————— — 3 1 17 3 S—— 3 „ Leihbiblivthet Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Gttmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Zeſehedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von orgens 7 Uhr b lbends 8 roffen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entg egennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr. Pf. Auswärtige Abonnenten für der Bücher auf ihre eigenen Koſten und 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlvrene defecte Bücher(namentlich bei chen mit Kupfern ꝛc. 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Dem großen deutſchen Volke, einem Geſchlecht von Denkern und Critikern, einem fremden, aber mit ihm vertrauten Publikum, tief im Urtheil, aufrichtig im Tadel, großmüthig in der Würdigung, widmet dies Werk ein engliſcher Verfaſſer. Ein Wort mit dem Teſer. Zu der erſten Auflage von 1837. Mein alter und hinſichtlich Meiner parteiiſcher Freund, Du darfſt von dieſem Werke nicht das⸗ jenige Intereſſe erwarten, welche durch aufregende Abenteuer und eine fortwährende Mannigfaltig⸗ keit der Ereigniſſe erweckt wird. Dem Romane der Gegenwart iſt die Lebhaftigkeit, die Aufregung, der Lärm, der Pomp und der Bühneneffekt noth⸗ wendig unterſagt, welchen die Benutzung der Ge⸗ ſchichte dem Roman darbietet. Welche Verdienſte auch Rienzi oder die letzten Tage Pompeji's in Deinen gütigen Augen beſeſſen haben mögen, ſo muß dieſe Geſchichte, wenn ſie Dir überhaupt ge⸗ fällt, dies Glück ganz anderen Eigenſchaften ver⸗ danken, als denjenigen, welche Deine Gunſt den Bildern der Vergangenheit gewannen. Du mußt Deine Einbildungskraft herabſtimmen und Dich auf eine Geſchichte vorbereiten, welche weder der Er⸗ zählung außerordentlicher Ereigniſſe, noch der Cha⸗ rakterſchilderung großer Männer geweiht iſt. Ob⸗ gleich ſchwerlich eine einzige Seite in dieſem Werke 8 ſich vorfindet, welche eine Abſchweifung vom Haupt⸗ plane darbietet, ſo kommt voch darin wohl ſehr viel vor, welches Dir ermüdend und weitläufig erſcheint, wenn Du Dich nicht in gutherziger Stim⸗ mung und mit großherzigem Vertrauen der Füh⸗ rung des Autors überläßt. In dem Helden dieſer Geſchichte wirſt Du weder einen majeſtätiſchen Halbgott, noch einen vezaubernden Teufel finden; er iſt ein Mann mit der aus der menſchlichen Natur ſtammenden Schwäche, und mit derjenigen Kraft, die wir von der Seele ererben; im Irr⸗ thum iſt er zwar oft nicht halsſtarrig, aber öfter unentſchloſſen in der Tugend; bisweilen hegt er zu hohe Beſtrebungen, bisweilen wird er durch Niedergeſchlagenheit zu ſehr erdrückt; die Umſtände, mit denen er ringt, üben Einfluß auf ihn und er verändert ſeinen Charakter mit dem Wechſel der Zeit und des Schickſalsz nismals aber verwirft er leichtfinnig jene großen Grundſätze, wodurch wir allein die große Wiſſenſchaft des Lebens uns zu bilden vermögen— den Wunſch nach dem Guten, die Leidenſchaft zum Ehrlichen und eine Sehnjucht nach dem Wahren. Nach ſolchen Grundſätzen lehrt uns zuletzt Erfahrung, der ſtrenge Mentor, die ſichere und praktiſche Philoſophie, welche im Muth zu ertragen, in Heiterkeit zu genießen und im Glau⸗ ben auf ein Jenſeits zu blicken beſteht. Vielleicht hätte ich überraſchendere Vorfälle ſchildern und ein größeres Intereſſe erwecken kön⸗ nen, wenn ich Maltravers, den Mann von hö⸗ herem Geiſt, in den harten, aber veredelnden Kampf mit Armuth und Mangel verſetzt hätte, wozu begabte Männer ſo oft verurtheilt find; allein Reichthum und Ermüdung bietet ebenſowohl Ver⸗ 9 ſuchungen, wie Mangel und Anſtrengung. Ferner habe ich manches hinſichtlich meiner Geſchichte und meiner Charaktere aus dem wirklichen Leben ge⸗ griffen und möchte nicht unnöthigerweiſe andere OQuellen ſuchen, ſo lange der Brunnen der Wahr⸗ heit in meinem Bereich lag. Der Verfaſſer hat, was er wollte, geſagt und zieht ſich wieder in Schweigen und Dunkel zurück; er läßt euch mit den Schöpfungen, die er ins Leben rief, allein— mit den Repräſentanten ſeiner Regungen und Gedanken— den Vermittlern zwi⸗ ſchen dem Einzelnen und der Menge. Es ſind keine Kinder des Erdenthons, ſondern des Geiſtes; mögen ſie ihrem Urſprung treu bleiben! Dann treten ſie als Ermahner, als keine laute, aber ein⸗ dringliche, in der Welt auf, in welche ſie hinein⸗ geſchleudert wurden und kämpfen gegen die ihnen in den Weg gelegten Hinderniſſe um die Erbſchaft ihres Vaters— um das Recht, ſein Grab zu überleben. Lonbon, am 12. Auguſt 1837. Vorrede zur zweiten Ausgabr. (1840.) Wie zahlreich auch die Dichtungen ſein mögen, womit ich mich, theurer Leſer, bei Dir eingedrängt habe, ſo gab ich doch nur drei von einiger Be⸗ deutung heraus, worin die Erzählung in die Er⸗ eigniſſe der Gegenwart geſchleudert wurde und ihr Colorit durch die Sitten unſerer Zeit erhielt. Der erſte dieſer Romane, Pelham, wurde in einem Alter verfaßt, worin ich die Jünglingsjahre kaum überſchritten hatte, und beſitzt die Fehler, vielleicht auch die Verdienſte der Jugend, worin die Neuheit des Lebens die Beobachtung beſchleunigt, worin wir dasjenige, was auf der⸗Oberfläche der Welt liegt, deutlich ſehen und lebhaft darſtellen, worin wir noch beinahe ein Mitgefühl für die von uns verſpotteten Thorheiten hegen und dadurch unſere Bilder in einem geſchmackvollen Styl darſtellen, welcher deren Uebertreibung wieder ausgleicht. Wann wir älter werden, beobachten wir weniger und denken deſto mehr; wie Frankenſtein ſeciren wir, um zu ſchaffen. Den zweiten Roman der Gegenwart,* den „Der„Verläugnete“ ſällt in die Zeit unſerer Großväter und die„Pilger des Rheins“ haben mit dem wirklichen Leben nichts zu ſchaffen: letztere Schrift kann ich deßhalb im eigent⸗ lichen Sinne des Wortes keinen Roman nennen⸗ gen, ingt Be⸗ Er⸗ ihr Der nem aum eicht uheit orin Welt orin uns nſere llen, eicht. niger ciren den ßväter Leben igent⸗ ¹¹ ich nach einem Zwiſchenraum von Jahren der Welt vorlegte, erkenne ich jetzt zum erſten Mal als mein Werk an, und derſelbe wird, durchgeſehen und korrigirt, in dieſer Sammlung enthalten ſein; dies Werk iſt einer beſtimmten Abtheilung der Ge⸗ ſellſchaft geweiht und enthält die Entwicklung einer beſonderen Claſſe von Charakteren. Der dritte Roman, welcher jetzt wieder abgedruckt wird, ift „Ernſt Maltravers,“ zugleich mit der Fortſetzung unter dem Titel:„Alice oder die Geheimniſſe,“ denn Anfang und Folge bildet nur eine Erzählung. Dieſes Werk zeugt von der meiſten Reife und iſt überhaupt das umfaſſendſte von Allem, was ich bisher verfaßt habe. Was die Originalidee anbetrifft, die ich mit aller Demuth den philoſophiſchen Plan einer mo⸗ raliſchen Erziehung oder Lehrlingſchaft zu nennen wage, ſo habe ich den Umſtand leicht erkennen laſſen, daß ich dieſelbe Gvethe's Wilhelm Meiſter verdanke. Allein in Wilhelm Meiſter betreffen die Lehrjahre eigentlich nur die theoretiſche Kunſt. In dem mehr hausbackenen Plan, den ich mir vor⸗ ſetzte, betreffen die Lehrjahre das praktiſche Leben. Bei dieſer Abſicht habe ich mich hauptſächlich be⸗ müht, alle jene Reize zu vermeiden, welche in Romanen oder in Erzählungen des bloßen Humors oder ungezügelter Phantaſie als geſetzlich gelten — Reize, die in der Sprache der Recenſenten unter die Rubrik„herrliche Beſchreibungen, außerge⸗ wöhnlich ergreifende Scenen“ u. ſ. w. gereiht wer⸗ den, die auf auffallenden Gegenſätzen und karri⸗ kirten Uebertreibungen beruhen. Ich hegte den Zweck, die eingeführten Perſonen und die allge⸗ meinen Beweggründe der Handlung in die Licht⸗ und Schattenſeiten des Lebens, wie es iſt, herab⸗ zuſtimmen. Unter dem Leben, wie es iſt, verſtehe ich nicht allein das gewöhnliche und äußere Leben, ſondern das Leben ſowohl in ſeiner geiſtigen und myſtiſchen, wie auch in ſeiner mehr ſichtbaren und körperlichen Chärakteriſtik. Die Idee, Charaktere nicht allein zu beſchreiben, ſondern auch unter dem reifenden Einfluß der Zeit und Umſtände zu ent⸗ wickeln, iſt nicht allein auf die Lehrjahre des Mal⸗ travers beſchränkt, ſondern betrifft eben ſowohl das Leben Ceſarini's, Ferrers und der Alice Darvil. Der urſprüngliche Gedanke der Alice iſt aus dem wirklichen Leben gegriffen; ich ſah dieſe Dame nur zweimal und damals war ſie nicht mehr jung; allein ihre Geſchichte hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck. Ihre urſprüngliche Unwiſſenheit und Heimath, ihre erſte Liebe, die ſeltene und rührende Treue, die ſie ungeachtet neuer Bande bewahrte, ihr endliches Zuſammentreffen mit einem beinahe in der Kindheit verlorenen und angebeteten Mann, als ſie den mittleren Jahren ſich näherte: Alles dies iſt in dem Romane dargelegt, aber nur die unvollkommene Abſchrift der wahren Begebenheiten einer noch lebenden Dame. Was Maltravers ſelbſt betrifft, ſo muß ich eingeſtehen, daß ich nurt mit ſchwachen Kräften ge⸗ gen die große und am Tage liegende Schwierig⸗ keit kämpfte, einen Schriftſteller unſerer Zeit dar⸗ zuſtellen, in deſſen angeblichen Werken oder Genie, der Leſer keinen der gegenwärtig lebenden erken⸗ nen kann. Der Leſer iſt deßhalb fortwährend ge⸗ zwungen, ſeine Einbildungskraft anzuſtrengen, um die Täuſchung zu erhalten, oder er muß träger Weiſe den Autor im Buche, mit dem Autor des rab⸗ ſtehe eben, und und ktere dem ent⸗ wohl rvil. aus ame ung; iefen und ende hrte, nahe ann, Alles die eiten ich ge⸗ rig⸗ dar⸗ enie, ken⸗ „um äger des 13 Buches verwechſeln.“ Ich geſtehe jedoch, daß ich bei dieſem Einwurf und ungeachtet deſſelben be⸗ dachte, ſo viel bisher nicht Geſagtes, laſſe ſich durch die Lippen oder im Leben eines durch die Phantaſie geſchaffenen Schriftſtellers unſerer Zeit mit Vortheil ſagen, daß ich im Ganzen damit zufrieden war, meiner Phantaſie die Aufgabe zu ſtellen und mich zugleich dem Verdachte des Leſers auszuſetzen. Was mein eigener Egoismus in die⸗ ſem Buche ſich aneignet, beſteht nur in einigen gelegentlichen Bemerfungen, dem natürlichen Re⸗ ſultat praktiſcher Erfahrung. Mit dem Leben oder Charakter, den Abenteuern oder den Launen, den Irrthürmern oder den guten Eigenſchaften des Maltravers ſelbſt, habe ich nichts weiter zu ſchaf⸗ fen, als daß ich der Erzähler und Erfinder bin. Noch ein Wort bevor ich dieſe Vorrede ſchließe über die Reihe von Bänden, worin die Ausgabe erſcheint. Ich hätte ſicherlich gewünſcht, daß meine früheren Romane in die gegenwärtige Ausgabe mitbegriffen würden, ſo daß dieſelben durchaus vollſtändig und bis in die Einzelheiten gleichförmig werden könnten; eine ſehr große Summe, nicht we⸗ niger als 1500 Pfd., wurden Herrn Colbvurne und Bentley angeboten, nicht um das Verlagsrecht auf⸗ zukaufen(dieſes muß ja doch, wenn ich am Leben bleibe, mir zuletzt wiederum heimfallen), ſondern *Die Leichtgläußigkeit dieſer Art in einer fremden Zeitung hat mir viel Vergnügen gemacht; ich ſah nämlich, daß die man⸗ nigfachen Abenteuer des Herrn Maltravers in allem Ernſt der Verſchönerung meines eigenen ruhigen Lebens zugeſchrieben wur⸗ den, wobei natürlich die Liebe zum Original der armen Alice Darvil nicht fehlen durſte; dieſe aber iſt, beiläufig geſagt, jetzt wenigſtens 70 Jahr glt und hat einen Enkel beinghe eben ſo alt wie ich. allein um die Erlaubniß zu erlangen, daß dieſe, in ihren verſchiedenen Romanſammlungen ſchon gedruckten Erzählungen in dieſer Ausgabe wieder gedruckt werden könnten; jene Herren Buchhändler würden nichts deſtoweniger ihre gegenwärtigen Anſprüche und ihr Verlagsrecht behalten und den Verkauf in ihren Sammlungen fortſetzen dürfen. Auch ward den Herren vorgeſchlagen, daß der Er⸗ lös aus den veſagten Romanen ihnen bezahlt wer⸗ den ſollte, wenn ſie den Abdruck in dieſer Aus⸗ gabe erlaubten. Die Herren jedoch antworteten mir mit dem mir unwillkommenen Compliment, meine Romane ſeien ſo populär und erwieſen ihnen beim Verkauf anderer Romanſammlungen ſolche Dienſte, daß ſie den Abdruck nur unter Bedingun⸗ gen geſtatten könnten, welche den Verkauf jedes Bandes um den dreifachen Preis geſteigert haben würden. Dieſes Geſtänvniß bot mir wenigſtens eine Ermuthigung, meine anderen beſſeren Werke in derſelben Form herauszugeben, die bei ihren Vorgängern ſo beliebt geweſen war; und da ich den Willen hegte, wenigſtens meine Landsleute ſollten, wenn ſie Gefallen daran fänden, alle Werke, womit man ihnen Vergnügen zu gewäh⸗ ren beabſichtigte, zu ſo wohlfeilen Preiſen und in ſo zweckmäßiger Fehn, wie Eingeborene an⸗ derer Länder kaufen konnen, ſo habe ich nichts deſtoweniger dieſe Ausgabe vernnlaßt, welche Alles begreifen wird, was ich bisher in größerer Form herausgegeben habe, von„Pelham“ an bis zu den „letzten Tagen von Pompeft.“ Da nun jene Ro⸗ mane ſchon gedruckt ſind(Pelham, der Verläug⸗ nete und Devereur von Herrn Colbourne, Paul 15 Clifford, Eugen Aram und die letzten Tage von Pompeji von Herrn Bentley) ganz in demſelben Format und zu demſelben Preis, wie die jetzt unter der Preſſe befindlichen Bände, ſo kann der Leſer, wenn er mich beehren will, ſich alle meine Werke kaufen, und zwar ſowohl den mir Com⸗ plimente machenden Buchhändlern zum Trotz,“ wie auch in einem Format, welches zwar nicht ganz nach meinen Wünſchen, Einförmigkeit zeigt, aber doch für gewöhnliche Zwecke dieſe letztere zur Genüge darbletet. Den einzigen Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſer Ausgabe und der wohlfeilen von Herrn Bentley und Colbourne beſteht in einer kleinen Ab⸗ weichung des Titelblatts und in einigen, wie ich hoffe, verbeſſernden Veränderungen der Stahlſtiche und des Einbandes bei den jetzt unter meinen Augen herausgegebenen Bänden Ueber die letzte⸗ ren Unterſchiede wird ſich aber kein verſtändiger Leſer vernünftigerweiſe beklagen können. Ihr deß⸗ halb, die Ihr geneigt ſeid, dieſe Kinder meiner ſpäteren und reiferen Jahre in der gegenwärtigen und bequemen Zurichtung derſelben zu kaufen, wenn Ihr wohlwollend die ganze Nachkommen⸗ ſchaft in Euren Beſitz einzuſchließen ſtrebt, laßt nur Eure Buchhändler deren ältere Brüder von Herrn Colbourne und Bentley beſtellen! Thut übri⸗ gens wie es Euch beliebt; ich hege nämlich kein perſönliches und ſchmutziges Intereſſe, ſie aus je⸗ *Der einzige in den Sammlungen der Herren Colbourne und Bentley nicht abgedruckte und auch in dieſer Ausgabe nicht ein⸗ geſchloſſene Roman iſt ein ſolcher, deſſen Verlagérecht ich zwar nicht aufgegeben habe, zu deſſen Wiederherausgabe ich mich aber nicht verſtehen würde— ich meine Falkland. Das rohe und leidenſchaftliche Werk eines bloßen Knaben, das ich auf⸗ richtig bedaure und gerne zurücknehmen möchte, nem Verlage zu erlöſen. Scharfſinniges Publi⸗ kum, erlaube mir wenigſtens, Dir einen Rath zu geben und eine Bitte an Dich zu richten: Ihr, die Ihr bis jetzt zu ſechs Schillingen Pelham oder Eugen Aram, Paul Clifford oder den Verläug⸗ neten gekauft habt— laßt die Gelegenheit Euch nicht entſchlüpfen unter denſelben bequemen Be⸗ dingungen,„Rienzi“ und„Ernſt Maltravers,“ „Alice oder die Geheimniſſe,“„Godolphin,“„die Pilger des Rheins“ u. ſ. w. zu kaufen; ſo könnt ihr unter Eurem gütigen Dach eine jetzt zerſtreute Familie vereinigen, deren Mitglieder dafür ſtets bei der Hand ſein werden, um Euch in einer Stunde der Müdigkeit oder Krankheit zu erheitern, oder mit Euch vom Leben, wie es iſt und war, zu reden, wenn Ihr beim winterlichen Herde ſitzt, Eurer eigenen Gedanken müde ſeid und Euch gern un⸗ terhalten wollt. Erſtes Vuch. . Der zarte Sprößling wird ſo ſüß heraufgenährt „ die o könnt An ſeinem Schutzort; nicht des Gottes heißer Strahl, Nicht Regen, nicht des Windes Sturm erſchüttert ihn; erſtreute In Luſt verbringt er ſonder Mühn des Lebens Lauf. ür ſtets Sophokles Trachenierinnen. Erſtes Kapitel. ern un⸗ Ich gebe die Berſicherung, meine Abſicht dabei war in Bezug auf das Mädchen durchaus ehrlich; wer hätte aber einen Hinterhalt erwarten können, worin ich ſelbſt gefangen wurde? Shakſpeare. Vier Meilen von einer unſerer nördlichen Fabrik⸗ ſtädte lag im Jahre 18.. ein weiter und öder Ge⸗ meinplatz; ein wüſterer Ort iſt kaum zu denken; das Gras wuchs in kränkelnden Flecken auf einem ſchwarzen und ſteinigten Boden. Nicht ein Baum ließ ſich auf der ganzen freudeloſen Fläche erblicken. Die Natur ſelbſt ſchien die Ode verlaſſen zu haben, als ſei ſie dunch den unaufhörlichen Lärm der benachbarten Schmieden verſcheucht worden; ſogar die Kunſt, welche alle Dinge in ihren Dienſt hineinzwängt, hatte es verſchmäht, Nutzen oder Schönhelt aus dieſem nichtsverheißenden Landſtrich hervorzulocken. Es lag etwas Zauberhaftes, Bulwer, Maltravers, 1. 2 Vorzeitliches im Außeren dieſer Gegend, hauptſächlich wenn man in langen Winternächten die entfernten Feuer und Lichter ſah, welche, indem ſie roth und wild über die Wüſte ſtrömten, der Nähe von gewiſſen Fabriken einen übernatürlichen Anſchein ertheilen. Die Gegend ſchien von Menſchen ſo verlaſſen, daß man kaum ſich einbilden konnte, ihre rauhe unfrucht⸗ bare Ode werde allein durch menſchliches Feuer er⸗ leuchtet. Meilenweit entdeckte man auf dem Moore keine Spur von Wohnung; wenn man aber dem Rande näher kam, welcher nach der Stadt hin lag, ſo konnte man in geringer Entfernung von der Hauptſtraße, welche den Gemeindeplatz durchſchnitt, eine kleine, ein⸗ ſame und elende Hütte erblicken. Zur Zeit, worin meine Geſchichte beginnt, ſaßen zwei Perſonen in dieſer einſamen Wohnung. Die eine war ein ungefähr fünfzigjähriger Mann; er trug einen ſchmutzigen und abgeſchabten Anzug, an welchem ſich dennoch die Ziererei übel angebrachten Putzes er⸗ kennen ließ. Ein ſeidenes Tuch, welches ſich der Zierde einer großen Vorſtecknadel mit falſchen Steinen rühmte, war in munterer Weiſe um einen muskelſtarken, aber mageren Hals geſchlungen; ſeine zerriſſenen Bein⸗ kleider waren mit Schnallen, einer von Tomback und einer anderen von Stahl geſchmückt. Sein Körper, mager, aber breitſchulterig und ſehnig, verkündete beträchtliche Kraft. Sein Geſicht war mit frühzeitig entſtandenen, tiefen Furchen durchzogen, und ſein graues Haar wallte über eine niedrige, rauhe und zurück⸗ ſtoßende Stirn, worauf ein immerwährender Ausdrus des (der Es r härtu Verg Das licher oder zu zi ſelbe Verf möch Alice „unſ weiß Scht Geld c ſaß und und das und unge woh: brau über ſächlich fernten th und ewiſſen theilen. Rande „ſaßen Die eine er trug welchem tzes er⸗ Zierde rühmte, t, aber Bein⸗ ack und dörper, kündete ihzeitig graues zurück⸗ usdruck 19 des Trotzes weilte, welchen kein Lächeln der Lippen (der Mann lächelte häufig) jemals verſcheuchen konnte. Es war ein Geſicht, welches eine langdauernde Ver⸗ härtung des Laſters ausſprach, ein Geſicht, worauf die Vergangenheit unzerſtörbare Züge eingegraben hatte. Das Brandmal des Henkers hätte daſſelbe nicht deut⸗ licher zu ſtempeln, noch klarere Warnung ehrlichen oder furchtſamen Leuten zu ertheilen vermocht. Er war damit beſchäftigt, einige kleine Münze zu zählen und wiederholte, obgleich der Werth der⸗ ſelben ſehr leicht zu erkennen war, mehre Male dies Verfahren, als ob letzteres den Werth zu mehren ver⸗ möchte„Hier muß ein Verſehen vorgefallen ſein, Alice,“ ſagte er mit dumpfer und murmelnder Stimme, „unſere Kaſſe kann nicht ſo niedrig ſtehen; wie Du weißt, hatte ich zwei Pfund noch am Montage in der Schublade, und jetzt— Alice, Du mußt von dem Geld geſtohlen haben, ſei verflucht!“ Die Perſon, an welche dieſe Worte gerichtet wurden, ſaß auf der entgegengeſetzten Seite eines rauchenden und trübe brennenden Feuers; ſie blickte ruhig auf und ihr Antlitz bot einen ſonderbaren Gegenſatz gegen das Geſicht des Mannes. Sie ſchien ungefähr fünfzehn Jahre alt zu ſein, und ihre Geſichtsfarbe war auffallend rein und zart, ungeachtet der bräunlichen Färbung, welche ihre ge⸗ wohnte Handarbeit hervorgerufen hatte. Ihr kaſtanien⸗ braunes Haar hing in freien und natürlichen Locken über ihre Stirn; der üppige Wuchs beſſelben war ſogat guffallend bei einem ſo jungen Mädchen. Ihr Antlitz war ſchön, in den kleinen, kindiſchen Zügen ſogar fehlerlos, allein der Ausdruck erweckte ein pein⸗ liches Gefühl— er war durchaus leer. In der Ruhe bot er beinahe den Schein des Blödſinns; wenn ſie aber ſprach oder lächelte, oder nur eine Muskel be⸗ wegte, ſo wieſen Augen, Farbe und Lippen eine Leb⸗ haftigkeit, welche den Beweis gab, der Verſtand ſei vorhanden, obgleich nur unvollkommen erwacht. „Vater,“ ſagte ſie in ruhiger Stimme,„ich habe keins geſtohlen; ich hätte nur gerne etwas genommen, wußte aber, daß Sie mich alsdann ſchlagen würden.“ „Wozu brauchſt Du Geld?“ „Um Eſſen zu kaufen, wenn ich hungrig bin.“ „Sonſt nichts?“ „Ich weiß nicht.“ Das Mädchen ſchwieg.„Warum,“ begann ſie wieder nach einer Pauſe,„laſſen Sie mich nicht in bie Fabrik gehen, damit ich dort mit den andern Mädchen arbeite? Dort würde ich Geld für Sie und mich erwerben.“ Der Mann lächelte; ſein Lächeln ſchien alle widri⸗ gen Züge ſeines Geſichts in plötzliche Bewegung zu bringen.„Kinb,“ ſagte er, Du biſt gerade fünfzehn Jahre alt und albern genug; vielleicht ließeſt Du mich im Stich, wenn Du in die Fabrik gingeſt; was ſollte ich ohne Dich anfangen? Nein, da Du ſo ſchön biſt, kannſt Du Dir Geld auf eine andere Weiſe erwerben.“ Das Mädchen ſchien dieſe Anſpielung nicht zu verſtehen; ſie wiederholte mit leerem Ausdruck:„Ich möchte in die Fahrik gehen.“ habe Thin c mur Uhr. klop und und Farl ihret das Thi laut Eur will der von die erſt alt den und ann fie icht in andern ie und widri⸗ ung zu ünfzehn n mich s ſollte ön biſt, erben.“ icht zu Ich 21¹ „Albernes Zeug,“ ſagte der Mann ärgerlich.„Ich habe verſchiedene Abſichten, um.4 Hier ward er von einem lauten Klopfen an die Thüre der Hütte unterbrochen. Der Mann wurde blaß.„Was kann das ſein,“ murmelte er vor ſich hin.„Es iſt ſpät, beinahe elf Uhr. Wiederum— Wiederum! Aliee, frage, wer da klopft.“ Das Mädchen ſtand einen Augenblick unbeweglich und wie bezaubert an der Thür; ihre Form, gerundet und dennoch ſchlank, ihr ernſter Blick, ihre wechſelnde Farbe, ihre zarte Jugend, eine eigenthümliche Anmuth ihrer Stellung und Bewegung hätte einem Künſtler das Ideal länvlicher Schönheit darbieten können. Nach einer Pauſe legte ſie ihre Lippen an eine Thürſpalte und wiederholte ihres Vaters Frage „Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſprach eine helle, laute, aber höfliche Stimme,„da ich ein Licht an Eurem Fenſter ſah, ſo habe ich mir die Frage erlaubt, ob mich Jemand aus dieſem Hauſe nach** geleiten will. Ich werde den Dienſt gut bezahlen.“ „Offne die Thür, Alice,“ ſprach der Eigenthümer der Hütte. Das Mädchen zog einen großen, hölzernen Riegel von der Thür fort, und eine ſchlanke Geſtalt trat über die Schwelle. Der neue Ankömmling befand ſich in der erſten Blüte der Jugend; vielleicht war er achtzehn Jahr alt; ſein Ausdruck und ſein Außeres überraſchte ſowohl den Vater wie die Tochter. Obgleich er allein, zu Fuß und in ſolcher Stunde anlangte, mußte Jeder in ihm 22 einen Mann von Stande erkennen; dennoch war ſein Kleid einfach und vom Staube etwas beſchmutzt; ein kleines Torniſter trug er auf der Schulter. Als er eintrat, nahm er mit etwas ausländiſcher Höflichkeit den Hut ab, und ein üppiges braunes Haar fiel zum Theil über eine hohe und gebleteriſche Stirn. Seine Züge waren hübſch, ohne gerade beſonders ſchön zu ſein, ſein ganzes Außere zeugte von Kühnheit und nahm für ihn ein. „Ich bin Ihnen für Ihre Höflichkeit verbunden,“ ſagte er, indem er ſorglos vortrat und die Worte an den Mann richtete, der ihn mit forſchendem Auge anblickte;„ich hoffe, guter Mann, daß Sie mich noch mehr verbinden werden, indem Sie mich nach*** begleiten.“ „Sie können den Weg nicht verfehlen,“ ſagte der Mann mürriſch,„die Lichter werden Ihnep die Rich⸗ tung angeben.“ „Die Lichter haben mir vielmehr eine falſche Rich⸗ tung angegeben, denn ſie ſcheinen den ganzen Ge⸗ meinplatz zu umringen, und ich kann keinen Pfad erblicken; wenn Sie mir jedoch den richtigen Weg zeigen wollen, ſo will ich Sie nicht weiter beläſtigen.“ „Es iſt ſchon ſehr ſpät,“ erwiderte der mürriſche Wirth mit zweideutigem Tone. „So habe ich deſto mehr Grund, bald in*** zu ſein. Kommt, guter Freund, ſetzt Euren Hut auf, und ich will Euch eine halbe Guinee für Eure Mühe geben.“ Der Mann trat vor, ſtand ſtill, betrachtete noch ſein ein s er ichkeit lzum Seine igen.“ rriſche — zu t auf, Mühe noch 23 einmal ſeinen Gaſt und ſagte:„Sind Sie ganz allein, Herr?“ Ja. „Vielleicht ſind Sie in*** bekannt?“ „Nein, aber was geht das Euch an? Ich bin hier fremd.“ „Die Entfernung beträgt zwei Stunden.“ „So weit, und ich bin ſchon furchtbar müde!“ rief der junge Mann verdrießlich aus. Bei den Worten zog er ſeine Uhr aus der Taſche.„Schon über Elf.“ Der Herr der Hütte ſah die Uhr; ſein Auge fun⸗ kelte mit widrigem Ausvruck. Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn.„Ich dachte gerade,“ ſagte er in einem Tone, der höflicher war wie ſein bisheriger, „weil Sie ſo müde und die Zeit ſchon ſo ſpät iſt, ſo könnten Sie wohl eben ſo gut...“ „Was,“ rief der Fremde aus, indem er etwas trotzig mit dem Fuße ſtampfte. „Ich wage es kaum zu erwähnen, allein meine arme Behauſung ſteht zu Ihren Dienſten und morgen bei Tagesanbruch will ich Sie nach*** geleiten. Der Fremde ſtarrte den Hausherrn und dann die ſchmutzigen Wände der Hütte an, er war gerade im Begriff, in ſehr abgebrochener Weiſe das Anerbieten der Gaßtfreundſchaft abzulehnen, als ſein Auge plötzlich auf Alicens Geſtalt ruhte, welche mit begierigen Blicken und offenem Munde den hübſchen Eindringling be⸗ ſchaute. Als ihr Auge dem ſeinigen begegnele, erröthete ſie und wandte ſich hinweg. Der Anblick ſchien die Abſicht des Fremden zu verändern. Er bedachte ſich einen Augenblick, murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, ließ ſein Torniſter auf den Boden fallen, warf ſich in einen Lehnſtuhl am Feuer, ſtreckte ſeine Glieder aus und ſägte mit munterer Stimme:„So ſei es, Wirth; verſchließt Euer Haus, bringt mir ein Glas Bier und eine Brodkruſte; das iſt genug zum Abend⸗ eſſen. Was das Bett betrifft, ſo wird dieſer Lehnſtuhl mir genügen.“ „Vielleicht können wir Ihnen etwas Beſſeres als den Lehnſtuhl dort verſchaffen,“ erwiderte der Wirth, „allein unſere beſte Bequemlichkeit muß einem Herrn von Stande als etwas Schlechtes erſcheinen; wir find ſehr arm, bei harter Arbeit ſehr arme Leute.“ „Macht Euch um meinethalben keine Mühe,“ er⸗ widerte der Fremde, indem er ſich mit Anſchürung des Feuers beſchäftigte;„ich bin an größere Strapazen gewöhnt, als hier in eines ehrlichen Mannes Hauſe im Lehnſtuhl zu ſchlafen; obgltich Ihr arm ſeid, hege ich keinen Zweifel, daß Ihr ehrlich ſeid.“ Der Mann grinste; er wandte ſich zu Aliee und befahl ihr, herzubringen, was die Speiſekammer dar⸗ bieten könnte. Einige Brodkruſten, einige kalte Kar⸗ toffeln und etwas ziemlich ſtarkes Bier bildete das ganze Mahl, welches vor den Fremden hingeſtellt wurde. Ungegchtet ſeiner früheren Prahlerei, ſchnitt der junge Mann ein etwas verdrießliches Geſicht bei dieſen ſokratiſchen Vorbereitungen, während er ſeinen Stuhl an den Tiſch rückte. Allein ſein Blick wurde mun⸗ terer, als er dem Auge der Aliee begegnete; als ſie am Tiſche umherſchlenderte und einige Worte der Entſch drückte chen( verſtell Tag d durchr ſo ſchi Al ſich in fuhr, loſen roſiger ſcharf „( „laſſet ehrlich „ Reihe den h nicht und a einem ihr G „ eben tonun höher T Comꝝ ich le apazen Haunſe d, hege iee und er dar⸗ e Kar⸗ s ganze wurde. itt der dieſen Stuhl mun⸗ als ſie te der 25 Entſchulbigung ſtotterte, ergriff er ihre Hand und drückte ſie zärtlich bei den Worten:„Niedlichſtes Mäd⸗ chen(während er ſprach, beſchaute er ſie mit un⸗ verſtellter Bewunderung), ein Mann, der den ganzen Tag das häßlichſte Land innerhalb der drei Meere durchreiste, wird am Abend durch den Anblick eines ſo ſchönen Geſichtes zur Genüge erfriſcht.“ Alice zog haſtig ihre Hand zurück, ging und ſetzte ſich in den Winkel des Zimmers, von wo ſie fort⸗ fuhr, den Fremden mit ihrem gewöhnlichen, ausdrucks⸗ loſen Blicke, allein mit einem halben Lächeln ihrer roſigen Lippen zu betrachten. Alicens Vater blickte ſcharf auf die jungen Leute. „Eſſen Sie, Herr,“ ſagte er mit einer Art Kichern, „laſſen Sie die ſchönen Worte; die arme Alice iſt ehrlich, wie Sie ſo eben ſagten.“ „Gewiß,“ erwiderte der Fremde, indem er zwei Reihen ſtarker, geſunder und blendender Zähne an den harten Kruſten beſchäftigte;„ich wollte Euch nicht beleidigen; ich bin aber ein halber Ausländer und außerhald Englands, wie Ihr wißt, darf man einem hübſchen Mädchen eine Höflichkeit ſagen, ohne ihr Gefühl oder das ihres Vaters zu verletzen.“ „Ein halber Fremder? Sie ſprechen ja Engliſch eben ſo gut wie ich!“ ſagte der Wirth, deſſen Be⸗ tonung und deſſen Worte im Ganzen eine etwas höhere Stellung, wie ſeine jetzige bezeugten. Der Fremde lächelte.„Ich danke Euch für dies Compliment,“ ſprach er.„Ich wollte nur ſagen, daß ich lange außer Landes geweſen bin. So ehen bin 25 ich aus Dautſchland zurückgekehrt, von Geburt aber ein Engländer.“ „Sie kehren nach Hauſe?“ „Ja.“ „Wie weit von hier?“ „Ungefähr fünfzehn Stunden, wie ich glaube.“ „Sie ſind ſehr jung, Herr, um ſo allein zu reiſen.“ Der Fremde gab keine Antwort, ſondern beendete ſein wenig einladendes Mahl und rückte ſeinen Lehn⸗ ſtuhl an das Feuer. Nach ſeiner Meinung hatte er der Neugier ſeines Wirthes genug gethan, um jetzt an die Befriedigung ſeiner eigenen denken zu dürfen. „Ihr arbeitet in Fabriken, wie ich glaube?“ begann er aufs Neue. „Ja, Herr, ſchlechte Zeiten.“ „Und Eure hübſche Tochter?“ „Beſorgt das Haus.“ „Habt Ihr keine andere Kinder?“ „Nein. Nur einen Mund kann ich außer dem meinen füttern und auch das iſt mir kaum möglich. Sie aber wollen ſich wohl jetzt zur Ruhe begeben; Sie können mein Bett erhalten, ich kann hier ſchlafen.“ „Auf keinen Fall,“ ſagte der Fremde ſchnell; „werft nur etwas mehr Kohlen aufs Feuer, alsdann werde ich mich nach meiner Bequemlichkeit einrichten.“ Der Mann ſtand auf und wiederholte ſein An⸗ erbieten nicht, ſondern verließ das Zimmer, um friſche Feuerung zu holen. Alice blieb in ihrem Winkel ſitzen.„Schönes Kind,“ ſagte der Fremde⸗ ihr allei ich eine Alie „Q „N Bei trat za Geſicht Geld b „E erwide Du D Mi der St ſo ſage nicht, ſtill, e De Sitz, betrach unvoll einzeln die ſta des H kannte zur K Stant Seele indem er ſich umſah und ſich überzeugte, vaß er* D Wint urt aber glaube.“ reiſen.“ beendete en Lehn⸗ hatte er um jetzt ürfen. laube?“ ßer dem möglich. egeen; hlafen.“ ſchnell; alsdann ichten.“ ein An⸗ er, um ihrem Fremde, er mit 27 ihr allein war,„ich würde beſſer ſchlafen, könnte ich einen Kuß von dieſen Korallenlippen erlangen.“ Alice verbarg mit den Händen ihr Geſicht. „Quäle ich Dich?“ „Nein, Herr.“ Bei dieſer Verſicherung ſtand der Fremde auf und trat zart auf Alice zu. Er zog ihr die Hände vom Geſicht, während ſie leiſe fragte:„Habt Ihr viel Geld bei Euch?“ „Erkäufliches Geſindel,“ dachte der Fremde, und erwiderte laut:„warum ſchönes Kind? Verkauſſt Du Deine Küſſe zu ſo hohem Preiſe?“ Mit ſtolzem Blicke ſchüttelte Alice das Haar von der Stirne.„Wenn Sie Geld haben,“ flüſterte ſie, ſo ſagen Sie es nicht meinem Vater; ſchlafen Sie nicht, wenn es Ihnen möglich iſt. Ich beſorge— ſtill, er kömmt.“ Der junge Mann begab ſich wieder auf ſeinen Sitz, mit geändertem Weſen. Als ſein Wirth eintrat betrachtete er ihn zuerſt mit ſchärferen Blicken. Der unvollkommene Schimmer der halb erſtorbenen und einzelnen Kerze warf ſtarke Lichter und Schatten auf die ſtark gezeichneten, rauhen und wilden Geſichtszüge des Hüttenbewohners; der Blick des Reiſenden er⸗ kannte, als er ſich vom Geſicht zu den Gliedern und zur Körperform wandte, daß der Leib ſehr wohl im Stande ſei, die Gewaltthat auszuüben, deren Plan die Seele etwa entwerfen könnte. Der Fremde verſank in düſteres Nachfinnen. Der Wind heulte; der Regen klatſchte; kein einſamer * 28 Stern ſchien durch das Fenſter; überall herrſchte tief⸗ Finſterniß; im Fall er allein ging, ſo konnte er viel⸗ leicht einer noch größeren Gefahr auf dem weiten und öden Moor ſich ausſetzen; der Wirth konnte viel⸗ leicht folgen und ihn im Dunkeln angreifen. Er hatte keine Waffe als einen Stock; im Hauſe aber beſaß er wenigſtens ein rauhes Vertheidigungsmittel in dem großen Schüreiſen, welches ihm zur Seite lag. Jeden⸗ falls war es zweckmäßiger für den Angenblickzu warten; er konnte ja, ſobald er ſich allein befand, den Riegel von der Thür ziehen und unbemerkt hinausſchlüpfen. Dies war das Ergebniß ſeines Nachſinnens, während ſein Wirth ſich am Feuer beſchäftigte. „Heute Nacht werden Sie einen geſunden Schlaf haben,“ ſagte derſelbe lächelnd. „Hm, ich bin zu ſtark ermüdet; ein oder zwei Stunden wird es währen, bevor ich einſchlafe; iſt dies aber der Fall, ſo ſchlafe ich wie ein Stein.“ „Komm, Alice,“ ſagte der Vater;„verlaſſen wir den Herrn. Gute Nacht, Herr.“ „Gut Nacht, gut Nacht,“ erwiderte der Reiſende gähnend. Der Vater verſchwand mit der Tochter aus einer Thür in der Ecke des Zimmers. Der Gaſt vernahm wie ſie die knarrenden Stufen hinauf ſtiegen; dann herrſchte tiefe Stille. „Ich Thor,“ dachte der Fremde.„Vermag nichts mich zu belehren, daß ich nicht länger Student in Göttingen bin? Vermag nichts mich von dieſen Fuß⸗ reiſeabentenern zu heilen? Ohne die großen blanen Augen wohlbel der grit will ic Stunde Zeit la eiſen; gegen Ol ſchlug ſeinen bewoh das gr W beſchä Kamn Der melte Blick ſchaut über Riegel ſchlüpfen. finnens, der zwei lafe; iſt Stein.“ aſſen wir Reiſende us einer vernahm z dann g nichts went in en Fuß⸗ blanen 29 Augen des Mädchens würde ich mich jetzt in** wohlbehalten und ſicher befinden, wenn mich nicht der grimmige Vater unterwegs ermordet hätte. Indeß will ich ihn ſchon hintergehen; nach einer halben Stunde bin ich wieder auf dem Moor; ich muß ihm Zeit laſſen. Mittlerweile habe ich hier das Schür⸗ eiſen; im ſchlimmſten Fall gilt der Kampf Einen gegen Einen; indeß der Kerl iſt ſtark gebaut.“ Obgleich der Reiſende ſo ſich zu ermuthigen ſuchte, ſchlug ſein Herz lauter wie gewöhnlich. Er heftete ſeinen Blick auf die Thür, durch welche die Hütten⸗ bewohner verſchwunden waren und ſeine Hand auf das große Schüreiſen. Während der Fremde im unkern Zimmer ſich ſo beſchäftigte, ging Alice, anſtatt in ihre eigene enge Kammer ſich zu begeben, in das Zimmer ihres Vaters. Der Hüttenbewohner ſaß am Fuße ſeines Bettes, mur⸗ melte einige Worte vor ſich hin und richtete den Blick auf den Boden. Das Mädchen ſtand vor ihm, ſchaute ihm ins Geſicht und kreuzte die Arme leichthin über den Buſen. „Sie muß zwanzig Guineen werth ſein,“ ſagte der Mann plötzlich vor ſich hin. „Was ſoll ihr— Vater, was iſt des Herrn Uhr werth?“ Der Mann fuhr auf. „Sie wollen,“ fuhr Alice ruhig fort,„dem jungen Mann Böſes anthun; allein Sie ſollen ihm Nichts der Art zufügen.“ Das Antlitz des Hüttenbewohrers wurbe ſchwarz 30 wie die Nacht.„Wie,“ fuhr er mit lauter Stimme auf, ließ dieſelbe aber plötzlich in ein tiefes Knurren ſinken;„wie darfſt Du wagen, mir ſo etwas zu ſagen? Geh zu Bett, geh zu Bett.“ „Nein, Vater.“ „Nein?“ „Ich will bis Tagesanbruch nicht aus dem Zimmer weichen.“ „Das wollen wir ſehen,“ ſagte der Mann mit einem Fluch. „Wenn Sie mich berühren, ſo wecke ich den Herrn und ſage ihm, daß. „Was?“ Das Mädchen trat zu ihrem Vater, legte ihre Lippe an ſein Ohr und flüſterte,„daß Sie ihn zu morden beabſichtigen.“ Des Hüttenbewohners Leib zitterte von Kopf bis zu Fuß. Er ſchloß die Augen, ſein Mund haſchte mit Mühe nach Athem.„Alice“ ſprach er ſanft nach einer Pauſe,„wir find oft dem Hungertode nah.“ „Ich bin es, Ihr ſeid es niemals.“ „Elende, ja; trinke ich an einem Tage zuviel, ſo darbe ich dafür am nächſten. Aber ich ſage Dir, geh zu Bett, ich will dem jungen Manne nichts Böſes anthun. Glaubſt Du, ich wollte meinem Halſe einen Strick drehen? Nein, nein, geh fort.“ Das Antlitz der Alice, welches bis dahin ernſt geweſen war und beinahe Scharffinn gezeigt hatte, verfiel jetzt wieder in den gewöhnlichen nichtsſagenden Ausdruck. „6 Ihr ih gute N ihr eig Ale eng an Stund „T wollte, hin, hinten gegen heit ſe Guine Ich br wenn V Luft i lehnte nieder zog ſ tracht ſeiner ängſtl er ſch Walt der( ſchlie am Stimme Knurren u ſagen? Zimmer re Lippe morden opf bis haſchte uft nach nah.“ zuviel, ge Dir, nichts Halſe 6 n ernſt hatte, genden 34 „Gewiß, Vater, man wird Euch hängen, wenn Ihr ihm die Kehle abſchneidet. Vergeßt das nicht, gute Nacht.“ Mit dieſen Worten begab ſie ſich auf ihr eigenes gegenüberliegendes Zimmer. Als der Mann allein war, preßte er ſeine Hand eng an ſeine Stirn und blieb ungefähr eine halbe Stunde bewegungslos. „Wenn dies verfluchte Mädchen nur ſchlafen wollte,“ murmelte er zuletzt ſich umwendend vor ſich hin,„ſo könnte ich es dennoch ausführen. Dort hinten liegt der Teich, ſo tief wie ein Ziehbrunnen. gegen Tagesanbruch wird der Bube dort in Sicher⸗ heit ſein; er muß viel Geld haben, um eine halbe Guinee für einen Begleiter auf zwei Stunden zu geben. Ich brauche Geld, arbeiten will ich nicht, wenigſtens wenn ich dem abhelfen kann.“ Während er ſo mit ſich ſelber redete, ſchien die Luft ihn zu erdrücken. Er öffnete das Fenſter, er lehnte ſich heraus— der Regen ſchüttete auf ihn nieder. Er verſchloß das Fenſter mit einem Fluch, zog ſeine Schuhe aus, ſchlich zur Schwelle und be⸗ trachtete die entgegengeſetzte Thür mit einem von ſeiner Hand halb gedeckten Lichte. Sie war geſchloſſen. ängſtlich beugte er ſich vor und horchte. „Alles iſt ruhig,“ dachte er,„vielleicht ſchläft er ſchon; ich will mich hinunter ſchleichen. Wenn Jack Walters nur noch heute Nacht käme, ſo ließe ſich der Streich auf herrliche Weiſe ausführen.“ Hierauf ſchlich er leiſe die Treppe hinab. In einer Ecke am Boden derſelben lagen verſchiedene Dinge, einige Bündel und ein Hackmeſſer. Das letztere nahm er auf.„Aha, aha,“ murmelte er vor ſich hin,„irgendwo iſt auch der Schmiedehammer für Walters.“ Dann lehnte er ſich an die Thür und ſein Auge an eine Spalte, welche ihm einen undeutlichen Blick in das vom Feuer flackernd erleuchtete Zimmer gewährte. Zweites Kapitel. Was gibts da? Ein todtes Aas. Shakſpeare. um dieſe Zeit hielt es der Fremde für zweckmäßig, ſeinen Rückzug zu beginnen. Der leiſe unterdrückte Schall der Stimmen, den er zuerſt im Geſpräche des Vaters und Kindes oben gehört hatte, war hinweg⸗ geſtorben. Die Stille ermuthigte und warnte ihn zugleich. Er ſchlich ſich zur vordern Thür, zog leiſe den Riegel fort, fand aher die Thüre verſchloſſen und den Schlüſſel nicht vorhanden. Er hatte nicht bemerkt, daß der Wirth während ſeiner Mahlzeit, noch bevor ſein Verdacht rege ward, den Schlüſſel abgezogen hatte, als derſelbe den Riegel wieder vor⸗ ſchob und den Eingang verſchloß. Seine Furcht war jetzt beſtätigt. Er dachte un das Fenſter. Der Laden bedeckte es nur zur Hälfte und ließ ſich leicht ent⸗ fernen; indeß die Offnung des Gitters, welches ſich, wie bei den meiſten Hüttenfenſteru, nur theilweiſe aufſchließen ließ, war zu klein, um ſeinen Leib durch⸗ zulaſſen. Sein einziges Mittel zur Flucht heſtand daß er das ganze Fenſter hätte rbrechen 1 ¹ müſſen. folglich In ſtarke 2 des Leb deutſche beinahe In dee gen erd ſeiner E daſtand Ohr d Fußtrit wirkte Beſorg war. Er bet eiſen, gab ſo Er fahr be werde ſein. beinah dem ei Seine reizte erträg ſonder — da Bulu Aas. ſpeare. eckmäßig, terdrückte räche des hinweg⸗ rnte ihn zog leiſe rſchloſſen tte nicht Mahlzeit, Schlüſſel der vor⸗ rcht war er Laden icht ent⸗ ches ſich, heilweiſe b durch⸗ beſtand brechen 33 müſſen. Dies aber ließ ſich nicht ohne Geräuſch und folglich nicht ohne Wagniß ausführen. In Verzweiflung hielt er an. Er beſaß von Natur ſtarke Nerven und Muth, auch war er der Gefahren des Lebens und der Glieder nicht ungewohnt, denen deutſche Stadenten ſo häufig mit Bi⸗ trn tzen, beinahe aber ſank ihm das Herz in dem Au icke. In dee Stille konnte er Alles hören; das tie gen erdrückte ihn; kalter Schweiß ſammelte ſich auf ſeiner Stirn; während er unentſchloſſen und zweifelnd vaſtand und ſich zu faſſen bemüht war, vernahm ſein Ohr den ſchwachen, verhüllten Schall ſchleichender Fußtritte; er hörte die Treppe knarren; der Schall wirkte wie ein Zauber. Die frü Beſorgniß entwich, als die Gefahrt war. Seine Geiſtesgegenwart kehrte Er begab ſich ſchnell zum Kamin, erg c eiſen, begann dos Feuer zu ſchüren, huſtete lau gab ſo kräftig wie mö zu erkennen, da Er erkannte, daß er ſich in augenb fahr befand; er ahnete, der Anſchein des Sch werde für ihn das Zeichen eines töd n Kampfes ſein. Die Zeit ging vorüber, Alles blies ſchweigend; beinahe eine halbe Stunde war entſchwunden, ſeit⸗ dem er die Schritte auf der Treppe vernommen hatte.“ Seine Lage begann an ſeinen Nerven zu nagen, und reizte dieſelben bis auf's Aeußerſte; jene ward un⸗ erträglich. Jetzt empfand er jedoch keine Furcht ſondern das überſpannte Gefühl tödtlicher Feindſchaft — das Bewußtſein eines Mannes, welcher weiß, das Bulwer, Maltravers, 1. 3 34 Auge eines Tigers ruhe auf ihm, welcher, beim Zau⸗ dern des Thieres, ſeinen Muth wieder erlangt hat, und vorherſieht, daß der Sprung früher oder ſpäter geſchehen muß. Dann wird das Zaudern ſelbſt zum Todesſchmerz, und jener wünſcht den Kampf um ſein Leben, welchen er nicht vermeiden kann, zu beſchleunigen. Zuletzt erhob fich der Reiſende, unfähig ſein Ge⸗ fühl länger zu ertragen; er heftete ſeine Augen auf die verhängnißvolle Thür und war im Begriff, dem Horcher laut zuzurufen, er möge eintreten, als er ein leiſes Klopfen am Fenſter vernahm; es wurde zweimal wiederholt; heim drittenmal ſprach eine leiſe Stimme den Namen Darvil aus. Somit war die Ankunft Mitſchuldiger offenbar; nicht länger ſollte er einen Mann zu bekämpfen haben. Er hielt den Athem an und horchte mit pochenden Ohren. Draußen vernahm er Schritte auf dem platſchenden Boden; ſie entfernten ſich; Alles war wiederum ſtill. Einige Minuten hielt er an und ging entſchloſſen und feſt auf die innere Thür zu, wo er glaubte, daß ſein Wirth ſtand; mit ſeſter Hand verſuchte er den Riegel fortzuſchieben; dieſer war an der entgegen⸗ geſetzten Seite befeſtigt.„So,“ ſprach er bitter und mit den Zähnen knirſchend,„muß ich wie eine Ratte in der Falle ſterben? Gut, ich will beißend ſterben.“ Er kehrte zum Feuer zurück, richtete ſich auf und ergriff ſeine einfache Waffe; er war auf's Schlimmſte gefaßt und nicht gänzlich ohne das ſtolze Bewußtſein ſeiner natürlichen Vortheile, der Thätigkeit, des hohen Körperwuchſes, der Kraft und Kühnheit. Minuten verſchwan räuſch vo— er verna wurde. und erſte erkennen. Marmor näher, fi „Sie „und ſuc ermorden „Wi „Hal fortgeno Sie und die Torniſtet einem S ihn an. man wü „Ne in Siche Morgen auf, we „Ha Der durch de Eile det blick an verſchlo iff, dem als er s wurde ine leiſe war die ſchloſſen bte, vaß er den tgegen⸗ ter und e Ratte erben. auf und limmſte utſein shohen einuten 35 verſchwanden; das Schweigen ward durch ein Ge⸗ räuſch von Jemand an der innern Thür unterbrochen; er vernahm, wie der Riegel leiſe hinweggezogen wurde. Er erhob ſeine Waffe mit beiden Händen, und erſtaunte, in dem Zudringlichen nur Alice zu erkennen. Sie trat ein mit nackten Füßen, blaß wie Marmor, mit dem Finger auf den Lippen. Sie trat näher, ſie berührte ihn. „Sie ſind hinten im Schoppen,“ flüſterte ſie, „und ſuchen den Schmiedehammer. Sie wollen Euch ermorden. Geht fort, ſchnell!“ „Wie kann ich, die Thür iſt verſchloſſen.“ „Halt, ich habe den Schlüſſel aus ſeinem Zimmer fortgenommen.“ Sie ging nach der Thür, gebrauchte den Schlüſſel, und die Thür öffnete ſich. Der Reiſende warf ſein Torniſter wieder über die Schulter und ſtand nach einem Schritte auf der Schwelle. Das Mädchen hielt ihn an.„Sagt nichts davon, er iſt mein Vater, man würde ihn hängen.“ „Nein, nein, aber Ihr? Ich hoffe, Ihr ſeid in Sicherheit, verlaßt Euch auf meine Dankbarkeit. Morgen bin ich in*** im beſten Gaſthofe, ſucht mich auf, wenn Ihr könnt. Wohin geht mein Weg?“ „Haltet Euch links.“ Der Fremde war ſchon mehrere Schritte entfernt; durch das Dunkel und den Regen ſiog er mit der Eile der Jugend. Das Mädchen hielt einen Augen⸗ blick an, ſeufzte und lachte alsdann laut auf; ſie verſchloß und verriegelte die Thür auf's Neue und 36 war im Begriff fortzuſchleichen, als der grimmige Vater und ein anderer Mann von breitem, kurzem, ſehnigem Körperbau mit nackten Armen und einem großen Hammer in der Hand vurch die innere Thüt eintrat. „Wie,“ fragte der Wirth,„Alice, Du biſt hiert und— Hölle und Teuſel, haſt Du ihn hinausge⸗ laſſen?“ „Ich ſagte Euch, daß Ihr ihm nichts Böſes zu⸗ fügen ſollt.“ Der Böſewicht ſchlug mit einem heftigen Fluch ſeine Tochter zu Boden, ſprang über ihren Leib hin⸗ weg, entriegelte die Thür und ſtürzte, von ſeinem Kameraden begleitet, zur unbeſtimmten Verfolgunz ſeines beabſichtigten Opfers hinaus. Drittes Kapitel. „Ihr wißt davon; Keiner weiß ſo gut wie Ihr von meiner Tochter Flucht.“ Shakſpeare. Der Tag dämmerte; der Morgen war mild, dunſlig und neblig; der Raſen ſank unter den Füßen; die Wege waren voll Koth; der Regen der vergangenen Nacht hatte ſich hin und wieder in breite und ſeichte Teiche geſammelt. Der Stadt zu bewegten ſich Wa⸗ gen, Karren und Gruppen von Fußgängern; dant und wann vernahm man das ſcharfe Poſthorn einer in der Frühe ankommenden Poſtkutſche, welche mit ihren gußerhalb des Kaſtens ſitzenden und in dick Mäntel c halb deſſe ſchmückter nördlichen Ein; die Landſ ihm verki entfernt „Der vor ſich Irrlicht mich end Gnade, athme fr Etwe einem n vor einer einzelne ein Mä die mit war im er einer und erh Retterin „Hi trauen? „Icd chen mit ich wer kein D⸗ rimutige kurzem, id einem ere Thür biſt hier? inausge⸗ Pöſes zu⸗ en Fluch Peib hin⸗ nſeinem vfolgunz ut wie Ihr peare. „dunſlig ßen; die zangenen id ſeichte fich Wa⸗ ; dann rn einet lche mit in dickt 37 Mäntel gehüllten Paſſagieren, ſo wie mit den inner⸗ halb deſſelben verweilenden und mit Nachtmützen ge⸗ ſchmückten, auf einer Reiſe dahin rollte, wie ſie in nördlichen Klimaten gewöhnlich iſt. Ein junger Mann ſprang über einen Steg auf die Landſtraße gerade vor einem Meilenſtein, welcher ihm verkündete, daß er noch eine halbe Stunde von“** entfernt ſei. „Dem Himmel ſei Dank,“ ſprach er beinah laut vor ſich hin,„nachdem ich die ganze Nacht wie ein Irrlicht in Moräſten umhergewandert bin, nahe ich mich endlich einer Stadt. Gott ſei gedankt für alle Gnade, die er mir dieſe Nacht erwieſen hat! Ich athme frei und bin in Sicherheit.“ Etwas raſch ſchritt er vorwärts. Er ging vor einem niedrigen Wagen, vor einer Gruppe Arbeiter, vor einer Heerde Schafe vorüber und ſah alsdann eine einzelne Geſtalt langſam vor ſich hinſchreiten. Es war ein Mädchen in abgetragener, ſchlechter Kleidung, die mit Pein und Schwäche zu wandeln ſchien. Er war im Begriff, auch an ihr vorüber zu gehen, als er einen leiſen Ruf vernahm. Er wandte ſich um und erblickte in der Gefährtin ſeines Weges ſeine Retterin der vergangenen Nacht. „Himmel! biſt Du es, darf ich meinen Augen trauen?“ „Ich kam Sie zu ſuchen, Herr,“ ſagte das Mäd⸗ chen mit ſchwacher Stimme.„Auch ich bin entkommen; ich werde nie zu meinem Vater heimkehren. Ich habe kein Dach, um mein Haupt niederzulegen.“ „Armes Kind! aber was iſt das, hat man Dich mißhandelt, weil Du mich retteteſt?“ „Mein Vater ſchlug mich zu Boden und prügelte mich, als er heimkam. Aber das iſt noch nicht alles,“ fügte ſie in leiſem Tone hinzu. „Was ſonſt?“ Das Mädchen wurde abwechſelnd roth und bleich. Sie biß ihre Zähne heftig zuſammen, hielt an, ging dann wieder ſchneller wie früher und ſagte:„Es iſt einerlei, ich will nie wieder zurück, ich bin jetzt allein, was ſoll ich anfangen?“ ſie rang ihre Hände. Das tiefe Mitleid des Fremden wurde rege.„Mein gutes Mädchen,“ ſprach er mit ernſtem Tone,„Du haſt mir das Leben gerettet und ich werde nicht un⸗ dankbar ſein. Hier(er gab ihr einige Goldſtücke) verſchaffe Dir eine Wohnung, Nahrung und Ruhe. Du ſiehſt aus, als ob Du veren bedürſteſt; beſuche mich dieſen Abend wieder, wenn es dunkel und wir unbeachtet ſprechen können.“ Das Mädchen nahm das Geld, und während er ſprach ſah ſie ihm ins Geſicht; ihr Blick war ſo ohne allen Argwohn und ihr ganzes Geſicht bot einen ſo ſchönen Ausdruck jungfräulicher Keuſchheit, daß jede böſe Leidenſchaft, wenn des Fremden letzte Worte durch eine ſolche veranlaßt worden wären, beſchämt und verſcheucht hätten fliehen müſſen, als ſein Blick dem ihrigen begegnete.„Armes Mädchen,“ ſagte er ver⸗ ſtört nach einer kurzen Pauſe,„Du biſt ſehr jung und ſehr ſchön. In dieſer Stadt wirſt Du manchen Verſuchungen ausgeſetzt ſein; wähle Dir mit Sorg⸗ an Dich prügelte talles,“ oldſtücke) d Ruhe. beſuche und wir hrend er ſo ohne einen ſo daß jeve rte durch imt und lick dem er ver⸗ hr jung manchen Sorg⸗ falt Deine Wohnung; ohne Zweifel haſt Du Ver⸗ wandte hier.“ „Verwandte, was find Verwandte?“ antwortete Alice. „Haſt Du keine mütterlichen Verwandte?“ „Keine.“ „Weißt Du nicht, wo Du Unterkommen ſuchen kannſt?“ „Nein, dorthin, wohin mein Vater geht, darf ich mich nicht begeben, ſonſt würde er mich wiederfinden.“ „Gut, ſuche Dir ein ruhiges Gaſthaus und treffe mich um fleben Uhr Abends hier wieder, eine halbe Meile von der Stadt. Mittlerweile will ich nach⸗ denken, um etwas für Dich ausfindig zu machen. Du ſcheinſt aber ermüdet und gehſt nur mit Pein vor⸗ wärts; vielleicht greift es Dich zu ſehr an, heraus⸗ zukommen. Ich wollte ſagen, Du möchteſt noch einen Tag ausruhen.“ „O nein! es wird mich erquicken, Sie wieder zu ſehen, Herr.“. Der Blick des jungen Mannes begegnete dem ihrigen und ſie ſchlug das Auge nicht nieder; das ſanfte Blau deſſelben war mit Thränen übergoſſen. Dieſe drangen ihm in die Seele. „ Er wandte ſich raſch hinweg und ſah, daß ſie beide ſchon der Gegenſtand neugieriger Veobachtung für die verſchiedenen Fußgänger, welche ſie einholten, waren.„Vergiß es nicht,“ flüſterte er ihr zu, und ging mit ſo ſchnellen Schritten weiter, daß dieſe ihn bald zur Stadt führten. Er erkundigte ſich nach dem — 3 1 40 erſten Gaſthofe, und betrat denſelben mit einer Miene jenys Bewußtſeins ber überlegenheit, welche Denjenigen angehört, die ein Willkommen, wo es nur immer verkauft und gekauft wird, ſich zu verſchaffen gewohnt ſind. Vor einem lodernden Kaminfeuer und bei einem nahrhaften Frühſtück vergaß er bald alle Schrecken der vergangenen Nacht oder empfand vielmehr Ent⸗ zuckung bei dem Gedanken, daß er neue und ſonber⸗ bare Zufälle zur Reihe der von Ernſt Maltravers bereits überſtandenen Abenteuer hinzugefügt hatte. Viertes Kapitel. Ein galant Geſpräch auch hielt er Mit der Dame, die er traf. Moratin. Maltravers traf zuerſt auf dem Orte der Verab⸗ redung ein. Sein Charakter war in meiſter Hin⸗ ſicht eigenthümlich kräftig, entſchloſſen und in ſeiner Entwicklung vor der Zeit gereift; dies galt jedoch nicht in Bezug auf Frauen; bei dieſer war er das Geſchöpf des Augenblicks; durch jeden Antrieb oder jede Leidenſchaft hin⸗ und hergezogen, von den Launen einer wilden, umherſchweifenden, dichteriſchen Ein⸗ bildungskraft befangen, war Maltravers, obgleich zur Hälfte ſich deſſen nur bewußt, ein Dichter— ein Dichter der Handlung, und das Weib war ſeine Muſe. Er hatte ſich keinen Plan des Verfahrens hinſichtlich ves armen Mädchens, mit dem er zuſammentreffen wollte, gebildet. Er beabſichtigte, ihr keinen Harm zuz ſo hal in g zu Pl ang war ſch und ihr⸗ ind⸗ hin ſch ſam ſchn heit unn ſchö dan zu Miene jenigen immer ewohnt einem hrecken r Ent⸗ ſonber⸗ travers atte. elt er in. Berab⸗ Hin⸗ ſeiner jedoch erdas der aunen Ein⸗ ch zur — ein Muſe. htlich reffen Harm 4¹ zuzufügen. Wäre ſie auch weniger ſchön geweſen, ſo würde er auf gleiche Weiſe Dankbarkeit empfunden haben; ihre Kleidung, Jugend und Stand hätte ihn in gleicher Weife bewogen, die Stunde der Dämmerung zu einer Unterredung auszuwählen. Er kam auf den Platz. Das Dunkel tes Winterabends war bereits angebrochen; es herrſchte ein ſcharfer Froſt; die Luft war rein; die Sterne glänzend, und lange Schatten ſchwebten ſiill und ruhig auf der breiten Heerſtraße und den bereiften, jenſeits derſelben liegenden Feldern. Er ging, ohne gerade an die Zuſammenkunft oder ihren Zweck ſehr zu denken, ſchnell auf und nieder, indem er alte Verſe, deutſche und engliſche, vor ſich hinſang und jeden Augenblick ſtehen blieb, um die ſchweigenden Sterne zu beſchauen. Zuletzt ſah er Alice näher treten. Sie kam furcht⸗ ſam und langſam auf ihn fu. Sein Herz ſchlug ſchneller; er empfand, daß er jung und mit der Schön⸗ heit allein war.„Sühes Mädchen,“ ſprach er mit unwillkürlichem und mechaniſchem Compliment,„wie ſchön ſchmückt Dich dies Licht! Wie ſoll ich Dir danken, daß Du mich nicht vergeſſen haſt?“ Aliee reichte ihre Hand der ſeinigen ohne Sträuben. „Wie heißt Du,“ fragte er, indem er ſein Geſicht zu dem ihrigen neigte. „Aliee Darvil.“ „Und Dein furchtbarer Vater? Iſt er wirklich Dein Vater?“ „Ja, Vater und Mutter zugleich.“ „Wie beargwohnteſt Du ſeine Abſicht, mich zu 42 ermorben? Hat er ein ähnliches Verbrechen ſchon verſucht?“* „Nein, aber ſeit Kurzem ſprach er häufig von Raub; er iſt ſehr arm, Herr. Als ich ſein Auge ſah, und als er nachher, während Ihr ihm den Rücken kehrtet, den Schlüſſel aus der Thür zog, empfand ich, daß— daß Ihr in Gefahr wäret.“ „Gutes Mädchen, fahre fort.“ „Ich ſagte es ihm, als wir oben waren. Ich wußte nicht, was ich glauben ſollte, als er hnir ant⸗ wortete, er wolle Euch nichts Böſes anthun; aber ich ſtahl den Schlüſſel der Vorderthür, den er auf den Tiſch geworfen hatte und ging in mein Zimmer. Ich horchte an meiner Thür und hörte, daß er die Treppe hinabging. Er hielt dort einige Zeit an und ich belauſchte ihn von oben. Der Ort, wo er ſich hefand, führte durch eine Hinterthür aufs Feld. Nach einiger Zeit hörte ich, daß eine Stimme mit ihm flüſterte; die Stimme kannte ich. Dann gingen Beide zur Hinterthüre hinaus; ich ſchlich mich hinunter, ging hinaus und horchte; ich wußte, der andere Mann ſei John Walters. Den fürchte ich, Herr. Und dann ſagte Walters, ich will den Hammer holen, ſagte er, und mag er ſchlafen oder wachen, ſo wollen wir's ausführen. Und der Vater ſagte: er liegt im Schop⸗ pen. So ſah ich denn, daß keine Zeit zu verlieren war und— und— Sie wiſſen das ührige. „Allein wie entkamſt Du?“ „O, mein Vater kam in mein Zimmer, als er mit Walters geſprochen hatte und ſchlug und erſchreckte n ſchon fig von n Auge Rücken and ich, Ich ir ant⸗ aer er auf immer. er die n und er ſich Nach t ihm Beide unter, Mann dann te er, wir's chp⸗ lieren r mit reckte mich, und als er zu Bett gegangen war, legte ich meine Kleider an und ſchlich mich fort. Der Tag war gerade angebrochen, ich ging, bis ich Sie antraf.“ „Armes Kind, in welcher Höhle des Laſters biſt Du auferzogen?“ „Was, Herr?“ „Sie verſteht mich nicht. Haſt Du Leſen und Schrei⸗ ben gelernt?“ „Nein, Herr.“ „Aber wenigſtens haſt Du doch gelernt, Deinen Katechismus herzuſagen, und Du beteſt bisweilen.“ „Ich habe den Vater gebeten, mich nicht zu ſchla⸗ gen.“ „Aber Du beteſt doch zu Gott?“ „Gott, Herr, was iſt das?“* Maltravers fuhr zurück vor Staunen und Schrecken. Ob er gleich ein Philoſoph vor der Zeit war, ſo ver⸗ wirrte dieſe tiefe Unwiſſenheit alle ſeine Weisheit. Er hatte alle Abhandlungen der Gelehrten geleſen, ob der Begriff eines höchſten Weſens dem Menſchen angeboren iſt oder nicht; noch nie aber war er einem * Dieſe Unwiſſenheit, ſowie überhaupt die ganze Skizze der Alice iſt aus dem Leben gegriffen. Auch iſt ein inſtinktartiger, oder durch innere Anſchauung bewirkter Begriff von Recht und Unrecht nicht ſehr ungewöhnlich, wie die Berichte unſerer Poli⸗ zeigerichtsverhandlungen bezeugen können. Im Examiner(ich glaube im Jahrgang 1835; wo ich dies ſchreibe, bin ich jetzt nicht im Stande, dieſe Zeitung nachzuſchlagen, um das genaue Datum anzuführen) kann man den Fall eines jungen, von ihrem Vater mißhanvelten Mädchens berichtet finden, deren Antworten auf das Verhör des Friedensrichters denen der Alice auf die Fragen von Maltravers ſehr ähnlich ſind. — 44 lebenden Geſchöpf gegenüber geſtanden, welches das Daſein Gottes nicht kannte. Nach einer Pauſe begann er wieder:„Armes Mäd⸗ chen, wir mißverſlehen einander. Du weißt doch, daß es einen Gott gibt?“ „Nein, Herr.“ „Hat Dir Niemand geſagt, wer die Sterne ſchuf, vie Du jetzt ſiehſt; die Erde, welche Du betrittſt?“ „Nein.“ „Und haſt Du nie daran ſelbſt gedacht?“ „Wie ſollte ich, was hat das mit Geld und Hunger zu thun?“ Maltravers ſah ungläubig aus.„Siehſt Du das große Gebäude dort mit dem Thurm, welches ſich im Sternenlichte erhebt?“ „Ja, gewiß, Herr?“ „Wie heißt es?“ „Nun, eine Kirche.“ „BViſt Du nie hineingegangen?“ „Nein.“ „Was thun die Leute dort?“ „Mein Vater ſagt, ein Mann ſpreche Unfinn und Andern hörten ihm zu.“ „Dein Vater iſt—— einerlei! Guter Himmel, di — was ſoll ich mit dem unglücklichen Kinde anfangen?“ „Ja, Herr, ich bin ſehr unglücklich,“ ſagte Alice, indem ſie die letzten Worte auffing; ſie ſchwieg, und Thränen rollten ihr die Wangen hinab. Maltravers war nie in ſeinem Leben mehr gerührt geweſen. Welche galante Gedanken auch in ſeinen ju Al wq kei ba die we die es das Mäd⸗ , daß ſchuf, utſt?“ unger u das s ſich nund nmel, en?“ Alice, und ührt einen jungen Kopf hätten kommen können, im Fall er Alice ſo gefunden hätte, wie ſich vernünftigerweiſe er⸗ warten ließ, ſo empfand er jetzt, eine Art von Heilig⸗ keit werde durch ihre Unwiſſenheit geboten; ſeine Dank⸗ barkeit und ſein ſanftes Gefühl zu ihr ward allein die Liebe eines Bruders. Er fragte:„Du weißt doch wenigſtens, was eine Schüle iſt?“ „Ja, ich habe mit Mädchen geſprochen, die in die Schule gehen.“ „Möchteſt Du auch dahin geben?“ „O nein, Herr, ich bitte Sie, laſſen Sie mich nicht bingehen.“ „Was möchteſt Du denn gerne thun, ſprich es aus, Kind. Ich bin Dir ſo viel Dank ſchuldig, daß ich mich glücklich fühlen würde, wenn ich Dir Behag⸗ lichkeit und Zufriedenheit in Deiner Weiſe verſchaffte.“ „Ich möchte mit Ihnen leben, Herr.“ Maltravers fuhr auf, lächelte etwas und erröthete. Als er ihr in die Augen blickte, die mit ernſtem Ausdruck ſich auf die ſeinigen hefteten, lag ſo viel Offenheit in ihrem ſanften, unbewußten Blick, daß er ſogleich erkannte, fie verſtehe durchaus nicht die Auslegung, die man auf ein ſo aufrichtiges Bekennt⸗ niß anwenden könnte. Wie ich ſchon ſagte, war Maltravers ein wilder, enthuſtaſtiſcher, vom Gewöhnlichen abweichender junger Mann, ſein Kopf voll von ſonderbarer deutſcher Ro⸗ mantik und metaphyſiſcher Spekulation. Einſtmals hatte er ſich Monate lang eingeſchloſſen, um Aſtrologie zu ſtudiren; man hatte ihn ſogar im Verdacht, daß —— ———— 3 — —8 46 er eine ernſtliche Jagd auf den Stein der Weiſen anſtellte; ein andermal hatte er Leben und Freiheit kaum nach einer raſenden Verſchwörung der jungen Republikaner ſeiner Univerfität retten können, worin er, kühner und toller als die Meiſten, ein thätiger Rädelsführer geweſen war; gerade wegen einer ſolchen Thorheit hatte er Deutſchland eher verlaſſen müſſen, als er ſelbſt und ſeine Eltern es wünſchten. An ihm war nichts vom nüchternen Englänger. Alles Sonder⸗ bare und Excentriſche beſaß für Ernſt Maltravers einen unwiverſtehlichen Reiz. Dieſer ſeiner Stimmung gemäß überdachte er jetzt eine Idee, welche ſeine bewegliche und phantaſtiſche Philoſophie entzückte. Er ſelbſt wollte dies reizende Mädchen erziehen; er wollte ſchöne und himmliſche Züge auf dieſe weiße Tafel ſchreiben; er wollte den Saint⸗Preux bei dieſer Julie der Natur ſpielen; aber er bedachte nicht das Ergeb⸗ niß, welches dieſer Vergleich ihm hätte andeuten können! In ſeinem Alter minderte Ernſt Maltravers die Begier, einen Verſuch zu machen, nicht durch die überlegung der Folgen. „So,“ ſagte er nach kurzem Nachfinnen,„Du möchteſt mit mir leben? Aber Alice, wir dürfen uns nicht verlieben.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr.“ „Macht nichts,“ ſagte Maltravers, ein wenig aus Faſſung gebracht. „Ich wünſchte immer in Dienſt zu treten.“ „Ha!“ „Und Sie werden mir ein gütiger Herr ſein.“ de — D ſchmei ſichere wünſe Woh 6 „ ruhig D ausge „6 Wohn Diene und 2 einen als D derſell weinſt „ glückli kann. „( als er ſeinen Er bl anſche falls V Erbe aus Maltravers war halb entzaubert.„Kein ſehr ſchmeichelhafter Vorzug,“ dachte er,„wir find beſto ſicherer.— Gut, Alice, es ſoll geſchehen, wie Du wünſcheſt. Findeſt Du Dich behaglich in Deiner neuen Wohnung?“ „Nein.“ „Wie, man hat Dich doch nicht beleidigt?“ „Nein, aber man macht dort Lärm, und ich wünſche ruhig zu ſein, um an Sie denken zu können.“ Der junge Philoſoph wurde mit ſeinem Plan wieder ausgeſöhnt. „Gut, Alice, geh zurück. Ich will morgen eine Wohnung, eine Hütte miethen, und Du ſollſt meine Dienerin ſein, und ich will Dich Leſen und Schreiben und Beten lehren, und Dich wiſſen laſſen, daß Du einen Vater im Himmel haſt, der Dich beſſer liebt als Dein Vater hier auf Erden. Triff mich morgen zu derſelben Stunde. Warum weinſt Du, Alice? warum weinſt Du?“ „Weil— weil,“ ſchluchzte das Mädchen,„ich ſo glücklich bin und bei Ihnen wohnen und Sie ſehen kann.“ „Geh, Kind, geh, Kind,“ ſagte Maltravers haſtig; als er fort ging, ſchlug ſein Puls ſchneller wie es ſeinem neuen Stanbe eines Herrn und Lehrers geziemte. Er blickte zurück und ſah, wie das Mädchen ihn ſtarr anſchaute; er winkte mit der Hand; ſie ſchritt eben⸗ falls vor und folgte ihm langſam zur Stadt zurück. Maltravers, obgleich kein älterer Sohn, war der Erbe eines großen Vermögens. Er beſaß ein reich⸗ liches Auskommen, welches für die Grillen eines jungen Mannes genügte, der in Deutſchland nicht die Ver⸗ ſchwendung junger Engländer von ähnlicher Geburt und Ausſicht erlernt hatte. Er war ein verzogenes Kind, welches kein Geſetz, als ſeine Einfälle, kannte; ſeine Rückkehr nach Haus war nicht erwartet; nichts konnte ihn verhindern, ſeinem neuen Einfall ſich hin⸗ zugeben. Am nächſten Tage miethete er eine Hütte in der Nähe; eines jener niedlichen Häuſer mit Stroh⸗ dach, einem Altan mit Geländern und Monatroſen, einem Gewächshaus und einem Raſenplatz, welche das Sprüchwort über Hütte und Liebe rechtfertigen. Ein Junggeſelle aus dem Hanrelsſtande hatte daſſelbe für irgend eine ſchöne Roſamunde gebant und ſeinem Ge⸗ ſchmacke Ehre gemacht. Eine alte Frau, mit dem Hauſe vermiethet, war Köchin und Haushälterin. Alice war Dienerin nur dem Namen nach. Weder die alte Frau, noch der Häuseigenthümer begriff die platoniſchen Ab⸗ ſichten des jungen Fremden. Indeß er bezahlte die Miethe im Voraus und beide waren nicht ſehr bedenk⸗ lich. Er hielt es jedoch für zweckmäßig, ſeinen Namen zu verbergen, denn dieſer war ſicherlich in einer Stadt bekannt, welche von dem Wohnort ſeines Vaters, eines reichen Landedelmanns von alter Familie, nicht ſehr entfernt lag. Deßhalb nahm er den gewöhnlichen Namen Butler an, welcher wirklich von einem ſeiner mütterlichen Verwandten geführt wurde. Unter dieſem Namen allein war er in der Nachbarſchaft und der Alice bekannt. Vor ihr hätte er ſeinen Namen ab⸗ ſichtlich nicht verbergen mögen, indeß nie traf ſich die viel zu Y lerin, warte unint fertig wenn zur L Kelle fühl Alice geben findie wertl chen ernſt von ſprac Aufn mit Idea Hint Tho Heri 49 Gelegenheit, von ſeinen Verwandten vder ſeiner Geburt viel zu reden. Fünftes Kapitel. Das Denken, ach! kann nur ihr Paradies hin⸗ Vernichten. Gray. Hütte Maltravers fand in Alice eine ſo gelehrige Schü⸗ Ptroh⸗ lerin, wie ein vernünftiger Lehrer es immer nur er⸗ roſen, warten konnte. Indeß Leſen und Schreiben ſind ſehr he das unintereſſante Elemente. Wäre die Grundlage ſchon Ein fertig geweſen, ſo hätte er Entzücken empfinden können, be für wenn er den Feenpalaſt erbaute; allein das Ausgraben m Ge⸗ zur Legung von Fundamenten und die Bildung eines Hauſe Kellers iſt langweilige Arbeit. Vielleicht war ſein Ge⸗ e war fühl dieſer Art, denn nach wenigen Tagen wurde Frau, Alice dem älteſten und häßlichſten Schreiblehrer über⸗ n Ab⸗ geben, welcher ſich in der benächbarten Stadt aus⸗ te die findig machen ließ. Maltravers nahm ſich erſtaunens⸗ edenk⸗ werthe Mühe, ihre Moral zu bilden. Das arme Mäd⸗ tamen chen weinte zuerſt ſehr über den Wechſel, allein die Stadt ernſten Vorſtellungen und feierlichen Ermahnungen eines von Maltravers beruhigten ſie wiederum, und ſie ver⸗ t ſehr ſprach, ſtark zu arbeiten und auf den Unterricht abe ilichen Aufmerkſamkeit zu verwenden. Ich weiß jedoch nicht ſeiner mit Gewißheit, ob die Langeweile der Arbeit den dieſem Idealiſten abſchreckte; vielleicht ſah er Gefahr. Im d der Hintergrunde ſeiner funkelnden Träume und glänzenden nab⸗ Thorheiten lag ein geſundes, großmüthiges und edles ich die Herz zum Grunde. Er liebte das Vergnügen und war Bulwer, Maltravers. I. 4 50 ſchon der Liebling ſentimentaler deutſcher Damen ge⸗ weſen. Allein er war zu jung, lebhaft und roman⸗ tiſch, um allein nach ſinnlichem Genuß zu ſtreben. Er konnte ein ſchönes Geſicht, ein argloſes Lächeln und das unausſprechliche Ebenmaß des weiblichen Kör⸗ pers nicht mit dem Auge eines Mannes anblicken, welcher ſich Thiere zu niedrigem Gebrauche kauft. Allerdings verliebte er ſich leicht, oder bildete dies ſich wenigſtens ein; alsdann aber konnte er nicht ſein Verlangen von dem Phantaſiegebilde ſondern oder das Spiel der Leidenſchaft berechnen, ohne Herz und Ein⸗ bildungskraft auf den Gegenſtand hinzuwenden. Ob⸗ gleich Alice ſehr hübſch und einladend war, hatte er ſich noch nicht in ſie verliebt und hegte hiezn auch keine Abſicht. Der Abend ſchien ihm etwas lang, als ſein ge⸗ wöhnlicher Unterricht zum erſtenmal unterbrochen war; allein Maltravers beſaß genügende Hülfsquellen zur Geiſtesbeſchäftigung Er legte Shakſpeare und Schiller auf den Tiſch, zündete ſeinen deutſchen Meerſchaum⸗ pfeifenkopf an, las, bis er ſelbſt zur Poeſie angeregt wurde, ergriff die Feder zum Schreiben und war, als er einige Stanzen verfaßt hat'e, nicht eher zufrieden, als bis er ſie eomponirte und die Melodie mit ſeiner Stimme verſuchte. Der wilde Maltravers beſaß nämlich alle Leidenſchaft eines Deutſchen zu Geſang und Muſik; ſeine Stimme war lieblich, ſein Geſchmack vollkommen ausgebildet, ſein Wiſſen tief. Sowie der Glanz eines Sternes beim Sonnenſtrahl erliſcht, ſo verdrängte die helle Flamme ſeiner Einbildungskraft, als ſie einmal 51 nach Gebühr angeſchürt war, für den Augenblick ſeine feenhaften Grillen hinſichtlich ſeines ſchönen Zöglings. Es war ſchon ſpät, als Maltravers zu Bett ging⸗ Während er den engen, zu ſeinem Schlafzimmer füh⸗ renden Gang durchſchritt, vernahm er vor ſich her einen leichten Schritt dahinfliehen, und ſein Blick erhaſchte eine weibliche Geſalt, die vor ihm durch eine entferntere Thür entfloh.„Das alberne Kind,“ dachte er, indem er die Urſache errieth,„hat meinem Geſange gehorcht. Ich werte mit ihr ſchmälen.“ Er vergaß jedoch dieſen Entſchluß. Der nächſte Tag und wieder der nächſte, und viele andere gingen vorüber; Maltravers ſah nur ſelten ſeine Schülerin, um rerentwillen er ſich mitten im Winter in eine Landhütte eingeſchloſſen hatte. Dennoch hereute er ſeinen Plan nicht und fühlte auch nicht die geringſte Langeweile wegen ſeiner Abgeſchloſſen⸗ heit. Die Fortſchritte der Alice wollte er nicht beauf⸗ ſichtigen, denn er hegle die überzeugung, daß er mit deren Langſamkeit unzufrieden ſein würde; menſchliche Weſen, wie ſchön ſie auch ſein mögen, können Leſen und Schreiben nicht in einem Tage lernen. Nichts deſto weniger vertrieb er ſich, auf angenehme Weiſe die Zeit. Die Gelegenheit, ſich ungeſtört mit ſeinen Gedanken zu beſchäftigen, war ihm lieb; er befand ſich nämlich in einem der periodiſch wiederkehrenden Lebensabſchnitte, worin wir gern auf der methodi⸗ ſchen Laufbahn, die wir bis zum Grabe zurücklegen müſſen, auf einige Zeit anhalten und Athem ſchöpfen. Er wünſchte ſich der Vorräthe ſeiner frühen Erfah⸗ — — 52 rung wieder zu erinnern und bei ſeinen eigenen Ge⸗ danken auszuruhen, bevor er ſich wiederum in die thä⸗ tige Welt ſtürzte. Das Wetter war kalt und rauh; Ernſt Maltravers aber war ein abgehärteter Lieb⸗ haber von Naturſcenen, und weder Schnee noch Froſt vermochten ihn von ſeinen täglichen Umherſchweifungen zurückzuhalten. Gegen Mittag warf er regelmäßig Bücher und Papiere hinweg, nahm Hut und Stock und wandelte pfeifend, oder ſeine Lieblingsarien vor ſich hin fingend auf einſamen Wegen over an den froſtigen Ufern von Gewäſſern, oder unter blattloſen Wäldern, wie gerade ſeine Laune ihn ſtimmte; er war kein Edwin oder Harold, welche das tiefere Sinnen allein für einſame Bäche und Hügel mit Heerden auf⸗ ſparten. Maltravers betrachtete mit Entzücken die Natur ſowohl in Menſchen wie in Schafen oder Bäumen. Der traurigſte Baumgang in einer volkreichen Stadt beſaß für ihn etwas Poetiſches; er war ſtets bereit, ſich in ein Gedränge zu miſchen, wenn auch ein ſolches ſich allein um eine Drehorgel oder kämpfende Hunde geſammelt hatte, um auf Alles, was geſagt wurde, zu horchen, und um Alles, was geſchah, zu beachten. Nach meiner Meinung iſt dies das wahre und für jeden Künſtler weſentliche poetiſche Temperament, wenn derſelbe etwas mehr als ein bloßer Dekorationsmaler ſein will. Vor Allem aber fand er das meiſte Intereſſe in Darlegung menſchlicher Leidenſchaften oder Regun⸗ gen; er beſchaute gern die wahren Farben bes Her⸗ zens dort, wo ſie am durchſichtigſten ſind— bei den noch nicht Erzogenen und Armen; er war nämlich eine die Z dankt keit, ſollt ſei empff Anfä ihn Schö die i der welch Spa zukel Aber zu 1 einet Lebe Mal Gen mög Das möch alt wün auf wel tur nen. tadt eit, ches de rde, ten. für enn ler eſſe un⸗ er⸗ den 53 eine Art Optimiſt und hegte herzlichen Glauben an die Liebenswürdigkeit unſerer Natur. Vielleicht ver⸗ dankte er die Einſicht in Charaktere und die Fähig⸗ keit, darüber zu herrſchen, wie er ſie ſpäter äußern ſollte, gerade in dem Glauben, keine Ruchloſigkeit ſei ſo verdunkelt, daß ſie nicht irgendwo für Licht empfänglich ſein ſollte. Maltravers hatte aber auch Anfälle von ungeſelligem Weſen; alsvaun entzückten ihn allein die einſamſten Naturſcenen. Alles beſaß Schönheit in ſeinen Augen, im Winter oder Sommer, die öde Wüſte wie das üppige Grün; die Schönheit der äußeren Dinge lag nämlich in ſeiner Seele, mit welcher er die äußeren Dinge betrachtete. Von ſolchen Spaziergängen pflegte er in der Dämmerung heim⸗ zukehren, ſein einfaches Mahl zu genießen, die langen Abende mit ſolcher Abwechslung hinwegzuträumen oder zu leſen, wie ſie Muſik und träumeriſche Gedanken einem jungen Manne gewähren kounten, welchem das Leben noch als heiter in Erwartung ſtand. Glücklicher Maltravers! Jugend und höhere Geiſtesgaben bieten Genüſſe, welche alle Rothſchilds nicht zu kaufen ver⸗ mögen und dennoch Maltravers, biſt Du ehrgeizig! Das Leben bewegt ſich für Dich zu langſam! Du möchteſt die Räder des Uhrwerks vorwärts treiben! — Thor, glänzender Thor! Du biſt achtzehn Jahr alt und ein Dichter! Was kannſt Du Dir Größeres wünſchen? Gebiete der Zeit, auf immer anzuhalten! Eines Morgens ſtand Ernſt früher wie gewöhnlich auf und ſchlenderte ſorglos durch des Gewächshaus, welches an ſein Studirzimmer ſtieß; er beobachtete 4— —3 — — B 54 die Pflanzen mit heiterer Neugier(außerdem, daß er ſelbſt etwas von Botaniker war, hegte er ſonder⸗ bar phantaſtiſche Vegriffe über das Leben der Pflanzen und ſah darin hundert Geheimniſſe, welche die Bo⸗ taniker uns nicht lehren), als er eine leiſe und ſehr muſikaliſche Stimme in der Nähe fingen hörte. Er horchte und erkannte erſtaunt ſeine eigenen Worte, die er kürzlich comvonirt hatte. Somit war er über ſein nächtliches Singen zur Genüge zufrieden geſtellt. Als der Geſang beeudet war, ſchlich ſich Maltravers leiſe durch das Gewächshaus, und erblickte als er die in den Garten führende Thür aufſchloß, die Ge⸗ ſtalt ſeines entlaſſenen Zöglings am offenen Fenſter eines kleinen, Alice zugetheilten Zimmers, welches aus der Wand des Gebäudes nach einer, bei ver⸗ zierten Hütten nicht ungewöhnlichen, launenartigen Unregelmäßigkeit, hervorragte. Alice bemerkte ihn nicht. Erſt als er ſie zweimal bei Namen gerufen hatte, fuhr ſie aus ihrer gedankenvollen, ſchwermüthi⸗ gen Stellung auf. „Alice,“ ſagte er ſanft,„ſetze Deine Haube auf, und komm zu mir in den Garten; Kind, Du ſiehſt blaß aus, die friſche Luft wird Dir gut thun.“ Alice erröthete und lächelte; nach wenigen Augen⸗ blicken befand ſie ſich an ſeiner Seite, Maltravers war mittlerweile ins Haus gegangen und hatte ſich die Pfeife angezündet; dieſe nämlich war ſein Be⸗ geiſterungsmittel, wenn er mit ſeinen Gedanken in Verlegenheit war, oder wenn er empfand, ſeine ge⸗ wöhnliche Leichtigkeit der Rede möge ihm entgehen; „daß nder⸗ anzen Bo⸗ d ſehr Er zorte, über ſtellt. avers Is er e Ge⸗ enſter elches ver⸗ tigen ihn rufen üthi⸗ auf, ſiehſt ugen⸗ avers e ſich Be⸗ en in e ge⸗ ehen; 55 gegenwärtig aber befand er ſich in ſolchem Fall. Mit dieſem treuen Verbündeten erwartete er unter Ge⸗ büſch und immergrünen Gewächſen Alice in dem kleinen Gange, welcher den Raſenplatz umringte. „Alice,“ ſagte er nach einer Pauſe, dann aber hielt er an. Alice blickte auf ihn mit ernſter Achtung. „Still,“ ſagte Maltravers,„vielleicht iß der Rauch Dir unangenehm. Rauchen iſt eine ſchlechte Gewohn⸗ heit von mir.“ „Nein, Herr,“ erwiderte Alice. Sie ſchien in ihrer Erwartung getäuſcht. Maltravers hielt an und brach ein Schneeglöckchen mit den Worten:„die Blume iſt hübſch, ſiehſt Du gern Blumen?“ „O ſehr gern!“ erwiderte Alice mit einiger Be⸗ geiſterung;„ich ſah nie ſo viel Blumen bevor ich hierher kam.“ Maltravers dachte,„wohlan ich kann zur Sache kommen;“ ich weiß jedoch nicht, wie er zu dem Ge⸗ danken kam, denn ich kann die Folgerung nicht er⸗ kennen; er begann jedoch ſogleich von der Hauptſache mit den Worten zureden:„Alice, Du ſingſt entzückend.“ „Ach, Herr, Sie.. ſie hielt plötzlich an, und zitterte ſichtbar. „Ja, ich habe Dir zugehört, Alice.“ „Und Sie find böſe?“ „Gott bewahre, Du beſitzeſt ein Talent, aber Du weißt noch nicht, was das bedeutet. Ich wollte ſagen, man wird beglückt durch ein Ohr, eine Stimme und ein Herz für Muſik, Du befitzeſt alle drei.“ Er ſchwieg, denn er fühlte, wie ſeine Hand be⸗ 56 rührt wurde; Alice drückte und küßte dieſelbe plötzlich. Maltravers empfand in ſeinem ganzen Körper ein durchbohrendes Gefühl; im Blicke des Mädchers lag aber ein Ausdruck, welcher bewies, ſie ſei gänzlich bewußtlos, daß ſie eine nicht jungfräuliche und dreiſte Handlung begangen habe. „Ich beſorgte, Sie würden böſe ſein,“ ſprach ſie, indem ſie ſich die Angen wiſchte, als ſie ſeine Hand fallen ließ;„jetzt glaube ich, wiſſen Sie Alles.“ „Alles.“ „Ja, wie ich Ihnen jeden Abend zuhorchte und die ganze Nacht wachend da lag, während die Muſik mir in den Ohren ſchallte, bis ich zuletzt verſuchte, ſie ſelbſt zu wiederholen und zuletzt wagte ich laut zu ſingen. Mir gefällt dies mehr, als das Leſen lernen.“ Alles dies entzückte Maltravers; das Mädchen hatte eine ſeiner ſchwachen Seiten berührt; er ſchwieg jedoch. Alice fuhr fort:„Jetzt, Herr, hoffe ich, daß Sie mir erlauben werden, jeden Abend an der Thür zu ſitzen und Ihnen zuzuhören; ich will kein Geräuſch machen und ganz ruhig ſein.“ „Wie, in dem kalten Gange, bei dieſem bittern Froſt?“ „Ich bin an die Kälte gewöhnt, Herr. Mein Vater erlaubte mir kein Feuer, wenn er nicht zu Hauſe war.“ „Nein, Alice, Du ſollſt ins Zimmer kommen, während ich ſpiele und ich will Dir einigen Unter⸗ richt ertheiſen. Es iſt mir lieb, daß Du ein ſo gutes Ohr beſitzeſt; Muſik kann vielleicht ein Mittel ſein, wirb laſſe und 2 leicht Schr um ſeine Wor begr Fort grof mit der unſe den ötzlich. er ein rs lag inzlich dreiſte ch ſie, Hand . e und Muſik ſuchte, aut zu nen ädchen chwieg , ß Thür räuſch ittern Mein cht zu nmen, Unter⸗ ein ſo Mittel 57 ſein, womit Du Dir ehrlichen Lebensunterhalt er⸗ wirbſt, wenn Du mich verlaſſen wirſt.“ „Wenn ich— aber ich will Sie ja nicht ver⸗ laſſen, Herr,“ ſagte Aliee mit Beſorgniß beginnend und ruhig endend. Maltravers nahm zur Pfeife ſeine Zuflucht. Viel⸗ leicht zum Glück trat damals Herr Simcox, der alte Schreiblehrer zu den Beiden. Alice ging ins Haus, um ihre Bücher herzurichten; Maltravers aber legte ſeine Hand auf die Schulter des Lehrers mit den Worten:„ich hoffe Herr, Sie haben eine ſchnell begreifende Schülerin.“ „Gewiß, Herr Butler, ſie macht außerordentliche Fortſchritte. Wenn ich fort bin, übt ſie ſich mit großem Fleiße und ich thue mein Möchlichſtes.“ „Iſt es Ihnen auch gelungen,“ fragte Maltravers mit ernſtem Tone,„in des armen Kindes Seele einige der heiligeren Begriffe einzupflanzen, wie ich Sie bei unſerer erſten Zuſammenkunft gebeten habe?“ „Nun Herr, ſie war wirklich eine Heidin, durch⸗ aus eine Muhamedanerin, darf ich ſagen; jetzt iſt ſie etwas beſſer.“ „Was haben Sie gelehrt?“ „Daß Gott ſie ſchuf.“ „Damit iſt ein großer Schritt geſchehen.“ „Daß er gute Mädchen liebt und über ſie wacht.“ „Bravo! Sie ſchlagen Plato in die Flucht.“ „Nein, Herr, ich ſchlage Niemand, ausgenommen den kleinen Jack Turner; der aber iſt ein Dummkopf.“ „Bah! was haben Sie ihr noch ſonſt beigebracht?“ — — 58 „Daß der Teufel mit ſchlechten Mädchen hinweg⸗ uft und „Halt, Herr Simcor. Den Teufel laſſen Sie noch aus dem Spiel. Zverſt belehren Sie das Kind gut zu handeln, damit Gott ſie lieben kann; das Uebrige wird ſchon folgen. Ich möchte die Menſchen lieber durch ihre guten Gefühle, wie durch ihre ſchlechten religiös machen, lieber durch Dankbarkeit und Zuneigung als durch Furcht und Berechnung des Wagniſſes und der Strafe. Gegenwärtig brauchen wir den Teufel noch nicht; ſein Begriff bietet ein großes Myßer, dem man nur mit Vorſicht ſich nahen darf,“ murmelte Maltravers vor ſich hin. Herr Simeox ſah ihm ſtarr ins Geſicht. „Spricht ſie ihr Geber?“ „Sie hat von mir ein kurzes gelernt.“ „Hat ſie es ſchnell erlernt?“ „Gott beſchütze ſie, ja! als ich ihr ſagte, ſie müſſe zu Gott beten, damit er ihren Wohlthäter ſegne, ruhte ſie nicht eher, als bis ich ihr eins aus unſerem Sonntagsſchulbuch vorgefagt hatte, und ſie lernte es auf einmal auswendig.“ „Genug, Herr Simcox, ich will Sie nicht länger aufhalten.“ Maltravers vergaß, daß er nicht gefrühſtückt hatte, und fuhr fort zu rauchen und nachzuſinnen. Er be⸗ endete dieſe Beſchäftigung nicht eher, als bis er ſich überzeugt hatte, er thue gegen Alice ſeine Pflicht, indem er ſie die Ausbildung ihres offenbar ſchönen Talentes lehrte, wodurch ſie ſich vielleicht ihre Unab⸗ hängi ſch ihm 5 verlaff eines Die flüſter ſophie welche Weiſe Prüf und d drau eine Zimu wurd Natu raſch trave ſo n ſtaun zu ſ daß Far! hůt wel inweg⸗ n Sie Kind ; das nſchen ihre arkeit g des uchen t ein nahen e, ſie häter 3z aus d ſie inger atte, be⸗ r ſich licht, önen nah⸗ 59 hängigkeit ſichern könne. So, dachte er, könne er ſich der Laſt einer Verantwortlichkeit entledigen, die ihm öfter peinlich wurde. Alice werde ihn dereinſt verlaſſen und dann im Stande ſein, auf dem Pfade eines ehrenvollen Erwerbes die Welt zu durchwandeln. Die Jnee war ausgeſeichnet.„Gefahr iſt vorhanden,“ flüſterte das Gewiſſen.„Ja,“ antwortete die Philo⸗ ſophie und der Stolz, die beiden weiſen Rathgeber, welche ſtets ſo feierlich auftreten und ſte's auf ſolche Weiſe angeführt werden,„aber was iſt Tugend ohne Prüfung?“ Jeden Abend, wenn die Fenſter geſchloſſen waren und das Kaminfeuer hell brannte, während der Wind draußen ſtürmte und der Regen platſchte, ſchlüpfte eine geſchmeidige und liebenswürdige Geßalt in das Zimmer ves jungen Mannes, und ſeine wilten Lieder wurden von einer Stimme geſungen, welche von der Natur noch lieblicher gebilret war, wie ſeine eigene. Alice's Talent für Muſik war wirklich über⸗ raſchend; ſo enthuſiaſtiſch und ſchnell auffaſſend Mal⸗ travers in Allem, was er unternahm auch ſein mochte, ſo mußte er dennoch über ihren ſchnellen Fortſchritt ſtaunen. Sie hatte ſchnell ge ernt nach dem Gehör zu ſpielen; Maltrarers mußte aber bald bemerken, vaß ihre Hand auch, früher von zurtem Bau, die rohe Farhe und die Rauhbeit der Arbeit verloren hatte. EFr dachte an die ſchöne Hand öfter, als es ver Fall hätte ſein ſollen, und leirete rieſelben über die Taſten, welche ſie recht gut ohne ihn hätte finden können. Als er zur Hütte gekommen war, hatte er der 60 alten Haushälterin befohlen, paſſende und reinliche Kleider für Aliee herbeizuſchaffen; jetzt, da es ihr erlaubt war, in des Herrn Zimmer zu ſitzen, zeigte die alte Frau den Verſtand, ohne neuen Befehl ab⸗ zuwarten, dem hübſchen jungen Mädchen einen Anzug zu kaufen, der allerdings noch einfach, aber von beſſerem Stoff und weniger nach ländlicher Mode verfertigt war. Alice's üppige Flechten wurden ſorg⸗ fältig in geordnete und glänzende Locken gewandelt und ſogar das Gewebe der Haare war nicht mehr daſſelbe; Glück und Geſundheit blühten auf den wei⸗ chen Wangen und lächelten von den thauigen Lippen, welche ſich niemals über den friſchen, weißen Zähnen verſchloſſen, als wenn fie betrübt war; dies aber ſchien nie mehr der Fall zu ſein, da fle jetzt aus Maltravers Nähe nicht verbannt wurde. Abgeſehen von der ungewöhnlichen Anmuth und Zartheit der Alice in Formen und Zügen, befindet ſich bei ſehr jungen Frauen immer etwas von natür⸗ lich zierlichem Benehmen(ausgenommen wenn ſie zu⸗ ſammen ſind und unter einander kichern); wir Männer müſſen uns ſchämen, wie jene zu anmuthigen Formen der Geſellſchaft weit leichter verfeinert werden, als unſere rauhen, winkligen, muskulöſen Formen. Ein gewöhnlicher Knabe muß Gott weiß welchen Fleiß anwenden, um nur drei Schritte, ich will nicht ſagen wie ein äußerlich fein gebildeter Herr, ſondern nur wie ein Körper vorwärts zu thun, welcher eine Seele in ſich birgt; ertheilt aber einem Bauernmädchen die geringſten Vortheile der Geſellſchaft oder Anleitung, haltig. travers worin einliche es ihr zeigte hl ab⸗ Anzug e n Mode ſorg⸗ andelt mehr n wei⸗ ippen, ähnen ſchien ravers und efindet natür⸗ ie zu⸗ änner ormen „als Ein) Fleiß ſagen nr Seele n die tung, 61 ſo wette ich hundert gegen eins, daß ſie ein feines Benehmen ſich angeeignet hat, bevor der Knabe einen Bückling auszuführen vermag, ohne den Tiſch um⸗ zuwerfen. Alle Frauen beſitzen Gefühl; dieſes Gefühl ertheilt Zartheit ihren Gedanken und Takt ihrem Be⸗ nehmen. Richtiges Gefühl wird von Männern ge⸗ wöhnlich erworben und entſpringt aus ihren intellek⸗ tuellen, nicht wie beim andern Geſchlecht aus ihren moraliſchen Eigenſchaften. Während des Muſik⸗ und Geſangunterrichts be⸗ nutzte Maltravers mit Sanftmuth jede Gelegenheit, die häufigen Fehler der armen Alice gegen Grammatik und Ausſprache zu verbeſſern. Ihr Gedächtniß war in wunderbarer Weiſe ſchnell auffaſſend und nach⸗ haltig. Sogar der Ton ihrer Stimme ſchien Mal⸗ travers Ohren verändert. Allmählig kam die Zeit, worin er nicht länger an den Unterſchied ihres Ran⸗ ges dachte. Die alte Haushälterin, als ſie vom erſten Augen⸗ blick an geſehen hatte, wie es kommen würde, und über ihre Prophezeihung bei der Beſtellung des neuen Anzuges ſtolz geweſen war, beſaß beſſern philoſophi⸗ ſchen Scharfſinn als Maltravers, obgleich derſelbe his über die Ohren in Plato's Mondſchein verſunken war, und ein Dutzend Notizenbücher mit Bemerkungen ganz voll geſchrieben hatte. 62 Sechstes Kapitel. O junger Mann, es iſt zu roth Dein Blut, So fürcht' ich faſi. d'Aquilar's„Fieseo.“ Da die Erziehung nicht allein in Leſen und Schreiben beßeht, ſo machte ſich Alice im Umgang mit Maltravers ſchon einige der reiſeren Eegebniſſe derſelben zu eigen, während ſie noch in den erſten Elementen ſehr zurück war. Beyor noch die Pfropfung Wirkung hervorbrachte, erwarb ſie ſich Kenntniſſe auf natürlicem Wege. Die Verfeinerung einer ge⸗ bildeten See'e und ein gutes Benehmen iſt ſehr an⸗ ſteckend. Maltravers wurde durch ihr ſchnelles Auf⸗ faſſen der Muſtk ermuthigt, um Unterricht in andern Studien zu verſuchen, ſo weit das Geſpräch denſelben darbieten konnte. Dieſe Schule iſt aber beſſer, wie Eltern und Lehrer glauben; einſt wurde aller Unter⸗ richt münvlich ertheilt; vielleicht lernten die Athener mehr von Ariſtoteles, den ſie hörten, wie wir gegen⸗ wärtig, indem wir ihn eſen. Es bot ſich eine lieb⸗ liche Wiedererweckung rer atheniſchen Aearemie, wenn der romantiſche Philoſoph und ſein ſchöner Schüler in den Gängen oder unter der ländlichen Gallerie der kleinen Hütte umherwanrelten. Seine Worte glichen denen eines Weiſen früherer Zeiten vor einem ver⸗ ſtändigen und ernſten Wilden; ſie handelten von Ster⸗ nen und deren Lauf, von Thieren, Vögeln, Fiſchen, Pflanzen und Blumen, von der weiten Familie der Natur, von der Wohlthätigkeit und Macht Gottes, von der myſiſchen und geiſtigen Geſchichte des Menſchen. ſeinen thigere löste ſi Träum ſie bal beabſic Beruf ſtes be ihrer das V die gel zu ord zimme ſo wa Zaube die er auf ſe Lehnſt tretent nete, Hand hübſch Blut, eo.“ n und mgang ebniſſe erſten opfung ntniſſe ner ge⸗ hr an⸗ s Auf⸗ andern nſelben er, wie Unter⸗ lthener gegen⸗ e lieb⸗ wenn Schüler rie der glichen* mn ver⸗ Ster⸗ iſchen, lie der Hottes, nſchen. 63 Durch ihre Aufmerkſamkeit und Gelehrigkeit ent⸗ zückt, wandte ſich Maltravers zuletzt von der Lehre zur Pveſte; er pflegte ihr die einfachſten und natür⸗ lichſten Stellen zu wiererholen, deren er ſich aus ſeinen Lieblingsdichtern erinnern konnte; er pflegte Verſe, weſche ſich für ihre Faſſungsgabe eigneten, ſelbſt mit Sorgfalt zu verfaſſen; die letzteren waren ihr die liebſten und ſie lernte dieſelben am leichteſten auswendig. Nie hatte ein junger Dichter eine anmu⸗ thigere Veranlaſſung zur Begeſſterung, und niemals löste ſich dieſe unharmoniſche Welt gefälliger in ſanfte Träume auf, als wolle ſie die Neulinge necken, welche ſie bald in ihre freudenloſe Prieſterſchaft aufzunehmen beabſichtigte. Alice hatte ruhig und unbemerkt ihren Beruf ſich gebildet; ſie hatte den Verlauf ihres Dien⸗ ſtes beſtimmt. Die Pflanzen im Gewächshauſe waren ihrer Sorgfalt anheimgegeben. Niemand ſonſt beſaß das Vorrecht, Maltravers Bücher zu berühren oder die geheiligte Verwirrung im Zimmer eines Geiehrten zu ordnen. Kam er des Morgens aus ſeinem Schlaf⸗ zimmer, oder kehrte er von ſeinen Spaziergängen heim, ſo war alles in Ordnung und es war durch eine Art Zauberei gerade ſo wie er es wünſchte. Die Blumen, die er vorzüglich liebte, lagen glänzend friſch gepflückt auf ſeinem Tiſche; ſogar die Stellung des großen Lehnſtuhls in der Ecke am Kamin, wo er dem Ein⸗ trelenden mit herzlichem Willkommen die Arme öff⸗ nete, bezeugte die leitende Anordnung einer weiblichen Hand; pünktlich beim Schlage acht trat Alice ein, ſo hübſch und lächelnd und ſchicklich ausſehend, daß kein —— —— — Wunder ſich varbot, wenn die zuerſt feſtgeſetzte eine Stunde ſich zu dreien erweiterte. War Alice in Maltravers verliebt?— Sie gab gewiß nicht die gewöhnlichen Zeichen zu erkennen, ſie wurde nicht zurückhaltender, nicht aufgeregter und blöder; es befand ſich kein Wurm in den Knoſpen ihrer ſchönen Wangen; im Gegentheil, obgleich ſie vom erſten Augenblick an ziemlich dreiſt geweſen war, ſo wurde ſie freier, zutraulicher und behaglicher mit jedem Tage. Sie hatte wirklich nie einen Augenblick gedacht, daß ſle anders ſein müßte; ſie beſaß nicht die geſellige, auf Gefühl beruhende Zartheit von Mäd⸗ chen, welche Geheimniß und Gefahr in der Liebe ahnen, vyn welcher Art ihr Rang auch ſein mag. Sie hegte eine unbeſtimmte Idee über Fehltritte vvn Mäd⸗ chen, wußte aber nicht, daß Liebe etwas damit zu ſchaffen hatte; im Gegentheil ſtanden dieſe, nach ihres Vaters Angabe, in Verbindung mit Geld, nicht mit Liebe; alles was ſie empfand, war ſo natürlich und ſündenlos. Konnte ſie ſich des Entzückens, wann ſie ihm zuhorchte, und des Grames, wann er fortging, erwehren? Alles was ſie ſo fühlte, ſagte ſie mit eben ſo großer Einfalt wie Argloſigkeit; die Offenherzigkeit verblendete ihn bisweilen und führte ihn vollkommen irre. Nein, ſie konnte nicht in ihn verliebt ſein, oder nicht ſo freimüthig eingeſtehen, daß ſie ihn liebte; das Gefühl war ſchweſterliche Zuneigung und Dankbarkeit. „Das theure Mädchen! mich freut es, dies zu glauben,“ dachte Maltravers;„ich wußte vorher, daß keine Gefahr vorhanden ſein würde. entſe 1 einer heit, Muſ — aber dieſe um ſein nich Pfe Wü wäh Ort daß bere mit gera Kra wide tige teſte in er d dete bla rtging, it eben rzigkeit kommen n, oder te; das barkeit. dies zu er, daß 65 Hatte er ſich nicht ſelbſt verllebt? Der Leſer muß entſcheiden. „Alice,“ ſagte Maltravers eines Abends, nach einer langen Pauſe des Nachfinnens und der Zerſtreut⸗ heit, während ſie unbewußt das letzte von ihr erlernte Muſikſtück auf dem Fortepiano wiederholte,„Alice — nein, wende Dich nicht um, bleib wo Du ſitzeſt, aber höre mich an. Wir können nicht immer in dieſer Weiſe fortleben.“ Alice war ſogleich ungehorſam. Sie wandte ſich um und die großen blauen Augen wurden auf die ſeinigen mit Angſt und Unruhe geheftet; er wußte nicht anders zu helfen, als daß er aufſtand, und ſeine Pfeife holte. Alice aber, welche ſeine geringſten Wünſche inſtinktartig errieth, brachte ihm dieſelbe, während er in den Ecken des Zimmers an ſolchen Orten darnach ſuchte, wo er ganz gewiß wußte, daß ſie ſich nicht finden ließ. Die Pfeife ruhete bereits, mit duftendem, türkiſchem Tabak geſtopft, mit jenem gelben gefärbten Präparat, welches eine gerade nicht geſunde Verfälſchung des verführeriſchen Krautes bietet, allein Wohlgerüche haucht, um den widerlichen Tadel des Ekelempfindenden zu beſchwich⸗ tigen— Maltravers war Epikuräer in ſeinen ſchlech⸗ teſten Gewohnheiten— ſie ruhte bereits, ſage ich, in jener hübſchen Hand, die er berühren mußte, als er die Pfeife nahm; während er den Tabak anzün⸗ dete, mußte er wiederum erröthen und vor den großen blauen Augen zittern. „Ich danke Dir, Alice,“ ſagte er,„ſetze 5— Bulwer, Maltravers. 1. — 66 dorthin— aus dem Luftzuge, ich will das Fenſter öffnen, die Nacht iſt ſo lieblich.“ Er öffnete das mit Schlingkräutern überwachſene Fenſter; das Mondlicht ruhte ſchön und ſtill auf dem ſammtartigen Raſenplatz. Die Ruhe und Heiligkeit der Nacht verſüßte und erhob ſeine Gedanken; er hatte ſich von den Augen der Aliee fortgeſtohlen und ſetzte mit feſter, obgleich ſanfter Stimme ſeine An⸗ rede fort:„Meine theure Alice, wir können auf dieſe Weiſe nicht immer zuſammenleben; Du biſt jetzt klug genug, um mich zu verſtehen; drum höre mir ge⸗ duldig zu. Ein junges Mädchen bedarf nie eines Ver⸗ mögens, ſo lange ſie einen guten Ruf beſitzt; ohne einen ſolchen iſt ſie ſtets arm und verachtet. Ein guter Ruf nun wird in dieſer Welt ebenſowohl durch Un⸗ beſonnenheit, wie Schuld verloren. Wollteſt Du länger mit mir leben, ſo würde dies unklug ſein und Dein guter Ruf würde ſo ſehr leiden, daß Du nicht im Stande wärſt, Dir eine Stellung in der Welt zu verſchaffen; anſtatt Dir einen Dienſt zu erweiſen, würde ich Dir ein tödtliches Unrecht zufügen, welches ich nicht wieder auszugleichen vermöchte. Außerdem weiß der Himmel, ob nicht etwas Schlimmeres als Unbeſonnenheit ſich ereignen könnte. Es thut mir leid, Dir ſagen zu müſſen,“ fügte Maltravers mit großem Ernſt hinzu,„daß Du viel zu hübſch und einnehmend biſt, um— um, kurz, es geht nicht an! Ich muß nach Haus. Meine Verwandten würden ſich mit Recht über mich beklagen, bliebe ich noch viele Wochen länger für ſie ſo verloren. Meine theure Alice, Du haſt jetzt terti ihn Vorſ bring Stell Du! lerne eine (Mal und und! Gatte Alice den i licher bitter beſaß ſchaft drückl gehe chen gute im T Mäd wen finde Siche elches eem es als r leid, roßem hmend muß Recht länger n haſt 67 jetzt genügende Fortſchritte gemacht, um beſſeren Un⸗ terticht erhalten zu können, als ich oder Herr Simeor ihn Dir zu geben vermag. Deßhalb mache ich Dir den Vorſchlag, Dich in einer achtbaren Familie unterzu⸗ bringen, wo Du mehr Behaglichkeit und eine höhere Stellung erlangen wirſt, wie Du ſie hier beſitzeſt. Du kannſt Deine Erziehung beenden und anſtatt zu lernen, wirſt Du ſo in Stand geſetzt werden, Andern eine Lehrerin zu ſein. Bei Deiner Schönheit, Alice (Maltravers ſeufzte), bei Deinem natürlichen Talent und liebenswürdigen Weſen brauchſt Du allein gut und klug zu handeln, um Dir zuletzt einen würdigen Gatten und ein glückliches, häusliches Leben zu ſichern. Alice, haſt Du mich angehört? Dies iſt der Plan, den ich für Dich entworfen habe.“ Der junge Mann dachte wie er ſprach mit ehr⸗ licher Güte und aufrichtiger Ehre; das Opfer war bitterer wie vielleicht der Leſer glaubt. Maltravers beſaß kein eigennütziges Herz, ob auch ein leiden⸗ ſchaftliches; er empfand, um mich ſeines mehr nach⸗ drücklichen als beredten Ausdrucks zu bedienen,„es gehe nicht an,“ daß er länger mit dem ſchönen Mäd⸗ chen wie die zwei Kinder zuſammen lebe, welche eine gute Fee, vor der Eünde und der Welt geſichert, im Palaſte der Roſen aufbewahrt hatte. Man darf aber nicht außer Acht laſſen, daß ein Mädchen niemals in ſo große Gefahr geräth, als wenn ihr Liebhaber ſie davor retten will. Sie be⸗ findet ſich in verhältnißmäßig bei weitem größerer Sicherheit, wenn ſie durch eine offenbar ſeldſtſüchtige ——— 68 Leidenſchaft verfolgt und bebrängt wird. Mag nun aber ihr Stolz aufgeregt, ihre Neigung verwundet oder ihre Großmuth in Anſpruch genommen werden, ſo vermag ſie es ſicherlich nicht zu ertragen, daß ihr Liebhaber irgend ein Gefühl, wie erhaben daſſelbe auch ſein mag, von gleicher Stärke wie ſeine Leiden⸗ ſchaft zu ihr hege. Gewiß ahnte Aliee nicht dieſe Verkehrtheit ihres Geſchlechtes, benn ſie begriff weder ihre eigene Gefahr noch Maltravers Beweggründe, ſondern ſie ſchlug gerade dasjenige Verfahren ein, welches die Tugend des ſtrengſten Einſiedlers zum Wanken hätte bringen müſſen. Sie ſtand blaß und zitternd auf, trat auf Maltravers zu und legte ihre Hanv ſanft auf ſeinen Arm. „Ich will fortgehen, wann und wohin Sie wollen, je eher, je beſſer,— morgen— ja morgen; Sie ſchämen ſich der armen Alice; ich war ſehr dumm, ſo glücklich zu ſein—(einen Augenblick kämpfte ſie mit ihrer Aufregung und fuhr dann fort) Gott vermag mich zu hören, ſelbſt wenn Sie von mir entfernt ſind; wenn ich mehr weiß, kann ich beſſer beten; Gott wird Sie ſegnen, Herr, und Sie glücklich machen, venn ich kann für ſonſt nichts beten.“ Bei den Worten wandte ſie ſich hinweg und ging ſtolz auf die Thür zu. Als ſie aber die Schwelle erreicht hatte, hielt ſie an und ſah ſich um, als wolle ſie ein letztes Lebewohl ſagen. Alle Erinne⸗ rungen und Gedankenverbindungen dieſes geliebten Ortes drangen auf ſie ein— ſie ſchnappte nach Luft — wankte und fiel bewußtlos auf den Boden. hob wilde theur Er er Hanz ſuchu ſchön und Er l Lipp und: er er Kop dies der Stin Unr näc wach Kla nn undet erden, aß ihr aſſelbe eiden⸗ t dieſe weder ründe, n ein, s zum und te ihre wollen, Sie dumm, pfte ſie Gott ntfernt beten; machen, nd ging Schwelle m, als Erinne⸗ eliebten ach Luft . 69 Maltravers ſtand ſogleich an ihrer Seite. Er er⸗ hob ihren leichten Körper mit ſeinen Armen; er ſtieß wilde und leidenſchaftliche Ausrufungen aus—„Alice, theure Alice, vergib mir! wir wollen uns nie trennen!“ Er erwärmte ihre Hände mit den ſeinen, während ihr Haupt an ſeinem Buſen ruhte. Er konnte der Ver⸗ ſuchung nicht widerſtehen und küßte wiederholt die ſchönen Augenlider, bis dieſelben ſich langſam öffneten und die zarten Arme unwillkürlich ihn umſchlangen. „Alice,“ flüſterte er,„theure Alice, ich liebe Dich.“ Er küßte nicht länger die Augenlider, ſondern die Lippen, als ſie zur Hälfte eine Antwort ſeufzten und zur Hälfte lächelten. Der Kuß dauerte lang, wurde er erwidert? Maltravers glaubte dies. Er verlor den Kopf; berückſichtigt man alle Umſtände, ſo würde dies ſogar bei Zeno(nämlich im achtzehnten Jahr) der Fall geweſen ſein. Siebentes Kapitel. Dem Unerfahr'nen, dem Verſchwender gleich, Stößt ab vom Uſer das mit Flaggen bunt Geſchmückte Schiff. Shakeſpeare. Wir pflegen die Stimme des Gewiſſens mit der Stimme der Mitternacht in Verbindung zu bringen. Ich aber glaube, daß wir dieſer unſchuldigen Stunde Unrecht erweiſen. Es iſt vieimehr der furchtbare nächſte Morgen, wenn die Vernunft vollkommen wach iſt, an welcher ſich der Gewiſſensbiß mit ſeinen Klauen anklammert. Hat Jemand ſein Vermögen verſpielt, oder einen Freund im Duell erſchoſſen, oder ein Verbrechen begangen, oder ſich lächerlich gemacht — ſo iſt es ſtets der nächſte Morgen, an welchem die unwiederbringliche Vergangenheit ſich vor ihm wie ein Geſpenſt erhebt; dann entſendet der Kirchhof des Gedächtniſſes ſeine gräßlichen Todten!— dann ſchlägt die Geiſterſtunde, worin der böſe Feind in uns vielleicht am wenigſten zu verſuchen, aber am meiſten zu quälen vermag. Des Nachts können wir wenigſtens etwas hoffen und beſitzen wenigſtens eine Zuflucht— Vergeſſenheit und Schlaf. Am Morgen jedoch iſt der Schlaf vorüber und wir werden berufen, mit Kälte die Vergangenheit zu überſehen, wiederum zu handeln und die wachende Bitterkeit des Selbſt⸗ vorwurfes zu erleben. Maltravers ſtand auf als reuig und unglücklich— der Gewiſſensbiß war ihm nenu; er hegte das Gefühl, als habe er eine eben ſo ver⸗ rätheriſche und hinterliſtige, wie ſchuldige That be⸗ gangen. Das arme Mädchen war ſo unſchuldig, ſo vertrauensvoll, ſo ohne allen Schutz, nicht einmal mit dem ihres eigenen Rechtsgefühls Er trat ver⸗ vroſſen und entmuthigt ins Zimmer; er ſehnte und ſcheute ſich Alice wiederzuſehen. Er vernahm ihren Schritt im Gewächshauſe; unentſchloſſen hielt er an; zuletzt trat er auf ſie zu. Sie erröthete und zitterte zum erſtenmal und ihre Augen mieden die ſeinigen. Als er aber ihre Hrud ſchweigend küßte, flüſterte ſie ihm zu:„Soll ich Sie jetzt noch verlaſſen?“ Mal⸗ travers erwiderte leidenſchaftlich:„Niemals,“ und dann ſtrahlte ihr Geſicht ſo von Freude, daß Mal⸗ oder macht lchem ihm chhof dann nd in ram n wir eine orgen rufen, derum elbſt⸗ reuig neu; er⸗ t be⸗ ſo inmal t ver⸗ e und ihren ean; itterte nigen. rte ſie Mal⸗ und Mal⸗ 74 travers ungeachtet ſeines Gefühls Troſt empfand. Aliee fühlte keine Gewiſſensbiſſe, wie ſehr ſie auch aufgeregt und heſchämt war; ſie begriff nicht, daß ſie in den Augen ihres Geſchlechts für immer die Kaſte verloren hatte. Sie dachte wirklich nicht an ſich ſelbſt. Ihre ganze Seele lag in der ſeinigen; ſie gab ihm in Liebe den Geiſt zurück, den ſie von ihm durch Kenntniß empfangen hatte. Den ganzen Tag ſtreiften ſie in dem Garten umher und Maltravers wurde wieder mit ſich ausgeſöhnt. Allerdings hatte er ein unrecht begangen, vielleicht aber hatte Alice dadurch, daß ſie, obgleich unſchuldig, ſo lange mit ihm allein lebte, allen nur möglichen Nachtheil in der Meinung der Welt bereits erlitten. Jetzt beſaß ſie einen immer⸗ währenden Anſpruch auf ſeinen Schutz. Niemals ſollte ſie Schande oder Mangel kennen lernen. Die Liebe, welche ihn zum Unrecht verleitet hatte, konnte durch Treue und Anhänglichkeit das Gepräge der Sünde hinwegnehmen. Natürliche Sophismen und Gemeinplätze! Der Menſch iſt ſein eigener Gauner, wie der alte Mon⸗ taigne ſagt. Das Gewiſſen beſitzt unter allen Dingen der Welt die größte Elaſtieität. Heute kann man es nicht über einen Maulwurfshaufen ſpannen, mor⸗ gen verbirgt es einen Berg. Wie glücklich war jetzt das junge Paar. Die Tage flogen ihm dahin wie Träume. Die Zeit ging vorüber, der Winter entſchwand und der Frühling mit ſeinen Blumen und ſeinem Sonnenſchein, war wie ein Spiegel ihrer Ingend. Alice begleitete Maltravers niemals auf ſeinen Spaziergängen, theils weil ſie ihrem Vater zu begegnen beſorgte, theils weil Mal⸗ travers ſelbſt aller Offentlichkeit abgeneigt war. Allein ſie beſaßen die kleine Welt von drei Morgen Land, Raſenplatz und Quelle, und Alice fragte nie, ob es außerhalb derſelben noch eine andere Welt gähe. Sie war jetzt ſogar eine Gelehrte geworden, wie Herr Simcor verſicherte. Sie konnte jetzt Maltravers laut und flleßend vorleſen und ſeine Gedichte in kleiner unſicherer, Handſchrift abſchreiben; er brauchte ſich jetzt nicht mehr der gewöhnlichen Ausdrücke zu bedie⸗ nen, um eine Brücke des Verkehrs ihrer Ideen zu erbauen— Eros und Pſyche find ſtets vereint und die Liebe erſchließt alle Blumenknoſpen der Seele. Nur hinſichtlich eines Gegenſtandes war Maltravers weniger beredt wie früher. Die Rolle eines Mora⸗ liſten war ihm nicht gelungen und er würde ſich für einen Heuchler gehalten haben, hätte er dasjenige, was er nicht übte, gepredigt. Alice aber war edler und reiner und ſo weit ſie es wußte(die liebliche Thörin) beſſer wie jemals— ſie hatte ein neues Gebet für ſich erfunden und ſie betete ſo regelmäßig und in⸗ brünſtig als habe ſie keinen Fehltritt begangen. Das Geſetzbuch tes Himmels iſt milder als das der Erde und erklärt nicht, daß Unwiſſenheit keine Entſchuldi⸗ gung für ein Verbrechen darbietet. Hätte ein Ge⸗ ſchwornengericht von Engeln über Alicens Schuld ent⸗ ſchieden, ſo würden ſie kaum dem Herzen erlaubt haben, gegen die Seele zu zeugen. gewöh nördli eben Knoſſ der u brunn becken terige erhöh wora erſchl eine! Veile der A und einer Fenf glück und Häu 2 Idee ſie Nal⸗ lein and, es Herr laut iner die⸗ zu und eele. vers ora⸗ für tige, und rin) für in⸗ Das Erde uldi⸗ Ge⸗ ent⸗ aubt 73 Achtes Kapitel. Die Wolke zieht dem Geier gleich, der gierig Nach Beute ſchwärmt„ Nicht mehr ſoll Blau bas Firmament umkleiben, Noch flittergleiche Sterne glorreich ſchimmern. Byron,„Himmel und Erde.“ Es war ein ſchöner Aprilabend, das Wetter un⸗ gewöhnlich mild und heiter für die Jahreszeit in den nördlichen Gegenden unſerer Inſel, und glänzende, ſo eben gefallene Regentropfen ſchimmerten auf den Knoſpen des ſpaniſchen Flieders und Bohnenſtrauchs, der um Maltravers Hütte wuchs. Der kleine Spring⸗ brunnen, welcher in der Mitte eines runden Waſſer⸗ beckens ſpielte, an deſſen klarer Fläche die breitblät⸗ terige Waſſerlilie ihren feeühaften Schatten warf, erhöhte das friſche Grün des Raſenplatzes. Und ſanſt wie Sammt war jenes Gras, worauf ſeltene und frühe Blumen ihre ſchweren Kronen erſchloſſen. Das Schauer in der Dämmerung hatte eine kräftige Süße der Luft ertheilt, welche über manche Veilchenbeete hinſtrömte und in den goldenen Locken der Alice ſpielte, als ſie an der Seite ihres entzückten und ſchweigenden Geltebten daſaß. Sie ruhten auf einer ländlichen Bank vor der Hütte und die offenen Fenſter hinter ihnen geſtatteten den Blick in jenes glückliche Zimmer mit ſeiner Unordnung von Büchern und muſikaliſchen Inſtrumenten, welche die Poeſie der Häuslichkeit ſo beredt darlegt. Maltravers ſchwieg. Seine leicht erregbare, jeder Idee ſich anſchmiegende Phantaſte hatte tauſend For⸗ 6 men in der durchſichtigen Luft und auf die ſchattigen Veilchenbeete hinaufbeſchworen. Er dachte nicht, er überließ ſich allerlei Gebilden. Träumend weilte ſein Geiſt bei dem ruhigen, aber ausgewählten Gefühl ſeines Glückes. Alice erfüllte nicht durchaus ſeine Gedanken, ertheilte aber unbewußt ihnen ſämmtlich eine Färbung. Wäre ſie von ſeiner Seite gewichen, ſo wäre auch der ganze Zauber zerſtört worben. Alice aber, welche weder Dichterin noch Genie war, dachte, und dachte allein an Maltravers. Sein Bild war ihr wie durch einen in tauſend Bruchſtücke zerbrochenen Spiegel vervielfältigt, welcher Alles, was an jenem liebenswürdigen Mikrokosmus vor ihr ſchön und ſanft war, getreu wiedergab. Alle Bruchſtücke aber glichen ſich in einem Punkt; ſie hatten mit der Zukunft nichts zu ſchaffen; ſie gaben allein die Gegenwart; das Ge⸗ fühl des wirklichen Leben“ der Genuß der lebendigen Zeit, war als ſtark vorherrſchend in allen jenen Bil⸗ dern enthalten— ſo iſt das Voprecht der beiden änßerſten Punkte unſeres Daſeins, der Jugend und des Alters. Das Mannesalter hat mit der Gegenwart nichts zu ſchaffen, ſeine Heimath iſt das Morgen— es regt ſich ängſtlich, es entwirft Pläne, verlangt, wünſcht die Reife vieſes Planes und die Erfüllung jener Hoffnung, während jede Woge der vergeſſenen Zeit es dem Ende aller Dinge näher bringt. Die Hälfte unſeres Lebens wird mit dem Verlangen ver⸗ bracht, dem Tode näher zu ſein. „Alice,“ ſprach Maltravers, indem er zuletzt von ſeiner Träumerei erwachte und die leichte, kindliche Kop wie imm im den wür Alic eber weil ttigen t, er e ſein efühl ſeine ntlich ichen, Alice achte, r ihr henen enem ſanft lichen nichts Ge digen Bil⸗ eiden und wart angt, llung ſenen Die ver⸗ von 75 Geſtalt näher zu ſich hinzog,„Du genießeſt dieſe Stunde wie ich.“ „O, noch weit mehr!“ „Noch mehr, und weßhalb?“ „Weil ich an Sie denke, und weil Sie vielleicht nicht an ſich denken.“ Maltravers lächelte, ſtrich die ſchönen Locken hin⸗ weg, küßte die weiche, unſchuldige Stirn, und Alice hing ſich ihm an die Bruſt.„Wie jung ſiehſt Du bei dieſem Lichte aus, Alice,“ ſagte er zärtlich nieder⸗ blickend. „Würdeſt Du mich weniger lieben, wenn ich alt wäre?“ fragte Aliee. „Ich glaube, ich hätte Dich nie ſo geliebt, wenn Du alt geweſen wäreſt, als ich Dich zuerſt ſah.“ „Ich aber hätte ebenſo für Sie gefühlt, wenn Sie auch noch ſo alt geweſen wären“ „Was, mit Runzeln auf den Wangen, Gicht im Kopfe, einer braunen Perüke und keinen Zähnen, wie Herr Simcor?“ „O, Sie könnten nie wie ber ſein! Sie würden immer jung ausſehen, Ihr Herz würde Ihnen immer im Geſichte liegen. Dies theure Lächeln! Sie wür⸗ den ſchön bis zum letzten Augenblick bleiben.“ „Simeor aber, obgleich jetzt nicht ſehr liebens⸗ würdig, iſt, wie ich glaube, ſchöner als ich geweſen, Alice; ich werde zufrieden ſein, wenn ich im Alter ebenſo ausſehe.“ „Ich ſollte niemals wiſſen, daß Sie alt würden, weil ich Sie ſo nach meinem Gefallen ſehen kann. Bisweilen, wenn ſie gedankenvoll ſind, ziehen Sie Ihre Braunen zuſammen und dann ſehen Sie ſo ſtreng aus, daß ich zittre. Dann aber denke ich daran, wie Sie zuletzt lächelten und ſehe Sie dann wieder an, ſo ſcheinen Sie mir zu lächeln, ob⸗ gleich Sie finſter blicken. Sicherlich erſcheinen Sie andern Augen auf verſchiedene Weiſe, wie den meinen, allein die Zeit müßte mich zuvor tödten, wenn Sie in meinen Augen durch die Zeit geändert würden.“ „Süße Alice, Du ſprichſt beredt, denn Du ſprichſt Liebe.“ „Mein Herz redet mit Ihnen. Ich wünſchte nur Alles ausſprechen zu können, was ich empfinde. Ich wünſchte nur, ich könnte wie Sie dichten, oder daß meine Worte Mufik wären, ich würde nie anders als in Muſik mit Ihnen reden. Ich war ſo entzückt, Muſik zu erlernen, weil ich mit Ihnen zu reden ſchien, wenn ich ſpielte. Gewiß, wer Muſik erfand⸗ liebte ſehr und wollte es ſagen, ich glaube aber, es war ein Weib.“ „Die Griechen, von denen ich Dir ſagte und deren Leben Muſik war, glaubten, es ſei ein Gott geweſen.“ „Sie ſagten ja aber, die Griechen hätten die Liebe zum Gott gemacht. War das verrucht?“ „Auch unſer Gott im Himmel iſt Liebe,“ ſprach Maltravers mit Ernſt;„jedoch eine Liebe anderer Art, göttlich, nicht menſchlich. Komm, wir wollen in's Haus, die Luft wird zu kalt für Dich.“ Sie traten ein; ſein Arm umſchlang ihren Leib. Das Zimmer lächelte ihnen ein heiteres Willkommen zu; 2 Luft in ih empf Prov Verb ergri Inte gren die 2 in i ſein tigt, vers des a oder geſtr wöh zum ſeril nebe ſie Aug rich Ger weil „Be mu Sie e ſo ich dann ob⸗ Sie nen, Sie n ℳ ichſt nur Ich daß als ückt, eden and⸗ „ es eren en. die rach Art, in's Leib. men 77 zu; Alice, deren Herz ſich nicht zur Hälfte im Gefühl Luft gemacht hatte, ſetzte ſich an das Inſtrument, um in ihrer Weiſe Liebe zu reden. Es war Sonnabend Abend. Jeden Sonnabend empfing Maltravers aus der benachbarten Stadt die Provinzialzeitung. In dieſer beſtand ſein einziges Verbindungsmittel mit der Welt; jedoch nicht deßhalb ergriff er ſie immer mit Begierde und las ſie mit Intereſſe. Die Grafſchaft, worin ſein Vater wohnte, grenzte an diejenige, worin er jetzt verweilte, und die Zeitung enthielt die Nachrichten dieſes Diſtriktes in ihren weiten Columnen. Deßhalb fühlte Ernſt ſein Gewiſſen beruhigt und ſeine Beſorgniſſe beſänf⸗ tigt, wenn er von Zeit zu Zeit las:„Herr Maltra⸗ vers hat eine Geſellſchaft von Freunden hohen Stan⸗ des auf ſeinem edlen Wohnſitz zu Lisle⸗Court bewirthet,“ oder,„Herrn Maltravers Fuchshunde haben im Gebüſch geſtreift,“ oder,„Herr Maltravers hat mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Freigebigkeit ſich mit zwanzig Guineen zum Bau eines neuen Grafſchaftsgefängniſſes ſub⸗ ſeribirt.“ Da nun Maltravers die erwartete Zeitung nehen dem kochenden Theekeſſel liegen ſah, ergriff er ſie begierig, riß den Umſchlag fort und eilte mit den Augen zu der wohlbekannten Stelle, welche für Nach⸗ richten aus ſeinem väterlichen Diſtrikt beſtimmt war. Gerade die erſten Worte, auf denen ſein Blick ver⸗ weilte, lauteten: „Beunruhigende Krankheit des Herrn Maltravers.“ „Wir bedauern anzeigen zu müſſen, daß dieſer muſterhafte und ausgezeichnete Herr vergangenen Mitt⸗ woch Abend von heftigen Krämpfen befallen wurde. Man ließ ſogleich Doktor*** holen, welcher das übel für eine in den Magen getretene Gicht erklärte. Man hat den vorzüglichſten Arzt aus London berufen.“ „Nachſchrift. Wir erfuhren ſo eben nach unſerer Erkundigung in Lisle⸗Court, daß der höchſt achtbare Eigenthümer ſich beträchtlich ſchlimmer befindet; man hegt jedoch einige Hoffnung hinſichtlich ſeiner Wieder⸗ herſtellung. Sein älteſter Sohn und Erbe, Capitän Maltravers, befindet fich in Lisle⸗Court. Ein expreſſer Bote iſt abgeſandt worden, um Herrn Ernſt Mal⸗ travers aufzuſuchen(das einzige zweite noch über⸗ lebende Kind des Herrn Maltravers), welcher durch ſeinen hohen engliſchen Muth, mit den Beamten de⸗ ſpotiſcher Regierungen in einen Streit gekommen und plötzlich aus Göttingen verſchwunden iſt, wo ſeine außerordentlichen Talente ihn bemerkbar machten. Man vermuthet, er befinde ſich gegenwärtig in Paris.“ Die Zeitung fiel auf den Boden. Ernſt warf ſich in den Lehnſtuhl und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. Alice ſtand im nächſten Augenblick an ſeiner Seite. Er ſah auf und begegnete ihrem ernſten und erſchreckten Blick.„Alice,“ rief er mit Bitterkeit und beinahe ſie hinwegſtoßend aus,„welche Gewiſſensbiſſe haſt Du mir verurſacht!“ alsdann ſprang er auf und eilte aus dem Zimmer. Das ganze Haus kam ſogleich in Bewegung. Der Gärtner, der ſich ſtets zur Zeit des Abendeſſens im Hanſe befand, flog zur Stadt, um Poſtpferde zu he⸗ ſtellen. Wäſch' Gedan in ſei Ne vor de Zimm dem B ihr au müht] regte, ſeinem der ver Blick Er derum der H gen ſe nicht, ſelbſt ſo gü vergib ſollſt E zwung den das g hatte Wage Noch 79 ſtellen. Die alte Haushälterin war hinſichtlich der Wäſche in Verzweiflung, denn ihr erſter und einziger Gedanke betraf des Herrn Hemde. Ernſt ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Alice, arme Alice! Nach etwa zwanzig Minuten ſtand der Wagen vor der Thür. Ernſt, blaß wie der Tod, trat in das Zimmer, wo er Alice verlaſſen hatte. Sie ſaß auf dem Boden und das verhängnißvolle Zeitungsblatt lag ihr auf dem Schooß. Sie hatte ſich vergeblich be⸗ müht herauszubringen, was Maltravers ſo heftig auf⸗ regte, denn wie ich ſchon früher ſagte, war ſie mit ſeinem wirklichen Namen unbekannt und deßhalb hielt der verhängnißvolle Zeitungsartikel nicht einmal ihren Blick auf. Er nahm ihr die Zeitung, denn er wollte ſie wie⸗ derum und wiederum leſen; irgend ein kleines Wort der Hoffnung oder Ermuthigung mußte ihm entgan⸗ gen ſein. Aliee warf ſich ihm an die Bruſt.„Weine nicht,“ ſprach er,„der Himmel weiß es, ich habe ſelbſt genug Kummer. Mein Vater liegt im Sterben! ſo gütig, ſo großmüthig und nachſichtig! O Gott vergib mir! Faſſe Dich, in einem oder zwei Tagen ſollſt Du von mir hören.“ Er küßte ſie, allein der Kuß war kalt und er⸗ zwungen. Sie vernahm das Raſſeln der Räder auf den Kieſelſteinen. Sie ſtürzte zum Fenſler; allein das geliebte Geſicht war nicht ſichtbar. Maltravers hatte die Kutſchenfenſter geſchloſſen und ſich in den Wagen gelehnt, um ſeinem Grame nachzuhängen. Noch ein Angenblick und ſogar die Kutſche, die ihn trug, war verſchwunden. Und vor ihr befanden ſich die Blumen und der von Sternen erleuchtete Raſen⸗ platz, und der ſpielende Springbrunnen, und die Bank, worauf ſie Beide in ſo innig empfundenem und heiterem Entzücken ſo eben ſaßen. Er war ent⸗ ſchwunden; wie oft erinnerte ſich Alice, daß ſeine letzten Worte in entfremdenden Tönen geſprochen, vaß ſeine letzte Umarmung ohne Liebe geweſen war. Neuntes Kapitel. * Ich ſchulde Thränen dir; Ein ſchwerer Kummer, den das Blut erweckt, Den die Natur und Kindeslieb' erheiſcht, Sei, theurer Bater, reichlich dir geſpendet. Shakſpeare,„Heinrich der Vierte.“ 2ter Theil. Spät am Abend hielt die Kutſche, welche Mal⸗ travers trug, am Hauſe eines Parkhüters. Maltra⸗ vers ſchien die Zeit ſehr lang, ehe der Bauer inner⸗ halb deſſelben vom tiefen Schlafe der die Arbeit liebenden Geſundheit erweckt wurde. Während das Parkthor auf den Angeln knarrte, rief er aus:„Wie hefindet ſich mein Vater? Iſt er beſſer? Lebt er?“ „O Gott ſegne Ihr Herz, Herr Ernſt; der Herr befindet ſich heute Abend etwas beſſer.“ „Gott ſei gedankt! weiter, weiter!“ Die Pferde rauchten und galloppirten auf einem Wege, der ſich durch ehrwürdige und alte Baum⸗ gruppen dahinwand. Der Mondſchein ruhte ſanft auf dem Raſen, und die Viehheerden, aus ihrem Schlaf gewe dring mit ſchnit mit 7 alten nerat imme wilde die 1 terſch den 1 iſt. Düſt Geda dem ſind mit i und( Zeite alle! mode trave des T warn durch Stoc Zimr 2 etweckt, vendet. Vierte.“ altra⸗ inner⸗ Arbeit d das „Wie er?“ 81 geweckt, erhoben ſich träg und blickten auf den Ein⸗ dringling zur ungewöhnlichen Zeit. Der engliſche Park eines Landfitzes zu Mitternacht mit ſeinem rauhen, in Vertiefungen und Thäler zer⸗ ſchnittenem Waldgrunde, ſeinem nie erneuten moſigen, mit Farrnkräutern überwachſenen Graſe, ſeinen ur⸗ alten Bäumen, welche die Geburt von hundert Ge nerationen erblickten und über deren Gräber noch immer ragen, bildet wahrlich zur Mitternacht eine wilde und zauberhafte Gegend. Solche Stellen bieten die letzte, ſtolze und düſtere Spur normänniſcher Rit⸗ terſchaft und alter Romantik, welche unter den lachen⸗ den Landſchaften des bebauten Englands noch übrig iſt. Sie flößen ſtets eine ſchattenhafte und feierliche Düſterkeit der Seele ein, welche die daran geknüpfte Gedankenverhindung empfindet, einen Eindruck, welcher dem eines alten und heiligen Gebändes gleicht. Es ſind gleichſam die gothiſchen Chorgänge der Natur mit ihrer verdunkelten Ausſicht, baumartigen Säulen und Spitzboͤgen voll ſtarken Laubs. In gewöhnlichen Zeiten iſt der Eindruck angenehm und entzückender, als alle heiteren Raſenplätze und ſonnigen Abhänge der moternen Parke. Jetzt aber war derſelbe für Mal⸗ travers unheilverkündend und erdrückend. Das Dunkel des Todes ſchien in jedem Schatten zu brüten und deſſen warnende Stimme in jedem Lufthauche zu wehklagen. Die Räder hielten wiederum. Lichter flimmerten durch das Parterre des Gebäudes; ein Licht im obern Stockwerk, ſchwächer als die übrigen, ſchien vom Zimmer aus, wo der Kranke ſchlief. Die Vulwer„Maltravers. I. 82 erklang grell unter dem dunkeln Epheu, welcher die Halle am Eingang überzog. Die ſchwere Thür er⸗ öffnete ſich— Maltravers ſtand auf der Schwelle. Sein Vater lebte— befand ſich beſſer und wachte. Sein Sohn lag in ſeinen Armen. Zehntes Kapitel. Die Eiche trauert Wohl über jenem Dach, dem Schirm ſie reicht; Von Schmerzenstönen ſchallt die Nebelluft. Elliot. Manche Tage gingen vorüber und Alice war noch immer allein. Sie hatte jedoch zweimal von Mal⸗ travers Briefe erhalten. Dieſe Schreiben waren kurz und eilig verfaßt. Das einemal befand ſich ſein Vater beſſer, und Hoffnung war vorhanden, vas anderemal erwartete man nicht, er werde die Woche überleben. Dieſe Briefe waren die erſten, welche Alice jemals von ihm empfangen hatte. Dergleichen erſte Briefe bilden immer ein Ereigniß im Leben eines Mädchens, für Aliee diesmal ein ſehr trauriges. Ernſt bat ſie nicht, ihm zu antworten; er empfand unter jenen Umſtänden Widerwillen, ſeinen wirklichen Namen zu enthüllen und Briefe heimlicher Liebe in dem Hauſe zu empfangen, worin ſein Vater töbtlich krank lag. Er hätte die Adreſſe unter ſeinem aagenommenen Namen in einem entfernten Poſtorte zurücklaſſen kön⸗ nen, wo man feine Perſon nicht kannte; aber als⸗ dann hätte er das Bett ſeines Vaters, um ſich die Brie Dies Alice für etwa thig der in e von Bri⸗ dieſe die fand theu ſo 3 pier befa abet war lehr dock ſo eler Lie! em ſie alt we Ta ma cht; ch kal⸗ kurz ater mal ben. nals iefe ens, ſie nen zu auſe lag. nen kön⸗ als⸗ die 83 Briefe zu holen, auf mehre Stunten verlaſſen müſſen. Dies war unmöglich. Maltravers aber legte der Alice dieſe Schwierigkeiten nicht dar. Sie hielt es für ſonderbar, daß er nicht ten Wunſch ausſprach, etwas von ihr zu vernehmen, ollein ſie war demü⸗ thigen Sinns. Was konnte fie ihm ſchreihen, was der Mühe werth war, um ihn zu ſtören, und zwar in einem ſolchen Zeitpunkt? Aber wie gütig war es von ihm, daß er ſchrieb; wie koſtbar waren dieſe Briefe! Und dennoch ward ihre Erwartung durch vieſelben getäuſcht und koſtete ſie manche Thräne; die Briefe waren ſo kurz, ſo voll Kummer; es be⸗ fand ſich darin ſo wenig Liebe; theure und ſogar theuerſte Alice, welches, von der Stimme geſprochen, ſo zärtlich klang, ſchien kalt auf dem lebloſen Pa⸗ pier. Wüßte ſie nur genau, an welchem Ort er ſich befand, ſo würde ihr dies zum Troſt gereichen; jetzt aber wußte ſie allein, daß er fort und bekümmert war; obgleich er kaum durch einen Raum von fünf⸗ zehn Stunden von ihr gekrennt wurte, ſo erſchien ihr doch derſelbe als unermeßlich. Sie tröſtete ſich jedoch ſo gut wie möglich und kemühte ſich, den langen, elenden Tag dadurch zu verkürzen, daß ſie alle ſeine Lieblingslieder ſpielte, und alle Stellen, welche er ihr empfohlen hatte, überlas. Bei ſeiner Wiederkehr konnte ſie ſolche Fortſchritte gemacht haben! wie lieblich würde alsbann ter Garten ſein! ſeine Bäume und ſein Buſch⸗ werk erlangten vom vorrückenden Frühling mit jedem Tage ein neues Lächeln; ſie würden dann noch ein⸗ mal ſo glücklich ſein! Alice lernte jetzt das Loben 1 84 kennen, welches in der Zukunft liegt; ihr junges Herz war noch nicht belehrt worden, daß die Hoff⸗ nung ällein der Prophet einer ſolchen Zukunft iſt! Als Maltravers die Hütte verließ, hatte er ver⸗ geſſen, daß Alice ohne Geld war; jett, da er be⸗ merkte, daß ſein Ausbleiben auf unbeſtimmte Zeit verlängert werden könne, überſandte er eine Summe. Mehre Rechnungen waren noch nicht getilgt; ein Theil des Hauszinſes noch nicht bezahlt; Alice, wie man ſie darum erſuchte, vertraute der alten Dienerin eine Banknote, womit ſie die kleinen Schulden be⸗ zahlen ſollte. Eines Abends, als ſie Alice den über⸗ ſchuß brachte, ſchien die gute Dame ſehr aus der Faſſung gebracht. Sie war blaß und aufgerezt oter, wie ſie ſich ausdrückte:„ſie hatte einen furchtbanen Anfall von Zittern gehabt.“ „Was gibts Frau Jones, haben Sie Nachricht erhalten, von meinem— von Ihrem Herrn?“ „O nein! das nicht. Aber ich wollte Sie nicht erſchrecken. In der Nachbarſchaft haben zwei ſtarke Einbrüche ſtattgefunden.“ „Dem Himmel ſei Dank, daß es nichts weiter iſt,“ rief Alice aus. „O Miß, Sie brauchen dem Himmel dafür nicht zu danken; es iſt etwas Furchtbares für zwei einſame Frauenzimmer wie wir, und die Fenſter reichen bis zum Boden. Hören Sie! Als ich die Banknote bei Herrn Harris, dem Gewürzkrämer mit dem großen Luden, wechſelte, wo alle armen Leute ſich Brannt⸗ wein guf morgen kauften“(es war gerade Sonnabend ihr Wi Go ſtai ges off⸗ er⸗ be⸗ me. ein wie rin be⸗ er⸗ der er, en cht cht rke W 85 Abend, der zweite Sonnabend nach Maltravers Ab⸗ reiſe; nach vieſer Hegira beſtimmte Alice ihre Zeit⸗ rechnung),„da ſprach Jedermann über die Räubereien vergangener Nacht. Denken Sie ſich, Miß, die Räuber haben die alte Veity gebunten— Sie kennen ja Betiy— eine ſehr achtbare Frau; ſie hat ihren Kummer gehabt und trinkt mit mir einmal wöchentlich Thee. Gut, Miß, denken Sie ſich nur, die Räuber banden Vetty an die Bettpfoſte; ſie hatte nichts als ihr Hemd an, die arme, alte Seele! Und als mir Herr Harris auswechſelte— ſehen Sie nur nach, Miß, Alles iſt richtig— und als ich zur Hälfte Gold verlangte, Miß, denn ſo iſt's bequemer, da ſtand bei mir ein übel ausſehender Kerl und kaufte Tabak; aber vas Geld ſah er ſo ſtarr an, daß ich varauf ſchwören möchte, er hätte damit vom Laden⸗ tiſch fortlaufen können; ſo packte ich es denn zu⸗ ſammen und ging fort. Sollten Sie glauben, Miß, als ich in die Gaß ging, ehe man aus dem Thor kömmt, ſah ich mich um, und wahrhaftig, da war der häß⸗ liche Kerl dicht hinter mir; o, da fing ich an zu krei⸗ ſchen. Der junge Dobbins trieb ſeine Kuh ins Feld und verhöhnte mich von der Hecke her, als er mich hörte, und die Kuh dazu ſchreckte mich mit ihren Hörnen! Da hielt der Kerl an und ich ſtürzte durchs Thor und kam nach Haus. Aber Miß, wenn wir jetzt Alle beraubt und ermordet werden?“ Alice hatte von dieſer Rede nicht viel vernommen; was ſie hörte, regte nur ſehr wenig ihre ſarken, durch ihre ländliche Geburt harte Nerven an, um die Hälfte — 3 1 13 1 86 nicht ſo ſehr, als der Lärm, den Frau Jones anſtellte, als ſie die Thür doppelt verſchloß und alle Fenſter⸗ läden ſo gut verriegelte, wie es ein Pflock und das roſtige Stück einer Kette erlaubte— ein Verfahren, welches wenigſtens anderthalb Stunden dauerte. Zu⸗ letzt war Alles ſtill. Frau Jones lag im Bett und hatte in den Armen des Schlafs ihren Schrecken ver⸗ geſſen; Alice war die Stufen hinaufgeſchlichen, hatte ſich entkleidet, ihr Gebet geſprochen und ein wenig geweint; dann hatte ſie die noch von Thränen feuchten dunkeln Augenwimper geſchloſſen und war in Träumen von Ernſt verſunken. Mitternacht war vorüber. Der Schlag Eins erſchallte ungehört von der Hausuhr unten an der Treppe. Der Mond war verſchwunden. Ein langſam fallender Staubregen ſiel auf die Blumen, und dichtes Dunkel hatte ſich über den Himmel verbreitet. Um dieſe Zeit begann ein leiſer, regelmäßiger, raſſelnder Schall des Kratzens an den Lenſterläden des Wohnzimmers im Erdgeſchoß, dem ein ſehr ſchwaches Geräuſch, wahrſcheinlich das Klirren kleiner Glasſtücke auf dem Kieſe vor dem Hauſe, vorhergegangen war. Zuletzt ſchwieg jenes Geräuſch, der vorſichtige und theilweiſe Schimmer einer Laterne fiel auf den Fuß⸗ boden; noch ein Augenblick und zwei Männer ſtanden im Zimmer. „Still, Jack,“ flüſterte der eine,„leuchte, wir wollen uns umſehen.“ Die Blendlaterne wurte jetzt gänzlich enthüllt und zeigte dem Blick der Räuber nichts, was ihre Hab⸗ ſucht befriedigen konnte. Bücher und Noten, Stühle, 2— lte, er⸗ s en, zu⸗ ind er⸗ tte tig en en in 87 Liſche, Teppiche, ein eiſernes Kamingitler mögen ſehr werthvolle Gegenſtände im Verzeichniß eines Hausver⸗ miethers ſein, ſind aber werthlos in den Augen eines einbrechenden Diebes. Beide murmelten einen Fluch. „Jack,“ ſagte der frühere Sprecher,„wir müſſen die Meſſer und Gabeln erjagen und dann das Geld holen. Die alte Jungfer hat dreißig Guineen außer der kleinen Münze.“ Der Mitſchuldige nickte Veifall. Die Laterne wurde wieder zum Theil verdeckt und die Männer verließen mit geräuſchloſem, ſchleichendem Schritt das Zimmer. Nach einigen Minuten wurde Alice durch ein lautes Gekreiſch aus dem Schlaf geweckt; ſie fuhr auf, Alles war wieber ſtill; ſte mußte geträumt haben; ihr kleines Herz pochte zuerſt heftig, erlangte jedoch allmählig einen ruhigen Schlag. Sie ſtand jedoch auf, und da ihre Gutmüthigkeit größer war wie ihre Beſorgniß, glaubte ſie, Frau Jones könne krank ſein und ſie wolle zu ihr gehen. Mit dieſen Gedanken begann fie ſich anzukleiden, als ſie ſchwere Fußtritte und eine ſonderbare Stimme im obern Zimmer vernahm. Jetzt erſchrack ſie; ihr erſter Gedanke war, aus dem Hauſe zu fliehen, ihr zweiter, die Thür zu verriegeln und laut nach Hülfe zu rufen Wer aber würde ihr Ge⸗ ſchrei vernehmen? Unentſchloſſen ſchwankte ſie zwi⸗ ſchen den beiden Abſichten und blieb blaß und zitternd am Fuße des Bettes ſitzen, als ein ſtarker Lichtſchein vurch die Ritzen der Thür drang. Nach einem Augen⸗ blick ward ſie von einer rauhen Hand ergriffen. „Komm, Jungfer, erſchrick nicht; wir wollen Dir 88 nichts Böſes thun; aber wo iſt bas Gold, wo iſt das Geld? die alte Jungfer ſagt, daß Du es haſt. Gib es her.“ „Gott ſei mir gnädig! Ihr ſeid es, John Walters?“ „Verdammt,“ murmelte der Mann, indem erzurück⸗ fuhr.„Du kennſt mich alſo, Du ſollſt mich aber nicht angeben.“ Bei den Worten packte er wieder Alice und hielt ſie mit einer Hand nieder, während er mit der andern, wohl überlegend, ein langes Käſemeſſer aus einer Jagd⸗ taſche an ſeiner Seite zog. In dieſem Zeitpunkt tödt⸗ licher Gefahr ſtürzte der zweite Räuber herbei, welcher einen Augenblick aufgehalten war, um die Dienerin zu hinden. Er hatte den Ausruf der Alice und die Drohung ſeines Gefährten vernommen; er ſprang an das Bett, warf einen eiligen Blick auf Alice und ſchleu⸗ verte denjenigen, welcher Mord beabſichtigte, an die entgegengeſetzte Wand des Zimmers. „Was, Mann, biſt Du toll?“ knurrte er zwi⸗ ſchen den Zähnen,„kennſt Du ſie nicht? Es iſt meine Tochter.“ Alice ſprang empor, als ſie vom Meſſer des Mör⸗ ders gerettet war und blickte mit ſtarren, von Schrecken ſcheuen Augen auf das düſtere und böſe Antlitz ihres Befreiers. „O Gott! es iſt mein Vater,“ murmelte ſie vor ſich hin und fiel beſinnungslos zu Boden. „Mag ſie Deine Tochter oder nicht ſein,“ ſprach John Walters;„ich will mein Leben nicht in ihre Gewalt geben; bedenk, wie ſie uns ſchon früher er⸗ ſchreckte, als ſie davonlief.“ D Genoſ Grau Scha Pauſe feſtem bleibe verla ſoll es lie fort! mit ſ deren der E Walt „ erwit Grin 2 Dän an. Gele Neb Vat 89 Darvil ſtand gedankenvoll und verlegen da. Sein Genoß trat ſlörrig, mit einem ſolchen Ausdruck wilder Grauſamkeit näher, daß ſogar Darvil denſelben ohne Schauder nicht betrachten konnte. „Du haſt Recht,“ murmelte der Vater nach einer Pauſe, indem er die Schulter ſeines Kameraden mit feſtem Griffe hielt,„das Mädchen darf nicht hier bleiben. Der Karren iſt bedeckt. Wir wollen das Land verlaſſen; ich habe ein Recht an meine Tochter; ſie ſoll mit uns. Dort, Mann, raffe das Geld zuſammen; es liegt auf dem Tiſch; die Löffel haſt Du ſchon. Jetzt fort!“ Während Darvil ſprach, ergriff er ſeine Tochter mit ſeinen Armen, warf einen Shawl und einen Mantel, der nahe lag, über ſie hin und befand ſich ſchon auf der Schwelle. „Mir gefällt die Sache nur zur Hälfte,“ ſprach Walters knurrend,„es iſt nicht ſicher.“ „Es iſt wenigſtens ehen ſo ſicher wie Mord,“ erwiderte Darvil, indem er ſich mit grauenhaftem Grinſen umwandte.„Eile fort!“ Als Alice wieder zur Beſinnung kam, brach die Dämmerung langſam unter öden und kahlen Hügeln an. Sie lag auf Stroh; ein Karren wurde über die Geleiſe eines ſchroffen, einſamen Weges hingeſchüttelt. Neben ihr blickte finſter das Antlitz ihres furchtbaren Vaters. 90 Elftes Kapitel. Doch ſchaut er ſie mit Blicken ſeiner Seele. Er ſchaut den Leib, deß Gegenwart entwich— Sie kam und ſchwand, ein Bild der Leidenſchaft, Das ihm des Baches Welle ſchnell entrafft. Elliot von Shoffield. Ungefähr drei Wochen nach dieſer furchtbaren Nacht hielt Maltravers Wagen an der Thür der Hütle; die Fenſter waren verſchloſſen. Niemand antwortete dem wiederholten Ruf des Poſtillons. Maltravers, beſorgt und erſchreckt, ſprang aus dem Wagen. Er trug einen Traueranzug. Ungeduldig eilte er zur Hinterthür; auch dieſe war veeſchloſſen. Er ging an die Schieb⸗ fenſter des Zimmers von Alice, welche bis dahin ſogar an froſtigen Wintertagen zur Hälfte aufgezogen ge⸗ weſen waren; auch dieſe ſah er wie die übrigen ver⸗ ſchloſſen. Voll Schrecken rief er:„Alice! Alice!“ keine ſüße Stimme antwortete ihm in athemloſer Freude, kein Feenſchritt ſprang hervor, um ihn zu bewillkommen. Jn dem Augenblick erſchien aber die Geſtalt des Gärtners, welcher über den Raſenplatz ſchritt⸗ Die Geſchichte war bald erzählt; das Haus war beraubt worden; die alte Frau fand man am Morgen geknebelt und an die Bettſtelle gebunden; Alice war geflohen. Man wandte ſich an einen Frie⸗ densrichter; Verdacht fiel auf den Flüchtling. Nie⸗ mand kannte ihren Urſprung oder ihren Namen, nicht einmal die alte Haushälterin. Maltravers hatte natür⸗ lich der Alice eingeſchärft, das Geheimniß ſorgfältig zu bewahren, und ſie ſelbſt fürchtete zu ſehr; von ihrem — 91 Vater entdeckt und zurückgefordert zu werben, als daß ſie den Befehl mit der ängſtlichſten Vorſicht nicht hätte befolgen ſollen. Man wußte aber wenigſtens, daß ſie als ein armes Landmädchen ins Haus gekommen war; was war aber gewöhnlicher, als daß Frauenzimmer von gewiſſem Schlage ihrem Liebhaber davon liefen und aus Verſehen Einiges von ſeinem Eigenthum mit⸗ nahmen? Alice war ja ein armes Mädchen; was ließ ſich ſonſt erwarten? Der Friedensrichter lächelte und die Gerichtsdiener lachten. Das Ganze war nichts als ein guter Spaß auf Koſten des jungen Herrn. Viel⸗ leicht war die Nachforſchung nicht ſehr ſtreng, da man keinen Auftrag von Maltravers beſaß, nicht wußte, wo er zu finden war, und bei ihm auch keine große Neigung, die Sache weiter zu verſolgen, vorausſetzte. Allein zwei Häuſer waren in der Nacht vorher beraubt worden; die Eigenthümer derſelbeu waren wachſamer. Verdacht fiel auf einen Mann vom ſchlimmſten Ruf, John Walters. Er war vom Orte verſchwunten. Man hatte ihn zuletzt in Geſellſchaſt eines faulen Trunken⸗ boldes geſehen, von welchem es hieß, er habe beſſere Tage gekannt, eines Mannes, welcher einmal auch ein geſchickter und gut bezahlter Handwerker geweſen war, bis er durch ſeine Gewohnheit des Stehlens und der Trunkenheit ſeine Kundſchaft verlor; er war kürzlich einer Verbindung mit einer Bande von Falſch⸗ münzern angeklagt, aber von den Geſchworenen frei geſprochen worden, weil genügendes Zeugniß gegen ihn nicht vorhanden war. Dieſer Mann war Lucas Darvil. Seine Hätte wurde durchſucht; guch er war 92 geflohen. Die Spur der Karrenräder von Maltravers Hauſe an bot einen ſchwachen Leitfaden zur weiteren Verfolgung; nach einer thätigen Forſchung von einigen Tagen fand man die Spur von Perſonen, welche der Beſchreibung der beargwohnten Räuber entſprachen; ein junges Frauenzimmer ſollte ſich in ihrer Geſell⸗ ſchaft befunden haben; jene hatten ſich in einem kleinen Wirthshauſe an der Seeküſte befunden, welches als Schlupfwinkel für Schleichhändler berüchtigt war. Dort aber war jede Spur ihres weiteren Anfenthaltes ver⸗ ſchwunden. Alles dies wurde dem betäubten Maltravers er zählt. Die Geſchwätzigkeit des Gärtners bengte dei Nothwendigkeit ſeiner eigenen Fragen vor, und der Name Darvil enthüllte ihm, was Andern dunkel war. Alice aber hatte man im Verdacht der niedrigſten und ſchwärzeſten Schuld! So unbekannt, geliebt, beſchützt wie ſie geweſen war, konnte ſie der Verleumdung nicht entgehen, vor welcher er ſie auf immer zu ſchützen gehofft hatte! Allein theilte Er den gehäſſigen Gedanken? Maltravers war zu edelmüthig und zu verſtändig. „Hund!“ rief er, die Zähne knirſchend und die Fäuſte ballend, dem erſchrockenen Diener zu.„Wagſt Du noch eine Silbe des Verdachtes gegen ſie aus⸗ zuſprechen, ſo trete ich Dir mit meinen Füßen den Athem aus dem Leibe!“ Die alte Frau, welche um die ganze Welt nicht in dem Hauſe nach der Nacht voll Schrecken hätte bleiben mögen, hatte jetzt die Nachricht von der Wie⸗ verkehr ihres Herrn vernommen und hiskte auf ihn zu. — c 6 8 Sie k Bedie den! Miß ſein! haben V Wort und Bea gabte Gebr richte von Meus verſe ſchur lich er a der mer ſollt Leb Mit lan Ge the Fri rich avers 6 er der der war. und hützt nicht hofft en? die agſt us den icht itte ie⸗ 7 c 93 Sie kam bei Zeiten an, um deſſen Drohung gegen den Bedienten zu vernehmen. „O, das iſt recht, geben Sie es ihm, Euer Gna⸗ den! Gott ſegne Ihr gutes Herz! das wollte ich ſagen. Miß ſollte das Haus beraubt und hinweggelaufen ſein! o nein, verlaſſen Sie ſich darauf, die Beiden haben ſie gemordet und den Leib begraben.“ Maltravers ſchnappte nach Luft, ſagte aber kein Wort weiter, ſondern ßieg wieder in den Wagen und fuhr zum Friedensrichter. Er fand in dieſem Beamten einen würdigen und mit Weltkenntniß be⸗ gabten Mann. Ihm vertraute er das Geheimniß der Geburt von Alice und ſeinen Namen. Der Friedens⸗ richter war mit ihm terſelben Meinung, daß Alice von ihrem Vater entdeckt und enifernt worden ſei. Neue Nachſuchungen wurden angeſtellt und Gold verſchwendet. Maltravers ſelbſt leitete die Nachfor⸗ ſchungen in eigener Perſon; dieſe gaben jedoch ſämmt⸗ lich daſſelbe Reſultat wie früher, ausgenommen, daß er aus der Veſchreibung, die er nach dem Außern, der Kleidung, den Thränen des jungen Frauenzim⸗ mers, welche Darvil und Walters begleitet haben ſollte, die überzeugung erlangte, Alice ſei noch am Leben; er hoffte ſie könne entwiſchen und wiederkehren. Mit dieſer Hoffnung wartete er Wochen, Monate lang in der Nähe. Zuletzt ſah er ſich genöthigt eine Gegend zu rerlaſſen, die ihm zugleich ſo trübe und thener geworten war. Er ſccherte ſich aber einen Freund in dem Friedensrichter, welcher ihm Nach⸗ richt zu teben verſprach, wenn Alier wiederkäme, 94 oder ihr Valer entdeckt würde. Er ſetzte Frau Jones für ihr ganzes Leben aus Dankbärkeit in behagliche Lage, weil ſie an die Ehre ſeiner verlorenen und erſten Liebe geglaubt hatte. Er verſprach die höchſte Belohnung für die geringſte Spur. Mit niederge⸗ drücktem und beinahe verzweifelndem Muth gehorchte er zuletzt den wiederholten und ängßtlichen Aufforde⸗ rungen ſeines Vormundes, deſſen Sorgfalt der junge Waiſe bis zur Erlangung ſeiner Großjährigkeit an⸗ vertraut war. Zwölftes Kapitel. Wohl gibt es Dichter, die zuf dem Parnaß Noch nie geträumt. Denham Geh ſort, bald kommt ein Schwarm, ber Freude liebt, Und der Dich kichernd von der Bühne ſchiebt. Pope. Die Weisheit hieß mich, feſt Euch zu vertrauen. Dryden Abſalon und Architophel. Herr Friedrich Cleveland, der jüngere Sohn Lord Byrneham's und teßhalb mit dem Anſpruch auf den Titel und die Würde„ſehr ehrenwerth,“ war der Vormund von Ernſt Maltravers. Er war ungefähr 43 Jahre alt; ein Gelehrter und ein Mann der guten Geſellſchaft, wenn mir der letzte, halb veraltete Aus⸗ druck erlaubt iſt, weil er wenigſtens claſſiſcher und beſtimmter als irgend ein anderer ſcheint, welchen die modiſche Weiſe die Dinge durch Worte zu milbern für den Ausdruck deſſelben Einnes erfunden hat. Herr Cleveland hotte ſchon früh im Leben bei ausgezeich⸗ neter Erziehung und bei natürlichen, üher die Mit⸗ telmäß ten E gut u; gleich nicht literar ſchreie derjen ſeine1 Wie j welche Hofes wurde nen z riſcher verwei und C digkeit ſteller auspo obglei ſeine proſai ſich e Stant war ſo liel war wohl beſaß nes liche und zchſte erge⸗ rchte rde⸗ unge an⸗ liebt, 95 telmäßigkeit ſch bedeutend erhebenden Geiſlesgaben, ten Ehrgeiz eines Schriftſtellers empfunden; er hatte gut und zierlich geſchrieben, allein ſein Erfolg, ob⸗ gleich nicht unbedeutend, hatte ſeinen Beſtrebungen nicht entſprochen. Damals beherrſchte eine neue literariſche Schule das Publikum, ungeachtet des Ge⸗ ſchreies der Recenſenten, eine Schule, welche von derjenigen ſehr verſchieden war, worin Herr Cleveland ſeine leidenſchaftloſen und glatten Perioden verfaßte. Wie jener alte Graf(ich glaube ein Graf Norwich), welcher zur Zeit Carls I. als der erſte Witzling des Hofes galt, zur Zeit Carls II. für zu einfältig gehalten wurde, um ſogar als Zielſcheibe der Spöttereien die⸗ nen zu können, ſo befitzt jede Zeit ihren eigenen litera⸗ riſchen Stempel und literariſche eurfirende Münze und verweiſt das früher eirkulirende Geld auf Bücherbretter und Cabinette, gleichſam als vernachläſſigte Merkwür⸗ digkeiten. Cleveland konnte beim Publikum als Schrift⸗ ſteller nicht in Mode kommen, obgleich Coterien ihn auspoſaunten und die Recenſenten ihn anbeteten, obgleich Damen von Stande und literariſche Dilettanten ſeine Werke von ſorgfältig gefeilter Poeſie und von proſaiſchen Perioden mit ſchönſtem Falle kauften und ſich einbinden ließen. Cleveland aber war von hohem Stande und bedeutendem Vermögen; ſein Benehmen war fein und ſein Geſpräch fließend, ſein Charakter ſo liebenswürdig, wie ſein Geiſt hochgebildet. Deßhalb war er in der Geſellſchaft ſehr aufgeſucht und ſo⸗ wohl geachtet wie geliebt. Beſaß er kein Genie, ſo beſaß er doch viel geſunden Verſtand; er quälte ſein ſanftes Temperament und ſein gütiges Herz nicht mit der Erjagung eines leeren Schattens und mit vergeblicher Veunruhigung. Zufrieten mit einem ehrenvollen und unbeneideten Ruf gab er den Traum des höheren Ruhmes auf, welcher ſeinen Beſtrebungen, wie er deutlich ſah, verſagt war; er bewahrte ſeine gute Stimmung hinſichtlich der Welt, obgleich er im Innerſten der Seele dachte, vieſelbe habe in ihren literariſchen Launen ſehr unrecht. Cleveland hatte ſich nie verheirathet; er lebte zum Theil in London, hauptſächlich doch in Temple⸗Grove, einem Landhauſe in der Nähe von Richmond. An dieſem Ort, welcher mit einer ausgezeichneten Bibliothek, einer ſchönen Gegend ausgeſtattet war; in einem Geſellſchaftskreiſe anhänglicher und bewundernder Freunde, welche alle feineren und verſtändigeren Glieder der Seſellſchaft, die man mit Nachdruck die gute nennt, enthielt, verbrachte dieſer gebildete und elegante Mann ſein Leben, und zwar in größerem Glücke wie er wahr⸗ ſcheinlich gekannt haben würde, wenn die Träume ſeiner Jugend erfüllt und das Schickſal ihm zu Theil geworden wäre, die rebelliſche und trotzige Demo⸗ kratie der Literatur zu leiten. Cleveland war wirklich, wenn auch kein Mann von hohem und originellem Geiſt, vennoch wenigſtens den adeligen Schriftſtellern, wie ſie gewöhnlich find, ſehr überlegen. Als er ſich von der häufigen übung ſeiner Kräfte auf dem Kampſ⸗ platz zurückzog, überließ er ſich mit friſch ernentem Geſchmack den Gedanken und Meiſterwerken Anderet. Aus einem wohl heleſenen Mann, ward er ein großer nicht mit inem aum igen, ſeine r im hren hatte don, hauſe Acher önen kreiſe alle 97 Gelehrter. Die Metaphyſik und einige materielle Wiſſenſchaften fügten ſeiner leichteren und gemiſchten Kenntniß neue Schätze hinzu und ertheilten Gewicht und Würde einer Seele, die ſonſt etwas weibiſch und leichtfertig hätte werden können. Seine geſelligen Gewohnheiten, ſein klarer Verſtand, ſein wohlwol⸗ lendes Urtheil machten ihn zum ausgezeichneten Richter aller der nicht auszudrückenden Kleinigkeiten, deren Inbegriff Kenntniß der großen Welt bilbet. Ich meine die vornehme Welt; was außerhalb derſelben lag, war ihm natürlich nur wenig bekaunt. In Ellem aber, was ſich auf den geglätteten Bereich bezog, worin Herren und Damen von Slande ſich in er⸗ habener und ätheriſcher Ordnung bewegen, war Cle⸗ veland ein tiefer Philoſoph. Viele ſeiner Bewunberer nannten ihn den Horace Walpole ſeiner Zeit. Ob⸗ gleich Cleveland in mehreren auf der Oberfläche lie⸗ genden Charakterzügen dieſem Schriftſteller glich, ſo beſaß er doch bei weitem nicht dieſelbe Gewandtheit in vielerlei Dingen und ein unenvlich beſſeres Herz. Der verſtorbene Herr Maltravers— allerdings kein Mann, der an literariſche Beſchäftigung gewöhnt war, welcher jedoch Diejenigen, bei denen dieſes ſtatt⸗ fand, bewunderte, ein eleganter, wohlerzogener, gaſt⸗ freier Landevelmann— hatte ſchon zu den Jugend⸗ freunden Clevelands gehört. Auf der Schule zu Eton hatte Cleveland, um etwas jünger, für ihn allerlet kleineren Dienſt verrichten müſſen; als er ſelbſt in der Geſellſchaft zuerſt auftrat, war Heinrich Maltra⸗ vers(ein hübſcher Burſch) der Liebling der Clubo Bulwer, Maltravers, 1. 98 geworden. Einen oder zwei Winter waren ſie un⸗ zertrennlich; als Herr Maltravers ſich verheirathete und am Landleben vorzugsweiſe Vergnügen fand, als er, voll Stolz auf ſein altes Schloß, verſtändig ge⸗ nug war, um einzuſehen, daß er auf ſeinen großen Gütern mehr zu bedeuten hatte, als in der republi⸗ kaniſchen Ariſtokratie Londons— kurz ſeitdem Herr Maltravers ſich ruhig in Lisle⸗Court niedergelaſſen hatte, ſtand Cleveland mit ihm in regelmäßigem Brief⸗ wechſel und beſuchte ihn zweimal jährlich. Frau Maltravers ſtarb als ſie Ernſt, ihren zweiten Sohn gebar. Ihr Gatte liebte ſie zärtlich und war lange Zeit wegen ihres Verluſtes untröſtlich. Er konnte den Anblick des Kindes nicht ertragen, welches ihm ein ſo ſchweres Opfer gekoſtet hatte. Cleveland und deſſen Schweſter, Lady Julia Danvers, waren bei ihm zur Zeit dieſes traurigen Ereigniſſes; Lady Julia machte mit verſtändiger und zartfühlender Gutmüthigkeit den Vorſchlag, den Knaben, welcher unbewußt das Unglück angerichtet hatte, auf einige Monate als Geſpielen ihrer eigenen Kinder mitzu⸗ nehmen. Der Vorſchlag ward angenommen, und der kleine Ernſt erſt nach zwei Jahren in die väterliche Wohnung zurückgebracht. Während des größeren Theils dieſer Zeit hatte er alle Ereigniſſe und Revo⸗ lutionen des Kindesalters in der Junggeſellenbehau⸗ ſung Friedrich Clevelands überſtanden. Die Folge war, daß der letztere das Kind wie ein Vater liebte; vas erſte verſtändliche Wort von Ernſt begrüßte Cleve⸗ land als Papa, und als der Knabe zuletzt in Lisle⸗ Court abgegeben ward, ſprach ſich Cleveland gegen alle Kindswärterinnen außer Athem mit Ermahnungen, Vorſichtsregeln, Befehlen, Verſprechungen und Dro⸗ hungen, die manche ſorgſame Mutter hätten beſchä⸗ men können. Dieſer Umſtand bildete ein neues Band zwiſchen Cleveland und ſeinem Freund. Clevelands Beſuche geſchahen jetzt dreimal jährlich, ſtatt der frü⸗ heren beiden Male. Ohne Clevelands Rath geſchah Nichts. Ernſt erhielt ſogar nicht eher Beinkleider, als bis Cleveland ſeine ernſte Beiſtimmung gegeben hatte. Cleveland wählte für Ernſt die Schule und brachte ihn dorthin. Während der Ferien vezbrachte er eine Woche in Clevelands Hauſe. Der Knabe kam nie in eine Klemme, noch gewann er einen Preis oder brauchte ein Spielzeug, oder wünſchte ein Buch zu beſitzen, ohne daß er Cleveland zuerſt etwas davon ſagte. Glücklicherweiſe offenbarte auch Ernſt Nei⸗ gungen, welche der graeiöſe Schriftſteller ähnlich ſeinen eigenen hielt. Er entwickelte früh bemerkenswerthe Talente und Liebe zum Lernen, obgleich dieſe Eigen⸗ ſchaften mit einer Kraft des Lebens und der Seele, einer Entſchloſſenheit zum Handeln und einer Kühn⸗ heit gepaart waren, welche Cleveland einige Beſorgniß erweckten, und welche ihm durchaus nicht mit ders mürriſchen Blödigkeit eines Embryo⸗Genies, oder der regelmäßigen Gelaſſenheit eines frühzeitigen Gelehrten entſprechend ſchien. Mittlerweile war das Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn ein etwas ſonderbares ge⸗ worden. Herr Maltravers hatte ſeinen erſten nicht unnatürlichen Widerwillen gegen die unſchuldige Ur⸗ 100 ſache ſeiner unwiederbringlichen Verluſtes überwunden. Er empfand ſogar Liebe und Stolz hinſichtlich ſeines Knaben, wie dies bei Allem, was ihm angehörte, der Fall war. Er verzog und liebkoste ihn noch mehr als Cleveland, bekümmerte ſich aber wenig um ſeine Erziehung oder Beſchäftigung. Sein älteſter Sohn Cuthbert erfüllte nicht ſein ganzes Herz, aber nahm alle ſeine Sorgfalt in Anſpruch. Mit Cuthbert ver⸗ knüpfte er die Vererbung ſeines alten Namens und die Nachfolge in den Familiengütern. Cuthbert war kein Mann von beſonderen Geiſtesgaben und hegte auch nicht die Abſicht, ein ſolcher zu ſein; er wollte ein äußerlich fein gebildeter Herr und großer Grundbeſitzer werden. Der Vater verſtand Cuthbert und konnte ſowohl ſeinen Charakter, als ſeine Lauf⸗ bahn klar durchſchauen. Er trug kein Bedenken, ſeine Erziehung zu leiten und ſeinen ſich entwickelnden Geiſt auszubilden. Ernſt aber brachte ihn in Verlegen⸗ heit. Er fühlte ſogar in ſeiner Geſellſchaft einige Befangenheit; niemals überwältigte er gänzlich das Gefühl, er ſei dem Knaben entfremdet, welches er im erſten Augenblick empfand, als er denſelben von Cleve⸗ land zurück erhielt und deſſen Anordnungen hinſicht⸗ lich ſeiner Geſundheit ꝛe. vernahm. Es ſchien ihm immer, als theile ſein Freund ein Recht an den Knaben; er hielt es für eine Art Vermeſſenheit, mit Ernſt zu ſchmälen, ob er gleich über Cuthbert häufig fluchte. Als der jüngere Sohn aufwuchs, war es offenbar, daß Cleveland denſelben beſſer verſtand, als ſein eigener Vater; ſomit war Letzterer nicht ganz — den. eines der mehr ſeine Sohn ahm ver⸗ und war hegte e roßer hbert Lauf⸗ ſeine Geiſt egen⸗ einige das K unzufrieden, Cleveland die Verantwortlichkeit der Er⸗ ziehung zuzuſchieben. Vielleicht wäre er Maltravers nicht ſo gleich⸗ gültig geblieben, wären die Ausſichten von Ernſt „ überhaupt die der jüngern Söhne geweſen. Wäre ein Geſchäft für ihn erfordert worden, ſo hätte Herr Maltravers mit vieler Sorgfalt ſich bemüht, um ihm die gehörige Ausbildung dafür ertheilen zu laſſen. Ernſt hatte aber von einem mütterlichen Verwandten ein Gut geerbt von ungefähr 4000 Pfund jährlicher Einkünfte; ſomit war er unabhängig von ſeinem Vater geworden. Dies löste wiederum ein Band zwiſchen Beiden; allmählig lernte Herr Maltravers Ernſt weniger als ſeinen eigenen Sohn, dem er *r rathen oder den er tadeln, rühmen oder beaufſichtigen müſſe, wie als einen ſehr liebevollen, vielverſprechen⸗ den, einnehmenden Knaben betrachten, welcher auf vie eine oder andere Weiſe, ohne daß er ſeinerſeits irgendwie über ihn Kummer zu empfinden brauchte (mit Ausnahme desjenigen, welcher ihm bei deſſen Geburt veranlaßt worden war), wahrſcheinlich ſeiner Familie große Ehre machen würde, und der allen ſei⸗ nen Sonderbarkeiten mit 4000 Pfund jährlichen Ein⸗ kommens nachhängen könne. Das erſtemal, daß Herr Maltravers hinſichtlich ſeiner ernfllich verlegen wurde, traf alsdann ein als der Knabe im ſechszehnten Jahre, nachdem er Deutſch gelernt und ſeine wilde Phantaſie mit Werther und den Räubern berauſcht hatte, ſeinen wie eine Forderung klingenden Wunſch ausſprach, ſich nach Göttingen, anſtatt nach Orford zu begeben. 102 Niemals wurden die Begriffe des Herrn Maltravers von zweckmäßiger und feiner Erziehung vollſtändiger und rauher verletzt. Er ſtammelte eine abſchlägige Antwort und eilte auf ſein Studirzimmer, um einen langen Brief an Cleveland zu ſchreiben, von welchem er überzeugt war, daß er die Sache in demſelben Licht betrachten würde, weil er ſelbſt den Preis in Orford gewonnen hatte. Cleveland antwortete auf den Brief durch ſeine eigene Ankunft; er horchte ſchweigend auf Alles, was der Vater zu ſagen hatte, und ging alsdann mit dem jungen Manne im Park ſpazieren. Das Reſultat ver Unterredung mit letzterem beſtand darin, daß Cleveland ſich für Ernſt erklärte. „Aber mein theurer Friedrich,“ ſprach der erſtaunte Vater,„ich dachte, der Knabe ſolle alle Preisfragen in Orford gewinnen?“ „Auch ich habe einige gewonnen, Maltravers, weiß aber nicht, daß ſie mir zu irgend etwas geholfen haben.“ „O Cleveland, ich ſpreche in allem Ernſt. Er beſitzt ſchon eine höchſt ſonderbare Phantaſie.“ „Ihr Sohn iſt ein ſehr ſonderbarer junger Mann.“ „Ich beſorge, dies iſt der Fall; der arme Burſch! was wird er aber in Göttingen lernen?“ „Sprachen und Selbſtſtänvigkeit.“ „Und die Claſſiker, die Claſſiker! Sie ſind ein ſo ausgezeichneter Kenner des Griechiſchen.“ „Auch in Deutſchland gibt es ausgezeichnete Ken⸗ ner des Griechiſchen,“ erwiderte Cleveland,„und Ernſt kann dasjenige, was er weiß, nicht wohl verlernen. ers ger ige nen hem lben z in auf chte atte, Park erem ärte. unte agen vers, olfen Er ann.“ urſch! in ſo Ken⸗ Ernſt ernen. Mein theurer Maltravers, der Knabe iſt nicht wie die meiſten talentvollen jungen Leute. Er muß ent⸗ weder Handlung, Abenteuer und Aufregung in ſeiner Weiſe durchmachen, oder er bleibt ſein ganzes Leben lang ein eitler Träumer und unpraktiſcher Enthuſiaſt⸗ Laſſen Sie ihn allein.— Cuthbert alſo iſt unter die Garde getreten.“ „Er iſt aber zuerſt in Orſord geweſen.“ „Hm! er iſt ein ſchöner junger Mann!“ „Nicht ſo ſchlank wie Ernſt, aber „Mit ſchönerem Geſicht,“ flel Cleveland ein.„Er iſt ein Sohn, auf welchen man in einer Weiſe ſtolz ſein kann, ſo wie ich hoffe, daß Ernſt in anderer Art dazu Anlaß geben wirv. Wollen Sie mir Ihren neuen Spürhund zeigen?“ Zum Hauſe dieſes Herrn, der mit ſo viel umſichti⸗ ger Wahl zu ſeinem Vormund ernannt war, richtete jetzt der Student aus Cöttingen düſter ſeinen Pfad. — 8——“—— Dreizehntes Kapitel. Treibt Körperübung hier nach Eurem Sinn, und würzt die Ruhe, dies iſt hier gewährt; Gebt in den Hainen Euch den Muſen hin; Auch ſind die Blumen wohl der Wartunh werth. Thom ſon. Die Wohnung des Herrn Cleveland war eine italieniſche, dem engliſchen Klima angepaßte Villa; vurch einen ioniſchen Säulengang betrat man ein Gut von etlichen gchtzig oder hundert Morgen Umfang, 104 welches aber ſo trefflich bepflanzt und kunſtreich an⸗ georbnet war, daß man nicht vermuthen konnte, die nicht geſehenen Grenzen umſchlöſſen keinen größeren Raum. Der Weg wand ſich durch den friſcheſten Raſen, worauf Bäume von ehrwürdigem Wuchs mit üppig angepflanztem Gebüſch und Blumen abwechſelten, welche in Körben, die mit Schlingpflanzen umwunden waren, oder in etrusciſchen Gefäßen blühten, die mit geſchmackvoller und elaſſiſcher Sorgfalt an ſolchen Stellen aufgeſtellt ſich befanden, die die eine Aus⸗ füllung erheiſchten, und mit dem gewählten Gegen⸗ ſtand harmonirten. Jeder alte, von Cpheu über⸗ wachſene, gekappte Baum, jede beſcheidene, ſich bie⸗ gende Thränenweide, war gleichſam in eine beſtimmte Form vurch die Kunſt des Eigenthümers gebracht worden. Der ganze Platz erſchien als ein Garten mit mannigfachem Anbau ohne überladung oder zu kleinlicher Ausarbeitung des Einzelnen(gewöhnliche Fehler auf den Landſitzen der Reichen); ſogar die Luft erhielt bei jeder Wendung des Weges einen ver⸗ ſchiedenen Duft, von dem verſchiedenen Pflanzenwuchs; die Farben der Blumen und des Laubes wechſelten bei jeder Anſicht. Zuletzt, wenn man das Haus auf einem abhängigen Raſenplatz am Rande eines ſpiegel⸗ hellen See's erblickte, welcher von Linden und Kaſta⸗ nien überſchattet und im Hintergrunde von einem Weidenhang begrenzt wurde, ſchien die Gegend plötzlich die vollendende und das Ganze krönende An⸗ ſicht zu erlangeu. Das Haus war länglich und nie⸗ drig gebaut. Ein weiter Säulengang, welcher das —— und war mit Alo Raſ Ant Sei lang geſc und uner Blie ſtatt Hau Alle befa achte und der Hor verä Wär Copi Wiel Dra und ohne ein k die ren ten mit en, den die hen us⸗ en⸗ er⸗ ie⸗ mte icht ten zu iche die er⸗ 5; ten auf gel⸗ ſta⸗ rem end An⸗ nie⸗ das — „ Dach hielt, dehnte ſich in deſſen ganzer Länge aus und erſchien, da er über vas Fundament erhoben war, wie eine bedeckte Terraſſe. Eine breite Treppe mit maſſenhaften Balluſtraden, welche Vaſen mit Aloe und Orangebäumen hielten, führte auf den Raſenplatz; unter dem Säulengang ſtanden Statuen, Antiken und ſeltene exotiſche Gewächſe. Auf der einen Seite des See's bot eine andere ſehr breite und in langen Zwiſchenräumen mit Urnen und Ekulpturen geſchmückte Terraſſe den Gegenſatz zum abhängigen und ſchattigen jenſeitigen Ufer und eröffnete durch unerwartete Offnungen in den Baumgängen dem Blick eine weite Landſchaft, in deren Mitte ſich die ſtattliche Thames hindurchwand. Das Innere des Hauſes entſprach dem Geſchmack außerhalb deſſelben. Alle Hauptzimmer, ſogar die zum Schlaf beſtimmten, befanden ſich im Erdgeſchoß. Eine kleine aber hohe achteckige Halle führte zu einer Reihe von vier Zimmern. An einem Ende war das nicht große Speiſezimmer und auf der Decke deſſelben befand ſich eine Copie der reichen und glänzenden Farben von Guido's Horen; Landſchaften, von Cleveland ſelbſt mit keiner verächtlichen Geſchicklichkeit gemalt, waren auf den Wänden dargeſtellt. Ein einziges Skulpturwerk, eine Copie des lauſchenden Fauns, vom fleiſchfarbenen Wieverſchein einer purpurnen und orangefarbenen Draperie im Hintergrunde gefärbt, hob das breite und gewölbte Fenſter, welches deſſen Niſche bildete ohne daſſelbe zu verdunkeln. Dieſer Saal führte in ein kleines Gemälbezimmer, welches allerdings nicht reich an den unſterblichen Kleinvden war, für welche nur Fürſten als Bewerber auftreten; denn Cleveland's Vermögen war allein das eines Privatmannes, ob⸗ gleich es mit verſtändiger und freigebiger Skonomie benutzt, für alle ſeine eleganten Wünſche genügte. Indeß die Gemälde boten noch ein anderes Intereſſe als das der Künſte, denn ihre Darſtellungen lagen im Bereiche eines Sammlers von gewöhnlichem Reich⸗ thum. Sie bildeten eine Reihe von Cleveland's Lieb⸗ lingsſchriftſtellern, einige Originale und einige Copien (und die Copien waren oft die beſten). Für den Mann war es charakteriſtiſch, daß Pope's kränkliche und gedankenvolle Züge von dem Ghrenplatz in der Mitte herunterblickten. In zweckmäßiger Weiſe führte dieſes Zimmer zur Bibliothek, dem größten Raume im Hauſe, dem einzigen, welcher wegen ſeiner Größe und ſeinen Verſchönerungen bemerkenswerth war. Er betrug ſechzig Fuß an Länge; die Bücherſchränke waren mit broncenen Büſten gekrönt, während Statuen in den Zwiſchenräumen, hinter Spiegeln und in offenen Bögen aufgeſtellt, ven Anſchein von Gallerien darboten, die ſich von den mit Büchern beſetzten Mauern er⸗ öffneten und einen unausſprechlichen Ausdruck clafſi⸗ ſcher Leichtigkeit und Ruhe dem Zimmer ertheilten. Mit dieſen Bögen ſtanden die auf den Säulengang ſich öffnenden Fenſter ſo paſſend in Harmonie und boten eine ſo entzückende Ausſicht auf die Skulpturen, die Blumen, die Terraſſen und den See, daß der wirkliche Anblick euch beinahe zu dem Glauben ver⸗ führte, das Ganze ſei die von ſeiner Meiſterhand ausgeführte Darſtellung der dichteriſchen Gärten, welche noch jetzt die Hügel Roms krönen. Sogar die Färbung der Ausſicht an einem ſolchen Tage begün⸗ ſtigte die Täuſchung wegen der tiefen reichen Farben der einfachen Drapperie und wegen des gefärbten Glaſes, woraus die oberen Scheiben der Fenſter be⸗ ſtanden. Cleveland war ein großer Liebhaber der Skulptur, er hegte viel Sinn für die größere Reg⸗ ſamkeit, welche dieſer Kunſt in Europa und beſonders in England in den letzten fünfzig Jahren zu Theil geworden iſt. Er konnte ſogar die Lehre ausſprechen, welche in unſerem Vaterlande noch nicht genügende Anerkennung gefunden hat, daß Flarman den Canova übertroffen habe. Er liebte auch die Skulptur nicht allein wegen ihrer eigenen Schönheit, ſondern auch wegen der verſchönernden und geiſtigen Wirkung, welche ſie überall, wo man ſie zuläßt, hervorzubringen pflegt. Er pflegte zu ſagen, es ſei ein großes Ver⸗ ſehen bei Sammlern von Statuen, daß man dieſelben durch einander in einer langen, einförmigen Gallerie aufſtelle. Das einzelne Relief, oder die einzelne Statue oder Büſte, oder auch die einfache Urne, auf zweck⸗ mäßige Weiſe in dem von uns bewohnten Zimmer ange⸗ bracht, entzücken uns bei weiten mehr als die giganti⸗ ſchen Muſeen, die man in Zimmern zuſammendränge, wohin man nie anders als des Scheins halber und nie ohne einen kalten, widerlichen Schauder, den Fuß ſetze. Außerdem entziehe die Anwendung der Gallerien, welche die große Maſſe für orthodor halte, die Aus⸗ übung der Skulptur der Beförderung des Publikums. —————— 108 Kaum zwölf Leute ſeien vorhanden, welche Gallerien anzulegen vermöchten. Indeß jeder Herr von ſehr mäßigem Reichthum könne wohl eine Statue oder Büſte ſich anſchaffen. Auch der Einfluß ſei unaus⸗ ſprechlich, welchen die bleibende und gewöhnliche An⸗ ſchauung vovn Monumenten der einzigen unvergäng⸗ lichen Kunſt, die zu natürlichem Material ihre Zuflucht nimmt, auf die Seele und den Geſchmack des Menſchen übe. Erblicken wir den griechiſchen Marmor, ſo werden wir beinahe unmerklich mit dem Charakter griechiſchen Lehens und griechiſcher Literatur bekannt. Dieſer Ariſidides, dieſer Todesgenius, dies Bruch⸗ ſtück der Pſyche ſondergleichen, ſeien tauſend Seali⸗ gers werth! „Sehen Sie wohl in die lateiniſche Ueberſetzung, wenn Sie den Aeſchylus leſen?“ Dieſe Frage richtete ein Schulknabe einſt an Cleveland.„Dort fieht meine lateiniſche Ueberſetzung,“ ſprach Cleveland, indem er auf den Lavevon hinwies. Die Bibliothek führte am äußerſten Ende in ein kleines Kabinet für Merkwürdigkeiten und Medaillen, welches in gerader Linie mit einem langen Gange in Verbindung ſtand, der in einem kleinen, eirkelförmi⸗ gen Sommerhauſe ausging. Letzteres hing ſenkrecht durch eine plötzliche Wendung des Sees über deſſen durchſichtiger Fluth, und ſchien, von der Entfernung aus geſehen, beinahe in der Luft zu ſchweben; ſo leicht waren deſſen ſchlanke Säulen und deſſen Ge⸗ wölbe. Eine zweite Thür aus der Bibliothek öffnete ſich auf eine Flur, welche in die hanptſächlichſten Schle die vt Schle Die: einge von den; des und Vate Clev mich Ihre will. über Sie Ihr und heit, mer kom Tab dart Knc heit den an Leh Schlafzimmer führte; die zunächſt liegende Thür war die von Clevelands Studirzimmer, welches mit ſeinem Schlafgemach und Ankleidezimmer in Verbindung ſtand. Die übrigen Zimmer waren für ſeine beſondern Freunde eingerichtet und nach denſelben benannt. Herr Cleveland war durch haſtig geſchriebene Zeilen von den Fahrten ſeines Mündels benachrichtigt wor⸗ den; er empfing den jungen Mann mit dem Lächeln des Willkommens, obgleich ſeine Augen naß waren und ſeine Lippen zitterten. Der Knabe war ſeinem Vater ſo gleich!— eine neue Generation hatte für Cleveland hegonnen! „Willkommen theurer Ernſt,“ ſprach er;„ich freue mich ſo ſehr, Sie zu ſehen, daß ich mit Ihnen wegen Ihrer geheimnißvollen Abweſenheit nicht ſchmälen will. Dort iſt Ihr Zimmer, Sie ſehen Ihren Namen über der Thür. Es iſt größer als dasjenige, welches Sie früher bekamen, denn jetzt ſind Sie ein Mann; Ihr deutſches Heiligthum ſtößt daneben, für Schiller und für das Tabaksrauchen— eine ſchlechte Gewohn⸗ heit, das Tabaksrauchen! vielleicht aber nicht ſchlim⸗ mer, als den Schiller zu leſen. Wie Sie ſehen, kommen Sie ſogleich in den Säulengang. Das Tabaksrauchen iſt gut für Blumen, wie ich glaube, darum hegen Sie kein Bedenken. Wie, mein lieber Knabe, wie ſehen Sie denn ſo blaß aus. Sein Sie heiter! Wohl, ich muß ſelbſt gehen, oder Sie wer⸗ den mich anſtecken.“ Cleveland eilte hinweg, er dachte an ſeinen verlorenen Freund. Ernſt warf ſich auf einen Lehnſtuhl und verhüllte das Geſicht mit den Händen. —— 1¹⁰ Clevelands Diener trat ein, machte Geräuſch, packte den Mantelſack aus und brachte den Abendanzug in Ordnung. Ernſt ſah weder auf, noch ſprach er ein Wort. Das erſtemal wurde zum Eſſen geläutet, auch zum zweitenmal erklang die Glocke ungehört für ſeine Ohren. Er war von ſeinen Aufregungen durchaus übermannt. Die erſten Klänge von Clevelands güti⸗ ger Stimme hatten eine ſanfte Saite berührt, welche durch Monate der Angſt und Aufregung bis zur Folter geſpannt, aber nie bis zu Thränen erwacht war. Seine Nerven waren zerriſſen, obgleich ſie alle Kraft der Jugend beſaßen. Er dachte an ſeinen todten Vater, als er Cleveland zuerſt erblickte, als er aber das für ihn bereitete Zimmer ſich anſah, die Sorg⸗ falt für ſeine Behaglichkeit und die zärtlichſte Erin⸗ nerung ſeiner unbedeutendſten Eigenthümlichkeiten überall bemerkbar erſchaute, erſtand vor ihm das Bild der wachſamen, der demüthigen, der liebenden, der verlorenen Alice. Ueberraſcht durch die Verzöge⸗ rung ſeines Mündels, trat Cleveland ins Zimmer. Ernſt ſaß noch dort und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. Cleveland zog dieſelben ſanft fort, und Maltravers ſchluchzte wie ein Kind. Es war leicht, Thränen in die Augen dieſes jungen Mannes zu bringen; ein großmüthiger oder zärtlicher Gedanke, ein altes Lied, die einfachſte Arie genügte, um dieſe Saite einer weiblichen Natur zu berühren; allein die heftige und furchtbare Leidenſchaft, welche dem Mannes⸗ alter gehört— zum erſtenmal erkannte er jene Lin⸗ derung dieſer ſtürmiſchen Bitterkeit! — „ eiten das den, zöge⸗ mer. mit fort, war nnes anke, dieſe n die nes⸗ Lin⸗ 111 Vierzehntes Kapitel. Gar traurig grübelt' er in finſtrer Seele. Speneer. Und aus dem Altarrauche ſtieg empor, Ein grauenhaft Geſpenſt. Speneer. Neunmal unter zehn überſchreiten wir den engen Abgrund von der Jugend zum Mannesalter über die Seufzerbrücke. Dieſer Zwiſchenraum wird gewöhnlich durch eine übel angebrachte oder getäuſchte Liebe aus⸗ gefüllt. Wir kommen wieder zu uns und erkennen uns als ein neues Weſen. Die Geiſteskräfte ſind durch das Feuer, durch welches ſie hindurch mußten, gehärtet. Die Seele benützt das Wrack jeder Leiden⸗ ſchaft, und wir können unſern Weg zur Klugheit nach dem Kummer, den wir erlitten, ermeſſen. Mal⸗ travers aber befand ſich noch auf der Brücke, und Seele wie Körper waren noch auf einige Zeit nieder⸗ geſchlagen und geſchwächt. Cleveland beſaß genug Scharfſinn, um den Antheil der Leidenſchaften an dem Wechſel zu bemerken, deſſen Beobachtung ihm Gram verurſachte; er beſaß aber auch Zartgefühl, um ſich dem Vertrauen des jungen Mannes nicht aufzudrängen. Allmählig aber umwand er ſo vollkommen das Herz von Ernſt, daß dieſer ihm eines Abend ſeine ganze Geſchichte erzählte. Cleveland, als ein Mann der großen Welt, freute ſich vielleicht, daß die Sache nicht ſchlimmer war, denn er hatte eine vorhandene Liebesverwickelung vielleicht mit einer verheiratheten Fran erwartet. Als ein Mann jedoch, der beſſer —— 112 war, wie die große Welt im Allgemeinen, empfand er Mitgefühl über das unglückliche Mädchen, welches ihm Ernſt in ſo treuen und nicht ſchmeichelnden Far⸗ ben ſchilderte; lange Zeit unterließ er den Troſt, deſſen Unwirkſamkeit er vprausſah. Er empfand aller⸗ dings, Ernſt ſei nicht der Mann,„die Mittagsglut der Mannheit an einen Myrtenſchatten zu ver⸗ rathen;“— bei einem ſo ſanguiniſchen, branſenden und kräftigen Temperament würde er zuletzt von der Niedergeſchlagenheit ſich erholen, welche nicht ganz der Gewiſſensbiſſe beranbt zu ſein brauche, wenn ſie ihm nur eine Warnung zu hinterlaſſen vermöge. Auch wußte er ſehr wohl, daß nur wenige Menſchen große Schriftſteller oder große Männer werden(er glaubte, Ernſt ſei zu einem oder dem andern geboren), ohne die heftigen Regungen und leidenſchaftlichen Kämpfe zu beſtehen, durch welche der Wilhelm Meiſter des wirklichen Lebens in ſeinen Lehrjahren ſich hindurch⸗ arbeiten und den Meiſterrang erreichen muß. Zuletzt aber empfand er ernſtliche Beſorgniſſe hinſichtlich der Geſundheit ſeines Mündels. Ein bleibender und ge⸗ ſpenſterhafter Trübſinn ſchien ihn zum Grabe zu führen. Vergeblich beſtrebte ſich Cleveland, welcher bei ihMm Beſtrebung nach einer öffentlichen Laufbahn im Ge⸗ heimen wünſchte, ſeinen Ehrgeiz aufzuregen; der Muth des jungen Mannes ſchien gänzlich gebrochen; der Beſuch eines Mannes von politiſchem Ruf, die Er⸗ wähnung eines politiſchen Werkes vertrieb ihn plötz⸗ lich in ſein einſames Zimmer. Zuletzt erhielt ſeine Geiſteskrankheit eine neue Richtung. Er ward plötzlich krar das „au und in 7 Ent güti ſich heft und Räc kehr kolo dert Hin dun bra lege ſei; erka derl trac , ohne Kämpfe ſter des inburch⸗ Zuletzt lich der und ge⸗ führen. bei ihm im Ge⸗ rMuth n; der die Er⸗ nplötz⸗ lt ſeine plötzlich 113 krankhaft fanatiſch— ich wollte ſagen religiös, allein das iſt nicht das Wort; brauche ich den Ausbruck „auf falſche Weiſe religiss.“ Sein ſtarker Verſtand und ſein ausgebildeter Geſchmack geſtatketen ihm nicht, in den raſenden Traktätchen ungebildeter Schwärmer Entzücken zu ſuchen; dennoch beſchwor er aus ben gütigen und einfachen Lehren der heiligen Schrift für ſich einen Fanatismus hinauf, der ehen ſo finſter und heftig war. Er verlor Gott den Vater aus pem Sinn und träumte Tag und Nacht allein von Gott dem Rächer. Seine lebhafte Einbildungskraft warb ver⸗ kehrt, um aus ihrem eigenen Abgrunde Phantome koloſſalen Schreckens hinauf zu beſchwören; er ſchan⸗ derte voll Furcht vor ſeinen eigenen Schöpfungen; Himmel und Erde ſchienen ihm gleicher Weiſe ver⸗ dunkelt durch den ewigen Grimm. Dieſe Symptome brachten Cleveland vollkommen in Unruhe und Ver⸗ legenheit, er wußte nicht, welches Mittel zu geben ſei; zu ſeinem unausſprechlichen Gram und Erſtaunen erkannte er, daß Ernſt im wahren Geiſte ſeiner ſon⸗ derbaren Bigotterie, ihn, den liebenswürdigen und wohlwollenden Cleveland, als ein Geſchöpf zu be⸗ trachten begann, welches ſich nicht weniger wie er ſelbſt außerhalb des Bereichs der göttlichen Gnabe befinde Seine eleganten Beſchäftigungen, ſeine hei⸗ teren Studien wurden von dem jungen und finſteren Enthuſiaſten als die elenden Erquickungen des Mam⸗ mons und der Welt betrachtet. Alle Wahrſcheinlich⸗ keit ſchien vorhanden, daß Ernſt Maltravers in einem Tollhauſe ſterben, oder im günſtigen Fall die Bulwer, Maltravers. I. 8 114 Täuſchungen Cowpet's theilen werde, ohne deſſen hei⸗ tere Zwiſchenräume zu erlangen. — Fünfzehntes Kapitel. Scharfblickend, keck, leicht mit dem Witze ſpielend, Raſtlos, im Denken und im Aufenthalt Stets unſtät. Dryden. Wer ſich eine große Zahl von Ideen in Bezug auf die Geſellſchaft, worin er lebt, erwirbt, wird in dieſer Geſellſchaft als ein Mann von Fähigkeit betrachtet werden. helvetius. gerade, als ſich Maltravers in ſo ſchlechtem Zuſtande befand, daß er durchaus nicht ſchlimmer ſein konnte, kam ein junger Mann nach Temple⸗Grove. Sein Name war Lumley Ferrers, ſein Alter ungefähr 26 Jahre und ſein Vermögen betrug ungefähr 800 Pfund jähr⸗ licher Einkünfte; er gehörte keinem Stande an. Lumley Ferrers beſaß nicht dasjenige, was man gewöhnlich höhere Geiſtes gaben nennt; das heißt, er beſaß keinen Enthuſiasmus; verſteht man unter Talent die Fähig⸗ keit, eiwas beſſer wie Andere auszuführen, ſo konnte er ſich auch in dieſer Hinſicht nicht ſehr rühmen. Er beſaß weder Talent zum Schreiben, noch zur Muſik, noch zur Malerei, noch zu dem gewöhnlichen Kreiſe von ausgebildeteren Beſchäftigungen; bis dahin hatte er auch das kräftige und nützliche Talent zur Hand⸗ lung und zum thätigen Leben noch nicht geäußert. Allein Ferrers beſaß dasjenige, was öfter beſſer iſt, als höhere Geiſtesgaben und Talente; er beſaß eine ſtarke und ſehr ſcharfblickende Seele. Außerdem war ielenb, n. Bezug wird higkeit 1. ſtande nte, Name Jahre jähr⸗ umley hnlich keinen Fähig⸗ konnte n. Er Muſik, Kreiſe hatte Hand⸗ iußert. ſer iſt, ß eine n war 115 ſein Benehmen lebhaft, ſeine phyſiſchen Lebensgeiſter kräftig, ſein Geſpräch witzig, eigenthümlich und geiſt⸗ reich, ſein Selbſtgefühl entſchieden und ſein Vertrauen auf ſeine Hülfsquellen tief gewurzelt. Er liebte Ent⸗ würfe, Liſt und Intriguen— dies machte ihm Ver⸗ gnügen und regte ihn auf. Seine Gewalt im Spott und im Beweis war bedeutend. Gewöhnlich erlangte er einen erſtaunlichen Einfluß über diejenigen, mit denen er in Berührung kam. Seine ſtarken Lebensgeiſter und ein glücklicher Freimuth im Benehmen verdunkelte und verdeckte ſeine hauptſächlichſten Charakterfehler, die in einer außerordentlichen Unempfindlichkeit gegen Zuneigung und moraliſche Grundſätze beſtanden. Ob⸗ gleich weniger gelehrt wie Maltravers, war er im Allgemeinen ein ſehr unterrichteter Mann. Er hatte ſich die Oberfläche mancher Wiſſenſchaften zu eigen gemacht, und warf dann das Studium bei Seite, um es nie zu vergeſſen(ſein Gedächtniß war wie ein Laſter), aber auch nie, um es weiter zu verfolgen. Dazu kam eine Bekanniſchaft mit Allem, was in der Tages⸗ oder überhanpt in der neuen Literatur allgemein als muſter⸗ haft anerkannt iſt. Lumley bekümmerte ſich aber nie darum, dasjenige zu leſen, was nur von Wenigen be⸗ wundert wird. Da er unter Kleinigkeiten lebte, ſo gewann er denſelben durch deren Anſicht und Behand⸗ lung eine intereſſante und neue Seite ab. Hierin be⸗ ſtand wirklich ein Talent, das des ſocialen Lebens, das Talent des Genuſſes bis zum Außerſten, ohne ſich ſelbſt den geringſten Grad der Unruhe aufzuladen. Lumley Ferrers war ſomit einer der Männer, die 116 Jedermann außerordentlich geſchickt nennt, und bei denen doch Niemand ſagen kann, worin eigentliche ihre Geſchicklichkeit beſteht. Seine Gabe beſtand in jener namenloſen Gewalt, welche der Geiſtesgewandtheit angehört und welche im Allgemeinen dem Einen über⸗ legenheit über den Andern ertheilt, ohgleich derjenige, welcher ſie beſitzt, in manchen Einzelnheiten auf keine Weiſe bemerkenswerth iſt. Wie ich glaube, ſagt Goethe irgendwo, daß wir ſtets, wenn wir das Leben eines Mannes von größtem Genie leſen, bei ihm Bekannt⸗ ſchaft mit mehren, ihm ſelbſt überlegenen Männern bemerken, welche dennoch niemals eine allgemeine Aus⸗ zeichnung erlangten. Zur Klaſſe dieſer myſtiſch über⸗ legenen Männer, hätte Lumley Ferrers gehören können; obgleich ein gewöhnlicher Zeitungsſchreiber ihn in der Kunſt des Styls übertroffen hätte, ſo würden dennoch wenige Männer von größeren, noch ſo ſehr hervor⸗ ragenden Geiſtesgaben im ſchnellen Begreifen, Auf⸗ faſſen und in der plaſtiſchen Kraft ſeines natürlichen Verſtandes ſich Ferrers überlegen haben fühlen können. Von dieſem eigenthümlichen jungen Mann, deſſen Charakter erſt zur Hälfte entwickelt war, brauche ich nur noch zu ſagen, daß er viel von der Welt geſehen hatte, und daß er ſo hehaglich wie zufrieden mit jedem Temperament und Rang auskommen konnte; Fuchs⸗ jäger oder Gelehrte, Juriſten oder Dichter, Adelige oder Emporkönmlinge, alle dieſe Geſellſchaft galt Lum⸗ ley Ferrers einerlei. 2 Ernſt befand ſich wie gewöhnlich auf ſeinem Zimmer, als er im Gange draußen all den unausſprechlichen Lärm auf e helle, Ohre ſtät die der G ſeine demje fernt gefalt Stirr edlen der 2 der 2 den t des E das i fuhr von Erzie Frem ſtört könn hegt Luml da ic an u ja im nd bei he ihre jener ndtheit über⸗ jenige, f keine Goethe meines ekannt⸗ ännern e Aus⸗ über⸗ önnen; in der dennoch hervor⸗ Auf⸗ irlichen können. deſſen uche ich geſehen t jedem Fuchs⸗ Adelige lt Lum⸗ immer, chlichen 117 Lärm vernahm, welcher eine Ankunft verkündet. Hier⸗ auf erklang ein lautes Gelächter, dann eine ſcharfe, helle, kräftige Stimme, die wie ein Dolch in ſeine Ohren drang. Ernſt fühlte ſich ſogleich zu aller Maje⸗ ſtät unwilliger Düſterkeit emporgehoben. Er ging auf die Terraſſe des Säulengangs, um die Wiederholung der Störung zu vermeiden. Wiederum verfiel er in ſeine abgebrochene und hypochondriſche Träumerei; in demjenigen Theil des Säulengangs, welcher den ent⸗ fernteren Flügel des Hauſes umringte, ging er mit gefalteten Armen, geſenkten Blicken und gerunzelter Stirn ſpazieren; ein finſterer Engel blickte aus dem edlen Antlitz, welches früher ſo e⸗glänzte, als ob es, der Wahrheit gleich, den Teufel zu beſchämen und der Welt zu trotzen vermöge. So überließ ſich Ernſt den düſtern, ihn überwältigenden Gedanken im Thal des Schattens. Plötz ich ſah er etwas, ein Hinderniß, vas ihm früher nicht in den Weg gekommen war. Er fuhr auf und erblickte vor ſich einen jungen Mann von einfacher Kleidung, dem Außeren nach von guter Erziehung und von auffallenten Zügen. „Herr Maltravers, wie ich glaube?“ ſagte der Fremde, und Ernſt erkannte die Stimme, die ihn ge⸗ ſtört hatte.„Die Begegnung iſt eine glückliche, wir können uns jetzt einander vorſtellen, denn Cleveland hegt die Abſicht, uns zu Freunden zu machen. Herr Lumley Ferrers, Herr Eenſt Maltravers. Wohlan, da ich der Altere bin, ſo biete ich zuerſt meine Hand an und lächle dabei nach Gebühr. Die Leute lächeln ja immer, wenn ſie eine neue Bekanntſchaft machen! 118 Gut, die Sache iſt abgemacht. Welchen Weg werden Sie einſchlagen?“ Maltravers konnte, wenn er es wollte, ſich eben ſo ſtattlich und zurückſtoßend benehmen, als habe er niemals England verlaſſen. Er richtete ſich auf mit verdrießlichem Erſtaunen, zog ſeine Hand aus der von Ferrers, ſagte ſehr kalt:„Entſchuldigen Sie mich, ich habe Geſchäfte“ und ſchritt in ſein Zimmer zurück. Er warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl und hatte die ver⸗ drießliche Störung, welche ihm ſo eben zu Theil ge⸗ worden war, ſchon wieder vergeſſen, als er zu ſeinem unausſprechlichen Schrecken und Arger wiederum die ſcharfe, helle Stimme dicht an ſeinem Ellenbogen ver⸗ nahm. Ferrers war ihm durch den Verſchlag ins Zimmer gefolgt.„Sie haben Geſchäfte, wie Sie ſagen, lieber Herr? Auch ich muß Briefe ſchreiben, wir werden einander nicht unterbrechen.“ Ferrers ſetzte ſich an das Schreibpult, tauchte eine Feder in Tinte, legte in gehöriger Ordnung Unterlage und Papier vor ſich hin und war bald damit beſchäftigt, Seite nach Seite mit dem ſchnellſten hieroglyphiſchen Gekritzel zu bedecken, welches jemals die Aufmerkſamkeit einer Geliebten in Anſpruch genommen, oder einen Dummkopf in Ver⸗ legenheit gebracht hat. „Der freche Gelbſchnabel!“ knurrte Maltravers halb hörbar vor ſich hin; er war aber wirklich wirder zu ſich ſelbſt gebracht; dann befah er ſich mit einiger Neugier einen ſo kaltblütigen Eindringling und mußte eingeſtehen, Ferrers Geſichtszüge ſeien nicht die eines Gelbſchnabels. er von mich, im die en ver⸗ immer lieber werden an das gte in ich hin ite mit decken, ten in n Ver⸗ ravers wieder einiger mußte eines 11¹9 Eine Stirn, in gedrängter Form und feſt wie ein Granitblock, ragte über kleinen, glänzenden, ſinnigen Angen von hellem Braun; die Züge waren ſchön, ob⸗ gleich etwas zu ſcharf und fuchsartig; die Geſichtsfarbe, obgleich nicht ſtark roth, war von jenem kräftigen und geſunden Colorit, welches gewöhnlich einen feſten Körperbau und lebhafte Lebensgeiſter bezeugt; die Kinnbacke war maſſiv und verkündete einem Phyſionv⸗ miſten Charakterfeſtigkeit und Kraft; die Lippen, voll und groß, bezeugten Neigung zum Genuß; ihr raſt⸗ loſes Spiel und ein gewöhnliches halbes Lächeln be⸗ zeugte Heiterkeit und Humor; nur wenn ſie ruhten, lag in ihnen ein verſteckter, unheimlicher Zug. Maltravers beſah ſich den Mann in ernſtem Schwei⸗ gen. Als nun Ferrers am Schluß ſeines vierten Briefes, bevor ein Anderer die erſte Seite vollendet haben würde, die Fever niederlegte und Maltravers mit guter Laune, aber durchdringendem Blick anſchaute, lag ſo etwas Sonderbares in den Geſichtszügen des Eindring⸗ lings, und wirklich auch im ganzen Auftritt, daß Maltravers ſich auf die Lippen biß, um ein Lächeln zu hemmen, das erſte, welches er ſeit manchen Wochen gekannt hatte. „Ich ſehe, Maltravers, Sie leſen, ſprach Ferrers, indem er ſorglos in den Büchern auf dem Tiſche blät⸗ terte,„ſchon gut; wir müſſen das Leben mit Büchern beginnen; ſie vervielfachen die Quellen unſerer Ve⸗ ſchäftigungen. Daſſelbe iſt hinſichtlich eines Kapitals der Fall, wenn wir nicht von den Intereſſen leben. Bücher ſind Makulatur, wenn wir nicht in Handlung 120 die Weisheit verbrauchen, die wir vom Denken ver⸗ langen. Handlung, Maltravers, Handlung bietet uns Leben. In unſerem Alter beſitzen wir Leivenſchaft, Phan⸗ taſie, Gefühl; wir können dieſelben nicht hinwegleſen, noch hinwegſchreiben; wir müſſen davon auf edle, aber ſparſame Weiſe leben.“ Maltravers ſtutzte. Der Eindringling war nicht der leere und langweilige Menſch, wofür er ihn ge⸗ halten hatte. Langſam ſtand er auf, um zu erwidern: „Das Leben, Herr Ferrers.4 „Halt, mon cher, nennen Sie mich nicht Herr, wir werden Freunde werden; mir iſt es widerlich, das⸗ jenige, welches eintreffen muß, ſogar durch ein über⸗ flüſſiges, zweiſilbiges Wort aufzuſchieben; Sie ſind Maltravers, ich bin Ferrers. Sie wollten über das Leben ſprechen. Sollen wir nicht ein wenig leben, anſtatt darüber zu ſprechen. Bis zum Mittageſſen dauert es noch eine Stunde; loſſen Sie uns im Park umher⸗ ſtreichen; ich muß mir Appetit verſchaffen. Außerdem liebe ich die Natur, wenn man keine Schweizerberge erklimmen muß, um eine Ausſicht zu erlangen. Allons!“ „Entſchulvigen Sie mich,“ begann Maltravers aufs Neue, halb zur Theilnahme aufgeregt, halb ver⸗ drießlich. „Lieber möchte ich mich erſchießen laſſen; kommen Sie.“ Ferrers gab Maltravers den Hut, ſchlang den Arm in den ſeinigen und Beide wanbelten auf der großen Terraſſe am See, bevor Ernſt es bemerkte. Wie lebhaft, exeentriſch und leicht war Ferrers Geſchr da er und T wie m Erzähl er ſo Das W ſeiner ſamm Geiſt Göttit zende weiſer und b obglei eignet wir f welche führt nach ſtände dem 124 Geſchwätz; es war eher ein Geſchwätz als Geſpräch, da er es wie im Ballſpiel leitete. Bücher, Menſchen und Dinge ſchleuderte er umher und ſpielte damit wie mit Federbällen; dazu kam noch ſeine egvoiſtiſche Erzählung von einem halben Hundert Abenteuer, die er ſo vortrug, daß man über ihn und mit ihm lachte. icht Das Weib, das ſtrahlende Weib, war der Kern aller ge⸗ ſeiner Geſchichten. n:— err, Sechzehntes Kapitel. Der helle Morgenſtern, des Tages Bole, ber⸗ Eilt von dem Oſten her. ſind Milton. das Bis dahin war Ernſt nie mit irgend Jemand zu⸗ ben, ſammengetroffen, der einen gropen Einfluß über ſeinen uert Geiſt geäußert hätte. Zu Haus, auf der Schule, in her⸗ Göttingen, an jedem andern Orte, war er der glän⸗ dem zende und launiſche Leiter Anderer geweſen und hatte rge weiſere und ältere Köpfe wie ſeinen eigenen beredet 61* und beherrſcht; ſogar Cleveland wich ihm jedesmal, ers obgleich er es ſelbſt nicht bemerkte. In der That er⸗ er⸗ eignet es ſich ſelten, daß Leute, welche weit älter wie wrir find, ſtarken Einfluß auf uns üben. Derjenige, ten welcher zwei bis zehn Jahre mehr wie wir zählt, ver⸗ führt uns meiſt und legt uns Schlingen; er ſtrebt rm nach vemſelben Zlel, hat dieſelben Abſichten, Gegen⸗ jen ſtände und Vergnügungen im Auge, befitzt aber in dem Allem mehr Kunſt und Erfahrung. Er wandelt mit uns auf demſelben Pfade, den wir betreten möchten, 122 von welchem uns aber die ältere Generation durch Warnungen abzuwenden wünſcht. Der Einfluß kann nur gering ſein, wo keine große Sympathie ſich vor⸗ findet. Im geiſtigen Leben von Maltravers war jetzt eine neue Epoche angetreten; zum erſtenmal traf er auf einen Geiſt, welcher den ſeinigen beherrſchte. Vielleicht ſetzte ihn der phyſiſche Stand ſeiner Nerven in den Fall, daß er weniger mit dem befehlshaberiſchen, zur Hälfte polternden, aber durchaus gut gelaunten Weſen von Ferrers zu kämpfen vermochte. Mit jedem Tage erlangte dieſer Fremde eine größere Gewalt über Mal⸗ travers. Ferrers, der ein vollkommener Egoiſt war, bat nie ſeinen neuen Freund, ihm ſein Vertrauen zu ſchenken; er bekümmerte ſich nicht im geringſten um anderer Leute Geheimniſſe, wenn ihm dieſelben nicht zu irgend einem Zweck von Nutzen waren. Aber er ſprach auch mit zu viel Geſchmack von ſich ſelbſt, von Weibern und Vergnügungen, von dem heiteren, leben⸗ digen Treiben der Städte, daß der junge Geiſt von Maltravers aus ſeiner düſteren Schlafſucht ohne An⸗ ſtrengung emporgeriſſen wurde. Allmählig verſchwan⸗ den die düſteren Phantome; ſein Sinn durchbrach die Wolke; er empfand noch einmal, daß Gott ihm zum Tageslicht die Sonne gegeben und ſogar in der Mitte der Nacht das Heer der Sterne emporgerufen hatte. Vielleicht wäre es keiner andern Perſon gelungen, Maltravers ſo ſchnell von ſeinem krankhaften Enthu⸗ ſiasmus zu heilen; einem rohen oder ſpöttiſchen Zweifler an Religion würde er nicht zugehört haben; einen gemäßigten und erleuchteten Geiſtlichen hätte er nicht nicht ber er t„ von leben⸗ ſt von te An⸗ hwan⸗ ach die nzum Mitte hatte. ingen, nthu⸗ eifler einen nicht en um 123 beachtet, als einen weltlichen und ſchlauen Mann, welcher himmliſche Geſetze irdiſchen Gewohnheiten au⸗ paßt. Lumley Ferrers aber, der in ſeinem Geſpräch nie eine Empfindung oder ein Gleichniß als Erwi⸗ derung zuließ, welcher ſeine einfache, eiſerne Loik einem Hammer gleich handhabte, deſſen Metall zwar dumpf erſchien, der aber ätheriſche Funken bei jedem Schlage hervorrief— Lumley Ferrers war gerade der Mann, um der Einbildungskraft des Maltravers zu wiverſtehen und deſſen Vernunft zu überzeugen. So⸗ bald die Sache zur Verhandlung kam, war die Hei⸗ lung bald vollendet; denn wie ſehr wir uns auch mit Einfällen und Viſionen, womit es der fauatiſche My⸗ ſtieismus aufrichtig meint, verdüſtern und verwirren mögen, ſo kann vennoch Niemand mit mathemati⸗ ſchen oder logiſchen Schlüſſen behaupten, daß die von Gott geſchaffene und vom Heiland beſuchte Welt zur Verdammniß beſtimmt ſei. Eines Abends ſtahl ſich Ernſt Maltravers leiſe in ſein Zimmer, eröffnete das neue Teſtament und las deſſen himmliſche Moral mit eröffneten Blicken; als er fertig war, fiel er auf ſeine Kuie und flehte zum Allmächtigen um Verzeihung für ſein undank⸗ bares Herz, welches ſchlimmer als das eines Atheiſten ſein Daſein zugeſtanden, aber ſeine Güte geläugnet hatte. Der Schlaf von Ernſt Maltravers in jener Nacht war tief und ſüß und ſeine Träume heiter; am nächſten Morgen erwachte er mit Gott und Men⸗ ſchen wieder ausgeſöhnt. Siebzehntes Kapitel. Es gibt Zeiten, wo man uns von unſern Irr⸗ thümern abwenden, aber nicht durch Predigten von ihnen abbringen kann. Es gibt Aerzte, welche uns von einer Krankheit zu heilen vermögen, ob⸗ gleich ſie in gewöhnlichen Fällen allein ärmliche Tröpfe und ſogar geſährliche Quackſalber find. Stephan Montague. Lumley Ferrers, der zufällige Bewirker dieſer Wiedergeburt, war durchaus kein Heiliger; nicht ge⸗ rade die beſten Werkzeuge eignen ſich für die beſten Zwecke; wäre dies der Fall, ſo würde Martin Luther nicht als der leitende Geiſt der Reformation ausge⸗ wählt worden ſein. Ferrers betrachtete es als eine Hauptregel, alle Dinge und Perſonen ſeinen Zwecken dienſtbar zu machen. Ferrers hegte jetzt die Abſicht, einige Jahre lang auf Reiſen zu gehen. Er brauch einen Gefährten, denn die Einſamkeit war ihm zu⸗ wider; außerdem theilte ein ſolcher die Reiſekoſten; ein Mann von 800 Pfund jährlichen Einkünften, welcher alle Genüſſe des Lebens ſich wünſcht, ver⸗ achtet nicht einen Gefährten in den Abgaben, welche dafür bezahlt werden müſſen. Um dieſe Zeit auch hegte Ferrers zu Ernſt eher Zuneigung als die ent⸗ gegengeſetzte Empfindung. Es war ihm zweckmäßiger, Freunde unter Leuten zu wählen, die reicher wie er waren; als er zuerſt nach Temple⸗Grove kam, faßte er den Entſchluß, Ernſt ſolle ſein Reiſegefährte werden. Sobald dieſer Entſchluß vorhanden war, ließ er ſich leicht ausführen. Maltravers hegte jetzt warme junge die E wage der P Kam genor vers an e Okto Ferre bei Geſc Salz ein 1 einſte E fehlt Art Sos Stül gege Lase tern die C zum ne 125 Zuneigung zu ſeinem neuen Freund und war nach Wechſel begierig. Cleveland trennte ſich ungern von ihm; er beſorgte jeroch einen Rückfall, wenn der junge Mann ſich ſelbſt überlaſſen blieb. Somit ward die Einwilligung des Vormundes erlangt, ein Reiſe⸗ wagen gekauft und mit allem erdenkbaren Geräth der Poſtkutſchen ausſtaffirt. Ein Schweizer(zur Hälfte Kammerdiener, zur Hälfte Courier) wurde in Dienſt genommen; tauſend Pfund jährlich wurden Maltra⸗ vers bewilligt; Ferrers und Maltravers befanden ſich an einem ſchönen und lieblichen Morgen gegen Ende Oktobers auf der Landſtraße nach Dover. „Wie froh bin ich, England zu verlaſſen,“ ſagte Ferrers,„das Land iſt herrlich für die Reichen; allein bei 800 Pfd. jährlichen Einkommens, ohne anderes Geſchäft als Vergnügen, muß man von Pfeffer und Salz leben; außerhalb Englands kann man davon ein üppiges Leben führen.“ „Wie ich glaube, ſagte mir Cleveland, daß Sie einſtens zu großem Reichthum gelangen werden.“ „O ja, an dem, was man Erwartungen nennt, fehlt es mir nicht. Sie müſſen wiſſen, daß ich eine Art Sitz zwiſchen zwei Stühlen habe, zwiſchen den Hochgebornen und den Reichen; allein zwiſchen zwei Stühlen— nun Sie kennen ja das Sprüchwort. Der gegenwärtige Lord Soringham, früher der bloße Frank Lascelles, und mein Vater, Herr Ferrers, waren Vet⸗ tern im erſten Glied. Zwei oder drei Verwandte hatten die Gutmüthigkeit zu ſterben und Frank Lascelles wurde zum Grafen; die Landgüter aber kamen nicht mit der Grafenwürde. Er war arm und heirathete eine Erbin. Seine Gemahlin ſtarb. Das Gut ward ihrem einzigem Kinde übertragen, dem ſchönſten Mädchen, welches man jemals geſehen hat. Hübſche Florenee, ich wünſche oft, ich könnte dich anſehen! Ihr Vermö⸗ gen wird beinahe gänzlich zu ihrer Verfügung ſtehen, ſobald ſie großjährig iſt; gegenwärtig befindet ſie ſich in einem Kindererziehungsinſtitut und verſpeist Brod und Honig. Mein Vater, weniger glücklich und we⸗ niger weiſe als ſein Velter, hielt es für zweckmäßig, eine gewiſſe Miß Templeton zu heirathen, eine Perſon ans keiner Familie Der Saringhamzweig des Stam⸗ mes gab yöflicherweiſe die Bekanntſchaft auf. Nun hatte meine Mutter einen Bruder, einen gewandten Kerl voller Entwürfe in dem was man Geſchäft nennt; er wurde reich und immer reicher; allein mein Vater und meine Mutter ſtarben und befanden ſich auch früher niemals gerade in guten umſtänden. Ich wurde groß⸗ jährig und keinen Heller mehr oder weniger werth (ich liebe den Ausdruch als die oft von mir eitirten 800 Pfd. jährlichen Einkommens. Mein reicher Onkel iſt verheirathet, hat aber keine Kinder. Ich bin deß⸗ halb der vermuthliche Erbe; allein er iſt ein Heiliger und lebt knapp, obgleich er gerne prunkt. Der Zank zwiſchen meinem Onkel Templeton und den Saxing⸗ hams iſt noch immer im Gange. Templeton iſt ärger⸗ lich, wenn ich die Saxinghams beſuche und die Sa⸗ ringhams, wenigſtens Mylord, weiß durchaus nicht ſo gewiß, daß ich Templetons Erbe ſein werde, daß nicht einige Zweifel empfinden ſollte, ich würde eines 2 ſchen n befindet irgend biſche welche habe i emport zu mir zur Hi ligen 2 ten. Müßig mit die pietiſtiſ ligen W um in grünes ſam de Euch, Ihr ſo halten. ich kan der Alt am Er ſchönes 127 eines Tages durch Seine Herrlichkeit ein Amt erwi⸗ ſchen wollen. Lord Saxingham, wie Sie ja wiſſen⸗ befinvet ſich im Miniſterium. Wie es auch ſein mag, auf irgend eine Weiſe nehme ich eine zweideutige amphi⸗ biſche Stellung in der Londoner Geſellſchaft ein⸗ welche mir gar nicht gefällt. Auf der einen Seite habe ich adelige Verwandtſchaft von der Art, daß emporgekommene Familien mit großer Vorliebe ſich zu mir hinneigen; auf der andern Seite bin ich ein zur Hälfte abhängiger jüngerer Sohn, den die ade⸗ ligen Verwandten mit höflicher Behutſamkeit betrach⸗ ten. Eines Tages, wann ich der Reiſen und des Müßiggangs müde bin, werde ich zurückkehren und mit dieſen kleinen Schwierigkeiten kämpfen, meinen pietiſtiſchen Onkel ausſöhnen und mit meinem ade⸗ ligen Vetter ringen. Jetzt aber bin ich noch zu gut, um in die Welt zu treten. Dürre Schnitzel, kein grünes Holz erzeugen ein loderndes Feuer!— Wie lang⸗ ſam der Kerl fährt! Holla, Kerl! Vorwärts! Merkt Euch, ſechs Stunden müßt Ihr in einer zurücklegen. Ihr ſollt ein Sixpeneeſtück für die halbe Stunde er⸗ halten. Gehen Sie mir Ihre Vörſe, Matravers; ich kann ſehr wohl der Kaſſier ſein, denn ich bin der Altere und Klügere. Wir kännen die Abrechnung am Ende der Reiſe halten. Bei Gott, welch ein ſchönes Mädchen! Zweites Vuch. Hegt ein Sterblicher noch der Jugend liebliche Blöte, Sinnt er mit leichtem Gemüth gern auf vergeblichen Zweck. Simonides vit. hum. Erſtes Kapitel. Es fand ſich allerdings etwas Sonderbares in meinen Gefühlen für dieſe liebenswürdige Frau. Rouſſeau. Im Palaſte der öſtreichiſchen Gaſandtſchaft zu Neapel wurde ein glänzender Ball gegeben. Ein Ge⸗ dränge von Müßiggängern, jungen wie alten, welche ſich an die herrſchente Schönheit zu hängen pflegt, hatte ſich um Frau von Ventadour verſammelt. Im Allgemeinen geſprochen, fündet ſich ebenſo viel Laune wie Geſchmack bei der Wahl der Schönheit, welcher der Apfel des Paris ertheilt wird. Die Erwartung eines Fremden wird nie ſo ſehr getäuſcht, als wenn er zum erſtenmal die Frau erblickt, welcher die Welt den Preis der Schönheit ertheilt hat. Gewöhnlich verfällt er zuletzt in die populäre Vergötterung und geht mit unbegreiflicher Schnelle vom unwilligen Zweifel auf abergläubiſche Verehrung über. Aller⸗ ding maß zu nehn Wo Daſe herv einig mit Eige gehe Sou wirk „D hinfi zählt bild haup 2 Schö Zimn möge ihren anzul zimm ſtrebe Kunf nige ein, über 2 Zweck. bares in ge Frau. 129 dings tragen tauſend Dinge außer des bloßen Eben⸗ maßes der Züge mit dazu bei, die Cythere des Tages zu bilden— Takt in der Geſellſchaft, reizendes Be⸗ nehmen, ein namenloſes und pikant glänzendes Weſen. Wo die Welt Grazien findet, ſpricht ſie auch das Daſein der Venus aus! Wenig Perſonen erlangen hervorragende Berühmtheit für irgend Etwas, ohne einige hinzukommende, fremdartige Umſtände, welche mit der gefeierten Sache nichts zu thun haben. Einige Eigenſchaften oder Umſtände umringen ſich mit einem geheimnißvollen oder perſönlichen Reiz—„Iſt Herr Soundſo wirklich ein Genie?“„Iſt Frau Soundſo wirklich eine ſolche Schönheit?“ fragt man ungläubig⸗ „O ja,“ lautet die Antwort.„Weiß man Alles, hinſichtlich ſeiner oder ihrer?“„So etwas wird er⸗ zählt, oder ſo etwas hat ſich ereignet.“ Dos Götzen⸗ bild iſt an ſich intereſſant und deßhalb wird ſein hauptſächlichſtes oder popurlärſtes Attribut angebetet. Nun war Madame Ventadvur zu dieſer Zeit die Schönheit von Neapel; obgleich fünfzig Frauen im Zimmer ſchöner waren, ſo hätte doch Niemand wagen mögen, dies zu ſagen. Sogar die Frauen geſtanden ihren Vorrang ein, denn fie verſtand ſich ſo trefflich anzukleiden, wie ſogar jemals eine Franzöſtn. Frauen⸗ zimmer geben keinen Vorrang mit ſo geringem Wider⸗ ſtreben zu, als denjenigen, welcher von der weiblichen Kunſt abhängt, welche alle ſtudiren und worin we⸗ nige ausgezeichnet ſind. Weiber geſtehen niemals ein, daß Schönheit in einem Geſichte vorhanden iſt, über welchem ſich eins ſonderbar ausſehende Haube Bulwer, Maltravers. 1. 9 130 befindet, noch geben ſie bereitwillig zu, irgend eines ſei häßlich, an deren Kopfvutz ſich nichts ausſetzen läßt. Frau von Ventadour beſaß auch den Zauber, welcher ſich von angeborenein hohem Weſen und durch die Verfeinerung deſſelben bis zum Außerſten ver⸗ mittelſt der Gewohnheit ergibt. Sie ſah aus und bewegte ſich wie eine vornehme Dame, als habe der perſonificirte Rang der Natur den Auftrag gegeben, ſie ſo zu ſchaffen. Sie ſtammte von einem der be⸗ rühmteſten Häuſer Frankreichs; ſie hatte ſich im 16. Jahre mit einem Manne gleichen Standes verheirathet. einem alten einfältigen und pomphaften Menſchen, eher einer Carikatur, als einem Portrait des alten franzöfiſchen Adels, welcher jetzt heinahe, wo nicht gänzlich ausßeſtorben iſt. Ihre Tugend war ohne Flecken, Einige meinten wegen ihres Stolzes, Andere wegen ihrer Kälte. Ihr Witz war ſcharf und hof⸗ artig, lebhaft unv dennoch zurückgehalten, denn ihre franzöſiſche hohe Erziehung war ſehr verſchieden von der ſchläferigen, ſchweigenden, unzerſtörbaren Ruhe der Engländerinnen. Alle ſchweigenden Leute können in der Geſellſchaft elegant erſcheinen. Ein Stallknecht heirathete eine reiche Dame; er beſorgte den Gäſten lächerlich zu werden, welche ſein neuer Rang an ſeiner Tafel vereinigte— da gab ihm ein Geiſt⸗ licher aus Oxford folgenden Rath:„Tragen Sie einen ſchwarzen Rock und halten Sie Ihr Maul!“ Der Stallknecht merkte ſich den Wink und gilt ſeitdem für einen der gebildetſten Leute auf dem Lande. Das Geſpräch iſt der Probirſtein der wahren Delikateſſe und mar von wäh ton Wu der Drd men an ſchm Rec und dipl dere Güt ſoba verk umh verſt für Pol die Alle nur leich Gefi und dem Frar eines ſetzen uber, durch ver⸗ z und e der geben, er be⸗ m 16. rathet. ſchen, alten mnicht ohne Andere d hof⸗ n ihre en von Ruhe e einen Bet ſeitdem e. Das ikateſſe 131 und feinen Grazie, welche vas Ideal der Moral⸗ mauieren an einem Hofe bilden. Dort ſaß Frau von Ventadour, von den Tänzern etwas entfernt, während der ſchweigende engliſche Stutzer Lord Taun⸗ ton in ausgeſuchter Kleidung und merkwürdig ſchlankem Wuchs aufrecht angenagelt hinter ihrem Stuhle ſtand; der ſentimentale deutſche Baron von Schomberg mit Orden bedeckt, bis zum letzten Haar der Vollkom⸗ menheit an Schnurrhart und Perüke aufgeſtutzt, ſeufzte an ihrer Linken; der franzöſiſche Geſandte, ſchlau, ſchmeichelnd und beredt, ſaß im Lehnſtuhl zu ihrer Rechten; in ihrer gänzen Umringung drängte ſich und verbeugte ſich mit Complimenten ein Haufe diplomatiſcher Secretäre und italieniſcher Prinzen, deren Bank am Spieltiſch ſich befindet, und deren Güter in ihren Gallerien beſtehen, welche ferner, ſobald die Karten ungünſtig fallen, ein Gemälde verkaufen, ſowie engliſche Landedelleute einen Wald umhauen. Die reizende Frau von Ventadour! ſie verſtand es, Alle herbeizuziehen! Sie hielt Lächeln für den Schweigenden, Scherz für den Heiteren, Politik für den Franzoſen, Pvoeſie für den Deutſchen, die Beredſamkeit des liebenswürdigen Weſens für Alle bereit! Ihr Ausſehen war ſo ſchön, wie es ihr nur immer zur Verfügung ſtand. Eine möglichſt leicht aufgetragene Schminke ertheilte ihrer hellen Geſichtsfarbe eine Glut und hob die großen, dunkeln und funkelnden Augen mit einer Sanftmuth unter dem Funkeln, wie man ſie ſelten anders als bei Franzöfinnen ſieht, wie ſie weit verſchieden find von 132 dem ausdrucksloſen Schmachten des ſpaniſchen, oder dem vollen und majeſtätiſchen Stolze des italieniſchen Blicks. Ihr Kleid war von ſchwarzem Sammt, ihr zierlicher Hut mit der fürſtlichen Feder, bot den Gegenſatz zu der Alabaſterweiße der Arme und des Halſes. Bei den Augen, der Haut, der blühenden Geſichtsfarbe, den roſigen Lippen, den kleinen, elfen⸗ beinernen Zähnen hätte Niemand die Kritik ſo weit treiben können, um zu bemerken, das Kinn ſei zu ſpitz, der Mund zu groß und die Naſe, ſo ſchön im vollen Geſicht, ſei von Vollkommenheit im Profile weit entfernt.„War Madame in der Strada nuoa heute,“ fragte der Deutſche mit ſolcher Süßigkeit in ſeiner Stimme, als wolle er ewige Liehe ſchwören. „Was können wir Frauen ſonſt mit unſern Mor⸗ gen anfangen,“ erwiderte Frau von Ventadour.„Unſer Leben von der Wiege bis zum Grabe beſteht in Müßig⸗ gang; unſere Nachmittage ſind allein das Bild unſerer Laufbahn, ein Spaziergang und ein Gedränge— voilà tout. Wir ſehen die Welt nur von einem offenen Wagen aus.“ „Dies iſt die angenehmſte Weiſe, dieſelbe zu ſehen,“ ſagte trocken der Franzoſe. „Ich bezweifle dies; die ſchlimmſte Mühſeligkeit iſt die ohne Uebung der Kräfte.“ „Wollen Sie mir die Ehre erweiſen, mit mir zu walzen?“ fragte der ſchlanke engliſche Lord, der eine unbeſtimmte Idee hegte, Frau von Ventadour wolle mit jenen Worten ſagen, vaß ſie lieber tanze, als ſtill ſitze. Der Franzoſe lächelte. loſo auß nach die farb fuhr der ich: Lord E wie mein Auge Geſa aus E Vent ſeinet adeli Stan Malt ſitzt, / von oder iſchen „ihr den d des enden elfen⸗ weit ſei zu im rofile nuoa eit in ren. von Ventadour. 133 „Lord Taunton drängt Ihnen Ihre eigene Phi⸗ loſophie auf,“ ſprach der Geſandte. Lord Taunton lächelte, weil Jedermann lächelte; außerdem hatte er ſchöne Zähne; ſeinem Ausſehen nach erwartete er jedoch ängßlich eine Antwort. „Heute Abend nicht; ich tanze ſelten. Wer iſt vie ſchöne Dame? Welche liebenswürdige Geſichts⸗ farbe beſitzen doch die Engländerinnen. Und wer,“ fuhr Frau von Ventadour fort, ohne die Antwort der erſten Frage zu erwarten,„wer iſt jener Herr, ich meine den jungen, der an der Thür lehnt?“ „Wie, der mit dem ſchwarzen Schnurrbart,“ ſagte Lord Taunton,„er iſt ein Veiter von mir.“ „O nein, nicht Oberſt Bellfield, ich kenne ihn, wie amüſant iſt er doch! Nein, der Herr, den ich meine, trägt keinen Schnurrbart.“ „O, der ſchlanke Engländer mit den glänzenden Augen und der hohen Stirn,“ ſprach der franzöſiſche Geſandte,„er iſt gerade angekommen, wie ich glaube aus dem Orient.“ „Sein Geſicht iſt auffallend,“ ſprach Frau von Ventadour; es liegt etwas Ritterliches in der Bildung ſeines Kopfes.“ „Er iſt,“ erwiderte Lord Taunton, was Sie adelig nennen, d. h. was wir einen Mann von Stande nennen. Sein Name iſt Maltravers, Herr Maltravers; er iſt kürzlich mündig geworden und be⸗ ſitzt, wie ich glaube, ein ziemlich großes Vermögen. „Herr Maltravers! bloß Herr?“ wiederholte Frau „Nun,“ ſagte der franzöſiſche Geſandte,„Sie wiſſen ja, daß der engliſche Mann von Stande kein Von voder keinen Titel braucht, um ihn von dem bloßen Bürgerlichen zu unterſcheiten.“ „Ich weiß das, allein er beſitzt ein Außeres, welches mehr verheißt, als den bloßen Mann von Stande. Etwas Großartiges liegt in ſeinem Außeren; ich muß jedoch eingeſtehen, dies iſt nicht die ronven⸗ tionelle Größe des Ranges, vielleicht würde er ebenſo ausſehen, wäre er nur als Bauer geboren.“ „Sie halten ihn nicht für hübſch?“ fragte Lord Tauntun beinahe ärgerlich Er gehörte zu den ſoge⸗ nannten ſchönen Leuten, und dieſe ſind mitunter eifer⸗ ſüchtig). „Hübſch! das habe ich nicht geſagt,“ erwiderte Frau von Ventadour lächelnd.„Er hat eher einen hübſchen Kopf, als ein hübſches Geſicht. Gewiß iſt er geiſtig ausgebilvet; allein alle Engländer, Mylord, erhalten ja eine gute Erziehung.“ „Ja, wir find tief, nicht oberflächlich,“ erwiberte Lord Taunton, indem er an ſeinen Manſchetten zupfte. „Will Frau von Ventadour mir erlauben, Ihr einen meiner Landsleute vorzuſtellen,“ ſprach der eng⸗ liſche Geſandte näher tretend.„Herr Maltravers.“ Frau von Ventadvur lächelte leicht und erröthete zur Hälfte, als ſie aufblickte und die ſtolzen und ernſten Züge, die ſie ſo eben bemerkt hatte, ſich voll Vewunderunig vor ihr verbeugen ſah⸗ Die Einführung war geſchehen; wenige einſilbige Worte wurden ausgetauſcht. Der franzöſiſche Diplo⸗ „Sie kein dem ßeres, von eren; nen⸗ ebenſo Lord ſoge⸗ eifer⸗ 135 mat ſtand auf und ging mit dem engliſchen fort. Maltravers ſetzte ſich in den leeren Stuhl.„Sind Sie lange auf Reiſen geweſen?“ fragte Frau von Ventadour. „Nur vier Jahre, jedoch lange genug, um zu fragen, ob es nicht beſſer ſei, meiſt außerhalb Eng⸗ lands zu reiſen.“ „Sie ſind im Orient geweſen, ich beneide Sie. In Griechenland, in Egypten! welche Ideenverbin⸗ dungen! Sie ſind in die Vergangenheit zurückgereist; Sie ſind, wie Madame d'Epinay wünſchte, der Civi⸗ liſation entgangen, um ſich in die Romantik zu flüchten. „Allein Madame d'Epinay brachte ihr Leben zu, indem ſie ſehr hübſche Romane aus einer ſehr ange⸗ nehmen Civiliſation ſich bildete,“ ſprach Maltravers lächelnd. „Sie kennen alſo ihre Memviren,“ ſprach Frau von Ventadvur leicht erröthend.„Im Strome einer aufregenderen Literatur haben nur Wenige Zeit, ſich mit den Schriften zweiten Ranges aus einem ver⸗ gangenen Jahrhundert zu beſchäftigen.“ „Sind nicht dieſe Schriften zweiten Ranges oft am meiſten entzückend, wann die Mittelmäßigkeit der geiſtigen Kraft als die Wirkung einer rührenden, ob⸗ gleich zu ſchwachen Zartheit der Empfindung erſcheint? Die Memoiren der Madame d'Epinay find von dieſer Art. Sie war keine tugendhafte Frau, allein ſie empfand die Tugend und liebte ſie; ſie war keine Frau von Genie, allein ſie fühlte lebhaft den Einfluß des Genies. Einige Leute ſcheinen mit dem Tempe⸗ rament des Geſchmacks und Genies geboren, ohne deſſen ſchaffende Kraft zu beſitzen; ſie haben deſſen Nerven⸗ ſyſtem, allein etwas fehlt ihrem Geiſtesvermögen. Sie empfinden ſcharf, aber ſind ſchwach in ihren Aus⸗ drücken. Dieſe Perſonen befitzen immer im Charakter eine unausſprechliche Art Pathos; eine vom Hofe aus⸗ gehende Civiliſation bringt häufig ſolche Leute her⸗ vor; die franzöſiſchen Memoiren des vergangenen Jahr⸗ hunderts bieten beſonders ſolche Beiſpiele. Die Sache iſt intereſſant, beſonders der Kampf gefühlvoller Seelen gegen die Schläfrigkeit der Geſellſchaft, welche dumpf, aber dennoch glänzend, gleichſam durch Blenden hei ihnen Schlaf hervorruft. Die Bemerkung paßt auch jetzt auf uns, denn wie viele von uns,“ fügte Maltra⸗ vers mit einer leichten Veränderung der Stimme hinzu, „glauben das eigene Bild hiebei im Spiegel zu ſehen!“ Wo war der deutſche Baron? Er ſagte Süßig⸗ deiten am andern Ende des Zimmers. Wo war der engliſche Lord? Er gab einfilbige Worte den Stutzern an der Thür zum Beſten. Wo waren die unbedeuten⸗ deren Trahanten?— Sie tanzten, flüfterten, machten Damen den Hof oder ſchlürften Limonade. Frau von Ventadour war mit dem jungen Manne in einem Ge⸗ dränge von 800 Perſonen allein; ihre Lippen ſprachen von Gefühl und ihre Blicke wandten daſſelbe unwill⸗ kürlich an. Während fle ſo ſich unterhielten, fuhr Maltravers plötzlich bei einer ſcharfen, bezeichnenden Stimme dicht hinter ſeinem Rücken auf, welche auf Franzöſiſch ſagte: „Dm, hm, ich hege Verdacht, ich hege Verdacht.“ iſt n Sie 2 kleine mite ſchar ſprach Neap — H Ihren ſchlech hege 3 D Geber: tadour wannt zur Be bigkeit Zeichen ſelben zugleich drei kre ganzen ſchienen Ma den Gat und Her als er 137 Frau von Ventadour ſah ſich lächelnd um;„es iſt nur mein Gemahl,“ ſprach ſie ruhig;„erlauben Sie mir, ihn vorzuſtellen.“ Maltravers ſtand auf und verbeugte ſich vor einer kleinen, mageren, ſehr ſorgfältig gekleideten Geſtalt, mit einem Paar ungeheurer Brillen auf einer langen, ſcharfen Naſe. „Entzückt, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Herr,“ ſprach Herr von Ventadvur.„Waren Sie lange in Neapel? ſchönes Wetter— wird nicht lange währen — Gm, hm, ich hege Verdacht! Keine Nachricht von Ihrem Parlament— wird bald aufgelöst ſein— ſchlechte Oper in London dieſes Jahr— hm, hm, ich hege Verdacht.“ Dieſer ſchnelle Monolog ward mit dem paſſenden Geberdenſpiel geſprochen. Jeder neue Satz, Herr Ven⸗ tadour's ward mit einer Art Verbeugung ausgeſtoßen; wann der Herr mit dem beinahe unveränderlichen Schluß zur Bezeugung ſeines Scharfſinns und ſeiner Ungläu⸗ bigkeit einen ſolchen beendete, führte er ein myſtiſches Zeichen mit ſeinem Zeigefinger aus, indem er den⸗ ſelben in Parallellinie mit der Naſe ſtrich, welche zugleich eine beſondere Rolle bei der Ceremonie durch drei krampfhafte Zuſammenziehungen ſpielte, vie den ganzen Geſichtstheil bis zur Grundlage zu erſchüttern ſchienen. Maltravers blickte mit ſtummer überraſchung auf den Gatten des anmuthigen Geſchöpfes an ſeiner Seite, und Herr von Ventadour, welcher ſo viel geſagt hatte, als er für nothwendig hielt, beſchloß die Probe ſeiner 1 138 Veredſamkeit, indem er das Entzücken ausdrückle, wel⸗ ches ihm ein Beſuch des Herrn Maltravers in ſeinem Hotel gewähren würde. Alsdann wandte er ſich zu ſeiner Frau, gab ihr eine Verſicherung über die ſpäte Stunde und die Zweckmäßigkeit des Fortgehens. Mal⸗ travers ſchlüpfte hinweg und wurde, als er die Thür erreichte, von unſerem alten Freunde Lumley Ferrers in Beſchlag genommen.„Kommen Sie, lieber Kerl,“ ſagte der letztere,„ich habe ſchon eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Allons! Vielleicht aber wollen Sie zum Abendeſſen bleiben, während ich vor Sehnſucht nach meinem Beite ſterbe. Manche Leute nehmen keine Rückſicht auf die Gefühle Anderer.“ „Nein; Ferrers, ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“ Die beiden jungen Leute ſtiegen die Treppe hinab und wandelten die Chiaja entlang zu ihrem Gaſthof. Als ſie den breiten und offenen Raum erreicht hatten, worauf derſelbe ſtand, als ſie das liebliche, in den Armen des ſich krümmenden Ufers ſchlafende Meer erblickten, hielt Maltravers plötzlich an, der bis dahin der geläufigen Rede ſeines Gefährten ſchweigend zu⸗ gehört hatte. „Beſchauen Sie das Meer, Ferrers, welch eine Scene! welche entzückende Luft! Wie ſanft iſt dies Monblicht! Können Sie ſich nicht die alten griechi⸗ ſchen Abenteurer denken, als ſie zuerſt dies göttliche Parthenope, den Liebling des Meeres, koloniſirten, auf vieſe Wogen blickten und ſich nicht mehr nach Grie⸗ chenland ſehnten?“ „Ich kann mir ſo etwas nicht denken,“ ſagte Fer⸗ rers ſchlie Bett einer Colo ihren Poeſ ſo. ſchien /7 in m ſchein wie d Endu aufbe wel⸗ inem h n ſpäte Mal⸗ Thür rrers erl 6 tunde n Sie nſucht keine n. hinab aſthof. 139 rers;„verlaſſen Sie ſich aber darauf, beſagte Herren ſchliefen in dieſer Stunde der Nacht feſt in ihren Belten, wenn ſie ſich nicht als Seeräuber auf irgend einer Ausflucht befanden, denn dieſe alten griechiſchen Coloniſten waren verfluchte Banditen.“ „Schrieben Sie jemals Verſe, Ferrers?“ „Gewiß, alle Leute von Geiſt haben einmal in ihrem Leben Verſe geſchrieben. Die Franzoſen und Poeſie ſind unſere zwei Krankheiten.“ „Fühlten Sie jemals Poeſie?“ „Wie ſo?“ „Nun, wenn Sie den Mond in Ihre Verſe brachten, ſo haben Sie doch wohl gefühlt, wie er in ihr Herz ſchien.“ „Mein theurer Maltravers, wenn ich den Mond in meine Verſe brachte, ſo geſchah dies aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, um ihn mit thront zu reimen. So wie die Nacht am Himmel thront, iſt eine treffliche Endung für den erſten Vers; der Mond wird alsdann aufbewahrt für den nächſten. Kommen Sie herein!“ „Nein, ich werde draußen bleiben.“ „Treiben Sie keinen Unſinn.“ „Im Mondlicht iſt geſunder Menſchenverſtand allein Unſinn. „Was, wir, die wir die Pyramiden erkletterten und den Nil hinaufſegelten und Zaubereien in Kairo ſahen, und in Conſtantinopel beinahe erdroſſelt, in Säcke genäht und in den Bosporus geworfen worden wären— wir, die wir ſo manche Abentener beſtanden, ſo manche Scenen ſahen und uns in vierjährige Aben⸗ —— 140 teuer drängten, die den Hunger eines Vielfraßes von Romanen befriedigt haben würden, wenn er das Alter eines Phönix erlebt hätte— ſollen wir die hübſchen Jungen ſpielen und den Mond anſeufzen wie ein ſchwarzhaariger Lehrling ohne Halstuch an Vord einer Margate⸗Varke? Unſinn! Wir haben zu viel gelebt, um nicht die kränkliche Sentimentalität eines Gelb⸗ ſchnabels hinweggelebt zu haben.“ „Vielleicht haben Sie recht,“ erwiderte Maltra⸗ vers lächelnd,„allein ich kann noch eine ſchöne Nacht genießen.“ „O, wenn Sie Fliegen in Ihrer Suppe lieben, wie der Mann zu ſeinem Gaſt ſagte, als er Exem⸗ plare dieſer negerartigen Inſektenfamilie ſorgfältig wieder in die Schüſſel brachte, nachdem er ſich ſelbſt mit Suppe verſehen hatte— wenn Sie Fliegen in Ihrer Suppe lieben, ſo habe ich nichts dagegen.— Buona notte!“ Ferrers hatte in ſeiner Theorie ſicherlich Recht, daß wir weniger keampfhaft empfindſam werden, wenn wir wirkliche Abenteuer haben kennen lernen. Das Leben gleicht einem Schlafe, in deſſen Beginn und an deſſen Schluß wir am meiſten träumen; der mittlere Theil nimmt uns zu ſehr durch Wirklichkeit in An⸗ ſpruch, als daß wir viel träumen könnten. Wie jedoch Maltravers ſagte, können wir auch eine ſchöne Nacht genießen, beſonders an der Käſte Neapels. Maltravers ging nachſinnend einigemale auf und nieder. Sein Herz war beſänftigt, alte Reime klangen in ſeinen Ohren; alte Erinnerungen gingen ihm durch den K von L gange roſenf Liebe M Ventat Welt offen. von V Englar grantet und di Franzö doch de auf äu neigun fremder um die heit de ſpreche wir nu Ausdru von llter chen ein iner lebt, elb⸗ Utra⸗ tacht eben, rem⸗ fältig ſelbſt en in 141 den Kopf. Allein die ſanften, dunklen Augen der Frau von Ventadvur glänzten durch jeden Schatten der Ver⸗ gangenheit. Liebliche Berauſchung des Trankes aus der roſenfarbigen Zanberflaſche, welche Phantoſie iſt, aher Liebe ſcheint! Zweites Kapitel. Der Pilger drauf begann: Unſel'ger Mann, Der nicht den Zügel ſpannt der Leidenſchaſt; Im Anfang ſchwach, führt, wann ſie überrann, Sie dich in Qual zum Ende grauenhaft; So lang ſie ſchwach, bekämpfe ſi⸗ mit Kraft. Spencer. Maltravers kam häufig ins Haus ker Frau von Ventadour; es ſtand zweimal wöchentlich der großen Welt und dreimal wöchentlich beſonderen Freunden offen. Maltravers gehörte bald zu den letztern. Frau von Ventadvur hatte ſich während ihrer Kindheit in England aufgehalten, denn ihre Eltern waren Emi⸗ granten geweſen. Sie ſprach Engliſch gut und fließend, und dies gefiel Maltravers, denn obgleich er mit dem Franzöſiſchen zur Genuüge vertraut war, ſo glich er doch denjenigen, welche mehr eitel ſind auf Geiſt, wie auf äußere Vorzüge; er beſaß deßhalb aus Stolz Ab⸗ neigung, ſeine beſten Sedanken auf den Bereich einer fremden Sprache zu wagen. Wir bekümmern uns nicht um die Fehlerhaftigkeit des Accentes oder die Inkorrekt⸗ heit des Ausdrucks, worin wir unbedeutende Dinge ſprechen. Außern wir aher die Poeſie in uns, ſo wagen wir nur mit Schauder den unbedeutendſten falſchen Ausdruck. Dies war beſonders der Fall bei Maltravers; abgeſehen davon, vaß er jetzt aus einem ſorgloſen Jüngling zum ſtolzen und wähleriſchen Mann gereift war, heſaß er eine natürliche Liebe zum Geziemenden. Dieſe Liebe erwies er bewußtlos in Kleinigkeiten; ſie iſt die natürliche Mutter ves guten Geſchmacks. Auch glich der angeborene gute Geſchmack Ernſts natürliche Sorgloſigkeit in denjenigen perſönlichen Angelegen⸗ heiten wieder aus, worauf junge Leute gewöhnlich ſtolz ſind. Eine angewöhnte und militäriſche Stetig⸗ keit der Kleidung, eine Liebe zur Ordnung und Sym⸗ metrie vertrat bei ihm die ſtudirte Aufmerkſamkeit auf Equipage und Kleidung. Maltravers hatte nicht zweimal im Leben daran gedacht, ob er hübſch oder nicht ſei; wie die meiſten Männer, welche eine Kenntniß des zarteren Geſchlechtis beſitzen, wußte er ſehr wohl, daß die Schönheit wenig damit zu thun hat, die Liebe von Weibern zu ge⸗ winnen. Der äußere Ausdruck, das Benehmen, der Ton, die Converſation, das Etwas, welches Intereſſe erweckt, das Etwas, worauf man ſtolz ſein darf; dies find die Attribute des Mannes, welcher geliebt zu werden geſchaffen iſt. Der ſchöne Mann iſt neunmal unter zehn nichts Beſſeres, als das Orakel ſeiner, alten Tanten und ein Räuber der Herzen von Kammer⸗ mädchen. Kehre ich von meiner Abſchweifung zurück. Mal⸗ travers war es lieb, daß er mit Frau von Ventadour in ſeiner Sprache reden konnte. Das Geſpräch begann gewöhnlich franzöſiſch und glitt in das Engliſche hin⸗ über. Eigenſ ein vol! und ir erdenke genſtat glänze Feinhe weltlic der G rieth il (keine lerin 1 durch( ches ſi in Anſ gereizt pfand Welt: lichen zöſiſch Aſpaſi und C geſellſe ſich vot eine v ich be rühren woran Fraue ers; oſen reift den. ſie Auch liche egen⸗ mlich tetig⸗ Sym⸗ it auf daran eiſten echtis 143 über. Frau von Ventadvur war beredt, und dieſe Eigenſchaft beſaß auch Maltravers, jedoch ließ ſich ein vollkommener Contraſt in ihren Auffaſſungsweiſen und in den Beſonderheiten der Unterhaltung kaum erdenken. Frau von Ventadour betrachtete jeden Ge⸗ genſtand als eine Dame der großen Welt; ſie war glänzend, gedankenvoll und nicht ohne Zartgefühl und Feinheit der Empfindung; dennoch ward Alles in eine weltliche Form gegoſſen. Sie war durch den Einfluß der Geſellſchaft gebildet worden, und ihre Seele ver⸗ rieth ihre Erziehung. Zugleich witzig und melancholiſch (keine ungewöhnliche Vereinigung), war ſie eine Schü⸗ lerin der trüben, aber ſcharfen Philoſophie, welche durch Sättigung hervorgebracht wird. Im Leben, wel⸗ ches ſie führte, wurde weder ihr Herz noch ihr Kopf in Anſpruch genommen; die Fähigkeiten beider wurden gereizt, aber nicht befriedigt oder beſchäftigt. Sie em⸗ pfand etwas zu lebhaft das hohle Weſen der großen Welt und hegte eine niedrige Meinung von der menſch⸗ lichen Natur. Kurzum, ſie war eine Dame der fran⸗ zöſiſchen Memoiren, eine der reizenden und geiſtreichen Aſpaſien des Boudvirs, welche durch Feinheit, Takt und Grazie, ſowie durch ihren ausgezeichneten Ton geſellſchaftlicher Bildung Intereſſe erregen, und die ſich vor Oberflächlichkeit und Frivolität theilweiſe durch eine vollkommene Kenntniß des Eyſtems, worin ſie ſich bewegen, theilweiſe durch ein halb verdecktes und rührendes Mißvergnügen über die Kleinigkeiten ſchützen, woran ſie ihre Talente und Neigungen verſchwenden. Frauen dieſer Art beſchließen oft ihr Leben mit einem 144 Alter falſcher Andacht, nach einer Jugend falſchen Ver⸗ gnügens. Sie gehören zu einer Kiaſſe, welche den Ständen und Ländern eigenthümlich iſt, worin das heitere und unglückliche Weſen, eine Frau ohne Häus⸗ lichkeit, glänzt und verwelkt. Eine ſolche Art Leben, eine ſolche Dame, wie Valerie von Ventadour, hatte Maltravers noch nie⸗ mals betrachtet, und Maltravers war vielleicht der Franzöſin auf gleiche Weiſe neu. Sie entzückten ſich gegenſeitig an ihrer Geſellſchaft, obgleich es ſich traf, daß ſie niemals übereinſtimmten. Frau von Ventatvur ritt häufig aus und Mal⸗ travers gehörte zu ihren gewöhnlichen Begleitern. Ihre täglichen Ausflüchte geſchahen durch die ſchön⸗ ſten Landſchaften. Maltravers war ein großer Gelehrter, die Vor⸗ räthe der unſterblichen Todten waren ihm ſo bekannt wie ſeine eigene Sprache; die Poeſte, die Philoſophie, die Denkungsweiſe und die Lebensgewohnheit des an⸗ muthigen Griechen und üppigen Römers bildeten einen Theil ſeiner Keuntniß, welche ſeinen eigenen Ideenverbindungen und Eigenthümlichkeiten im Denken einen gewöhnlichen und täglich gebrauchten Vorrath darboten. Er hatte ſeinen Geiſt mit dem Pactolus des Alterthums geſattigt; die Goldkörner des claſſi⸗ ſchen Stroms wurden ihm von jeder Flut zugeführt. Dieſe oft ſo nutzloſe Kenntniß der Todten beſitzt einen unausſprechlichen Reiz, wenn ſie an die Orte ange⸗ wandt wird, worauf die Todten lebten. Wir kümmern uns nicht um die Alten auf Hishtgate⸗Hill; allein in Bajä, Alten erſehn für di gierig ches n Civili Glück, ſten v Die ke denen zu gäl Bered bewegt weiſe Weſen Gehein den Li Valeri Lebens wenn den Au verglei aber u loſe kl Menſch bewußt fährtin Lehreri „G Bul nVer⸗ he den in das Häus⸗ wie ch nie⸗ cht der ten ſich h traf, Mal⸗ leitern. ſchön⸗ Vor⸗ ekannt ſophie, es an⸗ ildeten igenen Denken einen ange⸗ nmern ein in 145 Bajä, Pompeji, am Hades Virgils bieten uns bie Alten eine Geſellſchaft, deren Verkehr wir begierig erſehnen. Welch ein Cieervne war Ernſt Maltravers für die lebhafte und neugierige Franzöſin! Wie be⸗ gierig horchte ſie auf die Verichte eines Lebens, wel⸗ ches noch eleganter war, als das von Paris, einer Civiliſativn, welche die Welt niemals wieder, zu ihrem Glück, erſchauen kann, denn ſie war bis zum Inner⸗ ſten verfault, obgleich noch ſo ſtrahlend im Außern. Die kalten Namen und unweſentlichen Schatten, bei denen Frau von Ventadour in ſkeletartigen Geſchichten zu gähnen gewohnt war, erlangten durch Maltravers Berevſamkeit den Hauch des Lebens, ſie glühten und bewegten ſich; ſie hielten Feſte und liebten; ſie waren weiſe und thöricht, munter und traurig wie lebende Weſen. Andererſeits lernte Maltravers tauſend neue Geheimniſſe über die vorhandene wirkliche Welt von den Lippen der gebildeten und ſcharf beobachtenden Valerie. Welch einen Schritt in der Philoſophie des Lebens verbringt ein Mann von höheren Geiſtesgaben, wenn er zuerſt ſeine Theorie und Erfahrungen mit den Auffaſſungen einer klugen Frau der großen Welt vergleicht! Vielleicht wird er dadurch nicht erhoben, aber um ſo mehr erleuchtet und verfeinert. Wie zahl⸗ loſe kleine und dennoch wichtige Geheimniſſe über Menſchencharakter und Lebensklugheit erlangt er un⸗ bewußt von der funkelnden Perfiflage ſolch einer Ge⸗ fährtin! Unſere Erziehung wird ſelten ohne eine ſolche Lehrerin vollendet. „Glauben Sie denn, daß dieſe ſtattlichen Römer Bulwer, Maſtravers. I. 10 —— 146 uns gar nicht ſo unähnlich waren?“ fragte Valerie eines Tages, als ſie über dieſelbe Erde und daſſelbe Meer blickten, worüber einſt die Blicke des üppigen, aber erhabenen Lueullus ſchweiften. „Eine überſicht über ihren geſelligen Zuſtand in den letzten Tagen der Republik vermag uns einen allgemeinen Begriff über unſeren eigenen zu ver⸗ ſchaffen. Ihr Syſtem gleicht dem unſern, das eher eine ungeheure Ariſtokratie, als eine Monarchie bildet. Rom war eine Ariſtokratie, anſchwellend und bewegt, welche aber ehrgeizig und geiſtig hochſtehend durch den großen demokratiſchen Ocean erhalten wurde, der unter ihr und rings umher erbrauste. Ein unge⸗ heurer Unterſchied zwiſchen reich und arm— ein üppi⸗ ger, reicher, hochgebildeter, jedoch kaum eleganter oder verfeinerter Adel— ein Volk mit ſtarken Be⸗ ſtrebnngen nach größerer Freiheit, welches jedoch in einer Kriſe ſtets bei tief gewurzelter Verehrung zu derſelben Ariſtokratie, gegen welche es kämpfte, dem Einfluß derſelben ausgeſetzt war und unterworfen wurde; eine bereitwillige Eröffnung aller Schranken der Gewohnheit und der Vorrechte für jede Art von Talent und Ehrgeiz; allein eine ſo ſtarke und allge⸗ meine Achtung vor Reichthum, daß der edelſte Geiſt heinahe unbewußt, geizig, habſüchtig und corrupt wurde. Der Mann, welcher ſich aus dem Volk erhob, trug kein Bedenken, ſich aus den Mißbräuchen zu bereichern, die er zu beklagen vorgab; der Mann, welcher für ſein Vaterland geſtorhen wäre, konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Hand in deſſen Taſche zu ſtecken. Patriot erinner widerſte für alle Sturz! Welche In En Kampf größere erblicker der Ro zuletzt t Auguſt nichtete Platz 5 der Fre ſagen, lange 6 Grad e Kampf ſchen de Der Ke darf kei ſtokratif wirklich Schatte ſo iſt d geſtellt; Me alerie ſſelbe igen, nd in einen ver⸗ eher bildet. wegt, durch „ der unge⸗ üppi⸗ anter 1Be⸗ h ein g zu „dem oen anken t von allge⸗ Geiſt rrupt erhob, en zu Nann, nte es he zu ſtecken. Caſſius, der ſtandhafte und gedankenvolle Patriot, mit dem eiſernen Herz, hatte, wie Sie ſich erinnern, eine Hand, die dem Reiz des Goldes nicht widerſtehen konnte. Und dennoch, welch ein Schlag für alle Hoffnungen und Träume einer Welt war der Sturz der republikaniſchen Partei nach Cäſars Tod! Welche Generationen von Freien fielen bei Philippi! In England können wir vielleicht zuletzt denſelben Kampf erleben; auch in Frankreich(vielleicht einer größeren Bühne, mit entzündbareren Schauſpielern) erblicken wir ſchon denſelben Kampf der Elemente, der Rom bis zum Mittelpunkte erſchütterte, welcher zuletzt den edelmüthigen Cäſar durch den heuchleriſchen Auguſt erſetzte, welcher den rieſenhaften Adel ver⸗ nichtete, um den prunkenden Zwergen eines Hofes Platz zu machen, welcher ein Volk um das Weſen der Freiheit durch den Schatten betrog. Wer kann ſagen, wie dies in der neueren Welt enden wird? So lange aber eine Nation bereits einen bedeutenden Grad conſtitutioneller Freiheit beſitzt, halte ich keinen Kampf für ſo gefährlich und furchtbar, als den zwi⸗ ſchen dem ariſtokratiſchen und demokratiſchen Princip. Der Kampf eines Volkes gegen einen Deſpoten be⸗ darf keines Propheten; allein der Wechſel einer ari⸗ ſtokratiſchen Republik in eine demokratiſche bietet wirklich eine weite, unbegrenzte Ausſicht, worin Schatten, Wolken und Dunkel ruhen. Mißlingt er, ſo iſt die Sanduhr der Zeit auf Jahrhunderte zurück⸗ geſtellt; nimmt er einen glücklichen Ausgang“— Maltravers hielt an. 148 „Nun, wenn er Erfolg hat?“ fragte Valerie. „Wohl, alsdann wird der Menſch utopien eo⸗ loniſirt haben,“ rief Maltravers mit funkelnden Au⸗ gen aus.„Wenigſtens im neuen Europa,“ fuhr er fort, wird Raum genug zum Verſuche ſein. Wir beſitzen nicht den Fluch der Sklaverei, welches mehr wie alles Andere jenes Eyſtem der Alten verfälſchte und einen ewigen Krieg zwiſchen Reichen und Armen erhielt; wir beſitzen eine Preſſe, welche nicht allein das Sicherheitsventil für die Leidenſchaften jeder Par⸗ tei, ſondern auch das große Notizenbuch für die Ver⸗ ſuche jeder Stunde darbietet, ein ſtets zu gebrau⸗ chendes unſchätzbares Hauptbuch für alle Verluſte und Gewinne. Nein, dasjenige Volk, welches Ordnung in demſelben erhält, kann nie Bankerot machen. Und dann die Geſellſchaft dieſer alten Römer, ihre täglichen Leivenſchaften, Geſchäfte, Launen!— Nun, die Sa⸗ tire des Horaz iſt der Spiegel unſerer eigenen Thor⸗ heiten. Wir können uns denken, ſeine leicht geſchrie⸗ benen Werke ſeien in London oder Paris verfaßt. Etwas aber wird ſtets eine Unähnlichkeit der alten Welt zur neueren bieten.“ „Was iſt das?“ „Die Alten kannten nicht jenes Zartgefühl in der Neigung, welche für die Abkömmlinge der Gothen charakteriſtiſch iſt,“ ſagte Maltravers, während ſeine Stimme leicht zitterte.„Sie übergaben als Monopol den Sinnen dasjenige, was gleichen Antheil an Ver⸗ nunft und Einbildungskraft haben muß. Ihre Liebe war ein ſchöner und flatterhafter Schmetterling, nicht aber d Seele! Va des ju: abgewa Pauſe, licher, ſellſcha großer häufig meiner überge verzoge in der unſere Weiſe des Leb im Au langen, Wunſch glücklich travers wir die „S fragte in das n eo⸗ nAu⸗ uhr er Wir mehr älſchte Armen allein Par⸗ Ver⸗ ebrau⸗ te und dnung Und lichen ie Sa⸗ Thor⸗ ſchrie⸗ erfaßt. alten in der othen ſeine nopol Ver⸗ Liebe nicht aber der Schmetterling, welcher das Sinnbild der Seele bietet.“ Valerie ſeufzte. Sie blickte furchtſam in das Antlitz des jungen Philoſophen, allein ſeine Augen waren abgewandt.„Vielleicht,“ ſprach ſie nach einer kurzen Pauſe,„verbringen wir unſer Leben ohne Liebe glück⸗ licher, als mit derſelben. In unſerem neueren ge⸗ ſellſchaftlichen Syſtem,“ fuhr ſie nachdenklich und mit großer Wahrheit fort, obgleich Frauenzimmer nicht häufig zu dem Schluß kommen,„haben wir nach meiner Meinung die Liebe zu einem viel zu großen übergewicht über die andern Aufregungen des Lebens verzogen. Als Kinder lernen wir davon träumen; in der Jugend werden unſere Bücher, unſere Geſpräche, unſere Spiele damit erfüllt. Man zieht uns in ſolcher Weiſe auf, daß wir ſie als die weſentliche Bedingung des Lebens betrachten; und dennoch erkennen wir uns im Augenblick, wo wir zu wirklicher Erfahrung ge⸗ langen, wo wir dieſem eingeflößten und erregten Wunſche uns hingegeben, neunmal unter zehn als un⸗ glücklich und verloren. Glauben Sie mir, Herr Mal⸗ travers, dieſe Welt iſt nicht von ſolcher Art, daß wir die Philoſophie der Liebe zu ſehr predigen dürfen!“ „Spricht Frau von Ventadour aus Erfahrung?“ fragte Maltravers, indem er mit ernſtem Ausdruck in das erröthende Antlitz ſeiner Gefährtin blickte. „Nein, und ich hoffe, daß dies nie der Fall ſein wird,“ ſprach Valerie mit großem Nachdruck. Maltravers Lippe kränſelte ſich leicht, denn ſein Stolz war berührt. „Ich könnte manche Thräne der Zukunft aufgeben, vernähme ich, daß Frau von Ventadour dieſen Aus⸗ ſpruch zurücknähme.“ „Wir ſind unſern Gefährten zu weit vorausge⸗ ritten, Herr Maltravers,“ ſagte Valerie mit Kälte, als ſie ihr Pferd anhielt.„Ah, Herr Ferrers,“ fuhr ſie fort, als Lumley und der hübſche deutſche Baron ſie einholten,„ich ſehe, daß Sie ein zartes Compli⸗ ment meiner Reiterei ertheilen, wenn Sie bei mir den Glauben wünſchen, daß Sie mit mir nicht Schritt halten können. Herr Maltravers iſt nicht ſo artig.“ „Nun,“ erwiderte Ferrers, welcher ein Compli⸗ ment ohne genügende Antwort nie vorbeiließ,„Sie und Maltravers ſchienen unter den alten Römern ver⸗ loren. Unſer Freund, der Baron, benützte aber die Gelegenheit, mir von allen Damen, die ihn anbeteten, zu erzählen.“ „Ah, Monsieur Ferrers, que vous ẽtes malin,“ ſagte Schomberg, indem er ſehr verlegen ausſah. „Malin, nein; ich ſagte das nicht aus Neid; ich bin niemals angebetet worden, dem Himmel ſei Dank! Welch ein langweiliger Menſch muß ein angebeteter Mann ſein!“ „Ich wünſche Ihnen Glück wegen der Sympathie zwiſchen Ihnen und Ferrers,“ flüſterte Maltravers Valerie zu. Valerie lachte, blieb aber nachdenklich und abweſend während der übrigen Zeit des Spazierrittes. Ihre Ausflüge wurden auf einige Tage unterbrochen; Frau von Ventadvur befand ſich nicht wohl. ( Men in La ſtark und Auße hende geſch Irrth befrei ſchlas that zens nern von loren der L ſie ur Auch liegt, ſich daß i die le Strel geben, Aus⸗ usge⸗ Kälte, ſuhr Baron mpli⸗ i mir chritt rtig.“ mpli⸗ „Sie nver⸗ er die teten, alin,“ ah. d ich dank! eteter pathie avers eſend Ihre Frau 15¹ Drittes Kapitel. Verlaß mich o Liebe nicht, Mein irdiſches Glück zerbricht, Biſt du geſchieden. hemans. Ernſt Maltravers war nicht mehr ein ſo guter Menſch wie damals, als er England verließ. Er hatte in Ländern gelebt, wo die öffentliche Meinung weder ſtark von Einfluß, noch ſtreng in ihren Geſetzen iſt, und dadurch werden die Menſchen nicht gebeſſert. Außerdem, daß er in ein Gewühl des Lebens mit glü⸗ henden Leidenſchaften und überlegenen Geiſteskräften geſchleudert war, wurde er von den einen in manche Irrthümer geführt, von deren Folgen ihn die andere befreite. Die Nothwendigkeit, ſich vurch die Welt zu ſchlagen, heute dem Betrug und morgen der Gewalt⸗ that zu widerſtehen, hatte die Oberfläche ſeines Her⸗ zens verhärtet, obgleich deſſen Springfedern im In⸗ nern noch friſch und lebendig waren. Er hatte viel von ſeiner ritterlichen Verehrung der Frauen ver⸗ loren, die er eher als Spielzeug, wie als Gegenſtände der Verehrung zu betrachten hegann; er fand, daß ſie uns eben ſo oft hintergehen, wie wir ſie betrügen. Auch fand er, daß ihr Gefühl häufig weniger tief liegt, als es der Fall zu ſein ſcheint, und daß ſie ſich verlieben und die Liebe wieder aufgeben, ohne daß ihre Herzen darüber brechen. Ferner hatte er die letzten Jahre ohne höhere Zwecke oder beſtimmtes Streben zugebracht. Maltravers hatte vom Kapital 152 ſeiner Fahigkeiten und Regungen mit verſchwende⸗ riſchem, ſpekulirendem Geiſte gelebt. Für einen geiſtig gebildeten und glühenden Mann iſt es ſtets ein ſchlim⸗ mer Fall, wenn er keinen vorherrſchenden Lebenszweck vor Augen hat. Betrachten wir alle dieſe Umſtände, ſo dürfen wir uns kaum wundern, daß Maltravers in ein un⸗ willkürliches Syſtem ſeine eigenen Vergnügungen und Abſichten zu verfolgen, verfallen war, ohne daß er gerade an das üble oder das Gute dachte, welches dieſelben ihm oder Andern zufügten. Er war weni⸗ ger von hohem Sinn und ſelbſtſüchtiger geworden. Bei ſeinem gegenwärtigen Verkehr mit Frau von Ventadvur bildete er keinen Plan; er fühlte In⸗ tereſſe und Aufregung, und Valeriens Benehmen, welches ihm heute ſchmeichelte und ihn morgen reizte, machte ſeine Eitelkeit und ſeinen Stolz ſeiner Phan⸗ taſte dienſtfertig. Obgleich aber Herr von Ventavour, ein frivoler und lüderlicher Franzoſe, vollkommen gleichgültig über das Treiben ſeiner Frau ſchien; obgleich ferner beinahe jede Dame der Geſellſchaft, worin Valerie lebte, ihren Cavalier hatte, ſo würde Maltravers dennoch mit Ungläubigkeit oder Schrecken aufgefahren ſein, hätte ihn Jemand einer ſyſtemati⸗ ſchen Abſicht auf ihre Neigung angeklagt. Allein er lebte mit der Welt und die Welt regte ihn in ſolcher Weiſe an, wie es faſt bei Jedem der Fall iſt. Dennoch hegte er zu Zeiten im Herzen ein Gefühl, daß er nicht ſein Geſchick und ſeine Pflicht erfülle; wann er ſich aus den glänzenden Vereichen eines unwür ward e zum S Indeß ſomit: entzücke Eir franzöfi die Für Ventad dalöſen lande ſi „Iſt Geſandt leute w In jede Geſchich länder Klatſche von eng „We weil wir ben ruhi Epiſode, „Ich zoſe mit oder koke wir dies es nicht Bewegun unwürbigen und herzloſen Vergnügens hinwegſtahl, ward er immer wiederum von ſeiner alten Sehnſucht zum Schönen, Tugenbhaften und Großen heimgeſucht. Indeß die Hölle iſt mit guten Abſichten gepflaſtert; ſomit überließ ſich Ernſt Maltravers mittlerweile ver entzückenden Gegenwart der Velerie von Ventadvur. Eines Abends bilbete Maltravers, Ferrers, der franzöſiſche Geſandte, eine hübſche Italienerin und die Fürſtin*** die ganze Geſellſchaft bei Frau von Ventadvur. Das Geſpräch gerieth auf eine der ſean⸗ dalöſen Geſchichten über Engländer, die auf dem Feſt⸗ lande ſo gewöhnlich find. „Iſt es wahr, Monfieur?“ fragte der franzöſiſche Geſandte ernſthaft Lumley Ferrers,„daß Ihre Lands⸗ leute weit unmoraliſcher ſind, wie andere Völker? In jeder Stadt, wohin ich gerathe, wird mir eine Geſchichte zum Beſien gegeben, deren Helden Eng⸗ länder find. Ich höre Nichts von franzöſiſchen Klatſchereien, Nichts von italieniſchen, immer nur von engliſchen.“ „Weil uns dergleichen Dinge anſtößig ſind, und weil wir Läam varüber machen, während Sie dieſel⸗ hen ruhig hinnehmen. Das Laſter iſt für uns eine Epiſode, für Sie ein epiſches Gedicht.“ „Ich glaube, es iſt der Fall,“ ſagte der Fran⸗ zoſe mit affektirtem Ernſt,„betrügen wir im Spiel, oder kokeitiren wir mit einer ſchönen Dame, ſo thun wir dies mit Anſtand, und unſere Nachbarn halten es nicht für nöthig, Himmel und Erde darum in Bewegung zu ſetzen; ſie rennen uns vielleicht den 154 Degen durch den Leib, gehen aber nicht mit uns vor Gericht. Sie aber halten jede kleine Sünde für eine öffentliche Angelegenheit, die verhandelt und beſpro⸗ chen, wogegen deklamirt und welche aller Welt er⸗ zählt werden muß.“ „Sie mögen ſagen, was Sie wollen,“ fiel Frau von Ventadour plötzlich ein,„mir gefällt dies Syſtem der Klatſcherei; die Politik der Furcht erhält die Tugend von manchen Frauen. Die Sünde möchte nicht verhaßt ſein, wenn wir nicht ſogar vor den Folgen des Scheins zitterten.“ „Hm, hm,“ grunzte Herr von Ventadvur, indem er ſich ins Zimmer ſchob,„wie geht's, wie geht's? entzückt Sie zu ſehen; düſterer Abend, ich glaube, wir werden Regen bekommen, hm, hm! Aha, Mon- sieur Ferrers, comment ca va-t-il? Wollen Sie mir Revanche im Eearté geben? Ich hege Verdacht, daß ich heute Abend Glück haben werde.“ „Eearté, gut, mit Vergnügen,“ ſagte Ferrers. Ferrers ſpielte geſchickt, das Geſpräch endete ſo⸗ gleich. Die kleine Geſellſchaft ſammelte ſich um den Tiſch, mit Ausnahme von Valerie und Maltravers. Die leer gelaſſenen Stühle ließen eine Lücke zwiſchen Beiden; allein ſie ſaßen nicht weit von einander und ſie empfanden Verlegenheit, denn ſie allein empfanden. „Spielen Sie niemals Karten?“ fragte San von Ventadvur nach einer Pauſe. „Ich habe geſpielt und ich kenne die xer Jetzt wage ich nicht zu ſpielen. Ich liebe die Auf⸗ regung, wurde aher durch die Erniedrigung gede⸗ biswe thum Ich ka zu err „2 eigene Maltr Vielle ns vor ür eine eſpro⸗ elt er⸗ Frau Syſtem ält die möchte den indem eht's? laube, Mon- Sie 15⁵5 müthigt; das Spiel iſt eine morali ſchlimmer als eine phyſiſche.“ „Sie reden mit Wärme.“ „Weil ich mit Schärfe fühle. von einem Manne, welchen ich a arm war. Sein Seelenſchmerz war für mich eine furchtbare Lehre. Ich ging nach Hauſe und wurde durch den Gedanken erſchreckt, vaß ich an der Pein eines Andern viel Vergnügen empfunden hatte.“ „So jung und ſo entſchloſſen,“ ſagte Valerie mit Bewunderung in ihrer Stimme und ihren Augen. „Sie ſind eine ſonderbare Perſon. Andere wären durch Verluſt geheilt worden, Sie wurden dies durch Gewinn. Herr Maltravers, in Ihrem Alter iſt es ſchön, Grundſätze zu hegen.“ „Ich beſorge, dies geſchah eher aus Stolz als aus Grundſatz,“ agte Maltravers.„Der Irrthum iſt bisweilen ſüß; allein kein Kummer kommt einem Irr⸗ thum gleich, über welchen wir Scham empfinden. Ich kann mich dem Fall nicht ausſetzen, vor mir ſelbſt zu erröthen.“ „Ach, liſpelte Valerie,„dies iſt das Echo meines eigenen Herzens.“ Sie ſtand auf und ging zum Fenſter. Maltravers hielt einen Augenblick an und folgte ihr. Vielleicht dachte er zur Hälfte, in der Bewegung liege eine Einladung. Vor ihnen lag die ſtille Straße mit ſchwachen und ſeltenen Lichtern. Jenſeits derſelben zeigten wenige Sterne, die durch eine ſonſt gewöhnlich helle Atmoſphäre mit Wolken kämpften, ihnen theilweiſe ſche Trunkenheit, Einſt gewann ich chtete und welcher 156 den murmelnden Ocean. Valerie lehnte ſich an die Wand und die Fenſtervorhänge verhüllten ſie vor allen Gäſten, mit Ausnahme Maltravers; zwiſchen Beiden ſtand eine große, mit Blumen gefüllte Mar⸗ morvaſe; im ungewiſſen Licht erſchien Valeriens glän⸗ zende Wange blaß, ſanft und gedankenvoll. Maltra⸗ vers fühlte nie früher ſo viel Liebe zu der ſchönen Franzöſin. „Ach, Madame,“ ſprach er ſanft;„ein Irr⸗ thum, wenn er dies wirklich iſt, kann niemals bei mir Scham hervorrufen.“ „Wirklich,“ ſagte Valerie indem ſie ohne Ziererei auffuhr, denn fie hatte nicht bemerkt, daß er ihr ſo nahe ſtand; während ſie ſprach, begann ſie die Vlu⸗ men aus der Vaſe zwiſchen ihr und Ernſt zu pflücken (ein gewöhnlicher Kunſtgriff der Frauen). Die kleine, zarte, beinahe durchſichtige Hand!— Maltravers blickte auf die Hand, dann auf das Geſicht, dann wieder auf die Hand. Die Seene ſchwamm vor ſeinen Augen; unwillkürlich durch einen unwiderſtehlichen Antrieb ruhete die Hand im nächſten Angenblick in der ſeinigen. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte er mit bebender Stimme,„dieſer Irrthum liegt in Empfindungen zu Ihnen.“ Valerie erhob ihre großen und ſtrahlenden Augen und gab keine Antwurt. Maltravers fuhr fort:„Schmälen Sie, behandeln Sie mich mit verächtlichem Stolz, haſſen Sie mich⸗ wenn Sie wollen. Valerie, ich liebe Sie“ verſch Schwe waren „4 Stimn doch u iſt gef⸗ loren, hätte d Nichts Sie m „A „Et Hand 1 mer k welche Bev Worte geſchlüp ber Gru Valerie zog ihre Hand hinweg und blieb noch immer ſchweigenb. „Sprechen Sie,“ ſagte Ernſt ſich vorwärts beu⸗ gend,„nur ein Wort, ich flehe Sie an!“ Er ſchwieg— noch immer keine Erwiderung;— er horchte athemlos— er vernahm ihr Schluchzen. Die ſtolze, kluge und hohe Weltdame war in dem Augenblick ſo ſchwach als das einfachſte Mädchen, welches jemals auf einen Liebhaber horchte. Wie verſchieden aber waren die Gefühle, welche ihre Schwäche bewirkten! Wie ſanfte und ſtolze Regungen waren gemiſcht! „Herr Maltravers,“ ſprach ſie, als ſie ihre Stimme wieder erlangte, obgleich dieſelbe hohl, je⸗ doch unnatürlich feſt und hell klang—„der Würfel iſt gefallen und ich habe auf immer den Freund ver⸗ loren, für deſſen Wohl ich gern geſtorben wäre; ich hätte dies vorausſehen ſollen, allein ich war blind, Nichts mehr! Beſuchen Sie mich morgen, verlaſſen Sie mich jetzt!“ „Aber Valerie. 4 „Ernſt Maltravers,“ ſprach ſie, indem ſie ihre Hand leichthin auf die ſeinige legte,„kein Kum⸗ mer kömmt einem Irrthum gleich, über welchen wir Scham empfinden.“ Bevor Maltravers auf dies Citat ſeiner eigenen Worte Antwort geben konnte, war Valerie hinweg⸗ geſchlüpft und ſaß bereits am Kartentiſch neben der italieniſchen Fürſtin. A Maltravers ſchloß ſich der Gruppe an. Er heftete ſeinen Blick auf Frau 158 von Ventabour, allein ihr Geſicht war ruhig; keine Spur von Aufregung ließ ſich erkennen. Ihre Stimme, ihr Lächeln, ihr entzückendes und höfliches Weſen war gerade ſo als wie er ſie zuerſt erblickte „Wie heuchleriſch ſind doch dieſe Weiber,“ dachte Maltravers und ſeine Lippe wand ſich in einen ſpötti⸗ ſchen Zug, welcher ſeit Kurzem öfter den heiteren und anmuthigen Ausdruck früherer Jahre verdrängt hatte, bevor er wußte, wußte, was Verachtung war. Allein Maltravers täuſchte ſich in dem Weibe, welches er zu verachten wagte. Er entfernte ſich bald aus dem Palazzo und begab ſich in ſeinen Gaſthof. Wäh⸗ rend er dort in ſeinem Ankleidezimmer über ſeine Gedanken grübelte, trat Ferrers zu ihm hin. Die Zeit war vorüber, worin Ferrers Einfluß auf Mal⸗ travers geübt hatte; der Jüngling war herangewachſen, ſo daß er dieſem Manne, im Gehrauche des zwei⸗ ſchneidigen Schwertes, Verſtand, vollkommen gleich⸗ ſtand. Maltrangrs empfand jetzt unvermiſcht das ruhige Bewußtſein ſetner Geiſtesüberlegenheit. Er konnte Ferrers, was zwiſchen ihm und Valerie vorgegangen war, nicht vertrauen. Lumley war in Sachen, woran das Herz Theil hatte, für ihn ein widerwärtiger Vertrauter. Ferrers war allerdings ſehr angenehm bei guter Laune und unter frivolen Abenteuern; allein im Kummer oder im Augenblicke tiefen Gefühls war Ferrers ein Mann, den man ſich vom Halſe zu ſchaffen wünſchte. „Heute Abend ſind Sie mürriſch, mon cher,“ ſagte Lumley gähnend;„ich glaube, Sie müſſen zu Bett; ſüchtig Niema habe. mag n um dre egoiſtiſ Na Zimme er folg zu Alle ſein ka paſſen; Langew ich auc nung f von der Jahren man im „M gekomm Tage ſi erhob. Bett; gewiſſe Leute ſind ſo ſchlecht erzogen und ſelbſt⸗ me, ſüchtig, daß ſie niemals an ihre Freunde denken. war Niemand frägt mich, ob ich im Eearté gewonnen habe. Stehen Sie morgen nicht zu ſpät auf. Ich chte mag nicht allein frühſtücken und bin nie ſpäter als tti⸗ um dreiviertel auf neun auf den Beinen. Ich haſſe erenegeiſtiſche, ſchlecht geſittete Leute. Gute Nacht.“ ingt Nach dieſen Worten begab ſich Ferrers auf ſein var. Zimmer; dort, als er ſich langſam entkleidete, hielt ches er folgenden Monolog:„Ich glaube dieſen Mann aus zu Allem gebraucht zu haben, wozu er mir nützlich gäh⸗ ſein kann, länger werden wir nicht wohl zuſammen ſeine praſſen; vielleicht fühle ich ſelbſt über dieſe Lebensart Die Langeweile. Das iſt nicht Recht. Nebenbei werde Mal⸗ ich auch ehrgeizig werden; und ich halte die Berech⸗ hſen, nung für ſchlecht, welche nicht den meiſten Nutzen wei⸗ von der Jugend zieht. Bei vier oder fünfunddreißig eich⸗ Jahren wird es Zeit genug ſein zu bedenken, was man im 50. Jahre ſein ſollte. Viertes Kapitel. Gefährlich iſt nehm Verſuchung, wenn der Tugendliebe Schein Zur Sünd' uns leitet. llein Shakeſpeare. „Morgen ſollte ich ſie ſehen! dieſes Morgen iſt gekommen!“ dachte Maltravers, als er am nächſten er,“ Tage ſich nach einer ſchlafloſen Nacht vom Lager erhob. Jedoch noch ehe er den ungeduldigen Auf⸗ 160 forderungen Ferrers gehorchte, welcher ihm ſchon dreimal hatte ſagen laſſen:„Er laſſe nie die Leute warten;“ trat ſein Diener mit einem Paket aus England ein, welches ſo eben von einem jener ſelten anlangenden Couriere überbracht war, die hisweilen Neapel beehren— Neapel, eine Stadt, welche für den engliſchen Handel einen ſo gewinnreichen Markt bieten könnte, wenn neapolitaniſche Könige ſich um den Handel oder engliſche Senatoren ſich um fremde Politik bekümmerten. Briefe von Verwaltern und Banquiers waren bald geleſen; zum letzten bewahrte Maltravers einen Brief von Cleveland. In demſelben befand ſich viel, was ihn lebhaft rührte. Nach eini⸗ gen trockenen Bemerkungen über das Eigenthum, welches Maltravers jetzt erlangt hatte und nach eini⸗ gen unbedeutenden Commentarien über unbedeutende Bemerkungen in Ernſt's frühern Briefen, fuhr Cle⸗ veland auf folgende Weiſe fort: „Ich geſtehe, theurer Ernſt, daß ich mich ſehne, Sie wieder in England zu bewillkommnen. Sie ſind lange genug auf Reiſen geweſen, um andere Länder ſehen zu können; bleiben Sie nicht ſo lange, daß Sie dieſelben Ihrem Vaterlande vorziehen. Sie be⸗ finden ſich noch dazu in Neapel; ich zittre für Sie. Ich kenne ſehr wohl dies entzückende, träumeriſche Feſttagsleben Italiens, welches Leuten von Gelehr⸗ ſamkeit und Einbildung ſo ſüß— auch für die Ju⸗ gend ſo lieblich und im Vergnügen entzückend iſt! Allein, Ernſt, empfinden Sie nicht ſchon, wie ſehr daſſelbe entnervt? wie das üppige Nichtsthun uns der könn um ſie di kenn Sie und könn einer Leide ich ſ zaub⸗ män die 2 fügu Alter wäre Jahr müſſe ſehen ſich ſ find Bühr die a mir wohl und bedar der i Strel riſche elehr⸗ e Ju⸗ iſt! ſehr uns — der ernſten Thätigkeit entfremdet? Einzelne Männer können zu ſehr verfeinert und zu wähleriſch werden, um zu nützlichen Zwecken zu taugen; nirgends werden ſie dies ſchneller, als in IFtalien. Theurer Ernſt, ich kenne Sie wohl. Sie ſind nicht ſo geſchaffen, daß Sie zum Virtuoſo mit einem Kabinet voll Kameen und einem Kopf voll von Gemälden herabſinken könnten; noch weniger ſind Sie zum trägen Cieisbey einer ſchönen Italienerin geſchaffen, welche eine Leidenſchaft und zwei Ideen hegt; und bennoch kannte ich ſogar begabtere Männer wie Sie, welche das be⸗ zaubernde Italien in das eine oder andere dieſer un⸗ männlichen Weſen hinunterbrachte. Hegen Sie nicht die Meinung, daß Sie noch genug Jahre zur Ver⸗ fügung haben! Dies iſt nicht der Fall. In Ihrem Alter und bei Ihrem Vermögen(ich wünſchte, Sie wären nicht ſo reich!) wird der Feiertag des einen Jahrs, die Gewohnheit des nächſten. In England müſſen Sie arbeiten, um ein nützlicher und ange⸗ ſehener Mann zu werden. Die Arbeit aber iſt an ſich ſüß, wenn wir uns früh daran gewöhnen. Wir ſind ein hartes, aber männliches Geſchlecht; unſere Bühne iſt für einen fähigen und würdigen Ehrgeiz die aufregendſte in Europa. Vielleicht werden Sie mir ſagen, daß Sie jetzt noch nicht ehrgeizig ſind; wohl möglich— aber ehrgeizig werden Sie ſicherlich, und glauben Sie mir, es gibt keinen unglücklicheren, bedauernswertheren Menſchen, als einen Ehrgeizigen, der in ſeinen Hoffnungen getäuſcht wurde, welcher Streben nach Ruhm hegt, aber die Kraft, denſelben Bulwer, Maltravers. 1. 11 162 zu erreichen verloren hat; welcher nach dem Ziele ſich ſehnt, aber ſeine Pantoffeln nicht ausziehen kann, um darauf hinzuwandeln. Zwei Uebel beſonders fürchte ich für Sie— eine frühe Heirath, oder ein unglückliches Verhältniß mit einer verheiratheten Frau. Das erſtere nebel iſt ſicherlich das geringere, allein für Sie wäre es ein großes. Bei Ihrer gefühl⸗ vollen, romantiſchen Stimmung, bei Ihrem krank⸗ haften Streben nach dem Jveal würde häusliches Glück bald abgetreten und langweilig werden. Sie würden neue Aufregung verlangen, und ein ruheloſer, ſowie unzufriedener Mann werden. Bevor Sie ſich vurch ein immerwährendes Band verheirathen, müſſen Sie von allem falſchen Fieber des Lebens frei ge⸗ worden ſein. Sie kennen noch nicht Ihre eigene Seele; Sie würden Ihre Gefährtin nach viſionären Launen oder nach augenblicklichem Antrieb, und nicht nach der tiefen und genauen Kenntniß derjenigen. Eigenſchaften ſich wählen, welche am meiſten mit Ihrem eigenen Charakter übereinſtimmte. Ehelente müſſen, um glücklich mit einander leben zu können, gleichſam in einander paſſen; der Stolze muß mit der Demüthigen, der Reizbare mit der Sanften ꝛe. ver⸗ bunden werden. Nein, theurer Maltravers, denken Sie noch nicht ſo bald an eine Ehe; iſt einige Ge⸗ fahr dazu vorhanden, ſo kommen Sie ſogleich zu mir herüber. Warne ich Sie aber vor einer rechtlichen Verbindung, ſo geſchieht dies noch bei weitem mehr hinſichtlich einer unerlaubten; Sie gerade find von dem Alter und von dem Charakter, wofür die Ver⸗ Ziele kann, nders r ein Frau. allein fühl⸗ rank⸗ liches Sie loſer, e ſich müſſen i ge⸗ igene nären nicht nigen. mit elente nnen, it der ver⸗ enken Ge⸗ mir ichen mehr von Ver⸗ 163 ſuchung ſo ſtark und tödtlich wird. Für Sie wäre es nicht die Sünde einer Stunde, ſondern die Sklaverei eines Lebens. Ich kenne Ihr ritterliches Ehrgefühl und Ihr zärtliches Herz; ich weiß, wie treu Sie einer Dame ſein würden, welche ſich für Sie geopfert hätte; allein, Maltravers, zu welchem Leben ver⸗ geudeten Talents und verſchwendeter Kraft würde Sie eine ſolche Treue zwingen! Welch ein Unglück wäre ſo verhängnißvoll für ein kühnes und ſtolzes Temperament, als beim erſten Eintritt ins Leben mit der Geſellſchaft zu verfallen? Wie würden männ⸗ liche Zwecke und Beſtrebungen verwelken, müßten Sie bleibend eine Frau bei ſich behalten, deren Intereſſe in Ihrer Liebe, nicht aber in Ihrem Ruhme beſtehe? — ein Hemmniß Ihres zukünftigen Geſchicks! Ich könnte Ihnen mehr ſchreiben; allein ich hoffe, was ich ſagte, iſt überflüſſig; iſt dies der Fall, ſo bitte ich Sie, mir die Verſicherung zu geben. Verlaſſen Sie ſich darauf, Ernſt Maltravers, erfüllen Sie nicht dasjenige, was die Natur zu Ihrem Schickſal be⸗ ſtimmte, ſo werden Sie ein krankhafter Menſchen⸗ haſſer vder ein träger Lüſtling— unglücklich und ge⸗ dankenlos im Mannesalter— reich und freudenlos als Greis. Erfüllen Sie aber Ihr Schickſal, ſo müſſen Sie bald Ihre Lehrjahre antreten. Kommen Sie zu mir, damit ich ſehe, wie Sie arbeiten und ſtreben — es iſt gleichgültig, worin und wozu. Arbeiten Sie, das iſt Alles, warum ich Sie bitte! Ich wünſche, daß Sie Ihren alten Landſitz beſuchen, er bietet eine ehrwürdige und maleriſche Anſicht; während Ihrer 164 Minderjährigkeit hat das Epheu drei Seiten veſſelben bedeckt. Montague würde dort gern gelebt haben⸗ Adien theurer Ernſt. Ihr beſorgter und liebevoller Vormund Friedrich Cleveland.“ „N. S. Ich ſelbſt ſchreibe ein Buch; zehn Jahre lang werde ich daran arbeiten. Es beſchäftigt, aber ermüdet mich nicht.— Schreihen Sie doch ſelbſt ein Buch!“ Maltravers hatte gerade den Brief durchgeleſen, als Ferrers ungeduldig eintrat.„Wollen Sie aus⸗ reiten?“ fragte er.„Ich habe das Frühſtück fort⸗ geſchickt; ich ſah, heute ſei das Frühſtück eine eilte Hoffnung; mein Appetit iſt wirklich fort.“ „Bah,“ ſagte Maltravers. „Bah? Hm, ich meinerſeits liebe wohlerzogene Leute.“ „Ich habe einen Brief von Cleveland bekommen.“ „Was zum Henker hat der Brief mit der Choco⸗ lade zu thun?“ „Lumley, Sie find unerträglich. Sie denken nur an ſich ſelbſt, und Ihr Selbſt hat auf nichts Anderes, als auf das Thieriſche Bezug.“ „Gut, ich glaube, ich beſitze einigen Verſtand,“ verſetzte Ferrers ſelbſtgefällig.„Ich kenne die Phi⸗ loſophie des Lebens; alle zweifüßigen Thiere ohne Federn, ſind Thiere, wie ich glaube. Wenn mich die Vorſehung zum grasfreſſenden Thiere geſchaffen hätte, ſo hätte ich Gras gefreſſen; wenn zum Wieder⸗ käuer, ſo hätte ich mein Futter noch einmal hearbeitet; * da Spe hat, und im war ihn wele doir von war Ger hoch einf mat fant haſt und nig trat vere von ihm ſpre Ent niet ſie mer ben. nd.“ ahre aber ein ſen, aus⸗ ort⸗ eilte gene en.“ oco⸗ nur res, d,“ hi⸗ hne nich ffen er⸗ et; 165 va ſie mich aber zu einem fleiſchfreſſenden, gekochte Speiſen verzehrenden und lachenden Thiere geſchaffen hat, ſo eſſe ich eine Cotelette, ſchmäle über die Sauce und lache über Sie, und das nennen Sie ſelbſtiſch!“ Es war ſpät am Mittag, als Maltravers ſich im Palazzo der Frau von Ventadour befand. Er ward angenehm überraſcht, als er bemerkte, daß man ihn zum erſtenmal in das Privatheiligthum zuließ, welches den abgetretenen und gemeinen Namen Bou⸗ doir führt. Allein das Morgenzimmer der Frau von Ventadour, worin ſie las, dachte und ſchrieb, war ſehr verſchieden von den mit Seide geſchmückten Gemächern, denen man den Namen ertheilt. Es war hoch, mit Büchern reichlich verſehen, und mit keuſcher, einfacher Grazie angeordnet; es glich eher dem Ge⸗ mach einer Cornelia, als einer Aſpaſia. Valerie be⸗ fand ſich nicht dort; Maltravers, allein, überſah haſtig das Zimmer, lehnte ſich zerſtreut an die Wand und vergaß alle Ermahnungen Clevelands. Nach we⸗ nigen Augenblicken öffnete ſich die Thür und Valerie trat ein. Sie war ungewöhnlich blaß, und Maltra⸗ vers glaubte, ihre Augenlider verriethen die Spuren von Thränen. Er ward gerührt und ſein Herz machte ihm Vorwürfe. „Ich habe Sie warten laſſen, wie ich beſorge,“ ſprach Valerie, indem ſie ihm einen Sitz in einiger Entfernung vom Stuhle anwies, worauf ſie ſich ſelbſt niederließ;„Sie werden mir jedoch vergeben,“ fügte ſie mit leichtem Lächeln hinzu. Hierauf, als ſie be⸗ merkte, daß er ſprechen wollte, fuhr ſie ſchnell fort: 166 „Hören Sie mich an, Herr Maltravers, bevor Sie reden, hören Sie mich an! Geſtern Abend äußerten Sie Worte, die Sie niemals an mich hätten richten ſollen. Sie geſtanden— mich zu lieben.“ „Ja, ich geſtand es!“ „Erwidern Sie mir,“ ſagte Valerie mit abge⸗ brochenem Nachvruck,„nicht als einer Frau, ſondern ſo, wie ein menſchliches Geſchöpf einei andern ant⸗ wortet. Ich fordere Sie auf, aus dem Grunde Ihres Herzens, aus dem Innerſten Ihres Gewiſſens, die ehrliche und einfache Wahrheit zu ſagen. Lieben Sie mich, wie Ihr Herz, Ihr Geiſt der Liebe fähig ſein muß?“ „Ich liebe Sie wahr— leidenſchaftlich,“ ſprach Maltravers überraſcht und verwirrt, jedoch mit Be⸗ geiſterung in ſeiner muſikaliſchen Stimme und in ſeinen ernſten Augen. Valkrie blickte ihn an, als ſuche fie ſeine Seele zu durchſchauen; Maltravers fuhr fort: „Ja, Valerie, als wir uns zuerſt trafen, erweckten Sie in mir ein lang ſchlafendes, entzückendes Gefühl. Aber wie tiefe Regungen hat dies Gefühl ſeitdem her⸗ vorgerufen! Ihr anmuthiger Geiſt— Ihre liebens⸗ würdigen, weiſen und dennoch weiblichen Gedanken haben die Eroberung vollendet, welche Ihr Antlitz und Ihre Stimme begann. Valerie, ich liebe Sie. Und Sie— Sie, Valerie— ich täuſche mich nicht, auch Sie „Ich liebe,“ unterbrach ihn Valerie tief erröthend, aber mit ruhiger Stimme:„Ernſt Maltravers, ich läugne es nicht; ehrlich und offen geſtehe ich den Fehler. Ich war ſtolz und eitel. Reichthum, Ehrgeiz, geſelliger 167 Ich habe mein Herz während der ganzen, ſchlafloſen Nacht erforſcht, und ich geſtehe, daß ich Sie liehe. Wohlan denn, verſtehen Sie mich, jetzt ſehen wir uns nicht wieder.“ „Wie,“ rief Maltravers aus, indem er unwillkür⸗ lich ihr zu Füßen ſiel und die Hand, die er ergriffen hielt, zurückzuhalten ſtrebte.„Wie? jetzt, da Sie dem Leben einen neuen Reiz ertheilten, wollen Sie den⸗ ſelben ebenſo ſchnell verwelken laſſen? Nein, Valerie, ich werde nicht auf Sie hören.“ Frau von Ventabvur ſtand auf und ſprach mit kalter Würde,„hören Sie mich ruhig an, vder ich verlaſſe das Zimmer, und Alles, was ich jetzt ſagen wollte, bleibt für immer ungeſprochen.“ Maltravers erhob ſich ebenfalls, faltete ſtolz ſeine Arme, biß ſich auf die Lippe und ſtand aufgerichtet und trotzend vor Valerie, eher in der Stellung eines Anklägers als eines Flehenden. „Madame,“ ſprach er mit Ernſt,„ich werde Ihnen nicht mehr anſtößig ſein. Ich werde Ihrem Benehmen vertrauen, da ich Ihren Worten nicht glauben kann.“ „Sie ſind grauſam,“ ſprach Valerie, indem ſie ſchwermüthig lächelte; indeß, dies find alle Männer. Erlauben Sie mir jetzt, mich Ihnen verſtändlich zu machen. Ich ward an Herrn von Ventadour in meiner Kindheit vermählt; ich ſah ihn zum erſtenmal einen Monat, bevor wir uns verheiratheten. Ich hatte keine Wahl; ſo iſt es bei Franzöſinnen der Fall. Wir wurden verheirathet. Ich ſtand in keinem andern Verhältniſſe. 168 Rang genügte auf einige Zeit meinen Geiſtesfähig⸗ keiten und meinem Herzen. Zuletzt ward ich raſtlos und unglücklich. Ich empfand, daß mir das Etwas des Lebens fehle. Die Schweſter des Herrn von Ven⸗ tadvur war die erſte, welche mir das gewöhnliche Hülfs⸗ mittel unſeres Geſchlechtes, wenigſtens in Frankreich, einen Liebhaber, anempfahl. Ich erſchrack und ſtutzte, denn ich gehöre zu einer Familie, worin die Frauen keuſch und die Männer brav ſind. Ich begann mich jedoch umzuſchauen und die Wahrheit der Philoſophie des Laſters zu unterſuchen. Ich fand, daß keine Frau, welche ehrlich und tief einen Mann auf unerlaubte fühlt Weiſe liebte, glücklich war; ich erkannte auch die und ſcheußliche Tiefe des Ausſpruchs von La Rochefoncault, durch daß eine Frau(ich meine eine Franzöſin) nicht ohne eine Liebhaber zu leben vermag; daß ſie aber ſobald ein gen ſolcher einmal zugelaſſen iſt, niemals mit uur einem ſo durchs Leben wandelt. Sie wird verlaſſen, ſie kann dern die Angſt und Einſamkeit nicht ertragen, ſie füllt die mit Leere mit einem zweiten Götzen aus. Für ſie iſt ein mãh Fall von der Tugend nicht mehr vorhanden; für ſie Ihr beſteht allein ein Gleiten oder ein unwillkürliches Hin⸗ Sü abſteigen von Sünde zu Sünde, bis das Alter naht vert und ſie ohne Liebe und Achtung läßt. Ich überlegte 8 lich ruhig, denn Leidenſchaften verblendeten mir nicht die pal Vernunft. Ich konnte die Egviſten, die mich umringten, des nicht lieben. Ich faßte einen Entſchluß über meine blie Laufbahn, und auch jetzt will ich in der Verſuchung Me darauf beharren. Die Tugend iſt mein Geliebter, mein zu Stolz, mein Troſt, mein Leben im Leben. Sie lieben 169 mich und wollen mir dieſen Schatz rauben? Ich ſah Sie und empfand zum erſtenmal eine unbeſtimmte und berauſchende Theilnahme an Anderen; allein ich ließ mir keine Gefahr träumen. Sowie unſere Bekannt⸗ ſchaft weiter rückte, bildete ich mir eine romantiſche und entzückende Viſion. Ich wollte Ihre feſteſte, Ihre wahrſte Freundin ſein, Ihre Vertraute, Ihre Rath⸗ geberin— vielleicht könnte ich in irgend einer Lebens⸗ epoche Sie begeiſtern und leiten. Ich wiederhole es, in Ihrer Geſellſchaft ſah ich keine Gefahr voraus. Ich fühlte mich als edleres und beſſeres Weſen. Ich fühlte mich wohlwollender, nachſichtiger gegen Andere und erhabener. Ich erblickte das Leben gleichſam wie durch ein verſchönerndes Glas läuternder Bewunderung, einer begabten Natur und einer tiefen und großmüthi⸗ gen Seele. Ich bildete mir ein, wir könnten immer ſo das Eine dem Andern bleiben, das Eine vom An⸗ dern geſtärkt, geſichert und geſtützt. Ich hatte ſogar mit Vergnügen die Ausſicht auf Ihre zukünftige Ver⸗ mählung mit einer Andern im Auge; ich träumte, Ihre Gemahlin lieben zu können, zu Ihrer Beider Glück beizutragen; meine Einbildungskraft ließ mich vergeſſen, daß wir nur von Erde geſchaffen ſind. Plötz⸗ lich wurden alle dieſe Viſtonen zerſtreut, der Feen⸗ palaſt umgeſtürzt und ich fand mich wachend am Rande des Abgrundes— Sie liebten mich, und im Augen⸗ blick dieſes verhängnißvollen Geſtändniſſes fiel mir die Maäske von der Seele und ich empfand, daß Sie mir zu theuer geworden waren. Ich kann Ihnen die Re⸗ gungen, die Kämpfe, die ich in den jüngſt vergangenen 170 Stunden beſtanden habe, nicht eröffnen— es iſt die Kriſe eines Lebens. Ich verkünde Ihnen allein den von mir gefaßten Entſchluß. Ich hielt es für eine Pflicht gegen Sie, meiner nicht unwürdig die Wahr⸗ heit zu ſagen. Vielleicht wäre es weiblicher, dieſelbe zu verhehlen; allein mein Herz beſitzt etwas Männ⸗ liches in ſeiner Natur. Ich hege großes Vertrauen auf Ihren Seelenadel. Ich glaube, daß Sie für alles Gute in menſchlicher Schwäche Mitgefühl hegen. Ich ſage Ihnen, daß ich Sie liebe; ich gebe mich Ihrer Großmuth anheim. Ich erſuche Sie, mich in meinem Gefühl des Rechten aufrecht zu erhalten, mit Achtung an mich zu denken, mich zu ehren und mich zu verlaſſen.“ Während des letzten Theiles dieſes ſonderbaren und offenen Geſtändniſſes war die Stimme der Valerie unausſprechlich rührend geworden; ihre Zärtlichkeit drängte ſich in ihr Benehmen ein; als ſie ſchloß, bebte ihre Lippe, ihre Thränen, durch Anſtrengung zurückgehalten, zitterten in ihren Augen; ihre Hände waren geſchloſſen; ihre Stellung war die der Demuth, nicht des Stolzes. Maltravers ſtand unbeweglich, wie durch einen Zauber gebunden. Zuletzt trat er vor, ließ ſich auf ein Knie nieder, küßte ihr die Hand mit einem Außeren und einer Miene achtungsvoller Huldigung und wandte ſich fort, um ſchweigend das Zimmer zu verlaſſen, denn er getraute ſich nicht, ein Wort zu ſagen. Valerie blickte ihn mit ängſtlicher Aufregung an. „O nein!“ rief ſie aus,„verlaſſen Sie mich noch nicht; dies iſt unſere letzte Zuſammenkunft, unſere 17¹ letzte. Sagen Sie mir wenigſtens, daß Sie mich ver⸗ ſtehen, daß Sie erkennen, wenn ich keine ſchwache Thörin bin, ſo ſei ich auch keine herzloſe Kokette; ſagen Sie mir, daß ich nicht ſo hartherzig bin wie ich ſchien, daß ich nicht abſichtlich mit Ihrem Glücke ſpielte; daß ich ſogar jetzt nicht ſelbſtſüchtig bin. Um Ihre Liebe bitte ich Sie nicht mehr, allein um Ihre Achtung und Ihre gute Meinung. O ſprechen Sie, ich flehe Sie an!“ „Valerie,“ ſprach Maltravers,„wenn ich ſchwieg, ſo geſchah es, weil mein Herz zu voll war, als vaß ich Worte hätte finden können. Sie haben alle Weib⸗ lichkeit vor meinen Augen hinaufbeſchworen. Ich liebte Sie— jetzt verehre ich Sie und bete Sie an. Ihr edler Freimuth, ſo ungleich der unentſchloſſenen Schwäche, den elenden Kunſtgriffen Ihres Geſchlechtes, hat eine Saite in meinem Herzen berührt, welche Jahre lang ſtumm war. Ich verlaſſe Sie, um Beſſeres von der menſchlichen Natur zu denken. O,“ fuhr er fort,„ver⸗ geſſen Sie ſchnell Alles von mir, was Ihnen einen Seelenſchmerz erregen könnte. Laſſen Sie mich in Abweſenheit und Trauer denken, daß ich in Ihrer Freundſchaft(es ſei Freundſchaft allein) die Begei⸗ ſterung und den Stolz, von welchem Sie ſprachen, bewahre. Wenn ſpäter die Menſchen mich mit Ruhm und Ehren nennen, dann empfinden Sie, Valerie, daß ich mich für den Verluſt Ihrer Liebe durch ein Leben tröſtete, wodurch ich Ihres Vertrauens, Ihrer Achtung würdig wurde. O, hätten wir uns früher geſehen, als keine Scheidewand zwiſchen uns vorhanden war!“ 172 „Gehen Sie jetzt,“ ſprach Valerie mit bebender Stimme, von ihren Gefühlen beinahe erſtickt;„Gott möge Sie beſchützen, gehen Sie.“ Maltravers äußerte einige wenige unverſtändliche und unzuſammenhängende Worte und verließ das Zimmer. Fünftes Kapitel. Die Männer mit Verſtand, die Götzen der Oberflächlichen, ſind den Männern mit Leiden⸗ ſchaften ſehr untergeordnet. Nur die ſtarken Lei⸗ denſchaften, welche aus Trägheit herausreißen, vermögen uns die anhaltende und ernſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu ertheilen, welche für groß⸗ geiſtige Anſtrengungen nothwendig iſi. helvetius. Als Ferrers an dem Tage von ſeinem gewöhn⸗ lichen Ritt heimkehrte, erſtaunte er, in den Vor⸗ zimmern und auf der Flur des Zimmers, das er zu⸗ gleich mit Maltravers bewohnte, eine Unordnung von Reiſetaſchen und Koffern, Schachteln und Büchern, und den Schweizerkammerdiener voll Ernſt zu erblicken, welcher dem Portier und den Kellnern in einem Ge⸗ miſch von Franzöſiſch, Engliſch und Italieniſch An⸗ leitung gab. „Was ſoll das heißen?“ fragte Lumley. „Il Signore, va parür, Herr, ah mon Dieu, tout plötzlich.“ „Was! wo iſt er jetzt?“ „Auf ſeinem Zimmer.“ Ferrers ſchritt über das Chavs hinweg und öffnete ohne U zimmer gleichſa ließ, ſ eine E und E „V ſellſch Loch Sie 1 indem der iden⸗ Lei⸗ ißen, merk⸗ iſtige 173 ohne Umſtände die Thür von ſeines Freundes Ankleide⸗ zimmer. Er ſah, wie Maltravers in einem Lehnſeffel gleichſam begraben lag, die Arme über die Knie hängen ließ, ſein Haupt auf die Bruſt beugte und überhaupt. eine Stellung einnahm, welche Niedergeſchlagenheit und Erſchöpfung ausdrückte. „Wos gibt's, theurer Ernſt, haben Sie Jemand im Duell getödtet?“ „Nein.“ „Was gibt's denn, Sie reiſen ja ab, und wohin?“ „Einerlei, laſſen Sie mich in Ruh.“ „Sehr freundſchaftlich,“ ſagte Ferrers,„ſehr freund⸗ ſchaftlich! Und was ſoll aus mir werden; welchen Ge⸗ ſellſchafter ſoll ich mir ſuchen in dieſem verfluchten Loch von Antiquaren und Lazzaroni? Maltravers, Sie haben kein Gefühl!“ „Wollen Sie mich begleiten,“ fragte Maltravers, indem er vergeblich ſuchte, ſich aufzurichten. „Aber wohin wollen Sie denn reiſen?“ „Irgend wohin, nach Paris oder London.“ „Nein, ich habe mir meine Plane für den Sommer ſchon gebildet. Ich bin nicht ſo reich wie manche Leute. Der Wechſel iſt mir verhaßt, er koſtet zu viel Geld.“ „Aber, lieber Freund...“ „Iſt das ſchön gegen mich gehandelt?“ fuhr Lumley fort, zum erſtenmal in ſeinem Leben wirklich zornig. „Wäre ich ein alter Rock, den Sie fünf Jahre lang getragen hätten, ſo könnten Sie mich nicht mit weniger Umſtände wegwerfen.“ „Ferrers, vergeben Sie mir, meine Ehre ſteht auf 174 dem Spiel. Ich muß dieſen Ort verlaſſen. Ich hoffe, Sie werden hier mein Gaſt ſein, obgleich Ihr Gaſt⸗ geber abweſend iſt. Sie wiſſen, ich habe die Woh⸗ nung für die nächſten drei Monate ſchon bezahlt.“ „Hm,“ ſagte Ferrers,„iſt das der Fall, ſo kann ich eben ſo gut hier bleiben. Weßhalb aber das tiefe Geheimniß? Haben Sie Frau von Ventadour ver⸗ führt, oder hegt deren weiſer Herr Gemahl ſeinen Verdacht, hm, hm?“ Maltravers erſtickle ſeinen Zorn über dieſe rauhe Bemerkung; vielleicht wird die Seelenruhe niemals auf eine ſchlimmere Probe geſtellt, als wenn ein männ⸗ licher Freund unhöfliche Bemerkungen über Verbin⸗ dungen des Herzens äußert. „Ferrers,“ ſagte er,„wenn Sie ſich irgend um mich bekümmern, ſo athmen Sie kein achtungsloſes Wort über Frau von Ventadour; ſie iſt ein Engel!“ „Aher warum verlaſſen Sie Neapel?“ *„Stören Sie mich nicht weiter.“ „Guten Tag, Herr,“ ſagte Ferrers, höchſt ärger⸗ lich. Er ſchritt eiligſt aus dem Zimmer, und Ernſt ſah ihn nicht wieder vor ſeiner Abreiſe. Am ſpäten Abend ſaß Maltravers allein in ſeinem Wagen und fuhr beim Sternenlicht die antike und melancholiſche Straße nach Mola di Gaeta. Seine Einſamkeit war ihm ein üppiger Genuß; er empfand ein unausſprechliches Gefühl der Erleich⸗ terung, von Ferrers befreit zu ſein. Der verhärtete Sinn, das unbiegſame, obgleich humoriſtiſche, befeh⸗ leriſche Weſen, die Sinnlichkeit ſeines Gefährten wäre ſinnen Trenn beruhi fühlte erwart entzüc ſchweb zöſin. Gewi ſich ni nicht und T ihre könne empfa kann tiefe ver⸗ einen auhe auf änn⸗ bin⸗ um oſes el!“ ger⸗ rnſt nem und uß; ich⸗ tete äre 175 ihm eine Folter in ſeinem gegenwärtigen Seelenzu⸗ ſtande geweſen. Als er am nächſten Morgen wieder aufſtand, duf⸗ teten die Orangenblüten von Mola di Gaeta ſüß unter dem Fenſter des Gaſthofes, worin er ausruhte. Der Frühling war angebrochen; die Friſche der Düfte, der geſunde Hauch der Erde und Luft läßt ſich unmöglich beſchreiben. Italien ſelbſt rühmt ſich weniger Orte, die lieblicher wären als dies Mola di Gaeta; noch auch bietet die ſtille See, ſogar bei Neapel oder Sorento, ein ſo ſchmeichleriſches und entzückendes Lächeln. Nach einem eiligen und kaum genoſſenen Frühſtück ſtrich Maltravers unter den Orangenhainen umher und erreichte den Strand. Dort überließ er ſich, bei den murmelnden Wogen müßig ausgeſtreckt, dem Nach⸗ ſinnen und bemühte ſich, zum erſtenmal ſeit ſeiner Trennung von Valerie, den Zuſtand ſeines Gefühls zu beruhigen und zu unterſuchen. Zu ſeiner überraſchung fühlte ſich Maltravers nicht ſo unglücklich, wie er erwartete. Im Gegentheil, ein ſauftes und beinahe entzückendes Gefühl, welches er nicht beſchreiben konnte, ſchwebte üher allen Erinnerungen an die ſchöne Fran⸗ zöſin. Vielleicht lag das Geheimniß varin, daß ſein Gewiſſen nicht verbittert war, während ſein Stolz ſich nicht gekränkt fand; vielleicht auch hatte er Valerie nicht ſo tief geliebt, wie er bisher glaubte. Geſtändniß und Trennung war glücklicherweiſe eingetreten, bevor ihre Gegenwart zum Lebensbedürfniß hatte werden können. Wie das Verhältniß gegenwärtig ſtand, ſo empfand er, daß er mit ſich ſelbſt und mit den Men⸗ ſchen durch irgend ein heiliges, myſtiſches Opfer aus⸗ geſöhnt war. Er hatte Ehrlichkeit, Wahrheit und Tugend dort, wo er es am wenigſten erwartete, ge⸗ funden— bei der Dame eines Hoſes— bei einer Frau, welche von laſterhaften und frivolen Geſell⸗ ſchaftskreiſen umringt, in der Meinung ihrer Freunde, ihres Vaterlandes, ihres eigenen Gatten, im geſell⸗ ſchaftlichen Syſtem, worin ſie ſich bewegte, durchaus nichts beſaß, um ſich von den ſüßen Zugeſtändniſſen der Schwäche frei zu halten— kurz, bei einer Dame der großen Pariſer Welt. Gerade dieſe Täuſchung ſeiner Erwartung trieb allen Nebel und Dunſt hinweg, welcher von den Sümpfen der großen Welt aufftei⸗ gend, ſich allmählig um ſeine Seele gelegt hatte. Valerie von Ventadour hatte ihn nicht gelehrt, ihr Geſchlecht zu verachten, nicht nach dem Schein zu urtheilen und wegen einer niedrigen, heuchleriſchen Welt keine kränk⸗ liche Empfindung zu hegen Er ſuchte in ſeinem Herzen die Liebe zu Valerie und fand dort die Liebe zur Tugend. Als er ſo ſeinen Blick nach Innen wandte, erwachte er allmählig zur Erkenntniß der wahren, dort einge⸗ grabenen Eindrücke. Er empfand, der bitterſte Tropfen ver tiefen Quelle beſtehe nicht im Kummer hinſichtlich ſeiner, ſondern hinſichtlich ihrer. Welchen Seelenſchmerz mußte der ſtolze Geiſt erduldet haben, ehe er ſich dem gegebenen Geſtändniſſe fügen konnte! Aber gerade in dieſer Betrübniß fand er einen Troſt. Eine ſo ſtarke Seele konnte die Sowäche des Herzens ertragen und heilen. Er empfand, Valerie von Ventadvur ſei keine Frau, welche, ſich krankhaften und unheiligen Regungen ſuſt ſe der Ir: kalte Pl ihre N bekämp und di Die au Autom jenigen wird, Darſtel die Ph Weishe 4 aus⸗ und „ ge⸗ einer eſell⸗ unde, eſell⸗ chaus niſſen Dame chung nweg, fſtei⸗ alerie hlecht n und ränk⸗ eren tgend. vachte einge⸗ opfen chtlich chmerz h dem de in ſtarke n und ikeine ungen 177 hingebend, ſich ſo aufreiben könnte. Er durfte ſich nicht mit dem Gedanken ſchmeicheln, daß ſie eine Liebe, „worüber ſie Reue fühlte, nicht auszurotten ſuchen würde; er ſeufzte aus natürlicher Selbſtſucht, als er ſich auch eingeſtand, daß ihr dies früher oder ſpäter gelingen müſſe.„Mag es ſein,“ ſprach er halblaut zu ſich ſelbſt,„ich will mein Herz zur Freude für den Zeitpunkt vorbereiten, wenn ich erfahre, daß ſie meiner allein als eines Freundes gedenkt; nächſt dem Glück ihrer Liebe ſteht der Stolz auf ihre Achtung.“ Mit dieſen Gedanken ſchloß er ſeine Träumerei; der Gedanke aber wurde beſtärkt und beſtätigt mit jeder Meile, die ihn vom Süden mehr entfernte. Ernſt Maltravers fühlte, in den Leidenſchaſten ſelbſt ſei ſo viel zu reinigen und zu erheben, daß ſogar der Irrthum einer ungeſetzlichen Liebe, welche ohne kalte Pläne empfangen wurde, und welche(wenn man ihre Natur richtig verſteht) durch einen edlen Geiſt bekämpft wird, das Herz als duldſamer und zarter, und die Seele als feſter und erweiterter zurückläßt. Die auf Vernunft beſchränkte Philoſophie ſetzt die Automaten des Studirzimmers in Bewegung; die⸗ jenigen aber, welchen die Welt als Bühne geboten wird, und welche erkennen, daß von ihren Herzen die Darſtellung der Rolle ausgehen wird, müſſen durch die Philoſophie der Leidenſchaften zur Erfahrung und Weisheit gelangen. Bulwer, Maltravers. I. Drittes Buch. De Nicht enthüllt Apollo ſich Jeglichem. niſchen Wem er erſcheint, der iſt mächtig. Callimach.„Hymn. in Apoll.“ ſchwebt See vt erklang Erſtes Kapitel. en m Hier laßt uns niederſitzen, daß Muſik aus, et Den Ohren ſchmeichelt. Nacht und ſanfte Stille mit W Schlägt an die Taſten ſüßer Harmonie. Shakſpeare. dieſem an den Lied von Schiffern auf dem Comerſee. den Ge e 141. ſönliche Italiſches Land, der Liebe Land, ufer Dem nie der Reiz entwich! n Wie die Mutter dem Kind, hat ein Lächeln lind, merkte Der Himmel ſtets für dich! geſtellt Jede Blume die blüht, jeder Strahl der glüht Liebt dich und erglänzt für dich. 2. Du ſchöner See, du Lariſcher See,* Sti Stets feenhaft jugendlich, Die Dianens Hain bot dem Nymphenreihn Der Kein Bad ſo wonniglich, Bein Wie die Nacht mit dem Kleid von Sternen umreiht Don Hier genießt, verſenkt in dich. Vo * Der alte Name für den Comerſee. poll.“ nfte Stille eare⸗ e. reiht Du liebliches Kind der Höhen, gar hold Umfängt der Schlummer dich; Keiner Thräne Bann, die der Erd' entrann, Trübt je dein Lächeln und dich; Aus der Blüten Bereich ſammelt, Bienen gleich, Die Hore nur Süße für dich. Der Geſang dieſer Verſe, in der ſanften italie⸗ niſchen Sprache, hier nur unvollkommen überſetzt, ſchwebte an einem lieblichen Sommerabend über den See von Comv. Das Boot, woraus der Geſang erklang, floß langſam die funkelnde Flut hinab zu dem mvoſigen Ufer eines Raſenplatzes, von welchem aus, etwas erhoben, die weißen Mauern einer Villa, mit Weingärten im Hintergrunde, ſtrahlten. Auf dieſem Raſenplatze ſtand eine junge und ſchöne Frau an den Arm ihres Gatten gelehnt und horchte auf den Geſang. Allein ihr Entzücken ward zum per⸗ ſönlichen Intereſſe noch erhöht, als die Ruderer dem ufer näher kamen und den Geſang veränderten; fie merkte nämlich, daß der Geſang ihr zu Ehren an⸗ geſtellt war. Serenade auf die Sängerin. Stiu! ruh'n wir am Ruder und ſtören wir nicht, Die Woge, die ſeufzend am Ufer ſich bricht; Der Ort hier iſt heilig, wo ſternige Wellen Beim Duft der Orangen am Strande ſchwellen; Dort weilt— uns zieht hin eines Zaubers Drang— Von Italiens Muſen die letzte— Geſang. Des römiſchen Adlers Blitz, Des lombardiſchen Thrones Sitz und Mailands Macht ſind uns entſchwunden, Doch wo die Flut hier rinnt, Hat jetzt der Muſe Kind Noch einen letzten Lorbeertranz für uns gewunden. 1 Lereſa, dich hörte der Deutſche, der Frank, Der den Thron ſich erbaut, als Italien verſank, Und er hot deinem Sang als bekämpſt ſich gefügt, Und du haſt, wie die Liebe, die Starken beſiegt. Was die Seele dem Leib, was dem Dunkel der Mond War dein Hauch manchem Reiche, wo Härte wohnt. So ſei denn Ehr' und Heil Auf ewig dir zu Theil, Die mit der Kunſt Geheimniß ſtets entzückte! Die Ketten ſelbſt vergißt, Rom, wenn du Siegerin biſt; Du haſt zurückgewonnen, was das Schwert entrückte. „Du bereuſt, meine Tereſa, daß Du auf die Dieſe glänzende Laufbahn, um eines einförmigen, häus⸗ zender lichen Lebens und eines Gatten willen perzichtet haſt, ſtillen der alt genug iſt, um Dein Vater ſein zu können,“ eines ſprach der Gatte zu ſeiner Frau, jedoch mit einem der fi Lächeln, welches Vertrauen auf die Antwort aus⸗ Währ drückte. „O nein, ſogar dieſe Huldigung würde für mich keine Muſik haben, wenn Du ſie nicht hörteſt.“ Die Signora Ceſarini, jetzt Frau von Montaigne, war eine berühmte Perſon Italiens geweſen. Ihre frühere Iugend war auf der Bühne zugebracht und ihr erſtes Auftreten als Sängerin war von der glän⸗ zendſten Art geweſen. Allein nach kurzer und ge⸗ feierter Laufhahn vermählte ſie ſich mit einem fran⸗ zöſiſchen Herrn von guter Familie und Vermögen, Mond nt. ückte. auf die häts⸗ htet haſt, können,“ it einem ort as⸗ für mich teſt.“ ontaigne, en. Ihre racht und der glän⸗ und ge⸗ nem fran⸗ germögen, 131 zog ſich von der Bühne zurück, und verbrachte ihr Leben abwechſelnd in den heitern Salons von Paris und an den ufern des träumeriſchen Comerſees, auf welchen ihr Gemahl ſich eine kleine, aber ſchöne Villa gekauft hatte. Sie übte jedoch noch in Privaczirkeln ihre bezaubernde Kunſt, wozu fie noch die Gabe einer improviſirenden Dichterin hinzufügte, denn ſie war eine Frau von außerordentlicher Geiſtesbildung und Talent. Sie war jetzt auf den Sommer zu ihrem ſchönen Landſitz zurückgekehrt und eine Geſellſchaft enthuſia⸗ ſtiſcher junger Leute hatte ſich auf dem See von Comv eingefunden, um ihre Ankunft mit der paſſenden Hul⸗ digung ves Geſanges und der Muſik zu bewillkommen. Dieſe Sitte iſt eine entzückende Reliquie aus den glän⸗ zenderen Tagen Italiens; ich ſelbſt habe auf den ſtillen Waſſern deſſelben Sees eine ähnliche Begrüßung eines größeren Genies, der Semiramis des Geſangs, der fürſtlichen und unvergleichlichen Paſta, angehört. Während mein Boot anhielt und ich etwas vom Enthu⸗ ſiasmus der Singenden empfand, berührte mich der Ruderer und zeigte auf einen Theil des Sees, worauf die untergehende Sonne ihr roſigſtes Lächeln ergoß, mit den Worten:„Dort, Signor, ertrank einer eurer Landsleute— Bellissimo uomo! che fu bello!“— Ja, dort waren die Wogen, ohne finſteres Rauſchen über den Götzen mancher Herzen, im Stolz ſeiner vielverſprechenden Jugend, ſeiner edeln und beinahe göttlichen Schönheit, ſogar vor den Fenſtern und den Blicken ſeiner Braut— über den anmuthigen und tapferen Locke hinweggeſchwommen. Und über ſeinem Grabe erhob ſich der wollüſtige Himmel, und über demſelben ſchwebte die heitere Muſik. Es glich der Moral der römiſcheu Dichter, welche die Lebenden zum Feſt auf den Gräbern der Todten berief! Als das Boot ans ufer ſtieß, empfing Madame de Montaigne die Sänger, dankte ihnen mit lieb⸗ lichem und nicht affektirtem Ernſt für das ſo zart dar⸗ gebotene Compliment und lud ſie ans ufer zu treten ein. Die Mailänder, ſechs an der Zahl, nahmen die Einladung an und banden ihr Boot auf den hervorſpringenden Strand. Hierauf zeigte Mon⸗ ſieur de Montaigne ſeiner Frau ein Boot, welches unter dem Schatten einer Inſel hin⸗ und herfahrend, von einem jungen Manne eingenommen war⸗ Dieſer ſchien mit entzückender Aufmerkſamkeit auf die Muſik zu horchen, und war einmal mit einer ſo richtig be⸗ tonten und volltönenden Stimme in den zweimal wie⸗ derholten Chor eingefallen, daß dieſe ſogar die Be⸗ wunderung der Sänger erregt hatte. „Gehört der Herr zu Ihrer Geſellſchaft,“ fragte Herr von Montaigne einen Mailänder. „Nein, Signor, wir kennen ihn nicht,“ war die Antwort.„Sein Boot kam uns unbemerkt näher, als wir ſangen. Während dieſer Frage und Antwort hatte der junge Mann den Punkt, wo er ruhte, verlaſſen und ſeine Ruder durchſchnitten die ſpiegelnde Oberfläche ves Sees gerade vor dem Ort, wo de Montaigne ſtand. Der Franzoſe nahm mit der Höflichkeit ſeines pflege Englä theiler ſeinem d über ich der benden 1 tadame t lieb⸗ rt dar⸗ treten tahmen uf den Mon⸗ welches ahrend, Dieſer Muſik tig be⸗ tal wie⸗ die Be⸗ fragte war die näher, tte der ſen und erfläche ntaigne it ſeines 183 Vaterlandes den Hut ab und hielt durch dieſe Be⸗ wegung den Blick und vas Ruder bes einfamen Schif⸗ ſers an.„Wollen Sie,“ ſprach er,„uns beehren, indem Sie ſich unſerer kleinen Geſellſchaft anſchließen?“ „Dies Vergnügen erſehne ich mir zu ſehr, als daß ich es abſchlagen ſollte,“ erwiderte der Ruderer mit einem etwas fremden Accent; im nächſten Au⸗ genblick ſtand er am Ufer. Er war ein Mann von bemerkenswerthem Außern. Sein langes Haar flat⸗ terte mit ſorgloſer Anmuth über eine ruhige und ge⸗ dankenvolle Stirn, wie es ſeinen Jahren geziemte; ſein Benehmen war ungewöhnlich ruhig und gefaßt und nicht ohne eine gewiſſe Stattlichkeit, welche durch ſeinen hohen Wuchs einen überlegenen Umriß der Geſichtszüge und einen heiteren, aber beſtimmten Aus⸗ druck der Schwermuth in Augen und Lächeln noch auf⸗ fallender wurde.„Sie können glauben,“ ſagte er,„daß ich, ſo kalt auch ſonſt meine Landsleute zu gelten pflegen“(Sie haben wohl ſchon entdeckt, daß ich ein Engländer bin),„den Enthuſiasmus meiner umgebung theilen mußte, als ich nahe am geheiligten Orte der Begeiſterung mich aufhielt. übrigens wohne ich ge⸗ genwärtig dort in jener Villa, welche der Ihrigen gegenüberliegt; mein Name iſt Maltravers und ich bin hei dem Gedanken entzückt, daß ich nicht länger einer Dame perſönlich fremd bleibe, deren Ruhm meine Ohren ſchon erreicht hat.“ Frau von Montaigne fand ſich durch ein Etwas im Weſen und im Ton des Engländers, welches weit mehr als ſeine Worte ausſprach, ſehr geſchmeichelt; 184 nach wenigen Minuten bewirkte der Einfluß der glück⸗ lichen, geſelligen Leichtigkeit auf dem Feſtlande einen Anſchein, als habe ſich die Geſellſchaft ſchon Jahre lang gekannt. Weine, Früchte und andere einfache, auſpruchsloſe Erfriſchungen wurden auf einem länd⸗ lichen Tiſch im Graſe aufgeſtellt, um welchen ſich die Gäſte mit dem Wirth und der Wirthin niederließen. Der helle Mond ſchien über ihnen und unter ihnen ſchlief der See im Silberſcheine. Es war eine Scene für einen Boccaccio oder Claude. Das Geſpräch wandte ſich natürlich zur Mufik; ſie iſt beinahe vas einzige, was Jtaliener im Allge⸗ meinen verſtehen— und ſogar dieſe Kenntniß erlernen Sie, wie der ehrliche Dogbery das Leſen und Schrei⸗ hen, von ſelbſt durch die Natur, denn die bloßen Liebhaber wiſſen von der Mufik als Theorie nur ſehr wenig. Eben ſo eitel und hochmüthig über dieſes letzt Wrack ihres Nationalgeiſtes, als einſt die Römer auf ihre Herrſchaft in Künſten und Waffen, betrachten ſie die Harmonie anderer Länder als barbariſch. Sie können die gewaltige deutſche Muſik, die Kunſt einer Nation von Männern— eine Muſik der Philoſophie, des Hervismus, der höheren Geiſteskraft und Ein⸗ bildung— weder ſchätzen, noch deren Schätzung be⸗ greifen; wirklich iſt ja auch die Muſik des neueren Italiens weibiſch, phantaſtiſch und künſtlich ſchwach. Roſſini iſt der Canova der Muſik, mit wie viel Nettem, aber nichts Großartigem! Die kleine Geſellſchaft ſprach jedoch von der Muſik mit einer Lebhaftigkeit und einem Geſchmack, welche den ſchwermüthigen Maltravers entzüc als d bei w reitwi zu, a Unter übrige ſchaue kensw beſaße wegli lichen lichen zöſiſch ſelten zur 2 klaſſe heißt. Mail Spaz Stad Inter unge welch darbr zöſiſc blicke ſei d weni lend r glück⸗ de einen Jahre infache, n länd⸗ ſich die rließen. reihnen e Scene Mufik; Allge⸗ erlernen Schrei⸗ bloßen nur ſehr ſes letzte mer auf chten ſie ch. Sie nſt einer loſophie, nd Ein⸗ ung be⸗ neueren ſchwach. Nettem, ft ſprach ndeinem altravers 185 entzückten, der Wochen lang keine andere Geſellſchaft als die ſeiner eigenen Gedanken gekannt hatte und bei welchem Enthuſiasmus für irgend eine Kunſt be⸗ reitwillige Sympathie fand. Er horchte aufmerkſam zu, aber ſprach wenig. Von Zeit zu Zeit, wann die Unterhaltung nachließ, fand er daran Vergnügen, die übrigen Mitglieder der Geſellſchaft forſchend anzu⸗ ſchauen. Die ſechs Mailänder boten nichts Bemer⸗ kenswerthes in ihren Zügen oder im Geſpräch; ſie beſaßen den charakteriſtiſchen Nachdruck und die Be⸗ weglichkeit ihrer Landsleute, auch etwas von der männ⸗ lichen Würde, welche den Lombarden vor dem ſüd⸗ lichen Italiener auszeichnet, auch ein wenig von fran⸗ zöſiſcher Glätte, welche den Einwohnern Mailands ſelten fehlt. Ihrem Range nach gehörten ſie offenbar zur Mittelklaſſe, denn Mailand beſitzt eine Mittel⸗ klaſſe, welche für die Zukunft große Reſultate ver⸗ heißt. Sie waren aber nicht vor tauſend andern Mailändern ausgezeichnet, die Maltravers auf den Spaziergängen und in den Kaffeehäuſern ihrer edlen Stadt angetroffen hatte. Der Wirth erregte größeres Intereſſe. Er war ein ſchlanker, ſchöner Mann von ungefähr 48 Jahren, mit hoher Stirn und Zügen, welche den ernſten Charakter des Denkens auffallend darboten. In ſeinem Weſen beſaß er wenig von fran⸗ zöſiſcher Lebhaftigkeit; ohne gerade in ſein Geſicht zu blicken, hätte man dennoch unbemerkt empfunden, er ſei der Alteſte in der Geſellſchaft. Seine Frau war wenigſtens 24 Jahr jünger wie er, heiter und ſpie⸗ lend wie ein Kind, jedoch mit einer gewiſſen weih⸗ 186 lichen und einnehmenden Sanftmuth in ihren unge⸗ hemmten Bewegungen und in ihrer funkelnden Fröh⸗ lichkeit, welche ihr natürlich munteres Temperament in die Form und Methode conventioneller Eleganz zu zwingen ſchien. Dunkles, ſorglos geordnetes Haar, eine offene Stirn, große, ſchwarze, lachende Augen, eine kleine, gerade Naſe, eine Geſichtsfarbe, deren Braun durch ein verſchwindendes und immer wieder⸗ kehrendes Roth gerade verdeckt wurde, eine runde Wange mit Grübchen, ein ausgezeichnet geformter Mund mit kleinen Perlenzähnen, eine leichte und zarte Geſtalt, etwas unter der gewöhnlichen Größe, ver⸗ vollſtändigen das Bild der Frau von Montaigne. „Gut,“ ſagte Herr Tiraboloschi, der geſprächigſte und ſentimentalſte der Gäſte, indem er ſein Glas füllte;„Stunden wie dieſe ſind dazu geeignet, an das übrige Leben zu denken. Wir dürfen jedoch nicht hoffen, die Signora werde ſich veſſen lange erinnern, was wir nie vergeſſen können. Paris, heißt es im franzöſiſchen Sprüchwort, iſt das Paradies der Frauen, und im Paradieſe, das iſt gewiß, erinnern wir uns ſehr wenig an dasjenige, was auf der Erde vorging.“ „O,“ ſprach. Frau von Montaigne mit einem niedlichen, muſikaliſchen Lächeln,„in Paris iſt es Mode, das frivole Leben der Städte zu verachten und ſich mit romantiſchem Gefühle zu zieren. Dies iſt gerade eine ſolche Scene, wie ſie unſere berühmten Damen und berühmten Schriftſteller erſehnen, um davon zu reden und um ſie zu beſchreiben. Nicht wahr, mon ami?“ wandte ſie ſich liebevoll an de Montaigne. ſolche und Chauff indem „Ihr wir wir im S in dat „ beſſer traver Italie Arioſi tiſchet den ihren Böge auch die L Lauf cher es iff iſt es ſo iſt e nunge⸗ u Fröh⸗ erament Eleganz s Haar, Augen, „deren wieder⸗ runde formter nd zarte e, ver⸗ gne. rächigſte n Glas net, an ch enicht innern, tes im Frauen, wir uns rging.“ einem iſt es erachten Dies ühmten ndavon r, moh igne. 187 „Allerdings,“ erwiberte er,„jedoch Sie ſind einer ſolchen Seene nicht werth, Sie lachen über Gefühl und Romantik.“ „Nur über franzöſiſch Gefühl und Romantik der Chauſſee d'Antin. Ihr Engländer,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihr Haupt Maltravers ſchüttelnd zuwendete, „Ihr Engländer habt uns verzogen und verdorben; wir ſind nicht damit zufrieden, Guch nachzuahmen, wir müſſen Euch übertreffen. Wir überbieten Euch im Schrecken und ſtürzen uns vom Ausſchweifenden in das Wahnſinnige!“ „Die Gährung der neuen Schule iſt vielleicht beſſer, als das Stillſtehen der Alten,“ ſagte Mal⸗ travers.„Allein ſogar Sie,“(er wandte ſich an die Italiener)„die Sie zuerſt in Petrark, Dante und Arioſto, das Muſter des Sentimentalen und Roman⸗ tiſchen vor Europa ausſtellten— die Sie ſogar unter den Ruinen der elaſſiſchen Schule bauten— unter ihren korinthiſchen Säulen und unter den hohen Bögen, den Thürmen und Zinnen der Gothen— auch Sie verlaſſen Ihre alten Muſter und führen die Literatur auf neue und wilde Pfade. So iſt der Lauf der Welt, ewiger Fortſchritt in ewigem Wechſel!“ „Sehr möglich,“ ſagte Signor Tirabaloschi, wel⸗ cher vom Geſagten gar nichts verſtand.„Allerdings, es iſt außerordentlich tief; bei näherem Nachfinnen iſt es ſchön, vortrefflich; Ihr Engländer ſeid ſo— ſo— kurz, es iſt bewundernswürdig. Ugo Foscolo iſt ein großes Genie— Monti ebenfalls, und was 185 Roſſini betrifft, Sie kennen doch ſeine letzte Oper — Cosa stupenda!“ Frau von Montaigne blickte Maltravers an, ſchlug ihre kleinen Hände zuſammen und lachte laut auf; Maltravers angeſteckt, lachte ebenfalls. Er beeilte ſich jedoch den pedantiſchen Fehler wieder gut zu machen, den er dadurch begangen hatte, daß er über Dinge ſprach, welche die hauptſächlichſten Mitglieder der Geſellſchaft nicht verſtanden. Er nahm die Guitarre auf, welche die Sänger mit den übrigen muſikali⸗ ſchen Inſtrumenten herbeigebracht hatten, und be⸗ rührte während einiger Augenblicke deren Saiten mit den Worten:„Madame, in Ihrer Geſellſchaft und bei dieſem Mondlicht vor uns können wir nur ſolche Gefühle hegen, daß die Muſik uns das beſte Geſprächsmittel gewährt. Laſſen Sie uns dieſe Herrn erſuchen, uns noch einmal zu entzücken.“ „Sie kommen mir mit Ihrer Bitte zuvor,“ ſagte die ehemalige Sängerin; Maltravers bot die Guitarre Tirabaloschi an, der wirklich die höchſte Sehnſucht hegte, ſich als Virtuos noch einmal zeigen zu dürfen. Er nahm das Inſtrument mit einer leichten Grimaſſe der Beſcheidenheit auf und ſagte zur Frau von Mon⸗ taigne:„Folgender Geſang iſt von mir componirt worden und wird von den Damen ſehr bewundert, obgleich er mir ein wenig zu ſentimental erſcheint.“ Hierauf ſang er folgende Stanzen, wie gute Sänger zu thun pflegen, mit ſo viel Gefühl, als wenn er ſie wirdich verſtehen könnte. Oper „ſchlng ut auf; ilte fich machen, Dinge e der uitarre mſikali⸗ ind be⸗ Saiten ellſchaft vir nur as beſte eHerrn ſagte uitarre hnſucht dürfen. wimaſſe Mon⸗ nponirt undert, cheint.“ Sänger venn er 189 Macht und Liebe. 1. Wenn Stern' am Himmelszelt erſcheinen, Quält mich am ſchärfſten Liebesweh; Dann ſende ſanft den Blick, den reinen, Wie Sterne ſchauen auf den See. 2. Der Sturm des Herzens, wie der Wellen Gewoge, wird durch ſie geheilt; So wird dein Licht die Lieb' erhellen, Die unter deinem Himmel weitt. 3 Wann ſchirmend zu der Menſchen Reiche Der Engel ſich herniederſenkt, Dann magſt Du ſüßer Geiſt entweichen Zu mir, wenn Gröb're Schlaf umfängt. 4. Wenn Träume mit des Himmels Kunde Beſeligend den Schlummer weih'ten, In ſolcher myſtiſch hohen Stunde Mußt du zu mir hinübergleiten. 5. Zu heilig ſind an dich Gedanken, Sobald der Strahl des Tages guillt, Die dich wie einen Stern umſchwanken, Als Engel und als Traumgebild. Als ſo das Beiſpiel gegeben war, und als das Lob der ſchönen Wirthin allgemeine Nacheiferung erregte, ging die Guitarre von Hand zu Hand und jeder der Italiener gab ſeinen Beitrag; man hätte glauben können, ſich an einem alten, griechiſchen Feſte zu befinden, worin die Leier und der Myrten⸗ kranz die Runbde machten. Die Italiener jedoch, wie der Engländer empfan⸗ den, die Unterhaltung würde unvollſtändig ſein, wenn ſie die berühmte Sängerin und Dichterin im Impro⸗ viſiren nicht vernähmen, welche bei dem kleinen Feſt den Vorſitz führte; Frau von Montaigne errieth mit weiblichem Takt den Wunſch und kam der Bitte zuvor, welche ſicherlich eintreten mußte. Sie nahm die Guitarre dem letzten Sänger aus der Hand und wandte ſich zu Maltravers mit ven Worten:„Sie haben natürlich einige unſerer ausgezeichnetſten Im⸗ proviſatoren ſchon gehört und bitte ich Sie deß⸗ halb um ein Thema, ſo will ich Ihnen nur damit beweiſen, jenes Talent ſei in Italien nicht allgemein.“ „Allerdings,“ erwiderte Maltravers,„habe ich einige häßliche, alte Herren mit ungeheuren Backen⸗ bärten und mit Bewegungen von erſchreckendem Trotze ihre Stegreifgedichte mit dem heftigſten Tone aus⸗ ſprechen hören, habe aber noch nicht einer jungen und ſchönen Dame zugehört. Der Begeiſterung werde ich allein glauben, wenn ich ſie unmittelbar von der Muſe vernehme.“ „Gut, ich will mein Möglichſtes thun, um Ihr Compliment zu verdienen. Sie aber müſſen mir vas Thema angeben.“ Maltravers ſchwieg einen Augenblick und nannte den Einfluß des Ruhmes auf Genie. Die Dichterin nickte Beifall und nach einem kurzen Vorſpiel, hegann ſie eine wilde und mannigfache Mont Zärtl find von ſehen Tereſ wohl munt er hi „ Myrten⸗ empfan⸗ , wenn Impro⸗ ten Feſt eth mit Bitte enahm nd und „Sie n Im⸗ damit mein.“ abe ich Backen⸗ Trotze e aus⸗ jungen werde on er m Ihr ir das nannte kurzen fache 191 Reihe von Verſen, mit einer ſo ausgeſucht ſüßen Stimme, einem ſo feinen Geſchmack und tiefem Ge⸗ fühl, daß die Poeſie den entzückten Hörern wie die Sprache erklang, welche Armida hätte äußern können. Allein die Verſe ſelbſt, wie alle Ergießungen aus dem Stegreif waren von ſolcher Art, daß ſie aus dem Gedächtniß wieder ſchwanden und ſich nicht nieder⸗ ſchreiben ließen. Als Frau von Mantaigne ihren Geſang beſchloſſen hatte, folgte kein entzückendes Beifallklatſchen; die Italiener waren von der Kunſt der Form, Maltravers von den Gefühlen der Verſe zu ſehr eingenommen, um die rauhe Beifallsbezei⸗ gung bereit gehaltenen Lobes geben zu können; ehe das Schweigen der Entzückung, wie es der erſte Ein⸗ vruck hervorbrachte, gebrochen wurde, ſtieg ein neuer Ankömmling aus dem Walde herab, der die Höhen hinter dem Hauſe bekleidete, und befand ſich mitten in der Geſellſchaft. „Ach! mein theurer Bruder,“ rief Frau von Montaigne aus, indem ſie aufſprang und ſich mit Zärtlichkeit an den Arm bes Fremden hängte.„Warum ſind Sie ſo lange in dem Walde geblieben? Sie, von ſo zarter Geſundheit! Wie geht es Ihnen, Sie ſehen ſo blaß aus.“ „Es iſt allein der Wiederſchein des Mondlichts, Tereſa,“ ſprach der Eindringling,„ich befinde mich wohl.“ Bei den Worten blickte er finſter auf die muntere Geſellſchaft, und wandte ſich fort, als wolle er hinwegſchlüpfen. „Nein, nein,“ flüſterte Tereſa,„Sie müſſen einen 192 Augenblick bleiben und ſich meinen Gäflen vorſtellen laſſen. Hier iſt ein Engländer, der Ihnen gefallen wird; der Herr wird ſicherlich Ihr Intereſſe er⸗ wecken.“ Mit den Worten zog ſie ihn beinah vorwärts und ſiellte ihn ihren Gäſten vor. Signor Ceſarini erwiderte den Gruß derſelben mit einem Gemiſch von Blöbigkeit und Stolz, zur Hälfte unbeholfen, zur Hälfte graziös; er murmelte einige kaum hörbare Worte des Dankes, warf ſich auf einen Sitz und ſchien ſogleich in Träumerei verloren. Maltravers ſchaute ihn an; ſein Aenßeres geſiel ihm; es war ſonderbar und eigenthümlich, wenn auch nicht ſchön. Er war außerordentlich ſchlank und mager, ſeine Wangen hohl und farblos; üppige und ſchwarze, ſeidenähnliche Locken hingen beinahe bis auf ſeine Schulter hinab. Seine Augen, tief eingeſunken, waren groß und von ſtarkem Glanz; ein dünner Schnurr⸗ bart, welcher ſich niederwärts kräuſelte erhöhte die Strenge ſeines Mundes, welcher mit vüſterer, halb ſarkaſtiſcher Feſtigkeit geſchloſſen war. Er war nicht wie die Leute gewöhnlich gekleidet, ſondern trug einen Ueberrock von ſchwarzem Cammelot, mit einem großen, übergeſchlagenen Hemdkragen; ein ſchmaler Streifen ſchwarzer Seide war eher um ſeinen Hals geſchlungen, als gebunden; ſeine Beinkleider ſchloſſen ſich ong an ſeine Glieder, und ein Paar Huſarenſtiefel vervoll⸗ ſtändigten ſeinen Anzug. Offenbar überließ ſich der junge Mann(er war noch ſehr jung, vielleicht erſt 49 oder 20 Jahr) der Stutzerei des Maleriſchen, welche eine e Stutze dahin Wir b genehn hätte keit er Gegen blicken Grupz ſogleic war e ſchon ſ melten und ge lächelt um ins Nachtl weggli tigten, wieder Mitter ward: in den über d bare C dern i Bu vorſtellen gefallen reſſe er⸗ vorwärts Ceſarini miſch von fen, zur hörbare Sitz und altravers es war cht ſchön. er, ſeine ſchwarze, auf ſeine n, waren Schnurr⸗ höhte die er, ha war nicht rug einen ngroßen, Streifen chlungen, en an vervoll⸗ fich der eicht erſt n, welche 193 eine eitlere Seele andeutet, als die gewöhnlichere Stutzerei der Mode. Es iſt erſtaunenswerth, wie häufig es ſich ereignet, daß die Einführung eines einzigen Eindringlings in eine Geſellſchaft alle vertraute Harmonie, welche bis dahin vorhanden war, plötzlich zu zerſtören genügt. Wir bemerken dies ſogar, wenn der Eindringling an⸗ genehm und geſprächig iſt; in dieſem Beiſpiel aber hätte wohl kein ſpukender Geiſt eine größere Düſter⸗ keit erwecken oder unwillkommener ſein können. Die Gegenwart dieſes ſchenen, blöden, ſprachloſen, ſtolz blickenden jungen Mannes, ſtimmte plötzlich die ganze Gruppe herunter. Der heitere Tirabalvschi entdeckte ſogleich, es ſei Zeit, ſich zu entfernen. Niemanden war es bisher aufgefallen, allein es war ſicherlich ſchon ſpät. Die Italiener ſtanden lärmend auf, ſam⸗ melten ihre Muſikinſtrumente, hielten ſchöne Reden und gaben ſchöne Geſtändniſſe, verbeugten ſich und lächelten, drängten ſich in ihr Boot und ſtießen ab, um ins Wirthshaus von Como zu fahren, wo ſie ihr Nachtlager beſtellt hatten. Während das Bovt hin⸗ wegglitt und während zwei ſich mit Rudern beſchäf⸗ tigten, nahmen die vier Uebrigen ihre Inſtrumente wieder auf und ſangen ein Abſchiedslied. Es war Mitternacht. Das Schweigen aller Dinge umher ward tiefer; ſogar in der mondbeleuchteten Luft und in den vom nahen Ufer und von den entfernteren Höhen über das Waſſer geworfene Schatten lag eine wunder⸗ bare Gewalt der Stille. Als die Muſik mit dem Ru⸗ dern im Takt ſchwächer und ſchwächer wurde, ward Bulwer, Maltravers. I. 4³ 194 eine unmöglich zu beſchreibende, das Herz durchbrin⸗ gende und zauberhafte Wirkung hervorgebracht. Die Geſellſchaft am Ufer ſprach nicht; in den glänzenden Augen der Tereſa ſchimmerte ein Naß, eine Thräne der Dankbarkeit, als ſie auf die männliche Form ihres Gemahls ſich lehnte, zu welchem ihre Liebe vielleicht um ſo tiefer und reiner wegen der Verſchiedenheit ihres Alters war. Ein Mädchen, welches einen Mann liebt, der zwar noch nicht alt, aber älter wie ſie iſt, liebt ihn mit einer zu ihm empor blickenden und verehrenden Liebe. Maltravers ſtand vom Pagre etwas entfernt, am Rande des abhängigen Ufers, mit gefalteten Armen und ſinnenden Zügen.„Wie kön⸗ nen,“ ſagte er, ohne zu ahnen, daß er halblaut ſprach,„die gewöhnlichſten Menſchen der gewöhnlichen Welt uns ein Vergnügen ertheilen, welches vom Weſen der letzteren ſo gänzlich abweicht? Welch ein Gegenſatz zwiſchen dieſen Muſikern und dieſer Muſik? Erblickt man ihre Geſtalten in dieſer Entfernung in ſo unbeſtimmter Weiſe, ſo kann man ſich beinahe einbilden, die Schöpfer dieſer ſüßen Töne ſeien von anderem Stoff gebildet, wie wir. Vielleicht ſogar lingt die Poeſie der Vergangenheit in unſern Ohren um ſo tiefer und göttlicher, weil ſie vom Stoff ent⸗ fernt iſt, welcher die Dichter ſchuf. O Kunſt, wie verſchönerſt du und erhebſt du uns! Was iſt Natur ohne dich?“ „Sie ſind ein Dichter, Herr,“ änßerte eine ſanfte, helle Stimme neben Maltravers, als er ſo mit ſich ſelbſt ſprach; er fuhr auf und erkannte, daß er, ohne es gehabt men au „Ut brochen beſitzen Bühne, als die Ma anblickt auf den „S vorleget Antrieb hörte i Englan weſung jetzt da „T vers, zögerte Begrüß So Weſen wirklich rchbrin⸗ t. Die nzenden Thräne m ihres ielleicht edenheit nMann e ſie iſt, en nd Paare ers, mit zie kön⸗ halblaut hnlichen es m elch ein Muſik? nung in beinahe ien n ſogar n Ohren off ent⸗ nſt, wie tNatur e ſanfte, mit ſich daß er, 195 ohne es zu wiſſen, einen Zuhörer im jungen Ceſarini gehabt hatte. „Nein,“ ſagte Maltravers, ich leſe mir die Blu⸗ men aus, ohne den Boden zu bearbeiten.“ „Und warum nicht,“ ſagte Ceſarini, mit abge⸗ brochenem Nachdruck;„Sie ſind ein Engländer; Sie beſitzen ein Publikum, ein Vaterland, eine lebendige Bühne, athmende Zuhörer; wir Italiener haben nichts, als die Todten.“ Maltravers erſtaunte, als er den jungen Mann anblickte, die plötzliche Regung zu erſchauen, welche auf den blaſſen Zügen deſſeiben glühte. „Sie richteten an mich eine Frage, die ich Ihnen vorlegen möchte,“ ſprach der Engländer nach einer Pauſe.„Sie, wie mich däucht, find ein Dichter?“ „Ich habe mir eingebildet, daß ich ein ſolcher ſein könnte; allein Poeſie bei uns gleicht einem Vogel in der Wildniß; der Vogel ſingt aus eigenem Antrieb; der Geſang erſtirbt ohne Hörer. O, ge⸗ hörte ich nur einem lebenden Lande an, Frankreich, England, Deutſchland, Amerika, und nicht der Ver⸗ weſung kecker Rieſengröße! Denn darin befindet ſich jetzt das Land der alten Leier.“ „Treffen wir uns bald wieder!“ ſprach Maltra⸗ vers, indem er ſeine Hand ausſtreckte. Ceſarini zögerte einen Augenblick, nahm dann die dargebotene Begrüßung an und gab dieſelbe zurück. So zurückhaltend er auch war, wurde er durch das Weſen von Maltravers angezogen; auch beſaß Ernſt wirklich ein Etwas, welches die Meiſten der excentri⸗ 196 ſchen, unglücklichen Leute bezauberte, die ſich nicht im gewöhnlichen Kreiſe der Welt bewegen. Nach wenigen Augenblicken hatte der Engländer dem Eigenthümer der Villa Lebewohl geſagt, und ſein leichtes Bovt flog ſchnell über die Flut. „Was halten Sie von dieſem Engländer,“ fragte Frau von Montaigne ihren Gemahl, als ſie in' Haus zurückkehrten(ſie ſprachen kein Wort über die Mailänder). „Er hat ein evles Ausſehen für ſeine Jugend,“ ſprach der Franzoſe,„und ſcheint die Welt geſehen und Nutzen ſowie Leiden aus ihr geerntet zu haben.“ Er wird ſich als treffliche Werbung für unſere Geſellſchaft hier erweiſen,“ erwiderte Tereſa,„er intereſſirt mich, und Sie Caſtruccio?...“ ſie wandie ſich um, um ihren Bruder zu ſuchen; allein Ceſarini war bereits mit ſeinem gewöhnlichen, geräuſchloſen Schritt im Hauſe verſchwunden. „Ach, mein armer Bruder,“ fügte ſie hinzu,„ich kann ihn nicht begreifen, was er wünſcht.“ „Er wünſcht ſich Ruhm,“ erwiderte ihr Gatte ruhig,„einen eitlen Schatten; kein Wunder, daß er ſich ſo vergeblich beunruhigt.“ Nic gelegent — went blicken, haben u lich, da ſtellte E wie wir Schulbet bevor w ſolchen Maltrar lrauten ſich mit bekannt nauen o taigne ſ Denken; als went glaube, Leute, wie Leut und woh zuſamme nicht im ngländer gt und t. „ fragte s ſie in's über die Jugend,“ ehen und ben.“ ür unſere eſa,„et ie wandte Ceſarini äuſchloſen nzu,„ich . h Gatte , daß er 197 Zweites Kapitel. Ach wozu hilfis, mit nie gehemmten Müh'n Den undankbaren Muſen nachzuſinnen; Gewiß iſt weiſer Anderer Beginnen, In Lauben mit Neära's Haar zu ſpielen. Milton„Lyeibas.“ Nichts iſt für thätige Leute ſo heilſam, als wenn gelegentlich für ſie Zwiſchenräume von Ruhe eintreten — wenn wir in unſer Inneres, anſtatt nach Außen blicken, wenn wir heinahe unmerklich, was wir gethan haben und thun können, unterſuchen(ich glaube näm⸗ lich, daß eine ſtrenge und mit Bewußtſein ange⸗ ſtellte Selbſtunterſuchung, weit ſeltener ſtatt findet, wie wir vermuthen). Wir rechnen gleichſam unſere Schulden und Ausſtände mit der Vergangenheit ab, bevor wir uns in neue Spekulationen ſtürzen. Einen ſolchen Zwiſchenraum der Ruhe genoß gegenwärtig Maltravers In gänzlicher Einſamkeit, was ver⸗ lrauten Umgang betraf, hatte er mehre Wochen lang ſich mit ſeinem eigenen Charakter und ſeinem Geiſte bekannt gemacht. Er las und dachte viel, ohne ge⸗ nauen oder beſtimmten Zweck. Ich glaube, Mon⸗ taigne ſagt irgendwo:„Die Leute ſprechen über das Denken; was mich betrifft, ſo denke ich nie anders, als wenn ich mich zum Schreiben niederſetze.“ Ich glaube, dieſer Fall iſt nicht ſehr gewöhnlich, denn Leute, welche nicht ſchreiben, venken ebenſowohl, wie Leute, welche ſchreiben; ſyſtematiſch verbundene und wohl entwickelte Gedanken, im Gegenſatz zu un⸗ zuſammenhängendem Nachfinnen, müſſen aber mit 198 irgend einem wirklichen Plan verbunden ſein; deß⸗ halb müſſen wir entweder ſchreiben oder handeln, wenn wir unſere Logik auf die Probe ſtellen und die ebenmäßigen, in einander ſließenden Farben unſeres Denkvermögens vor uns ausbreiten wollen. Maltra⸗ vers fühlte dies nicht, er erkannte jedoch, daß ſeinem Nachſinnen etwas fehlte. Seine Ideen, Erinnerun⸗ gen, Träume, drangen dicht und verwirrt auf ihn ein; er wollte ſie ordnen, allein es war ihm nicht möglich. Er ward von dem ungeordneten Strom ſeiner Einbildungskraft und ſeines Denkvermögens überwältigt. Sogar als Kind hatte er ſich oft ein⸗ gebildet, er ſei, um in der Welt etwas auszuführen, geſchuffen; er hatte jevoch noch niemals anhaltend überlegt, was dies wohl ſein würde, oh er ein Mam der Bücher, oder ein Mann der Thaten werden ſolle. Er hatte Poeſie geſchrieben, wenn dieſelbe unwider⸗ ſtehlich aus der Quelle ſeiner inneren Regung ſtrömte, betrachtete jedoch dieſe ſeine Regung mit kaltem, ver⸗ nachläſſigendem Blick, ſobald der Enthuſiasmus ver⸗ ſchwunden war. Maltravers wurde durch Wunſch nach Ruhm nicht aufgerieben; vielleicht iſt dies bei den meiſten Leuten von wirklich hohen Gaben der Fall, his ſie künſtlich hinaufgeſchraubt werden. In einer geſunden un richtigen Geiſteskraft, welche alle ihre Gaben richtiz abwägt, liegt ein ruhiges Bewußtſein der Gewaltz eine gewiſſe überzeugung, daß ſie das gewöhnlich Ergebniß ihrer Anſtrengungen wirklich erreichen wird, wenn ſle alle ihr zu Gebote ſtehenden Vermöge thätig mit ei lich ut rühmt ſonder Sie er beſchä ihre ei eben ſ dem Y in die ſteht. und de um ſei M und ſ deren hängn oft un Feinde ſchäme keit be allgem gefürch ruhig Schickſ müßig zuſchre erzeugt das Ge in; deß⸗ handeln, und die n unſeres Maltra⸗ aß ſeinem rinnerun⸗ auf ihn ihm nicht en Strom vermögens hoft ein⸗ szuführen, anhaltend ein Mann erden ſolle. e unwider⸗ ng ſtrömte, ltem, ver⸗ smus ver⸗ Ruhm nicht ſten Leuten ie künſtlich unden und ben richtig er Gewalh gewöhnlicht ichen wird, Vermögen 199 thätig in Anwendung gebracht hat. Männer dagegen mit einem Geiſte zweiten Ranges, ſind ſehr empfind⸗ lich und nervös; ſie ſtreben ruhelos nach einer Be⸗ rühmtheit, die ſie nicht nach ihren eigenen Talenten, ſondern nach denen irgend eines Andern abſchätzen. Sie erblicken einen Thurm, find aber allein damit beſchäftigt, deſſen Schatten zu meſſen und glauben, ihre eigene Höhe, die ſie nie berechnen, werde einen eben ſo breiten auf die Erde werfen. Sie gleichen dem Mann von kurzem Wuchs, der immer ſein Kinn in die Höhe ſtreckt und ſo aufgerichtet wie ein Pfeil ſteht. Der ſchlanke Mann dagegen bengt ſich vor und der ſtarke braucht nicht immer die Bleikageln, um ſeine Arme zu kräftigen. Matrayers hatte bis jetzt noch nicht die heftige und ſcharfe Begierde nach Ruhm empfunden und deren Süßigkeit wie Bitterkeit gekoſtet— ein ver⸗ hängnißvoller Trank, welcher, einmal genoſſen, zu oft unerſättlichem Durſt erweckt! Auch hatte er keine Feinde und Schmäher, die er durch Verdienſt zu be⸗ ſchämen ſtrebte— eine gewöhnliche Urſache der Thätig⸗ keit bei ſtolzen Männern. Allerdings hielt man ihn allgemein für geſchickt und er wurde von Dummköpfen gefürchtet, gegenwärtig bahnte ſich deßhalb ſeine Seele ruhig und natürlich ihre geſetzliche Bahn zu der vom Schickſal ihr beſtimmten Thätigkeit. Er begann, müßig und ſorglos ſeine Gedanken und Eindrücke auf⸗ zuſchreiben; was ſich einmal auf dem Papier befand, erzeugte neuen Stoff; ſeine Ideen wurden ihm klarer; das Geſchriebene wurde ihm ein Spiegel, welcher ihm 200 das Bild ſeiner eigenen Züge zurückwarf. Er begann mit Schnelligkeit und ohne Methode zu ſchreiben, er hatte keinen Zweck, als ſich ſelbſt zu gefallen, und ein Ventil für ſeinen Geiſt, bei deſſen heftiger Zu⸗ ſammenpreſſung, zu finden; der Stoff war egoiſtiſch, wie dies bei den meiſten Schriften junger Leute der Fall iſt. Wir beginnen mit dem kleinen Kern der Leidenſchaft und Erfahrung, um den Kreis ſpäter zu erweltern; vielleicht haben die größten Meiſter, in Beurtheilung und Auffaſſung des Lebens und Charak⸗ ters von der umfaſſendſten Wirkſamkeit, damit ange⸗ fangen, Egoiſten zu ſein. Ein Mann nämlich, welcher viel in ſich enthält, beſitzt ein wunderbar ſcharfes und feines Gefühl ſeines Daſeins. Eine mit leb⸗ hafter Einbildungskraft und Empfänglichkeit begabte Perſon enthält in ſich zehnmal ſo viel Leben, als ein beſchränkter Menſch, und wäre Letzterer ein Herkules. Er vervielfältigt ſich in tauſend Gegenſtänden, bringt jeden mit feiner Eigenthümlichkeit in Verbindung, lebt in jedem und betrachtet beinahe die Welt mit ihren unbeſtimmten Gegenſtänden, als einen Gegen⸗ ſtand ſeines individuellen Seins. Später wird er zahm, zieht ſeine Streitkräfte in die Citadelle zurück, kennt aber noch das Land, welches dieſelben einſt deckten, und empfindet dafür Theilnahme. Er verſleht andere Leute, denn er hat in andern Leuten gelebt, in den Tod⸗ ten und Lebendigen; er hatte ſich bald als Brutus, bald als Cöſar gedacht, und überlegt, wie er in beinah jedem Umſtand des Lebens gehandelt haben würde. Beginnt er menſchliche Charaktere zu ſchildern, welche von d er zut Es if ſelbſt, Daher ſchicht Genu Schöp oder ich m hier, Erzäh haupt der D gegeb genug wecker V ſeiner Styl, nachla noch Kunſt wilder und e manch den üppig In d den la begann ben, er n„ und ger Zu⸗ iſtiſch, eute der ern der ſpäter ſter, in Charak⸗ tange⸗ welcher ſcharfes nit leb⸗ begabte als ein erkules. „bringt bindung, belt mit Gegen⸗ wird er e zurück, deckten, t andere den Tod⸗ Brutus, n beinah würde. n, welche 201 von dem ſeinigen weſentlich verſchieden ſind, ſo gelangt er zur Erkenntniß beinahe durch innere Anſchauung. Es iſt, als ob er Wohnungen beſchriebe, worin er ſelbſt, obgleich nur auf kurze Zeit, früher verweilte. Daher findet man bei großen Schriftſtellern der Ge⸗ ſchichte, von Romanen und von Dramen einen ſolchen Genuß an der Schilderung ihrer Geſtalten; ihre Schöpfungen ſind Fleiſch und Blut, keine Schatten oder Maſchinen. Wegen dieſer Betrachtungen ſollte ich mich vielleicht entſchuldigen; geſchieht dies aber hier, ſo muß ich meine Entſchuldigung während der Erzählung noch oft wiederholen. Dieſelbe wird über⸗ haupt Manches, was an die Abhandlung ſtreift, mit der Darſtellung miſchen; in meinen jüngſt heraus⸗ gegebenen Dichtungen habe ich mich des Didaktiſchen genug enthalten, um bei mir die Hoffnung zu er⸗ wecken, daß ich hier in meiner Weiſe verfahren darf. Maltravers war alſo zuerſt ein Egoiſt im Stoff ſeiner rohen und leicht hingeworfenen Skizzen; im Styl, wie ich früher ſagte, war er ſorglos und nachläͤſſig, wie es bei Lenten der Fall iſt, welche noch nicht zur Erkenntniß gelangt ſind, daß eine Kunſt im Ausdruck liegt. Dennoch boten ihm dieſe wilden und werthloſen Verſuche, dieſe abgeriſſenen und geheimen Bekenntniſſe ſeines eigenen Herzens manche Entzückung. Er begann die Aufregung und den Rauſch eines Autors zu empfinden. Welch ein üppiger Genuß liegt in dieſer erſten Liebe zur Muſe! In dem Verfahren, wodurch wir eine feſte Form, den lange Zeit unberührbaren Viſionen ertheilen, welche uns umflatterten— im ſchönen Geiſte des Ideals un⸗ ſeres Innern, welchen wir im Gadara unſerer ſtillen Gemächer mit dem Zauberſtabe einer einzigen Feder anrufen! Am Vormittage nach dem Abend, wo Maltravers die Bekanntſchaft mit den de Montaigne's geſchloſſen hatte, ſaß er in ſeinem Lieblingszimmer, demjenigen, welches er zu ſeinen Studien aus den vielen Ge⸗ mächern ſeiner gryßen und einſamen Wohnung ſich auserwählt hatte. Er ſaß in einer Niſche vor einem offenen Fenſter, welches die Ausſicht auf den See bot; Bücher waren auf ſeinem Tiſch zerſtreut und er notirte müßig ſeine Bemerkung über das Geleſene, mit ſeinen Eindrücken über das Geſehene untermiſcht. Die Eni⸗ werfung eines Notizenbuches bietet die angenehmſte Weiſe des Schreibens einem Manne, welcher in Ein⸗ ſamkeit ſtudirt, in der Geſellſchaft beobachtet und über⸗ all zu bewundern und zu empfinden vermag. Er war mit dieſer angenehmen Arbeit beſchäftigt, als Ceſarini angemeldet wurde und der jüngere Bruder der ſchönen Tereſa ius Zimmer trat. „Ich habe bald Ihre Einladung benützt,“ ſprach der Italiener. „Das Compliment erkenne ich an,“ erwiberte Maltravers, indem er die ihm blöde hingehaltene Hand drückte. „Wie ich ſehe, ſo ſchreiben Sie; ich dachte mir, daß Sie ſich mit Literatur beſchäftigten; ich las es in Ihrem Antlitz und vernahm es in Ihrer Stimme,“ ſprach Ceſarini, indem er ſich ſetzte. müßt einer Publ 1 rung die erker alter entn Geſe nich daß Beſi terie Her ſtell folg der als un⸗ ſtillen 1Feder ltravers ſchloſſen jenigen, en Ge⸗ ing ſich reinem ee bot; notirte t ſeinen ie Ent⸗ nehmſte in Ein⸗ id über⸗ Er war Leſarini ſchönen ſprach wiberte ehaltene te mir, las es imme,“ „Allerdings,“ ſagte Maltravers,„ich habe eine müßige Stunde auf ſehr müßige Weiſe zugebracht.“ „Aber Sie ſchreiben nicht allein für ſich, ſie richten einen Blick auf die großen Gerichtshöfe, Zeit und Publikum?“ „Nein, ich gebe Ihnen aufrichtig dieſe Verſiche⸗ rung,“ ſprach Maltravers lächelnd;„ſehen Sie ſich die Bücher auf meinem Tiſche an, ſo werden Sie erkennen, vaß dieſelben in den großen Meiſterſtücken alter und neuer Lehren beſtehen; dergleichen Studien entmuthigen Anfänger.“ „Sie vermögen jedoch zu begeiſtern.“ „Ich glaube es nicht. Muſter vermögen unſern Geſchmack als Kritiker zu bilden, reizen uns aber nicht an, als Schriftſteller aufzutreten. Ich glaube, daß unſere eigene Regung und das Gefühl unſerer Beſtimmung den großen Gährungsſtoff der trägen Ma⸗ terie, die wir anhäufen, darbietet.„„Blicke in Dein Herz und ſchreibe,““ ſagt ein alter engliſcher Schrift⸗ ſteller, welcher übrigens was er predigte nicht be⸗ folgte, und Sie, Signor.4 „Ich bin nichts und möchte etwas ſein,“ ſprach der junge Mann kurz und bitter. „Weßhalb läßt ſich dieſer Zweck nicht erreichen?“ „Nur deßhalb, weil ich Italiener bin,“ ſagte Ceſarini.,„Bei uns gibt es kein literariſches Publi⸗ kum, keine große, leſende Klaſſe— wir haben Dilet⸗ tanten unv Literaten, Studirende und ſogar Autoren; aber dieſe bilden allein eine Coterie, kein Publikum. Ich habe geſchriehen und drucken laſſen; aber Nie⸗ 204 mand hört auf mich. Ich bin ein Schriftſteller ohne Leſer.“ „Das iſt auch nicht ungewöhnlich in England,“ ſagte Maltravers. Der Italiener fuhr fort:„Ich glaubte im Munde der Menſchen zu leben, ſtumme Gedanken aufzuregen und die Saiten der alten Leier zu erwecken! Ver⸗ geblich. Wie die Nachtigall, ſinge ich allein, um mein Herz mit falſcher und ſchwermüthiger Nacheife⸗ rung anderer Noten zu brechen.“ „Es gibt,“ ſprach Maltravers freundlich,„Zeit⸗ abſchnitte in allen Ländern, worin beſondere Literatur⸗ zweige nicht in die Stimmung der Nation paſſen, und wo kein Genie dieſelben dem Publikum wieder vorführen kann. Sie ſagten aber mit Recht, es gebe zwei Gerichtshöfe, Publikum und Zeit. An den letz⸗ teren können ſie ſich berufen. Ihre großen italieni⸗ ſchen Hiſtoriker ſchrieben für die Ungebornen. Ihre Werke wurden erſt nach ihrem Tode herausgegeben. Dieſe Gleichgültigkeit gegen den lebendigen Ruhm hat für mich etwas Erhabenes.“ „Ich kann dieſe nicht nachahmen; es waren keine Dichter,“ ſprach Ceſarini mit Schärfe.„Ruhm iſt für Dichter eine nothwendige Nahrung, Vernachläſſi⸗ gung iſt ihr Tod.“ „Mein theurer Signor Ceſarini,“ ſprach der Eng⸗ länder mit Gefühl,„überlaſſen Sie ſich nicht ſolchen Gedanken. In einem geſunden Ehrgeiz muß der nach⸗ haltige Stoff eines ausdauernden, langen Lebens liegen; er muß weiter leben und auf den Tag hoffen, welcher langſ des„ ſorge „wie Ihr zum danke mit ſ Man: muth junge Malt wechſe über über kleine ſchaft welche tracht ſogar Dichte ihm. Beſtre als w erſehn neuer er het rohne land,“ Munde uregen Ver⸗ „ um cheife⸗ „Zeit⸗ ratur⸗ paſſen, wieder s gebe n letz⸗ alieni⸗ Ihre geben. Ruhm keine hmn iſt hläſſi⸗ Eng⸗ olchen nach⸗ iegen; elcher 205 langſam herankömmt und an welchem die Erreichung des Ziels alle Mühen belohnt.“ „Vielleicht iſt dies nicht der Fall; bisweilen be⸗ ſorge ich's; der Gedanke iſt furchtbar.“ „Sie ſind noch ſehr jung,“ ſprach Maltravers; „wie wenige in Ihrem Alter kränkeln nach Ruhm. Ihr erſter Schritt vielleicht iſt ſchon der halbe Weg zum Ziel.“ Ich weiß nicht gewiß, ob Ernſt wirklich den Ge⸗ danken hegte, den er ausſprach; der Troſt jedoch war mit ſolchem Zartgefühl gegeben, wie dies bei einem Mann nur immer möglich war, deſſen plötzlicher Frei⸗ muth ihn in Verlegenheit und Kummer verſetzte. Der junge Mann ſchüttelte niedergeſchlagen ſein Haupt. Maltravers ſuchte den Gegenſtand des Geſprächs zu wechſeln; er ſtand auf und ging auf den Balkon, der über den See ragte; er ſprach vom Wetter, redete über die ausgezeichnet ſchöne Gegend, wies auf die kleineren und mehr verborgenen Schönheiten der Land⸗ ſchaft mit dem Blick und dem Geſchmack eines Mannes, welcher die Natur in allen ihren Einzelnheiten be⸗ trachtet hatte. Der Dichter wurde lebhaft und heiter, ſogar beredt; er eitirte Poeſte und ſprach wie ein Dichter. Maltravers fand immer mehr Intereſſe an ihm. Er fühlte Neugier, ob wohl ſein Talent ſeinen Beſtrebungen gleichkäme; er gab Ceſarini einen Wink, als wünſche er ſeine Gedichte zu ſehen; gerade das erſehnte der junge Mann. Der arme Ceſarini! Ein neuer Zuhörer hatte für ihn viel zu bedeuten, und er hegte die Einbildung, jeder ehrliche Zuhörer werde auch ein warmer Bewunderer ſein. Jevoch gab er Widerſtreben und Bedenklichkeit vor, nach der allge⸗ meinen Sprödigkeit ſeiner Kaſte; er ſpielte mit ſeinen eigenen, ungeduldigen Begierden. Maltravers, um ſich den Weg zu bahnen, machte den Vorſchlag einer Fahrt auf dem See. „Einer meiner Bedienten wird rudern,“ ſagte er; alsdann leſen Sie mir vor, und ich werde Ihnen daſſelbe bieten, was für Moliere einſt deſſen alte Haus⸗ hälterin war.“ Maltravers beſaß viel Gutmüthigkeit, ſobald er gerührt wurde, obgleich er jener überflüſſigen Eigen⸗ ſchaft entbehrte, welche gute Laune heißt, auf der Oberfläche ſchwebt und Allen in gleicher Weiſe zu⸗ lächelt. Er beſaß viel von der Milch menſchlicher Güte, allein wenig von deren Sl. Der Dichter gab ſeine Einwilligung und Beide befanden ſich bald auf dem See. Es war ein ſchwüler Tag und die Sonne ſtand in der Mittagshöhe; ſomit ſchlich ſich das Boot langſam die Schatten am Ufer entlang, und Cäſarini zog aus ſeiner Bruſttaſche einige Kanuſeripte mit kleiner und ſchöner Handſchrift hervor. Wer kennt nicht die Mühe, die ein junger Dichter ſich gibt, um ſeinen theuren Reimen ein ſchönes Kleid zu ertheilen? Ceſarini las gut und mit Gefühl. Alles war zu Gunſten des Vorleſers, ſeine dichteriſchen Geſichts⸗ züge, ſeine Stimme, ſein halb zurückgehaltener Enthu⸗ ſiasmus, die bereits vorhandene Theilnahme des Zu⸗ hörers, die träumeriſche Lieblichkeit der Stunde und der G große mit A läßt ſ Sprach Sprac liegt i den kle wie er Studie allein ſchwach Es wa hielt e treiben die ihn „Denn kum. in Eng hundert mit no ſelben 2 ſelbe g travers auf ein Erzbiſch irgend Maltra aber ar ſich nich gab er allge⸗ ſeinen s, um g einer igte er; Ihnen Haus⸗ bald er Eigen⸗ auf der eiſe zu⸗ er Güte, d Beide ſchwüler ; ſomit m Ufer e einige thervor. Dichter es Kleid war zu Geſichts⸗ rEnthu⸗ des Zu⸗ inde und 207 der Gegend(bei dergleichen Dingen übt auch bie Zeit große Wirkung auf den Eindruck). Maltravers horchte mit Aufmerkſamkeit. Nur mit großer Schwierigkeit läßt ſich das Verdienſt der Poeſie in einer andern Sprache genau beurtheilen, ſogar wenn wir dieſe Sprache genau kennen— um ſo größerer Zauber liegt in dem nicht überſetzbaren Reiz des Ausvrucks, den kleinen Feinheiten des Styls. Maltravers aber, wie er ſelbſt ſagte, mit dem friſchen Eindruck ver Studien von großen und Originalſchriftſtellern, konnte allein das Gefühl hegen, daß er melodiſchen, aber ſchwachen und mittelmäßigen Erzeugniſſen zuhörte. Es war die Poeſie der Worte, nicht der Dinge. Er hielt es jedoch für grauſam, die Kritik zu hoch zu treiben, und ſprach Allgemeinplätze des Lobes aus, die ihm einfielen. Der junge Mann wurde entzückt. „Dennoch,“ ſprach er ſeufzend,„habe ich kein Publi⸗ kum. In England würde man mich ſchätzen.“ Ach, in England gab es gerade in dem Augenblicke fünf⸗ hundert Dichter derſelben Jugend, derſelben Glut und mit noch größeren Gahen, deren Herzen mit dem⸗ ſelben Wunſche ſchlugen und deren Nerven durch die⸗ ſelbe getäuſchte Hoffnung gebrochen wurden. Mal⸗ travers erkannte bald, daß ſein junger Freund allein auf ein durchaus günſtiges Urtheil hören wollte. Der Erzbiſchof im Gil Blas war nicht empfinblicher über irgend eine Kritik, die gerade kein Lob ausſprach. Maltravers hielt dies für ein ſchlimmes Zeichen, dachte aber an Gilblas und hielt ſich klugerweiſe zurück, um ſich nicht dem wohlwollenden Wunſch„von viel Glück . 208 und etwas beſſeren Geſchmack“ auf den Hals zu laden. Als Ceſarini ſein Manuſeript beendet hatte, war er begierig, die Fahrt zu beſchließen; er wünſchte zu Hauſe zu ſein und die von ihm erweckte Bewunderung zu überdenken. Er ließ jedoch ſeine Gedichte bei Maltra⸗ vers zurück, ſtieg bei den Trümmern der Villa des Plinius ans Ufer und war bald verſchwunden. Maltravers las an dem Abend aufmerkſam die Gedichte durch. Seine erſte Meinung ward beſtätigt, ver junge Mann ſchrieb ohne Kenntniß. Er hatte weder die von ihm geſchilderten Leidenſchaften em⸗ pfunden, noch die von ihm beſchriebenen Lagen durch⸗ lebt. Er beſaß weder Originalität noch Erfahrung. Sein Vers bot eine ſchöne Form— das war Alles. Er ſelbſt konnte wohl dadurch getäuſcht werden, denn ſein Ohr mußte ſich dadurch geſchmeichelt fühlen; Taſſos Rhythmus mit ſilbernen Tönen erklang nicht mit mehr Muſik wie die harmoniſchen Stanzen Caſtruccivs Ceſa⸗ rini's. Das Durchleſen dieſer Ppeſie und das Geſpräch mit dem Dichter erweckte bei Maltravers ein tiefes Nachfinnen.„Der arme Ceſarini kann mir eine War⸗ nung ertheilen,“ dachte er.„Es iſt beſſer, Holzhauer und Waſſerträger zu ſein, als ſich an eine Kunſt zu hängen, worin wir nicht die Fähigkeit, hervorzuragen, beſitzen. So werfen wir die geſunden Zwecke des Lebens für einen kränklichen Traum hinweg; noch ſchlimmer wie die Roſenkrenzer bringen wir das Opfer menſch⸗ licher Schönheit einer Sylphide, die uns nur in Viſio⸗ nen beſucht.“ Maltravers blickte in ſeine eigenen Ge⸗ dichte 1 er einer niederg Carikat Er Zeit it Period ſchaftz ſcher E Leidenſ dem ſa lauf de das Fie dem V bewegl Perſon denn ſ leriſch, in dem könner Vocht liebens ruhige aus der Bu tladen. war er Hauſe ung zu Maltra⸗ illa des n. ſam die eſtätigt, r hatte ten em⸗ n durch⸗ fahrung. r Alles. n, denn Taſſo's nit mehr os Ceſa⸗ Geſpräch in tiefes ine War⸗ olzhauer Kunſt zu rzuragen, es Lebens ſchlimmer r menſch⸗ in Viſio⸗ enen Ge⸗ 209 dichte und warf ſie ins Feuer. In dieſer Nacht hatte er einen unruhigen Schlaf. Sein Stolz war ein wenig niedergedrückt; er glich einer Schönheit, welche eine Carikatur von ſich ſelbſt geſehen hat. Drittes Kapitel. Stets ſei Verſtand dein Führer, denn er iſt Die Seele jeder Kunſi. Pope. Ernſt Maltravers brachte einen großen Theil ſeiner Zeit in der Familie de Montaigne zu. In keiner Periode des Lebens ſind wir für das Gefühl der Freund⸗ ſchaft zugänglicher, als in den Zwiſchenräumen morali⸗ ſcher Erſchöpfung nach getäuſchten Hoffnungen unſerer Leidenſchaften. Alsdann liegt etwas Einladendes in dem ſanfteren Gefühl, welches gleichſam den Blutum⸗ lauf der Neigungen lebendig erhält, wenn auch nicht das Fieber der Leidenſchaften. Maltravers blickte mit dem Wohlwollen eines Bruders auf die glänzende, bewegliche und raſtloſe Tereſa. Sie war die letzte Perſon per Welt, in die er ſich hätte verlieben können, denn ſeine Natur, glühend, aufregbar, jedoch wäh⸗ leriſch, erheiſchte etwas Rube in dem Benehmen und in dem Temperament der Frau, die er hätte lieben können, und Tereſa wußte kaum, was die Ruhe war. Mochte ſie mit ihren Kindern ſpielen(ſie beſaß zwei liebenswürdige, das älteſte ſechs Jahr alt), oder ihren ruhigen und nachbenklichen Gemahl necken, oder Verſe aut dem Stegereif hervorſtröwen laſſen, oder bei Arien, Bulwer, Maltravers. 1⸗ 14⁴ die ſie nie beendete, ſchnell über die Guitarre oder das Clavier fahren, oder mochte ſie auf dem Gee umherſchiffen, kurzum, in jeder Beſchäftigung erſchien ſie als die Cynthia der Minute, ſtets heiter und be⸗ weglich, niemals in übler Laune, niemals eine Sorge oder ein Kreuz im Leben anerkennend, niemals für Gram empfänglich, ausgenommen wenn ihres Bru⸗ ders zarte Geſundheit oder krankhafte Stimmung die Atmoſphäre ihres Sonnenſcheins trübte. Sogar dann erholte ſich die ſanguiniſche Biegſamkeit ihrer Seele und ihrer Körperbeſchaffenheit ſehr ſchnell von dem drückenden Gefühl des Augenblicks; ſie redete ſich ein, Caſtruecio werde mit jedem Jahre kräftiger werden und zu einem ebenſo berühmten wie glücklichen Mann heranreifen. Caſtruceio ſelbſt führte ein Leben, welches romantiſche Dichterlinge ein dichteriſches nennen. Er ſah gern die Sonne über den entfernten Alpen auf⸗ gehen oder den mitternächtlichen Mond in dem See ſchlafen. Er verbrachte die Hälfte des Tages und oft die Hälfte der Nacht in einſamen Streifereien, wob ſeine luftigen Reime oder überließ ſich düſteren Träu⸗ mereien und hielt die Einſamkeit für das Element eines Dichters. Ach, Dante Alfieri, ſogar Petrark, hätte ihn belehren können, daß ein Dichter genane Kenntniß der Menſchen wie der Berge beſitzen muß, wenn er zum Schöpfer werden will! Wenn Shelley in einer ſeiner Vorreden ſich rühmt, mit Alpen und Gletſchern, und der Himmel weiß, womit ſonſt noch bekannt zu ſein, ſo kann der Kritiker nur den Wunſch hegen, es ſei für ihn beſſer geweſen, wenn er Fleet⸗ Street dann! Geiſt Fleiſch ſchaffe Bruchſ O und ti er geg der A größer bieten. zeichnt ſtarke Abwec Wechſ kann. wahre iſt, u Er g folgte ohne Er ze die it nicht oder Char Engl Vate Land re der em Eee erſchien und be⸗ e Sorge als für s Bru⸗ ung die rdann r Seele on dem ſich ein, werden Mann welches nen. Er en auf⸗ em See und oft n, wob n Träu⸗ Flement Petrark, genaue en muß, Shelley en und nſt noch Wunſch r Fleet⸗ 211 Street oder den Strand genauer gekannt hätte. Als⸗ vann wäre dieſer merkwürdige Mann von höchſtem Geiſt vielleicht auch fähiger geweſen, Charaktere von Fleiſch und Blut und körperliche, vollendete Ganze zu ſchaffen, nicht aber allein verwirrte und flimmernde Bruchſtücke. Obgleich Ernſt Anhänglichkeit für Tereſa hegte und tiefe Theilnahme an Caſtruceio empfand, hegte er gegen Montaigne das höhere und ernſtere Gefühl der Achtung. Dieſer Franzoſe war mit der Welt in größerem Kreiſe bekannt, wie ihn die Coterien dar⸗ bieten. Er hatte im Heere gedient, hatte mit Aus⸗ zeichnung bürgerliche Umter verwaltet und beſaß die ſtarke und geſunde moraliſche Conſtitution, welche Abwechslung des ſocialen Lebens ertragen und den Wechſel unſeres ſterblicken Geſchickes ruhig abwägen kann. Prüfung und Erfahrung hatten ihn zu dem wahren Philoſophen gemacht, weſcher zu verſtändig ſſt, um Optimiſt, zu gerecht, um Miſanthrop zu ſein. Er genoß das Leben mit nüchternem Urtheil und ver⸗ folgte den Pfad, der ſich am meiſten für ihn eignete, ohne gerade zu erklären, er ſei der beſte für Andere. Er zeigte vielleicht ein wenig Härte bei Irrthümern, die in Schwäche und Launen ihren urſprung haben, nicht aber gegen ſolche, welche aus großen Naturen oder edelmüthigen Gedanken entſpringen. Zu ſeinen Charakterzügen gehörte eine tiefe Bewunderung für England. Halb liebte, halb verachtete er ſein eigenes Vaterland. Der Ungeſtüm und die Leichtfertigleit ſeiner Lunpslente mißfiel ſeinen nüchternen und würdevollen 242 Begriffen. Er konnte ihnen nicht vergeben, wie er ſich auszudrücken pflegte, daß ſie die zwei großen Ver⸗ ſuche der populären Revolution und des militäriſchen Deſpotismus vergeblich gemacht hatten. Er ſympa⸗ thiſirte weder mit den jungen Enthuſiaſten, die eine Republik wünſchten, ohne die zahlreichen Unterlagen der Gewohnheiten und Gebräuche zu kennen, auf wel⸗ chen dieſer Bau, wenn er bleibend ſein ſoll, errichtet werden muß— noch mit der unerzogenen und trockenen Ritterſchaft, welche eine Wiederherſtellung des krie⸗ geriſchen Kaiſerreichs erſtrebte— noch mit den thö⸗ richten und hochmüthigen Frömmlern, welche alle Ideen der Ordnung und Regierung mit der unheilvollen und abgenutzten Dynaſtie der Bourbons verknüpften. Ge⸗ ſunder Menſchenverſtand war bei ihm Anfang und Quelle jeder Theorie und Praxis. Gerade wegen dieſer Eigenſchaft fühlte er Anhänglichkeit zu den Englän⸗ dern. Seine Philoſophie in dieſer Hinſicht war etwas ſonderbar. „Der geſunde Menſchenverſtand,“ ſagte er eines Tages zu Maltravers als Beide am Rande des Sees auf und niedergingen,„iſt nicht allein eine Beigabe des Denkvermögens, er beſteht vielmehr in dem Er⸗ gebniß eines richtigen Gleichgewichtes aller unſerer Fähigkeiten, der geſſtigen und moraliſchen. Die Un⸗ ehrlichen oder die Spielwerke ihrer Leidenſchaften können Genie beſitzen; ſie haben jedoch ſelten, wenn es überhaupt jemals der Fall iſt, geſunden Verſtand in der Leitung ihres Lebenz. Oft mögen ſie große Preiſe gewinnen, gllein dies geſchieht immer nut aus jedoch bahn (denn Niem weni wird rauſt dener uns verſt Eige er ift zu d Sche verſ der nun Eige er ſich n Ver⸗ riſchen ympa⸗ bie eine erlagen uf wel⸗ rrichtet ockenen s krie⸗ thö⸗ Ideen en und Ge⸗ g und dieſer nglän⸗ etwas eines Sees eigabe m Er⸗ nſerer Un⸗ haften wenn ſtand große nur 213 aus Zufall, nicht aus Geſchicklichkeit. Der Mann jedoch, den ich auf ehrenwerther und gerechter Lauf⸗ hahn erblicke, der gerecht gegen ſich und Andere iſt (denn auch uns ſind wir Gerechtigkeit in der Sorgfalt für unſer Vermögen und unſern Charakter, in der Leitung unſerer Leidenſchaften ſchuldig), ein ſolcher Mann iſt ein würdigeres Bild ſeines Schöpfers, wie das bloße Kind ves Genies. Von einem ſolchen Mann ſagen wir, daß er geſunden Menſchenverſtand beſitzt, ja, er beſitzt aber auch Rechtſchaffenheit und Selbſtachtung und Selbſtverläugnung. Tauſend Prü⸗ fungen, welche ſein Verſtand fiegreich beſteht, bieten ſeiner Rechtſchaffenheit, ſeinem Temperament, mit einem Worte den mannigfachen Seiten ſeiner ver⸗ wickelten Natur Verſuchung. Nun glaube ich, daß Niemand dieſen geſunden Menſchenverſtand, ebenſo wenig wie ein Trunkenbold ſtarke Nerven, beſitzen wird, wenn er nicht fortwährend ſich von der Be⸗ rauſchung des Neides, der Eitelkeit und der verſchie⸗ denen Regungen frei zu halten gewohnt iſt, welche uns betrügen und irre führen. Der geſunde Menſchen⸗ verſtand beſteht deßhalb nicht in einer abſtrakten Eigenſchaft oder in einem einzeln ſtehenden Talent, er iſt das natürliche Reſultat, oder Gewohnheit, richtig zu denken, und deßhalb klar zu ſehen; er iſt von dem Scharfblick eines Diplomaten oder Sachwalters ebenſo verſchieden, wie die Philoſophie des Sokrates von der Rhetorik des Gorgias verſchieden war. So wie nun eine Maſſe von ausgezeichneten individuellen Eigenſchaften dies Attribut in einem Menſchen 214 bildet, ſo ertheilt eine Maſſe ſolcher Menſchen einer Nation den Charakter. England iſt deßhalb wegen ſeines geſunden Menſchenverſtandes berühmt; es iſt aber auch berühmt wegen der Eigenſchaften, welche den geſunden Menſchenverſtand beim Individnum be⸗ gleiten, wegen ſeiner hohen Ehrlichkeit im Handel und Wandel, wegen ſeiner warmen Liebe zur Gerech⸗ tigkeit und zum redlichen Spiel, wegen einer allge⸗ meinen Befreiung von gewaltthätigen auf dem Feſtlande gewöhnlichen Verbrechen, wegen der thatkräftigen Beharrlichkeit in einmal begonnenen Unternehmungen, welche aus kühnem und geſundem Charakter entſpringt.“ „Unſere Kriege, unſere Nationalſchuld—“ begann Maltravers. „Verzeihen Sie mir,“ unterbrach de Montaigne, „ich ſpreche von Ihrem Volke nicht von Ihrer Re⸗ gierung. Eine Regierung kann oft eine Nation durchaus nicht repräſentiren; allein ſogar hinſichtlich der Kriege, worauf Sie anſpielen, werden Sie im All⸗ gemeinen bei näherer Unterſuchung den Urſprung in der Liebe zur Gerechtigkeit, in der Grundlage des geſunden Menſchenverſtandes und nicht in unſinnigem Streben nach Eroberung oder Ruhm erkennen. Jeder⸗ mann, wie klug er auch ſein mag, muß ein Herz im Buſen tragen, und eine große Nation kann nicht zum ſelbſtſüchtigen Uhrwerk werden. Vorausgeſetzt, wir Beide ſind verſtändige Männer, und wir erblicken im Gedränge, daß ein gewaltthätiger Menſch einem Andern ungerechter Weiſe auf den Kopf ſchlägt, ſo würden wir Thiere, keine Menſchen ſein, wenn wir den T wir ur in de werde ſpiele Bewe Sie n zoſen niſſes Natit niſche und want wird lang nen niem ſher erhv ſhi⸗ beid Sch Cro zend und lich Eig für neiner wegen es iſt welche um be⸗ Handel Gerech⸗ allge⸗ ſtlande äftigen ungen, ringt.“ begann taigne, er Re⸗ Nation ſichtlich m All⸗ ung in e des inigem Jeber⸗ erz im nicht geſetzt, blicken einem gt, ſo n wir den Wilden nicht daran zu hindern ſuchten; ſtürzen wir uns aber ins Gedränge mit einem großen Knittel, in der Hoffnung, daß unſere Nachbarn ausrufen werden, welch ein kühner, ſtarker Mann!— dann ſpielen wir allein die Rolle eines Verrückten mit dem Beweggrunde eines albernen Narren. Ich beſorge, Sie werden in der militäriſchen Geſchichte der Fran⸗ zoſen und Engländer die Anwendung meines Gleich⸗ niſſes finden.“ „Dennoch geſtehe ich, beſitzt die ganze franzöſiſche Nation eine Ritterlichkeit, einen edlen und normän⸗ niſchen Muth, weßhalb ich mauche Exeeſſe ihr vergebe, und glaube, daß ſie für große Zwecke beſtimmt iſt, wann die Erfahrung ihr heißes Blut abgekühlt haben wird. Einige Nationen, wie einige Menſchen ge⸗ langen nur langſam zum reiſen Alter; Andere ſchei⸗ nen Männer in der Wiege. Die Engländer waren niemals Kinder; Dank ſei es ihrem derben, ſächfi⸗ ſchen Stamm, welcher durch normänniſche Miſchung erhoben aber nicht niedergedrückt wurde. Der Unter⸗ ſchied iſt auffallend, wenn ſie die Repräſentanten beider in den großen Männern betrachten, mögen es Schriftſteller oder thätige Bürger ſein.“ „Ja,“ ſprach de Montaigne,„in Milton und Cromwell zeigt ſich gar keine Eigenſchaft eines glän⸗ zenden Kindes; daſſelbe kann ich nicht von Voltaire und Napoleon ſagen. Sogar Richelieu, der männ⸗ lichſte unſerer Staatsmänner beſaß in ſoweit die Eigenſchaft eines franzöſiſchen Kindes, daß er ſich für einen xitterlichen beau gargon, für einen Mann von Witz unb für einen Kritiker hielt. Was die malers Schriftſteller der Schule von Raeine betrifft, ſo haben andere dieſe die Kinderſchuhe der Nachahmung noch nicht ſehr g ausgetreten; es find kalte Kopiſten einer falſchen Ihr G Claſſieität, worin ſie die Form erblickten und nie⸗ und ih mals den Geiſt auffaßten. Wie wenig Griechiſches, lichen Römiſches, Hebräiſches befindet ſich in ihren römi⸗ deſſen ſchen, griechiſchen und hebräiſchen Dramen! Ihres 2 rauhen Shakeſpeare's Julius Cäſar, ſogar ſein Troilus Lächeln und Creſſida, hauchen antiken Geiſt, gerade weil ler fir ſie Nachahmungen von nichts Altem ſind. Unſere„ Franzoſen aber kopirten die rieſenhaſten Bilder des einem Alterthums in derſelben Weiſe, wie ein Schulmädchen ich für eine Zeichnung kopirt, indem es letztere an ein Fenſter einer 1 hält und die Umriſſe am zweiten Papier nachzieht.“ ſreber „Allein Ihre neuen Schriftſteller, die Stasl, Cha⸗ eines teaubriand?“* Mann „Ich finde nur einen Fehler bei den Sentimen⸗ betret 1 taliſten,“ erwiderte der ſtrenge Kritiker;„ich meine daß er 1 ein übermaß an Schwäche; ihr Genie beſitzt weder Caſtr Knochen noch Muskeln, alles iſt ſchlaff und gerundet Geſell im Ebenmaß des weiblichen Körpers. Sie ſcheinen werde 3 den Gedanken zu hegen, daß die Kraft allein in zu err blühenden Phraſen und kleinen Aphorismen beſteht;§ lent g . ſie zeichnen alle gewaltigen Stürme des Menſchen⸗ nicht herzens mit der niedlichen Glätte eines Miniatur⸗„ *Zur Zeit dieſes Geſpräches hatte die letztere Schule noch hören nicht ihren jetzigen zweideutigen Ruf erlangt. Sie wird zwar noch durch Victor Hugo geſchmückt, welcher allerdings ein Mann von außerordentlichem Geiſte bleibt, allein dieſer hat ſeine Be⸗ einne griffe von Kunſt ſorgfältig auf einen durchaus falſchen Weg geleitet. niedri 1 Vas die haben ch nicht falſchen nd nie⸗ chiſches, römi⸗ Ihres Eroilus e weil Unſere er des ädchen Fenſter zieht.“ „Cha⸗ timen⸗ meine weder rundet heinen ein in ſteht; ſchen⸗ iatur⸗ e nch d zwar Mann e Be⸗ leitet. ——————— N 247 malers auf Elfenbein. Nein! die Beiden find Kinder anderer Art, geziert, herausgeputzt, wohl gekleidet, ſehr geſchickt, frühzeitig reif; dennoch ſind ſie Kinder. Ihr Gewimmer, ihre Empfindſamkeit, ihr Egoismus und ihre Eitelkeit kann unmöglich Intereſſe bei männ⸗ lichen Weſen erwecken, welche wirklich das Leben und deſſen ſtrenge Zwecke kennen.“ „Ihr Schwager,“ ſprach Maltravers mit leichtem Lächeln,„wird in Ihnen einen entmuthigenden Tad⸗ ler finden.“ „Armer Caſtruceio,“ erwiderte Montaigne mit einem leiſen Seufzer;„er iſt eines der Opfer, die ich für zahlreicher, wie wir gewöhnlich glauben, halte, einer der Menſchen, die über ihr Vermögen hinaus⸗ ſtreben. Meine Meinung ſtimmt mit dem Ausſpruch eines großen deutſchen Schriftſtellers überein, kein Mann habe eine Recht, den erſten Pfad der Kunſt zu betreten, wenn er nicht zugleich die überzeugung hegt, daß er Kraft und Eile zu Erreichung des Zieles beſitze. Caſtruccio könnte ein liebenswürdiges Mitglied der Geſellſchaft, ſogar ein tüchtiger und nützlicher Mann werden, wenn er ſeine Anlagen auf Zwecke, die er zu erreichen vermag, verwenden wollte. Er beſitzt Ta⸗ lent genug, um ſich einen Namen in jedem Berufe, nur nicht in dem eines Dichters, erwerben zu können.“ „Schriftſteller, welche Unſterblichkeit erlangen, ge⸗ hören jedoch nicht immer zum erſten Range.“ „Ich glaube, daß ſie in ihrer Art den erſten Rang einnehmen müſſen, ſollte derſelbe auch falſch oder niehrig ſein. Sie müſſen einen Rang in der Ge⸗ 248 ſchichte einnehmen; man muß von ihnen ſagen kön⸗ nen: in dieſer Schule ſei ſie gut oder ſchlecht, äußeren ſie dieſen oder jenen Einfluß; mit einem Wort, ſie müſſen ein Glied in der großen Kette nationaler Schriftſteller bilden, welches der Oberflächliche viel⸗ leicht ſpäter vergißt, ohne welches jedoch die Keite nicht vollſtändig ſein würde. Gehörten ſie nicht zum erſten Range für alle Zeit, ſo nahmen ſie doch unter ihren Zeitgenoſſen die erſte Stellung ein. Allein Ca⸗ ſtruccio iſt nur das Echo Anderer, er vermag weder eine neue Schule zu grünten, noch eine vorhandene zu ſtürzen. Indeß dieſe ſchwermüthige Krankheit meines Schwagers,“ fügte Montaigne nach einer Pauſe hinzu,„würde ſich vielleicht heilen laſſen, wenn er nicht Italiener wäre In Ihrem aufgeregten und lär⸗ menden Vaterlande würde er nach getäuſchter Hoff⸗ nung als Dichter in einen andern Beruf hineingleiten, und ſeine Eitelkeit, ſo wie ſeine Sehnſucht, öffentlich bemerkt zu werden, würde einen vernünftigen und männlichen Ableitungskanal finden. Was kann aber in Italien ein begabter Mann beginnen, wenn er kein Dichter oder Ränber iſt? Liebt er ſein Vater⸗ land, ſo genügt dies Verbrechen, um ihn für öffent⸗ liche Amter unpaſſend zu machen und ſeine Seele kann in den kühnen Kanälen der Spekulation keinen Schritt thun, ohne über die Oſterreicher oder den Papſt ſtürmiſch herzufallen. Nein, das Beſte, was ich für Caſtruecio hoffen darf, beſteht darin, daß er als Antiquar enden und über Ruinen mit Römern diſpu⸗ tiren wird. Immer beſſer als mittelmäßige Poeſie!“ — Ma verbar! ſein ne vorragt Stande in ſein bei we Behant Metall Ca dem G düſtere ſeines liebe d ſeinen noch d daß A M den A ihm 1 Verſe welche müthi laſter lente, word gebur des( gend ſchen en kön⸗ äußeren ßort, fle tionaler che viel⸗ ie Ketle icht zum ch unter ein Ca⸗ ig weder handene rankheit er Pauſe wenn er und lär⸗ er Hoff⸗ ngleiten, ffentlich gen und nn aber venn er Vater⸗ öffent⸗ e Seele nkeinen der den te, was daß er ndiſpu⸗ ffe!“ . 2¹9 Maltravers ſchwieg und wurde nachdenklich. Son⸗ terbar! Montaigne's Anſichten entmuthigten nicht ſein neues und geheimes Streben nach geiſtiger Her⸗ vorragung. Er empfand zwar, daß er noch nicht im Stande ſei, daſſelbe zu erreichen, daß er jedoch Eiſen in ſeiner Natur beſitze, und er wußte, daß ein Mann, bei welchem dies der Fall iſt, zuletzt auf irgend eine Behandlungsweiſe kommen muß, wodurch ſich das Metall zum nützlichen Gebrauch formen läßt.“ Caſtrucciv trat jetzt ſelbſt zu dem Wirthe und zu dem Gaſte mit ſeinem gewöhnlichen Schweigen und düſteren Sinnen, das er hauptſächlich in Geſellſchaft ſeines Schwagers ſtets bewahrte, da ſich ſeine Eigen⸗ liebe durch dieſen verwundet fand. Obgleich er nämlich ſeinen ſtrengen Schwager verachtete, ſo ſah ſich den⸗ noch der junge Dichter zur Anerkennung gezwungen, daß Montaigne kein zu verachtender Mann ſei. Maltravers ſpeiste mit der Familie und brachte den Abend bei derſelben zu. Die Bemerkung konnte ihm nicht entgehen, Caſtruceio, welcher in ſeinen Verſen die ſanfteſten Empfindungen affekirte und welcher wirklich ſeinem Charakter nach zart und gut⸗ müthig war, ſei von dem ſchlimmſten aller Seelen⸗ laſter, dem ewigen Grübeln über ſeine Vorzüge, Ta⸗. lente, Kränkungen und Mißhandlungen ſo verkehrt worden, daß er niemals an der Heiterkeit ſeiner Um⸗ gebung Theil nahm; er beſaß nicht die kleinen Künſte des geſelligen Wohlwollens, nicht die ſpielende Ju⸗ gend der Seelenſtimmung, welche gutmüthigen Men⸗ ſchen gewöhnlich eigen iſt, und welche bei Männern 220 von hohem Geiſt, wie erhaben ihre Studien und wie ſtreng und zurückhaltend gegen die gewöhnliche Welt lieben, oder im Familienkreiſe, den ſie ſchmücken, ſie ſelbſt auch ſein mögen, bei den Freunden, die allgemein bemerkhar zu ſein pflegt. Der junge Ita⸗ liener, von einem Traum erfüllt und in ſich ſelbſt zurückgedrängt, war düſter und mürriſch gesen alle, welche ſich nicht auf ſeine kranfhaften Sympathien einließen. Von Kindern, von der Schweſter, vyn Freunden, von der ganzen lebenden Erde floh er hinweg, um Gedichte über die Einſamkeit oder Stan⸗ zen über den Ruhm zu ſchreiben. Maltravers dachte bei ſich ſelbſt:„Niemals will ich ein Schriftſteller werden, und niemals werte ich nach Ruhm ſrreben, wenn ich Schatten um ſolchen Preis erkaufen muß.“ Viertes Kapitel. Man kann der Seele nicht zu tief bie Wahr⸗ heit einprägen, daß man die Erwerbung irgend einer geiſtigen Vorzüglichkeit nur mit dem Preiſe des Fleißes bezahlen kann, und daß die Erwartung der erſteren ohne den letzteren eben ſo abgeſchmackt iſt, als die Hoffnung nach einer Ernte, wo wit nicht geſät haben. Bei jeder Handlung müſſen wir eine Reihe möglicher Folgen uns darlegen, deren Wirkſam⸗ keit vielleicht nur mit unſerem Leben ſchließt. Bailey. Die Zeit ging vorüber, der Herbſt war ſchon dem Winter nah und Maltravers weilte noch immer in Como. Er ſah faſt Niemand ſonſt als die Familie de Mon uußte e ſchäftign nit ſein allmähli Freundet in Com von keir zu üben Arbeit, ſuviren einen b erſteren dem letz Maltra Knabe, verſchie geiſtige er die merklich Labyrir vurchzo förmig ſtreben Studie hielt, einſam durch um ſo ſeiner und wi, floh er ſtreben, n muß.“ die Wahr⸗ ung irgend dem Preiſe Erwartung geſchmack wo wit eine Reihe Wirkſam⸗ hließt. iley. on em mer in Familie 224 de Montaigne; den größten Theil ſeiner Zeit aber uußte er nothwendig allein zubringen. Seine Be⸗ ſchäftigung beſtand darin, daß er weitere Prüfungen mit ſeinem Geiſtesvermögen anſtellte; jene wurben allmählig kühner und umfaſſender. Seinen neuen Freunden zeigte er jedoch nicht ſeine„Unterhaltungen in Como;“ er bedurfte keiner Zuhörer, er träumte von keinem Publikum, er wünſchte allein ſeine Seele zu üben. Bald bemerkte er beim Fortgange ſeiner Arbeit, aus eigenem Antrieb, daß Niemand mit Tiefe ſuviren oder mit Kunſt ſchreiben kann, wenn er nicht einen beſtimmten Zweck vor Augen hält, bei dem erſteren einen Zweig des Wiſſens zu bewältigen, bei dem letzteren irgend einen Gedanken auszuarbeiten. Maltravers kehrte zu ſeinem Lieblingsſtudium als Knabe, zur metaphhſiſchen Spekulativn zurück; wie verſchiedene Reſultate erlangte er aber jetzt aus ſeinem geiſtigen Ringen mit ſpitzfindigen Gelehrten; jetzt, da er die Welt praktiſch hatte kennen lernen! Wie un⸗ merklich ging ihm ein neues Licht auf, als er das Labyrinth der Urſachen und Wirkung mit dem Faden vurchzog, in welchem wir das ſonderbare und zwei⸗ förmige Ungehener unſerer eigenen Natur aufzufinden ſtreben. Seine Seele ward gleichſam von dieſen tiefen Studien und Gedanken geſättigt; als er zuletzt an⸗ hielt, hegte er die Empfindung, als habe er nicht einſam gelebt, ſondern ſei in der geſchäftigen Welt durch eine Reihe von Handlungen hindurchgegangen; um ſo viel richtiger und klarer war die Kenntniß ſeiner Selbſt und Anderer. Obgleich jedoch dieſe 222 Forſchung ſeinen Beſchäftigungen die Färbung verlieh, ſo war dieſelbe doch nicht darauf beſchränkt. Poeſie und leichtere Literatur ward ihm nicht allein eine Erholung, ſondern ein kritiſches und ernſtes Studium. Er empfand Entzücken, als er in die Urſachen drang, welche dem luftigen, von der Phantaſie geſponnenen Gewebe einen ſo bleibenden und gewaltigen Einfluß auf die rauhe, ihr Tagewerk vollbringende Welt er⸗ theilte. Welch eine liebliche Gegend, welch ein Him⸗ mel und welch eine Luft, worin er die Plane ſeines Ehrgeizes begann, welcher Herrſchaft über die Herzen und Erinnerungsvermögen der Menſchheit erſtrebte! Nach meiner Meinung äußert der Ort, wo ein Schrift⸗ ſteller zuerſt davon träumt, Schreiken ſei ſeine Be⸗ ſtimmung, einen großen Einfluß auf deſſen zukünftige Arbeiten. Aus dieſer Beſchäftigung wurde Ernſt durch einen zweiten Brief von Cleveland herausgeriſſen. Sein gütiger Freund war in ſeiner Erwartung ge⸗ täuſcht und zugleich verdrießlich geworden, daß Mal⸗ travers ſeinen Rath, nach England zurückzukehren, nicht befolgte. Er hatte ſein Mißvergnügen erwieſen, indem er Ernſts Entſchuldigungsbrief nicht beantwor⸗ tete; kürzlich hatte er eine gefährliche Krankheit über⸗ ſtanden, die ihn an den Rand des Grakes brachte; mit einem durch die Erſchöpfung tes Körpers er⸗ weichten Herzen ſchrieb er in den erſten Augenblicken der Geneſung an Maltravers, benachrichtigte ihn von ſeiner Kronkheit und Gefahr und erſuchte ihn noch einmal nachdrücklich, zurückzukehren. Der Gedanke, daß Clerrland— der theure, gütige, ſanſte Leiter ſeiner J er viellei vrücken worten k Er beſch und traf Montait taigne v zu lehre in dem1 kleinen“ dennoch ihre bli in die C bemühte Mutter las in de deſſen Recht, dem B Erhen Er miſ terricht eine A ſteht, um der machen zu erfe diſchen eine F g verlieh, t. Poeſie lein eine Studium. en drang, ponnenen Einfluß Welt er⸗ ein Him⸗ hne ſeines ie Herzen erſtrebte! Schrift⸗ ſeine Be⸗ zukünftige rnſt durch tgeriſſen. rtung ge⸗ daß Mal⸗ kzukehren, erwieſen, eantwor⸗ eit üe⸗ brachte; pers er⸗ enblicken ihn von ihn noch Gedanke, te Leiter 223 ſeiner Jugend— dem Tode nahe geweſen ſei, daß er vielleicht niemals wieder deſſen liebende Hand hätte vrücken oder der väterlichen Stimme deſſelben ant⸗ worten können, erfüllte Ernſt mit Schtecken und Reue. Er beſchloß, ſogleich nach England zurückzukehren, und traf ſomit ſeine Vorbereitungen. Er ging zu den Montaigne's, um Abſchied zu nehmen. Frau v. Mon⸗ taigne verſuchte gerade, ihr erſtgebornes Kind Leſen zu lehren; als ſie am vffenen Fenſter ihrer Villa, in dem netten, ungeziert angelegten Negligé, mit dem kleinen Knaben ſaß, als der Knabe mit ſeinem zarten, vennoch kühnen und geſunden Geſicht furchtlos in das ihre blickte, während ſie halb ernſt, halb lachend ihn in die Geheimniſſe einſilbiger Wörter einzuweihen ſich bemühte, bildete der hübſche Knabe und die ſchöne junge Mutter ein entzückendes Gemälde. De Montaigne las in den Verſuchen ſeines berühmten Namensgenoſſen, deſſen er als ſeines Ahnen, ich weiß nicht, ob mit Recht, ſich rühmte. Von Zeit zu Zeit ſah er von dem Buch hinweg, um auf die Fortſchritte ſeines Erhen zu blicken und dem Gange derſelben zu folgen. Er miſchte ſich jedoch nicht in den mütterlichen Un⸗ terricht, denn er war weiſe genug, um zu wiſſen, daß eine Art Sympathie zwiſchen Kind und Mutter be⸗ ſteht, welche die ernſte überlegenheit eines Vaters, um den jüngeren Jahren das Lernen ſchmackhaft zu machen, vollkommen aufwiegt. Auch war er ein viel zu erfahrener Mann, um nicht alle gegenwärtig mo⸗ diſchen Syſteme zu verachten, womit man Kinder in eine Form des Wiſſens hineinzwängen will. Er wußte 224 ſehr wohl, daß Philoſophen niemals ein größeres Verſehen begehen, als wenn ſie eine abſtrakte Er⸗ ziehung von der Wiege an beginnen wollen. In der erſten Kindheit iſt es genügend, daß man die ſchlimme Vorliebe, Lügen zu berichten, entfernt, welche das Gegentheil von Doktor Reids abſurder, abgeſchmackter Theorie über die angeborne Neigung zur Wahrheit widerlegt, und die vorherrſchende Krankheit der RKin⸗ derſtube bildet. Welchen Vortheil gleicht jemals das Unheil aus, daß man die Geſundheit eines Kindes verletzt oder ſeinen Muth niederhält? Niemals erlerne ein Kind, ſo weit der Erzieher es verhindern kann, die niederdrückende oder die vernichtende Vitterkeit der Furcht. Ein dreiſtes Kind, das euch ins Geſicht blick, ſpricht die Wahrheit und ſchent keinen Teufel; des iſt der Stoff, um zute, hrave und weiſe Männer zu bilven! Maltravers trat unangemeldet in dieſen lieblichen Familienkreis und ſtand einige Augenblicke unbemerkt an der offenen Thür. Der kleine Zögling ſah ihn zuerſt, vergaß ſeine einſilbigen Wörter und lief auf ihn zu, um ihn zu begrüßen, denn Maltravers war, obgleich eher gütig als heiter, ein Günſtling von Kindern, und ſeine ſchönen, ruhigen, anmuthigen Züge wirkten mehr auf ſie ein, als hätte er wie Goldſmith's Burchell ſeine Taſchen ſtets mit Zucker⸗ werk und Apfeln gefüllt; Pfui, Maltravers,“ rief Tereſa aufſtehend aus,„Sie haben alle Buchſtaben hinweggeblaſen, die ich vergangene Stunde in Sand zu graben mich bemüht hatte.“ „N ſich ſe junger arbeite unterb 8 bleihen E um die nach C 15 lich! n nicht. aus E „3 Maltre Vormu weſen. Vorwiü riſchen „E ſprach Tone a Herzen komme „V vielleic „V „N würde Bul größeres ate Fr⸗ In der ſchlimme elche das chmackter Wahrheit der Kin⸗ mals das z Kindes s erlerne en kann, erkeit der cht blickt, änner zu lieblichen ſah ihn lief auf ers war, ling von muthigen e er wie t Zucker⸗ s,“ rief uchſtaben in Sand — fel; das nbemerkt 225 „Nein,“ Signvra, fprach Maltravers, intem er ſich ſetzte und das Kind auf ſeine Knie nahm,„mein junger Freund, wird mit um ſo größerer Luſt wieder arbeiten, nachdem ich ſeine Beſchäftigung ein wenig unterbrochen habe.“ „Ich hoffe, Sie werden bei uns den ganzen Tag bleihen,“ ſprach de Montaigne. „Ich wollte gerabe,“ ſprach Maltravers,„Sie um dieſe Erlaubniß bitten, denn morgen reiſe ich nach England.“ „Iſt es möglich?“ rief Tereſa aus,„wie plötz⸗ lich! wie werden wir Sie vermiſſen! Gehen Sie uicht. Aber vielleicht haben Sie ſchlimme Nachrichten aus England erhalten?“ „Ich erhielt allerbings Nachrichten,“ erwiverte Maltravers,„welche mich von hinnen ruſen; mein Vormund und zweiter Vater iſt gefährlich krank ge⸗ weſen. Ich bin ſeinetwegen beſorgt und mache mir Vorwürfe, daß ich ihn ſo lange in Ihrer verführe⸗ riſchen Geſellſchaft vergaß.“ „Es tbut mir wirklich leid, Sie zu verlieren,“ ſprach de Montaigne mit größerer Värme in ſeinem Tone als in ſeinen Worten.„Ich hoffe von ganzem Herzen, daß wir uns bäld wieder ſehen werden. Sie kommen vielleicht nach Paris?“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Maltravers,„und Sie vielleicht nach England.“ „Wie würde mir England gefallen!“rief Tereſa aus. „Nein, gewiß nicht,“ ſagte ihr Gatte;„Ihnen würde England gänzlich mißfallen, Sie würden es Bulwer, Maltravers. 1. 15 226 triste ſonder Maß nennen. England gehört zu den⸗ lenigen Ländern worauf der Eingeborene ſtolz ſein kann, welches aber dem Fremden kein Vergnügen bietet, weil es von ernſter und aufregender Beſchäf⸗ tigung des Bürgers gefüllt iſt. Die angenehmſten Länder für Fremde ſind die ſchlimmſten Länder für Eingeborene(Italien z. B.) und umgekehrt.“ Tereſa ſchüttelte ihre dunkeln Locken und wollie ſich nicht überzeugen laſſen. „Und wo iſt Caſtruecio?“ fragte Maltravers. „In ſeinem Bvot auf dem See,“ erwiderte Te⸗ reſa.„Er wird wegen Ihrer Abreiſe untröſtlich ſein; Sie ſind die einzige Perſon, die er verſtehen kann, oder die ihn verſteht; die einzige Perſon in Italien, ich hätte beinahe ſagen mögen, in der ganzen Welt.“ „Gut, ich werde ihn bei Tiſch treffen,“ ſagte Ernſt,„mittlerweile gewähren Sie mir die Bitte, mich nach der Pliniana zu begleiten. Ich wünſche dieſer Kryſtallquelle ein Lebewohl zu ſagen.“ Tereſa, über dieſe Spazierfahrt entzückt, gab bereitwillig ihre Einwilligung. „Und auch ich, Mama,“ rief das Kind,„und meine kleine Schweſter.“ „O gewiß!“ antwortete Maltravers ſtatt der Eltern. Die Geſellſchaft war bald bereit und fuhr au einem hellen, warmen Mittage(der November Ita⸗ liens iſt ſo warm wie der September des Nordens) durch die funkelnde und ſich kräuſelnde Flut. Die Kinder ſchwatzten, die Erwachſenen ſprachen von tauſend Dingen. Liehlich war dieſer Tag, der leßt in Cor von d Abſchi beſſer Das dahin Daſeit ſie wie ſitzend Ausſic geſetzt ſehr« verdri welche „ die G Mein befitze Schwe einſt nein! U alles Chara men, vorbr Leben es zu Gefül Liebe zu den⸗ olz ſein ergnügen en Welt.“ die Bitte, h wünſche 1. ückt, gab ind,„und der Eltern. d fuhr au mber Ita⸗ Nordens) lut. Die achen von der letzt Beſchif⸗ n, ſagte 227 in Como. Der Abſchied der Freundſchaft bietet etwas von der Schwermuth, aber nicht vom Schmerze des Abſchiedes der Liebe. Vielleicht wäre es überhaupt beſſer, könnten wir uns die Liebe vom Halſe ſchaffen. Das Leben würde ſanfter und glücklicher ohne dieſelbe dahin ſchwinden. Freundſchaft iſt der Wein des Daſeins, die Liebe deſſen gebranntes Waſſer. Als ſie wiederkehrten, trafen ſie Caſtruceio auf dem Raſen ſitzend; er ſchien nicht ſo niedergeſchlagen über die Ausſicht von Ernſt's Abreiſe, wie Tereſa voraus⸗ geſetzt hatte; Caſtruceiv Ceſarini war nämlich ein ſehr eiferſüchtiger Mann und er war ſeit Kurzem verdrießlich und unzufrieden über das Entzücken, welches die Montaigne's an Ernſt's Geſellſchaft fanden. „Weßhalb,“ fragte er ſich oft,„gefällt ihnen die Geſellſchaft des Fremden beſſer, als die meinige Meine Ideen ſind eben ſo friſch und vriginell; ich befitze eben ſo viel Genie; aber ſogar mein trockener Schwager geſteht ihm ſeine Talente zn, Er werde einſt ein ausgeeichneter Mann ſein, während ich— nein! Kein Prophet gilt in ſeinem eigenen Vaterlante.“ Unglücklicher junger Mann! Seine Seele brachte alles üppige Unkraut eines krankhaften pvetiſchen Charakters hervor, und das Unkraut erſtickte die Blu⸗ men, welche der Boden allein, gehörig bebaut, her⸗ vorbringen ſollte. Ceſarini aber war der Kriſe im Leben nah, worin ein empfindlicher, pvetiſcher Menſch es zu Etwas bringt oder untergeht; die Kriſe, worin Gefühl durch Leidenſchaft erſetzt wird— worin die Liebe nach etwas Wirklichem die zerſtreuten Strahlen des Herzens in einem Brennpunkt ſammelt. Mal⸗ travers hegte oft die Hoffnung, er möge aus dieſer Prüfung als ein reineres und männlicheres Weſen herausgehen; er ahnte damals nicht, wie dieſer Theil der Geſchichte des Italieners mit ſeinem eigenen Geſchick dereinſt eng verknüpft ſein werde! Caſtruccio benutzte eine Gelegenheit, um Maltravers bei Seite zu nehmen; als er den Engländer in den Wald hinter der Wohnung führte, ſprach er mit einiger Verle⸗ genheit:„Ich glaube, Sie gehen nach London?“ „Ich komme durch London, kann ich einen Auf⸗ trag für Sie ausführen?“ „Ja, hinſichtlich meiner Gedichte! Ich denke daran, ſie in England herauszugeben; Ihre Ariſtokratie he⸗ treibt die italieniſche Literatur; vielleicht werde ich von den Schönen und Evlen geleſen; dies iſt das paſſende Publikum für Dichter. Die gemeine Heerde verachte ich.“ „Theurer Caſtruccio, ich werde mir um die Herausgabe Ihrer Gevichte Mühe geben, wenn Sie es wünſchen; machen Sie ſich aber keine ſanguiniſchen Hoffnungen. In England leſen wir ſehr wenig Poeſte, nicht einmal in unſerer Mutterſprache und wir ſind auf ſchmähliche Weiſe gegen fremde Literatur gleichgültig.“ „Ja, gegen fremde Literatur im Allgemeinen, durin haben Sie Recht; allein meine Gedichte ſind anderer Art; Sie müſſen in einem feinen und geiſtig gebildeten Kreiſe die Aufmerkſamkeit gebieteriſch in Anſpruch nehmen.“ „Wohl, machen Sie den Verſuch. Sie können mir die Gedichte beim Abſchiede geben.“ blickte: Schwag Als Caſtrue Gedank lich in nachzuh Maltra nützt; pfinden ſein, u Ob glänzte deßhalb latte ihm Le ſprach daß Si Gattin und der Zärtlick Ma Alice z Mädche ſchönes £ wortete t. Mal⸗ us dieſer„Ich danke Ihnen,“ ſprach Caſtrucciv mit fröh⸗ es Weſeu licher Stimme⸗ indem er die Hand ſeines Frenndes eſer Theil vrückte; den übrigen Theil des Abends ſchien er ein eigenen verändertes Weſen; er liebte ſogar die Kinder und Caſtruecio blickte nicht ſpöttiſch bei dem ernſten Geſpräch ſeines bei Seite Bchwagers. ald hinter Als Maltravers ſich zum Abſchied erhob, gab ihm er Verle⸗ Caſtruecio ein Paket und verſchwand dann, von dem won?“ Gedanken an ſeinen eigenen zukünſtigen Ruhm gänz⸗ inen Auf⸗ lich in Anſpruch genommen, um ſeiner Träumerei nachzuhängen. Er bekümmerte ſich nicht länger um nke daran, Maltravers; er hatte ihn jetzt für ſeine Zwecke be⸗ kratie be⸗ nätzt; er konnte kein Leid über deſſen Abreiſe em⸗ de ich von pfinden, denn dieſe Abreiſe ſollte das Zaubermittel s paſſente ſein, um ihn in eine neue Welt zu führen. achte ich Obgleich die Sterne durch die zerriſſenen Wolken glänzten, fiel ein leichter Reden; Tereſa wagte ſich e deßhalb nicht aus dem Hauſe heraus, reichte ihre guiriſij glatte Wange dem jungen Gaſte zum Kuß und ſagte 6 ihm Lebewohl mit Thränen in den Augen.„Ach,“ Poeh ſprach ſie,„wenn wir uns wiederſehen, ſo hoffe ich, ſ daß Sie verheirathet ſein werden. Ich werde ihre gültig“ Gattin herzlich lieben. Kein Glück gleicht der Ehe und dem Familienkreiſe!“ Sie blickte mit ungezietter Zärtlichkeit auf de Montaigne. Maltravers ſeufzte, ſeine Gedanken flogen zu Alice zurück. Wo war jetzt dies einſame, freuveloſe Mädchen, deſſen unſchuldige Liebe ihm einſt ein zie können ſchönes, häusliches Leben geboten hatte? Er ant⸗ wortete mechaniſch mit einem unbeſtimmten Gemein⸗ ind geiſtig eteriſch in platz und verließ mit de Montaigne das Zimmer, welcher varauf beſtand, ſeine Abfahrt zu ſehen. Als ſie dem See näher kamen, brach de Montaigne das Schweigen. „Mein theurer Maltravers,“ ſprach er mit ernſter und nachvenklicher Herzlichkeit in ſeiner Stimme, „vielleicht treffen wir uns Jahre lang nicht wieder. Ich hege warme Theilnahme an Ihrem Glück und Ihrer Laufbahn— ja, an Ihrer Laufbahn, ich wiederhole das Wort. Gewöhnlich ſuche ich nicht junge Leute mit Ehrgeiz zu erfüllen; für die meiſten genügt es, wenn ſie gute und ehrſame Bürger wer⸗ den. Ich erblicke in Ihnen eine ernſte und zum Nachſinnen geneigte, nicht eine raſche und der Ein⸗ bildungskraft zu ſehr ſich hingehenden Jugend; eine ſolche erzeugt gewöhnlich ein an Schaffen reiches und ausgezeichnetes Mannesalter. Allerdings haben ſich Ihre Seelenvermögen noch nicht geſetzt, werden aber ſchnell rein und reif nach der erſten Gährung kinvi⸗ ſcher Träume und Leidenſchaften werden. Alles vet⸗ eint ſich zu Ihren Gunſten: Einkommen, Geburt und Verbindungen; vor Allem ſind Sie Engländer! Sie haben eine große Bühne vor ſich, worauf Sie aller⸗ vings ohne Verdienſt und ohne Arbeit nicht den Fuß ſetzen dürfen; indeß gerade dies wird um ſo beſſer für Sie ſein— eine Bühne, worauf kräftige und entſchloſſene Nebenbuhler Sie zur Nacheiferung an⸗ treiben, ſo daß die Mitbewerbung Ihre ſchärfſten Geiſteskräfte in Anſpruch nehmen wird. Bedenken Sie, welch ruhmvolles Schickſal, Einfluß auf die an umfang ungeheure, ſtets ſich ausdehnende öffentlich Meinu der ge pfinden ſpielt das M zu ver! Ehrlich iſt wa lichers Sien fügte! lich fi auszuz zu phi Thäti bildete Sie thätig Ihner Feind werde delt n regter gezog denker haben Erſat Publi zum taign ie meiſten rger wer⸗ und zum der Ein⸗ end; eine eiches und haben ſich erden abet ung kindi⸗ Alles ver⸗ Heburt und nder! Sie Sie aller⸗ t en Fu ſo beſſer iftige und erung an⸗ ſchärfſten Bedenken äuf die an öffentliche Meinung zu üben— alsdann, wenn Sie ſich von der geſchäftigen Bühne zurückziehen, dereinſt zu em⸗ pfinden, daß Sie eine nie zu vergeſſende Rolle ge⸗ ſpielt haben, daß Sie unter Gottes großem Willen das Mittel waren, neue Iveen durch die ganze Welt zu verbreiten und die ruhmwürdige Prieſterſchaft des Ehrlichen und Schönen aufrecht zu erhalten. Dies iſt wahrer Ehrgeiz; der Wunſch nach bloßer perſön⸗ licher Berühmtheit iſt Eitelkeit, kein Ehrgeiz. Werden Sie niemals lau oder träge. Der Charakterzug,“ fügte der Franzoſe lächelnd hinzu,„den ich als ſchäd⸗ lich für die Ihnen offen ſtehende Möglichkeit, ſich auszuzeichnen, bemerkt habe, beſteht darin, daß Sie zu philoſophiſch ſind, zu ſehr geneigt, ſogar diejenige Chätigkeit, welche ſich mit der Trägheit fein ausge⸗ bildeter Muße befaßt, ihrem Nutzen nach abzuwägen. Sie dürfen nicht glauben, Maltravers, daß eine thätige Laufbahn einen mit Roſen beſtreuten Pfad Ihnen varbietet. Gegenwärtig beſitzen Sie keine Feinde; ſobald Sie aber ſich auszuzeichnen ſuchen⸗ werden Sie geſchmäht, verleumdet, verächtlich behan⸗ telt werden. Sie werten über den von Ihnen er⸗ regten Grimm erſchrecken, nach Ihrer alten Zurück⸗ gezogenheit ſich ſehnen und, wie Franklin ſagt, über⸗ denken, daß Sie Ihre Kinderpfeife zu theuer bezahlt haben. Welch evle Belohnung erlangt man aber als Erſatz individueller Feindſchaft, hat man ſich das Publikum zum Freunde und vielleicht die Nachwelt zum Vertrauten gemacht. Außerdem,“ fügte Mon⸗ tnigne mit beinahs religiöſer Foierlichkeit in ſeiner Stimme hinzu,„wir beſitzen ſowohl ein Gewiſſen des Kopfes, wie des Herzens, und im höheren Alter fühlen wir ebenſowohl Gewiſſensbiſſe, wenn wir un⸗ ſere natürlichen Talente verſchwendet, als wenn wir unſere natürlichen Tugenden verkehrt hahen. Die tiefe und entzückende Genngthuung, womit ein Mann auf die feüheren Kämpfe ſeines Lebens zurück blickt, wenn er im Aller erkennt, daß er nicht vergeblich lebte, daß er der Welt ein Erbtheil von Belehrung oder Ent⸗ zückung überließ— dieſe Genugthuung bildet eine der glücklichſten Regungen, deren das Gewiſſen fähig ſein kann. Was bedeuten die kleinen Fehler, die wir als Inpividuen begehen, die nur einen engen Kreis betreffen und die mit unſerem Leben aufhören, gegen das un⸗ berschenbare und immerwährende Gute, welches wir als öfſentliche Männer durch ein Vuch oder ein Geſetz bewirken können? Verlaſſen Sie ſich darauf, der Allwächtige, welcher alle gute und böſe Thattn ſeiner Geſchöpfe in gerechter Wage abwägt, wird nicht die erhabenen Wohlthäter der Welt mit derſelben Strenge wie die Drohnen der Geſellſchaft beurtheilen, die im ewigen Rechnungsbuche keine großen Dienſte, als Ausgleichung gegen ihre kleinen Laſter aufzuweiſen haben. Ueberlegen Sie Alles dies gehörig, Maltra⸗ vers, ſo werden Sie jede Lockung beſitzen, wodurch eine hohe Seele und ein reiner Ehrgeiz aus der wol⸗ lüſtigen Trägheit des literariſchen Sybariten erweckt wird, und Sie werden in würdiger Art auf der weiten Bühne der Welt nach einem großen Preis ringen.“ Maltravers fühlte ſich nie ſo geſchmeichelt und ſo ſehr liche V gewöhr munter hielt a „De T tauſend mir in ich, w Lohn t Beſtreb Monat empfan brachen gewiß. gungen Vergni Leben wie ich jetzt di des Lel ſchöpfe mals e Kumm ſo wer Freund Me der N abwend ſſen des en Alter wir un⸗ enn wir Die tiefe ann auf t, wenn bte, daß er Ent⸗ eine der ähig ſein wir als betreffen das un⸗ Strenge „die im ſte, als zuweiſen Maltra⸗ wodurch der wol⸗ erweckt r weiten ringen.“ lt und ſo ſehr zu hohen Entſchlüſſen aufgeregt. Die ſtatt⸗ liche Berebſamkeit, die glühende Ermuthigung dieſes gewöhnlich ſo kalten und wähleriſchen Mannes er⸗ munterte ihn, wie der Schall einer Drommete. Er hielt an, ſein Athem ſchwoll, ſeine Wange erröthete. „De Montaigne,“ ſprach er,„Ihre Worte haben tauſend Zweifel und Bedenklichkeiten entfernt; ſie ſind mir ins Herz gedrungen. Zum erſtenmal begreife ich, worin der Ruhm, worin der Zweck und der Lohn der Arbeiten beſteht! Viſtonen, Hoffnungen, Beſtrebungen hegte ich vielleicht früher— ſeit einigen Monaten hat ſich ein neuer Geiſt in mir geregt. Ich empfand, wie die Flügel die Schale der Puppe dutzh⸗ brachen. Indeß Alles war verwirrt, düſter und un⸗ gewiß. Ich zweifelte an der Weisheit der Anſtren⸗ gungen bei einem ſo kurzen Leben und den ſo ſüßen Vergnügungen der Jugend. Ich betrachte jetzt das Leben nur als einen Theil der Ewigkeit, für welche, wie ich empflnde, wir geboren wurden. Ich erkenne jetzt die feierliche Wahrheit, daß unſere Zwecke, um des Lebens würdig zu ſein, gleichſam würdige Ge⸗ ſchöpfe ſein müſſen, in denen das Lebensprinzip nie⸗ mals erſtirbt. Leben Sie wohl! Mag Freude oder Kummer, Mißlingen oder Erfolg mein Theil ſein, ſo werde ich meine Kräfte anſpannen, um Ihre Freundſchaft zu verdienen.“ Maltravers ſprang in ſein Boot, die Schatten der Nocht entzogen ihn bald den nur zaudernd ſich abwendenden Blicken des Montaigne. Piertes Vuch. Ha! Unglücklich lebſt du, Fremde, Allein, und beklagſt das Lager, Dir einſam gelaſſen, öde. Euripides Medea. Erſtes Kapitel⸗ Ach, wen'ge Jahre nur der Trauer lebt' ich Auf dieſer Erd'; es war mein Loos, daß Er, Der Vater, jeden Augenblick des Stroms, Der friſch erwachte, wandelte zu Tropfen, und jede Jugenbhoſfnung mir mit Gift Ertödtete. Stelley's„Cenei.“ Nachdem wir Maltravers durch den geräuſchloſen Gang geiſtiger Erziehung geführt haben, werden wir jetzt auf einige Zeit bei Seite gerufen, um unſern Blick auf die rauhere und härtere Prüfung zurück zu richten, welche der Alice Darvil vorbehalten war. Auf ihren Pfad ſtreute die Poeſie weder ihre Blu⸗ men, noch auch waren die einſamen Schritte zum entfernten Ziel, wo ihre Pilgerſchaft Ruhe fand, von der myſtiſchen Lampe des Wiſſens erleuchtet, oder vurch die tauſend Sterne geleitet, welche am Himmel niemals den bevorzugten Augen getrübt ſind, vor welchen Geiſt und Phantaſie manche verdunkelnde Häute des rv wande und d⸗ die fic gewöh legene ihre rauhet Ziel, das h ſchen demüt dem e junger gierde W Aliee wurde wußt bare 4 ſtattg und i ſie la entla birgi die Sch Vat ſchn Da lebt' ich „daß Er, troms, ropfen, Gift *s„Cenei.“ uſchloſen rden wir unſern urück zu en war. re Blu⸗ tte zum nd, von et, oder Himmel nd, vor de Häute ves roheren Körpers hinweggezogen haben. Noch auch wanterten die einſamen Schritte des Kindes der Armuth und des Kummers auf den luftigen und hohen Pfaden, die ſich hoch über die Heimath und das Treiben der gewöhnlichen Menſchen hinziehen— auf den abge⸗ legenen Alpen geiſtiger Philoſophie. Sie wanderte ihre ſchwermüthige Bahn auf den abgetretenen und rauhen Pfaden des gewöhnlichen Lebens. Allein das Ziel, worin das große Geheimniß des Lehens beſteht, das höchſte Geheimniß aller Philoſophie, der prakti⸗ ſchen wie der idealen, ließ ſich vielleicht von dieſem demüthigen Mädchen nicht weniger erreichen, als von dem elaſtiſchen Schritt und dem ſtrebenden Herzen des jungen Mannes, welcher nach dem Großen mit Be⸗ gierde trachtete und beinahe an das Unmögliche glaubte. Wir kehren zu jener Unglücksnacht zurück, in welcher Alice aus dem Dach ihres Geliebten herausgeriſſen wurde. Erſt nach längerer Zeit erlangte ſie das Be⸗ wußtſein der Vorgänge wieder und vermochte die furcht⸗ bare Veränderung zu erkennen, die in ihrem Geſchicke 6 ſtattgefunden hatte Die Morgendämmerung war grau und traurig; das rohe, aber beveckte Fuhrwerk, worin ſie lag, rollte die tiefen Gleiſe eines unbeſuchten Weges entlang, welcher ſich vurch die unangebauten und ge⸗ birgigen Oden hinzog, welche in England gewöhnlich die Nähe des Meeres bezeugen. Alice blickte mit einem Schauder um ſich; Walters, der Mitſchulbige ihres Vaters, lag zu ihren Füßen ausgeſtreckt, und ſein ſchwerer Athem bewies, daß er feſt eingeſchlafen war. Darvil ſelbſt trieb das abgemagerte und läſſige, müde 236 Pferd, und ſein breiter Rücken war Alice zugekehrt; der Regen, gegen welche ihn die Decke ſeines Fuhr⸗ werks bei ſeiner Stellung nur wenig ſchützte, wöpfelte widrig von ſeinem niedergedrückten Hut; als er ſich umwandte und als ſein unheilvoller düſterer Blick auf dem Antlitz der Alice ruhte, vervollſtändigten ſeine bösartigen Geſichtszüge, durch das kalte, ranhe Licht des trüben Morgens noch wilder wie gewöhnlich, das ſcheußliche Bild unverhüllter und verbrecheriſcher Ruch⸗ lofigkeit. „Ho, ho, Alice, biſt Du wieder zur Beſinnung gekommen,“ ſagte er mit einein ſreudeloſen Luchen. „Mir iſt es lieb, denn ich kann keine ſchöne Damen in Ohnmacht ertragen. Du haſt einen langen Feier⸗ lag gehabt, jetzt mußt Du wieder lernen für Deinen armen Vater zu arbeiten. Du biſt verdammt pfiffig geweſen, indeß die Vergangenheit ſoll nichts weiter ausmachen; ich vergebe ſie Dir. Ohne meine Erlaubniß darfſt Du nicht wieder fortlaufen. Haſt Du gern einen Geliebten, ſo will ich Dir Deinen Lauf laſſen; allein Dein alter Vater muß ſeinen Antheil haben⸗ Alice.“ Alice konnte nichts weiter hören; ſie bedeckte ihr Geſicht mit dem Mantel, der auf ſie hingeworfen war, und ihre Sinne ſchienen verſchloſſen und ge⸗ lähmt, obgleich ſie nicht in Ohnmacht lag. Walters wurde allmählig wach, und die beiden Männer, unbe⸗ kümmert um ihre Gegenwart, unterhielten ſich über ihre Plane. Allmählig erlangte ſie genügendes Seibſt⸗ bewußtſein, um in der inſtinktartigen Hoffnung zuzu⸗ hören, daß irgend ein Plan der Flucht ihr eingegeben zweifel ſolchen noch r Karre hinauf ſie hit die Tr hing e ein„ gekleit haupt ihr§ hm 2 fung, gekehrt; es Fuhr⸗ wöpfelte s er ſich Blick auf en ſeine he Licht ich, das er Ruch⸗ ſinnung Luchen. Damen n Feier⸗ Deinen t yfiffig weiter laubniß n einen allein Alice.“ ckte ihr eworfen und ge⸗ Walters , unbe⸗ ch über Seibſt⸗ 6 zuzu⸗ gegeben 237 werden könne. Aus allen unzuſannenhängenden und verſchiedenen Plänen, die ſie einen nach dem andern verhandelten, wobei ſie unter furchtbaren Flüchen in einem kaum verſtändlichen Kauderwelſch ſich unterhiel⸗ ten, konnte ſie jedoch allein verſtehen, daß die Beiben beſchloſſen hatten, jebenfalls die Gegend zu verlaſſen — wohin, blieb unentſchieden. Der Karren hielt zuletzt bei einer elenden Hütte, deren Schild bequeme Auf⸗ nahme Reiſenden verhieß; dieſe Ankündigung war mit dem folgenden Epigramm verbunden: Das beſte Naß iſt der Branntwein, Wer ihn einmal trinkt, ſchenkt ihn wieder ein. Die Hütte ſtand von allen Wohnungen ſo ent⸗ fernt und die Ode ringsum war von allen Bäumen und ſogar von Geſträuch ſo entblößt, daß Alice ver⸗ zweifelnd bemerkte, alle Hoffnung zur Flucht ſei an ſolchem Ort ein Hirngeſpinnſt. Um die Flucht jedoch noch mehr zu vereiteln, hob ſie Darvil ſelbſt aus dem Katren, führte ſie eine zerhrochene und dunkle Treppe hinauf, eher in eine Art Speicher als Zimmer, ſtieß ſie hinein, drehte den Schlüſſel um und ging wieder die Treppe hinab Das Wetter war kalt; grauer Nebel hing an der beſchmutzten Wanb; weder ein Feuer noch ein Herd war vorhanden; ſo dünn ſie aber auch gekleidet war(ihr Mantel und Shawl bildete ihre hauptſächlichſte Bedeckung), empfand ſie keine Kälte; ihr Herz war mehr erſtarrt als die Luft des Himmels. hm Mittag brachte eine alte Frau ihr einige Nah⸗ fung Fiſch und Braten von geſtohlenem Wild, welches beſſer war, wie man an ſolchem Orte hätte erwarten können, und welches ihr unter dem Dache ihres Vaters früher eine feſtliche Vewirthung geweſen wäre. Mi einem einladenten Seitenblick zeigte das alte Weib auf einen zinnernen Krug mit Branntwein, welcher die Speiſen begleitete, und gab ihr mit abgebrochener, vom Rauſche lallender Stimme die Verſicherung, oder Branntwein ſei ein beſſerer Freund als die jungen Herrn.“ Nachdem dieſer Einpringling fort war, blieb Alice bis zur Abenddämmerung allein, als Darvil mit einem Bündel Kleider wieder eintrat, wie ſie die Bauern jener Gegend von England, wo ſich die alten Sitten erhalten haben, zu tragen pflegen. „Alice,“ ſagte er,„nimm den warmen Anzug, mit dem Putze geht es nicht mehr. Wir wollen keine Spur zurücklaſſen; die Hunde ſind hinter uns her, kleiner Schätz. Hier iſt ein hübſcher Rock für Dich und ein rothes überkleid, welches einen welſch en Hahn erſchrecken könnte. Was den Mantel und Shawl hetrifft, ſo ſei unbeſorgt, heide ſollen nicht in den Trödelladen, ſon⸗ vern wir wollen ſie aufbewahren, bis wir in eine große Stadt kommen, wo es junge Herren mit Geld in den Taſchen gibt; Du ſcheinſt ja ſchon ausfindig gemacht zu haben, daß Dein Vermögen in Deinem Geſicht beſteht. Komm, mach es ſchnell ab, wir müſſen fort; in zehn Minuten bin ich wieder da. Sei nicht ſo niedergeſchlagen; hier trink Branntwein, ich ſage Dir, trink Branntwein. Was, Du willſt nicht? Wohl⸗ an, auf Deine Geſundheit und auf Deinen beſm Geſchmack,“ Al ſchloß erleich weibli von G letzte auf ey des Le ſchütze wie ſi ewig in de ſches verhär werke dem 5 ihren auf e einſtö ſollte denn jedes unter ſchluc dingt Stim nicht ſo ſch erhe erwarten es Vaters äre. Mit lte Weib welcher hrochener, ng, oder ie jungen ar, blieb Darvil vie ſie die die alten nzug, mit eine Spur r, kleiner nd ein erſchrecken fft, ſo ſei den, ſon⸗ ir in eine mit Geld ausfindig n Deinem vir müſſen Sei nicht „ich ſage Wohl⸗ en beſſern 239 Als vie Thür noch einmol ſich hinter Darvil ver⸗ ſchloß, ward ihr Schmerz zum erſtenmal durch Thränen erleichtert. Weibliche Schwäche verſchaffte ihr dieſen weihlichen Genuß. Dieſe Kleider waren die Gaben von Ernſt und von ihm ausgewählt; ſie boten die letzte Reliquie des entzückenden Lebens, welches jetzt auf ewig von ihr entflohen zu ſein ſchien. Jede Spur des Lebens, jede Spur von ihm, dem Liebenden, Be⸗ ſchützenden und Angebeteten, jede Spur ihrer ſelbſt, wie ſie durch Liebe neu geſchaffen war, ging jetzt auf ewig für ſie verloren. Dies glich(wie ſie irgendwo in den kleinen Elementarwerken, worauf ihr hiſtori⸗ ſches Wiſſen beſchränkt war, geleſen hatte) der letzten verhängnißvollen Ceremonie, womit die zu den Berg⸗ werken Sibiriens auf Lebenszeit Verurtheilten, mit dem Kleide des Sklaven angethan werden, womit man ihren früheren Namen und die Erinnerung an ſie auf ewig vertilgt und ſie in die ungeheure Ooe hin⸗ einſtößt, woraus ſogar die Gnade des Deſpotismus, ſollte ſie jemals erwachen, nicht zurückzurufen vermag, denn jedes Zeugniß von ihnen, jede Individualität, jedes Zeichen, um ſie von der allgemeinen Heerde zu unterſcheiden, iſt unter den Lebendigen vertilgt. Sie ſchluchzte in heftiger Leidenſchaft, der ſie ſich unbe⸗ dingt hingegeben hatte, als Darvil wieder eintrat. „Was, noch nicht angezogen?“ rief er in der Stimme ungeduldiger Wuth aus.„Höre, das geht nicht an. Biſt Du in zwei Minuten noch nicht fertig, ſo ſchicke ich John Walters herauf, um Dir zu helfen; e hat eine rauhe Hand, das kann ich Dir ſagen.“ —— 240 Dieſe Drohung brachte Alice zur Beflunung.„Ich will thun, wie Sie wollen,“ ſprach ſie demüthig. „Wohlan denn, mach ſchnell,“ ſagte Darvil,„man ſpannt jetzt das Pferd an. Merk Dir, Mädchen, Dein Vater weicht dem Galgen aus, und iſt das der Fall, ſo hegt man keine große Bedenklichkeiten. Verſuchſt Du noch einmal durchzugehen, oder thuſt Du und ſagſt Du etwas, was die Spürhunde mir auf die Ferſen bringt— beim Teuſel in der Hölle, wenn es Hölle oder Teufel gibt, ſo ſoll mein Meſſer mit Deiner Kehle beſſer bekannt werden. Drnm ſieh Dich vor!“ So war der Vater, ſo der Zuſtand des jungen Mädchens, deren Ohr Monate lang keinen andern Schall als vas Geflüßer ſchmeſchelnder Liebe, das Ge⸗ murmel der Leidenſchaft von den Lippen der Poeſie vernommen hatte. Die Drei ſetzten ihre Reiſe bis Mitternacht fort, alsdann kamen ſie in ein Wirthshaus, welches von vem früheren wenig verſchieden war. Hier aber war Alice nicht länger zur Einſamkeit beſtimmt. In einem großen, vom Täbaksrauch gefüllten Zimmer ſaßen zwanzig bis dreißig Kerle vor einem Tiſch, wörauf Humpen und Schalen vyn ſtarfen Getränken, mit Säbeln und Piſtolen vurch einander lagen. Sie em⸗ pfingen Walters und Darvil mit einem lauten Zuruf des Willkomms und würden etwas öhne Umſtänte Alice umringt haben, wenn nicht ihr Vater, den eine wohl⸗ bekaunte, verzweifelte und rohe Wildheit in ſolcher Geſellſchaft zu einem geachteten Manne machten, mit finſterem Weſen geſaßt hätte:„Die Hände weg, Ka⸗ 6. merade chen, Be Stuhl Ende Geſpr Mann heide ausgef wir br Da ich an un hier a ſolchen möglie 6 der K einen halber müſſer „ jetzt von W im He Nahr: kenloe e i ſchlin lsda 2 il,„man en, Dein der Fall, Verſuchſt Du und bie Ferſen es Hölle it Deiner ich vor!“ lches von aber war acht fort, In einem ſer ſaßen „ worauf ken, mit Sie em⸗ ten Zuruf inde Alice ine wohl⸗ n ſolcher ten, mit eg, Ka⸗ ——— 24⁴ meraden, macht Platz am Feuer für mein kleines Mäd⸗ chen, ſie iſt kein Biſſen für euch.“ Bei den Worten ſtieß er Alice in einen großen Stuhl am Kamin, ſetzte ſich in ihrer Nähe an das Ende des Tiſches und beeilte ſich, den Gegenſtand des Geſpräches zu verändern. „Gut, Kapitän,“ ſagte er zu einem kleinen, dünnen Manne am Ende des Tiſches,„ich und Walters, wir heide haben in beſter Weiſe unſere Unternehmungen ausgeführt. Landluft iſt nicht mehr für uns geſund; wir brauchen Seewind, um das Galgenfieber zu kuriren. Da ich wußte, daß Ihr hier wärt, ſetzte ich alle Segel an und bin hier angekommen. Ihr müßt das Mädchen hier an Vord nehmen, ob ich gleich weiß, daß Ihr ſolchen Plunder nicht liebt. Wir wollen ſo bald als möglich wieder landen.“ „Sie ſcheint eine kleine, ruhige Perſon,“ erwiderte der Kapitän; auch würden wir noch mehr thun, um einen alten Freund wie Euch zu verpflichten; in einer halben Stunde geht der Mond unter, und alsdann müſſen wir abſegeln.“ „Je eher, deſto beſſer.“ Die Männer ſchienen jett die Gegenwart der Alice zu vergeſſen, welche von Mühe und Erſchöpfung ſchwach(ſie war zu krank im Herzen, um die an vem früheren Raſtorte gereichte Nahrung zu genießen) im Lehnſtuhle lag und gedan⸗ kenlos auf das Feuer blickte. Vor dem Aufbruch zwang ſie ihr Vater, einige Stücke Schiffszwieback zu ver⸗ ſchlingen, obgleich ein jedes ſie zu erſticken ſchien; alspann wurde ſie in einen dicken Matroſenmantel Bulwer, Maltravers. J. 46 242 gehüllt und in einen kleinen, ſchön gebauten Cutter gebracht; als die Seewinde ſie umrauſchten, lullte die Kälte und die überſtandenen Leiden ihr unglückliches Herz in die Arme des mitleidigen Schlafes. Zweites Kapitel. Noch einmal ſeid Ihr frei; Hier löſ' ich Eure Bande. Engliſches Lied. Armes Kind, mannigfach waren Deine Prüfungen, ſo mannigfach, daß ſie ſich nicht beſchreiben ließen, ſollte auch dies Buch zu zahlreicheren Bänden an⸗ ſchwellen, wie ſie ein Mönch jemals über das Leben eines Heiligen oder Märtyrers verfaßte, obgleich hun⸗ vert Bände allein den Bericht von zwei Jahren im Leben des heiligen Antonius enthielten. Wir können von der Treue der Berichte in Büchern ſprechen, allein dennoch vermag Niemand ſeine eigene Biographie zu ſchreiben, ohne wenigſtens neun Zehntel der wichtig⸗ ſten Materialien auslaſſen zu müſſen. Was haben drei, ſechs Bände zu bedeuten? Täglich durchleben wir ſechs Bände! Gedanken, Aufregungen, Freude, Kummer, Hoffnung, Furcht— wie weitläufig müßten fie ſämmt⸗ lich ſein, ſollte jeglicher derſelben ſeine ſtündliche Ge⸗ ſchichte erzählen! Das Menſchenleben ſelbſt iſt nur ein kurzer Auszug des Unbeſtimmten und Ewigen; ſeine genaueſten Geſtändniſſe bilden nur die elende Abkürzung eines eilig und verwirrt geſchriehenen Lehrbuches. Etn ſich unt es ihr, men. E Darvel getrenn brechen jetzt er vom V zu brir werden von de ihren S begriff plötzlic der G Selbſt Klugh auf d wiſſen Irrthi vertra im ſp geſchü ſich in ſelten ihres ſtänd welch die S n ließen, den an⸗ ahren im r können en, allein aphie zu ben drei, wir ſechs Kummer, e ſämmt⸗ liche Ge⸗ tnur ein n; ſeine bkürzung uches. 243 Etwa ſeit drei Monaten nach der Nacht, worin Alice ſich unter jenen wilden Geſellen in Schlaf weinte, gelang es ihr, den wachſamen Augen ihres Vaters zu entkom⸗ men. Sie befanden ſich damals auf der Küſte Irlands. Darvel hatte ſich von Walters und den Seefahrern getrennt; er hatte den größeren Theil des durch Ver⸗ brechen geſammelten Geldes verſchwendet. Er begann jetzt ernſtlich einen Verſuch ſeines furchtbaren Plans, vom Verkauf ſeiner Tochter zu leben, in Ausführung zu bringen. Alice hätte zu ſündigen Zwecken geformt werden können, bevor ſie Maltravers kannte; allein von der Stunde an ward ſie gerade tugendhaft durch ihren Fehltritt; im Augenblick, wo ſie Liebe empfand, begriff ſie auch, was weibliche Ehre bedeutet; bei plötzlicher Enthüllung hatte ſie Kenſchheit, Zartgefühl der Gedanken und der Seele mit dem Opfer ihrer Selbſt erkauft. Unſer Moralgefühl(ſyſtematiſch nach Klugheit und Recht ausgebildet), leitet uns in Bezug auf den erſten Fehltritt der Frauen, wie wir alle wiſſen, hinſichtlich einzelner Ausnahmen in grauſame Irrthümer. Wann dieſer Fehltritt aus reiner und vertrauender Liebe entſtand, ſo wurde manche Frau im ſpäteren Leben vor tauſend Verſuchungen dadurch geſchützt. Die armen, unglücklichen Dirnen, welche ſich in unſern Straßen und Theatern drängen, ſind ſelten zuerſt durch Liebe verführt worden; die Urſache ihres Falles war Armuth, die Anſteckung der Um⸗ ſtände und des Beiſpiels. Der Ausdruck iſt falſch, welcher ſie Opfer der Verführung nennt; ſie waren die Opfer des Hungers, der Eitelkeit, der Neugier⸗ ſchlechten weiblichen Rathes; allein die Verführung der Liebe leitet ſelten in ein laſterhaftes Leben. Hat ein Weib einmal wirklich geliebt, ſo bildet der Ge⸗ genſtand ihrer Liebe eine undurchdringliche Scheide⸗ wand zwiſchen ihr und andern Männern. Die Anträge derſelben erſchrecken ſie und empören ihr Gefühl; ſie würde lieber ſterben, als ſogar einer Erinnerung un⸗ treu ſein. Der Mann liebt das Geſchlecht, das Weih allein den Einzelnen; jemehr ſie denſelben liebt, deſto kälter wird ſie gegen das Geſchlecht. Die Leidenſchaft des Weibes liegt im Gefühl, Phantaſte und Herz. Sie hat ſelten viel mit den rohen, ſinnlichen Bildern zu thun, womit ſie Knaben und Greiſe, die Uner⸗ fahrenen und Abgenutzten, in Verbindung bringen. Obgleich das Blut der Alice bei der furchtbaren Sprache ihres Vaters erſtarrte, erblickte ſie dennoch in ſeinen Planen die Ausſicht auf Flucht. In einer Stunde der Trunkenheit ſtieß er ſie aus dem Hauſe und ſtellte ſich auf, um ſie zu überwachen; dies ge⸗ ſchah in der Stadt Cork. Sogleich hatte ſie ihren Entſchluß gefaßt; ſie wandte ſich in eine enge Straße und floh in voller Eile. Darvil ſuchte vergeblich mit ihr Schritt zu halten; ſeine Augen ſchwammen, ſeine Schritte wankten durch Berauſchung. Sie vernahm, wie ſein letzter Fluch in der Entfernung verhallte, und Furcht beflügelte ihre Füße. Zuletzt hielt ſie an und befand ſich im äußeren Theile der Stadt. Von Schrecken überwältigt, blieb ſie ſtehen; zum erſtenmal empfand ſie, daß ein fremdes und neues Leben in ihrem eige⸗ nen ſich regte. Sie hatte ſchon lange 6 daß ſie in Maltre Kraft leben. worden ſpruch aber e ter w zur H geheim Leben ſie übe gegen übertre Kind! ſie ſaß Stadt Mond Sterne ſtröme lieblich Pauſe Wand Schup nach heit u erung un⸗ das Weib ebt, deſto eidenſchaft und Herz. en Bildern die Uner⸗ bringen. urchtbaren ie dennoch In einer em Hauſe dies ge⸗ ſie ihren ge Straße eblich mit en, ſeine vernahm, llte, und e an und Schrecken empfand rem eige⸗ ußt, daß ſie in ihrem Schooße den ungebornen Sproß von Maltravers barg. Und dies Bewußtſein hatte ihr Kraft gegeben, mit dem Unglück zu kämpfen und zu leben. Jetzt aber war der Embryo zum Weſen ge⸗ worden; er regte ſich, er nahm ihr Gefühl in An⸗ ſpruch— ein noch ungeſehenes, unbekanntes Ding, aber ein lebendiges Geſchöpf, das ſich an die Mut⸗ ter wandte! Welch ein durchvringendes Gefühl, zur Hälfte unausſprechliche Zärtlichkeit, zur Hälfte geheimnißvoller Schrecken! Welch neuer Abſchnitt im Leben einer Frau ward dadurch verkündet! Jetzt mußte ſie über ſich ſelbſt wachen, ſich vor Mühen bewahren, gegen Verzweiflung ankämpfen. Heilig war das ihr übertragene Pfand— das Leben eines Andern, das Kind des Angebeteten! Es war eine Sommernacht, ſie ſaß auf einem rauhen Stein; zu ihrer Seite die Stadt mit ihren Lichtern und Lampen, dann das vom Mondſchein blaß beleuchtete Feld, der Mond und die Sterne. Sie richtete nach oben ihre von Thränen ſtrömenden Augen und dachte, daß Gott von dem lieblichen Himmel auf ſie hinablächelte. Nach einer Pauſe ſtillen Gebetes erhob ſie ſich und begann ihre Wanderung. Als ſie müde war, kroch ſie in den Schuppen eines Pachthofes und ſchlief zum erſtenmal nach langen Wochen den ruhigen Schlaf der Sicher⸗ heit und Hoffnung. 246 Drittes Kapitel. Es kehrt wie ein Verſchwenber jetzt zurück Das Schiff; die Seiten ſind vom Sturme leck, Die Segel all zerriſſen. Shakſpeare. Mer. Wer ſind ſie? Dheim. Meine Vauern. Beaumont u. Fletcher. Zwei Jahre waren nach der Nacht vergangen, worin Alice aus ihrer Hütte geriſſen ward, und Mal⸗ travers durchwanderte damals die Ruinen des alten Agyptens. Auf demſelben Raſenplatz, wo Alice und ihr Geliebter ſo oft Hand in Hand umherſchlenderten, hatte ſich eine muntere Geſellſchaft von Kindern und jungen Leuten geſammelt. Die Hütte war von einem reichen Fabrikanten, der ſich in Ruheſtand begeben hatte, gekauft worden. Dieſer hatte das niedrige Strohdach um einen Stock erhöht; durch bläulichen Schieferſtein war das Stroh erſetzt worden; die hüb⸗ ſchen, mit Schlingkräutern überwachſenen Geländer waren heruntergenommen, weil Frau Hobbs die Mei⸗ nung hegte, die Zimmer erlangten dadurch ein dü⸗ ſteres Ausſehen; der kleine Thoreingang war durch vier ioniſche Säulen mit Stuckaturarbeit vertauſcht, ein neues Speiſezimmer, 22 Schuh lang 18 Schuh breit, an einem Flügel angebaut, endlich auch ein neues Beſuchzimmer über dem neuen Speiſezimmer erbaut worden. Die kleine Hütte hatte ein großar⸗ tiges, einer Villa ähnliches Anſehen erhalten. Der feucht ſich v waren Holz, ſondet ſloß einga befan „Hob neren Raſer men; abend ſchrei Chep ſeine Hobl Toch Man über Ham Mal ſichz groß rens mack nicht Springbrunnen war fortgeſchafft, weil das Haus dadurch ietzt zurück Sturme leck, akſpeare. und Mal⸗ des alten Alice und lenderten, ndern und von einem d begeben s niedrige bläulichen ; die hüb⸗ Geländet s die Mei⸗ h ein dü⸗ war durch vertauſcht. 18 Schuh auch ein eiſezimmer n großar⸗ ten. Der us dadurch feucht wurde; ein breiter Fahrweg für Kutſchen vehnie ſich vom Thore nach dem Hauſe hinaus. Das Thor war nicht mehr von beſcheidenem, grün angeſtrichenem Holz, welches bei leichtem Druck ſtets ſich öffnete; ſondern ſchlank, aus gegoſſenem Eiſen, wohl ver⸗ ſchloſſen, zwiſchen zwei Pfeilern, die mit dem Haus⸗ eingange wetteiferten. An einem Flügel der Thore befand ſich eine meſſingne Platte mit der Inſchriſt „Hobbs Lodge— man bittet zu ſchellen.“ Die klei⸗ neren Hobbs und die größeren Hobbs waren auf dem Raſenplatze, mehre eben erſt aus der Schule gekom⸗ men; es war nämlich der halbe Feſttag eines Sonn⸗ abends Nachmittags. Heiterkeit, Lärm, Jubel, Ge⸗ ſchrei war vorhanden und das alte, achtungswerthe Chepaar blickte ruhig zu. Hobbs, der Vater, ſchmauchte ſeine Pfeife(ach, es war nicht der theure Meerſchaum!); Hobbs, die Mutter, unterhielt ſich mit ihrer älteſten Tochter(einer ſchönen, vor vrei Monaten mit einem Manne ohne Vermögen verheiratheten jungen Frau) über die gehörige Anzahl von Tagen, worin eine Hammelskeule(10 Pfund an Gewicht), um mehre Male benutzt werden zu können, auf verſchiedene Weiſe ſich zubereiten ließe.„Jimer kaufe Dir, meine Liebe, große Hammelskeulen, ſie find ſtets des Aufbewah⸗ rens werth. Laß mich ſehen— welchen Lärm die Vuben machen! Nein, mein lieber Sohn, der Ball iſt nicht hier.“ „Der Ball iſt unter Deinem Rock, Mama.“ „Kind, Du biſt unartig.“ „Hollah, die Reihe iſt an mir, Brigitte warte. Die Mädchen dürfen das Ballholz nicht ſchlagen, die Mädchen treffen den Ball nie.“ „Robert, Du betrügſt.“ „Vater, Eduard ſagt, ich betrüge.“ „Es iſt ſehr wahrſcheinlich, lieber Robert, Du ſollſt ja ein Rechtsgelehrter werden.“ „Wo war ich doch, meine liebe Tochter?“ begann Frau Hobbs wieder ihre Rede, indem ſie ſich zurecht⸗ ſetzte und ihren in Unordnung gebrachten Rock in gehörige Falten legte.„Ja, ja, bei der Hammels⸗ keule. Am zweiten Tage wird das Fleiſch gehackt und mit Pudding aufgetragen“ am dritten wird der Knochen geröſtet; dein Mann nagt gewiß gern an geröſteten Knochen, und dann bewahr die kleinen Stücke zur Paſtete des Sonnabends; Du weißt, meine Liebe, Dein Vater und ich, wir waren ſchlimmer daran als Du, als wir unſere Haushaltung anfingen. Aber wir haben jetzt alle hübſchen Dinge in unſerem Hauſe, wir brauchen nicht mehr zu ſparen. Paſteten am Sonnabend find ſehr gute Gerichte und ſomit kommſt Du am Sonntag mit dem Braten zum Vorſchein. Eine gute Hausfrau darf niemals die Paſteten am Sonnabend vernachläſſigen!“ „Ja,“ ſagte die junge Frau traurig.„Aber Herr Tiddy mag keine Paſteten“ „Was, keine Paſteten? das iſt ſehr ſonderbar. Herrn Hobbs ißt gern Paſteten— vielleicht machſt Du die Kruſte nicht dick genug. Wie dem aber auch ſei, Du kannſt ihm die Paſtete mit einem Pudding ausgleichen. Gewiß ißt Herr Tiddy gern einen Pud⸗ ding. Manr ohne unvert „ will n „1 „ indem ſpielb D wie d einem an da wie e begier Schri Frau hatte. dünne große nerfr Stirr tigkei den t unau ſie ne hier? „ agen, die ran als n. Aber n Hauſe, eten am t kommſt orſchein. eten aum ber Herr nderbar. tmachſt ber auch Pudding en Pud⸗ ding. Eine Frau muß immer den Geſchmack ihres Mannes ſtudiren. Was iſt die Häuslichkeit einer Frau ohne Liebe? Aber dennoch muß ich ſagen, es iſt ſehr unvernünftig, die Paſtete des Sonnabends nichtzu eſſen.“ „Hollah, Mama! Da ſteht eine Zigeunerin; ich will mir von ihr prophezeihen laſſen.“ „Und ich— und ich.“ „Gott, welche Herumſtreicherin!“ rief Frau Hobbs, indem ſie unwillig aufſtand.„Warum paßt der Kirch⸗ ſpielbüttel nicht beſſer auf.“ Der Gegenſtand dieſer Bemerkungen, der kindlichen wie der elterlichen, beſtand in einer jungen Frau mit einem abgetragenen Mantel; ſie drückte ihr Geſicht an das eiſerne Thorgitter und blickte aufmerkſam(und wie aufmerkſam ¹) in den Hof. Die Kinder liefen begierig auf ſie zu, hielten aber unwillkürlich ihte Schritte an, als ſie näher kamen, denn die junge Frau war offenbar nicht das, wofür man ſie gehalten hatte. Keine Zigeunerfarbe verdunkelte die blaſſe, dünne, zarte Wange; keine Zigeunerliſt lauerte in den großen, blauen und weinenden Augen; keine Zigen⸗ nerfrechheit ruhte auf der offenherzigen und kindiſchen Stirn. Als ſie ſo ihr Antlitz mit krankhafter Hef⸗ tigkeit gegen die kalten Eiſenſtangen drückte, empfan⸗ den die Kinder ein unbewußtes Mitgefühl mit dem unaus ſprechlichen und beinahe furchtbaren Kummer; ſie naheten beinah mit Achtung.„Sucht Ihr etwas hier?“ fragte der älteſte und dreiſteſte der Knaben. „Ja, dies iſt doch gewiß Dale⸗Cottage?“ „Es war Dale⸗Cottage und iſt jetzt Hobbs⸗Lodge. Könnt Ihr nicht leſen?“ fragte der Erbe aller Ehren des Herrn Hobbs, indem er den erſten Eindruck der Sympathie durch die Verachtung der Unwiſſenheit des Mädchens verlor. „Und— iſt Herr Butler auch fort?“ Das arme Kind! Sie ſprach, als wenn die Hütte fort wäre, nicht als ob dieſelbe eine Verbeſſerung erlangt hätte; die ioniſchen Säulen hatten für ſie keinen Reiz! „Butler! Niemand wohnt hier, der ſo heit. Vater, weißt Du, wo Herr Butler wohnt?“ Der Vater bewegte jetzt an den Ort der Zu⸗ ſammenkunft die ſchwere Artillerie ſeines ſchönen, runden Bauches und ſeiner Waden, welche einem Laſt⸗ träger Ehre gemacht haben würde.„Butler— nein, ich kenne einen ſolchen Namen nicht; hier wohnt kein Herr Butler. Fort mit Euch, ſchämt Ihr Euch nicht, zu betteln?“ „Kein Herr Butler, rief das Mädchen aus, in⸗ dem ſie kaum zu athmen vermochte und ſich an das Thor, um nicht umzufinken, anklammerte.„Iſt das ganz gewiß, Herr?“ „Ja, ja; was wollt Ihr von ihm?“ „D Papa, ſie ſeht ſo ſchwach aus,“ ſagte eine der Töchter mit flehendem Tone;„geben Sie ihr Etwas zu eſſen; ich weiß gewiß, daß ſie hungrig iſt.“ Herr Hobbs ſah zornig aus; er war oft betrogen worden und kein Reicher liebt die Bettler; im All⸗ gemeinen hat der reiche Mann auch Recht; allein Herr Hobbs ſah in das traurige Geſicht der hearg⸗ wohn hübſe ins bewal viel Mäbe 2 trat köunt nicht Sie Butl hinzu dies thet „ fuhr neue murt gehe e warf ſchau zu r in d zu ſ mit und ſler Ehren druck der enheit des die Hütte beſſerung n für ſie ſo heißt. 2* der Zu⸗ ſchönen, nem Laſt⸗ — nein, ohnt kein uch nicht, aus, in⸗ h an das „Iſt das agte eine Sie ihr grig iſt.“ betrogen im All⸗ ; allein er hearg⸗ wohnten Landſtreicherin und blickte dann auf ſein hübſches Kind; ſein guter Engel flüſterte ihm Etwas ins Herz; er ſagte nach einer Pauſe:„Der Himmel bewahre mich, daß ich nicht für ein Mitgeſchöpf ſo viel fühlen ſollte, als für mich ſelbſt; kommt herein Mäbchen und eßt einen Biſſen.“ Das Mädchen ſchien ihn nicht zu hören. Er trat näher, um das Thor zu öffnen. „Nein, Herr,“ ſagte ſie,„ich danke Ihnen; ich könnte jetzt nicht hereintreten, ich könnte jetzt hier nicht eſſen. Sagen Sie mir aber, Herr, ich flehe Sie an, können Sie nicht ſogar ahnen, wo ich Herrn Butler finden werde. „Butler,“ ſagte Frau Hobbs; die aus Neugier hinzugekommen war.„Wie ich mich erinnere, war dies der Name des Herrn, welcher den Ort gemie⸗ thet hatte, und beraubt wurde.“ „Beraubt!“ ſagte Herr Hobbs, indem er zurück⸗ fuhr und das Thor wieder verſchloß—„und der neue Theetopf iſt gerade heute ins Haus gekommen,“ murmelte er vor ſich hin—„komm, Kind, laß uns fort⸗ gehen. Wir wiſſen nichts von Eurem Herrn Butler.“ Die junge Frau ſchaute ihm wild ins Geſicht, warf einen eiligen Blick über den veränderten Platz, ſchauderte, als ob der Wind ihren zarten Körper zu rauh geſchüttelt habe, hüllte ihre Schulter enger in den Mantel und ging fort, ohne ein Wort weiter zu ſagen. Die Geſellſchaft blickte ihr nach als ſie mit zitternden Schritten die Landſtraße hinunterging und Alle empfanden den Schmerz der Scham, welcher 252 dem Menſchenherzen beim Anblick des Elends ge⸗ wöhnlich iſt, das man zu mildern nicht geſucht hat. Allein auch dies Gefühl entſchwand aus der Bruſt des Herrn und der Frau Hobbs, als ſie das Mädchen an einer Stelle ſtill ſtehen ſahen wo eine Wendung der Straße, das Thor ihr wieder vor Augen brachte; ſie ſahen jetzt zum erſtenmal, was der abgetragene Mantel bis dahin verhüllt hatte, daß jenes arme junge Weib ein Kind auf den Armen trug. Sie hielt an und blickte mit Zärtlichkeit zurück. Sogar in der Entfernung war die Verzweiflung ihrer Augen ſichtbar; das Ehepaar vernahm, als ſie ihre Lippen an die Stirn des Kindes drückte, ein krampfhaftes Schluchzen; dann erblickte es, wie ſie ſich umwandte — ſie war verſchwunden! „Schöne Dinge,“ ſprach Frau Hobbs. „Neuigkeiten für das Kirchſpiel,“ ſagte Herr Hobbs;„ſie iſt noch dazu ſo jung! Welche Schande.“ „Die Mädchen hier in der Gegend ſind heut zu Tage recht ſchlecht, Jenny,“ ſagte die Mutter zu der jungen Frau. „Jetzt ſehe ich ein, weßhalb ſie nach Herrn Butler fragte, meinte Hobbs mit einem ſchlauen Wink; das Menſch iſt gekommen, um den Vater wegen des Kindes zu verklagen.“ Deßhalb alſo hatte Alice ihre Kraft, ihren Muth während der heftigen Schmerzen ihres Kindbetts aufgeboten, während einer heftigen und erdrückenden Krankheit, wodurch ſie Monate lang nach ihrer Niederkunft auf eines Bauern Bett ausgeſtreckt lag (der in eit für T und r auffir alles ſie ſie gemac deßha Hund ſchlag lag— dieſer derer, den u hatte des, ihrer zum& ſie ih Erbar fieber Einm ihres geweſ Kind Geſich Mone Want ihr 3 VPendung te Herr chande.“ heut zu utter zu n Butler ink; das egen des en Muth dindbetts rückenden ch ihrer reckt lag (der Gegenſtand des rauhen aber gütigen Mitleidens in einer iriſchen Hütte)— deßhalb hatte ſie ſich Tag für Tag zugeflüſtert:„ich werde wieder beſſer werden, und werde mich zür Hütte durchbetteln und ihn dort auffinden, und mein Kind auf ſeine Arme legen, und alles wird wieder gut werden;“— deßhalb alſo hatte ſie ſich zu Fuß nach dem fernen Lande aüf den Weg gemacht, ſobald ſie ohne Hülfe gehen konnte;— deßhalb hatte ſie beinahe mit dem Inſtinkt eines Hundes— ſie wußts nicht, welchen Weg ſie ein⸗ ſchlagen ſollte— in welcher Grafſchaft die Hütte lag— ſie kannte allein den Namen der Stadt, und dieſer, ſo volkreich jener auch war, klang den Ohren derer, welche ſie fragte, fremd, und oft ward ſie auf den unrechten Weg gewieſen;— deßhalb, ſage ich, hatte ſie beinahe mit dem treuen Inſtinkt eines Hun⸗ des, in Kälte und Hitze, in Hunger und Durſt auf ihrer troſtloſen und einſamen Wanderung die Spur zum Hauſe ihres alten Herrn gefunden! Dreimal hatte ſie ihre Kräfte aufgerieben, dreimal verdankte ſie dem Erbarmen des niedern Volkes ein Bett, um ihren ſieberhaften und zerbrochenen Leib dort auszuruhen. Einmal auch war ihr Kind, ihr Liebling, das Leben ihres Leben, krank geworden und dem Tode nahe geweſen; ſie konnte nicht wieder aufbrechen, bis ihr Kind(ein Mädchen) wieder hergeſtellt war, ihr ins Geſicht lächeln und lallen konnte. So war mancher WMonat verſchwunden ſeit dem Tage, woran ſie ihre Wanderung begann, bis zu demjenigen, woran ſie ihr Ziel fand. Ihr Herz und ihre Hoffnung aber 254 war allein erdrückt und niedergeſchlagen, wenn ihr Kind an Krankheit litt. Sie konnte ihn wiederſehen, er konnte ſein Kind küſſen und jetzt— nein, ich vermag die Gewalt dieſes betäubenden Schlages nicht zu heſchreiben! Sie ließ ſich nichts von der gütigen Vorſorge träumen, welche Maltravers getroffen hatte. Er hatte ihre vollkommene Unwiſſenheit der Welt nicht berechnet. Wie konnte ſie ahnen, daß der Friedensrichter, welcher kaum in der Entſernung einer halben Stunde wohnte, ihr Alles, was ſie zu wiſſen wünſchte, geſaßt haben würde? Hätte ſie nur den Gärtner oder vie alte Haushälterin angetroffen, ſo wäre Alles gut geworden! Allerdings beſaß ſie ſoviel überlegung, daß ſie ſich nach Beiden erkundigte. Allein die alte Frau war todt, und der Gärtner war in einer entfernten Grafſchaft in andern Dienſt getreten. So erſtarb ihr letzter Hoffnungsſchimmer. Wäre ſie nur von einer Perſon, die ſich der Nach⸗ forſchungen des Maltravers erinnerten, angetroffen und erkannt worden! Allein ſie war von ſo Weni⸗ gen geſehen worden und jetzt hatte ſich das glänzende friſche Mädchen ſo durch Kummer verändert! Ihre Laufbahn war noch nicht beendet und das Fahrzeug hatte noch manchem ſcharfen Sturm auf der See des Kummers zu trotzen, bevor es ſeinen Hafen erreichte. Je mit ih heſchüt erſten mit eir nung, Wande ihren C ein ſtar ſie em; Weil ſ Brod heim g geſchär hatte i den un beſchlo denn f wie G noch o ihres 2 ihre 2 kleines Viertes Kapitel. —— Geduld und Kummer kämpften, Ihr holdes Weſen zu erhöhn. Shakſpeare. gütigen Gar ſehr beklag“ ich ſie, auch tabl' ich ſie, en hatte. Doch will ich eine Stütze jetzt ihr bieten. er Welt Voltaire. daß der Zetzt empfand Alice, daß ſie in der weiten Welt mit ihrem Kinde allein ſtand, daß ſie nicht länger ſ beſchützt war, ſondern beſchützen mußte; nach den ſie nur erſten Tagen des heftigſten Schmerzes, fühlte ſie ſich mit einem neuen Geiſte) nicht mit dem der Hoff⸗ nung, ſondern der Ausdauer erfüllt. Ihre einſame kundigte. Wanderung, worin Gott allein ihr Führer war, hatte Gärtner ihren Charakter erhoben und gekräftigt. Sie empfand n Dienſt ein ſtarkes Vertrauen auf ſeine geheimnißvolle Gnade; ſchimmer. ſie empfand auch die Verantwortlichkeit einer Mutter. er Nach⸗ Weil ſie ſo manchen Monat, ſogar um das tägliche ngetroffen Brod zu erwerben, ihren eigenen Hülfsquellen an⸗ ſo Weni⸗ heim gegeben war, ſo wurde ihr Verſtand unbewußt glänzende geſchärft und eine Gewohnheit geduldigen Muthes rt! Ihre hatte ihren urſprünglich ſich an Andere anklammern⸗ Fahrzeug den und weiblich ſanften Charakter gekräftigt. Sie r See des beſchloß, ſich in eine andere Grafſchaft zu begeben, erreichte. denn ſie konnte weder die Gedanken ertragen, die wie Geſpenſter in der Gegend zu weilen ſchienen, noch ohne Schauder an die Möglichkeit der Rückkehr ihres Vaters denken. Somit erneute ſie eines Tages ihre Wanderſchaft; nach einer Woche kam ſie in ein kleines Dorf. Mitleid gegen Arme iſt ſo allgemein — — 3 8 = S — 6 = *— — — ₰ 8 * ₰ — 8 S 8 — = * 256 in England und keimt ſo überall von ſelbſt, wie die gute Saat am Wege, daß ſie ſelten der hauptſäch⸗ lichſten Lebensbedürfniſſe entbehrte. Ihr demüthiges Weſen, ihre ſüße, wohlklingende Stimme, von dem handwerksmäßigen Gewinſel der Bettelei durchaus fremd, übte gewöhnlich ihren Reiz auf die ſtrengſten Menſchen. So erlangte ſie ziemlich genug, um ſich Brod und ein nächtliches Lager zu kaufen, und mißlang ihr dies bisweilen, ſo konnte ſie Hunger ertragen und ſcheute ſich nicht, in einen Schuppen zu kriechen, oder am Seeufer in eine ſchützende Höhle. Auch ihr Kind gedieh— Gott mißt den Wind dem geſchornen Lamme zu! Was phyſiſche Entbehrungen betraf, ſo war jetzt das Schlimmſte vvrüber. Als Alice ermüdet ſich in den Eingang eiaes Dorfes ſchlich, das ihre Tagereiſe beenden ſollte, begegnete ihr eine Dame, welche ſchon über die mittleren Jahre hinaus und in deren Antliz das Mitleid ſo ſichtbar war, daß Alice nicht betteln wollte; ſie beſaß nämlich ein ſonderbares Zartgefühl oder einen gewiſſen Stolz, oder wie man es nennen mag; ſie bettelte lieber von den ſtreng blickenden, als von ſolchen, welche ſie gütig anſahen; in den Augen der letztern wollte ſie ſich nicht erniedrigen. Die Dame hielt an. „Armes Mävchen, wohin des Weges?“ „Wohin es Gott gefällt, Madame,“ ſagte Aliee. „Hm, iſt das Euer eigen Kind? Ihr ſeid ja kaum noch ſelbſt ein Kind!“ „Es iſt mein Kind, Madame,“ ſagte Alice, in⸗ dem was D „Seid „ Erröt gegen 2 der,: beſaß Geſchl den, fragte Reiſer „2 liee ſchön, „2 ſchicht Herzer D „2 Ihren „2 beſitze für m Kind vaß ic ſagen, Br t, wie die hauptſäch⸗ emüthiges von dem durchaus ſtrengſten ſich Brod ißlang ihr agen und chen, oder ihr Kind en Lamme o war jetzt det ſich in Tagereiſe elche ſchon ren Antliz cht betteln Zartgefühl nnen mag; , als von Augen der 4 agte Aliee. id ja kaum Alice, in⸗ 257 dem ſie zärtlich das Kind anblickte,„es iſt Alles, was ich befitze⸗“ Die Stimme der Dame zitterte bei der Frage: „Seid Ihr verheirathet?“ „Nein, Madame,“ erwiderte Alice unſchuldig, ohne Erröthen, denn ſie ahnte nicht, daß ſie in der Lieb gegen Maltravers ein Unrecht begangen hatte. Die Dame trat mit Güte aber nicht mit Schau⸗ der, nein mit noch tieferem Mitleid zurück, denn ſie beſaß wahre Tugend und wußte, daß die Fehler ihres Geſchlechtes zur Genüge durch ſich ſelbſt beſtraft wer⸗ den, um ein Mitleid ohne Sünde zu geſtatten. Sie fragte jedoch mit größerem Ernſt:„Seid Ihr auf Reiſen, um den Vater zu ſuchen?“ „Ach Madame, ich werde ihn niemals wieder ſehen.“ lice weinte. „Wie, er hat Euch verlaſſen?— ſo jung, ſo ſchön,“ fügte die Dame mit ſich ſelbſt redend hinzu. „Mich verlaſſen!— nein Madame; aber die Ge⸗ ſchichte iſt lang, guten Abend. Ich i Ihnen von Herzen für Ihr Mitleid.“ Die Augen der Dame ſchwammen in Thränen. „Bleibt,“ ſagte ſie und erzählt mir offen, wohin Ihr wollt und was Euer Zweck iſt.“ „Ach Madame, ich gehe irgendwohin, denn ich beſitze keine Heimath, allein ich wünſche zu leben, und für meinen Lebensunterhalt zu arbeiten, damit mein Kind keinen Mangel zu leiden braucht. Ich wünſchte vaß ich mich ſelbſt erhalten könnte. Er pflegte z ſagen, ich vermöchte dies.“ Bulwer, Maltravers, 1. 258 „Eri Eure Sprache und Euer Benehmen iſt nicht das einer Bäuerin. Was könnt Ihr thun, was ver⸗ ſteht Ibr?“ „Muſik und Arbeit; und— und“ „Muſik! das iſt ſonderbar, wer ſind Eure Eltern?“ Alice ſchauderte und verbarg ihr Geſicht mit den Händen. Die Theilnahme der Dame war jetzt für ſie gehörig erwärmt; dieſe dachte; ſie hat geſündigt, allein kann man bei ſolchem Alter ſtreng ſein? Sie darf nicht in die weite Welt geſtoßen werden, um die Sünde zur Gewohnheit zu machen.„Folgt mir,“ ſagte ſie nach einer keinen Pauſe,„und glaubt, daß Ihr eine Freundin gefunden habt.“ Die Dame wandte ſich von der Landſtraße in einen kleinen, von Hecken unſchloſſenen Weg, der zu der Wohnung eines Parkhüters führte. Sie trat in das Haus und forderte nach einem kurzen Geſpräch mit der Bewohnerin Alice ſich ihr anzuſchließen auf. „Janet,“ ſagte Alicens neue Beſchützerin, einer neiten und heiter blickenden Frau,„dies hier iſt die junge Perſon. Erweist derſelben und dem Kinde jede Aufmerkſamkeit. Morgen werde ich paſſende Kleider ſchicken und alsdann überlegen, was für ihre zukünf⸗ tige Wohlfahrt am zweckmäßigſten ſein wird.“ Hierauf lächelte die Dame der Alice gutmüthig zu, deren Herz zu voll war, als daß ſie hätte reden könnenz die Thür der Hütte verſchloß ſich und Alice glauhte der Tag ſei dem Abend nah. Fr geführ ſanfteſ vernah und V der jt und 2 anhört ihr vor nothw bung z aher w 259 iſt nicht. w Fünftes Kapitel. Glaubt mir, ſie hat mein Mitleib ſehr erregt! Ach! nicht geſchaffen war die liebliche Natur ſo gegen Unglück anzukämpfen. Fltern?“ Rowe. mit den Gar nüchtern, ernſt, lebt er von Jugend an, tfür ſie Streng in der Form, denn Wahrheit war ſein Bann; ſündia Es hat ihn fleis umhüllt ein einfach Kleid; 3 eſündigt, Stets hielt er ruhig heitern Blick bereit. in? Sie Doch ließ ſich etwas in dem Aug' erſehn, den, um Ein ſcharfer Glanz, geſchickt wohl zum Erſpähn; gt mir,“ Als Scharfblick nur bezeichnet* der Freund, daß Schlauhrit, Betrug erkannte drin der Feinb. Doch Freund und Feind entdeckte kein Gebrechen. . Ger⸗gelt war ſein Handeln, wie ſein Sprechen; 1 Keuſch, nüchtern, ernſt und fromm, ſo hieß man ihn; in einen Und ihm war lieb der Ruf, den dies verliehn. erzu der Crabbe. t ein das Mach' ich mich dran, um bies Geheimniß auch, hier zu enidecken. räch mit Beaumont und Fletcher. auf. in, einer Frau Leslie, die dem Leſer im letzten Kapitel vor⸗ er iſt die geführte Dame, beſaß den größten Verſtand bei dem inde jede ſanfteſten Herz(keine ungewöhnliche Verbindung). Sie e Kleider vernahm die Geſchichte der Alice mit Bewunderung e zukünf⸗ und Mitleid: Die natürliche Unſchuld und Ehrlichkeit d.“ der jungen Mutter ſprach ſo beredt in Worten üthig zu, und Blicken, daß Frau Leslie, als ſie die Geſchichte können; anhörte, weit weniger zu vergeben hatte, wie es von eglaubte ihr vorausgeſetzt worden war. Eie hielt es jedoch für nothwendig, Alice über die Strafbarkeit der Verbin⸗ dung zu belehren, welche fie eingegangen war. Hierin aher war Alice auf eigenthümliche Weiſe blöbfinnig; 260 ſie hörte in ſanfter Geduld die Vorleſung der Frau Leslie an, hatte aber noch zu wenig von dem Zu⸗ ſtande der Geſellſchaft geſehen, um den erſten Eindruck des natürlichen Gefühls zu verbeſſern; Alles, was ſie der Frau Lestie erwidern konnte, war:„Das mag ſehr wahr ſein, Madame, ich bin aber um ſo viel beſſer geworden, ſeit ich ihn kannte“ Obgleich Aliee jeden Tadel hinſichtlich ihrer ſelbſt demüthig aufnahm, konnte ſie keine gegen Maltravers ausgeſprochene Silbe vernehmen. Als Frau Leslie in einem ſehr natürlichen Unwillen(ſie kannte ja nicht die Umſtände, welche ſeine Schuld milderten) ihn einen Verführer der Unſchuld nannte, da fuhr Alice mit funkelnden Augen und ſchwellendem Herzen empor; ſie würde lieber aus der einzigen Zuflucht, die ſie in der weiten Welt beſaß, gefloben ſein— ſie hätte eher ſterben mögen, ſie hätte lieber ihr Kind ſterben ſehen, als daß ſie vernahm, wie man dieſen Götzen ihrer Seele herunterſetzte, der in ihren Augen auf einer Höhe zwiſchen Himmel und Erde ſtand. Frau Leslie konnte nur mit Schwierigkeit ſie zurückhalten und mit noch größerer Schwierigkeit ſie beruhigen und beſänftigen; was aber die Leivenſchaſtlichkeit des Mäd⸗ chens betraf, wegen welcher Andere ſie für unver⸗ ſchämt und undankbar würden gehalten haben, ſo war dieſelbe ein Grund, weßhalb das weibliche Herz der Frau Leslie Alice um ſo mehr liebte. Jemehr ſie die⸗ ſelbe ſah, jemehr ſie deren Geſchichte und Charakter begriff, deſto mehr verlor ſie ſich in Erſtaunen über die Romantik, deren Heldin das ſchöne Kinv geweſen war u muſika dings die QO traver von vo durch wenig heit g für A begrei aber manen und v ſich ze ſind, bleibt. vervol auszu! derſell den vr ſich ke deten dort v ariſto Landf mittle eonze der Frau dem Zu⸗ Eindruc „was ſie Das mag n ſo viel rer ſelbſt taltravers Leslie in ja nicht ihn einen Alice mit n empor; die ſie in ſie hätte nd ſterben en Götzen lugen auf nd. Frau rückhalten higen und des Mäd⸗ ür unver⸗ n, ſo war Herz der ehr ſie die⸗ Charakter unen über geweſen 261 war und deſto mehr Verlegenheit empfand ſie über die zukünftigen Ausſichten der Aliee. Zuletzt aber ging ihr ein Licht auf, als ſie die muſikaliſchen Kenntniſſe der Alice bemerkte, die aller⸗ dings von nicht gewöhnlicher Art waren. Hier war die Quelle ihrer zukünftigen Selbſtſtändigkeit. Mal⸗ travers war, wie man ſich erinnern wird, ein Mufiker von vollendeter Kenntniß wie Geſchmack, und Alice war durch ihr natürliches Talent für die Kunſt im Laufe weniger Monate zu einem Grade der Vollkommen⸗ heit gelangt, deren Erreichung Jahre lange Studien für Andere erheiſcht, wie dies ſelbſt bei dem ſchnell begreifenden Maltravers der Fall war Wir lernen aber ſo ſchnell, wenn wir unſere Lehrer lieben, und man muß bemerken, daß, je geringer unſere Kenntniß und vielleicht unſere Geiſtesgabe in andern Dingen ſich zeigt, unſere Fortſchritte in der Muſik deſto leichter ſind, welche eine ſehr eiferſüchtige Geliebte der Seele hleibt. Frau Lesite beſchloß, Alice in dieſer Kunſt zu vervollkommnen und ſie zu einer Lehrerin für Andere auszubilden. In der Stadt C.. welche, obgleich in verſelben Grafſchaft gelegen, ungefähr fünfzehn Stun⸗ den vom Hauſe der Frau Leslie entfernt war, befand ſich kein unbeträchtlicher Cirkel von reichen und gebil⸗ deten Leuten; die Stadt beſaß eine Cathedrale, und die vort wohnende Geiſtlichkeit bildete eine Art Provinzial⸗ ariſtokratie. Hier wurde Muſik, wie es in den meiſten Landſtävten Englands der Fall iſt, von höheren und mittleren Klaſſen betrieben. Es gab dort Liebhaber⸗ eonzerte und Geſangvereine, und Subſeriptionen für 262 Kirchenmufik; alle fünf Jahre wurde dort ein großes Geſangfeſt gehalten. Frau Leslie ſchickte Alice in dieſe Stabt und gab ſie bei einem früheren Mufiklehrer in Koſt, welcher nicht länger auf Nebenbuhler eifer⸗ ſüchtig war, weil er ſich von ſeinem Geſchäft zurück⸗ gezogen hatte, und welcher für ein gutes Honorar die Ausbildung der Alice zu vervollſtändigen bewogen wurde. Das Haus bot einen angenehmen und behag⸗ lichen Aufenthalt; der Muſiklehrer und ſeine Frau bildeten ein gutmüthiges, heiteres, altes Paar. Drei Monate eines entſchloſſenen und unaufhör⸗ lichen Fleißes, mit der eigenthümlichen Lenkſamkeit und den natürlichen Gaben der Alice verbunden, waren ſchon genügend, um ſie zu der am meiſten verſpre⸗ chenden Schülerin zu bilden, welche der gutmüthige Muſiker jemals erzogen hatte; nach weiteren drei Mo⸗ naten wurde Alice von Frau Leslie bei mehren Fa⸗ milien der Stabt eingeführt und hatte ihre eigene Woh⸗ nung; zum Theil durch regelmäßigen Unterricht, zum Theil durch gelegentliche Theilnahme an muſikaliſchen Geſellſchaften, erlangte ſie ein ſolches Einkommen, daß ihr Lehrer mit allem Recht der Meinung war, ſie habe eine ſehr anſtändige und unabhängige Stellung ſich erworben. In dieſen Anordnungen(wir müſſen etwas zurück⸗ gehen), war eine rieſenhafte Schwierigkeit bei der einen Partei hinſichtlich des Gewiſſens, bei der andern hin⸗ ſichtlich des Gefühls zu überwinden geweſen. Frau Leslie ſah ſehr wohl ein, daß alle Tugenden und Talente der Welt Alice nicht in Stand ſetzten, ihren einen Fehlt borge Wah: ſehr? richti der G Kräft lung ſinnet zu en den l Heili wohn tige 2 ſich d der und Stadt die le eines gezog von e für ward Inter Zweck prunk deren weitet durch in großes e in dieſe ufiklehrer ler eifer⸗ ft zurück⸗ Honorar bewogen ad behag⸗ ine Frau aar. maufhör⸗ mkeit und waren verſpre⸗ tmüthige drei Mo⸗ hren Fa⸗ ene Woh⸗ cht, zum ikaliſchen men, daß „ſie habe lung ſich s zurück⸗ der einen dern hin⸗ n. Frau d Talente en einen 263 Fehltritt auszugleichen, wenn ihr Unglück nicht ver⸗ borgen bliebe. Frau Leslie war eine Frau von ſteter Wahrheitsliebe und ſtrenger Rechtlichkeit; ſie war ſomit ſehr verlegen hinſichtlich der Zweckmäßigkeit eines auf⸗ richtigen Bekenntniſſes, und andererſeits hinſichtlich der Grauſamkeit deſſelben. Sie empfand, daß ihre Kräfte nicht genügten, die Verantwortlichkeit der Hand⸗ lung ſelbſt auf ſich zu nehmen; nach vielem Nach⸗ ſinnen beſchloß ſie, ihre Bedenklichkeiten einem Manne zu enthüllen, welcher unter allen ihren Bekanntſchaften den beſten Ruf hinſichtlich moraliſcher und religiöſer Heiligkeit beſaß. Dieſer Herr, ſeit Kurzem ein Wittwer, wohnte dicht neben der Stadt, welche als der künf⸗ tige Wohnſitz der Alice ousgewählt war, und befand ſich damals gerade bei irgend Jemand auf Beſuch in der Nähe von Frau Leslie. Er war ein reicher Mann und Vankier; einſt war er Parlamentsglied für die Stadt geweſen, hatte ſich aber aus Abneigung gegen die langen Sitzungen und läſtigen Geſchäfte, ſogar eines nicht reformirten Hauſes der Gemeinen, zurück⸗ gezogen; er beſaß jedoch noch Einfluß, um die Wahl von einem Parlamentsmitgliede, wo nicht von beiven, für die Stadt C“** zu entſcheiden. Dieſer Einfluß ward immer in ſolcher Weiſe geübt, daß er ſein eigenes Intereſſe mit dem der Regierung vereinte und gewiſſe Zwecke des Ehrgeizes beförderte(er war ſowohl ein prunkender wie ehrgeiziger Mann in ſeiner Weiſe), deren Erreichung, wie er ſehr wohl fühlte, ihm bei weitem leichter durch einen Stellvertreter wurde, wie durch ſeine eigene Stimme und Rete im Parlament 264 — einer Atmoſphöre, worin ſein Licht nicht leuchten konute. Mit wunderbarer Geſchicklichkeit brachte es der Bankier dahin, daß er zugleich die Regierung unter⸗ ſtützte und dennoch durch häufigen Ausvruck liberaler Meinungen die Whigs und Diſſenters ſeiner Gegend ſich gewann. Die politiſchen und religiöſen Parteien waren damals noch nicht ſo unverſohnlich wie gegen⸗ wärtig geſchieden. In der ganzen Grafſchaft ſtand Niemand in ſo hoher Achtung wie dieſer ausgezeich⸗ nete Herr, und dennoch beſaß er keine glänzenden Talente, obgleich er ein thäriger und kräftiger Ge⸗ ſchäftsmann war. Nur die Macht ſeines moraliſchen Rufes ertheilte ihm ſeine Stellung in der Geſellſchaft. Er empfand dies und hegte in dieſer Hinſicht ein ſtolzes Selbſtgefühl; mit ängſtlicher Sorfalt ſah er darauf, nicht ein Pünktchen jener Auszeichnung zu verlieren, welche was ſam geſichert werden mußte. Dieſer Bankier bot einen ſehr bemerkenswerthen, vielleicht jedoch nicht ſehr ungewöhnlichen Charakter(letzteres würden wir öfter beobachten, wenn wir alle Herzen durchdringen könnten). Er hatte ſich von einem verhältnißmäßig niedrigen Stande und Vermögen emporgeſchwungen, und zwar ausſchließlich durch das gewiſſenhafte, ge⸗ ſetzte, anſtändige und geziemende Weſen ſeines äußeren Benehmens. Somit auch verband er mit dieſem ge⸗ ziemenden Weſen als unzertrennlich jeden Begriff welt⸗ lichen Glücks und Ehre Deßhalb auch war er zwar weit vavon entfernt, ein ſchſechter Mann zu ſein, wurde jedoch dadurch in einige Heuchelei hineingezwungen. Mit jedem Jahre war er ſteifer und heiliger geworden. Er we nensw Teſtan zu un empfa Mann zur n ſolcher ausſöh ſeitige Banki und a war e wohlt! als es den C ringſt ſchen Flecke eine 6 und b als la der ge genau aber welche Laien wurde heinal langt leuchten te es der g unter⸗ liberaler Gegend Parteien e gegen⸗ aft ſtand sgezeich⸗ änzenden iger Ge⸗ raliſchen ſellſchaft. in ſtolzes darauf, verlieren, Bankier doch nicht rden wir chdringen nißmäßig hwungen, afte, ge⸗ s äußeren ieſem ge⸗ riff welt⸗ war weit n, wurde zwungen. geworden. 265 Er war der Gewiſſensrath der ganzen Stadt. Erſtau⸗ nenswerth iſt es, daß kaum eine einzige Perſon ein Teſtament zu machen, oder zu wohlthätigen Zwecken zu unterſchreiben wagte, ohne ſeinen Rath zuvor empfangen zu haben. Da er ebenſowohl ein kluger Mann dieſer Welt war, wie er Kredit als Führer zur nächſten beſaß, ſo war ſein Rath immer von ſolcher Art, daß er den Eigennutz mit dem Gewiſſen ausſöhnte. Er bildete eine Art Unterhändler gegen⸗ ſeitiger Diplomatie zwiſchen Erde und Himmel. Unſer Bankier aber war wirklich wohlthätig, wohlwollend und aufrichtig im religiöſen Glauben. Weßhalb denn war er Heuchler? Einfach deßhalb, weil er vorgab, wohlthätiger, wohlwollender und frommer zu ſein, als es wirklich der Fall war. Eein Ruf hatte jetzt den Grad unbefleckter Politur erreicht, daß der ge⸗ ringſte Hauch, welcher den Ruf eines andern Men⸗ ſchen nicht getrübt haben würde, einen unzerſtörbaren Flecken auf den ſeinigen hätte heften müſſen. Da er eine größere Sittenſtrenge als die Geiſtlichen vorgab und bei Allen als Orakel galt, welche die Geiſtlichen als lau betrachten, ſo wurde auch ſein Betragen von der ganzen Geiſtlichkeit der hochkirchlichen Cathedrale ßenau bewacht, die ohne Zweifel aus guten Leuten, aber durchaus nicht aus angeblich Heiligen beſtand, welche deßhalb Eiferſucht hegten, daß ſie von einem Laien und von einem Orakel der Sektirer überſtrahlt wurden. Andererſeits hielt die bleibende Huldigung und heinahe Verehrung, die er von ſeinen Anhängern er⸗ langte, ſeine Moralität immer in einer Spannung, die 266 wohl nicht alles menſchliche Vermögen, aber ſicherlich ſein eigenes überſtieg.„Die Bewunderung,“ ſagt Je⸗ mand irgendwo, iſt eine Art Aberglauben, welcher Wunder erwartet.“ Dieſer Herr hatte von der Natur ein ſchwer zu bezähmendes Antheil finnlicher Neigung er⸗ langt; er beſaß ſtarke Leidenſchaften und war durch ſein Temperament ein Freund des Genuſſes. Er liebte eine gute Tafel und guten Wein; er liebte Weiber. Die zwei erſten Segnungen fleiſchlichen Lebens find mit der Heiligſprechung nicht unverträglich; der heilige Antonius hat aber bewieſen, daß Weiber, wie himm⸗ liſch ſie auch ſein mögen, gerade nicht die Engelord⸗ nung bilden, womit Heilige in Sicherheit verkehren können. überließ er ſich deßhalb den Verſuchungen geſchlechtlicher Art, ſo geſchah dies mit tiefer Heim⸗ lichkeit und Vorſicht; auch wußte dann ſeine rechte Hand nicht, was die linke that. Dieſer Herr hatte eine Frau geheirathet, die weit älter wie er war; allein ihr Vermögen hatte eine der nothwendigen Stufen gebildet, worauf er in ſeiner Laufbahn höher ſtieg. Sein muſterhaftes Benehmen gegen ſeine ſowohl häßliche wie alte Gattin hatte ſehr dazu beigetragen, den Geruch ſeiner Heiligkeit zu vermehren. Sie ſtarb an einem Fieber, und der Wittwer handelte nicht dadurch gegen alle Wahrſcheinlichkeit, daß er einen zu großen Gram vorgegeben hätte.„Des Herrn Wille geſchehe; ſie war eine gute Frau, aber wir dürfen unſere Neigung nicht zu ſehr auf ſeine vergänglichen Geſchöpfe richten.“ Dies war Alles, was man ihn über dieſe Sache jemals ſagen hörte. Er nahm eine „ ältlich Wirth der A allein wieder S rufen der Al religit und v D überge äußert handel „2 ihre 6 daß di als ſi Fortſe Zeit 6 folge Verda Künſt Es iſt daß er verſch Beſſet liebt rechts bare ſicherlich ſagt Je⸗ „welcher Natur ein gung er⸗ durch ſein iebte eine iber. Die find mit er heilige i himm⸗ Engelord⸗ verkehren ſuchungen fer Heim⸗ ine rechte e hatte er war; wendigen uhn höher ne ſowohl getragen Sie ſtarb elte nicht er einen ern Wille ir dürfen änglichen man ihn ahm eine ältliche mit ihm verwandte Frau inz Haus, um vie Wirthſchaft zu führen und oben am Tiſch zu ſitzen; der Wittwer war über das fünfzigſte Jahr hinaus, allein man hielt es nicht für unmöglich, daß er wieder heirathen könnte. So war der Herr, welcher von Frau Leslie be⸗ rufen wurde, die Gewiſſensangelegenheit hinſichtlich der Alice zu entſcheiden. Frau Leslie, welche dieſelben religiöſen Meinungen hegte, hatte ihn lange gekannt und verehrt. Da dieſer Mann keinen unbedeutenden oder vor⸗ übergehenden Einflaß auf das Geſchick der Alice äußerte, ſo müſſen ſeine Rathſchläge über den ver⸗ handelten Punkt genau berichtet werden. „Mein theurer Herr,“ ſagte Frau Leslie, als ſie ihre Geſchichte beſchloſſen hatte.„Sie ſehen alſo, daß dieſes arme, junge Geſchöpf weniger ſchuldig iſt, als ſie zu ſein ſcheint. Nach den außerordentlichen Fortſchritten, die ſie in der Muſik während einer Zeit gemacht hat, welche ihrem eigenen Bericht zu⸗ folge als unglaublich kurz erſcheint, möchte ich den Verdacht hegen, daß ihr gewiſſenloſer Verführer ein Künſtler, ein Mufiker ſeinem Geſchäfte nach, war. Es iſt möglich, daß ſie ſich Beide wieder treffen und daß er ſie alsdann heirathet, da ihr Rang nicht ſehr verſchieden ſein kann. Er würde gewißlich nichts Beſſeres und Ve ſtändigeres thun können, denn ſie liebt ihn zu zärtlich, ungeachtet ihres erduldeten Un⸗ rechts. Wäre es unter dieſen Umſtänden eine ſtraf⸗ bare Verbergung der Wahrheit, wenn man ſie als 8 268 eine verheirathete, von ihrem Gatten getrennte Frau darſtellte, und ihr den Namen ihres Verführers gäbe? Sie ſehen, Herr, daß alle Hoffnung, ihr eine an⸗ ſtändige Stellung im Leben und eine geachtete Un⸗ abhängigkeit zu verſchaffen, ohne dieſe Vorſicht ver⸗ eitelt wird. Dieſes iſt mein Gewiſſensfall; von wel⸗ cher Art iſt Ihr Rath? Mag derſelbe mir ange⸗ nehm ſein oder nicht, ſo werde ich ihn jedenfalls he⸗ folgen.“ Das ernſte, grämliche Geſicht das Bankiers zeigte einige Verlegenheit über den ihm vorgelegten Fall. Mit den Aufſchlägen ſeines ſchwarzen Ueberrockes wiſchte er einigen Staub ab, der ſich auf ſeine wol⸗ lenen Beinkleiner geſetzt hatte, und gab nach einer kurzen Pauſe folgende Erwiderung:„Nun wirklich, theure Madame, die Frage iſt eine ſehr zarte; ich glaube nicht, daß Männer ein richtiges Urtheil dar⸗ über fällen können. Der Takt und Inſtinkt Ihres Geſchlechtes iſt weit beſſer bei ſolchen Angelegenhei⸗ ten— weit beſſer als all unſer Scharfblick. Die Befehle Ihres eigenen Herzens ſind nicht vhne Be⸗ gründung, denn der Herr geruhet, denjenigen, die er mit ſeiner Gnade beglückt, durch geiſtige Winke und innere Eingebung ſeinen Willen mitzutheilen.“ „Iſt dies der Fall, mein theurer Herr, ſo iſt auch die Sache entſchieden, denn mein Herz flüſtert mir zu, daß dieſe kleine Abweichung von der Wahr⸗ heit, eine bei weitem weniger ſtrafbare Sünde ſei als wollte man eine ſo junge, und ich möchte beinah ſagen ſo unſchuldige, Creatur auf's Gerathewohl in die g ſchlan hinter ſchlau zügen alter indem nte Frau rs gäbe? eine an⸗ tete Un⸗ ſicht ver⸗ von wel⸗ ir ange⸗ nfulls he⸗ ers zeigte ten Fall. eberrockes eine wol⸗ ach einer wirklich, arte; ich theil dar⸗ nkt Ihres elegenhei⸗ ick. Die ohne Be⸗ igen, die ge Winke utheilen.“ r, ſo iſt tz flüſtert e Wahr⸗ Sünde ſei, hte beinah hewohl in die Welt hinausſtoßen. Ich darf alſo Ihre Meinung als die Beſtätigung der meinen annehmen?“ „Nun wirklich, das möchte ich gerade nicht ſagen,“ erwiverte der Bankier mit einem leichten Lächeln. „Man konn ſich in keine Abweichung von der Wahr⸗ heit einlaſſen, ohne die ſtrenge Gewiſſenspflicht in Etwas zu verletzen.“ „In keinem Fall? Ach, ich vefürchtete das,“ ſprach Frau Leslie mit Nierergeſchlagenheit. „Nun allerdings, einzelne Fälle mag es geben; wäre es aber nicht beſſer, wenn ich das junge Frauen⸗ zimmer ſähe und mich überzeugte, daß Ihr wohl⸗ wollendes Herz Sie nicht betrogen hat?“ „Das iſt allerdings mein Wunſch,“ ſagte Frau Leslie; ſie iſt zu Hauſe, ich will ſie kommen laſſen.“ „Könnten wir nicht allein bleiben?“ „Gewiß, ich will fortgehen.“ Man ließ Alice rufen und dieſe erſchien. „Mein Kind,“ ſprach Frau Leslie,„dieſer fromme Herr wird ſich einige Augenhlicke mit Dir unterhal⸗ ten. Erſchrick nicht, er iſt der Beſte der Menſchen.“ Nach ſolchen Worten der Ermuthigung verſchwand die gute Dame, und Alice ſah ſich allein mit einem ſchlanken Manne von gebräunter Farbe, mit kahler, hinten breiterer Stirn als vorn, mit Brillen vor ſchlauen, durchdringenden Augen, und mit Geſichts⸗ zügen, welche bezeugten, daß er im früheren Mannes⸗ alter ziemlich ſchön geweſen ſein mußte. „Meine junge Freundin,“ ſprach der Bankler, indem er ſich nach einer genanen Betrachtung des 270 ſchönen, bei ſeinem Blick erröthenden Geſichtes auf einen Stuhl niederließ,„Frau Leslie und ich, wir haben über Ihre zeitliche Wohlfahrt eine Berathung gehalten. Sie ſind unglücklich geweſen, mein Kind?“ „Nun, Sie ſfind noch ſehr jung, wir dürfen bei der Jugend nicht zu ſtreng ſein. Sie werden es nie⸗ mals wieder thun.“ „Was nicht wieder thun? Was meinen Sie, Herr?“ „Was? hm! ich wollte ſagen, daß Sie ſtrenger, vorſichtiger ſein werden. Die Männer ſind betrüge⸗ riſch; Sie müſſen dagegen auf Ihrer Hut ſein. Sie ſind hübſch, Kind, ſehr hübſch— um ſo mehr iſt es zu bedauern“ Der Bankier ergriff die Hand der Alice und drückte ſie mit großer Salbung. Alice ſah ihn ernſt an und zog inſtinktartig ihre Hand fort. Der Bankier ſchob ſeine Brille die Naſe hinunter, und blickte Alice ohne deren Hülfe an; ſeine Augen waren immer noch ſchön und ausörucks⸗ voll.„Wie iſt Ihr Name?“ lautete ſeine Frage. „Alice Darvil, Herr.“ „Gut, Alice, wir haben überlegt, was für Sie am beſten ſein würde. Sie wünſchen Ihren Lebens⸗ unterhalt zu erwerben und vielleicht einen rechtlichen Mann ſpäter zu heirathen.“ „Niemals, Herr, werde ich heirathen,“ ſprach Alice mit großem Ernſt, indem ſich ihre Augen mit Thränen füllten. „Wgrum nicht?“ „W werde, Der ſchlimm ihnen t ſuchte. möchter „J fallen, zu ſierl Jetzt w „V aher vo Ich me zurt gel „O „A gütiger „ feierlich ſamkeit nicht a Ehe ic finnig denn i allein Die halb ſe eine gr chtes auf ich, wir erathung Kind?“ ürfen bei nes nie⸗ nen Sie, ſtrenger, betrüge⸗ ein. Sie ehr iſt es and der g. Alice e Hand die WNaſe ülfe an; usbrucks⸗ Frage. für Sie n Lebens⸗ echtlichen 2. ſprach ugen mit eine große Rührung empfand. Er ſtand auf, ſchürte „Weil ich ihn niemals mehr auf Erden ſehen werde, und man heirathet nicht im Himmel, Herr!“ Der Bankier wurde gerührt, denn er war nicht ſchlimmer wie ſeine Nebenmenſchen, obgleich er bei ihnen den Glauben, er ſei beſſer wie ſie, zu erwecken ſuchte. „Gut, Zeit genug darüber zu reden; mittlerweile möchten Sie ſich doch ſelbſt ernähren?“ „Ja, Herr, ſein Kind darf Niemand zur Laſt fallen, eben ſo wenig wie ich. Einſt wünſchte ich zu ſterben, aber wer ſollte dann mein Kind lieben? Jetzt wünſche ich zu leben.“ „Welche Art des Lebensunterhaltes würden Sie aber vorziehen? Möchten Sie wohl in eine Familie? Ich meine nicht als eine Magd; dafür ſind Sie zu zurt gebaut.“ „O nein!“ „Aber weßhalb nicht?“ fragte der Bankier mit gütiger Stimme, aber überraſcht. „Weil es Stunden gibt,“ ſprach Alice in beinahe feierlichem Tone,„worin ich ein Bedürfniß nach Ein⸗ ſamkeit empfinde. Bisweilen glaube ich, daß hier nicht alles in Ordnung iſt(ſie berührte ihre Stirn). Ehe ich ihn kennen lernte, nannte man mich blöd⸗ ſinnig— nein, mit Andern könnte ich nicht leben, denn ich kann nur weinen, wenn ſich mein Kind allein bei mir befindet.“ Dieſe Worte wurden mit ſo unbewußter und deß⸗ halb ſeierlicher Einfalt geſprochen, daß der Bankier das Feuer und ſprach nach einer Pauſe mit Nachdruck „Alice, ich will Ihr Freund ſein. Loſſen Sie mich glauben, daß Sie es verdienen werden.“ Alice neigte ihr dankhares Haupt; als ſie ſah, daß er in das Schweigen der Zerſtreuung verſank, hielt ſie es für Zeit, ſich zu entfernen. „Allerdings iſt ſie ſchön,“ ſprach der Bankier bei⸗ nahe laut, als er allein war. Die alte Dame hat Recht; ſie iſt ſo unſchuldig, als hätte ſie den Fehl⸗ tritt nicht begangen. Ich wundere mich..“ Hier unterbrach er ſein Se bſtgeſpräch, trat vor den Spiegel über dem Kamin und blickte dort noch ſeine eigenen Züge an, als Frau Leslie wieder ins Zimmer kam. „Nun Herr,“ ſagte ſie, ein wenig über dieſe ſchein⸗ bare Eite keit bei einem ſo frommen Manne überraſcht. Der Bankier fuhr auf.„Madame, ich ehre Ihren Scharfblick ebenſowohl wie ihre Mildthätigkeit; nach meiner Meinung iſt Manches zu befürchten, wenn man den Fehltritt des jungen Märchens der Wett offen⸗ bart, ſo daß ich Ihre Vecheimiichung deſſelben nicht tadeln kann, obgleich ich letztere nicht anzurathen wage.“ „Aber Herr, Ihre Worte ſind tief in meine Ge⸗ danken gedrungen. Sie ſagten, jede Abweichung von der Wahrheit biele eine Verletzung unſerer Pflicht.“ „Gewiß, aber es gibt auch Ausnahmen Die Welt iſt ſchlimm; wir werden in Sünde geboren und find die Kinder göttlichen Grimms. Wir ſagen den Kin⸗ dern nicht immer die Wahrheit, wenn ſie uns Fragen vorlegen, da die richtige Antwort ſie irre führen, nicht aher erleuchten würde. In einigen Dingen fin alle M rens i vafſelbe den Ke nicht ſ ſeine E „D heirath „G will ſe thun i D Leute, „TD dame. „G Geſprä will i ſchicken Ne kannte zweite begriff und de ſtändni Ernſt und di hielt f Namer Bu tachdruck: Sie mich s ſie ſah, erſank, ankier bei⸗ Dame hat den Fehl⸗ Hier en Spiegel ne eigenen mer kam. ieſe ſchein⸗ überraſcht. hre Ihren eit; ench wenn man Leit offen⸗ ben nicht enwae meine Ge⸗ ichung von rPflicht.“ Die Welt tund ſind den Kin⸗ ns Fragen e führen, ingen ſin 273 alle Menſchen Kinder. Die Wiſſenſchaft des Regie⸗ rens iſt die Wiſſenſchaft, Wahrheit zu verbergen; daſſelbe gilt hinſichtlich des Handels. Wir dürfen den Kaufmann nicht tadeln, wenn er dem Publikum nicht ſagt, daß er bankerot ſein müßte, wenn alle ſeine Schulden eingefordert würden.“ „Der Herr Butler kann ſie aber doch noch immer heirathen.“ „Gott behüte! der Elende— nun, Madame, ich will ſehen, was mit dem armen, jungen Mädchen zu thun iſt. Sie ſoll einen Führer nicht entbehren.“ „Der Himmel lohne Ihnen; wie gottlos find vie Leute, welche Sie ſtreng nennen.“ „Den Tadel da kann ich geduldig ertragen, Ma⸗ dame. Guten Tag.“ „Guten Tag. Vergeſſen Sie nicht, daß unſer Geſpräch die ſtrengſte Verſchwiegenheit erheiſcht.“ „Kein Wort ſoll davon laut werden. Morgen will ich Ihnen einige ſehr erbauliche Traktätchen ſchicken. Gott ſegne Sie!“ Nachdem dieſe Schwierigkeit entfernt war, er⸗ kannte Frau Leslie zu ihrem Erſtannen, daß ſie eine zweite bei Alice ſelbſt hinwegräumen mußte. Zuerſt begriff Alice, daß die Veränderung ihres Namens und das Verſchweigen ihres Geheimniſſes einem Ge⸗ ſtändniß gleichkäme, daß ſie wegen ihrer Lebe zu Ernſt ſich eher ſchämen, als darauf ſtolz ſein müßte, und dies hielt ſie für Undankbarkeit. Zweitens auch hielt ſie es für eine große Frechheit, daß ſie ſeinen Namen annehme und für ſein Weib ſich ausgebe; Bulwer, Matravers. I. ¹⁵ 274 vann würde er ſicherlich ein Recht, ſich verletzt zu fühlen, beſitzen. Bei dieſen Bedenklichkeiten verlor Frau Leslie beinahe alle Geduld und der Bankier wurde zu ſeiner großen überraſchung wieder herbei⸗ geholt. Wir ſagten ſchon, er ſei ein erfahrener und, geſchickter Rathgeber geweſen, eine Eigenſchaft, welche zugleich das Vermögen, Andere zu überreden, enthält. Er erkannte bald das Mittel, wodurch die Hartnäckig⸗ keit der Alice ſtets überwunden werden konnte, die Wohlfahrt ihres kleinen Mädchens. Dies legte er ſo eindringlich ihren Blicken dar, das zukünftige Schickſal ihres Kindes beruhe ſo ſehr nicht allein auf ihrem eigenen guten Benehmen, ſondern auch auf ihrem äußeren, in den Augen Anderer achtharen Verhält⸗ niſſe, daß ſie zuletzt dem Verlangen nachgab. Viel⸗ leicht auch äußerte ein Grund, den er zufällig vot⸗ brachte, auf Alice eben ſo viel Wirkung, wie alles Andere. „Dieſer Herr Butler kommt vielleicht durch unſere Stadt, wenn er ſich noch in England befindet. Er macht vielleicht Beſuche, hört vielleicht unter einem dem ſeinigen ähnlichen Namen von Ihnen reden; Neugierde würde ihn dann bewegen, Sie aufzuſuchen, Nehmen Sie ſeinen Namen an, ſo beſitzen ſie ſtetz ein ehrenwerthes Merkmal zu Ihrer gegenſeitigen Ent⸗ deckung und Erkennung. Außerdem iſt er vielleicht nicht zu ſtolz, Sie zu heirathen, wenn ſie geachtet, geehrt und ſelbſtſtändig ſind. Nehmen Sie jevoch Ihren eigenen Namen an und geſtehen Sie Ihre zigene Geſchichte, ſo wird Ihr Kind als ausgeſtoßen aus d Bettle Diene nung, Sie n langen St Zeit a gen. gewäh nüge lichen erweck durch: ihrer nehme erkann kenntn ihr ſck ihre 2 niemal Welt, thigun N eben geweſe Miſth D gender oft. verletzt zu en verlor Bankier er herbei⸗ rener und ft, welche „enthält. artnäckig⸗ nnte, die egte er ſo e Schickſal auf ihrem auf ihrem Verhält⸗ ab. Viel⸗ füllig vor⸗ wie alles urch unſere indet. Er nter einem en reden ufzuſuchen. en ſie ſtets itigen Ent⸗ er vielleicht ie geachtet, Sie jedoch Sie Ihre ausgeſtoßen aus der Geſellſchaft betrachtet, Sie ſelbſt werden eine Bettlerin oder im günſtigſten Fall eine abhängige Dienerin von Andern und verlieren ſogar jede Hoff⸗ nung, den Gegenſtand Ihrer Anhänglichkeit, welchem Sie noch zu ſehr ergeben ſind, jemals wieder zu er⸗ langen.“ Somit ließ ſich Alice überzeugen. Von dieſer Zeit an wurde ſie zurückhaltend in ihren Mittheilun⸗ gen. Frau Leslie hatte mit viel Verſtand eine Stadt gewählt, welche von ihrer eigenen Wohnung zur Ge⸗ nüge entfernt lag, um jede Enthüllung ihrer häus⸗ lichen Angelegenheiten zu verhindern. Als Frau Butler erweckte Alice allgemeines Mitgefühl und Achtung durch die übung ihrer Talente, die keuſche Lieblichkeit ihrer Sitten und die tadelloſe Schicklichkeit ihres Be⸗ nehmens. Sobald ſie die Folgen der Verheimlichung erkannte, that ſie einen großen Schritt in ihrer Welt⸗ kenntniß. Obgleich die jungen Müßiggänger von Cu** ihr ſchmeichelten und den Hof machten, ſteuerte ſie ihre Fahrt mit ſo viel Geſchicklichkeit, daß man ſie niemals verfolgte. Es gibt wenig Männer in der Welt, welche Anträge machen, ſobald ſie keine Ermu⸗ thigung erhalten. Nun wäre dieſe junge Perſon als Alice Darvil eben ſo gut, rein und keuſch, ſogar noch ehrlicher geweſen; aber als Alice Darvil hätte ſie auf einem Miſthaufen ſterben müſſen! Der Bankier beobachtete ihr Benehmen mit ſchwei⸗ gender Wachſamkeit; er traf ſie oft und beſuchte ſie oſt. Er war in Familien ein Hausfreund, wy ſie 276 als Lehrerin oder Künſtlerin auftrat. Er lieh ihr Berzätuche, gab ihr Rathſchläge, hielt ihr manche Predigt. Alice begann ihn gern zu ſehen und ihn in ſolcher Weiſe zu betrachten, wie eine Bäuerin in katholiſchen Ländern zu einem wohlwollenden und gütigen Prieſter Neigung fühlt. Was war ſein Zweck? Damals ließ er ſich nicht errathen. Der Bankier wurde nachdenklich und zerſtreut. Eines Tages begegnete eine alte Jungfer einem alten Geiſtlichen in der Hauptſtraße von C***. „Wie gehts, Madame?“ fragte der Geißtliche; „wie ſtehts mit dem Rheumatismus?“ „Beſſer, ich danke Ihnen, Herr. Was gibt es Neues?“ Der Geiſtliche lächelte und etwas ſchwehte auf ſeinen Lippen, das er unterdrückte. „Waren Sie,“ fragte die alte Jungfer,„bei Frau Macnab geſtern Abend? War die Mufik ſchön?“ „Allerdings, wie ſchön iſt doch dieſe Frau Butler und wie demüthig; ſie kennt Ihre Stellung und iſt nicht wie andere Leute, welche mit Muſik ihr Brod verdienen.“ „Ja, allerdings. Wie viel Zuneigung erweist ihr doch ein gewiſſer Bankier.“ „He, he, he, er benimmt ſich ſehr väterlich gegen ſie.“ „Vielleicht wird er ſich wieder verheirathen. Er ſpricht ſtets vom heiligen Stande der Ehe. Heilig mag der Stand ſein; aber Gott weiß, ſeine Frau, r manche und ihn äuerin in den und n Zweck Bankier fer einem *** eiſtliche; s gibt es webte auf fer,„hei ie Muſfik au Butler ag und iſt ihr Brod g erweist väterlich then. Er e Heilig eine Frau, lieh ihr vas arme Weib, hat ihm denſelben nicht ſehr ange⸗ nehm gemacht.“ „Vielleicht hatte ſie mehr Grund, wie wir ahnen,“ ſprach der Pfarrer mit geheimnißvoller Miene;„ich möchte nicht unbarmherzig ſein, aber—“ „Nun, was für ein Aber?“ „O, unſer großer Mann war, wie ich glaube, in der Jugend nicht ganz ſo tadellos, wie jetzt.“ „Auch ich hörte dergleichen Dinge flüſtern; jedoch wurde niemals etwas der Art bekannt.“ „Hm, ſehr ſonderbar!“ „Was iſt ſehr ſonderbar?“ „Nun, es iſt ein Seheimniß, gewiß iſt Alles auch ganz in der Ordnung.“ „O, ich will kein Wort verlauten laſſen. Gehen Sie zur Cathedrale? Ich will Sie nicht aufhalten. Nun, bitte, gehen Sie weiter, ich will Sie begleiten.“ „Wohlan denn! Geſtern hatte ich eine Amts⸗ pflicht in einem etwa zehn Stunden von hier ent⸗ fernten Dorfe zu verrichten, und ſtreifte im Orte umher, um ein frühes Mittageſſen einzunehmen; nachher ging ich einen Raſenplotz hinunter, während mein Pferd gefüttert wurde.“ „Nun?“ „Da ſah ich einen ſorgfältig vermummten Herrn mit einem in's Geſicht gedrückten Hut an der Thür einer Hütte ſtehen. Er hielt ein kleines Kind in den Armen und küßte es zärtlicher, wie wir gewöhn⸗ lich die Kinder anderer Leute küſſen, wenn wir auch noch ſo gut ſind. Alsdann gab er daſſelbe einer nahe 278 ſtehenden Bäuerin, beſtieg ſein Pferd, welches an die Hausthür gebunden war, und ritt bei mir vorüber. Wen halten Sie wohl für dieſen Herrn?“ „Ich kann es nicht errathen.“ „Nun, unſer heiliger Bankier. Ich verbeugte mich vor ihm, und gebe Ihnen die Verſicherung, daß er ſo roth wurde, Madame, wie Ihre Schleife dort.“ O je „Als er mir aus dem Geſicht war, trat ich in vie Hütte, denn ich war durſtig und bat um ein Glas Waſſer; da ſah ich das Kind. Ich ſagte ſchon, daß ich nicht unbarmherzig ſein möchte; aber ich hielt es für ungeheuer ähnlich— wem meinen Sie wohl?“ „Gnädiger Gott, Sie meinen doch nicht—“ „Ich fragte die Frau, ob das Kind ihr gehöre Sie antwortete mir: nein, ſprach aber ſehr kurz und abgebrochen.“ „O Gott, das muß ich ausfindig machen. Wie heißt das Dorf?“ 6 „Covedale.“ „Ich weiß ſchon, ich weiß ſchon.“ „Sagen Sie aber kein Wort davon; gewiß hat die Sache keine Bedeutung. Ich kann aber die ſo⸗ genannten neuen Lichter nicht leiden.“ „Ich ebenfalls nicht. Was iſt beſſer, als die gute alte Kirche von England!“ „Madame, Ihre Geſinnung macht Ihnen Ehre; Sie ſagen doch nichts weiter von unſerem kleinen Geheimniß?“ „Keine Silbe!“ alte„ Coved Frau wußte Kind Tocht lichen dem 2 Orte alten Man uns 1 ausg finni ohne ohne Güte ſtadt Juni zwei hes an die vorüber. verbeugte ung, daß ife dort.“ rat ich in tum ein gte ſchon, r ich hielt ie wohl?“ t r gehöre urz un hen. Wie gewiß hat er die ſo⸗ s die gute ten Ehre; m kleinen Zwei Tage nach vieſem Geſpräch machten drei alte Jungfern eine Spazierfahrt nach dem Dorfe Covedale; ha! die beſprochene Hütte war verſchloſſen, Frau und Kind waren fort. Die Leute im Dorfe wußten nichts von Beiden, hatten bei Frau oder Kind nichts geſehen, und ſie ſtets für Mutter und Tochter gehalten; der Herr, welcher von dem geift⸗ lichen Inquiſitor für ein und dieſelbe Perſon mit dem Bankier erklärt wurde, war nur einmal an dem Orte bemerkt worden. „Der häßliche alte Pfaff,“ ſprach die älteſte der alten Jungfern,„den guten Ruf eines ſo trefflichen Mannes untergraben zu wollen! und noch dazu koſtet uns die Geſchichte ein Pfund zwei Schilling! Sechstes Kapitel. Ich befand mich in ſolcher Stimmut als ich eines Tags aus dem Fenſter ſah, un Friſche Luft zu ſchöpfen, und einen Landmann er- blickte, welcher mich mit großer Aufmerkſa⸗ keit betrachtete. Gil Blas⸗ Ein Sommerabend in einer vom großen Verkehr ausgeſchloſſenen Landſtadt bietet immer etwas Trüb⸗ ſinniges. Man hat dort die Straßen der Hauptſtadt, ohne deren lebhaftes Gewühl, die Stille des Landes, ohne deſſen Vögel und Blumen. Der Leſer habe die Cüte, ſich eine ruhige Straße in der ruhigen Land⸗ ſtadt C“** an einem ruhigen Abend des ruhigen Juni vorzuſtellen; das Gemälde iſt kein heiteres— zwei junge Hunde ſpielen in der Straße, und ein —— 280 alter Hund wacht an einer friſch angeſtrichenen Thür. Einige Damen mittleren Alters ſpazieren geräuſchlos auf dem Pflaſter und gehen nach Haus, um Thee zu trinken; ſie tragen weiße Muſſelinkleider, grüne, etwas vergilbte Spencer, Strohhüte mit grünen oder kaffeefarbenen Gazeſchleiern. Zu zwei oder drei ver⸗ ſchwinden ſie hinter den Schwellen kleiner netter Häuſer, mit kleinen Gittern, welche kleine Raſen⸗ plätze umſchließen. Schwelle, Haus, Gitter und Raſenplatz ſind einander ebenſo ähnlich, wie die Schubladen einer Toilette, welche ebenſo wie ein zerbrochener Spiegel das Bild vervielfacht, und dem verwirrten Auge eine zahlloſe Wiederholung darbietet. Paradiſe⸗Place war mit ſolchen Häuſern beſetzt. Eine Kuh war durch die Straße mit der Milch⸗ frau gekommen. Zwei muntere und junge Handlungs⸗ diener, die hinter Mädchen her waren, hatten die Straße recognosecirt und verſchwanden in Verzweif⸗ lung. Die Dämmerung nahte, aber langſam; ob⸗ gleich ein Stern oder zwei ſich am Himmel zeigten, war die Luft noch hell. An dem offenen Fenſter eines dieſer Häuſer ſaß Alice Darvil; ſie beſchäftigte ſich mit weiblicher Arbeit(ein ſchöner Vorwand für weibliches Nachſinnen); als die Gedanken über ſie kamen und der Abend vorrückte, war ihr die Arbeit auf's Knie gefallen und die hübſchen Hände ſanken ihr mechaniſch in den Schooß. Ihr Profil war nach der Straße hin gerichtet; ohne vaß ſte den Kopf be⸗ wegte over ihre Stellung änderte, richtete ſich ihr Blick von Zeit zu Zeit auf das kleine Kind, welches neben ihr e ſich Bett zu ſe Alice wolle arme ſchwe Fußg Alice Kleid dem rerei ein farbe Schle war. einer baum dem: einzu bedeck auf Stad lange Die verſté zeigte werb ſchen nen Thür. eräuſchlos um Thee r, grüne, ünen oder drei ver⸗ ter netter e Raſen⸗ itte nd wie die wie ein un dem darbietet. beſetzt. e Milch⸗ nns⸗ hatten die Verzweif⸗ ſam; ob⸗ el zeigten, en Fenſter eſchäftigte rwand für über ſie die Arbeit de ſanken war nach Kopf be⸗ h ihr Blick ches neben ihr auf dem Boben ſaß, des Spielens mübe war, ſich vielleicht wunderte, weßhalb es noch nicht im Bett ſei, und ſo ruhig wie die junge Mutter ſelbſt zu ſein ſchien. Bisweilen füllten ſich die Augen der Alice mit Thränen, dann ſeufzte ſie, gleichſam als wolle ſie die Thränen dadurch verbannen. Wenn die arme Alice ſich jetzt noch grämte, ſo war ihr Gram ſchweigend und geduldig. Die Straße war von allen Fußgängern verlaſſen, als ein Mann dem Hauſe der Alice gegenüber auf dem Pflaſter vorüber kam. Sein Kleid war rauh und einfach, in der Mitte zwiſchen dem eines Taglöhners und eines Pächters; die Zie⸗ rerei des Flitterputzes zeigte ſich jedoch an ihm durch ein glänzendes Holstuch von Seide und Scharlach⸗ farbe, welches nach der Mode der Matroſen oder Schleichhändler um den ſehnigen Hals geſchlungen war. Der Hut ſaß leichtfertig auf einem Ohr; aus einer geſtreiften Weſte mit lebhaften Farben glänzte haumelnd eine Uhrkette mit Petſchaften, welche mit dem übrigen Antug in verdächtiger Weiſe nicht über⸗ einzuſtimmen ſchien. Der Fußgänger war mit Staub bedeckt; da die Straße in einer Vorſtadt lag, welche auf die Landſtraße führte und einen Eingang zur Stadt bildete, hatte er wahrſcheinlich nach einem langen Marſche das Ziel ſeiner Tagereiſe erreicht. Die Blicke des Fremden waren ängſtlich, raſtlos und verſtört. In ſeinem Gang und prahleriſchen Weſen zeigte ſich die Sorgloſigkeit eines Schurken von Ge⸗ werbe; in ſeinen wachſamen, ſpähenden, argwöhni⸗ ſchen Augen lag der beſorgte, furchtſame Ausdruck 282 eines gehetzten Hundes. Er war ein Mann, welcher das bezeichnende Brandmal des Laſters erhalten zu haben ſchien, welcher mit dem einen Auge eine Börſe, mit dem andern einen Galgen ſah. Alice bemerkte den Fremden nicht, bis ſie ſelbſt alle ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit angezogen hatte. Er hielt plötzlich an, als er ihr Geſicht erblickte, beſchattete ſeine Augen mit der Hand, um ſchärfer zu ſehen, und brach zuletzt in einen Ausruf der Ueberraſchung und Freude aus. In dem Augenblick wandte ſich Alice um, und ihr Blick begegnete dem des Fremden. Der Zauber des Baſilisken kann kaum mehr ſein Opfer betäuben und lähmen, als der Blick dieſes Fremden mit der er⸗ bleichenden Erſtarrung des Schreckens, das Auge und die Seele der Alice Darvil ergriff. Ihr Geſicht ward plötzlich ſtarr, ihre Lippen weiß wie Marmor, ihre Angen drängten ſich aus den Höhlen, ſie preßte krampfhaft ihre Hände zuſammen und ſchauderte, aber bewegte ſich nicht. Der Mann nickte und grinste, äberſchritt die Straße, erreichte die Thür und klopfte laut. Aliee regte ſich nicht; ihre Sinne ſchienen ſie verlaſſen zu haben; des Fremden laute, rauhe Stimme ward auf der Flur als Erwiderung auf die Worte der einzelnen Magd vernommen, welche Alice in ihrem Dienſte hielt. Sein ſtarker, ſchwerer Tritt ließ die leichte Treppe krachen und zittern. Alice erhob ſich inſtinktartig, nahm ihr Kind auf den Armen, ſtand aufrecht und bewegungslos und blickte auf die Thür. Sie öffnete ſich; Vater und Tochter ſtanden ſich noch einmal in denſelben Mauern gegenüber. „ darau wiede ha, h gutes Rechn armer eſſen auf e Soph es ſic noch W* Bewe warte bei G für m einen radiſe deſſen eine „ was aber wein wie e Dun 6 „welcher„Alice, wie gehts, mein Schätzchen. Ich möchte halten zu darauf ſchwören, Du freuſt Dich, Deinen alten Papa ne Börſe, wieder zu ſehen. Keine Umſtände, ich ſetze mich; ha, bemerkte ha, hier iſt es angenehm. Wir werden hier ein ſehr Aufmerk⸗; gutes Leben führen. Du treibſt Geſchäfte auf eigene an, Rechnung, he Schlaue Dirne, Du ſollſt von Deinem lugen mit armen, alten Vater nicht deſertiren. Laß etwas zu ach zulett; eſſen und zu trinken kommen.“ eude aus. Mie den Worten warf ſich Darvil der Länge nach „und ihr auf ein nettes, kleines mit rothem Zitz überzogenes auber des Sopha, indem er ſich wie ein Menſch benahm, der äuben und es ſich in ſeinem Hauſe bequem macht. it der er⸗ Alice blickte ihn an und zitterte heftig, aber ſagte Auge undſ noch nichts. Die Zunge war ihr geläbmt. eſicht ward„Komm, warum ſetzeſt Du Deine Beine nicht in mor, ihre; Bewegung? Wie ich glaube, muß ich mir ſelbſt auf⸗ ſie preßte; warten; ſchönes Benehmen! Ho, ho, eine Schelle; derte, aber hei Gott, wahrhaft prächtig! Sei unbeſorgt, ich will 6 d grinste,; für meine Vedürfniſſe ſelbſt ſorgen.“ und klopfte Ein ſtarker Zug an dem dünnen Schellenzuge ſandte chienen ſe einen grellen Ton durch die Hälfte des ganzen Pa⸗ 1 he Stimme radiſe⸗Place; das Schallinſtrument blieb in der Hand die Worte; beſſen, der es gezogen hatte. Die Magd kam herauf, e in ihrem eine förmliche, alte, ſehr anſtändige Frau. itt ließ die„Höre, alte Jungfer, bringe das Beſte herauf, erhob ſich was ihr zu Eſſen habt; ich bin gerade nicht lecker, men, ſtand; aber viel muß es ſein. Höre, auch eine Flaſche Brannt⸗ die Thür. wein; marſch! Stehe nicht da und ſtarre mich an, n ſich noch wie ein geſchlachtet Schwein! Hölle und Furien, hörſt Du mich nicht?“ 284 Die Magd entfernte ſich, als ſei eine Piſtvle vor ihrem Kopfe abgefeuert. Darvil lachte laut und ſtreckte ſich wieder aufs Sopha. Alice blickte ihn an; vhne ein Wort zu ſagen, ſchlüpfte ſie aus dem Zimmer mit dem Kinde auf dem Arm. Sie eilte die Treppe hinab und hegegnete auf der Flur ihrer Magd. Let⸗ tere, welche viel Anhänglichkeit zu ihrer Herrin hegte, erſchrack, als ſie dieſelbe im Begriff das Haus zu verlaſſen erblickte. „Wie Madame, wohin wollen Sie? O Gott, Sie haben ja nicht einmal Ihre Haube auf! Was gibt et, wer iſt der Mann?“ „O Gott!“ rief Alice in Todesſchmerz aus,„was ſoll ich thun, wohin ſoll ich fliehen?“ Die Thür oben öffnete ſich. Alice vernahm es, fuhr auf und befand ſich im nächſten Augenblick auf der Straße. Sie rannt⸗ athemlos und wic wahnfinnig fort. Wirklich hatte ſie in dem Augenblick die Beſinnung verloren; wäre ſie an einen Fluß gekommen, ſo hätte ſie ſich in denſelben geſtürzt, um einer Welt zu entfliehen, welche zu eng erſchien, einen Vater und ſein Kind zugleichzu entbalten. Gerade als ſie ſich um die Ecke einer Straße wandte, die in einen der lebhafteren Stadttheile führte, empfand ſie, daß Jemand ſie am Arm ergriff; eine Stimme rief ſie bei Namen, mit überraſchtem und erſchrecktem Ton:„Himmel! Frau Butler! Alice! was ſehe ich? was gibts?“ „O Herr, retten Sie mich! Sie ſind ein guter Mann, ein mächtiger Mann; retten Sie mich! Et iſt wieder gekommen!“ Piſtvle vor und ſtreckte an; ohne m Zimmer ie Trepe dagd. Letz⸗ rrin hegte, Haus zu as gibt es, aus,„was Thür oben und befand Sie rannte ich hatte ſie wäre fie n denſelben ſche zu eng nentbalten. er Straße heile führte, griff; eine ſchtem und Alice! was d ein guter mich! Er 255 „Wer, Herr Butler?“ fragte der Bankier, denn vies war der Herr, mit veränderter und zitternder Stimme. „Nein, nein, nicht er; ihn meinte ich nicht. Mein Vater iſt da. Mein„ſehen Sie ſich um, ſehen Sie ſich um; kommt er?“ „Sein Sie ruhig, liebe, junge Freundin, Nie⸗ mand iſt nah. Ich will hingehen und mit Ihrem Vater ſprechen; Niemand ſoll Ihnen ein Leid an⸗ thun. Ich will Sie beſchützen; gehen Sie zurück, ich will Ihnen folgen, man darf uns nicht zuſammen⸗ ſehen.“ Bei den Worten ſchien es, als ob der dünne Bankier in eine Nußſchale hineinſchrumpfen wolle. „Nein, nein,“ ſagte Alice, indem ſie noch bläſſer wurde,„ich kann nicht wieder zurück.“ „Wohlan denn, ſo folgen Sie mir zur Thüre, Ihre Magd ſoll Ihnen Ihren Hut holen und Sie in mein Haus begleiten, wo ſie warten können, bis ich wiederkehre. Mittlerweile will ich Ihren Vater ſprechen und hege keinen Zweifel daran, daß ich Ihnen ſeine Gegenwart vom Halſe ſchaffe.“ Der Bankier, welcher mit einer ſehr eiligen und ſogar ungeduldigen Stimme ſprach, erwartete keine Antwort, ſondern ſchlug den Weg zum Hauſe der Alice ein. Alice ſelbſt folgte nicht, ſondern blieb an demſelben Ort, wo jener ſie gelaſſen hatte, bis ihre Magd zu ihr kam und ſie alsdann zur Wohnung des reichen Mannes begleitete... Alice war verſtört und ihre Gedanken ſchweiften wirr umher. 286 Siebentes Kapitel. Miramont. Nun toben ſie? Andreas. Ja, Herr, als man fie tüchtig eingeſeift. Jetzt aber fluchen ſie, und ſchweigen dann, Den Schellen gleich, wenn ſie ein Sturm bewegt. Dann ſitzen ſie zu Rath, was wohl zu thun, Und zanken wied'rum, was wohl auszuführen. Beaumont und Fletcher. Ein eigenthümliches Bild menſchlicher Natur wurde dargeboten, als der Bankier und der Vagabund in dem kleinen Beſuchzimmer— der eine im Armfluhl, der Andere im Sopha ſich einander gegenüber ſaßen. Darvil war noch bei etwas kaltem Fleiſch beſchäftigt und ſchnitt ein ſchiefes Geſicht über den ziemlich ſchlechten Branntwein, den die alte Magd im nächſten Wirthshauſe zu kaufen durch Schrecken vor ihm be⸗ wogen worden war. Einander gegenüberſaßen der achtbare, hochachtbare Mann der Formen und Cere⸗ monien, des äußern Anſtandes und der Marktſchreie⸗ reien, welcher mit würdevollem Blick den niedrigen, verwegenen Banditen betrachtete— der reiche Heuchler ſaß dem Schurken ohne Pfennig gegenüber— der Mann, welcher Alles zu verlieren hatte, dem Manne, welcher in der weiten Welt nichts beſaß, als ein heil⸗ loſes, ſchurkiſches Leben, eine goldene Uhr, Kette. und Petſchaft, die den Tag vorher von ihm geſtohlen war, und dreizehn Schilling vier und einen halben Pfennig in ſeiner linken Hoſentaſche. Der Mannn des Reichthums war mit der Natur ves vor ihm ſitzenden Thieres nicht ſehr bekannt. Wie 1 Leslie und fi Schüt voch i Gaun ſam deſſen ein g hatte; er be hegen ſein g die fe Bank nicht! nicht viener druck Darv derſel Geſc zum oder alter Mau hafti hübſe tcher. ber ſaßen. beſchäftigt ziemlich nnächſten r ihm be⸗ ſaßen der und Cere⸗ rktſchreie⸗ niedrigen, e Heuchler er— der m Manne, ein heil⸗ hr, Kette. geſtohlen en halben der Natur bekannt. 287 Wie wir uns erinnern werden, hatte er von Frau Leslie die Umriſſe von Alicens Geſchichte vernommen und ſich überzeugt, daß der Vater ihres beiderſeitigen Schützlings ein großer Schurke ſei; er erwartete je⸗ doch in Herrn Darvil nur einen dummen, viehiſchen Gauner, einen bäuriſchen Banditen zu finden, gleich⸗ ſam einen ſtumpfen Leibeigenen, ohne Hirn oder deſſen Erſatz, der Frechheit. Lueas Darvil war aber ein geſchickter Kerl, der einige Erziehung erhalten hatte; er ſündigte nicht aus Unwiſſenheit, ſondern er beſaß Verſtand genug, um ſchlechte Grundſätze zu hegen und war eben ſo unverſchämt, als hätte er ſein ganzes Leben in der beſten Geſellſchaft zugebracht, die feinen Beinkleider und die überlegene Miene des Bankiers ſetzten ihn nicht in Furcht— ihn gewiß nicht! Der Herzog von Wellington hätte Lucas Darvil nicht erſchreckt, hätte derſelbe nicht etliche Gerichts⸗ diener zu Adjutanten gehabt. Der Bankier, um einen etwas unzierlichen Aus⸗ druck zu gebrauchen, war übel angelaufen. „Merkt Euch, Herr, wie heißt Ihr doch,“ ſagte Darvil, indem er ein Glas Branntwein, als wäre derſelbe Waſſer, trank,„merkt Euch, mit Eurem Geſchwätze könnt Ihr mich nicht anführen. Was zum Teufel kümmert Euch meiner Tochter anſtändige oder behagliche Lage, oder ſonſt etwas, würdiger, alter Hund, der Ihr ſeid! Euer vertrocknetes, altes Maul leckt wohl ſelbſt nach meiner Tochter? Wahr⸗ haftig, meine Aliee iſt ein hübſches Mädchen, ſehr hübſch; aber albern wie Mondſchein. Mit mir 288 könnt Ihr einen weit beſſeren Handel ſchließen, wie mit ihr.“ Das Geſicht des Bankiers wurde ſcharlachroth; er biß ſich auf die Lippe und beſchaute ſeinen Ge⸗ fährten, der ſich auf dem Sopha ſtreckte, von Kopf bis zu Fuß, als überlege er die Möglichkeit, ihn die Treppe hinunter zu ſchmeißen. Lucas Darvil aber hätte den Bankier und alle ſeine Schreiber noch dazu prügeln können. Sein Körper glich einem Stamm von ſehnigen Muskeln, welche die ſorgfältige Dame Natur ſo dicht wie möglich zuſammengepackt hatte; ein Boxer um Geld würde ſich zweimal be⸗ dacht haben, bevor er den Kampf mit einem ſo argen Kunden begonnen hätte. Der Bankier war ein kluger Mann und rückte ſeinen Stuhl ſechs Zoll zurück, als er mit der Betrachtung fertig war. Als⸗ dann ſagte er ruhig:„Herr, wir wollen uns nicht mißverſtehen. Eure Tochter iſt in Sicherheit vor Eurer Gewalt; wenn Ihr fie beläſtigt, ſo wird das Geſetz ſie beſchützen.“ „Sie iſt noch nicht mündig,“ ſagte Darvil;„Eure Geſundheit, alter Knabe!“ „Ob das der Fall iſt, oder nicht,“ erwiderte der Bankier, ohne die Hoöflichkeit des Zutrinkens zu beachten,„kümmert mich keinen Pfifferling. Ich weiß genug vom Recht, um zu wiſſen, daß ſie Schutz erlangen wird, wenn ſie reiche Freunde befitzt und Ihr keine ſolche habt, und daß Ihr alsdann auf die Tretmühle wandern werdet.“ „Da ſprechen Sie wie ein verſtändiger Mann,“ ſagte in ſein tiſche 2 für Re „V würde Tochtet nie wi die Be gewiſſe bewilli „2 wohner „J richter oder v „H „U golden⸗ ſo viel „B Darvil Natur. De lauten „A ſich eir noch i kümme barkeit Bu eßen, wie t, ihn die hrvil aber ber noch ch einem orgfältige nengepackt eimal be⸗ ſo argen war ein var. Als⸗ uns nicht erheit vor wird das il;„ Eure viderte der inkens zu ing. Ich ſie Schutz beſitzt und nn auf die Mann,“ 289 ſagte Darvil, indem er zum erſtenmal einige Achtung in ſeinem Benehmen zeigte;„Sie geben da eine prak⸗ tiſche Anſicht der Angelegenheit, wie man in Clubs für Redeübungen zu ſagen pſfiegt.“ „Wäre ich in Eurer Lage, Herr Darvil, ſo würde ich in folgender Weiſe handeln; ich würde meine Tochter und dieſe Stadt morgen früh verlaſſen, und nie wieder zurückzukehren oder ſie zu beläſtigen auf die Bedingung hin verſprechen, daß ſie mir eine gewiſſe Summe von ihrer Einnahme vierteljährlich bewilligte.“ „Wenn ich es nun aber vorzöge, bei ihr zu wohnen?“ „In dem Fall ließe ich Euch, der ich ein Friedens⸗ richter dieſer Stadt bin, als Vagabunden fortſchicken oder verhaften... „Ha! Ober verhaften!“ „Und zwar auf den Verdacht hin, daß Ihr die goldene Kette da mit den Petſchaften, die Ihr mit ſo viel Prahlerei tragt, geſtohlen habt.“ „Bei Gott, Sie ſind ein kluger Mann,“ ſagte Darvil unwillkürlich,„Sie kennen die menſchliche Natur.“ Der Bankier lächelte. Wie ſonderbar es auch lauten mag, dies Compliment gefiel ihm. „Aber,“ begann Darvil aufs Neue, indem er ſich ein friſches Stück Rinderbraten nahm,„Ihr ſeid noch immer nicht auf dem rechten Wege, denn be⸗ kümmert Ihr Euch einen Pfifferling um die Acht⸗ barkeit meiner Tochter, ſo laßt Ihr auch mich den Bulwer, Maltravers. I.„ 19 290 Vater als des Diebſtahls verdächtig, nicht einſperren. So, alter Herr, habt Ihr ein für ein u.“ „Alsdann läugne ich, daß Ihr der Vater ſeid, Herr Darvil, und ich glaube ſchwerlich, daß Ihr die Thatſache in einer Stadt, wo ich der Friedens⸗ richter bin, werdet beweiſen können.“ „Bei Gott, Ihr wäret ein vorzüglicher Gauner geworden! Ihr ſeid ſo ſcharf wie ein Zwickbohrer. Gewiß ſeid Ihr zum Advokaten auferzogen!“ „Herr Darvil, ſeid verſtändig, Ihr ſcheint ein Mann, welcher gegen die Vernunft nicht taub iſt, und ich frage Euch, ob ein armer Mann in ver⸗ dächtigen Umſtänden in irgend einer Stadt Englands, gegen einen reichen Mann etwas auszuführen vermag, deſſen guter Ruf feſt begründet iſt? Viellicht habt Ihr in der Hauptſache Recht, das aber geht mich nichts an. Ich ſage Euch, daß Ihr dies Haus in einer halben Stunde verlaßt— daß Ihr es nie wieder, als auf Eure Gefahr betretet, und iſt letzteres der Fall, ſo befindet Ihr Euch zebn Minuten ſpäter in dem Stadtgefängniß. Es iſt nicht länger ein Kampf zwiſchen Euch und Eurer ſchutzloſen Tochter, ſondern ein Kampf zwiſchen...5 „Einem Herumſtreicher im groben Kittel und einem Herrn, der in der Kutſche fährt,“ unterbrach ihn Darvil, indem er laut und bitter lachte;„gut, gut!“ Der Bankier ſtand auf mit den Worten:„Wie ich glaube, habt Ihr da eine ſehr gute Definition gegeben! In einer halben Stunde— Ihr erinnert Euch, guten Abend.“ „B der mi wir w bald ül auf der antreffi aus zu De wechſel vernah De geſcheh bei m Sache. ohne nerin „C „ jährlie wohnt verfol davon c 2 iſt n er ſeit „ ſperren. eint ein ſtaub iſt, in ver⸗ nglands, vermag, cht habt ht mich Haus in e wieder, eres der ſpäter nger ein Tochter, tel und terbrach t, gut!“ „Wie efinition erinnert 291 „Bleibt,“ ſagte Darvil,„Ihr ſeid der erſte Mann, der mir ſeid Jahren gefällt. Setzt Euch, ſage ich, wir wollen uns ein wenig unterreden und werden bald übereinkommen. Bei Gott! ich möchte Euch lieber auf der Heerſtraße als in dieſen vier geputzten Wänden antreſfen. Ha, ha! Alsdann wäre die Darletzung durch⸗ aus zu meinen Gunſten.“ Der Bankier war kein tapferer Mann; ſeine Farbe wechſelte leicht, als er dieſen verbindlichen Wunſch vernahm. Darvil blickte ihn grimmig lachend an. Der reiche Mann begann aufs Neue:„Das mag geſchehen oder nicht geſchehen, je nachdem ich Piſtolen bei mir habe oder nicht. Kommen wir jedoch zur Sache. Verlaßt dies Haus ohne weitere Verhandlung, ohne Lärm, ohne Eure Anſprüche auf deren Bewoh⸗ nerin zu erwähnen.4 „Gut, und der Preis?“ „Jetzt zehn Guineen und dieſelbe Summe viertel⸗ jährlich, ſo lange die junge Dame in dieſer Stadt wohnt und Ihr ſie weder mit Worten oder Briefen verfolgt.“ „Das macht vierzig Guineen jährlich; ich kann davon nicht leben.“ „Im Zuchthauſe koſtet Ihr weniger, Herr Darvil.“ „Macht aus den vierzig Guineen hundert; Alice iſt noch wohlfeil zu dem Preiſe.“ „Keinen Heller mehr,“ ſagte der Bankier, indem er ſeine Hoſentaſche mit entſchloſſener Miene zuknöpfte. „Gut, heraus mit den Goldſtücken.“ „Willigt Ihr ein oder nicht?“ 292 „Ich willige ein.“ „Hier ſind Eure zehn Guineen. Weun Ihr in einer halben Stunde nicht fort ſeid— nun dann. „Was dann?“ „Dann habt Ihr mir die zehn Guineen geſtohlen und müßt die gewöhnlichen geſetzlichen Folgen auf Euch nehmen.“ Darvil ſprang auf; ſeine Augzen glühten, er er⸗ griff das vor ihm liegende Meſſer. „Ihr ſeid ein kecker Geſelle,“ ſprach ber Bankier ruhig;„es wäre nicht der Mühe werth, mich jetzt zu ermorden, und ſicherlich bin ich ein Mann, den man bald vermiſſen wird.“ Darvil ſank finſter und überwunden auf vas Bopha. Der achtbare Mann war dem Schurken überlegen. „Wärt Ihr ſo arm geweſen wie ich, bei Gott, welch ein Schelm hättet Ihr werden müſſen!“ „Ich glaube nicht,“ ſagte der Bankier;„die Gau⸗ nerei halte ich für eine ſehr ſchlechte Politik; vielleicht war ich einſt eben ſo arm wie Ihr, bin aber nie zum Schelmen geworden.“ „Ihr befandet Euch nie in melnen Umſtänden,“ erwiderte Darvil mit finſterem Weſen.„Ich war der Sohn eines Mannes von Stande; hört meine Ge⸗ ſchichte! Mein Vater war von guter Familie, hei⸗ rathete aber auf der Unirerſität eine Magd. Seine Familie verſties ihn und überließ ihn dem Mangel. Er ſtarh im Kampfe gegen den Mangel, für welchen er nicht erzogen war, und meine Mutter trat wieder in Dienſt; ſie wurde Haushällerin bei einem alten Jun Mu man Han lich, ich! kam wie ſtarb ſtoße mit den⸗ Ich Weil mant ich h ähnli Ich! Eine drei auft Geſch ich m Erzie bekan Arbe bin i Darit ſie n eine ſtohlen n auf er er⸗ ankier jetzt zu man opha. legen. Gott, Gau⸗ eicht er nie den,“ r der e Ge⸗ hei⸗ Seine angel. elchen vieder glten 293 Junggeſellen. Man ſchickte mich zur Schule; meine Mutter erhielt eine Familie vom alten Junggeſellen; man nahm mich aus ver Schule und ließ mich ein Handwerk lernen. Alle haßten mich, denn ich war häß⸗ lich, Gott verdamme ſie! Meine Mutter verſtieß mich; ich brauchte Geld, beraubte den alten Junggeſellen, kam ins Gefängniß und erlernte ein oder zweimal, wie ich in Zukunft beſſer ſtehlen könnte Meine Mutter ſtarb und ich ward aufs Gerathewohl in die Welt ge⸗ ſtoßen. Die Welt war mein Feind; ich konnte mich mit der Welt nicht vertragen, und ſomit begann ich den Krieg gegen ſie; Ihr verſteht mich, alter Knabe! Ich heirathete ein armes und hübſches Mädchen. Mein Weib machte mich eiferſüchtig; ich hatte gelernt, Jeder⸗ mann in Verdacht zu haben. Alice wurde geboren; ich hielt ſie nicht für mein Kind; ſie war mir nicht ähnlich; vielleicht das Kind eines Herrn von Stande. Ich hege Haß und Widerwillen gegen die höhere Klaſſe. Eines Abends war ich betrunken. Ich ſtieß meine Frau drei Wochen nach ihrer Niederkunft mit dem Fuß auf den Bauch. Meine Frau ſtarb; ich ſtand vor den Geſchworenen, wurde aber freigeſprochen. Dann begab ich mich in eine andere Grafſchaft; da ich eine gute Erziehung erlangt hatte und ziemlich geſchickt war, bekam ich Arbeit als ein Handwerker. Ich haßte die Arbeit gerade wie ich die höheren Stände haſſe; denn, bin ich nicht durch Geburt ein Mann von Stande? Darin lag der Fluch. Alice wuchs auf; ich betrachtete ſie nie als mein Fleiſch und Blut; ihre Mutter war eine— Warum ſollte ſie nicht ebenfalls eine ſolche ———— 294 werden? Das iſt genug Entſchuldigung, wie ich glaube, für Alles, was ich jemals that. Verflucht ſei die Welt, die Reichen, die Schönen, Alle ſeien verflucht!“ „Ihr wart ein ſehr thörichter Mann,“ ſprach der Vankier,„und ſcheint ziemlich gute Karten gehabt zu haben, verſtandet aber nicht damit zu ſpielen; indeß, das iſt Eure Sache; es iſt noch nicht zu ſpät zur Reue; das Alter ſchleicht heran. Mann, es gibt eine andere Welt!“ Der Bankier ſprach die letzten Worte mit einem Ton feierlicher und ſogar würdevoller Beſchwörung. „Glaubt Ihr das?“ fragte Darvil, ihn anſtarrend⸗ „Von ganzer Seele!“ „Dann ſeid Ihr nicht der verſtändige Mann, wofür ich Euch hielt,“ erwiderte Darvil mit trockenen Worten. „Ich möchte mit Euch darüber ſprechen.“ Unſer Reicher indeß, wie ſehr er auch religiöſen Glauben hegte, war durchaus nicht der Mann: Deß Wort die Tröſtung reicht, Die Angſt, Verzweiflung aus der Seele ſcheucht. Er beſaß Worte des Troſtes für die Frommen, aber nicht für die Zweifler; er konnte beſänftigen, aber nicht bekehren. Letzteres war nicht nach ſeiner Weiſe; außerdem ſah er keine große Ehre darin, daß er Lueas Darvil etwa bekehren könnte. Deßhalb ſtand er etwas raſch wieder auf mit den Worten:„mein Herr, das iſt nutzlos, wie ich beſorge; ich habe keine Zeit zu verlieren. Alſo noch einmal gute Nacht!“ „Sie haben ja aber noch nicht angeordnet, wohin meine Rente geſchickt werden ſoll.“ h glaube, die Welt, cht!“ prach der n gehabt nz; indeß, ſpät zur gibt eine nit einem hwörung. nſtarrend. nn, wofür n Worten. 4 religiöſen ann: ucht. Frommen, eſänftigen, habe keine Nacht 1 et, wohin 295 „Ah ſo, ich will dieſelbe verbürgen. Sie werden finten, daß mein Name genügende Sicherheit bietet.“ „Wenigſtens iſt es die beſte, die ich erlangen kann,“ erwiderte Darvil ſorglos; überhaupt iſt mein Tage⸗ werk kein ſchlechtes; ich kann jedoch nicht ſagen, wohin das Geld zu ſchicken wäre. Ich kenne Niemand, der es nicht ſtehlen würde.“ „Wohlan denn! es wird am Beſten ſein(ich ſpreche als Geſchäftsmann), daß Sie zehn Guineen viertel⸗ jährlich auf mich anweiſen laſſen. Wo Sie auch ſein mögen, kann jeder Bankier dies für Sie thun. Be⸗ denken Sie aber, wenn Sie jemals einen Heller mehr beziehen wollen, ſo wird die Zahlung unterbrochen.“ „Ich verſtehe Sie,“ ſagte Darvil,„wenn ich mit der Flaſche ſertig bin, ſo gehe ich fort.“ „Das iſt das Beſte, was Ihr thun könnt,“ er⸗ widerte der Bankier, als er die Thür öffnete. Der reiche Mann kehrte eilig nach Hauſe. „So hat doch Aliee etwas adeliges Blut in ihren Adern,“ dachte er,„aber dieſer Vater— nein, es geht niemals an; ich wollte, er wäre gehenkt und Niemand wüßte ſonſt von der Geſchichte. Auch möchte ich die Sache ohne Heirath gern beenden; aber die Klatſcherei! Am beſten wärs, ich gäbe alle Gedanken an ſie auf. Sie iſt außerordentlich ſchön und ſo— hi, ich werde niemals ein alter Mann werden.“ ——.——— M— 296 Achtes Kapitel. Und da beſchaut er mit Bewundrung ſchier So mannigfache Lieblichkeit an ihr, Und jede Süße nahm er ſo in Acht, Daß dies Gewohnheit wurde Tag und Nacht. Leigh bunt. Es mußte etwas eigenthümlich Bezauberndes um Alice ſchweben, daß ſie, obgleich mit ſchmutzigen und niebrigen Verbrechern in Verbindung ſtehend, ſtets rein und liebenswürdig in den Augen eines ſo wäh⸗ leriſchen Mannes, wie Ernſt Maltravers, und eines zweiten verblieb, auf welchen alle Gedanken und Theo⸗ rien der Geſchäftswelt den größten Einfluß übten, wie es bei dem ſchlauen Bankier in C*** der Fall war. Dieſe ſchöne Blume war unter ſcheußlichen und haſſenswerthen Gegenſtänden emporgekeimt, als ſolle ſie die angeborene himmliſche Vortrefflichkeit und Grazie der menſchlichen Natur bewahren, und das Werk Gottes in einer Umgebung verkünden, worin die menſchliche Natur durch den Mißbrauch der geſelligen Kunſt am meiſten erniedrigt und wo das Licht Gottes ſelbſt am meiſten verdunkelt war. Jeglicher, welcher die öden Wüſteneien des Lebens ſorgfältig unterſucht hat, muß eingeſtehen, daß ſolche Gegenſätze, obgleich ſelten und zufällig, ſich vorfinden. Ich habe Alice Darvil genau nach dem Leben gezeichnet und kann die Verſicherung geben, daß ich weder Farbe noch Umriß in dieſem Portrait nicht übertrieben habe. Ich glaube nicht, wie unſer guter Bankier, daß ſie irgend Etwas, mit Anusnahme vielleicht ihrer größeren Zartheit in Form Blutes lichen Neigur Die all nung d bisweil dem G daß nie gänzlic und U Düften aus de Ceelen oft der der fri der lar ſtigen waltthe die Ne dies ni bis ſie und ve gelehrt lehrten begreif geboter eine R bung der V ſchliche nſt am lbſt am ie öden t, muß ten und genan cherung dieſem nicht, Etwas, heit in Form und Geſichtszügen, irgend einer Miſchung edlen Blutes in ihren Adern verdankte. In ihrer urſprüng⸗ lichen Bildung lag aber Etwas von der glücklichen Neigung der Pflanzeu zum Reinen und Glänzenden. Die alltägliche Erfahrung belehrt uns ja, der Mei⸗ nung des Helvetius entgegen, daß die Natur ſelbſt bisweilen den Einzelnen bildet und dem Körper oder dem Geiſt ſo viel Schönheit oder Häßlichkeit einflößt, daß nichts die urſprünglichen Elemente des Charakters gänzlich unterdrücken kann, mögen auch Erziehung und Umſtände ſonſt die Maſſen bilden. Aus ſüßen Düften bildet der Eine Gift, der Andere ſüße Düfte aus dem Gift. Wenn ich in tieferem Nachſinnen die Ceelengeſchichte der Alice Darvil überlege, bin ich oft der Meinung, daß die Haupturſache, weßhalb ſie der frühen Anſteckung ihrer Umgebung entging, in der langſamen und verzögerten Entwicklung ihrer gei⸗ ſtigen Fähigkeiten beſtand. Ob nun die viehiſche Ge⸗ waltthätigkeit ihres Vaters während der Kindheit durch die Nerven auf ihr Gehirn gewirkt hatte, oder ob vies nicht der Fall war, bis ſie Maltravers kannte, bis ſie liebte und geliebt war, ſchien ihre Seele ſtarr und verſchloſſen. Allerdings hatte Darvil ſie nichts gelehrt und auch nicht gelitten, daß Andere ſie etwas lehrten; allein die bloße Unwiſſenheit hätte einer ſchnell begreifenden und beobachtenden Seele keinen Schutz geboten. Die Stumpfheit der Sinne ſelbſt hatte wie eine Rüſtung der Seele gegen die ſcheußliche umge⸗ bung gewirkt. Durch die rauhe, unförmliche Schale der Verpuppung, welche geeignet war, harte Be⸗ ——— 298 rührung und ſchlechtes Wetter zu ertragen, mußte d Schmetterling zur gehörigen Zeit mit ſchönen Flügeh hervorbrechen. Wäre Aliee ein ſchnell begreifend⸗ Kind geweſen, ſo hätte ſie wahrſcheinlich ein ve dorbenes und liederliches Weib werden müſſen. Alle ſie begriff und verſtand wenig over gar nichts, hi ſie Begeiſterung in der Neigung fand, welche Thier⸗ wie Menſchen höhere Gaben mittheilt; durch welc der Hund(in ſeinem natürlichen Zuſtande das ni drigſte der fleiſchfreſſenden Thiere) zum Gefährie und Beſchützer wird und welche den Inſtinkt beinah zur Höhe der Vernunft erhebt. Der Bankier hegte viele Rückſicht für Alice; el er nach Hauſe kam, vernahm er mit vielem Leidweſe daß ſie in einem heſtigen Fieber lag. Während dieſn Nacht blieb ſie unter ſeinem Dach; die ältliche Frar ſeine Verwandte und Haushälterin war ihre Wärteri Der Bankier ſchlief wenig; am nächſten Morgen wa ſein Geſicht ungewöhnlich blaß. Gegen Tagesanbruch war Alice in einen geſunde und erfriſchenden Schlaf geſunken; als ſie beim Er wachen durch ein Billet ihres Wirthes erfuhr, ihr Vater habe ihr Haus verlaſſen und ſie könne ſich und furchtlos wiederkehren, da bewirkte eine heftig Thränenflut und ein langes Gebet der Dankbarke die Beruhigung ihrer Seele und ihrer Nerven. So unvollkommen auch die Vorflellungen des jungen We⸗ bes über Recht und Unrecht noch immer waren, bi⸗ griff ſie ſehr wohl die Anſprüche eines Vaters au ſein Kind, mochte jener auch ein Verbrecher ſein ihr 6 der C vermt furcht leben demn Hauſ und letzter daß faßte zu ül trage wein und! bewil nur ſchlit Verl ſelbe Aufr Erbe ein bliel weck geſt fühl ihre . 2 bnih welq de das nie Gefährt inkt heina r Alice; al Leidweſen ihrend dieſe iltliche Frau re Wärterin Morgen vn ten geſunder ſie beim Er erfuhr, iht könne ſiche eine heftig Dankbarkei kerven. Ee ungen Wii⸗ waren, he⸗ Vaters m recher ſein ihr Gefühl war ſo gut und wahr, daß es die Stelle der Grundſätze in einem hohen Grade zu erſetzen vermochte. Sie erkannte ſehr wohl, daß ſie mit ihrem furchtbaren Vater nicht unter demſelben Dache hätte leben können; ſie empfand aber Gewiſſensbiſſe, bei dem Gedanken, er ſei im äußerſten Mangel aus dem Hauſe getrieben worden. Sie kleidete ſich eilig an und ſuchte eine Unterredung mit ihrem Beſchützer; letzterer erkannte mit Bewunderung und Vergnügen, daß er ihrer ſogleich gewiſſermaßen unwillkürlich ge⸗ faßten Abſicht zuvorgekommen war, Darvil eine Rente zu übertragen. Er benachrichtigte Alice von dem Ver⸗ trage, den er mit ihrem Vater geſchloſſen hatte; ſie weinte und küßte ſeine Hand, als ſie dies vernahm und beſchloß im Geheimen, ſtark zu arbeiten, um die bewilligte Summe vermehren zu können. Vermöchte nur ihre Arbeit den Vater aus der Nothwendigkeit ſchlimmerer Erwerbsquellen zu erretten! Ach! iſt das Verbrechen zur Gewohnheit geworden, ſo gleicht die⸗ ſelbe dem Laſter des Trinkens oder Spielens— die Aufregung fehlt. Wäre Lucas Darvil plötzlich der Erbe von Rothſchild geworden, ſo wäre er dennoch ein Verbrecher in der einen oder andern Weiſe ge⸗ blieben, oder die Langeweile hätte ſein Gewiſſen er⸗ weckt und er wäre an dem Wechſel der Gewohnheit geſtorben. Unſer Bankier ſchien durch das moraliſche Ge⸗ fühl der Alice noch mehr gerührt, wie ſogar durch ihrer phyſiſche Schönheit. Die Liebe zu ihrem Kinde z. B. erweckte bei ihm einen ſtarken Eindruck, und 300 er betrachtete ſie ſtets mit ſanfteren Blicken, wenn er ſie das kleine, vaterloſe Geſchöpf liebkoſen oder nähren ſah, welches jetzt kränklich geworden war. Man kann gerade nicht ſagen, daß er in Aliee ſich verliebt hatte; der Ausdruck iſt vielleicht zu ſtark, um ſich bei einen Manne über die fünfzig anwenden zu laſſen, welche Regungen und Prüfungen genug überſtanden hatte, um keine Friſche mehr im Herzen zu beſitzen. Sein Gefühl zu Alice und die Abſichten, die er gegen die⸗ ſelbe hegte, waren von ſehr zuſammengeſetzter Art; vielleicht wird der Leſer erſt nach längerer Zeit die⸗ ſelben begreifen können. An dem Tage begleitete er Aliee nach ihrer Wohnung; unterwegs aber ſprach er wenig, vielleicht weil ſeine weibliche Verwandte ſie des Anſcheins halber begleitete. Er ſchärfte jedoch Alice mit kurzen Worten die Vorſichtsmaßregeln ein, Niemanden mitzutheilen, daß der Beſucher ihr Vater geweſen ſei; auch ſchauderte ſie zu ſehr bei der Er⸗ innerung, als daß ſie gerne darüber hätte reden mö⸗ gen. Der Bankier hielt es ferner für rathſam, die Magd der Alice in ſo weit ins Vertrauen zu ziehen, daß er ſie bei Seite nahm und ihr ſagte, der un⸗ heilvolle Fremde des vergangenen Abents ſei ein ent⸗ fernter Verwandter von Frau Butler geweſen, welcher durch Gewohnheit des Saufens ein böſes und unge⸗ ordnetes Leben führe. Der Bankier fügte mit heili⸗ ger Miene hinzu: er hege die überzeugung, daß er den armen Mann durch ein kleines, ernſtes Geſpräch auf beſſern Weg gebracht zu haben hoffe und daß verſelbe mit einer veränderten Gefinnung zu ſeiner Familie ſchloß Menſch der unb fall geg Nutzen der orde will; ic Reue ft nichts g ſagt, ₰ bringen Der er ſeinet Art und frieden, ihm unte begegnet „ Wi an.„Wi ſind, un welcher a der verw land; die jagt und geſtern ſt als todt ſchah etn „Wa wie hei wenn er ſi der nähren Man kann iebt hatte; hbei einem n, welcher den hatte, zen. Sein gegen die⸗ etzter Art; Zeit die⸗ egleitete er ber ſprach rwandte ſie rfte jedoch regeln ein, ihr Vater ei der Er⸗ reden mö⸗ hſam, die zu ziehen, der un⸗ ei ein ent⸗ en, welcher und unge⸗ mit heili⸗ daß er Geſpräch und daß zu ſeiner 601 Familie heimgekehrt ſei;„aber, meine gute Hanna,“ ſchloß er ſeine Rede,„Ihr ſeid ja den gewöhnlichen Menſchen überlegen und übt nicht die gemeine Sünde der unbedachten Klatſcherei; deßhalb erwähnt den Vor⸗ fall gegen Niemand; dies kann der Frau Butler keinen Nutzen bringen; dies würde dem Manne ſelbſt ſchaden, der ordentlich und beſſer, wie er zu ſein ſcheint, werden will; ich hoffe, daß er mit Gottes Gnade aufrichtige Reue fühlt! Auch würde mir dies(aber daran iſt nichts gelegen) ſehr ernſtlich mißfallen. Beiläufig ge⸗ ſagt, Hanna, ich werde Euren Enkel in die Freiſchule bringen können.“ Der Bankier war klug genug, um einzuſehen, vaß er ſeinen Zweck erreicht hatte; im Ganzen über die Art und Weiſe, wie die Sache beigelegt war, zu⸗ frieden, kehrte er nach ſeiner Wohnung zurück, als ihm unterwegs ein College, ein anderer Friedensrichter begegnete. „Wie geht's, lieber Herr,“ redete ihn der Andere an.„Wiſſen Sie, daß Polizeibeamte aus London hier ſind, um einen berüchtigten Verbrecher aufzuſuchen, welcher aus dem Gefängniß gebrochen iſt? Er iſt einer der verwegenſten und geſchickteſten Räuber in Eng⸗ land; die Spürhunde haben ihn in unſere Stadt ge⸗ jagt und ſeine Räuberelen die Spur angegeben. Vor⸗ geſtern ſtahl er einem Herrn ſeine Uhr und ließ denſelben als todt auf der Landſtraße liegen; dieſer Raub ge⸗ ſchah etwa fünfzehn Stunden von hier.“ „Wahrhaftig,“ rief der Bankier in Aufregung aus, wie heißt der Elende?“ 302 „Nun, er hat eben ſo viel Namen wie ein ſpani⸗ ſcher Grande; ich glaube, ſein zuletzt angenommener Name iſt Peter Watts.“ „O,“ ſagte unſer Freund etwas erleichtert;„haben die Spürhunde ihn aufgefunden?“ „Nein, aber ſie ſind ihm auf der Spur. Ein Kerl, welcher der Beſchreibung von ihm entſprach, iſt heute Morgen bei Sonnenaufgang auf dem Wege nach F... vom Thorwächter geſehen worden. Die Polizeibeamten ſind hinter ihm her.“ „Ich hoſſe, daß er ſeinen Lohn bekommt. Dos Verhrechen bleibt ſogar in dieſer Welt niemals unbe⸗ ſtraft. Meine Empfehlung an Ihre Gemahlin— wie geht's Ihrem kleinen Sohn?— Es freut mich, dies zu hören— Ihr Sohn ein ſchöner Knabe— guten Tag.“ „Guten Tag, theurer Herr.— Ein würdiger Herr!“ Neuntes Kapitel. Es ift, ſo dacht' er, ein Teufel gar, Ruchlos, gemein, alles Guten baar; Hammond, ſo heißt er; darf man den Namen Der Menſchen brouchen, wenn Teufel kamen! Weßhalb zertret' ich nicht die Schlange? Da aber macht die Furcht ihn bange: Erwarte, was er beginnen will. Grabbe. Am nächſten Morgen beſtieg der Bankier nach dem Frühſtück ſein Pferd, ein ſchnell trottirendes Thier mit geſtutzten Ohren. Zu Hauſe ſagte er allein, daß er in Geſchäften aufs Land reiſe und nicht zum Mittag⸗ Seiten gens lie bewund Hunder kümmert über Hö geld erh ſchon vr einen N nigte. zeln liet ſein Pf das Eſſ einen F länglich ruthe ſi denes C zeugen, mmener „haben r; den Namen ufel kamen? lange? ge: rabbe. kier nach des Thier lein, daß Mittag⸗ 303 eſſen zurückkehre. Hierauf wandte er den Thürmen von Cers den Rücken. Er ritt langſam, denn der Tag war heiß. Der Anblick der ſchönen und heiteren Gegend hätte Andere zu langſamem Ritt bewegen können; unſer kalter und praktiſcher Weltmann empfand jedoch nur die Einwirkung des Wetters, nicht den Eiindruck des lieblichen Landes. Er betrachtete nicht die Natur mit den Blicken der Einbildungskraft. Viel⸗ reicht hätte eine Eiſenbahn, wenn ſie damals ſchon vorhanden geweſen wäre, ihm größeres Gefallen er⸗ weckt, als das Gebüſch von Trauerweiden, das ſchattige Thal und der ſich ſchlängelnde Fluß, welcher an beiden Seiten der Straße die Landſchaft verſchönerte. Ubri⸗ gens liegt auch viel Heuchelei in der angeblichen Natür⸗ bewunderung; ich glaube nicht, daß eine Perſon unter Hunderten ſich um die Ausſicht an der Straße be⸗ kämmert, ſo lange die Straße ſelbſt gut iſt und nicht über Höhen geht, und ſo lange kein zu theures Chauſſee⸗ geld erhoben wird. Es war Mittag und manche Stunde ſchon von dem Bankier zurückgelegt, als derſelbe in einen Nebenweg ſich wandte und ſeinen Ritt beſchleu⸗ nigte. Nach drei Viertelſtunden kam er an ein ein⸗ zeln liegendes Wirthshaus, der Angler genannt, ließ ſein Pferd in den Stall bringen und beſtellte ſich das Eſſen um ſechs Uhr. Er bat, man möge ihm einen Fiſchkorb leihen, und es war klar, daß ein längliches, von ihm mitgebrachtes Rohr in eine Angel⸗ ruthe ſich ausdehnen ließ. Er brachte ſein verſchie⸗ denes Geräthe in Ordnung, als wolle er ſich über⸗ jeugen, daſſelbe habe während der Reiſe keinen Schaden 304 erlangt— blickte ſcharf in den Inhalt eines ſchwarzen Futterals voll Bindfäden uno Fliegen, ſchlang den Korb auf ſeinen Rücken; ſchritt ſchnell durch einige grüne Felder zum Flußufer und begann mit viel ſcheinbarem Intereſſe zu angeln, während ſein Pferd die Schnauze hängen ließ und ſeinen Schweif mit der namenloſen Koketterie umherſchwenkte, welche die Pferde mit den Stallknechten zu treiben pflegen. Er hatte eine Forelle wahrſcheinlich durch Zufall gefangen, denn die Angel ſteckte außen am Rachen des erſtaunten Fiſches. Der⸗ ſelbe hatte wahrſcheinlich den Köder nur angeblickt und nicht angebiſſen. Der Angler aber wurde unzu⸗ frieden mit dem Ort, den er erwählt hatte. Indem er ſich ſorgfältig umſah, ob er wahrſcheinlich nicht geſtört vder bemerkt werde(ein dem Angler verhaßter Gedanke), ſchritt er ſchnell das Ufer entlang, verließ vaſſelbe zuletzt und ſchlug einen Nebenweg ein, der ihn nach einem ſcharfen Marſch von beinahe einer Stunde an die Thür einer Hütte führte. Er klopfte zweimal an und trat dann aus eigenem Antrieb ein. Erſt als der Sommerabend dem Dunkel nahe war, kehrte der Bankier zu ſeinem Wirthshauſe zurück. Sein einfaches Mahl, welches man, erſtaunt über die lange Abweſenheit des Anglers, um die von ihm heimzu⸗ bringenden Fiſche zu röſten, verzögert hatte, wurde bald beendigt. Alsdann beſtellte er ſein Pferd, und die gerötheten Wolken des weſtlichen Himmels ver⸗ kündeten ſchon den Untergang eines Tages, als er das ſchnell trottirende Pferd, welches fleben Stunden in einer zurücklegte, von dem Orte hinwegſpornte⸗ ( Stall 2 Stalle weſen Vergt V lenſte und d indem wand zu re durch bemer ſelbſt durch Rheu ein, abzuk bei di indeß kannt leicht hwarzen en Korb e grüne inbarem chnauze nenloſen mit den Forelle ie Angel s. Der⸗ ngeblickt e unze⸗ Indem ich nicht erhaßter „verließ ein, der he einer klopfte rieb ein. ahe war, ick. Sein die lange heimzu⸗ „ wurde erd, und els ver⸗ ls er das unden in rnte. „Der Herr da hat Geld im Sack,“ ſagte der Stallknecht, indem er ſich Ohr kratzte. „So, wer iſt er?“ ſäßi ein Menſch, der am Stalle herumgeſtrichen war. „Ich weiß nicht; er iſt ſchon zweimal hier ge⸗ weſen und fängt nie etwas. Er muß außerordentliches Vergnügen am Fiſchen haben.“ Mittlerweile eilte der Bankier hinweg. Ein Mei⸗ lenſtein nach dem andern ſchwand bei ihm vorüber, und dennoch trottirte der gute Gaul munter vorwärts, indem er kaum ein Haar breit ſich vom Laufe ab⸗ wandte. Der Abend aber wurde dunkler und es begann zu regnen; es fiel ein anhaltender Staubregen, wo⸗ durch man vollkommen durchnäßt wird, ehe man es bemerkt. Ein Herr, welcher zarte Rückſicht auf ſich ſelbſt nimmt, läßt ſich im fünfzigſten Jahre nicht gern durchnäſſen; der Regen flößte dem Bankier, welcher Rheumatismen ausgeſetzt war, den klugen Entſchluß ein, durch einen Weg quer übers Feld ſeinen Ritt abzukürzen. Eine oder zwei niedrige Hecken mußten bei dieſer Abkürzung des Weges überſprungen werden; indeß der Bankier war im Frühjahr da geweſen und kannte jeden Zoll des Terrains. Der Gaul ſprang leicht, der Reiter ſaß gut im Sattel und eine er⸗ ſparte Stunde konnte den befürchteten Rheumatismus verhindern. Somit ſprengte unſer Freund übers Felb, ohne irgend ein Bedenken über die Klugheit ſeiner Wahl. Er kam an den Ort, wo er über die erſte Hesſeben mußte, deren Gipfel in der Dämmerung gekade erkennbar war. Auf der andern Seite, rechts, Bulwer, Maltravers. I. 20 306 lag ein Heuſchober, und nahe bei dem Heuſchober befand ſich der Platz, welcher für den Sprung am zweckmäßigſten ſchien. Nun aber war ſeit der Zeit, wo der Bankier zuletzt dieſen Ort beſucht hatte, ein tiefer Graben zum Abtrocknen der Felder an der ent⸗ gegengeſetzten Seite der Hecke gezogen worden, wovon weder das Pferd, noch der Mann etwas wußte, ſo daß der Sprung gefährlicher war, wie der Reiter vermuthete. Dieſer ſetzte ſich in Galopp, ohne dieſes neue Hiuderniß zu ahnen. Er befand ſich hoch in der Luft, mit zurückgezogenen Schenkeln, loſe gehaltenen Zügeln, emporgehobener rechter Hand, als das Pferd vor einem Gegenſtand am Heuſchober ſcheu wurde, ſeitwärts ſprang, mitten in den Graben ſtürzte und den Reiter zwei oder drei Ellen über den Kopf ſchleu⸗ derte. Der Bankier ſtand ſchneller wieder auf den Beinen, wie man hätte erwarten ſollen; da er ſich geſund und unverſehrt fühlte, ob er gleich einige Beulen und einen gehörigen Schrecken bavon getragen hatte, ſo eilte er zu ſeinem Pferde. Das arme Thier war aber nicht ſo gut wie der Herr weggekommen; das Schulterblatt war verrenkt oder ſtark verſtaucht. Das Thier war aus dem Graben herausgekrochen und ſtand troſtlos an der Hecke, ſo lahm als einer der Bäume, welche in unregelmäßigen Zwiſchenräumen die Symmetrie der Barriere unterbrachen. Der Bankier wurde ernſtlich beſorgt, als er ſich von der Größe ſeines Unglücks überzeugt hatte. Der Regen wurde ſtirker— er war noch mehre Meilen weit von Hauſe entfernt— er befand ſich in der Mitte eines weiten —— etragen te Thier ommen; rſtaucht. hen und iner der wäumen Bankier Größe wurde n Hauſe weiten * 307 gelbes ohne Wohnung; vor ihm lag eine andere Hecke, hinter ihm die ſo eben überſprungene und er kannte keinen andern Ausgang auf die Landſtraße. Während ihm dieſe Gedanken durch den Kopf kamen, merkte er plötzlich, daß er nicht allein war. Der dunkle Gegenſtand, der ſein Pferd ſcheu gemacht hatte, er⸗ hob ſich langſam aus einem Winkel am Heuſchober, wo derſelbe nieverkauerte und eine rauhe Stimme, bei welcher der Bankier bis zum Mark ſeiner Knochen ſchauderte, rief aus:„Hollah, wer zum Teufel ſeid Ihr dort?“ So lahm ſein Pferd auch war, ſetzte der Bankier ſogleich den Fuß in den Steigbügel; bevor er jedoch aufſitzen konnte, empfand er einen ſchweren Griff auf ſeiner Schulter. Als er ſich mit ſo viel Trotz, wie ihm dieſer nur immer zu Gebote ſtand, umwandte, erblickte er— wie der Ton der Stimme ihn ſchon hatte ahnen laſſen— die ihm nichts Gutes verheißen⸗ den banditenartigen Züge von Lucas Darvil. „Ha, ha, mein alter Rentenzahler, mein geſchick⸗ ter Philoſoph— alter, munterer Geſell, wie gehts? Gebt mir die Fauſt. Wer hätte gedacht, Euch in einer ſo regnigten Nacht an einem Henſchober, au einem tiefen Graben und auf einem Felde zu treffen, wo weit und breit kein Schornſtein raucht? Nun, alter Kerl, ich Lucas Darvil— ich der Herumſtreicher — ich, den Ihr auf die Tretmühle ſchicken wolltet, weil ich arm bin und weil Ihr meiner Tochter den Hof macht— ich bin hier eben ſo reich wie Ihr, eben ſo groß, ſtark und gewaltig!“ 308 Darvil, ein Mann unter der gewöhnlichen Größe, ſchien bei den Worten an Umfang zuzunehmen, bis er um einen Kopf größer erſchien, wie der zuſam⸗ menſchrumpfende Bankier, welcher 5 Fuß 11 Zoll, mit Abzug ſeiner Schuhe, im Wuchs emporragte. „Hm, hm,“ ſprach der reiche Mann, indem er ſich gie Kehle räuſperte, welche ihm ungewöhnlich heiſer zu ſein ſchien,„ich weiß nicht, mein theurer Herr Darvil, ob ich Sie wegen Ihrer Armuth beleidigte — ich hoffe dies nicht; aber jetzt iſt es kaum Zeit, ſich zu unterhalten; laſſen Sie mich aufſitzen, bitte, uüd „Was, keine Zeit zur Unterredung,“ unterbrach ihn Darvil zornig; die Zeit da iſt gerade nach mei⸗ nem Sinn, laßt mich überlegen— ja, ja, ich ſagte Euch, daß die Darlegung zu meinen Gunſten ſein würde, wenn wir uns jemals unterwegs antreffen ſollten.“ „Ich glaube, das ſagtet Ihr, guter Kerl.“ „Unterſteht Euch nicht, mich Kerl zu nennen. Ich ſage Euch, der Vortheil iſt auf meiner Seite, Mann gegen Mann— hier bin ich Euch gewachſen.“ „Aber warum wollt Ihr Händel mit mir anfan⸗ gen,“ ſagte der Bankier beſänftigend,„ich habe Euch nie Böſes zufügen wollen und hege auch die überzeu⸗ gung, daß Ihr nicht Böſes gegen mich im Sinne habt.“ „Weßhalb?“ fragte Darvil mit Kälte. „Weil Eure Rente von mir abhängig iſt.“ „Scharfſinnig geantwortet! wir wollen den Punkt beſprechen. Mein Leben iſt nichts werth, höchſtens läßt es ſich ein Jahr noch hinziehen. Nun, voraus⸗ —„—— Größe, en, bis zuſam⸗ ll, mit er ſich heiſer r Herr leidigte n Zeit, bitte, erbrach ch mei⸗ ſagte würde, 3 4 4 n. Ich Mann 4 anfan⸗ e Euch berzeu⸗ habt.“ 4 Punkt chſtens oraus⸗ —— 309 geſetzt, daß Ihr mehr als vierzig Pfund bei Euch habt, ſo wäre es verſtändiger für mich, mein Meſſer Euch durch die Kehle zu ſchneiden, als die zehn Pfund fürs nächſte Vierteljahr zu erwarten. Mein theurer Herr Wie⸗heißt⸗Ihr⸗doch, Ihr ſeht, die ganze Sache iſt eine bloße Angelegenheit der Berechnung.“ „Aber,“ erwiderte der Bankier und ſeine Zähne begannen zu klappern,„ich habe keine vierzig Pfund bei mir.“ „Wie kann ich das wiſſen, Ihr ſagt es. Gut, in iener Stadt gilt Euer Wort mehr als das meine. Ich habe mit Euch nicht gerechtet, als Ihr mir das ſagtet. Hier aber, beim Heuſchober, gilt das meine mehr als das Eure, und wenn ich nun ſage, Ihr ſollt und müßt vierzig Pfund bei Euch haben, ſo will ich doch ſehen, vb Ihr mir zu widerſprechen wagt.“ „Sehen Sie, Herr Darvil,“ ſprach der Bankier, indem er alle ſeine Entſchloſſenheit und ſeine Geiſtes⸗ kräfte zuſammennahm, denn ſein moraliſcher Muth begann jetzt ſeine phyſiſche Feigheit zu beſchützen und er ſprach ruhig, ſogar mit feſtem Weſen, obgleich ſein Herz gegen die Bruſt pochte und obgleich man ihn mit einer Feder hätte niederwerfen können—„die Londoner Spürhunde find gerade jetzt heftig hinter Euch her.“ „Ha, Ihr lügt!“ „Auf meine Ehre, ich ſage die Wahrheit; geſtern Abend habe ich die Nachricht vernommen. Sie haben Euch bis nach C*** verfolgt; ſie haben Eure Spur außerhalb der Stadt wieder aufgefunden; ein Wort 31⁰ von mir hätte Euch ihren Händen überliefert. Ich ſagte nichts, Ihr ſeid ſicher und könnt entwiſchen. Ich will Euch ſogar helfen aus dem Lande zu fliehen und Eure natürliche Zahl von Jahren ſicher und in Frieden zu leben.“ „Neulich ſagtet Ihr das nicht, in dem netten Be⸗ ſuchzimmer; wie Ihr ſeht, iſt jetzt der Vortheil auf meiner Seite; geſteht das ein.“ „Allerdings,“ ſagte der Bankier. Darvil kicherte und rieb ſich die Hände. Der reiche Mann empfand aufs Neue ſeine Wich⸗ tigkeit und fuhr fort:„Das iſt eine Seite der Frage; andererſeits, glaubet Ihr, daß mein Tod, im Fall Ihr mich beraubt und ermordet, die Hitze ihrer Verfolgung vermindern wird? Die ganze Gegend wird gegen Euch in Waffen ſein und bevor achtund⸗ vierzig Stunden entſchwunden ſind, ſeid Ihr wie ein toller Hund zu Tode gehetzt.“ Darvil ſchwieg, als wolle er nachſinnen, nach einer Pauſe erwiderte er:„Schon gut, Ihr ſeid ein pfif⸗ figer Geſelle. Was habt Ihr bei Euch? Wie Ihr wißt, habt Ihr neulich einen Handel nicht zu meinem Vortheil geſchloſſen; jetzt iſt der Markt für mich günſtig; der grobe Kittel gilt mehr als der feine Rock.“ „Alles was ich bei mir habe, ſoll Euer ſein,“ ſagte der Bankier mit lebhafter Stimme. „Gebt es her.“ „Da iſt es,“ ſagte der Bankier, indem er Borſe und Taſchenbuch Darvil übergab. „Und die Uhr?“ t. Ich wiſchen. fliehen und in ten Be⸗ heil auf e Wich⸗ Frage; im Fall e ihrer Gegend ichtund⸗ wie ein ch einer in pfif⸗ zie Ihr meinem ir mich Rock.“ ſein,“ r Börſe „ „Da iſt ſie.“ „Was war das?“ Die Sinne des Bankiers waren durch Furcht ge⸗ ſchärft, aber nicht ſo ſcharf wie die von Darvil; er vernahm nichts als das Platſchen des Regens auf den Blättern und das Rauſchen des Waſſers im nahen Graben. Darvil bückte ſich und horchte, dann ſtand er mit einem tiefen Athemzuge wieder auf und ſagte: „Ich glaube, Ratten ſind im Heuſchober; ſie werden im Schlafe über mich hinlaufen; aber es ſind mun⸗ tere Geſchöpfe und ich habe dieſelben gern. Und jetzt, mein theurer Herr, thut es mir leid, daß ich Ihnen das Lebenslicht ausblaſen muß!“ „Großer Gott, was habt Ihr vor!“ „Mann, es gibt eine andere Welt,“ rief der Bandit aus, indem er des Bankiers feierlichen Ton bei der früheren Unterredung nachahmte. Deſto beſſer ſeid Ihr daran, in jener Welt beklagt man ſich nicht, beraubt zu ſein.“ „Ich ſchwöre, Euch niemals zu verrathen.“ „Wohlan, ſchwört!“ „Bei jeder Hoffnung auf Erden und im Himmel!“ „Ihr ſeid ein verdammter Feigling,“ ſagte Dar⸗ vil, indem er verächtlich lachte.„Geht, Ihr ſeid in Sicherheit. Ich bin jetzt in guter Laune! ich ſpreche Euch Hohn, denn Niemand vermag mich zum Zittern zu bringen. So ſehr Ihr mich auch für einen Schur⸗ ken haltet, könnt Ihr mich nicht verachten, weil Ihr mich fürchtet— Ihr achtet mich— packt Euch fort.“ Der Bankier war im Begriff, der Aufforderung 312 zu gehorchen, als plötlich ein breites, rothes Licht aus dem Heuſchober über das Paar ſtrömte; im nächſten Augenblick war Darvil von hinten gepackt und rang mit einem Manne, welcher beinahe eben ſo kräftig wie er ſelbſt war. Das Licht, welches aus einer auf den Boden geſtellten Laterne kam, enthüllte die Geſtalten eines Bauern im großen überrock und zweier ſtämmig gebauten, mit Piſtolen bewaffneten Männer, außer dem einen, welcher mit Darvil rang. Der ganze Auftritt kam mit der Schnelle einer Verwandlung auf der Bühne, eines Blitzſtrahls, eines Wechſels, wie ihn ein Guckkaſten bietet, vor den erſtaunten Augen des Bankiers zum Vorſchein. Er ſtand wie vom Zauber gebunden, ſeine Hand hielt ven Zaum, ſein Fuß war in den Steigbügel geſetzt. Noch ein Augenblick und Darvil hatte ſeinen Gegner zu Boden geworfen; er ſtand in geringer Entfernung; ſein Antlitz ward vom Schein der Laternen geröthet, und er trotzte ſeinem Gegner, als das gefährlichſte aller Thiere, ein verzweifelnder Menſch in höchſter Noth! Es war ihm gelungen, ſeine Piſtolen zu er⸗ greifen; in jeder Hand hielt er eine; ſeine Augen funkelten unter ſeinen niedergezogenen Brauen; er wandte ſich ſchnell von Feind zu Feind! zuletzt ruhten vie furchtbaren Augen auf dem Mann, welcher wider Willen ſo eben der Gefährte ſeiner Einſamkeit ge⸗ weſen war.„Ihr habt mich alſo verrathen,“ ſprach er langſam und richtete ſeine Piſtole auf den Kopf des abgeſeſſenen Reiters. „Nein, nein,“ rief einer der Polizeibeamten, —— Licht im epackt e eben es aus thüllte ck und ffneten rang. einer trahls, t, vor ſchein. d hielt zu er⸗ Augen ; er ruhten 313 denn dies waren Darvils Gegner,„feure nur in dieſer Richtung, Herzensjunge, wir werden dafür bezahlt. Der Herr wußte nichts davon.“ „Nichts, bei Gott!“ ſchwur der Bankier, im Schrecken ſeine Heiligkeit vergeſſend. „Alsdann behalt ich meinen Schuß,“ ſagte Darvil; „merkt Euch, der erſte, welcher mir nahe kömmt, iſt verloren.“ Der Räuber und die Polizeibeamten waren ſo weit von einander entfernt, daß man mit Piſtolen nicht ſicher zielen konnte; beide Theile erkannten die Nothwendigkeit der Vorſicht. „Deine Zeit iſt um, mein ſchöner Spitzbube,“ rief der Anführer der Abtheilung,„Du hatteſt eine Friſt und ſie ſcheint ſehr lang geweſen zu ſein; ergib Dich, oder wir müſſen Dich ſchlachten und dem Galgen ſeinen Antheil nehmen.“ Darvil gab keine Erwiderung. Die Polizeibe⸗ amten, das Leben nicht zu achten gewohnt, gingen auf ihn zu mit geſpanntem Hahn und gerichteten Lauf. Darvil feuerte, einer der Männer wankte und fiel. Inſtinktartig hatte Darvil denjenigen herausge⸗ ſucht, mit dem er um ſein Leben gerungen hatte. Der Räuber erwartete die übrigen nicht; er wandte ſich um und floh über das Feld. „Zum Henker, er iſt uns entgangen,“ riefen die beiden andern und ſtürzten ihm nach. Eine Pauſe — ein Schuß— ein zweiter Schuß— ein Fluch— ein Geſtöhn— es herrſchte tiefe Stille. „Es iſt aus mit ihm,“ ſprach einer der Ver⸗ folgenden in einiger Entfernung;— ver ſtirbt wie ein gehetztes Wild.“ Bei den Worten nahm der Bauer, welcher bis dahin hinter dem Heuſchuppen ſich verſteckt gehalten hatte, die Laterne vom Boden auf und lief an den Platz. Der Bankier folgte unwillkürlich. Lucas Darvil lag auf dem Graſe; er lebte noch, bot aber einen furchtbaren und gräßlichen Anblick; eine Kugel war ihm vurch die Bruſt gedrungen, eine zweite hatte ihm die Kinnbacken zerſchmettert. Seine Augen rollten furchtbar: er riß das Gras mit den Händen aus Die Polizeibeamten blickten ihn kalt an.„Er war ein geſchickter Kerl,“ ſagte der eine. „Und hat uns viel Mühe gemacht,“ ſagte der Andere.„Sehen wir jetzt nach unſerem Kameraden. „Er iſt ja nicht todt,“ ſprach dver Bankier ſchaudernd. „Herr, er kann keine Minute mehr leben.“ Darvil richtete ſich auf und ſchüttelte die ge⸗ ballte Fauſt gegen ſeine Sieger; ein furchtbar gur⸗ gelndes Geheul, das er wegen der Natur ſeiner Wunde nicht als einen Fluch ausſprechen konnte, drang aus ſeiner Bruſt; dann fiel er flach auf ſeinen Rücken— er war eine Leiche. „Ich beſorge, Herr,“ ſprach der ältere Polizei⸗ beamte, indem er ſich hinwegwandte,„daß Sie nur mit genauer Noth ihm entwiſcht find. Wie aber ſind Sie hierher gekommen?“ „Vielmehr wie ſeid Ihr hierher gekommen?“ „Der ehrliche Roger mit der Laterne hatte be⸗ *) 1 1 te der raden. dernd. 4 ie ge⸗ r gur⸗ ſeiner konnte, ſeinen Bolizei⸗ ie nr e aber n?“ tte be⸗ „ merkt, wie der Kerl ſich hinter dem Heuſchober ver⸗ ſteckte, als er ſelbſt Schlingen den Kaninchen legte. Er hatte unſere öffentliche Bekanntmachung mit Watts Beſchreibung geleſen und wußte, daß wir uns in einem nicht weit entfernten Wirthshauſe befanden. Er kam zu uns, führte uns an den Ort, wir vernahmen Stimmen, leuchteten mit der Laterne und erblickten unſern Mann. Roger, Du biſt ein guter Unterthan und liebſt die Gerechtigkeit.“ „Ja, aber ich bekomme doch meine Belohnung,“ ſagte Roger, indem er ſeine Zähne zeigte. „Sprechen wir gelegentlich davon,“ ſagte der Po⸗ lizeibeamte.„Wilhelm, wie geht's, Kamerad?“ „Schlecht,“ ſtöhnte der arme Verwundete und ein Blutſtrom aus dem Munde folgte dem Geſtöhn. Mancher Tag entſchwand, bis das ehemalige Parlamentsglied für C“** die gehörige Geiſtes⸗ ſtimmung wieder erlangen konnte, um an Alice weiter zu denlen; als dies der Fall war, empfand er ſehr großes Vergnügen, daß Darvil nicht mehr lebte, und daß der verſtorbene Räuber nur unter dem Namen Peter Watts in der Gegend bekannt war.