Tone erhob, und voch bedürfen wir in Wahrheit weder Zeichen noch Pyr⸗ bedeutung von andern Welten, um uns alles das zu lehren, was der Zweck unſeres Daſeins iſt, in dieſer Welt zu erfüllen, und das ſcheint mir eine viel we⸗ niger erhabene Weisheit zu ſein, die uns in den Stand ſetzt, die Räthſel zu löſen, als die, welche uns über die Zufälligkeiten der Zukunft erhebt.“ „Aber, können wir über jene Zufälligkeiten geſtellt werden— können wir unabhängig ſein von jenem Schickſal, dem nach dem Glauben der Alten ſelbſt ihre Gottheiten unterworfen waren?“ „Wir wollen den Alten nicht Unrecht thun,“ ant⸗ wortete Mordaunt;„ihre Dichter lehrten es, nicht ihre Philoſophen. Wäre nicht die Tugend ein Traum⸗ ein Epott, wenn ſie gleich dem Kraut auf dem Felbe dem Verwelken und der Erneuerung unterworfen wäre, abhäng'g vom Sonnenſchein und von der Wolke? Soll das Unglück file darniederſchlagen? Soll das Glück ſie verunreinigen? Dann möge ſie nicht der Gegenſtand unſeres Strebens ſein, ſondern die Ziel⸗ ſcheibe unſerer Verachtung. Neln, laſſen Sie uns vielmehr mit den Großen des Alterthums glauben, daß, wenn ſie auf Weisheit gegründet iſt, ſie über dem W gen ei DOlymp ſchwint Laufe! Tugen wir, d mels Sklavi Heide ihre S nen, Beſieg uns: ten? ſollen Wie, ſollt auf ur Hoffnt die wi werdet des E aus b nicht erbebe wird unſer veßha 36 ogen n den ſein rtigen d doch Vor⸗ as zu dieſer l we⸗ den e uns eſtellt enem ihre ant⸗ nicht aum, Felde väre, lke das der Ziel⸗ uns ben, über 395 dem Wechſel und bem Zufall thront! über den Din⸗ b einer winzigen und ſchmutzigen Welt! über dem DOlymp der Heiden! über den Sternen, welche vahin⸗ ſchwinden, und dem Monde, welcher wechſelt in ſeinem Laufe! Sollen wir weniger an die Göttlichkeit der Tugend glauben, als der athenienſiſche Weiſe? Sollen wir, deren Augen der Glanz und die Glorie des Him⸗ mels iſt geoffenbart worden, die Tugend zu einer Sklavin jener Ketten der Erde machen, welche der Heide ihren Füßen unterwarf? Aber wenn wir durch ihre Hülfe die übel des Lebens mit Füßen treten kön⸗ nen, ſind wir nicht hundertfach mehr durch fie die Beſieger des Todes? Die ganze Schöpfung liegt vor uns: ſollen wir uns an ein Atom des Staubes hal⸗ ten? Die ganze Unſterblichkeit iſt unſere Erbſchaft: ſollen wir ſchnappen nach einem kurzen Athemzuge? Wie, wenn wir in einer Stunde umkommen ſollten?— Wie, wenn ſich die ſchwarze Wolke ſchon auf uns niederſenkte— wie, wenn wir von unſern Hoffnungen und Entwürfen und den friſchen Banden, die wir um unſer Leben gewoben, plötzlich weggeriſſen werden, find wir da die Creaturen oder die Beſieger des Schickſals? Sollen wir die Verbannten oder die aus dem Gefängniß Entflohenen ſein? Gleichen wir nicht den Vögeln, vie nur durch das Gitter ihres Käfigs in die weite Luft hinausblicken? Sollen wir erbeben und träumen, wenn der Käfig zertrümmert wird und der ganze Raum ſich vor uns ausbreitet— unſer Element und unſer Reich? Nein, es war nicht deßhalb, daß Tugend und Tapferkeit einen gemein⸗ 396 ſchaſtlichen Namen empfingen! Die Seele, in welcht jener Geiſt ſeine Glorie übertragen hat, ſteht nicht nur über dem Schickſal— die Angriffe deſſelben die⸗ nen ihr zum Nutzen! Man verſuche ihn zu ſchwächen, und man wird ihm neue Kraft verleihen— ihn zu verwunden, und man macht ihn noch unverwundbarer- ihn zu zerſtören, und man macht ihn unſterblich Dies iſt in der That der Herrſcher, drſſen Reich durch jede Calamität vermehrt wird— der Held, deſſen Triumph jeber feinbliche überfall erhöht! Auf dem letzten Sande des Lebens ſtehend und von den andringenden Waſſern der Dunkelheit und Ewigkeit umgeben, wird er in ſeiner ſterbenden Anſtrengung doppelt der Sieger und der König!“ Die Glut ſeines Begleiters theilenb und mit einer Sympathie, welche an Ehrfurcht grenzte, drückte Lord Ulswater Mordaunt's Hand, gab aber keine Antwort, und Beide, von dem erhabenen Gegenſtande ihrer Unterhaltung aufgeregt, entfernten ſich ſchweigend von ihrem Poſten und gingen langſam heimwärts⸗ Es Perſon Wolfe vratori war, An ſich de dem er Hauſe danken zudenke wußte, den G Wohnt thin, d Gange ihn an einen ſtrenge Fremde theilt, velch⸗ nicht ndie⸗ ichen, ze er— Dies jebe mph ande ſſern iner der iner Lord ort, hrer en rts. theilt, obgleich ſein Weſen und ſeine Kleidung die 397 Neunundachtzigſtes Kapitel. Wär's möglich, könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte, Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt, ich müßte Die That vollbringen, weil ich ſie gedacht. O blutige, entſetzensvelle That! War das die Abſicht, Butler, als wir ſchieden? Wallenſtein. Es iſt kaum nöthig zu ſagen, daß eine von den Perſonen, die Brann unter dem Gerüſte behorchte, Wolfe war, und an dem eigenthümlichen Tone der vratoriſchen Uebertreibung, der dem Manne eigen war, hat der Leſer ihn bereits erkannt. An dem Abend nach jener Unterredung trennte ſich der Republikaner von ſeinem Kameraden, mit dem er den Tag zugebracht hatte, und kehrte nach Hauſe zurück, um das Fieber ſeiner aufgeregten Ge⸗ danken zu beſänftigen, und eine karze Stunde nach⸗ zudenken, ehe er jene Handlung heging, von der er wußte, daß ſie ihn ſogleich ins Gefängniß und an den Galgen hringen müßte. Als er in ſeine elende Wohnung trat, begegnete ihm ſeine zerlumpte Wir⸗ thin, die ein Kind an der Bruſt trug, in dem engen Gange, und hielt ihn auf, um ihm zu ſagen, daß ihn an dem Tage ein Herr habe beſuchen wollen, der einen Brief in ſeinem Zimmer zurückgelaſſen, mit ſrengen Befehlen, ihn ſogleich abzugeben. Der dremde hatte ihr aber ſeinen Namen nicht mitge⸗ 398 Neugierde des Weibes erregt, und ſie ihn beſonders darnach gefragt hatte. Wenig bewegt durch dieſes Ereigniß, welches der Wirthin durchaus nicht unwichtig ſchien, ſchob Wolfe das Weib mit ungevuldiger Geberde auf die Stite und eilte, die darauffolgenden Scheltworte nicht beachtenb, die ſchmutzige Treppe zu ſeinem Zimmer hinauf. Er ſetzte ſich auf dem Fußende ſeines Bettes nieder, he⸗ deckte ſein Geſicht mit den Händen und gab ſich der Flut ſtreitender Bewegungen hin, die auf ihn ein⸗ drang. Was wollte er begehen?— Einen Mord?— Mord in ſeiner kälteſten und vorſätzlichſten At! „Nein!“ rief er laut, indem er von dem Bette auf⸗ ſprang und ſich mit der geballten Fauſt heftig vor die Stirne ſchlug—„nein— nein— nein! es ißt kein Mord, es iſt Gerechtigkeit! Reiten nicht die Sälh⸗ linge der Unterdrückung über ihre ſchreienden Landz⸗ leute mit gezogenen Säbeln und mörderiſchen Hän⸗ den dahin? War ich nicht unter ihnen zu der Stunde? Sah ich nicht mit dieſen Augen das Schwert erheben und den Unterdrücker zuſchlagen? Waren meine Oh⸗ ren nicht voll von dem Stöhnen ihrer Schlachtopfer und dem wilden Geſchrei der Feiglinge, die über Wei⸗ ber, Säuglinge und unbewaffnete Männer dahin⸗ ritten? Und ſoll keine Rache ſein! Ja, ſie ſoll, nicht auf die Werkzeuge, ſondern auf den Herrn fal⸗ len— nicht auf die Sklaven, ſondern auf den Despo⸗ ten! Ja,“ ſagte er, plötzlich inne haltend, indem ſeine Stimme in ein Flüſtern üherging,„Mord— in ein — ei Schla Strick Pöbel mal, Beweg ſchwei mit d Anerb Macht Waffe Mann mit G Unterh dieſer die gr allen ſetzen der der Geſchie fahren verdam Na nen ge ſchen( ab, al ungeac zu ſehe uf eir 399 in einer Stunde vielleicht— eine unwiverrufliche That — ein Siegel geſetzt auf zwei Seelen— auf die des es der Schlachtopfers und des Richters! Feſſeln und der Wolfe Strick des Verbrechers vor mir!— der ſchreiende te und Pöbel— das Brandmal!— Nein, nein, kein Brand⸗ htend, mal, vielmehr die Dankbarkeit künftiger Zeiten, wo . Er Beweggründe geſchätzt werden und Parteianſichten re ſchweigen! Habe ich nicht von meiner Geburt an h der mit dem Unrecht gekämpft— habe ich nicht alle ein⸗ Anerhietungen von den Theilhabern einer gottloſen Macht zurückgewieſen?— Habe ich einen Augenblick 3 Waffenſtillſtand geſchloſſen mit dem Feinde des armen At! Mannes?— Habe ich nicht dreimal freie Grundſätze auf⸗ mit Gefangenſchaft erkauft? Habe ich nicht meinen or bie Unterhalt, meine Hoffnungen und die Vergnügungen ſt kein dieſer Welt wegen meiner unwandelbaren Treue gegen Sölb⸗ die große Sache verkürzt— bin ich nicht im Begriff, ands⸗ allen durch einen einzigen Schlag die Krone aufzu⸗ Hän⸗ ſetzen und mich und einen Verbrecher zu vernichten, nde der dem Geſetze zu mächtig iſt? Und wird nicht die hehen Geſchichte dieſer Aufopferung Gerechtigkeit wider⸗ Oh⸗ fahren laſſen und ſie bewundern, während ſie ſie opfer verdammt?“ Wei⸗ Nachdem der unglückliche Mann noch einmal ſei⸗ ahin⸗ nen ganzen Plan durchbacht hatte, ging er mit ra⸗ ſoll, ſchen Schritten in ſeinem engen Zimmer auf und fal⸗ ab, als ſein Auge auf etwas Glänzendes fiel, was po⸗ ungeachtet der dunklen Schatten des Abends dennoch ndem zu ſehen war. Bei dieſem Anblick ſtand ſein Herz ſ5. auf einen Angenblick ſtill— es war die Todeswaffe. onders 400 Er nahm fie, betrachtete den ſchimmernden Lauf, he⸗ fühlte das Schloß, und eine noch größere Strenge verbreitete ſich über ſeine finſtern Züge. Er hatte die Piſtole zu dem Zwecke gekauft und mit äußerſter Zier⸗ lichkeit geputzt; es iſt nicht ſelten, daß in Fällen beabſichtigter Grauſamkeit eine furchtbare Prunkſucht an die Mittel verſchwendet wirb. Hierauf machte Wolfe Licht, ſetzte ſich bedächtiz nleder und begann die Piſtole mit der äußerſten Vor⸗ ſicht zu laden. Dieſe Scene würde keine unwürdige Skizze für jene Maler geweſen ſein, welche die Fähig⸗ keit beftzen, dem Gemeinen eine Kraft zu verleihen, die ſich faſt dem Großartigen nähert, um das Schreck⸗ liche durch eine Miſchung des Lächerlichen zu erhöhen. Die Wände waren feucht, das Fenſter hoch und man⸗ ches ſchmutzige Stück Papier erſetzte den Mangel der Scheiben; der einzige Tiſch war von rauhem Eichen⸗ hol;, der Sitz des zerbrochenen Stuhles beſtand aus Binſen und über dem kallen Kamin befand ſich eine ſchlechte Büſte von Sidney und ein elender Kupfer⸗ ſiich von Hampden, während die trübe Talgkerze bas dunkle und trotzige Geficht Wolfe's beſchien, der eifrig bei ſeinem Werke beſchäftigt war— ein Geſicht, deſſen beſonnene Ruhe, die dem letzten Kampfe der Gefühle gefolgt war, eine gemiſchte Kraft und Mai⸗ tigkeit an ſich hatte. Als er ſeine Arbeit vollendet hatte, ſteckte er die Piſtole zu ſich und wartete auf die Stunde, wo ſein Kamerad ihn abholen wollte, als er dicht neben ſich auf dem Tiſche den Brief hemerkte, von dem die Frau geſprochen, und den er in ber Auf⸗ regung ihn met Er hob trächtlie wenige ohne U rechnet, nahme hehaupt werden, Redlicht von den wenn fi nicht al gang er Es zweifelte weggrür Plane f kunft he fahrvoll ebenſo g Vergehu fertigen, vielleicht ſo unert derſelbe des poli Freunde von den Buln f, be⸗ trenge tte die Zier⸗ Fällen kſucht ächtig Vor⸗ irdige ähig⸗ ihen, hreck⸗ öhen. man⸗ l der chen⸗ aus eine pfet⸗ e das ifrig ſicht, der Mat⸗ endet f die als rkte, Auf⸗ 401 regung ſeines Geiſtes ganz vergeſſen hatte. Er öffnete ihn mechaniſch— eine Einlage ſiel auf den Boven. Er hob ſie auf— es war eine Banknote von be⸗ trächtlichem Betrage. In dem Briefe ſtanden nur wenige Zeilen mit verſtellter Hand geſchrieben und ohne Unterſchrift. Sie waren beſonders darauf be⸗ rechnet, den Republikaner zu rühren und zur An⸗ nahme des Geſchenks zu bewegen. Der Schreiber hehauptete, von keinem andern Gefühle geleitet zu werden, als von Bewunderung für die unbengſame Redlichkeit, die Wolfe's Leben charakteriſirt habe, und von dem Wunſche, daß Aufrichtigkeit in Grundſätzen, wenn ſie auch von ſeinen eigenen abweichen möchten, nicht als einzige Belohnung Dürftigkeit und Unter⸗ gang erhalte. Es iſt unmöglich zu ſagen, wie weit Wolfe's ver⸗ zweifelte Glücksumſtände ſich allmählig mit den Be⸗ weggründen miſchten, die ihn zu ſeinem gegenwärtigen Plane führten; ſo viel iſt gewiß, daß, wo die Zu⸗ kunft hoffaungslos iſt, der Geiſt leicht von dem Ge⸗ fahrvollen zu dem Verbrecheriſchen geleitet wird; und ebenſo gewiß iſt es, daß wir ſehr bereit find, manche Pergehungen vor uns ſelber in einer Sache zu recht⸗ fertigen, der wir große Opfer gebracht haben; und rielleicht, wenn Wolfe eine kurze Zeit früher einen ſo unerwarteten Beiſtand erhalten hätte, möchte ihn derſelbe weniger empfänglich für die wüthende Stimme des politiſchen Haſſes und für die Anreizung ſeiner Frennde gemacht haben. Auch können wir, die wir von den Verſachungen der Armen— Verſuchungen, Bulwer, der Verſtoßene⸗ 1I. 2⁵5 402 wogegen die unſrigen wie koſende Weſtwinde zu Stir⸗ men, welche Thürme umſtürzen— im Verhältnß ſtehen— auch können wir nicht ſagen, wie weit die Bitterkeit des Mangels und die Abweſenheit des hell⸗ ſamen Schlafes, die freche Beleidigung des Reichen und die nagende Erinnerung an beſſere Vermögens⸗ umſtände oder ſelbſt der Trotz, den der Hunger her⸗ vorbringt— auch können wir nicht ſagen, wie weit dieſe das Temperament verderben und eine Entſchul⸗ digung für die Verbrechen liefern, welche unſere ſih verwundernde Tugend— hochmüthig, weil ſie nicht in Verſuchung geführt wird— mit der tiefſten Ver⸗ werfung brandmarkt! Die Wolke wich von Wolfe's Stirn und ſein Auge blickte finnend in die Leere. Er hörte Schritte herauf⸗ kommen— die Stimme einer fernen Glocke ertönt⸗ mit einer Deutlichkeit, welche den Sinnen nicht mr hörbar, ſondern auch fühlbar erſchien; und als bi⸗ Thüre ſich öffnete und ſein Mitſchulbiger eintrat, murmelte Wolfe:„Zu ſpät— zu ſpät!“ drückte die Note erſt in ſeiner Hand zuſammen und zerriß ſi dann in kleine Stücke, mit einer Heftigkeit, welche ſeinen Gefährten in Erſtaunen ſetzte, obgleich er den Werth derſelben nicht kannte. „Kommen Sie,“ ſagte er, indem er heftig auf den Boden ſtampfte, als wollte er durch Leidenſchaft alle innere Nachgiebigkeit überwinden,„kommen Sie, mein Freund, kein Augenblick iſt zu verlieren; laſſen Sie uns eilen zu unſerer heiligen That!“ „Ich hoffe, wir werden unſere Mühe nicht ver⸗ gebens der freie Nacht d in die heſte Pl alles Ar Wol gleiter! geßen a gehüllt Abweſen it, wen auf wel durchaus glauben Sie kan lung au um der hald hin und erw verging dann ſt und irge wrückkel ſe zwei ſch zuko „St enblich „Ja Faſſen( 403 Stit⸗ gebens haben,“ ſagte Wolfe's Begleiter, als ſie auf ältni der freien Straße waren;„es iſt eine ſehr paſſende eit die Nacht dazu! Davidſon wollte, wir ſollten Granaten s heil⸗ in die Wagen der Miniſter werfen, das wäre der teichen heſte Plan, und wir können es auch verſuchen, wenn ögens⸗ glles Andere fehlſchlägt.“ r her⸗ Wolfe ſchwieg— er hörte in der That ſeinen Be⸗ e wet gleiter kaum; denn eine mürriſche Gleichgültigkeit tſchu⸗ gegen alle Dinge um ihn her hatte ſeinen Geiſt ein⸗ re ſch gehüllt— jenes ſeltſame Gefühl, oder vielmehr jene nicht bweſenheit des Gefühls, vie allen Menſchen eigen Ver iſt, wenn ſie zu einer aufregenden Handlung gehen, auf welche ihr Geiſt einzig gerichtet iſt, welche ſie Aug urchaus gedankenlos macht, wenn die Oberflächlichen erauf glauben würden, ſie wären am meiſten davon erfüllt. rtönte Sie kamen an dem Orte an, den ſie zu ihrer Stel⸗ lung asgewählt hatten— gingen bald hin und her, ls d im der Beobachtung zu entgehen— verbargen ſich ntrat, bald hinter den Säulen eines benachbarten Hauſes, te die und erwarteten die Ankunft ihrer Bente. Die Zeit iß ſie erging— die Straßen wurden immer leerer, und welche bann ſtörte ihre Einſamkeit nur der Nachtwächter rden und irgend ein einzelner Wanderer, der nach Hauſe krückkehrte. Endlich, kurz nach Mitternacht, ſahen gauf ſe zwei Männer Arm in Arm und ſehr langſam auf ſchaft ſch zukommen. Sie,„Still!“ flüſterte Wolfe's Kamerad,„da ſind ſie laſen endlich— iſt Ihre Piſtole geſpannt?“ „Ja,“ antwortete Wolfe,„und die Ihrige? e iſſen Sie ſich, Mann, Ihre Hand zittert ja!“ 404 „Da muß es von der Kälte ſein,“ ſagte der Schurke, indem er unbewußt eine berühmte Antwort anwendete;„laſſen Sie uns hinter die Säule treten. Sie thaten es— die Geſtalten näherten ſih ihnen; vbgleich ſternenhell, war die Nacht doch nicht hell genug, um den Mördern mehr als den umiß ihrer Geſtalten zu zeigen. „Welches iſt meine Beute?“ fragte Wolfe leiſe, denn wie er ſchon vorher bemerkt, hatte er ſein he⸗ abſichtigtes Schlachtopfer noch nie geſehen. „Oh, der, welcher Ihnen zunächſt geht,“ ſagte der Andere in zitternden Tönen;„Sie kennen ſeinen verdammt ſtolzen Gang und ſeinen aufgerichteten Kopf — das iſt die Art, wie er den Petitionen des Volkz antwortet, darauf will ich wetten. Der größere un entferntere, der eine gebengtere Haltung hat, iſ der Meine.“ Die Fremden waren jetzt ganz nahe. „Sie wiſſen, Sie ſollen zuerſt feuern, Wylfe“ flüſterte der Creole, deſſen Muth längſt verſchwunden war, und der ſchon auf Flucht dachte. „Aber ſind Sie gewiß— ganz gewiß; daß es wirklich die Männer ſind?“ ſagte Wolfe, ſeine Pi⸗ ſtole ergreifend. „Ja, ja,“ ſagte ver Andere, und in der That hatte die Miene der nächſten Perſon aus der Ferne eine große Ahnlichkeit mit dem Miniſter, für den man ihn hielt. Sein Begleiter, welcher viel jünger zu ſein ſchien, und ebenfalls eine vornehme aber weniger ſtolze Miene hatte, hörte den vermeinllichen Miniſte ihrer U zig Sch hlicke ſi „He Mitſchu möge ſe und des weißen kleinen ſiehen( ich mich und der Stecken und laf Wo Abſicht und die ſchuldig natürlie lich täu ihren L ſein M Anſicht handeln ſeinen„ Feighei und ſic war, u melte„ gie der ntwort reten.“ en ſic h nicht Umiß e leiſe, ein he⸗ ſagte ſeinen n Kopf Volk re und at, iſ golfe⸗ vunden aß es ne Pi⸗ Thet Ferne ir den jünger aber tlichen 405 Miniſter mit der größten Aufmerkſamkeit zu. Mit ihrer Unterhaltung beſchäftigt, ſtanden ſie etwa zwan⸗ zig Schritte von den Mördern entfernt, einige Augen⸗ hlicke ſtill. „Halt, Wolfe, halt,“ ſagte des Republikaners Mitſchuldiger, deſſen indianiſche Geſichtsfarbe ver⸗ möge ſeiner Furcht und des matten Lichts der Laternen und des Himmels völlig gelb erſchien, während ſeine weißen Zähne einen ſeltſamen Contraſt zu ſeinen kleinen funkelnden Angen bildeten.„Halt, Wolfe— ſehen Sie Ihre Hand zurück— ich ſehe jetzt, daß ich mich geirrt habe; der Eatferntere iſt mir fremd, und der Nähere iſt viel ſchlanker als der Miniſter. Stecken Sie Ihre Piſtole ein— ſchnell— ſchnell— und laſſen Sie uns entfliehen.“ Wolfe ließ ſeine Hand ſinken, als wolle er ſeine Abſicht aufgeben; doch als er die zitternde Geſtalt und die klappernden Zähne ſeines erſchreckten Mit⸗ ſchuldigen anſah, kam er plötzlich auf den nicht un⸗ natürlichen Gedanken, daß ſein Begleiter ihn abſicht⸗ lich täuſchen wolle, und daß die Fremden, die jetzt ihren Weg fortſetzten, in der That ſeien, wofür fie ſein Mitſchuldiger anfangs ausgegeben. Von dieſer Anſicht erfüllt und nach dem augenblicklichen Antriebe handelnd, ſchob der bethörte und unglückliche Mann ſeinen Kameraden mit einem leiſen Fluche über ſeine Feigheit und Verrätherei auf die Seite, zielte raſch und ſicher auf die Perſon, die ihm jetzt ganz nah war, und feuerte die Piſtole ab. Der Fremde tau⸗ melte und fiel in die Arme ſeines Begleiters. 406 „Hurrah!“ rief der Mörder aus ſeinem Verſe hervorſpringeud und mit raſchen Schritten auf ſein Schlachtopfer zugehend—„Hurrah! Es lebe die Frei⸗ heit und England!“ Kaum hatte er dieſe entweihten Namen ausgeſpro⸗ chen, als der Triumph des irrgeleiteten Eiferz plötz⸗ lich und auf immer von ſeiner Stirn und aus ſeiner Seele verſchwand. Der Verwundete lehnte ſich in den Armen ſeines von Entſetzen ergriffenen Freundes zurück, der ſih auf ein Knie nieverließ, um ihn zu unterſttzen, ſeine lebhaften Augen auf das bleiche und ſchnell wechſeluhe Geſicht Mordaunts richtete und ſich der Gegenwart des Mörders nicht bewußt war.„Reden Ste, Mor⸗ daunt, reden Sie! Wie iſt es mit Ihnen?“ ſagte er. Durch die Stimme aus ſeiner Bewußtloſigke erweckt, öffnete Mordaunt die Augen und murmelte: „Mein Kind, mein Kind!“ Dann ſank er wietet zurück, und Lord Ulswater fühlte an der zunehmer⸗ den Laſt; daß der Tod ſich raſch ſeines Schlachtopfer bemächtige. „Oh!“ ſagte Lord Ulswater mit Bitterkeit, inden er ſich ihrer letzten Unterredung erinnerte—„oh! wo— wo— wenn dieſer Mann— der Weiſe, der Gütige, der Unſchuldige, der faſt Vollkommene, ſo in der Blüte des Daſeins durch einen plötzlicen Schlag von einer unbekannten Hand fällt— unge⸗ ſegnet im Leben, ruhmlos im Tode— oh! wo— wo iſt dieſer gerühmte Triumph der Tugend, und wo iſt ihre Belohnung?“ Al reichte blicklic Lord denn ſchiene dieſer den ſtr gezeigt ſank A Beglei wurde Labyr ſeiner enidec ſchwer und! Jahre Berſied uf ſein e Frei⸗ geſpro⸗ s plöz⸗ ſeiner ſeines er ſich „ſeine hſelnde enwart Mor⸗ gte er. ofigket melte: wieder ehmen⸗ topferz indem voh! Weiſt nmene, tzlichen unge⸗ wo— „ und 407 Als dieſe Worte Morbaunts betäubte Ohren er⸗ reichten, erhob er ſich mit einer plötzlichen und augen⸗ blicklichen Anſtrengung, richtete ſeine Augen voll auf Lord ulswater und ſeine ſich bewegenden Lippen, denn ſeiner Stimme war er nicht mehr mächtig, ſchienen die Antwort zu geben:„Hier iſt ſie!“ Mit vieſer letzten Anſtrengung und einem Ausdruck, der den ſtolzen und ruhigen Charakter, den er im Leben gezeigt, zugleich zu mildern und zu heiligen ſchien, ſank Algernon Mordaunt wieder in die Arme ſeines Begleiters zurück, und ſtarb ſogleich. Neunzigſtes Kapitel. Komm, Tod, ſieh deine Opfer hier! Das Beil Erwartet den, der an Triumph gedacht. So zählen wir im Dunkeln unſte Schätze, Doch finden wir beim Licht, daß unſre Münzen Nur Scherben waren.— Das Schickſal bildet ſeltene Contraſte Und das Schaffot iſt dem Altare nah. Anonymus. Als Crauforrs Schuld und Gefangennahme bekannt wurde, als vie Unterſuchung Tag für Tag ein neues Labyrinth der mächtigen und verwickelten Maſchinerie ſeiner großartigen Unredlichkeit aufzeigte; als man entdeckte, daß Häuſer, die man wegen ihres ver⸗ ſchwenderiſchen Glanzes für ungehener reich gehalten und deren Geſchäfte Crauford geführt, ſchon ſeit Jahren untergraben und völlig mittellos geweſen, und nur durch das außerorbentliche Genie der Perſon 408 aufrecht gehalten worden waren, durch deſſen jezi entbeckte Schuld ſie plötzlich und unrettbar zu Grunde gerichtet wurben; als man erfuhr, daß beinahe den fünften Theil eines Jahrhunderts ein Syſtem der Schurkerei in ganz Europa in tauſend verſchiedenen Beziehungen betrieben worden, ohne daß man den geringſten Argwohn gehegt, da doch der allerkleinſte Vervacht es hätte hemmen und an den Tag bringen können; als es bewieſen wurde, daß ein Mant, deſſen Lurus den Aufwand von Fürſten übertra, und deſſen Reichthum man für unerſchöpflicher hielt, als die bezauberte Börſe des Fortunat, ſeit achtzehr Jahren von dem Vermögen Anderer gelebt, ohne ſelber noch einen Heller zu beſitzen; als das lange Verzeichniß ſeines faſt unglaublichen Betruges lang⸗ ſam nach und nach vor der erſchreckten Neugierde des Publikums entrollt wurde, hätte eine zu den Thoren der Stadt eindringende feindliche Armee kaun eine ſo allgemeine Beſtürzung und Schrecken hervor⸗ bringen können. Der Pöbel, der meiſt immer auf ſeine eigene, faft unnachahmliche Weiſe Gerechtigkeit ausübt, rächt⸗ ſich an Crauford, indem er das Haus verbrannte, welches nicht mehr ihm gehörte, ſo wie auch bi⸗ Hänſer ſeiner Compagnons, welche am ärgſten und am unſchuldigſten durch ſein Verbrechen litten. Keine Benennung ves Haſſes und der Rache war zu ſchwer für den übertreter, und man hegte ernſtliche Be⸗ ſorgniſſe wegen der Sicherheit von Newgate, wo er gegenwärtig gefangen war. Die heiligeren Miiglieber der S hört, Fall d Auch! blick d weit f gang die er Ab die der brechet oder v keit ei ſon me Verhö lichen Es w vollen bemitl nen P deckten Preuß ihn,„ kum e einen paſtete den ze gemac Aufſel gebroe n jeti rune he den n der edenen n den leinſte ringen Nant, ertraſ, hielt, htzehn ohne lange lang⸗ gierbe u den kaun tvor⸗ faß rächte mnte, die und Kein chwer Be⸗ o et lieder gehrochenem Herten ſtarb) zu ihm ins Gefängniß 409 der Sekte, welcher der Heuchler zum Schein ange⸗ hört, erhoben ihre Hände und erklärten, daß der Fall des Pheriſäers ein Urtheil der Vorſehung ſei. Auch hielten ſie es der Mühe werth, auf einen Augen⸗ blick die unbedeutende Unterſuchung vorzunehmen, wie weit ſich das Urtheil der Vorſehung auf den Unter⸗ gang der zahlreichen unſchuldigen Familien erſtrecke, die er zu Grunde gerichtet. Aber ſei es nun wegen der Bewunderung des Genies, die dem gemeinen Volke eigen iſt, welches jedes Ver⸗ brechen vergißt, bei der Gewandtbeit der Ausführung, oder veimöge der wahrhaft engliſchen Eigenthümlich⸗ keit einen Löwen oder einen Helden aus jeder Per⸗ ſon macht, die auffallend böſe iſt— ſobald Craufords Verhör begonnen hatte, nahm die Flut der öffent⸗ lichen Meinung plötzlich eine entgegengeſetzte Richtung. Es wurde im Augenblick Mode, einen ſo talent⸗ vollen, unglücklichen Herrn zu bewundern und zu bemitleiden. In jedem Bilderladen der Stadt erſchie⸗ nen Portraits von Crauford— die Zeitungen ent⸗ deckten, daß er das wahre Aböbild des Königs von Preußen ſei. Der Hofoichter machte eine Ode an ihn, welche in Muſik geſetzt wurde; und das Publi⸗ kum erfuhr mit Thränen mitleidigen Bedauerns über einen ſo romantiſchen Umſtand, daß täglich Tauben⸗ paſteten in ſein Gefängniß geſchickt wurden, die von den zarten Händen einer ſeiner früheren Geliebten gemacht waren. Auch erregte der Umßand einiges Aufſehen, daß ſeine arme Frau(die bald darauf an 41⁰ kam und nur mit Schwierigkeit von ihm losgeriſen werden konnte; aber eheliche Zärtlichkeit iſt etwas ſo Gewöhnliches, und es lag etwas ſo außerorbent⸗ lich Pathetiſches in der Anekdote von den Tauhen⸗ paſteten. Man muß geſtehen, daß Crauford eine außeror⸗ ventliche Gewandtheit und Fähigkeit bei ſeinem Verhir zeigte, und nachdem er jeden Zoll des Bodens ſelbſt bis zuletzt vertheidigt hatte, wo eine ſolche Reihe von Inbieien gegen ihn erſchien, daß man keinen Augen⸗ blick auf ein günſtiges Urtheil hoffen konnte— ſchloß er das Verhör mit einer eigenen Rede, die ſo ein⸗ dringlich, ſo kräftig und würdevoll und ſo rührend war, vaß die ganze Verſammlung, ſo aufgebracht ſi gegen ihn war, in Thränen zerfloß. Er wurde zum Tode verurtheilt! Aber ſo groß war die Bethörung des Volks, daß Jeder Begnabi⸗ gung für Verbrechen erwartete, welche verwickeliet und umfangreicher waren, als ſie die Hälfte des Verzeichniſſes von Neſgate aufweiſen konnten. Per⸗ ſonen vom höchſten Range verwendeten ſich für ihn; und bis zu der Nacht vor ſeiner Hinrichtung hezie der Verbrecher, ſeine Freunde und das Publikun Erwartungen, die ſich faſt der Gewißheit näherien. In jener Nacht wurde Crauford die beſtimmte Ver⸗ ſicherung überbracht, daß keine Hoffnung vorhanden ſei. Wir wollen jetzt in ſeine Zelle treten und die einzigen Zengen ſeiner Einſamkeit ſein. Crauford war, wie wir geſehen, in einiger Hl⸗ ficht ein Mann von großem moraliſchen Muthe, von außer nen, erhalt Droh chende Aber nährt Genie Glück quelle ling! der C wie e Pferd tender ihn ei Gerü Mena hauſe Hauſe den k Man: nüſſe E retten ſtört; war meidk hören vor eriſſen etwas rdent⸗ uben⸗ ßerot⸗ Berhör ſelbſt e von ugen⸗ ſchlo ein⸗ ihrend cht ſi gro nabi⸗ ckeltet e des Pet⸗ ihn; hegte likam erten. Vet⸗ anden d bie Hl⸗ n 4¹¹ außerordentlicher Kühnheit in der Bildung von Plä⸗ nen, von unwandelbarem Entſchluſſe, ſie aufrecht zu erhalten, und von einem Temperament, welches das Drohen einer entfernten Gefahr um einer entſpre⸗ chenden Belohnung willen eher liebte als ſcheute. Aber dieſer Muth wurde allein unterſtützt und ge⸗ nährt durch die eigene überzeugung von ſeinem hohen Genie, durch ſein feſtes Vertrauen ſowohl auf ſein Glück, als auf die Unerſchöpflichkeit ſeiner Hülfs⸗ quellen. In körperlicher Hinſicht war er ein Feig⸗ ling! Unmittelbare Gefahr, welcher der Körper, nicht der Geiſt begegnen mußte, hatte ihn ſtets erſchreckt, wie ein Kind. Er hatte ſich nie auf ein muthiges Pferd gewagt. Er war tagelang in einem unbedeu⸗ tenden Bierhauſe auf dem Lande geblieben, wohin ihn ein Regenſchauer zufällig getrieben, weil ſich das Gerücht verbreitet, es ſei ein wildes Thier aus einer Menagerie entſprungen und in der Nähe des Wirths⸗ hauſes geſehen worden. Er haite nie in ſeinem Hauſe einen Hund gehalten, weil er hätte toll wer⸗ den können. Mit einem Wort, Crauford war ein Mann, für den das Leben und die ſinnlichen Ge⸗ nüſſe Alles— der höchſte, der einzige Segen waren. So lange er die Hoffnung hegte, ſein Leben zu reiten, hatte nichts die Heiterkeit ſeines Geiſtes ge⸗ ſtört; aber als dieſe Hoffnung plötzlich abgeſchnitten war— als der Tod, der unmittelbare und unver⸗ meidbare Tod, das Erlöſchen des Daſeins, das Auf⸗ hören des ſinnlichen Bewußtſeins, nackt und ſcheußlich vor ihm ſtand, da ſchien ſein Genie ihn plötzlich 412 ſeinem Schickſal zu überlaſſen, und die angeerbi⸗ Schwäche ſeiner Natur jede Schranke ſeiner Kunſt zu durchbrechen. „Keine Hoffnung!“ murmelte er mit der Stimme der höchſten Qual—„keine Hoffnung— gnädiger Gott— keine— keine! Wer, ich— ich— der ich Könige an Luxus beſchämt— ich ſoll am Galgen ſterben unter der ſtinkenden, gaffenden, ſchweiniſchen Pöbelſchaar! O Gott, wäre ich nur einer von ihnen! Wäre ich nur der ekelhafteſte Bettler, der je auz ſeiner Höhle hervorkroch, um die Luft mit ſeinen Geſchwüren zu verunreinigen! Wäre ich eine in einen Stein verwachſene Kröte, die in der Atmoſphäre ihres eigenen Giftes verdorrt! Eine Schnecke, die an dieſen Wänden kriecht und ſich mühſam im Schleime dahin⸗ ſchleppt!— Alles— Alles, nur der Tod bleibe fern! und ein ſolcher Tod— der Galgen— vas Schaffot — der Strick— die Finger des Henkers um den Hals beſchäftigt, um den dis ſanfteſten Liebkoſungen geſpielt haben. Sterben— ſterben— ſterben! Wes, ich, deſſen Puls jetzt ſo mächtig ſchlägt— deſſen Blut in ſo warmer und kräſtiger Bewegung iſt— in der Blüte des Genuſſes und des Mannesalters— alle Millionen Pfade des Vergnügens vor mir— ſterben — im Winde ſchwanken— hängen— ja— ja— hängen— ſcheußlich entſtellt heruntergeſchnitten u werden— in die Erde geworfen zu den Würmern— zum Moder, oder— oder— oder zur Hölle!— Gibt es eine Hölle?— Beſſer noch als Vernichtung! „Thor— Thor!— Verdammenswürdiger Thor, andere letzten ſtill— Hände ſeinem bevorf vor— geheir über d der ei jett oder ſ Y ſeinen Bei ſ 41¹³ der ich war,“ unb in ſeiner plötzlichen Wuth griff er in ſein eigenes Fleiſch, ſo daß die Nägel tieſe Spuren darin zurückließen,„wäre ich nur einen Tag früher nach Frankreich ahgereist! Warum rettet ihr mich nicht— ihr, die ich bewirthet, die bei mir geſchwelgt, und denen ich Geld geborgt habe!— Ein Wort von euch hätte mich retten können— ich will nicht ſterben! Ich verdiene es nicht! ich bin unſchuldig! ich ſage Ihnen, nichtſchuldig, Mylord— nichtſchuldig! Haben Sie kein Herz, kein Gewiſſen?— Mord— Mord — Mord!“ Und der Elende ſank zu Boden und ver⸗ ſuchte mit ſeinen Händen die Steine des Fußbodens zu ergreifen, als wollte er ſich daran halten und einer eingebildeten Gewaltthätigkeit entgehen. Wenden wir uns von ihm zu der Zelle, wo ein anderer Verbrecher auch den ſchrecklichen Anbruch ſeines letzten Morgens erwartet. Bleich, bewegungslos und ſtill— ſein Geſicht auf die Bruſt geneigt und ſeine Hände feſt über ſeine Knie gefaltet, ſaß Wolfe in ſeinem Kerker und bereitete ſeinen Geiſt auf die nahe bevorſtehende Erfüllung ſeines ſtürmiſchen Schickſals vor— ſeine bitterſte Strafe war ſchon vorüber; der geheimnißvolle Zufall, oder vielmehr die Macht, die über dem Zufall waltet, hatte ihm den ſtolzen Triumph der eigenen Billigung verſagt. Keine Sophiſterei konnte jetzt ſein Schickſal mit dem des Sidney vergleichen, oder ſeine That mit der Handlung des rächenden Brutus. Mord— zweckloſer Mord, haftete auf immer auf ſeinem Namen, bis die Vergeſſenheit ihn einhüllte. Bei ſeinem Verhör ergab es ſich auch, daß er bei der 414 Nachricht, die er erhalten, das bloße Werkzeug eines Spions im Solde des Miniſters geweſen war, daß ſchon ſeit mehren Wochen ſeine Abſicht bekannt ge⸗ weſen und ſeine Verſchwörung bloß deßhalb nicht he⸗ kannt gemacht worden, weil die Politik eine noch beſſere Gelegenheit zu der Eröffnung erwartete. Er war damals bloß blindlings ſeinen eigenen Leidenſchaften gefolgt, und was noch demüthigender war, ein In⸗ ſtrument in den Händen derſelben Männer geweſen, die ſein Haß vernichten wollte. Keinen Strohhalm des eitlen Ruhmes, für den er ſein Leben aufgeopfert und ſein Seelenheil aufs Spiel geſetzt, ſah er vor ſich, an dem ſein finkendes Herz ſich halten und ſagen konnte:„Dies iſt meine Stütze!“ Die Reue der Dankbarkeit verbitterte ſeinen Kelch noch mehr. Man hatte bei Mordaunt eine Notiz über vas Gelb gefunden, welches er am Tage des Mordes, ohne ſeinen Namen zu nennen, an Wolfe geſchickt, und ſie war in Worten der Achtung abgefaßt, welche dem ſtarren Herzen des Republikaners die einzigen Thränen auspreßten, die er ſeit ſeiner Kindheit ver⸗ goſſen. Von der Zeit an kam ein düſterer, ſchwei⸗ gender Geiſt über ihn. Er ſprach mit Niemand— achtete auf Niemand— vertheidigte ſich nicht beim Verhör— klagte nicht über Strenge— ergriff keinen Rekurs. Der Pfeil war in ſeine Seele gedrungen— er hielt ihn aufrecht, während er ihn quälte. Selbſt jetzt, wenn wir auf ſein unbeugſames und finſteres Geſicht blicken, bemerken wir keine vorübergehende Bewegung— keine plötzliche Furcht wegen der Kala⸗ ſame 8 (Miltor genſtan krampfl immer mag— keit, d ſie bede angeſtre lichen liche G aber e bringer eines daß ge⸗ t be⸗ noch Er aften In⸗ eſen, halm pfert vor agen delch über des, ickt, elche igen ver⸗ wei⸗ eim inen — löſt eres nbe ta⸗ 415 ſrophe des nächſten Morgens— keine arbeitenben Leidenſchaften— kein Zeichen innerer Stürme, die ſich gleichſum aus den verborgenen Tiefen erheben, die Oberfläche aufregen oder Geheimniſſe der uner⸗ gründlichen Welt des Innern verrathen. Die ſtumme Lippe— die finſtere Stirn— das niedergeſchlagene Auge— eine düſtere Stille in jedem ſeiner Züge— dies iſt Alles, was wir an ihm ſehen. Schläft vielleicht der Gedanke in der Erſtarrung eines bewußtloſen und dunklen Traumes, oder laſtet ein böſer Kobold auf uns, der vas Erwachen hindert, aber nich die Qualen betäubt? Flieht die Erinne⸗ rung zu den grünen Feldern, der glück ichen Heimath ſeiner Kindheit und zu den einſamen Studien ſeiner kühnen und ruheloſen Jugend, oder zu ſeiner früheſten Huldigung, die er dem Geiſte der Freiheit darge⸗ bracht, welcher hell und ſtill und rein auf das ein⸗ ſame Zimmer deſſen ſchien, der vom Himmel ſang (Milton), oder bei dem letzten und furchtbarſten Ge⸗ genſtande verweilend, Alles durch den ſtürmiſchen und krampfhaften Kanal der Verzweiflung rollt! Was auch immer in dem ſchweigenden und tiefen Herzen ſein mag— Stolz oder Muth, oder halsſtarrige Feſtig⸗ keit, die vom Grundſatze zur Erfahrung geworden, ſie bedecken Alles wie mit einem Leichentuch, und die angeſtrengten Nerven und die Ausdauer des menſch⸗ lichen Fleiſches ertragen das, worunter der unſterb⸗ liche Geiſt ſich beugt, in ſeiner dunklen Verborgenheit, aber einſt träumte, das Ertragen würde ihm Ruhm bringen. 416 Die unheilvolle Stunde kam, und durch die langen, düſtern Gänge des Gefängniſſes wurden vier Ver⸗ brecher zur Hinrichtung geführt. Der Erſtere war Craufords Mitſchuldiger, Bradley. Dieſer Mann betete inbrünſtig, und obgleich er ſehr bleich war und zitterte, ſo hatte doch ſeine Miene und ſein Anſehen etwas von der Ruhe der Ergebung. Man ſagt, es ſei keine Freundſchaft unter den Böſen. Wir haben dieſen Grundſatz genau unterſucht und halten ihn gleich den meiſten Sprüchwörtern für falſch. In der Schlechtigkeit liegt Gefahr, und der gegenſeitige Schrecken iſt das ftärkſte Band. Auf jeden Fall können die Böſen zuweilen eine Anhänglichk⸗it in ihren Genoſſen erregen, die der Tugend ver⸗ weigert iſt. Aus Gewohnheit höflich, liebkoſend un vertraulich, hatte Crauford, ungeachtet ſeines eigenen Verdachts gegen Bradley, das Herz eines Mannes gerührt, den Schwäche und Mangel, nicht natürliche Anlage, zum Laſter getrieben, und erſt als Craufords Schuld durch andere Zeugen unläugbar bewieſen war, konnte Bradley dahin gebracht werden, ein Geſtändniß zu ſeinem Nachtheil zu machen. Jetzt ſchlich er ſich leiſe zu ſeinem früheren Mit⸗ ſchuldigen hin, drückte ihm häufig die Hand und bit ihn, Muth zu faſſen und zu beten. Aber Craufords Auge war gläſern und trübe und ſeine Adern ſchienen mit Woſſer angefüllt zu ſein, ſo kalt und weiß war ſeine Wange. Die Furcht hatte bei ihm ihren Paro⸗ rismus überlebt und war jetzt zur Gefühlloſigkeit ge⸗ worden; erſt als man ihn aufforverte, zu beten, zeigi 417 ſich ein bunkles Vewußtſein auf ſeinem Geſichte, und ſeine aſchfarbigen Lippen murmelten etwas, was Nie⸗ mand hörte. Nach ihm kam der Crevle, der Wolfe's Mitſchul⸗ diger geweſen war. In der Nacht des Mordes hatte er die Einſamkeit und die Vetwirrung der wenigen gegenwärtigen Perſonen benützt und war entflohen. Er wurde aber von einigen Polizeivienern noch vor dem Morgen in einet Dachkammer in feſtem Schlafe gefunden, und beim Verhör geſtand er Alles ein. Dieſer Mann hatte die Schwindſucht. Hätte man die Hin⸗ richtung noch eine Woche aufgeſchoben, ſo wäre er an ſeiner Krankheit geſtorben. Gleich Bradley ſchien er andächtig zu beten. Zuletzt kam Wolfe; ſeine rohe Geſtalt war durch die Gefangenſchaft und den innern Kampf zu einem rieſenhaften Skelett abgemagert; auch mit ſeinem Ge⸗ ſichte war eine große Veränderung vorgegangen; ſein grauts Haar war jetzt völlig weiß geworden, und wenn man gleich in ſeiner Miene und ſeinen Augen die Strenge früherer Tage entdeckte, ſo war doch das Feuer verſchwunden. Ruhig wie am vorhergehenden Abenb, zeigte ſich keine Bewegung in ſeinen dunklen aber nicht trotzigen Zügen. Er wies allen Beiſtand des wohlwollenden Geifllichen zurück und ſchien in dem Stolze ſeines eigenen Herzens einen Erſatz für die Reſignation der Religion zu ſuchen. „Elender Mann!“ ſagte enblich der gute Geiſt⸗ liche, deſſen Eifer ſeine Freundlichkeit überwand,„habt Bulwer, der Verſtoßene. MI. 27 4¹8 Ihr auch in dieſer furchtbaren Stunde kein Gebet auf Euren Lippen?“ Ein helles Licht zeigte ſich plötzlich in Wolfe's Augen.„Ja!“ ſagte er, und indem er ſeine gefal⸗ teten Hände zum Himmel erhob, begann er die denk⸗ würdigen Worte Sidney's:„Herr, vertheidige Deine eigene Sache und ſchütze die, welche ſie vertheidigen! Rege die Matten auf, leite die Willigen, ſtärke die Schwankenden, verleihe Allen Weisheit und Aufrich⸗ tigkeit: ordne Alles ſo, wie es am meiſten zu dei⸗ nem Ruhme ausſchlägt!“ „Ich hatte einſt gehofft,“ ſetzte Wolfe mit leiſerem Tone hinzu,„daß ich mit Recht dieſes heilige Gebet würde vollenden können,* aber—“ Er hielt plötzlich inne, die Glut verſchwand von ſeinem Geſicht, die Lippe bebte und Thränen traten in ſeine Augen: dies war die einzige Schwäche, die er verrieth, und dies ſeine letzten Worte. Crauford blieb ſtumm und bewußtlos, als ſchyn der Strick um ſeinen Hals geſchlungen war. Man ſagte, daß ſein Puls(noch am vorigen Tage der ines ungewöhnlich ſtarken und geſunden Mannes) ſo matt geworden ſei, daß man ihn eine Stunde vor ſeiner Hinrichtung nicht fühlen konnte. Er und der „ Gib, vaß ich ſterben möge, indem ich dich verherrliche wegen all deiner Gnade, und daß ich ausgezeichnet werde als ein Zeuge deiner Wahrheit, und ſelbſt durch das Bekenntniß mei⸗ ner Widerſacher in jner alten Sache, für die ich ſeit meiner Iugend grheite, und für die du dich oft und wunderbar erklär haſt. Algernon Sidneh⸗ che als ei⸗ er irt 419 Crevle waren die Einzigen, die mit dem Tode ran⸗ gen. Wolfe ſtarb, wie es ſchien, ohne Schmerz. Von dieſen furchtbaren und widerwärtigen Secenen wendet ſich der Geiſt mit einem Gefühl dankbarer Erleichterung zu der Betrachtung des Glücks einer Perſon, deren aufrichtige und hohe Natur und deren warme Neigungen das Schickſal endlich begſückte. An einem Abend im erſten Frühling hielt Lord ulswater mit ſeiner ſchönen Braut ſeinen Einzug in ſeine prächtige Beſitzung. Es war ſein Wunſch und Beſehl geweſen, in Folge des unglücklichen Todes ſeines Bruders, bei ſeiner Hochzeit keine öffentlichen Luſtbarkeiten zu veranſtalten; aber der gute alte Haus⸗ hofmeifter konnte ſich nicht entſchließen, den Gehor⸗ ſam gegen den erſten Befehl ſeines neuen Herrn zu erzwingen, und als der Wagen in die Thore des Parls einfuhr, waren zahlreiche Schaaren verſammelt, um zu begrüßen und zu gaffen. Sobald ſie ihren jungen Herrn erblickten, deſſen Leutſeligkeit und ſchöne Geſtalt ihn bei Allen beliebt gemacht hatte, die ſich ſeiner aus früheren Zeiten er⸗ innerten, und das halb erröthende, halb lächelnde Geſicht neben ihm, ließ ſich ihre Begeiſterung nicht länger zurückhalten. Der ganze Schauplatz wieder⸗ hallte von Freudengeſchrei— die Pferde wurden vom Wagen abgeſpannt und über einen mit Laub und Blumen beſtreuten Pfad, während die Luft mit Se⸗ genswünſchen erfüllt wurde, zog man das Brautpaar durch Reihen fröhlicher Geſichter im Triumph zu ihrer Wohnung. 420 „Ach! Clarenece(denn ſo muß ich Dich noch immer nennen),“ ſagte Flora, indem ihre ſchönen Augen von Freudenthränen überfloſſen,„laß uns nie dieſe freundlichen Herzen verlaſſen; laß uns unter ihnen leben und uns bemühen, die Segnungen zu vergelten und zu verdienen, womit ſie uns überhäufen. Theuer⸗ ſter, iſt Wohlwollen nicht beſſer als Ehrgeiz?“ „Sollte es nicht vielmehr der Ehrgeiz ſelbſt ſein, thenerſte Flora?“ Schluß. Ich wünſche nh. leben, meine Herren, nſieur Thomas. Wir haben jetzt nur noch von den weniger wich⸗ tigen Charakteren Abſchied zu nehmen, die wir ver⸗ ſammelt haben, und uns dann zur Ruhe zu begeben, nachdem wir unſern zahlreichen Gäſten alle ſchaldige Höflichkeit erwieſen haben. Zuerſt alſo Moritz Braun.— Im zweiten Jahr nach der Verheirathung des Lord Ulswater ſtattete der würdige Makler dem Neffen der Mrs. Minden einen Beſuch ab, wobei er dieſen Herrn überredete, ein paar bewundernswürdige Feuerſchirme, die der Lady Waddilove zugehört, als Geſchenk anzunehmen. Dieſe kann man noch jetzt in dem Zimmer der Haus⸗ hälterin zu Borodaile⸗Park ſehen, wenn Jemand geneigt ſein ſollte, ſeine Neugier zu befriedigen Von allen weiteren Nachrichten über Herrn Brann ſchweigt die Geſchichte. umer ugen bieſe hnen elten euer⸗ ſein, erren. wich⸗ ver⸗ hen, ldige Jahr ttete nden dete, der men. aus⸗ tand Von eigt 424 In ber Todtenliſte von 1792 finden wir folgen⸗ den Artikel:„Geſtorben in ſeinem Hauſe zu Putney, im Alter von dreiundſiebenzig Jahren, Sir Nicolaus Copperas, ein Herr, der auf der Börſe wegen ſeiner ſcherzhaften Laune wohlbekannt war. Im Gemeinde⸗ rath erzählt man ſich noch mehre von ſeinen Bon⸗ mots.— Als er vor vielen Jahren in einer Vorſtabt von London wohnte, pflegte dieſer würdige Herr von ſeinem Hauſe bis zu der Börſe in einer Kutſche zu fahren, welche die Schwalbe hieß. Dieſe kam ge⸗ rade zur Zeit des Frühſtücks an ſeiner Thüre vorüber, bei welcher Gelegenheit er zu ſeiner geiſtreichen Gattin ſehr witig zu ſagen pflegte:„„Und nun, Mrs. Copperas, nachdem ich das Frühſtück hinuntergerollt, will ich in der Schwalbe davonrollen!““ Sein ganzes Vermögen erbt Adolph Copperas, Esq. Bankier.“ Und im nächſten Jahre finden wir:„Geſtorben am letzten Mittwoch auf ihrem Wittwenſitze zu Putney in ihrem achtundſechszigſten Jahre, die liebenswür⸗ dige und elegante Lady Copperas— Wittwe des ver⸗ ſtorbenen Sir Nicolaus Copperas.“ Lord Aspeden war ein häufiger Gaſt des Lord Ulswater und er ergötzte Jedermann durch ſeine ge⸗ wandten Complimente. Aus einem Briefe des Letzteren (4 Jahre nach ſeiner Verheirathung datirt, und jetzt in unſerm Veſitze) erſehen wir, daß Geine Herrlich⸗ keit vie fehlgeſchlagene Erwartung ſeines älteſten Soh⸗ nes bei einer Wahl für die Grafſchaft allein dem Neide zuſchrieh, der durch einige hofmänniſche Com⸗ plimente unſers ehemaligen Miniſters erregt wurde; 422 wir ſchließen daraus, daß der Diplomat ein hohes Alter erreichte. Nachdem Trollolop die ganze Welt der Meta⸗ phyſik erſchöpft hatte, ſtarb er wie Deseartes, indem er glaubte, er habe nichts unerklärt gelaſſen. Callythorpe kam zur Zeit der franzöſiſchen Revv⸗ lution in das Unterhaus. Ee zeichnete ſich durch viele Voten zu Gunſten Pitts aus, ſowie durch eine Rede, welche ſo lautete:„Meine Herren! Ich glauhe, daß mein ehrenvoller Freund, der zuletzt geſprochen (Herr Pitt), das Land zu Grunde zu richten beab⸗ ſichtigt; ader ich will ihn deſſenungeachtet bei Allem unterſtützen. Die ehrenwerthen Herren mögen lachen — aber ich bin ein echter Britte und werde meinem Freunde darum nicht weniger dienen, weil ich es unter meiner Würde halte, ihm zu ſchmeicheln.“ Der Prin; Pletro d'Urbino, del'Orbino oder Ur⸗ bino, deſſen Namen Jeder verſchieden ausſprach, und den, weil er ein Fremder und ein Prinz war, natür⸗ lich jeder patriotiſche und freie Britte vergötterte, wurde nach einem ſcandalöſen Streite mit ſeinem Bedienten im Parlament feierlich für einen National⸗ feind erklärt, und folglich würden wir gegen ihn in den Krieg ziehen, wäre er nicht zum Unglück fiür uns plötzlich ermordet worden. Sir Chriſtopher Findlater verlor ſein Leben bein umwerfen ſeines Wagens; denn ſein gules Herz hatie ihm nicht geſtattet, einen trunkfälligen Kutſcher weg⸗ zuſchicken. Glumford wurde in ſeinem Alter ein Geizhals hohes Meta⸗ indem Revv⸗ viele Rede, laubhe, rochen heab⸗ Allem lachen einem unter r Ur⸗ „und atür⸗ tterte, einem onal⸗ hn in k für beim hatie weg⸗ zhals . 423˙ und ſtarb am Mangel und an einem verſchenderiſchen Sohne. Unſer ehrlicher Cole und ſeine Frau gehörten ſtets zu den willkommenſten Gäſten im Hauſe des Lord Ulswater. In ſeinem hohen Aitter unternahm der Exkönig eine Reiſe nach Schottland, um den Verfaſſer des„letzten Minſtrel“ zu beſuchen. Auch würden wir dem kritiſchen Scharfblick des Häuptlings Unrecht thun, wenn wir vernachläſſigen wollten, zu erwähnen, daß er von dem erſten Aufgange dieſes großen Sternes unſeres Jahrhunderts ſeinen Mittags⸗ glanz prophezeihte. Der älteſte Sohn des Zigenner⸗ monarchen erbte ſeines Vaters Geiſt und lebt noch als General. Harriſon heirathete Miß Eliſabeth und erbte vas goldene Vließ. Der Herzog von Haverfield und Lord Ulswater ſetzten lebenslänglich ihre Freundſchaſt ſort, und die Briefe unſerer lieben Flora an ihre Correſpondentin Elevnvre hörten ſelbſt mit der für jede Mädchen⸗ eorreſpondenz ſo gefährlichen Periode— der Verhei⸗ rathung— nicht auf. Wenn wir nach Briefen ur⸗ theilen dürfen, deren Anſicht uns geſtattet worden, ſo bereute Eleonore je weder ihre brillante Partie, noch entdeckte ſie(wie die Herzogin von N“*“ einſt aus Erfahrung ſagte), daß Herzoge ebenſo unerträg⸗ lich als Ehemänner find, wie ſie als Courmacher er⸗ wünſcht find. Und Iſabella Mordaunt?— Ach! nicht auf die⸗ ſen Blättern ſoll ihre Geſchichte auch nur im Aus⸗ 424 zuge erzählt werden. Vielleicht wird ihr romantiſches und ereignißreiches Schickſal für eine künftige Erzäh⸗ lung aufgeſpart. Es mag für jetzt hinreichen, zu ſagen, daß die junge Erbin ihre Kindheit im Hauſe des Lord ulswater zubrachte, deſſen ſtolzeſter Ruhm in einem triumphirenden und glücklichen Leben war, der Freund ihres Vaters geweſen zu ſein, und daß, als ſie heranwuchs, ſie ihrer Mutter Schönheit und ſanftes Herz erbte, und in ihren tiefen Augen und in ihrem melancholiſchen Lächeln einige Erinnerung an die Seenen bei fich zu tragen ſchien, unter wel⸗ chen ſie ihre Kindheit verlebt hatte. Aber was ihn betrifft, den Gatten und Vater, deſſen Leiden in dieſer ungerechten Welt ich geſchildert habe— ſeinetwegen möge man nicht murren über die Blindheit des Schickſals, noch trauern über ſein ſin⸗ ſteres Geſchick. Beſſer, daß der erhabene und klare Geiſt hinüberging, ehe die unbedentenden Geſchäfte des Lebens ihn gebeugt oder die ſchmutzigen Nehel dieſer niedrigen Erde einen Schatten auf ſeinen Glanz geworfen. Wer würde verlangt haben, daß dieſer Geiſt noch Jahrelang ſich mit den Intriguen, Hoff⸗ nungen und Zwecken gemeinerer Seelen beſchäſtigen ſollte? Wer würde gewünſcht haben, daß das auf den Himmel gerichtete und ungeduldige Herz ſich an die Ketten und die Arbeit dieſes ſklaviſchen Zuſtandes gewöhnen ſollte? Auch wollen wir den gemeinen Tribut des Mitleids nicht für ein Loos in Anſpruch nehmen, welches über dem Bevauern erhaben iſ. Das Mitleid iſt für unſere Schwächen— und unſern ſches rzäh⸗ „ zu auſe tuhm war, daß, und und rung wel⸗ ater, ildert r die fin⸗ klare chäfte Nehel Glanz dieſer Hoff⸗ ſtigen if den n die andes einen prnch niſ. mſern 425 Schwächen allein ſei es gezollt. Es iſt die Nahrung der Liebe— es iſt der Lohn des Ehrgeizes— es iſt das rechtmäßige Erbtheil des Irrthums! Aber warum ſollte man Mitleid hegen für die Seele, welche niemals fiel?— für den Muth, der nie erbebte?— für die Majeſtät, die nie gedemüthigt wurde?— für die Weisheit, die aus den rauhen Dingen der gemeinen Welt ein Reich über der Erde und dem Geſchick erhob?— für das ftürmiſche Leben?— es war ein Triumph! für den frühen Tod?— es war eine Unſterblichkeit! Ich habe an Morbaunts Grabe geſtanden; er hatte in ſeinem Teſtament angeordnet, daß er nicht in den Gewölben ſeines ſtolzen Geſchlechts ruhen wolle— und ſeine letzte Wohnung iſt von einer grünen und angenehmen Stelle umgeben. Die Bäume beſchatten es wie einen Tempel, und ein filberheller Bach fließt klagend om Zuße des Hügels vorüber, auf welchem ſich das Grab befindet. Ich habe vort in jenen glühenden Jahren geſtanden, wo unſere Wünſche keine Grenze kennen und znſer Ehrgeiz keinen Zügel; voch ſelbſt damals würde ich meine wildeſte Viſton der Romantik gegen jenes ſtille Grab und die Träume bes fernen Geiſtes vertauſcht haben, deſſen Relſquien unter denſelben ruhten! Euch, die ihr ihn auf einer Reiſe begleitet habt, die euch vielleicht oft gelangweilt und zu Zeiten miß⸗ fallen hat, bringt der Verfaſſer jetzt nur ſeinen Dank und ſein Lebewohl dar. Er kann euch kaum bitten, ihm die Fehler zu verzeihen, die eine höhere Fähig⸗ keit hätte vermeiden können und die Irrthümer, die eine geübtere Aufmerkſamkeit nicht würde begangen haben— aber verzeiht ihm wenigſtens, wenn er zu Zeiten die Erzählung eingeſtellt hat, um zu lange bei Reflexionen zu verweilen— verzetht ihm, wenn ſein Wunſch, das Nützliche mit dem Jatereſſanten zu miſchen, euch zu häyfig und unverſchleiert erſchie⸗ nen iſt, und hegt das Vertrauen, daß, wenn er euch je wieder begegnet, er weder ſeine Fehler vergeſſen, noch für eure Nachſicht undankbar ſein wird. —. —— 3 — . —— * 8 8. S*