——— S S= S deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 bis Abends 8 Uhr offen. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von S Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich 2 Büe her: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. Nk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 3 2 4 D aſſelbe muß voraus bezahlt werden und „ 5. Auswärtige Wonnenten ie für Hin⸗ und Zurückſendung auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſit Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis 6 werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmut tzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf ufmnerkjam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Sieſnen welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. E. L. Bulwer' ſãmmtliche Nomane. Aus dem Engliſchen. Vierzehnter Band. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1815. Der Verſtoßene. Ein Roman von Ednard Lytton Bulwer. Ueberſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Erſter Band. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1815. S— SnSSSg Motto: Corb. Ja, ich verſtoße ihn! Erſter Advocat. Aus welchem Grunde? Valpone. Vedikation an William Lytton Bulwer, Esgq. zu Heydon Hall, in Norfolk. Ich widme Ihnen das jetzt vollſtändige und berausgegebene Werk, deſſen rohen Entwurf im Manuſcript Sie Ihrer Billigung würdigten. Es find Fehler darin, die ich ſeiber beklage; andere, die meinem Blicke entgehen, werden Ihnen auf⸗ fallen; doch das orientaliſche Sprüchwort ſagt uns, daß eine ſchlechte Sache ſicherer iſt, als eine gute: denn bei der letzteren verlaſſen wir uns auf die Gerechtigkeit und bei der erſteren beſtechen wir den Richter. Und indem ich Ihnen dieſe Bände über⸗ reiche, weiß ich ſehr wohl, daß die Kritik, ſo ſtrenge ſie auch ſein mag, nur eine beſtochene Rich⸗ terin iſt, wenn ſie ſich von der Neigung leiten läßt. Von allen Schriften iſt eine Dedikation vielleicht die unerquicklichſte: ich will verſuchen, dies einiger⸗ maßen durch die Heiligkeit guter Wünſche zu ver⸗ beſſern. Ein alter Name und eine Erbſchaft, die Sie unter die begüterte hohe Ariſtokratie ſtellt, welche über die Intereſſen dieſes Landes eine ſo einflußreiche Herrſchaft ausübt, bieten Ihrem Ehr⸗ geize eine leichte und ehrenvolle Laufbahn dar. Möge es nicht lange währen, bis die Pfänder, die Sie uns im Privatleben gegeben, im öffent⸗ lichen Leben wieder ausgelöst werden, und bis die Talente, die bis jetzt nur Sie allein ſchmücken, zum Nutzen der Welt reifen. Wie viele find in dieſe Hoffnung eingeſchloſſen! Und indem ich wün⸗ ſche, daß Ihr Pfad zum Glück Anderer führen möge, habe ich Ihnen da nicht zugleich den evel⸗ ſten und kürzeſten Pfad zu Ihrem eigenen Glücke gewünſcht? In ſpäteren Jahren, wo das Werk, welches ich Ihnen widme, vielleicht von allen Anderen ver⸗ geſſen iſt, werden dieſe Zeilen für Sie das In⸗ tereſſe deſſelben friſch und lebendig erhalten. Auch werden Sie mich ſpäter als Menſch nicht weniger milde beurtheilen, weil ich als Autor mich auf Ihre Neigung berufe und Sie wegen vielfältiger Fehler und Mängel um Verzeihung gebeten. *** Einleitung. Scene: Ein glänzend möblirtes Ankleidezimmer— violette Vorhänge, Stühle und Ottomanen von derſelben Farbe. Zwei große Spiegel ſind zu beiden Seiten eines Tiſches aufgeſtellt, worauf ſich die prachtvollen Geräthe einer Toi⸗ lette befinden. Mehre Parfümerieflaſchen, nach eigenthüm⸗ licher Weiſe angeordnet, ſtehen auf einem kleineren Tiſche von Perlmutter; gegenüber befinden ſich Waſchgeräthe, zierlich aus getriebenem Silber gearbeitet. Eine Garderobe von eingelegter Arbeit befindet ſich zur Linken, die Thüren ſind halb offen und zeigen eine große Menge von Kleidern u. ſ. w.— Schuhe von ungewöhnlich kleiner Form nehmen die unteren Geſimſe ein. Der Garderobe gegenüber be⸗ findet ſich eine halbgeöffnete Thür, durch welche man einen Blick in ein Badezimmer thut. Flügelthüren im Hinter⸗ grunde. Der Autor tritt ein, ihm geht in unterwürfiger Stel⸗ lung ein franzöſiſcher Kammerdiener voran, der eine weiße ſeidene Jacke und eine ſchöngeſtickte Schürze von Kammer⸗ tuch trägt. Autor. So, Bedos, ich hoffe, es wird nicht ſehr lange währen, bis mir Ihr Herr das Vergnügen ſeiner Geſellſchaft ſchenken wird? Pedos(franzöſiſch). Nein, Monſieur, nein— mein Herr wird ſogleich hier ſein. Er ſagt, Sie werden zwei ſehr unterhaltende Bücher auf dem Toilettentiſche finden, doch hofft er, werben Sie kaum Zeit haben, die Titel zu leſen, ehe er bei Ihnen ſein wirb. (Bedos zieht einen Armſtuhl in die Nähe des Tiſches, in wel⸗ chen ſich der Autor zerſtreut wirft. Bedos geht ab.) Autor. Ja! Es verlangt mich, meinen Arger an dieſem Narren auszulaſſen, der mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Geſchicklichkeit alle ſeine Fehler, ſeine morali⸗ ſchen, ſo wie ſeine literariſchen auf mich geworfen hat! Nun gut, meine Zeit iſt da! Ich will mein perſönliches Daſein behaupten— ich will nicht län⸗ ger mit einem literariſchen Doppelgänger meine Exi⸗ ſtenz theilen— ich will die geſetzliche Trennung au⸗ kündigen und von jetzt an nur für meine eigenen Sünden verantwortlich ſein(die Uhr ſchlägt dreit)— ſo ſpät!— Es wunbert mich, daß er ſo lange aus⸗ bleibt; vielleicht bereitet er ſich vor, der Glut meines gerechten Unwillens zu begegnen. Hm! Was ſind das für Bücher, wovon dieſes Ding von Seide und Kammertuch ſprach?—(Er nimmt zwei Bücher. von dem Toilettentiſche.)—„Abhandlung über den menſchlichen Verſtand“— ſehr unterhaltend in der That! Was iſt das andere?—„Abhandlung über das menſch⸗ liche Haar.“ Pah!— Horch— ich höre Schritte — er iſts! (Die Flügelthüren im Hintergrunde werden geöffnet und man hört die Stimme eines Kommenden.) „Und, Bedos, Du fiehſt darauf, daß der große Folioband und die Eſſenzflaſche nicht vergeſſen wer⸗ den. Und überzeuge Dich, daß des Pudels Geſicht mit Roſenmilch gewaſchen werde— es iſt ſchmach⸗ eine Exi⸗ ung au⸗ eigenen ei)— ſo uge aus⸗ ut meines Vas ſind eide und r. von dem nſchlichen at! Was menſch⸗ Schritte man der große ſſen wer⸗ s Geſicht ſchmach⸗ 9 voll von Sommerſproſſen entſtellt, und ſchicke ober gehe lieber ſelber zu dem Manne bei Aſtleys und frage, ob man ihn nicht abrichten könne, einen Son⸗ nenſchirm zu tragen! Und, Bedos, beſorge, daß der Rheinwein zu Lord Guloſeton geſchickt werde; und ſage Herrn Bubletome, daß er mir den Lucian und jene Ausgabe von Riecardo mit Herrn M's hand⸗ ſchriftlichen Noten vieſen Abend um neun Uhr ſchicken müſſe, und frage Walters, was es heißen ſoll, daß man Wachskerzen im Pferdeſtall brennt? Ich will keinen ſo übertriebenen Lurus geſtatten: er ſoll fie ſogleich mit Wallrathskerzen vertauſchen. Und höre, Bedos, Du fängſt an fett zu werden, Du Schurke; wenn Du mir einen Gran Ochſenfleiſch iſſeſt, ſo jage ich Dich fort. Ein Kammerdiener iſt ein äthe⸗ riſches Weſen und darf ſich nur von Küchlein nähren!“ Dieſe Worte ſprechend, tritt Heinrich Pelham durch die Flügelthüren herein. Sein natürlich gelocktes Haar vom dunkelſten Kaſtanienbraun wallt nachläſſig um ein bleiches und etwas langes Geſicht. Griechiſche Züge, nußbraune Augen, ein außerordentlich hübſcher Mund, ein kleiner Schnurrbart, an dem allein die Sorgfalt der Toilette ſicht⸗ bar iſt; ein Ausdruck, der auf der Stirn Entſchloſſenheit, auf der Lippe und im Auge eine außerordentliche Gutmü⸗ thigkeit, mit Schlauheit gemiſcht, andeutet; eine hohe und ſchlanke Geſtalt, die nur an den Händen und Füßen, die faſt zu klein ſind, etwas Weibiſches verräth, und eine leichte, ruhige und ariſtokratiſche Miene vollenden die Beſchreibung des berühmten Abenteurers. Der gewöhnlichen Meinung, die man von ihm hegt, entgegen, iſt weder in ſeiner Klei⸗ dung, noch in ſeinem Weſen ein Zeichen von Seltſamkeit oder Affektation zu bemerken. In der erſteren würde der oberflächliche Beobachter eher keinen Fehler als eine Vor⸗ trefflichkeit entdecken, und es bleibt der Erfahrung des Ken⸗ ners vorbehalten, das tiefe Studium zu ſchätzen, wodurch allein jene Einfachheit konnte hervorgebracht werden. Pelham. Mein lieber Freund, ich bin entzückt, Sie zu ſehen— verzeihen Sie meinen Mangel an Pünktlichkeit! Der Autor(mit ſtrengem Blick). Ich wünſchte, Herr Pelham, daß an Ihrem Betragen ſonſt nichts zu ver⸗ zeihen wäre! Pelham(ſetzt ſich auf eine Ottomane). Was, zornig? — Iſt es möglich!— Oh, wie beneide ich Sie! Ihre Farbe— Ihre Augen funkeln!— Wie ſchön es Ihnen ſteht! Ich wollte, ich könnte ſelber von Zeit zu Zeit in Leidenſchaft gerathen. Es iſt in mei⸗ nem ganzen Leben mein Fluch geweſen, ſo außer⸗ ordentlich gutmüthig zu ſein!— Nichts bringt mich auf! Oh! der philoſophiſche Gleichmuth, den man den Sonnenſchein der Bruſt nennt, iſt der langwei⸗ ligſte Gemüthszuſtand, den man ſich nur denken kann; überdies— ein wenig Aufregung iſt ſo gut für die Geſichtsfarbe! In der nächſten Ingdzeit, wo ich über⸗ flüſſige Zeit genug haben werbe, beabſichtige ich Un⸗ terricht in der Kunſt zu nehmen, wie man zornig wird. Wollen Sie mein Lehrer ſein? Sie ſcheinen erträgliche Fortſchritte in dieſer Kunſt gemacht zu haben— nein, ich rede im Ernſt! Autor(mit ſtrafendem Ausvruck). Herr Pelham! Pelham(mit ſanftem Lächeln). Nun? Autor. Thun Sie mir den Gefallen und legen Sie eine Affektation ab, von der Jedermann ſagt, daß ſie Si ſtändi 1 vurch — G ſignirt Sie fügen es ke Sie 3 ausül werde Was den T mich Sie: einw ben, Nart den! habe laſſe Seer die( merk ſon duell ſolch nen, ich Sie! iſt in mei⸗ ſo außer⸗ ringt mich den man langwei⸗ en kann; ut für die ich über⸗ e ich Un⸗ in zornig e ſcheinen macht zu lham! ind legen ſagt, daß 11 ſie Sie entwürvigt, und verſuchen Sie, wie ein ver⸗ ſtändiger Mann zu reden. pelhum. Aber, mein lieber Herr, würde ich da⸗ vurch nicht einen unedlen Vortheil über Sie erlangen? —(Hier verändert er plötzlich ſein Weſen und ſetzt ſich mit re⸗ ſignirter Miene wieder auf die Ottomane.)— Doch fahren Sie fort; meine Wünſche ſollen ſich den Ihrigen fügen: der Philoſoph von Genf ſagt mit Recht, daß es keine Tugend ohne Aufopferung gibt— fahren Sie fort. Autor. Ich hoffe, daß Sie eine ſo erhabene Moral ausüben. Und nun, Herr, ſagen Sie mir, wie ich belohnt werden ſoll für Alles, was Sie mich gekoſtet haben? Was kann mich für die verleumderiſchen und beleidigen⸗ ben Beſchuldigungen entſchädigen, die Ihretwegen gegen mich vorgebracht worden find? Sagte ich nicht— hören Sie mich an, Herr Pelham— ſagte ich nicht, als ich einwilligte, Ihre verdammten Abenteuer zu beſchrei⸗ ben, zu mir ſelber:„Mein Held iſt ein entſetzlicher Narr— es paßt mir gerade ſo: ich habe etwas von den verſchiedenen Graden der Geſellſchaft geſehen; ich habe die Erfahrung nicht ohne Mühe erlangt und laſſe ſie auch nicht ohne Vortheil vorübergehen; die Seenen, die ich erlebte, will ich beſchreiben; über die Sitten, die ich beobachtete, will ich meine Be⸗ merkungen machen, aber nicht in eigener Per⸗ ſon. Die eigenthümliche Richtung meines indivi⸗ vuellen Geiſtes würde ſehr wenig geeignet ſein, eine ſolche Aufgabe mit Erfolg auszuführen; und Sce⸗ nen, die von der Oberfläche der Geſellſchaft geſchöpft 12 und nur durch außerordentliche Heiterkeit von ver Ab⸗ geſchmacktheit zu befreien find, würden durchaus ge⸗ ſchmacklos werden, wenn ſie die geringſte Färbung von einem Temperamente erhielten, dem, wie meine Freunde boshaft behaupten, nichts weniger eigen iſt als Heiterkeit. Fürs Erſte ſoll daher mein Held we⸗ nig mit dem Autor gemein haben; zweitens ſoll er im äußeren Temperamente für die ſchimmernden Ab⸗ wechſelungen des Lebens geeignet ſein, obgleich er hinreichende verborgene Beobachtungen beſitzt, um aus den Thorheiten, die er beobachtet und ſelbſt theilt, den Nutzen des Nachdenkens zu ziehen. Selbſt ſeine Fehler ſollen Unterhaltung gewähren, und ver⸗ möge derſelben kann er ohne die Formalität eines Lehrers Velehrung ertheilen. Weun die Philoſophie in die heiteren Gewänder eines anſcheinend unbekehrten Polemon gekleidet iſt, ſo mag ſie einige Zuhörer finden, die ſich mit Widerwillen von den ſtrengen Lehren eines anerkannten Fenokrates abwenden würden. Freilich werde ich bei den Laſtern und Tugenden dieſes Helden keine Veranlaſſung zur eigenen egviſtiſchen Verſchöne⸗ rung finden, aber über dieſen Punkt kann ich mich leicht tröſten. Ich habe nie gewünſcht, die Welt mit der Schilderung meines Charakters, ſo wie der Exeentri⸗ eität oder der Geheimniſſe deſſelben zu beglücken; auch würbde ich nie geneigt ſein, mich ſelber in der Perſon eines Romanhelden zu verkörpern oder darzuſtellen; doch bie Welt kann dies nicht wiſſen, und es iſt längſt ein ſehr beliebter Fehler der Kritik geworden, den Helden mit dem Antor zu verwechſeln und zu ver⸗ on ber Ab⸗ rchaus ge⸗ e Färbung wie meine r eigen iſt Held we⸗ ns ſoll er rnden Ab⸗ bgleich er eſitzt, um und ſelbſt en. Selbſt „und ver⸗ lität eines hiloſophie nbekehrten zrer finden, ehren eines Freilich ſes Helden Verſchöne⸗ mich leicht lt mit der Ereentri⸗ cken; auch er Perſon rzuſtellen; s iſt längſt den, den d zu ver⸗ 13 ſchmelzen. Iudeſſen, dieſe Verwirrung will ich ſorg⸗ fältig vermeiden— benn nie, von dem erſten Satze bis zum letzten, ſoll der Autor er⸗ ſcheinen.“ Herr Pelham, hielt ich mich nicht un⸗ beugſam an dieſen Eutſchluß? Drängte ich mich je auch nur in dem Vorgemache einer Vorrede oder in dem beſcheidenen und dunkeln Winkel einer Rand⸗ bemerkung auf? Deutete ich je an, daß ich nur auf einen Augenblick nicht in Ihrem Daſein verwi⸗ ckelt ſei— und gab ich nicht gänzlich mein Daſein auf? Und was iſt meine Belohnung geweſen, Herr Pelham, ich frage Sie, was? Haben nicht alle, Kritiker und Leſer, Lober und Tadler, mir einſtim⸗ mig Ihre Impertinenzen und Thorheiten aufgebür⸗ det? Haben ſie nicht mit dem Finger auf meine unglückliche Perſon gedeutet, wie auf die eines Mannes, der im Bade frühſtückt und die reinigenden Eigenſchaf⸗ ten der Windſorſeife meidet? Und bin ich nicht— ich, der ich im Verlauf Ihrer Abenteuer unſſchtbar, un⸗ hörbar— eine Null, ein Nichts geweſen bin— bin nicht ich, der ich mir ſo beſondere Mühe gab, mir das Vergnügen des unbedeutendſten, angenblicklichen Egoismus zu verſagen— für den vollendetſten aller Egviſten erklärt worden? Beantworten Sie mir das, Herr Pelham! Pelham. Haben Sie ausgeredet, mein lieber Herr? Nun erlauben Sie mir, auch ein Wort einfließen zu laſſen. Daß Sie für mich gehalten worden ſind, iſt leichter zu behaupten als zu beweiſen— hm! Und die Sie nur einmal geſehen und von mir geträumt 14 haben, würden ſich, ſchmeichle ich mir, balb von einem ſo ſchmählichen Irrthum überzeugen. Wenn Sie in⸗ veſſen ſpäter eine Verwechslung vermeiden wollen, vie, wie Sie richtig bemerken, ein allgemeiner Irr⸗ thum der Kritik iſt, ſo ſchildern Sie alle Ihre Helden ohne Fehler. Keine kritiſche Seele von der ganzen Klaſſe wird dann argwöhnen, daß Sie ſich ſelber ev⸗ piren. Sie fragen mich, welche Belohnung Sie dafür erhalten, daß Sie die Laſt meiner Fehler tragen? Mon Dieu! iſt denn die Ehre nichts! Bedenken Sie Ihre innere Befriedigung, daß Sie mir ähnlich ge⸗ halten werden! Indeſſen, mein Freund, wenden Ihre Tabler, gleich den Sprößlingen des Cadmus, alle ihre Wildheit an, einander ſelbſt zu zerſtören. Es gibt keinen Theil meiner Memviren, welchen ein Kritiker zum Tadel ausgewählt hat, den ein anderer, ohne Zweifel eben ſo verſtänviger, nicht als beſonders lobenswerth herausgehoben hat. Den Theil, welchen Einige für ven frivolſten erklären, erklären Andere für den tief⸗ ſten. Einer lobt die heitern Scenen und verurtheilt vie ernſten— ein Anderer lobt die ernſten und tadelt die heitern. Einer bittet Sie, das Tragiſche aufzu⸗ geben und verſpricht Ihnen herrliche Dinge, wenn Sie ſich auf das Komiſche legen wollten— ein An⸗ derer räth Ihnen, in Ihrem Leben nicht wieder zu ſcherzen, ſondern ſich allein„den aufregenden Leiden⸗ ſchaften und der Rührung des Herzens zu widmen.“ Kurz, Ihre Gegner gleichen dem Tiger und dem Krokodil, die den berühmten Münchhauſen angriffen: einer ſpringt dem andern in den Rachen. Ihr Tiger des d ergötz Dekla die D daß E einem Sie ſ reich reizen Perſo haupt die T ſelber von einem un Sie in⸗ en wollen, einer Irr⸗ hre Helden der ganzen ſelber ev⸗ Sie dafür rtragen denken Sie ähnlich ge⸗ enden Ihre , alle ihre Es gibt dritiker zum hne Zweifel obenswerth Einige für ür den tief⸗ verurtheilt und tadelt iſche aufzu⸗ nge, wenn — ein An⸗ twieder zu den Leiden⸗ u widmen.“ r und dem angriffen: Ihr Tiger 15 erwürgt Ihr Krokobil, Ihr Krokovil erſtickt Ihren Tiger— während Sie, mein Freund, geſund und nnverletzt bleiben, um den Zuſchauern Ihre Verbeu⸗ gung zu machen und ihre Glückwünſche zu Ihrer Ret⸗ tung empfangen. Auch iſt dies noch nicht alles: die ſchmeichelhafte Verwechslung, die Sie und mich zu einer Perſon macht, war unzertrennlich mit meinem Daſein verbunden, und Sie werden mir erlauben, einige von den ausgezeichneten Complimenten aufzu⸗ zählen, die Ihnen, ohne jenes Daſein, nicht würden zu Theil geworden ſein. Vermuthete nicht der Kri⸗ tiker im London Magazine, daß zwei Perſonen meine Abenteuer müßten geſchrieben haben, und daß kein einzelnes Individuum ſo viel Witz und Lebhaftigkeit wie ich beſitze(ich weiß nicht, ob dies genau die Worte des Kritikers ſind), mit der Leidenſchaft und dem Ernſt könne vereint haben, die in gewiſſen Stellen des dritten Bandes enthalten find und eine weniger ergötzliche und ſcherzhafte Geiſtesrichtung andeuten? Deklamirte nicht ein anderer Kritiker ganz offen gegen die Dummheit des Publikums, daß es nicht entbecke, daß Sie auch der Verfaſſer von„Vivian Grey“ ſind, einem Buche, welches bei allen ſeinen Fehlern, wie Sie ſelber eingeſtehen müſſen, außerordentlich geiſt⸗ reich iſt? Behauptete nicht die Morning Post in einer reizenden kleinen Anekdote, daß Sie keine geringere Perſon wären als der unſterbliche ude?— Und be⸗ haupteten nicht die franzöſiſchen Journaliſten, da Sie die Taſchendiebe ſo natürlich ſchilderten, könnten Sie ſelber nichts anders als ein Taſchendieb ſein? Autor(ſehr beſänftüg. Ich muß geſtehen, daß dies ſchmeichelhafte Umſtände ſind, Herr Pelham, doch— Pelham. Schmeichelhaft— ja, in der That! und fragen Sie mich jetzt noch, was Sie dafür ent⸗ ſchädigen ſoll, daß man Sie einiger zarten und an⸗ muthigen Stickereien für ſchuldig gehalten hat, die gelegentlich auf den reichen Sammt meines Charakters ſind gezeichnet worden? Sie entſchädigen!— Sagen Sie lieber, was ſoll mich vafür entſchädigen, daß ich auf immer gehalten werde für..2 Verzeihen Sie, mein Herr, ich kann meinen Satz nicht beenden! Autor. Nun gut, laſſen Sie uns nicht mehr über den Gegenſtand reden, beſonders da ich in der Vor⸗ rede, die ich der zweiten Ausgabe Ihrer Memviren vorzuſetzen genöthigt geweſen bin, und die ich leider bei der erſten ausgelaſſen, Sie bereits vor der ver⸗ leumderiſchen und mich vor der ſchmeichelhaften Zu⸗ muthung geſichert habe, und überdies hat es mir einen Stolz und ein Vergnügen gewährt, die mich für die kleinen Kränkungen entſchädigen, denen alle, welche ſchreiben, unterworfen find, zu finden, daß von Ei⸗ nigen, deren Lob beſſer iſt als ſelbſt der Ruf, mein Zweck, Ihren Abenteuern einen ſo leichten Ton mit⸗ zutheilen, weder unentdeckt, noch ungebilligt geblieben iſt. Als ich, ſowohl an Geiſt als an Jahren, noch etwas jünger war, hielt ich es für ſchöner, der Gei⸗ ſteskraft als der moraliſchen Nützlichkeit wegen gelobt zu werden. Jetzt iſt mein Ehrgeiz von verſchiedener Art, und ich möchte lieber, daß man von mir glaubte, ich ſei Andern von einigem Nutzen als nur eine glän⸗ zende Pl da wir ₰ erlauben neuen W Pelh nicht. halten, mich hie weſenhei uns nur beſten F Auf jede Werk vo ſchieden es von t von verſ det ſind. Autt tung, o eingeſtre eigen iſt worden, ſehr zwe Verſtoße werden n en, daß dies hm, doch— der That! edafür ent⸗ ten und an⸗ en hat, die s Charakters 1— Sagen igen, daß ich erzeihen Sie, beenden! ht mehr über in der Vor⸗ r Memviren die ich leider vor der ver⸗ helhaften Zu⸗ es mir einen mich für die alle, welche daß von Ei⸗ r Ruf, mein ten Ton mit⸗ ligt geblieben Jahren, noch ner, der Gei⸗ wegen gelobt erſchiedener nmir glaubte⸗ nur eine glän⸗ 17 zende Plage für mich ſelbſt. Und nun, Herr Pelham, da wir Ihre„Abenteuer“hinlänglich beſprochen haben, erlauben Sie mir, Sie zu fragen, was Sie von dem neuen Werke halten, welches ich der Welt übergebe? Pelhum. Nun, in der That, es mißfällt mir nicht. Ich denke, manche Leute werden es für beſſer halten, als Ihr letztes. Vielleicht aber werden fie mich hie und da ein wenig vermiſſen; denn die Ab⸗ weſenheit macht alles theuer, ſo daß Bekannte, die uns nur halb gefallen, wenn fie zugegen find, unſere beſten Freunde werden, wenn ſie ſich entfernt haben. Auf jeden Fall müſſen Sie das Publikum auf ein Werk vorbereiten, welches von Ihrem letzten ſehr ver⸗ ſchieden iſt, und deſſen Fehler und Verdbienſte(wenn es von den letzteren einige beſitzt) auf gleiche Weiſe von verſchiedenem Charakter und verſchieden verklei⸗ det find. Autor. Ja, ich geſtehe frei, daß bloße Unterhal⸗ tung, obgleich ich auch einige Ingredienzien davon eingeſtreut habe, nicht ſo durchgehends dieſen Bänden eigen iſt als denen, die durch Ihren Namen geehrt worden, und ein literariſcher Freund von mir hat mit ſehr zweideutiger Drohung angedeutet, obgleich„ver Verſtoßene“ wahrſcheinlich eben ſo ſehr verbreitet werden würde, wie„Pelham,“ ſo würde es doch nicht unter derſelben Klaſſe von Leſern geſchehen.(dier lächelt Herr Pelham bedeutungsvol.) Indeſſen wage ich zu hoffen, vaß ſelbſt den leichteren Leſern, ſo wie den geduldigeren und prüfenderen, für den größeren Ernſt des Styls eine viel tiefere und neuere Charakterzeich⸗ Bulwer, der Verſtoßene. I. 2 nung— Scenen von regerem Intereſſe und lebhaf⸗ terer Färbung— weniger oberflächlich ausgevrückte Gebanken— energiſchere Leidenſchaften— und ich venke(obgleich ich dies mit geringerer Zuverſicht ſage), wenn auch nicht eine größere, doch wenigſtens durchdringendere und fühlbarere moraliſche Tendenz Erſatz bieten werden, als mit dem Plan und Entwurf Ihrer Abenteuer verträglich geweſen wäre. pelham(gedehnt ſprechend). Bravo!— nichts gleicht einer beſcheidenen Wahl der Beiwörter!—„tiefere Charakterzeichnung,“„regeres Intereſſe und lebhaf⸗ tere Färbung,“„Gedanken,“„Leivenſchaften.“ Bravo, mein Freund! ich ſehe, Sie fangen an, mir nachzu⸗ ahmen und Ihren Eigendünkel abzuſchwören— alle meine Popularität rührt von meiner Verſchämtheit her! Aber da Sie mich um meine Meinung befragt haben, ſo will ich ſie Ihnen als ein Freund geben (Sie wiſſen nämlich, daß es die Pflicht eines eng⸗ liſchen Freundes iſt, ſo unangenehm als möglich zu ſein); es hängt, wie beim Würfelſpiel, ganz vom Zufall ab, ob Ihr Werk reuſſirt oder nicht. Ein Autor varf heutiges Tages an nichts weiter, als an ſeine Geſchichte denken! Sie reden von Charakter⸗ zeichnung: wie gehört die zur Geſchichte, mein lieber Herr? Leidenſchaft— die Geſchichte! Gedanken— die Geſchichte, die Geſchichte! Moraliſche Tendenz — die Geſchichte, die Geſchichte, die Geſchichte! Sie und Ihr Leſer ſtehen gerade in demſelben Verhältniß zu einander, wie ein gewiſſer Touriſt an den Seen und ſein Führer. Der Touriſt erkundigte ſich ſorg⸗ Beurthe ma's an Perſone nicht nu in der Sie bei Denken beurtheil wir dar Le Sag um die Kunſt de für die 2 wenn S und lebhaf⸗ ausgevrückte — und ich er Zuverſicht ch wenigſtens e moraliſche em Plan und eweſen wäre. nichts gleicht 1—„tiefere und lebhaf⸗ ten.“ Bravo, „mir nachzu⸗ ören— alle Verſchämtheit nung befragt Freund geben ht eines eng⸗ s möglich zu l, ganz vom nicht. Ein eite, a n Charakter⸗ , mein lieber Gedanken— liſche Tendenz eſchichte! Sie en Verhältniß an den Seen gte ſich ſorg⸗ 19 fältig, welches der beſte Condukteur ſei— zeigte vie größte Beſorgniß wegen dieſes Gegenſtandes— wollte um die Welt keinen mittelmäßigen annehmen— wählte endlich einen— ſetzte ihn auf den Bock— und ſagte dem Kutſcher, er ſolle ſeinen Anweiſungen gehorchen. um einem ſo wähleriſchen Herrn zu gefallen, hält der Führer jeden Augenblick an:„Mein Herr, beachten Sie dieſe Ausſicht— ſehen Sie, wie majeſtätiſch der See ſich windet— betrachten Sie jenen Wald— Sie erblicken jenen entfernten Hügel!“—„Ei, zum Teufel mit Euren Unterbrechungen!“ ruft der Rei⸗ ſende;„fahrt ſo ſchnell ihr könnt und weckt mich nicht eher, als bis wir wohlbehalten am Ziel unſerer Reiſe find!“ Ich denke, wenn Sie ſich der Kritik unſerer Tage erinnern, mein lieber Freund, müſſen Sie be⸗ merkt haben, wie ſehr es in der Mobe iſt, bei ver Beurtheilung eines Romanes die Ausdrücke des Dra⸗ ma's anzuwenden:„Entwurf, Entwicklung, handelnde Perſonen, Kataſtrophe.“ Dieſe Ausdrücke wendet man nicht nur metaphoriſch auf Sie an, ſondern ſie ſollen in der Wirklichkeit die Regeln bedeuten, nach denen Sie beurtheilt werden. Was kann richtiger ſein? Denken Sie nur, wenn wir jetzt den„Gil Blas⸗ zu beurtheilen hätten, welch ein hübſches Stück Arbeit wir daraus machen würden: wir würden bald Herrn Le Sage zum Olympie⸗ oder Adelphitheater ſchicken, um die dramatiſchen Entwürfe zu ſtudiren und die Kunſt der Compoſition zu lernen! Nun will ich Ihnen für die Zukunft ein bewundernswürdiges Recept geben, wenn Sie irgend etwas anderes als einen faſhionablen 20 Roman zu ſchreiben verſuchen ſollten. Der faſhionable Roman(iener intellektuelle Freigeiſt der Literatur) bedarf keiner Regeln. Er bricht auf die bewundernde Welt herein, gleich der geiſtreichen Lady Blarney in den verwirrten Kreis des Landpfarrers von Wake⸗ field, führt jede irdiſche Vollkommenheit in ſeinem Titel und trägt in ſeinen pöbelhaften Ausdrücken nur noch überzeugendere Beweiſe höherer Erziehung an ſich. Mein Reeept iſt daher werthlos für Schriften vieſer Art— aber für alle andern ein vortreffliches Mittel. Nehmen Sie es an, und Sie werden noch viel klüger ſein, als der es Ihnen verſchrieben hat; denn wenn gleich Heſiod ſagt, daß der, welcher An⸗ dern weiſe Rathſchläge ertheilt, der weiſeſte ber Men⸗ ſchen iſt, ſo ſtimme ich doch vollkommen mit Zeno in der Anſicht überein, daß der, welcher den Rath befolgt, noch weiſer iſt. Zuerſt erſfinden Sie Ihre Geſchichte— hereiten ſie vor— ſtutzen ſie zu einem Schauſpiel von drei Akten zurecht; dann ſpinnen Sie die Seenen zu Kapiteln aus und die Akte zu Bänden — in einem Wort, machen Sie Ihren Roman zu nichts weiter als zu einem langen Melodrama. Viel Geräuſch, ſchwarze Ringellocken, Gefecht, Mondlicht, ein ödes Moor, eine Ruine, zwei oder drei witzige Kerle aus der niedern Klaſſe, einen bezaubernden Schurken, der ſehr blaß iſt— kein Schurke hat Farbe — alles Dialog, und wenn es auch nur wäre;„Wie befinden Sie ſich?“ und„Ziemlich wohl;“ im letzten Akt wird wo möglich gefeuert, und Ihr Roman wird für höchſt intereſſant erklärt werden! Aber keine Epi⸗ ſoden, 1 phyſiſch haben d Aut aber ge Reflerir welches machen Pel rede ni dern vor eingeſtel eingefüh zu thun pelcher An⸗ e der Men⸗ mit Zeno den Rath Sie Ihre ie zu einem ſpinnen Sie zu Bänden Roman zu rama. Viel Monblicht, drei witzige ezaubernden e hat Farbe är„Wie “ im letzten Koman wird rkeine Epi⸗ 21 ſoden, mein Freund— keine Reflexionen— kein meta⸗ phyſiſches Uhrwerk der Charaktere. Was zum Henker haben die mit einem Melodrama zu thun? Autor(mit der Miene eines Autors.)— Gut, gut; aber gewiß habe ich Aufregung genug, ſo wie auch Reflerion, Plan und Epiſode, in dem Werke, auf welches Sie mit Ihren Bemerkungen einen Angriff machen wollen? pelham. Angriff, mein Freund? keineswegs. Ich rede nicht von dem Verbienſte Ihres Buches, ſon⸗ dern von der Popularität deſſelben. Nun müſſen Sie eingeſtehen, daß viele von den Charakteren, die Sie eingeführt haben, nicht mehr mit Ihrer Kataſtrophe zu thun haben, als Veilchen mit Windſorſeife; doch Sie haben ſich ſo viel Mühe mit ihnen gegeben, als wenn es der Fall wäre— eine ſehr thörichte Zeit⸗ verſchwendung, ſowohl für Sie als für den Leſer. Sie haben ein ganz hübſches Geheimniß angewenbet, aher alle Charaktere, vie Sie eingeführt haben, hätten zur Löſung dieſes Geheimniſſes beitragen und alle in der letzten Scene auf die Bühne kommen ſollen, wie es im Luftſpiel geſchieht; weil der Roman eine Schilderung des Lebens iſt und Jeder zugeben wird, daß kein auffallendes Ereigniß, ſo wie es einen Roman enden würde, ihm je begegnet, ohne daß alle Leute, die ihm zu irgend einer Zeit ſeines Lebens vorkommen, darin verwickelt find. Das iſt Natur, mein lieber Herr; Natur, Größe und Einfachheit, wie ſie uns die beſten Muſter zeigen. Erlauben Sie mir jetzt, Ihnen zur Buße einen gewiſſen Fehler 22 anzudeuten: Sie haben verſucht— zunächſt nach dem Schickſal des Helden ſelber—— das größte Inter⸗ eſſe in Ihrem Werke einem tugendhaften Charakter zu verleihen, dem Sie wenige Fehler und noch we⸗ niger Schwächen beigelegt haben— ein Verſuch, der gewiß mißlingen mußte; die Menſchen vergeben denen nie, an denen nichts zu verzeihen iſt.(Hier ſtrect Pel⸗ ham ſein rechtes Bein aus und ſieht in den Spiegel.) Wäh⸗ rend im Gegentheil Ihr Böſewicht, den Sie, in Folge aller orthodoren Regeln, zu der ergötzlichſten Perſon im ganzen Buche hätten machen ſollen, durch⸗ aus nicht einnehmend iſt. Und dies noch dazu, un⸗ geachtet aller ſchimmernden Eigenſchaften, die ge⸗ wöhnlich an Schurken verſchwendet werden— obgleich Sie ihm Heiterkeit, Witz. Talent, Hingebung für das ſchöne Geſchlecht, moraliſche Kühnheit und ſelbſt perſönliche Schönheit zuſchreiben. Autor(ſehr ſelbſtgefülig.) Ja, darauf thue ich mir viel zu Gute! Pelhum. Thun Sie das wirklich? Vincent würde Ihnen dann ein Motto liefern: „— Valui poenas fortis in ipsa meas.“ Indeſſen eine gute Meinung von ſich ſelber iſt gleich Biſchof Berkley's Syſtem, und da bedarf man der übrigen Welt nicht. Sie werden wenigſtens zugeſtehen, daß, wenn Ihr Böſewicht Verzeihung erhält, Ihr tugendhafter Mann durchaus nicht zu entſchuldigen iſt? Autor. Nein, ich kann mich nicht ſelbſt ver⸗ urtheilen— Sie ſind der Ankläger, ich muß mich vertheidigen; mag der Leſer der Richter ſein. Ich für mein nach der nicht we die Lieb ſo göttl unſeren blicklich nehmen daß, wi liegt, es Intereſſ Charakte als verb alters m Charakter rſuch, der dazu, un⸗ n, die ge⸗ — obgleich gebung für t und ſelbſt thue ich mir nrent würde as. er iſt gleich ef man der s zugeſtehen, rhält, Ihr uldigen iſt? ſelbſt ver⸗ chmuß mich r ſein. Ich 23 für meinen Theil glaube, wenn wir auß gleiche Weiſe nach der Natur zeichnen, ſo können wir die Tugend nicht weniger anziehend machen als den Ruhm over die Liebe; denn ich halte mit Plato,„daß ſie eine ſo göttliche Schönheit an ſich hat, daß, wenn ſie unſeren Augen körperlich vorgeſtellt würde, ſie augen⸗ blicklich die Verehrung unſerer Seelen in Anſpruch nehmen müßte.“ Und wie kann ich denn glauben, daß, wo ſo viel Liebenswürdigkeit in dem Original liegt, es unmöglich ſein ſollte, der Copie irgend ein Intereſſe mitzutheilen? Noch ein Wort über den Charakter, deſſen Sie erwähnen. Es ſcheint mir, als verbände ſich ein literariſcher Irrthum des Zeit⸗ alters mit den romantiſchen und ſentimentalen Ge⸗ fühlen, die uns intereſſiren und beſchäſtigen, ein miſanthropiſcher und verachtungsvoller Geiſt— als ob ſie von Natur und durch Nothwendigkeit verbun⸗ den ſeien. Mit dieſem Irrthum der Bildung des Charakters, wovon wir reden, habe ich mich zu be⸗ gnügen verſucht. Ich habe Algernon Mordaunt alle die Geſühle zugeſchrieben, die man gewöhnlich den Miſanthropen beilegt: Stolz, Zurückhaltung, Ungeſel⸗ ligkeit, ein Temperament, welches ſich leidenſchaftlich der Einſamkeit hingibt, und unfähig wegen ſeiner Ro⸗ mantik, ſeiner Verfeinerung, ſeiner Melancholie, ſich leicht in den Umgang mit Andern zu fügen. Zu dieſen Charaktereigenthümlichkeiten(die ich, was ich beſonders anführen zu müſſen glaube, nicht als Zierden, ſon⸗ dern als Flecken betrachte) kamen die Eigenthümlich⸗ keiten der Umſtände, welche berechnet ſind, ſie noch ſchärfer auszuprägen und das Individuum von ſeinen Speeies durch die Schranken zu trennen, womit ſich das Mißgeſchick ſo gern umgibt. Doch ich habe dieſen Mann nicht nur als einen warmen und allgemeinen Philanthropen geſchildert, ſondern an ſeiner Perſon zu zeigen verſucht, wie weit durch Wohlwollen, in der weiteſten und edelſten Bedentung des Wortes, der Irrthum ſelber zur Tugend erhoben und die Ver⸗ ſuchung in einen Triumph verwandelt werden kann. Und wenn mir dieſer Verſuch nicht fehlgeſchlagen iſt, wage ich zu glauben, daß ich aus etwas abgenutzten Materialien einen Charakter gebildet habe, der an ſich faſt neu iſt. Die Moral iſt übrigens eine ſehr ſchwie⸗ rige und vielfach angefochtene Wiſſenſchaft— obgleich jeder Schriftſteller, der nie eine Zeile darüber geleſen, und auch in der That nicht viele Zeilen über irgend ſonſt etwas, ſich mit faſt unglaublicher Selbſttäuſchung einbildet, daß nichts ſo leicht zu verſtehen und zu lehren iſt; daher bekenne ich mit Furcht und Miß⸗ trauen nach einem langen und angeſtrengten Studium der erſten Grundſätze dieſer Wiſſenſchaft, zu denken, daß ich ein kleines Theilchen davon weiß. Aber wenn eine ſchwierige Wiſſenſchaft, ſo iſt die Moral wenigſtens eine, worin die verſchiedenen Regeln und Wahrheiten unzertrennlich mit einander verbunden find, und ein Schriftſteller kann kein Buch ſchreiben, welches eine einzige richtige und wahre Moral ent⸗ hält, ohne viele zu enthalten. Ich will dem urtheils⸗ fähigen Leſer überlaſſen, die verſchtedenen Zwecke zu entvecken, die dieſes Werk verfolgen ſoll; doch nach dem, was anmaßend daß es m mich nur gleichſam v läßt, auf oft klare wird, die feres Auge aus einer mernden unſichtbar der Ebene Pelha zu verbergen Freund, d ſtimme ich Ihre Verſ Mißtrauer an dieſen durch den ſentimenta kann man in der Hi Leute Ihr wartung i werden ſie ungeleſen tung vorb⸗ bloß dazu 25 von ſeinen dem, was ich eben geſagt, würde es im höchſten Grade womit ſich anmaßend ſein, nicht den größten Zweifel zu hegen, habe dieſen daß es mir im geringſten gelungen ſei. Ich tröſte allgemeinen mich nur mit dem Glauben, daß der, welcher ſich iner Perſon gleichſam von dem gewöhnlichen Selbſtvertrauen herab⸗ lwollen, in läßt, auf deſſen Höhe die Wiſſenſchaft geprüft wird, Wortes, der voft klare Dinge am Himmel der Wahrheit entdecken die Ver⸗ wird, die von einer größeren Höhe ſelbſt ein ſchär⸗ erden kann. feres Auge nicht möchte entbecken können, ſo wie man eſchlagen iſt, aus einer tiefen Grube ſelbſt um Mittag die ſchim⸗ abgenutzten mernden und ſtillen Sterne bemerken kann, welche „der an ſich unſichtbar für die ſind, welche auf der Höhe oder auf ſehr ſchwie⸗ der Ebene ſtehen. — obgleich Pelham(ſich abwendend, um ein unwillkürliches Gähnen iber geleſen, zu verbergen). Alles dies iſt ſehr ſchön, mein lieber über irgend Freund, varan zweifle ich nicht, und in der That bſttäuſchung ſtimme ich vollkommen darin mit Ihnen überein, daß hen d ee Ihre Verſuche paſſend find, und noch mehr in Ihrem n Miß⸗ Mißtrauen gegen Ihre Erfolge. Aber in Wahrheit, en Studium an dieſen langen Abenden, wo die Geiſtesfähigkeiten zu denken, durch den Froſt geſchärft und die Lebensgeiſter auf weiß. Aber ſentimentale Weiſe durch die Nebel gedämpft werden, die Moral kann man ſelbſt ein langweiligeres Buch leſen, als Regeln und in der Hitze der Saiſon geſchehen könnte. Wenn die verbunden Leute Ihr gegenwärtiges Werk mit der feſten Er⸗ ch ſchreiben, wartung öffnen, es gleich dem letzten zu finden, ſo Moral ent⸗ werden ſie ſich getäuſcht ſehen und das Buch vielleicht em urtheils⸗ ungeleſen laſſen; aber wenn ſie, durch dieſe Einlei⸗ n Zwecke zu tung vorbereitet, ſich entſchließen, zu leſen, was nicht doch nach bloß dazu da iſt, zu unterhalten— wenn ſie ein⸗ 26 willigen, auf dem Wege ver Erzählung mit nüchter⸗ nem, ruhigem Schritte fortzugehen und von Zeit zu Zeit einen langweiligen Gefährten zu dulden, wegen einer ſchöneren Ausſicht, als ihre Reiſe mit mir ge⸗ währte— wenn ſie im Verlauf einer wechſelnden Tour, nachdem ſie eine Stunde im Theater zuge⸗ bracht, einen Augenblick bei dem Vorleſer verweilen, werden fie vielleicht mit weniger Ermüdung ans Ende ihrer Reiſe kommen, als dieſer Beginn andeuten möchte, und um ohne Bild zu reden, wenn Ihr Leſer Ihr Buch beendet, wird er wenigſtens anzuerkennen geneigt ſein, daß, wenn Sie gleich behaupten, keine Beleh⸗ rungen einſtreuen zu wollen, Sie doch unendlich viel unterhaltender hätten ſein können; doch da Sie be⸗ ſchloſſen haben, ein wenig philoſophiſch und mora⸗ liſch zu ſein, hätten Sie ſehr leicht, ohne darum im geringſten erbaulicher zu ſein, noch etwas langwei⸗ liger ſein können. Aber ein Wort mit Ihnen, mein Freund— obgleich dieſes Werk vielleicht in der Ge⸗ ſellſchaft aus dem ſehr achtbaren und ehrenvollen Ge⸗ ſichtspunkte eines Privatlehrers wird angeſehen werden, der uns nicht mehr langweilt, als er es vermeiden kann, ſo müſſen Sie doch bedenken, daß es gleich allen Privatlehrern zur Einſamkeit und zum Cölibat verurtheilt ſein muß; es kann ſein Bild nicht ver⸗ vielfachen und gleich Hobſons Geldbeutel der frucht⸗ bare Vater von Hunderten ſein. Indeſſen weiß ich, daß es nutzlos ſein wird, Sie in dieſer Hinſicht zu warnen; auch kann ſich Niemand vernünftigerweiſe einbilden, daß Sie uns Wiederholungen von dem „Verſtoßen paſſend er copiren u holungen Autor. nächſtes V ſein als d ich ſelber e leichterer mit den dem„Ver in irgend etwas zu ſtens men faſſer als eine Reiſe Seen der Pelha Sie das ſehr Verſ wenn wir — ſelbſt gütiger, Leichtes b auch nich wenn Sie wird ſie Ihrem 6 ſchmeichel Conti, u zmit nüchter⸗ d von Zeit zu dulden, wegen e mit mir ge⸗ e wechſelnden Theater zuge⸗ eſer verweilen, ung ans Ende euten möchte, Ihr Leſer Ihr kennen geneigt „keine Beleh⸗ unendlich viel ch da Sie be⸗ ch und mora⸗ ne am im was langwei⸗ Ihnen, mein ht in der Ge⸗ renen Ge⸗ eſehen werden, es vermeiden daß es gleich m Cölibat ild nicht er⸗ tel der frucht⸗ ſſen weiß ich, er Hinſicht zu nünftigerweiſe gen von dem 27 „Verſtoßenen“ geben werden, da Sie es nicht für paſſend erachtet haben, ein viel ſchöneres Original zu copiren und die erwartende Welt mit den Wieder⸗ holungen von Heinrich Pelham zu beglücken. Autor. Wenn ich je wieder ſchreibe, ſo ſoll mein nächſtes Buch von dem gegenwärtigen ebenſo verſchieden ſein als das gegenwärtige von dem letzten, und wenn ich ſelber etwas vermag, ſo ſoll es alle Unterhaltung leichterer Art, die Ihre Abenteuer gewähren mögen, mit den Intereſſen höherer Art vereinen, die ſich in dem„Verſtoßenen“ finden mögen. Und wenn der Leſer in irgend einem Werke findet, daß ihm ein Fehler etwas zu hell in die Augen ſpringt, ſo mag er wenig⸗ ſtens menſchenfreundlich glauben, daß er dem Ver⸗ faſſer als Leuchtthurm dienen wird, ſollte er je noch eine Reiſe durch die gefahrvollen, aber angenehmen Seen der Dichtung unternehmen. pelham. Hm! Und nun mein Freund, nachdem Sie das Publikum auf etwas von meinen Abenteuern ſehr Verſchiedenes vorbereitet haben, wie wäre es, wenn wir ſogleich zu dem Urtheil ſchritten. Die Welt — ſelbſt die Welt der Romanleſer— iſt weiſer und gütiger, als wir denken; wenn ſie zuweilen etwas Leichtes bekommen kann, ſo wird ſie von Zelt zu Zeit auch nicht abgeneigt ſein, etwas Ernſtes zu finden; wenn Sie eine Weiſe für ihren Geſchmack ſorgen, ſo wird ſie ſich zu einer andern Zeit auch ein wenig nach Ihrem Geſchmacke richten. Und um nicht länger zu ſchmeicheln, gleicht ſie den Pferden des Prinzen von Conti, und ſie muß nicht ſowohl mit dem zufrieden 28 ſein, was ihr ſchmeckt, als mit dem, was ſie be⸗ kommen kann. Autor. Den Pferden des Prinzen von Conti! Pelham. Sie hahen die Anekdote noch nicht gehört! Ich will ſie Ihnen erzählen. Der Prinz von Cont war in Geldverlegenheit— wollte der Himmel, daß Geldverlegenheit ſich allein auf die Prinzen von Conit beſchränkte!— die Leute wollten ihm nicht mehr kre⸗ ditiren. Eines Morgens kam der Kutſcher zu Seinet Durchlaucht— „Die Pferde bedürfen Heu und Hafer, gnädigſter Herr!“ „So gib ihnen Heu und Hafer,“ ſagte der Prinz, „Aber der Pächter und der Kornhändler weigern ſich, uns mehr zu liefern, ehe die Rechnungen be⸗ zahlt find.“ „Ah, das ändert die Sache!“ ſagte der Prin ſehr gefühlvoll. „Aber Durchlaucht, was ſoll man den Pferben geben?“ „Geben!— Rufe meinen Haushofmeiſter.“ Der Haushofmeiſter erſcheint. „Die Schurken von Kornhändler und Pächter ver⸗ weigern uns alſo den Kredit?“ ſagte der Prinz. „Ja, gnädigſter Herr.“ „GHm! Wer gibt uns denn Kredit?“ „Niemand, Durchlaucht.“ „Niemand?“ „Ja— jetzt fällt mir ein, gnädigſter Herr, der Paſtetenbäcker.“ „Ein eh tern!“ rief abgemacht Eierkäſe Mein l Herr iſt de mehr Heu Einleitung kuchen und 29 icher Kerl— wir müſſen ihn aufmun⸗ Rtiſcher Drie von Conti; abgemacht— gib den Pferden Käſekuchen und 3 14 ur e Publikum, ihr ſeid die Pferde, dieſer Herr iſt der Prinz von Conti, und da er euch nicht Himmel, daß mehr Heu und Hafer geben kann, ſo hat er in eſ 3 Einleitung verſucht, euch zu überreden, daß 3 kuchen und Eierkäſe eine viel beſſere Speiſe für euch iſt! er, gnädigſter echnungen he⸗ te der Prin en Pferben fmeifſer.⸗ Pächter ver⸗ er Prinz. 4 er Herr, der Porrede zur zweiten Auflage. Man hat einige Einwürfe gegen ben„Verſtoßenen“ gemacht, die ich hier zu erwähnen Gelegenheit finde, Bei der Beurtheilung eines Werkes iſt die Kritik in Allgemeinen verbunden, zuerſt des Verfaſſers Abſicht zu berückſichtigen, und wenn die Abſicht im Ganzen gut iſt, jene Fehler nicht zu ſtrenge zu beurtheilen, von welchen es ſeiner Natur nach ſchwerlich frei ſein kann. Meine Abſicht, als ich dieſes Buch ſchrieb, war, nicht bloß eine Reihe von Begebenheiten in der Ge⸗ ſchichte eines oder des anderen Individuums ausführlich zu erzählen— ſondern gewiſſe Charaktereigenthüm⸗ lichkeiten zu perſonifieiren, die auf die Handlungs⸗ weiſe Einfluß haben und in der Eitelkeit, im Ehr⸗ geiz, im Stolz, in der Selbſtſucht, in der Philan⸗ thropie, in der Sinnlichkeit— in dem Streben nach geiſtigen Freuden, auf den dunklen und krummen Wegen des Laſters, welches Unwiſſenheit iſt— auf dem breiten Pfade der Tugend, welche Weisheit iſt— den ver⸗ ſchiedenen Kanälen nachzuſpüren, in welche die groß⸗ artigen Grundſätze der menſchlichen Handlungsweiſe ihre geheimnißvolle, aber unaufhörliche Flut ergießen. Dieſer Plan iſt zuweilen in der Handlung, zuweilen in der Reflerion dargeſtellt, und er iſt mehr oder weniger ver ver Charak gehen(der bern eigen des Individ derung jene Schatten zu und Blut, telnde Maſ Ich ha theils weil am beſten thümlich u theils weil nachrichtige Charaktere dieſen Bänt ten hat. Gegen neben eina mane, bis verfeinertet menſchliche anderen wi mir indeß beiden Plä mehr als Entfernun Wie weit hatte, mal kuflage. die Kritik im faſſers Abſicht ht im Ganzen u beurtheilen, erlich frei ſein ſchrieh, war, en in der Ge⸗ ms ausführlich ktereigenthüm⸗ e Handlungs⸗ eit, im Ehr⸗ n der Philan⸗ Streben nach ummen Wegen uf dem breiten — den ver⸗ elche die groß⸗ andlungsweiſe Flut ergießen. ing, zuweilen ſt mehr oder 31 weniger verſchleiert im Verhältniß zu der Wichtigkeit der Charaktere und ber Gefahr, den Irrthum zu be⸗ gehen(der den meiſten metaphyſiſchen Romanſchrei⸗ bern eigen iſt), die menſchlichen und phyſiſchen Züge des Individuums durch zu ſehr ausgearbeitete Schil⸗ derung jener unmaterielleren und geiſtigeren Züge in Schatten zu ſtellen und ſo nicht Geſchöpfe von Fleiſch und Blut, ſondern denkende Automaten und vernünf⸗ telnde Maſchinen zu ſchaffen. Ich habe dieſe Erklärung für nöthig gehalten, theils weil ich durch die Angabe meiner Abſicht mich am beſten von den Einwürfen gegen einen mir irr⸗ thümlich untergeſchobenen Plan befreien konnte— theils weil es mir gerathen ſcheint, den Leſer zu be⸗ nachrichtigen, daß er mehr von der Entwicklung der Charaktere als von dem Verlaufe der Geſchichte in dieſen Bänden Intereſſe und Unterhaltung zu erwar⸗ ten hat. Gegen die beſtimmte Trennung zwiſchen den beiden, neben einander fortlaufenden Plänen in dieſem Ro⸗ mane, bis der Held des einen, vermöge einer der verfeinerten und faſt unmerklichen Zufälligkeiten des menſchlichen Lebens, die Urſache der Kataſtrophe der anderen wird, iſt viel eingewendet worden. Es ſchienen mir indeß in der Auffſtellung und Trennung dieſer beiden Pläne Vortheile zu liegen, welche die Einwürfe mehr als aufhoben und durch ihre Nützlichkeit für die Entfernung von der gewohnten Sitte entſchädigten. Wie weit ich in meinem Uurtheil Recht oder Unrecht hatte, mag der Leſer, nach Anhören meines Grundes, 32 entſcheiden. In der Schilderung der menſchlichen Natur, welche dieſe Bände enthalten ſollen, glaubte ich, würde es intereſſant und neu ſein, zwei geſonderte Abthei⸗ lungen zu machen; die eine iſt die menſchliche Natur, wie wir ſie im gewöhnlichen Leben ſehen, die ander⸗ die menſchliche Natur in ihren ſelteneren Attributen und in einer höheren Sphäre. Die Erklärung jeder dieſer Abtheilungen iſt der Urſprung der beiden Pläne, Clarenee Linden iſt der Held des einen, Algernon Mordaunt der des andern. Die Charaktere, mit denen jeder dieſer Helben zuſammentrifft, find größtentheil⸗ mit ihm in übereinſtimmung; jene Perſonen zun Beiſpiel, mit denen die Ereigniſſe in Lindens Leben in Verbindung ſtehen, ſind hauptſächlich von der Form, wovon die Natur häufig Gebrauch macht.“ Die Weni⸗ gen, die in Mordaunts Geſchichte fich als vorragent zeigen, find von weniger gemeinem Stoffe. Wenn ich nun Recht hatte, es der Mühe werth zu halten, dat große Panorama des Lebens aus dieſen beiden Ge⸗ ſichtspunkten darzuſtellen, ſo iſt es klar, daß die beiden Pläne, vermöge welcher es ſo dargeſtellt iſt, nicht näher konnten verbunden werden, als ſie es ſind * Es iſt wahr, daß einige von den Charakteren, die fü Lindens Abenteuer paſſen, ungewöhnlich ſind, wie Talbot, Cole Warner; aber ſie ſind es vermöge der Vereinigung gewiſſe Eigenſchaſten, nicht durch die Eigenſchaften ſelber, welche allge⸗ mein und mittelmäßig ſind. Im Gegentheil ſind die beiden Cha⸗ raktere, die beſonders mit Mordaunt in Berührung gebrach werden(Crauford und Wolfe), aus Eigenſchaften gebildet, di vermöge ihrer Extreme ſelten werden. Wenn die Weſen der frü⸗ heren Geſchichte excentriſch ſind, ſo ſind ſie es in einem anden und viel weniger erhabenen Maßſtabe als die der letzteren⸗ Wären ſie ſo wären ſie entwo ders dari trennt zu auch der W mochte, ſehr Klaſſe von V ſein würde, gezeigt. Ich lung zuweile dies geſchehe und die Ver barerer Zwec ber Fall war, wenn auch i nicht lieber ob Johnſon die Dichtkun tragen werb Andern zur 2 verſchjedene alles Vergni Einen a ich unbeantr ſelben zugeſt Bulwer, ichen Natur, eich, würde erte Abthei⸗ liche Natur, „die andere Attributen e, mit denen größtentheilz erſonen zum indens Leben on der Form, *Die Weni⸗ ls vorragenb ffe. Wenn ich halten, das beiden Ge⸗ aß die beiden ellt iſt, nicht ſie es find akteren, die für ie Talbot, Colh gung gewiſſer r, welche allge⸗ die beiden Cha⸗ ihrung gebrach en gebildet, di Weſen der frü⸗ neinem anden er letzteren. Wären ſie zu einer einzigen Geſchichte verſchmolzen, ſo wäre nicht nur der ganze Zweck, weßhalb ſie entworfen wurden, und welcher beſon⸗ ders darin beſtand, ſie von einauder ge⸗ trennt zu halten, gänzlich aufgehoben, ſondern auch der Werth, den die Charakterzeichnung befitzen mochte, ſehr verringert worden, und während eine Klaſſe von Weſen geſchranbt und unnatürlich erſchienen ſein würde, hätte ſich die andere fade und gewöhnlich gezeigt. Ich geſtehe zu, daß das Intereſſe der Erzäh⸗ lung zuweilen geſtört wird, und ich ſah vorher, vaß dies geſchehen würde. Aber ſelbſt wenn der Fortſchritt und die Verwicklung einer Erzählung mein unmittel⸗ barerer Zweck geweſen wäre, als es in dieſem Werke der Fall war, dürfte ich nicht fragen, ob Unterbrechung, wenn auch in den intereſſanteſten Theilen des Romans, nicht lieber geſucht als vermieden werden ſollte? und ob Johnſon nicht Recht hat, wenn er ſagt: Die durch die Dichtkunſt erregte Aufmerkſamkeit könne leicht über⸗ tragen werden— was den Einen ſtöre, gereiche dem Andern zur Beruhigung— verſchiedene Zuhörer hätten verſchjedene Gewohnheiten— und im Ganzen beſtehe alles Vergnügen in der Abwechslung. Einen andern Einwurf gegen dieſe Bände muß ich unbeantwortet laſſen, weil ich die Richtigkeit deſ⸗ ſelben zugeſtehe; dieſer Einwurf betrifft das zu häu⸗ fige Vorkommen ernſter Bemerkungen. Doch hätte man„Pelham“ weniger leicht betrachtet, ſo würde man den„Verſtoßenen“ vielleicht nicht ſo ernſt ge⸗ funden haben; denn die Reflexionen machen doch immer Bulwer, der Verſtoßene. I. 3 34 nur einen kleinen Theil des Buches aus, und wäh⸗ rend für die, welchen die Reflerionen nicht langweilig ſind, jener Theil das Anziehende weniger abgedro⸗ ſchener Gedanken hat, als in Werken der Dichtung gewöhnlich vorkommen, bin ich nicht gewiß, daß die Müßigen von einer größeren Zahl von Seiten gelang⸗ weilt werden, als in allen Büchern, die ſie zu durch⸗ blättern gewohnt ſind. übrigens ſind viele Fehler in dem„Verſtoßenen,“ die mir erſt nach dem Drucke noch deutlicher vor Augen getreten ſind— einige unzertrennlich von der Unerfahrenheit, einige von der Anhänglichkeit an einen Plan, den ich vielleicht zu ſehr habe vorherrſchen laſſen. Vielleicht bin ich unfähig geweſen, dieſe Fehler in dem gegenwärtigen Buche zu vermeiden; ich will hoffen, daß ich in einem andern dafür Erſatz leiſte Inzwiſchen tröſte ich mich mit dem Glauben, daß, wenn es auch zuweilen wahr iſt, daß wir durch die Thor⸗ heiten Anderer Weisheit lernen, unſere eigenen Irt⸗ thümer doch noch viel öfter die beſten Führer zun künftigen Glück und unſere eigenen Fehler die ſicher⸗ ſten Quellen find, aus denen eine vernünftige Hoff nung auf unſern endlichen Erfolg herfließt. London, im Dezember 1824. Es w tages im gegangen, die großer eines jene lagen. H regelmäßig lagen grof kraut und teren Zwiſ ren, aus vordrang- nach ihrer Spielen e und dunkl luftigen C und kein wegung d Wälder ur Das er von den lei „ und wäh⸗ t langweilig e agedr⸗ e Dichtung viß, daß die eiten gelang⸗ ſie zu durch⸗ gerſtoßenen,“ eutlicher vor nlich von der hkeit an einen vorherrſchen „dieſe Fehlet den; ich will Erſatz leiſte. en, daß, wenn rch die Thor⸗ eigenen Irt⸗ Führer zun Mler die ſicher⸗ nünftige Hoff ließt. Erſtes Kapitel. Hört die Geſchichte, die ich Euch erzähle. G. Knight. Es war am Abend eines ſanften, warmen Mai⸗ tages im Jahre 17**. Die Sonne war ſchon unter⸗ gegangen, und die Dämmerung verbreitete ſich über die großen, flillen Waldmaſſen, die zu beiden Seiten eines jener in England ſo gewöhnlichen Baumgänge lagen. Hie und da trat der Umriß der Bäume un⸗ regelmäßig von dem Wege zurück, und dazwiſchen lagen große Strecken unbebautes Land, die mit Farn⸗ kraut und den gelben Blüten des Ginſter und in wei⸗ teren Zwiſchenräumen mit dichten Binſen bedeckt wa⸗ ren, aus denen das leiſe Geſumme der Mücken her⸗ vordrang— die ſich am Abend beluſtigen und ſich nach ihrer gewohnten Weiſe bei ihren unbekannten Spielen erheben und ſenken— bis, bei den dunkler und dunkler werdenden Schatten, ihre dünnen und luftigen Geſtalten nicht mehr zu unterſcheiden waren, und kein einziges Zeichen des Lebens oder der Be⸗ wegung die ſtumme Einförmigkeit der umgebenden Wälder unterbrach. Das erſte Geräuſch, welches die Stille ſtörte, kam von den leichten und raſchen Fußtritten eines Menſchen, 36 veſſen Jngend ſich in ſeinem elaſtiſchen und unge⸗ meſſenen Schritte und in dem heiteren und freien Geſange verrieth, der oft und plötzlich die liebliche Stille des Abends unterbrach. In der Wahl dieſes Abendliedes lag eher etwas, was auf ppetiſchen Geſchmack, als auf muſikaliſche Wiſſenſchaft deutete, denn es begann ſtets mit den Worten: „Gar luſtig iſt's im guten grünen Wald,“ und ging nie eine Silbe weiter als bis zum Ende der zweiten Zeile: „Wenn Vögel munter pfeifen;“ und nach dem letzten Worte, wo eine kurze Pauſe eintrat, ging er unabänderlich zu einer luſtigen Wie⸗ derholung über. Gleich darauf hörte man im Hintergrunde einen ſchwererern, aber noch raſcheren Schritt, als den des Jünglings, und als dieſer den Letzteren einholte, ſprach eine laute, klare und gutwüthige Stimme die Abendbegrüßung aus. Der Ton, in dem dieſelbe er⸗ widert wurde, war offen, deutlich und beſonders har⸗ moniſch. „Guten Abend, mein Freund. Wie weit iſt es bis W'**?7 Ich hoffe, ich bin nicht von dem geraden Wege abgekommen?“ „Bis W'“*, Herr?“ ſagte der Mann, ſeinen Hut berührend, als er, ungeachtet der Dämmerung, etwas in der Miene und der Stimme ſeines neuen Bekannten zu bemerken glaubte, was mehr Reſpekt forderte, a währen gen werden doc Es iſt weit find nicht „Mein Jüngling 1 am Fuß de weniger als „Er m gegnete der ſo langer„ „Wie Fremde. „Nun, ſeinen Will Wirthshaus fernt iſt, 3 „Ich d⸗ Jüngling. am Wege? „Nein, von hier ur den; aber wenn Sie 2 meinigen vo „Von„ „und nicht Schrittes, t Gehen wen nd unge⸗ und freien e liebliche her etwas, nuſikaliſche s mit den . zum Ende urze Pauſe tigen Wie⸗ unde einen als den des einholte, Stimme die vieſelbe er⸗ onders har⸗ em geraden nn, ſeinen ämmerung, ines nenen hr Reſpekt forderte, als er anfangs einem Fußreiſenden zu ge⸗ währen geneigt geweſen;„bis W***, Herr? Ei, Sie werden doch dieſen Ahend nicht mehr dorthin wollen? Es iſt weiter als acht Meilen entfernt und die Wege ſind nicht die beſten.“ „Mein Fluch über alle Schurken!“ ſagte der Jüngling mit ernſthafter Lebhaftigkeit.„Der Müller am Fuß des Hügels verſicherte mir, ich würde in weniger als einer Stunde am Ziele meiner Reiſe ſein.“ „Er mag recht geſprochen haben, Herr,“ ent⸗ gegnete der Mann,„doch Sie werden es in zweimal ſo langer Zeit nicht erreichen.“ „Wie meinen Sie dos?“ ſagte der jüngere Fremde. „Nun, Sie müſſen einen Müller zwingen, wiver ſeinen Willen die Wahrheit zu ſagen und können ein Wirthshaus, welches etwa drei Meilen von hier ent⸗ fernt iſt, zum Ziel Ihrer Tagreiſe machen.“ „Ich danke Ihnen für dieſen Wink,“ ſagte der Jüngling.„Liegt das Haus, von dem Sie reden, am Wege?“ „Nein, Herr, der Weg theilt ſich zwei Meilen von hier und dann müſſen Sie ſich zur Rechten wen⸗ den; aber bis dahin iſt unſer Weg derſelbe, und wenn Sie Ihre eigene Geſellſchaft nicht vielleicht der meinigen vorziehen, ſo können wir zuſammen gehen.“ „Von Herzen gern,“ verſetzte der jüngere Fremde, „und nicht um ſo weniger gern wegen des ſchnellen Schrittes, den Sie gehen. Ich glaubte, ich hätte im Gehen wenige Meinesgleichen; doch würde ich eine —— 38 kleine Wette nicht ſcheuen, mit Ihnen Schritt halten zu können.“ „Vielleicht, mein Herr,“ ſagte der Mann lachend, „habe ich im Verlaufe meines Lebens beſſere übung und längere Erfahrung in der Anwendung meiner Ferſen gehabt, als Sie.“ über eine ſo zweidentige Rede etwas erſtaunt, wendete ſich der Jüngling zu ihm, um, ſo gut es die zunehmende Dunkelheit geſtattete, die Größe und das Ausſehen ſeines Begleiters zu prüfen. Er war damit vielleicht nicht allzu gut zufrieden. Sein Be⸗ gleiter war etwa ſechs Fuß hoch und von entſpre⸗ chendem Umfange des Körpers und der Glieder, ſo vaß er ſehr im Nachtheile geweſen wäre, wenn es zu einem Streite gekommen, wobei Körperkraft das beſte Mittel zum Siege geweſen wäre. ungeachtet des milden Wetters hatte er einen groben Mantel, der wohl geeignet war, den athletiſchen Proportiv⸗ nen des Trägers gehörige Wirkung zu verleihen, vicht zugeknöpft. Es trat eine Pauſe von einigen Augenblicken ein. „Dies iſt eine etwas öde und wilde Seene für England in dieſen Tagen neumodiſcher Pflüge und landwirthſchaftlicher Verbeſſerungen,“ ſagte der große Fremde, indem er die unbebauten Flächen und die düſter ausſehenden Wälder überblickte, die in Schatten gehüllt neben und vor ihnen lagen. „Es iſt wahr,“ antwortete der Jüngling,„und in wenigen Jahren werden die landwirthſchaftlichen Neuerungen ſelbſt kaum in dieſen Einöden eine einzig Ginſterblüt nen Raſen angenehm ſein mag, man uns ſ des Landes „Wie der Fremd ſchwächlich drigte und der Wechſe unſere Fre nach der Nein, nei Vorſchrifte mögen di und Einzä tiviren un Stellen ur Thier und „Sie ſagte der vurch den wenn ich überzeugu mus in des Erfol gleich nic „H 4 licheren 1 hritt halten ann lachend, ſſere Ubung un meiner as erſtaunt, „ ſo gut es Größe und n. Er war Sein Be⸗ von entſpre⸗ Glieder, ſo e wenn es rperkraft das ungeachtet ben Mantel, Proportiv⸗ verleihen, von einigen e Seene für Pflüge und gte der große chen und die ie in Schatten ngling,„und rthſchaftlichen n eine einzigt Ginſterblüte für die Biene oder einen Fußbreit grü⸗ nen Raſen für die Grille übrig laſſen; doch ſo un⸗ angenehm die Veränderung auch für uns Fußreiſende ſein mag, vürfen wir doch nicht beklagen, was, wie man uns ſagt, ein ſo ſicherer Zeuge des Gedeihens des Landes iſt.“ „Wie man uns ſagt? Wer ſagt es uns?“ rief der Fremde mit großer Lebhaftigkeit.„Iſt es der ſchwächliche und geiſtloſe Handwerker oder der ernie⸗ drigte und verkrüppelte Sklav des Ladentiſches und der Wechſelbank, oder der flache Moraliſt, der uns unſere Freiheit— unſer Glück— ja unſere Gefühle nach der Elle und nach Zollen zumeſſen möchte 7 Nein, nein, ſie mögen befolgen, was die Bücher und Vorſchriften ihrer eigenen Weisheit ihnen lehren: ſie mögen die Ländereien, die ſie bereits mit Gräben und Einzäunungen umgeben haben, noch beſſer eul⸗ tiviren und in geringen Zwiſchenräumen einige grüne Stellen unbefleckten Landes für des armen Mannes Thier und des freien Mannes Fuß übrig laſſen.“ „Sie ſind ein Enthuſiaſt in dieſem Gegenſtande,“ ſagte der jüngere Reiſende, nicht wenig überraſcht vurch den Ton und die Worte der letzten Rede;„und wenn ich nicht gerade im Begriff wäre, mit der feſten überzeugung in vie Welt einzutreten, daß Enthufias⸗ mus in irgend einer Sache ein großes Hinderniß des Erfolges iſt, ſo könnte ich ebenſo warm, wenn gleich nicht ebenſo berebt ſein, wie Sie.“ „O Herr,“ ſagte der Fremde, zu einem natür⸗ licheren und nachläſſigerem Tone herabſinkend,„ich 40 hahe ein beſſeres Recht, als Sie in Anſpruch nehmen können, die Schranken zu beklagen und ſelbſt zu überſchreiten, welche täglich und ſtündlich ſich mehr und mehr dem nähern, was ich als meine Beſitzung zu betrachten gewohnt bin. Sie ſangen gerade, als ich zu Ihnen kam, ein altes Lied; ich ehre Sie we⸗ gen Ihres Geſchmacks, und nehmen Sie mir's nicht ühel, mein Herr, eine gewiſſe Kameradſchaſt des Ge⸗ fühls machte, daß ich mir die Freiheit nahm, Sie anzureden. Ich bin kein ſehr großer Gelehrter in anbern Dingen; aber ich verdanke meine gegenwär⸗ tigen Lebensverhältniſſe allein meiner Liebe zu jenen alten Liedern und zierlichen Madrigalen. Und ich glaube, Niemand kann William Shakſpeare's Ein⸗ ladung beſſer auf ſich anwenden: Wer will unter grünem Baum, An des Waldes begrastem Saum, Stimmen ſein Lied ohne Fehl' Nach des Vogels lieblicher Kehl“, Der komme zu mir, Er findet hier Keinen Feind als Winter und Wetter. Von ſeiner früheren Furcht befreit, aber mit zu⸗ nehmender Neugierde bei dieſer Anführung, welche in einem Tone, der ein herzliches Ergötzen an dem Sinn der Worte zu bezeugen ſchien, halb geſprochen, halb geſungen wurde, erwiverte der Jüngling: „Wahrlich, ich erwartete unter den Reiſenden dieſes wilden Landes kein ſo reich ausgeſtattetes Ge⸗ dächtniß. Und in der That hätte ich mir eingebildet, daß die einzigen Perſonen, auf welche Ihre Verſe im eigentlic jene ehrenvr vie wir in „Garz große Fremt gehöre ich.“ „Zum 2 ſtelltem Erſt in der That „Nun,“ Ihnen vie 2 Zigeuner at rühmte Ban zige Beiſpiel ehrenvoller eine allgeme einer gemiet „Ich wü einem Tone, oder Scherz und ſo edler Ihre Anführ ich mit den Königin Eli O eine Gliühent um auf unſe „Ich dar rief der ſelt den Geiſt, r uch nehmen nd ſelbſt zu ch ſich mehr ne Beſitzung gerade, als hre Sie we⸗ mir's nicht haft des Ge⸗ nahm, Sie Helehrter in egenwär⸗ be zu jenen . Und ich eare's Ein⸗ er. aber mit zu⸗ ung, welche tzen an dem geſprochen, gling: Reiſenden lattetes Ge⸗ eingebildet, Ihre Verſe im eigentlichſten Sinne könnten angewendet werden, jene ehrenvollen Vagabunden vom Nil ſein müßten, vie wir in der gemeinen Sprache Zigeuner nennen.“ „Garz richtig, mein Herr,“ antwortete der große Fremde gleichgültig;„zu jenem alten Stamme gehöre ich.“ „Zum Teufel!“ ſagte der Jüngling mit unver⸗ ſtelltem Erſtaunen„der Fortſchritt der Erziehung iſt in der That erſtaunenswerth.“ „Nun,“ antwortete der Fremde lachend,„um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, mein Herr, ich bin Zigeuner aus Neigung, nicht von Geburt. Der be⸗ rühmte Bamfylde Moore Carew war nicht das ein⸗ zige Beiſpiel eines Mannes von edlem Blute und ehrenvoller Erziehung, der ein lufliges Leben und eine allgemeine Heimath einem traurigen Leben und einer gemietheten Hütte vorzog.“ „Ich wünſche mir Glück,“ ſagte der Jüngling in einem Tone, ver es zweifelhaft ließ, ob er im Ernſt oder Scherz rebete,„mit einem zugleich ſo achtbaren und ſo edlen Charakter bekannt zu werden; und um Ihre Anführung als Compliment zu erwidern, rufe ich mit dem berühmteſten Dichter der Tage der Königin Eliſabeth aus: O eine Flaſche fetten Canarienſect Glühenden Sicilianer und ſchimmernden Teres, um auf unſere beſſere Bekanntſchaft zu trinken!“ „Ich danke Ihnen, Herr— ich danke Ihnen,“ rief der ſeltſame Zigeuner, anſcheinend erfreut über den Geiſt, womit ſein junger Bekannter auf ſeinen 42 Charakter einzugehen ſchien und über ſein Citat aus einer Claſſe von Schriftſtellern, die zu jener Zeit viel weniger gekannt und geſchätzt wurden als gegenwärtig, und wenn Sie bereits genug von der Welt geſehen haben, um ſich mit ſtarkem Bier zu begnügen, wenn weder Sect, Sieilianer noch Aeres zu haben iſt, ſo will ich wenigſtens verſprechen, Ihnen in tiefen Zügen in jenem beſcheidenen Getränk Beſcheid zu thun. Was ſagen Sie dazu, eine Nacht bei uns zuzuhringen? Unſere Zelte ſind noch näher als das Wirthshaus, von dem ich ſprach.“ Der junge Mann zauderte einen Augenblick, ehe er erwiderte:„Ich will Ihnen offen antworten, mein Freund, wenn ich auch zugleich mein Vertrauen be⸗ reue. Ich habe einige Guineen bei mir; zwar iſt es keine große Summe, doch aber Alles, was ich beſitze. So alt und ehrenvoll auch Ihre Brüderſchaft ſein mag, ſo fürchte ich, leidet ſie an einer traurigen Verwirrung der Begriffe hinſichtlich des Mein und Dein.“ „Wahrlich, Herr, ich glaube, Sie haben Recht, und wären Sie einige Jahre älter, ſo denke ich, würden Sie mich nicht mit dieſer Eröffnung beehrt haben; aber Sie können in dieſer Hinſicht ganz ruhig ſein. Wenn Sie ganz von Gold wären, ſo würden die Schurken nicht die Ecken von Ihren Kleidern ab⸗ brechen, ſo lange Sie unter meinem Schutze ſtehen. Genügt Ihnen dieſe Verſicherung?“ „Vollkommen,“ ſagte der Jüngling, und nun, wie weit ſind wir von Ihrem Lager entfernt? Ich ver⸗ ſichere Geſellſ geſehen müſſen Ich be Indeſſe geneigt weil fie Jetz mit eing des Bai erblickte die düſte Schritt, und näl nungen auf deſſe genner um denden des Gel eals das blick, ehe ten, mein rauen be⸗ war iſt es ich beſitze. ſchaft ſein traurigen Mein und Recht, und h, würden hrt haben; ruhig ſein. würden vie eidern ab⸗ utze ſtehen. id nun, wie 7 Ich ver⸗ — ſichere Ihnen, ich bin ſehr begierig, unter einer Geſellſchaft zu ſein, wovon ich ein ſolches Mitglied geſehen.“ „Nein, nein,“ entgegnete der Zigeuner,„Sie müſſen nicht alle meine Brüder nach mir beurtheilen. Ich bekenne, daß ſie ein rauhes Geſchlecht find. Indeſſen liebe ich ſie ſehr, und bin nur um ſo mehr geneigt, ſie für ehrlich gegen einander zu halten, weil ſie Schurken gegen die ganze übrige Welt ſind.“ Jetzt waren unſere Reiſenben heinahe zwei Meilen mit einander fortgeſchritten, und bei einer Wendung des Baumganges, etwa dreihundert Schritte weiter, erblickten fie ein entferntes Feuer, welches hell durch bie düſtern Bäume ſchien. Sie beſchleunigten ihren Schritt, gingen von dem Wege auf einen Weideplatz und näherten ſich zwei Zelten, den arabiſchen Woh⸗ nungen des umherſchweifenden und ſeltſamen Volkes, auf deſſen Brüderſchaft und Verwandtſchaft der Zi⸗ genner Anſpruch machte. Zweites Kapitel. Hier leben wir und eſſen ſicher Das Beſte, was der Wald uns ſchenkt; Erhalten brennend ew'ge Feuer, An denen wir wahrſagend ruh'n. Herric. um ein Feuer, welches unter einem großen ſie⸗ denden Topfe ſprühte und kniſterte, der ein Sinnbild des Geheimniſſes und eine Verheißung der guten Aufnahme zu ſein ſchien, die man für charakterifliſche Merkmale des Zigeunergeſchlechtes hält, waren ſieben oder acht Perſonen gruppirt, auf deren dunkle und ausdrucksvolle Geſichter die unregelmäßige und ungleiche Flamme einen maleriſchen und nicht unſchönen Glanz warf. Alle dieſe, mit Ausnahme einer alten Frau, die mit dem Topfe beſchäftigt war, und eines kleinen Knaben, der das Feuer mit Stücken geſtohlenen Hol⸗ zes unterhielt, ſprangen beim Eintritt des Fremden auf. „Nun, meine luſtigen Jungen!“ rief der Zigeuner, „ich habe Euch ein vornehmes Herrchen mitgebracht, dem Ihr allen ſchuldigen Reſpekt beweiſen werdet; und hört, Kerle, wenn Ihr von ihm nur die geringſte Kleinigkeit zu betteln, zu borgen oder zu ſtehlen wagt, ſo will ich— doch Ihr kennt mich.“ Der Zigeuner hielt plötzlich inne und richtete ein Augè, worin Drohung vergebens mit Gutmüthigkeit kämpfte, auf jeden ſeiner Brüder, als ſie ſich unterwürfig vor ihm und ſeinem Schützling verbeugten, und eine Fülle von Betheu⸗ rungen ausſprachen, worauf ihr Ermahner nicht ein⸗ mal zu horchen ſich herabließ. Er warf ſeinen Man⸗ tel ab, legte ihn auf dem beſten Platze nahe am Feuer zuſammen und ließ den Jüngling darauf nieder⸗ ſitzen. Dann erhob er den Deckel tes geheimnißvollen Keſſels.„Nun, Mort,“ rief er der alten Frau zu, indem er ſich bedeutungsvoll niederbengte,„was haben wir hier?“ „Zwei Enten, drei Küchlein und ein Kaninchen mit einigen Kartoffeln,“ brummte die Alte, die das gewöhnliche Vorrecht der Kochkünſtlerinnen in An⸗ ſpruch: immer „Gu mein Ji die Bew: zu komm ſle ſollen zu ergär Nach ſchwarzbr ſchlanen befolgte, zur Seit einiger E ſein Ver trinken. in dem runzliche pirung t maleriſch beiden S Der hältniſſe kürlichen kteriſtiſche wen ſieben unle nd dungleiche nen Glanz lten Frau, es kleinen lenen Hol⸗ emden auf. Zigeuner, titgebracht, en werdet; e geringſte hlen wagt, euner hielt n Drohung eden ſeiner und ſeinem n Bethe⸗ nicht ein⸗ inen Man⸗ nae am auf nieder⸗ imnißvollen n Frau zu, gte,„was Kaninchen te, die das ten in An⸗ ſpruch nahm, ſo mürriſch zu ſein, als es ihr nur immer gefiel. „Gut!“ ſagte der Zigeuner;„und nun Mim, mein Junge, geh in das andere Zelt und fordere die Bewohner deſſelben in meinem Namen auf, hieher zu kommen, und zu Abend zu ſpeiſen; ſage ihnen, ſle ſollen ihren Keſſel mitbringen, um den unſrigen zu ergänzen— ich werde das Getränk dazu geben.“ Nach dieſen Worten, welche Mim, ein kurzes, ſchwarzbraunes Mitglied der Bande, mit einem zu ſchlanen Geſichte, um angenehm zu ſein, ſogleich befolgte, ſtreckte ſich der Zigeuner der Länge nach zur Seite des Jünglings aus und erinnerte ihn mit einiger Scherzhaftigkeit und einigen Umſchweiſen an ſein Verſprechen, auf ihre beſſere Bekanntſchaft zu trinken. Es lag etwas in der Seene, in dem Feuer, in dem Keſſel, in der gebeugten Geſtalt und dem runzlichen Geſichte des alten Weibes, in der Grup⸗ pirung der anderen Geſtalten, in dem rohen und maleriſchen Zelt, in dem dunklen, ſtillen Walde zu beiden Seiten, mit dem tiefblauen und wolkenloſen Himmel droben, als die Sterne nach einander hervor⸗ traten, was— um einen Lieblingsausdruck des Ro⸗ manſchreibers zu gebrauchen, des kühnen Pinſels eines Salvator ſelber nicht unwürdig geweſen wäre. Der Jüngling betrachtete die ſymmetriſchen Ver⸗ hältniſſe ſeines wilden Gefährten mit jenem unwill⸗ kärlichen Reſpekt, welchen perſönliche Vortheile ſtets einflößen; auch verdiente das Geſicht, welches jener Geſtalt angehörte, nicht weniger die Aufmerkſamkeit des Fremden. Obgleich nicht ſchön, war es doch eigenthümlich und von einnehmendem Ausdruck; die Stirn war vorragend, die Augenbraunen hingen über die Augen, welche groß, und ungleich denen des Zigeunergeſchlechtes im Allgemeinen, mehr ruhig als glänzend waren; das Geſicht, obgleich von der Sonne verhrannt, war nicht ſchwärzlich und ſehr ſorg⸗ fältig raſirt, ſo daß das volle braune Haar, welches mehr in Maſſen als in Locken zu beiden Seiten ſeiner glatten und glühenden Wangen niederfiel, den vollen Vortheil des Contraſtes hatte. Er war etwa fünf⸗ unddreißig Jahre alt, und obgleich ſein Anſehen und ſeine Miene gewiß nicht vornehm und ariſtokratiſch waren, ſo ſtanden ſie doch weit über denen ſeiner Kameraden, die in jeder Hinficht der gewöhnlichen Claſſe der Zigeuner angehörten; die liſtigen und funkelnden Augen, das rabenſchwarze Haar, die glän⸗ zend weißen Zähne, die gebräunte Farhe, die kleine, ſchlanke, lebhafte Geſtalt, waryn ebenſo ſehr ihre unterſcheidenden Merkmale, als das Zeichen ihrer ganzen Horde. Aber gegen dieſe bildete vas Ausſehen des Jüng⸗ lings einen auffallenden und ſchönen Gegenſatz. Er hatte erſt eben die Knabenjahre zurückgelegt, vielleicht mochte er achtzehn Sommer erlebt haben, vielleicht noch nicht ſo viele. Er hatte nach dem Vorgange ſeines Gefährten und vielleicht aus mißverſtandener Höflichkeit gegen ſeine neue Geſellſchaft ſeinen Hut abgenommen und die Stellung, die er gewählt, zeigte vollkommen den edlen und geiſtreichen Umriß ſeines Kopfe⸗ ſtellend nienbr⸗ Locken und he und lei von de raſch nußbra ſanfter⸗ Fall ge das rot erhöhte als Far ſchönen maß ſei Abe ſo ſchör des Fre auffalle druck, die erft weilen, ſtört du die elaß Thätigk Schwer trotzte. Beſchau hinſich es doch zdruck; die en hingen eich denen nehr ruhig von der ſehr ſorg⸗ r, welches iten ſeiner den vollen etwa fünf⸗ nſehen und eiſtokratiſch enen ſeiner wöhnlichen ſtigen und „die glän⸗ die kleine, ſehr ihre ichen ihrer des Jüng⸗ benſatz. Er t, vielleicht „ vielleicht Vorgange berſtandener ſeinen Hut ählt, zeigte mriß ſeines 47 Kopfes und Halſes. Sein Haar, noch von der ent⸗ ſtellenden Mode des Tages verſchont, war von kaſta⸗ nienbrauner Farbe, und kräuſelte ſich in kurzen dichten Locken von dem Nacken bis zur Stirn, die ſehr weiß und hoch war. Seine Augenbrauen waren zierlich und leicht gezeichnet, und ſeine langen Augenwimpern von der dunkelſten Farbe verliehen den Augen, die raſch und beobachtend in ihrem Ausdruck und von nußbrauner Farbe waren, einen tieferen und vielleicht ſanfteren Schatten, als es vielleicht ſonſt würde der Fall geweſen ſein. Seine Wange war ſehr zart und vas rothe Licht des Feuers warf eine künſtliche Färbung erhöhter Glut auf ein Geſicht, welches mehr Blüte als Farbe hatte, während ein dunkler Reitfrack den ſchönen Umriß ſeiner Bruſt und das ſchlanke Eben⸗ maß ſeiner Geſtalt in voller Schönheit zeigte. Aber weder ſeine Geſichtszüge noch ſeine Geſtalt, ſo ſchön dieſelben auch waren, verliehen dem Außern des Fremden den vorzüglichſten Reiz— es war der auffallend kühne, lebendige, freie und freudige Aus⸗ druck, welcher alles Andere beherrſchte. Dort ſchien die erſte Glut und das Leben der Jugend zu ver⸗ weilen, ungetrübt vurch eine einzige Furcht und unge⸗ ſtört durch irgend eine vereitelte Hoffnung Da war die elaſtiſche Federkraft, die unerſchöpfliche Quelle der Thätigkeit, die in ihrem frohlockenden Stolze der Schwere der Sorge und den Mühſeligkeiten der Zeit trotzte. Es war ein Geſicht, welches, während es den Beſchauer mit einigen ſchwermüthigen Beſorgniſſen hinſichtlich der Veränderungen und Wechſelfälle er⸗ 48 füllte, die in dem unvermeiblichen Laufe des Schick⸗ ſals die Offenheit der faltenloſen Stirn umwölken und das Feuer des kühnen und ruheloſen Anges däm⸗ pfen müſſen, ihm zugleich auch die Zuverſicht des Triumphes und eine Vorbebeutung des glücklichen Er⸗ folges einflößte— eine unbeſtimmte aber kräftige Sym⸗ pathie mit vem abenteuerlichen und heitern Geiſte, der im wörtlichen Sinne aus ſeinen Ausdrücken zu reden ſchien. Es war ein Geſicht, woraus man hätte ſchließen ſollen, daß der Beſitzer unter einem glück⸗ lichen Stern geboren ſei, und wenn man es anblickte, fühlte man ein Vertrauen zu jenem lieblichen Geſichte, welches gleich dem Schilde des Prinzen Arthur in der Feenkönigin die Macht zu beſitzen ſchien, die böſen Geiſter, vie ihn bedrohten, unmächtig zu machen. „Nun, Herr,“ ſagte ſein Freund, der Zigeuner, der die kräftige und gewandte Geſtalt ſeines jungen Gaſtes mit Bewunderung betrachtet hatte,„nun, Herr, wie ſteht es mit Ihrem Appetit? Die alte Frau Bingo wird ſich ſchwer beleivigt fühlen, wenn Sie ihrer guten Bewirthung nicht volle Gerechtigkgit wider⸗ fahren laſſen.“ 7 „Wenn das iſt,“ antwortete unſer Reiſether, der, ſo jung er war, bereits das große Geheimniß gelernt hatte, in jeder Lage Frauenzimmer zu Freundiſnen zu machen,„wenn das iſt, werde ich ſie wahrſcheinlich noch mehr beleidigen.“ „Wie ſo, mein hübſches Herrchen,“ fragte die Alte mit eiſernem Lächeln. „Nun, ich werde kühn genug ſein, die Verſöh⸗ nung du antwort „He her, ſeit einer ſo hier kom liebensw gungen Nacht b ihm zeit weil es ſchaft if nieder. Lümmel daß wir — Min bringe! räthe, u Höhle, davon. der Brat vorher, mein J ſtedet d junger beſſer; Alle, w der jovi daß er Vuln des Schick⸗ umwölken luges däm⸗ verſicht des cklichen Er⸗ ftige Sym⸗ ern Geiſte, drücken zu man hätte inem glück⸗ s anblickte, en Geſichte, thur in der die böſen machen. r Zigeuner, nes jungen nun, Hert, Frau Bingo Sie ihrer keit wider⸗ ſeiher, der, miß gelernt ndiünen zu hrſcheinlich fragte die die Verſöh⸗ 49 nung durch einen Kuß wieder herzuſtellen, Fran Bingo,“ antwortete der Jüngling. „Ha! ha!“ rief der große Zigenner; es iſt lange her, ſeit meine alte Mort einem galanten Herrn wegen einer ſolchen Beleidigung eine Ohrfeige gab. Aber hier kommen unſere Tiſchgenoſſen. Guten Abend, meine liebenswürdigen Lumpenkerle— macht eure Verben⸗ gungen gegen dieſen Herrn, der gekommen iſt, die Nacht bei uns zu eampiren. Zum Henker, wir wollen ihm zeigen, daß altes Bier deßhalb nicht ſchlechter ißt, weil es mit den Lieblingen des Mondes in Geſell⸗ ſchaft iſt.— Kommt, ſetzt Euch nieder, ſetzt Euch nieder. Wo iſt das Tiſchtuch, ihr unmanierlichen Lümmel, und die Meſſer und Teller? Meint ihr, daß wir keine Feſitagsgewohnheiten für Frembe haben? — Mim, mein Junge, geh zu meinem Reiſekarren— bringe die Meſſer heraus und alle die anderen Ge⸗ räthe, und höre, dieſer kleine Schlüſſel öffnet die innere Höhle, wo Du zwei Fäſſer finden wirſt; bringe eins davon. Ich ſtehe dafür, daß es vom Beſten iſt, denn der Brauer tzank von verſelben Sorte noch zwei Stunden vorher, ehe es ihm genommen wurde. Komm, Stump, mein Junge, mache Dir Flügel. Nun, Frau Bingo, ſtedet denn Dein Topf noch nicht?— Ach! mein junger Herr, Sie fangen bei Zeiten an; um ſo viel beſſer; wenn Liebe ein Sommertag iſt, ſo wiſſen wir Alle, wie früh ein Sommermorgen beginnt,“ ſetzte der joviale Agypter leiſer hinzu(vielleicht fühlte er, daß er nur von ihm ſelber verſtanden werde), als er Vulwer, der Verſtoßene, J„ 4 den Jüngling wohlgefällig anſah, der mit ver glück⸗ lichen Leichtigkeit, ſich überall wie zu Hauſe zu finden, die bei ſeinen Landsleuten ſo ungewöhnlich iſt, bereits zwei ſchönen Töchtern des Stammes, die mit den zuletzt Gekommenen eingetreten waren, Gomplimente ſagte, wie ſie für ihr Verſtändniß paßten. Doch beſaß er zu viel Geſchicklichkeit oder Delikateſſe, man nenne es wie man will, um ſeine Anreden bis zu jener Grenze fortzuſetzen, wo Spott oder Eiferſucht unter dem männlichen Theile der Verſammlung beginnen konnten; im Gegentheil wendete er ſich bald zu den Männern und rebete ſie mit ſo offener und ſo für ihren Geſchmack paſſender Vertraulichkeit an, daß er nicht weniger raſch in ihrer Gunſt als in der der Frauenzimmer ſtieg, und als der Inhalt der beiden Keſſel envlich auf das grobe, aber reine Tiſchtuch geſtellt wurde, welches zu Ehren ſeiner Ankunft den Raſen bedeckte, ſetzte ſich die Geſellſchaft mit lautem Lachen zu ihrer Mahlzeit nieder, welches durch einen derben Scherz des jungen Fremden erregt wurde. Hell waren die Augen und glatt dig Haarflechten des Mädchens, die ſich an die Seite bes Fremden ſetzte, und vielfach waren die lockenden Blicke und einſchmeichelnden Complimente, womit ſie auf ſeine offene Bewunderung und nicht kargen Schmeicheleien erwiderte; dennoch aber widmete er ihr nicht aus⸗ ſchließlich ſeine Aufmerkſamkeit; vielleicht war es Unbe⸗ kanntſchaft mit den Sitten ſeiner Wirthe und ein daraus herfließende Furcht, ſie zu beleidigen, was ihn zurückhielt, vder er fand auch reichliche Beſchäftigun bei 1 ihm häup ein 1 ließer und und förmi ſich a eines „ haftic gema nit der glück⸗ uſe zu finden, h iſt, bereits die mit den Complimente n. Doch beſaß e, man nenne bis zu jener ferſucht unter ung beginnen h bald zu den er und ſo für it an, edaß er ls in der der alt der beiden eine Tiſchtuch r Ankunft den ft mit lautem es durch einen regt wurde. ie Haarflechten des Fremden en Blicke und t ſie auf ſeine Schmeicheleien ihr nicht aus⸗ ht war es Unbe⸗ irthe n eine digen, was ihn e Beſchäftigunz 51 bei ben ſchmackhaften Speiſen, die ſein Wirth vor ihm aufhäufte. „Nun ſagen Sie mir,“ begann der Zigeuner⸗ häuptling(venn vas ſchien er zu ſein),„ob wir nicht ein luſtigeres Leben führen, als Sie ſich träumen ließen? Oder wollen Sie, daß wir unſere rauhe Koſt und unſere einfachen Zelte, unſere kräftigen Glieder und freien Herzen mit der kärglichen Tafel, dem ein⸗ förmigen Zimmer, der kränklichen Geſtalt und dem ſich abmüdenden, ſorgenvollen und kränkelnden Geiſte eines elenden Handwerkers vertauſchen ſollten?“ „Vertauſchen!“ rief der Jüngling mit einer Leb⸗ haftigkeit, die, wenn er fie affektirte, ſehr gut nach⸗ gemacht war,„beim Himmel! ich würde ſelber mit Ihnen tauſchen.“ „Bravo, mein hübſcher Junge!“ rief der Wirth und die ganze Rotte ſtimmte in ſeinen Beifall ein. Der Jüngling fuhr fort:„Reichliche Speiſen, ſtarkes Bier, hübſche Frauenzimmer, was kann ein Mann mehr wünſchen?“ „Ja,“ rief der Wirth,„und Alles umſonſt— nicht einmal eine Taxre haben wir zu zahlen; wer ſonſt in dieſem Königreiche kann das ſagen? Komm, Mim, reiche den Bierkrug herum!“ Das Bier wurde herumgereicht, und wenn gleich die Luſtigkeit roh war, ſo war wenigſtens laut das Lachen, welches von Zeit zu Zeit in dem alten Zelte ertönte, und ob auch das Geſicht des Gaſtes auf Augenblicke einen zerſtreuten Ausdruck annahm, ſo fühlte er ſich doch im Ganzen ebenſo zu Hauſe, wie 52 die übrigen, und wenn gleich nicht ganz ſo geſprächig, war er doch völlig ſo lärmend wie ſie. Als die Stunden vergingen und das Faß weniger ſchwer wurde, ging die Unterhaltung in ein allge⸗ meines Geplapper über. Einige erzählten ihre Helden⸗ thaten in der Bettelei, Andere ihre Abenteuer beim Diebſtahl, und von jeder Speiſe, wovon ſte genoſſen hatten, wußten ſie eine Geſchichte; ſelbſt das alte Kaninchen, welches ſo zäh war, wie alte Kaninchen nur ſein können, war nicht auf ehrliche Weiſe aus ſeiner Höhle genommen; keine geringere Perſon als Mim ſelber, hatte es dem Bedienten einer Wittwe geſtohlen, der es einer alten Jungfer als einen Lecker⸗ biſſen hatte bringen ſollen. „Still!“ rief der Wirth, der das Reden eben ſo ſehr liebte wie die übrigen und in den letzten zehn Minuten vergebens verſucht hatie, Aufmerkſamkeit zu erlangen.„Still! meine Lumpenkerle, es wird ſpät, und wenn wir es noch viel länger ſo treiben, werden wir die Obrigkeit über den Hals bekommen. Nun, Mim, ſchnatterſt Du noch immer da unten am Tiſche, wenn beſſere Leute als Du reden wollen? So wahr ich König Cole heiße, ich erſticke Dich mit dem Fell Deines eigenen Kaninchens, wenn Du Dein Geplapper nicht einſtellſt— nun, ſieh nur nicht beſchämt aus, wenn Du nothwendig Lärm machen mußt, ſo tritt vor und ſinge uns ein Zigeunerlied.— Sie ſehen, mein junger Herr,“ ſagte er zu ſeinem Gaſte,„daß wir auch Anſprüche auf die ſchönen Künſte machen.“ Bei dieſem Befehl ſprang Mim anf, ſtellte ſich zur 5 folge geſun und ß weniger ein allge⸗ re Helden⸗ teuer beim ſte genoſſen das alte Kaninchen Weiſe aus Perſon als ner Wittwe inen Lecker⸗ den eben ſo letzten zehn rkſamkeit zu z wird ſpät, ben, werden men. Nun, nam Tiſche, 12 So wahr mit dem Fell in Geplapper eſchämt aus, ußt, ſo tritt — Sie ſehen, Gaſte,„daß nſte machen.“ f, ſtellte ſich 53 zur Rechten bes ſogenannten König Cole und begann folgendes Lied, deſſen Chor von der ganzen Gruppe geſungen wurbe, und dem ſie mit Meſſern, Füßen und Fäuſten Nachdruck verliehen: Der König im Schloß, im Stalle das Roß, Der Wuchrer am Wechſeltiſch: Doch uns feſſelt kein Bund an des Ackers Grund, Wir wohnen auf grünem Raſen ſo friſch. icht pflügen und ſä'n, doch die Felder wir mäh'n, Vollkommen ſo gut wie der Schnitter es konn; Wohin wir auch ziehin, den Witzling wir flieh'n, Der uns nur ſchaut mit Verachtung an. Chor: Der König im Schloß u. ſ. w. Geſetze und Recht achtet nicht mein Geſchlecht, Noch das Dach und den heimiſchen Herd; Müh'n Hans ſich und Michel zu ſchärſen die Sichel, Iſt unſer Zelt uns ebenſo werth. Chor: Der König im Schloß u. ſ. w. Der Aergſte mit Grau'n ſchaut des Sheriff's Klaun Und des Büttels grimmigen Blick; Unſer Reichthum ſoll ſo frei ſein vom Zoll, Wie unſte Hälſe vom Strick. Chor: Der König im Schloß u. ſ. w. Mit mühſamer Noth zu gewinnen ſein Brod Sei ſüß, hat Mancher geſagt; Doch ſchmeckt uns der Schmaus im luſtigen Haus, Den ohne Müh' wir erjagt. Chor: Der König im Schloß u. ſ. w. 54 Und iſt er dann aus, der luſtige Schmaus, Braucht die Thür den Riegel nicht; Des Schuhu's Augen als Wächter uns taugen, Als Lampen der Sterne Licht. Chor: Der König im Schloß, im Stalle das Roß, Der Wuchrer am Wechſeltiſch; Doch uns feſſelt kein Bund an des Ackers Grund, Wir wohnen auf grünem Raſen ſo friſch. So roh dieſes Lied war, wegen deſſen Anführung wir um Entſchuldigung bitten ſollten, ſo gewährte die Lebhaftigkeit, womit es geſungen wurde, dem jungen Fremden doch reichlichen Erſatz für die Dunkel⸗ heit und Seltſamkeit deſſelben; ſein Wirth nahm leb⸗ haften Antheil am Chor— auch wiederhallte des alten Waldes luſtiges Echo des Häuptlings tiefe Stimme und die rauheren Töne ſeiner luſtigen Brüder. Als das Lied beendet war, ſtand König Cole auf, die ganze Bande folgte ſeinem Beiſpiel, das Tiſch⸗ tuch wurde in einem Augenblick weggeräumt, das Faß in einen Winkel des Zeltes gerollt und die Mann⸗ ſchaft, der die Wohnung gehörte, begann ſich zur Ruhe zu legen, während die, welche in dem andern Zelte wohnten, König Cole an ihrer Spitze, abmar⸗ ſchirten. Nicht beſonders leicht auf den Arm ſeines Gaſtes gelehnt, ergoß der Liebhaher der alten Lieder ſeine Lobſprüche über die Seene, die ſie eben erlebt hatten, in einer Sprache in des Jünglings Ohr, die mehr beredt als zuſammenhängend war. „Was kann ſo wahrhaft königlich ſein als unſer Staat?“ rief Seine Majeſtät in begeiſtertem Tone. Kann üben? wir n König Feenla denen Wer r Anführung gewährte rde, dem nahm leb⸗ e des alten e Stimme rüder. Cole auf, das Tiſch⸗ h. das Faß die Mann⸗ in ſich zur em andern ze, abmar⸗ Arm ſeines alten Lieder eben erlebt s Ohr, die als nſer tem Tone. 50 Kann irgend ein Menſch Herrſchaft über uns aus⸗ üben? Stehen wir nicht über allen Geſetzen? Sind wir nicht die deſpotiſchſten Könige? Ja, mehr als Könige der Erde— ſind wir nicht die Könige des Feenlandes ſelbſt? Verwirklichen wir nicht die gol⸗ denen Träume der alten Dichter— wir luſtigen Kerle? Wer würde nicht ausrufen: Ich ſegne euch, ihr lieblich ſtillen Haine! Seid immerdar des Scherzes Aufenthalt! Mag ihre Zelte die Zufriedenheit Auf dieſen Matten, Felſen, Bergen bau'n. Als König Cole dieſe denkwürdigen Verſe des drei⸗ mal geehrten Sir Henry Wotton ausgeſprochen hatte, wendete er ſich plötzlich von dem Weideplatze, trat in den Wald, der denſelben umgab, nur von ſeinem Diener Mim begleitet, und kam ſchnell durch eine unerwartete und maleriſche Offnung in den Bäumen zu einem von jenen Reiſewagen, die man Caravanen nennt. Er ſtieg einige Stufen hinauf, die zu dem Eingange führten, öffnete die Thür und lag augen⸗ blicklich in den Armen eines hübſchen jungen Frauen⸗ zimmers. Als ſie unſern Helden erblickte— den das, fürchte ich, wird wahrſcheinlich der Jüngling werden — zog ſie ſich mit einem Erröthen zurück, welches nicht vft auf königlichen Wangen gefunden wird. „Pah!“ ſagte König Cole halb drohend, halb zärtlich,„pah, Luch, Erröthen iſt eine Gartenblume, die nicht im wilden Walde gefunden werden ſollte.“ Dann veränderte er ſeinen Ton und ſagte:„Wirf etwas friſches Stroh in den Winkel, dieſer Fremde beehrt unſern Palaſt dieſe Nacht.— Mim, entlade Dich unſerer königlichen Schätze— wache praußen und verſchwinde aus den innern Gemächern!“ Nachdem Mim die Geräthe des königlichen Abend⸗ eſſens auf den Boden Seiner Majeſtät niedergelegt hatte, beurlaubte er ſich reſpektvoll und verſchwand Inzwiſchen ſtreute die Königin etwas friſches Stroh über eine Matratze in dem engen Zimmer, breitete ein ſehr weißes Leintuch darüber und machte einige Entſchulbigungen wegen des ſchlechten Quartiers ihres Gaſtes. König Cole unterbrach ſie durch ein ſehr lautes Gähnen und die Erklärung, daß er ſehr müde ſei.„Nun, Luch, wollen wir den Herrn dem über⸗ laſſen, was ihm beſſer gefallen wird, als ſanfte Worte ſelbſt von einer Königin. Gute Nacht, Herr, wir werden mit Tagesanbruch auf ſein.“ Mit dieſem Lebewohl nahm König Cole den Arm der Dame und zog ſich in die innere Abtheilung der Caravane zurück. Als unſer Held allein war, betrachtete er mit Er⸗ ſtaunen die außerordentliche Zierlichkeit, die in dem ganzen Gemache herrſchte. Aber was beſonders die Aufmerkſamkeit eines jungen Mannes in Anſpruch nahm, der ſeinen früheren Gewohnheiten gemäß vieſe Gegenſtände als Schätze betrachtete, waren mehre Bücher, pie auf zierlichen Gefimſen hinter einem Drahtgitter zu beiden Seiten des Kamins ſtanden. „Muth,“ dachte er, als er ſich auf ſein ärmliches Lager ſtreckte,„meine Abentener haben gut begonnen; ein Zigeunerzelt iſt freilich nichts ſehr Neues, aber ein Zigenner, der Gedichte anführt und ein beſchei⸗ denes Verb draußen 14 ſehr müde dem über⸗ ane zurück. er mit Er⸗ die in dem ſonders die Anſpruch emäß dieſe ren mehre ter einem s ſtanden. ärmliches begonnen; nes, aber ein beſchei⸗ „enilade 57 denes Weib hat, ſpricht beſſer als Bücher für die Verbeſſerung der Welt.“ Drittes Kapitel. Macht alte Sitte dieſes Leben nicht Noch lieblicher als der gemalte Pomp? Wie's euch gefailt. Die Sonne blickte heiter durch das kleine Fenſier der Caravane, als der Jüngling ſeine Augen öffnete und das gutmüthige Geſicht des Zigeuners wohlge⸗ fällig über ſich geneigt ſah. „Sie ſchliefen ſo feſt, Herr, daß ich Sie nicht ſtören wollte; aber meine gute Frau erwartet nur Ihr Aufſtehen, um das Frühſtück zu bereiten.“ „Es wäre ſehr ſchabe,“ rief der Gaſt von ſeinem Vette aufſpringend,„wenn ein ſo hübſches Geſicht meinetwegen ärgerlich ausſehen ſollte, darum will ich ſie keinen Augenblick warten laſſen.“ Der Zigeuner lächelte und antwortete:„Ich be⸗ varf keiner beſondern Hülfe vom Teufel, Herr, um Ihnen Ihr Schickſal zu weiſſagen.“ „Nicht?— und welches iſt es?“ „Ehre, Ruhm, glücklicher Erfolg; dies Alles wird durch eine ſanfte Zunge gewonnen, wenn ein kühnes Herz im Hinterhalte iſt!“ Ein heller Blitz fuhr über das Geſicht beſſen, dem dieſe Weiſſagung galt, als er ſie mit einer Freude anhörte, wofür ihm ſeine Vernunft Vorwürfe machte. Er wendete ſich mit einem Seufzer gb, der dem Zi⸗ geuner nicht entging, und benetzte ſein Geſicht mit dem Waſſer, welche die fürſorgende Hand der guten Frau ihm zum Waſchen hingeſtellt hatte. „Nun,“ ſagte ſein Wirth, als der Jüngling ſeine kurze Toileite beendet hatte,„wie wäre es, wenn wir vie friſche Luft athmeten, während Luey Ihr Bett zurechte legt und das Frühſtück bereitet.“ „Von Herzen gern,“ erwiderte der Jüngling, und ſie ſtiegen die Stufen hinunter, die zu dem Walde führten. Es war ein ſchöner, friſcher Morgen, die Luft glich einem Trunke aus einer Geiſterquelle und füllte das Herz mit neuer Jugend und das Blut mit wonnevollem Entzücken; die Blätter— die grünen Blätter des Frühlings— zitterten an den Bäumen, unter welchen die glücklichen Vögel flatterten und die Fröhlichkeit ihrer Seelen im Geſange aushauchten⸗ während die Thautropfen Mit klarem Naß die Blüten tauften und in ihren Millionen von Spiegeln das Lächeln der wolkenloſen, freudigen Sonne zurückſtrahlten. „Die Natur,“ ſagte der Zigenner,„hat ihren Kindern in einem ſolchen Morgen ein prächtiges Ge⸗ ſchenk gegeben.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Jüngling,„und Sie verdienen es vielleicht von uns Beiden allein; denn was mich betrifft, wenn ich an die weite Reiſe voll Staub, Hitze und Ermüdung denke, die mir bevor⸗ ſteht, ich möchte faſt hier bleiben und um Eintritt in die Zigeunerzelte bitten.“ ner,„ſ auf Ih Det welches und fie Frühſtü Pächter grünen Bäumen, und die achten Lächeln hlten. at ihren iges Ge⸗ und Sie n; denn eiſe voll r bevor⸗ Eintritt 59 „Sie könnten nichts Weiſeres thun,“ ſaste der Zigeuner ernſt. „Aber das Schickſal läßt mir keine Wahl,“ fuhr der Jüngling wie im Ernſte redend fort,„und ich muß Sie ſogleich verlaſſen, ſobald ich Ihre gaſtliche Bewirthung zum zweitenmale gekoſtet habe.“ „Wenn es ſo ſein muß,“ antwortete der Zigen⸗ ner,„ſo will ich Sie wenigſtens eine oder zwei Meilen auf Ihrem Wege begleiten.“ Der Jüngliug dankte ihm für ein Verſprechen, welches ihm wegen ſeiner Neugierde angenehm war, und ſie wendeten fich wieder zu der Caravane. Dem Frühſtück wurve ſo viel Ehre angethan, als es der Pächter nur möglicherweiſe hätte thun können, aus deſſen Vorräthen die Speiſen geborgt waren. Nicht ohne Wohlgefallen bemerkte das würdige Paar die Aufmerkſamkeit, die ihr Gaſt an einen ſchönen locki⸗ gen Knaben von drei Jahren, dem einzigen Kinde und Abgott der Zigennerherrſcher, verſchwendete. Aber ſie bemerkten nißt, daß der Jüngling, als er auf⸗ ſtand, um ſich zu entfernen, einen Ring von einigem Werthe, den einigen, den er beſaß, in die Falten der Kleidung des Kindes ſteckte. „Und nun,“ ſagtz er; nachdem er ſeiner Wirthin für ihre gaſtliche Aufnahme gedankt hatte,„muß ich Ihrem Stamme Lebewohl ſagen und meine Tagreiſe antreten.“ Ungeachtet ihrer Schamhaftigkeit drückte Luey ihrem hübſchen Gaſte die Hand und der Letztere ging, von dem Zigeunerhäuptling begleitet, zu den Zelten hinunter. Frei und unbefangen ſagte er den Bewohnern der beiven Zelte Lebewohl und mit freigebiger Hand ver⸗ theilte er an alle, beſonders an das Mädchen, die wäh⸗ rend der Abendmahlzeit ſeine Thais geweſen war, die Silbermünzen, die keinen unbeträchtlichen Theil ſeines gegenwärtigen Vermögens ausmachten. Unter den Weiſſagungen und freundlichen Wün⸗ ſchen der ganzen Rotte ſetzte er ſeine Reiſe mit dem Zigeunerhäuptling fort. Als die Zelte ihnen aus dem Geſichte waren, und erſt dann, brach König Cole das Schweigen, welches hisher zwiſchen ihnen geherrſcht hatte. „Ich vermuthe, mein junger Herr, daß Sie einige von Ihren Freunden oder Verwandten in W*** zu treffen erwarten? Ich weiß nicht, was ſie ſagen wer⸗ den, wenn ſie hören, wo Sie die Nacht zugebracht haben.“ „Wer mein Abenteuer hört,“ ſagte der Jüngling, „mag er nun ein Verwandter ſein oder nicht, wird ſich ſehr an meiner Beſchreibung ergötzen; aber in vollem Ernſt, ich erwarte Niemand in W“** zu treffen, der mehr mein Freund iſt als der mürriſche Gaßwirth, wenn nicht vielleicht ſein Hund.“ „Nun, man wird doch einen Jüngling von Ihrem Alter und Ihrem Stande nicht allein wandern laſſen?“ rief König Cole mit unverſtelltem Erſtaunen. Der junge Reiſende gab keine beſtimmte Antwort, ſondern bengte ſich nieder, als wollte er eine wilde Blume pflücken, die an der Seite des Weges wuchs, und,ſagte nach einer Pauſe:„Nun, Herr Cole, Sie müſſen ſonſt m die Wa etwas mitzutl eingeſte ſein m erzogen Kö gierde Gelege ner He „P er,„w zuhörer könnte, ern der nd er⸗ die wäh⸗ war, die eil ſeines n Wün⸗ mit dem aus dem Cole das geherrſcht Sie einige zu gen wer⸗ ugebracht Jüngling, cht, wird aber ein P** zu mürriſche E on Ihrem nlaſſen?“ en. Antwort, eine wilde zes wuchs, Cole, Sie — 61 müſſen nicht den Inquiſitor an mir machen wollen, ſonſt möchte ich Ihnen ſehr läſtig werden. Um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich ſterbe faſt vor Neugierde, etwas mehr von Ihnen zu erfahren, als Sie mir mitzutheilen geneigt ſein möchten. Sie haben bereits eingeſtanden, ſo gute Kameraden auch Ihre Zigeuner ſein mögen, daß Sie nicht unter ihnen geboren und erzogen find.“ König Cole lachte. Vielleicht war ihm die Neu⸗ gierde ſeines Gaſtes nicht unangenehm, noch auch die Gelegenheit, welche ihm dieſelbe gewährte, ſein eige⸗ ner Held zu ſein. „Meine Geſchichte wäre bald erzählt, Herr,“ ſagte er,„wenn Sie es der Mühe werth hielten, ſie an⸗ zuhören, auch enthält ſie nichts, was mich verhindern könnte, ſie zu erzählen.“ „Wenn das iſt,“ ſagte der Jüngling,„ſo werde ich die Erfüllung meiner Bitte für die größte Gunſt halten, die Sie mir bis dahin gewährt haben.“ Des Zigeuners Schritt ging in ein nachläſſiges Schlendern über, als er ſo begann: „Die erſte Scene, deren ich mich erinnere, war ver ähnlich, wovon Sie am letzten Ahend Zeuge wa⸗ ren. Das rohe Zelt und dos grüne Moor— das Reiſigfeuer— der ewige Keſſel mit ſeinen ziſchenden Tönen der Vorbereitung— die alte Frau, die ſich vamit beſchäftigte, und die zerlumpten Buben, die von dem Inhalt deſſelben die erſte Belohnung des Diebſtahls und die erſte Verſuchung dazu lernten— vies Alles iſt in angenehmer Verwirrung mit ben 62 erſten Eindrücken meiner Kindheit verwebt. Das Weib, welches mich als Mutter auferzog, war mehr launiſch als freundlich, und meine Kindheit verging, gleich dem begünſtigterer Lieblinge des Glücks, in abwech⸗ ſelnden Strafen und Liebkoſungen. In Wahrheit, Kinching Meg hatte die durchdringendſte Stimme und die ſchwerſte Hand in der ganzen Bande, und ich kann mich nicht über Ungerechtigkeit beklagen, da fle mich nicht ſchlimmer als die übrigen behandelte. Unge⸗ achtet der Unregelmäßigkeit meiner Erziehung, wuchs ich kräftig und geſund heran, und meine vorgebliche Mutter hatte mir ſo viel Furcht vor ihr eingeflößt, daß ſie mir keine vor irgend etwas Anderem übrig ließ; dennoch wurde ich kühn, unbekümmert und abenteuerlich, und im Alter von dreizehn Jahren war ich ein ſo vollkommener Taugenichts, wie die Bande es nur wünſchan konnte. Zu der Zeit ging eine ſelt⸗ ſame Veränderung mit mir vor. Wir— das heißt, meine Mutter und ich— bettelten nicht viele Meilen von hier vor der Thür eines reichen Mannes, wo die Dame auf dem Sterbebette lag. Dieſe Dame war meine wirkliche Mutter, der Meg mich in dem erſten Jahre meines Lebens geſtohlen hatte. Ob es aus Furcht des Gewiſſens oder aus Hoffnung auf Be⸗ lohnung geſchah, weiß ich nicht, aber ſobald Meg von dem gefahrvollen Zuſtande meiner armen Mutter, von dem beſtändigen Kummer, den man als die ein⸗ zige, obgleich langſame Urſache ihrer Krankheit be⸗ trachtete, und von den großen Summen hörte, die man für meine Wiederentdeckung ausgeboten— ſo⸗ mit m Unglä einer? dern 1 Mutte viele 2 hielten letzten „2 Er vet lichkeit ihre K wender mich i Hausle guther ungew war ei Altertl Verskt as Weib, launiſch gleich abwech⸗ Bahrheit, mme und ich kann fle mich Unge⸗ wuchs rgebliche ingeflößt, m übrig nert und ren war ie Bande eine ſelt⸗ as heißt, e Meilen „wo die ame war in dem Ob es auf Be⸗ ald Meg Mutter, die ein⸗ kheit be⸗ rte, die — ſo⸗ 63 balb Meg dieſe Einzelheiten erfuhr, ſage ich, drängte ſie ſich bis in das Krankenzimmer, ſiel neben dem Bette auf die Kniee, geſtand ihr Verbrechen und ſtellte mich meinen Eltern vor. Verſchiedene kleine Beweiſe der Zeit, des Ortes und der Umſtände, die Kleidung, die ich getragen, als ſie mich geſtohlen, und die ſie noch aufbewahrt hatte, ſowie eine auf⸗ fallende Ihnlichkeit mit meinen Eltern, beſonders mit meinem Vater, brachten jeden Zweifel und jede Ungläubigkeit zum Schweigen, und ich wurde mit einer Freude aufgenommen, die ich vergebens zu ſchil⸗ dern verſuchen würde. Meine Rückkehr ſchien meine Mutter aus dem Grabe zurückzurufen; ſie lebte noch viele Monate länger, als ihre Arzte es für möglich hielten, und als ſie ſtarb, empfahl ſte mich mit ihren letzten Worten dem Schutze meines Vaters. „Mein Vater bedurfte einer ſolchen Bitte nicht. Er verſchwendete an mir alle jene überflüſſige Zärt⸗ lichkeit, welche die guten Leute, die entſchloſſen find, ihre Kinder zu verziehen, in ſo reichlichem Maße an⸗ wenden. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, mich in die Schule zu ſchicken, und nahm daher einen Hauslehrer für mich an, einen ſanften, freundlichen, gutherzigen Mann, der einen ungeheuren Schatz mehr ungewöhnlichen, als nützlichen Wiſſens beſaß. Er war ein erträglicher und wenigſtens ein begeiſterter Alterthumsforſcher— ein mehr als mittelmäßiger Verskünſtler, und hatte eine ungeheure lederne Taſche voll alter Balladen und Lieder, worin er mich lieber unterrichtete und die ich lieber lernte als all das 64 Latein, Griechiſch, Geographie, Aſtronomie und die Anwendung der Globen, die mein armer Vater mit ſo großem Fleiße für mich erhandelt hatte. „Demnach wurde ich ſehr erfahren in den„„köſt⸗ lichen Einfällen““ und„„goldenen Guirlanden““ unſerer brittiſchen Alten, und blieb außerordentlich un⸗ wiſſend in allem Andern, mit Ansnahme einiger der modernſten Romane aus der Schule Fieldings und Smolletts, und ſechs Bänden lügenhafter Reiſebeſchrei⸗ bungen, die meine Begierde nach dem Wunderbaren und meine Liebe zu dem Abenteuerlichen nährten. Meine Studien, von welcher Art ſie nun auch ſein mochten, waren durchaus nicht geeignet, den Geſchmack am umherſchwärmen, den meine Kindheit angenommen, zu zügeln vder richtig zu leiten; im Gegentheil nähr⸗ ten die alten Dichter mit ihren lururiöſen Beſchrei⸗ bungen des grünen Waldes und des Walblebens, die modernen Romanſchreiber mit ihren geiſtreichen Be⸗ richten von den Wanderungen irgend eines glücklichen Schurken und die erfindungsreichen Reiſenden mit ihren phantaſtiſchen Fabeln, die der Phantaſie jedes Knaben ſo theuer ſind, ein mächtiges, obgleich ge⸗ heimes Bedauen über die Veränderung meines Lebens und einem ruheloſen Ekel an der ſtillen Heimath und den beſchränkten Wanderungen, wozu ich ver⸗ urtheilt war. Als ich etwa ſiebzehn Jahre alt war, verkaufte mein Vater die Beſitzung, die er von mei⸗ ner Mutter geerbt hatte, und brachte das Geld in der Bank unter. Bald darauf ſtarb er; der größte Theil ſeines Vermögens wurde mein, das übrige bekam m ich, und Aufenth noch nie „Nu bunden. überließ zu einfa Neigung wurden ſuchte di die jung möge ih ſtehen,: deſten„ Mittern als Mot Anführe umging. Schilder vie ſie e des Daſ ner Vol mögens Trinken nicht er verließen er von Menſche ner Kra Bulw und die ter mit „köſt⸗ anden““ tlich un⸗ iger der igs und beſchrei⸗ aren und Meine mochten, nack am nommen, eil nähr⸗ Beſchrei⸗ en, die chen Be⸗ lücklichen den mit iſte jedes leich ge⸗ es Lebens Heimath ich ver⸗ alt war, von mei⸗ Geld in er größte s übrige 65 bekam meine Schweſter, die viele Jahre älter war als ich, und die ich wegen ihrer Verheirathung und ihres Aufenthaltes in einem entfernten Theile von Wales noch nie geſehen hatte. „Nun war ich alſo vollkommen frei und unge⸗ bunden. Mein Vormund wohnte in Schottland und überließ meine Leitung gänzlich meinem Lehrer, der zu einfach und zu nachläſſig war, um ſich meinen Neigungen zu wiverſetzen. Ich ging nach London und wurde mit einer Rotte luſtiger Geſellen bekannt, be⸗ ſuchte die Theater, die Gaſthäuſer und alle Orte, wo die jungen Leute ihre Unterhaltung ſuchen, die ver⸗ möge ihrer Herkunft gerade über der mittlern Claſſe ſtehen, und war einer von den lärmendſten und wil⸗ veſten„„Haubegen,““ die je das Glockenſpiel um Mitternacht und die Ermahnung der Magiſtratsperſon als Morgenandacht hörten. Ich war eine Art von Anführer unter den luſtigen Kerlen, mit denen ich umging. Meine frühere Erziehung verlieh meinen Schilderungen des Lebens eine geiſtreiche Lebendigkeit, vie ſie entzückte. Aber endlich wurde ich dieſer Art des Daſeins überdrüſſig. Etwa ein Jahr nach mei⸗ ner Volljährigkeit waren drei Viertel meines Ver⸗ mögens verſchwendet; ich wurde krank vom vielen Trinken und mißmuthig von der Reue, und ich darf nicht erſt hinzuſetzen, daß meine Kameraden mich verließen. Ein Anfall von Spleen, beſonders wenn er von Geldverlegenheiten begleitet iſt, macht den Menſchen ſehr miſanthropiſch; als ich daher von mei⸗ ner Krankheit geneſen war, machte ich eine Reiſe Bulwer, der Verſtoßene. I. 5 66 durch Großbritannien und Frankreich— allein und größtentheils zu Fuß. Oh, welch ein Entzücken ge⸗ währt es, die lauen Freunde und die kalten Förm⸗ lichkeiten der Geſellſchaft von ſich zu ſchütteln, und ſich ganz feſſelfrei zu ſehen, ohne einen Begleiter als die Natur, ohne Führer als die Jugend, ohne Schmeichler als die Hoffnung! „Nun, mein junger Freund, reiste ich zwei Jahre und ſah ſelbſt in dieſer kurzen Zeit genug von dieſer geſchäftigen Welt, um mir die gewöhnlichen Gebräuche derſelben langweilig und verhaßt zu machen. Ich war nicht zum feinen Leben, viel weniger noch zum Ehrgeize geſchaffen. Ich ſeufzte nach den rauhen Ka⸗ meraden und den freien Zelten meiner erſten Geſell⸗ ſchaft, und tauſend Erinnerungen an die Zigeuner⸗ wanderungen, in die grünen und heiteren Farben der Kindheit getaucht, verfolgten beſtändig meinen Geiſt. Bei meiner Rückkehr von meinen Wanderungen fand ich einen Brief von meiner Schweſter vor, die Wittwe geworden war, Wales verlaſſen und ihre Wohnung in einem beſuchten Badeorte im weſtlichen England aufgeſchlagen hatte. Ich hatte ſie noch nie geſehen, und ihr Brief war der einer feinen Dame, mit viel Romantik und ſehr wenig geſundem Verſtande aus⸗ geſchmückt; die Handſchrift war ſehr hübſch und der Brief endete mit einem Verſe von Pope. Nun konnte ich Pope nicht leiden, noch irgend einen von den Dichtern aus der Zeit der Königin Anna und ihrer Nachfolger. Es war eine ſchöne Jahreszeit; ich war an Fußreiſen gewöhnt, und ſo machte ich mich zu Fuß at zu beſu verſchie ſahen. derſeher mehre glücklich der Ste fühlte i eniflohe ich die geſtohle dieſer ſ nie— lichen V zu ſein „Ic wo mei ſatz. E Staube in ein l Fuß lan lich pon grün, r lehensgr mich mi an; dre des häu nach den da. Ein allein und zücken ge⸗ en Förm⸗ teln, und gleiter als d, ohne zwei Jahre von dieſer Gebräuche hen. Ich noch zum auhen Ka⸗ ten Geſell⸗ Zigeuner⸗ Farben der inen Geiſt. ingen fand die Wittwe Wohnung n England ie geſehen, , mit viel tande aus⸗ ſch und der un konnte n von den und ihrer it; ich war ſchmich ze 67 Fuß auf den Weg, meine nächſte lebende Verwandie zu beſuchen. Unterwegs traf ich, aber an einem ſehr verſchiedenen Orte, die Rotte, die Sie geſtern Abend ſahen. Beim Himmel! das war ein fröhliches Wie⸗ derſehen für mich; ich ſchloß mich ihnen an, reiste mehre Tage mit ihnen— und nie verlebte ich eine glücklichere Zeit. Nach vielen Jahren der Knechtſchaft, der Steifheit und der übereinſtimmung mit der Welt, fühlte ich mich endlich frei, gleich dem aus dem Käfig entflohenen Vogel. Mit welchem Entzücken theilte ich die rohen Scherze, die ſchurkiſchen Streiche, die geſtohlenen Mahlzeiten und die obdachloſen Nächte dieſer ſorgloſen Vagabunden. O Herr, mögen Sie nie— um ſein zu können, was die Welt einen ehr⸗ lichen Mann nennt— das Glück kennen, ein Schurke zu ſein! „Ich verließ meine Reiſegefährten vor der Stabt, wo meine Schweſter wohnte. Nun kam der Gegen⸗ ſatz. Etwas erhitzt, gemein gekleidet, und mit dem Staube eines langen Sommertages bedeckt, wurde ich in ein kleines Geſellſchaftszimmer geführt, achtzehn Fuß lang unb zwölf tief, wie man mich ſpäter ziem⸗ lich pomphaft benachrichtigte. Ein greller Teppich, grün, roth und gelb, bedeckte den Fußboden. Das lebensgroße Bild eines hagern Frauenzimmers ſtarrte mich mit widerwärtigem Geſichte vom Kamingefims an; drei ausgeſtopfte Vögel— die wahren Sinnbilder des häuslichen Lebens— ſtanden ſteif und ſelbſt noch nach dem Tode in einen gläſernen Käfig eingekerkert da. Ein Feuerſchirm und ein zierlicher Kamin; Stühle 68 mit holländiſcher Leinwand beveckt, um ſie vor der Atmoſphäre zu ſchützen, und lange Spiegel, deren Rahmen in Muſſelin eingehüllt waren, um vie Fliegen abzuhalten, vollendeten das Panvrama dieſes Hauſes in einem Badeorte. Die Thür öffnete ſich— Seide rauſchte— eine Stimme kreiſchte:„„Mein Bruder!““ und eine Figur— eine dünne Figur— das Original des Porträls über dem Kamin— ſtürtte herein.“ „Ich kann mir ihre Freude ſehr wohl vorftellen,“ ſagte der Jüngling. „Bitte um Verzeihung, das können Sie nicht, Herr,“ entgegnete König Cole.„Sie empfand durch⸗ aus keine Freude, ſie war außerordentlich überraſcht und getäuſcht. Ungeachtet meines frühen Abenteuers hatte ich nichts Maleriſches oder Romantiſches an mir. Ich war ſehr durſtig und forderte Bier; ich war ſehr ermüdet und legte mich auf das Sopha nieder; ich trug dicke Schuhe und kleine Schnallen; meine Kleider waren gemacht, Gott weiß wo, und ſaßen mir, Gott weiß wie. Meine Schweſter war meinet⸗ wegen ſehr beſchämt; ſie beſaß nicht einmal ſo viel Lebensart, es zu verhergen. In höherem Range des Lebens, als worin ſie ſtand, würde ſie viel weniger Kränkung erfahren haben; denn ich glaube, vornehme Leute richten ſehr wenig wirkliche Aufmerkſamkeit auf Außenvinge. Selbſt wenn ein Mann von Stanbe ſich gemein beträgt, ſo macht es keinen Unterſchied in dem Kreiſe, worin er ſich bewegt, aber die fein ſein wollenden Damen aus der Mittelklaſſe find ſo ſchrecklich abhängig von dem, was Mrs. Tonkins ſagen wandte — unl Schein wenn reden, kann, meinen gefunde „J ſtrafte ſtolzem pfindur zu. U Zigeun mich u blieb konnte, ein un nd durch⸗ überraſcht Ubenteuers z ich war ha nieder; en; meine und ſaßen ar meinet⸗ nal ſo viel Range des el weniger vornehme amkeit auf n SStne Unterſchied er die fein ſſe find ſo s. Tonkins 69 ſagen wird— ſo ſehr unruhig hinſichtlich ihrer Ver⸗ wandten und der Meinung, die man von ihnen hegt — und ſie beſtehen beſonders ſo ganz auf äußern Schein und Kleidern— fühlen ſich ſo unglücklich, wenn ſie nicht nach der Mode eſſen, trinken und reden, daß ich mir keine größere Scham vorſtellen kann, als meine arme Schweſter empfand, einen ge⸗ meinen Bruder zu haben und mit ihm in Geſellſchaft gefunden zu werden. „Ich ſah, wie unwillkommen ich war, und be⸗ ſtrafte mich nicht durch einen langen Beſuch. Mit ſtolzem Geſicht und einem Herzen voll bitterer Em⸗ pfindungen verließ ich ihr Haus und ging auf London zu. Unterwegs traf ich wieder meine Freunde, die Zigeuner; die Wäeme ihres Willkommens bezauberte mich und Sie können ſich das übrige venken. Ich blieh ſo lange bei ihnen, vaß ich es nicht ertragen konnte, ſie zu verlaſſen; ich trat wieder in ihre Bande ein und gehöre ihnen an. Doch habe ich mich ihnen nicht gänzlich und allein angeſchloſſen: Ich verlaſſe ſie noch zuweilen, wenn es mir einfällt und begebe mich in die großen Städte und zu den Sammelplätzen der Menſchen. Von dort werde ich bald wieder auf meine geliebten friſchen Felder zurückgetrieben, ſo wie ein Rohr aus einem wilven Strome wieder zu bem grünen Schilf zurückgeſchleudert wird, aus dem es ausgeriſſen worden. Sie bemerken, daß ich viele Bequemlichkeiten und Auszeichnungen vor den übrigen voraus habe; venn leider gibt es keine Geſellſchaft, mein Herr, ſo frei und demokratiſch ſie auch ſein mag, wo der Reich⸗ 70 thum nicht eine Ariſtokratie bildet. Die überbleibſel meines Vermögens verſehen mich mit einer nicht allzu prunkenden Equipage und ven wenigen Lurusartikeln, die ſie enthält; ich ſorge für die Nothdurft der Ar⸗ men ſowohl meines als auch anderer Stämme, mit venen meine Wanderungen mich in Berührung hrin⸗ gen; ich bin dadurch in den Stand geſetzt, alle grö⸗ beren und ſchwerere Vergehungen gegen das Geſetz unter dem Stamme zu zügeln, wozu ver Mangel ſie ſonſt zwingen könnte; und es dient dazu, jene Herr⸗ ſchaft und jenes übergewicht unter ihnen aufrecht zu erhalten, die ich gleich Anfangs durch meine beſſere Erziehung und meinen lebhaften Geiſt erlangte. Ob⸗ gleich ich nicht ihr geſetzmäßiger König bin, maße ich mir dieſen Titel über die wenigen Leute an, mit denen ich umherzuwandern pflege, und Sie ſehen, vaß ich meinem einfachen Stamme die ſcherzhafte und königliche Würde verliehen habe, woran die alten Lieder Sie oft erinnern werden. Meine Geſchichte iſt erzählt.“ „Nicht ganz,“ ſagte ſein Begleiter;„Ihre Frau? Wie kamen Sie zu dieſem Segen?“ „Ah! das iſt eine hübſche Liebesgeſchichte, die ſich nicht übel in einer alten Ballade ausnehmen würde; aber ich will mich damit begnügen, ſie nur kurz zu erzählen. Luch iſt die Tochter eines Pächters von der beſſeren Klaſſe. Vor ungefähr vier Jahren ver⸗ liebte ich mich in ſie. Ich warb insgeheim um fie und geſtand ihr endlich, daß ich ein Zigenner ſei; ich ſagte nichts von meiner Geburt und meinem Ver⸗ mögen Liebhabe die weil mich ſel mir— Zorn vo ich mich Verfolgt thung ge Vich, r Exekutio befehl g Luey ab verſchaff ſcheres„ der Wel Caravan bleibſel ht allzu artikeln, der Ar⸗ ne, mit ng hrin⸗ lle grö⸗ s Geſetz angel ſie ne Herr⸗ frecht zu e beſſere gte. Ob⸗ n, maße an, mit ie ſehen, hafte und die alten Geſchichte re Frau? e, die fich n würde; r kurz zu hters von hren ver⸗ m um ſie uner ſei; inem Ver⸗ 71 mögen— nein, ich war voll von der Romantik des Liebhabers des nußbraunen Mädchens und verſuchte die weibliche Neigung zu prüfen, und ich täuſchte mich ſelbſt in dieſen Tagen nicht. Sie entfloh mit mir— ich überlaſſe es Ihnen, ſich Ihres Vaters Zorn vorzuſtellen— aber Sie müſſen auch hören, wie ich mich für ſeinen lärmenden Haß und ſeine thätige Verfolgung rächte. Ein Jahr nach unſerer Verheira⸗ thung gerieth er in ungünſtige Umſtänbe; mit Getreide, Vieh, mit Allem glückte es ihm nicht. Er hatte Exekution im Hauſe, und ſchon war ein Verhafts⸗ befehl gegen ſeine Perſon ausgefertigt. Ich ſchickte Luch ah, um ihn zu tröſten und aufzurichten; wir verſchafften ihm eine beſſere Pachtung und ein hüb⸗ ſcheres Haus und find jetzt ſeine beſten Freunde in der Welt. Die arme Luey iſt vollkommen mit ihrer Caravane und ihrem wandernden Gatten ausgeſöhnt, und ich glaube nicht, daß ſie je den Tag bereut hat, wo ſie das Weib des Zigeuners wurde!“ „Ich vanke Ihnen herzlich für Ihre Geſchichte,“ ſagte der Jüngling, der dieſem Berichte ſehr auf⸗ merkſam zugehört hatte;„und obgleich mein Glück und mein Streben ſich in jener Welt eonrentriren, die Sie verachten, ſo muß ich doch bekennen, daß ich über Ihre ſeltſame Wahl ein Gefühl empfinde, welches dem Neide ſehr ähnlich iſt; und ich würde nicht wagen, mein Herz zu fragen, ob dieſe Wahl nicht glücklicher iſt, als die meine, ſo wie ſie gewiß philoſophiſcher iſt.“ Sie hatten jetzt einen Theil ves Weges erreicht, 72 wo das Land einen ganz verſchiedenen Charakter an⸗ nahm; die Wälder und wüſten Ebenen waren nicht mehr ſichtbar, ſondern eine weite und ziemlich un⸗ erfreuliche Fläche des Landes lag vor ihnen. Nur hie und da unterbrachen wenige einzelne Bäume die Einförmigkeit der weiten Felder und ſpärlichen Hecken⸗ reihen, und in entfernten Zwiſchenräumen erhoben ſich die ſchlanken Thürme der einzelnen Kirchen gleich Gebeten, deren Symbol ſie vielleicht waren, um ſich mit dem Himmel zu miſchen. Der Zigeuner blieb ſlehen.„Ich begleite Sie nicht weiter,“ ſagte er;„Ihr Weg geht geradeaus und Sie werden W. vor Mittag erreichen; lehen Sie wohl und Gott ſei bei Ihnen!“ „Leben Sie wohl!“ ſagte der Jüngling, mit Wärme die ihm dvargereichte Hand drückend.„Wenn wir uns wiederſehen, wird wahrſcheinlich ein intereſſantes Räthſel gelöst ſein, nämlich, ob Ste nicht der Ca⸗ ravane überdrüſſig ſind und ich der Welt!“ „Das Letzte iſt wahrſcheinlicher als vas Erſtere,“ ſagte der Zigeuner,„denn es iſt viel eher zu erwar⸗ ten, daß man Anberen überbrüſſig wird, als ſeiner ſelbſt. Ich will die alten Verſe verändern und Ih⸗ nen meiner alten Gewohnheit nach in Verſen Lebe⸗ wohl ſagen: Geh, ſetz auf flücht'gen Reichthum deinen Sinn, Streb' zu den Gipfeln auf des ſtolzen Ruhms; Doch gib mir Freiheit und Geſundheit nur, Das iſt die volle Summe meines Wunſches!“ — V wenn an der oder e nicht entflie nagen keit, akter an⸗ ßäume die nHecken⸗ erhoben geradeaus lehen Sie tereſſantes ht der Ca⸗ 1 s Erſtere,“ zu erwar⸗ als ſeiner n und Ih⸗ erſen Lebe⸗ m, Viertes Kapitel. Den Brief, Madame— iſt hier kein Brief für mich? Das Stelldichein. Wundärzte ſchafft herbei. Des Liebenden Wallfahrt. Wie wenig kümmern wir uns um den Verfaſſer, wenn wir ſein Werk leſen! Wie wenig liegt uns an der Sorge, welcher der Scherz ausgepreßt worden, oder an der Ermüdung, die wir eines Vorfalls wegen nicht bemerken! Aber die Macht, den Gefühlen zu entfliehen, die Velohnung der Literatur für ihre nagenden Sorgen, für die Täuſchung und Angſtlich⸗ keit, für die Verleumdung und den ſcharfen Tadel— ſelbſt dies vergeht, und die Gewohnheit ſchleppt die ſchwere Kette fort, welche die Begeiſterung einſt mit Leidenſchaft trug! Welch ein ſchönes Alter, wo in der Schöpfung der Phantaſte die Bitterkeit und Ode der Wahrheit verloren ging! die Sorgen der Jugend, wenn nicht ganz idealiſch, erhorgen wenigſtens von der Phantaſie ihre Farbe und ihre Geſtalt. Iſt es zu verwundern, daß ſich aus der Phantaſie auch ihr Troſt und ihre Hoffnung herſchreibt? Aber jetzt im Mannesalter hat die Phantaſie wenig mit unſern Bekümmerniſſen zu thun und läßt uns keine Ausgänge übrig, auf denen wir entfliehen können. Wie bald verliert bei der Anſtrengung, bei der Hitze, der Un⸗ ruhe, dem erſchöpfenden Nachdenken der reiferen Jahre die mitternächtliche Lampe ihren Zauber und die mittäglichen Viſionen ihre Pracht! Wir ſind durch tauſend drückende Bande an dieſe harte und unheilige 74 Erde gefeſſelt. Wir werden Sklaven des Bodens von Stauh und Thon, Bewohner des verunreinigten Rauches, der beſchmutzten Wände und des ſteinernen Fußgeſtelles der ungaſtlichen Welt. Was hat jetzt unſer Kummer mit der mondſüchtigen Melancholie, mit der ſanften Zärtlichkeit unſerer jungen Jahre zu thun? Können wir ihn noch den Wäldern und Waſſerfällen klagen? Können wir den antwortenden See oder die ſympathiſirenden Sterne zu Zeugen machen? Ach! ſie finden jetzt weder Umgang noch Troſt in den Stimmen der Natur, over in den Geheimniſſen der Romantik; ſie ſind die winzigen Stacheln und die fallenden Tropfen geworden, die ärgerliche und auf⸗ regende Kleinheit des Lebens; ſie beſitzen weder Würde auf der einen, noch Täuſchung auf der andern Seite. Sie hängen ſich nach einander gleich eiſernen Banden an uns an; ſie vervielfachen ihre Glieder; ſie wachſen über unſere Herzen hinaus; und die Gefühle, einſt zu wild für die weite Erde, falten in der Seele ihre geknickten Flügel zuſammen! Trübe und ſchwere Ge⸗ danken ſchließen ſich gleich öden Mauern um die lachenden Blumen und Felder, die uns ehemals be⸗ zauberten; die Sünden, die Gewohnheiten, die Ver⸗ nünfteleien der Welt ſchließen gleich dem finſtern Nebel den frohlockenden Himmel von unſeren Blicken aus, die Länge unſere Kette wird die Grenze unſerer Wanderung; die Decke unſerer Zelle, die Höhe un⸗ ſeres Auffluges. Thoren— Thoren, die wir find, uns einzubilden, daß die Werke unſerer ſpäteren Jahre noch nach der Freiheit und den Beſtrebungen unſerer der Mit blicktich „Ich“ e lungen und Kr Seh trachtun ſenden, ſamen Fülle de Geiſtes, funden abgebro guiniſch tung ſei „Zie Beſſeres treffen wo ich Nein, mir eine lung! mich w werde; meiner Heimatl mit Füß ich will ver mei Bodens einigten inernen tzt unſer mit der thun erfällen oder die Ach! in den ſſen der und die d auf⸗ Würde n Seite. Banden wachſen le, einſt ele ihre ere Ge⸗ um die nals be⸗ die Ver⸗ finſtern Blicken e unſerer öhe un⸗ wir ſind, ſpäteren rebungen 75 unſerer Jugend ſchmecken werden, oder vaß wir in der Mitte Alles deſſen, was ſtündlich und augen⸗ blicklich unſere Herzen und Geiſter an das ewige „Ich“ erinnert und bindet, den eingebildeten Hand⸗ lungen und Empfindungen eines Andern Leben, Reiz und Kraft gewähren können! Sehr verſchieden von vieſen melancholiſchen Be⸗ trachtungen waren die Gedanken unſeres jungen Rei⸗ ſenden, als er mit raſchem Schritte auf ſeinem ein⸗ ſamen Wege forteilte. Die friſche Luft und die Fülle der Geſundheit verlieh ihm jene Heiterkeit des Geiſtes, die nach einem gewiſſen Alter ſo ſelten ge⸗ funden wird; und von Zeit zu Zeit ſtieß er ſelbſt abgebrochene Sätze aus, die, indem ſie ſeine ſan⸗ guiniſchen Betrachtungen verriethen, zugleich die Rich⸗ tung ſeines Geiſtes anveuteten. „Zigeuner werden! nein, ich habe noch etwas Beſſeres zu erwarten, als daß ich eine ſolche Wahl treffen ſollte. Ja, ich habe die ganze Welt vor mir, wo ich wählen kann— und nicht meinen Ruheplatz. Nein, manches lange Jahr wird vergehen, ehe ich mir einen Ruheplatz wählen werde! Handlung! Hand⸗ lung! Handlung! wie Demoſthenes ſagte. Es ſoll mich wundern, ob ich den Brief in W“** finden werde; den Brief, den letzten Brief, den ich je aus meiner Heimath erhalten werde: aber jetzt iſt es keine Heimath für mich; und ich— ich, beleidigt, geſchmäht, mit Füßen getreten, ſelbſt vhne einen Namen! Wohlan, ich will mir einen ſchöneren Namen verdienen, als der meiner Vorfahren iſt. Sie ſollen noch ſtolz ſein, mich anzuerkennen!“ Und mit dieſen Worten brach der Redner plötzlich mit ſchwellender Bruſt und flam⸗ mendem Auge ab, und als unbekannter, freundloſer Abenteurer ſah er ſich in der weiten und ſtillen Gegend um, und fühlte, gleich Caſtrucciv Caſtrucani, vaß er ſeine Hände nach Oſt und Weſt ausſtrecken und ausrufen könne:„O, wenn meine Macht mit meinem Geiſte Schritt hielte, ſo würde ich die Enden der Erde ergreifen.“ Der Weg, der ihn bisher einige Meilen durch vas freie Feld geführt hatte, ging jetzt in einen ſchmalen Pfad üher, der auf heiven Seiten von einer Einzäunung eingefaßt war. Als der Jüngling ein⸗ trat, wurde er durch das plötzliche Erſcheinen eines Reiters ein wenig erſchreckt, deſſen Pferd ſo dicht neben unſerem Helden über die Einzäunung ſetzte, vaß er beinahe in Gefahr gerieth. Der Reiter, ein Herr von etwa fünfundzwanzig Jahren, hielt an und entſchuldigte ſich in ſehr höflichem Tone wegen ſeiner Unachtſamkeit; die Entſchuldigung wurde bereitwillig angenommen, und der Andere ritt auf dem Wege nach W*** weiter. So unbedeutend dieſer Vorfall war, ſo feſſelte doch vie Miene und das Ausſehen des Fremden die Ge⸗ vanken des jungen Reiſenden, und ehe er ſie in einen neuen Canal lenken konnte, befand er ſich ſchon in ver Stadt und vor der Thüre des Gaſthauſes, wohin ſein Weg gerichtet war. Er trat in das Gaſtzimmer; eine hübſche Wirthin und eine noch hübſchere Tochter ſchenkten die geiſtigen Getränke an dem Orte aus. „S mich, der hül „A „A „Auf t ſtehen, ſoll, b „ geſtern Brief Di zu dem Neugie wohl ihre H Spielk denen derſelb Brief ſogleic „2 wollen des B ungew viereck ten brach und flam⸗ reundloſer nd ſtillen aſtrucani, ausſtrecken Macht mit die Enden ilen urch in einen von einer gling ein⸗ inen eines ſo dicht ung ſetzte, Reiter, ein elt an und egen ſeiner bereitwillig dem Wege feſſelte doch en die Ge⸗ ſie in einen ch ſchon in ſes, wohin aſtzimmer; ere Tochter Orte aus. 77 „Sie haben einige Pakete und einen Brief an mich, wenn ich nicht irre,“ ſagte der junge Herr zu der hübſchen Wirthin. „An Sie, Herr? der Name, wenn's gefällig iſt?“ „An— an— an C. L.,“ ſagte der Jüngling. „Auf dem Briefe müſſen die Anfangsbuchſtaben C. L. ſtehen, mit der Bemerkung, daß er liegen bleiben ſoll, bis er abgeholt wird.“ „Ja, Herr, wir haben einiges Gepäck, welches geſtern Ahend mit der Nachtpoſt kam, und auch einen Brief an C. L.“ Die Tochter erhob ihre großen dunklen Augen zu dem ſchönen Fremden und fühlte eine wunderbare Neugierde, zu wiſſen, wovon der Brief an C. L. wohl handeln möchte, inzwiſchen erhob die Wirthin ihre Hand zu einem Gefims, worauf eine indiſche Spielkumme, die große Zierde der Schenke des gol⸗ denen Vließes, ſtand und brachte aus der Vertiefung verſelben einen wohl zuſammengelegten und verſiegelten Brief hervor. „Das iſt er,“ rief der Jüngling; weiſen Sie mir ſogleich ein beſonderes Zimmer an.“ „Was mag er mit einem beſondern Zimmer wollen?“ pachte die Tochter der Wirthin. „Führe den Herrn auf Nr. 4, John Merrylach,“ ſagte die Wirthin. „Mit ungeduldigem Schritte folgte der Eigner des Briefes einem auf Pantoffeln gehenden und ſehr ungewaſchenen Kellner auf Nrv. 4.— ein kleines viereckiges Aſyl für Reiſende aus der Stabt, Land⸗ 78 leute und einzelne Herren, welches auf der einen Seite einen bewundernswürdigen Kupferſtich des Marquis von Granby und auf der andern eine ebenſo ergötz⸗ liche Ausſicht auf den Hofplatz und die Ställe zeigte. Herr C. L. warf ſich auf einen Stuhl(es waren nur vier Stühle auf Nro. 4.), wartete bis der Kellner aus dem Zimmer war, ergriff ſeinen Brief, erbrach das Siegel und las— ja, Leſer, Du ſollſt ihn auch leſen— wie folgt: „Hier eingeſchloſſen erhältſt Du die Summe, wozu Du berechtigt biſt; erinnere Dich, daß es Alles iſt, was Du je von mir fordern kannſt; erinnere Dich auch, daß Du ſelber die Wahl getroffen haſt, welche zu verändern mich jetzt nichts überreden kann. Möge der Name, den Du ſo lange auf unrechte Weiſe ge⸗ führt haſt, jetzt und immerdar vergeſſen ſein; unter dieſer Bedingung kannſt Du noch von meiner Groß⸗ muth den künftigen Beiſtand hoffen, deſſen Du be⸗ dürfen mußt, den Du aber von meiner Zärtlichkeit nicht fordern könnteſt. Sowohl von meinem Herzen als von meiner Vernunft biſt Du auf immer ver⸗ ſtoßen.“ Der Brief fiel dem Leſer aus der Hand. Er nahm vas Eingeſchloſſene auf; es war eine in London zahl⸗ bare Anweiſung auf tauſend Pfund, ihm war es, als habe er die Rente beider Indien erhalten. „So ſei es!“ ſagte er laut und langſam.„Damit will ich mir meinen Weg bahnen; mancher hiſtvriſche Name iſt auf einen ſchlechteren Grund gebaut!“ Mit dieſen Worten ſteckte er ſorgfältig das Geld ein, las den k dann öffnete in err ſunken die ſic mager es nan Hausk W beſchäf Pferde wurde grunzt dem u war, t Au ging h gering Miene (nicht von de und de kratie „V der Rei Gaſtha „Hier —„da Am inen Seite Marquis nſo ergötz⸗ ille zeigte. (es waren er Kellner f, erbrach ihn ach nme, wozu Alles iſt, mere Dich ſt, welche nn. Möge Weiſe ge⸗ ein; unter ner Groß⸗ n Du be⸗ Zärtlichkeit em Herzen mer ver⸗ Er nahm ndon zahl⸗ ar es, als n.„Damit hiſtoriſche ut! Mit ein, las den kurzen Brief noch einmal, zerriß ihn und ging dann zu der erwähnten Ausſicht auf den Hoſplatz, öffnete das Fenſter und lehnte ſich hinaus, anſcheinend in ernſte Bewunderung zweier jungen Schweine ver⸗ ſunken, die grunzend auf ihn zukamen, einer Ziege, die ſich an Kohl labte und eines kurzluftigen abge⸗ magerten Pferdes, welches eben, wie der Hausknecht es nannte,„geſtriegelt“ worden war und jetzt, wie der Hausknecht es nannte,„gefüttert“ werden ſollte. Während er mit dieſer intereſſanten Betrachtung beſchäftigt war, hörte er plötzlich den Hufſchlag eines Pferdes auf dem unebenen Pflaſter— eine Glocke wurde geläutet— ein Hund bellte— die Schweine grunzten— der Hausknecht lief hinaus, und der Fremde, dem unſer Held ſchon vorher auf dem Wege begegnet war, trabte auf den Hoſplatz. Aus der Geſchäftigkeit der dienenden Perſonen ging hervor, daß der Reiter eine Perſon von nicht geringer Wichtigkeit war, und in der That war eine Miene, die man faſt fürſtlich hätte nennen können (nicht als hätten Fürſten wirklich die edelſten Mienen von der Welt), ſchon allein hinreichend, der Stirn und der Geſtalt des Fremden das Patent der Ariſto⸗ kratie aufzudrücken. „Wer mag das ſein?“ ſagte der Jüngling, als der Reiter abgeſtiegen war und ſich zu der Thür des Gaſthauſes wendete. Die Frage war bald beantwortet: „Hier geht Stolz und Armuth,“ ſagte der Hausknecht — da kommt Squire Mordaunt,“ ſagte die Wirthin. Am äußerſten Ende des Hofes ſah der Jüngling vurch ein enges Thor den grünen Raſen und die ſproſſenden Blumen eines kleinen Gartens. Durch die Einförmigkeit vvn Nro. 4. mehr, als von ſeiner Reiſe ermüdet, ſchlenderte er zu dem erwähnten Thor hin, ſetzte ſich in eine⸗ kleine Laube im Garten und gab ſich ſeinen Betrachtungen hin. Das Reſultat dieſer überlegung war der Entſchluß, vas goldene Vließ mit der erſten Gelegenheit zu ver⸗ laſſen, die ihn zu dem großen Gegenſtande und dem Schauplatze aller ſeiner Pläne und Gedanken, nach Londyn bringen ſollte. Voll von dieſem Entſchluſſe und in die Träume verſenkt, die dadurch heraufbe⸗ ſchworen wurden, kehrte er mit niedergeſchlagenen Augen und unachtſamen Schritten durch den Hofplatz zurück, um wieder die Ergötzlichkeiten von Nro. 4. zu genießen, als er plötzlich von einer lauten und erſchrockenen Stimme angeredet wurde:„Um Gottes Willen, Herr, ſehen Sie ſich vor, oder—“ Der Satz wurde abgebrochen, vie beabfichtigte War⸗ nung kam zu ſpät, unſer Held taumelte einige Schritte zurück und ſiel dann betäubt und bewegungslos gegen vie Stallthür. Unbewußt war er gerade hinter dem Pferde vorübergegangen⸗ welches, durchaus nicht in guter Laune, wegen der ungeſchickten Behandlung ves Hausknechts, die Gelegenheit benützte, ſeinen Zorn auszulaſſen, und Herrn C. L. einen heftigen Schlag an die rechte Schulter zu verſetzen. Der Fremde, der von der Wirthin mit dem Namen und Titel Squire Mordaunt beehrt worden, war in dem Augenblicke auf dem Hofplatze. Er eilte zu dem Ver⸗ letzten, führte il gerufen unter de ein Her zur Länt Zoll ho eine Pet und geſ etwas n war an etwas a ſo weiſe waren Manda mias B zu beſch ſeinem das Ho gewöhn bäude Verſtat bemerk ganz b weilen Würde Natur, gabt h Mutte dachten Bult und die Durch die ner Reiſe Lhor hin, und gab Entſchluß, it zu ver⸗ und dem ken, nach Entſchluſſe heraufbe⸗ ſchlagenen n Hofplatz Nro. 4. auten und Um Gottes 4 tigte War⸗ ige Schritte slos gegen hinter dem s nicht in Behandlung ſeinen Zorn igen Schlag dem Namen war in dem zu dem Ver⸗ 8¹ letzten, der noch kaum ſeiner ſelbſt bewußt war, und führte ihn ins Haus. Der Wundarzt des Dorfes wurde gerufen und kam. Dieſer Schüler des Galen, gemeinhin unter dem Namen Jeremias Boſſolton bekannt, war ein Herr, der vffenbar mehr Neigung zur Breite als zur Länge zeigte. Er war gerade fünf Fuß und einen Zoll hoch, aber feſt und ſtark wie ein Meilenſtein; eine Perüke von movernem Schnitt, ſorgfältig gelockt und gepudert, verlieh ſeinem feierlichen Ange eine etwas modiſche und daher unſchöne Grazie; ſein Mund war an den Winkeln heruntergezogen, ſeine Naſe hatte etwas außerordentlich Wichtiges, ſeine Augenbrauen, ſo weiſe und ſtruppig wie des Lord Eldon, ſeine Ohren waren groß und feurig und ſein Kinn würde einem Mandarin Ehre gemacht haben. Dieſer Herr Zere⸗ mias Boſſolton zeigte in ſeiner Redeweiſe eine ſchwer zu beſchreibende Eigenthümlichkeit. Die Natur hatte ſeinem Gemüthe eine außerordentliche Vorliebe für vas Hochtönende beigegeben; daher verachtete er die gewöhnliche Sprache und erbaute ein thurmhohes Ge⸗ bäude von Worten um ſich her, in welchem ſich ſein Verſtand häuſig verirrte. überdies müſſen wir noch bemerken, daß, wenn er einmal einen Redeſatz von ganz beſonderer Wichtigkeit angefangen, er ſich zu⸗ weilen in Verlegenheit ſah, denſelben mit gleicher Würde zu Ende zu bringen. Dieſer Eigenſinn der Natur, der ihn mit mehr Worten als Gedanken he⸗ gabt hatte, trieb ihn, da die Noth bekanntlich die Mutter der Erfindung iſt, zu einer recht gut ausge⸗ dachten Art, dem Mangel abzuhelfen. Dieſe beſtand Bulwer, der Verſtoßene. I. 6 82 ganz einfach darin, den Sinn durch Umkehrung bes Satzes in einer Weiſe zu wiederholen, die wir, um ſie den Leſern verſtändlich zu machen, bei der erſten vorkowmmenden Gelegenheit hervorheben wollen. „Ein wie langer Zeitabſchnitt iſt dahingeſchwun⸗ den,“ ſagte Herr Boſſolton,„ſeitdem dieſer höchlich zu bedauernde und erußlich zu unterſuchende Vorfall ſich ereignete?“ „Nicht viele Minuten,“ ſagte Mordaunt;„ich hitte Sie zaudern Sie nicht länger, ſondern unter⸗ ſuchen Sie den Arm. Ich hoffe, es iſt nichts gebrochen?“ „Ja dieſer Welt, Herr Mordaunt,“ ſagte der Prak⸗ tikant, ſich tief verbeugend, denn die angeredete Perſon gehörte zu der älteſten Familie in der Graſſchaft— „in dieſer Welt, Herr Mordaunt, iſt ſogar ſeit der erſten Civiliſation, Aufſchub in Dingen der Beurthei⸗ lung ſtets von ſo einwirkender Wichtigkeit und ſo wichtiger Einwirkung gehalten, daß wir dies unter die Sprüchwörter der Griechen und die Lehr⸗ ſprüche der Chaldäer aufgenommen finden, als einen Grundſatz der allerweſentlichſten Nützlichkeit und— der allernützlichſten Weſentlichkeit!“ „Herr Boſſolton,“ ſagte Mordaunt im Tone aus⸗ gezeichneter, faſt erkünſtelter Milde und Höflichkeit, „haben Sie die Güte, die Quetſchung dieſes Herrn unverzüglich zu unterſuchen.“ Boſſolton blickte zu dem ruhigen, kalten, aber ſtolzen Geſichte des Rebenden auf und begann den ſchon entblößten Arm ohne die mindeſte weitere Zöge⸗ rung zu betaſten. Dann ſagte er:„Es trägt ſich oft zu bei volle, 1 Gegenſi an die r lichen K ich ſollt lichſte der ſch „If Mordat Der ungeme jungen zu ſich Letztere „ ſagte e nicht g hrung bes wir, um der erſten len. geſchwun⸗ er höchlich e Vorfall unt;„ich en unter⸗ brochen?“ der Prak⸗ ete Perſon ſſchaft— r ſeit der Beurthei⸗ eit n ß wir dies die Lehr⸗ als einen tzlichkeit ichkeit!“ Tone aus⸗ öflichkeit, ſes Herrn ten, aber gann den tere Zöge⸗ igt ſich oft 83 zu bei der Ausübung meiner Kunſt, daß die kraft⸗ volle, plötzliche, gewaltſame Annäherung eines harten Gegenſtanbes, wie z. B. des Hufes eines Vierfüßers an die weichen, zarten, fleiſchreichen Theile des menſch⸗ lichen Körpers, venen der Arm angehört, einen Schmerz, ich ſollte vielmehr ſagen eine Pein, von der empfind⸗ lichſten Schärfe verurſacht— und— und von der ſchärfſten Empfindlichkeit.“ „Iſt der Arm gebrochen, Herr Boſſolton?“ fragte Mordaunt. Der Patient, bisher in der Abſpannung, welche ungemeiner Schmerz zuerſt, und ganz beſonders bei jungen Leuten, hervorbringt, war jetzt genugſam wieder zu ſich gekommen, um die freundliche Sorgfalt des Letzteren zu bemerken. „Ich danke Ihnen für Ihre Sorgfalt, mein Herr,“ ſagte er lächelnd,„aber ich fühle, vaß der Knochen nicht gebrochen iſt, die Muskeln ſind ein wenig ver⸗ letzt— das iſt Alles.“ „„Junger Herr,“ ſagte Boſſolton,„Sie müſſen mir zu bemerken erlauben, daß viejenigen, welche ihr ganzes Leben hindurch der Ausübung, der Begrün⸗ dung und ver beſondern Erforſchung gewiſſer Stu⸗ dien oblagen, im Allgemeinen mit dieſen Studien beſſer bekannt ſind als diejenigen, die denſelben keine Wichtigkeit der Betrachtung zuwandten, noch irgend eine Betrachtung von Wichtigkeit. In⸗ vem ich dies als meine Hypothefis aufſtelle, werde ich jetzt beginnen—“ „Wenden Sie augenblicklich Hülfsmittel an, wenn's gefällig iſt, Herr Boſſolton,“ fiel Mordaunt mit dem lieblichen, honigſüßen Tone ein, der ſogar den ge⸗ ſchwätzigen Wundarzt zum Schweigen brachte. So angetrieben unterſuchte Boſſolton den Arm wieder und gab ſeine Meinung dahin ab, daß der Arm in Folge eines gewaltſamen Schlages verletzt ſei, der auch durch irgend einen andern Stoß hätte bewirkt werden können, welcher gleiche Kraft als der vom Hufe des Pferbes geäußert habe. Hierauf ſchritt er dazu, die Anlegung von Bandagen zu empfehlen, die er in der beſorgteſten Eile und in der eilig⸗ ſten Beſorgniß zu bereiten verſprach. Fünftes Kapitel. Ihr Name, Herr? Mein Name, meinen Sie? Schon recht— mein Nam'— iſt— doch, muß mich bedenken. Pedrillo. Dieſer Unfall hatte einen Aufſchub in den Plänen des jungen Mannes zur Folge, für welchen wir, ſo⸗ wohl zu unſerer eigenen, als zu des Leſers Bequem⸗ lichkeit, ſehr bald einen Namen aufzufinden hoffen. Nachdem Mordaunt ſich überzeugt, daß jede Art von Pflege, ſowohl ärztliche als gaſtliche, angewendet wurde, verließ er den Kranken mit dem Verſprechen, am folgenden Tage wieder einzuſprechen, indem er in ihm den lebhafteſten Eindruck der Neugierde und der Theilnahme zurückließ, um unſerem Helden bis zu ſeiner währen Haube dem ſch inzwiſc ein Zir züge h nt mit dem ar den ge⸗ hte. den Arm „ daß der es erletzt Stoß hätte aft als der rauf ſchritt empfehlen, ver eilig⸗ meinen Sie? iſt— doch, enken. Pedrillo. den Plänen en wir, ſo⸗ s Bequem⸗ den hoffen. ß jede Art angewendet zerſprechen, indem er in de und der den bis zu 85 ſeiner Rückkehr einige geiſtige Beſchäftigung zu ge⸗ währen. Die hübſche Wirthin kam in einer neuen Haube mit blauen Bändern, um im Laufe des Abends dem ſchönen Patienten einen Beſuch abzuſtatten, der inzwiſchen nach Nr. 8. war verſetzt worden— in ein Zimmer, welches gerade doppelt ſo viele Vor⸗ züge hatte als Nr. 4., denn es war noch einmal ſo groß. „Ich hoffe, Sie befinden ſich jetzt beſſer,“ ſagte Mrs. Taptape ſich verbeugend. „Jetzt gewiß,“ ſagte der höfliche junge Mann mit bedeutungsvollem Blicke. „Hm!“ ſagte die Wirthin. Es trat eine Pauſe ein. Ungeachtet des Com⸗ plimentes, regte ſich in ihr ein plötzlicher Argwohn. So ſtark die Vorliebe des Geſchlechtes iſt, ſo iſt doch die Vorliebe für das Geſchäft noch ſtärker. „Ehrliche Leute reiſen nicht bloß unter ihren An⸗ fangsbuchſtaben,“ dachte die Wirthin.„Die letzte Zeitung war von ſchrecklichen Berichten über Diebe und Betrüger angefüllt, und der filberne Theetopf, den John ihm gebracht, koſtet mich vierzehn Pfund und ſo und ſo viel Schillinge— als wenn der von Porzellan nicht gut genug für einen Fußreiſenden wäre?“ Dieſe Gedanken verfolgend, ſah Mrs. Taptape verſchämt vor ſich nieder und ſagte:„Beinahe hätte ich vergeſſen, Herr Boſſolton fragte mich, unter welchem Namen er Sie in ſein Krankenbuch auf⸗ zeichnen ſolle; was ſoll ich ihm erwidern, Herr?“ „Welcher Herr?“ ſagte der Jüngling. „Herr Boſſolton, der Wundarzt, Herr.“ „Ei, Boſſolton! ein ſehr ſeltſamer Name— nicht halb ſo hübſch als— aber was ſehe ich, welch eine köſtliche Haube tragen Sie da!“ ſagte der junge Herr. „Ei, Herr, meinen Sie? Das Band iſt frei⸗ lich ſehr ſchön; aber— aber, was ich ſagen wollte, welchen Namen ſoll Herr Boſſolton in ſein Buch eintragen?“ Dies, dachte Mrs. Taptape, muß es herausbringen. „Nun!“ ſagte der Jüngling wie in tiefem Nach⸗ finnen,„Boſſolton iſt in der That der ſeltſamſte Name, den ich je hörte; er thut recht, ihn in ein Buch einzutragen— es iſt eine Seltenheit— iſt er geſchickt?“ „Sehr, Herr,“ ſagte die Wirthin etwas heftig; „aber Ihren Namen will er einſchreiben, nicht den ſeinigen.“ „Meinen,“ ſagte der Jüngling, der ſich offenbar lange auf eine Antwort heſonnen hatte, welche zu ertheilen den meiſten Menſchen nur geringe überle⸗ gung koſtet—„meinen, ſagen Sie; mein Name iſt Linden— Clarence Linden!“ „Welch ein hübſcher Name!“ dachte die Wirths⸗ tochter, die am Schlüſſelloch horchte;„aber wie konnte er nur Mama's garſtige Haube bewundern?“ „Und nun, Wirthin, wünſche ich, daß Sie mir meine Sachen und auch eine Zeitung heraufſenden?“ „Ja, Herr,“ ſagte die Frau, ſtand auf und ging. hatte ſ Eine 5 lieblich ſolton Geruch M Morge mit eit C. L. i irgend tern, noch 3 der be Unterh als ſie daunt Linden Theil ſetzte e entfer: tereſſir leicht 4 Name— ich, welch der junge id iſt frei⸗ gen wollte, ſein Buch e, muß es efem Nach⸗ ſeltſamſte ihn in ein it— iſt er as heti „ nicht den ch offenbar welche zu ge überle⸗ Name iſt ie Wirths⸗ wie konnte n ß Sie mir ufſenden?“ f und ging. 87 „Ich denke nicht,“ ſagte der Jüngling bei ſich ſelber,„daß ich einen hübſcheren Namen hätte auf⸗ ſinden können— und noch dazu ſo neu— Clarenece Linden— wenn ich an der Stelle des hübſchen Mät⸗ chens hinter dem Schenktiſche wäre, würde ich mich in ten Klang der Worte verlieben. Shakeſpeare hatte ſehr Unrecht, als er ſagte: Auch unter jedem andern Namen würde Die Roſ' gleich lieblich duften. Eine Roſe würbe unter keinem anberen Namen ſo lieblich duften; wenn eine Roſe z. B. Jeremias Boſ⸗ ſolton hieße, ſo würde ſie meine Nerven nur den Geruch einer Apotheke entgegenhauchen.“ Mordaunt beſuchte den Kranken am folgenden Morgen, fand ihn um Vieles beſſer, und nachläſſig mit einigen Büchern beſchäftigt, die einen Theil des C. L. überſchriebenen Gepäckes ausmachten. Ein Buch irgend einer Art gehörte zu den wenigen Geſellſchaf⸗ tern, gegen welche Mordaunt weder Geringſchätzung noch Zurückhaltung zeigte; und dergleichen Stimmung der beiden jungen Leute gab Veranlaſſung zu einer Unterhaltung, die weniger kalt und alltäglich war, als ſie vielleicht ſonſt geweſen wäre. Und als Mor⸗ dannt ſeinen ziemlich langen Veſuch endete, bat er Linden, ſeinen Beſuch zu erwidern, ehe er jenen Theil des Landes verlaſſen werde; ſein Wohnort, ſetzte er hinzu, ſei nur etwa ſünf Meilen von W. entfernt. Linden, der ſich ſehr für den Fremden in⸗ tereſſirte, nahm gern die Einladung an, und viel⸗ leicht zum erſtenmal in ſeinem Lehen drückte Mor⸗ 88 daunt einem Fremden die Hand, den er erſt ſeit zwei Tagen gekannt hatte. Sechstes Kapitel. Als Kind, und lange ſchon vor dieſer Zeit, Empfand er tief der Bröße Gegenwart Und Macht.—— —— Dch uſng las e er ſ und fort und ſeinen Herz brieb Natur das Höchſte ſtets, als ob er fühlte, Sich ſelber unbewußt, Zerſtörungskraft In allen Dingen, die ibn zu en wöhnen Von ihrem ſüßen Einfluß ſtrebten. So War er bemüht, in ihre Farbe und Geſtalt und ihrer Formen Geiſt die Nacktheit Der ſtrengen Wahrheit einzukleiden. Wordsworth. Algernyn Mordaunt war der letzte Sohn eines alten und ehrenwerthen Geſchlechts, welches vor Jahr⸗ hunterten Prinzen unter ſeinen Mitgliedern gezählt hatte. Seine Eitern hatten viele Kinder gehabt, aber alle(mit Ansnahme ihres jüngſten Sohnes Algernon) ſtarben in der Kindheit. Seine Mutter ſtarb bei ſeiner Geburt. Kränkliche Beſchaffenheit und die Pflege der Ammen trugen dazu bei, Algernon zu einem ſchwäch⸗ lichen, ſehr verzärtelten Kinde zu machen; darans ging ſeln Hang zur Einſamkeit, feine leidenſchaftliche Lernbeglerde hervor, und dieſe erzeugte wiederum auf der einen Seite jene verachtungsvolle, der Lie⸗ benswürdigkeit ſo nachthellige Zurückhaltung, auf der andern dagegen Erhabenheit des Geiſtes und Herzens⸗ güte, welche die beſten und frühſten Geſchenke der Liter Mor ihre dem richt Mar Lont verf Sta denl ſchn ſein nifſ find bem Jal eic weſ erkl der ſchi che da die ſch ſein faß rſt ſeit zwei er Zeit, art und fort fühlte, raft hnen So e Nacktheit worth. Sohn eines es vor Jahr⸗ en geät ehabt, aber s Algernon) rſtarb bei nd die Pflege nem ſchwäch⸗ en; as denſchaftliche wiederm le, der Lie⸗ ng auf der d Herzens⸗ eſchene er 59 Literatur find, und den Mangel der untergeordneten Moral, die man der Geſellſchaft ſchuldig iſt, durch ihre Tendenz, unſere Aufmerkſamkeit auf die größere, dem ganzen Menſchengeſchlechte gewidmete Moral zu richten, mehr als erſetzt. Mordaunts Vater war ein Mann, der üppiges Leben und Spiel liebte; an London gefeſſelt, ließ er das Haus ſeiner Vorfahren verfallen und in Einſamkeit untergehen; nach dieſem Stammhauſe wurde Algernon beſtändig während der Schulferien geſchickt; und die Einſamkeit und Freu⸗ denlofigkeit deſſelben, vereint mit einer natürlichen, ſchwermüthigen und nachdenklichen Stimmung, gaben ſeinem Gemüthe jene Richtung, welche ſpätere Ereig⸗ niſſe noch tiefer einprägten, nicht verlöſchen. ungeachtet unſerer Parteilichkeit für Mordaunt, find wir doch genöthigt, der Wahrheit gemäß zu bemerken, daß, als er nach einem Zeitraum von ſechs Jahren die Schule verließ, es mit der bittern Aus⸗ zeichnung geſchah, der unbeliebteſte Knabe darin ge⸗ weſen zu ſein. Nun konnte es aber Niemand genau erklären, denn ſeine ärgſten Feinde konnten ihn nicht der Bösartigkeit, der Feigheit oder des Geizes be⸗ ſchuldigen, und dieſe machen die drei Kapitalverbre⸗ chen eines Schulknaben aus; aber Algernon Mor⸗ vaunt hatte bereits Selbſtkenntniß erlangt und konnte die Urſache erklären, obgleich es mit erhittertem und ſchwellendem Herzen geſchah. Seine Kränklichkeit, ſein langes Verweilen zu Hauſe, ſeine freundloſe, faſt verwaiste Lage, ſeine frühe Gewohnheit, einſam und verſchloſſen zu ſein, dieſe Umſtände zuſammen, die ſo ganz barauf berechnet waren, ſeinen Geiſt zu verſchrumpfen, machten, daß er bei ſeinem Eintritt in die Schule ungeſellig erſchien, wenn er es gleich nicht war; dies war die erſte Urſache, weßhalb er unbeliebt war; die zweite lag darin, daß er ſein un⸗ ſeliges Betragen klar erkannte, denn er war em⸗ pfindlich und folglich ſehr ſcharfſichtig— und in ſeinem Wunſche, daſſelbe verbeſſern, wodurch es nur noch widerſtrebender erſchien; denn zu ſeiner Zurückgezo⸗ genheit kam nun noch Verlegenheit, zu ſeiner Kälte Trübſinn; das Unbehagen, welches er empfand, wenn er einen Andern anredete oder von einem Andern angeredet wurde, theilte ſich natürlich und nothwen⸗ dig auch dieſem Anderen mit, denn die Wirkungen der Sympathie ſind nirgend ſo wunderbar und doch ſo ſchwer zu entdecken, als in den Manieren des Umganges. Immer mehr ſcheute er geſellige Beziehungen, die ihm nur Schmerz verurſachten; ſeine flatterhaſten Gefährten waren vielleicht die Erſten, die ihm das Beiſpiel gaben. Auf ſeinen einſamen Wanderungen ſtand er oft ſtill und ſah aus der Ferne die Spiele an, an welchen Antheil zu nehmen ihn Niemand aufforderte, und wenn das laute Gelächter fröhlicher Herzen wiederholt ſein Ohr erreichte, wandte er ſich beneidend, aber nicht boshaft, und mit Thränen ab, die ſelbſt ſein Stolz nicht unterdrücken konnte, und murmelte vor ſich hin:„Und dieſe, dieſe haſ⸗ ſen mich!“ Zwei Gefühle find allen höheren, zärtlichen Na⸗ n Geiſt zu n Eintritt r es gleich eßhab er r ſein un⸗ war em⸗ in ſeinem nur noch zurückgezo⸗ iner Kälte and, wenn m Andern nthwen⸗ Wirkungen und dch nieren des ungen, die atterhaſten e ihm das nderungen die Spiele Niemand fröhlicher dte er ſich Thränen en konnte, dieſe haſ⸗ lichen Na⸗ turen gemein: eine außerorbentliche Empfindlichkeit in Beireff der Meinung und die ſchmerzlichſte Pein pei ihrer Ungerechtigkeit. Dies waren Mordaunts Gefühle; doch die Schärfe, die ein Schlag verdirbt, wird durch Wiederholung völlig abgeſtumpft; und nach und nach gewöhnte ſich Algernon nicht nur an den Mangel der Beliebtheit, ſondern er überrebete ſich auch, daß er gleichzültig dagegen ſei; ſein Schritt wurde hochmüthiger, ſeine Anrede geſammelter, und was früher nur Befangenheit geweſen, verhürtete ſich allmählig zum Stolze. Sein Aufenthalt auf der Univerſität war nicht ohne Ehre und Vortheil. Es war damals, wie noch jetzt, entweder das zurückgezogenſte oder das geſelligſte Leben; kaum wird es nöthig ſein, anzudeuten, was es für Mordaunt war, doch in ſeinem Alter iſt Zurückge⸗ zogenheit wünſchenswerth; beſſer, als die Weit, bildet das ſtille Zimmer den Geiſt aus. Auf ſich ſelbſt be⸗ ſchränkt, wurde ſein Gemüth forſchend und ſchaffte ſich tief begründeie Hülfsquellen; in ihr innerſtes Heiligthum eingelaſſen, ſchwelgte er in den Schätzen ver alten Dichtkunſt, in ſeinen Träumen von Nym⸗ phen und Najaden, oder im Forſchen nach Wahrheit in dem tiefen Brunnen des Stagyriten oder in Plato's goldenen Quellen vergaß er die Einſamkeit ſeines Looſes und erſchöpfte die geſparte Begeiſterung ſeiner Seele. Aber ſein mehr gedankenvoller als phantaſiereicher Geiſt fand kein höheres Idol als„die göttliche Phi⸗ loſophle.“ Mit Entzücken verſenkte er ſich in die Irrgänge metaphyſiſcher Forſchungen— ſpürte den Triebfedern der Geiſteskräfte nach— ſetzte die Ge⸗ heimniſſe des Weltalls in Verbindung— ließ ſich in die tieſſten Höhlen hinab, wand ſich durch die ge⸗ heimſten Irrgänge der Natur und erhob ſich von Stufe zu Stufe bis zu jener erſehnten Höhe, auf welcher der Gedanke ſchwindelnd und verwirrt ſtehen bleibt, hinabzublicken auf die von Wolken eingehüllte Erde und hinauf zu dem unermeßlichen Himmel. Selten aus ſeinem Zimmer wandernd, nur von Wenigen perſönlich, von Niemand genau gekannt, ließ Algernon dennoch den ausgezeichnetſten Ruf zu⸗ rück, als er die Univerſität verließ. Er hatte eine der höchſten akademiſchen Würden erlangt, und dem ſprüchwörtlichen Verfahren alltäglicher Köpfe gemäß. welches dem Unbekannten ſtets die höchſten Eigen⸗ ſchaften beilegt, knüpfte die Abgezogenheit ſeines Le⸗ bens und das Geheime ſeiner Lieblingsſtudien an ſeinen Namen noch größeren Ruhm und Theilnahme, als alle die erlangten orthodoxen und herkömmlichen Würden ihm verleihen konnten. Es gibt wenige Menſchen, die ſich nicht darüber tröſten ſollten, nicht allgemein geliebt zu ſein, wenn ſie vernünftigerweiſe auf all⸗ gemeine Achtung hoffen dürfen. Mordaunt war nun mit ſich ſelber und mit den Menſchen ausgeſöhnt. In ſeiner Bruſt trug er eine Welt, und dieſe gewährte ihm Troſt bei den Demüthigungen, welche das äußere Welttreiben ihm auferlegte. Aber noch beſſer als dies, ſeine Gewohnheiten und ſeine Studien hatten ſeine Grundſätze geſtärkt, den Adel ſeines Gemüthes ge⸗ pürte den e die Ge⸗ ieß ſich in ch die ge⸗ von Stufe uf welcher en bleibt, üllte Erde nur von gekannt, Ruf zu⸗ hatte eine und dem fe gemäß. en Eigen⸗ ſeines Le⸗ an ſeinen e, als alle nWürden Menſchen, allgemein e auf all⸗ war nun öhnt. In gewährte das äußere r als dies, tten ſeine rüthes ge⸗ kräftigt. Er war freilich nicht freunblicher, wohl⸗ wollender und aufrichtiger als vorher; aber dieſe ſeine Tugenden waren jetzt Ergehniſſe von Grundfätzen— nicht von Regungen. Wir haben oft gedacht, daß Grundſätze für das Gemüth daſſeibe find, was die Verfaſſung für das Volk iſt; ohne dieſe Grundſätze oder dieſe freie Ver⸗ faſſung mag das eine für den Augenblick eben ſo gut, das andere eben ſo glücklich ſein, aber wir können nicht ſagen, wie lange dieſes Gute und dieſes Glück dauern werde. Als er die Univerſität verließ, ließ ihn ſein Vater zu ſich nach London kommen. Eine kurze Zeit ver⸗ weilte er dort und nahm zuweilen an den Feſtlichkeiten Theil; doch die Vergnügungen der engliſchen Ver⸗ ſchwendungsliebe waren ein Jahrhundert lang die⸗ ſelben, herzlos ohne Freuden, langweilig ohne Fein⸗ heit. Unmöglich konnte Mordaunt, das am meiſten wähleriſche und doch warmherzigſte aller menſchlichen Weſen, ſeinen Geſchmack und ſeine Neigungen mit den kalten Thorheiten der patriziſchen Geſellſchaft in übereinſtimmung bringen. Seines Vaters Lebensweiſe und ſeine unverkennbaren Verlegenheiten dienten nur dazu, ſeinen Abſchen an ſeiner Lage zu erhöhen; denn die Gewohnheiten dieſes Mannes waren unheilbar und ſein Geldmangel nahm immer zu, und nur ein Umſtand, den Mordaunt damals nicht durchſchaute, wandte noch den Verkauf einer Befitzung ab, die be⸗ reits wenig mehr war, als eine pomphafte Laſt. Mit der halb ſchmerzlichen, halb angenehmen Empfindung, bie uns beſtimmt, von einem Untergange die Gedanken abzuwenden, den wir nicht verhindern können, unternahm Mordaunt die Reiſe auf das Feſt⸗ land, die damals für einen unerläßlichen Theil der Erziehung galt. Als ſein Vater von ihm Abſchied nahm, ſchien derſelbe tief bewegt.„Geh, mein Sohn,“ ſagte er,„möge Gott Dich ſegnen und mich nicht zu ſtrenge beſtrafen. Ich habe ſchweres Unrecht an Dir begangen, und kann den Anblick Deines Geſichts nicht ertragen.“ Dieſe Worte nahm Algernon im allgemeinen Sinne, aber es lag noch ein tieferer darin. Drei Jahre ſpäter kehrte er nach England zurück— ſein Vater war ſeit einigen Monaten geſtorben, und die Bedeutung der Abſchiebsworte ſchon enträthſelt— aber davon ſpäter. Auf ſeinen Wanderungen traf er einen Engländer, ven wir jetzt noch nicht nennen wollen; er war ein Manu, der im Rufe großen Reichthums ſtand— Kaufmann, doch dem Vergnügen lebend— Wollüſt⸗ ling im Leben und doch im Geruche der Heiligkeit ſtehend— oder, um uns der widerſprechenden Ana⸗ lyſis eines Charakters zu enthalten, der bem Leſer erſt verkörpert dargeſtellt werden wird, wenn unſere Erzählung bereits viel weiter vorgeſchritten iſt— ein Mann, der aus den natürlichen Erſcheinungen eine ſonderbare Zuſammenſetzung von liſtigen und doch falſchen Folgerungen zog und ſich eine eigenthümliche Philo ſophie bildete, die beſtimmt war, als Gegenſatz der⸗ jenigen zu dienen, die Mordaunt angenommen, und zu⸗ gleich ven praktiſchen Nutzen dieſer letzteren zu erweiſen. keine Geiſt gend ſeine ſich e geren gewo müth Gepr ſtoßer braue Ausd zu er C ſeine erſchi der ſe Ehe 2 fragte „ natür nichts „ D kamz er de freilic ſeiner ntergange erhindern das Feſt⸗ Theil der Abſchied in Sohn,“ h nicht zu cht an Dir ſichts nicht len Sinne, hre ſpäter rwar ſeit utung der n päter. Engländer, war ein ſtand— — Wollüſt⸗ Heiligkeit nden Ana⸗ dem Leſer enn unſere niſt— ein ungen eine und doch enthümliche genſatz der⸗ en, und zu⸗ erweiſen. ſeiner Lage fühlte, und der mehr als glles ſeinen Es gibt keine Erziehung, an der die Wellkenniniß keinen Theil hat. So wie die Erfahrung Algernons Geiſteskräfte ausbildete, ſo brachte ſie auch ſeine Tu⸗ genden zur Reife. Und wie mit zunehmenden Jahren ſeine Kenntniß in Weisheit überging, verfeinerte er ſich auch immer mehr. Seine Perſon hatte gefälli⸗ geren Anſtand, ſein Benehmen unbefangenere Würde gewonnen als früher. Sein edles und großes Ge⸗ müth drückte ſeinen Zügen und ſeinem Weſen das Gepräge auf, und wer nur die erſte Kälte und ab⸗ ſtoßende Hoheit ſeines Benehmens überwinden konnte, brauchte keine genaue Forſchung, um den wahren Ausdruck des beredten Auges und der klaſſiſchen Züge zu erkennen. Er war noch nicht lange zurück, als zwei Feinbe ſeine Ruhe ſtörten— der eine war Liebe, der andere erſchien in der ſchrecklicheren Geſtalt eines Menſchen, der ſeinen Anſpruch an ſeine Beſitzung geltend machte. Ehe Algernon mit dieſem Rechte genau bekannt war, fragte er einen Rechtsgelehrten um Rath. „Wenn die Anforderung gerecht iſt, ſo werde ich natürlich keinen Rechtsſtreit beginnen,“ ſagte Mordaunt. „Aher ohne Ihren Familienſitz haben Sie gar nichts, mein Herr!“ „Es iſt wahr,“ ſagte Algernon ruhig. Die Forderung war aber nicht gerecht, und es kam zum Prozeß. Bei der Führung beſſelben genoß er den Beiſtand eines alten Verwandten, der ihn freilich faſt gar nicht kannte, der aber Mitleid bei 96 Gegner haßte, Dieſer Verwandte war reich und kin⸗ verlos, und es fehlte nicht an Leuten, welche vorher⸗ ſagten, dieſes alten Herrn Geld würde endlich die Pfandverſchreibungen einlöſen und das Stammhaus des jungen Repräſentgnten der Familte Mordaunt wieder herſtellen. Aber der alte Verwandte war ei⸗ genwillig, halsſtarrig und unter blinder Herrſchaft des Patrizierſtolzes, und daher war es durchaus nicht unwahrſcheinlich, daß Mordaunts unabhängiger Cha⸗ rakter durch Anſtoß gegen die ſonderbare Launen deſ⸗ ſelben bald einen Zwiſt zwiſchen Beiden herbeifüh⸗ ren werde. An einem heitern und ſonnigen Morgen ritt Lin⸗ den, der von ſeiner Verletzung erträglich wieder her⸗ geſtellt war, auf einemalten, unanſehnlichen Pferde, das er, nach überwindung einiges natürlichen Schamgefühls, von ſeinem Wirthe gemiethet, nach Mordaunt⸗Cvurt. Mordaunts Haus lag in der Mitte eines großen und verwilderten Parks, von dichter Waldung ein⸗ geſchloſſen, und mit ſchönen Bäumen beſetzt, die bald unregelmäßige Gruppen, bald lange Gänge bilbeten. Von Zeit zu Zeit gewährten ſie einen Durchblick auf einen raſchfließenden Bach, der durch manchen kleinen, aber rauſchenden Waſſerfall dem dichten Gebüſche und Lichtungen, durch das er frohlockend ſeinen Weg ver⸗ folgte, eine ſeltſame und geiſterhafte Muſik ertönen ließ. Halb verborgen unter dem Farnkraute, in welchem es ruhte, ſtreckte das Wild, ohne ſich zu erheben, ſein ſtattliches Geweih dem Fremden entgegen, und von den Wipfeln der Buchen, die das Lanbdach bes Tithru — der tes, v nicht u Alt das m welches Steintr nun vo digſten Kunſt ein frül höher 6 des zu ſ umherle und kin⸗ vorher⸗ lich die mmhaus ordaunt war ei⸗ errſchaft ms nicht ger Cha⸗ unen veſ⸗ erbeifüh⸗ ritt Lin⸗ ieder her⸗ ferde, das mgefühls, nt⸗Court. es großen dung ein⸗ „die bald bildeten. chblick auf en kleinen, büſche und Weg ver⸗ ſik ertönen in welchem u erheben, egen, nd bdach des 97 Tityrus würden beſchämt haben, ertönte der Dohlen — der Mönche unter dem befiederten Volke— lau⸗ tes, verwirrtes, aber dem Ohre eines Ariſtokraten nicht unangenehmes Geſchwätz. Als Linden ſich der Wohnung näherte, fiel ihm das melancholiſche Anſehen der Verlaſſenheit auf, welches rings um und über dieſelbe gebreitet lag. Steintrümmer, von wildem Unkraut überwachſen, das nun voll Unverſchämtheit den Triumph des unwür⸗ digſten unter den Naturerzeugniſſen über die verfallene Kunſt verkündete: ein eingetrockneter Schloßgraben, ein früher reich vergoldetes Gitterwerk, beſtimmt, eine höher gelegene Terraſſe vor dem Eindringen des Wil⸗ des zu ſchützen, das aber nun zerſtreut und zerbrochen umherlag, und mit dem Satiriker zu fragen ſchien: Zu welchem Zweck erbauten unfre Ahnen So ſtattliche Gebäude? — eine Kapelle zur Linken, die völlig in Trümmern lag— Alles ſchien darauf hinzudeuten, daß die Zeit vas Glück überlebt, und die Jahre, welche aushöhlen und zerſtören, die Wichtigkeit des Hauſes Mordaunt vernichtet, indem ſie das Alter erhöht hatten. Das Gebäude ſelbſt ſtand nur zu gut in über⸗ einſtimmung mit den Zeichen des Verfalls, die es umgaben; die meiſten Fenſter waren verſchloſſen, und die Fenſterladen von dunkelm, reichvergolbetem Eichen⸗ holz, ſtanden in ſtarkem Widerſpruch mit den zer⸗ brochenen Scheiben und den modernden Rahmen. Es war ein Haus von unregelmäßiger Bauart. Urſprüng⸗ lich im dreizehnten Jahrhundert erbaut, hatte es ſeine Bulwer, der Verſtoßene. I. 7 letzte Verbeſſerung mit verſchwenberiſchem Aufwande während der Regierung der Königin Anna erhalten, und es vereinte die franzöſiſche Pracht der letzteren Periode mit der Stärke und Größe der erſteren; ein großer Theil deſſelben war mit Epheu überwachſen, und dort, wohin dieſer zudringliche Zierrath nicht ge⸗ reicht hatte, waren die Zeichen des Verfalls und ſelbſt der Zerſtörung deutlich ſichtbar. Die Sonne ſelbſt, welche hell und heiter die ganze Natur überſchien und den grünen Raſen wie Smaragde und die mun⸗ tern Bäche in ihrem Strahl erglänzen ließ, als ſtröme in ihnen jenes wirkliche Licht, welches ſich Schwedenborg in ſeinen Vifionen des Himmels vor⸗ ſtellte, obgleich ſie Baum und Buſch, Ebene und Hügel mit den reichen Farben des jungen Sommers ſchmückte, ſo ließ ſie voch das ehrwürvige alte Ge⸗ bäude nur noch zerſtörter erſcheinen, weil ſie deſſen Hinfälligkeit deutlicher darſtellte; ihre lachenden, ſpie⸗ lenden Strahlen, die über Mauerſpalten und gebro⸗ chene Wände hinglitten, erſchienen faſt ſo vorwitzig und unzeitig, als wenn jugendliche laute Freude den ſchweigenden Kummer eines grauköpfigen, einſam Trauernden verſpottet. Clarence hatte jetzt den Eingang erreicht, und der helle Ton der Glocke erklang ſchauerlich durch das allgemeine Schweigen des Hauſes. Ein einziger Bedienter erſchien und führte Clarenee durch eine ge⸗ pflaſterte Halle, um welche Waffenrüſtungen hingen und die auf der entgegengeſetzten Seite von einer Galerie für Muſikanten und einem einzigen Porträt — von wehrh Piers Schla Richm tauſch kleines nes Zi dem 2 „ Begri Ihres er det verbli „ daunt ihren nem ich fü die Ve dern der U um ſo C den V Neugi Unterl wie er hat er Mit e ufwande rhalten, letzteren en; ein wachſen, nicht ge⸗ nd ſelbſt re ſelbſt, berſchien ie mun⸗ ieß, als lches ſich iels vor⸗ e Sommers alte Ge⸗ ſie deſſen den, ſpie⸗ d gebro⸗ vorwitzig rende den „ einſam icht, und lich durch neinziger h eine ge⸗ en hingen von einer en Porträt — von rieſenhafter Größe verztert war, welches die wehrhafte Perſon und das ſchwarze Roß des Sir Piers de Mordaunt dvarſtellte, der ſich auf dem Schlachtfelde ausgezeichnet hatte, wo Heinrich von Richmond ſeine Grafenkrone mit der Krone ver⸗ tanſchte. Durch dieſe Halle wurde Clarenee in ein kleines, mit verblichenen gewirkten Tapeten behange⸗ nes Zimmer geführt, wo er den Beſitzer des Schloſſes, dem Anſcheine nach in Papieren vergraben, antraf. „Ihre Studien,“ ſagte Linden nach der erſten Begrüßung,„ſcheinen mit dem ehrwürdigen Alter Ihres Hauſes in übereinſtimmung zu ſtehen.“ Und er deutete auf die verwickelten Schriftzüge und die verblichene Dinte der Papiere auf dem Tiſche. „Das muß wohl der Fall ſein,“ antwortete Mor⸗ vaunt mit mattem Lächeln,„denn ſie wurden aus ihren ſtillen Archiven hervorgeholt, um mich in mei⸗ nem Kampfe um dieſe Beſitzung zu unterſtützen. Doch ich fürchte, mein Bemühen wird umſonſt ſein, und die Verdreher des Geſetzes werden eine Beſitzung an⸗ dern Händen zuerkennen, die ich, thöricht genug, eben der Unmöglichkeit wegen, ſie mir erhalten zu können, um ſo höher achte.“ Clarenee hatte ſchon vorher von der mittheilen⸗ den Wirthin etwas davon erfahren, und weniger von Neugierde als von dem Wunſche angetrieben, die Unterhaltung von einem Gegenſtande abzulenken, der, wie er fühlte, Mordaunt ſehr unangenehm ſein mußte, bat er, ihm die Prunkgemächer des Hauſes zu zeigen. Mit einiger Beſchämung über die Vernachläfſigung, 100 welche dieſe erlitten hatten, und auch mit einigem Stolze bei der Pracht, die keine Vernachläſſigung hatte verwiſchen können, erfüllte Mordaunt ſeinen Wunſch und führte ihn eine Treppe von ſchwarzem Eichenholz hinauf, deren Wände und Decke mit Freseo⸗ gemälden verziert waren, zu einer Zimmerreihe, de⸗ ren einzige Bewohner Zeit und Staub zu ſein ſchie⸗ nen. Clarenee betrachtete den reichen Sammet, die koſtbaren Spiegel, die bunten Gemälde von hundert Vorfahren und die alten Schränke, die unter den ſeltenſten Reliquien der Familie Mordaunt auch Merk⸗ würdigkeiten aufbewahrten, die der erbliche Enthu⸗ ſiasmus einer ritterlichen Abſtammung als die heilig⸗ ſten Erbgüter aufbewahrt hatten, und denen ſelbſt Mordaunts philoſophiſches Gemüth einen Werth bei⸗ legte, den er nicht allzu genau zu unterſuchen pflegte. Hier war der Becher, aus dem der erſte Prinz von Tudor nach der Schlacht bei Bosworth getrunken. Hier der Ring, mit dem der ritterliche Franz der Erſte eine Waffenthat des berühmten Robert de Mor⸗ vaunt belohnte, der als armer, aber unternehmender jüngerer Sohn des Hauſes den„erſten Edelmann Frankreichs“ mit ſeinem Schwerte unterſtützte. Hier lag der Handſchuh, den Sir Walter von der könig⸗ lichen Hand Eliſabeths empfangen, den er in den Schranken am Helmbuſch trug und den die Lanze keines Gegners an dieſem ritterlichen Hofe ihm rau⸗ ben konnte. Und hier, heiliger gehalten als alles übrige, weil ſich die Erinnerung des Unglücks damit verband, war eine kleine filberne Schachtel, die der letzte Schi köpfi Schl glück ausze vaunt Dank A Geſta ein 3 gefalt und t umhin habe, leucht einigem ſigung ſeinen warzem Freseo⸗ ihe, de⸗ n ſchie⸗ net, die hundert nter den h Merk⸗ Enthu⸗ e heilig⸗ en ſelbſt erth bei⸗ pflegte. rinz von etrunken. ranz der de Mor⸗ ehmender delmann te. Hier er könig⸗ rin den ie Lanze ihm rau⸗ als alles cks damit die der 101 letzte König eines böſen und ſchwachen, aber vom Schickſal verfolgten Geſchlechts, den Händen des gran⸗ köpfigen Abkömmlings jenes Sir Walter nach der Schlacht an der Voyne übergeben, indem er mit dem glücklichen Ausdruck geſagt, wodurch ſich alle Stuarts auszeichneten:„Behaltet dies, Sir Everard Mor⸗ vaunt, zum Andenken an Einen, der den Lurus der Dankharkeit um den Preis eines Thrones erkauft hat!“ Als Clarence von dieſen Reliquien zu Mordaunts Geſtalt hinüberblickte, der in geringer Entfernung an ein Fenſter gelehnt ſtand, die Arme über die Bruſt gefaltet und die Augen zerſtreut über die edlen Wälder und den weiten Park dahinſchweifend, konnte er nicht umhin, zu fühlen, daß, wenn die Geburt die Macht habe, der Geſtalt ihr Siegel aufzudrücken, es nie ein⸗ leuchtender ſei, als in der hohen Stirn und der er⸗ habenen Miene des letzten Abkömmlings des Geſchlechts, von deſſen Erinnerungszeichen er umgeben war. Ge⸗ rührt durch Mordaunts gefallenes Glück und die Ungewißheit, was das Geſetz über ſeine Zukunft ver⸗ hängen konnte, widerſtand er dem inneren Drange nicht, ſondern rief, von Wärme hingeriſſen: „Und durch welche Ränke und welche Vorwände ſucht man denn den rechtmäßigen Beſitzer dieſes Gutes zu vertreiben?“ „Nun,“ ſagte Mordaunt,„die Auseinanderſetzung würde lang ſein, aber im Auszuge iſt die Geſchichte kurz. Mein Vater war ein verſchwenderiſcher Mann, und wenige Monate nach ſeinem Tode bringt Herr Vavaſeur, ein entfernter Verwandter, eine Schrift 102 zum Vorſchein, nach welcher, wie es ſcheint, mein Vater nach Auszahlung einer gewiſſen Geldſumme dieſe Beſitzung unter der Bedingung abgetreten hat, vaß ſie erſt nach ſeinem Tode ſollte in Anſpruch genemmen werden, und daß die ganze Ubereinkunft bis dahin geheim bleibe; die Urſache dieſer Clauſel ſcheint in der Scham zu liegen, die mein Vater bei dieſer ganzen Ver⸗ handlung empfand, und in der Furcht vor dem Tadel einer Welt, der er ſich ſtets gänzlich hingegeben hatte.“ „Aber wie ungerecht gegen Sie!“ ſagte Clarence. „Nicht ſo ſehr, wie es ſcheinen mag,“ ſagte Mor⸗ daunt entſchuldigend; denn vamals war ich, nach vem Ausſpruche der Arzte, ein kränklicher Knabe, und wie ich aufrichtig glaube, nach der wirklichen Anſicht meines Vaters war ein frühzeitiger Tod mir faſt gewiß. In dem Falle wäre Vavaſeur der nächſte Erbe geweſen, und dieſe Erwartung in Verbindung mit den Pfandverſchreibungen, die auf dem Beſitze bereits hafteten, machte, daß die bezahlte Summe weit über den Werth der Beſitung zu ſein ſchien. Ich muß geſtehen, daß dieſe Nachricht für mich ein Donner⸗ ſchlag war. Den Beſitz würde ich augenblicklich auf⸗ gegeben hahen, doch mein Rechtsgelehrter benachrich⸗ tigte mich, daß mein Vater gar nicht das Recht hatte, über das Eigenthum zu verfügen; die Verhandlung jenes Rechts bildet den Gegenſtand des gegenwärtigen Prozeſſes. Ich hege nur wenig Hoffnung, und auch wenn ich gewinnen ſollte, würden die Gerichtskoſten meinen Untergang im Gewinne ſelber mir bereiten. Nein!“ fuhr Mordaunt ſtolz aber traurig fort,„ich bin a mel, Kumr fernt lern 1 C führte durch angeft Gaſte E mit 2 mehr ſich m ziehen unter halb dieſer für T derter jenes liches Licht Stan worde als„ Thur V Unter als C t, mein me dieſe hat, vaß nommen n geheim erScham e Ver⸗ em Tadel n hatte.“ Clarence. gte Mor⸗ ch, nach r Knabe, wirklichen Tod mir er nächſte ndung mit tze bereits weit über Ich muß Donner⸗ icklich auf⸗ benachrich⸗ kecht hatte, erhandlung enwärtigen „und auch richtskoſten ir bereiten. fort,„ich 103 bin auf das Schlimmſte gefaßt, und Dank dem Him⸗ mel, ſelbſt in dieſem Schlimmſten iſt ein Punkt, den Kummer zwar trüben, aber den das Glück, weit ent⸗ fernt ihn zerſtören zu können, nicht einmal zu ſchmä⸗ lern vermag.“ Clarence ſchwieg, und nach einer kurzen Pauſe führte Mordaunt ihn weiter, bis ihre Wanberung vurch die Zimmer in einem geräumigen, mit Büchern angefüllten Gemache endete, welches, wie er ſeinem Gaſte erklärte, ſein Lieblingsaufenthalt ſei. Ein alter, mit Schnitzwerk verzierter Tiſch war mit Büchern bedeckt, die für Clarenee, deſſen Geiſt mehr in dem Reiche der Einbildung ſchwelgte, als ſich mit Betrachtungen beſchäftigte, nur wenig An⸗ ziehendes hatten. Als er ſie überblickte, fand er, unter ſchweren Foliobänden von Hobbes und Locke halb verſteckt, einen Band von Miltons Gedichten; dieſer bahnte den Weg zu einer Unterhaltung, die für Beide gleich anziehend war, denn Beide bewun⸗ derten mit Begeiſterung den Genius und Charakter jenes wunderbaren Mannes, dem„der Freiheit gött⸗ liches und feierliches Antlitz“ theurer war, als das Licht des Tages, und deſſen einzelner Zauber zu Stande brachte, was vergebens auf Erden verſucht worden war, indem er aus unvergänglicheren Stoffen als„Lehm und Steine“ ſind,„eine Stadt und einen Thurm erbaute, deſſen Gipfel zum Himmel reicht.“ Mit gegenſeitiger Befriedigung ſetzten ſie ihre Unterhaltung fort, bis die Schloßglocke, die früher als Sturmglocke gedient, das Zeichen zum Mittag⸗ eſſen gab, welches im Speiſeſaal neben der großen Eingangshalle aufgetragen war. Derſelbe Diener, welcher Clarenee eingelaſſen, wartete dabei allein auf. Mordaunts Stimmung war ſehr ernſt und ſeine Unterhaltung hatte ebenfalls unveränderlich dieſen Ton; dies machte, daß ihre Unterredung ſich weniger auf kleinliche und gewöhn⸗ liche Gegenſtände beſchränkte, als dies bei nenen Be⸗ kannten, beſonders von verſchiedenem Alter, gewöhnlich der Fall zu ſein pflegt. „Sie wollen alſo beſtimmt morgen nach London gehen?“ ſagte Mordaunt, als der Diener den Tiſch abgeräumt und ſie allein gelaſſen. „Ganz beſtimmt,“ antwortete Clarenee.„Ich gehe dorthin, um mir mein eigenes Glück zu bauen, und ich muß nur geſtehen, daß ich ungeduldig den An⸗ fang erwarte.“ Mordaunt blickte ernſt in das Geſicht des Re⸗ denden und wunderte ſich, daß ein ſo junger, gut erzogener und ſeinem Weſen und Anſehen nach einer vornehmen Familie angehörender Fremder ſo ganz ſeinen eigenen Hülfsquellen überlaſſen ſein ſollte. „Ich wünſche Ihnen glücklichen Erfolg,“ ſagte er nach einer Pauſe;„es iſt ein edler Theil der Organiſation dieſer Welt, daß wir im Allgemeinen durch Vermehrung jener Schätze, die über das Glück erhaben find, den ſicherſten Weg zur Erlangung ſolcher Güter finden, die die Welt zu gewähren vermag.“ Clarenee ſah Mordaunt forſchend an, ver es be⸗ merkte und fortfuhr:„Ich ſehe, Sie wünſchen, daß ich r dank lichſt je he ſagt Thei Beſt außet weder große iſt de und 1 macht wir it ander: großen gelaſſen, ung war ebenfalls daß ihre gewöhn⸗ enen Be⸗ wöhnlich Lonn den Tiſch „Ich gehe nen, und den An⸗ des Re⸗ ger, gut ach einer ſo ganz ſollte. ſagte Theil der gemeinen das Glück ing ſolcher vermag.“ der es be⸗ ſchen, daß 105 ich mich veutlicher erkläre. Ich will es mit den Ge⸗ danken eines Geiſtes thun, der vielleicht der treff⸗ lichſte und vollkommenſte war, den unſer Vaterland je hervorbrachte.„„Von Allem, was uns angehört,““ ſagt Bolingbroke,„„kann nur allein der werthloſeſte Theil dem Willen Anberer unterworfen ſein. Das Beſte iſt zugleich auch das Sicherſte; es liegt außer dem Bereiche der menſchlichen Gewalt, kann weder gegeben noch genommen werden. So iſt dieſes große und ſchöne Werk der Natur, die Welt. So iſt der Geiſt des Menſchen, der die Welt betrachtet und bewundert und den edelſten Gebrauch von ihr macht. Dieſe ſind unzertennlich unſer, und ſo lange wir in der einen fortdauern, werden wir uns des andern erfreuen.““ „Schön, in der That,“ rief Clarence mit der Begeiſterung eines jugendlich reinen Herzens, dem jeder erhebende Gedanke immer ſchön erſcheint. „Und ebenſo wahr als ſchön!“ ſagte Mordaunt. „Auch iſt dies noch nicht Alles, denn der Geiſt kann ſogar der Welt entbehren, von welcher er einen Theil ausmacht, wenn wir in ihm ſelber eine Welt er⸗ ſchaffen, die keinem Zufall unterworfen iſt. Aber um zu meiner früheren Bemerkung zurückzukommen, die Mittel, durch die wir uns dieſe eigenthümliche Welt erſchaffen, können zugleich zum Weiterkommen und zur Glückſeligkeit in derjenigen Welt benutzt werden, die wir mit dem ganzen Menſchengeſchlechte theilen; denn die Schätze, die wir mit Hülfe der Weisheit in den Niederlagen unſeres Geiſtes aufhäufen, find, wenn auch nicht die einzige, doch die gewöhnliche Münze, durch die unſere Wohlfahrt erkauft wird; ſo daß Philoſophie, die uns allein perſönliche Un⸗ abhängigkeit verſchaffen kann, unter dem Namen der Revlichkeit die beſte Leiterin bei unſerem Verkehr mit dem Menſchengeſchlechte wird.“ In dieſer Art der Unterhaltung, welche die auf⸗ ſtrebende, aufrichtige Begeiſterung Mordaunts für Clarenee ſehr anziehend machte, ungeachtet die Jugend in der Regel keinen Geſchmack am Ernſte findet, ſchwanden die Stunden dahin, bis der Abend Linden zum Aufbruch mahnte. „Leben Sie wohl!“ ſagte er zu Mordaunt.„Ich weiß nicht, wann wir einander wiederſehen werden, wenn es aber je geſchleht, werde ich, vb im Glück oder Unglück, meinen Stolz darin finden, das Ver⸗ grügen nicht vergeſſen zu haben, welches dieſer Tag mir verſchafft hat!“ Mit ihm ungewöhnlicher Wärme erwiderte Mor⸗ vaunt ſeines Gaſtes Abſchiedsworte, begleitete ihn zur Thür und ſah ihn ſich entfernen. Das Schickſal beſtimmte, daß ſie auf ſehr ver⸗ ſchiedenen Pfaden ihrem Geſchicke folgen ſollten; es gab ihnen keine Gelegenheit, ſich wiederzuſehen, bis Jahre und Ereigniſſe die Tugend des Einen ſchwer geprüft und die Ausſichten des Andern weſentlich ver⸗ ändert hatten. Am nächſten Morgen war Clarence Linden auf dem Wege nach London. D die Ha hauſes volles gereich und B Rocke, herein und w „C C — C — rence, kam? dem„ Buchf jene h daß E öhnliche ft wird; iche Un⸗ men der rkehr mit die auf⸗ unts für e Jugend e findet, d Linden nt.„Ich twerden, im Glück das Ver⸗ ieſer Tag erte Mor⸗ te ihn zur ſehr ver⸗ ten; es ſehen, bis en ſchwer ntlich ver⸗ inden auf 107 Siebentes Kapitel. „Auf mein Wort,“ rief Jones,„Du biſt ein ſeltſamer Kerl und Dein Humor gefällt mir außerordentlich.“ Fielding. Das rumpelnde Fuhrwerk, welches Clarenee in die Hauptſtadt brachte, hielt vor der Thür eines Wirths⸗ hauſes in Holborn an. Linden wurde in ein gedrängt volles Kaffeezimmer geführt und ihm die Speiſekarte gereicht. Während ſeine Wahl zwiſchen Hammelrippen und Beefſteaks ſchwankte, trat ein Mann in braunem Rocke, braunen Beinkleidern und einer braunen Perüke herein, warf einen neugierigen Blick auf Clarenee und wenbete ſich dann zu dem Kellner. „Ein Paar Pantoffeln!“ „Ja, Herr,“ und der Kellner verſchwand. „Ich vermuthe,“ ſagte der braune Herr zu Cla⸗ rence,„daß Sie der Herr ſind, der eben in die Stadt kam?“ „Sie haben Recht, Herr,“ ſagte Clarenee. „Sehr gut, ſehr gut,“ fuhr der Fremde nach⸗ denkend fort.„Ich nahm mir die Freiheit, Ihre Sachen im Gange anzuſehen; ich kannte eine Dame, Herr, eine Verwandte von Ihnen, glaube ich.“ „Herr!“ rief Linden, ſehr roth werdend. „Wenigſtens vermuthe ich es, denn ihr Name war dem Ihrigen gleich, nur mit dem Unterſchiede eines Buchſtabens. Ihr Name iſt Linden, wie ich ſehe; jene hieß Minden. Iſt meine Vermuthung richtig, vaß Sie mit ihr verwandt find?“ 108 „Herr,“ antwortete Clarenee ernſt,„ungeachtet 6 ver Uhnlichkeit unſerer Namen find wir nicht verwandt.“ mit e „Sehr außerordentlich,“ verſetzte der Fremde. in ein „Sehr,“ wiederholte Linden. von 9 „Ich hatte die Ehre, mein Herr,“ ſagte der braune„ ſich n Herr,„der Miſtreß Minden manche werthvolle Ge⸗ ſchenke zu machen und würde mich glücklich geſchätzt„ haben, Ihnen in gleicher Weiſe dienen zu können, wenn Sie mit jener würdigen Dame verwandt ge⸗„ weſen wären.“ einem „Sie find ſehr gütig,“ ſagte Linden,„und da Ihre bene L Abſicht ſolcher Art iſt, ſo glaube ich, daß ich mit ſchätzb Mrs. Minden verwandt ſein muß. Auf jeden Fall erkenn heſteht, wie Sie richtig bemerken, der Unterſchied unſerer Namen nur in einem Buchſtaben, gewiß eine zu ge⸗ ringfügige Abweichung, um Ihre wohlwollende Ahſicht zu ändern.“ Jetzt kam der Kellner mit den Pantoffeln. Der Fremde knöpfte langſam ſeine Gamaſchen auf. „Mein Herr,“ ſagte er zu Linden,„wir wollen ſpäter unſere Unterredung fortſetzen.“ Sobald der großmüthige Freund der Mrs. Minden die leichten Pantoffeln angezogen hatte, verließ er das„ Zimmer. „Sagen Sie mir,“ fragte Linden den Kellner, als er ſein einfaches Mahl beſtellt hatte,„wer iſt vieſer braune Herr?“ „Herr Braun!“ verſetzte der Kellner. „Und wer oder was iſt Herr Braun?“ fragte unſer Held. „ rence; ngeachtet rwandt.“ remde. er braune volle Ge⸗ geſchätzt mkönnen, vandt ge⸗ d da Ihre ß ich mit eden Fall ed unſerer ine zu ge⸗ e Abſicht eln. ſchen auf. len ſpäter . Minden ieß er das eUner, als iſt vieſer 7“ fragte 109 Ehe der Kellner antworten konnte, kehrte Braun mit einer großen Bandſchachtel zurück, die ſorgfältig in ein blaues Taſchentuch eingehüllt war.„Sie kommen von N**, Herr?“ ſagte der Letztere ruhig, indem er ſich mit Linden an denſelben Tiſch ſetzte. „Nein, Herr, nicht von dort.“ „Von M** denn?“ „Nein, Herr— von W**.“ „W**7— ja— ei, ich kannte eine Dame mit einem Namen, der W** ſehr ähnlich war(die verſtor⸗ bene Lady Waddilove), ſehr gut. Ich machte ihr einige ſchätzbare Geſchenke— Ihre Herrlichkeit waren ſehr erkenntlich dafür.“ „Ich zweifle nicht daran, Herr,“ verſetzte Cla⸗ rence;„dergleichen Fälle von allgemeinem Wohlwollen kommen ſelten vor!“ „Ich habe herrliche Reltquien von Ihrer Herr⸗ lichkeit in dieſer Schachtel,“ entgegnete Braun. „Wirklich? da war ſie vermuthlich nicht weniger großmüthig als Sie?“ „Ja, Ihre Herrlichkeit waren außerordentlich groß⸗ müthig. Etwa eine Woche vor ihrem Tode(die ver⸗ ſtorbene Lady Waddilove war ſich ihrer Gefahr voll⸗ kommen bewußt) rief ſie mich zu ſich—„„Braun,““ ſagte ſie,„„Sie find ein gutes Geſchöpf; ich habe meine koſtbarſten Sachen von Ihnen. Ich bin nicht undankbar; ich will Ihnen— meine Kammer⸗ jungfer vermachen! Sie iſt ebenſo verſtändig wie Sie und eben ſo gut.““ Ich benützte den Wink und heirathete ſie. Es war ein vortrefflicher Handel.— 1¹⁰ Meine Frau iſt ein reizendes Weib; ſie ſetzte Mrs. Mindens Garderobe in Stand und ich meublirte das Haus. Mrs. Minden war uns vielen Dank ſchulvig.“ „Gott helfe mir!“ dachte Clarenee,„der Mann iſt gewiß toll.“ Der Kellner trat mit dem Mittageſſen herein, und Herr Braun, der eine große Abneigung zu haben ſchien, ſich in Gegenwart des Ganymed des Wirths⸗ hauſes in Holborn zu unterreden, Fellte ſeine Mit⸗ theilungen ein. Inzwiſchen benützte Clarence die Ge⸗ legenheit, ihn genauer zu betrachten, als er bisher gethan. Sein neuer Bekannter war etwa achtundvierzig Jahre alt und etwas unter der mittleren Größe, hager, ausgetrocknet, runzlig, doch dabei noch muskulös, gleich einem Manne, der aus Sparſamkeit ſeinem Magen Zwang anthut und doch das Vermögen beſitzt, jede Anſtrengung und Miühſeligkeit zu ertragen, die ein Gegenſtand von Wichtigkeit erfordern möchte. Wir haben bereits geſagt, daß er gleich der Dämmerung in„unſcheinbares Braun“ gekleidet war, und es lag eine Förmlichkeit, Genauigkeit und katzenartige Sau⸗ berkeit in ſeinem Anzuge, was viel von der achtbaren Geckenhaftigkeit des Comptoirs oder Ladentiſches zeigte. Sein Geſicht war trocken, aber nicht ausgedorrt, und das gelbe, verbrannte Ausſehen deſſelben ſtimmte ſehr gut zu der Farbe ſeiner Kleidung. Sein Auge erglänzte im dunkelſten Braun, war liſtig, ſcharf, zuweilen ſogar ſchimmernd, beſonders wenn er den wohlklingenden Namen der Lady Waddilove nannte— ein Name, den Lipp beſch Wlick es re Fußb ſchen achte anzu⸗ das 1 offen unter gegen die 2 lichen ſiognt Sein ten C Höfli merkt zu m nomn Bekan dem mögli denno füllt man demz Schu zte Mrs. lirte das ſchuldig.“ er Mann n herein, zu haben Wirths⸗ ine Mit⸗ die Ge⸗ er bisher undvierzig ße. hager, lös, gleich n Magen ſitzt, jede „ die ein t Wir immerung nd es lag tige Sau⸗ achtbaren hes zeigte. orrt, und mmte ſehr eerglänzte ilen ſogar klingenden in Name, 1¹¹ den der Erbe ihrer Kammerjungfer häuſig auf den Lippen führte— und gehoͤrte mit ſeinem Feuer ver beſcheidenſten Gattung an, welches ſelten den geraben Blick eines Andern zu ertragen vermag; vielmehr ſchien es raſtlos und unſtät und irrte von der Decke zum Fußboden, von einem Winkel zum andern, mit for⸗ ſchendem, wenn gleich ſcheinhar unbefangenem Beob⸗ achten, als ſuchte er etwas zu bewundern oder ſich anzueignen. Auch ſchien er ſein beſonderes Bemühen, das Lebhafte ſeiner Blicke ſo viel als möglich unter offener, hingebender Gutmüthigkeit zu verſchleiern, unter einem Ausdrucke zu bergen, der ſeltſam genug gegen den verſchloſſenen Scharfblick abſtach, welchen die Natur unvertilgbar ſeinen geſpitzten, adlerähn⸗ lichen und mit ſtarker Beimiſchung hebräiſcher Phy⸗ ſiognomie begabten Geſichtszügen aufgeprägt hatte. Sein Weſen und Betragen zeigte ganz den unbeſtimm⸗ ten Charakter ſeines Geſichtes; ſie ſchlenen zwiſchen Höflichkeit und Wichtigkeit zu ſchwanken; man he⸗ merkte wahren Eifer, die Bekanntſchaft der Perſon zu machen, die er anredete, und dabei eine ange⸗ nommene Nichtachtung der Vortheile, welche dieſe Bekanntſchaft gewähren könnte; ſein Benehmen glich dem eines Mannes, der wünſcht, man ſolle ihm die möglichſt beſten Beweggründe zuſchreiben, und der dennoch beſorgt iſt, daß dieſer Wunſch nicht ganz er⸗ füllt werden möchte. Auf den erſten Anblick würde man ſich für ſeine Rechtlichkeit verbürgt haben; hei dem zweiten konnte man faſt argwöhnen, daß er ein Schurke ſei; nachbem man eine halbe Stunde mit ihm 11² zugebracht, mußte man ſich ſelber eingeſtehen, im dunkelſten Zweifel varüber zu ſein, ob der erſte oder der letzte Schluß der richtige ſei. Ein recht erfahrener Beurtheiler äußerer Zeichen würde dem allgemeinen Charakter der Menſchheit zu Folge in dieſem beſon⸗ dern Falle den Ausſpruch gethan haben, Herr Braun ſei weder ein guter noch ein böſer Menſch, der letzte vielleicht, wenn er in Verſuchung geriethe, der erſte aber, ohne verſucht zu ſein— das heißt ein Be⸗ trüger in ſeiner Profeſſion, welcher Art dieſe auch ſein möchte, aber ein bewundernswürdig ehrlicher Mann, wenn der Vortheil ſeines Berufes nicht das Gegen⸗ theil forderte. „Kellner!“ ſagte Braun, indem er neidiſch die Speiſen anſah, woran ſich Linden, nachdem er ſeine Neugierde befriedigt hatte, mit dem Appetit der Jugend labte.„Kellner!“ 5 „Ja, Herr!“ „Bringen Sie mir ein Sardellenbntterbrod— und — und, Kellner, viel— viel—“ „Was, Herr?“ „Viel Senf, Kellner!“ „Senf,“ fuhr er zu Clarenee gewendet fort,„Senf unterſtützt wunderbar die Verdauung. Beiläufig ge⸗ ſagt, Herr, wenn Sie ganz vortrefflichen Senf be⸗ vürfen, ſo kann ich Ihnen einige Töpfe ganz ausge⸗ zeichneten verſchaffen— was ü iſt— er wurde von Frankreich eingeſchmuggelt zum beſondern Gebrauch der Lady Waddilove.“ „Danke Ihnen,“ ſaste Linden trocken;„ich werde brigens eine große Gunſt en, im ſte oder fahrener emeinen n beſon⸗ r Braun der letzte der erſte ein Be⸗ ieſe auch er Mann, s Gegen⸗ eidiſch die mer ſeine er Jugend od— und rt,„Senf iläufig ge⸗ Senf be⸗ anz ausge⸗ roße Gunſt uggelt zum 4 „ich werde 1¹3 ſehr glücklich ſein, Alles anzunehmen, was Sie mir anzubieten wünſchen.“ Braun zog ſein Taſchenbuch hervor.„Ich notire alſo ſechs Töpfe Senf für Sie, Herr— nicht wahr ſechs?“ „So viel Sie wollen,“ verſetzte Clarence, und Braun ſchrieb:„Sechs Töpfe franzöſiſchen Senf.“ „Sie find ein ſehr junger Gentleman, mein Herr,“ ſagte Braun,„wahrſcheinlich zu irgend einer Profeſſion beſtimmt— ich will nicht zuvringlich ſein, aber wenn ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann—“ „Das können Sie,“ verſetzte Linden,„und zwar ſogleich— haben Sie die Güte zu klingeln.“ Mit ernſtem Lächeln erfüllte Braun ſeinen Wunſch; der Kellner trat wieder ein, empfing einen leiſen Be⸗ fehl von Linden und verſchwand wieder. „Welche Profeſſion nannten Sie, mein Herr?“ fuhr Braun ſchlau fort. „Keine!“ verſetzte Linden. „Oh, ſehr gut— ſehr gut, in der That. Als ein unbeſchäftigter, unabhängiger Herr werden Sie alſo gewiß eine Art von Stutzer ſein— brauchen vielleicht Hemden— feine Cravatten auch— die Herren tragen ſie jetzt nach ganz beſonderem Muſter— Hand⸗ ſchuhe— eine goldene, oder ſoll ich ſagen eine ver⸗ goldete Kette, Uhr und Petſchafte, einen oder zwei Ringe und eine Schnupftabacksdoſe?“ „Mein Herr, Sie find außerorbentlich verbindlich,“ ſagte Clarence mit unverſtelltem Erſtaunen. „Durchaus nicht, ich würde Alles für einen Ver⸗ Bulwer, der Verſtoßene. I. 8 1¹4 waudten der Mrs. Minden thun.“ Der Kellner trat wieder ein und ſagte zu Linden:„Ihr Zimmer iſt bereit.“ „Das freut mich,“ ſagte Clarenee aufſtehend. „Herr Braun, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünſchen.“ „Warten Sie, Herr— warten Sie; Sie haben dieſe Sachen noch nicht angeſehen, die der verſtorbe⸗ nen Lady Waddilove gehörten.“ „Ein andermal,“ ſagte Clarence haſtig. „Morgen um zehn Uhr,“ murmelte Braun. „Es iſt mir außerordentlich lieb, dieſen Kerl vvm Halſe zu haben,“ ſagte Linven hei ſich ſelbſt, als er ſeine Glieder auf einem Lehnſtuhl ausſtreckte und vas letzte Glas ſeiner Pinie Portwein leerte.„Wenn ich auch nicht viel von der Welt ſah, ſo habe ich doch ſchon ſo viel von ihr errathen, daß man ſeine Taſche in Acht nehmen ſoll, wenn uns Jemand ein Geſchenk anbietet; die, welche geben, nehmen auch.— Hier bin ich alſo in London mit einer Anweiſung auf tauſend Pfund in der Taſche, mit aller Weisheit des Doctor Latinas im Kopfe und der Geſundheit von achtzehn Jahren in meinen Adern; wird es nun nicht meine Schuld ſein, wenn ich nicht Beides genöſſe und mich machte—“ Dann überließ er ſich den Betrachtungen künfti⸗ gen Erfolges, die an dem jungen, unerfahrenen und ſanguiniſchen Temperament des mit ſich ſelbſt Reden⸗ den großen Aniheil hatten, und ſo vergingen Cla⸗ rence die Stunden, bis vie Nacht ihn zu nicht minder * lebhaf men« Cl ungeni und ve Thür „A Braun Viertel franzö ſtände, „T recht w ſeidene zum V eine 2 ſeidene und eit „S langgez wunder ſchöne „S Clarene „Je ner trat nmer iſt ifſtehend. en guten ie haben verſtorbe⸗ aun. Kerl vom ſt, als er e und das Wenn ich e ich doch ine Taſche n Geſchenk —Hier bin uf tauſend des Doctor n achtzehn ticht meine töſſe und gen künfti⸗ hrenen und bſt Reden⸗ ingen Cla⸗ uicht minder * b 11¹⁵ lebhaften, vielleicht nicht minber men abrief. unwirklichen Träu⸗ Achtes Kapitel. Oh, wie verlangt mich nach Beſchäftigung Jedermann in ſeiner Laune. Clarenee ſaß am nächſten Morge ungenügenden Frühſtück, welches und verfälſchter Milch heſtand, als der Kellne Thür öffnete und Herrn Braun anmeldete.— „Auf die Minute, Herr, wie Sie ſehen,“ ſagt Braun;„ich bin die Pünktlichkeit ſelber: geicde— Vlertelminute vor zehn. Ich bringe Ihnen die viyfe franzöſiſchen Senf und dazu einige werthvolle Ge Ihnen fehlen müſſen.“ „Danke Ihnen, Herr,“ ſagte Linbe recht wußte, was er ſagen ſun⸗ ſeidenes Taſchentuch auf und brachte aus demſelben zum Vorſchein: drei Hemden, zwei Pomabetöpf eine Tabaksvoſe, eine deutſche Pfeife, vier Lurt ſeidene Strümpfe, zwei goldene Petſchafte, drei Rin und ausgeſtopften Papagei!* „Sehr ſchöne Sachen, Herr,“ ſagt langgezogenem Schnauben, wunderung der angebotenen Schätze ausbrückte;„ſe ſchöne Sachen, nicht wahr, Herr?“ ſchön, beſonders der Papagei,“ ſagte „Ja, Herr,“ entgegnete Braun,„ber Papagei iſt in ver That ein Juwel; er gehörte der verſtor⸗ benen Laby Waddilove; ich biete Ihnen denſelben mit großem Bedauern an für—“ „Bitte, berauben Sie ſich eines ſolchen Juwels nicht,“ fiel Clarence ein,„er iſt wirklich von keinem Nutzen für mich.“ „Das weiß ich, Herr, das weiß ich,“ verſetzte Braun;„aber er wird Ihren Freunden von Nutzen ſein, unſchätzbar für irgend eine alte Tante oder einen alten Herrn, der ſolche Spielereien liebt. Ich weiß wohl, daß Sie Jemand kennen, dem Sie den Vogel als Geſchenk zuſchicken können, wenn Sie ihn auch ſelbſt nicht gebrauchen.“ „Hat man je eine ſolche Großmuth erlebt?“ vachte Linden.„Nicht zufrieden ſeine Bedürfniſſe zu beſriedigen, dehnt er ſeine Freigebigkeit auf Ver⸗ wandte aus, die ich möglicherweiſe beſitzen könnte.“ Braun band die ſchönen Sachen indeß wieder in vas Taſchentuch und fragte:„Soll ich ſie hier laſſen, Herr?“ „Nun, geſtern dachte ich wirklich, Sie ſcherzten,“ ſugte Clarenee;„doch Sie werden einſehen, daß ich keine Geſchenke von einem Herrn annehmen darf, der mir ſo ganz fremd iſt wie Sie.“ „Das weiß ich, Herr,“ verſetzte Braun,„und um vas Unangenehme eines ſolchen Gefühls zu entfernen — ich verſichere Ihnen, nur aus dem einzigen Grunde— habe ich die Gegenſtände auf dieſem Pa⸗ pier aufnotirt; aber zu einem ſo niedrigen Preiſe, wie Sie ſehen werden, daß ſie in jeder andern Hin⸗ ſicht Her wür pier erfa geſe 117 ſicht, als des Namens, wirklich Geſchenke find. O Herr, ich begreife vollkommen Ihre Delieateſſe, und würde ſie um die Welt nicht verletzen.“ Mit dieſen Worten überreichte er Linden ein Pa⸗ pier, deſſen Inhalt Jeder, der etwas mehr Welt⸗ erfahrung beſeſſen hätte als Clarenee, würde vorher⸗ geſehen haben. Es lautete folgendermaßen: Clarence Linden, Esq., Dr. erhalten von Moritz Braun d. Sechs Töpfe franzöſiſchen Senf.. 5 4— Drei feine Hemden von holländiſcher Lein⸗ wand mit Buſenſtücken von Kammertuch 4 1— Zwei Töpfe franzöſiſche Pomade„— 10— Eine Tabaksdoſe von emaillirtem Zinn, mit dem ſchön ausgeführten Fei des Prätendenten— 12 6 Eine deutſche Pfeife, ſo zut wi⸗ neu, i der verſtorbenen Lady Waddilove gehörte 1 18— Vier Paar ſchwarzſeidene Strümpfe, die dem Gemahl Ihrer Herrlichkeit gehörten 2 8— Zwei goldene Petſchafte mit einer elaſſiſchen Deviſe und Motto; nämlich eine Manſe⸗ falle und„Prenez garde“ auf dem einen, und„Von wem, zum Teufel, kann dies ſein?“ auf dem andern 1 1— Ein außerordentlich ſchöner auitet in mit dem Kopfe eines Affen..— 16 6 Ein ditto mit blauen Steinen.— 12 5 Fürtrag 13 3 118 Pfb. Sch. P. Fürtrag 13 3 6 Ein Ring mit grünen Steinen— 12 6 Ein ausgeſtopfter Papagei, der beſondere Liebling der Lady W.. 22— Totalſumme 15 18— Abzug für baare Zahlung— 13 6 15 4 6 Brauns Mäklergebühr 1 10— Totalſumme 16 14 6 Voyn Clarenee Linden, Esg., erhalten. Londyn, den u. ſ. w. Es wäre ein unterhaltendes Studium geweſen, den Ausbruck von Lindens Geſicht zu heobachten, wie es ſich bei jedem dieſer Artikel verlängerte, bis er zum Schluß kam. Dann faltete er das Papier ſorg⸗ fältig wieder zuſammen, ſtellte es Herrn Braun mit tiefer Verbeugung wieder zu und ſagte:„Entſchul⸗ digen Sie, mein Herr, ich will Ihre Großmuth nicht benutzen; behalten Sie Ihren Papagei und Ihre au⸗ dern Schätze für eine würdigere Perſon. Ich kann nicht annehmen, was Sie Ihre werthvollen Ge⸗ ſchenke nennen!“ „O, ſehr gut, ſehr gut,“ ſagte Braun, das Papier wieder einſteckend und dem Anſcheine nach völlig unbekümmert über die Zurückweiſung ſeiner Vorſchläge;„vielleicht kann ich Ihnen in anderer Art dienen.“ „In keiner Art, ich danke Ihnen,“ verſetzte Linden. „Bedenken Sie nur, mein Herr, Sie bebürfen einer Vieles viellei ſtillen und 3 Kind D Zeit i in der wandt Rath Hotel gen b einige welche es da des ſtillen müthi klagte benut / Vorfl sen; mer: für f densr ein; anbie 6 14 6 alten. geweſen, hten, wie e, bis er pier ſorg⸗ raun mit „Entſchul⸗ muth nicht Ihre an⸗ Ich kann ollen Ge⸗ raun, das heine nach ing ſeiner nderer Art tzte Linden. e bedürfen 1¹9 einer Wohnnng; die will ich für Sie auffinden, um Vieles wohlfeiler als Sie es ſelber könnten; oder vielleicht würden Sie es vorziehen, bei einer hübſchen, ſtillen, anſtändigen Familie zu wohnen, wo Sie Koſt und Zimmer haben können und auf jede Weiſe als Kind des Hauſes würden behanvelt werden?“ Dieſer Gedanke gefiel Linden. Er wollte einige Zeit in London bleiben; er kannte die Lebensweiſe in der Stadt nicht; beſaß weder Freunde noch Ver⸗ wandte, wenigſtens keine, die er beſuchen oder um Rath fragen konnte; ebenſo wußte er, daß die Hotels koftſpielig ſeien, wenn auch Wirthswohnun⸗ gen billiger waren, ſo konnten dieſe doch, wenn nur einigermaßen bequem, leicht die Summe überſteigen, welche aufzuwenden die Klugheit ihm rieth; ſollte es daher nicht für ihn gerathen ſein, den Vorſchlag des Herrn Vraun anzunehmen, bei einer hübſchen, ſtillen, anſtändigen Familie zu wohnen? Der groß⸗ müthige Wohlthäter der verſtorbenen und ſtets be⸗ klagten Lady Wadbilove bemerkte ſeinen Vortheil, benutzte Lindens Unentſchloſſenheit und fuhr fort: „Ich weiß eine reizende kleine Wohnung in der Vorſtadt, ganz rus in urbe, wie die Gelehrten ſa⸗ gen; Sie können ein freundliches kleines Hinterzim⸗ mer mit der Ausſicht auf den Garten haben, und ganz für ſich allein, darf ich ſagen.“ „Und welchen Preis werde ich für eine ſo benei⸗ venswerthe Vequemlichkeit zuhlen müſſen?“ fiel Linden ein;„wenn Sie mir vieſelbe aber als ein Geſchenk aubieten, ſo könnte ich mich nicht varauf einlaſſen.“ „O Herr,“ antwortete Braun,„der Preis wird eine wahre Kleinigkeit ſein; doch ich will nachfragen und Ihnen die genaue Summe im Laufe des Ta⸗ ges mittheilen— Alles, was die Leute wünſchen, iſt ein achtungswerther, anſtändiger Miethsmann; und ich bin gewiß, ein ſo naher Verwandter der Mrs. Minden wird auf meine Empfehlung mit Freu⸗ den aufgenommen werden. Sie wollen alſo nichts von dieſen werthvollen Sachen, mein Herr? Sie werden es bereuen— ich gebe Ihnen mein Wort!“ „Da Ihr Wort ſo viel werthvoller zu ſein ſcheint, als Ihre Waaren,“ entgegnete Clarenee Linden,„ſo verzeihen Sie mir, wenn ich das Erſtere den Letzte⸗ ren vorziehe.“ Braun erzwang ein Lächeln.„Gut, Herr, ſehr gut, ſehr gut, in der That,“ ſagte er.„Sie werden wohl vor zwei Uhr nicht ausgehen, und inzwiſchen werde ich Sie wieder beſuchen, um Ihnen über den Auftrag Bericht zu erſtatten, womit Sie mich be⸗ ehrt haben.“ „Ich werde Sie erwarten,“ ſagte Clarence und begleitete Braun aus dem Zimmer. „Nun wirklich,“ ſagte Linden bei ſich ſelber, als er in dem engen Raume des Zimmers auf und abging,„ich ſehe nicht, welchen beſſern Plan ich befolgen könnte— aber ich muß wohl bedenken, welches mein endlicher Zweck iſt. Eine hohe Stufe auf der Leiter der Welt! Aber wie iſt die zu erreichen? Fürs Erſte durch die regelmäßige Methode der Profeſſionen— aber welche Profeſſion ſollte ich wählen? Die Kirche iſt meinen Zwecke rine n regelm munge er und ner pr Miniſt benden zolle— Art G Ohne zurathe ſo kur— ſcheint Be zwei U „N Vericht De ſich die zern. Weg, lungen. Dame, Frau, werden ſagte) nes Scd — bed men Si eis wird chfragen des Ta⸗ ünſchen, mann; dter der tit Freu⸗ ſo nichts Sie Wort!“ nſcheint, den,„ſo n Letzte⸗ err, ſehr e werden nzwiſchen über den mich be⸗ ence und als er in ing,„ich önnte— endlicher er Welt! durch die er welche t meinen 124 Zwecken nicht angemeſſen— die Armee und die Ma⸗ rine nicht meinen Mitteln. Dann kommen die un⸗ regelmäßigen Methoden der Abenteuer und Unterneh⸗ mungen— ſo wie eine reiche Heirath,“— hier ſchwieg er und ſah in den Spiegel—„die Spekulation ei⸗ ner politiſchen Flugſchrift oder einer Ode an den Miniſter— die Aufmerkſamkeit, die ich einem ſter⸗ benden Geizhals meines Namens und ohne Verwandte zolle— oder kurz, irgend eine andere anſtändige Art Geld zu verdienen, die ſich mir varbieten mag. Ohne Freund in dieſer großen Stabt, wird es an⸗ zurathen ſein, meine Erfahrung ſo wohlfeil und in ſo kurzer Zeit als möglich einzukaufen, und dazu ſcheint der Vorſchlag dieſes Herrn Braun geeignet.“ Bei ſolchen Betrachtungen verſtrich die Zeit bis zwei Uhr, und pünktlich erſchien Herr Moritz Braun. „Nun, Herr,“ ſagte Clarenee,„wie lautet Ihr Vericht?“ Der Freund der verſtorbenen Lady W“ trocknete ſich die Stirn und erwiderte nach drei tiefen Seuf⸗ zern.„Ein weiter Weg, Herr— ein ſehr weiter Weg, den ich zu machen hatte; aber es iſt mir ge⸗ lungen. Keinen Dank, Herr— keinen Dank— die Dame, eine bezaubernde, entzückende, liebenswürdige Frau, will Sie mit Vergnügen aufnehmen— Sie werden den Gebrauch eines Hinterzimmers(wie ich ſagte) den ganzen Vormittag, und ein hübſches klei⸗ nes Schlafzimmer allein zu Ihrer Verfügung haben — bedenken Sie das, Herr. Zum Frühſtück bekom⸗ men Sie ein Ei und ſpeiſen mit der Familie um drei 122 uhr zu Mittag— ganz faſhivnable Stunden, wie Sie ſehen.“ „Und die Bedingungen?“ ſagte Linden ungeduldig. „Die Dame war zu rückſichtsvoll, um mit mir vavon zu reden,“ verſetzte Braun,„es wird am beſten ſein, Sie gehen mit mir zu dem Hauſe und verſuchen, ob Sie ſelber ſich mit ihr einigen können.“ „Das will ich thun,“ ſagte Clarenee.„Wollen Sie hier warten, bis ich angekleidet hin?“ Braun nickte hejahend. Als Clarenee zu ſeinem Schlafzimmer hinaufſtieg, vachte er:„Es möchte doch gut ſein, mich nach dem Rufe dieſes Mannes zu erkundigen, dem ich mich auf ſo unbeſonnene Weiſe anvertrauen will.“ Er klin⸗ gelte— das Stubenmädchen erſchien und wurde ent⸗ laſſen, um den Kellner zu rufen. Er fragte nach dem Rufe des Mannes und erhielt die verlangte Aus⸗ kunſt, die wir dem Leſer zu gefallen ein wenig weiter ausführen wollen. Herr Moritz Braun kam urſprünglich mit dem einfachen Namen Moſes auf die Welt— ein Name, den ſein Vater— ein ehrlicher Mann— wie es die Minoriten bezeugen können, auf ehrenvolle Weiſe vor ihm geführt hatte. Kaum hatte der kleine Moſes vas fünfte Jahr erreicht, als ſein Vater, aus Urſachen, die ihm ſelber am beſten bekannt waren, Chriſt wurbe. Es herrſcht irgend eine mächtige Verbindung zwiſchen der Börſe und dem Gewiſſen, und des Himmels gol⸗ vener Segen ſiel auf den Proſelyten.„Ich werde eine den, wie geduldig. mit mir am beſten verſuchen, . „Wollen 4 inaufſtieg, nach dem h mich auf Er klin⸗ wurde ent⸗ ragte nach ungte Aus⸗ nig weiter mit dem ein Name, wie es die Weiſe vor Moſes das s Urſachen, hriſt wurbe. ig zwiſchen immels gol⸗ werde eine Pflaume“ werth ſterben,“ ſagte der ältere Moſes, ver den Namen Braun angenommen hatte;„ich werde eine Pflaume werth ſterben,“ wieverholte er, als er eines Morgens auf die Börſe ging, um zu ſpekuliren. Eine Veränderung der Nachrichten, heftig und un⸗ erwartet, wie die Veränderung des Windes, machte, daß die Fonds ſanken und bie Pflaume nicht zur Reife kam. Herr Braun ſtand in der Woche in der Zei⸗ tung und in der nächſten trug ſeine Frau Trauer⸗ kleider. Außer der erwähnten Frau hatte er mehre Schulden und ſeinen Sohn Moſes hinterlaſſen. Durch die erſteren zur Armuth gebracht, begann die Wittwe einen kleinen Handel in Wardour⸗Street, um den letzteren zu unterſtützen. Der kleine Moſes hatte die vorherrſchenden Anlagen ſeiner hebräiſchen Voreltern geerbt; er war geduldig, doch dabei unternehmungs⸗ luſtig; vorſichtig im Wagen von Pfunden, aber un⸗ ermüdet im Verdienen von Pfennigen, und obgleich er weniger fähig war, als ſein Vater ein Vermögen zu gewinnen, ſo war er auch zugleich weniger fähig, es zu verlieren. Ungeachtet der Bemühungen ber Mutter und des Sohnes war der Erwerb ves Ge⸗ ſchäfts doch nur unbedeutend; es zu vergrößern war Kapital erforderlich, und Moſes Brauns ganzes Ka⸗ pital lag in ſeinem Gehirn.„Da iſt es ſchlecht un⸗ tergebracht,“ ſagte die Mutter ſeufzend.„Ganz und gar nicht,“ ſagte der Sohn, gab den Laden auf und wurde Makler. Nun iſt ein Makler ein Mann, der ſein Einkommen aus anderer Leute Vermögen ziecht— „100,000 Pfd. beſitzen. er iſt der Einſammler zerſtreuter Ausgaben; und weil er dem Publikum die Ehre erzeigt, auf deſſen Koſten zu leben, kann er füglich für eine Art von kleinem Staatsminiſter in ſeiner Weiſe gelten. Unermüdet ver⸗ folgte Braun ſeinen Beruf, beſuchte Auktivnen, han⸗ delte mit chineſiſchem Porzellan, verkaufte die Curio⸗ ſitäten einer alten Dame, kaufte die einer andern ein und wußte ſich ſo ein behagliches Auskommen zu verſchaffen. Große Mühe und kleiner Gewinn kehren envlich den Gegenſatz um und werden zu kleiner Mühe und großem Gewinn, ſo daß als Braun ſein vier⸗ zisſtes Jahr erreicht hatte, der kleine Laden zu einem geräumigen Waarenlager geworden war, und wenn der würdige Moſes, der ſich jetzt in Moritz umge⸗ tauft hatte, auch nicht ſo lebhaft wie ſein Vater auf die Erwerbung einer Pflaume hoffte, ſo war er voch wenigſtens eben ſo glücklich bei der Benützung von mancherlei Zufälligkeiten. Die Kammerjungfer der verſtorbenen Lady Waddilove, die ihm als Frau ver⸗ macht war, gewährte ihm in der That großen Nutzen; eben ſo ſinnreich als wohlwollend, beſaß ſie gewißſe vielbeſuchte Zimmer in der Nähe des St. James⸗ palaſtes, wo Hauben und Beſtellungen beſſer beſorgt wurden, als an irgend einem andern Orte— und wo unter gleich vortheilhaften Bedingungen für die gewandte Frau Braun Kredit gegeben und guter Ruf verloren wurde. Ihr Mann ſetzte aus Liebhaberei ein Geſchäft fort, wozu ihn anfangs die Noth ge⸗ trieben, und wurde durch Vermehrung des Vermö⸗ gens im Erwerbe nicht lauer, im Gegentheil ſchärfte jenes der V die M den V nach e ſchäfte bis zu Eifer ſein u zu be für A ſcharfſ Beneh und d man als he keiten als ne er un Wirkt der li Manr Fähig Freun haben ſie m Beruf und weil en Koſten nkleinem müdet ver⸗ en, han⸗ ie Curio⸗ er andern mmen ze n kehren er Mühe ſein vier⸗ zu einem d wenn itz umge⸗ Vater auf r er doch zung von igfer der rau ver⸗ Nutzen; e gewiſſe James⸗ r beſorgt — und für die uter Ruf ebhaberei Noth ge⸗ Vermö⸗ ſchärfte 125 jenes nur noch ſein Verlangen nach dieſem, ſo wie der Vieleſſer durch ein Voreſſen ſeinen Appetit für die Mittagstafel reizt. Braun war der Aleibiades unter den Maklern— ein Univerſalgenie— der Jedermann nach eigenem Gefallen bediente. Jede Art von Ge⸗ ſchäften war ihm recht, vom Kauf einer Beſitzung bis zu einer Tuchnadel betrieb er alles mit gleichem Eifer; er kaufte, verſteigerte und vertauſchte alles— ſein unternehmender Geiſt wußte jede Bekanntſchaft zu benützen, und durch Beſorgung der Bedürfniſſe für Andere hefriedigte er ſein eigenes. Schlau und ſcharfſichtig, erkaunte er den Werth des ſeltſamen Benehmens, um ſeine eigentliche Abſicht zu verbergen, und die Erfahrung lehrte ihn, daß alles, worüber man lacht, weil es als ſeltſam erſcheint, im Ernſt als harmlos betrachtet wird. Manche Eigenthümlich⸗ keiten unſeres Maklers waren daher mehr künſtlich als natürlich; andere waren die ſchlauen Helfer, die er unter den behaglichen Mantel der Seltſamkeit in Wirkung zu ſetzen wußte. Kein Wunder alſo, wenn der liſtige Morit ſich nach und nach den Ruf eines Mannes von unendlicher Nützlichkeit und vortrefflichern Fähigkeiten erwarb, noch auch, vaß die ſcharfſichtigen Freunde ſeines verſtorbenen Vaters ſich vor dem wohl⸗ habenden Hauſirer mit einem Reſpekt verbeugten, den ſie manchen Perſonen verweigerten, die in höherem Beruf und allgemeinerer Achtung ſtanden. Neuntes Kapitel. Auf mein Wort, Ihr habt eine ganz vortreff⸗ Wohnung hier— ſehr zierlich und abgeſondert. Ben Jonſon. Es war ein ziemlich weiter Weg bis zu der Woh⸗ nung, von welcher der würdige Makler auf ſo em⸗ pfehlende Weiſe geſprochen. Endlich ſtand Herr Braun in der Vorſtadt, welche Paddington zu liegt, vor einem ſehr kleinen Hauſe ftill. Es lag abgeſondert von den umgebenden Gebäuden da, die viel höher und anſpruchsvoller waren als jenes, welches in ſeiner ärmlichen Geſtalt und mitleidswerthen Verſchämtheit gar ſehr einem Schulknaben glich, der ſich zum er⸗ ſtenmal in einer Geſellſchaft von Erwachſenen befin⸗ vet und ſich mit möglichſter Eile in den dunkelſten Winkel verkriecht, den er auffinden kann. Sie gingen vurch einen ſehr kleinen Garten über einen ſchmalen Kiesweg und Herr Braun klopfte mit einem ſehr blan⸗ ken Klopfer an eine ſehr neue Thür. Die letztere wurde geöffnet und ein junger Burſche erſchien. „Iſt Mrs. Copperas zu Hauſe?“ fragte der Makler. „Ja!“ antwortete der Junge. „So führe vieſen Herrn und mich zu ihr hinauf,“ fuhr Braun fort. „Ja!“ wiederholte der Diener. Clarence und ſein Begleiter wurden eine außer⸗ ordentlich ſchmale Treppe hinauf und dann in ein ſehr kleines Beſuchzimmer geführt. Hier ſaß auf einem kleinen Stuhle an einem kleinen Arbeitstiſche, den Fuß at auf ei kleine „Z Linden Kopfn „Sie Famili von de die fei Luftzu Gaſte, einer„ Ihre einzig Profef Handel Lir Antwo habe d ſcharf nicht † feſſivn „TD — un „C iſt ein alte K anz vortreff⸗ abgeſondert. onſon. der Woh⸗ uf ſo em⸗ e Bran liegt, vor bgeſondert viel höher es in ſeiner rſchämtheit ch zum er⸗ enen befin⸗ dunkelſten Sie gingen n ſchmalen ſehr blan⸗ Die letztere ſchien. der Makler. hr hinauf,“ eine außer⸗ ann in ein ß auf einem ztiſche, den 127 Fuß auf einen kleinen Schemel geſtellt und eine Hand auf einem kleinen Buche ruhend, eine kleine— ſehr kleine Dame. „Dies iſt der junge Herr,“ ſagte Braun, und Linden verbeugte ſich tief bei der Vorſtellung. Die Dame erwiderte den Gruß mit affektirtem Kopfnicken und ſagte in ſonderbar gedämpftem Tone: „Sie wünſchen, mein Herr, in den Schvoß meiner Familie aufgenommen zu werden? Wir beſitzen Zimmer von der eleganteſten Ausſchmückung— ſind gewohnt, die feinſten Cirkel bei uns zu ſehen— von dem reinen Luftzug der Highgatehügel erfriſcht— und bieten jedem Gaſte, den wir bei uns aufnehmen, mehr die Reize einer Heimath als einer Wohnung, und Sie werden Ihre Zurückgezogenheit nicht weniger auserleſen als einzig finden. Ich vermuthe, Sie haben irgend eine Profeſſivn— einen Beruf in der City— oder einen Handel?“ Lindens Wange glühte— doch er hielt die ſtolze Antwort zurück, die er zu geben im Begriff war.„Ich habe vas Unglück, keiner Profeſſivn anzugehören.“ Die Dame ſah den Redenden und dann den Makler ſcharf an. Von gewöhnlichen Menſchen wird man nicht für reſpektabel gehalten, wenn man keiner Pro⸗ feſſion angehört. „Die unverwerflichſten Nachweiſe werden gegeben — und verlangt,“ ſagte Mrs. Copperas. „Gewiß,“ entgegnete Braun,„gewiß, der Herr iſt ein Verwandter der Mrs. Minden, die eine ſehr alte Kunde von mir iſt.“ „In dem Falle iſt die Sache abgemacht,“ ſagte Mrs. Copperas, ſtand auf, klingelte und befahl dem Laufburſchen, den ſie mit dem volltönenden Namen de Warrens anredete, dem Herrn die Zimmer zu zeigen. Während Clarence beſchäftigt war, die reiche Ausſtattung einer Zelle im Giebel des Hauſes zu be⸗ trachten, die man Schlafzimmer nannte, und gerade groß und heiß genug für eine Chryſalide zu ſein ſchien, ſo wie eine andere darunter befindliche Zelle, die ge⸗ wiß nicht groß genug für die erwähnte Chryſalide geweſen wäre, wenn ſie ſich in einen Schmetterling verwandelt hätte, begann Moritz Braun, nachbem er ſich ſehr lobend über Clarenee ausgeſprochen, nach den Bedingungen zu fragen; dieſe waren balb feſt⸗ geſtellt, denn Clarenee war nachgiebig, und die Dame forderte nicht über dreimal ſo viel, als ſie hätte thun ſollen. Ehe Linden das Haus verließ, war die Sache ab⸗ geſchloſſen. Noch an bemſelben Abend wurden ſeine Koffer in ſeine neue Wohnung gebracht, und nach⸗ vem er ſie mit unglaublicher Schwierigkeit in ſein Schlafzimmer hineingeguetſcht hatte, betrachtete Lin⸗ den ſie mit demſelben Erſtaunen, womit der Natur⸗ freund die Fliegen im Ambra anſchaute: Nicht köſtlich war das Zeug da oder rar, Doch wundert's ihn, wie's'neingekommen war⸗ Wi und ne Der Le fernten hauſes bedeckt, lorit zu ihr Da Büchern vaſen, lich vie gewende äußerſte hing in goldener die in Himmeli Bulu , ſagte efahl dem n Namen immer zu die reiche 7 ſes zu be⸗ ind gerade ſein ſchien, le, die ge⸗ Chryſalide hmetterling nachdem er ochen, nach n bald feſt⸗ d die Dame s ſie hätte ie Sache ab⸗ vurden ſeine „und nach⸗ keit in ſein rachtete Lin⸗ t der Natur⸗ 129 Zehntes Kapitel. Durch ſolche Scenen war zu ſoun'ger Anmuth Der Glanz des lieblichen Geſichts gemildert, Der Stimme ſilberheller Ton gedämpſt Durch traurigen und träumeriſchen Zauber, Beſchattet ihrer ſanften Seele Glut, Die ſich im Pathos ihres Auges zeigte. Der Rebell. Die von ihnen entflammte Liebe war nicht von gewöhnlicher oder berechnender Art; ſie war kräftig und köſtlich, und zu Zeiten plötzlich ſo mächtig, daß ſie ihrem jungen Herzen auf einen Augenblick in faſt ſchrecklichem Charakter erſchien. Ineſilla. Wir müſſen jetzt unſern Zanherſtab ſchwingen, und neue Perſonen und Seenen heraufbeſchwören. Der Leſer wolle ſich ein kleines Zimmer in dem ent⸗ fernten Flügel eines großen und prachtvollen Herren⸗ hauſes vorſtellen— die Wände waren mit Zeichnungen bedeckt, deren außerordentlich zurte Umriſſe und Co⸗ lorit zu erkennen gaben, daß ſie einer weiblichen Hand ihr Daſein verdankten; einige Geſimſe waren mit Büchern angefüllt und trugen zugleich auch Blumen⸗ vaſen, deren helle Farben und duftiger Geruch reich⸗ lich die Aufmerkſamkeit lohnte, die täglich an ſie gewendet wurde. Eine Harfe ſtand vernachläſſigt am äußerſten Ende des Zimmers, und gerade darüber hing in einem zierlichen Gefängniß einer von jenen goldenen Wanderern von den eanariſchen Inſeln, die in unſer kälteres Land die lieblichſte Mufik ihres Himmelsſtrichs bringen. Das Fenſter, welches his Bulwer, der Verſtoßene. I. 9 auf den Voden reichte, war offen und zeigte durch dichte Gewinde von Jasmin und Geißblatt, die das niedere Gitterwerk umzogen, dichte Gruppen blühen⸗ der Geſträuche, die in vollem Lente prangten und von den ſonnigen Tropfen eines Mairegens erglänzten, der eben herabgefallen war. Von dieſem Blüthen⸗ haine umgeben, lagen kleine Beete voll üppiger Blu⸗ men in ſchmaler Einfaſſung des friſcheſten und grün⸗ ſten Raſens, der je die Feen zum nächtlichen Tanze lockte; und in der Ferne ſah man durch eine künſtliche Sffuung ein ſpiegelhelles Waſſer dahingleiten, in beſſen Licht und Lächeln ſich das allgemeine Glück des jungen Jahres zu reflektiren ſchien. Aber in jenem Zimmer, unbekümmert um ihre umgebung und kalt für die Freude, welches alles Andere, ebenſo Jugendliche, Schöne und unſchuldige zu athmen ſchien, ſaß ein ſehr junges und liebenswür⸗ viges Mädchen. Ihre Wange ſtützte ſich auf ihre Hand und große Thränen rollten ſchnell und glühend üller die zarten kleinen Finger hin. Der Kamm, der die Flechten des Haares gehalten, lag am Boden, und die Kleidung, die den ſchwellenden Buſen bedeckte, war gelüftet, um dem erſtickenden und ſchmerzlichen Schluchzen Luft zu machen, welches die Feſſeln zu ſprengen drohte. Alles ſchien auf jene Bitterkeit des Kummers zu deuten, wo der Geiſt in ſeiner Ver⸗ achtung des äußern Scheins gleichſam ſeinen Zorn an dem Körper ausläßt, und zu verkünden, daß der jetzt gemäßigtere und gemilderte Schmerz nur einem weniger ruhigen und gezügelten Ausbruch gefolgt war eſſen Que Capt ſtorb nate kalte wand und majo in It war ſeine tochte unver fühler St. L Fuß war, Furch finden ſelber zum f hung, ihrer mochte rauhe erhob Zärtlie igte durch t, die das en blühen⸗ ngten und erglänzten, n Blüthen⸗ piger Blu⸗ und grün⸗ ichen Tanze ne künſtliche en, in deſſen des jungen ert um ihre velches alles unſchuldige liebenswür⸗ ch auf ihre und glühend Kamm, der am Boden, uſen bedeckte, ſchmerzlichen e Feſſeln zu itterkeit des ſeiner Ver⸗ ſeinen Zorn den, daß der z nur einen ruch gefolgt 131 war. Wehe denen, die das Brod der Abhängigkeit eſſen— ihre Thränen werden aus den innerſten Quellen des Herzens ausgepreßt. Iſabella St. Leger war das einzige Kind eines Capitäns in der Armee, der in ihrer Kindheit ge⸗ ſtorben war; ihre Mutter hatte ihn nur wenige Mo⸗ nate überlebt, und der widerſtrebenden Sorgfalt und kalten Neigung eines entfernten und reichen Ver⸗ wandten deſſelben Namens wurde die warmherzige und vermögenloſe Waiſe übergeben. Der General⸗ major Cornelius St. Leger, der ſeine Reichthümer in Indien auf Koſten ſeiner Geſundheit erkauft hatte, war von ſehr heftigem Temperamente, und er ließ ſeine Launen um ſo ſchonungsloſer an ſeiner Pflege⸗ tochter aus, da ihn das überlegene Schmollen ſeiner unverheiratheten Schweſter verhinderte, ſie dieſelben fühlen zu laſſen. Dieſe Schweſter, Miß Diana St. Leger, war eine magere Dame von etwa ſechs Fuß Höhe, mit einer Stimme, die ſo hoch und ſcharf war, wie ſie ſelber. Lange von ihrem Bruder in Furcht gehalten, freute ſie ſich herzlich, Jemand zu finden, den ſie mit ſolchem Recht und ſolchem Grunde ſelber in Furcht halten konnte; und vom vierten bis zum ſiebzehnten Jahre erduldete Iſabella jede Schmä⸗ hung, jede Herabwürdigung, welche die Tyrannei ihrer beiden Beſchützer ihr nur immer auferlegen mochte. Doch ihr Geiſt war weit entfernt, durch ſo rauhe Behandlung gebengt zu werden; im Gegentheil erhob ſich ihr Gemüth, welches ganz Milde und Zärtlichkeit war, wenn ſie gütig behandelt wurde, 132 entrüſtet gegen das Ungerechte. Freilich ſprach ſich das Gefühl für das Unrecht nicht hörbar aus, denn obgleich empfänglich, war Iſabella ſanft und ihr Stolz verbarg ſich unter der änßern Milde und Weihlich⸗ keit ihres Temperaments; doch ſie ſtahl ſich von denen fort, die ihr Herz verwundet oder ihr Geſühl mit Füßen getreten hatten, und nährte mit geheimen aber leidenſchaftlichen Thränen die Erinnerung an die Härte oder Ungerechtigkeit, die ſie erduldet hatte. Dennoch war ſie nicht rachſüchtig— ihr Unwille war ein edles, kein herabwürdigendes Gefühl. Einſt, als ſie noch ein Kind war, wurde Miß Diana von einem bösartigen und anſteckenden Fieber ergriffen; ihr Bruder— welcher vſtindiſche General hätte nicht doſſelbe gethan?— liebte ſich ſelber zu ſehr, um ſeine eigene Sicherheit durch die Pflege ſeiner Schwe⸗ ſter in Gefahr zu bringen. Die Diener waren ſehr froh, ihren Haß unter dem Vorwande der Furcht fühlen laſſen zu können, ſo daß ſie dem Beiſpiele des Herrn folgten. Fräulein Diana häſte alſo un⸗ beweint, ungeehrt und unbeſungen zu ihren Vorfah⸗ ren hinabſteigen können, wenn ſich nicht Iſabella freiwillig zu ihrer Wärterin aufgedrungen hätte. Jede Stunde war ihre Feengeſtalt im Krankenzim⸗ mer beſchäftigt, oder ſie ſaß ſtumm und athemlos am Bette der Fieberkranken; ſie empfand weder Furcht vor Anſteckung, noch Bitterkeit wegen der früher erlittenen harten Behandlung; Alles ver⸗ ſchwand bei dem Wunſche Hülfe zu leiſten, bei dem helohnenden Gedanken, ſich in der weiten Schöpfung nicht los g V ſtellur dem zu da die g ſprüch Diana ſehr v Mona ſollen. heiten, ihr He ſo erſt Stimm die Sch und gut Sklaver eines S Abe in ihre wovon! nicht we ihr wur Herzen gekränkt würde ih Empfäng im geſell wach ſich us, denn ihr Stolz Weiblich⸗ nenen eſühl mit imen aber an die det hatte. wille war Finſt, als von einem ffen; ihr ätte nicht ſehr, um er Schwe⸗ Beiſpiele alſo un⸗ Vorfah⸗ Iſabella zen hätte. rankenzim⸗ athemlos 133 nicht ſo ganz nutzlos zu finden, wie ſie bisher freund⸗ los geweſen. Miß St. Leger genas.„Für Ihre Wiederher⸗ ſtellung,“ ſagte der Arzt zu ihr,„haben Sie zuerſt dem Himmel und dann Ihrer jungen Verwandten zu danken!“ Und wirklich überhäuſte die Geneſene die glückliche Iſabella mit Liebkoſungen und Lob⸗ ſprüchen. Aber dies währte nicht lange; die keuſche Diana war durch Wohlbefinden ſo vieler Jahre zu ſehr verdorben worden, als daß die Krankheit eines Monats ihre Stimmung weſentlich hätte verbeſſern ſollen. Bald verfiel fie wieder in ihre alten Gewohne heiten, unb wenn es gleich wahrſcheinlich iſt, daß ihr Herz für die arme Iſabella war erweicht worden, ſo erſtreckte ſich dieſe Erweichung keineswegs auf ihre Stimmung. In Wahrheit mochten der Bruder und die Schweſter nicht ohne Neigung für ein ſo ſchönes und gutes Weſen ſein, aber ſie hatten ihr Lebenlang Sklaven gefoltert, und ihre Neigung konnte nur die eines Sklavenaufſehers oder Pflanzers ſein. Aber Iſabella war die einzige Verwandte, die je in ihren Mauern erſchien, und unter den Gäſten, wovon die prächtige Wohnung erfüllt war, galt ſie nicht weniger für die Erbin als für die Abhängige; ihr wurde daher die Huldigung vieler Lippen und Herzen angeboten, und wenn ihr Stolz beſtändig gekränkt und ihr Gefühl insgeheim verletzt wurde, ſo würde ihre Eitelkeit, wäre ſie ihrem Stolze und der Empfänglichkeit ihrer Gefühle gleichgekommen, ſie im geſelligen Kreiſe in nicht geringem Maße entſchä⸗ 134 digt haben. unglücklicherweiſe aber war Eitelkeit die am mindeſten vorherrſchende ihrer Eigenſchaften; mehr mit Hohn als mit Vergnügen wendete ſie ſich von den Schmeicheleien und Ehrenbezeigungen ab, vie ihr Scharffinn durchſchaute, während ihr Herz ſie verachtete. Vielleicht gewährte es ihr einige Befciedigung, Fremden jenen Stolz zu zeigen, dem jede geeignete und würdige Uußerung vor ihren Verwandten ab⸗ geſchnitten war; und die Gleichgültigkeit ihres ſo anmuthigen Benehmens, die Kälte ihres glänzenden Auges und der verächtliche Ausdruck ihrer jungen Lippen wieſen die Bewunderung zurück, vie ihre Schön⸗ heit erregt hatte, und erweckte mehr Mitleid mit ihren Beſchützern über die vermeintliche Gefühlloſig⸗ keit ihres Charakters, als daß die herbe Behandlung, die ſie zu dulven hatte, wäre bemitleidet worden. Aber tief im Innerſten barg ſie einen reichen Schatz inniger Zärtlichkeit, eine Fundgrube mädchenhafter, begei⸗ ſterter Romantik; gefährliche Gaben für Weſen in ſolcher Lage, denn während ſie ihren Augenblicken der Einſamkeit eine mächtige aber unbeſtimmte An⸗ ziehungskraft verliehen, bereiteten ſie wahrſcheinlich ihren ſpätern Jahren die Schlinge vor, durch die ſie zum Irrthum verlockt werden konnte, vder die Täu⸗ ſchung, die ſie mit Bedauern erfüllen mußte. Unter den Männern, welche die prunkende Gaſt⸗ freiheit des General St. Leger in ſein Haus zog, war einer von ſehr verſchiedenem Charakter und An⸗ ſprüchen als die übrigen. Gesignet, um hei der Mehrzal es eben dagegen feſſelten. und die mer; er waren, eine tiefe den gew ihn leide Romant Menge1 nur um wohlwol war der glühendf barg— alltäglich was die unwiderf Eigenſch ſon von welcher legen, u überſchät Beginne zwiſchen wir nie es ſchier beſchleun Fitelkeit chaften; ſie ſich gen ab, Herz ſie edigung, zeeignete ten ab⸗ ihres ſo änzenden jnen eSchön⸗ tleid mit fühlloſig⸗ anng, en Aber tz inniger r, begei⸗ Weſen in genblicken mmte An⸗ rſcheinlich rch die fie die Täu⸗ ßte. ende Gaſt⸗ Haus zos, e n An⸗ m hei der 135 Mehrzahl der Männer unbeliebt zu erſcheinen, waren es eben die Eigenſchaften, welche dies bewirkten, die dagegen ganz beſonders die höhergeſtimmten Damen feſſelten. Seine alte Abſtammung machte den Stolz und die Kälte ſeines Ausſehens nur noch unangeneh⸗ mer; er beſaß Talente, die vorzüglich dazu geeignet waren, Theilnahme und Hochachtung zu erregen; eine tiefe, ſchweigſame Melancholie erfüllte ihn, die ihn den gewöhnlichen Banden ebenſo ſehr entzog, als ſie ihn leidenſchaftlichen Neigungen eifrig zuwendete; das Romantiſche ſeiner Denkart verbarg ſich nur der Menge und erſchien den Wenigen, die ihn verſtanden, nur um ſo verführeriſcher; er war ungeſellig, aber wohlwollend; unbeliebt, aber geachtet; ſein Wandel war der allerſtrengſte, ſeine Leidenſchaften aber die glühendſten, obgleich er ſie auf das ſorgfältigſte ver⸗ barg— dieſer Mann vereinte Alles in ſich, was die alltägliche Maſſe ſeiner Mitmenſchen zurückſtößt, und was die wenigen, ſeltenen, romantiſchen Gemüther unwiderſtehlich feſſelt und bezaubert. Mit dieſen Eigenſchaften war ein äußeres Anſehen und eine Per⸗ ſon von jener hohen und gebietenden Art vereint, welcher die Männer Arroganz und Prätenſion bei⸗ legen, und welche vie Frauen des Contraſtes wegen überſchätzen. Es lag etwas Geheimnißvolles in dem Beginne der innigen und einflußreichen Liebe, die zwiſchen dieſem Manne und Iſabellen herrſchte, was wir nie haben erfahren können: was es auch war, es ſchien den gewöhnlichen Fortgang der Liebe zu beſchleunigen und zu erhöhen; und wenn in dem 136 trüben Zwielicht, unter dem erſten melancholiſchen Lächeln des früheſten Sternes, ihre Herzen ſich hörbar für einander öffneten, ſo war jenes Bekenntniß ſchon längſt ſchweigend abgelegt und in den innerſten Räu⸗ men des Herzens aufgezeichnet worden. Aber ihre Leivenſchaft, die im Glück begann, wurde hald verfinſtert. Sei es nun wegen des hochmüthigen Weſens des Geliebten der jungen Iſabella, welches bei Männern von hoher Geburt ſtets ſo unangenehm für Diejenigen iſt, welche ſie nicht beſitzen, over wegen des Wunſches, einen Gegenſtand in ſeiner Nähe zu be⸗ halten, den er quälen und tyranniſiren könne— ſobald der General die Neigung ſeiner jungen Verwandtin bemerkte, verbot er ihr ausdrücklich, ſich derſelben hinzugeben, und nahm ein ſo unverſchämtes und über⸗ müthiges Weſen gegen ihren Geliebten an, daß der Letztere fühlte, er könne ſeine Beſuche bei dem Nabob nicht länger wiederholen, noch auch die Bekanntſchaft mit ihm fortſetzen. Um dieſe widerwärtigen Umſtände noch zu ver⸗ mehren, wurde ein Verwandter des Liebhabers, von welchem der Letztere große Erwartungen gehegt hatte, ſo aufgebracht, nicht nur über die ſeinem Vetter wiber⸗ fahrene Veleivigung, ſondern auch über den Gedanken, daß er eine Verbindung mit einer Perſon in ſo ab⸗ hängiger Lage, und die noch dazu mit ſo neuem Blute verwandt ſei, wie Iſabella St. Leger, daß er, mit jener Anmaßung, wozu ſich Verwandte, wenn auch noch ſo entferst, berechtigt halten, ſeinem Vetter, bei Strafe, ſeine Gunſt und ſein Vermögen zu ver⸗ wirke Anget ſich g beant gefäh gonne C der Z vorfte ſie be zu ein thum D leiſes Ifabe! bei ih nicht. Gitter auf de vor de die, 1 war, die in D war i als kr unden Adel auch d Züge r 137 ncholiſchen wirken, verbot, vas Verhältniß fortzuſetzen. Der ſo ſich hörbar Angerebete war nicht von einem Temperamente, um ntniß ſchon ſich gedulvig ſolchen Drohungen zu unterwerfen; er rſten Räu⸗ beantwortete ſie mit Verachtung, und der Bruch, ſo gefährlich für ſeine peeuniären Intereſſen, hatte be⸗ mnn, wurde gonnen. chmüthigen So weit war die Geſchichte unſeres Liebenden zu welches hei der Zeit vorgeſchritten, wo wir Iſabella dem Leſer genehm für vorſtellten und ihm das Zimmer beſchrieben, wohin wegen des ſie bei ihrem Kummer und ihren Demüthigungen wie ähe zu be⸗ zu einem traurigen, aber noch unverletzten Heilig⸗ te— ſobald thum zu fliehen pflegte. Verwandtin Die Stille dieſes Aſyls wurde zuerſt durch ein h verſelben leiſes Raſcheln unter den Blättern unterbrochen, aber s und über⸗ Ifabellens Rücken war zu dem Fenſter gewendet, und n, daß der bei ihren lebhaft beſchäftigten Gefühlen hörte ſie es dem Nabob nicht. Das dichte Gebüſch, welches die linke Seite des ekanntſchaft Gitterwerks verdunkelte, theilte ſich, ein Mann trat auf den bedeckten Raum, ſtand ſtill und ſchweigend och zu ver⸗ vor dem Fenſter und blickte lebhaft die Geſtalt an, abers, von die, wenn gleich das Geſicht von ihm abgewendet ehegt hatte, war, in ihren Proportionen jene Schönheit verrieth, etter wider⸗ die in ſeinen Augen fehlerlos und unvergleichlich war. Gedanken, Die Geſtalt des Fremden, obgleich nicht ſehr groß, in ſo ab⸗ war über der gewöhnlichen Höhe und mehr zierlich euem Blute als kräftig gebaut. Er war in die dunkelſten Farben aß er, mit und nach der einfachſten Mode gekleidet, wodurch der wenn auch Adel ſeiner Miene noch auffallender wurde, ſowie em Vetter, auch die klare und zarte Bläſſe ſeines Geſichts; ſeine gen zu ver⸗ Züge waren ſchön und regelmäßig gebildet, und hätten 138 nicht Kränklichkeit, weite Reiſen oder tiefes Nach⸗ denken die Linien des Geſichts zu tief gefurcht und den Umriß zu ſehr geſchärft, ſo würde ihn die elaſſi⸗ ſche Vollkommenheit jener Züge unläugbar außer⸗ ordentlich ſchön gemacht haben; ſo wie er jetzt war, machte die Bläſſe und das etwas abgelebte Ausſehen ſeines Geſichts, vereint mit einem Ausdruck, der auf ven erſten Anblick hochmüthig und abſtoßend erſchien, vaß er das, was er an phyſiſcher Schönheit verlor, an geiſtiger gewann. Seine Augen waren groß, dunkel und melancholiſch; und hätte er den Hut abgenommen, der jetzt faſt ſeine Augenbrauen bedeckte, ſo würde er eine ausgezeichnet kühne und kräftige Stirn gezeigt haben, nicht ſo ſehr bemerkenswerth wegen ihrer Höhe als wegen ihrer Breite und vortretenden und groß⸗ artigen Bilbung, die man ſo ſelten an modernen Ge⸗ ſichtern ſieht, die aber vielleicht das edelſte Geheim⸗ niß der antiken Skulptur bildete. Das Geſicht beſaß eine ſeltene und intellektuelle Form, und wenn es ihm an jenen blühenden Reizen fehlte, die dem Alter des Fremden eigen find, der kaum ſein ſechsundzwanzigſtes Jahr konnte erreicht haben, ſo bezeichnete es wenigſtens jene Herrſchaft des Geiſtes über den Körper, die in den Augen Einiger das nothwendigſte Erforderniß männlicher Schönheit iſt. Mit leiſem und geräuſchloſem Schritte kam der Fremde näher, trat in das Zimmer und ſchlich ſich zu der Stelle hin, wo Iſabella ſaß. Er lehnte ſich über ihren Stuhl und ihr Auge ruhte auf ſeinem eigenen Porträt und einem Briefe von ihm, worauf die reich Die ein Seite n Schmut er ſelbe Ein — unbe Andere, Und allen V Hoffnur dungen einen ſ Wonne Erinnet ich mich nur eir dete, i Theuer und fer weſenh welches „U willen, ein.„ s Nach⸗ rcht und ie elaſſi⸗ raußer⸗ etzt war, Ausſehen der auf erſchien, it verlor, ß, dunkel nommen, ſo würde rn gezeigt hrer Höhe ind groß⸗ rnen Ge⸗ Geheim⸗ tellektuelle en Reizen find, der e erreicht Herrſchaft n Einiger hönheit iſt. kam der ſchlich ſich ehnte ſich uf ſeinem „worauf 139 die reichlichen Thränen der jungen Waiſe hinfloſſen. Die eine ſchöne kleine Hand hing achtlos an ihrer Seite nieder; die ſchlanken Finger hatten weiter keinen Schmuck, als einen einzigen, einfachen Haarring, den er ſelber ihr gegeben. Ein Angenblick lebhafter Wonne für den Einen — unbewußter und fortdauernder Traurigkeit für die Andere, und der Liebende lag zu ihren Füßen! und was war für ſie Beide die Außenwelt mit allen Wechſeln der Zeit und des Raumes? Freude— Hoffnung— alle glücklichen und entzückenden Empfin⸗ dungen waren gleich zuſammenfließenden Waſſern in einen ſonnigen Strom inniger und unergründlicher Wonne vereint— aber dies ging vorüber und die Erinnerung der Bitterkeit und des Leidens folgte. „O Algernon!“ ſagte Iſabella mit leiſer Stimme, „hültſt Du ſo Dein Verſprechen?“ „Glaube mir,“ ſagte Mordaunt, denn er war es, „ich habe lange gegen meine Gefühle angekämpft, aber vergebens, und um unſer Beider willen freue ich mich des Sieges, den ſie erlangt haben. Ich horchte nur einer trüglichen Täuſchung, als ich mir einbil⸗ dete, ich gehorche den Vorſchriften der Vernunft. O, Theuerſte, warum ſollten wir uns wegen zweifelhafter und ferner übel trennen, während das Elend der Ab⸗ weſenheit das gewiſſeſte und unaufhörlichſte übel iß, welches wir erdulden können?“ „Um Deinetwillen und daher auch um meinet⸗ willen,“ fiel Iſabella, mit ihren Thränen kämpfend, ein.„Ich bin eine Bettlerin und eine Ausgeſtoßene 14⁰ Du mußt Dein Schickſal nicht mit vem meinigen ver⸗ elnigen. Gott weiß, wie willig ich Armuth und alle übel verſelben für Dich und mit Dir ertragen könnte; aber ich kann ſie nicht über Dich bringen.“ „Auch wirſt Du es nicht,“ ſagte Mordaunt, indem er die Hand, die er in der ſeinen hielt, mit glühenden Küſſen bedeckte.„Beſitze ich nicht genug für uns Beide? Meine Liebe, nicht meine Armuth, bitte ich Dich zu theilen.“ „Nein, Algernon, Du kannſt mich nicht täuſchen: Deine eigene Beſitzung wird Dir vom Geſetze ent⸗ riſſen werden; wenn Du mich heiratheſt, wirb Dein Vetter Dich nicht unterſtützen; ich ſelber beſitze nichts, vas weißt Du nur zu gut, und ich ſoll Dich, für ven ich in meinen zärtlichen und glänzenden Träumen alles mögliche Große und Erhabene prophezeihte, in Dunkelheit begraben ſehen, woraus Deine Talente ſich nimmermehr erheben können, die Qualen der Armuth, der Abhängigkeit und der Erniedrigung gleich meiner eigenen dulden ſehen— und ich— ich ſollte die Elende ſein, die das Alles verurſacht. Nimmermehr, Alger⸗ non, nimmermehr— dazu liebe ich Dich zu ſehr.“ Aber die Anſtrengung, vermöge welcher dieſer ent⸗ ſchloſſene Ton hervorgebracht wurde, war zu heftig, um ſie ertragen zu können, und als die Verlaſſenheit ihrer Verzweiflung ſich finſter und ſchrecklich dem Geiſle der Waiſen aufdrängte, ſank ſie mit troſtloſer Seele auf ihren Stuhl zurück und beachtete in ihrem unbe⸗ wußlen Elend nicht, daß ihre Hand noch in der ihres Geliebten ruhte und daß ihr Kopf an ſeine Bruſt ſank⸗ „Iſ der für enthalte Geliebte haſt Du verlierer ſeine un weiſen n find mir Carriere ſchweigſt Iſab die auf keit, wie „üb ob nicht — auf Urtheil g unſeres über vere ſchwendet noch int die Wolk über unt Iſab am meifi muß mat Entſchluf danke au zu ſein. inigen ver⸗ h und alle gen könute; . unt, indem t glühenden uns Beide? cDich zu t täuſchen: Geſetze ent⸗ wird Dein eſitze nichts, Dich, für n Träumen hezeihte, in Talente ſich der Armuth, leich meiner e die Elende ehr, Alger⸗ ch zu ſehr.“ dieſer ent⸗ r zu heftig, ßerlaſſenheit bdem Geifle ſtloſer Seele hrem unbe⸗ in der ihres Bruſt ſank. 141 „Iſabella,“ ſagte er in leiſem und ſanſtem Tone, der für ihr Ohr das höchſte aller irdiſchen Mufik zu enthalten ſchien—„Iſabella— blicke auf— meine Geliebte— blicke auf und höre mich an. Vielleicht haſt Du recht, wenn Du ſagſt, daß ich meine Beſitzung verlieren werde, und daß mein Verwandter mir nicht ſeine unzuverläſſige Güte gewähren wird, die ich zurück⸗ weiſen würde, ſelbſt wenn er es thäte; aber, Theuerſte, find mir nicht tauſend Wege offen— die juriſtiſche Carriere— der Staatsdienſt— die Armee?— Du ſchweigſt, Iſabella— rede!“ Iſabella erwiderte nichts, doch ihre ſanften Augen, die auf den ſeinen ruhten, ſagten in ihrer Troſtloſig⸗ keit, wie wenig Eindruck ſeine Gründe auf ſte machten. „überdies,“ fuhr er fort,„wiſſen wir noch nicht, ob nicht das Geſetz günſtig für mich entſcheiden wird — auf jeden Fall können Jahre vergehen, ehe das Uurtheil gegeben wird— dieſe Jahre machen die Blüte unſeres Lebens aus— wir wollen ſie nicht in Trauer über vereitelte Hoffnungen und gebrochene Herzen ver⸗ ſchwenden— laß uns das Glück ergreifen, welches noch in unſerer Macht iſt, und nicht den Donner und die Wolke heraufbeſchwören, ſo lange noch der Himmel über uns heiter iſt.“ Iſabella war das am wenigßten ſelbſtſüchtige und am meiſien hingebende aller menſchlichen Weſen, doch muß man ihr verzeihen, wenn in dem Augenblick ihr Entſchluß ſchwankte und ſich ihr der allmächtige Ge⸗ danke aufdrängte, wirklich und auf immer die Seine zu ſein. Er verging aber im Angenblick, ſo wie er 142 entſtanden war, und indem ſie ſich aus einer Stel⸗ lung erhob, wo die Berührung jener theuren Hand und der Hauch jener flehenden Lippen ihre Tugend gefährdete und die Stärke ihrer Entſchlüſſe ſchwächte, entzog ſie ſich ſeiner Hand, und während ſie ihre Augen abwendete, die den ſeinen nicht zu begegnen wagten, ſagte ſie mit leiſer, aber feſter Stimme: „Es iſt vergebens, Algernon— es iſt vergebens. Ich kann Dir nichts weiter ſein als eine Laſt— nichts als eine Quelle der Beraubung und Bitterkeit. Denkſt Du, daß ich dies ſein will?— Nein, ich will Deine ſchönen Hoffnungen nicht verdunkeln und Deinem ver⸗ nünftigen Ehrgeize nicht in den Weg treten. Geh—“ und hier bebte ihre Stimme einen Augenblick, er⸗ langte aher bald ihre Feſtigkeit wieder—„geh, Alger⸗ non, theurer Algernon, und wenn mein thörichtes Herz Dich auch nicht bitten will, nicht mehr an mich zu denken, ſo kann ich Dich wenigſtens anflehen, nur an mich zu denken als Einer, die lieber ſterben würde, als Dir einen Augenblick jener Armuth und Ernie⸗ drigung zu bereiten, deren Bitterkeit fie ſelber gefühlt hat, und die ſich aus eben dieſem Grunde auf immer von Dir losreißt.“ „Halt, Iſabella, halt!“ rief Mordaunt, indem er ihr Gewand faßte, ehe ſie noch das Zimmer ver⸗ laſſen hatte,„rede nur noch ein Wort und dann ſollſt Du mich verlaſſen. Sage, wenn ich mir eine neue Quelle der Unabhängigkeit ſchaffe, wenn ich mir einen Weg bahnen kann, wo der Ehrgeiz, den Du mir irrthümlicherweiſe beilegſt, kann befriedigt werden, ſo zittern ihm ge ſchein und in bevölke 143 iner Stel⸗ wie auch die gemäßigteren Wünſche, die wir uns ver⸗ uren Hand möge unſeres Verſtandes ſo natürlich gebildet haben re Ten— ſage, wenn ich dies thue, ſo darf es mir erlaubt ſchwächte, ſein, zu hoffen— ſage, wenn ich dies gethan habe, nd ſie ihre dürfe ich Dich als die Meine in Anſpruch nehmen.“ u begegnen Iſabella ſchwieg und wendete ihr Geſicht wieder r Stimme: zu dem ſeinigen. Ihre Lippen bewegten ſich, und ob⸗ gebens. Ich gleich die Worte in ihrem Herzen erſtarben, ſo las ſt— nichts doch Mordaunt ihre Bedeutung auf der erröthenden keit. Denkſt Wange und dem ſich hebenden Buſen, ſowie auf den will Deine Lippen, die ein Strahl der Hoffnung und des Troſtes Deinem ver⸗ zum Lächeln zu bringen vermochte. Er blickte ſie an, nGeh— und alle Hinderniſſe, alle Schwierigkeiten verſchwanden; genblick, er⸗ die Kluft der Zeit ſchien überſchritten und es war „geh, Alger⸗ ihm, als habe er ſeine Belohnung bereits verdient in thörichtes und gewonnen. ehr an mich Er näherte ſich ihr noch mehr; ein Kuß auf dieſe uflehen, nur Lippen, ein Druck jener bebenden Hand, eine lange, erben würde, letzte, glühende Umarmung jener zurückweichenden und und Ernie⸗ zitternden Geſtalt— und dann, als die Thür vor ſelber gefühlt ihm geſchloſſen war, ſchien es ihm, als ſei der Sonnen⸗ de auf immer ſchein der Natur verſchwunden und als ſtehe er allein und in Dunkelheit in der Mitte der lachenden und baunt, indem bevölkerten Erde. Zimmer ver⸗ ich mir einen den Du mir gt werden, ſo 144 Elftes Kapitel. Die mittlern Klaſſen ſind von allen am freiſten von den Fehlern des Betragens, doch entwürdigen ſie ſich am meiſten durch Niedrigkeit des Charakters. Stephan Montague. Wir kehren zu Clarence zurück und werden nicht um Entſchuldigung bitten, in einer einzigen und kurzen Skizze das Weſen ſeines Wirthes und ſeiner Wirthin zu ſchildern. Ungeachtet des ſchwachen Geſchwätzes unſerer Tage, welches Verachtung für die Beſchrei⸗ bung der Menſchen wie ſie ſind erheuchelt, welches die Schilderung der Geſellſchaft, wenn ſle fein iſt, als übertrieben, und wenn rauh, als empörend ta⸗ delt, werden wir bei jedem, ſo wie die Abwechſelun⸗ gen unſerer Geſchichte uns ihn vor Angen bringen, der Erfahrung und der Wahrheit ſolgen. Die Sitten der Zeit, die Charaktere, die von der eigenthümli⸗ chen Einrichtung der Geſellſchaft ihre unterſcheidenden Merkmale ableiten, werden der natürliche, wenn gleich nicht der edelſte Gegenſtand des Romanſchreibers. Die höchſte Sphäre ſeiner Kunſt beſteht darin, zu den äußern Umſtänden, die mit jedem Zeitalter wechſeln, eine Schilderung jener innern Welt hinzuzufügen, die in jedem Zeitalter vieſelbe iſt, und überdies die Mode und die Kleidung zu beſchreiben, um ſeinen Porträts etwas von dem Charakter der Seele aufzudrücken. Wir verließen alſo Cſarenee ſicher in ſeiner klei⸗ nen Wohnung untergebracht. Sei es nun wegen der Hitze it welche Perſone erſten 2 Er ſtan zimmer Laufbur drei ben des Hau gebunder dichte ei geleſen, gethan h wieder a zum Fenf dermädch die friſch ten, wo Etwa herunter ſcheltend Jetzt ber nach der angenom als der 9§ möglich v beſprengt Bulw allen am getragens, ſten durch tague. den nicht nd kurzen Wirthin eſchwätzes Beſchrei⸗ „welches örend ta⸗ wechſelun⸗ bringen, die Sitten enthümli⸗ cheidenden enn gleich ibers. Die „ zu den r wechſeln, fügen, die ß die Mode wegen der ſeiner klei⸗ 145 Hitze in ſeinem Zimmer oder wegen der Ruheloſigkeit, welche eine Veränderung der Betten bei gewiſſen Perſonen hervorbringt, ſein Schlummer war in der erſten Nacht nach ſeiner Ankunft kurz und unruhig. Er ſtand früh auf und ſtieg in das Geſellſchafts⸗ zimmer hinunter; de Warrens, der adeligbenannte Laufburſche, deckte den Tiſch zum Frühſtück. Von den drei bemalten Bücherbrettern, welche die Bibliothek des Hauſes bildeten, nahm Clarenee ein ſehr hübſch gebundenes Buch herunter; es war betitelt:„Ge⸗ dichte eines Edelmannes.“ Sobald er zwei Seiten geleſen, that er genau daſſelbe, was der Leſer würde gethan haben, nämlich er ſtellte das Buch reſpektvoll wieder an ſeinen Ort. Dann zog er ſeinen Stuhl zum Fenſter und beäugelte aufmerkſam einige alte Kin⸗ dermädchen, welche die ihnen anvertrauten Kinder auf die friſchen Felder und neuen Weiden des Ortes führ⸗ ten, wo jetzt der Regentspark iſt. Etwa nach einer Stunde kam Mrs. Copperas herunter und es wurden gegenſeitige Complimente gewechſelt; ihr folgte Herr Copperas, der für ſeine Trägheit wacker ausgezankt wurde, und dann der junge Herr Adolph Copperas, der wegen beſſelben Vergehens ſcheltend die Benennung„unartiges Herzchen“ erhielt. Jetzt bereitete Mrs. Copperas den Thee, was ſie nach der beliebten Methode that, die alle Damen angenommen haben, denen die Sparſamkeit lieber als der Ruhm iſt— nämlich ſie nahm ſo wenig als möglich von der ſogenannten chineſiſchen Pflanze und beſprengte ſie mit einer ſehr geringen Qnantität hei⸗ Bulwer, der Verſtoßene, I. 40 146 ßen Waſſers; nachbem vieſe Miſchung, ohne eine Zu⸗ that aus der Apotheke, ſo ſchwarz und bitter als möglich geworden war, ſchüttete ſie plötzlich eine Maſſe Waſſer darüber und goß vann dieſes ſchwache und widerwärtige Getränk in vier Taſſen, die den vier Theilnehmern des Frühmahles gehörten. Jetzt begann die Unterhaltung zu fließen. Mrs. Copperas war eine feine und empfindſame Dame, und beobachtete ſehr genau jede Kleinigkeit des Aus⸗ drucks und Benehmens. Herr Copperas war Actien⸗ wucherer und ein Witzling, that gerne in beider Hin⸗ ſicht einen guten Zug, war ſehr rund, ſehr klein und ſah in den Zügen und dem Geiſte des kleinen Copperas ſein vollkommenes Ebenbild. „Lieber Adolph,“ ſagte Mrs. Copperas,„be⸗ venke, was ich Dir ſagte und fitze aufrecht.— Herr Linden, wollen Sie mir erlauben, Ihnen ein kleines Stück von dieſem Brödchen abzuſchneiden?“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Clarenee,„ich möchte Sie lieber um das ganze bitten.“ Man denke ſich den Schreck der Mrs. Capperas! Von dem Augenblick an glaubte ſie, ſie würde mit Haus und Hof aufgegeſſen; überdies bemerkte ſie zu ihrer Freundin Miß Barbare York, welche Gemein⸗ heit es ſei, einen ſo ungeheuren Appetit zu haben. „Haben Sie etwas in der City zu beſtellen, Herr Linden?“ fragte der Mann;„in wenigen Minuten wirb eine Kutſche an unſerer Thür vorüberfahren — muß in einer halben Stunde auf der Bank ſein. Noch eine Taſſe Thee, meine Liebe— beeile Dich — ich innere ſcher de Linden. „E kannſt nem So liebſter nicht? als bis Dich we zu lerne Bücherſa beliebt, zu leſen Taſchen — Tele Andrews Lueretius „jetzt gl Herr de Waſſer des ehem „Tom, wird in „Hab lich gebet eine Zu⸗ tter als ich eine ſchwache die den . Mrs. Dame, des Aus⸗ Actien⸗ der Hin⸗ klein und Sopperas 8„„be⸗ — Herr n kleines ch möchte apperas! ürde mit kte fie zu Gemein⸗ zu haben. en Herr Minuten berfahren Bank ſein. eeile Dich — ich habe kaum ſo viel Zeit, vas Meine für vie innere Seite einzunehmen, da fordert ſchon der Kut⸗ ſcher das Seine für die änßere. Ha! ha! ha! Herr Linden.“ „Ei, Copperas,“ ſagte ſeine Ehehälſte,„wie kannſtt Du ſo einfältig ſein? Du gibſt auch Dei⸗ nem Sohne ein hübſches Beiſpiel— denke nicht daran, liebſter Adolph— pfui, Kind— ſchämſt Du Dich nicht?— Stelle nie Deinen Löffel in die Taſſe, als his Du genng Thee getrunken haſt. Ich muß Dich wahrhaftig in die Schule ſchicken, um Manier zu lernen.— Wir haben eine ſehr hübſche kleine Bücherſammlung hier, Herr Linden, wenn es Ihnen beliebt, nach dem Frühſtück eine oder zwei Stunben zu leſen— Kind, ſo zieh doch die Hände aus den Taſchen— die beſten engliſchen Claſſiker glaube ich — Telemach, Youngs Nachtgedanken und Joſeph Andrews, der Zuſchauer, Pope's Jlias und Creech's Lucretius; aber Sie werden ſie wohl ſelber anſehen. Dies iſt der Bibliothekſaal, ſö wie der Geſellſchafts⸗ ſaal, Herr Linden!“ „Nun, meine Liebe,“ ſagte der Aetienwucherer, „jetzt glaube ich, muß ich fort. Hier, Tom“— Herr de Warrens war eben mit noch etwas heißem Wuſſer eingetreten, um die ärmlichen überbleibſel des ehemaligen Thees noch mehr zu ſchwächen— „Tom, lauf hinaus und halte die Kutſche auf, ſie wird in fünf Minuten vorüberkommen.“ „Habe ich Dich nicht wieder und wieder flehent⸗ lich gebeten, Copperas,“ ſagte die Dame vorwurfs⸗ 148 voll,„de Warrens nicht bei ſeinem Taufnamen zu nennen? Weißt Du nicht, daß alle Leute im vor⸗ nehmen Leben, die nur einen Bedienten halten, ihn heſtändig bei ſeinem Zunamen nennen, als wenn er der Kellermeiſter wäre?“ „Das iſt zu gut, meine Liebe,“ ſagte Copperas. „Ich will den armen Tom bei ſeinem Zunamen nen⸗ nen, aber ich kann ihn wirklich nicht für einen Keller⸗ meiſter ausgeben. Ha— ha— ha— da mußt Du mich entſchuldigen, meine Liebe!“ „Und warum nicht, Copperas? Ich habe man⸗ chen Kellermeiſter gekannt, der mehr Korke verdirbt als er; aber ſage mir, wer ſah je einen Bedienten heſſer beim Mittageſſen aufwarten als ihn?“ „Er beim Mittageſſen aufwarten, meine Liebe! Er wartet ja nicht auf.“ „Wer denn, Copperas?“ „Wir, meine Liebe— wir warten auf das Mit⸗ tageſſen— aber das iſt der Köchin Schuld und nicht die ſeine.“ „Pah! Copperas— liebſter Adolph, ſitz gerade, mein Engel.“ Hier rief de Warrens vom Fuß der Treppe:„Herr, die Kutſche kommt herauf.“ „Sie wird nicht Platz genug haben umzuwen⸗ den,“ ſagte der ſpaßhafte Copperas, ſich im Zimmer umſehend, als ob er den Ausdruck wörtlich nehme. „Welche Kutſche iſts, mein Junge?“ Zu jener Zeit wurde die Stadt noch nicht von ſo vielen Kutſchen nach allen Seiten hin durchſchnitten, voneile Linden. So verlaſſe neuen ſagte f ein vor Linden, als alle Einbild Anmuth nen zu n vor⸗ n, ihn enn er pperas. n nen⸗ Keller⸗ ußt Du e man⸗ verdirbt edienten 4 Liebe! as Mit⸗ nd nicht gerade, „Herr, unzuwen⸗ Zimmer nehme. nicht von ſch nitten, 149 und Copperas wußte den Namen der Kutſche ſo gut, wie ſeinen eigenen. „Es iſt die Schwalbe, Herr,“ „O, ſehr gut, da will ich auf ihren Flügeln da⸗ voneilen— ha! ha! ha!— Guten Tag, Herr Linden.“ Sobalb der witzige Actienwucherer das Zimmer verlaſſen hatte, ſchien Mrs. Copperas ſich zu einem neuen Daſein zu entfalten.„Mein Mann, Herr,“ ſagte ſie entſchulbigend,„iſt etwas ſeltſam, aber ein vortrefflicher, echter Charakter; und das, Herr Linden, will im Schvoße einer Familie mehr ſagen, als alle die ſchimmernden Eigenſchaften, welche die Einbildungskraft gefangen nehmen. Gewiß hat der Moraliſt recht, Herr Linden, wenn er uns ermahnt, das echte Gold dem Flittergold vorzuziehen. Ich bin jetzt ſchon ſeit mehreren Jahren verheirathet und jeves Jahr ſcheint glücklicher als das vorige; aber dabei gewährt es ein ſolches Bergnügen, die ſich entwickelnde Anmuth eines ſo lieblichen Pfandes unſerer gegen⸗ ſeitigen Liebe zu betrachten— liebſter Adolph, halte Deine Füße ſtill und ziehe die Hände aus den Taſchen!“ Hier trat eine kurze Pauſe ein. „Wir ſehen viel Geſellſchaft bei uns,“ ſagte Mrs. Copperas pomphaft,„und zwar von der beſten Claſſe. Zuweilen werden wir mit der Geſellſchaft des großen Herrn Talbot beglückt; er iſt ein Herr von uner⸗ meßlichem Vermögen und ein vollendeter Hofmann; freilich iſt er ein wenig ſeltſam in ſeiner Kleidung, aber er war ein berühmter Stutzer in ſeinen jungen 15⁰ Jahren. Er iſt unſer nächſter Nachbar; Sie können ſein Haus aus dem Fenſter ſehen, gerade über den Garten hin, dort. Unſer beſcheidener Tiſch wird auch zuweilen von einer eleganten Freundin von mir, Miß Barbara York, beglückt, einer Dame von ſehr hohen Verbindungen, denn ihr nächſter Vetter war Lord Mayor— liebſter Adolph, was haſt Du vor?— Nun, Herr Linden, Sie werden Ihre Zurückgezogen⸗ heit ganz ungeſtört finden, ich muß an die Haus⸗ haltsgeſchäfte; nicht als vb ich mehr thäte, als ſie beaufſichtigen, aber ich denke, keine Dame ſollte ſich zu vornehm halten, das Intereſſe ihres Mannes zu berückſichtigen, das nenne ich wahre altengliſche ehe⸗ liche Zärtlichkeit.— Komm, liebßer Adolph.“ Jetzt war Clarence allein.„Ich fürchte, daß ich ſchwer mit dieſen Leuten auskommen werde,“ dachte er.„Durch Bücher, nicht durch Erfahrung belehrt, bildete ich mir thörichterweiſe ein, daß es nur ſehr Wenige gebe, in die ich mich nicht würde finden können; doch ich werde noch zu lernen haben, daß es gewiſſe Gemeinheiten gibt, mit deren Urſache und Wirkung wir durch langen Umgang vertraut ſein müſſen, um ſie richtig zu verſtehen und geduldig zu ertragen. Die äußere Rohheit der niedrigſten Claſſen, die geiſtige Rohheit der höchſten laſſen ſich leicht ver⸗ zeihen, ſollte ich denken, denn die erſtere beleidigt nicht unſer Gefühl, und die letztere tritt unſern Ge⸗ wohnheiten nicht in den Weg; aber dieſe niedrige, anmaßende, lärmende und prunkende Gemeinheit der mittlern Claſſen, welche alle Rohheit der niedrigern mit ber vereint nigen at der Sitte menſchlie Geſchma ſchenhaff pflegte, fie nicht darin, de Es w Geſellſch den und die Ehre viele Pe größtenth ten ihre önnen er den wird U mir, n ſehr er war or?— zogen⸗ Haus⸗ als ſie te ſich nes zu he ehe⸗ daß ich dachte belehrt, ur ſehr finden n„ daß che und ut ſein ldig zu Claſſen, cht ver⸗ beleidigt ern Ge⸗ iedrige, heit der edrigern 154 mit der Arroganz und Herzloſigkeit der vornehmern vereint— dieſes Flickwerk von Pfunden und Pfen⸗ nigen aus den gröbſten und abgenutzteſten Lumpen der Sitten, iſt gleich ſtörend für unſere Liebe zu der menſchlichen Natur, wie für die Verfeinerung des Geſchmacks. Aber es paßt nicht für mich, ein Men⸗ ſchenhaſſer zu ſein, und wie Doctor Latinas zu ſagen pflegte, das große Verbienſt der Philoſophie, wenn fie nicht über die Umſtände gebieten kann, beſteht darin, daß ſie uns mit ihnen ausſöhnt.“ Zwölftes Kapitel. Ein Stutzer, der ſich zurückgezogen hat, ge⸗ wahrt uns eins der lehrreichſten Schauſpiele in der Welt. Stephan Montague. Es war durchaus wahr, daß Mrs. Copperas viel Geſellſchaft bei ſich ſah, denn unter gewiſſen Umſtän⸗ den und an gewiſſen Tagen konnte jedes Individuum die Ehre haben, ihr Familienmahl zu theilen, und viele Perſonen von verſchiedenem Beruf, obgleich größtentheils dem Geſchäftsſtande angehörend, bilbe⸗ ten ihre gemiſchte Geſellſchaft. Clarence müßte in der That ſchwer zu befriedigen oder von ſtumpfer Be⸗ obachtungsgabe geweſen ſein, hätte er nicht unter der Verſchiedenheit ihrer Gäſte etwas gefunden, was ihn unterhalten und ergötzt hätte. O Himmel! welche bunte Gruppe pflegte ſich in der Woche zweimal dort zu verſammeln! Das kleine Speiſezimmer ſchien ein mit Menſchen angefüllter Ofen zu ſein, und wir 152 müſſen geſtehen, daß Clarenee nicht wenig Anziehendes für den weiblichen Theil der Gäſte hatte. Die hoch⸗ gebildete Miß VBarbara York, die Buſenfreundin der Mrs. Copperas, warf ganz beſonders ven hübſchen jungen Fremden ſehr zärtliche Blicke zu; aber ob nun die etwas zu ſehr vorſtehende und ſehr lange Naſe verhinderte, daß die Blicke ihre volle Wirkung hatten, oder ob irgend ein anderer Grund vorhanden war, ſo iſt es doch gewiß, daß Clarence ſie ſelten mit der zärtlichen Glut erwiderte, welche Miß Barbara York erwartet hatte. Die einzigen Perſonen, welche für ihn anziehend waren, gehörten ſeinem eigenen Ge⸗ ſchlechte an; der eine war Talbot, der alte Herr, den Mrs. Copperas als einen vollkommenen Hofmann geſchildert hatte, und der andere ein Künſtler, Na⸗ mens Warner. Zu Lindens großem Erſtaunen— denn die Lobrede der Mrs. Copperas hatte ihn auf etwas außerordentlich Unangenehmes vorbereitet— war Tal⸗ bot wirklich ein Mann von hoher Geburt, Vermögen und ganz beſonders anmuthigem und anziehendem Benehmen. Freilich hatte er ungeachtet der nahen Nachbarſchaft und der dringenden Bitten der Mrs. Copperas, ſie nur ſehr ſelten mit ſeiner Geſellſchaft beehrt, und aus Vorſicht ſchickte er ſtets am Morgen ſeinen Bedienten hinüber, um ſich nach den Namen und der Anzahl der erwarteten Gäſte zu erkundigen; auch theilte er nie die Freuden der reichlichen Tafel der Frau des Actienwucherers, wenn außer Clarenee und dem jungen Künſtler noch ſonſt Jemand einge⸗ laden war. An dem Letzteren fand der alte Herr ein wahrha von wi keine a waren die mül dienſt e nur erh ſeinem ſah, ze ſein Au Talbot kratiſche reichend Mannes ein and nehmens haltung „Si ſagte er milie C Mittag iehendes ie hch⸗ din der hübſchen b nen ge Naſe ghatten, en wa, mit der wa York elche für nen Ge⸗ e, en Hofmann er, Na⸗ 1— denn uf etwas war Tal⸗ zermögen iehendem er nahen e Mrs. eſellſchaft Morgen Namen kundigen; en Tafel Clarence nd einge⸗ Herr ein 1⁵³ wahrhaftes Wohlgefallen, und va es für einen Mann von wirklich vornehmer Geburt und guter Erziehung keine andere Gemeinheit gibt, als die des Geiſtes, ſo waren die geringen Mittel, die dunkle Geburt und die mühevolle Profeſſivn Umſtände, welche das Ver⸗ dienſt eines edlen Weſens und eines ſchonen Geiſtes nur erhöhten und mehr zu ſeinem Vortheil, als zu ſeinem Nachtheil ſprachen. Sobald Talbot Clarence ſah, zeigte er ſich ſehr für ſeine Unterhaltung und ſein Außeres eingenovmmen; und in der That hatte Talbot einen ſo lebhaften Geſchmack für ein ariſto⸗ kratiſches Außeres, daß Lindens Miene allein hin⸗ reichend geweſen wäre, ſich die Theilnahme eines Mannes zu gewinnen, der vielleicht mehr, als irgend ein anderer Hofmann ſeiner Zeit, die Künſte des Be⸗ nehmens und die Geheimniſſe der gewandten Unter⸗ haltung eultivirt hatte. „Sie werden mich bald beſuchen, nicht wahr?“ ſagte er zu Clarenee, als er eines Tages mit der Fa⸗ milie Copperas und ihrem Hausgenoſſen allein zu Mittag geſpeist hatte und aufſtand, um nach Hauſe zurückzukehren. Entzückt von der Höflichkeit und Lie⸗ benswürdigkeit ſeines neuen Bekannten, verſprach es ihm Clarenee ſogleich. Demnach beſuchte Clarence am folgenden Tage Herrn Talbvt. Wie Mrs. Copperas ſchon vorher geſagt hatte, grenzte das Haus an das ihre und war nur durch einen Garten getrennt. Es war ein düſter ausſehendes Gebäude von Backſteinen, ohne allen Prunk des Anſtreichens und Anweißens, und um viele 154 Jahre früher erbaut worden, als die modiſchen Woh⸗ nungen, die es umgaben. Dieſer Vorrang im Alter gab ihm denn natürlich auch vor den andern ein trü⸗ beres Ausſehen; es ſtand gleichſam verloren und ein⸗ ſam da. Als Clarenee ſich der Thür näherte, gerieth er über den wirklich bedeutenden Umfang des Gebäu⸗ des in Erſtaunen; in einer günſtigeren Gegend der Stadt gelegen, würde es für einen ſehr geräumigen und wünſchenswerthen Wohnſitz gegolten haben. Ein alter Mann, deſſen abgemeſſene Genauigkeit im An⸗ zuge den Geſchmack ſeines Herrn beurkundete, öffnete und führte Linden durch zwei lange, und zu ſeiner überraſchung koſtbar ansgeſchmückte Zimmer, zu einem dritten, in welchem er Herrn Talbot an einem kleinen Schreibtiſche fand. Dieſer Mann, von dem Linden damals noch nicht vermuthen konnte, er werde einen ſo weſenilichen Einfluß auf ſein künftiges Leben aus⸗ üben, beſaß eine Geſtalt und ein Geſicht, welche wohl einer genaueren Beſchreibung werth find. Sein eigenes Haar war völlig weiß und ſorgfäl⸗ tig und künſtlich gelockt und gab ſeinen Zügen einen griechiſchen Charakter, deren urſprüngliche Zartheit und genaue aber kleine Verhältniſſe ſelbſt das Alter nicht verwiſchen konnte. Seine Augen waren groß, ſchwarz und funkelten mit einer Lebendigkeit, die in den jugendlichſten Augenhöhlen ebenfalls glänzend ge⸗ weſen ſein würden; ſein Mund, der ſchönſte ſeiner Geſichtszüge, zeigte Zähne ſo weiß und regelmäßig, wie Reihen von Elfenbein. Er war kleiner und außer⸗ ordentlich zarter Geſtalt, die Eleganz und der Anſtand ſeiner B übertreffl baren S ſichtbar d angemeffe ehrwürdis Stande w weil eben züglich ge verrieth o auf ſeinet deſſelben! fünf Min nehmender furchtsvoll „Ich aufſtehend eines alte ſchon Ver zu entdeck mir heute Wir 1 ren laſſen Anrede zu ganz ang zahlreiche Linden da dieſe nahr aber ſehr ſchriftſtelle e Wo⸗ im Alter ein trü⸗ und ein⸗ e, gerieth es Gebäu⸗ egend der räumigen ben. Ein t im An⸗ e, öffnete zu ſeiner zu einem m kleinen m Linden erde einen eben aus⸗ elche wohl d ſorgfäl⸗ igen eineu Zartheit das Alter ren groß, it, die in inzend ge⸗ nſte ſeiner gelmäßig, nd außer⸗ er Anſtand 155 ſeiner Bewegungen und ſeines Ausbrucks waren un⸗ übertrefflich; ſein Anzug obgleich von auffallend koſt⸗ baren Stoffen, ſeltſam im Schnitte und wegen des ſichtbar darauf verwendeten Fleißes ſeinen Jahren nicht angemeſſen, diente dennoch dazu, ſein Anſehen mehr ehrwürdig als lächerlich zu machen, weil dieſes im Stande war, jedes Abgeſchmackte zu überwiegen, und weil eben dieſer Schnitt des Anzuges ihm ſelber vor⸗ züglich geeignet ſchien. Das Ganze der Erſcheinung verrieth offenbar einen Mann, der immer noch eitel auf ſeinen äußeren Menſchen, und ſich der Wirkung deſſelben bewußt war; doch es war unmöglich, nur fünf Minuten mit ihm zu reden, ohne bei dem ein⸗ nehmenden Zauber ſeines Benehmens jeden minder ehr⸗ furchtsvolle Gedanken zu vergeſſen. „Ich danke Ihnen, Herr Linden,“ ſagte Talbot aufſtehend,„daß Gie ſo bereitwillig die Einladung eines alten Mannes angenommen. Wenn es mir ſchon Vergnügen machte, in Ihnen meinen Nachbar zu entdecken, ſo urtheilen Sie über die Frende, die mir heute Ihr Beſuch gewähren muß.“ Wir müſſen Clarenee die Gerechtigkeit wiberfah⸗ ren laſſen, daß er ſtets im Stande war, eine ſchöne Anrede zu erwidern, und ſo floß die Unterhaltung ganz angenehm dahin. Im Zimmer befand ſich eine zahlreiche Bücherſammlung, und dieſer Umſtand führte Linden dahin, von literariſchen Gegenſtänden zu reden; dieſe nahm Talbot mit Eifer auf und ſprach leichte, aber ſehr treffende Urtheile über die damaligen Mode⸗ ſchriftſteller und einige der älteren aus. Es ſchien 156 ihm ſehr erfreulich, von Linden verſtanden und ge⸗ würdigt zu werden, jeder Angenblick ihres Beiſam⸗ menſeins führte ſie zu näherer Vertraulichkeit. Endlich wurde von der Familie Copperas geſprochen. „Sie werden in Ihrem Wirthe und Ihrer Wir⸗ thin ohne Zweifel eine ganz andere Art von Menſchen finden,“ ſagte der alte Herr, als diejenigen, mit welchen Sie, wie es leicht zu erkennen iſt, bisher umgingen; aber in Ihrem glücklichen Alter kann man wohl ein oder ein paar Jahre aufopfern, um die Sitten und Gebräuche derjenigen kennen zu lernen, welche in ſpäteren Jahren zu verſöhnen oder zu lenken vielleicht werden aufgefordert werden. Glauben Sie der Verſicherung eines alten Stutzers, daß der nie ein vollendeter Gentleman ſein wird, der nur aus⸗ ſchließlich mit Gentlemen lebt. um Weltleute zu ſein, müſſen wir die Welt in allen Abſtufungen, aus allen Geſichtspunkten betrachten. Kurz, der Theil der Weis⸗ heit, welcher am tiefſten in das Leben eingreift, iſt der, welcher den Dingen die Eigenſchaft abzugewin⸗ nen ſucht, die ſie am wenigſten zu beſitzen ſcheinen. Die handelnde Perſon in der Welt ſollte dem Schau⸗ ſpieler darin gleichen, daß ſie„in dem Handkorbe eines Schwertes ein ſehr geeignetes Gefäß entdeckt, um Milch darin zu tragen.“* Ich habe alle meine Verwandte und Freunde überlebt. Ich kann keine ſpäten Geſellſchaften geben, noch die ungeſunden Ge⸗ bräuche der feinen Welt mitmachen; auch denke ich „Man vergleiche das witzige Inventarium des Nachlaſſes eines Schauſpielers im„Tatler.“ nicht, daf Gewohnh einigerma ich mich einem dur ſenken unt höheren 4 ich einige einlade,: dieſen erh über Staa dadurch m ſie aus zn nen. Abe Sie müſſe und mir! hungen at daß die Va Sie keiner ſtändniß, ſchichten ne Wahrheit „Gewi einen Vert erzählen w heit geſtat wenn ich l Sie mir ve zu lachen.“ n und ge⸗ s Beiſam⸗ it. Endlich en. hre Wir⸗ Menſchen nigen, mit iſt, bisher kann man n, um die zu lernen, rzu lenken auben Sie aß der nie nur aus⸗ ute zu ſein, aus allen der Weis⸗ greift, iſt abzugewin⸗ n ſcheinen. em Scha⸗ Handkorbe iß entdeckt, alle meine kann keine ſunden Ge⸗ h denke ich s Nachlaſſes 157 nicht, daß einem Manne meines Alters und meiner Gewohnheiten die Aufopferung ſeiner Geſundheit nur einigermaßen könnte gelohnt werden. Daher fühle ich mich ſehr zufrieden, mich in eine Einſiedelei in einem dunkeln Winkel dieſer großen Stadt zu ver⸗ ſenken und gelegentlich meine„Erinnerungen an einen höheren Zuſtand“ wieder dadurch anzufriſchen, daß ich einige alte Bekannte zu meinem Junggeſellenthee einlade, um über Tagesneuigkeiten zu reden. Aus dieſen erhaſche ich nun zwei oder drei neue Anekdoten über Staatsangelegenheiten oder Skandal und erhalte dadurch meine Bedeutſamkeit bei Copperas, wo ich ſie aus zweiter Hand wieder anbringe. Dort werde ich jetzt häufig erſcheinen, weil Sie im Hauſe woh⸗ nen. Aber ich muß Ihnen ein Geheimniß mittheilen: Sie müſſen wiſſen, daß ich das Wunderbare liebe und mir daher einige kleine verſchönernde übertrei⸗ bungen an einem Orte erlaube, wo ich ſicher bin, daß die Variatjon nicht aufgefunden wird. Doch machen Sie keinen ungroßmüthigen Gebrauch von dieſem Ge⸗ ſtändniß, ſondern geſtatten Sie mir, meine kleinen Ge⸗ ſchichten nach meiner Weiſe zu erzählen; ſelbſt wenn die Wahrheit eine andere Erzählungsart fordern ſollte.“ „Gewiß,“ ſagte Linden lachend;„laſſen Sie uns einen Vertrag ſchließen: Sie ſollen Ihre Geſchichten erzählen wie Sie wollen, wenn Sie mir dieſelbe Frei⸗ heit geſtatten, meine Lobſprüche zu ertheilen, und wenn ich laut über Ihre Geſchichten lache, ſo ſollen Sie mir vezhcen⸗ nicht laut üher meine Lobſprüche 158 „Es iſt abgemacht,“ ſagte Talbot,„und es iſt ein ſehr paſſender Gegenbienſt. Es wird überdies einen durchaus nicht verwerflichen Aufſchluß ber menſchlichen Denkart geben, zu ſehen, wer ven meiſten Erfolg hat; Sie, indem Sie gegenwärtigen Perſonen ſchmei⸗ cheln, oder ich durch Verläſtern abweſender. Ungeachtet Ihrer Jugend und Ihres lockigen Haars will ich wetten, daß ich am beſten dabei ſtehe, denn der Eitelkeit miſcht ſich ſo viel Neid hei, vaß keine Schmeichelei einer umſichtigen Läſterung gleichkommen kann— um einen Bekannten zu bezaubern, machen Sie deſſen Freunde lächerlich.“ „Ei, Herr,“ ſagte Clarenee,„dieſe Ihre Anſicht ſchmeckt ein wenig nach ver franzöſiſchen Schule, wo vas Brillante mehr ſtudirt wird als das Wahre, und wo eine üble Meinung von unſeren Mitmenſchen ſteis vas Verdienſt hat, für tief zu gelten.“ Talbot lächelte und ſchüttelte den Kopf.„Mein lieber junger Freund,“ ſagte er,„es iſt ganz recht, vaß Sie, der Sie erſt in die Welt treten, gut von ihr denken, und es iſt ebenfalls recht, daß ich, der ich bald abtreten muß, mich mit dem Verſuch tröſte, ſie zu vergchten. Doch muß ich Ihnen ſagen, daß der, deſſen Meinung vom Menſchengeſchlechte nicht allzu hoch iſt, immer der wohlwollendſte ſein wird, weil er die aus der menſchlichen Unvollkommenheit hervor⸗ gehenden Fehler am nachſichtigſten beurtheilt; wer die menſchliche Natur in zu ſchmeichelhaftem Lichte he⸗ trachtet, wird bald Mißmuth empfinden, der in Men⸗ ſchenfeindſchaft endet. Wer in jedem Menſchen einen Tugendhe für laſter ſten forde Gott in Mängel a unſern Ti „Aber Beiſpiele „Ja, ſten,“ ve keine gutet lichen He davon, w lungen th worfen, d ſelbſt im Auf d junger Fre da geblieb „Nun, richtig ver von der 2 von einan tragen, v fordern; ſ heſtrafen, Herrn unt denſelben wenn fie n von ganzer d es iſt ies einen nſchlichen n Erfolg n ſchmei⸗ ngeachtet h wetten, eit miſcht lei einer um einen Freunde re Anſicht chule, wo hre, und ſchen ſteis „Mein anz recht, gut von ich, der ich tröſte, „daß der, icht allzu ird, weil it hervor⸗ ; wer die Lichte he⸗ in Men⸗ hen einen 159 Tugendhelden zu finden erwartet, wird zuletzt alle für laſterhaſte Ungehener erklären, und wer am wenig⸗ ſten fordert, wird auch der mildeſte Richter ſein. Wenn Gott in ſeiner eigenen Vollkommenheit die vielfachen Mängel an uns nicht erkennte, glauben Sie, er würde unſern Tugenden ſo große Gnade angedeihen laſſen?“ „Aber,“ ſagte Clarence,„wir ſehen doch täglich Beiſpiele höchſter Vortrefflichkeit.“ „Ja, der höchſten, aber nicht ver beſtändig⸗ ſten,“ verſetzte Talbot.„Wer da meint, wir könnten keine guten Handlungen üben, kennt wenig vom menſch⸗ lichen Herzen; aber ach! der weiß noch viel weniger davon, welcher glaubt, wir können ſtets gute Hand⸗ lungen thun; aber wir finden keinen Schurken ſo ver⸗ worfen, der ſtets Verbrechen begeht. Der Menſch kann ſelbſt im Böſen nicht vollkommen ſein.“ Auf dieſe Weiſe unterhielten ſich Talbot und ſein junger Freund, bis der letztere, nachbem er ſehr lange da geblieben war, aufſtand, um ſich zu entfernen. „Nun,“ ſagte Talbot,„wenn wir einander jetzt richtig verſtehen, ſo werden wir vie beſten Freunde von der Welt ſein. Da wir zuweilen große Dinge von einander erwarten, ſo werden wir kein Bevenken tragen, von Zeit zu Zeit ein heroiſches Opfer zu fordern; ſo zum Beiſpiel werde ich Sie zuweilen damit beſtrafen, daß Sie ſich einige Stunden mit einem alten Herrn unterhalten müſſen, und da wir einander aus denſelben Gründen große Fehler verzeihen können, wenn ſie nicht oft begangen werben, ſo will ich Ihnen von ganzem Herzen verzeihen, wenn Sie meine Ein⸗ 160 ladungen ausſchlagen, nur müſſen Sie es nicht oft thun. Und nun leben Sie wohl, bis wir uns wieder⸗ ſehen.“ Es ſchien Linden ſeltſam und faſt unnatürlich, daß ein Mann von guter Geburt, Vermögen und ſo wäh⸗ leriſchem Geſchmack, wie Talbot, eine, wenn auch nur entfernte Bekanntſchaft mit dem ſpaoßhaften Aktien⸗ wucherer und ſeiner Frau geſchloſſen habe; aber die Sache iſt leicht zu erklären, wenn man die Eitelkeit berückſichtigt, welche, wie wir ſpäter ſehen werden, die herrſchende Leidenſchaft von Talbots Natur bil⸗ vete. Dieſe Eitelkeit, die ſich in tauſend Seltſamkeiten verzweigte, gab ſich in der Eigenthümlichkeit ſeiner Kleidung, in der ſtudirten, aber anmuthigen Wärme des Weſens, in ſeiner Aufmerkſamkeit für die Klein⸗ lichkeiten des Lebens, in ſeinem unerſättlichen Wunſche zu erkennen, von Jedem, ſo unbebeutend er auch ſein mochte, ſeinen Zoll der Bewunderung zu erhalten, und dieſe Eitelkeit, einmal geſchmeichelt durch die demü⸗ thige Huldigung und die Ehrerbietung der Familie Copperas ſöhnte ſeinen Geſchmack mit dem Widerwillen aus, den er ſo häufig und nothwendigerweiſe empfinden mußte, und nachbem er größtentheils ſeine früheren Bekanntſchaften aufgegeben und alle ſeine Freunde überlebt hatte, ſuchte er dieſes Verlangen, Effekt zu machen, dein der glänzendere und weitere Wirkungs⸗ kreis verſchloſſen war, in dieſer niedrigen Sphäre zu befriedigen. Es gibt keine Lage, wo die Eitelkeit nicht ein Mittel findet, ihre Geſtalt zu entwickeln— keinen Gleie ler bemer Klein, h der veted Geſtalt zurückhalt indem er hielt, wo er doch e konnte, einzunehm heit, die mutter, di mit Mrs. Buſwer icht oft wieder⸗ lich, daß ſo wäh⸗ auch nur Aktien⸗ aber die Eitelkeit werden, atur bil⸗ ſamkeiten eit ſeiner n Wärme die Klein⸗ Wunſche auch ſein erhalten, die demü⸗ r Familie iderwillen empfinden früheren Freunde Effekt zu Wirkungs⸗ Sphäre zu nicht ein — keinen — 161 Strom der Umſtände, wo ſie vermöge ihrer leichten und aufſtrebenden Beſchaffenheit nicht auf der Ober⸗ fläche treiben wird. Und ihre Erfindungsgabe iſt eben ſo fruchtbar wie die des Schauſpielers, dem ſeine Gar⸗ derobe kein anderes Mittel geſtattete, den Narren zu ſpielen, und der die vorherrſchende Leidenſchaft der Auszeichnung dadurch darſtellte, vaß er Strümpfe von Werſchiedenen Farben trug. Dreizehntes Kapitel. Wer möchte Mein Leben mir nach Menſchenweiſe deuten? Wallenſtein. Gleich bas erſtemal, wo Clarence den jungen Künſt⸗ ler bemerkte, empfand er ein lebhaftes Intereſſe für ihn. Klein, hager, bleich und ein wenig verwachſen, ergoß der veedelnde Geiſt einen Zauber über die demüthige Geſtalt aus, der mächtiger war als die Schönheit. Von zurückhaltendem Weſen, von melancholiſcher Miene, und indem er ſich nie anders, als über Gegenſtände unter⸗ hielt, wodurch ſeine Phantaſie angeregt wurde, hatte er doch etwas Mildes an ſich, was nicht verfehlen konnte, mit ſeinen Mängeln auszuſöhnen und für ihn einzunehmen; auch verſäumte Clarene Gelegen⸗ heit, die Zurückhaltung zu mildern uid eie genauere Bekanntſchaft mit ihm zu beginnen. Warner, die ein⸗ zige Stütze einer bejahrten und ſchwächlichen Gtoß⸗ mutter, die ihre Kinder überlebt hatte, wat entfernt mit Mrs. Copperas verwandt, und dieſe freunbliche, Bulwer, der Verſtoßene. 1. 11¹ obgleich ſelbßſüchtige Dame, erſtreckte ihr prunkenbes Wohlwollen, ihre Gunſt und Unterſtützung über ihn. Freilich machte ſie den jungen Avolph nicht arm, in⸗ dem ſie ihren Verwandten bereicherte, doch geſtattete ſie ihm einen Platz an ihrem gaſtlichen Tiſche, wenn derſelbe nicht auf andere Weiſe voll war, und Alles, was ſie dafür forderte, war ein Bild von ihr ſelber, ein zweites von Herrn Copperas, ein drittes von dem jungen Herrn Adolph, ein viertes von der ſchwarzen Katze, und von Zeit zu Zeit verſchiedene andere Pro⸗ duktionen ſeines Genies, die ſie insgeheim durch die Vermittlung des Herrn Braun zu einem Preiſe ver⸗ kaufte, der ſte hinlänglich für die Verwüſtung ent⸗ ſchävigte, welche der geringe Appetit des jungen Malers unter ihren Speiſen anzurichten im Stande war. Dadurch hatte Clarence manche Gelegenheit, ſich den vertrauteren Umgang Warners zu verſchaffen, den er abſichtlich aufſuchte, und obgleich der Maler, von Natur ſcheu und mißtrauiſch, vurch die Leichtigkeit, Kühnheit, die ſließende und gewandte Rede eines ſo viel jüngeren Mannes anfangs mehr abgeſtoßen als angezogen wurde, ſo konnte er doch endlich nicht wiberſtehen, ſich zu dem Umgange verleiten zu laſſen, und zuletzt wurde der Umgang der jungen Männer zur Freundſchaft. Es war ein auffallender und viel⸗ leicht ſchöner Contraſt zwiſchen beiden; Clarence war kühn, offen, gedankenvoll, doch waren ſeine Gedanken mit der Welt und nicht mit tränmeriſchen Schöpfungen beſchäftigt. Warner war ſchüchtern, verſchloſſen und günzlich in ſeine idegliſchen Betrachtungen verſenkt. Glaren Schön! lichen eine A haltun große: virte T kräſtige rauhen dagegen für die fanden; die ihre ners, gé ſpranger Wort,: kräfte v den Vor aus von machen unpaſſen waren,! zu mache Aber mein hat unterſchie mehr der wißheit, nahme ot Einflüſter ukenhes ber ihn. rm, in⸗ geſtattete e, wenn„ nd Alles, hr ſelber, ittes von ſchwarzen dere Pro⸗ durch die reiſe ver⸗ ſtung ent⸗ en Malers e wa. nheit, ſich affen, den aler, von zu laſſen, n Männer und viel⸗ 163 Clarence war ungeachtet ſeiner großen perſoͤnlichen Schönheit vas einfachſte und unaffektirteſte aller menſch⸗ lichen Weſen; Warners körperliche Fehler brachten eine Angſtlichkeit und Unruhe hervor, die ſeiner Zurück⸗ haltung etwas Geckenhaftes verliehen. Beide beſaßen große natürliche und für ihr Alter ungewöhnlich eulti⸗ virte Talente; doch die des jungen Linden waren von kräſtiger und geſunder Art, wohl geeignet mit bieſer rauhen Welt zu kämpfen— die des jungen Künſtlers dagegen kränkelnde und frühreife Pflanzen, die ſchlecht für die Atmoſphäre geeignet waren, wo fie ſich be⸗ fanden; Lindens Fähigkeiten waren hauptſächlich ſolche, die ihre beſte Sphäre im Handeln finden; die War⸗ ners, gänzlich nutzlos auf ſolchen Schlachtfeldern, ent⸗ ſprangen nur aus der Einbilbungskraft. Mit einem Wort, wenn wir annehmen können, daß ihre Geiſtes⸗ kräfte von gleichem Grade waren, ſo hatte Linden den Vortheil auf ſeiner Seite, daß die ſeinigen durch⸗ aus von der Art waren, die ſich in der Welt geltend machen laſſen, und die Warners nicht nur durchaus unpaſſend für die Weltſelber, ſondern beſonders geeignet waren, den Beſitzer derſelben für die Welt unpaſſend zu machen. Aber der Zug, den ſie zugleich mit einander ge⸗ mein hatten, und der ſie am meiſten von einander unterſchied, war der Ehrgeiz. Lindens Ehrgeiz war mehr der der Umſtände, als des Charakters; vie Ge⸗ wißheit, daß er ſich ſein eigenes Glück ohne Theil⸗ nahme oder Hülfe erbauen müſſe, vereint mit jenen Einflüſterungen des unwilligen Stolzes, der ihn natür⸗ licherweiſe antrieb, da er von venen verſtoßen war, die ihn hätten beſchützen ſollen, nicht durch die ge⸗ ringſte Scham den Vorwurf zu rechtfertigen— dies Alles verlieh einem Geiſte, ter von Natur zu heiter war, um ſein Lehen einem beſtimmten Zwecke zu wei⸗ hen, zu empfänglich für die Qualen und zu wohl⸗ wollend für die Selbſtſucht ves gewöhnlichen Ehrgeizes, einen unwiverſtehlichen Wunſch nach Auszeichnung. Aber das eigentliche Weſen und der Geiſt von War⸗ ners Natur war das glühende und fieberhafte Ver⸗ langen nach Ruhm; es ergoß ſich wie Lavu durch ſeine Adern; es nagte wie ein Wurm an ſeiner Wange; es ſtörte ſeinen natürlichen Schlaf; es ſchwärzte die Farbe ſeiner Gevanken; es ſchloß wie mit einer un⸗ vurchdringlichen Mauer die heilſame Thätigkeit, die Genüſſe und Zwecke lebender Menſchen aus, und in⸗ dem es ihm alle Lebhaftigkeit der Gegenwart, alle Zärtlichkeit der Vergangenheit nahm, zwang es ſein Herz, auf immerdar bei den trüben und ſchattigen Chimären einer Zukunft zu verweilen, die er nie ge⸗ nießen ſollte. Aber weit entfernt, daß dieſe Verſchiedenheiten des Charakters ihre Freundſchaft hätten ſtören ſollen, knüpften ſie dieſelbe nur noch feſter, und während Warner, ungeachtet er älter war, dem ſtärkeren Cha⸗ rakter unwillkürliche Rückſicht zollte, ſchöpfte er jene Art des Vergnügens, wofür er am meiſten empfäng⸗ lich war, aus dem theilnehmenden und neidloſen In⸗ tereſſe, welches Clarenee an ſeinen Spetulationen auf künftige Auszeichnung nahm, und der unabläfſigen Bewund unter d auf der Warner ſchränkt rung ſei hiſtoriſch welche K beholfene Gedanket Stille ſe tenden L dachten u Aber als andern r früherer als er i Augen ſe hob, ſtre vollendet für die 1 des Entzi auf ſein⸗ verſchwen Welche Genius; Lichts get Himmels Aber ſtalten tr en war, die ge⸗ — dies heiter zu wei⸗ u wohl⸗ rgeizes, ichnung. War⸗ fte Ver⸗ a durch Wange; irzte die iner un⸗ eit, die und in⸗ rt, alle es ſein chattigen nie ge⸗ eiten des ſollen, während ren Cha⸗ er jene mpfäng⸗ oſen In⸗ onen auf bläſſigen 165 Bewunderung, womit er an ſeiner Seite ſaß, und unter der Hand des jugenblichen Malers vie Geſtalten auf der Leinwand entſtehen ſah. Bisher hatte ſich Warner auf untergeordnetere Kunſtgegenſtände be⸗ ſchränkt; jetzt gab er ſich der drängenden Begeiſte⸗ rung ſeiner Natur hin und eutwarf den Plan zu einem hiſtoriſchen Gemälde. Oh! welche ſchlafloſen Nächte, welche Kämpfe der brütenden Phantafte mit dem un⸗ beholfenen Gehirn, welche Arbeiten des unermüblichen Gedankens koſtete es den ehrgeizigen Künſtler, in der Stille ſeiner Seele und aus den verwirrten und ſtrei⸗ tenden Bildern den Entwurf zu ſeiner lange über⸗ dachten und vergötterten Produktivn herauszuarbeiten. Aber als ſie gezeichnet war, als eine Geſtalt nach der andern wuchs und ſchwoll und aus der Dunkelheit früherer Gevanken auf des Malers Geiſt hinſtrahlte; als er in der Leichtgläubigkeit des Entzückens die Augen ſchloß und das ganze Werk ſich vor ihm er⸗ hob, ſtrahlend in ſeinen friſchen Farben, glänzend, vollendet, fehlerlos, gleichſam gekleidet und geſchmückt für die Unſterblichkeit— oh! welch ein Augenblick des Entzückens rauſchte da wie ein losgelaſſener Strom auf ſeine Seele hin! Welch eine Belohnung für verſchwendete Jahre, Geſundheit und Hoffnung! Welche Krönung der Viſton und des Entzückens des Genius; kurz freilich, aber wie in den Fveus des Lichts getaucht, welches man wohl für vie Glorie des Himmels halten mochte! Aber der Traum verſchwindet, die prächtigen Ge⸗ ſtalten treten in die Dunkelheit zurück, der Künſtler erwacht und ſieht vor ſich nur die öden Wände ſeines engen Zimmers; die Leinwand im Rahmen iſt leer; die Werke, verſtümmelt, roh, unvollendet von uner⸗ fahrner Hand, liegen müßig umher, und er fühlt ſich — er, noch vor einem Augenblick der Schöpfer einer Welt der Wunder, der Beherrſcher von prächtigen und majeſtätiſchen Geſtalten— heruntergeſchleudert von ſeiner augenblicklichen Höhe und zugleich ſeiner gauberkraft und ſeines Thrones beraubt. Gerade in einem ſolchen Augenblick war es, als Warner auffuhr und Linden, der ſchweigend in's Zimmer getreten war, bewegungslos vor ſich ſtehen ſah. „O Linden,“ ſagte der Künſtler,„ich habe einen herrlichen Traum gehabt— einen Traum, den ich nie, obgleich ich ſchon früher einzelne ähnliche Viſio⸗ nen hatte, ſo verwirklicht, ſo vollkommen wie jetzt erblickte, und— aber Sie ſollen ſehen, Sie ſollen ſelbſt urtheilen, ich will Ihnen die Zeichnung entwerfen.“ und mit flüchtiger Hand zeichnete Warner mit einem Stück Kreide ben Umriß ſeiner Viſion. Sein junger Freund war lebhaſt in ſeinem Lobe und in ſeinen Prophezeihungen des Ruhmes, und Warner hörte ihn mit einer Innigkeit zu, die ein höheres Roth über ſeine bleiche Wange verbreitete, als je ein Liebender bei den Zuflüſterungen ſeiner Gelieb⸗ ten zeigie. „Ja,“ ſagte er, als er aufſtand und ſeine einge⸗ fallenen kleinen Angen mit fieberhaftem Glanze ſtrahl⸗ ten,„ja, wenn meine Hand meinen Gedanken zu folgen vermag, erreicht mein Werk ſelbſt—“ Hier hielt d ſonnen dem ge ihm ſe „A „Ihre letzten — kom gung; Ihr B Ge ner me⸗ „S „ſehen ſchäftig mit un ſeines ſt leer; nuner⸗ ühlt ſich er einer ächtigen chleudert h ſeiner es, als end in's ehen ſah. abe einen den ich he Viſito⸗ wie jetzt ie ſollen twerſen.“ rner mit ein e d ein Warner nhöheres e, als je r Gelieb⸗ ine einge⸗ nze ſtrahl⸗ danken zu — Hier 167 hielt der junge Maler inne, beſchämt über die Unbe⸗ ſonnenheit der Begeiſterung, die einem Anderm die in dem geheimſten Winkel ſeines Herzens verſchloſſene und ihm ſelbſt faſt unbekaunte Eitelkeit verrathen wollte. „Aber kommen Sie,“ ſagte Clarenee freundlich, „Ihre Hand iſt ſleherhaft und trocken, und in der letzten Zeit haben Sie kränklicher ausgeſehen als je — kommen Sie, Warner, Sie bedürfen der Bewe⸗ gung; es iſt ein ſchöner Abend, und Sie ſollen mir Ihr Bild unterwegs weiter erklären.“ Gewohnt, Clarenee nachzugeben, gehorchte War⸗ ner mechaniſch, und ſie gingen auf die Straße hinaus. „Sehen Sie ſich um,“ ſagte Warner ſtilſtehend, „ſehen Sie ſich um unter dieſen ſich abmühenden, ge⸗ ſchäftigen und ſchmutzigen Maſſen von Weſen, die mit uns auf denſelben Urſprung Anſpruch machen. Der Arme arbeitet, ver Reiche ſchwelgt; der einzige Unterſchied zwiſchen ihnen iſt der zwiſchen dem In⸗ ſekt und dem wilden Thier; gleich ihnen erfüllen ſte venſelben Zweck, und theilen dieſelbe Vergeſſenheit; ſie ſterben, ein neues Geſchlecht erſteht, und ſelbſt das Gras auf ihren Gräbern verwelkt nicht ſo bald wie ihr Andenken. Wer, ver ſich einer höheren Na⸗ tur bewußt iſt, ſollte ſich nicht anſtrengen und ab⸗ mühen, um nicht mit dieſen verwechſelt zu werben? Wer ſollte nicht erglühen und mit fieberhaftem Ver⸗ langen darnach dürſten, ſich von einen ſo gemeinen Heerde zu trennen? Was haben ihre unbedeutenden Vergnügungen und ihre niedern Zwecke an ſich, was die Erniedrigung wieder gut machen könnte, daß ſie 168 unſere Geiſter zu ſich in den Staub treten? Iſt nicht die Unterſcheidung von ihrem entweihten und gemei⸗ nen Namen eine hinlängliche Belohnung für Alles,, was der Ehrgeiz zu erdulden oder zu tragen hat? Oh, nur eine kurze Stunde lebendiger Ehre, mehr fordere ich nicht, ein Gefühl der bewußten, furcht⸗ loſen Gewißheit, daß der Ruhm den Tod überwun⸗ den hat— und dieſen demüthigen und ohnmächtigen Staub, dieſe Laſt für den Geiſt, den er nicht unter⸗ ſtützt, ſondern nur feſſelt, dieſe elende Maſchine der Schmerzen und des Weh's, ves fieberhaften Klopfens und der ſtürmiſchen Unruhe, den mögen die Würmer verzehren und das Grab bedecken— für den Ruhm gibt es kein Grab!“ In dem Augenblicke ging eines von jenen unglück⸗ lichen Weibern vorüber, die ihr ſchmachvolles Daſein dadurch friſten, daß fie Leidenſchaft heucheln, und da ſie aus der Iungend der Freunde ſchloß, daß ſie ſich der Verſuchung hingeben würden, ſo redete ſie dieſe an. „Elende!“ ſagte Warner verächtlich, indem er fie auf die Seite ſchob; aber Clarence, der theilnehmen⸗ deres Gefühl heſaß, bemerkte, daß ihre bleiche Wange von Thränen benetzt war, und daß ihre ſchwache und zitternde Geſtalt ſich kaum aufrecht erhalten konnte, und mit jener ſchnell entſchloſſenen Wohlthätigkeit, die eher gibt als beurtheilt, gab er ihr etwas Geld in die Hand und kehrte zu ſeinem Kameraden zurück. „Sie würden nicht ſo verächtlich zu dieſem armen Mädchen geſprochen haben, wenn Sie ihre dürftige Lage bemerkt hätten,“ ſagte Clarenee. „U ſoll m Stunbe Grabe Dieſe 1 von den ſeinen Grunde als die Liebe— wird, a tig und Zerſtöru „Ne beiden L Lehrer werden „Ich in deſſen aber lieh nicht gemei⸗ Alles., hat? mehr urcht⸗ rwun⸗ htigen unter⸗ ne der pfens ürmer Ruhm nglück⸗ Daſein und da ſie ſich eſe an. er fie hmen⸗ Wange he und konnte, tigkeit, s Geld zurück. armen ürftige 169 „Und warum,“ ſagte Warner trauernd,„warum ſoll man ſo grauſam ſein, auch nur auf wenige Stunden ein Daſein zu verlängern, welches dem Grabe näher zu bringen eine Gnade ſein würde? Dieſe Unglückliche iſt nur eine von der Heerde, eins von den Schlachtopfern des Vergnügens, welches durch ſeinen Fortſchritt entwürdigt und durch ſein Ende zu Grunde richtet. Doch vielleicht iſt ſie nicht ſchlimmer als die Andern, die ſich der Liebe hingeben— der Liebe— jener Leidenſchaft, die am meiſten verehrt wird, aber doch am wenigſten göttlich iſt; ſelbſtſüch⸗ tig und vielſordernd, zieht ſie ihre Nahrung aus der Zerſtörung, und ihr eigentliches Weſen aus Thränen.“ „Nein,“ ſagte Clarence,„Sie verwechſeln die beiden Liebesgötter Eros und Anteros, die mein guter Lehrer ſo ſorgfältig zu unterſcheiden pflegte. Sie werden ſich doch nicht gegen alle Liebe erklären?“ „Ich ſage Ihnen meinen Dank,“ ſagte Warner, in deſſen nachdenkendem Tone etwas Sarkaſtiſches lag. „Wir dürfen nicht ſtreiten, und ſo will ich ſchweigen; aber liebt nur, ſo viel Ihr wollt; was iſt das falſche Lächeln einer Lippe, die wenige Jahre wie ein herbſt⸗ liches Blatt verwelken machen können? Was iſt die Huldigung eines ſo ſchwachen und ſterblichen Herzens, wie das Ihre? Mit wenigen Pinſelſtrichen und einer unbedeutenden Miſchung werthloſer Farben will ich eine Schönheit erſchaffen, in deren Munde nichts Leeres ſein— deren Lippe nicht verwelken ſoll— dort wird Ihre Bewunderung der Schmeichelei nicht bedürfen und keine Falſchheit zu fürchten hahen; Sie 170 werven nicht durch die Eiferſucht verwundet, noch vurch Untreue zum Wahnſinn gebracht; noch werden Sie mit brechendem Herzen die welkende Blüte und vie dahinſchwindenve Geſundheit beobachten, bis das Grab ſich öffnet und Ihr vergängliches Paradies vahin iſt. Nein— das mimiſche Werk iſt mächtiger als das Original, denn es überdauert es; Ihre Liebe kann es nicht verwelken machen, Ihre Treuloſigkeit es nicht zerſtören— und ſelöſt Ihr Tod, der Tod ves Weſens, welches es ins Daſein rief, verleiht ihm nur einen heiligeren Werth.“ „Und ſo wollten Sie denn im Ernſt für die ſtumme Copie der bloßen Züge jene zärtlichen Nei⸗ gungen hingeben, die keine Malerei ausdrücken kann?“ ſagte Clarence. „Ja,“ erwiberte der Maler mit einer Lebhaftigkeit, die ſeinem ruhigen Weſen ungewöhnlich war, und indem er ſich in ſeiner Antwort ein wenig von Lin⸗ dens Bemerkung entfernte,„ja, man dient nicht zwei Gebieterinnen— die meine iſt meine Kunſt. O! was ſind die kalten Geſtalten dieſer zahmen Erde, wo die Fußtritte der Götter verſchwunden find und keine Spur hinterlaſſen haben, die verwelkten Formen, die entweihten Stirnen und die unharmoniſchen Züge gegen die prachtvollen majeſtätiſchen Bilber, die ich nach meinem Willen heraufbeſchwören kann? Fort mit menſchlichen Schönheiten für ihn, deſſen Nächte von den Geſtalten der Engel heimgeſucht werven und den Wan⸗ derern von den Sternen, den Geiſtern aller lieblichen und erhabenen Dinge im Weltall— dem Weltall, wie es in jeder mer be über M Mittag Geſtalte wo der heit unt im Sch und der erwache nicht, ſamkeit vern ſe und ihr die Leit Wirklie gedemü zwergiſ ſtonen, Un Innert ſtaunen wollte zu ſich waren allein jene N trieben veränd „ nch werden üte und bis das aradies ächtiger re Liebe lofigkeit er Td verleiht für die en Nei⸗ kann?“ ftigkeit, r, und on Lin⸗ cht zwei ſt. O! n Erde, ind und Formen, en Züge die ich Fort mit von den en Wan⸗ ieblichen Weltall, 171 wie es war— wo in jeder Quelle, in jedem Fluſſe, in jedem Hügel und in jedem Baume, den der Som⸗ mer bekleidete, eine Nymphe wohnte— wo man über Matten und bei Waſſerfällen am glänzend hellen Mittag oder unter den ſilberhellen Sternen mauche Geſtalten der Götter und Geiſter umherwandeln ſah; wo der Bildhauer ſein mächtiges Werk nach der Schön⸗ heit und Stärke des Himmels modelirte und der Dichter im Schatten lag, um von der Najade und dem Faun und den olympiſchen Bewohnern zu träumen, die er erwachend mit Entzücken ſchaute; und wo der Maler nicht, wie jetzt, nach dem Schatten und in der Ein⸗ ſamkeit die trübe Glorie ſeiner Kunſt geſtaltete, ſon⸗ vern ſeine Inſpiration von der ſonnenhellen Erde und ihren lebendigen Wanderern empfängt, und ſiehe! vie Leinwand war belebt! Oh! was iſt die düſtere Wirklichkeit und die Frühgeburt dieſer veränderten und gedemüthigten Welt— der Welt unbedeutender und zwergiſcher Männer für ihn, deſſen Reiche mit Vi⸗ ſtonen, wie dieſe, bevölkert find?“ Und der Künſtler, deſſen längſt erregte und im Innern verſchloſſene Glut ſich envlich zu Lindens Er⸗ ſtaunen hörbar Luft gemacht hatte, ſchwieg, als wollte er von ſeiner wandernden Begeiſterung wieder zu ſich kommen. Solche Augenblicke der Aufregung waren freilich ſelten bei ihm, außer wenn er ganz allein war, und ſelbſt dann folgte faſt unabänderlich jene Niedergeſchlagenheit des Geiſtes, wovon alle über⸗ triebene Empfänglichkeit begleitet wird. Sein Geſicht veränverte ſich wie eine Wolke, wenn der Sonnen⸗ 172 ſtrahl, der fie vergoldele, ſie verläßt, und mit leichtem Seufzen und in gedämpftem Tone fuhr er fort:„So, mein Freund, ſehen Sie ein, was unſere Kunßt ſelbft für den demüthigſten Jünger thun kann, wenn ich, ein atmer freund⸗ und ſchutzloſer Künſtler mich ſo weit meiner Begeiſterung hingeben kann, daß ich die Gegenwart vergeſſe. Doch ich habe Ihnen die Stel⸗ lung meiner Hauptfigur noch nicht erklärt.“ Und Warner fuhr wieder fort, die Einzelheiten ſeines be⸗ abſichtigten Bildes zu erklären. Man muß geſtehen, daß er einen ſchönen, obgleich ſehr ſchwierigen Ge⸗ genſtand gewählt hatte: es war Karls des Erſten Verhör in Weſtminſter Hall; und als der Maler mit der Begeiſterung ſeines hohen Berufs und der ihm eigenen Beredſamkeit bei den verſchiedenen Ansvrücken der verſchiedenen Geſtalten verweilte, die jener außer⸗ ordentliche Gerichtshof gewährte, kein Wunder, daß Clarenee mit dem Künſtler ſelber die Nachtheile ver⸗ gaß, die Warner in der Unerfahrenheit eines unge⸗ regelten Geſchmackes in einem unvollkommenen Unter⸗ richt in ſeiner Kunſt zu bekämpfen hatte. Et denken erinnet wären gewort Letztere Ausdrt fühls. känſtli Werke Pathot Literat hatte( nervter kurze klamat zu eine Dorfes gleich Theil eichtem „Svo, ſelbft nn ich, tich ſo ich die Stel⸗ Und es be⸗ ſtehen, en Ge⸗ Erſten er mit er ihm vrücken außer⸗ r, daß ile ver⸗ unge⸗ Unter⸗ Vierzehntes Kapitel. Es nehmen alle Sitten ihre Färbung Von unſern eignen an und zeigen ſich. Entfärbt, geſehn durch kuße ſenilba Pope. Wos! ich ſoll Freiheit und Beſitz aufge⸗ ben und, wie der Zeitungsſchreiber ſagt, mich niederlegen, um mit hölzernen Schuhen ge⸗ ſattelt zu werden? Landpfarrer von Wakefield. Es lag etwas in der Melancholie und dem nach⸗ denkenden Charakter Warners, was an Mordaunt erinnerte; hätten ſie in unſern Tagen gelebt, ſo wären vielleicht der Künſtler und der Philoſoph Dichter geworden. Aber zu jener Zeit, um uns auf den Letzteren zu beziehen, war Poefie nicht der gewohnte Ausdruck tiefen Gedankens oder leidenſchaftlichen Ge⸗ fühls. Gray freilich, obgleich ungerechterweiſe als künſtlich und unecht verurtheilt, hat den wenigen Werken, die er der Unſterblichkeit hinterlaſſen, einen Pathos und einen Reichthum eingehaucht, die der Literatur jenes Zeitalters freind waren, und ſpäter hatte Goldmith in der rührenden aber etwas ent⸗ nervten Simplicität ſeiner Verſe die Poeſie auf eine kurze Zeit von einer Schule befreit, die zugleich de⸗ klamatoriſch und kraftlos war; er führte ſie hinans zu einem ſonnigen Feiertag auf den Raſenplatz des Dorfes und unter den Hagevornſchatten. Aber ob⸗ gleich die ſanfteren und milderen Gefühle ſich zum Theil und von Zeit zu Zeit Gehör verſchafft hatten, ſo lagen doch vie, welche mehr Leidenſchaft und Nach⸗ venken in Anſpruch nahmen, die tiefen, wilden, glü⸗ henden noch außerhalb ver Muſik der Stimme. Dem ſpäteren Jahrhundert war es vorbehalten, das wieder herzuſtellen, was uns wohl erlaubt ſein wird, den Geiſt unſerer Nationalliteratur zu nennen, das Ge⸗ klimper des franzöſiſchen unecht klaſſiſchen Goldes aufzugehen, einen dreifach entweihten Muſenguell mit der reinen Poeſie Shakeſpeare's und der Natur zu vertauſchen, die Philoſophie in die prächtige und feier⸗ liche Mojeſtät geeigneter Muſik zu kleiden und der Leidenſchaft eine Sprache zu geben, eben ſo glühend wie ihr Gedanke und ſo raſch, wie ihr Antrieb. Zu jener Zeit fand die Reſiektion ihren natürlichen Ka⸗ nal in der metaphyſiſchen Unterſuchung, oder in der politiſchen Spekulation: Beide ſchätzbar vielleicht, aber keine tief. Es war ein kühnes, freies und intereſſantes Jahrhundert, aber keins, wo der Gedanke über ſeine beſtimmten und beſtändigen Ufer hinausging und auch nur die wilde Blume des Verſes bewäſſerte; keins, wo Lueretius die Träume des Epicur hätte verkörpern können; keins, wo Shakeſpeare die Minen einer übermenſchlichen Weisheit an ſeine Feenpaläſte und bezauberten Inſeln würde verſchwenbet haben; noch wo Wordsworth, der Verſchönerer dieſer gemeinen Erde, würde ausgerufen haben: Des Geiſtes Trieb erfüllet alle Weſen, Die denken, und des Denkens Gegenſtände, oder wo Täuſchung und überſättigung ihren menſch⸗ lichen Kummer vurch einen Pathos würden geheiligt haben und L gebild ley's müth unrege könnet Gänge Das r Weg welche den he vielleic Macht Kritike Di thümli Nach⸗ „glü⸗ Dem wieder den as Ge⸗ Goldes ell mit tur zu d feier⸗ d der lühenb eb. Zu en Ka⸗ in der ht, aber eſſantes er ſeine nd auch keins, körpern n einer iſte und z noch emeinen menſch⸗ geheiligt „ 175 haben, der aus allem Prächtigen und Grofartigen und Liebenswürdigen in dem unbekannten Univerſum gebildet iſt; oder wo die Spekulationen von Shel⸗ ley's träumeriſchem und dabei ſo unglücklichem Ge⸗ müth auf Subtilitäten und Zweifel einen umfaſſenden, unregelmäßigen Aufbau von Verſen hätte begründen können, der voll dämmernder Zellen und verwildeter Gänge iſt, worin jene Schätze verborgen liegen! Das war ein Jahrhundert, wo die Poeſie den einen Weg und die Betrachtung den andern einſchlug; die, welche der letzteren ergehen waren, verfolgten ſie auf den herkömmlichen Wegen; und Viele, die die Natur vielleicht zu Dichtern heſtimmte, wurden von der Macht der Sitte und Gewohnheit in Forſcher und Kritiker verwandelt. Dies war es, was Algernons Stubien ihre eigen⸗ thümliche Färbung verlieh, während andererſeits der Geſchmack an den ſchönen Künſten, der damals all⸗ gemein, doch mehr in den Ausdrücken vorherrſchte, mehr auf die Schöpfungen der Malerei, als auf die der Poeſie, da ſie ſeinen Fähigkeiten mehr entſpra⸗ chen, die lebhafte Imagination und Leidenſchaft für den Ruhm richtete, die den Charakter des Künſtlers bezeichneten und durchdrangen. Wir haben bereits geſehen, daß eben dieſe ruhm⸗ ſüchtige Leidenſchaft den großen charakteriſtiſchen Un⸗ terſchied zwiſchen Linden und Warner herausſtellte; ebenſo endete auch in ihr jede Ahnlichkeit, die zwi⸗ ſchen Mordaunt und ihm beſtehen mochte. Bei Warner war ſie eine gusſchließende, unheilhringende Pflanze, 176 veren Wachsthum alles übrige verdrängte; bei Mor⸗ baunt dagegen untergeordnet und geregelt, diente ſie dazu, die Tugend, welche ſie umgab, zu ſchirmen, nicht zu verdrängen. Bei jenem war die Ehr⸗ ſucht ein leidenſchaftliches Verlangen, ſich durch Ruhm von dem Troſſe anderer Menſchen abzuſondern. Bei dieſem brachte ſie den Wunſch hervor, ſich durch Wohlthaten inniger mit Seinesgleichen zu verknüpfen; in dem Einen erzeugte ſte Widerwillen gegen ſeine Gattung, in dem Andern Mitleid und Liebe für die⸗ ſelbe; Jenem war Gewalt der Stab der Auszeich⸗ nung, dieſem diente ſie als Mittel, um Segnungen zu verbreiten! Dieſe kurze und doch vielleicht genü⸗ gende Sonderung von Charakteren, die niemals mit einander in Berührung kamen, mag hinreichend ſein und wir wollen jetzt in unſerer Erzählung fortfahren. Warner hatte ſich jetzt gewöhnt, den ganzen Tag ſeiner Arbeit zu widmen und erſt am Ahend mit Linden auszugehen, um eine kurze Erholung und Bewegung in freier Luft zu genießen. Oft wan⸗ derten die beiden jungen freundloſen Bewerber um die höchſten Ehren dieſer Welt durch die volkreichen, hell erlenchteten Straßen, drängten ſich durch die geſchäftigen Haufen, ſtellten moraliſche Betrachtun⸗ gen an oder überließen ſich dunklen Folgerungen in Betreff ihrer künftigen Beſtimmung. Oft weilten ſte unter dem Eingange eines der Häuſer, wo eifrig geſuchte Prachtliebe und Vergnügungsſucht ſich ihren nächtlichen Schwelgereien hingaben, um die Töne der Muſik zu erlanſchen, die aus geöffneten Fenſtern 5 über Reich herab unwü ſo ſch beſont lers b das L lichkeit ſie der die M Linden welche ei Mor⸗ jente ſie irmen, e Ehr⸗ Ruhm rn. Bei ch durch nüpfen; en ſeine ſür die⸗ Auszeich⸗ gnungen t genü⸗ nals mit hen eſein rtfahren. nzen Tag bend mit ing und oft wan⸗ ber m lkreichen, urch die trachtun⸗ ungen in t weilten wo eifrig ſich ihren Töne der Fenſtern 177 über die auslänbiſchen Pflanzen, durch welche der Reichthum die Düfte des Südens nachzuahmen ſucht, herabrauſchten und in der Ferne verſchmelzend die unwürvigen Straßen entlang verhallten. Wenn ſie ſo ſchweigend neben einander ſtanden, und jeder ſeinen beſonderen Gedanken nachhing, zuckte auf ves Künſt⸗ lers bleicher Lippe zürnende Verachtung, ſo oft er das Lachen und Toben der armſeligen, hohlen Fröh⸗ lichkeit aus dem Innern des Hauſes vernahm; wie ſie den ſilbertönenden Zauber verbannte, mit welchem die Muſik die Luft erfüllt hatte. Dann ſagte er zu Linden:„Dieſe werden von demſelben Fieber bethört, welches uns ergriffen hat; gleich uns ſtreben ſie, mühen ſie ſich ab in ihrem kleinlichen Leben, um nur eine Auszeichnung vor ihrer Claſſe zu erlangen. Ehr⸗ geiz treibt ſie wie Alle; aber ſie ringen nach einem andern Preiſe als wir; ſie wollen die Ehre eines Tages— wir die Unſterblichkeit; und doch verwen⸗ den ſie dieſelbe Mühe, werden durch gleiche Sorgen aufgerieben, wie wir. Dieſe Thoren mit ihren ver⸗ goldeten Namen und ſchimmernden Gewändern wür⸗ den aber mit Verachtung vor dem Vergleich zurück⸗ beben, den wir in dieſem Angenblick mit gerechterem Widerwillen anzuerkennen, erröthen.“ Von dieſen Scenen wanderten ſie weiter und indem ſie ſich an dem Contraſte erfreuten, gingen ſie zunächſt in ein verborgenes und ſchmutziges Stadt⸗ viertel. Dokt verweilten ſie eines Abends als ſüille Beobachter ihrer Mitgeſchöpfe bei einer Gruppe, die ſich dort um eine allgemeine Veranlaſſung zu gemeiner Bulwer, der Verſtoßene. I. 12 178 Fröhlichkeit oder unheiligem Umgange verſammelt hatte— bei einer Gruppe, welche das niedrige Laſter mit ſeinem ſchmutzigen und ſcheußlichen Brandmal be⸗ zeichnet hatte— ſie betrachteten ſie und entlehnten eine ſeltſame Ergötzlichkeit oder eigenthümliche Moral aus jener Hefe der menſchlichen Natur, wo die tau⸗ ſend Ströme der Civiliſativn ihren Auswurf abgeſetzt. „Sie ſehen dieſe Leute,“ ſagte der Maler, indem er alle mit dem aufmerkſamen Auge ſeiner Kunſt betrachtete;„es iſt freilich eine gemeine Horde, aber ſie haben auch ihren Durſt nach Ruhm, ihr Streben ſelbſt in dem Abgrund ves Verbrechens, oder bei dem Ekel des ausgehungerten Mangels. Dort unten in jenem Keller, wo eine matte Kerze auf ausgehöhlte Wangen ſchimmert, verzerrt durch die Trunkſucht— vort auf jener kläglichen Dachkammer, aus deren Fenſter Sie des Bettlers Lumpen hängen ſehen, um zu trocknen, oder vielmehr, um in der ſtinkenden und unteinen Luft zu zerbröckeln— weiter hin, innerhalb jener Mauern, die ſchwarz und ſchwer, wie die Her⸗ zen, die ſie bergen, unſere elende Ausſicht ſchließen — dort, ſelbſt dort in dem feuchten Gefängniß, in der Zelle des Verbrechers— nährt der Ehrgeiz ſeine Hoffnung, oder ſchmollt mit der Verzweiflung. Ja! die Bewohner jener Mauern hatten ihr gefährliches Spiel um Ehre, wobei Laſter ihr Triumph und Schande ihr glücklicher Erfolg war. Wir theilen ihre Leibenſchaft, obgleich wir ſie auf einen beſſern Ge⸗ genſtand richten.“ Nachdem Warner einen Angenblick geſchwiegen, hatte Kana einen des 2 läſten und Sie e Könn gegen vielm⸗ Flam wenn aus u „ Enden bar u und d Regen denn Boden „ Sie m eben der G iſt der — Ar figkeit die N Leiden und T rſammelt ge Laſter dmal be⸗ ntlehnten e Mral die tau⸗ abgeſetzt. r, indem er Kunſt rde, aber Streben r bei dem unten in sgehöhlte kſucht— us deren hen, m nden und innerhalb die Her⸗ ſchließen gniß, in geiz ſeine Ja! fährliches mph und eilen ihre ſern Ge⸗ ſchwiegen, 179 hatten ſich ſeine Gedanken in einen verſchiedenen Kanal gelenkt und er fuhr fort:„Wir haben jetzt einen Anblick von den beiden großen Abtheilungen des Menſchengeſchlechts: von denen, welche in Pa⸗ läſten ſchwelgen und von denen, bie ſich in Lumpen und in den Höhlen des Elends ergötzen. Geſtehen Sie ein, daß es nur eine ärmliche Betrachtung iſt. Können wir Verachtung gegen die Einen over Ekel gegen die Andern empfinden? Oder haben wir nicht vielmehr einen edleren Funken in uns, den wir nur zur Flamme anfachen dürfen, die immerfort hrennen wird, wenn dieſe elenden Metevre in die Verweſung finken, aus welcher ſie ſich erheben?“ „Aber,“ ſagte Clarenee,„bies find die heiden Enden; der Gipfel der Ctviliſativn, der zu unfrucht⸗ bar und öde iſt für eine edlere und kräftigere Frucht, und die Grundfläche, auf welche die Wolken ſich in Regen und Ungewittern herablaſſen. Betrachten Sie den mittleren Theil der Geſellſchaft, dort iſt der Voden günſtiger und die Produkte ſind reicher.“ „Iſt es wirklich ſo,“ fragte Warner;„verzeihen Sie mir, ich glaube es nicht: die mittleren Claſſen find eben ſo menſchlich, wie die übrigen.— Dort herrſcht der Geiz als Eyſtem, er breitet ſich aus und modert und iſt der wahre Pilz und Ausſatz der ſocialen Staaten — Argwohn, Liſt, Heuchelei, knechtiſche Unterwür⸗ figkeit gegen die Großen, Unterbrückung der Niebrigen, die Nachahmung höfiſcher Laſter, die Härte gegen Leiden der Niedrigen; Gedanken, Gefühl, Fähigkeiten und Triehe des Menſchen, Alles wird zu einem großen 180 Krebsſchaden— Gewinnſucht! dies macht den allgemei⸗ nen Charakter der mittleren Claſſen aus, die ungeſäuerte Maſſe jener Mittelmäßigkeit, in deren Lobe die Geiſtes⸗ armen ihre Weisheit geſucht haben. Pah! wir find von dieſer Claſſe, von dieſer Töpfererde, von dieſer kläglichen Miſchung von Koth und Stein; aber wir, mein Freund, wir wollen Gold in unſern Thon kneten.“ „Aber ſehen Sie,“ ſagte Clarenee, auf die vor ihnen befindliche Gruppe beutend,„ſehen Sie jene unglückliche Mutter, deren Stimme noch vor einem Augenblick in den rauheſten Tönen ihre berauſchte Gemeinheit ausſprach, nährt jetzt ihren Säugling mit einer Zärtlichkeit, die ſich auf ihrer bleichen Wange und in ihrem hohlen Auge zeigt, welche vie aufmerk⸗ ſame Mutterliebe der Vornehmen beſchämen könnte— und vort jener Elende, den wir noch vor wenigen Minuten mit der ſorgloſen Frechheit verhärteter Ver⸗ worfenheit ſich ſeiner Geſchicklichkeit im Diebſtahl rüh⸗ men hörten und vffen die Zeichen davon aufweiſen ſahen— jetzt gibt er mit der Menſchenliebe eines Samaritaners die Güter, wegen welcher er ſein elen⸗ des Leben aufs Spiel ſetzte, jenem ausgehungerten Kinde! Nein, Warner, nein! ſelbſt vieſe Maſſe iſt nicht ungeſäuert. Die verworfenſte Schande iſt nicht zu tief für den Seraph der Tugend, um hinabzuſtei⸗ gen und den Abgrund zu erleuchten!“ „Pfui über die ſchwachen Thoren!“ ſagte der Künſtler mit Bitterkeit,„es wäre noch etwas, wenn ſie ſelbſt im Verbrechen heharrlich ſein könnten.“ Hier⸗ auf faßte er Lindens Arm und zog ihn mit ſich fort. A endete und nigsn „ den L Warn die ſt wandt ſollen V Mant in der werde die w eine e ungen der Zie bei al der Ci von e denſch ben he die Au währet Augen ſtrengt gegen das gl und ſe allgemei⸗ geſäuerte e Geiſtes⸗ wir find on dieſer aber wir, kneten.“ f die vor Sie jene or eiem berauſchte gling mit nWange aufmerk⸗ könnte— rwenigen teter Ver⸗ ſtahl rüh⸗ aufweiſen iebe eines ſein elen⸗ hungerten Maſſe iſt e iſt nicht inabzuſtei⸗ ſagte der s, wenn n.“ Hier⸗ ſich fort. 184 Als das Bild unter des Malers Hand ſich voll⸗ endete, war Clarenee ſehr betroffen von dem Umriß und dem Ausdruck des Geſichts, welchen er dem Kö⸗ nigsmörder Bradſhaw gegeben. „Es iſt nur eine unvollkommene Copie des leben⸗ den Originals, wovon ich dieſelbe erborgt,“ ſagte Warner als Antwort auf Lindens Bemerkung über die ſtrengen Züge.„Aber das Original— ein Ver⸗ wandter von mir— kommt heute hieher und Sie ſollen ihn ſehen.“ Während Warner noch ſprach, irat der erwähnte Mann herein. Seine Geſtalt und ſein Geſicht waren in der That würdig, von dem Maler pargeſtellt zu werden. Die Eigenthümlichkeit ſeines Charakters, die wir ſogleich beſchreiben werden, machte, daß er eine einfache Kleidung trug, wie ſie in jenen Tagen ungewöhnlich war, und ſich der Einfachheit, aber nicht der Zierlichkeit der Quäker näherte. Sein Haar, welches bei allen beſſeren Claſſen ein beſonderer Gegenſtand der Cultur iſt, war wild, verwirrt und ſtand ſtruppig von einer Stirn empor, worauf Nachdenken oder Lei⸗ denſchaft ihre Annalen mit eiſernem Griffel geſchrie⸗ ben hatten; der untere Theil der Stirn, welcher über die Augen hinaushing, war ſehr ſcharf und vorſtehend, während die Linien oder vielmehr Furchen unter den Augen und der Naſe auf Erſchöpfung und innere An⸗ ſtrengung deuteten. Aber dieſem Ausdruck ſtand ent⸗ gegen und widerſprach die feſt zuſammengepreßte Lippe, das glänzende, feſte und finſtere Auge, die entſchloſſene und ſelbſt trotzige Stirn, vereint mit auffallend kräf⸗ 182 tigen Proportionen und einer ungewöhnlich hohen Statur. „Nun, Wolfe,“ ſagte der junge Maler zu dem Manne, den wir beſchrieben haben,„es iſt in der That ſehr gütig von Dir, mir noch zum zweiten⸗ mal zu ſitzen.“ „Still, Junge!“ antwortete Wolfe,„alle Men⸗ ſchen haben ihre ſchwachen Seiten, und ich geſtehe, daß es mir nicht übel gefällt, daß dieſe rauhen Züge, wenn auch nur in der Einbildung, einem der edelſten von jenen Männern beigelegt werden, der in der größten Sache, in welcher je ein Land Kläger, ein Tyrann Delinquent und eine Welt Zeugin war, das Urtheil vollzog.“ Während Wolfe noch ſprach, nahm ſein Geficht, welches von Natur ſchon ſo ſtrenge war, einen noch ſtrengeren Ausdruck an, und es gelang dem Künſtler, es mit einigen glücklichen Pinſelſtrichen auf die Leinwand zu übertragen. „Aber bei alledem ſchäme ich mich,“ fuhr Wolfe fort,„eine Kunſt zu unterſtützen, die an ſich werth⸗ los und in Zeiten faſt ſtrafbar iſt, wo die Freiheit des Kopfes bedarf, um Pläne zu entwerfen, und vielleicht auch der Hand, um andere und edlere Werke auszuführen, als ihre früheren Thaten auf die ver⸗ gängliche Leinwand zu übertragen.“ Ein augenblicklicher Zorn über die Verachtung ſeiner Kunſt zeigte ſich auf der bleichen Stirn des Künſtlers; doch er erinnerte ſich an den Charakter des Mannes und ſetzte ſein Werk ſchweigend fort. „So glauben Sie alſo, mein Herr, daß dies Zeitet Clare „ dann höhni Bild einzig große Geſet Conſt Knab erlan T gereg Geiſte ſchen keit ſ fuhr er eit zeugu ſprach gewa wärm gen l unter alten die m Welt ſehen unbet h hohen rzu dem ſt in der zweiten⸗ lle Men⸗ geſtehe, en Züge, r edelſten r in der iger, ein war, das ch, nahm enge war, lang dem ichen auf hr Wolfe h werth⸗ Freiheit fen, und re Werke die ver⸗ rachtung Stirn des akter des rt. daß dies 183 Zeiten find, wo die Freiheit angegriffen wird?“ ſaßte Clarenee. „Angegriffen!“ wiederholte Wolfe,„ angegriffen!“ dann ließ er plötzlich die Stimme ſinken und fuhr höhniſch fort:„Seit jenem Ereigniß, welches dieſes Bild verherrlichen ſoll, weiß ich nicht, ob wir je einen einzigen Strahl der Freiheit gehabt haben, der das große Chaos des Vorurtheils und des barbariſchen Geſetzes durchbrochen hat, was wir eine glorreiche Conſtitution nennen. Die Freiheit angegriffen! nein, Knabe— aber es iſt eine Zeit, wo die Freiheit wieder erlangt werden kann.“ Da Clarenee völlig unbekannt war mit der auf⸗ geregten Politik jener Tage oder mit dem mächtigen Geiſte, der ſich damals in den Gemüthern der Men⸗ ſchen regte, ſo ſchwieg er; aber ſeine Aufmerkſam⸗ keit ſchmeichelte dem wüthenden Republikaner und er fuhr fort:„Ja,“ ſagte er langſam und als genieße er eine innige und lebhafte Freude bei ſeiner über⸗ zeugung von der Wahrheit der Worte, die er aus⸗ ſprach,„ja, ich bin über die Oberfläche der Erde gewandert und habe meine Seele an dem Feuer ge⸗ wärmt, welches unter ihrer ſtillen Oberfläche verbor⸗ gen lag; ich war in der Stadt und in der Wüſte— unter den gedeihenden, bevorzugten Verbrechen der alten Welt, unter den zerſtreuten aber kühnen Herzen, vdie man unter den Gebirgen und Moräſten der neuen Welt findet, und in beiden habe ich jene Saat ſäen ſehen, vie von einem Senfkorn, welches zu klein und unbebeutend iſt für eines Vogels Schnabel, aufwachſen 184 wird, um ein Obvach und eine Heimath zu ſein für die ganze Familie des Menſchen. Ich habe auf die Throne der Könige geblickt, und ſiehe, die Geſalbten waren in Purpur und feſtlicher Tracht, und ich blickte unter die Throne und ſah Mangel und Hunger und verzweiflungsvolle Wuth, die Grundlagen wegnagen. Ich ſtand in den Straßen jener großen Stadt, wo die Fröhlichkeit ein ewiges Jubiläum zu halten ſcheint und ſah die Vornehmen ſchwelgen, während der Bauer Hunger litt, und der Prieſter dem Mammon Altäre erbaute, die er von dem Lohn der mühſamen Arbeit aufthürmte und mit Blut und Thränen kittete. Aber ich blickte weiter und ſah im Hintergrunde Ketten zu Schwertern geſchärft, Elend zur Gerechtigkeit reifen und Hunger ſich in Rache verwandeln, und ich lachte, als ich es ſah, denn ich wußte, daß der Tag der Unterdrückten nahe ſei.“ Etwas erſchreckt durch den prophetiſchen Ton und empört durch die Neuheit der auffallenden Anſichten des Republikaners, fragte Clarenee nach einer kurzen Pauſe:„Und was ſagen Sie von unſerem Vater⸗ lande?“ Wolfe's Stirn verfinſterte ſich.„Der Druck iſt hier nicht ſo ſchwer geweſen,“ ſagte er, und daher wird die Gegenwirkung weniger ſtark ſein; die Par⸗ teien ſind mehr verſchmolzen, und vaher wird ihre Trennung ſchwieriger ſein; die Erpreſſung iſt weni⸗ ger drückend, und daher wird man ſie leichter dulden, aber früher oder ſpäter muß der Kampf kommen: hlutig wird er ſein, wenn die Kräſte gleich ſind; Kunſt v alle edl ber an nicht ſa heit bet der Rep ich gern größten das iſt, Verſam als den für wel „Je wenn a denn ſe kaner j ſo ſtant ſein für eauf die Heſalbten ich blicte nger und egnagen. adt, wo n ſcheint er Bauer n Altäre en Arbeit te. Aber e Ketten it reifen ch lachte, Tag der Ton und Anſichten r kurzen Vater⸗ druck iſt d daher die Par⸗ ird ihre ſt weni⸗ dulden, mmen h ſind; 185 ſchwach und dauernd, wenn das Volk das übergewicht bekommt.“ „Und wenn die Herrſchenden die Stärkſten find?“ ſagte Clarence. „So wird der Kampf erneuert werden,“ verſetzte Wolfe trotzig. „Ich glaube, Du beſuchſt noch jene redneriſchen Verſammlungen, Vetter?“ ſagte Warner. „Ja, das thue ich,“ ſagte Wolfe,„und wenn Du Dich nicht ſo gänzlich in Deine eitle und thörichte Kunſt verſenkt hätteſt, ſo daß Du gleichgültig gegen alle edleren Dinge wäreſt, würdeſt Du lernen, ſel⸗ ber an dem Intereſſe zu nehmen, was— ich will nicht ſagen Dein Vaterland— aher doch die Menſch⸗ heit betrifft. Was Sie angeht, junger Mann,“ und der Republikaner wendete ſich zu Clarenee,„ſo möchte ich gern hoffen, daß das Leben noch nicht von dem größten aller menſchlichen Zwecke abgelenkt iſt; wenn das iſt, ſo kommen Sie morgen Abend in unſere Verſammlung und lernen von würdigeren Lippen⸗ als den meinigen, die Vorſchriften und Hoffnungen, für welche die guten Menſchen leben oder ſterben.“ „Ich will auf jeden Fall kommen, um zu hören, wenn auch nicht zu lernen,“ ſagte Clarenee lebhaft, denn ſeine Nengierde war erregt. Da der Republi⸗ kaner jetzt den Zweck ſeines Beſuches erfüllt hatte, ſo ſtand er auf und entfernte ſich. 186 Fünfzehntes Kapitel. Stets ſoll er Verfolgung dulden, Märtyrthum ohn' ſein Verſchulden, Gegen Hoß und Rache kühn Des grimm'gen Staats zu Felde ziehn. Hudibras. Von achtbaren, doch nicht ariſtokratiſchen Eltern geboren, war John Wolfe einer von jenen feurigen und kühnen Geiſtern, welche das Schickſal vor irgend einer mächtigen Revolution über verſchiedene Theile der Erde auszuſtreuen ſcheint, ſelbſt wenn dieſelben von dem vorherbeſtimmten Ausbruch entfernt find, als Verkändiger von Ereigniſſen, worin ſie als han⸗ velnde Perſonen aufzutreten geeignet, aber nicht be⸗ ſtimmt find. Die Zeit, wo er dem Leſer vorgeſtellt wird, war beträchtlich früher als die franzöſiſche Revolution, die ſo häufig behandelt, ſo wenig ver⸗ ſtanden und deren Intereſſe für ben Romanſchreiber ſo ſehr abgenutzt iſt, daß der Verfaſſer ſich wirklich freut, daß ſie ſo viel ſpäter als die Ereigniſſe ſeiner Geſchichte vorfiel. Aber ein ſolches Ereigniß, ob⸗ gleich von dem gewöhnlichen Auge nicht vorherge⸗ ſehen, war von dem Aufgeklärteren bereits prophezeiht worden, und Wolfe, der lange in Frankreich und unter den unzufriedenſten der freieren Geiſter gelebt, hatte Hoffnung mit der früheren Vegeiſterung vereint, die lange die herrſchende Leidenſchaft ſeines Daſeins ausgemacht hatte. a* Kühn bis zur Wilbheit, großmüthig bis zur Auf⸗ opferun dem Gr wirkſam durchaus von den hen des fahren Raſchhe Nich Frankrei erlangt than hä „Handlur eine St gen; al Zeitalte kannte S wegen unwiſſer Talent, verſtärk begreife Fürſten betracht Fehler indem t Wolfe meinen er doch des Cha lden, hulden, Felde ziehn. ibras. hen Eltern n feurigen vor irgend ene Theile dieſelben fernt find, e as han⸗ r nicht be⸗ vorgeſtellt franzöſiſche wenig ver⸗ anſchreiber ich wirklich niſſe ſeiner igniß, ob⸗ vorherge⸗ rophezeiht kreich und ſter gelebt, ng vereint, Daſeins 4* s zur Auf⸗ 187 opferung, unbengſam in ſeinen Anſichten und bis zu dem Grade, welcher ihre Glut zu allen Zeiten un⸗ wirkſam machte, weil man ſie auf die Gegenwart durchaus nicht anwenden konnte, war Wolfe einer von den Eiferern, deren Tugenden ſelbſt das Anſe⸗ hen des Laſters hatten, und deren Fähigkeiten, Ge⸗ fahren zu erdulden, unſchädlich wurden wegen der Raſchheit ihres übermaßes. Nicht unter den Philoſophen und Raiſonneurs in Frankreich hatte Wolfe Stärke für ſeine Anſichten erlangt: was dieſe auch mit ſeinen Grundſätzen ge⸗ than hätten, ſo würden ſie doch wenigſtens ſeine Handlungen gemäßigt haben. Der Philoſoph kann eine Staatsveränderung unterſtützen oder beſchleuni⸗ gen; aber nie begünſtigt der Philoſoph irgend eines Zeitalters ein Verbrechen. Aber von Philoſophen kannte Wolfe wenig und verachtete ſie wahrſcheinlich wegen ihrer Mäßigung; unter den Fanatikern— unwiſſend, aber phantaſiereich, kräftig vielleicht an Talent, aber ſchwach an Geiſt— hatte er jene Liebe verſtärkt, ohne die Natur des Republikanismus zu begreifen. Gleich Luelans Maler, der den einäugigen Fürſten aus Schmeichelei von der Seite porträtirte, betrachtete er nur die Seite der Frage, woran kein Fehler war, und ſchrieb dem Ganzen Schönheit zu, indem die andere Hälfte verborgen blieb. Obgleich Wolfe ſich bei ſeiner Rückkehr nach England der ge⸗ meinen laſſe der Gleichgeſinnten anſchloß, ſo beſaß er doch viele Eigenthümlichkeiten und Auszeichnungen des Charakters, die, indem ſie ihn für den Zweck eines 158 dramatiſchen oder philoſophiſchen Romanſchreibers ſehr geeignet machten, als eine Warnung für den Leſer dienen müſſen, die Claſſe nicht nach dem Einzelnen zu beurtheilen. Die Claſſe der Republikaner in England beſaß ein lebhaftes Streben, ihre Sache durch Vernunft⸗ gründe zu unterſtützen. Bei Wolfe, deſſen Geiſt we⸗ nig mit der Logik vertraut war, ging Alles aus den ſtürmiſchen Gefühlen hervor, die, indem ſie den ge⸗ lehrten Streit verwarfen, die Deklamation an die Stelle der Vernunftſchlüſſe ſetzten. Dies bewirkte einen bedeutenden und nicht auszugleichenden Unter⸗ ſchied zwiſchen Wolfe und dem beſſeren Theil ſeiner Kameraden; denn die Gewohnheit, kalte Vernunft⸗ gründe anzuwenden, mögen ſie nun wahr oder falſch ſein, wird gewiß nicht den Geiſt zu jenen Verbrechen hinwenden, wohin Wolfe's ungeregelte Gemüthsbe⸗ wegungen ihn ſehr leicht treiben konnten, und ſie geben den Charakteren, die ſie beherrſchen, etwas Methodiſches und etwas Ahnliches. Aber die Ge⸗ fühle— jene Redner, die keine Berechnung zulaſſen, und der Zahmheit des Vergleichs trotzen— machten, daß Wolfe allein, einzig, exeentriſch in der Meinung oder Haltung, im Laſter oder in der Tugend daſtand und folglich ſehr geeignet war für jene ſtarken Lichter und Schatten, welche die dramatiſche Fietion von den Gemeinplätzen des gewöhnlichen Lebens auszuſon⸗ dern liebt. Privatverbindungen mäßigen häufig die Glut un⸗ ſers öffentlichen Enthuſiasmus. Wolfe hatte keine. Sein nä kann leit in ſeine wenig g weſen, 1 finſtern ſten Ver beugſam Feinde i entdecken beſtändig — drei mit ſchn an die k Strafe bringen, Eifers 1 ſtets die hänger und es rung be Beides Diet und ver weſentli ten Gut in ſeine zulöſen leidigun irrenden reibers ſehr den Leſer Einzelnen land beſaß Vernunft⸗ Geiſt we⸗ es aus den ſie den ge⸗ on an die s bewirkte den Unter⸗ heil ſeiner Vernunft⸗ oder falſch Verbrechen zemüthsbe⸗ n, und ſie en, etwas r die Ge⸗ g zulaſſen, — machten, Meinung end daſtand ken Lichter n von den auszuſon⸗ e Glut un⸗ hatte keine. 189 Sein nächſter Verwandter war Warner, und man kann leicht denken, daß er mit dem ſinnenden und in ſeine Betrachtungen verſunkenen Künſtler ſehr wenig gemein hatte. Er war nie verheirathet ge⸗ weſen, und es ſchien, als wandre er nie von ſeinem finſtern und unfruchtbaren Pfade zu der einförmig⸗ ſten Verfolgung der Vergnügungen der Sinne. Un⸗ beugſam redlich und ſtrenge, konnten ſeine bitterſten Feinde in jenem moraliſchen Charakter keinen Makel entdecken— arm faſt bis zur Dürftigkeit, hatte er beſtändig alle Anerbietungen der Regierung abgelehnt — dreimal eingekerkert wegen ſeiner Lehrſätze und mit ſchweren Geldſtrafen belegt, konnte keine Furcht an die künftige, keine Erinnerung an die vergangene Strafe je ſeine bittere Beredſamkeit zum Schweigen bringen, oder die Leidenſchaft ſeines ungebändigten Eifers mäßigen— gütig, obgleich rauh, theilten ſtets die wenigen redlichen und uneigennützigen An⸗ hänger ſeines Glaubens ſeine unbedeutenden Mittel; und es iſt bekannt, daß er ſich Tagelang der Nah⸗ rung beraubte und Nachts des Obdaches, weil er Beides einem Anderen abgetreten. Dies war der Mann, der während eines langen und verſchwendeten Lebens verurtheilt war, jeden weſentlichen Segen bei der Verfolgung eines erträum⸗ ten Guts aufzugeben, mit dem wärmſten Wohlwollen in ſeinem Herzen freundſchaftliche Verhältniſſe auf⸗ zulsſen und bis zum Wahnfinn über öffentliche Be⸗ leidigungen zu brüten— Alles einer evlen, obgleich irrenden Hingebung für jene Freiheit aufzuopfern, 190 deren Sache er mehr zu verzögern als zu befördern beſtimmt war, und während er ſich für den Märtyrer einer erhabenen und unvergleichlichen Tugend hielt, ſeine Laufbahn mit dem größten aller menſchlichen Verbrechen zu ſchließen. An Perſonen ſeiner Claſſe, die mehr zu bemit⸗ leiden als zu verdammen ſind, hat der öffentliche Un⸗ wille indeß mehr Haß verſchwendet, als ſie verdienen; ſie find Beiſpiele nicht des böſen Willens, ſondern ver übel geleiteten Philanthropie, und die, welche durch unverſtändige und unanwendbare Theorien unſer Glück oder unſere Freiheit zu erweitern und allgemein zu machen ſuchen, ſind wenigſtens unſerer Verzeihung würdiger als jene Schufte von heuchleriſchen Frömm⸗ lern, die aus weniger redlichen Beweggründen und viel gefährlicheren Grundſätzen das Glück auf Wenige beſchränken und den Zwang auf Viele anwenden möchten. Sechzehntes Kapitel. Keiner hat Geiſt außer uns und unſern Freunden⸗ Molisre. Als Clarenee nach der im letzten Kapitel berich⸗ teten Unterredung nach Hauſe zurückkehrte, fand er einen Brief von Talbot vor, worin ihn derſelbe auf denſelben Abend zum Eſſen einlud. Es war das erſte⸗ mal, daß Clarenee war eingeladen worden, und er ſah mit einiger Neugierde und Ungeduld der in dem Briefe beſtimmten Stunde entgegen, um perſönlich der Einladung zu folgen. Es i ſüchtigen Coppera hörten— mann ih Mrs um Wor ſagte in behaupte wofür er land eber iſt ein V die aller Als( fand er Die Nen Zweck de hauſe, d das Tale und der den vorth mögens, in der fe beſſer zu wenn me ſucht, ſo anſtatt d und der Schöngei redſelig befördern Märtyrer gend hielt, nenſchlichen zu bemit⸗ entliche Un⸗ verdienen; s, ſondern welche durch unſer Glück gemein zu Verzeihung en Frömm⸗ ründen und auf Wenige en möchten. ern Freunden. doliere. itel berich⸗ te, fand er derſelbe auf r das erſte⸗ en, und er der in dem perſönlich 194 Es iſt unmöglich, ſich einen Begriff von der eifer⸗ ſüchtigen Wuth zu machen, welche Herr und Mrs. Copperas empfanden, als ſie von dieſer Auszeichnung hörten— eine Auszeichnung, die der vollendete Hof⸗ mann ihnen nie hatte zu Theil werden laſſen. Mrs. Copperas drehte den Kopf, zu unwillig, um Worte finden zu können, und der Aktienwucherer ſagte in der Bitterkeit ſeiner Seele:„er möchte doch behaupten, daß der alte Herr nicht ſo reich ſei, als wofür er ſich ausgebe.“ Nicht reich ſein, iſt in Eng⸗ land eben ſo viel, als nicht tugendhaft ſein. Armuth iſt ein Verbrechen und„ein armer, bettelhafter Kerl“ die allergrößte Erniedrigung. Als Clarenee in Talbots Geſellſchaftszimmer trat, fand er dort ſieben bis acht Perſonen verſammelt. Die Nennung ihrer Namen deutete an, daß es der Zweck des Wirths war(gleich dem modernen Club⸗ hauſe, das Athenäum genannt), die Ariſtokratie und das Talent zu vereinen. Die literariſchen Fähigkeiten und der geſellſchaftliche Takt Talbots, vereint mit den vortheilhaften Umſtänden der Geburt und des Ver⸗ mögens, ſetzten ihn in den Stand, dieſen Zweck, der in der feinen Geſellſchaft ſo wünſchenswerth iſt, viel beſſer zu erreichen, als es gegenwärtig geſchieht; doch wenn man zwei entgegengeſetzte Eſſenzen zu vereinen ſucht, ſo wird der Geiſt beider häufig verdunſten, und anſtatt des Austauſches der Intelligenz auf der einen und der Feinheit auf der anderen Seite, wird der Schöngeiſt ariſtokratiſch langweilig und der Ariſtokrat redſelig und ſcherzhaft; indeſſen die Zeit heiligt die — 192 Abgeſchmacktheit, und vas literariſche Geplauder frü⸗ weld herer Tage wird ſtets mit mehr Vergnügen aufge⸗ ihm 1 nommen als das unſerer Zeit. geſac „Nun,“ ſagte Lord Welwyn, ein kleiner, red⸗ wicht ſeliger Edelmann, ein großer Kritiker, ein kleiner 6 Dichter, und ſtolzer auf einige Verſe in Dovsley's in de Miscellany als auf alle ſeine Vorfahren und ſeine ſagte Beſitzungen—„nun, ich hoffe, endlich werden wir Poeſ eine gute und wahre Biographie von Pope erhalten. muth Wie ich höre, werden die nachgelaſſenen Papiere des unge armen Spenee herausgegeben.“ tet ſe „Ach, der arme Spenee!“ ſagte Desborvugh, der Phan Verfaſſer einer Abhandlung über die Gartenkunſt und Verſchönerung der landwirthſchaftlichen Anlagen, wel⸗ Glar⸗ ches zu jener Zeit zwei der beliebteſten Studien waren elafſiſ —„der arme Spenee! iſt er nicht ertrunken? und Bolin noch dazu in ſeinem eigenen Garten. Wie wäre es, in iht wenn Sie eine Ode darüber machten, Mylord; Sie 2 können ſagen, er ſei in einen Flußgott verwandelt— ſich ir ein ſchönes Bild. Hm, ha!— Ihre Schnupftabaks⸗ ſelben voſe, Mylord, wenn's beliebt.“ 8 „Er wurde am Rande des Waſſers gefunden,“ ſ ſagte George Perrivale, ein großer Witzling jener, einte. Tage, das heißt einer von den bösartigſten Menſchen — denn der Neid der Menſchen iſt eine Alchymie, ſten 6 welche ſtets Bosheit in Witz verwandelt—„er wurde Geiſte am Rande des Waſſers gefunden und ſein Geſicht war ſophie ebenſo platt wie ſeine Bücher; man ſagte, das Waſſer ſeiner ſei zu flach geweſen, um ſeinen Kopf zu bedecken, nannt „ was ſehr gut auf die Kenntniß des armen Kerls paßte, und ſe Bul frü⸗ ufge⸗ red⸗ leiner sley's ſeine n wir aten. re des h, der ſt und „wel⸗ waren 7 und ire es, ; Sie delt— tabaks⸗ nden,“ jener enſchen chymie, wurde cht war Waſſer edecken, paßte, 193 welche denſelben Mangel hatte!— Man kann von ihm ſagen, was ſchon von ſeiner eigenen Polhmetis geſagt worden iſt: Er ſank durch ſein eigenes Ge⸗ wicht und wirb ſich nie wieder erheben.“ „Eine unparteiiſche Biographie von Pope wird in der That ein höchſt wünſchenswerthes Werk ſein,“ ſagte Talbot;„welchen edlen Geiſt er hatte! Seine Poeſie iſt der geringſte Schmuck ſeines Charakters— muthig, ungeachtet ſeiner Conſtitution— großmüthig, ungeachtet ſeiner Sparſamkeit— gutmüthig, ungeach⸗ tet ſeiner Satire und philoſophiſch, ungeachtet ſeiner Phantaſie.“ „Es gab nie zwei Geiſter in neuerer Zeit,“ ſagte Clarenee beſcheiden,„die ſo vollkommen nach einem elaſſiſchen und antiken Muſter gebildet waren, wie Bolingbroke und Popez,es lag auch etwas ſo Schönes in ihrer Freundſchaft. Ich habe es immer für eine der rührenbſten Anekboten gehalten, wie Volingbrole ſich in Pope's letzter Krankheit über den Stuhl deſ⸗ ſelben lehnte und wie ein Kind weinte.“ „Es iſt wahr ſagte Talbot,„und indem er zugleich ſeine ſchönen Reflexionen ſelbſt mit ſeinen Thränen ver⸗ einte. Sie haben Recht, ſie elaſſiſche Geiſter zu nennen; es war ein eloſſiſches Zeitalter, und ſie waren die edel⸗ ſten Geiſter jenes Zeitalters. Bolingbroke hatte in ſeiner Geiſtesrichtung und ſeiner Beredſamkeit, ſeiner Philo⸗ ſophie, ſeiner enthuſiaſtiſchen Liebe zur Tugend, in ſeiner Verehrung der Freundſchaft, die er. Tugend nannte, vielleicht auch in ſeiner erhabenen Eitelkeit und ſeinem großartigen Egoismus keinen Seinesgleichen Bulwer, der Verſtoßene. I. 3 194 als Cicero; ſeine Verbannung und Verfolgung tragen den Vergleich mit dem berühmten Römer von ſeinem Charakter auf ſein Leben über. Aber ſehen Sie, wie vas Schickſal Ahnlichkeiten unter den Menſchen her⸗ vorbringt!— Bolingbroke hatte keinen glücklichen Erfolg und wir vergleichen ihn mit Cicerv; wäre es ihm gelungen, ſo würden wir uns ſeines Witzes ſeiner brillanten Eigenſchaften, ſeiner Gewandtheit ſeines Ehrgeizes, ſeines Durſtes nach Vergnügen und Macht erinnert und ihn mit Cäſar verglichen haben!“ „Sie kannten Bolingbroke ſehr gut, glaube ich,“ ſagte Herr Desborough;„er liebte die Landwirih⸗ ſchaft— welch ein großer Mann!“ „Ja, ich kannte ihn in ſeinen ſpäteren Jahren, als er zu Batterſea wohnte! Er war zugleich der ge⸗ bildetſte und geiſtreichſe Mann, der mir je vorge⸗ kommen, ganz der Mann, ſowohl von Swift, wie von unſerm noch lebenden Cheſterfield das Lob zu ge⸗ winnen, der größte Mann zu ſein, der ihnen je be⸗ gegnet; ein wunderbares Lob, wenn man bedenkt, wie ſehr die beiden Lobredner einander entgegenſtanden, und daß man ſelten Leute lobt, die ſich in andern Fähigkeiten als unſern eigenen auszeichnen. Ich er⸗ innere mich auch, Pope zweimal zu Twickenham ge⸗ ſehen zu haben.“ „Und bezauberte er Sie nicht durch ſeinen Witz?“ fragte Lord Welwyn, der ſich viel darauf zu Gute that, in dem wahren Styl Pope's zu ſchreiben. „Das gerade nicht,“ ſagte Talbot lächelnd;„er war ſehr ernſt und philoſophiſch in der Unterhaltung, und nenne bewu Witz Morg Es if und e Mant mächl auf ſe ſtimm mir, Hälft er ni „ ſchwer ſichere kenne wird. tern! des L dem ſchärf baren gleich ſie ar ſie m gung tragen von ſeinem en Sie, wie enſchen her⸗ glücklichen wäre es itzes, ſeiner theit ſeines und Macht aben!“ glaube ich,“ Landwirth⸗ ren Jahren, leich der ge⸗ ir je vorge⸗ Swift, wie Lob zu ge⸗ ihnen je be⸗ bedenkt, wie zegenſtanden, h in andern en. Ich er⸗ ickenham ge⸗ inen Witz?“ uf zu Gute hreiben. ächelnd;„er nterhaltung, 195 und ſprach keinen einzigen Satz aus, den man witzig nennen konnte.“ „Jo,“ ſagte der Witzling von Profeſſion mit Selbſt⸗ bewußtſein,„es iſt ein großer Unterſchied, einen guten Witz aus dem Stegereif zu machen und den ganzen Morgen über in ſeinem Kabinet witzig ſein zu müſſen. Es iſt der Unterſchied zwiſchen einem reichen Manne und einem in zerrütteten Umſtänden, zwiſchen einem Manne, der ſein Einkommen täglich und mit Ge⸗ mächlichkeit verzehrt, oder zwiſchen einem, der Geld auf ſeinen Grundbeſitz borgt, um eine Schuld zu be⸗ ſtimmter Zeit bezahlen zu können. Aber ſagen Sie mir, meine Herren, würde Pope je von der einen Hälfte ſeiner Zeitgenoſſen verehrt worden ſein, wenn er nicht die andere Hälfte geſchmäht hätte?“ „Nun,“ antwortete Talbot,„die Frage iſt ziemlich ſchwer zu beontworten; ich bekenne, daß ich keinen ſicherern Beweis von der Bosheit des Menſchengeſchlechts kenne, als den Rang, der einem Satiriker eingeräumt wird. Die Satire iſt ein Zwerg, der auf den Schul⸗ tern des Rieſen Bosheit ſteht, und das Königreich des Verſes wird oft, gleich dem von Epirus, nicht dem überlaſſen, der den edelſten. Geiſt, ſondern das ſchärfſte Schwert hat.“ „Der Witz eines Satirikers gleicht der unſicht⸗ baren Schrift,“ ſagte Perrivale;„ſieht man ſie mit gleichgültigem Auge an, ſo iſt keine da, hält man ſie ans Licht, ſo bemerkt man keine, aber reibt man ſie mit der ſcharfen Säure ſeines eigenen Geiſtes, da wird ſie plötzlich deutlich ſichtbar.“ 196 Talbot lächelte über eine Anſpielung, die unbe⸗ wußt auf das Vervienſt des Redenden ſo vollkommen paßte; aber der kleine Lord Welwyn erhob ſeine Hände und Augen. Die Vortrefflichkeit ſeines eigenen Vor⸗ bildes bezweifeln zu hören, iſt in der That der bitterſte Spott über uns ſelbſt. „Welche Entweihung!“ rief Seine Herrlichkeit. „Seit den Tagen Curlls und Cibbers, glaubte ich, finde ſich kein Menſch, der den unvergleichlichen Vorzug Pope's beſtrelten könnte. Nein, nein, mag es auch immer Zoiluſſe genug geben, ſo werden wir doch nie wieder einen ſolchen Homer haben!“ Und während Seine Herrlichkeit das Wort Zvilus ausſprach, ſchlug er an ſeine Schnupftabaksvoſe und ſuh den Kritiker an. Der Witzling ſah zornig aus und ſchickte ſich zu einer Antwort an. Aber er wurde unterbrochen.„Bitte,“ quikte ein zierlich ausſehender Herr, kurz und lakoniſch, wie eine Conjunktion, aber gleich einer Conjunktion ſehr nützlich, Trennungen zu verbinden—„bitte, was halten Eure Herrlichkeit von dem Dichter Gray?“ „O!“ ſagte Seine Herrlichkeit in dem Tone wahr⸗ haft literariſcher Verachtung,„ein ſchrecklicher Neuerer — ein Republikaner im Verſe, der ein Original ſein will. Ein fader Menſch! Guter Himmel, wie kann man nur ſolche barbariſche Alliterationen, ſolche ge⸗ ſetzloſe Versmaße, ſolche verwirrte Beiwörter Poefie nennen! Wo finden Sie ſie je bei Pope, Tickell oder Duck? Nein, er mag ſeinem Freunde Maſon nach⸗ ahmen und Einfachheit des Ausdrucks lernen. Ein prächtiges Werk, Elfride!“ „ im Al über „U poetiſe varin, geſchla ganger „1 Dokto derer? C drig— ſo vert Er ma lernen. des V Neuer: der ſc königit ganz ſ aher i ich ſeh alle Stan! und d ſchlim: beliebt die Do ausſpi die unbe⸗ Ukommen ne Hände en Vor⸗ r bitterſte rrlichkeit. ubte ich, nVorzug es auch doch nie während , ſchlug Kritiker te ſich zu „Bitte,“ lakoniſch, njunktivn itte, was r ne wahr⸗ r Neuerer ginal ſein wie kann ſolche ge⸗ er Poeſie ſckell oder ſon nach⸗ en. Ein 197 „Die Fruchtbäume des Parnaß ſind in der That im Abnehmen,“ ſagte der Verfaſſer der Abhandlung über die ſchöne Gartenkunſt. „Und Alles, was wir thun können,“ ſagte Seine pvetiſche Herrlichkeit, das Bild fortſetzend,„beſteht varin, vas Wenige aufzuleſen, was der Wind herunter⸗ geſchlagen und was bisher der Aufmerkſamkeit ent⸗ gangen.“ „Und was denken Sie von dem vielgeprieſenen Doktor Goldſmith? Sie bewundern doch den Wan⸗ derer?“ „Einfältiges Zeug!“ verſetzte der Kritiker.„Nie⸗ drig— gemeln— leine Kunſt in den Verſen— Alles ſo verdammt natürlich; das könnte ja Jeder ſchreiben. Er mag ſich Tickell zum Mußer nehmen und Majeſtät lernen. Ich haſſe dieſe neue Schule; ein ſicheres Zeichen des Verfalls des wahren Geſchmacks ſind alle dieſe Neuerungen. Da war Gilbert Weſt vor einiger Zeit, der ſchrieb ein langes Gedicht im Versmaß der Feen⸗ königin— dem Himmel ſei Dank, wir find noch nicht ganz ſo tief in der Kritik geſunken, um es zu billigen; aber ich ſehe voraus— beachten Sie meine Worte— ich ſehe vvraus, daß, im Fortſchritt dieſer Entartung, alle Kritiker ein Gedicht in verſelben barbariſchen Stanze, und vielleicht noch viermal ſo lang, rühmen und die ganze Stadt es kaufen wird oder was noch ſchlimmer iſt, irgend ein künftiger Dichter kann dadurch beliebt werden, daß er jene alten gothiſchen Balladen, die Doktor Peney ſo ſehr bewundert, zu Erzählungen ausſpinnt, ſo lang wie ein Helvengedicht.“ 198 „Nein, nein,“ riefen zwei oder drei von der Ge⸗ ſellſchaft zugleich,„jetzt ſind Sie zu ſtrenge, Mylord!“ Seine Herrlichkeit ſchöpfte Athem und nahm eine Priſe Schnupftabak. „Vielleicht wird ein künftiger Dichter Gray und Goldſmith mehr verdanken als wir uns einbilden oder ſie ſelber bemerken werden,“ ſagte Talbot;„von dem Erſteren können ſie Reichthum, von dem Letzteren Einfachheit lernen. Und jener Geſchmack an unſeren alten Liedern der kürzlich eingeführt worden, und den, wie ich höre, Doktor Johnſon ebenſo wenig billigt, wie Lord Welwyn, kann vielleicht in einem ſpätern Jahrhundert der Literatur wohlthätiger ſein, als irgend ein lebender Schriftſteller.“ „Wie das?“ fragte Clarenee. „Indem er einer Muſe, die gegenwärtig eninervt und unnational iſt,“ antwortete Talbot,„etwas Rit⸗ terliches und Romantiſches verleiht, und die, wenn ſie nicht einen völlig nenen Impuls bekommt, bald zu der größten Schwäche entarten wird.“ „Es gibt einen Dichter im gegenwärtigen Jahr⸗ hundert,“ ſagte einer aus der Geſellſchaft,„deſſen proſaiſche Werke bezeugen, was er hätte werden können, und obgleich er ſich Lord Welwyn's Miß⸗ fallen zugezogen hat, indem er ein Gedicht in Spen⸗ eer's Stanze ſchrieb, ſo geſtehe ich voch, daß er ein großer Liebling von mir iſt, der arme Shenſtone.“ „Ach, der Verfaſſer der Leaſowes, ein reizender Ort!“ ſagte der Verfaſſer der Abhandlung über die Was ha ſchlage: „Pa die Gar war, u Parodie aus eine die Leaſt „Se haben n Shenſto Als licher A der Ge⸗ Nylord!“ ahm eine ray und den oder „von dem Letzteren nunſeren und den, billigt, n ſpätern ſein, als eninert twas Rit⸗ „wenn ſie „bald zu en Jahr⸗ „„deſſen e werden ns Miß⸗ in Spen⸗ aß er ein henſtone.“ reizender über die 199 ſchone Gartenkunſt.„Der muß in der That ein großer Mann geweſen ſein!“ „Was!“ rief der Witzling,„der Idyllendichter? Verzeihen Sie, mein Herr, ſeine Verſe ſind gleich ſeinen Bächen; ihr Murmeln ladet mich zum Schlafen ein; es liegt etwas außerordentlich Einſchläferndes in der folgenden Stanze: Ihr Schäfer nehmt mein Lied in Acht Und haltet nicht bei Schafen Wacht, Laßt ſie nur weiden in den Hainen. Ich kann nichts thun, als immer weinen. Was halten Sie von der Verbeſſerung, die ich vor⸗ ſchlage: O Leſer, ihr verliert die Zeit, Zerſtreut ſind meine Schafe weit: Ich ſehe wohl, bei meinen Thränen Könnt ihr nichts thun, als immer gähnen?“ „Pah,“ ſagte der Verfaſſer der Abhandlung über die Gartenkunſt, der ein viel zu buchſtäblicher Menſch war, um einen Scherz zu verſtehen—„pah, eine Parodie iſt keine Kritik, man könnte einen Ententeich aus einem Springbrunnen machen. Ein Mann, der die Leaſowes ſchrieb, iſt über jeder Traveſtie erhaben.“ „Sehr wahr,“ antwortete der Witzling:„Sie haben mich überzeugt, und ich kann Ihnen nur mit Shenſtons herrlichen Worten erwidern: Wie ſchmilzt mein weiches Herz Bei meines Coridons Schmerz; Die Verſ' ſind ſanſt wie ſein Hirn Süß wie die Sommerbirn.“ Als Perrivale mit ſentimentaler und weiner⸗ licher Miene, die dem Burlesken etwas Drolliges 200 verlieh, was an ſich nicht darin lag, dieſe Zeilen recitirte, trat der Bediente ein und rief zum Abendeſſen. Das war vas Zeitalter der Abendeſſen! Glückliches Zeitalter! Ein Mahl der Gemächlichkeit und Fröh⸗ lichkeit, wo Wein und Nacht die Lampe des Witzes anzündeten! O, welche köſtliche Dinge wurven bei vieſen Banketten der Seele geſagt! Das war der Epicurismus der Lippe ſo wie des Gaumens, und man hatte noch Laune zu einem Nebenwerk und zu einer Erwiderung als Zwiſchengericht. Im Mittag⸗ eſſen liegt etwas zu Pomphaftes, zu Formelles, etwas, was zu ſehr die Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, um für die Delikateſſe und Gewandtheit der leichten Spottrede Raum zu hahen. Es fehlt nicht an geiſti⸗ gem, ſo wie an phyſiſchem Appetit, doch iſt er nicht fein genug. Beim Mittageſſen iſt man nur fähig zu eſſen, und nach Beendigung deſſelben nur zur Politik; aber das Abendeſſen war eine ruhmvolle Reliquie der Alten. Das Geräuſch des Tages hatte ven Geiſt völlig aufgezogen und jeber Schlag auf die Uhrſcheibe des Witzes war dem Genius der Stunde treu. Die Botentaſche der täglichen Anekdoten war voll und wollte entladen ſein. Das große Mahl— jene gemeine erſte Liebe des Appetits war vorüber und man ſchmeichelte ihr nur, damit ſie mit einem Andern kokettiren möge. Der freie und unbeſchäftigte Geiſt hatte es nicht mehr mit Salmen und Ochſen⸗ braten zu thun. Der Feinſchmecker übertrug die Genauigkeit ſeiner phyſiſchen Wahrnehmung auf ſeine morali guten Da ſerve v wahren ruhmvr heiter ſ zeit. 1 lichkeit und ir Grenze mit det von de warmer zu füre vorſicht aufgere konnte. der Sc keine 2 falſcher ſelten unwide oder u Kopfki liche B herzige nicht d gedämz Ab eſe Zeilen rief zum Glückliches und Fröh⸗ e Witzes urden bei war der ens, n rk und zu Mittag⸗ es, etwas, ch nimmt, er leichten an geiſti⸗ iſt er nicht nur fähig r zur ruhmvolle ages hatte chlag auf der Stunbe doten war e Mahl— r vorüber mit einem beſchäftigte Ochſen⸗ ertrug die gauf ſeine 201 moraliſche und zollte einem guien Witze anſtatt der guten Küche ſeinen Beifall. Damals hatte man auch nicht nöthig, eine Re⸗ ſerve von Gedanken für den ſpätern Abend aufzube⸗ wahren; das Abendeſſen war die Vollendung, das ruhmvolle Leichenbegängniß des Tages. Man konnte heiter ſein, bis zum Schlafengehen, ohne eine Zwiſchen⸗ zeit. Und wenn Jemand— ich will nur die Mög⸗ lichkeit eines ſolchen Ereigniſſes andeuten— im Eifer und in der Glut der geſelligen Freude die engen Grenzen der Nüchternheit überſchritt und das Herz mit dem Rubinſchlüſſel öffnete, ſo hatte man nichts von den kalten, oder was noch ſchlimmer iſt, von den warmen Blicken der Damen im Geſellſchaftszimmer zu fürchten, es war nicht zu beſorgen, daß ein un⸗ vorſichtiges Wort in der verliebten Zärtlichkeit des aufgeregten Bluts zur Ehe und zum Verlöbniß führen konnte. Es gab kein zahmes, abgedroſchenes Medium der Schicklichkeit und ves unterdrückten Vertrauens, keine Brücke von der Tafel zum Bette, über die ein falſcher Schritt— und das Weinglas verhindert nicht ſelten die gerade Richtung des Gehenden— in einen unwiverruflichen Abgrund gefährlicher Mittheilung oder unheilſamer Wahrheit ſtürzen konnte. Das Kopfkiſſen wurde ſogleich der geſetzmäßige und natür⸗ liche Brunnen für das erhitzte Gehirn und die hoch⸗ herzige Raſchheit des munteren Tiſchgenoſſen wurde nicht durch unzeitige Vorſicht oder unedle Berechnung gedämpft. Aber wir haben das Alles jetzt verändert— die 202 Nüchternheit iſt die Nachfolgerin der Abendeſſen ge⸗ worden; der große Ocean der überhandnehmenden Moral hat uns nicht ein einziges kleines Eiland ge⸗ laſſen, wo wir Zuflacht finden können. Wir un⸗ glücklichen Liebhaber der Abendeſſen, gleich den ein⸗ geborenen Indianern in Amerika, ein zerſtreutes und täglich mehr und mehr verſchwindendes Geſchlecht, wandern wir unter fremden Sitten und müſſen ſehen, wie das zudringliche Mittageſſen nach und nach den Zeitraum einnimmt, wo einſt die Majeſtät des Abend⸗ eſſens allein und unbeſtritten herrſchte! O Himmel ſei uns gnädig, Und fühle, Erd', für Dein betrübt Geſchlecht! Wordsworth. Als Clarenee ſich an vie Tafel ſetzte, wurde ſeine Aufmerkſamkeit vurch einen etwas verdächtigen und unangenehmen Vorfall gefeſſelt. Das Speiſezimmer war zu ebener Erde, und wegen des heißen Wetters hatte man eines von den Fenſtern offen gelaſſen, wel⸗ ches auf den kleinen Garten hinausging. Durch dieſes Fenſter ſah Clarence deutlich das Geſicht eines Mannes mit forſchendem und neugierigem Blicke her⸗ einſchauen und dann ſogleich verſchwinden. Da Nie⸗ mand ihn zu bemerken ſchien, und die allgemeine Aufmerkſamkeit mit der etwas geräuſchvollen Unter⸗ haltung beſchäftigt war, ſo hielt Clarenee es nicht der Mühe werth, den Umſtand zu erwähnen, denn es konnte ein unverſchämter Bedienter aus der Nach⸗ barſchaft oder auch ein Betrunkener ſein, der vorüber⸗ gegangen war: doch eine Furcht unangenehmerer Art bemächti bare Sil ſtellt ha Diener die einzi machten. Abends ſprechen, Dinge ir aufzuhän „Sch „nun, ic Clar⸗ noch eine Sobe hatte, g Formalit ſtrich de ſſen ge⸗ hmenden land ge⸗ Wir un⸗ den ein⸗ rſtreutes eſchlecht, en ſehen, nach den z Abend⸗ t rt⸗ rde ſeine gen und ſezimmer Wetters ſen, wel⸗ ch dieſes ht eines licke her⸗ Da Nie⸗ Ugemeine n Unter⸗ es nicht en, denn er Nach⸗ vorüber⸗ nerer Art 203 bemächtigte ſich ſeiner, als ſein Auge auf vas koſt⸗ bare Silberzeug fiel, welches Talbot zur Schan ge⸗ ſtellt hatte, und er dann den einzigen bejahrten Diener anſah und bedachte, daß er und ſein Herr die einzigen männlichen Bewohner des Hauſes aus⸗ machten. Auch konnte er nicht umhin, im Verlaufe des Abends gegen Talbot ſeine Verwunderung auszu⸗ ſprechen, daß er ſich nicht fürchte, ſo viele werthvolle Dinge in einem einſamen und ſchlechtbewachten Hauſe aufzuhäufen. „Schlecht bewacht?“ ſagte Talbot etwas heleidigt; „nun, ich und mein Bedienter ſchlafen immer hier.“ Clarence hielt es für unbeſonnen und unſchicklich, noch eine weitere Bemerkung zu machen. Sobald ſich die Geſellſchaft an die Tafel geſetzt hatte, ging eine wunderbare Veränderung vor. Die Formalitäten der Kritik und der geſchäftsmäßige An⸗ ſtrich der Literatur verſchwanden. Anekdoten von Menſchen folgten den Beurtheilungen der Bücher; Lord Welwyn vergaß Pope und Poeſie, kehrte zu ſeinem eigentlichen Charakter zurück und wurde die beſte Zielſcheibe in der Welt. Herr Desborough, der Verfaſſer der Abhandlung über die ſchöne Garten⸗ kunſt, ein großer, hagerer, außerordentlich häßlicher Mann, vertauſchte ſeinen Charakter und ſprach von ſeinen Eroberungen unter dem weiblichen Geſchlecht. Lord St. George, ein ſchlanker, wohlgekleideter, vor⸗ nehm ausſehender Mann, der bisher ein ehrerbietiges Schweigen behauptet hatte, fühlte ſich endlich in ſeinem Element und würzte das erſte Glas Burgunder 204 mit einem Wortſpiel. Talbot ließ ſeine Philoſophie in Scherz übergehen und ſeine gute Erziehung die Mutter der Fröhlichkeit werden, während der Witzling, veſſen Augen bald mit dem Schimmer des Aeres wett⸗ eiferten, Alle in Heiterkeit erhielt, indem er über Jeden einen leichten Scherz vorzubringen wußte. Siebenzehntes Kapitel. Oftmals berief er auch Verſammlungen; Und mit geſundem Sinne und Erfahrung Vereint' er ſtürmiſche Beredſamkeit, Den ernſten, ſtrengen Blick des weiſen Mannes, Vollkommne Herrſchaft über Herz und Augen— Ehrfurcht gebot ſein Blick, Furcht die Geſtalt. Crabbe. Clarence, der ſich Wolfe's Einladung erinnerte, fragte am nächſten Abend Warner, der die Verach⸗ tung des Republikaners für den Beruf des Malers mit einem ähnlichen Gefühl für den des Andern ver⸗ galt, wo die Verſammlung gehalten werde, und be⸗ gab ſich allein dorthin. Es war der berühmteſte Cluh der Art in jenen Tagen, und es war wohl der Mühe werth, ihn zu beſuchen, um vie Neugierde zu befrie⸗ digen, wenn auch nicht, um Vortheil für den Geiſt zu erlangen. Als er eintrat, befand er ſich in einem langen, wohlerleuchteten und angefüllten Zimmer. Die ſchläfri⸗ gen Geſichter der Zuhörer, die leiſe Unterredung, die während der Pauſen geführt wurde, die nachläſſige Stellung Einiger, das häufige Gähnen Anderer, die Lebhafti ſich öffn ſtand det ſenheit, Rednere ſchütteln waren Z redter F That ei ſich vom Mitte ſie verhallte des Redr unbebeut nur eine erregen auf ſich ners ſchi förmigke ausſehen und ſein⸗ Endl hielt plö ſammlun Philoſophie ziehung die erWitzling, Leres wett⸗ m er über wußte. gen; hrung iſen Mannes, nd Augen— ie Geſtalt. Crabbe. erinnerte, die Verach⸗ des Malers Andern ver⸗ e, n be⸗ mteſte Cluh l der Mühe e zu befrie⸗ r den Geiſt em angen, Die ſchläfri⸗ redung, die nachläſſige nderer, die 205 Lebhaftigkeit, womit ſich die Aufmerkſamkeit auf die ſich öffnende Thür richtete, wenn ein neuer Gegen⸗ ſtand des Intereſſes eintrat, die verzweiſelte Entſchloſ⸗ ſenheit, womit Einige von den Kräftigeren den Redner anblickten, und ſich dann mit ſchwachem Kopf⸗ ſchütteln hoffnungslos wieder abwendeten— dies Alles waren Zeichen, welche andeuteten, daß kein ſehr be⸗ redter Redner auf der Bühne ſei. Es war in der That eine außerordentlich einförmige Stimme, die ſich vom oberen Ende des Zimmers erhob, bis zur Mitte ſich fortſchleppte und mit einem ſeufzenden Ton verhallte, ehe ſie das Ende erreichte. Das Geſicht des Redners paßte zu ſeiner Stimme; es war klein, unbedeutend und von abgerundeter Einfalt, ohne auch nur einen Fehler zu haben, der die Aufmerkſamkeit erregen vder ſelbſt die Aufregung der Mißbilligung auf ſich ziehen konnte. Selbſt die Kleider des Red⸗ ners ſchienen ſchwer und unbeholfen und hatten gleich der Schwermuth, wie ſie Milton ſchildert, ein bleier⸗ nes Anſehen. Von Zeit zu Zeit veranlaßten einige Worte, nachvrücklicher als die andern, welche die Ein⸗ förmigkeit unterbrachen, drei ſehr ruhige, unglücklich ausſehende Perſonen, die dem Redner zunächſt ſaßen und ſeine beſondern Freunde waren,„hört!“ zu rufen. Endlich hatte der Mann ſeine Rede beendet und hielt plötzlich inne; es ſchien, als ſei der ganzen Ver⸗ ſammlung plötzlich eine ſchwere Laſt vom Herzen ge⸗ fallen, es entſtand eine allgemeine Bewegung der erwachenden Kraft, Jeder ſtreckte ſeine Glieder und ſetzte ſich auf ſeinem Platze zurecht. — 206 Es trat eine Pauſe ein— der Vorſitzende ſah ſich um— die Augen der Verſammlung folgten denen ihres Präfidenten mit allgemeiner und merklicher Un⸗ geduld zu einem dunkeln Winkel des Zimmers; die Pauſe wurde endlich unterbrochen und eine Stimme rief:„Wolfe!“ und bei dieſem Signal wiederhallte das Zimmer von ſeinem Namen. Der Platz, den Clarenee eingenovmmen, erlaubte ihm nicht, die ge⸗ rufene Perſon zu ſehen, bis er aufſtand, zwiſchen zwei Reihen von Bänken durchging und ſich in den mittleren Raum des Zimmers flellte. Jetzt entſtand ein allgemeines Gebrüll des Beifalls: Füße ſtampf⸗ ten, Hände klatſchten, es wurde mit Regenſchirmen auf den Boden geſtoßen, und bei dem allgemeinen Aufruhr Spazierſtöcke verbogen. Groß, aufgerichtet und ausdrucksvoll, beſaß der Redner ſchon in den Verhältniſſen ſeiner Geſtalt jene phyſiſche Kraft, die nie verfehlt, in einer Volksverſammlung Aufmerk⸗ ſamkeit bei der Mittelmäßigkeit zu erlangen und ſelbſt Fehler mit Würde zu bekleiden. Er ſah ſich ſehr langſam im Zimmer um, blieb ganz ſtill und bewegungs⸗ los ſtehen, bis das Geräuſch des Beifalls ſich gänzlich gelegt hatte und jedes Ohr, Clarenee's nicht weniger lebhaft als die der übrigen, angeſtrengt und begierig war, die erſten Silben ſeiner Stimme zu erhaſchen. Jetzt begann er mit leiſer, ſehr tiefer und etwas rauher Stimme, und erſt als er mehre Minuten geſprochen hatte, veränderte ſich der eiſerne Ausdruck des Geſichts, die niederfinkende Hand wurde erhoben und die unterdrückte und doch kräftige Stimme be⸗ gann f eben a überges Conſtit griff, ariſtokr war es Jahrele Wuth Auge f war fe Tiefe z mit etn hörer durch k eint, r die Ho zu kön: chenen! ſätze m die Zuh geiſteru hielten welches und die gefaltet Wange Lin Redner herechne ſitzende ſah gten denen rklicher Un⸗ nmers; die ine Stimme wiederhallte Platz, den , edie e d, zwiſchen ſich in den etzt entſtand üße ſtampf⸗ genſchirmen allgemeinen aufgerichtet hon in den Kraft, die g Aufmerk⸗ en und ſelbſt ah ſich ſehr bewegungs⸗ ſich gänzlich icht weniger ind begierig u erhaſchen. r und etwas re Minuten ne Ausdruck rde erhoben Stimme be⸗ gann ſich zu verſtärken und zu verändern. Er war eben auf eine neue Abtheilung ſeines Gegenſtandes übergegangen. Die Frage ſtand mit der engliſchen Conſtitution in Verbindung, und Wolſe war im Be⸗ griff, in langer und ſchwarzer Reihe die übel einer ariſtokratiſchen Form der Regierung darzuſtellen. Da war es, als ob ſich die Galle und Bitterkeit, die ſich Jahrelang geſammelt, in ſchrecklicher und ſtürmiſcher Wuth ergöſſe— ſeine Aetion wurde heftig und ſein Auge ſlammte von auffallendem Feuer; ſeine Stimme war feierlich, nahm bei jedem Tone an Höhe und Tiefe zu, und füllte die erbebenden Wände gleichſam mit etwas Fühlbarem und Wahrnehmbaren. Die Zu⸗ hörer— eine verſchiedene und unverbundene Gruppe, durch kein Band des Glaubens oder der Partei ver⸗ eint, wovon viele nur durch Neugterde, viele durch die Hoffnung, ſich über die Vorträge luſtig machen zu können, angezogen, wovon einige die ausgeſpro⸗ chenen Lehrſätze verabſcheuten und faſt alle ihre Grund⸗ ſätze mißbilligten oder ihre Weisheit bezweifelten— die Zuhörer, gewiß keine Gruppe, die ſchon auf Be⸗ geiſterung vorbereitet war, wurden hingeriſſen und ſie hielten den Athem an; ein Kind von ſechs Jahren, welches nichts von der Rede begriff, als die Geberden und die Stimme des Redners, ſaß mit feſt zuſammen⸗ gefalteten Händen, geöffneten Lippen und bleicher Wange bebend vor Furcht da. Linden hatte noch nie zuvor einen öffentlichen Redner gehört; doch er war von gedankenvollem und berechnendem Geiſte, und ſeine frühen Gewohnheiten 208 der Entſchiedenheit und die frühe Ausbildung ſeines Verſtandes machten ihn im Allgemeinen weniger em⸗ pfänglich für die Eindrücke des großen Haufens; den⸗ noch wurde er wider ſeinen Willen von dem Strome fortgeriſſen und fand, daß die Gewalt und Raſchheit des Redners ihm nicht einmal Zeit ließen zur Miß⸗ billigung veſſen, was ſeinen republikaniſchen Grund⸗ ſätzen und wüthenden Anklagen beſtändig in einem durch Vorurtheil und Erzichung ariſtokratiſchen Geiſte erregten. Endlich, nach einer ſtürmiſchen und mit Schmähungen angefüllten Rede ſchwieg der Redner. Während des lebhaften Beifalls, welcher folgte, verließ Clarence die Verſammlung; er konnte den Ge⸗ danken nicht ertragen, daß ein ſchwächerer und ge⸗ wöhnlicherer Redner den Zauher verwiſchen ſollte, der noch ſeinen Geiſt gebunden hielt und erfüllte. Achtzehntes Kapitel. Am Fnß der Treppe war eine kleine Thür, die vor Nigels Anſtrengung wich, als er ſich, eine geſpannte Piſtole in der Hand, auf den Schauplatz ſtürzte. Nigels Schickſale. Obgleich nicht ganz dunkel, wurde doch die Nacht abwechſelnd durch Wind und Regen verfinſtert, und Lindens Rückkehr nach Hauſe dadurch verzögert, daß er zuweilen vor den ſchweren Regenſchauern Obdach ſuchte. Während der Regen eine Zeitlang aufgehört hatte, erreichte er ſeine Wohnung, und als er in ſeinen Taſchen nach dem Schlüſſel ſuchte, der ihn DO einlaſſen der Näh der ſchw gen nur blieb er beobacht eher in' Stellung ter ging gänzlich „Es bot,“ da aufſtieg; und nur iſt wie e ich ihm ich keine aus nicht Fenſter kommen Fenſter, Er h ihm kein darauf, Zunderbi ihn aber den Neb⸗ der ſchwe untern R genau, z Bulwe ung ſeines niger em⸗ ens; den⸗ m Strome Raſchheit zur Miß⸗ en Grund⸗ in einem chen Geiſte und mit er Redner. her folgte, te den Ge⸗ er n ge⸗ ſollte, der ilte. kleine Tbür, „als er ſich, und, auf den chickſale. h die Nacht nſtert, und zögert, daß ern Obdach g aufgehört als er in , der ihn einlaſſen ſollte, bemerkte er zwei Männer, die ſich in der Nähe des benachbarten Hauſes aufhielten. Bei der ſchwachen Beleuchtung konnte er lihre Bewegun⸗ gen nur unvollkommen ſehen. Etwas beunruhigt blieb er mehre Augenblicke vor der Thür ſtehen und beobachtete ſie ſo gut er konnte, auch trat er nicht eher in's Haus, als bis die Leute ihre verdächtige Stellung verlaſſen hatten, und dadurch, daß ſie wei⸗ ter gingen, ihm bei der Entfernung und Dunkelheit gänzlich aus dem Geſicht kamen. „Es iſt in der That eine gefährliche Lage für Tal⸗ bot,“ dachte Clarenee, als er zu ſeinem Zimmer hin⸗ aufſtieg;„er hat ſo viele koſtbaren Sachen im Hauſe und nur einen Diener, der noch dazu eben ſo alt iſt wie er ſelber. Aber wie kalt er mich anſah, als ich ihm Vorſtellungen zu machen wagte. Doch da ich keineswegs ſchläfrig bin, und mein Zimmer durch⸗ aus nicht kühl iſt, ſo kann ich auch eben ſo gut mein Fenſter öffnen und zuſehen, ob dieſe Kerle wieder kommen werden. Hierauf öffnete Clarenee ſein kleines Fenſter, lehnte ſich hinaus und horchte. Er hatte kein Licht im Zimmer, denn es wurde ihm keins gegeben, und er verſtand ſich eben ſo wenig darauf, wie der Schreiber dieſes, mit Stein und Zunderbüchſe Feuer zu machen. Dieſer Umſtand ſetzte ihn aber beſſer in den Stand, die Dunkelheit und den Nebel der Nacht zu durchdringen und mit Hülfe der ſchwankenden Laternen war er im Stande, den untern Raun im Allgemeinen, wenn auch nicht ſehr genau, zu überſehen. Bulwer, der Verſtoßene.. ¹⁴ 240 Wir haben ſchon oben geſagt, daß ſich zwiſchen dem Hauſe des Herrn Talbot und dem der Familie Copperas ein kleiner Garten befand; dieſer war von einer Mauer begrenzt, welcher Talbots Garten von dem andern trennte, und dieſe Mauer, die ein Vier⸗ eck beſchrieb, lief auch an der Straße hin. Sie ent⸗ hielt zwei Eingänge— der Haupteingang in Geſtalt eines zierlichen eiſernen Thors, der andere in Geſtalt einer hölzernen Thür, welche zu dem unmittelbar vor ihm befindlichen Garten führte und Lindens Fenfter gerade gegenüber waren. Clarence war ſchon länger als zehn Minuten auf ſeinem Poſten geweſen und begann bereits zu denken, daß ſein Verdacht ohne Grund und ſeine Beobachtung vergebens ſei, als er dieſelben Geſtalten ſich wieder langſam aus der Ferne nähern und vor dem Thore ſtillſtehen ſah, welches zu Talbots Wohnung führte. Angſtlich und beunruhigt, verdoppelte er ſeine Aufmerkſamkeit und ſtreckte ſich ſo weit er konnte aus dem Fenſter. Die vom Winde bewegten Laternen ge⸗ währten ſeinen angeſtrengten Augen nur einen un⸗ vollkommenen und ungenügenden überblick. Ein hef⸗ tigerer Windſtoß, der die niederfallenden Regenmaſſen, forttrieb, ließ Clarenee in völliger Dunkelheit; dann trat eine augenblickliche Ruhe ein, die ihn in den Stand ſetzte, zu ſehen, wie einer von den Männern ſich am Thor niederbeugte und der andere in geringer Entfernung auf der Wache ſtand. Ein zweiter Wind⸗ ſtoß erſchütterte die Laterne und verdunkelte wieder ſeine Ausſicht; dann aber ſah er, daß die Männer vas Tl Fenſter an der erwähn und de Jetzt v es ſchie ober ge und da war ni doch de der Ton ihn wet ehe Cla vie Tht ten, ſo wiſchen Familie war vn arten von ein Vier⸗ Sie ent⸗ in Geſtalt in Geſtalt ttelbar vor ns Fenſter inuten auf zu venken, eobachtung ſich wieder dem Thore ing führte. e er ſeine konnte aus aternen ge⸗ einen un⸗ Ein hef⸗ egenmaſſen heit; dann ihn in den n Männern in geringer eiter Wind⸗ elt wieder ie Männer 211 vas Thor verlaſſen hatten und im Garten unter ſeinen Fenſtern waren. Sie ſchlichen vorſichtig aber raſch an der entgegengeſetzten Mauer fort, bis ſie zu der erwähnten kleinen Thür kamen; hier ſtanden ſie ſtil), und der eine ſchien beſchäftigt, die Thür zu öffnen. Jetzt verwanvelte ſich die Furcht in Gewißheit, und es ſchien unzweifelhaft, daß die Männer es ſchwierig oder gefährlich gefunden, den Haupteingang zu öffnen und daher ihren Angriffspunkt verändert hatten. Es war nicht mehr Zeit zu verlieren; Clarenee rief laut, doch der ſtarke Wind verhinderte wahrſcheinlich, daß der Ton die Ohren der Diebe erreichte, oder er machte ihn wenigſtens undeutlich. Im nächſten Augenblick, ehe Clarenee ſeinen Ruf erneuern konnte, hatten ſie die Thür geöffnet und waren im benachbarten Gar⸗ ten, ſo daß er ſie nicht mehr ſehen konnte. Sehr junge Männer beſitzen ſelten viel Geiſtes⸗ gegenwart, wenn ihre Erfahrung nicht ihrer Jugend vorausgegangen iſt— dieſe Eigenſchaft erlangen wir erſt in jenen Jahren, wo uns nichts ſeltſam oder un⸗ erwartet erſcheint. Aber auch ein viel älterer Mann als Clarenee hätte vielleicht nicht gewußt, was er in der Lage thun ſollte, worin unſer Held ſich befand. Die Beſuche des Nachtwächters in jener abgelegenen und wenig bewohnten Gegend richteten ſich weniger nach ſeiner Pflicht als nach ſeinem Gutbünken, und Cla⸗ renee wußte, daß es vergebens ſein werde, auf ſeinen Ruf zu horchen oder auf ſeinen Beiſtand zu warten. Er ſelber war ganz unbewaffnet, aber Herr Copperas 212 hatte zwei große Piſtolen, und als er ſich deſſen er⸗ innerte, war die Pauſe des Bedenkens zu Ende. Mit raſchem Schritte ſtieg er die Treppe hinunter, blieb vor der Kammer des getreuen Paares ſtehen und klopfte laut an die Thüre. Bei der zweiten Wiederholung dieſes Geräuſches wurde mit ſehr ängſt⸗ licher Stimme gefragt:„Wer iſt da?“ „Ich, Clarence Linden,“ verſetzte unſer „öffnen Sie mir ſogleich die Thür.“ Dieſe Antwort ſchien den tapferen Attienwucheret wieder zu beruhigen. Er öffnete langſam den Riegel und drehte den Schlüſſel um. „Um des Himmelswillen, was wollen Sie, Herr Linden?“ rief er. „Ja, was wollen Sie, Herr?“ rief eine heftige Stimme aus dem Inneren des Gemaches,„daß Sie uns um Mitternacht im Schooße unſerer Familie ſtören?“ Raſch erzählte Clarenee, was er geſehen, und hat den Mann, ihn zu Talbots Hauſe zu begleiten oder ihm wenigſtens ſeine Piſtolen zu borgen. „Das ſoll er nicht,“ rief Mrs. Copperas.„Komm, Copperas, und ſchließe ſogleich die Thür.“ „Warte nur einen Augenblick, meine Liebe,“ ſagte Copperas. „Um Gotteswillen,“ rief Clarence,„zandern Sie nicht, jetzt kann der arme Mann ja ſchon ermor⸗ det ſein.“ „Das iſt nicht meine Sache,“ erwiderte der Mann⸗ „und Sie irren ſehr, wenn Sie glauben, ich werde „ deſſen er⸗ Ende. hinunter, es ſtehen r zweiten ehr ängſt⸗ e Held; nwucherer en Riegel Sie, Herr ne heftige „daß Sie r Familie „ und bat leiten oder „Komm, 4 be, ſagte mdern Sie on ermor⸗ der Mann⸗ ich werde — 213 mein warmes Bett verlaſſen, um mir die Kehle ab⸗ ſchneiden zu laſſen.“ „Dann geben Sie mir Ihre Piſtolen,“ rief Cla⸗ rence,„ich will allein gehen.“ Ich werde keine ſolche Thorheit begehen,“ ſagte Copperas;„wenn Sie ermordet werden, ſo habe ich es bei Ihren Freunden zu verantworten und werde Ihr Begräbniß bezahlen müſſen. überdies ſind Sie uns noch für Ihr Logis ſchuldig— gehen Sie in Ihr Bett, junger Mann, wie ich in das meine gehen werde.“ Bei dieſen Worten verſuchte Copperas die Thür wieder zu ſchließen. Aufgebracht über die Gefühlloſtgkeit des Mannes und aufgeregt durch die dringende Nothwendigkeit der Eile, geſtattete ihm Clarenee keinen friedlichen Rück⸗ zug. Mit ſtarkem und wüthendem Griffe faßte er den erſtaunten Copperas an die Kehle, ſchüttelte ihn heftig und drängte ſich in die geheiligten Räume des ehelichen Gemaches. „Bei dem Gott, der mich erſchaffen hat!“ rief Linden in wüthendem und ſtrengem Tone, denn ſein Blut war in Wallung,„ich erdroſſele Sie und er⸗ ſpare dem Mörder ſeine Mühe, wenn Sie mir nicht augenblicklich Ihre Piſtolen geben.“ Der Mann war von Schrecken ergriffen.„Neh⸗ men Sie ſie,“ rief er heftig zitternd,„fie liegen dort auf dem Kamin.“ „Sind ſie geladen?“ ſagte Linden, ohne ihn los⸗ zulaſſen. „Ja, ja!“ ſagte Copperas,„laſſen Sie nur 2¹14 meine Kehle los, oder Sie werden mich erwürgen.“ Und in dem Augenblick fühlte ſich Clarence von den Händen der Mrs. Copperas ergriffen. „Sagen Sie Ihrer Frau, daß ſie mich losläßt, oder ich erwürge Sie in der That!“ rief er und faßte ihn noch feſter an;„und ſagen ihr, daß ſie mir die Piſtolen gibt.“ Im nächſten Augenblick reichte Mrs. Copperas Clarenee die beſtrittenen Waffen. Er ergriff ſie, warf in der Haſt den armen Copperas an den Bettpfoſten, eilte die Treppe hinunter, öffaete die Hinterthüre, die in den Garten führte, eilte über den dazwiſchen liegenden Raum, kam vor der Thür an, trat in Tal⸗ bots Garten und ſtand ſtill, um zu überlegen, was er zunächſt thun ſolle. Ein ebenſo tapferer aber vorſichtigerer Mann, als Clarenee, würde das Haus nicht verlaſſen haben, ohne de Warrens zu wecken, ſelbſt da es ihm bei ſeinem Herrn fehlgeſchlagen; aber Linden dachte nur an die Nothwendigkeit der Eile, und er würde ein ſehr unwürdiger Romanenheld geweſen ſein, hätte er mit zwei Piſtolen in den Händen und bei der Ab⸗ ſicht einer guten und edlen That vor zwei Gegnern Furcht empfunden. Nach einem kurzen aber entſcheidenden Halt ging er raſch um das Haus, um ſich zu überzeugen, wo die Schurken hineingekommen. Als er zu den Fen⸗ ſtern des Speiſezimmers kam, welches ſich, wie ſchon erwähnt, zu ehener Erde befand, bemerkte er, daß die Fenſterladen geöffnet waren, und ſah durch die Offnun welches griff w hell; er verbarg durch e ging. 2 die zu d Thür w erblickte Laterne Werkzet türlich Mann würgen.“ von den losläßt, f er und „daß fie Copperas ſie, warf ttpfoſten, nterthüre, azwiſchen t in Tal⸗ gen, was eMan, en haben, s ihm bei acht n würde ein hätte er i der Ab⸗ Gegnern Halt ging gen, w den Fen⸗ wie ſchon te er, daß durch die 215⁵ Offnung ben Schimmer eines ſich bewegenden Lichts, welches plötzlich verfinſtert wurde. Als er im Be⸗ griff war einzutreten, ſchimmerte das Licht wieder hell; er zog ſich noch gerade zur rechter Zeit zurück, verbarg ſich hinter den Fenſterladen und beobachtete durch eine von den Spalten, was im Innern vor⸗ ging. Dem Fenſter gegenüber befand ſich eine Thür, die zu dem Vorſaal und der Haupttreppe führte; dieſe Thür war offen und im Vorſaal am Fuß der Treppe erblickte Clarence zwei Männer, die eine verdunkelte Laterne, aus welcher das Licht hervorging, und einige Werkzeuge trugen, mit deren Gebrauch Clarence na⸗ türlich unbekannt war. Dieſer war ein muskulöſer Mann von mittlerer Größe, und trug die grobe Klei⸗ dung eines gewöhnlichen Arbeiters; der andere war viel größer und jünger und ſeine Kleidung von we⸗ niger ſchlechter Beſchaffenheit. „St! St!“ ſagte der Größere mit leiſer Stimme, „hörteſt Du nicht ein Geräuſch, Ben?“ „Nicht eine Nadel hörte ich fallen; aber ſchweig, Mann.“ Dies war Alles, was Clarenee in zuſammenhän⸗ gender Form hören konnte; aber als die Elenden zweifelhaft ſtillſtanden, hörte er einige einzelne Worte, die er ſogleich zu Sätzen verband.„Nein, nein! ſchläft zur Linken— der alte Mann oben— Kaſten mit dem Silberzeng— wir müſſen den Plunder auch haben. Komm die Treppe hinauf und verdunkle Dein Licht.“ Bei den letzten Worten wurde das Licht ver⸗ vunkelt und Lindens aufmerkſames Ohr vernahm ihre 216 erſten Schrizte auf der Treppe— ſie verſtummten und Alles war ſtill. Es fiel Clarenee mehrmals ein, aus ſeinem Ver⸗ ſteck hervorzubrechen und auf die Schurken zu feuern, und vielleicht wäre dies auch das Klügſte geweſen, was er hätte thun können; aber Clarenee hatte in ſeinem Leben noch keine Piſtole abgeſchoſſen und er fühlte daher, daß eine günſtige Stellung und eine kurze Entfernung nothwendige Erforderniſſe ſeien. Beives fehlte jetzt; und obgleich er keine Waffen bei den Schurken bemerkte, ſo dachte er doch, ſie würden ſich nicht ohne Feuerwaffen an ein ſo gefährliches Unternehmen gewagt haben; und wenn ſeine beiden Schüſſe fehlten, was ſehr wahrſcheinlich war, ſo würde frellich wohl Hülfe herbeikommen, aber auch ſein Schick⸗ ſal unvermeidlich ſein. Wenn dies ein falſcher Schluß war, da Diebe, die in Häuſer brechen, ſelten oder nie geladene Waf⸗ fen bei ſich führen, und nie warten, um ſich zu rä⸗ chen, wenn ihre Sicherheit die Flucht erfordert, ſo wird man Clarence gewiß verzeihen, daß er die Sitten der Diebe nicht kannte und eine durchaus neue und gefährliche Lage nicht ſo gut als möglich benutzte. Sobald er ſich in völliger Finſterniß ſah, machte er ſich wegen ſeiner Zögerung die bitterſten Vor⸗ würfe und entſchloß ſich, nicht wieder eine Gelegen⸗ heit zu verſäumen, die ſich ihm darbieten würde, ſtieg vurchs Fenſter hinein, tappte durch das Zimmer zum Vorſaal und fand ſeinen Weg ſehr langſam und nach vielen Umwegen zu der Treppe. Er Ruf vi fernun in kurz drohent brach t der Ho Thür: heiliget Töne jetzt be und nu erkenne Richtu befand men ſe als er Worte „P bewahr „V Hauſe Claren Silber — nel Lebens „F Stimm als die „ ſtummten tem Ver⸗ u feuern, geweſen, hatte in n und er und eine ſe ſeien. affen bei würden fährliches ne beiden ſo würde in Schick⸗ Diebe, ene Waf⸗ ich zu rä⸗ rdert, ſo ß er die aus nene benutzte. machte ſten Vor⸗ Gelegen⸗ rde, ſtieg Zimmer gſam und 217 Er war gerabe oben angekommen, als ein lauter Ruf die Stille unterbrach; er kam aus einiger Ent⸗ fernung und wurde augenblicklich unterdrückt; aber in kurzen Zwiſchenräumen vernahm er zornige und drohende Stimmen. Kein einziger Lichtſtrahl unter⸗ brach die Finſterniß. Clarenee beugte ſich nieder, in der Hoffaung einen Schimmer durch die Spalten der Thür zu bemerken, wo die Räuber bei ihrem un⸗ heiligen Werke beſchäftigt waren. Doch obgleich die Töne von demſelben Stockwerk herkamen, wo er ſich jetzt befand, ſo ſchienen ſie doch entfernt zu ſein, und nur der Sinn des Gehörs unterſtützte ihn, um zu erkennen, woher ſie kamen. Er tappte indeß in der Richtung fort, woher ſie zu kommen ſchienen, und befand ſich bald in einer engen Galerie. Die Stim⸗ men ſchienen lauter zu werden und näher zu kommen, als er weiterging, und endlich hörte er deutlich die Worte: „Wollen Sie nicht bekennen, wo Sie es auf⸗ bewahrt haben?“ „Wirklich, dies iſt alles Geld, welches ich im Hauſe habe,“ erwiderte eine lebhafte Stimme, welche Clarenee ſogleich für die Talbots erkannte—„das Silberzeng iſt oben— mein Diener hat den Schlüſſel — nehmt Alles— aber ſchont ſeines und meines Lebens.“ „Keine Ausreden,“ ſagte eine andere und rauhere Stimme;„wir wiſſen, daß Sie mehr Geld haben, als dieſe lumpige Summe von fünfzig Pfund.“ „Halt!“ rief der andere Schurke,„hier iſt ein 216 in Diamanten gefaßtes Porträt, das iſt recht, Ben. Laß den alten Mann los.“ Clarenee war jetzt ganz nahe, und wahrſcheinlich wegen einer plötzlichen Veränderung der Stellung der Blenblaterne im Innern kam plötzlich ein Lichtſchein unter der Thür durch und ſtrömte den Gang dahin. „Nein, nein, nein!“ rief der alte Mann mit lauter und bebender Stimme—„nein, nicht das, alles Andere — das will ich mit meinem Leben vertheidigen.“ „Ben, mein Junge,“ ſagte der Schurke,„ſchneide dem alten Narren die Kehle ab, wir haben nicht mehr Zeit zu verlieren.“ In dieſem Augenblick wurde die Thür heftig auf⸗ geriſſen und Clarenee Linden ſtand kaum drei Schritte von den Böſewichtern und ihrem Opfer entfernt. Der größere Schurke hatte ein Miniaturbild in der Hand, und der alte Mann umfaßte ohnmächtig ſeine Beine; der andere Kerl hatte ſchon Talbots Hals gefaßt und hielt in der rechten Hand ein langes Meſſer. Mit feuerſprühendem Auge und vor innerer und entſchloſ⸗ ſener Aufregung todtenbleicher Wange trat Clarence den Räubern gegenüber. „Dem Himmel ſei Dank,“ ſagte er ſehr lang⸗ ſam,„daß ich nicht zu ſpät komme!“ Noch einen Schritt trat er auf den kleineren Schurken zu, der bei der plötzlichen Erſcheinung verſtummend, immer noch den alten Mann an der Kehle hielt, feuerte feſt und nahe ſeine Piſtole ab; die Kugel durchdrang das Gehirn das Elenden, und ohne Schrei oder Seufßzer fiel er zu den Züßen ſeines gerechten Tödters nieder. Der and blick beſ ver Thü ohne ih er raſch die Rach nommen Clar lag bew haft das ſeiner F aſchfarbi Kleinod Lind Bett; zum Ber ſtande a mit ein⸗ nach erl wild in fort! rauben — mei einige aufrech erwache denen , Ben. ſcheinlich lung der ichtſchein g dahin. it lauter s Andere gen.“ „ ſchneide cht mehr tig auf⸗ Schritte nt. Der r Hand, Beine; aßt und WMit ttſchloſ⸗ larence r lang⸗ einen , der immer erte feſt ng das Seufzer nieder. 249 Der andere Ränber hatte ſich indeß nur einen Augen⸗ blick beſonnen und ergriff dann die Flucht. Als er zu ver Thür hinſprang, pfiff die Kugel an ihm vorüber, ohne ihn zu treffen. An die Dunkelheit gewöhnt, eilte er raſch und ſicher den Gang dahin, und Linden, durch die Rache befriedigt, die er an einem der Räuber ge⸗ nommen, ſtrengte ſich nicht bei nutzloſer Verfolgung an. Clarenee wendete ſich zu Talbot. Der alte Mann lag bewußtlos am Voden, aber ſeine Hand hielt krampf⸗ haft das Bild feſt, welches der Räuber im Schrecken ſeiner Flucht hatte fallen laſſen, und ſeine bleichen, aſchfarbigen Lippen waren auf das wiedererlangte Kleinod gedrückt. Linden hob ihn empor und legte ihn auf ſein Bett; während er noch damit beſchäftigt war, ihn zum Bewußtſein zu bringen, erſchien zu ſeinem Bei⸗ ſtande auch der durch den Piſtolenſchuß erweckte und mit einem Feuerſchürer bewaffnete Diener. Nach und nach erholte ſich der alte Herr. Seine Augen rollten wild im Zimmer umher und er murmelte:„Fort, fort! Ihr ſollt mir die einzige Reliquie von ihr nicht rauben— wo iſt es?— habt Ihr es genommen? — mein Bild!“ „Hier iſt es, Herr, hier iſt es,“ ſagte der alte Diener,„in Ihrer eigenen Hand.“ Talbot richtete ſeine Augen darauf, betrachtete es einige Augenblicke, drückte es an ſeine Lippen, ſaß aufrecht, ſtarrte erſchrocken im Zimmer umher, als erwache er erſt jetzt zum Bewußtſein ſeiner überſtan⸗ venen Gefahr und ſeiner glücklichen Rettung. 220 Weßhalb ſollten wir fortfahren? das Ereigniß und die Aufregung dieſes Kapitels find vorüber, und wir wollen es hier ſchließen. Neunzehntes Kapitel. O! ſchneller als das ſchnellſte Roß, als Sturm Und Tod wiro fort das Herz getragen, das Gleich einer Taube zärtliche Gedanken Bekleiden mit der Sorge raſchen Scwingen! In Schlacht— in Dunkelheit— in Noth ſoll meins An Dir ſich halten und kein Lächein fordern. Für alle Liebe, die es Dir geweiht. Shelley. Prief von Algernon Mordaunt an Iſabellu St. Leger. „Du verboteſt mir, an Dich zu ſchreiben. Du weißt, wie lange, aber nicht wie zwecklos ich bemüht war, Dir zu gehorchen. Glaubteſt Du, Iſabella, daß meine Liebe von jener weltlichen und gemeinen Art ſei, die einer beſtändigen Nahrung bedarf, um fie lebendig zu erhalten? Glaubteſt Du, der Quell würde verſiegen, der Zufluß austrocknen, wenn Du dem Strome wehrteſt, ſichtbar zu fließen? So mag es mit der Leidenſchaft Anderer ſein, mit der meinen nicht. Monate find vergangen, ſeit wir uns trennten, und ſeit der Zeit haſt Du mich nicht geſehen; dieſer Brief iſt das erſte Zeichen von einer Erinnerung, die nicht ſtirbt. Aber glaubſt Du; daß ich Dich nicht beob⸗ achtet und meine Augen nicht an Deiner Schönheit geweidet habe, während Du Dir nicht träumen ließeſt, vaß ich in der Nähe ſei? Ach, Iſabella, Dein Herz hätte es gethan, „Du glaubſt Herz mü Zeilen a ich erzä meine T ſhicke ſi und wie halte ich taſie fre Seite. „Iſe dige Em und ſie Wir hal Zwiſchet Muiter achten, zu unſe mit ver in der! Troſtes des Sch mich l die jün an hon „A mir m Ereigniß iber, und als Sturm n, das 1 vingen! ſoll meins ordern. elley. St. Leger. enn Du bemüht ella, daß inen Art „um ſie ell würde Du dem mag es meinen rennten, n; dieſer ung, die cht beob⸗ Schönheit n ließeſt, ein Herz w hätte es Dir ſagen ſollen— das meine hätte es gethan, wäreſt Du mir ſo nahe geweſen. „Du empfängſt freilich keine Briefe von mir— glaubſt Du aber, daß deßhalb meine Hand und mein Herz müßig find? Nein. Ich ſchreibe tauſend glühende Zeilen an Dich; ich ſchütte meine ganze Seele aus; ich erzähle Dir Alles, was ich leide; meine Gedanken, meine Träume ſelbſt werden zu Papier gebracht. Ich ſchicke ſie nicht an Dich ab, aber ich leſe ſie wieder und wieder, und wenn ich zu Deinem Namen komme, halte ich inne, ſchließe meine Augen, laſſe der Phan⸗ tafte freien Raum, und ſiehe! Du biſt an meiner Seite. „Iſabella, unſere Liebe iſt keine heitere und freu⸗ dige Empfindung geweſen. Wir nährten ſie insgeheim und ſie wurde um ſo ſtärker wegen der Verheimlichung. Wir haben nur wenige Sonnenblicke und nur kurze Zwiſchenräume der Hoffnung gehabt; doch wie eine Muiter das Kind werth hält, welches Andere ver⸗ achten, ſo wenden wir uns hei all unſerem Kummer zu unſerem einzigen Schatze, und während wir ihn mit verborgenen Thränen nährten, fanden wir eben in der Urſache unſerer Traurigkeit die Stärke unſeres Troſtes. Es erſcheint mir oft wie eine Beſtimmung des Schickſals, daß Du von allen Männern gerade mich lieben mußteſt, obgleich von vielen umgeben, die jünger und ſchöner und reicher an irdiſchen Gaben, an honigſüßen Tönen und Lächeln. „Aber jetzt, da Du mich liebſt, drängt es ſich mir mit der Macht der Wahrheit auf, daß unſer 222 Schickſal nicht kann getrennt werden, baß unſere Ge⸗ lübde aufgezeichnet ſind und unſere Verbindung be⸗ ſtimmt— denn Andere haben viele Gegenſtände, die ſie zerſtreuen und die Gedanken beſchäftigen, welchen einmal eine beſtimmte Richtung verboten iſt, aber wir haben keine. Die Welt hat für Dich nur kalte Herzen und entfernte Verbindungen, und Alles, was Dich umgibt, ſtößt Deine Neigungen, Deine Gefühle, Deine Hoffnungen, Deine Erinnerungen zurück, und ich bin Keiner, den die Männer lieben, noch für den die gewöhnlichen Zwecke der Menſchen Intereſſe oder Reiz haben. Du biſt für mich Alles— Vergnügen, Glanz, Ehrgeiz, Alles umfaßt ein einziger großer und ewiger Gedanke, und der biſt Du. „Andere haben mir geſagt, und ich glaube es ihnen, daß ich hart, kalt und ſtrenge ſei— das war ich auch vielleicht ehe ich Dich kannte, aber jetzt bin ich ſchwächer und ſanſter als ein Kind. Es gibt einen Stein, welcher der härteſte und kälteſte iſt, aber ein⸗ mal entzündet, iſt er nicht zu löſchen. Du lächelſt vielleicht über mein Bild, und ich würde es auch, wenn ich es in der Handſchrift eines Andern läſe; denn Alles, was ich ſonſt in Romanen als übertrieben, lächerlich gefunden habe, erſcheint mir jetzt zu kalt und gewöhnlich für die Wirklichkeit. „Aher dies iſt es nicht, was ich Dir ſchreiben wollte; Du biſt krank, theuerſte und edelſte Iſabella, Du biſt krank! Ich bin die Urſache und Du verbirgſt ſie vor mir, und Du würdeſt Dich lieber abhärmen und ſterhen, als mir geſtatten, einen von jenen welt⸗ zweiten heftig tigen, Du ni Iſabella und ein ſtutzten, Nacht w daß ich ich war jene St ſah, da daß der verzehrt es zu g darüber ſage D — nicht nſere Ge⸗ ung be⸗ ände, die „welchen iſt, aber nur kalte lles, was Gefühle, ück, und h für den eſſe oder gnügen, r großer laube es das war jetzt bin ibt einen ber ein⸗ ächelſt es auch, rn läſe; rtrieben, zu kalt ſchreiben Iſabella, verbirgſt härmen en welt⸗ 22³ lichen Vortheilen zu verlieren, die in meinen Augen nur wie Staub in der Wagſchale find— es iſt ver⸗ gebens, es zu läugnen. Ich hörte von Andern, daß Deine Geſundheit gefährdet ſei. Ich habe es ſelber bemerkt. Erinnerſt Du Dich des letzten Abends, als Du mit Deinen Verwandten(ich will ſie nicht ver⸗ fluchen, denn es ſind die Deinen) im Zimmer wareſt und Du fingen mußteſt— ein Lied noch dazu, welches Du mir zu fingen pflegteſt, und als, da Du zu der zweiten Stanze kamſt, Dir die Stimme brach und Du heftig weinteſt, und wie ſie, anſtatt Dich zu beſänf⸗ tigen, Dir Vorwürfe machten und Dich ſchalten, und Du nicht antworteteſt, ſondern immer fort weinteſt? Iſabella, erinnerßt Du Dich, daß man ein Geräuſch und einen Seufzer vor dem Fenſter hörte? Auch ſie ſtutzten, doch glaubten ſie, es ſei der Wind, denn die Nacht war dunkel und ſtürmiſch, und ſie ſahen nicht, daß ich es war— ja, meine eble und theure Geliebte, ich war es, der Dich anblickte und aus deſſen Herzen jene Stimme der Qual ausgepreßt wurde, und ich ſah, daß Deine Wange bleich und hohl war, und vaß der nagende Wurm des Kummers auch die Blüte verzehrt hatte. „Glaubſt Du, vaß ich nach Dieſem ſchweigen oder Deiner Bitte gehorchen kann? Nein, Theuerſte, nein! Iſt nicht mein Glück Dein Zweck? Ich bin ſo eitel, es zu glauben, und bin ich nicht der beſte Richter darüber, wie dieſes Glück kann geſichert werden? Ich ſage Dir und ſage es ruhig, kalt, ohne Leidenſchaft — nicht die Einbilbungskraft gibt es mir ein, nicht 224 einmal das Herz, ſonvern allein vie Vernunft— daß ich eher Alles, als den Verluſt Deiner ertragen kann, und daß, wenn das übel meiner Liebe Dich dahinwelken macht und zerſlört, ich mich als Deinen Mörder betrachten und verfluchen werde! Errette mich von dieſem äußerſten Elend, meine— ja, meine Iſabella! Ich werde morgen um Mittag in dem Wäld⸗ chen ſein, wo wir uns ſchon früher ſo oft getroffen. Du wirſt vorthin kommen, und wenn ich Dich nicht überzeugen kann, ſo will ich Dich auch nicht bitten, Dich überreden zu laſſen. A. M.“ Iſabella las dieſen Brief, legte ihn an ihr Herz und fühlte ſich weniger elend als ſeit Monaten, denn wenn ſie gleich weinte, ſo lag doch etwas Liebliches in den Thränen, was die Verſicherung ſeiner Liebe und die Zärtlichkeit ſeiner Vorſtellungen hervorgerufen hatte. Sie kam zu der Unterredung— wie konnte ſie es ihm abſchlagen?— und der Kampf war vorüber. Obeleich nicht überzeugt, war fie voch überredet, denn ihr Herz, welches ſeinen Vernunftgründen wider⸗ ſtand, ſchmolz bei ſeinen Vorwürfen und ſeinem Kummer. Doch wollte ſie nicht einwilligen, ihr Schickſal ſogleich mit dem ſeinigen zu vereinen, denn die übel dieſes Schrittes für ſeine Intereſſen waren vrohend und nahe; ſie ließ ſich nur überreden, die Correſpondenz und gelegentliche Zuſammenkünfte zu geſtatten, wobei, ſo unbeſonnen es auch für ſie ſein mochte, die Nachtheile für ihren Geliebten wenigſtens entfernt waren. Nur an ihn dachte ſie; für ihn zitterte ſie; für ihn war ſte feig ſte ohn Unt und ert des Ma vielford und ver erhaben⸗ Ehre, 4 es war habenen kömmlich welcher! dung ert bildete, keinen haben hö Seelen Bulw unft— ertragen ebe Dich Deinen ette mich meine m Wäld⸗ getroffen. ich nicht ht bitten, M.“ ihr Herz en, denn Liebliches ner Liebe orgerufen konnte fie vorüber. erredet, en wider⸗ Kummer. al ſogleich bel dieſes und nahe; enz und wobei, ſo Nachtheile ren. Nur ihn war 225 ſie feigherzig unb weiblich geſinut; für ſich ſelber war ſie ohne Furcht und Vorbedacht. Und Algernon war dieſer hingebenden Liebe würdig und erwiderte ſie, wie ſie gegeben wurde. Die Liebe des Mannes iſt im Allgemeinen eine ſelbſtſüchtige und vielfordernde Empfindung; ſie forvert jedes Opfer und verweigert alle. Aber Mordaunt war von ſehr erhabener und uneigennütziger Gefinnung, und ſeine Ehre, gleich ſeiner Liebe, war nicht von dieſer Welt: es war die ätheriſche und fleckenloſe Ehre eines er⸗ habenen und edlen Geiſtes, die Ehre, welche die Her⸗ kömmlichkeit weder geben noch nehmen kann, und mit welcher Ungeduld er auch den Aufſchub einer Verbin⸗ dung ertragen mochte, in welcher er, wie er ſich ein⸗ bildete, nur allein leiden könne, ſo würde er doch keinen Seufzer und keine Bitte um eine Verbindung haben hören laſſen, wenn er gedacht, daß dieſelhe ben geringſten Nachtheil für ſie haben könne. Dies ſind die Herzen und Naturen, die das Leben verſchönern; bies ſinb die Opferaltäre, welche die Liebe heiligen; dies ſind die göttlicheren Geiſter, die mit allem Erhabenen und Heiligen im Himmel und auf Erden verwandt und befreundet ſind. Für fie öffnet die Natur ihre aufgehäuften Schätze und ihre verbor⸗ genen Zauber; denn für ihre Schritte ebnen ſich die rau⸗ hen Gebirge, und die ſtillen Wälder haben ein Gemurmel für ihre Ohren; für ſie liegt eine ſeltſame Muſik in den Wellen und in dem Flüſtern der leichten Blätter, und Entzücken in den Stimmen der Vögel: ihre Seelen trinken und werden mit den Geheimniſſen des Bulwer, der Verſtoßene. I⸗ 1⁵ 226 allgemeinen Geiſtes geſättigt, den die Philoſophie der alten Zeit für Gott ſelber hielt. Sie ſchauen mit Seherblicken zum Himmel auf, und die taubenähnliche Stille deſſelben ſenkt ſich auf ſie herab und überſchattet ihre Herzen; der Mond und die Nacht find für fie Quellen eaſtaliſcher Inſpiration und goldener Träume, und es war einer von ihnen, der zu dem Abendſtern aufblickte, in dem innerſten Heiligthum ſeiner Seele ſeine geheimnißvollen Harmonien mit ſeiner geprie⸗ ſenſten Hoffnung ſeinem leivenſchaftlichſten Wunſche fühlte und ihn der Liebe weihte. Zwanzigſtes Kapitel. Maria. Hier iſt des wackern alten Mannes Liebe. Bianca. Der den jungen Mann liebt. Des Weibes Preis. „Nein, mein lieber Clarenee, Sie haben Vertrauen in mich geſetzt, und es iſt jetzt meine Pflicht, es zu erwidern; Sie haben mir Ihre Geſchichte und Ihren urſprung mitgetheilt, und ich will Sie auch von dem meinigen in Kenntniß ſetzen, doch nicht jetzt. Für den Augenblick wollen wir von Ihnen reden. Sie haben mir eine Verpflichtung auferlegt, die wir ver⸗ möge unſerer allgemeinen Liebe zum Leben als die größte betrachten können, und obgleich ich eine große Laſt von Dankbarkeit tragen kann, ſo muß ich doch einige kleine Theile davon abwerfen, indem ich meine geringe Macht zu Ihrem Beſten anwende. Auch iſt dies nicht alles: Ihre Geſchichte hat mir noch einen Anſpruch rechtmäß jede Bede ten, dieſ von Lort gelegenhe daß er ſandtſcha auch ver! haben, Summe, werden; Sie Geſ Scarsdah mein liel milie Co: Wir ausſprach genehmer zu denken und meh antworter „Seh freundlich denen ich beſſer ge wärtig A wertheren mir erlat zu betrach ſophie der aen mit enähnliche berſchattet nd für fie r Träume, Abendſtern iner Seele er geprie⸗ Wunſche annes Liebe. * Preis. Vertrauen icht, es zu und Ihren ch von dem jetzt. Für eden. Sie i wir ver⸗ en als die eine große ich doch nich meine Auch iſt noch einen 227 Anſpruch an Ihr Herz gegeben, und inbem Sie einen rechtmäßigen Anſpruch an meine Dienſte haben, wird jede Bedenklichkeit entfernt, die Sie ſonſt haben möch⸗ ten, dieſelben anzunehmen. Ich habe eben dieſen Brief von Lord N***, dem Miniſter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten, erhalten; Sie werden daraus erſehen, daß er Sie zu der Stelle eines Attaché bei der Ge⸗ ſandtſchaft zu**“ beſtimmt hat. Sie werden mich auch verbinden, wenn Sie, ſobald Sie dazu Muße haben, dieſen andern Brief anſehen; die geringe Summe, die er enthält, wird vierteljährlich ausbezahlt werden; ſie dürfte für einen Attache ausreichen; wenn Sie Geſandter werden, ſo müſſen wir Geld auf Searsdalle borgen, um Sie zu equipiren. Und nun, mein lieber Clarence, erzählen Sie mir von der Fa⸗ milie Copperas.“ Wir dürfen nicht erſt ſagen, wer vie obigen Sätze ausſprach, die unſerer Meinung nach von ſehr an⸗ genehmer Art waren; dennoch ſchien Clarence anders zu denken, denn es traten ihm Thränen in die Augen und mehre Augenblicke war er nicht im Stande zu antworten. „Sehen Sie, mein junger Freund,“ ſagte Talbot freundlich,„ich habe keine nahen Verwandten, unter denen ich mir einen Sohn wählen könnte, der mir beſſer gefiele, als Sie, noch haben auch Sie gegen⸗ wärtig Angehörige, unter denen Sie einen wünſchens⸗ wertheren Vater wählen könnten: folglich müſſen Sie mir erlauben, Sie als mein eigenes Fleiſch und Blut zu betrachten, und da ich besbſichtige, ein ſehr ſtrenger 228 und gebieteriſcher Vater zu ſein, ſo erwarte ich den ſchweigendſten und unbedingteſten Gehorſam gegen meine Befehle. Mein erſter väterlicher Befehl an Sie iſt, dieſe Papiere einzuſtecken und nichts weiter darüber zu ſagen; denn ich habe ſehr viel über andere Ge⸗ genſtände mit Ihnen zu reden.“ Durch dieſe und ähnliche freundliche und delikate Vorſtellungen erreichte der alte Mann ſeinen Zweck. Von dieſem Augenblick an betrachtete ihn Clarence mit der dankbaren und ehrerbietigen Liebe eines Soh⸗ nes, und es iſt ſehr die Frage, ob Talbot, wenn er wirklich der Vater unſeres Helden geweſen wäre, einen ſo ſchönen Nachfolger nur halb ſo ſehr würde geliebt haben. Am Tage nach vieſen Verabredungen bezahlte Cla⸗ rence ſeine Schuld an die Familie Copperas und zog in Talbots Haus. Mit dieſem Ereigniß begann ein neuer Abſchnitt ſeines Lebens: er war nicht mehr ein Ausgeſtoßener und ein Wanderer; aus fremden Banden hatte er eine innige und faſt väterliche Freundſchaft gewoben. Ein Leben voll glänzender Ausſichten und erhahenen Strebens öffnete ſich ſchmeichelnd vor ihm, und das Glück und der Muth, die für jetzt ſo wohl für ihn geſorgt hatten, waren die beſten Vorbedeu⸗ tungen für die Zukunft. Später werden wir ſehen, wie er die gewonnenen Vortheile benützte. Wir glau⸗ ben, daß das Schickſal weniger launenhaft iſt, als man ſich einbildet; daß faſt alle Menſchen, obgleich dies eine ſeltſame Behauptung iſt, während ihres Lebens in ihren verſchiedenen Graden dieſelbe Menge allein vo derung d verlaſſen Leben kei ich ebenſ kenntniſſe Clare Worte au meine Lek mein Ger ſchem Aut von ihr. Sohne dit ſich dadur Licbkoſun dem nur 229 65 ich den von Gelegenheiten haben; voch nur für den, der ſie i6 zu ergreifen und zu verbinden, mit ſcharfem Blicke 2 r und raſcher Erfahrung ihre Wiederkehr zu berechnen andere Ge⸗ vermag, haben die Menſchen ihren Beifall und vas Glück ſeine Siegeskrone. Eines Abends, als der Beginn des Herbſtes ſich i fühlhar machte und Linden mit ſeinem neuen Beſchützer allein vor einem hellen Feuer ſaß und eine Pauſe in . S ihrer Unterhaltung eingetreten war, bedeckte Talbot 5 ſein Geſicht mit der Zeitung, worin er geleſen, als wollte er es vor ber Hitze ſchützen, und ſagte:„Ich lich, ich hei ⸗ ſehr würßj ſagte Ihnen neulich, daß ich Ihnen bei erfſter Gele genheit in der Kürze meine Lebensgeſchichte mittheilen wollte. Ich bin Ihnen dieſes Vertrauen als Erwi⸗ derung des Ihrigen ſchuldig, und da Sie mich bald verlaſſen werden und ich ein alter Mann bin, deſſen Leben keine Berechnungen beſtimmen können, ſo kann ich ebenſowohl die gegenwärtige Zeit zu meinen Be⸗ ezahlte Cla⸗ as und zog begann ein ht mehr ein en kenntniſſen benützen.“ Freunbſchaſt Clarenee brückte ſeine Theilnahme durch Blice und sſichten und Worte aus und der alte Mann begaun folgendermaßen: „Ich war der Liebling meiner Eltern, denn ich lernte et ſo wohl nmein⸗ Lektionen gut, und mein Vater ſagte, ich habe mein Genie von ihm geerbt; und ich war von hüb⸗ ſehen, ſchem Ausſehen, und meine Mutter ſagte, das komme von ihr. So ſah das eheliche Paar in ihrem älteſten Sohne die Vereinigung ihrer Eigenſchaften und glaubte ſich dadurch ſelber Ehre zu erweiſen, wenn ſie ihre Liebkoſungen an mir verſchwendeten. Sie hatten außer⸗ dem nur noch einen Sohn, den armen Arthur— es en, obgleich hrend ihres elbe Menge 230 iſt mir, als ſähe ich ihn jetzt vor mir. Er war ein ſcheuer, ſtiller, ſchüchterner Knabe von ſehr einfachem Ausſehen. Meine Eltern waren eitle, prunkſüchtige, ehrgeizige Weltleute und ſchämten ſich meines Bru⸗ ders eben ſo ſehr, als ſie auf mich ſtolz waren. In⸗ veſſen trat er ſpäter in die Armee und zeichnete ſich ſehr aus. Er fiel in der Schlacht und hinterließ eine einzige Tochter, die, wie Sie wiſſen, einen Edelmann von hohem Range heirathete. Ihr ſpäteres Schickſal iſt jetzt unnöthig zu erzählen. Von Kindheit an ge⸗ ſchmeichelt und verzogen, wuchs ich in vollem Glauben an meine Vortrefflichkeit und in dem fieberhaften und reizbaren Wunſche heran, jedem, der in meine Nähe kam, dieſelbe Meinung beizubringen. An eine Be⸗ merkung von Sir William Temple muß ich ſtets mit der ſchmerzlichen überzeugung der Wahrheit denken: ein ruheloſes Streben in den Gemüthern der Men⸗ ſchen, etwas zu ſein, was ſie nicht ſind, und etwas zu haben, was ſie nicht haben, iſt die Wurzel aller Immoralität. Auf der Schule war ich anerkannt der talentvollſte Knabe in meiner Claſſe, und was ich eben ſo hoch ſchätzte, der Beſte von den elf beſten Ballſpielern. Hier werden Sie ſagen, es ſei alſo meine Eitelkeit befriedigt worden— durchaus nicht! Ein Knabe, der mein Zimmer mit mir theilte, und in der Schule mir zunächſt ſaß, war deßhalb ſtets mit mir zuſammen. Er war ein großer Dummkopf, ein tölpelhafter Menſch, den die Lehrer eben ſo lächer⸗ lich machten, als er bei den Knaben unbeliebt war — wollen Sie mir glauben, daß dvieſes Geſchöpf der mir üb giftete Neid, alle Tht Stolz u zeigen. wie ſeh regte u mich di lenden nichts 1 auf me Ofenga Ich ver geübt h zu thu Eitelkei als ein „C ſchrieb r war ein einfachem inkſüchtige, eines Bru⸗ aren. In⸗ ichnete ſich terließ eine Edelmann s Schickſal eit ge⸗ m Glauben haften und neine Nähe eine Be⸗ h ſtets mit it denken: der Men⸗ und etwas urzel aller erkannt der heilte, und ßhalb ſtets pummkopf, ſo lächer⸗ eliebt war ſchöpf der 231 ausbrückliche und faſt einzige Geßenſtand meines Neides war? Er war mehr als mein Nebenbuhler, er war mir überlegen, und ich haßte ihn mit der vollen Bit⸗ terkeit meiner Seele. „Ich habe geſagt, daß er mir überlegen war— doch dies nur in einer Sache. Er konnte einen Stab, ja ein Ballſchlegel, eine Ofengabel auf ſeinem Kinn halaneiren laſſen und ich konnte es nicht; Sie lachen, und ich kann es jetzt auch, doch damals war es kein Gegenſtand des Lachens für mich. Dieſer Umſtand, ſo unbedeutend er Ihnen auch erſcheinen mag, ver⸗ giftete meine Freude. Der Knabe bemerkte meinen Neid, denn ich konnte ihn nicht verbergen, und da alle Thoren boshaft find, ſo ſetzte er einen beſonderen Stolz und Vergnügen darin, ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen. Sie können ſich keinen Begriff davon machen, wie ſehr mich dieſe unbebeutende Unverſchämtheit auf⸗ regte und beunruhigte. Selbſt im Schlafe verfolgten mich die plumpen und grinſenden Züge dieſes quä⸗ lenden Kobold wie ein Geſpenſt; meine Träume waren nichts weiter als Ballſchlegel und Spazierſtöcke, die auf menſchlichen Auswüchſen balaneirt wurden, und Ofengabeln, die auf der Spitze meiner Naſe tanzten. Ich verſichere Ihnen, daß ich ſtundenlang allein mich geübt habe, um es meinem verhaßten Kameraden gleich zu thun, und mein Geſicht— ſehen Sie, wie eine Eitelkeit mit der andern ſtreitet— war wenig beſſer als eine Landkarte voll Flecken und Erhöhungen. „Es wurde mir ſo unbehaglich, daß ich nach Hauſe ſchrieb und um die Erlaubniß bat, die Schule ver⸗ Jahr und indem mir mein nachſichtiger Vater meinen Wunſch bewilligte, ſagte er mir, ich ſei zu alt und hahe ſchon zu viel Fortſchritte gemacht, um eine an⸗ dere Unterrichtsanſtalt als die Univerſität zu beſuchen. Am Tage vor meinem Abgange von der Schule gab ich, wie es gewöhnlich war, allen meinen Freunden ein Frühſtück; und da mein Quälgeiſt das Zimmer mit mir theilte, ſo ſah ich mich genöthigt, ihn auch mit einzuladen. Indeß war ich in ſehr guter Laune und da ich bei meinen Schulkameraden allgemein beliebt war, ſo gelang es mir, was ſtets der Gegenſtand meines geſelligen Ehrgeizes war, ein brüllendes Ge⸗ lächter an dem Tiſche zu erhalten; doch als unſer Mahl beinahe beendet war und ich deutlicher auf meine bevorſtehende Abreiſe hinzudeuten begaun, wurde meine Eitelkeit noch mehr befriedigt, denn alle meine Gefühle waren aufgeregt, als ich das Bedauern aller meiner Kameraden bemerkte, und ihre guten Wünſche empfing. Ich erinnere mich noch jener Stunde, als einer der ſtolzeſten und glücklichſten meines Lebens, aher ſie war bald zu Ende und verwandelte ſich in das Gegentheil. Mein böſer Geiſt ſetzte es meinem Quäler in den Kopf, mir zum Abſchiede noch eine Pein der Eiferſucht zu verurſachen. Zufällig befand ſich ein großer Regenſchirm in meinem Zimmer. Crympton, dies war der Name meines Kameraden, erblickte und ergriff ihn.„„Sieh, Talbot,““ ſagte er mit trotzigem und ſcheußlichem Lächeln,„„das kannſt Du doch nicht!““ Und indem er die Spitze brachte 1 der Hert ſagen, k ſelber w jener Sc letzten B ein lang hoffte, v und dur⸗ legenheit enden,! einem h als letzt Bedauer Menſche ſechzehn r meinen alt und eine an⸗ beſuchen. chule gab Freunden Zimmer ihn auch ter Laune in beliebt egenſtand ndes Ge⸗ ls unſer cher auf n, wurde Ue meine ern aller Wünſche ude, als Lebens, e ſich in meinem och eine befand Zimmer. neraden, 4 ſagte „„das Spitze 6 233 ves Regenſchirms auf vie Stirn gerade über der Augenbraune ſetzte, ging er in verſchiedenen Stellun⸗ gen und mit poſſenhaften Geberden durchs Zimmer. In dem Augenblick ſtand ich bei dem Kamin und unterhielt mich mit zwei Knaben, bei denen ich vor allen andern einen günſtigen Eindruck zu hinterlaſſen wünſchte. Meine thörichte Verwundbarkeit in dieſer Hinſicht war oft bemerkt worden, und als ich mich plötzlich und verlegen von der Darſtellung abwendete, bemerkte ich, daß meine beiden Schulkameraden lä⸗ chelten und Blicke wechſelten. Ich bin von Natur nicht leidenſchaftlich, und ſelbſt in jenem Alter beſaß ich in gewöhnlichen Fällen große Selbſibeherrſchung; aber dieſe Bemerkung und die Veranlaſſung dazu brachte mich außer mir. Wenn wir gänzlich unter der Herrſchaft eines Gefühls ſind, kann man nicht ſagen, daß wir unſern Verſtand haben; ich glaube wirklich, daß ich in dem Augenblick nicht bei mir ſelber war. Wie! bei dem letzten Triumphe, den jener Schauplatz mir je gewähren konnte, unter dem letzten Bedauern meiner jungen Freunde, denen ich ein langes und glänzendes Andenken zu hinterlaſſen hoffte, von einem verächtlichen Nebenbuhler verſpottet und durch eine klägliche und doch beleidigende über⸗ legenheit beſiegt zu werden, das Bevauern mit Lachen enden, die letzte Feierlichkeit meiner Laufbahn mit einem höhniſchen Spotte enden und das Lächerliche als letzte Erinnerung an die Stelle bewundernden Vedauerns geſetzt zu ſehen, und alles dies durch einen Menſchen geſchehen, den ich ſo lange haßte, und wel⸗ 234 chen verachten zu können ich nicht einmal das Glück hatte? Ich konnte es nicht ertragen; die Beleidigung und der Beleidiger waren zu empörend. Als der unglückliche Poſſenreißer ſich mir näherte und mir ſein verzerrtes Geſicht entgegenſtreckte, ergriff ich ihn mit kurzem Fluche und heftiger Hand und warf ihn auf die Seite, die ſcharfe Spitze des Regenſchirmes glitt aus, durch meinen Stoß wurde die Heftigkeit der Bewegung vermehrt, drang in ſein Auge und— erſparen Sie mir das übrige.“ Der alte Mann bengte ſich nieder und ſchwieg einige Augenblicke, ehe er fortfuhr. „Crompton verlor ſein Ange, aber meine Strafe war noch härter als vie ſeine. Sehr eitle Leute ſind gewöhnlich auch ſehr empfindlich, und die, welche eine Sache lebhaft empfinden, fühlen ſich auch von einer andern lebhaft ergriffen. Jahrelang, ja viele Jahre lang verfolgte mich die Erinnerung an meine Thorheit mit der bitterſten und unaufhörlichſten Reue. Hätte ich einen Mord begangen, ſo hätte mich mein Gewiſſen kaum ſchwerer darnieder beugen können. Ich erlangte meine Selbſtachtung nicht eher wieber, als bis ich das gethane Unrecht wieder gut gemacht hatte. Lange Zeit ſpäter war Crompton im Ge⸗ fängniß und in großer Noth. Ich machte mich ſelber faſt arm, um ihn zu befreien; ich unterhielt ihn und ſeine Familie, bis das Glück meinen Beiſtand un⸗ nöthig machte, und keine Triumphe waren mir je ſüßer, als die Opfer, denen ich mich unterwerfen mußte, um ihm ſein Glück wieder zu verſchaffen. „Es wenigſte Fehler 3 Philoſop lich zu ablegen, — An ſache ni zu, was „Au Vorthei und der Manche Ich kon in irgen Frieden Liebling den Ge des Me glaube Auch ie können, hätte r Damen ſtand d mich wi renee; Die T einige als all ine Strafe Leute ſind e, welche auch von „ja viele an meine ſten Reue. mich mein n können. er wieber, tt gemacht im Ge⸗ mich ſelber lt ihn und ſtand un⸗ en mir je terwerfen ſchaffen. 235 „Es iſt natürlich zu hoffen, vaß vieſer Vorfall wenigſtens die Wirkung hatte, mich von meinem Fehler zu heilen; aber gewiſſe Menſchen bedürfen der Philoſophie, um die Reue auf künftige Zeit nütz⸗ lich zu machen. Wie konnte ich meinen Fehler ablegen, wenn ich mir deſſen kaum bewußt war? — An den Folgen leidend, unterſuchte ich die Ur⸗ ſache nicht und ſchrieb der Reizbarkeit und Rachſucht zu, was einen tieferen und gefährlicheren Grund hatte. „Auf der Univerfität hatte ich ungeachtet der Vortheile der Geburt, des Vermögens, der Geſunbheit und der geiſtigen Fähigkeiten noch außer der Reue Manches, was die Ruhe meines Geiſtes benagte. Ich konnte gewiß ſein, Jemand zu finden, der mich in irgend etwas übertraf, und dies war genug, meinen Frieden zu verbittern. Unſer Goldſmith iſt mein Lieblingsdichter, und vielleicht verehre ich unbewußt den Genius um ſo mehr, weil ich in den Schwächen ves Menſchen etwas den meinen Ahnliches finde. Ich glaube die von ihm erzählten Anekdoten vollkommen. Auch ich hätte einſt auf eine Puppe eiferſüchtig ſein können, die eine Hellebarde geſchwungen; auch ich hätte mich unglücklich fühlen können, wenn zwei Damen im Theater mehr als ich ſelbſt der Gegen⸗ ſtand der Aufmerkſamkeit geweſen wären. Sie werden mich wegen dieſes Bekenntniſſes nicht verachten, Cla⸗ renee; die mich weniger kannten, würden es thun. Die Thoren! Kein Mann iſt ſo groß, daß er nicht einige Kleinheit an ſich hat, die vorherrſchender iſt als alle ſeine Größe. Unſere Tugenden werden von 236 unſern Thorheiten hintergangen und find vft nur ihr Spielzeng. „Ich trat in die Welt— mit welchen Vortheilen und welcher Habgier!— Ich lächle, aber es iſt traurig, auf jenen Tag zurückzublicken. Obgleich reich, von hoher Geburt und gutem Ausſehen, beſaß ich keine von dieſen drei Eigenſchaften in dem Grabe, der allein meine Liebe zur überlegenheit und meinen Wunſch, Eindruck zu machen, befriedigen konnte. Ich kannte die etwas demüthigende Wahrheit, denn wenn gleich eitel, war ich doch nicht eingebildet. Die Fitel⸗ keit iſt in der That das wahre Gegenmittel gegen die Einbildung; denn während der erſteren Alles in der Meinung Anderer liegt, iſt die letztere mit ihrer eigenen Meinung völlig zufrieden. „Ich kannte dieſe Wahrheit, und ſo wie Pope, als er bemerkte, daß er nicht der größte Dichter ſein könne, ſich entſchloß, der eorrekteſte zu ſein, ſo be⸗ mühte ich mich, da ich nicht der Schönſte, der Reichſte und der Vornehmſte meiner Zeitgenoſſen ſein konnte, ſie wenigſtens in der vollendeken Gewandtheit des Venehmens zu übertreffen— und endlich, nach un⸗ glaublicher Mühe, nach einer höchſt fleißigen Lehrzeit in der Welt und ſorgfältigem Studium auf meinem Zimmer, ſchmeichelte ich mir, daß es mir varin ge⸗ lungen ſei. Von allen Erfolgen, ſo lange wir noch in der Büte der Jugend find und ihre Fähigkeiten des Genuſſes beſitzen, kann ich mir keinen vorſtellen, welcher berauſchender oder befriedigenper iſt als ver Erfolg in der Geſellſchaft, und gewiß erlebte ich einige Je am meiſte land und mich auf auch geg die mit ſich ihre Einförmi überſätti für ein Fleiß ob Belohnu Ernteen Qualen „Jet nes Lebe befand hoher G bindung London reich, w keit voll den Ste zugeben. Größe willkom — ſelbf erhebt vor mir Zü Alles in mit ihrer ie Pope, ichter ſein n, ſo be⸗ Reichſte n konnte, theit des nach un⸗ n Lehrzeit f meinem darin ge⸗ wir noch higkeiten orſtellen, als der ſebte ich tel gegen 237 einige Jahre des Glanzes und des Triumphes. Die am meiſten beneideten und wähleriſchen Zirkel in Eng⸗ land und ſelbſt in Paris ſchmeichelten mir und ſuchten mich auf; denn die Geſellſchaft, ſo gleichgültig ſie auch gegen die iſt, welche ſie verachten, überſchüttet vie mit reicher, wenn gleich kurzer Dankbarkeit, die ſich ihren Vergnügungen widmen. Das Opfer der Einförmigkeit und Langenweile, bietet ſie gleich dem überſättigten und luxuriöſen Römer eine Belohnung für ein neues Vergnügen aus, und ſo lange unſer Fleiß over unſer Talent es gewähren kann, iſt die Belohnung unſer. Zu jener Zeit hielt ich die volle Ernte meiner Anſtrengungen; die Täuſchungen und Qualen ſtellten ſich ſpäter ein. „Jetzt komme ich zu dem großen Abſchnitte mei⸗ nes Lebens— zu der Liebe. Unter meinen Bekannten befand ſich Lady Maria Walden, eine Wittwe von hoher Geburt und edlen, obgleich nicht mächtigen Ver⸗ bindungen. Sie wohnte etwa zwanzig Meilen von London auf einem ſchönen Landſitze, und obgleich nicht reich, war doch ihr Jahrgeld bei gehöriger Sparſam⸗ keit vollkommen ausreichend und ſetzte ſie überdies in den Stand, ſich ihrer Neigung zur Geſellſchaft hin⸗ zugeben. Ihr Haus war ſtets ſo voll, als es die Größe deſſelben geſtattete, und ich gehörte zu den willkommenſten Gäſten. Sie hatte eine einzige Tochter — ſelbſt jetzt noch durch den trüben Nebel der Jahre erhebt ſich jene ſchöne Feengeſtalt ſtill und glänzend vor mir, ungetrübt durch Sorge, unverwelkt durch die Zeit. Caroline Walden war der Gegenſtand allge⸗ 238 meiner Bewunberung, und ihre Mutter, welche den Eifer, womit ihre Einladungen von allen Schön⸗ geiſtern und eleganten Herren jener Zeit angenommen wurven, den Reizen ihrer Unterhaltung zuſchrieb, argwöhnte nicht, daß das Geſicht und ver Witz ihrer Tochter der Magnet ſein konnten, der Alle anzog. Ich dachte zu der Zeit nicht an Heirath, noch we⸗ niger hätte ich einen ſolchen Gedanken hegen können, wenn der Schritt nicht meinen Rang und meine Aus⸗ fichten ſehr erhöht hätte. „Die arme und machtloſe Caroline Walden war daher die letzte Perſon, mit der ich, um mich der Redensart der Mütter zu bedienen, ernſtliche Abſich⸗ ten hatte. Indeſſen war ich von ihrer außerordent⸗ lichen Liebenswürdigkeit betroffen, und vie Lebhaftig⸗ keit ihres Weſens unterhielt mich; überdies war meine Eitelkeit erregt durch die Hoffnung, es allen meinen Nebenbuhlern zuvor zu thun und der jungen Schönen ein Lächeln abzugewinnen. Demnach war ich bemüht zu gefallen und vernachläfſigte keine von jenen feinen und faſt geheimen Aufmerkſamkeiten, die von allen Schmeicheleien die zarteſten und erfolgreichſten ſind— und es glückte mir. Caroline liebte mich mit aller Lebhaſtigkeit und Hingebung, welche die Liebe des Weibes auszeichnen. Es ſiel ihr nie ein, daß ich nur mit jener Neigung ſcherze, wornach ich mit ſo glühendem Wunſche zu ſtreben ſchien. Sie wußte, daß mein Vermögen groß genug ſei, um nicht nach Vermögen heirathen zu müſſen, und an Geburt wäre ſie ſelbſt Männern von größeren Anſprüchen, als ich. gleich gew ſie auf ih gemacht h den Wort „Nie verdoppel heit der ſucht me ich mit Scherz g reichſten tären der Eitelkeit entſernte wollte m uneröffne Reue me zunehmen ihr Stol Augenbli nahm ſie die Ehe zurück! und kalt gevpfert, über das ches ich erordent⸗ ar meine tmeinen Schönen emüht n feinen on allen ſind— nit aller iebe des daß ich mit ſo wußte, ht nach rt wäre als ich, 239 gleich geweſen; dazu kam noch, daß frühe Schmeichelei ſie auf ihre Reize aufmerkſam, wenn auch nicht eitel gemacht hatte, und ſie horchte mit gläubigem Ohr den Worten, die ich ihr zuflüſterte. „Nie werde ich— und wenn ſich auch meine Jahre verdoppelten— den erſchütternden Schlag, die Wild⸗ heit der Verzweiflung vergeſſen, als ſie die Selbſt⸗ ſucht meiner Huldigung entdeckte, als ſie ſah, daß ich mit ihrer vertrauensvollen Einfalt nur meinen Scherz getrieben habe, und daß, während ſie pie reichſten Schätze ihres Herzens an den glühenden Al⸗ tären der Liebe verſchwendet habe, mein Idol die Eitelkeit und meine Gelübde trügeriſch ſeien. Sie entfernte ſich ſtürmiſch aus meiner Gegenwart. Sie wollte mich nicht ſehen; alle meine Briefe wurden uneröffnet zurückgeſchickt, und obgleich ich ſie in der Reue meines Herzens bat und anflehte, Gelübde an⸗ zunehmen, die jetzt aufrichtig waren, ſo wurde voch ihr Stolz ihre Strafe ſowie die meine. In einem Augenblick hitteren und verzweiflungsvollen Gefühls nahm ſie das Anerbieten eines Andern an und machte die Ehe zu einem unheilvollen und unüberſteiglichen Hinderniß unſener Verſöhnung und Verbindung. „Oh, wie verfluchte ich jetzt meine Bethörung! Mit welcher Leidenſchaft rief ich die Vergangenheit zurück! Wie kalt wendete ich mich von der hohlen und kalten Welt ab, deren Dienſte ich mein Glück geopfert, um über meine zerſtörten Ausſichten und über das liebende und edle Herz nachzufinnen, wel⸗ ches ich verworfen hatte. Ach! was iſt ſo undankbar 240 als jene Welt, für die wir ſo viel aufgeben? Die ſich derſelben weihen, gleichen den Gymnoſophiſten des Alterthums, und während ſie behaupten, das Vergnügen zu ihrem Hauptzweck zu machen, können wir nur erfahren, daß ſie ſich jeder Qual und Pein ausſetzen! „Lord Merton— der Mann, den Caroline jetzt ihren Gatten nannte— gehörte zu den reichſten und vergnügungsſüchtigſten ſeiner Claſſe, und zwei Jahre nach unſerer Trennung traf ich das Opfer meiner Unwürdigkeit in dem vollen Glanze des Hoflebens wieder! Da ich mit derſelben Geſellſchaft vertraut war, ſo kamen wir beſtändig zuſammen und Caroline war ſtolz, die Gleichgültigkeit gegen mich zu zeigen, die, wenn ſie vieſelbe nicht fühlte, ſie wenigſtens künſtlich anzunehmen lernte. Dieſe Gleichgültigkeit war ihr Untergang. Die Tiefen meiner böſen Leiden⸗ ſchaften wurden wieder aufgeregt, und ich beſchloß, dennoch den Stolz zu demüthigen und die Kälte zu beſiegen, die meine Selbſtliebe auf das Tiefſte ver⸗ wundete. Ich ſchloß mich wieder ihrem Zuge an— ich beugte mich bis in den Staub vor ihr. Was lag mir an ihren kalten Antworten und an ihrer verächt⸗ lichen Höflichkeit?— Es waren nur noch ſtärkere Antriebe, bei meinem Sinne zu beharren. „Ich erſpare Ihnen und mir den allmähligen Fort⸗ ſchritt meiner Pläne. Ein Weib kann freilich ihre erſte Leidenſchaſt überwinden; aber dann muß ſie dieſe durch eine andere erſetzen. Dieſe andere war Cary⸗ linen verweigert: ſie hatte nicht einmal Kinder, um ihnen ihre mit ihnen für Mane Ausflucht. „Aher Walden( mich in i ben Stelle ihre erſte hatte, um ihren farl ihrer Sch Frinnerm „Aber Weib: ſe ſetzte ſich ihrer unl von ſich. aber mei Ich hätt losreißen und vort je ihre 2 hätte das müſſen. ihre Li Opfers terwerſu ſühle w unterdri Bulw Hoflebens d Caroline zu zeigen, wenigſtens hgültigkeit en Leiden⸗ beſchloß, Kälte zu iefſte ver⸗ uge an— Was lag er verächt⸗ h ſtärkere igen Fort⸗ eilich ihre ß ſie dieſe Car⸗ nder, um 241 ihnen ihre Neigung zuzuwenden und ihre Gebanken mit ihnen zu beſchäftigen, und die feine Welt, die für Manche ein Zweck wird, war für ſie nur eine Ausflucht. „Aher, Clarenee, mein Triumph kam! Lady Walden(die unſer Geheimniß nie erfahren hatte) lud mich in ihr Haus ein: Caroline war dort. An verſel⸗ ben Stelle, wo wir früher vft geſtanden, und wo ſie ihre erſte Neigung unbewußt zu erkennen gegeben hatte, umſchlangen meine Arme ſie, und ich entlockte ihren farbloſen und bebenden Lippen das Geſtändniß ihrer Schwäche, der wiederhergeſtellten, allgewaltigen Erinnerung an mich. „Aber Caroline war ein ſtolzes und tugendhaftes Weib ſelbſt während ihr Herz ſie verrieth, wider⸗ ſetzte ſich ihr Geiſt; und während ihres Geſtändniſſes ihrer unbeſiegten Neigung wies ſie mich auf immer von ſich. Ich war kein unedler, obgleich eitler Mann; aber mein Edelmuth war unſtät und unvollkommen. Ich hätte eine Trennung ertragen, mich von ihr losreißen, zu den entfernteſten Theilen der Erde fliehen und vort mein Geheimniß bewahren können, ohne je ihre Ruhe durch ein Murren zu ſtören; aber dann hätte das Urtheil der Trennung von mir ausgehen müſſen. Meine Eitelkeit konnte nicht ertragen, daß ihre Lippen mich verwarfen, daß der Edelmuth des Opfers nicht auf meiner Seite war, ſondern die Un⸗ terwerfung der Reſignation. Doch meine beſſeren Ge⸗ fühle waren aufgeregt, und obgleich ich ſie nicht unterdrücken kounte, ſo verbarg ich voch meine ſelbſt⸗ Bulwer, der Verſtoßene, I. 16 242 füchtige Qual. Wir trennten uns: fie kehrte in die Stadt zurück, ich begrub mich auf dem Lande, und bei den literariſchen Studien, welchen ich mit Unter⸗ hrechungen leibenſchaftlich ergeben war, ſuchte ich meine unheilvolle und ſchuldige Liebe zu vergeſſen. „Aber ich war damals auch zu ſehr an die Welt gebunden, um nicht beſtändig an ihre Ereigniſſe er⸗ innert zu werden. Auswanderer aus London ſuchten mich häufig in meiner Einſamkeit auf; meine Bücher wurden mit Tagesneuigkeiten und Skandal gemiſcht. Alle ſprachen von Lady Merton, nicht ſo, wie ich ſie mir gern vorgeſtellt hätte, bleich, ſorgenvoll und über meinem Bilde brütend, ſondern heiter, vergnügungs⸗ ſüchtig, Allen lächelnd, das Vorbild und die Göttin der Freude. Ich verglich dieſen Bericht von ihr mit der Melancholie und dem Trübſinn meiner Gefühle und empfand vas wie eine mir angethane Beleidigung, worüber ich mich ihretwegen hätte freuen ſollen, weil es mir bewies, daß ihre Gedanken anderweitig be⸗ ſchäſtigt waren. „In dieſer ärgerlichen und gereizten Stimmung kehrte ich nach London zurück. Meine Herrſchaft war bald wieder übernommen; und nun, Linden, kommt der demüthigende Theil meiner Bekenntniſſe. Eitel⸗ keit iſt eine zunehmende und unerſättliche Krankheit; was ihren Wünſchen heute als Reichthum erſcheint, verwirft ſie morgen als Armuth. Anfangs war ich zufrieden, zu wiſſen, daß ich geliebt werde; nach und nach wünſchte ich, daß auch Andere es wiſſen möchten. Es verlangte mich, meine Macht über die beliebte und berüh Rufe und zuſetzen. unſerer ei Sie laſſen welchen ei ihren Sto müthigſten ſtattete ih Orte zu! gegeben, ihre Neig legenheit „Doch glauben, innigſten geſtanden, ich habe um einen zu erhaſc in ihrer C Liebe mie hegte ich und benut was vern Reue un find die unſere V dem Abgt wildeſten ich ſie mir und über gnügungs⸗ die Göttin on ihr mit er Gefühle eleidigung, Uen, weil weitig be⸗ Stimmung ſchaft war n, kommt ſe. Eitel⸗ drankheit: erſcheint, s war ich nach und möchten. e heliebte 243 und berühmte Laby Merton zu zeigen und meinem Rufe und meiner Wichtigkeit die letzte Krone auf⸗ zuſetzen. Der Neid über Andere iſt die Nahrung unſerer eigenen Selbſtliebe. O, Sie wiſſen nicht, Sie laſſen ſich die bittern Kränkungen nicht träumen, welchen ein ſtolzes Weib unterworfen iſt, deren Liebe ihren Stolz beherrſcht. Ich legte Carolinen die de⸗ müthigſten, die ſchmerzlichſten Aufgaben auf; ich ge⸗ ſtattete ihr nur die zu ſehen, die ich wollte, keine Orte zu beſuchen, wozu ich ihr nicht die Erlaubniß gegeben, und ich zauderte nicht, meine Macht über ihre Neigungen, je nach der Offentlichkeit der Ge⸗ legenheit auszuüben. „Doch bei all dieſer Kleinlichkeit, wollen Sie es mir glauben, daß ich Carolinen mit der glühendſten und innigſten Leidenſchaft liebte? Ich bin hinter ihr ſtill⸗ geſtanden, um den Boden zu küſſen, den ſie betreten, ich habe ganze Nächte unter ihrem Fenſter zugebracht, um einen Blick von ihrer vorübergehenden Geſtalt zu erhaſchen, ſelbſt wenn ich am Tage Stundenlang in ihrer Geſellſchaft geweſen war; und obgleich meine Liebe mich wie Feuer durchglühte und verzehrte, ſo hegte ich doch keinen Wunſch gegen ihre Unſchuld und benutzte meine Macht nicht, um das auszuführen, was vermöge ihrer Tugend und ihres Stolzes keine Reue und Buße wieder gut machen konnte. Dies ſind die Wiverſprüche des Herzens, und während fie unſere Vollkommenheit verhindern, befreien ſie uns von dem Abgrunde des Laſters. Nie, ſelbſt nicht in meinen wildeſten Tagen, war ich blind für die Vortrefflichkeit der Tugend, doch erſt in meinen ſpäteſten Jahren habe ich die Fähigkeit gehabt, meine Wahrnehmung zu benützen. Ich glich dem Maulwurf, von dem Boyle meint, daß er die Idee des Lichts beſitze, aber unfähig ſei, die Gegenſtände zu begreifen, worauf es ſcheine. „Unter den Verſchiedenheiten meiner vorherrſchen⸗ den Sünde war eine Schwäche, die bei weltlich geſinn⸗ ten Menſchen häufig genug iſt. Während ich die Liebe, die ich erregte, oſſen zur Schau ſtellte, konnte ich nicht ertragen, die Liebe zu zeigen, die ich fühlte⸗ In unſerm Lande, und vielleicht in allen andern ſehr verfeinerten Staaten, doch in geringerem Grade, iß Begeiſterung und ſelbſt Gefühl jeder Art lächerlich, und ich konnte es nicht ertragen, daß meine geheime Neigung aus ihrer Verborgenheit hervorgezogen und beſpottet werde. „Dieſe Schwäche führte die Kataſtrophe meiner Liebe herbei; denn bemerken Sie wohl, Clarence, durch unſere Schwächen werden unſere La⸗ ſter heſtraft. Eines Abends ging ich auf eine Maskerade, und während ich in einem entfernten Winkel ſaß, näherten ſich mir drei von meinen Be⸗ kannten, die ich erkannte, obgleich ſie es nicht wußten, und ſpotteten über meine romantiſche Neigung zu Lady Merton. Die eine Perſon war ein Frauen⸗ zimmer von boshaftem und ſarkaſtiſchem Witz; die andern beiden Männer, die mir mißfällig waren, weil ihre Anſprüche mit den meinigen in Verührung kamen. Verwundet durch ihren Spott und ihr Ge⸗ lächter, er Stolz vere Perſon, v und falſch Liebe zu war als„ als lächerl handeln. „Als i um und e hören kon erkannte. Todesqual Maske— bebenden Seele ged „Clar⸗ einer Wo⸗ Sie hatte war zu he von der geopfert! mein Wer derer auf! meine Vet Der C der ihm das Schwe fort:„Vr nichts für en Jahren hrnehmung von dem eſitze, aber n, worauf h die Liebe, konnte ich ch fühlte. andern ſehr Grade, iſ t lächerlich, ne geheime ezgen un he meiter Clarenee, nſere La⸗ a eine entfernten neinen Be⸗ cht wußten, eigung zu n Franen⸗ Witz; die ig waren, Berührung d ihr Ge⸗ 245 lächter, erwiderte ich auf eine Weiſe, die Scherz und Stolz vereinte. Endlich ſprach ich verächtlich von der Perſon, von der die Rede war, und dieſe profanen und falſchen Lippen wagten nicht nur die geringſte Liebe zu jenem Weſen zu läugnen, die mir mehr war als Himmel und Erde, ſondern auch ſie ſelber als lächerlich und ihre Neigung als verächtlich zu be⸗ handeln. „Als ich noch dabei beſchäftigt war, ſah ich mich um und erblickte ganz in der Nähe, ſo daß ſie mich hören konnte, eine Geſtalt, die ich im Augenblick erkannte. O Gott! welch eine glühende Scham und Todesqual lag in dem Blicke!— Sie erhob ihre Maske— ich ſah jene bleichen Wangen und jene bebenden Lippen; ich wußte, daß der Pfeil in ihre Seele gedrungen war. „Clarenee, ich ſah ſle nicht lebendig wieder. In einer Woche von der Zeit an war ſie eine Leiche. Sie hatte viel gelitten ohne Murren; aber dieſer Schlag war zu hart, verwundete ihr Herz zu tief und kam von der Hand deſſen, für den ſie Alles würde auf⸗ geopfert haben! Ich ſtand im Tode bei ihr; ich ſah mein Werk und wendete mich ab, ein einſamer Wan⸗ derer auf der Oberfläche der Erde. Wahrlich, ich habe meine Vergeltung erhalten.“ Der Greis ſchwieg, heftig bewegt, und Glarenee, der ihm keinen Troſt gewähren konnte, unterbrach das Schweigen nicht. In wenigen Minuten fuhr Talbot fort:„Von der Zeit an war vas Lächeln der Weiber nichts für mich; ich ſchien in einem einzigen Tage alt geworden zu ſein. Das Leben hatte ſeinen ganzen Zweck für mich verloren. Eine Einöde breitete ſich vor mir aus— die Töne der Schöpfung hatten nur eine Stimme für mich— die Vergangenheit, die Zu⸗ kunft nur ein Bild. Ich verließ mein Vaterland auf zwanzig Jahre und lebte als ein mäßiger und hofſ⸗ nungsloſer Mann an den verſchiedenen Höfen des Feſtlandes. „Im Alter von fünfzig Jahren kehrte ich nach England zurück; die Wunden der Vergangenheit waren nicht geheilt, aber verharſcht, und es verlangte mich, gleich den übrigen meiner Gattung, einen Zweck zu verfolgen. In jenem Alter müſſen wir, wenn wir viel von der Menſchheit geſehen haben, und die Talente beſitzen, dieſe Kenntniß zu benützen, einer von zwei Sekten angehören— wir müſſen Politiker oder Phi⸗ loſoph ſein. Das Letztere zu ſein, dazu war meine Zeit noch nicht gekommen, und daher entſchloß ich mich, das Erſtere zu werden; aber dies war mir ver⸗ ſagt, denn meine Eitelkeit hatte eine verſchiedene Ge⸗ ſtalt angenommen. Freilich lag mir nichts mehr an dem Ruhm, den Weiber gewähren können; aber es ver⸗ langte mich nach dem Beifall der Männer, und mit gefiel die lange und ſchwierige Arheit nicht, denſelben zu erlangen. Ich wünſchte einen kurzen Weg zu meinem Ziele einzuſchlagen, und lebhaft folgte ich jeder Rich⸗ tung, nur nicht der rechten, in der Hoffnung, daß ſie mich früher zu dem Höhenpunkte führen werde⸗ „Das unterſcheidende Merkmal eines eitlen Mannes im Gegenſatze zu einem ehrgeizigen Manne und ſeines ewigen§ zu erlang zu ſchnell und Schri aufklimm einzigen einer aus unfähig i als bis e ſtändig ve er nach d Bereiche die eine „Die Vergehen bequemen ſchäfte ve tariſchen ſpäten S zwei oder ſie nannt ſchreiber bahn. Je Unterhalt Sprache waren di heit bei literariſch licheren geben ha die Talente r von zwei r oder Phi⸗ war meine ntſchloß ich ar mir ver⸗ hiedene Ge⸗ nehr an dem ber es ver⸗ n mit enſelben z zu meinem jeder Rich⸗ nung, daß ren werde. en Mannet und ſeines 247 ewigen Hinderniſſes, einen hohen und ehrenvollen Ruf zu erlangen, iſt dieſes: er fordert für jede Mühe eine zu ſchnelle Belohnung; er kann nicht Jahrelang warten und Schritt für Schritt zu einem erhabenen Ztele hin⸗ aufklimmen; was er unternimmt, muß er auf einen einzigen Griff erlangen. Dazu kommt noch, daß er einer ausſchließlichen Aufmerkſamkeit bis ans Ende unfähig iſt; ſein Verlangen iſt nicht eher befriedigt, als bis es Alles verſchlungen hat, und ſo iſt er be⸗ ſtändig verurtheilt, ſeine Kraft zu zerſplittern, indem er nach den leeren Schaumblaſen greift, die in ſeinem Bereiche ſind, und die werthloſen Früchte ſammelt, die eine einzige Sonne reifen kann. „Dies alſo war mein Fehler und die Urſache meines Vergehens. Ich konnte mich nicht zu dem Finanzfach bequemen, noch die Verwickelungen der Handelsge⸗ ſchäfte verfolgen; ſelbſt die gewöhnlichen parlamen⸗ tariſchen Plackereien des beſtändigen Beſuchs und der ſpäten Stunden waren mir unerträglich, und nach zwei oder drei glänzenden Reden, wie meine Freunde ſie nannten, war ich der Bemerkungen der Zeitungs⸗ ſchreiber überdrüſſig und ſchloß meine politiſche Lauf⸗ bahn. Jetzt war ich alſo auf meinen Witz und meine Unterhaltungsgabe beſchränkt. Bei meiner geläufigen Sprache und meinen verſchiedenartigen Kenntniſſen waren dies leichte Auszeichnungen, und die Beliebt⸗ heit bei einer Mittagstafel, oder die Billigung einer literariſchen Coterie tröſteten mich wegen des öffent⸗ licheren und dauernderen Beifalles, den ich aufge⸗ geben hatte.“ 248 „Aber ſelbſt dieſe Befriedigung währte nicht lange. Ich wurde krank, und die Freunde, die ſich um den Schöngeiſt verſammelt hatten, flohen den kränklichen Alten. Dies war mir zuwider, und ſobalb ich hinläng⸗ lich wieder hergeſtellt war, kehrte ich auch auf das Feſtland zurück. Aber ich hatte etwas von Menſchen⸗ haß und Liebe zur Einſamkeit angenommen, und ſo ſuchte ich nicht die Höfe und Städte auf, deren Ver⸗ gnügungen ich früher genoſſen hatte, ſondern ich mie⸗ thete ein Haus an einem der abgelegenſten Seen in der Schweiz, vermied die Lebenden und gab mich ohne Störung dem Umgange mit den Todten hin. Ich umgab mich mit Büchern und ſtudirte beſonders eifeig die Werke, welche von dem Menſchen handeln. Meine Leidenſchaften waren vorüber, meine Liebe zum Ver⸗ gnügen und zur Geſellſchaft ausgetrocknet, und ich hatte jetzt keine Hinderniſſe mehr, die uns verbieten, weiſe zu ſein; ich verlernte die Lehrſätze, die ich mir in meinem Mannesalter angeeignet hatte, und wurde in meinem höheren Alter Philoſoph; die Religion lieh mir ihre Hülfe, und durch ihre heilige Lampe wurden mir meine Studien erheitert und meine Ein⸗ ſiedelei erleuchtet. „Es gibt gewiſſe Charaktere, die in der Welt ſchlecht und in der Abgeſchiedenheit gut ſind. Rouſſeau, den ich gut kannte, iſt einer von dieſen. Dieſe Per⸗ ſonen beſitzen eine krankhafte Empfindſamkeit, die bei der Berührung mit Andern ſtets verletzt wird. Kurz⸗ ſie ſind unter der Herrſchaft der Eitelkeit, und dieſe Eitelkeit, die nie befriedigt wird, bringt in den verſchiedet heit, Haß aber in wollenden mehr in d zu reifen, einträchtit ſcheinende gibt auch Stelle der Voltaire, und in ſe gante und Greiſena Philoſop großer 2 Viograpl überraſch dividuen; daſſelbe ſeins wid mählig Wohlth chi lange. hum den ränklichen hinläng⸗ auf das Renſchen⸗ „ und ſo eren Ver⸗ nich mie⸗ Seen in mich ohne hin. Ich ers eifeig n. Meine zum Ver⸗ „und ich verbieten, ie ich mir und wurde Religion ge Lampe eine Ein⸗ der Welt Rouſſeau, Dieſe Per⸗ it, die hei rd. Kurz eit, und ngt in den 249 verſchiedenen Beziehungen der Geſellſchaft Neid, Bos⸗ heit, Haß und alle unchriſtlichen Eigenſchaften hervor; aber in der Einſamkeit haben die guten und wohl⸗ wollenden Stimmungen, denen unſere Selbſtliebe nicht mehr in den Weg tritt, Raum, ſich auszubreiten und zu reifen, ohne von entgegengeſetzten Intereſſen be⸗ einträchtigt zu werden— und dies wird manche an⸗ ſcheinende Widerſprüche des Charakters erklären. Es gibt auch einige Menſchen, bei denen das Alter die Stelle der Einſamkeit erſetzt, und Rouſſeau's Gegner, Voltaire, gehört in dieſe Claſſe. Der in ſeiner Jugend und in ſeinem Mannesalter gewandte, boshafte, arrv⸗ gante und vielgeſchmähte Schriftſteller wurde in ſeinem Greiſenalter der milde, wohlwollende und ehrwürdige Philoſoph. Nichts iſt thörichter, als die Charaktere großer Männer unbedingt nach den Worten eines Biographen zu nehmen, und nichts kann weniger überraſchend ſein, als unſer ewiger Streit über In⸗ dividuen; denn kein Menſch iſt in ſeinem ganzen Leben daſſelbe Weſen, und jeder Abſchnitt unſeres Da⸗ ſeins widerſpricht den charakteriſtiſchen Merkmalen des letzten. „Und nun in meiner Einſamkeit und in meinem Alter belebte mich ein neuer Geiſt; das Spiel, worauf ich mich mit ſolcher Heftigkeit eingelaſſen, war für mich vorüber, und ich vereinte mit meiner Erfahrung als Schauſpieler meine Kälte als Zuſchauer; ich kämpfte nicht mehr mit meinen Mitmenſchen und begann all⸗ mählig ſie zu lieben. Ich gründete Schulen und ſtiftete Wohlthätigkeitsanſtalten, und in geheimen, aber thä⸗ 250 tigen Dienſten, die ich der Menſchheit leiſtete, wen⸗ dete ich meine Anſtrengungen an und verſchwendete meine guten Wünſche. „Von dieſer Beſſerung datire ich den Seelenfrieden und die Elaſtieität meines Geiſtes, deren ich mich jetzt erfrene, und in meinen ſpäteren Jahren hat ſich das Glück, welches ich in meiner Jugend und in meinen reifen Jahren ſo eifrig und doch ſo unwirkſam ver⸗ folgte, unbekümmert in meine Bruſt geflüchtet. „Vor etwa fünf Jahren kehrte ich wieder nach England zurück, in der Abſicht, in dem Lande meiner Geburt zu ſterben. Ich zog mich auf meinen Familien⸗ wohnſitz zurück, verſuchte, mich vurch landwirthſchaſt⸗ liche Verbeſſerungen zu zerſtreuen, und meine Rente wurde durch Spekulationen verzehrt. Dies geſiel mir nicht lange; ich ſuchte Geſellſchaft— Geſellſchaft in Yorkſhire! Sie können ſich den Erfolg vorſtellen; ich war außer meinem Element; die Entfernung von der Hauptſtadt, von allem paſſenden Umgange, verurſachte mir das Gefühl der Verlaſſenheit und Einſamkeit; zum erſtenmal in meinem Lehen fühlte ich mein Alter und meine Eheloſigkeit. Ich kehrte wieder in die Stadt zurück, und da ich an den Lungen litt, ſo empfahlen, mir die Irzte die Luft in dieſer Gegend, und ſo ſchlug ich hier meine Wohnung auf. Ohne eigentlich in London zu ſein, kann ich die Vortheile der Haupt⸗ ſtadt genießen und zur Erholung Geſellſchaft haben, ohne dies durch Zwang erkaufen zu müſſen. Ich ſehe nicht gern neue Geſichter und liebe den Prunk nicht mehr; mein alter Diener war mir daher genügend. Künftig ſicherern nerſchaſt für mich hrachte Ihnen f der groß welches nicht all zu Ende Wer eine beſt eine Be Leivenſc lich, doe fikatione unſerer ſchön at welche t der Nor Leidenſc ſie ſich und trä ſchaften Do war ein würdig Alter der Kn denſcha gefiel mir ſchaft in ellen; ich g von der erurfachte nſamkeit; ein Alter die Stadt mpfahlen und ſo eigentlich Haupt⸗ t haben, Ich ſehe nk nicht enügend. 25¹ Künftig aber werde ich zu Ihrer Beruhigung einen ficherern Aufenthalt wählen und eine zahlreichere Die⸗ nerſchaſt annehmen. Auf jeden Fall iſt es ein Glück für mich, daß das Schickſal, indem es mich hieher⸗ brachte und mich einiger Gefahr ausſetzte, mir in Ihnen für mein Alter einen Freund gab und aus der großen Menge von Fremden ein Weſen auswählte, welches mich überzeugen mußte, daß mein Herz noch nicht alle Neigung überlebt hat. Meine Geſchichte iſt zu Ende; mögen Sie aus der Moral Vortheil ziehen.“ Wenn Talbot ſagte, daß mit unſern Charakteren eine beſtändige Veränderung vorgehe, ſo hätte er dieſe eine Beſchränkung machen ſollen: die eine herrſchende Leidenſchaft bleibt bis zuletzt, ſie modifieirt ſich frei⸗ lich, doch verläßt ſie uns nie ganz, und dieſe Modi⸗ fikationen find es, welche größtentheils die Kanäle unſerer Veränderung bilden, oder wie Helvetius ſich ſchön ausgedrückt hat, wir gleichen jenen Fahrzeugen, welche die Wogen noch gegen Süben treiben, wenn der Nordwind zu blaſen aufgehört hat; doch da dieſe Leidenſchaft in unſerem höheren Alter wenig hat, wovon ſie ſich nähren kann, ſo wird ſie zuweilen ſchlummernd und träge, und dann erheben ſich unſere guten Eigen⸗ ſchaften und ühen ihre Herrſchaft aus. Doch dieſe Fälle find nicht gewöhnlich, und Talbot war ein merkwürdiges Beiſpiel, denn er war ein merk⸗ würdiger Mann. Sein Geiſt hatte in ſeinem höheren Alter nicht geſchlummert und war ſo gleichſam aus der Knechtſchaft ſeiner früheren Vorurtheile und Lei⸗ denſchaften herausgewachſen. Aber wenig ließ er es 25² ſich in der Blindheit ſeiner Selbſttäuſchung träumen — obgleich es Clarence ſo augenſcheinlich war, daß er hätte lächeln können, wäre er nicht mehr geneigt geweſen, über die Schwächen der menſchlichen Natur zu weinen— wenig ließ er es ſich träumen, daß die Eitelkeit, die ihn ſo viel gekoſtet, noch Herrſcherin blieb, nicht abgeſetzt von ſeiner Philoſophie, ſeiner Religion vder ſeiner Reue, und daß, durch die Um⸗ ſtände von allen weiteren und gefährlicheren Feldern ausgeſchloſſen, ſie ſich noch auf Kleinigkeiten erſtreckte, die ſeinen Geiſteskräften unwürdig waren, und auf Kindereien, die ſein Alter entehrten. Die Thorheit iſt eine Cvurtiſane, die wir ſelber aufſuchen, deren Gunſt wir um einen ungeheuren Preis erkaufen, und die gleich der Lais nicht weniger häufig Philoſophen als die übrigen ſterblichen Menſchen vor ihrer Thür findet. — Einundzwanzigſtes Kapitel. Mrs. Trinket. Was wollen Sie kaufen— was bedürfen Sie, meine Herren? Hand⸗ ſchuhe, Bänder und Eſſenzen— Bänder, Handſchube und Eſſenzen. therege. „So ſagt man alſo, meine Liebe,“ begann Cop⸗ peras eines Morgens beim Frühſtück zu ſeiner Frau, indem er ſein rechtes Bein über ſein linkes geſchla⸗ gen und ſeine rechte Hand ein ungeheueres Stück mit Butter beſtrichenen Kuchen zu ſeinem Munbe führte —„ſo ſagt man alſo, meine Liebe, daß der alte Thor den mögen hi „Das mir über wohl behe ſein ſollte ſo viel ich als wir B Schade,“ Eheherrn rechtigkeit nach ihrer Dich weie alten Ker „Ich nen,“ ſie verfehlt! „O, einen Se „Nei Scherz a „Ja, rief Mre Gedanker viel Not „Not gegnete( lator vie zu errege In d träumen var, daß geneigt n Natur daß die rrſcherin „ ſeiner die Um⸗ Feldern rſtreckte, und auf Thorheit deen en, und oſophen er Thür 1— was n Hand⸗ ſenzen— Eſſenzen. ege. in Cop⸗ er Frau, geſchla⸗ tück mit führte 253 Thor dem jungen Springinsfeld ſein ganzes Ver⸗ mögen hinterlaſſen will?“ „Das ſagt man, Copperas; ich bin ganz außer mir über die Liſt des jungen Mannes: ich möchte wohl behaupten, daß er nicht ſo gut iſt, wie er wohl ſein ſollte; er hatte ſiets einen ſcharfen Blick, und ſo viel ich weiß, mag mehr in dieſer Räuberei liegen, als wir Beide uns träumen ließen, Copperas. Es war Schade,“ fuhr Mrs. Copperas fort, indem fie ihrem Eheherrn mit wahrhaft ehelicher Zärtlichkeit und Ge⸗ rechtigkeit über die Folgen Vorwürfe machte, weil er nach ihrem Rathe gehandelt,„es war Schade, daß Du Dich weigerteſt, ihm die Piſtolen zu borgen, um dem alten Kerl zu Hülfe zu kommen, denn wer weiß—“ „Ich hätte ſie in goldene Piſtolen verwandeln kön⸗ nen,“ fiel Copperas ein,„und würde mein Ziel nicht verfehlt haben— ha! ha! ha!“ „O, Copperas, Du machſt doch auch über Alles einen Scherz.“ „Nein, meine Liebe, diesmal mache ich einen Scherz aus Nichts.“ „Ja, es iſt ſchmachvoll, das muß ich ſagen,“ rief Mrs. Copperas, noch immer ihren unwilligen Gedanken folgend,„und noch dazu, nachdem er ſo viel Notiz von Adolph genommen.“ „Notiz, meine Liebe! Nichts als Worte,“ ent⸗ gegnete Copperas,„Worte, die gleich einem Venti⸗ lator viel Wind machen, aber doch den Wind nicht zu erregen vermögen.“ In dieſem Angenblick öffnete de Warrens die Thür — 254 unb meldete Herrn Braun an, welcher mit geſetzter, aber heiterer Miene eintrat.„Nun, Mrs. Copperas, Ihr Diener; bedürfen Sie kein Tiſchzeug? Herr Copperas, wie geht's Ihnen? Ich kann Ihnen einen Wink über die Papiere geben. Der junge Herr Copperas ſieht ganz wohl aus, meinen Sie nicht, daß er einige neue Lätzchen bedarf, Madame? Aber wo iſt Herr Clarenee Linden? Wohl noch nicht auf⸗ geſtanden? Ja, die gegenwärtige Generation iſt eine Generation der Langſchläfer, wie ſeine würdige Tante, Mrs. Minden zu ſagen pflegte.“ „Ich weiß in der That nichts von dem jungen Manne,“ ſagte Mrs. Copperas, indem ſie verächt⸗ lich den Kopf drehte.„Er hat uns verlaſſen; in der That eine ſehr geheimnißvolle Sache, Herr Braun, und nun kann ich nicht umhin, zu ſagen, daß wir durch⸗ aus nicht mit Ihrer Einführung zufrieden waren; und beiläufig geſagt, die Stühle, die Sie für uns in der Auktion kauften, waren ſo ſchwach, daß Herr Wall⸗ ruß zwei davon zerbrach, als er ſich nur niederſetzte.“ „Ei, das wäre, Madam!“ ſagte Braun mit großem Ernſt,„aber Herr Wallruß iſt auch gar zu korpulent. Aber was können Sie mir von dem jungen Herrn ſa⸗ gen?“ fuhr der Makler fort, indem er ſich auf liſtige Weiſe wieder zu dem beſtrittenen Gegenſtande wendete. „O Herr Braun, fragen Sie mich nicht; es war der unglücklichſte Schritt, den wir je thaten, ihn in den Schvoß unſerer Familie aufzunehmen; eine gif⸗ tige Schlange, das verſichere ich Ihnen, und hat dem armen Adolph Alles geraubt.“ „Gott ſeten,„w ſcher jung „Nun heim Verz „Tom— die Kutſch „Ja, „Und „Es iſ das Frühſt der Schwa es wenigſt als er die „Ha! ſpaßhafter Aber rebe Manne, d „O, l muß nacht Sie Herrn Hauſe, der „Das ſagte Brau hinunterfol Aber befriedigt, lehnend un merkſamen geſetzter, opperas, 7 Herr en einen e Herr e nicht, 7 Aber cht auf⸗ iſt eine Tante, jungen verächt⸗ in der Braun, durch⸗ n; und in der Wall⸗ rſetzte.“ großem pulent. rrn ſa⸗ f liſtige enete. es war ihn in ne gif⸗ at dem 255 „Gott ſei uns gnäbig!“ ſagte Braun mit Ent⸗ ſetzen,„wer hätte das denken ſollen; und ein ſo hüb⸗ ſcher junger Mann!“ „Nun muß ich fort,“ ſagte Copperas, der bisher heim Verzehren ſeines Butterkuchens geſchwiegen hatte. „Tom— de Warrens, wollte ich ſagen— haſt Du die Kutſche angehalten?“ „Ja, Herr.“ „Und welche Kutſche iſt es?“ „Es iſt die Schwalbe, Herr.“ „O ſehr gut. Und nun, Herr Braun, da ich das Frühſtück hinuntergerollt habe, will ich jetzt in der Schwalbe davonrollen— ha! ha! ha!— Er hat es wenigſtens noch nicht gehört,“ dachte Copperas, als er die Treppe hinunterſtieg. „Ha! ha!“ lachte Braun ernſthaft,„ein ſehr ſpaßhafter, lehhafter Mann, der Herr Copperas. Aber reden Sie von dieſem undankbaren, jungen Manne, dem Herrn Linden, Madame.“ „O, laſſen Sie mich in Ruhe, Herr Braun, ich muß nach meinen häuslichen Geſchäften ſehen, fragen Sie Herrn Talbot, den alten Geizhals im nächſten Hauſe, den havarr, wie der Franzoſe ſagt.“ „Das iſt in der That ſehr kränkend für mich,“ ſagte Braun, indem er der guten Dame die Treppe hinunterfolgte,„und noch dazu Mrs. Mindens Neffe!“ Aber Herrn Brauns Neugierde war nicht ſo bald befriedigt, und als er de Warrens über die Pforte lehnend und die ſich entfernende Schwalbe mit auf⸗ merkſamen Augen verfolgen ſah, hielt er ihn auf, 256 rebete ihn an unb erfuhr halb die Thatſachen, daß der alte Talbot beraubt und ermordet worden, daß Herr Linden ihn aber wieder ins Leben zurückgebracht, und daß der alte Talbot ihm hunderttauſend Pfund geſchenkt und ihn als ſeinen Sohn adoptirt habe; und wie Herr Linden in fremde Länder ſolle geſchickt werden, als Geſandter oder Gouverneur oder irgend eine andere große Perſon, und wie ſein Herr und ſeine Madam ſehr ärgerlich varüber ſeien. Nachdem ſich Braun alle dieſe Einzelheiten ge⸗ hörig eingepräßt hatte, brachten ſie den unmittel⸗ baren Wunſch hervor, den jungen Herrn zu beſuchen, der, auch abgeſehen von ſeiner nahen Verwandtſchaft mit der Mrs. Minden, ſtets ein großer Günſtling des Herrn Braun war. Als daher Clarence über ſeine bevorſtehende Ab⸗ reiſe nachvachte, die nun in Kurzem vor ſich gehen ſollte, ſtutzte er ein wenig über die plötzliche Erſchei⸗ nung des Herrn Braun.„Schönes Wetter, Herr — ſchönes Wetter,“ ſagte der Freund der Mrs. Min⸗ den— ſpreche nur eben ein, um Ihnen Glück zu wünſchen. Ich habe einige Artikel, Herr, womit ich Sie beſchenken will— große Seltenheiten, das ver⸗ ſichere ich Ihnen. Ich erſtand ſie bei dem Verkaufe der höchſt koſtbaren Effekten der verſtorbenen Labh Wabdilvve. Es find gerade Sachen, deren ein Herr bedarf, der zu einer fremden Geſandtſchaft geht. Ein ſehr zierliches elfenbeinernes Käſtchen mit einem in⸗ diſchen Vorlegeſchloß, um wichtige Briefſchaften darin anfzubewahren— gehörte früher dem großen Mogul; und eine tabaksdoſe varauf, ar loyal aus Tante auf geſchenk ſe ordentlich Theeſerviee den die ver „Mein „O„ k nur zu glü zu dienen halten.— ſein, mein ſter Diener tiefen Verl nahe umger Zu Inzwiſe Bilde raſch in der lebl bereits gen keinen Aug Bulwer, hen, daß den, daß gebracht, d Pfund rt habe; e geſchickt er irgend Herr und iten ge⸗ unmittel⸗ beſuchen, andtſchaft Hünſtling ende Ab⸗ ich gehen e Erſchei⸗ er, Herr rs. Min⸗ Glück zu vomit ich das ver⸗ Verkaufe nen Lady ein Herr eht. Ein inem in⸗ ten darin Mogul; 257 und eine ſchöne, mit Diamanten beſetzte Schnupf⸗ tabaksdoſe, mit dem Bilbniß Ludwigs des Vierzehnten varauf, ausnehmend fein, und wird noch dazu ſo loyal ausſehen, und wenn Sie irgend eine alte Tante auf dem Lande habe, der ſie ein Abſchiedz⸗ geſchenk ſenden wollen, ſo habe ich ein Stück außer⸗ ordentlich feines Kammertuch, ein prächtiges meißner Theeſerviee und einen liebenswürdigen kleinen Affen, den die verſtrbene Lady Waddilove ſelber ausſtopfte.“ „Mein guter Herr„ begaun Clarence. „O, keinen Dank, Herr— durchaus nicht— bin nur zu glücklich, einem Verwandten der Mrs. Minden zu dienen— ſtets ſtolz Familienverbindungen zu unter⸗ halten.— Sie werden morgen um elf Uhr zu Hauſe ſein, mein Herr— ich werde vorſprechen— Ihr ergeben⸗ ſter Diener, Herr Linden.“ Und indem ſich Braun mit tiefen Verbeugungen zurückzog, hätte er Talbot bei⸗ nahe umgerannt, der in demſelben Angenblick eintrat. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Mit offenem Herzen, freier Zunge ſprachen Wir treu und zärtlich wie ein Freundespaar, Obgleich ich jung, und Natthias ſi ſiebzig Jahr. Wordsworth. Inzwiſchen rückte der junge Künſtler mit ſeinem Bilde raſch vorwärts. Von Begeiſterung erfüllt und in der lebhaften Erwartung eines Ruhmes, den er bereits gewonnen zu haben glaubte, geſtattete er ſich keinen Augenhlick der Erholung; ſeine Bulwer, der Verſtoßene, 1. 258 er nur haſtig hinunter und ohne von ſeinem Seſſel ⸗ aufzuſtehen; ſein Schlaf war kurz und von ſieberhaften Träumen unterbrychen, er ging nicht mehr mit Cla⸗ renee aus, wenn der Abend ſeine Schatten über ſeine Arbeiten warf; er mied die friſche Luft und Bewe⸗ gung gänzlich, ſchloß ſich in ſeinem engen Zimmer ein, brachte die Stunden in glühenden und leiden⸗ ſchaftlichen Selbſtgeſprächen zu, die ſelbſt, während er nicht bei ſeinem Werke beſchäftigt war, ſeine Ge⸗ danken nur noch feſter an den Gegenſtand feſſelten. Alle menſchliche Nähe ertrug er mit einer Ungeduld und Reizbarkeit, die ſeiner ſanften und nachdenken⸗ den Natur bisher völlig fremd geweſen. Sogar Cla⸗ rence ſah ſich von der Gegenwart ſeines Freundes ausgeſchloſſen; ſelbſt ſeine nächſte Verwandte, die den Boden verehrte, den er durch ſeinen Fußtritt geheiligt, war aus dem Heiligthum des Malers ver⸗ bannt, und aus einem höchſt milden, menſchlichen Weſen ſchien Warner ſehr mürriſch geworden zu ſein. Ach! es gibt ein Fieber der Seele, wogegen vas des Körpers nur Eis iſt— ein Fieber, das dem gli⸗ henden Strome eines Vulkans gleicht, welches ſich, wenn man es am wenigſten argwöhnt, aus dem Schoße des ſtillen Bodens erhebt, ſelbſt im Zerſtören erſchafft und eine neue Schicht verhärtet, die der Natur der erſten gerade entgegengeſetzt iſt. Mangel an Ruhe, das Enthalten der Speiſe, bie Ungeduld des angeſtrengten Geiſtes und der ermatteten Nerven, Alles trug dazu bei, die Geſundheit aufzu⸗ reiben, während es den Geiſt des Künſtlers aufregte. Ein hoe ſehen, ſein Aug türlichen gemager und dure deren pa war, ſch wer die Aher ſeines F ab, nach ſten dien war eir Warner, mit Tall dem man überlege lichen E ein beſr Reynold und da langte e erfüllen. durch Lir ſeinen R ſehr get machte f zu erlan Rangest em Seſſel eberhaften mit Cla⸗ über ſeine nd Vewe⸗ n Zimmer nd leiden⸗ während ſeine Ge⸗ feſſelten. Ungeduld achdenken⸗ ogar Cla⸗ Freundes ndte, die Fußtritt alers ver⸗ nſchlichen n zu ſein. n das des dem glü⸗ iches ſic, aus dem Zerſtören „ die der peiſe, die rmatteten it aufzu⸗ aufregte. 259 Ein hochrother Fleck, den man vorher nie dort ge⸗ ſehen, glühte in der Mitte ſeiner bleichen Wange; ſein Auge funkelte mit einem glänzenden, aber unna⸗ türlichen Feuer. Seine Züge wurden ſcharf und ah⸗ gemagert; ſeine Knochen traten durch ſeine weiße und durchſichtige Haut hervor, und Seele und Körper, veren paſſende und freundliche Verbindung aufgehoben war, ſchienen ſich mit heftigen Kämpfen zu ſtreiten, wer die Herrſchaft und den Triumph behaupten ſollte. Aher weder ſeine neuen Ausſichten, noch die Kälte ſeines Freundes brachten Lindens warmes Herz davvn ab, nachzudenken, wie er dem Künſtler am wirkſam⸗ ſten dienen könne, ehe er aus dem Lande abreiſe. Es war ein beſonderer Gegenſtand des Wunſches für Warner, daß der berühmteſte Maler jener Zeit, der mit Talbot in vertrauten Verhältniſſen ſtand und von dem man wußte, daß er mit dem Wohlwollen wahrer überlegenheit ein lebhaftes Intereſſe an dem glück⸗ lichen Erfolge jugendlicher Talente nahm— es war ein beſonderer Wunſch Warners, daß Sir Joſua Reynolds ſein Bild ſehen möge, ehe es vollendet ſei, und da Clarence um dieſen Wunſch wußte, ſo er⸗ langte er leicht von Talbot das Verſprechen, ihn zu erfüllen. Dies war ver geringſte Dienſt ſeines Eifers: durch Lindens lehhafte Freundſchaft gerührt, begierig, ſeinen Retter auf jede Weiſe zu verpflichten, und ſelbſt ſehr geneigt, der Patron des Verdienſtes zu ſein, machte ſich Talbot leicht verbindlich, das für Warner zu erlangen, was die Aufmerkſamkeit und Gunſt hohen Ranges der literariſchen Auszeichnung gewähren konnte. 260 „Was ſein Bild betrifft,“ ſagte Talbot, als Clarence am Abend vor ſeiner Abreiſe wieder vvn dem Gegen⸗ Kande begann,„das werde ich ſelbſt kaufen, und zwar zu einem Preiſe, der unſern Freund in den Stand ſetzen wird, der Vollendung ſeiner nächſten Arbeit ſeine volle Muße und ſein Studium zu widmen; aber ſelbſt auf die Gefahr hin, Ihre Freundſchaft zu ver⸗ letzen und Ihre Erwartungen zu vereiteln, will ich Ihnen offen ſagen, daß ich glaube, Warner über⸗ ſchätzt, wenn auch nicht ſeine Talente, doch ſeine Kraft der Ausführung; wenn nicht ſeine Fähigkeit, ſpäter etwas Großes zu ſchaffen, doch aber die Mös⸗ lichkeit, es gegenwärtig zu thun. In dem Stolz ſeiner Kunſt hat er mir manche von ſeinen Bildern gezeigt, und ich verſtehe mich ein wenig darauf: es fehlt ihnen an Erfahrung, Cultur, Geſchmack und vor allen Dingen an einem tieferen Studium der italieniſchen Meiſter. Sie haben alle vie Fehler eines fieberhaften Colvrits, eines ehrgeizigen Strebens nach Effekt, eines ſchwankenden und unvollkommenen Um⸗ riſſes, einer unnatürlichen Stärke des Lichts und Schattens; ſie zeigen freilich ein Genie von nicht ge⸗ wöhnlicher Art, welches aber ſchlecht geregelt, uner⸗ fahren und ſeinen eigenen Erfindungen überlaſſen iſt. Indeſſen iſt es mir lieb, daß er das Urtheil eines Mannes wünſcht, der nothwendig der beſte Richter ſein muß; er mag am Donnerſtag ſein Bild hieher bringen; an dem Tage hat mein Freund mich zu beſuchen verſprochen— und nun laſſen Sie uns von Ihnen und Ihrer Abreiſe reden.“ Die ungleich; ſehen des ſicht auf leichte un terredung ermahner Weiſe di er zeigte, ſeines ju „Mei find im! will Ihre dämpfen, keit verw den. Si treten ur des Erfol fahrung Erasmus zwiſchen! für eine wünſcht welches d digen. 2 glaube ie die Welt Gaſtmahl Geſchmac lernen,„ Clarence Gegen⸗ ind zwar n Stand tArbeit en; aber t zu ver⸗ will ich e über⸗ ch ſeine ähigkeit, ie Mög⸗ m Stolz Bildern rauf: es nack und ium der er eines ens ch enen Um⸗ chts und nicht ge⸗ lt, uner⸗ laſſen iſt. eil eines e Richter ld hieher mich zu uns von 261¹ Die Unterhaltung des verſchiedenen Alters iſt ſehr ungleich; ſie muß immer mehr oder weniger das An⸗ ſehen des Rathes auf der einen Seite, und der Rück⸗ ſicht auf der andern annehmen, und obgleich die leichte und ungezwungene Richtung von Talbots Un⸗ terredung ſeine Bemerkungen mehr unterhaltend, als ermahnend machte, ſo nahm ſie doch nothwendiger Weiſe die Färbung von ſeiner Erfahrung an, und er zeigte, daß er ſich durch ſein Intereſſe an dem Glück ſeines jungen Freundes leiten laſſe. „Mein liebſter Clarenee,“ ſagte er zärtlich,„wir find im Begriff, einander Lebewohl zu ſagen. Ich will Ihre Hoffnungen und Erwartungen nicht dadurch dämpfen, indem ich bei der geringen Wahrſcheinlich⸗ keit verweile, daß wir einander je wieberſehen wer⸗ den. Sie find im Begriff, in die große Welt zu treten und hegen in ſich den Wunſch und die Macht des Erfolges; ich ſchmeichle mir, daß Sie meine Er⸗ fahrung benützen können. Unter den Geſprächen des Erasmus befindet ſich ein ſehr intereſſanter Dialog zwiſchen Apieius und einem Manne, der ein Feſtmahl für eine große und gemiſchte Geſellſchaft zu geben wünſcht und den Epicuräer um Rath zu fragen kommt, welches das beſte Mittel ſein werde, Alle zu befrie⸗ digen. Nun ſollen Sie dieſer Spudäus ſein, ſo, blaube ich, hieß er, und ich will Apieius ſein, denn vie Welt iſt am Ende nichts weiter als ein großes Gaſtmahl von verſchiedenen Fremden mit verſchiedenem Geſchmack und von verſchiedenem Alter, und wir müſſen lernen, uns in ihre Anſichten fügen und unſere Ver⸗ 262 ſuchungen nach ihren Leidenſchaften richten, wenn wir ſie bezaubern oder auch nur zufrieden zu ſtellen wünſchen. Es ſcheint ſeltſam genug, daß ein freies Land, wie das unſere, wo es wichtig iſt, jeder Claſſe zu gefallen, von ollen modernen Nationen am eifrig⸗ ſten ſcheint, die Sitten und das Benehmen, die gleich ver Gelehrſamkeit oft beſſer als Haus⸗ und Grund⸗ beſitz ſind, nicht nur zu vernachläſſigen, ſondern auch zu verdammen. Sehr verſchieden war es im alten Athen, welches jetzt ſo ſehr als Gegenſtand des Ge⸗ ſchwätzes und der Nachahmung behandelt wird: dort waren die berühmteſten Bürger auch die feinſten Herren. Aber um wieder zu dem Gegenſtande zurück⸗ zukehren: da die Sitten noch ſo unerforſcht ſind, ſo erlauben Sie mir, Ihre Aufmerkſamkeit auf die Winke und Grundſätze zu lenken, vie ich auf vieſem Papier zu Ihrer Belehrung aufgeſetzt habe; nehmen Sie und überblicken Sie es, wenn Sie Muße dazu haben. Schreiben Sie mir von Zeit zu Zeit, und indem ich auf Ihre Briefe antworte, will ich Ihnen den beſten Rath ertheilen, der in meiner Macht ſteht. Im übrigen, mein lieber Sohn, habe ich Sie nur zu bitten, daß Sie offen ſind, und ich will Ihnen da⸗ gegen verſprechen, Sie nie zu tadeln, wenn ich Ihnen nicht helfen kann. Und nun, Clarence, da es ſchon ſpät iſt und Sie uns morgen in der Frühe verlaſſen, ſo will ich Sie nicht länger aufhalten. Gott ſegne und erhalte Sie. Sie gehen, das Leben zu genießen — ich gehe dem Tode entgegen; daher ſinden Sie in mir wenig übereinſtimmendes; aber wie der gute Pope zu „„Welchet mag, ſo Mannes Als C ſtrömten Weſen, geſchick, w ſie von al Anmuth n ſcheint es terte Woh fung, die ſüchtige ü die Geſtalt geweht, die dünne warme Fl der Triun Stimme d iſt dies n zwiefach( die Erſta Jahre, ge bes überle wenn ſtellen freies Claſſe eifrig⸗ e gleich Grund⸗ rn auch n alten des Ge⸗ d: dort feinſten zurück⸗ Papier Sie und haben. ndem ich n beſten 7 Im nur ze nen da⸗ ch Ihnen es ſchon verlaſſen, it ſegne genießen n Sie in der gute 263 Pope zu unſerm proteſtantiſchen Lanbsmann ſagte: „„Welches auch die Verſchiebenheit zwiſchen uns ſein mag, ſo weiß ich doch ſehr wohl, daß eines alten Mannes Segen nie ohne Werth iſt.““ Als Clarence ſeines Wohlthäters Hand drückte, ſtrömten Thränen aus ſeinen Augen. Giht es ein Weſen, ſo verhärtet wie ein Fels gegen das Miß⸗ geſchick, welches nicht vurch Güte gerührt wird? Wenn ſie von alten Lenten kommt, ſcheint ſle eine doppelte Anmuth und Zärtlichkeit an ſich zu haben; bei ihnen ſcheint es das Jahrelang gehegte und längſt geläu⸗ terte Wohlwollen zu ſein; als hätte es bei der Prü⸗ fung, die es beſtanden, alles Niedrige und Selbſt⸗ ſüchtige überwunden; als hätten die Winde, welche die Geſtalt gebrochen, vergebens über das Herz dahin⸗ geweht, und der Froſt, der das Blut erkältet und die dünnen Locken gebleicht, keine Macht über die warme Flut der zärtlichen Neigungen gehabt. Es iſt der Triumph der Natur über die Kunſt: es iſt die Stimme des Engels, der noch in uns wohnt. Auch iſt dies nicht Alles. Die Zärtlichkeit des Alters iſt zwiefach geſegnet— geſegnet in ihren Siegen über die Erſtarrung der verſteinernden und zerſtörenden Jahre, geſegnet, weil ſie von der Heiligkeit des Gra⸗ bes überleuchtet iſt— weil ſie uns ſagt, vaß das Herz noch am Rande des Grabes blüht, und uns mit der Unverletzlichkeit und Unſterblichkeit der Liebe ſchmeichelt. 264 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Kann ich nicht bilden, kann ich nicht geſtalten, Ein Univerſum, eine Welt erſchaffen? Keates. Am nächſten Morgen ließ Clarenee auf dem Wege aus der Stadt ſeinen Wagen(das letzte und nicht ge⸗ ringſte Geſchenk Talbots) vor Warners Thür halten. Oögleich die Sonne kaum erſt aufgegangen war, ſo fand er die bejahrte Großmutter des Künſtlers doch ſchon geſchäftig, und ſie öffnete dem frühen Beſuchen⸗ den die Thür. Clarenee ging mit kurzer Begrüßung an ihr vorüber— eilte die ſchmale Treppe hinauf und hefand ſich in des Künßlers Zimmer. Die Fenſter⸗ laden waren geſchloſſen und die Luft im Zimmer heiß und ſchwül. Einige Bücher, beſonders Geſchichts⸗ werke und Gevichte, ſtanden in verwirrter Unordnung auf einem Bücherbrett dem Fenſter gegenüber. Auf einem Tiſche unter denſelben lag eine Flöte, einſt die Lieblingserholung des jungen Maleres, aber jetz lange vernachläſſigt und ungebraucht. Sein Schlaf⸗ rock, das einzige Kleid, welches er ſeit Wochen ge⸗ tragen, lag auf einem Stuhle neben dem Bette, und, Warner gerade gegenüber, ſo daß beim Erwachen ſeine Augen ſogleich darauf fallen mußten, war das hochgeſchätzte und bereits mehr als halb vollendete Gemälde aufgeſtellt. Clarenee neigte ſich über das Bett; die Wange des Künſtlers ruhte in unbewußt maleriſcher Stellung auf ſeinem Arm; der andere Arm war üher die Decke geworfen wie abge Zeit zu ſtießen le len zuckte raſch verſe chene um ſich die F ſich plötzl und jetzt lich hörba „Ja, ſehr lange brannt, Anſtrengu Ruhm, C Schläfer erwachte. . geſtalten, 7 ates. egrüßung e hinauf e Fenſter⸗ mer heiß heſchichts⸗ nordnung e Au te, eeinſt aber jetzt n Schlaf⸗ ochen ge⸗ ette, und Erwachen war das vollendete e Wange Stellung die Decke 265 geworfen, und Clarenee erſchrack, als er bemerkte, wie abgemagert verſelbe geworden war. Aber von Zeit zu Zeit bewegten ſich raſtlos die Lippen und ſtießen leiſe und unartikulirte Worte aus. Zuwei⸗ len zuckte er plötzlich zuſammen und ein hohes aber raſch verſchwindendes Erröthen fuhr über ſeine verbli⸗ chene und hohle Wange hin, und einmal öffneten ſich die Finger der abgemagerten Hand und ſchloſſen ſich plötzlich mit feſtem und faſt ſchmerzlichem Griffe; und jetzt erſt wurden die Worte des Künſtlers deut⸗ lich hörbar. „Ja, ja,“ ſagte er,„endlich habe ich dich. Lange, ſehr lange haſt du mein Herz wie dürres Holz ver⸗ brannt, meiner geſpottet und meiner vergeblichen Anſtrengungen gelacht; aber jetzt, jetzt habe ich dich. Ruhm, Ehre, Unſterblichkeit, wie du auch genannt wirſt, ich habe dich, und du kannſt mir nicht ent⸗ fliehen; doch es iſt faſt zu ſpät!“ Und wie von einem plötzlichen Schmerze ergriffen, wendete ſich der Schläfer mit Anſtrengung um, ſtöhnte hörhar und erwachte. „Mein Freund,“ ſagte Clarenee, indem er be⸗ ſänftigend ſeine Hand nahm,„ich komme, Ihnen Lebewohl zu ſagen. Ich bin im Begriff nach dem Feſtlande abzureiſen, doch konnte ich England nicht verlaſſen, ohne Sie noch einmal geſehen zu haben. Ich habe auch gute Nachrichten für Sie.“ Und Cla⸗ renee wiederholte Talbots Wunſch, daß Warner am nächſten Donnerſtag das Bild in ſein Hans bringen möge, damit Sir Joſua es anſehe. Er fügte auch in 266 ſchmeichelhaften Ausbrücken hinzu, die er vermöge ſeiner Freundſchaft übertrieb, vaß Talbot vas Bild zu kaufen wünſche. „Ja,“ ſatzte ver Künſtler, indem er mit Entzücken ſeine Arbeit anblickte,„ja, ich glauhe, wenn man es erſt geſehen hat, werden ſich viele Käufer dazu finden.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Clarence,„und aus pem Grunde können Sie Talbot nicht tadeln, wenn er andern Mitbewerbern um den Preis zuvorzukom⸗ men ſucht.“ Dann ſetzte Clarenee die Unterredung in ermuthigender Weiſe fort, ſprach ſich über vie neuen Hoffnungen ſeines Freunbes aus und hat ihn, ſich Zeit zu laſſen, ſeine Geſunbheit zu ſchonen und nicht ſich ſelber und ſeiner Arbeit durch zu große AIngſt⸗ lichkeit und Eile zu ſchaden Clarence ſchloß damit, ihm Talbots Verſicherung mitzutheilen, daß er ſich unter allen Umſtänden verbunden halte, Warnern Freunvſchaft und Unterſtützung zu gewähren. Mit einiger Ungeduld, die mit Vergnügen ge⸗ miſcht war, hörte der Maler dieſen Bericht des theil⸗ nehmenden und freundlichen Clarenee an; doch ſchrieb er nicht Lindens Eifer, noch Talbots Großmuth, ſon⸗ dern dem übermaß ſeines eigenen Verdienſtes ins⸗ geheim die glänzenden Ausſichten zu, die ihm eröffnet wurden. Die Gleichgültigkeit, die Warner ungeachtet ſeiner von Natur freunblichen Gemüthsart gegen einen Freund zeigte, ver ſtets das lebhafteſte Intereſſe an ihm genommen, und deſſen Thränen in dieſem Augen⸗ blick in auffallendem Gegenſatz zu der gefühlloſen Kälte ſein merkwürdig treff eines abſtumpft. Gedanken! konnten L Wohlſtand tet und erſe freute er ſi unv ſein S Freundſcha Tief g dentlich un riß ſich Cl Großmutte die er von Wagen un Vergnügen Von ihm wenn er zi ß damit, er ſich Warnern ügen ge⸗ des theil⸗ h ſchrieb h, eſon⸗ tes ins⸗ weröffnet ngeachtet en einen ereſſe an nAugen⸗ fühlloſen Kälte ſeines eigenen Lebewohls ſtanden, war ein merkwürdiger Beweis, wie große Lebhaftigkeit in Be⸗ treff eines einzigen Punktes das Gefühl gegen Andere abſtumpft. Allein und glühend mit dem lebhaften Gedanken beſchäftigt, der ſich ſeiner bemächtigt hatte, konnten Liebe, Freundſchaft, Geſundheit, Friebe, Wohlſtand in Warner keine Gefühle erregen; ermat⸗ tet und erſchöpft burch vielfache und glühende Kämpſe, freute er ſich vielleicht innerlich, daß ſein Nachdenken und ſein Stuvium von jetzt an auch nicht mehr durch Freundſchaft würde geſtört werden. Tief gerührt, denn ſeine Natur war außeror⸗ dentlich uneigennützig, großmüthig und empfänglich, riß ſich Clarenee los und übergab den Händen der Großmutter einen beträchtlichen Theil der Summe, vie er von Talbot empfangen hatte, eilte in ſeinen Wagen und ſah ſich auf dem Wege zum Glück, zum Vergnügen, zur Auszeichnung und zum Feſtlande. Von ihm wollen wir uns auf eine Zeitlang trennen; wenn er zunächſt wieder erſcheint, wird es auf einer neuen Bühne ſein, wo der Ehrgeiz und die Thatkraft freieren Spielraum haben werden. Aber während Clarenee, ungeachtet jedes Vor⸗ theils, zu einem Hofe der Zerſtreuung und der Ver⸗ gnügungen mit Gefühlen eilte, die wegen der Theil⸗ nuhme an Denen, vie er zurückließ, ſeine weltlichen Hoffnungen verdunkelten und mit den übertriebenen Erwartungen der Jugend gemiſcht waren, verzehrte ſich Warner, arm, niedrig geboren und von Freun⸗ ven verlaſſen, in Krankheit, ſchloß ſich vermöge ſei⸗ 263 nes Temperaments von den Vergnügungen ſeinez Alters aus, glühte von Hoffnungen, die viel weniger gemiſcht waren als die des jungen Linden, und fanh in ihnen für das Opfer alles Andern nicht nur eine Belohnung, ſondern auch einen Triumph. Der Donnerſtag kam. Warner hatte gegen Tal⸗ bot eine Bitte ausgeſprochen, die ihm mit Schwie⸗ rigkeit war bewilligt worden, nämlich, daß er unge⸗ ſehen das Urtheil des großen Malers anhören und St Joſua durchaus nicht um ſeine Gegenwart wiſſen ſolle Es war ihm mit Schwierigkeit bewilligt worden, well Talbot Warnern den Schmerz zu erſparen wünſchte, Bemerkungen zu hören, die, wie er fühlte, vem jungen Künſtler bei ſeiner übertriebenen Meinung von ſich ſelber, höchſt ſchmerzlich ſein würden: und Talbot hatte es endlich bewilligt, weil er erwarteie, daß, wenn dies auch der Fall ſein ſollte, der Schmer durch die dadurch hervorgebrachte heilſume Wirkung würde aufgehoben werden. Ach! die Eitelkeit vermag vie Eitelkeit Anderer nicht zu berechnen! Welch eine Tugend könnten wir aus der Schwachheit ableiten, welch einen unenblichen Schmerz unſern Mitbrüdern erſparen, wenn wir nur unſere Schwäche zum Maß⸗ ſtabe der ihrigen nehmen wollten! Der Donnerſtag kam; der Künſtler hatte mit eigener Hand das Bild in das günſtigſte Licht ge⸗ ſtellt; hinter demſelben hing ein Vorhang, der War⸗ ner als Schirm biente, welcher ſich in ſeinen Verſieck zurückzog und ſein Herz ven köſtlichen Erwartungen der Verwunderung des Kunſtrichters und ben golbenen Hoffnungen werks hinga ſüßen Beche die ganze N und frendige anbruch war Fenſterladen noch größer einer Mutte teilichkeit nu und als ſeir auf das Bil götterung, daſſelbe lobt da flüſterte wiſſenheit di Huldigung Wer zue ſtellte, daß Genie begle dem menſchl es einige ſo lich, daß i belohnen, d die flache W lichen Inſpi belohnen, el weniger und fant nur eine ßer unge⸗ n und Sit iſſen ſolle den, well wünſchte, hlte, vem Meinung rden: und erwartete, erSchmer Wirkung eit vermag Welch eine t ableiten, Nitbrüdern zum Maß⸗ hatte mit Licht ge⸗ der War⸗ en Verſieck wartungen golbenen 269 Hoffnungen für das künftige Geſchick ſeines Lieblings⸗ werks hingab. Keine Furcht trübte den vollen und ſüßen Becher ſeiner Selbſtgenügſamkeit. Er hatte die ganze Nacht nicht ſchlafen können, in ruheloſer und freudiger Erwartung des Morgens. Bei Tages⸗ anbruch war er aus dem Bette geſprungen, hatte die Fenſterladen geöffnet und ſein Bild wenn möglich mit noch größerer Zärtlichkeit als früher betrachtet; gleich einer Mutter war es ihm, als ſei ſeine eigene Par⸗ teilichkeit nur ein Theil eines allgemeinen Tributs, und als ſeine bejahrte Großmutter ihre trüben Augen auf das Bild richtete und in ihrer unſchuldigen Ver⸗ götterung, mehr des Künſtlers als ſeines Werkes, daſſelbe lobte, und ihm glücklichen Erfolg verhieß, da flüſterte ihm ſein Herz zu:„Wenn es der Un⸗ wiſſenheit dieſe Verehrung abzwingt, welches wird die Huldigung der Wiſſenſchaft ſein?“ Wer zuerſt den jetzt abgedroſchenen Grundſatz auf⸗ ſtellte, daß Mangel an Selbſtvertrauen ſtets das Genie begleitet, wußte ſehr wenig von dem, was in dem menſchlichen Herzen vorgeht. Es iſt wahr, daß es einige ſolche Beiſpiele gab, und es iſt wahrſchein⸗ lich, daß in dieſem Grundſatz, wie in den meiſten, die Ausnahme zu der Regel führte. Aber was konnte je das Genie für ſeine Leiden, für ſeine Opfer, für ſeine ſieberhafte Unruhe, für die angeſtrengte Arbeit belohnen, die allein das hervorbringen können, was die flache Welt für die Rieſengeburt einer augenblick⸗ lichen Inſpirativn hält; was konnte es je für dieſes belohnen, als das hochmüthige und unauslöſchliche 270 Bewußtſein innerer Kraft, die Hoffuung, welche die Fülle der Gewißheit hat, daß die Belohnung mit der Anſtrengung im Verhältniß ſteht, die lebhafte und ungeſtüme Erwartung des Ruhmes, welche die Schran⸗ ken der Zeit und des Raumes durchbricht und mit prophetiſchem Entzücken die unermeßlichen Räume der Unſterblichkeit durchfliegt? Man beraube das Genie ſeines Selbſtvertrauens, ſeiner erhabenen Selbſtachtung, und man beſchneidet dem Adler die Flügel; man ſchließt den Wanderer, den man bisher nicht begreifen konnte, in die engen Schranken der haushälteriſchen Zärtlich⸗ keit ein; man erniedrigt und zähmt ihn mehr fiür die gewöhnlichen Urtheile— für den eingezäumten winzigen Raum der Gemeinplätze der Moralität— aber man nimmt ihm die Macht des Aufſchwungs, die Kühnheit, die der Donnerwolke trotzte und ſeinen Horſt auf der Höhe des Felſens erbaute, oder den ſtolzen Triumph, ſich über ſeine Mitgeſchöpfe zu er⸗ heben und mit näherem Auge die Majeſtät des Hin⸗ mels zu hetrachten! Aber wenn etwas Anmaßung zu dem Weſen des Genies gehört, ſo war ſie Warner doppelt natürlich denn er war noch in der Hitze und Glut des Enut⸗ wurfes, deſſen Mängel er zu unterſuchen noch nicht Zeit gehabt hatte, und ſeine Talente, die er ſelbſ ausgebildet, hatten nie die Aufregung des Wetteiferz oder die erkältende Entmuthigung von dem Studium der Meiſterwerke ſeiner Kunſt empfangen. Der Maler war noch nicht lange in ſeinem Ver⸗ ſteck allein geweſen, als er Schritte hörte; ſein Hen ſchlug hef eine klein hang gem einnehmet Reynolds Sie ginge es genau gen,“ dac Bewunder Bewunder: Worte kan „Gewi ſagte Sir, iſt gänzlic ſätzen ſeine Und ohne; durch zauh zu haben: in eine ei fen konnte, n Zärtlich⸗ mehr für und ſeine „oder den öpfe zu er⸗ t des Hin⸗ Weſen del lt natürlich, t es Ent⸗ noch nicht ie er ſelb Wetteifer m Studium einem Ver⸗ ; ſein Her 271 ſchlug heftig, die Thüre öffnete ſich und er fah burch eine kleine Offnung, die er abſichtlich in den Vor⸗ hang gemacht, einen Mann mit wohlwollendem und einnehmendem Geſichte, in dem er ſogleich Sir Joſua Reynolds erkannte, mit Talbot ins Zimmer treten. Sie gingen auf das Bild zu; der Maler betrachtete es genau und in vollkommenem Schweigen.„Schwei⸗ gen,“ dachte Warner,„iſt die beſte Huldigung der Bewunderung.“ Aber er zitterte vor Ungeduld, die Bewunderung durch Worte beſtätigt zu hören— dieſe Worte kamen nur zu bald. „Gewiß iſt es bas Werk eines fähigen Mannes,“ ſagte Sir Joſua;„aber“— ſchreckliches Wort—„er iſt gänzlich unerfahren in den großartigen Grund⸗ ſätzen ſeiner Kunſt. Sehen Sie da, und da, und da,“ Und ohne zu wiſſen, welche Qual er verurſachte, fuhr der Kunſtrichter fort, die Fehler des Werkes aufzu⸗ zählen. O! welch eine Qual empfand der ehrgeizige Künſtler in dem Angenblick!— Vergebens verſuchte er, das Urtheil zu ertragen— vergebens verſuchte er, ſich zu überreden, daß es die Stimme des Neides ſei, die in dieſen kalten und gemeſſenen Tönen gleich Giſt⸗ tropfen in ſein Herz ſiel. Er fühlte ſogleich, wie durch zauberhafte Inſpiration, die Wahrheit ves Ur⸗ theils; die Schuppen der Selbſttäuſchung fielen von ſeinen Augen; in ſcheußlichem Hohn ſchien ſich wie in einer ſchrecklichen Pantomime ſeine Göttin auf ein Wort, auf einen Hauch in ein Ungeheuer verwandelt zu haben: das Leben, welches ſich in der letzten Zeit in eine einzige Hoffnung eoncentrirt hatte, ſchien jetzt 272 plötzlich und auf immer verſchrumpft und verwelkt zu einer einzigen Täuſchung. „Aber,“ ſagte Talbot, der vergebens verſucht hatte, die Kritik des Malers zu unterhrechen, der, zu allen Zeiten ſehr tanb, ſich jetzt ganz beſonders ſeiner Selbſt⸗ genügſamkeit bei ſeinem Liehlingsgegenſtande hingab —„aber,“ ſagte Talhot mit lauterer Stimme,„Sie geſtehen doch zu, daß großes Genie in dem Ent⸗ wurfe liegt?“ „Gewiß liegt Genie darin,“ verſetzte Sir Joſua im Tone ruhiger und milder Gutmüthigkeit.„Aber was iſt Genie ohne Cultur? Sie ſagen, der Künſtler iſt jung, ſehr jung; er mag ſich Zeit nehmen— ich will nicht ſagen, einen demüthigeren Weg betreten, nein, er mag auf dem erhabenen beharren, den er gewählt hat— aber erſt muß er jeden Schritt, den er gethan, wieder zurückgehen; er muß ſich Tage, Monate, Jahre lang dem fleißigſten Studium der unſterblichen Meiſter der göttlichen Kunſt widmen, ehe er ein neues hiſtoriſches Bild unternimmt oder gar zur Schau ſiellt. Er hat die Natur der Erfin⸗ dung durchaus verkannt: eine ſchöne Erfindung iſt nichts weiter als eine ſchöne Abweichung von einem ſchönen Modell oder eine Erweiterung deſſelben. Nach⸗ ahmung, wenn ſie edel und allgemein iſt, ſichert am beſten die Hoffnung auf Orginalität. Vor allen Dingen laſſen Sie Ihren jungen Freund, wenn ſeine Mittel es ihm erlauben, Italien beſuchen und in Rom jene Werke copiren, welche Rom eine mächtigere Herr⸗ ſchaſt verli ſchaft der „Er ſi freundlich, fen, die ir das Bild i ändern.“ „Es if der Maler In w ſeinen Gaſf zurück, um doch er wat der Segen ſchwendeten verſchwund Als zum erſte freundliche die, wie 3 daſtand, u ſeiner Rü Bulwer ſir Joſua „Aber Künſtler en— ich betreten, „den er hritt, den ich Tage, dium der widmen, mmt oder er Erfin⸗ ndung iſt on einem n. Nach⸗ ichert am nDingen ne Mittel Rom jene ere Hert⸗ 273 ſchaſt verliehen haben, als die erſte war— die Herr⸗ ſchaft der Seele!“ „Er ſoll die Mittel dazu haben,“ ſagie Talbot freundlich,„denn ich will ihm alle Vortheile verſchaf⸗ fen, die in meinen Kräften ſtehen. Aber Sie ſehen, das Bild iſt erſt halb vollendet— er könnte es noch ändern.“ „Es iſt beſſer, wenn er es verbrennt,“ erwiderte der Maler mit mildem Lächeln. In wohlwollender Verzweiflung führte Talbot ſeinen Gaſt eilig aus dem Zimmer. Er kehrte bald zurück, um den Künſtler aufzuſuchen und zu tröſten, doch er war fort; das verachtete, das unheilvolle Bild, der Segen und Fluch ſo vieler ängſtlichen und ver⸗ ſchwendeten Stunden war mit dem Schöpfer deſſelben verſchwunden. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Was iſt denn dieſe Seele? Woher kam ſie? Es ſcheint die meine nicht zu ſein, und ich Hab' keine Leidenſchaft und Weſenheit! Ein furchtbar Ende muß es ſein. Nie lebte Ein Sterblicher, der über ſeine Sphäre Hinausgeſtrebt und nicht verhungerte. Keates. Als Warner in ſeine Wohnung trat, ſchob er zum erſtenmal in ſeinem Leben ſeine bejahrte und freundliche Großmutter unfreundlich auf die Seite, die, wie zum Spott über den unglücklichen Künfller, vaſtand, um ihn willkommen zu heißen und ihm bei ſeiner Rückkehr Glück zu wünſchen. Sein Bilb auf Bulwer, der Verſtoßene. I. 18 274 den Armen tragend, eilte er die Treppe hinauf in ſein Zimmer und verſchloß die Thür. Haſtig riß er das Tuch weg, welches er über das Bild gezogen hatte, haſtig und zitternd ſtellte er es auf die Staffelei, wo es zu ſiehen pflegte, und betrachtete dann lange und mit forſchenden, lebhaften Blicken das einſt ſo innig geliebte Werk ſeiner Kunſt. Es herrſcht die Meinung, als ob Eitelkeit, Dünkel und übertriebene Selbſtachtung in ihrer Strafe lächerliche und nicht rührende Empfindungen hervorbringen; doch es gibt ein übermaß des Gefühls, durch welche Urſache es auch hervorgebracht wird, zu welchem wir wider unſern Willen gezwungen werden. Selbſt die Furcht, die ver⸗ ächtlichſte aller Leidenſchaften, wird tragiſch, ſobalh ſie zur Todesqual geſteigert wird. „Nun, es iſt vorüber,“ ſagte Warner endlich, ſehr langſam redend—„es war ein lieblicher Traum— aber er iſt vorüber— und ich ſollte für die Lehre dankbar ſein.“ Dann veränderte er plötzlich ſeine Stimmung und ſeinen Ton und wiederholte:„Dank⸗ har! für was? daß ich ein Unglücklicher bin— un⸗ glücklicher, hoffnungsloſer, elender und verlaſſener als ein Mann, der mit all ſeinem Reichthum, ſeinen Kindern, ſeinem Weibe, den aufgeſparten Schätzen und Segnungen ſeines Daſeins ein Schiff, ein ſchwaches, werthloſes Schiff beladet, am Ufer ſteht und es plötz⸗ lich untergehen fieht! O, war ich nicht ein Thor— ein eitler Thor— ein anmaßender Thor— die Eſſenz und das eigentlichſte Weſen aller Dinge, die einen Thoren bilden, ſo köſtliche Wunder von mir ſelber glauben zu in dem geg und abgem Gefühlen, dir nichts g die Natur ähnlich und Zügen, du Anmuth un der Kunſt — ha! Ru Correggio, beſcheidener Geſchmier; ekelhafte un nach Unſterb ſtens habe Bild, warf Füßen dara Farben nich Flecken darſt Augenblick z hob das Bilt „Aber,“ mu Kunſtrichter er recht unt ſind neidiſch Schüler gew wie verdamt Kunſt ſelbſt raum— die Lehre lich ſein⸗ „Dank⸗ n— un⸗ erlaſſener , ſeinen Schätzen chwaches, es plöt⸗ Thor— ie Eſſenz ie einen ir ſelber lich, ſehr 275 glauben zu können! Was, Mann!“ hier erblickte er in dem gegenüberhängenden Spiegel ſeine Züge, bleich und abgemagert von Krankheit und den erſchöpfenden Gefühlen, die an ihm zehrten—„was, Mann! wollte dir nichts genügen, als ein Genie zu ſein— dir, den die Natur mit ihrem Fluche geſtempelt hat! Zwerg⸗ ähnlich und verwachſen, unbebeutend an Statur und Zügen, du warſt in der That ein glorreiches Weſen, Anmuth und Schönheit, die MWojeſtäten und Träume der Kunſt zu verewigen! Ja, Ruhm für dich— ha — ha! Ruhm— ha— ha! Einen Platz bei Titian, Correggio, Raphael— ha— ha— ha! O dreimal beſcheidener, preimal vernünftiger Thor! Dies elende Geſchmier; dieſes Geſubel auf der Leinwanb, dieſes ekelhafte und elende Denkmal der Schande, welches nach Unſterblichkeit frebt, ha— ha— ha! dies wenig⸗ ſtens habe ich in meiner Macht!“ und er ergriff das Bild, warf es auf den Boden und ſtampfte mit den Füßen darauf, bis vie noch nicht ganz getrockneten Farben nichts weiter als eine verwirrte Maſſe von Flecken darſtellten. Dieſer Anblick ſchien ihn auf einen Augenblick zu ſich ſelber zu bringen. Er hielt inne, er hob das Bild wieder auf und ſtellte es auf den Tiſch. „Aber,“ murmelte er,„kann nicht der Neid aus dieſem Kunſtrichter geſprochen haben? Bin ich gewiß, daß er recht und redlich urtheilte? Die größten Meiſter ſind neidiſch und eiferſüchtig auf die Werke ihrer Schüler geweſen. Und dann, wie langſam, wie kalt, wie verdammt kalt, wie gleichgültig ſprach er; die Kunſt ſelbſt hätte ihn mehr erwärmen ſollen. Sollte 276 er nicht— nein, nein, nein, es war die Wahrheit! Ich fühlte, wie die überzeugung gleich einem Pfeil mich durchdrang— ein Pfeil von glühendem Eiſen. Verbrennen ſagte er— ja— verbrennen— es ſoll dieſen Augenblick geſchehen. Hierauf eilte er zur Thür und ſchob den Riegel zurück. Er erſchrack, als er ſeine älteſte und nächſte noch lebende Verwandte, die Mutter ſeines Vaters, neben der Thür auf dem Boden ſitzen und mit Schrecken die gebrochenen Ausrufe ihres Enkels, den ſie nicht zu ſtören wagte, anhören ſah. Sie ſtan langſam und mit Schwierigkeit auf, als ſie ihn er⸗ blickte, umſchlang ihn mit ihren verwelkten Armen, die ihn in ſeiner Kindheit getragen, und rief:„Mein Kind! mein armes— armes Kind! was iſt in der letzten Zeit aus Dir geworden? Du, der Du ſo fanſt, ſo milde, ſo ſtill warſt— Du biſt nicht mehr ver⸗ ſelbe— und v, mein Sohn, wie übel Du ausſiehſt; Dein Vater ſah gerade ſo aus, kurz vorher, ehe ſtarb!“ „übel!“ ſagte er mit furchtbarer Heiterkeit;„übel, nein— nein— es war mir nie ſo wohl— ich habe bis jetzt in einem Traum gelegen— aber ich bin endlich erwacht. Es iſt wahr, daß ich ſtill und ſcheu geweſen bin, aber ich will es nicht mehr ſein. Ich will lachen und ſchwatzen, ſpazieren gehen, den Hofmachen, Wein trinken und ſein wie andere Männer auch. O, wir wollen ſo luſtig ſein. Aber bleib hier, bis ich eh Licht hole.“ „Ein Licht, mein Kind, wozu das?“ „Zu einem Leichenbegängniß,“ rief Warner, eili an ihr vor im nächſter Beunr: wegungslo ihre Thrät Zimmer u zu ſprechen „Was Frau;„2 welches Di Warne und legte; kleines Ho daß ſie ein legte er di daran, unt „Sieh, „ſieh, wie Meiſter ka Fehler an ſich ſeine Wahrheit! neimn Pfeil em Eiſen. — es ſoll zur Thür Us er ſeine die Mutter oden fſitzen res Enkels, Sie ſtand ſie ihn er⸗ en Armer, ef:„Mein iſt in der ¹ ſo fanſt, mehr der⸗ ausfiehſt; e, ehee keit;„ühel, — ich habe bin endlich u geweſen will lachen hen, Wein DO, wir is ich ein rner, eilt⸗ 277 an ihr vorbei, ſtieg die Treppe hinunter und kehrte im nächſten Augenblick mit einem Licht zurück. Beunruhigt und erſchreckt blieb die alte Frau be⸗ wegungslos ſtehen und weinte heftig. Warner ſchien ihre Thränen nicht zu bemerken, ſchob ſie fanft ins Zimmer und begann vorſichtig und ohne eine Silbe zu ſprechen, das Bild in kleine Stücke zu zerſchneiden. „Was haſt Du vor, mein Kind?“ rief die alte Frau;„Du biſt toll, es iſt ja Dein ſchönes Bild, welches Du zerſtörſt!“ Warner antwortete nicht, ſondern ging zum Kamin und legte zierlich und ſorgfältig mehre Stücke Papier, kleines Holz und Schwefelhölzer über einander, ſo daß ſie eine Art von Scheiterhaufen bildeten; dann legte er die Stücke des Bildes darauf, hielt das Licht daran, und augenblicklich ſtand das Ganze in Flammen. „Sieh, ſieh!“ rief er im Tone eines Wahnſlnnigen, „ſieh, wie es brennt und ſprüht und kniſtert! welcher Meiſter kam ihm jetzt jemals gleich?— Jetzt iſt kein Fehler an dieſen Farben— keine falſchen Tinten in dieſen Lichtern und Schatten! Sieh, wie die Flamme emporfährt— jene Flamme meines Geiſtes! Sieh— iſt ſie nicht ruhelos?— Strebt fie nicht kühn empor? — Alle andern Flammen find nur niedrige Kriecher dagegen!— Und nun, warum ſiehſt Du nicht zu? — Sie flackert— entfärbt ſich— ſfinkt— und— ha— ha— ha!— armer Träumer, die Nahrung iſt verzehrt— und— es iſt dunkel!“ Während Warner dieſe Worte ausſprach, verdrehten ſich ſeine Angen; das Zimmer ging vor ihm im Kreiſe 278 herum; die Aufregung ſeines ſchwachen Körpers hatte den höchſten Gipfel erreicht; die Krankheit vieler Wochen war zur Krifis gekommen, und einige Schritte zurücktaumelnd, ſtürzte er zu Boden, ein Opfer des wüthenden Fiebers. Doch ſo ſollte der junge Künſtler noch nicht ſterhen. Es war ihm ein Tod vorbehalten, der gleich ſeiner wirklichen Natur mehr Milde und Poeſie an fich hatte. Er genas nach und nach und ſein Geiſt kehrte faſt wider ſeinen Willen zu jenem Berufe zurück, von welchem er die Gedanken und Träume vieler Jahre unmöglich ablenken konnte. Nicht als hätte er ſich wieder mit dem Pinſel und der Staffelei beſchäftigt— im Gegentheil konnte er den Anblick derſelben nicht ertragen; ſie erſchienen ſeinem verwundeten Gemüthe wie ein Denkmal der Schanbe. Aber er nährte in ſich ein mächtiges und glühendes Verlangen, in jenes ſchöne Land zu wan⸗ dern, von dem er ſo oft geträumt, und welches der unſchuldige Zerſtörer ſeines Friedens als den Schau⸗ platz der Inſpirativn und als die Bildungsanſtalt zu künftigem Ruhme bezeichnet hatte. Die Arzte, die ihn auf Talbots Wunſch beſuch⸗ ten, ſahen ſeine hektiſche Wange und ſeine ſich ver⸗ zehrende Geſtalt an und ſchmeichelten gern ſeinem Wunſche. Talbot, der ſich nicht weniger um ſeiner ſelbſt willen für Warner intereſſirte, als er ſich durch das Clarence gegebene Verſprechen gebunden hielt, gewährte dem Künßtler jene Unterſtützungen, welche das koſtbarſte Vorrecht der Reichen find. Ungeachtet ihres hoher ihn zu begl eine ſo tie nicht gefrie an: fie err ſtocks und römiſche Lu heit des en ſchien zuzu obgleich er rückhaltung Kraft die! welche nic hätten glat die wahre habe begor Doch„ Göttern de wahren G vollſten Gl Augenblick ſten in ſeit des Malert des Menſe übertrug a heit der rö in ſich ſelb ſten und fi er mit unet ſeiner Auf pers hatte eit vieler e Schritte Opfer des och nicht lten, der ilde und nach und zu jenem nken und n konnte. inſel und konnte er erſchienen kmal der tiges und zu wan⸗ elches der n Schau⸗ anſtalt zu h beſuch⸗ ſich ver⸗ n ſeinem im ſeiner ſich durch en hielt, welche ngeachtet 279 ihres hohen Alters beſtand ſeine Großmutter darauf, ihn zu begleiten. Es liegt in dem Herzen des Weibes eine ſo tieſe Quelle der Liebe, die ſelbſt das Alter nicht gefrieren machen kann. Sie traten die Reiſe an: ſie erreichten die Ufer der Myrte und des Wein⸗ ſtocks und traten ein in die kaiſerliche Stadt. Die römiſche Luft ſchien anfangs günſtig auf die Geſund⸗ heit des engliſchen Künſtlers zu wirken. Seine Kraft ſchien zuzunehmen, ſein Geiſt ſich zu erweitern, und obgleich er wieder in ſein Schweigen und ſeine Zu⸗ rückhaltung verſank, begann er doch mit ſcheinbarer Kraft die Arbeiten der Staffelei wieder, ſo daß die, welche nicht tiefer als auf die Oberfläche blickten, hätten glauben können, die Wunde ſei geheilt und die wahre Grundlage zur künftigen Vortrefflichkeit habe begonnen. Doch während ſich Warner am meiſten vor den Göttern der Malerwelt demüthigte, während ſich die wahren Grundſätze der mächtigen Kunſt in ihrer vollſten Glorie ſeiner Seele öffneten, gerade in dem Angenblick waren Scham und Troſtloſigkeit am bitter⸗ ſten in ſeinem Herzen, und während die Begeiſterung des Malers ſich entzündete, verzweifelte der Ehrgeiz des Menſchen. Aber noch immer fuhr er fort und übertrug auf ſeine Leinwand die Größe und Einfach⸗ heit der römiſchen Schule; noch immer, obgleich er in ſich ſelbſt die ſchleichende Annäherung des tödtlich⸗ ſten und ſicherſten Feindes des Ruhmes fühlte, ſetzte er mit unermüdlichem Eifer die mechaniſche Vollendung ſeiner Aufgabe fort; immer fand ihn der Morgen 280 ſchon vor ſeiner Staffelei gebengt, und die Nacht brachte ſeinem einſamen Lager mehr Nachdenken alz Schlummer. Das Feuer und die Reizbarkeit, die er vor ſeiner Krankheit gezeigt hatte, waren verſchwun⸗ den und die urſprüngliche Milde ſeines Temperamentsz zurückgekehrt; er ſprach keine Klage aus, er verweilte nicht hei der Erwartung des glücklichen Erfolges; Hoffnung und Bedauern ſchienen gleich todt in ihm, und nur wenn er den zärtlichen, frendigen Augen ſeiner bejahrten Verwandten begegnete, fällten ſich die ſeinen mit Thränen oder es verwandelte ſich die Heiterkeit ſeiner Stirn in Traurigkeit. So ging es einige Monate, his man eines Abends den Maler am Fenſter vor einem noch unvollendeten Gemälde ſitzend fand; er hielt den Pinſel noch in ſeiner Hand; die Ruhe des auf einen Gegenſtand ge⸗ richteten Gedankens war noch auf ſeinem Geſichte; der ſanfte Hauch des Abendwindes wehte ihm das Haar von der Stirn— der früheſte Stern des ſüt⸗ lichen Himmels lieh ſeiner Wange etwas von jenem gedämpften Glanze, den ſie an ſich zu haben pflegte, wenn die Begeiſterung ſie berührte; voch dies war nur die Nachahmung des Lebens: das Leben ſelbſt war dahin! In dem Lande, welches zu betreten ihn ſo ſehr verlangt hatte— in der geweihten Stadt wo die Majeſtät ſeiner erhabenen Kunſt wie auf einem Throne herrſchte— in der purpurnen Luft, wo Poeſſe und Inſpiration ſich mit dem gemeinen Hauche und der Atmoſphäre des Lebens miſchten— war ſein ruheloſer und unweltlicher Geiſt mit ſeinen Seufzern vahingeſch und Verb war, brae Auf 1 ſind zwei deren Leb ben Mon vyn der! dere dunk geizigen. 5 „Abe St. Lege Mann, chem der Wo g —„biſt „Ge von etw ſchrump einem p purpurn Beſchrei Nacht enken als it, die er erſchwun⸗ eraments verweilte Erfolges; t in ihm, en Augen illten ſich e ſich die es Abends ollendeten l noch in nſtand ge⸗ Geſichte; ihm das n jenem n pflegte, dies war ben ſelbſt treten ihn en Stadt, auf einem wy Pvoeſie auche und war ſein Seufzern 281 vahingeſchweht, und das Herz, welches in Schweigen und Verborgenheit längſt dem Brechen nahe geweſen war, brach endlich! Auf dem Begräbnißplatze der Fremden zu Rom ſind zwei Gräber dicht nebeneinander: ſie decken die, deren Lehen, von ſehr ungleicher Dauer, in demſel⸗ ben Monat endete. Das eine iſt vas eines Weibes, vyn der Laſt vieler Jahre darniedergebengt; das an⸗ dere dunkelt über dem beſcheidenen Staube des ehr⸗ geizigen Künſtlers. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Bedenke meinen Kummer Und die Veranlaſſung zu meiner Flucht, Unheil'gem Eheband mich zu entziehn. Shakſpeare. „Aber hiſt Du ganz gewiß,“ ſagte der General St. Leger, ein großer, unangenehm ansſehender Mann, mit einem Geſichte gleich dem Bette, auf wel⸗ chem der große Villiers ſtarb, nämlich: Wo garſt'ges Gelb mit ſchmutz'gem Roth ſich ſtritt, —„biſt Du ganz gewiß, daß es wirklich ſo iſt?“ „Gewiß?“ rief Miß Diana St. Leger, eine Dame von etwa fünfundfünfzig Jahren, mit bleichem, ver⸗ ſchrumpftem Geſichte, wilden, ſchwarzen Augen und einem prächtigen Halbmond von Rubinen an einem purpurnen Kopfputze, vermöge deſſen ſie Shakſpeare's Beſchreibung des Mißgeſchicks ſehr ähnlich war, denn Gleich jener garſtigen und gift'gen Kröte Trug's auf dem Kopf ein koſtbares Juwel! 282 —„gewiß, General? ich ſah es mit eigenen Augen. Sie ſtunden um halb zehn Uhr Ahends im Wälbchen bei einander, als ich, die ich längſt meinen Argwohn gehegt hatte, zu ihnen ſchlich, ſie ſah und behorchte; und der Kerl“— o Algernon Mordaunt, daß du ie Kerl genannt werden mußteſt!—„hielt ihre Hand und küßte ſie jeden Augenblick. Niemand küßte je meine Hand um halb zehn Uhr Abends, General St. Leger.“ „Das glaube ich Dir,“ſagte der General St. Leger. „Und unter anbern ſagte ſie ihm etwas von uns; aber das Mädchen ſprach ſo leiſe, daß ich es nicht hörte, doch er antwortete mit ſo lauter Stimme, daß ſelbſt Du es würdeſt gehört haben, ſo taub Du biſt, General.“—(„Ich bin nicht taub, zum Henker!“ brummte der General dazwiſchen.)—„Er ſagte: „„Sie mögen zu ihren Sklaven zurückkehren; ich kann es nicht ertragen, daß Du noch länger das Opfer ihrer Brutalität biſt..“ Hörſt Du das, General? Und dann nannte er mich— mich, Miß Diana St. Leger, ein altes Scheuſal!“ „Ha! ha! ha! das war zu arg,“ rief der Ge⸗ neral, in ſeinen Stuhl zurückfinkend. „Und Dich einen tyranniſchen Plebejer.“ „Zum Teufel mit dem Schurken!“ brüllte der General St. Leger, trotz ſeines Pobagra aufſpringend; „dem müſſen wir Einhalt thun, wir müſſen die Dirne abſtrafen, meine Liebe!“ „Ja, mein lieber Bruder, das müſſen wir. Dich einen tyranniſchen Plebejer zu nennen!“— „Unb len wir f „Neir „Wat „Sie verheirath „Sie „Ig⸗ mehrmals „Aber „Sie Leger.“ „Aber der mich 1 über den „Ja, Mädchen, ſehen, de ihm uner der folgl enker!“ ſagte: ich kann Opfer eneral Diana e Ge⸗ lte der ingenb; Dirne Dich 283 „Unb Dich ein altes Scheuſal, meine Liebe! wol⸗ len wir ſie einſperren, oder ſie hungern laſſen?“ „Nein, General; ich weiß noch etwas Beſſeres.“ „Was denn, meine Liebe? ſie durchpeitſchen?“ „Sie iſt zu alt dazu, Bruder; wir wollen ſie verheirathen!“ „Sie verheirathen?“ „Ja, an Herrn Glumford, Du weißt, daß er mehrmals um ſie angehalten hat.“ „Aber ſie kann ihn nicht leiden.“ „Sie ſoll ihn ſchon leiden können, General St. Leger.“ „Aber ſobald ſie heirathet, habe ich Niemand, der mich unterſtützt, wenn ich das Pobagra habe, und über den ich fluchen kann, wenn ich es nicht habe.“ „Ja, Bruder, da weiß ich ein hübſches, kleines Mädchen, Martha Richardſon, unſeres Vetters jüngſte Tochter. Du weißt, er hat vierzehn Kinder, und wir können ſie alle nach einander haben, wenn wir wollen.“ „Sehr wahr, Diana— laß die Dirne Herrn Glumford heirathen.“ „Das ſoll ſie,“ ſagte die Schweſter;„und ich will im Augenblick dazu thun; inzwiſchen werde ich Sorge tragen, daß ſie ihren Liebhaber nicht wieder ſieht.“ Etwa drei Wochen nach dieſer Unterredung erhielt Mordaunt, der vergebens verſucht hatte, Iſabella zu ſehen, der nicht einmal von ihr gehört, deſſen Briefe ihm unerbrochen zurückgeſchickt worden waren, und der folglich in Verzweiflung war, folgenden Brief: 284 „Dies iſt das erſtemal, daß ich im Stande bin, an Dich zu ſchreiben, wenigſtens meinen Brief be⸗ fördern zu können. Es iſt ein ſeltſamer Bote, den ich anwende, aber ich machte früher ſeine Bekannt⸗ ſchaft, und da ich ihn heute zufällig ſah, zwang mich die Noth, ihm einen Auftrag zu geben, den ich ſonſt Niemanden anvertrauen konnte. Algernon, ſind nicht die obigen Sätze mit bewundernswürdiger Ruhe ge⸗ ſchrieben? ſind ſie nicht ſehr zuſammenhängend, ſehr kalt? und doch mußt Du wiſſen, daß ich feſt glaube, ich werde wahnſinnig werden. Mein Gehirn dreht ſich im Kreiſe und meine Hand glüht ſo, daß ich faſt glanbe, wie es in dem alten Ammenmährchen heißt, daß ſie das Papier verbrennen wird, auf dem ich ſchreibe. Und ich ſehe ſeltſame Geſichte im Schlaf und im Wachen, alle ſpotten meiner und quälen und verfolgen mich; und wenn ich dieſe Geſichte anblicke, ſo ſehe ich kein menſchliches Verzeihen, nein! ob⸗ gleich ich weine und mich auf die Knie werfe und ſie anflehe, mich zu retten. Algernon, auf Dich iſt meine einzige Hoffnung gerichtet. Du weißt, daß ich mich bisher ſtets geweigert habe, Dich zu Grunde zu richten; und ſelbſt jetzt, obgleich ich Dich anflehe, mich zu retten, ſo will ich doch nicht ſo ſelbſtſüchtig ſein, um— um— ich weiß nicht, was ich ſchreiben ſoll, aber ich will nicht Dein Welb ſein, Algernon, das iſt ein zu edles, zu hohes Loos für mich; ich will Deine Magd, Deine Sklavin ſein, Alles— Alles, aber nicht ſein— o Gott— nicht ſein Weib! Nein!: ſo will Als ungeacht nur zu Blick fie kleideten bei ihre „We „M höflich. werde ſ etwas z zum Ge Minden haben h aber es hübſch bote, den Bekannt⸗ ich ſonſt ſind nicht Ruhe ge⸗ nd, ſehr glaube, rn dreht daß ich mährchen auf dem m Schlaf tälen und anblicke, rein! ob⸗ fe und ſie iſt meine ich mich richten; mich zu htig ſein, iben ſoll, non, das ich will — Alles, n Weib! ang mich 285 Nein! und wenn ſie mich in die Kirche ſchleppen, ſo will ich ſterben, aber nicht ſein Weib ſein. Iſabella St. Leger.“ Als Morbaunt dieſen Brief geleſen hatte, den, ungeachtet des fehlenden Zuſammenhanges ſeine Furcht nur zu leicht erklärte, ſtand er haſtig auf und ſein Blick fiel auf einen nüchtern ausſehenden, braun ge⸗ kleideten Mann. Die Stolzen lieben keine Zuſchauer bei ihren Bewegungen. „Wer ſind Sie, Herr?“ ſagte Algernon raſch. „Moritz Braun,“ verſetzte der Fremde kalt und höflich.„Ich brachte Ihnen dieſen Brief, Herr; werde ſehr glücklich ſein, Ihnen mit irgend ſonſt etwas zu dienen; habe ſo eben einen jungen Herrn zum Geſandten ausgeſtattet, einen Neffen der Mrs. Minden— einer ſehr alten Freundin von mir. Sie haben hier ſehr hübſche Marmortiſche, mein Herr, aber es fehlen noch einige kleine Spielereien darauf; werbe ſehr glücklich ſein, Sie damit zu verſorgen; habe einen liebenswürdigen kleinen Affen, den die verſtorbene Lady Waddilove ſelber ausgeflopft, bei dieſem altmodiſchen Schnitzwerk würde er ſich ſehr hübſch machen und dem Zimmer ganz das Anſehen eines Muſeums geben.“ „Sie brachten alſo dieſen Brief,“ ſagte Mordaunt, für deſſen Ohr die Berevſamkeit des Herrn Braun nur eine Sentenz enthielt,„und wollen meine Ant⸗ wort zurückbringen?“ „Ja, Herr, ich thue alles um Familienverbindungen zu unterhalten— ich kannte eine Lady Morden ſehr 286 gut— ſehr gut, in der That, Herr— eine Ver⸗ wandte von Ihnen, nach der Ahnlichkeit des Namens zu ſchließen; machte ihr viele ſchätzbare Geſchenke; werde ſehr glücklich ſein, bei Ihnen daſſelbe zu thun, wenn Sie verheirathet ſind, Herr. Sie werden ver⸗ muthlich das Haus neu ausmöbliren? Laſſen Sie mich ſehen— ein ſchön proportivnirtes Zimmer, Herr— etwa ſechsunddreißig Fuß lang und achtundzwanzig tief; ich will es um zwanzig Prozent wohlfeiler thun, als wenn Sie aus der Niederlage kaufen; und was den liebenswürdigen kleinen—“ „Hier,“ ſiel Mordaunt ein,„Sie werden dieſen Brief zurückbringen und ihn Miß Iſabella ſo bald als möglich überliefern. Und hier, mein Freund, nehmen Sie dieſe Kleinigkeit an— eine Kleinigkeit in der That im Vergleich mit meiner Dankbarkeit, wenn dieſer Brief ſicher ſeine Beſtimmung erreicht.“ „Sie ſind in der That ſehr großmüthig, mein Herr,“ ſagte Braun, mit überraſchung vas Geſchenk anſehend, welches er in ſeiner nicht unwilligen Hand hielt,„und erinnern mich lebhaft an Ihre Verwandte, die Lady Morben; und wenn Sie den liebenswürdi⸗ gen kleinen Affen als Geſchenk haben wollen— ich meine wirklich als Geſchenk— ſo ſollen Sie ihn haben, Herr Mordaunt.“ Aber Morbaunt hatte ſchon das Zimmer verlaſſen; der nüchterne Moritz Braun ſah ſich um, kühlte ſeine Großmuth ab und ſagte bei ſich ſelber:„Es iſt gut, daß er mich nicht hörte; aber ich hoffe, er wird die hübſche junge Dame heirathen, denn ich thue gern eine Ge werden Stühle g S Die? in der T gegriffen, freiung hungen 1 Zudringli ihr Geiſt Lebhaftig Wahnfim hatte ſie Kampf: das ungli Verſtand Sie 1 ihre unvr gedient, ihre Sitte die darau ſie irrte, ine Ver⸗ Namens eſchenke; zu thun, den ver⸗ Freund, leinigkeit kbarkeit, rreicht.“ g mein Geſchenk en Hand rwandte, iswürdi⸗ n— ich Sie ihn rlaſſen; lte ſeine iſt gut, wird die ue gern 287 eine Gefälligkeit. Dieſes Haus muß neu möblirt werden— keiner Dame werden dieſe altmobiſchen Stühle gefallen.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Squire und Narr iſt hier daſſelbe. Farquhar. In einer ſolchen Nacht Stahl Jeſſica ſich von dem reichen Juden Hinweg und ſtoh mit dem leichtfertigen Geliebten aus Venedig. Shakſpeare. Die Behanblung, welche Iſabella erfahren, hatte in der That ihren Verſtand und ihre Geſunbheit an⸗ gegriffen, und in den kurzen Zwiſchenräumen der Be⸗ freiung von der Wuth des Oheims und den Schmã⸗ hungen der Tante, und den noch widerwärtigeren Zudringlichkeiten des beſtimmten Bräutigams, empfand ihr Geiſt die ihr widerfahrenen Kränkungen mit ſolcher Lebhaftigkeit, daß ihr Nachfinnen den Charakter des Wahnfinns an ſich trug. In einem ſolchen Augenblick hatte ſie an Mordaunt geſchrieben, und wenn dieſer Kampf noch viel länger fortgedauert hätte, würde das unglückliche und verfolgte Mädchen gewiß ihren Verſtand verloren haben. Sie beſaß eine ſehr lebhafte Empfindlichkeit, und ihre unvollkommene Erziehung hatte nur wenig vazu gedient, dieſelbe zu leiten und zu verbeſſern; doch da ihre Sitten rein und gut waren, ſo waren die Impulſe, die daraus herfloſſen, ſündlos und erhaben, und wenn ſie irrte, ſo war ſie doch ſtets auf der Seite der 283 Tugend, und romantiſche und übertriebene Großmuth hatte mehr Theil daran, als die Schwäche der Weib⸗ lichkeit oder die Selbſtſucht der Leidenſchaft. Alles Elend und alle Erniebrigung ihrer zweidentigen und abhängigen Stellung hatte ſie nicht bewegen können, Mordaunts leidenſchaftliche und dringende Bitten zu erfüllen, und ihr Herz war ſelbſt feſt gegen die Be⸗ rebſamkeit der Liebe, wenn dieſe Beredſamkeit den weltlichen Nachtheil und die Erniedrigung ihres Ge⸗ liebten bewirken ſollte; aber dieſe neue Verfolgung war ihrer Natur nach durchaus unerwartet und ihrer Urſache wegen unerträglich. Einen Andern zu hei⸗ rathen— auf immer von einem Manne geriſſen zu werden, dem ihr ganzes Herz geweiht war— genö⸗ thigt zu ſein, nicht nur ſeine Liebe aufzugeben, ſon⸗ dern auch fühlen zu müſſen, daß der bloße Gedanke an ihn ein Verbrechen ſei; dies alles, und dazu noch die heftigen und bitteren Beleidigungen ihrer Ver⸗ wandten und die halsſtarrige und unbewegte Gemein⸗ heit ihres beſtimmten Bräutigams, der ihr offenes Geſtändniß mit trotziger Gleichgültigkeit beantwortete und ſeine Bewerbung fortſetzte, machten eine Laſt aus, die ſie weder mit Reſignation tragen, noch mit Ge⸗ duld betrachten konnte; doch ſelbſt bei aller Bitterkeit ihrer Seele und der unzuſammenhängenden Verzweif⸗ lung, in welcher ihr Brief an Mordaunt abgefaßt war, empfand ſie eine gewiſſe unbeſtimmte Entſchloſ⸗ ſenheit, daß ſie nicht das Opfer ſein wolle. Bei ihrer Ingend und noch faſt kindlichen Un⸗ ſchuld erkannte ſie nicht vollkommen die Art des Ver⸗ trauens, Folgen aber ſie hört, d alles fü beſchloſſe ren wol bung ve zu bring dem Gel dem Br Bitte, d nicht, d Hingebn ſie nur Nach bei ihren aus den George Familie etwa zwi der bis einer La die ihm und hatt Collegiu theilen! ſchenkt, hältniß, von rotl Bulw rmuth er Weib⸗ t. Alles tigen und können, Bitten zu n die Be⸗ mkeit den ihres Ge⸗ erfolgung und ihrer n zu hei⸗ eriſſen zu — genö⸗ ben, ſon⸗ Gedanke Verzweif⸗ abgefaßt Entſchloſ⸗ e. ichen Un⸗ t des Ver⸗ Bitterkeit 289 trauens, welches ſie in Mordaunt ſetzte; nicht die Folgen irgend einer andern mit ihm, als der der Ehe; aber ſie hatte von Frauenzimmern geleſen und ge⸗ hört, die in ihrer edlen und zärtlichen Hingebung alles für die Liebe geopfert, und ſie hatte bei ſich beſchloſſen, daß fie lieber die Zahl derſelben vermeh⸗ ren wolle, als ihm einen Verluſt oder eine Berau⸗ bung verurſachen. Für Algernon Mordaunt Opfer zu bringen— welches Glück, welcher Stolz lag in dem Gedanken! Und dieſer Gedanke ſöhnte ſie mit dem Briefe aus, den fie geſchrieben, und mit der Bitte, die er enthielt. Armes Mädchen! fie begriff nicht, daß in den Augen der Welt jenes Opfer, jene Hingebung das größte Verbrechen ſein würde, welches ſie nur begehen könne. Nachdem ſie ihren Brief abgeſchickt hatte, ſaß ſie bei ihren beiden Verwandten, denn fie ließen ſie ſelten aus den Augen, als Glumford angemeldet wurde. George Glumford war ein Landedelmann aus einer Familie dritter Claſſe in der Grafſchaft; er hatte etwa zwölfhundert Pfund jährlich, einen Stammbaum, der bis zu Karl dem Zweiten hinaufging, war in einer Landſchule mit ſechzig Andern gebildet worden, die ihm an Rang größtentheils untergeordnet waren, und hatte die letzte Vollendung in einem ſehr kleinen Collegium zu Orford erhalten. Außer dieſen Vor⸗ theilen hatte ihn die Natur mit einem Wuchſe be⸗ ſchenkt, fünf Fuß acht Zoll hoch, und kräftig im Ver⸗ hältniß, mit ſehr kurzen und ſehr geraden Haaren von rother Farbe, die ſelbſt durch den Puder hin⸗ Bulwer, der Verſtoßene. I. 19 290 durchſchienen, mit einer aufwärts gebogenen Stumpf⸗ naſe, mit kleinen, kalten, grauen Augen, einem ſehr kleinen Munde, zuſammengezogen und geizig aus⸗ ſehend gleich dem eines Karpfen oder gleich einem Weſtenknopfloch, und mit ſehr großen, von Sommer⸗ ſproſſen bedeckten, aber doch ziemlich weißen Händen, deren Nägel er jeden zweiten Tag(den Freitag— dies irae— ausgenommen) ſpitzig mit einer Scheere beſchnitt, die Herr Glumford ſchon ſeit ſeinem achten Jahre— nämlich ſeit etwa zweiundbreißig vollſtän⸗ digen Umwälzungen der Sonne— beſeſſen zu haben ſich rühmte. Er war eine von jenen Perſonen, vie zugleich karg und unternehmend ſind, die das Aufſehen einer kleinen Spekulation lieben, aber ſich, nach ihrem eigenen anmuthigen Ausdruck, wohl vorſehen, auf der ſichern Seite der Hecke zu ſein. In überein⸗ ſtimmung mit dieſer Eigenthümlichkeit ſeines Geiſtes hatte er beſchloſſen, ſich in Miß Iſabella St. Leger zu verlieben; denn da fie ſehr abhängig war, ſo konnte er ſich gegen ſie ſeiner Uneigennützigkelt rühmen und hoffen, daß ſie aus Dankbarkeit ſehr ökonomiſch ſein werde, und da ſie die nächſte Verwandte des reichen General St. Leger und ſeiner unverheiratheten Schwe⸗ ſter war, ſo ſchien die vernünftigſte Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ſie deren ganzes Vermögen erben werde. Nach dieſen Winken der Klugheit erklärte ſich Herr George Glumford. Als ihm nun Iſabella, theils in ihrer unbefan⸗ genen Offenheit, theils vermöge der leidenſchaftlichen Antrieb Andern Zuſtimn langſam Glumfo wärtiger Iſabelle die Abfi erforſche erhöhen. „Da der Gen Vermög denn hin Redende dagra he ſo grim durchaus es nicht zu wager „Me „aber er dies hat Nach und inde Abneigur ſobald er er ſeine kannten, Doch Stumpf⸗ einem ſehr eizig aus⸗ eich einem Sommer⸗ n Händen, reitag— er Scheere nem achten vlſtän⸗ zu haben ie zugleich ehen einer ach ihrem ehen, auf überein⸗ es Geiſtes St. Leger ſo konnte hmen und miſch ſein es reichen en Schwe⸗ heinlichkeit ben werde. ſich Herr unbefan⸗ chaftlichen 291 Antriebe ihrer Verzweiflung, ihre Neigung zu einem Andern und ihren Entſchluß entdeckte, nie mit eigener Zuſtimmung die Seine zu werden, erſchien es dem langſamen und nicht unberechnenden Geiſte des Herrn Glumford keineswegs wünſchenswerth, ſeine gegen⸗ wärtigen Abſichten aufzugeben, ſondern er wendete Iſabellens Widerſtreben als eine Entſchuldigung an, die Abſichten des Oſtindiers und ſeiner Schweſter zu erforſchen und ihre Freigebigkeit nach ihrem Tode zu erhöhen. „Das Mäochen iſt mein nächſtes Blut,“ ſagte der Generalmajor,„und wenn ich ihr nicht mein Vermögen hinterlaſſe, wem zum Teufel ſollte ich es denn hinterlaſſen?“ Und bei dieſen Worten ſah der Redende, der gerade einen heftigen Anfall von Po⸗ dagra hatte, den nähere Auskunft heiſchenden Freier ſo grimmig an, daß Herr George Glumford, der durchaus kein Achilles war, ein wenig erſchrack und es nicht für gerathen hielt, weitere Andeutungen zu wagen. „Mein Bruder ißt ſo ſeltſam,“ ſagte Miß Diana; „aher er iſt der großmüthigſte aller Menſchen, über⸗ dies hat das Mädchen Anſprüche an ihn.“ Nach dieſen Reden hielt ſich Glumford für ficher, und indem er innerlich beſchloß, die Thörin für ihre Abneigung und ihren ſchlechten Geſchmack zu beſtrafen, ſobald er geſetzlich dazu im Stande ſein werde, ſetzte er ſeine täglichen Beſuche fort und ſagte ſeinen Be⸗ kannten, daß ſeine Zeit gekommen ſei. Doch um wieder auf unſern Hammel zu kommen, 292 wollen wir nach vieſen vorläufigen Erörterungen zu Herr Glumford zurückkehren, den wir an der Thür, an dem Handſchuh zupfend und zerrend, der ſeine Hand bedeckte, zurückgelaſſen haben, um ſeine bloße Rechte der Miß Diana St. Leger darzureichen. Als vieſe Handlung verrichtet war, näherte er ſich Iſa⸗ bellen, zog ſeinen Stuhl zu ihr und begann ſich mit ihr zu unterhalten, wie der Wehrwolf mit dem Kätz⸗ chen, nämlich ſo höflich, wie der Wehrwolf es konnte. Dieſe Bußübung hatte noch nicht ſehr lange gewährt, als die Thür ſich wieder öffnete und Herr Moritz Braun ſich der Verſammlung darſtellte. „Ihr Diener, General, Ihr Diener, mein Fräu⸗ lein. Ich nehme mir die Freiheit wieder zurück⸗ kehren, mein Fräulein, weil ich vergeſſen habe, Ihnen einige ſehr ſchöne Seidenzeuge zu zeigen, der vortheilhafteſte Kauf in der Welt— vollkommene Geſchenke; auch habe ich hier eine Schale vom fein⸗ ſten Porzellan, ein köſtlicher Artikel aus den Vorri⸗ then der verſtorbenen Lady Waddilove.“ Nun war Braun ein ſehr alter Bekannter der Miß Diana St. Leger, denn es gibt eine gewiſſe Claſſe von alten Jungfern, mit welchen unſere ſchönen Le⸗ ſerinnen ohne Zweifel bekannt find, die mit einer großen Liebe zu Ausgaben eine große Liebe zu Ein⸗ käufen verbinden, und nie an regelmäßigen Plätzen einkaufen, wenn ſie einen unregelmäßigen Verkäufer finden können. Sie find große Freundinnen der Juden und Hauſirer, haben ſtets Verkehr mit Schmugg⸗ lern, leſen alle Ankündigungen und man findet ſie beſtändi ſich Mi ihr dahe Dieſer u Hand h und reſſ reiche B Jahre n und Bek Beſuchs bella Ge „Bit ford, de „Geſcher Zimmer redensar möbliren zimmer, vielleicht meinem tücher, ₰ „Ja, ſeine Sch hung, ich fallen la Und inde es ihm, Andern e erungen zu der Thür, der ſeine ſeine bloße eichen. Als r ſich Iſa⸗ nn fich mit t dem Kätz⸗ es konnte. ge gewährt, e Mritz mein Fräu⸗ er zurück⸗ eſſen habe, zeigen, der ollkommene e vom fein⸗ den Vorri⸗ kannter der wiſſe Claſſe ſchönen Le⸗ mit einer be zu Ein⸗ zen Plätzen Verkäufer der Juden Schmugg⸗ n findet ſie — 293 beſtändig in Auktionen. Unter dieſer Claſſe zeichnete ſich Miß Diana beſonders aus; wie angenehm mußte ihr daher die Bekanntſchaft des Herrn Braun ſein. Dieſer unermübliche Händler mit Waaren aus zweiter Hand hatte zu einer Zeit, wo dergleichen ſeltener und reſpektabler waren als gegenwärtig, eine zahl⸗ reiche Bekanntſchaft auf dem Lande, und preimal im Jahre machte er die Runde bei allen ſeinen Kunden und Bekannten. Dies war die Veranlaſſung ſeines Beſuchs in St. Leger Houſe, und daher hatte Iſa⸗ bella Gelegenheit, ihren Brief zu beſorgen. „Bitte, ſagen Sie mir voch,“ begann Glum⸗ ford, der von Miß Diana viel von Herrn Brauns „Geſchenken“ gehört hatte,„möhliren Sie nicht auch Zimmer und dergleichen Dinge?“(eine Lieblings⸗ redensart des geiſtreichen Mannes.) „Gewiß, Herr, gewiß, auf die beſtmögliche Weiſe.“ „Oh! ſehr gut, ich werde bald einige Zimmer möbliren laſſen; ein Schlafzimmer und ein Ankleide⸗ zimmer, und dergleichen Dinge, wiſſen Sie. Und vielleicht haben Sie etwas in Ihrer Schachtel, was meinem Zwecke entſpricht, Handſchuhe oder Taſchen⸗ tücher, Hemden oder dergleichen Dinge.“ „Ja, Herr, ich verkaufe Alles,“ ſagte Braun, ſeine Schachtel öffnend.—„Ich bitte um Verzei⸗ hung, ich habe mein Taſchentuch neben Ihrem Stuhle fallen laſſen; erlanben Sie mir, mich zu bücken.“ Und indem ſich Braun unter den Tiſch bückte, gelang es ihm, ſein Vorhaben auszuführen; ohne daß die Andern es ſahen, ſieckte er einen Brief in Iſabel⸗ lens Hand, und inbem fie ſich auch niederbeugte, ge⸗ lang es ihr, den Schatz in Sicherheit zu bringen. Oh! die Liebe darf wohl reblich ſein, auch wenn ſie noch ſo wahr iſt, führt ſie zu ſo Vielem, was falſch iſt. Brauns Schachtel war jetzt vor den Augen des liſtigen Glumford geöffnet, der drei Paar Handſchuhe auswählte und gerade die Hälfte der geforderten Summe bot. Braun erhob ſeine Hände und Augen. „Sehen Sie,“ ſagte der unerſchütterliche Glum⸗ ford,„wenn Sie ſie mir vafür laſſen, wenn ſie gut halten, die Nähte nicht aufgehen und ſie durch das Waſchen nicht verdorben werden, ſo ſollen Sie mein ganzes Haus möbliren und dergleichen Dinge.“ Von dieſem großartigen Anerbieten betroffen, gab Braun nach und vie Handbſchuhe wurden ihm zu dem gebotenen Preiſe überlaſſen. „Der Thor!“ dachte der edle George, ins Fäuſt⸗ chen lachend,„als wenn ich mein Haus aus ſeiner Schachtel möbliren wollte!“ Seltſam genug, daß die Leute ſtolz darauf ſind, gemein zu ſein. In dem Augenblick entfernte ſich Iſabella unter dem Vorwande, ſich zum Mittageſſen anzukleiden. Sie öffnete den Brief ihres Geliebten und las Folgendes: „Sei dieſen Abend um neun Uhr in Deinem Zim⸗ mer, Geliebte. Laß die Glasthüre unverſchloſſen. Ge⸗ rade um dieſe Stunde will ich bei Dir ſein. Ich werde Alles zu Deiner Flucht bereit halten. Mache nur, daß Dich nichts verhindert, mich dort zu treffen, auch wenn das ganze Haus Dir folgen oder Dich begleite tragen. und El ich mie danken, den, ut an neu Lie! Welt z vurch beſtimn danken, mit ver ſtehen. gleich d erkältet lag ein Geliebt wahren Widerſ entfernt freuen, wegenhe tigkeit ihren ſ eugte, ge⸗ bringen. wenn fſie was falſch Augen des Handſchuhe en Summe en. che Glum⸗ nn ſie güt durch das nSie mein inge.“ offen, gab hm zu dem ins Fäuſt⸗ aus ſeiner arauf find, tfernte ſich Mittageſſen Geliehten binem Zim⸗ oſſen. Ge⸗ ſein. Ich n. Mache zu treffen, over Dich 295 begleiten ſollte. Ich will Dich durch Alle hinburch⸗ tragen. O Iſabella! ungeachtet des Geheimniſſes und Elends, welches Dein Brief ausſpricht, fühle ich mich nur zu glücklich, zu wonnevoll bei dem Ge⸗ danken, daß unſer Schickſal endlich wird vereint wer⸗ den, und daß die Verbindung nahe bevorſteht. Denke an neun Uhr. A. M.“ Liebe iſt ein Gefühl, welches ſo wenig mit der Welt zu thun hat, eine Leidenſchaft, die ſo wenig vurch die bekannten Geſetze unſerer ruhigeren und beſtimmteren Bewegungen geleitet wird, daß die Ge⸗ vanken, die ſie hervorbringt, ſtets mehr oder weniger mit der übertreibung und Romantik in Verbindung ſtehen. Bei dem unternehmenden Geiſte, der, ob⸗ gleich durch ſeine Gewohnheiten und Beſchäftigungen erkältet, noch immer in Mordaunts Bruſt glühte, lag ein wildes Vergnügen in dem Gedanken, ſeine Geliebte aus dem Hauſe ihrer falſchen Freunde und wahren Feinde zu entführen, während, vermöge der Widerſprüche verſelben Leidenſchaft, Iſabella, weit entfernt, ſich über ihre nahe bevorſtehende Flucht zu freuen, bei der Gefahr zitterte und wegen ihrer Ver⸗ wegenheit erröthete, und die Furcht und Schamhaf⸗ tigkeit des Weibes faſt über ihre kurze Energie und ihren ſchwankenden Entſchluß triumphirten. 296 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wir bringen die Erwählte und Geliebte; Die Lieb' begleitet ſie aus ibrer Heimath! In ihrer Seel' entſpringet inn'ge Freude, Obgleich ihr Blick von Freude nicht erglänzt! Hemans. „Verdammt!“ rief der General. „Das gemeine Geſchöpf!“ ſchrie Miß Diana. „Ich begreife nicht dergleichen Dinge!“ rief Glum⸗ ford verwirrt und aufgebracht. „Sie iſt gewiß fort!“ ſagte der tapfere General. „Gewiß!“ brummte Miß Diana. „Fort!“ ſagte der Bräutigam,„doch nicht zu ihm?“ Sie war wirklich fort! Nie verließ ein liebenderes und zärtlicheres Herz Alles und hing ſich an ein treueres und edleres Weſen. Der blaue Himmel war von Wolken verbunkelt, nur einzelne Sterne zeigten ſich und die Winde wehklagten mit lauter und unheilverkünbender Stimme, und der Mond kam mit mattem und kränk⸗ lichem Lächeln aus dem Nebel zum Vorſchein, trat dann zurück und wurde nicht mehr geſehen; aber weder ſchlimme Vorbebeutung noch Furcht war in Mor⸗ vaunts Bruſt, als ſie unter Iſabellens dunklen Locken ſich hob, die ſie an dieſelbe drückte. So wie der Glaube ſich feſter an vas Kreuz des Lebens anſchließt, ſo wie vie Wüſte um ſeine Schritte her dunkler wird und die Schlangen über ſeinen Pfad kriechen, ſo umſchließt die Liebe das, was ihre Hoffnung und ihr Troſt iſt, um ſo feſter, je verlaſſener die Einöde iſt und je dro⸗ hender die Gefahren, die ſie umgeben. und nun war ein ſo ſeltſamer Streit zwiſchen ven Beide vorging; wußte, w zu bringer wendete ſi verläugnu vem Vorſe ihrer Trau eniflohen, fernten un wandten digen Vor! konnte geſ In vi würve die lungen be für eine e Grundſatz Die Ehre ein Geſetz wobei die gibt Wen opfern we das Ihre iſt in de nicht zu! würde hei geſetzt wa ſein, hät unterſtützt tel. eliebte; eimath! Freuve, ht erglänzt! mans. Diana. ief Glum⸗ e General. tzu ihm?“ liebenderes in treueres on Wolken ch und die rkündender und kränk⸗ hein, trat aber weder in Mor⸗ klen Locken der Glaube ßt, ſo wie wird und umſchließt r Troſt iſt, und je dro⸗ it zwiſchen 297 den Beiden, wie wohl nicht häuſig auf vieſer Welt vorging; denn Iſabella, obgleich ſie nicht eigentlich wußte, was ſie meinte, beſtand darauf, das Opfer zu bringen, welches ſie beabſichtigte, und Algernon wendete ſich mehr mit hoher und ritterlicher Selbſt⸗ verläugnung als mit Mißtrauen gegen ſich ſelber von dem Vorſchlage ab und begnügte ſich damit, Alles zu ihrer Trauung vorzubereiten. Sie waren nach London entflohen, und er hatte Iſabella bei einer ſehr ent⸗ fernten und ſehr armen, doch ſehr vornehmen Ver⸗ wandten Algernons untergebracht, bis die nothwen⸗ digen Vorbereitungen vorüber waren und das Eheband konnte geſchloſſen werden. In vielen Romanen und von vielen Romanleſern würve die Ehre, welche Algernon bei ſeinen Hanb⸗ lungen beſtimmte, für gewöhnlich genug und mehr für eine abſolute Pflicht als für einen verdienſtlichen Grundſatz gehalten werden; doch es war nicht ſo. Die Ehre— und wir ſagen es mit Kummer— iſt ein Geſetz, welches Männer für Männer gaben und wobei die Frauen durchaus nicht befragt wurden. Es gibt Wenige, ſehr Wenige, die Alles für ein Weib opfern werden, wenn das Weib auch ohne jedes Opfer das Ihre ſein wird. Die ſtrenge Ehre gegen Frauen iſt in der That eine ſo velikate Tugend, daß wir nicht zu behaupten wagen wollen, ſelbſt Mordaunt würde hei den großen Verſuchungen, welchen er aus⸗ geſetzt war, ſtets von derſelben aufrecht gehalten worden ſein, hätte ihn nicht die erhahene Natur ſeiner Liebe unterſtützt. 298 Wir wollen einen großen, keinen vollkommenen Charakter zeichnen, und obgleich Morbaunt nicht eigeni⸗ lich ein Weltmann war, ſo hatte er doch zu viel mil der Welt verkehrt, um nicht einigermaßen von den Sitten und der Denkart verſelben angeſteckt zu ſein; überdies war Algernon ein ſehr ſtolzer Mann, und mehr vermöge ſeiner Nachläſſigkeit als ſeines Ge⸗ ſchmackes war er luxuriös und verſchwenderiſch. Ver⸗ mögen war daher ein Vortheil, den er nicht mit Ver⸗ achtung anſehen, noch ohne Widerſtreben aufgeben konnte. überdies war er ſehr ehrgeizig, ſtrebte nach Macht— nach jener Macht, die den Menſchen out ähnlich macht— nach der Macht, dauernd und in weitem Kreiſe Gutes zu thun, ſo daß er nicht in v Blindheit und Hitze der Leidenſchaft, noch aus Ge⸗ fühllofigkeit gegen die Ausſichten und Hoffnungen, welchen zu entſagen ſeine Wahl ihn nöthigte, Iſt⸗ bella zu der Verbindung zu bewegen ſuchte, nach und nach ihre edlen Bedenklichkeiten und ihre aufopfernden Entſchlüſſe überwand und ſeine Beredſamkeit nicht ſchweigen ließ, bis der Tag zu der Trauung beſtimm wurde. Der Morgen brach klar und heiter an— der Herbſt näherte ſich ſeinem Ende und ſchien mehr die Erinnerungen an die Wärme und Milde ſeines Vor⸗ gängers als an die düſtere Strenge ſeines Nachfol⸗ gers hinterlaſſen zu wollen. Und ſie ſtanden vor dem Altar und wechſelten ihr⸗ Gelübde. Ein leiſes Beben durchzitterte Algernons Geſtalt, ein leichter Schatten verbunkelte ſein Geſicht; ſelbſt in in ſein S Eube unt nende Br denn da e Vorfahret vorthin zt daunts V halten ha ſelbſt bei Eigenthü Herzen ge auf Beid behten un Berührun kommen. Furch Leben— In jener habe das geſetzt, d dunklen Wenigſte finſtere 2 letzte Zuf ihnen au ollkommenen nicht eigent⸗ zu viel mit ßen von den eckt zu ſein; Mann, und ſeines Ge⸗ deriſch. Ver⸗ icht mit Ver⸗ en aufgeben ſtrebte nach enchen Git ernd und in rnicht in der och a Ge⸗ Hoffnungen, zthigte, Iſe⸗ te, nach un aufopfernden ſamkeit nicht ung beſtimm — ien mehr die e ſeines Vor⸗ ines Nachfol⸗ vechſelten ihre te Algernons ſein Geſicht; 299 ſelbſt in jener Stunde drang ein eiſiges Vorgefühl in ſein Herz, es verging— die Ceremonie war zu Ende und Mordaunt führte ſeine erröthende und wei⸗ nende Braut aus der Kirche. Sein Wagen ſtand bereit, denn da er nicht wußte, wie lange die Heimath ſeiner Vorfahren noch die ſeine ſein werde, war er begierig, vorthin zurückzukehren. Die alte Gräfin d'Arey, Mor⸗ daunts Verwandte, bei welcher ſich Iſabella aufge⸗ halten hatte, rief ſie zurück, um ſie zu ſegnen; denn ſelbſt bei der Kälte ihres Alters war ſte von der Eigenthümlichkeit ihrer Liebe und von bem Adel ihrer Herzen gerührt. Sie legte ihre verwelkte Knochenhand auf Beide, als ſie ihnen Lebewohl ſagte, und Beide bebten unwillkürlich zurück, denn die kalte und leichte Berührung ſchien von den Fingern des Todes zu kommen. Furchtbar in der That iſt die Nähe von Tod und Leben— des Brautgemaches und des Todtengewölbes. In jener Nacht ſtarb die alte Frau. Es ſchien, als habe das Schickſal ſein Siegel auf die Verbindung geſetzt, die es ſo lange verboten hatte, und einen dunklen Faden ſelbſt in das Eheband hineingewebt. Wenigſtens nahm es zweien Herzen, über welchen die finſtere Donnerwolke in düſterer Ruhe ſchwebte, die letzte Zuflucht, die, ſo ſchwach und fern ſie auch war, ihnen auf der ungaßtlichen Erde übrig zu ſein ſchien. 300 Achtundzwanzigſtes Kapitel. O leb' noch glücklich, Paar, ſo lang Du kannſt; Genieße kurze Freuden, denn es folgt Bald bittres, langes Weh. Milton. Herbſt und Winter gingen vorüber, Mordaunts Verwandter blieb unverſöhnlich. Auch ohne Rückſicht auf weltliche Verhältniſſe bedauerte Algernon dies auf⸗ richtig, denn obgleich er dieſen Verwandten ſelten ge⸗ ſehen hatte, ſo liebte er ihn doch wegen früherer Güte — die er ihm freilich mehr verſprochen als erwieſen hatte— mit der natürlichen Wärme einer Zärtlich⸗ keit, die noch wenige Gegenſtände gehaht hatte. Der alte Herr, der ein ſehr kleiner und fetter Mann war — ſehr kleine und ſehr fette Leute, wenn ſie ſauer⸗ töpfig ſind, ſind gar des Teufels, denn die Launen ihres Geiſtes, gleich denen ihres Körpers, haben etwat Verborbenes und etwas, was nicht zu reinigen iſt an ſich— ſchrieb ihm indeſſen einen trotzigen, ver⸗ ächtlichen Brief in witziger Weiſe— denn er hatte etwas von einem Humoriſten— verläugnete alle Ver⸗ wandtſchaft mit ihm, ſtarb ſehr bald darauf und hin⸗ terließ ſein ganzes Vermögen demſelben Herrn Vayg⸗ ſeur, der den Prozeß mit Mordaunt führte und gegen den er ſtets offen den ftärkſten perſönlichen Wiber⸗ willen gezeigt hatte, denn der Haß gegen den einen Verwandten zieht uns auf wunderbare Weiſe zu dem andern hin. Inzwiſchen ging der Prozeß weniger lang⸗ ſam vor ſich, als ſonſt gewöhnlich der Fall iſt, um die Entſcheidung ſollte ſehr bald gegeben werden. Wir vorüber März, w Mädchen Mannha Monat Baches, ſchattet n ſchaft vv „Ich weibliche im Jahre „Ja, ihn rauh frohlocke abgehärt es gern, indem ic fuhr Alg vor drei land rei der Don geregt u Geſicht, und erfü gem Erc Träumer phie bei Augenbli woher di tel. Du kannſt; lgt Milton. Mordaunts ne Rückſicht on dies auf⸗ n elten gr⸗ üherer Güte als erwieſen e Zärtlich⸗ hatte. Der Mann war n ſie ſauer⸗ die Launen haben etwat reinigen ißt, tzigen, ver⸗ enn er hatte te alle Ver⸗ auf und hin⸗ Herrn Vava⸗ te und gegen chen Wiber⸗ n den einen Peiſe zu dem enier elng⸗ Fall iſt, und werden⸗ 301 Wir haben ſchon geſagt, daß Herbſt und Winter vorüber waren, und an einem der letzten Tage des März, wo das rauhe Wetter gleich einem ausgelaſſenen Mädchen, deren Wildheit ſich legt, wenn fie ſich der Mannharkeit nähert, in einen ſanfteren und zarteren Monat übergeht, ſaßen zwei Perſonen am Ufer eines Baches, der von manchem Baume und Buſche über⸗ ſchattet war, von welchen die jungen Blüten eine Bot⸗ ſchaft vom Frühling ſandten. „Ich weiß nicht, thenerſter Algernon,“ ſagte die weibliche Perſon,„ob dies nicht der lieblichſte Monat im Jahre iſt, weil er der Monat der Hoffnung iſt.“ „Ja, Iſabella, und die thaten ihm Unrecht, die ihn rauh nannten und ihn dem Mars weihten. Ich frohlocke ſelbſt bei den friſchen Winden, vor welchen abgehärtetere Leute als ich zurückbeben, und ich habe es gern, wenn ihr wilber Hauch meine Wange fächelt, indem ich gegen ihn anreite. Ich erinnere mich,“ fuhr Algernon finnend fort,„daß ich gerade heute vor drei Jahren allein und zu Pferde durch Deutſch⸗ land reiste und nicht weit von Ens an den ufern der Donau ſtand; das Waſſer des Fluſſes war auf⸗ geregt und die Winde blieſen mir laut und heftig ins Geſicht, warfen den Schaum des Waſſers auf mich und erſüllten meinen Geiſt mit heiterem und freudi⸗ gem Ergötzen. Und zu der Zeit hatte ich mich alten Träumen der Poeſie hingegeben und meine Philoſo⸗ phie bei Seite geſetzt, und bei der Inſpiration des Augenblicks erhob ich meine Hand zu der Gegend, woher die Winde kamen, und befragte ſie hörhar nach 302 ihrem Geburtsorte und ihrem Urſprunge, und als die Begeiſterung zunahm, verglich ich ſie mit unſerem menſchlichen Leben, welches einen Augenblick iſt und dann nicht mehr iſt, und indem ich von einer Thor⸗ heit zur andern überging, fragte ich ſie, als wären ſie die überirdiſchen Dolmetſcher des Himmels, nach einem Vorbilde und Zeichen meines künftigen Looſes.“ „Und was ſagten ſie?“ fragte Iſabella furchtſam lächelnd. „Sie antworteten nicht,“ verſetzte Mordaunt;„aber eine Stimme in mir ſchien zu ſagen:„Blicke nach oben! und ich erhob meine Augen, aber ich ſah nicht Dich, Geliebte— und ſo log das Buch des Schickſals. „Und was ſaheſt Du, Algernon?“ fragte Iſabella mit mehr Ernſt als die Frage verbiente. „Ich ſah eine dünne Wolke, allein unter einet dichten, ſchwarzen Wolkenmaſſe, und als ich aufmerk⸗ ſamer darauf hinblickte, ſchien ſie die Geſtalt eines Leichenzuges anzunehmen— da war der Sarg, dle Träger, der Geiſtliche und Alles ſo klar und deutlich in der Wolke, als hätte ich es auf der Erbe geſehen. Und mich ſchauderte, als ich es ſah; aber der Wind blies die Dünſte weiter und ſie miſchten ſich mit den größeren Wolkenmaſſen, und dann, Iſabella, blickte die Sonne auf einen Augenblick durch, und ich irrie, Geliebte, als ich ſagte, Du ſeieſt nicht da geweſen, denn dieſe Sonne warſt Du. Aber plötzlich legte ſich der Wind und der Regen rauſchte raſch und ſchwer hernieder; ſo kühlten ſich meine romantiſchen Gefühle ab, das Fieber ließ nach— ich dachte an das Gaſt⸗ haus in welches auf ſpo: „Es „We küſſenb. „Nit ſchöner E nen Füße ſchaft vo höchſten ſo ſpät 1 daß Du wegſtreiff unheilige Algernon gehſt.“ „Ja, gernon, Algernon Das der von e, und als mit unſerem lick iſt und einer Thor⸗ als wären mels, nach zen Looſes.“ la furchtſam unt;„aber „Blicke nach ich ſah nicht Schickſals.“ gte Iſabella unter einer ich aufmerk⸗ Geſtalt eines r Sarg, die und deutlich Erde geſehen. er der Wind ſich mit den bella, blickte d ich irrte, da geweſen, ſchen Gefühle an das Gaſt⸗ 303 haus in Ens und an die Lieblichkeit eines Holzfeuers, welches in einem Augenblick angezündet iſt, und par⸗ auf ſpornte ich mein Pferd weiter.“ „Es iſt ſehr ſeltſam,“ ſagte Iſabella. „Was, Geliebte?“ flüſterte Algernon ihre Wange küſſend. „Nichts, Theuerſter, nichts. Sieh nur, welch ein ſchöner Schmetterling ſich auf die Blüte gerade zu Dei⸗ nen Füßen niedergelaſſen hat; er bringt Dir eine Bot⸗ ſchaft von Oberon, daß Du bei Strafe ſeines aller⸗ höchſten Mißfallens an dieſen feuchten Abenden nicht ſo ſpät umherwandern ſollſt. Seine Majeſtät erklärt, daß Du allen Thau von ſeinen Lieblingspfaden hin⸗ wegſtreifſt und überdies ſeine Luſtbarkeiten durch Deine unheilige Gegenwart ſtörſt. Daher ſieh Dich vor, Algernon, daß Du nicht nach Anbruch der Nacht aus⸗ gehſ.⸗ Algernon lächelte, indem er aufſtand.„Ich glaube vielmehr, daß es ein Herold von Titania iſt, der Dich bittet, bei Zeiten zu Bette zu gehen und das Haus dem Puck und ſeinen Genoſſen zu überlaſſen, anſtatt die ganze Nacht aufzuſitzen und Deinen Gatten zu erwarten, der ſeine Spaziergänge beim Sternen⸗ licht und ſeine von Motten zerfreſſenen Bücher mehr liebt, als Dich.“ „Ja, aber er liebt ſie nicht mehr als mich, Al⸗ gernon, oder doch?“ ſagte Iſabella ernſthaft, und Algernon lachte. Das Wild, welches unter dem Baumgange lag, der von dem Bache zum Hauſe hinaufführte, und 304 ſein königliches Geweih ſtatilich bewegte, ſprang eilig und in Verwirrung auf und blickte mit wachſamen Angen einen Mann an, der ſich dem Paare näherte. Es war einer von den Dienern mit einem Briefe. Iſabella bemerkte eine geringe Veränderung in Mor⸗ daunts Geſichte(die ſonſt Niemand hätte ſehen kön⸗ nen), da er die Handſchrift erkannte und das Siegel brach. Als er den Brief geleſen, ſenkten ſich ſein Blicke auf den Boden; dann erhob er ſte plötzlich wieder und ſah ſich lange und lebhaft um. Gedanken⸗ voll trank er gleichſam die ſchöne und ausgedehnt⸗ Seene, die zu beiden Seiten ausgebreitet lag, in ſein Herz; ven herrlichen Baumgang, den ſeine Vorfah⸗ ren zum Schutz ihrer Söhne gepflanzt; deren maje⸗ ſtätiſcher Wuchs zu ſagen ſchien:„Seht, Eure Mühe iſt belohnt!“ und den nimmer ruhenden Silberbach — bei welchem er in ſeiner Kindheit ſtundenlang geſeſſe ſeiner Muſik gehorcht und den Duft des Rohrs un der wilden Blumen eingeathmet, welche die Bienen an ſeine liebliche Ufer lockten, und das Wild, deſſen melancholiſchem Geſchrei er oft im grauen Zwielicht mit entzücktem und träumendem Ohr gehorcht hatte, und das grüne Farnkraut auf dem ſanften Hügel, aus deſſen Schatten ſeine jungen Füße oft den Haſen und das junge Rehkalb aufgejagt, und in der Ferne durch die dichten Bäume ſchimmernd, die alte Halle, mit welcher ſich ſo manche unbeſtimmte Hoffnungen und ſinnende Träume, unbeſtimmte Sagen aus altet Zeit, ſowie der Stolz auf die alte Abkunft vereint hatten— Alles ſchien ſich ihm einzuprägen, als et es, wi betrach gen ni faßte u nigen ein me ſpielte ich kein iſt entſ Se pitel er Zeitrau Leſer, vornehr (oh, d ſchreibe bis val künſtlich wollen leuchtet fülltes tanzend ſchieden Bul ſprang eilig t wachſamen are näherte. einem Briefe. ung in Mor⸗ e ehen ekön⸗ d das Siegel ten ſich ſeine“ ſie plötzlich n. Gedanken⸗ ausgedehnte tlag, in ſein eine Vorfah⸗ deren maje⸗ „Eure Mihe n Silberbach lang geſeſſen, s Rohrs und e di Biienen Wild, deſſen uen Zwielicht ehorcht hatte, anften Hügel, oft den Haſen in der Ferne ie ate WHalle, e Hoffnungen gen aus alter kunft vereint rägen, als er 305 es, wie mit den letzten Blicken ſcheidenber Freunbe betrachtete, und als Ifabella, vie ſein vüſteres Schwei⸗ gen nicht zu unterhrechen wagte, endlich ſeinen Arm faßte und ihre bunkeln, zärtlichen Augen zu den ſei⸗ nigen erhob, ſagte er, indem er ſie zu ſich zog und ein mattes und trauriges Lächeln ſeine Lippen um⸗ ſpielte:„Es iſt vorüber, Iſabella. Von jetzt an hahe ich keinen andern Reichthum als Dich. Die Sache iſt entſchieden— und— und— wir find Bettler!⸗ Neunundzwanzigſtes Kapitel. Wir ſetzen unſer Leben dem täglichen gieber kalter Unverſchämtheiten aus, wobei ein weiſer Mann zittern würde, wenn er nur daran dächte. Cowley. Seit der Zeit, wo ſich die in unſerm letzten Ka⸗ pitel erzählten Ereigniſſe zutrugen, müſſen wir einen Zeitraum von vier Jahren übergehen, und um unſre Leſer, die, wie wir wiſſen, einige Neigung zu dem vornehmen Leben ſelbſt in dieſem Jahrhunbert haben, (oh, daß unſere Feder einen ſo verhaßten Ausdruck ſchreiben muß!) dafür zu entſchädigen, daß wir ihnen bis dahin nur menſchliche Weſen in einem nicht ganz künſtlichen Zuſtande der Geſellſchaft gezeigt haben, wollen wir ſie bitten, ſich ein großes, glänzend er⸗ leuchtetes und mit den Magnaten des Landes ange⸗ fülltes Zimmer vorzuſtellen. Hier waren, Einige in tanzender Vewegung, Anbere in ſitzender Ruhe, ver⸗ ſchiedene Gruppen junger Damen und Herren zer⸗ Bulwer, der Verſtoßene. I. 20 306 ſtreut, die über den Gegenſtand des berühmten Ge⸗ vichtes des Lord Rocheſter, nämlich über„Nichts“ ſprachen— und um die Thüren ſtanden, wahrſchein⸗ lich über denſelben Gegenſtand nachdenkend, die un⸗ glücklichen Schlachtopfer tanzender Töchter,„Väter“ genannt. Ungeachtet ſich unſere Großväter ſehr von uns unterſchieden, ſo iſt doch ein Ball für dieſe kein ſo großes Glück, als unſere jungen Leſerinnen den⸗ ken mögen.. Wir, um von unſern gegenwärtigen Tagen zu reden, find bei ſolchen Scenen ruhige, melancholiſche, nachdenkende Perſonen, ſitzen gern in einem dunkeln Winkel und beobachten das freudige Lächeln, welches ſich über die Geſichter dieſer väterlichen Dulder ver⸗ breitet, wenn plötzlich die Rede auf„T's Antrag“ oder auf„die Pachtungen“ kommt. Wie ſchnell ent⸗ fernt ſie die Phantaſie von den langweiligen Pflichten ihrer gegenwärtigen Lage; wie begierig verweilen die Herren von mittlerem Alter bei den Verdienſten „Mathilda's,“ bei der Vollkommenheit der Jagdgeſetze ober bei der außerordentlichen Verbeſſerung des Rüben⸗ baues! Doch wir kehren in unſern Ballſaal zurück. Die Muſik hat aufgehört— der Tanz iſt beendet und es entſteht eine allgemeine Bewegung zu dem Erfriſchungs⸗ zimmer. Die Aufmerkſamkeit der Menge richtete ſich auf einen jungen, ſehr hübſchen Mann, der eben erſt eingetreten war und eine ausgezeichnet ariſtokratiſche Miene hatte, obgleich er vielleicht etwas zu einfach und nachläſſig gekleidet war. Leſer, heachteſt du wohl, mit u gleitet Lächel werde nend von Gewir die H in der den, 1 Leſer? „2 großet ſchritt ches r gekom H Freun des V Durch händle Dialo „2 es iſt „ wir wr — ein ſo viel ſo kön etwas hmten Ge⸗ r„Nichts“ wahrſchein⸗ id, die un⸗ „Väter“ er ſehr von ir dieſe kein rinnen den⸗ Tagen zu lanchvliſche, em dunkeln ln, welches dulder ver⸗ s Antrag“ ſchnell ent⸗ en Pflichten erweilen die Verdienſten Jagdgeſetze des Rüben⸗ urück. Die wet und es friſchungs⸗ richtete ſich er eben erſt iſtokratiſche zu einfach ſt du wohl, 307 mit welcher Anmuth er durch vas Gebränge vahin⸗ gleitet; wie angemeſſen er vie Verbeugungen und das Lächeln erwidert, die ihm von allen Seiten zu Theil werden; mit welchem hofmänniſchen und doch anſchei⸗ nend unaffektirten Weſen er jene Dame, die Herzogin von H., begrüßt; wie freudig er jenem Herrn, einem Gewinner bei dem letzten Wettrennen zu Newmarket, die Hand drückt; wie geſchickt er Stolz und Reſpekt in der Begrüßung jenes mit Orden bedeckten Frem⸗ den, des Geſandten von**“, vereint? Gefällt er dir, Leſer? Wir hoffen es, denn es iſt Clarenee Linden! „Wie geht's Ihnen, Herr Linden?“ ſagte ein großes und, obgleich ſchon etwas in Jahren vorge⸗ ſchrittenes, dennoch ſehr hübſches Frauenzimmer, wel⸗ ches von Diamanten ſtrahlte;„find Sie erſt eben gekommen?“ Hier kann ich nicht umhin, zu bemerken, daß ein Freund von mir, der einen Roman ſchrieb, einen Theil des Mannſeripts einem befreundeten Verleger zur Durchſicht übergab.„Mein Herr,“ ſagte der Buch⸗ händler,„Ihr Buch iſt ſehr geiſtreich, aber der Dialog fehlt darin.“ „Dialog?“ rief mein Freund—„Sie irren— es iſt ja Alles Dialog!“ „Ja, Herr, aber nicht was wir Dialog nennen, wir wollen ein wenig Unterhaltung im vornehmen Leben — ein wenig elegantes Geſchwätz oder ſo, und da Sie ſo viel von der ſchönen Welt müſſen geſehen haben, ſo könnten Sie es ſehr lebendig machen; wir müſſen etwas Leichtes, Witziges und Unterhaltendes haben.“ „Eiwas Leichtes, Witziges und Unterhaltendes!“ ſagte mein armer Freund;„und wie zum Henker ſoll das der Unterhaltung im vornehmen Leben glei⸗ chen? Wenn die beſte Unterhaltung, die man hören kann, ſo unerträglich langweilig iſt, wie glauben Sie, daß die Leute ſich unterhalten werden, wenn ſie eine Copie der allerſchlechteſten Converſation leſen?“ „Sie unterhalten ſich aber, Herr,“ ſagte der Buchhändler,„und Werke dieſer Art gehen!“ „Ich bin überzeugt,“ ſagte mein Freund, denn er war ein Mann von ruhigem Temperament, be⸗ nutzte den Wink und ſein Buch ging! Dieſe Anekdote fiel mir ein, nachdem ich die kurze Anrede der mit Diamanten geſchmückten Dame:„Wie geht's Ihnen, Herr Linden? Sind Sie erſt eben ge⸗ kommen?“ niedergeſchrieben hatte, und ſie erhielt noch mehr Gewicht durch meine gänzliche Unfähigkeit — obgleich ich verſichern kann, daß es mein Wunſch iſt, ihn in den glänzendſten Farhen zu ſchildern, und daß ich mir deßhalb unglaubliche Mühe mit ſeiner Antwort gab— Herrn Linden irgend eine glücklichere und beredtere Antwort in den Mund zu legen, als: „Erſt dieſen Augenblick!“ Indeſſen, da dies in dem wahren Geiſte des eleganten Dialogs geſprochen iſt, ſo hoffe ich, daß meine Leſer es viel leichter, witziger und unterhal⸗ tender finden werden als, um aufrichtig zu reden, ich es finde. Während Clarenee mit dieſer Dame ſprach, wurde ein ſi Mäde mit v Zügen gendli Mann der de überge „C iſt mir Ball! gefalle nomm ltenbes!“ m Henker eben glei⸗ nan hören e glauben en wenn nverſation ſagte der hen!“ und, denn ment, be⸗ ch die kurze me:„Wie ſt eben ge⸗ ſie erhielt unfähigkeit ein Wunſch ilbern, und mit ſeiner glücklichere egen, als: Geiſte des d unterhal⸗ zu reden, ach, wurde 309 ein ſehr hübſches, liebenswürdiges und lebendiges Mäbchen mit lachenden blauen Augen, die, vereint mit ver glänzenden Weiße ihrer Geſichtsfarbe ihren Zügen und ihrem Ausbruck das Anſehen einer ju⸗ gendlichen Hebe gaben, von einem großen jungen Manne zu der erwähnten Dame gefühet und mit der damals üblichen tiefen Verbeugung ihrem Schutze übergeben. „Ei, Herr Linben,“ rief die junge Dame,„es iſt mir ſehr lieb, Sie zu ſehen— und ein ſo ſchöner Ball!— Es find Alle zugegen, die mir am beſten gefallen. Haben Sie ſchon Erfriſchungen zu ſich ge⸗ nommen, Mama? Aber ich darf nicht erſt fragen, denn ich bin gewiß, daß es nicht geſchehen iſt; kom⸗ Sie, Herr Linden wird unſer Cavalier ſein.“ „Wie Du willſt, Flora,“ ſagte die ältere Dame mit einem ſtolzen und zärtlichen Blicke auf ihre ſchöne Tochter, und Beide nahmen Lindens Arm an. So⸗ bald ſie ſich an einen von den Tiſchen geſetzt hatten, wurden ſie von einem alten Bekannten, Lord St. George, angeredet, deſſen ſich der Leſer von dem Abendeſſen bei Talbot her als eines ſchweigſamen, hagern Herrn erinnern wird. „London,“ ſagte Seine Herrlichkeit zu der in Diamanten,„iſt gar nicht mehr derſelbe Ort, ſeit Lady Weſtborough angekommen iſt; Ihre Gegenwart bringt alle die andern leuchtenden Sterne zum Vor⸗ ſchein, und deßhalb nannte ein junger Bekannter von mir— wahrhaftig, da ſitzt er ja bei Lady Flora— Sie mit großem Rechte den Abendſtern.“ 310 „Machte Herr Linden dieſe hübſche Bemerkung?“ ſagte Lady Weſtborough lächelnd. „Ja, das that er,“ antwortete Lord St. George, „und beiläufig geſagt, er iſt ein ſehr verſtändiger, angenehmer junger Mann und hat ſich ſehr zu ſei⸗ nem Vortheil verändert, ſeit er England zuletzt verließ.“ „Wie?“ ſagte Lady Weſthorvugh in leiſem Tone (denn Clarenee, obgleich in lebhafter Unterredung mit Laby Flora, war in der Nähe) und indem fie für Lord St. George an ihrer Seite Platz machte, „wie? Sie kannten ihn alſo ſchon vorher, ehe er nach*** ging? Da können Sie mir wahrſcheinlich ſagen, von welcher Familie er eigentlich iſt— von den Lindens aus Devonſhire, oder— oder—“ „Nun, ich weiß wirklich nicht,“ ſagte Lord St. George ein wenig verlegen; denn kein Mann wünſcht mit Perſonen bekannt zn ſein, deren Stammbaum er nicht erklären kann;„ich weiß wirklich nicht, wel⸗ ches ſeine Familie ſein mag; ich traf ihn vor vier oder fünf Jahren in Talbots Hanſe; er war damals noch faſt ein Knabe, aber es fiel mir auf, daß er ſehr geiſtreich war, und Talbot ſagte mir ſpäter, er ſei ein Neffe von ihm.“ „Talbot,“ ſagte Lady Weſtborongh nachdenkend, „welcher Talbot?“ „O!l der Talbot— le ci-devant jeune homme!“ „Was! jener reizende, geiſtreiche, lebhafte alte Herr, der ſich ſo ſeltſam zu kleiden pflegte und zu ſeiner Zeit ein herühmter beau gagron war?“ „D nehmer ſo ehre „ 3 Weſtbo renee 1 „Herr „S George unterha „Y fragte verſetzt⸗ nicht v Anſtell ſekretä ein Gi ihrem and zuletzt eiſem Tone nterredung indem ſie atz machte, er, ehe er hrſcheinlich e Lord St. ann wünſcht Stammbaum nicht, wel⸗ hn vor vier war damals uf, daß er ſpäter, er achdenkend, homme ebhafte alte egte ze war?“ 311 „Derſelbe,“ ſagte Lord St. George, eine Priſe nehmend und erfreut, ſeinen jungen Bekannten auf ſo ehrenvolle Weiſe eingeführt zu haben. „Ich wußte nicht, daß er noch lebte,“ ſagte Lady Weſtborvngh; dann richtete ſie ihre Augen auf Cla⸗ renee und ihre Tochter und ſetzte nachläſſig hinzu: „Herr Talbot iſt ſehr reich, nicht wahr?“ „So reich wie ein Cröſus,“ verſetzte Lord St. George mit einem Seufzer. „Und Herr Linden iſt vermuthlich ſein Erbe?“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach,“ antwortete Lord St. George;„obgleich ich glaube, ſelber entfernt mit Talbot verwandt zu ſein. Indeſſen konnte ich ihn neulich nicht vollkommen davon überzeugen, wenn ſchoyn ich mir beſondere Mühe gab, es ihm zu erklären.“ Während dieſe Unterredung zwiſchen der Marquiſe von Weſtborvugh und Lord St. George geführt wurde, fand zwiſchen Clarenee und Lady Flora ein für Beide ebenſo intereſſanter, und, wie wir hoffen, für unſere Leſer im Allgemeinen ebenſo leichter, witziger und unterhaltender Dialog flatt. „Wie lange werden Sie in England bleiben?“ fragte die Letztere mit niedergeſchlagenen Blicken. „Ich bin noch nicht im Stand, es zu beſtimmen,“ verſetzte Clarenee, denn es hängt von den Miniſtern, nicht von mir ab. Sobald Lord Aspeden eine andere Anſtellung erhält, iſt mir die Stelle des Legations⸗ ſekretärs verſprochen worden; doch bis vahin bin ich ein Gefangener hier und folge der Schönheit und ihrem Zuge.“ 312 „Oh!“ rief Lady Flora lachend,„Sie meinen der Mrs. Desborvugh und ihrem Zutze. Sehen Sie, dort kommt er vorüher! Vitte, gehen Sie und hringen derſelben Ihre Hulvigung dar.“ „Sie iſt ſchon vargebracht ohne eine ſo weite Wall⸗ fahrt; aber vielleicht wiro ſie verachtet,“ ſagte Linden mit leiſer Stimme. Lady Flora's Lachen verſtummte; ein hohes Er⸗ röthen verbreitete ſich über ihre Wangen, und ver ganze Charakter ihres Geſichts, vorher ſo ſcherzend und freudig, ſchien wie durch einen Zauber in einen ernſten, gemäßigten und ſelbſt ſchüchternen Ausdruck verwandelt, Linden fuhr fort und ſeine Stimme erhob ſich kaum über ein Flüſtern.— Ein Flüſtern! O zarter, ſeen⸗ artiger Ton! Muſik, die zum Herzen ſpricht, ols wollte ſie nicht den Zauber brechen, der es hindet, während es horcht! Seufzer in Worte ausgehaucht und von Liehe beladen, gleich heimwärts ziehenden Bienen mit Süßigkeit! „Erinnern Sie fich jenes Ahends zu N***,“ ſagie er,„als wir uns zuletzt trennten, und der Kühnheit, die Sie zu jener Zeit gütig genug waren zu verzeihen?“ Lady Flora antwortete nicht. „Und erinnern Sie ſich,“ fuhr Clarenee fort, „daß ich Ihnen ſagte, ich wolle nicht als unbekannter Abenteurer die Hand in Anſpruch nehmen, die ich als Abenteurer gewonnen?“ Lady Flora erhob auf einen Angenblick ihre Angen, — begegnet ehen ſo „Die dieſes V hoffen, 1 „Flo Laby verſchwu wöhnlich nachdem ihre Aul plötzliche ſichte be ſchaft w Angen r deutung richtet, keit abw lichere, Sobald ſtand er unter de Lord tigen G alt, kle Geſichts Naſe g ſichte ei war me meinen der nSie, dort d bringen weite Wall⸗ agte Linden hohes Er⸗ t„ und der o ſcherzend er in einen n Ausdruck b ſich kaum rter, feen⸗ pricht, olz es hindet, ausgehaucht s ziehenden ***, ſagte rKühnheit, verzeihen?“ renee fort, unbekannter en, die ich ihre Angen, 313 begegnete Lindens glühendem Blicke und ſenkte ſie eben ſo bald wieber. „Die Zeit iſt noch nicht gekommen zur Erfüllung dieſes Verſprechens,“ ſagte Linden;„aber darf ich hoffen, daß, wenn die Zeit da iſt—“ „Flora, meine Liebe,“ ſagte Lady Weſtborvugh, „ich habe Dir Lord Borodaile vorzuſtellen.“ Laby Flora wendete ſich um— der Zauber war verſchwunden und die Liebenden augenblicklich in ge⸗ wöhnliche Sterbliche verwandelt. Aber als Flora, nachdem ſie Lord Borodaile's Anrede erwivert hatte, ihre Augen auf Clarenee richtete, war ſie von der plötzlichen und ſeltſamen Veränderung in ſeinem Ge⸗ ſichte betroffen; das Roth der Jugend und Leiben⸗ ſchaft war entflohen, er war tobtenblaß und ſeine Angen waren mit forſchender und unerklärlicher Be⸗ deutung auf das Geſicht des jungen Edelmannes ge⸗ richtet, der mit ruhiger und etwas ſtolzer Geläufig⸗ keit abwechſelnd die ſchöne Mutter und die noch lieb⸗ lichere, obgleich weniger impoſante Tochter anredete. Sobald Linden bemerkte, daß er beobachtet werde, ſtand er auf, wendete ſich ab und verlor ſich bald unter der Menge. Lord Borodaile, der Sohn und Erbe des mäch⸗ tigen Grafen von Ulswater, war etwa dreißig Jahre alt, klein, ſchlank und von gutem Ausſehen; ſeine Geſichtsfarbe war dunkel und bleich, und eine römiſche Naſe gab einem ſo ſchon ernſten und finſteren Ge⸗ ſichte einen etwas düſtern und ſtrengen Ausdruck. Er war mehre Jahre im Auslande geweſen, und da ſich 314 kein anderer Schauplatz für ſeinen abenteuerlichen Geiſt zeigte, ſo hatte er mit dem tapferen Grafen von Effingham in dem Kriege zwiſchen den Türken und Ruſſen als Freiwilliger in der Armee der letz⸗ teren gedient. Bei dieſem Feldzuge hatte er ſich ſehr durch ſeinen Muth und ſein Betragen ausgezeichnet, und als er vor einem Jahre nach England zurück⸗ gekehrt war, das Commando eines Cavalerieregiments erhalten. Leidenſchaftlich für ſeinen Stand eingenom⸗ men; ging er auf die unbedeutendſten Pflichten mit einem Eifer ein, den die jüngſten und ärmſten Subal⸗ ternen in der Armee nicht übertrafen. Sein Weſen war kalt, ruhig und entſchloſſen, und ſeine Unterhaltung die eines Mannes, der ſeinen Ver⸗ ſtand mehr in der Welt als im Studirzimmer aus⸗ gebildet. Völlig unbekannt mit Dingen, war er ge⸗ nöthigt, ſich allein über Perſonen zu unterhalten, und da er ſich keine andere Philoſophie angeeignet hatte, als welche weltliche Tänſchungen und vereitelte Hoff⸗ nungen gewähren, ſo waren ſeine Bemerkungen, ob⸗ gleich ſcharffinnig, meiſtens bitter, farkaſtiſch, und hatten alle die Bosheit an ſich, wofür eine geringe Welt⸗ kenntniß ſo leicht eine Entſchuldigung findet. „Lord Borodaile iſt doch gar unangenehm,“ ſagte Laby Flora, als ſich dieſer von ihnen entfernte und zu einigen müßigen Kameraden von ſeinem Corps ging. „Unangenehm!“ ſagte Lady Weſtborongh.„Ich finde ihn ſehr unterhaltend; er iſt ſo verſtändig. Wie wahr ſeine Bemerkungen über die Welt find!“ So iſt es immer; die Jungen urtheilen hart über die, die il ren, und möge einer heiten unt mit milder ſehen jeder heiten als rühmen d Wirklichke Clarer Gräfin vo in Englat mit einem die Lebhaſ hält, und wegt, un ſo beſchä Augenblie noch nicht Dies für das„ pel der 2 dieſes Zit Männer Der Edelman ſönlichen Geſchlech beredſam und dur⸗ nteuerlichen ren Grafen den Türken ec der letz⸗ er ſich ſehr ksgezeichnet, and zurück⸗ ieregiments eingenom⸗ flichten mit ſten Subal⸗ hloſſen, und ſeinen Ver⸗ mmer aus⸗ war er ge⸗ halten, und gnet hatte, itelte Hoff⸗ ungen, ob⸗ und hatten inge Welt⸗ det. hm,“ ſagte fernte und orps ging. ugh.„Ich ndig. Wie ind!“ hart über 315 die, die ihren Enthufiasmus enttäuſchen oder empö⸗ ren, und die Alteren, die nicht gelernt haben, ver⸗ möge einer göttlicheren Weisheit die menſchlichen Thor⸗ heiten und Irrthümer, durch die fie gelitten haben, mit mildem und bemitleidendem Auge zu betrachten, ſehen jeden Grundſatz der Strenge über jene Schwach⸗ heiten als das Zeichen überlegener Kenntniß an, und rühmen das als tiefes Nachdenken an, was in der Wirklichkeit nur Schwäche des Charakters iſt. Clarence tanzt jetzt eine Menuet mit der ſchönen Gräfin von C“*, der beſten Tänzerin zu jener Zeit in England. Lady Flora plaudert um ſo heftiger mit einem halben Dutzend eleganter Herren, da ſie die Lebhaftigkeit bemerkt, womit Clarence ſich unter⸗ hält, und die Anmuth, womit ſeine Tänzerin ſich be⸗ wegt, und indem wir unſere beiden Hauptperſonen ſo beſchäftigt verlaſſen, wollen wir uns auf einen Augenblick zu einem Zimmer wenden, in welches wir noch nicht eingetreten find. Dies iſt ein einſames und verlaſſenes Zimmer, für das Kartenſpiel beſtimmt, ogleich in dieſem Tem⸗ pel der Terpſichore nie geſpielt wird. An dem Ende dieſes Zimmers, dem Kamin gegenüber, ſitzen vier Männer in lebhafter Unterhaltung. Der größte von dieſen war Lord Quintown, ein Edelmann, der ſich zu jener Zeit durch ſeine per⸗ ſönlichen Vortheile, durch ſein Glück hei dem ſchönen Geſchlechte, durch ſeine Verſuche in der Parlaments⸗ beredſamkeit, die aber einen kläglichen Erfolg hatten, und durch ſeine Anhänglichkeit an Lord North aus⸗ —— ——— 316 zeichnete. Ihm zunächſt ſaß St. George, ber jünger⸗ Bruder des Lord St. George, ein Mann, mit den Macht und Stellung ſich ohne Hoffnung auf Trew nung verbunden zu haben ſchienen; denn welches auh die Veränderungen des Minißteriums in den letzten zwölf Jahren ſein mochten, ſicher in einer einträg⸗ lichen, wenn auch untergeordneten Stellung, hatte er zu dem Wirbelwind gelächelt und dem Ungewitter getrotzt; und während alle Dinge um ihn her ſih veränderten und verſchwanden, gleich Wolken unt Dunſt, war er feſt und unverändert ſlehen geblieben, wie ein Firſtern. Seine Freunde nannten ihn den feſten St. George und ſeine Feinde machten ihm die Benennung nicht ſtreitig. Der Dritte war ein Mi⸗ niſter und der vierte Lindens Freund, Lord Aspeden, Dieſer Herr, der ein wohlwollendes, glattes und ruhiges Geſicht hatte, bildete ſich beſonders viel dar auf ein, mit diplomatiſcher Eleganz Complimenie zu machen. Da er eben ſo viel Geſchmack an der Literaim als an der Diplomatie fand, ſo beſaß dieſer geach⸗ tete und achtbare Pair eine ſeltſame Fähigkeit, Citate anzubringen, und nichts freute ihn ſo ſehr, als wenn er in einer und derſelben Phraſe die beiden Inwele ſeiner hofmänniſchen Schmeichelei und ſeiner tiefen Gelehrſamkeit vereinen konnte. Unglücklicherweiſe wurden ſeine Complimente ſelten ſo gut aufgenom⸗ men, als ſie gemeint waren, und ſchienen, ſei es nun wegen der Undankbarkeit der Perſonen, welchen er Complimente machte, oder wegen des Unglücks des Schmeichlers, zuweilen Unwillen anſtatt Freude zu erregen. Lord Asp zogen hatt die byshe Süßigkeit Da al raths wa in ihrer! niſſe des chen; was zuflüſterte Herz des erfreuen Monarche in Verlec Skandal obgleich keit zu zol und ſchör Staatsme in ſo hef iſt nur e Wettrenn „Sat Quintow immer m taché von O ſtändiger Genie zu g auf Tren⸗ ung, hatte er Ungewitier ihn her ſich Wolken und en geblieben, nten ihn den ten ihm die war ein Mi⸗ ord Aspeden, glattes und ers viel dar⸗ mplimenie ju der Literatm dieſer geach⸗ igkeit, Citate hr, als wenn iden Inwele ſeiner tiefen ücklicherweiſe tt aufgenom⸗ enen, ſei es nen, welchen Unglücks des Frede z 317 erregen. Es wurbe geſagt, daß ſeine Höflichkeiten Lorb Aspeden vier Duelle und eine Schlägerei zuge⸗ zogen hatten; aber dieſe Gerüchte waren wahrſcheinlich die boshafte Erfindung derjenigen, welche nie die Süßigkeiten ſeiner Schmeichelei gekoſtet hatten. Da alle dieſe vier Perſonen Mitglieder des Staats⸗ raths waren, ſo wird der Leſer vermuthen, daß ſie in ihrer lebhaften Unterhaltung die ernſten Geheim⸗ niſſe des Staates verhandelten— doch nichts derglei⸗ chen; was der ſchöne Lord Quintown Herrn St. George zuflüſterte, war keine ſchätzbare Neuigkeit, die das Herz des Herausgebers einer Zeitung der Oppoſition erfreuen würde, kein grave susurrum, welches den Monarchen durch die Furcht vor einer Veränderung in Verlegenheit ſetzen könnte, es iſt nur der neueſte Skandal in Betreff einer Dame ves Hofes, welcher, obgleich der Zuhörer ihm die ſchuldigſte Aufmerkſam⸗ keit zu zollen ſcheint, viel intereſſanter für den galanten und ſchönen Berichterſtatter iſt, als für den andern Staatsmann; und was Lord Aspeden dem Miniſter in ſo heftigem und nachdrücklichem Tone verſichert, iſt nur eine zornige Klage über die bei dem letzten Wettrennen zu Newmarket ausgeübte Chikane. „Sagen Gie mir doch, Aspeden,“ fragte Lord Quintown,„wer iſt jener hübſche junge Mann, ber immer mit Lady Flora Ardenne plaudert— ein At⸗ tache von Ihnen, nicht ſo?“ „O, Sie meinen wohl Linden? Ein ſehr ver⸗ ſtändiger, geiſtreicher junger Menſch, er hat großes Genie zu Geſchäften und bläst die Flöte bewunderns⸗ 318 würdig. Ich muß ihn zu meinem Sekretär haben, mein lieber Lord.“ „Bei einer ſolchen Empfehlung, Lord Aspeden, ſagte der Miniſter, mit einer Verbeugung,„würde de Staat viel verlieren, wenn er nicht Ihren Attach, der ſo bewundernswürdig die Flöte bläst, zu der Siell Ihres Sekretärs erwählen wollte.“ „Ach! Eure Herrlichkeit machen immer ſo ſchön Complimente. Was waren es doch für Verſe, di Jemand an Sie richtete: Des Königs Günſtling ruhet hier, Auf deſſen Wort kein Menſch gebaut, Oft ſagt er eine Thorheit Dir, Doch nie—— — wie geht's weiter, St. George?“ „Wir wollen zu den Tänzern gehen;“ ſagte de Miniſter. „Ach! es ſind ſehr hübſche Verſe,„des Köniz Günſtling“—„Oft ſagt er eine Thorheit Dir“— „doch nie“— ich wollte ich könnte mich auf do übrige beſinnen.“ „Ich will gehen und mit dem Grafen B“ reden, ſagte St. George. „Und ich will ſeiner ſchönen Frau den Hof m⸗ chen,“ ſagte der Miniſter, in den Ballſaal ſchlendernd, für den ſeine ſchöne Figur und ſein anmuthiges Weſe viel beſſer paßte als ſein Genie für das Cabinet obe ſeine Beredſamkeit für das Parlament. So weſentlih verſchieden ſind die Talente, welche für den Mam erforderlich ſind, der in der Welt glänzen will, von venen, welche geeignet find, im Salon zu glänzen baß vie( nern lie Der renee, war als der Thür zu erhaſ Lord Br gewohnte den Tar Unterred plauders je zuvor Lindens ſchwer a beutſchen fenden F⸗ Leidenſch Ausdruck nicht der Antheil d und des langſam voll Thr fernt— ekretär haben, ord Aspeden g,„würde du Ihren Attachz , zu der Siell⸗ uner ſo ſchön ür Verſe, di r, baut, en; ſagte be „des Köniz rheit Dir mich auf do en B reden, den Hof m⸗ aal ſchlendernh, mthiges Weſe s Cabinet vder So weſentlih ür den Mam nzen will, von n zu glänzen, 3¹9 vaß bie Geſchichte uns kaum ſechs Beiſpiele von Mäu⸗ nern liefert, welche Beides vereint haben. Der Morgen dämmerte ſchon längſt, und Cla⸗ renee, für deſſen Geiſt das Vergnügen ermüdender war als das Geſchäft, hielt ſich noch in der Nähe der Thüre auf, um noch einen letzten Blick von Flora zu erhaſchen, ehe er ſich entfernte. Er ſah ſie an Lord Borodaile's Arm forteilen, um ſich mit ihrem gewohnten leichten Schritte und ihrer lachenden Miene den Tanzenden anzuſchließen, denn Lindens kurze Unterredung mit ihr hatte ſie, ungeachtet ſeines Ge⸗ plauders mit Andern, glücklicher gemacht, als ſie ſich je zuvor gefühlt. Wieder ging eine Veränderung in Lindens Geſichte vor—, eine Veränderung, welche ſchwer auszudrücken iſt, ohne von jenen berühmten beutſchen Romanſchreibern zu borgen, die in ſo tref⸗ fenden Farben,„einen von Freude, Kummer, Hoffnung, Leidenſchaft, Entzücken und Verzweiflung gemiſchten Ausdruck“ ſchildern konnten; denn der Ausdruck war nicht der der Eiferſucht allein, obgleich dieſelbe auch Antheil daran hatte, ſondern auch der des Intereſſes und des Kummers; und als er ſich abwendete und langſam die Treppe hinunterſtieg, waren ſeine Angen voll Thränen und ſeine Gedanken weit— weit ent⸗ fernt— aber wo? 320 Dreißigſtes Kapitel. Quae fert adolescentia Fa ne me celet consuefeci filium. Terentius. Am nächſten Morgen ſaß Clarenee bei ſeinem Frühſtück und blickte nachläſſig bald die Zeitungen, bald die Einlabungskarten für die nächſte Woche an, welche zerſtreut auf dem Tiſche lagen, als er einen Brief von Talbot erhielt, der ihn bat, ihn bald zu beſuchen. „Wäre dieſer Mann nicht geweſen,“ ſagte Cla⸗ rence bei ſich ſelber,„was würde ich jetzt ſein? Al meine eigenen Verwandten mich verſtoßen hatten, al ich allein und freundlos auf der weiten Welt daſtant, war es eines Fremden Hand, die mich erhob und lei⸗ tete. Aber“(und hier machte ſich Linbens natürliche und ſehr zu entſchuldigender Stolz hörbar)„aber wenigſtens habe ich mich ſeiner Freundſchaft nicht u⸗ werth gezeigt. Ich habe bereits die niehrigſten, un daher die rauheſten Stufen zu dem Hügel erſtiegen, auf welchem das Glück ſeinen Tempel erbaut; ich hal⸗ ſchon einige goldene Meinungen für den Namen ge⸗ wonnen, den ich gewählt, um ſeine Dunkelheit n übergolden. Noch ein Jahr kann mein Geſchick be⸗ feſtigen und meine Hoffnung zum Erfolge reifen— und dann— dann kann ich vielleicht eine Verkleidunz von mir werfen, die, während ſie mir nützlich wat, mich nicht entehrte. Doch dann iſt es nur ein Tauſch der Namen, und mein eigener iſt, weder durch Tith noch du ich fahr ich kein welchen andern klärt ha danken; Flora g wie ich zurückwe wir eine Edles in aber gen zu Talb Ind⸗ auf, klir lette, lie einem D entfernt ſeine frü unter de Es 1 pflanzun umgeben in einige fangen, Wohnun den vier öffnete G und doch Bulw adolescentia onsuefeci filium, Terentius. ee bei ſeinem die Zeitungen, ſte Woche an, als er einen „eihn bald z ſagte Cla⸗ jetzt ſein? Al en hatten, al Welt daſtand, erhoh und lei⸗ ens natürliche hörbar)„aber chaft nicht un⸗ erigſten, unb ügel erſtiegen, baut; ich habe en Namen ge⸗ Dunkelheit z in Geſchick he⸗ folge reifen— ne Verkleidunz r nützlich wat, nur ein Tauſch der vurch Titel 321 noch durch Reichthum geheiligt. Nein, es iſt beſſer, ich fahre fort, jenen Namen zu verherrlichen, wozu ich keiner Vorfahren bedarf, um ihn zu adeln, und welchen mir Niemand ſtreitig machen darf, als einen andern annehmen, deſſen man mich für unwürdig er⸗ klärt hat. Nun, dies find bittere und doch eitle Ge⸗ vanken; ich will mich zu andern wenden. Wie ſchön Flora geſtern Abend war! Wäre ich jetzt ſo hoch, wie ich ſpäter ſein werde, ſo würde ſie mich nicht zurückweiſen, und Er— Er— wie achtlos ſahen wir einander an. Stolz, wie er iſt, hat er etwas Ebles in ſeiner Miene; ich denke, ich könnte ihn lieben; aber genug davon, ich muß mich ankleiden, und dann zu Talbot.“ Indem Clarenee dieſe Worte murmelte, ſtand er auf, klingelte ſeinem Bedienten, vollendete ſeine Toi⸗ lette, ließ ſeine Pferde vorführen und begab ſich zu einem Dorfe, welches etwa ſieben Meilen von London entfernt war, und wo Talbot, der auf Lindens Bitte ſeine frühere unſichere Wohnung aufgegeben hatte, jett unter dem Schutze eines beſondern Wächters wohnte. Es war eine hübſche kleine Villa, von einer An⸗ pflanzung und einem Garten von ziemlichem Unfange umgeben, wo der alte Philoſoph(denn wenn gleich in einiger Hinſicht ſchwach und von Vorurtheilen be⸗ fangen, verdiente doch Talbot dieſen Namen) ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte. Der alte Diener, über den vier Jahre leicht und günſtig dahingegangen waren, öffnete Clarenee mit ſeinem gewohnten vertraulichen und doch reſpektvollen Gruße die Thür und führte Bulwer, der Verſtoßene. I. A 322 unſern Helden in ein Zimmer, welches mit bem aus⸗ geſuchten und faſt weiblichen Lurus ansgeſtattet war, wodurch ſich Talbots Geſchmack charakteriſirte. Ab⸗ ſichtlich mit dem Rücken gegen das Licht gewendet, welches nur durch Vorhänge von earmoiſinrothem Sammt hereinfiel, auf einem Lehnſtuhl, von Kiſſen von koſtbarem Material umgeben ſitzend, fand Cla⸗ renee die Trümmer des einſt ſo galanten und heiteren Lothariv der Mode und der feinen Welt. Es war nicht viel Veränderung in ſeinem Geſichte zu bemerken, ſeit wir— du, lieber Leſer, und ich, nicht Clarenee— ihn zuletzt ſahen; die Linien waren freilich ein wenig beſtimmter, die Wangen etwas mehr eingeſunken, aber das dunkle Auge ſtrahlte mit ſeiner gewohnten Lebhaſtigkeit, und der zarte Umriß der Lippe und des Mundes trug alle phyſiognomiſchen Merkmale des innern Menſchen. Er erhob ſich mit etwas mehr Schwierigkeit als früher, und ſeine Glieder hatten viel von den ſymmetriſchen Proportionen ver⸗ loren, welche das Alter lange nicht hatte zerſtören können; doch der freundliche Druck ſeiner Hand wer ebenſo feſt und warm, als vor vier Jahren, da er dem jugendlichen Attache Lebewohl gewünſcht, und die Stimme, die ſeinen Gruß ausſprach, hatte noch die frühere Milde und die Deutlichkeit der Modulution an ſich. Als die gewöhnlichen Begrüßungen und Fragen beſeitigt waren, zog der junge Mann ſeinen Stuhl näher zu Talbot hin und ſagte:„Sie haben mich rufen laſſen, lieber Herr; haben Sie mir etwas Wich⸗ tigeres mitzutheilen als gewöhnlich?— Oder— und ich hoffe endlich e auch ſein hülflich ſ ſichtlich t verſchaffe Johnſon Und jetzt es gut? Sind die Muth un erhitzende vas Leber Tod zu „ Es Ihnen.“ „Ach zur Ausü an der laſſen Si gefüllt, 1 Abend at Und dem gröl lebendige Wunſche längſt der und bei mit bem aus⸗ geſtattet war, eriſirte. Ab⸗ cht gewendet, moiſinrothem Kiſſen id, fand Cla⸗ und heiteren t. inem Geſichte ſer, und ich, Linien waren netwas mehr te mit ſeiner e Umriß der ſiognomiſchen rhob ſich mit ſeine Glieder ortionen ver⸗ atte zerſiören er Hand war ahren, da er ſcht, und die atte noch die Modulution nund Fragen ſeinen Stuhl haen mich etwas Wich⸗ Oder— und 323 ich hoffe, daß dies der Fall ſein wird— iſt Ihnen endlich ein Auftrag eingefallen, ſo unbedeutend er auch ſein mag, hei deſſen Ausführung ich Ihnen be⸗ hülflich ſein kann?“ „Ja, Clarence, ich wünſche Ihr Urtheil, um einige Stachelheeren auszuleſen— Sie wiſſen, daß ich hin⸗ ſichtlich der Früchte ein großer Epicur bin— und verſchaffen Sie mir die neue Schrift, die Doktor Johnſon herausgegeben hat. Sind Sie nun zufrieden? Und jetzt erzählen Sie mir von Ihrem Pferde— geht es gul? Hat es den echt engliſchen Kopf und Schulter? Sind die Beine ſchön und doch ſtark? Iſt es voll Muth und ohne Fehler— köſtlicher Wein ohne eine erhitzende Verfälſchung, gerade hinreichend, um uns vas Leben fühlbar zu machen, doch ohne uns an den Tod zu erinnern?“ „Es iſt dies Alles, Herr, und ich verdanke es Ihnen.“ „Ach!“ ſagte Talbot,„ſo alt und unfähig ich zur Ausübung der Reitkunſt bin, erfreue ich mich voch an der ſchönen Geſtalt des Pferdes.— Und nun laſſen Sie uns hören, wie es Ihnen bei Romelagh gefüllt, und vor allen Dingen, wie Sie ſich geſtern Abend auf dem Ball amüfirten.“ und der lebhafte alte Mann horchte ſcheinbar mit dem größten Intereſſe den Einzelnheiten von Lindens lebendigem Berichte. Seine Eitelkeit, die ihn zu dem Wunſche beſtimmte, geliebt zu werden, hatte ihm längſt den ſicherſten Weg gezeigt, ſich beliebt zu machen, und bei ihm konnte jeder Gaſt, alt oder jung, Ge⸗ 324 lehrter vder Weltmann, gewiß ſein, die lebhafteſt Theilnahme an jeder Unterhaltung oder Beſchäftigunz zu finden. Aber das Intereſſe für Clarenee lag tlefer als auf der Oberfläche hofmänniſcher Erziehung. Danl⸗ barkeit hatte ihn zuerſt an ſeinen Pflegſohn gebunden, und endlich der Stolz des Schutzes. Er war eitel auf die perſönlichen und geiſtigen Eigenſchaften ſeine Schützlings und wünſchte lebhaft ſeinen glücklichen Erfolg in der Geſellſchaft, da die Ehre bavon anf ihn zurückſtrahlen mußte. Aber einem Theile von Lindens Berichte über die Vorgänge der letzten Nacht zollte der Philoſoph noch lebhaftere Aufmerkſamkeit und ertheilte ihm varüber umſtändlicher ſeinen Rath; worin dieſer beſtand, können wir dem geneigten Leſer noch nicht mittheilen. Dann wendete ſich die Unterhaltung zu leichten und allge⸗ meinen Gegenſtänden— es wurden der Skandal, bi⸗ Literatur, die Politik und die Neuigkeiten des Tage verhandelt, und endlich ging Talbot zu ſeinem Mentor⸗ amt über. „Ich ſehe, daß Sie meinen Rath befolgt haben, ſich einfach zu kleiden,“ ſagte er.„Ich, der ich die Aufmerkſamkeit eines ganzen Lebens auf ſolche Kleinig⸗ keiten gerichtet habe, weiß, von welcher ungeheuren Wichtigkeit ſie für den Ehrgeiz find. Suchen Sie nie Ruf wegen einer kleinen Vollkommenheit zu erlangen, wenn Sie nach Ruhm in einer höheren Sphäre ſtreben; die Welt kann nur im Allgemeinen urtheilen und fieht, daß die, welche große Aufmerkſamkeit auf Kleinigkeiten verwenden, ſelten ihren Geiſt mit großen Dingen he⸗ ſchäftiger nahmen weiſer ſe ſcheinen, daß keine übrig bli zieren we Billigung einſt, un gutes Ge bei Ihrer bei Ihret Leute zie ſchaften daß ein Mannn rauhen P Diplomat tees venke Frauen 1 hören, di mit Recht Eindruck ſie im A wie die Velohnun reicher Fr rigkeit, d zu überw Haar gen die lebhafteſte Beſchäftigunz enee lag tiefer iehung. Dank⸗ ohn gebunden, Er war eitel ſchaften ſeinet en glücklichen re an an ichte über die hiloſoph noch ihm darüber eſtand, können theilen. Dann en und allge⸗ Skandal, di⸗ ten des Taget inem Mentor⸗ efolgt haben, , der ich die olche Kleinig⸗ rungeheuren uchen Sie nie t zu erlangen, phäre ſtreben; len und fieht, leinigkeiten n Dingen he⸗ 325 ſchäftigen. Es gibt freilich Ausnahmen; aber auf Aus⸗ nahmen achtet die Welt nicht. Im Ganzen würde es weiſer ſein, das Entgegengeſetzte zu affektiren und zu ſcheinen, als habe man ſo viel mit Geſchäften zu thun, daß keine Zeit zu den Beſchäftigungen der Müßigen übrig bliebe; Sie werden freilich von den Gardeoffi⸗ zieren weniger geſchätzt werden; doch können Sie ihre Billigung ſehr wohl entbehren. Lord Cheſterfield ſagte einſt, und viele Leute haben es vor ihm geſagt:„„ein gutes Geſicht iſt ein Empfehlungsbrief.““ Dies mag bei Ihrer Wirthin, bei Ihrer Geliebten oder auch bei Ihrem Bedienten der Fall ſein— denn gemeine Leute ziehen, gleich den Weibern, phyſiſche Eigen⸗ ſchaften allen andern vor; aber glauben Sie mir, daß ein ſchönes Geſicht der größte Feind iſt, den ein Mannnur haben kann, der ſich den trockenen und rauhen Pfaden der Staatsgeſchäfte widmet. Miniſter, Diplomaten, die Männer der Kornbills und der Comi⸗ ties venken ſehr gering von denen, die ſie von ihren Frauen und Töchtern wegen Eigenſchaften rühmen hören, die ſie ſelber zu verachten gelernt haben, und mit Recht, denn ſchöne Männer find ſo wohl mit dem Eindruck zufrieden, den ihre Perſon hervorbringt, daß ſie im Allgemeinen nicht denſelben Antrieb haben, wie die weniger Begünſtigten, um eine entferntere Velohnung ihrer Eitelkeit zu erlangen. Ein ſehr geiſt⸗ reicher Freund von mir ſagte, daß die größte Schwie⸗ rigkeit, die er auf ſeinem Wege zur Finanzkammer zu überwinden gehabt, ſein ſchönes, helles, lockiges Haar geweſen ſei, welches er ſich nicht hatte über⸗ 326 reden laſſen wollen, durch Puder entſtellen oder nach der Mode des Tages friſiren zu laſſen. Selbſt als„ die Stelle erhalten, wornach er ſein Lebenlang ge⸗ ſtreht, und wozu er ausnehmend paſſend war, machte die Zeitungen und Satiriker ſo viele Anſpielungen auf dieſe unglückliche Gabe der Natur, und ſo viel⸗ ärgerliche Bemerkungen über die weihiſche Kühnhel ein Staatsminiſter ſein zu wollen und doch helle, lockiges Haar zu haben, daß er mir mit Thränen it den Augen ſagte, er werde genöthigt ſein, ſeine En⸗ laſſung einzureichen.„„Pah!““ ſagte ich,„„tragen Sie eine Perüke.““ Mit kummervollem Herzen be folgte mein Freund dieſen Rath, denn trotz Allen was es ihn gekoſlet hatte, war er dennoch ſtolz u ſein Haar, und nach einem plötzlichen Erguß vo Scherzen über die Veränderung hörte die Verſolgun auf, und die Satiriker hegannen ſeine Maßregeb auſtatt ſeiner Haarlocken zu prüfen.“ Clarence lachte über dieſe Geſchichte, die dennoh durchaus wahr war, und Talbot fuhr fort: „Ein berühmter Cardinal ſagte ſehr weiſe: Wenih thun je unter Männern etwas, ehe die Weiber auß⸗ hören, für ſie ein Zweck zu ſein. Das iſt beiläufig de Grund, weßhalb es mir nie mit den Erſteren gelang und warum die Leute ſelten einen Ruf erlangen, auße wegen eines Hutes ober eines Pferves, bis ſie hei rathen. Sehen Sie nur die verſchiedenen Beſchiß tigungen des Lebens an. Wie wenige Junggeſell zeichnen ſich in denſelben aus! So ſehen Ste, Clo renee, ſollen Sie, ſobald Sie wollen, meine Erlaubn haben, Lady Flora zu heirathen.“ Cla entferne dann it Ihnen hahen, erhaltet theilun ich Sie mein li Un raſch d weicher Je D ausgez geweſe in ſein trat e den V ſeine e ſeine eifer ſü daß er tellen oder nach Selbſt als Lebenlang ge⸗ d war, machten e Anſpielunge r, und ſo viel⸗ iſche Kühnhei d doch helle, nit Thränen i ſein, ſeine Ent⸗ e ich,„„tragen lem Herzen b⸗ nn trotz Allen ennoch ſtolz a e Ergß e die Verſolgun ine Maßregel te, die denno rfort: weiſe: Weniz die Weiber auf⸗ iſt beiläufig de Frſteren gelang erlangen, außn es, bis ſie hei edenen Beſchiß ge Junggeſelle ehen Sie, Clo neine Erlaubni 327 Glarenee wurde roth und ſtand auf, um ſich zu enifernen. Talbot folgte ihm bis zur Thüre und ſagte dann in nachläſſigem Tone:„Faſt hätte ich vergeſſen, Ihnen zu ſagen, da Sie jetzt viele neue Ausgaben hahen, ſo ſoll die Summe, die Sie bisher jährlich erhalten haben, verdoppelt werben. Ihnen dieſe Mit⸗ theilung zu machen, war der Hauptgrund, weßhalb ich Sie dieſen Morgen kommen ließ. Gott geleite Ste, mein lieber Sohn.“ Und ungeachtet ſeiner Höflichkeit machte ihm Talbot raſch die Thüre zu, um ſeinen Dankſagungen auszu⸗ weichen. Ich wünſchte, es adoptirte mich auch Jemand! Einunddreißigſtes Kapitel. Es iſt ein großer Unterſchied, in Allem etwas Lächerliches aufzufinden, und in Allem etwas auf⸗ zufinden, worüber man mit Recht lachen kann. Lord Shaftesbury. Da ſehen wir unſern Helden auf dem Höhepunkte ausgezeichneter Zerſtreuungen! Er war weiſe genng geweſen, Tilbots Regeln zu befolgen. Sehr einfach in ſeiner Klewung, ſehr unaffektirt in ſeinem Benehmen, trat er den Anſprüchen ſeiner Zeitgenoſſen nicht in den Weg und reizte ihre Eitelkeit nicht, indem er ſeine eigene zur Schau ſtellte. Selbſt die, welche auf ſeine außerorventlichen perſönlichen Vorzüge würden eiferſüchtig geweſen ſein, wurden dadurch entwaffnet, daß er ſo geringen Werth varauf zu legen ſchien. Höf⸗ 328 lich, aufmerkſam und belebt, ſchätzten ihn die Frauen veßhalb nicht weniger, weil er ſie mehr bewunderte, als ſich ſelbſt; während er ſlch durch den Ernſt ſeines Benehmens gegen Männer— durch den beredten und doch anſpruchsloſen Fluß ſeiner Converſativn, ſobald Gegenſtände von wiſſenſchaftlichem Intereſſe verhan⸗ delt wurben— durch den einfachen und ſoliden Sinn, den er ſeinen Bemerkungen gab— und die Bezierde, womit er ſich um die Geſellſchaft aller ausgezeichneten Literaten und Politiker bewarb, ſchweigend aber ſicher Achtung und Popularität erwarb und den feſten Grund zu künftiger Ehre und zu glücklichem Erfolge legte. Obgleich er erſt ſeit vier Monaten nach England zrückgekehrt war, ſo war er doch bereits in allen Zirkeln bekannt und beliebt, und man ſprach von ihm als von einem der hoffnungsvollſten jungen Herren, den das Glück und die Adminiſtration als den Ihrigen bezeichnet. Seine Geſchichte während der vier Jahre, wo wir ihn aus den Augen verloren hahen, iſt bald erzählt. Er erwarb fich bald die Zuneigung des Lord Aspe⸗ den, wurde ſein Privatſekretär und zuweilen auch ſein Vertrauter. Allgemein bewundert wegen ſeiner an⸗ ziehenden Geſtalt und ſeines Benehmens, und obgleich nach Ruhm ſtrebend, doch dem Vergnügen nicht ab⸗ geneigt, erwarb er ſich den Ruf, den man durch ein gutes Außeres und einigen Erfolg bei den Damen leicht erlangt, und als ein Jahr vor ſeiner Rückkehr nach England Lady Weſtborough und ihre ſchöne Tochter, die damals erſt ſechszehn Jahr gls war, bei ihrer R er ſchot wohl ge mit der Letzteren im Ball Als ihn Cla eine wal der ihm chen, il ſchaffen, ſandten Clar eine war Herr Ca later. Trollolo nachdenk und ſchn ſo gern zeichnete aus— t nung; a einer ſel begabt. lag in e umfaſſen kamen di fen eing n die Frauen bewunderte, Ernſt ſeines beredten und tion, ſobald reſſe verhan⸗ oliden Sinn, die Bezierde, sgezeichneten id aber ſicher feſten Grund folge legte. ach England eits in allen rach von ihm gen Herren, den Ihrigen vier Jahre, hen, iſt bald s Lord Aspe⸗ len auch ſein nſeiner an⸗ und obgleich en nicht ab⸗ in durch ein den Damen ner Rückkehr ihre ſchöne als war, hei 329 ihrer Reiſe auf dem Feſtlande nach*** kamen, war er ſchou eine ausgezeichnete Perſon geworden und wohl geeignet, mit der Marquiſe zu plaudern und mit der Tochter zu tanzen. Daher ſeine Liebe zu der Letzteren und die geheimen Gelübde, worauf Clarenee im Ballſaale angeſpielt hatte. Als Lord Aspeden zurückberufen wurde, begleitete ihn Clarenee nach England, und der Exminiſter, der eine wahrhafte Neigung zu dem jungen Manne hegte, der ihm ſo nützlich geweſen war, hatte ihm verſpro⸗ chen, ihm die Stelle des Legationsſekretärs zu ver⸗ ſchaffen, ſobald Seine Herrlichkeit wieder zum Ge⸗ ſandten ſollte ernannt werden. Clarenee Linden hatte drei intime Bekannte. Der eine war der ehrenwerthe Henry Trollolop, der zweite Herr Callythorpe und der dritte Sir Chriſtopher Find⸗ later. Wir wollen ſie in einem Augenblick ſchildern. Trollolop war ein kurzer, unterſetzter Herr mit ſehr nachdenkendem Geſichte, daß heißt, er trug eine Brille und ſchnupfte Schnupftabak. Trollolop— ich ſpreche ſo gern dieſen ſanft dahinfließenden Namen aus— zeichnete ſich durch ſeine große Liebe zur Metaphyſik aus— die Metaphyſik war ſehr an der Tagesord⸗ nung; aber das Schickſal hatte Herrn Trollolvp mit einer ſeltſamen und glücklichen Verwirrung der Ideen hegabt. Reid, Berkeley, Cudworth, Hobbes, Alles lag in erbaulichem Chaos am Grund von Trollolops umfaſſendem Geiſte, und ſobald er den Mund öffnete, kamen die eingekerkerten Feinde hervorgeſtürzt, war⸗ fen einander um und wiverſprachen einander auf eine 330 für den unwiſſenden Zuſchauer erſtaunenswürdige Art. Callythorpe war mager, von gelber Geſichtsfarbe und haite ſcharfe Züge. Von ſeiner Neigung, zufällige Bekanntſchaften zuſammenzunageln, oder weil er eine heſondeis ſchwerfällige Geſellſchaft war, oder aus irgend einer andern Urſache, die den Witzlingen jener Periode beſſer bekannt geweſen ſein muß als ung, wurde er von ſeinen Freunden Goldhammer oder Golb⸗ ammer genannt. Die Eigenthümlichkeiten dieſes Herrn waren ſeine Aufrichtigkeit und Freundſchaſt. Dieſe Eigenſchaften führten ihn dahin, mit dem hoflichſten und kälteſten Weſen von der Welt die unangenehm⸗ ſten Dinge zu ſagen— indem er ſiets vorausſchickte „Sie wiſſen, mein lieber Soundſo, daß ich Ihr wah⸗ rer Freund bin.“ Wenn dieſe Freundſchaftsprobe von Zeit zu Zeit einen Zank hervorbrachte, ſo hatt⸗ Callythorpe, der ein großer Patriot war, noch einen andern und edleren Vorwand.„Mein Herr,“ pflegie er zu ſagen, indem er ſeine Hand auf's Herz legte, „ich bin ein wahrer Engländer, und weiß nicht, was Verſtellung iſt.“ Von ganz verſchiedenem Geprig war Sir Chriſtopher Findlater. Wenig kümmerte e ſich um die Feinheiten des menſchlichen Geiſtes um nicht viel mehr um die unangenehmen Pflichten eines Engländers. Redlich und fröhlich— mit rothen Wan⸗ gen und leerem Kopfe— zu einem Einkommen von zwölftauſend Pfund jährlich geboren— auf dem Lande erzogen und Erbe einer Grafſchaft, rühmte ſich Sir Chriſtopher Findlater, ungeachtet ſeiner weltlichen Vortheile, die gewöhnlich ſo verderblich für die güti⸗ demm S herein. Verda „L „aber „ kein K Vaterl „6 Theil weder Geißte würdige Art. chtsfarbe und g, zufällige weil er eine r, oder aus tzlingen jener mß als uns, er oder Golb⸗ dieſes Herrn chaſt. Dieſe em höflichſten unangenehm⸗ vrausſchickte ich Ihr wah⸗ ftsprobe von te, ſo hatte r, noch einen er, pflegte s Herz legte, iß nicht, was nem Gepräge kümmerte er Geiſtes und Bflichten eine rothen Wan⸗ nkommen von auf dem Lande hmte ſich Sir er weltlichen für die güti⸗ 334 geren Empfindungen ſind, das beſte Herz auf der Welt zu haben, und da dieſes gute Herz einen ſehr ſchlechten Kopf zur Leitung und Unterſtützung hatte, ſo war es die beſtändige Urſache von Jrrthümern für den Beſitzer und von übeln für das Publikum. Eines Abenbs, als Clarence allein in ſeinem Zim⸗ mer war, trat der ehrenwerthe Herr Trollolop herein. „Mein lieber Linden,“ ſagte der Gaſt,„wie geht's Ihnen?“ „Sehr wohl, ſowie ich daſſelbe von Ihnen hoffe,“ antwortete Clarence. „Der menſchliche Geiſt,“ ſagte Trollolop, indem er ſeinen Mantel abnahm— „Sir Chriſtopher Findlater und Herr Callythorpe, Herr,“ ſagte der Bediente. „Pah! was hat Sir Chriflopher Findlater mit dem menſchlichen Geiſte zu thun?“ murmelte Trollolop. Sir Chriſtopher trat laut redend und lachend herein.„Nun, alter Freund, wie geht's Ihnen? Verdammt kalt dieſen Abend.“ „Obgleich es ein Matabend iſt,“ ſagte Clarenee, „aber dieſes verdammte Klima!“ „Klima!“ fiel Callythorpe ein;„es iſt überhaupt kein Klima; ich bin ein Engländer und table nie mein Vaterland: England, bei allen Fehlern lieb' ich dich.“ „Sehr wahr,“ murmelte Trollolop, der nur einen Theil der Sentenz gehört hatte;„es iſt kein Klima weder hier noch anderswo: das Klima iſt in unſerm Geiſte, der Stuhl iſt in unſerm Geiſte und der Tiſch 332 auch, und ich denke, Sie ſind thöricht genug zu glan⸗ ben, daß die beiden letzteren im Zimmer find; der menſchliche Geiſt, mein lieber Findlater—“ „Laſſen Sie mich aus dem Spiel, Trollolvp, rief der Baronet,„ich kann Eure geiſtreichen Köpfe nicht leiden; gebt mir ein gutes Herz— das iſt mehr werth als alle Köpfe in der Welt; ich will verdammt ſein, wenn es nicht ſo iſt! Nicht wahr, Linden?“ „Mit Ihrem guten Herzen,“ rief Trollolop in Leibenſchaft— denn unſere ſogenannten Philoſophen ſind ein wenig choleriſch—„Ihr gutes Herz iſt nichts als Unfinn— es gibt gar kein Herz— wir find ganz Geiſt.“ „Ich will mich hängen laſſen, wenn ich ganz Geiſt bin,“ ſagte der Barvnet. „Wenigſlens beſchuldigte Sie deſſen hisher noch Niemand,“ ſagte Linden ernſthaft. „Wir find ganz Geiſt,“ fuhr der Raiſonneur fort; „wir find ganz Geiſt, un moulin à raisonnement. Unſere Ideen fließen aus zwei Qunellen, aus der Em⸗ pfindung oder aus dem Gedächtniß. Daß weder un⸗ ſere Gedanken, noch unſere Leidenſchaften, noch unſere Ideen, die durch Imagination gebildet werden, ohne den Geiſt exiſtiren, wird Jeder zugeben;*“ daher, ſehen Sie, iſt der menſchliche Geiſt— kurz, es iſt nichts in der Welt außer dem menſchlichen Geiſte.“ „Nichts kann beſſer bewieſen ſein,“ ſagte Clarenee. „Ich glaube es nicht,“ ſagte der Baronet. * Berkeley, Abth. UI. Grundſätze des menſchlichen Wiſſens. „weil u eingepfle „Ich Clarenee daß ich Ihnen ſ Sie fühl „Ni verſucher „Unt dem Bar gut mit mals ſch dürfen E der That „Her denn Leu immer di ug zu glan⸗ ind; der —4 Trollolop,“ ichen Köpſfe — das iſt t; ich will Nicht wahr, rollolop in Bhiloſophen rz iſt nichts — wir find ich ganz bisher noch nneur fort; onnement. us der Em⸗ weder un⸗ noch unſere rden, ohne daher, rz, es iſt en Geiſte.“ e Clarenee. onet. en Wiſſens. 333 „Aber Sie glauben es und müſſen es glauben,“ rief Trollolvp;„denn das höchſte Weſen hat uns das Prinzip der Leichtgläubigkeit eingepflanzt und daher glauben Sie es.“ „Aber ich glaube es nicht,“ rief Sir Chriſtopher. „Sie irren,“ entgegnete der Metaphyſiker ruhig, „da ich doch die Wahrheit ſagen muß.“ „Warum müſſen Sie das, wenn ich fragen darf?“ ſagte der Baronet. „Weil,“ antwortete Trollolop eine Priſe nehmend, „weil unſerer Natur ein Prinzip der Wahrheitsliebe eingepflanzt iſt.“ „Ich wollte ich wäre ein Metaphyſiker,“ ſagte Clarence mit einem Seufzer. „Es iſt mir lieb, Sie dies ſagen zu hören, mein lieber Linden,“ ſagte Callythorpe,„denn Sie wiſſen, daß ich Ihr wahrer Freund bin, und daher muß ich Ihnen ſagen, daß Sie ſchmachvoll unwiſſend find. Sie fühlen ſich doch nicht beleidigt?“ „Nicht im geringſten!“ ſagte Clarence, zu lächeln verſuchend. „Und Sie, mein lieber Findlater,“ fuhr er zu dem Baronet gewendet fort,„Site wiſſen, daß ich es gut mit Ihnen meine— Sie wiſſen, daß ich nie⸗ mals ſchmeichle, ich bin Ihr wahrer Freund, darum dürfen Sie nicht zornig werden, doch Sie ſind in der That außerordentlich einfältig!“ „Herr Callythorpe!“ rief der Baronet wüthend, denn Leute, die das beſte Herz haben, können nicht immer die Wahrheit ertragen,„was meinen Sie damit?“ 334 „Sie müſſen nicht böſe werden, mein guter Herr — in der That nicht. Ich kann nicht umhin, Ihnen Ihre Fehler zu ſagen, denn ich bin ein echter Britte, Herr, ein echter Britte, und überlaſſe das Lägen den Sklaven und Franzoſen.“ „Sie find im Irrthum,“ ſagte Trollolop,„die Franzoſen lügen nicht, wenigſtens nicht von Natur, denn, wie ich ſchon vorher ſagte, hat der Schöpfer dem Geiſte ein Prinzip der Wahrheitsliebe eingepflanzt, welches—“ „Mein lieber Herr,“ fiel Callythorpe ſehr ſanft ein,„Sie erinnern mich an das, was die Leute von Ihnen ſagen.“ „Die Erinnerung kann auf die Empfindung re⸗ dueirt werden, da ſie eine ſchwächere Empfindung iſt,“ ſagte Trollolvpz;„aber fahren Sie fort.“ „Sie wiſſen, Trollolop,“ ſagte Callythorpe mit außerordentlich zärtlicher Betonung,„Sie wiſſen, daß ich niemals ſchmeichle; Schmeichelei paßt nicht für einen wahren Freund— ja noch mehr, fie paßt nicht für einen Bewohner unſerer glücklichen Inſeln, und die Leute ſagen von Ihnen, daß Sie durchaus gar nichts wiſſen, nein, nicht ein Jota von all jener unfinnigen, werthloſen Philoſophie, von der Sie im⸗ mer reden. Sie ſagen, mein lieber Freund, daß Ihre Unwiſſenheit nur Ihrer Einbildung und Ihre Kinderei Ihrer Anmaßung gleichkommt. Siſe fühlen ſich doch nicht beleidigt?“ „Nicht im geringſten,“ rief Trollolop, vor Wuth ſchäumend. „Wa Chriſtop er ſeine mich bett Dingen; ein, daß Nach mei nur ſeine „Nic rence, o untergeor bedürfen doch dieje wickelte 3 etwas me auszuführ „Ein der Mete gepflanzt folglich monſtrire Unrecht i „Ich rief Sir guter Herr in, Ihnen ter Britte, Lägen den ſehr ſanft e Leute von findung re⸗ ndung iſt,“ 4 hore mit wiſſen, daß t nicht für , ſie paßt hen Inſeln, ie durchaus on all jener der Sie im⸗ „ daß Ihre re Kinderei en ſich doch vor Wuth 335 „Was mich betrifft,“ fagte der gutherzige Sir Chriſtopher, deſſen Wuth ſich gelegt hatte, indem er ſeine großen, wohlgenährten Hände ricb,„was mich betrifft, ich ſehe nichts Gutes in allen dieſen Dingen; ich leſe nie— nie— und ich ſehe nicht ein, daß ich deßhalb im geringſlen übler daran bin. Nach meiner Meinung, Linden, darf ein guter Menſch nur ſeine Pflicht thun, und das ißt leicht geſchehen.“ „Nicht ſo leicht,“ dachte der ſcharffinnige Cla⸗ rence, ohne es jedoch auszuſprechen,„die Leute im untergeordneten Leben, die nur wenig Pflichten haben, hedürfen nur wenig Kenntniß, um ſie auszuüben; doch viejenigen, deren Stellung ihnen viele und ver⸗ wickelte Pflichten auferlegt, werden finden, daß noch etwas mehr, als gute Abſichten nöthig iſt, um ſie auszuführen.“ „Ein guter Menſch!— und was iſt gut?“ rief der Metaphyſiker triumphirend.„Iſt es uns ein⸗ gepflanzt? Hobbes nach Reid, der unſer letzter, und folglich unſer beſter Philoſoph iſt, verſucht zu de⸗ monſtriren, daß kein Unterſchieb zwiſchen Recht und Unrecht iſt.“ „Ich habe keine Idee von dem, was Sie meinen,“ rief Sir Chriſtopher. „Idee!“ rief der fromme Philoſoph.„Erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, mein Herr, daß noch nie ein gründlicher Beweis von dem Vorhandenſein der Ideen iſt vorgebracht worden; es find bloße Einbildun⸗ gen und Hypotheſen. Ja, Herr, daraus entſteht der Scepticismus, der unſere Philoſophen des Geiſtes 336 entweiht. Ideen!— Findlater, Sie ſind ein Seep⸗ tiker und Idealiſt.“ „Ich?“ rief der erſchrockene Baronet;„bei meiner Ehre, ich bin nicht dergleichen. Jedermann weiß, daß ich ein Chriſt bin und—“ „Ah!“ fiel Callythorpe mit feierlichem Blicke ein, „Jedermann weiß, daß ſie keiner von jenen ſcheuß⸗ lichen Menſchen find— von jenen verworfenen Deiſten und Atheiſten und Seeptikern, von welchen die Kirche und Freiheit von Altengland ſo viel Gefahr erlitten haben. Ich bin ein echter Britte aus der guten alten Schule, und ich bekenne, Herr Trollolop, vaß ich nicht gern andere Meinungen höre, als die richtigen.“ „Die richtigen ſind nämlich nur die, zu welchen ſich Herr Callythorpe bekennt,“ ſagte Clarenee. „Der menſchliche Geiſt,“ begann Trollolop, in⸗ dem er das Feuer ſchürte, als Clarenee aufſtand, dem dieſe Unterhaltung etwas langweilig zu werden begann. —„Sie werden mich entſchuldigen,“ ſogte er,„aber ich hahe eine Einladung angenommen, und es iſt Zeit, mich anzukleiren. Harriſon wird Ihnen Thee bringen, oder was Sie wollen.“ „Der menſchliche Geiſt,“ begann Trollolop wie⸗ der, ohne auf die Unterbrechung zu achten, und Cla⸗ rence verließ ſogleich das Zimmer. Es 1 einer Pe die beſte gekleidete ein Uhr, frei gem er eintre fiel, Lor Lady Flr ein Seep⸗ nen ſcheuß⸗ enen Deiſten n die Kirche ahr erlitten guten alten zu welchen larenee. rollolop, in⸗ ufſtand, den rden begann. te er,„ahet und es iſ Ihnen Ther ollolop wie⸗ n, und Cle⸗ Blicke ein, op, daß ich ie richtigen.“ 337 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Ihr tadelt Marcius des Stolzes wegen. Coriolan. Hier iſt noch ein anderer Kerl, der ſich ganz vortrefflich darauf verſteht, Complimente zu ſchnei⸗ den. Der Gärtner von Tyburn. Es war ein brillanter Ball bei der Lady T»“, einer Perſon, die, wie Jeder weiß, im Jahre 17** die beſten Bälle in London gab und die am beſten gekleideten Leute hei ſich ſah. Es war etwa um halb ein Uhr, als Clarenee, der ſich von ſeinen Freunden frei gemacht hatte, im Hauſe der Gräfin ankam. Als er eintrat, war das erſte, was ihm in die Augen fiel, Lord Borodaile in eifriger Unterhaltung mit Lady Flora. Clarenee blieb einige Augenblicke ſtehen, begeg⸗ nete Flora's Blicken, wurde roth und kam näher. Wenn es einen hochmüthigen Mann in Europa gab, ſo war es Lord Borodaile. Er war nicht ſtolz auf ſeine Geburt oder ſein Vermögen, ſondern er war ſtolz auf ſich ſelber, und demnächſt war er ſtolz darauf, ein Edelmann zu ſein. Er hatte einen unbeſchreib⸗ lichen Widerwillen vor allen gemeinen Leuten. Seine Lippe ſchien die Verachtung an ſich zu tragen, wie ein Kleib; eine hochfahrende und ſtrenge Selbſthewun⸗ derung ſaß auf ſeiner Stirn wie auf einem Thronc. Er hatte gewiſſermaßen Ehrfurcht vor ſich ſelber; ſeine Gedanken waren eben ſo viele Spiegel, welche den Vieomte Vorvdaile als Gott gekleidet darſiellten. Bulwer, der Verſtoßene. 1. 22 338 Sein Geiſt war ein kleines Verſailles, worin ſein Ich ſaß gleich Ludwig dem Vierzehnten und nicht ſah als Bilder von ſich ſelber, zuweilen als Jupiter und zuweilen als Apollo. Was Wunder denn, daß Lord Borovaile im Umgange ſehr unangenehm war; gegen jedes menſchliche Weſen hegte er einige Ver⸗ achtung. Sein Auge war ſtets beredt; zu dem Vür⸗ gerlichen ſagte es:„Sie find kein Edelmann;“ z dem Fürſten:„Sie ſind nicht Lord Borodaile.“ Doch bei dem allen hatte er ſeine guten Seiten. Er war tapfer wie ein Löwe, hielt ſtrenge auf Ehre, ſelbſt im Spiel, und obgleich ſehr unwiſſend und ſehr ſelbſtgenügſam, hatte er jene Art von trotzigem ge⸗ ſunden Verſtande, den man ſehr oft bei Leuten von harten Herzen findet, die bei vielen Vorurtheilen wenig Gefühl zu überwinden haben. Sehr ſteif und ſehr übermüthig richtete ſich Lord Borodaile auf, als Clarence ſich näherte und Lath Flora anredete; noch ſteifer und übermüthiger, ob⸗ gleich mit altfränkiſcher Höflichkeit, erwiderte er Lin⸗ dens Verbeugung, als Lady Weſthorough ſie einander vorſtellte. Nicht als hätte vieſer Hochmuth eine he⸗ ſondere Beleibigung ſein ſollen: es war nur die Lie⸗ benswürdigkeit des allgemeinen Benehmens Seine Herrlichkeit. „Sind Sie engagirt?“ ſagte Clarenee zu Flora. „Ja, für jetzt mit Lord Borodaile.“ „Darf ich ſpäter um die Ehre bitten?“ Lady Flora nickte und verſchwand mit Lord Bo⸗ rodaile. Selr herte ſich ſich mit unter di einer Un der zur „Ach Linden he Sie hab dervoll S auf Ehre Verſe de L T 2 Clart die Con können.“ „Nei nicht! 7 bei der „Sie Sie mir Linden 3 „Ei Sie de ſichere Freund bläst d Quinton worin ſein und nichtz als Jupiter r denn, daß enehm war; einige Ver⸗ uten Seiten. ge auf Ehre, end und ſehr trotzigem ge⸗ Leuten von Vorurtheilen tete ſich Lord te und Labh üthiger, ob⸗ derte er Lin⸗ ſie einandet muth eine be⸗ nur die Lie⸗ mens Seiner ee zu Flora. n 7* it r Bo⸗ 339 Selne königliche Hoheit der Herzog von**“ nä⸗ herte ſich der Lady Weſtborongh, und Clarenee miſchte ſich mit lächelndem Geſichte und abmeſendem Herzen unter die Menge. Dort traf er Lord Aspeden in einer Unterredung mit dem Grafen von Holdenworth, der zur Adminiſtration gehörte. „Ach, Linden,“ ſagte der leutſelige Diplomat, Linden herzlich die Hand drückend,„wie geht's Ihnen? Sie haben natürlich ſchon getanzt? Ach! wie wun⸗ dervoll Sie einen Cotillon tanzen! Ja, es iſt wahr, auf Ehre! Sie erinnern mich immer an die ſchönen Verſe des Dichters: Wir glaubten unvergleichlich deinen Kopf;z Doch ſeh'n wir jetzt, daß er viel weniger ſchwer, Als deine Füße. Clarenee verbeugte ſich.„Man darf nicht hoffen, die Complimente Eurer Herrlichkeit erwidern zu können.“ „Nein, nein, mein lieber Junge, verzweifeln Sie nicht! Bedenken Sie, daß ich ſchon zwanzig Jahre bei der Diplomatie bin.“ „Sie vergeſſen,“ ſagte Lord Holdenworth,„vaß Sie mir verſprachen, mich Ihrem Freunde, bem Herrn Linden vorzuſtellen.“ „Ei, das iſt wahr. Linden, erlauben Sie mir, Sie dem Lord Holdenworth vorzuſtellen. Ich ver⸗ ſichere Eurer Herrlichkeit, daß Sie meinen jungen Freund außerordentlich geiſtreich finden werden; er bläst die Flöte vortrefflich, und Ihr Freund, Lord Ouintown, als ich es ihm geſtern Abend erzählte, 340 ſagte ſehr richtig, daß— daß— nun, ich habe gan vergeſſen, was er ſagte; aber ſo unhöflich es auz von mir erſcheinen mag, ſo kann ich voch Eurer Her⸗ lichkeit verfichern, daß es meine beſtändige Gewohr⸗ heit iſt. Ich erinnere mich nie eines einzigen Worte von dem, was unſer Freund ſagt. Aber er iſt ſ beredt. Seine Rede erinnert mich immer an de Dichters ſchöne Verſe an den Bach: Er fließt, und wie er fließt, wird ewig fort er fließen.“ Bei dieſem ſchmeichelhaften Citat ſchwieg Lon Aspeden und ſah ſich nach Beifall um. Inzwiſche hatte ſich Lord Holdenworth in eine Unterredung mil Clarenee eingelaſſen und wendete einen vertrauten Ton an, wie ihn Machthaber häufig gegen junge Herren von dreiundzwanzig Jahren anzuwenden pflegen.„St werden alſo morgen bei mir zu Mittag ſpeiſen, Herr Linden?“ ſagte der große Mann, als er ſih enifernte. Clarenee verbeugte ſich, und als er ſich umwen⸗ dete bemerkte er Laby Flora, deren Hand er ſogleſh in Beſchlag nahm. Mein lieber Leſer, du und ich, die wir nicht mi den Damen unſerer erſten Liebe tanzen, haben jetz genug von dieſem Ball geſehen, und daher wollen wir nach Hauſe gehen und dieſes Kapitel ſchließen Am ni von Sir( den Park „Mit wurde in Unterr einen Ma zige Sir( der arme „Es i Verbrecher wood ein war Bona Räuber J brach, ihr Magd ver ſchürer de Clare ſchon frül mal hin an jenem Glück ge Es war ch habe gan öflich es auc Eurer Hert⸗ ige Gewohr⸗ zigen Worte ber er iſt ſ mer an de er fließen.“ ſchwieg Lon Inzwiſche erredung mi rtrauten Ton unge Herren flegen.„Ste tiag ſpeiſe „als er ſih ſich umwer⸗ d er ſogleich wir nicht mit „haben jetz daher wollen itel ſchließen 341 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Seine Natur iſt wohl an Fehlern reich; Allein, was thut's, wenn nur das Herz geſund. Stephan Montague. Dum vitant stulti vitia, in contraria eurrunt. Horatius. Am nächſten Tage erhielt Clarence einen Beſuch von Sir Chriſtopher Findlater.„Laſſen Sie uns in den Park gehen,“ ſagte er. „Mit Vergnügen,“ entgegnete Clarenee, und es wurde in den Park gegangen. unterwegs begegnete ihnen eine Menge Volks, die einen Mann ins Gefängniß begleitete. Der guther⸗ zige Sir Chriſtopher ſtand ſtill und fragte:„Wer iſt der arme Kerl?“ „Es iſt der berühmte“— in England ſind alle Verbrecher berühmt; Thurtell war ein Held, Thiſtle⸗ wood ein Patrivt und Fauntleroy, entdeckte man, war Bonaparte völlig gleich—„es iſt der berühmte Räuher John Jeffries, der in Mrs. Wilſons Haus hrach, ihr und ihrem Manne die Kehle abſchnitt, die Magd verwundete und dem Kinde mit dem Fener⸗ ſchürer den Schädel ſpaltete.“ Clarence drängte ſich vor.„Ich habe den Mann ſchon früher geſehen,“ dachte er. Er ſah noch ein⸗ mal hin und erkannte das Geſicht des Räubers, der an jenem verhängnißvollen Abend, wo Clarenee ſein Glück gemacht, aus Talbots Hanſe entflohen war⸗ Ss war ein ſtark markirtes, ziemlich hübſches Geſicht, 342 welches nicht leicht zu vergeſſen war; und ein einziger ler eine aufregender Umſtand prägt uns vie Züge eines Men. Mann, t ſchen ſo tief ein, wie der gewöhnliche Umgang darin für vieler Jahre. anſtatt e „John Jeffries?“ rief der Baronet,„Laſſen Gie der Geſe uns gehen.“ Sir( „Linten,“ fuhr Sir Chriſtopher fort,„jener Kerl der erlan war einſt mein Bedienter. Er beſtahl mich um eine ſagte er beträchtliche Summe. Ich ertappte ihn. Er wendet⸗ Der ſich an mein Herz, und Sie wiſſen, mein lieber Freunt, kam zu das war unwiderſtehlich; ſo ließ ich ihn laufen. Wer ein ſtren hätte denken ſollen, daß es ſo weit mit ihm kommen allgemeir würde?“ Und ver Baronet fuhr fort, ſein eigenes gegen di gutes Herz zu rühmen, wobei es nöthig iſt zu b⸗„Wa merken, daß er einem Verbrecher die Straſe erſpart Chriſtopl haite, auf einige Jahre deportirt zu werden, um„Me nach Willkür zu rauben und zu morden, und nag⸗ hat eine dem er dieſen Beruf einer allgemeinen Peſt erfüllt nehmen, hatte, endlich am Galgen zu ſterben. Wie ſchön iſ das nen es doch, ein gules Herz zu haben! ich erhöl Die beiden Herren verſanken jetzt in eine Träu⸗ fünf Pf merei, woraus ſie am Eingange des Parks durch„Da einen zerlumpten jungen Menſchen erweckt wurden, ironiſche der fie in kläglichem Tone um ein Almoſen anflehte.»In Clarence, dem wir es zum Ruhme nachſagen müfſen, pher hi daß er einen beſtimmten und beträchtlichen Theil ſeines„Kö Einkommens zu wahrhaft wohlthätigen Zwecken an⸗ len, Fi wendete, hatte ein wenig über öſſentliche Moralitit guten, gelefen und ging weiter. Der gutherzige Baronet noch Si ſteckte ſeine Hand in die Taſche und gab dem Bett⸗„Ne ein einziger eines Men⸗ e gan „Laſſen Sie „jener Kerl ich um eine Er wendete ber Freund, aufen. Wer hm kommen ſein eigenes iſt zu be⸗ raſe erſpart verden, um „und nach⸗ Peſt erſüllt ie ſchön iß eine Träu⸗ ßarks durch eckt wurden, ſen anflehte. gen müſſen, Theil ſeines Zwecken an⸗ e Moralität ige Baronet b dem Bett⸗ 343 ler eine halbe Guinee, wodurch ein junger, ſtarker Mann, der das Handwerk erſt eben begonnen hatte, darin für die übrige Zeit ſeines Lebens beſtärkt, und anſtatt einer nützlichen Stütze eine verderbliche Laſt der Geſellſchaft wurde Sir Chriſtopher hatte jetzt ſeine gute Laune wie⸗ der erlangt.„Was gleicht einer guten Handlung?“ ſagte er mit ſchwellender Bruſt zu Clarence. Der Park war ſehr angefüllt, und Lord St. George kam zu unſeren Freunden. Seine Herrlichkeit war ein ſtrenger Tory. Er konnte Wilkes, Freiheit und allgemeine Erziehung nicht ausſtehen. Er ſprach ſich gegen die Aufklärung der Dienſtboten aus. „Was hat Sie ſo bitter gemacht?“ fragte Sir Chriſtopher. „Mein Kammerdiener!“ rief St. George—„er hat eine Röſtgabel erſunden, will ein Patent darauf nehmen, ſein Glück machen und mich verlaſſen; das nenne ich Undankbarkeit, Sir Chriſtopher, denn ich erhöhte erſt im vorigen Jahre ſeinen Lohn um fünf Pfund!“ „Das war freilich ſehr undankbar,“ ſagte der ironiſche Clarence. „In der That!“ ſetzte der gutherzige Sir Chriſto⸗ pher hinzu. „Können Sie mir keinen Kammerviener empfeh⸗ len, Finblater,“ fuhr Seine Herrlichkeit fort,„einen guten, ehrlichen, verſtändigen Kerl, der weder Leſen noch Schreiben kann?“ „Nein— das heißt ja! ich kann es, mein alter 344 Diener Collard iſt außer Dienſt, und der iſt ſo un⸗ wiſſend wie— wie—“ „Wie ich oder Gie?“ ſagte Lord St. Georze lachend. „Getroffen,“ verſetzte der Baronet. „Nun, ſo will ich ihn auf Ihre Empfehlung an⸗ nehmen. Schicken Sie ihn morgen um zwölf uhr zu mir.“ „Das will ich thun,“ ſagte Sir Chriſtopher. „Mein lieber Findlater,“ rief Clarenee, als Lord St. George fort war,„ſagten Sie mir nicht vor einiger Zeit, daß Collard ein großer Schurke ſei und mit Jeffries in naher Verbindung ſtehe? Und jetz empfehlen Sie ihn an Lord St. George?“ „Still, ſtill, ſtill!“ ſagte der Baronet;„er war freilich ein großer Schurke, aber der arme Kerl kam geſtern mit Thränen in den Augen zu mir und ſagte, er müßte verhungern, wenn ich ihm nicht ein gutes Zeugniß gebe— was konnte ich alſo thun?“ „Wenigſtens Lord St. George die Wahrheit ſagen,“ entgegnete Clarence. „Aber dann würde Lord St. George ihn nicht an⸗ genommen haben,“ verſetzte der gutherzige Sir Chri⸗ ſtopher mit erzwungener Naivetät.„Nein, nein, Linden, wir müſſen nicht ſo hartherzig ſein; wir müſſen vergeben und vergeſſen.“ Und bei dieſen Wor⸗ ten erweiterte der Baronet ſeine Bruſt in dem ſelbſt⸗ gefälligen Frohlocken eines Mannes, der eine edle Geſinnung ausgeſprochen. Die Moral dieſer kleinen Geſchichte iſt, daß Lord St. George, nachdem er zmei Jahre la goldene feine La Herr Jo eine gute Doch rückkehret kamen, Tochter. eilte zu i Perſon, Dinge i ſtopher, gutes He einer Sti um einer gegen da dazu dien zu verhä „Ber Mutter, iſt beſſer Amer 2 Pün Stunde iſt ſo un⸗ Bt. George ehlung an⸗ wülf ußr ſtopher. e, als Lord Und jetzt 4 t;„er war e Kerl kam und ſagte, t ein gutes n heit ſagen,“ n nicht an⸗ Sir Chri⸗ tein, nein, ſein; wir ieſen Wor⸗ dem ſelbſt⸗ eine edle eſer kleinen dem er zwei 345 Jahre lang beſtändig beſtohlen worben, endlich eine goldene Uhr vermißte, und daß Monſieur Collard feine Laufbahn ſchloß, wie ſein muſterhafter Lehrer, Herr John Jeffries, vor ihm gethan. Ah! welch eine gute Sache es doch iſt, ein gutes Herz zu haben! Doch wir wollen zu unſern Spaziergängern zu⸗ rückkehren. Als ſie zum äußerſten Ende des Parks kamen, begegneten ihnen Lady Weſtborongh und ihre Tochter. Clarenee entſchuldigte ſich bei ſeinem Freunde, eilte zu ihnen und war bald beſchäftigt, der ſchönſten Perſon, wenidſtens in ſeinen Angen, die ſchönſten Dinge in der Welt zu ſagen; während Sir Chri⸗ ſtopher, nachdem er ſo viel Unheil angerichtet, als ein gutes Herz nur immer auf einem Spaziergange von einer Stunde anrichten kann, nach Hauſe zurückkehrte, um einen langen Brief an ſeine Mutter zu ſchreiben gegen das Lernen und all ſolchen Unfinn, welches nur dazu diene, die Neigungen abzuſtumpfen und das Herz zu verhärten. „Bewundernswürdiger junger Mann!“ rief die Mutter, mit Thränen in den Augen;„ein gutes Herz iſt beſſer als alle Köpfe auf der Welt.“ Amen! Vierunddreißigſtes Kapitel. Arbaces: Wie Ihr auch ſchmeichelt. Mardonius: Ich kannte nie das Wort. Ein König oder kein König. Pünktlich ftellte ſich Clarente zur beſtimmten Stunde im Hauſe des Lord Holdenworth zum Mittag⸗ 346 eſſen ein. Es waren erſt zwei Perſonen angekommen. Die eine war Herr Trollolop, die andere Lord Aspe⸗ den. Lady Holdenworth, eine ſanfte, milde, matro⸗ nenartige Frau, ſaß am Fenſter und Seine Herrlich⸗ keit ſtand, nach echt engliſcher Sitte, mit dem Rücken, zum Kamin gewendet, obgleich kein Feuer da war, von dem er die übrige Geſellſchaft hätte ausſchließen können. Es war Lindens große Lebensregel, die er Tal⸗ bots Vorſchriften verdankte, ſich in allen Häuſern die Dame zur Freundin zu machen, was es ihn auch hei den ührigen koſten mochte. Daher verlor er keine Zeit, der Lady Holdenworth den Hof zu machen, die, weder jung ſchön noch ſehr in der Mode, an ſolche Aufmerkſamkeit wenig gewöhnt und daher ſehr leicht zufriedengeſtellt war. Gerade als es Clarence gelun⸗ gen war, ſich den Weg zu der Gunßt der Gräfin zu bahnen, wurde die Thür geöffnet, und Lord Quin⸗ town trat ein. Dann kam ein anderer Edelmann— dann noch ein anderer— dann eine Dame— dann wider eine; die Geſellſchaft vermehrte ſich— das Tageslicht nahm ab— vie Zahl war vvllſůndig— und das Diner begann. Lord Aspeden ſaß neben Frau von Krumenbach, eine von den wohlbeleibteſten(Wohlbeleibtheit iſt eine Schönhelt) Frauen in Oeſterreich und die Gattin eines der hagerßen Männer in demſelben Staate: les extrémes se touchent; unter ihm, voch nicht in ſeiner unmittelbaren Nähe, ſaß Clarence, und dieſem gegenüber Henry Trollolop, der kleine Philoſoph, wie ihn Callythorpe nannte.„ „We Lady T chelndſte „Ja ein reize „Ach mit der Bemerkt dem der Sie wüt ſehr liel Die ver grö daraus Bemerkt beſchuld sieur 8 ſie es n „Lo town, zu trin! Wa dern O doch au die ſein Blicke 1 dete, u bar zu Antwor ertheilt achen, die, „an ſolche ſehr leicht ence gelun⸗ Gräfin zu ord Quin⸗ delmann— ne— dann ſich— das Uſtändig— rumenbach, heit iſt eine attin eines aate: les nicht in und dieſem Philoſoph, Häuſern die hu auch bei 347 „Waren Sie am letzten Abend auf dem Balle ver Lady T***?“ ſagte Lord Aspeden mit der einſchmei⸗ chelndſten Miene zu Fruu von Krumenbach. „Ja,“verſetzte die Dame, Franzöſiſch redend,„welch ein reizender Ball war es!“ „Ach!“ ſagte Lord Aspeden, indem er ſein Geſicht mit der Miene eines Mannes, der eine ſehr reizende Bemerkung zu machen im Begriff iſt, ganz nahe zu dem der Frau von Krumenbach hinneigte,„ich wußte, Sie würden ſo denken, denn Sie müſſen das Tanzen ſehr lieben!“ Die arme Frau von Krumenbach konnte nur mit ver größten Schwierigkeit die Treppe hinunterſteigen, daraus mag man die Aagemeſſenheit der höflichen Bemerkung des Dlplomaten beurtheilen. Wäre ſie beſchuldigt worden la femme intrigante mit Mon- sieur son mari zu ſpielen, ſo glaube ich wirklich, daß ſie es weniger übel empfunden hätte. „Lord Aspeden,“ ſagte der ſchöne Lord Quin⸗ town,„erlauben Sie mir, ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken!“ Was der Diplomat erwiderte, entging jedem an⸗ dern Ohr außer dem, für welches es beſtimmt war; doch aus der höflichen Verbengung und dem Lächeln, die ſeine Worte begleiteten, ſowie aus dem raſchen Blicke des Mißfellens, womit ſich Quintown umwen⸗ dete, um die Unterhaltung mit ſeinem nächſten Nach⸗ bar zu erneuern, ſchließe ich, daß Lord Aspedens Antwort mit ſeinem gewöhnlichen glücklichen Ausdruck ertheilt wurde. 348 Ohne ein einziges Compliment auszuſprechen, be⸗ Kauberte Clarence indeſſen ſeine Umgebung vurch die Grazie ſeiner Rede und ſeines Benehmens, die ihm eigen war, und Trollolop wenbete der Dame zu ſeiner Rechten den Rücken und ſchüttete geheimniß⸗ volle Wahrheiten in den menſchlichen Geiſt des Herrn zu ſeiner Linken. Das Diner war heendet— das Deſſert erſchien — die Herzogin von Cosmowell ſaß dem Lord A⸗ peden gegenüber— ſie malte ſyſtematiſcher als irgend ein Frauenzimmer in London ſeit dem Tode der Lady E., die ſich zu ihrer Zeit am beſten darauf verſtand. Lord Aspeden, der Alles für la belle nature hielt und einen ſchönen Teint beſonders bewunderte, hatte lange ſeine Gelegenheit abgewartet. Endlich kam ſie und er benutzte fie ſogleich. „Ihre Durchlaucht werden mir erlauben, Ihnen einen Pfirſich zu ſenden,“ ſagte er mit ſeinem füße⸗ ſten Lächeln. Die Herzogin ſchüttelte ſehr ſanft den Kopf— denn die Kunſt erfordert ſanfte Bewegungen. „Nun,“ ſagte Lord Aspeden mit ſentimentalem Seufzer,„ſo muß ich um Ihretwillen einen nehmen.“ „Und warum um meinetwillen?“ fragte die Her⸗ zogin lächelnd. „Weil er mich an Ihrer Durchlaucht Teint er⸗ innert,“ antwortete Lord Aspeden mit tiefer Ver⸗ heugung;„denn wie der Dramatiker ſagt: Dem Ffirſich glich der Wange zartes Roth.“ Die peden ſi ſich ſelb Die Ceremot — aufa Tiefen Sir Jo ausgezei nMan Nun um das hatte. 2 nicht die nicht al ſich Her er mehr „Eir well,“ „Hu ausgezei „Un trauliche Seaford Diplome London kung zu rechen, be⸗ durch die „ die ihm Dame zu geheimniß⸗ des Herrn rt erſchien Lord As⸗ als irgend e der Ladh f verſtand. ature hielt erte, hatte ch kam ſie en, Ihnen inem füße⸗ Kopf— en. imentalem en einen e die Her⸗ Teint er⸗ efer Ver⸗ 345 Die Herzogin zog ſich zurück— und Lord As⸗ peden ſah aus, wie das Bild der Eitelkeit, das über ſich ſelber lächelt. Die Damen entfernten ſich— o geheimnißvolle Ceremonie!— die Männer rückten näher zuſammen — aufangs war Alles ſtill, dann wurden die großen Tiefen geöffnet und Alles war„Erguß der Seele.“ Sir John Seaford, ein ungeheurer Eſſer und ein ausgezeichnet guter Kerl, ſaß Lord Aspeden zunächſt. „Mantua vae miserae nimium vicina Cremonae.“ Nun weiß alle Welt, daß Sir John Seaford um das Jahr 17** eine der hübſcheſten Frauen hatte. Wir ſagen, alle Welt weiß es, denn es war nicht die Schuld der armen Lady Seaford, wenn es nicht alle Welt wußte; und zu jener Zeit ſchmeichelte ſich Herr Tarleton, der Grammont jener Tage, daß er mehr davon wiſſe, als alle ührigen. „Ein herrliches Weib die Herzogin von Cosmo⸗ well,“ ſagte Lord Aspeden begeiſtert zu Sir John. „Hm! dies iſt ein elendes Backwerk!“ ſagte der ausgezeichnet gute Kerl. „Und was weiter,“ fuhr Lord Aspeben mit ver⸗ traulicher Miene fort,„ich denke, fie iſt der Lady Seaford ſehr ähnlich.“ „Wirklich, Mylord,“ ſagte Sir John.„Darf ich Sie bitten, den Wein herzureichen?“ „Ich möchte behaupten,“ ſagte der ſchmeichelhafte Diplomat,„daß Lady Seaford die ſchönſte Dame in London iſt, und als ich neulich Abends die Bemer⸗ kung zu Herrn Tarleton machte, ſagte er ſehr hübſch, 350 vann wären Sie der Halbmond, womit er vermuth⸗ lieblichße lich ſagen wollte, daß Sie immer beiſammen wären.“ und zwei „Mein lieber Lord,“ rief Sir Jrhn über den„We Tiſch,„machen Sie mir gefälligſt neben ſich Platz. einen W Ich habe etwas mit Ihnen zu ſprechen.“ Der Ba⸗ uns vorb ronet ſtund mit ungewohnter Schnelligkeit auf und angehörer Lord Aspeden wurde in ſeiner Glorie allein gelaſſen. Aber „Wie roh doch einige Leute find,“ ſagte er solto grt benn voce zu Clarence.„Nur wir vom diplomatiſchen auf ſeine Corps wiſſen etwas des petites moeurs etde grä- Whig mn ces de la cour.“ deſſen eig Jetzt wurde die Politik verhandelt. Drei Abende lich mit vorher war ein heſtiger Angriff auf die Regierung ſprochen gemacht worden und Lord Quintown war leicht ver⸗ ohne zu wundbar hinſichtlich dieſes Gegenſtandes. auf, und „Wir müſſen uns morgen Abend auf Ihr Volum„Wele verlaſſen,“ ſagte er zu Lord Aspeden,„denn es iſß Lord Qnt durchaus nöthig, daß wir eine ſtarke Partei bilden„Wur und der Sache ein„gutes Geſicht“ geben.“„So „Sehr wahr, Mylord,“ ſagte Lord Aspeden, en„Und souriant aimablement,„denn Macchivell bemerkt„Er i ſehr richtig, daß ein gutes Geſicht für das Zeichen ſagte Lor eines guten Gewiſſens gehalten wird, und ich kann müſſen ih Eurer Herrlichkeit daher wohl in Pope's ſchönen„Wäh Verſen ſagen: murmelte So wie dies deine ehr'ne Mauer,„Jeder Iſt im Vergleich ein Eſel der Miniſter!“ Holdenwot len Eure Es entſtand ein allgemeines Lächeln. Lord As⸗ peden lächelte mehr als alle ührigen. Es war das vermuth⸗ nwären.“ über den ſich Platz. Der Ba⸗ t auf und n gelaſſen. te er Solto omatiſchen tde grä⸗ ei Abende Regierung leicht ver⸗ hr Voium enn es iß tei bilden 4 peden, en bemerkt s Zeichen ich kann z ſchönen Lord As⸗ war das lieblichſte Compliment, welches er je ertheilt hatte, und zwei Citate noch in den Kauf. „Wenige Leute,“ ſagte er leiſe zu Clarenee,„ver⸗ einen Witz und Gelehrſamkeit: vieſe Vereinigung iſt uns vorbehalten, die wir dem diplomatiſchen Corps angehören.“ Aber wenn Lord Aspeden ſeine Gelegenheiten ſo gut benutzt hatte, ſo war ſein Attacht nicht weniger auf ſeiner Hut geweſen. Er hatte Swift gegen einen Whig und im Geſpräche mit dem ſchönen Miniſter deſſen eigene Reden angeführt. Er hatte unaufhör⸗ lich mit dem ſchweigſimen Miniſter Mumford ge⸗ ſprochen und den redſeligen Grafen von Chatterton ohne zu ſprechen angehört. Die Geſelſchaft brach auf, und Clarenee verließ zuerſt das Zimmer. „Welch ein wundervoller junger Mann!“ ſagte Lord QOnintown. „Wundervoll!“ ſagte der Whig. „So beſcheiden,“ ſagte Mumford. „Und ſo berebt,“ fügte Graf Chatterton hinzu. „Er iſt in der That außerordentlich geiſtreich,“ ſagte Lord Aspeden,„und auch ſehr muſikaliſch. Sie müſſen ihn die Flöte ſpfelen hören.“ „Während ſein Geſandter den Narren ſpielt,“ murmelte Lord Quintown. „Jeder nach ſeinem Metier!“ antwortete Lord Holdenworth, der die Bemerkung gehört hatte.„Wol⸗ len Eure Herrlichkeit nicht zu den Damen gehen?“ 35² Fünfunddreißigſtes Kapitel. Was ſagen Sie zu den witzigen Herren, Ich hoffe ihre Unterhaltung ſteht höher in Ihrr Achtung. Die Launen und Unterhaltungen in London. „Mein lieber Linden,“ ſagte Trollolop(wie der Name aus meiner Feder ſchlüpft),„dies iſt eines Phi⸗ loſophen unwürdig. Wir Beide ſind zu Mrs. Moſſop eingeladen— alle Literaten werden dort ſein. Ez iſ noch nicht zu ſpät— laſſen Ste uns gehen. Der menſchliche Geiſt—“ „Wir wollen gehen!“ fiel Clarenee ein. Sie kamen an Lord Aspeden vorüber. Er flüſtert⸗ der Herzogin von Cosmowell kleine Melodien in 3 ſeine Stimme erhob, damit die beiden jungen Männn ſeine paſſende Schmeichelei hören, bewundern und ſih — darnach bilden möchten—„auf Ihre Durchlauht können in der That die Verſe unſeres großen Dich⸗ ters angewendet werden— Sie find Alles Was Malerei ausdrücken kann, Oder—“ Die Thür wurde geſchloſſen und die folgende Zeile entging den Ohren des Abenteurers und des Philo⸗ ſophen. Die Mrs. Moſſop jener Tage war vie Lydia der Ohr.„Auf Ihre Durchlaucht,“ ſagte er, indem z heutigen. Gibt es einen Mann von Witz, Geſchmach Notorität in England, der nicht von Lydig gehört hat? We liſche Ge ſtraft unſ und bei vermöge Arme Lyd während ſophin in Breite al daß, ſo! beſteht, u heit die z alle Liebe fahren n Wie unge wir von und Treu geſucht h Eitelkeit haltungen) pp(wie der eines Phi⸗ Ers. Moſſop ſein. Es iſ ehen. Der in. Er flüſtert⸗ elodien ins „indem gen Männt ern und ſih Durchlaucht roßen Dich es lgenbe Zeile des Phil⸗ ie Lydia der Geſchmach ydia gehört 353 hat? Wemn das iſt, ſo mag er zur Strafe(die mora⸗ liſche Geſetzgebung des gegenwärtigen Zeitalters be⸗ ſtraft unſer Mißseſchick, nicht unſere Fehler) gehen und bei Lady D—n Thee trinken. Dann wird er vermöge des Gegenſatzes Lydia's Werth kennen lernen. Arme Lydia! wer unter allen deinen Freunden trauert, während er dich vermißt! Aber du warſt eine Philv⸗ ſophin in Deiner Geduld und kannteſt die Tiefe und Breite aller weltlichen Freundſchaften. Du wußteſt, daß, ſo lange das Band hält, auch die Verbindung beſteht, und wenn der Tod es trennt, die Vergeſſen⸗ heit die zerriſſenen Bande in ihre Körbe wirft, wo alle Liebe, Haß, Hoffnung und Furcht unſerer Vor⸗ fahren nebſt den Dingen vor der Sündflut liegen. Wie ungerecht find wir in unſerer Selbſtſucht, wenn wir von unſern Sommerbekanntſchaften jene Strenge und Treue der Zärtlichkeit fordern, die wir nicht in der Liebe finden, worin wir unſern Schutz vor den Winden aufgebaut und unſere Zuflucht vor dem Sturm geſucht haben! Wie oft machen die Wunden unſerer Eitelkeit das Geheimniß unſeres Pathos aus. Als Clarence und der kleine Philoſoph bei Mrs. Moſſop ankamen, fanden ſie etwa ein Dutzend Per⸗ ſonen verſammelt. Die Dame ſelber lehnte auf einem Sopha, war nicht am wenigſten belebt und ſchien den Tag noch nicht ganz vergeſſen zu haben, wo ſie mehr nach der Auszeichnung einer Schönen als nach dem Rufe einer Gelehrten geſtrebt hatte. Die Unterhaltung wendete ſich zur Malerei. „Haben Sie Eir Joſua's letztes Gemälde geſehen?“ Bulwer, der Verſtoßene. I. 23 354 ſagte ein Herr Nettletop, gewöhnlich Nettletop„ der Naſe genannt, ein gryßer literariſcher Charakter, denn er hatte die Pyramiden geſehen, varan gedacht, auf die Juniusbriefe zu antworten, trug ein loſes Halstuch und hatte eine Naſe, gegen welche die des Fremden in Slawkenbergius Erzählung nur ein Stumpf⸗ näschen war. „Nein,“ antwortete Trollolop mit Verachtung, denn gleich Allen, die ſich für Gelehrte ausgeben, affektirte er Verachtung gegen die Künſte—„nein, ſolche Spielereien halte ich des menſchlichen unwürdig!“ „Und ſchätzen Sie vdenn den menſchlichen Geiſt ſ. ſehr hoch?“ ſagte Lady Dryaden, die etwas Humoriſti⸗ ſches an ſich hatte. „Ihn ſchätzen, Madame! keineswegs; wir find nur vermöge unſerer äußeren Organiſation beſſer alz die Thiere.“— „Da thun Sie wohl, die ſchöni Künſte zu vet⸗ achten,“ ſagte Lady Dryhaden. „Sir Joſua,“ war die weiſe Bemerkung einer ze⸗ genwärtigen Perſon,„iſt ein ganz erträglicher Maler.“ „In dem menſchlichen Geiſte,“ ſagte Trollolop, indem er mit Nachvruck ſchnupfte und ſich auf ſeinem Stuhle ſchaukelte—„in dem menſchlichen Geiſte können wir unſere urſprünglichen Wahrnehmungen in beſondere Principien der menſchlichen Conſtitutivn auflöſen— Der Stuhl, der nicht an das Schankeln eines Phi⸗ loſophen gewöhnt war, überſchlug ſich, und Trollolop fiel mit großer Heftigkeit auf den Boden. 3„Das mitleidig. „Es loſpph, ſich reibe „Der „es iſt ei „Ich weiſem B ein harte „Sie ſtitution: ſondere P „Ich Beine übe Weſen ei zu beſtrei „Sie ſoph, der lich war; mein Her verletzten. letop“( Charakter, Verachtung, ausgeben, —„nein, hen Geiſtes en Geiſt ſo ; wir finb n beſſer alz nſte zu ver⸗ ttletop mit Humoriſti⸗ ng einer ze⸗ her Maler.“ Trollolop, auf ſeinem zeiſte können in beſondere uflöſen—“ eines Phi⸗ d Trollolop 355 „Das war ein ſchwerer Fall,“ rief Lady Dryaben mitleidig. „Es war ein Geſetz der Natur,“ ſagte ver Phi⸗ loſoph, mit Thränen in den Augen aufſtehend und ſich reibend. „Der Stuhl war ſchulb,“ ſagte Mrs. Moſſop; „es iſt ein Rollſtuhl.“ „Ich ſollte vielmehr venken,“ ſagte Nettletop mit weiſem Blicke,„daß der Fußboden ſchuld war; es iſt ein harter Boden.“ „Sie irren Beide,“ ſagte Trollolop,„meine Con⸗ ſtitutivn war ſchuld, Härte und Bewegung find be⸗ ſondere Prineipien der menſchlichen Conſtitution.“ „Ich kann es nicht denken,“ ſagte Nettletop, ſeine Beine über einander ſchlagend, mit dem entſchloſſenen Weſen eines Mannes, der im Begriff iſt, einen Satz zu beſtreiten. „Sie könnkh es nicht denken!“ rief ver Philo⸗ ſoph, der noch Schmerz empfand und natürlich ärger⸗ lich war;„bann erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, mein Herr, daß Sie eines der heiligſten Naturgeſetze verletzten. In dem menſchlichen Geiſte, Herr Nett⸗ letop“(und hier ſah ſich Trollolop mit ernſthafter Miene um),„liegt ein urſprüngliches Prineip, welches uns von dem höchſten Weſen eingepflanzt iſt, uns auf die Wahrhaftigkeit Anderer zu verlaſſen und zu glauben, was fie uns ſagen.“ „Wie gelehrt Herr Trollolop iſt!“ ſagte ein Herr, ter mehr leichtgläubig als weiſe war, zu Perrivale. „Ja,“ brummte der Witzling,„er iſt, was Ethe⸗ 356 rege eine Perſon von großen angenommenen Thor⸗ heiten nennt.“ Clarence ging zu einer andern Gruppe; er wurde von einem Herrn angerevet, der ein wenig von dem rofigen Gotte begeiſtert zu ſein ſchien; eine ſehr lächer⸗ liche Miene der Wichtigkeit zeigte ſich in einem Ge⸗ ſichte, welches von Natur ein wenig keck und unhe⸗ deutend war. Er ging auf den Zehen zu Clarenee hin, mit dem er ſehr wenig bekannt war, und ſagte „Ich gratulire Ihnen, ich gratulire Ihnen von Herzen, Herr Linden.“ „Und weßhalb, Herr Boswell, wenn's beliebt?“ „Weßhalb, Herr?“ antwortete Boswell, ſeine Augenbraunen hinaufziehend,„weßhalb?— Sehen Sie nicht, daß Sie ſich in demſelben Zimmer, ju nur wenige Fuß von dem Coloß des Jahrhundertt befinden? Fühlen Sie ſich nicht gehoben, da Sie die Johnſon'ſche Atmoſphäre athmen?“ „Iſt das wirklich der berühmte Doktor Johnſon?“ ſagte Clarenee, indem er eine große, ſeltſame Ge⸗ ſtalt anblickte, woran er die Wahrheit der gewöhn⸗ lichen, von dem großen Lexicographen gegebenen Ve⸗ ſchreibung erkannte. „Das iſt er wirklich, Herr!“ ſagte Boswell, ihn mit lächerlich aufgeſperrten Augen anſehend, daß Cla⸗ renee ſich kaum des Lachens enthalten konnte.„Wie iſt Ihnen, Herr? Von Ehrfurcht ergriffen, he? Aber laſſen Sie ſich vas nicht anfechten. Hätten Sie, wie ich, das außerordentliche Glück, genau mit dieſem be⸗ rühmten Weiſen hekannt zu ſein, ſo würden Sie ſich Ausſprüch lich ſchade Papier de Johnſon'ſ „Aber Boswell Alles nied „Ich Ihrem au Clarence. „Ei je lichen We ſagen, da iſt er in will Ihner *Wör S. 165. enen Thor⸗ ;er wurde ig on dem ſehr lächer⸗ einem Ge⸗ und unbe⸗ zu Clarenct und ſagte von Herzen, s beliebt?“ well, ſein⸗ — Sehen zimmer, ji hrhunderit da Sie die Johnſon?“ ltſame Ge⸗ er gewöhn⸗ enen Be⸗ swell, ihn „daß Cla⸗ mnte.„Wie he Aber n Sie, wie dieſem be⸗ en Sie ſich 357 an die Miene der Größe gewöhnen— ja, Sie würden ſich ſelbſt etwas von ihrer Natur aneignen. Ich will Ihnen eine wunderbare Anekdote von meinem unſterb⸗ lichen Freunde erzählen. Als wir vor Kurzem nach Aſhburne ſuhren, empfahl mir Doktor Johnſon nur Waſſer zu trinken; denn, ſagte er mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Intelligenz und ſeiner unvergleichlichen Tiefe der Bemerkung— denn wenn Sie nur Waſſer trinken, ſind Sie gewiß, niemals betrunken zu werden; wo⸗ gegen, wenn Sie Wein trinken, Sie deſſen nie gewiß ſein können!““ „Bewundernswürdig in der That!“ ſagte Clarenee trocken,„es wundert mich, daß Sie ſo denkwürdige Ausſprüche nicht der Welt übergeben; es wäre unend⸗ lich ſchade, wenn beim Vorhandenſein von Lettern und Papier das Publikum eines ſo wichtigen Theils der Johnſon'ſchen Atmoſphäre beraubt würde.“ „Aber das ſoll das Publikum nicht, Herr,“ ſagte Boswell mit großer Lebhaftigkeit.„Ich habe ſchon Alles niedergeſchrieben.“ „Ich darf wohl nicht wagen, Sie zu bitten, mich Ihrem außerordentlichen Freunde vorzuſtellen?“ ſagte Clarenee. „Ei ja, Herr! Er iſt das leutſeligſte aller menſch⸗ lichen Weſen— vielleicht ein wenig rauh, kann Ihnen ſagen, daß Sie ein Schelm oder ein Narr find; doch iſt er in der That der ſanfteſte aller Moraliſten. Ich will Ihnen ein merkwürdiges Beiſpiel mittheilen, Herr. e n ſo in„Johnſons Leben von Boswell,“ 3r Bd. 358 Ich glaubte Grund zu haben, mich bei einem Mittag⸗ eſſen bei Sir Joſua Reinolds am letzten 12. April über meinen herühmten Freund zu beklagen, und einige Zeit ſpäter ſagte ich ihm, er ſei zu hart gegen mich geweſen. „„Herr,““ ſagte der erleuchtete Weiſe,„„Sie ſind ein unnatürlicher Schotte und kennen Ihren eigenen Vortheil nicht. Sie gleichen einer Trommel, und nur wenn man hart auf Sie losſchlägt, kann man Sie aus Ihrer leeren Nichtigkeit erwecken und dahin bringen, Lärm zu machen.““ Es lag etwas wahrhaft Würde⸗ volles in vieſer wohlwollenden Zurechtweiſung, und ſie iſt um ſo merkwürdiger, weil ſie eine Art von Wortſpiel enthält, eine Gattung des Witzes, welche meinem berühmten Freunde im Allgemeinen verhaßt iſt!“ „Guter Himmel!“ dachte Clarenee in ſeinem Er⸗ ſtaunen,„kann man denn ein ſolcher Schwachkopf ſein, ſich damit zu rühmen, daß man als Zielſchieb⸗ gebraucht wird?“ Der arme Clarence! er wußte noch nicht, daß es Boswell vorbehalten war, der Dogberry des Jahrhunderts zu ſein und einen Stolz darin zu ſuchen, ſich zum Eſel zu ſchreiben.“ „Aber kommen Sie, Herr,“ ſagte Boswell,„ich will Ihren Wunſch meinem berühmten Freunde zu⸗ ſlüſtern, und ich zweifle nicht, daß er Sie auf Ihre Lebenszeit glücklich machen wird, indem er Ihnen ge⸗ ſtattet, einige Minuten der tiefen Weisheit des großen Doktor Johnſon zuzuhören.“ Clarenee verbeugte ſich, die Zuflüſterung geſchah, vie Vorſtellung fand ſtatt, und indem Clarence einen Stuhl in den Bereich der Johnſon'ſchen Nähe zos, wurde er, ihm ſehr plump ge kleidet un haite ſcho frei von d und hielt neigt war, nicht für an pder at Stirn, ſo übrige Ge obgleich he ſtellte, etn Dummheit charakteriſ nommen, „Wer Clarence „O,1 gültiger 2 „Golt „Nun und der„ ſehr geiſt „Wat ter, komiſ Tage?“ m Mittag⸗ April über einige Zeit h geweſen. „Sie ſind en eigenen „und nur man Sie in bringen, ft Würde⸗ ſung, und e Art von es, welche erhaßt iſt!“ ſeinem Er⸗ chwachkopf Zielſchiebe wußte noch Dogberry z darin zu well, ich reunde zu⸗ auf Ihr Ihnen ge⸗ des großen g geſchah, enee einen Nähe zog, 359 wurde er, nach Boswells Meinung, auf ſeine Lebenszeit glücklich gemacht. Der Mann, welcher Clarence zunächſt ſaß, war ihm ſehr auffallend. Es war ein rüſtiger und etwas plump gebauter Mann, auf phantaſtiſche Weiſe ge⸗ kleidet und von affektirtem Benehmen; aber Clarence hatte ſchon gelernt, daß große Männer nicht ganz frei von den Eigenthümlichkeiten kleiner Männer find, und hielt ſeinen Nachbar, wie Boswell zu thun ge⸗ neigt war, wegen einiger unſchuldiger Thorheiten noch nicht für einen Narren; im Gegentheil glaubte er an ſper ausgezeichnet hohen und ſchön entwickelten Stirn, ſowie in dem Auge, welches, während das übrige Geſicht läſſig und ſchwer erſchien, nie die raſche, obgleich halb ſorgloſe Beobachtung ver Umgebung ein⸗ ſtellte, etwas zu ſehen, was nicht nur der bäuriſchen Dummheit widerſprach, die man gewöhnlich als die charakteriſtiſche Miene der erwähnten Perſon ange⸗ nommen, ſondern auch ein hohes Genie andeutete. „Wer iſt mein Nachbar zur Rechten?“ flüſterte Clarence Boswell zu. „O, nur Goldy!“ ſagte Boswell im Tone gleich⸗ gültiger Verachtung. „Goldy!“ wieverholte Clarence;„wer iſt das?“ „Nun, Herr, es ißt der Verfaſſer des„Wanderers“ und der„Geſchichte von England“ und einiger andern ſehr geiſtreichen Schriften.“ „Was! iſt das der große Golbſmith, der erſte Dich⸗ ter, komiſche Schrifiſteller und Romanſchreiber unſerer Tage?“ ſagte Clarenee erſtaunt, daß Boswell, der 360 ſo große Bewunderung für den Verfaſſer des„Ram⸗ bler“ und„Londons“ hegte, gar keine für den Ver⸗ faſſer des„Wanderers“ und des„Landpfarrers von Wakefleld“ übrig habe. „Derſelbe Herr,“ ſagte Boswell, durch die Naſe ſchnaubend.„Es gefällt ihm nicht, daß der große Johnſon ihn Goldy nennt, obgleich dieſelbe berühmte Perſon mich Bozzy nennt.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ ſagte Clarenee. „Still!“ ſagte Boswell,„der Doktor iſt im Be⸗ griff zu reden.“ Clarenee horchte und wurde in der That angenehm überraſcht. Der Doktor war ein wenig aufgeregt durch eine Erwiderung von Beauelers(der, ſicher in dem Muthe und dem fertigen Witze eines Mannes, der ſeinen Verſtand der Welt widmete, der kühnſte von Johnſons Coterie geweſen zu ſein ſcheint) und zur Wärme gereizt, ohne in Rauhheit überzugehen, zeigte ſich ſeine Beredſamkeit auf die glücklichſte und glän⸗ zendſte Weiſe. Nach einer Rede von mehr oratoriſcher als eon⸗ verſativneller Länge ſchloß Johnſon mit der Bemet⸗ kung, daß die Wahrheit, die unermübliches Bitten fordere, häufig der Beſcheidenheit der Geduld gewähre, was ſie der Arroganz der Weisheit oder dem Unge⸗ ſtüm des Genies verweigert habe. „Dann, Doktor,“ ſagte Goldſmith, der ſchon längſt vergebens zu reden verſucht hatte,„dann wirn die Dame wahrſcheinlich eher Ihre Zuhörer, als Sie ſelber hegünſtigen.“ brechend, lich und u „Wie ächtlicher 1 Goldy zu Boswell ei ſeinen S Geläufigkei die Armutl nicht durck und währe durch ſeine ſich nur lä mitleidensn „Wie verſucht,“ Doktor la ander. Cl lolops Nä „Dert Metaphyſi * Eine „ Ram⸗ den Ver⸗ rrers von die Naſe der große berühmte Clarenee. angenehm regt durch er in dem mes, der ihnſte von n ze en, zeigte und glän⸗ als en Bemet⸗ es Bitten gewähre, em Unge⸗ der ſchon ann wir , als Sie 361 „Herr,“ ſagte Doktor Johnſon,„Sie find höf⸗ lich und unhöflich zugleich.“ „Wie ſchade,“ ſagte Boswell mit der Miene ver⸗ ächtlicher überlegenheit,„wie ſchade, daß der arme Golby zu ſcheinen verſucht.““ Und ſogleich begann Boswell eine Anrede. „Bozzy,“ ſagte der Doktor, mit väterlicher Miene ſeinen Schüler in der glänzendſten Periode unter⸗ brechend,„Bozzy, Sie zeigen offenbar eine große Geläufigkeit in der Converſation.“ Der entzückte Laird von Auchinleck verbeugte ſich. „Ein ſolches Lob von dem berühmten Johnſon iſt ſchätzbarer als Auszeichnungen von allen Univer⸗ fitäten Europa's.“ „Nun ja, Herr,“ ſagte der Weiſe ernſter,„Ihre Rede iſt für Ihren Verſtand was Ausſchweifung für die Armuth iſt: die Nacktheit der Wirklichkeit wird nicht durch den Schimmer des Scheins verborgen, und während der Verſchwender ſich einbildet, daß er durch ſeine Verſchwendung Beifall errege, macht er ſich nur lächerlich wegen ſeiner Anſprüche oder be⸗ mitleidenswerth wegen ſeiner Thorheit.“ „Wie ſchade, daß der arme Bozzy zu ſcheinen verſucht,“ ſagte Beauelerk trocken, und indem der Doktor lachend aufſtand, ging die Gruppe ausein⸗ ander. Clarence ging weiter und befand ſich in Trol⸗ lolops Nähe. „Der menſchliche Geiſt iſt,“ ſagte der vorgebliche Metaphyſiker,„wie ich jetzt zu Ihrer Zufriedenheit *Eine gewöhnliche Klage Boswells in„Johnſons Leben.“ 362 bewieſen zu haben glaube, eine unſichtbare Subſtanz ohne Ausdehnung, und folglich ein bloßes Bündel von Ideen. Er iſt, wie Sie ſehen, unfähig üher einen Punkt hinauszugehen, und daher im Stande, zu der höchſten Vollkommenheit zu gelangen, und folglich wird, ehe viele Jahrhunderte um ſind, die ganze Welt aus Philoſophen beſtehen, und da für ——— einen Philoſophen nichts exiſtirt, ſo werden die Phi⸗ loſophen die ganze Welt ſein!“ „Nun verſtehe ich Sie,“ ſagte Lady Dryaden. „Da in wenigen Jahrhunberten nichts als Philoſo⸗ phen exiſtiren werden, welche Nichts find, ſo wird Alles Nichts ſein.“ „Ganz klar,“ ſagte Trollolop ſchnupfend. „Da können die Philoſophen wohl lachen!“ vief Lady Dryaden. „Keineswegs,“ ſagte Nettletop ernſthaft;„denn wenn ſie Alles zu Nichts redueirt haben, ſo werden ſie nur wieder Hand ans Werk legen und Alles aus Nichts machen müſſen!“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Macht Platz, Sir Geoffrey Peveril, oder Ihr pe mich zwingen zu thun, was mir leid ſein wird.“ „Ihr ſollt Euch nur auf Eure Gefahr Platz machen,“ ſagte Sir Geoffrey;„das iſt mein Grund und Boden.“ Sir Walter Scott. Als Clarenee Mrs. Moſſops Haus verließ, warum ging er, gnſtatt wie ein vernünftiger Mann nach Hauſe zurü Richtung? Liebe bewo mer von ih ſie ſchäbte nenheit ta einen Bli dem Fenſte der Luft a Es w vie auf die ſelbſt Städ weiter, in lancholie h einflößen, ſind für d war alles vie Lichter Herzen keh eintrat, b und beweg Hand wa licher Ber eingebildet ein Jourt leicht der Der Subſtanz s Bündel ihig über Stande, gen, und ſind, die d da für ndie Phi⸗ Dryaden. Philoſo⸗ ⸗ ſo wird nd. en! ref ft;„denn ſo werden Alles aus el. il, oder Ihr nir leid ſein efahr Platz mein Grund rScott. , warum an mnch Hauſe zurückzukehren, gerade nach ver entgegengeſetzten Richtung? Weil Lady Weſtborongh am Hanover⸗ Square wohnte, lieber Leſer, und es Lindens nächt⸗ liche Gewohnheit war, zu einer gewiſſen Stunde unter dem Fenſter des Hauſes, welches die Dame ſeiner Liehe bewohnte. Wache zu ſtehen, bis er einen Schim⸗ mer von ihrer Geſtalt geſehen, oder zuweilen— denn ſie ſchätzte die Galanterie, obgleich ſie die Unbeſon⸗ nenheit tabelte— ein Gegenzeichen empfangen hatte, einen Bück, eine Geberde, eine Blume, die ſie aus dem Fenſter fallen ließ, oder einen Handkuß, den ſie der Luft anvertraute. Es war eine ſchöne ſtille Nacht, und die Sterne, die auf die verlaſſenen Straßen niederblickten, machten ſelbſt Städte heilig. Clarenee ging ruhig und finnend weiter, indem er ſich der ſanften und zärtlichen Me⸗ lancholie hingab, welche ſolche Nächte allen Herzen einflößen, die noch nicht zu kalt und ſtarr geworden ſind für die Romantik. Als er zu dem Hauſe kam, war alles ſtill, die Fenſterladen waren geſchloſſen und vie Lichter verdunkelt. Mit ſchwerem und getäuſchtem Herzen kehrte er wieder um. Als er in George⸗Street eintrat, bemerkie er einen Mann, der mit ungleichen und bewegten Schritten vor ihm herging. Seine rechte Hand war geballt, und er erhob ſie häufig mit plötz⸗ licher Bewegung und ſchlug heftig, wie nach einem eingebildeten Feinde.„Es iſt ein Dichter, der für ein Journal ſchreibt,“ dachte Clarence,„oder viel⸗ leicht der Hofoichter ſelber.“ Der Fremde ging langſamer. Clarenee ging an 364 ihm vorüber, und als er ihn anſah, um ſeine Neu⸗ gierde zu befriedigen, fiel ſein Blick auf ein dunkles, finſteres, eiſernes Geſicht, welches er ungeachtet des Verlaufs von vier Jahren dennoch im Augenblick er⸗ kannte. Es war der Republikaner Wolfe. Clarence ging unwillkürlich mit raſcherem Schritte weiter, aber in wenigen Minuten war Wolfe, der heftig mit ſich ſelbſt redete, wieder an ihm vorüber⸗ gegangen; die Richtung, die er eingeſchlagen, war auch Lindens Heimweg und er folgte daher dem Re⸗ publikaner, obgleich in einiger Entfernung und auf der entgegengeſetzten Seite der Straße. Ein Herr, den wahrſcheinlich von einer Geſellſchaft zurückkehrie, trat Wolfe mit halb hochmüthiger, halb unbewußter Miene entgegen und wich nicht aus, obgleich er nach den altmodiſchen Regeln der Straßenhöflichkeit auf der unrechten Seite war, um dieſes Recht in Anſpruch zu nehmen. Der ſtrenge Republikaner ſtutzte, richtete ſich zu ſeiner vollen Höhe auf, worin er dem Frem⸗ den weit überlegen war, und ftellte ſich finſter und trotzig dem Andern gerade in den Weg. Clarenee ſtand jetz den Beiden faſt gegenüber und ſah Alles, was vorging. Mit etwas rauher und ſehr verächtlicher Bewegung verſuchte der Fremde Wolfe auf die Seite zu ſchiehen und an ihm vprüberzugehen. Doch er kannte die trotzige Natur nicht, mit welcher er es zu thun hatte; im nächſten Angenblick vrängte ihn ver Republikaner mit ſtarker Hand vom Pflaſter in die Goſſe und ſetzt⸗ kalt und ſchweigend ſeinen Wes fort. Der Fremde gerieth in heftige Wuth⸗ „Unver hochmüthig Scut.“ zwei Schrit denen Gegt „Was leiſer rauhe Clarene hen,“ dach des Repub „Nichte kämpfend, Ranges ſch von Leuten „Ihres ſten Verack was find wollen? feſter? Jh phyfiſche geiſtigen F jetzt Ihrer zu beweiſ Ihren Bli Elyſiums ſamkeit? um zu cor Oder find der Natur rechte Grö eine Neu⸗ olfe, der vorüber⸗ gen, war dem Re⸗ und auf h er nach chkeit auf Anſpruch , richtete em Frem⸗ nd trotzig tand jetzt vorging. zewegung ſchieben nnte die un hatte; ublikaner und ſetzte Fremde dunkles, Schritte 365 „Unverſchämter Kerl!“ rief er in lautem und hochmüthigem Tone;„Eure Gemeinheit iſt Euer Schutz.“ Wolfe wendete ſich raſch um und war mit zwei Schritten wieder an der Seite ſeines überwun⸗ denen Gegners. „Was beliebten Sie zu bemerken?“ ſagt er mit leiſer rauher Stimme. Clarenee blieb ſtehen.„Es wird Unheil geſche⸗ hen,“ vachte er, als er ſich der zornigen Gemüthsart des Republikaners erinnerte. „Nichts weiter,“ ſagte der Andere, mit ſeiner Wuth kämpfend,„als daß es ſich nicht für Männet meines Ranges ſchickt, die Beleidigungen zu rächen, die uns von Leuten Eures Ranges widerfahren!“ „Ihres Ranges,“ ſagte Wolfe im Tone der höch⸗ ſten Verachtung,„Ihres Ranges, armer Wicht! Und was find Sie, daß Sie einen Vorzug vor mir haben wollen? Sind Ihre Glieder ſtärker? Ihre Muskeln feſter? Ihre Proportivnen richtiger? Over wenn Sie phyſiſche Vergleichungen zurückweiſen— ſind Ihre geiſtigen Fähigkeiten von höherer Art als deſſen, der jetzt Ihrer Anmaßung ſpottet und Sie auffordert, ſie zu heweiſen? Sind die Schätze des Wiſſens vor Ihren Blicken ausgebreitet? Sind Sie Herr des Elyſiums der Poeſie oder der Donnerkeile der Bered⸗ ſamkeit? Haben Sie Witz, um zu erleuchten, Urtheil, um zu combiniren, oder Energie, um zu handeln? Oder ſind Sie, was Sie in Wirklichkeit ſcheinen, von der Natur zu kärglich bedacht, indem ſie Ihnen die rechte Größe und die Muskelkraft des Mannes ver⸗ 366 weigerte— und ſind ein übermüthiger, ohnmächtiget, ihranniſcher und lächerlicher Wicht? Thor! Thor!“ — und hier erhob Wolfe ſeine Stimme und ſein fin⸗ ſteres Geſicht ging von dem Ausdruck des Spottes in den ber Wuth über—„gehen Sie heim und rächen Sie ſich an Ihren Sklaven wegen der Zurechtweiſung, die Sie ſich zugezogen haben! Gehen Sie, laſſen Gie Ihre Wuth aus und treten mit Füßen— je mehr Sie jetzt Ihre Untergebenen plagen, deſto ſchrecklicher wirh ſpäter ihre Wiedervergeltung ſein; reizen Sie ſie, bis es ihnen unerträglich wird, durch Ihren ſchwachen und frivolen Deſpotismus, den erniedrigten und ſcheußlichen Auswurf eines krankhaften und unnatür⸗ lichen Zuſtandes der Civiliſation! Gehen Sie! jede Beleidigung, jeder Druck, welchen Sie denen anfer⸗ legen, die Gott Ihrer Hand unterworfen hat, be⸗ ſchlennigt nur den Tag ihrer Befreiung, feilt nur Glied für Glied das Eiſen ihrer Knechtſchaft durch, ſchärft nur das Schwert der Gerechtigkeit, welches in ber erſten Wuth eines erwachten und aufgeregten Volks bie Waffe der Rache an ihren beſiegten Unterdrückern wird!“ Der Republikaner ſchwieg, und indem er den Fremden auf die Seite ſchob, ging er langſam weiter. Aber dieſe letzte Beleidigung verſetzte den Fremden in die äußerſte Wuth. Ehe Wolfe noch zwei Schritte gegangen war, murmelte er einen kurzen, aber ver⸗ zweifelten Fluch und verſetzte dem Reformator einen ſo heftigen Schlag, daß dieſer mehrere Schritte zu⸗ rücktaumelte und zu Boden gefallen wäre, hätie er ſich nicht an einem eiſernen Geländer erhalten. Clarenc nen Fremt Borobaile. machen, al wilbem und Gegner, ſch aber mach wie ein K mit bitterm verte ihn d Barvdaile' Allen geſch ſchen Eurer völligen E ſender Pla ſelbſt anerk ſten das gi Glied oder ſtillſtehen.“ Aber je Gegner an „Sehen leidigung„ verſchafft. Ihnen kein Strafe iſt oder—“ „Ober Adern in ſe des und rack mächtiger, 1 Thor!“ d ſein fin⸗ Spottes in ind rächen htweiſung, laſſen Sie mehr Sie licher wird n Sie ſle, ſchwachen gten und unnatür⸗ Sie! jede ten aufer⸗ hat, be⸗ feilt nur aft durch, ches in bet Volks bie rn wird!“ n er den um weiter. remden in i Schritte aber ver⸗ 367 Clarence kam näher; das Geſicht des unbeſonne⸗ nen Fremden war zu ihm gewendet, es war Lord Borodaile. Kaum hatte er Zeit, dieſe Eutdeckung zu machen, als ſich auch Wolfe ſchon erholt hatte. Mit wilbem und wüthendem Schrei ſtürzte er ſich auf ſeinen Gegner, ſchlang ſeine kräftigen Arme um die ringende, aber machtloſe Geſtalt des Edelmannes, erhob ihn wie ein Kind in die Luft, hielt ihn einen Augenblick mit bitterm und verächtlichem Lachen empor, ſchlen⸗ verte ihn dann auf den Boden, ſetzte ſeinen Fuß auf Barvdatle's Bruſt und ſagte:„So ſoll es mit Euch Allen geſchehen: es ſoll nur ein Angenblick ſein zwi⸗ ſchen Eurem letzten Vergehen und Eurer erſten, aber völligen Erniedrigung. Liegt dort! es iſt Euer paſ⸗ ſender Platz, nach dem einzigen Geſetze, welches Ihr ſelbſt anerkennt, nach dem Geſetze, welches dem Stärk⸗ ſten das göttliche Recht gibt! Wenn Ihr nur ein Glied oder eine Muskel regt, ſoll Euer Athemzug ſtillſtehen.“ Aber jetzt trat Clarence als neuer und mächtigerer Gegner an Wolfe's Seite. „Sehen Sie,“ ſagte er,„es iſt Ihnen eine Be⸗ leidigung widerfahren und Sie haben ſich ſelbſt Recht verſchafft. Ich mißbillige die Beleidigung, und mache Ihnen keine Vorwürfe wegen der Strafe; aber die Strafe iſt jetzt vvrüber: nehmen Sie Ihren Fuß weg, oder—“ „Oder was?“ rief Wolfe wüthend, indem alle Adern in ſeinem Geſichte anſchwollen und ſein glühen⸗ des und rachſüchtiges Auge unter ſeinen ſchwarzen über⸗ 368 hängenden Braunen die Blitze lange unterbrückter un m und ſ jetzt losgelaſſener Leidenſchaften hervorſchoß. itte „Oder,“ antwortete Clarenee,„ich will Sie ver⸗ Glarence L hindern, einen Mord zu begehen.“ halb bewuf In dem Augenblick hörte man des Nachtwächterz teriſtiſchen Stimme und man ſah den wachthabenden Officier des Nacht ſelbſt von dem Ende der Straße her zu dem Kampf⸗ verunreinie platze eilen. Ich weiß nicht, ob dieſer Umſtand oder drohenden Lindens Antwort die Gedankenrichtung des Repuhli⸗ plötlich zu kaners änderte, oder ob ſein Zorn, der ſo plötzlich Feinde rir erregt worden war, ſich ebenſo plötzlich gelegt hatte;„Wie doch er zog langſam und bedächtig ſeinen Fuß von hoffe, Sie ſeinem überwundenen Feinde zurück, beugte ſich nie⸗„Wohl der und ſchien ſich überzeugen zu wollen, wie groß Linden, n das Unheil ſei, welches er angerichtet. Lord Boro⸗ herzlich fi vaile lag völlig bewußtlos da. Schurke „Sie haben ihn getödtet!“ rief Clarence mit Ent⸗„Fort, ſetzen;„aber Sie ſollen nicht entfliehen!“ Und er„Fort faßte den Republikaner mit feſter und entſchloſſener ein lebend Hand an. men mußt „Zurück,“ ſagte Wolfe,„mein Blut iſt aufg⸗„Wele regt. Ich möchte dieſe Nacht nicht noch mehr u⸗ wächter,! heil anrichten, als ich ſchon gethan. Zurück! der ihm ſoglei Mann hewegt ſich, ſeine Stunde iſt noch nicht ge⸗ dafür, daf kommen.“„Nein Da Lord Borodaile einen tiefen Seufzer ausſtieß„ich laſſe und aufzuſtehen verſuchte, ließ Clarenee den Repn⸗ ausfechten blikaner los und beugte ſich nieder, um dem gefal⸗ ſoll es ar lenen Edelmanne beizuſtehen. Wolfe murmelte i⸗ Linden, e zwiſchen einige Worte bei ſich ſelbſt, wendete ſich wieder he Bulwer 6 Republi⸗ ſo plötzlich wie groß ord Borv⸗ e mit Ent⸗ « und et tſchloſſener iſt aufge⸗ mehr Un⸗ rück! der nicht ge⸗ r ausſtieß en Repu⸗ em gefol⸗ melte in⸗ ndete ſich 369 um und ſchritt ſtolz von dannen. Jetzt kam der Nachtwächter heran, und mit deſſen Hülſe richtete Clarenece Lord Borodaile auf. Verletzt, betäuht und halb bewußtlos, verlor dieſer nichts von ſeinem charak⸗ teriſtiſchen Hochmuth; er machte ſich von dem Arme des Nachtwächters frei, als ob die Berührung ihn verunreinige, und ſein Geſicht, welches noch immer einen drohenden und trotzigen Ausdruck zeigte, wendete ſich plötzlich zu Clarence, als wollte er noch mit einem Feinde ringen. „Wie iſt Ihnen, Mylord?“ ſagte Linden;„ich hoffe, Sie ſind nicht ſchwer verwundet?“ „Wohl, ganz wohl,“ rief Borodaile.„Herr Linden, wenn ich nicht irre?— Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Beiſtand; aber der Kerl— der Schurke— wo iſt er?“ „Fort,“ ſagte Clarence. „Fort! wohin— wohin?“ rief Borodaile;„daß ein lebendiger Menſch mich beleidigen und entkom⸗ men mußte!“ „Welchen Weg nahm der Kerl?“ fragte der Nacht⸗ wächter, der eine halbe Krone erwartete.„Ich will ihm ſogleich nachlaufen, Euer Gnaden— ich ſlehe vafür, daß ich ihn einhole.“ „Nein— nein—“ ſagte Borodaile hochmüthig; „ich laſſe meine Streitigkeiten durch keinen Andern ausfechten; wenn ich ihn nicht beſtegen konnte, ſo ſoll es auch ſonſt Niemand für mich thun. Herr Linden, entſchuldigen Sie, aher ich bin vollkommen wieder hergeſtellt und kann ſehr gut ohne Ihren höf⸗ Bulwer, der Verſtoßene. I. 2 370 lichen Beiſtand gehen. Herr Nachtwächter, ich bin Euch verbunden. Hier iſt eine Guinee als Beloh⸗ Wung für Eure Mühe.“ Mit dieſen Worten, bie als Lebewohl gelten ſollten, überwand der ſtolze Patrizier ſeinen Schmerz, ver⸗ beugte ſich mit äußerſter Höflichkeit gegen Clarenee — vankte ihm npchmals und ging allein und vhne Unterſtützung weiter. „Das iſt Vollblut,“ ſagte der Nachtwächter, bie Guinee einſteckend. „Er iſt ſeines Namens würdig,“ dachte Clarenee, „obgleich er Unrecht hatte, ſehnt ſich mein Herz nach ihm.“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Ein jedes Ding trägt eine Maske, die mir nicht gefälli. Der Gerber von Tyburn. Von dieſem Abend an ſchien Clarence eine plötz⸗ liche Neigung für Lord Borvvaile zu empfinden. Er benutzte jede Gelegenheit, ſeine Freundſchaft zu eul⸗ tiviren und behandelte ihn beſtändig mit einer Rüc⸗ ſicht, die, wie ſeine Weltkenntniß ihm ſagte, wohl geeignet war, die Neigung ſeines ſtolzen und gu⸗ maßenden Bekannten zu gewinnen; voch dies Allez war nicht im Stande, Borodaile's Kälte und Zurück⸗ haltung zu überwinden. Einmal in einer erniebri⸗ genden Lage geſehen worben zu ſein, iſt völlig hin⸗ rrichend, einen ftolzen Mann zu beſtimmen, den Zuſchauer vorurtheilsv Gegenſtande Borobaile, zurückhalten einſchmeichel abgeneigter fortzuſetzen, Garde, der ſei? Und er es nicht eines Wein zgs:„Nie „Wie u ein Menſch vrängen ſue Eine no Clarenee w ſeiner Bekat rodaile ihr Er war im und hatte keit gedacht ſtellen. O einem ſo Menſch nur ſich einzuge ſei— eine größerer Ar und mit d kerz, ver⸗ Clarenee und vhne chter, die Clarenee, ein Herz ine Maske, yburn. ine plöt⸗ den. Er tzu eul⸗ ter Rück⸗ te, wohl und an⸗ es Alles Zurück⸗ erniebri⸗ lig hin⸗ en, den 371 Zuſchauer zu haſſen und mit der Verwirrung aller vorurtheilsvollen Geiſter die wunde Erinnerung bes Gegenſtandes auf den Zeugen zu übertragen. Lord Borodaile, obgleich ſtets abgemeſſen höflich, war ſehr zurückhaltend, und vermied ſo gut er konnte, Lindens einſchmeichelnde Annäherung und Anrede. Um ihn noch abgeneigter zu machen, ſeine Bekanntſchaft mit Linden fortzuſetzen, fragte ihn einſt ein Kapitän von der Garde, der ſein Freund war, wer dieſer Herr Linden ſei? Und als Seine Herrlichkeit antwortete, daß er es nicht wiſſe, erwiderte Perey Bobus, der Sohn eines Weinhändlers, obgleich der Neffe eines Her⸗ zogs:„Niemand weiß es.“ „Wie unverſchämt!“ dachte Lord Borodaile,„daß ein Menſch, den Niemand kennt, ſich mir aufzu⸗ vrängen ſucht.“ Eine noch größere Urſache des Widerwillens gegen Clarenee war die Eiferſucht. Seit dem erſten Abend ſeiner Bekanntſchaft mit Lady Flora, hatte Lord Bo⸗ rodaile ihr unaufhörliche Aufmerkſamkeit gewidmet. Er war im Ernſt von ihrer Schönheit ſehr betroffen und hatte ſeit dem letzten Jahre an die Nothwendig⸗ keit gedacht, der Welt eine Lady Borodaile vorzu⸗ ſtellen. Obgleich Seine Herrlichkeit ſich ſelbſt in einem ſo günſtigen Lichte betrachtete, wie es ein Menſch nur thun kann, ſo konnte er doch nicht umhin, ſich einzugeſtehen, daß Clarence in der That ſehr ſchön ſei— eine verteuſelt vornehme Miene habe— mit größerer Anmuth rede als die meiſten jungen Männer und mit der größten Vollkommenheit tanze.„Ich 372 verabſcheue den Menſchen!“ ſagte Lord Borvvaile unwillkürlich laut, als dieſe unangenehmen Waht⸗ heiten ſich ſeinem Geiſte aufdrängten. „Wen verabſchenen Sie?“ fragte Percy Bobus, der in Lord Borovaile's Geſellſchaftszimmer auf dem Sopha ruhte und ein Paar Schuhe mit rothen Ah⸗ ſätzen bewunderte, die ſeine Füße ſchmückten. „Jene Puppe, den Linden!“ ſagte Lord Borodaile, indem er ſeine Cravatte anlegte. „Er iſt in der That eine verdammte Puppe!“ eni⸗ gegnete Perch Bobus, indem er ſich umwendete, um die Geſtalt ſeines rechten Schuhes genauer zu betrach⸗ ten.„Ich kann ſein eingebildetes Weſen nicht leiden.“ „Ich auch nicht— ich verabſcheue es— es iſt ſo verdammt widerwärtig!“ entgegnete Lord Borodaile, indem er ſein Kinn auf ſeine beiden Hände ſlützte und voll in den Spiegel ſah.„Gebrauchen Sie Mar Neil's köſtliche Pomade?“ „Nein, ſie iſt zu hart. Ich erhalte die meine von Paris; ſoll ich Ihnen davon ſchicken?“ „Thun Sie es, ſagte Lord Borodaile.“ „Herr Linden, Mylord,“ ſagte der Bediente hie Thür öffnend, und Clarenee trat ein. „Ich bin ſehr glücklich, Sie zu Hauſe zu finden, Lord Borodaile,“ ſagte er mit jenem Lächeln, den nur Wenige widerſtanden;„doch da es regnete, glaubte ich mit einiger Wahrſcheinlichkeit dieſes Vergnügen erwarten zu können; ich hüllte mich daher in meinen Mantel, und da bin ich!“ Nichts konnte diplomatiſcher ſein, als vas Com⸗ pliment, e wählen unt zuſetzen, u den Beſuch vaile, dacht ſich feierlic „Sie ſ Clarent er ſich ſetzt ſulariſcher „Mich C*,* ſagt „O ne Geſellſchaft „Wan Perey Bol mals ſieht. „Ich! ſchmähte, Geſellſchaf daher für ändern— Ihren Re Abſicht, a „Ich Linden, ri und plötzli „Ich d ich kann: liebe für Borodaile en Waht⸗ ppe!“ ent⸗ ndete, um zu betrach⸗ cht leiden.“ es iſt ſo Borodaile, nde ſtützte n Sie Mar die meine 7 4 ediente bi⸗ zu finben, eln, en e, glaubte Bergnügen in meinen das Com⸗ 373 pliment, einen regnichten Tag zu einem Beſuche zu wählen und ſich dem erbarmungsloſen Schauer aus⸗ zuſetzen, um die größere Wahrſcheinlichkeit zu haben, den Beſuchenden zu Hauſe zu treffen. Lord Boro⸗ vaile, dachte nicht ſo; er richtete ſich auf, verbengte ſich feierlich und ſagte mit kaltem Ernſte: „Sie ſind ſehr verbindlich, Herr Linden!“ Clarence erröthete und biß ſich in die Lippe, als er ſich ſetzte. Perey Bobus nahm mit wahrhaft in⸗ ſulariſcher Erziehung ein Zeitungsblatt in die Hand. „Mich vünkt, ich ſah Sie geſtern Abend bei Lady C*,“ ſagte Clarence,„blieben Sie lange dort?“ „O nein,“ antwortete Borodaile;„ich haſſe ihre Geſellſchaften.“ „Man trifft ſo viele ſeltſame Leute bort,“ ſagte Perey Bobus;„Geſchöpfe, die man anderswo nie⸗ mals ſieht.“ „Ich höre,“ ſagte Clarenee, der nie Jemand ſchmähte, ſelbſt nicht den Geber einer langweiligen Geſellſchaft, wenn er es verhindern konnie, und es daher für das Beſte hielt, die Unterhaltung zu ver⸗ ändern—„ich höre, Lord Borodaile, daß einige von Ihren Rennern zu verkaufen ſind. Ich habe die Abſicht, auf Thunderbolt zu bieten.“ „Ich kann Ihnen ein Pferd verkaufen, Herr Linden, rief Percy Bobns, vom Sopha aufſpringend und plötzlich höflich werdend,„ein ſuperbes Geſchöpf.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Clarence lachend;„aber ich kann nur eins kaufen und habe eine große Vor⸗ liebe für Thunderbolt.“ 374 Lorb Vorodaile, deſſen Sitten ſehr veraltet waret, verbeugte ſich. Bobus ſank auf das Sopha zurit und nahm das Zeitungsblatt wieder auf. Es trat ein⸗ Pauſe ein. Clarence fühlte ſich wider ſeinen Willen erkältet. Lord Borvdaile ſpielte mit einer Papit· ſcheere. „Waren Sie kürzlich bei Lady Weſtborongh?“ ſagte Clarenee, das Schweigen brechend. „Ich war geſtern Abend vort,“ verſetzte Lor Borodaile. „Ei!“ rief Clarenee.„Es wunbert mich, daß ich Sie nicht dort ſah, denn ich ſpeiste mit ihnen zu Mittag.“ Lord Borodaile's Haar kräuſelte ſich von ſelbe „Er ſpeiste dort zu Mittag, und ich wurde erſt an Abend eingeladen,“ vachte er; doch ſein ſarkaſtiſche Temperament gab eine ſehr verſchiedene Antwort. „Ei ja,“ ſagte er, ſeine Augenbraunen erheben, „Lady Weßtborvugh ſagte mir, ſie habe einige Leu zum Mittageſſen gehabt, die ſie einzuladen gens⸗ thigt geweſen.— Bobus, iſt das der„Anzeiger?“ Sehen Sie zu, ob jener verdammte Kerl der Juni noch mehr von ſeinen dummen Briefen ſchreibt?“ Clarenee nahm nicht leicht etwas übel, doch jett fühlte er ſeine Galle aufſteigen.„Es wird nicht ge⸗ rathen ſein, es zu zeigen,“ dachte er und machte eine ſcherzhafte Bemerkung, und nach einer ſehr unzu⸗ ſammenhängenden Unterhaltung von einigen Minuten, ſtand er dem Anſcheine nach in der beſten Laune auf und entfernte ſich mit der feierlichen Abſicht, des Haus nie Lady Weſt Die V wurde wie borongh 1 in der We beſſer zu Mann ihr Lady Flor entfernen. zu ihm um Blut gefr über ihre Ausdruck dig, war zweiflung. Lady 2 chelnd und renceetwe aller Anm und der e veränderte zu beruhi Beſuch w weilte er der Hoffu noch wart „Wenn„ nen Befe er wird altet wartt, opha zurit Es trat eine inen Willen ter Papier⸗ tborongh?“ tſette Lo mit ihnen von ſelber. rde erſt an ſarkaſtiſche Antwort. n erheben, einige Leute den gens⸗ Anzeiger?“ der Junits chreibt?“ doch jett d nicht ge⸗ machte eine ſehr unzu⸗ MWinuten, Laune auf bſicht, das Haus nie wieder zu betreten. Von bort ging er zu Lady Weſtborvugh. Die Marquiſe war in ihrem Boudvir. Clarence wurde wie gewöhnlich eingelaſſen, denn Lavy Weſit⸗ borongh liebte die Unterhaltung vor allen Dingen in der Welt, und Clarence beſaß die Kunſt, dieſelbe beſſer zu gewähren als irgenv ein anderer junger Mann ihrer Bekanntſchaft. Als er eintrat, ſah er Lady Flora ſich haſtig durch die entgegengeſetzte Thür entſernen. Sie wendete ihr Geſicht einen Augenblick zu ihm um— vieſer Augenblick war hinreichend, ſein Blut gefrieren zu machen: große Thränen rollten über ihre todtenbleichen Wangen herunter, und der Ausdruck ihrer Züge, gewöhnlich ſo lachend und fren⸗ dig, war der der änßerſten, grenzenloſeſten Ver⸗ zweiflung. Lady Weßborvugh war ſo lebhaft, ſo einſchmei⸗ chelnd und einnehmend wie immer; doch glaubte Cla⸗ renceſetwas Gezwungenes und Verlegenes, ungeachtet aller Anmuth ihres äußeren Benehmens, zu bemerken, und der einzige Blick von Lady Flora's bleichem und verändertem Geſichte war nicht berechnet, ſeinen Geiſt zu beruhigen oder ſeinen Muth zu beleben. Sein Beſuch war kurz; als er das Bondvir verließ, ver⸗ weilte er noch einige Augenblicke im Vorzimmer, in der Hoffnung, Lady Flora zu ſehen. Während er noch wartete, hörte er Lady Weſtborvughs Stimme: „Wenn Herr Linden wieberkommt, ſo haſt Du mei⸗ nen Befehl, ihn nie in vieſes Zimmer einzulaſſen; er wird in das Geſellſchaftszimmer gewieſen.“ 376 Mit haſtigem Schritte und glühender Wange ver⸗ ließ Clarenee das Haus und eilte zuerſt zu ſeinen einſamen Zimmern und von vort(wie alle in dem Fieber der Aufregung und der Einſamkeit würden gethan haben) in die friebliche Wohnung ſeines Wohl⸗ thäters. Achtunddreißigſtes Kapitel. Mädchengedanken hemmen meine Hand. Drayton. Es liegt etwas ſehr Ergötzliches darin, ſich von der Unruhe und Aufregung, dem Fleber, dem Ehr⸗ geiz, der rauhen und weltlichen Wirklichkeit des männ⸗ lichen Charakters zu den ſanften und tiefen Winkeln des geheimnißvolleren weiblichen Herzens zu wender. In ihrem Sinnen liegt ein Reich feenhafter Gedanken, zu dem die Dinge dieſes ſtürmiſchen und unruhigen Lebens keinen Eintritt haben. Was find für ſie bie Veränderungen des Staats, die Rivalitäten und Strei⸗ tigkeiten, die faſt unſer ganzes Daſein ausmachen? Für ſie gibt es eine innige und zärtliche Philoſophie, vor deren Angen die Subſtanzen dahinflattern und verſchwinden wie Schatten, und Schatten ſich glühend in Wahrheit verwandeln. Die Schopfungen ihrer Seele find nicht glelch den ſich bewegenden ſterblichen Bildern am hellen Tage zu ſehen: es find Dinge, gleich Geiſtern in das trübe Mondlicht getaucht, ſie werden gehört, wenn alles Andere ſtill iſt, und ſind geſchäftig, wenn die Arheiter der Erde ruhen! Sie find Ihr gehört ſens“ an, d die ihre Vi vor der Er zieht und findet, was Himmel, a Geheimniß Erſter Dr „Du ſa pünktlich an ehe ich nac Nachläſſigke zu, von we Eleonyre, l für mich au⸗ — ja, The liebten, un bälle im ₰ wir beſuche einſt einen ſchnitt, wel bedeuteten- und tanzten hin ich jetzt zange ver⸗ zu ſeinen le in dem it würdn nes Wohl⸗ l. teine Hand. yton. ſich von dem Ehr⸗ des männ⸗ Winkeln ür ſie die nd Strei⸗ smachen? loſophie, und ſind 377 Ein ſolcher Stoff, Wovon die Träume ſind gebildet, und Ein einz'ger Schlaf umfaßt ihr kleines Leben. Ihr gehört die„echte und concentrirte Pveſie des We⸗ ſens“ an, die ſie durchbringt und umgibt wie die Luft, die ihre Viſionen belebt und ihre Liebe beſeelt, die vor der Erde zurückbebt, ſich in ſich ſelber zurück⸗ zieht und Wunder und Stoff zum Nachdenken in Allem findet, was ſie drinnen ſieht, und ſelbſt über den Himmel, an den ſie mit ſolcher Inbrunſt glaubt, das Geheimniß und die Zärtlichkeit der Romantik verbreitet. Erſter Prief von Lady Flora Ardenne un Miß Eleonore Trevanion. „Du ſagſt, ich habe in ver letzten Zeit nicht ſo pünktlich an Dich geſchrieben, wie ich zu thun pflegte, ehe ich nach London kam, und Dau ſchreibſt meine Nachläſſigkeit den Luſtbarkeiten und Vergnügungen zu, von welchen ich umgeben bin. Fh bien! liebe Eleonvre, hätteſt Du Dir eine beſſere Entſchuldigung für mich ausſinnen können? Du weißt, wie ſehr wir — ja, Theuerſte, Du ſo gut wie ich— das Tanzen liebten, und mit welcher Sehnſucht wir die Kinder⸗ bälle im Hauſe meines Oheims, die einzigen, die wir beſuchen durften, zu erwarten pflegten. Ich fand einſt einen kleinen Stock, in den ich ſieben Kerben ſchnitt, welche die ſieben Tage bis zum nächſten Ball bedeuteten— wir rechneten bamals die Zeit nach Bällen und tanzten chronologiſch. Nun, liehe Eleonore, hier bin ich jetzt, mit allen nöthigen Eigenſchaften ziemlich 378 gut ausgeſtattet, nur nicht würbevoll genug u5 Mama's Anſicht— und liede vas Lachen, Schwazen und Tanzen wie immer, und doch mußt Du wiſſer, daß ein Ball, obgleich noch immer ſehr ergötlih, für mich durchaus nicht vas wichtigſte Ereigniß in her Schöpfung iſt; die Erwartung hält mich bei Nacht nicht wach, und was noch mehr iſt, die Frinnerun macht nicht, daß ich mein Dintenfaß verſchließe, mein Portefeuille verbrenne und Dich vergeſſe, obgleich D glaubſt, daß ein Ball im Stande iſt, dies Alles zu bewirken. „Nein, theuerſte Elevnore, Du irrſt; denn wär ſie auch zweimal ſo ſchwindlig und zehnmal ſo ſlat⸗ terhaft, wie ſie iſt, ſo könnte doch Deine Flora Dih nimmer, nimmer vergeſſen, noch die glücklichen Siu⸗ den, die wir zuſammen zugebracht haben, noch hübſchen Golbfinken, die wir gemeinſchaftlich heſußen noch die kleinen ſchottiſchen Duette, die wir miten⸗ ander zu fingen pflegten, noch unſer Verlangen, ſe in italieniſche zu verwanbeln, noch unſere Täuſchung, wenn es uns mißlang, noch unſer Lachen über Signor Schriekalini, noch unſere Thränen, als unſer armer, lieber Bijon ſtarb. Und erinnerſt Du Dich, Thenerſe, des hübſchen grünen Platzes, wo wir zu ſpielen un die Streiche für unſere Gouvernante auszuſinnen pfleg⸗ ten? Obgleich ſie ſehr mürriſch und widerwärtig war, ſo glaube ich voch, daß wir auch etwas zu tadeln waren. Doch ich war bei weitem die Schlimmfte. Und erinnerſt Du Dich nicht, Eleonore, wie ſehr uns gefiel, wenn man uns hübſch nannte und unz von ben G den? Gefi bin deſſen der Schme „Ach! ſerſüchtig ich mich! mich küßte zu fürchten den, iſt je wundert! denn dort men wir: und obgle höre, ſo f dieſes Lob Ich wollt die ſchöner ſagt freili heißt— fi daß Claren erröthe ur er zugeger renee es fü ich nicht r auf jenem hinauf m Green zu „„Abe Theuerſte genug nh Schwaten Du wiſſen hr ergötlih, igniß in ber ch bei Nach Frinnerun hließe, mein obgleich ies Alles z denn wät mal ſo ſlat⸗ Flora Dih ichen Stut⸗ „ noch hie. ich heſaßen wir mitein⸗ rlangen, ſe Täuſchung, iber Signor nſer armer, Thenerfte, ſpielen un nnen yfleg· värtig war, z tadeln Schlimmſte. wie ſehr es e und uns 379 von ben Eroberungen vorſagte, vie wir machen wür⸗ den? Gefällt Dir vas alles jetzt? Ich meines Theils bin veſſen überdrüſſig, wenigſtens von der Mehrzahl der Schmeichler. „Ach! Elevnore, und erinnerſt Du Dich, wie ei⸗ ſerſüchtig ich auf Dich war zu No*s, und wie garſtig ich mich betrug und wie Du ein Engel warſt und mich küßteſt und mir ſagteſt, daß— daß ich nichts zu fürchten habe? Nun, Clar—, ich meine Herr Lin⸗ den, iſt jetzt in der Stadt und ſo beliebt und ſo be⸗ wundert! Ich wollte, wir wären wieder in N***, denn dort ſahen wir ihn jeden Tag, und jetzt kom⸗ men wir nicht mehr als dreimal die Woche zuſammen, und obgleich ich ihn vor allen Dingen gern rühmen höre, ſo fühle ich mich doch ſehr unbehaglich, wenn dieſes Lob von ſehr hübſchen Frauenzimmern kommt. Ich wollte, wir wären wieder in N*** Mama, die ſchöner ausſieht als je, iſt ſehr freundlich; ſie ſagt freilich nichts, aber ſie muß ſehen wie— das heißt— ſie muß wiſſen, daß— daß ich— ich meine, daß Clarenee ſehr anziehend für mich iſt, und daß ich erröthe und außerordentlich einfältig ausſehe, wenn er zugegen iſt, und daher vermuthe ich, wenn Cla⸗ renee es für gut finvet, um mich anzuhalten, ſo werde ich nicht nöthig haben, um ſechs Uhr aufzuſtehen und auf jenem verhaßten nördlichen Wege Highsate Hill hinauf und über Finchley Common nach Gretna Green zu reiſen. „„Aber wann wird er um Dich anhalten?““ Theuerſte Elevnvre, vas iſt mehr als ich ſagen kann. 350 Um Dir die Wahrheit zu ſagen, Linden hat etwas au ſich, was ich durchaus nicht begreife. Man ſagt, er iſt der Neffe und Erbe des Herrn Talbot, von dem Du Papa wohl als von dem chevalier le plus 4 la mode ſeiner Zeit haſt reben hören; aber wem das iſt, wozu die Winke und Andeutungen, daß er nicht iſt, was er ſcheint, die Clarence beſtändig fallen läßt, und die nur mein Intereſſe erregen, ohne meine Neugierde zu befriegen?„„Nicht als ein unbekannter Abenteurer,““ hat er mir mehr als einmal geſagt, „„will ich Ihre Liebe fordern;““ und wenn ich wage, was ſehr ſelten geſchieht(denn, um die Wahrheit zu ſagen, habe ich einige Furcht vor ihm), ihn um ſein Meinung zu befragen, ſo verfinkt er entweder in gänzliches Schweigen, weßhalb ich, wenn ich nach den Buche zu lieben gelernt hätte und nicht ſo natürlich, ſehr ärgerlich auf ihn ſein würde, vder er gibt ſeinen Worten eine andere Bedeutung, nämlich, daß er nicht eher um meine Hand anhalten wolle, als bis er eiwes höher und vornehmer geworden ſei, als jetzt. Ac, meine liebe Eleonore, es währt eine lange Zeit, ehe aus einem Attaché ein Geſandter wird. „Sieh jetzt, vb Du mir mit Recht wegen melner ſpärlichen Correſpondenz Vorwürfe machteſt. Wenn ich noch eine Zeile mehr ſchreibe, ſo muß ich ein neues Blatt anfangen, und das würde vas Porto un das Doppelte erhöhen, was Deiner lieben, guten, großmüthigen, aber ein wenig zu verſtändigen Tante das Herz brechen und mir unwiderruflich ihre Achtung rauben würde. Gvit ſegne Dich, theuerſte Eleonore, Richtigkeit mich bemitl daile, der Sohn des 1 Auslande b geweſen; ſe land, und Grafſchaft ver ernſtha mich über nehmheit( ſtens ein ſt ich heute, „„Es erwiderte V von meiner Eleonore, Freundlichk at etwas a an ſagt, et t, von den le plus 1 aber wenn en, daß et ändig falle ohne meine unbekannter nal geſagt, n ich wage Lahrheit z n um ſein ntweder in nach ben natürlich, gibt ſeinen aß er nicht js er eiwaz etzt. Ach, Zeit, ehe en meiner ſt. Wenn ß ich ein 1 n, guten, gen Tante eAchtung Fleonore, 384 und glaube mir, daß Dir auf das Zärtlichſte zuge⸗ than iſt Deine Flora Ardenne.“ Zweiter Brief von Perſelben an Dieſelbe. „Sage mir voch, thenerſte Eleonore, findet Deine gute Tante— nun, ſieh nicht finſter aus, ich will nicht reſpektwidrig von ihr reden— je Gefallen an jungen Herren, die Du verabſcheuſt, und behauptet die Trüglichkeit Deiner Anſicht und die niemals irrende Richtigkeit der ihrigen? Wenn das iſt, ſo kannſt Du mich bemitleiden und meinen Kummer begreifen. Mama hat ein förmliches Verhältniß mit einer ſolchen un⸗ angenehmen Perſon angeknüpft. Es iſt Lord Boro⸗ daile, der älteſte, und, wie ich glaube, der einzige Eohn des Lord ulswater. Vielleicht iſt er Dir im Auslande begegnet, denn er iſt ein großer Reiſender geweſen; ſeine Familie gehört zu den älteſten in Eng⸗ land, und ſeines Vaters Beſitzung nimmt eine halbe Grafſchaft ein. Dies Alles erzählt mir Mama mit der ernſthafteſten Miene von der Welt, ſobald ich mich über ſeine Unverſchämtheit und ſeine Unange⸗ nehmheit(gibt es ein ſolches Wort? es ſollte wenig⸗ ſtens ein ſolches geben) ausſpreche.„„Nun,““ ſagte ich heute,„„was geht das mich an?““ „„Es mag Dich vielleicht ſehr viel angehen,““ erwiderte Mama bedeutungsvoll, und das Blut rauſchte von meinem Geſichte zu meinem Herzen. Sie konnte, Eleonore, ſie konnte doch nicht meinen, nach all ihrer Freundlichkeit gegen Clarener und ungeachtet aller 382 ihrer Einſicht in mein Herz— o nein, nein— baz konnte ſie nicht. Wie ſchrecklich argwöhniſch dieſe Lieb⸗ macht! „Aber wenn mir Lorb Borodaile mißfiel, ſo habe ich ihn in der letzten Zeit gehaßt; denn er iſt auf die eine oder die andere Weiſe immer im Wege. Wenn ich Clarenee durch die Menge eilen ſehe, um mich zum Tanze aufzufordern, in vemſelben Augenblick kommt Lord Borodaile mit ſeinem kalten, unveränderlichen Geſichte und ſeiner übermüthigen, altmodiſchen Ver⸗ beugung und ſeiner widerwärtig dunklen Geſichtsfarb angeſchritten— und Mama lächelt— und er hofft, mich nicht engagirt zu finden— und ich werde davon geführt— und der arme Clarenee fieht ſo gekränkt und ſo unglücklich aus! Du kannſt Dir nicht denken, wie übel gelaunt mich das macht. Ich konnte geſtern nicht umhin, Lord Borodaile zu fragen, ob er denn niemals wieder ins Ausland reiſe, und die verhaßie Kreatur ſpielte mit der Cravatie und antwortete; „„Niemals!““ Ich hoffte, daß mein mürriſches Weſen Seine Herrlichkeit forttreiben würde, tout au con- traire.—„„Nichts iſt ſo plebejiſch als gute Laune!““ ſagte er neulich, als ich wieder recht maulte.„„Das patriziſche Blut iſt beſtändig in Gährung!““ 3ch wünſchte nur, Elevnore, daß er Deine Gouvernante ſehen möchte; ſie iſt die Majeſtät ſelber in ſeinen Augen. „Ach, Theuerſte, wie belügen wir uns. In bieſem Augenblick, wo Du nach dem eitlen, plauderhaften, thörichten Tone meines Briefes denken möchteſt, daß heit ſpielten, tenken, und mein Herz wir auf dem gen Bänme Du ſiehſt, w erfuhr, daß gehen werde. m ſitzen und einen Schattet ich kann Dir doch iſt keine ſch nicht ohn auswendig ge ich Dir dies ſo, daß ich: „Stets w hende Freund Pritter „Elevnor meine Mutte ein— baz dieſe Liehe ſo habe er iſt auf ge. Wenn um mich lick kommt inderlichen ſchen Ver⸗ ſichtsfarbe er hofft, erde davon o gekränkt ht denken, te geſtern b er denn verhaßt⸗ erhaften, teſt, daß mein Herz ſo leicht und frei ſei, wie es war, als wir auf dem grünen Raſenplatze und unter den ſonni⸗ gen Bänmen in den fröhlichen Tagen unſerer Kind⸗ heit ſpielten, rollen Thränen meine Wangen hinunter— Du fiehſt, wo ſte auf das Papier gefallen find— und meine Schläfe klopfen, als wären meine Gedanken z voll und ſchwer, als daß mein Kopf ſie faſſen könnte. Es iſt ein Uhr vorbei! Ich bin allein und in meinem eigenen Zimmer. Mama iſt in eine Abend⸗ geſellſchaft nach H'⸗Houſe gegangen; aber ich wußte, daß ich Clarenee nicht dort treffen würde, und ſo ſigte ich, ich ſei krank und hlieb zu Hauſe. Ich habe pies in der letzten Zeit oſt gethan, wenn ich von ihm erfuhr, daß er nicht an denſelben Ort mit Mama gehen werde. In der That iſt es mir viel lieber, allein z ſitzen und über ſeine Worte und Blicke nachzu⸗ denken, und nach wieberholten Verſuchen habe ich einen Schattenriß von ihm gezeichnet, und o! Elevnore, ich kann Dir nicht ſagen, wie theuer es mir iſt, und doch iſt keine Linte, kein Zug in ſeinem Geſichte, den ich nicht ohne eine ſo unnütze Hülfe des Gevächtniſſes auswendig gelernt habe. Aber ich ſchäme mich, daß ich Dir dies Alles ſage, und meine Augen ſchmerzen ſo, daß ich nicht mehr ſchreiben kann.“ „Stets wie immer, theuerſte Elevnore, Deine lie⸗ hende Freundin.“ Pritter Prief von Derſelben an Vieſelbe. „Elevnore, ich bin verloren! Meine Mutter— meine Mutter iſt ſo grauſam geweſen; aber es kann 384 nicht ihre Abſicht ſein, oder ſie weiß ſehr wenig von meinem Herzen. Bei Einigen mögen die Bande der Liebe eben ſo leicht zerriſſen als geknüpft werden; bei Andern find ſie mit dem Leben verwachſen.“ „Clarenee ſpeiste geſtern mit uns zu Mittag un war ungewöhnlich belebt und angenehm. Er hatt⸗ ſpäter Geſchäfte bei Lord Aspeden und verließ uts bald. Am Abend ſahen wir wieder eine kleine Geſell⸗ ſchaft bei uns; unter dieſen war Lord Borovaile, und meine Mutter ſprach von Clarenee, von ſeiner Ver⸗ wandtſchaft mit Herrn Talbot und ſeinen Erwat⸗ tungen von ihm. Lord Borodaile lächelte höhniſch; „„Sie irren,““ ſagte er ſarkaſtiſch;„„Herr Linden mag es für paſſend halten, vorzugeben, daß er mi einer ſo alten Famille verwandt iſt, wie die der Ta⸗ bots, und da nur Gott weiß, wer oder was er iß, ſo kann er eben ſo wohl die Verwandtſchaft der eine Perſon in Anſpruch nehmen als die der andern; abe er iſt gewiß nicht der Neffe des Herrn Talbot von Sevwsdale⸗Park, denn dieſer Herr hatte keine Schwe⸗ ſtern und nur einen Bruder, der eine einzige Tochter hinterließ; dieſe Tochter hatte auch nur ein Kind, welches gewiß nichts mit Herrn Linden gemein hat. Ich kann für die Wahrheit dieſer Angabe einſtehen, denn die Talbots ſind mit mir ſelber verwandt, oder doch nahe befreundet, und ich danke dem Himmel, daß ich einen Stammbaum habe, der ſich ſelbſt über die Nebenbranchen erſtreckt und des Auswendigler⸗ nens werth iſt.“ Und Lord Borodaile— ich konnt mir noch nicht denken, als ich ihn ſchmähte, welche Abend mit „Dieſe Byudoir ko men gegen unſchickliche vielleicht Er Betruge, d deckte, kan einen bloße nur darauf Ende machſl betrachten k halten, die zu meiner B „Du kat dieſe Rede f meine Zungt nur Erleich Thränenſtro aus und wa diente die 2 Ich ſtand h flichen, als hörte, konn umzuſehen. Oual mein⸗ Bulwer. wenig vyn Bande der ft werden; cſen..“ Nittag un Er hatt⸗ verließ uns ine Geſell⸗ haile, und einer Ver⸗ en Erwat⸗ höhniſch; er Linden daß er mit ie der Tal⸗ was er iſ, t der einen dern; aber CLalbot von ein Kind, emein hat. einſtehen, andt, oder Himmel⸗ ſelbſt über wendigler⸗ ich konnte te, welche 385 große Urſache ich haben werde, ihn zu haſſen— wendete ſich dann zu mir und quälte mich den ganzen Ahend mit ſeinen läſtigen Aufmerkſamkeiten. „Dieſen Morgen ließ meine Mutter mich in ihr Boudvir kommen.„„Ich habe bemerkt,““ ſagte ſie mit der größten Gleichgültigkeit,„„daß Herr Linden in der letzten Zeit viel zu vertraut in ſeinem Beneh⸗ men gegen Dich geweſen iſt— Deine thörichte und unſchickliche Freundlichkeit gegen Jedermann hat ihm vielleicht Ermuthigung gegeben. Nach dem gröblichen Betruge, den uns Lord Borodaile geſtern Abend ent⸗ deckte, kann ich nicht umhin, den jungen Mann als einen bloßen Abenteuer zu betrachten und muß nicht nur darauf beſtehen, daß Du den Höflichkeiten ein Ende machſt, die wir von jetzt an nur als Anmaßung betrachten können; aber ich werde es für meine Pflicht halten, die Annäherungen ſehr zu beſchränken, die er zu meiner Bekanntſchaft zu machen für gut gefunden.““ „Du kannſt Dir venken, welch ein Donnerſchlag vieſe Rede für mich war. Ich konnte nicht antworten; meine Zunge klebte an meinem Gaumen und ich fand nur Erleichterung in einem plötzlichen und heftigen Thränenſtrom. Mama ſah außerordentlich ärgerlich aus und war eben im Begriff zu reden, als der Be⸗ diente die Thür öffnete und Herrn Linden anmelbeie. Ich ſtand haſtig auf und hatte nur eben Zeit zu ent⸗ flichen, als er eintrat; aber als ich jene liebe Stimme hörte, konnte ich nicht umhin, mich einen Augenblick umzuſehen. Er ſah mich und verſtummte, benn die Qual meiner Seele war ſichtbar auf meinem Bulwer, der Verſtoßene. I. —— 386 zu leſen. Als dieſer Augenblick vorüber war, riß ich und vie C mich mit heftiger Anſtrengung los. Erfolges, „Eleynvre, jetzt kann ich nicht mehr ſchreiben räumen.“ Gott ſegne Dich! und mich auch— denn ich bin Claren ſehr, ſehr unglücklich. F. A.“ einige Au Ich habe dir dieſe drei Briefe mitgetheilt, lieber er antwor Leſer, theils um den kindlichen, zärtlichen und gefühl⸗ ſtoßen wo vollen Charakter der Schreiberin ausführlicher zu ent⸗ eines frem wickeln, theils um die letzten Ereigniſſe unſerer Ge⸗ die Rechte ſchichte zu erzählen. Wir kehren jetzt zu dem unglück⸗ vielleicht lichen Liebenden zurück.— vielleich eigenen Ur Einen Na Neununddreißigſtes Kapitel. e— Wie reizend iſt ein liebevoller Greis. mich verſti Stephan Montague. hervorhebe „Faſſe Muth, mein lieber Cohn,“ ſagte Talb mich bei Fr freunvlich,„wir vürfen niemals verzweifeln. Wenn welche mein auch Lady Weſtborvugh Dir ihr Boudvir verboten mehr! Mit hat, ſo iſt doch ein Bondvir ſehr verſchieden von einet— mit den Tochter, und Du haſt kein Recht, anzunehmen, bß Ihnen, m ſich das Verbot auf Beide erſtreckt. Aber jetzt, d Vater, det wir von dieſem Gegenſtande reden, mußt Du ein Mißgeſchie ernſtes Wort von mir anhören. Haſt Du nicht bereits Stufen au alle Freuden des Ineognito gekoſtet und biſt der Mühen muthigen und Widerwärtigkeiten überbrüſſig? Laß Dich von Natur mit mir leiten; nimm Deinen eigentlichen Namen wieber, ben kann, an; obgleich vhne Titel und Vermögen, iſt es doch ſteigen, ot einer, den ſelbſt die Stolzeſten anerkennen möchten, klagt, abe . A.“ ilt, lieber nd gefühl⸗ el. oller Greis. tague. te Talbot n. Wenn verboten von einet men, deß jetzt, da t Du ein cht bereitz er Mühen Dich von en wieder, ſt es voch möchten, 387 und die Entdeckung wird das größte Hinderniß des Erfolges, den Du ſo glühend wünſcheſt, hinweg⸗ räumen.“ Clarence, der in großer Aufregung war, ſchwieg einige Angenblicke, als wollte er ſich erſt faſſen, ehe er antwortete.„Ich bin aus meinem Vaterhauſe ge⸗ ſtoßen worden— man hat mich zum Schlachtopfer eines fremden Verbrechens gemacht— man hat mir die Rechte und den Namen eines Sohnes verweigert, vielleicht— ich muß dies mit bitterem Gefühle ſagen — vielleicht mit Recht verweigert, ungeachtet meiner eigenen Unſchuld. Was wollen Sie, daß ich thun ſoll? Einen Namen wieder annehmen, der mir nie iſt zu⸗ geſtanden worden und der mir vielleicht nicht mit Recht gehört— mich in die unwilligen Arme werfen, die mich verſtießen— meine Tugenden mit Anmaßung hervorheben, die ich ſelber aufzugeben verſprochen, und mich bei Fremben durch dieſelben Anſprüche einſchleichen, welche meine nächſten Verwandten beſtreiten? Nimmer⸗ mehr! Mit dem einfachen Namen, den ich angenommen — mit dem Freunde, den ich ſelber gewonnen— mit Ihnen, mein großmüthiger Wohlthäter, mein wahrer Vater, der mich nie verließ, oder mich wegen meines Mißgeſchicks verſpottete— mit dieſen habe ich einige Stufen auf der Leiter erreicht; mit dieſen und dem muthigen Herzen und der willigen Hand, welche die Natur mir gegeben, und deren mich Niemand berau⸗ ben kann, will ich entweber bis zum Gipfel hinauf⸗ ſteigen, oder unbekannt, aber nicht verachtet, unbe⸗ klagt, aber nicht verſpottet, in den Stanb fallen.“ 386 „Nun, nun,“ ſagte Talbot, indem er eine Thräne trocknete, die er dem Gefühl nicht verweigern konnte, ſelbſt während er das Urtheil des jungen Abenteurers beſtritt—„dies iſt Alles ſehr ſchön und ſehr thöricht; doch es ſoll Dir nie an einem Freunde oder Vater fehlen, während ich lebe, oder wenn ich aufgehört habe zu leben; aber komm— ſetze Dich nieder, theile mein Mittageſſen, welches nicht ſehr gut, und mein Deſſert, welches gut iſt; hilf mir zwei oder drei Gäſte unterhalten, die am Abend zu mir kommen, um über Literatur zu reden, zu Abend zu ſpeiſen und zu ſchlafen, und morgen ſollſt Du nach Hauſe zurück⸗ kehren und Lady Flora im Geſellſchaftszimmer ſehen, wenn es nicht im Boudvir geſchehen kann.“ Clarence ließ ſich leicht überreden, die Einlabung anzunehmen. Talbot war keiner von den Männern, die genöthigt ſind, ſich anzuſtrengen, um unterhaltend zu ſein. Er hatte die angenehme und leichte Art, ſeine große und allgemeine und ſpeeielle Kenntniß mitzutheilen, die ein Mann ſtets beſitzen ſollte, der theils Humoriſt, theils Philoſoph iſt, ſich etwas dar⸗ auf zu Gute thut, ein Schöngeiſt zu ſein und wider ſeinen Willen ein Weltmann iſt. Clarence vergaß bald ſeine Kränkungen und gab ſich dem lebhaſften Fluſſe von Talbots Unterhaltung hin. Am Abend kamen drei oder vier Männer von literariſcher Auszeichnung(ſo viele, wie Talbots klei⸗ nes Tuseulum mit Betten verſehen konnte) und in einer Unterhaltung, die gleich frei war von dem Jargon der Pebanten, wie von den Thorheiten des ſogenannte für den L Luereti Gedichts ſe fern von d ſophie, die ſie verwirr her rennt, und Tage1 Streben ne beſtimmten man fie be Wenn! ſtücke der n uns zu die (wie weit Thräne konnte, nteurers thöricht; rVater ufgehört , theile ud mein der drei kommen, ſen und ezurück⸗ er ſehen, inlabung kännern, rhaltend hte Art, denntniß Ute, der vas dar⸗ nd wider ergaß ebhaften ner von os klei⸗ und in em iten des 389 ſogenannten guten Tons, verging der Abend ſelbſt für den Liebenden raſch und heiter. Vierzigſtes Kapitel. Wir ſind hier(auf dem Lande) unter den un⸗ geheuren und majeſtätiſchen Scenen der Natur; wir ſind dort(in der, Stadt) unter den kläglichen Wechſeln der Politik. Wir wandeln hier auf den hellen und offenen Wegen der göttlichen Güte— dort tappen wir in den dunkeln und verwirrten La⸗ byrinthen der menſchlichen Boeheit umher; unſere Sinne werden hier mit den reinen und echten Ge⸗ genſtänden ihres Geſchmacks geſättigt, die dort alle verfälſcht und größtentheils mit dem Gegentheil überſchwemmt ſind; hler, dünkt mich, erſcheint das Vergnügen wie ein ſchönes, beſtändiges und be⸗ ſcheidenes Weib, dort wie eine unverſchämte, leicht⸗ fertige und geſchminkte Buhlerin. Cowley. Lueretius hat in der abgedroſchenſten Stelle ſeines Gebichts ſehr ſchön geſagt, daß nichts ſüßer iſt, als, fern von den ſtillen und ſichern Tempeln der Philo⸗ ſophie, die große Menge dahinwallen zu ſehen, wie ſie verwirrt und irrend dahinwandert und hin und her rennt, um den Weg des Lebens zu ſuchen, und Tage und Nächte verſchwendet bei dem mühſamen Streben nach Reichthum und Ehre und bei der un⸗ beſtimmten Hoffnung, dieſelben zu genießen, wenn man fie beſitzt. Wenn wir hier in ber Stille der Nacht die Meiſter⸗ ſtücke der menſchlichen Erfindung bei Seite legen und uns zu dieſen eitlen und werthloſen Blättern wenden (wie weit entfernt von den unbeſtimmten Träumen 390 künftiger Vortrefflichkeit, welche der Euthuſtasmus der Knabenjahre erfaßte und entzündete)— hier unter den Bäumen, die ſich vor unſern Fenſtern in der Luft der feierlichen Nacht bewegen, welche friſch und wild von den Tiefen der Wälder her über das freie Gras und die ungepflügten und unbewohnten Ein⸗ öden, die unſer Haus umgeben, dahinweht— hier, ſo wie das trübe Feuer(gleich unſerm eingekerkerten und ruheloſen Geiſte) aufwärts ſtrebt von der Maſſe, die es dämpft, und unter dem Rauche, der es um⸗ wirhelt, und unſere einſame Lampe ihr Licht auf die bemalte Leinwand, überbleibſel oder Copien von nicht unedlen Händen, und auf die größeren Schätze wirſt, welche die Kenntniß in wenigen Bänden vereint hat — wenn wir hier unſere Erinnerungen an die Welt jenſeits zurückrufen, an Den großen Ocean, deß Ebb' und Flut Zugleich iſt taub und laut, und uns nieverſeten, um ſie in eine weltliche Er⸗ zählung zu verweben, da bemächtigt ſich unſer ein ſanftes, aber inniges Entzücken, Gleich plaudernden Gevatterinnen, die Den Kampf der Winde hören, ſeufzen, doch Nicht zittern. Aber dies iſt nicht unſer Gegenſtand. Zieht den Vorhang auf! Die Seene iſt eine Oper. Das Parquet iſt gedrängt voll; die Kenner in der vordern Reihe ſind in ſehr übler Laune. Man muß geſtehen, vaß außerordentliche Hitze eine üble Einwirkung auf õ die Laune eines Kritikers äußert. Die Oper wa vamals nich früher gewe ſmith in ein Oper in E an dem Ab lieblichen T ger vom Fef drängite ſich rühmten St können, me „Ein u Callythorpe „So vy Verbeugunt ſehen. Me Erfriſch Dein K „Verda Jetzt k ausſehen, L eine Gelege „Der( ſagte Lord ſpenſt aus, „Geſpe beträchtlich an Vollblüt nun, Lord Sie den Schlagfluß zmus der er unter in der riſch und vas freie ten Ein⸗ res um⸗ ereint hat die Welt iche&. unſer ein h Zieht den en Da er vordern geſtehen, rkung auf Oper war 391 damals nicht, was ſie jetzt iſt, noch auch, was ſie früher geweſen war. Es iſt unterhaltend, wenn Gold⸗ ſmith in einer von ſeinen Abhandlungen fragt, ob die Oper in England je populär werden könne? Aber an dem Abend, wo ich den Leſer in das Theater der lieblichen Töne geführt habe, trat ein berühmter Sän⸗ ger vom Feſtlande zuerſt in London auf, und alle Welt vrängte ſich in das verhaßte Opernhaus, um den be⸗ rühmten Sopraniello zu hören oder doch ſagen zu können, man habe ihn gehört. „Ein ungewöhnlich volles Haus, Mylord,“ ſagte Callythorpe zu Lord Aspeben. „So voll,“ verſetzte Seine Herrlichkeit mit einer Verbeugung,„daß es ganz erfriſchend iſt, Sie zu ſehen. Man liebt den Contraſt, wiſſen Sie: Erfriſchend iſt's, bei einem vollen Feſt Dein Haupt zu ſehn— das wenigſtens iſt leer.“ „Verdammt unverſchämt!“ murmelte Callythorpe. Jetzt kam Clarence zu ihnen.„Wie übel Sie ausſehen, Linden,“ ſagte Callythorpe, der ſich freute, eine Gelegenheit zu haben, ſeinen Arger auszulaſſen. „Der Geiſt iſt es, der den Körper abnutzt,“ ſagte Lord Aspeden;„barum ſehen Sie wie ein Ge⸗ ſpenſt aus, Callythorpe.“ „Geſpenſt, Mylord!“ rief der hagere Herr in beträchtlicher Wuth—„Geſpenſt! muß man denn an Vollblütigkeit leiden, um geſund auszuſehen? Und nun, Lord Aspeben, da ich gerade daran denke, haben Sie den Arzt befragt, der ein Mittel gegen den Schlagfluß weiß? Sie ſollten es doch wirklich thun; 392 Sie haben ganz das Anſehen, als wenn Sie zum Schlagfluß geneigt wären. Sie wiſſen, ich rede wie ein Freund, Mylord.“ „Verhaßter Menſch!“ ſagte Lord Aspeden leiſe zu Clarence;„iſt es nicht ſchrecklich? So viele Jahre habe ich mich mit der Diplomatie beſchäftigt und muß endlich unter ſolche Bären kommen— und noch dazu nach allen meinen Complimenten!“ Und Seine Herr⸗ lichkeit lächelte und ſchlenderte weiter. „Ein entſetzlicher Narr dieſer Lord Aspeden!“ ſagte Callythorpe;„wäre er noch zwei Minuten län⸗ ger geblieben, ſo hätte ich es ihm ins Geſicht ge⸗ ſagt, denn ich ſchmeichle nie— es iſt eines engliſchen Cavaliers unwürdig. Indeſſen muß ich gehen und Lady N. den Hof machen, damit ich eine Einladung zu ihrer nächſten Abendgeſellſchaft erhalte. Wiſſen Sie, mein lieber Clarence, daß Lord Borvdaile ſagt, Sie ſeien kein Verwandter von Talbot? Und daß die Leute heginnen eine Menge Fragen Ihretwegen zu thun, gerade als wenn Sie ein Betrüger wären? Sie find doch nicht beleidigt? Ich bin Ihr wahrer Freund, und nehme ſtets Ihre Partei.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Clarenee, indem er ſei⸗ nen Arger durch ein Lachen verbarg;„und nun leben Sie wohl. Ich will die Runde durch die Logen machen.“ „O Herr Fremder, Herr Fremder,“ ſagte Cla⸗ renee hei ſich ſelber, als er die Treppe hinauſſtieg, „deſſen Namen ich vergaß, aber der du dem leicht⸗ glänhigen Herzog von Orleans erzählteſt, während in allen and Range, dein nem Vermög einzige Frag von Mann? du, oder wie Mit auf Weſtborvugh vor der Thü treten. Die da. Lord Be Als Clarene⸗ Augenbraune geneigt auch ringere zu de wahrhaft ho eine andere rongh, obgle als gewöhnl tiefer als je drücklich nat deckte ſoglei ſeine Gunſt Sein Beſuch die Loge ver langſames u borvugh mi Sein Blut Augen ware geballt. Sie zum rede wie den leiſe ele Jahre speden!“ uten län⸗ eficht ge⸗ engliſchen wegen zu wären wahrer em er ſei⸗ nun leben ie Logen agte Cla⸗ naufſtieg, em leicht⸗ während 393 in allen andern Ländern die Leute nur nach beinem Range, deiner Macht, deinem Stammhaum und dei⸗ nem Vermögen gefragt hätten, ſei in England die einzige Frage geweſen:„Was iſt es für eine Art von Mann?“ D Herr Fremder, wie ſehr irrteſt du, oder wie kläglich haben wir uns veränvert!“ Mit aufgeregtem Schritte ging Clarence zu Lady Weſtboroughs Loge, und erſt als er einige Minuten vor der Thür gewartet, faßte er Muth, um einzu⸗ treten. Die Loge war voll; aber Lady Flora nicht da. Lord Borodaile ſaß Lady Weſtborvugh zunächſt. Als Clarence eintrat, erhob Lord Borodaile ſeine Augenbraunen und Lady Weſtborvugh ihr Glas. So geneigt auch eine große Perſon ſein mag, eine ge⸗ ringere zu demüthigen, ſo iſt doch keine Perſon von wahrhaft hoher Geburt und Erziehung im Stande, eine andere unhöflich zu hehandeln. Lady Weſtbo⸗ rongh, obgleich viel kälter, war nicht weniger höflich als gewöhnlich, und Lord Borodaile verbeugte ſich tiefer als je vor Herrn Linden, wie er ihn ſtets aus⸗ vrücklich nannte. Aber Lindens raſches Auge ent⸗ deckte ſogleich, daß er nicht willkommen, und daß ſeine Gunſt bei der ſchönen Marquiſe vorüber ſei. Sein Beſuch war daher kurz und verlegen. Als er die Loge verließ, hörte er Lord Borodaile's kurzes, langſames und ſpöttiſches Lachen, welches Lady Weſt⸗ borvugh mit einem tadelnden„Still“ unterbrach. Sein Blut kochte. Er eilte den Gang dahin, ſeine Augen waren auf den Boden gerichtet und ſeine Fauſt geballt. 394 „Ei, mein lieber Linden, warum ſehen Sie aut, als wäre alle Wildheit des großen Figg in Ihren Adern, rief eine gutmüthige Stimme. Clarenee ſtutz und erblickte den jungen und gutgelaunten Herzog von Haverfield vor ſich. „Wollen Sie hinter die Couliſſen gehen?“ ſagie Seine Durchlaucht.„Ich komme eben von dort, und es wird viel beſſer ſein, wenn Sie mit mir in Le Meronville's Loge gehen. Sie ſpeiſen heute mit ihr zu Abend, nicht wahr?“ „O nein,“ erwiderte Clarenee,„ich kenne ſie kaun mehr als von Anſehen.“ „Nun, und was halten Ste von ihr?“ „Daß ſie die hübſcheſte Franzöſin iſt, die ich j⸗ geſehen habe.“ „Das nenne ich geheime Sympathie!“ rief de Herzog.„Sie hat mich dreimal gefragt, wer Ei wären, und mir dreimal geſagt, daß Sie der ſchönſ⸗ Mann in Lonbon wären und eine ganz fremde Miene hätten. Das letzte Lob ſollte natürlich viel größn ſein als das erſte. Demnach können Sie mir nicht abſchlagen, mich in ihre Loge zu begleiten und ihr⸗ Bekanntſchaft zu machen,“ „Nun,“ antwortete Clarenee,„es wird mich ſehr glücklich machen, von dem Geſchmack einer ſo ſcharf⸗ ſichtigen Perſon zu profitiren; aber es iſt grauſam von Ihnen, Herzog, nicht ein wenig Eiferſucht z heucheln— ein wenig Wiberſtreben, einen ſo furcht⸗ baren Gegner einzuführen.“ „O, was mich betrifft,“ ſagte Haverfielb,„m gefüllt ſie nur ihrer perſönlie nehm und ein pour une fen „Aber erzi ſhichte,“ ſag Ruhms kenne Hat ſie kein unſerer Bekar „Gewiß,“ rodaile. Sie Borodaile ſtel und ich, die gewiſſer Scha iſt, und daß Lord Boroda halten können „Iſt er e „Nicht ir Veranlaſſung chig, gibt vo Opernhauſe das iſt Alles. nur Einen. weniger glück mich aufgege „Gie ſetz „O, ſie zeugt, vaß i monatlich fi Perzog vyn n?“ ſagt⸗ dort, und mir in L te mit ihr ne ſie kaun * rief der „wer Ei⸗ der ſchönſ nde Mien⸗ iel größer mir nicht tund ihre d mich ſeht ſo ſchuß t grauſam fer ſucht z ſo furcht⸗ —————— el,„mit 395 gefüllt ſie nur wegen ihrer geiſtigen, nicht aber wegen ihrer perſönlichen Eigenſchaften. Sie iſt ſehr ange⸗ nehm und ein wenig witzig; voilà des altractions pour une femme qui demeure à Londres.“ „Aber erzählen Sie mir ein wenig von ihrer Ge⸗ ſchichte,“ ſagte Clarence;„denn ungeachtet ihres Ruhms kenne ich ſie nur als La Belle Meronville. Hat ſie kein freundſchaftliches Verhältniß mit einem unſerer Bekannten?“ „Gewiß,“ entgegnete der Herzog,„mit Lord Bo⸗ rodaile. Sie iſt außerordentlich verſchwendriſch, und Borodaile ſtellt ſich außerordentlich zärtlich, was Sie und ich, die(Dank ſei es Trollolop) wiſſen, daß ein gewiſſer Schatz von Zärtlichkeit im menſchlichen Geiſte iſt, und daß alle Zärtlichkeit Lord Borovaile's in Lord Borodaile evneentrirt iſt, nicht für möglich halten können.“ „Iſt er eiferſüchtig auf ſie?“ ſagte Clarenee. „Nicht im geringſten, auch gibt ſie ihm keine Veranlaſſung dazu. Sie iſt ſehr heiter, ſehr geſprä⸗ chig, gibt vortreffliche Soupers und hat ihre Loge im Opernhauſe ſtets mit ihren Anbetern angefüllt; aber das iſt Alles. Sie ermuthigt Viele und begünſligt nur Einen. Glücklicher Borodatle! Mein Loos iſt weniger glücklich! Sie wiſſen vermuthlich, daß Julie mich aufgegeben hat?“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen— und weßhalb?“ „O, ſie ſagte mir unter Thränen, ſie ſei über⸗ zeugt, daß ich ſie nicht liebe, und daß hundert Pfund monatlich für eine Putzmacherin nicht hinreichten. 396 Die erſte Behauptung beantwortete ich mit der Ver⸗ hutte vie zierli ſicherung, daß ich ſie anbete, doch über die letzer und lachte mu ſchwieg ich gänzlich, und ſo fand ich Trevanion an nächſten Tage téte-à-téte mit ihr.“ „Und was thaten Sie?“ fragte Clarenee. „Ich ſchickte meinen Bedienten mit einem allen Rock von mir und meinem Compliment zu Treyr⸗ nivn und ließ ihm ſagen, da er großes Gefallen an dem finde, was ich abgelegt habe, ſo hoffe ich, werpe er mir die Ehre erweiſen, die heifolgenbe Kleinig⸗ keit anzunehmen?“ „Er forderte Sie ohne Zweifel?“ „Mich fordern? v nein, er ſagt allen ſeinen Freunden, ich ſei der witzigſte Mann in Eurvpa. „Sie ſehen, ſelbſt ein Thor kann die Wahrhei reben,“ ſagte Clarence lachend. „Ich danke Ihnen, Linden, dafür will ich en gutes Wort für Sie bei La Meronville einlegen; mais allons.“ Mademoiſelle de La Meronville, wie ſie ſich au⸗ drücklich nannte, war eine von jenen reizenden, Aben⸗ teuer ſuchenden Frauenzimmern, die eine gute Et⸗ ziehung, eine einnehmende Perſon, ein Talent zun Briefſchreiben und eine lebhafte Converſativn ſo gut ſie können, benutzen, auf ein oder zwei Jahre nach England kommen, wie die Spanier nach Meric zu gehen pflegten, und mit der tiefſten Verachtung vor den Barbaren, die ſie ſo vortrefflich ausgeplün⸗ dert haben, in ihr Vaterland zurückkehren. Made⸗ mviſelle de La Meronville war klein, ſchön geformt, vie ſchwierig z lachen oder fir einen der ſe wenn er von W wenn man mit Mit einem gerade ſo gel Vorobaile den Stolzes ſich ge nöge ſeiner G Mademviſelle d rieler Anmuth nſere faſt git lünſtlich war. „Nun,“ ſa „Sie haben m ſu Ihrer Geſ ohne Zweifel? „Nein, er „Ah quel nicht kalt gen heſten Weinkül „Pfui! r ich kann Ih macht Sie ſehr „Und das Meronville mi eine Perſon g it der Ver⸗ die letztere vanion an nee. inem glien zu Treye⸗ Pefallen an ich, werb pe Kleinig⸗ llen ſeinen Eurvpa.“ Wahrheit ill ich n einlegen ie ſich au⸗ den, Aben⸗ gute Et⸗ alent zun on ſo zut ahre nach 5 Mexico Berachtung usgeplün⸗ Made⸗ geformt, 397 hatte vie zierlichſten Hände und Füße von der Welt und lachte muſikaliſch. Beiläufig ſei hier bemerkt, vie ſchwierig es iſt, zugleich natürlich und anmuthig zu lachen oder auch nur zu lächeln. Ich habe es immer jir einen der ſchönſten Charakterzüge Steele's gehalten, wenn er von Will Honeycomb ſagt:„Er kann lächeln, wen man mit ihm ſpricht und lacht mit Leicktigkeit.“ Mit einem Wort, unſere jolie frangaise war gerade ſo gebildet, um einem Manne wie Lord Vorodaile den Kopf zu verdrehen, der vermöge ſeines Stolzes ſich gern den Hof machen ließ und der ver⸗ nöge ſeiner Geiſtesanlagen Unterhaltung wünſchte. Mademviſelle de La Meronville empfing Clarence mit neler Anmuth und einiger Zurückhaltung, woyon die erſtere faſt gänzlich natürlich und die letztere durchaus länſtlich war. „Nun,“ ſagte der Herzog in franzöfiſcher Sprache, „Sie haben mir noch nicht geſagt, wer dieſen Abend u Ihrer Geſellſchaft kommen wird— Borodaile ohne Zweifel?“ „Nein, er kann dieſen Abend nicht kommen.“ „Ah quel malheur! daun wird der Rheinwein nicht kalt genug ſein— Borodaile's Blicke ſind vie heſten Weinkühler in der Welt.“ „Pfui!“ rief La Meronville, Clarence anblickend, „ich kann Ihre Bosheit nicht ertragen, der Witz macht Sie ſehr bitter.“ „Und das iſt gerade der Grund, warum die ſchöne Meronville mich ſo ſehr liebt: nichts iſt ſo ſüß für eine Perſon als Bitterkeit gegen die andere; es liegt 398 in der menſchlichen Natur und in der franzöſiſchen auch, was etwas ganz Verſchiedenes iſt.“ „Pah! Herzog, Sie beurtheilen Andere nach ſih ſelber.“ „Gewiß thue ich das,“ rief Seine Durchlaucht; „und das iſt das beſte Mittel ein richtiges Urthel zu fällen. Ach! welch einen Fuß la petite demoi- selle hat— bewundern Sie ſie nicht, Linden?“ „Nein, Herzog; meine Bewunderung iſt wie ein Vogel im Käſig hier eingeſperrt und kann nicht fort⸗ fliegen!“ antwortete Clarenee mit einem Lächeln ühn die Geringfügigkeit ſeines Compliments. „Ah, Monsieur!“ rief die hübſche Franzöfin, ſih zurücklehnend,„Sie waren ſchon in Paris, wie ih ſehe— man lernt dieſe Grazie der Sprache nicht England. Ich bin bereits fünf Monate in Ihrin Lande— brachte die hübſcheſten Kleider mit herübe, die man ſich nur denken kann, und habe erſt dri Complimente erhalten, und(bedauern Sie mich) zwei davon über meine Ausſprache von How do you do (wie befinden Sie ſich?)“ „Nun,“ ſagte Clarence,„dächte ich doch, daß vor allen andern Ländern in England Ihre Eitelkeit würde befriedigt werden, denn Sie wiſſen, wir rühmen uns unſerer Aufrichtigkeit und ſagen alles, was wir denken.“ „Ja, dann denken Sie ſtets ſehr unangenehm voilà lalternative! Was iſt beſſer, von Jemam übel zu reden, oder übel zu denken?“ „Pour'amour de Pieu,“ rief der Herzog,„thm Sie keine ſo! auf dieſe mor von Borodail phyſiker, wie Macht einſteh ſo werden di ich würde zi wenn Seine wieder gefrie „Fi done zornig ſein, gleichgültig z „Gegen mir lieb, die nicht werth, Sie mir, ma „Fürs Er La Meronvill mit einladent neigte und ih D' und Mr martin und „Nichts Herzog.„Al fallen. Erlau „Sie ſi Meronville „gewiß,“ un Prinzeſſin ni ungeachtet Cl Purchlaucht ges Urthel ite demoi. inden?“ iſt wie ein nzöſin, ſih is, wie ih che nicht in in Ihren nit herübn, be erſt dre mich) zwe lo vou io dch, di hre Eitelkiit wir rühmen s, wats wir nangenehm; on Jemam tzog,„ihm Sie keine ſo verfängliche Fragen, Sie kommen immer auf dieſe moraliſchen Subtilitäten, die Sie vermuthlich von Borvodaile lernen. Er iſt ein wunderbarer Meta⸗ phyſiker, wie ich höre— ich kann für ſeine chemiſche Macht einſtehen, denn ſobald er in ein Zimmer tritt, ſo werden die Wände feucht, und ich löſe mich auf; ich würde zu einer Quelle werden, wie Arethuſa, wenn Seine Herrlichkeit mich nicht ebenſo ſchnell wieder gefrieren machte, als er mich in Thau auflöst.“ „Fi donc!“ rief La Mervonville.„Ich würde ſehr zornig ſein, hätte ich nicht von Ihnen gelernt, ſehr gleichgültig zu ſein—“ „Gegen ihn!“ ſagte der Herzog trocken.„Es iſt mir lieb, dies zu hören. Er iſt une grande passion nicht werth, das glauben Sie mir— aber ſagen Sie mir, ma belle, wer ſpeist noch ſonſt bei Ihnen?“ „Fürs Erſte Herr Linden; hoffe ich,“ antwortete La Meronville mit einem Blicke der Einladung(nicht mit einladendem Blicke), worauf Clarenee ſich ver⸗ neigte und ihr ſeine Zuſtimmung zulächelte;„Mylord D' und Monſteur Trevanion, Mademoiſelle Cau⸗ martin und Monfieur le Prince Pietro d'Urbini.“ „Nichts kann beſſer arrangirt ſein,“ ſagte der Herzog.„Aber ſehen Sie, der Vorhang wird ſogleich fallen. Erlauben Sie mir, Ihren Wagen zu rufen.“ „Sie ſind zu gütig, Mylord,“ verſetzte La Meronville mit einer Verbeugung, welche ſagte, „gewiß,“ und der Herzog, der für eine königliche Prinzeſſin nicht drei Schritte gegangen wäre, eilte, ungeachtet Clarenee ſich erbot, den Auſtrag zu über⸗ ———— 400 nehmen, um nach dem Wagen einer berüchtigten Per⸗ ſon zu fragen. Clarenee war mit der ſchönen Franzöfin allein in der Loge. Um die Wahrheit zu ſagen, war unſe Held viel zu ſehr in Lady Flora verliebt und viel ſehr mit ſeinen andern Gedanken und den Plänen ſeines Ehrgeizes beſchäftigt, um ſich leicht zu einem unehrenvollen oder verbrecheriſchen Verhältniß verlei⸗ ten zu laſſen; er unterhielt ſich daher mit ſeiner ge⸗ wohnten Ruhe, obgleich mit mehr als gewohnter Ga⸗ lanterie(denn er wußte ſeine Sprache für die Perſon geeignet zu machen, die er anredete), ohne ſich in geringſten durch La Meronville's Reize gerührt z fühlen, oder im geringſten begierig, Lord Borodale aus ihrer Gunſt zu verdrängen. Der Herzog erſchien wieder und meldete den Wy gen an. Als Clarenee hinauseilte und La Merot⸗ ville ſich auf ſeinen Arm lehnte, blickte er zufäll auf und ſah Lady Weſtborough und ihre Geſellſchaſt, worunter ſich auch Lord Borodaile befand, oben gu der Treppe auf ihren Wagen warten. Faſt zum en⸗ ſtenmal in ſeinem Leben ſchämte ſich Clarence vor ſich ſelber; ſeine Wange glühte wie Feuer und r ließ unwillkürlich die ſchöne Hand los, die ſich auf ſeinen Arm ſtützte. Doch je ſchwächer unſere Sache iſt, ein um ſo beſſeres Anſehen ſollten wir ihr geben. Clarence erlangte bald ſeine Geiſtesgegenwart wieder und hoffte vergebens, daß er nicht bemerkt worben, verbarg ſein Geficht ſo gut er konnte in den Pelt⸗ kragen ſeines Mantels und eilte weiter. „Sahen zu La Meron „Ja, ich an ihm vorü „Sie ſah wundert mie verwandelte.“ „Fi donc den Arm Se ſein, ſich etr den ſie noch Frangois, cl „Mein 2 Herzog.„E ronville gehe „In der renee,„ich dieſer Geſellſ andere Einla „Sich en Caumartin a ein Geſicht h ſpricht! Nit mehr! überd ich mich get Wagen. En Schwach ſehr unglückli zu entfliehen. zu der Aben Bulwer, d 401 „Sahen Sie Lord Borodaile?“ ſagte der Herzog zu La Mervnville, als er ſie zu ihrem Wagen führte. „Ja, ich ſah mich zufällig um, als wir ſchon war unſt an ihm vorüber waren, und da ſah ich ihn.“ und viel zu„Sie ſahen ſich um!“ ſagte der Herzog;„es en Plänen wundert mich, daß er Sie nicht in eine Salzſäule t zu einem verwandelte.“ tniß verlei⸗„idonc!“ rief La Meronville, indem ſie ſcherzend ſeiner ge ben Arm Seiner Hoheit berührte, um genöthigt zu ohnter Gu⸗ ſ ſein, ſich etwas feſter auf Lindens Arm zu ftützen, die Perſen den ſie noch nicht losgelaſſen hatte,„Fi donc!— ne ſich in Francois, chez moi!“ gerührt zu„Mein Wagen kommt augenblicklich,“ ſagte der Borodail Herzog.„Sie werden natürlich mit mir zu La Me⸗ ronville gehen.“ e den Wr⸗„In der That, mein lieber Herzog,“ ſagte Cla⸗ Mer renee,„ich wollte, ich könnte mich entſchuldigen, an er zufüllg dieſer Geſellſchaft Theil zu nehmen. Ich hahe eine eſellſchat, andere Einladung.“ „oben n„Sich entſchuldigen! und mich der Mademoiſelle ſt zum Caumartin auf Gnade oder Ungnade überlaſſen, die arence vot ein Geſicht hat wie ein Strauß und mich außer Athem er und er ſpricht! Nimmermehr, mein lieber Linden, nimmer⸗ ie ſich uf ſnehr! überdies wünſche ich, daß Sie ſehen, wie gut ſere Sache ich mich gegen Trevanion betrage. Hier iſt der ihr geben. Wagen. Entrez, mon cher.“ vart wieder Schwach und thöricht(doch er war ſehr jung und kt worten, ſehr unglücklich und wünſchte ſeinen eigenen Gedanken den Pel⸗ ju entfliehen) ſtieg Clarenee in den Wagen und fuhr zn der Abendgeſellſchaft, damit der Herzog von Ha⸗ Bulwer, der Verſtoßene. I. 26 igien Per⸗ nallein iu 402 verfield nicht von Mademviſelle Caumartin außer Athem geſprochen werde, die ein Geſicht hatte wie ein Strauß. Einundvierzigſtes Kapitel. Doch lebhaft wird die Wahrheit aufgeſucht; Der Wind, beſchwert mit reichen Worten, iſt Vertheid'ger der Gedanken; ob die Kirche Einflößet die Beredſamkeit, ob die Platon'ſche Pietät, denn ſie beſchränkt Sich auf des innern Geiſtes ein'gen Tempel; Uno Einer baut für die Unſterblichkeit Auf ſeine Lieder, doch iſt er verurtheilt, Einſame Wege zu betreten, vor Ihm Dunkelheit und hinter ihm Gefahr! Doch nicht allein— Wordsworth. London— du Niobe, die du in Stein daſitzeſt unter deinen erſchlagenen und vom Schickſal verfolgten Kindern— Nährerin der Verlaſſenen, die du in deinem Buſen die Scham, den Kummer, die Sünden vieler deiner Söhne birgſt; in deren Armen die Gefallenen und Ausgeſtoßenen ihr Elend verſtecken und vor dem Spotte des ſtolzen Mannes Schutz finden; du Herd und Zuſammenfluß der Ungleichheiten und wahnfinnig machenden Contraſte dieſer ungerechten Welt, die du in einen großen Haufen das Weh, die Freuden, die Erhebung, die Erniedrigung der verſchiedenen Men⸗ ſchenſtämme vereinſt; du miſcheſt in deinen Strudel alle Stände, alle Geiſter, die ernſten Arbeiten der Wißſenſchaft, die Strohhalme des Wahnfinnigen, Purpur und Lumpen, die königlichen Inſignien und den Schmutz der Armuth— in dir ſind Palaſt und Armenhaus miſcht und; ruhen—„d Schlafe des Viſton beunr wühlen,“ un in ihren Wa über, doch g innerungszeic bringen, bis! Erſtarrung und dunkel! Babel“ und Luſt gleich e nicht wärmt wir uns zu „Deine Wil Ruheplatz ſu gen deine G Schlupfwink Die Glo Morgens ge denen Zimm⸗ deſſen Arbeit teren Jahren die tiefere H waren von t zu allgemein Jahrelang tiefen Nachd Stranf. daſitzeſt verfolgten in deinem en vieler efallenen vor dem du Herd ahnfinnig t, die du uden, die en Men⸗ Strudel eiten der ſinnigen, nien und aſt und 403 ßer Athem Armenhaus vereint! Grab der Lebendigen, wo, ge⸗ miſcht und zuſammengehäuft, wir liegen aber nicht ruhen—„denn was für Tränme kommen in jenem Schlafe des Lebens— jeder von einer beſondern Viſton beunruhigt— Schatten, die das Herz durch⸗ wühlen,“ unwirklich in ihrer Subſtanz, aber wahr in ihren Warnungen, ſie flattern an dem Auge vor⸗ über, doch graben ſie dem Geiſte unauslöſchliche Er⸗ innerungszeichen ein, die immer neue Träume hervor⸗ hringen, bis das Phantasma aufhört und eine ſchwerere Erſtarrung auf das Gehirn fällt und alles ſtill iſt und dunkel!—„Von dem regen Treiben der großen Babel“ und dem blenbenden Lichte, in welchem die Luſt gleich einem Sterne ſitzt, welcher ſcheint, aber nicht wärmt mit ſeinen kraftloſen Strahlen, wenden wir uns zu den tieferen und geheimeren Regionen. „Deine Wilbniß liegt vor uns— wo wir unſern Ruheplatz ſuchen können, und vor unſern Augen lie⸗ gen deine Geheimniſſe offen da und deine verborgenen Schlupfwinkel find wie durch einen Zauber geöffnet. Die Glocke der St. Paulskirche hatte zwei Uhr Morgens geſchlagen. In einem kleinen und beſchei⸗ benen Zimmer im Innern der City ſaß ein Schreiber, deſſen Arbeiten, damals gänzlich unbekannt, in ſpä⸗ teren Jahren die vage Bewunderung der Menge und vie tiefere Huldigung der Weiſen erregen ſollte. Sie waren von der Art, welche ſich langſam ihren Weg zu allgemeiner Anerkennung bahnen; das Reſultat Jahrelang aufgehäufter Kenntniſſe— das Produkt tiefen Nachdenkens und erhabenen Strebens, das In⸗ 4⁰4 tereſſe der Menge berückſichtigend, aber nur fähig, vurch das Urtheil Weniger geprüft zu werden. Doh ver Strom brach endlich aus der Höhle ans Tages⸗ licht hervor, obgleich man die Quelle niemals auß⸗ fand, oder, um das Bild zu verändern— obgleich Keiner die Hand kannte, die es ausführte, und den Kopf, der es entwarf— das Denkmal eines mäch⸗ tigen Geiſtes iſt endlich gleichſam aus ver neidiſchen Erde aufgegraben worden, ſtrahlt um ſo heller wegen ſeiner früheren Dunkelheit und iſt der Unſterblichkeit um ſo gewiſſer, wegen der Vernachläſſigung, die es erfahren hat. Das Zimmer war, wie ſchon bemerkt, ſehr klein und ſpärlich möblirt, doch befanben ſich darin einig⸗ koſtbare und lururiöſe Gegenſtände, welche andeuteten, daß der Geſchmack des Beſitzers nicht gänzlich nach ſeiner Armuth ſich gerichtet habe. Die eine Seit⸗ des engen Zimmers war mit Bücherrepoſitorien he⸗ deckt, worauf Bücher von verſchiedenen Sprachen ſtan⸗ den, die größtentheils wiſſenſchaftlichen Inhalis waren. Unter den Eyſtemen der Philoſophen und den goldenen Regeln der Moraliſten befanden ſich auch die lieblichen Träume der Dichter, die Legenden Spencers, die ver⸗ feinerten Sittenlehren Pope's, die erhabenen Irt⸗ thümer des Lueretius und die herrlichen Reliquien unſerer verſtorbenen Könige des Geſanges— Shal⸗ ſpeare und Milton. über dem Kamin befand ſich du in glücklicheren Tagen gemalte Bild einer Perſon, die dem Bewohner des Zimmers mehr galt, als mit Stul⸗ katur geſchmückte Platfonds und ſchimmernde Bankate, als die Gege ſterblichkeit 1 ſehr jungen dunkeln und wachſamer 2 Arbeiten nie geſchloſſen n einfache, ab angefüllt. Der Sch Pauſe in ſei Geſicht in g die eine Han vom Fenſter in ſchwachen markirte Stt der einzelner ſeine Wange Ruhe der Ge Traurigkeit ſundheit; di Umriſſes der wollend, alt teien mehr als auf die ſchaften. Es wurt umgedreht- des trat in müßig gewe obgleich „und den nes mäch⸗ neidiſchen eller wegen ſterblichkeit ug, die es arin einige anbeuteten, nzlich nach eine Seite itorien he⸗ achen ſtan⸗ ſehr klein alis waren. en goldenen e lieblichen s, die ver⸗ enen Irt⸗ Reliquien —E nd ſich das erſon, die mit Stul⸗ e Bankeste, 405 als die Gegenſtände des Ehrgeizes oder ſelbſt vie Un⸗ ſterblichkeit des Ruhms. Es war das Geſicht eines ſehr jungen und ſchönen Frauenzimmers, und die dunkeln und zärtlichen Augen blickten gleichſam mit wachſamer Innigkeit auf den Wachenden und ſeine Arbeiten nieder. Unter dem Fenſter, welches nicht geſchloſſen war, denn es war im Junius, ſtanden einfache, aber nicht unelegante Vaſen, mit Blumen angefüllt. Der Schreibende war allein und hatte eben eine Pauſe in ſeiner Beſchäftigung gemacht: er ſtützte ſein Geſicht in gedankenvoller und ernſter Stimmung auf die eine Hand, und die Luft, die kähl, aber erfriſchend vom Fenſter herkam, bewegte leicht die Locken, die in ſchwachen, aber zierlichen Wellen ſeine hohe und markirte Stirn umgaben. Wegen des matten Lichts der einzelnen Lampe und der ſpäten Stunde erſchien ſeine Wange bleich, und die röllige, aber finnende Ruhe der Geſichtszüge deutete auf die Stille gewohnter Traurigkeit und die Mattigkeit der erſchütterten Ge⸗ ſundheit; doch der Ausdruck, ungeachtet des ſtolzen Umriſſes der Stirn und ves Profils, war mehr wohl⸗ wollend, als ſtreng und finſter, und die Linien deu⸗ teien mehr auf Ermattung durch tiefes Nachdenken, als auf die Verwüſtungen durch ungeregelte Leiden⸗ ſchaften. Es wurde leiſe an die Thür geklopft, der Drücker umgedreht— und das Original des beſchriebenen Bil⸗ des trat ins Zimmer. Die Zeit war bei ihr nicht müßig geweſen, ſeit jenes Bild war gemalt worden: 406 die runde, elaſtiſche Geſtalt hatte viel von ihrer u⸗ gend und Friſche verloren; der Schritt, obgleich leicht, war matt, und in der Mitte der ſchönen, ein weng eingeſunkenen Wange glühte ein rother Fleck— ein unheilvolles Zeichen für die, welche den Fortſchrit der tödtlichſten und trüglichſten unſerer National⸗ krankheiten beobachtet haben. Die Geſtalt und daz Geſicht waren noch immer ſehr intereſſant und lieh⸗ lich, und obgleich die Blüte auf immer verſchwunden war, blieb noch die Schönheit zurück, die ſelbſt ber Tod nicht gänzlich hätte vernichten können, um über Schwäche, Unglück und Krankheit zu triumphiren. Sie näherte ſich dem Gelehrten und legte ihr Hand auf ſeine Schulter. „Theuerſte,“ ſagte er zärtlich und vorwurſsvolh „noch auf? Es iſt ſchon ſo ſpät und Du ſo ſchwach; pfui, ich muß lernen, Dich zu ſchelten.“ „Und wie,“ antwortete die Dame,„wie konnt⸗ ich ſchlafen oder ruhen, während Du Dein Leben hei dieſen undankbaren Arbeiten verzehrſt?“ „Wodurch wir unſer kümmerliches Daſein friſten,“ fiel der Schreiber mit matten Lächeln ein. „Ja,“ ſagte die Gattin(denn in dieſem Verhäli⸗ niß ſtand ſie zu bem Gelehrten) und die Thränen ſtanden ihr in den Augen,„ich weiß wohl, daß jedes Stück Brod, jeder Tropfen Waſſer aus Deinem Herz⸗ blut ausgepreßt wird, und ich— ich hin die Urſache von Allem; aber gewiß, Du ſtrengſt Dich zu ſehr an, viel mehr als nöthig iſt. Dieſe feuchte und kalte Luſt, dieſe ungeſunden Dünſte des kommenden Morgens ſind nicht ge allein ſchon Deine Kräft Bette; aber wie feſt ſie über ſie gen es ſeieſt, der gelernt und „Sie ho Gatte bitter „Das he in Armuth eine Erbſcha kann. Kom der Schweiß bis ich ihn „Geliebt ſtand und ſe Gattin ſchla Buſen und hinausblicker Fieber mein Kaltes für Und ſie Alles war ſt Wolken eiltt Sterne ſchit Stabt, gleich Sie leht wenn ſie zut ihrer Ju⸗ leich leicht, ein weni leck— ein Fortſchrit National⸗ t und daz t und lieb⸗ rſchwunden ſelbſt ber „um über mphiren. legte ihr⸗ rwurfsvoll, ſo ſchwach wie konnt Leben he in friſten,“ m Verhilt⸗ e Thränen „daß jedes inem Herz⸗ die Urſache u ſehr an, kalte Luft, Morgens 407 ſind nicht geeignet für Gevanken und Arbeiten, welche allein ſchon hinreichen, Deinen Geiſt zu ermatten und Deine Kräfte zu erſchöpfen. Komm, mein Lieber, zu Bette; aber vorher komm und ſieh unſere Kleine, wie feſt ſie ſchläft! Ich habe mich die letzte Stunde über ſie geneigt und mir einzubilben geſucht, daß Du es ſeieſt, den ich überwachte, denn fie hat ſchon Lächeln gelernt und lächelt ſelbſt im Schlafe.“ „Sie hat auch Urſache zu lächeln,“ ſagte ber Gatte bitter. „Das hat ſie, denn ſie iſt die Deine! und ſelbſt in Armuth und unter dürftigen Hoffnungen iſt das eine Erbſchaft, die ihr wohl Stolz und Freuve lehren kann. Komm, mein Lieber, die Luft iſt ſcharf und der Schweiß ſteht Dir vor der Stirn— voch hleib, bis ich ihn hinweggeküßt habe.“ „Geliebteſte!“ ſagte der Gelehrte, indem er auf⸗ ſtand und ſeinen Arm um die ſchlanke Taille ſeiner Gattin ſchlang,„hülle Deinen Shawl feſter um Deinen Buſen und laß uns einen Augenblick auf die Nacht hinausblicken. Ich kann nicht ſchlafen, ehe ſich das Fieber meines Bluts gelegt hat; die Luft hat nichts Kaltes für mich.“ Und ſie gingen ans Fenſter und blickten hinaus. Alles war ſtill in der engen Straße; die kalten grauen Wolken eilten raſch über den Himmel dahin, und bie Sterne ſchimmerten mit mattem Lichte auf die ſtumme Stadt, gleich den verlöſchenden Wachtlampen der Todten. Sie lehnten ſich hinaus und ſprachen nicht; aber wenn ſie zu dem melancholiſchen Himmel hinaufblickten, 408 näherten ſie ſich einander, als ſei es ein natürlicher Inſtinkt, dies zu thun, wenn die Welt draußen traurig und entmuthigend erſchien. Endlich brach der Gelehrte das Schweigen; aber ſeine unzuſammenhängenden und verwirrten Gedanken waren weniger an ſie, als unbewußt an ſich ſelber gerichtet.„Der Morgen bricht an— einer nach dem andern— ein Tag nach dem andern— während wir unſere Laſt fortſchleppen gleich dem wilden Thier, welches nicht weiß, wann die Bürde abgeworfen wird und die Stunde der Ruhe kommt.“ Die Frau drückte ſeine Hand an ihren Buſen, antwortete aber nicht— ſie kannte ſeine Stimmung — und der Gelehrte fuhr fort:„Und ſo reibt das Leben ſich auf! Vier Jahre find in unſerer Abgeſchie⸗ denheit vergangen— vier Jahre! ein großer Abſchnilt von dem kleinen Kreiſe unſerer Sterblichkeit, unb welchen Tag hat in jenen Jahren die Arbeit für das Vergnügen gewonnen, oder welche Nacht hat der Schlaf allein für ſich behauptet? Schwächer als der Geiß⸗ hals, ſchweift der unerſättliche und ruheloſe Geiſt von Oſten nach Weſten und ſammelt aus den Winkeln und Spalten der Erde Stück für Stück, Korn fiür Korn, Atom für Atom, die Reichthümer, die er in ſeinen Vorrathskammern aufbewahrt— für was?— um bei dem überfluß zu verhungern! Die Bilber der Phantaſie liefern einen leichten und genügenden Er⸗ trag; nicht ſo die Schätze des Nachdenkens.* Hätte * Wenn der Dichter, der Romanſchreiber, der Gelehrte ſich zuweilen, ſelbſt noch heutiges Tages, mit Recht über die Ver⸗ ich lieber de Körperarbei Ange des P mit Kreuz u Mangel an vrigung hin derer, die ir niß das Pro der harten und Schlaf als das Looe des Böſen h Stimme des das Vorurt blendeten un in unſerer: nachläſſigung ſoph, der übe zu dem Maße da er noch n wenn ſie nicht gemiſcht iſt, noch weniger der Neuerer ü iſt von der H regung lieben für die Eriſten dern wir vor vernachläſſigt lich, wer bei tilitäten der( ſein Wiſſen nu ſchaſten nicht ben; aber Gedanken ſich ſelbt nach dem während en Thier, rfen wird Buſen, timmung reibt daz Korn für die er in was— ilber der nden Er⸗ * Hitt elehrte ſich rdie Ve⸗ 409 ich lieber der Arbeit der Seele entſagt und mich der Körperarbeit gewidmet— hätte ich lieber unter dem Ange des Phöbus geſchwitzt, als mein Herz verzehrt mit Kreuz und Sorgen— als Wahrheit geſucht beim Mangel an Brod— zu der Dürftigkeit noch Ernie⸗ vrigung hinzugefügt— verletzt durch die Anmaßung verer, die in den flachen Schalen ihrer magern Kennt⸗ niß das Produkt des überſchwänglichen Gedankens und der harten Stunden abwägen, wofür ich Geſundheit und Schlaf hingegeben und den Geiſt aufgerieben— als das Lvos derjenigen getheilt, die die alte Schlange des Böſen hezaubern wollen, welche ſich weigert, der Stimme des Beſchwörers zu gehorchen— als gegen das Vorurtheil und die bigotte Täuſchung der ge⸗ blendeten und gefeſſelten Heerde anzukämpfen, der wir in unſerer thörichten Hoffnung Licht und Freiheit zu nachläſſigung ſeiner Zeitgenoſſen beklagt, wie kann der Philo⸗ ſoph, der über ſein Jahrhundert hinausgeht, hoffen, ehe die Zeit zu dem Maße ſeiner Erkenntniß heranwächst, geſchätzt zu werden, da er noch nicht einmal verſtanden wird? In der Literatur, wenn ſie nicht mit moraliſchen oder politiſchen Raiſonnements gemiſcht iſt, herrſchen verhältnißmäßig wenig Vorurtheile und noch weniger feindliche Intereſſen. Aber in der Wiſſenſchaft tritt der Neuerer überall auf lange gehegte Lieblingsmeinungen; er iſt von der Heiligkeit des Irrthums umgeben. Da wir die Auf⸗ regung lieben, ſo ſchnappen wir nach Neuheit in der Fiktion; für die Exiſtenz der gegenwärtigen Lehrſätze eingenommen, ſchau⸗ dern wir vor einer neuen Wahrheit zurück. Glücklich, wer nur vernachläſſigt— nicht verfolgt wird und verhungern muß! Glück⸗ lich, wer bei arkadiſchem Wohlſtande nach Muße über die Sub⸗ tilitäten der Gelehrten nachdenkt! Er möge nicht klagen, daß ſein Wiſſen nutzlos iſt, ſondern ſich freuen, daß er bei den Wiſſen⸗ ſchaſten nicht verhungert. 4¹⁰ geben gebachten— als die ſklaviſchen Verurtheilten, die wir vom Irrthum befreien möchten, in Wuth ihre Ketten gegen uns ſchütteln zu ſehen, vurch unſet Wohlwollen zu Verbrechern gemacht— die Mär⸗ tyrer, deren Eifer durch Verfolgung belohnt und deren Prophezeihungen mit Verachtung gekrönt werben!— Beſſer, o viel heſſer, ich hätte nicht auf die Eitel⸗ keit eines erhitzten Gehirns gehorcht— beſſer, ich hätte meine Wohnung bei der Lerche und der wilden Biene auf den Feldern und ſtillen Hügeln aufgeſchlagen, wo vas Leben, wenn gleich verborgener, weniger ent⸗ weiht iſt, und die Hoffnung, wenn gleich weniger lebhaft genährt, weniger bitter getäuſcht wird. Frei⸗ lich würbe ſich die Geſtalt zu einer härteren Arheit gebeugt haben, aber das Herz hätte wenigſtens Ruhe gehabt vor der nagenden Sorge, und der Geiſt ſeine Erholung vom Nachdenken.“ Der Gattin Thränen fielen auf die Hand, bi⸗ ſie drückte. Der Gelehrte wendete ſich ab und ſein Herz machte ihm Vorwürfe wegen der Selbſtſucht ſeiner Klagen. Er zog ſie feſter und feſter an ſeine Bruſt, und indem er zärtlich in die Augen blickte, die Jahre der Dürftigkeit und der Sorge wohl ihres jungen Glanzes, aber nicht ihrer unvergänglichen Zärt⸗ lichkeit hatten berauben können, küßte er ihre Thränen hinweg und redete ſie mit einer Stimme an, die nie verfehlte, ſie ihren Kummer vergeſſen zu machen. „Thenerſte„d Gütigſte,“ ſagte er,„war ich nicht zu tabet⸗, vaß ich mich über dieſe Beraubungen beklagte, die nur gemacht haben, daß wir einander um ſo mehr ich nur in Schickſal ge auf Dich, 1 jungen Lebe die Wirklic bin geſegne blicken, wo nicht an, o terhalt verſ und überſch vigter Forſch die Dunkelh Einſamkeit Gefühle det währen kan ſchlimmere habe. Siel den ſtillen der Nebel! gen Lichtert auch nicht z nahe, und felhaft, abe dies nicht erhabneren loſophie ge künftigen S terte und eine ſtärker und deren erden!— die Eitel⸗ „ich hätte den Biene ens Ruhe eiſt ſein⸗ nd, edie und ſein elbſtſucht an ſeine n blickte, ohl ihres hen Zärt⸗ Thränen „ die nie achen. war ich ubungen einandet 41¹ um ſo mehr lieben! Glaube mir, Geliebteſie, daß ich nur in der Reizbarkeit der üblen Laune über mein Schickſal gemurrt habe. Denn bei allem blicke ich auf Dich, meinen Engel, meine Tröſterin, meinen jungen Lebenstraum, den Gott in ſeiner Gnade in die Wirklichkeit verſetzte— ich blicke auf Dich und bin geſegnet und dankbar. Auch klage ich in Augen⸗ blicken, wo ich gerechter bin, die Art dieſer Studien nicht an, obgleich ſie uns nur einen kärglichen Un⸗ terhalt verſchaffen. Habe ich nicht Stunben geheimer und überſchwänglicher Wonne, die Triumphe befrie⸗ digter Forſchung— Flammen plötzlichen Lichts, welche die Dunkelheit des Nachdenkens belohnen und meine Einſamkeit wie eine Feſtlichkeit erleuchten?— Dieſe Gefühle des Entzückens, die nur die Wiſſenſchaft ge⸗ währen kann, belohnen ihre Schüler reichlich für noch ſchlimmere Mühſeligkeiten als ich zu erdulden gehabt habe. Sieh zum Himmel auf, wie die Dünſte mit ven ſtillen und matten Sternen kämpfen: auch ſo iſt der Nebel des Irrthums von den trüben aber heili⸗ gen Lichtern früherer Weisheit durchdrungen, wenn auch nicht zerſtreut worden; und jetzt iſt der Morgen nahe, und in dieſer Hoffnung reiſen wir weiter, zwei⸗ felhaft, aber nicht gänzlich in Dunkelheit. Auch iſt dies nicht alle meine Hoffnung; es gibt einen noch erhabneren und ſicherern Troſt, als der, den die Phi⸗ loſophie gewähren kann. Wenn die Gewißheit des känftlgen Ruhmes Milton in ſeiner Blindheit erhei⸗ terte und Galilei in ſeinem Kerker troſtete, welch eine ſtärkere und heiligere Unterſtützung wird nicht 412 dem gewährt werden, der die Menſchen wie ſeine Brüder geliebt und ſeine Arbeiten ihrem Wohl ge⸗ weiht hat— der nicht ſeinen eigenen Ruhm geſucht, ſondern das Streben wieder aufgegehen— der dem gegenwärtigen Tadel der Menſchen getrotzt hat wegen ihres künftigen Wohls und in der Energie des Wohl⸗ wollens? Wird er nicht noch etwas Kräftigeres haben, als den Ruhm, um ſich bei ſeinen jetzigen Leiden zu tröſten und ſeine Hoffnungen auf das Jenſeits auf⸗ recht zu erhalten? Wenn das Streben nach Ehre nach dem Tobe ein mehr eitles als erhahenes Gefühl iſt, ſo gewährt uns die Liebe zu unſerem Geſchlechte ein vernünftigeres und edleres Streben nach Erinne⸗ rung. Es komme was da will: jene Liebe, wenn ſi unſere Arbeiten belebt und unſere Studien leitet, wirt, wenn wir Staub find, das von uns Zurückgelaſſene werthvoll, unſere Anſtrengungen nützlich machen und das Streben nach Ruhm weihen, welches ſonſt eine ſelbſtſüchtige und unreine Leidenſchaft wäre, indem ſie es mit dem Wohl der Jahrhunderte verbindet, mit den ewigen Intereſſen der Welt und ihres Schöpfers! Komm, Geliebte, wir wollen zu Bette gehen!“ Der Abe Arbeiten wie Tröſterin be erhob von„ ſchäftigung, und traurig Ein ſchn Thür wurde publikaners ſchob ihm m ſich für beſſ Stuhl hin, allein und a „Ein ſch wechſelſeitig „Von d und der ärg Wolfe, inde „Dieſe eine allgeme einem Seuf „Ja, G iſt allgemeit s Gefühl eſchlechte Erinne⸗ et, wird, gelaſſene hen und nſt eine ndem ſie det, mit öpfers! n 1. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Ein Menſch kann von der Natur zu einem bewunderungswürdigen Bürger gebildet ſein und doch aus den reinſten Beweggründen in einem Staate, wohin der Zufall der Geburt ihn verſetzt hat, ein gefährlicher ſein. Stephan Montague. Der Abend kam und der Gelehrte begann ſeine Arbeiten wieber. Der Geiſt ſeiner Hoffnung und die Tröſterin bei ſeinen Arbeiten ſaß wieder bei ihm, erhob von Zeit zu Zeit ihre Augen von ihrer Be⸗ ſchäftigung, um ſein Geſicht anzuſehen, zu ſeufzen und traurig und ſtill weiter zu arbeiten. Ein ſchwerer Schritt kam die Treppe herauf, die Thür wurde geöffnet und die hohe Geſtalt des Re⸗ publikaners Wolfe zeigte fich. Die Frau ſtand auf, ſchob ihm mit einem Lächeln und einer Anmuth, die ſich für beſſere Vermögungsumſtände eigneten, einen Stuhl hin, entfernte ſich vom Tiſche und ſetzte ſich allein und abgeſondert nieder. „Ein ſchöner Abend,“ ſagte der Gelehrte nach den wechſelſeitigen Grüßen.„Woher kommen Sie?“ „Von der Betrachtung des menſchlichen Elends und der ärgſten menſchlichen Erniedrigung,“ verſetzte Wolfe, indem er ſich langſam niederſetzte. „Dieſe Worte bezeichnen keinen Ort— ſie finden eine allgemeine Anwendung,“ ſagte der Gelehrte mit einem Seufzer. „Ja, Glendower, denn die ſchlechte Verwaltung iſt allgemein,“ verſetzte Wolfe. 414 Glendower gab keine Antwort. „Oh!“ ſagte Wolfe in dem leiſen Tone unter⸗ brückter Leibenſchaft, der ihm eigen war,„es macht mich wahnfinnig, die Vereitwilligkeit zu ſehen, womit die Menſchen Sklavenlivreen anlegen— die Bären, welche ſtolz find auf die Lumpen, die ſte decken, und die Affen, die ſie reiten. Aber es bringt mich noch mehr auf, wenn ich ſo einen winzigen Lord vorüber⸗ fahren ſehe, der ſeine trüben Augen über die Thoren dahinſchweifen läßt, deren einziges Verbrechen und Erniedrigung iſt, daß ſte ihm unterworfen find! Ein ſolcher begegnete mir vor wenigen Abenden, und er wird ſich des Zuſammentreffens länger erinnern alz ich. Ich brachte dieſen Gott zum Zittern.“ Die Frau ſtand auf, ſah ihren Gatten an und entfernte ſich ſchweigend. Wolſe hielt einige Augen⸗ blicke inne, ſah ſich neugierig und forſchend um, ſtand dann auf und ging in den kleinen Gang, um ſich zu überzeugen, daß kein Horcher in der Nähe ſei— kehrte zurück, zog ſeinen Stuhl nahe zu Glendower hin, richtete ſeine dunklen Augen auf ihn und ſagte: „Sie find arm und Ihr Geiſt empört ſich gegen Ihr Lvos; Sie find gerecht und Ihr Herz ſchwillt bei dem allgemeinen Druck, den Sie ſehen; können Sie nicht wagen, Ihrem übel und dem des Menſchen⸗ geſchlechts abzuhelfen?“ „Ich kann Alles wagen, nur kein Verbrechen,“ ſagte Glendower ruhig aber ſtolz. „Und wer begeht ein Verbrechen? der ſich gegen die ſchlechte Regierung erhebt, oder ver ſich derſelben unterwirft? Sie?“ „Wer das dower.„Wit Sicherheit at Fällen die S Wolfe ſt engen Zimme und riß es au Sie und ſehe Glendowe „Warum nichts.“ „Nichts? hinaus— ſeh Hütten an— elenden Stra noch Paläſte und des Hun ihr ſchmutzig Wohin Sie Sie? Elend, Wenſch und Sie ſich noch Ferne bei j erworbenen Gebände geh wir verhunge dem blutigen verdorbenen nern als an und Augen⸗ m, ſtand um ſi e ſei endower d ſagte: gen Ihr illt bei nen Sie enſchen⸗ echen, gegen erſelhen verdorhenen und laſterhaften Geſchmacks; er begün⸗ 41⁵ unierwirft? Wer begeht ein Verbrechen, frage ich Sie?“ „Wer das Unverſtändigſte thut,“ antwortete Glen⸗ dower.„Wir können in gewöhnlichen Fällen unſere Sicherheit aufs Spiel ſetzen, doch nur in ſeltenen Fällen die Sicherheit Anderer.“ Wolfe ſtand auf und ging ungebulbig in dem engen Zimmer auf und ab. Er ſtand am Fenſter ſtill und riß es auf.„Kommen Sie her, rief er,„kommen Sie und ſehen hinaus.“ Glendower that es— Alles war ſtill und ruhig. „Warum riefen Sie mich?“ ſagte er;„ich ſehe nichts.“ „Nichts?“ rief Wolfe;„ſehen Sie noch einmal hinaus— ſehen Sie jene ſchmutzigen und verfallenen Hütten an— ſehen Sie jenen Hof, der von dieſer elenden Straße zu Wohnungen führt, wogegen dieſe noch Paläſte find; ſehen Sie jene Opfer des Laſters und des Hungers unter dem mitternächtlichen Himmel ihr ſchmutziges und laſterhaftes Gewerbe treiben. Wohin Sie auch Ihre Augen wenden, was ſehen Sie? Elend, Schmutz und Sünde. Sind Sie ein Menſch und nennen dies Nichts? Und nun lehnen Sie ſich noch weiter hinaus— ſehen Sie dort in der Ferne bei jener Lampe den Aufenthaltsort ſchlecht erworbenen Reichthums? Was that der, dem dieſe Gebände gehören, daß er ſchwelgen ſollte, während wir verhungern? Er preßte aus den Thränen und dem blutigen Schweiß der Neger den Luxus eines 416 ſtigte die Ausſchweifungen ver Reichen; er belud ihre Tafeln mit den Produkten der Seufzer einer Nation. Sehen Sie, dies iſt ſeine Belohnung! Er iſt reich — glücklich— geehrt! Er ſitzt in der geſetzgebenven Verſammlung; er ſpricht gegen die Unſterblichkeit, er ſtreitet für die Sicherheit des Beſitzes und vas Gleichgewicht des Ranges. Verſetzen Sie ſich einen Augenblick von dieſer Stelle hinweg— ſtellen Sie ſich vor, als betrachteten Sie die prächtigen Wohnungen der Ariſtokratie und der Macht— die Paläſte des Weſten. Was ſehen Sie dort?— Die Wenigen ſaugen das Blut, die Schätze, das Daſein der Vielen aus. Sind wir, die wir zu den Vielen gehören, weiſe, es zu dulden?“ „Gehören wir zu den Vielen?“ fragte Glendower, „Ich denke es,“ ſagte Wolfe. „Ich bezweifle es,“ entgegnete Glendower. „Hören Sie mich an,“ ſagte der Republikaner, indem er ſeine Hand auf Glendowers Schulter legte „Es gibt in dieſem Lande Männer, deren Geiſter nicht durch Jahrelang verzögerte Hoffnung, durch ermüdende Verfolgung, und was noch bitterer iß, durch Verleumdung von Einigen und Verachtung von Andern können unterdrückt und gezähmt werden. Wir erwarten unſere Gelegenheit; die zunehmende Noth des Landes, die immer größere Strenge und Verkehrtheit der Verwaltung werden uns dieſelbe bald gewähren. Ihre Talente und Ihr Wohlwollen machen Sie würdig, ſich uns anzuſchließen. Thun Sie es und—“ „Still!“ was Sie ſag Wahnfinn J habe mehr ich habe in: Hoffnung ge ſchicks und d hat, dem Y erleuchten— Nächte gewe und das Her haftigkeit me fot meine 2 weder mein würde, noch meiner unda wiſſen Sie d felter iſt als meine Menſe will noch hin und erkennen Projekte bei ſionen eines Wolfe ſa „Iſt es nachdenkend. ſchungen?— hafter Traun von dieſer g Bulwer, d elud ihre Nation. iſt reich gebenven er. blikaner, er legte. Geiſter „durch terer iſt, rachtung werden. ehmende nge und dieſelbe hlwollen Thun „Still!“ ſiel der Gelehrte ein;„Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen: Sie bedenken nicht die Thorheit, den Wahnfinn Ihres Planes! Ich bin tiefer gefallen und habe mehr Täuſchungen erfahren als Sie. Auch ich habe in meinem Herzen die glühenbe und einſame Hoffnung gehaht, die mich in Jahren des Mißge⸗ ſchicks und des Maugels mit dem Gedanken getröſtet hat, dem Menſchengeſchlechte zu dienen und es zu erleuchten— auch ich habe der Erfüllung Tage und Nächte geweiht, wo das Gehirn ſchwindlig wurde und das Herz ſchwer wurde und ſtockte hei der Leb⸗ haftigkeit meines Strebens. Wären Kerker und Schaf⸗ fot meine Belohnung, ſo weiß der Himmel, vaß weder mein Ange blinzeln, noch meine Hand zittern würde, noch vaß ich im geringſten die Vortſetzung meiner undankbaren Arbeiten einſtellen würde. So wiſſen Sie denn, daß mein Schickſal noch verzwei⸗ felter iſt als das Ihre, mein Ehrgeiz unaus öſchlicher, meine Menſchenliebe nicht weniger glühend, und ich will noch hinzufügen, mein Muth nicht weniger feſt, und erkennen Sie die äußerſte Hoffnungsloſigkeit Ihrer Projekte bei Andern, wenn Sie mir nur als die Vi⸗ ſionen eines Enthuſtaſten erſcheinen.“ Wolfe ſank in den Stuhl nieder. „Iſt es denn wirklich ſo?“ ſagte er langſam und nachdenkend.„Sind meine Hoffnungen nur Täu⸗ ſchungen?— Iſt mein Leben nur ein eitler, krambf⸗ hafter Traum?— Iſt die Göttin unſerer Religion von dieſer großen und polkreichen Erde verbannt zu Bulwer, der Verſtoßene, 1⸗ 27 41⁸ den verwundeten und unfruchtbaren Herzen einige. wenigen einzelnen Verchrer, welche alle Andern alt Wahnfinnige verachten oder als Götzendiener verfol⸗ gen?— Und wenn vas iſt, ſollen wir ſie deßhalb um ſo weniger verehren?— Nein, wenn wir auch in ihrer Sache umkommen, um ihren Altar ſollen unſere Leichen gefunden werden!“ „Mein Freund,“ ſagte Glendower freunblich, denn er war gerührt von der Aufrichtigkeit des Re⸗ publikaners, wenn er gleich ſeinen Anſichten nicht beipflichten konnte,„es iſt noch nicht ſpät; wir wollen die Lampe putzen, uns niederſetzen und unſere ver⸗ ſchiedenen Lehrſätze ruhig und mit dem Geiſte der Wahrheit und Forſchung verhanveln.“ „Fort,“ rief Wolſe aufſtehend, und ſeinen Hut über die finſtern und überhängenden Braunen ziehend; „fort! ich will Ihnen nicht zuhören— ich fürcht⸗ Ihre Gründe— ich will nicht den geringſten Theil meines Glaubens erſchüttern laſſen. Wenn ich irre, ſo habe ich von meiner Geburt an geirrt: geirrt mit Brutus und Tell, mit Hampden und Milton und mit allen Denen, welchen die tauſend Stämme und Parteien der Erde ihre allgemeine Dankbarkeit und ihre ewige Verehrung weihen. In dieſem Frr⸗ thum will ich ſterben! Wenn unſere Fartei nicht mit Heeren kämpfen kann, ſo wird ſich vielleicht ein Miniſter mit dem Ehrgeiz Cäſars, wenn auch nicht mit ſeinem Genie, erheben, von dem ein einziger Dolch die Erde befreien kann!“ „Und wenn nicht?“ ſagte Glenbower. „So hal derte Wolfe Dr Die einzi in dieſer voll daß er in fr hatte, waren weltlichem 2 Erſteren war denn fie hatt gewohnt. M herer Geſchic die Adreſſen ſehen, hatten andern Nam dem Gelehrte benen Benen größerer Wol müthig, ſtre Erhabenheit wurde— fa nungen und! jene Aehnlich 419 n einige. ndern 6„So habe ich denſelben Dolch für mich!“ erwi⸗ er verfol⸗ derte Wolfe, indem er die Thüre ſchloß. e deßhalb wir auch ar ſollen Dreiundvierzigſtes Kapitel. So kleid' ich meine nackte Schurkerei reunblich, In alte Fetzen, aus der Schrift des Re⸗ Geſtohlen, und erſchein' als Heiliger, . Wenn ganz beſonders ich den Teufel ſpiele. ten nicht Shakſpeare. ir wollen ſere ver⸗ Die einzigen beiden Bekannten, welche Glendower zeiſte der in dieſer volkreichen Stadt beſaß, und welche wußten, daß er in früherer Zeit ein beſſeres Geſchick gekannt inen Hut hatte, waren Wolfe und ein Mann von viel höherem ziehend; weltlichem Anſchen, Namens Crauford. Mit dem h fürcht⸗ Erſteren war der Gelehrte zufällig bekannt geworden, en Theil denn ſie hatten eine kurze Zeit in demſelben Hauſe ich irre, gewohnt. Mit den Einzelheiten von Glendowers frü⸗ geirtt herer Geſchichte war Wolfe durchaus unbekannt; aber Milton die Adreſſen auf alten Briefen, die er zufällig ge⸗ Stämme ſehen, hatten ihm gezeigt, daß Glendower früher einen nkbarkeit andern Namen geführt, und aus der Unterredung mit ſem Irt⸗ dem Gelehrten erſah er leicht, daß mit der aufgege⸗ nicht mit henen Benennung eine höhere Auszeichnung und ein icht ein größerer Wohlſtand verbunden geweſen. Stolz, ſchwer⸗ uch nicht müthig, ſtrenge— über Gedanken brütend, deren einziget Erhabenheit durch das Geheimnißvolle noch vermehrt wurde— fand Glendower in den vernichteten Hoff⸗ nungen und dem vereinzelten Looſe des Republikaners iene Aehnlichkeit, die weder Wolfe's Gewohnheiten, 420 noch bas übermaß ſeines politiſchen Eifers einer Natur würden gewährt haben, welche die Philoſophie ge⸗ mäßigt und frühere Verhältniſſe geläutert hatten. Crauford war viel beſſer mit den Unglücksfällen be⸗ kannt, die Glendower erfahren hatte. Seit vielen Jahren hatte er ihn gekannt und war mit ihm auf dem Feſtlande gereist; ſeitdem hatten ſie einander erſt ſechs Monate vor der Zeit wieder getroffen, wo Glen⸗ dower dem Leſer vorgeſtellt worden iſt. Damals war Crauford Glendower'n in einer ſchlechten Gaſſe der City begegnet, die ſogar wenig von den höheren Claſſen der Geſellſchaft beſucht wurde, daß Crauford der erſte und einzige von ſeinen früheren Bekannten war, mit dem er ſeit Jahren in Berührung gekommen⸗ Dieſer Mann erkannte ihn ſogleich, redete ihn an, folgte ihm nach Hauſe und überraſchte ihn drei Tage ſpäter mit einem Beſuche. Mit einer Verſtellung, die über die Leichtigkeit und die Erziehung der feinen Welt hinausging, ſchien Crauford die veränderten Umſtände ſeines alten Bekannten nicht zu bemerken, und durch einen angenommenen reſpeklvollen Ton ſuchte er die Empfindlichkeit aus Glendowers Gemüthe zu entfernen, die ſein Beſuch erregen mußte. Es gibt eine Art von Stolz, die den gewöhnlichen Symptomen dieſes Gefühls wiverſpricht und am er⸗ habenſten erſcheint, wenn man vernünftigerweiſe er⸗ warten ſollte, daß er am meiſlen niedergevrückt ſein müßte. Von dieſer Art war Glendowers Stolz. Als er den Gaſt empſfing, der ihn in ſeinem früheren Wohl⸗ ſtande gekannt hatte, wurde freilich ſeine hleiche Wange auf einen A ſcheidenen Z chen der A ruhig und( pfinden mo Ton ſeiner Benehmens. es ihn insg Würde des mehr etwas verlieh, beſe holen, bis lichkeit über Glendowers ſein konnte. dowers Ber kälter wurd derholte, ur tigkeit und 2 fords Frechh Crauford, men; aber ſind, daß wohnheiten ſo werben ſtehen und lichkeit zu e Gefühle ſe erwidern.“ Craufor rNatur phie ge⸗ hatten. llen be⸗ t vielen ihm auf nder erſt Glen⸗ nals war zaſſe der Glaſſen ord der ten war, kommen. ihn an, rei Tage ſtellung, er feinen änderten emerken, len Ton Gemüthe öhnlichen am er⸗ weiſe er⸗ ückt ſein olz. Als en Wohl⸗ eWange auf einen Augenblick roth, als er ſich in ſeinem be⸗ ſcheidenen Zimmer umſah, da es die offenbaren Zei⸗ chen der Armuth enthielt; aber ſeine Anrede war ruhig und gefaßt, und welche Kränkung er auch em⸗ pfinden mochte, ſo zeigte er ſie doch nicht in dem Ton ſeiner Stimme, noch in der Verlegenheit ſeines Benehmens. Durch vieſes Weſen ermuthigt, obgleich es ihn insgeheim ärgerte, und nicht im Stande, die Würde des Geiſtes zu ſchätzen, die dem Mißgeſchick mehr etwas Majeſtätiſches als etwas Ernievrigendes verlieh, beſchloß Crauford, ſeinen Beſuch zu wieder⸗ holen, bis die Bekanntſchaft in eine gewiſſe Vertrau⸗ lichkeit überzugehen ſchien, obgleich, wenigſtens auf Glendowers Seite, von keiner Freundſchaft die Rede ſein konnte. Freilich hatte Crauford etwas in Glen⸗ dowers Benehmen zu überwinden, welches offenbar kälter wurde im Verhältniß wie er die Beſuche wie⸗ derholte, und enblich ſagte Glendower mit einer Leich⸗ tigkeit und Ruhe, die auf einen Augenblick ſelbſt Crau⸗ fords Frechheit erſchütterte:„Glauben Sie mir, Herr Crauford, ich ſchätze Ihre Aufmerkſamkeit vollkom⸗ men; aber da vie umſtände gegenwärtig von der Art ſind, daß unſer Umgang unſern beiderſeitigen Ge⸗ wohnheiten und Geſinnungen nicht entſprechen kann, ſo werven Sie wahrſcheinlich meine Veweggründe ver⸗ ſtehen und verzeihen, wenn ich nicht länger eine Höf⸗ lichkeit zu empfangen wünſchte, die, welches auch meine Gefühle ſein mögen, ich nicht im Stande bin, zu erwidern.“ Crauford wurde roth unb ſchwieg einen Augen⸗ 422 blick, ehe er antwortete.„So verzeihen Sie mir meinen t we Fehler,“ ſagte er dann.„Ich wagte zu hoffen, daß inn keine Umſtände eine Bekanntſchaft abbrechen würben, 6 das Baus die mir ſo ſchätzbar iſt. Verzeihen Ste mir, wenn ich mir einbildete, daß ein Umgang des Geiſtes mit dem Geiſte auf gleiche Weiſe könne fortgeſetzt werden, möchte der Körper in einem Palaſte oder in einer Strohhütte wohnen.“ Dann veränderte Crauford plötzlich ſeinen Ton und fuhr mit zärtlicher Wärme fort:„Mein lieber Glendower, mein lieber Freund, würde ich ſagen, wenn ich es wagen dürfte, iſt nicht Ihr Stolz in dieſem Falle tadelnswerth? Ich begreife ihn freilich vollkommen und benge mich vor ihm; aber er verwundet mich unausſprechlich. Wären Sie in Ihrer gebührenden Stellung, die viel höher iſt als die meine, ſo würde ich ſogleich zu Ihnen kommen und Ihnen meine Freunbſchaft anbieten— ſo wie die Sache ſteht, kann ich es nicht; aber Ihr Stolz verletzt mich, Glendower— ja, in der That, er ver⸗ letzt mich tief.“ Und Crauford wendete ſich, wie es ſchien, in der Bitterkeit des verwundeten Gefühls ab. Glendower war gerührt, und ſeine ebenſo gütige als ſtolze Natur begab. Kalt: ſenen und fin hafte Spekulo Rechnungsbüc ſonifikation je gleich geheime Richard G nicht unbeden Handelsſtand angeſehene F geachteten N Mann, den zu einem Cho licher Art ma bung des G der prunkſüch fahren in der liebte er ebe das Vergnüg Der göttliche machte ihm ſogleich Vorwürfe wegen ſeines unfreund⸗ keit die Zert lichen und vielleicht undankbaren Benehmens. Er reichte Crauford die Hand; dieſer ergriff und drückte ſie mit der reſpektvollſten Wärme, und von ber Zeit an ſchienen ſelligen Geno Craufords Beſuche ein Recht anzunehmen, welches, eine Entſchul wenn gleich nicht durchaus willkommen, nie wieber ſind)— die im geringſten beſtritten wurde. nnnehmende 1 war für ihn jüngſte Phar ches, ieer „Jetzt werbe ich dieſen Mann in meiner Macht haben,“ murmelte Crauford zwiſchen den Zähnen, als er das Haus verließ und ſich in ſein Geſchäftslokal begab. Kalt und einſchmeichelnd, in ſeinem verſchloſ⸗ ſenen und finſtern Geiſte verſchiedene liſtige und bos⸗ hafte Spekulationen hedenkend, ſaß er unter ſeinen Rechnungsbüchern und ſeinem Golde, gleich der Per⸗ ſonifikation jenes Mammons, deſſen gewandteſter, ob⸗ gleich geheimer Anhänger er war. Richard Crauford war von einer neuen, obgleich nicht unbebeutenden Familie. Sein Vater war in den Handelsſtand getreten und hatte ſeinem Sohne eine angeſehene Firma und einen in ſeinem Stande ſehr geachteten Namen hinterlaſſen. Dieſer Sohn war ein Mann, den viele und entgegengeſetzte Eigenſchaften zu einem Charakter von ſehr ſeltſamer und ungewöhn⸗ licher Art machten. Obgleich er die mühſame Erwer⸗ bung des Golbes liebte, ſo war er doch gleichfalls der prunkſüchtigen Verſchwendung ergeben. Sehr er⸗ fahren in dem caleulirenden Geſchäfte ſeines Berufs, liebte er ebenfalls die üppigen Vergnügungen; aber das Vergnügen war wohl geeignet für ſeinen Geiſt. Der göttliche Rauſch jener Liebe, deren Menſchlich⸗ keit die Zartheit und Reinheit der Neigung adelt, war für ihn ein Gegenſtand, von dem ſelbſt ſeine jüngſte Phantaſie niemals geträumt hatte. Die ge⸗ ſelligen Genoſſen des Weinbechers(die für den Sanften eine Entſchuldigung, für den Strengen eine Verſuchung ſind)— die edle Erweiterung des Herzens— das zunehmende Verlangen der zärtlichen Neigung— der 424 verſchwenderiſche Geiſt, der ſeinen überfluß in tau⸗ ſend glänzenden Ergießungen des Witzes von ſich wirſt — vies Alles, was den Traubenſaft, ungeachtet des übermaßes des Lobes unſterblicher Hymnen nicht un⸗ werth gemacht und dem Urtheil derjenigen, die dieſen Freuden abgeneigt ſind, ſeine Härte genommen— dies Alles bot dem verſteinerten Temperamente und dem ſchlummernden Herzen Richard Craufords keinen Reis dar. Er betrachtete das Weſen der innern Dinge, wie das gewöhnliche Auge die äußere Natur betrachtet, und liebte die vielen Geſtalten des übels, wie das letztere die Wechſel der Erde, nicht wegen ihrer An⸗ muth, ſondern wegen ihrer Nützlichkeit. Seine nie⸗ vrige und gemeine Liebe nährte ſich von ungemiſchter und grober Verworfenheit. Seine Neigung zum Wein war einſam und ungeſehen— venn er liebte die Sicher⸗ heit mehr als die Freude— oder in Geſellſchaft der⸗ jenigen, deren Rang ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte und deren Umgang ſeine rohen und im Keime erſtickten Neigungen reifte. Selbſt die Gewiſſenlofigkeit des Laſters in ihm hatte ven Charakter der Klugheit, und in dem raſcheſten und am meiſten ſtürmiſchen Strome ſeiner Ausſchweifungen konute man das felfige und unbewegte Herz des Berechners entdecken. Kalt, verſchlagen, in der Verſtellungskunſt erfahren, und diejenigen menſchlichen Schwächen und Unbeſtän⸗ vigkeiten, welche zu benützen ſein Zweck war, nicht nur genau beobachtend, ſondern auch ſchlaue Folge⸗ rungen daraus ziehend, verſchleierte er ſeine tieferen Laſter mit meiſt ihm zu theuer! ſchwer zu verk der Tugenden, koſtete. Da er regelmäßig bei chelte, der n Kirche hinaus ſchrieb, wo de iiſch ſrenge n ſehr ſorgfältie drücke war— und freundlich Anrede, ſowie ſo war es kei reichen und der Verſchwer liche Immora gion vergaß Vortreffiichkei eines Betrage trag that. „Es iſt u ſagten ſeine! heirathen und Crauford genug, aus L Liehe, deren e der üblen Be dung von Se „ und trome e und ahren, eſtän⸗ nicht olge⸗ eferen Laſter mit meiſterhafter Heuchelei— und für die, welche ihm zu theuer waren, um ſie ſich zu verſagen, oder zu ſchwer zu verbergen, erhielt er Verzeihung vermöge der Tugenden, deren Schein anzunehmen ihn wenig koſtete. Da er die gottesdienſtlichen Verſammlungen regelmäßig beſuchte— einen ſtrengen Glauben heu⸗ chelte, der noch über die Lehrſätze der orthodoren Kirche hinausging— ſtets zu milden Zwecken unter⸗ ſchrieb, wo das Publikum die Gabe erfuhr— metho⸗ biſch ſtrenge auf die Formen des Geſchäfts hielt— ſehr ſorgfältig in der Anwendung ſchicklicher Aus⸗ drücke war— gaſtfrei wenigſtens gegen Vornehmere— und freundlich in ſeinem Temperament und in ſeiner Anrede, ſowie leutſelig gegen ſeine Untergebenen— ſo war es kein Wunder, daß ein Theil der Welt dem reichen und jungen Manne die Unregelmäßigkeiten der Verſchwendung vergab— daß der andere wirk⸗ liche Immoralität zu Guuſten der erheuchelten Reli⸗ gion vergaß— und daß die ührigen die beſtändige Vortrefflichkeit der Worte als eine Sühne für Fehler eines Betragens annahmen, welches ihnen keinen Ein⸗ trag that. „Es iſt wahr, daß er die Weiber zu ſehr liebt,“ ſagten ſeine Freunde;„aber er iſt jung— er wird heirathen und ſich beſſern.“ Crauford heirathete auch wirklich— und ſeltſam genug, aus Liebe— wenigſtens aus jener thieriſchen Liehe, deren er allein fähig war. Nach wenigen Jahren der üblen Behandlung von ſeiner Seite und der Dul⸗ dung von Seiten ſeiner Frau, trennten ſie ſich. Ihrer 426 Perſon überdrüſſig und die Milbe ihres Temperamentz benützend, ſchickte er ſie in einen verborgenen Winkel des Landes, um bei dem kläglichen Jahrgelbe zu ver⸗ hungern, welches er ihr von ſeinem überfluſſe aus⸗ ſetzte. Selbſt da— ſo groß iſt die Wirkung anſchei⸗ nender Schicklichkeit der Formen und Worte— ſank Crauford nicht in der Achtung der Welt. „Es iſt leicht zu ſehen,“ ſagten die Zuſchauer ſeines häuslichen Drama's,„daß ein Mann von ſo mildem Temperamente— in ſeinem Geſchäfte ſo ehren⸗ voll— ſo höflich in ſeiner Rebe— ſo aufmerkſam im Beſuch der Börſe und der Kirche— nicht der ſchuldige Theil ſein kann. Man kennt nie bie Gründe der ehelichen Uneinigkeiten und kann nie die auf⸗ regenden Ungleichheiten des Temperaments ſchätzen. Mrs. Crauford ſchien nie guter Laune zu ſein und hatte nicht das offene Geſicht ihres Mannes, und ge⸗ wiß deuteten ſelbſt die Ausſchweifungen des Herrn Crauford auf eine großmüthige Wärme des Herzens, welche das mürriſche Weſen ſeiner Ehehälfte leicht erkälten und empören konnte.“ Und ſo ging Crauford unbezweifelt und ungetabelt auf ſeinem gebahnten Wege weiter, lachte insgeheim über die Dulbſamkeit der Menge und ſetzte in ſeiner lururiöſen Villa die Orgien einer leidenſchaftloſen, aber thieriſchen Sinnlichkeit fort. So weit mochte Richard Crauforts Charakter hin⸗ ſichtlich der Heuchelei und des glücklichen Erfolges Seinesgleichen finden. Jetzt wollen wir uns tiefer in ſeine Seele verſenken. Im Beſitze von Talenten, die zwar komme ſein ve war ei ſyſteme wenig denken dem g Er ſah und au ſagte und w merer der Tu Maske für lei an die Heuchl ſeinen Liſt un geordn Menge rem E den S ihn de von Co zur We ſondert Ge Craufo eraments n Winkel e zu ver⸗ uſſe aus⸗ anſchei⸗ — ſank uſchauer on ſ o ehren⸗ merkſam icht der Gründe ie auf⸗ ſchätzen. ein und und ge⸗ Herrn erzens, e leicht getabelt sgeheim tſeiner ftloſen, er hin⸗ rfolges efer in en, die war zweiten Ranges, aber in dieſem Range voll⸗ kommen waren, konnte Richard Crauford kein Schurke ſein vermöge der Unregelmäßigkeit ſeiner Natur; er war ein Schurke nach höherem Maßſtabe; er war ein ſyſtematiſcher Schurke. Da er außer ſeinem Berufe wenig Kenntniſſe beſaß, ſo verbreitete ſich ſein Nach⸗ denken ſcheinbar über handgreifliche Folgerungen aus dem großen und geheimnißvollen Buche des Lebens. Er ſah das Laſter in glücklichen äußeren Verhältniſſen, und aus dieſem Anblick zog er ſeine Schlüſſe.„Laſter,“ ſagte er,„iſt kein Hinderniß des glücklichen Erfolges, und wenn das iſt, ſo iſt es wenigſtens ein angeneh⸗ merer Weg dazu, als die ſchmalen und dornigen Wege der Tugend.“ Aber es gibt gewiſſe Laſter, welche die Maske ver Tugend erfordern, und Crauford hielt es für leichter, die Maske zu tragen, als ſeine Seele an die Wirklichkeit zu gewöhnen. So vereinte er den Heuchler mit dem Schurken. Er fand, daß der Erſolg ſeinen Erwartungen entſprach, denn er beſaß zugleich Liſt und Genie; auch war er nicht ohne jene unter⸗ geordnete Liebenswürdigkeit, welche der unwiſſenden Menge ſchätzbarer erſcheint, als eine Münze von echte⸗ rem Gehalt. Geblendet vom Vorurtheil, halten wir den Schein nicht nur für Moralität, ſondern ziehen ihn verſelben ſogar vor, und gleich den Einwohnern von Cos, als ihnen zwei Statuen von derſelben Göttin zur Wahl geſtellt wurden, wählen wir nicht die ſchönſte, ſondern die, welche am ſchönſten geſchmückt iſt. Gewohnt, die Menſchen leicht zu täuſchen, lernte Crauford ſie hald verachten, und indem er früher die 428 Schurkerei durch ſein eigenes Intereſſe gerechtfertigt hatte, rechtfertigte er ſie jetzt durch die Thorheit Au⸗ derer, und da kein Schurke ſo verworfen iſt, ver nicht eine Entſchuldigung vor ſich ſelber hätte, ſo überredete ſich Crauford, daß er laſterhaft aus Grund⸗ ſätzen ſei und ein Schurke nach einem Eyſtem der Moralität. Aber warum wünſchte dieſer ſo durchaus weltliche und herzloſe Mann einen freundſchaſtlichen Umgang mit dem verarmten und machtloſen Gelehr⸗ ten? Dieſe Frage iſt leicht zu beantworten. Fürs Erſte hatte Glendower hei ſeiner früheren Bekannt⸗ ſchaft mit Crauford oft auf unſchuldige Weiſe die Eitelkeit und den Stolz des Bürgerlichen, der den Ariſtokraten ſpielen wollte, verletzt, und da er nun arm war, wollte es ihm der Bürgerliche vergelten. Doch dieſer Wunſch würde wahrſcheinlich vorüberge⸗ gangen ſein, nachdem er ſeine Neugierde befriedigt oder ſeinem Hohn Luft gemacht— denn Craufort, obgleich zu Zeiten boshaft, war nicht rachſüchtig— hätte er nicht einen viel größeren Zweck im Auge gehabt, der ihm erſt ſpäter einfiel. Bei einem aus⸗ gebreiteten, betrügeriſchen Unternehmen, welches er ſeit Jahren geführt und welches wegen ſeines Ge⸗ heimniſſes und wegen ſeiner Kühnheit faſt ohne Gleichen war, war es ihm endlich zu ſeiner Sicherheit nöthig geworden, einen Theilnehmer, oder vielmehr ein Werk⸗ zeug zu haben. Ein Mann von Erziehung, Talent und Muth war ihm durchaus nöthig, und Crauford hatte beſchloſſen, daß Glendower der Mann ſein ſollte. Mit dem vollkommenen Vertrauen auf ſeine Geiſtes⸗ kräſte, welche liehen hatte menſchlichen glauben woll zeugung, daß beſtechen wer Bedingung a gemacht wer Augenblick a niger konnte Natur ein Männer gen anzuneh ſtigen Beſtr demſelben E dem Craufo ſah er ihn er auch ſein geheim, wi geführten C führte Mor bekannt, w Männern i ben Vorurt gab, und von den H in nicht g dieſe Mein raliſten lol vie geeigne a er nun vergelten. orüberge⸗ befriedigt Frauford, üchtig— im Auge nem aus⸗ elches er ines Ge⸗ Gleichen it nöthig in Werk⸗ „Talent Frauford in ſollte. Geiſtes⸗ 429 kräſte, welches der lange, glückliche Erfolg ihm ver⸗ liehen hatte— mit einer gänzlichen Verachtung der menſchlichen Revlichkeit, an die er durchaus nicht glauben wollte— und mit der vollkommenen über⸗ zeugung, daß das, was ihn beſteche, auch alle Anveren heſtechen werde, und daß Niemand unter irgend einer Bedingung arm ſein könne, wenn ihm vas Anerbieten gemacht werde, reich zu ſein, dachte Crauford keinen Augenblick an die Schwierigkeit ſeiner Aufgabe, noch we⸗ niger konnte er begreifen, daß in Glendowers Geiſt und Natur ein Hinderniß ſür ſeinen Plan exiſtiren könne. Männer, die an Berechnungen gewöhnt find, pfle⸗ gen anzunehmen, daß die, welche mit denſelben gei⸗ ſtigen Beſtrebungen beſchäftigt ſind, auch immer zu demſelben Schluſſe kommen oder kommen ſollten. In⸗ dem Crauford Glendower für einen Philoſophen hielt, ſah er ihn zugleich für einen Mann an, der, ſo ſehr er auch ſeine wahren Anſichten verbergen mochte, ins⸗ geheim, wie Crauford ſelber, nicht nur über die ein⸗ geführten Gebräuche, ſondern auch über die einge⸗ führte Moral der Welt lache. Wenig mit Büchern bekannt, war unſer würdiger Richard, gleich allen Männern in ähnlicher Lage, ein wenig von denſel⸗ ben Vorurtheilen angeſteckt, die er zu verachten vor⸗ gab, und er theilte die allgemeine ſchlechte Meinung von den Herzen derjenigen, die den Kopf ausbilden, in nicht geringem Grade. Glendower ſelber hatte dieſe Meinung davurch beſtätigt, daß er jene Mo⸗ raliſten lobte, die ein aufgeklärtes Selbſtintereſſe als die geeignete Maßregel alles menſchlichen Handelns 43⁰ dargeſtellt haben, obgleich er ſie nicht gänzlich hil⸗ ligte; und Crauford, der durchaus nicht im Stande war, dieſes Syſtem in ſeinem großartigen Ginne zu begreifen, erklärte es natürlich im beſondern Sinne. Indem er vas Selbſtintereſſe als ſeinen eigenen Grund⸗ ſatz annahm, glaubte er, daß Glendowers Grund⸗ ſätze in der Wirklichkeit nicht ſehr von den ſeinigen verſchieben ſeien; und da es kein größeres Vergnügen für einen Heuchler gibt, als eine paſſende Gelegen⸗ heit zu finden, ſich einiger wahren Gefinnungen zu entladen, ſo pflegte Crauford zuweilen eine Unter⸗ redung mit dem Gelehrten zu führen, wo er ſeine Anſichten nicht in den gewohnten Schleier hüllte; aber vorſichtig ſelbſt in ſeiner Aufrichtigkeit, hütete er ſich ſtets, ſolche Meinungen für ſeine eigenen aus⸗ zugeben, und erwähnte ſie nur als ſolche, die ein Mann, der die Schurkereien und Thorheiten ſeines Geſchlechts beobachte, wohl zu faſſen verſucht werden könne; und ſo betrachtete ihn Glendower, obgleich er ſeine Bekanntſchaft nicht ſehr ſchätzte, als einen Mann, der hinſichtlich ſeiner Anſichten unwiſſend ſei, aber im Handeln wahrſcheinlich nicht fehlen werde. Dieſe Unterhaltungen erhöhten freilich Craufords Schätzung von des Gelehrten Charakterreinheit, doch verminderten ſie keineswegs ſein Vertrauen, dieſelbe überwinden zu können. Ehrgefühl, tiefen und reinen Sinn für die Göttlichkeit des Guten, den beharrlichen Wunſch, recht zu handeln, und die unterſtützende Hülfe einer aufrichtigen Religion— dieſe beſtritt er feinem beabſichtigten Werkzenge nicht; er freute ſich vielmehr, * daß er ſie und dem Ge ohne Grund ſolche beſitze dieſe Tugent — ſie könner ich anwenden widerſtehen, Menſch kan ſchönen Geft habene Relig Mann ſehr widerſtehen: ner Scharfr hindern, den eines Andern lichen Schur vertrauen— ſagen will, feinen athen meinen ſtolz er hegt eini ſie in die Fl zu Werke g der Armuth Mangel iſt Weib— ein die wahren Verbrechen, mich ſehen; 431 daß er ſie beſitze. Mit dem übermüthigen Stolze ind dem Gefühl des übergewichts, welches Männer ohne Grundſätze ſtets gegen die empfinden, welche ſpolche beſitzen, ſagte Crauford bei ſich ſelbſt:„Eben dieſe Tugenden werden am leichteſten zu täuſchen ſein — ſie können den Verſuchungen nicht ausweichen, die ich anwenden werde, aber ſie können jedem Anerbielen ſeinigen widerſtehen, mich ſpäter zu verrathen, denn kein ergnügen WMenſch kann dem Hunger widerſtehen; aber jene Gelegen⸗ ſchönen Gefühle, jenes ſtrenge Ehrgefühl, jene er⸗ ngen zu habene Religivn— hi! hi! hi!— dieſe können einen e Unter⸗ Mann ſehr wohl lehren, einer gewöhnlichen Lockung er ſeine widerſtehen: ſie können ihn nicht bewegen, ſein eige⸗ . hüllte; ner Scharfrichter zu ſein, aber ſie können ihn ver⸗ „hütete hindern, den Angeber zu machen und der Scharfrichter nen aus⸗ eines Andern zu ſein. Nein, nein— einem gewöhn⸗ die ein lichen Schurken kann ich mein Geheimniß nicht an⸗ n ſeine, vertrauen— mein Geheimniß, welches ebenſoviel twerden ſigen will, als mein Leben! Gerade eines ſolchen e feinen athenienſiſchen, moraliſchen Schurken, wozu ich n meinen ſtolzen Freund machen will, bevarf ich. Aber ſend ſei, er hegt einige thörichte Bedenklichkeiten; wir müſſen werde“ ſie in die Flucht ſchlagen— wir bürfen nicht zu raſch aufotbs zn Werke gehen, und vor allen Dingen müſſen wir t, doch der Armuth den beſten Beweggrund überlaſſen. Der dieſelbe Mangel iſt der ſchönſte Redner— ein verhungerndes Weib— ein darbender Säugling— hi! hi! das find die wahren Verſucher— die wahren Urſachen von Hülfe Verbrechen, welche Kerker und Galgen füllen. Laß mich ſehen; ich weiß, er hat kein Gelb, als was er 432 von dem Buchhändler bekommt. Aber welcher Buch⸗ händler iſt das? Ach! ein ſeltener Gebanke! Ich will es ausfindig machen und ihm dieſe Quelle ab⸗ ſchneiden. Die Wange der Frau Gemahlin wird im nächſten Monat noch etwas ſchmäler ſein, vermuthe ich— hi! hi! Aber es iſt Schade, denn ſie iſt ein herrliches Geſchöpf! Wer weiß, ich könnte zwei Zwecke zugleich erreichen? Doch jetzt den einen; erſt das Geſchäft und dann das Vergnügen— und wahr⸗ haftig, das Geſchäft gleicht ganz verdammt einem Spiel um Leben und Tod.“ Solche Gedanken murmelnd, nahm Crauford eines Abends ſeinen Weg zu Glendowers Wohnung. Vierundvierzigſtes Kapitel. Jago: Tugend— ein Pappenſtiel!— es liegt in uns ſelbſt, daß wir ſo oder ſo ſind. Othello. „So— ſo, mein junger Freund, laſſen Sie ſich durch mich nicht ſtören. Madame, darf ich hoffen, daß Sie dieſe Frucht annehmen werden? Ich wählte ſie ſelbſt aus und bin ein Kenner von dergleichen. Oh! Glendower, hier iſt die Flugſchrift, die Sie zu ſehen wünſchten.“ Mit vieſem Gruße zog Crauford ſeinen Stuhl zu dem Tiſche, an welchem Glendower ſaß, und ließ ſich mit ſeinem beabſichtigten Schlachtopfer in ein Geſpräch ein. Ein hübſches und angenehmes Geſicht hatte Richard Crauford! Das ſpärliche Licht im Zimmer ſiel auf ein der Liſt und waren, ſo Knaben. K Geſichtsfarb⸗ hohe, aber Lächeln nie welches zug einem elegat dung, verli welches woh leriſchen un „Nun, Ihren Bück Geſchmack; aber wir, d wenig Mu Sonntags die Wahrhe über den d zu beſchäf weniger w Da Gl fromme R Pauſe nich machte. 3 ten fuhr u Träumen einen Ber dem wenic Bulwer kt einem rd eines g. — es liegt ſo ſind. . Sie ſich hoffen, wählte gleichen. Sie zu tuhl zu ließ ſich eſpräch hatte mmer er Buch⸗ ke! 3ch uelle ah⸗ 433 ſiel auf ein Antlitz, welches, obgleich vierzig Jahre der Liſt und des Truges über daſſelbe dahingegangen waren, ſo glatt und faltenlos war, wie das eines Knaben. Kleine, wohlgebildete Züge— eine blühende Geſichtsfarbe— Augen vom hellſten Blau— eine hohe, aber ſchmale Stirn, und ein Mund, den das Lächeln nie verließ: dieſe, vereint mit einem Weſen, welches zugleich ſanft und vertrauensvoll war, und einem eleganten, aher unaffeetirten Studium der Klei⸗ dung, verliehen Crauford ein perſönliches Ausſehen, welches wohl geeignet war, vie Wirkang ſeines heuch⸗ leriſchen und ſich verſtellenden Geiſtes zu unterſtützen. „Nun, mein Freund,“ ſagte er,„immer bei Ihren Büchern— he? Oh, es iſt ein glücklicher Geſchmack; ich wollte, ich hätte ihn mehr eultivirt; aber wir, die wir zum Geſchäft verurtheilt ſind, haben wenig Muße, unſern Neigungen zu folgen. Nur Sonntags habe ich Zeit zum Leſen, und dann— um die Wahrheit zu ſagen, ich bin ein altmobiſcher Mann, über den die luſtige Welt lacht— und dann bin ich zu beſchäftigt mit dem Buch der Bücher, um an weniger wichtige Studien zu denken.“ Da Glendower keine beſondere Antwort auf dieſe fromme Rede für nöthig hielt, ſo benützte er die Pauſe nicht, die Crauford offenbar in dieſer Abſicht machte. Mit einem Blicke auf die Frau des Gelehr⸗ ten fuhr unſer Freund fort:„Einſt in meinen jungen Träumen beabſichtigte ich, wenn ich mich verheirathete, einen Beruf zu verlaſſen, zu welchem ich bei alle⸗ dem wenig geeignet bin. Ich ſtellte mir einen Landſitz Bulwer, der Verſtoßene. I. 2²8 434 vor, wohl mit Büchern verſehen, und nachbem ich in einen Umkreis alle Reize vereinte, die meine Gebanken hätten hinauslocken können, beabſichtigte ich, mich allein jenen Studien hinzugeben, die, wie ich leider ſagen muß, bei meiner frühen Erziehung ſehr vernachläſſigt wurden. Aber— aber“— hier ſeufzte Crauford tief und wendete ſein Geſicht ab— „das Schickſal wollte es anders!“ Wenn Glendower eine Antwort theilnehmender Bewunderung ober des Bedauerns geben wollte, ſo wurde er darin durch eine plötzliche Ohnmacht ſeiner Frau unterbrochen, woran ſie in der letzten Zeit häufig litt. Er ſtand auf und neigte ſich mit einer Zärtlichkeit und Unruhe über ſie, wohei ſich die Lippe des Gaſtes ſpöttiſch verzog. „So iſt es mit ſchwachen Geiſtern, die unter dem Einfluſſe der Gewohnheit ſtehen,“ ſagte Crauford bei ſich ſelber.„Die Liebe der Sinnlichkeit wird zur Liebe der Gewohnheit, und die letzte iſt ſo ſtark, wie die erſte.“ Als ſie ſich wieder erholt hatte, ſtand ſie auf und begab ſich mit ihrem Kinde zur Ruhe, das einzige Mittel, welches ſie bei ihrem übel wirkſam fand. Glendower ging mit ihr, und nachdem er ihre Augen, vie in Thränen der Dankbarkeit für ſeine Liebe ſchwam⸗ men, in dem ſcheinbaren Schlummer ſich ſchließen ſah, den ſie affektirte, um ihn von ſeiner Wache zu be⸗ freien, kehrte er zu Crauforb zurück. Er fand dieſen Herrn mit übereinandergeſchlagenen Armen und dem Anſcheine nach in tiefes Nachbenken verſenkt, an den —— Kamin gel Manne ein rühmte, n er die auf hatte er di welchem de für das Geſ ford in ei vie er lieb lung an det fuhr Crauf mit ſchwert „Ach, mei mer betrac unvergleich Ihr Mißg es mit Il Allen verg ſo kann Denen bei für eine heit vurch fertigen.“ „Tug eine Chin jenigen „Wa der That nach;„ habe ich vie bie f und einzige fand. lugen, wam⸗ nſoh, u be⸗ bieſen dem n den 435 Kamin gelehnt. Glendowers Abweſenheit hatte dem Manne einen nutzbaren Augenblick gewährt, der ſich rühmte, nie eine Gelegenheit zu verlieren. Indem er die auf dem Tiſche liegenden Papiere überblickte, hatte er die Adreſſe des Buchhändlers entdeckt, mit welchem der Gelehrte in Verbindung ſtand.„So viel für das Geſchäft— jetzt zur Menſchenliebe,“ ſagte Crau⸗ ford in einem von ſeinen antithetiſchen Ausdrücken, vie er liebte, indem er ſich in der erwähnten Stel⸗ lung an den Kamin begab. Als Glendower hereinkam, fuhr Crauford wie aus einer Träumerei auf und ſagte mit ſchwermüthiger Miene und nachdenkender Stimme: „Ach, mein Freund, wenn ich dieſes demüthige Zim⸗ mer betrachte, den ſchwachen Geſundheitszuſtand Ihrer unvergleichlichen Gattin— Ihre Verborgenheit— Ihr Mißgeſchick— wenn ich dies alles betrachte und es mit Ihrem Geiſte, Ihren Talenten und mit dem Allen vergleiche, wozu Sie geboren und geeignet ſind, ſo kann ich nicht Umhin, mich verſucht zu fühlen, Denen beizuſtimmen, welche das Streben nach Tugend für eine Chiirire halten, und ihre eigene Weltklug⸗ heit durchdas Beiſpiel ihres ganzen Geſchlechts recht⸗ fertigen.“ „Tugend,“ ſagte Glendower,„würde in der That eine Chimäre, wenn ſie nicht die Unterſtützung Der⸗ jenigen bedürfte, die Sie erwähnt haben.“ „Wahr— ſehr wahr,“ antwortete Crauford, in der That etwas verlegen, obgleich nicht dem Anſcheine nach;„und doch, ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag, habe ich wenige von dieſen Perſonen als ſehr gute⸗ bewunderungswürdig gute Männer gekannt. Sie waren außerordentlich moraliſch und religiös; ſie ſpielten nur das große Spiel um weltlicher Vortheile willen unter denſelben Bedingungen wie die andern Schauſpieler; ja, ſte thaten keinen Schritt, ohne aufrichtig und inbrünſiig um den göttlichen Beißand zu bitten.“ „Ich glaube es gern,“ ſagte Glendower, der ſtets, wenn es möglich war, jeden Streit vermied,„wir täuſchen uns ſelber am leichteſten.“ „Bewunderungswürdig geſagt,“ antwortete Crau⸗ ford, ver dies dennoch für die einfältigſte Bemerkung hielt, die er je gehört;„bewunderungswürdig geſagt! — Und doch iſt mein Herz ſehr bekämmert wegen der Prüfungen und der Noth, die ich anſehe. Man muß der armen menſchlichen Schwachheit etwas nach⸗ ſehen, und man iſt oft in ſolchen Verhältniſſen, daß es kaum möglich iſt, ohne die Gnade Gottes“— hier erhob Crauford ſeine Augen—„nicht zu der Den⸗ kungsart und den Hanvlungen der Welt getrieben zu werden.“ Da Glendower dieſe Bemerkung nicht vollkommen verſtand und auch nicht beſonders genau darauf ach⸗ tete, ſo nickte er nur beiſtimmend, und Crauford fuhr fort:„Ich erinnere mich eines merkwürdigen Bei⸗ ſpiels von dieſer Wahrheit. Einer von den Commis meines Compagnons war durch Unglück oder Unver⸗ ſtand in große Noth gerathen. Seine Frau, ſeine Kinder— er hatte eine zahlreiche Familie— waren im eigentlichſten Sinne nahe daran, zu verhungern. Ein anderer Commis benützte dieſe Umſtände und theilte de Prinzipal Verſuchun ſelber mi Schickſal war Ihr Glendowe etwas ſeh „Ind dower,„ und noch er ein gro wolle, di den ſeien, „Gat ſtellte ich ein weni öffentlich net. We endlich tenden T Prinzip letzt wir der Urſt ſagen E — ——— 437 theilte dem bebrängten Manne einen Plan mit, ſeinen Prinzipal zu betrügen. Der arme Mann gab der Verſuchung nach und wurde enblich entdeckt. Ich ſprach ſelber mit ihm, denn ich intereſſirte mich für ſein Schickſal und hatte ihn ſtets geachtet.—„„Welches war Ihr Beweggrund bei dieſem Betruge?““ ſagte ich.—„„Meine Pflicht!““ antwortete der Mann heftig.„Sollte ich meine Frau und Kinder vor meinen Augen verhungern ſehen, da ich ſie mit ge⸗ ringer perſönlicher Gefahr retten konnte? Nein— meine Pfiicht verbot es!““— Und in Wahrheit, Glendower, die Art, wie er die Frage ſtellte, hatte etwas ſehr Einleuchtendes.“ „Indem Sie vieſelbe beantworteten,“ ſagte Glen⸗ dower,„hätten Sie ihm eine eben ſo einleuchtende und noch wahrere Frage ſtellen können, nämlich, ob er ein großes Verbrechen gegen die Millionen begehen wolle, die durch die geſellſchaftliche Ordnung verbun⸗ den ſeien, um einer einzigen Familie zu dienen?“ „Ganz richtig,“ antwortete Crauford,„gerade ſo ſtellte ich auch die Frage, aber der Mann, der ſich ein wenig aufs Streiten verſtand, erwiderte:„„Das öffentliche Geſetz iſt zum öffentlichen Wohl angeord⸗ net. Wenn nun mein und meiner Kinder Wohl un⸗ enplich mehr durch dieſen verhältnißmäßig unbedeu⸗ tenden Betrug befördert wird, als das Wohl meines Prinzipals vadurch, daß ich davon abſtehe, oder ver⸗ letzt wird, wenn ich ihn begehe, ſo erlaubt mir ja der Urſprung des Geſetzes ſelbſt es zu thun.““ Was ſagen Gie dazu, Glendower? Es hat einige Ahnlich⸗ 438 keit mit Ihrem Nützlichkeitsprinzip, nicht wahr?“ und Crauford beſchattete ſeine Augen mit der Hand, als blende ihn das Licht, und beobachtete Glendv⸗ wers Geſicht genau, während er das ſeine verbarg. „Der arme Thor wußte die erſten Lehren des Katechismus nicht,“ ſagte Glendower.„Wußte er denn nicht, daß keine Regel auf einen beſondern Fall anzuwenden iſt, ſondern die allgemeinſte Bedentung hat? Iſt es nöthig zu bemerken, daß zwar in dieſem beſondern Falle der Mann ſeinem Prinzipale nur einen Theil ſeines überflaſſes raubt, den er kaum vermißt, um vem dringendſten Bedürfniß von zwei over drei Perſonen abzuhelfen, vaß aber die allge⸗ meine Folge des Betruges und der Untreue die Des⸗ organiſation der Geſellſchaft herbeiführen würde! Glauben Sie daher nicht, daß dieſer Maun ein Schüler von mir oder meines Moralſyſtems war.“ „Es iſt freilich ſehr richtig,“ ſagte Crauford mit wohlwollendem Seufzer;„aber Sie werden geſtehen, daß der Mangel ſelten große Genauigkeit in den mo⸗ raliſchen Unterſcheidungen erlaubt, und daß, wenn vie, welche Sie am meiſten auf der Welt lieben, darben, man Sie bemitleiden, ja Ihnen verzeihen wird, wenn Sie die ſpäteren Geſetze der Natur aus den Augen verlieren und zu ihrem erſten Gebote, zur Selbſt⸗ erhaltung zurückkehren.“ „Wir müßten in der That hart ſein, wenn wir ihn nicht bemitleiden wollten,“ autwortete Glenvower; „oder wenn das Individuum nicht verziche, während das Geſetz verurtheilt.“ X „So ſ für den ar licherweiſe umhin, zu hältniſſen ſelbe Verb „Kein Glendower Erfreut Crauford n Gott ſei 2 werden; Philoſoph religiös— Sie Ihr ſterben un Hände zu des Hung Der C ſondern v langſamen genſtande ſie geprüf die Tuge Das Crauford' mein,“ d gels vemi lichkeit tl und verſt 439 „So ſagte ich,“ rief Crauford,„und indem ich für den armen Kerl Fürbitte einlegte, dem ich glück⸗ licherweiſe Verzeihung verſchaffte, konnte ich nicht umhin, zu erklären, daß, wenn ich in denſelben Ver⸗ hältniſſen wäre, ich nicht gewiß ſei, ob ich nicht daſ⸗ ſelbe Verbrechen begehen würde.“ „Kein Menſch kann deſſen gewiß ſein!“ ſagte Glendower niedergeſchlagen. Erfreutund überraſcht durch dies Bekenntniß, ſprach Crauford weiter:„Ich glauhe— ich fürchte nicht— Gott ſei Dank, unſere Tugend kann nie ſo geprüft werden; aber ſelbſt Sie, Glendower, ſelbſt Sie, Philoſoph, Moraliſt, wie Sie ſind— gerecht, weiſe, religiös— ſelbſt Sie könnten verſucht werden, wenn Sie Ihr engelgleiches Weib aus Mangel an Hülfe ſterben und Ihre unſchuldige und ſchöne Tochter ihre Hände zu Ihnen ausſtrecken ſähen und in den Tönen des Hungers um Brod ſchreien hörten.“ Der Gelehrte antwortete einige Augenblicke nicht, ſondern wendete ſein Geſicht ab und ſagte dann in langſamem Tone:„Laſſen Sie uns von dieſem Ge⸗ genſtande ſchweigen; keiner kennt ſeine Kräfte, bis ſie geprüft worden ſind. Das Selbſtvertrauen ſollte die Tugend begleiten, aber nicht ihr vorangehen.“ Das gewöhnlich ruhige und kalte Auge Richard Crauford's erhellte ſich auf eine Sekunde.„Er iſt mein,“ vachte er;„ſchon die Erwähnung des Man⸗ gels demüthigt ſeinen Stolz; was wird denn die Wirk⸗ lichkeit thun? O menſchliche Natur, wie durchſchaue und verſpotte ich dich!“ „Sie haben Recht,“ ſagte Crauford lant,„laſſen Sie uns von der Flugſchriſt reden.“ und nach einer Unterredung über gleichgültige Gegenſtände entferute ſich der Gaſt. Früh am näͤch⸗ ſten Morgen ging Crauford zu dem Buchhänvler, deſſen Adreſſe er erfahren hatte. Dieſer Buchhändler war als ein Mann von ſtreng evangeliſchem Glauben bekannt.„Wir müſſen eine oder zwei Lügen üher Glendowers Grundſätze vorbringen,“ ſagte Crauford bei ſich ſelber.„Hi! hi! es wird ein hühſcher Genie⸗ ſtreich ſein, den geraden Handelsmann zu bewegen, Glendower aus religiöſen Grundſätzen verhungern zu laſſen. Aber wer hätte gedacht, daß meine Beute ſo leicht in die Schlinge gehen würde? Nun, ich glaube, wenn ich ihm geſtern Abend den Vorſchlag gemacht hätte, ſo wäre er ſchon darauf eingegangen.“ Indem ſich Crauford mit dieſen Gedanken unter⸗ hielt, kam er im Hauſe des Buchhändlers an. Hier fand er, daß das Schickſal ihm wenigſtens ein Ver⸗ brechen erſpart habe. Das ganze Haus war in Ver⸗ wirrung— der Buchhändler war an dem Morgen am Schlagfluß geſtorben. „Guter Gott! wie ſchrecklich!“ ſagte Crauforb zu dem Commis; vaher er war ein ſehr würdiger Mann, und die Vorſehung konnte ſeiner nicht länger entbehren. Die Wege des Himmels ſind nnerforſch⸗ lich! Geben Sie mir drei Exemplare von der köſt⸗ lichen Abhandlung unter dem Titel:„Der göttliche Ruf.“ Ich wünſchte die Erlaubniß zu haben, dem Leichenbegängniß eines ſo vortrefflichen Mannes hei⸗ wohnen ach!“ Un ford den „Hur der Stra — der 2 halt— ungeheur prei, we muß ihn iſt bald Weile u werde i Schuldg leerer V muß ba verdamn es zu„ auch fa halte. will ich Oberha den M gunz) Craufo Craufo je zum Jury eine V halt, rſchlag gen unter⸗ Hier n Ver⸗ n Ver⸗ Norgen rauford ürdiger länger forſch⸗ er köſt⸗ öttliche , dem es bei⸗ 44¹ wohnen zu dürfen. Guten Morgen, Herr““; ach! ach!“ und kläglich den Kopf ſchüttelnd, verließ Crau⸗ ford den Laden. „Hurra!“ ſagte er faſt hörbar, als er wieber auf der Straße war,„Hurra! mein Spiel iſt gewonnen — der Tod over ver Teufel ficht für mich. Aber halt— es find noch andere Buchhändler in dieſer ungeheuren Stabt! Ja, aber nicht mehr als zwei oder prei, welche philoſophiſche Schriften verlegen. Ich muß ihm dort das Spiel verderben— ſo, ſo— das iſt bald geſchehen. Nun muß ich ihn eine kleine Weile ungeſtört ſeinem Schickſal überlaſſen. Vielleicht werde ich ihn zunächſt im Kerker beſuchen; das Schulbgefängniß iſt faſt ebenſo überzengend, als ein leerer Magen— hi! hi! hi!— Aber der Streich muß bald geſchehen, denn die Zeit drängt und dieſes verdammte Geſchäft breitet ſich ſo ſchnell aus, daß es zu viel für meine Hände ſein wird, ſo viel ſie auch faſſen können, wenn ich nicht bald Hülfe er⸗ halte. Wenn es indeß noch ein Jahr ſo fortgeht, ſo will ich meinen Sitz im Unterhauſe mit einem im Oberhauſe vertauſchen; zwanzigtauſend Pfund an den Miniſter können ſchon einen Kaufmann zu einem ganz hübſchen Pair machen. O wackerer Richard Crauforv, weiſer Richard Crauford, glücklicher Richard Crauford, evler Richard Crauford! Nun, wenn Du je zum Galgen verurtheilt wirſt, ſo wird es durch eine Jury von Pairs geſchehen. Der Strick müßte dann eine Würde an ſich haben, anſtatt einer Schande. Aber halt, hier kommt der Dechant von der Paulskirche— 442 kein Orthobor, wie man ſagt— ſtrenger Calviniſt — heraus mit dem„göttlichen Ruf!““ Als Richard wieder zu Glendower ging, wie groß war ſein Erſtaunen und ſein Schreck, als er hörte, daß er ſeine Wohnung aufgegeben habe, ohne daß Jemand wußte, wohin er gezogen ſei. „Wie lange iſt er ausgezogen?“ ſagte Crauforb zu der Wirthin. „Fünf Tage Herr.“ „Und wird er nicht zurückkehren, um kleine Schul⸗ den zu berichtigen vder dergleichen?“ ſagte Crauford. „O nein, Herr, er zahlte Alles, ehe er ging. Der arme Herr— benn wenn er gleich arm war, ſo war er doch der feinſte und gebilbetſte Herr, den ich je geſehen— mein Herz blutete für ihn. Sie verkauften alle ihre werthvollen Sachen, um ihre Schulden zu zahlen: die Bücher, die Inſtrumente und Büſten, Alles mußte fort; und was ihn am meiſten kränkte, obgleich er gleichgültig varüber ſprach— er verkaufte auch das Porträt der Dame.„„Mrs. Crof⸗ ton,“ ſagte er,„„der Maler M⸗ wirb das Bild am Tage nach meinem Auszuge holen laſſen. Gehen Sie darauf, daß es ihm übergeben und die größte Sorgfalt hei der überlieferung angewendet wird.““ „Und Sie haben keine Vermuthung, wohin er gegangen iſt?“ „Nein, Herr; ein einziger Arbeiter war hinrei⸗ chend, um die noch übrigen Sachen zu tragen, und er hatte ihn aus einem entfernten Theile der Stadt mitgehracht.“ — „Zeh er fich e Jetzt iſt Namen dammtet Labyrin drängt ſchlauer, kiſcher 3 Mühe, nach Ha trinken! Katze, 1 muß ſta neue Er Beſtändi folg, od Mann: beharrli 443 „Zehntauſend Teufel!“ murmelte Crauford, als er ſich entfernte.„Ich hätte dies vorherſehen ſollen. Jetzt iſt er verloren. Natürlich wird er wieder ſeinen Namen verändern, und wie ſoll ich ihn in den ver⸗ bammten Höhlen und Winkeln dieſes gigantiſchen Labyrinths von Häuſern auffinden? Und überdies brängt die Zeit! Nun, es iſt ein ſchöner Preis, ſchlauer, oder wie die Thoren ſagen würben, ſchur⸗ kiſcher zu ſein als Andere; aber es koſtet unendliche Mühe, ihn zu gewinnen. Aber halt— ich will nach Hauſe gehen, mich einſchließen und mich be⸗ trinken! Ich bin ſo ſchwermüthig, wie eine verliebte Katze, und auch faſt ſo dumm; und wahrlich, man muß ſtarke Getränke zu ſich nehmen, um auf eine neue Erfindung zu kommen. Aber wenn das Glück Beſtänvigkeit hat, oder die Beharrlichkeit guten Er⸗ folg, oder Richarb Crauford Witz beſitzt, ſo ſoll dieſer Mann mein Opfer werden— und darum will ich beharrlich ſein!“ * — — —— — † *