— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in. Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 SLeih- und geſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pf und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B uc 5 es wird vor jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages i den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt. Pf. — 3 Answ ärtige Abonnenten haben für Hin? und Zurückſendung 2 her auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 8e adenersatz. r beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſe Bücher bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. 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Eine Dame, ſchön von Geſtalt, zart von Her⸗ zen und fleckenloſen Rufes, empfing ihre Freunde. „Herr Favart,“ ſagte einer von den Männern zu“ dem kleinſten von den Vieren;„Sie gehen alſo auf die Bedingungen ein— 20,000 Franken und Be⸗ freiung von aller Strafe?“ „Nichts iſt vernünftiger— es iſt abgemacht. Doch muß ich bekennen, daß ich meine Leute gern in der Nähe hätte. Ich bin nicht der Furcht ergeben, doch iſt es ein gefährliches Experiment.“ „Sie wußten die Gefahr vorher und ließen ſich den⸗ noch darauf ein; Sie müſſen allein mit mir eintreten, — oder gar nicht. Bedenken Sie, daß die Leute geſchworen haben, den zu ermorden, der ſie verräth. Nicht für zwanzigmal 20 000 Franken möchte ich, daß ſie wüßten, Bulwer, Racht u. Morgen. M. 1 — daß ich der Verräther bin. Mein Leben wäre keinen Strohhalm werth. Wenn Sie ſich nur durch Ihre Verkleidung geſichert halten, ſo iſt Alles recht. Sie ſehen ſie bei ihrer Arbeit— Sie erkennen ihre Per⸗ ſonen— Sie können beim Verhör gegen ſie zeugen — ich habe Zeit, Frankreich zu verlaſſen.“ „Gut, gut! Wie Sie wollen.“ „Bedenken Sie, daß Sie in dem Gewölbe bei ihnen bleiben müſſen, bis ſie anseinander gehen. Wir haben Ihre Leute ſo aufgeſtellt, daß ſie, welchen Weg ſie auch nehmen, ſogleich und in der Stille können ergriffen werden. Der tapferſte und liſtigſte von Allen, der ſich ihnen erſt kürzlich angeſchloſſen, iſt ſchon ihr Anführer, und dieſen müſſen Sie, wenn er zurück⸗ gekehrt iſt, in ſeinem Bette ergreifen. Sie erinnern ſich, daß er im ſechsten Stock zur Rechten wohnt: hier iſt der Schlüſſel zu ſeiner Thür. Er iſt ein Rieſe an Kraft, und man wird ihn nimmer lebendig ge⸗ fangen nehmen können, wenn er auf und bewaffnet iſt.“ „Ah, ich verſtehe!— Gilbert!“— und Favart wendete ſich zu einem ſeiner Begleiter, der noch nicht geſprochen hatte—„nehmen Sie drei Leute mit, wie ich Ihnen ſagte— der Portier wird Sie einlaſſen, das iſt abgemacht. Machen Sie kein Geräuſch. Wenn ich nicht bis vier Uhr zurückkehre, ſo warten Sie nicht auf mich, ſondern ſchreiten ſogleich zum Werk. Sehen Sie nach Ihren Gewehren. Nehmen Sie ihn lebendig gefangen, wenn es möglich iſt— im ſchlimmſten Falle todt. Und nun, mein Freund, führen Sie mich!“ Der Verräther nickte und ging langſam die Straße 3 hinunter. Favart blieb ſtehen und flüſterte dem Manne, den er Gilbert genannt, haſtig zu:„Folgen Sie mir, folgen Sie dicht hinter mir bis zur Thür des Kellers— ſtellen Sie acht Mann auf, ſo daß ſie meine Pfeife hören können, und wenden dann die Axte an. Wenn Sie die Pfeife hören, ſo brechen Sie ein, wenn nicht, ſo bin ich ſicher und es bleibt bei dem erſten Befehl, den Anführer in ſeinem Zimmer gefangen zu nehmen.“ Mit dieſen Worten ſchvitt Favart ſeinem Begleiter nach. Die Thür eines großen, unheimlich ausſehenden Hauſes war nur angelehnt— ſie traten ein— gingen unbeläſtigt über einen Hofplatz— ſtiegen eine Treppe hinunter— der Führer öffnete die Thüre eines Kellers und zog eine Blendlaterne unter ſeinem Mantel hervor. Als er dieſelbe öffnete, ſiel das trübe Licht auf Wein⸗ fäſſer, die den ganzen Raum auszufüllen ſchienen. Der Führer rollte eins von denſelben auf die Seite, er⸗ hob eine Fallthür und ſenkte ſeine Laterne.„Treten Sie ein,“ ſagte er, und die beiden Männer verſchwanden. Die Falſchmünzer waren bei ihrer Arbeit. Ein Mann ſaß auf einem Stuhle vor einem Pult und trug Berechnungen in ein großes Buch. Dieſer Mann war Wilhelm Gawtrey. Indeſſen ging die Maſchinerie des finſteren Gewerbes mit der raſchen Präeiſion revlicher Arbeiter in verſchiedenen Abtheilungen vor ſich. Ab⸗ geſondert und allein ſaß Philipp Morton am Ende eines langen Tiſches. Die Wahrheit überſtieg ſeinen ärgſten Verdacht. Er hatte eingewilligt, den Eid ab⸗ zulegen, nichts zu entvecken, was er ſehen werde; und als man ihn in das Gewölhe geführt und di Binde vyn ſeinen Augen genommen, währte es einige Minuten, ehe er die verzweifelte und verbrecheriſche Beſchäftigung der wilden Geſtalten begreifen konnte, unter denen die rüſtige Statur ſeines Wohlthäters hervorragte. Als die Wahrheit ſich ihm allmählig auf⸗ drängte, wich er von Gawtrey's Seite zurück, aber tiefes Mitleid mit der Entehrung ſeines Freundes ver⸗ ſchlang den Abſcheu vor dem Gewerbe. Er warf ſich auf einen von den rohen Seſſeln und fühlte, daß das Band zwiſchen ihnen in der That zerriſſen ſei, und daß er am nächſten Morgen wieder allein in der Welt daſtehen werde. Wenn die furchtbaren Flüche und obſeönen Scherze, die von Zeit zu Zeit durch das Ge⸗ wölbe drangen, zu ſeinem Ohr kamen, warf er ſeine ſtolzen Blicke mit ſolcher Verachtung auf die Grup⸗ pen, daß Gawtrey, der ihn beobachtete, für ſeine Sicherheit zitterte, und nur das Bewußtſein ſeines eigenen Werthes und der muthige, nicht furchtſame Wunſch, nicht von ſolchen Händen umzukommen, brachte die feurigen Verwünſchungen einer immer noch ſtolzen und redlichen Natur zum Schweigen, die auf ſeinen Lippen bebten. Alle Gegenwärtigen waren mit Pi⸗ ſtolen und Hirſchfängern bewaffnet, mit Ausnahme Morton's, der die ihm angebotenen Waffen unbeach⸗ tet auf dem Tiſche hatte liegen laſſen. „Muth, meine Freunde!“ ſagte Gawtrey ſein Buch zumachend,„Muth!— Nur noch wenige Mo⸗ nate und wir haben genug, um uns zurückziehen und unſere übrigen Tage leben zu können. Wo iſt Birnie?“ „Sagte er es Ihnen nicht?“ entgegnete einer von den Kü ſtüc mit ſag ein 5 den Arbeitern aufblickend.„Er hat den geſchickteſten Künſtler in ganz Frankreich aufgefunden— denſelben Mann, der Bouchard bei allen ſeinen Fünffranken⸗ ſtücken half. Er hat verſprochen, ihn dieſen Abend mitzubringen.“ „Ja, ich erinnere mich,“ erwiderte Gawtrey,„er ſagte es mir dieſen Morgen— er iſt in der That ein geſchickter Lockvogel!“ „Wahrhaftig, das iſt er,“ ſagte ein Falſchmünzer, „denn er hat Sie, den beſten Kopf den je die In⸗ duſtriellen beſaßen, zu uns gebracht!“ „Schmeichler!“ ſagte Gawtrey, der von dem Pult zum Tiſche trat und Wein aus einer von den Fla⸗ ſchen in einen großen Becher goß:„Ihre Geſundheit!“ Hier ging die Thür auf und Birnie ſchlüpfte herein. „Wo iſt Ihr Begleiter, mein Tapferer?“ ſagte Gawtrey.„Wir münzen nur Geld, aber Sie münzen Menſchen, drücken ihnen Ihr Siegel auf und ſenden ſie als gangbare Münze zum Teufel!“ Die Falſchmünzer, denen Birnie's Geſchicklichkeit nützlich war— denn als ehemaliger Kupferſtecher war er ſehr tauglich zu dem Geſchäfte— die aber ſein kaltes und freudeloſes Weſen haßten, lachten über dieſen Ausſpruch, den Birnie nur mit einem bos⸗ haften Blicke ſeines todten Auges erwiderte. „Wenn Sie den berühmten Falſchmünzer Jacques Giraumont meinen, der wartet draußen. Sie kennen unſere Regeln— ich kann ihn nicht ohne Erlaubniß einlaſſen.“ „Gut! Wir geben ſie— nicht wahr mein Her⸗ ren?“ ſagte Gawtrey. „Ja— ja,“ riefen mehre Stimmen.„Er kennt den Eid und wird die Strafe hören.“ „Ja, er kennt den Eid,“ verſetzte Birnie wieder hinausgehend. Im nächſten Augenblick kehrte er mit einem kleinen Manne in dem leinenen Hemde eines Arbeiters zurück. Der Ankömmling trug den repu⸗ blikaniſchen Vart und Schnurrbart von dunklem Grau — ſein Haar war von derſelben Farbe und ein ſchwar⸗ zes Pflaſter über dem einen Auge erhöhte noch das widerwärtige Ausſehen ſeiner Züge. „Zum Teufel, Herr Giraumont! Sie gleichen mehr dem Vulkan als dem Adonis!“ ſagte Gawtrey. „Ich weiß nichts von Vulkan, aber ich weiß, wie man Fünffrankenſtücke macht,“ i Giraumont mürriſch. „Sind Sie arm?“ „Wie eine Kirchenmaus! Das einzige Geſchöpf, was der Kirche angehört und arm iſt, ſeit die Bour⸗ bons zurückgekehrt ſind!“ Bei dieſen Worten ſtießen die Falſchmünzer, die ſich um den Tiſch verſaminelt hatten, ein lautes Freu⸗ dengeſchrei aus, womit die Franzoſen unter allen Um⸗ ſtänden einen Witz aufnehmen. „Hm!“ ſagte Gawtrey.„Wer bürgt mit ſeinem Leben für ſeine Treue?“ „Ich,“ ſagte Birnie. „Sy ſpreche man ihm den Eid vor.“ Plötzlich näherten ſich vier Männer, ergriffen den Ankömmling und trugen ihn in ein inneres Iht Fre Loc me ren ſpr eig hu Her⸗ ennt ieder mit eines epu⸗ Hrau war⸗ das mehr man ſch. höpf, ur⸗ „die Freu⸗ Um⸗ inem riffen 7 Gewölbe. Nach wenigen Augenblicken kehrten ſie zurück. „Er hat den Eid geleiſtet und die Strafe gehört.“ „Tod Ihnen, Ihrer Frau, Ihrem Sohne und Ihrem Enkel, wenn Sie uns verrathen!“ „Ich habe weder Sohn noch Enkel, und was meine Frau betrifft, Herr Kapitän, ſo iſt es eher eine Lockung, als eine Drohung, wenn Sie von ihrem Tode reden!“ „Wetter! Aber Sie wollen unſern Kreis ver⸗ mehren, mein Freund?“ ſagte Gawtrey lachend, wäh⸗ rend die ganze Geſellſchaft wieder ihren Beifall aus⸗ ſprach.„Aber es liegt Ihnen doch etwas an Ihrem eigenen Leben?“ „Sonſt würde ich es vorgezogen haben, zu ver⸗ hungern,“ antwortete der Ankömmling kurz. „Es iſt gut. Ihre Geſundheit!“ Hierauf drängten ſich die Falſchmünzer um Girau⸗ mont, vrückten ihm die Hand und legten ihm viele Fragen vor, um ſich von ſeiner Geſchicklichkeit zu überzeugen. „Zeigen Sie mir erſt Ihre Münze; ich ſehe, Sie wenden den Stempel und den Schmelzofen an. Hm! dieſes Stück iſt nicht übel— es iſt mit einem eiſer⸗ nen Stempel geſchlagen?— Recht ſo— der Aus⸗ druck iſt ſchärfer als von pariſer Gyps. Aber das ſchwierigſte und gefährlichſte Geſchäft iſt die Aus⸗ gabe der Münzen. Ich kann Ihnen ein Mittel ſa⸗ gen, wie Sie mit Sicherheit noch zehnmal ſo viel verdienen können! Sehen Sie dies an!“— Uns Gi⸗ 8 raumont zog einen falſchen ſpaniſchen Thaler aus der Taſche, der ſo geſchickt nachgemacht war, daß die Kenner in Bewunderung verloren waren.—„Sie kön⸗ nen Tauſende über ganz Europa mit Ausnahme von Frankreich verbreiten, und wer wird Sie je entdecken? Aber es erfordert eine beſſere Maſchinerie, als Sie hier haben.“ Bei dieſer Unterredung bemerkte Giraumont nicht, daß Gawtrey ihn beſtändig ſehr genau beobachtete. Aber Birnie entging die Aufmerkſamkeit ihres An⸗ führers nicht, und einmal verſuchte er ſich dem neuen Verbündeten zu nähern, als Gawtrey die Hand auf ſeine Schulter legte und ihn zurückhielt. „Reden Sie nicht mit Ihrem Freunde, bis ich es Ihnen gebiete, oder—.“ Er ſchwieg und berührte ſeine Piſtolen. Birnie wurde bläſſer, aber erwiderte mit ſeinem gewöhnlichen ſpöttiſchen Lächeln: „Argwöhniſch!— Gut, um ſo beſſer!“ Und in⸗ dem er ſich nachläſſig an den Tiſch ſetzte, zündete er ſeine Pfeife an. „Und nun, Herr Giraumont,“ ſagte Gawtreh, in⸗ dem er ſich an das obere Ende des Tiſches ſetzte,„wir wollen Ihnen zu Ehren einen halben Feiertag halten. Fort mit dieſen teufliſchen Inſtrumenten, und mehr Wein!“ Die Geſellſchaft ſetzte ſich um den Tiſch. Die Verzweifelten ſind ſtets zur Fröhlichkeit geneigt; ein einſamer Schurke iſt mißmuthig, aber eine Bande von Schurken iſt fröhlich. Die Falſchmünzer ſprachen und 9 lachten laut. In ſeinem mürriſchen Schweigen ſchien Birnie von den übrigen abgeſondert zu ſein, obgleich er in ihrer Mitte ſaß. Denn in einem geräuſchvol⸗ len Kreiſe bildet eine ſchweigende Zunge eine Mauer um den Beſitzer derſelben. Aber dieſe reſpektable Perſon beobachtete verſtohlen Gawtrey und Giraumont, die am Ende des Tiſches ſehr freundſchaftlich mit ein⸗ ander zu ſprechen ſchienen. Philipp war eben ſo ſchweigſam, und nicht weniger wachſam, als Birnie. Seit dem Eintritt Giraumont's hatte ſich ſeiner eine unruhige und unerklärliche Ahnung bemächtigt, die durch Gawtrey's Benehmen erhöht wurde. Seine ſcharfe Beobachtungsgabe hatte etwas Falſches in der Freund⸗ lichkeit des Anführers gegen ſeinen Gaſt bemerkt— etwas Gefährliches in dem funkelnden Auge, welches Gawtrey beſtändig, wenn Giraumont ſprach, auf die Lippen deſſelben richtete. Denn wenn Wilhelm Gawtrey Argwohn gegen einen Menſchen hegte, ſo bebachtete er nicht ſeine Augen, ſonde ſprach. führer . 10 „Nicht im geringſten,“ verſetzte Giraumont,„ich arbeitete nur mit Bouchard und zwei Andern, die ſeit⸗ dem auf die Galeeren gekommen ſind. Wir waren nur eine kleine Brüderſchaft, jedes Ding will ſeinen Anfang haben.“ „Richtig; trinken Sie doch, lieber Freund!“ Es wurde von Neuem eingeſchenkt, und Gawtrey begann wieder. „Sie haben da einen ſchlimmen Unfall gehabt, Berr Giraumont— wie verloren Sie Ihr Auge?“ 5„Bei dem Scharmützel mit den Gendarmen in der Nacht, als Bouchard gefangen genommen wurde und ich entfloh: dergleichen hat man zu erwarten.“ „Richtig; trinken Sie doch, Herr Giraumont!“ Es trat wieder eine Pauſe ein, und dann hörte man nochmals Gawtrey's tiefe Stimme. 5„Es ſcheint mir, Sie tragen eine Perrüke, Herr Giraumont. Nach Ihren Augenwimpern zu urthei⸗ ar eine ſchönere Farbe.“ gd nicht Schönheit, fe Augen.“ 11 „Ha! Verrätherei!“ rief Gawtrey mit Donner⸗ ſtimme, und faßte den unglücklichen Mann an die Kehle. Es war das Werk eines Augenblicks. Morton ſah von ſeinem Sitze den Kampf— er hörte den Hülferuf. Er ſah die ungeheure Geſtalt des An⸗ führers alle Andern überragen, die Hirſchfänger blin⸗ ken und die Augen funkeln. Er ſah, wie die bebende und kraftloſe Geſtalt des unglücklichen Gaſtes in jenen mächtigen Armen erhoben und dann über den Tiſch dahingeſchleudert wurde— die Flaſchen zerſprangen — der Tiſch krachte unter der Laſt— und vor Mor⸗ ton's Augen lag eine verzerrte, lebloſe Maſſe. In demſelben Augenblick ſprang Gawtrey auf den Tiſch, ſein finſterer Blick war auf das aſchfarbige, leichen⸗ hafte Geſicht des bebenden Verräthers gerichtet. Birnie war vom Tiſche aufgeſprungen— hatte ſchon die Hälfte der Strecke bis zur Fallthür zurückgelegt— wendete ſein Geſicht über die Schulter und begegnete den Blicken des Anführers. „Teufel!“ rief Gawtrey mit ſeiner ſchrecklichen Stimme, die das Echo des Gewölbes von allen Sei⸗ ten wiederhallte—„gab ich Dir nicht meine Seele, damit Du nicht meinen Tod herbeiführen möchteſt? Hört, Ihr Alle! ſo endet meine Selaverei, und mit ihm ſterben alle ſeine Geheimniſſe!“ Der Knall ſei⸗ ner Piſtole übertönte die letzten Worte, und mit einem einzigen Schrei fiel der Verräther, durch's Hirn ge⸗ ſchoſſen, zu Boden, und dann entſtand eine heftige Bewegung, als der Dampf ſich langſam an der Decke des Gewölbes hinzog. —— 12 Morton ſank auf ſeinen Stuhl zurück. Das letzte Siegel war auf das Schickſal des Verbrechers geſetzt; vie letzte Welle der ſchrecklichen und geheimnißvollen Fluth ſeines Geſchicks hatte ſeine Seele zu dem Ufer geſchlendert, von wo keine Rückkehr iſt. Jetzt und immerdar war die gute Laune, der Verſtand, die gü⸗ tige Regung, die geſelligen Eigenſchaften, die jener rüſtigen Geſtalt einen ſo gefährlichen Zauber verliehen, und zu der Hoffnung der endlichen Beſſerung und Buße ſelbſt in dieſer Welt veranlaßt hätten, dahin. Die Stunde und die Umſtände hatten ſich ihrer Beute bemächtigt, und die Selbſtvertheidigung, die eine geſetzloſe Laufbahn nothwendig mochte, ließ den ewigen Blutfleck an dem zurück, der den finſtern Mäch⸗ ten vetfallen war. „Freunde, ich habe Euch gerettet,“ ſagte Gawtrey, indem er die Leiche ſeines zweiten Opfers anblickte und die Piſtole wieder einſteckte;„ich erbebte nicht vor dem Auge dieſes Mannes“— und er ſtieß die Leiche des Polizeibeamten in rachſüchtiger Verachtung mit dem Fuße—„yhne mir ſeinen Anblick in mei⸗ nem innerſten Herzen zu merken. Ich erkannte ihn, ſobald er eintrat— erkannte ihn, ungeachtet ſeiner Verkleidung— ſo geſchickt dieſelbe auch war! Richtet ſein Geſicht auf und blickt ihn jetzt an; er wird uns nicht wieder erſchrecken, wenn nicht vielleicht die Sage von den Geiſtern wahr iſt!“ Murmelnd und bebend ſtiegen die Falſchmünzer auf den Tiſch und betrachteten den Todten. Jetzt unter⸗ brach ſie Gawtrey, denn ſein raſches Auge hatte ſag un Pl ent ein fül ein 13 unter dem Hemde des Polizeimannes apßer den Pi⸗ ſtolen auch eine metallene Pfeife von ſeltſamer Ein⸗ richtung entdeckt, und er kam ſogleich auf die Ver⸗ muthung, daß Gefahr nah ſei. „Ich habe Euch gerettet, ſage ich, aber nur auf eine Stunde. Dieſe That kann nicht verborgen blei⸗ ben— ſeht, er hatte Hülfe in der Nähe. Die Po⸗ lizei weiß, wo ſie ihren Kameraden zu ſuchen hat— wir müſſen uns zerſtreuen. Jeder ſorge für ſich. Schnell, theilt die Beute! Es rette ſich, wer kann.“ Dann hörte Morton, wo er ſaß und ſeine Hände noch vor dem Geſicht hielt, verwirrte Stimmen, das Geklirr des Geldes, das Stampfen der Fußtritte, das Knarren der Thüren— und dann war Alles ſtill. Eine ſtarke Fauſt zog ſeine Hände von ſeinen Augen. „Ihre erſte Secene, wo Leben gegen Leben kämpfte,“ ſagte Gawtrey's Stimme, die furchtbar verändert ſchien. „Pah! was mochten Sie von dem Kampfe denken? Kommen Sie in unſere Höhle, die Leichen ſind fort.“ Morton ſah ſich furchtſam im Gewölbe um. Er und Gawtrey waren allein. Seine Augen ſuchten die Plätze, wo die Todten gelegen hatten— ſie waren entfernt— keine Spur von der That, nicht einmal ein Blutstropfen zu ſehen. „Kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hirſchfänger und folgen Sie mir!“ wiederholte die Stimme des An⸗ führers, der mit ſeiner truben Laterne, die jetzt das einzige Licht in dem Gewölbe war, im Schatten der Thür ſtand. Morton ſtand auf, nahm mechaniſch die Waffe und folgte ſtumm und unbewußt jenem ſchrecklichen Führer, wie die Seele einem Traume folgt durch das Haus des Schlafes! Zehntes Kapitel. Nicht mehr ſchlafen!— Maecbeth. Nachdem ſie durch finſtere und verwickelte Gänge gegangen waren, die zu einer andern Reihe von Kel⸗ lern führten, als durch welche der unglückliche Favart eingetreten war, kam Gawtrey zu dem Fuß einer Treppe, die dunkel und eng, und an einigen Stellen gebrochen, wahrſcheinlich in glänzendern Tagen für die Diener des Hauſes beſtimmt geweſen war. Ver⸗ möge dieſer Treppe gelangten die Beiden auf ihre Dachkammer. Gawtrey ſtellte die Laterne auf den Tiſch und ſetzte ſich ſchweigend nieder. Morton, der ſeine Faſſung wieder erlangt und ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, ſah ihn einige Augenblicke ebenfalls ſchweigend an und ſagte endlich:„Gawtrey!“ „Ich verbot Ihnen, mich bei dieſem Namen zu nennen,“ ſagte der Falſchmünzer, denn es iſt kaum nöthig, zu ſagen, daß er bei ſeinem neuen Geſchäfte auch einen neuen Namen angenommen hatte. „Ez iſt der unſchuldigſte Name, unter dem ich Sie je gekannt habe,“ entgegnete Morton mit Feſtig⸗ keit.„Es iſt das letztemal, daß ich Sie ſo nenne! Ich forderte zu ſehen, durch welche Mittel der, dem ich mein Schickſal anvertraut, ſich ſeinen Lebensunter⸗ voll ſam Rat win zu da imn mäc und ang dam uml Hat übe meh n zu kaum häfte n ich eſtig⸗ nne! dem mter⸗ ¹⁵5 halt erwirbt. Ich habe es geſehen,“ fuhr der junge Mann noch immer feſt, aber mit bleicher Wange und Lippe fort,„und das Band zwiſchen uns iſt auf immer zerriſſen. Unterbrechen Sie mich nicht! Es iſt nicht an mir, Sie zu tadeln. Ich habe Ihr Brod gegeſſen und aus Ihrem Becher getrunken. Indem ich Ihnen zu blind vertraute und glaubte, daß Sie wenigſtens von dieſen ſchwarzen und ſchrecklichen Verbrechen frei wären, die nicht zu ſühnen ſind, wenigſtens nicht in dieſem Leben— indem mein Gewiſſen durch Ungemach beſchwichtigt, meine Seele ſelbſt durch Verzweiflung eingeſchläfert wurde, gab ich mich einem Manne hin, der eine zweideutige, verdächtige, vielleicht unehren⸗ volle Laufbahn begonnen hatte, ohne jedoch an Grau⸗ ſamkeit und Blutvergießen zu denken. Ich erwache am Rande des Abgrundes— die Hand meiner Mutter winkt mir aus dem Grabe; ich meine ihre Stimme zu hören, während ich Sie anrede— ich weiche zurück, da es noch Zeit iſt— wir trennen uns, und zwar auf immer!“ Gawtreh, deſſen ſtürmiſche Leidenſchaften noch mächtig aufgeregt waren, hatte ihn bisher in finſterem und mürriſchem Schweigen und mit finſterer Stirne angehört; jetzt ſtand er mit einem Fluche auf:„Trennen! damit ich einen neuen Verräther frei in der Welt umherlaufen laſſe! Trennen— da Sie mich bei einer Handlung beobachtet haben, die mich der Guillotine überliefert, wenn ſie ruchbar wird! Trennen— nimmer⸗ mehr! Wenigſtens nicht lebendig!“ „Ich habe es geſagt,“ fuhr Morton, ruhig ſeine —— Arme zuſammenſchlagend, fort;„ich ſage es Ihnen in's Geſicht, obgleich ich mich insgeheim von Ihnen trennen könnte. Blicken Sie mich nicht ſo finſter an, Mann des Blutes! ich bin furchtlos, wie Sie! Noch eine Minute, und ich bin fort.“ „Ah! iſt es ſo?“ ſagte Gawtrey, indem er ſich im Zimmer umſah, welches zwei Thüren hatte; die eine, von den Bettvorhängen verſteckt, führte zu der Treppe, über die ſie gekommen waren, und die andere zu der Haupttreppe, die gewöhnlich benutzt wurde. Er wendete ſich zu der erſteren, die in ſeiner Nähe war, verſchloß ſie und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche; dann ſchob er vor die andere einen großen Riegel, der ein widerwärtiges Geräuſch hervorbrachte, ſtellte ſeine ungeheure Geſtalt vor dieſelbe und brach in ein lautes, zorniges Lachen aus:„Ho, ho! Sklave und Thor! Da Du einmal mein biſt, ſo gehörſt Du mir auch mit Leib und Seele auf immer!“ „Verſucher, ich trotze Dir! zurück!“ Feſt und unerſchrocken ergriff Morton des Rieſen Kleid. Gawtrey erſchien mehr erſtaunt als aufgebracht. Er blickte den kühnen Mann feſt an, auf deſſen Lippe der Bart kaum erſt zu ſproſſen begann. „Knabe,“ ſagte er,„laß mich! Rege den Teufel in mir nicht wieder anf! Ich könnte Dich mit einem Druck zerquetſchen.“ „Meine Seele unterſtitzt meinen Körper und ich bin bewaffnet,“ ſagte Morton, die Hand an ſeinen Hirſchfänger legend.„Aber Sie wagen nicht, mir ein Leid zuzufügen— und ich Ihnen nicht; blutbefleckt, wie Sch mei bette wegt er m liche durch ſchres nimn Sie er ſich te; die zu der andere wurde. Nähe n ſeine großen brachte, d brach Sklave rſt Du eſt und id. ebracht. en Lippe Teufel t einem und ich ſeinen mir ein tbefleckt, 17 wie Sie ſind, liebe ich Sie dennoch! Sie gaben mir Schutz und Brod, aber verhindern Sie mich nicht, meine Seele zu retten, ſo lange es noch Zeit iſt!— Soll meine Mutter mich vergebens auf ihrem Sterbe⸗ bette geſegnet haben?“ Gawtrey zog ſich zurück und mit plötzlicher Be⸗ wegung ergriff Morton ſeine Hand⸗ „O! hören Sie mich— hörep Sie mich!“ rief er mit großer Bewegung;„geben Sie dieſe ſchreck⸗ liche Beſchäftigung auf; Sie ſind dazu verlockt worden durch Einen, der Sie nicht mehr tänſchen und er⸗ ſchrecken kann! Geben Sie ſie auf und ich will Sie nimmer verlaſſen. Um Ihrer Fanny willen, bleiben Sie ſtehen, ehe der Abgrund Beide ve lingt. Laſſen Sie uns fliehen!— Weit fort in die neue ehnen und Mus⸗ Welt— in jenes Land, wo unſere S keln, unſere ſtarken Hände Markt finden können Verz haben ſich noch durch redlic tel emporgeſchwungen. Laſſen Sie uns Ihre W mitnehmen. wollen für ſie arbeiten, wir Beide Gawtrey! hören Sie mich an. Es iſt nicht meine Stimme, die zu Ihnen redet — es iſt Ihres guten Engels Stimme!“ Gawtrey fiel gegen die Wand zurück und ſeine Bruſt arbeitete ſchwer. „Morton,“ ſagte er in erſtickten und bebenden Tönen,„gehen Sie jetzt, überlaſſen Sie mich meinem Schickſal! Ich habe mich gegen Sie vergangen ſchmachvoll vergangen. Es ſchien mir ſo ſüß, einen Freund zu haben— in Ihrer Jugend und Ihrem Bulwer, Nacht u. Morgen. I 2 18 Charakter lag ſo viel, um das ſich die zähen Stränge meines Herzens ſchlangen, daß ich es nicht ertragen konnte, Sie zu verlieren und daß Sie wiſſen ſollten, was ich ſei. Ich blendete— ich täuſchte Sie hinſicht⸗ lich meiner früheren Handlungen; das war ſchlecht von mir, aber ich ſchwur in meinem Herzen, Sie frei von jedem Laſter und jeder Gefahr zu erhalten, die meinen eigenen Pfad verdunkelten. Ich hielt dieſen Eid bis dieſen Abend, wo ich ſah, daß Sie vor mir zurückwichen und fürchtete, daß Sie mich verlaſſen möchten, und da dachte ich, Sie dadurch an mich zu binden, daß ich Sie mit in das Verbrechen verwickelte. Ich habe meine gerechte Strafe erhalten. Gehen Sie, wiederhole ich— überlaſſen Sie mich dem Schickſal, welches mir Tag für Tag näher ſchreitet. Sie ſind noch ein Knabe— ich bin nicht mehr jung. Gewohnheit iſt die zweite Natur Dennoch— dennoch könnte ich be⸗ reuen, ich könnte ein neues Leben beginnen! Aber zurückzublicken— ſich zu erinnern— Tag und Nacht von Thaten verfolgt zu werden, die mir am letzten Tage in lebhafter Geſtalt vor Augen treten werden—“ „Vermehren Sie die Zahl der Geſpenſter nicht! Kommen Sie— fliehen Sie dieſe Nacht— dieſe Stunde.“ Gawtrey ſchwieg ſchwankend und unentſchloſſen, als er plötzlich Schritte unten auf der Treppe hörte. Er ſtutzte, wie der Eber ſtutzt, den man in ſeinem Lager überraſcht, und horchte bleich und athemlot. „Still!— der Riegel ſchützt uns Beide— hier⸗ her.“ Und der Falſchmünzer ſchlich zu der Thür, di ſollten, inſicht⸗ ſchlecht n, Sie halten, t dieſen bor mir erlaſſen mich zu wickelte. en Sie, chickſal, ind noch nheit iſt ich be⸗ Aber d Nacht n letzten den—“ r nicht! — dieſe ſchloſſen, e hörte. n ſeinem themlos. — hier⸗ hür, di 19 zu der geheimen Treppe führte. Er ſchloß ſie auf und öffnete ſie vorſichtig. Ein Mann ſprang herein:„Er⸗ gebt Euch!— Ihr ſeid mein Gefangener!“ „Nimmermehr!“ rief Gawtrey, den Eindringenden zurückſchleudernd. Dann ſchlug er die Thüre zu, ob⸗ gleich andere und ſtärkere Männer mit aller Gewalt andrängten. „Ho, ho! Wer wird des Tigers Käfig öffnen?“ Vor beiden Thüren hörte man jetzt laute Stimmen reden:„Offnet in des Königs Namen, oder erwartet keine Gnade!“ „Still,“ ſagte Gawtrey.„Noch ein Ausweg— das Fenſter— das Tau!“ Morton öffnete das Fenſter— Gawtrey wickelte das Tau ab. Der Morgen dämmerte ſchon; es war hell auf den Straßen; doch draußen ſchien Alles ſtill zu ſein. Die Thüren erbebten unter dem Druck der Verfolger. Gawtrey warf das Tau über die Straße zu der Bruſtwehr des gegenüberſtehenden Hauſes; nach zwei oder drei vergeblichen Bemühungen faßte der Haken und der gefährliche Weg war gebahnt. „Schnell, ſchnell— zaudern Sie nicht!“ flüſterte Gawtrey;„Sie ſind gewandt— es ſcheint gefähr⸗ licher als es iſt— klettern Sie mit beiden Händen und ſchließen die Angen. Wenn Sie auf der andern Seite ſind— Sie ſehen das Fenſter von Birnie's Zimmer— ſo treten Sie ein— ſteigen die Treppe hinunter— gehen hinaus und Sie ſind gerettet.“ „Gehen Sie voran,“ ſagte Morton in demſelben Tone;„ich will Sie jetzt nicht verlaſſen. Sie werden längere Zeit gebrauchen, um hinüberzukommen als ich. Ich will Wache halten, bis Sie hinüber ſind.“ „Horch! Horch!— Sind Sie toll? Sie Wache halten! Was iſt Ihre Kraft gegen die meine? Zwanzig Männer ſollen die Thür nicht bewegen, wenn ich mich daran lehne. Schnell, oder Sie richten uns Beide zu Grunde! Sie müſſen mir auch das Tau halten, es möchte allein nicht ſtark genug ſein für meine Laſt. Warten Sie noch einen Augenblick. Wenn Sie ent⸗ kommen und ich falle— Fanny— mein Vater, er wird für ſie ſorgen— Sie erinnern ſich! Verzeihen Sie mir Alles! Gehen Sie; ſo iſt's recht.“ Mit Feſtigkeit warf ſich Morton auf jene gefähr⸗ liche Brücke; ſie ſchwankte und krachte unter ſeiner Laſt. Indem er ſeine Hände raſch weiter bewegte— den Athem anhielt— die Zähne zuſammenbiß— die Augen ſchloß— kam er hinüber— erreichte die Bruſt⸗ wehr und ſtand ſicher auf der andern Seite. Zetzt ſtrengte er ſeine Augen an uud ſah durch das offene Fenſter in das Zimmer, welches er eben verlaſſen hatte. Gawtrey ſtand noch an der Thür, die zu der Haupttreppe führte, denn dies war die ſchwächere und wurde von den meiſten Männern belagert. Jetzt hörte man den Knall eines Feuergewehrs; ſie hatten durch die Thür geſchoſſen. Gawtrey ſchien verwundet zu ſein, denn er ſchwankte vorwärts und ſtieß einen heftigen Schrei aus; im nächſten Augenblick erreichte er das Fenſter— ergriff das Tau und hing über der furcht⸗ baren Tiefe! Morton kniete an der Fenſterſchwelle nieder, hielt mit krampfhaftem Griffe den Haken an ſeine Erwe die a / der e das 2 dunke Ein trey, Auger Feind Piſtol in ſeit nieder war als ich. 4 Wache wanzig ch mich eide zu en, es e Laſt. ie ent⸗ ter, er rzeihen gefähr⸗ ſeiner egte— — die Bruſt⸗ Jetzt offene erlaſſen zu der ere und zt hörte ndurch zu ſein, meftigen er das furcht⸗ ſchwelle ken an 24 ſeinem Orte feſt und richtete ſeine vön Furcht und Erwartung gerötheten Augen auf die ungeheure Laſt, die an der dünnen Schnur hing. „Da iſt er! Da iſt er!“ rief eine Stimme von der entgegengeſetzten Seite. Morton erhob ſeinen Blick; das Fenſter war von den Geſtalten der Verfolger ver⸗ dunkelt— ſie waren in das Zimmer eingebrochen.— Ein Offizier ſprang auf die Fenſterſchwelle, und Gaw⸗ trey, der jetzt ſeine Gefahr bemerkte, öffnete ſeine Augen, während er ſich fortbewegte, und ſtarrte den Feind an. Der Polizeimann erhob vorſichtig ſeine Piſtole— Gawtrey hielt inne— aus ſeiner Wunde in ſeiner Seite tröpfelte das dunkle Blut auf die Steine nieder— ſein Haar ſträubte ſich empor— ſeine Wange war bleich— ſeine Lippen krampfhaft von ſeinen Zähnen zurückgezogen— ſeine Augen blickten unter den finſtern Brauen hervor, und in der Todesqual und Drohung zeigte ſich noch die unbeugſame Kraft und Wildheit des Mannes. Sein finſterer Blick er⸗ ſchreckte den Polizeimann; ſeine Hand zitterte, als er fenerte, und die Kugel traf die Bruſtwehr einen Zoll unterhalb der Stelle, wo Morton kniete. Ein unbeſtimmter, wilder, gurgelnder Ton— halb Lachen — halb Freudengeſchrei— entfuhr Gawtrey's Lippen. Er ſchwang ſich näher und näher— und war nur noch eine Elle von der Fenſterſchwelle entfernt. „Sie ſind gerettet!“ rief Morton, doch in dem Augenblick wurde aus dem Fenſter drüben eine ganze Ladung abgefeuert— der Dampf rollte über die bei⸗ den Flüchtlinge dahin— ein Stöhnen oder vielmehr ein Geheul der Wuth, Verzweiflung und Todesangſt erſchreckte ſelbſt die am meiſten verhärteten Herzen. Morton ſprang auf und blickte hinunter. Auf den rauhen Steinen, tief unten, lag eine dunkle, form⸗ loſe, unbewegliche Maſſe— der ſtarke Mann der Leidenſchaft und des Leichtfinnes— der Rieſe, der mit Leben und Seele geſpielt, wie ein Kind mit den Spielereien, die es ſchätzt und zerbricht— war, was der Kaiſer und der Ausſätzige auf gleiche Weiſe ſind, wenn Gottes Hauch den Staub verlaſſen hat— was Ruhm, Genie, Macht und Schönheit immerdar ſein würden, wenn es keinen Gott gäbe! „Da iſt noch Einer!“ rief die Stimme eines von den Verfolgern.„Feuer!“ „Armer Gawtrey!“ murmelte Philipp,„ich will Deinen letzten Wunſch erfüllen.“ Und ohne auf die Kugel zu achten, die dicht an ihm vorüber pfiff, ver⸗ ſchwand er hinter der Bruſtwehr. Elftes Kapitel. Vom ſanften Wind der Seide leicht bewegt Decker. Der Leſer wird ſich erinnern, daß, während Fa⸗ vart und Birnie ſich in der Gaſſe unterredeten, di Töne der Feſtlichkeit aus einem Hauſe in der benach⸗ barten Straße hervordrangen. Zu dieſem Hauſe müſſen wir uns jetzt begeben. In Paris, glaube ich, find Bälle oder Abendge⸗ ſellſchaften zu der Jahreszeit ſehr ſelten, wo ſie i Lor geß Da neu ſcho Lite als ſie war eſſe, Poe Poe treu desangſt Herzen. Auf den „form⸗ ann der eſe, der mit den ar, was eiſe ſind, — wat dar ſein ines von „ich will auf die fiff, ver⸗ icht bewegt Decker. reFe eten, di r benach⸗ ſe müſſen Abendge⸗ wy ſie in 23 London am häufigſten ſind. Die Geſellſchaft, die jetzt gegeben wurde, fand zu Ehren einer Taufe ſtatt, denn die Dame, welche dieſelbe gab, war eine Verwandte des neugebornen Kindes. Madame de Merville war eine junge Wittwe; ſchon vor ihrer Verheirathung hatte ſie ſich in der Literatur ausgezeichnet; ſie hatte Gedichte von mehr als gewöhnlicher Vortrefflichkeit geſchrieben, und da ſie ſchön, von guter Familie und großem Vermögen war, ſo verliehen ihr ihre Talente größeres Inter⸗ eſſe, als ſonſt würde der Fall geweſen ſein. Ihre Poeſie athmete viel Gefühl und Zärtlichkeit. Wenn Poeſie der Commentar des Herzens iſt, ſo hätte man treue und wahre Liebe von ihr erwarten ſollen. Doch da ſie, wie die franzöſiſchen Mävchen gewöhnlich thun, nicht ſich, ſondern ihren Eltern zu gefallen heira⸗ thete, ſo ſchloß ſie eine Convenienzheirath. Herr von Merville war ein nüchterner, verſtändiger Mann, der das mittlere Alter bereits überſchritten hatte. Da er die Poeſie nicht liebte, ſo wünſchte er um ſo weni⸗ ger eine Schriftſtellerin zur Frau zu haben, und hatte während ihrer vierjährigen Ehe der Verbindunzz ſei⸗ ner Frau mit dem Muſengotte jede Schwierigkeit in den Weg gelegt. Doch ihr thätiger und glühender Geiſt ließ ſich ſeine Beſchäftigung nicht rauben. Im Alter von vierundzwanzig Jahren wurde ſie Wittwe, mit einem Einkommen, welches man ſelbſt in Eng⸗ land für ein einzelnes Frauenzimmer bedeutend nen⸗ nen würde, und welches in Paris kein gewöhnliches Vermögen iſt. Obgleich eine Perſon von elegantem 24 Geſchmack, war Madame de Merville doch weder prunkſüchtig noch ſelbſtſüchtig; ſie hatte keine Kinder und lebte ruhig in Zimmern, die freilich ſchön wa⸗ ren, aber nur zu einem kleinen Haushalt hinreichten. Sie widmete wenigſtens die Hälfte ihres Einkommens, welches gänzlich zu ihrer Verfügung ſtand, theilweiſe ihren eigenen Verwandten, die nicht reich waren, und theilweiſe der Literatur, die ſie eultivirte. Obgleich ſie ſich vor der Ausgabe ſcheute, ſo beſaßen doch ihre Gedichte und Entwürfe von Romanen, die ſie ihren Freunden vorlas, eine Beredſamkeit, die ſelten von ſo viel Beſcheidenheit begleitet iſt. So war ihr Ruf, wenigſtens in ihrem eigenen Kreiſe, groß, und ihre Stellung in der Mode und ihr Vermögen machten, daß ſie von ihren Verwandten als das Oberhaupt der Familie angeſehen wurde; ſie betrachteten ſie als eine Frau von überlegenem Geiſte und ihr Rath wurde ſtets als Befehl angenommen. Eugenie de Merville war eine ſeltſame Miſchung von weiblichen und männ⸗ lichen Eigenſchaften. Einerſeits hatte ſie einen ſtar⸗ ken Willen, unabhängige Anſichten, einige Verachtung vor der Welt und folgte ihrer eigenen Neigung, ohne ſich der Meinung Anderer knechtiſch zu fügen; ande⸗ rerſeits war ſie empfänglich, romantiſch und von lieb⸗ licher, zärtlicher und freundlicher Stimmung. Ihr Beſuch bei Herrn Love, ſo unbeſonnen derſelbe auch war, ſtand nicht weniger mit ihrem Charakter in Uebereinſtimmung, als ihre Mildthätigkeit gegen die Frau des Handwerkers; ſie war männlich und ſorg⸗ los, wo es galt, etwas Exeentriſches zu thun— die Neug weibl und len i Sie lich i Zärtl ihr§ niß 6 ben f ville zu fit Schri eine rühmt weder e ihren en von nachten, erhaupt ſie als h wurde Nerville männ⸗ en ſtar⸗ achtung „ ohne ; ande⸗ on lieb⸗ Ihr be auch akter in gen die d ſorg⸗ — die 25 Neugierde zu befriedigen oder irgend einen Zweck der weiblichen Diplomatie zu erreichen— weiblich, zart und ſanft in dem Angenblick, wo man ihr Wohlwol⸗ len in Anſpruch nahm, oder ihr Herz gerührt wurde. Sie war jetzt drei Jahre Wittwe geweſen und folg⸗ lich im ſiebenundzwanzigſten Jahre. Ungeachtet der Zärtlichkeit ihrer Poeſie und ihres Charakters, war ihr Ruf unbefleckt. Sie hatte nie ein Liebesverhält⸗ niß gehabt. Leute, die ſehr beſchäftigt ſind, verlie⸗ ben ſich nicht leicht; ferner war Madame de Mer⸗ ville hochgebildet, vielfordernd und wünſchte Herven zu finden, wo ſie nur hübſche Stutzer oder häßliche Schriftſteller fand. überdies war Eugenie zugleich eine eitle und ſtolze Perſon— eitel auf ihre Be⸗ rühmtheit und ſtolz auf ihre Geburt. Sie war eine Perſon, deren Herzensgüte ſie ſtets thätig machte, das Glück Anderer zu befördern. Sie war nicht nur großmüthig und mildthätig, ſondern auch bereit, den Leuten durch gute Dienſte, ſo wie durch Geld nütz lich zu ſein. Jedermann liebte ſie. Das neugeborne Kind, deſſen Taufe das Feſt dieſer Nacht galt, war das Pfand einer Verbindung, die Madame de Mer⸗ ville zwiſchen zwei jungen Perſonen bewirkt hatte, die Geſchwiſterkinder und auch mit ihr verwandt wa⸗ ren. Es waren Bedenklichkeiten der Eltern zu beſei⸗ tigen— Geldangelegenheiten zu ordnen geweſen— Eugenie hatte Alles in Ordnung gebracht. Die jun⸗ gen Eheleute, die einander noch liebten, betrachteten ſie, nächſt dem Himmel, als die Urheberin ihres Glücks Die Geſellſchaft jenes Abends war daher von un⸗ gewöhnlich angenehmer Art und die Fröhlichkeit tönte nicht hohl, ſondern kam aus dem Herzen. Doch wenn Eugenie von Zeit zu Zeit das junge Paar be⸗ trachtete, deſſen Augen ſtets einander ſuchten— ſo ſchön, ſo zärtlich, ſo freudig, wie ſie ſchienen— da verdunkelte ein ſchwermüthiger Schatten ihre Stirn und ſie ſeufzte nnwillkürlich. Einmal näherte ſich ihr ſchüchtern die junge Frau, die d'Anville hieß, und ſagte: „Ach, meine liebe Couſine, wann werden wir Sie ſo glücklich ſehen, wie wir es ſind? Es liegt ſo viel Glück darin, eine Mutter zu ſein,“ ſetzte ſie unſchul⸗ dig und erröthend hinzu.„Jenes kleine Leben ſo ganz unſer eigen— und man hat jede Stunde etwas zu denken!“ „Vielleicht, ſagte Eugenie lächelnd, indem ſie die Unterredung von einem Gegenſtande abzulenken ſuchte, der Gefühle und Gedanken zu nah berührte, die ihr Stolz nicht verrathen wollte—„vielleicht ſind Sie es alſo, die unſern Vetter, den armen Herrn vyn Vaudemont, ſo entſchloſſen gemacht hat, zu hei⸗ rathen? Bitte, ſein Sie vorſichtiger mit ihm. Wie ſchwer iſt es mir geworden, ihn zu verhindern, eine Perſon in unſere Famtlie zu bringen, die uns Alle würde lächerlich gemacht haben!“ „Es iſt wahr,“ ſagte Madame d'Anville lachend. „Aber der Chevalier iſt ſo arm und verſchuldet. Er würde ſich nicht in die Demoiſelle, ſondern in die Mitgift verlieben. Wie geſchickt Sie ſeine prahleriſche Behe jener So: zu g hiehe unar demr vorg Neb Poſſ ich Vert gibt Leut wie alſo ausſ gefie ſtizz gew vorl weni Lock Vett ſorg lache über vbn un⸗ re Stirn herte ſich ille hieß, wir Sie ſo viel unſchul⸗ Leben ſo de etwas ndem ſie bzulenken berührte, vielleicht en Herrn „zu hei⸗ m. Wie ern, eine uns Alle lachend. ldet. Er n in die ahleriſche Behauptung benutzten, er wolle alle Verbindung mit jenem Büreau abbrechen!“ „Ja, ich wünſche mir Glück zu dieſem Manöver. So unangenehm es auch war, an einen ſolchen Ort zu gehen— denn ich konnte doch Herrn Love nicht hieherkommen laſſen— ſo wäre es doch noch viel unangenehmer geweſen, eine ſolche Madame de Vau⸗ demont zu empfangen, wie uns unſer Vetter würde vorgeſtellt haben. Denken Sie nur— er war der Nebenbuhler eines Gewürzhändlers! Ich hörte, die Poſſe hatte eine ſeltſame Entwickelung; doch konnte ich nie von Vaudemont die Einzelnheiten erfahren. Vermuthlich ſchämt er ſich deſſen.“ „Welche ſeltſame Profeſſionen es doch in Paris gibt!“ ſagte Madame d'Anville,„als könnten die Leute nicht heirathen, ohne in ein Büreau zu gehen, wie man einen Dienſtboten ſucht! So iſt das Büreau alſo aufgehoben? Und Sie ſahen jenen wilden, finſter ausſehenden Burſchen nicht wieder, der Ihnen ſo ſehr gefiel, daß Sie ihn zu dem Original der Murillo⸗ ſtizze jenes Jünglings in der entzückenden Erzählung gewählt haben, die Sie uns vor einigen Abenden vorlaſen. Ei, Couſine, ich glaube, Sie waren ein wenig in ihn verliebt; das Heirathsbüreau hatte ſeine Lockungen für Sie, ſo gut wie für unſern armen Vetter!“— Die junge Mutter ſagte dies lachend und ſorglos. „Pah!“ entgegnete Madame de Merville ebenfalls lachend; doch es verbreitete ſich ein leichtes Erröthen über ihre natürliche Bläſſe.„Doch was den Vieomte —————— anbetrifft— ſo wiſſen Sie, wie grauſam er ſich gegen jenen armen Knaben von ſeiner engliſchen Frau be⸗ nahm— er hat ihn nie geſehen, ſeit er ein Kind war— hat ihn in England in die Schule geſchickt, und Alles, weil ſeine Eitelkeit es nicht zugeben will, daß die Welt weiß, er habe einen Sohn von neun⸗ zehn Jahren! Jetzt habe ich ihn endlich bewogen, dieſen armen Jungen zuruckzurufen.“ „Ei, wie das?“ „Nun,“ ſagte Eugenie lächelnd,„er bedurfte einer Anleihe, der arme Mann, und ich konnte ihm daher ſtatt der Zinſen Bedingungen auferlegen. Es gelang mir aber auch, ihn mit dem Vorſchlage auszuſöhnen, indem ich ihm vorſtellte, wenn der junge Mann ein gutes Ausſehen habe, ſo könnten wir bei unſeren Ver⸗ bindungen u. ſ. w. ihm eine vortheilhafte Partie verſchaffen, und wenn der Vater ihn jetzt gut und freundlich behandle, ſo würde er natürlich mit dem Vater die Vortheile einer ſolchen Verbindung theilen.“ „Ah! Sie verſtehen ſich vortrefflich auf die Di⸗ plomatie, Eugenie, und beſtimmen die Leute nach Ihrem Willen zu handeln, indem Sie beſtändig Ihrem Herzen folgen. Still, hier kommt der Vicomte!“ „Ein ergötzlicher Ball,“ ſagte Herr von Vau⸗ demont ſich der Wirthin nähernd.„Bitte, ſagen Sie mir doch, hat die junge Dame dort im rothen Kleide Vermögen? Sie iſt hübſch— he?— Und bemerken Sie nicht, daß Sie nach mir ſieht— ich meine nach uns?“ „Mein lieber Vetter, welch ein Compliment machen Sie und Anni ſtehen ſie ga irrte: Dame „ heirat 3 „habe macht D nicht, auf di meine meine ich Jh Mann einen gegen au be⸗ Kind eſchickt, n will, neun⸗ wogen, te einer daher gelang ſöhnen, nn ein en Ver⸗ Partie zut nd tit dem heilen.“ die Di⸗ te nach Ihrem mte!“ Vau⸗ ſagen rothen — Und t— ich machen Sie der Ehe. Sie haben ſchon zwei Frauen gehabt und bemühen ſich noch um eine dritte!“ „Was ſoll man thun?— Wir können nicht den Annäherungen Ihres bezaubernden Geſchlechts wider⸗ ſtehen. Hm— wie viel Vermögen hat ſie?“ „Keinen Sous; überdies iſt ſie verlobt.“ „O! jetzt, da ich ſie näher anſehe, finde ich, daß ſie gar nicht hübſch iſt— ganz und gar nicht. Ich irrte mich; ich meinte ſie nicht. Ich meinte die junge Dame in Blau.“ „Schlimmer und ſchlimmer— die iſt ſchon ver⸗ heirathet. Soll ich Sie vorſtellen?“ „Ei, Herr Vaudemont,“ ſagte Madame d'Anville, „haben Sie ein neues Heirathsbüreau ausfindig ge⸗ macht?“ Der Vicomte ſtellte ſich, als höre er die Frage nicht, wendete ſich aber zu Eugenien, führte ſie auf die Seite und ſagte mit einer Miene, worin er viel Kummer auszudrücken ſuchte:„Sie wiſſen, meine liebe Coufine, daß ich Ihnen zu gefallen meinen Sohn kommen laſſen wollte, obgleich, wie ich Ihnen immer ſagte, es ſehr nnangenehm für einen Mann in der Blüte des Lebens iſt, wie ich bin, einen großen Jungen von neunzehn oder zwanzig Jahren mit herumzuſchleppen. Die Leute ſagen bald, „der alte Vaudemont und der junge Vaudemont.“ Indeſſen wendet man ſich nie vergebens an die Ge⸗ fühle eines Vaters.“— Hier hielt der Vicomte ſein Taſchentuch vor ſeine Augen und fuhr nach einer Pauſe fort.—„Ich ſchickte nach ihm— ich ging ſogar zu Ihrer alten Bonne, Madame Dufour, um wegen ihres Logis mit ihr zu handeln, und denken Sie ſich meinen Kummer, heute erhalte ich einen Brief mit ſchwarzem Siegel. Mein Sohn iſt todt! Ein plötzliches Fieber— es iſt entſetzlich!“ „Scheußlich! todt!— Ihr eigener Sohn, den Sie kaum geſehen haben, ſeit er ein kleines Kind war!“ „Ja, das mildert den Schlag gar ſehr. Und nun ſehen Sie wohl, muß ich heirathen. Wenn der Junge von gutem Außern geweſen wäre, und mir gleich u. ſ. w., ſo hätte er, wie Sie ſagten, eine gute merte Partie machen, mir eine gewiſſe Summe ausſetzen, hallte oder wir zuſammen wohnen können.“ P „Ihr Sohn iſt todt, und Sie kommen auf einen entlaf Ball?“ ihren „Ich bin Philoſoph,“ ſagte der Vicomte achſel⸗— 6 zuckend.„Und wie Sie ſelber bemerkten, ſah ich ihn nie. Ich erſpare dadurch ſiebenhundert Franken jähr⸗ lich. Sagen Sie Niemanden ein Wort— ich möchte es nicht bekannt haben, daß er todt iſt, der arme Junge! Bitte, ſein Sie vorſichtig: es gibt böſe Leute, die es für ſeltſam halten möchten, daß ich mich nicht einſchließe. Ich kann warten, bis Paris ganz leer iſt. Es wäre Schade, jetzt jede Gelegenheit zu ver⸗ lieren, denn nun, ſehen Sie wohl ein, muß ich heirathen!“ Und der Philoſoph ſchlenderte weiter. eine aus antik die b ſchien r, um denken einen r Junge r gleich ne gute usſetzen, uf einen Zwölftes Kapitel. Guiomar. Die Huldigung, die ich zu zollen habe, Steht hier im Herzen, nicht im Buch geſchrieben! Rutilio(tritt auf). Ich bin verfolgt, die Häfen find geſchloſſen, Und keine Hoffnung ſehe ich zur Flucht— Vor mir und hinter mir, auf allen Seiten Bin ich umſiellt. Beaumont und Fletcher: „Landesſitte.“ Die Geſellſchaft war eben fort— ſchon däm⸗ merte der Tag— das Rollen des letzten Wagens ver⸗ hallte in der Ferne. Madame de Merville hatte ihre Kammerjungfer entlaſſen, ſaß in ihrem eigenen Zimmer und ſtützte ihren Kopf nachdenkend auf die Hand. Neben ihr befand ſich ein Tiſch, worauf ihr Ma⸗ nuſeript und einige Bücher lagen, unter welchen zer⸗ ſtreute Blumenvaſen ſtanden. Auf einem Fußgeſtell unter dem Fenſter ſtand eine Marmorbüſte von Dante. Durch die offene Thür ſah man die Zimmerreihe, welche ihre Gäſte eben verlaſſen hatten— die Lichter brannten noch auf den Leuchtern und kämpften mit dem Tageslicht, welches durch die halbgeſchloſſenen Vorhänge hereinfiel. Die Perſon der Bewohnerin ſtand in Harmonie mit den Zimmern. Sie hatte eine gewiſſe Grazie an ſich, welche die Schriftſteller aus Mangel eines beſſern Beiworts klaſſiſch oder antik zu nennen geneigt ſind. Ihre Geſichtsfarbe, die bei jener Beleuchtung bleicher als gewöhnlich er⸗ ſchien, war dennoch ſanft und zart— die Züge wohl aller Reize, die Vereinigung des Verſtandes mit der Lieblichkeit— die dunklen blauen Augen waren ge⸗ dankenvoll, vielleicht ſchwermäthig in ihrem Ausdruck; aber die langen dunkeln Augenwimpern, und die Geſtalt der Augen ſelbſt, die mehr lang als voll waren, verlieh ihrem intelligenten Ausdruck eine Sanftmuth, die ſich der Mattigkeit näherte, und die vielleicht durch jene leichten Schatten um und unter den Augen er⸗ höht wurde, der denen eigen iſt, die entweder ihren Geiſt oder ihr Herz zu ſehr angeſtrengt haben. Der Umriß ihres Geſichts hatte, ohne ſcharf oder eckig zu ſein, ein wenig von der Abrundung der frühen Ju⸗ gend verloren, und die Hand, worauf ſie ſich ſtützte, war vielleicht zu weiß und zart für die Schönheit, die der Geſundheit angehört; aber der Hals und die Büſte waren von vortrefflichem Ebenmaß. „Ich bin nicht glücklich,“ flüſterte Eugenie bei ſich ſelber,„doch weiß ich kaum warum. Iſt es wirklich ſo, wie wir romantiſchen Weiber geſagt haben, bis der Ausſpruch gänzlich abgenutzt iſt, daß nicht Ruhm, ſondern Liebe die Beſtimmung des Weibes iſt. Seltſam iſt es doch, daß, während ich ſo oft ſchilderte, wie die Liebe ſein ſollte, ich ſie dennoch nie empfunden habe. Und nun— und nun,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich mit innerer Qual halb erhob, „nun bin ich nicht mehr in meiner erſten Jugend. Wenn ich liebte, ſollte ich wieder geliebt werden? Wie glücklich ſchien jenes junge Paar— ſie ſind niemals allein?“ gebildet und weiblich. Ihr Geſicht hatte den ſeltenſten 3 den rief it gedun bleibſ that, Stund / auf d Gefah D gierig wollte die S N gerütt hatte, kroch die B eit, die und die enie bei Iſt es geſagt iſt, daß Weibes ſo oft dennoch „4 fuhr b erhob, Jugend. verden? ie ſind 33 In dieſem Augenblicke hörte man in der Ferne den Knall von Feuerwaffen. Eugenie ſprang auf und rief ihrem Diener zu, der, nebſt einem für den Abend gedungenen Aufwärter, beſchäftigt war, die über⸗ bleibſel des Feſtes abzuräumen, und während er dies that, die Teller beleckte.„Was iſt das zu dieſer Stunde?— Seffne das Fenſter und ſieh hinaus!“ „Ich kann nichts ſehen, Madame.“ „Schon wieder— das iſt das drittemal. Geh auf die Straße und ſieh nach— es muß Jemand in Gefahr ſein.“ Der Bediente und der Aufwärter, die beide neu⸗ gierig waren und ſich nicht von einander trennen wollten, eilten die Treppe hinunter und dann auf die Straße. Nachdem Morton vergebens an Birnie's Fenſter gerüttelt hatte, welches der Verräther vorher geſchloſſen hatte, damit ſein Schlachtopfer nicht entwiſchen ſolle, kroch er raſch auf dem Dache fort und wurde durch die Bruſtwehr nicht nur vor den Schüſſen, ſondern auch vor dem Anblick der Feinde geſchützt. Aber ge⸗ rade, als er den Punkt erreichte, wo die Gaſſe mit der breiten Straße einen Winkel bildete, ſah er über die Bruſtwehr und bemerkte, daß einer von den Offi⸗ cianten ſich über die gefährliche Brücke gewagt hatte: er wurde verfolgt— Entdeckung und Gefangen⸗ nahme ſchienen unvermeivlich. Er hielt inne und ath⸗ mete ſchwer. Er, einſt der Erbe eines ſoſchen Ver⸗ mögens, der Gegenſtand ſo zärtlicher Neigung— er wurde als Mitſchuldiger einer Bande von Verbrechern Bulwer, Nacht und Morgen, II. Aber er hatte dein onnen— er eilte einen Ruf hinter ciant hatte die L übe en.„Bis iett iſt es nur ein Mann,“ dachte er, ſeine Naſenflügel erwei⸗ terten ſich und feine Hände baliten ſich, als er wei⸗ k und jedes Fenſter anſah, an dem er vor⸗ über hrend Geſundheit und Kraft ſich anſtrengten, um dem Geſetze zu entgehen und das Leben zu retten, war der Tod in der Nähe geſchäftig. In einer elenden Dachkammer kämpfte ein noch junger Handwerker mit einer langwierigen Krank⸗ heit und ging langſam aus dieſer Welt, wo der Fluch Kains immerdar geſchäftig iſt. Dieſer Mann hatte aus Liebe geheirathet und ſein Weib hatte ihn ge⸗ liebt; aber die Sorgen dieſer frühen Heirath hatten ihn bis auf die Knochen verzehrt Der äußerſte Mangel wenn er lange fortdauert, zehrt die Liebe auf, da er an ſonſt nichts zehren kann. Und wenn die Leute gar lange nicht ſterben, ſo beginnen die, welche dadurch beunruhigt beläſtigt werden, an die nur zu oft heuchleriſche Phraſe— an eine glückliche Auflöſung zu denken. So war dem halbverhungerten Weibe kein Strohhalm an ihrem ſterbenden Manne gelegen, den ſie vor noch nicht zwei Jahren zu lieben und in Krank⸗ heit und Geſundheit zu pflegen feierlich gelobt. Den⸗ noch aber ſchien ſie um ihn beſorgt zu ſein, denn ſie in noch Krank⸗ er Fluch in hatte ihn ge⸗ hatten Mangel, f, da er ute gar dadurch zu oft uflöſung ibe kein en, den Krank⸗ 35 r te und ſtöhnte und weinte, als der Athemzug des Mannes ſchwächer und ſchwächer wurde. „Ach, Jean!“ ſagte ſie ſchluchzend,„was wird aus mir werden, aus mir armen verlaſſenen Wittwe, wenn ich Niemand habe, der um mein Brod arbeitet?“ Bei dem Gedanken weinte ſie noch heftiger. „Ich erſticke,“ ſagte der Sterbende, indem er ſeine graſſen Augen rollte.„Wie heiß es iſt! Oeffne das Fenſter; ich möchte das Licht— das Tageslicht noch einmal ſehen.“ „Mein Gott! welche Einfälle er hat, der arme Mann!“ murmelte das Weib ohne ſich zu regen. Der unglückliche ergriff mit ſeiner Knochenhand ſeines Weibes Arm. „Ich werde Dich nicht lange beläſtigen, Marie! Luft— Luft!“ „Jean, es wird Dir ſchlimmer werden— über⸗ dies könnte ich mir durch die Erkältung den Tod zu⸗ ziehen. Ich habe kaum einen Fetzen an, aber ich will die Thür öffnen.“ „Verzeihe mir,“ ſtöhnte der Leidende;„ſo verlaß mich denn.“ Armer Kerl! Vielleicht war der Gedanke an die Unfreundlichkeit ſchmerzlicher als der heftige Huſten, der bei jedem Paroxismus Blut heraufbrachte. Er wünſchte ſie nicht ſo nah zu haben und doch tadelte er ſie nicht. Das Weib öffnete die Thür, ging auf die andere Seite des Zimmers, ſetzte ſich auf einen alten Kaſten nieder und begann ein altes Halstuch zu flicken. Das 36 Schweigen wurde bald durch das Stöhnen des benden unterbrochen, und wieder murmelte er, indem er ſich mit bleichen Lippen in ſeinem Bette herum⸗ warf:„Ich erſticke!— Luft!“ Dieſer Bitte war nicht zu widerſtehen— es ſchien die letzte zu ſein. Das Weib legte die Nadel nieder, ſchlang das Halstuch um ihren Hals und öffnete das Fenſter. „Fühlſt Du Dich jetzt leichter?“ „Gott ſegne Dich, Marie— ja; das iſt gut. Sie erinnert mich an alte Tage, jene friſche Luft, ehe wir nach Paris kamen.— Ich wollte, ich könnte jetzt für Dich arbeiten, Marie.“ „Jean! Mein armer Jean!“ rief die Frau und die Worte und die Stimme riefen ihrem verhärteten Herzen die friſchen Felder und zärtlichen Gedanken der vergangenen Zeit zurück. Und ſie ging zu dem Bette und er lehnte ſeine mit Todesſchweiß bedeckte Schläfe an ihre Bruſt. „Ich bin eine traurige Laſt für Dich geweſen, Marie; wir hätten nicht ſo früh heirathen ſollen; aber ich glaubte ſtärker zu ſein. Weine nicht; wir haben keine Kinder, Gott ſei gedankt. Es wird viel beſſer für Dich ſein, wenn ich geſtorben bin.“ Und nachdem er ſo ein Wort nach dem andern hervorgeſtöhnt hatte, hielt er plötzlich inne und ſchien in Schlummer zu ſinken. Das Weib verſuchte ihn wieder ſanft auf ſein Kiſſen zu legen— der Kopf ſiel ſchwer zurück— die Zähne waren zuſammengebiſſen, die Augen offen entdet „. Leiche die D ſollen ſteiger ſehen. At dieſen ſelbe Neugi erum⸗ ſchien nieder, te das t. Sie t, ehe te jetzt nd irteten danken u dem edeckte weſen, ſollen; ; wir rd viel andern ſchien uf ſein ück— offen 37 und wie Stein— und plötzlich erkannte ſie bie Wahr⸗ heit!— „Jean— Jean! mein Gott, er iſt todt! Und ich war bis zum letzten Augenblick unfreundlich gegen ihn!“ Mit dieſen Worten fiel ſie bewußtlos über die Leiche hin. Gerade in dem Augenblick ſah ein menſchliches Geſicht zum Fenſter herein und nach einer kurzen Pauſe ſprang ein junger Mann leicht ins Zimmer. Er ſah ſich mit raſchem Blicke um, bemerkte aber kaum die auf dem Bette ausgeſtreckten Geſtalten. Es war ge⸗ nug für ihn, daß ſie zu ſchlafen ſchienen und ihn nicht ſahen. Er ſchlich ſich durchs Zimmer, deſſen Thür Marie offen gelaſſen, und ſtieg die Treppe hinunter. Schon hatte er beinahe den Hoſplatz erreicht, zu welchem die Treppe führte, als er bei dem Zimmer des Portier Stimmen reden hörte. „Die Polizei hat eine Bande von Falſchmünzern entdeckt!“ „Falſchmünzer!“ „Ja, einer iſt erſchoſſen worden! Ich habe ſeine Leiche in der Rinne liegen ſehen. Ein anderer iſt über die Dächer entflohen— ein verzweifelter Kerl! Wir ſollen auf ihn achten. Laßt uns die Treppe hinauf⸗ ſteigen, aufs Dach gehen und uns nach ihm um⸗ ſehen.“ Aus dem Gemurmel der Billigung, welches auf dieſen Vorſchlag folgte, erkannte Morton, daß ber⸗ ſelbe an mehrere Perſonen gerichtet war, welche die Neugierde und der Knall der Piſtolen aus ihren Betten herbeigeführt und die ſich um das Zimmer des Por⸗ tier verſammelt hatten. Was war zu thun? Weiter zu gehen war unmöglich; war es noch Zeit, ſich zu⸗ rückzuziehen?— Es war wenigſtens das einzige, was ihm übrig blieb. Er ſprang die Treppe wieder hin⸗ auf und hatte eben den erſten Stock erreicht, als er Jemand die Treppe herunterkommen hörte. Plötzlich fiel ihm ein, daß er das Fenſter oben offen gelaſſen, und daß durch dieſe Unvorſichtigkeit der Polizeidiener den Weg entdeckt habe, den er genommen. Was war zu thun?— Zu ſterben, wie Gawtrey gethan!— Der Tod war ihm lieber als die Galeere. Als er zu dieſem Entſchluſſe gekommen war, ſah er zur Rechten die Thür eines Zimmers offen, wo noch Licht brannte. Es ſchien leer zu ſein— er trat kühn und raſch ein und machte die Thür plötzlich hinter ſich zu. Wein und Speiſen ſtanden noch auf dem Tiſche; vergoldete Spiegel zeigten ihm ſein verſtörtes Bild; hie und da lag eine künſtliche Blume oder eine Bandſchleife am Boden. Alles deutete auf die Heiterkeit und Anmuth des luxuriöſen Lebens— auf Tanz, Schwelgerei und Feſtlichkeit— dies Alles in einem Zimmer! Oben in demſelben Hauſe das Lelende Lager— die Leiche— die Wittwe— Hungersnoth und Weh! So iſt es in einer großen Stadt! ſo iſt es vor allen in Paris, wo unter demſelben Dache ſolche Gegenſätze des ge⸗ ſelligen Zuſtandes verſammelt ſind! Es liegt nichts Seltſames darin; aber das Seltſame und Traurige iſt, daß Leute, die ſo nahe Nachbarn ſind, einander ſo wenig kennen, daß die Beſitzerin dieſer Zimmer ein ſo mi von d Gäſte qual: das er einem Augen die wi higen les He und d jenen diator hung Kleidt die ir Zimm Schre ſie ſto gel g Y c folgt! Könn⸗ A unden „ erkanr F Por⸗ Weiter ßlötzlich elaſſen, eidiener rannte. ſch ein Wein rgoldete und da eife am Anmuth rei nd Oben eiche— ſo mildes und gefühlvolles Herz hatte, aber von den ſo nahen Leiden wuf Die Mu die ihre Gäſte erheitert hatte, war zu den Ohren der Todes⸗ qual und des Hungers gedrungen. Morton ging di das erſte Zimmer— durch das zweite er kam zu einem dritten— und Eugenie de ville, die in dem Augenblick aufſah, erblickte eine Erſcheinung vor ſich, die wohl die Kühnſte ihres Geſchlechts hätte beunru⸗ higen können. Sein Kopf war unbed ſein dunk⸗ les Haar beſchattete in wilder Fülle das laſſe Geſicht 1 und die Züge, zwar ſchön, hatten in dem i Anſenn jenen Ausdruck, den ein Künſtler einem jungen Gla⸗ diator mittheilen würde— d die nur Trotz, Dro⸗ hung und n usdrückten. unordentliche ung— das wilde i die im eige Si inner ſprühten Schre Seit einer ſo plötzli „Wer Sie 7— 2 ſie ſtotternd, i i ff. Morton faßte dieſe ſanfte Hand. Ich ſuche mein Leben zu retten! Ich wer bin in Ihrer Macht! Ich bin unſch Sie mich retten?“ 3 wurbe und man hörte Fuß „Ah! end, as er ihr erkannte.„Und bin ich zu Ihnen geflohen?“ Eugenie erkannte den Fremden auch und es etwas in ihrer Stellung zu einander— er der Fle⸗ hende, ſie die Beſchützerin— was ihre Phantaſie und ihr Mitleid erregte. Eine leichte Röthe verbreitete ſich über ihre Wangen— ihr Blick war ſanft und mitleidig. „Armer Junge! So jung!“ ſagte ſie.„Still!“ Sie entzog ihm ihre Hand, trat einige Schrittt zurück, erhob den Vorhang vor einer Niſche und deu⸗ tete auf einen Alkov, der eins von jenen Sophabetten enthielt, die in franzöſiſchen Häuſern gewöhnlich ſind, und ſetzte leiſe hinzu:„Treten Sie ein— hier ſind Sie ſicher.“ Morton gehorchte und Eugenie zog den Vorhang wieder zu. Dreizehntes Kapitel. Guiomar. Sprecht! wer ſeid Ihr. Rutilio. O hört mich, gnäd'ge Frau. Ich bin ein Fremder; Zur Antwort das aufalle Eure Fragen. Beaumont und Fletcher: „Landesſitte.“ Eugenie zog den Vorhang wieder zu. Und kaum hatte ſie dies gethan, als Leute in das Zimmer traten, wo ſie ſich befand. Ihr Diener war von zwei Poli⸗ zeidienern begleitet. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte einer von den letzteren,„wir verfolgen einen Verbrecher. Wir glau⸗ ben, er muß oben durch ein Fenſter in dies Haus gekommen ſein, während Ihr Diener auf der Straße war. Erlauben Sie mir, Nachſuchung anzuſtellen?“ ſeze ſich Zimt zurüc ling Gere rechti Z die e dem Alkor aus Sie auf ſi bleich „ in die D Die r C „— er un! Er böſen Wang edle N 41 der Fle⸗„Ohne Zweifel,“ antwortete Eugenie ſich nieder⸗ taſie und ſetzend.„Wenn er hereingekommen iſt, ſo müſſen Sie eitete ſich ſich in den andern Zimmern umſehen. Ich habe dieſes nitleidig. Zimmer nicht verlaſſen.“ „Still!“„Sie haben Recht. Verzeihen Sie.“ Schritte Die Polizeidiener kehrten in die andern Zimmer und deu⸗ zurück und durchſuchten jeden Winkel, wo der Flücht⸗ habetten ling nicht war. Darin gleichen die Spürhunde der lich ſind, Gerechtigkeit ihrer Herrin: denn wann ſucht die Ge⸗ ier ſind rechtigkeit des Menſchen je am rechten Orte? Der Diener verweilte und berichtete die Erzählung, Vorhang die er gehört und den Anblick, den er geſehen. In dem Augenblick ſah er, wie ſich der Vorhang des Alkovs ein wenig bewegte. Er ſtieß einen Ausruf aus— ſprang auf das Bett zu— ſeine Hand be⸗ rührte den Vorhang— Eugenie ergriff ſeinen Arm. Sie ſprach nicht; aber als er ſeine Augen erſtaunt auf ſie richtete, ſah er, daß ſie zitterte und ihre Wange reFragen. bleich war, wie Marmor. „Madame,“ ſagte er zaudernd,„es iſt Jemand in dieſem Alkov verborgen.“ d kaum„Ja! Sei ſtill!“ traten, Dem Diener ſtieg ein plötzlicher Verdacht auf. i Poli⸗ Die reine, die ſtolze, die makelloſe Eugenie! u. Ich bin „Ja!— und in Madame's Zimmer!“ ſtotterte on den er unbewußt. r glau⸗ Eugeniens Scharfblick erkannte im Augenblick den Haus böſen Gedanken. Ihr Auge ſprühte Feuer— ihre Straße Wange wurde purpurroth. Aber ihre erhabene und llen?“ edle Natur beſiegte ſelbſt den unwilligen und ver⸗ 42 ächtlichen Ausbruck, der ihr auf die Lippen trat. Die Wahrheit!— Konnte ſie dem Manne trauen? Ein Zweifel— und das Menſchenleben, welches ſich ihr anvertraut hatte, konnte verrathen werden. Sie wurde wieder bläſſer und es traten ihr Thränen in die Augen. „Ich bin gütig gegen Dich geweſen, Franz. Kein Wort!“ „Madame vertrauen mir— das iſt genug,“ ſagte der Franzoſe mit leichtem Lächeln ſich verbeugend und zog ſich dann reſpektvoll zurück. Einer von den Pvolizeidienern trat wieder ein. „Wir haben geſucht, Madame, er iſt nicht da. Aha! Der Vorhang!“ „Es iſt der Madame Bett,“ ſagte Franz.„Ich habe ſchon dahinter geſehen.“ „Es thut mir ſehr leid, Sie geſtört zu haben,“ ſagte der Polizeimann, mit dieſer Antwort zufrieden; „aber wir werden ihn dennoch bekommen.“ Und er enifernte ſich. Die letzten Fußtritte verhallten, die letzte Thür ſchloß ſich hinter den Polizeidienern und Eugenie und ihr Diener ſtanden allein da und ſahen einander an. „Du kannſt gehen,“ ſagte ſie endlich, nahm eine görſe vom Tiſche und gab ſie ihm in die Hand. Der Mann nahm ſie mit bedeutungsvollem Blicke „Madame können ſich auf meine Verſchwiegenheit verlaſſen.“ Eugenie war wieder allein. Dieſe Worte klangen ihr noch im Ohr— Eugenie de Merville von der Verſchwiegenheit ihres Dieners abhängig! Sie ſank auf il und b leiſe blickte „6 Alles Sie h fahr r Sie!“ 6 — vergeff die ih guten um— den er Heilig Eintri ihre 2 — Jh währe Sie d ſoll der Y Thür Et ſprant „C wollen glückli t. Die Ein ſich ihr wurde Augen. Kein “ ſagte d und ein. icht da. „Ich haben, frieden; Und er e Thür nie und der an. hm eine and egenheit langen on der ie ſank 43 auf ihren Stuhl nieder— ihrer Aufregung folgte Erſchöpfung, ſie ſtützte ihr Geſicht auf ihre Hände und hrach in Thränen aus. Sie wurde durch eine leiſe Stimme aus ihrem Nachdenken erweckt— ſie blickte auf und der junge Mann kniete zu ihren Füßen. „Gehen Sie— gehen Sie!“ ſagte ſie;„ich habe Alles für Sie gethan, was ich kann. Sie hörten— Sie hörten— mein eigener Diener auch! Mit Ge⸗ fahr meines guten Namens ſind Sie gerettet. Gehen Sie!“ „Ihres guten Namens?“— denn Eugenie hatte vergeſſen, daß es Blicke, nicht Worte geweſen waren, die ihren Stolz ſo ſehr verletzt hatten—„Ihres guten Namens?“ wiederholte er und ſah ſich im Zimmer um— der Toilettentiſch, der Vorhang, der Alkov, den er verlaſſen— Alles deutete auf das keuſcheſte Heiligthum eines keuſchen Weibes, welches durch den Eintritt eines Fremden mußte entweiht werden, und ihre Meinung wurde ihm klar.„Ihr guter Name? — Ihr Diener!— Nein, Madame— nein!“ Und während er ſprach, ſtand er auf.„Für mich ſollen Sie dieſes Opfer nicht bringen! Ihre Menſchlichkeit ſoll Ihnen nicht ſo theuer werden. Heda! ich bin der Mann, den ihr ſucht!“ Und er ſchritt auf die Thür zu. Eugenie wurde von dieſer Antwort erſchüttert. Sie ſprang auf ihn zu— ſie ergriff ſeine Kleider. „Still! ſtill!— Um des Himmels willen! Was wollen Sie thun? Denken Sie, ich könnte je wieder glücklich werden, wenn das Vertrauen verrgthen würde, . welches Sie in mich ſetzten? Sein Sie ruhig— ſei Sie ſtill. Ich wußte nicht, was ich ſagte. Es win leicht ſein, den Mann von ſeinem Argwohn abzu bringen— ſpäter— wenn Sie gerettet ſind. Un Sie ſind unſchuldig— nicht wahr?“ „O, Madame,“ ſagte Morton,„mit Wahrhei kann ich behaupten, daß ich unſchuldig bin— ich bin in Armuth— Elend— Irrthum— Schande ver⸗ ſunken, aber unſchuldig am Verbrechen. Möge der Himmel Sie ſegnen!“ Und als er ehrerbietig ihr⸗ Hand küßte, womit ſie ſeinen Arm faßte, lag etwat ſo Rührendes in ſeiner Stimme und in ſeinem Weſen, was ſo weit über ſeine gegenwärtige Lage erhaben war, daß Eugenie ſich in ihre Gefühle des Mitleids und der überraſchung verlor; auch mochte Bewun⸗ derung in ihrer Verwunderung liegen. „Und o!“ ſagte er leidenſchaftlich, indem er ſie mit ſeinen dunklen, glänzenden Augen anſah, die vor innerer Bewegung ſchimmerten,„Sie haben mir daz Leben theuer gemacht, indem Sie es mir retteten. Sie — Sie— an die ich, ſeit ich Sie das erſte und ein⸗ zige Mal ſah, ſo oft träumend und wachend gedacht. Was mir auch begegnen möge, jetzt werde ich Erin⸗ nerungen haben, die— die—“ Er hielt inne, denn ſein Herz war zu voll für Worte, und das Schweigen ſagte Eugenien mehr, als wenn alle Beredſamkeit Rouſſeau's auf ſeiner Zunge geglüht hätte. ₰ „Und wer und was ſind Sie?“ fragte ſie nc einer Pauſe. E geſtoße „ N nicht v Ruhe k nieder- „ Je „H Eugeni Ich we entdeckt des Ra Sie Mord „Je über ſei des einz geweſen „Ei „ Ei wiederſe Eug der Fre „Ja Sein E glücklich „Ein Verbannter— ein Verwaister— ein Aus⸗ 8— ſeil geſtoßener! Ich habe keinen Namen! Leben Sie wohl!“ Es win„Nein— bleiben Sie noch— die Gefahr iſt noch hn abzu nicht vorüber. Warten Sie, bis mein Diener ſich zur nd. Un Ruhe begeben hat; ich höre ihn noch. Setzen Sie ſich nieder— ſetzen Sie ſich. Und wohin wollen Sie gehen?“ Wahrheil„Ich weiß nicht.“ — ich bin„Haben Sie keine Freunde?“ ande ver⸗„Nein.“ Möge der„Keine Heimath?“ ietig ihr⸗„Nein“ ag etwah„Und die pariſer Polizei iſt ſo wachſam!“ rief n Weſen Eugenie, die Hände ringend.„Was iſt zu thun? erhaben Ich werde Sie vergebens gerettet haben! Sie werden Mitleidz entdeckt werden! Weſſen beſchuldigt man Sie? Nicht Bewun des Raubes— nicht—“ Sie hielt inne, denn ſie wagte das ſchwarze Wort m er ſie Mord nicht auszuſprechen. „die vor„Ich weiß nicht,“ ſagte Morton, mit der Hand mir das über ſeine Stirne fahrend,„außer, daß ich der Freund ten. Sie des einzigen Mannes war, der je freundlich gegen mich und ein⸗ geweſen— und ſie tödteten ihn!“ gedacht.„Ein andermal ſollen Sie mir Alles erzählen.“ ch Erin⸗„Ein andermal!“ rief er lebhaft;„werde ich Sie wiederſehen?“ voll für Eugenie erröthete bei dieſem Blicke und der Stimme ehr, als der Freude. r Zunge„Ja,“ ſagte ſie;„ja. Aber ich muß mich bedenken. Sein Sie ruhig— ſein Sie ſtill.— Ah!— ein ſie näch glücklicher Gedanke!“ Sie ſetzte ſich nieder, ſchrieb einige haſtige Zeilen, verſtegelte ſie und gab ſie Morton. „Bringen Sie dieſen Brief zur Madame Dufour; er wird Ihnen eine ſichere Wohnung verſchaffen. Sie iſt eine Perſon, auf die ich mich verlaſſen kann— eine alte Dienerin meiner Mutter, der ich ein kleines Jahrgeld gebe. Sie hat eine Wohnung— die kürzlich frei geworden— ich verſprach ihr einen Miether zu verſchaffen— gehen Sie— ſagen Sie nichts von dem, was geſchehen iſt. Ich will die gute Frau beſuchen und Alles anordnen. Warten Sie! Horch!— Alles iſt ſtill! Ich will voraus gehen und ſehen, daß Sie Nie⸗ mand beobachtet. Halt!“— und ſie öffnete das Fenſter und blickte in den Hof hinunter.„Der Portier hat die Thür offen gelaſſen— das trifft ſich glücklich! Eilen Sie, und Gott ſei mit Ihnen!“ In wenigen Minuten war Morton auf der Straße. Es war noch früh— die Straßen leer und noch kein Laden offen. Das Haus, wohin er gehen ſollte, lag in einiger Entfernung von der Seine. Er ging auf dem⸗ ſelben Quai dahin, den er erſt vor wenigen Stunden betreten, er überſchritt dieſelbe glänzende Brücke, wo er verzweiflungsvoll geſtanden, mit neu belebtem Muthe — und erreichte die Rue Faubourg St. Honoré. Ein junger Mann in einem Cabriolet, auf deſſen Wange ſich die Spuren des Nachtwachens und der Ausſchwei⸗ fung zeigten, rollte gemaͤchlich vom Spielhauſe heim, wo er noch glücklicher als gewöhnlich geweſen— ſeint Taſchen waren mit Banknoten und Gold überladen. Er neigte ſich vorwärts, als Mortyn an ihm vorüher⸗ ſpür ſtille mal Nac Zeilen, ufour; n. Sie nn— kleines kürzlich ther zu ndem, e Ules iſt ie Nie⸗ Fenſter ier hat ücklich! Straße. och kein „lag in uf dem⸗ Stunden cke, wo nMuthe r. Ein Wange us ſchwei⸗ iſe heim, — ſeint berladen. vyrüher⸗ 47 ging. Philipp, in ſeine Träumerei verſenkt, bemerkte ihn nicht und ſetzte ſeinen Weg fort. Der Herr bog in eine Straße zur Linken ein, hielt an und rief ſeinem Diener zu, der halb ſchlummernd hinten auf dem Cabriolet ſaß:„Folge jenem Fußgänger leiſe— und ſieh wo er wohnt. Mache es ausfindig und ſage es mir. Ich werde ohne Dich nach Hauſe fahren.“ Hier⸗ auf fuhr er weiter. Ohne ſich bewußt zu ſein, daß man ihm nach⸗ ſpüre, kam Philipp vor einem kleinen Hauſe in einer ſtillen aber reſpektablen Straße an und klingelte mehr⸗ mals, bis endlich Madame Dufour ſelber in ihrer Nachthaube kam und ihm öffnete. Die alte Frau ſah bei der unerwarteten Erſcheinung beſtürzt aus. Doch der Brief ſchien ſie ſogleich zu beruhigen. Sie führte ihn auf ein Zimmer im erſten Stock, welches klein, aber zierlich, ja elegant möblirt war, und neben welchem ſich ein Schlafzimmer befand, und ſagte ruhig: „Iſt es Ihnen paſſend, mein Herr?“ Dem Herrn erſchien das Zimmer wie ein Palaſt. Morton nickte bejahend. „Und wollen der Herr eine Weile ſchlafen?“ „Ja.“ „Das Bett iſt wohl ausgeluftet. Die Zimmer ſind erſt ſeit drei Tagen frei. Kann ich Ihnen irgend etwas beſorgen, bis Ihr Gepäck kommt?“ „Nein.“ Die Frau verließ ihn. Er legte ſeine Kleider ab warf ſich auf's Bett— und erwachte erſt um Mittag. Als er ſeine Augen öffnete— als ſie in dem ruhi⸗ gen Zimmer umher wanderten und er das geſunde, reine und bequeme Ausſehen deſſelben bemerkte, währte es lange, ehe er ſich überzeugen konnte, daß er wirk⸗ lich wache. Er vermißte die laute, tiefe Stimme Gaw⸗ trey's— den Rauch ſeiner Meerſchaumpfeife— die düſtere Dachkammer— die beſchmutzten Wände— das verſtohlene Geflüſter des verabſchenten Birnie, und nach und nach erinnerte er ſich, was er ſeit den letz⸗ ten zwölf Stunden erlebt hatte. Er ſeufzte und wen⸗ dete ſich unruhig um, als die Thür ein wenig geöffnet wurde. Er richtete ſich heftig auf und rief:„Wer iſt da?“ „Ich bin's nur, Herr,“ antwortete Madame Du⸗ four.„Ich bin ſchon dreimal da geweſen, um zu ſehen, ob Sie noch nicht wach wären. Hier iſt ein Brief, Herr, der, glaube ich, an Sie iſt, obgleich kein Name darauf ſteht.“ Und ſie legte den Brief auf den Stuhl neben ſeinem Bette. Sollte er von ihr kommen— von ſeinem Schutzengel? Er ergriff ihn. Das Couvert war unbeſchrieben und mit einem Siegel⸗ ringe verſiegelt. Er riß ihn auf und fand vier Bank⸗ noten, jede zu tauſend Franken, darin. „Wer ſchickte dies— die Dame, von der ich Ihnen den Brief brachte?“ „Madame de Merville? Gewiß nicht, Herr,“ ſagte Madame Dufour, die jetzt mit dem Vorrechte des Alters ohne Vedenken die Waſſerflaſche und Waſch⸗ ſchale füllte und den Toilettentiſch ordnete.„Ein junger Mann kam etwa zwei Stunden, nachdem Sie zu Bette gegangen waren; er beſchrieb Sie und fragte, eſunde, währte wirk⸗ Gaw⸗ — die nde— ie, und en letz⸗ d wen⸗ geöffnet „Wer me Du⸗ um zu iſt ein obgleich rief auf von ihr riff ihn. Siegel⸗ r Bank⸗ ch Ihnen r„“ ſagte echte des Waſch⸗ e.„Ein hdem Sie d fragte, 49 wo Sie wohnten, und wie Ihr Name ſei. Ich ſagte, Sie wären erſt eben angekommen und ich wiſſe Ihren Namen noch nicht. Darauf ging er fort und kam in einer halben Stunde mit dieſem Briefe zurück, den ich Ihnen ſicher überliefern ſollte.“ „Ein junger Mann— ein Herr?“ „Nein, Herr; es ſchien ein hübſcher Burſche von niedrigem Stande.“ Denn Madame Dufour erkannte in dem einfachen ſchwarzen Frack und den hellbraunen Gamaſchen des überbringers nicht die einfache Livree des Bedienten eines engliſchen Herrn. Von wem ſollte es kommen, wenn nicht von Ma⸗ dame de Merville? Vielleicht von einem von Gaw⸗ trey's ehemaligen Freunden? Arthur Beaufort fiel ihm ein, doch er wies den Gedanken mit Unwillen zurück. Die Menſchen glauben nicht leicht, was ſie nicht gern glauben wollen! Welche Güte hatten die Beaufort's ihm bisher erwieſen?— Hatten Sie nicht ſeine Mutter mit gebrochenem Herzen umkommen laſſen— ihm ſeinen Bruder geſtohlen und in dieſem Bruder das einzige Herz gegen ihn aufgebracht, von dem er ein Recht hatte, Dankbarkeit und Liebe zu erwarten! Nein, es mußte von Mabame de Merville ſein. Er ließ ſich von Madame Dufvur Feder und Papier bringen— ſtand auf— ſchrieb einen Brief an Eugenie— dank⸗ bar aber ſtolz— und ſchloß die Banknoten bei. Dann rief er Madame Dufvur und ſchickte ſie mit dem Briefe ab. „Ach, Madame,“ ſagte die ehemalige Bonne, als ſie bei Engenien war.„Der arme Innge! Wie ſchön Bulwer, Nacht u. Morgen II. 4 er iſt, und wie ſchmachvoll von dem Vicomte, ihn ſolche Kleider tragen zu laſſen!“ „Von dem Vicomte?“ „O, meine liebe gnädige Frau, Sie müſſen es nicht läugnen. Sie ſagten mir in Ihrem Briefe, ich ſolle ihm keine Fragen vorlegen, doch ich errieth es ſogleich. Der Vicomte ſagte mir ſelber, er würde den jungen Herrn in wenigen Tagen herüberkommen laſſen. Sie dürfen ſich ſeiner nicht ſchämen. Sie ſollen ſehen, wie die Kleider ſein Ausſehen verändern werden, und ich habe es ſelber übernommen, einen Schneider zu ihm zu ſchicken. Der Vicomte muß es mir bezahlen.“ „Noch kein Wort zu dem Vicomte, wir wollen ihn überraſchen,“ ſagte Eugenie lachend. Madame de Merville hatte ſich den ganzen Mor⸗ gen bemüht, eine Geſchichte zu erfinden, um ihr In⸗ tereſſe an dem jungen Manne zu rechtfertigen, und jetzt begünſtigte ſie das Glück! „Aber iſt das ein Brief an mich?“ „Ich hätte ihn beinahe vergeſſen,“ ſagte Madame Dufour, ihr den Brief reichend. Wenn ſchon Morton's Lage das Intereſſe und die romantiſchen Gefühle Eugeniens von Merville aufge⸗ regt hatte, ſo wurde ſie noch mehr durch den Ton des Briefes angezogen, den ſie jetzt las. Denn wenn ſich Morton gleich, der mehr gewohnt war Franzö⸗ ſiſch zu ſprechen als zu ſchreiben, mit geringerer Be⸗ ſtimmtheit und Auswahl der Worte ausdrückte, alz die Schriftſteller und feinen Herren, die ihre gewöhn⸗ lichen Correſpondenken waren, ſo lag doch ein ange⸗ „ihn en es e, ich eth es de den laſſen. ſehen, „ und der zu hlen.“ wollen Mor⸗ hr In⸗ „ und kadame ind die aufge⸗ n Ton nwenn Franzö⸗ rer Be⸗ e, als ewöhn⸗ ange⸗ 51 borner und rauher Adel— ein mächtiges und tiefes Gefühl in jeder Zeile ſeines Briefes, was ihre über⸗ raſchung und Bewunderung noch erhöhte. „Alles, was ihn umgibt— Alles, was ihm an⸗ gehört, iſt ſeltſam und geheimnißvoll!“ murmelte ſie und ſetzte ſich nieder, um zu antworten. Als Madame Dufvur ſich mit dieſem Briefe ent⸗ fernte, blieb Eugenie länger als eine Stunde ſchwei⸗ gend und gedankenvoll ſitzen. Morton's Brief lag vor ihr, und lieblich, in ihrer Unbeſtimmtheit, waren die Erinnerungen und die Bilder, die ſich ihrem Geiſte aufdrängten. Morton beruhigte ſich bei der ernſten und feier⸗ lichen Verſicherung Eugeniens, daß ſie nicht die un⸗ bekannte Geberin der wieder beigeſchloſſenen Summe ſei, und nachdem er ſich vergebens bemüht hatte, auf neue Vermuthungen zu kommen, fühlte er, daß es unter gegenwärtigen Umſtänden mehr als thöricht ſein werde, ſich zu weigern, das anzuwenden, was die Vor⸗ ſehung ſelbſt, der er ſich von Neuem hingegeben, ihm zu ſeiner Unterſtützung geſchickt zu haben ſchien. Auch wurde dadurch jeder Geldbeiſtand von derjenigen un⸗ nöthig, von der er denſelben am wenigſten hätte an⸗ nehmen können. Er willigte daher in Alles, was der redſelige Schneider ihm vorſchlug. Und es würde ſchwer geweſen ſein, den wilden und zerlumpten Flüchtling in der ſtattlichen und anmuthigen Geſtalt mit ihrer jungen Schönheit und der Miene angebornen Stol⸗ zes wieder zu erkennen, die am nächſten Tage an Eugeniens Seite ſaß. Und an dem Tage erzählte er 6 6 ₰ 52 ſeine traurige und ſtürmiſche Geſchichte, und Eugenie weinte. Von dem Tage an kam er täglich, und zwei Wochen vergingen— glücklich, traumartig, be⸗ rauſchend; und als die letzte Sonne derſelben unter⸗ ging, kniete er zu ihren Füßen und flüſterte ihr, bei der die Huldigung des Witzes, des Genies und des wohlgefälligen Reichthums bisher vergebens geweſen, die ſtürmiſchen und köſtlichen Geheimniſſe der erſten Liebe zu. Er ſprach und ſtand auf, um ſich auf im⸗ mer zu trennen— als der Blick und der Seufzer ihn zurückhielten. Am nächſten Tage, nach einer ſchlafloſen Nacht, ließ Eugenie de Merville den Vieomte de Vaudemont kommen. Vierzehntes Kapitel. Zum Silberbach, Beſtändig wach, Singt um die Wett', Wie zum Spinett, Des Haines Chor. Sir Richard Fanſhaw. Eines Abends, mehrere Wochen nach den eben erzählten Ereigniſſen, trat ein Fremder, der ein jun⸗ ges Kind an der Hand führte, auf den Kirchhof zu H'. Die Sonne war noch nicht lange untergegangen und das kurze Zwielicht des Sommers herrſchte am ruhi⸗ gen Himmel; man konnte noch an den Bäumen über den Gräbern das Zirpen eines freudigen Vogels hö⸗ ren— was kümmerte ſich der Bewohner des Him⸗ mels um die Todten, die unten ſchliefen?— Was ſch den gle wu hoh ſche Aug halt der nan den genie und be⸗ unter⸗ r, bei id des weſen, erſten uf im⸗ eufzer Nacht, emont aw. eben in jun⸗ zu H. e n ruhi⸗ en über els hö⸗ Him⸗ — Was 53 ſchätzte er außer dem Grün in der ſtillen Abgeſchie⸗ denheit des Ortes— ihm waren Garten und Grab gleich! Als der Mann und das Kind vorübergingen, wurde das Rothkehlchen durch ihren Schritt aus dem hohen Graſe, neben einem der Grabhügel aufge⸗ ſcheucht, und ſah ſie an mit ſeinen rlaren lebhaften Augen. Der alte Kirchhof war ein Lieblingsaufent⸗ halt für das Rothkehlchen! Jener häusliche Vogel— der Freund des Menſchen— wie die Dichter ihn ge⸗ nannt haben— fand ein fröhliches Abendeſſen unter den Würmern! Als der Fremde die Mitte des geheiligten Platzes erreichte, ſtand er ſtill und ſah ſich gedankenvoll um. Dann näherte er ſich langſam und zögernd einer läng⸗ lichen Tafel, worauf mit noch friſchen und neuen Buchſtaben dieſe Worte eingegraben waren: Dem Andenken einer Verleumdeten und Gekränkten iſt dieſer Stein geweiht von ihrem Sohne. Dies, mit Hinzufügung der Jahreszahlen, der Geburt und des Todes, war die Tafel, die Philipp Morton über die Gebeine ſeiner Mutter hatte ſetzen laſſen, und um daſſelbe war eine einfache Einzäunung, die das Grab vor den Fußtritten der Kinder ſchützte, die zuweilen, trotz dem Büttel, über dem Staube des früheren Geſchlechtes ſpielten. „Dein Sohn!“ murmelte der Fremde, während das Kind ruhig an ſeiner Seite ſtand und Gefallen an den Bäumen, dem Graſe und dem Geſange der Vögel fand und nicht an Kummer oder Tod dachte. —„Dein Sohn!— aber nicht Dein begünſtigter Sohn— Dein Liebling— Dein jüngſter; an wel⸗ cher Stelle der Erde blicken Deine Augen auf ihn nieder? Gewiß hat im Himmel Deine Liebe den, welchen Du auf Erden am meiſten liebteſt, vor den Leiden und Prüfungen bewahrt, die dem weniger begünſtigten Ausgeſtoßenen zu Theil wurden. O, Mut⸗ ter— Mutter!— es war nicht ſein Verbrechen— nicht Philipp's— daß er nicht Deinen letzten Wil⸗ len, hinſichtlich des ihm anvertrauten Vermächtniſſes, erfüllte! Glücklicher iſt es vielleicht ſo, wie es iſt! Und o! wenn die Erinnerung an Dich ſo tief in mei⸗ nes Bruders Herz gegraben iſt, wie in das meine, wie oft wird ſie ihn warnen und retten! Dieſe Er⸗ innerung!— Sie iſt der Schutzengel meines Lebens geweſen! Dir— Dir verdanke ich ſelbſt im Tode noch, daß ich, wenn gleich irrend, doch kein Verbre⸗ cher bin— daß, wenn ich gleich mit dem Ausſätzi⸗ gen gelebt habe, ich dennoch ohne Anſteckung bin!“ Hier ſchwiegen ſeine Lippen— nicht ſein Herz! Nachdem er einige Minuten ſo zugebracht hatte, wendete er ſich zu dem Kinde und ſagte ſanft und mit bebender Stimme:„Fanny, Du haſt beten ge⸗ lernt— Du wirſt in der Nähe dieſer Stelle wohnen — willſt Du zuweilen hieher kommen und beten, daß Du gut und unſchuldig aufwachſen mögeſt und ein Segen werdeſt für die, welche Dich lieben?“ „Wird Papa niemals komme und mich beten hören?“ achte. tigter wel⸗ f ihn den, r den eniger Mut⸗ — Wil⸗ tniſſes, es iſt! n mei⸗ meine, ſe Er⸗ Lebens n Tode Verbre⸗ us ſätzi⸗ gbin!“ erz! t hatte, nft und eten ge⸗ wohnen „daß Du n Segen ich beten 55 Dieſe traurige und unbewußte Frage ging Mor⸗ ton zu Herzen. Das Kind hatte keinen Begriff vom Tode. Er hatte es ihr zu erklären geſucht, aber ſie war gewohnt, ihren Beſchützer als todt zu betrach⸗ ten, wenn er von ihr abweſend war, und ſie beſtand noch darauf, daß er wieder ins Leben kommen müſſe; und dieſer Mann der ſtürmiſchen Handlung und des Verbrechens, der ohne Reue und Abſolution von der Sünde zum ewigen Gericht übergegangen war; es war eine ſchreckliche Frage, ob er kommen werde, um ſie beten zu hören? „Ja!“ ſagte er nach einer Pauſe,„Ja, Fanny, es gibt einen Vater, der Dich wird beten hören; und bete zu ihm, daß er denen gnädig ſein wolle, die gegen Dich gütig geweſen ſind. Fanny, wir beide werden uns vielleicht nie wiederſehen!“ „Willſt Du auch ſterben, Böſer? jeder ſtirbt der armen Fanny!“ Und indem ſie ſich liebkoſend an ihn hing, hielt ſie ihre Lippen empor, um ihn zu küſſen. Er drückte ſie in ſeine Arme, und als eine Thräne auf ihre roſiße Wange fiel, ſagte ſie;„Weine nicht, Bruder, denn ich liebe Dich.“ „Wirklich, liebe Fanny? Dann bitte ich Dich, wenn Dir Jemand einige Blumen geben will, ſo komme an dieſen Ort und ſtreue ſie auf dieſen Stein. Und nun wollen wir zu Einem gehen, den Du auch lie⸗ ben mußt, und zu dem Er Dich ſendet, wie ich Dir ſagte,— komm!“ Als er ſo ſprach und Fanny wieder auf den Bo⸗ den ſetzte, ſtutzte er, gerade auf derſelben Stelle, wo 56 er früher die gleiche Erſcheinung geſehen— auf der⸗ ſelben Stelle, wo der Vater den Sohn verflucht hatte, die bewegungsloſe Geſtalt eines Greiſes zu erblicken. Morton erkannte mehr aus Inſtinkt, als vermöge einer Anſtrengung des Gedächtniſſes, den Mann, an den er geſendet war. Er ging langſam auf ihn zu; aber Fanny ent⸗ fernte ſich plötzlich von ſeiner Seite, von einem Nachtfalter angelockt, der über die Gräber dahin⸗ flatterte. „Ich glaube, Ihr Name iſt Simon Gawtrey!“ ſagte Morton.„Ich bin nach England gekommen, um Sie aufzuſuchen.“ „Mich?“ ſagte der Greis halb aufſtehend und ſeine Augen, die jetzt völlig blind waren, im Kreiſe drehend—„mich?— weßhalb?— wer ſind Sie? — ich kenne Ihre Stimme nicht!“ „Ich komme von Ihrem Sohne!“ „Von meinem Sohne!“ rief der alte Mann mit großer Heftigkeit—„dem Verworfenen, dem Ehrlo⸗ ſen— dem Verfluchten—“ „Still! Schmähen Sie die Todten nicht!“ „Todt!“ murmelte der unglückliche Vater, zu ſei⸗ nem Sitze zurücktaumelnd, den er eben verlaſſen hatte. „Todt!“ Und ſeine Stimme war ſo qualvoll, daß der Hund zu ſeinen Füßen, den Morton bisher nicht bemerkt hatte, mit unheimlichem Geheul einſtimmte, ſo daß Philipp ſich des ſchrecklichen Tages erinnerte, wo er den Sohn den Vater zum letztenmal auf die⸗ ſer Erde hatte verlaſſen ſehen. der⸗ tte, cken. iner den ent⸗ inem ahin⸗ e imen, und Kreiſe Sie? n mit Ehrlv⸗ zu ſei⸗ hatte. daß r nicht timmte, nnerte, uf die⸗ 57 Dieſe Töne führten Fanny zu der Stelle und mit dem Lachen des Entzückens, welches einen ſelt⸗ ſamen Gegenſatz bildete, warf ſie ſich zu dem Hunde auf das Gras und ſuchte mit ihm zu ſpielen. So waren an jenem Orte des Todes die vier Glieder der großen Kette vereint: das fröhliche blühende Leben — das verlaſſene und kindiſche Alter— die Kind⸗ heit, die ſich noch kaum einer Seele bewußt war— und das ſtumme, vernunftloſe Thier, welches keinen Vollmachtsbrief auf ein Jenſeits hat! „Todt!— todt!“ wiederholte der Greis, ſeine blinden Angen mit den Knochenhänden bedeckend. „Armer Wilhelm!“ „Er gedachte Ihrer bis zuletzt. Er bat mich, Sie aufzuſuchen— er bat mich, den ſchuldigen Sohn durch ein reines und unſchuldiges Weſen zu erſetzen, wie er geweſen ſein würde, wenn er in ſeiner Wiege ge⸗ ſtorben wäre— ein Kind, um Sie in Ihrem Alter zu tröſten! Knie nieder, Fanny, ich habe Dir einen Vater gefunden, der freundlich für Dich ſorgen wird — nicht wahr, Herr, das werden Sie thun?— wie der, den Du nicht wiederſehen kannſt!“ Es lag etwas ſo Feierliches in Morton's Stimme, was den Greis und das Kind mit Ehrfurcht und Rührung erfüllte, und Fanny ſchlich ſich zu dem ihr angewieſenen Beſchützer hin, legte ihre kleinen Hände vertraulich auf ſeine Kniee und ſagte: „Fanny will Dich lieben, wie Papa es wünſchte. Küſſe Fanny.“. Iſt es ſein Kind?“ ſagte der blinde Mann ſchluchzend.„Komm an mein Herz; hier— hier! O Grott, verzeihe mir!“ Morton hielt es nicht für recht, ihn in dem Au⸗ genblick mit der wahren Verbindung des armen Kin⸗ des mit dem Verſtorbenen, bekannt zu machen, und wartete ſchweigend, bis Simon nach einem leiden⸗ ſchaftlichen Ausbruch des Kummers und der Zärtlich⸗ keit aufſtand, das Kind noch an ſeine Bruſt gedrückt hielt und ſagte:„Verzeihen Sie mir, Herr! ich bin ein ſehr ſchwacher alter Mann— ich habe Ihnen für Vieles zu danken— Sie müſſen mir aber noch Vieles mittheilen. Mein armer Sohn! er ſtarb doch nicht im Mangel?“ Die Einzelnheiten von Gawtrey's Schickſal, nebſt ſeinem wirklichen und den verſchiedenen angenommenen Namen, waren in franzöſiſchen Journalen erſchienen und zum Theil auch in die engliſchen übergegangen. Morton hatte erwartet, daß ihm die ſchmerzliche Er⸗ zählung ſeines ſchrecklichen Todes möchte erſpart ſein, doch die gänzliche Abgeſchiedenheit des Mannes, ſeine Schwäche und ſeine ſeltſamen Gewohnheiten hatten ihn von der Nachricht ausgeſchloſſen, die Philipp ihm jetzt mitzutheilen hatte. Morton zögerte ein wenig, ehe er anwortete:„Es iſt jetzt zu ſpät, Sie ſind nicht vorbereitet, dieſes arme Kind ihn Ihr Haus aufzunehmen, noch auch die Mittheilungen anzuhören, die ich Ihnen zu machen habe. Ich kam erſt heute in England an. Ich werde in der Nähe logiren, denn dieſe Gegend iſt mir theuer. Wenn ich mich alſo überzeugt halten kann, daß Sie dieſen Schatz, die lic ich wi Sit ich Gei hat gela men hein ier! Au⸗ Kin⸗ und den⸗ tlich⸗ rückt h bin hnen noch doch nebſt nenen ienen ingen. e Er⸗ t ſein, ſeine hatten pp ihm wenig, ie ind Haus uhören, ſt heute logiren, ch mich Schatz 59 dieſes letzte und geheiligte Vermächtniß Ihres unglück⸗ lichen Sohnes bei ſich aufnehmen wollen, ſo will ich ſie morgen zu Ihnen bringen, und dann können wir ruhiger als jetzt über die Vergangenheit reden.“ „Sie beantworten meine Fragen nicht,“ ſagte Simon leidenſchaftlich:„beantworten Sie mir die und ich will das übrige erwarten. Man nennt mich einen Geizhals! Schickte ich meinen einzigen Sohn in die Welt, um zu verhungern? Beantworten Sie mir das?“ „Tröſten Sie ſich. Er ſtarb nicht in Mangel und hat ſogar ein kleines Vermögen für Fanny zurück⸗ gelaſſen, welches ich Ihren Händen übergeben ſoll.“ „Und er wollte den alten Geizhals beſtechen, menſchlich zu ſein!— Gut— gut— gut! Ich will heimgehen.“ „Stützen Sie ſich auf mich!“ Der Hund ſprang freudig an ſeinem Herrn em⸗ por, als der letztere aufſtand und Fanny ſchlüpfte aus Simons Armen, um auf ihre eigene Weiſe mit dem Thiere zu reden und es zu liebkoſen. Als ſie langſam über den Kirchhof gingen, murmelte Simon unzuſammenhängende Worte und Morton wollte ihn nicht ſtören, da er ihn nicht tröſten konnte. Endlich ſagte er plötzlich:„Bereute mein Sohn ſeine Vergehungen?“ „Ich hoffe,“ antwortete Morton ausweichend, „daß er ſich würde gebeſſert haben, wenn ſein Leben wäre verſchont worden.“ „Still, Herr!— Ich bin ſiebenzig Jahr vorbei — wir bereuen— wir heſſern uns nie!“ Und Simon verſank wieder in ſeine düſtere und unzuſammenhän⸗ gende Träumerei. Endlich kamen ſie vor dem Hauſe des blinden Mannes an. Die Thür wurde ihnen von einem alten Weibe von unangenehmem und unheimlichem Ausſehen geöffnet, die als Dienerin zu ſehr geputzt war, ob⸗ gleich es ihre angebliche Eigenſchaft ſein ſollte; aber da der Geizhals blind war, ſo bemerk über⸗ triebene Putzſucht nicht. Als ſie mit d deit ſil Hand in der Thür ſtand, betrachtel pe 36 und mit nicht ſehr freundlichen Blicken die ihres Herrn.* „Mrs. Boxer, mein Sohn, iſt todt!“ j 8i mon mit hohler Stimme. noſcht „Und das iſt doch wohl eine gute Nachricht, Her „Pfui, Weib!“ ſagte Morton unwillig. „Ei, Herr! wen haben Sie da mitgebracht ² „Einen, den Sie mit Reſpekt behandeln werden,“ ſagte Simon ſtrenge.„Er bringt mir einen Segen, um mir meinen Verluſt zu erleichtern. Ein hartes Wort gegen dieſes Kind und Sie verlaſſen mein Haus!“ Das Weib ſtand wie vom Blitz getroffen da, faßte ſich aber und ſagte winſelnd:„Ich! ein hartes Wort gegen Jemand, der meinem theuren, gütigen Herrn am Herzen liegt! O Herr! welch ein liebes, ſüßes Geſchöpf iſt es! Komm her, meine Liebe!“ Aber Fanny bebte zurück und wollte Philipp's Hand nicht loslaſſen. „Morgen alſo,“ ſagte Morton, und als er ſich — den ten en ob⸗ ber er⸗ „ umwendete, ſchien dem alten Manne plötzlich ein Gedanke einzufallen:„Warten Sie, Herr— warten Sie! Ich— ich— ſagte mein Sohn, ich ſei reich? Ich bin ſehr, ſehr arm— nichts im Hauſe, ſonſt wäre ich ſchon lange beraubt worden.“ „Ihr Sohn ſagte mir, ich ſolle Geld bringen und nicht fordern!“ 2 nein, aber,“ ſetzte der alte Mann mit * Ausdruck des Geſichts hinzu—„aber nrer eine ſchlimme Geſellſchaft gekommen. vein!— Ziehen Sie die Kette vor die Borxer:“ Wit Zweifel und Furcht übergab Morton am Tage Simon's Sorgfalt das Kind, welches bereits im innerſten Winkel ſeines Herzens ein⸗ geniſtet hatte. Nichts als die abergläubiſche Achtung, die alle Menſchen den Wünſchen der Verſtorbenen ſchuldig ſind, hatte ihn bewegen können, dieſen Zu⸗ fluchtsort zu wählen; denn das Schickſal, welches jetzt ſeine eigenen Ausſichten erhellte, ließ ihm eine Wahl, und er hätte ſie der Frau von Merville übergeben können. Aber Gawtrey hatte ihm die Sache ſo leb⸗ haft ans Herz gelegt, daß er fühlte, er habe kein Recht, ſich zu bedenken. Und war es nicht eine Art von Buße für die Fehler, die der Sohn gegen den Vater mochte begangen haben, wenn er dem alten Manne ein ſo liebes Pfand überlieferte? Fanny's ſeltſamer und eigenthümlicher Geiſt und Charakter machten ihn aber noch ängſtlicher, als er ſonſt würde geweſen ſein. Gewiß verdiente ſie nicht 62 ven harten Namen einer Blöbſinnigen, aber ſie war von allen Kindern verſchieden; ſie fühlte lebhafter als die meiſten ihres Alters; aber man konnte ſie nicht dahin bringen, ihren Verſtand anzuwenden. Es war etwas Schiefes der Mangelhaftes in ihrem Verſtande, was zu den ſchwermüthigſten Befürchtungen veran⸗ laßte; doch oft, wenn irgend ein ungeordneter, un⸗ zuſammenhängender, unerklärlicher Gedankengang den Zuhörer am meiſten traurig machte, ſo folgten in ihrer Seltſamkeit ſo ausgeſuchte Phantaſiebilder oder Gefühle, ſo innig, wie ihre Zärtlichkeit, daß ſie plötz⸗ lich ſo weit über dem gewöhnlichen Maßſtabe der kind⸗ lichen Begriffe zu ſtehen ſchien, als ſie vorher unter denſelben geſtanden. Sie glich einem Geſchöpf, dem die Natur in einer grauſamen aber heiteren Laune alles gegeben hat, was der Poeſie angehört, aber alles verweigert, was dem nothwendigen gemeinen Men⸗ ſchenverſtande angehört, oder gleich einem Feenkinde, aber nicht nach dem gemeinen Aberglauben boshaft und mißgeſtaltet, ſondern liebenswürdiger als die Kin⸗ der der Menſchen, und von den undeutlichen und rin⸗ genden Ideenverbindungen eines ſanfteren und ſchö⸗ neren Weſens verfolgt, doch gänzlich unfähig, die trocknen und harten Elemente zu lernen, welche die Kenntniß des wirklichen Lebens bilden. Morton ſuchte Simon, ſo gut er konnte, die Ei⸗ genthümlichkeiten von Fanny's Geiſte zu erklären. Er legte ihm die Nothwendigkeit ans Herz, für ihren ſorgfältigen Unterricht zu ſorgen, und Simon verſprach, ſie in die beſte Schule in der Nähe zu ſchicken; doch Der zöſi ſag Gel Su Gel Sp was So jetz und ar s cht de, n⸗ n⸗ en 63 als der alte Mann ſprach, verweilte er ſo ſehr bei der Vorausſetzung, daß Fanny Wilhelms Tochter ſei, und mit ſeiner Zärtlichkeit waren Selbſtſucht und Geiz ſo innig verſchlungen, daß Morton es für gefährlich hielt, ihm ſeinen Irrthum zu rauben. Es iſt daher leicht zu entſchuldigen, daß er über den Gegenſtand ſchwieg. Gawtrey hatte bei der Superiorin des Kloſters eine Summe von beinahe 300 Pfund niedergelegt, die er, wie er feierlich verſicherte, auf ehrliche Weiſe erlangt hatte und die er bei allen Wechſelfällen des Schickſals niemals anrührte, und ihr zugleich den Be⸗ fehl ertheilt, das Kind dem auszuliefern, der es unter ſeinem wahren Namen fordern werde. Dieſe Summe, nach Abzug der dem Kloſter ſchulbigen kleinen Rück⸗ ſtände, hatte Morton Simon's Händen übergeben. Der Greis ergriff das Geld, welches meiſtens in fran⸗ zöſiſchem Golde beſtand, mit krampfhafter Hand und ſagte dann, als ſchäme er ſich dieſer Außerung der Geldgier:„Aber Sie, Herr— wird irgend eine Summe— das heißt, irgend eine vernünftige Summe — Ihnen von Nutzen ſein?“ „Nein! und wenn es auch wäre, ſo gehört das Geld weder Ihnen noch mir, ſondern dem Kinde. Sparen Sie es für ſie auf und fügen Sie hinzu, was Sie können.“ Während dieſer Unterredung hatte man Fanny der Sorge der Mrs. Boxer übergeben, und Philipp ſtand jetzt auf, um ſie noch einmal zu ſehen, ehe er ging, und ihr Lebewohl zu ſagen. 64 „Vielleicht werde ich Sie wieder beſuchen, Herr Gawtrey, und ich hoffe zu finden, daß Sie und Fanny ein wechſelſeitiger Segen für einander ſind. O, be⸗ denken Sie, wie ſehr Ihr Sohn ſie liebte!“ „Er hatte ein gutes Herz ungeachtet aller ſeiner Sünden. Der arme Wilhelm!“ ſagte Simon. Philipp Morton hörte die Worte und ſeine Lippe verzog ſich in trauriger und gerechter Verachtung. Wenn ſich der Vater, als Wilhelm Gawtrey im Alter von neunzehn Jahren ſein Haus verlaſſen, er⸗ innert hätte, daß das Herz ſeines Sohnes gut ſei, ſo wäre der Sohn noch am Leben und ein ehrlicher und glücklicher Mann geweſen. Lacht ihr nicht, ihr horchenden Teufel, wenn der Menſch die Todten rühmt, deren Tugenden er nicht entdeckte, als ſie noch am Leben waren? Man bedarf viel Marmor, um ein Grabmal zu bauen— wie wenig Holz und Kalk wäre erforderlich geweſen, um die Dachkammer des Leben⸗ den auszubeſſern! Als Morton in ein kleines Nebenzimmer trat, fand er Fanny neben einem trüben und mit Ruß über⸗ zogenen Fenſter, welches die Ausſicht auf die öden Mauern eines kleinen Hofes gewährte. Mrs. Boxer ſaß an einem Tiſche, war beſchäftigt, eine Haube auf⸗ zuputzen und richtete mit einer Fiſtelſtimme Fragen an Fanny, welche Leute anzuwenden pflegen, die nicht an Kinder gewöhnt ſind. „So haſt Du alſo noch nicht Leſen oder Schreiben gelernt, meine Liebe? Man hat Dich ſehr vernach⸗ läſſigt, armes Kind!“ Herr anny „be⸗ ſeiner Lippe ng. y im „er⸗ ſei, licher „ihr ihmt, am ein wäre ben⸗ trat, ber⸗ öden oxer auf⸗ agen icht ben ach⸗ 65 „Wir müſſen unſer Möglichſtes thun, um den Fehler wieder gut zu machen,“ ſagte Morton, als er eintrat. „Ei, Herr, ſind Sie es?“ Und die Haushälterin ſtand raſch auf und machte ihm eine tiefe Verbeugung; denn Morton, der jetzt die Kleidung eines feinen Herrn trug, hatte ein Anſehen, welches auf gemeine Leute Eindruck machen mußte. „Ach, Bruder!“ rief Fauny, denn ſo hatte er ſie gewöhnt, ihn zu nennen, und eilte an ſeine Seite. „Komm, laß uns gehen— es iſt garſtig hier— es macht mich kalt.“ „Mein Kind, ich ſagte Dir ſchon, Du mußt da⸗ bleiben; doch ich hoffe Dich einſt wiederzuſehen. Wollen Sie nicht freundlich gegen dieſes arme Ge⸗ ſchöpf ſein, Madame? Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie geſtern Abend beleidigte, und nehmen Sie dies an, um zu zeigen, daß wir Freunde ſind?“— Wäh⸗ rend er ſprach, ſteckte er der Frau ſeine Börſe in die Hand.—„Ich werde Ihnen dankbar ſein für Alles, was Sie an Fanny thun.“ „Fanny will von ſonſt Niemand etwas; Fanny will ihren Bruder.“ „Süßes Kind! Ich fürchte, ſie wird ſich nicht an mich gewöhnen. Wollen Sie mich lieben, Miß Fanny?“ „Nein! geh nur!“ „Pfui, Fanny— Du erinnerſt Dich, daß Du Dich anfangs auch nicht an mich gewöhnen konnteſt. Aber ſie iſt ſo zärtlich, Madame; ſie verßißt nie eine Freunblichkeit.“ Bulwer, Nacht u. Morgen.. 66 „Ich will Alles für ſie thun, was ich kann, Herr. Und ſo iſt ſie alſo wirklich die Enkelin meines Herrn?“ Das Weib richtete, während ſie ſprach, ſo forſchend ihren Blick auf Morton, daß er ſich verlegen fühlte. Er antwortete nicht, ſondern ſuchte Fanny durch Lieb⸗ koſungen zu beruhigen, die jetzt zu der ihr bevorſte⸗ henden Trübſal zu erwachen ſchien; denn obgleich ſie nicht weinte— ſie weinte ſehr ſelten— ſo erbebie doch ihre ſchlanke Geſtalt— ihre Augen ſchloſſen ſich — ihre Wangen, ſelbſt ihre Lippen, waren weiß— und ihre zarten Hände ſchlangen ſich feſt um den Hals deſſen, der ſie Fremden überlaſſen wollte. Morton war ſehr bewegt.„Noch einen Kuß, Fanny! Und vergiß mich nicht, bis wir uns wiederſehen Das Kind drückte ihre Lippen auf ſeine Wange; aber die Lippen waren kalt. Er ſetzte ſie ſanft nieder; ſie ſtand ſtumm und unbeweglich da. „Erinnere Dich, daß Er es wünſchte, daß ich Dich hier laſſen ſolle,“ flüſterte Morton ihr zů, indem er einen Grund anwendete, der niemals ſeine Wirkung verfehlte.„Wir müſſen ihm gehorchen: und nun— Gott ſegne Dich, Fanny!“ Er ſtand auf und ging zur Thür; das Kind öffnete die Augen und ſah ihn mit angeſtrengtem, ſchmerz⸗ lichem und flehendem Blicke an; ihre Lippen bewegten ſich, aber ſie ſprach nicht. Morton konnte dieſen ſchwei⸗ genden Kummer nicht ertragen. Er bemühte ſich, ihr tröſtend zuzulächeln; doch das Lächeln wollte nicht kom⸗ men. Er machte die Thür zu und eilte aus dem Hauſe. Von dem Tage an war Fanuh in einer traurigen und lei büle hl geſſen. und de Heiterk Sié ſpi keinen ihte B etwas Blicke gewiſſe ſie kro antwo untuhi a ſtaud Ei weſen moch weilen Unruh ihr ro und ſt Bille väs K Grab Mrs 111 i ffnete merz⸗ vegten chwei⸗ h, ihr urige n de 67 und leidenden Betäubung, welche ver einer Somnam⸗ büle glich, welche der Magnetiſeur zu erwecken ver⸗ geſſen. Bisher war mit ihrem excentriſchen Weſen und den Mängeln ihres Geiſtes eine wilde und luftige Heiterkeit vereint geweſen. Dieſe war verſchwunden. Sie ſprach wenig— ſie ſpielte nie— Spielſachen hatten keinen Reiz für ſie— ſelbſt der arme Hund gewann ihte Beachtung nicht. Wenn man ihr ſagte, ſie ſolle etwas thun, ſo ſah ſie die andere Perſon mit leerem Blicke an und regte ſich nicht. Sie zeigte indeß eine gewiſſe ſtumme Achtung für den blinden alten Mann; ſie kroch zu ſeinen Knieen, ſaß dort ſtundenlang und antwortete ſelten, wenn er ſie anredete, war aber untuhig und ängſtlich, wenn er ſie verließ.„Willſt auch ſterben?“ fragte ſie einſt; der Greis ver⸗ ſtaud ſie nicht und ſie erklärte ſich nicht weiter. Eines Morgens, als Morton einige Tage fort ge⸗ weſen war, vermißte man ſie; ſie war uicht im Hauſe, upch auch auf dem kleinen Hofe, wohin man ſie zu⸗ weilen vergebens ſchickte, um zu ſpielen. In großer Unruhe beſchuldigte der Greis Mrs. Borer, ſie durch ihr rohes Benehmen fortgeſcheucht zu haben, und drohte und ſtürmte ſo laut, daß das Weib endlich wider ihren Willen ausging, um ſie zu ſuchen. Envlich fand ſie väs Kind auf dem Kirchhofe gedankenvoll neben einem Grabe ſtehend. „Was thuſt Du hier, kleiner Unhold?“ ſagte Mrs Boxer, räuh ihren Arm ergreifend. Ruf dieſem Wege werden ſie einſt Beide zurück⸗ oi So träumte es mir!“ „Wenn ich Dich je wieder hier treffe!“ ſagte dis Haushälterin, wiſchte mit der einen Hand di⸗ S ab und ſchlug mit der andern das Kind. Fan nie vorher geſchlagen worden. Sie wich vor S und Erſtaunen zurück und zum erſtenmal nach Ankunft brach ſie in Thränen aus. F. „Komm— komm und ſchreie nicht! Wenn Du es dem Herrn ſagſt, ſo ſchlage ich Dich, daß Du ſchwarz wirſt!“ Mit dieſen Worten nahm ſie Fanny auf ihre Arme, ging ſcheltend und drohend umher, bis ſie ſie durch Schreck vom Weinen abgebracht hatte, kehrte trium⸗ phirend nach Hauſe zurück, ſtürzte in das Wohn⸗ zimmer und rief:„Hier iſt das liebe Kind, Herr!“ Als der alte Simon erfuhr, wo das Kind ge⸗ weſen, war es ihm lieb; denn es war ſeine beſtän⸗ vige Gewohnheit, bei einem ſchönen Abend ſich auf den Kirchhof zu ſchleichen— wobei ihm ſein Hund als Führer diente— und ſich an ſeinem Lieblingsplatze der untergehenden Sonne gegenüber niederzuſetzen. Es geſchah nicht ſo ſehr wegen der Heiligkeit des Orts oder wegen der Betrachtungen, die derſelbe ein⸗ flößen mochte, als weil es der nächſte, ſicherſte und einſamſte Ort in der Nähe ſeines Hauſes war, wo der blinde Mann Luft ſchöpfen und ſich in dem Lichte des Himmels ſonnen konnte. Da er bisher gedacht, es würde traurig für das Kind ſein, ſo hatte er es noch nie mitgenommen und gewöhnlich hatte man es zur Zeit ſeiner einſamen Wanderung zu Bette geſchickt. Jetzt wurde es ihr erlaubt, ihn zu begleiten er ihr beſtehe. „F drucke, ihre H Un nehmer würdig reuevo hatte, zuvor gegen! ſten ge ſelbſt ſeiner ihren um ſi währte konnte „Gegen Borer und ſi loſigke dachte, Arme, durch rium⸗ eſtän⸗ uf den d als splatze ſetzen. it des e ein⸗ e nd „ we Lichte edacht, er es man Bette gleiten 69 at Man das Kind ſaßen dort neben mr, wie Alter und Kindheit in den Gräbern nebnbeinander ruhten. Das erſte Symptom kind⸗ Theilnahme und Neugierde, welches Fanny eigte, wurde durch die Betrübniß ihres Beſchützers erweckt. Eines Abends, als ſie ſo daſaßen, mußte er ihr erklären, worin das Unglück der Blindheit beſtehe. Sie ſchien ihn zu verſtehen. „Fanny weiß,“ ſagte ſie mit rührendem Aus⸗ drucke,„denn auch ſie iſt hier blind.“ Und ſie drückte ihre Hände an die Schläfen. Ungeachtet ihres Schweigens und ſeltſamen Be⸗ nehmens, und obgleich er die außerordentliche Liebeus⸗ würdigkeit nicht ſehen konnte, welche die Natur in reuevollem Mitleid an ihre äußere Geſtalt verſchwendet hatte, lernte Simon ſie bald mehr lieben als er ſie je zuvor geliebt hatte; denn die, welche am kälteſten gegen die eigenen Kinder ſind, pflegen vft am zärtlich⸗ ſten gegen die Enkel zu ſein. Für ſie ſchlummerte ſelbſt ſein Geiz. Leckerbiſſen, die man nie zuror an ſeiner frugalen Tafel gekannt, wurden beſtellt um ihren Appetit zu reizen— Spielſachen eingekauft um ſie in müßigen Stunden zu unterhalten. Es währte indeß lange, bis er es über ſich gewinnen konnte, ſein Verſprechen zu erfüllen und ſich ihrer „Gegenwart zu berauben. Endlich aber durch Mrs. Borer's Klagen über ihre Unwiſſenheit gelangweilt und ſelber beunruhigt durch einige Proben der Hülf⸗ loſigkeit, welche machten, daß er mit Schrecken daran dachte, was künftig aus ihr werden würde, wenn ſie in der Welt allein daſtehe, ſchickte er ſie in eine Schule in der Vorſtadt. Hier rechtfertigte Fanny eine lange Zeit die härteſten Ausdrücke über ihre Ver⸗ ſtandesſchwäche. Sie konnte ihre Augen nicht zwei Minuten lang an die Seite feſſeln, wo ſie die Ge⸗ heimniſſe des Leſens lernen ſollte. Monate vergingen, ehe ſie das ABC inne hatte, einen Monat ſpäter hatte ſie es wieder vergeſſen, und die Arbeit mußte von Neuem beginnen. Das Einzige, worin ſie Fä⸗ higkeit zeigte, war die Anwendung der Nadel. Die Schweſtern des Kloſters hatten ſie bereits in dieſer Kunſt unterrichtet, und als ſie fand, daß es in der Schule bewundert wurde,— daß man ſie lobte und nicht tadelte, da wurde ihre Eitelkeit angeregt und ſie lerute bald Alles, was ſie dort Neues in dieſer Kunſt lernen konnte, ſo daß Mrs. Borer bald ihren Vor⸗ theil daraus zog und wöchentlich die Arbeiten des armen Kindes verkaufte. Noch eine Fähigkeit beſaß ſie, die Perſonen von mangelhaftem Verſtande eigen iſt— nämlich ein ſehr genaues und getrenes Ortsgedächt⸗ niß. Anfangs hatte ſie Mrs. Boxer Morgens, Mit⸗ tags und Abends in die Schule bringen und wieder abholen müſſen, aber dies war für die Haushälterin eine ſo mühevolle Aufgabe und Fanny ſchmeichelte dem alten Manne ſo lange, bis er ihr erlaubte, allein zu gehen und zurückzukehren, was beiden ſehr willkommen war. Fanny erfrente ſich dieſer Freiheit und verfehlte nie, weder beim Hingehen noch beim Zurückkehren, über den Kirchhof zu gehen und ge⸗ vankenvoll das Grah anzuſehen, aus dem Morton erbet Tag mon ſten nicht geac viel zu 1 hülf die geſö and ſon wur lich ten er wö an den me Gu auf zu alt zw ſp ih de rmen „ die — dächt⸗ Mit⸗ vieder lterin ichelte aubte, tſehr reiheit beim d ge⸗ ortn 75 varauf gerechnet, die Erſparniſſe des Geizhalſes zu erhen, wenn es der Vorſehung gefallen werde, ſeinen Tagen ein Ende zu machen. Sie wußte, daß Si⸗ mon vor vielen Jahren ein Teſtament zu ihren Gun⸗ ſten gemacht habe; ſie wußte, daß er dieſes Teſtament nicht verändert habe, und glaubte daher, daß er, un⸗ geachtet aller ſeiner Liebe zu Fanny, ſein Gold ſo viel mehr liebe, um ſich an den Gedanken gewöhnen zu können, es einer Perſon zu vermachen, die zu hülflos ſei, um den Schatz zu bewahren. Dies hatte die Haushälterin einigermaßen mit dem Kinde aus⸗ geſöhnt, welches ſie dennoch haßte, wie ein Hund den andern haßt, nicht, weil er ihm ſeinen Knochen niinmt, ſondern nur, weil er denſelben anſteht. Plötzlich aber wurde Simon krank, ſein Alter machte es wahrſchein⸗ lich, daß er ſterben werde. Er mußte das Bett hü⸗ ten— ſein Athem wurde ſchwächer und ſchwächer— er ſchien todt zu ſein. Unbewußt ſaß Fanny wie ge⸗ wöhnlich neben ſeinem Bette und hielt ihren Athem an, um ihn nicht zu wecken. Mrs. Borer eilte zu dem Büreau— ſchloß es auf— konnte das Teſta⸗ ment nicht finden; aber ſie fand drei Beutel mit alten Guineen, deren Anblick ſie entzückte. Sie ſchüttete ſie auf dem grünen Tuche des Büreau aus und begann zu zählen; doch in dem Augenplick erwachte der alte Mann, als herrſche ein geheimer Magnetismus zwiſchen ihm und den Guineen. Seine Blindheit er⸗ ſparte ihm den Schmerz des Anblicks, der tödtlich für ihn hätte ſein können; doch er hörte das Klimpern des Metalls Der Ton gab ihm ſeine Kraft wie⸗ der. Doch die Schwachen ſind ſtets liſtig— er ſprach keinen Verdacht aus.„Mrs. Borer,“ ſagte er matt, „ich denke, ich könnte wohl etwas Suppe eſſen.“ Mrs. Borer ſtand in großem Schreck auf, ſchloß leiſe das Büreau wieder zu und eilte die Treppe hinauf, um die Suppe zu holen. Simon benutzte die Gelegenheit, Fanny zu befragen, und ſobald er erfahren hatte, was ſie gethan, befahl er dem Mädchen, zuerſt das Büreau abzuſchließen und ihm den Schlüſſel zu bringen, und dann zu einem Advokaten zu eilen, deſſen Adreſſe er ihr angab, um ihn augenblicklich herbeizubringen. Mit boshaftem Lächeln nahm der alte Mann die Suppe von der Haushälterin:„Arme Borer, Sie ſind ein uneigennütziges Geſchöpf,“ ſagte er matt; „ich denke, es wird Sie ſehr betrüben, wenn ich ſterbe.“ Mrs. Vorer ſchluchzte, und ehe ſie ſich wieder erholt hatte, trat der Advokat ein. An demſelben Tage wurde ein neues Teſtament gemacht, und der Advokat benachrichtigte Mrs. Borer, daß man vom nächſten Morgen an ihrer Dienſte nicht mehr bedürfe, da er eine Wärterin in's Haus bringen wolle. Mrs. Vorxer hörte es und faßte ihren Entſchluß. Sobald Simon wieder einſchlief, ſchlich ſie ſich in's Zimmer — führte Fanny hinaus, ſchloß ſie in ihrem eigenen Zimmer ein— kehrte zurück— ſuchte den Schlüſſel zum Büreau, den ſie endlich unter Simon's Kopfkiſſen fand— nahm Alles, was ſie entdecken konnte, und am nächſten Morgen war ſie auf immer verſchwunden. Simon's Verluſt war größer, als man hätte er⸗ warten ſollen; denn außer einer unbedentenden Summe, kro Piertes Buch. te, Hin zu einem großen Meere as Trieb mich ſeiner Wellen Spiel; Vor mir liegt's in weiter Leere, Näher bin ich nicht dem Ziel. ſſe Schiller,„der Pilgrim.“ e Erſtes Kapitel. e O Sonnenſchein auf ſpiegelhellem See Wilſon. er Weun du, lieber Leſer, je durch ein Sonnenmi⸗ en kroſkop die Ungeheuer in einem Wafſertropfen beob⸗ er achtet haſt, ſo haſt du dich vielleicht verwundert, wie m ſo ſchreckliche Dinge dir bisher unbekannt ſein konn⸗ fe, ten— du haſt einen Ekel gegen das klare Element 6. empfunden, welches du bisher für ſo rein hielteſt— ld du haſt dir halb ſchon eingebildet, daß du aufhören er würdeſt, ein Waſſertrinker zu ſein; doch am nächſten en Tage haſt du das ekelhafte Leben vergeſſen, welches el dir mit ſeinen zahlloſen Geſtalten in jener kleinen Kugel en vor Augen trat, und wenn du ſo vom Durſte ge⸗ m quält wurdeſt, bebteſt du nicht zurück vor dem lügen⸗ haften Kryſtall, obgleich Tauſende von jenen ſcheuß⸗ * lichen und ungeſehenen Geſchöpfen einander verſchlingen und erwürgen in der Flüſſigkeit, die du ſo ruhig ein⸗ ſaugſt— ebenſo iſt es mit jenem altherkömmlichen und vorherrſchenden Element, Leben genannt. In deiner ruhigen Bequemlichkeit, auf dem Sopha deines ge⸗ duldigen Gewiſſens ruhend— wenn du vielleicht zum erſten Male durch das Glas der Wiſſenſchaſt auf ein gräßliches Kügelchen blickſt in den Waſſern, die umher wogen, die die Poren der Erde erfüllen, die jedes Atom benetzen, das deinen Augen vorliegt und von dir berührt wird— ſo biſt du überraſcht und erſchrocken und ſagſt zu dir ſelber:„Können ſolche Dinge exi⸗ ſtiren? ich ließ mir nie davon träumen? Ich dachte, was mir unſichtbar ſei, exiſtire auch nicht— ich Pill vieſe ſchreckliche Erfahrung nicht vergeſſen. Am näch⸗ ſten Tage denkt man nicht mehr daran.— Der Che⸗ miker kann die Thierchen aus dem Waſſertropfen ent⸗ fernen— kann aber die Wiſſenſchaft die Welt reinigen? Wenden wir uns jetzt zu der gefälligen Oberfläche, die dem gemeinen Auge im Ganzen offen und ſchün erſcheint. Wer würde einen hohen Begriff von Gottes großen Plänen haben, wenn er nicht einen an einem Roſenſtock hängenden oder in der Sonne funkelnden Tropfen ohne Hülfe ſeines Sonnenmikroſtops anſehen könnte? Zehn Jahre wardn nach der Nacht vergangen, wo Wilhelm Gawtrey umkam, und ich verſetze den Leſer in die ſchönſten Scenen von England— in Seenen, die durch die einzig wahre ländliche Poeſie, die wir kennen, der Betrachtung und Ruhe, geweiht ſind. Der Herbſt hatte begonnen, das Laub an den ufern von Winandermere zu färben. Es war ein nem den ehen wo Leſer nen, wir id. den rein 81 Sommer von ungewöhnlicher Wärme und Schönheit vorhergegangen, und wenn du in dem Jahre die engliſchen Seen beſucht hätteſt, ſo möchteſt du von Zeit zu Zeit unter den Gruppen 6 r Müßig⸗ gänger, die du dort trafſt, zwei rſor bemerkt haben, die dein Intereſſe oder vielle cht S deinen Neid erregten. Zwei, die in beſonderer Harmonie mit jener heitern und ſanften Abgeſchiebenheit ſtanden, beide jung— beide ſchön. Man hätte ſie für Lie⸗ bende halten ſollen; aber für ſolche Liebende wie ſie Fletcher unter die Obhut ſeiner heiligen Schäferin wür geſtellt haben— Geſtalten, die an Der keuſchen Quelle ruhn, um deren Ufer Leichtfüß'ge Elſen ihre Reigen tanzen Im bleichen Mondlicht. Denn in der Liebe dieſer Perſonen ſchien eine Reinheit und Unſchuld zu liegen, die wohl zu ihrer Jugend und dem Charakter ihrer Schönheit paßte Vielleicht entſprang an der Seite des Mädchens die Liebe mehr aus jener Neigung, die der Frühling des Lebens die Oberfläche ſtellt, wie der Frühling der Erde ſei Blumen, als aus jener tiefen und concen⸗ trirten Verſenkung des Ich in das Ich, die allein Ausdauer und Hingebung verſpricht, und wofür die erſte Liebe oft weniger empfänglich iſt als die, welche aus der gedankenvolleren Zärtlichkeit reiferer Jahre aufwächst. Doch der Liebende war von ſo ſeltener ugd eigenthümlicher Schönheit, daß er wohl geeignet ſchien, die Liebe zu erwecken, die das Herz turch die Augen gewinnt. Bulwer, Nacht u. Morgen, U D ginnen. dem Jahr vielleicht war zu zum a ihr dor tiger Au der Abweſenheit, auf ein Mann, der ein geſ i tigungen in London und Lande hatte, kam nur froh, der ſtillen ihnen und war aß zu ent⸗ daher ſeinem Auge Im erſten Monat mere hatten Mutter und eine erfolgreiche Beka inntſchaft gemacht. Eines Abends, f ihrem Ra gen, der zum See einer Flöte, die mi keit geſpielt wurd 83 dem uſfer hingezogen wurdeu. Der Muſiker war ein junger Mann in einem Voot, welches er unter den Bäumen ihres Gebiets angelegt hatte. Er war allein, oder hatte doch nur einen einzigen Begleiter in dem großen Hunde aus Newfoundland, der wachſam am Steuerruder ſaß und ſich ſehr an der Muſik ſeines Herrn zu ergötzen Als die Damen ſich der Stelle näherten, knurr er Hund und der junge Mann hörte auf, doch ohne die ſchöne Urſache des Mißfallens ſeines Begleiters zu ſehen. Die Sonne, die gerade unterging, ſchien voll auf ſein Geſicht, als er ſich umſah, und jenes Geſicht war ein ſolches welches die Nymphen von Delos wohl hätte machen können; das Geſicht des 2 Apollo, nicht das des Helden, ſondern des Schäfers— nicht mit dem Vogen, ſondern mit der Laute— nicht der Python⸗ tödter, ſondern der junge Träumer an ſchattigen Plätzen den der Bildhauer vargeſtellt, wie er ſich müßig an einen Baum lehnt— der knabenhafte Gott, deſſen Heimath noch auf der Erde iſt und dem das Orakel und die Sphären noch unbekannt ſind. In dem Augenblick ſprang der Hund aus dem Boot die ältere Dame ſtieß einen matten Schrei aus, der die Aufmerkſamkeit des Muſikers erregte und ihn ebenfalls an's Ufer brachte. Er rief ſeinen Hund zurück und entſchuldigte ſich mit nicht ungraziöſer Miſchung von Schüchternheit und Ruhe, daß er ſich vort eingedrängt. Er habe nicht gewußt, daß der Ort bewohnt ſei— es ſei ſeine Lieblingsfahrt dorthin— er wohne in der Nähe. Der älteren Dame geſiel ſein Außeres und ſeine Anrede. Es lag in der That jener unerklärliche Reiz in ſeinem Weſen, der anziehender iſt, als das bloß perſönliche Erſcheinen, und den man nie nachahmen oder ſich aneignen kann. Sie trennten ſich indeß, ohne eine förmliche Bekanntſchaft zu be⸗ ginnen. Einige Tage ſpäter aber trafen ſie einander bei einem Mittageſſen in einem benachbarten Hauſe und wurden einander vorgeſtellt. Der Name des jungen Mannes erſchien den Damen fremd, nicht ſo ihm der ihre. Er wurde blaß, als er ihn hörte, und blieb den ganzen Abend ſtill und zurückhaltend. Sie ſahen einander vft wieder und einige Wochen— ja Monate lang— ſchien er ſo viel als möglich die Bekanntſchaft zu ver⸗ meiden, die ſo günſtig begonnen hatte; aber nach und nach ſchien die Schönheit der jüngeren Dame ſeine Schüchternheit oder ſeinen Widerwillen zu beſiegen. Partien in die benachbarten Gebirge brachten ſie zu⸗ ſammen, und endlich gab er ſich dem Reize hin, dem er anfangs hatte widerſtehen wollen. Dieſer junge Mann wohnte auf der enigegenge⸗ ſetzten Seite des Sees in einer ſtillen Hahhaltung, deren Abgott er war. Er hatte ein Lebe n faſt klöſterlicher Reinheit und Ruhe geführt; ſein Nſchmack war ausgebildet, ſein Charakter ſchien ſanft und milde; doch unter jenem ruhigen Außern brachen zu Zeiten— nach Art des glühenden und empfindſamen Dichters— Blitze der Leidenſchaften hervor. Seit ſeiten frühen Knabenjahren hatte er ſelten jene Abgeſchiedenheit ver⸗ laſſen; er wußte nichts von der Welt, außer was er davon in Gedichten und Romanen geleſen halte. Die, 85 bei welchen er wohnte— ſeine Verwandten, ein alter Junggeſelle, nebſt den unverheiratheten Schweſtern 6 deſſelben— ſchienen ebenſo unſchuldig und unerfahren 6 2 zu ſein. Es war eine Familie, die der Reiche reſpek⸗ ſe tirte und der Arme liebte— anſpruchslos, mildthätig e und wohlhabend. Wie hoch ſich auch ihr Vermögen 6 belaufen mochte, er ſchien der Erbe zu ſein. Der Name dieſes jungen Mannes war Charles Spencer; ft die Damen waren Mrs. Beaufort und ihre Tochter 3 Camilla. r Mrs. Beaufort, obgleich eine ſcharfſichtige Frau, ch bemerkte nicht ſogleich irgend eine Gefahr in der zu⸗ . nehmenden Vertraulichkeit zwiſchen Camilla und dem jungen Spencer. Ihre Tochter war nicht ihr Liebling, 13 nicht der Gegenſtand ihres einzigen Gedankens oder 6 Ehrgeizes. Ihr Herz und ihre Seele waren allein mit ihrem Sohne Arthur beſchäſtigt, der meiſtens im Aus⸗ e⸗ lande lebte. Dalentvoll genug, um für fähig gehalten ß g. zu werden, Auszeichnung zu erhalten, wenn er wolle, ſt gut ausd genug, um von Allen für ſchön gehalten zu wer die nach einer vortheilhaften Heirath ſtreb⸗ * ten, gutmüthig genug, um in der Geſellſchaft, worin 2 er lebte, beliebt zu ſein, hatte ſich Arthur Beaufort S bei ſeiner maßloſen Verſchwendung im dreißigſten Jahre 5 jenen glänzenden und leicht verſchwindenden Ruf ge⸗ ſichert, der auf wenige Jahre den Ehrgeiz des feinen Herrn belohnt. Es war gerade der Ruf, den die 3— Mutter ſchätzen konnte, und den ſelbſt der ſparſame Vater insgeheim bewunderte, während er denſelben öffentlich zu hedauern ſchien. Dieſer Sohn, ſage ich, 86 war ihnen Alles in Allem, und verhältnißmäßig lag ihnen wenig an ihrer Tochter. Wie konnte eine Tochter den ſtolzen Namen Beaufort erhalten? Wie gut ſie ſich auch verheirathen möchte, ſo war es doch immer ein anderes Haus, nicht das ihre, welches ihre An⸗ muth und Schönheit ſchmücken ſollte. überdies, je beſſer ſie ſich verheirathete, deſto größer mußte natür⸗ lich die Mitgift ſein— die Mitgift, die aus der Familie ging! Und der arme Arthur war ſo ausſchweifend, daß er gewiß jedes Sirpence bedurfte. So dachte der Vater⸗ Die Mutter dachte weniger über die Sache nach. Mrs. Beaufort, verblichen und mager, war eiferſüch⸗ tig auf die Reize ihrer Tochter, und da ſie ſelber, wie es mit verſtandesſchwachen Frauen oft geſchieht, ſentimental und weinerlich wurde, als ſie im Leben vorrückte, ſo hielt ſie ſich überzeugt, daß Camilla ein Mädchen ohne Gefühl ſei. Miß Beaufort war freilich ein ungewöhnlich ruhiger und milder Charakter; es war d rakter, der die Männer vielleicht im Verhälti ihrer eigenen Stärke und Leidenſchaft bezaubert. Sie war ſtreng aufg ezogen— ihre Neigungen ſehr früh er⸗ kältet und unterdrückt worden; ſie bewegte ſich daher jetzt mit Leichtigkeit auf dem heiteren Pfade ihrer Pflichten. Sie hatte eine ehrerbietige Furcht vor ihren Eltern, beſonders vor ihrem Vater, und dachte nie an die Möglichkeit, ſich einem ihrer Wünſche, noch we⸗ niger ihrem Befehle zu widerſetzen. Fromm, freund⸗ lich, milde, von lieblichem Temperament, verſprach ag ter ſie ner ln⸗ ür⸗ der daß ter. ach. ich⸗ er, eht, ben ein e Tochter eine nicht we⸗ man konnte man auch ihre chen waren mehr dern, die ſelb un um ihretwillen hitte begehen können. Der und dieſe Lieb digkeit von der Ar ih die im All⸗ gemeinen bezaubernd iſt. Die F der Arme, des Halſes und der Bi war ausgeſucht; der Mund ſchön gewölbt, die Zähne blendend weiß und die Au⸗ gen von ausgezeichneter Milde. Aber ihr Reiz lag in ihrem lieb B i in ihrer nheit, d n en Benehmen, in einer außerordent⸗ lichen Unſchuld, die mit der einnehmendſten Koketterie vereint war, weil dieſelbe unbewußt war. Dabei lag eine Friſche, eine Heiterkeit, eine jungfräuliche und bezaubernde Klarheit in ihrer Stimme, in ihrem La⸗ chen und man konnte faſt ſagen in ihren Bewegungen. So wg Familla Beaufort in jenem Alter; ſo er⸗ ſchien ſit Andern. Für ihre Eltern war ſie nur ein großes Mädchen, welches ihnen im Wege war. Für Mrs. Beaufort eine Nebenbuhlerin, für Herrn Beau⸗ fort eine Laſt, die an ſeinem Vermögen zehrte. S— Zweites Kapitel. Der Mond, der traurig macht Die feierliche Nacht, doch mit der Trauer reint den Hauch des ungeſtörten Friedens. Sag mir ſein Schickſal. Sag, daß er lebt, ſag, daß er iſi geſtorben: Doch ſag mir's— ſprich! Ich ſeh ihn nicht— ihn hüllt die Wolke ein Wilſon. Eines Tags— beinahe ein Jahr nach ihrer erſten Einführung— als Camilla und Charles Spenter mit einer Geſellſchaft von Freunden durch jene wilden d rvmantiſchen Seenen ritten, die zwiſchen dem ſon⸗ nigen Winandermere und dem trüben und finſtern Waſtwater liegen, wendete ſich ihre Unterhaltung zu Gegenſtänden, die perſönlicher waren als bisher, denn wenn ſie auch bis dahin Liebe gefühlt hatten, ſo war dieſelbe doch noch nicht ausgeſprochen worden. Die Enge des Weges machte, daß nur zwei neben einander ten konnten und die beiden, auf die ich eine Be⸗ ſchreibung beſchränke, waren die letzten in di kleinen Geſellſchaft. „O, wie wünſchte ich, Arthur wäre hier!“ ſagte Camilla;„ich bin gewiß, er würde Ihnen gefallen.“ „Meinen Sie? Er lebt viel in der Welt— in der Welt, wovon ich nichts weiß. Sollten wir wohl fär einander paſſen?“ „Er iſt das freundlichſte— beſte aller menſchlichen Weſen!“ ſagte Camilla ausweichend, doch mit mehr ur k en hl en 89 Wärme, als ſich gewöhnlich in ihrer ſanften und leiſen Stimme zeigte. „Iſt er ſo freundlich?“ entgegnete Spencer nachden⸗ kend. Esmag ſein. Und wer wollte nicht gegen Sie freund⸗ lich ſein? Ach! es iſt eine ſo ſchöne Verbindung zwiſchen Bruder und Schweſter— ich habe keine Schweſter!“ „Haben Sie denn einen Bruder?“ ſragte Camilla in einigem Erſtaunen, indem ſie ihre Augen unbe⸗ fangen auf ihren Begleiter richtete. Spencer wurde roth bis an die Schläfen: ſeine Stimme bebte als er antwortete:„Nein, keinen Bru⸗ der!“ und dann fuhr er in raſchem Tone fort: „Mein Leben iſt ſeltſam und einſam geweſen. Ich bin verwaist und habe mit Wenigen von meinem Alter Umgang gehabt, meine Knaben⸗ und Jünglingsjahre habe ich bei dieſen Seen zugebracht; meine Er⸗ ziehung war ſo, wie ſie Natur und Bücher ma⸗ chen konnten und ich hatte faſt keinen andern Führer oder Lehrer als meinen Vormund— jenen lieben alten Mann! Daher erſcheint mir die Welt, das Ge⸗ räuſch der Städte, der Ehrgeiz, die Unternehmungen und alles das wie Dinge, die einem fernen Lande angehören, wohin ich nimmer wandern ſoll. Doch ich habe meine Träume, Miß Beaufort; Träume, wo⸗ von dieſe Einſamkeit einen Theil bildet— doch wünſche ich keine Einſamkeit ohne Geſellſchaft. Und in der letzten Zeit habe ich gedacht, daß dieſe Träume pro⸗ phetiſch ſein möchten. Und Sie— lieben Sie die Welt?“ „Auch ich kenne ſie faſt eben ſo wenig wie Sie,“ „Aber mir gefällt e eſſer als das Wenige ſagte Camilla mit heiterem das Land viel beſſer— o! was ich von den geſehen habe. 5 betrifſt,“ fuhr ſie mit k Mann iſt ſo ve ſchiete n von uns— wen der Welt zurückbehen wollen— Sie, ſo e das erſcheint mir freilich mit ſolchen ſeltſam!“ „Es m Gef nungen des Gedanken üb leicht hat mein guter Vormund—“ „Ihr Oheim?“ fiel Camilla ein. „Ja, mein Oheim— dazu beige in mir zu erwecken, die, wie Sie Alter ſeltſam ſind; aber doch—“ „Doch was?“ „Meine frühere Kindheit,“ fuhr Speneer ſ athmend und bleich werdend fort,„brachte ich nicht in ver glücklichen Heimath zu, die ich jetzt habe, ſon⸗ dern in einer frühzeitigen Prüfung. Die Erinnerungen varan haben einen dunklen Schatten in meinem Ge⸗ müthe zurückgelaſſen, und unter jenem Schatten liegt jeder Gedanke, der auf die ſtürmiſche und mühſame Lebensbahn anderer Menſchen hindeutet. Aber,“ ſetzte r nach einer Pauſe mit tiefer, ernſter, faſt feier⸗ ich kann Ihnen nicht mmte A „wenn ich meine nausverſetze. Viel⸗ hit tragen, Gefühle gen, in meinem ſa licher Stimme hinzu—„aber iſt dies Feigheit oder⸗ Weisheit? Ich finde keine Einförmigkeit, keine Lang⸗ weiligkeit in dieſem ruhigen Leben. Liegt nicht eine — hle em ber 91 gewiſſe Mril— eine gewiſſ⸗ Reli igion in einem een en, ländlichen Daſein? kennen nicht die böſen L und Streit erregen ſüchtig auf an⸗ dere Menſchen; ich es heißt, zu haſſen; mein Boot, m erd, unſer Garten, Bücher und die f h udigkeit, di nung auf ein künfüges Leben füllen jede Stunde mit fri unbewölkten Gedanken und in der letzten Zeit— wo— wo“ „Wo was?“ fragte Camilla unſchulbig „Wo ich den Wunſch hegte, aber nicht wagte, eine Andere zu fragen, ob ſie zufrieden ſein würde, ein ſolches Loos zu theilen!“ Während er ſprach, richtete g ſe ften blauen Augen voll auf das erröthende Geſich des jungen Mädchens, und Camilla erwiderte mit abgewandtem Geſichte halb lächelnd und halb ſeufzend:„Unſere Begleiler ſind weit voraus, und ſehen Sie, jetzt iſt der Weg eben.“ Sie trieb ihr Pferd an, während ſie dies ſagte, und Spencer, der zu unerfahren war, um dies günſtig auszulegen, verſank in tiefes Schwei⸗ gen, welches während der ganzen Zeit ihres Spazier⸗ rittes fortdauerte. Als er gegen Ende des Tages einſam na ch Hauſe ritt, ſchwellten Regungen und Leidenſcheften ſeit Herz, die ihm bisher fremd geweſen waren und die er in einem ſo ruhigen Leben i können gehofft hatte. aus de hervo und his 92 „Sie liebt mich nicht,“ murmelte er halb laut; „ſie will mich verlaſſen und was wird dann alle Schön⸗ heit der Landſchaft meinen Augen ſein? Und wie wage ich zu ihr aufzublicken, ſelbſt wenn ihre kalte, eitle Mutter— ihr Vater, der Mann der Formen und Seru⸗ peln, einwilligten, würden ſie nicht genau nach meiner Geburt und Abkunft fragen? Und wenn dieſer eine Makel überſehen würde, iſt nicht noch ein anderer da? Mei⸗ nes Bruders Lebensweiſe und Laſter— ſeine unbekannte Laufbahn, die ſich jeden Tag mit Schande und Verbre⸗ chen beladen am Galgen enden kann— wird man dies überſehen?“ Und während er ſprach, ſeufzte er laut und als wollte er ſich ſelber entfliehen, ſpornte er ſein Pferd an und ruhte nicht eher, als bis er die zierliche Hecke von Immergrün erreicht hatte, die ſeine bisher ſo glückliche Heimath umgab. Er überließ es ſeinem Pferde, ſeinen Weg zu dem Stalle zu finden, ging durch die Zimmer, die er leer fand, zu dem Raſenplatze auf der andern Seite, der zu dem Spiegel des Sees hinunterführte. Hier ſah er unter einem großen Baume, der den Stolz des Gartens ausmachte, ſeinen Pflegevater ſitzen, der nachläſſig in ein oft geleſenes Buch blickte— eins von jenen Büchern, welches literariſche Träu⸗ mer fanatiſch lieben— Bücher von altengliſchen Schriftſtellern, voll von halb zierlichen, halb erha⸗ benen Phraſen und untermiſcht mit Lobſprüchen auf das Landleben, mehr mit pvetiſcher als orthodoxer Reli⸗ gion gemiſcht und geſchmückt mit einer ſeltſamen Ver⸗ einigung mönchiſcher Gelehrſamkeit und Aphorismen a⸗ as li⸗ 93 aus der mühſamen Erfahrung des wirklichen Lebens geſammelt. Zur Linken, neben dem Gewächshauſe, welches zwiſchen dem See und dem Wohnhauſe erbaut war, ſah man die weiße Kleidung und die hagere Geſtalt der älteſten Schweſter, der die Sorge für die Blu⸗ men übertragen war— denn ſie hatte in frühen Jah⸗ ren eine unglückliche Liebſchaft gehabt; in geringer Entfernung von ihr ſaßen die andern beiden bei der Arbeit und unterhielten ſich leiſe, um ihren Bruder nicht im Leſen zu ſtören, und beſonders nicht ihren Neffen, der ihr Alles war. Es war die ruhigſte Abend⸗ ſtunde und die Stille der verſchiedenen Geſtalten, ihre einfachen und harmloſen Beſchäftigungen— wenn man es Beſchäftigungen nennen konnte— das bewegungs⸗ loſe volle Laub, im Hintergrunde das altmodiſche Haus ohne große Anſprüche und doch nicht unbedeutend, die Thüren offen, während die Fenſter einen Blick auf die bequeme Ruhe im Innern geſtatteten; vorn der See ohne die kleinſte Welle, der den Schimmer der vom Abendroth beſchienenen Wolken zurückſtrahlte— dies Alles bildete ein Gemälde ſo vollkommener Ruhe und Stille, die uns zuweilen beſänftigt, zuweilen traurig ſtimmt, je nachdem wir in der Stimmung find, uns der Zufriedenheit hinzugeben. Der junge Mann ging zu ſeinem Pflegevater und berührte ſeine Schulter.„Mein Herr, darf ich mit Ihnen reden?— Still ſie dürfen uns jetzt nicht ſehen! Nur mit Ihnen wünſchte ich zu reden.“ Der ältere Speneer ſtand auf und ging mit ſeinem Buche in der Hand unter dem Schalten des Baumes neben ſeinem Neffen her, und dann zu einem Gange zur Rechten, der eine kur recke am Rande des Sees dahinführte und durch eine hte Hecke geſchützt war. „Herr!“ ſagte der junge Mann zuerſt und mit ſichtbarer Anſtrengung redend,„Ihre Warnungen ſind vergebens geweſen! Ich liebe dieſes Mädchen— dieſe Tochter der ſtolzen Beauforts! Ich liebe ſie mehr, 1 als mein Leben! „Armer Junge,“ ſagte d indem er ſeinen Arm über die 6 hulter des Reden⸗ den legte,„denke nicht, daß ch Dich ſchelten werde — ich weiß, was es heißt, vergebens zu lieben!“ „Vergebens!— Aber warum vergebens?“ rief der junge Spencer mit einer Heftigkeit, die zu⸗ gleich etwas Qualvolles und Heftiges hatte.„Viel⸗ leicht liebt ſie mich— ſie ſoll mich lieben!“ Und vielleicht zum erſtenmal in ſeinem Leben zeigte ſich das ſtolze Bewuß ſ r ſeltenen perſönlic ben in ſeinem glühenden Auge, in ſeiner aufgereg⸗ ten Geſtalt.„Sagt man nicht, daß die Natur gün⸗ — er Oheim zärtlich und S S e i ſtig gegen mich geweſen iſt?— Welche Nebenbuhler habe ich hier?— Iſt ſie nicht jung?— Und—“ hier wurde ſeine Stimme ſo ſanft, daß ſie faſt wie Muſik klang—„iſt nicht Liebe arſteckend?“ Ich bezweifle nicht, daß ſie Dich lieben wird— „3 wer ſollte es nicht? Aber— aber— die Eltern— werden die je einwilligen?“ „Ja,“ antwortete der Liebende, mit der Unbe⸗ ſtändigkeit, die der Leidenſchaft eigen iſt, obgleich er * me nbe⸗ h er Beſorgnif ich ni hinge⸗ von der leichen Lurus und: Mutter bis zum Ranges 6 haben wir der V erſtor⸗ der Leben⸗ Ruhe — er fiel er auf Speneer ſchwieg einige 5 er erwiderte:„Wenn Du ſo fühlſt— und es iſt natürlich— ſo haſt Du noch mehr Gr und, gegen ſe unglückliche Reigung an⸗ zukämpfen.“ „Deſſen bin ich mir bewußt, Herr,“ verſetzte Spencer traurig,„ich habe gekämpft! Und ſage noch einmal, es iſt vergebens! Ich trete alſo den Hinder⸗ niſſen entgegen! Meine Geburt— wir wollen an⸗ nehmen, daß die Beauforts dieſelbe überſehen. Sag⸗ ten Sie mir nicht, daß Herr Beaufort Ihnen von 96 dem plötzlichen und ungemäßigten Beſuche meines Bruders geſchrieben— von ſeinem Entſchluſſe, den⸗ ſelben nie zu verzeihen? Ich meine, ich erinnere mich aus früheren Jahren an dergleichen.“ „Es iſt wahr!“ ſagte ſein Pflegevater,„das Be⸗ tragen des Bruders iſt in der That der wahre Grund, weßhalb Du nie wieder Deinen wahren Namen an⸗ nehmen und ihn ſelbſt der Familie nicht entdecken kannſt, mit der Du Dich durch Heirath verbindeſt, aber vor allen Dingen nicht dieſen Beauforts, die aus dieſem Grunde allein ſchon Deinen Antrag zu⸗ rückweiſen würden.“ Der junge Mann ſeufzte,— hielt eine Hand vor die Augen und ergriff mit der andern krampfhaft ſeines Pflegevaters Arm, als wollte er ihn verhin⸗ dern, weiter fortzufahren; aber der gute Mann, der ſeine Meinung nicht errieth und zu tief in ſeinem Gegenſtande war, fuhr fort und reizte die Wunde noch mehr, indem er ſie berührte. „Bedenke!— Dein Bruder in ſeinen Knaben⸗ jahren— in den Sterbeſtunden Deiner Mutter, kaum gerettet von dem Verbrechen des Diebſtahls, entfloh der freundlichen Verfolgung, mit einem berüchtigten Verbrecher; ſpäter war er in einen unehrenvollen Handel wegen eines Pferdes verwickelt— wies Alles zurück— jede Hand, die ihn retten konnte, hing ſich mit Auswahl an die gemeinſten Kameraden, nahm die niedrigſten Gewohnheiten an, verſchwand aus dem Lande und wurde vor zehn Jahren— als der Bart kaum an ſeinem Kinn ſproßte— mit demſelben Ta mi fiel ner De ſtr tra vor die ſer ſch De vor er, wa der ob get der ſei üb. lich lich kur me erf zu neines den⸗ mich s Be⸗ rund, n an⸗ decken ndeſt, e g zu⸗ d vor fhaft erhin⸗ „ der einem zunde aben⸗ kaum tfloh gten ollen Alles hing nahm dem Bart elben 9 Verbrecher, von dem ich ge S eteee oeſitrenteeiſe münzer— änd olizei fiel! Du erinnerſt Dich, wie ich, du in Dei⸗ nem ſeheſiehnten Jahre den Wunſch ausſprachſt, Deinen Namen eder anzunehmen— ja, Deinen ſtrafbaren Bruder wieder aufzuſuchen— es für meine ie und Wi Pflicht hielt, Dir die Zeitung inzeluheiten über den Tod und 7 r enthi Ich ſagte Dir ß Herr Beaufort mir vor langer Zeit ge⸗ ſchrieben, daß ſein eigener Sohn und Lord Lilburne Deinen Bruder in Geſellſchaft jenes Verbrechers, kurz vor Vollendung ſeines Schickſals, geſehen— ja, daß er, aller Wahrſcheinlichkeit nach, derſelbe Jüngling war, den man in ſeinem Zimmer gefunden und der der Verfolgung entgangen. Ich 6 Dich damals, ob Du noch wagen wollteſt, dieſe Verkleidung abzule⸗ gen— jenen Schutz, unter dem Du auf immer vor der Schmach der Welt und vor der Schande geſichert ſein würdeſt, die früher oder Pitet Dein Bruder über Deinen Namen bringen müſſe. „Es iſt wahr— es iſt wahr!“ ſagte der vorgeb⸗ liche Neffe mit bebenden und bleichen Lippen.„Schreck⸗ lich iſt es, auf ſeine Vergangenheit wie auf ſeine Zu⸗ kunft zu tlicen! Aber— aber— wir haben nichts mehr von ihm gehört! Niemand hat ſein Schickſal erfahren. Vielleicht— vielleicht—“ und er ſchien freier zu athmen—„iſt mein Bruder nicht mehr!“ Bulwer, Nacht u. MWorgen. II. 7 98 Arme Katharina— armer Philipp— war es dahin gekommen? Empfand der eine Bruder eine Beruhigung und Freude bei dem muthmaßlichen— vielleicht gewaltſamen und ſchmachvollen Tode des mit ihm verwaiſten Bruders? Spencer ſchüttelte zweifelnd den Kopf, aber antwortete nicht. Der junge Mann ſeufzte ſchwer, ging ſeinem Beſchützer einige Schritte voraus, kehrte dann zurück und legte ſeine Hand auf ſeine Schulter. „Mein Herr!“ ſagte er mit leiſer Stimme und niedergeſchlagenen Augen,„Sie haben Recht, ich muß dieſe Verkleidung— dieſen falſchen Namen auf im⸗ mer beibehalten. Wozu ſollen überhaupt denn die Beauforts wiſſen, wer und was ich bin? Warum ſollen Sie nicht für meine Sache ſprechen, als wäre ich Ihr Neffe.“ „Sie ſind ſtolz— ſo ſagt man— und weltlich geſinnt— Du weißt, meine Verwandten waren Handelsleute— aber dennoch—“ und Spenecer ging von dem Tone des Zweifels in den der Troſtloſigkeit über,„bedenke, wenn Mrs. Beaufort ſich auch des Um⸗ ſtandes nicht erinnert, ſo haben doch ihr Mann und ihr Sohn mich geſehen und wiſſen meinen Namen. Werden Sie nicht die Liſt errathen, wenn ſie Dich ſehen?— Ja, iſt es nicht wegen derſelben Furcht, daß Du gewünſcht haſt, ich ſolle die Bekanntſchaft mit der Familie vermeiden? Aber Herr Beaufort und Arthur ſahen Dich in Deiner Kindheit; wenn der Verdacht einmal erregt iſt, ſo werden ſie Dich ſo⸗ gleich erkennen; Deine Züge ſind entwickelt, aber nicht Pfles laß u — m / ſind Sie 1 danke geſchl Aber ich T V klare die C unſcht alten ten h abweſ und ſ „horc ſoll i mel i T religi Natu Kopf „ den r beton mit felnd kann ritte auf und muß im⸗ die rum wäre tlich aren ging gkeit Um⸗ und men. Dich rcht, mit und der ſo⸗ aber 99 nicht durchaus verändert. Komm, komm, mein lieber Pflegeſohn, wirf dieſe Gedanken bei Zeiten von Dir: laß uns die Seene verändern: ich will mit Dir reiſen — mit Dir leſen— gehen, wohin Du willſt—“ „Herr— Herr!“ rief der Liebende lebhaft,„Sie ſind ſtets gütig, mitleidig und edel; aber berauben Sie mich der Hoffnung nicht. Ihnen habe ich es zu danken, daß ich nie, außer in augenblicklicher Nieder⸗ geſchlagenheit, den Fluch meiner Geburt gefühlt habe. Aber wie ſchwer fällt er jetzt auf mich! Wo ſoll ich Troſt finden?“ Während er ſprach, ertönte eine Glocke durch die klare Luft und über den ſchlummernden See; es war die Glocke, die jeden Abend und jeden Morgen jene unſchulvige und fromme Familie zum Gebet rief. Des alten Mannes Geſicht veränverte ſich, als er das Läu⸗ ten hörte— es ging von dem gewohnten müßigen, abweſenden und achtloſen Ausdruck zu dem der Würde und ſelbſt der Lebhaftigkeit über. „Horch!“ ſagte er, indem er aufwärts deutete; „hyrch! die Glocke ſchilt uns. Wer darf ſagen: wo ſoll ich Troſt finden, ſo lange ein Gott im Him⸗ mel iſt?“ Der junge Mann, der ſich an die Beobachtung der religiöſen Gebräuche gewöhnt hatte, bis ſeine ganze Natur davon durchdrungen war, ließ beſchämt den Kopf finken, und es traten ihm Thränen in die Augen. „Sie haben Recht, Vater,“ ſagte er, indem er den wohlverdienten und zärtlichen Namen beſonders betonte.„Ich bin ſchon getröſtet!“ 100 Schweigend gingen der junge und der alte Mann neben einander nach Hanſe. Als ſie das ſtille Zim⸗ mer erreichten, wo ſich die Familie gewöhnlich ver⸗ ſammelte, umgaben die Schweſtern und die Diener ſchon den Tiſch. Sie knieten, als die Verſpäteten eintraten. Es war des jungen Spencer gewohnte Pflicht, die Gebete vorzuleſen; und als er es jetzt that, ſein anmuthiges Geſicht höher geröthet, ſeine lieb⸗ liche Stimme ausdrucksvoller in ihren Tönen, als ge⸗ wöhnlich: wer hätte da glauben ſollen, daß das Herz in ihm von ſo ſtürmiſchen Leidenſchaften bewegt werde? Oder ward es nicht zu jener Stunde— in jenem feierlichen Gebete von ſeinem Weh befreit? O, wohl⸗ thätiger Schöpfer! Du, der Du allen Geſchlechtern der Erde den Wunſch zu beten einflößeſt, haſt Du nicht in jenem göttlichen Inſtinkt uns die glücklichſte Deiner Gaben gewährt? Drittes Kapitel. Bertram. Ich meine das Geſchäft iſt beendet— und ich muß noch einmal davon hören. Erſter Soldat. Kennt Ihr dies, Kapitain Dumain?— „Ende gut, Alles gut.“ Eines Abends, einige Wochen nach der Zeit, wo dieſes letzte Kapitel ſpielt, ſaß Robert Beaufort allein in ſeinem Hauſe in Berkeley⸗Square. Er war an jenem Morgen von Beaufort-Court angekommen und auf dem Wege nach Winandermere, wohin ihn ein Brief ſeiner Frau rief. reich das freil und ſeine und Wät laſſe halb ſagt ſich ſtän iſt i lich öffne ſond zu. Fra mur mit ang Mann Zim⸗ ch ver⸗ Diener päteten wohnte tzt that, ne lieb⸗ als ge⸗ s Herz werde? jenem „wohl⸗ lechtern aſt Du icklichſte — und ich umain?— gut.“ eit, w rt allein n jenem und auf in Brief 104 Jenes Jahr war eine aufgeregte und ereigniß⸗ reiche Epoche in England, und Beaufort hatte eben das geſchäftige Treiben einer Wahl durchgemacht, die freilich nicht beſtritten wurde; denn ſeine Beliebtheit und ſein großes Vermögen trotzten aller Rivalität in ſeiner Grafſchaft. Der reiche Mann hatte eben zu Mittag geſpeiſt und ſaß nachläffig am Feuer, welches er weniger der Wärme als der Geſellſchaft wegen hatte anzünden laſſen. Er beendete ſeinen Madeira und kaute mit halb geſchloſſenen Augen ſeinen geröſteten Zwieback. „Ich weiß in der That nicht, was zu thun iſt,“ ſagte er, indem er während dieſer Beſchäftigung mit ſich ſelber redete—„meine Frau ſollte über Gegen⸗ ſtände entſcheiden, die das Mädchen angehen— dazu iſt ja eine Frau da. Mit einem Sohne iſt es frei⸗ lich etwas Anderes. Hi!“ „Herr,“ ſagte ein fetter Bedienter, der die Thür öffnete,„ein Herr wünſcht Sie in einem ganz be⸗ ſonderen Geſchäft zu ſprechen.“ „Geſchäft, zu dieſer Stunde! ſage ihm, er möge zu Herrn Blackwell gehen.“ „Ja, Herr.“ „Halt! vielleicht iſt es ein Wähler, Simmons. Frage ihn, ob er zur Grafſchaft gehört.“ Ja, Herr.“ „Eine große Beſitzung iſt eine große Plage,“ murmelte Beaufort,„und beſonders, wenn man mit all den Wählern zu thun hat. Es iſt doch angenehmer, im Oberhauſe zu ſein. Ich denke, es 102 müſſe ſich machen laſſen, wenn ich wollte; aber dann muß man Steuern zahlen— das iſt freilich eine Laſt. Ich will mit Lilburne zu Rathe gehen. Hm!“ Der Diener trat wieder ein. „Herr, er ſagt, er gehört zur Grafſchaft.“ „Führe ihn herein!— Was iſt es für ein Mann?“ „Nun, ein feiner Herr, das heißt,“ fuhr der Bediente fort, indem ihm die fünf Schilling einfielen, die ihm der Fremde in die Hand geſteckt—„ein ſehr feiner Herr.“ „Mehr Wein denn— und ſchüre das Feuer.“ Nach wenigen Augenblicken wurde der Fremde in's Zimmer geführt. Er war ein Mann zwiſchen fünf⸗ zig und ſechzig, doch ſtrebte er noch nach einem jugend⸗ lichen Ausſehen. Seine Kleidung hatte etwas Mili⸗ täriſches, beſtand in einem blauen Rock, der bis an's Kinn zugeknöpft war, einer ſchwarzen Halsbinde, wei⸗ ten Beinkleidern und meſſingenen Sporen. Er trug eine Perrüke mit vollen, hellbraunen Locken, einen Backenbart von derſelben Farbe, aber an der Wurzel ein wenig grau. Bei dem unvollkomenen Licht in dem Zimmer war es nicht zu bemerken, daß die Kleider etwas abgetragen und die Stiefel an den Seiten auf⸗ geſprungen waren und nicht ſehr weiße Strümpfe zeig⸗ ten. Beaufort, der widerſtrebend von ſeinem Sitze aufſtand, und froh war, ſich gleich wieder zu ſetzen, deutete auf einen Stuhl und nahm ein klägliches und zweifelhaftes Lächeln des Willkommens an. Der Die⸗ ner ſetzte dem Fremden Wein und Gläſer vor, und jetzt waren Wirth und Gaſt allein. die ko ich er dann ne Laſt. Der t.“ Nann?“ uhr der infielen, ein ſehr eer.“ mde in's n fünf⸗ jugend⸗ Mili⸗ bis an's de, wei⸗ Er trug „einen Wurzel in dem Kleider ten auf⸗ pfe zeig⸗ m Sitze n ſetzen, ches und er Die⸗ r und „So ſind Sie alſo aus unſerer Grafſchaft, Herr,“ ſagte Beaufort mit matter Stimme,„ich vermuthe, aus der Gegend des Känals— darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten?“ „Sehr gütig, Herr— Ihre Geſundheit!“ und der Fremde ſchüttete mit offenbarem Behagen ein Glas voll hinunter. „Aus der Gegend des Kanals?“ wiederholte Beau⸗ fort. „Nein, Herr, nein! Die Parlamentsherren müſ⸗ ſen alle Hände voll zu thun baben— Sie haben eine ſehr ſchöne Beſitzung, höre ich, Herr. Erlauben Sie mir, die Geſundheit Ihrer werthen Frau Gemahlin zu trinken!“ „Ich danke Ihnen, Herr— Herr—. Wie ſag⸗ ten Sie doch, ſei Ihr Name— bitte tauſendmal um Verzeihung.“ „Hat durchaus nichts zu ſagen, Herr; machen Sie keine Umſtände mit mir— es iſt ganz exeellenter Madeira!“ „Darf ich fragen, wie ich Ihnen dienen kann?“ ſagte Braufort, der zwiſchen der Langeweile und der Furcht, unhöflich zu ſein, kämpfte.„Und hatte ich die Ehre, bei der letzten Wahl Ihre Stimme zu be⸗ kommen?“ „Nein, Herr, nein! Es iſt viele Jahre her, ſeit ich zuletzt in dieſem Theilr der Welt war, obgleich ich dort geboren bin.“ „Dann ſehe ich eigentlich nicht ein“— begann Beaufort und hielt mit Würde inne. 104 „Warum ich zu Ihnen komme,“ ſetzte der Fremde hinzu, indem er mit ſeinem Rohrſtock an den Stiefel ſchlug, den Riß bemerkte und beide Füße unter den Tiſch ſteckte. „Das ſage ich nicht; aber zu dieſer Stunde bin ich meiſtens beſchäftigt— dennoch ſtehe ich ſtets jedem Wähler zu Gebote— es iſt die Pflicht eines Parla⸗ mentsmitglieds. Herr— ich bitte um Verzeihung, ich hörte Ihren Namen nicht.“ „Mein Herr,“ ſagte der Fremde, indem er ſich noch ein drittes Glas einſchenkte;„auf die Geſundheit Ihrer jungen Familie! Und nun zum Geſchäft.“ Hier zog der Fremde ſeinen Stuhl dem Wirthe näher, nahm ein ernſteres Anſehen an, legte ſeine bellende Aus⸗ ſprache ab und fuhr fort:„Sie hatten einen Bruder?“ „Nun, Herr,“ ſagte Beaufort mit ſehr veränder⸗ tem Geſichte. „Und dieſer Bruder hatte eine Frau!“ Wäre eine Kanone dicht vor Robert Beaufort's Ohr losgegangen, ſo hätte er nicht mehr erſchrecken und betäubt werden können, als von dieſem einzigen Wort, womit ſein Gaſt ſeinen Satz ſchloß. Er ſank auf ſeinen Stuhl zurück— ſeine Lippen halb geöffnet, ſeine Augen auf den Fremden gerichtet. Er wollte reden, aber ſeine Zunge klebte an ſeinem Gaumen. „Dieſe Frau hatte zwei Söhne, die in der Ehe geboren wurden!“ „Es iſt falſch!“ rief Beaufort, der endlich ſeine Stimme wiederfand und aufſprang.„Und wer ſind Sie, Herr? Und was meinen Sie mit—“ remde Stiefel rden de bin jedem Parla⸗ g ich er ſich nheit Hier nahm Aus⸗ wer?“ änder⸗ ufort's hrecken nzigen r ſank öffnet, wollte imen. er Ehe 105 „Still!“ ſagte der Fremde ganz unbekümmert und die Würde ſeiner bellenden Ausſprache wieder anneh⸗ mend,„laſſen Sie lieber die Diener nichts davon hören. Ich meines Theils glaube, daß Diener die längſten Ohren haben, die Eſel ſelbſt nicht ausgenommen; ihre Ohren gehen von der Küche bis zum Geſellſchafts⸗ zimmer. Still, Herr!— Ganz exeellenter Madeira!“ „Herr!“ ſagte Beaufort, der ſich bemühte, ſeine Faſſung beizubehalten oder ſie vielmehr wieder zu er⸗ langen,„Ihr Benehmen iſt außerordentlich auffallend; aber erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, daß Sie durch⸗ aus unrecht berichtet ſind. Mein Bruder verheirathete ſich nie; wenn Sie etwas über dieſe jungen Leute— ſeine natürlichen Söhne— zu ſagen haben, ſo muß ich Sie an Herrn Blackwell zu Lincolns⸗Inn verweiſen. Ich wünſche Ihnen einen guten Abend.“ „Desgleichen Herr— will Sie nicht weiter be⸗ läſtigen; ich kam nur aus freundlicher Rückſicht für Sie— ich bin nicht gewohnt, ſo behandelt zu wer⸗ den, Herr— ich bin im Dienſte Seiner Majeſtät— Sie werden finden, daß der Zeuge der Trauung zum Vorſchein kommen wird; dann werden Sie an mich denken und vielleicht wird es Ihnen leid ſein, daß Sie mich ſo behandelt haben. Aber ich habe aus⸗ geredet— Ihr ganz Gehorſamer, Herr!“ Und mit einer Handbewegung wendete ſich der Fremde zur Thür. Beim Anblick dieſer Entſchloſſenheit des ſeltſa⸗ men Gaſtes wurde Beaufort von einer kalten, unru⸗ higen und unbeſtimmten Ahnung ergriffen. Nicht wie ein Blitz, ſondern wie ein kalter Schauder kam jene 106 Erinnerung an die feierliche Verſicherung ſeines Bru⸗ ders, die er nicht geglaubt— an Katharinens hart⸗ näckige Behauptung der Rechte ihrer Söhne— an ihren hoffnungsloſen Prozeß, weil der Zeuge, auf den ſie ſich berufen, nicht zu finden geweſen. Mit dieſer Erinnerung kam eine ſchreckliche Reihe düſterer Be⸗ fürchtungen— Rechtsſtreit, Zeugen, Urtheil, Her⸗ ausgabe, Beraubung— Rückzahlungen— Untergang! Als der Mann die Thür erreicht hatte, wendete er ſich noch einmal um und ſah ihn mit behaglicher und triumphirender Miene ſeines unverſchämten und ſorgloſen Geſichtes an. „Mein Herr,“ ſagte Beaufort milde,„ich wieder⸗ hole, daß es beſſer iſt, wenn Sie ſich an Herrn Black⸗ well wenden.“ Der Verſucher ſah ſeinen Triumph.„Ich habe ein Geheimniß mitzutheilen, welches Sie lieber für ſich behalten ſollten. Wie vielen Leuten wollen Sie, daß ich es ſagen ſoll? Ei, Herr, wir bedürfen keines Advokaten, oder wenn Sie es für gut halten, ſo ſagen Sie es ihm ſelber. Jetzt oder nie, Herr Beaufort.“ „Ich kann nichts dagegen einzuwenden haben, an⸗ zuhören, was Sie mir zu ſagen haben,“ ſagte der reiche Mann viel milder als vorher und ſetzte dann mit er⸗ zwungenem Lächeln hinzu,„obgleich meine Rechte zu feſt geſichert ſind, um einen Zweifel zuzulaſſen.“ Ohne auf die letzte Behauptung zu achten, kehrte der Fremde ruhig zurück, legte beide Arme auf den Tiſch, ſah Herrn Beaufort voll ins Geſicht und be⸗ gann:„Mein Herr, bei der Trauung Philipp Beau⸗ Bru⸗ hart⸗ — an uf den dieſer r Be⸗ Her⸗ gang! endete glicher n und ieder⸗ Black⸗ hae e für n Sie, keines ſagen fort.“ „ an⸗ reiche — hie zu 4 kehrte f den nd be⸗ Beau⸗ fort's und Katharina Morton's waren zwei Zeugen zugegen: der eine iſt todt, der andere ging ins Aus⸗ land— der letztere iſt noch am Leben!“ „Wenn das iſt,“ ſagte Beaufort, dem es nicht an Liſt und Verſtand fehlte und der entſchloſſen war, jeden Grund zur Unruhe genau zu erfahren—„wenn das iſt, warum erſchien nicht der Mann bei der Un⸗ terſuchung. Ich meine, es war ein Diener, auf den ſich Mrs. Morton berief.“ „Weil, wie ich ſchon geſagt, er im Auslande war und nicht aufgefunden werden konnte; man fand ihn nicht, weil man die Sache nicht recht anging oder weil es an Geld fehlte.“ 4 „Hm!“ ſagte Beaufort,„ein Zeuge— ein eid⸗ ziger Zeuge beunruhigt mich nicht ſehr. Es kommt nicht darauf an, was ein Mann ausſagt, ſondern darauf, was vie Geſchwornen glauben. überdies, was iſt aus den jungen Männern geworden?— Man hat ſeit Jahren nichts von ihnen gehört. Wahrſchein⸗ lich ſind ſie todt, und wenn das iſt, ſo bin ich den⸗ noch geſetzlicher Erbe!“ „Ich weiß wenigſtens, wo Einer von ihnen zu finden iſt.“ „Der ältere?— Philipp?“ fragte Beaufortängſtlich und mit furchtſamer Erinnerung an den kräftigen und ſtürmiſchen Charakter, den ſein Neffe früher gezeigt. „Verzeihen Sie, wenn ich dieſe Frage nicht be⸗ antworte.“ „Herr! ein Rechtsſtreit dieſer Art gegen einen, ver im Beſitze iſt, dürfte ſehr zweifelhaft und,“ fügte 108 der reiche Mann hinzu, indem er ſich ſtolz aufrich⸗ tete,„und vielleicht ſehr koſtbar ſein!“ 1 „Dem jungen Manne, von dem ich rede, fehlt es e nicht an Freunden, die das Geld nicht ſcheuen werden.“ 1 „Herr!“ fagte Beaufort, indem er aufſtand und ſeinen Rücken zum Feuer wendete,„Herr! welches iſt d der Zweck dieſer Mittheilung? Kommen Sie von den jungen Männern, um einen Vergleich vorzuſchlagen? Wenn das iſt, ſo reden Sie offen?“ „Ich komme aus eigenem Antriebe. Es ſteht nur bei Ihnen, ob die jungen Männer je etwas davon 1 erfahren ſollen oder nicht!“ „Und was fordern Sie?“ „Fünfhundert Pfund jährlich, ſo lange das Ge⸗ 1 heimniß bewahrt wird.“ „Und wie können Sie beweiſen, daß überhaupt ein Geheimniß vorhanden iſt?“ „Indem ich Ihnen den Zeugen vorſtelle, wenn Sie es wünſchen.“ „Wird er die fünfhundert Pfund mit Ihnen thei⸗ len?“ fragte Beaufort liſtig. „Das iſt meine Sache, Herr,“ verſetzte der Fremde. „Was Sie mir ſagen,“ entgegnete Beaufort,„iſt ſo außerordentlich— ſo unerwartet und ſcheint mir dennoch ſo unwahrſcheinlich, daß ich Zeit zur über⸗ legung haben muß. Wenn Sie mich in einer Woche wieder beſuchen und mir die Thatſachen vorlegen wollen, ſo will ich Ihnen eine Antwort geben. Ich will Nie⸗ manden ſeine Rechte vorenthalten, Herr, aber ande⸗ rerſeits laſſe ich mich auch durch keinen Betrug täuſchen.“ rich⸗ tes en.“ und s iſt den en nur von Ge⸗ aupt venn thei⸗ mde. „iſt mir tber⸗ zoche len, Nie⸗ inde⸗ en 109 „Wenn Sie ihnen ihre Rechte nicht vorenthalten wollen, ſo wird es das Beſte ſein, ich gehe und ſage es den jungen Herren,“ ſagte der Fremde mit kalter Unverſchämtheit. „Ich ſage Ihnen, daß ich Zeit haben muß,“ wie⸗ derholte Beaufort ärgerlich.„überdies habe ich nicht allein für mich zu ſorgen,“ ſetzte er mit würdevollem Nachdruck hinzu,„ich bin Vater!“ „über acht Tage will ich wiederkommen. Guten Abend, Herr Beaufort!“ Und der Mann reichte ihm mit einer Miene freundſchaftlicher Herablaſſung die Hand. Der reſpektable Herr Beaufort veränderte die Farbe und reichte endlich ſeinem Gaſte zwei Finger, den er von Herzen in das Land verwünſchte, wo der Pfeffer wächst. Der Fremde lächelte, ſchritt zur Thür, blinzelte bedeutungsvoll mit den Augen und verſchwand, indem er es Herrn Beaufort überließ, ſich den Gefühlen der Unruhe, der Furcht und des Schreckens hinzugeben, gleich einem Manne, den plötzlich die Flut umgibt und der nur wenige Zoll breit von einem ſchlüpfrigen Felſen unter ſeinen Füßen hat. Er ſchwieg einige Augenblicke und ſah ſich dann in dem düſteren und geräumigen Zimmer um, wäh⸗ rend ſeine Augen bei allen Zeichen des Lurus und des Reichthums verweilten, die daſſelbe zeigte. über dem ungeheuren Seitentiſche, der bei feſtlichen Gelegen⸗ heiten ſich unter der Laſt der Erbſtücke der Beauforts bog, hing in ſeinem vergoldeten Rahmen ein großes 1¹⁰ Bild des Familienſitzes mit den ſtattlichen Säulenein⸗ gängen— dem herrlichen Park und den Wildgruppen und an den Wänden unter den alterthümlichen Por⸗ traits von Rittern und Damen, die längſt zur Ruhe eingegangen, befanden ſich Meiſterſtücke der italieni⸗ ſchen und niederländiſchen Kunſt, die eine Generation nach der andern geſammelt, bis endlich die Sammlung der Beauforts die Berückſichtigung der Kenner in An⸗ ſpruch nahm und das Studium der jungen Genies aus⸗ machte. Das ſtille Zimmer, die ſtummen Gemälde— ſelbſt der ſchwerbelaſtete Seitentiſch ſchienen eine Stimme zu bekommen und hörbar zu ihm zu reden. Er ſteckte die Hand in die Falten ſeiner Weſte und griff krampf⸗ haft in ſein eigenes Fleiſch; dann ſchritt er im Zimmer auf und ab und verſuchte ſeine Gedanken zu ſammeln. „Ich wage nicht, Mrs. Beaufort um Rath zu fragen,“ murmelte er; nein— nein— ſie iſt eine Thörin! überdies iſt ſie nicht da. Es iſt keine Zeit zu verlieren— ich will zu Lilburne gehen.“ Kaum war ihm dieſer Gedanke eingefallen, als er ihn ſchon in Ausführung zu bringen eilte; er klingelte, ließ ſich Hut und Handſchuhe bringen und eilte zu Fuß in Lord Lilburne's Haus in Park⸗Lane — die Entfernung war nicht groß und die Ungeduld hatte weite Schritte. Er wußte, daß Lord Lilburne in der Stadt ſei, denn dieſer liebte London um ſeiner ſelbſt willen, und ſelbſt im September würde er mit dem alten Herzog von QOueensbury geſagt haben, wenn Jemand die Be⸗ me „ in dra Bä Pa tab reic neb mer ein zu Unt gew des Cor acht ſtell ſam und meh Gef Ma Sch Anb kein Laſt zu ine Zeit als er und ane uld ſei, und 308 1¹1 merkung gemacht hätte, daß London ſehr leer ſei: „Ja, aber es iſt doch immer voller als auf dem Lande.“ Beaufort fand Lord Lilburne bei offenem Fenſter in ſeinem Geſellſchaftszimmer auf dem Sopha ruhend, draußen ſchienen die frühen Sterne auf die ſchimmernden Bäume und den verſilberten Raſen des verlaſſenen Parks. Ungleich dem einfachen Deſſert ſeines reſpek⸗ tablen Schwagers, ſtanden die köſtlichſten Früchte und reichſten Weine Frankreichs auf dem kleinen Tiſche neben dem Sopha, und als der ſteife Mann der For⸗ men und Methode zur einen Thür eintrat, rauſchte ein ſeidenes Gewand durch die andere hinaus und ſchien zu verrathen, daß er Lilburne in einer angenehmeren Unterhaltung geſtört habe. Es wäre ein intereſſantes Studium für Perſonen geweſen, welche die dunklen und verworrenen Züge des menſchlichen Charakters zu betrachten lieben, den Contraſt zwiſchen dem Erzähler und Zuhörer zu beob⸗ achten, als Beaufort nach vielen Umwegen, mit ver⸗ ſtellter Verachtung und wirklicher Angſtlichkeit, vie ſelt⸗ ſame und unheildrohende Unterredung zwiſchen ihm und dem Fremden berichtete. Als der Diener Beaufort anmeldete, brachte er mehr Licht in's Zimmer, welches jetzt voll auf das Geſicht und die Züge Beaufort's fiel. Alles an dieſem Manne ſtand ſo vollkommen mit den Formen und dem Schein der Welt in übereinſtimmung, daß in ſeinem Anblick etwas Moraliſches lag. Auf ſeiner Stirn war keine Spur jüngerer Leidenſchaft. Kein aufregendes Laſter hatte den Ausdruck deſſelben geſchärft— kein 112 erſchöpfendes Laſter die Züge tiefer eingegraben. Er war das ſchöne Ideal eines Parlamentsmitgliedes— ſo zierlich, ſo geſetzt, ſo geſchäftig. Und jetzt lag ein bedeutender Ausdruck in ſeinem grauen Haar, in ſeinem nervöſen Lächeln, in ſeinen zitternden Händen, in ſeiner raſchen und unruhigen Vewegung, in dem Beben ſeiner Stimme. Die, welche ihn geſehen und nicht gehört hätten, würden ihn für einen guten Mann in einer Verlegenheit gehalten haben. Kalt, bewegungs⸗ los, ſprachlos und dem Anſcheine nach gefühllos, aber in Wahrheit beobachtend, noch auf dem Sopha ruhend⸗ ſeinen Kof zurückgelehnt, ſein Auge auf ſeinen Gaſt gerichtet, die Hände vor ſich zuſammengefaltet, hörte Lord Lilburne ihm zu, und in dieſer Ruhe, in ſeinem Geſichte ſowie in ſeinem ganzen Körper, konnte man die Geſchichte eines ſehr verſchiedenen Lebens und Cha⸗ rakters leſen! Welch ein angeborner Scharfblick in dem ſchlauen Auge! Welch eine verhärtete Entſchloſſen⸗ heit in den vollen Naſenflügeln und feſten Lippen! Welch eine ironiſche Verachtung aller Dinge in den ſich durchkreuzenden Linien um ſeinen Mund! Welche animaliſche Genußſucht in jenem zarten Nervenſyſtem, welches mit urſprünglich kräftiger Conſtitutivnſver⸗ eint, ſich in den Adern der Hände und Schläfen, ſowie in dem Beben der Oberlippe zu erkennen gab! Sein Körper war vor allen andern zur Genußſucht geeignet — er hatte eine hohe Bruſt, war feſt und muskulös gebaut, aber ſchlank und faſt hager— ſeine Hände und Füße faſt weiblich zart. Die Gleichgültigkeit der Lage, die Art der Kleidung— nicht vernachläſſigt, we üb vo nie iſt dat zur die auf we lich er es ver Di ern wiſ Ge es— t a r, in inden, ndem n und Mann uns⸗ aber uhend, Gaſt hörte ſeinem e man d Cha⸗ lick in lofſen⸗ ppen! in den Welche ſyſtem, nver⸗ ſowie Sein eeignet skulös Hände eit der räfſigt, 113 aber leicht, locker und ſorglos— ſchien die Denkungs⸗ art und Lebensweiſe des Mannes— ſeine tiefe Ver⸗ achtung der Außerlichkeiten auszubrücken. Erſt als Beaufort geendet hatte, veränderte Lord Lilburne ſeine Stellung und öffnete ſeine Lippen. Dann wendete er ſich mit ruhigem Geſicht zu ſeinem Schwager und ſagte trocken:„Ich bin immer der Meinung ge⸗ weſen, daß Dein Bruder jenes Frauenzimmer gehei⸗ rathet hat; er war der Mann dazu, ſo etwas zu thun. überdies, wie hätte ſie ohne eine Spur von Beweis vor Gericht gehen können, wenn ſie nicht von ihrem Rechte überzeugt geweſen wäre? Der Betrug geht nie ohne irgend ein Zeugniß zu Werke. Die Unſchuld iſt thöricht genug, ſich einzubilden, daß ſie nur reden darf, um Glauben zu finden. Aber es iſt keine Urſache zur Unruhe vorhanden.“ „Keine Urſache!— Und doch glaubſt Du, daß die Trauung wirklich ſtattgefunden hat.“ „Es iſt durchaus klar,“ fuhr Lilburne fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten,„daß der Maun, welches auch ſein Zeugniß ſein mag, keine hinläng⸗ lichen Beweiſe hat. Wenn das der Fall wäre, ſo würde er lieber zu den jungen Männern als zu Dir gehen; es iſt klar, daß ſie unendlich viel größere Belohnungen verſprechen würden, als er von Dir erwarten kann. Die Menſchen ſind ſtets freigebiger mit dem, was ſie erwarten, als mit dem, was ſie haben. Alle Schurken wiſſen dies. So gewinnen Juden und Wucherer mehr Geld von Erben als von Beſitzern. Vermuthlich hat der Mann den wahren Zeugen der Trauung aufge⸗ Bulwer, Nacht u. Morgen. M. 8 114 funden und weiß auch, daß das Zeugniß deſſelben allein Dich noch nicht aus dem Beſitze verdrängen würde. Er könnte Lügen geſtraft werden— reiche Leute ver⸗ ſtehen ſich zuweilen darauf, arme Zeugen Lügen zu ſtrafen. Bedenke, daß er nichts von dem verlornen Copulationsſchein ſagt— welches nun der Werth dieſes Dokuments ſein mag, kann ich nicht genau ſagen, da ich kein Rechtsgelehrter bin— noch auch von Briefen von Deinem Bruder, worin er die Trauung behauptet. Bedenke, daß das Trauungsregiſter vernichtet— daß der Geiſtliche todt iſt. Pah! beruhige Dich darüber.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Beaufort getröſtet,„welch ein Gedächtniß Du haſt!“ „Natürlich. Deine Frau iſt meine Schweſter— ich haſſe arme Verwandte— und war daher bei Deiner Nachfolge und Deinem Rechtsſtreit ſehr interefſirt. Nein— Du kannſt Dich über die Sache beruhigen, wenigſtens was einen erfolgreichen Rechtshandel betrifft. Die nächſte Frage iſt: wird es überhaupt zu einem Prozeß kommen? und iſt es der Mühe werth, inzwi⸗ ſchen dieſen Kerl zu beſtechen? Das kann ich nicht fagen, wenn ich ihn nicht ſelber ſpreche.“ „Gebe der Himmel, daß Du das thäteſt!“ „Sehr gerne; das iſt ein Geſchäft für mich— ich habe gern mit Schurken zu thun; es unterhält mich. über acht Tage? Ich will in Deinem Hauſe ſein und Deine Stelle vertreten; ich werde es beſſer machen als Blackwell. Und da Du ſagſt, daß man Dich zu den Seen ruft, ſo gehe hinunter und über⸗ laſſe mir Alles.“ 7 dan unt Gi der wil 28 1)8 allein en, da Deiner reſſirt. higen, etrifft. einem inzwi⸗ mnicht . ic— terhält Hauſe beſſer man über⸗ 11⁵ „Tauſend Dank. Ich kann Dir nicht ſagen, wie Lankbar ich Dir bin. Du biſt in der That der gütigſte und gewandteſte Menſch auf der Welt.“ „Du kannſt nicht ſchlimmer von der Fähigkeit und Güte der Welt denken als ich,“ war Lilburne's zwei⸗ deutige Antwort auf das Compliment.„Aber warum will meine Schweſter Dich ſprechen?“ „O, ich vergaß!— Hier iſt ihr Brief. Ich wollte Dich auch darüber um Rath fragen.“ Lorb Lilburue nahm den Brief und überſah ihn mit dem raſchen Auge eines Mannes, der in allen Dingen ſogleich die Hauptſache findet. „Ein Heirathsantrag für meine hübſche Nichte— Herr Spencer— fordert kein Vermögen— ſein Oheim will ihm Alles vermachen— der kindiſche alte Mann! — Alles! das Ganze beläuft ſich ja nur auf tauſend Pfund jährlich. Du denkſt nicht viel daran— he? Es wundert mich, daß meine Schweſter Dich überhaupt darum befragen konnte.“ „Sieh aber, Lilburne,“ ſagte Beaufort in einiger Verlegenheit,„es wird kein Vermögen gefordert— es geht nichts aus der Familie und Arthur iſt in der That ſo koſtbar; wenn ſie ſich gut verheirathete, könute ich ihr nicht weniger als fünfzehn oder zwan⸗ zigtauſend Pfund geben.“ „Aha!— ich ſehe— Jeder nach ſeinem Geſchmack; hier iſt eine Tochter— dort eine Mitgift. Du hältſt verteufelt viel auf's Geld, Beaufort. Der Geiz macht Dir wohl viel Vergnügen— he?“ Beaufort wurde bei dieſer Bemerkung und dieſer 116 Frage ſehr roth und ſagte mit erzwungenem Lächeln: „Di biſt ſtrenge. Aber Du weißt nicht, was es heißt, der Vater eines jungen Mannes zu ſein.“ „Dann haben mir viele junge Frauenzimmer die Unwahrheit geſagt! Doch Du haſt in Deinem Sinne Recht. Dem Himmel ſei Dank, ich hatte nie einen muthmaßlichen Erben. Rechtmäßige Kinder ſind natür⸗ liche Feinde, welche die Jahre von der Glocke an zählen, die bei ihrer Volljährigkeit läutet, bis zu der, vie bei meinem Tode läuten wird. Es iſt mir genug, daß ich einen Bruder und eine Schweſter habe, daß meines Bruders Sohn meine Beſitzungen erben wird— und daß er mir inzwiſchen jede Sekunde meines Lebens berechnet. Was liegt denn daran? wenn er mein Onkel geweſen wäre, hätte ich es ebenſo gemacht. Inzwi⸗ ſchen ſehe ich ihn ſo wenig, als es der Anſtand nur immer geſtattet. Das Geſicht des Erben eines reichen Mannes erinnert ihn an ſeinen Tod. Doch um wieder auf unſern Hammel zu kommen— wenn Du Deiner Tochter kein Vermögen gibſt, ſo wird Dein Tod für Arthur nur um ſo vortheilhafter ſein!“ „In der That, Du haſt eine ſo ſeltſame Anſicht von der Sache,“ ſagte Beaufort ſehr betroffen.„Aber ich ſehe, daß Dir die Heirath nicht gefällt; vielleicht haſt Du Recht.“ „Ich habe keine Wahl in der Sache; ich miſche mich nie zwiſchen Eltern und Kinder. Wenn ich Kinder hätte, ſo kann ich Dir indeß zu Deiner Be⸗ ruhigung ſagen, daß ſie heirathen könnten, wie ſie wollten— ich würde ihnen nichts in den Weg legen. Ic zu ma ein vor mil ſo vor ant die der ſuc er erf ſch rei for me but doe Lil der den dah icheln: heißt, er die Sinne einen natür⸗ ählen, r, die „daß neines Neiner d für nſicht Aber leicht iſche ich Be⸗ e ſie gen. 117 Ich würde nur zu glücklich ſein, ſie aus dem Wege zu ſchaffen. Wenn ſie ſich gut verheirathen, ſo hat man den Vortheil davon, wenn nicht, hat man immer eine Entſchuldigung, ſie zu verläugnen. Wie ich ſchon vorher ſagte, haſſe ich arme Verwandte. Wenn Ca⸗ milla an den Seen wohnt und ſich dort verheirathet, ſo haſt Du weiter nichts mit ihr zu thun, als daß von Zeit zu Zeit ein Brief kommt, und den zu be⸗ antworten, iſt die Sache Deiner Frau. Aber Spencer — welcher Speneer— welche Familie? War nicht die Rede von einem Herrn Speneer, der zu Winan⸗ dermere wohnte und—“ „Und uns begleitete, als wir jene Knaben auf⸗ ſuchten. Höchſt wahrſcheinlich iſt es derſelbe— ja, er muß es ſein. Ich dachte ſogleich daran.“ „Geh morgen zu den Seen hinunter, vielleicht erfährſt Du etwas von Deinen Neffen“— dieſes Wort ſchnitt Beaufort ins Herz.—„Es iſt gut, vorbe⸗ reitet zu ſein.“ „Vielen Dank für all Deinen Rath,“ ſagte Beau⸗ fort aufſtehend; indem er froh war, ihm zu entkom⸗ men; denn wenn gleich er und ſeine Frau Lord Lil⸗ burne's Rath ſehr hoch ſchätzten, ſo empfanden ſie doch die Stacheln, die den Honig begleiteten. Lord Lilburne war darin ausgezeichnet— er gab jedem, der ihn darum bat, und beſonders einem Verwandten, den beſten Rath, der in ſeiner Macht ſtand, und Niemand gab beſſern, das heißt weltlichern Rath. Ohne das geringſte Wohlwollen zu beſitzen, war er daher ſeinen Freunden oft von größtem Nutzen; aber 1¹18 er konnte nicht umhin, das Getränk mit ſo viel Bit⸗ terkeit als möglich zu miſchen. Sein Verſtand ergötzte ſich an dieſem freien Spiel und ſein Herz an jener einzigen Grauſamkeit, die die feine Geſellſchaft ihren Tyrannen gegen Ihresgleichen übrig läßt— die Ge⸗ fühle mit Nadelſtichen zu verwunden und die Selbſtliebe zu rädern. Doch gerade als Beaufort ſeine Hand⸗ ſchuhe angezogen und die Thür erreicht hatte, ſchien dem Lord Lilburne plötzlich ein Gedanke einzufallen. „Du mußt aber wiſſen,“ ſagte er,„wenn ich verſprach, zu verſuchen, dieſe Sache für Dich zu be⸗ ſorgen, ſo meinte ich nur, daß ich einerſeits genau die Gründe, die Du zur Furcht haſt, und anderer⸗ ſeits die Bedingungen des Vertrages mit dieſem Men⸗ ſchen erfahren wolle. Wenn das Letztere räthlich iſt, ſo ſiehſt Du wohl ein, daß ich mich nicht in die Sache miſchen kann. Ich könnte in eine Klemme gerathen und Beaufort⸗Cvurt iſt nicht meine Be⸗ ſitung.“ „Ich verſtehe Dich nicht ganz.“ „Ich rede doch verſtändlich genug. Wenn Geld gegeben wird, ſo geſchieht es, um die Zwecke deſſen zu vereitlen, was man Gerechtigkeit nennt— um dieſe Deine Neffen von ihrer Erbſchaft auszuſchließen. Käme dies je ans Licht, ſo hätte es ein garſtiges Anſehen. Die, welche ſich in die Gefahr begeben, ſich die Schmach aufzuladen, müſſen auch die Per⸗ ſonen ſein, die das Vermögen beſitzen.“ „Wenn Du es für unehrlich oder unredlich hältſt“ — ſagte Beaufort unentſchloſſen. geb auc hat Bef getr ver ob Tra von gun ſteh zu ten dem eige für eini Du nac Ma tröſ Th [Bit⸗ rgötzte jener ihren e Ge⸗ ſtliebe Hand⸗ ſchien fallen. m ich zu be⸗ genau derer⸗ Men⸗ iſt, in die lemme e Be⸗ Geld deſſen — um ießen. rſtiges geben, Per⸗ ltt“ 119 „Ich kann hinſichtlich der Gefühle keinen Rath geben— nur hinſichtlich der Klugheit. Wenn Du auch nicht glaubſt, daß eine Trauung ſtattgefunden hat, ſo kann es dennoch redlich von Dir ſein, der Beſchwerde eines Prozeſſes auszuweichen.“ „Aber wenn er mir beweiſen kann, daß ſie wirklich getraut wurden?“ „Pah!“ ſagte Lilburne, ſeine Augenbrauen mit verächtlicher Ungeduld erhebend;„es ſteht bei Dir, ob er es zu Deiner Zufriedenheit beweist oder nicht! Ich, als eine dritte Perſon bin überzeugt, daß die Trauung ſtattgefunden. Doch wenn ich im Beſitze von Beaufort⸗Court wäre, würde meine überzeu⸗ gung eine ganz andere Richtung nehmen. Du ver⸗ ſtehſt mich. Es kann mich nur glücklich machen, Dir zu dienen. Man kann von keinem Menſchen erwar⸗ ten, daß er ſeinen Ruf in Gefahr bringen oder mit dem Geſetz kokettiren ſoll, wenn es nicht zu ſeinem eigenen Vortheil geſchieht, dann muß er natürlich für ſich ſelber urtheilen. Lebe wohl! ich erwarte einige Freunde, Fremde— Carliſten— zum Whiſt. Du willſt Dich nicht anſchließen?“ „Du weißt, ich ſpiele nie. Du ſchreibſt mir alſo nach Winandermere, und auf jeden Fall hältſt Du den Mann hin, bis ich zurückkehre?“ „Gewiß.“ Beaufort, den der letztere Theil viel weniger ge⸗ tröſtet hatte, als der erſtere, zauderte und drehte am Thürdrücker; aber als er ſeinen Schwager anſah, fand er in jenem kalten Geſicht ſo wenig Hoffnung 120 auf Theilnahme an dem Kampfe zwiſchen ſeinem Vortheil und ſeinem Gewiſſen, daß er es für's Beſte hielt, ſich gleich zu entfernen. Sobald er fort war, rief Lilburne ſeinem Diener, der ſchon viele Jahre bei ihm geweſen war, und der ſein Vertrauter bei allen abenteuerlichen Galanterien war, womit er noch immer den Herbſt ſeines Lebens zu erheitern ſuchte. „Dykeman,“ ſagte er,„Du haſt die Dame hin⸗ ausgelaſſen?“ „Ja, Mylord.“ „Ich bin nicht zu Hauſe, wenn ſie wiederkommt. Sie iſt zu dumm; ſie kann das Mädchen nicht ſo weit bringen, daß ſie wieder zu ihr kommt. Ich will Dich mit einem Abentener beauftragen, Dykeman— mit einem Abenteuer, welches Dich an unſere jün⸗ geren Tage erinnern wird. Dieſes reizende Geſchöpf, ich ſage Dir, ſie iſt unwiderſtehlich— ſelbſt ihre Seltſamkeit bezaubert mich. Du mußt— nun, Du ſiehſt unruhig aus— was willſt Du ſagen?“ „Mylord, ich habe mehr von ihr erfahren und — und—“ „Nun?“ Der Diener näherte ſich und flüſterte ſeinem Herrn etwas ins Ohr. „Die ſind ſelber blödſinnig, die das ſagen,“ ant⸗ wortete Lilburne. „Und,“ ſtotterte der Mann, auf deſſen Geſicht ſich die Scham der Menſchlichkeit zeigte,„ſie iſt der Beachtung Eurer Herrlichkeit nicht werth— ein armes—“ dri ſta bei der wi kat la tie hir un zu ſei des ver an kle mi einem Beſte war, Jahre er bei noch uchte. hin⸗ mmt. ht ſo h will an— jün⸗ chöpf⸗ ihre „ Du und Herrn ant⸗ eſicht ſt der ein 121 „Ja, ich weiß, ſie iſt arm, und das kann keine Schwierigkeit ſein, wenn die Sache gehörig angeordnet wird. Vielleicht hörteſt Du nie von einem gewiſſen Philipp, König von Maredonien; doch ich will Dir ſagen, was er einſt ſagte, ſo gut ich mich deſſen erinnere: „„Nimm einen Eſel mit einem Korbe voll Gold und ſchicke den Eſel in die Thore der Stadt, und alle Schild⸗ wachen werden davonlaufen.““ Arm!— wo Liebe iſt, da iſt auch Freigebigkeit, Dykeman. überdies—“ Hier nahm Lilhurne's Geſicht plötzlich den Aus⸗ druck finſterer und zorniger Leidenſchaſt an, brach ab, ſtand auf, ging im Zimmer auf und ab und murmelte bei ſich ſelber. Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Hüfte und ein Ausdruck des Schmerzes veränderte wieder ſein Geſicht. „Es ſchmerzt noch immer. Dykeman— ich war kaum einundzwanzig Jahr— als ich auf mein Leben⸗ lang ein Krüppel wurde“ Er hielt inne, ſchöpfte tief Athem, lächelte, rieb ſeine Hände und fügte hinzu:„Fürchte nichts— Du ſollſt der Eſel ſein; und ſo beginnt Philipp von Macedonien den Korb zu füllen.“ Und er ſchüttete ſeine Börſe in die Hände ſeines Dieners aus, deſſen Geſicht bei der Berührung des Goldes den Ausdruck ängſtlicher Verlegenheit zu verlieren ſchien. Lilburne ſah ihn mit ruhigem Spotte an:„Geh!— ich will Dir meine Befehle beim Um⸗ kleiden mittheilen.“ „Ja!“ wiederholte er hei ſich ſelber.„Es ſchmerzt mich noch immer. Aber er iſt todt!— Erſchoſſen, wie man eine Elſter oder einen Iltis erſchießt! Ich — 122 habe das Zeitungsblatt noch in meinem Schreibtiſch. Er ſtarb als Verbannter— Verbrecher— Mörder! Und ich vernichtete ſeinen guten Namen und ich ver⸗ führte ſeine Geliebte und ich— ich bin John Lord Lilburne!“ um 10 Uhr kam ein halbes Dutzend jener muntern Männer, die, wie Lilburne London treu blieben, wo gemeinere Verehrer die Straßen verlaſſen— meiſtens unverheirathete Männer und meiſtens in mittlerem Alter. Bald darauf kamen drei oder vier vornehme Fremde, die dem unglücklichen Karl dem Zehnten in ſein Exil gefolgt waren. Ihre zugleich ſtolzen und traurigen Blicke— ihre niederwärts gezogenen Schnurr⸗ bärte— ihre langen Bärte— bildeten Anfangs einen auffallenden Gegenſatz zu den glatten und heiteren Engländern. Aber Lilburne, der vie franzöſiſche Ge⸗ ſellſchaft liebte, und der, wenn er wollte, höflich und angenehm ſein konnte, brachte die Verbannten bald in beſſere Stimmung, und bei der Aufregung eines hohen Spiels verſchwanden bald alle Unterſchiede der Stimmung und Lanne. Schon dämmerte der Mor⸗ gen, als ſie ſich erſt zum Abendeſſen niederſetzten. „Sie ſind heute Abend ſehr glücklich geweſen, Mylord,“ ſagte einer von den Franzoſen in neidi⸗ ſchem Tone. „Aber,“ ſagte ein Andrer, der mehrmals mit dem Wirthe geſpielt und mit ihm bedeutend gewonnen hatte,„Sie ſind auch der beſte Spieler, Mylord, der mir je vorgekommen.“ „Mit Ausnahme des Herrn Deschapelles und N.“ vet eir fre bel ſat ſte kei ein der ert ſat gu du die leb vor hat ger die den tiſch. der! ver⸗ Lord ſtern „wo ſtens erem ehme nin und mrr⸗ einen teren Ge⸗ und bald eines e der Mor⸗ n. eſen, teidi⸗ tdem nnen „ der N.“ 123 verſetzte Lilburne gleichgültig. Dann lenkte er die Unterhaltung auf einen andern Gegenſtand und fragte einen von den Gäſten, warum er ihn nicht mit einem franzöſiſchen Offizier von Verdienſt und Auszeichnung bekannt gemacht habe. „Sie meinen de Vaudemont— den armen Kerl!“ ſagte ein Franzoſe in mittlerem Alter, der ein ern⸗ ſteres Ausſehen hatte, als die übrigen. „Und warum nennen Sie ihn einen armen Kerl, Herr von Liancourt?“ „Er ſtieg ſo hoch vor der Revolution. Es war kein ſo tapferer Offizier in der Armee. Aber er iſt nur ein Soldat des Glücks und ſeine Laufbahn iſt geendet.“ „Bis die Bourbons zurückkehren,“ ſagte ein an⸗ derer Carliſt, mit ſeinem Schnurrbart ſpielend. „Sie werden mir in der That eine große Ehre erweiſen, wenn Sie mich mit ihm bekannt machen,“ ſagte Lord Lilburne.„de Vaudemont— es iſt ein guter Name— vielleicht ſpielt er auch Whiſt.“ „Aber,“ ſagte einer von den Franzoſen,„ich bin durchaus nicht gewiß, ob er überhaupt ein Recht an dieſen Namen hat. Es iſt eine ſeltſame Geſchichte.“ „Darf ich ſie hören?“ fragte der Wirth. „Gewiß. Die Geſchichte iſt kurz folgende: Es lebte ein alter Vicomte de Vaudemonte in Paris, von guter Geburt, aber außerordentlich arm. Er hatte ſchon zwei Frauen gehabt und ihr Verms⸗ gen durchgebracht. Da er alt und häßlich war und die Männer, welche zwei Frauen überleben, unter den heirgthofähigen Damen in Paris einen üblen 124 Ruf haben, ſo fand er es ſchwierig, eine dritte zu bekommen. Da er an dem Adel verzweifelte, ſo be⸗ gab er ſich mit vieſer Hoffnung unter die Bürger⸗ lichen. Seine Familie war in beſtändiger Furcht vor einer lächerlichen Heirath. Unter dieſen Verwandten war Madame de Merville, von der Sie vielleicht ge⸗ hört haben.“ „Madame de Merville? Ei ja! Sie war ſchön, nicht wahr?“ „Ja. Madame de Merville, deren Fehler der Stolz war, hatte den verliebten Vicomte ſchon mehr als einmal vom Heirathen abgebracht. Plötzlich er⸗ ſchien in ihren Zirkeln ein ſehr hübſcher junger Mann. Er wurde ihren Freunden förmlich als der Sohn des Vicomte de Vaudemont, aus ſeiner zweiten Ehe mit einer engliſchen Dame, vorgeſiellt, der in England erzogen und jetzt zuerſt öffentlich anerkannt wurde. Es verbreiteten ſich über ihn und Madame de Mer⸗ ville einige Gerüchte—“ „Herr,“ fiel Liancourt ſehr ernſthaft ein,„das Gerücht war von der Art, daß alle ehrenvolle Män⸗ ner es hrandmarken und verachten müſſen— es ging nur von einem lügenhaften Bedienten aus, nämlich, der junge Mann ſei ſchon am erſten Tage, als er in Paris angekommen, der Liebhaber einer Frau von fleckenloſem Rufe geweſen! Ich ſtehe für die Falſch⸗ heit des Gerüchts ein. Doch ich muß geſtehen, daß dieſes Gerücht nicht nur Madame de Merville, die eine ſehr zartfühlende Dame war, ſondern auch mei⸗ nen Freund, den jungen Vaudemont, zu einer Hei⸗ ſta au e zu be⸗ ger⸗ vor dten ge⸗ hön, der mehr er⸗ ann. tdes mit land urde. Mer⸗ „das Rän⸗ ging nlich, ls er tvon alſch⸗ daß die mei⸗ Hei⸗ 129 äne zu entwerfen, und die Kraft, ſtand beſitzen, Pl auszuführen!“ Bald darauf entfernten ch die Gäſte. Viertes Kapitel. Ro ſ. Zum Glück iſi er zum zweitenmal zu ihnen gekommen. Hamlet. enm ach ede Unterre, die erwähnt haben, war orſtadt H'. Die Verlaſſenheit Hauptſtadt im September hatte ſich Am folgenden in unſerem l es ſehr ſtill in und Stille der auch den benachbarten Weilern mitgetheilt— ein Dorf in der Mitte der Provinz hätte ka erſcheinen können; die waren angezündet, viele von der Läden ſchon geſ Wſſe, einige von den nüchternen Paa ren und einſamen alten Jungfern des Ortes wanderten langſam heimn ndſpaziergange; zwei oder drei Hunde Hauptſtraße unge⸗ achtet der Verbo an den Mauern von einer adt und hatte anheften von einer ſchnellen von einer Staub⸗ Horn des Poſtillons ange⸗ ach und nach hörten auch dieſe Zeichen wolke und dem meldet wurde. 2 dis Lebens auf— die Spaziergänger verſchwanden, die Poſten waren vorüber, die Hunde machten den und verſtohlneren Wanderungen der Katzen Nacht u. Morgen. II 9 130 Platz, welche den Mond lieben. In weiten Zwiſchen⸗ räumen ergoſſen die bedeutenderen Kaufläden— die Leinwandhändler, die Apotheker und der Schnaps⸗ laden— ihre Lichtſtröme ans den noch unverſchloſſenen Fenſtern über die Straße. Aber mit dieſen Ausnahmen ſtand das Geſchäft des Ortes ſtill. um dieſe Zeit kam aus dem Hauſe einer Mode⸗ händlerin— ein Laden ſchien es nicht zu ſein und an der Thür war nur ein gelbes Schild, worauf ſtand:„Miß Semper, Putzhändlerin und Kleider⸗ macherin“— um dieſe Zeit, ſage ich, kam aus dieſem Hauſe die zierliche und anmuthige Geſtalt eines jungen Frauenzimmers. In der linken Hand hielt ſie einen kleinen Korb, über deſſen Inhalt ſie ſo eben verfügt zu haben ſchien, denn er war leer; und als ſie quer über die Straße ging, fiel das Laternenlicht auf ein Geſicht in der erſten Blüte der Jugend, welches ſich durch einen Ausdruck kindlicher Unſchuld und Reinheit auszeichnete. Es war ein regelmäßiges und außer⸗ ordentlich liebliches Geſicht, doch lag etwas varin, was den Beſchauer traurig machte; man wußte nicht, was es war, denn es war nicht ſelber traurig, im Gegen⸗ theil die Lippen lächelten und die Augen funkelten. Als ſie nun mit leichtem, raſchem Schritte über die dunkle Straße dahinſchwebte, kam ein Mann, der ſich bisher unter dem Eingange des Hauſes eines Ad⸗ vokaten verborgen hatte, leiſe angeſchlichen und folgte ihr in geringer Entfernung. Ohne zu wiſſen, daß ſie verfolgt wurde, und ohne Gefahr zu fürchten, ging das Mädchen munter weiter und ſchwenkte ihren Korb leiſer mehr ſchie hatte 2 mit leuch geſtel mit Mitl Mäd ihm der 2 junge Blick ihr b Gaſſe dunke gehe, Der 2 pflegt kleine ſie le iſchen⸗ — die hnaps⸗ oſſenen ahmen Mode⸗ nund worauf leider⸗ dieſem jungen e einen verfügt ſie quer auf ein hes ſich teinheit außer⸗ in, was , was Gegen⸗ nkelten. iber die un, der nes Ad⸗ d folgte en, daß n, ging en Korb 131 ſpielend in der Hand hin und her und ſang mit leiſer aber muſikaliſcher Stimme einige Verſe, die mehr der Kinderſtube, als dem Alter anzugehören ſchienen, welches die ſchöne Sängerin bereits erreicht hatte. Als ſie zu einem Winkel kam, der die Hauptſtraße mit einer Gaſſe bildete, die eng und zum Theil er⸗ leuchtet war, ſah ein Polizeidiener, der ſich dort auf⸗ geſtellt hatte, ſie ſcharf an und berührte ſeinen Hut mit einer Miene der Achtung, worin zugleich einiges Mitleid zu liegen ſchien. „Ich wünſche Ihnen eine gute Nacht,“ ſagte das Mädchen mit freiem und heiterem Tone, als ſie an ihm vorüberging. „Soll ich Sie nach Hauſe begleiten, Miß?“ ſagte der Mann. „Weßhalb? Mir iſt ganz wohl!“ antwortete das junge Frauenzimmer mit einer Betonung und einem Blicke unſchuldiger überraſchung. Gerade zu dieſer Zeit erreichte der Mann, der ihr bis dahin gefolgt war, die Stelle und ging die Gaſſe hinunter. „Ja,“ verſetzte der Polizeimann;„aber es wird dunkel, Miß.“ „So iſt es jeden Abend, wenn ich nach Hauſe gehe, außer wenn der Mond ſcheint.— Gute Nacht. Der Mond,“ fuhr ſie mit ſich ſelber redend fort,„ich pflegte mich vor dem Monde zu fürchten, als ich ein kleines Kind war.“ Und nach einer kurzen Pauſe ſang ſie leiſe —— „Der Mond, er iſt ein irrer Geiſt, Der Nachts zur Straſe umgeht. Wie traurig iſt der Wandelſtern, So luſtig er ſich umdrehr! Ihm ſchaut' ich in das Aug' als Kind, Bis daß mein Hirn ſich verwirrt; Jetzt wein' ich oft nnd denke mir Daß es ſich nie mehr entwirrt.“ Als das Gemurmel dieſer Worte in der Entfer⸗ nung verhallte und das Mädchen in der Gaſſe ver⸗ ſchwand, ſchüttelte der Polizeimann, der ihr zugehört hatte, traurig, den Kopf und ſagte, während er weiter ging:„Das arme Kind! Man ſollte ſie nicht ſo allein gehen laſſen; und doch, wer ſollte ihr etwas zu Leide thun?“ Inzwiſchen ging das Mädchen auf der Gaſſe weiter, die aus kleinen aber nicht unbedeutenden Häuſern be⸗ ſtand, bis dieſelbe mit einem Steige endete, der auf den Kirchhof führte. Hier hing die letzte Laterne und einige trübe Sterne erhellten bleich das hohe Gras und die zerſtreuten Grabſteine, ohne den dunklen Schatten zu durchdringen, den die Kirche über einen großen Theil des geheiligten Bodens warf. Gerade als ſie über den Steig ging, näherte ſich ihr der Mann, den wir vorhin erwähnt haben, und der ſich ſiber den Zaun gelehnt hatte, als warte er auf Je⸗ mand, und ſagte in mildem Tone:„Ah, Miß! Es iſt ein einſamer Ort für ein ſo ſchönes Weſen, allein zu wandeln. Sie ſollten nicht ſo weit zu Fuß gehen“ Das Mädchen ſtand ſtill und ſah dem Mann voll aber ohne Unruhe ins Geſicht. halb nicht ſchic Eine Sie thut Sie hat der e Und zeigt „Gel anzu griff reich Geld was Nun E einen lief geſet ange gen ſie it „ Entfer⸗ aſſe ver⸗ zugehört er weiter ſo allein zu Leide ſe weiter, uſern be⸗ der auf terne und ohe Gras dunklen ber einen Gerade h ihr der d der ſich rauf Je⸗ Miß! E en, allein ß gehen“ Mann voll 133 „Gehen Sie fort!“ ſagte ſie in halb ärgerlichem halb freundlichem Tone des Befehls.„Ich kenne Sie nicht.“ „Aber ich bin von Jemand, der Sie kennt, ge⸗ ſchickt worden, um mit Ihnen zu reden, Miß— von Einem, der Sie bis zur Verzweiflung liebt— der Sie ſchon früher bei Mrs. Weſt geſehen hat. Es thut ihm ſo leid, daß Sie zu Fuße gehen— er ſagt, Sie ſollten jede Bequemlichkeit haben— und deßhalb hat er Ihnen ſeinen Wagen geſchickt. Er hält auf der andern Seite des Kirchhofes. Kommen Sie jetzt.“ Und er berührte ihren Arm, doch nur ſehr leicht. „Bei Mrs. Weſt?“ ſagte ſie und zum erſtenmal zeigte ihre Stimme und ihr Blick einige Furcht. „Gehen Sie ſogleich fort! Wie wagen Sie, Fanny anzurühren!“ „Aber meine liebe Miß, Sie haben keinen Be⸗ griff davon, wie ſehr mein Herr Sie liebt und wie reich er iſt. Sehen Sie nur, er ſchickt Ihnen all dies Geld, es iſt Gold— ächtes Gold. Sie ſollen haben, was Sie wollen, wenn Sie nur mitkommen wollen. Nun, ſein Sie nicht thöricht, Miß.“ Das Mädchen antwortete nicht, ſondern eilte mit einem plötzlichen Sprunge an dem Manne vorbei und lief leicht und raſch auf dem Wege dahin in entgegen⸗ geſetzter Richtung von dem, welchen der Verſucher angedeutet als er ſie aufgefordert, in den Wa⸗ gen zu ſteigen. Der Mann eilte ihr nach, erreichte ſie im Angenblick und hielt ſie an ihren Kleidern feſt. „Halt! Sie müſſen kommen— Sie müſſen!“ ſagte 134 er drohend und indem er ihr Kleid losließ, umſchlang er ihre Taille mit ſeinem Arm. „O nein!“ rief das Mädchen bittend und dem Anſcheine nach unterwürfig, indem ſie ihr ſchönes, N ſanftes Geſicht zu ihrem Verfolger wendete und ihre Hände zuſammenſchlug.„Sein Sie ruhig! Fanny iſt eine Thörin! Niemand iſt je rauh gegen die arme Fanny.“ „Es will auch Niemand rauh gegen Sie ſein, Miß,“ ſagte der Mann ſich gerührt ſtellend;„doch ich darf nicht ohne Sie kommen. Sie wiſſen nicht, wogegen Sie ſich ſträuben. Kommen Sie.“ Und er verſuchte, Sie ſanft zurückzuziehen. „Nein, nein!“ ſagte das Mädchen, deren Bitte ſich in Zorn verwandelte und deren Stimme ſich zu einem lauten Schrei erhob,„nein! ich will—“ „Nun dann,“ fiel der Mann ein, indem er ſich raſch umſah und mit einer ſchnellen und geſchickten Bewegung ein großes Taſchentuch über ihr Geſicht warf, und während er es mit der einen Hand feſt an ihren Mund hielt, erhob er ſie vom Boden. Noch immer heftig ringend, gelang es dem Mädchen, das Tuch von ihrem Munde zu bringen und noch einmal ertönte ihr Schrei des Schreckens in dem verletzten Heiligthum. In dem Augenblick wurde eine laute und tieft Stimme gehört:„Wer ruft?“ Und eine hohe Geſtalt ſchien ſich wie aus dem Grabe zu erheben und aus dem Schatten der Kirche hervorzukommen Im nächſten Augenblick wurde der Räuber mit ſtarker Hand an der au aut los thu her mei Bot dur um Er wel ich „Ha E mal! iſchlang nd dem ſchönes, ind ihre anny iſt ie arme Miß,“ ich darf wogegen erſuchte, en Bitte e ſich zu n er ſich eſchickten Geſicht and feſt en Noch hen, das h einmal verletzten und tiefe e Geſtalt und aus nächſten nd an der 135 Schulter ergriffen.„Was iſt dies? Uund noch dazu auf geheiligtem Boden! Laß ſie los, Elender!“ Der Mann, der aus Aberglauben und zum Theil aus wirklicher Furcht zitterte, ließ ſeine Gefangene los, die ſogleich vor ihrem Retter auf die Knie fiel. „Sie werden mir doch nicht auch etwas zu Leide thun wollen,“ ſagte ſie, indem Thränen ihre Wangen herunterrollten.„Ich bin ein gutes Mädchen— und mein Großvater iſt blind.“ Der Fremde beugte ſich nieder und erhob ſie vom Boden, dann ſah er ſich mit einem Auge, welches durch die Dunkelheit Feuer ſprühte, nach dem Räuber um und bemerkte, daß der Feigling ſich davonſchlich. Er hielt es nicht der Mühe werth, ihn zu verfolgen. „Mein armes Kind,“ ſagte er mit jener Stimme, welche der Starke gegen den Schwachen, der Mann gegen ein verwundetes Kind annimmt— mit der Stimme der zarten überlegenheit und des Mitleids, „Sie haben jetzt keine Urſache ſich zu fürchten, be⸗ ruhigen Sie ſich. Wohnen Sie in der Nähe? Soll ich Sie nach Hauſe begleiten?“ „Ich danke Ihnen! das iſt gütig von Ihnen! bitte, thun Sie es!“ und mit kindlichem Vertrauen faßte ſie ſeine Hand, wie ein Kind die einer erwach⸗ ſenen Perſon faßt; ſo gingen ſie miteinander weiter. „Und kennen Sie jenen Mann?“ ſagte der Fremde. „Hat er Sie ſchon früher beläſtigt?“ „Nein— reden Sie nicht von ihm: ce me fait mal!“ und ſie fuhr mit der Hand über die Stirn. Das Franzöſich wurde mit ſo franzöſiſchem Accent —— 136 geſprochen, daß der Fremde ihre einfache Kleidung mit einiger Neugierde überblickte. „Sie ſprechen gut Franzöſiſch.“ „Meinen Sie? Ich wollte ich wüßte mehr Wörter — mir fallen nur wenige ein. Wenn ich ſehr glück⸗ lich oder ſehr traurig bin, kommen ſie mir in den Kopf. Aber ich bin jetzt glücklich. Mir gefällt Ihre Stimme und Sie gefallen mir auch.— O! ich habe meinen Korb fallen laſſen!“ „Soll ich zurückkehren und ihn holen, oder Ihnen einen andern kaufen?“ „Einen andern? O nein! Kommen Sie mit zurück. Wie freundlich Sie ſind!— Ah! ich ſehe ihn!“ Und ſie riß ſich von ihm los und eilte vor⸗ wärts, um ihn aufzuheben. Als ſie ihn wieder hatte, lachte ſie— ſprach mit ihm— „Ein Geliebter hat Ihnen wahrſcheinlich den Korb gegeben— es ſcheint übrigens ein ganz gewöhnlicher Korb zu ſein.“ „Ich habe ihn ſeit— ſeit— ich weiß nicht wie lange! Er kam mit mir aus Frankreich und war voll kleiner Spielſachen. Die ſind fort und es thut mir ſo leid!“ „Wie alt ſind Sie?“ „Ich weiß nicht.“ „Mein hübſches Kind,“ ſagte der Fremde mit inni⸗ gem Mitleid in ſeiner vollen Stimme,„Ihre Mutter ſollte Sie zu dieſer Stunve nicht allein ausgehen laſſen.“ ißte ihn. Ihr Begleiter lächelte und ſagte: che ſta we nie ſch ſol All ver Gi zu idung glück⸗ nden t Ihre O! ich Ihnen ach mit ſagte: n Korb hnlicher iß nicht ind war es thut nit inni⸗ Mutter ausgehen 137 „Mutter!— Mutter!“— wiederholte das Mäd⸗ chen im Tone der überraſchung. „Haben Sie keine Mutter?“ „Nein!— Ich hatte einſt einen Vater. Aber er ſtarb, wie man ſagt. Ich ſah ihn nicht ſterben. Ich weine zuweilen, wenn ich daran denke, daß ich ihn nie wiederſehen ſoll! Aber,“ ſagte ſie, indem ihr ſchwermüthiger Ton in den der Freude überging,„er ſoll hier ein Grab haben, wie die Väter der andern Mädchen auch— einen ſchönen Stein darauf— und Alles von meinem Gelde!“ „Von Ihrem Gelde, mein Kind!“ „Ja, von dem Gelde, welches ich verdiene. Ich verkaufe meine Arbeit und bringe das Geld meinem Großvater; aber jede Woche lege ich ein wenig zurück, zu einem Grabſtein für meinen Vater.“ „Soll der Grabſtein auf dieſen Kirchhof kom⸗ men?“ Sie waren jetzt in einer andern Gaſſe und ch, hielt er ſie zurück und h„ während der Fremde ſpr beugte ſich nieder, um ihr ins Geſicht zu ſehen und murmelte dann bei ſich ſelber:„Iſt es möglich?— Ja, ſie muß es ſein!“ „Ja, ich liebe jenen Kirchhof— mein Bruder ſagte mir, ich ſollte dort Blumen ſtreuen und Groß⸗ vater und ich ſitzen dort im Sommer ohne zu reden. Ich ſpreche überhaupt nicht viel, ſondern ſinge lieber: s gut und harmlos iſt, ſagt man, Hat eine Stimm' zum Singen— Das Mädchen bei der Arbeit ſitzt, Der Vogel übt die Schwingen; 138 Die Kleinen beten in der Kirch', Den Himmel zu ererben, Die Engel, ſagt man, freuen ſich, Wenn die Bejahrten ſterben! Und ohne um die verborgene Moral zu wiſſen, die in den letzten Verſen lag und die finſter oder er⸗ freulich ſein kann, je nachdem wir den Werth dieſes Lebens ſchätzen, wendete ſich Fanny zu dem Fremden um und ſagte:„Warum ſollten ſich die Engel freuen, wenn die bejahrten Menſchen ſterben?“ „Weil ſie von einer falſchen und ungerechten Welt erlöst ſind, wo der erſte Menſch ein Rebell und der zweite ein Mörder war!“ murmelte der Fremde mit den Zähnen knirſchend. Das Mädchen verſtand ihn nicht, ſchüttelte ſanft ihren Kopf und gab keine Antwort. Nach wenigen Augenblicken blieb ſie vor einem kleinen Hauſe ſtehen. „Dies iſt mein Haus.“ „Iſt es ſo?“ ſagte ihr Begleiter, indem er mit lebhaftem Blicke das Außere des Hauſes betrachtete; „und ihr Name iſt Fanny?“ „Ja— Jeder kennt Fanny. Kommen Sie mit hin⸗ ein.“ Und das Mädchen öffnete die Thür mit einem Schlüſſel. Der Fremde beugte ſeine ſtattliche Geſtalt, als er durch die niedrige Thür eintrat und folgte ſeiner Führerin in ein kleines Zimmer. An einem Tiſche, auf welchem ein trübes Licht mit langer Schnuppe brannte, ſaß ein ſehr alter Mann, und als er ſein Geſicht zu der Thür wendete, ſah der Fremde, daß er blind war. Das Mädchen ſprang wiſſen, er er⸗ dieſes emden reuen, n Welt nd der de mit e ſanft enien ſtehen. er mit chtete; it hin⸗ einem eſtalt, ſeiner s Licht Mann, e, ſah ſprang 139 zu ſeinem Stuhl, ſchlang ihre Arme um den Hals des alten Mannes und küßte ſeine Stirn; dann ſetzte ſie ſich auf einen Schemel zu ſeinen Füßen nieder, legte ihre gefalteten Hände auf ſeine Knie und ſagte:„Groß⸗ papa, ich habe Dir Jemand mitgebracht, den Du lieben mußt. Er iſt ſo gütig gegen Fanny geweſen.“ „Und erinnert Ihr beide Euch meiner nicht?“ ſagte der Gaſt. Der alte Mann, deſſen ausdrucksloſes Geſicht auf kindiſches Alter deutete, erhob ſich ein wenig bei dem Tone der fremden Stimme. „Wer iſt das?“ ſagte er matt und ärgerlich.„Wer will etwas von mir?“ „Ich bin der Freund Ihres verlornen Sohnes. Ich bin es, der vor zehn Jahren Fanny in Ihr Haus brachte und ſie Ihrer Sorgfalt übergab. Und Sie ſegneten Ihren Sohn und verziehen ihm und gelobten, als Vater an Fanny handeln zu wollen.“ Der alte Mann, der ſich jetzt langſam erhoben hatte, zitterte heftig und ſtreckte ſeine Hände aus. „Kommen Sie nahe— nahe— laſſen Sie meine Hände auf Ihren Kopf legen. Ich kann Sie nicht ſehen; aber Fanny redet von Ihnen und betet für Sie, und Fanny iſt ein Engel für mich geweſen!“ Der Fremde näherte ſich und knieete faſt nieder, als der alte Mann ſeine Hände über ſeinen Kopf ausſtreckte und unhörbare Worte murmelte. Todten⸗ blaß— mit halbgeöffneten Lippen— einen lebhaften und ſchmerzlichen Ausdruck in ihrem Geſichte— blickte Fanny forſchend das dunkle, gusdrucksvolle Geſicht 140 ves Fremden an, ſchlich ſich Zoll für Zoll näher und berührte furchtſam ſeine Kleidung, ſeine Arme, ſein Geſicht.„Bruder!“ ſagte ſie endlich zweifelhaft und 1 furchtſam,„Bruder, ich dachte, ich könnte Dich nie vergeſſen! aber Du gleichſt meinem Bruder nicht, Du biſt älter— Du biſt— Du biſt!— Nein! Nein! Du biſt nicht mein Bruder!“ „Ich bin ſehr verändert, Fanny, und Du auch!“ Er lächelte, während er ſprach, und das Lächeln, welches lieblich und mitleidig war, veränderte den ge⸗ wöhnlich ſtrengen, ernſten und ſtolzen Ausdruck ſeines Geſichtes vollkommen. „Jetzt kenne ich Dich,“ rief Fanny im Tone wilder Freude.„Und Du kommſt aus dem Grabe zurück! Meine Blumen haben Dich endlich zurückgebracht! Ich wußte es. Bruder! Bruder!“ Hier warf ſie ſich an ſeine Bruſt und brach in leidenſchaftliche Thränen aus. Dann zog ſie ſſch plötzlich zurück, berührte ſeinen Arm mit ihrem Finger und blickte bittend zu ihm auf. „Sage mir jetzt, iſt er wirklich todt? Er, mein Vater!— Auch er ging plötzlich verloren, wie Du. Kann er nicht auch wieder zurückkommen wie Du?“ „So trauerſt Du noch immer um ihn? Armes Mäochen!“ ſagte der Fremde ausweichend, indem er ſich niederſetzte. Fanny erwartete noch immer eine Antwort auf die rührende Frage; als ſie aber keine erhielt, ſchlich ſie ſich in inkel des Zimmers, ſtützte ihr Geſicht auf ihre Hände und ſci hien nachz⸗ „ rund ſein t und h nie „Du Nein! uch!“ cheln, en ge⸗ ſeines wilder Meine wußte ach in lötzlich er und „mein „ wie en wie Armes dem er eine r keine mmers, 141 denken— endlich floſſen Thränen über ihre Wangen nieder und ſie weinte ſtill und unbemerkt. „Aber Herr,“ ſagte der Gaſt nach einer kurzen Pauſe,„ e kommt dies? Fanny ſagt mir, ſie unter⸗ ſtützt Sie durch ihre Arbeit. Sind Sie denn ſo arm? Ich ließ Ihnen doch Ihres Sohnes Vermächtniß zurück und Sie ſelber, wie ich hörte, waren zwar nicht reich, litten aber doch keinen Mangel!“ „Es ruhte ein Fluch auf meinem Gelde,“ ſagte der alte Mann finſter.„Es wurde uns geſtohlen.“ Es trat wieder eine Pauſe ein und endlich brach Simon das Schweigen. „Und Sie, junger Mann wie iſt es Ihnen ergangen? Ich hoffe, Sie haben Glück gehabt.“ „Ich ſtehe noch immer, wie vor Jahren, allein in der Welt, ohne Verwandte und Freunde. Aber Gott ſei Dank, ich bin kein Bettler!“ „Keine Verwandte und keine Freunde!“ wieder⸗ holte der Greis.„Keinen Vater— keinen Bruder kein Weib— keine Schweſter!“ „Keine! Niemand, dem etwas daran liegt, ob ich lebe oder ſterbe,“ antwortete der Fremde mit einer Miſchung von Stolz und Traurigkeit in ſeiner Stimme. „Aber wie es in dem Liede heißt: Ich kümmre mich um Niemand nichts, Und Niemand kümmert ſich um mich!“ Es lag ein gewiſſer Pathos in dem Spott, womit er dieſe allbekannten Verſe ſprach, obgleich er ſich zu gleicher Zeit aufraffte, 2 ſei er ſich eines gewiſſen Troſtes bewußt, indem er ſich auf ſich ſelber verließ 142 und nicht von Andern abhängig war, wozu ihn ſein muthiges Herz und ſeine ſtarken Glieder befähigt hatten. In dem Augenblicke fühlte er eine ſanfte Berührung an ſeiner Hand und erblickte Fanny, die durch ihre noch fließenden Thränen zu ihm aufſah. „Du haſt Niemand, der für Dich ſorgt? Sage das nicht! Komm und wohne bei uns, Bruder; wir wollen für Dich ſorgen. Ich habe nie die Blumen vergeſſen— nie! Komm! Fannh wird Dich lieben. Fanny kann für Drei arbeiten!“ „Und man nennt ſie eine Blödſinnige!“ murmelte der alte Mann mit leerem Lächeln auf ſeinen Lippen. „Meine Schweſter! Du ſollſt meine Schweſter ſein! Verlorenes Weſen— welches ſelbſt die Natur betrogen und verrathen hat. Schweſter!— Wir beide ſind Waiſen!— Schweſter!“ rief der finſtere und ſtrenge Mann leidenſchaftlich und mit gebrochener Stimme; dann breitete er ſeine Arme aus, und ohne zu erröthen oder an Scham zu denken, warf ſich Fanny an ſeine Bruſt. Er küßte ihre Stirn mit einem Kuſſe, der in ver That rein und heilig war, wie der eines Bruders, und Fanny fühlte, daß er eine Thräne auf ihrer Wange zurückgelaſſen, die nicht von ihr herkam. „Nun, ſagte er mit veränderter Stimme, indem er des Greiſes Hand faßte,„was ſagen Sie? Soll ich meine Wohnung bei Ihnen aufſchlagen? Ich habe ein wenig Geld; ich kann euch Beide beſchützen und unterſtützen. Ich werde oft fort ſein— in London oder anderswo und werde Sie nicht zu viel mit meiner Gegenwart beläſtigen. Aber Sie ſind blind und Fannh jen hiel „un „ni Die Wel in Gra ein zurü derſe chen, ſein tten. rung ihre Sage wir umen ieben. rmelte ppen. rſein! trogen e ſind renge imme; röthen ſeine der in ruders, ihrer m. indem Soll ch habe en und London meiner Fanny 143 — Sie ſollten nicht allein ſein. Dieſe Gegend und jener Kirchhof ſind mir theuer. Auch ich habe meine Mutter verloren, Fanny— und jenes Grab—“ er hielt inne und ſetzte mit bebender Stimme hinzu: „und Du haſt das Grab mit Blumen beſtreut?“ „Bleiben Sie bei uns,“ ſagte der blinde Mann, „nicht um unſertwillen, ſondern um Ihrer ſelbſt willen. Die Welt iſt ein böſer Ort. Ich bin ſchon längſt der Welt überdrüſſig geweſen. Ja, kommen Sie und wohnen in der Nähe des Kirchhofes— je näher Sie dem Grabe ſind, deſto ſicherer ſind Sie— und Sie haben ein wenig Geld, ſagen Sie?“ „Ich will alſo morgen kommen. Ich muß jetzt zurückkehren. Morgen, Fanny, werden wir uns wie⸗ derſehen.“ „Mußt Du gehen?“ fragte Fanny zärtlich.„Aber Du wirſt wiederkommen. Du weißt, ich glaubte immer, wer mich verließ, ſtürbe. Ich bin jetzt klüger. Aber dennoch, wenn Du mich verläſſeſt, ſo iſt es mir, als wenn Du für Fanny geſtorben wäreſt!“ In dieſem Augenblick hatten die drei Perſonen eine ſolche Stellung und einen ſolchen Ausdruck des Geſichts angenommen, die ein Maler von Geiſt und Geſchicklichkeit gern würde ſtudirt haben. Der Fremde hatte die Thür erreicht, und als er daſtand, bildete ſeine edle Höhe— ſeine Stärke und Geſundheit in der Blüte des Mannesalters zugleich einen ſeltſamen Gegenſatz zu der geſpenſterartigen Schwäche des Greiſes und der anmuthigen Zartheit Fanny's, die halb Mäd⸗ chen, halb noch Kind war. Es lag etwas Fremdes in 14⁴ ſeiner Miene und in der halb militäriſchen Kleidung und dem rothen Bande der Ehrenlegion. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe war faſt ſo dunkel, wie eines Mauren, und ſein rabenſchwarzes Haar lockte ſich dicht um ſeinen ſtattlichen Kopf. Der militäriſche Schnurrbart— dicht, aber glänzend wie Seide beſchattete die feſte Lippe, und der Spitzbart, den die verbannten Carliſten ange⸗ nommen, erhöhte die Wirkung der ſtarken und ſtolzen Züge und den Ausdruck des kriegeriſchen Geſichts. Aber als Fanny's Stimme in ſeinem Ohr erklang, wendete er ſein ſtolzes Geſicht ab, und die dunklen Augen, faſt orientaliſch in ihrem Glanz und ihrem ſchienen ſanft und feucht. Und da tiefen Schatten— ſtand Fanny in einer Stellung ſo unbewußter Trau⸗ rigkeit und ſo kindlicher Unſchuld; ihre Arme nieder⸗ hängend ihr Geſicht lebhaft zu dem ſeinigen ge⸗ wendet— und ein halbes Lächeln auf den Lippen, welches die auf den Wangen noch nicht getrockneten Thränen nur um ſo rührender machte. Während der hagere, ſchwache alte Mann mit weißem Haar und ge furchten Wangen die blinden Augen in das Leere rich tete, wurde ſein Geſicht, welches gewöhnlich nur de Geiſtes ſchlaf des vorrückenden kindiſchen Alters aus⸗ drückte, plötzlich ernſt und gedankenvoll, als Fann) ach. vom Tode ſpr dieſe heim gem Cha kann — i Held von den hat, den der war Bei abge hatte anng Hauz Sim ſunke aus, bekar 2 eidung te Ge⸗ auren, ſeinen — dicht, Lippe, n ange⸗ ſtolzen erklang, dunklen d ihrem Und da rTrau⸗ nieder⸗ igen ge⸗ Lippen, rockneten hrend der r und ge⸗ Leere rich⸗ nt de ters a ls Fann) 145 Fünftes Kapitel. ulyſſes. Die Zeit trägt einen Schnappfack mit, In den Almoſen ſür Vergeſſenheit Sie ſteckt.— Beharrlichkeit, mein guter Freund, Erhält die Ehre blank. Troilus und Ereſſida. Ich habe mich nicht beſtrebt— was zu Anfang dieſer Erzählung leicht geweſen wäre— aus dem Ge⸗ heimniß der Namen und Perſonen eine Quelle des gemeinen Intereſſe abzuleiten. Sowie der Leſer in Charles Spencer auf einen Blick Sidney Morton er⸗ kannt hat, ſo wird er auch in Philipp de Vaudemont — in dem Fremden, der Fanny rettete— ſogleich den Helden meiner Erzählung erkannt haben; doch da keiner von dieſen jungen Männern ein beſſeres Recht an den aufgegebenen als an den angenommenen Namen hat, ſo wird es einfacher und paſſender ſein, ſie mit den Namen zu benennen, unter welchen ſie jetzt in der Welt bekannt waren. Philipp de Vaudemont war kaum noch daſſelbe Weſen, wie Philipp Morton. Bei dem kurzen Beſuche, den er dem ältern Gawtrey abgeſtattet, als er Funny ſeiner Fürſorge übergeben, hatte er keinen Namen genannt; den, welchen er jetzt annahm, als er am nächſten Abend in des Mannes Haus zurückkehrte, hörte der Greis zum erſtenmal. Da Simon wieder in ſeine gewöhnliche Gefühlloſigkeit ver⸗ ſunken war, ſo ſprach er keine Verwunderung darüber aus, daß ein Franzoſe ſo gut mit der engliſchen Sprache bekannt war— er bemerkte kaum, daß der Name Bulwer, Nacht u. Morgen. II. 10 146 franzöſiſch war. Simons Alter ſchien ihn täglich mehr und mehr jenem Zuſtande näher zu bringen, wo das Leben ein bloßer Mechanismus iſt, und die Seele, die ſich zum Scheiden vorbereitet, nicht mehr auf das Ge⸗ häude achtet, welches ſchweigend und vernachläſſigt in Staub zerfällt. Vaudemont kam mit wenig Gepäck, denn er hatte noch ein Zimmer in London, und ohne Diener. Das einzige Pferd, welches er mitbrachte, wurde in dem Stalle eines nahen Gaſthauſes unter⸗ gebracht, und wie alle Soldaten, ſchien er mehr für ſein Pferd als für ſich ſelbſt zu ſorgen. Es war nur eine Magd im Hauſe, die die gröberen Arbeiten ver⸗ richtete, und die frugale Speiſe war für den einfachen und abgehärteten Abenteurer hinlänglich. Mit frendeſtrahlendem Geſicht faßte Fanny ſeine Hand und führte ihn in ſein Zimmer. Mit jenem weiblichen Inſtinkt, der ſie nie verließ, hatte das arme Kind ſich den ganzen Tag bemüht, das Zimmer ſo bequem und zierlich als möglich einzurichten. Von ihrem kleinen Schatze hatte ſie ſo viel genommen, um Einkäufe in der Vorſtadt zu machen, und bei den Blumen auf dem Tiſche und dem Feuer im Kamin ſah das Zimmer ganz heiter aus. Sie bevbachtete ihn, als er ſich umſah und fühlte ſich gekränkt, als er nicht die Bewunderung äußerte, die ſie erwartete. Endlich aufgebracht über die Gleich⸗ gültigkeit, die er ſtets gegen äußere Bequemlichkeit zu zeigen gewohnt war, zupfte ſie ihn am Armel un ſagte:„Warum redeſt Du nicht? Iſt es nicht hübſch! — Fanny hat ihr Möglichſtes gethan.“ hmehr wo das le, die as Ge⸗ ſſigt in Gepäck, nd ohne brachte, unter⸗ ehr für var nur ten ver⸗ infachen ny ſeine it jenem das arme mmer ſo on ihrem Einkäufe umen auf z Zimmer und fühlte äußerte, ie Gleich⸗ wemlichkeit irmel unt ht hübſch 147 „Und ich danke Fanny tauſendmal! Es iſt Alles ſo, wie ich es nur wünſchen konnte.“ „Es iſt noch ein anderes Zimmer da, größer als dies, aber das böſe Weib, welches uns beraubte, ſchlief darin, und überdies ſagteſt Du, Du liebeſt den Kirch⸗ hof. Sieh!“ und ſie öffnete das Fenſter und deutete auf den Kirchthurm, der dunkel gegen den Abend⸗ himmel abſtach. „Dies iſt beſſer als Alles!“ ſagte Vaudemont und blickte in ſtiller Träumerei aus dem Fenſter, worin Fanny ihn nicht ſtörte. Und nun war er eingerichtet. Nach einer ſo wilden, aufgeregten und wechſelnden Laufbahn verweilte der Abenteurer in einem ruhigen und beſcheidenen Winkel. Aber Stille iſt nicht Ruhe— Einſamkeit iſt nicht Zufriedenheit. Oft blickte er Morgens und Abends auf die Stelle hin, wo ſeiner Mutter Herz, der Liebe und des Wehes unbewußt, moderte, und die unwilligen und bittern Gefühle des verletzten Ausgeſtoßenen und des Sohnes, der den Namen ſeiner Mutter nicht recht⸗ fertigen konnte, verſcheuchte die unterdrückte und milde Schwermuth, in welche die Zeit gewöhnlich die Trauer um die Todten verwandelt, und womit die meiſten von uns an die ferne Vergangenheit und die einſt ſo freudige Kindheit denken. In der Bruſt dieſes Mannes lagen, unter ſeiner äußern Ruhe verborgen, jene Erinnerungen und jene Beſtrebungen, die ſo ſtark ſind, wie die Leidenſchaften. In ſeinen früheren Jahren, wo er ſich hatte anſtrengen müſſen, ſein Lehen zu friſten, hatte er keine Zeit ge⸗ funden, genau und tief über die Beraubung nachzu⸗ denken, noch über die Schmach, die auf dem Namen ſeiner Mutter laſtete, und die zuerſt ſeinen Morgen in Nacht verwändelt hatte. Sein Rachegefühl gegen die Beauforts war freilich eine lebhafte, aber wechſelvolle und ungeregelte Leidenſchaft geweſen. Sie ſtand in genauem Verhältniß zu jenen ſeltenen und romanti⸗ ſchen Ereigniſſen, welche die Phantaſie nicht erfinden kann und welche die Erzählung mit Mißtrauen aus dem großen Vorrathshauſe des wirklichen Lebens nimmt. Er war die Leiter des geſelligen Lebens hinaufge⸗ ſtiegen— und Alles, was er in ſeiner Kindheit ver⸗ loren— Alles, was die Räuber ſeiner Erbſchaft ge⸗ wonnen— die Größe und Macht des Reichthums— vor allen Dingen das ſtündliche und ruhige Glück eines makelloſen Namens, wurde ihm fühlbar und deutlich. Er hatte Eugenie geliebt, wie ein Knabe zum erſten⸗ mal ein vollendetes Weib liebt. Er hielt ſie für ſo gebildet— für ſo ſanft— für ſo reich begabt mit den Gefühlen, die einem höheren Weſen angehören, mit einer ewigen Erinnerung an den Schutzengel, der ihm erſchienen, als er an dem dunklen Abgrunde ge⸗ ſtanden. Sie war die Erſte geweſen, die ihn mit ſeinem Schickſgl ausgeſöhnt— die Erſte, die ſeine Schritte richtig geleitet— die Erſte, die das wilde Thier in ſeiner Bruſt gezähmt— es war der junge Löwe durch Una's Augen bezaubert. Seine Geſchichte war bei Lord Lilburne kurz und wahr erzählt worden. Ungeachtet ſeines Stolzes, der ſich empörte, einer andern Perſon, und noch dazu einem Weibe, ſolche Verpflichtungen ſchu emp der ſchü hine konr verb eige hatt fein⸗ de 2 gute raun raun Glüc und § genie frem orien Vera treue ſeinet Wan ſein kraft, einem ſich F ſein( zu be chzu⸗ amen en in n die lvolle nd in ianti⸗ inden aus immt. ufge⸗ t ver⸗ ft ge⸗ ms— eines utlich. erſten⸗ für ſo bt mit hören, el, der nde ge⸗ ſeinem Schritte hier in e durch ei Lr geachtet Perſon, tungen 149 ſchuldig zu ſein— per ſich gegen eine Verkleibung empörte, die ihn allein und plötzlich vor der Entdeckung der Vergangenheit und vor den Schrecken der Zukunft ſchützte— hatte er ſich ihr, der Sanften und Weiſen, hingegeben, in deren Urtheil er keinen Zweifel ſetzen konnte, und die ſcandalöſen Lügen, die der Bediente verbreitete, deſſen Verſchwiegenheit Eugenie lieber ihre eigene Ehre, als das Leben eines Andern anvertraut hatte, hatten Philipp, wie Lianevurt richtig bemerkte, feine andere Wahl gelaſſen, als die, welche Madame de Merville zu ihrem Glück und zur Rettung ihres guten Namens vorzog. Dann war ein kurzer Zeit⸗ raum gefolgt— die Feiertage des Lebens— ein Zeit⸗ raum der jungen Hoffnung und Leidenſchaft, des Glücks und der Wonne, der mit ihrem Tode ſchloß, und ihn wieder einſam in der Welt zurückließ. Als er aus dem Kummer erwachte, der auf Eu⸗ geniens Tod folgte, ſah er ſich plötzlich unter den fremden Geſichtern und den aufregenden Scenen eines orientaliſchen Hofes und wendete ſich mit ſtrenger Verachtung vom Vergnügen ab, als von einer Un⸗ treue gegen die Todte. Allmählig bemächtigte ſich ſeiner der Ehrgeiz— ſein Geiſt erſtarkte, wie ſeine Wange ſich bräunte unter jener glühenden Sonne— ſein abgehärteter Körper, ſeine früh geweckte That⸗ kraft, ſeine Verachtung der Gefahr machten ihn zu einem tapfern und geſchickten Soldaten. Er erwarb ſich Ruf und Rang. Doch als die Zeit verging, nahm ſein Ehrgeiz einen höhern Flug— ſeine Sphäre war zu beſchränkt; ſein unruhiges Temperament konnte 150⁰ die langen Zeiträume des Müßigganges nicht ertragen, die zwiſchen der Handlung eintraten: er kehrte nach Frankreich zurück; ſein Ruf, Liancvurt's Freundſchaft und Eugeniens Verwandte, die ihm dankbar waren, weil er ihnen ſo großmüthig den größten Theil ihres Vermächtniſſes abgetreten, eröffneten ihm eine neue Laufbahn, die aber ſchmerzlich und peinigend für ihn war. Am indiſchen Hofe war nicht nach ſeiner Ge⸗ burt gefragt worden, ein Abenteurer war dem an⸗ dern gleich. Aber in Paris regte ein Mann, der zu ſteigen verſuchte, die Ironie des Witzes und alle Ränke der Parteien an, und was vermögen Muth und Tapferkeit in der feinen Geſellſchaft gegen die Waffen des Spottes? In dem civiliſirten Lande nagten wieder alle die Leidenſchaften an ſeinem Herzen, die aus gedemüthigter Selbſtliebe und vereiteltem Streben hervorgehen. Er ſah alſo, je mehr er aus ſeiner Dun⸗ kelheit hervorzutreten bemüht war, deſto genauer forſchte man nach ſeiner wahren Herkunft, und Stolz und Ehrgeiz wurden beſtändig verwundet. Sich durch gewöhnliche Mittel emporzuſchwingen, war in der That ſchwierig für vieſen Mann. Da ihm der Name, den er führte, widerwärtig war— da er ſtets die lel⸗ hafte Hoffnung hegte, das wieder zu erlangen, wot er ſich berechtigt hielt— da er jenen Stolz auf ſein Vaterland hegte, der nie den verläßt, der einen freien Staate angehört, wie hart ſich derſelbe auch mag gezeigt haben, und vor allen Dingen, welche auch ſein Ehrgeiz und ſeine Leidenſchaften ſein mochten, hatte er eben aus dem Mißgeſchick, welches ihm wider⸗ fahr liche ſich mit laſſe natu geſet ein! eigen geeig der Liter niß rauh jenen ihres m an⸗ der zu nd alle Muth gen die nagten zen, die Streben er Dun⸗ genauer nd Stolz ich durch der That ime, den die leb⸗ en, wo auf ſein er einem ſelbe auch „ welche mochten, hin wider 151 fahren war, einen unbeſiegbaren Glauben an die end⸗ liche Gerechtigkeit des Himmels entlehnt— er hatte ſich geweigert, die letzten Bande zu zerreißen, die ihn mit ſeiner verlorenen Erbſchaft und mit ſeinem ver⸗ laſſenen Vaterlande verknüpften— er wollte ſich nicht naturaliſiren laſſen— um den Namen, den er führte, geſetzlich unbeſtritten zu machen— er war zufrieden, ein Ausländer zu ſein. Auch war Vaudemont nicht eigentlich zu jener Kriſis in der geſellſchaftlichen Welt geeignet, wo die Männer der Journale die Männer der Handlung auf die Seite drängen. Er hatte die Literatur nicht eultivirt, er hatte keine Bücherkennt⸗ niß— die Welt war ſeine Schule geweſen und das rauhe Leben ſein Lehrer. Außerordentlich geſchickt in jenen körperlichen übungen, welche die Männer, und beſonders die Soldaten bewundern, ruhig und geſetzt in ſeinem Benehmen, von vortheilhafter Perſönlich⸗ keit, von großem Talent und geübter Beobachtungs⸗ gabe überwand er beſtändig die Hinderniſſe, die ihn umgaben, und erlangte die Gunſt der Mächtigen. Es war natürlich, daß ein Mann, der ſo aufgewachſen und unter ſolchen Verhältniſſen war, ſich nicht für die Sache des Volks intereſſirte. Er war kein Bürger des Staats, er war ein Fremder im Lande Er hatte zu⸗ viel von der Menſchheit gelitten und litt noch, um jene Menſchenliebe zu beſitzen, die zuweilen träume⸗ riſch iſt aber ſtets edel, kurz, die gewöhnlich aus unſeren Studien entſpringt, nicht auf dem Markte, ſondern im Studirzimmer. Die Menſchen verlieren leider nur zu oft den demokratiſchen Enthuſiasmus, im Verhältniß wie ſie Grund finden, Argwohn und Verachtung gegen ihr Geſchlecht zu empfinden. Und wenn es keine Hoffnungen auf die Zukunft gäbe, welche uns zu lehren dieſes harte praktiſche Alltags⸗ leben nicht ausreicht, da würden die Traumbilder und der Ruhm, die dem Glauben an das Volk an⸗ gehören, durch die Ungerechtigkeit, durch die Thorheiten urd Laſter der Welt) wie ſie iſt, getrübt, in lau⸗ warme Parteiſucht übergehen überdies war Vaude⸗ mont's Gedankenrichtung die des Lagers, durch Syſteme beſtätigt, die im Orient allgemein ſind: er betrach⸗ tete das Volk wie ein Soldat es gewöhnlich thut, der an Disciplin und Ordnung gewöhnt iſt. Seine Theorien, oder vielmehr ſeine Unbekanntſchaft mit dem, was an der Theorie Geſundes iſt, billigten die Ausſchweifungen Karls des Zehnten, aber nicht die Schüchternheit und Furchtſamkeit, vermöge welcher dieſe Ausſchweifungen mit Schande und Abſetzung en⸗ deten. Im Herzen verwundet, von ſtolzem Kummer gequält, gehorchte er dem königlichen Befehle und folgle dem verbannten Monarchen. Seine Hoffnungen waren geſtürzt und ſeine Laufbahn in Frankreich auf immer vernichtet. Als er aber nach England kam, fand ſein Gemüth, dem es nicht an Hülfsquellen fehlte, bald neue Nahrung. In dem Lande, wo er keinen Namen hatte, konnte er ſein Glück wieder aufbauen. E war ein kühnes Unternehmen, eine unwahrſcheinliche Hoffnung; aber die Worte, die er auf der Brücke zu Paris gehört hatte— Worte, die ihn oft in ſeinet Verbannung bei Mühſeligkeiten und Gefahren erhet pe ſe die vor rakt Obi gew meh als ant Ein⸗ inne lung Bei ſchw des Einf der be nöthi n und Und gäbe, Utags⸗ nbilder an⸗ rheiten in lau⸗ Vande⸗ Syſteme betrach⸗ h thut, Seine aft mit ten die nicht die welcher un en⸗ Kummer nd folgte nwaren if immer fand ſein te, bald Namen en. Es cheinliche Brücke zu in ſeiner en erhei⸗ 153 tert hatten, tönten ihm wieder in die Ohren als er ans ufer ſeines Vaterlandes ſprang: Zeit, Glauben, Energie. Während ſich ſein Charakter in den größeren und umfangreicheren Beziehungen des Lebens ſo bewährte, wurden in den engeren Kreiſen der Geſellſchaft diele ſeltene und edle Eigenſchaften ſichtbar. Freilich war er ſirenge, vielleicht gebieteriſch— von einem Tem⸗ perament, welches ſtets nach Befehl ſtrebte; doch ſehr empfänglich für Freundlichkeit, und wenn ihn die fürchteten, die ſich ihm widerſetzten, ſo wurde er von denen geliebt, die ihm dienten. Es lag jene Miſchung von Zartheit und Wildheit in ſeinem Cha⸗ rakter, die einem Krieger des Alterthums angehörte. Obgleich ſo wenig beleſen, hatte das Leben ihm eine gewiſſe Poeſie des Gefühls und Gedankens gelehrt: mehr Pveſie vielleicht in den ſtillen Gedanken, die in glücklicheren Augenblicken ſeine Einſamkeit erfüllten als in der Hälfte der Blätter lag, die ſein Bruder an dem träumeriſchen See geleſen und beſchrieben. Eine gewiſſe Größe des Gedankens und ein Adel der inneren Antriebe machte, daß er die Gefühle in Hand⸗ lungen darſtellte, die Andere in Büchern niederſchreiben. Bei allen ſeinen Leidenſchaften verachtete er die Aus⸗ ſchweifung; bei all ſeinem Streben nach der Macht des Reichthums hielt er den Luxus ſeiner unwürdig. Einfach, männlich, ſtrenge, enthaltſam war er von der Form des Charakters die in früheren Zeiten den Männern der erfolgreichen Handlung eigen geweſen. Aber zur erfolgreichen Handlung find die Umſtände nöthiger, als zum triumphirenden Studium. 15⁴ Es war zu erwarten, daß er im Verhältniß, wie er mit dem reinen und edleren Leben vertrauter wurde, mit tiefer Erniedrigung ſeine frühere Verbindung mit Gawtrey betrachtete. In dieſer Hinſicht war er ſtrenger gegen ſich als jeder andere reine und gerecht denkende Geiſt es würde geweſen ſein, wenn er die Armuth, den Hunger und die Verzweiflung betrachtet hätte, die ihn zu Gawtrey getrieben, ſeine unvollkommene Er⸗ ziehung, das knabenhafte Vertrauen und die Neigung⸗ die er für ſeinen Beſchützer empfunden, ſo wie ſeine eigene Unbekanntſchaft mit den ſchlimmeren Handlun⸗ gen jenes unglücklichen Verbrechers. Aber wenn der Mann bei der Erfahrung, die er jetzt erlangt hatte, ruhig zurückblickte, erglühte ſeine Wange vor reue⸗ voller Scham über ſeinen rückſichtsloſen Umgans, deſſen Gefahr der Knabe zur Zeit nicht eingeſehen. Indeſſen gingen zwei Vortheile aus dem Irrthum und der Reue hervor: erſtens demüthigte die daraus her⸗ vorgehende Erniedrigung einigermaßen einen Stolz, und unliebenswürdig geweſen der ſonſt hochfahrend ſein möchte, und zweitens, wie ich ſchon früher an⸗ gedeutet, gewährte die innige Dankbarkeit, rie er dem Himmel für die Rettung aus den Schlingen der Jugend zollte, ſeiner Zukunft einen ernſten und auf⸗ richtigen Glauben zum Führer. Er ſah keinen Zufall mehr im Leben. Bei allen ſeinen Kämpfen, bei ſeiner Schwermuth, bei ſeinem Gefühl des ihm wider⸗ fahrenen Unrechts verzweifelte er nie, denn nichts konnte ietzt ſeinen Glauben an eine leit hung erſchüttern. ende Vorſe⸗ ware Haus meiſte ſchäft gewö fruga ſich zu Lond ohne len, warm ken 2 dem Man anſchi den ihre Und ihn Nach Geſch Verſſ Ober ihre Fähi von an leitet und wie rde, mit ger ende uth, die Er⸗ ung, ſeine lun⸗ tder hatte, reue⸗ gang, ſehen. nund z her⸗ Stolz, weſen er an⸗ vie er en der d auf⸗ Zufall n, bei wider⸗ nichts Vorſe 155 Die Lebensweiſe und Gewohnheiten Vaudemont's waren in übereinſtimmung mit denen des ruhigen Haushalts, wo er ſich als Gaſt aufhielt. Gleich den meiſten Männern von ſtarkem Körperbau, die an ge⸗ ſchäftiges Leben gewöhnt ſind, ſtand er früh auf, ritt gewöhnlich nach London und kehrte um Mittag zu der frugalen Mahlzeit zurück. Wenn Fanny und Simon ſich zur Ruhe begaben, kehrte er oft noch einmal nach London zurück, und ſchloß ſich ſelber das Haus auf, ohne den Schlaf der Hausgenoſſen zu ſtören. Zuwei⸗ len, wenn die Sonne zu ſinken begann, wenn die Luft warm war, ſchlich der alte Mann, auf ſeinen ſtar⸗ ken Arm geſtützt, durch die benachbarten Gaſſen zu dem einſainen Begräbnißplatze; oder wenn der blinde Mann bei ſeinem Kamin blieb und ſich zum Schlaf anſchickte, ging Philipp mit Fanny aus und an den Tagen, wo ſie ihre Arbeit verkaufte oder ihre Einkäufe beſorgte, begleitete er ſie ſtets. und ihre Wange röthete ſich vor Stolz, wenn ſie ihn ihren kleinen Korb tragen und in geduldigem Nachdenken draußen warten ſah, während ſie ihre Geſchäfte in den Läden beſorgte. Obgleich Fanny's Verſtand in ihrem Innern reifte, ſo war doch ihre Oberfläche täuſchend. Es war immer, als ob etwas ihre Fähigkeiten hemmte, ohne daß es ihr an den Fähigkeiten ſelber fehlte. Ihre Schwäche war mehr von der Art eines Kindes, als einer Perſon, die an einer unheilbaren Verſtandesſchwäche leidet. Z. B. leitete ſie den kleinen Haushalt mit Geſchicklichkeit und Klugheit; ſie konnte ſo ſchnell wie Vaudemont 156 ſelber das, was zu ihren einfachen Beſchäftigungen gehörte, im Kopfe ausrechnen, ſie kannte den Werth des Geldes, und das iſt mehr, als manche von un⸗ ſern weiſen Leuten verſtehen. Ihre Geſchicklichkeit in verſchiedenen weiblichen Handarbeiten, die ſie ſchon als Kind gezeigt, wurde nicht nur durch Beharrlich⸗ keit, ſondern auch durch Erfindung und beſonderes Talent zů einer wunderbaren Vollkommenheit ge⸗ bracht. Ihre Blumenſtickerei auf Seide, die damals noch ſeltener war, als. jetzt, wurde von den großen Modehändlerinnen Londons ſehr geſucht, zu welchen dieſelbe durch Miß Semper gelangte. Alles dies hatte ſie ſeit Jahren in den Stand geſetzt, ſich und ihrem blinden Beſchützer jede nothwendige Vequem⸗ ſichkeit des Lebens zu verſchaffen, und ihre Sorgfalt für den alten Mann war ſchön in ihrer Einzelnheit und ihrer Wachſamkeit. Beſtändig, wenn ihr Herz an etwas Antheil nahm, zeigte ſich nie der Mangel des Verſtandes. Vaudemont war gerührt, zu ſehen, wie viel zärtliche und mitleidige Achtung ſie in der Nach⸗ barſchaft, beſonders unter den niedrigern Klaſſen, zu genießen ſchien— ſelbſt der Bettler, der die über⸗ gänge über die Straße kehrte, bettelte ſie nicht an, ſondern war froh, ſie zu ſehen, wenn ſie vorüber⸗ ging; und der rauhe, unzufriedene Handwerker be⸗ antwortete mit erheiterter Stirn das Lächeln, womit das harmloſe Geſchöpf ihn begrüßte. Welchen Reiz ihr auch ihre Jugend, ihre Schönheit, ihr Unglück und ihr rührender Fleiß gewähren mochten, ſo wurde doch Alles in den Angen der ärmeren Nachbaren durch jene keit und rath ihre zu, gege E es a mein gut i ich, bittet Du g ugen erth un⸗ it in ſchon rlich⸗ deres t ge⸗ mals roßen elchen hatte und quem⸗ alt für it und ez an gel des n, wie Nach⸗ ſen, zu über⸗ cht an, orüber⸗ ker be⸗ womit en Reiz unglück o wurde en durch — 157 jene kleinen Züge der Wohlthätigkeit und Freunblich⸗ keit erhöht; manches kranke Kind hatte ſie gepflegt und mancher brodloſe Tiſch hatte etwas von dem Vor⸗ rathe hinweggenommen, den ſie zu dem Grabmale ihres Vaters aufgeſpart hatte. „Glaubſt Du nicht,“ flüſterte ſie einſt Vaudemont zu,„daß Gott mehr auf uns achtet, wenn wir gut gegen die ſind, welche arm und hungrig find?“ „Gewiß, ſo hat man uns zu denken gelehrt.“ „Gut, ich will Dir ein Geheimniß ſagen— mußt es aber nicht wiederſagen. Großpapa ſagte einſt, mein Vater habe böſe Dinge gethan; wenn nun Fanny gut iſt, gegen die, denen ſie helfen kann, ſo glaube ich, wird Gott ſie gütiger anhören, wenn ſie ihn bittet, daß er verzeihe, was ihr Vater gethan. Denkſt Du auch ſo? Sage es— Du biſt doch klug!“ „Fanny, Du biſt klüger, als wir Alle; ich fühle mich beſſer und glücklicher, wenn ich Dich reden höre.“ Es gab in der That Augenblicke, wo Vaudemont glaubte, daß die Mängel ihres Verſtandes ſchon längſt durch geſchickte Erziehung und Umgang mit Mädchen ihres Alters hätten verbeſſert werden können; doch hatte ſich Fanny ſelbſt in der Schule von dieſem Um⸗ gange fern gehalten. In andern Augenblicken zeigte ſie ſich ſo geiſtesabweſend, ſo zerſtreut, ſo phantaſtiſch und unzuſammenhängend, daß Vaudemont mit ſeinem weltlichen Auge nichts weiter als ſchwermüthige Ver⸗ wirrung darin leſen konnte. Dennoch, wenn gleich die Gedankenfäden verwickelt waren, ſo war doch jeder derſelben ein Goldfaden. ——— —— ——— — 158 Fanny's großer Zweck— ihr großer Ehrgeiz— ihre einzige Hoffnung— war ein Grabmal für ihren vermeintlichen Vater. Sei es nun aus jener Ver⸗ ehrung des Grabes, die vielleicht in katholiſchen Län⸗ dern am meiſten gefühlt wird und die ſie im Kloſter eingeſogen hatte, oder wegen ihres Anfenthalts, ſo nahe hei dem Begräbnißplatze und wegen der Verehrung, womit dieſer Ort betrachtet wurde— welches auch die Urſache ſein mag, ſo hatte ſie ſeit einigen Jah⸗ ren, wie andere junge Mädchen vom Altar träumen — nur von Grabſteinen geträumt. Aber der Schatz wurde ſo langſam geſammelt— bald war der alte Gawtrey krank— bald ging der Miethzins nicht zur rechten Zeit ein— bald kam der Preis ihrer Arbeit herunter— und bald, was am häufigſten geſchah, wurde ein Anſpruch an ihre Milbthätigkeit gemacht, der ihren Erſparniſſen zu frommem Zweck eine Summe entzog. Dies war ein Gefühl, worin ihr neuer Freund aufrichtig mit ihr übereinſtimmte; denn auch er er⸗ innerte ſich, daß er für ſein erſtes Geld jenen be⸗ ſcheidenen Grabſtein gekauft, der das Andenken ſeiner Mutter noch über der Erde bewahrte. Inzwiſchen verging ein Tag nach dem andern und Fanny widerfuhr keine neue Gewaltthätigkeit. Nach und nach hörte Vaudemont— und Fanny's Bericht war ſehr verwirrt— worin ihre Gefahr eigentlich beſtanden. Eines Tages hatte ſich Fanny durch das ſchön⸗ Wetter verleiten laſſen, auf dem Wege fortzugehen der weiter ins Land führte, und da ſei ihr ein Hen in ſeh ſie ihr von Kor ſtän ten men Hau Mei Dies der Dam eine ten Hoff Gral noch ſein werde inzwi rend Miß feſt a an, e rend die D ren Ber⸗ Län⸗ oſter „ſo ung, auch Jah⸗ umen Schatz r alte bt zur Arbeit Freund er er⸗ nen be⸗ ſeiner ern und Nach 159 in einem Wagen begegnet, der ſie, wie ſie ſagte, ſehr freundlich angeredet. Nach mehreren Fragen, die ſie alle mit argloſer Unſchuld beantwortet, habe er ihr Geſchäft erfahren und darauf beſtanden, einige von ihren Arbeiten zu kaufen, die ſie gerade in ihrem Korbe gehabt, und ihr verſprochen, ihr einen be⸗ ſtändigen Käufer zu verſchaffen, der ihr ihre Arbei⸗ ten unter viel vortheilhafteren Bedingungen abneh⸗ men würde, als bisher geſchehen, wenn ſie in das Haus einer Mrs. Weſt kommen wolle, die etwa eine Meile von der Vorſtadt nach London zu wohne. Dies verſprach ſie zu thun und that es auch, in Folge der Adreſſe, die er ihr gegeben. Sie wurde zu einer Dame geführt, die viel geputzter war, als Fanny je eine Dame geſehen— der Herr war auch zugegen — fie überhäuften ſie mit Complimenten und kauf⸗ ten ihre Arbeit zu einem Preiſe, ſo daß ſich alle Hoffnungen des armen Mädchens, in Betreff des Grabſteines für Wilhelm Gawtrey, zu erfüllen ſchienen — als verfolge jenen wilden Mann ſein Schickſal noch bis über das Grab hinaus und als ſolle ſelbſt ſein Grabſtein mit dem Gelde des Verführers erkauft werden! Die Dame heſtellte ſie wieder zu ſich; doch inzwiſchen traf ſie Fanny auf der Straße, und wäh⸗ rend ſie ſie anredete, ging zum Glück die Putzmacherin Miß Semper vorüber, wendete ſich um, ſah die Dame feſt an, wendete eine ſehr zornige Sprache gegen ſie an, ergriff Fanny's Hand und zog ſie mit ſich fort, wäh⸗ rend die Dame ſich fortſchlich. Sie ſagte ihr dann, die Dame ſei ein ſehr ſchlechtes Weih und Fanny 160 müſſe nie wieder mit ihr reden. Fanny verſprach dies mit Freuden, und die Dame, die ſich entweder vor dem Pöbel oder vor der Obrigkeit fürchtete, kam nie wieder in ihre Nähe. „Und ich gab Miß Semper das Geld, welches ſie mir gegeben,“ ſo ſchloß Fanny,„und ſie ſagte, ſie wolle es zurückſchicken.“ „Du thateſt Recht, Fanny, und da Du Miß Sem⸗ per ein Verſprechen ablegteſt, ſo mußt Du mir auch verſprechen, niemals ohne mich, oder irgend eine an⸗ dere Perſon, aus dem Hauſe zu gehen. Nein, nicht mit einer andern Perſon— nur mit mir. Ich will alles Andere bei Seite ſetzen und mit Dir gehen.“ „Willſt Du das? O ja, ich verſpreche es! Ich ging ſonſt ſo gern allein, aber es war ehe Du kamſt, Bruder.“ Und da Fanny ihr Verſprechen hielt, hätte es ein kühner Menſch ſein müſſen, der es gewagt, ſie an der Seite dieſes ſtattlichen und ſtarken Beſchützers zu beläſtigen. Sechstes Kapitel. Timon: Ein Dieb iſt j Ding; Und das Geſ( zaum und Peitſche, übt In rauher Kraft den iebſtahl ungeſtraft. Timon von Athen. An dem Tage und zu der beſtimmten Stunde, wo der Fremde Herrn Beaufort hatte wieder beſuchen wollen, ſaß Lord Lilburne im Bibliothekzimmer ſei nes Schwagers, und vor dem Lehnſeſſel, auf dem er na der ruf ſen Sc eint iſt tigk zeln Sie Por tritt wah wen rach eer kam elches ſagte, Sem⸗ auch ne an⸗ nicht h will n. 1Ich he Du ätte es gt, ſie chützers itſche, übt ſtraft. then. Stunde, beſuchen mer ſei⸗ fwem er 161 nachläſſig ruhte, ſtand unſer alter Freund Sharp, der Polizeimann. „Herr Sharp,“ ſagte der Pair,„ich habe Sie rufen laſſen, um mir einen kleinen Dienſt zu erwei⸗ ſen. Ich erwarte hier einen Mann, der meinem Schwager, dem Herrn Beaufort, einige Nachricht über einen Rechtsſtreit geben zu wollen verſprochen. Es iſt nöthig, zu erfahren, ob ſein Zeugniß von Wich⸗ tigkeit iſt oder nicht. Ich wünſche, daß Sie alle Ein⸗ zelnheiten hinſichtlich ſeiner erforſchen mögen. Sein Sie ſo gut, ſich auf dem Vorſaale in den Stuhl des Portiers zu ſetzen; beobachten Sie ihn, wenn er ein⸗ tritt, ohne daß er Sie bemerkt— aber da er Ihnen wahrſcheinlich fremd iſt, ſo beobachten Sie ihn genauer, wenn er das Haus verläßt, folgen Sie ihm in eini⸗ ger Entfernung, machen Sie ausfindig, wo er wohnt, mit wem er umgeht, welche Perſonen er beſucht, ihre Namen, ihren Ruf und ihr Geſchäft— mit einem Wort, Alles, was Sie können, und ertheilen Sie mir darüber dieſen Abend Bericht. Verfolgen Sie ihn gut, verlieren Sie ihn pie aus dem Geſicht— Sie ſollen gut belohnt werden. Sie verſtehen mich.“ „Ah! Laſſen Sie mich nur machen, Mylorb,“ ſagte Sharp.„ err Schwager hat mich ſchon früher beſchäftigt, weiß, daß er ſich auf mich verlaſſen kann.“ „Ich bezweifle es nicht. Auf Ihren Poſten ich erwarte ihn jeden Augenblick.“ Kaum hatte ſich Sharp in den Stuhl des Por⸗ tiers geſetzt, als der Fremde ſchon an bie Thür klopfte. Bizwer, Nacht u. Morgen. I. 1¹ 162 Im nächſten Augenblick wurde er zu Lord Lilburne geführt. „Mein Herr,“ ſagte Seine Herrlichkeit, ohne auf⸗ zuſehen,„ſein Sie ſo gut, jenen Stuhl zu nehmen. Herr Beaufort hat die Stadt verlaſſen müſſen und mich gebeten, mit Ihnen zu reden— ich gehöre zu ſeiner Familie— ſeine Frau iſt meine Schweſter— Sie können ſo offen mit mir reden, wie mit ihm— vielleicht noch offener.“ „Darf ich um Ihren Namen bitten, mein Herr,“ ſagte der Fremde, ſeine Kravatte in Ordnung brin⸗ gend. „Ihren zuerſt— Geſchäft iſt Geſchäft.“ „Nun alſo, Kapitän Smith.“ „Von welchem Regiment?“ „Auf halbem Sold.“ „Ich bin Lord Lilburne. Ihr Name iſt Smith, hi!“ ſetzte der Pair hinzu, indem er einige Papiere anſah, die vor ihm lagen.„Ich ſehe, das iſt auch der Name des Zeugen, auf den ſich Mrs. Morton berufen, hm!“ Bei dieſer Bemerkung, und noch mehr bei dem Blicke, wovon dieſelbe begleitet war, wurde Kapitän Smith ſichtbar verlegen; er räuſperte ſich und ſagte mit einigem Zögern: „Mylord, jener Zeuge iſt am Leben!“ „Ohne Zweifel— Zeugen ſterben nie, wo ein großes Vermögen auf dem Spiele ſteht und man einen Betrug beabſichtigt.“ In dieſem Angenblick trat der Diener ein und ⸗ üb tes net ne uf⸗ en. und zu rr,“ rin⸗ mith, piere auch orton i dem po ein einen n und 163 überreichte Lord Lilburne ein zierlich zuſammengeleg⸗ tes Papier. Er ſah es mit Erſtaunen an— öff⸗ nete es und las folgende mit Bleiſtift geſchriebene Worte: „Mylord! „Ich kenne den Mann; hüten Sie ſich vor ihm; er iſt ein ſo arger Schurke, wie nur je einer lebte; er wurde vor drei Jahren deportirt, und obgleich dieſe Zeit abgekürzt worden iſt, ſo iſt er doch ohne Urlaub abweſend. Wir pflegten ihn immer den tol⸗ len Jerry zu nennen. Der junge Menſch, den wir auf Herrn Beaufort's Wunſch aufſuchten, war ein Kamerad von ihm. Entſchuldigen Sie meine Freiheit. J. Sharp.“ Während Lord Lilburne dieſen Brief an's Licht hielt und ihn mit Mühe las, erlangte Kapitän Smith ſeine Faſſung wieder und begann folgendermaßen: „Betrug, Mylord! Betrug! Ich verſtehe Sie in der That nicht. Eure Herrlichkeit ſcheinen ſo arg⸗ wöhniſch, daß man ſich ganz unbehaglich fühlt. Frei⸗ lich gilt es mir gleich, und wenn Herr Beaufort es nicht für gut hält, ſelber mit mir zu reden, ſo wird es am beſten ſein, ich mache Ihnen meine Verbeu⸗ gung.“ Und Kapitän Smith ſtand auf. „Warten Sie einen Augenblick, Herr. Was Herr Beaufort noch thun mag, kann ich nicht ſagen; aber ich weiß nur ſo viel, daß Sie eines ſchweren Ver⸗ gehens ſchuldig ſind, und wenn Ihr Zeuge oder Ihre Zeugen— Sie mögen deren fünfzig haben, ſo viel 164 ich weiß— gleich ſchuldig ſind, ſo iſt es um ſo ſchlimmer für Sie.“ „Mylord, ich verſtehe Sie in der That nicht.“ „Dann will ich mich deutlicher ausdrücken. Ich beſchuldige Sie, in der Abſicht Geld zu erpreſſen, eine ſchmachvolle Lüge erfunden zu haben. Laſſen Sie Ihre Zeugen vor Gericht auftreten, und ich ver⸗ ſpreche Ihnen, daß Sie, Ihre Zeugen und der junge Mann, Herr Morton, für den Sie zeugen wollen, ver ſchwärzeſten Conſpiration für ſchuldig erklärt wer⸗ den ſollen. Herr Smith, ich kenne Sie, und vor morgen früh um zehn Uhr werde ich auch wiſſen, ob Sie von Seiner Majeſtät Erlaubniß hatten, die Ko⸗ lonie zu verlaſſen! Jetzt, denke ich, habe ich mich deutlich genug ausgeſprochen.“ Und Lord Lilburne warf ſich in ſeinen Stuhl zu⸗ rück und betrachtete kalt das bleiche Geſicht und den erſchrockenen Ausdruck des muthloſen Kapitäns. Nach einer Pauſe der Verwirrung, des Erſtaunens und der Furcht machte dieſer würdige Mann mit drohender Geberde einen unwillkürlichen Schritt auf Lilburne zu. Der Pair griff ganz ruhig nach der Glocke. „Noch einen Augenblick,“ ſagte der Letztere,„wenn ich mit dieſer Glocke klingle, ſo geſchieht es nur, Sie in's Gefänngniß bringen zu laſſen. Laſſen Sie ſich noch einmal hier bei Herrn Beaufort ſehen— ja, laſſen Sie ihn nur ein Wott von dieſem beabſichtig⸗ ten Rechtsſtreit hören, und Sie kehren in die Kolonie zurück. Pah! Sehen Sie mich nicht ſo finſter an, Herr! Ein Polizeimann iſt im Vorſaal, Gehen Sie! 4 Ich ſſen, iſſen ver⸗ unge llen, wer⸗ vor „ob Ko⸗ mich zu⸗ d den Nach id der hener burne e. „wenn r Sie ie ſich — ſichtig⸗ dolonie ter an, n Sie! 165 — Nein, warten Sie noch einen Augenblick und neh⸗ men eine gute Lehre mit. Wagen Sie nicht wieder, Leuten von Stande und Vermögen zu drohen. Jeder reiche Mann iſt mit einer Mauer umgeben— ren⸗ nen Sie lieber nicht mit dem Kopfe dagegen.“ „Aber ich ſchwöre feierlich,“ rief der Schurke mit ſolchem Nachdruck, der den Anſchein der Wahrheit hatte,„daß die Trauung ſtattgefunden.“ „Und ich ſage nicht weniger feierlich, daß jeder, der dies vor einem Gerichtshofe beſchwört, als Mein⸗ eidiger ſoll beſtraft werden. Pah! Sie ſind bei alle dem ein trauriger Schurke!“ Und mit einer Miene über⸗ legener und halb mitleidiger Verachtung wendete ſich Lord Lilburne um und ſchürte das Feuer. Kapitän Smith murmelte etwas, beſchäftigte ſich einen Augen⸗ blick mit ſeinen Handſchuhen, zuckte dann die Achſeln und ſchlich ſich hinaus. An demſelben Abend empfing Lord Lilburne wie⸗ der ſeine Freunde, und unter ſeinen Gäſten befand ſich auch Vaudemont. Lilburne war ein Mann, der das Studium menſchlicher Charaktere liebte, beſon⸗ ders von ſolchen Männern, die mit der Welt kämpf⸗ ten. Gänzlich frei von jeder Art des Ehrgeizes ſchien er ſich mit ſeiner Gefühlloſigkeit dadurch auszuſöhnen, daß er die Unruhe, die Kränkung und die Qualen des Herzens unterſuchte, die das Lods der Ehrgeizigen ſind. Gleich der Spinne in ihrer Höhle beobachtete er mit hungrigem Vergnügen die Fliegen, die in dem Ge⸗ webe zappelten, durch deſſen ſchlüpfriges Labyrinth er mit leichter Sicherheit dahinſchritt. Ein Grund, warum 166 er das Spiel liebte, war vielleicht weniger die Freude am Gewinne, als die philoſophiſche Behaglichkeit, wo⸗ mit er ſich an den Bewegungen derjenigen weidete, die verloren. Stets heiter und leidenſchaftslos, außer bei der Ausſchweifung, hätte Magendie, der die Er⸗ perimente der Wiſſenſchaft bis zu der Todesqual eines gefolterten Hundes verfolgte, nicht mehr in ſeine Wiſ⸗ ſenſchaft verſenkt und gleichgültiger gegen den Hund ſein können, als Lord Lilburne, wenn er ein Schlachtopfer zu Grunde richtete, bei der Prüfung der menſchlichen Leidenſchaften— gleichgültiger bei den krampfhaften Bewegungen des Unglücklichen, den er folterte. Er wünſchte Vaudemont Geld abzugewinnen, um dieſen Mann zu Grunde zu richten, der großmüthiger ſein wollte, als andere Leute— um einen kühnen Aben⸗ teurer dem Glücksrade unterworfen zu ſehen, welches in einem Spiel Karten herrſcht— und alles dies na⸗ türlich ohne den geringſten Haß gegen den Mann, den er, ſo viel er wußte, zum erſtenmal ſah. Im Gegentheil empfand er einen gewiſſen Reſpekt für Vau⸗ demont. Gleich den meiſten weltlich geſinnten Män⸗ nern war Lord Lilburne für die eingenommen, die im Leben zu ſteigen ſuchen, und gleich Männern, die ſich in männlichen und athletiſchen Uebungen ausgezeichnet haben, nahm er Antheil an denen, die zu denſelben glücklichen Erfolgen geeignet ſchienen. Lancourt führte ſeinen Freund auf die Seite, als Lord Lilburne mit ſeinen andern Häſten ſprach;„Ich darf Sie nicht warnen, da ich ſelber nie ſpiele, ſich nicht der zarten Großmuth Lord Lilburne's hinzugeben; . le ſe al ka ob m ket eude wo⸗ dete, ußer eines Wiſ⸗ d ſein opfer lichen aften Er dieſen r ſein Aben⸗ velches es na⸗ Nann, Im Vau⸗ Män⸗ die im die ſich eichnet nſelben te, als „Ich le, ſich geben; 167 bedenken Sie, daß er ein bewundernswürdiger Spie⸗ ler iſt.“ „Nun,“ antwortete Vaudemont,„ich wünſche die⸗ ſen Mann kennen zu lernen: ich habe Gründe, die allein mich bewegen, in ſein Haus zu treten. Ich kann ſchon etwas wagen, weil ich zu ſehen wünſche, ob ich nicht etwas für Jemand gewinnen kann, der mir theuer iſt. Und übrigens,“ ſetzte er leiſer hinzu, kenne ich ihn zu gut, um nicht auf meiner Hut zu ſein.“ Mit dieſen Worten ſchloß er ſich Lord Lilburne's Gruppe an und ſetzte ſich zum Kartentiſche. Beim Abendeſſen ſprach Vaudemont mehr, als ſeine Gewohn⸗ heit war, wendete ſich beſonders an ſeinen Wirth und hörte mit großer Aufmerkſamkeit Lilburne's ſchlagende Bemerkungen über alle Gegenſtände an, die vorge⸗ bracht wurden. Und war es nun Vaudemont's Kunſt oder Lord Lilburne's Intereſſe, einen ihm neuen Cha⸗ rakter zu ſtudiren, oder weil beide Männer ſich be⸗ ſonders in allen männlichen Fähigkeiten auszeichneten — ihre Unterhaltung war viel anziehender für ſie ſel⸗ ber als für Andere, und ſo geſchah es, daß ſie ſich noch mit einander unterhielten, als ſchon das Tages⸗ licht durch die Fenſtervorhänge zu dringen begann. „Ich bin länger geblieben, als alle Ihre andern Gäſte,“ ſagte Vaudemont, ſich in dem leeren Zimmer umſehend. „Es iſt das beſte Compliment, welches Sie mir hätten machen können. An einem andern Abend können wir unſere einſame Unterhaltung mit einem Spiel 168 Eearte heleben, obgleich ich mich wundere, Herr von Vaudemont, daß Sie in Ihrem Alter und bei Ihrem Außern das Spiel lieben. Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie in einem Spiel Karten Herzen ſuchten. Aber vielleicht ſind Sie früh des ſchönen Geſchlechts über⸗ drüſſig geworden.“ „Ihre Anhänglichkeit ſcheint noch jetzt ſo groß wie immer.“ „Die meine?— Nein, nicht wie immer. In verſchiedenen Altern herrſchen verſchiedene Grade. In Ihrem Alter warb ich, in dem meinen kaufe ich. Das letztere iſt das beſte, denn es koſtet nicht halb ſoviel Zeit.“ „Ihre Ehe war nicht mit Kindern geſegnet, Lord Lilburne? Vielleicht empfinden Sie zuweilen den Man⸗ gel derſelben?“ „Wenn das wäre, könnte ich ſie zu Dutzenden haben. Andere Damen ſind in dieſer Hinſicht frei⸗ gebiger geweſen, als die verſtorbene Lady Lilburne, der Himmel habe ſie ſelig.“ „Und wenn Sie wirklich überzeugt wären,“ ſagte Vaudemont, ſeine Augen mit einigem Ernſt auf ſeinen Wirth richtend,„daß Sie ein Kind hätten oder viel⸗ leicht einen Enkel— deſſen Mutter Sie in Ihrer erſten Jugend geliebt— ein zärtliches und ſchönes Kind, welches Ihrer Sorgfalt und Ihres Schutzes bedürfte, würden Sie nicht geſtatten, daß dieſes Kind, wenn gleich unrechtmäßig, Ihnen die Mängel der kindlichen Liebe erſetzte?“ „Kindliche Liebe, mein Vortrefflicher,“ wieberholte von hrem ubt, Aber über⸗ groß In n Das ſoviel Lord Man⸗ enden frei⸗ burne, ſagte ſeinen r viel⸗ erſten Kind, dürfte, wenn dlichen erholte 169 Lord Lilburne,„was meiner Sorge und meines Schutzes bedarf! Pah Mit andern Worten, ob ich einem jungen Vagabunden Tiſch und Wohnung geben wollte, der gut genug wäre, zu ſagen, daß er ein Sohn des Lord Lilburne ſei?“ „Doch wenn Sie überzeugtwären, daß das Kind wirklich Ihr Sohn oder vielleicht Ihre Tochter wäre? Und der letztere Name iſt der zärtlichere und die Tochter hülfloſer.“ „Mein lieber Herr von Vaudemont, Sie ſind ohne Zweifel ein Mann der Galanterie und der Welt. Wenn die Kinder, die das Geſetz uns aufdringt, ſchon neun⸗ mal unter zehn verdammte Plagen ſind, wie ſollte man denn Vater zu denen ſein wollen, die das Geſetz uns zu verſtoßen erlaubt. Natürliche Kinder ſind die Parias in der Welt und ich— ich bin einer von den Brah⸗ manen.“ „Aber,“ fuhr Vaudemont fort,„verzeihen Sie mir, wenn ich die Sache noch weiter fortſetze. Viel— leicht ſuche ich Ihre Weisheit als Führerin meiner eigenen Handlungen zu benutzen. Geſetzt alſo, ein Mann hätte geliebt und der Mutter Unrecht gethan; geſetzt, er ſähe in dem Kinde ein Weſen, welches ohne ſeine Hülfe jedem Fluch ausgeſetzt ſein würde, der die Parias dieſer Welt nur zu oft verfolgt, und daß ſie mit ſeiner Hülfe im vorgerückten Alter ſeine Geſellſchafterin, ſeine Pflegerin, ſeine Tröſterin werden könnte—“ „Still!“ fiel Lord Lilburne mit einiger Ungeduld ein;„ich weiß nicht, wie unſere Unterhaltung ſich auf einen ſolchen Gegenſtand lenkte— doch wenn Sie wirklich meine Meinung in Betreff irgend eines Falles im praktiſchen Leben wiſſen wollen, ſo will ich Ihnen dieſelbe mittheilen. Sehen Sie alſo, Herr von Vau⸗ demont, kein Mann hat die Kunſt des Glücks mehr ſindirt, als ich, und ich will Ihnen das große Geheim⸗ niß ſagen: laſſen Sie ſich durch ſo wenig Bande als möglich knüpfen. Pflegerin!— Pah! Sie oder ich könnten wöchentlich eine dingen, die tauſendmal ſorg⸗ ſamer und nützlicher wären, als ein läſtiges Kind. Tröſterin!— ein Mann von Verſtand bedarf nie des Troſtes, und es gibt keinen Kummer, ſo lange wir Geſundheit und Geld haben und uns um Niemand in der Welt kümmern. Wenn Sie Leute lieben wollen, ſo können Sie, wenn es mit ihrer Geſundheit und ihren umſtänden ſchlecht ſteht, Kummer und Verdruß haben, und das öffnet viele Kanäle zum Schmerz. Leben Sie nie allein, aber fühlen Sie ſtets allein. Sie halten dies für unliebenswürdig: möglich. Ich bin kein Heuch⸗ ler und affektire nie etwas Anderes zu ſein als ich bin — John Lilburne.“ Als der Pair ſo ſprach, lehnte ſich Vaudemont an die Thür und betrachtete ihn mit einer ſeltſamen Miſchung von Intereſſe und Abſcheu.„Und John Lil⸗ burne wird als ein großer Mann und Wilhelm Gaw⸗ trey als ein großer Schurke betrachtet. Verbergen Si Ihr Herz nicht?— Nein, ich durchſchaue es. Reich⸗ thum und Macht bedürfen der Heuchelei nicht: Sie ſind der Mann des Laſters— Gawtrey der Mam des Verhrechens. Sie ſündigen nie gegen das Geſet — werl und Flei der Fan: auch einet iſt b 7 als ſtehe ſein ders n Sie Falles Ihnen Vau⸗ mehr eheim⸗ ide als er ich lſorg⸗ Kind. nie des ge wir and in len, ſo d ihren haben, en Sie halten Heuch⸗ ich bin udemont tſamen ohn Lil⸗ m Gaw⸗ gen Sie Reich⸗ ht: Sie r Man is Geſez 174 — er war nur ein Verbrecher vermöge ſeines Hand⸗ werks. Und der Verbrecher rettete das Kind vom Laſter und die Enkelin, die Sie verläugnen— Ihr eigenes Fleiſch und Blut vom Mangel— welchen Mann wird der Himmel als den böſeren betrachten? Nein, arme Fanny! ich ſehe, daß ich Unrecht habe. Wenn er Dich auch anerkennen wollte, ſo würde ich Dich doch nicht einer ſo eiskalten Seele überliefern— der blinde Mann iſt beſſer als der herzloſe!“ „Nun, Lord Lilburne,“ ſagte Vaudemont laut, als er aus ſeiner Träumerei erwachte,„ich muß ge⸗ ſtehen, daß Ihre Philoſophie die weiſeſte für Sie zu ſein ſcheint. Mit einem armen Manne würde es an⸗ ders ſein— der Arme bedarf der Zärtlichkeit.“ „Ja gewiß, der Arme,“ ſagte Lord Lilburne mit einer Miene ſtolzer Aufrichtigkeit. „Und ich will noch ferner geſtehen,“ fuhr Vau⸗ demond fort,„daß mir mein verlornes Geld nicht leid iſt, da ich ſo viel Belehrung aus Ihrer Unterhaltung geſchöpft habe.“ „Sie ſind ſehr gütig. Kommen Sie am nächſten Donnerſtag wieder und nehmen Revanche. Leben Sie wohl.“ Als Lord Lord Lilburne ſich auskleidete und ſein Diener ihm dabei behülflich war, ſagte er zu vieſem: „So biſt Du alſo nicht im Stande geweſen, den Namen des Fremden herauszubringen, der dort ein⸗ gezogen iſt?“ „Nein, Mylord. Sie ſagen nur, er ſei ein ſehr ſchöner Mann.“ 17 „Du haſt ihn nicht geſehen?“ „Nein, Mylord. Was ſoll ich weiter thun?“ „Hm! Nichts für den Augenblick. Du machſt Deine Sache ſo ſchlecht, daß ich in eine Klemme kommen könnte. Ich thue nie etwas, was das Geſetz, die Polizei oder die Zeitungen rügen könnten. Ich muß auf ein anderes Mittel denken— hm! Ich gebe nie etwas auf. Nicht wahr, Dykeman? Es ſchlägt mir nie etwas fehl, das ich unternehme! Wenn das Leben ſo viel werth wäre, als ſich die Thoren mit Geſchäften und Ehrgeiz darum bemühen, ſo würbe ich wahr⸗ ſcheinlich ein großer Mann mit einer ſehr ſchlechten Leber ſein— ha ha! Ich allein von aller Welt brachte heraus, wozu die Welt gut iſt! Zieh den Vorhang zu, Dykeman.“ Siebentes Kapitel. Org. Willkommen, Eis, das ihm das Herz umgibt, Es kann Dich keine Hitze ſchmelzen! Nearch. O ehrenvolle Schande! Amyk. Und ihre Zärtlichkeit verdiene nicht So große Strenge. Arm. Ihr mißverſteht mich, Herr, Von dem red'ich mit Achtung, was Apollo In dunklen Sinn gekleidet! Ford.;„Das gebrochene Herz.“ Wenn Vandemoni es in Betracht des Alters und der Armuth des blinden Simon Gawtrey für ſeine Pflicht gehalten hatte, ſich zu überzeugen, ob Fannhs 3 nati liche ihn auf an hatte dieſe ſeine Brut wach verle ſamet Sidn verän mit a eintn ihn je Du Mutt falt a Name enteh ſeinen und beſaß befrie Stolz Euger durch trager n?“ Deine ommen tz, die ch muß ebe nie mir nie Leben ſchäften wahr⸗ hlechten rWelt ieh den gibt, Herr, olle ters und ür ſeine Fannyt 173 natürlicherer Beſchützer in der That der unverbeſſer⸗ liche Egviſt ſei, wofür Gawtrey ihn erklärt, ſo hatte ihn die Unterredung einer Nacht hinlänglich beſtimmt, auf immer von der Abſicht abzulaſſen, ihre Anſprüche an Lord Lilburne geltend zu machen. Aber Philipp hatte noch einen Beweggrund, eine Bekanntſchaft mit dieſem Manne fortzuſetzen. Der Anblick des Grabes ſeiner Mutter hatte ihm das Bild jenes verlorenen Bruders wieder vor Augen geſtellt, den er zu über⸗ wachen gelobt. Und ungeachtet des tiefen Gefühls verletzter Zärtlichkeit, womit er ſich noch des grau⸗ ſamen Briefes erinnerte, der die letzte Nachricht von Sidney enthalten hatte, hing Philipp's Herz mit un⸗ veränderter Zärtlichkeit an jener ſchönen Geſtalt, die mit allen glücklichen Erinnerungen der Kindheit ver⸗ eint war, und ſein Gewiſſen, ſowie ſeine Liebe fragten ihn jedesmal, wenn er über den Kirchhof ging: willſt Du Dich denn nicht bemühen, die letzte Bitte der Mutter zu erfüllen, die ihren Liebling deiner Sorg⸗ falt anempfahl. Wäre Philipp in Mangel, oder der Name, den er jetzt führte, durch ſeine Handlungen entehrt geweſen, ſo hätte er ſich vielleicht gehütet, ſeinen Bruder aufzuſuchen, dem er nur hätte ſchaden und nicht dienen können. Doch, obgleich nicht reich, beſaß er genug, um ſeine beſchränkten Wünſche zu befriedigen. Und mit einem Gefühl gerechten und edlen Stolzes dachte er daran, daß er den Namen, den ihm Eugenie aufgedrungen, fleckenlos wie einen Hermelin durch die Prüſungen und Wechſel des Schickſals ge⸗ tragen, die er ſeitdem beſtanden. Sidney konnte ihm 174 nichts geben, und vaher war es ſeine Pflicht, Sidney aufzuſuchen. Stets hatte er in ſeinem Herzen ge⸗ glaubt, daß die Veauforts mit einem Geheimniß be⸗ kannt ſeien, welches er immer lebhafter zu durchdringen bemüht war. Um Sidney's willen wollte er ſeinen Haß gegen die Beauforts beſänftigen; er wollte ihre Bekanntſchaft nicht zurückweiſen; ja, da er durch ſeinen veränderten Namen und ſein verändertes Ausſehen allem Verdachte von ihrer Seite entging, ſo wollte er ihre Bekanntſchaft aufſuchen, um ſeinen Bruder zu finden und Katharina's letzte Befehle zu erfüllen. Sein Um⸗ gang mit Lilburne mußte ihn nothwendig bald mit Lilburne's Familie in Berührung bringen. Und in ſeinen Gedanken wies er die Einladungen nicht zurück. Er fühlte auch ein Intereſſe, einen Mann zu beob⸗ achten, der an ſich der Typus der Welt war— der Welt der Liſt und Ränke, der Welt, wie der Pre⸗ diger ſie ſchildert— der hohlen, ſinnlichen, ſcharf⸗ ſinnigen, ſelbſtſüchtigen Welt— der Welt, der dieſes Leben Alles iſt und die an keine Zukunft und an keinen Gott denkt. Lord Lilburne war in der That ein Studium für tiefe Betrachtung. Ein Studium, welches den ge⸗ wöhnlichen Denker in Verwirrung ſetzte und die For⸗ ſchung des tieferen Nachdenkens in Anſpruch nahm. Wilhelm Gawtrey hatte nicht gewöhnliche Talente be⸗ ſeſſen; er hatte entdeckt, daß ſein Leben ein einziger Irrthum geweſen— Lord Lilburne's Verſtand war viel ſchärfer als Gawtrey's und er würde nie eine ähnliche Entveckung gemacht haben, und wenn er das Alter gegen hindu denn früh lebt, ſters, eine Politi Länt die ei ſligt zog ſ Gewo wieder der R überz⸗ Munf kann, Ober ſichte allge mont Doch lachte dem bei d Vera Sein keit, idney ge⸗ ß be⸗ ingen einen e ihre ſeinen allem ihre finden Um⸗ d mit nd in urück. beob⸗ — der Pre⸗ ſcharf⸗ dieſes keinen im für en ge⸗ e For⸗ nahm. ate be⸗ inziger d war ie eine er das 175 Alter des alten Parr erreicht hätte. Er kämpfte nie gegen das Geſetz an, obgleich er durch alle Geſetze hindurch ſchlüpfte! Und er kannte keine Gewiſſensbiſſe, denn er kannte keine Furcht. Lord Lilburne hatte ſich früh verheirathet und ſeine reiche Frau lange über⸗ lebt, welche die Tochter des damaligen Premiermini⸗ ſters, und zu jener Zeit die beſte Partie war. Auf eine ſehr kurze Zeit ſeines Lebens hatte er ſich auf Politik eingelaſſen— der einzige Ehrgeiz, den er mit Männern ſeines Ranges theilte, er zeigte Talente, die einen Mann, der ſo von den Umſtänden begün⸗ ſtigt war, zu der größten Höhe hätte erheben können, zog ſich dann ſogleich zurück und nahm ſeine alten Gewohnheiten und ſein altes Syſtem des Vergnügens wieder an.„Ich wollte verſuchen,“ ſagte er einmal,„ob der Ruhm eines Kopfwehs werth ſei, und ich habe mich überzengt, daß der Mann, der den Knochen in ſeinem Munde dem Schatten des Knochens im Waſſer aufopfern kann, ein Thor iſt.“ Von der Zeit an ging er nie in das Oberhaus und erklärte, er habe keine politiſchen An⸗ ſichten irgend einer Art. Dennoch glaubte die Welt allgemein an ſeine großen Fähigkeiten und Vaude⸗ mont unterſchrieb widerſtrebend das Urtheil der Welt. Doch hatte er nichts gethan, hatte wenig geleſen, lachte der Welt ins Geſicht— und das war bei alle⸗ dem das vorzüglichſte Geheimniß ſeines übergewichts bei denen, die in ſeinen Kreis gezogen wurden. Dieſe Verachtung der Welt ſtellte die Welt zu ſeinen Füßen. Seine ironiſche und vornehm ſcheinende Gleichgültig⸗ keit, ſeine deutlich ausgeſprochene Anſicht, daß kein anderes Leben als ſein eigenes der Mühe werth ſei, ſich darum zu kümmern, ſeine Freiheit von allen Kunſt⸗ ausdrücken, von allem Vorurtheil und Verſtellung, die kalte Schlüpfrigkeit, womit er dem Herkömmlichen entſchlüpfte, ohne jedoch den Anſtand zu verletzen, deſſen Sinn im Ohr liegt, und der ſich nicht über die That, ſondern über den Lärm empört, der davon gemacht wird— Alles dies bildete für die gemeinen Menſchen das Weſen und die Grundlage eines trium⸗ phirenden Syſtems; denn kleine Geiſter legen dem Manne Wichtigkeit bei, der ſelber Nichts Wichtig⸗ keit beilegt. Lord Lilburne's Anſehen nicht nur in Ge⸗ genſtänden des Geſchmacks allein, ſondern auch in denen, welche die Welt richtiges Urtheil und geſunden Menſchenverſtand nennt, wurde als ein Orakel be⸗ trachtet. Er kümmerte ſich keinen Strohhalm um die gewöhnlichen Schaumblaſen, die für ſeine Klaſſe ſonſt ſo anziehend ſind; er hatte einen höheren Rang in der Pairswürde und den Hoſenbandorden ausgeſchlagen und dies wurde pft zu ſeiner Ehre angeführt. Aber man prüft nur die Tugend eines Mannes, wenn man ihm etwas anbietet, wornach er ſtrebt. Der Grafen⸗ titel und der Hoſenbandorden waren Lord Lilburne nicht lockender, als eine Puppe oder ein Kreiſel; aber hätte man ihm ein unfehlbares Heilmittel gegen die Gicht oder ein Gegenmittel gegen das Alter gegeben, ſo hätte man ihn als ſeinen demüthigen Knecht ge⸗ brauchen können. Lord Lilburne's nächſter Erbe war der Sohn ſeines einzigen Bruders, der gänzlich von ſeinem Onkel abhängig war. Er gab ihm tauſend P au ſeit der zu nich ſchn für keit ſchä und Wen ſo kt dopp ſitzur guter in G währ Falker h ſei, kunſt⸗ llung, lichen letzen⸗ über davon neinen trium⸗ n dem ichtig⸗ in Ge⸗ uch in ſunden kel be⸗ um die ſe ſonſt in der 177 Pfund jährlich und hatte ihm eine Stelle bei einer auswärtigen Geſandtſchaft verſchafft. Er betrachtete ſeinen Nachfolger als einen Mann, dem es nur an der Macht, nicht an der Neigung fehle, ſein Mörder zu werden. Obgleich Lord Lilburne Aufwand machte und ſich nichts verſagte, ſo war er doch durchaus kein ver⸗ ſchwenderiſcher Mann; man konnte ihn in der That für karg halten; denn er wußte, wie viel Bequemlich⸗ keit und Einfluß er ſeinem Gelde verdanke und vaher ſchätzte er es; er wußte, wie er am beſten ſpekuliren und ſein Geld am vortheilhafteſten unterbringen könne. Wenn er Aktien auf einen amerikaniſchen Kanal nahm, ſo konnte man gewiß ſein, daß die Aktien bald den doppelten Werth erhalten würden; wenn er eine Be⸗ ſitzung kaufte, ſo konnte man gewiß ſein, daß es ein guter Handel war. Sein Takt und glücklicher in Geldangelegenheiten erhöhte natürlich den Ruf ſeiner Weisheit. In ſeinem früheren Leben war er ein glücklicher Spieler geweſen und man hatte ſeine Reblichkeit ver⸗ dächtigt; doch wie wir kürzlich an einem Manne von gleichem Range wie Lilburne geſehen, obgleich viel⸗ leicht von weniger ſcharfſichtigem und gebildetem Geiſte, währt es lange, ehe die Taube ſich gegen den kühnen Falken zur Wehre ſetzt. Das Gerücht war in der That ſo unbeſtimmt, daß es keinen Einfluß ausübte. Während der Mitte ſeiner Laufbahn, als er in der vollen Blüte der Geſundheit und des Glücks war, hatte er vas Spiel aufgegeben. In den letztern Jahren, als ihm Bulwer, Nacht u. Morgen. M. 12 178 bei ſeinem vorgerückten Alter vie Zeit lang wurde, be⸗ gann er vaſſelbe wieder mit ſeinem früheren Glück. Der Geldmarkt, die Tafel, die Weiber bildeten die andern Beſchäftigungen und Unterhaltungen, womit Lord Lilburne ſeine rofige Muße ausfüllte. Eine andere Art, wie dieſer Mann den Ruf großer Fähigkeit erlangt hatte, war dieſer— er machte nie auf irgend eine Kenntniß Anſpruch, womit er unbe⸗ kannt war, eben ſo wenig auf irgend eine Tugend, die ihm nicht eigen war. Die Redlichkeit ſelber war nie freier von Prahlerei vder Täuſchung, als dieſes verkörperte Laſter. Wenn die Welt ihn achtete, ſo erkaufte er ihre Meinung nicht durch Betrug. Nie⸗ mand ſah je Lord Lilburne's Namen auf einer öffent⸗ lichen Subſeription zu einer neuen Kirche, zu einer Bibelgeſellſchaft oder für eine unglückliche Familie— Niemand hörte je davon, daß er eine großmüthige, wohlwollende oder freundliche Handlung gethan— Keiner wurde je von einer philanthropiſchen, from⸗ men oder liebenswürdigen Geſinnung überraſcht, die dieſe ſpöttiſchen Lippen ausſprachen. Dennoch wurde Lord Lilburne nicht nur geachtet, ſondern war auch allgemein beliebt und ſaß auf dem Richterſtuhle der Welt. Mit einem Wort, er erſchien Vandemont als ein glänzendes Beiſpiel der Macht der Umſtände — als ein Beiſpiel, welchen Ruf und Einfluß ein reicher Mann von guter Geburt erlangen kann, füt den der Wille ein Königreich iſt. Hätte Lord Lilburne ein wenig Genie beſeſſen, ſo würden ſeine Laſter be kannt und ſeine Mängel auffallend geworden ſein; hät wo voll die mit der ſein ohn ſich deckt wide gege Eink Lilbi der groß war Hau auf Nach der engli dieſe etwas da S hiehe be⸗ lück. die omit oßer e nie unbe⸗ gend, war dieſes e, ſo Nie⸗ öffent⸗ einer tilie— üthige, an— from⸗ ht, die wurde 179 hätte er ein Herz beſeſſen, ſo hätten ihm ſeine Ge⸗ wohnheiten zu zahlloſen Thorheiten und in unehren⸗ volle Verlegenheit geführt. Blei und Stein waren es, die er gleich dem ſchwächlichen Dichter bei einem Sturm mit ſich umhertrug, die ſein Gleichgewicht erhielten, der Wind mochte blaſen, woher er wollte. Doch alle ſeine Eigenſchaften würden ihm nichts geholfen haben, ohne jene Stellung, die ihn in den Stand ſetzte, es ſich in der Welt bequem zu machen— die jeder Ent⸗ deckung, daß es ihm an innerem Adel fehle, vie un⸗ widerſprechliche Achtbarkeit eines hohen Namens ent⸗ gegenſetzte, eine glänzende Wohnung und reichliche Einkünfte. Vaudemont ſtellte Vergleichungen zwiſchen Lilburne und Gawtrey an und begriff endlich, warum der Eine ein niedriger Schurke und der Andere ein großer Mann war. Obgleich erſt wenige Tage nach ſeiner Einführung, war Vaudemont ſchon zweimal in Lord Lilburne's Hauſe geweſen und ihre Bekanntſchaft ſtand ſchon auf freundſchaftlichem Fuße, als der Erſtere eines Nachmittags durch die Straßen nach H* ritt und ihm der Pair begegnete, der einen ſtarken Hengſt von rein engliſcher Zucht ritt. „Ei, Herr von Vaudemont, was führt Sie in dieſen Theil der Stadt?— Neugierde, oder der Wunſch etwas zu entdecken?“ „Das könnte bei mir ſehr natürlich ſein; aber da Sie London ſo genau kennen— was führt Sie hieher?“ „Nun, ich komme von einem weiten Ritt zurück. Ich habe einen Aufall von der Gicht verſpürt und verſuche, ſie durch Anſtrengung zu vertreiben. Ich bin in einem Landhäuschen geweſen, welches mir ge⸗ hört und einige Meilen von der Stadt entfernt liegt. — Ein ganz hübſcher Platz, beiläufig geſagt— Sie müſſen mich im nächſten Monat vort beſuchen. Ich werde dort eine Jagd halten! Ich habe ein ziemlich großes Jagdrevier— vermuthlich ſind Sie ein guter Schütze?“ „Ich habe in den letzten Jahren nur mit der Büchſe geſchoſſen.“ „Das iſt Schade; denn da ich eine Jagd von einer! Woche einmal im Jahre für genng halte, ſo fürchte ich, wird Ihr Beſuch in Fernſide nicht lang genuß ſein, um ſich zu üben.“ „Fernſide!“ „Ja; iſt Ihnen der Name bekannt?“ „Mich dünkt, ich habe ſchon früher davon gehört. Kauften oter erbten Eure Herrlichkeit das Haus?“ „Ich kaufte es von meinem Schwager. Es ge⸗ hörte ſeinem Bruder— einem luſtigen, wilden Kerl, der den Hals brach, als er über ein hohes Thor ſetzte— durch dieſes Thor ging mein Freund Robert an demſelben Tage zu dem Beſitze eines ſehr ſchönen Vermögens ein.“ „Ich habe davon gehört. Hinterließ der verſtor⸗ bene Herr Beaufort alſo keine Kinder?“ „Ja, zwei. Aber ſie kamen auf die urſprüngliche Weiſe zur Welt, wie Herr Owen wünſcht, daß wir alle in die Welt kommen möchten, Beiläufig geſagt, für daß von Wel oder Mut zum ſtard weiß bei e halte inter ſchon / Ich! / res C Morg S Viell es,§ einer irchte enug Ihnen nie vorgekommen?“ „Unter welchem Namen?“ „Morton.“ „Morton! Hm! der Vorname?“ „Philipp.“ „Philipp! Nein. Aber that Herr Beaufort nichts für die jungen Männer? Ich meine gehört zu haben, daß er gegen einen derſelben Mitleid gezeigt.“ „Hörten Sie das? Ah, mein Schwager iſt einer von jenen vortrefflichen Männern, von denen die Welt ſtets gut ſpricht. Nein, er würde gern einem oder auch beiden Knaben gedient haben, doch die Mutter ſchlug alle ſeine Anerbietungen aus und ſchritt zum Prozeß, meine ich. Der ältere von dieſen Ba⸗ ſtarden gerieth auf böſe Wege und der jüngere— ich weiß nicht genau wo er iſt— wird ſich ohne Zweifel bei einem von den Verwandten ſeiner Mutter auf⸗ halten. Sie ſcheinen ſich für natürliche Kinder zu intereſſiren, mein lieber Vaudemont?“ „Vielleicht haben Sie gehört, daß man mich auch ſchon für einen natürlichen Sohn gehalten?“ „Aha! jetzt verſtehe ich. Aber Sie wollen gehen? Ich hoffte, Sie würden mit mir umkehren und—“ „Sie ſind ſehr gütig; aber ich habe ein beſonde⸗ res Geſchäft, welches ich nicht verſäumen kann. Guten Norgen, Lord Lilburne.“ Sidney bei einem Verwandten ſeiner Mutter! Vielleicht zu den Mortons zurückgekehrt! Wie kam es, daß ihm früher eine ſo wahrſcheinliche Vermu⸗ der eine verſchwand in Paris— vermuthlich iſt er nie eingefallen war? Er wollte ſogleich gehen— Abend zu dem Hauſe eilen, aus Wenigſtens würde man ihm dort einige Auskunft geben können. Von dieſer Hoffnung und dieſem Entſchluſſe be⸗ lebt, ritt er haſtig nach H“, um Simon und Fanny mitzutheilen, daß er vielleicht in zwei oder drei Tagen erſt wieder zurückkehren werde⸗ Als er in die Vor⸗ ſtadt eintrat, hielt er bei einem Steinhauer an, von vem er den Leichenſtein für ſeine Mutter gekauft. Der Mann war bei ſeiner Arbeit.„Heda!“ Vandemont über den niedrigen Zaun des Hofes thun noch an demſelben dem er ſeinen Bruder weggenommen⸗ ſagte blickend,„iſt der Grabſtein bald fertig, den ich be⸗ ſtellte?“ ſo bald haben wollten „Ei, Herr, da Sie ihn gerne und es lange Zeit währt, ehe ein neuer fertig wird⸗ ſo habe ich gedacht, wollte ich Ihnen dieſen geben, der bis auf die Inſchrift fertig iſt. Er war für Miß Deborah Primme beſtellt; doch geſtern war ihr Nefft und Erhe bei mir unv ſagte, da die arme Dame fünftauſend Pfund weniger hinterlaſſen habe, als er erwartet, ſo meine er, würde ein hübſches hölzernes Kreuz auch gut genug ſein, wenn ich dieſen Stein da Jemand anders abſtehen könnte. Es iſt ein hübſcher Stein, Herr. Er ſieht ſo heiter aus—“ „Mun, es iſt gut, und Sie können ihn an die Stelle bringen, die ich Ihnen beſtimmte.“ „In drei Tagen, Herr.“ „So ſei es.“ Und als er weiterritt, murmelte er!„Fanny, Dein frommer Wunſch ſoll erfüllt wer ſen? die er ſ Fenf ihm daß dem Gru ſehen gebre jahre gern wenn deſt lieber 24 aus tens nen. be⸗ anny agen Vor⸗ von ft. eda!“ Hofes ch be⸗ ollten wird, geben, Miß Neffe Dame als er lzernes tein da hübſcher an die nurmelte erfüllt 183 werden. Aber werden Blumen zu jenem Steine paſ⸗ ſen?“ Er hielt ſein Pferd an und ging zu Fuß durch die Gaſſe, worin ſich Simon's Haus befand. Als er ſich näherte, ſah er Fanny's klare Augen am Fenſter. Sie wartete auf ſeine Rückkehr. Sie eilte ihm die Thür zu öffnen, und der Wanderer fühlte, daß Muſik in dem Fußtritt liege und Gommer in dem Lächeln des Willkommens! „Liebe Fanny,“ ſagte er, durch ihren freudigen Gruß gerührt,„es etwärmt mein Herz, Dich zu ſehen, ich habe Dir ein chen as der Stadt mit⸗ gebracht. Ich erinnere mich aus meinen Knaben⸗ jahren, daß meine Mutter einige einfache Lieder ſo gern ſang, an die ich mich immer erinnern muß, wenn ich Dich ſehe und höre. Ich glaube, Du wür⸗ deſt ſie verſtehen und ſie wenigſtens eben ſo ſehr lieben, wie ich— denn der Himmel weiß,“ ſetzte er ür ſich hinzu,„mein Ohr iſt gewöhnlich unempfind⸗ lich genug für das Geklingel des Reimes.“ Und er überreichte ihr einen kleinen Band, der die vortreff⸗ lichen Lieder enthielt, womit Burns die Natur be⸗ ſungen. „O, Du biſt gütig, Bruder,“ ſagte Fannh mit thränenvollen Augen und küßte das Buch. Nach ihrer einfachen Mahlzeit theilte Vaudemont Fanny und Simon die Nachricht mit, daß er zuf einige Tage verreiſen wolle. Simon hörte es Fhne Theilnahme an, aber Fanny wendete ihr Geſicht ab und weinte.„Es iſt nur auf einen oder zwei Tage, Fanny.“ 184 „Eine Stunde iſt oft ſehr— ſehr lang,“ ſagte das Mädchen traurig den Kopf ſchüttelnd. „Komm, ich habe noch einige Zeit und die Luft iſt milde, Du biſt heute noch nicht ausgeweſen, wollen wir ſpazieren gehen—“ „Hm!“ fiel Simon ein, indem er ſich räuſperte und plötzlich lebendig zu werden ſchien;„wäre es nicht beſſer, Sie bezahlten mich für Tiſch und Logis, ehe Sie gehen?“ „O, Großvater!“ rief Fanny, indem ſie hocher⸗ röthend aufſprang. „O nein, Kind,“ ſagte Vaudemont lachend, „Dein Großvater kommt mir nur zuvor. Aber reden Sie nicht von Tiſch und Logis; Fanny iſt eine Schweſter für mich und unſere Börſe iſt gemeinſchaftlich—* „Ich möchte nur wieder einmal ein Goldſtück fühlen— nur fühlen,“ murmelte Simon in ent⸗ ſchuldigendem Tone, der wahrhaft rührend war, und als Vaudemont einige Golbſtücke über den Tiſch ſtreute, ergriff der alte Mann dieſelben, lachte und ſprach mit ſich ſelber, dann ſtand er mit großer Heiterkeit auf und humpelte aus dem Zimmer gleich einem Raben, der einen liſtigen Diebſtahl in ſein Reſt trägt. Dies war für Vaudemont ſo ergötzlich, daß er in ein lautes Lachen ausbrach. Fanny ſah ihn gede⸗ mülhigt und verwundert an, dann ſchlich ſie ſich zu ihm, faßte ſanft ſeinen Arm und ſagte „Lache nicht— es ſchmerzt mich. Es war nicht hübſch von Gryßpapä; aber— aber es hat nichts zu 5 ſot E auf, als gäng Blät 5 die L Denk V und z zu ſei / Dich reizenſ Lieder 3 meine / wir a mitgeb fragen / vor ſi In über d gte uft len erte icht ehe her⸗ end, eden eſter . dſtück ent⸗ und reute, prach terkeit einem Neſt aß er gede⸗ ſich u r nicht nichts zu bedeuten. Es— es— lache nicht— Fauny iſt ſo traurig!“ „Nun, Du haſt Recht. Komm, ſetze Deinen Hut auf, wir wollen ausgehen.“ Fanny gehorchte, aber mit geringerem Vergnügen als gewöhnlich. Und Jſie gingen durch die Baum⸗ gänge, wo, ungeachtet der kalten Luft, die gelben Blätter noch an den Bäumen hingen. Fanny brach zuerſt das Schweigen. „Weißt Du wohl,“ ſagte ſie ſchüchtern,„daß die Leute hier mich für ſehr einfältig halten?— Denkſt Du auch ſo?“ Vaudemont erſchrack über die Einfalt der Frage und zauderte. Fanny blickte ängſtlich und fragend zu ſeinem dunkeln Geſichte auf. „Nun,“ ſagte ſie,„Du antworteſt nicht?“ „Liebe Fanny, in einigen Dingen wünſchte ich Dich freilich weniger kindlich und vielleicht weniger reizend zu ſehen. Zum Beiſpiel dieſe ſeltſamen Lieder—“ „Was! hörſt Du mich nicht gern fingen? es iſt meine Art zu reden.“ „Ja ſinge, hübſches Kind! aber ſinge etwas, was wir auch verſtehen können— die Lieder, die ich Dir mitgebracht habe, wenn Du willſt. Und darf ich nun fragen, warum Du mir dieſe Frage vorlegſt?“ „Ich habe es vergeſſen,“ ſagte Fanny und blickte vor ſich nieder. In dem Augenblick, als Philipp Vaudemont ſich über das außerordentlich liebliche Geſicht niederbengte, 185 durchbebte ein plötzliches und ſeltſames Gefühl ſein Herz, und auch er ſchwieg und war in Gedanken verloren. War es möglich, daß ſich in ſeine Bruſt eine innigere Neigung für dieſes Geſchöpf, als die der Zärtlichkeit und des Mitleids einſchleichen könne? Er erſchrack, als ihm dieſer Gedanke einfiel. Er behte vor demſelben zurück, wie vor einer Entweihung vor einem Verbrechen— vor einem Wahnſinn. Er, mit ſeinem ſo ungewiſſen und wechſelvollen Schickſal— er ſollte ſich mit einem ſo hülfloſen Weſen vereinen— er ſollte vie Poeſie entweihen, die dem Temperamente dieſes reinen Weſens eigen war, mit den Gefühlen, welches jedes ſchöne Geſicht in jedem rauhen Herzen hervorbringen kann— und Fanny lieben! Nein, es war unmöglich! denn was konnte er an ihr lieben, als die Schönheit, die der Geiſt zu bewachen vergeſſen? Und ſie— konnte ſie je wiſſen, was Liebe war? Er verachtete ſich ſelber, weil er einen ſolchen Gedanken zugelaſſen, und mit jener eiſernen und gehärteten Kraft, die ſeinem Geiſte angehörte, beſchloß er ſich vor jeder Empfindung zu hüten, welche die Schranke überſchreiten würde, die Fanny von der Welt der Frauen trennte. Er wurde aus ſeinem Nachdenken durch einen plötzlichen Ausruf ſeiner Begleiterin erweckt. „Oljetzt erinnere ich mich, warum ich jene Fraße an Dich richtete. Etwas iſt mir ſtets unklar— ich wünſche, daß Du es erkläreſt. Warum hängt Alles in der Welt vom Gelde ab? Du ſiehſt ſelbſt mein armer Großvater vergißt, wie gut Du gegen uns Beit nich wirt ſiehſ ſchle jenes vierſ zwiſe iſt de daß F ſo m Mitle ihr S die du Vaud ein ken ruſt die ne? Er hung ſinn. ollen loſen „ die war, ht in und was ie der nte ſie ſelber, d mit Geiſte ung zu e, die einen e Frage r— ich t Alles ſt mein en uns Beide biſt, wenn— wenn—. O! ich verſtehe es nicht— es ſchmerzt mich— es ſetzt mich in Ver⸗ wirrung!“ „Fannh, ſieh vorthin— nein, zur Linken— Du ſiehſt jene alte Frau in Lumpen, die mühſam weiter⸗ ſchleicht; wende Dich jetzt zur Rechten— Du ſiehſt jenes ſchöne Haus durch die Bäume blicken mit dem vierſpännigen Wagen vor dem Thor? Per Unterſchied zwiſchen jener alten Frau und dem Beſitzer jenes Hauſes iſt das Geld, und wer wird Deinen Großvater tadeln, daß er das Geld liebt?“ Fanny verſtand ihn, und während der weiſe Mann ſo moralifirte, ging das Mädchen, welches ſelbſt ſein Mitleid ſo ſtolz verurthellte, zu der alten Frau, um ihr Schärflein beizutragen, jene Ungleichheiten zu ebnen, die durch Weisheit und Moral nie aufgehoben werden! Vaudemont fühlte dies, als er ſie zu der Bettlerin hinſchweben ſah; aber als ſie wieder zu ihm zurück⸗ geſprungen kam, hatte ſie ſeine Abneigung gegen ihre Lieder vergeſſen und ſang in der Freude des Herzens über die gütige Handlung, bie ſie gethan, eine von ihren eigenen kleinen Melovien. Vaudemvont wendete ſich ab. Die arme Fanny hatte unbewußt ſeinen Sieg über ſich ſelbſt entſchieden; ſie ahnte nicht, was in ihm vorging, aber plötzlich er⸗ innerte ſie ſich, was er von ihren Liedern geſagt, und glaubte, er ſei ärgerlich. „O! ich will es nie wieder thun. Bruder, kehre noch nicht um!“ „Aber ich muß nach Hauſe. Horch! die Glocke 188 ſchlägt ſieben— ich habe keine Zeit zu verlieren. Und Du willſt mir verſprechen, nie auszugehen, bis ich zurückkehre?“ „Ich werde nicht den Muth haben, auszugehen, und,“ ſetzte ſie dann mit heiterer Simme hinzu,„und ich werde die Lieder ſingen können, die Du liebſt, ehe Du zurückkehrſt.“ Achtes Kapitel. Auswendig wußten ſie den ganzen Dienſt; und Ein'ge ſangen laut, als ob ſie klagten, Und Andre ſtellten etwas Andres dar. CGhaueer. Noch einmal, liebliches Winandermere, kehren wir an die Ufer deines glücklichen Sees zurück!— Der ſanfteſte Strahl der ſanften und klaren Sonne eines frühen Herbſtes bebte auf den friſchen Waſſern und blickte durch die Blätter der Linden und Weiden, die ſich auf der klaren Oberfläche ſpiegelten Man hörte in den Büſchen die jungen Droſſeln ihre erſten Lieder ſingen und die zierliche Drachenfliege, deren Flügel in dem glänzenden Sonnenſchein ſchimmerten, fuhr über das Rohr hin und her, welches hie und da in kleinen Buchten ſtand, die den ebenen Rand des grasbewach⸗ ſenen Ufers unterbrachen. und an dieſem grünen Ufer und unter dieſen ſchatti⸗ gen Linden ſaßen die jungen Liebenden. Es war die⸗ ſelbe Stelle, wo der junge Spencer Camilla zuerſt geſehen. Und jetzt waren ſie gekommen, um einander Lebewohl zu ſagen. inde Dei Alle Ich Erin von liebſt bekan willi an de ein g Dir voch, C ſamm Und s ich ehen, „und „ehe ienſt; klagten, eer. en wir — Der e eines rn und en, die n hörte n Lieder lügel in hr über kleinen bewach⸗ n ſchatti⸗ war die⸗ a zuerſt einander 159 „O, Camilla!“ ſagte er mit großer Bewegung, indem ſeine Augen in Thränen ſchwammen,„ſei feſt ſei treu. Du weißt, wie mein ganzes Leben in Deiner Liebe athmet. Du gehſt zu Scenen, wo Dich Alles in Verſuchung führen wird, mich zu vergeſſen. Ich bleibe in dieſer Umgebung zurück, vie durch die Erinnerung an Dich geweiht iſt, und die jede Stunde von Dir zu mir reden wird. Camilla, da Du mich liebſt— nicht wahr, Du liebſt mich?— da Du es bekannt haſt— da Deine Eltern in Deine Liebe ge⸗ willigt haben, vorausgeſetzt, daß Deine Liebe— denn an der meinen iſt nicht zu zweifeln— ein Jahr— ein ganzes, ſchreckliches Jahr ausdauert— ſoll ich Dir nicht vertrauen wie der Wahrheit ſelbſt? und doch, wie finſter iſt zu Zeiten meine Verzweiflung!“ Camilla faßte unſchuldig die Hände, die er zu⸗ ſammengefaltet flehend zu ihr erhob und drückte ſie zärtlich in den ihrigen. „Zweifle nicht an mir— zweifle nicht an meiner Neigung. Hat nicht mein Vater eingewilligt? Be⸗ denke, es iſt nur der Aufſchub eines Jahres!“ „Ein Jahr! Kannſt Du ſo von einem Jahre reden, — von einem ganzen Jahre? Dich nicht zu ſehen— Dich nicht zu hören, ein ganzes Jahr lang, außer in meinen Träumen! Und wenn am Ende Deine Eltern dennoch bedenklich ſind? Dein Vater— ich hege noch immer Mißtrauen gegen ihn— wenn dieſer Aufſchub nur dazu dienen ſoll, Dich von mir zu ent⸗ wöhnen— wenn am Ende neue Entſchuldigungen ge⸗ funden werden— wenn ſie dann aus irgend einem 490 Grunde, der jetzt nicht vorauszuſehen iſt, dennoch ihre Einwilligung verweigern?— Darf ich dennoch immer auf Dich bauen?“ Camilla ſeufzte tief, wendete ihr ſanftes Geſicht zu ihrem Geliebten und ſagte ſchüchtern:„Denke nicht, daß eine ſo kurze Zeit mich untren machen kann, noch, daß mein Vater ſein Wort brechen wird.“ „Aber, wenn er es thut, willſt Du dennoch die Meine werden?“ „Ach, Charles, wie könnteſt Du mich als Weib achten, wenn ich Dir ſagte, ich könnte vergeſſen, daß ich eine Tochter bin?“ Dies wurde ſo rührend und ſo frei von aller Affektation geſprochen, daß ihr Geliebter nur dadurch antworten konnte, daß er ihre Hand mit ſeinen Küſſen bedeckte. Und erſt nach einer Pauſe fuhr er leiden⸗ ſchaftlich fort:„Du zeigſt mir nur, wie viel inniger meine Liebe iſt als die Deine, Du kannſt nicht träu⸗ men, wie ſehr ich Dich liebe. Aber ich will nicht fordern, daß Du mich eben ſo ſehr lieben ſollſt— es wäre unmöglich. Von meiner früheſten Kindheit an habe ich mein Leben in dieſer Einſamkeit zuge⸗ bracht. Ein glückliches Leben war es, obgleich ſtill und einförmig, bis Du mir plötzlich erſchienſt. Du warſt für mich die lebendige Geſtalt der Poeſie, die ich verehrte— ſo glänzend— ſo himmliſch. Ich liebt Dich vom erſten Augenblick an, wo ich Dich ſah. Ich gleiche nicht andern Männern meines Alters. Ich habe keinen Beruf— keine Beſchäſtigung— nichts, was meine Gedanken von Dir abzieht. Und ich liebe Dich ſor über biſt zu li Geg ſein beſu⸗ wie vorü 2 Bew⸗ Cami licher ſeine Dich Du ſ ihre mer ſicht icht, noch, h die Weib daß aller adurch Küſſen leiden⸗ nniger träu⸗ nicht Uſt— indheit Du ſie, die ch liebte 191 ſo rein— ſo inuig. Ich habe nie auch nur eine vor⸗ übergehende Neigung für eine Andere empfunden. Du biſt das erſte— das einzige Weib, welches mir je zu lieben möglich ſchien. Du biſt meine Eva— Deine Gegenwart mein Paradies! Denke, wie traurig ich ſein werde, wenn Du fort biſt— wie ich jede Stelle beſuchen werde, die Dein Fußtritt geheiligt hat— wie ich jeden Augenblick zählen werde, bis das Jahr vorüber iſt!“ Während er ſo ſprach, ſtand er mit der ruheloſen Bewegung auf, die der mächtigen Aufregung eigen iſt. Camilla ſtand auch auf und ſagte, indem ſie mit zärt⸗ licher und beſcheidener Unbefangenheit ihre Hand auf ſeine Schulter legte:„Und werde ich nicht auch an Dich denken? Ich werde traurig ſein, zu fühlen, daß Du ſo ganz allein biſt— ohne Schweſter ohne Bruder!“ „Traure nicht deßhalh. Das Andenken an Dich wird mir theurer ſein, äls ber Troſt von irgend einer andern Perſon. Und Du wirſt mir treu ſein!“ Camilla antwortete nicht durch Worte, aber ihre Augen und ihre Farbe ſprachen. Und in dem Augen⸗ blick, während ſie einander ewige Treue gelobten, ver⸗ gaßen ſie, daß ſie im Begriff waren, ſich zu trennen! Inzwiſchen ſaßen Robert Beaufort und Spencer in einem Zimmer des Hauſes, welches von ber Stelle aus, wo die Liebenden ſtanden, vom Laubwerk geſchützt, nur theilweiſe ſichtbar war. „Ich verſichere Ihnen, mein Herr,“ ſagte der Erſtere, daß ich die Verdienſte Ihres Neffen und Ihre 192 vohl erkenne, dennoch kann ich nicht einwilligen, die beſtimmte Zeit abzukürzen. Beide ſind noch ſehr jung, und was iſt ein Jahr!“ „Es iſt eine lange Zeit, wenn es ein Jahr der Erwartung iſt,“ ſagte der Einſiedler kopfſchüttelnd. „Es iſt eine noch längere Zeit, wenn es ein Jahr der häuslichen Uneinigkeit und Reue iſt. Und es iſt ein ſehr wahres Sprüchwort:„Wer in der Haſt hei⸗ rathet, darf in Muße bereuen.“ Nein! wenn nach Verlauf des Jahres die jungen Leute noch deſſelben Sinnes ſind und keine unvorhergeſehene umſtände ein⸗ hübſchen Vorſchläge ſehr w treten— „Keine unvorhergeſehene umſtände, Herr Beau⸗ fort?— Das iſt eine neue Bedingung und ein ſehr unbeſtimmter Ausdruck.“ „Mein lieber Herr, es iſt ſchwer, Ihnen gefällig zu ſein. Unvorhergeſehene umſtände,“ ſagte der vor⸗ ſichtige Vater mit weiſem Blick,„ſind umſtände, die man gegenwärtig nicht vorherſieht. Ich verſichere Ihnen, daß ich nicht die Abſicht habe, mit Ihnen zu ſcherzen und daß eine ſo achtbare Verbindung mich ſehr glück⸗ lich machen wird.“ „Die jungen Leute dürfen doch einander ſchreiben?“ „Nun, ich will mich mit Mrs. Beaufort darüber beſprechen. Auf jeden Fall muß es nicht zu oft ge⸗ ſchehen, und Camilla iſt wohl erzogen und wird alle Briefe ihrer Mutter zeigen. Ich liebe eine Correſpon⸗ venz der Art nicht ſehr. Sie hat oft unangenehme Folgen, wenn z. B.—“ „Was?“ und iſt n etwa 6 Beau „ und Proz — 2 haben gehör die A „ Sohn „ „ Proze Sie, vor d mit e bedro „ nehm / heben B ann zen. hr!“ der elnd. Jahr s iſt t hei⸗ nach ſelben e ein⸗ Beau⸗ ſehr efällig r vor⸗ e, die Ihnen, cherzen glück⸗ iben?“ darüber oft ge⸗ ird alle reſpon⸗ genehme 193 „Nun, wenn die jungen Leute ihren Sinn änderten und meine Tochter einen Andern heirathen wollte. Es iſt nicht klug, mein lieber Herr, in Geſchäftsſachen etwas zu Papier zu bringen, was man vermeiden kann.“ Spencer riß die Augen auf.„Geſchäftsſachen, Herr Beaufort!“ „Nun, iſt nicht eine Heirath eine Geſchäftsſache, und zwar eine ſehr ernſte? Worüber kommen mehr Prozeſſe vor als über Eheverſprechen und dergleichen? — Aber um von etwas Anderem zu reden— Sie haben nie etwas Weiteres von dieſen jungen Männern gehört?“ „Nein,“ ſagte Spenter faſt unhörbar, indem er die Augen niederſchlug. „Und iſt es Ihre feſte überzeugung, daß der ältere Sohn, Philipp, todt iſt?“ „Ich bezweifle es nicht.“ „Es war ein ſehr ärgerlicher und unbeſonnener Prozeß, den ihre Mutter gegen mich anfing. Wiſſen Sie, daß ein elender Betrüger, ein Verbrecher, der vor der beſtimmten Zeit entflohen iſt, mich von neuem mit einem Prozeß für einen dieſer jungen Männer bedroht hat? Sie hörten nie etwas davon, he?“ „Nie, bei meiner Ehre!“ „Und natürlich würden Sie ein ſo ſchurkiſches Unter⸗ nehmen nicht begünſtigen?“ „Gewiß nicht.“ „Das würde auch unſern Contrakt ſogleich auf⸗ heben. Aber dazu ſind Sie zu ſehr Mann von Ehre. Bulwer, Nacht und Morgen. M. 1³ 194 Verzeihen Sie eine ſo unſchickliche Frage. Gegen den jüngeren Morton hatte ich nichts einzuwenden. Aber der ältere!— O, das iſt ein ganz verworfener Menſch! Ein ſehr wilder Charakter! Ich konnte nichts mit irgend einem Mitgliede der Familie zu thun haben, ſo lange der ältere lebte, es hätte mich nur jeder Art der Beleidigung und des Betruges ausgeſetzt. Und nun, denke ich, haben wir unſere jungen Freunde lange genug allein gelaſſen. Aber halt, um künftige Mißverſtänd⸗ niſſe zu vermeiden, wird es gut ſein, die Punkte zu leſen, die Sie mir vorſchlagen. Sie willigen ein, Ihr Vermögen, welches ſich auf dreiundzwanzigtauſend Pfund heläuft, nebſt Ihrem Hauſe und fünfundzwanzig Morgen, eine Ruthe und drei Fuß bei Ihrem Tode Ihrem Neffen und meiner Tochter als Heirathsgut für ſie und ihre Kinder zu vermachen und ihnen jähr⸗ lich während Ihres Lebens fünfhundert Pfund auszu⸗ ſetzen. In weltlicher Hinſicht, nehmen Sie mir nicht übel, hätte freilich meine Tochter eine beſſere Partie machen können; doch Sie ſind ein ſo reſpektabler Mann, daß ich den Punkt nicht weiter berühren kann, und ich muß geſtehen, obgleich Beaufort⸗Court dem Namen nach eine große Summe einbringt, ſo find voch viele Laſten dabei, und es würde mir unbequem ſein, baares Geld auszugeben. Der arme Arthur— ein ſehr hübſcher junger Menſch, Herr— iſt, wie ich Ihnen bereits im Vertrauen mitgetheilt, ein wenig unbeſonnen und verſchwenderiſch; kurz, Ihr Anerbieten, auf eine Mitgift zu verzichten, iſt außerordentlich liberal und beweist, daß Ihr Neffe keinen peenniären Vor⸗ tden Aber nſch! mit aben, r Art nun, genug ſtänd⸗ kte zu auſend wanzig Tode thsgut jähr⸗ auszu⸗ r nicht Partie ektabler nkann, irt dem ſo ſind beuem thur— iſt, wie n wenig erbieten, h liberal en Vor⸗ 195 theil ſucht; ein ſolches Benehmen nimmt mich ſehr für Sie und ihn ein.“ Speneer verbeugte ſich, der große Mann ſtand auf, faßte mit ſteifer Affektation und gütiger Herab⸗ laſſung den Arm des Oheims und ging mit ihm über den Raſenplatz zu den Liebenden. So iſt es im Le⸗ ben— Liebe auf dem grünen Raſenplatze und Ehe⸗ eontrakte im Bibliothekzimmer! Der Liebende bemerkte zuerſt die Annäherung der älteren Perſonen, und es ging eine Veränderung in ſeinem Geſichte vor, als er das trockene Ausſehen und den leiſen Schritt ſeines künftigen Schwiegervaters he⸗ merkte; dann erinnerte er ſich ſeiner aus früher Kinz⸗ heit, wo er an jenem glücklichen Abend dieſe ernſte und unheilvolle Geſtalt zuerſt mit ſeinem heitern Va⸗ ter geſehen. Dann fiel ihm das traurige Begräbniß ein, der Trauerflor bei dem Leichenbegängniß, der Wagen vor der Thür, und wie er ſich ſelbſt an ſei⸗ nen kalten Oheim gehängt und ihn gebeten, der Mut⸗ ter ein Wort des Troſtes zu ſagen, die jetzt in wei⸗ ter Ferne ſchlummerte. „Nun, mein junger Freund,“ ſagte Beaufort im Tone eines Beſchützers,„Ihr guter Oheim und ich ſind völlig einverſtanden— ein wenig Zeit zum Nach⸗ denken, das iſt Alles. O! ich denke nicht ſchlimmer von Ihnen, weil Sie wünſchen, dieſelbe abzukürzen⸗ Aber Väter müſſen wie Väter handeln.“ Der geſetzte Mann hatte ſo wenig Scherzhaftes an ſich, daß dieſer Verſuch, heitere Laune zu zeigen, rauh und widerwärtig wurde. „Kommen Sie, ſein Sie nicht muthlos, Herr Charles. Ein muthloſes Herz— Sie kennen das Sprüchwort. Sie müſſen dableiben und mit uns zu Mittag ſpeiſen. Wir kehren morgen in die Stadt zurück. Ich habe vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß ich dieſen Morgen einen Brief von meinem Sohne Arthur erhalten habe, worin er mir ſeine Rückkehr von Baden⸗Baden meldet, daher müſſen wir ihn will⸗ kommen heißen, und ein freudiges Wiederſehen wird es ſein, wir haben ihn ſeit drei Jahren nicht ge⸗ ſehen. Der arme Junge! Er ſagt, er iſt ſehr krank geweſen, und der Brunnen hat auch keine Wirkung ge⸗ habt. Aber ein wenig Ruhe und die Luft zu Beaufort⸗ Court werden hoffentlich Alles wieder gut machen.“ Dann ſprach er weiter von ſeinem Sohne, von ſeiner Jagd, von Beaufort⸗Court und dem Glanz deſ⸗ ſelben— vom Parlament und ſeinen Mühen— von der letzten franzöſiſchen Revolution— von der letzten engliſchen Wahl— von Mrs. Beaufort und ihren guten Eigenſchaften und ihrem ſchlimmen Geſundheits⸗ zuſtande— kurz von Allem, was ihn ſelber oder das öffentliche Weſen betraf, aber nichts von den Per⸗ ſonen, an die ſeine Rede gerichtet war. So brachte Robert Beaufort eine halbe Stunde zu, dann nah⸗ men die Spencers Abſchied und verſprachen zum Mittag⸗ eſſen zurückzukehren. „Charles,“ ſagte Spencer, als das Boot, welches der junge Mann ruderte, ſie zu ihrer ſtillen Heimath führte,„Charles, mir gefallen dieſe Beauforts nicht!“ „Auch nicht die Tochter?“ zu ur ar Herr das 3 zu Stadt daß ohne ckkehr will⸗ wird ge⸗ krank ng ge⸗ ufort⸗ en „ von nz deſ⸗ — von letzten ihren dheits⸗ der das n Per⸗ brachte n nah⸗ Mittag⸗ welches eimath nicht!“ 197 „Nun, die iſt freilich ſchön und ſcheint auch gut zu ſein; nicht ſo ſchön wie Deine arme Mutter; aber wer war auch je ſo ſchön?—“ hier ſeufzte Spencer und recitirte einige Verſe von Shenſtone. „Glauben Sie, daß Herr Veaufort im geringſten argwöhnt, wer ich bin?“ „Ja, ich weiß nicht; es ſcheint faſt ſo.“ „Und das iſt die Urſache des Aufſchubes? Ich wußte es.“ „Nein, im Gegentheil, ich bin geneigt zu glau⸗ ben, daß er freundlich gegen Dich geſinnt iſt, wenn gleich nicht gegen Deinen Bruder, und daß es dieſes Gefühl war, welches ihn beſtimmte, ſeine Einwilli⸗ gung zu der Verbindung zu geben. Er fragte mich ſehr genau aus, db ich nichts von dem jungen Mor⸗ ton wüßte— bemerkte, daß Du ſehr ſchön ſeieſt und, daß er anfangs geglaubt, er habe Dich ſchon früher geſehen.“ „Wirklich?“ „Ja, und er ſah mich ſehr ſcharf an, während er ſprach und ſagte mehr als einmal bedeutungsvoll: „„So, alſo ſein Name iſt Charles?““ Er ſprach von einem Verſuch, einen Prozeß anzufangen, doch das hatte er offenbar nur erfunden, um mich über Dei⸗ nen Bruder auszuforſchen— von dem er natürlich ſehr übel ſprach und mir drei oder viermal wieder⸗ holte, daß er von keinem aus der Familie etwas wiſ⸗ ſen wolle, ſo lange Philipp lebe.“ „Und Sie ſagten ihm,“ verſetzte der junge Mann zaudernd, indem ſein Geſicht vor Scham röthete,„daß 198 Sie überzeugt wären— das heißt, daß Sie glaub⸗ ten, Philipp ſei— ſei—“ „Todt Ja— und ohne Verletzenheit. Denn je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr halte ich mich überzeugt, daß er todt ſein muß. Auf jeden Fall kannſt Du gewiß ſein, daß er für uns todt iſt, und daß wir nie wieder von ihm hören werden.“ „Der arme Philipp!“ „Deine Gefühle ſind natürlich und Deines vor⸗ trefflichen Herzens würdig; aber bedenke, was aus Dir würde geworden ſein, wenn Du bei ihm geblie⸗ ben wäreſt!“ „Ja,“ ſagte der Bruder mit leichtem Schauder —„eine Laufbahn des Leidens, des Verbrechens hatte ich vor mir, die am Galgen hätte enden können! O! was verdanke ich nicht Ihnen!“ Die Mittagsgeſellſchaft bei Beaufort war förm⸗ lich und gezwungen, obgleich der Wirth in ungewöhn⸗ lich guter Laune war und ſich angenehm zu machen ſuchte. Mrs. Beaufort, die kränklich war und an Kopfweh litt, ſprach wenig, und die beiden Spencers noch weniger. Aber der jüngere ſaß neben ſeiner Ge⸗ liebten, und die beiden Herzen waren voll: und am Abend gelang es ihnen, ſich allein in die Vertiefung eines Fenſters zu ſchleichen, durch welches der Sternen⸗ himmel freundlich auf ſie niederſah. Sie ſprachen leiſe und in langen Pauſen; Camilla's Thränen floſſen ſtill ihre Wangen herunter, und dann folgte ein fal⸗ ſches Lächeln, welches ihren Geliebten erheitern ſollte. Die Zeit floh nicht dahin, ſondern ſchlich athemlos aub⸗ denn e ich jeden t iſt, vor⸗ as eblie⸗ der hatte förm⸗ wöhn⸗ machen nd an encers er Ge⸗ ind am tiefung ternen⸗ prachen floſſen ein fal⸗ ſollte. themlos 199 und ſchwer fort. Dann kam ver letzte Aßſchiet— förmlich, kalt— vor Zeugen. Aber d Liebende konnte ſeine Bewegung nicht euricant ur der harte Vater hörte ſein unterdrücktes Schllchzen, als er die Thür zumachte. Es wird jetzt an der Zeit ſein, die Urſache der guten Laune des Herrn Beaufort zu erklären, ſowie die Beweggründe ſeiner Handlungsweiſe in Betreff des Geliebten ſeiner Tochter. Dies wird vielleicht am beſten geſchehen, wenn wir dem Leſer folgende Briefe vorlegen, die zwiſchen Beaufort und Lord Lilburne gewechſelt wurden. „Lieber Beaufort! „Ich denke, ich habe Deine Sache mit Deinem unwillkommenen Gaſte ziemlich befriedigend abgemacht. Das Erſte, was ich für nöthig hielt, war, genau zu erfahren, wer und was er eigentlich war und mit welchen Parteien er in Verbindung ſtand. Ich ließ den Polizeidiener Sharp kommen und ſtellte ihn im Vorſaale auf, um unſern neuen Freund zu heobach⸗ ten und ihm ſpäter nachzuſpüren. Sobald er ein⸗ trat, ſah ich ſogleich an ſeinem Weſen und ſeiner Kleidung, daß er ein Betrüger war, und hielt es für ſehr unzweckmäßig, Dich vurch eine Geldverhandlung in ſeine Macht zu begeben. Während ich mit ihm ſprach, ſchickte Sharp ein Billet herein, worin er mir meldete, daß er in unſerm Herrn einen depor⸗ tirten Verbrecher erkenne.“ „Ich handelte varnach, ſah bald an dem Beneh⸗ men des Menſchen, daß er vor der Zeit zurückgekehrt ———— 200 ſei, und ſchickte ihn mit dem Verſprechen fort, welches er gewiß glauben wird, daß, wenn er uns noch weiter beläſtige, er in die Kolonie zurückkehren, und wenn es zu einem Rechtsſtreit komme, ſein Zeuge wegen Meineid beſtraft werden ſolle. Darüber kannſt Du Dich alſo beruhigen. übrigens geſtehe ich, daß ich vas, was er ſagt, für wahrſcheinlich genug halte; aber mein Zweck, ihm von Sharp nachſpüren zu laſſen, iſt, zu erfahren, wer noch ſonſt dabei bethei⸗ ligt iſt. Und wenn wirklich etwas Gefährliches in ſeinen Beweiſen oder Zeugniſſen liegt, ſo rathe ich Dir, mit dieſen andern Perſonen zu unterhandeln. Verhandle nie ein Geſchäft mit dem Zwiſchenträger, wenn Du es mit der Hauptperſon abmachen kannſt. Bedenke, daß Du es am Ende nur mit den beiden jungen Männern zu thun haſt. Sie müſſen arm ſein, und daher iſt es leicht, mit ihnen auszukommen. Denn wenn ſie arm ſind, werden ſie einen Vogel in der Hand zweien in dem Buſch eines Rechtsſtreites vorziehen. „Wenn Du durch Herrn Spencer etwas von einem der jungen Männer erfahren kannſt, ſo bemühe Dich varum, und verſuche einen Kanal zu eröffnen, durch den Du mit ihnen unterhandeln kannſt, wenn es nö⸗ thig iſt. Vielleicht, wenn Du ihre frühere Geſchichte erfährſt, erhältſt Du dadurch das Mittel, ſie in Deine Gewalt zu bekommen. „Ich habe dieſen Morgen einen Anfall von der Gicht gehabt, und fürchte, ich werde wohl auf einige Wochen das Haus hüten müſſen. Der Deinige Lilburne.“ hes iter en egen Du ich alte; n zu ethei⸗ es in he ich ndeln. räger, annſt. beiden ſein, Denn in der ziehen. einem he Dich „durch es nö⸗ ſchichte Deine von der f einige ne.“ 201 „Nachſchrift. Sharp iſt eben hier geweſen. Er folgte dem Manne, der ſich Kapitän Smith nennt, zu einem Hauſe in Lambeth, wo er wohnt, und von wo er ſich erſt um Mitternacht entfernte, als Sharp ſchon ſeine Wache eingeſtellt hatte. Als er dieſen Morgen wiever dorthin zurückkehrte, erfuhr er, daß der Kapitän fort ſei, wohin, konnte Sharp nicht entdecken. „Verbrenne dieſen Brief ſogleich.“ „Lieber Lilburne! „Meinen wärmſten Dank für Deine Güte; Du haſt die Sache bewundernswürdig beſeitigt, und ich glaube nicht, daß ich weiter etwas zu fürchten habe. Ich vermuthe, daß es nichts weiter als die Erfindung vieſes Mannes war, und Deine Feſtigkeit hat ſeine boshaften Abſichten vereitelt. Denke nur, ich glaube mit Beſtimmtheit, einen von dieſen Mortons entdeckt zu haben; er iſt der Jüngere, aber wahrſcheinlich der einzige, den der Kerl auffinden konnte. Du erinnerſt Dich, daß der junge Sidney ſo geheimnißvoll ver⸗ ſchwand— Du erinnerſt Dich auch, wie ſehr Herr Syencer dabei intereſſirt wan, eben dieſen Sidney auf⸗ zufinden. Dieſer Herr an den Seen iſt, wie wir ver⸗ mutheten, derſelbe Herr Speneer und ſein angeblicher Neffe, Camilla's Liebhaber, gewiß kein Anderer, als der verlorne Sidney. Im Angenblicke, als ich den jungen Mann ſah, erkannte ich ihn, denn er hat ſich ſehr wenig verändert und ſieht überdies ſeiner Mutter ſehr ähnlich. Indem ich meinen Verdacht verbarg, ſuchte ich Herrn Spencer auszuforſchen, der eine ſehr ſchwache Seele iſt, und ſein Benehmen war ſo ver⸗ legen, daß ich keinen Zweifel über die Sache hegen konnte; doch als ich ihn nach den jungen Männern fragte, erfuhr ich zu meiner Beruhigung, daß der ältere Bruder aller Wahrſcheinlichkeit nach todt iſt: davon ſcheint Herr Spencer überzeugt zu ſein. Ich verſicherte mich auch, daß weder Speneer, noch der junge Mann die entfernteſte Verbindung mit unſerm Kapitän Smith haben, noch auch irgend etwas von einem Rechtsſtreit wiſſen. Dies iſt ſehr beruhigend, wirſt Du zugeſtehen. Und nun hoffe ich, wirſt Du billigen, was ich gethan habe. Ich finde, daß der junge Morton, oder Speneer, verzweifelt in Camilla verliebt iſt. Er ſcheint ein ſanfter, wohlerzogener, liebenswürdiger junger Mann zu ſein und macht Ge⸗ dichte— kurz er iſt eher von ſchwachem als ſtarkem Charakter. Ich forderte den Aufſchub eines Jahres zu beiderſeitiger Prüfung und Bedenken. Dies gibt mir Veranlaſſung zu beſtändiger Mittheilung, wozu Du mir räthſt, und ich werde Gelegenheit haben zu erfahren, ob der Betrüger ihnen Mittheilungen oder ob man von dem Bruder irgend etwas erfährt. Wenn durch irgend eine Chikane— denn ich glaube nicht, daß je eine Trauung ſtattgefunden— ein Rechtsſtreit entſtehen ſollte, der bedenklich oder gefährlich werden könnte, ſo kann ich mit Sidney, vermöge ſeiner Liebe zu meiner Tochter, ſolche Bedingungen machen, die mich auf immer von aller weiteren Unruhe und allen Machinationen in Betreff meines Vermögens befreien werden. Und wenn wir uns während des Jahres über⸗ Wenn sſtreit erden efreien über⸗ 203 zeugen, daß ſie nichts haben, worauf ſie einen Rechts⸗ ſtreit gründen können, ſo kann ich mich immer noch von andern Verhältniſſen leiten laſſen, ob ich ſeine Bewerbung annehmen will oder nicht. Es wird da⸗ von abhängen, ob wir andere Abſichten mit Camilla haben und ich werde darauf hindeuten, daß dieſe Ver⸗ abredung nicht bekannt werden darf. Im ſchlimmſten Falle iſt er als Herrn Speneers Erhe, da auf alle Mitgift verzichtet wird, keine üble Partie— ein Be⸗ weis, wie leicht ſie zu leiten find. Ich habe Herrn Spencer nicht zu erkennen gegeben, daß ich ſein Ge⸗ heimniß entdeckt habe, ich kann es ſpäter nach Um⸗ ſtänden thun oder laſſen. Auch habe ich Mrs. Beau⸗ fort und Camilla nichts von meiner Entdeckung geſagt. Für jetzt iſt es am beſten, ſo wenig als möglich da⸗ von zu reden. Ich habe heute Nachricht von Arthur. Er iſt auf ſeinem Heimwege und wir eilen früher, als wir erwarteten, nach London, um ihn zu treffen. Er klagt noch immer über ſeinen Geſundheitszuſtand. Wir werden alle nach Beaufort⸗Court gehen. Ich ſchreibe dies bei Nacht. Der Oheim und der angeb⸗ liche Neffe find eben fort. Doch, obgleich wir mor⸗ gen aufbrechen, wirſt Du dieſen Brief einen oder zwei Tage vor unſerer Ankunft erhalten, denn Mrs. Beaufort's Geſundheitszuſtand macht kurze Tagereiſen nothwendig. Ich hoffe, daß Arthur nicht auch leidend ſein wird, der arme Junge. Eine leidende Perſon in der Familie iſt vollkommen genng, und ich finde Mrs. Beaufort's Schwäche ſo unbequem, beſonders wenn man reiſen muß und ſeine Verbindungen in der 204 Grafſchaft aufrecht erhalten will. Eines jungen Man⸗ nes Geſundheit iſt indeß bald wieder hergeſtellt. Es thut mir ſehr leid, von Deinem Gichtanfall zu hören, doch beſeitigt er alle andere Klagen. Ich bin ſehr wohl, dem Himmel ſei Dank— in der That hat ſich meine Geſundheit in den letzten Jahren ſehr gebeſſert, Die Luft in Beaufort⸗Court bekommt mir ſehr gut! Je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr erſtaune ich über die ungeheure und boshafte Unverſchämtheit jenes Kerls— einen Mann um ſein Vermögen bringen zu wollen! Du haſt ganz Recht— gewiß iſt es eine verabredete Sache. Der Deinige Robert Beaufort.“ „Nachſchrift. Ich werde dieſe Speneers ſtets im Auge behalten. Verbrenne dieſen Brief augen⸗ blicklich.“ Nachdem Beaufort dieſen Brief geſchrieben und verſiegelt hatte, ging er zu Bette und ſchlief feſt und geſund. Am nächſten Tage war der Ort verlaſſen, und ein Brett auf dem Raſenplatze beſagte, daß das Haus wieder zu vermiethen ſei. Aber täglich, im Regen oder Sonnenſchein, kam ein einſamer Liebender dort⸗ hin, gleich dem Vogel, der ſeine Jungen in dem ver⸗ laſſenen Neſte ſucht. Immer wieder beſuchte er den Ort, wo er mit der Verlorenen gewandelt und immer wieder murmelte er ſeine leidenſchaftlichen Gelübde unter den jetzt blätterloſen Linden. Sollten dieſe Gelübde erfüllt oder aufgehoben werden? Wird der Abweſende vergeſſen oter der Zurückbleibende getröſtet werdenz Si fül ſie auf ſich Vo and den gibt alle auf es i welch dernt einer die ihre gelt den eine Die Je e ich jenes ingen eine weſende erden? 205 Sind die Charaktere jener jungen romantiſchen Ge⸗ fühle leicht eingeprägt in die Phantaſie, und werden ſie bald verwiſcht ſein? Oder ſind ſie tief eingegraben auf jene Tafeln, wo die Schrift, auch wenn ſie un⸗ ſichtbar iſt, dennoch vorhanden bleibt und wieder zum Vorſchein kommt, ein lieblicher Buchſtabe nach dem andern, wenn das Licht und die Wärme der glänzen⸗ den Gegenwart auf die getreue Schrift fällt? Es gibt nur eine Zauberin, die dies Geheimniß, ſo wie alle andern enträthſeln kann— die alle Gräber gräbt auf dem großen Kirchhofe der Erde— deren Geſchäft es iſt, Begräbniſſe zu finden für die Leivenſchaften, welche unſterblich ſchienen— die Aſche der längſt mo⸗ dernden Erinnerung aufzugraben— das dunkle Beet einer eben untergegangenen Hoffnung auszuhöhlen, ſie, die alle Dinge endet und keine prophezeiht— denn ihre Orakel ſind unverſtändlich ehe das Uurtheil beſie⸗ gelt iſt— ſie, die in der Blüte der zarteſten Neigung den Wurm entdeckt, der ſie verzehrt, und während die Hochzeitshymne vom Alfar ertönt, mit freudeloſem Auge das Grab des Trauungsgelübdes bezeichnet.— Wo das Grab iſt, da iſt dein Tempel, o ſchwer⸗ müthige Zeit! Fünftes Buch. „Und zu eines Stroms Geſtaden Kam ich, der nach Morgen floß.“ Schiller,„der Pilgrim.“ Erſtes Kapitel. Durch Umwege geführt von der leitenden Hand der Götter. Petronius. Roger Morton ſaß an einem trüben regnigten Tage hinter ſeinem Ladentiſche. Roger Morton, der Alderman, war zweimal Mayor in ſeiner Geburts⸗ ſtadt geweſen und ein wohlhabender Mann. Er war korpulent geworden, das Grogtrinken, welches er mit mechaniſcher Beharrlichkeit jeden Abend Jahr aus Jahr ein fortgeſetzt, hatte die Roſen ſeiner Wangen dunk⸗ ler geröthet. Roger Morton wurde nie berauſcht— er ſuchte nur ſeine Stimmung zu verbeſſern. Seine Conſtitution war ſtark, aber ſeine Verdauung nicht ſo gut, wie ſie wohl hätte ſein können. Er hielt ſich überzeugt, daß es mit ſeiner Geſundheit nicht gut ſtehe. An einem Tage ließ er den Braten und am andern den Pudding vorübergehen. Jetzt vermied er alle Gemüſe wie Gift und ſeufzte, als der Arzt ihm ſeine Cigarre unterſagte. Roger Morton dachte nie daran, das Grogtrinken einzuſtellen, und er würde 3 Götter. u6. 207 als die größte Beleidigung für einen ſo nüchternen und reſpektablen Mann angeſehen haben, wenn man die geringſte Bemerkung darüber gemacht hätte. Roger Morton ſaß— denn ſeit den letzten vier Jahren, ſeit er zum zweitenmal Mayor geworden, hatte er ſich die Würde eines Stuhles angemaßt. Er empfing nur ſeine Kunden und bediente ſie nicht ſel⸗ ber. Das letztere hatte er ſeinen beiden Söhnen über⸗ tragen. Nach langem Nachdenken hatte man Tom zum Apotheker beſtimmt. Mrs. Morton bemerkte, daß es ein anſtändiges Geſchäft ſei und Tom wäre immer ein leidlicher Burſche geweſen, und Roger be⸗ dachte, daß es eine große Beruhigung und eine große Erſparniß ſein werde, ſeinen eigenen Sohn zum ärzt⸗ lichen Rathgeber zu haben. Die beiden andern Söhne, und die verſchiedenen Gehülfen im Laden, betrieben das lebhafte Geſchäft, während ein Kunde nach dem andern mit Regenſchirm und ueberſchuhen den lockenden Schutz benutzte— als ein ärmlich gekleideter Mann, der das mittlere Alter bereits überſchritten und ein ſorgenvolles verhunger⸗ tes Geſicht hatte, ſchüchtern eintrat. Er wartete ge⸗ duldig an dem vollen Ladentiſche, ließ ſich von den ſpitzen Ellbogen geſchäftiger alter Jungfern in die Seiten ſtoßen— und wie ſcharf die Ellbogen alter Juügfern find, kann Niemand ſagen, der ſich nicht durch eine lebhafte Gruppe derſelben in einem Zitz⸗ laden gedrängt hat!— Der Mann, ſage ich, war⸗ tete gedulbig und traurig, bis der kleinſte von den Lehrlingen ſich von einer Dame abwendete, die ſich nach langem Wählen endlich zu zwei Ellen lilafarbi⸗ gem Pfennigsband entſchloſſen, und fragte in dem angewöhnten einſchmeichelnden Tone: „Was ſoll ich Ihnen zeigen, Herr?“ „Ich wünſche mit Herrn Morton zu reden. Wel⸗ cher iſt er?“ „Herr Morton iſt beſchäftigt, Herr. Ich kann Ihnen Alles geben, was Sie bedürfen.“ „Nein— es 4ſt ein Geſchäft— ein wichtiges Geſchäft.“ Der Knabe ſah den abgeſchabten, triefenden Hut, die unbedeckten Hände und das roſifarbige Halstuch des Revenden an, fuhr mit ſeinen Fingern durch ſeine vollen hellen Locken und ſagte: „Herr Morton befaßt ſich jetzt nicht mehr viel mit dem Geſchäft; aber das iſt er. Keine Kravatte gefällig, Herr?“ Der Mann antwortete nicht, ſondern ging zu der Stelle hin, wo Roger Morton, der mit dem Ban⸗ kier der Stadt, welcher ein Paar Handſchuhe auswählte, am Fenſter ſaß, nachdem er ſich gehörigermaßen we⸗ gen des Sitzens entſchuldigt hatte. Der Alderman ſenkte ſeine Brille nieder, während er die ärmliche Erſcheinung betrachtete, die vor den Bankier hintrat, und ſagte: „Wünſchen Sie etwas von mir, Freund?“ „Ja, Herr, wenn's gefällig iſt.“ Und der Mann nahm ſeinen abgeſchabten Hut ab und verbeugte ſich tief. „Nun, reden Sie. Hoffentlich kein Unterſtützungs⸗ geſuch?“ em Bel⸗ kann tiges Hut, lstuch ſeine r viel avatte zu der Ban⸗ „Nein, Herr! Ihre Neffen—“ Der Bankier wendete ſich um und betrachtete eben⸗ falls den Angekommenen. Der Leinwandhändler ſtutzte. „Neffen!“ wiederholte er mit verwirrtem Blicke. „Was mag der Mann meinen? Warten Sie ein wenig.“ „O, ich habe nichts weiter zu ſagen,“ verſetzte der Bankier lächelnd.„Es iſt mir lieb, daß wir ſo vollkommen in der Sache übereinſtimmen. Ich war davon überzeugt. Unſer Parlamentsmitglied wird nicht für uns paſſen, wenn es nicht thut, wie wir wollen. Der Handel muß für ſich ſelber ſorgen. Ich wünſche Ihnen einen guten Tag!“ „Neffen!“ wiederholte Morton aufſtehend, und winkte dem Manne, ihm in das Hinterzimmer zu folgen, wo Mrs. Morton ſaß und Wäſchezettel ſchrieb. „Nun,“ ſagte Morton, indem er die Thür zu⸗ machte,„was meinen Sie, mein guter Mann?“ „Was ich Sie fragen wollte, mein Herr, iſt, ob Sie mir nicht ſagen können, was aus den jungen Herren Beau— das heißt aus den Söhnen Ihrer Schweſter geworden iſt. Ich höre, es waren zwei und man ſagt mir, ſie ſind Veide todt. Iſt es ſo?“ „Was liegt Ihnen daran, Freund?“ „Verzeihen Sie, mein Herr, aber den jungen Männern liegt viel daran!“ „Ja— ha! ha!— es liegt Jedermann viel daran, ob ſie leben yoder todt ſind!“ Seit Morton Bulwer, Nacht u. Morgen. I. 14 21⁰ Mahor geweſen war, machte er zuweilen einen Scherz⸗ „Aher in der That—“ „Roger!“ ſagte Mrs. Morton leiſe—„Roger!“ „Ja, meine Liebe.“ „Komm her— ich wünſche mit Dir über dieſe Rechnung zu ſprechen.“ Der Mann näherte ſich und beugte ſich zu ſeiner Frau nieder. „Wer iſt dieſer Mann?“ „Ich weiß es nicht.“ „Verlaß Dich darauf, er hat irgend einen An⸗ ſpruch zu machen— Rechnungen oder dergleichen. Laß Dich nicht darauf ein— die Knaben ſind todt, ſo viel wir wiſſen!“ „Hm!“ ſagte Morton und kehrte zu dem Frem⸗ den zurück. „Um die Wahrheit zu ſagen, ich weiß nicht, was aus den jungen Männern geworden iſt.“ „Dann ſind ſie nicht todt— ich dachte es mir!“ rief der Mann frendig. „Das iſt mehr, als ich ſagen kann. Es iſt viele Jahre her, ſeit ich den einzigen, den ich je ſah, aus den Augen verlor; und ſie können ebenſo gut Beide todt ſein.“ „Wirklich!“ ſagte der Mann.„So können Sie mir alſo gar keinen Wink geben, wie ich ſie auf⸗ finden kann?“ „Nein. Sind ſie Ihnen etwas ſchuldig?“ „Es liegt für jetzt nichts daran. Ich itte um Verzeihung.“ „Halt— wer ſind Sie?⸗ 211 6„Ich bin ein ſehr armer Mann, Herr.“ Morton trat zurück. r!⸗„Arm! O ſehr gut— ſehr gut. Jetzt bin ich mit Ihnen fertig. Guten Tag— guten Tag. Ich dieſe bin beſchäftigt.“ und Der Fremde zupfte einen Augenblick an ſeinem Hut— drehte den Thürdrücker um— blickte unter ſeinen grauen Augenbraunen hervor auf den ſtatt⸗ lichen Kaufmann, der beide Hände in die Taſchen An⸗ ſteckte, den Mund zuſammenzog, wie ein Mann, der ichen. im Begriff iſt, Nein zu ſagen, und ſich unruhig hin⸗ tovt, ter Mrs. Morton's Stuhl bewegte. Der Unbekannte ſeufzte, ſchüttelte den Kopf und verſchwand. Frem⸗ Mrs. Morton klingelte— die Magd trat ein. „Wiſche den Teppich ab, Jenny— ſchmutzige „was Füße! Morton, es iſt ein brüſſeler Teppich!“ „Es war nicht meine Schuld, meine Liebe. Ich ir“ konnte doch nicht vor dem ganzen Laden von Fami⸗ lienangelegenheiten ſprechen. Denke Dir, ich hatte viele dieſe armen Knaben ganz vergeſſen. Dies macht mich „aus unruhig. Die arme Katharina! Sie liebte ſie ſo Beide ſehr. Der Sidney war auch ein hübſcher Knabe. Was kann aus ihnen geworden ſein? Mein Herz n Sie macht mir Vorwürfe. Ich wollte, ich hätte den Mann e auf⸗ mehr gefragt.“ „Mehr!— Er war ja gerade im Begriff zu betteln.“ „Betteln, ja— ſehr wahr!“ ſagte Morton, un⸗ te um entſchloſf ſtehen bleibend. Dann rief er in lebhaf⸗ terem Tone:„Und wenn er auch gebettelt hätte, ſo hätte ich ihm ja einen Schilling geben können! Ich 2¹²2 will ihm nachgehen.“ Mit dieſen Worten eilte er durch den Laden, aber der Mann war fort— es regnete ſtark— Morton hatte ſeine dünnen Schuhe an— blies durch die Naſe und kehrte hinter den Ladentiſch zurück. Aber vor ſeiner Erinnerung erhob ſich das bleiche Geſicht ſeiner verſtorbenen Schweſter und eine Stimme flüſterte ihm ins Ohr:„Bruder, wo iſt mein Kind?“ „Pah! es iſt nicht meine Schuld, daß er davon⸗ lief. Bob, geh und hole mir die Zeitung.“ Morton hatte ſich wieder geſetzt und las eben die Unterſuchung einer Mordgeſchichte, als ein anderer Fremder ſtolz in den Laden ſchritt. Er trug einen Pelz, hatte einen dichten Schnurrbart und ſein Auge überſchaute mit einem Blicke den ganzen Laden vom Herrn bis zum Lehrling, von der Decke bis zum Fußboden und er hatte zugleich das Ausſehen eines Ausländers und eines Soldaten. Alle Blicke richteten ſich auf ihn, als er einen Augenblick ſtehen blieb; vann ging er auf den Alderman zu und ſagte:„Sie ſind ohne Zweifel Herr Morton.“ „Zu Ihrem Befehl, mein Herr,“ ſagte Morton, unwillkürlich aufſtehend. „Ein Wort mit Ihnen von Geſchäften.“ „Von Geſchäften!“ wiederholte Morton blaß wer⸗ dend, denn er begann ſchon zu denken, daß er von Geiſtern verfolgt werde,„Alles, womit ich Ihnen dienen kann. Es würde mich—“ Der Fremde beugte ſeine hohe Geſtalt nieder und flüſterte Morton in's Ohr:„Ihre Neffen!“ e er es huhe den rhob eſter uder, avon⸗ en die nderer einen Auge nvom zum eines chteten blieb; „Sie 213 Morton war wie verſteinert. Ja, er wurde gewiß von Geiſtern verfolgt. Er ſtarrte den zweiten Frager an und meinte, er habe etwas ſehr übernatürliches und überirdiſches an ſich. Er war ſo groß, ſo dunkel, ſo ſtrenge und ſo fremd. War es der Unausſprech⸗ liche ſelber, der den Leinwandhändler abholen wollte? Schon wieder ſeine Neffen! „Herr,“ ſagte Morton endlich etwas ärgerlich, indem er ſeine Würde wieder erlangte,„Herr— ich weiß nicht, warum ſich die Leute um meine Familien⸗ angelegenheiten kümmern. Ich frage andere Leute auch nicht nach ihren Neffen. Ich habe keine Neffen, ſo viel ich weiß.“ „Erlauben Sie mir einen Augenblick mit Ihnen allein zu reden.“ Morton ſeufzte, zupfte an ſeiner Weſte und führte den Fremden in das Hinterzimmer, wo Mrs. Morton, die ihre Wäſchezettel beendet hatte, jetzt beſchäftigt war, einige Töpfe mit eingemachten Früchten mit einer Blaſe zuzubinden. Die älteſte Miß Morton, ein junges Frauenzimmer von fünf⸗ oder ſechsundzwanzig Jahren, die im Begriffe ſtand, eine ſehr vortheilhafte Ver⸗ bindung mit einem jungen Herrn zu ſchließen, der mit Kohlen handelte und die Violine ſpielte— denn N' war eine ſehr muſikaliſche Stadt— war eben zu ihr gekommen, um aus dem klimpernden Klavier den Schweizerbuben mit Variationen herauszuquälen, wel⸗ ches unter den erweckenden Fingern der Miß Mar⸗ garetha Morton ein klägliches Schreien hören ließ. Morton riß murrend die Thür auf, und als der 21¹4 Fremde auf der Schwelle ſtehen blieb, kam ihm die volle Flut des C dur⸗Akkordes, worauf der Schweizer⸗ bube mit Kühen und Allen auf Leben und Tod ſchwamm, plötzlich entgegen. „Sei doch ſtill!“ rief der Vater, indem er eine Hand ans Ohr hielt, während er mit der andern auf einen Stuhl deutete, und als Mrs. Morton mit un⸗ williger Miene, womit die weibliche Milde die Belei⸗ digung des Gatten tadelt, von ihren Töpfen aufblickte, ſetzte Roger achſelzuckend hinzu:„ſchon wieder meine Neffen, Mrs. Morton!“ Miß Margaretha wendete ſich um und machte eine tiefe Verbeugung. Mrs. Morton ließ ein Tuch auf die Töpfe fallen und murmelte eine Art von Gruß, als der Fremde ſeinen Hut abnahm und zu der Mutter und Tochter eins von den edlen Geſichtern wendete, worauf die Natur ihren Vollmachtsbrief auf die Herr⸗ ſchaft der Schöpfung geſchrieben.. „Verzeihen Sie, wenn ich ſtöre,“ ſagte er.„Aber mein Geſchäft wird kurz ſein. Ich komme wie Einer, der ein Recht dazu hat, zu fragen, welche Nachricht Sie mir von Sidney Morton geben können?“ „Mein Herr, ich weiß durchaus nichts von ihm. Er wurde vor etwa zwölf Jahren von ſeinem Bruder aus meinem Hauſe entfernt. Ich ſelber und die beiden Herrn Beauforts und noch ein Freund der Familie machten uns auf den Weg, Beide aufzuſuchen. Mein Suchen war vergebens.“ „Und das der Andern?“ „Ich hörte von Herrn Beaufort, daß ſie auch engl eige der mein die izer⸗ mm, eine nauf t un⸗ Belei⸗ lickte, meine e eine ch auf Gruß, Mutter nicht glücklicher geweſen. Ich habe ſeitdem keinen Verkehr mit dieſen Herren gehabt. Doch das gehört nicht zur Sache. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hat der ältere von den Knaben, der leider ein verworfener Charakter war, ſeinen Bruder verführt und zu Grunde gerichtet, und jetzt mag der Himmel wiſſen, was und wo ſie ſind.“ „Und ſeitdem hat Sie Niemand gefragt— Nie⸗ mand den Bruder Katharina Morton's oder vielmehr Katharina Beaufort's gefragt, wo das Kind ſei, welches Ihrer Sorgfalt anvertraut worden?“ Dieſe Frage, die der ſo ähnlich war, welche ſein Gewiſſen ihm zugeflüſtert, erſchreckte den würdigen Alderman. Er taumelte zurück— ſtarrte das aus⸗ drucksvolle und ſtrenge Geſicht an, welches ihn finſter anblickte— und rief endlich:„Um des Himmels willen, Herr, ſein Sie gerecht! Was konnte ich für einen jungen Menſchen thun, der mich von ſelber verließ 2“ „An dem Tage, wo Sie ihn wie einen Hund ge⸗ ſchlagen. Sie ſehen, Herr Morton, ich weiß Alles!“ „Und wer ſind Sie?“ ſagte Morton, der ſeinen engliſchen Muth wieder erlangte und ſich in ſeinem eigenen Hauſe beleidigt ſah—„wer und was ſind Sie, der Sie ſich die Freiheit nehmen, einen Mann von meinem Ruf und Anſehen zu katechiſiren?“ „Der zweimal Mayor geweſey—“ begann Mrs. Morton. „Still, Mutter!“ flüſterte Miß Margaretha, „bringe ihn nicht noch mehr auf.“ „Ich wiederhole, Herr, wer ſind Sie?“ „Wer ich bin? Ihr Neffe! Wer ich bin? Vot den Menſchen führe ich einen Namen, den ich ange⸗ nommen und nicht entweihet habe— vor dem Him⸗ mel bin ich Philipp Beaufort!“ Mrs. Morton ſank auf ihren Stuhl zurück. Mar⸗ garetha murmelte:„Mein Vetter!“ in einem Tone, der dem Ohr des muſikaliſchen Kohlenhändlers nicht ſehr würde gefallen haben, und nach einer langen Pauſe trat ihm Morton mit einem freien und männ⸗ lichen Ausdruck der Freude näher und ſagte: „Da danke ich dem Himmel von Herzen, daß einer von den Söhnen meiner Schweſter lebendig vor mir ſteht!“ „Und ich— ich, den Sie beſchuldigen, ihn ver⸗ führt und zu Grunde gerichtet zu haben— ihn, für den ich gearbeitet und mich angeſtrengt habe— ihn, der mir damals war, was der letzte überlebende Sohn für einen ängſtlichen Vater iſt— ich, dem er geraubt wurde— ich frage Sie noch einmal nach Sidney— nach meinem Bruder!“ „Und ich ſage noch einmal, daß ich Ihnen keine Auskunft geben kann— daß— doch warten Sie noch einen Augenblick. Sie müſſen mir verzeihen, was ich von Ihnen ſagte, ehe Sie ſich zu erkennen gaben. Ich ging nur nach den Berichten, die mir Herr Beau⸗ fort ertheilte. Laſſen Sie mich offen reden. Jener Herr glaubte, ob mit Recht oder mit Unrecht, weiß ich nicht, daß es ſehr gut ſein werde, Ihren Bru⸗ der von Ihnen zu trennen. Vielleicht hat er ihn ge⸗ funden und verheimlicht uns ſeinen Namen und ſeine vie bri der am ſeh and mit Jer ihn ſoll Vot nge⸗ im⸗ Nar⸗ one, nicht ngen änn⸗ einer mir ver⸗ , für ihn, hu ge⸗ d ſeine 217 Lage, damit Sie ihn nicht entdecken möchten. Mrs. Morton, meinſt Du es nicht auch?“ „Ich hin in der That ſo erſchreckt, daß ich nicht weiß, was ich denken ſoll,“ ſagte Mrs. Merton, in⸗ dem ſie mit der Hand über die Stirn fuhr und auf ihrem Stuhl hin und herrückte. „Aber da ſie Ihnen Unrecht thaten— und da Sie ein ſo ſehr— ſo ſehr—“ „Feiner Herr zu ſein ſcheinen,“ fiel Miß Mar⸗ garetha ein. „Ja, ein feiner Herr, und wohlhabend, hoffe ich,“ fuhr Morton fort, indem er mit erfahrenem Auge ſeinen koſtbaren Pelz betrachtete—„ſo kann es nicht ſchwer ſein, von Herrn Beaufort Alles zu erfahren, was Sie zu wiſſen wünſchen. Und ſagen Sie mir doch, Herr, ſchickten Sie heute Jemand her, um die⸗ ſelbe Frage an mich zu richten?“ „Ich?— Nein. Was meinen Sie?“ „Nun, nun— ſetzen Sie ſich nieder— es mag vielleicht hierin etwas liegen, was Sie beſſer heraus⸗ bringen werden, als ich.“ Und als Philipp ſich ſetzte, erzählte ihm Morton, der ſich aufrichtig freute, den Sohn ſeiner Schweſter am Leben und dem Anſcheine nach im Wohlſtande zu ſehen, ziemlich genau die Unterredung, die er mit dem andern Fremden geführt. Philipp hörte lebhaft und mit Aufmerkſamkeit zu. Wer konnte der Mann ſein? Jemand, der um ſeine Geburt wußte— Jemand, der ihn aufſuchte?— Jemand, der—. Guter Himmel! ſollte es der ſo lange vermißte Zenge der Trauung ſein? 218 Sobald ihm dies einfiel, ſprang er von ſeinem Sitze auf und bat Morton, ihn zu begleiten, um den Fremden aufzuſuchen.„Sie wiſſen nicht,“ ſagte er in dem Tone, der die Energie des Willens ausdrückte, worin das Talent ſeines Geiſtes beſtand—„Sie wiſ⸗ ſen nicht, von welcher Wichtigkeit dies für meine Aus⸗ ſichten— für den guten Namen Ihrer verſtorbenen Schweſter ſein kann. Sollte der verlorene Zeuge end⸗ lich zurückgekehrt ſein? Wer ſonſt von dem Stande, wie Sie ihn beſchreiben, würde ſich für die Sache in⸗ tereſſiren? Kommen Sie!“ „Welcher Zeuge?“ ſagte Mrs. Morton ärgerlich. „Sie wollen doch nicht die alte Geſchichte von der Trauung aufwärmen?“ „Soll Ihre Frau Ihre eigene Schweſter läſtern? Die Trauung hat ſtattgefunden— Gott wird das Recht an den Tag bringen— und es ſoll noch ber Name Beaufort auf den Grabſtein meiner Mutter geſetzt werden. Kommen Sie!“ „Hier ſind Deine Schuhe und Dein Regenſchirm, Vater,“ rief Miß Margaretha, die Philipp's Leb⸗ haftigkeit theilte. „Meine ſchöne Cvufine, vermuthe ich,“ und als der Krieger ihre Hand nahm, küßte er ihre nicht widerſtrebende Wange und wendete ſich zur Thür. Morton faßte ſeinen Arm, und im nächſten Augen⸗ blick waren ſie auf der Straße. Als Katharina in ihren ſanften Tönen geſagt hatte „Philipp Veaufort war mein Gatte,“ hatte ihr Ro⸗ ger Morton nicht geglaubt. Und nun hatte ein Wort —— 6 na tre ein Lo: ein zim daß er in ſich Hot Om er eben das Pfer von dem Sohne, der doch verhältnißmäßig wenig von en der Sache wiſſen konnte, beinahe hingereicht, den Zweif⸗ er ler zu bekehren und zu überzeugen. Wie kam dies? Weil der Menſch dem Starken glaubt! iſ⸗ us nen Zweites Kapitel. nd⸗— Was die Tugend vermag und die Weisheit, de, Stellt das nützliche Beiſpiel uns bar am eblen Ulyſſes. in⸗ Horaz. Inzwiſchen war der Gegenſtand ihres Suchens, lich. nachdem er Morton's Laden verlaſſen, langſam und der traurig durch die naſſen Straßen gegangen, bis er ein Gaſthaus in der Vorſtadt auf der Straße nach en? London erreichte. Hier trat er auf eine kurze Zeit das ein und trocknete ſeine Kleider am Kamin im Gaſt⸗ der zimmer, welche Erlaubniß er ſich dadurch erkaufte, tter daß er ſich für vier Pence Gin geben ließ; und als er erfahren, daß die nächſte Kutſche nach London erſt irm, in mehreren Stunden vorüberkommen werde, ſetzte er Leb⸗ ſich nieder, um ein wenig zu ſchlummern, bis das Horn des Poſtillons ihn wecken würde. Derſelbe als Omnibus, mit dem Philipp am Abend zuvor nach nicht N' gekommen war, hatte auch den Mann, welchen hür. er ſuchte, dorthin gebracht. gen⸗ Der arme Mann war kränklich und ermübet, und eben ein wenig eingeſchlummert, als er plötzlich durch tte: das Rollen eines Wagens und das Stampfen von Ro⸗ Pferden erweckt wurde. Da er nicht wußte, wie lange er geſchlafen, und meinte, der Wagen, den er 220 erwartete, ſei vor der Thür, ſo eilte er hinaus. Es war ein Omnibus, der von London kam, und der Poſtillon ſcherzte mit der hübſchen Kellnerin, die ziem⸗ vo lich kurze Röcke trug und ihm das gewohnte Glas ne reichte. Als der Mann ſich überzeugt hatte, daß ſeine ſia Zeit noch nicht da ſei, war er im Begriff, zum Feuer zurückzukehren, als ſich ein Kopf aus dem Fenſter ſch hervorſtreckte und eine Stimme rief:„Sterne und M Strumpfbänder! Will— biſt Du es?“ Bei dem Tone dieſer Stimme ſtand der Mann plötzlich ſtill, Un wurde ſehr blaß und ſeine Glieder zitterten. Der ich Paſſagier öffnete die Thür, ſprang mit einem kleinen auc Reiſeſack in der Hand heraus, zog eine lange lederne Me Börſe hervor, aus welcher er großthuend einige Mün⸗ und zen auswählte, womit er den Kutſcher bezahlte; dann Sch 3 nahm er den Arm des Bekannten, den er entdeckt inne hatte, und führte ihn in das Haus zurück. fort „Will— Will,“ flüſterte er,„Du biſt bei den ſagt Mortons geweſen. Sei nicht bedenklich— laß mich zu d Alles hören. Jenny oder Dolly oder wie Dein hüb⸗ ſcher Name ſein mag— ein beſonderes Limmer, ein Nöſel Rum, meine Liebe, und heißes Waſſer und Zucker. So iſt's recht.“ leben Sobald die Beiden in einem kleinen Zimmer, den Rum vor ſich, an einem guten Feuer ſaßen, ging der keitz zuletzt Gekommene zur Thür und verriegelte ſie vor⸗ von ſichtig, warf ſeinen Reiſeſack unter den Tiſch, legte ſeine Handſchuhe ab und breitete ſich weiter und wei⸗ ter vor dem Feuer aus, bis er jeden Strahl von ſei⸗ um 5 nem Freunde ausgeſchloſſen hatte; dann drehte er ſich plötzlich herum, damit ſein Rücken auch erwärmt werde, Es und rief: der„Verdamm' mich, Will, Du biſt eine hübſche Art em⸗ von Bruder, daß Du mir den Vorſprung abgewon⸗ l nen haſt. Doch, in dieſer Welt denkt Jeder nur an eine ſich ſelber!“ uer„Ich ſage Dir,“ ſagte Wilhelm mit einiger Ent⸗ iſter ſchiedenheit in ſeiner Stimme,„daß ich vieſen jungen und Männern kein Unrecht zufügen will, wenn ſi⸗ leben.“ dem„Wer verlangt denn von Dir, daß Du ihnen ſtill, Unrecht thun ſollſt— Du Tölpel? Vielleicht werde Der ich der beſte Freund ſein, den ſie haben— ja, oder inen auch Du, obgleich Du der undankbarſte, grillenhafteſte erne Menſch biſt, der mir je über den Weg gelaufen. Komm Nün⸗ und trink und rolle Deine Augen nicht ſo wie ein dann Schuhu!“ Hier hielt der Redende einen Augenblick tdeckt inne und fuhr in ernſterem und nachdrücklicherem Tone fort.„So glaubteſt Du mir alſo nicht, als ich Dir i den ſagte, daß dieſe Brüder todt wären, und Du gingſt mich zu den Mortons, um mehr zu erfahren?“ hüb⸗„Ja.“ ein„Nun, und was haſt Du erfahren?“ und„Nichts. Morton erklärt, er weiß nicht, daß ſie leben, aber er weiß auch nicht, daß ſie todt ſind.“ „den„Ei,“ ſagte der Andere mit großer Aufmerkſam⸗ g der keit zuhörend,„und glaubſt Du wirklich, daß er nichts vor⸗ von ihnen weiß?“ legte„Ja, das glaube ich in der That.“ wei⸗„Dm! Iſt er ein Mann, der Geld hergeben würde, nſei⸗ um bei der Nachſuchung zu helfen?“ r ſich „Er ſah aus, als hätte er das gelbe Fieber, als ich ſagte, ich ſei arm,“ entgegnete Wilhelm, indem er ſich umwendete, um auch einen Schimmer von dem Feuer zu erhaſchen, als er ſeinen Grog hinuntergoß. „Dann will ich verdammt ſein, wenn ich mich der Gefahr ausſetze, zu ihm zu gehen. Ich habe einige kleine Geſchäfte in dieſer Stadt gemacht, und obgleich es eine lange Zeit her iſt, ſo vergeſſen doch die Leute einen hübſchen Mann nicht ſo bald— be⸗ ſonders wenn er ihnen eine Naſe gedreht hat! Nun höre mich an. Du ſiehſt, ich habe dieſer Sache alle meine Aufmerkſamkeit geſchenkt. Wenn die Knaben todt ſind, ſagte ich Dir, ſo iſt es nicht der Mühe werth, ſich die Finger zu verbrennen, indem man für Gebeine im Sarge ein Licht hält. Aber Herr Beaufort braucht nicht zu wiſſen, daß ſie todt find, und wir wollen ſehen, was wir von ihm heraus⸗ bringen können; und wenn es gelingt, woran ich nicht zweifle, ſo können wir für unſer übriges Leben unſere Köpfe aufrecht halten. Wie ich Dir ſagte, ging ich zu Herrn Beaufort— und wahrhaftig, ich glaubte, wir hätten die Sache ſchon gewonnen. Doch ſeit ſich Dich zuletzt ſah, hat mir der Teufel das Spiel verdorben. Als ich wiederkam, Will, wurde ich zu einem alten Herrn geführt, ſo ſcharf wie ein Bohrer. Ich will gehängt ſein, Wilhelm, wenn er mich nicht aus allen meinen ſieben Sinnen heraus⸗ ſchreckte!“ Hier that Kapitän Smith— denn der Leſer wird bereits entbeckt haben, daß der Redende keine gerin⸗ vier Wa Kna pitã rühr mein ich der Ich nachz anzuf ſein, todt „ wohl. „ theil, Ander iſt die biſt ei als gere Perſon war— drei oder vier große Schritte em durchs Zimmer, kehrte zum Tiſche zurück, warf ſich em auf einen Stuhl, ſtellte ſeine Füße an den Kamin, oß. legte ſeinen Finger an die Naſe und ſagte leiſe und ich mit bedeutungsvollem Blinzeln:„Will, er wußte, abe daß ich deportirt geweſen! Er weigerte ſich nicht und nur, das anzuhören, was ich zu ſagen hatte, ſondern doch drohte uns Beide verfolgen, hängen, rädern und be⸗ viertheilen zu laſſen, wenn wir je wagten, mit der Run Wahrheit herauszukommen.“ alle„Aber was kann die Wahrheit nützen, wenn die aben Knaben todt ſind?“ ſagte Wilhelm ſchüchtern. Rühe Ohne auf dieſe Frage zu achten, fuhr der Ka⸗ man pitän fort, indem er den Zucker in ſeinem Glaſe um⸗ Herr rührte:„Ich ſchlich mich alſo hinaus, und als ich ſind, meine Thür erreicht hatte und mich umſah, bemerkte aut ich den Polizeidiener Sharp auf der andern Seite ich der Straße und fühlte mich verdammt unbehaglich. eben Ich ging indeß hinein, ſetzte mich nieder und begann agte, nachzudenken. Ich ſah, daß mit den Alten nichts ich anzufangen ſei, und jetzt möchte es der Mühe werih Doch ſein, ausfindig zu machen, ob die Jungen wirklich das todt ſeien.“ vurde„So wußteſt Du das voch nicht! Ich dachte es e ein wohl. O Jerry!“ ner„Nun ſieh nur, Mann, es war nicht unſer Vor⸗ raus⸗ theil, ihre Partei zu ergreifen, wenn wir mit den Andern unſern Handel machen konnten. Der Grund wird iſt dieſer. Du biſt nur ein einziger Zeuge— Du biſt ein guter Menſch, aber arm und haſt etwas 224 ſchwache Nerven, Will. Du weißt nicht, was es mit den Perrüken auf ſich hat, wenn man im Zeugen⸗ ſtand eingeſperrt iſt, ſie kommen von der einen Seite und von der andern, ſie drohen und verwirren, bis man einem Pferde gleicht, welches auf heißem Eiſen tanzt. Wenn Dein Zeugniß umgeſtoßen würde, ſo wäre die Sache zu Ende, und was würde dann aus uns werden? üherdies,“ ſetzte der Kapitän mit würde⸗ voller Aufrichtigkeit hinzu,„bin ich deportirt worden — es iſt vergebens es zu läugnen— und bin vor meiner Zeit zurückgekehrt. Wenn man Unterſuchungen über Deine Glaubwürdigkeit anſtellte, ſo würden mir die Häſcher bald auf die Spur kommen. Und Du würdeſt doch nicht wollen, daß der arme Jerry zu dem gar⸗ ſtigen Orte auf der anderen Seite des großen Härings⸗ teiches zurückgeſchickt würde?“ „Ach, Jerry!“ ſagte Wilhelm, indem er freund⸗ lich ſeine Hand in die ſeines Bruders legte,„Du weißt, daß ich Dir bei der Flucht behülflich war. Ich ließ Alles zurück, um mit Dir herübergekommen.“ „Das thateſt Du, und Du biſt ein guter Kerl; doch was das Zurücklaſſen betrifft— Du verlorſt ja Alles vorher. Und als Du mir von der Heirath erzählteſt, ſagte ich Dir nicht, daß wir unſer Glück machen könnten, auf unſre Lebenszeit? Doch um zu meiner Geſchichte zurückzukehren. Es iſt gefährlich, ſich mit den jungen Leuten einzylaſſen. Aber da auf der andern Seite nur harte Worte zu erhalten ſind, ſo wollen wir unſere Pflicht thun und ich will ſie ausfindig machen und das BVeſte für uns thun— da nu ge ein mi Di bei wie der ſeit He Bu Fre ſich oder Hat auft weſe Gar gehe gene ſo li klein einit mich gefů bei 6 es igen⸗ Seite „bis Eiſen e, ſo s uns ürde⸗ orden n vor ungen n mir ürdeſt n gar⸗ rings⸗ reund⸗ 225 das heißt, wenn ſie noch über der Erde ſind. Und nun will ich Dir geſtehen, ich weiß, daß der Jün⸗ gere am Leben iſt.“ „Wirklich?“ „Ja, doch da er ſich auf die Sache nicht wird einlaſſen wollen, wenn ſein Bruder nicht todt iſt, ſo müſſen wir den Erben aufſuchen. Nun ſagte ich Dir ſchon, daß vor vielen Jahren ein junger Burſche bei mir war, der, wenn ich Alles berückſichtige— wie die Beauforts hinter ihm her waren und er zu der Zeit verſchiedene Worte fallen ließ— kein Anderer ſein kann, als der hoffnungsvolle Erbe Deines alten Herrn. Ich weiß, daß der arme Will Gawtrey dieſem Burſchen die Adreſſe des alten Gregg gab, der ein Freund von mir iſt. Als ich gewartet, bis Sharp ſich entfernt hatte, ging ich noch in derſelben Nacht, oder vielmehr um zwei Uhr Morgens, in Gregg's Haus, und nachdem ich ſein Gedächtniß ein wenig aufgekratzt, erfuhr ich, daß der Burſche bei ihm ge⸗ weſen, und ſpäter nach Paris gegangen ſei, um Gawtrey aufzuſuchen, der dort ein Heirathsbüreau gehabt. Da ich nicht reich genug war, um auf an⸗ genehme und anſtändige Art nach Paris zu gehen, ſo ließ ich mich von Gregg zu einem hübſchen, ſtillen, kleinen Geſchäft anwerben. Schüttle nicht den Kopf — Alles ſicher— ein ländliches Geſchäft! Das währte einige Tage. Dn ſiehſt, es hat mir dazu verholfen, mich neu aufzutakeln.“ Und der Kapitän ſah wohl⸗ gefällig ſeine ſehr zierliche Kleivung an.„Nun, bei meiner Rückkehr ging ich, un Dich guſzuſuchen, Bulwer, Nacht u. Morgen. 7. 15 226 aber Du warſt ausgeflogen. Ich argwöh möchteſt zu den Verwandten der Mutter hierher ge⸗ gangen ſein, und vachte, auf jeden Fall könnte ich nicht beſſer thun, als ſelber gehen und zuſehen, was ſie von der Sache wüßten. Nach d was Du ſagſt, halte ich es für beſſer, nicht zu ihner gehen und ſogleich nach Paris zu reiſen. überlaß es mir, ihn ausfindig zu machen. Und wahrlich, da« der alte Lord mich verfolgen, ſo wirt ich verlaſſe England ſo bald als möglich „Und Du denkſt witklich, daß Du ſie noch auf⸗ finden wirſt? O, fürchte nicht meine Nerven, wenn ich einmal auf dem rechten Wege bin; es macht mich nur zittern, wenn ich mit Dir leben, Dich unrecht handeln ſehen und ſchlecht reden hören muß.“ „Bruder!“ fagte der Kapitän,„halte mir keine Predigten. Steh auf, Will, und ſich uns ide im Spiegel an! Ungeachtet meiner Mühſeligkeiten ſehe ich zehn Jahre jünger aus als D Ich kleide mich wie ein Mann von Stande, was ich auch bin; ich habe Geld in der Taſche; ich gab Dir Geld; ohne mich wäreſt Du verhungert. Sieh nur, Du brachteſt ein kleines Vermögen mit nach Auſtralien— Du verheiratheteſt Dich— Du triebſt Landwirthſchaft— Du lebteſt ehrlich, und doch ließeſt Du Dich durch Deine verdammt ſchwankende Gemüthsart heute zu einer Spekulation verleiten und morgen wieder davon abbringen, und gingſt zu Grunde!“ „Jerry! Jerry!“ rief Wilhelm bebend,„thu es nicht— thu es nicht!“ „ auf⸗ venn mich recht B „Doch es iſt Alles wahr und ich will Dich vvm Predigen heilen. Und dann, als Du beinahe zu Ende warſt, gabſt ne anſtatt ein kühnes Geſicht an⸗ zunehmen Se chulter« an das Rad zu ſetzen — Du verkaufteſt, was Du hatteſt— gingſt mit Weib und Allem nach Si hinüb weil Dir Jemand geſagt, daß Du in Ame en Dein Glück machen könnteſt— Du warſt nicht zu finden, als man Dich vor Jahren aufſuchte, wo Du Dir und der Familie Deines Herrn hätteſt nützen können⸗ ohne Dich oder mich in Gefahr zu bringen— da konnte Dich Niemand finden, weil Du nicht wollteſt, daß Deine alten Freunde in England oder in der Kolonie erfahren ſollten, daß Du ein Sklaventreiber in Kentucky geworden. Du erregteſt einen Auſſtand unter den Negern, indem Du ſie beklagteſt, anſtatt ſie zu ihrer Arbeit anzuhalten— Du wirſt ſelber ausgeſtoßen— Dein Weih bittet Dich, nach Auſtra⸗ lien zurückzukehren, wo ſie hofft, daß ihre Verwandten etwas für Dich thun werden— Du bewerkſtelligſt Deine überfahrt und ſiehſt ſo lumpig aus, wie ein Füllen, welches vom Graſe kommt— Deines Weibes Onkel liebt keine lumpigen Verwandten— Dein Weib ſtirbt an gebrochenem Herzen— und Du hätteſt mit den Sträflingen an den Wegen Steine klopfen können, hätte nicht ich, ſelber ein Sträfling, Mitleid mit Dir gehabt. Greine nicht, Wilhelm, es iſt Alles zu Deinem Beſten— ich haſſe das unſinnige Geſchwätz! Dagegen ließ ich, mein eigener Herr vom achtzehnten Jahre an, mich nie herab, einem Andern zu dienen 228 — kleidete mich wie ein feiner Herr— küßte die hübſchen Mädchen— fuhr im Phaeton— wurde in allen Zeitungen als der berühmte„tolle Jerry“ ge⸗ nannt— mir fehlte es nie an einer Guinee in der Taſche, und als ich endlich deportirt wurde, hatte ich eine hübſche Summe in der Bank der Kvlonie, um mein Unglück zu erleichtern. Ich entfliehe, ich bringe Dich mit herüber— und hier bin ich, unter⸗ ſtütze Dich und bin höchſt wahrſcheinlich der Einzige, von dem das Schickſal einer der erſten Familien des Landes abhängt. Und Du willſt mir Moral predigen? Siehſt Du, Will— in dieſer Welt iſt Ehrlichkeit nichts ohne Stärke des Charakters! Nun, Deine Geſundheit!“ Hier goß der Kapitän den noch übrigen Rum in ſein Glas und leerte es auf einen Zug, und während der arme Wilhelm mit einem zerlumpten blauen Ta⸗ ſchentuch ſeine Augen trocknete, klingelte er und fragte, welche Kutſchen nach B'“, einer Seeſtadt in einiger Entfernung, vorüberkommen würden. Als er erfuhr, daß um ſechs Uhr eine abgehen würde, ſo beſtellte der Kapitän das beſte Mittageſſen, welches die Speiſe⸗ kammer nur liefern könne, und zwar ſobald es fertig ſei, und als ſie dann allein waren, redete er ſo ſeinen Bruder an:„Nun gehſt Du in die Stadt zurück— hier ſind vier Guineen für Dich. Halte Dich ruhig ſprich mit keiner Seele— laſſe Dich nicht auf das Geſchäft ein, das iſt Alles, warum ich Dich bitte, und ich will Alles ausfindig machen, was nur zu ent⸗ decken iſt. Es iſt mir verdammt gus dem Wege, mich e die de in ge⸗ der hatte onie, „ich nter⸗ tzige, des gen? chkeit Deine 229 zu B' einzuſchiffen; doch es wird das Beſte ſein, wenn ich mich aus London entferne. Und ich will Dir etwas ſagen, wenn dieſe jungen Burſchen vavongelau⸗ fen ſind, ſo gibt es noch einen andern Vogel auf dem Buſch, der ſich vielleicht als ein Goldfink aus⸗ weiſen wird— ich meine den jungen Arthur Beau⸗ fort. Ich höre, er iſt ein wilder, verſchwenderiſcher Burſche, der nicht ohne viel Geld leben kann. Nun iſt es leicht, einen Mann von der Art zu erſchrecken, und der alte Lord wird ihm nicht zur Seite ſtehen.“ „Aber ich ſage Dir, daß ich nur für die Kinder meines armen Herrn beſorgt bin.“ „Ja, aber wenn ſie todt ſind, und man dadurch, daß man ſagt, ſie ſind am Leben, für ſein Alter ſorgen kann, ſo liegt kein Unrecht darin— he?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Wilhelm unentſchloſſen. „Aber gewiß iſt es hart, in meinem Alter ſo arm zu ſein, und ſo ehrlich und ſo arbeitſam, wie ich ge⸗ weſen bin.“ Und es lag ein Ausdruck des Neides in dem Blicke, den der hülfloſe Redliche auf das ſorgloſe Geſicht und die rüſtige Geſtalt des entſchloſſenen Schurken wärf. Drittes Kapitel. Mitis. Dieſer Maeilente, Signor, beginnt plötz⸗ lich geſelliger zu werden.— Punt. Signor, Ihr ſeid gehörig inſtruirt. Fa ſi. Wer! Ich, Herr? Ben Jonſon. Nachdem Philipp und Morton den größten Theil des Tages mit vergeblichen Nachforſchungen zugebracht hatten, kehrten ſie in das Haus des Letzteren zurück. 230 „Alles, was jetzt zu thun iſt, iſt dies,“ ſagte Phi⸗ lipp;„fürs Erſte geben Sie der Polizei der Stadt eine genaue Veſchreibung des Mannes, und zweitens laſſen wir eine Aufforderung in die Zeitung der Graf⸗ ſchaft und in einige londoner Blätter einrücken, daß, wenn die Perſon, die bei Ihnen geweſen, ſich die Mühe geben wolle, entweder perſönlich wieberzukom⸗ men oder zu ſchreiben, ſo könne er die gewünſchte Auskunft erhalten. Wenn das geſchieht, ſo muß ich Sie bitten, ihn an— ja, an Herrn von Vandemont zu verweiſen. Hier iſt die Adreſſe.“ „Alſo nicht an Sie?“ „Es iſt daſſelbe,“ verſetzte Philipp trocken.„Sie haben meinen Verdacht beſtätigt, daß die Beauforts etwas von meinem Bruder wiſſen. Was ſagten Sie von einem andern Freunde der Familie, der bei der Nachforſchung behülflich war?“ „O, es war ein gewiſſer Herr Spencer! ein alter Bekannter Ihrer Mutter.“ Hier lächelte Morton, doch da er zu dem Scherze nicht ermuthigt wurde, fuhr er fort:„Indeſſen, das gehört hier nicht zur Sache; er fand gewiß Ihren Bruder nicht auf, denn ich habe zu verſchiebenen Zeiten mehre Briefe von ihm erhalten, worin er fragt, ob ich keine Nachricht von Ihnen Beiden habe.“ Spencer hatte in der That Sorge getragen, die Mortons zu täuſchen, denn er fürchtete ihren Ein⸗ ſpruch nicht viel weniger als den der Beauforts. „Dann kann es von keinem Nutzen ſein, ſich an ihn zu wenden,“ ſagte Philipp nachläſſig, da er ſich m w be ſp dr 2. S— des Namens Spencer nicht erinnette und daher wenig Wichtigkeit auf ihn legte. „Gewiß nicht. Verlaſſen Sie ſich darauf, daß Herr Beaufort es weiß.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Philipp.„Und ich habe Ihnen nur für Ihre Güte zu danken und in die Stadt e Bleiben Sie doch heute bei uns— thun Sie es — und laſſen mich fühlen, daß wir Freunde ſind. Ich erſichere Ihnen, das Schickſal des armen Sidney hat mir die ganze Zeit, ſeit er uns verlaſſen, ſchwer auf dem Herzen gelegen. Sie ſollen das Bett haben, worin er ſchlief, und über welches ſich Ihre Mutter beugte, als ſie ihn und mich zum letztenmal verließ.“ Dieſe Worte wurden mit ſo viel Gefühl ausge⸗ ſprochen, daß der Abenteurer ſeines Oheims Hand drückte und ſagte:„Verzeihen Sie mir, ich that Ihnen Unrecht— ich will Ihr Gaſt ſein.“ Seltſam genug, Mrs. Morton zeigte keine üble Laune bei der Nachricht von der angebotenen Gaſt⸗ freundſchaft Miß Margaretha war während Philipp's Abweſenheit ſo beredt zu ſeinem Lobe geweſen, daß ſie ſich einem günſtigen Eindrucke hingab. Ihre Tochter hatte in der That eine Art von übergewicht über Mrs. Morton und das ganze Haus erlangt, ſeit ſie einen ſo vortrefflichen Antrag erhalten. Und über⸗ dies gleichen einige Leute den Hunden— ſie knur⸗ ren die Zerlumpten und wedeln die Wohlgekleideten an. Mrs. Morton hatte nichts gegen einen Neffen überhaupt, nur gegen einen armen Neffen einzuwen⸗ S c 232 den. Der Abend verging daher heiterer, als man hätte erwarten ſollen, obgleich Philipp einige Mühe hatte, die verſchiedenen Fragen abzupariren, die über ngenheit an ihn gerichtet wurden. Er be⸗ te ſich damit, ſo kurz als möglich zu ſagen, daß er in einem fremden Lande in Militärdienſten geweſen ſei und ſo viel erworhen habe, als zu ſeinem Aus⸗ kommen hinreiche, und dann lenkte er, mit der Ge⸗ wandtheit, die man ſich in der großen Welt aneignet, die Unterhaltung auf die Ausſichten der Familie, deren Gaſt er war. Nachdem er mit ſchuldiger Aufmerkſamkeit die Lo⸗ beserhebungen der Mrs. Morton auf ihren Sohn Tom angehört, den man hatte holen laſſen, und der die Lob ſungen ſeiner Artigkeit in ein Paar großer er⸗ röthender Ohren einſog— ferner ihre Selbſtglück⸗ wünſche zu Miß Margaretha's Verheirathung— ſo wie auch zu den Dienſten, die Morton der Stadt ge⸗ leiſtet, der, während er zum erſtenmal Mayor ge⸗ weſen, auf eigene Koſtel den Rathhausſaal hatte aus⸗ beſſern laſſen— ferner eine lange Chronik ihrer eigenen Genealogie, wie ſie einen Geißllichen zum Vetter habe und ihr Großvater zum Ritter geſchlagen worden ſei— ferner die häuslichen Tugenden aller ihrer Kinder— ferner eine undeutliche Erklärung der Züchtigung, die Sidney widerfahren, die Philipp in der Mitte unterbrach und lächelnd fragte, was aus withs geworden ſei.„O!“ ſagte Mrs. Morton, „mein Bruder hat das Geſchäft niedergelegt und ſeinem Schwiegerſohne, dem Herrn Plimmins, übergeßen.“ man Mühe über r be⸗ „daß weſen Aus⸗ Ge⸗ ignet, deren ie Lo⸗ Tom er die er er⸗ glück⸗ ſo zum lagen aller 233 „O, ſo hat Plimmins alſo eine von den jungen Damen geheirathet?“ „Ja, Johanna— fie ſchielte gar arg!— Tom, vabei iſt nichts zu lachen— wir find alle, wie uns Gott geſchaffen— ſchön iſt, wer ſchön handelt— ſie hat ſchon drei Kleine!“ „Schielen die auch?“ fragte Philipp; Miß Mar⸗ garetha kicherte, Tom lachte laut und die andern jun⸗ gen Männer lachten auch laut. Philipp hatte gewiß etwas ſehr Witziges geſagt. Diesmal theilte Mrs. Morton keinen Verweis aus, ſondern antwortete nachdenkend:„Die Natur iſt ſehr geheimnißvoll— ſie ſchielen alle!“ Morton führte Philipp in ſein Schlafzimmer. Da war es friſch, reinlich und unverändert— mit den⸗ ſelhen weißen Vorhängen, denſelben Geißblatttapeten, wie damals, als Katharina über die Schwelle ge⸗ ſchlichen war. „Hat Ihnen Sibney je geſagt, daß ihm ſeine Mutter in jener Nacht einen Ring um den Hals hing?“ fragte Morton. „Ja, und der liebe Knabe weinte, als er mir er⸗ zählte, daß er zu feſt geſchlafen, um zu merken, daß ſie an ſeiner Seite geſtanden— jenes letztemal. Der Ring— wie gut erinnere ich mich ſeiner!— ſie legte ihn bis dahin nie ab— und oft auf dem Felde— denn wir waren damals unſtäte Wanderer mit ein⸗ ander— oft, wenn ſein Kopf an meiner Schulter lag, fühlte ich, daß dieſer Ring ſtets an ſeinem Her⸗ zen war, und bildete mir ein, es ſei ein Talisman 234 — ein Segen. Nun— gute Nacht!“ Er machte die Thür hinter ſeinem Oheim zu und war allein. Viertes Kapitel. Der Mann des Rechts— Es wird'nen Rechtsſtreit zwiſchen ihnen geben. 5 Ben Jonſon. Als Philipp in London ankam, begab er ſich zu⸗ erſt in die Wohnung, die er noch daſelbſt hatte und wohin ſeine Briefe abreſſirt wurden, und unter ver⸗ ſchiedenen Mittheilungen aus Frankreich, voll von der Politik und den Hoffnungen der Karliſten, fand er auch folgendes Billet von Lord Lilburne: „Lieber Herr! „Als ich Sie vor einigen Tagen traf, ſagte ich Ihnen, daß ich vom Podagra bedroht werde. Der Feind hat jetzt das Feld wirklich in Beſitz genommen. Ich bin zu ſtrenger Diät und zu dem Sopha ver⸗ urtheilt. Aber da es mein Grundſatz im Leben iſt, die Leiden ſo leicht als möglich zu machen, ſo habe ich einige Freunde gebeten, ſich meiner zu erbarmen und mir zu helfen, dieſe tödtliche Langeweile zu ver⸗ treiben, indem ſie mir, wenn möglich, vier Honneurs zutheilen. Zu jeder Zeit zwiſchen neun und zwölf Uhr dieſen Abend oder morgen werden Sie mich zu Hauſe finden, und wenn Sie nicht beſſer beſchäftigt ſind, wie wäre es, wenn Sie heute mit mir— oder viel⸗ mehr mir gegenüber— zu Mittag ſpeisten und meine ſpartaniſche Suppe entſchuldigten? Außer zwei oder w dr S ur zu iſt an zu⸗ und er der — 235 drei Freunden, die vielleicht ni verſagt ſind, werden Sie meine rt, nebſt Gemahl Tochter, bei mir treffen; ſie kamen erſt dieſen gen in London an und ſind gütig genug, mich zu pflegen, wie ſie es nennen— när r Koch iſt krank geworden! Der J ſter, Mrs. Beauforts 1 ꝙ ich ui gehen. Da Er ſchickte raſch einige mich— ahm vie Einladung an, und da er einige Stunden übrig habe, ſo dazu anzuwenden, mit einem Re r die Mög⸗ lichkeit zu bere dli ugewin⸗ rz1 nen— eine“ g, die zw ar kühn war, aber die er ſich ſeit ſeiner Rückkehr ſeine Heimath und beſonders ſeit er von dem ſe B ſuch bei Roger Morton gehört, zu hegen geſtattete. dieſem Gedanken ging er aus, um ſich zuerſt mit Liancvurt zu beſprechen, der unter den Engländern eine große Bekanntſchaft hatte und daher am geeignetſten ie ihm bei der Wahl eines thätigen und zugleich re lichen Sachwalts zu kihn als er pl Herrn ſelber begegnete. „Dies trifft ſich glücklich, mein lieber Liancourt ich wollte eben in Ihre Wohnung.“ „Und ich wollte zu Ihnen, um zu hören, ob Sie bei Lord Lilburne ſpeiſen. Er ſagte mir, er habe h ötzlich dieſem 236 Sie eingeladen. Ich habe ihn eben verlaſſen. Und an dem Sopha des Mephiſtopheles war die Fſt Margaretha, die Sie je geſehen.“ „Ei— wer denn?“ „Er nannte ſie ſeine Nichte; aber ich möchte zwei⸗ feln, ob er dieſſeits des Styr eine ſo menſchliche Nichte hat.“ „Sie ſcheinen keine große Vorliebe für unſern Wirth zu haben.“ „Mein lieber Vaudemont, zwiſchen unſern biedern, kriegeriſchen Naturen und jenen liſtigen, eiſigen, höh⸗ niſchen Verſtandesmenſchen herrſcht die Antipathie eines Hundes gegen eine Katze.“ „Vielleicht auf unſerer Seite, doch nicht auf der ſeinigen— warum ſollte er uns ſonſt einladen?“ „London iſt leer, er kann ſonſt Niemand einladen. Wir find ihm neue Geſichter, neue Geiſter. Wir un⸗ terhalten ihn mehr, als die all täglichen Kameraden, deren er überdrüſſig geworden iſt. überdies ſpielt er — und Sie auch. Pfui über Sie!“ „Lianevurt, ich hatte einen zweifachen Zweck, die⸗ ſen Mann kennen zu lernen, und ich bezahle den Brückenzoll. Wenn mir an dem übergange nichts mehr liegt, zahle ich auch den Zoll nicht mehr.“ „Aber die Brücke tönnte eine Zugbrücke ſein und der Graben iſt verdammt tief. Ohne Metapher, der Mann kann Sie zu Grunde richten, ehe Sie wiſſen, wie Sie daran ſind.“ „Pah! ich habe meine Augen offen. Ich weiß, wie viel ich an den Schurken wenben kaun, deſſen rä Und nſie wei⸗ liche ſern ern, höh⸗ ines 237 Dienſt ich dinge, wie den eines Bedienten; und ich weiß auch, wo ich aufhören muß. Liancourt,“ fuhr er nach einer Pauſe im tiefen Tone unterdrückter Lei⸗ denſchaft fort,„als ich dieſen Mann zuerſt ſah, dachte ich ſein Herz in Anſpruch zu nehmen und zu rüh⸗ ren für ein Weſen, welches Rechte daran hat. Das war eine vergebliche Hoffnung. Und dann kam ein Gedanke, finſterer und tödtlicher— ein Plan des Rächers! Dieſer Lilburn— dieſer Schurke, den die Welt verehrt— hat mit Leib und Seele einen Mann h zu Grunde gerichtet, deſſen Namen die Welt mit Ver⸗ achtung brandmarkt! Nun, dieſen Mann wollte ich rächen. In ſeinem eigenen Hauſe— mitten unter Euch allen— wollte ich den Gauner entlarven und den Betrüger brandmarken.“ „Sie machen mich ſtaunen!— freilich hat man ſchon geflüſtert, daß Lord Lilburne gefährlich ſei— aber ſchon Geſchicklichkeit iſt gefährlich. Betrügen! — ein engliſcher Edelmann von Rang und Bildung! — unmöglich!“ „Ob er es nun thut oder nicht,“ entgegnete Vau⸗ demont in ruhigerem Tone,„ich hahe der Rache ent⸗ ſagt, denn er iſt—“ „Was?“ „Einerlei,“ ſagte Vaudemont laut; aber bei ſich ſelber ſetzte er hinzn:„denn er iſt Fanny's Groß⸗ vater!“ „Sie ſind heute ſehr räthſelhaft.“ „Geduld, Lianevurt; vielleicht löſe ich noch alle die Räthſel, die mein Leben bilden. Haben Sie nur 238 noch ein wenig Geduld. Und nun, können Sie mir M zu einem Sachwalt verhelf en— zu einem Manne von„ Erfahrung, aber jung, thätig und nicht zu ſehr mit en überladen? Ich bedarf ſeines Eifers und reine Möglichkeit, 3 den großen Advokaten, bei ihrer überhäuften Praris, kaum 3 ihrer Aufmerkſamkeit und Bemühung werth erſchei⸗ nen möchte.“ „Da kann ich Ihnen gerade einen Mann empfeh⸗ len, wie Sie ihn wünſchen. Ich hatte vor einigen Jahren einen Pro in Paris, wozu engliſche Zeu⸗ die gen nöthig waren. dein Advokat wendete ſich hier hat an einen Sachwalt, der durch ſeine Thätigkeit in Her⸗ beiſchaffung de er r Beweis nittel meine Sache gewann. Ich ohr will für ſeinen S und ſeine Redlichkeit einſtehen.“ „Seine Ad* ſſe? „Barl ndwo am trand— laſſen Sie mich ſehen— er— ja, Eſſer⸗Street.“ „Dann leben Sie wohl für jetzt.— Sie ſpei⸗ ſen auch hei Lord Lilburne?“ „Ja. Leben Sie wohl bis dahin.“ Vaudemont kam bald bei Barlow's Hauſe an; ein meſſingnes Schild zeigte ihm das Haus. Er wuite ſogleich in ein Zimmer geführt, wo er einen Mann ſah, den Abvokuten jung, und alte Jungfern von mittlerm Alter nennen würden, nämlich zweiundvier⸗ zig, mit einem kühnen, entſchloſſenen, verſtändigen Geſicht und einem feſten, ruhigen und verſchlagenen Auge, welches zugleich Vertranen und Achtung ein⸗ flößt. Vandemont beobachtete ihn mit dem Blick eines der gewohnt if ein Gelehrte theilen, vhne auch wirk bemerkte er, wie Zuhörers feſſelte, erwärmt und endete d der Warnung, zu heobachten, er er d mit d das tief wenn kei 46 wiſſe innere Mrs. dunkel des Beaufort“— un er auf das Wort legte, pliment, welches er der zählung hätte beilegen war elch Wahrh ch können. daß die Sache von ihrem Abrokaten und einige von den können von Ihnen angeſtellten Prozeſſe verbeſſern. de thöricht ſein, Ihnen die großen Schwierigkei⸗ wurde, läſſige Weiſe betrieben Fehlern, die derſelbe begangen, wür ten verbergen zu wollen, uns be Mutter Prr der ihre eigenen R geltend machen ſollte, war weit gie die einer aus ſte zu bei betrih mit ſo begaun nach aber igen über vor⸗ ne 0 den angenehmſte Com vo n Philipp' 8 „Meine Anſicht i auf ſehr aih. in dem Doch es wir vorſtehen— Ihrer echte beweiſen und leichter und günſti⸗ 240 ger als verjenige, der jetzt beginnen muß, nämlich eine Klage auf Erſatz, geen einen Mann, der eine Reihe von Jahren im ungeſtörten Brſitze war. Na⸗ türlich wäre es Wahnſinn, ſo lange nicht der fehlende Zeuge aufgefunden iſt, den Prozeß anzufangen. Und dann wird die Frage ſein, wie weit jener Zeuge genügt? Freilich wird ein einziger Zeuge einer Trauung, wenn die andern todt ſind, vom Geſetz als genügend betrachtet, doch ich darf nicht erſt hinzufügen, daß vieſer Zeuge durchaus glaubwürdig ſein muß. Bei Prozeſſen um wirkliches Eigenthum, werden ſehr we⸗ nig doeumentariſche oder ſeeundäre Zeugniſſe zuge⸗ laſſen. Ich zweifle ſogar, ob der Trauungsſchein, worauf Sie, da das Trauungsregiſter verloren gegan⸗ gen oder vernichtet iſt, ſo großes Gewicht legen, an und für ſich ſchon von Bebeutung wäre. Aber wenn es eine beglaubigte Abſchrift iſt, ſo hat dieſelbe die äußerſte Wichtigkeit, denn dann wird es uns den Na⸗ men der Perſon nennen, welche den Auszug machte und beglaubigte. Gebe der Himmel, daß es nicht derſelbe Geiſtliche ſei, der die Trauung vollzogen hat, und, wie Sie ſagen, todt iſt; wäre es ein anderer, ſo hätten wir dann einen zweiten, ohne Zweifel glaub⸗ würdigen und höchſt ſchätzbaren Zeugen. Das Docu⸗ ment würde ſo als Beweis werthvoll, und ich glauhe, es würde uns dann nicht fehlen, unſere Sache durch⸗ zuführen.“ „Aber dieſer Trauungsſchein, wie ſollte man ihn je finden? Ich habe geſagt, vaß wir vergebens Alles durchſucht haben.“. bil die 1 dor rüc gel der gri gen ſag 4 ämlich r eine hlende . Und Zeuge auung, nügend „ daß Bei hr we⸗ zuge⸗ sſchein, gegan⸗ en, an wenn be die en Na⸗ machte es nicht en hat, inderer, glaub⸗ Doeu⸗ glaube, e durch⸗ nan ihn ns Alles 241 „Wahr; aber Sie erwähnen, Ihre Mutter habe immer geſagt, der verſtorbene Herr Beaufort habe ſie ſo feierlich noch kurz vor ſeinem Tode verſichert, daß er vorhanden ſei, und ich habe deßhalb keinen Zweifel. Es wäre möglich, aber es iſt eine entſetz⸗ liche Vermuthung, daß, wenn Herr Robert Beaufort, bei Unterſuchung der Papiere des Verſtorbenen, ein für ihn ſo wichtiges Document fand, es wegnahm oder vernichtete. Wenn dies nicht ſollte geſchehen ſein— und Herrn Robert Beaufort's moraliſcher Ruf iſt makellos und wir hahen kein Recht zu der Ver⸗ muthung— ſo iſt es entweder wahrſcheinlich, daß der Schein einer dritten Perſon anvertraut wurde, oder daß er in irgend einer verborgenen Schub⸗ lade verwahrt wurde, was Ihr Vater Niemanden ſagte. Wer hat das Haus gekauft, worin Sie wohnten?“ „Fernſide? Lord Lilburne, Mrs. Robert Beau⸗ fort's Bruder.“ „Hm!— wahrſcheinlich erſtand er auch das Mo⸗ biliar und Alles. Mein Herr, das iſt eine Sache, die einige Zeit zut genauen Ueberlegung erfordert. Mit Ihrer Erlaubniß will ich nicht nur in die lon⸗ doner Zeitungen eine Aufforderung des Inhalts ein⸗ rücken laſſen, wie Sie Herrn Roger Morton ange⸗ geben— für den Fall, daß Ihre Vermuthung wegen der Abſicht des Mannes, der ſich an ihn wendete, ge⸗ gründet ſein ſollte— ſondern ich will auch den Zeu⸗ gen ſelbſt mit Namen auffordern. Wilhelm Smith, ſagen Sie, iſt ſein Name. Ließ der Advokat, deſſen Bulwet, Nacht u. Morgen. 1l. 16 242 ſich Mrs. Beaufort bediente, in der Kolonie nach ihm fragen?“ „Nein; ich fürchte, die Zeit war dazu zu kurz. Meine Mutter war ſo ängſtlich und heftig und ſo überzeugt von der Gerechtigkeit ihrer Sache—“ „Das iſt Schade: ihr Sachwalt muß ein trauri⸗ ger Pfuſcher geweſen ſein“ „Jetzt erinnere ich mich auch, vaß man bei ſei⸗ nen Verwandten in England nachfraßte. Sein Va⸗ ter, ein Landmann, lebte damals noch; die Antwort war, daß er gewiß Auſtralien verlaſſen habe. Sein letzter Brief, zwei Jahre vor jener Zeit geſchrieben, eine Bitte um Geld enthaltend, welches ihm der Va⸗ ter, der ſelber durch Unglücksfülle zurückgekommen war, nicht ſchicken konnte, hatte gemeldet, er ſei im Begriff, ſein Glück anderzwo zu ſuchen— ſeitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.“ „Hm! Nun, Sie werden mir vielleicht mitthei⸗ len, wo einige Verwandte von ihm zu finden find, und ich will den früheren Prozeß durchgehen und ſo⸗ gleich die Sache beginnen. Inzwiſchen thun Sie wohl mein Herr— erlauben Sie mir, es zu ſagen— wenn Sie weder ſich ſelbſt noch Ihre Abſichten zu erkennen geben. Es iſt nicht nöthig, den Verdacht rege zu machen. Und mein Suchen nach dem Trauungs⸗ ſchein muß mit der größten Vorſicht geſchehen. Aber beiläufig geſagt— da wir vom wahren Namen re⸗ den— ich hoffe, es wird keine Schwierigkeit haben, zu beweiſen, daß Sie dieſelbe Perſon ſind?“ Philipp ſtutzte.„Nun, ich bin ſehr verändert.“ „— 7.5 — nach kurz. ind ſo 4 trauri⸗ ei ſei⸗ in Va⸗ twort Sein hrieben, der Va⸗ kommen r ſei im ſeitdem mitthei⸗ en ſind, und ſo⸗ ie wohl agen— ſichten zu Verdacht rauungs⸗ ennAber amen re⸗ eit haben, 2 erändert.“ 243 „Aber vermuthlich trägt zu dieſer Veränderung Ihr Bart und Schnurrbart viel bei, und ohne Zweifel ſind in dem Dorfe, wo Sie gewohnt, Viele, mit denen Sie bekannt genug wären, und deren Gedächtniß, wenn Sie ſie an kleine Ereigniſſe und Anekdoten erinnerten, womit außer Ihnen Niemand bekannt ſein kann, durch den Anblick Ihrer Züge würde geweckt werden; zu⸗ gleich mit der moraliſchen überzeugung, daß der Mann, der mit ihnen rede, kein Anderer ſein könnte, als Phi⸗ lipp Morton— oder vielmehr Philipp Beaufort.“ „Sie haben Recht; deren muß es Viele geben. Es gab keine Hütte im Ort, wo ich und meine Hunde nicht bekannt und einheimiſch waren.“ „So weit iſt alſo Alles recht. Aber, ich wieder⸗ hole, wir dürfen nicht zu voreilig ſein. Das Geſetz iſt nicht Gerechtigkeit—“ „Aber Gott iſt gerecht,“ ſagte Philipp und verließ das Zimmer. Fünftes Kapitel. Valpone. Ein Weniges im Düſter, nicht im Kummer; Niemals— doch ſiets ich ſelber. PBeregrine. Bin ich genug verkleidet? ⸗ Mer. Ja, gewiß. Per. Gott ſchütz' Euch, ſchöne Dame. Ben Jonſon. Es iſt ein böſer Wind, der Niemanden wohlthut. Der böſe Wind, der dem Lord Lilburne das Podagra zugeweht, hatte ihn von der Vegehung des beabſich⸗ tigten Unrechts gegen den Gegenſtand ſeiner Veigung, 244 wie er ſich ausdrückte, abgebracht. Wie vollkommen Lord Lilburne's Gefühle von ſeinem Geſundheitszu⸗ ſtande abhingen, kann man aus der Antwort ſehen, die er ſeinem Kammerdiener gab, als am Morgen nach dem erſten Anfall der Gicht dieſer würdige Mann zur Aufheiterung ſeines Herrn ihm den Vorſchlag machte, ſich nach einer Perſon zu erkundigen, in die Lord Lil⸗ burne heftig verliebt zu ſein vorgab.„Zum Henker mit Dir, Dykeman!“ rief der Kranke,„was ſchwatzeſt Du mir von Weibern vor, wenn ich in dieſem Zu⸗ ſtande bin? Mir iſt es gleich, und wenn ſie alle am Grunde des Meeres lägen! Gib mir das Colchicum; ich muß meinen Geiſt ruhig erhalten.“ Wenn Lord Lilburne erträglich wohl war, ſo küm⸗ merte er ſich wenig um ſeine Geſundheit; ſowie er aber krank war, widmete er derſelben die größte Auf⸗ merkſamkeit. Wenn gleich ein Mann von feſten Nerven, in ſeiner Jugend von ausgezeichneter Keckheit und noch immer, obgleich nicht mehr tollkühn, ein Mann von hinlänglichem perſönlichem Muth, liebte er durchaus nicht den Gedanken an den Tod— das heißt an ſeinen eigenen Tod Nicht, als hätten ihn religiöſe Befürch⸗ tungen wegen des furchtbaren Unbekannten gequält, ſondern nur darum, weil dasjenige Leben, von dem er allein eine erfahrungsmäßige Kenntniß hatte, ihm ganz vorzüglich angenehm erſchien. Er hatte eine Art inſtinktmäßiger überzeugung, daß es dem Lord John Lilburne nirgend anders beſſer ergehen werde. Stets der Einſamkeit abgeneigt, haßte er ſie noch mehr als ſonſt, wenn er krank war, und er hieß daher den Beſuch —.—— . k mmen eitszu⸗ ſchen, nnach nn zur nachte, rd Lil⸗ Henker watzeſt n Zu⸗ lle am im küm⸗ wie er eAuf⸗ eren, d noch n von rchaus ſeinen efürch⸗ equält, n dem , ihm ne Art John ets der ſonſt, Beſuch 245 ſeiner Schweſter und die zarte Hand ſeiner Nichte willkommen. Beaufort dagegen war dem Kranken lang⸗ weilig und läſtig, und als dieſer bei ſeiner Ankunft, Frau und Tochter ausſchließend, Lilburne zuflüſterte: „Keine weiteren Nachrichten von dem Betrüger?“ ant⸗ wortete Lilburne mürriſch:„Ich rede nie von Ge⸗ ſchäften, wenn ich an der Gicht leide! Ich habe Sharp aufgetragen, ein wachſames Auge auf ihn zu haben; aber er hat bisher noch nichts von ihm erfahren Und jetzt geh in Deinen Club. Du biſt ein würdiger Mann, aber in dieſem Augenblick zu feierlich für meine Lanne. Es kommen einige Herren zum Mittageſſen zu mir, Deine Frau wird die Honneurs machen— und Du kannſt auf den Abend kommen.“ Obgleich Robert Beaufort's Gefühl von ſeiner eigenen Wichtigkeit durch dieſen unceremoniöſen Ab⸗ ſchied verletzt wurde, erzwang er doch ein Lächeln und ſagte:„Nun, es iſt kein Wunder, wenn Du ein wenig wunderlich biſt beim Podagra. Ich habe genug in der Stadt zu thun, und Mrs. Beaufort und Camilla können nach Hauſe fahren, ohne auf mich zu warten.“ „Dein Koch iſt ja krank, und da ſie nicht im Club ſpeiſen können, ſo kannſt Du ſie eben ſo gut hier laſſen, bis ich ein wenig beſſer bin; nicht, als läge mir etwas daran, denn ich kann eine beſſere Wär⸗ terin dingen als Beide ſind.“ „Mein lieber Lilburne, ſprich doch nicht davon, Wärterinnen zu dingen; es macht mich in der That nur zu glücklich, wenn ſie Dir einige Erleichterung verſchaffen können.“ „Nein! wenn ich es genauer überlege, Du kannſt Deine Fran wieder mitnehmen, ſie ſchwatzt immer von ihren eigenen Leiden, und mir Camilla laſſen; Du wirſt ſie auf ein paar Tage nicht ſehr vermiſſen.“ „Wie Du willſt. Und Du meinſt wirklich, ich habe die Sache mit dem jungen Manne ſo gut ich konnte eingeleitet— he?“ „Ja— ja! Und Du gehſt alſo in wenigen Tagen nach Beaufort Court?“ „Ich beabſichtige es. Ich wünſchte, Du wäreſt wohl genug, uns zu begleiten.“ „Hm! Chambers ſagt, es wäre eine ſehr zuträg⸗ liche Luft für mich— beſſer als Fernſide, und was mein Schloß im Norden betrifft, ſo ginge ich lieber nach Sibirien. Gut, wenn ich beſſer werde, will ich Euch einen Beſuch abſtatten, nur haſt Du immer einen ſolchen ſtupiden Schwarm von reſpektablen Leuten um Dich. Ich erſchrecke ſie und ſie erdrücken mich!“ „Nun, da ich Arthur bald zu ſehen hoffe, ſo werde ich es ihm ſo angenehm als möglich machen und Dir ſehr verbunden ſein, wenn Du einige von Deinen Freunden einladen wollteſt.“ „Nun, Du biſt ein guter Kerl, Beaufort, und ich will Dich beim Wort nehmen, und da ein Dienſt des andern werth iſt, ſo trage ich kein Bedenken, Dir zu erklären, daß Du nach meiner feſten überzeugung keine weitere Beläſtigung von dieſem Zeugen zu er⸗ warten haſt.“ „In dem Falle,“ ſagte Beaufort,„kann ich viel⸗ annſt r von Du ℳ hae onnte Tagen wohl träg⸗ was lieber ill ich einen nm ℳ werde id Dir deinen „ und Dienſt Pit ugung zu er⸗ viel⸗ 27 leicht eine beſſere Partie für Camilla auffinden! Lebe wohl, lieber Lilburne!“ „Form und Ceremonie der Welt!“ murrte der Pair, als die Thür ſich hinter ſeinem Schwager ſchloß, „ihr macht kleine Menſchen ſehr moraliſch, doch darum nicht im geringſten beſſer!“ Vaudemont kam an dieſem Tage zufällig früher als alle anderen Gäſte, und während der halben Stunde, die Doktor Chambers ſeinem vornehmen Patienten wid⸗ mete, ſo daß, als er eintrat, nur Mrs. Beaufort und Camilla im Geſellſchaf ner waren. Vaudemont trat unwillkürlich zurück, als er in dem verwelkten Geſichte der älteren Dame Züge er⸗ kannte, die mit einem der dunkelſten Punkte ſeines früheren Lebens in Verbindung ſtanden; aber das an⸗ muthige Lächeln der Mrs. Beaufort, ihr freundlicher⸗ obgleich etwas matter Willkommen verſicherte ihm, daß das Erkennen nicht beiderſeitig war. Er näherte ſich ihr und blieb dann wieder ſtehen, als ſein Auge auf die ſchöne und noch immer kindliche Geſtalt fiel, die einſt neben ihm gekniet und mit dem Waiſen um die Zurückgabe ſeines Bruders gebeten hatte. Während er mit ihr ſprach, durchbebten mancherlei Erinnerungen, manche trübe und herbe— aber die auf Camilla be⸗ züglichen ſanft und heiter— ſein Herz. So ſehr ihre eigenen Gevanken und Gefühle nothwendig mit Sidney beſchäftigt waren— lag doch etwas in Vaudemont's Erſcheinen, in ſeinem Weſen, ſeiner Stimme, was in Camilla ein ſeltſames, unerklärliches Intereſſe erregte, und ſelbſt Mrs. Beaufort wurde aus ihrer gewohnten Gefühlloſigkeit erweckt, als ſie bieſes dunkle und ge⸗ bieteriſche Geſicht mit einer Miſchung von Bewunde⸗ rung und Furcht betrachtete. Vaudemont hatte indeß kaum zehn Worte geſprochen, als andere Gäſte ge⸗ meldet wurden, und bald darauf rollte man Lord Lil⸗ burne auf ſeinem Sopha herein. Vaudemont blieb indeß neben Camilla ſitzen und die Verlegenheit ver⸗ ſchwand, die er anfangs empfunden. Er beſaß, wenn er wollte, jene Art von Beredſamkeit, die Männern eigen iſt, die viel geſehen und tief gefühlt haben, und deren Geſpräch nicht zu dem alltäglichen Tone der Welt zerrieben iſt. Selbſt ſeine Ausdrücke waren ſcharf und eigenthümlich, und er befaß jenen ſeltenſten aller Reize im feinen Leben, Originalität des Gedankens und Benehmens. Camilla erröthete, als er ſich bei der Tafel zu ihr ſetzte. Vaudemont nahm dieſen Abend keinen Antheil am Spiel, aber der Tiſch wurde auch ohne ihn leicht beſetzt, und er unterhielt ſich fortwäh⸗ rend mit der Tochter des Mannes, den er als ſeinen ärgſten Feind anſah. Allmählig gab er dem Geſpräche eine Richtung, die ihn zu der gewünſchten Auskunft führen konnte. „Es war mein Schickſal,“ ſagte er,„einſt mit einem vertrauten Freunde des verſtorbenen Herrn Beau⸗ fort bekannt zu werden. Werden Sie mir verzeihen, wenn ich wage, ein Verſprechen zu erfüllen, welches ich ihm gab, und Sie um Auskunft bitte, was aus einem— einem— das heißt, aus Sidney Morton geworden iſt?“ „Sidney Morton! Ich erinnere mich nicht einmal — ge⸗ nde⸗ einen räche kunft mit eau⸗ ihen, lches aus rton nmal des Namens. O ja! ich habe ihn doch gehort,“ ſetzte Camilla unſchuldig und mit einer Offenheit hinzu, die zeigte, wie wenig ſie von den Geheimniſſen der Familie wußte;„es war einer von den beiden armen Knaben, an welchen mein Bruder ſo lebhaften Antheil nahm— Verwandte meines Oheims. Ja— ja! Jetzt erinnere ich mich. Ich kenne Sidney nicht, aber ſeinen Bruder ſah ich einſt.“ „Wirklich! Und Sie erinnern ſich—“ „Ja, ich war damals noch ſehr jung. Ich beſinne mich kaum, was vorging; es war Alles ſo verwirrt und ſeltſam; aber ich weiß, daß ich Papa ſehr zornig machte und man mir verbot, je wieder den Namen Morton zu nennen. Ich glaube, ſie betrugen ſich ſehr ſchlecht gegen Papa.“ „Und Sie erfuhren nie— nie— das Schickſal von einem derſelben— von Sidney?“ „Nie!“ „Aber Ihr Vater muß es wiſſen?“ „Ich denke nicht; aber ſagen Sie mir doch,“ ſagte Catilla mit mädchenhafter unverſtellter Unſchuld, „ich bin immer ſo begierig geweſen, es zu erfahren, wer und was waren dieſe armen Knaben?“ Wer und was waren ſie? So ſchwarz war alſo der auf ihrem Namen haftende Makel, daß die ſitt⸗ ſame Mutter und der auf Anſtand haltende Vater nie dieſem Mädchen geſagt hatten:„Es ſind Deine Vettern— die Kinder des Mannes, in deſſen Gold wir ſchwelgen!“ Philipp biß ſich in die Lippen, und der Zauber 250 von Camilla's Gegenwart ſchien verſchwunden zu ſein. Er murmelte eine unverſtändliche Antwort, wendete ſich zu dem Spieltiſche und Liancourt nahm den leeren Stuhl ein. „Und wie gefällt Ihnen mein Freund Vaudemont, Miß Beaufort? Ich kann Ihnen verſichern, ich habe ihn ſelten ſo empfänglich für den Zauber weiblicher Schönheit geſehen.“ „O!“ ſagte Camilla mit ihrem filberhellen Lachen, „Ihre Nation verwöhnt uns unſern Landsleuten ge⸗ genüber. Sie vergeſſen, wie wenig wir an Schmei⸗ chelei gewöhnt ſind.“ „Schmeichelei! Welche Wahrheit vermöchte zu ſchmeicheln auf den Lippen eines Verbannten? Aber Sie beantworten meine Frage nicht— was halten Sie von Vaudemont? Wenige werden mehr bewundert. Er iſt ſchön!“ „Iſt er's?“ ſagte Camilla und warf einen Blick auf Vaudemont, der gedankenvoll und zerſtreut in einiger Entfernung ſtand. Jedes Mädchen bildet ſich einen unausgeſprochenen Traum von dem, was ſie für das Schönſte hält. Und Vandemont beſaß nicht die zarte, fehlerloſe Schönheit Sidney's. In ſeinen ausdrucksvollen Zügen und ſeiner gebieteriſchen Ge⸗ ſtalt war nichts, was ihrem Ideal entſprach! Aber ſie geſtand ſich mit Widerſtreben, daß ſie unter den geputzten, eleganten Herren des Alltagslebens ſelten eine ſo auffallende und anſprechende Geſtalt geſehen habe. Seine Haltung war die eines beſtimmten Be⸗ rufs— der flüchtigſte Blick entdeckte in ihm den Sol⸗ r den ſelten eſehen n Be⸗ Sol⸗ 251 daten. Aber er ſchien der Krieger einer früheren Zeit oder aus einem wilderen Klima zu ſein. Er erinnerte ſie an jene Köpfe, die ſie in der Familien⸗ gallerie und andern noch berühmteren Sammlungen geſehen— an Titians Portraits von jenen kriegeri⸗ ſchen Staatsmännern, die in den alten Republiken Italiens in beſtändigem Kampfe mit ihrem Geſchlecht lebten— an die Bilder finſterer, entſchloſſener, ernſter Männer. Selbſt was in ſeinem Geſichte Geiſtiges lag, verrieth, wie bei jenen Bildern, einen Geiſt, der mehr durch das thätige Leben als durch Studien geſchärft war; denn keine blaſſe Farbe, keine abge⸗ mattete Erſchöpfung, und keine hohle Wange verrieth die Intelligenz des Vüchermannes und Träumers, ſondern in der ſtrengen Ruhe, in der ſtillen Tiefe, die unter dem Feuer der Augen lag, zeigte ſich ſein Geiſt, und der ſtarke Wille in den geſchloſſenen, vollen Lippen und der hohen aber nicht wolkenfreien Stirn. Und als ſie auf ihn blickte, wendete ſich Vaude⸗ mont um— ihr Auge ſenkte ſich vor ſeinem Blicke und ſie ärgerte ſich über ſich ſelbſt, daß ſie erröthete. Vaudemont ſah das niedergeſchlagene Auge, ſah das Erröthen, und der Zauber von Camilla's Erſcheinung war wieder hergeſtellt. Er wollke ſich ihr nähern, aber in dieſem Augenblick trat Beaufort ſelber ein und ſeine Gedanken nahmen wieder eine finſtere Richtung. „Ja,“ ſagte Liancvurt,„Sie müſſen geſtehen, Vaudemont erſcheint auch, was er iſt— als ein ebler 252 Mann und tapferer Soldat. Hörten Sie nie von ſeinem Kampfe mit der Tigerin? Er machte Auf⸗ ſehen in Indien. Ich muß Ihnen die Geſchichte er⸗ zählen, wie ich ſie gehört habe.“ und während Liancourt das erwähnte Abenteuer, welches es auch ſein mochte, erzählte, war das Spiel beendet und Lord Lilburne, noch immer auf ſeinem Sopha ruhend, ſtellte ſeinen Schwager denjenigen von ſeinen Gäſten vor, die ihm noch fremd waren, und unter dieſen auch Vaudemont. Beaufort hatte Philipp Morton nie mehr als dreimal geſehen; ein⸗ mal zu Fernſide und die andern beiden Male bei unvollkommener Beleuchtung, wo ſein Geſicht von Leidenſchaft verzerrt und ſeine Geſtalt durch ſeine Kleidung entſtellt war. Und hätte auch Robert Beau⸗ fort jenes Gedächtniß beſeſſen, welches man Königen und Fürſten beilegt, und vermöge deſſen man ſich jedes einmal geſehenen Geſichtes erinnert, ſo hätte ihm doch vieſe Gabe im höchſten Grade eigen ſein müſſen, um in dem gebräunten, mit Orden geſchmück⸗ ten Ausländer, dem er jetzt vorgeſtellt wurde, die Züge des wilden, längſt verlorenen Knaben zu ent⸗ decken. Dennoch war ein unbeſtimmtes, ahnungs⸗ volles Vorgefühl, oder ein ringendes, unangenehmes Beſtrehen der Erinnernng in ſeiner Seele, als er mit Vaudemont ſprach und dem kalten, ruhigen Tone ſeiner Antwort horchte. „Wer, ſagſt Du, daß dieſer Franzoſe ſei?“ flü⸗ ſterte er ſeinem Schwager zu, als Vaudemont ſich von ihm entfernte. von Auf⸗ eer⸗ euer, Spiel inem tigen aren, hatte ein⸗ e bei von ſeine zeau⸗ nigen ſich hätte ſein mück⸗ „ die ent⸗ ungs⸗ hmes ls er Tone 6 flü⸗ h von 253 „O, ein gewandter Abenteurer— ein feiner Mann— er ſpielt Whiſt— er hat viel von der Welt geſehen— er unterhält mich ſehr— ganz verſchieden von anderen Leuten. Ich denke ihn auch nach Beau⸗ fort⸗Court einzuladen.“ Beaufort huſtete trocken, da er aber keinen ver⸗ nünftigen Einwurf dagegen zu machen hatte, und die ſchlummernde Hyäne von Lord Lilburne's Sar⸗ kasmus nicht wecken wollte, ſo ſagte er nur:„Wie Du willſt.“ Und indem er ſich nach Jemand umſah, an dem er ſeinen Unmuth auslaſſen konnte, bemerkte er Camilla, die noch Liancourt's Erzählung zuhörte. Er ſchritt auf ſie zu, und als Lianevurt, wie er ſie aufſtehen ſah, auch aufſtand ind ſich entfernte, ſagte er ärgerlich:„Du lernſt doch nie, Dich ſchicklich zu betragen; Du ſollſt hier bleiben, um Deinen Oheim zu pflegen und aufzuheitern, und nicht, um dem Geplauder jedes franzöſiſchen Abenteurers zuzuhören. Nun, der Himmel ſei gelobt, daß ich einen Sohn habe!— Mädchen ſind eine große Plage!“ „Das ſind ſie, Beaufort,“ ſeufzte ſeine Frau, die eben zu ihm gekommen und eiferſüchtig war, daß Liancourt ihrer Tochter den Vorzug vor ihr gegeben. „Und ſo ſelbſtſüchtig,“ ſetzte ſie hinzu;„ſie kümmern ſich nur um ihre Unterhaltung und kümmern ſich nicht darum, wie viel ihren Eltern fehlt, wenn ſir ſie entbehren müſſen.“ „O, liebe Mama, reben Sie nicht ſo— laſſen Sie mich mit Ihnen nach Hauſe gehen— ich will mit meinem Oheim reden!“ 254 „Unſinn, Kind!— Komm, Beaufort!“ Und die zärtlichen Eltern entfernten ſich Arm in Arm. Sie bemerkten nicht, daß Vaubemont dicht hinter ihnen ſtand; aber Camilla, die jetzt mit thränevollen Augen aufblickte, begegnete wieder ſeinem Blicke: er hatte Alles gehört. „Und ſie mißhandeln ſie,“ murmelte er;„das unterſcheidet ſie von ihnen!— Sie bleibt hier — ich werde ſie wieverſehen.“ Als er gehen wollte, winkte ihm Lilburne.„Sie wollen doch unſern Tiſch nicht verlaſſen?“ „Nein; aber ich bin dieſen Abend nicht ganz wohl— morgen, wenn Sie es mir erlauben.“ „Ja, morgen; und wenn Sie Vormittags eine Stunde übrig haben, ſo wird es eine Barmherzig⸗ keit ſein. Sie ſehen,“ fuhr er leiſe fort,„ich habe eine Wärterin, wenn gleich keine Kinder. Meinen Sie, das ſei Liebe? Pah! mein Herr— ein Ver⸗ mächtniß! Gute Nacht!“ „Nein— nein— nein!“ ſagte Vaudemont bei ſich ſelber, als er durch die mondhellen Straßen ging, „nein, obgleich mein Herz glüht— armer, ermor⸗ deter Verbrecher!— das Dir widerfahrene Unrecht und Deine Verbrechen zu rächen, ſo kann doch von mir die Rache nicht ausgehen— er iſt Fanny's Groß⸗ vater und Camilla's Oheim!“ Und als der Oheim Camilla für die Nacht ent⸗ laſſen hatte, ſetzte ſie ſich gedankenvoll in ihrem Zimmer nieder. Vaudemont's dunkle Augen ſchienen ihr noch zu leuchten; ſeine Stimme klang noch in na tet als Zit kele Fet kla die Sie nen gen atte das hier Sie zanz eine zig⸗ habe iren Ver⸗ bei ing, nor⸗ recht von rvß⸗ ent⸗ rem enen in ihrem Ohr; die wilden Erzählungen von Kühnheit und Gefahr, mit welchen Liancourt ſeinen Namen in Verbindung geſetzt, ſchwebten noch vor ihrer auf⸗ geregten Phantaſie— ſie fuhr auf, über ihre eigenen Gedanken erſchrocken. Sie nahm aus ihrem Buſen einige Zeilm, die Sidney an ſie gerichtet, und als ſie dieſelben las und wieder las, wurde ihr Geiſt wieder ruhig und nahm ſeine gewohnte getrene Me⸗ lancholie wieder an. Vaudemont war vergeſſen und Spencer's Name ſchwebte noch auf ihren Lippen, als der Schlaf kam, das Bild des Abweſenden wieder aufzufriſchen und ihr im Traume das Feenland einer glücklichen Zukunft vor die Augen ihres Geiſtes zu ſtellen. Sechstes Kapitel. Tönt ihr Eocen— lieblich iſt eu'r Läuten. O Feenkind! waß wün ſce ich für für 5 *Wilſon, Palmeninſel. Vaudemont blieb ſechs Tage in London, ohne nach H' zu gehen, und an jedem dieſer Tage ſtat⸗ tete er Lord Lilburne einen Beſuch ab. Am ſtebenten, als der Kranke viel beſſer war, doch ohne noch ſein Zimmer verlaſſen zu können, kehrte Camilla nach Ver⸗ keley⸗Square zurück. An demſelben Tage beſuchte Vaudemont Simon und die arme Fanny wieder. Als er ſich der Thür näherte, hörte er durch das Fenſter, welches halb geöffnet war, denn es war klares und ſchönes Wetter, Fanny's liebliche Stimme. 256 Sie ſang eines von ven einfachen Liedern, die ſie aus⸗ wendig zu lernen verſprochen; und Vaudemont, ob⸗ gleich kein beſonderer Kunſtkenner, wurde von der Muſik, von der Stimme und der Innigkeit des Ge⸗ fühls ergriffen. Er blieb vor dem Fenſter ſtehen und rief ihren Namen. Fanny ſah freudig heraus und lief dann, wie gewöhnlich, ihm die Thür zu öffnen. „O! Du biſt ſo lange fort geweſen; aber ich weiß ſo viele von den Liedern; ſie ſagen ſo viel, was ich ſchon immer ausſprechen wollte!“ Vaudemont lächelte matt. „Wie ſeltſam iſt es,“ ſagte Fanny ſinnend,„daß ſo viel in einem Stück Papier ſein kann! denn am Ende iſt dies“— ſie deutete auf das offene Buch— „nur ein Stück Papier— nur daß Leben darin iſt!“ „Ja,“ ſagte Vaudemont finſter und weit entfernt, Fanny's zarte Gedanken aufzufaſſen— denn ihr Geiſt dachte an Poeſie und er an Geſetz und Recht—„ja, und weißt Du, daß von einem Fetzen Papier, wenn ich ihn nur finden könnte, mein ganzes Vermögen, mein ganzes Glück, Alles abhängt, was mir im Leben theuer iſt?“. „Von einem Stück Papier? O! wie wünſchte ich das zu finden! Ach! Du ſiehſt aus, als dächteſt Du, ich würde nie klug genug dazu ſein!“ Vaudemont hörte nicht auf ſie und ſtieß einen Seufzer aus. Fanny näherte ſich ihm ſchüchtern. „Seufze nicht, Bruder— ich kann es nicht er⸗ tragen, Dich ſeufzen zu hören. Du biſt ſo verändert. Biſt auch Du nicht glücklich geweſen?“ tun e aus⸗ „ob⸗ n der s Ge⸗ en und nd lief nen. hweiß as ich „daß n am uch— iſt!“ tfernt, Geiſt „ja, wenn nögen, Leben hte ich ſt Du, einen n. cht er⸗ indert. „Glücklich, Fanny! ja, in der ltzten Zeit ſehr glücklich— zu glücklich!“ „Glücklich, Du? und ich— ich—“ Das Mädchen hielt inne— ihr Ton war der der Traurigkeit und des Vorwurfs geweſen, und ſie hielt inne— warum, wußte ſie nicht, aber ſie fühlte ihr Herz ſinken. Fanny ließ ihn an ſich vorübergehen und er begab ſich geradezu auf ſein Zimmer. Ihre Augen folgten ihm traurig; es war nicht ſeine Gewohnheit, ſie ſo plötzlich zu ver⸗ laſſen. Das Familienmahl des Tages war ſchon vor⸗ über, und es währte eine Stunde, ehe Vaudemont in das Wohnzimmer herunterkam. Fanny hatte die Lieder weggelegt, ſie hatte kein Herz dazu, dieſe ſchönen Studien wieder anzufangen, die ihr ſo lieb geweſen— ſie hatte ihm kein Vergnügen, kein Lob abgenöthigt. Sie ſaß müßig und zerſtreut neben dem ſtillen alten Manne, der jeden Tag noch ſchweigſamer wurde. Sie wendete ihr Geſicht, als Vaudemont eintrat, und ihre ſchönen Lippen ſchmollten wie die eines vernachläſſigten Kindes. Aber er beachtete es nicht und das Schmollen verſchwand, und es traten ihr Thränen in die Augen. Vaudemont war wirklich verändert. Sein Geſicht war gedankenvoll und umwölkt. Sein Benehmen zerſtreut. Er richtete einige Worte an Simon, ſetzte ſich dann an's Fenſter, ſtützte die Wange auf die Hand und war bald in Träumerei verſunken. Als Fanny be⸗ merkte, daß er nicht redete, ſtand ſie, nachdem ſie manchen verſtohlenen Blick auf ſeine regungsloſe Hal⸗ tung und ſeine düſtere Stirn geworfen hatte, leiſe auf, ging mit leiſem Schritte zu ihm hin und ſagte Bulwer, Nacht u. Morgen. M. 17 258 mit bebender Stimme:„Empfindeſt Du Schmerz, Bruder?“ „Nein, hübſches Kind!“ „Und warum redeſt Du denn nicht mit Fanny! Willſt Du nicht mit ihr ſpazieren gehen? Vielleicht geht mein Großvater auch mit.“ „Nicht heute Abend. Ich werde ausgehen, aber allein.“ „Wohin? iſt Fanny nicht gut geweſen? Ich bin nicht aus geweſen, ſeit Du uns verlaſſen. Und das Grab— Bruder!— Ich ſchickte zwar Sarah mit den Blumen hin— aher—“ Vaudemont ſtand plötzlich auf. Die Erwähnung des Grabes rief ſeine Gedanken von ihrer träumeri⸗ ſchen Richtung zurück, die ſie angenyommen hatten. Fanny, deren kindliches Weſen ihn ſoüſt getröſtet und erheitert, ſtörte ihn jetzt; er fühlte den Mangel jener vollkommenen Einſamkeit, welche die Atmoſphäre kei⸗ mender Leidenſchaft ausmacht. Er murmelte eine kaum hörbare Entſchuldigung und verließ das Zimmer. Fanny ſah ihn an dem Abend nicht wieder. Er kehrte erſt um Mitternacht zurück. Aber Fannh ſchlief nicht eher ein, als bis ſie ſeine Schritte auf der Treppe und ſeine Thür hatte ſchließen hören, und als ſie einſchlief, waren ihre Träume unruhig und peinlich. Am nächſten Morgen, als ſie ſich beim Frühſtück trafen— denn Vaudemont kehrte nicht nach London zurück— waren ihre Augen roth und ſchwer, und ihre Wange blaß. Und Vaudemont's Auge, ſonſt ſo wachſam und freund⸗ lich, entdeckte, noch immer in Betrachtungen verloren, hmerz, * 5 anny! elleicht aber ch bin id das h mit hnung umeri⸗ hatten. et und jener re kei⸗ ekaum Fanny te erſt t eher e nd ſchlief, ächſten denn waren blaß. reund⸗ loren, 259 jene Zeichen eines Knmmers nicht, den Fanny nicht hätte erklären können. Nach dem Frühſtück aber for⸗ derte er ſie zum Spaziergange auf, und ihr Geſicht glänzte, als ſie eilte, ihren Hut aufzuſetzen und ihren kleinen Korb voll friſcher Blumen mitzunehmen, die ſie ſchon durch Sarah hatte kaufen laſſen. „Fanny!“ ſagte Vaudemont, als ſie aus dem Hauſe gingen und er das Körbchen an ihrem Arme ſah, heute kannſt Du einige dieſer Blumen auf einen andern Grabſtein ſtreuen! Armes Kind, welche natür⸗ liche Güte iſt in dieſem Herzen!— Wie Schade, daß—“ Er hielt inne. Fanny ſah ihm mit Entzücken in's Geſicht.„Du haſt mich gelobt— Du!— Und was iſt Schade, Bruder?“ Während ſie ſprach, hörte man ganz in der Nähe das freudige Läuten der Glocken. „Horch!“ ſagte Vaudemont, ihre Frage vergeſſend — und faſt heiter—„horch!— Ich nehme die Vorbedeutung an. Es iſt ein Hochzeitgeläute!“ Er beſchleunigte ſeine Schritte und ſie erreichten den Kirch⸗ hof. Hier war ſchon eine Menge verſammelt und Vau⸗ demont und Fanny blieben ſtehen, lehnten ſich über das kleine Thor und ſahen zu. „Warum ſind dieſe Leute hier und warum tönt die Glocke ſo luſtig?“ „Es wird hier eine Hochzeit ſein, Fanny.“ „Ich habe oft von Hochzeiten gehört,“ ſagte Fanny mit einem lieblichen Ausdruck der Verwirrung und des Zweifels,„aber ich weiß nicht, was es eigentlich 260 bedeutet. Willſt Du es mir erklären, und auch die Glocken?“ „Ja, Fanny, dieſe Glocken erſchallen nur dreimal für den Menſchen! Zuerſt, wenn er in die Welt kommt, das letztemal, wenn er ſie verläßt, und da⸗ zwiſchen einmal, wenn er eine Genoſſin für alle Sor⸗ gen, für alle Freuden, die ſeiner noch harren, an ſeine Seite nimmt— und die, wenn die letzte Glocke ſeinen Tod für dieſe Erde verkündet, in alle Ewigkeit ſeine Genoſſin ſein mag in jener künftigen Welt, in jenem Himmel, wohin die, die ſo unſchuldig ſind wie Du, Fanny, hoffen können zu leben und einander zu lieben, in einem Lande, wo es keine Gräber gibt!“ „Und dieſe Glocke?“ „Läutet zu einer ſolchen Verbindung— zur Hoch⸗ zeit!“ „Ich denke, ich verſtehe Dich— und die ſich ver⸗ heirathen, ſind glücklich?“ „Glücklich, Fanny, wenn ſie einander lieben und ihre Liebe von Dauer iſt. O! venke Dir das Glück, einen Menſchen zu haben, der Einem theurer iſt als das eigene Selbſt— eine Bruſt, in die man jeden Ge⸗ danken, jeden Kummer, jede Freude ausſchütten kann! Einen Menſchen, der, wenn die ganze übrige Welt uns verleumdete oder verließe, uns nie verletzte durch einen rauhen Gedanken oder ein ungerechtes Wort— der in Krankheit, Armuth und Sorge uns nur noch inniger anhinge— der uns Alles opfern, und dem wir ſelbſt Alles opfern würden— von dem man Tag und Nacht nicht geſchieden werden kann, außer durch den Tod— ——— — h die eimal Welt da⸗ Sor⸗ ſeine inen ſeine enem Du, eben, und lück, t als Ge⸗ ann! uns einen er in niger ſelbſt tacht d— 261 deſſen Lächeln ſtets unſern Heerd erheitert— der keine Thränen hat, ſo lange wir wohl und glücklich und unſere Liebe unverändert iſt. Fanny, ſo iſt die Ehe, wenn die, welche ſich heirathen, ein Herz und eine Seele haben, um zu fühlen, daß kein irdiſches Band ſo zart und erhaben iſt. Es gibt auch ein Gemälde verſchiedener Art— das will ich Dir nicht ſchildern! — und ſchon dies kannſt Du nicht verſtehen, Fanny* Er wendete ſich ab und Fanny's Thränen fielen wie Regen auf das Gras; er ſah ſie nicht! Er trat auf den Kirchhof, denn die Glocke hatte jetzt aufge⸗ hört zu läuten. Die Trauung ſollte beginnen. Er folgte dem Brautzuge in die Kirche, und Fanny, die ihren Schleier herunterließ, ſchlich ihm erſchrocken und bebend nach. Sie ſtanden in geringer Entfernung un⸗ beobachtet da und hörten der Rede zu. Das Braut⸗ paar war aus der Mittelklaſſe, jung, beide hübſch, und ihr Benehmen ſo, wie es für das Heilige und Shrwürdige ver Handlung paßte. Vaudemont ſtand mit untergeſchlagenen Armen da und ſah aufmerkſam und gedankenvoll zu. Fanny lehnte ſich hinter ihm, von Allen getrennt, an einen der Kirchſtühle. Und noch hielt ſie, während der Pfarrer die Trauung vollzog, die für das Grab beſtimmten Blumen in der Hand. Selbſt zu jenem Morgen— ſtill, ruhig und ernſt, mit einem ſo geheimnißvollen und unerforſchten Herzen — fügte ihre Geſtalt einen Schatten der Nucht! Als die Tranung geendet war— als die Braut ihrer Mutter an die Bruſt ſank und weinte, und als ſie ſich dann von ihr wendete und ihre Augen den 262 Blicken des Bräutigams begegneten, und alle Thränen in ein Lächeln übergingen— als in dieſem einen raſchen Wechſel der Blicke ſich Alles ausſprach, was heilige Liebe der Liebe ſagen kann, und ſie mit ſchüch⸗ terner Zutraulichkeit ihre Hand in die Hand deſſen legte, dem ſie ſo eben ihr Leben zu weihen gelobt hatte— da durchzuckte ein tiefes Gefühl die Herzen der Anweſenden. Vaudemont ſeufzte tief. Er hörte ein Echo ſeines Seufzers, der aber keinen Anflug von Kummer hatte. Er wendete ſich um; Fannh hatte ihren Schleier erhoben; ihre Augen begegneten den ſeinigen, feucht, aber glänzend und ſanft, und ihre Wangen roſenroth. Vaudemont bebte vor dieſem Blicke zurück und ging aus der Kirche. Die betheiligten Per⸗ ſonen begaben ſich in die Sakriſtei, um ihre Namen in das Trauungsregiſter einzutragen; die Menge zer⸗ ſtreute ſich und Vandemont und Fanny ſtanden allein auf dem Kirchhofe. „Sieh, Fanny,“ ſagte der Erſtere, indem er auf einen Grabſtein deutete, etwas entfernt von dem ſei⸗ ner Mutter— denn ihre Aſche war zu heilig für eine ſolche Nähe—„ſieh dorthin, es iſt ein neuer Grabſtein, Fanny, wir wollen näher treten. Kannſt Du die Inſchrift leſen?“ Die Inſchrift war einfach folgende: Der Menſch ſieht die That— Gott die um⸗ ſtände. Richtet nicht, damit Ihr auch nicht gerichtet werdet. „Fanny, dieſer Grabſtein erfüllt Deinen from⸗ änen einen was hüch⸗ eſſen elobt erzen hörte von hatte den ihre licke Per⸗ men zer⸗ Uein auf ſei⸗ für euer nnſt fach 1m⸗ icht om⸗ 263 men Wunſch er iſt dem Andenken deſſen geweiht, den Du Deinen Vater nannteſt. Wie auch ſein Leben hier auf Erden war— welches Urtheil er auch mag empfangen haben, ſo wird der Himmel wenigſtens Deine fromme Liebe nicht verdammen, wenn Du einen Mann ehrſt, der gegen Dich gut war, und ſelbſt auf dieſes Grab Blumen wirſſt, die vergäng⸗ lich ſind.“ „Es iſt ſein— meines Vaters Grab— und Du haſt für mich daran gedacht,“ ſagte Fanny, indem ſie ſchluchzend ſeine Hand ergriff.„Und ich konnte glauben, Du ſeieſt nicht ſo freundlich gegen mich, wie ſonſt!“ „Bin ich es nicht geweſen? ſo verzeih mir, ich bin nicht glücklich.“ „Nicht?— Du ſagteſt doch geſtern, Du ſeieſt zu glücklich geweſen.“ „Erinnernng an Glück iſt nicht Glück, Fanny.“ „Das iſt wahr— und—.“ Fanny hielt inne, und als ſie ſich ſinnend über das Grab neigte, trat Vaudemont einige Schritte zurück, um ſie ungeſtört zu laſſen, und mit Bitterkeit empfindend, wie wenig ſein Gewiſſen im Stande war, den Mann des Ver⸗ brechens zu rechtfertigen, der dort nicht ruhte, ob⸗ gleich es einige Entſchuldigungen für ihn fand. In dieſem Augenblick kam vas neuvermählte Paar nebſt den Zeugen, dem Geiſtlichen u. ßF w. aus der Sakriſtei und ging üher den Weg. Als Fanny ſich von dem Grabſteine abwandte, erblickte ſie, ſtand ſtill und ſah die Braut ernſt und aufmerkſam an.„Welch ein 264 liebliches Geſicht!“ ſagte die Mutter;„es iſt— ja, es iſt das arme, blödſinnige Mädchen.“ „O!“ ſagte der Bräutigam zärtlich,„und ſie, Marie, ſo ſchön ſie auch iſt, kann ſie doch nie einen Andern ſo glücklich machen, wie Du mich gemacht haſt.“ Vaudemont hörte es und ſein Herz wurde trau⸗ rig.„Arme Fanny!— Und doch, ohne dieſes Lei⸗ den hätte ich ſie lieben können, ehe ich das unheil⸗ volle Geſicht der Tochter meines Feindes geſehen!“ Und mit innigem Mitleid, mit unausſprechlicher und heiliger Zärtlichkeit näherte er ſich Fanny. „Komm, mein Kind; laß uns nach Hauſe gehen.“ „Warte,“ ſagte Fanny,„Du haſt vergeſſen.“ Und ſie ging, die noch übrigen Blumen auf Katha⸗ rinens Grab zu ſtreuen. „Wird meine Mutter mir verzeihen,“ dachte Vau⸗ demont,„wenn ich andere Gedanken als Haß und Rache gegen das Haus hege, welches ſeine Größe über ihrem verleumdeten Namen aufbaute.“ Er ſeufzte tief.— Und jenes Grab hatte ſeinen ſchwermüthigen Reiz verloren. S 6 id ſie, einen emacht trau⸗ s Lei⸗ nheil⸗ hen!“ r und hen.“ ſſen.“ atha⸗ Vau⸗ und Yröße eufzte higen — ,— 265 Siebentes Kapitel. Von allen Männern, ſage ich, Die wagen, denn s iſt eine kühne That, Der Weiber Joch auf freiem Hals zu tragen, Wähl' ich mir den Soldaten. „Der Maltheſerritter.“ So leicht ſchwebt dieſes kleine Boot Auf kaum berührter Woge hin; So ſorglos ſcheinet es zu ſein, All in auf heimathloſer See; Und legt ſein kleines Segel an, Bis günſi'gen d der Himmel ſendet. Wilſon:„Die Palmeninſel.“ Vaudemont kehrte an dem Abend nach London zurück und fand in ſeiner Wohnung einen Brief von Lord Lilburne, worin er ihm meldete, daß ſein Po⸗ dagra etwas nachgelaſſen und ſein Arzt ihm Luft⸗ veränderung angerathen— Beaufort⸗Court liege in einer der weſtlichen Grafſchaften, in einer geſunden Gegend— er reiſe daher am nächſten Tage auf kurze Zeit dorthin— er habe einige von Vaudemont's Lands⸗ lenten und einige andere Freunde eingeladen, die Ge⸗ ſellſchaft des langweiligen Landhauſes zu beleben— Herr und Mrs. Beaufort würden ſich freuen, Herrn von Vaudemont zu ſehen— und ſeine Annahme der Einladung würde ein Werk der Barmherzigkeit ſein für Herrn von Vaudemont's treuen und venpflichteten Lilburne. Die erſte Empfindung Vaudemont's beim Leſen vieſes Erguſſes war Entzücken.„Ich werde ſie ſehen,“ rief er;„ich werde unter demſelben Dache mit ihr ſein!“ Aber dann entſchwand die Glut von ſeiner 266 Wange.„Unter einem Dache— unter welchem Dache? Dort der Gaſt ſein, wo er ſich als Herrn anſah!— Robert Beaufort's Gaſt ſein— War das Alles? Sann er nicht auf den tödtlichſten Krieg, den das morali⸗ ſirte Leben geſtattet— auf den Krieg des Prozeſſes — einen Krieg um Namen, Beſitzthum, ja um eben dieſen Heerd mit allen jenen Hausgöttern, gegen die⸗ ſen Mann— konnte er ſeine Gaſtfreundſchaft an⸗ nehmen?„Und wie?“ rief er, als er im Zimmer auf und ab ſchritt—„weil ihr Vater mir Unrecht that, und weil ich das Meinige zurückverlange— muß ich darum aus meinem Gedanken, aus meinem Geſicht ein ſo ſchönes und holdes Bild verbannen— ſie, die als Kind an meiner Seite kniete vor jenem harten Manne?— Iſt Haß eine ſo edle Leidenſchaft, vaß er keinen Schimmer von Liebe zulaſſen darf?— Liebe!— welches Wort? Ich muß bei Zeiten auf meiner Hut ſein!“ Er ſchwieg in heftigem Kampfe mit ſich ſelbſt, riß das Fenſter auf und ſchnappte nach Luft. Die Straße, wo er wohnte, lag in der Nähe des St. Jamespalaſtes und ehen in dem Au⸗ genblick fuhr, als ſollte aller Widerſtand dadurch ver⸗ eitelt und der Kampf beendet werden, Mrs. Beaufort im offenen Wagen, Camilla an ihrer Seite, vorüber. Mrs. Beaufort ſah hinauf und verbeugte ſich matt; auch Cämilla bemerkte ihn, und er ſah ſie erröthen, als ſie mit dem Kopfe nickte. Er blickte ihnen faſt athemlos nach, bis ihm der Wagen aus den Augen verſchwand, und dann, als er das Fenſter wieder zu⸗ gemacht, ſetzte er ſich, um ſoine Gedanken zu ſam⸗ die Unt Gre enid Na er zur ſteh wer mel nig nä hal ha jenem ſchaft, f?— en auf ampfe appte n der n Au⸗ hver⸗ ufort über. matt; then, faſt ugen rzu⸗ ſam⸗ 267 meln und wieder mit ſich ſelber zu berathen. Aber während dieſer Ueberlegung ſah er beſtändig jenes Erröthen und jenes Lächeln vor ſich. Endlich ſprang er auf und ein evler und erhabener Ausdruck hob den Charakter ſeines Geſichts.—„Ja, wenn ich jenes Haus betrete, wenn ich jenes Mannes Brod eſſe und aus ſeinem Becher trinke, muß ich— nicht der Ge⸗ rechtigkeit— nicht dem, was dem Namen meiner Mutter gebührt— aber allem, was dem Haß und der Rache angehört, entſagen! Wenn ich jenes Haus betrete und die Vorſehung mir die Mittel gewährt, meine Rechte wieder zu erlangen: nun dann mag ſie, die Unſchuldige, das Mittel ſein, ihren Vater vom Untergange zu retten, und wie ein Engel an der Grenze ſtehen, wo die Gerechtigkeit zur Rache wird! — Ueberdies, iſt es nicht meine Pflicht, Sidney zu enidecken? Dort allein kann ich die Spur finden?“ Nach dieſen Gedanken zauderte er nicht länger— er entſchied ſich: er wollte dieſe Gaſtfreundſchaft nicht zurückweiſen, da es ſpäter leicht in ſeiner Macht ſtehen konnte, ſie zehntauſendfach zu vergelten.„Und wer weiß,“ murmelte er weiter,„ob nicht der Him⸗ mel, indem er mir dieſes holde Weſen auf meinem Wege begegnen ließ, dabei die Abſicht hatte, die zor⸗ nigen, ungeſtümen Leidenſchaften, die ich ſo lange nährte, in mir zu dämpfen und zu ſänftigen. Ich habe ſie geſehen— kann ich jetzt noch ihren Vater haſſen?“ Er ſchickte ein Billet ab, worin er die Einladung annahm. Als er das gethan, war er mit ſich zu⸗ 268 frieden. Er hatte die ihm dadurch auferlegten Pflich⸗ ten aus einem edlen und großartigen Geſichtspunkte aufgefaßt; doch es flüſterte etwas in ſeinem Herzen: „Es liegt Schwäche in deiner Großmuth— wagſt du Robert Beaufort's Tochter zu lieben?“ Und ſein Herz hatte keine Antwort auf dieſe Stimme. Die Schnelligkeit, womit die Liebe reift, iſt we⸗ niger von der wirklichen Zahl der Jahre abhängig, die über den Boden hingegangen ſind, in den der Same geſtreut worden, als von der Friſche des Bö⸗ dens ſelbſt. Ein junger Mann, der ſich in das ge⸗ wöhnliche Leben der Welt miſcht, und der ſeine Gefühle mehr zerſtückelt als erſchöpft durch die Ab⸗ wechſelung der raſch auf einander folgenden Gegen⸗ ſtände— mit dem Cynthias der Minute— iſt nicht fähig, eine wirkliche Leidenſchaft auf den erſten Anblick zu faſſen. Die Jugend iſt nur empfänglich, wenn das Herz jung iſt!. Es gibt gewiſſe Zeiten im Leben, wo bei beiden Geſchlechtern die zärtlichen Regungen gleichſam ver⸗ breitet ſind durch das erſte ſchöne Geſicht, welches die Phantaſie anzieht und das Auge entzückt, einge⸗ nommen zu werden. Solche Zeiten ſind, wenn das Herz lange einſam geweſen iſt, und wenn eine Friſt der Ruhe und Muße auf Zeiträume ungeſtümerer und ſtürmiſcherer Aufregung folgt. Dies war gerade ein ſolcher Zeitraum in Vandemont's Leben. Obgleich ſein Ehrgeiz viele Jahre lang ſein Traum, und ſein Schwert ſeine Geliebte geweſen, hatte er doch, von Natur zärtlich und mächtigen Regungen fähig, oſt über die Eug lanc ſtrer neu wid run terb ſein Vat Wi ſten gen! zuri die Per ſchn den der der wer ſein erſe An me mne an Pflich⸗ tspunkte Herzen: wagſt ind ſein iſt we⸗ bhängig, den der des Bö⸗ das ge⸗ er ſeine die Ab⸗ Gegen⸗ iſt nicht Anblick „weun i beiden am ver⸗ welches einge⸗ enn das ne Friſt erer und rade ein Obgleich ind ſein ch n ig, oft 269 über ſein einſames Loos geſeufzt. Nach und nach ging die phantaſtiſche Verehrung, die der Jüngling für Eugenien empfunden, in jene ſanfte und zarte Me⸗ lancholie über, die vielleicht, indem ſie die Kraft der ſtrengeren Gedanken ſchwächt, uns geneigt macht, eine neue Neigung eher in uns aufzunehmen, als ihr zu widerſtehen, und an der Grenze der ſüßen Erinne⸗ rung ſchwebt bebend die ſüße Hoffnung. Die Un⸗ terbrechung ſeines Verufs, ſeiner Pläne, ſeiner Kämpfe, ſeiner Laufbahn, ließ ſeine Leidenſchaft unbeſchäftigt. Vandemont war ſo unbewußt zur Liebe vorbereitet. Wie wir geſehen, richteten ſich ſeine erſten und früh⸗ ſten Gefühle auf Fanny, aber er hatte ſo im Au⸗ genblick die Gefahr entdeckt, und bebte ſogleich davor zurück, dieſe Gedanken und Phantaſien, ohne welche die Liebe aus Mangel an Nahrung ſtirbt, für eine Perſon zu nähren, der er eine ſolche Verſtandes⸗ ſchwäche zuſchrieb, wodurch ein ſolches Gefühl ganz den Charakter der ſchwächſten Unbeſonnenheit oder der ſchmachvollſten Ehrloſigkeit erhalten mußte— daß der fluͤchtige Gott in dem Augenblick hinweggeſcheucht werden mußte, wo der Schatten ſeiner Flügel auf ſeinen Geiſt fiel. Und ſo war, als Camilla vor ihm erſchien, ſein Herz frei, ihr Bild aufzunehmen. Ihre Anmuth, ihre Bildung und Talente, ein gewiſſer na⸗ menloſer Reiz, der ſie umgab, entzückten ihn noch mehr, als ihre Schönheit; die Erinnerungen, die ſich an das erſtemal knüpften, wo er ſie geſehen, er⸗ weckten ebenfalls Dankbarkeit und Neigung; die Härte, die ihre Eltern gesen ſie anwendeten, erregte ſein 270 Mitleid und wirkte nicht wenig auf ſein Gemüth, das beſonders für jene Großmuth empfänglich war, die ſich auf die Seite der Schwachen und Gemißhandel⸗ ten neigt; die einnehmende Miſchung von Milde und Heiterkeit, womit ſie ihren mürriſchen Oheim pflegte, überzeugte ihn von ihren beſſern und dauerndern Ei⸗ genſchaften des Gemüths und ihres wahrhaft weib⸗ lichen Herzens. Und ſelbſt— ſo ſeltſam und wider⸗ ſprechend ſind unſere Gefühle— eben der Gedanke, daß ſie mit einer ihm ſo verhaßten Familie verwandt war, machte, daß ihr Bild um ſo glänzender aus der ſie umgebenden Dunkelheit hervortrat. Denn war es nicht die Tochter ſeines Feindes, in die ſich Romeo auf den erſten Anblick verliebte? Und iſt nicht das ein Typus von uns allen— als gefiele ſich dieſe Leidenſchaft in Widerſprüchen? Wie der Taucher in Schillers herrlicher Ballade mitten in der grauſigen Tiefe ſich an das Korallenriff anklammert, ſo klam⸗ mern wir uns um ſo dankbarer an jeden ſchönen Ge⸗ danken und an jedes ſüße Obdach, die uns in den Tiefen des Haſſes und Kampfes zulächeln. Aber vielleicht hätte Vaudemont ſich nicht ſo plötz⸗ lich und ſo gänzlich einer Leidenſchaft hingegeben, die ſchon ſeinen ſtarken Geiſt völlig zu beherrſchen be⸗ gann, hätte er nicht durch Camilla's Verlegenheit, Schüchternheit und Erröthen den berauſchenden Glau⸗ ben bekommen, daß ſeine Gefühle nicht unerwidert ſeien. Und wer weiß nicht, daß ein ſolcher Glaube, wenn man ſich einmal ihm hingibt, unſere eigene Liebe zu einer Entwickelung reift, wo Stunden gleich Jah blin die men ſein eine Bea rück haſti er„ verſt zurü der Fan an, und Tag und dem mer rei. von kam zu 2 Alle nähe Fan th, das r, die handel⸗ de und pflegte, ern Ei⸗ tweib⸗ wider⸗ edanke, rwandt aus der war es Romev cht das dieſe cher in eigene gleich 271 Jahren ſind? Mit ſolchen Regungen, die ihn faſt blind machten für jeden andern Gedanken, als für die Wonne, dieſelbe Luft mit ſeiner Couſine zu ath⸗ men, und die PVergangenheit ſo wie die Zukunft aus ſeinem Geiſte verbannten und nichts zurückließen, als eine freudige, athemloſe Gegenwart, ging er nach Beaufort⸗Court. Er kehrte nicht erſt nach H“ zu⸗ rück, ehe er ging, ſondern ſchrieb einige kurze und haſtige Zeilen an Fanny, um ihr mitzutheilen, daß er wenigſtens einige Tage abweſend ſein werde, und verſprach, wieder zu ſchreiben, wenn er länger ſollte zurückgehalten werden, als er erwarte. Inzwiſchen datirte ſich eine von jenen nacheinan⸗ der folgenden Revolutionen, welche die Zeiträume in Fanny's moraliſchem Daſein bezeichneten, von der Zeit an, wo ſie zuletzt mit einander ausgegangen waren und ſich unterrevet hatten. An demſelben Abend des Tages, einige Stunden nachdem ſich Philipp entfernt und Simon zur Ruhe begeben hatte, ſaß Fanny vor dem verlöſchenden Feuer in dem kleinen Wohnzim⸗ mer in einer Stellung tiefer und ſinnender Träume⸗ rei. Die alte Magd Sarah, die, ſehr verſchieden von Mrs. Borer, Fanny von ganzem Herzen liebte, kam ins Zimmer, wie ſie zu thun pflegte, ehe ſie zu Bette ging, um zu ſehen, ob das Feuer aus und Alles ſicher ſei, und ſtutzte, als ſie ſich dem Kamin näherte und Fanny noch auf ſah. „Liebes Herz— noch auf?“ ſagte ſie;„wie, Miß Fayny, Sie werden ſich erkälten— woran denken Sie?“ 272 „Setze Dich nieder, Sarah; ich wünſche mit Dir zu reden.“ Obgleich Fanny außerordentlich freundlich und Sarah ſehr ergeben war, ſo zeigte ſie ſich doch ſelten mittheilend gegen ſie, und überhaupt gegen Niemand. Jenes liebenswurdige Gemüth beſeitigte ſeine Zweiſel gewöhnlich in ſeinem Schweigen und in ſeiner Dunkelheit. „Ei, wirklich, meine liebe junge Dame? Gewiß, alles, was ich thun kann.“— Und Sarah ſetzte ſich auf den Lehnſtuhl ihres Herrn und rückte dicht zu Fanny hin. Es war kein Licht im Zimmer, außer dem erlöſchenden Feuer, und es warf einen bleichen Schimmer auf die beiden Geſichter, die ſich über daſ⸗ ſelbe beugten— das eine ſo auffallend ſchön, ſo lieb⸗ lich, ſo blühend, ſo köſtlich in ſeiner Jugend und Unſchuld— das andere verwelkt, runzlich, mager und liſtig. Es war, als ſaßen die Fee und die Hexe bei⸗ einander. „Nun, Miß, ſagte die Alte, als Fanny nach einer beträchtlichen Pauſe noch immer ſchwieg,„nun, Miß?“ „Sarah, ich habe eine Trauung geſehen!“ „Ei, das wäre!“ rief die alte Frau lachend.„Ol ich hörte, daß ſie heute ſein ſollte— die Hochzeit des jungen Waldron!— Ja, ſie ſind lange Brautlente geweſen.“ „Wareſt Du je verheirathet, Sarah?“ „Ei— ja! und einen ſehr guten Mann hatte ich Aber er iſt ſeit vielen Jahren todt, und hätten Sie mich nicht zu ſich genommen, ſo hätte ich ins Arbeits⸗ haus müſſen.“ mit Dir eundlich ich doch geen eſeitigte und in Gewiß, etzte ſich dicht zu „außer bleichen ber daſ⸗ ſo lieb⸗ end und ger und exe bei⸗ ach einer Miß?“ 1 d.„Ol hzeit des autleute atte ich! ten Sie Arbeits⸗ 273 „Er iſt todt!— war es nicht ſehr hart, nachher zu leben, Sarah?“ „Der Herr ſtärkt die Herzen der Wittwen!“ ſagte Sarah frömmelnd. „Heiratheteſt Du Deinen Bruder, Sarah?“ ſagte Fanny mit ihrer Schürze ſpielend. „Meinen Bruder!“ rief die alte Frau erſchrocken. „Ei, Miß, Sie müſſen nicht ſo reden— es iſt ſehr böſe und heidniſch!— Man darf nicht ſeinen Bruber heirathen!“ Nicht!“ ſagte Fanny zitternd und ſo blaß wer⸗ dend, daß es ſelbſt bei dem matten Licht zu ſehen war,„nicht!— biſt Du deſſen gewiß?“ „Es iſt das Schrecklichſte, auch nur davon zu reden, meine liebe junge Dame— aber Sie ſind wie ein ungebornes Kind.“ Fanny ſchwieg einige Augenblicke. Endlich ſagte ſie ohne zu wiſſen, daß ſie laut redete:„Aber er iſt doch eigentlich nicht mein Bruder“ „O Pfui, Miß!— iſt Ihr hübſches Köpſfchen mit dem ſchönen Herrn beſchäftigt?— Sie äuch— o je! Ich ſehe, wir ſind einander alle gleich, wir armen weiblichen Geſchöpfe!— Sie! wer hätte es gedacht? O, Miß Fanny!— Ihr Herz wird noch brechen, wenn Sie ſolchen Dingen noch weiter nach⸗ denken.“ „Was denn für Dingen?“ „Nun, daß der Herr Sie heirathen werde!— Ich glauhe gewiß, obgleich er ſich ſo einfach ſtellt, daß er doch ein vornehmer Herr iſt! Man ſagt, ſein Bulwer, Nacht u. Morgen. II. 1 24 Pferd ſei hunvert Pfund werth! O Jemine! warum dachte ich nicht früher daran? Er muß ein ſehr böſer Mann ſein. Jetzt ſehe ich, warum er herkommt. Ich ihn will mit ihm reden, ja, das will ich!— Ein ſehr böſer Mann!“ ſterb Sarah wurde aus ihrem Unwillen aufgeſchreckt, als Fanny plötzlich aufſprang und in dem flackernden Fan Zwielicht fäſt in veränderter Geſtalt daſtand— ſo 5 groß, ſo ſtattlich, ſo würdevoll erſchien ſie. „Redeſt Du von ihm?“ ſagte ſie in einem Tone ſich ruhiger, aber tiefer Bitterkeit,„von ihm!— Wenn Fan das iſt, Sarah, ſo können wir Beide nicht mehr in raun demſelben Hauſe leben.“ Er Dieſe Worte ſprach ſie mit einer Feſtigkeit und S einem Anſtande, die Sarah bei all ihrem Schrecken zeigten, wie ſehr diejenigen Fanny Unrecht gethan einer hatten, die noch jetzt in das Papageiengeſchrei„das beha blödſinnige Mädchen“ einſtimmten! nicht „O gütiger Himmel!— Miß— Fräulein— es g thut mir ſo leid— ich wollte mir lieber die Zunge weil abbeißen, als ein Wort ſagen, was Sie beleidigen pie könnte; es geſchah nur aus Liebe zu Ihnen, liebes, eine unſchuldiges Geſchöpf!“ Und das ehrliche Weib ſchluchzte Sie mit wahrer Leidenſchaft, als ſie Fanny's Hand faßte⸗ „So viele junge, gute und harmloſe Weſen, ja ſelbſt diesr ſolche, wie Sie, ſind ſchon ins Verderben gerathen. von; Aber Sie verſtehen mich nicht. Miß Fanny, hören b mehr Sie mich an; ich muß verſuchen, Ihnen verſtändlich zu machen, was ich ſagen wollte. Dieſer Mann— dieſer Herr— ſo ſtolz, ſo ſchön gekleidet, ſo vor⸗ arum it und recken gethan „das — es Zunge idigen liebes, luchzte faßte. ſelbſt athen. hören nolich un— vor⸗ nehm, wird Sie nie heirathen, nie— nie. Und wenn er je ſagt, er liebe Sie, und Sie ſagen, Sie lieben ihn, und Sie Beide heirathen einander nicht, ſo wer⸗ den Sie zu Grunde gehen und elend werden und ſterben— am gebrochenen Herzen!“ Sarah's ernſtes Weſen beſänftigte und erſchreckte Fanny. Sie ſank wieder auf ihren Stuhl nieder, ließ die alte Frau einige Augenblicke ihre Hand ſtreicheln und darüber weinen, und in ihrem Schweigen bargen ſich die dunkelſten und aufgeregteſten Gefühle, die Fanny bisher empfunden. Endlich ſagte ſie:„Warum kann er mich nicht heirathen, wenn er mich liebt?— Er iſt nicht mein Bruder— wirklich, er iſt es nicht! — Ich will ihn nie mehr ſo nennen.“ „Er kann Sie nicht heirathen,“ ſagte Sarah, mit einer Art rohem Edelmuth entſchloſſen, bei dem zu beharren, was ſie für ihre Pflicht hielt,„ich will nichts vom Gelde ſagen, weil es darauf nicht immer ankommt. Aber er kann Sie nicht heirathen, weil— weil Leute, die ſo erzogen find, nie ſolche heirathen, die anders erzogen ſind. Ein feiner Herr verlangt eine Frau, die ſo viel— ſo viel wiſſen muß; und Sie—“ „Sarah,“ fiel Fanny ein, wieder aufſtehend, aber diesmal mit einem Lächeln,„ſprech nicht mehr da⸗ von; ich verzeihe Dir, wenn Du mir verſprichſt, nie mehr unfreundlich von ihm zu reden— nie— nie — nie, Sarah!“ „Aber ich darf ihm doch ſagen, daß— daß—“ „Was denn?“ 276 „Daß Sie ſo jung und unſchulbig ſind, und keinen Beſchützer wollen, und daß, wenn Sie ihn lieben würden, es eine Schande für ihn wäre— ja, das wäre es!“ Uund nun— o nein, Fanny, jetzt war nichts umwölktes in deiner Vernunft!— und nun ergriff ſie die Unruhe, die Beſcheidenheit, der Inſtinkt und der Schrecken des Weibes.„Nimmer, nimmer!“ rief ſie,„ich will ihn nicht lieben— ich liebe ihn nicht, in der That nicht, Sarah. Wenn Du mit ihm redeſt, will ich Dir nie wieder ins Geſicht blicken. Es iſt Alles vorüber— Alles, liebe Sarah!“ Sie küßte die alte Frau, und Sarah, die ſich ein⸗ bildete, daß ihre Klugheit und ihr Rath den Sieß davon getragen, verſprach Alles, was ſie forderte; ſo gingen ſie zuſammen die Treppe hinauf— und waren Freunde. Achtes Kapitel. — Wenn ſeufzt der Wind, Kommt ſüßer Duft aus dem Hrangenbaum. 6 auf, Sn ei ſclumert ſunſt! Ha! endlich regt ſie ſich. Barry Cornwall. Am folgenden Tage ſah Sarah Fanny den kleinen Schatz zählen, den ſie lange und ſo peinlich zu dem Grabſteine ihres Wohlthäters zuſammengeſpart. Das Geld war nicht mehr zu dem Zwecke nöthig— Fanny hatte einen andern gefunden; ſie ſagte aber Sarah keinen lieben „ das nichts ergriff kt und rief nicht, redeſt, Es iſt ch ein⸗ Sieß rderte; — und id, nbaum. rt ſanft! all. kleinen u dem Das Fanny Sarah und Simon nichts davon. Aber es war ein eigen⸗ thümliches, ſelbſtgefälliges Lächeln um ihren Mund zu bemerken, welches die Alte betroffen machte. Spät um Mittag hörte man das ungewohnte Klopfen des Briefträgers an der Thür. Ein Brief!— ein Brief an Miß Fanny. Ein Brief!— der erſte, den ſie je in ihrem Leben erhalten! Und er war von ihm! — Und er begann:„Liebe Fanny.“ Vaudemont hatte ſie hundertmal„liebe Fanny“ genannt, und der Aus⸗ druck war ganz gewöhnlich geworden. Aber„Liebe Fanny“ erſchien ihr geſchrieben ganz anders. Der Brief konnte nicht leicht kürzer und, Alles berück⸗ ſichtigt, nicht leicht kälter ſein. Aber das Mädchen fand keinen Fehler daran. Er begann mit„liebe Fanny“ und endete mit„wahrhaft der Deine.“„Wahrhaft der Deine— wahrhaft der Meine— und wie gütig, überhaupt zu ſchreiben!“ Nun traf es ſich, daß Vau⸗ demont, der die Kunſt des Schreibens nie zu jenem haſtigen Sudeln entwickelt hatte, wozu Leute, die ge⸗ nöthigt ſind, beſtändig und ſchnell zu ſchreiben, ſo leicht kommen— eine ausgezeichnet gute Hand ſchrieb — kühn, klar, ſymmetriſch— faſt zu gut für einen Mann, der nicht mit Schönſchreiben ſeinen Unterhalt verdient. Und nachdem Fanny die Worte auswendig gelernt, ſchlich ſie leiſe zu einem Schranke und nahm einige Proben ihrer eigenen Handſchrift in Geſtalt von Haushaltungs⸗ und Arbeitsrechnungen und Aus⸗ züge, die ſie ſich zur Hülfe des Gedächtniſſes aus den ihr von Vaudemont geſchenkten Gedichten gemacht hatte. Sie legte ernſthaft ſeinen Brief neben dieſe 278 Proben hin und erröthete über den Abſtand, und doch war ihre Handſchrift, obgleich zitternd und ungleich, voch durchaus nicht ſchlecht oder gemein. Aber die Nacheiferung war jetzt in ihr erweckt. Vaudemont, durch für ihn wichtigere Gedanken in Anſpruch ge⸗ nommen und in der That eine Gefahr vergeſſend, die ſo gänzlich verſchwunden zu ſein ſchien, warnte Fanny nicht, allein auszugehen. Sie bemerkte dies, und da ſie ihren Schreck über den Angriff, den man auf ihre Freiheit gemacht, faſt vergeſſen hatte, ſo glaubte ſie jetzt von einem Verſprechen entbunden zu ſein, ſich vor einer vergangenen und eingebildeten Gefahr zu hüten. Nach dem Mittageſſen ſchlüpfte ſie daher allein aus dem Hauſe und ging zu der Lehrerin, wo ſie ihren erſten Unterricht erhalten hatte. Sie hatte ſeit⸗ dem ihre Bekanntſchaft mit der Dame beſtändig fort⸗ geſetzt, die, von gutem Herzen und ihre Lage bemit⸗ leidend, ihr oft ihre Handarbeiten abgekauft haite und durchaus nicht blind war für die Entwickelung der Geiſteskräfte ihrer ehemaligen Schülerin, die ſeit einiger Zeit ſchweigend und ſtill in ihr vorgegangen war⸗ Fanny hatte eine lange Unterredung mit dieſer Dame und brachte ein Bündel Bücher mit zurück. An jenem Abend und viele Abende nachher hätte man noch ſpät in ihrem Fenſter Licht brennen ſehen können. Und da ſie ihre alten freien Gewohnheiten wieder an⸗ nahm, die der arme alte Simon nicht bemerkte, und wogegen Sarah, die Alles für beſſer hielt, als zu Hauſe zu ſitzen, keine Vorſtellungen machte, ging Fanny regelmäßig jeden Abend, während der glte ſche des Blö der chet öde frü vor ver fra nic id doch gleich, er die emont, ich ge⸗ id, die Fanny und da uf ihre bte ſie t, ſich ahr zu allein wo ſie te ſeit⸗ gfort⸗ bemit⸗ haite ckelung die ſeit en war. dieſer ck. An e man önnen. er an⸗ e, und als zu ging r alte Simon zwiſchen dem Mittageſſen und dem Thee ſein Schläſchen hielt, zwei Stunden und oft noch länger aus. In ſehr kurzer Zeit— in einer Zeit, die andern Schülerinnen wunderbar kurz erſchienen ſein würde— hatte Fanny's Handſchrift ſich ſehr gebeſſert: ihre Art zu reden war eine ganz andere; ſie nannte ſich nicht mehr„Fanny,“ wenn ſie von ſich ſelber ſprach; die Muſik ihrer Stimme war ruhiger und geſetzter; der liebliche Ausdruck ihres Geſichts gedankenvoller; die Augen ſchienen eine dunklere Farbe angenommen zu haben; ſie ſang nicht mehr, wenn ſie auf der Straße ging. Die Bücher, womit ſie ſich Nachts beſchäftigte, waren in ihren Geiſt übergegangen; die Poeſie, die unbewußt ihre jungen Jahre umſchwebt hatte, begann in ihr ſelber Poeſie zu erſchaffen. Ja, es hätte faſt ſcheinen können, als wäre jene ruheloſe Verwirrung des Verſtandes, welche die gewöhnlichen Menſchen Blödſinn genannt hatten, die wilde Anſtrengung nicht der Narrheit, ſondern des Genies geweſen war, wel⸗ ches ſeinen Weg und Ausgang aus der kalten und öden Einſamkeit ſuchte, wozu die Verhältniſſe ihres frühen Lebens ſie genöthigt hatten. Tage, ja Wochen vergingen— ſie ſprach nie von Vaudemont. Und einſt, als Sarah, erſtaunt und verlegen über die Veränderung ihrer jungen Herrin, fragte:„Wann kommt der Herr zurück?“ Da ant⸗ wortete Fanny mit geheimnißvollem Lächeln:„Noch nicht, hoffe ich— noch nicht!“ 280 Neuntes Kapitel. Thierry: Ich beginn' zu ſpüren Eine Veränderung in meinem Weſen, Und plötzlich ſiel in ſeinem vollen Zutrau'n Ein leichter Regenſchauer auf das Feuer Und löſcht' es aus. Wie iſt mein Herz getheilt Zwiſchen des Sohnes Pflichten und der Liebe! Beaumont und Fletcher: „Thierry und Theoboret.“ Vaudemont war jetzt einen Monat in Beaufort⸗ Court geweſen. Der Aufenthalt in einem Landhauſe mit den Beluſtigungen, die ihn erheitern, und den Fertigkeiten und Talenten, die er in Thätigkeit ſett, war ganz für ihn geeignet, zu glänzen. Er war alz Knabe ein vortrefflicher Schütze geweſen, und obgleich lange nicht mehr an die leichte Jagdflinte gewöhnt, hatte er ſich doch in Indien eine todbringende Fertigkeit im Schießen mit der Büchſe erworben, ſo daß er in wenigen Tagen der übung auf den Stoppeln und in den Gebüſchen, in der Umgebung von Beaufort⸗ Cvurt, der Gegenſtand des Geſprächs der Gäſte und die Bewunderung der Jäger war. Die Jagd zu Pferde begann, und dies war eine übung, worin er ſich noch mehr auszuzeichnen geeignet war, denn wenn dieſelbe ſchon für jeden thätigen und kräftigen Mann eine Leidenſchaft iſt, ſo war ſie es noch mehr für die ſtürmiſche Aufregung ſeiner halbgezähmten Bruſt und den Wahnſinn der Hoffnung und Furcht, die ſich darin austoben konnten und Erleichterung ertigkeit er in Un und aufort⸗ ſte und gd zu worin „denn iftigen mehr hmten Furcht, terung 281 fanden. Seine Kunſt im Reiten, ſeine Kühnheit, womit er über Steinmauern ſetzte und ſein Pferd durch Bäche ſchwimmen ließ, lieferte ſeinen Beglei⸗ tern bei ihrer Rückkehr Stoff zu Erzählungen und Bemerkungen der Verwunderung. Marsden, der nebſt einigen andern von Arthur's ehemaligen Freunden nach Beaufort⸗Court war eingeladen worden, um den erwarteten Erben willkommen zu heißen, und der noch alle die Klugheit zeigte, die ihn früher ausge⸗ zeichnet hatte, wo er den alten Simon überritt und abſtieg, um die Kniee ſeines Pferdes zu unterſuchen — Marsden, ein geſchickter Reiter, der die geübte⸗ ſten Pferde ritt und der es gewöhnlich ſo einzurich⸗ ten wußte, bei dem Tode des Wildes zugegen zu ſein, ohne daß er über etwas Höheres als eine Hürde ge⸗ ſetzt wäre, da er das kühnere Thier— im Fall ihn „die Kenntniß des Landes“, das heißt die Kenntniß der Offnungen und Thore im Stiche ließ— die ge⸗ fährlicheren Sprünge allein ausführen ließ, ſelbſt ruhig hinüber⸗ oder hindurchkletterte und das gutge⸗ ſchulte Thier nach Vollendung des Unternehmens ge⸗ ſund und wohl wieder beſtieg— Marsden erklärte, er habe nie einen Reiter mit ſo wenig überlegung geſehen, als Herrn von Vaudemont, und gewiß habe er den Teufel im Leibe. Dieſe Art des Rufs, obgleich ſich derſelbe nur auf körperliche Eigenſchaften gründete, und an ſich von nicht eben hohem Werth, übte doch einen ge⸗ wiſſen Einfluß auf Camilla; vielleicht den der Furcht. Ich ſage es nicht, denn ich weiß es nicht, von wel⸗ 282 cher Art ihre Gefühle gegen Vaudemont eigentlich waren. Da die ruhigſten Naturen oft von den ent⸗ gegengeſetzten Charakteren hingeriſſen werden, blen⸗ dete und erſchreckte er ſie vielleicht mehr, als er ihr gefiel; gewiß iſt es wenigſtens, daß er ihr Intereſſ feſſelte. Dennoch würde ſie erſchrocken zurückgebebt ſein, wenn Jemand zu ihr geſagt hätte:„Liebſt Du Deinen Verlobten weniger, als da Ihr an dem glück⸗ lichen See verweiltet?“— und ihr Herz wäre über die Frage entrüſtet geweſen. Die Briefe ihres Geliebten waren noch immer lang und häufig; die ihrigen kürzer und gemäßigter. Die Correſpondenz war auch mit einem Zwange verbunden— ſie mußte ihrer Mutter vorgelegt werden. Welches auch Vaudemont's Benehmen gegen Ca⸗ milla ſein mochte, wenn der Zufall ſie allein zuſam⸗ menführte— ſo iſt doch gewiß, daß er ſeine Auf⸗ merkſamkeit nicht ſo auffallend machte, daß ſie be⸗ merkt wurde. Sein Auge beobachtete ſie mehr, als ſeine Lippe ſie anredete. Er hielt ſich von den übri⸗ gen Mitgliedern ihrer Familie ſo fern als möglich, und ſein gewöhnliches Weſen war ſchweigſam, faſt düſter. Doch gab es Augenblicke, wo er ſich dem übermaß der guten Laune hingab, die etwas Ge⸗ zwungenes und Unnatürliches an ſich hatte. Er hatte Lord Lilburne's kurzes Gefallen überlebt; denn ſeit er beſchloſſen hatte, das Spiel jenes vornehmen Spie⸗ lers nicht mehr zu beobachten, ſpielte er ſelber nur ſehr wenig, und da Lord Lilburne ſah, daß er nicht das Mittel in Händen habe, ihn zu Grunde zu rich⸗ eigentlich den ent⸗ Mutter gen Ca⸗ zuſam⸗ ne Auf⸗ ſie be⸗ hr, als n übri⸗ nöglich, t, faſt ch dem 6 Ge⸗ hatte in ſeit Spie⸗ r nur nicht rich⸗ 233 ten, ſo war auch keine Urfache vorhanden, freund⸗ ſchaftlich gegen ihn zu ſein. Aber dies war noch nicht Alles. Als Vaudemont etwas über vierzehn Tage im Hauſe war, hinkte Lilburne ungeduldig und är⸗ gerlich, entweder über ſeine Weigerung mitzuſpielen, oder über die Mäßigung, wenn er es that, ſein Un⸗ glück auf kleine Verluſte beſchränkte, eines Tages auf ihn zu, als er in einer Fenſtervertiefung ſtand und die weite Landſchaft betrachtete, und ſagte:„Vaude⸗ mont, Sie ſind kühner auf der Jagd, als beim Whiſſpiel.“ „Die Honneurs ſpringen Einem nicht über die Hecke entgegen!“ „Was meinen Sie damit?“ ſagte Lilburne ſtolz. Vaudemont war in dem Augenblick in einer bittern Stimmung, wo er ſeine Lage tief empfand und der Anblick des Räubers ſeines Vermögens die milderen Gedanken verſcheuchte, die ſeine unheilvolle Leiden⸗ ſchaft ihm einflößte. Und Lord Lilburne's Ton und ſein Widerwillen gegen den Mann waren ihm zu viel bei ſeiner jetzigen Stimmung. „Lord Lilburne,“ ſagte er, und ſeine Lippe verzog ſich,„wären Sie arm geboren, ſo hätten Sie ſich ein großes Vermögen erwerben können— Sie ſpielen ſehr glücklich!“ „Wie ſoll ich dies nehmen, Herr?“ „Wie Sie wollen,“ antwortete Vaudemont kalt, aber mit feuerſprühendem Auge. Und er wendete ſich ab. Lilburne blieb ſehr nachdenkend ſtehen.„Hm! er hegt Verdacht gegen mich. Ich kann deßhalb keinen 284 Streit anfangen— ſchon der Vervacht entehrt mich — ich muß eine andere Veranlaſſung ſuchen.“ Am folgenden Tage fragte Lilburne, der mit Marz⸗ den ſehr vertraut war— obgleich der Letztere nie an demſelben Tiſche mit ihm ſpielte— dieſen Herrn nach dem Frühſtück, ob er vielleicht Piſtolen bei ſich habe! „Ja; ich nehme ſie immer mit auf's Land— man darf ſich wohl üben, wenn man die Gelegenheit dazu hat. überdies find die Jagbliebhaber oft händelſüchtig, und wenn es bekannt iſt, daß man gut ſchießt, ſo erſpart man ſich Händel!“ „Sehr wahr,“ ſagte Lilburne mit faſt bewun⸗ derndem Ausdruck;„als ich jünger war, habe ich dieſelbe Bemerkung gemacht. Ich habe ſeit mehren Jahren nicht mit Piſtolen geſchoſſen. Ich bin jetz wohl genug, um am Stock auszugehen. Wie wäre es, wenn wir uns eine halbe Stunde übten?“ „Von Herzen gern,“ ſagte Marsben. Die Piſtolen wurden gebracht und ſie gingen aus, Lord Lilburne fand, daß er aus der übung gekommen ſei. „Da ich jetzt nie zu Pferde auf die Jagd gehe,“ ſagte der Pair zähneknirſchend und auf ſeine verwun⸗ dete Hüfte niederſehend,„denn obgleich mich die Läh⸗ mung nicht hindern würde, feſt im Sattel zu ſitzen, ſo ſchadet doch die heftige Bewegung meinem Bein, und Brodin ſagt, jeder neue Unfall könnte ſehr ſchmerz⸗ lich ſein— und da mein Podagra mir nicht erlaubt, an der Jagd Theil zu nehmen, ſo würden Sie mir eine große Gefälligkeit erweiſen, wenn Sie mir Ihre Piſtolen borgen wollten— ich würde mir damit zu⸗ weilen vorübe „S wurde V und ei Lord„ vom die Ze ſie wi Störu „C gemad deutet ſcuh. troffen geblie c N entges Duell V zum Auge „Mat mein mit d / Sie engli 285 weilen eine Stunde die Zeit vertreiben können; ob⸗ gleich, dem Himmel ſei Dank, das Duelliren für mich vorüber iſt!“ „Sehr gern,“ ſagte Marsden, und die Piſtolen wurden Lord Lilburne übergeben. Vier Tage ſpäter trafen Marsden, Vaudemont und einige andere Herren, als ſie in den Wald gingen, Lord Lilburne, der in einem Theile des Parks, der vom Hauſe entfernt war, ſich mit Marsden's Piſtolen die Zeit vertrieb, während Dykeman bei im war, um ſie wieder zu laden. Er wendete ſich um, durch die Störung nicht aus der Faſſung gebracht. „Sie haben keinen Begriff, welche Fortſchritte ich gemacht habe, Marsden— ſehen Sie nur!“ und er deutete auf einen an einen Baum genagelten Hand⸗ ſchuh.„Ich habe dieſes Ziel in fünfmal zweimal ge⸗ troffen, und jedesmal bin ich in der geraden Linie geblieben, um meinen Mann zu töbten.“ „Ja, das Ziel ſelbſt hat nicht viel zu ſagen,“ entgegnete Marsden,„wenigſtens nicht beim wirklichen Duell— die Hauptſache iſt, in der Linie zu bleiben.“ Während er ſprach, traf Lord Lilburne's Kugel zum drittenmal den Handſchuh. Sein kaltes, klares Auge richtete ſich auf Vaudemont und er ſagte lächelnd: „Man ſagt mir, Sie ſchießen gut mit der Jagdflinte, mein lieber Vaudemont— ſind Sie ebenſo geſchickt mit der Piſtyole?“ „Sie können es ſehen, wenn Sie wollen; aber Sie zielen, Lord Lilburne; das würde bei einem engliſchen Duell nicht nützen. Erlauben Sie.“ 286 Er ging zu dem Handſchuh und riß einen Finger davon ab, den er beſonders an den Baum befeſtigte, nahm im Vorübergehen Dykeman die Piſtole ab, trat auf den Platz, von wo Lilburne geſchoſſen, drehte ſich raſch um, ſcheinbar ohne zu zielen, und der Finger fiel auf den Boden. Lilburne ſtand erſchrocken da. „Das iſt wunderbar!“ ſagte Marsden—„wun⸗ derhar! Wo, zum Teufel, lernten Sie einen ſolchen Kunſtzriff?— denn eigentlich iſt es doch nur ein Kunſtgriff!“ „Ich lebte manche Jahre in einem Lande, wo ich beſtändige übung hatte, und wo das Schießen eine nothwendige Fertigkeit war— in einem Lande, wo der Menſch oft mit den wilden Beſtien kämpfen muß. In eiviliſirten Staaten vertritt der Menſch ſelber die Stelle der wilden Beſtien— aber auf ihn machen wir nicht Jagd. Lord Lilburne—“ ſetzte er mit ver⸗ ächtlichem und lächelndem Flüſtern hinzu,„Sie müſſen ſich noch ein wenig mehr üben.“ Aber Lord Lilburne befolgte dieſen Rath nicht, ſondern ſtellte ſeine Morgenbeſchäftigung ein. Er dachte nicht mehr an ein Duell mit Vaudemont. Ev⸗ bald die Jäger ihn verlaſſen hatten, befahl er Dyke⸗ man die Piſtolen fortzutragen und ging geradezu nach Hauſe in das Bibliothekzimmer, wo Robert Beau⸗ fort, der die Jagd nicht liebte, gewöhnlich ſeine Morgenſtunden zubrachte. Er warf ſich in einen Lehnſeſſel und ſagte, indem er mit ungewöhnlicher Heftigkeit das Feuer ſchürts „Beau heten, angene Be meiſter widerte gehabt eingela merkſt wie äh mehr i eine a Robert wäre ſchichte würde Philip „H fort in ſeinem Furcht milienl auch 2 durch machte mont. ändert nichts — ja mit— Finger feſtigte, ole ab, „drehte Finger „wun⸗ ſolchen nur ein wo ich en eine de, wo nmuß. ber die machen nit ver⸗ müſſen nicht, n. Er . So⸗ Dyhke⸗ zu nach Beau⸗ ſeine indem chürte 287 „Beaufort, es thut mir ſehr leid, daß ich Dich ge⸗ beten, Vaudemont einzuladen. Er iſt ein ſehr un⸗ angenehmer Menſch ohne Erziehung.“ Beaufort ließ das Rechnungsbuch ſeines Haus⸗ meiſters fallen, womit er ſich beſchäftigte, und er⸗ widerte:„Lilburne, ich habe keinen ruhigen Augenblick gehabt, ſeit der Menſch im Hauſe iſt. Da Du ihn eingeladen, wollte ich bisher nichts ſagen, aber be⸗ merkſt Du nicht— Du mußt es bemerkt haben— wie ähnlich er den alten Familienbildern iſt. Je mehr ich ihn angeſehen, deſto klärer wird mir noch eine andere Ahnlichkeit. Mit einem Wort,“ ſagte Robert, indem er inne hielt und ſchwerer athmete, wäre ſein Name nicht Vandemont— wäre ſeine Ge⸗ ſchichte nicht allem Anſcheine nach ſo bekannt— ſo würde ich ſagen— ja ich würde ſchwören, daß es Philipp Morton iſt, der unter dieſem Dache ſchläft.“ „Ha!“ ſagte Lilburne mit einem Ernſt, der Beau⸗ fort in Erſtaunen ſetzte, da er vorbereitet war, von ſeinem Schwager ſpöttiſche Bemerkungen über ſeine Furcht zu hören;„die Ahnlichkeit mit den alten Fa⸗ milienbildern, wovon Du ſprichſt, fiel mir auch auf; auch Marsden bemerkte ſie in dieſen Tagen, als wir durch die Gemäldegallerie gingen; und Marsden machte laut eine Bemerkung darüber gegen Vaude⸗ mont. Mir fällt jetzt ein, daß er die Farbe ver⸗ änderte und nicht antwortete. Still! ſtill! erwähne nichts davon— laß mich nachdenken. Dieſer Philipp — ja— ja— ich und Arthur ſahen ihn mit— mit— Gawtrey— in Paris—“ 288 „Gawtrey! war das der Name des Schurken, mit dem er, wie man ſagt—“ „Ja— ja— ja. Ha! nun errathe ich die Be⸗ deutung jener Blicke— jener Worte,“ murmelte Lil⸗ burne zwiſchen den Zähnen.„Sein Anſpruch an den Namen Vaudemont war immer zweifelhaft— die Geſchichte wurde immer nur halb geglaubt— die Erfindung einer in ihn verliebten Frau— der An⸗ ſpruch an Dein Vermögen, der zu derſelben Zeit gemacht wird, wo er in England ankommt.— Ha! haſt Du eine Zeitung hier? gib ſie mir. Nein! es iſt nicht dieſes Blatt. Klingele und laß die älteren wenn Nummern bringen!“ konnte „Was iſt! Du erſchreckſt mich!“ ſtöhnte Beaufort, ſuch ſ indem er klingelte. Herzer „Haſt Du nicht die Aufforderung geleſen, die im letzten Monat mehrmals wiederholt wurde?“ worde „Ich leſe nie Anzeigen, außer in der Zeitung der iſt, n Grafſchaft, wenn Güter zu verkaufen ſind.“ „Ich auch nicht oft; aber dieſe fiel mir auf. 5 John“— hier trat der Bediente ein—„bringe die die 3 Zeitungen vom letzten Monat. Der Name des Zeu⸗ forde gen, auf den ſich Mrs. Morton berief, war Smith, tig a derſelbe Name des Kapitäns; welches war der Vor⸗ zu H name?“ ſicht „Ich erinnere mich nicht.“ will, „Hier ſind die Zeitungen— ſchließe die Thür— und hier iſt die Aufforderung:„„Wenn Herr William Es Smith, Sohn des Jeremias Smith, der früher Shipdale⸗Bury unter dem ſehr ehrenwerthen Charles „ en, mit die Be⸗ elte Lil⸗ an den — die — illiam früher harles 289 Leopold Beaufort(das iſt Dein Oheim) gepachtet hatte, und der im Jahre 18.. nach Auſtralien aus⸗ wanderte, ſich an den Advokaten Barlow, Eſſex⸗ Street, Strand, wenden will, ſo wird er etwas für ihn Vortheilhaftes erfahren.““ „Guter Himmel! warum ſagteſt Du mir dies nicht früher?“ „Weil ich es nicht für wichtig hielt. Es konnte ja dem Manne ein Legat vermacht ſein, welches nichts mit Deiner Sache zu thun hatte. In der That, das war die währſcheinlichſte Vermuthung— oder ſelbſt, wenn ſie mit jenen Anſprüchen in Verbindung ſtand, konnte dieſe Aufforderung nur ein verächtlicher Ver⸗ ſuch ſein, Dich zu ſchrecken. Nimm es Dir nicht zu Herzen— werde nicht ſo blaß— am Ende iſt es doch nur ein Beweis, daß der Zeuge nicht aufgefunden worden— daß Kapitän Smith weder jener Smith iſt, noch entdeckt hat, wo jener Emith iſt!“ „Wahr!“ ſagte Beaufort:„wahr— ſehr wahr!“ „Hm!“ ſagte Lord Lilburne, der noch immer raſch die Zeitungen überblickte—„hier iſt noch eine Auf⸗ forderung, die ich nie zuvor ſah⸗ dies ſieht verdäch; tig aus:„„Wenn der Mann, der am. September zu Herrn Morton, Leinwandhändler in N*, kam, ſich wieder perſönlich oder ſchriftlich an ihn wenden will, ſo kann er die gewünſchte Auskunft erhalten.““ „Morton!— des Weibes Bruder! ihr Oheim! Es iſt zu klar!“ „Aber was führt dieſen Mann hieher, wenn er Bulwer, Nacht u. Morgen. II.„ 19 290 wirklich Philipp Morton iſt? Will er ſpioniren oder drohen?“ „Ich will ihn noch heute aus dem Hauſe ſchaffen.“ „Nein— nein! wir wollen ihn beobachten. Jhh ſehe es jetzt— Deine Tochter zieht ihn an. Forſche ſie aus, ſage ihr, ſie ſoll ſein Vertrauen nicht zu⸗ rückweiſen; mache ausfindig, ob er je von dieſen Mortons ſpricht. Ha! ich erinnere, mich— er hat ſchon mit mir von den Mortons geſprochen— ich habe aber vergeſſen, was es war. Ha! dies iſt ein Mann von Geiſt und Kühnheit— bebbachte ihn, ſage ich— beobachte ihn! Wann kommt Arthur zurück?“ „Er iſt ſo langſam gereist, denn er klagt noch immer über ſeinen Geſundheitszuſtand und hat Ver⸗ zögerungen gehabt; aber er wollte dieſe Woche in Paris ſein, vielleicht iſt er jetzt dort. Guter Himmel! er darf dieſen Mann nicht treffen!“ „Thu was Du willſt, bringe Alles von Deiner Tochter heraus. Fürchte nichts: er kann nichts gegen Dich ausrichten, als durch das Geſetz. Aber wenn er Camilla wirklich liebt.—“ „Er! Philipp Morton— der Abenteurer— der—“ „Er iſt der älteſte Sohn; bedenke, Du wollteſt ſchon den jüngeren annehmen. Er kann den Zeugen finden— er kann den Prozeß gewinnen— wenn er Camilla liebt, könnte es zu einem Vergleich kommen.“ Herrn Beaufort war es, als würde er zu Eis. „Du hältſt es alſo für wahrſcheinlich, daß er . dieſen terte pioniren chaffen.“ en. Jch Forſche icht zu⸗ n dieſen immel! Deiner s gegen wenn rer— vollteſt Zeugen enn er men.“ Eis. aß er 291 dieſen ſchmachvollen Prozeß gewinnen wird?“ ſtot⸗ terte er. „Wollteſt Du Dich nicht ſchon gegen den Bruder ſichern? um ſo mehr iſt es der Mühe werth, es mit dieſem Manne zu verſuchen. Höre! die Politik des Privatlebens iſt der des öffentlichen gleich— wenn. der Staat einen Demagogen nicht vernichten kann, ſo ſollte er ſuchen, ihn für ſich zu gewinnen. Wenn Du dieſen Hund zu Grunde richten kannſt—“ und Lilburne ſtampfte heftig mit dem Fuße auf den Bo⸗ den, ohne an ſeine Gicht zu denken—„ſo vernichte ihn! Bringe ihn an den Galgen! Wenn Du es nicht kannſt—“ und hier ſtreichelte er mit verzogenem Geſicht ſeinen verletzten Fuß—„wenn Du es nicht kannſt— Teufel, welch ein Schmerz!— und er Dich zu Grunde richten kann— ſo bringe ihn in die Familie und mache ſeine Geheimniſſe zu den unſern! Ich muß gehen und mich niederlegen, ich habe mich zu ſehr aufgeregt.“ In großer Verwirrung ging Beaufort ſogleich zu Camilla. Seine nervöſe Aufregung verrieth ſich, ob⸗ gleich er ein gräßliches Lächeln erzwang und außer⸗ ordentlich kalt und gefaßt zu ſein ſich beſtrebte. Seine Fragen, die ſie verwirrten und beunruhigten, brachten bald die Thatſache von ihr heraus, daß Vaudemont gleich das erſtemal, als er ihr vorgeſtellt worden, von den Mortons geſprochen, ſpäter oft den Gegen⸗ ſtand wieder berührt habe und anfangs der feſten überzeugung zu ſein geſchienen habe, daß der jüngere Bruder unter Beaufort's Schutze ſei; obgleich er ſich 292 endlich widerſtrebend von dem Gegentheil überzeugt zu haben ſchien. So aufgeregt Robert auch war, ſo beſaß er doch genug von ſeiner natürlichen Schlau⸗ heit, um zu erkennen zu geben, daß er den Argwohn hege, Vaudemont ſei Philipp Morton ſelber, denn er fürchtete, ſeine Tochter möchte dieſem ſeinen Ver⸗ dacht verrathen. „Aber,“ ſagte er mit einem Blicke, der Ver⸗ trauen einflößen ſollte,„ich vermuthe, er kennt dieſe jungen Leute. Ich möchte gern ſelber mehr von ihnen wiſſen. Suche Alles, was Du kannſt, von ihm zu erfahren, und ſage es mir, Camilla— hi! hi! hi!— Du haſt eine Eroberung gemacht, Du kleine Närrin! ſagte dieſer Vaudemont je, wie ſehr er Dich bewundere?“ „Er!— nimmer!“ ſagte Camilla erröthend und dann ſehr blaß werdend. „Aber er zeigt es durch ſeine Blicke. Ach! Du ſagſt alſo nichts. Gut, gut, entmuthige ihn nicht. das heißt— ja, entmuthige ihn nicht. Sprich ſo viel mit ihm als Du kannſt— frage ihn nach ſeinem früheren Leben. Ich wünſche es beſonders zu wiſſen — es iſt mir von großer Wichtigkeit.“ „Aber, mein lieber Vater,“ ſagte Camilla zitternd und verwirrt,„ich fürchte dieſen Mann— ich fürchte — ich fürchte—“ Wollte ſie hinzuſetzen:„Ich fürchte mich ſelber?“ Ich weiß es nicht! aber ſie hielt inne und brach in Thränen aus. „Zum Henker mit dieſen Mädchen!“ murmelte urthei ſehen und r Camil Dinge V ſein( began ſei; ihn( ihm i ſchätz kläre Sinn war hr von nd und 5! Du nicht. rich ſo ſeinem wiſſen itternd fürchte lber?“ ach in rmelte 293 Beaufort,„ſtets greinen ſie, wenn ſie uns von Nutzen ſein ſollten. Geh hinunter, trockne Deine Augen, thue wie ich Dir ſage— ſuche Alles, was Du kannſt, von ihm zu erfahren. Ihn fürchten!— ja ich glaube wohl, daß ſie ihn fürchtet!“ murmelte der arme Mann, als er die Thür ſchloß. Iſt es zu verwundern, daß Camilla's Benehmen gegen Vaudemont von der Zeit an noch verlegener war als je; iſt es zu verwundern, daß er dieſe Verlegen⸗ heit nach ſeiner eigenen Art erklärte. Beaufort trug Sorge, ſie mehr als ſonſt in ſeine Nähe zn bringen; er nahm plötzlich eine kriechende, ſchmeichelnde Höf⸗ lichkeit gegen Vaudemont an; Er ſei gewiß, daß er die Muſik liebe; wie möchte ihm wohl die neue Arie gefallen, die Camilla ſo ſehr liebte? Er müſſe ein Urtheil über Landſchaften haben, da er ſo viel ge⸗ ſehen: es ſeien ſchöne Ausſichten in der Umgegend, und wenn er ſeine Jagd einſtellen wolle, ſo zeichne Camilla ganz hübſch, habe ein Auge für dergleichen Dinge und reite ſo gern. Vaudemont erſtaunte über dieſe Veränderung, aber ſein Entzücken war größer als ſein Erſtaunen. Er begann zu bemerken, daß man entveckt habe, wer er ſei; vielleicht wollte Beaufort, großmüthiger, als er ihn gehalten, jedes Unrecht und jede Härte, die er ihm in früheren Jahren zugefügt, durch jenen un⸗ ſchätzbaren Segen vergelten. Die Edelmüthigen er⸗ klären die Beweggründe Anderer ſtets im äußerſten Sinne— ſtets zu milde oder zu ſtrenge. Vaudemont war es, als habe er den Beleidiger beleidigt; er be⸗ 294 gann ſogar ſeinen Widerwillen gegen Robert Beau⸗ fort zu überwinden. Einige Tage lang war er viel in Camilla's Nähe; die Fragen, die ſie ihm auf Befehl ihres Vaters vorlegen mußte, wurden bebend und furchtſam ausgeſprochen und ſchienen ihm ihr Intereſſe an ſeinem Schickſal zu beweiſen. Seine Gefühle für Camilla, ſo plötzlich in ihrem Entſtehen — ſo gereift und ſo begünſtigt durch die unterge⸗ geordneten Beherrſcher der Welt— die Verhältniſſe — hatten vielleicht nicht die Tiefe und ruhige Voll⸗ kommenheit jener einzig wahren Liebe— von der es ſo viele Nachbildungen gibt— und die bei dem Manne wenigſtens, wenn nicht durch die Zeit, doch durch viele Erinnerungen reifen muß— die der vollkomme⸗ nen und erprobten überzengung von der Treue, dem Werthe und der Schönheit des Herzens bedarf, an welches er ſich hängt— aber jene Gefühle waren vennoch ſtark, glühend und innig. Er glaubte geliebt zu ſein— er war im Elyſium. Aber er erklärte die Liebe noch nicht, die aus ſeinen Augen ſtrahlte. Nein! er wollte Camilla Beaufort's Hand noch nicht fordern, denn er glaubte, die Zeit werde bald kom⸗ men, wo er ſie nicht als untergeordnete Perſon oder als Bittender, ſondern als Herr des Schickſals ihres Vaters fordern könne. Zr Unter burne diener Eure Alter Ausſe gut a finde 36)! eine l Alter dies, ich ſ L davo war? wer nahe mir 295 Zehntes Kapitel. Es ift, als ob was unter uns geſchehen! Der Malteſerritter. Zwei oder drei Abende nach dieſer denkwürdigen Seine Unterredung mit Robert Beaufort, ſagte Lord Lil⸗ tſtehen burne, während des Umkleidens zu ſeinem Kammer⸗ terge⸗ diener:„Dykeman, es wird beſſer mit mir.“ ältniſſe„In der That, Mylord, ich bemerkte nicht, daß Voll⸗ Eure Herrlichkeit je beſſer ausſahen.“ der es„Da lügſt Du. Ich ſah im letzten Jahre beſſer Manne aus— ich ſah im Jahre vorher beſſer aus— und durch ich ſah jedes Jahr zurück immer beſſer aus, bis zum omme⸗ Alter von einundzwanzig! Aber ich rede nicht vom e, dem Ausſehen, ein Mann, der Geld hat, braucht nicht rf, an gut auszuſehen. Ich rede vom Befinden. Ich be⸗ waren finde mich beſſer. Das Podagra iſt faſt verſchwunden. geliebt Ich bin jetzt einen Monat ruhig geweſen— das iſt rklärte eine lange Zeit— verſchwendete Zeit, und in meinem rahlte. Alter habe ich ſo wenig Zeit zu verſchwenden. über⸗ nicht dies, wie Du weißt, bin ich gar ſehr verliebt!“ kom⸗„Verliebt, Mylord? Ich meine, Sie ſagten mir, noder; ich ſolle nie von Liebe reden?“ ihres„Dummkopf! wozu, zum Henker, war es gut, davon zu reden, während ich in Flanell eingewickelt war? Ich bin nie verliebt, wenn ich krank bin— wer iſt es auch? Ich bin jetzt wohl, oder doch bei⸗ nahe wohl. Manche Dinge haben mich geärgert und mir dieſen Ort ſehr unangenehm gemacht; ich werde 296 in die Stadt gehen, und in einer Woche wird jenes liebliche Geſicht vielleicht meine Einſamkeit zu Fern⸗ ſide erheitern. Ich werde ſelber dafür ſyrgen. Ich ſehe, Du biſt im Begriff, etwas zu ſagen. Erſpare Dir die Mühe! Alles geht ſeinen rechten Gang, wenn ich es ſelber unternehme.“ Lord Lilburne, der ſich in der That in Vaude⸗ mont's Nähe unbehaglich und genirt fühlte, der den Gäſten zu Beaufort⸗Court ſo viel abgewonnen hatte, als ſie verlieren zu wollen geneigt ſchienen und es zu ſeiner Lebensregel gemacht hatte, ſein eigenes Ver⸗ gnügen und ſeine Unterhaltung vor allen andern Dingen zu befragen, beſtellte am folgenden Tage Poſtpferde und benachrichtigte ſeinen Schwager von ſeiner Abreiſe. „Und Du willſt mich mit dieſem Manne allein laſſen, gerade da ich überzeugt bin, daß er die Per⸗ ſon iſt, die wir in ihm vermutheten? Mein lieber Lilburne, bleibe doch, bis er geht.“ „Unmöglich! ich bin zwiſchen fünfzig und ſechszig — jeder Augenblick iſt koſtbar zu dieſer Zeit. über⸗ dies habe ich Alles geſagt, was ich ſagen kann; halte Dich ruhig— ergreife die Defenſive— verwickele dieſen verdammten Vaudemont, oder Morton, oder wer er auch ſein mag, in das Netz der Reize Dei⸗ ner Tochter, und dann ſchaffe ihn Dir vom Halſe, aber nicht eher. Dies kann nicht ſchaden, die Sache mag ausfallen, wie ſie will. Lies die Zeitungen und laß Blackwell kommen, wenn Du Rath oder Vor⸗ ſchläge bedarfſt. Ich wüßte nicht, was man für jetzt mehr aude⸗ er den hatte, und es 3 Ver⸗ andern Tage r von allein Per⸗ lieber chszig Uber⸗ halte . wickele oder Dei⸗ Halſe, Sache und Vor⸗ rjetzt 297 mehr thun könnte. Du kannſt an mich ſchreiben; ich werde in Park⸗Lane oder Fernſide ſein. Sei vor⸗ ſichtig. Du biſt ein glücklicher Kerl— Du leideſt nie am Podagra! Lebe wohl.“ Und in einer halben Stunde war Lord Lilburne auf dem Wege nach London. Lilburne's Abreiſe war ſür viele Andere ein Signal, ſich auch zu entfernen, beſonders und ganz natürlich für die, welche er ſel⸗ ber eingeladen hatte. Er kündigte dieſen Gäſten ſeine Abreiſe nicht eher an, als bis der Wagen vor der Thür ſtand. Dies konnte Delikateſſe vder Nachläſſig⸗ keit ſein, wie man es nehmen wollte; und wie man es nahm, darum kümmerte ſich Lord Lilburne keinen Strohhalm, denn er war viel zu ſelbſtſüchtig, um rückſichtsvoll zu ſein. Am nächſten Tage war wenig⸗ ſtens die Hälfte der Gäſte fort, und ſelbſt Marsden, der beſonders Arthurs wegen eingeladen war, kün⸗ digte an, daß er nach dem Mittageſſen abreiſen werde. Er reiste ſtets bei Nacht— er ſchlief gut unterwegs — und ſo ging ihm kein Tag verloren. „Es iſt ſo lange, daß Sie Arthur nicht ſahen,“ ſagte Beaufort, indem er ihn dazubleiben bat,„und ich erwarte ihn jeden Tag.“ „Thut mir ſehr leid— der beſte Menſch von der Welt— aber ich bin ſelber nicht recht wohl. Ich bedarf ein wenig Seeluft; ich werde nach Dover oder Brighton gehen. Aber ich vermuthe, Sie werden zu Weihnachten wieder das Haus voll haben; und in dem Falle wird es mich freuen, meinen Veſuch wie⸗ derholen zu dürfen.“ 299 Einerſeits ohne Lilburne's Verſtand und anderer⸗ ſeits ohne ſeine Laſter, war Marsden, gleich jenem großen Senſualiſten, eins von den gebrochenen Stücken des großen Spiegels„Ich“ genannt. Man bemerkte, daß er ſtets die Geſellſchaften aufſuchte, wo Lord Lilburne Karten ſpielte, indem er ſorgfältig einen andern Tiſch wählte und ſtets auf Lilburne's Seite wettete. Die Kartentiſche waren jetzt aufgehoben; Vaudemont's überlegenheit im Schießen und die Art, wie er die alleinige Unterhaltung der Jäger bildete, mißfiel ihm. Er fühlte ſich gelangweilt— er wollte fort— und fort ging er. Vaudemont fühlte, daß auch für ihn die Zeit zur Abreiſe gekommen ſei; aber Robert Beaufort, der in ſeiner Geſellſchaft den ſchmerz⸗ lichen Zauber empfand, den die Rieſenſchlange auf den Vogel ausübt, dem es verhaßt war, ihn dort zu ſehen, und der ſich fürchtete, ihn abreiſen zu laſſen, der noch nicht die vollkommene Beſtätigung ſeiner überzeugung von ihm erlangt hatte— denn Vau⸗ demont wich leicht Camilla's kunſtloſen Fragen aus — bat ihn dringend, dazubleiben, und bewog Ca⸗ milla, gegen ihren Willen und ſelbſt ungeachtet ihrer Vorſtellungen— ſie hatte noch nie zuvor gewagt, ihren Eltern Vorſtellungen zu machen— die Worte hervorzuſtottern:„Könnten Sie nicht noch einige Tage dableiben?“ ſo vaß Vandemont nur zu gern ſeiner eigenen Neigung nachgab und ſich noch eine kurze Zeit länger— finſter, unheimlich, ſchweigſam und geheimnißvoll— gleich einem von den Familienpor⸗ traits, welches von ſeinem Rahmen niedergeſtiegen — vor indeß gen, 1 Befind Briefe er ihr länger den. rere geblie Ereig Früh Brie kleinl pom Wür herv von eina Brie ſelbe Vat mei Sol wie nderer⸗ jenem einen Seite hoben; ſe Art, ildete, wollte wagt, Vorte Tage einer kurze und por⸗ egen 299 — vor Beaufort's Augen bewegte. Vaudemont ſchrieb indeß an Fanny, um ſein Ausbleiben zu entſchuldi⸗ gen, und da er Nachrichten von ihrem und Simon's Befinden zu erhalten wünſchte, ſo bat er ſie, ihre Priefe zu ſeiner Wohnung in London zu ſenden, die er ihr angab, und von wo ihr Brief, wenn er noch länger ausbleiben ſollte, an ihn würde befördert wer⸗ den. Er that dies indeß nicht eher, als bis er meh⸗ rere Tage nach Lilburne's Abreiſe in Beaufourt⸗Court geblieben war, und erſt zwei Tage vor den wichtigen Ereigniſſen, die ſeiner Abreiſe vorhergegangen. Die jetzt ſehr verringerte Geſellſchaft war beim Frühſtück, als der Bediente, wie gewöhnlich, mit der Brieftaſche hereintrat. Beaufort, der ſelbſt in den kleinlichen Geſchäften des Lebens ein wichtiges und pomphaftes Weſen annahm, öffnete mit langſamer Würde das koſtbare Behältniß und zog die Zeitungen hervor, die er auf den Tiſch legte, und die ein Herr von der Geſellſchaft begierig ergriff, brachte dann nach einander zuerſt einen Brief an Camilla, dann einen Brief an Vaudemont und endlich einen Brief an ihn ſelber zum Vorſchein⸗ „Ich bitte keine Umſtände zu machen, Herr von Vaudemont; entſchuldigen Sie mich und folgen Sie meinem Beiſpiel; ich ſehe, dieſer Brief iſt von meinem Sohne.“ Und er brach das Siegel. Der Brief lautete wie folgt: „Mein lieber Vater! „Faſt eben ſo bald, als Sie dieſen Brief erhalten, werde ich bei Ihnen ſein. So krank ich bin, habe ich 300 keine Ruhe, bis ich Sie ſehe und mit Ihnen zu Rathe gehe. Ich habe eben die erſchütterndſte— die ſchmerz⸗ lichſte Nachricht erhalten. Sie iſt wie ein Traum und von der Art, daß ſie nur eine perſönliche Mittheilung geſtattet. Ihr zärtlicher Sohn Boulogne. Arthur Beaufort.“ „Nachſchrift. Dieſer Brief wird mit demſelben Paketboot abgehen, mit dem ich fahre, und kann nur wenige Stunden vor mir ankommen.“ Beaufort's Hand zitterte, er ließ den Brief fallen und ergriff die Seitenlehne des Stuhls, um nicht um⸗ zuſinken. Es war klar, daß derſelbe Fremde, der ihn verfolgt hatte, jetzt auch bei ſeinem Sohne geweſen war. Er erſchrack bei dem Gedanken, daß ſein Sohn den Zeugen angehört habe— daß er überzeugt ſein möge. Sein eigener Sohn erſchien ihm jetzt als ein Feind— denn der Vater fürchtete das Ehrgefühl des Sohnes! Er ſah ſich verſtohlen am Tiſche um, bis ſein Auge auf Vaudemont ruhte, und ſein Schrecken verdoppelte ſich, denn Vaudemont's gewöhnlich ſo ruhi⸗ ges Geſicht war im höchſten Grabe belebt, als er es von dem Briefe erhob, den er eben geleſen. Robert Beaufort ſah ihn an, wie der Angeklagte vor Gericht den Kronanwalt anſieht, wenn derſelbe ſeine Anklage beginnt. „Herr Beaufort,“ ſagte der Gaſt,„der Brief, den Sie mir gegeben haben, ruft mich ſogleich in wichtigen Geſchäften nach London. Erlauben Sie mir, ſo bald als möglich Pferde zu beſtellen.“ „Was iſt geſchehen?“ ſagte die matte und ſelten gehör ſchehe Seuf von ſ der g einen geöffn derme wagte Zimn Schri Brief melde der b über lierer ich n Gaſtl zwan E 2 tigt, daß hinu Weg nir, 301 gehörte Stimme der Mrs. Beaufort.„Was iſt ge⸗ ſchehen, Robert?— Kommt Arthur?“ „Er kommt heute,“ ſagte der Vater mit tiefem Seufzer, und Vaudemont, der in dieſem Augenblick von ſeinem halb beendeten Frühſtück aufſtand, machte der ganzen Gruppe eine Verbeugung und Camilla einen Blick zuwerfend, die ſich über ihren noch nicht geöffneten Brief neigte— einen Brief, der von Winan⸗ dermere war und deſſen Siegel ſie noch nicht zu brechen wagte— verließ er das Zimmer. Er eilte auf ſein Zimmer und ging mit ſtattlichem Schritte— mit dem Schritte des Herrn— auf und ab. Dann nahm er den Brief und las ihn raſch noch einmal. Er lautete ſo: „Werther Herr! „Enblich hat ſich der fehlende Zeuge bei mir ge⸗ meldet. Er iſt, wie Sie vermutheten, derſelbe Mann, der bei Herrn Roger Morton geweſen; doch da ich über einige Punkte, ohne einen Augenblick zu ver⸗ lieren, Ihre Inſtruktionen zu haben wünſche, ſo werde ich mit der Poſt London verlaſſen und Sie im erſten Gaſthofe zu D' erwarten, welches, wie ich höre, zwanzig Meilen von Beaufort⸗Cvurt entfernt iſt. Ich habe die Ehre u. ſ. w. Eſſer⸗Street. John Barlow.“ Vaudemont war noch mit den Gedanken beſchäf⸗ tigt, die dieſer Brief erregte, als man ihm meldete, daß ſeine Chaiſe angekommen ſei. Als er die Treppe hinunterging, begegnete ihm Camilla, die auf dem Wege zu ihrem Zimmer war. „Miß Beaufort,“ ſagte er mit leiſer und bebender 302 Stimme,„indem ich Ihnen Lebewohl wünſche, kann ich jetzt nicht mehr ſagen. Ich verlaſſe Sie, doch ſelt⸗ ſam genug, bedaure ich es nicht, denn ich habe ein Geſchäft vor, welches mich vielleicht berechtigen wird, zu Ihnen zurückzukehren und die Gedanken auszu⸗ ſprechen, die ſelbſt in dieſem Augenblick die erſte Stelle in meiner Seele einnehmen.“ Während er ſprach, erhob er ihre Hand zu ſeinen Lippen, und in dem Augenblick ſah Beaufort aus der Thür ſeines Zimmers und rief:„Camilla!“ Sie war nur zu froh, zu entkommen. Philipp ſah einen Augen⸗ blick ihrer leichten Geſtalt nach und eilte dann die Treppe hinunter. Elftes Kapitel. Longueville. Ei, Beaufort, ſeid Ihr denn vermählt? Beaufort. Gewiß, So ſeſt, wie Worte, Hände, herzen, Priefler Uns vermählen konnten. Beaumont und Fletcher: „Der edle Herr.“ Im Gaſtzimmer des Hotels zu D' ſaß John BVar⸗ low. Er hatte eben ſein Frühſtück beendet, ſchrieb Briefe und ſah Papiere durch, die zu verſchiedenen Rechtsgeſchäften gehörten, während er dazu ſeine Pinte Neres leerte, als die Thür aufgeriſſen wurde und ein Herr plötzlich eintrat. „Herr Beaufort,“ ſagte der Advokat aufſtehend— „Herr Philipp Beaufort— denn ich fühle jetzt, daß Sie es von Rechtswegen ſind— obgleich noch nicht — zuri ein aufg wele über daß es ihm Kat , kann h ſelt⸗ abe ein n wird, auszu⸗ Stelle ſeinen us der ie war Augen⸗ nn die 1* Gewiß, Priefler er: Var⸗ ſchrieb edenen Pinte nd ein — „ daß nicht — 303 von Geſetzeswegen,“ ſetzte er mit ſeinem angewöhnten füörmlichen und ruhigen Lachen hinzu;„denn es bleibt noch viel— ſehr viel zu thun übrig, um zu machen, daß Geſetz und Recht eins werden. Ich wünſche Ihnen indeſſen Glück, daß Sie etwas haben, worauf Sie fußen können. Ich verzweifelte ſchon daran, den Zeugen aufzufinden, da die Aufforderung ſchon vor einem Monat geſchehen war, und hatte bereits andere Nach⸗ forſchungen begonnen, wovon ich ſogleich mit Ihnen reden will, als ich geſtern bei meiner Rückkehr nach London von einer Geſchäftsreiſe für Sie das Ver⸗ gnügen hatte, einen Beſuch von Wilhelm Smith ſelber zu erhalten.— Geben Sie ſich indeß nicht zu ſehr der Hoffnung hin, mein lieber Herr.— Dieſer arme Mann, der viel Unglück erfahren hat, war in Amerika, als die erſte fruchtloſe Nachforſchung angeſtellt wurde. Lange Zeit darauf kehrte er in die Colonie zurück und fand dort ſeinen Bruder, der, wie er von ihm herausbrachte, dorthin deportirt war. Er verhalf ſeinem Bruder zur Flucht und Beide kehrten nach England zurück. Von einem entfernten Verwandten, der ihm ein wenig Geld borgte, erfuhr Wilhelm, daß er früher aufgeſucht worden, und fragte ſeinen Bruder um Rath, welcher wollte, daß er ihm die ganze Leitung der Sache überlaſſen ſolle. Dieſer Bruder verſicherte ihn ſpäter, daß Sie und Herr Sidney beide todt ſeien, und wie es ſcheint, ging er dann zu Herrn Beaufort, um ihm mit einem Rechtsſtreit zu drohen und ihm den Kauf des noch vorhandenen Zeugen anzubieten—“ „Und Herr Beaufort?“ ₰ 304 „Scheint das Anerbieten zurückgewieſen zu haben. Inzwiſchen ging Wilhelm, der ſeines Bruders Bericht nicht glaubte, nach N', erfuhr nichts von Herrn Morton, traf ſeinen Bruder wieber, der ihm einge⸗ ſtand, daß er ihn in der Behauptung, daß Sie und Ihr Bruder todt ſeien, getäuſcht habe, und ſagte, er habe Sie früher gekannt und ſei dann nach Paris abgereist, um Sie aufzuſuchen—“ „Mich gekannt?— Nach Paris?“ „Sogleich mehr davon. Wilhelm kehrte nach London zurück und lebte dürftig von dem Wenigen, welches ſein Bruder ihm gegeben, zu ſchwermüthig und zu arm, um eine Zeitung zu Geſichte zu bekommen, und ſah unſere Aufforderung nicht, bis ihm zum Glück das Geld ausging. Er hatte nichts weiter von ſeinem Bruder gehört und ging zu demſelben Verwandten, der ihm ſchon früher beigeſtanden, und bat ihn um eine neue Unterftützung. Zu ſeiner überraſchung empfing dieſer Verwandte den armen Mann ſehr freundlich, borgte ihm ſo viel er wollte und fragte dann, ob er unſere Aufforderung geleſen. Die Zeitung, die man ihm zeigte, enthielt beide Aufforderungen— die, worin der Fremde erwähnt wurde, der Herrn Morton beſucht hatte, ſowie die, welche ſeinen eigenen Namen ent⸗ hielt. Er ging ſogleich in mein Haus; doch ich war auf einer Geſchäftsreiſe. Er kehrte in ſeine Wohnung zurück. Am nächſten Morgen(geſtern) kam ein Brief von ſeinem Bruder, den er mir endlich gab, nachdem ich ihm verſprochen, daß dem Schreiber deſſelben nichts zu Leide geſchehen ſolle.“ „E nachgit darin. Alles „E ſtets ei in Bu! 8 „F „Nun, Bruder iſt— abhalte weſen und gli ſichern Rechte Herr fürchte ben, Bulw haen. Bericht Herrn einge⸗ Sie und agte, er Paris London welches und zu n, und Glück ſeinem andten, ihn um mpfing undlich, „ob er ie man „worin beſucht en ent⸗ ch war ohnung Brief achdem nichts 305 Vaudemont nahm den Brief und las wie folgt: „Lieber Wilhelm! „Suche den jungen Menſchen nicht auf, dem ich nachging: alles Suchen vergebens. Paris verteufelt koſtſpielig. Thut nichts, ich habe den Andern geſprochen — den jungen B“— ein ganz anderer Kerl als ſein Vater— ſehr krank— ſehr erſchrocken über meine Nachricht— nahm mich mit bis nach Bullone. Ich denke, jetzt wird ſich die Sache ſchon machen. Bedenke, was ich Dir vorher ſagte— thue Du keinen Schritt darin. Ich ſchicke Dir eingeſiegelt einen Napolevn— Alles, was ich entbehren kann. Der Deinige. Jeremias Smith.“ „Schreibe direkt an mich: Monſieur Smith— ſtets ein ſicherer Name— im Gaſthof zum Schiff in Bullone.“ „Jeremias— Emith— Jeremias!“ „Kennen Sie alſo den Namen?“ ſagte Barlow. „Nun, der arme Mann geſteht, daß er ſich vor ſeinem Bruder fürchtet— daß er zu thun wünſcht, was recht iſt— daß er fürchtet, ſein Bruder werde ihn davon abhalten— daß Ihr Vater ſehr gütig gegen ihn ge⸗ weſen— und ſo ſei er ſogleich zu mir gekommen, und glücklicherweiſe war ich zu Hauſe, um ihn zu ver⸗ ſichern, daß der Erbe am Leben und bereit ſei, ſeine Rechte zu behaupten. Nun alſo hätten wir den Zeugen, Herr Beaufort; aber wird uns das genügen? Ich fürchte nicht. Wird das Geſchwornengericht ihm glau⸗ ben, ohne daß er durch weiteres Zeugniß unterſtützt Bulwer, Nacht u. Morgen. 7 20 306 wird? Bevenken Sie das!— Als er fort war, ſetzie ich mich mit den Polizeibeamten zu Bow⸗Street ir Verbindung, um etwas über ſeinen Bruder zu er⸗ fahren, der ein ſehr berüchtigter Charakter iſt un dem die Polizei den Namen„der tolle Jerry“ gegeben hat—“ „Ah! nun, fahren Sie fort!“ „Ihr einziger Zeuge iſt alſo ein ſehr e Mam in den dürftigſten Umſtän— ſein Bruder, ei Schurke, ein Sträfling; dieſer Zeuge ſelber iſt de ſchüchternſte, ſchwankendſte und unentſchloſſenſte Menſch den ich je geſehen. Sein Zeugniß würde gegen einn ſcharfen, polternden Rechtsgelehrten nicht lange Stic halten. Und das iſt für jetzt Alles, worauf wir un ſtützen können.“ „Ich ſehe— ich ſehe. Es iſt gefährlich— es i waglich. Aber Wahrheit zahrheit, Gerechtigkii — Gerechtigkeit! Ich will es wagen.“ „Verzeihen Sie mir die Frage, kannten Sie j. dieſen Bruder?— Waren Sie je mit ihm bekann — oder in demſelben Hauſe?“ „Vor vielen Jahren— wo ich viel Mühſeliz keiten und Beſchwerden zu erdulden hatte— war i freilich mit ihm bekannt— und was weiter?“ „Es thut mir leid, dies zu hören,“ antwortel der Advokat mit ernſtem Geſichte.„Sehen Sie nich ein, daß, wenn dieſer Zeuge in Verwirrung gebrach und ihm nicht geglaubt wird, und wenn man nach weiſen kann, daß Sie, der Kläger— verzeihen Ei mir, daß ich es ausſpreche— mit einem Bruder vo iß. niß; von dieſe noch bezer den woll gehe zu v Abſi Aug nich es t führ iſt um gegeben gen eine nge Stit wir un en Sie ji m bekaun Mühſeliz war ic er?“ antwortel Sie nicht g gebracht man nach⸗ zeihen Si ruder von 307 ſolchem Ruf in vertrautem Verhältniſſe waren, man die ganze Sache ſo darſtellen könnte, daß ſie wie Meineid und Conſpiration ausſieht? Wenn wir hier ſtehen bleiben, iſt es eine ſchlimme Sache!“ „Und iſt dies Alles, was Sie mir zu ſagen haben? Der Zeuge iſt gefunden— der einzige lebende Zeuge — der einzige Beweis, den ich je erhalten kann, und Sie ſuchen mich— ja ſelbſt mich— abzuſchrecken, die Mittel zur Abhülfe anzuwenden, welche die Vor⸗ ſchung mir ſendet. Herr, ich will Sie nicht anhören!“ „Herr Beaufort, Sie ſind ungeduldig— es iſt ſehr natürlich. Aber wenn wir vor Gericht gehen— vas heißt, wenn ich etwas damit ſollte zu thun haben, ſo warten Sie— warten Sie, bis Ihre Sache klar iſt. Und hören Sie mich dennoch an. Dies iſt nicht der einzige Beweis— dies iſt nicht das einzige Zeug⸗ niß; Sie vergeſſen, daß eine beglaubigte Abſchrift von dem Trauungsregiſter exiſtirt; wir können noch dieſe Abſchrift finden, und vielleicht iſt der Pfarrer noch am Leben, der die Abſchrift machte, um ſie zu bezeugen. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt und da ich den Erfolg unſerer Aufforderung nicht erſt abwarten wollte, ſo beſchloß ich in die Nähe von Fernſide zu gehen, und zum Glück war ein Landhäuschen im Dorfe zu verkaufen. Ich ſtellte mich, als ſei es bloß meine Abſicht, dieſes Haus zu beſehen. Nachdem ich es in Augenſchein genommen, ſprach ich davon, ob man nicht einige Veränderungen anbringen könne, damit es der Villa des Lord Lilburne ähnlicher werde. Dies führte mich zu der Bitte, die Villg anſehen zu dürfen 308 — und eine Krone, die ich der Haushälterin gab, verſchaffte mir Eintritt. Die Haushälterin war ſchon bei Ihrem Vater geweſen und Seine Herrlichkeit hatte ſie behalten. Ich erfuhr daher bald, welche Zimmer der verſtorbene Herr Beaufort beſonders bewohnt habe, und wurde in ſein Studirzimmer geführt, wo er wahr⸗ ſcheinlich ſeine Papiere aufbewahrte. Ich fragte, ob es noch baſſelbe Mobiliar ſei, wie zu Ihres Vaters Zeit, was nach dem Alter und der Form wahrſcheinlich ſchien. Es war ſo; Lord Lilburne hatte das Haus gekauft ſo wie es war, und außer einigen Verände⸗ rungen im Geſellſchaftszimmer ſei die ganze Einrich⸗ tung der Villa dieſelbe geblieben. Sie ſcheinen unge⸗ dig!— Ich komme zur Sache. Mein Auge fiel auf ein altmodiſches Büreau—“ „Aber wir durchſuchten jede Schublade in dem Büreau!“ „Auch verborgene Schubladen 24 „Verborgene Schubladen! Nein! Ich hörte von keinen verborgenen Schubladen!“ Barlow rieb die Hände und leerte ſeine Pinte, ehe er fortfuhr:„Jenes Büreau fiel mir auf, den mein Vater hatte ein ganz ahnliches! Es iſt nicht in England, ſondern in Holland gemacht.“ „Ja, ich hörte, daß mein Vater es drei oder vier Jahre nach ſeiner Verheirathung in einer Auktion kaufte.“ „Ich hörte dies von der Haushälterin, die ſich geſchmeichelt fühlte, weil ich es bewunderte. Ich konnte nicht von ihr erfahren, in welcher Auktion es gekauft worde weſen durch gewiff Ein biliar bracht ſei ut ihr ei zu la mir d des B laden mir ſi laden das 2 höhen nicht natür Gelel ich he Robe entde laden um wahr Mut in K niß wede erände⸗ Einrich⸗ en unge⸗ fiel auf in dem örte von Pinte, f, denn nicht in der vier Auktion die ſich konnte gekauft 309 worden, doch ſei ſie gewiß, daß es in der Nähe ge⸗ weſen. Ich hatte jetzt einen Fingerzeig und erfuhr vurch nachläſſige Fragen, welche Auktionen in einem gewiſſen Jahre in der Nähe von Fernſide ſtattgefunden. Ein Herr war in dem Jahre geſtorben und ſein Mo⸗ biliar verauktivnirt worden. Mit großer Schwierigkeit brachte ich heraus, daß ſeine Wittwe noch am Leben ſei und in einiger Entfernung wohng. Ich machte ihr einen Beſuch; doch will ich Sie nicht mit einer zu langen Erzählung ermüden und nur ſagen, daß ſie mir die Verſicherung gab, ſie erinnere ſich vollkommen des Büreau's und es habe verſchiedene geheime Schub⸗ laden, die ſehr künſtlich angebracht ſeien; ja, ſie zeigte mir ſogar das Verzeichniß, worin die erwähnten Schub⸗ laden mit großen Buchſtaben bezeichnet waren, um das Auge der Käufer zu feſſeln und den Preis zu er⸗ höhen. Daß Ihr Vater, ſo lange ſein Oheim lebte, nicht ſagte, wo er dieſes Dokument verwahrte, iſt ſehr natürlich, und er lebte nicht lange genug, um ſpäter Gelegenheit zu einer ſolchen Erklärung zu haben; doch ich halte mich vollkommen überzeugt, daß, wenn Herr Robert Beaufort es nicht unter den andern Papieren entdeckte, die er durchſuchte, in einer von dieſen Schub⸗ laden Alles wird gefunden werden, was wir bedürfen, um Ihre Anſprüche zu begründen. Dies iſt um ſo wahrſcheinlicher, da Ihr Vater vielleicht ſelbſt Ihre Mutter nicht von den geheimen Fächern in dem Büreau in Kenntniß ſetzte. Warum ſonſt ein ſolches Geheim⸗ niß? Es iſt wahrſcheinlich, daß er das Dokument ent⸗ weder kurz vor oder zu der Zeit erhielt, wo er das 310 Büreau kaufte, oder daß er es gerade zu dem Zwecke erſtand, und da er einmal das Papier an einem Orte verwahrt hatte, den er für ſicher anſah, hielt ihn Zufall, Nachläſſigkeit, Klugheit, vielleicht wohl gar Scham(verzeihen Sie mir), weil er an der Vor⸗ ſicht Ihrer Mutter gezweifelt, denn darauf deutet ſeine Heimlichkeit hin, von der Erwähnung des Umſtandes ab, ſelbſt als ihn die Vertraulichkeit ſpäterer Jahre von der aufopfernden Hingebung Ihrer Mutter über⸗ zeugt hatte. Bei ſeines Oheims Tode dachte er alles wieder gut zu machen!“ „Und wie, wenn dies wahr iſt— wenn der Him⸗ mel, der mich bisher aus ſo vielen Gefahren erret⸗ tete, eben durch die Heimlichkeit meines armen Vaters mein Geburtsrecht vor den Klauen des Räubers be⸗ wahrte— wie, ſage ich, ſoll—“ „Das Büreau in unſern Beſitz übergehen? das iſt freilich die Schwierigkeit. Aber wir müſſen es auf die eine oder die andere Weiſe zu erreichen ſuchen, wenn uns alles andere fehlſchlägt; inzwiſchen, da ich mich jetzt überzeugt halte, daß eine Abſchrift aus dem Trauungsregiſter iſt gemacht worden, wünſche ich zu, wiſſen, ob ich nicht ſogleich nach Wales reiſen ſollte und ſehen, ob ich nicht die Perſon in der Nachbar⸗ ſchaft von A“ finden kann, welche die Abſchrift machte; denn Sie müſſen bemerken, daß die erwähnte Abſchrift nur in ſo weit von Wichtigkeit iſt, als ſie uns zu dem Zeugniß deſſen führt, der die Abſchrift verfertigte.“ „Mein Herr,“ ſagte Vaudemont, indem er Bar⸗ low herzlich die Hand drückte,„verzeihen Sie mir mein gerad Ihre Sie dem dem thäte ihn i Adreſ Und ſchein H! in ſe wünſ ihm, in Lo Woh Lond er ſa Mut ſie h erſtet Vate biede vor ſie ſ Das — 1 Zwecke em Orte tet ſeine er Him⸗ n erret⸗ nVaters ers he⸗ ? das n es auf ſuchen, „da ich aus dem“ e ich zu en ſollte kachbar⸗ machte; bſchrift uns zu rtigte.“ er Bar⸗) ie mir 311 meinen Ungeſtüm von vorhin. Ich ſehe in Ihnen gerade den Maun, deſſen ich bedarf und wünſchte— Ihr Scharfſinn üherraſcht und ermuthigt mich. Gehen Sie nach Wales und Gott geleite Sie!“ „Sehr wohl!— In fünf Minuten werde ich auf dem Wege ſein. Izwiſchen reden Sie ſelber mit dem Zengen; der Anblick des Sohnes ſeines Wohl⸗ thäters wird mehr als alles Andere dazu beitragen, ihn in ſeinem Entſchluſſe zu beſtärken. Hier iſt ſeine Adreſſe, und hüten Sie ſich, ihm Geld zu geben. Und nun will ich meinen Wagen beſtellen— die Sache ſcheint der Mühe werth, ſich Koſten deßhalb zu machen. O! ich vergaß zu ſagen, daß Herr Liancvurt geſtern in ſeinen eigenen Angelegenheiten bei mir war. Er wünſcht ſehr, ſich mit Ihnen zu berathen. Ich ſatzte ihm, Sie würden höchſt wahrſcheinlich dieſen Abend in London ſein, und er ſagte, er wolle Sie in Ihrer Wohnung aufſuchen.“ „Ja— ich will keinen Augenblick verlieren, nach London zu gehen und unſern Zeugen zu beſuchen. Und er ſah meine arme Mutter am Altar!— Meine arme Mutter— ach! wie konnte mein Vater Zweifel gegen ſie hegen!“ Und während er ſprach, erröthete er zum erſtenmal vor Scham bei der Erinnerung an ſeinen Vater. Er konnte noch nicht begreifen, daß ein ſo biederer und gewöhnlich ſo kühner und offener Mann vor dem Weibe, welches ihm alles geopfert, ein für ſie ſo wichtiges Geheimniß habe verbergen können! Das war der einzige Makel an ſeines Vaters Ehre — und ein arger Makel war es. Schwer war die 312 Strafe auf die gefallen, die ſein Vater am meiſten geliebt! Ach, Philipp hatte noch nicht erfahren, wie Hoffnung und Furcht wegen großen Reichthums ſelbſt Männer beſtechen und verleiten können, die für höchſt ehrenvoll gehalten werden, wenn ſie in dem Glauben erzogen ſind, daß Reichthum der höchſte Segen des Lebens iſt! Aus dem rechten Lichte betrachtet, lag in Philipp Beaufort's einſamer Engherzigkeit die unge⸗ heure Moral der dunkelſten Wahrheit dieſer Welt! Barlow war abgereist. Philipp war im Begriff, in ſeine Chaiſe zu ſteigen, als ein vierſpänniger Wagen vor die Thür des Gaſthauſes fuhr, um die Pferde zu wechſeln. Ein junger Mann lag der Länge nach im Wagen— er war in Mäntel gehüllt und trug die Bläſſe langer und ſchwerer Krankheit auf der Wange. Er richtete ſein trübes Auge vielleicht mit dem Blicke des Neides, der den Kranken eigen iſt, auf jene ſtarke und athletiſche Geſtalt, majeſtätiſch in ihrer Geſithd⸗ heit und Kraft, die neben dem beſcheideneren Fuhr⸗ werk ſtand. Philipp beachtete indeß den Ankommen⸗ den nicht, ſondern ſprang in ſeine Chaiſe und raſſelte fort. Und ſo waren Arthur Beaufort und ſein Vetter einander unbewußt wieder begegnet! Auf weſſen Seite war jetzt die Nacht— und auf weſſen der Morgen? Zwölftes Kapitel. Bakam. Laßt meine Leute unſte Mauern ſchützen Syana. Die meinigen den Tempel. Die In ſelprinzeſſin. Dieſe für] Philipp ſo ereignißreichen Tage und raſſelte Vetter en Seite gen nſchützen ſin. ge und meiſten 3¹3 Wochen waren für Fanny, hinſichtlich des innern Le⸗ bens, nicht weniger ereignißreich. Sie hatte ſich ſtillen und wonnevollen Gedanken hingegeben bei dem Be⸗ wußtſein, daß ſie an Kenntniß zunehme— daß ſie ſeiner würdiger werde— daß er es bei ſeiner Rück⸗ kehr bemerken müſſe. Ihr Weſen war gedankenvoller und geſammelter— kurz, weniger kindiſch als früher. Und dennoch, bei aller Regſamkeit des neu erweckten Verſtandes, war der Reiz ihrer auffallenden Unſchuld nicht hinweggeſcheucht. Sie erfreute ſich ihrer alten Freiheit, auszugehen und zurückzukehren wann es ihr gefiel, und da das Wetter zu kalt war, um Simon von ſeinem Kamin zu locken, außer vielleicht auf eine halbe Stunde Vormittags, ſo benutzte ſie beſonders die Stunden der Dämmerung, um ſich zu ihrer guten Lehrerin zu ſchleichen und jeden Tag weiſer und weiſer zu werden in den Wegen Gottes und in der Gelehr⸗ ſamkeit ſeiner Geſchöpfe. Die Lehrerin war keine geiſt⸗ reiche Frau. Auch bedurfte Fanny nicht ſo ſehr des Wiſſens, als vielmehr der Entwicklung ihrer Gedanken und ihres Geiſtes durch nützliche Bücher und verſtän⸗ dige Unterredung. Da alle ihre natürlichen Gefühle ſo ſchön waren, ſo machte es der Lehrerin wenig Schwierigkeit, ihre Gefühle zu der Würde der Grund⸗ ſätze zu erziehen. Geduldig bei der Abweſenheit deſſen, der nie aus ihren Gedanken abweſend war, erhielt Fanny endlich den Brief von ihm, den er zwei Tage vorher, ehe er Beaufort⸗Court verließ, an ſie ſchrieb— noch einen zweiten Brief, worin er ſich entſchuldigte, daß er nicht 344 früher komme, worin er ihr ſeine Adreſſe mittheille und um eine Antwort bat. Es war ein Morgen un⸗ vergleichlicher Freude, die an Entzücken grenzte. Und dann kam die Aufregung, die ſie beim Beantworten deſſelben empfand— der Stolz, zu zeigen, wie ſehr ſie ſich gebeſſert, welch eine vortreffliche Hand ſie jetzt ſchrieb! Sie ſchloß ſich auf ihrem Zimmer ein; ſie ging an dem Tage nicht aus. Sie legte das Papier vor ſich hin, und zu ihrem Erſtaunen verſchwand auf einmal alles aus ihrem Geiſte, was ſie zu ſagen hatte. Wie ſollte ſie auch nur beginnen? Sie hatte ihn ſonſt immer„Bruder“ genannt. Seit ihrer Unter⸗ redung mit Sarah fühlte ſie aber, daß ſie ihn um die Welt nicht mehr ſo nennen könne— nein, nimmer! Aber wie ſollte ſie ihn nennen— wie konnte ſi ihn nennen? Er unterſchrieb ſich„Philipp.“ Sie wußte, daß das ſein Name war. Sie hielt ihn ſür einen muſikaliſchen Namen, ihn auszuſprechen, aber ihn zu ſchreiben!— Nein! ein Inſtinkt, von dem ſie ſich keine Rechenſchaft ablegen konnte, ſchien ihr zuzuflüſtern, daß es unſchicklich und vermeſſen ſein würde, ihn„lieber Philipp“ zu nennen. Hatten die Lieder von Burns, die er ihr unbedachtſam in die Hände gegeben und ihr zu leſen anempfohlen— eine Sammlung, welche die ſchönſten Liebeslieder in der Welt enthält— hatten dieſe dazu beigetragen, ſie mit einigen von den Geheimniſſen ihres Herzens bekannt zu machen? Und war Furchtſamkeit mit der Kenntniß gekommen? Wer kann ſagen— wer kann errathen, was in ihr vorging? Auch kannte Fanny vielleicht mittheilte ein; ſie is Papier wand auf en hatte. atte ihn r Unter⸗ um die nimmer! unte ſie . Sie ihn für en, aber von dem chien ihr ſſen ſein atten die n in die n— eine r in der , ſie mit bekannt Kenntniß rrathen, vielleicht 315 ſelber nicht ihre Gefühle: aber die Worte„lieber Philipp“ ſchreiben konnte ſie nicht. Und den ganzen Tag, obgleich ſie an ſonſt nichts dachte, konnte ſie nicht einmal die erſte Zeile zu ihrer Zufriedenheit zu Stande bringen. Am nächſten Morgen ſetzte ſie ſich wieder nieder. Es wäre ſo unfreundlich geweſen, wenn ſie nicht ſogleich geantwortet hätte; ſie mußte ant⸗ worten. Sie legte ſeinen Brief vor ſich hin und be⸗ gann entſchloſſen. Aber eine Abſchrift' nach der an⸗ dern wurde gemacht und zerriſſen. Simon bedurfte ihrer— Sarah bedurfte ihrer— und es waten Rech⸗ nungen zu zahlen, und das Mittageſſen vorüber, ehe ihre Arbeit noch eigentlich begonnen hatte. Aber nach dem Mittageſſen ging ſie allen Ernſtes daran. „Wie freundlich iſt es von Dir, an mich zu ſchrei⸗ ben“(die Schwierigkeit der Ueberſchrift wurde dadurch beſeitigt, daß ſie ſie ganz wegließ)„und nach dem Befinden meines lieben Großvaters zu fragen! Er iſt noch derſelbe, doch geht er jetzt faſt nie aus, und ich habe viel Zeit für mich. Ich denke, etwas wird Dich überraſchen und Dich zum Lächeln bringen, wie Du anfangs thateſt, als Du zurückkehrteſt. Du mußt nicht böſe auf mich ſein, daß ich ſehr oft allein aus⸗ gegangen bin— ja, in der That jeden Tag. Ich bin ſo ſicher geweſen. Niemand iſt je rauh gegen Fanny geweſen.“(Das Wort„Fanny“ war ſorg⸗ fältig mit einem Federmeſſer ausgekratzt und„mich“ an die Stelle geſetzt.)„Aber Du ſollſt Alles erfah⸗ ren, wenn Du kommſt. Und biſt Du auch gewiß wohl— ganz— ganz wohl? Haſt Du nie das 316 Kopfweh, worüber Du zuweilen klagteſt? Sage mir dies! Gehſt Du aus— jeden Tag? Haſt Du jetzt auch einen hübſchen Kirchhof in der Nähe? Mit wem gehſt Du aus? „Es hat mich ſo glücklich gemacht, die Blumen auf die beiden Gräber zu ſtreuen. Aber dem Dei⸗ nigen gebe ich immer die ſchönſten, obgleich das an⸗ dere mir ſo lieb iſt. Ich fühle mich traurig, wenn ich das letztere anſehe, aber nicht ſo, wenn ich das anſehe, welches ich ſo lange angeſehen habe. O, wie gut Du wareſt! Aber Du willſt nicht, daß ich Dir danken ſoll.“ „Dies iſt ſehr dumm!“ rief Fanny, indem ſie plötzlich ihre Feder niederwarf;„und ich glaube am Ende gar nicht, daß ich mich gebeſſert habe.“ Und ſie weinte faſt vor Aerger. Plötzlich fiel ihr ein Gedanke ein In dem kleinen Zimmer, wo die Leh⸗ rerin ſie empfing, hatte ſie unter den Büchern auch eins unter dem Titel:„Der vollkommene Briefſteller“ geſehen und ſogleich gedacht, wie nützlich ihr daſſelbe ſein werde, wenn ſie je an Philipp ſchreiben müſſe. Aus dem Titel hatte ſie geſehen, daß es Muſterbriefe jeder Art enthielt— und ohne Zweifel war auch ein ſolcher Brief darin, wie er für die gegenwärtige Gelegenheit paßte. Bei dieſem Gevanken ſprang ſie auf. Sie wollte gehen— ſie konnte zurück ſein und den Brief vor Abgang der Poſt vollenden, wenn ſie Sir⸗ pence dafür zahlte. Sie ſetzte ihren Hut auf— ließ den Brief in der Haſt offen auf dem Tiſche liegen — warf auf dem Wege zur Hausthür einen Blick in das 2 ſchlaf eilte 2 die 2 trübe ging, eine Freu nahn nachd der S ſei, ten nen, werd quire — 1 Haut begre fort. Schi nung der Wag eine grau Sren. ( 317 vas Wohnzimmer, um ſich zu überzeugen, ob Simon ſchlafe und das Drahtgitter vor dem Feuer ſei, und eilte dann zu der freundlichen Lehrerin. Der Nebel, der im Herbſte ſich über London und Blumen die Vorſtädte lagert, machte den Abend vor der Zeit em Dei⸗ trübe. Es wurde dunkler und dunkler, als ſie weiter⸗ das a⸗ ging, aber ſie erreichte ſicher das Haus. Sie brachte g, wen eine Viertelſtunde in ſchüchterner Berathung mit ihrer ich daz Freundin über alle Arten von Briefen zu, mit Aus⸗ O, wie nahme deſſen, den ſie zu ſchreiben beabſichtigte, und ich dir nachdem ſie ſich feſt eingeprägt hatte, daß ſie, wenn der Brief an einen einigermaßen vornehmen Herrn ndem ſie ſei, mit„werther Herr“ heginnen und mit den Wor⸗ aube am ten enden müſſe:„ich habe die Ehre, mich zu nen⸗ Und nen,“ und daß es eine unverſöhnliche Beleidigung ſein ihr ein werde, zu dem Namen auf der Aufſchrift nicht„Es⸗ die Leh⸗ quire“ hinzuzufügen(das war eine große Entdeckung!) ern auch— nahm ſie das koſtbare Buch mit und verließ das efſteller“ Haus. Eine Mauer, die den Bezirk des Schulhauſes daſſelbe begrenzte, lief eine kurze Strecke in der Hauptſtraße nmüſſe. fort. Der zunehmende Nebel kämpfte hier mit dem ſterbriefe Schimmer einer einzelnen Laterne in einiger Entfer⸗ ar ch nung. Gerade in dieſem Augenblick bemerkte ſie auf nwärtige der Straße einen Gegenſtand, den ſie eben für einen g ſie auf. Wagen erkannte, als ihre Hand ergriffen wurde und und den eine Stimme ihr in's Ohr ſagte: ſie Six⸗„Ah! Sie werden hoffentlich gegen mich nicht ſo — ließ grauſam ſein, wie Sie es gegen meinen Boten wa⸗ e ren. Ich bin ſelber zu Ihnen gekommen.“ Sie wendete ſich in großer Beſtürzung um, doch Blick in 318 vie Dunkelheit verhinderte ſie, das Geſicht des Man nes zu erkennen, der ſie anhielt. „Laſſen Sie mich gehen!“ rief ſie—„laſſen Si mich gehen!“ „Still! ſtill! Nein— nein! Kommen Sie mi mir. Sie ſollen ein Haus, Wagen und Diener he ben! Sie ſollen ſeidene Kleider und Juwelen tragen Sie ſollen eine große Dame werden!“ Als dieſe verſchiedenen Lockungen raſch jeder neue Anſtrengung Fanny's folgten, ſagte eine keiſe Stimm von dem Bock der Kntſche:„Nehmen Sie ſich it Acht, Mylord, ich ſehe Jemand kommen— vielleich iſt es der Polizeimann!“ Fanny hörte dieſe Warnung und ſchrie um Hülf „Iſt es ſo?“ murmelte der Mann. Und plötzlié wurde Fanny's Mund zugehalten— ein Mantel übe ihren Kopf geworfen— ihre leichte Geſtalt vvm Bo Win den erhoben. Sie rang und kämpfte vergebens. G— war die Sache eines Angenblicks— ſie wurde zum den Wagen getragen— die Thür zugemacht— der Fremt ſie war an ihrer Seite und ſeine Stimme rief:„Fahn verſ zu, Dykeman. Schnell, ſchnell!“ reſp Zwei oder drei Minuten vergingen, die ihr i um ihrem Schrecken wie Jahre erſchienen, als das Tuch und der Mantel leiſe weggenommen wurden, und di⸗ gebe ſelbe Stimme(denn ſie konnte ihren Begleiter noch Tag nicht ſehen) ſagte in ſehr mildem Tone: Grt „Beunruhigen Sie ſich nicht— Sie haben kein verl urſache dazu— in der That nicht. Ich würde die⸗ ſes Mittel nicht angewendet haben, wenn irgend ein eine des Man⸗ „laſſen Si⸗ n Sie mi Diener hu en tragen! jeder neuen ſe Stimm⸗ Sie ſich it — vielleich um Hülf nd plötzlic Nantel übe lt vvm By⸗ ebens. E wurde zun der Fremd⸗ ef:„Fahr⸗ die ihr in s das Tuch n, und die⸗ gleiter noch haben kein⸗ würde die⸗ irgend ei milderes möglich geweſen wäre. Aber ich konnte nicht in Ihr Haus gehen und wußte kein anderes, wo ich Sie treffen ſollte. Dies war in der That das ein⸗ zige Mittel, welches mir übrig blieb. Ich machte mich mit Ihren Gängen bekannt. Tadeln Sie mich nicht, daß ich Ihren Schritten nachſpürte. Ich war⸗ tete geſtern die ganze Nacht auf Sie; doch Sie ka⸗ men nicht heraus. Ich war in Verzweiflung. End⸗ lich habe ich Sie gefunden. Sein Sie nicht ſo erſchrocken: ich will nicht einmal Ihre Hand berüh⸗ ren, wenn Sie es nicht wünſchen?“ Während er ſprach, verſuchte er ſie dennoch zu berühren und wurde mit einer Heftigkeit zurückge⸗ ſtoßen, die ihn aus der Faſſung brachte. Das arme Mädchen wich in ſprachloſem Entſetzen und in der finſterſten Verwirrung ihrer Gedanken in den fernſten Winkel dieſes Gefängniſſes zurück. Sie weinte nicht — ſie ſchluchzte nicht— aber ihr Zittern ſchien ſelbſt den Wagen zu erſchüttern. Der Mann fuhr fort, ſie anzureden, machte ihr Vorſtellungen, bat und verſuchte, ſie zu beſänftigen. Sein Benehmen war reſpektvoll. Seine Verſicherungen endlos, daß er ihr um die Welt nichts zu Leide thun wolle. „Sehen Sie nur die Wohnung, die ich Ihnen geben kann— auf zwei Tage— ja nur auf einen Tag. Hören Sie nur, wie reich ich Sie und Ihren Großvater machen kann, und wenn Sie mich dann verlaſſen wollen, ſo mögen Sie es thun.“ Noch viel mehr dieſes Inhalts ſprach er, ohne einen Ton von Fanny hervorzubringen, als Schnap⸗ 320 pen nach Luft und von Zeit zu Zeit ein leiſes Gemurmel: „Laſſen Sie mich gehen— laſſen Sie mich gehen! Mein Großvater— mein blinder Großvater!“ Und endlich fand ſie in Thränen Erleichterung, und ſie ſchluchzte mit einer Leidenſchaft, die ihren Begleiter, ſo hart und eiſig er auch war, beunruhigte und vielleicht ſogar rührte. Inzwiſchen ſchien der Wagen dahin zu fliegen. So ſchnell, wie zwei gut eingefahrene Pferde laufen konnten, ging es weiter, bis der Wagen etwa nach einer Stunde, oder in noch kürzerer Zeit, anhielt. „Sind wir ſchon da?“ ſagte der Mann, den Kopf aus dem Fenſter ſtreckend.„Thue, wie ich Dir befahl. Nicht vor die Hanptthür— vor mein Studir⸗ zimmer.“ In noch zwei Minuten hielt der Wagen wieder vor einem Gebäude, welches weiß und geiſterhaft durch den Nebel hervorſchaute. Der Kutſcher ſtieg ab, öffnete eine Glasthür mit einem Schlüſſel— trat einen Augenblick ein, um die Lichter in dem einſamen Zimmer bei dem Feuer auf dem Herde an⸗ zuzünden— erſchien dann wieder und öffnete die Thür des Wagens. Es verurſachte eine Schwierig⸗ keit, worauf ſie kaum vorbereitet waren, Fanny aus dem Wagen zu bringen. Keine ſanften Worte— keine leiſen Bitten konnten ſie herausbringen; und mit nicht geringer Geſchicklichkeit, denn ihr Begleiter ſuchte ſo ſanft mit ihr umzugehen, als die nothwen⸗ dige Kraft, die er anwenden mußte, es nur immer geſtattete, brachte er ihre Hände von den Fenſter⸗ 6 rahme worar Kutſch entfer einen Es we befand das P Leben⸗ Stirn und 3 ihr w Nähe Wänd Jagde etwas luſtig eden engliſ ihre einem über! gewor anſah Bewr einzig ſicht mrmel: gehen! 14 terung, e ihren ruhigte ien der wei gut weiter, in noch n, den ich Dir Studir⸗ wieder ſterhaft er ſtieg ſſel— in dem rde an⸗ ete die wierig⸗ ny aus — ; und egleiter othwen⸗ immer Fenſter⸗ 32¹ rahmen— von der Einfaſſung— von den Kiſſen los woran ſie ſich hielt, und trug ſie ins Haus. Der Kutſcher machte die Glasthür wieder zu, als er ſich entfernte, und ſie waren allein. Fanny warf dann einen wilden, halb unbewußten Blick durch das Zimmer. Es war klein und einfach möblirt. Ihr gegenüber hefand ſich ein altmodiſches Büreau, über welchem das Portrait eines Frauenzimmers in der Blüte des Lebens hing— ein ſo ſchönes Geſicht, eine ſo helle Stirn, ein ſo klares Auge, eine Lippe voll Jugend und Freude, daß Fanny ſich getröſtet fühlte und es ihr war, als ſei eine lebendige Beſchützerin in ihrer Nähe, indem ihr Blick auf den Zügen ruhte. Die Wände waren mit Kupferſtichen von Pferden und Jagden bedeckt, und die Vorhänge von farbigem, gber etwas verblichenem Zitz. Das Feuer brannte hell und luſtig; ein gedeckter Tiſch ſtand in der Nähe deſſelben. Jedem andern Auge wäre das Zimmer als ein Bild engliſcher Bequemlichkeit erſchienen. Endlich ruhten ihre Blicke auf ihrem Begleiter. Er hatte ſich mit einem Seufzer, theils der Ermüdung, theils der Freude über das Gelingen ſeines Planes, auf einen der Stühle geworfen und betrachtete ſie, wie ſie daſtand und ihn anſah, mit einem Ausdruck gemiſchter Neugierde und Bewunderung. Sie erkannte ſogleich ihren erſten und einzigen Verfolger, wich zurück und bedeckte ihr Ge⸗ ſicht mit den Händen. Der Mann näherte ſich ihr: „Haſſen Sie mich nicht, Fanny— wenden Sie ſich nicht ab. Glauben Sie mir, obgleich ich ſo gewaltſam gehandelt habe, ſo wird doch hier alle Gewaltthätig⸗ Bulwer, Nacht u. Morgen. II. 2 322 — keit aufhören. Ich liebe Sie, doch will ich mich nich ſie e eher zufrieden geben, als bis Sie mich wieder lieben. mit ſi35 Ich bin nicht jung, ich bin nicht ſchön, aber ich bin reich und groß und kann die, welche mich lieben, glüc⸗ lich— ſehr glücklich machen, Fanny!“ Aber Fanny hatte ſich abgewendet und war jetzt eifrig beſchäftigt, die Thür zu öffnen, durch die ſie eingetreten war. Da ihr dies nicht gelang, eilte ſie plötzlich nach der andern Seite, öffnete die innere Thür und ſtürzte mit lautem Geſchrei in den Gang. Ihr Verfolger unterdrückte einen Fluch, ſprang ihr nach und hielt ſie auf. Er ſprach jetzt ſtrenge und zeigte zugleich ein Lächeln und einen finſtern Blick. „Dies iſt Thorheit— kommen Sie zurück, oder daß Sie werden es bereuen! Ich habe Ihnen als Edel⸗ dete, mann— wenn Sie wiſſen, was das iſt— verſprochen, Zimn Sie zu achten. Aber ich laſſe nicht mit mir ſcherzen, noch mich beleidigen. Hier darf nicht geſchrien werden!“ bring Sein Blick und ſeine Stimme machten, ungeachtet ſchaft ihrer Aufregung und ihres Abſcheues, Eindruck auf 2 Fanny, und ſie ließ ſich ohne Widerſtand ins Zimmer nihe zurückziehen. Er verſchloß und verriegelte die Thür. freun Sie warf ſich in einer Ecke auf den Voden und ſtöhnte Ihne leiſe und kläglich. Er ſah ſie einige Augenblicke nach⸗ ich n denkend an, als er neben dem Feuer ſtand, ging end⸗ zu ſe lich zur Thür und rief leiſe:„Harriet!“ Sogleich thun erſchien ein junges Frauenzimmer von etwa dreißiß und Jahren, zierlich aber einfach gekleidet und mit einem er we Geſichte, welches, wenn auch nicht ſehr einnehmend, 2 doch gewiß ſehr ſchön konnte genannt werden. Er zog ſie w ch nicht lieben. ich bin , glück⸗ ar jetzt diie ſie eilte ſie ere Thür ig. Ihr ihr nach id zeigte ick, oder ls Edel⸗ prochen, ſcherzen, ſie einige Augenblicke auf die Seite und ſprach leiſe mit ihr. Dann ging er ernſthaft auf Fanny zu. „Meine junge Freundin,“ ſagte er,„ich ſehe, Sie können dieſen Abend meine Gegenwart nicht er⸗ tragen. Dieſes junge Frauenzimmer wird Ihnen aufwarten und Ihnen Alles verſchaffen, was Sie be⸗ dürfen. Sie kann Ihnen auch ſagen, daß ich nicht der ſchreckliche Mann bin, wofür Sie mich zu halten ſcheinen. Ich werde Sie morgen wiederſehen.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich um und ging hinaus. Fanny hatte wieder eine Empfindung, die der Freiheit und der Freude glich. Sie ſtand auf und ſah dem Frauenzimmer ſo lebhaft flehend ins Geſicht, daß Harriet ihre forſchenden Augen beſchämt abwen⸗ dete, und in dieſem Augenblick ſah Dykeman ins Zimmer. „Sie ſollen uns ſelber das Mittageſſen hieher⸗ bringen, Onkel, und dann zu Mylord ins Geſell⸗ ſchaftszimmer kommen.“ Dykeman ſah erfreut aus und verſchwand. Dann näherte ſich Harriet, nahm Fanny's Hand und ſagte freunvlich:„Fürchten Sie nichts. Ich verſichere Ihnen, die Hälfte der Londoner Mädchen würden, ich weiß nicht was, darum geben, an Ihrer Stelle zu ſein. Mylord wird Sie nicht zwingen, etwas zu thun, was Sie nicht wollen— es iſt nicht ſeine Art; und es iſt der gütigſte und beſte Mann— und ſo reich; er weiß nicht, was er mit ſeinem Gelde anfangen ſoll!“ Auf dies Alles gab Fanny nur eine Antwort— ſie warf ſich plötzlich an die Bruſt des Frauenzim⸗ 324 mers und ſchluchzte heraus:„Mein Großvater iſt blind, er kann nicht ohne mich leben— er wird ſterben— ſterben! Haben Sie nicht auch Jemand, den Sie lieben? Laſſen Sie mich gehen— laſſen Sie mich hinaus! Was mag man von mir wollen?— Ich that nie Jemanden etwas zu Leide.“ „Und es wird Ihnen auch Niemand etwas zu Leide thun— ich ſchwöre es!“ ſagte Harriet lebhaft. „Ich ſehe, Sie kennen Mylord nicht. Aber hier iſt das Mittageſſen, kommen Sie und nehmen etwas zu ſich und auch ein Glas Wein. Nun gehen Sie, Onkel, wir bedürfen Ihrer nicht.“ Fanny konnte nichts hinunterbringen als ein Glas Waſſer, und auch daran erſtickte ſie beinahe. End⸗ lich aber, als ſie ihre Sinne wiedererlangte, beruhigte ſie einigermaßen die Abweſenheit ihres Quälers— ware die Gegenwart eines Frauenzimmers— ſo wie Har⸗ die 2 riets feierliche Verſicherung, daß ſie nach einem oder ſeufz zwei Tagen zurückkehren ſolle, wenn es ihr nicht Fenſt gefalle, dazubleiben. Sie achtete nicht auf die langen von und künſtlichen Lobreden, womit die Verſucherin ſch nung über die Tugenden, die Liebe und Großmuth und vor* die 2 allen Dingen über den Reichthum ihres Herrn ver⸗ Lage breitete. Sie wiederholte nur bei ſich ſelber:„Ich und werde in einem oder zwei Tagen zurückkehren.“ Endlich, ihren nachdem Harriet ſo viel gegeſſen und getrunken hatte, ernſte als ſie für ihre einzelne Perſon vermochte, und ihrer weder Bemühungen überdrüſſig wurde, die ſo wenig Erfolg lichen . hatten, machte ſie Fanny den Vorſchlag, ſich zur Ruhe zu begeben. Sie öffnete eine Thür auf der rechten bblind, ben— en Sie ie mich — 3 vas zu lebhaft. hier iſt was zu n Sie, in Glas End⸗ eruhigte lers— e Har⸗ m oder hr nicht langen rin ſich und vor rn ver⸗ ndlich, n hatte, d ihrer Erfolg r Ruhe rechten Seite des Kamins und leuchtete ihr eine Wendeltreppe hinauf zu einem hübſchen und bequemen Zimmer, wo ſie ſich erbot, ihr beim Auskleiden zu helfen. Fanny's Unſchuld und ihre gänzliche Unbekanntſchaft mit der Gefahr, die ihrer wartete, obgleich ſie ſich einbildete, daß ſie ſehr groß und ſchrecklich ſein werde, verhin⸗ derten ſie zu begreifen, was Harriet mit ihren feier⸗ lichen Verſicherungen ſagen wollte, daß ſie nicht werde geſtört werden. Aber ſie verſtand wenigſtens, daß ſie ihren verhaßten Kerkermeiſter nicht vor dem nächſten Morgen ſehen werde, und als Harriet ihr, indem ſie ihr gute Nacht wünſchte, einen Riegel an ihrer Thüre zeigte, war ſie weniger erſchrocken über den Gedanken an einem fremden Orte zu ſein. Sie horchte, bis Harriets Fußtritte nicht mehr zu hören waren, und dann faßte ſie mit klopfendem Herzen die Thürr an— ſie war von außen verſchloſſen. Sie ſeufzte ſchwer. Das Fenſter?— Ach, als ſie den Fenſterladen geöffnet hatte, war noch einer da, der von außen verriegelt war, was auch dort alle Hoff⸗ nung ausſchloß; es blieb ihr nichts weiter übrig, als die Thür zu verriegeln, verzweiflungsvoll über ihre Lage dazuſtehen und endlich auf die Knie zu fallen und auf ihre eigene einfache Weiſe, die indeß, ſeit ihren Beſuchen bei der Lehrerin, verſtändiger und ernſter geworden war, zu Ihm zu beten, von dem weder Schlöſſer noch Riegel die Stimme des menſch⸗ lichen Herzens ausſchließen können. 326 Dreizehntes Kapitel. Auf dich ſtürzt zuſammen die Laſt des ſchwankenden Hauſes. Virgil. Lord Lilburne ſaß bei ſeinem einſamen Mittags⸗ eſſen und Dykeman ſtand in großer Aufregung dicht hinter ihm. Das Vertrauen vieler Jahre zwiſchen dem Herrn und dem Diener— der eigenthümliche Geiſt Lilburne's, der ihn von aller Freundſchaft mit Seinesgleichen ausſchloß— hatte zwiſchen den Beiden die Art von Vertraulichkeit herbeigeführt, die zwiſchen dem Edelmanne und dem Kammerdiener des alten Regime in Frankreich gewöhnlich war; und in der That glich Lilburne mehr den Männern jener Zeit und jenes Landes, als dem edleren und ſtattlicheren ging Weſen, welches unſerm Lande angehört⸗ Aber zu Alte allen Zeiten werden die Laſterhaften, die zugleich 0 8 gebildet und geiſtreich ſind, ſtets eine gewiſſe Ahn⸗ lichkeit mit einander haben. brech „Aber, Mylord,“ ſagte Dykeman,„bedenken Sie doch nur, dieſes Mädchen iſt an dem Orte ſo wohl Sum bekannt, und wenn ihr Gewalt angethan wird, ſo feſt iſt es ein ſchweres Verbrechen, Mylord— ein ſchwe⸗ F res Verbrechen. Ich weiß, man kann einen ſo großen i Herrn, wie Sie ſind, nicht hängen, aber alle, die dabei betheiligt ſind, können—“ Lord Lilburne unterbrach den Redenden mit den ſind Worten:„Gib mir etwas Wein und halte den Mund!“ Als er dann ſein Glas geleert hatte, näherte er ſich wankenden rgil. Nittags⸗ ng dicht zwiſchen hümliche aft mit Beiden zwiſchen es alten in der ner Zeit tlicheren Aber zu zugleich tken Sie ſo wohl ird, ſo n ſchwe⸗ großen lle, die mit den Mund!“ eer ſich 327 dem Feuer, wärmte ſeine Hände, ſann einen Augen⸗ blick nach und wendete ſich zu ſeinem Vertrauten: „Dykeman,“ ſagte er,„obgleich Du ein Eſel und ein Feigling biſt und nicht verdienſt, daß ich ſo herab⸗ laſſend bin, ſo will ich Dich doch ſogleich von Deiner Furcht befreien. Ich kenne das Geſetz beſſer, als Du es kennen kannſt, denn ich habe mein ganzes Leben da⸗ mit zugebracht, zu thun, was ich eben will, ohne mich je unter die Macht des Geſetzes zu ſtellen, welches dem Vergnügen anderer Leute in den Weg tritt. Du haſt Recht, wenn Du ſagſt, daß Gewalt⸗ thätigkeit ein ſchweres Verbrechen ſein würde. Der Unterſchied zwiſchen Laſter und Verbrechen iſt dieſer: Laſter iſt das, wogegen die Pfarrer predigen— Ver⸗ brechen das, wogegen wir Geſetze geben. Ich be⸗ ging in meinem Leben kein Verbrechen— und im Alter zwiſchen fünfzig und ſechszig will ich nicht erſt damit beginnen. Laſter ſind ſichere Dinge; ich kann ſo gut Laſter haben, wie andere Leute: aber Ver⸗ brechen ſind gefährliche Dinge— ungeſetzliche Dinge — Dinge, die man ſorgfältig vermeiden muß. Sieh einmal“— und hier ſah der Redende den Zuhörer feſt an und ging in eine ſcherzhafte Darſtellung über —„wir wollen annehmen, Du wäreſt die Welt— jener kriechende Diener aller Diener, die Welt! und ich würde ſo zu Dir ſprechen:„Mein lieber Herr Welt, wir Beide verſtehen einander ſehr wohl— wir ſind für einander geſchaffen— ich trete Dir nie in den Weg, und Du mir nicht. Wenn ich mich jeden Tag in meinem Zimmer hetrinke, ſo iſt dies ein 328 Laſter, aber Du kannſt mir nichts anhaben; wenn ich zum erſtenmal in meinem Leben ein Glas zt viel trinke und den Nachtwächter niederſchlage, ſo iſt dies ein Verbrechen, welches, wenn ich reich bin, mich ein Pfund, oder vielleicht auch fünf Pfund koſtet; und wenn ich arm bin, ſchickt man mich it die Tretmühle. Wenn ich fünfhundert alten Vätern die Herzen breche, indem ich mir durch Gold oder Schmei⸗ cheleien die Umarmungen von fünfhundert jungen Töch⸗ tern erkaufe, ſo iſt das ein Laſter— Ihr Diener, Herr Welt! Wenn eine wilde Dirne mir das Geſicht zerkratzt, Lärm macht, mit kühner Stirn nach Old⸗ Bailley geht und ſchwört, daß ich ihr Gewalt an⸗ gethan, ſo iſt das ein Verbrechen, und mein Frellhd, Herr Welt, zieht eine Hanfſchnur aus der Taſche! Verſtehſt Du mich jetzt? Ja, ich wiederhole,“ ſetzte er mit veränderter Stimme hinzu,„ich beging in mei⸗ nem Leben kein Verbrechen, ich bin auch ſogar nie eines Verbrechens beſchuldigt worden— und nie wurde eine Klage wegen Verführung gegen mich vorgebracht. Ich weiß beſſer, wie man mit ſolchen Dingen um⸗ geht. Ich war genöthigt, dieſes Mädchen zu entfüh⸗ ren, weil ich kein anderes Mittel hatte, ihr den Hof zu machen. Ihr den Hof zu machen, iſt Alles, was ich jetzt zu thun denke. Ich weiß ſehr wohl, daß eine Klage wegen Gewaltthätigkeit, wie Du es nennſt, um ſo unangenehmer ſein würde, weil das Mädchen verſtandesſchwach ſein ſoll, wovon ich übrigens kein Wort glaube. Ich werde gewiß den entfernteſten Schein vermeiden, daß es ſo ausgelegt werden könnite. ätern die en Töch⸗ Diener, sGeſicht ach Old⸗ in mei⸗ ogar nie ie wurde zebracht. zen um⸗ entfüh⸗ den Hof es, was hl, daß nennſt, Mäbchen ens kein enteſten könnte. 329 Aus dem Grunde ſoll dem Mädchen Niemand auf⸗ warten als Du und Deine Nichte. Ich weiß, auf Deine Nichte kann ich mich verlaſſen; ich bin gütig gegen ſie geweſen; ich habe ihr einen guten Mann verſchafft; ich werde auch ihrem Manne eine gute Stelle verſchaffen und der Pathe ihres erſten Kindes ſein. Gewiß werden bie andern Diener wiſſen, daß eine Dame im Hauſe iſt, aber daran ſind ſie gewöhnt: ich gab mich nie für einen Joſeph aus. Mehr brauchen ſie nicht zu wiſſen, wenn Du es nicht ausplauderſt. Geſetzt alſo, es entſchließt ſich ein junges Frauen⸗ zimmer nach Verlauf von einigen Tagen ohne Ge⸗ waltthätigkeit von meiner Seite, nachdem es einige Juwelen, ſchöne Kleider und ein hübſches Haus ge⸗ ſehen, nachdem man es ihr ſehr bequem gemacht und ſie überzeugt hat, daß für ihren Großvater geſorgt werden ſoll, ohne daß ſie ſich zu Tode arbeitet, aus eigenem Antriebe bei mir zu bleiben— wo liegt da das Verbrechen und wer kann etwas dagegen einwenden?“ „Das ändert freilich die Sache, Mylord,“ ſagte Dykeman ſehr beruhigt„Aber doch,“ ſetzte er ängſt⸗ lich hinzu,„wenn die Unterſuchung angeſiellt wird — wenn man ausfindig macht, wo ſie iſt, ehe dies Alles eingeleitet iſt?“ „Nun, dann iſt ihr kein Unrecht— keine Gewalt⸗ thätigkeit widerfahren. Ihr Großvater, der kindiſch und ein Geizhals iſt, wie Du ſagſt, kann durch ein wenig Geld beſänftigt werden, und Niemand hat ſich darum zu kümmern, und es kann nicht gerichtlich gemacht werden. Still, Mann! Ich ſehe immer „ 330 erſt zu, ehe ich ſpringe! Die Leute in dieſer Welt ſind nicht ſo menſchenfreundlich, wie Du glaubſt. Was iſt natürlicher, als daß ein armes und hübſches Mät⸗ chen— welches uicht ſo weiſe iſt, wie Königin Eliſt⸗ beth— ſich verleiten läßt, einem reichen Liebhaber einen Beſuch zu machen! Alles, was man von dem Liebhaber ſagen kann, iſt, daß er ein ſehr luſtiger oder ein ſchlechter Menſch iſt, und da ſagt man nichtz Neues von mir. Aber ich denke nicht, daß es heraus⸗ kommen wird.— Bringe mir den Schemel dort; diez iſt ein ſehr läſtiges Geſchäft geweſen und hat mich ermüdet— auch bin ich nicht mehr ſo jung wie ich war. Ja, Dhkeman, was der Franzoſe Vaudemont oder Vautrien, wie nun ſein Name ſein mag, mir einſt ſagte, hat etwas Wahres. Ich empfand es beim letzten Anfall des Podagra, als meine hübſche Nichte mir die Kiſſen zurechtlegte. Wenn man älter wird, iſt eine Wärterin immerhin nützlich. Ich wollte, ich könnte dieſes Mädchen vahin bringen, mich zu lieben oder mir dankbar zu ſein. Ich denke an ein längeres und ernſteres Verhältniß als gewöhnlich— und ſie ſoll meine Geſellſchafterin ſein!“ „Eine Geſellſchafterin, Mylord— jenes arme Geſchöpf— ſo unwiſſend— ſo ungebildet!“ „Um ſo beſſer. Dieſe Welt wird mir zum Ekel,“ ſagte Lord Lilburne finſter.„Ich werde der elenden Charlatanerie— jener jämmerlichen Täuſchungen über⸗ drüſſig, welche Männer, Weiber und Kinder Kennt⸗ niß nennen. Ich wünſche einen Schimmer von Natur zu erhaſchen, ehe ich ſterbe. Dieſes Geſchöpf interefſirt Wort gegan eopul ſer Wel bſt. Was e Mät⸗ in Eliſe⸗ Liebhaber von dem luſtiger an nichts heraus⸗ rt; dies hat mich wie ich udemont g, mir es beim e Nichte r wird, llte, ich u lieben ängeres und ſie ame Ekel,“ lenden über⸗ ennt⸗ Natur reffirt 333 einer Falle ergriffen wurden. Er zog die Hand plötzlich mit einem unterdrückten Ausruf zurück und bemetkte, daß der Boden der Offnung zurückwich. Seine Neu⸗ gierde war erregt; er fühlte noch einmal vorſichtig hinein und entdeckte eine geringe Unebenheit am äußer⸗ ſten Ende der Vertiefung. Er bemerkte ſogleich, daß dort eine verborgene Feder ſei, drückte mit einiger Anſtrengung an die Stelle und fühlte, daß das Brett nachgab; er ſchob es zu ſich hin, zog es mit einem ſchwirrenden Geräuſch zurück und entdeckte eine Höh⸗ lung. Er fühlte hinein und zog ein Papier heraus. Anfangs öffnete er es nachläſſig, denn er horchte noch immer auf Fanny. Sein Blick ſchweifte raſch über einige einleitende Zeilen dahin, bis er bei folgenden Worten verweilte: „Trauung im Jahre 18** „Nr. 83, Seite 21. „Philipp Beaufort von dieſer Gemeinde A“ und Fatharina Morton von der Gemeinde St. Botolph, Aldgata, London, wurden heute den 12. November, im Jahre eintauſend achthundert und— nach vyraus⸗ gegangener Proklamation— in dieſer Kirche von mir evpulirt. Caleb Priece, Vikar. „Dieſe Trauung wurde zwiſchen uns vollzogen: Philipp Beaufort. Katharina Morton. „In Gegenwart vvn David Apreece.. Wilhelm Smith. „Das Vorſtehende iſt ein getreuer Auszug aus dem 334 Trauungsregiſter der Gemeinde A'. Am 19. März 13“ von mir angefertigt. Morgan Jones, Pfarrer zu Cr.“ Lord Lilburne überblickte die dieſem wichtigen Dolt⸗ ment vrrausgehenden Zeilen, und es wird unnöthi ſein, ſie hier nochmals zu wiederholen, da es die⸗ ſelben waren, die der Pfarrer Jones auf Calehs Wunſch an Philipp Beaufort geſchrieben. In dieſen Augenblick kam Harriet die Treppe herunter und trat in das Zimmer; ſie ſchlich ſich auf den Zehen zu Lor Lilburne hin und flüſterte ihm zu:„Sie kommt her⸗ unter, glaube ich, und weiß nicht, daß Sie hier ſind.“ „Sehr gut— geh!“ ſagte Lord Lilburne. Und kaum hatte Harriet das Zimmer verlaſſen, als ein Wagen in ſtürmiſcher Eile vor die Thüre gefahren kam und Robert Beaufort in das Studirzimmer ſtürzt⸗ Vierzehntes Kapitel. Fort, ohne daß es Jemand weiß.— und nun?— was gibl es Renes, welche Hoffnung Beaumont und Fletcher,„der Pilger“ Als Philipp in ſeiner Wohnung in London ankan, war es ſehr ſpät, dennoch aber fand er Liancourt ſeiner wartend. Der Franzoſe war voll von ſeinen eigenen Plänen und Ausſichten. Er war ein Mann von hohem Rufe und ausgebreiteten Verbindungen, und es waren Verhandlungen wegen ſeiner Zurück⸗ berufung nach Paris eingeleitet worden; er war zwi⸗ ſchen übertriebener Unterthanentrene und verſtändigen Lord höchſt halten ſagte, Dame ſolchet danke Er ſe Er w ehe er ſchluf denn gung neun Bul kärz 18“ Cv.“ en Dok⸗ unnöthiz a es die⸗ Calebt n dieſen und trat nzu Loth nmt her⸗ ier ſind.“ ne. Un als ein gefahren er ſtürzt⸗ Hoffnung! ſer Pilger“ 337 Herz und die gute Verdauung find die beiden Ge⸗ heimniſſe, ſich wohl zu befinden— hes⸗ „Wo trafen Sie ihn,— doch nicht in der Nähe von H*?“ „Ja, dicht dabei. Ei, haben Sie auch ein Aben⸗ teuer dort? Nein, verzeihen Sie, es war nur Scherz. Gute Nacht!“ Vaudemont verſank in eine unruhige Träumerei; er wußte ſich ſelber keine Rechenſchaft zu geben, warum er unruhig war; aber er war unruhig, weil man Lilburne in der Nähe von H“ geſehen hatte. Der Fuß des Gottloſen hatte das Heiligthum entweiht. Ein unerklärlicher Schreck durchzuckte ihn, als er ſich Lilburne in Fanny's Nähe vorſtellte; aber es war kein Grund zur Furcht. Fanny ging nicht allein aus. Es war überdies von einem Abenteuer die Rede geweſen. Lord Lilburne mußte einer willigen Zuſammenkunft höchſt wahrſcheinlich mit einer ſchönen aber auf Anſtand haltenden Schwachen aus London entgegenſehen. Man ſagte, daß Lord Lilburne's neueſten Eroberungen unter Damen ſeines Ranges waren, und Vorſtädte ſind zu ſolchen Beſtellungen ſehr geeignet. Jeder andere Ge⸗ danke war zu ſchrecklich, um ihn weiter zu verfolgen. Er ſah nach der Uhr, es war drei Uhr Morgens. Er wollte in aller Frühe nach H“ gehen— ja, ſelbſt ehe er Wilhelm Smith aufſuchte. Mit dieſem Ent⸗ ſchluſſe warf er ſich auf ſein Bett und ſchlief ein, denn ſelbſt ſein rüſtiger Körper war von der Aufre⸗ gung des Tages ermüdet. Er erwachte erſt gegen neun Uhr, und hatte ſich eben angekleidet und ſein Bulwer, Nacht u. Morgen. 11 32 338 frugales Frühſtück zu ſich genommen, als der Diene des Hauſes ihm ſagte, daß eine alte Frau, die in großer Aufregung zu ſein ſcheine, ihn zu ſprechen wünſche. Sein Kopf war noch voll von Zeugen und Prozeſſen, und er erwartete irgend einen Beſuch, der mit ſeinen Zwecken in Verbindung ſtand, als Sargh ins Zimmer ſtürzte. Sie ſah ſich mit raſchem und argwöhniſchem Blicke um und warf ſich dann vor ihm auf die Knie.„O!“ rief ſie,„wenn Sie des arme junge Ding mit fortgenommen haben, ſo möht es Ihnen Gott verzeihen. Laſſen Sie ſie nur zurüc⸗ kehren. Es ſoll vertuſcht werden. Richten Sie ſi nicht zu Grunde!— Thun Sie es nicht!— Sie ſin ein lieber guter Herr!“ „Reden Sie deutlich, Frau— was meinen Siet“ rief Philipp blaß werdend. Wenige Worte reichten zur Erklärung hin: Fan⸗ ny's Verſchwinden am letzten Abend— Sarah's Ur⸗ ruhe bei ihrem Nichterſcheinen— die Gefühlloſikeit des alten Simon, der nicht begriffen, was geſcheher, und ruhig zu Bette gegangen ſei— die Nachſuchung, die Sarah während der halben Nacht angeſtellt— die Nachricht, die ſie von dem Polizeidiener erhalten, der die Runde gemacht, daß er ein Frauenzimmer in der Nähe der Schule habe ſchreien hören und hei dem Nebel weiter nichts bemerkt habe, als einen Wa⸗ gen, der raſch an ihm vorübergefahren— wie Sa⸗ rah in ihrem Verdacht gegen Vaudemont an dem Morgen beſtärkt worden, als ſie in Fanny's Zimmer getreten und den unvollendeten Brief des grmen Mät⸗ jener ſeit e auf eilte, den er at ſie Zim ſog vren los e Diene die in ſprechen engen und eſuch, der s Sarah ſchem un dann vor Sie daz ſo mög ur zurück⸗ n Sie ſi ESie ſin en Sie⸗ in: Fan⸗ rah's Un⸗ ühlloſikeit geſcheher, hſuchung, eſtellt— erhalten, immer in und bei inen Wa⸗ wie Sa⸗ an dem Zimmer en Mät⸗ 339 cheus nebſt ſeinem eigenen auf dem Tiſche gefunden und aus dem letzteren ſeine Adreſſe erſehen— und ehe er noch genau verſtand, was fie ſagte⸗ wurde ihm durch das Nachdenken eines Augenblicks wie ein Alles klar— der Wagen— Lord Lilburne in uer Nachbarſchaft am Tage zuvor— der frühere An⸗ griff. Während Sarah noch ſprach, ſtürzte er aus dem Hauſe— eilte zu Lord Lilburne's Wohnung in Park⸗Lane— nahm ein geſetztes Weſen an— fragte ruhig nach ihm. Seine Herrlichkeit hatten zu Hauſe geſchlafen— er ſei, glaubte man, zu Fernſide — Fernſide! H' lag in der geraden Richtung zu jener Villa! Kaum zehn Minuten waren vergangen, ſeit er die Geſchichte gehört hatte, als er auch 6 auf dem Wege war und mit ſolcher Schnelligkeit fort⸗ eilte, als das Verſprechen einer Guinee für die Meile den Sporen eines Poſtillons abnöthigen konnte, die er auf die Seiten der londoner Poſtpferde anwendete. Fünfzehntes Kapitel. Niedres erhebt der Wille des Gottes zum ſtrah⸗ lenden Gipfel. Fuvenal. Als Harriet Fanny verließ, ſagte ſie ihr, da ſie ſie zu Lord Lilburne locken wollte, daß das untere Zimmer leer ſei, und die Gefangene dachte natürlich ſogleich an Flucht. Nach einer kurzen Pauſe, wäh⸗ rend welcher ſie Athem ſchöpfte, ſchlich ſie geräuſch⸗ los die Treppe hinunter und öffnete leiſe die Thür. 340 In demſelben Augenblick trat Robert Beaufort durt die andere Thür herein; ſie zog ſich erſchrocken zurüch doch wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie einen Ne⸗ men ausſprechen hörte, der ſie bezauberte— der Namen, den ſie am wenigſten zu hören erwartete; denn ſobald Lilburne Beaufort bleich, verſtört un aufgeregt ins Zimmer ſtürzen und die Thür ſich zuſchlagen ſah, konnte er nur vermuthen, daß etwas Außerordentliches in Betreff des gefürchtete Gaſtes geſchehen ſei, und rief:„Du kommt wege Vaudemont!— Es iſt etwas mit Vaudemont— mi Philipp geſchehen! Was iſi es?— Beruhige Dich!“ Als dieſer Name ſo plötzlich ausgeſprochen wurde, ſteckte Fanny ihren Kopf durch die Thür; aber bein Anblick eines Fremden zog ſie ſich zurück, doch da alle ihre Sinne bei dieſem Namen aufs Lebhafteſte angeregt wurden, hielt ſie die Thür beinahe geſchloſſen und horchte, indem ihre ganze Seele in ihren Ohren war. Die Geſichter beider Männer waren von ihr abgewendet und ſie wurde daher nicht bemerkt. „Ja,“ ſagte Robert Beaufort, indem er ſich auf Lilburne's Schulter lehnte, um ſich aufrecht zu er⸗ halten,„ja, Vaudemont oder Philipp, denn es iſt eine Perſon— ja wegen dieſes Mannes wollte ich Dich um Rath fragen. Arthur iſt angekommen.“ „Nun?“ „Und Arthur hat den Elenden geſprochen, der uns beſuchte, und des Schurken Benehmen hat ihm ſo imponirt und ihn überzeugt, daß Philipp ver wahre Erbe unſeres ganzen Vermögens iſt, und er kommt hinte „ Unged zu ger geſtell der E und i eigene weger Ich nen, das Schli Emp nahm füllte als i und ufort dur cken zurüch einen Ne⸗ te— der erwartete; rſtört un hür hinte then, deß efürchtete mt wegen — ge Dich. en wurde, aber bein doch da eſchloſſen en Ohren von ihr kt. ſich auf t zu er⸗ in es iſt ollte ich men.“ en, der at ihm r wahre kommt 341 herüber— krank— krank— ich fürchte“(ſetzte Beau⸗ fort mit hohler Stimme hinzu)„ſterbend, um— um—“ „Um ſich vor ihren Machinationen zu ſichern?“ „Nein, nein, nein— um zu ſagen, daß, wenn das der Fall iſt, uns weder Ehre noch Gewiſſen er⸗ lauben, uns ſeinen Rechten zu widerſetzen. Er iſt ſo hartnäckig in dieſer Sache; ſeine Nerven ertragen ſo wenig den Widerſpruch, daß ich nicht weiß, was zu thun iſt—“ „Schöpfe Athem und fahre fort.“ „Nun, es ſcheint, dieſer Mann hat Arthur gleich bei ſeiner Ankunſt in Paris aufgefunden— ihn über⸗ redet, daß es in ſeiner Macht ſtehe, die Heirath zu beweiſen— daß er vorgegeben, er erwarte mit großer Ungeduld eine Entſcheidung— daß Arthur, um Zeit zu gewinnen, mit mir zu ſprechen, ſich unentſchloſſen geſtellt— ihn mit nach Boulogne genommen, denn der Schurke wagt nicht nach England zurückzukehren, und ihn dort zurückgelaſſen. Und nun kommt mein eigener Sohn als mein ärgſter Feind zurück, um ſich wegen meines Vermögens gegen mich zu verſchwören! Ich hätte nicht meine ruhige Faſſung behaupten kön⸗ nen, wenn ich noch länger geblieben wäre. Aber das iſt noch nicht alles— das iſt noch nicht das Schlimmſte! Vaudemont verließ mich plötzlich bei Empfang eines Briefes. Als er von Camilla Abſchied nahm, ließ er Winke fallen, die mich mit Furcht er⸗ füllten. Ich erkundigte mich nach ſeinen Handlungen, als ich hieherkam; er hatte ſich in D“ aufgehalten und ſich länger als eine Stunde mit einem Manne 342 eingeſchloſſen, deſſen Namen der Wirth wußte, den auf ſeinem Reiſeſack hatte der Name Barlowg ſtanden. Du erinnerſt Dich der Aufforderungen. Gutz Himmel! was iſt zu thun? Ich möchte nichts Unre⸗ liches oder Unſchönes thun. Aber es hat nie ein Trauung ſtattgefunden. Ich will nimmer glauben, d eine Trauung ſtattgefunden hat!“ „Es hat allerdings eine Trauung ſtattgefunden, Robert Beaufort,“ ſagte Lord Lilburne, der ſich fiß der Qual erfreute, die er ſeinem Schwager aufzuer legen im Begriff war,„und ich habe hier ein Papin wofür Philipp Vaudemont— denn ſo wollen wir ih noch nennen— ſeine rechte Hand geben würde, wem er es nur einen Augenblick in ſeinem Beſitz habn könnte. Ich habe es erſt eben in einer verborgenn Höhlung des Büreau gefunden. Robert, von dieſen Papier hängt das Schickſal, das Vermögen, das Glüt, die Größe Philipp Vaudemont's ab— oder ſeine A⸗ muth, ſeine Verbannung, ſein Untergang. Sieh!“ Robert Beaufort überblickte das Papier, welche Lilburne ihm reichte, ließ es auf den Boden fallen und ſchwankte zu einem Sitze. Lilburne legte da Dokument ruhig wieder in das Büreau, hinkte m ſeinem Schwager hin und ſagte lächelnd: „Aber das Papier iſt in meinem Beſitz— ich will es nicht vernichten. Nein! ich habe kein Recht, es zu vernichten. Ueberdies würde es ein Verbre chen ſein; aber wenn ich es Dir gebe, ſo kaun Du damit thun, was Du willſt.“ „O, Lilburne, ſchone meiner— ſchyne n vußte, den arlow g⸗ igen. Gutz ichts Unren at nie ein lauben, 5 ttgefunder er ſich fif er aufze ein Papie len wir iht ürde, wen geſitz habn erborgene von dieſen das Glüc, r ſeine Ar⸗ Sieh er, welch oden fallen legte dut hinkte z ſitz— it kein Recht n Verhre⸗ ſo kannf ne meinen 343 Ich wollte ein ehrlicher Mann ſein. Ich— ich—.“ Und Robert Beaufort ſchluchzte. Lilburne ſah ihn mit verächtlichem Erſtaunen an. „Fürchte nicht, daß ich je ſchlimmer von Dir den⸗ ken werde; und wer wird es denn ſonſt erfahren? Fürchte mich nicht. Nein— auch ich habe Gründe, dieſen Philipp Vaudemont zu haſſen und zu fürch⸗ ten; denn Vaudemont ſoll ſein Name ſein, und nicht Beaufort, trotz fünfzig ſolcher Fetzen Papier! Er hat einen Mann gekannt, der mein ärgſter Feind war, er beſitzt Geheimniſſe von mir, von meiner Vergangenheit, vielleicht auch von meiner Gegen⸗ wart; aber ich lache über ſeine Geheimniſſe, ſo lange er ein wandernder Abenteurer iſt— doch würde ich zittern, wenn er ſie als Philipp Beaufort von Beau⸗ fort Court vor der Welt herausdonnerte! Du ſiehſt, daß ich aufrichtig gegen Dich bin. Nun, höre mei⸗ nen Plan. Beweiſe Arthur, daß der Menſch, der mit ihm geſprochen, ein überführter Verbrecher iſt, indem Du ihm augenblicklich Polizeidiener nachſchickſt und ihn wieder in die Colonie bringen läſſeſt. Biete einem einzelnen Zeugen Trotz— locke Vaudemont wieder nach Frankreich und beweiſe, denn ich denke, mit ein wenig Geld und Mühe kann ich es bewei⸗ ſen, daß er der Mitſchuldige Wilhelm Gawtrey's, eines Falſchmünzers und Mörders, iſt! Pah! nimm jenes Papier. Thue damit, was Du willſt, behalte es, gib es Arthur, laß es in Philipp Vaudemont's Beſitz kommen, und Philipp Vaudemont wird reich und groß werden und der glücklichſte Menſch zwi⸗ 344 ſchen der Erde und dem Parabieſe! Oder im ander Falle komme zu mir und ſage mir, daß Du es pen loren haſt oder daß ich Dir nie ein ſolches Papie gab, oder daß ein ſolches Papier nie exiſtirte, un Philipp Vaudemont wird in Dürftigkeit leben un vielleicht als Sklave auf der Galeere ſterben! Vetr⸗ liere es, ſage ich, verliere es, und laß Dir in übrigen von mir rathen.“ Verwirrt und von Entſetzen ergriffen ſah de ſchwache Mann in das ruhige Geſicht des überlege⸗ nen Schurken, wie der Gelehrte in der alten Fah den Teufel mag angeſehen haben, der ihm hier wel⸗ liches Glück und jenſeits den Verluſt ſeiner Seele vor Augen ſtellte. Er hatte Lilburne bisher noch nie in ſeinem wahren Lichte betrachtet. Er erſchrack vyr dem ſchwarzen Herzen, welches offen vor ihm lag. „Ich kann es nicht vernichten, ich kann es nicht, ſtotterte er;„und wenn ich es aus Liebe zu Arthur thäte, ſo rede mir nicht von Galeeren— von Rache „Die Rückſtände der Einkünfte, die Du genoſſen haſt, werden Dich auf Dein Lebenlang ins Gefäng⸗ niß bringen. Nein, nein, vernichte das Papier nicht!“ Beaufort ſtand mit verzweifeltem Entſchluſſe auf und ging zu dem Büreau. Fanny's Herz war auf ihren Lippen— von dieſer langen Unterredung hatte ſie nur den einen hellen Punkt verſtanden, wobei Lilburne mit einem Nachdruck verweilte, der einem Kinde hätte verſtändlich ſein müſſen, und er betrach⸗ tete Beaufort in dem Augenblick als ein Kind: Von im anden Du es yer hes Papie ſtirte, un leben un ben! Ver⸗ aß Dir in tſah de überlege⸗ lten Fahe hier welt⸗ Seele vor och nie in chrack vor ihm lag, es nicht zu Arthu von Rache genoſſen Gefäng⸗ er nicht!“ hluſſe auf war auf ung hatte , wobei er einem betrach⸗ d Von 345 dieſem Papier hing Philipp Vaubemont's Schickſal ab— ſein Glück, wenn es geret⸗ tet, ſein Untergang, wenn es vernichtet wurde— Philipp's— ihres Philipp's! Und Philipp ſelber hatte ihr einſt geſagt— wann hatte ſie je ſeine Worte vergeſſen?— und wie lebhaft traten ihr jetzt dieſe Worte vor die Seele!— Phi⸗ lipp ſelber hatte ihr einſt geſagt:„Von einem Fetzen Papier, wenn er nur aufzufinden wäre, hängt viel⸗ leicht mein ganzes Vermögen, mein ganzes Glück und Alles ab, woran mir im Leben etwas liegt.“— Robert Beaufort ging auf das Büreau zu— er⸗ griff das Dokument, überblickte es noch einmal flüch⸗ tig und eilte, ehe Lilburne ſeine Abſicht bemerkte, der durchaus nicht wünſchte, daß es in ſeiner Ge⸗ genwart vernichtet werde, mit ſchwankenden Schrit⸗ ten zum Kamin, wendete ſeine Augen ab und warf es ins Feuer. In dem Augenblick fuhr etwas Weißes — er wußte ſelber nicht, was es war, es ſchien ihm ein Geiſt zu ſein— an ihm vorüber und riß das Pa⸗ pier von den glühenden Kohlen weg! Es trak eine Pauſe ein von dem hundertſten Theil eines Augen⸗ blicss— ein gurgelnder Ton des Erſtaunens und Entſetzens von Beaufort— ein Ausruf von Lilburne — ein Lachen von Fanny, als ſie mit funkelnden Augen, mit ſtolzer Erhebung ihrer Geſtalt, das Pa⸗ pier feſt an ihre Bruſt gedrückt, ihre triumphiren⸗ den Blicke von Einem zum Andern wendete. Die beiden Männer waren in dem Augenblick zu beſtürzt, um raſche Maßregeln zu ergreifen. Abher Lilhurne 346 faßte ſich zuerſt und eilte auf ſie zu. Sie wich ihm aus, eilte auf die Thür zu, die zum Gange führtt, als Lilburne, wirklich beunruhigt, ihren Arin ergrif und rief:„Thörichtes Kind!— gib mir das Pa⸗ pier!“ „Nur mit meinem Leben!“ Und Fanny's Hülfe⸗ ruf tönte durch das Haus. „Dann—“ die Worte erſtarben auf ſeinen Lip⸗ pen, denn in dem Augenblick hörte man draußen einen raſchen Schritt— einen augenblicklichen Kampf— zankende Stimmen— die Thür ging auf als werde ſie von einem Mauerbrecher geſprengt, Dykeman fiel wie ein Todter zu Lord Lilburne's Füßen, und Philipp Vaudemont ſtand in der Thür! Lilburne ließ Fanny's Arm los und das Mädchen warf ſich mit einem Sprunge an Philipp's Bruß. „Hier, hier!“ rief ſie,„nimm es— nimm es!“ und ſie gab ihm das Papier in die Hand.„Laß es Jene nicht haben— lies es— ſieh es an— und achte nicht auf mich.“ Aber Philipp achtete nicht auf Fanny, obgleich ſeine Hand unbewußt das koſtbare Dokument faßte, und in dem Angenblick war ihre Sache für ihn die einzige in der Welt. „Gemeiner Schurke!“ ſagte er, indem er auf Al⸗ burne zuſchritt und Fanny noch an ſeiner Bruſt hing: „Reden Sie!— iſt— ſie— iſt ſie?— Mann— Mann— reden Sie! Sie wiſſen, was ich ſagen will! — Sie iſt das Kind Ihrer eigenen Tochter— die Enkelin jener Marie, die Sie entehrten— das Kind ſein da wen meir hier einfe ſchla dem Fäht hörs unte geſch — 9 fort e wich führte, ergriff as Pa⸗ Hülfe⸗ en Lip⸗ neinen npf— werde ykeman n, und Rädchen Bruſt. “ und s Jene d achte obgleich t faßte, ihn die hing: auf Lil⸗ des Weibes, welches Wilhelm Gawtrey vom Verder⸗ ben erxettete! Ehe Gawtrey ſtarb, empfahl er ſie meiner Sorgfalt!— O Gott des Himmels!— reben Sie!— Ich komme doch nicht zu ſpät?“ Das Weſen, die Worte, das Geſicht Philipp's machten einen ſolchen Eindruck auf Lilburne, daß er (denn er war doch immer ein Menſch) von Schrecken ergriffen daſtand. Aber die liſtige Gewandtheit des verworfenen Mannes ſiegte ſelbſt über die Reue wegen des beabſichtigten Verbrechens— ſo wie über die Dank⸗ barkeit, daß ihm ein ſolches Verbrechen erſpart wor⸗ den. Er ſah Beaufort— Dykeman an, der ſich jetzt langſam faßte und ihn mit Augen anſtarrte, die aus ihren Kreiſen zu treten ſchienen— und richtete endlich ſeinen Blick auf Philipp ſelber. Es waren drei Zeugen da— und folglich Geiſtesgegenwart ſehr nöthig. „Und wenn ich wußte, Herr von Vaudemont, oder wenigſtens die feſteſte überzeugung hatte, daß Fanny meine Enkelin ſei, was dann? Warum ſollte ſie ſonſt hier ſein?— Pah, Herr! ich bin ein alter Mann.“ Philipp trat verwundert einen Schritt zurück; ſein einfacher Verſtand war durch dieſe ruhige Lüge ge⸗ ſchlagen. Er blickte auf Fanny nieder die nichts von dem verſtand, was geſprochen wurde, denn alle ihre Fähigkeiten, ſelbſt ihre Sinne des Geſichts und Ge⸗ hörs, gingen in der ängſtlichen Beſorgniß für ihn unter— und ſie rief:„Es iſt Fanny nichts zu Leide geſchehen— nichts; nur erſchreckt. Lies!— Lies! — Rette das Papier! Komm, komm— bringe mich fort!“ 348 Jetzt warf er ſeine Blicke auf das Papier, welches er in der Hand hielt. Dies war ein ſchrecklicher Au⸗ genblick für Robert Beaufort— ſelbſt für Lilhurne! — Das unheilvolle Dokument aus jener Hand zu neh⸗ men!— Eher hätten ſie es den Klauen eines Tigers entreißen können! Er erhob ſeine Augen— ſie ruhten auf dem Bilde ſeiner Mutter!— Ihre Lippen lächelten ihm zu!— Er wendete ſich zu Beaufort in einer Aufregung, die zu frohlockend, zu heilig war für ge⸗ meine Rache, für gemeinen Triumph— ja faſt für Worte. „Sehen Sie dorthin, Robert Beaufort— ſehen Sie dorthin!“ und er deutete auf das Porträt;„ihr Name iſt makellos! Ich ſtehe wieder unter meines Vaters Dache als der Erbe von Beaufort! Wir werden uns vor dem Gerichte unſeres Vaterlandes wiederſehen. Was Sie betrifft, Lord Lilburne, ſo will ich Ihnen glauhen— es wäre zu ſchrecklich, an Ihren Abſichten zu zweifeln. Wenn ihr Leid widerfahren wäre, hätte ich Sie Glied für Glied zerriſſen. Und danken Sie es ihr“— denn Lilburne hatte bei dieſer Sprache die Kühn⸗ heit ſeiner Jugend wiedererlangt, wie er war, ehe Be⸗ rechnung, Müßiggang und Ausſchweifung ſeine Nerven abgeſtumpft hatten, und nicht erſchreckt durch die Größe und Stärke ſeines drohenden Gegners, ſchritt er ſtolz auf ihn zu—„und Ihrer Verwandtſchaft mit ihr,“ ſagte Philipp mit leiſer Stimme,„daß ich Sie nicht als Dieb und Betrüger brandmarke! Still, Schurke! — ſtill, Zögling George Gawtrey's!— Ich duellire mich nur mit Männern von Ehre!“ blieb hatte Schm wie einlie Herr E Kälte eignif burne zu ſei ſagte: kein A dacht, Stroh es nich ein rei gehörig ſagen, Conſpit kannſt geſſen zu C“, nach W Du die zurück, Verbrec welches her Au⸗ lburne! zu neh⸗ Tigers ruhten ächelten in einer für ge⸗ faſt fir — ſehen t; meines werden erſehen. bſichten „hätte Sie es Kühn⸗ ehe Be⸗ Nerven e Größe er ſtolz t ie nicht churke! duellire Ihnen 349 Lilburne wurde jetzt tobtenblaß, und das Wort blieb ihm in der Kehle ſtecken. Im nächſten Augenblick hatten Fanny und ihr Beſchützer das Haus verlaſſen. „Dykeman,“ ſagte Lord Lilburne nach langem Schweigen,„ich werde Dich ein andermal fragen, wie es kam, daß Du dieſen unverſchämten Menſchen einließeſt. Jetzt geh und beſtelle ein Frühſtück für Herrn Beaufort.“ Sobald Dykeman, mehr erſtaunt vielleicht über die Kälte ſeines Herrn als über die vorhergehenden Er⸗ eigniſſe, das Studirzimmer verlaſſen hatte, ging Lil⸗ burne auf Beaufort zu, der wie vom Schlage gelähmt zu ſein ſchien, berührte ihn ungeduldig und rauh und ſagte:„Zum Henker, Mann— faſſe Dich! Es iſt kein Angenblick zu verlieren! Ich habe mich ſchon be⸗ dacht, was Du zu thun haſt. Dieſes Papier iſt keinen Strohhalm werth, wenn ber Pfarrer, der es ſchrieb, es nicht beſtätigt. Er iſt ein armer Pfarrer— ein waliſcher Pfarrer— Du biſt noch Robert Beaufort, ein reicher und großer Mann. Wenn man den Pfarrer gehörig bearbeitet, ſo kann er das Gegentheil aus⸗ ſagen, und dann ſollen Alle wegen Fälſchung und Conſpiration verurtheilt werden. Im ſchlimmſten Falle kannſt Du den Pfarrer dahin bringen, alles zu ver⸗ geſſen und nicht als Zeuge aufzutreten. Er wohnt zu C, wie auf dem Trauungsſcheine ſtand. Geh ſelber nach Wales ohne einen Augenblick zu verlieren. Wenn Du die Sache mit Herrn Jones abgemacht haſt, eile zurück, geh nach Boulogne hinüber und erkaufe dieſen Verbrecher und ſein Zeugniß— ja, kaufe ſie! Das 350 iſt jetzt das einzige, was Du thun kannſt. Schnell! — ſchnell!— ſchnell! Zum Henker, Mann, wenn es meine Sache wäre und mein Vermögen, ſo würde ich mich nicht viel um dieſes Stück Papier kümmern; ich würde mich vielmehr darüber freuen. Ich ſehe wie man es gegen ſie wenden kann! Geh!“ „Nein, nein; ich bin nicht dazu fähig. Willſt Du die Sache für mich beſorgen?— willſt Du? Mein halbes Vermögen— Alles! Nimm es— abrr rette—“ „Pah!“ fiel Lord Lilburne mit großer Verachtung ein.„Ich bin ſo reich, wie ich zu ſein wünſche. Geld kann mich nicht beſtechen. Ich, dieſe Sache beſorgen — ich— Lord Lilburne— ich! Wenn es heraus⸗ kommt, ſo iſt es ja Beſtechung von Zeugen— Schande — untergang. Du ſollteſt auch die Gefahr über⸗ nehmen— denn Du mußt zu Grunde gehen, wem Du es nicht thuſt. Ich kann es nicht, denn ich habe nichts zu gewinnen!“ „Ich wage es nicht!— Ich wage es nicht!“ murmelte Beaufort völlig muthlos„Beſtechung, Schande, Untergang! Und mein Ruf war ſo reſpel⸗ tabel! Und mein Sohn auch gegen mich!— Mein Sohn, in dem ich noch einmal lebte! Nein, nein, ſie mögen Alles nehmen!— Sie mögen Alles neh⸗ men! Ha! ha! ſie mögen es nehmen! Guten Tag!“ „Wohin gehſt Du?“ „Ich will Herrn Blackwell um Rath fragen und Dich von meinem Entſchluſſe in Kenntniß ſetzen.“ und Beaufort kehrte zitternd zu ſeinem Wagen zuric ¹ „C burne. die Ler er ſie Art es Geſchi funden hat, u denke! nicht; meine ſchützte ihrer e chen w — ſie Zärtlie die gat kinderli und da über,: war ei habe n ſpielen Lord L Ich da man! Oh Glück war; d wie die Schnell! t, wenn o würde immern; ſch ſehe, Willſt lſt Du? — aber rachtung en Geld beſorgen heraus⸗ Schande hr über⸗ n, wenn ich habe nict“ ſtechung, o reſpel⸗ — Mein in, nein, les neh⸗ n Tag!“ agen und ſetzen.“ n zurüch 351 „Er geht zu ſeinem Advokaten!“ brummte Lil⸗ burne.„Ja, wenn ſein Advokat ihm helfen kann, die Leute auf geſetzliche Weiſe zu betrügen, ſo wird er ſie ſchnell genug betrügen. Das iſt die reſpektable Art es zu thun! Hm!— dies könnte eine ſchlechte Geſchichte für mich werden, da das Papier hier ge⸗ funden iſt, wenn das Mädchen ausſagt, was ſie gehört hat, und ſie muß etwas gehört haben.— Nein, ich denke die Geſetze der Schicklichkeit werden ihr Zeugniß nicht zulaſſen, und wenn ſie es thun— hm!— meine Enkelin!— iſt es möglich?— Und Gawtrey ſchützte ihre Mutter, mein Kind, vor den Laſtern ihrer eigenen Mutter. Meine Neigung für dieſes Mäd⸗ chen war verſchieden von jeder andern, die ich je empfand — ſie war rein— es war— es war Mitleid— Zärtlichkeit. Und ich darf ſte nie wieder ſehen— muß die ganze Sache vergeſſen! Und ich werde alt— bin kinderlvs— und allein!“ Er ſchwieg mit einem Seufzer, und dann ging der Ausdruck ſeines Geſichts in Wuth über, und er rief:„Der Mann drohte mir und ich war ein Feigling! Was iſt zu thun?— Nichts! Ich habe mich nur zu vertheidigen. Ich werde nicht mehr ſpielen.— Ich greife Niemand an.— Wer wird Lord Lilburne anklagen? Doch Robert iſt ein Thor. Ich darf ihn nicht ſich ſelber überlaſſen. Heda, Dyke⸗ man!— den Wagen! Ich werde nach London fahren.“ Ohne Zweifel hatte Philipp es für ein großes Glück anzuſehen, daß Beaufort nicht Lord Lilburne war; denn jede Geſchichte lehrt uns— die öffentliche wie die Privatgeſchichte— Eroberer— Staatsmänner 352 — ſchlaue Heuchler und kühne Ränkemacher— ju, alle lehren uns, wie mächtig ein Mann von großen Verſtande und ohne Gewiſſensſkrupel gegen die Ge⸗ rechtigkeit von Millivnen iſt! Der eine Mann bewegt ſich— die Maſſe iſt träge. Die Gerechtigkeit ſitzt uf einem Throne.— Die Schurkerei ruht nie— Thätig⸗ keit iſt der Hebel des Archimedes. Sechzehntes Kapitel. Wie vieles Ungerechte und Böſe bewirken die Siten. Tull. Mit doppelten Schwingen Fliegt die bewegliche Stunde. Seneea. Robert Beaufort ſuchte Blackwell auf, und lang und unzuſammenhängend war ſeine Erzählung. Nach einißer überlegung machte Blackwell den Vorſchlag, daſſelbe zu thun, was Lilburne ſogleich angerathen hatte. Aber der Advokat ſprach ſich verdeckt und in juriſtiſchen Ausdrücken aus, ſo daß es Beaufort's nüchternem Verſtande gar nicht derſelbe Plan zu ſein ſchien. Er wurde durchaus nicht beunruhigt durch das, was Blackwell vorſchlug, obgleich er über Lilburnes Rath erſchrack. Blackwell wollte am nächſten Tage nach Wales abreiſen— Herrn Jones aufſuchen und ihn beſtechen! Nichts ſei gewöhnlicher bei Leuten von Ehre, als einen Zeugen aus dem Wege zu ſchaffen! Bei Wahlen z. B. geſchehe es täglich. „Es iſt wahr,“ ſagte Beaufort ſehr beruhigt. Nachdem dies geſchehen war, wollte Blackwell nach Londo um m Arthu eien Alles guter er Lil! daß B eignet Anord Tage Unter ein ſo hatte, Schar ſtandet Er ha und ei Wales daß m fragen machet Amt von ſe wonne — Jones zeigen Pfarre 6alep“ gemach Bu er— ja, n großem die Ge⸗ in bewegt it ſitzt uf Thätig⸗ die Sitlen. Tull. eneea. und lang ig. Nach orſchlag, gerathen t und in eaufort's 353 London zurückkehren und nach Boulogne hinüberfahren, um mit dem unverſchämten Menſchen zu ſprechen, dem Arthur wirklich geglaubt hatte— denn junge Männer ſeien ſo leicht zu täuſchen. Er zweifle nicht, er könne Alles abmachen, und Robert Beaufort kehrte in ſehr guter Laune nach Berkeley⸗Square zurück. Dort fand er Lilburne, der nach einigem Nachdenken, da er ſah, daß Blackwell auf jeden Fall mehr zu dem Geſchäft ge⸗ eignet ſei als ſein Schwager, ſeine Einwilligung zu der Anordnung gab. Blackwell reiste demnach am nächſten Tage ab. Jener nächſte Tag machte vielleicht allen Unterſchied. Innerhalb zwei Stunden, nachdem Philipp ein ſo wichtiges Dokument in ſeinen Beſitz bekommen hatte, war er, ohne die Anwendung eines größeren Scharfſinnes als den eines einfachen und kühnen Ver⸗ ſtandes, dem Pair und dem Advokaten zuvorgekommen. Er hatte Barlows erſten Schreiber mit dem Dokument und einem kurzen Berichte, wie er es entdeckt, nach Wales geſchickt. Und in der That war es ein Glück, daß man die Abſchrift aufgefunden, denn alle Nach⸗ fragen Barlows in A', den Geiſtlichen ausfindig zu machen, der während Caleb Price's Krankheit ſein Amt verwaltet, waren fehlgeſchlagen. Der Vorſprung von ſechzehn Stunden, den Barlow Blackwell abge⸗ wonnen, ſetzte den Erſteren in den Stand, den Pfarrer Jones aufzuſuchen, ihm ſeine eigene Handſchrift zu zeigen und eine ſchriftliche Beglaubigung von dem Pfarrer zu erhalten, daß er ſich deutlich erinnere, auf Caleb's Wunſch einen Auszug aus dem Trauungsregiſter gemacht zu haben, obgleich er geſtand, daß er die abge⸗ Bulwer, Racht u. Morgen. M. 23 354 ſchriebenen Namen gänzlich vergeſſen, bis ſie ihm wieder vorgelegt worden, ſo daß er nicht hätte aus⸗ weichen können, auch wenn er hätte unredlich ſein wollen, was er nicht war. Barlow trug Sorge, das Intereſſe des Herrn Jones für die Sache zu erregen — verließ Wales— eilte nach Boulogne hinüber— ſprach mit Kapitän Smith, und ohne Beſtechungen und Drohungen, ſondern einfach dadurch, daß er dieſer würdigen Perſon bewies, daß er nicht üach England zurückkehren, noch ſeinen Bruder beſuchen könne, ohne ſogleich arretirt zu werden, daß ſein Bruder bereits verſprochen, ſein Zeugniß auf der Seite der Wahr⸗ 3 heit abzulegen, und daß man bei Erlangung neues zahlun Zeugniſſes nicht zweifeln könne, daß der Prozeß von Pfund günſtigem Erfolge begleitet ſein werde— brachte et wenn den Kapitän von aller Neigung zum Betruge ab, über⸗ nen w zeugte ihn, auf welcher Seite ſein Vortheil liege, und N ſah ihn nach Paris zurückkehren, wo er ſehr bald darauf; Beauf auf immer aus dieſer Welt verſchwand, denn er wurde voffen von einem Franzoſen, den er zu betrügen verſucht bert 2 hatte, zum Duell gezwungen und durch die Lungen den 2 geſchoſſen, indem er dadurch eine Lieblingsmarime des funde Lord Likburne beſtätigte; nämlich: daß kleine Männer; Entfü auf die Länge nicht das große Spiel ſpielen können! ihm 8 An demſelben Tage, als Blackwell zurückkehrte, ſagte dem ſein halber Verſuch mißlungen war, Herrn Jv⸗ verni nes zu beſtechen, und der nicht einmal im Stande ſchrif geweſen war, Herrn Smith zu entdecken, erhielt Ro⸗ Zeug bert Beaufort die Ankündigung, daß Philipp Beanfort heiſ bei den nächſten Aſſiſen den Antrag auf Vermögens⸗ ſie ihm ätte aus⸗ lich ſein rge, das erregen nüber— echungen er dieſer England ne, ohne rbereits Wahr⸗ ig neues zeß von rachte er b, über⸗ ge, und d darauf r wurde verſucht Lungen rime des Männer können!. ckkehrte, vernichten. Warum ſollte er es auch? Wenn die Ab⸗ ſchrift bei Gericht vorgelegt werde, könne man Fanny's ielt Ro⸗ eaufort nögens⸗ rrn e⸗ Stande 355 Cntſetzung vorbringen werde. Um ſeine Troſtloſigkeit noch zu erhöhen, wurde Arthur's Geſundheitszuſtand, den er bisher durch eine zweideutige Correſpondenz hinzuhalten geſucht hatte, ſo beunruhigend, daß ſeine Mutter ihn nach London brachte, um Arzte zu Rathe zu ziehen. Natürlich ließ man auch Lord Lilburne kommen, und als er Alles erfahren hatte, war ſein Rath ſehr beſtimmt.„Ich ſagte Dir ſchon vorher, daß dieſer Mann Deine Tochter liebt. Sieh zu, ob Du keinen Vergleich zu Stande bringen kannſt. Der Prozeß wird unangenehm und wahrſcheinlich verderb⸗ lich ausfallen. Er hat das Recht, ſechsjährige Rück⸗ zuhlungen zu fordern— und das iſt über 100,000 Pfund. Mache Dich zu ſeinem Schwiegervater, und wenn wir die Wespe nicht tödten können, ſo kön⸗ nen wir doch das Gift ihres Stachels mildern.“ Noch unentſchloſſen und in Verlegenheit ſuchte Beaufort ſeinen Sohn auf und ſprach zum erſtenmal offen mit ihm— das heißt, ſo offen, wie ein Ro⸗ bert Beaufort ſein konnte! Er geſtand, daß Lilburne den Trauungsſchein in einer geheimen Schublade ge⸗ funden habe. Er erzählte die Geſchichte von Fanny's Entführung und Dazwiſchenkunft, wie Lilburne ſie, ihm erzählt und gegen Philipp behauptet hatte; er ſagte nichts von ſeinem Verſuche, das Papier zu Zeugniß gänzlich umgehen. Er geſtand ein, daß er en Zeugen fürchte, der die Abſchrift aus dem Trauungs⸗ giſter gemacht, ſowie auch den Zeugen der Trauung, 356 der noch am Leben ſei. Dann ſprach er pathetiſc von ſeinem Wunſche, zu thun, was recht ſei, von ſeiner Furcht vor Seandal und böſer Auslegung. Er ſagte nichts von Sidney und ſeinem Glauben, daß Sidney und Charles Spencer dieſelbe Perſon ſeien; weil, wenn ſeine Tochter das Werkzeug ſein ſollte, einen Vertrag zu Stande zu bringen, ihre Verlobunz mit Spencer nothwendig aufgehoben und verheimlicht werden mußte. Und glücklicherweiſe verhinderten Ar⸗ thur's Krankheit und Camilla's Schüchternheit, ver⸗ eint mit ihres Vaters Warnung, Arthur in ſeinen gegenwärtigen Zuſtande nicht aufzuregen, das Ge⸗ ſtändniß, welches ſonſt zwiſchen Bruder und Schweſter würde erfolgt ſein. Camilla hatte auch in der That kein Herz zu einer ſolchen Unterredung. Wie konnte ſie, wenn ſie Arthur's gläſernes Auge anſah und ſeinen hekti⸗ meiner heimni kanntet ſchen Huſten hörte, mit ihm von Liebe und Ehe re⸗ gerette den? Der Verſchwiegenheit des Automaten Mrs in Par Beaufort hielt ſich Robert gewiß. Arthur hörte auf⸗ Gefäh merkſam ſeines Vaters Mittheilung an, und die Folge; paß D davon war folgender Brief Arthur's an ſeinen Vettr Erklä „Ich ſchreibe an Dich ohne Beſorgniß einer Miß⸗ forte deutung, denn ich ſchreibe ohne Wiſſen meiner ganzen letzten Familie, und ich bin der Einzige, der kein Intureſt frühe bei dem bevorſtehenden Streite zwiſchen meinem Vater verge und Dir haben kann. Ehe das Geſetz zwiſchen Euch zu m entſcheiden kann, werde ich im Grabe ſein. Ich ſchreibe heizu dies auf meinem Sterbebette. Philipp, ich ſchreibe ment dies— ich, der neben einem Sterbebette ſtand, wel⸗ die 2 ches Dir heiliger war, als das meine— ich, der ich pathetiſh ſei, von zung. Er ben, daß ſon ſeien, ein ſollt, erlobun erheimlicht derten Ar⸗ meit, ver⸗ in ſeinen das Ge⸗ Schweſte That kein ſie, wenn en heki⸗ Ehe re en Mrs örte auf⸗ die Folge 1Vetter: er Miß⸗ erganzen Iutereſß m Vater en Euch ſchreibe ſchreibe nd, wel⸗ der ich der Zeuge des letzten Seufzers Deiner Mutter war! und mit dieſem Seufzer war ein Lächeln vereint, welches noch fortdauerte, als der Seufzer ſchon vor⸗ iber war; denn ich verſprach ihr, für ihre Kinder zu ſorgen. Der Himmel weiß, wie beſorgt ich war, dieſes feierliche Gelübde zu erfüllen! Selbſt ſchwach und krank, folgte ich Dir und Deinem Bruder, ohne weiteren Zweck und Wunſch, als Dich zu umarmen und zu ſagen:„Nimm in mir einen neuen Bruder an.“ Ich erſpare Dir die Demüthigung(denn ſie iſt auf Deiner, nicht auf meiner Seite), Dich an das zu erinnern, was zwiſchen uns vorging, als wir uns zuletzt ſahen. Doch ich ſuchte noch wenigſtens Sidney zu retten, den ſeine ſterbende Mutter ganz beſonders meiner Sorgfalt anempfahl. Er entging uns auf ge⸗ heimnißvolle Weiſe; doch nach einem Briefe von unbe⸗ kannter Hand hatten wir Grund, zu glauben, daß er gerettet und wohl verſorgt ſei. Ich traf Dich wieder in Paris; ich ſah, daß Du arm warſt. Nach Deinem Gefährten zu urtheilen, konnte ich mit Recht ſchließen, daß Du auf böſen Wegen ſeieſt. Da ich mich Deiner Erklärung erinnerte, nie ein Geſchenk von einem Beau⸗ fort anzunehmen, und da ich mich natürlich mit ver⸗ lettem Gefühl der Beleidigung erinnerte, die mir früher von Dir widerfahren war, hielt ich es für vergebens, Dich aufzuſuchen und Dir Vorſtellungen zu machen; doch hielt ich es nicht für vergebens, Dir heizuſtehen. Ich ſchickte Dir ohne Angabe meines Na⸗ mens ſo viel, als wenigſtens hinreichend war, wenn die Armuth Dich auf böſe Wege ſollte gebracht haben, Dich davon frei zu machen, wenn Dein Herz bah geneigt wäre Vielleicht hat dieſe Summe, ſo unb⸗ deutend ſie auch war, Deinen Weg geebnet und Dii laſſe e auf Deiner Laufbahn unterſtützt. Und warum ſage it Dir dies Alles jetzt? Dich abzuhalten, Rechte zu h. haupten, Die Du zu haben glaubſt?— Verhüte de Himmel! Wenn die Gerechtigkeit auf Deiner Seit iſt, ſo iſt es auch eine Pflicht, die Du dem Nann Deiner Mutter ſchuldig biſt. Vielmehr darum, daf Du, indem Du dieſe Rechte behaupteſt, Dich mit de Gerechtigkeit begnügſt und nicht nach Rache ſtrebſt— daß Du, indem Du Dich rechtfertigſt, nicht Anden Unrecht thuſt. Wenn das Geſetz für Dich entſcheiden ſollte, ſo würden die Rückzahlungen, die Du forder könnteſt, meine Eltern und meine Schweſter in di dürftigſte Armuth ſtürzen. Dies mag geſetzlich ſein— mein v aber es wäre keine Gerechtigkeit; denn mein Vait S glaubte feſt, und hatte jede ſcheinbare Wahrſcheinlic⸗ Vrude keit für ſich, daß er ver rechtmäßige Erbe des af Sie it ihn gekommenen Reichthums ſei. Dies iſt noch nicht; Sie v Alles. Es können Umſtände mit der Entdeckung einez trifft, gewiſſen Dokuments verbunden ſein, die, wenn es in die echt iſt, und ich will es nicht in Frage ziehen, den nen. Streit entſcheiden werden, ſo weit es ſich um die Wahr⸗ unter heit handelt— Umſtände, die dem guten Namen meines Sie Vaters ſchaden könnten. Ich bin nicht hinlänglich mif Güte den Geſetzen bekannt, um ſagen zu können, wie weit Grab dieſe öffentlich können angeführt, oder wenn das iſt, durch die Verleumdung eines Advokaten könnten über⸗ 4 trieben werden, Aber ich wiederhole noch einmal, Ge⸗ Herz bah ſo unbe und Dit rum, da ch mit de ſtrebſt— ht Anden ntſcheiden u forden in Vale ſcheinlic⸗ e des auf och nicht ing einez wenn es hen, den ie Wahr⸗ n meines glich mit wie weit das iſt, en üher⸗ al⸗ Ge⸗ 359 rechtigkeit iſt nicht Rache! Hiemit ſchließe ich und lege Dir dieſe Zeilen bei, die Du geſchrieben, und über⸗ laſſe es Dir, den Werth derſelben zu beurtheilen. Arthur Beaufort.“ Die beigeſchloſſenen Zeilen waren folgende, die wir dem Leſer noch einmal vorlegen: „Ich kann nicht errathen, wer Sie ſind; man ſagt mir, daß Sie ſich einen Verwandten nennen; das muß ein Irrthum ſein. Ich weiß nicht, daß meine Mutter ſo gütige Verwandte hat. Aber wer Sie auch ſein mögen, Sie tröſteten ſie in ihren letzten Stun⸗ den— ſie ſtarb in Ihren Armen; und wenn wir uns je nach langen Jahren wiederſehen ſollten und ich etwas thun kann, einem Andern zu helfen, ſo ſollen mein Blut, mein Leben, mein Herz und meine Seele Sklaven Ihres Willens ſein. Wenn Sie wirklich ein Verwandter find, ſo empfehle ich Ihnen meinen Bruder, er iſt in N“ bei Herrn Morton. Wenn Sie ihm dienen können, ſo wird meiner Mutter Seele Sie wie ein Schutzengel überwachen. Was mich be⸗ trifft, ich verlange von Niemanden Hülfe; ich gehe in die Welt und will mir meinen eigenen Weg bah⸗ nen. So ſehr verabſcheue ich den Gedanken der Unterſtützung von Anderen, daß ich glaube, ich könnte Sie nicht ſegnen, wie ich es jetzt thue, wenn Ihre Güte gegen mich ſich nicht mit dem Steine auf dem Grabe meiner Mutter ſchlöſſe. Philipp.“ Dieſer Brief wurde an die Adreſſe des Herrn von Vaudemont, die einzige, welche die Beauforts wußten, abgeſchickt, nämlich zu ſeiner Wohnung i der Stadt, und er erhielt ihn nicht mehr an den Tage. Inzwiſchen nahm Arthur Beaufort's Krankhei immer mehr überhand. Sein Vater, in ſeine eigen ſelbſtſüchtige Furcht verſenkt— obgleich er beim erſen Anblick Arthur's über ſein inneres Ausſehen erſchrac — hielt ſeine Krankheit nicht mehr für gefährlich In der That war ſeine Neigung für Arthur meht die des Stolzes, als der Liebe, und lange Abweſer⸗ heit hatte die Bande der frühen Gewohnheit lockerer gemacht. Er ſchätzte ihn mehr als einen Erben, dem als einen Sohn. Da die Erbſchaft in Gefahr gerieth, ſo ſchien es faſt, als wäre der Erbe weniger theut — dies geſchah nur, weil weniger an ihn gedacht wurde. Die arme Mrs. Beaufort, bis dahin u theilweiſe mit der Furcht ihres Gemahls bekannt, gah ihre Hoffnung für Arthur noch nicht auf. Ihre Zärt⸗ lichkeit für ihn brachte aus den Tiefen ihres kalten und unbedeutenden Charakters Eigenſchaften ans Licht, die nie zuvor ſichtbar geworden waren. Sie übet⸗ wachte und pflegte ihn mit der zärtlichſten Sorgfilt. Die feine Dame war verſchwunden, und nur die Mutter übrig geblieben. Bei einer zarten Körpereonſtitutivn und einen leichten Temperamente, welche ſich dem Einfluſſe ihn ſonſt in jeder Hinſicht, nur nicht in Körperkraft und feſtem Willen, untergeordneter Kameraden hnu war Arthur Beaufort durch das Glück zu Grunde gerichtet worden. Seine Talente und Fähigkeiten, die zwar nicht von hohem Grade waren, aher doch von 1 E von d Tager auf d ihn u nicht Seine wie ſ einem — R einen finde des L hnung i r an den Krankhei ine eigen⸗ eim erſten nerſchrat gefährlich hur meht Abweſen⸗ it lockerer en, denn r gerieth, er thenet n gedacht ahin unt, zuß hre Zärt⸗ es kalten ans Licht, ie über⸗ orgfut nur die 8 weit über das Mittelmäßige hinausgingen, hatten nur dazu gedient, ſeinen Geſchmack zu verfeinern, nicht aber ſeinen Geiſt zu ſtärken. Seine liebens⸗ würdigen Geſinnungen, ſeine angenehme Gemüthsart und ſein liebliches Temperament waren nur die Ur⸗ ſachen geweſen, daß Schmarotzer den verſchwenderi⸗ ſchen Erben benutzt hatten. Sein Herz, welches ſich bei den gewöhnlichen, leichtfertigen Intriguen und hohlen Vergnügungen zerſplittert hatte, war zu über⸗ ſättigt und erſchöpft worden, um den Segen einer innigen und edlen Liebe zu empfinden. Er hatte ſo ſehr für das Vergnügen gelebt, daß er nie das Glück kennen lernte. Ausſchweifungen, woran ſeine beſſere Natur keine Freude empfunden, hatten ſeinen Körper geſchwächt, und ſo kam er heim, um nur von Untergang zu hören und zu ſterben! Es war Abend im Krankenzimmer. Arthur war von dem Bette aufgeſtanden, welches er ſeit einigen Tagen freiwillig gewählt und lag vor dem Kamin auf dem Sopha ausgeſtreckt. Camilla lehnte ſich über ihn und hielt ſich im Schatten, damit er die Thränen nicht ſehen möge, die ſie nicht unterdrücken konnte. Seine Mutter hatte verſucht, ihn zu unterhalten, wie ſie ſich zu unterhalten pflegte, indem ſie laut aus einem von den leichten Romanen der Stunde vorlas — Rymane, die das Leben der höheren Klaſſen wie einen prächtigen Feiertag ſchildern. „Liebe Mutter,“ ſagte der Patient ärgerlich,„ich finde kein Intereſſe an dieſen falſchen Beſchreibungen des Lebens, welches ich geführt. Ich kenne den Werth jenes Lebens.— Ach! hätte man mich zu irgend einer Veſchäftigung, zu einem Gewerbe angehalten, hätte ich— doch es iſt Schwäche, zu bereuen. Sage mir, Mutter, Du haſt doch Herrn von Vaudemont ge⸗ ſehen— iſt er ſtark und geſund?“ „Ja, nur zu ſehr. Er hat nicht Deine Eleganz, lieber Arthur?“ „Und bewunderſt Du ihn, Camilla?— Hat kein Anderer Dein Herz oder Deine Phantaſie einge⸗ nommen?“ „Mein lieber Arthur,“ fiel Mrs. Beaufort ein, „Du vergiſſeſt, daß Camilla kaum in die Welt hin⸗ ausgekommen iſt, und natürlich richtet ſich die Nei⸗ gung eines jungen Mädchens, wenn ſie gut erzogen iſt, nach der Erfahrung ihrer Eltern. Es iſt Zeit, die Arznei zu nehmen, ſie bekommt Dir gewiß ſehr gut— Du haſt heute mehr Farbe, mein lieber Sohn.“ Während Mrs. Beaufort die Arznei eingoß, ging die Thür leiſe auf und Robert Beaufort erſchien; hinter ihm erhob ſich eine höhere und ſtattlichere Ge⸗ ſtalt, doch ſchien ſie gebeugter, gedemüthigter und bewegter. Beaufort näherte ſich. Camilla blickte auf und wurde blaß. Der Fremde machte ſich von Beau⸗ fort's Armen los, trat zitternd vor und fiel neben Arthur auf die Kniee, ergriff ſeine Hand und neigte ſich ſchweigend über dieſelbe; aber welch ein ſtürmi⸗ ſches Schweigen!— ein Schweigen, welches aus⸗ drucksvoller war als alle Worte— ſeine Bruſt hob ſich, ſeine ganze Geſtalt erbebte. Arthur errieh ſoglei nieder „ zeihe — m U Arme Es iſ ſchaue wünſc Gefüh wegut und d ( an!“ die m auch Seite Sie ſ — je die ich ſchriel mich. Schick Name glaub kannſt bin. d einer „hätte e mir, ont ge⸗ leganz, at kein einge⸗ rt ein, elt hin⸗ ie Nei⸗ erzogen ſt Zeit, iß ſeh lieber , ging rſchien; ere Ge⸗ ter und ckte auf 1Beau⸗ neben d neigte ſtürmi⸗ es aus⸗ uſt hob errieth ſogleich, wen er vor ſich ſah, und beugte ſich ſanft nieder, als wollte er den Fremden vom Boden erheben. „O Arthur, Arthur!“ rief Philipp dann,„ver⸗ zeihe mir!— Tröſter meiner Mutter— mein Vetter — mein Bruder! O Bruder, verzeihe mir!“ Und als er ſich halb erhob, ſtreckte Arthur ſeine Arme aus und Philipp drückte ihn an ſeine Bruſt. Es iſt vergebens, die verſchiedenen Gefühle der Zu⸗ ſchauer zu beſchreiben— die eigennützigen Glück⸗ wünſche Robert's, vereint mit beſſeren und reineren Gefühlen— die Beſtürzung der Mutter— die Be⸗ wegungen, die ſie ſich ſelber nicht erklären konnte, und die Camilla an den Boden feſſelten, wo ſie ſtand. „Du erkennſt mich alſo an— Du erkennſt mich an!“ rief Philipp.„Nimmſt die Brüderſchaft an, die meine tolle Leidenſchaft einſt verwarf! Und Sie auch— Sie, Camilla, Sie, die Sie einſt an meiner Seite knieten, unter eben dieſem Dache— erinnern Sie ſich meiner jetzt? O Arthur!— Jener Brief! — jener Brief!— Ja, in der That, jene Hülfe, die ich lieber Verbrechern und Böſewichtern als Dir zu⸗ ſchrieb— war der Anfang einer glücklicheren Zeit für mich. Jener Hülfe habe ich es zu danken, daß das Schickſal mich bis jetzt erhalten hat, ja ſelbſt den Namen, den ich nicht entweihet habe. Nein, nein, glaube nicht, daß Du eine Gunſt von mir fordern kannſt— Du kannſt nur fyrdern, was ich Dir ſchuldig bin. Bruder!— lieber Bruder!“ Siebenzehntes Kapitel. Warwick. Vortrefflich; ſeine Sorgen ſind zu Ende. Heinrich der Vierte. Die Aufregung, welche dieſe Unterredung hervor⸗ brachte, überwältigte Arthur bald, und als Philipp mit Beaufort das Zimmer verließ, bat er dieſen um eine Unterredung und ſie gingen in vaſſelbe Zimmer, aus dem der reiche Mann einſt den zerlumpten Bit⸗ tenden hatte hinaustreiben wollen. Philipy ſah ſich in dem Zimmer um und die ganze Seene ſtand ihm wieder vor Augen. Er winkte Beaufort, ſich zu ſetzen, und begann nach einer Pauſe folgendermaßen: „Herr Beaufort, laſſen Sie das Vergangene ver⸗ geſſen ſein. Wir bedürfen vielleicht Beide der gegen⸗ ſeitigen Verzeihung, und ich, der ich Ihrem edlen Sohne Unrecht gethan habe, bin bereit, anzunehmen, daß ich Sie unrichtig beurtheilt habe. Dieſen Rechts⸗ ſtreit kann ich freilich nicht aufgeben.“ Beaufort's Geſicht verlängerte ſich. „Ich habe kein Recht dazu. Ich muß die Ehre meines Vaters und den guten Namen meiner Mutter rechtfertigen— ich kann dieſen Rechtsſtreit nicht au⸗ geben. Doch wenn ich mich einſt herabließ, in Ihr Haus einzutreten— damals nur mit der Hoffnung, wo ich jetzt Gewißheit habe, meine Erbſchaft zu er⸗ langen— ſo geſchah es mit dem Entſchluſſe, jedes Gefühl in Vergeſſenheit zu begraben, welches die mäßigſte Gerechtigkeit überſchreiten würde. Auch jetzt will ich nicht mehr thun. Wenn das Geſetz gegen mich et für mi die Be Sohne die M mich it ſor wenn G auf Er ſo viel woran in dieſ Weſen bitte je meine heit m beweiſ ren, Tochte ich wi meinet Kindet botene menhi und 2 ne ver⸗ edlen tehmen, Rechts⸗ je Ehre Mutter cht au⸗ in Ihr ffnung, zu er⸗ „ jedes hes die ſch jetzt s gegen ſetzen, gegen⸗ mich entſcheidet, ſo ſtehen wir wie früher— wenn für mich— hören Sie mich an— ſo will ich Ihnen die Beſitzung der Beauforts auf Ihre und Ihres Sohnes Lebenszeit laſſen. Ich fordere für mich und die Meinen nur ſo viel von Ihrem Reichthum, als mich in den Stand ſetzen wird, für meinen Bruder zu ſorgen, wenn er noch am Leben ſein ſollte; und wenn Sie die Wahl billigen, die mein größter Wunſch auf Erden iſt, der, die ich mein Weib nennen möchte, ſo viel zu geben, als zu einem galanteren Leben, woran mir wenig liegt, nöthig iſt. Robert Beaufort, in dieſem Zimmer bat ich Sie einſt, mir das einzige Weſen wiederzugeben, welches ich damals liebte: ich bitte jetzt wieder, und diesmal ſteht es in Ihrer Macht, meine Bitte zu erfüllen. Laſſen Sie Arthur in Wahr⸗ heit meinen Bruder ſein: geben Sie mir, wenn ich beweiſe, daß ich berechtigt bin, den Namen zu füh⸗ ren, den mein Vater führte, geben Sie mir Ihre Tochter zur Gattin; geben Sie mir Camilla, und ich will Sie um die Beſitzung nicht beneiden, der ich meinerſeits gern entſage— und wenn ſie auf meine Kinder übergeht, ſo ſind dieſe Kinder die Ihrer Tochter!“ Beaufort's erſte Bewegung war, die ihm darge⸗ botene Hand zu ergreifen, ſich in einem unzuſam⸗ menhängenden Strom des Lobes, der Betheurungen und Verſicherungen zu ergießen, daß er nichts von einer ſolchen Großmuth hören könne, daß Recht Recht bleiben müſſe, daß er ſtolz auf einen ſolchen Schwie⸗ gerſohn ſein werde und noch viel mehr dergleichen. Doch 366 plötzlich fiel Beaufort ein, daß, wenn Philipp's Sache wirklich ſo gut ſtehe, wie er ſagte, er unmöglich ſo kalt vavon reden könne, die Beſitzung, die ihm dadurch zufallen werde, auf den Zeitraum eines ſo ungewöhnlich ſicheren Lebens(Beaufort dachte an ſein eigenes) aufzugeben— um nichts von Arthurs Le⸗ ben zu ſagen. Bei dieſem Gedanken hielt er es fir das Beſte, ſich nicht zu weit einzulaſſen, und he⸗ ſchränkte ſich ſo gut er konnte, bis er Lord Lilburne und ſeinen Advokaten um Rath gefragt, und da er ſich auch erinnerte, daß er hinſichtlich Camilla's und ihrer früheren Neigung noch Manches zu beſeitigen habe, begann er von ſeiner Bekümmerniß um Arthur zu reden, von der Nothwendigkeit, noch ein weng zu warten, ehe er mit Camilla reden könne, während ſie um ihren Bruder ſo beſorgt ſei, wie ſein Adyo⸗ kat ihm ſage, daß ſeine Sache ſehr gut ſtehe— nicht als wolle er ſie lieber dem Geſetze als der Ge⸗ rechtigkeit anheimſtellen— denn wenn das Geſetz für ihn entſcheiden ſollte, ſo werde er nicht weniger glück⸗ lich ſein, Camilla's Hand dem Sohne ſeines Bruders zu geben, nebſt einer ſolchen Mitgift, die Jeder für ſehr huͤbſch erklären müſſe— vorausgeſetzt, daß er die Neigung ſeiner Tochter nicht zwingen dürfe, was übrigens nicht zu befürchten ſei. Es begegnet uns oft in dieſer Welt, wenn wir einer Perſon mit unſerm Herzen in der Hand ent⸗ gegenkommen— wenn wir unſere Gefühle in ſo enthuſiaſtiſchem und aufopferndem Erguſſe ausſpre⸗ chen, daß ein Zuſchauer uns einen Thoren und Don die Eiche mit der das über jener Ek dem ein⸗ hat, wi ſchreiben gen an jeden F entſcheide ben, ſo denke, ſ weiter n nen Abſi ſchen bit zu dürfe zimmer „Me unruhig Ihre.“ Phi Oheim Lord L lungswe Meinur feindſel s Sache möglich ie ihm ines ſo an ſein urs Le⸗ es für und he⸗ ilburne dd e a's und ſeitigen Arthur wenig vährend Adyv⸗ Quirote nennen würde— es geſchieht oft, ſage ich, paß unſer warmes Ich auf unſer kaltes Ich zurück⸗ geworfen wird— daß wir entdecken, wie gänzlich mun uns mißverſteht, und daß das Schwein, welches vie Eicheln zerkaut haben würde, nicht weiß, was es mit der Perle anfangen ſoll. Jenes plötzliche Eis, das über uns hinfriert, jene äußerſte Verachtung und jener Ekel an der Welt, die wir in dem Angenblick mit dem einen Weltling verwechſeln— wer dies gefühlt hat, wird ſolche Empfindung mit Recht Philipp zu⸗ ſchreiben. Er hörte Beaufort in verächtlichem Schwei⸗ gen an und erwiderte dann nur:„Mein Herr, auf jeden Fall iſt dies eine Frage, die das Geſetz zu enſcheiden hat. Wenn es entſcheidet, wie Sie glau⸗ ben, ſo iſt es an Ihnen, zu handeln; wenn, wie ich denke, ſo iſt es an mir. Bis dahin will ich nicht weiter mit Ihnen von Ihrer Tochter, noch von mei⸗ nen Abſichten reden. Alles, warum ich Sie inzwi⸗ ſchen bitte, iſt die Erlaubniß, Ihren Sohn beſuchen zu vürfen. Ich wünſchte nicht aus ſeinem Kranken⸗ zimmer verbannt zu ſein!“ „Mein lieber Neffe!“ rief Beaufort, wieder be⸗ unruhigt werdend,„betrachten Sie das Haus als das Ihre.“ Philipp verbeugte ſich, ging zur Thür und ſein Oheim folgte ihm unterwürfig. Es traf ſich, daß Lord Lilburne und Blackwell hinſichtlich der Hand⸗ lungsweiſe, die Beaufort zu befolgen habe, derſelben Meinung waren. Lord Lilburne ſuchte nur einen feindſeligen Prozeß mit einem freundſchaftlichen Rechts⸗ gange zu vertauſchen, doch er war eben ſo begierig rückſichtlich ſeiner ſelbſt das Siegel der Verwandf ſchaft auf ein Geheimniß zu ſetzen, welches ein Man, der 20,000 Pfund jährlich erben konnte, bekannt z machen für gut halten möchte. Dies war der Grun, ſich eifriger in die Angelegenheiten anderer Leute miſchen, als ſonſt der Fall geweſen ſein möchte. G ſprach wie ein Weltmann mit Beaufort— Blackwel wie ein Rechtsgelehrter. „Feſſele den Mann durch ſeine Großmuth, eh er ſein Vermögen erlangt,“ ſagte Lilburne.„De Beſitz macht einen großen Unterſchied in der Schätzunz des Geldes. Bei alledem kannſt Du das Vermöge nicht genießen, wenn Du todt biſt: er gibt es zn nächſt Arthur, der nicht verheirathet iſt; und wem dem armen Arthur etwas Menſchliches begegnen ſollt, fällt es an den Gemahl und die Kinder Deiner Toch⸗ ter und geht in die rechte Linie über. Feſſele ihn durch ſeine Großmuth, gib Dir vor der Welt das Anſehen des edelſten und uneigennützigſten Benehmens, indem Du Deinen Sachwalt ſagen läßt, ſobald Du das verlorne Dokument entdeckt, habeſt Du der ge⸗ ſetzlichen Beſtätigung der Ehe kein Hinderniß in den Weg legen wollen und es ſei nur zu unterſuchen, ob die Trauung wirklich bewieſen ſei; wenn das ſich beſtätige, ſo würdeſt Du der Erſte ſein, der ſich freue u. ſ. w.— Du weißt ſo gut wie jeder Andere die gewöhnlichen Redensarten!“ Blackwall gab denſelben Rath, doch in verſchiede⸗ Prüfun netſten geben u muthig werden theilte ligte ihr wurden thigen Philipp Sobald mit Phi ſtreit nu gab Phi kenne un zu zieher denen Worten und machte den Vorſchlag, daß die Wäh Geſundh bei ihm. gung fiü für dieſe Es war vorkam, mittel g täglich mit der die Qua Niederg mit ihr unmögli Bulwer begierig erwandt⸗ nMan, kannt z Grunh Leute z Blackwel uth, eh „Der chätzun ermögen t es zu 369 Prüfung der Thatſachen einem aus drei der ausgezeich⸗ netſten Rechtsgelehrten beſtehenden Schiedsgericht über⸗ geben und nach deren Urtheil die Vertheidigung entweder muthig begonnen, oder auf edle Weiſe niedergeſchlagen werden ſolle. Dieſer Gedanke gefiel Beaufort. Man theilte Philipp dieſen Vorſchlag mit und Barlow bil⸗ ligte ihn nach einigem Zögern. Die Schiedsrichter wurden gewählt und ſie kamen bald zu dem einmü⸗ thigen Entſchluſſe, daß die Ehe könne bewieſen und Philipp Beaufort's Anſprüche geltend gemacht werben. Sobald dieſer Bericht ertheilt wurde, ſprach Beaufort mit Philipp. Es wurde beſchloſſen, daß der Rechts⸗ ſreit nur der Form wegen ſtattfinden ſolle; kurz, er gab Philipp zu verſtehen, daß er ſeine Großmuth er⸗ kenne und nicht abgeneigt ſei, Vortheil aus derſelben zu ziehen. Während dies geſchah, verſchlimmerte ſich Arthur Geſundheitszuſtand immer mehr. Philipp war ſtets bei ihm. Der Leidende empfand eine lebhafte Nei⸗ gung für ſeinen ſo lange gefürchteten Verwandten, für dieſen Mann von eiſernen Muskeln und Sehnen. Es war ſo viel Leben in Philipp, daß es Arthur vorkam, als liege in ſeiner Gegenwart ein Gegen⸗ mittel gegen den Tod. Und Camilla ſah ihren Vetter täglich und ſtündlich im Krankenzimmer, wie er ſich mit der ſanften Zärtlichkeit eines Weibes bemühte, die Qual zu lindern, die Mattigkeit zu heben, die Niedergeſchlagenheit zu erheitern. Philipp ſprach nie mit ihr von Liebe; bei einer ſolchen Scene wäre es unmöglich geweſen. Bei ihrer wechſelſeitigen Sorgfalt Bulwer, Nacht u. Morgen. Il.*1 8 8 ³70 überwand ſie die Verlegenheit, die ſie früher in ſi ſchlimme ner Gegenwart empfunden hatte; welches auch ihr andern Gefühle ſein mochten, ſie konnte wenigſten nicht umhin, einem Manne dankbar zu ſein, der ſi zärtlich gegen ihren Bruder war. Drei Briefe un Charles Spencer hatte ſie in ihrer Betrübniß m mit wenigen Zeilen beantwortet. tzt benutzte ſi eine augenblickliche und täuſchende Beſſerung Arthur, um ihm einen längeren Brief z zu ſchreiben. St brachte, wie gewöhnlich, den Brief ze Mutter, a Beaufort ihr begegnete und ihr den Brief aus der Hand nahm. Er erſchien einen Augenblick verlege und befahl ihr dann, ihm in ſein Studirzimmer ſ folgen. Erſt jetzt erfuhr Camilla deutlich die Recht⸗ und Anſprüche ihres Vetters; jetzt erfuhr ſie auth um welchen Preis der ſübvat Theil jener Recht ſollte aufgevpfert werden. Beaufort ſtellte ihr der Fall natürlich in lebhaften Farben vor Augen. E ſei ruinirt— gänzlich ruinirt; ein Armer— en Bettler— wenn Camilla ihn nicht rette. Der hen ſeines Schickſals fordere ſeiner Tochter Hand. G. wohnt, jeder Laune ihrer Eltern zu gehorchen, wurt ſie von dieſer Nachricht, von der Bitte und dem V⸗ fehl, wovon dieſelbe begleitet war, überwältigt. Si antwortete nur mit Thränen, und Beaufort, von ihre Unterwürfigkeit verſichert, verließ ſie, um über den Brief nachzudenken, den er ſelbſt an Herrn Spenen ſchreiben wollte. Er hatte ſich eben zu dieſem Ge⸗ ſchäft niedergeſetzt, als er in Arthurs Zimmer ge⸗ rufen wurde. Es war plötzlich mit ſeinem Sohn guälten. blieb er ber den vor Aug tereſſen Am Robert thurs S erwacht fort erſſ Sohn i ein Ste jetzt ſo werden — ſein und ſch mers u den Hi Lippen ſeine 2 „Sie Geſchr bert 2 — ſei er in ſei auch ihr enigſten n, der ſ riefe vn niß n nutzte ſi Arthur, en. Si tter, a aus de verlege mmer 6 e Recht ſie uh, r Recht ihr in en — er 6n „wurde dem Be gt. Sie on ihret ber den Spenee em Ge⸗ ner ge⸗ Sohnt ſchlimmer geworden: Krämpfe, die Gefahr drohten, guälten und erſchöpften ihn, und als ſie vvrüber waren, lieb er drei Tage lang ſo ſchwach, daß Beaufort, der den Verluſt, welcher ſeiner wartete, jetzt klar vor Augen ſah, nicht einmal an ſeine weltlichen Ju⸗ tereſſen denken kounte. Am Abend des dritten Tages ſtanden Philipp, Robert Beaufort, nebſt Frau und Tochter um Ar⸗ thurs Sterbebette. Der Leidende war eben vom Schlafe erwacht und winkte Philipp, ihn aufzurichten. Beau⸗ fort erſchrack, als er bei dem dunkeln Lichte ſeinen Sohn in den Armen von Katharinens Sohne erblickte! Und ein anderes, früher geſehenes Sterbezimmer ſtand ihm vor Augen. Vor langer Zeit ausgeſprochene Worte tönten ihm in die Ohren:„Es wird noch ein Sterbebette kommen, wo Sie ihre Geſtalt, die jetzt ſo ruhig iſt, ſich zur Vergeltung aus dem Grabe werden erheben ſehen!“ Sein Blut gefror in ihm — ſein Haar richtete ſich empor— er ſah ſich haſtig und ſcheu in dem Dämmerlicht des verdunkelten Zim⸗ mers um und hielt mit mattem Schrei ſeine beben⸗ den Hände vor das bleiche Geſicht! Aber Arthur's Lippen umſchwebte ein heiteres Lächeln; er wendete ſeine Augen von Philipp zu Camilla und murmelte: „Sie wird Dir vergelten!“ Eine Pauſe und das Geſchrei der Mutter hallte durch das Zimmer! Ro⸗ bert Beaufort erhob das Geſicht von ſeinen Händen — ſein Sohn war todt! ——— 374 Achtzehntes Kapitel. Und welchen Lohn gedenket Ihr zu geben? Es muß wohl meine Liebe ſein. Die Doppelhochzeit. Während dieſe düſtern und ſtürmiſchen Ereiguiß„Ich die Familie ſeiner Verlobten betroffen, hatte Sidne und Ihre Beaufort(wie wir ihn nennen können) ſein ruhigtſ zu melde Leben an den Ufern des lieblichen Sees fortgeſet Sohnes Nach wenigen Wochen überwand ſein Vertrmen auf aus dieſe Camilla's Treue alle ſeine Befürchtungen und ſchlin⸗ ſollte— men Ahnungen. Ihre Briefe, obgleich gezwungen ve⸗wenigen möge der Durchſicht, der ſie unterworfen waren, gi⸗z dieſen G währten ihm unausſprechlichen Troſt und Entzücken. Heuchelei Er bemerkte indeſſen bald, daß eine Veränderung in doß er ni dem Tone derſelben vorging. Die Briefe waren von und men derſelben Länge, doch ſchienen ſie einen Gegenſtan„Da zu vermeiden, gegen den alle andern nichts waren erinnere, Sie handelten meiſtens von den zu Beaufort⸗Comt umhin, verſammelten Gäſten und die kurzen Worte, die dem meines n Herrn von Vaudemont gewidmet waren, erfüllten ihn; fort iſt j mit unruhigem und ſchrecklichem Verdacht, obgleich großen 2 eigentlich nichts darin lag, was zur Eiferſucht Anlaß wendigkei geben konnte. Er gab ſich dieſen Gefühlen ſo weit. welche e hin, als er es zu thun wagte, da er wußte, daß ſein drängt. Brief vor fremde Augen kommen würde, und Camilla kurze Be erwähnte den Namen Vaudemont nicht wieder. Dann liebensw trat eine lange Pauſe ein— dann wurde ihm ihres Lande t Bruders Ankunft und Krankheit gemeldet— dann mun au erhielt er von Zeit zu Zeit einige flüchtige Zeilen— Freund * dann folgte ein langes und ſchreckliches Schweigen— und envlich erhielt er folgenden Brief mit breitem geben? ſcwarzen Rande und ſchwarzem Siegel von Herrn Beaufort: 1 Mein lieber Herr! reigniß„Ich habe den unausſprechlichen Schmerz, Ihnen Sidneh und Ihrem würdigen Oheim den unerſetzlichen Verluſt ruhigs zu melden, den ich durch den Tod meines einzigen rtgeſezt ESohnes erfahren habe. Vor einem Monat ſchied er uen auf aus dieſer Welt. Er ſtarb, wie ein Chriſt ſterben ſchlin ſollte— demüthig, reuevoll— und übertrieb die gen ve⸗ wenigen Fehler ſeines kurzen Leben, doch— ich kann en, get dieſen Gegenſtand nicht fortſetzen.“— Hier wich die tzücken heuchelei des Schreibenden, die ihm ſo natürlich war, ung in daß er nicht wußte, daß es Heuchelei ſei, der wirklichen en von und menſchlichen Qual, wofür es keine Worke gibt. enſtand„Da ich mich jetzt nach und nach der Pflichten waren erinnere, die ich zu vollführen habe, kann ich nicht „Comt umhin, den weſentlichen Unterſchied der Ausſichten ie dem meines noch übrigen Kindes zu bemerken. Miß Beau⸗ en ihn fort iſt jetzt die Erbin eines alten Namens und eines bgleich großen Vermögens. Sie ſtimmt mit mir in der Noth⸗ Anlah wendigkeit überein, dieſe neuen Rückſichten zu bedenken, weit elche ein ſo trauriges Ereigniß ihrem Geiſte auf⸗ ß ſein drängt. Die unbedeutende Neigung, die durch eine milla kurze Bekanntſchaft veranlaßt wurde und zwiſchen zwei Dann liebenswürdigen jungen Perſonen, die ſich auf dem ihres Lande trafen, ganz natürlich entſtehen konnte, muß dann nun aus unſern Gedanken verbannt werden. Als Freund wird es mir ſtets lieb ſein, von Ihrem Wohl⸗ ergehen zu hören, und ſollten Sie je einen Stan„M⸗ wählen, wobei ich Ihnen dienen kann, ſo dürfen E. Du ſollt auf meinen Einfluß und meine lebhafteſten Bemt löſchen hungen mit Sicherheit rechnen. Ich weiß, mein jung. Sidr Freund, was Sie anfangs empfinden werden und wi veränder bereit Sie ſein werden, mich wankelmüthig und ſelbß„Ve ſüchtig zu nennen. Der Himmel weiß, ob das wirk ſie weiß lich mein Charakter iſt! Aber in Ihrem Alter werdn ichkann die Eindrücke leicht verwiſcht, und jeder welterfahm er ſtürzt Freund kann Ihnen ſagen, daß ich unter dieſen n der Nac änderten Umſtänden keine andere Wahl habe. Aln er ruhig Verkehr und alle Correſpondenz hören natürlich mi Der dieſem Briefe auf— wenigſtens ſo lange, bis den ſie Alle uns mit keinen anderen Gefühlen als denen da kurz un Freundſchaft und Achtung wieberſehen können. 6 ihr Vat⸗ bitte, mich Ihrem würdigen Oheim zu empfehln nicht da worin Mrs. und Miß Beaufort einſtimmen; und it mildes 1 bin überzeugt, daß es Sie freuen wird, zu hören nicht nu daß meine Frau und Tochter, obgleich noch in großn veranlaf Betrübniß, hinſichtlich ihrer Geſundheit weniger g⸗ As litten haben, als man hätte erwarten können. ſoweit Ich verbleihe, lieber Herr, Vrief a Ihr aufrichtiger vollkom Robert Beaufort“ zwiſchen Als Sidney dieſen Brief erhielt, war er bei Hem bes Rech Spencer, und der Letztere las ihn über des jungerf Entſesu Mannes Schulter, auf welche er ſich zärtlich ſtüßzte April ſt Als ſie zu den Schlußworten kamen, wendete ſihh keit bei Sidney mit leerem Blicke und mattem Lächeln un Erſte ko und ſagte:„Sie ſehen, Herr, Sie ſehen—“ alle Bet n Sin„Mein lieber Sohn— Du erträgſt dies, irfen Sp Du ſollteſt. Verachtung wird bald jede Spur er⸗ 1 Bem lſchen— n jungn Sidney ſprang auf und ſein ganzes Geſicht ward und u verändert. nd ſelb„Verachtung!— Ja, für ihn! aber für ſie— ſie weiß es nicht— ſie hat keinen Theil daran— as wit⸗ d vun ich kann und will es nicht glauben! Ich— ich—“ und terfuhn r ſtürzte us dem Zimmer. Er war bit fum Anbruch eſen der Nacht abweſend und als er zurückkehrte, verſuchte e. Aln er ruhig zu erſcheinen— doch es war vergebens. lich ni Der nächſte Tag brachte einen Brief von Camilla, den ſie ohne Wiſſen ihrer Eltern geſchrieben; er war 1* kurz und beſtätigte das Urtheil der Trennung, welches en. 3 ihr Vater ihm bereits mitgetheilt hatte. Sie bat ihn, pfehln nicht darauf zu antworten, und ſprach dabei ſo viel 3 und iß mildes und trauervolles Gefühl aus, daß er dadurch hörn, nicht nur beruhigt, ſondern auch zu einer Hoffnung gron eranlaßt wurde. 3 iger ge Als Robert Beaufort ſeine Sbute Stimmung n. ſoweit wieder erlangt hatte, um den eben geleſenen Vrief an Sidney ſchreiben zu können, ſah er zugleich vollkommen die Nothwendigkeit ein, die Verbindung i ufort⸗ zwiſchen Philipp und Camilla vor der Oeffentlichkeit i Hern des Rechtsſtreites zu ſchließen. Die Verhandlung wegen jungen Entſetzung konnte nicht vor dem folgenden März oder ſtützt April ſtattfinden. Er wollte die gewöhnliche Trauer⸗ ete ſith zeit bei Seite ſetzen und Alles vorher anordnen. Fürs eln Erſte konnte er ſo vermöge der Vermächtniſſe ſogleich „ alle Bevingungen ſichern, die am meiſten zu ſeinem 376 Vortheil waren; zweitens ſchwebte er in ſtündlicher Furcht, Philipp möchte entdecken, daß er einen Ne⸗ benbuhler an ſeinem Bruder habe und die Heirath nebſt den damit verbundenen Vortheilen aufheben. Die erſte Ankündigung eines ſolchen Rechtsſtreites in den Zeitungen konnte zu den Spencers gelangen, und wenn der junge Mann, wie er nicht zweifelte, Sid⸗ ney Beaufort war, ſo würde er natürlich zum Vot⸗ ſchein kommen und die gefürchtete Erklärung erfolgen. In Folge dieſer Furcht ſprach Robert Beaufort mit Philipp und mit ſo lebhaftem Gefühl von ſeinem Wunſche, ſobald als möglich den letzten Wunſch ſeines Sohnes durch die jetzt beſtimmte Verbindung zu et⸗ füllen— er ſprach mit ſo viel ſcheinbarer Rückſicht und geſundem Verſtande von der Vermeidung alles Skandals und aller Mißdeutung bei dem Rechtsſtreit ſelbſt, der ſich als ein freundſchaftlicher darſtellen werde, wenn die Verbindung zwiſchen dem Kläger und ſeiner Tochter vorher ſtattfinde, ſo daß Philipp, ver Camilla innig liebte, nicht umhin konnte, in die Beſchleunigung ſeines unerwarteten Glücks zu willigen, in ſo weit ſie mit dem Anſtande verträglich war. Et kam mit Beaufort überein, die frühere Bekanntma⸗ chung durch die Zeitung zu widerrufen. Dann kam aber die Frage: welchen Namen ſollte er inzwiſchen führen? as das betrifft,“ ſagte Philipp elwas ſtolz, „ſo überredete ich meine Mutter nach dem unglück⸗ lichen Ausgang ihres Prozeſſes, nicht den Namen Beaufort zu führen, obgleich er ihr mit Recht zukam —— werden Monat Philipp tete, ih ſeine K Hand — Wr bende geſchah vorbere reuevol und tr ſeinem ſtellen kläger ilipp, in die ligen, r. Et ntma⸗ am iſchen ſtolz, glück⸗ amen kam, 377 und ſchätzte meinerſeits ihren eigenen beſcheidenen Na⸗ men, der unter ſo finſterem Anſcheine in der That makellos war, eben ſo ſehr wie den höheren, den Sie fuhren und mein Vater führte, und ich werde den Nauen, den das Geſetz mir verweigert, nicht eher wieder annehmen, als bis das Geſetz ihn mir wieder⸗ gibt. Das Geſetz allein kann das Unrecht wieder gut machen, welches das Geſetz mir gethan hat. Beaufort war mit dieſen Gründen zufrieden, ſo irrthümlich ſie auch waren, und hoffte jetzt, daß alles mit Sicherheit würde zu Stande gebracht werden. Daß ein Mädchen in Camilla's Lage und von einem Cha⸗ rakter, der nicht kräftig oder tief, ſondern unterwürfig und ſchüchtern war, ſich den Gründen ihres Vaters und dem Wunſche ihres ſterbenden Bruders fügte— daß ſie nicht wagte, ſich zu weigern, das Werkzeug des Friedens für eine getheilte Familie, das rettende Opfer für ihres“ Vaters gefährdetes Vermögen zu werden— kurz, daß ſie, als ihr Vater ſie etwa einen Monat nach Arthurs Tode in das Zimmer führte, wo Philipp mit klopfendem Herzen ihre Fußtritte erwar⸗ tete, ihre Hand in die ſeine legte— und Philipp auf ſeine Kniee fallend, ſagte:„Darf ich hoffen, dieſe Hand für mein ganzes Leben behalten zu dürfen?“ — Worte hervorſtotterte, die er für eine widerſtre⸗ bende Einwilligung halten konnte— daß dies alles geſchah, iſt ſo natürlich, daß der Leſer bereits darauf vorbereitet iſt. Dennoch dachte ſie mit bitteren und reuevollen Gefühlen an ihn, den ſie auf vorbedachte und trenloſe Weiſe aufgab. Sie fühlte, wie innig er ſie geliebt— ſie wußte, wie ſchrecklich ſein Kummer ſein würde. Sie ſah traurig und gedankenvoll aus; doch ihres Bruders Tod war hinreichend, das zu er⸗ klären. Das Loh und die Dankbarkeit ihres Vaterz für den ſie plötzlich ein Gegenſtand noch größeen Stolzes und innigerer Zärtlichkeit zu werden yien, als ſelbſt Arthur geweſen war— die Veruhigung eines evlen Herzens, welches Vergnügen an jrdem Opfer empfindet, welches es darbringt— die Frei⸗ ſprechung ihres Gewiſſens hinſichtlich der Veweggründe ihres Betragens begannen indeß nach und nach ihre Wirkung zu äußern. Und da ſie iñ der letzten Zeit Philipp häufiger geſehen— konnte ſie unempfindlich für ſeine Neigung— für ſeine vielen edlen Eigen⸗ ſchaften— für den Stolz ſein, den die meiſten Frauen⸗ zimmer bei ſeiner Annäherung würden empfunden haben, wenn ſein Rang einmal rechtlich begründet worden? Und da fie ſich vermöge ihres Charakters ſtets mehr durch Pflicht als durch Leidenſchaft hatte leiten laſſen, ſo hätte man ſehen können, daß, was in ihrem Geiſte vorging, wenig Veranlaſſung zur Furcht für Philipps künftiges Glück gab— wenig Furcht, daß, wenn ſie einmal mit ihm verheirathet ſei, ihre Neigungen ſich von ihren Pflichten trennen würden, und wenn ſie ſich auch ihrer erſten Liebe er⸗ innere, es mit einem Seufzer geſchehen würde, den ſie mehr einer romantiſchen Erinnerung als einem be⸗ ſtändigen Bedauern weihe. Wenige von beiden Ge⸗ ſchlechtern werden je mit dem Gegenſtande ihrer erſten Liebe vereint; aber verheirathete Leute fügen ſich dar⸗ * — dem er welches die Lie macht, welches durch umgibt den G Je nach i ſchen ſeinen art be gegen er ih mmer aus; er⸗ aterß iern ien, igung irdem Frei⸗ ründe ihre Zeit ndlich igen⸗ uen⸗ inden indet kters hatte was r venig athet nnen e er⸗ den be⸗ Ge⸗ rſten dar⸗ 379 ein und nennen einander nichts deſtoweniger„mein Lieber“ und„meine Liebe.“ Freilich würde Philipp wohl ſchwerlich mit der Innigkeit geliebt worden ſein, mit der er liebte; aber wenn Camilla's Gefühle fähig waren, den glühenden und leidenſchaftlichen Gefühlen jener ſtarken und heftigen Natur zu entſprechen, ſo waren wenigſtens ſolche Gefühle noch nicht entwickelt; das Herz des Weibes konnte in dem Schleier der jung⸗ fräulichen Unſchuld noch halb verborgen ſein. Philipp ſelber war zufrieden— er glaubte geliebt zu ſein; denn die Liebe in einem großen und edlen Herzen hat das Eigene, daß ſie ſich reflektirt und ihr eigenes Bild in den Augen ſieht, in die ſie blickt. So wie der Dichter irgend einem gewöhnlichen Kinde Eva's idealiſche Schönheit und Vortrefflichkeit verleiht, in⸗ dem er weniger das Weſen, welches iſt, als das Weſen, welches ſeine Phantaſie ihm vorſtellt, verehrt, ſo wirft die Liebe, die uns alle auf eine Weile zu Dichtern macht, ihr eigenes, göttliches Licht auf ein Herz, welches in der That vielleicht kalt iſt, und läßt ſich durch denſelben Glanz, womit ſie ihren Gegenſtand umgibt, blenden, und zu der Wonne eines tänſchen⸗ den Glaubens verlocken. Jemehr Camilla Philipp ſah, jemehr ſie nach und nach ihren früheren geheimnißvollen und abergläubi⸗ ſchen Schrecken vor ihm überwand, jemehr ſie mit ſeinem eigenthümlichen Charakter und ſeiner Denkungs⸗ art bekannt wurde, deſto mehr begann ſie Mißtrauen gegen die Behauptung ihres Vaters zu hegen, daß er ihre Hand als einen Preis— als eine Waare— 380 als einen Erſatz für das Aufgeben einer ſchrecklichen Rache gefordert habe. Und mit dieſem Gedanken kam ein anderer. War ſie dieſes Mannes würdig? Täuſchte ſie ihn nicht?— Sollte ſie ihm nicht wenigſtens ſagen, daß ſie eine frühere Neigung gehabt, ſo entſchloſſen ſie auch ſein mochte, dieſelbe zu überwinden? Oft bebte der Wunſch dieſes redlichen und ehrenvollen Be⸗ kenntniſſes auf ihren Lippen, und ebenſo oft wurde es durch irgend einen zufälligen Umſtand oder durch mädchenhafte Scheu unterdrückt. Ungeachtet ihres Ver⸗ hältniſſes waltete zwiſchen ihnen noch nicht jene köſt⸗ liche Vertraulichkeit, die das Verlöbniß zweier Herzen und Seelen begleiten ſollte. Die Trauer im Hauſe, der Zwang, den ein noch ſo neuer Tobesfall ſelbſt der Sprache der Liebe auferlegt, rechtfertigte gewiſſer⸗ maßen dieſe Zurückhaltung, und übrigens ließ ihnen Robert Beaufort abſichtlich ſehr wenige und ſehr kurze Gelegenheit, allein zu ſein. Philipp, der ſich jetzt überzeugt hielt, daß die Beauforts nichts von dem Schickſal ſeines Bruders wüßten, hatte inzwiſchen Bar⸗ lows Thätigkeit in Anſpruch genommen, um Sidnrh aufzuſuchen, und ſeine ſchmerzliche Angſtlichkeit, einei ſo theuren und auf ſo geheimnißvolle Weiſe verlorgzn Bruder zu entdecken, war die einzige Urſache zur jn⸗ ruhe, welche die aufgehellte Zukunft ihm zu geben ſchien. Während dieſe bisher fruchtloſen Nachſuchungen angeſtellt wurden, begann London ſich wieder zu füllen, das Tagesgeſpräch belebte ſich wieder und es verbrei⸗ tete ſich ein Gerücht, Niemand wußte, woher es kam — wa von Ve zier, b mentsn führen Weg i Provin düſtern An der laſſen. zücken, den W Muth womit lichen kam uſchte agen, loſſen Oft Be⸗ vurde durch Ver⸗ köſt⸗ erzen auſe, ſelbſt iſſer⸗ hnen kurze jetzt dem Bar⸗ dmh einen ep Un⸗ eben ngen llen, brei⸗ kam — wahrſcheinlich aber von den Dienern— daß Herr von Vaudemont, ein ausgezeichneter franzöſiſcher Offi⸗ zier, bald die Tochter und einzige Erbin des Parla⸗ mentsmitgliedes Robert Beaufort zum chelichen Altar führen werde. Dieſes Gerücht fand auch bald ſeinen Weg in die londoner Zeitungen, ging dann in die Provinzialblätter über und kam ſo Sidney in ſeiner düſtern und verzweiflungsvollen Einſamkeit vor Augen. An demſelben Tage, wo er es las, verſchwand er. Feunzehntes Kapitel. Julie. O, liebt ihn, gute Dame! Ihr habt'nen redlichen und edlen Herrn. So habe ich ihn ſtets gefunden. Liebt ihn Nicht weniger als ich gethan, und dient ihm. Der Himmel ſegne Euch— Ihr meine Aſche. Die Doppelhochzeit. Wir haben Fanny zu lange aus den Augen ge⸗ laſſen. Es iſt Zeit zu ihr zurückzukehren. Das⸗Ent⸗ zücken, welches ſie empfand, als Philipp ſie von all den Wohlthaten und Segnungen unterrichtete, die ihr Muth und ihr Verſtand ihm gewährt— die Wonne, womit ſie, als ſie an jenem verhängnißvollen Morgen ihrer Befreiung an ſeiner Seite nach H' zurückkehrte, wo er ihre Hand in der ſeinen hielt und häuſig an ſeine dankbaren Lippen drückte, ſein Lob ſeinen Dank, ſeine Veſorgniß gen ihrer Sicherheit, ſeine Freude, ſie gerettet zu haben, anhörte— alles dies war eine Seligkeit, die ſie bisher von dem Leben nicht erwartet hute. Und als er ſie in H' verließ, um mit dem 382 aufgefundenen Dokument zu ſeinem Advokaten zu eilen, war er nur eine Stunde abweſend. Er kehrte zurück und verließ ſie in mehren Tagen nicht. Und während dieſer Zeit bemerkte er ihre erſtaunenswerthe und für ihn wunderbare Zunahme in allen Dingen, die den Geiſt dem Geiſte gleich machen— wunderbar, denn er ahnte nicht den Einfluß, der ſo leicht Wunder her⸗ vorbringt. und jetzt hörte er ihr aufmerkſam zu, wenn ſie ſich mit ihm unterredete— er las mit ihr, obgleich das Leſen nicht eben ſeine Beſchäftigung war — ſein nicht allzuwähleriſches Ohr wurde von ihrer Stimme entzückt, wenn ſie jene einfachen Lieder ſang — und ſein Benehmen gegen ſie, welches zugleich durch Dankbarkeit wegen des ausgezeichneten Dienſtes, den ſie ihm geleiſtet, ſo wie auch durch die Enideckung beſtimmt wurde, daß Fanny nicht mehr, weder an Geiſt, noch an Jahren ein Kind ſei, war, wenn gleich nicht weniger milde als früher, doch weniger vertraut, weniger vornehm, reſpektvoller und ernſter. Es war eine Veränderung, die ſie in ihrer Selbſtachtung er⸗ hob. Ach! dies waren roſige Tage für Fanny! Ein weniger ſcharfſichtiger Beurtheiler von Cha⸗ rakteren, als Lilburne, würde vielleicht Zweifel wegen Philipps Intereſſe für Fannh gehegt haben. Doch er begriff ſogleich die brüderliche Theilnahme, die ein Mann, wie Philipp, ſehr wohl für ein Geſchöpf, wie Fanny, empfinden konnte, wenn es ſeiner Sorgfalt von einem Beſchützer anvertraut worden, der ein ſo ſchreckliches Ende genommen, wie Wilhelm Gawtreh. Lilburne dachte anfangs dran, ſie zurückzufordern, dochſ da er ni zu wohr nicht wi in Berü Erinner und M ſich dam ben, w halt bei ihrer M wandtſc anderes worin k getrager Simon wollen. Advokat theilt w in viert habe er die er werde erhalten leſen w ſinn, o verlang noch ar deuten lebhaft; hatte, eilen, zurück hrend nd für ie den denn r her⸗ m zu, it ihr, g war ihrer t ſang ugleich enſtes, eckunz er an gleich rtraut, s war ng er⸗ y! Cha⸗ wegen och er die ein f, wie orgfalt ein ſo wtreh. , doch va er nicht die Macht hatte, ſie zu zwingen, bei ihm zu wohnen, ſo wollte er nach weiterer überlegung nicht wieder mit Philipp auf ſo gefährlichem Boden in Berührung kommen, der ſo voll von demüthigenden Erinnerungen war, und wo ihm vie Bilder Gawtrey's und Mariens beſtändig entgegentraten. Er hegnügte ſich dainit, einen künſtlichen Brief an Simon zu ſchrei⸗ hen, worin er angab, daß er aus Fanny's Aufent⸗ halt bei Herrn Gawtrey und aus ihrer Ahnlichkeit mit ihrer Mutter, die er nur als Kind geſehen, ihre Ver⸗ wandtſchaft mit ihm ſelbſt geſchloſſen, und da er noch anderes Zeugniß darüber erhalten— er ſagte nicht, worin daſſelbe beſtanden— ſo habe er kein Bedenken getragen, ſie in ſein Haus zu bringen, indem er Herrn Simon Gawtrey am nächſten Tage Alles habe erklären wollen. Dieſem Briefe war ein anderer von einem Advokaten heigefügt, worin Simon Gawtrey mitge⸗ theilt wurde, daß Lord Lilburne ihm jährlich 200 Pfund in vierteljährlichen Raten auszahlen laſſen wolle; auch habe er Auftrag, hinzuzufügen, daß die junge Dame, die er ſo wohlwollend erzogen, wenn ſie volljährig werde oder ſich verheirathe, eine gleiche Verſorgung erhalten ſolle. Als dieſe letzte Nachricht ihm vorge⸗ leſen wurde, erwachte Simon aus ſeinem Stumpf⸗ ſinn, obgleich er nicht begriff und auch nicht zu wiſſen verlangte, warum Lord Lilburne ſo großmüthig war, noch auch, was ſein Brief an ihn eigentlich zu be⸗ deuten habe. Zwei Tage lang war ſein Geiſt wieder lebhaft; als er aber die erſte Vorauszahlung in Händen hatte, ſchien ihn die Berührung des Geldes wieder in 384 ſeinen Stumpffinn zurückzuverſetzen— die Aufregung des Wunſches erſtarb in dem Gefühl des Beſitzes. Und gerade um dieſe Zeit ging auch Fanny's Glück zu Ende. Philipp erhielt Arthur Beaufort's Brief, und dann erfolgten lange und häufige Abweſenheiten. Wenn er je auf eine Stunde zurückkehrte, ſo ſprach er nur von Kummer und Tod; die Bücher waren geſchloſſen und die Lieder verſtummt. Alle Furcht wegen Fanny's Sicherheit war natürlich vorüber— ſie hatte nicht mehr nöthig, für ihren Unterhalt zu arbeiten— ihr kleiner Haushalt hatte ſich vergrößert. Sie ging niemals ohne Sarah aus; doch hätte ſie es lieber ge⸗ ſehen, wenn ihr irgend eins Gefahr gedroht hätte, damit er ſie davor hätte ſchützen können, oder irgend eine Bekümmerniß, die ſein Lächeln gemildert. Seine langen Abweſenheiten wurden ihr ſchmerzlich— die Bücher hörten auf, ſie zu intereſſiren— kein Stu⸗ dium füllte die öde Leere aus— ihr Schritt wurde nachläſſig— ihre Wange blaß— ſie bemerkte endlich, daß ſeine Gegenwart zu ihrem Leben nothwendig ge⸗ worden war. Eines Tages kam er früher als gewöhn⸗ lich nach Hauſe und ſein Geſicht zeigte einen glück⸗ lichern und heiterern Ausdruck als in der letzten Zeit. Simon ſchlummerte auf ſeinem Stuhle, und ſein Hund, der jetzt kaum noch ſo viel Kraft hatte, zu bellen, lag gekrümmt zu ſeinen Füßen. Weder der Mann, noch der Hund bemerkten mehr, was um ſie her vor⸗ ging, als der lederne Stuhl oder der Herd, worauf ſie ruhten. Fauny's ſeltſames Loos hatte ein Intereſſe an ſich, welches Dies wa enthalt! ſeine we das leere Blatte. ſo mächt deſſelben drucksvo! ſtellen. bis zum gebens, der Leſe wenn er dem Nar thun wir hat), ſo beſcheide des Geli ſitt, vo wenn T entfaltet Wände, kalt für des Tol begreife Fanny ſahen, reizende his ſie Bul regung tzes. Glück Brief, heiten. ſprach waren wegen e hatte iten— e ging ber ge⸗ hätte, irgend Seine — die Stu⸗ wurde ndlich, ig ge⸗ wöhn⸗ glück⸗ nZeit. Hund, bellen, Mann, r vor⸗ rauf n ſich, welches ich dem Leſer nicht hinlänglich erklären kann. Dies war ihr Verhältniß zu dem Greiſe und ihr Auf⸗ enthalt bei ihm. Ihr Charakter bildete ſich erſt, der ſeine war gänzlich verſchwunden— hier füllte ſich das leere Blatt— dort erloſch die Schrift auf dem Blatte. Der lebendige Tod Simons— der zwar einen ſo mächtigen Eindruck hervorbringt, wenn man Zeuge deſſelben iſt, macht es unmöglich, ihn in ſeinem aus⸗ vrucksvollen Contraſte zu der jungen Pſyche darzu⸗ ſtellen. Er ſprach ſelten— oft nicht von Morgen bis zum Abend— und regte ſich ſelten. Es iſt ver⸗ gebens, das Unbeſchreibliche beſchreiben zu wollen— der Leſer wolle ſich das Bild ſelber ausmalen. Und wenn er zuweilen die Idee heraufbeſchwört, die er mit dem Namen unſerer Heldin verbindet(was er zuweilen thun wird, wie ich denke, wenn er das Buch geſchloſſen hat), ſo mag er in ihrer Nähe, wenn ſie durch das beſcheidene Zimmer dahinſchwebt— wenn ſie der Stimme des Geliebten horcht— wenn ſie nachdenkend am Fenſter ſitzt, von wo der Kirchthurm gerade ſichtbar iſt— wenn Tag für Tag die Seele in ihr ſich erhellt und entfaltet— ſo mag der Leſer innerhalb derſelben Wände, ſilberhaarig, blind, alles Gefühls beraubt, kalt für das Leben, jenes ſteinerne Bild der Zeit und des Todes vor ſich ſehen! Vielleicht wird er dann begreifen, warum die, welche die wirkliche und lebende Fanny blühend unter jener kalten Maſſe von Schatten ſahen, fühlten, daß ihre Anmuth, ihre Einfalt, ihre reizende Schönheit durch den Contraſt erhöht wurde, bis ſie mit geheimnißvollen und tiefen Gedanken und Bulwer, Nacht u. Morgen. M. 25 386 Bilvern vertraut wurden, die nicht mehr dem Liebenz⸗ würdigen als dem Erhabenen angehorten. So ſaß alſo der Greis da, und Philipp, der zwar ſeine Gegenwart bemerkte, ſprach, als wäre er mit Fanny allein, und redete ſie ſo an, nachdem er einig⸗ unbedeutendere Gegenſtände erwähnt hatte:„Meine treue und liebe Freundin, Dir verdanke ich nicht nir die dererlangung meiner Rechte und meines Ver⸗ mögens, ſondern auch die Rechtfertigung des Anden⸗ kens an meine Mutter. Du haſt nicht nur Blumen auf jenen Grabſtein geſtreut, ſondern zunächſt nach der Vorſehung biſt Du die Urſache, daß endlich der Name darauf wird geſchrieben werden, der aller Ver⸗ leumdung trotzt. Jung und unſchuldig, wie Du biſ, meine ſanfte und geliebte Wohlthäterin, kannſt Du noch nicht wiſſen, welch ein Segen es für mich ſein wird, den Namen in den einfachen Stein eingraben zu laſſen. Später, wenn Du ſelber Gattin und Mutter biſt, wirſt Du den Dienſt begreifen, den Du den Lebenden und den Todten geleiſtet haſt!“ Er hielt inne und bekämpfte die Flut der Empfin⸗ dungen, die ſein Herz überſtrömte. Ach, die Todten! — welchen Dienſt können wir ihnen leiſten?— Was half es jetzt dem Staube, der dort unten ruhte, oder dem unſterblichen Geiſte droben, ob die Thoren und Schurken dieſer Welt den Namen Katharina, deren Leben dahin und deren Ohren taub waren, mit mehr oder weniger Reſpekt erwähnten? Die Verleumdung hat das an ſich, daß, ſelbſt wenn der Charakter ſich von der üblen Nachrede frei macht, das Herz bei der Wirkung derſelbet früher ſchieht ſ Veracht die Urtl liches V Weſen ſchenzeit für die endlich Falle, 1 kommt Herz, n wundet los, wi Die üb er von ſiel Phi ſeiner L Dankes vrückte, und wal „Ur möchte dieſes und Ve die Rei in kurz in den machen Liebens⸗ er zwar er mit r einige „Meine cht m es Ver⸗ Anden⸗ Blumen hſt nach lich der er Ver⸗ Du hiſ, nſt Du ich ſein ngraben Muttet Du den Fmpfin⸗ odten! — Was e, oder en und nLeben hr oder ng hat von der girkung verſelben krank bleibt. Man ſagt, daß die Wahrheit früher oder ſpäter an den Tag kommt; aber es ge⸗ ſchieht ſelten, ehe die Seele, die von der Qual zur Verachtung übergeht, abgehärtet geworden iſt gegen die Urtheile der Menſchen. Wenn man ein menſch⸗ liches Weſen in der Jugend verleumdet— demſelben Weſen im Alter ſchmeichelt— was iſt in der Zwi⸗ ſchenzeit geſchehen? Wird die Schmeichelei Erſatz bieten für die Qual vder die Abſtumpfung, welche die Qual endlich zurückläßt? Und wenn, wie in Katharinens Falle, der ſo gewöhnlich iſt, die Wahrheit zu ſpät kommt— wenn das Grab geſchloſſen iſt— wenn das Herz, welches man verwundet, nicht mehr kann ver⸗ wundet wurden— ſo iſt ja die Wahrheit ſo werth⸗ los, wie die Grabſchrift für einen vergeſſenen Namen! Die überzeugung von der Leerheit ſeiner Worte, als er von einem der Todten geleiſteten Dienſte ſprach, ſiel Philipp ſchwer auf's Herz und hemmte den Strom ſeiner Worte. Fanny, die ſich nur ſeines Lobes, ſeines Dankes und der Zärtlichkeit, die ſeine Stimme aus⸗ prückte, bewußt war, ſtand mit niedergeſchlagenen Augen und wallendem Buſen ſchweigend da. Philipp fuhr fort: „Und nun, Fanny, meine geehrte Schweſter, möchte ich Dir, wenn möglich noch für mehr als dieſes danken. Ich werde Dir nicht nur Namen und Vermögen, ſondern auch Glück verdanken. Und die Rechte, zu denen Du mir verholfen, und die ich in kurzer Zeit werde beweiſen können, haben mich in den Stand geſetzt, auf eine Hand Anſpruch zu machen, nach der ich ſchon lange ſtrebte— die Haud einer Perſon, die mir ſo theuer iſt, wie Du. Mit einem Wort, heute iſt die Zeit beſtimmt worden, wo ich Dir und dieſem alten Manne eine Heimath anbieten— wo ich Dir eine Schweſter werde vor⸗ ſtellen können, die Dich ſchätzen wird, wie ich es thue; denn ich liebe Dich ſo aufrichtig— ich verdanke Dit ſo piel— daß ſelbſt jene Heimath die Hälfte ihrer Lieblichkeit verlieren würde, wenn Du nicht dort wäreſt. Verſtehſt Du mich, Fanny? die Schweſter, von der ich rede, wird mein Weib ſein!“ Das arme Mädchen, welches dieſe Rede der grauſamſten Zärtlichkeit hörte, fiel nicht um, wurde nicht ohnmächtig, und zeigte keine andere äußer⸗ Bewegung, als daß ſie todtenblaß wurde. Sie ſchien wie in einen Stein verwandelt. Selbſt ihr Athem ſtand auf einige Augenblicke ſtill und kehrte dann mit einem langen und tiefen Seufzer zurück. Sie berührte leicht ſeinen Arm und ſagte ruhig:„Ja— ich verſteh. Wir ſahen einſt eine Trauung. Du wirſt verheira⸗ thet werden— ich werde Deine Trauung ſehen!“ „Das wirſt Du, und ſpäter werde ich auch die Deine ſehen. Ich habe einen Bruder. Ach! wenn ich ihn nur finden könnte— er iſt jinger als ich und faſt ſo ſchön wie Du!“ „Du wirſt glücklich ſein,“ ſagte Fanny noch ruhig. „Ich habe lange meine Hoffnung auf eine ſolche Verbindung geſetzt! Halt, wohin gehſt Du?“ „Für Dich zu beten,“ ſagte Fanny mit einem Lächeln, welches etwas von ihrem früheren leeren Ansdruck hatte, und ging ſtille aus dem Zimmer Philipp ihr Geh auch ei verließ Dre Boden bleich— Leben ſ aber, f melte ei wie ger farblos An don ar die Lei geregt Daſeir ankam tief di Zukun heftige werde haben belebt. wurde äußere ſchien Athem nn mit erührte erſtehe. erheira⸗ n uch die wenn als ich ruhig. ſolche einem leeren immer. Philipp folgte ihr mit naſſen Augen. Er argwöhnte ihr Geheimniß nicht, und ihr Benehmen hätte jetzt auch einen Eitleren täuſchen können. Bald darauf verließ er das Haus und kehrte in die Stadt zurück. Drei Stunden ſpäter fand Sarah Fanny am Boden ihres Zimmers ausgeſtreckt— ſo ſtill ſo bleich— daß die alte Frau anfangs meinte, ihr Leben ſei erloſchen. Nach und nach erholte ſie ſich aber, fuhr mit den Händen über die Augen, mur⸗ melte einige unverſtändliche Worte und erſchien dann wie gewöhnlich, nur daß ſie ſtiller war, ihre Lippen farblos und ihre Hände kalt wie Stein blieben. Zwanzigſtes Kapitel. Bee. Ihr ſeht, was folgt. derzog. O edler Herr, noch einmal die Geſialt! Die Vechſelfälle. An jenem Abend, kam Sidney Beaufort in Lon⸗ don an. Die Einſamkeit hat das Eigene, daß ſie die Leidenſchaften ruhig auf der Oberfläche, aber auf⸗ geregt in der Tiefe macht. Sidney hatte ſein ganzes Daſein auf einen Gegenſtand geſetzt. Als der Brief ankam, der ihm ſeine Hoffnung raubte, empfand er tief die ſchreckliche und furchtbare Leere, in die ſeine Zukunft plötzlich verwandelt war, ohne jedoch zu heftiger und ſtürmiſcher Leidenſchaft aufgeregt zu werden. Aber Camilla's Brief hatte, wie wir geſehen haben, ſeinen Muth erhoben und ſein Herz neu belebt. Inmitten ſeiner Verzweiflung hing er mit dem Inſtinkt der Hoffnung an dem Gedanken, daß ſie ihm treu ſei. Die Nachricht, daß ſie in ſo kurzer Zeit, nachdem ſie ihn verworfen, mit einem Andern verlobt ſei, nahm ſeine dunkleren und ſtürmiſcheren Leidenſchaften allen Zwang. In einem Gemüths⸗ zuſtande, der an Wahnſinn grenzte, eilte er nach London— ſie aufzuſuchen— ſie zu ſehen; in welcher Abſicht, in welcher Hoffnung, wenn es Hoffnung war — konnte er ſelber nicht ſagen. Aber welcher Mann, der glühend und vertrauensvoll geliebt hat, wird zu⸗ frieden ſein, das Urtheil der ewigen Trennung von anderen Lippen als derjenigen zu empfangen, die er ſo verehrt hat und die ſo treulos geworden iſt. Das Wetter war ſehr kalt. Gegen Abend flel dichter Schnee. Sidney war ſeit ſeiner Kindheit nicht in London geweſen, und die ungeheure Stadt, mit winterlichem und eiſigem Nebel bedeckt, durch den die eiligen Fußgänger und die langſamen Wagen ſich geſpenſterartig auf den umheimlichen und ſchlüpf⸗ rigen Straßen fortbewegten, öffnete dem Fremden keine gaſtlichen Arme. Er wußte keinen Schritt von dem Wege— er wurde hin und her gedrängt— ſeine kaum verſtänvlichen Fragen wurden ungeduldig beantwortet— der Schnee bedeckte ihn— der Froſt durchdrang ſeine Adern. Endlich verſchaffte ihm ein Mann, der freundlicher war, als die andern, eine Miethkutſche und befahl dem Kutſcher, zu dem ent⸗ fernten Stadtviertel Berkeley⸗Square zu fahren. Der Schnee ballte ſich unter den Hufen der Pferde— der knarrende Wagen hewegte ſich mit der Langſamkeit eines Leichenw ſo lebha Sidney hielt der ſcher ſti ſchallte Beaufor Er ſchol Haus. dienten, hatten, „Nun zu Hau Herrn: aber— Sid hinauf und dri Geſellſc Schreck matten finſtern neben im erſt „ C liebe— als S Dir zu haſt ur W Leichenwagens vorwärts. Endlich, nach einer Zeit ſo lebhafter Erwartung und Aufregung, deren ſich Sidney ſpäter nicht ohne Schauder erinnern konnte, hielt der Wagen an— der von Froſt erſtarrte Kut⸗ ſcher ſtieg ſchwerfällig herunter— der Klopfer er⸗ ſchallte laut durch die neblige Luft, und das Licht in Beaufort's Vorſaal blendete die Augen des Fremden. Er ſchob den Portier auf die Seite und ſprang ins Haus. Zum Glück erkannte ihn einer von den Be⸗ dienten, die Mrs. Beaufort zu den Seen begleitet hatten, und antwortete auf ſeine athemloſen Frage: „Nun ja, Herr Speneer, Miß Beaufort iſt freilich zu Hauſe— oben im Geſellſchaftszimmer bei dem Herrn und der Madame und Herrn von Vaudemont; aber—“ Sidney wartete nicht länger. Er ſprang die Treppe hinauf— öffnete die erſte Thür, die ſich ihm zeigte und drängte ſich unangemeldet und unerwartet in die Geſellſchaft ein, die dort ſaß. Er ſah nicht den Schrecken Robert Beaufort's— er bemerkte nicht den matten Ausruf der Mutter— er beachtete nicht den finſtern und verwunderten Blick des Fremden, der neben Camilla ſaß— er ſah nur Camilla und lag im erſten Augenblicke zu ihren Füßen. „Camilla— hier bin ich!— ich, der ich Dich ſo liebe— ich, der ich nichts weiter in der Welt habe, als— hier bin ich— von Dir und allein von Dir zu hören, ob Du mich in der That aufgegeben haſt und die Gattin eines Andern werden willſt!“ Während er vorwärts geeilt war, hatte er ſeinen Hut vom Kopfe geworfen— ſein langes blondes Haar, naß vom Schnee, fiel verwirrt über ſeine Stirne— ſeine Augen waren ſtarr auf vas bleiche Geſicht und die bebenden Lippen Camilla's gerichtet, als erwart⸗ er das Urtheil über Leben und Tod. Robert Beau⸗ fort, der Philipp's heftiges Temperament kannte, und einen raſchen Ausbruch erwartete, richtete in großer Beſtürzung ſeinen Blick auf ſeinen beſtimmten Schwiegerſohn. Doch es war kein zorniger Stolz in dem Geſichte zu bemerken, welches er ſah. Philipp war aufgeſtanden, aber ſeine Geſtalt war gebeugt— ſeine Kniee ſchlotterten— ſeine Lippen waren halh geöffnet und ſeine Augen waren ſtarr auf das Geſicht des knieenden Mannes gerichtet. Camilla, die ihres Vaters Furcht theilte, erhob ſich plötzlich und ſtreckte mit unbewußter Bewegung eine Hand über Sidneh's Kopf aus, als wollte ſie ihn ſchützen, und ſah Philipp an. Sidney's Augen folgten den ihrigen. Er ſprang auf. „Was, ſo iſt es alſo wahr! Und dies iſt der Mann, für den ich aufgegeben werde! Aber wenn Du mir nicht mit Deinen eigenen Lippen ſagſt, daß Du mich nicht mehr liebſt— daß Du einen Andern liebſt— ſo will ich Dich nur mit meinem Leben aufgeben.“ Er ſchritt finſter und ungeſtüm auf Philipp zu, der zurückwich, als ſein Nebenbuhler ſich näherte. Die beiden Männer ſchienen plötzlich ihre Chataktere vertauſcht zu haben. Der ſchüchterne Träumer ſchien in den furchtloſen Soldaten verwandelt zu ſein. Der Krieger erbebte in namenloſem Schrecken. Sidney ergriff zarten? 106 er in d hinwege „Hören ſoll nie gegen, empört. Sie mi gewinn Ph ihn ger in den den Re Hand: und wä artikuli und der ſprachl Worte Philipz wie mi dern zu „H Beaufo erklärer „S legte ſe ins Ge ergriff jenen ſtarken Arm mit ſeinen dünnen und zarten Fingern,— als Philipp ſich noch immer zurück⸗ zog— ergriff ihn drohend und heftig, und indem er in das Geſicht blickte, aus dem das dunkle Blut hinweggeſcheucht war, ſagte er mit dumpfem Geflüſter: „Hören Sie mich? Verſtehen Sie mich? Ich ſage, ſie ſoll nicht zu einer Heirath gezwungen werden, wo⸗ gegen, wie ich noch immer glaube, ihr Herz ſich empört. Mein Anſpruch iſt heiliger als der Ihre. Sie müſſen ihr entſagen, oder ſie mit meinem Blute gewinnen.“ Philipp ſchien die Worte nicht zu hören, die an ihn gerichtet wurden. Alle ſeine Sinne ſchienen ſich in den Geſichtsſinn zu concentriren. Er fuhr fort, den Redenden anzuſehen, bis ſein Auge ſich auf die Hand niederſenkte, die noch ſeinen Arm gefaßt hielt, und während er darauf hinblickte, ſtieß er einen un⸗ artikulirten Laut aus. Er nahm die Hand in die ſeine und deutete auf einen Ring an dem Finger, blieb aber ſprachlos. Beaufort näherte ſich und begann einige Worte zu ſtammeln, um Sidney zu beruhigen; aber Philipp winkte ihm zu ſchweigen und ſagte endlich, wie mit heftiger Anſtrengung, nicht zu Sidney, ſon⸗ dern zu Beaufort:„Sein Name— ſein Name?“ „Herr Spencer— Herr Charles Spencer,“ rief Beaufort.„Hören Sie mich an— ich will alles erklären— ich—“ „Still, ſtill!“ rief Philipp, wendete ſich zu Sidney, legte ſeine Hand auf ſeine Schulter, ſah ihm ſcharf ins Geſicht und ſagte:„Haben Sie nicht einen an⸗ dern Namen geführt? Sind Sie nicht— ja es iſt ſo! Folgen Sie— folgen Sie mir!“ Indem er ihn noch feſthielt, führte er Sidney,— der jetzt erſchrocken ſich neuem und wildem Argwohn hingab— langſam und Schrit für Schritt weiter— indem ſeine Augen ſich auf jenes ſchöne Geſicht rich⸗ teten, und ſeine Lippen unverſtändliche Worte mur⸗ melten— bis die Thür ſich hinter Beiden ſchloß und die andern drei Perſonen in unbeſchreiblicher Er⸗ wartung und Furcht zurückblieben. Philipp führte ſeinen Nebenbuhler in das anſtoßende Zimmer. Es war nur von einer kleinen Studirlampe und von dem Feuer im Kamin erleuchtet, und bei dieſem Lichte ſahen ſich Beide wie bezaubert und in völligem Schweigen an. Endlich ſtürzte Philipp mit unwider⸗ ſtehlichem Antriebe an Sidney's Bruſt, drückte ihn krampfhaft an ſich und rief:„Sidney!— Sidney! — meiner Mutter Sohn!“ „Was!“ rief Sidney ſich mit Anſtrengung aus ſeiner Umarmung losmachend,„biſt Du es alſo!— Du, mein eigener Bruder! Du— der Du bisher der Dorn auf meinem Wege— die Wolke in meinem Schickſal geweſen biſt! Du— der Du jetzt gekommen biſt, mich für mein ganzes Leben elend zu machen! Ich liebe jenes Mädchen, und Du nimmſt ſie mir! Du— der Du meine Kindheit der Mühſeligkeit unter⸗ worfen, und, hätte es die Vorſehung nicht verhin⸗ dert, meine Jugend durch Dein Beiſpiel mit Schmach und Schuld würdeſt belaſtet haben!“ „Halt ein!— halt ein!“ rief Philipp mit ſo durchbrit Perſoner einer ve der an, Unterred über de wurde v Aufregu ſchluchst⸗ hlicke in gegenüb verwund fort, hö traute ſi meinem ihre Ha ſelber, ein Bru ich jener gelobte zuopfern könnte. Sidney ſere bele ter— Thräner Augen Mutter meine L ſo, Sid „ wohn er— rich⸗ mur⸗ und Er⸗ ührte Es von ichte igem ider⸗ ihn ney! aus isher inem men hen! mir! nter⸗ hin⸗ mach 1 it ſo durchbringender und qualvoller Stimme, daß ſie den Perſonen im anſtoßenden Zimmer gleich dem Schrei einer verzweifelnden Seele klang. Sie ſahen einan⸗ der an, doch keiner hatte den Muth, ſich in ihre Unterredung einzudrängen. Sidney ſelber erſchrack über den Ton. Er warf ſich auf einen Stuhl, wurde von ſo neuen Leidenſchaften und ſo ſeltſamer Aufregung überwältigt— verbarg ſein Geſicht und ſchluchzte wie ein Kind. Philipp ging einige Augen⸗ blicke im Zimmer auf und ab; endlich blieb er Sidney gegenüber ſtehen und ſagte mit der tiefen Ruhe eines verwundeten und gequälten Geiſtes:„Sidney Beau⸗ fort, höre mich an! Als meine Mutter ſtarb, ver⸗ traute ſie Dich meiner Sorgfalt, meiner Liebe und meinem Schutze an.— In den letzten Zeilen, die ihre Hand ſchrieb, bat ſie mich, weniger an mich ſelber, als an Dich zu denken, ein Vater, ſo wie ein Bruder für Dich zu ſein. Zu der Stunde, als ich jenen Brief las, fiel ich auf meine Kniee und gelobte jenen Auftrag zu erfüllen— mich ſelbſt auf⸗ zuvpfern, wenn ich Dir dadurch Glück verſchaffen könnte. Und dies nicht um Deinetwillen allein, Sidney— nein! ſondern wie meine Mutter— un⸗ ſere beleidigte, gemißhandelte und verleumdete Mut⸗ ter— o Sidney, Sidney! haſt Du nicht auch Thränen für ſie?“ Er fuhr mit der Hand über die Augen und ſetzte dann hinzu:„ſondern wie unſere Mutter in jenem letzten Briefe mir ſagte:„„Laß meine Liebe zu ihm in Deine Bruſt übergehen,““ ſo, Sidney, ſo glaubte ich in Allem, was ich für — — 396 Dich thun konnte, das Lächeln meiner Mutter auf mich niederblicken zu ſehen, und meiner Mutter zu gehorchen, indem ich Dir diente. Vielleicht ſpäter, Sidney, wenn wir über jene Zeit meines früheren Lebens reden, wo ich für Dich arbeitete, wo ich die Erniedrigung, von der Du redeſt— es war kein Verbrechen darin— um Deinetwillen freudig ertrug und Dir der Feiertag, mir die Arbeit zu Theil wurde — vielleicht wirſt Du mir ſpäter mehr Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Du verließeſt mich, oder wur⸗ deſt mir geraubt, und ich gab das ganze kleine Ver⸗ mögen hin, welches meine Mutter hinterlaſſen hatte, um Nachrichten von Dir zu erhalten. Ich erhielt Deinen Brief— jenen bittern Brief— und es lag mir nichts daran, ein Bettler zu ſein, da ich allein war. Du ſprichſt davon, was ich Dich gekoſtet hab⸗ — Dich!— und jetzt fordeſt Du von mir, daß ich — gütiger Himmel! rede deutlicher— liebſt Du Camilla? Liebſt Du Camilla? Liebt ſie Dich? Rede — rede— erkläre mir— welche neue Qual wartet meiner?“ Jetzt erzählte Sidney, gerührt und gedemüthigt bei ſeinem ſelbſtſüchtigeren Kummer durch die Rede und das Weſen ſeines Bruders, ſo kurz er konnte die Geſchichte ſeiner Liebe zu Camilla, die Umſtände unter welchen ihre Verlobung ſtattgefunden, und endete damit, ihm den Brief vorzulegen, den er von Herrn Beau⸗ fort erhalten hatte. Ungeachtet aller ſeiner Anſtrengungen, ſich Gewalt anzuthun, war Philipp's Seclenqual ſo groß und ſo ſichtbar, ſeine auf angeſeher Natur i Reue ſch er vorhet verzeihe than hal Dich lie Phil Wärme, großer A hörte nu unwillkü ſie liebe — Mut wäre ic ſtill un Stirne „Si ches ich verwirrt möglich ich will Er beinahe die Thi milla's ſchen P bis ſpä r auf ter zu ſpäter, üheren ich die r kein ertrug wurde tigkeit wur⸗ e Ver⸗ hatte, erhielt es lag allein t habe aß ich ſt Du Rede wartet üthigt Rede nte die unter damit, Beau⸗ ewalt und ſo 397 ſichtbar, daß Sidney, nachdem er einen Augenblick ſeine aufgeregten Geſichtszüge, ſeine zitternden Hände angeſehen, fühlte, wie die irdiſcheren Theile ſeiner Natur in einem Erguſſe edelmüthiger Theilnahme und Reue ſchmolzen. Er warf ſich an die Bruſt, von der er vorher zurückgewichen und rief:„Bruder, Bruder! verzeihe mir; ich ſehe, wie ſehr ich Dir Unrecht ge⸗ than habe. Wenn ſie mich vergeſſen hat, wenn ſie Dich liebt, ſo nimm ſie und ſei glücklich!“ Philipp erwiderte ſeine Umarmung, aber ohne Wärme, wendete ſich dann ab und ſchritt wieder in großer Aufregung im Zimmer auf und ab. Sein Bruder hörte nur unzuſammenhängende Ausrufungen, die ihm unwillkürlich zu entſchlüpfen ſchienen:„Sie ſagten mir, ſie liebe mich! der Himmel gebe mir Stärke! Mutter — Mutter! Laß mich mein Gelübde erfüllen!— O, wäre ich doch vorher geſtorben!“ Endlich ſtand er ſtill und große Schweißtropfen rollten von ſeiner Stirne nieder. „Sidney!“ ſagte er,„hier iſt ein Geheimniß, wel⸗ ches ich nicht begreife. Aber mein Geiſt iſt jetzt ſehr verwirrt. Wenn ſie Dich liebt— wenn— iſt es möglich, daß ein Weib zwei lieben kann?— Nun, ich will dieſes Räthſel löſen, warte hier!“ Er ging in das nächſte Zimmer und Sidney war beinahe eine halbe Stunde allein. Er hörte durch die Thür leiſe Stimmen; er vernahm deutlicher Ca⸗ milla's Schluchzen. Den Inhalt jener Unterredung zwi⸗ ſchen Philipp und Camilla, die anfangs allein waren, bis ſpäter Robert Beaufort wieder eingelaſſen wurde, ——— entdeckte Philipp Niemanden; auch konnte Sidneh nie⸗ mals genaue Auskunft von Camilla erhalten, die ſich derſelben ſelbſt nach Jahren nur mit großer Aufregung erinnerte. Endlich aber wurde die Thüre geöffnet, Philipp trat ein und führte Camilla an der Hant. Sein Geſicht war ruhig und ein Lächeln umſpielte ſeine Lippen, eine mehr als gewohnte Würde war über ſeine ganze Perſon ausgegoſſen. Camilla hielt ihr Taſchentuch vor den Augen und weinte leiden⸗ ſchaftlich. Beaufort folgte ihnen mit gekränkter und demüthiger Miene. „Sidney,“ ſagte Philipp,„es iſt vorüber. Allez iſt angeordnet. Ich weiche Deinem früheren und daher gültigeren Anſpruche. Herr Beaufort willigt in Dein⸗ Verbindung. Er wird Dir zu gelegener Zeit ſagen, daß unſer Geburtsrecht endlich klar iſt, und daß kein Makel auf dem Namen ruht, den wir von jetzt an führen werden.— Sidney, umarme Deine Braut!“ Erſtaunt, entzückt und noch halb ungläubig ergrif und küßte Sidney Camilla's Hand, und als er ſie an ſeine Bruſt drückte, ſagte ſie, indem ſie auf Philipp deutete:„O! wenn Du mich liebſt, wie Du ſagſt, ſo erkenne in ihm den großmüthigen, den edlen—“ neues Schluchzen unterbrach ihre Rede, aber als Sidneh wieder ihre Hand zu ergreifen ſuchte, flüſterte ſie ihm mit rührendem weiblichen Gefühl zu:„O! achte ihn; ſieh nur!“— Und als Sidney ſeinen Bruder anſah, bemerkte er, daß, obgleich er zu lächeln verſuchte, ſein Geſicht ſich verzog und ſeine ganze Geſtalt Folter⸗ qual zu erdulden ſchien Er eilte auf Philipp zu, der ſeine einzige hat. G ſein, 1 ſtehen dern, Dich e laſſe.( Beauft zu H meine Rechts Ihnen wie ick Bis d trüben nicht 1 — me wurde „Du, und C dem A waren wenn an un wohl! ney nie⸗ die ſich fregung geöffnet, Hand. mſpielt de war la hielt leiden⸗ ter und r. Alles id daher n Deine tſagen, aß kein jetzt an Braut!“ gergrif ſie an Philipp u ſagſt, len—“ Sidneh ſie ihm hte ihn; anſah, rſuchte, Folter⸗ zu, ber 399 ſeine Hand ergviff, ihn von ſich zurückhielt und ſagte: „Ich hahe mein Gelübde erfüllt! Ich habe Dir die einzige Wonne abgetreten, die mein Leben gekannt hat. Genug! Du biſt glücklich, und ich werde es auch ſein, wenn es Gott gefällt, mich dieſen Schlag über⸗ ſtehen zu laſſen. Und jetzt mußt Du Dich nicht wun⸗ dern, noch mich tadeln, wenn ich Dich, obgleich ich Dich erſt eben wieder gefunden, auf eine Weile ver⸗ laſſe. Erweiſen Sie mir eine Gefälligkeit, Sie, Herr Beaufort— Du, Sidney, laſſen Sie die Trauung zu H' in der Dorfkirche ſtattfinden, neben welcher meine Mutter ruht; ſchieben ſie dieſelbe auf, bis der Rechtsſtreit beendet iſt; bis zu der Zeit hoffe ich Ihnen Allen— Ihnen, Camilla, begegnen zu können, wie ich der Gattin meines Bruders begegnen ſollte. Bis dahin wird meine Gegenwart Ihr Glück nicht trüben. Suche mich nicht auf, Sidney— erwarte nicht von mir zu hören. Still! ſein Sie alle ruhig — mein Herz iſt noch verwundet. O Du,“ hier wurde ſeine Stimme tiefer und er erhob ſeine Arme, „Du, der Du meine Jugend aus ſolchen Schlingen und Gefahren errettet/éder Du meine Schritte von dem Abgrunde abgelenkt haſt, zu denen ſie gerichtet waren, und unter deſſen Hand ich mich jetzt dankbar, wenn gleich gezüchtigt, beuge— nimm dieſes Opfer an und ſegne dieſe Verbindung!— Leben Sie alle wohl!“ 40⁰ Einundzwanzigſtes Kapitel. Des Himmels Lieder wohnen in den Saiten, Wir wünſchen, daß ſie nie verhallen möchten; Sie find verſtummt, und einer ſtillen Zelle Gleicht unſte Seel', wo nie Mufik erſchallt. Traum folgt dem Traum in Stunden dunkler Nacht. Wilſon:„Die Vergangenheit.“ Philipps Selbſtbeherrſchung, die er auf eine Weile erlangt hatte, verließ ihn, als er außerhalb des Hauſes war. Sein Geiſt glich einem Chaos— er eilte mechaniſch zu Fuß weiter— er ging durch eine Straße nach der andern, die jetzt einſam und verlaſſen waren, wäh⸗ rend die Laternen auf den hohen Schnee ſchienen. Er ließ die Stadt hinter ſich zurück und ſtand nicht eher ſtill, als bis er athemlos und erſchöpft den Kirchhof erreichte, wo Katharinens Staub ruhte. Der Schne hatte aufgehört zu fallen, aber er lag hoch auf den Gräbern— die Eibenbäume, wie mit weißen Leichen⸗ tüchern bebeckt, ſchimmerten geiſterhaft durch die Däm⸗ merung. An der Einzäunung des Grabes hing noch ein Kranz, den Fanny's Hand dort hingehängt. Aber die Blumen waren mit Schnee bedeckt! Durch die Zwiſchenräume der ungeheuren und ſtillen Wolken ſchimmerten einige ſchwermüthige Sterne. Selbſt die Ruhe des geheiligten Orts erſchien unausſprechlich traurig. Der Tod des Jahres ſchwebte über dem Tode des Menſchen. Und als Philipp ſich über das Grab neigte, war innen und außen Alles Eis und Nacht! Wie lange er an der Stelle blieb, welches ſeine Vewegungen oder ſeine Gehete waren, koͤnnte er ſich ſpäter hörte§ er die keit zur in ſein Alles f gewöhn öffnen: wilde 2 Das Fi taſirte. Me drohent Zeit w war,( vor ſic ſeine k das Fi einem ſtitutiv hätte. land g Niema Wärte: Herz d und de war. in der die ſich Jahre Bul er Nacht. heit.“ e Weile Hauſes aniſ je nach „wäh⸗ ten. Er ht eher dirchhof Schner auf den Leichen⸗ e Däm⸗ ng noch t. Aber uch die Wolken elbſt die prechlich m Tode s Grab Nacht! es ſeine er ſich 401 ſpäter nicht mehr erinnern. Lange nach Mitternacht hörte Fanny ſeinen Schritt auf der Treppe, und wie er die Thür ſeines Zimmers mit ungewohnter Heftig⸗ keit zumachte. Sie hörte ihn auch noch mehre Stunden in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgehen, bis plötzlich Alles ſtill war. Als Sarah am nächſten Morgen zur gewöhnlichen Stunde eintrat, um die Fenſterladen zu öffnen und das Feuer anzuzünden, erſchrack ſie, als ſie wilde Ausrufungen und noch wilderes Lachen hörte. Das Fieber war ihm ins Gehirn geſtiegen— er phan⸗ taſirte. Mehre Wochen lang war Philipp Beaufort in vrohender Gefahr, denn einen beträchtlichen Theil dieſer Zeit war er bewußtlos, und als die Gefahr vorüber war, ging ſeine Geneſung nur langſam und allmählig vor ſich. Es war die erſte und einzige Krankheit, der ſeine kräftige Geſtalt je unterworfen geweſen, und vas Fieber hatte ihn vielleicht mehr erſchöpft als bei einem Andern würde geſchehen ſein, in deſſen Con⸗ ſtitutivn die Krankheit weniger Widerſtand gefunden hätte. Sein Bruder, welcher glaubte, daß er ins Aus⸗ land gegangen ſei, war mit ſeiner Gefahr unbekannt. Niemand wartete und pflegte ihn als die gedungene Wärterin, der bezahlte Arzt und das unerkäufliche Herz des einzigen Weſens, für welches der Reichthum und der Rang des Erben von Beaufort⸗Court nichts war. Hier war ihm die höchſte Lehre des Schickſals in der Eitelkeit jener menſchlichen Wünſche vorbehalten, die ſich auf Gold und Macht gründen. Denn wie viele Jahre hatte der Verbannte und Ausgeſtoßene* Bulwer, Nacht u. Morgen. U. 402 und Unwillen nach ſeinem Geburtsrecht geſtrebt! Siehe es war gewonnen, und mit demſelben kam das ver⸗ wundete Herz und der von Krankheit erſchütterte Körper. Als er lang ſam den Gebrauch ſeines Verſtandes wieder erhielt, fielen ihm dieſe Gedanken ſchwer auf's Herz Er fühlte, daß er mit Recht beſtraft ſei, weil er während ſeiner früheren Jngend die Genüſſe verachtet hatte, die in ſeinem Bereiche geweſen. Lag nicht eine Wonne in der feſten Geſundheit— in der unbeſieg⸗ baren Hoffnung— in dem Herzen, welches, wenn gleich verwundet, gequält und ſchwer geprüft, wenig⸗ ſtens frei war von der ſchwerſten Qual der Leiden⸗ ſchaften, von getäuſchter und eiferſüchtiger Liebe? Obgleich gewiß, wenn ſein Leben erhalten würde, reich und mächtig zu ſein, ſeinen Namen und ſeine Ehre gerechtfertigt zu ſehen, konnte er nicht auf ſeinem Krankenbette ſeine frühere Vergangenheit beneiden! ſelbſt als er mit ſeinem mitverwaisten Bruder durch die einſamen Felder wanderte und fühlte, mit welcher Energie wir begabt find, wenn wir etwas zu beſchützen haben, oder als er, liebend und geliebt, Leben in den Augen Eugeniens ihm entgegenlächeln ſah— oder als er nach jenem traurigen Verluſt in einem fernen Lande kühn mit dem Schickſal gekämpft und ſich Ehre und Unabhängigkeit errungen? Es liegt etwas in der ſchweren Krankheit, beſonders wenn ſie in auffallendem Gegenſatz zu der gewohnten Körperſtärke ſteht, was oft die heilſamſte Wirkung auf den Geiſt hervorbringt — was uns oft durch körperliches Leiden von den allzu kränklichen Quglen des Herzens befreit— was uns zu Kräftige Guten Kranken geeignet wie uns Phi vigkeit Fanny Dauer ſein mö duld, m ſprechlie und hei der Ma und der Wärter und ihr was ſie erſchien ihre S auszuül Und al ihr Geſ erſte, d und na vertauſ ſie vor was V einer 2 Siehel unt zu der Einſicht bringt, daß im Leben, wie die das vet⸗ Kräſtigen es genießen, Gottes großes Prinzip des Körper Guten athmet und ſich bewegt. Wir erheben uns vom s wieder Krankenbette beſänftigt und gedemüthigt, und mehr *s Herz geeignet, uns nach ſolchen Segnungen umzuſehen, weil er wie uns noch zu Gebote ſtehen. veracht⸗ Philipp's Rückkehr, ſeine Gefahr, die Nothwen⸗ icht eine digkeit der Anſtrengung, um ihn zu pflegen, hatte. mbeſie Fanny aus einem Zuſtande erweckt, der ſonſt auf die z wen Dauer für das erſt kürzlich in ihr gereifte Bewußt⸗ wenig ſein möchte gefährlich geweſen ſein. Mit welcher Ge⸗ Leiden⸗ duld, mit welcher Standhaftigkeit, mit welchem unaus⸗ Liebe? pprechlichen Vorbedacht und Hingebung ſie jene beſte de, reih und heiligſte Pflicht der Frauen erfüllte, mag ſich 5 ne Ehr der Mann vorſtellen, deſſen Kampf mit dem Leben ſeinen und dem Tode mit einer wachſamen und liebenden neiden! Wärterin geſegnet geweſen iſt. Und bei all ihrer Angſt er durh und ihrem Schrecken hatte ſie Augenblicke des Glücks, welchet was ſich ſelber einzugeſtehen ihr faſt verbrecheriſch eſchüten erſchien. Denn ſelbſt bei ſeinen Fieberphantaſien ſchien ehen i ihre Stimme einen beſänftigenden Einfluß auf ihn — oder auszuüben, und er war ruhiger in ihrer Gegenwart. fernen Und als er endlich wieder zum Bewußtſein kam, war ch Ehre ihr Geſicht das erſte, welches er ſah, und ihr Name der sin der erſte, den ſeine Lippen ausſprachen. Als er dann nach Uendem und nach ſtärker wurde und das Bett mit dem Sophe t, was vertauſchte, fand er mehr Vergnügen daran als früher, rbringt; ſie vorleſen zu hören, was ſie mit einem Gefühl that, on den was Vorleſer nicht lehren können. Und einmal, in — naeiner Pauſe dieſer Beſchüftigung, ſprach er offen mit — — „ 404 ihr— theilte ihr ſeine frühere Geſchichte mit—„ erzählte ihr, welches Opfer er ſeinem Bruder gebracht Und während Fanny weinte, erfuhr ſie, daß er nicht mehr einer Andern angehöre! Wir haben bereits erwähnt, daß dieſer Mann bei ſeinem von Natur thätigen und ungeduldigen Tem⸗ peramente wenig gewohnt geweſen war, jene Hülß⸗ quellen aufzuſuchen, die man in Büchern findet. Abe in jenem Krankenzimmer lehrte ihn Fanny's Stimme — die Stimme derjenigen, deren Geiſt er einſt ſo ſtolz beklagt hatte— wie viel Hülfe und Troſt die große Maſſe der Menſchen von dem ewigen Genins der Wenigen entlehnt. Nach und nach, und Schritt für Schritt, da ſieſ. auf einander beſchränkt waren und alle andern G⸗ danken ausſchloſſen— denn ſo heftig auch der Schlez für Philipp geweſen war, der ihm auf eine Zeitlan Geſundheit und Vernunft geraubt hatte, ſo war doch nicht ſo ſehr ver Sklave der Phantaſie, daß nicht ernſtlich alle Gefühle zu vermeiden ſuchte, di ſich noch mit unheiligem Verlangen zu der Verloht⸗n ſeines Bruders wendeten— nach und nach, und lan ſam, ſage ich, kamen jene fortſchreitenden und köſtlichn Zeiträume, che eine Umwälzung in den Neigungen bezeichnen— unausſprechliche Dankbarkeit, brüderlich Zärtlichkeit, die vereinte Stärke des Mitleids und der Achtung, die er für Fanny empfunden, ſchienen, als er ſeine Geſundheit wieder erlangte, in noch lebhuf. tere und innigere Gefühle überzugehen. Er konnte ſich nicht länger mit dem eitlen und hochmüthigen Glauben täuſchen Herz be Geſichts vrelche e war— Die Lie! hatte, e weder S ſcheuchen verſank lich mit für Cam LTänſchu Dieſ der zugl Er blickt eben au aber ſie hörte ſie „Fat vom So ſie zog ein Trat mal nac Zimmer hatte er, engen R ſundheit wonneve erz. 8 r Schla Zeitlan war „daß n hte, die erlobten nd lang⸗ öſtlich igungen üderliche und der en, als lebhaf⸗ ante ſich lauben üüuſchen, daß es ein mangelhafter Geiſt ſei, den ſein Herz beſchützte; die ſeltene Schönheit jenes zarten Geſichts— liebenswürdiger vielleicht wegen der Bläſſe, welche an die Stelle des blühenden Roths getreten war— begann wieder Eindruck auf ihn zu machen. Die Liebe, die er früher ſo gebieteriſch unterdrückt hatte, ehe er Camilla geſehen, kehrte jetzt zurück, und wreder Stolz noch Ehre hatten ein Recht, ſie zu ver⸗ ſcheuchen. Eines Abends, als er ſich allein glaubte, verſank er in tiefe Träumerei und erwachte dann plötz⸗ lich mit dem Ausruf:„Empfand ich je wahre Liebe für Camilla, oder war es Leidenſchaft, Wahnfinn oder Tänſchung?“ Dieſer Ausruf wurde von einem Tone beantwortet, der zugleich Freude und Kummer auszudrücken ſchien. Er blickte auf und ſah Fanny vor ſich; das Licht des eben aufgegangenen Mondes fiel voll auf ihre Geſtalt, aber ſie drückte die Hände vor ihr Geſicht und er hörte ſie ſchluchzen. „Fanny, liebe Fannh,“ rief er und wollte ſich vom Sopha herunter zu ihren Füßen werfen. Doch ſie zog ſich zurück und entfloh aus dem Zimmer wie ein Traum. Philipp ſtand auf und ging zum erſten⸗ mal nach ſeiner Krankheit mit ſchwachen Schritten im Zimmer auf und ab. Mit wie verſchiedenen Regungen hatte er, in heftiger und unerträglicher Qual, dieſen engen Raum durchſchritten! Die zurückkehrende Ge⸗ ſundheit ergoß ſich vurch ſeine Adern— eine heitere, wonnevolle, himmliſche Freude verbreitete ſich um ſein Herz. Hatte ſich dennoch, nachdem die alte Liebe ihn — 5 —— — 406 verlaſſen, eine Geſtalt in warmem Leben, in zarter Schönheit und Fülle mädchenhafter Zärtlichkeit vor ſeinen Hoffnungen erhoben? Er blieb am Fenſter ſtehen; das Zimmer ſchien ihm ſo beengt, die Nacht draußen ſo ruhig und lieblich, daß er ſeine noch nicht ganz überſtandene Krankheit vergaß und das Fenſter öffnete. Die Luft umwehte ſanft und friſch ſeine Schlä⸗ fen, und der Kirchthurm ſchien ihm zum erſtenmal nicht dunkel gegen den Himmel abzuſtechen. Selbſt Katharinens Grabſtein, ver halb im Mondlicht, halb im Schatten lag, blickte ihn lächelnd an. Das Andenken an ſeine Mutter hatte ſich mit der lebenden Fann) verſchlungen. „Du biſt gerechtfertigt— Dein Sivney iſt glüc⸗ lich,“ murmelte er;„ihr haben wir es zu danken!“ Schöne Hoffnungen und milde Gedanken waren in ihm geſchäftig, und er blieb am Fenſter, bis die zunehmende Kälte ihn vor der Gefahr warnte, der er ſich ausſetzte. Als der Arzt ihn am nächſten Tage beſuchte, fand er, daß das Fieber zurückgekehrt war. Viele Tage lang war Philipp wieder in Gefahr, ohne ſich des Schrittes und der Stimme Fanny's bewußt zu ſein. Endlich erwachte er wie aus einem langen und tiefen Schlafe— ſo erfriſcht und neubelebt, daß er ſogleich fühlte, wie eine große Kriſis vorüber und er endlich an die ſonnigen Küſten des Lebens zurück⸗ geſchwommen ſei. Neben ſeinem Bette ſaß Liancourt, der, ſchon längſt beunruhigt durch ſein Verſchwinden, ihn endlich mit Barlow's Hülfe aufgefunden und ſeit mehren Tagen die Wache er nocht Geneſung Glückwun der Pati und nicht um ſeine ſeit zwei theilung: an:„Y ſchichte v Ihres Ri Sie iſt, vorſteht. heſſer.“ „Die was Sie eourt's waren bis die e, der Tage t war. „ohne bewußt langen t,—daß er und zurück⸗ ſchon endlich Tagen 407 tie Wache mit der armen Fanny getheilt hatte. Während er noch dies alles Philipp erklärte, und ihm zu ſeiner Geneſung Glück wünſchte, trat der Arzt ein, um den Glückwunſch zu beſtätigen. In wenigen Tagen war der Patient im Stande, ſein Zimmer zu verlaſſen, und nichts als Veränderung der Luft ſchien nöthig, um ſeine Geneſung zu vollenden. Lianevurt, der ſchon ſeit zwei Tagen ungeduldig geſchienen, ſich einer Mit⸗ theilung zu entledigen, redete ihn jetzt folgendermaßen an:„Mein lieber Freund, ich habe jetzt Ihre Ge⸗ ſchichte von Barlow gehört, der mehrmals während Yhres Rückfalles hier war, und um ſo beſorgter für Eie iſt, da die Entſcheidung Ihrer Sache nahe be⸗ vorſteht. Je eher Sie dieſes Haus verlaſſen, deſto beſſer.“ „Dieſes Haus verlaſſen! Und warum? Iſt nicht eine Perſon in dieſem Hauſe, der ich mein Glück und mein Leben verdanke?“ „Ja, und aus demſelben Grunde ſage ich: Gehen Sie! Es iſt die einzige Vergeltung, die Sie ihr leiſten können.“ „Pah!— Reden Sie verſtändlich.“ mit ihr an Ihrem Krankenbette gewacht, und weiß, was Sie bereits fühlen müſſen; ja, ich geſtehe, daß ſelbſt die alte Dienerin mit mir darüber zu ſprechen gewagt hat. Sie haben dieſem armen Mädchen Ge⸗ fühle eingeflößt, die ihrem Frieden gefährlich ſind.“ „Ha!“ rief Philipp mit ſolcher Freude, daß Lian⸗ evurt' Geſicht ſich verfinſterte und er ſagte; „Das will ich,“ ſagte Liancourt ernſt.„Ich habe „Bisher habe ich Sie für zu ehrenvoll gehalten, um—“ „So glauben Sie alſo, daß ſie mich liebt?“ un⸗ terhrach ihn Philipp. „Ja, und was dann? Sie, der Erbe von Beau⸗ fort⸗Court— einer jährlichen Rente von 20,000 Pfund — eines hiſtoriſchen Namens— Sie können doch dieſes arme Mädchen nicht heirathen?“ „Nun— ich will über das nachbenken, was Sie ſagen, und auf alle Fälle das Haus verlaſſen, um der Entſcheidung des Prozeſſes beizuwohnen. Laſſen Sie uns jetzt nicht mehr über dieſen Gegenſtand reden.“ Philipp bemerkte vermöge ſeines Scharfblicks, daß Liancvurt, der von der Schönheit, unſchuld und der unbeſchützten Lage Fanny's ſehr gerührt war, ſeine Warnung nicht für ſich behalten, ſondern, mit der 8 ihm eigenen Biederkeit und der Freiheit eines Mannes in etwas vorgerückten Jahren, mit Fanny geſprochen habe; denn Fanny ſchien ihn jetzt zu vermeiden— ihre Augen waren ſchwer und ihr Benehmen verlegen. Er ſah die Veränderung, doch war ihm dieſelbe nicht leid, ſondern er freute ſich der Schlüſſe, die er daraus zog. Und endlich entfernte er ſich mit Liancvurt. Er war drei Wochen abweſend, während welcher Zeit die Förmlichkeiten des freundſchaftlichen Rechtsſtreites ent⸗ ſchieden wurden, und das Publikum gerieth in Eut⸗ zücken über das edle und erhabene Benehmen Robert Beaufort's, der, ſobald er ein Dokument enidect, welches ſo leicht auf immer in Vergeſſenheit zu be⸗ graben geweſen wäre, ſich freiwillig erhoten, das Ver⸗ mögen dem er Einige Gerüch geweſe ſeines vierten allgem könner einſt geſcha ihmer den a hoch Jahre Ment den, nicht Tage zeit 1 die 1 es le Verl Kau halten, un⸗ Beau⸗ Pfund n doch as Sie n, um Laſſen reden.“ s, daß nd der ſeine nit der Nannes wrochen — ihre n. Er nicht daraus rt. Er eit die es ent⸗ 1Ent⸗ Robert ntdeckt, zu be⸗ s Ver⸗ mögen abzutreten, welches er ſo lange beſeſſen, in⸗ dem er ein reines Gewiſſen dem Gewinn vorgezogen. Einige Perſonen machten die Bemerkung, wie das Gerücht gehe, daß Philipp Beaufort auch großmüthig geweſen— daß er das Vermögen auf die Lebenszeit ſeines Oheims abtreten und ſich inzwiſchen mit dem vierten Theile der Einkünfte begnügen wolle. Aber die allgemeine Bemerkung war: er habe nicht weniger thun können! Robert Beaufort war, wie Lord Lilburne einſt bemerkt hatte, ein Mann, der dazu geboren, geſchaffen und erzogen war, daß die Welt gut von ihm reden mußte, und jetzt war es auch ein Troſt für den armen Mann, zu ſehen, daß ſein Charakter ſo hoch geſchätzt wurde. Wenn Philipp auch hundert Jahre alt werden ſollte, ſo wird er doch nie bei der Menge ein ſo reſpektabler und beliebter Mann wer⸗ den, wie ſein würdiger Oheim. Aber am Ende liegt nicht viel daran. Philipp kehrte am Vorabend des Tages, der zu ſeines Bruders und Camillens Hoch⸗ zeit beſtimmt war, nach H zurück. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Aus der Nacht erhob ſich das Licht und die Helle des Tages. Heſiod. Die liebliche Maiſonne ſchien hell und heiter über die ruhige Vorſtadt H* dahin. In den Straßen war es lebendig. Es war um die Mittagsſtunde, wo der Verkehr lebhaft und die Straßen voll find. Der alte Kaufmann, der ſich vom Geſchäft zurückgezogen hatte, 41⁰ betrachtete mit neugierigen Augen die vorüberrollende Kutſche oder den oftanhaltenden Omnibus, und ath⸗ mete die friſche und duftige Luft in der breiteſten und menſchenreichſten Straße, von wo man in der Ferne die Thürme der Hauptſtadt erblickte. Der aus der Schule befreite Knabe eilte zum Mittageſſen nach Hauſe; die Balladenſängerin ließ ihren kläglichen Geſang in den engeren Gaſſen hören, wo der Bäckerjunge mit den Puddings auf ſeinem Teller und das hübſche Dienſt⸗ mädchen, welches ausgeſchickt war, um Porter zu ho⸗ len, ſtillſtanden, um zu horchen. Und an den Läden, wo wohlfeile Shawls und Zitze das weibliche Auge reizte, hielt manches Mädchen ihre ungeduldige Mutter an, betrachtete die Muſter und berechnete, ob ihre mühſam gewonnene Erſparniß zu dem Sonntagsſtaat ausreichen werde. Und an den Straßenecken dampften die wandernden Küchen der Paſtetenbäcker, die ihre Waare den Kindern und dem hungrigen Pöbel an⸗ prieſen. Und zwiſchen alle hindurch rollte die träge Kutſche eines alten Kaufmanns oder einer verwelkten alten Jungfrau, die ſich keines Lebens bewußt waren, außer dem, welches durch ihre eigenen langſam fließen⸗ den Adern fortſchlich. Und vor dem Hauſe, wo Ka⸗ tharina geſtorben war, trieben ſich viele Müßiggänger umher und wunderten ſich, warum wohl von der Kirche her das luſtige Geläut der Hochzeitsglocke erſcholl! Aber endlich ſah man auf der breiten Straße, die von der großen Stadt herführte, drei Wagen von ſehr verſchiedener Mode, als ſie in der Vorſtadt ge⸗ bräuchlich war, daherfahren. Raſch kamen ſie heran Sonne waren, Büttel Grup! den erhob Folge einige auf d rückz geſell ſchw 2 Bea und bogen um die Ecke, die zu der Kirche führte; die Hufe der muntern Roſſe ertönten luſtig auf dem Boden; die weißen Bänder der Diener ſchimmerten in der Sonne. Glücklich iſt die Braut, auf die die Sonne ſcheint! Und als die Wagen verſchwunden waren, vereinigten ſich die zerſtreuten Gruppen und nahmen ihren Weg zu der Kirche. Sie ſtanden müßig auf dem Begräbnißplatze, und viele hatten ſich um die Einzäunung verſammelt, die Katharinens einſames Grab vor ihren Fußtritten ſchützte. Alles in der Natur war fröhlich und heiter; die ſanfte Luft athmete eine liebliche Friſche; keine Wolke war in dem lächelnden Azurblau zu ſehen; ſelbſt die alten ulmen ſchienen glück⸗ lich in ihrem ewigen Grün. Die Glocke ſchwieg und vann wurde auch die Menge ſtill. Und kein Ton wurde gehört an jener feierlichen Stätte, die zugleich der Geburt, der Hochzeit und dem Tode geweiht iſt. Endlich kam die wohlbeleibte Geſtalt des roſigen Büttels aus der Kirchenthür. Er näherte ſich den Gruppen, flüſterte den Beſſergekleideten zu und befahl den Zerlumpten, machte den Alten Vorſtellungen und erhob ſeinen Rohrſtock gegen die Jungen, und die Folge war, daß alle nicht ohne einiges Murren und einige Einwendungen den Kirchhof räumten und ſich auf den Platz vor dem Haupteingange deſſelben zu⸗ rückzogen, wo ſie neben den Wagen, die die Hochzeits⸗ geſellſchaft wieder fortführen ſollten, gaffend und ſchwatzend ſtehen blieben. Als die Ceremonie geendet war, führte Philipp Beaufort ſeines Bruders junge Gattin ſchweigend durch 1 412 das Schiff der Kirche. Auf ſeinen Stab geſtützt, ſein gewohntes kaltes Lächeln auf ſeiner ſchmalen Lippe, hinkte Lord Lilburne Schritt für Schritt mit dem Paare fort, doch ein wenig von ihnen getrennt, und ſah von Zeit zu Zeit in Philipp Beaufort's Geſicht, wo er einen Kummer zu leſen hoffte, aber nicht ent⸗ decken konnte. Lord Lilburne hatte bis zu dem Tage jede Unterredung mit Philipp vermieden„und er kam jetzt nur zu der Hochzeit, wie ein Arzt in ein Ho⸗ ſpital geht, wo er einen ſchweren Krankheitsfall zu finden erwartet; doch er ſah ſich getäuſcht. Dicht hinter ihm folgte Sidney, in Freude, Jugend und Schön⸗ heit ſtrahlend, und ſein gütiger Pflegevater, dem die Thränen die Wangen herunterrollten, ſprach mur⸗ melnd ſeinen Segen aus, indem er ihn anblickte. Mrs. Beaufort hatte es abgelehnt, der Ceremonie bei⸗ zuwohnen— ihre Nerven waren zu ſchwach— aber in weiterem Zwiſchenraume folgte Robert Beaufort, dem äußeren Scheine nach ſo nüchtern, geſetzt und geſammelt wie immer; obgleich ein genauer Beobachter hätte ſehen können, daß ſein Auge ſeinen liſtigen und wohlgefälligen Ausdruck verloren hatte, daß ſein Schritt ſchwerer war und ſeine gebengte Geſtalt freu⸗ denloſer. In ſeiner Miene lag etwas Niedergeſchla⸗ genes. Das Bewußtſein des Grundbeſitzes war aus ſeinem ſtattlichen Weſen gewichen; er war kein Be⸗ ſitzer mehr, ſondern ein Penſionirter. Der reiche Mann, der nach Gefallen über das Glück Anderer entſchieden hatte, war eine Mull geworden, er hatte aufgehört, an irgend etwas Intereſſe zu nehmen. Was Ihre werder mit gl erzwat kläglic allein „2 und l und n „ fortn auf d ſeiner Kind werde 2 plime Gege ſchen ſie ſi Kirck und glaul Erin Arm Wag ſagte ein 2 ppe, dem und ent⸗ age kam So⸗ zu ter ön⸗ die ur⸗ te. ei⸗ ber rt, nd er nd u⸗ a⸗ e⸗ he er te Was lag ihm jetzt an der Hochzeit ſeiner Tochter? Ihre Kinder konnten doch nie Erben von Beaufort werden. Als Camilla ſich freundlich umwendete und mit glücklichen Thränen ſeine Annäherung erwartete, erzwang er ein Lächeln, aber es war kränklich und kläglich. Es verlangte ihn, ſich fortzuſchleichen und allein zu ſein. „Mein Vater!“ ſagte Camilla mit ihrer leiſen und lieblichen Stimme, machte ſich von Philipp los und warf ſich an ſeine Bruſt. „Sie iſt ein gutes Kind,“ ſagte Robert Beau⸗ fort mit leerem Ausdruck, richtete ſeine trockenen Augen auf die Gruppe und wendete inſtinktmäßig eine von ſeinen gewohnten Redensarten an:„und ein gutes Kind, Herr Sidney, wird auch ein gutes Weib werden!“ Der Geiſtliche verbeugte ſich, als ſei das Com⸗ pliment an ihn gerichtet; er war der einzige von den Gegenwärtigen, den Robert Beaufort jetzt noch täu⸗ ſchen konnte. „Meine Schweſter,“ ſagte Philipp Beaufort, als ſie ſich wieder auf ſeinen Arm ſtützte und ſie vor der Kirchenthür ſtehen blieben,„möge Sidney Sie lieben und ſchätzen— wie ich würde gethan haben, und glauben Sie mir Beide, ich habe kein Bedauern, keine Erinnerung, die mich jetzt noch verletzt. Er ließ ihren Arm ſinken und winkte ihrem Vater, ſie zu dem Wagen zu führen. Dann faßte er Sidney's Arm und ſagte:„Warte bis ſie fort ſind, ich habe Dir noch ein Wort zu ſagen. Gehen Sie weiter, meine Herren.“ 414 Der Geiſtliche verbeugte ſich und ging über den Kirchhof. Aber Lilburne blieb ſtehen, ſah Philipp an und ſagte leiſe zu ihm:„Und ſo viel thun Sie für das Gefühl— die Thorheit! So viel für die Großmuth— die Täuſchung! Glücklicher Mann!“ „Ich bin durchaus glücklich, Lord Lilburne.“ „Wirklich?— dann war es weder Gefühl noch Großmuth, und wir wurden getäuſcht! Ich wünſche Ihnen einen guten Tag.“ Mit dieſen Worten hinkte er langſam zum Thor. Philipp antwortete nicht ein⸗ mal mit einem Blick auf dieſen Sarkasmus, denn in bieſem Augenblick erhob die Menge draußen ein lautes Geſchrei— ſie erblickten die Braut. „Komm hieher, Sidney,“ ſagte Philipp,„ich darf Dich nicht lange zurückhalten.“ Arm in Arm gingen ſie aus der Kirche und wen⸗ deten ſich zu der nahen Stelle, wo die Blumen auf dem Grabſteine ihrer Mutter ſie anlächelten. Die alte Inſchrift war entfernt und anſtatt derſelben der Name Katharina Beaufort auf den Stein geſetzt. „Bruder,“ ſagte Philipp,„vergiß dieſes Grab nicht, wenn nach Jahren Kinder um Deinen eigenen Heerd ſpielen. Sieh, der Name Katharina Beau⸗ fort iſt friſcher auf dem Stein, als das Datum der Geburt und des Todes— der Name wurde erſt heute eingegraben— an Deinem Hochzeitstage! Bruder, bei dieſem Steine ſind wir jetzt in der That vereinigt.“ „O Philipp!“ rief Sidney in tiefer Bewegung, indem er die Hand drückte, die er ihm entgegenſtreckte; „ich fühle, ich fühle, wie edel, wie groß Du biſt— daß D men li „S von. erwarte „U „N Ka Stimm Herrn Sit drückte nächſte ein Zu pfen d — unt De — er Mauer nehmet welche eines barin, Pl geſtanj als il wende Geſich „G ſagte 415 daß Du mir mehr geopfert haſt, als ich mir trih men ließ.“ „Still!“ ſagte Philipp lächelnd,„rede nicht da⸗ von. Ich bin glücklicher, als Du glaubſt. Geh, ſie erwartet Dich.“ „Und Du?— ſoll ich Dich allein laſſen?“ „Nicht allein,“ ſagte Philipp auf das Grab deutend. Kaum hatte er ausgeſprochen, als Lord Lilburne's Stimme vom Thore her ertönte:„Wir warten auf Herrn Sidney Beaufort.“ Sidney fuhr mit der Hand über die Augen, drückte noch einmal ſeines Bruders Hand und im nächſten Augenblick war er an Camilla's Seite. Noch ein Zuruf— das Rollen der Räder— das Stam⸗ pfen der Pferde— das ferne Gemurmel der Menge — und Alles war ſtill. Der Küſter kehrte zurück, um die Kirche zu ſchließen — er bemerkte Philipp nicht, der im Schatten der Mauer ſtand— und ging heim, um von der vor⸗ nehmen Hochzeit zu erzählen und zu fragen, um welche Stunde am nächſten Tage die Beerdigung eines jungen Frauenzimmers, ſeiner nächſten Nach⸗ barin, ſtattfinden werde. Philipp mochte vielleicht eine Viertelſtunde da⸗ geſtanden haben, ohne ſich von der Stelle zu bewegen, als ihn Jemand leiſe an dem Armel zupfte. Er wendete ſich um und ſah Fanny's bedeutungsvolles Geſicht. „So wollteſt Du alſo nicht zur Hochzeit kommen?“ ſagte er. 416 „Nein. Aber ich dachte mir, Du würdeſt hier allein ſein und traurig.“„ „Und Du willſt nicht einmal die Kleidung tragen, die ich Dir gab?“ „Ein andermal. Sage mir, biſt Du unglücklich?“ „Unglücklich, Fanny! Nein, ſich um Dich. Selbſ der Vegräbnißplatz zeigt ein Lächeln. Der Ephen windet ſich über die Mauer, höre nur die Vögel auf der dunkeln Ulme droben, und ſieh, dort hat ſich ſelbſt ein Schmetterling auf ein Grab geſetzt!—§ch bin nicht unglücklich.“ Als er ſo ſprach, ſah er ſe lebhaft an, nahm ihre beiden Hände in die ſeinen, zog ſie ſanft zu ſich und fuhr fort:„Erinnerſt D Dich, Fanny, wie wir uns einſt über jene kleinn Pforte lehnten, und ich zu Dir von dem Glück der Ehe ſprach, wo zwei Herzen vereint werden? Nein, Fanny, ich muß fortfahren. Es war hier an dieſer Stelle, wo ich Dich zuerſt nach meiner Rückkehr nach England wiederſah. Ich kam, die Todten zu ſuchen, und habe ſeitdem gedacht, daß es der Schutzgeiſt meiner Mutter war, der mich hierherführte, um Dich, die Lebende zu finden! Und ſpäter kamſt Du oft mit mir hieher, Fanny, und geblendet und betäubt, wie ich war, kam ich hieher, um zu brüten und zu trau⸗ ern, ohne um den Schatz zu wiſſen, der ſchon da⸗ mals in meinem Bereiche war. Aber es iſt ſo beſſer geweſen; die Prüfung, die ich beſtanden, hat mich dankbarer gemacht für den hohen Preis, auf den ich jetzt zu hoffen wage. Deine Hand erneuerte jeden Willſt Du hei Tag die Blumen auf dieſem Grabe. dieſem deren theilen Beſte, liebt ſein? — at geöffr wie Dun C ihrem Glau blickli ſpras ſah i als k ſtren welch währ ſah ſten zeigt abhi 1 geſa Du Fan ich eden bei 417 dieſem Grabe, der Kette zwiſchen Zeit und Ewigkeit, deren Lehren wir zuſammen laſen, mein Gelübde theilen? Fanny, Theuerſte, Schönſte, Zärtlichſte, Beſte, ich liebe Dich endlich ſo, wie Du allein ge⸗ liebt werden ſollteſt!— Willſt Du mein Weib ſein? Mein, nicht für eine Zeit, ſondern auf immer — auf immer, ſelbſt dann noch, wenn dieſe Gräber geöffnet werden und die Welt zuſammenſchrumpft, wie eine Papierrolle! Verſtehſt Du mich? Hörſt Du mich? Oder habe ich geträumt, daß— daß—“ Er hielt inne— ein Schrecken ergriff ihn bei ihrem Schweigen. Hatte er ſich in ſeinem göttlichen Glauben getäuſcht? Die Furcht war nur augen⸗ blicklich, denn Fanny, die zurückwich, während er ſprach, drückte jetzt ihre Hände an ihre Schläfen, ſah ihn athemlos und mit halbgeöffneten Lippen an, als könne ihr beſcheidener Geiſt nur mit großer An⸗ ſtrengung an die Möglichkeit des Glückes glauben, welches ſich ihr plötzlich eröffnete, und näherte ſich, während ihr Geſicht von Erröthen übergoſſen war, ſah ihm in die Augen, als wollte ſie in ſeiner tief⸗ ſten Seele leſen, und ſagte in einem Tone, welcher zeigte, daß ihr ganzes Schickſal von ſeiner Antwort abhing: „Aber iſt dies nicht Mitleid?— Man hat Dir geſagt, daß ich— kurz, Du biſt großmüthig, Du— Du— o täuſche mich nicht! Liebſt Du ſie noch? — Kannſt Du wirklich die demüthige, die thörichte Fanny lieben?“ Vulwer, Racht u. Morgen. HI. 27 418 „Gott ſoll mich richten, Geliebte, wenn ich nicht aufrichtig bin! Ich habe eine Leidenſchaft überlebt, die nie ſo ſüß— ſo zärtlich, ſo vollkommen war, wie die, welche ich jetzt für Dich empfinde! Und, u Fanny, höre dieſes wahre Bekenntniß! Zu Dir— zu Dir wendete ſich mein Herz, ehe ich Camilla ſah! — Gegen dieſen Antrieb kämpfte ich an in der Blind⸗ heit eines hochmüthigen Irrthums!“ Fanny ſtieß einen leiſen und unterdrückten Schrei der Freude und des Entzückens aus. Philipp fuhr leidenſchaftlich fort:„Fanny, mache das Leben glück⸗ lich, welches Du gerettet haſt. Das Schickſal be⸗ ſtimmte uns für einander. Das Schickſal hat Deinen lieblichen Geiſt für mich gereift. Das Schickſal hat für Dich dieſes rauhe Herz beſänftigt. Wir mögen noch viel zu ertragen und viel zu lernen haben. Wir wollen einander tröſten und einander belehren!“ Er zog ſie an ſeine Bruſt, während er ſprach— ſie zitterte und erröthete, widerſtrebte aber nicht mehr, und dort bei dem Grabe, welches ein ſo venk⸗ würdiger Schauplatz für ihre gemeinſchaftliche Ge⸗ ſchichte geweſen war, wurden jene Gelübde gemurmelt, worin, wie alle Welt weiß, ſo viel des menſchlichen Glückes liegt— ſo viel der Liebe, die dem Kummer den Stachel raubt, und des Glaubens, der der Liebe Ewigkeit verleiht. Alles war ſtill, aber heiter um ſie her! droben der Himmel, zu ihren Füßen das Grab— für die Licbe das Grab— für den Glauben der Himmel! 419 Letztes Kapitel. Nach der Arbeit winkt die Ruhe. Horaz. Ich fühle, daß der Leſer ein gewiſſes Recht hat, nd⸗ an die altmodiſche und jetzt etwas abgekommene Sitte, am Schluſſe eines Werkes die letzten Nachrichten von hrei den Perſonen zu erfahren, dir während des Verlaufs uhr der Geſchichte ſeine Bekanntſchaft ſuchten. ic⸗ Der ſchwache aber redliche Smith, der nicht mehr be⸗ von dem üblen Einfluſſe ſeines Bruders heimgeſucht nen wurde, verlebte in Bequemlichkeit und Achtung ſeine hat„ noch übrigen Tage von dem Einkommen, welches Philipp Beaufort ihm ausſetzte. Herr und Madame Roger Morton leben noch, und haben eben ihr Geſchäft ihrem älteſten Sohne übergeben und ſich in eine kleine Villa in der Nähe der Stadt zurückgezogen, wo ſie icht ſich ihr Vermögen erworben. Wenn Mrs. Morton nk⸗ zu einer Theegeſellſchaft geht, iſt ſie ſehr geneigt, e⸗ von ihrer verſtorbenen theuren Schwägerin der Mrs. elt. Beaufort zu reden und von ihrer außerordentlichen hen Liebe zu ihrem Neffen, als er noch ein kleiner Knabe ner geweſen. Sie bemerkt, daß die jungen Männer ebe ihr und Roger Morton Alles zu danken haben, und um obgleich Sidney nie von ſehr dankbarer Gemüthsart as geweſen und ſie ſeitdem nicht wieder beſucht, ſo zeige en doch der ältere Bruder, der eigentliche Herr Beau⸗ fort, ſeinen Reſpekt für ſie durch das jährliche Ge⸗ ſchenk eines fetten Rehbocks. Dann macht ſie ihre 42⁰ Bemerkungen über die Ungleichheiten des Lebens und ſagt, es ſei ſchade, daß ihr Sohn Tom die Mediein dem geiſtlichen Stande vorgezogen habe.— Ihr Vet⸗ ter, der Herr Beaufort habe zwei Pfarren zu vergeben. Zu dem allem ſagt Roger nichts, als daß er nur gelegentlich die Bemerkung macht:„Dem Himmel ſei Dank, ich bedarf keines Menſchen Hülfe! Ich bin ſo wohlhabend, wie meine Nachbarn. Aber das gehört hier nicht zur Sache.“ Einige Leſer, welche die Wahrheiten dieſes Le⸗ bens nicht tief genug erwägen, werden hier fragen: „Abher wie wurde Lord Lilburne beſtraft?“ Beſtraft: ja, und wie? die Welt und nicht der Dichter muß dieſe Frage beantworten. Das Verbrechen wird von Außen beſtraft. Wenn das Laſter beſtraft wird, muß es im Innern geſchehen. Die Lilburnes dieſer hohlen Welt werden nicht mit den ſanften Roſen der poe⸗ tiſchen Gerechtigkeit beworfen. Die, welche fragen, warum er nicht beſtraft wird, ſind vielleicht die Erſten, die ihren Hut vor der Equipage abnehmen, worin er durch die Straßen rollt. Das einzige Verbrechen, welches er aus Gewohnheit beging, und welches von der Art war, daß es ihm mit der Strafe der Ent⸗ deckung drohte, gab er auf, ſobald er die Gefahr bemerkte. Nach Philipp's Wink ſpielte er nicht mehr. Er war einer von denen, die ſich einige Jahre ſpäter am bitterſten über einen Edelmann ausſprachen, der des unredlichen Spiels beſchuldigt wurde— einer von denen, welche die Beſchuldigung als bewieſen an⸗ nahmen, und deren Anſehen allen Streit über die — Sache beſeitigte. Aber wenn kein Donnerkeil auf Lord Lilburne's Haupt fällt— wenn er auch noch beſtimmt iſt, zu eſſen und zu krinken und in ſeinem Bette zu ſterben, ſo mag er dennoch die Aſche der Frucht des todten Meeres zu koſten haben, die ſeine Hand ge⸗ pflückt. Er iſt alt geworden. Seine Schwächen nehmen zu; ſeine einzigen Quellen des Vergnügens — vie Sinne— ſind ausgetrocknet. Für ihn haben die Speiſen keinen Wohlgeſchmack mehr, und der Wein mundet ihm nicht— er findet keine Freude am Manne, und am Weibe auch nicht. Er iſt allein init dem Greiſenalter im Anßeſicht des Todes. Mit Ausnahme Simons, der wenige Tage nach Sidney's Hochzeit in ſeinem Stuhle ſtarb, iſt Robert Beaufort der Einzige unter den hedeutenderen Per⸗ ſonen, die in der letzten Seens vieſer Geſchichte übrig geblieben, der von unſerer ſterblichen Bühne abge⸗ treten iſt. Nach der Verheirathung ſeiner Tochter wurde er traurig und mißmuthig. Er pflegte zu ſagen — venn was er ſagte, war ſtets liebenswürdig— daß ihm ſein theures Kind fehle, beſonders jetzt, da er keinen Sohn mehr habe. Aber was ihm fehlte, war die Erbſchaſt von Beaufort⸗Cvurt. Als auch der letzte Strohhalm, an den er ſich hielt— die Hoffnung, daß Camilla den älteren Bruder heirathen und ſo ſeine Enkel anſtatt ſeiner herrſchen würden— ver⸗ ſchwunden war, verſank er tiefer und tiefer in das troſtloſe Bewußtſein ſeines eigenen Nichts. Obgleich er auf ſeine Lebenszeit das Herrenhaus und den größten Theil des Vermögens beſaß— ſo war er dort doch 422 nur ein gedulbeter Gaſt. Wo war das achtbare, trö⸗ ſtende, wohlgefällige Gefühl des Rechts an ſich— des Beſitzes— des Eigenthums? Er ging freuden⸗ los durch den Park, machte achtlos die Runde auf den Pachthöfen und ſaß ſchweigend in den Hallen; er war nur der Pächter eines Anderen. So ſchwand er nach und nach und unmerklich dahin, aus morali⸗ liſchem Mangel, inmitten des wirklichen Reichthums, des Luxus und des überfluſſes! Es war keine Krank⸗ heit zu bemerken, der die Arzte hätten entgegenwirken können. Sie konnten die Morgen Landes nicht zu Pillen verwandeln, die er verſchlucken, noch die Wälder in Mirturen umſchmelzen, die er trinken konnte, um wieder hergeſtellt zu werden. Als Camilla hörte, daß er krank ſei, und hoffte, daß ihre Gegenwart einen günſtigen Eindruck auf ihn machen werde, eilte ſie an ſeine Seite. Aber es wurde bald klar, daß ſie nichts in ſeinen Gedanken ſei, und ſelbſt als ihr erſter Sohn geboren wurde und ſchreiend in ſeinen Armen lag, ſah er ihn mit leerem Blick an und ſagte:„Mein Enkel! Ja, und ſein Oheim hat für ihn und auch für Dich ſehr hübſch geſorgt— ich läugne es nicht, aber mein Enkel wird nie Parlamentsmitglied für die Grafſchaft werden. Dennoch klagte er nicht und ſprach Gefinnungen aus, die ihm Ehre machten. Er habe nie etwas Anderes gewünſcht, als was recht ſei; er hätte ſich dem Prozeß widerſetzen können, doch habe er nie an dergleichen gedacht. Herr Philipp ſei ein ſehr hübſcher junger Mann, und es mache ihn glück⸗ lich, daß er ſeine Beweggründe gewürdigt. Es habe li⸗ ihm nie viel am Gelde gelegen. Dem Himmel ſei Dank! Geiz ſei nicht ſein Fehler!“ Und ſo ſtarb er. Nach ſeinem Tode wohnte Mrs. Beaufort in London und konnte nicht dahin gebracht werden, Beaufort⸗ Court zu beſuchen. Sie nahm eine Geſellſchafterin an, die ſie in ihren Augen vollkommen für Camilla's Abweſenheit entſchädigte. Und Camilla— Spencer— Sidney? Sie wohnen noch an dem lieblichen See, glücklich in ihren eigenen heitern Freuden und ihrer angenehmen Muße. Sie mieden zugleich den Ehrgeiz und ſeine Prüfungen, die Handlung und ihre raſchen Wechſel— beneiveten Nie⸗ manden, ſtrebten nach nichts mit Begierde und riefen um ſich her in der arbeitenden Welt die alten idylli⸗ ſchen Feiertage zurück. Wenn Camilla eine kurze Zeit in ihrer Liebe zu Sidney geſchwankt hatte, ſo hatte er ihr gutes und einfaches Herz längſt durch ſeine zärtliche Neigung wieber gewonnen, und wie ſich von ihrer Gemüthsart erwarten läßt, liebte ſie ihn mehr nach, als vor der Hochzeit. Philipp hatte ſchwerere Prüfungen erfahren als Sihney. Aber wären ihre früheren Schickſale umge⸗ kehrt geweſen und jener Geiſt, der in der Jugend ſo hochmüthig und eigenwillig war, in Wohlſtand und Lurus verzärtelt worden, würde Philipp jetzt ein beſſerer und glücklicherer Mann ſein? Vielleicht mag auch Philipp noch jetzt ein weniger ruhiges Daſein beſtimmt ſein als ſeinem Bruder; doch im Verhältniß zu der Anwendung unſeres Geſchicks ruhen vder arbeiten wir, und wer niemals Schmerz erfährt, kennt nur 424 die Hälfte des Vergnügens. Das Loos der Edelſten auf der Erde fällt nicht in die roſigen Gärten des Gpikuräers. Wir mögen den Mann beneiden, der ge⸗ nießt und ruht; aber das Lächeln des Himmels läßt ſich lieber auf die Stirn deſſen nieder, der arbeitet und ſtrebt. Und bedauerte Philipp je die Verhältniſſe, die ihm Fanny zur Gefährtin ſeines Lebens gegeben hatten? Für Einige, die ihre Anſichten vom Idealen mehr von den herkömmlichen Regeln des Romans entlehnen, als von ihren eigenen Wahrnehmungen deſſen, was wahr iſt, würde dieſe Erzählung angenehmer geweſen ſein, wenn Philipp ſtets nur Fanny geliebt hätte. Doch dies Alles hatte zu jener Liebe geführt und ſie endlich nur um ſo glühender und inniger gemacht. Des Mannes ſtärkſte und würdigſte Neigung iſt ſeine letzte— die, welche alle ſeine früheren Träume von dem, was vortrefflich iſt, vereint und verkörpert— die, aus welcher die Hoffnung, wegen der früheren Täuſchungen, um ſo glänzender entſpringt— die, worin die Erinnerungen die zärtlichſten und reichlich⸗ ſten ſind— vie eine, welche alle andern erſetzt, kann aber durch nichts Späteres erſetzt werden. ——„ Und nun, ehe die Seene ſich ſchließt und die Ver⸗ ſammlung, welche die Schauſpieler vielleicht guf eine Weile unterhalten haben, ſich zerſtreut, um bei dem Treiben der wirklichen Welt die Schatten zu vergeſſen⸗ die eine Stunde verkürzt oder eine Sorge verſcheucht ſorg ſtün den kom arm hin hei flü Sc ſten des ge⸗ läßt eitet ihm ten? nehr nen, was eſen ätte. d ſie acht. ſeine von eren die, lich⸗ kann Ver⸗ eine dem ſſen, eucht haben, mag der Vorhang mit einem glücklichen Bilde fallen. Einige Jahre nach Philipp's und Fanny's Ver⸗ bindung ſind vergangen— die ſie größtentheils im Auslande zugebracht haben. Es iſt ein Sommermorgen. In einem kleinen altmodiſchen Zimmer zu Beaufort⸗ Court, deſſen offene Fenſter in den Garten gingen, ſtand Philipp, der eben eingetreten war, und am Fenſter ſaß Fanny, ihren Knaben an ihrer Seite. Sie war bei dem ſchwerſten Geſchäfte einer Mutter, denn ſie ertheilte ihrem erſtgeborenen Kinde den erſten Unterricht, und als der Knabe zu ihrem lieblichen und ernſten Geſichte mit einem Lächeln des Verſtänd⸗ niſſes in dem ſeinigen aufblickte, hätte man auf einen Blick ſehen können, wie wohl die Lehrerin und der Schüler einander verſtanden. Ja— was der Jung⸗ frau noch an der vollen Entwicklung des Geiſtes fehlte, hatten die Sorgen der Mutter vollendet. Als ein Weſen geboren war, welches allein von ihrer Für⸗ ſorge abhängig war, wuchs der Verſtand der Mutter ſtündlich mit dem des Kindes, fügte ſich jedem Mangel, den er vorherſehen mußte, und entlehnte ſeine Voll⸗ kommenheit von dem Hauche der neuen Liebe. Das Kind erblickte Philipp und eilte, ihn zu um⸗ armen.„Sieh!“ flüſterte Fanny, als ſie auch an ihm hing und ſeltſame Erinnerungen an ihre eigene ge⸗ heimnißvolle Kindheit ſich ihr aufdrängten—„ſieh,“ flüſterte ſie mit einem Erröthen, welches halb aus Scham, halb aus Stolz entſprang,„das arme blöd⸗ ſinnige Mädchen iſt die Lehrerin Deines Kindes!“ Bulwer, Nacht. Morgen. U⸗ 28 426 „Und welche Lehrerin gleicht der Liebe?“ autwor⸗ tete Philipp. Mit dieſen Worten nahm er den Knaben auf ſeine Arme, und als er ſich über dieſe roſigen Wangen neigte, ſah Fanny an der Vewegung ſeiner Lipvpen und dem Naß in ſeinen Augen, daß er Gott dankte. Er ſah zu dem Geſichte der Mutter auf, er blickte ſich um unter den Blumen und dem Laubwerk des üppigen Sommers und wieder dankte er Gott, und vrinnen und draußen war Licht und Morgen! * ——