Sc—— —— wird. beträgt: S — Ladenpre —— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literai 1 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfang und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 ut bis Abends 8 lihr offen.. 2. Lesepreis. Bei eines geliehenen Buches wird vo— jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 ſ auf 1 Monat: 1 Mk.— vf. 50 VPf. 2 Mk. Pf.( 3 2 Auswärtige Kponnenten haben für Hin und Zuräckſendung er auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Wrene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eners darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche di⸗ ſelben von mir geliehen, uch dafür zu dehen haben. —— S Leihbiblivther von 6nard Ottmunn in Cieſen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. Bücher: 4 4 Püe her: 6 Bücher: 3 s erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver — — ee Erſtes Kapitel. John Vernon's Sterbebette— Seine letzten Worte— Schil⸗ derung ſeiner Tochter, der Heldin— Der Eid. „Iſt die Nacht ruhig, Conſtanze?“ „Sehr ſchön! der Mond iſt aufgegangen.“ „Offne die Fenſterladen weiter— ſo! Es iſt in der That eine ſchöne Nacht. Wie ſchön! Komm hie⸗ her, mein Kind.“ Das volle Mondlicht, das jetzt durch das Fenſter hereinfiel, beſchien wenige Gegenſtände, die es mit poetiſcher Anmuth hätte bekleiden können. Das Zimmer war klein, ohne jedoch unreinlich zu ſein. Die Bettvor⸗ hänge von verblichenem Zitz waren zurückgeſchlagen und zeigten die Geſtalt eines Mannes, der das mitt⸗ lere Alter überſchritten hatte. Er war von Kiſſen um⸗ geben und trug auf ſeinem Geſichte die Spuren des herannahenden Todes. Aber welch ein Geſicht war es noch! Die breite, bleiche, hohe Stirn, die ſchöne, gerade, griechiſche Naſe, die kurze, gewölbte Lippe, das volle Kinn mit dem Grübchen, der Stempel des Genies in jeder Linie und in jedem Zuge— dieſe trotzten noch der Krankheit oder erborgten vielmehr von ihrem todtenähnlichen Auspruck eine noch impo⸗ Bulwer, Godolphin. 1 ſantere Majeſtät. Neben dem Bette ſtand ein Tiſch, auf dem Bücher in bunter Miſchung lagen. Hier ein Syſtem der Finanzberechnungen, dort ein Band wilder bacchanaliſcher Lieder, hier Plato's Phädon und dort die letzte Rede eines Deputirten vom Lande über die Malzſteuer, alte Zeitungen und beſtaubte Flugſchriften vollendeten den literariſchen Wirrwarr und über den⸗ ſelben erhob ſich, kläglich genug, die hohe geſpenſte⸗ riſche Geſtalt einer halbgeleerten Arzeneiflaſche und ein Leuchter mit ſeinem Löſchhorn. Ein leichter Schritt näherte ſich dem Bette, und dem Sterbenden gegenüber ſtand jetzt ein Mädchen, die vielleicht ihr dreizehntes Jahr erlebt hatte. Aber ihre Züge— von außerordentlicher, man könnte wohl ſagen königlicher Schönheit— waren ſo vollkommen entwickelt, als hätte ſie noch einmal ſo viel Jahre erlebt, und es war keine Spur von der ſanften, blü⸗ henden Farbe der Mädchenjahre in ihrem Geſichte zu entdecken. Ihr Teint war blaß wie der weißeſte Mar⸗ mor, aber klar und durchſcheinend, und ihr raben⸗ ſchwarzes Haar, nach damals ungewöhnlicher Mode über ber Stirne geſcheitelt, erhöhte noch die ſtatuen⸗ ähnliche, klaſſiſche Wirkung ihrer edlen Geſichtszüge. Der Ausdruck ihres Geſichtes ſchien kalt, geſetzt und etwas ſtrenge, doch belog er gewiſſermaßen ihr Herz; denn als ſie ſich zu dem Mondlicht wendete, waren ihre Augen mit Thränen angefüllt, wenn ſie gleich nicht weinte, und an dem Beben ihrer Lippe hätte man bemerken können, daß das geringe Zaudern, auf eine Außerung des Leidenden zu antworten, davon S— —— 7 herrührte, daß ſie ihre innern Bewegungen nicht zu beherrſchen vermochte. „Conſtanze,“ ſagte der Kranke nach einer Pauſe⸗ während welcher er mit ruhigem Herzen den ſanften Himmel zu betrachten ſchien, den er, blau und mit Sternen beſät, durch das offene Fenſter ſehen konnte —„Conſtanze, die Stunde iſt nahe; ich bemerke es an Zeichen, die ich nicht verkennen kann. Ich werde dieſe Nacht ſterben.“ „O Gott!— mein Vater!— mein lieber, lieber Vater!“ waren die Worte, die Conſtanzens Lippen entfuhren;„rede— o rede nicht ſo— ich will zum Arzte gehen—“ „Nein, Kind, nein! ich haſſe— ich verabſcheue den Gedanken an Hülfe! Man verweigerte ſie mir, als es noch Zeit war. Ihretwegen konnte ich ver⸗ hungern, oder im Kerker verfaulen, oder mich er⸗ hängen! Sie verließen mich wie einen Hund, und wie ein Hund will ich ſterben! Ich wollte nicht, daß ein Jota von der Gerechtigkeit— von der tödtlichen und verdammenden Wucht meines ſterbenden Fluches hinweggenommen würde.“ Hier unterbrachen heftige Krämpfe die Sprache des Leidenden, und als er durch Arzenei und die Aufmerkſamkeit ſeiner Tochter davon befreit war, ſagte er mit leiſerer und ruhigerer Stimme: „Iſt Alles ſtill unten, Conſtanze? Sind Alle zu Bette— die Wirthin— die Mägde— unſere Hausgenoſſen?“ „Alle, mein Vater.“ „Ach, dann werde ich glücklich ſterben. Gott ſei Dank, Du biſt meine einzige Wärterin und Dienerin⸗ Ich erinnere mich noch ſehr wohl des Tages, als ich nach einer ihrer rohen Ausſchweifungen krank war. Krank!— ein heftiges Kopfweh— ein Anfall von Spleen— die Krankheit eines verwöhnten Schoß⸗ hundes! Gut, ich ſollte an jenem Abend eine ihrer winzigen Maßregeln— eine ihrer parlamentariſchen Maßregeln unterſtützen. Ein Prinz fühlte mir den Puls, ein Herzog miſchte meinen Trank und ein Dutzend Grafen ſchickten ihre Arzte zu mir. Ich war ihnen damals nützlich! Ich Armer! Lies mir dieſen Brief vor, Conſtanze— Flamborvugh's Brief. Zauderſt Du? Lies ihn mir vor, ſage ich!“ Conſtanze gehorchte zitternd.- „Mein lieber Vernon! Ich bin in der That in Verzweiflung, von Ihrem kläglichen Zuſtande zu hören— es thut mir leid, daß ich Ihnen nicht helfen kann; aber Sie kennen meine verwickelten Umſtände. Beiläufig geſagt, ich ſprach Seine königliche Hoheit geſtern.„Der arme Vernon!“ ſagte er,„ſollten ihm hundert Pfund von einigem Nutzen ſein?“ Sie ſehen alſo, daß wir Sie nicht vergeſſen, mon cher. Ah, wie haben wir Sie im Beefſteakelub vermißt! Nie werden wir einen ſo capi⸗ talen Bonvivant unter uns haben. Sie würden gelacht haben, wenn Sie gehört hätten, wie L. Ihre alten Scherze zu wiederholen verſuchte. Aber die Zeit drängt: ich muß ins Parlamentshaus. Sie wiſſen, welchen Antrag wir zu erwarten haben. Wollte Gott, Sie ſtellten ihn, anſtatt jenes Eſels T... Adieu! Ich wollte, ich könnte Sie beſuchen; aber es würde mir Hoo 9 das Herz brechen. Kann ich Ihnen einige Bücher von Hookham ſenden? Stets der Ihrige. Fkamborough.“ „Dies iſt der Mann, den ich zum Staatsſekretär machte,“ ſagte Vernon.„Sehr gut!— o, ſehr gut — ſehr gut, in der That! Laß Dich küſſen, mein ls, Mädchen. Arme Conſtanze! Du wirſt gute Freunve nd haben, wenn ich todt bin! Sie werden ſtolz darauf en ſein, für Vernon's Tochter zu ſorgen, wenn der Tod ief ihnen gezeigt hat, daß Vernon dahin iſt. Du biſt ſehr 12 ſchön. Deiner Mutter Augen und Haur— meines Vaters herrliche Stirn und Lippe, und Deine Figur ſchon jetzt ſo ſtattlich! ⸗Sie werden Dich umſchwärmen: Du wirſt Lords und große Herren genug zu Deinen em Füßen haben; aber Du wirſt nimmer dieſe Nacht ver⸗ aß geſſen, noch das Geſicht Deines Vaters auf ſeinem ne Sterbebette und den Brand, den ſie in ſeinem Herzen ch entzündet haben. Und nun, Conſtanze, gib mir die 3 Bibel, aus der Du mir dieſen Morgen vorgeleſen— em ſo iſt es recht. Entferne Dich aus dem Mondlicht, cht hefte Deine Augen auf die meinen und horche, als m wenn Deine Seele in Deinem Ohre wäre. i⸗„Als ich ein junger Mann war und durch die Be⸗ ht nühungen des Advokatenberufes mein Glück zu machen er ſuchte— klug, vorſichtig, unermüdlich, auf Erfolg 1: hoffend— kamen gewiſſe Lords, die gehört hatten, en daß ich Genie beſitze, und dachten, ich könne ihr Werk⸗ ie zeug werden, zu mir und baten mich, in's Parlament . zu treten. Ich ſagte ihnen, ich ſei arm— habe mich erſt kürzlich verheirathet— und mein Ehrgeiz für die öffentlichen Geſchäfte dürfe nicht auf Koſten meines Privatwohlſtandes ermuthigt werden. Sie antworteten, ſie wollten ſich verbindlich machen, für dieſen Privat⸗ wohlſtand zu ſorgen. Ich gab nach; ich verließ meine Profeſſion; ich gehorchte ihren Wünſchen; ich wurde berühmt— und ein ruinirter Mann! Sie konnten ohne mich weder zu Mittag noch zu Abend ſpeiſen; ſie konnten ſich nicht ohne mich betrinken; kein Ver⸗ gnügen war ſüß als in meiner Geſellſchaft. Was lag daran, daß ich, während ich ihren Vergnügungen diente, Schulden auf Schulden häufen mußte— mir Elend für künftige Jahre bereitete— mir Bankerot und Sorgen, Scham und ein gebrochenes Herz, und einen frühen Tod zuzog? Aber höre, Conſtanze!— Hörſt Du auch?— aufmerkſam?— Nun, ſo beachte meine Worte! Ich bin ein gerechter Mann. Ich tadle deß⸗ halb nicht meine edlen Freunde, meine gütigen Pa⸗ trone. Nein, wenn ich meine eigenen Intereſſen ver⸗ gaß, wenn ich ihr Vergnügen meinem Glück und meiner Ehre vorzog, ſo war es mein Verbrechen, und ich verdiene die Strafe! Aber ſiehſt Du— die Zeit v ging und meine Conſtitution war gebrochen; Schulden drängten mich; ich konnte nicht zahlen; man mißtraute meinem Wort, mein Name kam auf dem Lande in Mißkredit! Mit meiner Geſundheit verließ mich mein Genie; ich war meiner Partei nicht mehr nützlich; ich verlor meinen Sitz im Parlamente; und als ich auf dem Krankenbette lag— Du erinnerſt Dich deſſen, Conſtanze— da kamen die Gerichtsdiener und ſchleppten mich fort wegen einer unbedeutenden Schuld— ſo 11 viel wie der Betrag eines jener Abendeſſen, die ich dem Prinzen auf ſeine Bitte gab. Von dieſer Zeit an verließen mich meine Freunde! Keiner beſuchte mich, keiner wollte Dem einen Dienſt leiſten, deſſen Tage⸗ werk vorüber war! Des armen Vernon's guter Ruf war dahin.„Schrecklich verſchuldet— kann die ſeinen Gläubigern geleiſteten Verſprechungen nicht erfüllen — war immer ſo ausſchweifend— ganz ohne Grund⸗ ſätze— man muß ihn aufgeben!“ „In dieſen Sentenzen liegt das Geheimniß ihres Betragens. Sie erinnerten ſich nicht, daß ich für ſie, durch ſie meinen guten Ruf verloren, meine Ver⸗ ſprechungen gebrochen und mich ruinirt habe! Sie dachten nicht daran, wie ich ihnen gedient, wie ich meine beſten Jahre dazu angewendet, ſie zu erhöhen — ihre Sache in dem lügenhaften Buche der Geſchichte zu adeln! An dies Alles wurde nicht gedacht— mein Leben wurde auf zwei Zeiträume zurückgeführt— der eine, der ihnen nützlich war und der andere, der ihnen unnütz war. Während des erſtern wurde ich geehrt, während des letztern ließ man mich verhungern— verfaulen! Wer befreite mich aus dem Gefängniß? Wer beſchützt mich jetzt? Einer von meiner Partei— von meinen edlen Freunden— von meinen ehren⸗ werthen, ſehr ehrenwerthen Freunden? Nein! ein Handelsmann, dem ich einſt in meinem Glück diente und der allein von aller Welt mich nicht in meiner Koth vergißt. Du ſiehſt, daß Dankbarkeit und Freund⸗ ſchaft ſich nur in den mittleren Ständen finden und daß ſie nicht auf den Höhen wachſen! „Und nun komm näher, denn meine Stimme bebt und ich wünſchte, daß Du dieſe Worte deutlich hören mögeſt. Kind, Mädchen wie Du biſt— Dich halte ich für verpflichtet, Dich meines Wunſches und meines Fluches zu erinnern und beide in Erfüllung zu brin⸗ gen! Lege Deine Hand auf die meine: ſchwöre, daß Du durchs Leben zum Tode— ſchwöre!— Du redeſt nicht! Sprich mir meine Worte nach“— Conſtanze gehorchte—„durchs Leben zum Tode, durch Gut und Böſe, durch Schwäche und Macht Dich der Aufgabe weihen willſt, jene Partei zu demüthigen und zu er⸗ niedrigen, von der Dein Vater Undankbarkeit, Krän⸗ kung und Tod empfangen hat! Schwöre, daß Du keinen armen und machtloſen Mann heirathen willſt, der nicht zu den Zwecken jener feierlichen Wiederver⸗ geltung, wozu ich Dich auffordere, mitwirken kann! Schwöre, daß Du ſuchen willſt, einen von den Großen zu heirathen; nicht aus Liebe, nicht aus Ehrgeiz, ſon⸗ dern aus Haß und Rache! Daß Du zu ſteigen ſuchen willſt, um die zu erniedrigen, die verrätheriſch an mir gehandelt haben! Im geſelligen Umgange des Lebens wirſt Du Freude daran finden, ihre Eitelkeit zu krän⸗ ken; in Staatsintriguen wirſt Du jedes Mittel an⸗ wenden, das ſie zu ihrem ewigen Untergange führen kann. Zu dieſem großen Zwecke wirſt Du alle Mittel anwenden.— Was! Du zauderſt? wiederhole, wie⸗ derhole— wiederhole!— Du willſt lügen, Dich ſchmiegen, ſchmeicheln und Laſter nicht für Laſter hal⸗ ten, wenn es Dich um einen Zoll der Rache näher bringt! Mit dieſem Fluch über meine Feinde vereine ich m Du 2 Gott brach 2 rade einen Mor Som chen rauh die G ſtanz Großen eiz, ſon⸗ ſuchen an mir Lebens u krän⸗ ttel an⸗ führen „Mittel e, wie⸗ „Dich ter hal⸗ näher vereine 13 ich meinen Segen, liebe, liebe Conſtanze, über Dich — über Dich, die Du mich gepflegt, überwacht, die Du Alles gethan, nur mich nicht haſt retten können! Gott, Gott ſegne Dich mein Kind!“ Und Vernon brach in Thränen aus. Zwei Stunden nach dieſer ſeltſamen Scene, ge⸗ rade um drei Uhr Morgens, erwachte Vernon aus einem kurzen und unruhigen Schlummer. Die graue Morgendämmerung— denn es war in der Mitte des Sommers— begann ſchon durch die Schatten zu bre⸗ chen und die Sterne der Nacht zu verdunkeln. Eine rauhe und unerguickliche Kälte verbreitete ſich über die Erde und drang ſelbſt in das Sterbezimmer. Con⸗ ſtanze ſaß neben dem Bette ihres Vaters, ihre Augen waren noch feſt auf ihn gerichtet und ihre Wangen blei⸗ cher als je bei dem blaſſen Lichte jener trüben und un⸗ heimlichen Dämmerung. Als Vernon erwachte, waren ſeine Augen gläſern vom nahen Tode, rollten matt zu ihr hinüber und erſchienen ſtarr und trübe in ihren Höhlen— ſeine Kehle röchelte. Auf einen Augenblick erhielt er ſeine Sprache wieder; ein Strahl verbrei⸗ tete ſich über ſein Geſicht, als er ſeine letzten Worte ausſprach— Worte, die ſich ſogleich und auf ewig in das innerſte Herz ſeiner Tochter ſenkten— Worte, die ihr Leben regelten und ihr Geſchick beſiegelten: „Conſtanze, gedenke— des Eides— der Rache!“ Bulwer, Godolphin. Zweites Kapitel. Bemerkungen über den Inhalt des Lebens— Die Särge der großen Männer werden ſelten vernachläſſigt— Conſtanze findet Zuflucht bei der Lady Erpingham— Die Talente und der Cha⸗ rakter der Heldin— Das manövrirende Temperament. Welch ein ſeltſames Leben dies iſt! Welche Pup⸗ pen wir ſind! Welch ein furchtbares Räthſel das Schick⸗ ſal iſt. Ich ſetze nie meinen Fuß vor die Thür, ohne daß mir die furchtbare Dunkelheit vor Augen tritt, die auf dem nächſten Augenblick ruht. Welch ein ſchreck⸗ liches Ereigniß mag unſerm Herzen bevorſtehen! Das Schwert hängt ſtets über uns, geſehen oder ungeſehen. Und mit dieſem Leben— mit dieſer dunkeln und furchtbaren Scene— ſollen wir nach der Meinung Einiger ſo zufrieden ſein, daß wir kein anderes wün⸗ ſchen oder fordern! Conſtanze war jetzt ohne einen nahen Verwandten in der Welt. Aber ihr Vater hatte richtig prophe⸗ zeiht: Eitelkeit erſetzte die Stelle der Neigung. Vernon, der achtzehn Monate lang vor ſeinem Tode mit dem Mangel gekämpft hatte— Vernon, der im Leben von Allen verlaſſen worden, wurde mit verletzendem Ge⸗ pränge begraben. Sechs Edelleute hielten ſein Leichen⸗ tuch— lange Züge von Wagen begleiteten ſeinen Sarg— die Jvurnale waren mit Skizzen ſeiner Biv⸗ graphie und mit Klagen über ſeinen Tod angefüllt. Man begrub ihn in der Weſtminſterabtei und es wur⸗ den Subſeriptionen zu einem Monument vom beſten Marmor eröffnet. Lady Erpingham, eine entfernte Ver zu m ſie! in Geſe ſpra fürc liche viele alt wer das Chi We viel gew das mü ſo der dock alle geſehen. es wün⸗ wandten prophe⸗ Vernon, nit dem ben von em Ge⸗ Leichen⸗ ſeinen er Bio⸗ gefüllt. s wur⸗ beſten tfernte 15 Verwandte des Verſtorbenen, lud Conſtanze ein, bei ihr zu wohnen, und Conſtanze willigte natürlich ein, denn ſie hatte keine andere Wahl.. An dem Tage, als ſie in Lady Erpingham's Hauſe in Hillſtreet ankam, waren mehre Perſonen in ihrem Geſellſchaftszimmer gegenwärtig. „Ich fürchte,“ ſagte Lady Erpingham— denn man ſprach von Conſtanzens erwarteter Ankunft—„ich fürchte, das arme Mädchen wird unter ſo unglück⸗ lichen Umſtänden ſehr ſchüchtern ſein, wenn ſie ſo viele von uns verſammelt ſieht.“ „Wie alt iſt ſie?“ fragte eine Schönheit. „Etwa dreizehn Jahre, glaube ich.“ „Schön?“ „Ich habe ſie nicht geſehen, ſeit ſie ſieben Jahre alt war. Es ſchien damals, als ob ſie ſehr ſchön werden würde; aber ſie war außerordentlich ſcheu, das ſtille Kind.“ „Miß Vernon,“ ſagte der Kammerdiener, die Thür öffnend. Mit dem langſamen Schritte und dem geſetzten Weſen eines erwachſenen Frauenzimmers, aber mit viel ſtolzerer und kälterer Miene, als die Mädchen gewöhnlich annehmen, ging Conſtanze Vernon durch das lange Zimmer und begrüßte ihre künftige Vor⸗ münderin. Obgleich jedes Auge auf ſie gerichtet war, ſo erröthete ſie doch nicht; obgleich die Königinnen der londoner ſchönen Welt ſie umgaben, ſo war ſie doch in ihrem Gange und ihrer Miene königlicher als alle. Alle empfanden eine Umwandlung des Gefühls. Sie waren auf Milleid vorbereitet; doch ſie ſahen wohl, daß kein Mitleid angebracht war. Selbſt die Worte des Schutzes erſtarben auf Lady Erpingham's Lippen, und ſie war es, die ſich beſchämt und ver⸗ legen fühlte. Ich denke die Jahre raſch zu übergehen, welche vergingen, bis Conſtanze erwachſen war. Wir wollen ihre Erziehung betrachten. Vernon hatte ſie nicht nur in der franzöſiſchen und italieniſchen Sprache unterrichten laſſen, ſondern, da er ſelber ein gründ⸗ licher und leidenſchaftlicher Gelehrter war, ſie auch ſelber in den Elementen der beiden bedeutendſten Sprachen der alten Welt unterrichtet. Die Schätze jener Sprachen eignete ſie ſich ſpäter ſelber an. Lady Erpingham hatte eine Tochter, die ſich ver⸗ heirathete, als Conſtanze ihr ſechzehntes Jahr erreicht hatte. Conſtanze theilte Lady Elevnore Erpingham's Lectionen bei ihren Lehrern und ihrer Gouvernante. Miß Vernon zeichnete gut und ſang göttlich, machte aber keine großen Fortſchritte in der Wiſſenſchaft der Muſik. um die Wahrheit zu ſagen, war ihr Geiſt etwas zu ſtrenge und etwas zu ſehr auf andere Gegen⸗ ſtände gerichtet, um ſich dieſen eiferſüchtigen Talenten ausſchließlich zu widmen, was zu der Ausbildung der⸗ ſelben durchaus nöthig iſt. Doch von allen ihren Reizen und allen Zeugniſſen ihres ausgebildeten Geiſtes kam keins der außerordent⸗ lichen Anmuth ihrer Unterhaltung gleich. Ohne die conventionellen Leitſeile zu beachten, womit die Geiſter junger Damen gebunden zu ſein pflegen— die Leit⸗ ſeile Miß ſchei Ver! ſie denk Sun dem und wett man Fert acht nich zu Ge zeic ein ſie iſt dan zim ebe ter Be wa Si get elche rreicht hams nante. machte aft der Geiſt een⸗ lenten der⸗ niſſen dent⸗ e die zeiſter Leit⸗ 17 ſeile, die verſtellterweiſe den Namen des ſchicklichen Mißtrauens gegen ſich ſelbſt und der anſtändigen Be⸗ ſcheidenheit führen— trug ſie niemals Bedenken, Verhandlungen ernſter und ſolider Art zu theilen oder ſie ſogar ſelbſt zu leiten. Noch weniger trug ſie Be⸗ denken, die gewöhnlichen Kleinigkeiten, welche die Summe der Unterhaltung auszumachen pflegen, mit dem Zauber des Witzes zu bekleiden, der, ſcherzend und doch tief, ſelbſt mit dem väterlichen Urſprunge wetteiferte, von dem er ſich herſchrieb. Es erſcheint mir zuweilen ſeltſam genug, daß man junge Damen mit ſo großem Fleiße in allen Fertigkeiten unterrichtet, die der Ehemann nicht achtet, während man ihnen die eine große Fähigkeit nicht aneignet, die er ſchätzen würde. Sie werden zu Darſtellerinnen abgerichtet und er will eine Gefährtin. Er will kein ſingendes Geſchöpf, kein zeichnendes Geſchöpf, kein tanzendes Geſchöpf; er will ein ſprechendes Geſchöpf. Aber im Sprechen werden ſie nicht unterrichtet; Alles, was ſie davon verſtehen, iſt Klatſcherei, und die iſt ihnen angeboren. Aber Conſtanze ſprach ſchön: nicht wie ein Pe⸗ dant, nicht wie ein ſogenanntes geiſtreiches Frauen⸗ zimmer, nicht wie eine Franzöſin. Ein Kind wäre ebenſo ſehr von ihr entzückt geweſen, wie ein Gelehr⸗ ter; aber Beide wären entzückt geweſen. Ihres Vaters Beredſamkeit hatte ſich auf ſie vererbt; aber bei ihm war die Beredſamkeit gebietend, bei ihr einnehmend. Sie beſaß noch einen Zug, der ihr mit ihrem Vater gemeinſchaftlich war: Vernon— wie die meiſten ———,.—— getäuſchten Männer zu thun pflegen— hatte der Welt durch ſeine Beſchuldigungen Unrecht gethan. Es war nicht ſeine Armuth und ſein Mißgeſchick allein, was ſeine Partei veranlaßt hatte, ihn bei ſeinem nahen Untergange kalt anzuſehen. Es fehlte ihnen nicht an einer ſcheinbaren Entſchuldigung, ihn zu verlaſſen— ſie bezweifelten ſeine Aufrichtigkeit. Frei⸗ lich geſchah es ohne wirkliche Veranlaſſung. Kein neuerer Politiker war beharrlicher geweſen. Er hatte Beſtechungen ausgeſchlagen, obgleich arm, und Stellen, obgleich ehrgeizig. Aber er war ſeinem Weſen nach— hier liegt das Geheimniß— ein Intriguant. In der alten Schule der Politik erzogen, hielt er die ma⸗ növrirende Weisheit und Achſelträgerei für die Kunſt des Regierens. Gleich Lyſander? liebte er das Com⸗ plotmachen, aber vernachläſſigte das eigene Intereſſe. Es gab keinen Mann, der weniger offen und zu⸗ gleich redlicher war. Dieſer Charakter, ſo ſelten in allen Ländern, iſt am ſeltenſten in England. Unſere dickköpfigen Gutsbeſitzer, unſere Politiker begreifen ihn nicht. Sie ſahen in Vernon die Künſte, welche Feinde täuſchen, und ſie fürchteten, obgleich ſeine Freunde, ſelber getäuſcht zu werden. Dieſe Gemüths⸗ art, die für Vernon ſo unheilvoll war, hatte ſeine Tochter geerbt. Mit einem finſtern, kühnen und lei⸗ denſchaftlichen Geiſte, der einen Mann zu den höchſten Unternehmungen geführt hätte, verband ſie die weib⸗ liche Liebe zum Geheimniß und zum Plänemachen. * Plutarch's Leben des Lyſander. „We man 19 um wieder von Plutarch und Lyſander zu borgen: „Wenn das Löwenfell zu kurz ſei,“ meinte ſie,„könne man es mit einem Fuchsfell ausbeſſern.“ ihnen n zu Drittes Kapitel. Frei⸗ Der Held wird dem Leſer vorgeſtellt— Unterredung zwiſchen ihm und ſeinem Vater— Percy Godolphin's Charakter als Knabe— Die Kataſtrophe ſeines Schülerlebens. „Perch, erinnere Dich, daß Du morgen zur Schule zurückkehren wirſt,“ ſagte Godolphin zu ſeinem ein⸗ Sn der zigen Sohne. Percyh maulte und erwiderte nach augenblicklichem Kunſt Schweigen:„Nein, Vater, ich denke, ich werde zu 36 Herrn Saville gehen. Er hat mich eingeladen, einen Monat bei ihm zuzubringen, und er ſagt mit Recht, n daß ich bei ihm mehr lernen werde, als in Doktor iten Shallowell's Schule, wo ich ſchon der Erſte auf der unſer ſechsten Bank bin.“ gteifel„Herr Saville iſt ein Narr und Du biſt auch weſch einer!“ erwiderte der Vater, der einen alten flanellnen ſe Schlafrock und eine abgetragene Sammetmütze trug, müths⸗ finſter an einem elenden Feuer kauerte und keine e ſelſ üble Perſonifikation jener Miſchung von Hypochon⸗ und driſten und Geizhals zu ſein ſchien, was er wirklich ch war.„Rede mir nicht davon, daß Du in die Stadt wei willſt, Burſche, oder nac„Vater,“ fiel Percy in kaltem und nachläſſigem Tone ein, indem er ſeine Arme zuſammenfaltete und gerade und verſchlagen in das väterliche Geſicht ſah— „Vater, wir wollen uns mit einander verſtändigen. Mein Schulunterricht iſt vermuthlich eine koſtbare Sache?“ „Das kann man mit Recht ſagen! Koſtbar!— ſchrecklich, ungeheuer koſtbar! Zwanzig Pfund jähr⸗ lich für Koſt und Latein, fünf Guineen für Wäſche, noch fünf für Schreiben und Rechnen. Wenn ich nicht entſchloſſen wäre, daß es Dir nicht an Erziehung fehlen ſoll, wenn es Dir auch an Vermögen fehlt, ſo würde ich— ja, ich würde—. Was meinſt Du damit? Du lachſt ja! Iſt dies Dein Reſpekt, Deine Dankbarkeit gegen Deinen Vater?“ Ein leichter Schatten fiel über das heitere und verſtändige Geſicht des Knabeu. „Laſſen Sie uns nicht von Dankbarkeit reden,“ ſagte er traurig;„Gott weiß, wofür Sie oder ich dankbar ſein müſſen! Das Schickſal hat Ihrem ſtolzen Namen nur dieſe leeren Wände und eine Handvoll unfruchtbarer Morgen Landes gelaſſen; mir gab es eines Vaters Zärtlichkeit— nicht ſo, wie die Natu ſie gemacht, ſondern durch Mißgeſchick verkrampft unt verſauert.“ Hier ſchwieg Perey und ſein Vater ſchien auch betroffen und gerührt.„Laſſen Sie uns ſehen,“ fuhr in leichterem Tone dieſer ſeltſame Knabe fort, der ſeit wenigen Monaten ſein fünfzehntes Jahr mochte zurückgelegt haben—„laſſen Sie uns ſehen, ob wir die Sache nicht zu unſerer beiderſeitigen Zufrieden⸗ heit anordnen können. Es wird Ihnen ſchwer, mich auf der Schule zu erhalten, und ich bin entſchloſſen, „Deine tere und reden,“ oder ich m ſtolzen Handvoll gabe ie Natut mpft unt ien auch , fuhr ort, der r mochte ob wir ufrieden⸗ er, mich ſchloſſen, 21 nicht auf der Schule zu bleiben. Saville iſt ein Ver⸗ wandter von uns; er hat mich lieb gewonnen und ſogar eine Andeutung fallen laſſen, daß er mir ſein Vermögen hinterlaſſen wolle; wenigſtens hat er ver⸗ ſprochen, mir ein Obdach und ſeinen Unterricht ſo lange zu Theil werden zu laſſen, als es mir gefallen werde. Geben Sie mir daher inskünftige die Erlaubniß zu kommen und zu gehen, wie es mir beliebt, und ich will mich dagegen verbindlich machen, Ihnen keinen Schilling weiter zu koſten. Nun, Vater, ſoll dieſer Vertrag gelten?“ „Du verletzeſt mich, Percy,“ ſagte ſein Vater mit trauerndem Stolze in ſeinem Tone;„ich habe dies nicht verdient, am wenigſten von Dir. Du weißt nicht, Junge, Du weißt nicht Alles, was dieſes Herz verhärtet hat; aber gegen Dich iſt es nie hart geweſen, und Trotz von Dir— ja, das iſt in der That ein Schlangenbiß!“ Percy war im Augenblick zu ſeines Vaters Füßen; er ergriff ſeine beiden Hände und brach in einen leidenſchaftlichen Thränenſtrom aus.„Verzeihen Sie mir,“ ſagte er in gebrochenen Worten;„ich— ich wollte Ihnen nicht trotzen. Ich bin nur ein unbe⸗ ſonnener Junge!— Schicken Sie mich zur Schule! Thun Sie mit mir, was Sie wollen!“ „Ach,“ ſagte der alte Mann mit ſanftem Kopf⸗ ſchütteln,„Du weißt nicht, welchen Schmerz eines Sohnes bitteres Wort dem Herzen eines Vaters ver⸗ urſachen kann. Aber es iſt Alles natürlich, durchaus natürlich! Du wirſt mir Liebe zum Gelde vorwerfen, es iſt die Sünde, gegen welche die Jugend am wenigſten nachſichtig iſt. Aber wie? kann ich mich denn in der Welt umſehen, ohne den Werth und die Nothwendigkeit deſſelben zu bemerken. Ein Jahr nach dem andern habe ich ſeit meinem erſten Mannesalter fortwährend gear⸗ beitet, um dieſe letzten überbleibſel der Beſitzungen unſeret Vorfahren vor der Veräußerung zu bewahren. Ein Jahr nach dem andern iſt das Glück meinen Händen entſchlüpft; und nach allen meinen Bemühungen, und gegen das Ende eines langen Lebens ſtehe ich der Dürftigkeit nahe. Aber Du kannſt nicht wiſſen— kein Menſch, deſſen Herz nicht von vielen Jahren vernarbt iſt, kann die Motive wiſſen und würdigen, die meinen Charakter gebildet haben. Du aber,“— und ſeine Stimme wurde ſanfter, als er ſeine Hand auf ſeines Sohnes Kopf legte—„Du aber— der muntere, der kühne Jüngling, ſollteſt Deine Stirne nicht zuſammenziehen und Dein Auge nicht trüben laſſen von den Sorgen, die mich umgeben. Geh! ich will Dich in die Stadt hegleiten; ich will Savill ſelber beſuchen. Wenn er ein Mann iſt, dem ich meinen Sohn in einem ſo zarten Alter anvertrauen kann, ſo ſollſt Du ihm den gewünſchten Beſuch ab⸗ ſtatten.“ Percy wollte erwidern, doch ſein Vater unter⸗ brach ihn, und ehe der Abend zu Ende war, hatte ſich dieſer entſchloſſen, ſo viel als ihm gefiel von der Unterredung zu vergeſſen. Der ältere Godolphin war einer von den Cha⸗ rakteren, auf die man vergebens einen dauernden Ein⸗ druck Geiſt gaben ſoglei frühe Erbit ſeiner man zu b auf Schn licher und aus ange Stirne trüben Heh! ich Saville dem ich ertrauen ſuch ab⸗ runter⸗ , hatte von der en Cha⸗ en Ein⸗ 23 druck zu machen ſucht. Die Gewohnheiten ſeines Geiſtes waren dauernd gebildet— gleich dem Waſſer gaben ſie einem plötzlichen Drucke nach, nahmen aber ſogleich ihre frühere Stelle wieder ein. In ſeinem früheren Leben hatte man ihm gelehrt, daß er eine Erbin heirathen müſſe zum Wohl ſeiner Beſitzung— ſeiner angeſtammten Beſitzung, deren Wiederherſtellung man ihn als den großen Zweck und Ehrgeiz des Lebens zu betrachten gewöhnt hatte. Seine Abſichten waren auf ſeltſame Weiſe vereitelt worden; aber jemehr Schwierigkeiten ihm im Wege ſtanden, deſto beharr⸗ licher hing er ihnen an. Von Natur gütig, edel und geſellig, war endlich ein Einſiedler und Geizhals aus ihm geworden. Alle andern Spekulationen, ſeinen angeerbten Rang wieder zu erlangen, waren fehlge⸗ ſchlagen, aber es gibt eine Spekulativn, die niemals fehlſchlägt— die Spekulation des Sparens! Dieſe war es, der er jetzt unabläſſig anhing. In Augen⸗ blicken war er allen ſeinen alten Gewohnheiten zu⸗ gänglich; doch dieſe Augenblicke waren ſelten und kurz. Eine kalte, harte, froſtige Sparſamkeit war ſeine vorherrſchende Eigenthümlichkeit. Er hatte ſeinen Sohn mit achtzehn Pence in der Taſche, zu einer Schule geſchickt, die jährlich zwanzig Pfund koſtete, wo er natürlich nichts weiter lernte, als Ungezogen⸗ heiten und Fangball; doch er wußte es ſo zu machen, daß ſein Sohn ihm ewige Dankbarkeit ſchuldig ſein mußte. Zum Glück für Perch war er ein beſonderer Lieb⸗ ling eines nicht unberühmten Charakters Namens Sa⸗ ville, und Saville nahm das Recht eines Verwandten in Anſpruch; um ihn mit Geld zu verſehen und ihn in ſein Haus aufzunehmen. Wild, leidenſchaftlich, vergnügungsſüchtig bis zum übermaß, benutzte der junge Godolphin begierig dieſe gelegentlichen Ein⸗ ladungen, und bei jedem nahm ſein von Natur auf⸗ geweckter und durchdringender Geiſt einen neuen Auf⸗ flug und ſchwelgte in neuen Ausſichten. Er war ſchon der Anführer ſeiner Schule, die Qual ſeines Lehrerz und der Liebhaber der Tochter deſſelben. Er war fünfzehn Jahre alt, aber ein Charakter. Ein ge⸗ heimer Stolz, eine geheime Bitterkeit, ein offener Verſtand und eine Sorgloſigkeit im Dulden machten ihn allem Anſcheine nach zu einem Knaben, der mit mehr Thatkraft als Gefühl begabt war. Doch ein freundliches Wort von den Lippen eines Freundes war nie ohne Wirkung auf ihn, und man hätte ihn an einem ſeidenen Faden leiten können, während er die Kette würde geſprengt haben. Aber dies waren die knabenhaften Züge ſeines Geiſtes: die Welt ver⸗ änderte ſie bald. Von dem Beſuche bei Saville wurde weiter nichtz erwähnt. Ein wenig Nachdenken zeigte Herrn Godol⸗ phin, wie nichtig das Verſprechen eines Schulknaben ſei, daß er ſeinem Vater keinen Schilling mehr koſten werde, und er wußte, daß Saville's Haus nicht gerade der Ort ſei, wo man am beſten Sparſamkeit lernen könne. Er hielt es daher für klüger, wenn ſein Sohn in die Schule zurückkehre. Zur Schule ging Perey Godolphin, und etwa dre Woch Schul druck vom 2 Anku zuſam Fenſte fand Straß im ₰H ſchenk, A junge zu kür nehmu renhei die Ah wandten und ihn chaftlich, utzte der en Ein⸗ tur auf⸗ nen Auf⸗ ar ſchon Lehrers Er war Ein ge⸗ offenet machten der mit Doch ein Freundes ätte ihn hrend er s waren elt ver⸗ er nichts Godol⸗ ulknaben hr koſten ht gerade jt ernen in Sohn twa drei 25 Wochen ſpäter wurde derſelbe zur Entfernung aus der Schule verurtheilt, weil er mit beträchtlichem Nach⸗ druck einen Schlag in's Geſicht zurückgegeben, den er vom Doktor Shallowell erhalten. Anſtatt ſeines Vaters Ankunft zu erwarten, packte Percy ein Bündel Kleider zuſammen, ließ ſich mit Hülfe der Betttücher aus dem Fenſter des Zimmers, wo er eingeſperrt war, und be⸗ fand ſich an einem ſchönen Sommerabend auf der Straße zwiſchen N... und London, Unabhängigkeit im Herzen und zehn Guineen(Saville's letztes Ge⸗ ſchenk) in der Taſche. Viertes Kapitel. Perch's erſtes Abenteuer als Herr ſeines Willens. Auf einer ſchönet, maleriſchen Straße zog der junge Ausgeſtoßene weiter, ohne zu wiſſen oder ſich zu kümmern wohin. Sein Herz war voll von Unter⸗ nehmungsgeiſt und ungebeugtem Muthe der Unerfah⸗ renheit. Er war mehre Meilen weit gegangen und die Abenddämmerung brach an, als er eine Poſtkutſche bemerkte, die ſich ein wenig vor ihm langſam einen Hügel hinaufarbeitete und neben welcher ein großer, wohl⸗ gebildeter Mann einherging, der ziemlich heftig ge⸗ ſtikulirte. Godolphin beobachtete ihn mit einiger Neu⸗ gierde; der Mann drehte ſich kurz um und betrachtete die Perſon und das Ausſehen des jungen Reiſenden mit prüfenden Blicken. „Nun, wohin ſoll die Reiſe gehen zu dieſer Tages⸗ zeit?“ ſagte er in angenehmen aber vertrauten unt nicht ſehr reſpektvollen Tönen. „Es iſt nicht Ihre Sache, Freund,“ enitgegnete der Knabe mit der ſtolzen Dreiſtigkeit ſeines Alters; „denken Sie an das, was Sie angeht.“ „Sie hauen ſcharf auf mich ein, junger Herr,“ entgegnete der Andere;„aber es iſt unſer Geſchäft, geſprächig zu ſein. Sie müſſen wiſſen, Herr“— und der Fremde nahm einen finſtern Blick an—„daß wir manchen größeren Kerl, als Sie ſind, wegen eine kleineren Vergehens, als Sie fähig ſcheinen, ſich j Schulden kommen zu laſſen, auf den Richtplatz geſchickt⸗ Ein Lachen aus der Kutſche veranlaßte Godolphin, ſeine Augen zu erheben, und er ſah die Thüre des Wagens der Kühlung wegen halb geöffnet und ei ſchlaues weibliches Geſicht blickte auf ihn nieder. „Sie machen ſich über mich luſtig, wie ich ſehe, ſagte Perey;„ſteigen Sie aus und Sie werden viel leicht nicht mehr lachen, hübſches Kind.“ Die Dame lachte noch lauter über die ſeltſam Galanterie des Reiſenden, aber der Mann legte ſein Hand auf Perey's Schulter, ohne auf ſie zu achten und ſagte:„Bitte, mein Herr, wohnen Sie in B.?“ und er nannte die Stadt, der ſie ſich jetzt näherten „O nein,“ ſagte Godolphin, indem er ſich 90 ſeiner Hand frei machte. „Sie werden vielleicht dort ſchlafen?“ „Vielleicht.“ „Sie ſind zu jung, um allein zu reiſen.“ „Und Sie ſind zu alt, um ſo impertinente B⸗ merkt Zorn Heißſ wirkl es, n umwt ſpiele / ſcher unſer liche zu d und i einun verſat näher an, n zwar um f Benel „ heiter könne mit e „ich uten und ntgegnete Alters; Herr,“ Geſchäft, — ui „daß wir en eines ſich zu weſchickt.“ odolphin, hüre de und eit eder. ich ſehe, den viel⸗ ſeltſam egte ſein zu achten in Be näherten ſich vo . tente Be 27 merkungen zu machen,“ entgegnete Godolphin, vor Zorn erröthend. „Wahrhaftig, dieſer Muth gefällt mir, mein junger Heißſporn,“ ſagte der Fremde ruhig.„Wenn Sie wirklich in B. die Nacht bleiben wollen, wie wäre es, wenn wir zuſammen zu Abend ſpeisten?“ „Und wer und was ſind Sie?“ fragte Perchy un⸗ umwunden. „Alles und Jedes— mit andern Worten, ein Schau⸗ ſpieler!“ „Und die junge Dame?“ „Iſt unſere Primadonna. Kurz, außer dem Kut⸗ ſcher enthält der Wagen nur die Damen und Herren unſerer Geſellſchaft. Wir haben in A. eine vortreff⸗ liche Einnahme gehabt und ſind jetzt auf dem Wege zu dem Theater in B. Ein hübſches Theater iſt's, und ich weiß ſchon, daß die Einnahme an einem Abend einundſiebzig Pfund acht Schilling betragen hat.“ Hier verſank der Schauſpieler in eine Träumerei; Perch näherte ſich der Kutſchenthür und ſah das Dämchen an, welches den Blick mit einem Lachen erwiderte, das zwar kokett, aber doch zu leiſe und muſikaliſch war, um frech genannt zu werden. „Jener Herr, der ſo frei und dreiſt in ſeinem Venehmen zu ſein ſcheint, iſt alſo nicht Ihr Gemahl?“ „Verhüte der Himmel! Glauben Sie, daß ich ſo heiter ſein würde, wenn er es wäre? Aber puh! was können Sie vom Eheſtande wiſſen? Nein!“ fuhr ſie mit einer hübſchen Miene angenommener Würde fort; „ich bin die Belvidera, die Caliſta der Geſell⸗ ſchaft— frei von aller Aufſicht, ſowie vom Ehe⸗ ſtande, und erhalte dreiunddreißig Schilling die Woche.“ „Aber ſind Sie auch von Liebhabern wie von Ehe⸗ männern frei?“ fragte Perey mit der Miene eines Wüſtlings, die er Saville abgeſehen hatte. „über den Jungen! Nein— aber dann müſſen meine Liebhaber wenigſtens eben ſo groß, wenigſtens eben ſo reich und leider auch wenigſtens eben ſo alt ſein, wie ich ſelber.“ „Erſchrecken Sie nicht, meine Liebe,“ entgegnete Perch;„ich war wenigſtens nicht im Begriffe, Ihnen den Hof zu machen⸗“ „Wirklich nicht? Ei ja doch, und Sie ſind ſich veſſen bewußt. Aber warum wollen Sie nicht mit uns zu Abend ſpeiſen?“ „Das möchte ich ſelber wiſſen,“ dachte Perch, als ihm der Gedanke in ſo viel lockenderer Form vorge⸗ tragen wurde als vorher.„Wenn Sie mich darum bitten,“ ſagte er,„ſo will ich es thun.“ „So bitte ich Sie denn darum,“ ſagte die Schau⸗ ſpielerin, und hier wendete ſich der Held der Geſell⸗ ſchaft plötzlich mit einer theatraliſchen Bewegung um und ſagte zu Godolphin:„Speiſen oder nicht ſpei⸗ ſen? das iſt die Frage!“ „Speiſen, Herr,“ antwortete Godolphin. „Sehr gut; ich freue mich, dies zu hören. Wollei Sie nicht lieber einſteigen? Es wird doch bequemer ſein. Sie können meinen Platz einnehmen— ich ſtudite meine neue Rolle. Wir haben noch zwei Meilen bis B.“ Percy nahm das Anerbieten an und war bald an ver Se gingen zückt ü aſcetiſc Saville unabhi Die Ko welche beiden Un in der im un war u ehe de Zeit, ſich ge De ſechzig wohlbe war e tiger der Bi loren, er gro leines und F Bt n Ehe⸗ Loche.“ n Ehe⸗ e eines müſſen tigſtens ſo alt gegnete Ihnen ind ſich nit uns ey, als vorge⸗ darum Schau⸗ Geſell⸗ ung um ht ſpei⸗ Wollef uemer ſtudire bis B.“ bald an 29 ver Seite der hübſchen Schauſpielerin. Die Pferde gingen in einen langſamen Trab über, und ſo, ent⸗ zückt über ſein erſtes Abenteuer, zog der Sohn des aſcetiſchen Godolphin, der Zögling des weltklugen Saville, in die Stadt B. ein und begann ſeinen erſten unabhängigen Feldzug in der großen Welt. Fünftes Kapitel. Die Komödianten— Godolphin verliebt ſich— Die Wirlung, welche Fanny Millinger's Spiel auf ihn hervorbringt— Die beiden Anerbietungen— Godolphin verläßt die Komödianten. uUnſere Reiſenden hielten vor dem erſten Gaſthofe in der Vorſtadt an. Sie wurden in ein großes Zimmer im untern Stock geführt, welches mit Sand beſtreut war und in deſſen Mitte ein langer Tiſch ſtand, und ehe das Abendeſſen aufgetragen wurde, hatte Perey Zeit, die ganze Geſellſchaft zu beobachten, zu der er ſich geſellt hatte. Der Erſte war ein alter Herr von etwa dreiund⸗ ſechzig Jahren, mit einer Stutzperüke, der ziemlich wohlbeleibt war und ſtets den Liebhaber ſpielte. Er war excellent als ſentimentaler„Romev“ und geſchäf— iger„Rapid“. Er ſprach nicht beſonders gut auf der Bühne, denn er hatte alle ſeine Vorderzähne ver⸗ loren, weßhalb er gewöhnlich die Rollen vermied, wo er großes Gelächter erregen mußte. Dann kam ein kleines Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, die Engel und Feen und beſonders gut alte Weiber ſpielte. Der Bulwer, Godolphin. 3 Dritte war ein gewandter Cavalier, der eine ſtark Stimme und ein männliches Anſehen hatte und ge wöhnlich die Tyrannen ſpielte. Er war groß al Macbeth und noch größer als Bombaſtes Furioſo »Dann kam die Frau dieſes Herrn, ein hübſches, vis plauderndes, geſchmücktes Weibchen. Sie ſpielte ge wöhnlich die zweiten Rollen— die Vertraute, di Soubrette— und war Desdemona's Emilia. Dam Percy's neue Duleinea— ein Mädchen von etm einundzwanzig Jahren mit einem Stumpfnäschen ſchönem braunem Haar, welches ſtets ein wenig ven wirrt war, mit dem niedlichſten Munde und den zien lichſten Zähnen von der Welt und einem ſchelmiſcher Grübchen im Kinn, Wangen von ungeſchminktem Roth und einem Wuchs, der ſich ſpäter zu jener Abrundun hinneigen zu wollen ſchien, die mehr vom Sinnliche als vom Romantiſchen an ſich hat. Dieſes Mädchen die Fanny Millinger hieß, war von ſo freiem, gut⸗ gelauntem und lebhaftem Weſen, daß ſie der Abgol der ganzen Geſellſchaft war und ihre Ueberlegenhei im Spielen nie ein Gegenſtand der Eiferſucht wurde Schauſpielern ſteht es frei, dies zu glauben oder nicht „Aber iſt dies die ganze Geſellſchaft?“ fragte Perh „Die ganze? vo nein!“ verſetzte Fanny, indem ihren Hut abnahm, und vor einem trüben Spie ihre Haarflechten ordnete.„Die übrigen ſind mit d Lampenputzern und Maſchiniſten ſchon voraus. Warun gehen Sie nicht auch zur Bühne? Ich wollte Si thäten es; Sie würden einen allerliebſten Pagen al⸗ geben.“ „V fühlte. / klatſch achtent ablege — W nicht und ſit auf de haber! „2 haber „1 Seite D ſpiele Erwa Platz um zi warz Beifa Godo haben 2 die B Höhe Mäd ihm, Ande le ſtarh und ge roß alz urioſo hes, vit ielte ge ute, di Dan on etn fnäschen nig ver den ziet⸗ elmiſche tem Rol brundunz innliche Mädchen em, gut⸗ r Abgot rlegenhei t wurde der nicht te Perch indem Spieß mit der Warun Ute Sie igen al⸗ 31 „Wahrhaftig?“ ſagte Perey, der ſich ſehr beleidigt fühlte. „Ei, ei!“ rief die Schauſpielerin, in die Hände klatſchend und Perey's üble Laune durchaus nicht be⸗ achtend;„warum helfen Sie mir nicht den Mantel ablegen?— Warum ſetzen Sie mir keinen Stuhl hin? — Warum ſchieben Sie mir dieſe große Schachtel nicht aus dem Wege?— Warum— o Himmel!“ und ſie ſtampfte ganz ernſthaft mit ihrem kleinen Fuße auf den Boden;„Sie ſind mir ein allerliebſter Lieb⸗ haber!“ „Aha! ſo geſtehen Sie alſp, daß ich Ihr Lieb⸗ haber bin?“ „Unſinn!— Setzen ſie ſich beim Eſſen an meine Seite!“ Der junge Godolphin war von der muntern Schau⸗ ſpielerin vollkommen bezaubert, und mit nicht geringer Erwartung verſchaffte er ſich am folgenden Abend einen Platz in der Seitenloge des kleinen Theaters zu B., um zu ſehen, wie ſeine Fanny ſpielte. Das Haus war ziemlich beſetzt, die Vorſtellung fand rauſchenden Beifall; beſonders aber gefiel Fanny Millinger, und Godolphin war ſtolz darauf, diejenige bewundert zu haben, die Jeder zu bewundern entſchloſſen ſchien. Als das Schauſpiel zu Ende war, ging Percy auf die Bühne und fühlte nun zum erſtenmal, auf welche Höhe das Talent zu erheben vermag. Das muntere Mädchen, mit der er geſtern geſcherzt hatte, und die ihm, obgleich er noch Knabe war, doch zu nichts Anderem als zum Scherzen und Kokettiren paſſend geſchienen, ſah er jetzt ſo plötzlich zu einer Höhe et hoben, die ihn erſchreckte und beſchämte. Er wurd ſchen und linkiſch, und warf nur aus der Ferne einer verſtohlenen Blick auf Fanuy, ohne den Muth faſſe zu können, ſich ihr zu nähern und ſie zu begrüßen Das raſche Auge der Schanſpielerin bemerkte di Wirkung, die ſie hervorgebracht hatte. Dies gefü ihr natürlich; ſie trat zu Godolphin, berührte ſein Schulter und ſagte mit einem Lächeln, das vermöh der noch nicht von den Wangen abgewaſchenen Schminb um ſo ausdrucksvoller war:„Nun, Sie linkiſche Schäfer— haben Sie keine Schmeichelei für mich be reit? Fort mit Ihnen! Sie ſind nicht für mich; ſuchen Sie ſich eine andere Herzenskönigin!“ „Sie haben mir ſo ſehr gefallen, daß ich Sie achtn muß,“ ſagte Godolphin. In dieſem Ausdrucke lag ein Zartgefühl, welche einen eigenthümlichen Charakterzug in Perch's Gemüth bildete, obgleich dies Gemüth ſich noch nicht entwickel hatte. Die hübſche Schauſpielerin wurde für den Augen⸗ blick lebhaft davon ergriffen, obgleich ſie, ungeachte der Anmuth, die ſie in ihrem Spiele gezeigt halt viel zu flüchtiger Natur war, um es überhaupt für vortheikhaft zu halten, auf die Länge geachtet werden. Im Nachſpiele war ſie unbeſchäftigt, un Godolphin begleitete ſie daher ins Wirthshaus zurit So lange ſeine zehn Guineen ausreichten— welches wie der Leſer wohl denken kann, ebem nicht ſehr lang währte, blieb Penih bei der heitern Truppe, als de begünſtigte Liebhaber der Hauptzierde derſelben. 6 vertrau Geſchic ie war wußte „Aber Wange zu bleil ſpielen dernsw Blendr verbor ſich der kein J empfin wickelt wurde dem e Glänz trefflic Gefah nicht ſchöne öhe en wurd re eine h faſſe egrüßen es gefie rte ſein vermög Pchmink linkiſche mich be⸗ ſuchen ie achtet welche Gemütht entwickell nAugen⸗ ngeachte gt halte aupt füt chtet zu gt, un s zurück welcheß hr lanz als de e 33 33 vertraute der luſtigen Fanny ſeinen Namen und ſeine Geſchichte. Ueber die letztere lachte ſie laut auf, denn ſie war eine der ächten Töchter der Liebesgöttin und wußte aus Allem Funken der Heiterkeit zu locken. „Aber wie,“ ſagte ſie und klopfte ihm liebevoll die Wange„was hindert Dich, eine Zeitlang bei uns zu bleiben? In drei Stunden lehre ich Dich Komödie⸗ ſpielen. Merk auf! dieſe Kunſt, die Dir ſo bewun⸗ dernswürdig ſcheint, iſt nichts als eine Reihe von Blendwerken.“ Godolphin wurde verlegen. In ihm wohnte ein verborgener Stolz, der es nimmer ertragen konnte, ſich dem Tadel Anderer bloßgeſtellt zu ſehen. Er hatte kein Nachahmungstalent und war in hohem Grade empfindlich gegen das Auslachen. Dieſe ſo früh ent⸗ wickelten Charakterzüge, die ihm ſpäter ſtets hinderlich wurden, mit ſeiner natürlichen Gabe zu wuchern, in⸗ dem er zu ſtolz zum Prahlen, zu philoſophiſch zum Glänzen war, leiſteten ihm bei dieſer Gelegenheit einen trefflichen Dienſt; denn ſie ſchützten ihn gegen die Gefahr, in die er ſonſt gerathen ſein würde. Er konnte nicht zum Komödieſpielen gebracht werden, ſo daß die ſchöne Fanny den Verſuch dazu verzweiflungsvoll aufgab. „Bleibe dennoch bei uns,“ ſagte ſie zärtlich,„und theile mein ärmliches Einkommen mit mir.“ Godolphin fuhr zurück, und vermöge der ſeltſamen Widerſprüche des ſtolzen Menſchenherzens flößte dies großmüthige Anerbieten der Schauſpielerin ihm ein Mißbehagen, eihen Widerwillen ein, wodurch ihm das Scheiden von Fanny beinahe ſeicht gemacht wurde. 34 Es ſchien, als erkannte er auf einmal die zweideutig⸗ Lebensweiſe, der er ſich hingegeben hatte.„Nein Fanny,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Ich bin hier weil ich beſchloſſen hatte, unabhängig zu ſein, un kann mich daher nicht zur Abhängigkeit verſtehen.“ „Miß Millinger möchte doch zur Leſeprobe kom men,“ ſagte die Kleine, die Genien und alte Weibe ſpielte, indem ſie ihren Kopf plötzlich ins Zimme ſteckte. „Ei! iſt's ſchon ſo ſpät?“ rief Fanny aufſprin gend.„Da muß ich gehen, Gott befohlen! Sprich bald wieder bei mir ein— hörſt Du?“ Aber Godolphin ging trübe und gedankenvoll au die Straße und das Erſte, was er erblickte, war ei Anſchlagzettel an der Mauer, worin ſeine Perſon be ſchrieben war und zwanzig Guineen Belohnung fü ſeine Wiedererlangung verſprochen wurden.„Er kehr nur zu ſeinem bekümmerten Vater zurück,“ ſo ſchlo der Zettel,„und es ſoll ihm Alles vergeben ſein.“ Godolphin ſchlich auf ſein Zimmer zurück, ſchriel einen langen, zärtlichen Brief an Fanny, ſchloß ſein Taſchenuhr bei, als das einzige Andenken, welches ihr hinterlaſſen konnte, gab ihr ſeine Aoreſſe bei Savill, wartete dann bis zur Dunkelheit, ging wieder ab und nahm einen Platz in der londoner Poſtkutſche. G konnte das Paſſagiergeld nicht bezahlen, doch ſei Erſcheinen war von der Art, daß der Kutſcher ihn ſogleich traute, und am nächſten Morgen bei Tages anbruch war er unter Savilles Dache. Perch „3 Savill Deine Seel! ſelber phant ſpiele Beir „ und( Leben 7 nehm will aller von Ich leide ſehr und wied litän nich ſten kideutig, „Nein, in hier unt ehen.“ be kom⸗ Weibe Zimme ufſprin⸗ Sprich voll auf war ein erſon be⸗ nung fi Er kehr ſo ſchlof ſein.“ „ ſchriel loß ſein elches Saville eder an che. G och ſei her ihn Tages 35 Sechstes Kapitel. Perch Godolphin als Saville's Gaſt— Er geht unter die Leibgarde und nimmt den feinen Ton an. „Du biſt ihnen alſo glücklich entwiſcht,“ ſagte Saville lachend;„vortrefflich! Aber ich beneide Dir Deine Abenteuer bei dem Komödiantenvolke. Mein Seel! wäre ich einige Jahre jünger, ſo ginge ich ſelber unter ſie. Ich würde Sir Pertinar Maeſyko⸗ phant vortrefflich ſpielen; ich habe Talent zum Schau⸗ ſpieler. Nun, und was denkſt Du anzufangen?— Bei mir zu bleiben— he?“ „Nun, ich denke, es möchte wohl das Beſte ſein⸗ und gewiß würde es die angenehmſte Art ſein, mein Leben hinzubrigen. Aber—“ „Und was denn?“ „Nun, ich kann kaum Ihre⸗Güte in Anſpruch nehmen; ich würde auch bald unzufrieden werden. Ich will daher an meinen Vater ſchreiben, den ich mit aller Höflichkeit und Rückſicht noch denſelben Tag von meiner glücklichen Ankunft in B. benachrichtigte. Ich bat ihn, ſeine Briefe an Sie zu adreſſiren; aber leider ſinde ich, daß der Anſchlagzettel, der mich ſo ſehr erſchreckte, die einzige Notiz war, die er von mir und meinem Aufenthalt genommen. Ich werde daher wieder an ihn ſchreiben und ihn bitten, mich ins Mi⸗ litär treten zu laſſen. Ich liebe das Handwerk gerade nicht ſehr, aber was iſt zu thun, ich werde wenig ſtens mein eigener Herr ſein.“ 36 „Sehr gut geſagt!“ antwortete Saville;„un hierin, hoſſe ich, kann ich Dir dienen. Wenn Dein Pater nur das geſetzliche Geld für ein Patent zur Leibgarde zahlen will, ſo denke ich Einfluß genug zu haben, es Dir allein für dieſe Summe zu verſchaffen, was keine geringe Begünſtigung iſt.“ Godolphin war hezaubert von dieſem Vorſchlage und ſchrieb ſogleich einen Brief an ſeinen Vater, worin er ihm die Sache dringend vorſtellte. Saville unter⸗ ſtützte ſein Anliegen in einem beſondern Briefe,„Sie ſehen, mein lieber Herr,“ ſchrieb er,„daß Ihr Sohn ein wilder und entſchloſſener Thunichtgut iſt. Durch Schulzwang richten Sie nichts bei ihm aus; verur⸗ theilen Sie ihn zur Disciplin im Dienſte des Königs und beſtimmen Sie, daß er von ſeinem Solde leben muß. Es iſt bei alledem eine wohlfeile Art, für einen Taugenichts zu ſorgen; und da er das Glück hat, in ſo frühen Jahren unter das Militär zu treten, ſo kann er im dreißigſten vielleicht Oberſt mit vollem Solde ſein. Im Ernſt, dies iſt das Beſte, was Sie für ihn thun können— wenn nicht vielleicht eine gute Pfründe in Ihrer Familie iſt.“ Der alte Herr war eben ſo ärgerlich über dieſe Briefe, wie über ſeines Sohnes früheres Entlaufen. Er konnte ſich indeß nicht verbergen, daß ſein Sohn ihm noch mehr Sorgen machen werde, wenn er ſich ſeinen Wünſchen widerſetze. Verlegenheit über Ver⸗ legenheit, Sorgen über Sorgen konnten daraus er⸗ ſolgen, und das Geldausgeben kein Ende nehmen. Das gegenwärtige Anerbieten gewährte ihm eine gute Ent⸗ — ſehr b ſchuld Sprö mehr wöhnt und 2 Seele E denken und ſ Letzter wirklie den, er um das G Savill garde D der H ſeiner auf C Kame ihm„ auch radep zur E war, Spiel glückt geln „und n Dein ent zur enug zu ſchaffen, rſchlage „worin unter⸗ e,„Sie r Sohn Durch verur⸗ Königs e leben ür einen ück hat, treten, vollem a Sie ht eine er dieſe laufen. Sohn er ſich Ver⸗ us er⸗ n. Das e Ent⸗ 37 ſchuldigung, ſich auf lange Zeit der Sorge für ſeinen Sprößling zu entſchlagen, und da er ſich jetzt immet mehr an ſeine Einſamkeit und ſeine Knauſerei ge⸗ wöhnte, ſo war es ihm lieb, ſich künftiger Störung und Aufdringlichkeit zu überheben und ſeine ganze Seele ſeiner Lieblingsbeſchäftigung zu weihen. Endlich, nach vierzehntägigem Zaudern und Be⸗ denken, ſchrieb er eine kurze Antwort an Saville und ſeinen Sohn, worin er ſagte, nachdem er dem Letzteren viele Vorwürfe gemacht, wenn das Patent wirklich für die genannte Summe könne erkauft wer⸗ den, ſo ſei er bereit, das Opfer zu bringen, wofür er um ſo mehr ſparen müſſe, aber dennoch wolle er das Geſchäft abſchließen. Dies rührte den Sohn, aber Saville lachte ihn wegen ſeines Zartgefühls aus, und ſehr bald darauf trat Percy als Cornet bei der Leib garde ein. Das Leben eines Soldaten im Frieden iſt, weiß der Himmel, bequem genng. Perch fand Freude an ſeiner neuen Uniform und ſeinen Pferden— die alle auf Credit gekauft wurden. Ihm gefielen ſeine neuen Kameraden, die Bälle und das Courmachen; es mißfiel ihm Hyde⸗Park von vier bis ſechs Uhr durchaus nicht, auch wurde er nicht viel mit dem Erercir- und Pa⸗ radeplatz beläſtigt. Es viente ihm in der Welt ſehr zur Empfehlung, daß er der Schützling eines Mannes war, der einen ſo großen Ruf als W ling und Spieler hatte, wie Auguſt Saville, und unter ſo glücklichen Vorbedentungen ſteuerte er mit vollen Se⸗ geln auf die hohe See der guten Geſellſchaft hinaus. Jung, romantiſch, feurig— mit den claſſiſchen Zügen eines Antonius und einer hübſchen Anlage, Complimente zu ſagen und Verſe zu ſchreiben— wurde Percy Godolphin, der ſeinen Jahren nach eher der Kinderſtube als der Welt angehörte, bald der lockige Liebling jener zahlreichen Klaſſe von vornehmel Damen, die nichts weiter zu thun haben, als ſich den Hof machen zu laſſen, und die, ſelbſt voll von Ränken und Künſten, die Liebe für die ſüßeſte halten, die aus der natürlichſten Quelle entſpringt. Sie lieben das zarte Jünglingsalter, wenn es nicht ſchüchtern iſt, und vom fünfzehnten bis zum zwanzigſten Jahr darf ein Don Juan kaum erſt nach Sevilla gehen, um eine Julie zu finden. Aber die Liebe war nicht die ſchlimmſte Gefahr die dem berauſchten Knaben drohte. Saville, ein ſeht verführeriſcher Erzieher— Saville, der bei ſeinen Witz, ſeinem Weltton, bei ſeinem Einfluß in de feinen Geſellſchaft allen weniger Erhabenen und we niger Anſpruchsvollen als ein Gott erſchien— Se ville war Godolphin's beſtändiger Gefährte, und St ville war ſchlimmer als ein Wüſtling— er war ei Spieler! Man ſollte denken, das Spiel müßte de letzte Laſter ſein, die Jugend zu verlocken, und do Geiz, die Gier, die ſcheußliche Selbſtſucht und kalt berechnende Gemeinheit deſſelben ſollte Alle zurüc ſchrecken, vie bereits andern und milderen Gottheite geopfert. Aber der Fehler der Jugend iſt, daß ſi ſelten dem zu widerſtehen vermag, was in der Mon iſt. Das Spiel iſt in allen Ländern das Laſter d Ariſtol beſten Ander dieſelb c als er mich entſet iſt m beliel genö ich d nach iſt d keit. es k God war wurde her der lockige rnehmen ſich den Ränken ten, die gehen, Gefahr, ein ſeht ei ſeinen in de und we 1— St und Su war ei müßte de und de und kalt e zurüc ottheite „daßſ der Mot kaſter d. 39 Ariſtokratie. Die Jugend findet daſſelbe ſchon in den beſten Zirkeln vor; ſie wird von der Gewohnheit Anderer bezaubert und geht zu Grunde, wenn ſis ſich dieſelbe aneignet. „Du ſiehſt fieberhaft aus, Perch,“ ſagte Saville, als er ſeinen Zögling im Park traf.„Ich wundere mich nicht darüber, denn Du verlorſt geſtern Abend entſetzlich.“ „Mehr als ich bezahlen kann,“ erwiderte Perch mit bebender Lippe. „Nein, Du kannſt es morgen bezahlen, denn Du ſollſt heute Abend meinen Gewinn theilen. Merke Dir,“ fuhr Saville mit leiſerer Stimme fort,„ich verliere nie.“ „Wie? Niemals?“ „Niemals als mit Abſicht. Ich ſpiele aber auch kein Spiel, welches allein vom Zufall abhängt. Whiſt iſt mein Lieblingsſpiel— es iſt leider nicht allgemein beliebt. Ich ſpiele nur andere Spiele, weil ich dazu genöthigt bin; aber ſelbſt bei rouge et noir wende ich die Regeln des Whiſt an. Ich ealculire— ich denke nach.“ „Aber Würfel?“ „Spiele ich nie!“ ſagte Saville feierlich.„Es iſt das Spiel des Teufels; es trotzt aller Geſchicklich⸗ keit. Gib die Würfel auf und lerne von mir Eecarté; es kommt in die Mode.“ Saville gab ſich viele Mühe mit Godolphin, und Godolphin, der von Natur nachdenkend und nicht haſtig war, zeigte ſich als keinen oberflächlichen Schüler. Als ſein Biograph muß ich leider bekennen, daß er, ob⸗ gleich gewiſſenhaft ehrlich, ein ſchlauer— glückliche Spieler wurde und ſo zu Zeiten ſeinen geringen Sold i ſ vermehrte. ſein Dies war die erſte große moraliſche Verſchlim⸗ Wege merung in Perey's Geiſte— einem Geiſte, der ihn Savi zu einem ganz verſchiedenen Weſen hätte machen ſollen, Gtii als er wirklich wurde, den aber kein Laſter und kein Anbl 3 böſes Beiſpiel je gänzlich verderben konnte. ſintt Mutt Siebentes Kapitel. gebot Er de Saville's Gefühlloſigkeit wird entſchuldigt— Godolphin ſieht eink Perſon, die ihm nie wieder vor Augen kommt— Die neu Vater Schauſpielerin. Jüng d Saville wurde für einen vollendeten Weltmann— gegeh folglich für klug und herzlos gehalten. Wie kam es cr denn, daß er ſich ſo uneigennützig für den Knaben Eitel 1 Godolphin bemühte? Fürs Erſte müſſen wir erinnern, pie daß Saville keine rechtmäßigen Kinder hatte; Gr⸗ dolphin war ſein Verwandter. Zweitens müſſen wi va bemerken, daß überſättigte Weltmenſchen Gefallen an obgli jungen Leuten finden, in denen ſie etwas erkennen— ihm 3 etwas Beſſeres— was ihnen ſelbſt angehört. R God Godolphin's Zartgefühl und Muth glaubte Saville, wit in einem Spiegel, ſeine eigene inkruſtirte Verfein, mu rung und pläneſchmiedende Beharrlichkeit zu entdecken; und in Godolphins veredelter Phantaſie und gewandter Fi um higkeit fand Saville ſeine eigene Verſchlagenheit un er, ob⸗ ücklicher en Sold rſchlim⸗ der ihn n ſollen, ind kein phin ſiehl Die neu mann— e kam es Knaben erinnern, te; Gro⸗ iſſen wir fallen an ennen— ört. I ville, wie Verfeine⸗ ntdecken; idter Fi⸗ eit und 41 Heuchelei wieber. Des Jünglings Beliebtheit ſchmei⸗ chelte ihm, ſeine Unterhaltung ergötzte ihn. Kein Menſch iſt ſo herzlos, um nicht lebhafter Vorliebe fähig zu ſein, wenn ſie ihn nicht zu weit von ſeinem gewohnten Wege entfernt, und dieſe Art von Vorliebe empfand Saville für Godolphin. überdies war noch ein anderer Grund zur Anhänglichkeit vorhanden, der beim erſten Anblick zu delikat ſcheinen möchte, um auf den ver⸗ feinerten Wollüſtling zu wirken; aber näher betrachtet, verſchwand das Delikate. Saville hatte Godolphin's Mutter geliebt, oder ihr wenigſtens ſeine Hand an⸗ geboten, da ſie für eine reiche Erbin gehalten wurde! Er dachte, es habe nicht viel gefehlt, daß er Godolphin's Vater geworden wäre; ſeine Eitelkeit bewog ihn, dem Jüngling zu zeigen, welch ein viel beſſerer Vater er würde geweſen ſein als der, den die Vorſehnung ihm gegeben. Seine Rache gegen den erhörten Bewerber war ein fernerer Grund, und es ſchmeichelte ſeiner d Eitelkeit zu zeigen, daß der Sohn den vorzog, welchen die Mutter zurückgewieſen hatte. Alle dieſe Motive machten Saville an den jungen Perch anhänglich, und da er reich und aus Gewohnheit verſchwenderiſch war, obgleich vorſichtig und dabei gut ſpekulirte, ſo machte ihm die Geldausgabe gerade keinen Kummer. Aber Godolphin, der nicht prunkſüchtig war, verließ ſich nicht zu ſehr auf die launenhafte Quelle der Groß⸗ muth des Weltmanns. Fortuna lächelte dem Jüngling, und während der kurzen Zeit, wo er genöthigt war, um ihre Gunſt zu buhlen, überhäufte ſie ihn wenig⸗ ſtens mit ſo reichlichen Gaben, daß er damit ſeinen 42 unterhalt beſtreiten und ſelbſt einigen Aufwand machen„Li konnte. wiſſen. Die Zimmer der Gräfin von B*** waren mi rich Jo feinen Gäſten angefüllt und ſchimmerten vom Kerzen⸗ Ihres! licht, als, erhitzt von einem ſpäten Mittageſſen bei Mann. Saville, der junge Godol phin auf dem Schauplatz geben. erſchien. Er gehörte nicht zu der zahlreichen Klaſt thut m von jungen Männern, die, den Stockroſen eines Blu⸗ Verfüh menbeetes gleich, in der ſteifen Rüſtung der Cravatten Mühe ſich ſchweigend an den Wänden aufſtellen. Er ging— Ei nicht auf Bälle aus dem gemeinen Grunde, um ſich hat do dort in den vorderſten Reihen zu zeigen, welches Be helle mühen bei den ſteifen Auserleſenen Englands nur ſ jünger deutlich hervortritt. Er kam, ſich zu unterhalten, und kam de wenn er Niemand fand, der fähig war, ihn zu um Antwo terhalten, ſo ſah er keine Nothwendigkeit dazubleiben Man ſah ihn daher ſich unterhalten, tanzen oder der fiel ih Muſik zuhören— oder man ſah ihn gar nicht. reichen Indem er mit einem Oberſten D“““, einem be ſtone 3 rüchtigten Wüſtling und Spieler, einige Worte wech Untert ſelte, bemerkte er einen alten Herrn in der Kleidunz beſchlo des vorigen Jahrhunderts, der ihn ſehr aufmerkſan aber i und, wie Perch meinte, ſehr zudringlich beobachtet, ausfü Godolphin mochte ſich wenden, wohin er wollte, üben einant all hin verfolgte ihn der Blick des Alten, ſo daß e endlich Muth faßte und ihn eben ſo ſcharf anſah ſank 3 Der alte Herr näherte ſich langſam.„Perch Godeh undvi i phin, wenn ich nicht irre?“ ſagte er. von „Das iſt mein Name, Herr,“ verſetzte Perch konnt „der Ihre?“ ————————— tachen mit erzen⸗ en bei platz Klaſſt s Blu⸗ vatten n, und zu um bleiben. der det ht. em be⸗ e wech⸗ leidunz nerkſan achtete „übet⸗ daß er anſah. Godol⸗ Perch; 43 „Liegt nichts daran! Aber doch, Sie ſollen ihn wiſſen. Ich bin Heinrich Johnſtone— der alte Hein⸗ rich Johnſtone. Sie haben gewiß von mir gehört— Ihres Vaters nächſter Vetter. Es thut mir leid, junger Mann, daß Sie ſich mit dem Schurken Saville ab⸗ geben.— Unterbrechen Sie mich nicht, Herr! Es thut mir ſehr leid, daß Sie, ſo jung, ſo arglos, der Verführung eines Jeden preisgegeben ſind, der ſich die Mühe nehmen will! Doch mir gefällt Ihr Geſicht! Es iſt offen und doch gedankenvoll; frei, und hat doch etwas Melancholiſches. Sie haben nicht das helle Haar meines Karl; aber Sie ſind jünger— viel jünger. Es iſt mir lieb, Sie geſehen zu haben; ich kam deßhalb hieher. Gute Nacht!“— Und ohne eine Antwort abzuwarten, verſchwand der alte Mann. Als Govolphin ſich von ſeinem Erſtaunen erholte, fiel ihm bei, daß er ſeinen Vater oft von einem reichen und excentriſchen Verwandten Namens John⸗ ſtone habe reden hören; aber dennoch machte dieſe Unterredung einen lebhaften Eindruck auf ihn. Er beſchloß, die Wohnung des alten Mannes aufzuſuchen; aber irgend etwas machte, daß er ſeine Abſicht nicht ausführte, und in dieſer Welt ſahen die Verwandten einander nicht wieder. ßerch ging jetzt ſinnend durch das Gedränge und ſank auf einen Seſſel neben einer Dame von fünf⸗ undvierzig, die ſich zuweilen damit unterhielt, ihm von Liebe vorzuplaudern— denn mit einem Knaben konnte ja nichts Arges dabei ſein, meinte ſie. Gleich darauf kam ein Lord George Soundſo heran und ———————— fragte die Dame, ob er ſie nicht am letzten Abend im Schauſpiel geſehen habe. „O ja! wir gingen dorthin, um die neue Schau⸗ ſpielerin zu ſehen. Wie hübſch ſie iſt!— So un⸗ affektirt— und wie ſchön ſie ſingt!“ „Recht hübſch— rr!“ verſetzte Lord George, in⸗ dem er mit der Hand durch ſein Haar fuhr.„Ein allerliebſtes Mädchen— rr!— zierliche Knöcheln. Ver⸗ teufelt heiß hier— rr! nicht wahr 2— rr— rr! Und entſetzlich langweilig— he? Ah⸗ Godolphin, vergeſſen Sie Wattier nicht— rr!“ Und Seine Herr⸗ lichkeit rrte ſich fort. „Von welcher Schauſpielerin iſt die Rede?“ „O, von einer ſehr guten die in„der Schö⸗ nen Kriegsliſt“ aufgetreten. Wir werden ſie morgen wieder ſehen. Wollen Sie früh mit uns zu Mittaß ſpeiſen und unſer Cavalier ſein?“ „Nichts wird mir angenehmer ſein! Ihre Hert⸗ lichkeit haben Ihr Taſchentuch fallen laſſen.“ „Danke Ihnen!“ ſagte die Dame; indem ſie ſich ſoweit niederbengte, bis ihr Haar Godolphin's Wang berührte, und ſanft die Hand drückte, die ihr das Tuch reichte. Es war ein Wunder, daß Godolphin nie ein eitler Geck wurde. Er ſtellte ſich am folgenden Tage zum Mitltg eſſen ein— er ging irs Theater, und als ſein Aug ſich zuerſt auf die Bühne richtete, deutete ein allge meiner Ausbruch des Beifalls das Auftreten der nei Schauſpielerin an, und zu Godolphin's Erſtaunes war es Nirmand anders— als Fanny Millinger! Godolp D Godol zuſetze Bekan „ 45⁵ Achtes Kapitel. Govolphin's Leidenſchaft für die Bühne— Es wird dadurch eine Veränderung in ſeiner Lebensweiſe hervorgebracht. e, in⸗ Dieſes Ereigniß übte einen großen Einfluß auf „Ein Godolphin's Lebensweiſe und ich kann auch wohl hin⸗ Ver⸗ zuſetzen, auf ſeinen Charakter. Er erneuerte ſeine Bekanntſchaft mit der muntern Schauſpielerin. er n„Welch eine Veränderung!“ riefen Beide. Hert⸗„Die umherſtreichende Komödiantin iſt zur Be⸗ rühmtheit geworden!“ 2.„Und aus dem entlaufenen Schulknaben ein fei⸗ Scht⸗ ner Herr!“ morgen„Du biſt hübſcher als je, Fanny.“ Mitta„Ich erwidere das Compliment,“entgegnete Fanny mit einer Verbeugung. ee Und jetzt wurde Godolphin ein beſtändiger Be⸗ ſucher des Theaters. Dies führte ihn zu einer ganz ſie ſit verſchiedenen Lebensweiſe. Wang Es gibt in London zwei Klaſſen von Müßiggän gern: die eine beſteht aus den Schmetterlingen der Bälle, aus den Pflaſtertretern auf den Spaziergängen der modiſchen Geſelſſchaft, aus Leuten, die täglich zu Mittag Gaſte gebeten und alſo„alte Familiengeſichter“ ſind, in Ang die aller Orten geſehen werden und die Zeder kennt. n allge Die zweite Klaſſe iſt ein wildes, achtloſes, ungere⸗ r neue eltes Geſchlecht, das wenig in Geſellſchaften geht rſtaune und Bälle für langweilig hält; dagegen lebt es in inger! Clubs, beſucht die Theater, fährt ſpät Abends in Bulwer, Godolphin. ihr das dolphih geheimnißvoll ausſehenden Fuhrwerken und erfreul ſich ausgebreiteter Bekanntſchaften unter den Aspaſien des Vergnügens. Dieſe Leute ſind zugleich Theaten kritiker. In ſchwarzer Cravatte und wohlbeſtiefel nehmen ſie ihren Logenplatz ein und ſprechen ih Urtheile über die Knöchel einer Tänzerin oder übe die Stimme des Säugers aus. Sie haben einen Anfli von literariſcher Bildung und miſchen viel franzöſiſch Brocken in ihre Rede; auch beſitzen ſie einigen Han zum Romantiſchen, und man weiß, daß Einige vy ihnen aus Liebe heiratheten; kurz in ihrem ganze Weſen iſt etwas, das dem abſchweifenden, liberale Continental⸗Charakter der Zerſtreuung mehr entſpricht als der kaltherzigen, zahmen, grämlichen und zug⸗ ſtutzten Indolenz nationalerer Auserleſenheit eigen 3 ſein pflegt. Aus der erſteren Klaſſe ging Godolphi zu dieſer letzteren über. Und o! welche Morgenſtun in den Häuſern der Schauſpielerinnen, welche heite Abendmahlzeiten nach dem Schauſpiel! Welche H terkeit, welcher ſprudelnde Witz, wenn die Stunde von Mitternacht bis zum Hahnenſchrei mit Roſen blättern beſtreut und in Rheinwein ertränkt wurden Nach und nach aber, als Godolphin immer eift ger ſeine Beſuche im Theater fortſetzte, wurden dur das ſchöne intellektuelle Etwas, das bisher in ſein Seele geſchlummert hatte, Regungen in ihm erwei von denen er fühlte, daß ſeine roheren Genoſſen di⸗ ſelben nicht zu theilen vermochten. Die theatraliſchen Vorſtellungen haben das Eigen daß ſie beſtändig das in unſerm Charakter liegen Rom der P auf d mus, Seltſe Wort wird, ſich v deſſen kann flamn der B mome vergel Unſer jung Blat zende erfreu nige vor ganze liberale ntſprich nd zuge eigen odolphi genſtun he heiten lche He Stunde it Roſen wurden ner eifti den durz in ſein nerwech oſſen di⸗ s Eigen liegen 47 Romantiſche wach erhalten; die magiſche Beleuchtung, der Pomp der Scene, der Palaſt, das Feldlager, der Wald, die Felſenhöhle, das nachgeahmte Mondblicht auf dem Waſſer, die Melodie des tragiſchen Rhyth⸗ mus, das Anmuthige in dem komiſchen Witze, das Seltſame in der Kunſt, wodurch auch dem leichteſten Worte des Dichters eine erhöhete Bedeutung verliehen wird, das ſchöne, trügeriſche, aufregende Leben, das ſich vor uns abſpinnt— das Zuſammenfaſſen alles deſſen, wonach unſer geſchäftiger Ehrgeiz nur ſtreben kann— Liebe, Hochſinn, Krieg, Ruhm— die ent⸗ flammende übertreibung der Empfindungen, welche der Bühne, wie uns ſelbſt in unſern kühnſten Lebens⸗ momenten eigen iſt: alle dieſe Dinge nehmen nicht vergebens unſere zarteren Regungen in Anſpruch. Unſer Hang, Schlöſſer in die Luft zu bauen und Viſivnen ſehen zu wollen, verſtärkt ſich dadurch, und wir verſchlucken ein geiſtiges Opium, das alle unſere übrigen Fähigkeiten ins Stocken bringt, aber das Ideale erweckt. Godolphin wurde beſonders durch die Bühne ge⸗ blendet; er ſtahl ſich gern von den Genoſſen weg, um allein und ungeſtört ſeine Seele in dem unwirk⸗ lichen Strome des Daſeins ſchwelgen zu laſſen, der ſo ſchöne Bilder beſpiegelte. Und o! ſo lange wir jung ſind, ſo lange noch der Thautropfen am grünen Blatte des Lenzes hängt— ſo lange noch der glän⸗ zendere, unternehmungsreichere Theil der Zukunft uns bevorſteht— ſo lange wir noch nicht wiſſen, ob nicht das wirkliche Leben eben ſo träumeriſch und aufgeregt, als das nachgeahmte iſt— o! ſo lange iſt's ein reiches, unnennbares Entzücken, zu ſehen, zu hören, zu füh⸗ len, wie Shakeſpeare's Phantaſiegebilde, wenn auch unvollkommen und nur für eine Stunde, verwirklicht werden! Liebliche Ardennen! ſind wir denn in euren „ſchattigen Hainen“ und auf euren„unbetretenen Mat⸗ ten“? Roſalinde, Jacques, Orlando, habt ihr denn wirkliches Daſein auf Erden? Ah! dies iſt wahrer Zauber! und kehren wir zum Leben zurück, ſo wenden wir uns von den Farben ab, in die Claude's Glas ſelbſt eine nackte Winterlandſchaft kleidet. Neuntes Kapitel. Das Vermächtniß— Es wird ein neuer Fehler an Saville ent⸗ deckt— Die Heirathen in der vornehmen Welt— Godolphin verläßt England. Aber doch iſt es nicht immer ein Vertheidiger der theatraliſchen Täuſchung, der ſich in eine Schau⸗ ſpielerin verliebt. Dieſes Geſchäft führt zu viel hinter die Couliſſen. Godolphin fühlte dies ſo lebhaft, daß ihm die Stücke am wenigſten gefielen, worin Fanny eine Rolle hatte. Von der Bühne hatte ihr Charak⸗ ter ſo wenig Romantiſches an ſich, daß er ſich nicht in die Romantik ihres Charakters vor den Lampen hineinverſetzen konnte. Zum Glück wagte ſich Fanny nicht an ſhakeſpeare'ſche Stücke. Sie war unnachahm⸗ lich im Vaudeville, in der Poſſe und im leichteren Luſtſpiel; doch hatte ſie klüglich die Tragödie aufge⸗ 6 2 reiches, zu füh⸗ in auch virklicht neuren en Mat⸗ hr denn wahrer wenden s Glas ville ent⸗ odolphin heidiger Schau⸗ hinter ft, daß Fanny harak⸗ h nicht ampen Fanny chahm⸗ chteren aufge⸗ 49 geben, als ſie aufgehört, in der Scheune zu ſpielen. Sie war ein Mädchen von ſo viel Talent und Scharf⸗ blick, um genau die Wege zu entdecken, auf welchen ihre Eitelkeit wandeln konnte, ohne verwundet zu werden, und es lag eine Einfachheit, eine Offenheit in ihrem Weſen, was ſie zu einer höchſt angenehmen Geſellſchafterin machte. Die Neigung zwiſchen ihr und Godolphin war nicht ſehr heftig; es war ein ſeidener Faden, der bei Gelegenheit hundertmal zerreißen und wieder ange⸗ geknüpft werden konnte, ohne den Herzen irgend wehe zu thun, die er ſo leicht verband. Auf Godol⸗ phin übte dieſe Neigung ſelber keinen Einfluß, wäh⸗ rend die Wirkungen dieſer Neigung einen ſo großen Einfluß hatten. Eines Abends, nach einer Abweſenheit von zwei oder drei Tagen, kehrte Godolphin aus dem Theater zurück und fand unter den Briefen, die ſeiner war⸗ teten, auch einen von ſeinem Vater. Er hatte einen ſchwarzen Rand; auch das Siegel war ſchwarz. Go⸗ dolphin's Herz weiſſagte ihm nichts Gutes; zitternd öffnete er ihn und las Folgendes: „Lieber Perch! „Ich habe Dir Nachrichten mitzutheilen, von denen ich nicht weiß, ob ich ſie gut oder ſchlimm nennen ſoll. Für's Erſte iſt Dein Vetter, der alte Sonderling Harry Johnſtone, geſtorben, und hat Dir von ſeinem ungeheuren Vermögen die winzige Summe von zwanzigtauſend Pfund hinterlaſſen, Aber bemerke wohl! unter der Bedingung, daß Du aus dem Militär trittſt und entweder bei mir wohnuſt oder wenigſtens London bis zu Deiner Volljährigkeit ver⸗ läſſeſt. Wenn Du auf dieſe Bedingungen nicht ein⸗ gehſt, ſo Herlierſt Du das Legat. Es iſt ſeltſam, daß dieſer ſonderliche Charakter ſo ſehr für Deine Moral beſorgt iſt und mir doch keinen Schilling hinterläßt. Aber die Gerechtigkeit iſt heutiges Tages aus der Mode; man übt nur die Tugenden zum Schein. Wenn Du Dich entſchließen ſollteſt, hieher zu kommen, ſo bitte ich Dich, mir zwölf Ellen Haus⸗ flanell nach beiliegender Probe mitzubringen. Snugg in Oxford⸗Street in der Nähe von Tottenham⸗Court⸗ Road iſt mein Kaufmann. Es iſt freilich recht hübſch von dem alten Johnſtone: aber ſeltſam genug, mich ſo ganz zu ubergehen. Wie wurdeſt Du bekannt mit ihm? Die zwanzigtanſend Pfund werden der armen Beſitzung indeß ſchon zugute kommen. Ich bitte Dich, ſorge dafür, Perey— ſorge dafür.“ „Ich habe zum erſtenmal einen Anfall von Gicht gehabt. Ich habe noch zu gut gelebt— durch ge⸗ hörige Enthaltſamkeit hoffe ich ſie zu überwinden. Meine Empfehlungen an den glattzüngigen Schurken Saville. Dein liebender Vater A. G. P. S. Habe die alte Sally entlaſſen, weil ſie mit dem Metzgergeſellen geliebäugelt: dergleichen Zärt⸗ lichkeiten machen nur das Fleiſch theuer. Beß iſt jetzt meine einzige Dienerin außer dem alten Geſchöpf, welches die Ruinen zeigt. um ſo beſſer. Welch ein iſt ober kit ver⸗ ht ein⸗ eltſam, Deine chilling Tages n zum hieher Haus⸗ Snugg Court⸗ hübſch „mich nt mit armen e Dich, Gicht ech ge⸗ vinden. churken veil ſie Zärt⸗ eß iſt ſchöpf, ch ein 51 ercentriſcher Kopf dieſer Johnſtone war! Ich haſſe excentriſche Leute.“ Der Brief fiel Perey aus der Hand. Und dies war alſo der Erfolg ſeiner einzigen Unterredung mit dem armen alten Manne! Wunderliche und ſeltſame Ereigniſſe waren es, die ihm einen ſtarken Anflug von Aberglauben einflößten. Späterhin verhandelte er Con amore mit Schickſalsfügungen und geheim⸗ nißvollen Einwirkungen. Man kann überzeugt ſein, daß Perch in jener Nacht wenig ſchlief. Früh am nächſten Morgen ſuchte er Saville auf, und theilte ihm die empfangene Nach⸗ richt mit. „Drollig genug!“ ſagte Saville gedehnt und nicht wenig ärgerlich über dieſe Godolphin von einem An⸗ dern erwieſene Großmuth; denn gleich allen engher⸗ zigen Menſchen war auch Saville neidiſch—„Drol⸗ lig genug! hm! Und Du ſahſt ihn nur einmal, und da ſchimpfte er auf mich? Das nimmt mich Wunder, denn ich war ſeinem Sohne doch weſentlich nützlich.“ „Wie, hatte er einen Sohn?“ „Ja, ſo eine zweibeinige, plumpe und knochen⸗ derbe Kreatur ließ ſich auf einmal in London wie ein Schneehuhn ſehen. Der alte Johnſtone befand ſich auf dem Lande, um ſeine Frau zu pflegen, die ſeit ihrer Verheirathung durch die Behandlung ihres Gatten den Gebrauch»ihrer Glieder eingebüßt hatte. Im angehenven Jünglingsalter kam, als einziger Sohn und Erbe, der Bengel nach London und wurde bei mir eingeführt. Ich patroniſirte ihn, ſtutzte ihn ——— ——— —— ein wenig für die Modewelt zu, ſpielte ein wenig Karten mit ihm, gewann ihm etwas Geld ab, wollte nichts mehr von ihm gewinnen, rieth ihm, dem Spiele zu entſagen, und bemerkte ihm, daß er dazu noch zu jung wäre. Er achtete aber nicht auf meinen Rath, ſpielte fort und ſchnitt ſich eines Morgens die Kehle ah; der Vater aber ſchob mir zu meinem nicht ge⸗ ringen Erſtaunen die Schuld zu.“ Gydolphin ſtand in ſprachloſem Abſcheu wie er⸗ ſtarrt da. Von Stund an hegte er keine Liebe mehr für Saville. „Wahr iſt's,“ fuhr Saville leichten Tones fort, „der Junge hatte bedeutend verloren. Der Vater war ein finſterer, ſtrenger Mann, und der arme Junge mochte wohl ſeinen Zorn fürchten. Ich muß glau⸗ ben, der Herr Papa hielt mich für eine Art von moraliſchem Wehrwolf, der alle Jünglinge frißt, die ihm in die Hände gerathen, da er Dir zwanzig⸗ tauſend Pfund unter der Bedingung vermachte, daß Du auf Deiner Hut ſein und meine Burg meiden ſollſt. Ei, ei, wie ſchmeichelhaft für mich! Und j wohin willſt Du gehen? Nach Spanien?“ Percy wurde von dieſer Geſchichte ſehr ergriffen. Er beklagte von Herzen, daß er den des Sohnes be⸗ raubten Vater nicht aufgeſucht, und ihm während ſeiner letzten Lebenstage einigen Troſt gewährt habe. Lebhaft empfand er die Theilnahme und das Zart⸗ gefühl, wodurch der alte Mann zum Mitleiden gegen das Loos der Verlaſſenheit ſeines jugendlichen Ver⸗ wandten angeregt worden war; indem er ſein Ge⸗ ſchen durc häng derb Schr jetzt bewt verä Ged chen. und Miül beda gehr läßli ziges verle dolp dem die 2 lern God Pfu Zwa geſe len, als einet venig vollte Spiele ch zu Rath, Kehle t ge⸗ ie er⸗ mehr fort, Vater Junge glau⸗ t n ßt, die anzi⸗ daß meiden und griffen. es be⸗ ährend t habe. 3 Zart⸗ gegen n Ver⸗ in Ge⸗ 53 ſchenk der Großmuth mit einer Bedingung verband, durch welche hoffentlich Perch's Trachten nach Unab⸗ hängigkeit gemäßigt und er dem Schauplatze der Ver⸗ derbtheit und der Verführung würde entzogen werden. Schwermüthig und gedankenvoll begab ſich Godolphin jetzt in die Wohnung der nunmehr berühmten und bewunderten Miß Millinger. Fanny hörte die Nachricht von Perch's Glücks⸗ veränderung mit einem Lächeln und weinte bei dem Gedanken an ſeine Abreiſe aus England ein Thrän⸗ chen. Es gibt Verbindungen, deren Tiefe ſich gleich und leicht ergründen läßt, und an denen man ohne Mühe wahrnimmt, wie der eine Theil niemals darauf bedacht iſt, von dem andern Theile Opfer zu be⸗ gehren, die ernſteren Herzensvereinigungen als uner⸗ läßlich erſcheinen. Fanny ließ es ſich nicht ein ein⸗ ziges Mal enfallen, ihre theatraliſche Laufbahn zu verlaſſen und Godolphin zu begleiten, während Go⸗ dolphin mit keinem Gedanken daran dachte, etwas dem Aehnliches von Fanny zu verlangen. Das ſind die Verbindungen der großen Welt, mein guter Leſer, lerne aus ihnen die große Welt kennen! Bald war Alles abgemacht. Leicht entledigte ſich Godolphin ſeines Patents als Cornet. Sechshundert Pfund jährlich wurden ihm von den Zinſen ſeiner Zwanzigtauſend während ſeiner Minderjährigkeit aus⸗ geſetzt. Damit konnte er eine anſtändige Rolle ſpie⸗ len, wenn nicht als engliſcher vornehmer Herr, doch als Weltbürger. Kaum ſechzehn Jahre alt, doch mit einem durch frühzeitige Unabhängigkeit halb ausge⸗ bildeten aber auch halb entnervten Charakter, ſah der junge Godolphin die Küſten Englands zurückweichen und fühlte ſich allein in der weiten Welt— Herr ſeines Geſchicks. Zehntes Kapitel. Conſtanzens Geiſtesbildung. Inzwiſchen wuchs Conſtanze Vernon zur Jung⸗ frau und Schönheit heran. Alles um ſie her trug dazu bei, die düſtere Erinnerung zu nähren, welche die Worte ihres ſterbenden Vaters ihr eingeflößt hatten. Von Natur ſtolz und raſch empfänglich, empfand ſie Verletzungen, ſelbſt wenn ſie zufällig waren, mit tiefem und brütendem Grolle. Das verlaſſene und abhängige Mädchen mußte allerdings manchen bittern Beweis erfahren, wie ihre Lage in einer Welt nicht vergeſſen war, in welcher Rang und Reichthum für Cardinaltugenden gelten. Manches Geflüſter, man⸗ ches abſichtliche leiſe Wort drang in Conſtanzens Ohr und ließ Conſtanzens ſonſt blaſſe Wangen erröthen. Dadurch wurde des Mädchens innere Bitterkeit nur noch erhöht, der warme Strom ihrer jugendlichen Neigungen erſtarrte durch dergleichen Ergebniſſe, und ihr bitterer Haß wurde nur um ſo mehr gegen eine Geſellſchaft geſteigert, die ihr zugleich als frech und werthlos erſchien. Sinnliche Genußſucht konnte un⸗ möglich ihrer verfeinerten Geſchmacksrichtung zuſagen, dies At gen als die Gl angebe Alles ringach Zirkeln hoffnut zu ver So der Ve keit fo Vorſitz glänzte herrſch Bitte ſtanze, lichen und ga Verno ſtolze nem 2 demütl zu räs entſtar Schön banne Reicht ihrer Macht der chen err ung⸗ trug elche tten. fand mit und ttern nicht für nan⸗ Ohr then. nur ichen und eine und un⸗ agen, 55 vies Auftreten, heute als ſtolz, vornehm, und mor⸗ gen als demüthig kriechend, dieſe Verehrung der Macht, die Gleichgültigkeit gegen Tugend, wodurch die Ton⸗ angeber der vornehmen Welt ſich charakteriſiren— dies Alles konnte bei Conſtanzen nur Verdruß und Ge⸗ ringachtung erregen, ſo daß ſie ſich in den glänzenden Zirkeln, zu denen ſo viele in thörichtem Streben mit hoffnungsloſem Ehrgeiz aufblickten, nur bewegte, um zu verſpotten, zu verabſcheuen und zu verachten. So lebhaft und anhaltend wurde dieſes Gefühl der Verachtung genährt, daß es mit gleicher Bitter⸗ keit fortdauerte, als Conſtanze ſpäter Königin und Vorſitzerin jener vornehmen Welt wurde, in der ſie glänzte— doch nur um zu blenden, nicht um zu herrſchen. Was anfangs eine überſpannte, widerſinnige Vitte ihres Vaters geſchienen hatte, wurde für Con⸗ ſtanze, als ihre Erfahrung reifte, zu einem ganz natür⸗ lichen und lobenswerthen Befehle. Sie gerieth ganz und gar in den Strom eben derjenigen Partei, welcher Vernon's falſche Freunde anhingen. Sie beſchloß, die ſtolze Anmaßung um ſie her nicht ſowohl aus eige⸗ nem Verlangen, als vielmehr in dem Wunſche zu demüthigen, ihrem Vater gehorſam zu ſein und ihn zu rächen. Aus ihrer Verachtung gegen den Rang entſtand nütürlich ein Streben nach Rang. Die junge Schöne beſchloß, die Liebe aus ihrem Herzen zu ver⸗ bannen, ſich nur einem Zwecke zu weihen, Titel und Reichthum zu gewinnen, um ſo im Stande zu ſein, ihrer ätzung dieſer Eigenſchaften an Andern Macht und Beharrlichkeit zu geben, und in der Stille ——— — 56 der Nacht wiederholte ſie das Gelübde, welches ihren Vater auf ſeinem Sterbebette getröſtet hatte, und faßte den feierlichen Entſchluß, alle Liebe in ihrem Buſen zu erſticken, und einzig und nur des Ranges und Ein⸗ fluſſes wegen zu heirathen. Als die Tochter eines ſo berühmten Politikers war es natürlich, daß Conſtanze ſich für Politik intereſ⸗ ſirte. Sie horchte mit Lebhaftigkeit und Begierde auf jede Verhandlung über Staatsangelegenheiten. Sie er⸗ faßte mit männlicher Glut ſolche Geſinnungen, die man damals für den höchſten Liberalismus hielt, und betrachtete jene Laufbahn, welche die Geſellſchaft dem Manne vorbehalten hat, als die edelſte und erhabenſte in der Welt. Sie verfluchte insgeheim ihr Lvos, daß ſie ein Weib und verhindert ſei, perſönlich die Ge⸗ ſinnungen zur Ausführung zu bringen, die ſie leiden⸗ ſchaftlich erfaßte. Inzwiſchen ließ ſie die glänzende Waffe des Witzes nicht roſten, die zu Zeiten die ganze beißende Energie ihrer Verachtung verkörperte. Auf Unverſchämtheit erwiderte ſie mit Sarkasmus, und da ſie früh zu begreifen fähig war, daß die Geſell⸗ ſchaft, gleich der Tugend, muß mit Füßen getreten werden, um ihren Weihrauch zu verbreiten, ſo er⸗ langte ſie durch ihr vornehmes Weſen, durch die Furcht⸗ loſigkeit ihrer Satire und durch die Unabhängigkeit ihres Geiſtes weit mehr Anſehen als durch ihre verſchiedenen Fähigkeiten und ihre unvergleichliche Schönheit. über Lady Erpingham hatte ſie ſich durchaus nicht zu beklagen freunvlich, umgänglich, ſorglos und charak⸗ terlos, verwundete ihre Beſchützerin ſie zuweilen aus Nach! liebte eben brilla Tocht Erpit Gewö Beſch amn Unterr leiden⸗ inzende ganze Auf nd Ge ſell⸗ etreten ſo er⸗ Furcht⸗ tihres edenen s nicht harak⸗ n aus 57 Nachläſſigkeit, aber nie mit Abſicht; im Gegentheil liebte und bewunderte die Gräfin ſie ſogleich, und war eben ſo lebhaft beſorgt, daß ihre Schutzbefohlene eine brillante Partie machen möge, als wenn ſie ihre eigene Tochter geweſen wäre. Conſtanze liebte daher Lady Erpingham mit aufrichtiger Wärme und ſuchte alles Gewöhnliche und Kleinliche in dem Charakter ihrer Beſchützerin zu vergeſſen, wogegen Conſtanze ſonſt am wenigſten nachſichtig würde geweſen ſein. Elftes Kapitel. Unterredung zwiſchen Lady Erpingham und Conſtanze— Wei⸗ tere Auskunft über Govolphin's Familienverhältniſſe. Lady Erpingham war Wittwe und im Beſitze eines ſehr anſehnlichen Vermögens, denn ſie war die Tochter und Erbin eines Herzogs. Das ſtattlichſte der Land⸗ häuſer, die ihr verſtorbener Gemahl beſeſſen hatte, war zu ihrem Wittwenſitz beſtimmt worden. Dorthin ging die Lady pünktlich am erſten Auguſt in jedem Jahr, um es eben ſo pünktlich am achten Januar wieder zu verlaſſen. Einige Jahre, nachdem Godolphin England ver⸗ laſſen hatte, und im Sommer, der auf den Frühling folgte, wo Conſtanze in die Zirkel der großen Welt eingeführt worden war und wo ſie ſo glänzend debütirt hatte, daß man ſich noch viele Jahre ſpäter nicht nur der Senſation erinnerte, die ſie erregt, ſondern auch viel davon ſprach, war es Conſtanzen, ungeachtet ihres genoſſenen Triumphes, nicht unangenehm, in den Hai⸗ nen von Wendover-Caſtle Zuflucht vor jener Huldi⸗ gung zu ſuchen. „Wann, theure Lady,“ ſagte ſie eines Morgens, als ſie mit der Gräfin auf der Terraſſe unter den Fenſtern des Herrenhauſes auf und ab ging, von wo man weithin die Gegend überſah,„beſuchen Sie ein⸗ mal mit mir jene Ruinen, von denen ich ſo viel und ſo oft erzählen hörte, und die zu beſehen ich Sie nie⸗ mals habe bewegen können? Sehen Sie! das Wetter iſt ſo heiter, daß wir von hier aus die Umriſſe des alten Schloſſes erblicken können— dort, rechts von jener Kirche! Es kann gar nicht weit von Wendo⸗ ver ſein.“ „Die Godolphinpriorei iſt zwölf(engl.) Meilen von hier,“ entgegnete Lady Erpingham,„doch ſie ſcheint näher zu ſein, da ſie auf einem hohen Punkte ſteht. Der arme Arthur Godolphin! er iſt unlängſt mit Tode abgegangen!“— und Lady Erpingham ſeufzte. „Ich hörte Sie nie zuvor von ihm reden!“ „Mein Schweigen mochte wohl ſeinen Grund haben, Conſtanze. Arthur war unter allen Männern, die ich ſah, derjenige, welcher mir in Deinen Jahren am ein⸗ nehmendſten erſchien. Nicht, als wäre ich verliebt in ihn geweſen, oder als hätte er mir irgend Veranlaſ⸗ ſung gegeben, mich in ihn aus Dankbarkeit für mir erwieſene Gunſt zu verlieben. Es war bloß eine eitle und flüchtige Mädchenphantaſie— nichts weiter.“ „Und der junge Godolphin— der Knabe, der ſich ſhon außer / jener möcht wand E reits Länd Dörf phint ſehen Güte mehr phin eilen ſie 59 ſchon in zartem Alter durch ſein exeentriſches Leben außerhalb Landes bekannt machte?“ „Iſt Arthurs Sohn, der gegenwärtige Eigenthümer jener Ruinen; doch beſitzt er wohl wenig mehr; es möchten denn die überbleibſel eines von einem Ver⸗ wandten geerbten Vermächtniſſes ſein.“ „War der Vater denn ein Verſchwender?“ „Er nicht, aber ſein Vater verſchuldete ein be⸗ reits mit Schulden belaſtetes Erbtheil noch mehr. Alle Ländereien, die wir von hier aus erblicken— jene Dörfer, jene Waldſtrecken gehörten ehemals den Godol⸗ phins. Ihre Familie war eine der älteſten und ange⸗ ſehenſten in dieſem Theile von England; allein die Güter ſchmolzen mit jeder folgenden Generation immer mehr hin, und als Arthur Godolphin— mein Godol⸗ phin— zu dem Nachlaſſe gelangte, hatte er nur die Wahl zwiſchen drei übeln— einem Gewerbe, der Armuth, oder einer reichen Heirath. Mein Vater, der mich längſt für den Lord Erpingham beſtimmt hatte, gab zu verſtehen, Herr Godolphin wünſche in mir die zuletzt erwähnte Hülfsquelle zu finden, und dieſe Hülfs⸗ quelle ſei mein einziger Reiz in ſeinen Augen. Wahr⸗ ſcheinlich hielt er bei meinem Vater, dem Herzoge, um mich an; gegen mich aber ſchwieg er, obgleich er von mir gewiß weniger eine abſchlägliche Antwort zu erwarten hatte.“ „Was that er endlich?“ „Er heirathete eine Dame, die für reich galt, hatte ſich jedoch kaum ein Jahr ihres Vermögens er⸗ freut, als es durch einen Prozeß angefochten wurde, 60 Er verlor den Prozeß und die Mitgift, und, was noch ſchlimmer war, die Gerichtskoſten, und die Summen, die er zurückzahlen mußte, verſetzten ihn in einen Zu⸗ ſtand, den man für einen Mann ſeines Ranges dürf⸗ tige Armuth nennen konnte. Dies Ereigniß nagte ihm am Herzen und verfeindete ihn mit der Welt. Er zog ſich in jene Trümmer, oder vielmehr in das neben denſelben ſtehende Landhäuschen zurück, wo er bis zu ſeinem Tode geſellſchaftſchen lebte und gewiß ungleich weniger als ſein Einkommen verzehrte.“ „Ich verſtehe Sie, er wurde ſparſam.“ „Bis zu einem ſolchen Grade, daß ſeine Nach⸗ barn ihn geizig nannten.“ „Und ſeine Gattin?“ „Armes Weib! ſie war nichts weiter als eine vor⸗ nehme Dame und ſtarb, glaube ich, an demſelben Verdruſſe, der ihrem Gatten lebenslänglich am Herzen nagte.“ „Hatten ſie nur einen Sohn?“ „Nur den gegenwärtigen Beſitzer— Percy, ja, Perey heißt er nach dem Familiennamen ſeiner Mutter — Perch Godolphin.“ „Und wie kam es, daß dieſer arme Knabe ſo früh⸗ zeitig in die Welt hinausgeſtoßen wurde? Hatte er Zank mit ſeinem Vater?“ „Ich glaube nicht, und weiß nur ſo viel, daß Perey, etwa fünfzehn Jahre alt, die düſtere Schule verließ, die er beſucht hatte, und ſich eine Zeitlang bei einem weitläufigen Verwandten, Namens Auguſt Saville, aufhielt. Er blieb etwa ein Jahr in London, ging war, Ein dann ſeinet ſitzer wahr E war Fami zeige Kein zwar ſelbe unter e vor⸗ ſelben Herzen ja, Nutter früh⸗ tte er „daß Schule itlang Auguſt nden, 61 ging mit ihm überall hin, obgleich er noch ein Knabe war, und eignete ſich ein zuverſichtliches Weſen an. Ein Vetter hinterließ ihm ein kleines Vermögen und dann ging er allein in's Ausland.“ „Aber die Ruinen!“ ſagte Conſtanze.„Ungeachtet ſeiner Zurückgezogenheit geſtattete der verſtorbene Be⸗ ſitzer derſelben einem Jeden, ſie zu beſehen, nicht wahr?“ „Er that's,“ antwortete Lady Erpingham.„Er war ſtolz auf das Aufſehen, welches die Trümmer ſeines Familienſitzes ſo allgemein erregten; er ließ ſie Jedem zeigen, der ſie ſehen wollte— ihn ſelbſt ſah jedoch Keiner. Das Landhäuschen, welches er bewohnte, ſteht zwar den Ruinen nahe, doch ward Niemand in daſ⸗ ſelbe eingelaſſen; auch iſt es ſo ummauert, daß das unter unſern Reiſenden ſo beliebte Fenſtergucken bei demſelben durchaus nicht angebracht iſt. Wie dem nun auch ſein möge, ich hatte während Arthurs Lebens⸗ zeit nimmer den Muth, einen Ort zu beſuchen, der für mich nur ein troſtloſer Schauplatz geweſen ſein würde. Jetzt dürfte ich weniger Schmerz bei einem ſolchen Beſuche empfinden, und da Du es wünſcheſt, ſo können wir ja morgen hinüberfahren. Es iſt morgen ohnehin der dort übliche Tag des Beſehens.“ „Nicht, theuerſte Lady, wenn es Ihnen den ge⸗ ringſten—“ „Liebes Mädchen,“ unterbrach ſie Lady Erpingham, als ein Diener eintrat und Beſuchende anmeldete. „Willſt Du nicht in den Salon gehen, Conſtanze?“ ſagte die ältere Dame, als dächte ſie noch an Liebe Bulwer, Godolphin. 5 62 und an Arthur Godolphin, indem ſie ſich in ihr An⸗ kleidezimmer begab, um friſches Roth aufzulegen. Einen allerliebſten Spaß würde es für einen der kleineren Teufel abgegeben haben, wenn während der früheren Gefühle der Lady Erpingham für Arkhur Godolphin er der Dame die Stunde vorhergeſagt hätte, wo ſie erzählen würde, wie Arthur Godolphin als Geizhals geſtorben— wie ſie ſolches fünf Minuten früher erzählen würde, ehe ſie ſich an den Putztiſch begab, um die Wange des Alters für die achtloſen Blicke eines Alltagsbekannten mit erheuchelter Jugend⸗ friſche aufzuputzen. Aher dies iſt der Lauf der Welt! Ich meinerſeits würde es unternehmen, in dem Doh⸗ lengeniſte meinen Fenſtern gegenüber eine beſſere Welt aufzufinden. Zwölftes Kapitel. Godolphin's Haus wird beſchrieben— Erſtes Zuſammentreffen— Wirkung deſſelben auf Conſtanze. „Aber,“ fragte Conſtanze, als ſie am nächſten Tage mit Lady Erpingham die verabredete Wallfahrt zu den Ruinen der Govolphinpriorei begonnen hatte, „wenn der verſtorbene Herr Godolphin bei zuneh⸗ menden Jahren ſo ſparſam wurde, war er denn nicht im Stande, ſeinem Sohne noch einiges Vermögen außer der kleinen Beſitzung zu hinterlaſſen, die wir zu beſuchen im Begriff ſind?“ „Er muß freilich wohl einiges baares Geld hin⸗ terlaſſen haben,“ antwortete Lady Erpingham;„aber den klein Park Lady der b Gra dehn Seit denr und Flut terg len war stiſch loſen ögen wir hin⸗ aber 63 iſt es wahrſcheinlich, daß ein ſo junger Mann, wie Percy Godolphin, in der Art kann gelebt haben, wie er gethan, ohne Schulden zu machen? Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß er zu Perſonen ſeine Zuflucht genommen, welche die jungen Männer ſo gern zu Ausſchweifungen ermuthigen, und daß die Bezahlung derſelben mehr als den ganzen Nachlaß ſeines Vaters erfordern wird.“ „Wahr genug!“ ſagte Conſtanze, und die Unter⸗ redung beſchränkte ſich auf Bemerkungen über geizige Väter und verſchwenderiſche Söhne. Conſtanze war witzig über dieſen Gegenſtand und Lady Erpingham lachte ſich in eine vortreffliche Laune. Es war ſchon weit über zwölf Uhr, als ſie bei den Ruinen ankamen. Der Wagen hielt vor einem kleinen Gaſthauſe am Eingange des vernachläſſigten Parks an, und das ſchöne Wetter benützend, gingen Lady Erpingham und Conſtanze langſam auf die Ruinen der Priorei zu. Die Scene, der ſie ſich näherten, war in hohem Grade wild und maleriſch. Ein großer, ſpiegelheller See dehnte ſich vor ihnen aus, und an deſſen entgegengeſetzter Seite ſtanden die Trümmer. Das große, runde Fenſter — der hohe, gothiſche Bogen— die verfallene und dennoch majeſtätiſche Säule, Alles vom Alter gebräunt und bemoost, ſpiegelte ſich in der wellenloſen, ſtillen Flut. Steintrümmer lagen weit umher, und den Hin⸗ tergrund des Ganzen bildeten Hügel, die mit dunk⸗ len und dichten Lerchenbäumen und Föhren bewachſen waren. Links ſah man den Fluß, der dem See das ——— —— 64 Waſſer zuführte, der zwiſchen begrasten Ufern dahin⸗ floß, die mit Weiden und Eichen bekränzt waren. Aus einigen Hütten wirbelte ein dünner Rauch in die Luft. Zur Rechten brach ſich die Ebene in tauſend kleine Thäler und Schluchten; das vom Reh geliebte Farrnkraut und der goldfarbige Ginſter zeigten ſich in Fülle, und über ihnen dichte Haine von Zwerg⸗ holz oder einzelne höhere Bäume, die noch in ihrem Hinſterben grünten, denn an Alles, was ſich zeigte, hatte die Zeit mehr oder weniger ihre zerſtörende Hand gelegt. Als ſie über eine kleine Brücke gingen, die zu beiden Seiten des Fluſſes aus einem Dickicht hervor⸗ zuſchießen ſchien, erblickten ſie die kleine Wohnung in der Nähe der Ruinen. Sie zeigte ſich über und über mit Epheu bedeckt, ſo daß ſie den romantiſchen und großartigen Eindruck, den das verfallene Hauptge⸗ bäude machte, eher erhöhte als verringerte. Die Damen öffneten eine kleine Pforte am andern Ende der Brücke und ſtanden nach wenigen Minuten am Eingange der Priorei. Es war eine mit Nägeln beſchlagene eichene Thür. Zu beiden Seiten wuchs Jasmin, ſo daß ſie Mühe hatten, zwiſchen den Blättern deſſelben die Glocken⸗ ſchnur zu finden. Endlich erſcholl der helle Klang der Glocke durch die verödete Gegend mit einer Wirkung, die in ihrem Contraſte etwas Erſchreckendes und Ein⸗ drucksvolles hatte. Die heitere Stimme einer durch eine wilde Naturſecene hin ertönenden Glocke hat etwas Feenhaftes, beſonders aber iſt es der Fall, wo die Zeit gelte hafti ſcha Mer liſch noch Sie hatt gewt ich g Schi die 2 ſeine ( kame Bog die welc die v dolp als der verſe Schl Trez wo zuru ahin⸗ aren. uſend liebte ſich verg⸗ hrem eigte, rende und dern mten hür. Nühe cken⸗ der ung, Ein⸗ urch twas die 65 Zeit ihr Anrecht auf Herrſchaft über die Landſchaft geltend macht; denn in dem Klange iſt etwas Geiſter⸗ haftes, als erſchalle ein Sturmgeläut für die Elfen⸗ ſchaaren, die durch den herannahenden Fußtritt des Menſchen ſich aufgeſchreckt und geſtört fühlen. Eine alte Frau, in der ſaubern Kleidung eng⸗ liſcher Landleute, wiewohl in der Mode derſelben um noch ein halbes Jahrhundert zurück, öffnete die Pforte. Sie war die einſame Führerin durch die Ruinen, hatte als kinderloſe Wittwe ſeit dreißig Jahren hier gewohnt, und dürfte unter allen Ihresgleichen, die ich geſehen habe, am beſten die Heroine zu einer jener Schilderungen des häuslichen Lebens abgegeben haben, die Wordsworth uns mit der patriarchaliſchen Zartheit ſeines Genies entworfen het. Sie wandelten einen ſchmalen Pfad entlang und kamen in die Ruinen der großen Halle. Die gothiſchen Bogen deſſelben ſprangen leicht zu beiden Seiten in die Höhe und ließen in eine große Niſche blicken, in welcher die Führerin die Handſchuhe, den Helm und die verwitterten Banner zeigte, welche demjenigen Go⸗ dolphin gehört hatten, der neben Sidney gefochten, als dieſer, deſſen Leben, wie Campbell, der edelſte der britiſchen Lyriker, irgendwo ſagt,„in Thätigkeit verſetzte Poeſie“ war, ſeine Todeswunde auf dem Schlachtfelde bei Zutphen empfing. Von dort ſtiegen ſie eine verfallene und morſche Treppe hinauf und gelangten in ein kleines Zimmer, wo die Beſucher gewöhnlich eingeladen wurden aus⸗ zuruhen und den unten befindlichen Garten zu be⸗ 66 trachten. An der Stelle des ehemaligen Fenſters gähnte hier eine große Offnung, die in phantaſtiſcher üppigkeit mit Epheu umkränzt war. Eine Art von Leiter führte aus dieſer Offnung diejenigen hinunter, welche durch die Ausſicht zu einer kurzen Ausflucht im Park ver⸗ lockt wurden. Und die Ausſicht war in der That lockend! Ein ebener Raſenplatz, von Geſträuchen und Blumen um⸗ geben, war in der Mitte mit einem Springbrunnen verziert. Das Waſſer war freilich ausgetrocknet; aber das Baſſin und der Triton mit ſeiner umkränzten Muſchel waren noch da. Ein wenig zur Rechten ſtand ein alter Sonnenzeiger aus den Mönchszeiten und durch die grüne Lichtung erblickte man eine von jenen grauen grotesken Statuen, wodurch der eliſabethiſche Geſchmack den klaſſiſchen Meißel entweihte. Der ganze Ort hatte etwas Stilles und Ehr⸗ würdiges,⸗und als die alte Frau zu Conſtanzen ſagte: „Iſt es Ihnen nicht gefällig, mein Fräulein, hin⸗ unterzugehen, um den Sonnenzeiger und den Spring⸗ brunnen anzuſehen?“ da fühlte Conſtanze, daß nichts weiter erforderlich ſei, um ihrer Neigung nachzugeben. Lady Erpingham, die weniger abenteuerlich war, blieb in dem verfallenen Gemache zurück und natürlich be⸗ ehrte die alte Frau die ältere Dame mit ihrer Ge⸗ ſellſchaft. Conſtanze ſtieg daher allein die rauhen Stufen hinunter. Als ſie an dem Springbrunnen vorüberging, bemächtigte ſich ein unbeſchreibliches und köſtliches Ge⸗ fühl der Ruhe ihres Geiſtes, welcher ſelten eine ſo natü Stu das Zuſt Zeit müß ſagte könn nun zu ſ Geiſ Schi . loſe men and hnte gkeit hrte urch ver⸗ Ein um⸗ nnen aber zten ſtand urch auen mack Ehr⸗ gte: hin⸗ ring⸗ nichts eben. blieb h be⸗ Ge⸗ tufen ging, Ge⸗ ne ſo 67 natürliche und ſo ſanfte Empfindung erlebte. Die Stunde, die Stille, die Scene, Alles vereinte ſich, das Herz in jenen träumeriſchen und halb unbewußten Zuſtand zu verſetzen, in dem die Eremiten der älteren Zeit, wie Dichter wähnen, ihr Leben hinbrachten, müßig, aber dennoch nicht unweiſe.„Mich dünkt,“ ſagte ſie bei ſich ſelber,„indem ich mich umſehe, könnte ich meine Lebenszwecke aufgeben, meinen Hoff⸗ nungen entſagen, vergeſſen, ränkevoll und ehrgeizig zu ſein, in dieſen Ruinen leben und“(flüſterte der Geiſt in ihr)„geliebt und liebend das gewöhnliche Schickſal des Weibes erfüllen.“ In einer Stimmung, der ſich die ſtolze und ruhe⸗ loſe Conſtanze, welche die Liebe als die ärmlichſte aller menſchlichen Schwächen verachtete, obgleich für jede andere Art der Romantik leicht empfänglich, noch nie hingegeben, wanderte ſie von dem Raſenplatze in eine von den Alleen, die den Hain durchſchnitten. Von dem Gemurmel eines ungeſehenen Baches angezogen, ſpürte ſie ihn durch die Bäume auf, als das Geräuſch deſſelben lauter und lauter wurde, bis ſie ihn endlich erblickte. Die Sonne, die nur zuweilen durch die Bäume fiel, ſpielte launenhaft auf dem kalten und dunklen Waſſer, als es vorüberglitt, und gab ihr, wie der⸗ ſelbe Effekt tauſend Dichtern, reichen Stoff zu einem Gleichniß oder einer Moral. Sie näherte ſich dem Bache und erblickte plötzlich die Geſtalt eines jungen Mannes, der ſich an einen verkrüppelten, über das Waſſer hinaushängenden Baum lehnte und das kindiſche Spiel trieb, Kieſelſteine in — — —— —— 68 den Bach fallen zu laſſen. Sie ſah nur ſein Profil; doch dieſer Anblick iſt in einem ſchönen Geſichte faſt immer der ausdruckvollſte und einnehmendſte, und bei dem Geſichte vor ihr war dies im hohen Grade der Fall. Der Fremde, der kaum aus den Knabenjahren getreten zu ſein ſchien, war in tiefer Trauer. Er erſchien ſchlank und von kleiner Statur. Eine Reiſe⸗ mütze von Zobelfell ſtach gegen ſein hellbraunes Haar von beſonderer Fülle und Schönheit ab, ohne daſſelbe zu verbergen. Seine Züge waren rein griechiſch, was den einzigen Fehler hat, daß es in ſeiner höchſten Vollendung etwas Hartes und Strenges hat. Sein Geſicht hatte wenig Farbe und war beinahe bleich zu nennen; doch die ganze Form und die Umriſſe des Kopſes waren voll Verſtand und bezeichneten jenes Vertieftſein des Geiſtes, welches man an Niemand bemerken kann, ohne daß es eine gewiſſe unbeſtimmte Neugierde und Intereſſe erregt. So dunkel und wunderbar wirkt unſere Natur, daß kaum Einer unter uns iſt, ſo leichtfertig und gedankenlos er auch ſein mag, der nicht bei dem An⸗ blick des Geſichts eines Menſchen in tiefem Nachdenken ſtutzen und das Verlangen hegen würde, die Geheim⸗ niſſe zu durchdringen, welche jene Welt— von Natur die unbegrenzteſte, aber oft durch Gewöhnung die engſte— die Welt des Innern birgt. Und dieſes mächtige Intereſſe bezauberte und feſſelte Conſtanze ſogleich. Sie blickte eine Minute das Ge⸗ ſicht des jungen Fremden an, erröthete dann— ſie, das beſonnenſte und ſtolzeſte aller menſchlichen Weſen — und Zimt des v obgl ſo w ſelbe ihm fragt ſetzte fil; faſt bei der hren Er eiſe⸗ ar elbe was ſten Sein h zu des enes nand nmte tur, und An⸗ nken eim⸗ atr die ſelte Ge⸗ ſie, Leſen 69 — wendete ſich verwirrt, aber ungeſehen, leicht um und hielt nicht auf ihrem Wege an, bis ſie das alte Zimmer und Lady Erpingham erreichte. Die alte Fran ſprach gerade von den Verdienſten des verſtorbenen Beſitzers der Godolphinpriorei.„Denn obgleich man ihn karg nannte und ſo weiter, Mylady, ſo war er doch großmüthig gegen Andere; nur ſich ſelber guälte er. Aber der gegenwärtige Herr wird ihm darin nicht nachfolgen.“ „Iſt Herr Percy Godolphin kürzlich hier geweſen?“ fragte Lady Erpingham. „Er iſt gegenwärtig im Landhauſe, Mylady,“ ver⸗ ſetzte die alte Frau.„Er kam erſt vor zwei Tagen an.“ „Sieht er ſeinem Vater ähnlich?“ „O nein, er iſt kein ſo ſchöner Herr! viel kleiner und etwas bläßlich. Scheint kränklich zu ſein; die fremden Länder thun Niemand gut. Er war im fünfzehnten Jahre ein ſo hübſcher Junge, wie ich nur je einen geſehen; aber jetzt iſt er nicht mehr derſelbe.“ So war es alſo Percy Godolphin geweſen, den Conſtanze am Bache geſehen— der Beſitzer eines Hau⸗ ſes ohne Geldkaſten und eines Landguts ohne Renten, derſelbe Perch Godolphin, von dem, ehe er noch das Alter erreicht, wo Andere die Univerſität oder die Schule zu verlaſſen pflegen, Jeder redete— Einige günſtig, aber Alle mit Lebhaftigkeit. Conſtanze empfand ein unbeſtimmtes Intereſſe für ihn in ihrem Gemüthe; ſie unterdrückte es, denn es war eine Sünde in ihren Augen, mit Intereſſe an einen Mann zu denken, der weder reich noch einflußreich war, und als — ———— ſie mit Lady Erpingham die Ruinen verließ, theilte ſie der Letzteren ihr Abenteuer mit. Sie war indeß nicht aufrichtig, denn wenn gleich Godolphin's Geſicht von der Art war, wie Conſtanze es am meiſten be⸗ wunderte, ſo beſchrieb ſie ihn doch gerade ſo⸗ wie die alte Frau gethan, und Lady Erpingham ſtellte ſich nach der Schilderung einen kleinen, gelben Menſchen mit hellem Haar und einer Stumpfnaſe vor. O Wahr⸗ heit! welch ein rauher Pfad iſt der deine! Bleibt irgend Jemand in der unbedeutendſten Kleinigkeit nur drei Zoll hinter einander auf demſelben? Und doch ſind zwei Seiten meines Bibliothekzimmers mit Ge⸗ ſchichtswerken angefüllt! Dreizehntes Kapitel. Es wird kin Ball angekündigt— Godolphin beſucht das Schloß Wendover— Sein Weſen und ſeine Unterhaltung. Außer ihrer Tochter Eleonore, die ſich mit Herrn Clare, einem Parlamentsmitgliede von bedeutendem Vermögen verheirathet hatte, war Lady Erpingham mit einem Sohne geſegnet. Der gegenwärtige Graf war die letzten zwei Jahre auf Reiſen geweſen. Seit er zu dieſem Titel gelangt war, hatte er nie das Schloß Wendover beſucht, und eines Morgens hatte Lady Erpingham die Freudt, einen Brief von ihm zu erhalten, der von Dover datirt war und ſeine Abſicht ausdrückte, ihr einen Beſuch abzuſtatten. Zur Feier dieſes Ereigniſſes be⸗ heilte indeß eſicht n be⸗ ie die e ſich ſchen Vahr⸗ Bleibt it nur doch t Ge⸗ Schloß Herrn tendem ngham Jahre gelangt t, end Freudt, Dover einen ſe be⸗ 71 ſchloß Laby Erpingham einen großen Ball zu geben. Es wurden Karten an alle Familien in der Grafſchaft geſchickt und unter andern auch an Herrn Godolphin. Am dritten Tage, nachdem man dieſe Einladung an die zuletzt genannte Perſon abgeſchickt hatte, wurde Herr Perch Godolphin angemeldet, als Lady Erping⸗ ham und Conſtanze allein im Salon waren. Conſtanze erröthete, als ſie aufblickte, und Lady Erpingham war von dem Adel ſeines Weſens und der vollkommenen Sicherheit ſeines Benehmens betroffen. Und doch konnte nichts ſo verſchieden ſein, als ſein Betragen von dem, welches ſie zu bewundern gewohnt war— von dem, welches die feinſten Männersjener Tage zeigten. Die Ruhe, die Nachläſſigkeit, das verkünſtelte ſchmachtende Lächeln, das fade und doch ſo vorwurfsfreie Einerlei in dem Weſen der Engländer, wenn man ſie für hoch⸗ gebildet hält— Alles dies war das Entgegengeſetzte von Godolphin's Weſen und Benehmen. Kurz, in Allem, was er ſprach oder that, lag etwas Fremdes, etwas Ungewohntes. Er war abgebrochen und enthuſia⸗ ſtiſch in ſeiner Unterhaltung und wendete Geſtikula⸗ lativnen beim Reden an. Sein Geſicht erglänzte bei jedem Worte, welches er über ernſtere Gegenſtände der Unterhaltung ſprach. Man fühlte in ſeiner Nähe, daß man es mit einem Manne von Geiſt— mit einem wunderlichen und verzogenen Manne zu thun habe, der ſeine Gewohnheiten in der Einſamkeit, ſeine An⸗ muth in der Welt ſich angeeignet hatte. Sie ſprachen von den Ruinen der Priorei, und Conſtanze äußerte ihre Bewunderung der romantiſchen — — = 72 und maleriſchen Schönheit derſelben.„Ach!“ ſagte er lächelnd, aber mit leichtem Erröthen, worin Con⸗ ſtanze etwas von Schmerz zu entdecken glaubte,„ich hörte von Ihrem Beſuch bei meinem armen alten Steinhaufen. Mein Vater hielt viel auf die Ruinen, weil ſie einiges Aufſehen machten. Hat ein ſtolzer Mann keine Reichthümer, auf die er ſtolz ſein kann, ſo wird er ſogar ſtolz auf die Kennzeichen ſeiner Armuth. Dies war der Fall bei meinem armen Vater. Wäre er reich geweſen, ſo würden die Ruinen nicht vorhanden ſein; er würde das alte Herrenhaus neu aufgebaut haben. Da er arm war, rühmte er ſich ihres Daſeins, und meintz in jedem Moosbüſchel etwas Großartiges zu finden. Allein alles Leben iſt Täuſchung; aller Stolz, alle Eitelkeit, alle Pracht iſt eitel Trug. Gleich dem ſpaniſchen Hidalgo ſetzen wir eine Brille auf, wenn wir unſere Kirſchen verzehren, damit ſie uns zehnmal größer erſcheinen, als ſie wirklich ſind!“ Conſtanze lächelte, und Lady Erpingham, die mehr Herzensgüte als Delikateſſe beſaß, fuhr in ihrer Lob⸗ rede auf die Priorei und die Umgebung derſelben fort. „Der alte Park,“ ſagte ſie,„mit ſeinem Walde und ſeinem Waſſer, iſt ſo ſchön! Es fehlen nur einige Rehe, gerade zahm genug, um in die Nähe der Ruinen zu kommen, und wild genug, um davonzuſpringen, wenn ſich Jemand nähert!“ „Sie möchten einen Reiz vom Reichthum erborgen,“ ſagte Godolphin, der gegen die Gewohnheit der Eng⸗ länder gern auf ſeine Armuth anſpielte;„es paßt nicht für den Beſitzer einer verfallenen Priorei, die ariſt barer mal, ſoll, des e zurüc / Engl freun Sept Mon Sie und„ dürfte ſagte ladun ſagte „ mit e Unterr ſagte Con⸗ alten inen, olzer kann, einer ater. nicht nen ſich twas un Trug. Brille it ſie ind!“ mehr Lob⸗ fort. Walde einige uinen ngen, gen,“ Eng⸗ paßt i, die 7. ariſtokratiſchen Erhöhungen des Maleriſchen, jenes koſt⸗ baren Lurus, anzuwenden. Ach! ich weiß nicht ein⸗ mal, womit ich ein paar verirrte Rebhühner füttern ſoll, und ich höre, wenn ich über den grünen Raſen des ehemaligen Parks hinausgehe, könne man mich zurückweiſen und mir mein Recht zu jagen beſtreiten.“ „Lieben Sie die Jagd?“ ſagte Lady Erpingham. „Ich denke ja; doch habe ich dieſes Vergnügen in England nie genoſſen.“ „So kommen Sie zu uns,“ ſagte Lady Erpingham freundlich,„und bringen Sie Ihre erſte Woche im September hier zu. Laſſen Sie ſehen; der Erſte des Monats wird am nächſten Donnerſtag ſein; ſpeiſen Sie am Mittwoch bei uns. Wir haben hier Jäger und Hunde genng, Dank ſei es meinem Robert, daher dürften Sie nur Ihre Flinte mitbringen.“ „Sie ſind ſehr gütig, theure Lady Erpingham,“ ſagte Godolphin mit Wärme;„ich nehme Ihre Ein⸗ ladung mit Frenden an.“ „Ihr Vater war ein ſehr alter Freund von mir,“ ſagte die Lady mit einem Seufzer. „Ein alter Verehrer,“ ſagte der junge Mann mit einer Verbeugung. Vierzehntes Kapitel. Unlerredung zwiſchen Gobolphin und Conſtanze— Land⸗ und Stadtleben. Godolphin kam an dem verabredeten Mittwoch. Er war an dem Tage ſehr belebt und zeigte einen — ———— 74 glänzenden Witz. Lady Erpingham hielt ihn für den reizendſten Mann, und ſelbſt Conſtanze vergaß, daß er keine Partie für ſie war. Reich begabt und ge⸗ bildet, wie ſie war, hörte ſie nicht ohne Entzücken ſeine glühenden Schilderungen von Gegenden und ſeine ſcherzhaften, doch etwas melancholiſchen und zugleich ironiſchen Bemerkungen über die Menſchen und ihr Treiben an. Ihrer beſondern Gemüthsrich⸗ tung nach liebte ſie die letzteren mehr als ſie die erſteren zu ſchätzen vermochte; denn es lag mehr Bit⸗ terkeit als Gefühl in ihrer Natur. Seine reiche Sprache und ſeine fließenden Perioden berührten indeß ange⸗ nehm ihr Ohr und ihre Phantaſie, wenn gleich ihr Herz nichts dabei fühlte, und unmerklich gab ſie ſich dem Zauber hin, den ſie an einem andern Manne würde verachtet haben. Am folgenden Tage wurde Conſtanze, die nicht früh aufzuſtehen gewohnt war, durch den ſchönen Vor⸗ mittag verlockt, den Garten zu durchſtreifen. Sie war überraſcht, als ſie hinter ſich Godolphin's Stimme hörte; ſie wendete ſich um und er kam zu ihr. „Ich glaubte, Sie wären auf der Jagd?“ „Ich war auf der Jagd und bin zurückgekehrt. Ich zog mit Tagesanbruch aus und ging um Mittag wieder heim, weil ich hoffte, Sie zu Pferde oder zu Fuße begleiten zu dürfen. Lächelnd nahm Conſtanze das Compliment an, und als ſie die geraden Gänge des altmodiſchen und ſtattlich angelegten Gartens entlang ſchlenderten, lenkte Gydolphin das Geſpräch auf die Verſchiedenheiten de Gat am terſ tere gehr gew den „daß Anh unſer bend der nenu Leber den daß ge⸗ ücken und und ſchen srich⸗ e die Bit⸗ prache ange⸗ ch ihr ſie ſich Manne nicht Vor⸗ Sie timme gekehrt. Mittag oder zu ent an, e und , lenkte eiten der 75 Gartenanlagen, auf die Dichter, von denen dieſelben am beſten beſchrieben worden ſind, und auf den Un⸗ terſchied zwiſchen Stadt⸗ und Landleben, welches letz⸗ tere die Brüderſchaft der Poeten ſo glühend hervor⸗ gehoben hat. Bei dieſem Geſpräche bemerkte man gewiſſe auffallende Charakterverſchiedenheiten zwiſchen den beiden jugendlichen Perſonen. „Ich muß Ihnen geſtehen,“ ſagte Godolphin, „daß ich die von Städtern für das Landleben geäußerte Anhänglichkeit nicht für dauernd halte. Wenn wir unſern Geiſt einzig und allein mit den uns umge⸗ benden Gegenſtänden beſchäftigen können— wenn der Bach, der abſterbende Baum, der goldene Son⸗ nenuntergang, die Sommernacht und das animaliſche Leben um uns her— wenn dies unſere Betrachtung erfüllen und uns den trügeriſchen Träumen von der Zukunft entheben kann— dann freilich begreife ich völlig die Wirklichkeit jenes ruhigen und glückſeligen Zuſtandes, den unſere älteren Dichter als dem Land⸗ leben eigenthümlich beſchrieben haben. Nehmen wir aber in die Schatten der Haine alles raſtloſe und ſtürmiſche Verlangen der Stadt mit, wenden wir die gegenwärtige Muße nur zu Plänen für eine bewegte Zukunft an— dann fliehen wir vergebens in die ländliche Zurückgezogenheit und ahmen umſonſt das Leben eines Eremiten nach. In dem Augenblick, wo das Grün der Fluren für uns den Reiz der Neuheit verliert, oder wenn unſere Pläne entworfen ſind, wünſchen wir, zur Ausführung derſelben, in die Stadt zurückzueilen. Mit einem Worte, wir haben unſere Zurückgezogenheit nur zur Kinderſtube für un⸗ ſere jungen Entwürfe gemacht, die auf einen andern Boden verpflanzt werden müſſen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Conſtanze lebhaft,„und wer möchte auch das Leben hinbringen, als wäre es ein Tranm? Mich dünkt, daß wir die Zurückgezo⸗ genheit nur richtig anwenden, wenn wir ſie unſern Zwecken in der Welt unterordnen.“ „Ein ſeltſamer Lehrſatz für eine junge Schöne,“ dachte Godolphin,„deren Kopf von Luſtwäldchen und Liebe voll ſein ſollte.“— Dann ſagte er laut:„In dieſem Falle gehöre ich zu denen, die die Zwecke der Zurückgezogenheit mißbrauchen; denn bisher habe ich mir geſchmeichelt, dieſe um ihrer ſelbſt willen zu ge⸗ nießen. Ungeachtet des künſtlichen Lebens, das ich führte, ſpricht doch Alles, was Natur heißt, mit einer Stimme zu mir, der ich ſelten zu widerſtehen vermag. Welche in einer Stadt erregten Gefühle laß⸗ ſen ſich mit denen vergleichen, die ſo leiſe und ſo unaufgefordert in uns erwachen, ſobald die Bäume und die Gewäſſer unſere alleinigen Geſellſchafter, die alleinigen Quellen unſerer Aufregung und Berau⸗ ſchung ſind? Iſt nicht ſtilles Betrachten beſſer als ehrgeiziges Streben?“ „Können Sie das glanben?“ fragte Conſtanze zweifelnd. „Ich glaube es.“ Conſtanze lächelte, und in ihrem Lächeln würde Verachtung gelegen haben, wenn Govolphin ſie nicht wider ihren Willen für ſich eingenommen hätte. — Conſ terſch welc ritt un⸗ ndern „und re es gezo⸗ nſern öne, nund „In ke der be ich zu ge⸗ as ich , mit rſtehen le laſ⸗ ind ſo Bäume er, die Berau⸗ ſer als nſtanze würde ie nicht te. 77 Fünfzehntes Kapitel. Conſtanzens und Godolphin's Gefühle für einander— Der Un⸗ terſchied ihrer Charaktere— Bemerkungen über die Wirkungen, welche die Weit auf Godolphin hervorbrachte— Der Spazier⸗ ritt— Ländliche Schilderungen— Vorbedeutungen— Das eiſte undeutliche Geſtändniß. Täglich zu jeder Stunde, wo Conſtanze ſichtbar war, beſtellte Godolphin den Jäger ab und kehrte zurück, um ſie zu begleiten. Sie gingen und ritten zuſammen aus, und am Abend hing Godolphin an ihrem Stuhl und horchte ihrem Geſange; denn wenn ſie gleich, wie ſchon oben bemerkt, nur wenig von der Wiſſenſchaft der Inſtrumentalmuſik verſtand, ſo war doch ihre Stimme voller und ſanfter als die der ge⸗ wöhnlichen Sängerinnen. Lady Erpingham ſah mit geheimer Freude eine Neigung zwiſchen ihnen entſtehen. Sie liebte Con⸗ ſtanzen um ihrer ſelbſt und Godolphin um ſeines Vaters willen. Sie ſtellte ſich wiederholt vor, welch ein reizendes Paar ſie ſein würden— ſo ſchön— mit ſo reichen Fähigkeiten ausgeſtattet; und wenn die Klugheit ihr auch zufluſterte: ſo arm, ſo erinnerte ſich die gütige Gräfin, daß ſie ſelber von ihrem großen Einkommen eine Summe erſpart habe, die ſie ſtets zu Conſtanzens Mitgift beſtimmt, und die ſie, wenn Godolphin der Bräutigam ſein ſollte, mit zehnfachem Vergnügen geben werde. Mit dieſem Ver⸗ mögen, welches ſie wenigſtens unabhängig machte, vereinte ſie in ihrer gütigen Einbildungskraft die Wichtigkeit, die Godolphin's Talente ihrer Meinung Bulwer, Godolphin. 6 6 nach endlich erlangen mußte, und für deren einzige geſetzmäßige Sphäre ſie nach ihrer ariſtokratiſchen Schätzung das Parlament hielt. Sie ſagte nichts zu Conſtanzen und machte auch keine Andeutungen, aber ſie ließ die Natur, die Jngend und den Umgang ihre Herrſchaft ausüben. Godolphin's Gefühle für Conſtanze Vernon glichen der Liebe— ja es war Liebe, doch mehr romantiſche als wirkliche Liebe. Welche Gefühle empfand Con⸗ ſtanze für ihn? Sie wußte es in der That zu der Zeit noch nicht. Wäre ihr Charakter einen Grad weniger ehrgeizig oder weniger mächtig geweſen, ſo wäre Liebe— Liebe von nicht gewöhnlichem Cha⸗ rakter daraus entſtanden. Aber in ihrem ſinnenden, gefaßten und eigenthümlich eonſtituirten Geiſte war noch eine Grenze für jedes Gefühl, eine Kette für die Schwingen jedes Gedankens, außer denen von einer beſtimmten Klaſſe, vorhanden, und in dieſe Klaſſe gehörte die Liebe nicht. Es war eine in jeder Hinſicht bemerkbare Verſchiedenheit zwiſchen den Cha⸗ rakteren der Beiden, und es iſt ſeltſam genug, daß der des Mädchens weniger romantiſch war und aus einfacheren Materialien beſtand. Ein Band von Wordsworth's vortrefflichen Ge⸗ dichten war eben erſchienen.„Iſt dies nicht wunder⸗ voll?“ ſagte Godolphin, indem er einige von jenen erhabenen, aber zartſinnigen Gedanken recitirte, die den am meiſten idylliſchen, aber dennoch geiſtreichſten aller modernen Dichter charakteriſirt. Conſtanze ſchüttelte den Kopf. letzt was ( und ( bedie er. dami zige chen 3 zu aber ihre chen iſche Son⸗ der Zrad „ſo Cha⸗ iden, war für von dieſe jeder Cha⸗ daß aus Ge⸗ nder⸗ jenen „die hſten 79 „Was! Sie bewundern es nicht?“ „Ich verſtehe es nicht.“ „Welche Poeſie bewundern Sie?“ „Dieſe.“ Es war Pope's überſetzung der Jlias. „Ja, ja, gewiß,“ ſagte Godolphin ein wenig ver⸗ letzt;„wir Alle bewundern dies nach ſeiner Art. Aber was weiter?“ Conſtanze deutete auf eine Stelle in„Palämon und Arcite“ von Dryden. Godolphin warf ſeinen Wordsworth nieder.„Sie bedienen ſich eines unedlen Vortheils über mich,“ ſagte er.„Nennen Sie mir etwas, was Sie bewundern, damit ich wenigſtens das Vorrecht habe, zu ſtreiten — etwas, was Sie für allgemein vernachläſſigt halten.“ „Ich bewundere wenig Dinge, die allgemein ver⸗ nachläſſigt werden,“ antwortete Conſtanze mit ihrem ſtolzen Lächeln.„Der Ruhm ſtempelt alles Metall von wahrem Werth.“ Dieſe Antwort war ganz charakteriſtiſch für Con⸗ ſtanze; ſie ehrte den Ruhm viel mehr als das Genie, wodurch er erworben wurde. „Nun, ſo wollen wir jetzt ſehen, ob wir zu einer übereinſtimmung der Anſichten gelangen können,“ ſagte Godolphin und nahm Milton's„Comus“ zur Hand. Niemand las Verſe ſo gut vor wie er; ſeine Stimme war ſo voll, ſo biegſam, und ſein Geſicht entſprach ſo vollkommen jeder Modulation ſeiner Stimme. Der Leſer machte Eindruck auf Conſtanzen, aber nicht die Verſe. Godolphin beſaß viel Scharfblick; er bemerkte ————— — S ————— 80⁰ es und wendete ſich zu den Reden Satans im„Ver⸗ lornen Paradieſe.“ Das edle Geſicht des Mädchens verklärte ſich ſogleich; die Lippe bebte, das Auge fun⸗ kelte. Godolphin's Enthuſiasmus war nicht mit dem Conſtanzens zu vergleichen. Der Grund war der, daß die gewöhnlichen Regungen des intellectuellen Cha⸗ rakters die rechte Saite anſchlugen. Den Muth, den Trotz, den Ehrgeiz begriff ſie in ihrem ganzen Um⸗ fange, allein der tiefe Zartſinn der Gedanken auf den kalten und glänzenden Blättern des„Comus,“ der edle Platonismus— die hohe und ſeltene Liebe für das rein Gute tönten nicht voll und poſaunengleich in das Herz derjenigen, die von Natur zu einer Heldin oder Königin, nicht aber zu einer Dichterin oder Phi⸗ loſophin beſtimmt war. Doch alles Zarte, alles Halbgeſehene, alles Ab⸗ ſtruſe hatte für Godolphin einen beſonderen Reiz. Von prüfendem und fein gebildetem Geiſte hatte er früh⸗ zeitig gelernt, der Menſchen alltägliche Regungen zu verachten; Ruhm rührte ihn nicht, und dem Ehrgeize hatte er ſein Herz verſchloſſen. Für ihn beſtand die Liebe— obgleich er, und nicht mit Unrecht, für einen Mann der Galanterie und des Vergnügens gehalten wurde— für ihn beſtand die Liebe nicht aus den ge⸗ gewöhnlichen Elementen der Leidenſchaften. Voll von Träumen und Abſtractionen war es eine Liebe, die nicht bürgerlich genng zum Dulden und von zu ſel⸗ tener Natur war, um aufGegenliebe hoffen zu können. Und ſo war es in ſeinem Umgange mit Conſtan⸗ zen; Beide fühlten ſich gegenſeitig getäuſcht.„Sie Ver⸗ chens fun⸗ dem „daß Cha⸗ „den Um- auf nus,“ Liebe gleich Heldin Phi⸗ 3 Ab⸗ Von früh⸗ en ze rgeize nd die einen halten en ge⸗ l von e, die ſel⸗ önnen. ntan⸗ „Sie 8¹ fühlen nicht ſo,“ ſagte Conſtanze.„Sie können mich nicht verſtehen,“ ſeufzte Godolphin. Indeſſen dürfen wir, bei ſeiner hohen Stimmung, bei ſeinen Träumereien und ſeinem Hange zum In⸗ tellectuellen und Reinen, nicht wähnen, als ſei Go⸗ dolphin fehlerfreien Charakters vder Gemüths geweſen. Er war ein Menſch, der von Natur reich an entſchie⸗ denen und ausgezeichneten Eigenſchaften, durch die beſonderen Elemente unſerer Geſellſchaft zu einem zwei⸗ felhaften, buntſcheckigen und unklaren Charakter ge⸗ worden war, dem diejenigen Schwächen anhingen, die uns in einem ſchwankenden Zuſtande zwiſchen Laſter und Tugend erhalten. Die Energie, die er in ſeiner Knabenzeit gezeigt hatte, war durch die Indolenz im Weltleben verdumpft und verkrüppelt worden. Sein Umherſtreifen ſeit einigen Jahren— der milde und poetiſche Anflug des Südens hatten ſeinen natürlichen Hang zum Romantiſchen und jene Neigung zum Nach⸗ ſinnen genährt, denen ſich der geiſtreiche Vergnügens⸗ menſch ſo gern hingibt; denn das Vergnügen hat ſeine eigenthümliche Philoſophie— eine traurige, phanta⸗ ſtiſche und doch tiefe überzengung von der Nichtigkeit aller Dinge— ein Verlangen nach dem glänzenden Ideale Und ſtrebt der Motte gleich zu Sternen auf. Salomons Hang zum Vergnügen diente ſeiner Weisheit zum Begleiter: überſättigung war die Tochter des erſteren— Mißvergnügen die der letzteren. Wie verfihreriſch aber dieſe Philoſophie auch iſt, ſo iſt 82 ſie doch weder heilſam noch nützlich; ſie iſt die Phi⸗ niſe loſophie der Empfindungen, nicht der Grundſätze— war des Herzens, nicht des Verſtandes. So war es mit Pfe Godolphin: er war zu verfeinert in ſeinem Mora⸗ ſich liſiren, um der Moral anzuhangen. Das einfach Gute lich und das einfach Böſe ausfindig zu machen, überließ beſi er uns ſchlichten Leuten. In der Politik war er ein Tory, in der Theologie ein Transſcendentaler. Die ſchi Lehren eines Sokrates oder Bentham reizten ihn nicht, ver weil ſie für Jeden taugen, wohl aber trug er im den eigenen Gemüth irgend einen dunkeln und unbeſtimm⸗ geſ ten Maßſtab, nach dem er die Handlungen Anderer ger würdigte. Er beſaß Phantaſie, Genie und ſogar ein wer Herz; war ſtets glänzend, zuweilen tief, anmuthig kan in Geſellſchaft, jedoch ſelten geſellig; ein abgeſonderter keit Menſch, und dennoch ein Weltmann; großmüthig gegen Individuen, ſelbſtſüchtig gegen die Maſſe Wie ſo viele ſchöne Eigenſchaften gingen in ihm unter! Wer wird nicht zugeben, daß er manchen Men⸗ ſchen dieſer Art angetroffen, und wer wird nicht gern einem ſolchen Menſchen bis an ſein Ende folgen? Eines Tages— es war am letzten des verlänger⸗ ten Beſuches Godolphin's— als die Sonne ſich zum Untergange neigte, und Alles umher ſich ungewöhnlich mild und ruhig zeigte, kehrten Govolphin und Con⸗ ſtanze langſam von ihrem gewohnten Spazierritte heim. Sie kamen an einem kleinen Gaſthauſe vorüber, welches das gewöhnliche Schild eines Schachbretts führte. Um das Haus herum ſtand ein Trupp Landlente, die der gellenden Muſik zuhörten, die ein wandernder itglie⸗ nicht, rim imm⸗ derer r ein uthig derter gegen viele Men⸗ gern en nger⸗ zum hnlich Con⸗ heim. elches um ie der italie⸗ 83 niſcher Knabe mit ſeiner Guitarre machte. Die Seene war ländlich und maleriſch, und als Godolphin ſein Pferd anhielt, um die Gruppe zu betrachten, ließ er ſich nicht träumen, mit welchen ungeſtümen und ſchauer⸗ lichen Gefühlen er dieſen Ort in ſpäteren Tagen wieder beſuchen ſollte. „Unſere Landleute,“ ſagte er, als er mit ſeiner ſchönen Gefährtin weiter ritt,„bedürfen einer ſolchen veredelnden Erholung. Der alte Morristanz iſt aus dem Lande verſchwunden, und anſtatt, wie es früher geſchh, für die Beluſigung unſeres Pflügers zu ſor⸗ gen, blickt unſere Ariſtokratie mit Neid darauf hin, wenn er nur an irgend eine Ergötzlichkeit denkt. Sie kann es nicht leiden, daß der Bauer luſtig iſt. Luſtig⸗ keit und öffentliche Unordnung ſind ihr gleichbedeutend. „Pfui über dieſe niedrigdenkende, ſelbſtſüchtige, freche Ariſtokratie!“ ſagte Conſtanze mit Bitterkeit, „aber der Tag muß kommen, wo man ſie moraliſch geſtürzt ſehen wird. Sie hat öhne Würde gelebt, ſie wird ohne Tapferkeit fallen. Wie hohl iſt ſchon jetzt ihre Macht! Sie hat keine Vaſallen, keine bewaffnete Macht, nur von der Meinung wird ſie noch empor⸗ gehalten. Wendet dieſe Meinung ſich morgen anders, ſo ſind dieſe Helden des Tages ſchwach, wie die Kin⸗ der— ſie ſind die Drahtpuppen, die Wetterhähne jedes Zufalls.“ Ihre Anſicht überraſcht mich,“ ſagte Godolphin, der darüber wirklich ein wenig erſchrack.—„Muß ich dies von der allgebietenden und allgehuldigten Miß Vernon hören?“ 84 „Glauben Sie mir,“ verſetzte Conſtanze mit Auf⸗ regung,„unter den Ariſtokraten ſelbſt finden ſich die bitterſten Verächter derſelben. Wer täglich unter einem Syſteme ſeufzt, verachtet es weit eher und ärger, als die Maſſe es thut, die ſelten in unmittel⸗ bare Berührung mit demſelben kommt. Die unaus⸗ geſetzte Erbärmlichkeit deſſelben iſt erſchlaffender als ſeine gelegentliche Gewalt.“ Godolphin lächelte.„Sie ſehen den Lauf der Welt minder mild an, als ich es thue,“ ſagte er, indem er, wie Männer es gewöhnlich mit Damen thun, einem politiſchen Streit auswich.„Ich bemerke, daß Sie ſich über Kleinigkeiten ärgern; ich lache über dieſelben. Ich kann beleidigt, doch nicht erbittert werden. Es ſteht in keines Menſchen Macht, mich zu ärgern. Sie hegen Verachtung gegen die Thoren, ich nur Gleichgültigkeit. Sie verſchwenden zu viel Gefühl an Steinen und Stroh.“ Während dieſes Geſpräches ritten ſie durch eine ſeichte Furth des Fluſſes. „Wir ſind nicht weit von der Privrei,“ ſagte Godolphin und zeigte auf die Ruinen, die ſich aus dem Grün des Waldes erhoben, und dunkelgrau gegen den Abendhimmel abſtachen. Conſtanze ſeufzte unwillkürlich. Es ſchmerzte ſie, an die Dürftigkeit ihres Gefährten erinnert zu wer⸗ den. Indem ſie den Hügel hinaufritt, der ſich vom Flußufer erhob, deutete ſie, um ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, mit Bewunderung auf den blauen Strom des Waſſers, wie dieſes ſich an ſeine und Stur ſeine die Waf verw über went fühl wede Vert liche wie Gen eine Auf⸗ die nter und ittel⸗ aus⸗ als der eer men erke, über ittert mich oren, viel eine ſagte aus egen ſie, wer⸗ vom eine auf h an 85 ſeinen ausgehöhlten Ufern dahinwand. Und rauſchend und tief und dunkel ſchoß, ſelbſt in jener ſtillen Stunde, der Fluß zwiſchen den Aſten hin, die ſich ſeiner Oberfläche entgegenneigten. Hie und da waren die ufer plötzlich niedrig und gingen bis an das Waſſer herunter; dann ſtiegen ſie, von dichtem und verwachſenem Gebüſche beſchattet, mehrere Fuß hoch über die Ebene der Strömung. „Wie ſeltſam iſt es,“ ſagte Godolphin,„daß, wenn wir gewiſſe Punkte betrachten, uns ein Ge⸗ fühl beſchleicht, durch welches die Scene vor uns ent⸗ weder mit einem dunkeln und traumartigen Bilde des Vergangenen, oder mit einer prophetiſchen und ſchauer⸗ lichen Ahnung des Zukünftigen vereint wird. So wie ich dieſen Ort— dieſe Ufer— dieſes brauſende Gewäſſer betrachte, iſt mir, als ob mein Geſchick eine geheimnißvolle übereinſtimmung mit dieſem Schau⸗ platze habe. Wann— wo— warum— weiß ich nicht, ahne ich nicht; nur dieſes unerklärliche, neblige und erkältende Gefühl hat ſich meiner bemächtigt. Jeder hat zu gewiſſen Zeiten und an gewiſſen Orten ein ähnliches, ſeltſames, unerklärbares Gefühl gehabt, und ſich eben ſo unfähig, wie ich, gefühlt, deſſen urſache aufzuſpüren. Und iſt es nicht ſonderbar, daß ich in der Poeſie, die doch das Echo ſo vieler innerſten Empfindungen des Menſchen iſt, noch niemals einen Verſuch entveckt habe, ein ſolches Vorgefühl zu be⸗ ſchreiben?“ „Weil die Poeſie,“ ſagte Conſtanze,„am Ende nichts als ein abgedroſchenes Nachplappern der all⸗ täglichſten Gedanken iſt, denen ſie bloß den glän⸗ zenden Goldſchaum des Verſes anhaucht. Wie wenig wiſſen unſere Dichter! Sie erdichten bloß, ſie ahmen bloß nach— darin beſtehen alle ihre Geheimniſſe.“ „Vielleicht haben Sie Recht,“ verſetzte Godolphin ſinnend;„und ich, der ich mir ſo oft eitel eingebil⸗ det, pvetiſcher Ergießungen fähig zu ſein, bin durch den Charakter der Dichterklaſſe ſo erkältet und ver⸗ ſtimmt worden, daß ich mit einer gewiſſen Gering⸗ ſchätzung jeden Hang dazu in mir erſtickte. So ar⸗ beitet in mir das Ideale, das ſich nicht Luft zu machen weiß, und erzeugt mir tauſenderlei unklare Träume und nicht zu beſeitigende Vorahnungen, ſo daß ich das Schattenartige und Unbekannte liebe und keinen Genuß an dem kleinlichen Ehrgeize der Welt finde.“ „Sie werden ſpäter aus ſolchen Träumen er⸗ wachen,“ ſagte Conſtanze ernſthaft. Godolphin ſchüttelte den Kopf und antwortete nicht. Ihr Weg führte ſie jetzt in einen grünen Baum⸗ gang, der ſich allmählig um einen Hügel herumwand, von welchem aus ſich eine reiche und ſchöne Anſicht darbot. Hütten, Kirchthürme und Gehölze verliehen der Landſchaft Leben— wiewohl ein vereinzeltes und entferntes Leben, und der breite Fluß, deſſen Be⸗ wegung man in der Ferne nicht ſah, glitt gleichſam ohne alles Wogenſpiel glühend im Sonnenlichte da⸗ hin, bis er ſich in dem dunkeln und üppigen Walde verlor. pul ohn bra ner lich Wo ſche ſtar vor ode Sti gew lent glän⸗ wenig hmen niſſe.“ olphin ngebil⸗ durch d ver⸗ bering⸗ So ar⸗ uft zu nklare en, ſo be und Welt en er⸗ wortete Baum⸗ nwand, Anſicht rliehen tes und en Be⸗ ichſam te da⸗ Walde 87 Beide hielten, wie durch einen gemeinſamen Im⸗ puls, nochmals ihre Pferde an, und blickten hinaus, ohne mehr Worte mit einander zu wechſeln. Endlich brach Godolphin das Schweigen. Die Scene erin⸗ nerte ihn an eine Landſchaft des Südens, deren Lieb⸗ lichkeit ein Claude auf der Leinwand, eine Stasl in Worten dargeſtellt hat. In der ihm eigenen leiden⸗ ſchaftlichen und ernſten Redeweiſe ſchilderte er Con⸗ ſtanzen jene Scene und jenes Land. Jeder Baum vor ihm diente ihm dabei entweder als Gleichniß oder als Gegenſatz; und als Conſtanze ſeine zauberiſche Stimme hörte, und hörte, wie dieſe ein der Liebe geweihtes Land pries— da lauſchte ſie mit ſtrah⸗ lenden Augen und mit einem Antlitze, das, wie er — der vollkommene Weiberkenner— recht wohl ge⸗ wahrte, von Gedanken zeugte, von denen ſie nichts wußte, die er jedoch bis auf den Buchſtaben zu deu⸗ ten verſtand. „Und an ſolcher Stätte,“ fuhr er fort, indem er ſeinen glühenden, beſeelten Blick auf das Mädchen heftete—„an ſolcher Stätte würde ich bis an mein Ende haben bleiben können, wenn nicht ein Gedanke, ein Gefühl— das Gefühl, ich würde allzuſehr allein ſein, mich davon abgemahnt hätte! In einem wilden oder großartigen, ja ſelbſt öden Laude kann man ein⸗ ſam leben, und doch Stoff zum Denken finden; nicht aber in einer ſo milden, ſo herzbewältigenden Gegend, wie die, welche ich ſah und jetzt ſehe. Wider unſern Willen beſchleicht uns da die Liebe, und ich fühle, fühle jetzt“— und feine Stimme bebte, als er ſprach—„daß jegliches Geheiwniß, welches wir bis⸗ her in der Bruſt verſchloſſen hielten, endlich ſich in Worte gefaßt wiſſen will. Uns quält das Verlangen, geliebt zu werden, und wir ſtreben nach dem Muth, zu ſagen, daß wir lieben.“ Nie hatte Godolphin, obgleich er ſich ſtets gefühl⸗ voll ausdrückte, ſo deutlich über ſeinen Gemüthszu⸗ ſtand zu Conſtanzen geſprochen. Sein Geſicht— ſein Auge— ſeine Stimme— Alles ſprach. Con⸗ ſtanze fühlte, daß er ihr Liebe geſtanden habe. Und war ſie nicht glücklich bei dieſem Gefühle? Sie war es, und dies war ihr glücklichſter Augenblick. Aber in jenem ſchwankenden und unklaren Zurückbeben, mit welcheu eine Jungfrau eine Liebeserklärung von den Lippen desjenigen anzuhören pflegt, von dem ſie dieſelbe am liebſten vernimmt, murmelte ſie einen verworrendn Verſuch zu Ablenkung des Geſprächs und ſetzte ihr Pferd in einen raſcheren Trab. Go⸗ dolphin verſuchte nicht, den ſo intereſſanten und ge⸗ fährlichen Gegenſtand weiter zu berühren, ſondern ſagte bloß, als bei der Krümmung des Weges die Anſicht allmählig entſchwand, mit leiſer Stimme, und als ob er mit ſich ſelber redete:„Wie lange, wie innig werde ich dieſes Tages gedenken!“ bis⸗ ch in ngen, uth, fühl⸗ hszu⸗ ht Con⸗ Und war Aber eben, von m ſie einen prächs Go⸗ id ge⸗ ndern es die , nd „ wie 89 Sechzehntes Kapitel. Godolphin's Rückkehr nach Hauſe— Sein Selbſtgeſpräch— Lord Erpingham's Ankunft in Wendover⸗Caſtle— Beſchreibung des Grafen— Sein Bericht über Godolphin's Leben zu Rom. Mit nachläſſigen Schtitten trat Godolphin wieder über die Schwelle ſeines Landhauſes. Er ging in ein kleines Zimmer, welches dennoch das größte im Hauſe war. Die wenigen und ärmlichen Hausgeräthe, die zerſtreut umher ſtanden, das verſtimmte Clavier, die verblichene und zerriſſene Tapete, der unbewohnte Vogelkäfig im Fenſter, das Bücherbrett, welches einige Dutzend werthloſe Bücher enthielt, der Sopha aus dem vorigen Jahrhundert(wo man denſelben nicht als Faulbank benützte), klein, ſchmal, mit hoher Lehne, hart und höckerig— Alles war noch gerade ſo, wie ſein Vater es hinterlaſſen, gerade ſo, wie er es in ſeinen Knabenjahren geſehen, und gewährte ihm einen troſtloſen, erkältenden aber vertrauten Willkommen. Es war Abend. Godolphin ließ Licht bringen und Feuer im Kamin anmachen; dann das Geſicht auf ſeine Hand gelehnt, den Blick auf die krampfhaft und matt auflodernde Flamme in dem engen Kamin gerichtet, ſaß er da und hielt ein Selbſtgeſpräch mit ſeinem Herzen. „So liebe ich alſo dieſes Mädchen?“ ſagte er bei ſich ſelbſt;„täuſche ich mich nicht? Sie iſt arm, hat keine Connexionen; beſitzt nichts, wodurch meinem geſunkenen Vermögen aufgeholfen, mein väterliches Herrenhaus wieder aufgebaut, oder jene Strecken Landes wieder erkauft werden könnten. Ich liebe ſie! Ich, der ich den Werth ihres Geſchlechtes ſo genau kennen ge⸗ lernt habe, daß ich oftmals zu mir ſprach wie ich ſelbſt nicht mit einer Prinzeſſin mich für das ganze Leben binden möchte Liebe kann ſich über Beſitz er⸗ heben, das ſſt wahr— nicht aber über die Zeit. Nach drei Jahren dürfte Conſtanze keine Schönheit mehr ſein — und was könnte aus mir werden? Mein zerrüttetes Vermögen kann, bei meinen geringen Bedürfniſſen, mich allein wohl ernähren; jedoch, wenn ich vermählt bin— wenn die hochſinnige Conſtanze meine Gattin iſt?—— Nein, nein! es darf nicht ſein— ich darf nicht daran denken! Ich, der Held von Paris! der Zögling Saville's! Ich ſollte mich ſo bethören laſſen und von einer ſolchen Raſerei träumen?“ „Doch es iſt in mir etwas, wodurch ich in der Welt emporkommen könnte. Wege dazu liegen vor mir — die Diplomatie, das Haus der Gemeinen. Wie? Perch Godolphin, biſt du einfältig genug, ehrgeiziz zu werden? Willſt du dich abmüden, abquälen, ein Sklave ſein, än der Narren Gängelbande gehen und endlich an gebrochenem Herzen oder an einer verlvrenen Stelle ſterben? Pah! ich, der ich die Staatsminiſter verachte, kann nicht ihr Lehrling werden! Das Leben iſt zu kurz zur Arbeit. Und wornach ſtreben die Men⸗ ſchen? Nach Genuß! Warum denn nicht genießen, ohne zu fröhnen? Und Conſtanzen entſagen? Nun, was iſt's denn weiter? Ich verliere nur ein Frauenzimmer.“ So endete das Selbſtgeſpräch, das ein Menſch mit gelar Lehre Weis unſer lehrte 9 ham lich„ Verla ſchließ ham laden. donne ten ſti aus, andes , der en ge⸗ ie ich ganze itz er⸗ Nach hr ſein üttetes niſſen, rmählt Gattin ch darf 8! der wlaſſen in der vor mit Wie? hrgeiziz len, ein e und rlorenen miniſter s Leben ie Men⸗ enießen, un, was immer.“ Menſch 9¹ mit ſich ſelber hielt, der kaum zum Jünglingsalter gelangt war. Die Welt gibt uns zeitig ihre letzten Lehren; dann aber, damit wir noch immer von ihrer Weisheit zu lernen haben mögen, wendet ſie den Reſt unſerer Tage dazu an, uns Alles, was ſie uns früher lehrte, vergeſſen zu machen. Inzwiſchen kam die Zeit heran, wo Lord Erping⸗ ham auf dem Schloſſe Wendover eintreffen ſollte. End⸗ lich war dieſer Tag da. Voll von dem natürlichen Verlangen, der Geſellſchaft ihres Sohnes ſich ſo aus⸗ ſchließlich als möglich zu erfreuen, hatte Lady Erping⸗ ham für den Tag ſeiner Ankunft keine Gäſte einge⸗ laden. Des Grafen ſchwerfälliger Reiſewagen rollte donnernd über den Schloßhof, und nach wenigen Minu⸗ ten ſtieg ein langer Mann, in der Blüte ſeiner Jahre, aus, der eine ſeiner Geſtalt zum Vortheil gereichende Wirkung von einem langen, pelzverbrämten Sammet⸗ mantel entlehnte, trat in das Zimmer, und Lady Er⸗ pingham umarmte ihren Sohn. Das freundliche und vertrauliche Weſen, womit er ihre Fragen beantwortete und ihre Glückwünſche hinnahm, änderte ſich ein wenig, als er plötzlich Conſtanze Vernon bemerkte. Lord Er⸗ pingham war ein kalter Menſch und ſchämte ſich, wie alle kalten Menſchen, einer Außerung von Herzlich⸗ keit. Er begrüßte Conſtanze ſehr abgemeſſen, und, wie es dem Mädchen vorkam, ſehr leichthin; dennoch wendeten ſeine Blicke ſich häufiger zu ihr, als My⸗ lords große runde, braune Augen ſich ſonſt auf irgend Jemand richteten. Als der Graf ſich zurückgezogen hatte, um ſich umzukleiden, konnte Lady Erpingham, indem ſie ihre Augen trocknete, nicht umhin, Conſtanzen zuzurufen; „Iſt er nicht hübſch? Welche Geſtalt!“ Conſtanze ſchmeichelte gern ein wenig, wenn der Gegenſtand ihr gefiel, und ſtimmte auch diesmal gern in der Mutter Bemerkung ein; doch hatte ſie bisher an Lord Erpingham nichts als deſſen Körperlänge und Mantel wahrgenommen. Als er wieder hereintrat und ſie in den Speiſeſaal führte, nahm ſie ihn näher in Augenſchein, that es jedoch nur zufällig und gelegentlich. Lord Erpingham war einer von denen, die von den Männern jederzeit als„verteufelt ſchmucke Kerle“ hezeichnet werden. Er maß über ſechs Fuß, war von ſtarkem Körperbau, wiewohl weder ſchön geformt, noch zierlich in ſeiner Haltung, doch ganz ſo, wie einer von ſechs Fuß Länge es ſein muß. Seine Geſichts⸗ farbe war braun, gelb und roth. Er trug einen über⸗ aus großen, ſchwarzen, wohlgeordneten Backenbart, Seine Augen waren, wie bereits bemerkt, groß, rund und braun, und dabei nichtsſagend. Seine Zähne waren gut, und ſeine Naſe, zwar weder römiſch noch griechiſch, war doch immer eine ſtattliche Naſe. Alle Hausmädchen bewunderten ihn, und wenn man ihn anblickte, mußte man auf den Gedanken kommen es ſei Schade, daß die Armee einen ſo trefflichen Gre⸗ nadier verloren habe. Lord Erpingham war ein Whig aus der alten Schule und galt allgemein für einen gefühlvollen Mann. Er hatte Blackſtone, Montesquien und Cowper's Ge⸗ dichte geleſen und wurde ſtets gerne im Hauſe der Lort den wen ſchlo kam wöch dem Sir jetzt ten, Anſi obgl e ihre ufen: n der l gern bisher e und at und her in ntlich. ie von Kerle“ r von t, noch e einet eſichts⸗ nüber⸗ enbart. „ rund Zähne ſch noch ſe. Alle tan ihn ten: es n Gre⸗ r alten Mann. r's Ge⸗ uſe der 93 Lords gehört. Von moraliſchem Charakter war er, was den Wein betraf, ein Lebemann; doch machte er ſich wenig aus gutem Eſſen. Er war gutherzig, aber ver⸗ Iſchloſſen, tapfer genug, um nöthigenfalls einen Zwei⸗ kampf zu beſtehen, und religiös genug, um einmal wöchentlich die Kirche zu beſuchen, verſteht ſich auf dem Lande. So weit ſchien Lord Erpingham nach einem von Sir Walter's Herven modellirt zu ſein; wir müſſen jetzt die Münze umkehren und diejenigen Züge andeu⸗ ten, worin er von jenen Muſtern des Anſtandes abwich. Gleich der Mehrzahl ſeiner Klaſſe waren ſeine Anſichten von den Frauenzimmern beſonders locker, obgleich er ihnen darum noch nicht nachſtellte. Seine Liebſchaften hatten ſich größtentheils auf Operntän⸗ zerinnen beſchränkt, weil ſie, wie er zu ſagen pflegte, nicht ſo verhenkert langweilig wären, obgleich er genug von ſeiner eigenen Welt geſehen hatte, um zu wiſſen, daß auch vornehme Damen nicht durchgängig zu den Spröden gehören. Lord Erpingham wurde ſtets für einen hochgeſinnten Mann gehalten. Man ernannte ihn bei Streitigkeiten zum Schiedsrichter und erzählte eine Geſchichte von ihm— die ſich aber nicht wirklich ſo verhielt— wie er ein ganzes Jahr lang ein Staats⸗ amt bekleidet und darauf beſtanden habe, die Emo⸗ lumente deſſelben wieder zurückzugeben. So war Robert Lord Erpingham. Während des Mittageſſens, bei welchem er, zum Entzücken ſeiner Mutter, einen herrlichen Appetit zeigte, hörte er der Erzählung von Lady Erpingham's Grafſchaftsgeſchicht⸗ Bulwer, Godolphin. 7 94 chen ſo aufmerkſam zu, als Ort und Zeit es nur erlaubten, und ließ es ſich wohlgefallen, daß er lange Antworten auf kurze Fragen erhielt, als er ſich er⸗ kundigte, ob alte Bekannte noch lebten, oder ob die jungen verheirathet wären, und als er vernahm, daß das Landgut überreich an Geflügel ſei, verbreitete ſich ein Ausdruck des Entzückens über ſein Geſicht. Als die Bedienten das Zimmer verließen und Lord Erpingham ſein erſtes Glas Wein trank, lenkte das Geſpräch ſich auf Percy Godolphin. „Er iſt länger als vierzehn Tage bei uns geweſen, ſagte Lady Erpingham,„und erwähnte, er habe Dich in Italien getroffen; Deines Namens erwähnte e nach Verdienſt.“ „In der That! Ließ er ſich wirklich herab, mich zu loven?“ ſagte Lord Erpingham lebhaft, denn bei Godolphin's anerkanntem Hochſinne war ſein Lob eine Seltenheit und von Werth, wenigſtens für eines Lords Ohren.„Ja, ja,“ fuhr Lord Erpingham fort,„er iſt ein querköpfiger Geſell und führte in Italien eine ſeltſame Lebensweiſe.“ „So hörte ich immer,“ verſetzte die Lady.„Doch was für eine Weiſe war es? war er ſehr ausgelaſſen?“ „Das eben nicht; aber ihn umgab viel Geheim⸗ nißvolles. Er beſuchte wenige Engländer und unter dieſen nur Leute, die hoch ſpielten. Es hieß, er be⸗ ſäße viel Gelehrſamkeit und dergleichen.“ „O, dann war er vermuthlich von Münzen⸗ und Gemäldeverkäufern und andern Betrügern umgeben, die von denjenigen unſerer Landsleute leben, welche mit wor Wit und runt nich ſtehe der mit terte ich zu ſ gend Keſſ ſtän zu iſt, Zw in( Wh ſein imm Erp lich nur ange er⸗ b die daß e ſich Lord das ſen te mich n bei eine Lords „„er eine Doch ſen?“ heim⸗ unter r be⸗ und eben, velche 95 mit Geſchmack geſegnet oder von Genie heimgeſucht worden ſind,“ ſagte Lady Erpingham, die mit den Witzköpfen und Rednern ihrer Zeit Umgang gehabt und ſich mechaniſch deren Weiſe, einen Redeſatz abzu⸗ runden, angeeignet hatte. .„Weit gefehlt,“ erwiderte der Graf.„Dazu iſt Gotolphin ein viel zu ſchlauer Burſch. Der läßt ſich nicht leicht fangen, verlaſſen Sie ſich darauf. Ich ge⸗ ſtehe, daß er mir darum nicht weniger lieb iſt,“ ſetzte der verſchloſſene Edelmann hinzu.„Er lebte vielmehr mit italieniſchen Doktoren und Gelehrten, und mun⸗ terte beſonders einen ſeltſamen Alten auf, der, wie ich glaube, vorgab, ein Hexenmeiſter oder dergleichen zu ſein. Godolphin wohnte in einer abgelegenen Ge⸗ gend Roms, und man erzählte mir, Labvratorien und Keſſel und ſonſtiges Satanszeug wären dort in be⸗ ſtändiger Thätigkeit.“ „Und doch,“ ſagte Conſtanze,„halten Sie ihn für zu verſtändig, als daß er ſich leicht fangen ließe?“ „Ganz gewiß, Miß Vernon, und Beweis davon iſt, daß Godolphin ſtets ſehr behutſam zu Werke ging. Zwar ſpielte er, doch immer nur gelegentlich; obwohl in Geſchicklichkeitsſpielen, wie Piquet, Billiard und Whiſt, es ihm keiner gleichthut, es möchte denn Saville ſein. Dann aber, entre nous, ſoll Saville nicht immer ehrlich ſpielen.“ „Und Du weißt gewiß,“ ſagte die gelaſſene Lady Erpingham,„daß Herr Godolphin nur der Geſchick⸗ lichkeit ſein Glück im Spiele verdankt?“ Conſtanze warf einen Feuerblick auf die Fragende⸗ 96 „Ei, freilich glaube ich das. Ihn verklagte noch keiner eines unedlen oder verdächtigen Streiches, und wie geſagt, Niemand war mehr, als er, in Geſell⸗ ſchaften geſucht, obwohl er dieſelben meidet, und er hat darin teufelmäßig Recht, denn ſie ſind verwettert langweilig.“ „Mein lieber Robert, in Deinem Alter—“ rief die Mutter. „Indeſſen kann ein Mann ſeine ſchwache Seite haben, Miß Vernon,“ fuhr der Graf, zu Conſtanzen gewendet, fort,„ſo daß der liſtige Italiener die ſchwache Seite des Herrn Godolphin, ſo aalglatt er auch iſt, dennoch ausfindig gemacht hatte; wiewohl ich meines Theils Ihnen freimüthig ſagen möchte, daß ich glaube, er munterte den Graukopf nur auf, um die Leute zu myſtificiren und zu verwirren, damit ſie von ihm reden möchten; kurz, es war nichts als Eitel⸗ keit. Er iſt ein hübſches Kerlchen, dieſer Godolphin — he?“ fuhr der Graf in einem Tone fort, als erwarte er eine Verneinung ſeiner Frage. „O, ſehr ſchön!“ ſagte Lady Erpingham.„Und welch ein Geſicht!“ „Verdammt blaß— he?— und nicht die beſie Figur, hager, ſchmalſchulterig— he?“ Godolphin's Geſtalt war fehlerlos; aber unſere geſpreizten Helden denken von einem Manne mittlerer Größe, wie die Mathematiker einen Punkt definiren, indem ſie behaupten, er habe weder Länge noch Breite. „Was ſagſt Du dazu, Conſtanze?“ fragte Lady Erpingham bedeutungsvoll. da ein „TL als ver wi Co der liti noch und eſell⸗ nd er ettert Seite tanzen er die att er iewohl , daß f, um nit ſie Eitel⸗ olphin t, als „Und e beſie unſere ittlerer finiren, Breite. e Lady 97 Conſtanze fühlte die Bedeutung und erwiderte ruhig, daß Herr Godolphin ihr ſchöner erſcheine als irgend ein Mann, den ſie in der letzten Zeit geſehen. Lord Erpingham zupfte an ſeiner Cravatte, und die Damen ſtanden auf, um das Zimmer zu verlaſſen. „Verdammt hübſches Mädchen!“ ſagte Erpingham, als die Thür ſich hinter Conſtanzen ſchloß—„aber verdammt ſpitzig!“ fügte er hinzu, als er ſeinen Platz wieder einnahm. Siebzehntes Kapitel. Conſtanze bei ihrer Toilette— Ihre Gefühle— Beſchreibung der Art ihrer Schönheit— Der Ball— Die Herzogin von Winstoun und ihre Tochter— Betrachtung über weibliche Riva⸗ lität— Eiferſucht eines Liebenden— Wiedervergoltene ariſtokra⸗ tiſche Impertinenz— Horcher hören nur ihre eigene Schande— Bemerkungen über die Unterhaltungen einer großen Geſellſchaſt — Das Abendeſſen— Die Falſchheit der anſcheinenden Heiterkeit — Verſchiedene neue und wahre Betrachtungen— Was zwiſchen Godolphin und Conſtanzen vorgeht. Endlich kam der Abend, wo der Ball zu Ehren der Ankunft des Lord Erpingham ſollte gegeben werden. Conſtanze, zur Eroberung gerüſtet, ſaß in ihrem An⸗ kleidezimmer. Ihr Mädchen hatte ſie eben verlaſſen. Es prannten viele Lichter in dem alterthümlichen Zim⸗ mer— alterthümlich, weil es ſich in dem älteſten Theile des Schloſſes befand— und jene Lichter ſchienen voll auf die hohe Stirn und die herrlichen Geſichts⸗ züge der Miß Vernon. Als ſie ſich in ihrem Seſſel zurücklehnte— den Feenfuß auf den niedrigen gothiſchen 98 Schemel geſtellt und die Hände troſtlos an ihr nieder⸗ ſinkend— da verrieth ihr Geſicht viel, aber kein heiteres Nachdenken, und mit dieſem Nachdenken war einige Unentſchloſſenheit und viel wahre Traurigkeit gemiſcht. Wie ſchon früher angedeutet, dürfen wir nicht annehmen, daß Conſtanzens Lvos bis dahin ein ſtolzes geweſen, obgleich ſie die am meiſten bewunderte Schön⸗ heit des Tages war, obgleich ihr die Hohen, die Edlen ünd Stolzen des Landes ſchmeichelten. Unter der ſchimmernden Menge, die ſie um ſich her verſammelte, vernahm ihr von Eiferſucht und Stolz geſchärftes Ohr häufig Worte, die den Becher der Freude und der Eitelkeit mit Scham und Aerger von ihren Lippen riſſen.„Wie! das iſt Vernon's Tochter?“ hieß es. „Das arme Mädchen! ſo gänzlich von Lady Erpingham abhängig zu ſein. O, ich hoffe, ſie wird einen reichen Geſchäftsmann heirathen!“ Solche Worte von böswilligen Wittwen und ver⸗ blichenen Schönen, waren keine ſeltene Unterbrechung ihrer kurzen und mühſamen Triumphe. Sie hörte intriguirende Mütter ihre Gelbſchnäbel von Söhnen — die Conſtanze mit einem Blicke in den Staub ge⸗ worfen hätte, wenn ſie nur gewagt, ihre Hand zu berühren— vor ihren titel⸗ und mitgiftloſen Reizen warnen. Sie ſah, wie vorſichtige Grafen, die an einem Abend ganz Höflichkeit und am andern ganz Kälte waren, ihren Herzen Gefühle vorwarfen, die zu innig für ihre Reize ſeien, oder die zum erſtenmal in ihrem Leben zu der Ueberzeugung kamen, daß ein Her daß anſ ein He den em den das der⸗ kein war gkeit nicht olzes hön⸗ dlen der elte, Ohr der ppen ß es. ham ichen ver⸗ hung hörte hnen ge⸗ d zu eizen e an ganz „die nmal ein 99 Herz kein Wort für ein pvetiſches Richts ſei, und daß man nur ein ſo ſchönes und herrliches Geſchöpf anſehen dürfe, um ſich dennoch von der Möglichkeit einer Regung der Liebe zu überzeugen. Sie hatte die Herablaſſung der Herzoginnen und vornehmen Damen, den leiſen Wink und die feine Unterſcheidung tief empfunden, die in vornehmen Zirkeln jeden Rang von dem andern trennt und erlaubt, ſich zu ärgern, ohne das Vergnügen zu haben, die Kränkung äußernzu dürfen. Alles dies, was ein Frauenzimmer in der Fröh⸗ lichkeit und Liebenswürdigkeit der Jugend würde un⸗ beachtet gelaſſen haben, machte einen tiefen und bleibenden Eindruck auf Conſtanze Vernon's Gemüth. Das Bild ihres ſterbenden Vaters, ſeine Klagen, ſeine Beſchuldigungen(deren Richtigkeit ſie nie in Frage zog), erhoben ſich vor ihr in den heiterſten Stunden des Tanzes und der Vergnügungen. Sie war keine von den Frauen, deren ſanfte und milde Natur das flieht, was ſie verwunden würde. Conſtanze hatte heſchloſſen, zu erobern Sie verachtete Schimmer und Heiterkeit und Gepränge, und empfand einen glühenden Durſt nach Macht, um die Beleidigungen, die ihr ihrer Meinung nach widerfahren waren, rächen und die Herablaſſung der Großen in Huldigung verwandeln zu können. Dieſer Zweck, den jedes zufällige Wort, jeder achtloſe Blick von einem Andern tiefer und tiefer in ihrem Herzen befeſtigte, erhielt eine Art von Heilig⸗ keit von den Erinnerungen, womit ſie denſelben ver⸗ band— nämlich von dem Andenken an ihren Vater und ſeinem letzten Athemzuge. 100 In dem Augenblick, wo wir ſie geſchildert haben, waren alle dieſe ruheloſen, nagenden und ſtolzen Ge⸗ fühle in ihr geſchäftig; doch während ſie am heftigſten aufgeregt waren, wurden ſie durch einen einzigen fanf⸗ ten und zärtlichen Gedanken bekämpft— durch Go⸗ dolphin's Bild— Godolphin's, des verſchwenderiſchen Erben eines unbedeutenden Vermögens und eines ge⸗ fallenen Hauſes. Sie fühlte zu tief, daß ſie ihn liebe, und unbekannt mit ſeinen weltlicheren Eigenſchaften, glaubte ſie, daß er ſie mit der romantiſchen Glut liebe, die in ſeinem Charakter zu liegen ſchien. Aber dieſe Ueberzeugung verurſachte ihr keine freudige Bewegung. Da ſie ſich nicht verbergen konnte, daß ſie ihn ver⸗ werfen müſſe, trübte ſein Bild jene Gegenſtände und jenen Ehrgeiz, die ſie bisher mit freudigem Stolze betrachtet hatte. Sie war nicht weniger mit den er⸗ habenen Zwecken ihres Geſchickes beſchäftigt; doch der Ruhm und die Illuſion deſſelben war zerſtört. Sie hatte einen Blick in die Zukunft gethan und fühlte, daß man das Glück verlieren müſſe, wenn man ſich der Macht erfreuen wolle. Doch in dieſer vollen Ueberzeugung gab ſie das Glück auf und widmete ſich der Macht. Was ſind unſere beſten und weiſeſten Theorien, unſere Probleme, unſere Syſteme, unſere Philoſophie! Menſchliche Weſen werden nie aufhören, das Mittel mit dem Zwecke zu verwechſeln, und un⸗ geachtet der Dogmen der Weiſen hängt unſer Betragen nicht von unſerer Ueberzengung ab. Ein Wagen nach dem andern rollte an den Fen⸗ ſtern des Zimmers vorbei, wo Conſtanze ſaß, und 5 not Au ſchl unt zur gen Sti ſo ſie vor ihre ſelb vert nich ben, Ge⸗ gſten fanf⸗ Go⸗ ſchen s ge⸗ liebe, uften, liebe, dieſe gung. ver⸗ und Stolze n er⸗ h der Sie ühlte, n ſich vollen e ſich iſeſten unſere hören, d un⸗ ragen Fen⸗ „und 104 noch immer regte ſie ſich nicht, bis ſich endlich ein Ausdruck der Faſſung als das Reſultat eines Ent⸗ ſchluſſes über ihre Züge verbreitete. Die glänzenden und durchſichtigen Farben kehrten auf ihre Wangen zurück, und als ſie ſich emporrichtete und mit einer gewiſſen Ruhe und Energie auf ihrer Lippe und ihrer Stirn daſtand, hatte ihre Schönheit vielleicht nie einen ſo erhabenen und majeſtätiſchen Ausdruck gezeigt. Als ſie durch das Zimmer ging, ſtand ſie einen Augenblick vor dem Spiegel ſtill, der ihre ſtattliche Geſtalt in ihrer vollen Größe reflektirte. Schönheit iſt die wahre Waffe der Frauen, ſo daß es ihnen unmöglich iſt, ſelbſt im Kummer die Wirkung derſelben gänzlich zu vergeſſen, ſo wie der ſterbende Krieger das Schwert nicht mit Gleichgültigkeit betrachten kann, womit er ſeine Siegeszeichen und ſeinen Ruhm erworben hat. Auch war Conſtanze nicht geneigt, gleichgültig gegen die Wirkung zu ſein, die ſie hervorbringen würde. Sie betrachtete ihr Spiegelbild mit einem Gefühl des Triumphes, welches nicht allein aus Eitelkeit entſprang. Und wann ſtrahlte je ein Spiegel eine Geſtalt zurück, die der Verehrung eines Perikles oder des Pinſels eines Apelles würdiger war? Obgleich wenig über der gewöhnlichen Größe, machte doch Conſtanze beſtändig den Eindruck einer viel größeren Perſon, als ſie wirklich war. Eine gewiſſe Majeſtät im Tragen ihres Kopfes, die Haltung ihrer Schultern, die Höhe ihrer Stirn und die außerordentliche Ruhe ihrer Ge⸗ ſichtszüge verliehen ihr eine Miene, die ich an keiner Andern bemerkt habe, und die vielleicht die Paſta 102 möchte beſeſſen haben, wäre ſie eine Schönheit ge⸗ weſen. Aber es lag nichts Hartes oder Ranhes in dieſer Majeſtät. Was Conſtanze vielleicht von der männlichen Natur mochte geerbt haben, ſo war doch nichts Männliches, nichts, als was durchaus weiblich war, an ihrer Perſon ſichtbar. Ihre Formen waren abgerundet und hinlänglich voll, um zu zeigen, daß im mittleren Alter die Schönheit derſelben durch jene Fülle und Friſche würde conſervirt werden, die ein mäßiger Zuwachs der Proportionen dem weiblichen Geſchlechte ſtets verleiht. Ihre Arme und Hände waren und ſind ſelbſt bis zu dieſem Tage von um ſo auf⸗ fallenderer Schönheit, weil ſie ſo ſelten iſt. Nichts iſt in allen eurvpäiſchen Ländern ungewöhnlicher als ein Arm, der ſowohl ſeiner Form als ſeiner Farbe nach wirklich ſchön iſt. Welche elende Knochen, welche eckige Ellbogen, welche rothe Haut ſehen wir in jeder Geſellſchaft durch die leichte Bedeckung der weiten Armel ſchimmern! Zu der Zeit, wovon ich rede, wurde dieſe Bedeckung nicht getragen, und die abge⸗ rundeten, blendend weißen Arme Conſtanzens, faſt bis zur Schulter bloß, waren von ſchimmernden Edel⸗ ſteinen umgeben, die gegen die natürliche Schönheit abſtachen und weit hinter derſelben zurückblieben. Ihr Haar war vom glänzendſten und dunkelſten Schwarz, und ſie trug es nach einer damals ungewöhnlichen Mode, die jetzt bei den einfachſten Geſichtern ange⸗ wendet wird, obgleich ſie nur für vie größten Schön⸗ heiten paßt, ich meine die einfache und klaſſiſche Form, welcher die Franzoſen einen Namen gegeben, den ſie von für ſch dun tief Pri erh hal wal bog voll jene Geſ Rot des tge s in der doch iblich aren daß jene ein lichen varen auf⸗ lichts rals Farbe velche jeder veiten rede, abge⸗ fiſt Edel⸗ nheit Ihr warz, lichen ange⸗ chön⸗ Form, en ſie 103 von der Calypſo erborgt haben, die ſich aber beſſer für eine geiſtreiche als eine wollüſtige Göttin zu eignen ſcheint. Ihre langen Wimpern und ihre zierlichen dunklen Augenbrauen verliehen einem Auge von dem tiefſten Blau, ſo wie der klaſſiſche Contour einem Profil, welches in das römiſche überging, einen noch erhöhten Ausdruck, ſo daß daſſelbe für griechiſch ge⸗ halten wurde. Die nothwendige Vollendung jeder wahren Schönheit beider Geſchlechter, die kurze ge⸗ bogene Oberlippe, zeigte die weißeſten Zähne und die volle Unterlippe fügte zu dem Adel ihrer Schönheit jenen Reiz, welcher ausſchließlich weiblich iſt. Ihre Geſichtsfarbe war wechſelnd, bald blaß, bald mit dem Roth der Seemuſchel oder der ſanfteſten Schattirung des Roſenblattes gefärbt, aber in beiden Fällen war ſie ſo durchſichtig, daß man zweifeln mußte, was ihr am beſten ſtand. Zu dieſen Reizen denke man ſich noch einen Hals und eine Buſen von der blendendſten Weiße und den richtigſten und zierlichſten Proportiv⸗ nen, einen Fuß, deſſen geringſte Schönheit ſeine Klein⸗ heit war, und eine ſchlanke Taille, die nicht vom hageren Wuchſe oder vom Einſchnüren herrührte— ſondern rund und nach und nach abnehmend— und Conſtanze Vernon's Perſon in der Blüte der Ingend ſteht vor uns. Sie ging mit ihrem ruhigen und ſtattlichen Schritte aus ihrem Zimmer und durch das anſtoßende, welches wir deßhalb erwähnen, weil es ihr gewöhnlicher Auf⸗ enthaltsort war, wenn ſie ſich nicht bei Lady Erping⸗ ham befand. Dort hatte Godolphin, mit der fremden 104 aber hofmänniſchen Freiheit, mit der reſpektvollen und ritterlichen Gewandtheit ſeines Weſens, ſie oft beſucht; vort hatte er ſich verweilt, um ſie einen Augenblick und noch einen Augenblick länger von anderer Ge⸗ ſellſchaft abzuhalten, indem er eine Bemerkung über die Bücher machte, die auf den Tiſchen verſtreut lagen, oder von der Waldſcene ſprach, die man von jenen Fenſtern aus ſah, durch die der herbſtliche Mond jetzt mit ſeiner eigenthümlichen Kraft, zu beſänftigen und zu überwinden, hereinſchien. Als dieſe Erinnerungen ſich ihr aufdrängten, ſchwankte ihr Schritt und die Farbe erblich auf ihren Wangen— ſie ſchwieg einen Augenblick, warf einen traurigen Blick um ſich, ſchritt vann raſch weiter, ſtieg die hohe Treppe hinunter, ging durch die gepflaſterte Halle, wo alte Fahnen und verroſtete Helme hingen, und trat mit ihrer Schönheit und ihrem geſchäftigen Herzen unter die dichte und geputzte Menge. Ihr Auge ſah ſich noch einmal nach Godolphin's anmuthiger Geſtalt um, doch er war nicht ſichtbar, und ſie hatte ſich kaum davon überzeugt, als Lord Erpingham, der Held des Abends, ſich ihr näherte und ihre Hand in Anſpruch nahm. „Ich habe eben meine Pflicht gethan,“ ſagte er mit einer Galanterie, die ihm nicht gewöhnlich war, „und jetzt kommt meine Belohnung. Den erſten Tanz habe ich mit Lady Margaretha Midgecombe getanzt und komme in Folge Ihres Verſprechens, um den zweiten mit Ihnen zu tanzen.“ Es lag etwas in dieſen Worten, was eine wunde Stel wöhr gecvi habe für Farb wurt keitet wurt uns dem verd⸗ mäß Lont Con gege zu k rer noch und Bew ihne wille Lady gege Dan ſchw hatte einer und cht; blick Ge⸗ über gen, enen jetzt und ngen die inen hritt nter, hnen hrer die hin's tbar, Lord herte te er war, Tanz tanzt den unde 105 Stelle in Miß Vernon's Herzen berührte. Im ge⸗ wöhnlichen Leben würde man Lady Margaretha Mid⸗ gecombe für ein gutausſehendes Mädchen gehalten haben— ſie war die Tochter eines Herzogs und wurde für eine Hebe erklärt. Ihre kleine Naſe, ihre friſche Farbe und ihr einfältiges aber nicht argloſes Lachen wurden bezaubernd genannt und alle Unregelmäßig⸗ keiten ihrer Geſichtszüge und die Fehler ihres Wuchſes wurden vermöge jener ſeltſamen Empfehlung, die bei uns ſo gewöhnlich iſt, in Verdienſte verwandelt, in⸗ dem man die Redensart auf ſie anwendete:„Ein verdammt hübſches Mädchen; keine von unſern regel⸗ mäßigen Schönheiten.“ Nicht nur in der Graſſchaft, ſondern auch in London hatte man die Lady Margaretha Midgecombe Conſtanzen als Nebenbuhlerin in der Schönheit ent⸗ gegengeſtellt. Conſtanze, die viel zu liebenswürdig, zu kalt, zu ſtolz war, um nicht die Schönheit Ande⸗ rer anzuerkennen, wo ſie wirklich exiſtirte, war den⸗ noch unwillig über einen ſo unwürdigen Vergleich und verachtete zu Zeiten ihre eigenen Anſprüche auf Bewunderung, da ſo unendlichuntergeordnete Anſprüche ihnen konnten gleichgeſtellt werden. Zu dieſem Wider⸗ willen gegen Lady Margaretha geſellte ſich eine durch Lady Margarethens Mutter ſelbſt erzeugte Abneigung gegen dieſe.— Die Herzogin von Winstoun war eine Dame von gewöhnlicher Abkunft, die Tochter eines ſchwer reichen, jedoch neugeadelten Pairs. Inzwiſchen hatte ſie einen der angeſehenſten Herzoge geehelicht— einen dummen, plumpen, prunkſüchtigen Mann mit 106 vier Schlöſſern, acht Jagdbezirken, einer Kohlengrube, einem Zinnbergwerk, ſechs Wahlörtern und etwa dreißig Pfründen. Unthätig und zurückhaltend, wie er war, ſah man den Herzog ſelten öffentlich; die Sorge für die Aufrechterhaltung ſeines Ranges hatte er ſeiner Gemahlin überlaſſen, und dieſe entledigte ſich derſelben mit ſo feierlicher Abſichtlichkeit, als ob ſie eines Käſekrämers Tochter geweſen wäre. Prun⸗ kend, frech und roh— überall eingeladen— Jeden verletzend— gehaßt und geſchmeichelt von Allen, war die Herzogin von Winstoun ganz das, was vor ihr vielleicht ſchon andere Herzoginnen gewe⸗ ſen ſind. Man wolle bemerken, daß damals die Mode noch nicht zu demjenigen Despotismus gelangt war, deſſen ſie ſich jetzt erfreut; ſie nahm ihre Färbung von der Macht an, war jedoch nicht Aufſeherin der Macht. Zu jetziger Zeit hätte die Herzogin von Winstoun nicht das ſein können, was ſie damals war; in der Mode ſteckt ein gewiſſer guter Geſchmack, der den Rangſtolz in ſeine Schranken weiſet, der von den Perſonen verlangt, entweder angenehm, oder glän⸗ zend, oder mindeſtens originell zu ſein, der verdummte Herzoge aufrichtiger Wage wägt und pöpelhafte Herzv⸗ ginnen für überflüſſige Creaturen hält. Damals jedoch übte die Frau Herzogin von Winstoun ungeſtraft die angemaßten Rechte ihrer Frechheit aus. Sie hegte einen beſondern Widerwillen gegen Conſtanze— theils weil die wenigen competenten Schönheitsrichter, die ſich weder um Rang noch um den Ruf kümmerten, Miß Vernt theils Geiſt Dum Schla grimn zimm gab, von 2 die„ zugeg Dam non's ſo lä an de regte ſo da niger wem rang A geführ fallen noch ihrer die ſie Comp an, u nehme und d rube, etwa wie die hatte digte s ob run⸗ eden llen, was ewe⸗ noch eſſen der acht. toun der den den glän⸗ mmte erzo⸗ edoch t die hegte theils „ die Miß 107 Vernon weit über Lady Margaretha geſtellt hatten; theils und hauptſächlich aber, weil Conſtanzens hoher Geiſt und ſcharfe Ironie mehr als einmal der Herzogin Dummdreiſtigkeit einen ſo derben und ſo öffentlichen Schlag verſetzt hatten, daß ſie mit Erſtaunen und In⸗ grimm wahrnahm, wie es in der Welt ein Frauen⸗ zimmer und noch dazu ein unvermähltes Frauenzimmer gab, die im Stande war, die Rohheit der Herzogin von Winstoun zu ſtrafen. Viel gehäſſige Dinge ſagte die Herzogin von Miß Vernon, ſobald dieſe nicht zugegen war, und übermäßig hochmüthig waren der Dame Kopfnicken und Ton im Beiſein Miß Ver⸗ non's. Da nun Conſtanze der Herzogin zuwider war, ſo läßt ſich denken, daß Conſtanze kein Wohlgefallen an der Herzogin fand. Der bloße Name derſelben regte allen Unmuth und alles Selbſtgefühl in ihr auf, ſo daß ſie es mit ſtreng weiblicher, jedoch nichts we⸗ niger als anmuthig weiblicher Empfindung anhörte, wem Lord Erpingham den freilich unerläßlichen Vor⸗ rang gewährt habe. Als Conſtanze von Lord Erpingham zu ihrem Sitze geführt wurde, folgten Bewunderung und Wohlge⸗ fallen ihren Schritten. Dies behagte dem Grafen noch mehr als Conſtanzen. Schon berauſcht von ihrer Schönheit, war der Graf ſtolz auf die Wirkung, die ſie auf Andere hervorbrachte, denn dies war ein Compliment für ſeinen Geſchmack. Er ſtrengte ſich an, um ſich angenehm, ja noch mehr, um ſich ein⸗ nehmend zu machen; er ſprach in flüſternden Tönen und der grme Mann verſuchte zu ſchmeicheln! 408 Die Herzogin und ihre Tochter ſaßen weiter zurück auf erhöheter Eſtrade, wo ſie ganz beſonders deutlich die Huldigung wahrnehmen konnten, die einer der angeſehendſten Grafen des Landes der Tochter eines der größten Redner Englands darbrachte. Sie är⸗ gerten ſich über Mylords Mangel an ariſtokratiſcher Würde. Conſtanze bemerkte den Verdruß der Beiden, und lieh deßhalb den Artigkeiten Lord Erpingham's ein um ſo willigeres Ohr; ihre Augen funkelten, ihre Wangen glühten und die gutmüthigen Leutchen um⸗ her glaubten, indem ſie Lord Erpingham's ungeheuren Backenbart bewunderten, Conſtanze ſei in ihn verliebt. Um dieſe Zeit trat Percy Godolphin in den Saal. Obwohl Godolphin's Perſönlichkeit nichts Prun⸗ kendes zeigte, ſo feſſelte ſie doch jederzeit die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit. Seine Miene, ſeine Hal⸗ tung, ſeine langen ſchönen Locken, ſeine reiche und ausländiſche Art ſich zu kleiden, die durch ſein ſtatt⸗ liches Weſen und durch ſein geiſtreiches Geſicht von aller Stutzerhaftigkeit fern blieb, verliehen ſeinem Er⸗ ſcheinen etwas Bemerkenswerthes und Ausgezeich⸗ netes, und hiezu geſellte ſich Theilnahme an ſeinen zerrütteten Glücksumſtänden und der Ruf ſeines Genies und ſeiner überſpanntheit erhöhte noch die Wirkung. Von dem Gewühl der ihn umgebenden Menge, von den Verbeugungen der Vornehmen und dem Lächeln der Schönen richtete Godolphin ſeinen Blick ja ſeine ganze Seele ab und der Stätte zu, die von Conſtanze Vernon für ihn gleichſam geheiligt wurde⸗ * Er ſ angeſ ihn1 unver ſank dann Verz ſeine keit er li Die gend Natu und die e für 1 Eine anz würd dann ren die zöger ſücht das ſagte urück utlich r der eines e är⸗ tiſcher eiden, ham's ihre tum⸗ euren rliebt. Saal. Prun⸗ e all⸗ Hal⸗ e und ſtatt⸗ t n m Er⸗ ezeich⸗ ſeinen ſeines och die Nenge, d dem Blick, ie von wurde⸗ 109 Er ſah das Mäbdchen im Geſpräch mit einem reichen, angeſehenen und hübſchen Manne; er ſah, daß ſie ihn mit lebhaftem Intereſſe anhörte— daß er mit unverkennbarer Bewunderung zu ihr redete. Ihn ſank der Muth, er fühlte ſich ſchwach und krank⸗ dann erfaßte ihn Verdruß— Kränkung— Angſt— Verzweiflung. Alle ſeine früheren Entſchlüſſe, alli ſeine Vorſicht, ſeine Weltklugheit, ſeine Behutſam⸗ keit wichen auf einmal von ihm; er fühlte nur, daß er liebte, daß er verdrängt, daß er vernichtet war. Die düſtere und wilde Leidenſchaftlichkeit ſeiner Ju⸗ gend, einer an ſich ſchon ungeſtümen und heftigen Natur beraubte ihn auf der Stelle aller Entwürfe und Gebäude jener flachen und kalten Philoſphie, die er von der Welt entlehnte und irrthümlich genng für die Weisheit des Studirzimmers gehalten hatte. Eine Hütte und eine Wüſte mit Conſtanzen— Con⸗ anze. ganz die Seinige mit Herz und Hand— das würde für ihn ein Paradies geweſen ſein; er würde dann keinen andern Ehrgeiz genährt, keinen ſchöne⸗ ren Lohn erſtrebt haben. Eine ſolche Wirkung hat die Eiferſucht auf uns. So lange wir vertrauen, zögern wir eine Huld anzunehmen; ſobald wir eifer⸗ ſüchtig ſind, möchten wir für Erlangung dieſer Huld das Leben hingeben. „Welch ein ſchmucker Kerl der Erpingham iſt!“ ſagte ein junger Cavalerievfficier. Godolphin hörte es und ſeufzte vernehmbar. „Und mit welch einem vertenfelt hübſchen Mäd⸗ Bulwer, Godolphin. 8 11⁰ chen er tanzt!“ ſetzte ein anderer junger Menſch aus Orford hinzu. „Miß Vernon iſt's,“ ſagte belehrend ein Dritter. „Beim Jupiter! er ſcheint ganz entzückt von ihr zu ſein. Nun, das wäre ein guter Fang für ſie.“ „Und ſie nicht minder für ihn!“ rief der ritter⸗ liche Orforder. „Hm!“ brummte der Offizier. „Ich hörte,“ ſagte der Orforder,„ſie würde ſich mit dem jungen Godolphin verehelichen. Er hielt ſich noch vor Kurzem hier auf. Sie ritten und gingen mit einander aus. Welch ein glücklicher Kerl er war! Für mein Leben gern möchte ich ihn einmal ſehen.“ „Still!“ ſagte ein Dritter und ſah Godolphin an. Perch ſchritt weiter. So gebildet und ſo gefaßt er auch gewöhnlich war, ſo konnte er doch nicht ganz die Hölle verbergen, die in ſeinem Buſen glühte. Seine Stirn wurde finſter und er erwiderte kaum die Begri⸗ ßungen, womit man ihm entgegen kam. Indem er ſich aus dem Gewühl entfernte, flüchtete er ſich hinter einen großen Pfeiler, wo er, kaum von Jemand ge⸗ ſehen, den Blick auf die Geſtalt und die Bewegungen Miß Vernon's heftete. Zufällig war er in die Nähe der Herzogin von Winstoun gekommen, ſo daß er die Unterredung hören konnte, welche ich mitzutheilen habe. Als der Tanz vorüber war, führte Lord Erping⸗ ham ſeine Dame zu einem Sitze dicht neben Mar⸗ garethen. Die Herzogin hatte ihren Angriffsplan ge⸗ macht, ſtand auf, als ſie Conſtanze in ihrer Nähe bem heu Sie Ger näm zogi es Ihr wah deut ſchw heit ſeitd jedo növe Lort Her ſie daß verd ſchie Her groſ ſok ſch aus ritter. ihr zu ℳ ritter⸗ de ſich elt ſich en mit Für 4 in an. gefaßt t gan Seine Begriü⸗ er ſich hinter nd ge⸗ zungen in von hören rping⸗ Mar⸗ n ge⸗ Nähe 111 bemerkte und näherte ſich ihr mit einer Miene er⸗ heuchelter Höflichkeit. „Wie geht's Ihnen, Miß Vernon? Es freut mich, Sie wohl zu ſehen. Iſt denn etwas Wahres an dem Gerüchte, he?“ und die Herzogin zeigte ihre Zähne, nämlich ſie lächelte. „Von welchem Gerüchte ſprechen die Frau Her⸗ zogin?“ „Nun, ich bin überzeugt, Lord Erpingham hat es ebenſowohl gehört wie ich, und ich wünſchte um Ihretwillen, ja, um Beider willen, daß das Gerücht wahr ſein möge.“ „Zu warten, bis die Herzogin von Winstoun ſich deutlich ausſpricht, hieße ihre und meine Zeit ver⸗ ſchwenden,“ ſagte die ſtolze Conſtanze mit der Schroff⸗ heit, worin ſie ſich damals gefiel, und wodurch ſie ſeitdem immer bekannter wurde. Die Herzogin wollte jedoch nicht eher beleidigt ſein, als bis ſie ihr Ma⸗ növer vollendet hatte. „Ich appellire an Sie, Herr Graf,“ ſagte ſie zu Lord Erpingham.„Soll Miß Vernon nicht bald an Herrn Godolphin verheirathet werden? Gewiß,“ ſetzte ſie mit erheuchelter Gutmüthigkeit und Mitleiden hinzu, daß es Conſtanze bis in's Innerſte ihres Gemüthes verdroß,„gewiß, es wird mich freuen, wenn es ge⸗ ſchieht.“ „Auf mein Wort, Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Herzogin,“ antwortete Lord Erpingham, indem er die großen, runden, braunen Augen, weßhalb er mit Recht ſo berühmt war, weit aufriß.„Ich hörte nie davon.“ 112 „Ah ſo! ein Geheimniß alſo 2. entgegnete die Herzogin.„Schon gut! ich verſtehe mich darauf, ein Geheimniß zu bewahren.“ Lady Margaretha blickte vor ſich nieder und kicherte. „Bis jetzt glaubte ich,“ ſagte Conſtanze mit ernſter Faſſung,„daß keine Perſon verächtlicher ſein könne als die, welche leere Gerüchte ſammelt; jetzt aber ſehe ich ein, daß ich mich irrte, denn unendlich verächt⸗ licher noch iſt eine Perſon, welche Gerüchte erfindet.“ Die ungebildete, mit ihren eigenen Waffen ge⸗ ſchlagene Herzogin erröthete vor Zorn, ſo daß es durch ihre Schminke ſichtbar war; Conſtanze aber wendete ſich ab und ſuchte, noch immer auf Erping⸗ ham's Arm gelehnt, einen andern— und zwar zu⸗ füllig eben den Sitz, der dicht vor dem Pfeiler war, hinter welchem Godolphin Alles ſehen und hören konnte. „Auf mein Wort, Miß Vernon,“ ſagte Lord Er⸗ pingham,„ich bewundere Ihren ſcharfen Geiſt. Es geht nichts über die Luſt, dergleichen abſcheuliche Leute herunterzuſetzen, die Einen zwacken und meinen, man müſſe es geduldig hinnehmen. Allein darf ich, ohne unbeſcheiden zu ſein, wohl fragen, ob an dieſem Ge⸗ rücht irgend etwas Wahres iſt?“ „Gewiß nicht,“ ſagte Conſtanze mit großer An⸗ ſtrengung, aber mit klarer Stimme. „Ich hätte es mir denken können! Godolphin iſt viel zu arm— viel zu arm für Sie. Miß Vernon iſt nicht zu einer Liebe im Hüttchen auserſehen— nicht wahr?“ Conſtanze ſeufzte. Ihr leiſer, milder Seufzer drang tief Ath der „der her. ein ling gab er ſt heir lich es ſein wöh Pru aber Cur S. beza Sei Mir amt grat wie hab Die auch ſein wol die ein erte. nſter önne ſehe ächt⸗ det.“ ge⸗ ß es aber ing⸗ rzu⸗ war, nnte. Er⸗ Es Leute man ohne Ge⸗ An⸗ in iſt ernon drang 113 tief in Percy's Herz. Perey beugte ſich vor, hielt den Athem an, ſehute ſich nach einem Laut, einer Silbe der Antwort; doch er hörte nichts in dem Augenblick. „Sie erinnern ſich,“ begann der Graf wieder, „der Miß L.; doch nein, das iſt für Sie zu lange her. Nun! Miß L. heirathete den jungen S., eben ſo ein Subjekt wie Godolphin. Er hatte keinen Schil⸗ ling, lebte aber flott, hatte ein Haus in Magfair, gab Geſellſchaften, jagte in Melton u. ſ. w., kurz, er ſpielte hoch. Sie hatte etwa zehntauſend Pfund. Sie heiratheten einander und lebten zwei Jahre lang herr⸗ lich und in Freuden. Jeder beneidete ſie; zwar fehlte es ihnen an vollſtändiger Equipage, doch fuhr S. ſeine junge Gemahlin in einem damals noch unge⸗ wöhnlichen franzöſiſchen Cabriolet umher. Nichts von Prunk— doch Alles verhenkert nett bei ihnen; immer aber Liebe im Hüttchen, bloß daß die Hütte in der Curzonſtraße ſtand. Endlich aber wendete ſich das Blatt. S. verlor Hab und Gut, ſchuldete mehr als er jemals bezahlen konnte, und wir mußten ihn fallen laſſen. Sein Verwandter, Lord H., der das Jahr darauf in's Miniſterium kam, verſchaffte ihm eine Stelle beim Zoll⸗ amt. Jetzt wohnen ſie in Brompton; er trägt einen grau und weiß geſprenkelten Rock und ſie eine Haube wie eine Grünshändlerin, mit rothen Vändern; ſie haben fünfhundert Pfund jährlich und zehn Kinder. Dies war das Schickſal dieſer Frau, und dies würde auch wahrſcheinlich das Schickſal von Godolphin's Frau ſein. O, Miß Vernon wird ihn gewiß nicht heirathen wollen!“ 1¹4 „Sie haben Recht, Lord Erpingham,“ ſagte Con⸗ ſtanze mit Nachdruck;„doch Sie nehmen ſich zu viel heraus, Ihre Meinung ſo deutlich auszuſprechen.“ Ehe Lord Erpingham ſeine Entſchuldigung ſtam⸗ meln konnte, hörten ſie ein leiſes Geräuſch hinter ſich, und als ſie ſich umwendeten, war Godolphin bereits aufgeſtanden. Sein Geſicht, ſtets zu ruhiger Strenge geneigt— denn das Nachdenken iſt gewöhnlich ſtrenge in ſeinem äußern Anblick— war jetzt mit ſo finſterem und drohendem Ausdruck auf Beide gerichtet, daß dem Grafen auf einen Augenblick das Herz ſiillſtand und Conſtanze erſchrack, als habe ſie den Geiſt und nicht die lebendige Geſtalt ihres Geliebten erblickt. Aber kaum hatten ſie dieſen Ausdruck ſeines Geſichtes ge⸗ ſehen, als ſich derſelbe auch ſchon veränderte. Mit kaltem und höflichem Lächeln, mit glatter Stirn und tiefer Verbeugung grüßte Godolphin die Beiden, ent⸗ fernte ſich mit langſamen Schritten von ſeinem Sitze und verſchwand unter der Menge. Welch ein ſeltſames Ding iſt doch eine große Ge⸗ ſellſchaft! Eine ungeheure Menſchenmenge, die ein⸗ ander völlig gleichgültig ſind, kommen zu Vergnügungen zuſammen, welche die große Mehrzahl unendlich lang⸗ weilig findet. Wie geiſtlos, wie unciviliſirt iſt eine ſolche Scene und ſolche handelnden Perſonen! Welch ein überbleibſel barbariſcher Zeiten, wo die Leute tanzten, weil ſie nichts zu ſagen wußten! Läge nichts Lächerliches im Tanze, ſo würde auch nichts Lächer⸗ liches darin liegen, einen weiſen Mann tanzen zu ſehen. Aber ein ſolcher Anblick würde lächerlich ſein wegen der Ind⸗ zu d kauf äuge ein Käu öffen Glas jung glän Wir der aus nicht hat, werd verb Scht derte geſch gebil über on⸗ viel am⸗ ſich, eits nge nge rem dem und ticht lber ge⸗ Mit und ent⸗ Sitze Ge⸗ ein⸗ igen ing⸗ eine elch eute chts her⸗ hen. egen 11⁵ der Ungleichheit des Geiſtes und der Beſchäftigung. Indeſſen haben wir einige Entſchuldigung: wir gehen zu dieſen Verſammlungen, um unſere Töchter zu ver⸗ kaufen oder mit den Frauen unſerer Nachbarn zu lieb⸗ äugeln. Ein Ballſaal iſt nicht mehr oder weniger als ein großer Marktplatz der Schönheit. Wäre ich ein Käufer, ſo würde ich meine Einkäufe auf einem weniger öffentlichen Markte machen. „Kommen Sie, Godolphin, laſſen Sie uns ein Glas Champagner mit einander trinken,“ rief der junge Lord Belvvir, als ſie neben einander bei dem glänzenden Abendeſſen ſaßen. „Von ganzem Herzen, aber nicht aus dieſer Flaſche! Wir müſſen eine neue haben, denn dieſes Glas gilt der Lady Delmour und ich kann ihre Geſundheit nur aus einer friſchen Flaſche trinken! Nichts Zahmes, nichts Mattes, nichts, was ſeine erſte Friſche verloren hat, kann einer ſo Schönen und Jungen geweiht werden.“ Die friſche Flaſche wurde geöffnet und Godolphin verbeugte ſich gegen Lord Belvoir's Schweſter— eine Schönheit und eine Geiſtreiche. Lady Delmour bewun⸗ derte Govolphin und fühlte ſich durch ein Compliment geſchmeichelt, welches Niemand, der allein in England gebildet worden, den galanten Muth gehabt hätte, über einen beſetzten Tiſch auszuſprechen. „Sie haben getanzt?“ ſagte ſie. „Nein!“ „Was denn?“ „Was denn?“ ſagte Godolphin,„Ach! Lady Del⸗ 116 mour, fragen Sie nicht.“ Der Blick, der die Worte begleitete, gab denſelben eine Bedeutung.„Darf ich erſt hinzuſetzen, daß ich an die ſchönſte gegenwärtige Perſon gedacht habe?“ „Pah!“ ſagte Lady Delmour und wendete den Kopf ab. Dieſes Pah iſt ein ſehr bedeutungsvolles Wort. Im Munde eines Geſchäftsmannes bedeutet es Ver⸗ achtuug gegen die Romantik; im Munde eines Poli⸗ tikers weist es eine Theorie zurück. Mit dieſem ein⸗ ſilbigen Worte ſchlägt ein Philoſoph einen Trugſchluß todt; mit dieſen drei Buchſtaben ſchafft ſich ein reicher Mann einen Bettler vom Halſe. Doch in dem Roſen⸗ munde eines Weibes verſchwindet das Rauhe und die Verachtung wird Ermuthigung.„Pah!“ ſagt die Dame, wenn man ihr ſagt, daß ſie ſchön iſt; aber ſie lächelt, wenn ſie es ſagt. Mit derſelben Erwi⸗ derung nimmt ſie eine Liebeserklärung auf und errö⸗ thet zugleich. Für Männer iſt es der ſtrengſte, für Frauen der mildeſte Ausruf in der Sprache. „Pah!“ ſagte Lady Delmour und wendete den Kopf ab. Doch Godolphin war ſehr aufgeräumt. Wie ſeltſam, daß wir ſolche Heiterkeit aus unſerm Trüb⸗ ſinn hervorzulocken vermögen! Der Schläg gibt Fun⸗ ken; man rege die Nerven durch Eiferſucht, durch Verzweiflung auf und bei den Stolzen erkennt man die Aufregung nur an der tollen Fröhlichkeit und an dem hyſteriſchen Lachen, welches ſie hervorbringt. Godolphin war reizend wie ein Liebesgott und die junge Gräfin war entzückt von ſeiner Galanterie. Flaſe 4 ganz halte 2 derte alleit glühe in de ſelbſt der alle Ver einen das empf ſonde wund Leide ſie ſt tigkei die d denſc den ſind orte f ich rtige den ort. Ver⸗ ßoli⸗ ein⸗ hluß icher ſen⸗ die die aber rwi⸗ errö⸗ für den Wie rüb⸗ Fun⸗ urch man dan d die . 117 „Liebten Sie je?“ fragte ſie zärtlich, als ſie nach dem Abendeſſen allein bei einander ſaßen. „Ach ja!“ ſagte er. „Wie oft?“ „Leſen Sie Marmontel's Geſchichte von den vier Flaſchen: ich habe keine andere Antwort.“ O, welch eine ſchöne Erzählung iſt das! Die ganze Geſchichte eines Mannesherzens iſt darin ent⸗ halten. Während Godolphin ſo mit Lady Delmour plau⸗ derte, war ſeine ganze Seele bei Conſtanzen; an ſie allein dachte er und an ihr ſich zu rächen war ſein glühender Wunſch. Es iſt eine ſeltſame Erſcheinung in der Liebe, welche beweist, wie viel die Eitelkeit, ſelbſt mit der beſten Art derſelben, zu thun hat. Wenn der Vorzug, den unſere Geliebte einem Andern gibt, alle unſere Liebe in Haß verwandelt, macht es der Verluſt der Geliebten oder der Vorzug, den ſie einem Andern gibt? Gewiß das letztere, denn wäre das erſtere der Fall, ſo würden wir nur Kummer empfinden— aber Eiferſucht erregt keinen Kummer, ſondern Wuth, ſie macht nicht betrübt, ſondern ver⸗ wundet. Wenn wir alt werden und auf die herrſchende Leidenſchaft zurückblicken, wie lächeln wir darüber, daß ſie ſolche Thoren aus uns gemacht— über die Wich⸗ tigkeit, die wir darauf gelegt— über die Millionen, die dadurch geleitet worden ſind! Wenn wir die Lei⸗ denſchaft der Liebe prüfen, ſo iſt es, als wenn wir den Charakter eines großen Mannes erforſchen; wir ſind erſtaunt über die Kleinheit, die demſelben an⸗ 118 hängt. Wir fragen verwundert:„Wie gingen ſolche Wirkungen aus einer ſolchen Urſache hervor?“ Godolphin ſprach mit Lady Delmour von zärt⸗ lichen Gefühlen, bis ihr Lord, der ſehr viel auf ſeine Wagenpferde hielt, ſich näherte und ſie hinwegführte. Froh ihrer los zu ſein, ging Perch in den Ballſaal, wo die Geſellſchaft ſich zwar etwas verringert hatte, aber der Tanz noch mit der Lebhaftigkeit fortgeſetzt wurde, welche zuzunehmen ſcheint, wenn die Nacht vorrückt. Ich meines Theils thue gerne von Zeit zu Zeit zu einer ſpäten Stunde einen Blick in einen Ballſaal, als eine Warnung und ernſte Erinnerung an die Flüch⸗ tigkeit der Zeit. Kein Vergnügen gehört mit Recht ſo weſentlich den Jungen in der Blüte der Jugend — den Gedankenloſen, den Berauſchten an— deren Blut ein wahres Elirir iſt. Dort entdecke ich, mehr als an allen andern Orten, die ungeheure Kluft zwi⸗ ſchen mir und meiner Jugend⸗ „Wenn Conſtanze ein Weib iſt,“ ſagte Godolphin bei ſich ſelber, als er in den Ballſaal zurückkehrte,„ſo will ich ſie ſchon nach meinem Willen demüthigen. Ich habe die Wiſſenſchaft nicht ſo lange ſtudirt, um in dem erſten Augenblick geſchlagen zu werden, wo ich ernſthaft zu ſiegen gewünſcht habe.“ Als dieſer Gedanke ihn belebte, hielt er ſich in einiger Entfernung von Conſtanzen, doch ſo, daß er ſie beſtändig ſehen konnte. Er hlieb bei Lady Mar⸗ garetha Midgecombe ſtehen. Er redete ſie an. Un⸗ geachtet der Inſolenz und Unwiſſenheit der Mutter und Tocht Perſo einen thum Sie ihnen Ruf frivole gung wende S verbre zu bea gnüge Tanz, beſtellt welche wegun ſchiene aus B Z1 gareth ſehen, ſchwin ten,„ das S als Go Der l worin zeigen ſolche zärt⸗ ſeine ihrte. lſaal, hatte, eſetzt Racht eit zu Iſaal, lüch⸗ Recht ugend deren mehr zwi⸗ lyhin .„ſo Ich m in o ich ich in aß er Mar⸗ Un⸗ r und 119 Tochter wurde er gut aufgenvmmen. Es gibt einige Perſonen zu allen Zeiten und in allen Zonen, die einen gewiſſen Reſpekt gebieten, der weder durch Reich⸗ thum, Rang oder ſerupulöſe Moralität erkauft iſt. Sie gewinnen ihn durch den Ruf, den das Talent ihnen allein verſchaffen kann und der nicht immer der Ruf des Talents iſt. Kein Mann, ſelbſt nicht in den frivvlen Geſellſchaften der Großen, empfängt Huldi⸗ gung ohne gewiſſe Eigenſchaften, die, richtig ange⸗ wendet, ihn zum Ruf geführt haben würden. So hatte Godolphin's Genie einen Glanz um ihn verbreitet, welcher ſelbſt die Stolzeſten veranlaßte, ihn zu beachten, und Lady Margaretha erröthete vor Ver⸗ gnügen, als er ſie zum Tanz aufforderte. Ein fremder Tanz, damals nur theilweiſe in England bekannt, war beſtellt; nur Wenige konnten ihn tanzen— nur die, welche im Auslande geweſen waren, und da die Be⸗ wegungen beſondere perſönliche Anmuth zu erforvern ſchienen, ſo lehnten ſelbſt einige von dieſen Wenigen aus Beſcheidenheit den Tanz ab. Zu dieſem Tanze führte Godolphin die Lady Mar⸗ garetha. Alle drängten ſich heran, um die Tänzer zu ſehen, und als dieſelben nach der Reihe durch das ſchwindliche und berauſchende Irrgewinde dahinſchweb⸗ ten, machte man Bemerkungen über das Linkiſche, das Seltſame und das Unſchickliche des Tanzes. Aber als Godolphin begann, veränderte ſich das Gemurmel. Der langſame und gemeſſene Takt war ein ſolcher, worin die Anmuth und Symmetrie ſeiner Perſon ſich zeigen konnte. Lady Margaretha war wenigſtens eben 120 ſo gut mit dem Tanze bekannt, und das Paar war( allen andern Tänzern ſo unendlich überlegen, ſo daß Conf dieſe es bemerkten und Einer nach dem Andern ſtill⸗ aber ſtand. Als Godolphin ſah, daß ſie allein waren,„der e blieb er auch ſtehen und die Zuſchauer gaben ihren Godr Beifall lauter zu erkennen, als dies gewöhnlich in ſprac feiner Geſellſchaft geſchieht. Als Godolphin ſtillſtand, begegnete er Con⸗ dolph ſtanzens Blicken. Er fand in ihrem Geſichte nicht Went den Ausdruck, den er erwartet hatte: es war weder mir, zornige Eiferſucht, noch die Unruhe verletzter Eitel⸗ mit 2 keit, noch der Wunſch der Verſöhnung in jenen großen eitlen ſprechenden Kreiſen ſichtbar. Es ſchien eine tiefe, litten, durchdringende und traurige Frage in ihrem Blicke umen zu liegen— ſie ſchien in ſein Herz ſehen und ent⸗ den, decken zu wollen, ob ſie dort die Macht zu verwun⸗ ganz den beſitze, oder ob Beide ſich getäuſcht— dies„gan wenigſtens glaubte Godolphin in jenem ſtarren, und V melancholiſchen Blicke zu finden. Er verließ Lady Ange Margaretha plötzlich, und im Angenblick war er an und i Conſtanzeus Seite. an ih „Dieſer Abend muß Ihnen Entzücken gewähten,“ ſchuld ſagte er mit Bitterkeit.„Wohin ich nur gehe, da umſtä yöre ich Ihr Lob. Jeder bewundert Sie, und nur! hören der, welcher Sie nicht ſo ſehr bewundert, um Sie zu verehren, iſt unter Ihrer Beachtung. Er— der Verng unter ſo zerrütteten Vermögensumſtänden geboren iſt— er konnte freilich nicht nach dem ſtreben, wor⸗ hören über reiche und betitelte Thoren gebieten zu können einer glauben— nach Conſtanze Vernon's Hand.“ auszu war daß ſtill⸗ aren, ihren h in Con⸗ nicht veder Fitel⸗ roßen tiefe, Blicke ent⸗ wun⸗ dies und Lady er an ren, d nur“ n Sie — der boren wor⸗ önnen 124 Gobolphin ſprach in leiſem und ruhigem Tone. Conſtanze wurde todtenblaß— ſie erbebte, antwortete aber nicht ſogleich. Sie näherte ſich einem Sitze, der ein wenig von der bewegten Menge entfernt war. Godolphin folgte und ſetzte ſich zu ihr; und dann ſprach Conſtanze mit einiger Anſtrengung. „Sie hörten, was geſprochen wurde, Herr Go⸗ dolphin, und es thut mir leid, daß es geſchehen. Wenn ich Sie indeß beleidigt habe, ſo verzeihen Sie mir, ich bitte Sie— ich bitte Sie aufrichtig und mit Wärme. Gott weiß, ich habe ſelber genug von eitlen Worten und der erniedrigenden Meinung ge⸗ litten, womit dieſe harte Welt die Armen heimſucht, um nicht inniges Bedauern und Scham zu empfin⸗ den, wenn ich auf gleiche Weiſe einen Andern und ganz beſonders“— hier bebte Conſtanzens Stimme— „ganz beſonders Sie verwunde!“ Während ſie ſprach, richtete ſie ihre thränenvollen Angen auf Godolphin. Die Zärtlichkeit ihrer Stimme und ihres Blicks beſänftigten ihn ſogleich. Richtete an ihn die ſtolze Conſtanze dieſe freundlichen und ent⸗ ſchuldigenden Worte?— An ihn, deſſen dürftige Umſtände ſie als ihrer unwürdig hatte beſchreiben hören? „O Miß Vernon!“ ſagte er leidenſchaftlich,„Miß Vernon— Conſtanze— theure, theure Conſtanze! — wenn ich wagen darf, Sie ſo zu nennen— hören Sie ein Wort von mir. Ich liebe Sie mit einer Liebe, die mir keine Worte geſtattet, um ſie auszuſprechen. Ich kenne meine Fehler, meine Ar⸗ 122 muth, meine Unwürdigkeit: aber— aber— darf ich— darf ich hoffen?“ Und das ganze Weib war auf Conſtanzens Wange, als ſie ihn anhörte. Und dieſe Wange, wie reich war ſie gefärbt! Ihre Augen waren niedergeſchlagen, ihr Buſen hob ſich. Wie ſenkte ſich jedes Wort dieſer kurzen Sätze in ihr Herz Nie vergaß ſie einen Ton davon. Das Kind kann ſeine Mutter vergeſſen und die Mutter das Kind verlaſſen; aber nimmer entſchwindet aus dem Herzen eines Weibes die Er⸗ innerung an das erſte Geſtändniß der Liebe von dem, welchen ſie zuerſt liebte! Sie erhob ihre Augen, wen⸗ dete ſie ab und blickte ihn wieder an⸗ „Dies darf nicht ſein,“ ſagte ſie endlich;„nein, nein! es iſt Thorheit, Wahnſinn von uns Beiden!“ „Nicht ſo; nein, nicht ſo!“ flüſterte Godolphin in den ſanfteſten Tönen einer Stimme, die niemals rauh ſein konnte„Es mag Thorheit— Wahnſinn ſcheinen, daß die ſchöne und von allen vergötterte Miß Vernon den Liebesſchwüren eines ſo niedrigen Verehrers horcht; aber prüfen Sie mich— und Sie ſollen in einigen Jahren geſtehen, daß dieſe Thor⸗ heit Sie glücklicher gemacht hat als alles Glück der Klugheit und des Ehrgeizes.“ „Dies“— antwortete Conſtanze mit ihren Re⸗ gungen kämpfend—„dies iſt weder der Ort, noch die Stunde zu einer ſolchen Unterredung. Laſſen Sie uns morgen mehr reden— im weſtlichen Zimmer.“ „Und die Stunde?“ „Zwölf Uhr.“ „ C einer ſoglei Percy Je jenige zog, ſie in ſollen über Gaſtft annah beſtim Et zur R tend, ihm a Alle e durch bildete weltli den. E müſſe, Glut darf inge, reich agen, Wort einen eſſen nmer Er⸗ dem, wen⸗ nein, den!“ lphin emals nſinn tterte rigen d Sie Thor⸗ ck der Re⸗ noch n Sie mer.“ 123 „Und darf ich hoffen— bis dahin?“ Conſtanze wurde wieder blaß und antworte mit einer Stimme, die kaum hörbar war, aber dennoch ſogleich ſein freudiges Vertrauen vernichtete:„Nein, Perch; es iſt keine Hoffnung— keine!“ Achtzehntes Kapitel. Die Unterredung— Die Lebenskriſe. Ich habe erwähnt, daß das weſtliche Zimmer das⸗ jenige war, wohin ſich Conſtanze gewöhnlich zurück⸗ zog, wenn weder die Geſelligkeit noch die Gtikette ſie in die öffentlichen Zimmer rief. Ich hätte ſagen ſollen, daß Godolphin im Hauſe ſchlief; denn da er über Land kam, ſo hatte ihm Lady Erpingham ihre Gaſtfreundſchaft angeboten, die er bereitwillig genug annahm. Vor der verabredeten Stunde war er auf der beſtimmten Stelle. Er hatte die Stunden bis dahin zugebracht, ohne ſich zur Ruhe zu legen. Ruhelos durch ſein Zimmer ſchrei⸗ tend, hatte er die Worte überlegt, wodurch Conſtanze ihm alle Hoffnungen genommen, die ſie ſelber erregt. Alle egoiſtiſcheren Pläne oder Rückſichten waren wie durch Zauber aus dem Gemüthe eines frühzeitig ge⸗ bildeten, aber noch nicht gänzlich in der Form der weltlichen Spekulation erhärteten Mannes verſchwun⸗ den. Er dachte nicht mehr daran, was er aufgeben müſſe, um ihre Hand zu erlangen— ſondern mit der Glut knabenhafter und wahrer Liebe dachte er nur 124 an ſie. Es war, als gebe es keine Welt außer der kleinen Stelle, wo ſie athmete und ſich bewegte. Der Armuth, der Einſchränkung, der Arbeit, der Ver⸗ änderung der Sitten und Gewohnheiten ſeines ganzen früheren Lebens, dem Geſchäftszwange und der Selbſt⸗ verläugnung ſah er nicht ſo ſehr mit Ruhe als mit Triumph entgegen. „Wenn nur Conſtanze mein iſt!“ ſagte er wieder⸗ holt, doch immer wieder klopften jene unheilvollen Worte an ſein Herz:„Keine Hoffnung— keine!“ und er knirſchte in Verzweiflung mit den Zähnen und murmelte;„Aber mein wird ſie nicht— wird ſie nimmer ſein!“ Dennoch aber kehrte ſein gewohntes Vertrauen einigermaßen zurück. Es war ihm theilweiſe gelungen, ſich die augenſcheinliche Bedeutung der Worte wegzu⸗ disputiren, und er ſtieg zu dem Zimmer vom Garten aus hinauf, wo er durch die Luft ſein geiſtiges Fieber abzukühlen verſucht hatte. Die Luft war trübe und drückend. Ein feiner Staubregen und die feſtſtehenden Wolken, die den Himmel bedeckten, entſprachen der finſtern und drü⸗ ckenden Traurigkeit ſeiner Gedanken. Er blieb zaudernd ſtehen, ehe er die Thür des Zimmers öffnete. Er horchte und die lebhafte und ſchmerzliche Empfindung, die alls ſeine Sinne belebte, machte, daß es ihm vorkam, als höre er, obgleich außerhalb des Zimmers, den Athem Conſtanzens, oder als ſei ihm, wie durch Inſpiration die Gegen⸗ wart ihrer Schönheit bekannt. Er öffnete leiſe die Thüre ſtanze D terung mehr Fenſtet Stelle einen an ver Bücher ihrem Hauſes Die S laut v genwa ihn un Abweſ klopfer Neigu größe, ſtanzer Vild, dernen Glück abgebi einer war e dehnt. dunkle flügel Bi der Der Ver⸗ nzen elbſt⸗ mit eder⸗ ollen ine!“ n und d ſie rauen ingen, vegzu⸗ arten Fieber feiner e den d dri⸗ ür des te und belebte, bgleich anzens, Gegen⸗ eiſe die 125 Thüre. Alles war ſtill und verlaſſen für ihn— Con⸗ ſtanze war nicht da! Doch ſelbſt dieſe Abweſenheit war eine Erleich⸗ terung für ihn. Er athmete freier und bereitete ſich mehr auf die Begegnung vor. Er ſtellte ſich in die Fenſtervertiefung: vergebens— er konnte an keiner Stelle ruhen. Er ging hin und her und blieb nur einen Augenblick ſtehen, als ein Gegenſtand vor ihm an vergangene und ruhigere Stunden erinnerte. Die Bücher, die er bewundert und bei ſeiner Abreiſe an ihrem gewöhnlichen Orte in einem andern Theile des Hauſes zurückgelaſſen, entdeckte er jetzt auf den Tiſchen. Die Stellen waren aufgeſchlagen, die er Conſtanzen laut vorgeleſen— jene Stellen, die ſie in ſeiner Ge⸗ genwart zum Schein nicht bewundert, und es rührte ihn unausſprechlich, zu bemerken, daß ſie ihr in ſeiner Abweſenheit theuer geworden waren. Als er ſich mit klopfendem Herzen von dieſen ſtillen Beweiſen der Neigung wegwendete, bemerkte er ein Bild in Lebens⸗ größe, welches eine ſprechende Uhnlichkeit mit Con⸗ ſtanzen hatte. Es war das Bild ihres Vaters. Das Vild, welches einer der beſten unſerer gtoßen mo⸗ dernen Meiſter in der ſtolzeſten Epoche von Vernon's Glück und Ruhm gemalt. Er war in der Stellung abgebildet, wie er eine der geiſtreichſten Stellen in einer ſeiner glänzendſten Reden geſprochen; die Hand war erhoben, der Fuß vorgeſtreckt, die Bruſt ausge⸗ dehnt. Leben, Kraft und Befehl flammten aus dem dunklen Auge, zeigten ſich in den erweiterten Naſen⸗ flügeln und in ver begeiſterten Lippe. Jene evle Stirn Bulwer, Godolphin. 9 126 — jene ſchön gebildeten Züge— jene Miene ſo voll von der Hoheit des Genius— wie auffallend glichen ſie Conſtanzens ſanfteren Umriſſen! Wider ſeinen Willen durch die Kunſt des Malers und durch die charakteriſtiſchen Züge des Bildniſſes gefeſſelt, ſtand Godolphin da und ſtarrte es an, bis die Thür ſich öffnete und Conſtanze eintrat. Sie lä⸗ chelte matt aber mild, als ſie ſich näherte. Sie ſetzte ſich und winkte ihm, in geringer Entfernung von ihr Platz zu nehmen. Schweigend gehorchte er der Be⸗ wegung. „Godolphin!“ ſagte ſie ſanft.— Bei dem Tone ihrer Stimme erhob er den Blick und ſah ſie ſo flehend, ſo ernſt, ſo leidenſchaftlich im Ausdruck des Wehes ſeines Herzens an, daß Conſtanze nicht vermochte, weiter zu reden. Perch ſah, als er hinblickte, wie mächtig ſein Einfluß geweſen war. Keine Spur von Blüte war auf Conſtanzens Wangen zu ſehen; ſelbſt ihre Lippen waren farblos, die Augen waren vom Weinen angeſchwollen, und obgleich ſie ruhig und gefaßt zu ſein ſchien, ſo war doch die gewohnte Majeſtät in ihren Mienen nicht mehr zu entdecken. Ihre Geſtalt ſchien zu erbeben. Niedergeſchlagenheit und Bekümmerniß— tiefe, leidenſchaftliche, jedoch ruhige Bekümmerniß war an die Stelle des über⸗ muthes und der elaſtiſchen Friſche ihrer Schönheit ge⸗ treten.—„Herr Godolphin,“ wiederholte ſie nach einer Pauſe—„antworten Sie mir wahr und red⸗ lich, nicht in Worten der Galanterie, ſondern mit einem aufrichtigen, offenen Geſtändniß. Wurden Sie in« die Spr unte hige ich g und werd Con lich füllt lich ang ihrer mich zoget Röth ihre erlei lichk Leſe mir wäh Sie daß voll chen alers riſſes bis e lä⸗ ſetzte nihr Be⸗ Tone hend, Lehes ochte, wie on ehen; varen ruhig ohnte ecken. enheit jedoch über⸗ it ge⸗ nach red⸗ mit n Sie 127 in Ihren geſtrigen nnachtſamen Außerungen nicht durch die Leibenſchaftlichkeit des Augenblicks aufgeregt?— Sprachen Sie nicht etwas aus, das Sie zum mindeſten unterdrückt haben würden, wenn Sie bloß nach ru⸗ higer und beſonnener Klugheit gehandelt hätten?“ „Miß Vernon,“ verſetzte Godolphin,„Alles, was ich geſtern Abend ſprach, wiederhole ich jetzt mit Ruhe und Beſonnenheit: alle Glückſeligkeit, die mir jemals werden kann, ruht in Ihrer Hand.“ „Ich wollte, ich könnte an Ihnen zweifeln,“ ſagte Conſtanze kummervoll.„Ich habe Ihre Worte reif⸗ lich erwogen.— Ich fühle mich gerührt— danker⸗ füllt für Ihr Geſtändniß— ich bin ſtolz, ju, wahr⸗ lich ſtolz darauf, aber—“ „O, Conſtanze!“ rief Godolphin plötzlich und angſtvoll, indem er aufſprang und mit Heftigkeit zu ihren Füßen ſtürzte—„v, Conſtanze, verwerfen Sie mich nicht!“ Er ergriff ihre Hand— ſie wurde ihm nicht ent⸗ zogen. Er blickte in ihr Geſicht— es war von holder Röthe übergoſſen und ehe dieſe verſchwand, wurde ihre Aufregung durch einen reichlichen Thränenſtrom erleichtert. „Geliebte,“ fuhr Godolphin mit feierlicher Zärt⸗ lichkeit fort,„wozu dieſen Kampf mit Ihrem Herzen? Leſe ich doch zur Stunde in dieſem Herzen, daß es mir nicht abgeneigt iſt.“ Conſtanze weinte noch fort⸗ während.„Ich weiß, was Sie ſagen wollen und was Sie fühlen,“ ſprach Godolphin weiter:„Sie denken, daß ich arm bin— daß wir Beide es ſind— daß 128 Sie nicht die Demüthigungen jener ſtolzen Armuth möchten ertragen können, die den zu höherem Glücks⸗ verhältniſſe Gebornen ſo herzzerſchneidend ſind. Sie zittern vor dem Gedanken, Ihr Schickſal mit dem eines Menſchen zu vereinigen, der unbeſonnen— ver⸗ ſchwenderiſch— ja, wenn Sie wollen, ſelbſtſüchtig geweſen iſt. Sie ſcheuen ſich, Ihr Glück einem Manne anzuvertrauen, der, wenn er dieſe zerſtört, Ihnen keinen Erſatz dafür— keinen Rang, keine Stellung— kurz nichts dafür zu bieten hat, wodurch ein gekränktes Herz, wenn nicht geheilt werden, doch ſeine Wunde mindeſtens mit der ſchimmernden Hülle des Anſehens und Reichthums bedecken kann. Habe ich nicht Recht, Conſtanze? Leſe ich nicht in Ihrer Seele?“ „Nein,“ ſagte Conſtanze mit Energie.„Wäre ich die Tochter jedes anderen Mannes als deſſen, von dem ich meinen Namen habe; wäre ich in allen Stücken, im Sinn und Gemüth, außer in einem einzigen Ge⸗ fühle, einer einzigen Erinnerung, einem einzigen Zwecke die, die ich jetzt bin, ſo iſt Gott mein Zeuge, daß ich keine Armuth, keine Entbehrung achten, daß ich Ver⸗ trauen zu Ihrem Geſtändniſſe, zu Ihrer Liebe hegen würde; ja, ich hege daſſelbe ſogar jetzt. Fehlten Sie, ich weiß es nicht. Sagte es mir Jemand außer Ihnen, ſo würde ich es nicht glauben. Ihnen vertraue ich gänzlich und unbedingt. Gott, ſage ich, iſt mein Zeuge, daß, wenn ich der Stimme meines ſelbſtſüchtigen Herzens folgen wollte, ich mit Freude und Stolz Ihr Schickſal theilen würde. Sie verkennen mich, wenn Sie glauben, daß ſchmutziger und gemeiner Ehrgeiz uth ks⸗ Sie em er ſtig nne nen ktes nde ens cht, ich dem ken, Ge⸗ ecke ich Ber⸗ egen Sie, nen, nein igen Ihr enn geiz 129 auf mich Einfluß haben kann. Nein! ich könnte Ihrer würdig ſein! Die Tochter John Vernon's könnte ein würdiges Weib für einen Mann von Genie und in dürftigen Umſtänden ſein. In Ihrer Armuth würde ich Sie aufrichten, in Ihrem Streben Sie unterſtützen, in Ihren Bekümmerniſſen Sie tröſten, in Ihrem Glücke meinen Triumph finden können. Aber— aber— es darf nicht ſein.— Gehen Sie, Godolphin— theurer Godolphin! Es gibt Tauſende, die beſſer und ſchöner ſind, als ich, und die eben das für Sie thun werden, was ich für Sie würde thun können; welche die mir mangelnde Macht beſitzen; die nicht bloß Ihr Geſchick theilen, ſondern daſſelbe glücklicher machen werden. Gehen Sie, und liegt Beruhigung und Troſt für Sie darin, ſo glauben Sie, daß ich gegen Ihren Edelmuth und Ihre Liebe nicht unempfindlich bin. Meine beſten Wünſche, meine brünſtigſten Gebete, meine theuerſten Hoffnungen werden Ihnen folgen.“ Geblendet durch ihre Thränen, niedergebeugt durch ihre Empfindungen, war Conſtanze dennoch ſie ſelbſt. Sie erhob ſich, ſie rang ihre Hand aus der Hand Godolphin's los und wendete ſich, um das Zimmer zu verlaſſen. Godolphin aber, der noch immer kniete, faßte ihr Gewand und hielt ſie ſanft, aber doch mit Erfolg, zurück. „Zerſtören Sie nicht auf einmal das Bild, welches Sie ſelbſt entwarfen,“ ſagte er.„Sie ſchilderten ſich als eine Führerin und Tröſterin. Sie können mir dies Alles ſein. Sie kennen mich noch nicht„Conſtanze; laſſen Sie mich einige Worte zu meinen Günſten reden. 130 Bisher habe ich den Ruhm gemieden und bin dem Ehrgeiz ausgewichen, das Leben iſt mir ſo kurz und Alles, was ſelbſt der Ruhm gewinnt, ſo ärmlich er⸗ ſchienen, daß ich keine Arbeit des Preiſes einer ein⸗ zigen Stunde des Vergnügens und des Genuſſes werth erachtete. Für Sie entſage ich willig dieſer Anſicht! Für mich begehre ich keine Ehrenſtelle, um Ihretwillen will ich nach jeder ſtreben. Keine Mühe ſoll mir zu beſchwerlich ſein, kein Vergnügen mich von derſelben ablenken. Ich will all meinem müßigen und erfolg⸗ loſen Treiben entſagen. Ich will in die großen öffent⸗ lichen Schranken treten, in denen Alle des Gewinnes ſicher ſein können, die mit Geduld und Energie ge⸗ rüſtet kommen. Conſtanze, ich bin nicht ohne Talente, obwohl dieſelben in mir ſchlummerten: ſprechen Sie nur ein einziges Wort, und Sie wiſſen nicht, was ein ſolches Wort bei mir hervorzubringen vermag.“ Godolphin empfand ohne Worte Conſtanzens Un⸗ entſchloſſenheit und fuhr fort:„Wir fühlen uns Beide verlaſſen in dieſer Welt, Conſtanze; wir ſind Waiſen — ſind freundlos, ſind güterlos. Dennoch haben wir Beide uns ohne Freunde unſeren Weg gebahnt— haben uns ohne Vermögen eine gewiſſe Herrſchaft er⸗ obert. Beweiſet dies nicht, daß in uns, zumal wenn wir vereinigt ſein werden, etwas lebt, wodurch wir höher ſteigen oder unſer Geſchick bewältigen können? Und wir— wir allein in der geräuſchvollen und ſtreiterfüllten Welt, mit welcher wir ringen— werden wir doch nach jeglicher unſerer Anſtrengungen zu un⸗ ſerem eigenen Herzen uns zurückwenden und daſelbſt Trö und unſe unſe gent wie Con gehe darb den, tröſt durc gerit ind er⸗ in⸗ rth ht! llen zu ben olg⸗ ent⸗ mnes ge⸗ nte, Sie was . 4 eide iſen wir t er⸗ venn wir en? und rden un⸗ ſelbſt 131 Tröſtung und Schutz finden! Alles wird uns feſter und inniger mit einander verbinden. Der Gedanke an unſere frühere Einſamkeit, die Hoffnung auf Erfüllung unſerer ferneren Zwecke werden den Quell unſerer ge⸗ genwärtigen Liebe ſtets ergiebig ſtrömen laſſen. Und wie viel lieblicher werden Ehrenſtellen für Sie ſein, Conſtanze, wenn wir ſie auf ſolche Weiſe erringen; geheiligt werden ſie ſein durch die Opfer, die wir darbrachten; durch die Erinnerung an die vielen Stun⸗ den, wo wir verzweifelten und dennoch einander wieder tröſteten; durch den Gedanken, wie wir Kränkungen durch gleiche Geſinnungen milderten und ſelbſt das geringſte Gelingen durch die Ideenverbindungen ver⸗ edelten, die wir damit vereinten! Wie viel werther müſſen Ihnen ſolche Ehren ſein, als die, welche Sie ſogleich erlangen können, die aber von einem kalten Herzen begleitet ſind; die Ihnen beſchwerlich werden müſſen, da ſie leicht erlangt wurden, die Ihnen ge⸗ ringfügig erſcheinen müſſen, weil ſie Ihnen keinen Ruhm bringen! O Conſtanze! erhören Sie mich nicht? Siegen nicht Gefühl, Natur und Liebe?“ Indem er ſprach, war er leiſe aufgeſtanden und ſchlang jetzt ſeinen Arm um ihre nicht widerſtrebende Geſtalt: ihr Haupt lehnte ſich an ſeine Bruſt; ihre Hand ruhete in der ſeinigen und ſeine Lippen berührten ſanft und ungehindert ihre Wange. In dieſem Augen⸗ blick hing das Schickſal Beider an einem Haar. Wie ganz anders würde das Lvos, würde der Charakter Beider ſich gewendet haben, wenn Conſtanzens Lippen das Wort geſprochen hätten, das in ihrem Herzen 132 bereits laut geworden war! Und vielleicht hätte Con⸗ ſtanze es ausgeſprochen, doch da hob ſich ihr Blick und fiel auf das Bildniß, von welchem ſchon Godolphin vorhin ſo erſchüttert worden war, und wie durch einen elektriſchen Schlag wurde die ganze Richtung ihrer Gedanken verändert. Das Bild ihres Vaters ſtand vor ihr und erſchien in dieſem Augenblicke ausvruck⸗ voller als je; es ſchien ihr ſchauerlich in der Leben⸗ digkeit ſeines Gebotes. Es war das Geſicht Vernon's im Momente des Redens— des Warnens— des Ermahnens— es war das Bild des Vaters, wie ſie ihn oft im Leben, wie ſie ihn in ſeinen bitterſten Verwünſchungen gegen ſeine herzloſen Freunde, wäh⸗ rend der letzten Stunden ſeines Lebens geſehen hatte — aber noch ſchauerlicher als damals auf dem Sterbe⸗ bette ſchien der Vater ſie jetzt aus dem Bilde anzu⸗ ſchauen und ſie zu mahnen, ſein Rachegebot zu er⸗ füllen und nicht der Liebe, ſondern dem Andenken an ihren Vater zu leben. Beim Anblick dieſes Geſichts drangen alle düſtern und feierlichen Erinnerungen an jene Sterbeſtunde und an das Gelübde mächtig in Conſtanzen's Seele. Die Schwäche der Liebe verſchwand vor der wiederkehrenden Gewalt eines ſeit ihren zarteſten Kinderjahren gehegten, durch ihre Träume genährten, durch ihre Studien er⸗ höhten Gefühls, das in der, wenn auch phantaſtiſchen, doch kühnen Natur ihres Weſens zum Geſetz, zum Zweck, ja zur Religion ihres Lebens erſtarkt war! Sie riß ſich von dem beſtürzten und faſt erſchrockenen Godolphin los; ſie warf ſich vor dem Bilde auf die Knie⸗ Gebet ſtand wende dem 2 funkel „So Stim der d woller denen daſſell Er ge — da die ſch auch d zu beh ränkev jener Erfüll indem ihrem on⸗ Blick bhin inen hrer tand ruck⸗ ben⸗ on's des e ſie ſten väh⸗ atte rbe⸗ nzu⸗ er⸗ tan ſtern und Die nden ten, er⸗ hen, zum ar! enen die 133 Kniee nieder; ihre Lippen bewegten ſich, das kurze Gebet um Vergebung war geſprochen, und Conſtanze ſtand auf als ein völlig umgewandeltes Weſen. Sie wendete ſich zu Godolphin und ſprach, ihre Hand zu dem Bilde erhoben, während ſie mit ihren hellen und funkelnden Augen in das Geſicht ihres Geliebten blickte: „So wie Sie jetzt denken, ſo dachte auch er, deſſen Stimme jetzt von dieſer Leinwand zu mir redet— er, der dieſelben Pfade wandelte, die Sie jetzt betreten wollen; der unter eben der Mühſal, eben jenem Streben, denen Sie ſich unterziehen wollen, die nämlichen Kräfte, daſſelbe Genie aufbot, worüber Sie gebieten können. Er gewann, was auch Sie endlich gewinnen mögen — das Lächeln der Fürſten, die Gunſt des Adels und die ſchwankende Höhe, auf der in dieſem Lande ſich auch der weiſeſte, beſte und größte Staatsmann nicht zu behaupten vermag, wenn ihn nicht eine feile und ränkevolle Partei aufrecht hält— und er warnt vor jener hohlen Auszeichnung— und vor der elenden Erfüllung derſelben. O Godolphin!“ fuhr ſie fort, indem ſie von ihrem augenblicklichen Paroxismus zu ihrem gewöhnlichen Charakter herabſank—„o Go⸗ dolphin! ich ſah jenen Mann ſterbend, verlaſſen, durch ſein Genie zu Grunde gerichtet und um ſein Glück betrogen. Ich ſah ihn ſterben— ſterben an einem gebrochenen Herzen. Könnte ich noch ein Schlacht⸗ opfer zu derſelben Handlungsweiſe, zu derſelben Treu⸗ loſigkeit, zu demſelben Schickſal verurtheilen? Könnte ich mit ſchweigendem Herzen bei jenem Schlachtopfer wachen, könnte ich, in Vorausſicht ſeines gewiſſen 134 Unterganges, ihn durch falſche Hoffnungen täuſchen? — Nein, nein! fliehen Sie vor mir— fliehen Sie vor dem Gedanken an ein ſolches Schickſal. Heirathen Sie eine, die Ihnen Reichthum zubringen und Sie durch ihren Rang unterſtützen kann; dann ſein Sie ehrgei⸗ zig, wenn Sie wollen. Laſſen Sie mich mein Schickſal — mein Gelübde erfüllen, um wenigſtens denken zu können, ſo elend ich auch ſein mag, daß ich Ihnen kein dauerndes Elend bereitet habe.“ Godolphin eilte auf ſie zu; aber die Thür ſchloß ſich vor ihm und er ſah Conſtanze als Conſtanze Vernon nicht wieder. Neunzehntes Kapitel⸗ Ein Wüſtling aus der ächten Schule— Eine Unterredung über tauſend Gegenſtände— Der Uebergang vom Verſchwender zun Betrüger. Zu der Zeit, wovon ich hier rede, ſtand in Cheſterfield⸗Street, Mayfair, ein Haus, an welchem wenige junge Männer, die ſich nach der Mitglied⸗ ſchaft vornehmer Zirkel ſehnten, vorüberzugehen pfleg⸗ ten, ohne den Wunſch zu hegen, mit dem Bewohner deſſelben bekannt zu werden. An jenes kleine, düſter ausſehende Haus mit ſeinen ſtets zugezogenen dunkel⸗ grünen Fenſtervorhängen knüpften ſich Theilnahme, Rückſicht und geheimes Trachten. Dorthin wendeten ſich in der Abenddämmerung die Miethsfuhrwerk⸗ der Intrigue, Damen ſtiegen dort aus, die die Schat⸗ ten der Verborgenheit zu ſuchen ſchienen, obgleich ihr Ruf die Verheimlichung unnöthig machte. Wenige gingen Schma derſelb jenem ſchalle nung vollbre in der heren und je muth an Gri tet, ge Saville Leben von ihr Ge dentige edlen, in üpp bracht. Geld u gnügen Ruf ve hen? vor Sie durch, rgei⸗ ickſal en zu nkein ſchloß ſtanze g über er zem nd in elchem tglied⸗ pfleg⸗ vohner düſter dunkel⸗ nahme, endeten rwerke Schat⸗ eich ihr Wenige 135 gingen am frühen Morgen, wenn ſie von einem Schmauſe heimkehrten, durch jene Straße, ohne in derſelben einige Wagen halten zu ſehen, oder aus jenem Hauſe die Töne verlängerter Feſtlichkeit er⸗ ſchallen zu hören. Jenes Haus aber war die Woh⸗ nung eines Mannes, der öffentlich niemals ein Werk vollbracht hatte und doch die ausgezeichnetſte Perſon in der vornehmen Welt war— der in ſeinem frü⸗ heren Leben den vollendeten Lovelate abgegeben hatte und jetzt, in ſpäteren Jahren, eines Grammont's An⸗ muth mit dem verwitterten Herzen und dem Mangel an Grundſätzen deſſelben vereinte. Gefürchtet, verach⸗ tet, geliebt, verlacht, geehrt, ſchien ſich in Auguſt Saville das eigentliche eiviliſirte und ausſchweifende Leben perſonifieirt zu haben. Bisher haben wir nur von ihm geſprochen, jetzt müſſen wir ihn beſchreiben. Geboren zu dem ärmlichen Geſchick und der zwei⸗ dentigen Stellung eines jüngern Sohnes aus einem edlen, aber verarmten Hauſe, hatte er ſein Daſein in üppigen, aber ſtets eleganten Zerſtreuungen hinge⸗ bracht. Ungleich anderen Männern, die ſich durch Geld und Jugend und blühende Geſundheit und ari⸗ ſtokratiſche Schwäche zu Thorheiten verleiten laſſen, die ſowohl dem Geſchmack als der Moral des Weiſen ärgerlich ſind, hatte Auguſt Saville niemals einen Fehler begangen, den nicht Anmuth übertünchte und ſtrenge weltliche Behutſamkeit nicht in Schranken gehalten hielt. Ein ſyſtematiſcher Jünger des Ver⸗ gnügens, hatte durch ihn kein Frauenzimmer ihren Ruf verloren, indem er entweder die von ihm zur 136 Schuld verführten Gemüther zu einer glücklichen Ver⸗ ſtellung zu verderben wußte, oder weil er ſeine Opfer mit fo genauer Kenntniß der Charaktere und Ver⸗ hältniſſe wählte, daß er ſicher ſein konnte, das Ge⸗ heimniß, welches er bewahrte, werde durch ſie nicht verrathen werden. Alle Welt ſchrieb Auguſt Saville die verſchiedenſten und vollkommenſten Siege in den⸗ jenigen Schranken zu, die von dem leichtfertigeren Theile der Welt ſo ſehr beneidet werden und in denen dieſe ſo neidiſch jeden Sieg vorzuenthalten bemüht iſt; dennoch vermochte keiner genau zu ſagen, welche unter den Vielen, denen er huldigte, der Gegen⸗ ſtand ſeines Triumphes geworden war. Alles, was er that, war von derſelben ſiegreichen Verſchwiegen⸗ heit umgeben. Nie hatte er ſich herabgelaſſen, Be⸗ rühmtheit für ſich von Pferden oder Fuhrwerken her⸗ zuleiten; nichts ließ den Ehrßeiz blicken, ſich vor Anderen auszeichnen zu wollen; beſonders verſchmähte er jene höchſt mißfälligen geringeren Prahlereien, Jen anſtößige übertreibung der Sauberkeit, jene übergroßt Simplicität, worin ſich zu zeigen unſere jungen Adeligen und aufwärtsſtrebenden Wechsler ſo höcht lächerlich den wahren guten Ton zu finden wähnen. Sein Geſchmack war Einfachheit, und in dieſer zeigt er ſeinen Geſchmack. Auf Rennbahnen erſchien e ſelten und auf die Jagd ging er nie, wiewohl n vollkommen Meiſter in den Berechnungen der erſtern und ein ebenſo guter Schütze als trefflicher Reite war. So vermied er in ſeiner Kleidung, währen er jederzeit das wählte, was ihm am Peſten ſtan, durch C flug vo die Vo! Eeufzer Falte g ſten ſei als Sa Mittel wurde e Indem kopf ode ſich doch Wenige umging lichen S Angeleg hinläng dreißig Worin Koſten ſpielte denen, immer nung YV unredlic hindert Geſellſe Ver⸗ pfer Ver⸗ Ge⸗ nicht aville den⸗ geren denen müht welche egen⸗ „was iegen⸗ „Be⸗ n het⸗ ch vor mähie 1, Jen rgroß jungen höchſ ähnen r zeigt hien e vohl er erſteren Reite vähren n ſtam, 137 durch Geringſchätzung ängſtlicher Genauigkeit jeden An⸗ flug von Geckenhaftigkeit. Er legte keinen Werth auf die Vollkommenheiten ſeiner Stiefel und ſah es ohne Seufzen, wenn in ſeinen Rock ſich eine unmoderne Falte gelegt hatte; dennoch räumten die Auserleſen⸗ ſten ſeiner Zeit ein, daß Keiner im Ganzen moderner als Saville war; denn während Saville durch andere Mittel als durch Kleidung für ſich einzunehmen wußte, wurde er in ſeiner Kleidung für Niemanden anſtößig. Indem er es ſorgfältig vermied, als anerkannter Witz⸗ kopf oder allgemeiner Sprecher aufzutreten, zeigte er ſich doch witzig, verſchlagen und wortreich gegen die Wenigen, zu denen er redete, oder mit denen er umging; und obgleich er jedes Anerbieten' zu öffent⸗ lichen Amtern abwies, war er doch in die ernſteren Angelegenheiten, von welchen die Zeit bewegt wurde, hinlänglich eingeweiht, um ſelbſt denjenigen, die am genaueſten mit denſelben bekannt waren, Glauben an ſeine Sachkunde und ſeine Talente einzuflößen. Aber er war arm geboren und hatte doch beinahe dreißig Jahre lang wie ein reicher Mann gelebt! Worin lag das Geheimniß?— Darin, daß er auf Koſten Anderer gelebt hatte! Alle künſtlichen Spiele ſpielte er mit meiſterhafter Geſchicklichkeit, und in denen, wobei das Glück überwiegend iſt, gibt es immer für eine kaltblütige und ſyſtematiſche Berech⸗ nung Möglichkeiten, zu gewinnen. Zwar war Saville unredlichen Spieles verdächtigt worden, dennoch ver⸗ hinderte dieſer Verdacht niemals, daß er eifrig in Geſellſchaften gezogen wurde. Mit ungleich feinerem 138 Geſchmack und weit mehr Beliebtheit und Achtung als Brummell gelangte Saville zu gleicher, jedoch geheimerer Herrſchaft. Jeder trug Verlangen ihn zu kennen: ohne ſeine Bekanntſchaft fühlte der junge Debutant, daß ihm die Qualifikation zum geſell⸗ ſchaftlichen Fortgang abging. So gewiß es war, daß man Auguſt Saville nicht nachweiſen konnte, ein Mädchen in Schande gebracht zu haben, ſo wenig hatte er einen jungen Mann ins Verderben geſtürzt — den einzigen zweifelhaften Fall des unglücklichen Johnſtone ausgenommen. Niemals gewaun Saville irgend Einem, wie eifrig dieſer das Spiel auch treiben mochte, mehr als einen gewiſſen Theil ſeines Vermögens ab. Denſelben vollens zu ruiniren, über⸗ ließ er ſeinen Trabanten; ja ſelbſt Die, welche am meiſten Grund hatten, ſich über ihn zu beklagen, bemerkten nie ſeinen Antheil an ihrer Verarmung. Es war gewöhnlich genug, die Leute ſagen zu hören: „Ah, Saville, ich wollte, ich hätte Ihren Rath be⸗ folgt und aufgehört, als ich mein halbes Vermögen verloren hatte!“ Sie beachteten nicht genau, daß Saville ſich die erſte Hälfte bereits angeeignet, weil dieſe erſte Hälfte ſie aufgeregt und noch nicht zu Grunde gerichtet hatte. Außer dieſer durchaus ſorialen Methode, Geld zu machen, hatte Saville ſeinen Scharfſinn auch auf andere Spekulationen gerichtet. Wohlfeile Häuſer, wohlfeile Pferde, das Steigen und Fallen der Fonds, alle Arten von Eigenthum(geſtohlenes Gut vielleicht ausgenommen) waren ſeiner ernſten Aufmerkſamkeit nicht e ſolche war d unverh denn e ſich je Nichts Es ſein Fr unterhi Sopha mit det keine G zu der haben, koſtbar ung doch ihn unge ſell⸗ daß ein enig türzt ichen ville auch eines über⸗ e am agen, nung. ören: be⸗ nögen daß weil ze ld zu auf äuſer, onds, lleicht amkeit 139 nicht entgangen; und in den meiſten Fällen hatten ſolche Spekulationen einen vortrefflichen Erfolg. Er war daher jetzt, in ſeinem mittleren Alter und noch unverheirathet, ein entſchieden wohlhabender Mann; denn er hatte, ohne je den Geizigen zu ſpielen, ohne ſich je einen Luxus oder einen Wunſch zu verſagen, Nichts in Etwas, Armuth in überfluß verwandelt. Es war Vormittag und Saville beendete langſam ſein Frühſtück, indem er ſich mit einem jungen Manne unterhielt, der nachläſſig auf dem gegenüberſtehenden Sopha lehnte. Das Zimmer war in übereinſtimmung mit dem Eigenthümer— da ſah man keinen Sammet, keine Golbleiſten, nichts Prunkendes, was auch nicht zu der mäßigen Größe des Zimmers würde gepaßt haben, allein die Möbeln waren uen, maſſiv und koſtbar, ohne jedoch koſtbar zu erſcheinen. Einige gute Gemälde und auserleſene Büſten in Bronze auf marmornen Sockeln verliehen dem Ausſehen des Zim⸗ mers etwas Claſſiſches und Anmuthiges, und an dem hinteren Geſellſchaftszimmer, das die Ausſicht auf Lord Cheſterfield's Garten gewährte, befand ſich ein kleines Treibhaus, welches, mit reichen exotiſchen Pflanzen angefüllt, dem Zimmer einen Charakterzug verlieh, den ein Moraliſt für weibiſch oder ungeziemend würde gehalten haben. Saville zählte jetzt etwa ſiebenundvierzig Jahre. Er war ſchlank und fein gebaut, ohne abgemagert zu ſein. Ein wenig gebeugt, doch nicht ſo ſehr, daß es ſeiner Grazie ſchadete, erſchien er kleiner, als er wirklich war, denn ſeine Höhe reichte ein wenig über 14⁰ das gewöhnliche Maß hinaus. Als Jüngling war er hübſch geweſen; jetzt aber zeigte er kaum noch einen andern Reiz, als den eines auffallend ſanften und einſchmeichelnden Weſens; doch in ſeiner ſchma⸗ len, jedoch hohen Stirn, ſeiner ſcharfen römiſchen Naſe, ſeinen grauen Augen und ſeiner ſarkaſtiſch ge⸗ ſchweiften Oberlippe verrieth ſich ſo ziemlich ſein eigentlicher Charakter. Man ſah, oder glaubte, man ſehe in ihnen die Schlauheit, den feinen Takt, das Bewußtſein, Andere hintergehen zu können, und das ſchlaue, wenn gleich milde und geränſchloſe Erfor⸗ ſchen der ihn umgebenden Charaktere, welche die her⸗ vorſtechenden Züge ſeines Geiſtes ausmachten. „Aber Du ſagſt mir nicht, lieber Godolphin,“ ſagte Saville, indem er den Zwieback in ſeine Cho⸗ kolade brockte—„Du ſagſt mir nicht, wie die feine Welt in Rom lebt. Gab es dort Leute vom rechten Caliber? Beſtändige und doch eifrige Kerle wie icht Männer, die uns unſere Kräfte ſpüren laſſen und ſie in Bewegung ſetzen— mit denen ſich nicht ſpaßen und tändeln läßt— bei denen wir unſerer Kalt⸗ blütigkeit, unſerer Gedächtnißklarheit und Verſchlagen⸗ heit bedürfen— mit einem Worte, die meine Kunſt, die Kunſt des Spielens trieben? Fandeſt Du ſolche dort?“ „Nicht viele, doch genug für die Ehre,“ ant⸗ wortete Godolphin;„denn was mich betrifft, ſo habe ich das Spielen um des Gewinnes willen längt aufgegeben.“ „Ja, ich dachte es ſchon immer, daß Dir jene Beha hört. Geſta mit 2 . „. Aber lien 6 „2 geerbt S 54 deren keinem jung, dieſes war noch ften ma⸗ chen ge⸗ ſein man das das for⸗ her⸗ hin,“ Cho⸗ feine chten ich? tund vaßen Kalt⸗ lagen⸗ Kunſt, ſolche ant⸗ t, ſo längſt ir jene 141 Beharrlichkeit mangelt, die zur Charakterfeſtigkeit ge⸗ hört. Und wie ſteht es jetzt mit Deinen Hülfsquellen? Geſtatten ſie Dir, hier in der vornehmen Welt wieder mit Anſehen und Glanz aufzutreten?“ „Je nun, wenn ich Luſt dazu hätte, Saville.— Aber ich werde binnen Monatsfriſt wieder nach Ita⸗ lien gehen.“ „Was! Du biſt ja erſt hier angekommen! Haſt geerbt und beſitzeſt—“ „Was?“ „Den Ruf, zu einer Erbſchaft gelangt zu ſein, deren Umfang Du, wenn Du klug biſt, doch gewiß keinem Menſchen nennen wirſt!— Biſt Du noch ſo jung, Godolphin, Dir einzubilden, es ſei eine Krume dieſes Zwiebacks werth, wie viel die Einkünfte Deines Landgutes betragen, ſo lange Du für jede beliebige Summe Credit auf daſſelbe haben kannſt?— Credit, herrliche Erfindung! Credit, die moraliſche neue Welt, in die wir uns flüchten, wenn wir aus der alten Welt verbannt ſind! Credit, die wahrhafte Barm⸗ herzigkeit der Vorſehung, vermöge welcher diejenigen, die ſonſt verhungern würden, herrlich und in Freuden leben und den filzigen Reichen dabei verachten! Cre⸗ dit— bewundernswürdiges Syſtem, ſowohl für die, welche von ihm leben, wie für die verſtändigeren Wenigen, die durch daſſelbe leben!— Willſt Du Geld von mir borgen, Godolphin?“ „Zu welchen Procenten?“ „Hm, die Fonds ſind gefallen— ich will billig ſein. Aber halt! ich will es mit Dir wie mit George Bulwer, Godolphin 10 ——— 142 Sinclair machen. Du ſollſt haben, ſo viel Du ge⸗ brauchſt, und es mir mit einer Prämie zurückzahlen, wenn Du eine Erbin heiratheſt.— Was! Du er⸗ ſchrickſt ja bei dem Worte heirathen!“ „Es iſt ein verwundender Gegenſtand, Saville, man denkt dabei an Zaum und Gebiß.“ „Du haſt Recht, ich erkenne in Dir meinen Zög⸗ ling wieder. Die alten Komödienſchreiber ſchwatzten Unſinn, als ſie ſagten, die Männer verlören durch die Heirath ihre perſönliche Freiheit. Freilich verlieren ſie die Freiheit, aber es iſt die Freiheit des Geiſtes. Wir hören auf, unabhängig von dem Urtheil der Welt zu ſein, ſobald wir durch eine Frau, einen dicken Haushofmeiſter, zwei Kinder und eine Familienkutſche reſpektabel werden. Der feine Mann wird dadurch zu nicht viel mehr als zu einem Krämer oder zu einem Könige gemacht! Du haſt Conſtanze Vernon geſehen? Pfui über ſolche Thorheit, Godolphin! Du wendeſt Dich ab. Meineſt Du, ich entdeckte nicht im Augen⸗ blick Deine Schwäche, als Du ihren Namen nannteſt? Noch weniger, mein lieber junger Freund, wirſt Du glauben, daß ich, der beinahe ein halbes Jahrhun⸗ dert durchlebte und unſere Natur kenne und den ganzen Thermometer unſeres Bluts, im geringſten ſchlechter von Dir denke, weil Du eine Leidenſchaft für ein Frauenzimmer empfunden haſt, die einen Einſiedler oder gar einen abgelebten Wüſtling in Flammen ſetzen könnte? Pah! Godolphin, ich bin weiſer als Du glaubſt. Und ich will Dir noch mehr ſagen. Um Dei⸗ netwillen iſt es mir lieb, daß Du die allgemeine Thor⸗ heit, haſt. ich ker wer v gehen Veide: hätte weiſeft die Se es mit Mann iſt. D Edwar führt wahr, man Deine lle, ög⸗ tzten urch eren iſtes. Welt icken tſche n inem hen endeſt ugen⸗ teſt? ſt Du rhun⸗ anzen lechter ir ein ſiedler ſetzen 8 Du nDei⸗ Thor⸗ 143 heit, die wir Alle einmal erleben müſſen, durchgemacht haſt. Ich will nicht in Deine Geheimniſſe eindringen; ich kenne die Delikateſſe derſelben. Ich will nicht fragen, wer von euch ſich zurückgezogen, denn vorwärts zu gehen und euch zu verheirathen, wäre Tollheit von euch Veiden geweſen. Ja, es war eine Unmöglichkeit; es hätte meinem Zögling, dem ſchlaueſten, fähigſten und weiſeſten meiner Zöglinge nicht begegnen können. Doch die Sache wurde abgebrochen und ich wiederhole, daß es mir lieb iſt. Man kann nie der Weisheit eines tannes gewiß ſein, bis er wirklich verliebt geweſen iſt. Du weißt, was jener moraliſirende Unſinn, Lord Edward, geſagt hat:„Der Weg der Leidenſchaften führt uns zur Philoſophie!“— Es iſt wahr, ſehr wahr, und jetzt, da der Weg zurückgelegt iſt, ſieht man den Kerker vor ſich. Nun, ich kann mich auf Deine Beharrlichkeit verlaſſen— ich kann mich über⸗ zeugt halten, daß Du in Zukunft nicht in den Fall kommen wirſt, die Schaumblaſe Weib zu überſchätzen. Du wirſt das Juwel mit derſelben ergötzlichen Auf⸗ regung erbetteln, borgen, ſtehlen, austauſchen oder verlieren, vereint mit derſelben unveränderlichen Gleich⸗ gültigkeit, womit wir ein wiſſenſchaftliches Spiel um einen höheren Preis ſpielen. Ich ſage um einen höheren Preis, denn wie viele Weiber ſind nicht ſo ſchnell unſer als ſich das Glücksrad dreht.“ „Sie machen eine plötzliche Wendung,“ ſagte Go⸗ dolphin lächelnd,„und es liegt etwas Wahres in Ihren Worten. Der Anfall iſt vorüber, und wenn ich je weiſe ſein kann, ſo habe ich jetzt mit der Weisheit 144 begonnen. Aber laſſen Sie uns nicht mehr davon reden.“ „Das will ich auch nicht,“ ſagte Saville, deſſen richtiger Takt ihm den Punkt gezeigt hatte, wo er inne halten müſſe, nachdem er Godolphin in eine halb moraliſirende, halb ſentimentale, aber dennoch durch⸗ aus leichtfertige Unterhaltung verwickelt hatte, die ſelten verfehlt, das Ohr eines Mannes von Phantaſie und Welt zu gewinnen.—„Um von einem andern Gegen⸗ ſtande zu reden, ich will Egviſt werden und Dir meine erzählen.“ Hierauf begann Saville eine leichte und unter⸗ haltende Schilderung ſeines wechſelvollen und ſeltſamen Lebens in den letzten drei Jahren. Eingemiſchte Anek⸗ doten, Scherze, Maximen und Bemerkungen machten die Erzählung lebhaft und pikant. Ein vollendeter Wüſt⸗ ling nimmt ſtets einen myraliſirenden Ton an; es iſt ein Theil ſeines Charakters. Eine unbeſtimmte und ſchlaue Sentimentalität durchdringt ſeine Moral und ſein Syſtem. Häufige Aufregung und die darauf fol⸗ gende Erſchlaffung, die überzeugung von der Thor⸗ heit dieſes Strebens, die Unerfreulichkeit des ganzen Lebens, die Hohlheit aller Liebe, die Unzuverläſſig⸗ keit aller Bande, der Zweifel an allem wahren Werth, dieſe Folgen eines verſchwendeten Daſeins auf ein nach⸗ denkendes Gemüth bringen einige ausgezeichnete Che⸗ raktere hervor. Einige von den anziehendſten franzöſi⸗ ſchen Schriften und die bezaubernden Verſe Byron's haben ihre Färbung davon. Ein gewöhnlicher Menſch könnte fragen— ich habe dieſen Gegenſtand ſchon früher ähnlic keit, tiefe u hervor ſchen! Lehren Di tung beſond vermö in der die Ve wohnh auf de ſo zeig auf ei Erſter wirſt zu Mi nehme kleine komm eingel arme Freu bei de nur n bedie von ſſen er halb rch⸗ elten und gen⸗ neine mter⸗ amen Anek⸗ en die Wüſt⸗ es iſt und l und f fol⸗ Thor⸗ zanzen läſſig⸗ Werth, nach⸗ Cha⸗ nzöſi⸗ rons Menſch ſchon 145 früher berührt— welche Wirkung für ein faſt ganz ähnliches Leben, ein Leben des Lurus, der Nachläſſig⸗ keit, der Trägheit und der herzloſen Liebe auf die tiefe und rührende Weisheit in den Schriften desjenigen hervorgebracht, den wir als den weiſeſten aller Men⸗ ſchen betrachten und der uns vie ſchwermüthigſte aller Lehren hinterlaſſen hat? Dieſe Gemüthsrichtung machte Saville's Unterhal⸗ tung für Godolphin in ſeiner gegenwärtigen Laune beſonders angenehm, und der Letztere verlieh derſelben vermöge ſeiner eigenen Phantaſie einen Reiz, der ihr in der Wirklichkeit fehlte. Denn wie ich an Godolphin die Verſchlimmerung nachweiſen werde, welche die Ge⸗ wohnheiten eines leichtfertigen und weltlichen Lebens auf den Geiſt eines Mannes von Genie hervorbringen, ſo zeige ich an Saville nur die Wirkungen derſelben auf einen Mann von Verſtand. „Nun, Godolphin,“ ſagte Saville, als er den Erſteren aufſtehen ſah, um ſich zu entfernen,„Du wirſt doch wenigſtens heute bei mir präcis acht Uhr zu Mittag ſpeiſen? Ich denke, ich kann Dir einen ange⸗ nehmen Abend verſprechen. Die Linettini und die liebe kleine Fanny Millinger(Deine alte Flamme) werden kommen; auch habe ich den alten Dichter Stracey eingeladen, um ihnen angenehme Dinge zu ſagen. Der arme alte Stracey! er geht zu allen ſeinen früheren Freunden und Parteigenoſſen, rühmt ſich ſeiner Gunſt bei den Großen und ſieht nicht ein, daß wir uns ſeiner nur wie einer Drahtpuppe oder eines tanzenden Hundes bedienen.“ 146 „Welche Thorheit von einem Manne von Genie und nicht auch von Geburt, zu denken, daß die Großen dieſes Landes ihn achten können! Nichts gleicht der geheimen Feindſchaft, womit unverſtändige Menſchen einen Geiſt betrachten, der über ihre Begriffe iſt. Par⸗ teiangelegenheiten, den Takt, die Prüfung, die haus⸗ backene Klugheit, welche Parteiangelegenheiten allein erfordern, dieſe vermögen ſie zu ſchätzen, und ſie em⸗ pfinden Achtung vor einem Redner, ſelbſt wenn er kein Parlamentsmitglied iſt, denn er kann ſie in ihrem jämmerlichen Streben nach einer Stelle oder Penſion unterſtützen; aber über einen Schriftſteller oder einen Mann der Wiſſenſchaft können die Schurken nur lachen!“ „Und doch,“ ſagte Saville,„wie wenig gelehrie Männer bemerken eine Wahrheit, die für uns ſo ein⸗ leuchtend, ſo abgedroſchen iſt! Wegen eines geringen Rufes bei einem Mittageſſen, für einen ſchmeichel⸗ haften Brief von einer betitelten Halbgelehrtin, die eine Stasl ſein will, vergeſſen ſie nicht nur ſich ruhm⸗ voll, fondern ſelbſt ſich achtungswerth zu zeigen. Un dies nicht nur wegen einer unbedentenden Auszeich⸗ nung, ſondern ſogar für eine, die ſelten länger als eine londoner Saiſon dauert. Wir laſſen den niedrig geborenen Autor dieſes Jahr für einen Löwen gelten und ſchreien ihn ihm nächſten Jahr für einen Stroh⸗ kopf aus. Wir ſchließen unſere Thüren vor ſeinen ab⸗ gedroſchenen Witzen und laſſen ſtatt ſeiner die prager Muſikanten nach Tiſche ſpielen.“ „Indeſſen finden Sie nur die Dichter ſo thöricht, ſich von Ihnen täuſchen zu laſſen,“ ſagte Godolphin. „Kein Genie „ 6 „ an di ſophit an, n daß e wenn einem / ſchwu Geiſt wenis enie ßen der chen ßar⸗ aus⸗ llein em⸗ ner hrem nſion einen en ehrte ein⸗ ingen ichel⸗ „ die uhm⸗ Und zeich⸗ er als iedrig gelten Stroh⸗ en ab⸗ prager öricht, phin. 147 „Kein einziger proſaiſcher Schriftſteller von wahrem Genie handelt ſo widerſinnig.“ „Und wie kommt das 2* „Weil die Dichter ſich mehr an die Weiber als an die Männer wenden,“ verſetzte Godolphin philv⸗ ſophirend,„und unmerklich nehmen ſie die Schwächen an, mit denen ſie ſich beſchäftigen. Wir werden finden, daß ein Dichter, deſſen Verſe die Weiber entzücken, wenn wir ſeinen Charakter genau unterſuchen, ſelber einem Weibe ſehr ähnlich iſt.“ „Du liebſt die Dichter nicht?“ ſagte Saville. „Die Glorie des Alterthums iſt von ihnen ge⸗ ſchwunden; weniger aus ihren Schriften als aus ihren Geiſtern. Wir haben viele ſchöne Dichter, aber wie wenig Poeſie, die eine große Seele athmet!“ Sier wurde die Thür geöffnet und ein Herr Gloſſon angemeldet. Es trat ein kleiner, ſüßlicher, ſauber ge⸗ kleideter Mann herein, der ſo gemeſſen war, wie ein Rechtsgelehrter oder ein Haushofmeiſter. „Ah, Gloſſon, ſind Sie es,“ ſagte Saville mit einiger Lebhaftigkeit;„ſetzen Sie ſich nieder, mein guter Herr— ſetzen Sie ſich nieder. Nun,“ fügte er hinzu, indem er ſich die Hände rieb,„was gibts Neues? was gibts Neues?“ „Nun, Herr Saville, ich denke wir können das Gut von dem alten M. bekommen. Er hat das Recht es zu verkaufen. Ich war den ganzen Morgen bei ihm. Er fordert ſechstauſend Pfund dafür.“ „Der gewiſſenloſe Hund! Er erhielt es von. der Krone für zweitauſend.“ 148 „Sehr wahr— ſehr wahr; aber Sie ſehen wohl, Herr— Sie ſehen wohl, daß es neuntauſend werth iſt. Traurige Zeiten— traurige Zeiten, Krongüter werden jeden Tag ſeltener, Herr Saville.“ „Hm! deßhalb kann man auch um ſo mehr ver⸗ lieren. Die Zeiten ſind freilich ſchlecht, wie Sie ſagen — kein Geld auf dem Markt. Gehen Sie, Gloſſon, und bieten ihm fünftauſend und Sie ſollen ein Pro⸗ cent mehr haben, als wenn ich ſechstauſend bezahle, und es ſoll zu der letzteren Summe gerechnet werden. „Hi! hi! hi! Herr!“ lachte Gloſſon.„Sie be⸗ lieben zu ſcherzen, Herr Saville.“ „Nun, was gibts weiter auf dem Markt? Ge⸗ niren Sie ſich nicht vor meinem Freunde Herrn Godol⸗ phin, Herr Gloſſon, fahren Sie fort! fahren Sie fort.“ Gloſſon räuſperte ſich, verbeugte ſich, räuſperte ſich wieder und begann dann ein Geſpräch von Häu⸗ ſern, Krongütern, Beſitzungen in Wales und Hof⸗ ämtern— denn einige von den untergeordneten Poſten im Palaſte waren damals, und vielleicht auch noch jetzt, Gegenſtände des Wuchers. Saville, der ſich über den Tiſch neigte, ſeine zierlichen Hände zuſammen⸗ faltete, auf ſeiner Stirn ſein Intereſſe andeutete und ſeine ſchlauen Augen auf den Agenten richtete, lie⸗ ferte dem aufmerkſamen Godolphin ein Bild, welches ihm Stoff zum Moraliſiren und zur Verachtung gab. Welch ein Schauſpiel gewährt der verſchwende⸗ riſche Wüſtling, der ſich zu einem habgierigen Spe⸗ kulanten verhärtet und verſtockt! Fanuy Hunder phin's G ihr zu noch des wi Ideali ſchöne kam. wie d wirkli hörent Zeiten Imag Leben D Liebha Gegen Gemü ſie etn „ biſt v uns d „ und d ſein, vohl, erth üter ver⸗ agen ſſon, Pro⸗ ahle, rden. be⸗ Ge⸗ odol⸗ ort.“ perte Häu⸗ dof⸗ oſten noch über men⸗ und lie⸗ lches gab. nde⸗ Spe⸗ 149 Zwanzigſtes Kapitel. Fanny Millinger noch einmal.— Liebe— Weiber— Bücher Hundert Gegenſtände werden oberflächlich berührt— Godol⸗ phin's Gemüthszuſtand genauer unterſucht— Das Mittageſſen bei Saville. Godolphin beſuchte Fanny Millinger, um ſich bei ihr zu zerſtreuen. Sie war noch unverheirathet und noch in der Mode. Es lag eine Art von Allegorie des wirklichen Lebens in der Art und Weiſe, wie unſer Idealiſt in gewiſſen Epochen ſeines Daſeins mit der ſchönen Darſtellerin idealer Schöpfungen in Berührung kam. Kurz, es lag eine Art von Moral in der Weiſe, wie dieſe beiden Ströme des Daſeins— der eine dem wirklichen, der andere dem eingebildeten Leben ange⸗ hörend— dahinfloſſen und einander zu beſtimmten Zeiten durchkreuzten. Welches hatte mehr wirkliche Imagination an ſich— das Bühnenleben oder das Leben auf der Weltbühne? Die muntere Fanny war erfreut, ihren früheren Liebhaber wiederzuſehen. Sie plauderte von tauſend Gegenſtänden, ohne jedoch Godolphin's abweſendes Gemüth und ſinnendes Auge zu bemerken, bis er ſelber ſie etwas plötzlich unterbrach. „Nun, Fanny, was weißt Du von Saville? Du biſt vertraut mit ihm geworden, he? Wir werden uns dieſen Abend in ſeinem Hauſe ſehen.“ „O ja, er iſt ein reizender Mann nach ſeiner Art, und der einzige, der mir erlaubt, ſeine Freundin zu ſein, ohne daß es ihm einfällt, mein Liebhaber zu 150 werden. Nun, das iſt es, was mir gefällt. Wir armen Schauſpielerinnen haben es in unſerem Leben mit ſo viel ſogenannter Liebe zu thun, daß ein wenig Freund⸗ ſchaft eine Seltenheit iſt, deren andere nüchterne Leute ſich nimmer erfreuen können. Als ich kürzlich Gil Blas las— Du weißt, Percy, ich leſe nicht ſon⸗ derlich viel— machte mich die Stelle betroffen, wo der liebe Santillana uns verſichert, daß zwiſchen ihm und der Schauſpielerin Laura niemals von Liebe die Rede war. Ich hielt dies für ſo natürlich, für ſo wahrſcheinlich, daß ich wohl glaube, ſie hätten innig vertraut miteinander ſein, in einem und demſelben Hauſe wohnen und jegliche Gelegenheit zur Liebe haben können, ohne doch im mindeſten in einander verliebt zu werden. Und eben, weil ſie eine Schauſpielerin und ein leichtes, nichtsnutziges Geſchöpf war, mußte es ſich ſo fügen; die Menge ihrer Liebhaber verhin⸗ derte ſie, ſich wirklich zu verlieben; die Achtloſigkeit in ihrem Wandel machte dem armen Mädchen einen Freund ſo entzückend. Sie würde dieſen vernichtet haben, wenn ſie einen Liebhaber aus ihm gemacht hätte; ſie würde dann einen ſeltenen Charakter in einen Alltagsmenſchen verwandelt haben. Nun, gerade ſo iſt es mit mir und Saville; mir behagt ſein Witz, ihm gefällt meine Munterkeit. Wir ſehen einander ſo oft, als ob wir in einander verliebt wären, und doch halte ich es kaum für möglich, daß er jemals meine Hand küſſen würde. Am Ende,“ fuhr Fauny lachend fort,„iſt Liebe den Weibern gar nicht ſo noth⸗ wendig, als die Leute es meinen. Feine Schriftſtellet ſagen Weib Die Sie ſie ha ſie kö ſticke: verſet zu ei nicht Hinſi das a die e ſo ſe „ Godr ſo g mein Schr und nicht Ruh Und nicht haft Du ſo 8 Bar rmen it ſo und⸗ Leute Gil ſon⸗ „wo ihm e die ür ſo innig ſelben haben rliebt elerin mußte erhin⸗ ſigkeit einen nichtet emacht ter in gerade Witz nander und jemals Fauny nth⸗ ftſtellet 151 ſagen:„O, die Männer haben tanſend Zwecke, das Weib hat nur einen Zweck!“ Unſinn, lieber Perch! Die Weiber haben ebenſowohl ihre tauſend Zwecke. Sie haben nicht die Kanzel, nicht den Hörſaal, aber ſie haben den Putzladen; ſie können nicht fechten, aber ſie können am Fenſter ſitzen und einen Arbeitsbeutel ſticken, ſie mengen ſich nicht in die Politik, allein ſie verſenken ihre Seele in Liebe zu einem Papagei oder zu einem Schvoßhündchen. Mögen die Männer ſich nicht zu viel einbilden! Die Vorſchung iſt in dieſer Hinſicht eben ſo freigebig gegen das eine wie gegen das andere Geſchlecht geweſen. Unſere Zwecke ſind klein, die eurigen groß; doch kann ein kleiner Zweck eben ſo ſehr als der hochfliegendſte die Seele beſchäftigen.“ „Unſere Zwecke ſollen groß ſein?— Pah!“ ſagte Godolphin, den Fanny's Bemerkungen überraſchten. „Es iſt nichts Großes in den Zwecken, womit der Mann ſo gern prahlt. Iſt Selbſtſucht Größe? Sind die ge⸗ meinen Kunſtgriffe, die organiſirten Lügen vor den Schranken ein großer Beruf? Iſt die mechaniſche Sklaverei des Soldaten, der ficht, weil er fechten muß, und ohne zu wiſſen warum, etwas Großes? Iſt ſie nicht bloß ein Schauplatz thörichter Eitelkeit, die er Ruhm nennt und den er doch nicht erklären kann? Und dann das Parlament. Welches Geſchrei erheben nicht weiſe Männer gegen die dort herrſchende ekel⸗ hafte Beſtechung. Nein, Fanny! die Stickerei, von der Du ſprachſt, und der gehätſchelte Papagei bieten eben ſo große, eben ſo moraliſch große Zwecke, als die der Barre, der Armee, des Parlaments. Nur die Leicht⸗ 152 fertigen reden von Leichtfertigkeiten: es gibt nichts Leichtfertiges; alle irdiſchen Geſchäfte ſtehen auf gleicher Linie— ſie ſind gleich wichtig, wenn ſie auf gleiche Weiſe beſchäftigen, denn für den Weiſen iſt alles arm und werthlos.“ „Ich glaube, Du haſt ſehr Unrecht,“ ſagte die Schauſpielerin, die ihre hübſchen Finger an die Stirn drückte, um ihn beſſer zu verſtehen;„aber ich kann Dir nicht ſagen, warum, und ich ſtreite nie. Ich gehe auf meinem ſeltſamen Wege fort und werfe meine ſchlauen Bemerkungen aus, ohne ſie zu vertheidigen, wenn ſie irgend Jemand beſtreiten will. Was ich thue, laſſe ich auch Andere thun. Mein Grundſatz im Reben iſt auch mein Grundſatz im Leben. Ich fordere Frei⸗ heit für mich und bin auch gegen Andere nachſichtig.“ „Ich ſehe, daß Du von vielen Büchern umgeben biſt,“ ſagte Godolphin,„obgleich Du des Leſens nicht ſchuldig ſein willſt. Lernſt Du aus ihnen Deine Phi⸗ loſpphie? Denn mich dünkt, Du haſt eine Anlage zum Nachdenken bekommen, ſeit wir uns nicht geſehen, die ich kaum als ein altes Merkmal wiederkenne.“ „Nun,“ antwortete Fanny,„wenn ich auch gerade nicht leſe, ſo durchblättere ich doch die Bücher wenig⸗ ſtens. Zuweilen jage ich in einem Morgen durch ein Dutzend Romane. Ich muß geſtehen, ich finde in allen dieſen Werken meine Erwartung vereitelt. Ich fordere mehr wirkliche Weltkenntniß als ſie gewöhnlich zeigen. Sie ſagen uns, wie Lord Arthur ausſah und Lady Luch angezogen war, welches die Farbe dieſer Vor⸗ hänge und dieſer Augen war und ſo weiter; und die beſſer nurr und nern weder ner„ tagsp Rom⸗ wenig nicht Wah ſind darſte abged Liebe mache denn chts cher iche arm die tirn ann gehe eine gen, hue, eden Frei⸗ eben nicht Phi⸗ lage hen, rade nig⸗ ein allen rdere igen Lady Vor⸗ d die 153 beſſere Sorte derſelben ſagt uns auch vielleicht nicht nur was die Heldin trug, ſondern auch was ſie fühlte, und verſucht mit Leibeskräften einen Strang der in⸗ nern Maſchine anzuziehen; aber immer werde ich weder erleuchtet noch gerührt. Ich erkenne weder Män⸗ ner noch Weiber; ſie ſind Drahtpuppen mit Sonn⸗ tagsphraſen. Und ich muß Dir ſagen, Percy, dieſe Romanſchreiber machen den Fehler, deſſen Du ſie am wenigſten würdeſt fähig gehalten haben; ſie haben nicht Romantik genug in ſich, um die Geſellſchaft mit Wahrheit zu ſchildern. Alte Herren ſagen, Romane ſind ſchlechte Lehrer des Lebens, weil ſie es zu ideal darſtellen. Ganz im Gegentheil; die Romane ſind zu abgedroſchen, zu oberflächlich! Ihr Geſchwätz von der Liebe und das große Aufheben, welches ſie davon machen, zeigen, wie flach die Romantik in ihnen iſt, denn ſie ſagen nichts Neues darüber, und die wahre Romantik bringt ſtets neue Gedanken hervor. Habe ich nicht Recht, Perey?— Nein! mag das Leben auch noch ſo weltlich ſein, ſo hat es doch immer viel Romantik an ſich. Jeder von uns(ſelbſt ich arme Perſon) hat einen Schatz von Gedanken, Phantaſien und Wünſchen in ſich, wogegen die Bücher abge⸗ vroſchen und langweilig ſind: das Herz iſt an ſich ſchon ein Roman.“ „Ein philoſophiſcher Roman, liebe Fanny, voll von Geheimniſſen und Spitzfindigkeiten mit den tief⸗ ſinnigeren Stellen gemiſcht. Aber wie wurdeſt Du ſo weiſe?“ „Vielen Dank!“ antwortete Fanny mit tiefer Ver⸗ 154 beugung.„Die Sache iſt dieſe— obgleich Du, wie aus Pflichtgefühl, es nicht bemerkſt— daß ich älter bin als da wir uns zuletzt ſahen. Damals herrſchte das Gefühl vor und jetzt die Reflerion. überdies füllt die Bühne unſere Köpfe mit einer Art von halber Weisheit und gibt uns jene ſeltſame Miſchung von ſcharfſinniger Erfahrung und romantiſchen Anſichten, woraus neun von zehn menſchlichen Herzen beſtehen. Da wir von Büchern reden, mein lieber Gil Blas, ſo möchte ich, daß Jemand einen Roman ſchriebe, nämlich einen metaphyſiſchen Gil Blas, der es mehr mit dem Geiſte zu thun hätte, als le Sage's Buch, und weniger mit den Handlungen, die den Helden zu einem Geſchöpf der Welt machen ſollen, obgleich eben ſo wahr; der uns in getreuer Schilderung den Charakter eines Mannes, den Anblick und die Wir⸗ kungen unſeres ſocialen Syſtems darſtellte und dieſen Mann zu einem beſſern Sterblichen machte, als der beluſtigende Lakay war, und zu dem Produkt eines künſtlicheren Grades der Geſellſchaft. Das Buch, wel⸗ ches ich im Sinne habe, würde ein traurigeres Aus⸗ ſehen haben als das des le Sage, aber eben ſo treu nach dem Leben ſein.“ „Und es würde mehr Romantik enthalten, wenn ich recht verſtehe, was Du meinſt.“ „Gewiß— Romantik der Ideen und der Ereig⸗ niſſe— das heißt, natürliche Romantik. Wie Wenige wiſſen eigentlich, was natürliche Romantik iſt, ſo daß ſie fühlen, wie die Ideen im Buche wahr und den Charakteren getren ſind, welchen ſie beigelegt werden, ohne ſchein urthei eignif nur n Natur E Weiſe welche reichet raſche fühigt ausüb D ſchwer er ſich des B ſchreck Wille Prior unvor mache Klug hende jene G wie b Conſt noch Moti doch wie älter ſchte füllt lber von hten, ehen. Blas, iebe, mehr Buch, elden leich den Wir⸗ ieſen s der eines wel⸗ Aus⸗ tren wenn reig⸗ enige o daß den erden, 155 ohne ſich darum zu kümmern, ob die Ereigniſſe wahr⸗ ſcheinlich ſind oder nicht. Doch die gewöhnlichen Leſer urtheilen nur nach den Ereigniſſen; als ob die Er⸗ eigniſſe in den meiſten ſhakſpeare'ſchen Stücken auch nur möglich wären! Aber die Leute haben ſo wenig Natur in ſich, daß ſie nicht wiſſen, was natürlich iſt.“ So fuhr Fanny in nicht ſehr zuſammenhängender Weiſe fort und knüpfte Bemerkungen an einander, welche zeigen, wie viel beſſer ein ungelehrtes, geiſt⸗ reiches Mädchen, deren eigentliches Weſen in einer raſchen Auffaſſung der Kunſt beſteht, zur Kritik be⸗ fähigt iſt, als die Pedanten, die das Recenſentenamt ausüben. Doch nur auf einen Augenblick konnte Godolphin's ſchweres Herz ſeine Laſt vergeſſen. Vergebens ſuchte er ſich zu unterhalten, während er den friſchen Schmerz des Bedauerns empfand. Seine Natur hatte einen ſchrecklichen Schlag erlitten; er hatte wider ſeinen Willen geliebt und, wie wir bei ſeiner Rückkehr zur Priorei geſehen, ſogar beſchloſſen, ſich von einer ſo unvortheilhaften und unweiſen Leidenſchaft frei zu machen. Aber die Eiferſucht einer Nacht hatte eine Klugheit vernichtet, die nie mit Recht einer ſehr glü⸗ henden und edlen Natur angehörte. Freilich hatte ſich jene Eiferſucht gelegt und beſänftigt; aber wie heftig, wie betäubend war der Schlag, der darauf folgte! Conſtanze hatte ihm ihre Liebe geſtanden und ihn den⸗ noch auf immer abgewieſen! So klar und edel die Motive ihr ſelber auch erſcheinen mochten, ſo war es doch Godolphin unmöglich, ſie in demſelben Lichte 156 anzuſehen. Unfähig, die Wirkung zu entdecken, die ihres Vaters Sterbeſtunde und ihr Schwur auf Con⸗ ſtanzens Gemüth hervorgebracht— wie unauflöslich ſich jene Erinnerung mit allen ihren Plänen und Aus⸗ ſichten für die Zukunft vereint hatte, wie wunderbar und doch wie natürlich der weltliche Ehrgeiz in eine geheiligte Pflicht war verwandelt worden— unfähig, ſage ich, dieſe verſchiedenen, mächtigen und herrſchen⸗ den Motive zu begreifen, erblickte Godolphin in ihrer Weigerung nur die Abneigung, ſein geringes Ein⸗ kommen zu theilen, ſo wie das Streben nach höherem Range. Er kam daher zu dem Schluſſe, jener Kum⸗ mer ſei ein ſeiner ſelbſt unwürdiger Tribut, und er hielt es ſeiner Würde wegen erforderlich, nach Ver⸗ geſſenheit zu ſtreben. Jenes balſamiſche und geheiligt⸗ Gefühl, welches bei einigen Verluſten des Herzens die Erinnerung zur Pflicht macht und aus dem Bedauern eine ſanfte und beruhigende Lehre herleitet, war nicht für Godolphin's tief verwundete Seele. Er bemüht⸗ ſich nur, ſeinen Kummer zu zerſtreuen und von ſeinem geiſtigen Blicke das Bild des erſten und einzig geliebten Weibes auszuſchließen. Godolphin fühlte auch, daß der einzige Impule, der die raſch hinſterbende Thatkraft und den unter⸗ nehmenden Muth ſeiner Jugend mit dem Ehrgeiz ſeines Lebens hätte verbinden können, auf immer da⸗ hin ſei. Mit Conſtanzen— mit den ſtolzen Ge⸗ danken, die ihr angehörten— war das Streben nach weltlicher Ehre vereint und mit ihr gebrochen. Er fühlte, wie ſeine alte Philoſophie— die Liebe zur Ruhe dem ſchlof genbl imme ſich b unrul — ſa beſtin des L geſchl niemo ſteller Pfade Täuſe ſtrebe „die Con⸗ öslich Aus⸗ erbar eine fähig, ſchen⸗ ihrer Ein⸗ herem Kum⸗ ind er Ver⸗ eiligte ns die auern nicht mühte ſeinem iebten npule, unter⸗ hrgeiz er da⸗ n Ge⸗ n nach Er be zur 157 Ruhe, die tiefe Verachtung des Ruhms— ſich gleich dem tiefen Waſſer über jene ſchimmernden Heere ſchloſſen, zu deren Durchgang ſie ſich auf einen Au⸗ genblick trennten und die herrlichen Traumbilder auf immer unter den Wogen begruben! Seiner Talente ſich bewußt— ja, hin⸗ und hergetrieben durch die unruhigen Anregungen eines nicht gewöhnlichen Geiſtes — ſah Godolphin vorher, daß er von jetzt an nicht beſtimmt ſei, eine glänzende Rolle in dem Drama des Lebens zu ſpielen. Seine Laufbahn war bereits geſchloſſen: er konnte zufrieden und glücklich, aber niemals groß werden. Er hatte genug von Schrift⸗ ſtellern geſehen und von den Dornen, womit die Pfade der Literatur umgeben ſind, um keine von jenen Täuſchungen zu erfahren, welche den geblendeten An⸗ ſtrebenden in die Wildniß der Sffentlichkeit verlocken — jene Art, Ruhm und Haß zu erlangen, wozu diejenigen angetrieben werden, welche ſich zu einem geſchäftigeren Betriebe nicht geeignet fühlen. Schreiben konnte er: und als die fehlgeſchlagene Hoffnung ſeine Neigung zum Träumen erhöhte, erfüllte er gern ſeine Einſamkeit mit den goldenen Paläſten und beflügelten Geſtalten, welche überglaſet in der Phantaſie, dem Feenlande der Seele, liegen. Aber die Viſion wurde in einer Stunde hervorgerufen, um in der nächſten zerſtört zu werden. Ein Glück wäre es für Godolphin geweſen, und vielleicht auch kein Unglück für die Welt, hätte er gerade in dem Augenblick den wahren Be⸗ weggrund der menſchlichen Handlungen kennen gelernt, den er ſpäter, und leider zu ſpät, entdeckte. Ein Glück Bulwer, Godolphin. 1¹ 158 wäre es geweſen, wenn er gelernt, daß es einen Ehrgeiz gibt, Gutes zu thun— einen Ehrgeiz, eben⸗ ſowohl die Ungluͤcklichen zu erheben als ſelber zu ſteigen. Ach! wie arm, öde und reizlos iſt ſowohl in der Wiſſenſchaft als in der Politik jeder Weg, der zur öffentlichen Höhe führt, wenn ihn eine Seele be⸗ trachtet, welche die wahren Elemente des Weiſen oder Edlen in ſich hat; wenn wir nicht einen Impuls in uns haben, den die Kränkung nicht ermattet— und eine Belohnung von Außen, welche die ſelbſt⸗ ſüchtige Niederlage nicht zerſtört. Aber ohne einen wahrhaft weiſen oder zuten Freund, von der Welt verwöhnt, verſauert durch fehl⸗ geſchlagene Hoffnung, machten Godolphin's eigene Fähigkeiten ihn träge, und eben ſeine Weisheit lehrte ihn, nutzlos zu ſein. Gleich der Spinne, die in einer Zelle, wohin nie ein geflügeltes Inſekt kommt, immer von Neuem ihr Netz webt— ſo war auch das plan⸗ volle Herz des Idealiſten verdammt, ein Netz nach dem andern für jene Viſionen des Liebenswürdigen und Vollkommenen zu weben, welche nie zu den düſte⸗ ren Regionen herabſteigen können, worin die Sterb⸗ lichkeit ſich befindet. Das Mittageſſen bei Saville war heiter und leb⸗ haft, wie ſolche Mahlzeiten bei ſolchen Theilnehmern gewöhnlich ſind. Wenn nichts in der Welt ſchwer⸗ fälliger und langweiliger iſt, als große Gaſtmähler, ſo iſt andererſeits nichts angenehmer, als jene wohl⸗ gewählten ungenirten Mahlzeiten, wo die Gäſte ehenſo glückt Förm herrſ um e einan nie n wiſſen Perſo ihre. vers! Zuerſ erwäh Baun gekom eine im O ſtößt ſchen er vo Leute! inen ben⸗ zu der zur be⸗ oder puls bſt⸗ uten fehl⸗ gene ehrte einer nmer lan⸗ nach digen üſte⸗ terb⸗ leb⸗ mern hwer⸗ ihler, wohl⸗ benſo glücklich ausgewählt ſind, als vie Weine; wo keine Förmlichkeit, keine Zurückhaltung, keine Anſtrengung herrſcht, und wo die Leute, die zuſammenkommen, um einige Stunden ſtill zu ſitzen, bemüht ſind, ſich einander ſo angenehm zu machen, als ſollten ſie ſich nie wiederſehen. Die Unterhaltung in allen nicht wiſſenſchaftlichen Geſellſchaften dreht ſich mehr um Perſonen als um Dinge, und unſere Witzlinge lernen ihre Kunſt nur in der Läſterſchule. „Denken Sie nur, Fanny,“ ſagte Saville,„Cla⸗ vers wird noch in ſeinen alten Tagen ein Stutzer! Zuerſt war er ein Jockey, dann wurde er ein Aus⸗ erwählter, dann ein methodiſtiſcher Pfarrer, dann ein Bauunternehmer und iſt jetzt plötzlich nach London gekommen, hat ſich in alle Clubs aufnehmen laſſen, eine Perüke aufgeſetzt, ſtudirt verliebte Blicke, geht im Operuhauſe umher, ſeinen Rohrſtock ſchwingend, ſtößt im Alter von ſechsundfünfzig den jungen Bur⸗ ſchen mit dem Ellbogen in die Seiten und ſagt, wenn er von ſich und Seinesgleichen redet: Wir jungen Leute!“ „Er dingt Pagen, die mit dreieckigen Briefen im Park zu ihm kommen müſſen,“ ſagte Fanny; „öffnet ſie mit affektirter Nachläſſigkeit; ſieht dem überbringer voll ins Geſicht und ruft laut:„Sagen Sie Ihrer Gebieterin, ich könne es ihr nicht ab⸗ ſchlagen.“ Dann trabt er davon mit der Miene eines Mannes, der bis auf den Tod verfolgt wird.“ „Aber ſahen Sie, welchen ungeheuren Backenbart Cheſter ſich zugelegt hat?“ 160 6„Ja,“ antwortete ein Herr de Lacyh;„A. ſagt, er Geſchi hat ihn cultivirt, um ſeine Häßlichkeit zu verpflanzen.“ „Aber wollen Sie gar nicht reden, Monſieur de„nicht 3 Dauphin?“ ſagte die Linettini in ſanftem Tone, in⸗ Reiſeb dem ſie ſich an Percy wendete;„Sie ſind ſehr ſchweig⸗ dem e ſam.“ legte: „unglücklicherweiſe bin ich ſo lange nicht in Preſſe London geweſen, daß die Anekdoten des Tages nur 4 i Caviar für mich ſind.“ der ſe 1„Aber ein Band franzöſiſcher Memviren,“ ſagte„wenn Saville,„würde für Jeden, der ſie zuerſt in die Hand Frauer nimmt, daſſelbe ſein, und die franzöſiſchen Memvi⸗ und fi ren unterhalten uns eben ſo ſehr, als wenn wir mit— Be 3 den Perſonen gelebt hätten, von denen ſie handeln.„2 Das ſollte auch bei Unterredungen über Perſonen der ſehen? 3 Fall ſein. Ich ſchmeichle mir, Fanny, daß Sie und Geſchi ich ſo gute Charaktere mit wenigen Worten ſchilder⸗ ſitzen ten, daß keiner, der uns hört, mehr von ihnen z kleidet wiſſen braucht.“ ton zu . 3„Ich glaube es Ihnen,“ ſagte Godolphin,„und Wage: das iſt der Grund, weßhalb Sie Beide nie von ſich ich w 5 ſelber reden.“ zu ſein 3 1„Pah!— Da wir von Egvoiſten reden, trafeſt Undz Du Jack Barabel in Rom?“ die St „Ja, er ſchrieb Reiſebilder.„Sagen Sie mit Einfa doch,“ redete er mich einſt im Coliſeum an, inden 5 er einen Knopf an meinem Rock ergriff,„welche ſchuhe halten Sie für die höchſte Klaſſe der literariſchen Com⸗„Was poſition?“—„Nun, das Epos, denke ich,“ ſagte Gemei 3 ich;„oder vielleicht eine Tragödie oder ein großs ich m „er en.“ r de in⸗ veig⸗ tin nur ſagte Hand emvi⸗ rmit ideln. n der e und ilder⸗ en zu „und n ſich trafeſt e mit indem welche Com⸗ ſagte großes 161 Geſchichtswerk oder einen Roman wie Don Quixote.“ —„Pah!“ ſagte Barabel mit wichtiger Miene, „nichts ſteht ſo hoch in der Literatur, als eine gute Reiſebeſchreibung.“ Dann ſetzte er leiſe hinzu, in⸗ dem er mit weiſem Blicke ſeinen Finger an die Naſe legte:„Es iſt ein Quartband von mir unter der Preſſe!““ „Ha! ha!“ lachte Stracey, der alte Witzling, der ſeine Zähne ſtocherte und zum erſtenmal ſprach; „wenn Sie Barabel ſagen, Sie haben ein ſchönes Frauenzimmer geſehen, ſo ſagt er mit geheimnißvollem und finſterm Blicke:„Schön, Herr? iſt ſie gereist? — Beantworten Sie mir das!““ „Aber haben Sie Paulton's neue Equipage ge⸗ ſehen? Brauner Wagen, braune Livree, braunes Geſchirr, braune Pferde, und Paulton und ſeine Frau ſitzen drin von Kopf bis zu den Füßen braun ge⸗ kleidet. Das Schönſte von der Sache iſt, daß Pau⸗ ton zu ſeinem Kutſchenfabrikanten ging, um ſeinen Wagen zu beſtellen, und ſagte:„Herr Houlditch, ich werde alt— zu alt, um noch länger excentriſch zu ſein; ich muß etwas beſonders Einfaches haben.“ Und zu dieſer Stunde fährt Paulton braun durch die Stadt und ruft Jedem zu:„Nichts gleicht der Einfachheit, das könnt ihr mir glauben.““ „Er entließ ſeinen Kutſcher, weil er weiße Hand⸗ ſchuhe anſtatt brauner getragen,“ ſagte Stracey. „Was will Er mit ſeinen verdammten prunkſüchtigen Gemeinheiten ſagen?“ rief er;„ſieht Er nicht, daß ich mit Leib und Seele arbeite, um einfach und nüch⸗ 162 tern zu erſcheinen— und Er muß Alles dadurch ver⸗ derben, daß Er nicht braun genng erſcheint!“ „Ah, Godolphin, Du ſcheinſt nachdenkend zu ſein,“ flüſterte Fanny,„und wir ſind doch erträglich unterhaltend.“ „Meine liebe Fanny, antwortete Godolphin, wie aus einem Traume erwachend,„der Dialog iſt leb⸗ haft, die Schauſpieler wiſſen ihre Rollen, die Lichter brennen hell; aber die Scene— die Scene verändert ſich nicht für mich! Nenne es, wie Du willſt— ich kann mich eben nicht täuſchen. Ich ſehe die groben Pinſelſtriche auf den Couliſſen— doch fort mit dieſen Gedanken! Soll ich Dein Glas füllen, Fanny? Einundzwanzigſtes Kapitel. Ein Ereigniß von großer Wichtigkeit für die Hauptperſonen dieſer Geſchichte— Godolphin verläßt England zum zweitenmal. Godolphln wurde von der londoner feinen Welt mit Enthuſiasmus begrüßt. Seine Anmuth, ſeine feinen Sitten, ſein Genie, ſein guter Ton und ſein Glück waren der Gegenſtand der Unterhaltung in jeder Geſellſchaft. Verſe, wovon man ihm einige mit Recht, andere mit Unrecht zuſchrieb, gingen geheim⸗ nißvoll von Hand zu Hand; und jeder beneidete die Schönen, die ihn dazu begeiſtert hatten. Es iſt nicht meine Abſicht, das langweilige Echo der Novelliſten zu wiederholen, die ſich über die Mode verbreiten und ſie Leben nennen. Keine Art von roſen geſch Salo heitet Nam Seite tiefer Trieb Leſer bereit wand ſubtil moirt das 2 heit; leichtf nach zu ſich wie leb⸗ hter dert ich oben eſen ſonen mal. Welt ſeine ſein jeder mit heim⸗ te die Echo Mode n 163 roſenfarbigen Vorhängen und Möbeln im Rococo⸗ geſchmack— keine Miniaturgemälde in Boudvirs und Salons— keine Erzählung von conventionellen Thor⸗ heiten, wit affektirten Kritiken gemiſcht und mit dem Namen des dramatiſchen Dialogs beehrt, ſollen dieſen Seiten ihren Zauber leihen. Bei weitem andere und tiefere Zwecke beſtimmen mich, die Gewohnheiten und Triebfedern des politiſchen Lebens zu ſchildern. Der Leſer muß ſich mir ganz hingeben; er muß ſich vor⸗ bereiten mit mir durch Ernſtes und Fröhliches zu wandeln, und ohne Widerſtand ſich dem dunkeln und ſubtilen Intereſſe hingeben, welches allein dieſe Me⸗ myiren zu erregen vermögen, oder er mag ſogleich das Buch ſchließen. Ich verſpreche ihm eine Neu⸗ heit; aber richtig abgewogen iſt es keine Neuheit von leichtfertigem und frivblem Charakter. Bei der Zerſtreuung, womit Godolphin das Phan⸗ tom der Vergeſſenheit zu erjagen dachte, ſeufzte er nach der Zeit, die er beſtimmt hatte, jene Seenen zu verlaſſen, in denen er ſich umhertrieb. Von Con⸗ ſtanzens gegenwärtigem Daſein vernahm er nichts; von ihren früheren Triumphen und Eroberungen hörte er überall. Und wo fand er ein Geſicht, welches nur einen einzigen Gedanken der Bewunderung erwecken konnte, während ihr Bild getreu in ſeiner Erinnerung aufbewahrt war! Ich kenne nichts, was ſo gänzlich die Geſellſchaft in eine Gemäldegalerie verwandelt als die Erinnerung an eine verlorene Geliebte. Für dieſe Erinnerung gibt es nur zwei Heilmittel— die Zeit und das Einſiedlerleben Die Fremden ſchreiben uns 164 Neigung zur Sentimentalität zu— leider gibt es kein Volk, welches weniger davon hat. Wir ſtreben ſiets nach Ergötzlichkeit, und es gibt kein populäres Buch in unſerer Sprache, deſſen Inhalt nicht die zärtlichen und ſehnſüchtigen Geheimniſſe des Herzens bilden. Co⸗ rinna und Julie langweilen uns, oder wir treiben unſern ſchlechten Scherz damit! Eines Abends, kurz vor ſeiner Abreiſe aus Eng⸗ land, welche eine dauernde und unbeſtimmte Hoffnung, deren Gegenſtand Conſtanze war, beträchtlich verzögert hatte, befand ſich Godolphin in einem Hauſe, deſſen Wirthin eine Verwandte des Lord Erpingham war. „Haben Sie gehört,“ fragte Lady G.,„daß mein Vetter Erpingham ſich verheirathen wird?“ „Nein— mit wem?“ ſagte Godolphin lebhaft. „Mit Miß Vernon.“ So plötzlich auch dieſer Schlag war, ſo veränderte doch Godolphin ſeine Farbe nicht und bewegte auch keine Muskel. „Sind Sie deſſen gewiß?“ fragte eine gegenwär⸗ tige Dame. „Vollkommen— Lady Erpingham iſt meine Autori⸗ tät; ſie theilte es mir heute ſelber mit.“ „Und ſcheint ſie mit der Partie zufrieden?“ „Das kann ich eigentlich nicht ſagen, denn jede Stelle des Briefes widerſpricht der andern. Bald wünſcht ſie ſich Glück zu einer ſo reizenden Schwiegertochter, dann macht ſie plötzlich die Bemerkung, wie traurig es ſei, wenn junge Männer ſo voreilig ſind! Dann ſagt ſie, welch eine gute Partie dies für ihre liebe Mänd Erpin oder ſagen, 9 W wendet ſeinem Partie Mädch „1 ich den platz a ſein. L „3 anwen und ei kein ſtets zuch chen Cv⸗ iben Eng⸗ ung, gert eſſen war. mein haft. derte auch wär⸗ tori⸗ jede nſcht chter, aurig Daun liebe 165 Mündel ſein werde, und dann, welch ein Glück für Erpingham! Kurz, ſie weiß nicht, ob ſie zufrieden oder unzufrieden ſein ſoll, und, um die Wahrheit zu ſagen, bin ich in demſelben Falle.“ „Miß Vernon hat wahrlich ihre Karten gut ange⸗ wendet,“ ſagte die Erſtere.„Bei ſeiner Perſon und ſeinem Rufe wäre Lord Erpingham eine bedeutende Lartie geweſen. Ach! ſie war ſtets ein ehrgeiziges Mädchen.“ „Und auch ein ſtolzes,“ ſagte Lady G.,„Nun, ich denke, Erpingham⸗Houſe wird der Verſammlungs⸗ platz aller Geiſtreichen, aller Witzlinge und Gelehrten ſein. Miß Vernon iſt eine zweite Aſpaſia, wie ich höre.“ „Ich haſſe die Mädchen, welche ſolche Intriguen anwenden,“ ſagte die Dame, die vorher geſprochen und eine einzige ſehr häßliche Tochter von fünfund⸗ treißig Jahren hatte, die im Begriff ſtand ihren erſten Heirathsantrag anzunehmen und einen jüngern Sohn zu heirathen, der unter der Garde ſtand.„Ich halte ſie für gewöhnlich und bin unſchlüſſig, ob ich ſie patroniſiren werde.“ „Und was denken Sie davon, Godolphin? Sie haben ja Miß Vernon geſehen.“ Godolphin war fort. Etwa zehn Tage nach dieſer Unterredung wartete Godolphin in einem Hotel in Dover auf die Abfahrt des Paketbootes nach Calais, nahm die Morning⸗Poſt in die Hand, und der erſte Satz, der ihm in die Augen ſiel und den ich hier anführen will, war:„Vornehme Heirath— am letzten Donnerſtag zu Wendover⸗Caſtle 166 der Graf von Erpingham mit Conſtanze, der einzigen Tochter des berühmten Vernon. Der Anzug der Braut beſtand in u.. w.“ Dann folgte eine abgedroſchene Schilderung der pomphaften Schauſtellung der Welt— in jenen volltönenden, nichtsſagenden Worten, womit man Damen, welche Gräfinnen werden, in die Ehe einführt. „Der Traumiſtvorüber!“ ſagte Godolphintrauernd, als ihm das Papier aus der Hand fiel. Er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und blieb bewegungslos ſitzen, bis man ihm den Augenblick der Abfahrt meldete⸗ So verließ Percy Godolphin zum zweitenmal die Küſten ſeines Vaterlandes. Wenn wir wieder zu ihm zurückkehren, welche Veränderungen werden die jetz in ihm erweckten Gefühle in ſeinem Charakter her⸗ vorgebracht haben! Die Tropfen, die in der Höhle niedertröpfeln, verhärten ſich und werden zu durch⸗ ſichtigen Säulen. Nichts iſt verfeinerter und kälter als jene Weisheit, die das Werk früherer Thränen, fri⸗ herer Leidenſchaften iſt und in einem ſinnenden und einſamen Geiſte gebildet wird! Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die junge Gattin allein— Ein Geſpräch über politiſche und cheliche Gegenſtände— Conſtanzens Talent zur Diplomatik— Der Charakter ihrer Geſellſchafſten— Ihr Sieg über Lady Delville. „Bringe mir das Buch dort, ſtelle den Tiſch näher und verlaß mich!“ von für ihrer wo götte drän verzi indeß offen Wall Spaz gang munt Luft, die z Erfr zigen Zraut ſchene elt— womit Ehe nernd, edeckte ngölos eldete. al die u ihm ie jetzt r her⸗ Höhle durch⸗ ter als ,efri⸗ en und ſche und matik— r Lady ch näher 167 Die Kammerjungfer gehorchte und die junge Gräfin von Erpingham war allein.— Allein! welch ein Wort für eine ſchöne junge Gattin in den erſten Monaten ihrer Ehe Allein in dem Herzen jener mächtigen Stadt, wo Rang und Reichthum, die ſie beſaß, die Ab⸗ götter ſind, die Alle verehren, und um die ſich Alle drängen. Sie befand ſich in einem glänzend und phantaſtiſch verzierten Zimmer. Blumen und Wohlgerüche waren indeß der vorzüglichſte Lurus deſſelben, und durch das offene Fenſter konnte man die Bäume auf dem alten Wall im reichen Grün des Junius erblicken. Jener Spaziergang— für London ein klaſſiſcher Spazier⸗ gung— war zu der Stunde, wovon ich rede, mit muntern und müßigen Menſchen angefüllt, und in der Luft, in der Sonne und in den zahlreichen Schaaren, die zu Fuß und zu Pferde vorüberzogen, lag etwas Erfriſchendes und Erfreuliches. War die Glorie von deiner Stirn verſchwunden, Conſtanze?— Oder die ſtolze Heiterkeit aus deinem Auge? Ach! gleichen nicht die Segnungen der Welt den bezauberten Kugeln?— Die, welche unſer Herz durchbohrt, beſitzt die Gabe, die unſer Herz ſich wünſchte! Lord Erpingham trat ins Zimmer.—„Nun, Con⸗ ſtanze,“ ſagte er,„wirſt Du heute ausreiten?“ „Ich denke nicht.“ „Da wünſche ich, Du möchteſt Lady Delville be⸗ ſuchen. Delville gehört meiner Partei an, wie Du weißt; wir ſitzen bei einander. Du ſollteſt ſehr höf⸗ 168 lich gegen ſie ſein, und neulich Abends warſt Du es durchaus nicht.“ „Du wünſcheſt, daß Lady Delville Dein politiſches Intereſſe unterſtützen möge, und wenn ich nicht irre, ſo hältſt Du ſie gegenwärtig für lau?“ „Ganz richtig.“ „Nun, mein lieber Lord, willſt Du meiner Klug⸗ heit vertrauen? Ich verſpreche Dir, wenn Du mich meine Pläne ungeſtört ausführen laſſen willſt, ſo ſoll Lady Delville die treueſte Anhängerin Deiner Partei ſein, ehe die Saiſon halb zu Ende iſt. Dann aber werde ich nicht die von Dir angerathenen Mittel an⸗ wenden.“ „Wie? ich rieth ja keine an.“ „Ja— Höflichkeit; eine armſelige Politik.“ „Zum Henker, Conſtanze! Du wirſt doch eine ſo vornehme Dame, wie Lady Delville, nicht durch finſtere Blicke für uns gewinnen wollen?“ „überlaß das mir.“ „Unſinn!“ „Laß mich nur den Verſuch machen, lieber Lord. Ich fordere nur drei Monate. Später wirſt Du mir die Leitung der politiſchen Angelegenheiten allein über⸗ laſſen! Ich bin zur Diplomatik geboren. Bin ich nicht John Vernon's Tochter?“ „Nun, nun, ſo thue wie Du willſt!“ ſagte Lord Erpingham.„Aber ich ſehe ſchon, wie es enden wird. Indeſſen wirſt Du doch heute Lady Delville beſuchen, nicht wahr?“ „Gewiß, wenn Du es wünſcheſt.“ nicht gleich halte G Sie b war Miſtr L noch / bigny broch / iſt m unint mir ſches irre, klug⸗ mich 0 ſoll artei aber an⸗ ne ſo nſtere Lord. mir über⸗ nicht Lord wird. uchen, 169 „Ja, ich wünſche es.“ Lady Delville war eine ſtolze, übermüthige Dame, nicht ſehr beliebt und wurde nicht ſo oft von Ihres⸗ gleichen eingeladen, als wenn ſie geſellig und unter⸗ haltend geweſen wäre. Conſtanze wußte, mit wem ſie es zu thun hatte. Sie beſuchte Lady Delville an dem Tage. Lady Delville war zu Hauſe und hatte die hübſche und beliebte Miſtreß Trevor bei ſich. Lady Delville empfing ſie kalt— Conſtanze war noch hochfahrender. „Sie gehen dieſen Abend zur Herzogin von Dau⸗ bigny?“ ſagte Lady Delville im Verlaufe ihrer ge⸗ brochenen Unterhaltung. „O nein. Ich liebe angenehme Geſellſchaft. Es iſt meine Abſicht einen Zirkel zu bilden, zu dem keine unintereſſante Perſon Zutritt haben ſoll. Wollen Sie mir darin beiſtehen, liebe Miſtreß Trevor?“ Und Conſtanze wendete ſich mit ihrem ſanfteſten Lächeln zu der angeredeten Dame. Miſtreß Trevor fühlte ſich geſchmeichelt— Lady Delville richtete ſich empor. „Es iſt eine kleine Geſellſchaft bei der Herzogin,“ ſagte die Letztere; nur wegen des Herzogs und der Herzogin von C...“ „Ah! wenige Leute ſind fähig, der königlichen Familie eine angemeſſene Unterhaltung zu gewähren.“ „Aber gewiß Niemand beſſer als die Herzogin von Daubigny— das große Haus, welches ſie macht, ihr hoher Rang—“ 170 „Sind nur ärmliche Mittel, eine augenehme Geſell⸗ ſchaft zu bilden,“ ſagte Conſtanze kalt.„Der Irrthum, den gewöhnliche Geiſter begehen, beſteht darin, daß ſie Titel für den einzigen Rang halten. Königliche Herzoge wollen mehr als jeder Andere unterhalten ſein, und Unterhaltung iſt gewöhnlich das Letzte, woran man bei ſolchen Geſellſchaften denkt.“ Das Geſpräch lenkte ſich auf andere Gegenſtände. Gonſtanze ſtand auf, um ſich zu entfernen. Sie drückte Miſtreß Trevor mit Wärme die Hand, die ſie nur einmal vorher geſehen hatte. „Morgen Abend kommen einige Perſonen zu mir,“ ſagte ſie.„Setzen Sie alle Ceremonie bei Seite und kommen Sie auch. Ich kann Ihnen verſprechen, daß keine widerwärtige Perſon zugegen ſein und die Herzogin von Daubigny vergebens um eine Einladung anhal— ten ſoll.“ Miſtreß Trevor nahm die Einladung an. Lady Delville war über alle Maßen aufgebracht. Nie war eine weibliche Zunge bitterer, als die ihre, auf Koſten der unverſchämten Lady Erpingham! Doch Lady Delville ärgerte ſich insgeheim unbeſchreiblich; denn zum erſtenmal in ihrem Leben fühlte ſi ſie ſich be⸗ leidigt, nicht zu einer Geſellſchaft eingeladen zu ſein, und während ſie ſich beleidigt fühlte, nicht hingehen zu können, brannte ſie vor Verlangen hinzugehen⸗ Der nächſte Abend kam. Erpingham⸗Houſe war nicht groß, aber wohl geeignet zu der Geſellſchaft, welche die ſchöne Beſitzerin eingeladen. Statuen, Büſten, Gemälde, Bücher, die in den Zimmern umher zerſtreut oder haltut geiſtr G ausge Dichte Dame erläßl libera! beliebt Säle Ci nehme und 2 ſprach vertrat eine m Voll v auch alle Ar von d ſelber Adelig tagsdir Menſc Augen über„ einem ergrau ſelbſt? ſell⸗ um, ß ſie zoge und nbei inde. ck nir,“ und „daß zogin nhal⸗ racht. ihre, Doch blich; h be⸗ ſein, gehen en. war chaft, üſten, ſtreut 171 oder gevrbnet waren, gaben Stoff zu geiſtreich er Unter⸗ haltung, oder verliehen der Geſellſchaft wenigſtens einen geiſtreichen Anſtrich. Etwa hundert Perſonen waren zugegen— die ausgezeichnetſten jener Zeit. Componiſten, Maler, Dichter, Schriftſteller, Redner, feine Herren und ſchöne Damen, Herzoge und Prinzen. Eins jedoch war un⸗ erläßlich nothwendig, um ihnen Zutritt zu verſchaffen, liberale Anſichten. Kein Torh, ſo weiſe, beredt oder beliebt er auch ſein mochte, hätte Eintritt in dieſe Säle erlangen können. Conſtanze erſchien nie liebenswürdiger und ein⸗ nehmender als an dieſem Abend. Ihre frühere Kälte und Anmaßung waren gänzlich verſchwunden. Sie ſprach mit Jedem und mit Jedem freundlich, herzlich, vertraulich; doch zu ihrer Vertraulichkeit geſellte ſich eine milde Würde, wodurch der Reiz noch erhöht wurde. Voll von dem Ehrgeize, nicht nur zu gefallen, ſondern auch zu blenden, vereinte ſie in ihrer Unterhaltung alle Anmuth und Bildung ihres Geiſtes. Diejenigen, von denen ſie am meiſten bewundert wurde, waren ſelber die Gebildetſten. Bald wechſelte ſie mit fremden Adeligen jene kleinen, brillanten Geſpräche über All⸗ tagsdinge, worin oft ſo viel Scharfſinn, Klugheit und Menſchenkenntniß liegt; bald redete ſie mit flammenden Augen und gerötheter Wange mit Dichtern und Kritikern über Literatur und Kunſt; dann verhandelte ſie in einem entfernteren und ruhigen Winkel ernſthaft mit ergrauten Politikern diejenigen Angelegenheiten, worin ſelbſt dieſe ihr die größte Schlauheit und die ſchärfſte ——— 172 Auffaſſungsgabe zugeſtanden, und indem ſie ſo mit jeder Anmuth und jedem Talente eine ſeltene und blendende Schönheit vereinte— kann man ſich leicht vorſtellen, welche Senſation ſie erregte, und welch einen plötzlichen und ganz neuen Impuls eine ſo glän⸗ zende Armida der Zahmheit der Geſellſchaft geben mußte. Die ganze nächſte Woche war die Geſellſchaft in Erpingham⸗Houſe der Gegenſtand jeder Unterhaltung. Jeder, der dort geweſen war, hatte dort den Löwen geſehen, den er vorzüglich hatte ſehen wollen. Die Schöne hatte ſich mit dem Dichter unterhalten, der ſie entzückt hatte. Der junge Debutant in der Wiſſen⸗ ſchaft hatte dort dem größten Profeſſor der erhabenſten Myſterien ſeine Huldigung dargebracht; der Staats⸗ mann hatte dem Schriftſteller gedankt, der ſeine Maß⸗ regeln vertheidigt; der Schriftſteller war von dem Compliment des Staatsmannes entzückt geweſen. Jeder gab zu, daß, während der höchſte Rang im Königreich dort zugegen geweſen, dennoch der Rang der geringſte Reiz der Geſellſchaft geweſen ſei, und die, welche vorher Conſtanzen abſtoßend gefunden hatten, ſprachen jetzt mit dem größten Entzücken von ihrem liebent⸗ würdigen Weſen. Jeder, der in dem Zirkel zugelaſſen wurde, ſprach von der auserwählten Geſellſchaft, und ſo hegten alle ein großes Verlangen nach der Ein⸗ führung in Erpingham⸗Honſe— theils weil dieſelb⸗ angenehm, und beſonders weil ſie ſchwierig war. Bald wurde es ein Compliment, wenn man von Jemand ſagte:„Er kommt in das Haus der Lad) Erpingham!“ Die, welche ſich etwas auf ihren Geiſt einbi um Delv wüth glaul darül / Lady mich Tory „2 „und E Erpin ſetzte Kälte ein. Ihr Widet Unter „ indem freudi Sie m Sie meine Schar Geiſte auf B die O B mit und leicht welch glän⸗ ußte. ft in tung. öwen Die „ der iſſen⸗ enſten taats⸗ Maß⸗ dem Jeder igreich ringſte welche Ladh u Geiſt 173 einbildeten, ſetzten Himmel und Erde in Bewegung, um mit der ſchönen Gräfin bekannt zu werden. Lady Delville wurde nicht eingeladen; Lady Delville war wüthend; ſie heuchelte Verachtung, aber Niemand glaubte es ihr. Lord Erpingham machte Conſtanzen darüber Vorſtellungen. „Du ſiehſt, daß ich Recht hatte; denn Du haſt Lady Delville beleidigt. Sie hat gemacht, daß Delville mich kalt behandelt; in wenigen Wochen wird er ein Tory werden— bedenke das, Conſtanze.“ „Noch einen Monat,“ antwortete Conſtanze lächelnd, „und Du ſollſt ſehen.“ Eines Abends trafen ſich Lady Delville und Lady Erpingham in einer großen Geſellſchaft. Die Letztere ſetzte ſich zu ihrer ſtolzen Feindin. Ohne auf ihre Kälte zu achten, ließ ſich Conſtanze in ein Geſpräch ein. Sie ſprach von Büchern, Gemälden und Muſik⸗ Ihr Weſen war lebendig und ihr Witz ſcherzend. Wider ihren Willen ergötzte ſich Lady Delville an ihrer Unterhaltung und wurde geſprächiger. „Meine liebe Lady Delville,“ ſagte Conſtanze, indem ſie plötzlich ihr heiteres Geſicht mit dem Ausdruck freudiger Ueberraſchung zu der Gräfin wendete,„wollen Sie mir verzeihen?— Ich ließ mir nie träumen, daß Sie eine ſo reizende Dame wären! Ich verberge meine Geſinnungen nie und geſtehe mit Bedauern und Scham, daß ich bis zu dieſem Augenblick nie in Ihrem Geiſte, wenn auch in Ihrer Perſon jene Anſprüche auf Bewunderung entdeckte, womit man mir beſtändig die Ohren betäubte.“ Bulwer, Godolphin. 12 174 Lady Delville wurde roth. „Bitte,“ fuhr Conſtanze fort,„laſſen Sie ſich zu einer nähern Bekanntſchaft herab. Wollen Sie am Donnerſtag bei uns zu Mittag ſpeiſen? Außer uns werden nur neun Perſonen zugegen ſein; aber es ſind die neun Perſonen, die ich am meiſten ſchätze und be⸗ wundere.“ Lady Delville nahm die Einladung an. Von der Stunde an war Lady Delville— die anfangs im tiefſten Herzen über Conſtanzen Vernon's Erhöhung zu Rang und Reichthum aufgebracht war, und die, hätte Conſtanze ihren früheren Umgang mit ihr fortgeſetzt, ſtets etwas würde gefunden haben, um ſie zu tadeln oder herabzuwürdigen— von der Stunde an war Lady Del⸗ ville die wärmſte Vertheidigerin und eine kurze Zeit ſpäter die aufrichtigſte Anhängerin der jugendlichen Gräfin. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Blick in die eigentliche große Welt— Ein Suchen hintet roſenfarbigen Vorhängen. Die Zeit, von der wir jetzt reden, war die glän⸗ zendſte, welche die engliſche Welt während der letzten fünfzig Jahren erlebt hatte. Lord Byron war auf ſeinem kurzen und glänzenden Höhenpunkte; die Stail hielt ſich in London auf, der Friede hatte die Auf⸗ merkſamkeit der reichen Müßiggänger auf geſellige Unterhaltung und auf die Wiſſenſchaften gelenkt. Es war Str wär und und gin kühr trei am lich eigr ihre rakt war ford gew zaul And Ma als Zeit die wün und ſtets über köm auß eint ch zu e am uns s ſind id be⸗ n der im ng zu hätte eſetzt, noder Del⸗ hinter 175 war eine Aufregung, ein Glanz und ein geiſtreiches Streben in unſeren geſelligen Kreiſen, die wir gegen⸗ wärtig nicht bemerken. Nie gab es für ein junges und ehrgeiziges Frauenzimmer— für eine Schönheit und ein Genie einen günſtigern Augenblick zum Be⸗ ginn ihrer Macht. Es war Conſtanzens früher und kühner Entſchluß, eine Macht bis aufs Außerſte zu treiben, die in allen gebildeten Staaten, aber jetzt am meiſten in dem unſerigen, ausgeübt wird— näm⸗ lich die Macht der Mode! Sie war vorzüglich ge⸗ eignet, dieſe geheimnißvolle und ſubtile Maſchine nach ihrem Willen zu lenken. Ihr Scharfblick, die Cha⸗ raktere zu durchſchauen, ihr Takt und ihre Anmuth waren gerade die Talente, welche die Mode beſonders fordert und bis jetzt waren ſie nur jener Sphäre geweiht. Die Rauhheit, die ſie zuweilen mit der be⸗ zaubernden Milde und Ruhe vereinte, die ſie gegen Andere anwendete, erhöhete nur die Wirkung ihrer Macht. Sie diente eben ſo ſehr dazu, zurückzuſchrecken als einzunehmen. Ihre Rauhheit wurde in ſehr kurzer Zeit allgemein beliebt, denn ſie wurde nur gegen die ausgeübt, welche die Welt erniedrigt zu ſehen wünſcht. Beſcheidenes Verdienſt in jedem Range, und ſelbſt Frechheit, von Verdienſt begleitet, waren ſtets vor ihrer Satire ſicher. Nur den Hochmuth übermüthiger Herzoginnen und geldſtolzer Empor⸗ kömmlinge war ſie zu demüthigen bemüht. Die Unabhängigkeit ihres Charakters war mit außerordentlicher Sanftmuth des Temperaments ver⸗ eint. Conſtanze konnte nicht leidenſchaftlich ſein— 176 es lag nicht in ihrer Natur. Wenn ſie verletzt war, konnte ſie ſich ſarkaſtiſch ausdrücken; aber ſie konnte nicht finſter blicken oder ihre Stimme erheben. Es lag der Zauber in ihr, daß ſie ſtets weiblich war. Sie brachte junge Männer nicht durch Anſtarren außer Faſſung; ſie redete ſie nie bei ihrem Vornamen an; ſie ſcherzte nicht leichtfertig, ſie kokettirte nicht— ihre Beſcheidenheit blieb ſtets jungfräulich. Sie, die Begründerin einer neuen Dynaſtie, vermied, was ihre Nachfolgerinnen und Zeitgenoſſinnen für nöthig hielten. Sie war die Herrſcherin der Mode, aber— wun⸗ derbare Vereinigung— zugleich ein höchſt achtbares Weib! Zu dieſer Zeit wurden einige neue Tänze in Eng⸗ land eingeführt. Dieſe Tänze fanden große Gunſt in den Augen mehrerer großen Damen, die noch jung genug waren, ſie zu tanzen. Sie kamen Vormittags zuſammen, um die Pas einzuüben. Unter dieſen war Lady Erpingham, und ihr Haus wurde der be⸗ liebteſte Verſammlungsort. Der junge Marquis von Dartington war einer von dieſem kleinen Kreiſe. Berühmt wegen ſeines großen Vermögens, wegen ſeiner Schönheit und ſeines allgemein günſtigen Erfolges, beſchloß er, ſich in Lady Erpingham zu verlieben. Er widmete ſich ihr aus⸗ ſchließlich; ritt Morgens mit ihr ſpazieren und war Abends beſtändig in ihrer Geſellſchaft. Hatte er ſich in ſie verliebt?— ja! Liebte er ſie?— nicht im geringſten. Aber er war außerordentlich eitel, und was konnte er anders thun? ſche iſt run leick läch Geſ gen ſtan dieſ alle ham kein war Gat Sch ſchö ſaßt won Wel chen dieſ wag wie Da nich ting war, onnte Es war. außer nan; ht e, die s ihre ielten. wun⸗ tbares Eng⸗ Gunſt jung einer ſeines ſeines Lady 177 Conſtanze bemerkte die Aufmerkſamkeiten und durch⸗ ſchaute bald die Abſichten des Lord Dartington. Es iſt ſchwierig, in der großen Geſellſchaft die Annähe⸗ rung der Männer zurückzuweiſen— man kommt ſo leicht in den Ruf, eine Spröde zu ſein, und macht ſich lächerlich. Aber Conſtanze machte ſich mit großer Geſchicklichkeit von Dartington frei und zwar bei fol⸗ gender Gelegenheit, Eins von den Zimmern in Erpingham⸗Houſe ſtand mit einem Gewächshauſe in Verbindung. In dieſem Gewächshauſe war Conſtanze eines Morgens allein, als Lord Dartington, der mit Lord Erping⸗ ham ins Haus eingetreten war, zu ihr kam. Er war kein Mann, der je ſentimental werden konnte; er war eher der heitere Liebhaber— mehr der Don Gaolor als der Amadis; aber er empfand einige Scheu vor Conſtanzen. Er vertraute indeß ſeinen ſchönen Augen und ſeiner guten Geſichtsfarbe und ſaßte Muth, pflückte eine Blume von einem Stock, womit Conſtanze beſchäftigt war, und ſagte: „Ich höre, es herrſcht in irgend einem Theile der Welt die Sitte, ſeine Liebe durch Blumen auszuſpre⸗ chen. Darf ich wagen, theure Lady Erpingham, durch dieſe Blume auszudrücken, was ich nicht auszuſprechen wage?“ Conſtanze erröthete nicht und wurde nicht verwirrt, wie Lord Dartington gehofft und erwartet hatte. Eine Dame, die von Godolphin war geliebt worden, konnte nicht viel Aufregung bei der Galanterie des Lord Dar⸗ tington empfinden. Sie ſah ihm ernſt ins Geſicht, 178 ſchwieg einen Augenblick, ehe ſie antwortete, und ſagte dann mit einem Lächeln, welches den jungen Mann mehr in Verwirrung ſetzte, als Strenge es nur mög⸗ licherweiſe hätte thun können: „Mein lieber Lord Dartington, laſſen Sie uns einander nicht mißverſtehen. Ich lebe in der Welt gleich andern Frauen, aber ich bin ihnen nicht ganz ähnlich. Kein Wort von Galanterie zu mir allein, wenn Sie meine Freundſchaft ſchätzen. In einem ge⸗ füllten Zimmer mögen Sie mir ſo viele Complimente ſagen, als Sie nur wollen. Es wird meiner Eitelkeit ſchmeicheln, Sie in meinem Gefolge zu haben. Und nun thun Sie mir den Gefallen, jene Scheere zu nehmen und die dürren Blätter von jener Pflanze ab⸗ zuſchneiden.“ „Hm!“ ſagte Lord Dartington und ſah vabei ein wenig ärgerlich aus. Eine kluge und ſchlaue Poli⸗ tikerin, wollte Conſtanzen die Anhänglichkeit keines ein⸗ zigen Mitgliedes der Partei ihres Mannes abkühlen, wenn ſie auch ſeinen Liebesantrag zurückwies. Mit freundlichem Blicke— doch ſo vornehm, ſo königlich, ſo frei von der kleinlichen und koketten Herablaſſung des weiblichen Geſchlechts, ſo daß der muntere junge Lord ſich wunderte, wie er von Conſtanzen wie von andern Damen habe denken können, die ſich dem Ver⸗ gnügen widmen— reichte ſie ihm die Hand. „Wir ſind Freunde, Lord Dartington?— uUnd nun, da wir einander kennen, werden wir es immer ſein.“ Lord Dorlington beugte ſich verwirrt über die ſchö in k Geſ reich eine mit Bilt Das erho vor dere und bele ſein die in — die Wei mac weil zelt ſagte Mann mög⸗ uns Welt ganz allein, m ge⸗ mente telkeit Und re zu ze ab⸗ ei ein Poli⸗ s ein⸗ ühlen, Mit iglich, kſſung junge e von Ver⸗ Und mmer r die 179 ſchöne Hand, die er berührte. Dann ging Conſtanze in das Geſellſchaftszimmer, ließ Lord Erpingham in Geſchäften rufen und Dartington entfernte ſich. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Conſtanzens eheliches Leben. Conſtanze, Gräfin von Erpingham, war jung, reich, lieblich wie ein Traum und wurde verehrt wie eine Göttin. War ſie glücklich? und war ihr Herz mit den Kleinigkeiten beſchäftigt, die ſie umgaben? Tief in ihrer Erinnerung war ein unheilvolles Bild begraben, welches ſie nicht verbannen konnte. Das vorwurfsvolle und trauernde Geſicht Godolphin's, erhob ſich zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten vor ihr. Den Reiz ſeiner Gegenwart konnte kein an⸗ deres menſchliches Weſen erneuern. Seine beredten und edlen Geſichtszüge, die von Genie und Leidenſchaft belebt und verklärt waren, ſeine liebliche, tiefe Stimme, ſeine Unterhaltung ſo voll Geiſt und Kenntniß, und die zurte Delikateſſe, womit er die Grazie derſelben in jedem Redeſatze anwendete, den er an ſie richtete — eine köſtliche Schmeichelei, von allen Schmeicheleien die anziehendſte für ein gefühlvolles und verſtändiges Weib— Alles dies fiel ihr immer wieder ein und machte, daß ihr Alles, was ſie umgab, flach, lang⸗ weilig und thöricht erſchien. Auch war dieſe tief gewur⸗ zelte und zärtliche Schwäche nicht die einzige Schlange 180 n den Roſen ihres Lvoſes, wenn ich eine ſo unbe⸗ ſtimmte Metapher anwenden darf. Und hier nehme ich des Leſers ernſtere Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch. Das Schickſal der Frauen in allen feineren Zirkeln der Geſellſchaft iſt außerordentlich un⸗ natürlich und unglücklich. Der Bauer und ſeine Frau ſtehen auf gleicher Linie— ſie ſind einander ſelbſt im Ehrgeiz gleich: keine Laufbahn iſt dem einen geöffnet und dem andern verſchloſſen— ſie ſind einander auch in der Erduldung der Mühſeligkeiten gleich, und Müh⸗ ſeligkeit iſt Beſchäftigung: keine Arbeit beſchäftigt die ganze Kraft des Mannes und läßt die des Weibes un⸗ beſchäftigt. Iſt dies auch bei den Frauen der höheren Ständen der Fall— bei den Frauen der Rechtsgelehr⸗ ten, der Kaufleute, der Senatoren, der Adeligen? dort haben die Männer ihre Beſchäftigungen und die Frauen keine, wenn ſie ſich nicht, gleich der armen Fanny, mit Stickereien und Papageien beſchäftigen. Sie ſind müßig. Sie beſchäftigen die Phantaſie und das Herz. Sie verlieben ſich und werden unglücklich; oder ſie bleiben tugendhaft und werden entweder durch eine ewige Einförmigkeit gelangweilt oder ſie wenden Verſtand, Geiſt und Charakter zu den unbedeutendſten Frivolitäten an— denn Frivolitäten ſind ihr einziger Ausweg, um nicht ſtillzuſtehen. Ja! es gibt einen ſehr ſeltſamen Fluch für das weibliche Geſchlecht, den die Männer nicht beachten! Wenn ſie erſt verheirathet ſind, haben die Aufſtrebendſten von ihnen keinen wahren Wirkungskreis für den Ehrgeiz— der Ehrgeiz zernagt ihre Zufriedenheit und findet anderswo keine Nahrung. 2 hohe einer ſie n nung ihrer nende an ſi Zwec verla zu u nur Erfü Sie Verä ten, das ſättig mächt ſteskr roſtet von und d Zartſ nie g Gräf haber 6 inbe⸗ merk⸗ allen hun⸗ Frau ſt im öffnet auch Müh⸗ gt die s un⸗ heren elehr⸗ igen? id die 181 Dies war Conſtanzens beſonderes Unglück. Ihr hoher, ruheloſer und aufſtrebender Geiſt verlangte nach einem Wirkungskreiſe, und überall um ſie her erblickte ſie nur Ballſäle und Boudvirs. Eine einzige Hoff⸗ nung hegte ſie freilich; jene Hoffnung war die Quelle ihrer Intriguen und Pläne, ihrer Sorge für anſchei⸗ nende Kleinigkeiten, das Verſchwenden ihrer Energie an ſcheinbare Frivolitäten. Dieſe Hoffnung, dieſer Zweck war, nicht nur die Partei, die ihren Vater verlaſſen hatte, ſondern auch die Macht jenes Standes zu unterdrücken, dem ſie ſelber angehörte, in den ſie nur eingetreten war, um ihn zu demüthigen. Aber die Erfüllung dieſer Hoffnung lag noch in weiter Ferne. Sie war zu vernünftig, um eine frühe und wirkſame Veränderung in unſerem ſoeialen Zuſtande zu erwar⸗ ten, und zu reich in den Schätzen des Geiſtes, um das Geſchöpf einer einzigen Idee zu ſein.— Uber⸗ ſättigung— der allgemeine Fluch der Großen— be⸗ mächtigte ſich ihrer täglich mehr und mehr. Ihre Gei⸗ ſteskräfte lagen müßig in ihr— der ſcharfe Verſtand roſtete in ſeiner Scheide. „Wie kommt es,“ fragte ſie die ſchöne Gräfin von L.,„daß Sie ſtets ſo heiter und lebhaft erſcheinen und daß es Ihnen bei all Ihrer Lebhaftigkeit und Ihrem Zartſinn nie an Beſchäftigung fehlt? Sie ſcheinen nie gelangweilt oder verdrießlich— wie kommt dies?“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ erwiderte die hübſche Gräfin ſchlau;„ich wechsle jeden Monat meine Lieb⸗ haber.“ Conſtanze erröthete und fragte nicht weiter. 182 Manche Frauen in ihrem Stande würden ſich unter vem anſteckenden Einfluß des Beiſpiels, eines Lebens überdrüſſig, woran das Herz keinen Antheil hat, ohne Kinder, ohne Führer, von allen Seiten belagert und umſchwärmt, wenn auch nicht der Liebe, doch der Ko⸗ ketterie hingegeben haben. Aber Conſtanze blieb ſo heiter und kalt wie immer— gleich dem nicht von der Sonne beſchienenen Schnee. Vielleicht bewahrte ſie das Andenken an Godolphin vor allen geringeren Gefahren. Der einmal vom Feuer durchglühte Asbeſt kann nie von demſelben verzehrt werden; doch in Con⸗ ſtanzens innerſter Natur lag noch eine andere abweh⸗ rende Urſache— ſie hieß Stolz! O! wenn die Männer nur ahnen könnten, was ein ſtolzes Weib bei jenen Liebkoſungen erduldet, durch die ſie gedemüthigt wird, ſie würden ſich gar nicht darüber wundern, daß es ſo ſchwer hält, ſtolze Frauen⸗ gemüther zu bezwingen. Dies iſt ein Gegenſtand, über den wir Alle ſo ſehr grübeln, über den frei heraus zu ſchreiben wir jedoch nicht wagen dürfen. Inzwiſchen ſtelle man ſich eine junge, ſtolze, argloſe Schöne vor, die an einen Mann verheirathet iſt, den ſie weder liebt noch ehrt, ſo iſt nichts wahrſcheinlicher, als daß, anſtatt ſich einer Liebe hinzugeben, durch die ihr Fall bewirkt werden könnte, ſie weit eher vor dem bloßen Worte Liebe zurückbebt. Um dieſe Zeit ſtarb die verwittwete Lady Erping⸗ ham, Hein Ereigniß, welches Conſtanze aufrichtig be⸗ weinte und durch welches das ſtärkſte Band gelöst wurde, welches vie junge Gräfin an ihren Gemhl knüpf Fuß: haben lichkei er Da ſtehlic hatte unver gleich kannte glückli war ſ ſtanze und ſe der P doch intrig keit a nehme Inter verlor über nicht ihren A mann non's jenes unter Lebens „ohne rt und er Ko⸗ lieb ſo ht von wahrte ngeren Asbeſt n Con⸗ abweh⸗ t, was edurch r nicht Frauen⸗ d, über heraus wiſchen ne vor, weder ls daß, hr Fall bloßen rping⸗ tig be⸗ gelöst Gemahl 183 knüpfte. Gleich den meiſten Männern, die ihre ſechs Fuß meſſen und einen großen ſchwarzen Backenbart haben, war Lord Erpingham eitel auf ſeine Perſön⸗ lichkeit, und gleich den meiſten reichen Adeligen fand er Damen in Fülle, die ihn verſicherten, er ſei unwider⸗ ſtehlich. Conſtanzens gemäßigte und ruhige Urbanität hatte ihn längſt ſchon geärgert, und da er viel mit unverheiratheten Männern umging, ſo ließ er ſich, gleich dieſen, in Liebeshändel ein. Bei all dem er⸗ kannte er doch, daß er in der Wahl ſeiner Gattin glücklich geweſen ſei. Durch Conſtanzens Scharfſinn war ſeine politiſche Bedeutung erhöht worden; Con⸗ ſtanze hatte ſein Haus zu dem glänzendſten in London und ſeinen Namen zu dem gefeiertſten in den Schranken der Pairſchaft gemacht. Obgleich freigebig, war ſie doch nicht verſchwenderiſch; obgleich eine Schönheit, intriguirte ſie doch nicht; obgleich ſeine Unbeſtändig⸗ keit am Tage lag, ungeachtet der Fehler ſeines Be⸗ nehmens, war ſie dennoch nicht achtlos gegen ſeine Intereſſen, nicht ungehorſam gegen ſeine Wünſche und verlor nicht die beſtändige Milde ihres Temperaments. über eine ſolche Gattin konnte ſich Lord Erpingham nicht beklagen. Er ſchätzte ſie, lobte ſie, erbat ſich ihren Rath und empfand einige Ehrfurcht vor ihr. Ach, Conſtanze! wäreſt du die Tochter eines Edel⸗ manns oder eines Bauern— nur nicht John Ver⸗ non's Tochter, welch ein unvergleichlicher Schatz wäre jenes Herz, jene Schönheit und jenes Genie geweſen! 184 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Das Vergnügen, erlittene Demüthigung zu vergelten— Con⸗ ſtanzens Vertheidigung der Mode— Bemerkungen über die Mode — Godolphin's Aufenthalt— Fanny Millingers Schilderung ihrer ſelbſt— Den Moraliſten fehlt es an Muth. Es war ein ſtolzer Augenblick für Conſtanze, als die Herzogin von Winstvun und Lady Margarethn Midgecom be an ſie ſchrieben, ſie bedrängten, ſie be⸗ ſtürmten, um ein Lächeln, einen Gruß, eine Einladung oder eine Einlaßkarte bei Almacks von ihr zu erhalten. Anfangs hatten Beide gehofft, ſie niederſchreien, ſie für pöbelhaft, widerſinnig und abgeſchmackt er⸗ klären zu können. Es war Alles vergebens. Conſtanz ſtieg jede Stunde. Sie kämpften gegen die überzer⸗ gung an, aber es wollte nicht gehen. Die erſte Perſon, die ſie von ihrem Irrthum überzeugte, war der ver⸗ ſtorbene König, der damalige Regent; auf einem Ball, den er ſelber gab, widmete er ſich einen ganzen Abend der Laby Erpingham. Von der Stunde an waren ſi überzengt, daß ſie Unrecht gehabt hatten, und ſie ent⸗ fernten ſich mit der Erklärung, ſie hätten nie eine Perſon geſehen, deren Sitten ſich ſo verbeſſert hätten Sie ſchickten ihr eine Einladung! ſie ſchlug ſie aus; eine zweite! ſie ſchlug ſie wieder aus; eine dritte, mit der Bitte, den Tag zu beſtimmen!!! Sie beſtimmte den Tag und kam doch nicht. Gott ſei uns gniädig — wie leid war es ihnen, wie unruhig, wie erſchrect waren ſie!— Ihre liebe Lady Erpingham mußte krank ſein!— Sie ſchickten die nächſte Woche jeden Tag, um ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen. „2 armen ham. aber et zeihen ſollten „ Conſta Meint ſind v ſinden verlier Verack ohne 2 überd meiner drückt ſellſch ein b Herzo „2 für fr ebenfa unvert F aber ſtolz! die Ar Sind ſellſch — Con⸗ ie Mode ilderung . ze, als garetha ſie be⸗ ladung halten. chreien, ackt er⸗ onſtanze berzen⸗ Perſon, er vet⸗ m Ball, Abend aren ſie ſie ent⸗ nie eine hätten. ſie aus; tte, mit ſtimmt⸗ gnädig rſchreckt te krank en Tag, 185 „Warum ſind Sie beſtändig ſo grauſam gegen dieſe armen Leute?“ ſagte Miſtreß Trevor zu Lady Erping⸗ ham.„Ich weiß, ſie waren früher ſehr unverſchämt; aber es iſt gewiß weiſer und würdevoller, jetzt zu ver⸗ zeihen und das Vergangene zu vergeſſen; Weltleute ſollten nicht mit einander hadern.“ „Sie haben Recht und dennoch Unrecht,“ ſagte Conſtanze.„Ich verzeihe und hadere nicht; aber meine Meinung und meine Verachtung bleiben dieſelben, oder ſind vielmehr noch verächtlicher als je. Dieſe Leute ſind nicht werth, daß wir um ihretwillen den Genuß verlieren, den wir Alle empfinden, wenn wir unſere Verachtung ausſprechen. Ich fahre daher ruhig und ohne Affektation fort, mich jenem Genuß hinzugeben. überdies geſtehe ich Ihnen, liebe Miſtreß Trevor, daß meiner Meinung nach der Rangſtolz gänzlich muß unter⸗ vrückt werden, wenn wir aufrichtig wünſchen, die Ge⸗ ſellſchaft angenehm zu machen, und wo können wir ein beſſeres Beiſpiel zur Strafe finden als an der Herzogin von Winstoun?“ „Aber, meine liebe Lady Erpingham, Sie werden für frech gehalten, und Ihre Freundin, die Lady N., ebenfalls— ſind Sie gewiß, daß die Beſchuldigung unverdient iſt?“ „Ich gebe die Richtigkeit der Beſchuldigung zu; aber Sie werden bemerken, daß wir keinen Rang⸗ ſtolz beſitzen; wir haben es zu unſerem Zweck gemacht, die Armen und Freundloſen auf's Außerſte zu ſchützen. Sind wir je unhöflich gegen Gouvernanten oder Ge⸗ ſellſchafterinnen, gegen arme Schriftſteller oder Mu⸗ 186 ſiker? Wenn ein Mann unter ſeinem Stande heira⸗ thet, wenden wir der armen Frau den Rücken? über⸗ häufen wir ſie nicht im Gegentheil mit Aufmerkſam⸗ keiten und umgeben ihre zweidentige und freudenloſe Stellung mit dem Schutz der Mode? Nein, nein! unſer Stolz iſt Gerechtigkeit! Wir drücken den Kelch an die Lippen deſſen, der ihn vergiftete. Es iſt Un⸗ verſchämtheit gegen die Unverſchämten— denken Sie nach und Sie werden es zugeben.“ Die Mode, welche Conſtanze begünſtigte, war von edler Art, doch war ſie der Menge nicht angemeſſen; ſie wurde von ihren Anhängern in tauſend Gemein⸗ heiten verwandelt. Vergebens geben wir ein Geſetz, wenn die allgemeine Meinung dem Geſetze widerſtrebt. Conſtanze konnte die Großen erniedrigen— konnte den verwickelten Knäuel des Ranges aͤuflöſen— konnt die Macht der Titel untergraben, aber das war Alles! Sie konnte die Stolzen demüthigen, aber nicht den allgemeinen Ton höher ſtimmen; an die Stelle einer Sklaverei ſetzte ſie nur eine andere— die Leute ge⸗ fielen ſich in den Feſſeln der Mode, wie ſie ſich früher in denen der Titelarroganz gefallen hatten. Im Geſpräche des Tages hörte Conſtanze viel von Godolphin und Alle ſprachen mit Theilnahme von ihm— ſelbſt die, welche ſeinen ſo verwickelten un eigenthümlichen Charakter nicht begreifen konnten Durch Länder und Seen von ihm getrennt, ſchien ih keine Gefahr in dem ſüßen Vergnügen zu liegen, von ſeinen Handlungen und ſeinem Geiſte reden zu hören Sie bildete ſich ein, ſich nicht zu erlauben ihn K ſieben Gedar geordt um ſi ſeiner verfol zu St Wien ſchien umhe geheir Bild wo g in da 3 Godo den 1 Abent des L ſie ke mit i ſpiele S Adel Godo ſo ſch ein ſ triebe Man und d heira⸗ über⸗ rkſam⸗ denloſe nein! n RKelch iſt Un⸗ en Sie var von meſſen; emein⸗ Geſetz erſtrebt. konnte konnt rAlles! icht den le einer eute ge⸗ h frühe viel von me von ten und konnten chien ihr en, von u hören. ihn ſu 187 ſieben; ſie war zu rein, um nicht bei einem ſolchen Gedanken zu erſchrecken; doch ihr Geiſt war nicht ſo geordnet, nicht ſo an geheiligte Grundſätze gewöhnt, um ſich den Lurus der Erinnerung zu veybieten. Von ſeiner gegenwärtigen Lebensweiſe hörte ſie wenig. Sie verfolgte ihn nach gelegentlichen Gerüchten von Stadt zu Stadt, von Küſte zu Küſte, von dem ſtolzen Adel Wiens zu den düſtern Altären von Memphis; doch ſchien er an keinem Orte lange zu verweilen. Dieſes umherſchweifende und unſtäte Leben, welches ſie ins⸗ geheim von ihrer Macht überzeugte, zeigte ihr ſein Bild in allen zärtlichen und renevollen Farben. Ach! wo gibt es eine beneidenswerthe Perſon, wenn wir in das Herz blicken könnten? Die Schauſpielerin hörte von Saville zufällig von Godolphin's Neigung zu der ſchönen Gräfin. Sie hegte den lebhaften Wunſch, ſie zu ſehen, und als ſie eines Abends im Theater erfuhr, daß Lady Erpingham in des Lord Kämmerers Loge dicht vor ihr ſei, konnte ſie kaum ſo viel Faſſung erlangen, um ihre Rolle mit ihrem gewohnten glänzenden Erfolge zu Ende zu ſpielen. Sie war ſehr betroffen von dem eigenthümlichen Adel in Lady Erpingham's Geſichte und Perſon, und Godolphin ſtieg in ihrer Meinung, weil er an einem ſo ſchönen Altare ſeine Huldigung dargebracht. Welch ein ſeltſamer Charakterzug der Frauen iſt die über⸗ triebene Begierde das Weib zu ſehen, welches der Mann geliebt hat, für den ſie ſich ſelber intereſſiren, und die Art, wie derſelbe Mann in ihrer Achtung ſteigt 188 oder fällt, je nach dem ſie den Gegenſtand ſeiner bewundern oder nicht. „So meinen Sie alſo,“ ſagte Saville, der eines Abends bei der Schauſpielerin ſpeiſte,„daß die Welt Lady Erpingham's Verdienſte nicht überſchätzt?“ „Nein, ſie iſt, was Medea geweſen ſein würde, wäre ſie unſchuldig geweſen— voll Majeſtät um doch voll Milde. Sie hat ein Geſicht wie eine Köni⸗ gin vor dreitauſend Jahren. Ich hätte ſie verehren können.“ „Meine kleine Fanny, Sie ſind ein ſeltſames Ge⸗ ſchöpf. Mich dünkt, Sie haben eine pvetiſche Ader“ „Niemand, der nicht Gedichte geſchrieben hat, konnte je meinen Charakter begreifen,“ antwortete Fanny mit Naivetät, aber doch mit Wahrheit. „Aber Sie haben nicht viel an ſich, mein hübſches Kind.“ „Nein, weil ich ſo früh mir ſelber überlaſſen war, daß ich genöthigt war, die Unabhängigkeit zu meinem höchſten Gut zu machen. Ich fand bald, wenn ich ſtets meinem Herzen folgte, wohin es mich führte, ſo würde ich jedem Winde folgen und das Opfer jedes Zufalls werden— ich wäre eine Romannärrin ge⸗ worden, hätte von einem Lächeln gelebt und wär vielleicht endlich in einem Graben geſtorben. So ging ich denn mit meinen Gefühlen zu Werke und ſchränkte ſie auf einen beſtimmten Kreis ein. Ein Glück für mich, daß ich es that! Was wäre aus mir geworden wenn ich vor Jahren, als ich Godolphin liebte, die ganze Welt meines Herzens an ihm verſchwendet hätte!“ „ verlaf 5 worte mich Ich w Nieme er wr empfit ſchiede Godol e „ Er iſt noch Ihren F könne entwe ſo wi alltäg u Ich v umgel des„ Der er Liebe er eines ie Welt 2* würde, ät u e Köni⸗ erehren nes Ge⸗ Ader.“ konnte nny mit , mein en war, meinen enn ich führte, er jedes rin ge⸗ d wäre So ging chränkte lück für worden bte, die hätte?“ 189 „Nun, er iſt großmüthig— er würde Sie nicht vetlaſſen haben.“ „Aber ich hätte ihm Ueberdruß verurſacht,“ ant⸗ wortete Fanny,„und das wäre vollkommen genug für mich geweſen. Aber ich liebte ihn aufrichtig und rein — ja, lächeln Sie nur— und auch uneigennützig. Ich wurde dadurch allein in meinem Entſchluſſe beſtärkt, Niemand zu heftig zu lieben, als ich bemerkte, daß er wohl Neigung, aber keine Sympathie für mich empfinde. Seine Natur war von der meinen ver⸗ ſchieden. Ich bin in jeder Hinſicht ein Weib und Godolphin ſeufzt beſtändig nach einer Göttin!“ „Ich möchte Ihren Charakter ſchildern, Fanny. Er iſt vriginell, obgleich nicht ſtark markirt. Ich fand noch in keinem Buche einen ähnlichen; doch iſt er Ihrem Geſchlechte und der Welt völlig angemeſſen.“ „Wenige Schriftſteller würden mich richtig ſchildern können,“ antwortete Fanny;„denn gewiß würden ſie entweder zu viel oder zu wenig aus mir machen. Doch ſo wie ich bin, ſollte die Welt längſt kennen, was ſo alltäglich und dennoch unbeſchrieben iſt, wie Sie meinen.“ Und nun, ſchöne Conſtanze, lebe wohl für jetzt! Ich verlaſſe dich, von Macht, Pomp und Schmeichelei umgeben. Erfreue dich deſſen, wofür du die Neigung des Herzens geopfert, wie du kannſt. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der Aſtrolog und ſeine Tochter— Ein Engländer, wie die Fremden ſich die Engländer vorſtellen. Jetzt müſſen wir dem Leſer Charaktere vorführen, Bulwer, Godolphin. 13 190 die ganz verſchieden von venen ſind, die wir bisher ſeinen Augen darſtellten. Außerhalb der unſterblichen Stadt, an der Appia Via, wohnte ein ſeltſamer und romantiſcher Geiſterſeher Namens Volktman. Es war ein Däne von Geburt, und die Natur hatte ihm jene Geiſtesrichtung ver⸗ liehen, vermöge welcher er eine bedeutende Carriere hätte machen können, wenn er im elften Jahrhundert geboren wäre. Volktman gehörte weſentlich einer vergangenen Zeit an. Der Charakter ſeines Enthu⸗ ſiasmus war wild und gothiſch; für Weſen der Gegen⸗ wart hegte er keine Sympathie; ihre Liebe, ihr Haß, ihre Politik, ihre Literatur erweckte kein Echo in ſeiner Bruſt. Es gefiel ihm nicht, mit ihnen umzugehen; ſein Leben war einſam und ſeine Beſchäftigung Studinm — ein Studium von der Art, daß es ihn täglich un⸗ tauglicher für die Zwecke des Daſeins machte. Mit einem Wort, er las in den Sternen; er glaubte an die geheime und träumeriſche Wiſſenſchaft der Aſtro⸗ logie. Zum Bildhauer erzogen, war er in frühen Jahren nach Rom gegangen, um ſich dort in ſeiner Kunſt zu vervollkommnen; doch hatte er das düſtere und brütende Gemüth ſeiner nordiſchen Abkunft dorthin mitgebracht. Die Bilder der klaſſiſchen Welt, die klaren, kalten und ſchönen Gottheiten, deren Natur und Geſtalt der Marmor beſonders geeignet iſt, dar⸗ zuſtellen, machten nur wenig Eindruck auf Volktmans vorurtheilsvolle und düſtere Eindildungskraft. Dem Aberglauben und dem Kriegerthum des Nordens getrer, erweckten die Lieblichkeit und Majeſtät der ſübdlichen Schy ſätze, jener e unklare ſeiner ärgſten Alltägl Nachal gebiete hatte, wurder geleitet Kunſt Aſtrolv Theori Wiſſen reizend und he ſich der er die! ſich eit ein Be Di ſich je Anblic geeign welche zum und pl leben bisher Appia erſeher ebrt, g ver⸗ arriere undert einer Enthu⸗ Hegen⸗ Haß, ſeiner gehen; tudinm ch un⸗ Mit bte an Aſtro⸗ frühen ſeiner düſtere orthin t, die Natur „dar⸗ man's Dem getreu, blichen 191 Schöpfungen nur das Verlangen in ihm, die Grund⸗ ſitze, wornach ſie gebildet waren, zur Verkörperung jener ernſten Viſionen anzuwenden, die ſeine wilden und unklaren Phantaſien hervorriefen. Dieſe Richtung ſeiner Begeiſterung bewahrte ihn wenigſtens vor dem ärgſten Fehler eines Jüngers der Künſte— vor der Alltäglichkeit. Er war kein knechtiſcher und fader Rachahmer; ſelbſt ſeine Fehler waren feierlich und gebietend. Aber ehe er jene lange Erfahrung gewonnen hatte, die allein das Genie vervollkommnen kann, wurden ſeine natürlichen Anlagen in ganz neue Kanäle geleitet. In einer Krankheit, die ihn verhinderte, ſeine Kunſt auszuüben, fiel ihm ein gewiſſes Werk über Aſtrologie in die Hände. Die wilden und imponirenden Theorien dieſer Wiſſenſchaft— wenn man es eine Wiſſenſchaft nennen kann— erſchienen ihm beſonders reizend und einladend. Er erinnerte ſich der klaren und heitern Nächte ſeines Vaterlandes; er erinnerte ſich der myſtiſchen und unerklärlichen Eindrücke, womit er die Lichter des Himmels betrachtet hatte, und pildete ſich ein, daß eben die Unbeſtimmtheit ſeiner Gefühle ein Veweis von der Zuverläſſigkeit der Wiſſenſchaft ſei. Die Söhne des Nordens ſind beſonders geneigt, ſich jenen romantiſchen Regungen hinzugeben, die der Anblick der ſtillen und ſternhellen Nacht zu erregen geeignet iſt. Das ununterbrochene, köſtliche Schweigen, welches in ihrem kalten Klima vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne herrſcht, die wandernden und plötzlichen Meteore, die, wie von einem Gnomen⸗ leben beſeelt, durch den geräuſchloſen und feierlichen 192 Luftraum ziehen; das eigenthümliche Flimmern der Geſtirne und ſelbſt das Ode und Rauhe des Erd⸗ bodens, den ſie mit kalter und geiſterhafter Klarheit erleuchten⸗— dies Alles dient dazu, die Wirkung der Zaubermährchen zu erhöhen, die dort dem Ohr der Kindheit eingeflößt werden, und die weniger ge⸗ kannten und traumhaften Impulſe des Lebens mit den Einflüſſen oder wenigſtens mit den Begriffen 36 Nacht und des Himmels zu vereinen. Für Volktman, der noch mehr als ſeine Lands⸗ leute für abergläubiſche Eindrücke empfänglich war, wurde die Wiſſenſchaft, mit der er zufällig bekant geworden, ein Gegenſtand, der ſeinen ganzen Geiſ feſſelte und beſchäftigte. Er gab ſich gänzlich ſeinen ueuen Studium hin. Nach und nach ließ er Mar⸗ morblock und Meißel ruhen; und wenn er auch noch von Zeit zu Zeit arbeitete, ſo hörte er doch auf, die Bildhauerkunſt als ſeinen Lebensberuf und den Zwet ſeines Ehrgeizes zu betrachten. bgleich Volktmen nicht reich war, ſo fehite es ihm doch glücklichet⸗ weiſe nicht an Mitteln zur Eubſiſtenz und ſelbſt z einem anſtändigen und bequemen Leben, ſo daß er im Stande war, was Wenige können, ſeinem Eifer für unerſprießliche Grübeleien nachzuhängen, ohle jedoch der Dürftigkeit preisgegeben zu ſein. Mon hat die Erfahrung gemacht, daß, wenn ein Mam einer Veſchäftigung ergeben iſt, die ihn der Wel entzieht, jede große Betrübniß nur dazu dient, ſeine Neigung zu der Einſamkeit zu verſtärken, ohne die Hoffnung je davon geheilt zu werden. Die ihn widern wird i zu ſol in Ro innig einſchn heſond der he Vaterl finden ſchäfti ſie ihn Volktr es gek ſcherin geſcha gleitu Englä Unter! aus ſi der ſi die A ſeine wollte ſie zu dort unlän keln weiſe alles en der s Erd⸗ klarheit irkung m Ohr ger ge⸗ ns mit ffen der Lands⸗ ch war, bekannt n Geiſt ſeinem r Mar⸗ uch noch auf, die n Zwet olktman icklicher⸗ ſelbſt z daß er m Eifer 1, ohne Man Mam e Welt it, ſeine ohne die Die ihm 193 wiberwärtige Welt, die ihm kein Vergnügen darbietet, wird ihm noch gehäſſiger, ſobald ſich Bekümmerniß zu ſolcher Abneigung geſellt. Volktman hatte ſich in Rom mit einem Mädchen verheirathet, das ihn innig liebte, und für die er jene herzliche aber nicht einſchmeichelnde Neigung hegte, die Männern von ſeiner heſondern Gemüthsart eigen zu ſein pflegt. Vermöge der heiteren und geſelligen Sitte und Verfaſſung ihres Vaterlandes konnte die Italienerin ſich nicht darein finden, den Aſtrologen bloß mit den Sternen be⸗ ſchäftigt zu ſehen. Scherzend und freundlich ſuchte ſie ihn an die Welt der Geſelligkeit zu feſſeln, und Volktman konnte— und welcher Sterbliche würde es gekonnt haben?— nicht immer der ſchönen Herr⸗ ſcherin ſeines Hauſes und Herdes widerſtehen. Nun geſchah es eines Tages, daß ſie ihres Mannes Be⸗ gleitung zu einem jener Feſte wünſchte, die dem Engländer wunderlich erſcheinen, weil ſie geiſtreiche Unterhaltung nicht ausſchließen, und Volktman hatte aus ſeinen Sternen irgend einen Unfall geweiſſagt, der ſie unterwegs treffen würde. Da der Aſtrolog die Art des Unfalles nicht angeben konnte, aber ſeine Frau ſich nicht von dem Gange abrathen laſſen wollte, ſo gab er ihrem Wunſche nach und begleitete ſie zu der ihnen befreundeten Familie. Sie trafen dort mit einem jungen Engländer zuſammen, der unlängſt in Rom angelangt und bereits in den Zir⸗ keln jener Hauptſtadt durch ſeine exeentriſche Lebens⸗ weiſe und durch Leidenſchaftlichkeit in Bezug auf alles Schöne bekannt war. Der Engländer ſchien 194 vyn der Fran des Bildhauers überraſcht zu werden, ſo daß Volktman zum erſtenmal— und ach! auch zum letztenmal— die Qualen der Eiferſucht empfand, und daher eilte, mit ſeiner ſchönen Gattin wieder nach Hauſe zu kommen. Auf dem Wege dorthin, wahrſcheinlich durch ein Juwel angelockt, das die Signora trug, überfielen zwei Räuber unſern Volktman und ſeine Gattin in einer der Gaſſen der dunkeln und ſchlechterleuchteten Vorſtadt Obgleich der Aſtrolog keinen Widerſtan leiſtete, ſo zeigten die Angreifenden ſich doch rauh un ungeſtüm, ſo daß die Signora heftig erſchreckt wurde. Ihr Geſchrei rief einen Fremden zu ihrem Beiſtand herbei; es war der junge Engländer der Volktmans Eiferſucht ſo ſehr erregt hatte. Durch ſeine vielfachen Liebesabenteuer auf Gefahren vorbereitet, ging de junge Engländer in fremdem Lande zur Nachtzeit nie mals aus, ohne mit ſeinen Piſtolen bewaffnet zu ſein Beim Anblick dieſer Feuerwaffen ſank den Dieben der Muth, daß ſie ihre Beute fahren ließen, und de junge Engländer leiſtete dem Aſtrologen Beiſtand, die Italienerin in ihr Haus zu geleiten. Der Schrec wirkte jedoch ſo nachtheilig auf ihre zarte Conſtitution, daß ſie ſchwer erkrankte und etwa drei Wochen nach dieſem Vorfall war Volktman Wittwer. Volktman's Ehe war mit einer einzigen Tochter geſegnet, die zur Zeit dieſes Unfalles etwa acht Jahr zählte. Seine Liebe zu dieſem Kinde ſöhnte ihn einiger maßen mit dem Leben aus, und als ſein erſter Schmen über den Verluſt ſeiner Gattin vyrüber war, wendet er ſich gen n Hind es mi Aſtro Engl ſüchti zu di den 1 laſſur die W das Wide jung baldi Weſe die 2 ſchen ſonſt und hafte theo: hatte einzi ſpra rung deſſe gefü Wiſ werden, auch npfand, er nach ich ein erfielen ittin in uchteten derſtand auh un wurde Beiſtan ktmaw's ielfachen zing der zeit nie⸗ zu ſein. eben de und der and, die Schrecken ſtitution, en nc Tochter ht Jahre einiger⸗ Schmen wendete 195 er ſich ſeinen ihm ſo theuren, geheimnißvollen Forſchun⸗ gen mit einer Hartnäckigkeit wieder zu, der kein Hinderniß im Wege ſtand. Nur einem Menſchen war es möglich, ſich eines fortgeſetzten Umgangs wit dem Aſtrologen zu erfreuen, und dieſer Eine war der junge Engländer. Ein Cefühl der Reue wegen der eifer⸗ ſichtigen Regung, die in ihm aufgeſtiegen war, und zu der ſeine Gattin, obwohl Italienerin, ihm nie den mindeſten Anlaß gegeben hatte, wurde Veran⸗ laſſung, daß Volktman in ſanſterer Erinnerung an die Verſtorbene und in dem ſchwankenden Verlangen, das ſeinem Weibe zugefügte Unrecht abzubüßen, den Widerwillen überwand, den er anfänglich gegen den jungen Mann gehegt hatte. Dieſes Verlangen fand baldige Befriedigung durch das zarte und einnehmende Weſen des Fremden, durch deſſen Aufmerkſamkeit gegen die Verſtorbene, der er einen ſehr geſchickten engli⸗ ſchen Arzt, pielleicht den einzigen Praktikanten in der ſonſt gewiß nicht unwiſſenden Stadt, geſ ſchickt hatte, und als beider Männer Bekanntſchaft durch die leb⸗ hafte Theilnahme des Jünglings an den Lieblings⸗ theorien des Aſtrologen ſich fortſetzte. Volktman's Mutter war eine Schottin geweſen und hatte ihren Sohn die engliſche Sprache gelehrt— die einzige, die er, außer der däniſchen, mit Geläufigkeit ſprach. Dieſer Umſtand trug weſentlich zur Erleichte⸗ rung ſeines Umganges mit dem Reiſenden bei, in deſſen Umgange Volktman, als in dem eines feurigen, gefühlvollen, ſchwermüthigen und gern mit abſtraktem Wiſſen ſich beſchäftigenden jungen Mannes, ein Ver⸗ 196 gnügen fand, wie er es unter den heitern, aber we⸗ niger gebildeten Italienern nimmer genoſſen hatte. Oft alſo beſuchte der junge Engländer die ein⸗ ſame Wohnung an der Appia Via, und die geheim⸗ nißvollen und ſchauerlichen Geſpräche des Sternſehers gewährten ihm, der frühzeitig gelernt hatte, die Selt⸗ ſamkeiten der Menſchen aufzufaſſen, ein eigenthüm⸗ liches Entzücken, das noch durch den Contraſt erhöht wurde, den es zu den weltlich geſinnten Gemüthern, mit denen er gewönlich verkehrte, und zu den Alltags⸗ beſchäftigungen eines dem Vergnügen gewidmeten Le⸗ bens bildete. Und es gab ein Weſen, welches, obgleich noch Kind, die Ankunft des jungen und ſchönen Fremden mit einer Bewegung erwartete, die weit über ihre Jahre war. In Zurückgezogenheit aufgewachſen, ſeit ihrer Mutter Tode ohne Umgang mit irgend einer ihr an Alter gleichen Gefährtin, unklare und feier⸗ liche Blicke in ihres Vaters wilde aber großartige Forſchungen werfend, deſſen mit ſeltſamen Charakteren und ehrfurchtgebietenden Worten hohen Klanges er⸗ füllten Bücher ihr ſtets geöffnet waren— konnte man ſich nicht wundern, wenn Lucilla Volktman etwas Seltſames und überſpanntes in ihren Charakter auf⸗ nahm, der freilich reine Natur, jedoch von Natur irrig und bizarr war. Ihren Impulſen gehorchte das Mädchen unbediugt, den Urſprung derſelben ergrün⸗ dete jedoch Keiner. Ihre Geiſtesrichtung war nicht ruhiger und ſanfter, ſondern leidenſchaftlicher, ver⸗ änderlicher und ruheloſer Art. Sie konnte ohne an⸗ ſchein Wan die gr Unwa Ausd dunke 3 ſchön als di ſo du aber ihre Fiebe und Händ — de geeilt ſo he des Aſtro mit Gege dias aber Man imm⸗ ſich wun S nicht er we⸗ hatte. e ein⸗ eheim⸗ ſehers Selt⸗ thüm⸗ erhöht ithern, lltags⸗ ten Le⸗ h noch remden r ihre n, ſeit einer feier⸗ ßartige akteren ges et⸗ te man etwas er auf⸗ Natur te das rgrün⸗ r nicht r, ver⸗ ne an⸗ 197 ſcheinende Urſache lachen und weinen; die Farbe ihrer Wangen blieb nicht zwei Minuten lang dieſelbe, und die grillenhafteſte Abwechſelung eines Aprilhimmels war unwandelbarkeit gegen das Spielen und Glänzen des Ausdrucks, das in ihren Zügen und in ihren wilden, dunkeln und beredten Augen wogte. Ihre Perſönlichkeit glich ihrem Gemüthe, ſie war ſchön; doch die Schönheit an ihr überraſchte weniger als die Seltſamkeit ihres Charakters. Ihre Augen waren ſo dunkel, daß ſie Abends faſt ganz ſchwarz erſchienen; aber ihr Haar war von dem lichteſten Kaſtanienbraun; ihre Geſichtsfarbe, zuweilen blaß, zuweilen bis zur Fieberglut erhitzt, war zart und durchſichtig; ihr Mund und ihre Zähne über alle Beſchreibung lieblich, ihre Hände und Füße faſt zu klein, und als ſie heranwuchs — denn wir ſind den Jahren des Mädchens voraus⸗ geeilt— war ihre Geſtalt, obgleich nicht ſehr groß, ſo harmoniſch in ihren Verhältniſſen, daß die Seele des Bildners ſich zuweilen von den Forſchungen des Aſtrologen abwendete, und Volktman das Mädchen mit eben der Bewunderung betrachtete, die er, dem Gegenſtande zum Trotz, den Göttinnen eines Phi⸗ dias oder Canova gewidmet haben würde. Dann aber geſellte ſich zu dieſer Schönheit eine ſo endloſe Mannigfaltigkeit von Geberden, die oft ſo wild, immer aber durchaus anmuthig waren, daß das Auge ſich nach jener Ruhe ſehnte, die zu verlängerter Be⸗ wunderung erforderlich iſt. Redete man zu ihr, ſo antwortete ſie oft gar nicht der Anrede gemäß, ſondern ſchien auf eine in 198 ihr ſelber laut gewordenen Frage zu antworten; oſt griff ſie von der einen Beſchäftigung zu einer andern, ließ auch dieſe plötzlich liegen, und ſaß dann ſtun⸗ denlang ſchweigend da. Im Geſange klang ihre Stimme außerordentlich melodiſch; auch hatte ſie ein natür⸗ liches Talent für Malerei und las jedes Buch, wel⸗ ches ihr in die Hände kam, mit einer Begierde, in der ſich ſowohl die Ruhelvſigkeit als das Genie ihres Geiſtes kund gab. Ich darf wohl nicht nochmals erinnern, daß dieſe Beſchreibung erſt dann auf Lucilla anzuwenden war, als einige Jahre ſeit dem Zeitpunkte verfloſſen waren, wo der junge Engländer zum erſtenmal ihre kin⸗ liche aber glühende Imagination erregte. Ihr ſchien dieſes Geſicht, mit ſeinen regelmäßigen und harmoni⸗ ſchen Zügen, ſeinem blonden Haar und ſeinem milden, ſcheuen und ſchwermüthigen Ausdrucke einer höheren und glänzenderen Gattung von Weſen anzugehören, als diejenigen waren, deren ſtarrere Mienen und dunklere Hautfarbe ſie umringten und ihr mißfielen. Ein ſeltſames und lebhaftes Vergnügen fand ſie darin, ſich neben den Jüngling zu ſchleichen, und, ohne daß man es gewahrte, in ſein Antlitz zu blicken, welches ſie ſich dann, während ſeiner Entfernung, bei Tage durch ihren Pinſel und bei Nacht in ihren Träumen vergegenwärtigte. Selten aber ſprach ſie von ihn, und bebte mit ſchmerzlichem Erröthen zurück, ſobald er verſuchte, ihr jene Schmeicheleien zu ſagen, auf welche Kinder als einen ihnen ſchuldigen Zoll An⸗ ſpruch zu machen pflegen. Einmal jedoch faßte ſi ſo Spr Mit und ſie zu i ausſ ling melt ſcher Spr er ſ gew Geſ in i zu lich des kein Wa ſie wan die Gel rak ſich tief riſe taſi tz oſt ndern, ſtun⸗ timme natür⸗ wel⸗ de, in ihres ß dieſe war, waren, kind⸗ ſchien rmoni⸗ nilden, öheren hören, n und ßfielen. darin, ne daß welches i Tage räumen n ihm, ſobald n, auf ol An⸗ aßte ſie 199 ſo viel Muth, ihn zu bitten, ſie in der engliſchen Sprache zu unterrichten, und er erfüllte ihren Wunſch. Mit überraſchender Leichtigkeit lernte ſie jene Sprache, und da Volktman die Klänge derſelben liebte, ſo wurde ſie mit deren Schwierigkeiten dadurch vertraut, daß ſie zu ihrem Vater in einer Sprache redete, die ihr un⸗ ausſprechlich werth geworden war. Den jungen Fremd⸗ ling aber entzückte es, zu hören, wie jene ſaufte und melodiſche Stimme, mit ihrem unſichern italieni⸗ ſchen Accent, Muſik in die kräftige und männliche Sprache ſeines Vaterlandes übertrug. Kaum wußte er ſich ſelber Rechenſchaft davon zu geben, wie eine gewiſſe zarte und eigenthümliche Theilnahme an dem Geſchicke dieſes ſeltſamen und bezaubernden Kindes in ihm aufſtieg— eine eigenthümliche und nicht leicht zu entziffernde Theilnahme, eben weil ſie nicht gänz⸗ lich die Theilnahme war, die wir für ein einnehmen⸗ des Kind zu hegen gewohnt ſind, und die dabei doch von keiner eigennützigen oder gar unedlen Art war. Läge Wahrheit in der Wiſſenſchaft der Sterne, ſo hätten ſie ihm ſagen ſollen, des Kindes Schickſal ſei ver⸗ wandt mit dem ſeinigen, und daß ſich der Neigung, die er für die Tochter ſeines Freundes fühlte, etwas Geheimnißvolles und ungewöhnlich Zartes beigeſelle. Der Engländer ſelbſt neigte ſich in ſeinem Cha⸗ rakter dem Romantiſchen zu. Er hatte Alles durch ſich ſelbſt gelernt, und ſeine zwar regelloſen doch oft tiefen Studien hatten ſeinem Geiſte eine ſchwärme⸗ riſche und unheilſame Richtung gegeben. Seine Phan⸗ taſie maßte ſich die Herrſchaft über ſeinen Verſtand 200 an, und es war hinreichend, die erſtere zu feſſeln, um ihn zu bewegen, ſich ſo lange ganz und gar irgend einem Treiben hinzugeben, bis ſein natürlicher Scharf⸗ blick ihm ſolches als trügeriſch zeigte. Wenn er zu Zeiten, da er in jener Alltagswelt lebte, durch welche unſer geſunder Menſchenverſtand ſo ſehr geſchärft wird, über die lebhafte Beharrlichkeit des Aſtrologen lächelte, ſo theilte er dieſelbe dennoch und war deſſen Schüler in der„Poeſie des Himmels,“ indem er geheim feſt an dis Myſterien glaubte, in die ſein Lehrer ihn einweihte. Indem die beiden Enthuſiaſten ihre Täuſchung auf's Höchſte trieben, fürchte ich, daß ſie auf noch dunkleren und unſicherern Boden kamen — zu den alten Geheimniſſen der Alchymiſten, und vielleicht unterwarfen ſie noch unheimlichere und noch weniger vernünftige Dinge ihrer ernſten Betrachtung. Jede Nacht gaben ſie ſich gänzlich dem gefährlichen Zauber hin, den der Wunſch und die Bemühung, unſere ſterblichen Schranken zu überſpringen, auf die geſetzteſten und geordnetſten Gemüther hervorbringen. Die Gedankenrichtung, welcher ſich der ſeltſame und einſame Däne ſo lange hingegeben, war vielleicht eine beſſere Entſchuldigung für die Schwäche der Leichtgläubigkeit, als die Jugend und die lebhafte Phantaſie des Engländers. Aber die Scenen umher, die für den Einen nichts Anziehendes hatten, nährten bis zum ſberfließen das romantiſche Streben des Andern. Auf ſeinem Heimwege, als die Sterne zu erblaſſen begannen, nachdem er die Nacht mit Leſen zugebracht, über durc Wa Cyb und ſeln der ſtren ſo de Eind war, die und ſſeln, gend arf⸗ rzu elche härft ogen eſſen er ſein aſten daß amen und noch tung. lichen hung, uf die ngen. e und lleicht e der bhafte mher, ihrten n des laſſen racht, 201 überſchritt er den geiſterhaften Arno, der vor Alters durch ſeine Heilkraft berühmt geweſen und in deſſen Waſſer das bekannte, vom Himmel gefallene Bild der Cybele zu Anfang jedes Frühlings gebadet wurde— und überall waren ſeine Schritte von den überbleib⸗ ſeln und Monumenten jenes Aberglaubens umgeben, der ſo viel Schönheit über Alles verbreitete, obgleich ſtrenge Richter geſagt, daß er es erniedrigt habe— ſo daß ſein Geiſt, ſtets beſonders empfänglich für äußere Eindrücke, gleichſam von einer Atmoſphäre umgeben war, die ſowohl die erhabenen Spekulationen, als auch die anmuthige Leichtgläubigkeit begünſtigte. Der Engländer blieb beinahe drei Jahre in Rom und war während dieſer Zeit nur ſelten und nicht lange abweſend. Am Vorabend des Tages, wo er die Nachricht von einem Ereigniß erhielt, welches ihn in ſein Vaterland zurückrief, erſchien er zufällig etwas ſpäter in der Wohnung des Aſtrologen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Eine Unterhaltung, die wenig dem neunzehnten Jahrhundert angehört— Unterſuchungen über das menſchliche Schickſal— Die Weiſſagung. „Als er ins Zimmer trat, fand er Lueilla, die auf einem niedrigen Schemel neben dem Aſtrologen ſaß. Sie blickte auf, als ſie ſeine Fußtritte hörte; doch ihr Geſicht ſchien ſo niedergeſchlagen, daß er ſich ſo⸗ gleich mit fragendem Blicke an Volktman wendete. —— E 202 Dieſer ſah ihn mit feſtem und trauerndem Aus⸗ druck an. „Was iſt geſchehen?“ fragte der Engländer;„Sie ſcheinen traurig und begrüßen mich nicht wie gewöhnlich.“ „Ich habe in den Sternen geleſen,“ verſetzte der Geiſterſeher. „Sie ſcheinen eine traurige Geſellſchaft zu ſein,“ entgegnete der Engländer,„und haben Ihren Muth wohl nicht ſehr erhöht.“ „Scherze nicht, mein Freund,“ ſagte Volktman; „wegen Deines Verluſtes ſah ich kummervoll aus. Ich bemerke, daß Du bald eine Reiſe unternehmen wirſt, und daß ſie nicht von angenehmer Art ſein wird.“ „Wirklich!“ antwortete der Engländer lächelnd. „Ich bitte um Erlaubniß, die Sache genauer unter⸗ ſuchen zu dürfen— Sie wiſſen beſſer als irgend ein Menſch, wie oft durch einen Irtthum in unſeren Be⸗ rechnungen, durch Haſt und ſelbſt durch übergroße Aufmerkſamkeit aſtrologiſche Weiſſagungen der Ver⸗ fälſchung ausgeſetzt ſind; und für den Augenblick ſehe ich ſo wenig Veranlaſſung für mich, Rom zu verlaſſen, daß ich die irdiſche Wahrſcheinlichkeit der himmliſchen vorziehe.“ „Meine Berechnungen ſind richtig und der Himmel ſchrieb ſeine Beſchlüſſe in der klarſten Sprache nieder,“ antwortete der Aſtrolog.„Du biſt im Begriff, Rom zu verlaſſen.“ „Aus welcher Veranlaſſung.“ Der Aſtrolog zauderte— der junge Fremde wie⸗ derholte die Frage. Hauſ die S „ und e auf il „( „ er iſt D ſamkei auf ei ſich li und F läſtige ſetzen nur b deſſen laſſen Aus⸗ „Sie ich.“ der ein,“ Muth nan; Ich wirſt, d. elnd. nter⸗ d ein Be⸗ große Ver⸗ k ſehe aſſen, iſchen mmel det Rom wie⸗ 203 „Der Herrſcher des vierten Hauſes ſteht im elften Hauſe,“ ſagte Volktman zaudernd.„Du weißt, wem die Stellung Unheil bebeutet?“ „Meinem Vater!“ ſagte der Engländer ängſtlich und erblaſſend;„ich fürchte, daß jene Stellung ſich auf ihn bezieht.“ „So iſt es,“ ſagte der Aſtrolog langſam. „Unmöglich! Ich habe heute Nachricht von ihm; er iſt wohl— laſſen Sie mich die Figuren ſehen.“ Der junge Mann überblickte mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit die myſtiſchen Hieroglyphen der Kunſt, die auf einem Papier ſtanden, welches der Aſtrolog vor ſich liegen hatte. Ohne den Leſer mit jenen Worten und Fignren ſeltſamen Klanges und Ausſehens zu be⸗ läſtigen, welche den Uneingeweihten in Verwirrung ſetzen und den Schüler der Aſtrologie feſſeln, will ich nur bemerken, daß es einen Punkt gab, hinſichtlich deſſen das Urtheil Zweifel über die Bedeutung zuzu⸗ laſſen ſchien. Der Engländer beharrte bei dem Zweifel und es wurde ein ſehr gelehrter und erbaulicher Streit zwiſchen dem Schüler und dem Meiſter geführt, bei deſſen Hitze(wie es gewöhnlich in ſolchen Fällen ge⸗ ſchieht) beide den Gegenſtand des Streites vergaßen. „Ich weiß nicht,“ ſagte der Engländer,„weßhalb ich einer Anſicht Glauben ſchenken ſollte, die, mit Ihrer Erlaubniß, alle Leute, die nicht im Irrenhauſe ſind, bis heute als völlig unſinnig und thöricht ver⸗ urtheilt haben. Man kann annehmen, daß die Leute ſich nur zu einer unpopulären Theorie hinwenden, je nachdem ſie ihnen ſchmeichelt oder ſie begünſtigt; und 204 was dieſe Ihre Thevrie— oder unſere, wenn Sie wollen— betrifft, ſo hat mir dieſelbe noch nichts als Unheil prophezeiht.“ „Dein Horoſkop,“ verſetzte der Aſtrolog,„iſt in der That ſeltſam und vminös; aber gleich wie bei meinèr Tochter, iſt die Minute Deiner Geburt(faſt bis auf eine ganze Stunde) unbekannt, und obgleich wir, nach dem Vorgange der Alten, Mittel erfunden haben, die Nativitäten zu berichtigen, ſo ſind doch, meiner Anſicht nach, unſere Weiſſagungen(ſo lange der Zeitpunkt der Geburt nicht ganz genau bekannt iſt) ſtets der Ungewißheit unterworfen. Die ſicherſite Methode, die muthmaßliche Zeit auf die wahre zu re⸗ duciren, iſt in Deinem Falle nur theilweiſe anwend⸗ bar; denn mit einer Nachläſſigkeit, die nicht ſtrenge genng kann getadelt und nicht tief genug kann beklagt werden, haſt Du unterlaſſen, die Tage aufzuzeichnen oder Dir zu merken, wo Dir Unfälle begegneten, we Du Fieber hatteſt oder Deine Glieder zerbrachſt und dergleichen, und dieſe Unterlaſſung macht, daß eine Wolke auf den hellen Kapiteln des Schickſals ruht—“ „Was um ſo glücklicher für mich iſt,“ fiel der junge Mann ein,„da es mir noch Raum für die Hoffnung läßt.“ „Doch,“ begann der Aſtrolog wieder, als ſei er entſchloſſen, ſeinem Freunde jeden Troſt zu verwei⸗ gern,„Dein Charakter, die Richtungen Deiner Ge⸗ wohnheiten, ſo wie die Eigenthümlichkeiten Deiner Perſon— ja ſelbſt die Mäler an Deiner Haut ent⸗ ſprechen Deinem Horoſkop.“ geſtehe Gaber zu gef milder von ſi reicher e ſal tr beſitzt ſtig ſ der L Unſer ſich b denen nen a haben melan n Sie ts als „iſt in ie bei t(faſ bgleich funden doch, lange ekannt icherſte zu re⸗ nwend⸗ ſtrenge beklagt eichnen n, we ſt und iß eine ht iel der für die ſei er verwei⸗ er Ge⸗ Deiner mt ent⸗ 205 „Immerhin!“ ſagte der Engländer heiter.„Sie geſtehen mir wenigſtens die ſchönſten der irdiſchen Gaben zu, nämlich das Glück, demjenigen Geſchlechte zu gefallen, welches allein unſer weltliches Mißgeſchick mildert. Jene Gabe möchte ich doch mit allem, wo⸗ von ſie begleitet iſt, lieber haben, als alle ſegens⸗ reichen Einflüſſe ohne dieſelbe.“ „Dennoch wird Dich auch in dieſer Hinſicht Trüb⸗ ſal treffen,“ ſagte der Aſtrolog,„denn der Saturn beſitzt die Macht, dem Sterne Venus, der Dir gün⸗ ſtig ſein wollte, entgegenzuwirken und die Folgen der Liebe, die Du einflößeſt, können daher übel ſein. Unſere Wiſſenſchaft hat etwas Bemerkenswerthes, was ſich beſonders in Deinem Geſchicke zeigt. Die Alten, denen der Stern Herſchel's nicht bekannt war, ſchei⸗ nen auch kaum etwas von dem Charakter gewußt zu haben, den die Einwirkung jenes grillenhaften und melancholiſchen Himmelskörpers hervorbringt. So neu⸗ traliſirt in gewiſſem Grade der Aſpeet Herſchel's die Kühnheit und den Ehrgeiz und den Stolz, die Du ſonſt aus der glücklichen Stellung jener Sterne um den Mond und den Merkur bei Deiner Geburt würdeſt hergeleitet haben. Jenes Sehnen nach etwas jenſeits der engen Schranken dieſer Welt, jener Hang zur Träumerei, jene leidenſchaftliche Vorliebe für das Romantiſche, ja ſelbſt Dein Hinneigen, trotz Deiner weltlichen Sinnesart, zu dieſen verborgenen Myſterien der Geſtirne— das Alles iſt durch dieſen neuen und mächtigen Planeten gewährt worden.“ „Und daher,“ ſagte der Engländer, der, wie der Bulwer, Godolphin. 14 206 Aſtrolog bemerkt hatte, wider ſeinen Willen für die Wiſſenſchaft eingenommen war—„daher ſollte ich meinen, rührt jener Widerſpruch des Weltlichen und Romantiſchen in meiner Natur; daher bin ich bei Ihnen der träumende Phantaſt, ſchüttle aber, ſobald ich wieder unter die lebhafte, bunte Menge trete, jeden andern Einfluß leicht ab und jage heiter dem geſelligen Vergnügen nach.“ „Du biſt dennoch nicht heiter von Herzen,“ murmelte der Sterndeuter;„Saturn und Herſchel bilden keine wahrhaft heitern Leute.“ Der Engländer hörte ihn nicht, oder ſchien ihn nicht zu hören. Nein,“ begann der Jüngling ſinnend wieder, „nein! es iſt wahr, daß zu Zeiten meinem natürlichen Hange entgegengewirkt wird. So bin ich kühn genug, ſtrebe nach Wiſſen, bin nicht taub für die Eitelkeit und beſitze dennoch keinen Ehrgeiz. Das Verlangen, emporzukommen, hat durchaus nichts Lockendes für mich; ich verwerfe und verachte es als eine Schwäche Doch was ſchadet das? Es gereicht mir zu um ſo größerem Glücke, daß mein Leben, wie Sie ſagen, von kurzer Dauer ſein wird. Aber da ich ſo wenig ehrgeizig und von ſo ruhiger Gemüthsart bin, wie kann ich mir vorſtellen, daß mein Tod frühzeitig und gewaltſam ſein werde?“ Als der Jüngling dies ſprach, ſtand die jugend⸗ liche Lueilla, die mit ſtarren Augen und halbgeöf⸗ netem Munde dies Geſpräch in ſich geſogen hatte, plötzlich auf und verließ das Zimmer. Sie waren gewo komn Unter 7 nesar von 1 wirkli als d meng Jahr und t teres junge mens. währe macht P Stolz um Stert könne ſolche Doch „mü derer genw 0 „Du der r die te ich und ch bei ſobald trete, dem zen, erſchel n ihn vieder, rlichen genug, itelkeit angen, es für wäche. um ſo ſagen, wenig n, wie ig und ugend⸗ bgeöf⸗ hatte, waren 207 gewohnt, das Mädchen ſtumm und ohne Veranlaſſung kommen und gehen zu ſehen, und ſetzten daher ihre Unterredung fort. „Ach,“ ſagte der Sterndeuter,„kann ruhige Sin⸗ nesart, oder Sorgfalt, oder Klugheit unſer Geſchick von uns abwenden? Kein Zeichen iſt tödtlicher, ver⸗ wirkliche es ſich nun durch Unfall oder durch Mord, als das, wo Hyleg mit Orion und Saturn zuſam⸗ mengeſtellt ſind. Doch iſt es möglich, daß Du das Jahr übdrlebſt, wo Dir jene Geaht geweiſſagt iſt, und dann erwarten Dich Friede und Ehre und hei⸗ teres Geſchick. Beſſer das Drohen eines Uebels in jungen Jahren, als in den Tagen unſeres Abneh⸗ mens. Die Jugend erträgt leichter ein Mißgeſchick, während dies das Herz des Alters welken und brechen macht.“ „Am Ende,“ ſprach der jugendliche Gaſt mit Stolz,„müſſen wir ſelber doch unſer Beſtes thun, um durch unſere innere Philoſophie den von den Sternen geweiſſagten Uebeln zu widerſprechen. Wir können uns vom Geſchick unabhängig machen und ſolche Unabhängigkeit iſt beſſer als jede Glückſeligkeit. Doch,“ ſetzte er mit verändertem Tone hinzu— „müſſen Sie zugeben, daß wir durch die Macht an⸗ derer Künſte den Weiſſagungen der Geſtirne entge⸗ genwirken können.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte der Aſtrolog haſtig. „Du denkſt doch nicht, daß Alchymie, die Dienerin der himmliſchen Heerſchaaren, ihre Gegnerin ſei.“ „Das nicht,“ entgegnete der Schüler,„doch Sie 208 räumen ein, daß wir im Stande ſind, Uebel abzu⸗ wenden, und Krankheiten, die uns ſonſt verderblich ſein würden, durch die Gabe Uriel's und durch die Zauber der Kabbala zu heilen?“ „Gewiß,“ verſetzte der Aſtrolog,„dabei aber hege ich die Meinung, daß die Entveckung jener köſtlichen Geheimniſſe uns durch das Buch der Allwiſſenheit bei unſerer Nativität verkündet, und wenn uns auch Uebel angedroht werden, uns ebenfalls die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, ſie abzuwenden oder ihnen zu entrinnen, dargeboten worden iſt. Und ich muß geſtehen, daß eben die Pflege jener göttlichen Künſte mir inmitten der Uebel, die mir von meinem Geſchicke wurden, einen Troſt reichte; und es zeigt ſich als wahr, wie jenes Abwehren und Entrinnen nicht bloß in der äußeren Natur, in den Elementen und in den Ein⸗ geweiden der Erde, ſondern auch in uns ſelber ſo enthalten ſei, daß wir uns nach den Vorkehrungen umzuſehen haben, durch die wir die Weisheit eines Zoroaſters und Hermes in Ausübung bringen. Wir müſſen uns von den Banden der Leidenſchaft und des irdiſchen Verlangens losringen. In eine himmliſche Träumerei gehüllt, müſſen wir durch An⸗ ſchauen das Weſen der Dinge von dem Stoffe ſon⸗ dern; auch können wir uns nicht in den Geiſt der myſtiſchen Welt verſenken, ehe wir nicht des Leibes vergeſſen haben und durch Faſten, durch Sinnes⸗ reinheit und durch Nachdenken in unſerem Fleiſche ſelbſt eine lebendige Seele geworden ſind.“ Noch weiter und mit gleicher Wildheit metaphy⸗ ſiſchet Lobe damn Bezut über haſtig ſtimm bezwu bedar zu we iſt, d Lehrli Mißl heiter Wahr abzu⸗ vblich ch die hege lichen enheit auch Pahr⸗ innen, „ daß mitten urden, , wie n der Ein⸗ ber ſo ungen eines ingen. nſchaft neine ch An⸗ e ſon⸗ iſt der Leibes innes⸗ leiſche taphy 209 ſiſcher Berevſamkeit ſprach ſich der Sterndeuter zum Lobe jener Künſte aus, die von der alten Kirche ver⸗ dammt wurden; und dieſe Verdammung erſcheint in Bezug auf die zahlreichen noch vorhandenen Werke über Alchymie und Magie in der That ein wenig haſtig und ungerecht zu ſein, denn alle jene Bücher ſtimmen dahin überein, daß man tugendhaften Wandels, bezwungener Leidenſchaften und eines klaren Geiſtes bedarf, um ein glücklicher und vollendeter Kabbaliſt zu werden, welches, beiläufig geſagt, eine Vorſchrift iſt, der es nicht an Scharfſinn fehlt; denn wenn des Lehrlings Bemühungen mißlingen, ſo kann ſolches Mißlingen ſeinen eigenen fleiſchlichen Unvollkommen⸗ heiten, nicht aber irgend einer Mangelhaftigkeit der Wahrheit in der Wiſſenſchaft zugeſchrieben werden⸗ Mit ernſter und bezauberter Aufmerkſamkeit hörte der Jüngling dem Phantaſten zu. Abgeſehen von dem düſtern Intereſſe, das ſich jederzeit mit Geſprächen von übernatürlichen Dingen vereint, beſonders wenn wir einen Mann von demſelben reden hören, der, wie unſer Aſtrolog, in ſeiner Perſönlichkeit und ſeiner Redeweiſe ganz dazu geeignet war, ſolches Intereſſe zu ſteigern, ſo bediente, gleich den meiſten Menſchen, die mit der Literatur eines Landes bekannt, nicht aber an täglichen Umgang mit den Eingebornen deſſelben gewöhnt ſind, auch Volktman ſich Wörter und Wen⸗ dungen, wie dieſelben wohl in Büchern, nicht aber im gemeinen Leben vorkommen; und eine gewiſſe Feier⸗ lichkeit und Langſamkeit im Tone, verbunden mit dem in der engliſchen Sprache ungewöhnlichen Anredeworte 2¹⁰ „Du,“ verliehen ſeiner Rede über die Gegenſtände, mit denen er ſich ſo gern befaßte, eine überaus ſelt⸗ ſame und ungewöhnliche Majeſtät. Volktman ſelbſt war hager, dürr und groß, hatte hohle, eingefallene Wangen, und dünne, vorzeitig ergraute Haare fielen unordentlich über ſeine kahlen Schläfen und eine Stirn, die durch Nachdenken über Dinge, welche nicht dieſet Welt angehören, gebleicht und gefurcht erſchien. Doch, wie man an vielen Menſchen bemerken kann, die ein Phantaſieleben führen, hatte ſich das Leben, welches in ſeinem übrigen Körper ſchwach und kalt zu ſein ſchien, wie in einer Citadelle in ſeinem Auge geſam⸗ melt. Hell, wild und tief war der Ausdruck dieſer großen blauen Kreiſe, verkündeten den lebhaften Enthuſiasmus im Innern, und theilten etwas von jener Bewegung denen mit, auf welchen ſie ruhten. Kein Maler, und Volktman ſelber nicht, in der Fülle ſeiner nördlichen Phantaſie, hätte ein beſſeres Bild von jenen bleichen, überirdiſchen Forſchern entwerfen können, die in dunkleren Zeitaltern Leben und Ge⸗ lehrſamkeit an das Studium der leeren Wiſſenſchaſt der Alchymiſten wendeten— jener Träumer und Mir⸗ tyrer ihrer Träume. Die Enthuſiaſten brachten den größten Theil der Nacht mit der Verhandlung von Myſterien hin, deren ausführliche Darſtellung den Leſer nur ermüden und verwirren würde, und als der Engländer endlich auf⸗ ſtand, um ſich zu entfernen, läßt ſich nicht läugnen, daß eine feierliche und vorbedeutungsvolle Aufregung ſeine Bruſt bewegte. dieſes verſu uns i das mer Ster heute Nein tione es ko was Täuſ und alter Herz verdt nem der ände, ſelt⸗ ſelbſt allene fielen Stirn, dieſer Doch, ie ein elches ſein eſam⸗ dieſer haften z von uhten. Fülle Bild verfen dGe⸗ ſchaft il der deren n und h auf⸗ ignen, egung 211 „Wir haben von Dingen geſprochen, die über dieſes Erdenleben erhaben ſind,“ ſagte er, zu lächeln verſuchend;„und hier ſind wir ungewiß und verlieren uns in Nebel. über Eins aber können wir entſcheiden; das Leben ſelber iſt von Finſterniß umgeben; Kum⸗ mer und Angſt erwarten ſelbſt die, über welche die Sterne ihren goldenen Einfluß ergießen. Wir wiſſen heute nicht, was der nächſte Tag uns bringen wird! Nein, ich wiederhole, nein, ungeachtet Eurer Calkula⸗ tionen und Eurer Auswahl glücklicher Augenblicke. Aber es komme was will, Volktman, es geſchehe mir Alles, was Sie mir prophezeiht haben, Unglück in der Liebe, Täuſchungen aller Art, Melancholie in meinem Blut und gewaltſamer Tod in der Blüte meines Mannes⸗ alters— mein Ich wenigſtens, meine Seele, mein Herz, meinen beſſern Theil ſollen Sie nicht beugen, verdunkeln oder verkümmern. Ich bewege mich in ei⸗ nem gewiſſen, heitern Kreiſe; aus dieſem kann mich der Ehrgeiz nicht locken— Mißgeſchick nicht ver⸗ vrängen!“ Volktman ſah den Redenden mit Erſtaunen und Bewunderung an; die Vegeiſterung eines wackern Ge⸗ müthes iſt die einzige Glut, die ſich lebhafter und glänzender zeigt als die eines fanatiſchen. „Ach! mein junger Freund,“ ſagte er, indem er die Hand ſeines Gaſtes ergriff;„wollte der Himmel, vaß meine Weiſſagung irrig ſein möge! Oft, ſehr oft iſt ſie irrig geweſen,“ ſetzte er hinzu, indem er demüthig ſein Haupt beugte,„möge ſie es auch in Betreff Deiner ſein. So jung, ſo ſchön, ſo geiſtreich, 212 ſo tapfer und doch ſo romantiſch, ergreift mich Alles lebhaft, was Dir begegnen mag— ja, lebhafter alz von dem, was mich ſelbſt betrifft; denn ich bin jetzt ein alter Mann und ſeit langer Zeit an Täuſchung gewöhnt; alles Grün meines Lebens iſt verwelkt, und ſelbſt, wenn ich den Stein der Weiſen auffinden könnte, würde doch die Erkenntniß deſſelben für mich zu ſpät kommen. Auch wurde mir bei meiner Geburt mein Loos in ſo deutlichen Charakteren zugetheilt, daß, während ich Zeit hatte, mich in daſſelbe zu fügen, ich nie gezweifelt habe, daß ich es überwinden werde; denn Jupiter im Krebſe von der Ascendenz entfernt und durch keinen andern Stern verhindert, ſicherte mir einige Erfahrung in der Wiſſenſchaft, aber auch ein Leben der Abgeſchiedenheit, und zwar ein ſolches zu, dem nicht die verdienten Früchte reifen würden. In Deinem Geſchicke aber findet ſich ſo viel, welches glänzend und glorreich erſcheinen ſollte, daß es kein gewöhnliches verdorbenes Schickſal iſt, wenn die böſen Einflüſſe und die unheilvollen Zeiten gegen Dich die Oberhand behalten ſollten. Aber Du ſprichſt kühn— kühn und wie ein Mann von hoher Seele, obgleich dieſelbe zuweilen umwölkt und irregeleitet wird. Und daher ſchärfe ich es Dir nochmals ein, und zwar nach der Kenntniß Deiner ſelbſt, Deines Charakters und Deiner Gewohnheiten, daß alle übel außer dem des Todes eintreffen werden. Bewahre daher, ich beſchwöre Dich, bewahre in Deiner Erinnerung wie ein Juwel den erſten großen Grundſatz der Alchymiſten und Ma⸗ gier: Prüfe Dich— beſſere Dich— überwinde heftig T friſch nehm Herz lange den geſch gende voller ſehr ſchier ein t Alles er als jetzt ſchung „und önnte, ſpät mein daß, fügen, verde; tfernt cherte auch olches irden. elches kein böſen ch die hn— gleich Und nach und n des hwöre zuwel Ma⸗ inde . 213 Dich! denn nur durch die klare Kryſtalllampe wird vas Licht gehörig durchſcheinen.“ „Es iſt wahrſcheinlicher, daß die Sterne irren,“ entgegnete der Engländer,„als daß das menſchliche Herz von ſeinen Irrthümern abläßt. Lebt wohl!“ Er verließ das Zimmer und ging durch einen Gang, der zur äußeren-Thür führte. Ehe er dieſe erreichte, öffnete ſich plötzlich eine andere Thüre und er erblickte Lucilla's Geſicht. Sie hielt ein Licht in der Hand, und als ſie dem Engländer in's Auge blickte, ſah dieſer, daß ſie ſehr blaß war und geweint hatte. Sie betrachtete ihn lange und ernſthaft und er fühlte ſich davon ſeltſam ergriffen; dann brach er das Schwei⸗ gen, was ihm anfangs ſchwer wurde. „Gute Nacht, ſchöne Freundin,“ ſagte er,„ſoll ich Ihnen morgen wieder Blumen bringen?“ Lueilla brach in ein krampfhaftes Lachen aus, ſchlug heftig die Thüre zu und ließ ihn im Dunkeln. Die kühle Luft des anbrechenden Morgens berührte friſch die Wange des Jünglings; doch eine unange⸗ nehme und ſchwere Empfindung lag ihm auf dem Herzen. Seine Nerven, die ſchon vorher durch ſeine lange Unterredung mit dem Sterndeuter und durch den Eindruck, den derſelbe auf ihn hervorgebracht, geſchwächt waren, erbebten noch von dem durchdrin⸗ genden, plötzlichen Lachen und von dem bedeutungs⸗ vollen Geſichte des ſeltſamen Mädchens, die ſich ſo ſehr von andern ihrer Jahre unterſchied. Die Sterne ſchienen bleich und geiſterhaft, und den Mond umgab ein trüber, trauriger Nebel. 21 „Ihr ſeht unheilverkündend auf mich herab,“ ſagte er halblaut, als ſeine Angen ſich nach oben richteten und die Aufregung ſeines Geiſtes ſich ſeiner Rede mit⸗ theilte,„ihr, in denen, wenn unſer Wiſſen wahr⸗ haftig iſt, der Allerhöchſte unſer Schickſal niederge⸗ ſchrieben. Und wenn ihr die Fluten der großen Tiefe und die Wechſel des rollenden Jahres beherrſcht, was läge dann Unvernünftiges oder Widernatürliches in unſerem Glauben, daß ihr den nämlichen ſympathe⸗ tiſchen und unſichtbaren Einfluß auf Geblüt und Herz auzübt, die den Charakter— und der Charakter be⸗ ſtimmt ja den Wandel— des Menſchen ausmachen?“ Indem er dieſes Selbſtgeſpräch fortſetzte und Gründe für eine Leichtgläubigkeit fand, die ihm ſo wenig Ver⸗ anlaſſung zur Freude oder Hoffnung gab, richtete der Engländer ſeinen Weg nach dem Sebaſtiansthor. In der That lag Vieles in dem Charakter des Rei⸗ ſenden, was mit dem übereinſtimmte, was ſein Horv⸗ ſtop ihm zutheilte, und wirklich hatte dieſe überzer⸗ gung ihn mehr als irgend ein zufälliges Ereigniß angeregt, mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit über die richtigen, aber imponirenden Weiſſagungen der Aſtro⸗ logie nachzudenken. Im Beſitz aller Fähigkeiten, durch die ein Mann ſich emporſchwingen kann, glühend, doch gewöhnlich verſchlagen, beredt, witzig, muthig und wenn gleich nicht das, was man gewöhnlich ge⸗ ſchmeidig nennt, doch der ſeltenen Kunſt fähig, die⸗ jenigen Talente zuſammenzufaſſen, durch die der Be⸗ ſitzer ſchnell und vollkommen das zu beherrſchen pflegt, worauf ſeine Aufmerkſamkeit einmal gerichtet iſt, ver⸗ achtete vollen ſein. G haber Kuͤnſte Sphär er keit doch j die ger Betra als di keiten war e benjal Allein nicht beoba Theat als ei der 2 was teren Geno haftis ſtänd ein G er vo darar es ih er ar ſagte hteten mit⸗ wahr⸗ erge⸗ Tiefe was es i ath⸗ Her er be⸗ hen ründe Ver⸗ te der 3 Rei⸗ Horo⸗ erzeu⸗ eigniß er die Aſtro⸗ durch ühend, nuthig ch ge⸗ die⸗ er Be⸗ pflegt, „ et⸗ 21¹5 achtete er dennoch Alles, wodurch dieſe Gaben im vollen und richtigen Lichte würden zur Schau geſtellt ſein. Er lebte nur dem Genuſſe. Leidenſchaftlicher Lieb⸗ haber der Weiber, der Muſik, der Wiſſenſchaften und Künſte, bildete die Geſellſchaft nicht die Welt, die Sphäre und den Zweck ſeines Daſeins. Dennoch war er kein gewöhnlicher Epikuräer; er lebte dem Genuß, doch jener Genuß beſtand größtentheils aus Elementen, die gewöhnlichen Naturen langweilig ſind. Träumereien, Betrachtungen, Einſamkeit waren ihm zu Zeiten theurer als die ſanfteren ariſtippiſchen Freuden. Seine Fähig⸗ keiten wurden in der Geſellſchaft hervorgerufen, doch war er immer nicht geſellig Von ſeinen frühen Kna⸗ benjahren an Einſamkeit gewöhnt, wurde ihm das Alleinſein ſelten überdrüſſig. Er ſuchte die Menge auf, nicht um ſich zu unterhalten, ſondern um Andere zu beobachten. Die Welt erſchien ihm weniger als ein Theater, worauf er eine Rolle zu ſpielen hatte, denn als ein Buch, worin er mit Vergnügen die Räthſel der Weisheit zu löſen ſuchte. Er beobachtete Alles, was um ihn her vorging. Nie gab es einen ſo mun⸗ teren Cavalier; der Zauber, den er über alle ſeine Genoſſen ausübte, war der der Milde, nicht der Leb⸗ haftigkeit. Unter dieſem ſanften Benehmen lauerte be⸗ ſtändig der Luchsblick der Beobachtung. Er erforſchte ein Gemüth auf den erſten Blick, ſelten aber machte er von dieſer Kenntniß Gebrauch. Er fand Vergnügen daran, die Menſchen kennen zu lernen, doch machte es ihm Beſchwerde, ſie zu beherrſchen. Wie erfahren er auch in der Weltklugheit war, ſo geſtattete er es 216 ſich doch oft, unwiſſend in der Anwendung derſelben zu erſcheinen. Während er in ſeinem Herzen ein ſchönes Ideal der Liebe und Freundſchaft bewahrte, fand er doch in der Wirklichkeit nie etwas Genügendes, um ſeine Neigungen dauernd zu feſſeln. Deßhalb galt er den Frauen für wankelmüthig, und ging mit Män⸗ nern nicht vertraulich um. Dieſer Charakterzug iſt Leuten von Genie eigen, und eben, weil ſie ein über⸗ ſtrömendes Herz beſitzen, werden ſie oft für herzlos gehalten. Immer aber iſt ein ſolcher Charakter in Gefahr, mit den Jahren das zu werden, wofür man ihn oft hält und was er bald verachten lernt. Nichts ſtählt die Neigungen ſo ſehr als Verachtung. Am nächſten Morgen erhielt der junge Reiſende eine Nachricht aus England. Sein Vater war gefähr⸗ lich krank; auch erwartete man nicht, daß der Sohr, ſelbſt mit der größten Schnelligkeit, im Stande ſein werde, ſeinen letzten Segen zu erhalten. Erſchreck und entſetzt, gedachte der Engländer ſeines letzten Ge⸗ ſpräches mit dem Aſtrologen. Nichts ſchlägt uns ſo vollkommen nieder als die Beſtätigung irgend eines Gedankens übernatürlicher Furcht zu vernehmen, die ſich bereits unſerer Vernunft aufgedrängt hat, und unter allen Gattungen übernatürlichen Glaubens er⸗ ſcheint der, ſich von einer Vorherbeſtimmung über⸗ wältigt zu ſehen und ſich daher als ein bloßes Spielwerk oder eine Drahtpuppe des düſtern und unerbittlichen Geſchickes denken zu müſſen, als der grauſenhafteſte und gräßlichſte. Der Engländer verließ Rum an jenem Morgen und ſe Votſch meldet Herzen ob Fri nicht e niß üb vorbra Lucilla Di heran. an St mehr chens. ſtande Stirn zwei Sobal elben önes id er um lt et Nän⸗ iſt über⸗ rzlos er in man tichtz iſende fähr⸗ Sohn, ſein chrect n Ge⸗ ns ſo eines t, die „und is er⸗ über⸗ elwerk tlichen afteſte orgen 217 und ſchickte dem Aſtrologen eine mündliche und haſtige Potſchaft, worin er ihm die Urſache ſeiner Abreiſe meldete. Volktman war ein Mann von vortrefflichem Herzen; doch wird wohl Niemand nachforſchen wollen, ob Freude über den Triumph ſeiner Prophezeihung nicht eine mächtigere Regung als die der Bekümmer⸗ niß über das Mißgeſchick ſeines Freundes in ihm her⸗ vorbrachte. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Lucilla Volktman's Jugend— Ein geheimnißvolles Geſpräch— Rückkehr eines Unerwarteten. Die Zeit verging und Lucilla wuchs in Schönheit heran. Die auffallenden Züge ihres Charakters nahmen an Stärke zu, verbargen ſich aber vielleicht um ſo mehr unter der natürlichen Verſchämtheit des Mäd⸗ chens. In ihrem fünfzehnten Jahre hatte ſich Lucilla's elaſtiſche Körpergeſtalt vollkommen ausgebildet, und dus wilde Kind war zum Mädchen herangereift. Ein Ausdruck des Denkens, der, wenn ihre Züge im Zu⸗ ſtande der Ruhe waren, auf ihren Lippen und ihrer Stirn wohnte, verlieh ihr das Anſehen, als wenn ſie zwei oder drei Jahre älter wäre als ſie wirklich war. Sobald jedoch ihre natürliche Lebhaftigkeit zurückkehrte — ſobald die klare, muntere Muſik ihres heitern Lachens erklang, oder wenn die kühle Luft des Mor⸗ gens oder ein heller Himmel ihr das Blut in die Wangen trieb und ihrem Schritte Zephyrsflügel lieh, wurde ihr Geſicht gleich dem der Kindheit und ſtand 2¹8 mit der ſeltſamen und gefährlichen Lieblichkeit, und der reichen Entwicklung ihrer Geſtalt in Widerſpruch. Dennoch war Lucilla Volktman allem fremd, was man Welt zu nennen pflegt; die Geſellſchaft Anderer ihres Geſchlechtes entlockte nie ihre Regungen den ſtillen Ruheplatze ihres Herzens. Und die Natur ſpricht, keine ſchönre Blume Iſt je auf unſrer Erde auſgewachſen.— Ich ſelbſt will meinem Liebling Antrieb ſein, So wie Geſetz— in Wäldern und Gebirgen, In Erd' und Himmel, Hain und Laube will Ich dieſem Mädchen Schutzgeiſt ſein und Hort. Die Sternennächte ſoll'n ihr theuer ſein, Sie ſoll an manchem ſtillen Orte horchen, Wo Bäche ſie umtanzen, und die Schönheit, Vom murmelnden Geräuſch geboren, ſoll Sich über ihr Geſicht verbreiten. Dieſe Verſe fielen mir immer wieder ein, wenn ich das Antlitz derjenigen anblickte, auf die ich ſi angewendet habe. Und indem ich mich ihrer Friſch und Glorie in ihren glücklicheren Angenblicken erinner, kann ich mich kaum entſchließen, die Fehler und heftigen Aufregungen zu erwähnen, die zu Zeiten alle jen⸗ lieblicheren Eigenſchaften verſcheuchten. Zwanglos un glühend gab ſich Lueilla ſtets der Aufregung oder den Kummer des Augenblicks mit einer Heftigkeit hi, die Jeden, der ſie zu einer ſolchen Zeit geſehen, et⸗ ſchreckt haben würde. Selten jedoch traf es ſich, daß ein ſolcher Auftritt irgend einen Sterblichen, ja nicht einmal des Mädchens Vater, zum Zeugen hatte, dem Lucilla flog an die entlegenſten Orte, die ſie finden konnte, um ſich ſolchen Regungen zu überlaſſen, un vielleie Herz 1 zuckten Wonn hinder Vr fort, d den Ja einiger aller mit de der He nun ei und ruch. was iderer dem wenn ich ſe Friſche nnere, eftigen e jene os und er dem t hi n, er⸗ h, deß a nicht „ denn finden R, und 219 vielleicht leitete die Angſt— eine Angſt unter der ihr Herz und ihr ganzes von Leidenſchaft ergriffenes Weſen zucten— die dadurch erzeugt wurde, eine Art von Wonne daraus her, daß ſie ſich einſam und unge⸗ hindert äußern konnte. Volktman ſetzte ſeine Studien mit einem Eifer fort, der, wie alle Gattungen von Monomanie, mit den Jahren zunahm; und über die zufällige Richtigkeit einiger ſeiner Weiſſagungen vergaß er das Irrthümliche aller vorhergehenden. Er korreſpondirte zu Zeiten mit dem Engländer, der nach kurzem Aufenthalt in der Heimath auf das Feſtland zurückgekehrt war und nun eine verlängerte Reiſe durch die nordiſchen Haupt⸗ ſtädte machte. Sehr verſchieden in der That waren die Beſchäf⸗ tigungen des Aſtrologen von denen des Wanderers, und Zeit, Zerſtreuungen und größere Reife des Geiſtes hatten Letzteren von dem kindiſchen Hange ſo müßigen und nichtigen Studien geheilt. Doch blickte er jeder⸗ zeit mit einer unklärlichen und unvertilgbaren Theil⸗ nahme zurück auf die Zeit ſeiner perſönlichen Bekannt⸗ ſchaft mit dem Sterndeuter, auf ihre gemeinſamen, langen und herzerſchütternden Nachtwachen, auf das anſteckende Glaubensfieber, von welchem der Phantaſt ergriffen war, und deſſen düſtere und raſtloſe Streifereien in den Gebieten jener fernliegenden Wiſſenſchaft, mit der die Sagen der grauen Vorzeit ſich verknüpfen, und auf die Menge, Die unter alten, ruhmgekrönten Namen, Oſiris, Iſis, Orus und ſo weiter, 220 Mit Graungeſtalten und mit Zaubereien Aegyptenland und ſeine Prieſter täuſcht, Eines Abends, vier Jahre nach der mitgetheilten letzten Scene in Volktman's Hauſe, ſaß der Aſtrolog allein in ſeinem Lieblingszimmer. Vor ihm lag eine eben vollendete Berechnung. Sein Haupt hatte ſich auf ſeine Bruſt geſenkt, und er ſchien in Nachdenken begraben. In der letzten Zeit hatte ſeine Geſundheit allmählig abgenommen, und aus ſeiner gefurchten Stirn und ausgemergelten Geſtalt war abzunehmen, wie der Tod bereit war, den Phantaſten aus einer Welt ah⸗ zurufen, deren weſentliche Genüſſe ihm ſo ſpärlich zu Theil geworden waren. Während des Tages hatte Lueilla nicht in ſein Zimmer kommen dürfen. Sie wußte, daß jetzt ſeine Beſchäftigung zu Ende war, und brachte ihm daher ſein Abendeſſen— jenes bei den Italienern ſo allgemein übliche Mahl— aus Polenta, Brod und Früchten, die er nach Art der Gelehrten, ohne daran zu denken, verſchlang, und wovon er nach einer Stunde nicht mehr wußte, daß er ſie zu ſich genommen hatte. „Setze Dich, Kind,“ ſagte er freundlich zu ſeiner Tochter,„ſetze Dich.“ Lucilla gehorchte und nahm auf demſelben Schemel Platz, wo ſie geſeſſen, als der Engländer zum letzte⸗ mal ihren Vater beſucht hatte. „Mir iſt der Gedanke gekommen,“ ſagte Volktman, indem er ſeine Hand auf ſeines Kindes Haupt legte, „daß ich Dich bald verlaſſen werde, und gern möchte ich, e Ander 2 ihren? überha Abgeſe dieſen es mo weiß, „C dünkt: ſteht d — ein mögeſt ſonder heilten ſtrolog g eine te ſich denken ndheit Stirn ie der elt ah⸗ lich zu n ſein t ſeine daher gemein üchten, denken, e nicht tte. ſeiner Schemel letzten⸗ lktman, t legte, möchte 221 ich, ehe ich ſcheide, Dich unter dem Schutz eines Andern wiſſen.“ „Ach, Vater,“ verſetzte Lucilla, indem Thränen ihren Angen entſtrömten,„ſprich nicht ſo! Gib Dich nicht mehr dieſer Schwermuth und dieſer Abgeſchloſſenheit hin. Du verſprachſt mir, mich in dieſen Tagen mit nach dem Vatican zu nehmen. Thue es morgen, das Wetter war ſeither ſo ſchön, und wer weiß, ob es lange anhält.“ „Ganz recht,“ ſagte Volktman,„morgen wird⸗ dünkt mich, kein ungünſtiger Tag ſein, denn der 2 ſteht dann in demſelben Alter, wie bei meiner Geburt — ein Umſtand, der, wie Du beiläufig Dir merken mögeſt, liebes Kind, jeglichem Unternehmen ganz be⸗ ſonders günſtig zu ſein pflegt.“ Der arme Aſtrolog verließ ſo ſelten ſeine Wohnung, daß ein Gang von etwa einer Stunde Weges ihm wie ein Unternehmen erſchien.„Ich mi fuhr er nach einer Pauſe fort,„noch einmal unſern engliſch Freund ſehen; das müßte jedoch bald geſchehen. Denn um Dir die Wahrheit zu ſagen, Lucilla, gewiſſe Er⸗ gebniſſe, die ihm begegnen ſollen, treffen ſeltſam genug mit Ereigniſſen e die Dir höchſt ver⸗ hängnißvoll ſein werden. Dieſer Umſtand eben iſt's, der mich veranlaßt, ſo innigen Antheil an dem Ge⸗ ſchick eines Fremden zu nehmen. Ich möchte den Eng⸗ länder recht bald wiederſehen.“ Lucilla's Buſen wogte und über ihr Geſicht zog eine liebliche Röthe; dies waren jedoch Symptome 15 Vulwer, Godolphin. einer Krankheit, von der der Sterndeuter nimmer etwas ahnete. „Du erinnerſt Dich des Fremden?“ fragte Volkt⸗ man nach abermaliger Pauſe. Nur halb hörbar bejahte es Lucilla. „Ich habe ſeit längerer Zeit keinen Brief von ihm; ich will ſeinetwegen noch vor dem Hahnenrufe Nach⸗ frage halten.“ „Nicht doch, mein Vater!“ ſagte Lueilla haſtig; „nicht dieſe Nacht noch; Du bedarfſt des Schlafes.“ „Mädchen,“ entgegnete der Myſtiker,„die Seele ſchläft nicht, bedarf auch nicht des Schlafes. Gleich⸗ wie die Sterne, die, wie der Araber ſagt, ebenfalls eine Seele haben, mit der die unſrige durch reine In⸗ brunſt ein Bündniß zu ſchließen vermag, ſo daß wir durch eine nimmer ſchlummernde Regſamkeit uns ſelber zu einem Theile des Himmels machen können— gleich wie die Sterne, ſage ich, am hellen Tage dem Men⸗ ſchenauge entſchwinden, obgleich dennoch ihr Lauf nicht ſtockt, ihre Stimmen nicht verſtummen, ſo zieht die menſchliche Seele wie in anſcheinender Erſtarrung ſich zurück, hört aber deßhalb nicht auf, thätig zu ſein; ja, ſie iſt dies vielleicht mit einer minder beſchränkten Kraft, in welcher ſie ſich nur um ſo freier fühlt. Und wenn ich mir vornehme, hinſichtlich des Engländers noch in dieſer Nacht mit der Intelligenz zu verhan⸗ deln, die die Erde und der Erde Weſen beherrſcht, ſo ſoll dieſes nicht durch Wachen und Berechnen, ſon⸗ dern durch eben den Schlaf geſchehen, der, wie Du unter in Deit der Hi halb be lich na jenigen wünſch wärtige „A eine de unſerer „K F verſetzt in Di Tochte mmer Volkt⸗ ihm; Nach⸗ aſtig; afes.“ Seele leich⸗ enfalls 1e In⸗ ß wir ſelber gleich Men⸗ f nicht ht die ng ſich ſein; inkten Und änders erhan⸗ rrſcht, „ſon⸗ ie Du N 223 in Deiner geiſtigen Beſchränktheit Dir einbildeſt, mich der Hülfsmittel meiner Kunſt berauben würde.“ „Kannſt Du denn, mein Vater,„fragte Lueilla halb beſorgt, halb ſchüchtern,„kannſt Du denn wirk⸗ lich nach Deinem Gefallen in Deinen Träumen die⸗ jenigen Perſonen herbeſchwören, die Du zu ſehen wünſcheſt, oder aus dem Schlafe irgend ein ihrem gegen⸗ wärtigen Zuſtande entſprechendes Orakel herleiten?“ „Allerdings,“ antwortete der Aſtrolog;„es iſt dies eine der größten, obwohl noch keineswegs die größte unſerer Gaben.“ „Kannſt Du mich das Verfahren dabei lehren?“ fragte Lucilla mit hohem Ernſte. „Inſofern es die Kunſt betrifft, kann ich es,“ verſetzte der Myſtiker,„die Hauptkraft aber dabei muß in Dir ſelber vorwaltend ſein; denn wiſſe, meine Tochter, daß, wer Weisheit überirdiſcher Art ſucht, unter langwierigem Ringen und tiefem Nachdenken auch ſeine geringſte irdiſche Fähigkeit ausbilden und anſtrengen muß.“ Als der Sterndeuter ſah, daß Lucilla ihn mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit betrachtete, die ſie nicht oft ſeinen metaphyſiſchen Ermahnungen zu ſchenken pflegte, hielt er einen Augenblick inne und verfolgte dann ſein Thema im Tone eines. Mannes, der gern ſich auf einmal ſo deutlich machen möchte, als die Natur einer abſtruſen Wiſſenſchaft es geſtattet. „Zwei Dinge,“ ſprach er,„gibt es in der äußeren Schöpfung, die, nach Darlegung des großen Hermes, zum Bewirken alles Wundervollen und Großartigen 224 hinreichend ſind; nämlich Feuer und Erde. So auch, mein Kind, gibt es in der menſchlichen Seele zwei Kräfte, nämlich Vernunft und Phantaſie, die Alles bewirken, deſſen unſere Natur fähig iſt. Nun aber hat die Menſchheit, in ihrem eigenen Innern minder erfahren als in der äußeren Schöpfung, meiſtentheilz nur eine dieſer Fähigkeiten, und zwar die geringer⸗ und paſſivere, nämlich die Vernunft, ausgebildet. Sie hat die Erde des menſchlichen Herzens urbar gemacht, deſſen Feuer aber ſchlummernd gelaſſen, oder zuge⸗ geben, daß es in Zufälligkeiten und leichtfertigen Rich⸗ tungen ſich vergeude. Daher vie Unzulänglichkeit menſch⸗ licher Erkenntniß. Erfindungen, die ſich bloß auf die Vernunft gründen, bewegen ſich in einem Kreiſe, als dem ſie nur vorübergehend entrinnen können. Haben einige Wenige, mit richtigerem Inſtinkte begabt, ſich dem göttlicheren Elemente, der Einbildungskraft zu⸗ gewendet, ſo wirſt Du bemerken, daß ſie ſolches mut im Dienſte leichterer und beſonders ſolcher Künſte ge⸗ than, die ſich von der Vernunft fern halten, wohin die Muſik, die Poeſie und andere künſtliche Erzeug⸗ niſſe des Genies gehören, welche den Menſchen belt⸗ ſtigen und beſänftigen, nicht aber ihn fördern. Mit höchſt ſeltenen Ausnahmen hat die Menſchheit dieſe glorreiche und beſchwingte Fähigkeit gänzlich paſſiv im Dienſte der Philoſophie erhalten. In dieſer Wiſſen⸗ ſchaft iſt die Vernunft allein zugelaſſen, die Einbit⸗ dungskraft aber, als ein irreführendes und trügliches Meteor, ſorgfältig verbannt worden. Jetzt merke auf Kind! Als ich in frühern Jahren dieſen unſeren In⸗ thum r die Ar delten in den vermöt ten de Vorlät Fortſck durch genähr 2 ich ba Einſat deſſelb ſchen, mittel durch ringer ach le zwei Alles n aber mindet ntheilz ringert et. Sie emacht, rzuge⸗ n Rich⸗ menſch⸗ auf die ſe, aus Haben bt, ſich aft zu⸗ es nſie ge⸗ wohin Erzeug⸗ n belt⸗ . Mit it dieſe aſſiv in Wiſſen⸗ Einbil⸗ ügliches rke auf, en Irt⸗ 225 thum wahrnahm, beſchloß ich, zu prüfen, was durch die Anwendung dieſes vernachläſſigten und mißhan⸗ delten Elementes bewirkt werden könnte; und da ich in den aus dieſem Verlangen entſpringenden Studien, vermöge der geheimnißvollen, jedoch leitenden Schrif⸗ ten der großen Philoſophen des Alterthums, die mir Vorläufer in dieſer Entdeckung waren, mehr und mehr Fortſchritte machte, lernte ich aus ihrer Erfahrung, durch welche Mittel die Einbildungskraft am ſicherſten genährt und gleichſam ſublimirt werden könne. „Indem ich ihren Vorſchriften, deren Richtigkeit ich bald erkannte, ſorgfältig nachlebte, fand ich, daß Einſamkeit, Faſten, unausgeſetztes Erwägen eines und deſſelben Themas, über welches wir Erkenntniß wün⸗ ſchen, die wahren Elemente und die ächten Läuterungs⸗ mittel dieſer göttlichen Fähigkeit ſeien. Durch ſie und durch dieſe Fähigkeit gelangten Menſchen, die in ge⸗ ringeren Erkenntniſſen weit hinter uns zurück waren, auf den mondbeſchienenen Ebenen von Chaldäa und an den dunklen Waſſern Agyptens zu ihrem Tiefblick in den Schooß des Ergebniſſes; durch dieſe Mittel und Fähigkeit gewannen die Anachoreten der Gothenzeit ſich nicht nur die wunderſamſten Arcana der Geſtirne, ſondern auch die Herrſchaft über die Geiſter auf und über und unter der Erde; eine Herrſchaft, die freilich von den anmaßenden Sophiſten der Gegenwart be⸗ ſtritten wird, von der jedoch ihre Schriften vollgül⸗ tigen Beweis enthalten. Ja, aus dem fortwährenden Nähren, üben, Ausbilden und Verfeinern der Ein⸗ bildungskraft nahm ich ab, daß ſogar die falſchen Pro⸗ — 226 pheten und gottloſen Praktikanten der ſchwärzeren Kabbala nach jener dem Anſcheine nach unerreichbaren Macht trachteten, Wunder zu wirken, die vom Al⸗ ſcheine Lügen geſtraft werden, die jedoch ganz eigen⸗ lich den Gang der Natur rechtfertigen. Durch dieſen Geiſt innerhalb des Fleiſches entringen wir uns dem Fleiſche und können die Seelen Verſtorbener erblicken und endlich hervorrufen, Warnungen empfangen, Weiſ⸗ ſagungen vernehmen und unſern Schlaf mit Träumen umgürten. „Nicht mir,“ fuhr der Kabbaliſt in leiſerem Tone fort,„ſind alle dieſe Gaben verliehen worden, dem ich widmete mich der Kunſt erſt dann, als das erſe Jugendfeuer in mir bereits zu erlöſchen begann, ſo daß ich mit ſchwereren und ſchon an dem Irdiſchen haftenden Flügeln mich emporzuſchwingen verſucht. Einiges jedoch wurde mir zur Belohnung ſtrenger Ent⸗ haltſamkeit und mühevoller Arbeit gewährt; denn dieſe Herrſchaft in dem Gebiete der Träume ſteht mir aller dings zu Gebote.“ „So kann man zu ſolcher Macht,“ fragte Lueill in niedergeſchlagenem Tone,„nur durch lange, in⸗ brünſtige Anwendung der Einbildungskraft, nicht aber durch Zauberwerk oder Bannſpruch gelangen?“ „Nicht völlig ſo, meine Tochter,“ antwortete der Myſtiker;„die, welche in ſo hohem Maße die göttlichere Fähigkeit in ſich aufregten und thätig machten, vermögen ohne Zauber und Talisman eine zuverläſſige und unfehlbare Herrſchaft über die Tränme zu erlangen; doch auch der Unthätige oder minder Tüchti Beihü ches Hälft Geger Schla „ wende nahm „ log. der S „ Papie eines ſchen zu de in w irzeren hbaren m An⸗ eigent⸗ dieſen 1s dem blicken Weiß⸗ äumen n Tone „denmn is erſte nn, ſo diſchen rſuchte. er Ent⸗ in dieſe r allet⸗ Lucilla e, in⸗ ht aber — wortete ße die thůtig n eine räume minder 227 güchtige darf hoffen, bei rechtem Vertrauen und unter Beihülfe der Geſchicklichkeit, ſo wie dadurch ein Glei⸗ ches zu thun, daß er die ganze Kraft ſeiner zur Hälfte erwachten Phantaſie auf die Perſon oder den Gegenſtand richtet, deren Bild er im Spiegel des Schlafes zu erblicken wünſcht.“ „Und welche Mittel hat der Uneingeweihte anzu⸗ wenden?“ fragte Lucilla mit der lebhafteſten Theil⸗ nahme. „Das will ich Dir ſagen,“ antwortete der Aſtro⸗ log.„Du entwirfſt auf weißes Pergament ein Bild der Sonne—“ „Wie das?“ fiel Lueilla ein. „So,“ ſprach Volktman und holte unter ſeinen Papieren ein Blatt hervor, auf welchem ſich die Figur eines am Buſen eines Engels ſchlummernden Men⸗ ſchen befand.„Dieſe Zeichnung,“ fuhr er fort,„wurde zu der machtvollen und feſtbeſtimmten Zeit entworfen, in welcher die Sonne im neunten der himmliſchen Häuſer ſtand, und als der Löwe beim Hinaufſteigen am blauen Berge ſeine lichte Mähne ſchüttelte. Be⸗ merke, daß unter dieſe Figur Dein Verlangen— der Name der Perſon, die Du zu ſehen, oder der Gegenſtand, über den Du Auskunft wünſcheſt, ge⸗ ſchrieben werden muß. Haſt Du Dich dann vor⸗ bereitet, und Deine Seele zu feſtem Glauben an die Wirkung gebracht— denn ohne Glauben liegt die Einbildungskraft unthätig und leblos— ſo legſt Du dies Bild unter Dein Haupt, und ſobald der Mond durch das Zeichen geht, das im neunten Hauſe Deiner 228 Nativität ſtand, ſchlüpft der Traum in Dich und Deine Seele wird mit dem Geiſte der Viſion wandeln.“ „Gib mir dieſe Zeichnung, Vater,“ ſagte Lueilln haſtig. Der Myſtiker zauderte.„Nein, Lueilla,“ ſprach ſcher Kenntniſſe iſt grauenvoll und troſtlos, aus⸗ genommen für die Wenigen, die ihn mit hochbegabtem Geiſte und furchtloſem Herzen wandeln. Er iſt nicht für Weiber und Kinder; ja, nur wenige Männer mögen ihn betreten; er macht den Lebensſaft verdorren und das Haar vor der Zeit ergrauen. Nein, nein, freue Dich des hellen Sonnenlichtes und der bald wel⸗ kenden, aber lieblich duftenden Blumen des Erdbodens; ſie ſchicken ſich beſſer für Dich, mein Kind, und für Deine Jahre, als die Fieberglut, als die Hoffnun⸗ gen nächtlicher Träume und des planetariſchen Ein⸗ fluſſes.“ Indem der Aſtrolog dies ſagte, legte er die Zeich⸗ nung wieder zwiſchen die Blätter eines ſeiner Bücher, warf dieſes mit einer ihm ſonſt nicht eigenthümlichen Behutſamkeit in eine Schublade und verſchloß dieſelbe. Lueilla's ſchönes Geſicht verdüſterte ſich, aber die wankende Geſundheit ihres Vaters legte ihrer heftigen Gemüthsart Zwang auf. Gerade in dieſem Augenblick öffnete ſich langſam die Thür, und der Engländer ſtand vor dem Vater und der Tochter. Beide bemerkten ihn nicht ſogleich. Von der Hausmagd eingelaſſen, war er ohne weitere Meldung in das ihm wohlbekannte Zimmer getreten. er endlich,„der Pfad des Vorherwiſſens und über⸗ Ale mit in ſelben abend ſaß üb das M haupt verände Beider Abend, über di rung, ein Di geſchlas Die jungen und da ſprach über⸗ aus⸗ abtem nicht änner orren nein, wel⸗ dens; d für fnun⸗ Ein⸗ Zeich⸗ ücher, lichen ſelbe. rdie tigen gſam Pater leich. eitere eten. 229 Als er jetzt das Paar betrachtete, gewahrte er mit innerlichem Lächeln, wie genau Beide eben die⸗ ſelben Stellungen einnahmen, wie er ſie am Vor⸗ abend ſeiner Abreiſe angetroffen; denn der Alte ſaß über den alten wurmſtichigen Tiſch gebückt und das Mädchen neben ihm auf dem Schemel. über⸗ haupt hatte ſich im Ausſehen des Gemaches nichts verändert. Der Fremde war auch über den Ausdruck Beider betroffen; es war derſelbe, wie an jenem Abend, denn Volktman's Mienen zeigten Traurigkeit über die gegen die Tochter ſveben geäußerte Weige⸗ rung, durch welche letztere auf des Mädchens Antlitz ein Düſter geworfen worden war, das der Nieder⸗ geſchlagenheit Lucilla's an jenem Abend glich. Dieſer Umſtand diente nicht zur Erheiterung des jungen Reiſenden, der darüber vor ſich hinmurmelte, und dann, als triebe es ihn, das Schweigen zu bre⸗ chen, mit feſtem Tritte näher kam. Volktman fuhr auf, blickte hin und erſchrack über das plötzliche Erſcheinen deſſen, den wiederzuſehen er ſo eben gewünſcht hatte. Seinen Lippen entſchwebte der Name des Eingetretenen, den der Leſer längſt als Percy Godolphin kennt; Lueilla aber ſprang von ihrem Sitz auf, klatſchte freudig in ihre Hände und eilte dem Unerwarteten entgegen; dann ſtand ſie plötz⸗ lich ſtill, erröthete und blieb in demüthiger Stellung, während ihr Buſen vor Entzücken wallte. „Wie? iſt das Lucilla?“ ſagte Godolphin be⸗ wundernd—„wie ſchön iſt ſie herangewachſen!“ Hier⸗ auf trat er zu ihr, begrüßte ſie mit einem leichten 230 brüderlichen Kuſſe auf ihre jungfräuliche, nſ Wange, achtete weiter nicht auf die Verwirrung des Mädchens und wandte ſich zu dem Sterndeuter, der mittlerweile ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Wirkung der Jahre und der Erfahrung— Der italieniſce 8 Charakter. Godolphin kam faſt täglich in die Wohnung de Aſtrologen. Es erſchreckte ihn, die Veränderung z bemerken, die ſeit vier Jahren mit ſeinem ſeltſame Freunde vorgegangen war, und mit der Wärme eine von Natur wohlwollenden Herzens ſtrebte er zur Er⸗ heiterung und Freude eines Lebens beizutragen, do ſichtlich ſich ſeinem Ende näherte. Godolphin's Geſellſchaft ſchien dem Aſtrologe ein Vergnügen zu gewähren, wie es durch nicht Anderes ihm bereitet werden konnte. Gern ſprach mit dem jungen Manne über das, was jedem von ihnen ſeit ihrer Trennung begegnet war, und wes Godolphin ihm auch mittheilte, ſo ermahnte er ſeinen Freund beſtändig, darin die Erfüllung irgend eine aſtrologiſchen Prophezeihung zu erkennen. Obgleich Godolphin nicht mehr dem Glauben des Phantaſten Wiſſenſchaft anhing, verſuchte er doßh nicht, deſſen Behauptungen zu beſtreiten. Währen ſeiner Wanderung durchs Leben hatte er ſich nicht ſonderlich angeregt gefühlt, ſeine gewohnte Involen gegen es w lieben giebig wer ſ S waren lichen hatten erleide loſſen Selbſt verein ſich al den. hatte ſchen roſig ng des er, det hatt. alieniſche ing dez ung ſ ltſamen e eints zur Er⸗ en, da rologen nicht prach e em on nd was r ſeinen nd einer uben an er doch Während ſch nicht Indolen 231 gegen alltägliche Ereigniſſe von ſich abzuſtreifen; und es war keine leichte Sache, ihn bei ſeinem fried⸗ liebenden Temperamente und ſeiner gewohnten Nach⸗ giebigkeit zu einem Streite zu veranlaſſen. Denn wer ſtreitet gern mit dem Fanatismus? Seit der junge Realiſt England verlaſſen hatte, waren die Elemente ſeines Charakters der gewöhn⸗ lichen Herrſchaft der Zeit unterthan geworden, und hatten in ihrer Allgemeinheit ihre übliche Umwandlung erleiden müſſen. Die warmen Quellen der Ingend ſloſſen ihm nicht mehr ſo ergiebig wie ſonſt; die Selbſtfucht, von der jeder Zeit, früher oder ſpäter, vereinſamte Weltmenſchen beſchlichen werden, hatte ſich allmählig in alle Kanäle ſeines Herzens gefun⸗ den. Sein Hang zum Nachdenken und Grübeln hatte ſich vom Romantiſchen zu dem gewendet, was er für Philoſophie hielt, und was einſt Enthuſiasmus war, hatte ſich zu Weisheit verſtockt. Er haßte die Men⸗ ſchen nicht mehr und liebte ſie nicht mehr mit ſan⸗ guiniſcher Philanthropie; er betrachtete ſie mit kalten und unterſcheidenden Augen. Er trauete es der Macht der Regierungen nicht zu, die Maſſe in irgend einem Lande glücklicher oder gebildeter zu machen, als ſie es iſt. Von Republiken, pflegte er zu ſagen, würden ariſtokratiſche Tugenden befördert, die unter einer despotiſchen Regierung erſticken müßten; doch deſſen⸗ ungeachtet blieben in einer Monarchie und einer Re⸗ publik die Holzhauer und Waſſerträger, die Menge nämlich, ihrem eigentlichen Weſen nach unabänder⸗ lich dieſelben. 232 Durch dieſe Theorie wurde ſeine Gleichgültigkeit gegen den Ehrgeiz geſteigert. Das Feldgeſchrei der Parteien ſchien ihm lächerlich, und Politik, von einem großen Sittenlehrer eine abgeſonderte Frage genannt, ein Federball, der von lärmenden Buben in Bewe⸗ gung erhalten wurde. So hatte ſein Geiſt ſich hin⸗ ſichtlich aller öffentlichen Angelegenheiten in einen Zuſtand von Ruhe verſenkt, und ſich mit dem Mantel einer höchſt irrigen, einer höchſt gefährlichen Philo⸗ ſophie bedeckt. Sein Gelüſten nach Vergnügen war durch Erfahrung etwas gemäßigt worden, doch wer er noch nicht geſättigt und auch noch nicht mißver⸗ gnügt. Ein einziges Gefühl in ihm erwies ſich, ſo⸗ bald dieſe Saite berührt wurde, als unvermindert— ſeine zarte Erinnerung an Conſtanze, und eben dies war die Urſache, daß keine ſeiner ſpäteren Neigungen jemals hatte zur Liebe werden können. So zeigt ſich Perey Godolphin in einem Alter von ſechsunt⸗ zwanzig Jahren wieder auf unſerer Bühne. Im Charakter des Italieners lag Vieles, was unſerem Reiſenden wohlgefiel; dieſe ſeine auf ein Syſtem zurückgeführte Liebe zur Bequemlichkeit, ſeine Höflichkeit, ſeine Zufriedenheit mit der Welt, ſo wie dieſe nun einmal iſt, ſeine moraliſche Apathie gegen Alles, wodurch das Leben bewegt wird, mit Aus⸗ nahme von einer Leidenſchaft, und die Zartheit, Lebendigkeit und Zärtlichkeit, die ſich veredelt in jener Leidenſchaft darſtellen. Der gemeinſte Bauer in der Nähe Roms und Neapels, wiewohl nicht durchgängig der in dem freieren Lande Toscana, begreift all Romat von Li der Ar des G abgele! Mann ſich de weiſe und ſe Kann Erden Aretin D weltlic die de Godol galt e betrach zu an mengt der L tigkeit ei der einem nannt, Bewe⸗ h hin⸗ einen Nantel Philo⸗ n wat h war lißvet⸗ h, ſo⸗ dert— en dies zungen zeigt hsund⸗ „ was uf ein „ſeine ſo wie gegen t Aus⸗ artheit, n jener in der gängig ſt alle 233 Romantik und alles Myſterium der zarteſten Gattung von Liebe, wozu es in England aller Müßiggangsſitten der Ariſtokratie, ja ſogar aller empfindſamen Fibern des Genies bedarf. Und was noch ſeltſamer iſt, der abgelebte Wüſtling, durch Erfahrungen und durch Mannigfaltigkeit in ſeinen Ausſchweifungen, wie ſie ſich dem nordiſchen Lebemanne nicht bieten können, weiſe geworden, bleibt empfänglich für die zeitigſten und ſchuldloſeſten Regungen der ſüßen Leidenſchaft. Kann Platonismus in ſeiner kälteſten Reinheit auf Erden ſtatthaben, ſo findet er ſich nur unter den Aretinos des ſüdlichen Italiens. Dieſe unweltliche Vergeiſtigung inmitten ſo vieler weltlichen Hartherzigkeit, war eine Eigenthümlichkeit, die dem Scharfblicke und der treffenden uUrtheilskraft Godolphin's zu beſtändiger Beluſtigung gereichte. Nicht galt es ihm, die gewöhnlichen Charakterelemente zu betrachten; was am abſtrakteſten und am ſchwierigſten zu analyſiren war, behagte ihm am meiſten. So 5 mengte er ſich oft unter die Römer und wär einer der Lieblinge derſelben; doch hielt er bei ſeinem diesmaligen Beſuche der unſterblichen Stadt durchaus krinen, auch nicht den entfernteſten Umgang mit den Engländern. Seine Geringachtung äußeren Prunkes und die Unabhängigkeit eines Unverheiratheten von läſtigen Verbindungen ſtellten ſein Einkommen völlig ſeinen Bedürfniſſen gleich; allein gleich manchem Stolzen wollte er neben den verſchwenderiſchen Aus⸗ gaben ſeiner prunkenden Landsleute ſelbſt nicht in ſeinen eigenen Angen als verhältnißmäßig arm er⸗ 234 ſcheinen; überdies hatte auch das Reiſen ihm eine Fundgrube von Betrachtungen zugewendet, durch welche die Einſamkeit ihre Langweiligkeit verloren hatte. Dreißigſtes Kapitel. Magnetismus— Sympathie— Die Rücktehr der Elemente zu den Elementen. Täglich nahm Volktman's Geſundheit ab; Lueilla aber war die Einzige, die von des Vaters Gefahr nichts wußte. Das Mädchen hatte niemals das allmächtige Herannahen des Todes geſehen; ihrer Mutter plötzliche und ſchnell tödtliche Krankheit war Alles, was ihr von dergleichen jemals vor Augen gekommen war. So ſtellte ſie ſich vor, bei Krank⸗ heiten müßte es Arzte und dunkle Gemächer geben, da aber der in ſeine Berechnungen vertiefte Aſtrolog nichts an ſeiner Lebensweiſe änderte und nur weniz empfänglich für körperliche Schmerzen war, ſo ſchrieb Lucilla deſſen gelegentliches Unwohlſein der Melanchv⸗ lie zu, der ſeine Zurückgezogenheit ihn zugewendet hatte. Bei Perſonen, die eine ſitzende Lebensweiſe führen, verbinden ſich Krankheiten oft mit übeln der Organiſation des Herzens und führen daher nicht ſelten plötzlichen Tod herbei. Dies war Volktman's Fall. Eines Tages befand ſich der Aſtrolog allein mit Godolphin und ihr Geſpräch lenkte ſich auf das Lehr⸗ gebäude des alten Magnetismus; ein Lehrgebäude, das, weil es die übr jetzt nic natione „Eit in dem, ſagte W das erſt es, ſage wohlthä gfücht ſich den Warum Imagin ihn äng ihn ſelb eilt er, Angſt z „S eingeflö den Ne eine durch hatte. ente zu ueilla efahr 8 das ihrer t war Augen krank⸗ geben ſtrolog wenig ſchrieb ancho⸗ wendet sweiſe ln der t ſelten 6 Fall. in mit Lehr⸗ e, das, 235 weil es ſo ſehr auf Erfahrung Bezug zu haben ſcheint, die übrigen von Seinesgleichen überlebte, und noch jetzt nicht all ſeinen Ruf unter den feurigen Imagi⸗ nationen Deutſchlands verloren hat. „Einer der merkwürdigſten und abſtruſeſten Punkte in dem, was die Gelehrten Methaphyſik nennen,“ ſagte Volktman,„iſt die Sympathie; nach einigen das erſte Princip aller menſchlichen Tugend. Sie iſt es, ſagen ſie, die die Menſchen gerecht, liebreich und wohlthätig macht. Wenn einer auch nimmer von der Pflicht, dem Nächſten beizuſtehen, gehört hat, ſtürzt er ſich dennoch ins Waſſer, um den Nächſten zu retten. Warum? weil er unfreiwillig und plötzlich durch ſeine Imagination in die Lage jenes Nächſten verſetzt wird, ihn ängſtigt die Gefahr, die in den Fluten gegen ihn ſelbſt herandringen würde, und in dieſem Gefühle eilt er, ohne deſſen Urſache zu erforſchen, ſich dieſer Angſt zu entledigen. „So wird ihm Menſchenliebe durch Sympathie eingeflößt. Wo hat dieſe Sympathie ihren Sitz? In den Nerven. Die Nerven ſtehen in Verbindung mit der äußeren Natur; je zarter die Nerven, deſto leb⸗ hafter die Sympathien; daher ſind Weiber und Kinder weit empfänglicher für die Sympathie, als die Män⸗ ner. Verſtehe mich wohl: haben dieſe Nerven nicht Empfänglichkeit und Sympathie— nicht bloß für menſchliches Leiden, ſondern auch mit den Kräften des⸗ jenigen, was fälſchlich die unbeſeelte Natur genannt wird? Haben nicht die Winde, das Wetter und die Rahreszeiten erſichtlichen Einfluß auf ſie? Und wenn —— 236 der eine Theil der Natur mit ihnen in Verbindung ſteht, warum auch nicht der andere Theil? Stehen Wetter und Jahreszeiten mit den Nerven in ſympathe⸗ tiſchem Vereine, warum nicht auch der Mond und die Sterne, durch welche das Wetter und die Jahres⸗ zeiten Einflüſſe und Veränderungen erleiden? Nicht genug, daß ihr Schulmänner mir zugebt, die Sym⸗ pathie erzeuge einige unſerer Handlungen; ich ſage, ſie regiert die ganze Welt— die geſammte Schöpfung! Ehe noch das Kind geboren wird, vermag dieſe ge⸗ heime Verwandtſchaft es mit den Zeungen von dem Schrecken oder dem Verlangen ſeiner Mutter zu be⸗ zeichnen.“ „Dennoch werden Sie,“ verſetzte Godolphin,„in Ihrem Eifer für die Sympathie, nicht die Sache jenes Edricius Mohynnus verfechten wollen, der Wunden durch ein Pulver heilte, welches er aber nicht auf die Wunde, ſondern auf Leinwand ſtreute, die in das Blut der Wunde getaucht war.“ „Nein,“ antwortete Volktman,„denn ſolche Quac⸗ ſalber und Marktſchreier haben durch Lobpreiſen fal⸗ ſcher Schlüſſe alle Wiſſenſchaft verderbt. Doch ich glaube von der Sympathie, daß ſie die Macht beſizt, uns außer unſern Körper zu verſetzen und uns A⸗ weſenden zuzugeſellen. Daher Zuſtände der Verzückung, in denen der Patient, wenn er aufrichtig ſein wil, Dir in vollem Ernſte und mit der größten Genauig⸗ keit Alles das erzählen wird, was er weit weg in ferner Gegend, ja ſogar erhaben über die Erde, ſih und hörte. Hieher gehört die glaubwürdige Geſchich von je lange gleichſe mehrer Begegn tauſcht Go liches S bergen fuhr u „Je erfahre mit der ndung tehen pathe⸗ d und ahres⸗ Nicht Sym⸗ ſage, ofung! ſe ge⸗ n dem zu be⸗ n, in e jene zunden cht auf in das Quad⸗ en fal⸗ och ich beſitzt, ns Ab⸗ ückung, n will, enauig⸗ weg in de, ſch eſchich 237 von jenem Jünglinge, der in dem brünſtigen und lange Zeit gehegten Verlangen, ſeine Mutter zu ſehen, gleichſam verzückt, und ſie auf eine Entfernung von mehreren Meilen wirklich ſah, und Zeichen wirklichen Begegnens in körperlicher Erſcheinung mit ihr aus⸗ tauſchte.“ Godolphin wendete ſich ab, um ein unwillkür⸗ liches Lächeln bei dieſer ernſten Behauptung zu ver⸗ bergen; der Myſtiker aber, der dies vielleicht bemerkte, fuhr um ſo lebhafter fort: „Ja, ich ſelbſt habe zuweilen ſolche Verzückung etfahren, wenn ich es ſo nennen darf, und Verkehr mit denen gehalten, die von unſerer Erde entwichen ſind— mit meinem Vater und meinem Weibe— und,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„ich glaube, daß vermöge dieſer Anziehungskraft— dieſer elementariſchen und alldurchdringenden Sympathie, wir in unſerem letzten Momente ſofort zu denen hinüberſchweben können, die wir lieben; denn durch inniges und verzücktes Sehnen nach dem Anblick der Seligen und nach dem Wandeln unter ihnen, kön⸗ nen wir unmerklich in ihre Nähe gerückt werden; ſo vaß, wenn die Stunde da iſt, in welcher die Ge⸗ meinſchaft zwiſchen Seele und Körper ſich aufzulöſen hat, die alſo aufwärts gehobene Seele und deren Verlangen nicht mehr zur Erde zurückkehren zu können. Und dieſe erhöhete und geläuterte Sympathie wird, ſo denke ich es mir, in unſerem zukünftigen Zuſtande unſer eigentliches Wirken, unſer wahres Sein aus⸗ machen. Da dann unſere Sympathie nur bei dem Bulwer, Godolphin. 16 238 weilt, was unſterblich iſt, ſo werden wir nothwendi⸗ gerweiſe die Natur deſſen annehmen, was uns an⸗ zieht; und da der Körper ſich nicht mehr an die In⸗ nigkeit unſeres Verlangens anklammert, wird es unz möglich ſein, durch bloßen Wunſch uns, wohin wit wollen, von Stern auf Stern, von Glorie zu Glorie, wie mit Flügeln begabt, zu verſetzen.“ Godolphin antwortete nicht, denn ihn erſchrecke die zunehmende Bläſſe und der immer ſtarrer werdende Blick des Myſtikers, deſſen Augen ſonſt immer leuchtenb und lebhaft waren. Der Tag neigte ſich ſeinem Ende zu. Lucilla trat ins Zimmer und ſchlüpfte arglos zu dem Vater hin. „Iſt der Abend warm, liebes Kind?“ fragte der Aſtrolog. „Sehr mild und warm,“ antwortete Lueilla. „So führe mich,“ ſagte er,„ich will ein weniz vor der Thür ſitzen.“ Die Römer wohnen in verſchloſſenen, abgetheilten Stockwerken, wie es in Edinburg Sitte iſt; eine g⸗ meinſchaftliche Treppe leitet durch das ganze Gebäude Volktman wohnte im zweiten Stock. Mit leichteren Schritte, als er es ſonſt gethan hatte, ſtieg er die Treppe hinab, und ſank dann auf einen Sitz vor den Hauſe, wo er ſchweigend und voll Dankgefühls die milde und purpurne Luft eines italieniſchen Sommer⸗ abends einzuathmen ſchien. Nach und nach war die Sonne hinabgeſunken, um jenes dem Klima eigene, kurze, aber köſtliche Zwi⸗ licht eingetreten. Einem dünnen Schleier gleich, lie der Ne Himme durchſie zittern und we auf die Lucilla' Geſtalt beſchrei daß der hätte ſi die Sti Hrakel des Aſt richtet, wollte Manne hing die bei hingab den u vendi⸗ an⸗ ie In⸗ es uns in wit lorie, hreckte rdende uchtend n Ende los zu gte der la. wenig theilten ine ge⸗ ebäude. chterem er die or dem hls die mmer⸗ n, und Zwie⸗ h, lieh 239 der Nebel, der zu jener Stunde zwiſchen Erde und Himmel zu ſchweben yflegt, der Scene umher ſeinen uuchſichtigen Schatten, ſchien für einen Augenblick zu zittern und war dann verweht. Der Mond ging auf ſicht— und warf ſein Licht auf Volktman's ernſtes G zuf die reiche Jugendblüte und das wachſame Auge Lucilla's— auf die ſinnende Stirn und regungsloſe Geſtalt Godolphin's. Es war eine Gruppe von un⸗ beſchreiblichem Intereſſe. Die Erde lag ſo ſtill da, daß der Phantaſt ſich wohl hätte einbilden mögen, ſie hätte ſich eingelullt, um in ihrem friedlichen Schvoße h 6 die Stimmen jenes Himmels einzuſaugen, an deſſen rakel er glaubte. Keiner von der Gruppe ſprach; des Aſtrologen Geiſt und Blick waren nach oben ge⸗ richtet, und weder die Tochter, noch der Gaſtfreund wollte die Meditationen des alten und träumenden Mannes unterbrechen. Mit verſchränkten Armen und geſenktem Blicke hing Godolphin ſeinen Gedanken nach und Lucilla, s Anweſenheit ſicheinem ſüßen Rauſche die bei Godolphin hingab, ſchaute, gleich ihrem Vater, auf zu dem mil⸗ den und zarten Himmel, doch that ſie es mit der Seele einer liebenden Erdentochter. Allgemach, und ohne daß es von den Umſtehenden bemerkt wurde, blickte der Myſtiker immer ſtarrer. Die Minuten enteilten, der Abend verſchwebte und ein kühler, von den Höhen herabwehender Wind mahnte Lueilla, ihre Aufmerkſamkeit auf ihren Vater zu richten. Mit Zärtlichkeit legte ſie ihm den mitgebrachten Mantel um die Schultern und flüſterte ihm eine Warnung zu, 240 ſich der herannahenden Nachtkälte nicht auszuſetzen. Er antwortete nicht, und als ihr lauter geſprochene Zuruf ebenfalls unerwidert blieb, ſchaute ſie zu Gy⸗ dolphin hinüber. Dieſer legte ſeine Hand auf Volkt⸗ man's Schulter, beugte ſich zu ihm, um ihn anzu⸗ reden und erſchrack verſtummend vor dem glasartigen, ſtarren Ausdruck der Augen des Myſtikers. Er konnte nicht mehr zweifeln, fühlte des Alten Puls— er ſtand ſtill; die Tochter ahnte noch immer nichts von den plötzlichen Verluſte, den ſie erlitten. Schweigend und ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, war der ſeltſum⸗ und vereinzelte Geiſt des Myſtikers ſeinem Körper entrückt— in welchem Momente eigentlich und durh welchen letzten Kampf der Natur es geſchehen war, hatte Niemand beachtet. Einunddreißigſtes Kapitel. Eine Scene— Lucilla's ſeltſames Benehmen— Godolphin be⸗ ſteht eine ſchwere Prüfung— Egeria's Grotte und was don geſchieht. Wir wollen Godolphin's ſchmerzlichſtes Geſchift übergehen. Lueilla's Gefühl wird der Leſer ſich vor⸗ ſtellen können, und dennoch wurden durch des Mädchens wunderliche und unbegreifliche Gemüthsart die Phan⸗ taſie und der Ausdruck bei der Schilderung ihre Leiden und Freuden ins Lächerliche gezogen. Man ließ Volktman's Schwager kommen, der nebſt ſeiner Frau die Wohnung des Verſtorbenen Beſitz n Seelenq Mittelk' Verwan Herz, a lichen V unnatür gängniſſ dieſes S hafte Le und rüc und der ihres Ve genoſſen mehr w —ſich drüber dieſes ot ſo lieb als ſie Unterg wie ihr — als Ihr b myſtiſch ſetzen. chener u Go⸗ Volkt⸗ anzu⸗ rtigen, konnte r ſtand n dem nd und eltſame Körper durch n war, phin be⸗ was dort Seſchift ich vor⸗ tädchens e Phan⸗ g ihre en, der enen in 241 Beſitz nahm. Dies erhöhte, wenn möglich, Lurilla's Seelenqual. Die Apathie und die Eitelkeit, die in der Nittelk aſſe Roms herrſchen, und wovon auch Lucilla's Verwandte ergriffen waren, drangen dem Mädchen ins Herz, als ſie dieſelben mit ihrem eigenen unausſprech⸗ lichen Weh verglich. Beſonders fühlte ſie ſich durch die unnatürlichen Ceremonien eines römiſchen Leichenbe⸗ gängniſſes empört. Dieſes Ausſtellen der Leiche— dieſes Schminken der Wangen derſelben— der prunk⸗ hafte Leichenzug verletzte die Delikateſſe ihrer wahren und rückſichtsloſen Betrübniß. Aber als dies vorüber und der Todte beſtattet war und ſie nun im Hauſe ihres Vaters, wo ſie bisher eine ungehinderte Freiheit genoſſen hatte, ſehen mußte, wie Fremde— denn mehr waren die Verwandten eigentlich nicht für ſie — ſich darin niederließen, gleichſam Alles drunter und drüber kehrten, ja mit Scherz davon ſprachen, wie dieſes oder jenes kleine ihr durch tauſend Erinnerungen ſo lieb gewordene Geräth verkauft werden ſolle— als ſie ſich wie ein einfältiges Kind, ja, wie eine Untergebene behandelt ſah— als ſie hören mußte, wie ihre unbedeutendſten Handlungen mißdeutet wurden — als Alltagsmenſchen ſich eine Herrſchaft über ſie anmaßten und in einem Hanſe regieren wollten, weſches die Wohnung eines ſo edlen, kühnen, wenn auch irrenden Denkers geweſen war, deſſen trefflicher Charakter ihr ſtets die innigſte Verehrung eingeflößt hatte— da brach ihr Unwille laut und heftig aus. Ihr blitzendes Auge, ihre verächtliche Geberde, ihre myſtiſchen Drohungen und ihr offener Trotz verurſachten 242 den fühlloſen und abergläubiſchen Italienern ſtets Er⸗ ſtaunen, und zuweilen Beluſtigung, meiſtens aber Schrecken. Godolphin, von Mitleid und Theilnahme für die Tochter ſeines Freundes erfüllt, kam nach dem Leichen⸗ begängniß ein oder zweimal ins Haus und empfahl unter Verſprechungen und Geſchenken das troſtloſe Mädchen der Zärtlichkeit und dem Mitleid ihrer Ver⸗ wandten. Es gibt nichts, was ein Italiener nicht verſpricht, nichts, was er nicht verkauft, und ſo er⸗ kaufte Godolphin wirklich Nachſicht gegen Lueilla's Wun⸗ derlichkeit, wie man des Mädchens Weſen nannte— die ihr ſonſt gewiß nicht würde zu Theil geworden ſein. Mehr als ein Monat war ſeit dem Tode dez Aſtrologen vergangen, und da die Jahreszeit der Malaria heranrückte, dachte Godolphin auf ſeine Ent⸗ fernung nach Neapel. Zwei Tage vor ſeiner Abreiſe ſchlenderte er dem Hauſe in der Appia Via zu, um von Lucilla Abſchied zu nehmen und ſie nochmals ihren Verwandten anzuempfehlen. Ein fremdes und widerwärtiges Geſicht ſchaute ihn durch das eiſerne Gitter der Thür an, ehe er Einlaß erhielt, und als er eintrat, hörte er Stimmen in lautem und zankendem Tone. Unter dieſen vernahm er auch Lucillens Silbertöne, die auf ungewohnte Weiſe angeſtrengt waren. Er trat in das Zimmer, woher die Töne kamen, und fand Lucilla vor Zorn erglühend. Die Adern ihrer glatten Stirn waren angeſchwollen; ihre kurze Lippe drückte Verachtung aus. Sie ſtand in einiger Entfern ihre St über ih Stellun Feuer, Bei det Ohe geweſen gegen 1 hielten, ihr Geſ — beſi in Thr „U mend. Di Lueilla Er⸗ abet ir die ichen⸗ pfahl ſtloſe Ver⸗ nicht ſo er⸗ Wun⸗ ite— ſein. e e it der Ent⸗ lbreiſe ihren te ihn Finlaß en in rnahm Weiſe amen, Adern kurze iniger 243 Entfernung von den ſitzenden Bewohnern des Zimmers; ihre Stellung war aufgerichtet und ſtattlich; die Arme über ihre Bruſt gekreuzt, und dieſe ſcheinbar ruhige Stellung bildete einen auffallenden Contraſt zu dem Feuer, der Energie und der Beweglichkeit ihrer Züge. Bei Godolphin's Eintritt verſtummten plötzlich Alle; vet Oheim und die Tante(die Letztere ſchien die Lauteſte geweſen zu ſein) gingen in entſchuldigenden Reſpekt gegen den jungen Engländer über, den ſie für reich hielten, und Lucilla ſank auf einen Seſſel, bedeckte ihr Geſicht mit ihren ſchönen kleinen Händen und brach — beſchämt über ihren Zorn und ihre Heftigkeit— in Thränen aus. „Und bedeutet dies?“ fragte Govolphin theilneh⸗ mend. Die Italiener beeilten ſich, ihn zu benachrichtigen: Lueilla habe ſich jeden Abend vom Hauſe entfernt; am letzten Abend habe man ſie auf dem Corſo ge⸗ ſehen, wo ſich müßige und ausſchweifende junge Leute umhertrieben. Sie hätten doch dem lieben Kinde eine ſolche Unbeſonnenheit vorwerfen müſſen— denn wie gleichgültig auch die Italiener gegen das Betragen der Verheiratheten ſein mögen, ſo ſind ſie gewöhn⸗ lich doch ſtrenge gegen die unverheiratheten Frauen⸗ zimmer— und nun hatte ſie erklärt, ihre Spaziergänge nicht zu unterlaſſen. „Iſt dies wahr, liebes Kind?“ ſagte Godolphin, ſich zu Lueilla wendend. Das arme Mädchen aber ſchluchzte fort und gab keine Antwort. „überlaſſen Sie es mir, ihr Vorſtellungen zu 244 machen,“ ſagte er zu der Tante und dem Oheim, die das Unpaſſende nicht fühlten, daß ein Mann von ſechsundzwanzig Jahren einem Mädchen von fünfzehn Jahren Vorſtellungen über ſolche Dinge machen wollte, von Verſöhnung plauderten und das Zimmer verließen. So jung Godolphin auch war, ſo zeigte er ſich doch ſeiner Aufgabe gewachſen. Viel ruhige Würde vereinte ſich mit ſeinem freundlichen Weſen, und ſeine Neigung zu Lucilla war bisher ſo rein geweſen, daß er ſich nicht verlegen fühlte, wie ein Bruder zu ihr zu reden. Er näherte ſich dem Winkel, wo ſie ſaß; er zog einen Stuhl zu ihr hin und nahm ihre wider⸗ ſtrebende und zitternde Hand mit einer Zartheit, die ſie nur mit wärmerer Heftigkeit weinen machte. „Liebe Lucilla,“ ſagte er,„Sie wiſſen, daß Ihr Vater mich mit ſeiner Achtung beehrte! Laſſen Sie mich deßhalb und wegen meiner langen Bekanntſchaft mit Ihnen als Freund— als Bruder reden!“ Lucilla entzog ihm ihre Hand, reichte ſie ihm aber ſogleich wieder, als ſchäme ſie ſich jener Regung! „Sie können die Welt noch nicht ſo kennen, wie wie ich, liebe Lueilla,“ fuhr Godolphin fort;„denn Erfahrung von ihrem Treiben wird durch Koſten er⸗ kauft, von denen ich wünſche, daß Sie ſie nimmer mögen zu zahlen haben. In allen Ländern, Lucilla, iſt ein unverheirathetes Frauenzimmer Gefahren aus⸗ geſetzt, durch die, wie wenig ſie auch ſelber Schuld daran ſein möge, ihr künftiges Leben kann verbittert werden. Eine der größten Gefahren liegt im Abweichen von der allgemeinen Sitte. Gegen Frauenzimmer, die dies thu Gedanke lungen können. daher, außer b nung ir doch gu Ihrem „Ab könnenſ lichen 2 ich nim pfung durch C „VW Ihrer 2 wenn C Achten daß An Godolß „viellei Menge Sie do Geliebt 8 zornig. 3 ihn ale hören „die von fzehn ollte, eßen. ſich ürde ſeine daß ihr ſaß; ider⸗ „die Ihr Sie chaft ihm ung! wie denn er⸗ nmer cilla, aus⸗ chuld ttert ichen „die 245 dies thun, hält ſich jeder Mann berechtigt, in ſeinen Gedanken, ſeinen Worten, ja ſelbſt in ſeinen Hand⸗ lungen eine Freiheit zu zeigen, die Sie nur fürchten können. Mit Recht warnen Ihre Verwandten Sie daher, nicht allein in die Straßen Roms zu gehen, außer bei hellem Tage, und wenn gleich dieſe War⸗ nung in ungewählten Ausdrücken geſchah, ſo war ſie doch gut gemeint und überdies, liebe Lucilla, in Ihrem Falle nothwendig.“ „Aber,“ ſagte Lucilla durch ihre Thränen,„Sie können ſich nicht denken, welcher unfreundlichen, ſchimpf⸗ lichen Behandlung ich mich ausgeſetzt ſehe. Ich, die ich nimmer wußte, was Unfreundlichkeit und Beſchim⸗ pfung ſei! Ich, die ich—“ Hier wurde ihre Rede durch Schluchzen unterbrochen. „Wie aber können Sie, meine junge Freundin, Ihrer Verwandten Unfreundlichkeit von ſich abwenden, wenn Sie die Achtung derſelben gegen Sie zerſtören? Achten Sie ſich ſelbſt, Lucilla, wenn Sie wünſchen, daß Andere Sie achten mögen. Aber vielleicht,“ fuhr Godolphin fort, dem plötzlich ein Gedanke einfiel— „vielleicht gingen Sie nicht auf den Corſo um der Menge, ſondern um Eines willen— vielleicht trafen Sie dort— errathe ich es 7— einen Anbeter, einen Geliebten?“ „Jetzt beleidigen auch Sie mich!“ rief Lucilla zornig. „Ich danke Ihnen für dieſen Zorn; ich betrachte ihn als einen Widerſpruch,“ ſagte Godolphin.„Aber hören Sie mich an und verzeihen meine Offenheit. 246 Gibt es einen unter der Menge der italieniſchen Jüng⸗ linge, mit dem Sie glücklich ſein zu können glauben — der Sie liebt— dem Sie gewogen ſind, ſo er⸗ innern Sie ſich, daß ich Ihres Vaters Freund war, daß ich reich und im Stande bin—“ „Grauſam, grauſam!“ fiel Lucilla ein, entzog Godolphin ihre Hand und ſchritt in heftiger Bewegung im Zimmer auf und ab. „Iſt es alſo nicht der Fall?“ ſagte Godolphin zweifelnd. „Nein, Herr, nein!“ „Lucilla Volktman,“ ſagte Godolphin mit kälterem Ernſte als vorher,„ich fordere einige Aufmerkſam⸗ keit, einiges Vertrauen, einige Achtung— um Ihres Vaters— um Ihrer früheren Jahre willen, wo ich Ihnen behülflich war, meine Mutterſprache zu erlernen und Sie wie ein Bruder liebte. Verſprechen Sie mir, daß Sie jene Unbeſonnenheit nicht wieder— wenig⸗ ſtens nicht eher wieder begehen wollen, als bis ich Sie wiedergeſehen; ja, daß Sie nie ohne Begleitung Ihrer Verwandten ausgehen wollen.“ „Unmöglich! unmöglich!“ rief Lueilla heftig,„das hieße mir den einzigen noch übrigen Troſt nehmen— hieße mir das Leben zur Qual, zum Fluche machen.“ „Nicht ſo, Lucilla, Ihr Leben ſoll dadurch ehren⸗ voll und ſicher werden; ich dagegen will Sorge tragen, daß man Sie hier im Hanſe mit ſteter Nachſicht und Freundlichkeit behandelt.“ „Ich verlange ihre Güte nicht!— Verlange die Güte keines Menſchen— außer—“ V „V da ſie ſondern laſſen G denn ie Abſchie „A ſagen( Mi ſah ihr ſich ein er bis „N Sie wo abzunö „A lichkeit werder umge ihren üng⸗ uben oer⸗ war, utzog gung phin terem ſam⸗ hres o ich ernen mir, enig⸗ s ich itung „das en— hen.“ hren⸗ agen, t und e die 3 47 d „Weſſen?“ fragte Godolphin, als ſie inne hielt; da ſie aber noch ſchwieg, drang er nicht weiter in ſie, ſondern fügte hinzu:„Nun, verſprechen Sie mir und laſſen Sie uns als Freunde und nicht im Zorne ſcheiden, denn ich bin im Begriff auf viele Monate von Ihnen Abſchied zu nehmen.“ „Abſchied!— Sie!— Monate!— O Gott, ſagen Sie das nicht!“ Mit dieſen Worten eilte ſie an ſeine Seite und ſeh ihn mit ihren großen bittenden Augen an, worin ſich eine Wildheit, ein Schrecken zeigte, deren Urſache er bis jetzt noch nicht errathen konnte. „Nein, nein,“ ſagte ſie mit mattem Lächeln,„nein, Sie wollten mich nur erſchrecken, um mir ein Verſprechen abzunöthigen— Sie werden mich doch nicht verlaſſen!“ „Aber, Lueilla, ich werde Sie nicht der Unfreund⸗ lichkeit preisgeben— Sie ſollen nicht wieder verletzt werden.“ „Sagen Sie mir, daß Sie ſich nicht aus Rom entfernen wollen— ſchnell! ſchnell!“ „Ich reiſe in zwei Tagen ab!“ „Dann laſſen Sie mich ſterben!“ ſagte Lucilla im Tone ſo tiefer Verzweiflung, daß es Godolphin in's Herz drang. Dennoch ſchrieb er den Kummer eines Kindes— eines ſo grillenhaften und überſpannten Kindes— keiner andern Urſache als dem Gefühle des Verlaſſ ns zu, welches auf die Jugend einen ſo bittern Eindruck macht, wenn ſie ſich von Menſchen umgeben ſehen, die ihren Gewohnheiten ſo entgegen, ihren Reigungen ſo gänzlich zuwider ſind. 248 Er ſuchte ſie zu beſänftigen, aber ſie wies ihn zurück. Ihre Züge arbeiteten krampfhaft; ſie ging zweimal durch's Zimmer, blieb dann vor ihm ſtehen und eine gewiſſe erzwungene Faſſung ſchien anzudeuten, vaß ſie einen plötzlichen Entſchluß gefaßt habe. „Willſt Du denn wiſſen,“ ſagte ſie, was mich veranlaßte, bei der Dämmerung auf die Straßen zu gehen und der Drohungen im Hauſe nicht zu achten?“ „Ja, Lucilla, wenn Sie es mir ſagen wollen.“ „Du warſt die urſache!“ ſagte ſie bebend und mit leiſer Stimme und ſank dann vor ihm auf die Kniee. Mit einer Verwirrung, die nicht für einen ſo er⸗ fahrenen und begünſtigten Cavalier paßte, ſuchte Go⸗ dolphin ſie zu erheben. „Nein! nein!“ ſagte ſie,„Sie werden mich jetzt verachten— laſſen Sie mich hier liegen und im Ge⸗ danken an Sie ſterben. Ja!“ fuhr ſie mit leiſer und raſcher Stimme fort, als er ihre widerſtrebende Ge⸗ ſtalt vom Boden erhob und ſich mit kalter Aufmerk⸗ ſamkeit über ſie neigte:„ja! Sie liebte ich— Sie betete ich von meiner Kindheit an. Wenn Sie nahe waren, ſchien das Leben mir verändert zu ſein, waren Sie entfernt, ſo ſehnte ich mich nach der Nacht, um von Ihnen träumen zu können. Die Stelle, die Sie berührt hatten, merkte ich mir ſchweigend, um ſie während Ihrer Entfernung küſſen und anreden zu können. Sie verließen uns; vier Jahre vergingen und durch die Erinnerung an Sie bildete meine innerſte Natur ſich aus. Ich liebte die Einſamkeit, denn in ipr ſil und es mich n es lie Stund⸗ laſſen ich hin merkt nung, gehen, nend, glaube Ihnen Außer gleich mir d kann nun h mich nicht. laſſen E ſchütt weibl Gerü fühlt doch? ſeines lieber täuſc nahe aren um Sie ſie zu und erſte in 249 ihr ſah ich Sie— ſprach in Gedanken mit Ihnen, und es war mir, als antworteten Sie mir und ſchalten mich nicht. Sie kehrten zurück— und— und— aber es liegt nichts daran; um Sie zu ſehen, um die Stunde, wo Sie Abends gewöhnlich das Haus zu ver⸗ laſſen pflegen— ja, nur um Sie zu ſehen, wanderte ich hinaus in die Dämmerung. Ohne von Ihnen be⸗ merkt zu werden, folgte ich Ihnen in der Entfer⸗ nung, ſah Sie in einen oder den andern jener Paläſte gehen, wo man noch nie gewußt, was Liebe iſt. Wei⸗ nend, aber dennoch glücklich kehrte ich zurück— und glauben Sie— wagen Sie zu glauben— ich würde Ihnen Alles geſagt haben, wenn Sie mich nicht auf's Außerſte getrieben— mich nicht dahin gebracht hätten, gleichgültig gegen Alles zu werden, was man von mir denken, was ferner mir begegnen möge? Was kann mir das Leben ſein, wenn Sie fort ſind? Und nun habe ich Alles geſagt! Gehen Sie! Sie lieben mich nicht: ich weiß es— aber ſagen Sie es mir nicht. Gehen Sie— verlaſſen Sie mich! Warum ver⸗ laſſen Sie mich nicht?“ Gibt es einen Mann auf der Welt, der es uner⸗ ſchüttert anhören kann, wenn ein jugendliches und ſchönes weibliches Weſen ihm ein ſolches Geſtändniß ablegt? Gerührt, geſchmeichelt und beinahe in Liebe zerfließend, fühlte Godolphin die ganze Gefahr des Augenblicks; doch dieſes junge, unerfahrene Mädchen— die Tochter ſeines Freundes— nein, ſie konnte er nicht— ſo liebend und hingebend ſie auch war, ſie konnte er nicht täuſchen. ⸗ 250 Es währte einige Augenblicke, ehe er ſich ſo weit faſſen konnte, um ihr gehörig zu antworten.„Hören Sie mich ruhig an,“ ſagte er endlich,„wenigſtens ſind wir innig befreundet; nein, hören Sie, ich bitte Sie. Lucilla, ich bin ein Mann, deſſen Herz einge⸗ nommen— vor der Zeit erſchöpft ich habe innig, leidenſchaftlich geliebt; jene Liebe iſt vorüber, aber ich bin dunch ſie jeder ähnlichen Neigung unfähig ge⸗ worden— jeder, ſage ich, die ich Ihnen anbieen könnte. Theuerſte Lueilla, ich will Ihnen die Wahr⸗ heit nicht verbergen. Wollte ich Sie lieben, ſo wire es eine Schmach, nicht in den Augen Ihrer Lands⸗ leute, aber in den meinen. Soll ich dieſe über Sie bringen? Nein, Lucilla, dieſes Ihr Gefühl für mich Gerzeihen Sie) iſt nur eine jugendliche, kindliche Phan⸗ taſie, die Sie in einigen Jahren belächeln werden. Ich bin eines ſo reinen, friſchen Herzens nicht werth; doch bin ich wenigſtens—“ ſagte er leiſer, als redete er mit ſich ſelber—„nicht ſo unwürdig, es ins Ver⸗ derben zu ſtürzen.“ „Gehen Sie!“ ſagte Lucilla;„gehen Sie, ich beſchwöre Sie.“ Sie ſprach und ſtand bleich und be⸗ wegungslos da, als wäre das Leben von ihr gewichen — des Lebens Leben war in der That dahin! Züge waren ſtarr; ſie fühlte die Thränen nicht, di in großen Tropfen über ihre Wangen rollten; mur ein leiſes Beben gab von dem Kunde, was in ihrem Innern vorging. „Ha!“ rief Godolphin, den ſeine gewohnte ange⸗ nommene Ruhe verließ kann ich die Prüfung be⸗ ſiehen? war, di Hindert anzukän Ich, d nachgab Doch r Selbſtb Er rück un „S ſo daß ſichtige abgewe Blicke ein Bil weit ören ſtens bitte inge⸗ nnig, aber ieten Lahr⸗ wire ands⸗ Sie mich zhan⸗ erden. erth; redete Ver⸗ ich d be⸗ vichen Ihre t, die ;nur ihrem ange⸗ i be⸗ 251 ſehen?— Ich, deſſen Lebenstraum eben die Liebe war, die ich jetzt finde! Ich, der ich nie vorher ein Hinderniß für einen Wunſch kannte, ohne dagegen anzukämpfen, auch wenn ich es nicht beſiegen konnte! Ich, der ich, ſchwach genug, ſtets einer Verſuchung nachgab, die nie ſo ſtark war, wie die jetzige.— Doch nein! Ich will dieſe Herzensneigung durch Selbſtbeherrſchung und Aufopferung verdienen.“ Er entfernte ſich einige Schritte; kehrte dann zu⸗ rück und ließ ſich vor Lucilla auf die Knie nieder. „Schone meiner!“ ſagte er mit bewegter Stimme, ſo daß dadurch alles Blut in jene junge und durch⸗ ſichtige Wange zurückkehrte, die jetzt halb von ihm abgewendet war—„ſchone meiner— ſchone Deiner! Blicke um Dich, wenn ich fort bin, und ſuche Dir ein Bild, welches das meine erſetzt; tauſend Jüngere, Schönere, Glühendere werden nach Deiner Liebe ſtre⸗ hen. Dieſe Liebe wird Dir keine Gefahr, keine Schmach bringen. Vergiß mich— wähle einen Andern— ſei glücklich und geachtet. Erlaube mir, Dein Freund— Dein Bruder zu ſein. Ich will für Deine Bequem⸗ lichkeit, für Deine Freiheit ſorgen; Du ſollſt nicht mehr gezwungen, nicht mehr beleidigt werden. Gott ſegne Dich, theure, theure Lueilla; und glaube mir,“ ſagte er flüſternd,„daß, indem ich Dich fliehe, ich großmüthig und mit einer Anſtrengung gehandelt habe, die Deiner Anmuth und Liebe werth iſt.“ Er ſprach's und eilte aus dem Zimmer. Lueilla wendete ſich langſam um, als die Thüre ſich ſchloß, und fiel dann bewegungslos zu Boden. 252 Inzwiſchen ſuchte Godolphin, indem er ſeine Wal⸗ lung bemeiſterte, die Verwandten des Mädchens auf und bat ſie, den Abend zu ihm zu kommen, um ge⸗ wiſſe Anweiſungen und Geſchenke abzuholen. Dam verließ er haſtig das Haus. Aber anſtatt in ſeine Wohnung zurückzukehren, wendete er ſeine Schritte nach einer entgegengeſetzten Richtung, weil das Verlangen nach einer kurzen Ein⸗ ſamkeit und Nachdenken, die gewöhnliche Folge hef⸗ tiger Aufregung, ihn dazu trieb. Kaum wiſſend, wohin er ſich wendete, ſtand er nicht eher ſtill, alz in jenem ſtillen grünen Thale, wo der Wanderer bie Grotte der Egeria findet. Es war Mittag und warm, obgleich nicht ſchwül. Das Laub ſchlummerte auf den alten in dem kleinen Thale zerſtreuten Bäumen, und auf dem ſanſten, üppigen Raſen verſcheuchte des Wanderers Schritt die Eidechſe, die ihre glänzenden Farben in der Mittagt⸗ wärme ſonnte und entfliehend durch das Gras huſchte Von den Bäumen und aus der Luft ertönten von Zeit zu Zeit die Geſänge der Vögel mit beſonderer Klarheit und Stärke durch den verlaſſenen Aufenthalt der Nymphe. Durch die für ihn an Erinnerungen reiche Steie wurde Godolphin aus ſeiner Träumerei erweckt.„Und hieher,“ dachte er,„verſetzte die Fabel ihren lieblich⸗ ſten und dauerndſten Zauber— hieher, wohin Zeder, der die irdiſche Liebe gekoſtet und einen Widerwilen gegen die ideale Liebe empfunden hat, ſeine Schriti wendet! Dieſe Stelle iſt reicher an Betrachtung fir den Ge mal de Be an die Seite tin ſick netzte Quelle. Vie dieſem ſtändnif gebrach „Ihr 2 gefühl In We ſtändniſ jedoch 0 Phanta ſichten da er i ſchaftli dern, Wal⸗ s auf m ge⸗ Dann ehren, ſetzten Ein⸗ e hef⸗ iſſend, U, als rer die chwil. kleinen anften, ritt die ittage⸗ uſcht n von nderet enthalt Seene „Und ieblich⸗ Jeder, rwillen chritte ng für 253 den Geiſt als die Paläſte der Cäſaren oder das Grab⸗ mal der Seipionen.“ Bei dieſen Betrachtungen und in der Erinnerung an die mit Lucilla erlebte Scene ging er der ſteilen Seite zu, wo nach der Sage die Grotte der Göt⸗ tin ſich befand. Er trat in die ſtille Schlucht und netzte ſeine Schläfen mit dem köſtlichen Waſſer der Quelle. Vielleicht war es gut, daß Lücilla ihm nicht in dieſem Augenblick ihr ſeltſames und ungeahntes Ge⸗ ſtändniß ablegte. Immer wieder(als ſuchte er das gebrachte Opfer zu rechtfertigen) wiederholte er ſich: „Ihr Vater war kein Italiener und beſaß hohes Ehr⸗ gefühl— laß mich nicht vergeſſen, daß er mich liebte.“ In Wahrheit hatte des phantaſtiſchen Mädchens Ge⸗ ſtindniß, das freilich mit Lebhaftigkeit abgelegt wurde, jedoch auch die Unſchuld ihres Weſens athmete, ſeiner Phantaſie neue und keineswegs unangenehme Aus⸗ ſichten eröffnet. Er hatte ſie nie geliebt; doch jetzt da er ihrer Schönheit, ihrer Thränen, ihrer leiden⸗ ſchaftlichen Hingebung gedachte, können wir uns wun⸗ dern, daß er ein ſeltfames Herzklopfen fühlte und ſich jetzt der ihm geöffneten köſtlichen Ader zarter Betrach⸗ tung hingab, die ein Vorſpiel aller Liebe iſt? Wir müſſen uns auch an ſein Temperament erinnern, das beſtändig nach Neuem und Ungekoſtetem verlangte; müſſen ſeiner tiefen und milden Imagination gedenken, durch die er unwillkürlich das Entzücken heraufbeſchwor, mit derjenigen in ſüßem Vereine zu leben, die ſich Bulwer, Godolphin. 17 ſo ſehr von der ganzen übrigen Welt unterſchied und deren Gedanken und Leidenſchaften(ſo wild ſie auch ſein mochten) nur ihm geweiht waren! Und an welcher Stätte wurden dieſe Träume ge⸗ nährt und gefärbt? An einer Stätte, wie deren in ihrer göttlichen Lieblichkeit nur unter einem einzigen Himmel— unter jenem lieblichen und balſamiſchen Himmel kann gefunden werden! Lange Zeit gab ſich Godolphin der Wonne hin, ſich Lueilla's Bild vor die Seele zurückzurufen; end⸗ lich aber faßte er ſich und wendete durch ſtärkere und, wie wir hoffen wollen, durch beſſere Gefühle als die iner Liebe, der er ſich kaum hingeben konnte, ohne einerſeits ein Verbrechen zu begehen, oder andererſeitz in das zu verfallen, was den Weltklugen als blöde Thorheit erſchienen ſein würde— ſich allgemach minder igen Gedanken zu und ſchickte ſich, wiewohl mit ſtrebendem Schritte, zur Rückkehr an. Aber wie g war ſein Erſtaunen und ſeine Verwirrung, als er in die Offnung der Höhle trat und wenige Schritte vor ſich Lucilla erblickte. Allein und langſam ſchlich ſie mit geſenkten Blicken und bemerkte ihn nicht. Nach der Sitte der mittlern laſſen in Rom war ihr üppiges Haar unbedeckt und nur von einem einzigen Bande umſchlungen; und als ihre ſchlanke, leichte Geſtalt— eine ſo ſchöne Geſtalt, mit einem Geſichte, welches ſo ſelten in ſeinem Cha⸗ rakter, ſo zart in ſeinem Ausdruck war, in lieblicher Harmonie mit dem holden Aberglauben der Stätte, über den ſammetnen Raſen dahinglitt, ſchienen in ihr die eit bendig Gi der Gr vor ih als ſie dem V zu bet hier zi nimme nicht 2 in der finden 0 die S ſelben ihr n vollko der N hatte von i rend die T den Thal verei ſch und auch ge⸗ nin igen ſchen hin, end⸗ und, s die ohne ſeitz blöde inder mit r wie „als hritte licken ttlern t und nd als eſtalt, Cha⸗ lichet tätte, in ihr 255 die einſame Höhle und der trauernde Quell ihre le⸗ bendige Egeria wieder zu erhalten. Godolphin ſtand wie gefeſſelt, und Lueilla, die der Grotte zuwandelte, bemerkte ihn erſt, als ſie dicht vor ihm ſtand. Sie ſtieß einen matten Schrei aus, als ſie ihre Augen erhob, und verſuchte dann in dem dem Weibe ſo natürlichen etſten Gefühle ſtammelnd zu betheuern, daß ſie nicht mehr gedacht habe, ihn hier zu treffen. „In der That, ich wußte nicht— ich dachte nimmermehr— ich— ich—.“ Mehr vermochte ſie nicht zu ſagen. „Iſt dies Ihr Lieblingsort, Lurilla?“ ſagte er in der Verlegenheit eines Menſchen, der keine Worte finden kann. „Ja,“ ſagte Lucilla leiſe. Und ſo war es wirklich. Die Nähe des Ortes, die Schönheit des kleinen Thales und das mit dem⸗ ſelben verbundene Intereſſe— ein Intereſſe, welches ihr nicht minder werth war, auch wenn ſie nur un⸗ vollkommene Kunde von der eigentlichen Legende von der Nymphe und dem königlichen Anbeter derſelben hatte— waren mit einander Urſache, daß ihr ſchon von ihren Kinderjahren her die Stätte beſonders wäh⸗ rend der Sommerzeit lieb und werth war, in welcher die Beſucher ſie zu meiden und ſie der ihr geziemen⸗ den Cinſamkeit zu überlaſſen pflegen. Da mit dem Thale Erinnerungen an ihre früheren Bekümmerniſſe vereint waren, ſo ſchien es ganz natürlich, daß ſie ſich zuerſt zu demſelben nach dem heftigen Auftritte 256 mit ihren Verwandten flüchtete, um ſich der ihr'miß⸗ fälligen Nähe zu entziehen und in mannigfaltigen und widerſtreitenden Empfindungen, die das Geſpräch mit Godolphin in ihr erregt, Luft zu machen. Sie ſtanden jetzt einige Auger ſchweigend und verlegen da, bis Godolphin ſich entſchloß, eine Seene zu enden, die, wie er fühlte, gefährlich war, und ſagte in raſchem Tone:„Leben Sie wohl, liebe Schi⸗ lerin!— Leben Sie wohl!— Gott ſegne Sie!“ Er reichte ihr die Hand. Luecilla ergriff ſie plötz⸗ lich, führte ſie an ihre Lippen und benetzte ſie mit ihren Thränen. „Ich fühle,“ ſagte das phantaſtiſche und ungere⸗ gelte Mädchen,„ich fühle nach Deinem Weſen, daß ich Dir danken ſollte; doch weiß ich kaum wofür. Du geſtehſt, daß Du mich nicht lieben kannſt, daß meine Neigung Dich betrübt— Du fliehſt— Du verläſſeſt mich. Ach, wenn Du nur ein wenig Freund⸗ ſchaft für mich empfändeſt, ſo würdeſt Du es nicht können!“ „Lucilla, was kann ich ſagen?— Ich kann Dich nicht heirathen.“ „Wünſche ich es denn?— Ich bitte Dich ja nun mich mitzunehmen, wohin Du gehſt.“ „Armes Kind!“ ſagte Godolphin ſie anblickend, „begreifſt Du denn nicht, daß Du Deine eigene Schande forderſt?“ Lucilla ſchien betroffen.„Iſt es Schande zu lie⸗ ben? Man denkt nicht ſo in Italien. Es iſt unrecht für ein Mädchen, ihre Liebe zu geſtehen; doch das . haſt D folge Unheil mich chen, S ſah m muske ſchien, ich,“ was 2 gehrt, Leid l es nic von 2 grauſa gehen hier— ſichter men, ſo eri Du b mir„ Nim mich ſ daß, kenloſ fluche „ 1 haſt Du mir verziehen. Und wenn ich, indem ich Dir folge— Dir nahe bleibe— nur mir, aber nicht Dir Unheil bringen kann— ſo laß das immerhin über mich kommen; es iſt nicht mit der Qual zu verglei⸗ chen, von Dir getrennt zu ſein.“ Sie blickte ſchüchtern auf, als ſie ſo ſprach und ſah mit einer Art von Schrecken, wie ſeine Geſichts⸗ muskeln ſo von innerer Aufregung zuckten, daß es ſchien, als würde die Antwort in ihm erſtickt.„Habe ich, rief ſie leidenſchaftlich,„habe ich etwas geſagt, was Dir Schmerz verurſacht— habe ich etwas be⸗ gehrt, was Dir, wie Du es nennſt, Schande oder Leid bringen könnte— ſo verzeihe mir, ich wußte es nicht— und verlaß mich. Wenn Du aber nicht von Dir ſprachſt, ſo glaube mir, daß Du nur ein grauſames Erbarmen an mir übſt. Laß mich mit Dir gehen, ich flehe Dich an. Ich habe keine Freundin hier— Niemand, der mich liebt. Ich haſſe die Ge⸗ ſichter, die mich umgeben; ich verabſchene die Stim⸗ nen, die ich höre. Und wäre es auch um weiter nichts, ſo erinnerſt Du mich doch an den Dahingeſchiedenen! Du biſt mir vertraut— jeder Deiner Blicke ſpricht mir vom Vaterhauſe, von Erinnerungen an daſſelbe. Nimm mich mit Dir, geliebter Fremdling! oder laß mich ſterben— ich will Deinen Verluſt nicht überleben!“ „Du redeſt von Deinem Vater— weißt Du auch, daß, wenn ich Deine unſchuldige, kindliche und gedan⸗ kenloſe Bitte gewährte, er mir aus ſeinem Grabe fluchen würde?“ „O Gott! nicht ſo!— Mein iſt die Bitte und 258 mein ſei auch die Schuld, wenn es hier Schuld geben kann. Aber iſt es nicht ungütiger von Dir, ſeine Tochter zu verlaſſen, als ſie zu beſchützen?“ Es ging ein heftiger Kampf in Godolphin's Bruſt vor.„Was,“ rief er, ohne zu wiſſen, was er ei⸗ gentlich ſagte,„was wird die Welt von Dir denken, wenn Du mit einem Fremden entfliehſt?“ „Außer Dir gibt es keine Welt für mich!“ „Was wird Dein Oheim— Deine Verwandten ſagen?“ „Es liegt mir nichts daran; denn ich werde ſie nicht hören.“ 3 „Nein, nein, es darf nicht ſein!“ ſagte Godol⸗ phin ſtolz, indem er ſich wieder faßte.„Lucilla, jeden andern Traum, jede andere Hoffnung des Lebens möchte ich für das Gefühl hingeben, Dir Deine Innigkeit dadurch vergelten zu können, daß ich meine Tage mit Dir verlebte; für das Gefühl, daß ich das, was Du forderſt, Dir gewähren konnte, ohne Deiner Unſchuld zu ſchaden; aber—“ „Du liebſt mich alſo! Du liebſt mich!“ rief Lu⸗ eilla freudig ohne ſeinen Worten eine andere Deutung geben zu wollen. Godolphin wurde von Entzücken ergriffen, und indem er Lueilla in ſeine Arme ſchloß, bedeckte er ihre Wangen und Lippen mit leidenſchaftlichen und glü⸗ henden Küſſen; dann, wie von einem unwiderſtehlichen Triebe angeregt, riß er ſich los und entfloh von der Stelle. Die S G Rom keln gehül 8 ſchwu 2 die fand und eine kens rung es m ſeine ihr ſtänt ſucht jene in i Wei letzt keit ſiche ſich ben eine ruſt ei⸗ ken, dten dol⸗ eden zchte gkeit mit Du huld Lu⸗ tung und ihre glü⸗ ichen der 259 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Schwäche jeder Tugend entſpringt nur aus den Gefühlen. Es war am Abend vor Godolphin's Abreiſe aus Rom, als er in ſeine Wohnung ging und im Dun⸗ keln und in geringer Entfernung eine in einen Mantel gehüllte Geſtalt bemerkte, die ihn an Lueilla erinnerte — doch ehe er ſich überzeugen konnte, war ſie ver⸗ ſchwunden. Als er in ſein Zimmer trat, blickte er haſtig auf die Papiere, mit denen ſein Tiſch bedeckt war. Er fand nicht, was er ſuchte, und ſetzte ſich mißvergnügt und ſchwermüthig. Er hatte Tags zuvor an Lucilla eine lange, freundliche, ja edle Ergießung ſeines Den⸗ kens und Empfindens geſchrieben, ihr, der an Erfah⸗ rung ſo Einfachen, in Phantaſie ſo Lebhaften, ſo weit es möglich war, die Beſchaffenheit ſeiner Kämpfe und ſeiner Selbſtaufopferung geſchildert. Nicht hatte er ihr verhehlt, wie er bis zum Augenblick ihres Ge⸗ ſtändniſſes nimmer ſein Herz in Bezug auf ſie unter⸗ ſucht habe; nicht hatte er ihr verſchwiegen, wie durch jenes Geſtändniß eine neue Reihe zärtlicher Gefühle in ihm erweckt worden war. Godolphin kannte die Weiber zu genau, um nicht zu wiſſen, wie dieſe ſeine leßztere Außerung der ſüßeſte Troſt für Lucilla's Eitel⸗ keit ſowohl als für ihr Herz ſein würde. Er ver⸗ ſicherte ihr, daß er von ihren Verwandten die Zu⸗ ſicherung erhalten, ihr all die Freiheit zu laſſen, die ſie von jeher gehabt hätte, und in den zarteſten ung 260 ehrerbietigſten Ausdrücken ſchloß er eine Anweiſung auf eine Summe Geldes bei, die hinreichend war, die Tochter Volktman's in Achtung bei denen zu bringen, wo ſie lebte, oder durch die ſie ſich in den Stand geſetzt ſah, ſich eine andere Wohnung zu wählen; obwohl er ihr rieth, zu letzterer Maßregel nur im dringendſten Nothfalle zu ſchreiten.„Schicke mir da⸗ gegen,“ ſchloß er ſeinen Brief,„eine von Deinen Haar⸗ locken. Ich bedarf keines Erinnerungszeichens Deiner Schönheit, wohl aber eines Zeichens, um desjenigen Herzens zu gedenken, auf deſſen Neigung ich ſo trauernd ſtolz bin. Ich will die Locke als ein Zaubermittel gegen die Verderbtheit derjenigen Welt tragen, mit der Du zum Glück ſo unbekannt biſt; als ein Andenken an ein Weſen, das über alle Selbſtſucht hinausreicht; als ein Unterpfand, daß ich in dieſem eigenſüchtigen Er⸗ denwinkel eine ſo warme, ſo reine Seele, wie die Deinige, fand, und daß dieſer Fund keine Täuſchung, kein Traum war. Mögeſt Du, wenn wir einander jemals wiederſehen, einen Glücklicheren, als ich bin, gefunden haben, und über ſeine Zärtlichkeit Alles von mir, außer einem freundlichen Erinnern an mich, ver⸗ geſſen haben. Schöne und theure Lueilla, lebe wohl! Wenn ich mich der Wonne, von Dir geliebt zu ſein, nicht hingab, ſo geſchah es, weil Deine edelmüthige Hingebung wirkliche Liebe zu Dir in einem Herzen erweckte, welches zu ſelbſtſüchtig gegen Andere iſt.“ Auf dieſen Brief hatte Godolphin ſtündlich eine Antwort erwartet. Er erhielt keine— ſo wie auch keine Haarlocke, um die er gebeten hatte. Er war getäuſcht ſich ſelbe Saville entſagt, und weß die ſie: ihrer fre leichtfert einfältig wenn ie weit gli wird ſei Glücke: keine Ei ein ſolc ſein— fachen G daß etw den üb Geſchöp einem haber z als Aut u beſch als Sp geworfe geſättig das Ha das jetz genan ing die en, and 2 gen gen Du an als Fr⸗ 261 getäuſcht— ärgerlich auf Luecilla— unzufrieden mit ſich ſelber.„Wie bitter,“ dachte er,„würde der klnge Saville meine Thorheit belächeln! Ich habe der Wonne entſagt, dieſes ſeltſame und ſchöne Weſen zu beſitzen; und weßhalb?— einer eitlen, thörichten Grille wegen, die ſie nicht einmal begreifen kann, und über die in ihrer freund⸗ und hülfloſen Lage auch die ſtrengſte ihrer leichtfertigen Landsmänninnen, wie über einen faden und einfältigen Spaß, lachen würde. Ja, würde ich nicht, wenn ich mit ihr entflohen wäre, ſie lebenslänglich weit glücklicher gemacht haben, als ſie es jetzt jemals wird ſein können? Auch würde ſie bei einem ſolchen Glücke niemals Schande empfunden haben; iſt ſie doch keine Engländerin. Unter dieſem Himmelsſtriche würde ein ſolches VBündniß nie für entehrend gehalten worden ſein— ſie würde bei ihrer Berufung auf die ein⸗ fachen Geſetze der Natur nimmermehr gedacht haben, daß etwas Entwürdigendes darin könne gefunden wer⸗ den überdies wird ſie, die Unerfahrene— ſie, das Geſchöpf der augenblicklichen Regung— nicht irgend einem verſchlagenen und weniger großmüthigen Lieb⸗ haber zum Opfer werden, der in ihrer Unſchuld nichts als Ausgelaſſenheit ſieht, und der, weit entfernt, ſie zu beſchützen, wie ich es würde gethan haben, ſie nur als Spielwerk für eine Stunde betrachtet und ſie weg⸗ geworfen haben würde, ſobald er ſeine Leidenſchaft geſättigt?— Geſättigt! O bitterer Gedanke, daß das Haupt eines Andern an dem Herzen ruhen ſoll, das jetzt nur ganz und gar für mich ſchlägt! Alles genan erwogen, habe ich, indem ich auf eitle Weiſe 262 den Schein der Tugend annahm, nur meinem eigenen Glücke entſagt, um ſie fortwährend der Gefahr bloß⸗ zuſtellen, ſie beſtändig unglücklich gemacht, um durch einen Andern dem Mangel, der Schande und der Ver⸗ laſſenheit preisgegeben zu werden!“ Dieſe unangenehmen und bedauernden Gedanken wurden von Zeit zu Zeit, doch nur ſchwach von dem gelegentlichen Glückwunſche bekämpft, der einer ge⸗ rechten oder großmüthigen That zu folgen pſflegt, und dann ſtiegen ihm tauſend bald beſorgliche, bald ärgerliche Muthmaßungen über Lueilla's Schweigen auf. Zuweilen hoffte er— doch der Gedanke ging flüchtig vorüber und wurde nicht einmal zum beut⸗ lichen Bewußtſein— ſie möchte noch vor ſeiner Al⸗ reiſe eine Zuſammenkunft mit ihm ſuchen; und in dieſer Hoffnung legte er ſich nicht eher zur Ruhe, als bis das Morgenroth hinter den Ruinen der mich⸗ tigen und ſtillen Stadt heraufſtieg. Dann warf er ſich angekleidet auf einen Sopha, konnte aber urn in kurzen und unterbrochenen Zwiſchenräumen ſchlafn. Am nächſten Tage verſchob er ſeine Abreiſe bis zum Mittag, noch immer in der Hoffnung, etwes von Lueilla zu hören, doch vergebens. Er konnte ſich nicht mit der Hoffnung ſchmeicheln, daß Lucill die Zeit ſeiner Abreiſe nicht wiſſe— er hatte ſe deutlich angegeben. Zuweilen wandelte ihn ein Ven langen an, ſie wieder aufzuſuchen; doch er kannt zu wohl die Schwäche ſeines großmüthigen Entſchluſſes, und war daher, wie ſchwankend auch, dennoch tugend⸗ haft genug in ſeinem Thun, um nicht das Gefihr⸗ lichſte Verzw beſtän muth Reiſen W jener beſchüt rung g Luft ü haftet ſich zu loſes( fern g das Y genet hloß⸗ durch Vet⸗ anken dem r ge⸗ flegt, „bald veigen ging deut⸗ r A⸗ nd in Ruhe, mich⸗ arf er r hlafen. iſe bis etwas konnte Lucilla tte ſi n Ver⸗ kannte hluſſes, tugend⸗ efihr⸗ 263 lichſte zu wagen. Endlich, in einer augenblicklichen Verzweiflung, warf er ſich, indem er Lucilla der Un⸗ peſtändigkeit anklagte und ſie ſchalt, daß ſie den Edel⸗ muth ſeines Thuns nicht zu ſchätzen wiſſe, in ſeinen Reiſewagen und ſagte Rom Lebewohl. Wie jedes Wäldchen, durch das der Wanderer auf jener Straße zieht, vor Alters von einer Nymphe heſchützt wurde, ſo wird es jetzt durch eine Erinne⸗ rung geheiligt. Vergebens ſchwebt die todesſchwangere Luft über Wälder, Bäche und Thürme— der Geiſt haftet hier nicht am Gegenwärtigen, ſondern wendet ſich zur Vergangenheit zurück! Ein inniges und ſprach⸗ loſes Entzücken erfüllt und erhebt den Geiſt! Dort, fern gen Weſten, erſtreckt ſich das purpurne Meer, das Millivnen Erinnerungen des Ruhmes erweckt; dort erheben ſich die Berge mit ihren ſcharfen und ſchneebedeckten Gipfeln in den Schovß des Himmels; auf jener Ebene begrüßt noch jetzt der Pilger das ſagenhafte Grab der Curiatier und jener unſterblichen Zwillinge, die ihrem Bruder den Ruhm des Sieges und die Schande überließen, die ihm zu Theil wurde; rings um den See Nemi blüht noch immer der heilige Hain, wo Hippolyt von Diana ins Leben zurück⸗ gerufen wurde. Poeſie, Fabel, Geſchichte halten mit⸗ einander Wache über dieſem Lande; es iſt ein Grab⸗ mal; der Tod iſt in ihm und ringsumher. Der Verfall zeichnet Untergang auf jeden Stein— doch die Vergangenheit ſitzt auf dem Grabmal wie ein trauernder Genius; eine Seele athmet durch die Ver⸗ nichtung; eine Stimme erſchallt aus dem Schweigen. Jedes entſchwundene Jahrhundert hat ein Geſpenſt rückgelaſſen, und das ſchöne Land ſcheint dem gleich zu ſein, welches man ſich als unter der Erde vorhanden vorſtellt, wo, wie lieblich es auch ſein mag, der Menſch nicht athmen und leben kann welches abet mit geheiligten Phantomen und glorreichen Schatten angefüllt iſt. Fort, fort eilte Godolphin. Die Nacht brach an, als er durch die pontiniſchen Sümpfe fuhr. Dort brütet die Malaria ihr ſchrecklichſtes Gift aus; die Einſamkeit hat dort die ihr eigenthümliche Seele ver⸗ loren alles Leben, außer der tödtlichen Furchtbarkeit der Verweſung, ſcheint dort weggefault zu ſein. Der Geiſt verſinkt in Trübſinn; ein Alp drückt die Bruſt der Natur und über den Trümmern der Zeit ſitzt das Schweigen regungslos in den Armen des Todes. Godolphin kam zu Terraeing an und legte ſich zur Ruhe. Sein Schlaf wurde von furchtbaren Träumen beunruhigt, und er erwachte erſt gegen Mittag er⸗ mattet und niedergeſchlagen. Als ſein Diener, der ſeit einigen Jahren bei ihm geweſen war, ihn an⸗ kleidete, bemerkte Godolphin jenen Ausdruck, der Leuten der niedern Volksklaſſe eigen iſt, wenn ſi etwas mitzutheilen wünſchen und eine Gelegenheit dazu erwarten. „Nun, Malden,“ ſagte er,„Du ſiehſt ja heute ſo bedeutungsvoll aus— was iſt geſchehen?“ „Hm! Sahen Sie nicht einen Wagen hinter uns, Herr, als wir durch den Sumpf fuhren? Zi weilen Entfern „W da ich dem W „Be wollte im Vor „Ei ſagte de „Gr Der Di Da Lucilla Herzen ſichtsloſ zimmer! delikate hei Luci ſcheinen ligen U fährlichſ Einſaml lichen U Dichtun leſen— den Si Gefühl taſtiſcher penſt leich nden der aber atten an, Dort die ver⸗ keit ſein. t die Zeit des h zr umen ger⸗ der n ſie enheit heut⸗ hinter Zu⸗ weilen war er beim Mondlicht deutlich in einiger Entfernung ſichtbar.“ „Wie, zum Henker, ſollte ich hinter mich ſehen, da ich im Wägen ſaß? Nein, ich weiß nichts von dem Wagen; was war's damit?“ „Bald nach Ihnen kam eine Perſon an, Herr; ie nicht zu Bette gehen— und wartet Ihrer im Vorzimmer.“ „Eine Perſon! was für eine Perſon?“ „Eine Dame, Herr eine junge Dame,“ ſagte der Diener mit unterdrücktem Lächeln. „Guter Himmel!“ rief Godolphin:„verlaß mich!“ Der Diener gehorchte. Da Godolphin keinen Augenblick zweifelte, daß Lucilla iym gefolgt ſei, wurde er im innerſten Herzen von dieſem Beweiſe der entſchloſſenen und rück⸗ ſichtsloſen Liebe erſchüttert. e i jedem anderen Frauen⸗ zimmer würde ein ſo kühner Schritt allerdings ſeinen velikaten engliſchen Geſchmack empört haben. Aber hei Lucilla entſtand Alles, was als zudringlich er⸗ ſcheinen konnte, gewiß aus jener reinen und untade⸗ ligen Unwiſſenheit, welche die bezaubernſte und ge⸗ fährlichſte für ihre Sie tzerin iſt. Die Tochter der Einſamkeit und Verlaſſenheit— gänzlich allem weib⸗ lichen Umgange entfremdet— die durch die wenigen Dichtungen oder lei ichte re riefe, die ſie zufällig ge⸗ Briefe leſen— eher verwirrt aufgeklärt war, mußte den Sinn für— ckliches für ein ſo ſchwankendes Gefühl anſehen, daß er durch jeden Impuls ihres phan⸗ taſtiſchen und leidenſchaftlichen Charakters verwiſcht 266 und vertilgt wurde. Unbekannt mit dem, was tez Geſchlechtes Zurückhaltung und Rückſicht gegen die Meinungen der Welt fordern— leichtfertig, wie die italieniſche Welt in Liebesangelegenheiten verfährt, ſah Lueilla nichts, als die Gelegenheit, in ihrer Zärt⸗ lichkeit und Inbrunſt für den in ihrer Phantaſie ſo hoch geſtellten engliſchen Fremden zu glänzen. Auch miſchte ſich— obgleich ſie ſich deſſen ſelber nicht be⸗ wußt war— keine einzige unwürdige oder minder reine Regung in ihre ſchwärmeriſche Verehrung. Ich meines Theils bin der Meinung, daß wenige Männer die wahre Natur der Liebe eines Mäbdchenz verſtehen. Entſteht eine ſolche Liebe aus der Phan⸗ taſie, ſo wird durch nichts, was der Wüſtling ihr je zuſchreiben könnte, oder doch nur in höchſt ſeltenen Fällen ihre Schwäche befleckt oder ihre Thorheit herabgewürdigt. Ich ſage nicht, daß die Liebe um ſo beſſer erſcheint, als ſie einzig und allein Erzeng⸗ niß der Phantafie iſt— ich ſage nur, ſie iſt in hun⸗ dert Fällen neunundneunzigmal die Folge mädchen⸗ hafter Verblendung. Im ſpätern Leben iſt es freilich anders: bei dem erfahrenen Frauenzimmer iſt Zi⸗ vorkommenheit ſtets Verdorbenheit. Mit bebenden Schritten und klopfendem Herzen ſuchte Godolphin das Zimmer, wo er Lucilla zu fin⸗ den erwartete. In einem Winkel, ihr Geſicht mit ihrem Mantel bedeckt, erblickte er ſie dort: er eil zu ihr, warf ſich vor ihr auf die Kniee; mit ſcheuer Hand entfernte er die Decke von ihrem Geſicht und hei den Thränen, der Bläſſe und Aufregung teſſe⸗ ben w druck „V eigner wenn „9 Bruſt ich wi und h Ich w Brude inne;, ſeine( 8 wildem 6 des en die ie die fährt, Zärt⸗ iſie ſo Auch ht be⸗ r reine wenige idchens Phan⸗ ng ihr eltenen horheit be un Erzeug⸗ in hun⸗ ädchen⸗ freilich iſt Z. Herzen zu fin⸗ ſcht mit er eilte ſcheuer cht und deſſe 267 ben wurde er durch den ſanften und liebevollen Aus⸗ druck tief erſchüttert. „Willſt Du mir verzeihen?“ ſtammelte ſie—„Dein eigner Brief brachte mich hieher. Jetzt verlaß mich, wenn Du kannſt!“ „Nimmer, nimmer!“ rief Godolphin, ſie an ſeine Bruſt drückend.„Es iſt vom Schickſal beſtimmt und ich widerſtrebe nicht länger. Ich will Dich lieben und hegen und pflegen bis zu meiner letzten Stunde. Ich will Dir Alles ſein, was ich vermag— Vater, Vruder, Geliebter— Alles, nur nicht—.“ Er hielt inne;„nur nicht Gattte,“flüſterte ſein Gewiſſen, doch ſeine Stimme ſchwieg. „Ich darf alſo mit Dir gehen?“ rief Lueilla in wildem Entzücken— das war ihr einziger Gedanke. Wie wenn der Irre den Gedanken an Flucht faßt, ſein Wahn zu ſchwinden ſcheint und er durch BVegei⸗ ſterung Muth, Klugheit, Vorſicht und Scharfſinn, alſo Fähigkeiten gewinnt, die er bei geſundem Zu⸗ ſtande kaum in ſo hohem Grade beſaß; ſo ſchien Lu⸗ eilla durch den Gedanken, dem Geliebten zu folgen, von einem neuen Geiſte belebt zu ſein. Nicht ohne Grund bildete ſie ſich ein, daß die Haupturſache der Zurückweiſung ihrer Liebe beſeitigt ſein würde, wenn ſie ihrer Rückkehr irgend ein Hinderniß jener welt⸗ lichen Art in den Weg legen könnte, wie er es fürchtete. Ermuntert durch dieſen Gedanken, und mehr als je von ihrer Liebe hingeriſſen, ſeitdem er ihr ein entſprechendes Gefühl geſtanden hatte; durch den Ton ſeines Briefes zur Nacheiferung ſeines Edel⸗ 268 muthes angeregt, und durch des Geliebten Zärtlich⸗ keit in ihrer Schwäche noch beſtärkt, hatte ſie den kühnen Schritt beſchloſſen. In der Nähe des Se⸗ baſtiansthores wohnte ein Vetturinv; ſie hatte ihn aufgeſucht und beim Anblick des Geldes, welches Gy⸗ dolphin ihr geſchickt hatte, willigte der Mann ein, ſie zu jedem Punkte auf der Straße nach Neapel zu fahren— ja, mit der raſcheren Art zu reiſen Schrit zu halten, die Godolphin anwendete. Früh am Mor⸗ gen hatte ſie Godolphin's Abreiſe entdeckt, und zehn Minuten ſpäter fuhr der Vetturino ſie entzückt, aber bebend auf demſelben Wege nach. Die Italiener ſind von Natur gutherzig, und beſonders wenn man ſe bezahlt, zeigen ſie ſich auch höflich gegen Frauen, zumal wenn ſie den Einfluß der belle passioh argwöhnen. Des Vetturino's Vorſicht unterſtütze ihre Unerfahrenheit: er hatte ſie an die Nothwendi⸗ keit erinnert, ſich mit einem Paſſe zu verſehen; alle ſonſtigen Schwierigkeiten verſprach er allein zu über⸗ nehmen. Und ſo war Lueilla denn unter dem nän⸗ lichen Dache mit ihm, für den ſie ein Opfer ge⸗ bracht hatte, welches ſie ſelber nicht kannte; den ſe jedoch, trotz allem, wodurch ihr ſpäteres Geſchick ſich umwölkte, bis zum letzten Augenblick mit einer Liebe liebte, die ebenſo rückſichtslos als mächtig, weit über die Liebe des gewöhnlichen Weibes hinausreichte un dem Herkommen der Zeit trotzte. An den blauen Waſſern, die ſich mit tiefer, laug⸗ gehaltener Stimme an den Felſen jenes lieblichen Ufers brechen, über welchem der über Terraeina ſich erhebende 8 Berg die unſte Hoff die R Licht dernd und erglü die il von — vt in we ſchlun — w an di den 1 Zärtlich⸗ ſie den des Se⸗ atte ihn hes Go⸗ inn ein, eapel zu Schritt m Mor⸗ nd zehn kt, aber ener ſind man ſi Frauen, passiou terſtützte wendig⸗ en; alle über⸗ m nän⸗ fer ge⸗ . den ſi hic ſih er Liebe eit über chte und r, lang⸗ en Ufers thebende 269 Verg die Düfte der Citronen und Pomeranzen in die Lüfte verbreitet— an jenem rauſchenden und unſterblichen See, auf dem die Sterne, gleich den Hoffnungen einer lichteren Welt, auf das Düſter und die Ruheloſigkeit des Lebens ihr feierliches aber zartes Licht herabſenkten, ſtanden Lucilla und er— der wan⸗ dernde Fremdling— in dem das Mädchen allen Frieden und alles Hoffen der Erde zu finden wähnte. Sie erglühte in dem erſten, purpurnen Roth der Liebe, die ihren höchſten Zweck erreichte; ergriffen war ſie von jener ſüßen und ruhigen Fülle der Zufriedenheit — von jenem himmliſchen, allbezwingenden Entzücken, in welchem das Herz bei dem Uebermaße ſeiner Wonne ſchlummert. Sorge— die Vorbotin der Veränderung — wird in ſo köſtlichen, wiewohl ruhigen Momenten ebenſo wenig als die ſchattige und ſchwankende Leiden⸗ ſchaft der Traurigkeit geſpürt. Gleich den vor ihr dahinrauſchenden tiefen und beredten Waſſern, war jede Empfindung des Mädchens nur der Spiegel eines lieblichen, wolkenloſen Himmels. Ihr Haupt ſanft an die Bruſt ihres jungen Geliebten gelehnt, vernahm ſie die Schläge ſeines Herzens und horchte alle die Klänge von dem heraus, was jetzt ihre Welt gewor⸗ den war. Und ſtill und einſam ſenkte ſich um die Vereinten die geheimnißvolle und liebliche Nacht herab. Wie köſtlich war dieſes Gefühl und Bewußtſein der Ein⸗ ſamkeit! wie durchdrang es ſie und wie viel feſter umſchlangen ſie einander! Noch lächelte ihnen die ſelige, ungeſättigte Zeit, wo der Druck ihrer in ein⸗ Bulwer, Godolphin. 18 27⁰ ander gelegten Hände ein unausſprechliches Wonne⸗ gefühl war. Und ſo oft ſeine Blicke die ihren ſuchten, wurden die Thränen weg geküßt, die durch die Zart⸗ heit ihres Weſens, durch die Wonne ihres überwallen⸗ den Herzens hervorgerufen, einen Augenblick im ſtillen Lichte der Sterne glänzten.„Blicke nicht zum Himmel auf, meine Liebe,“ flüſterte Godolphin,„damit Du nicht an eine andere Welt als dieſe denken mögeſt!“ Arme Lucilla! wird irgend einer, der flüchtig dieſe Blätter überblickt, auch nur auf einen Augenblick mit den Antrieben deiner kurzen Freuden und deines bittern Kummers ſympathiſiren? Gern möchten dieſe Zeilen, worin ich deiner gedenke, dich und dein Geſchick der Vergeſſenheit entziehen; doch ach! ſie ſind ein Sinn⸗ bild deiner ſelbſt— ein kurzes Daſein— das ſich unter die Menge miſchen muß, mit der du eine Uhnlichkeit haſt, und dann unter dem Getöſe und Getümmel der Welt vergeſſen und auf immer auf die Seite geworfen wird. Dreiunddreißigftes Kapitel. Rückkehr zu Lady Erpingham— Lady Erpingham wird krank— Lord Erpingham beſchließt eine Reiſe ins Ausland— Plutarch über muſikaliſche Inſtrumente— Geſellſchaft in Erpingham⸗Houſe — Saville über die Geſellſchaft und den Geſchmack am Kleinlichen — David Mandeville— Einfluß und Erziehung der Frauen— Nothwendigkeit eines Zwecks— Religion. Wie wir uns nach langem Traume zu den Be⸗ ſchäftigungen des Lebens erheben, ſo kehre ich mit erwe die Volk Held ( ſellſe und den zeugt gren denn man kämp iſt di iſt e aber onne⸗ chten, Zart⸗ allen⸗ ſtillen immel it Du eſt 1 g dieſe ick mit hittern Zeilen, ck der Sinn⸗ as ſich teine ſe und uf die krank— Plutarch n⸗Houſe einlichen rauen— en Be⸗ ch mit 271 erwachendem und lebhafterem Gefühl von Charakteren, die von der gewöhnlichen Welt entfernt ſind— gleich Volktman und ſeiner Tochter— zu der glänzenden Heldin meiner Erzählung zurück. Es herrſcht ein gewiſſer Ton in der londoner Ge⸗ ſellſchaft, der den Geiſt ſchwächt ohne ihn aufzuregen, und dieſer Zuſtand des Temperaments iſt es, durch den mehr als irgend eine andere Ueberſättigung er⸗ zeugt wird. In den Klaſſen, die an die höchſte grenzen, zeigt dieſe Wirkung ſich weniger deutlich; denn dort hat man einen beſtimmten Zweck, wornach man ſtrebt. Die Mode gibt die Anregung. Man kämpft, um den Ton der Höheren nachzuahmen. Freilich iſt dies ein Ehrgeiz um des Kleinlichen willen. Dennoch iſt es ein Ehrgeiz. Er reizt, regt auf, erhält ſie aber in Thätigkeit. Die Großen ſind die wahren Opfer der Langeweile. Je ſicherer ſie in ihrem Range ſind, je zuverläſſiger ihre Stellung iſt, deſto mehr erſtarrt ihr Leben zur Fadheit. Conſtanze war auf dem Gipfel ihrer Wünſche. Wie ſie, wurde keine verehrt und geſchmeichelt. Nach und nach hatte ſie alle diejenigen gedemüthigt und in den Staub geworfen, von denen ſich vor ihrer Vermählung ihr Stols hatte verletzt fühlen müſſen— oder die, nachdem ſie ſich verheirathet hatte, ſich ihren Anſprüchen widerſetzten. Ein Blick von ihr war ein Triumph geworden und ein Lächeln erhob den, der es empfing, zu einem Range. Aber dieſe Herrſchaft wurde ihr zur Laſt: zu großen Geiſtes, um ſich mit kleinlichen Vergnügungen und unweſentlichen Auszeichnungen zu begnügen, fühlte 272 ſie, daß immer ein gewiſſes Etwas ihr fehlte. Mit Kindern war ſie nicht geſegnet oder heimgeſucht(wie nun der Fall ſein mag) und beſaß in ihrem Gatten keinen Lebensgefährten. Es gab Stunden, wo ſie ihre Wahl bereute, ſo glänzend dieſelbe auch war; dennoch klagte Conſtanze nicht über Sorge, ſondern über Ein⸗ förmigkeit. Politiſche Intrigue vermochte nicht die Leere zu füllen, über welche Conſtanze ſich täglich beſchwerte, und Privatintrigue, der gewöhnliche Troſt der Damen von ihrem Ton, wenn nicht von ihrem Nange, konnte ihr keine unwiderſtehliche Lockung bieten. Wenn die Leute wirklich nichts zu thun haben, ſo werden ſie gewöhnlich krank davon. So ſchwanddenn endlich die Blüte von Con⸗ ſtanzens Wangen; ihre Geſtalt wurde ſchmächtig; die Arzte ſprachen von Auszehrung und riethen ein wärme⸗ res Klima an. Lord Erpingham ging auf dieſen Vor⸗ ſchlag ein; er liebte Italien, England langweilte ihr. Sehr dumme Leute werden oft ſehr muſikaliſch: es iſt dies eine Art von Anſpruch auf Geiſt, wie er ihren Fähigkeiten angemeſſen iſt. Plutarch ſagt irgend⸗ wo, daß die beſten muſikaliſchen Inſtrumente von Eſelskinnbacken gemacht werden. Plutarch hat nie ein treffendere Bemerkung gemacht. Lord Erpingham fand ſeit kurzer Zeit großen Geſchmack an Opern: er ſprach davon, ſelber eine ſchreiben zu wollen, da er indeß ſelber nichts produeiren konnte, ſo tröſtete er ſich damit, ein Patron zu werden. Italien bot ihm daher dar— ſo ſchwatze in dieſer Hinſicht viel Lockendes er von dem Befinden ſeiner Fran und dachte an Geigen⸗ Unt ihre der Cäſe ham ſellſ wuß koſte hatt Büh gew und gän; hohe die dent woh hatt wen Mit ht(wie Gatten ſie ihre dennoch er Ein⸗ eere zu chwerte, Damen konnte die Leute vöhnlich on Con⸗ tig; die wärme⸗ en Vor⸗ ilte ihn. ſikaliſch: wie er t irgend⸗ nte von nie eine am fand er ſprach er indeß er ſich m dahe ſchwatzte Geigen. 273 Unter dem Bedanern der londoner Welt machten ſie ihre Vorbereitungen und ſchickten ſich an, gegen Ende der Saiſon ſich in das Land Paganini's und Julins Cäſar's zu begeben. Zwei Abende vor ihrer Abreiſe gab Lady Erping⸗ ham ihren vertrauteren Bekannten eine Abſchiedsge⸗ ſellſchaft. Saville, der ſich mit Jedem gut zu ſtellen wußte, der ihm der Mühe werth ſchien, die es ihn koſtete, war natürlich unter den Gäſten. Das Alter hatte ihn etwas mitgenommen, ſeit er zuletzt auf der Vühne erſchien. Die Frauen hatten in ſeinen ſtumpf gewordenen Augen viel von ihrem Reiz verloren; Spiel und Geldſpekulationen hatten ſich nach und nach faſt gänzlich ſeiner bemächtigt. Seine Munterkeit war in hohem Grade von ihm gewichen, als Jahre und Schwäche die Strömung ſeiner Adern zu hemmen begonnen; dennoch hatte die Unterhaltung noch immer ihren ge⸗ wohnten Reiz für ihn. Sein ſonſt ſprudelnder Witz hatte ſich zu gelaſſenem Sarkasmus herabgeſtimmt, und wenn ſein Witz gleich nicht mehr aus der Ergötzung des Angenblicks herfloß, ſo wurde er doch durch ſeine Erfahrung um ſo ſchärfer.— Weltkenntniß iſt die wahre Quelle des converſationellen Witzes. „Und wie,“ ſagte Saville, indem er ſich zu Lady Erpingham ſetzte—„wie ſollen wir es in London aushalten, wenn Sie fort ſind? Als das Salonleben — dieſer ewigwährende Trank— uns matt zu werden begann, warfen Sie Ihre Perlen in den Becher und haben uns dadurch ſo verwöhnt, daß uns der Wein ohne die Perle nicht mehr ſchmecken wird.“ 274 „Aber die Perle verlieh dem Wein keinen Geſchmack — ſie löste ſich nur vergebens auf.“ „Ach, meine liebe Lady Erpingham, auch der Ein⸗ fältigſte von uns war, nachdem er einmal die Perle geſehen, mindeſtens im Stande, ſich einzubilden, daß wir es vermögen, das Subtile des Einfluſſes derſelben zu ſchätzen. Wo ſollen wir in dieſer Welt von lang⸗ weiligen Wirklichkeiten irgend etwas auffinden, womit wir unſere Phantaſie beſchäftigen können, ſobald Sie uns verlaſſen?“ „Ei, meinen Sie, ich ſei ſo unbekannt mit dem Gerüſte der vornehmen Welt, um zu glauben, daß ich nicht leicht könnte erſetzt werden? Könige folgen auf Könige, ohne Beziehung auf die Verdienſte des einen oder des andern; ſo folgt in London ein Göhe dem andern, obgleich der eine aus Juwelen, der andere aus Erz gebildet iſt. Vielleicht ſehe ich Sie bei meiner Rückkehr vor der einfältigen Lady A. knien oder die garſtige Lady Z. verehren.“ „Oft zeigt die Zeit uns das als legitim, was ſonſt nur anzuſchaun Verbrechen ſchien,“ antwortet⸗ Saville mit affektirter Heldenmiene.„Die Sache iſ die, wir ſind ein geduldiges Völkchen, wer uns am ſtärkſten ſchiebt, bringt uns am weiteſten vorwärts. Sie wiſſen, wie Miſtreß N., ungeachtet ihrer rothen Arme, ihres rothen Kleides, ihrer bürgerlichen Ans⸗ ſprache und ihrer bürgerlichen Verbindungen, Wichtig⸗ keit bei eben jenen Gräfinnen erhielt, die ſie anfangs kaum zu einer Höflichkeitsbezengung bewegen konnte⸗ Eine Perſon, die dem Lächerlichen und der Rohheit ſchmack er Ein⸗ e Perle n, daß erſelben lang⸗ womit ald Sie nit dem n„ daß folgen nſte des n Götz andere meiner der die was wortete ache iſt ins am rwärts. rothen en Ans⸗ Pichtig⸗ nfangs konnte. Rohheit 275 zu trotzen vermag, darf nur wünſchen, um Mode zu werden, und ſie muß es früher oder ſpäter werden.“ „Unter allen Umwandlungen, die ich bei meiner Rückkehr bemerken werde,“ ſagte Conſtanze,„bin ich wenigſtens von der Beſtändigkeit einer Sache über⸗ zeugt, nämlich, daß es Niemanden einfallen wird, ſelbſt zu denken. Der größte Mangel, an dem Jeder leidet, iſt der einer eigenen Meinung! Wer zum Bei⸗ ſpiel urtheilt über ein Gemälde nach ſeiner eigenen Kenntniß von der Malerei? Wer wartet es nicht ab, zu hören, was Herr M. oder Lord Y.(einer von den ſechs oder ſieben privilegirten Kennern) darüber urtheilt. Ja, nicht nur das Schickſal eines einzigen Gemäldes, ſondern das einer ganzen Malerſchule hängt von der Grille eines jener Geſchmacksrichter ab, die ſich ſelber wählten. Der König oder der Herzog von N. braucht nur die niederländiſche Schule zu preiſen und die italieniſche in den Schatten zu ſtellen— und ein Raphael bleibt unverkauft, während ein Teniers zu unendlichem Preiſe ſteigt. Niederländiſche Darſtel⸗ lungen von Leuchtern und Bauern werden mit Ent⸗ zücken aufgeſucht; die widerwärtigſten Naturgegen⸗ ſtinde werden die beliebteſten Kunſſchätze, und man weiteifert mit einander, unſern geläuterten Geſchmack dadurch zu zeigen, daß wir das Wort für gemalte Gemeinheiten führen, durch die der Geſchmack ſelbſt auf das Abſcheulichſte herabgewürdigt wird. Ja, je gemeiner der Gegenſtand iſt, deſto ſicherer wird er unter uns Mode werden. Im Theatir rennen wir der Poſſe nach; in der Malerei verehren wir die nie⸗ 276 derländiſche Schule; in—“—„In der Literatur?“ ſagte Saville. „Nein!— Unſere Literatur athmet noch etwas Edles; aber weßhalb? Weil Bücher nicht ſtets von einer Clique abhängen. Wenn ein Buch Gluͤck machen ſoll, ſo bedarf es dazu nicht der Meinung eines Herrn Saville oder einer Lady Erpingham, obgleich es mit einem Gemälde oder einem Ballet eine ganz andere Sache iſt.“ „Ich bin davon noch nicht ganz überzeugt,“ ant⸗ wortete Saville, indem er ſich zu einem Spieltiſche wendete, um ſeinen Theil von der Beute zu erlangen, die er einem jungen Bankier abzujagen dachte, der ſtolz auf die Ehre war, von Standesperſonen gerupft zu werden.* In einem andern Theile des Zimmers traf Con⸗ ſtanze einen gewiſſen alten Philoſophen an, den ich David Mandeville nennen will. Dieſen Mann umgab etwas, wodurch ſtets diejenigen hingeriſſen wurden, die Verſtand genug beſaßen, mit den gewöhnlichen Genoſſen der Mikrykosmus⸗Societät unzufrieden zu ſein. Der Ausdruck ſeines Geſichtes war von dem aller übrigen verſchieden Seine Mienen athmeten Herzens⸗ güte. Seine hohe Stirn deutete umfaſſende Geiſtes⸗ fähigkeiten an. Man bemerkte ſogleich, daß er nicht mit Kleinigkeiten zu thun hatte. Heiterkeit ſtrahlte aus ſeinen Augen, doch es war die Heiterkeit eines Denkers. Conſtanze ſetzte ſich zu ihm. „Iſt es Ihnen nicht leid, England zu verlaſſen?“ ſagte Mandeville.„Sie, die Sie ſich zum Mittelpunkt eines Man nie zi könne außer Ausg ja ſel lität e es ſo! als et bers die S Byro V ſtanze loſopl devill war plime genan tur?“ etwas ts von machen Herrn es mit andere “ant⸗ eltiſche angen, e, der erupft Con⸗ en ich umgab urden, nlichen den zu aller rzens⸗ eiſtes⸗ nicht trahlte eines ſſen?“ lpunkt 277 eines Kreiſes gemacht haben, wie ihn hinſichtlich ſeiner Mannigfaltigkeit, ſeiner Reize dieſes Land vielleicht nie zuvor ſah? Reichthum— Rang— ſelbſt Witz— können Andere um ſich verſammeln; aber Niemand außer Ihnen bewirkte einen ſo glänzenden Verein alles Ausgezeichneten in Wiſſenſchaft, Kunſt und Politik, ja ſelbſt— denn wer als nur Sie wäre über Riva⸗ lität erhaben?— ſelbſt in Schönheit. Ich ſollte denken, es ſollte uns leichter ſein, der Armida zu entfliehen, als es ihr werden kann, dem Schauplatz ihres Zau⸗ bers zu entſagen— einem Schauplatze, auf dem ſich die Stasl den Reizen Ihrer Unterhaltung hingab und Byron die Ihrer Perſönlichkeit verherrlichte.“ Wir können uns vorſtellen, welchen Zauber Con⸗ ſtanze um ſich her verbreitet hatte, da ſelbſt die Phi⸗ loſophie(und unter allen Philoſophen gerade Man⸗ deville) zu ſchmeicheln gelernt— aber ſeine Schmeichelei war aufrichtig. „Ach,“ ſagte Conſtanze,„ſelbſt wenn Ihr Com⸗ pliment durchaus wahr wäre, würden Sie doch nichts genannt haben, wornach ich mich zurückſehnen möchte. Zwar iſt Eitelkeit eine von unſeren Glücksquellen, aber ſie reicht nicht aus, uns für den Mangel aller übrigen zu entſchädigen. Indem ich aus England gehe, verlaſſe ich den Schauplatz endloſer Langweiligkeit. Ich bin das Opſer eines Gefühls der Eintönigkeit und blicke mit Hoffnung der Veränderung entgegen.“ „Arme Dame!“ ſagte der alte Philoſoph, indem entrauernd ein Weſen anblickte, welches ſo große Vor⸗ züge beſaß—„wohin Sie auch gehen mögen, überall 278 wird dieſelbe feine Geſellſchaft Ihnen dieſelbe Ein⸗ förmigkeit gewähren. Alle Höfe ſind einander gleich— die Männer haben Veränderungen im Handeln; aber für Frauen Ihres Ranges ſind alle Scenen gleich. Sie müſſen nicht nach außen blicken, um einen Zweck zu ſuchen— Sie müſſen ihn in ſich ſelber erſchaffen. Un glücklich zu ſein, müſſen wir uns von Andern unab⸗ hängig machen.“ „Gleich allen Philoſophen rathen Sie etwas Un⸗ mögliches an,“ ſagte Conſtanze. „Wie ſo? hat nicht die Mehrzahl Ihres Geſchlechte ihren beſonderen Zweck? Der Einen liegt das Wohl ihrer Kinder am Herzen, der Andern das Intereſſe ihres Mannes; eine Dritte treibt die Sparſamkeit bis zur Leidenſchaft, eine Vierte die Ausſchweifung, eine Fünfte die Mode und eine Sechste die Einſamkeit. Ihre Freundin dort iſt ſtets beſchäftigt, ihrer Geſundheit zu pflegen; die Hypochondrie liefert ihr einen Zweck; ſie iſt wahrhaft glücklich, weil ſie ſich für krank häll. Jede hat ihren Lebenszweck, der die Langeweile ve⸗ treibt, nur Sie nicht.“ „Doch,“ ſagte Conſtanze lächelnd,„allein nich alle meine Zeit wird dadurch ausgefüllt. Die Zwi⸗ ſchenakte ſind länger als die Akte ſelbſt.“ „Iſt Ihr Lebenszweck die Religion?“ fragte Mard⸗ ville ganz einfach. Conſtanze erſchrack, die Frage war ihr neu. „Ich fürchte, nein,“ antwortete ſie nach einigen Stocken mit geſenktem Blicke. „Wie ich's dachte,“ verſetzte Mandeville;„hrn Sie als 2 darin finde nigke die ü it 3 Sie! gerin 6 dolph / ſich( gen eine ausge e Ein⸗ leich— ; aber ich. Sie weck zu en. Un unab⸗ vas Un⸗ chlechtes 6 Wohl Intereſ nkeit bis ng, eine eit. Ihre ſundheit n Zwec; ank häl. eile vet⸗ ein nicht ie Zwi⸗ Mant neu. einigen hinn 279 Sie mich an. Die Urſache, weßhalb Sie ſich mehr als Andere gelangweilt fühlen, liegt einzig und allein darin, daß Ihr Geiſt umfaſſender iſt. Kleine Geiſter finden leicht ihre Zwecke; ſie beluſtigen ſich an Klei⸗ nigkeiten; aber eine hohe Seele trachtet nach Dingen, die über den alltäglichen Bereich hinausliegen. Dies iſt Ihr Fall. Ihre Geiſteskräfte zehren an ſich ſelber. Sie würden glücklicher geworden ſein, wenn Ihr Rang geringer geweſen wäre.“ Conſtanze fühlte ſich getroffen— ſie gedachte Go⸗ dolphin's. „Dann,“ ſprach der Philoſoph weiter,„würde ſich Ehrgeiz in Ihnen geregt und Sie nach demjeni⸗ gen Range haben trachten müſſen, der Ihnen jetzt eine Pein iſt. Die Frauen ſind vom öffentlichen Leben ausgeſchloſſen und haben dennoch großen Einfluß auf daſſelbe. Sie ſind die Gefangenen und doch die De⸗ ſpoten der Geſellſchaft. Beſitzen ſie Talente, ſo iſts Verbrechen, ſie öffentlich geltend zu machen; da nun aber Talent ſich nicht erſticken läßt, ſo wird es im Privatleben irregeleitet; ſie ſuchen übergewicht in ihrem beſchränkten Kreiſe zu erlangen, und das, was Genie ſein ſolle, artet in Hinterliſt aus. Von der Wiege an zum Heucheln erzogen, zeigen die Weiber in ihren ſchönſten Regungen, in ihren beſten Grundſätzen jeder⸗ zeit einen Anflug von Ränkeſucht. Da man ihren Talenten die Flügel nimmt, ſind ſie genöthigt, am Erdboden hinzukriechen, und deſſen Unwürdigkeit in ſich aufzunehmen; ihre Neigungen werden unaufhörlich in die Bahnen des Conventionellen gezwängt und ge⸗ 280 foltert, und ein ihnen inwohnendes Gefühl wird zu einem vorbedachten Verbrechen geſtempelt. Die kla⸗ ren und offenen Grundſätze des Lebens werden ihnen nicht beigebracht; von der Moral kennen ſie nichts als die äußeren Anſtandsformen. So werden ſie un⸗ tüchtig, die öffentlichen Tugenden undöffentlichen Män⸗ gel eines Bruders oder Sohnes zu würdigen, und eine von den Urſachen, weßhalb wir Männer keinen Brutts haben, iſt, weil ſich unter den Frauen keine Portig mehr findet. Die Türkei hat ihr Serail für die Perſon; aber die Sitte hat in Europa ebenfalls ein Sexail für den Geiſt.“ Conſtanze lächelte über den Eifer des Philoſophen; doch ſie war ein Weib und wurde davon bewegt. „Vielleicht,“ ſagte ſie,„mag im Verlauf der Er⸗ eigniſſe der Zuſtand der Frauen ebenſowohl als dir der Männer verbeſſert werden“ „Ohne Zweifel wird es auf einer künftigen Welt⸗ bühne geſchehen. Und glauben Sie mir, Lady Erping⸗ ham, obgleich Sie Politikerin und Planmacherin ſind, daß keine geſetzgebende Reform allein das Menſchen⸗ geſchlecht beſſern wird— der geſellſchaftliche Zuſtand iſt es, welcher der Reform bedarf.“ „Aber Sie fragten mich vor wenigen Minutem“ ſagte Conſtanze nach einer Pauſe,„ob der Zweck meins Lebens die Religion ſei. Ich vereitelte Ihre Erwar⸗ tung, überraſchte Sie aber nicht durch meine Antwort“ „Ja, Sie betrübten mich, denn in Ihrem Fil würde die Religion allein die Leere ausfüllen. Bi Ihrem hohen und eultivirten Geiſte würden Sie ki größ punk ben, ſtehe Beur beken der an ſi voll verni daß e wir ausre ſerer hin, ſtarrt Aber zu m ſein, gehör deſſer Schi vird zu ie kla⸗ ihnen nichtz ſie un⸗ Män⸗ nd eine Brutus Portia Perſon; Serail ſophen; wegt. der Er⸗ als dir n Welt⸗ Erping⸗ rin ſind, enſchen⸗ Zuſtand inuten“ k meines Erwar⸗ ntwort.“ em Ful en. Bei Sie tir 281 größte der Weltfragen nicht aus dem engen Geſichts⸗ punkte der Sektirer betrachten. Sie würden nicht glau⸗ ben, daß die Religion in gleißneriſchem Weſen be⸗ ſtehe, in prunkender thätigkeit und in der ſtrengen Beurtheilung derer, die ſich nicht zu Ihren Meinungen bekennen. Sie würden in ihr ein harmoniſches Syſtem der Moral wahrnehmen, das genug vom Ceremoniel an ſich hat, um nicht ig, ſondern eindrucks⸗ voll zu ſein. Die Schule Bayle's und Voltaire's iſt vernichtet. Die Menſchen beginnen jetzt zu fühlen, daß ein Philoſoph kein Spötter iſt. Zweifelnd bleiben wir bei Allem ſtehen, was über das Sinnliche hin⸗ ausreicht. Im Glauben liegt das Geheimniß aller un⸗ ſerer ſchätzbaren Anſtrengungen. Zwei Gefühle reichen ſtrengung hin, um ſelbſt das gleichgültigſte Gemüth vor Er⸗ ſtarrung zu ſchützen— ein Wunſch und eine Hoffnung. Aber was können wir gegen den Wunſch, uns nützlich zu machen, und gegen die Hoffnung, unſterblich zu ſein, einzuwenden haben?“ Eine ſolche Sprache hatte Conſtanze vorher ſelten gehört, auch kam ſie nicht häufig von den Lippen deſſen, der ſie jetzt führte. Aber Theilnahme an dem Schickſal und Glück derjenigen, an der er ſo viel Be⸗ wundernswürdiges bemerkte, hatte Mandeville zu dem lebhaften Wunſche angeregt, ſie möchte irgend einem Grundſatze anhängen, den ſie ebenfalls achten könnte. In ſeiner Stimme und ſeinem Weſen aber war eine Glut, eine Aufrichtigkeit, die in Lady Erpingham's Herz drangen. Sie drückte ihm ſchweigend die Hand. Später überdachte ſie oft ſeine Worte; doch das 282 Weltleben iſt nicht leicht zugänglich für dauernde Aus⸗ drücke, außer denen der Eitelkeit und Liebe. Die Re⸗ ligion hat zwei Quellen; es iſt die Gewohnheit früher Jahre oder der Prozeß ſpäteren Nachdenkens. Con⸗ ſtanzen war der erſtere Vortheil aber nicht zugefallen; und wie kann tiefes Nachdenken über jene Welt die Lieblingsbeſchäftigung eines planmachenden Weibes ſein, wie Conſtanze war? Mandeville erſcheint nur dies einemal in dieſem Buche: ein Typus der Seltenheit der Einmiſchung religiöſer Weisheit in die Scenen des wirklichen Lebens! „Vielleicht,“ ſagte Saville, als er Abſchied nahm und Conſtanzen an der Thür traf,„vielleicht begegnet Ihnen irgendwo in Italien mein alter junger Freund Percyh Godolphin. Es hat ihm nicht gefallen, mir Nachricht von ſich zu geben; doch hat man ihn un⸗ längſt in Neapel geſehen.“ Conſtanze wurde roth und ihr Herz ſchlug heftig; doch antwortete ſie gleichgültig und wendete ſich um. Am nächſten Morgen reisten ſie nach Italien ab. Aber welche Veränderung ſollte Conſtanze in einer Woche von dem Tage an erleben. Vierunddreißigſtes Kapitel. Gerechtfertigter Ehrgeiz— Godolpbin's und Lucilla's Wohnung — Lucilla's Gemüthszuſtand— Wirkung glücklicher Liebe au weibliches Talent— Der Abend vor dem Abſchied— Lucilla allein— Prüfung der Liebe eines Weibes. Vielgeläſterte Leidenſchaft!— Leidenſchaft mehr der Seele als des Herzens; verhaßt dem falſchen Sitte günſti leichtl die T dern: biſt! er die Jrion entſpr Hefti erſtarr allein Aus⸗ e Re⸗ rüher Con⸗ allen; lt die Leibes dieſem ſchung ebens! nahm gegnet Freund „ mir n un⸗ heftig: ch um. ien ab. einer bohnung tebe auf Lucilla t mehr falſchen Sittenrichter, aber von dem wahren Phlloſophen mit günſtigen, aber nicht beſchönigenden Augen angeblickt: leichtbeſchwingter und erhabener Ehrgeiz! Wohl mögen die Thoren dich verleumden, weil du gleich allen an⸗ dern nützlichen Dingen der Verleumdung preisgegeben biſt! Der Sturm entwurzelt die Eichen— aber ehe er die Eiche entwurzelt, verſtreut er tauſend Eicheln. Jrion umarmte die Wolke, aber aus der Umarmung entſprang ein Held. Du auch haſt deine Anfälle von Heftigkeit und Sturm; doch ohne dich würde das Leben erſtarren— freilich jagſt du deinen Chimären nach, allein ſelbſt dieſe Chimären haben Halbgötter zu ihren Nachkommen. Es war das große und vorherrſchende Mißgeſchick in Godolphin's Leben, daß er ſich früh eingebildet hatte, über jede Anſtrengung erhaben zu ſein. So nagten ſeine Talente nur an ihm ſelber, und ſtatt einen kräftigen und unternehmenden Schauſpieler auf der Weltbühne abzugeben, war er wechſelsweiſe bald gemächlicher Senſualiſt, bald einſamer Träumer. Er hetrachtete das Gewühl der großen Babel nicht wie ein Mann von geſundem Gemüthe es ſoll, und ſo leiten wir aus Schwächen eine heilſame Lehre her. Die Moral iſt nicht übel, welche ſich den abgedro⸗ ſchenen ſittlichen Begriffen derer entgegenſtellt, die ihr Motiv von der Thätigkeit herleiten möchten. Männer von Genie, die nicht auch Männer von Ehrgeiz ſind, müſſen entweder Humoriſten, oder Phantaſten oder Hypochondriſten ſein. An einem der Landſeen Italiens hatten Godolphin 284 und Lueilla ihre Wohnung aufgeſchlagen; und hier wähnte der junge Idealiſt ſich eine Zeitlang glück⸗ lich. Nie bis jetzt ſo ſehr von der Natur wie von Städten eingenommen, gab er ſich dem Zauber des ihn umgebenden Paradieſes hin. Er brachte die langen ſonnigen Vormittage am Ufer des Sees oder unter den ſchattenden Bäumen hin, wovon derſelbe umgeben war. Die Scenen, die er in der Welt erlebt hatte, gaben ihm Stoff zum ruhigen Nachdenken, und zum erſtenmal in ſeinem Leben wurde er durch die Ein⸗ förmigkeit des Denkens nicht ermüdet. Lenkte er die Schritte heimwärts, ſo harrte ſein die ſorgliche Lueilla. Ihre Augen glänzten bei ſeiner Ankunft, ihr Geiſt legte allen Zwang ab und über⸗ ließ ſich ganz der Freude, und Godolphin, den ihr Entzücken rührte, ſehnte ſich nach dem Anblick des⸗ ſelben; er fühlte den Magnet des heimiſchen Herdes. Als aber die erſte Glut der Ridenſchaft verdampfte, mußte er bemerken, daß Lucilla kaum eine Gefähr⸗ tin für ihn ſei. Ihre Phantaſie war freilich lebhaft und ihr Faſſungsvermögen klar; aber aus Mangel an Erfahrung war ihren Ideen eine enge Grenze beſtimmt. Sie beſaß nichts als Liebe und ein feuriges Temperament, woraus ſie Unterhaltung ſchöpfen konnte Diejenigen, deren Erziehung ihnen hinderlich wird, Belehrung aus Sachen herzuleiten, beſitzen gewöhnlich das Vermögen, Beluſtigung von Perſonen zu ge⸗ winnen— ſie können von der lächerlichen Miſtreß Soundſo oder von dem thörichten Herrn Weiß plal⸗ dern. Aber unſere Liebenden ſahen keine Geſellſchaft bei f Que ( genei bilde ſeine läßt Gehe doch Er f er fü weilet diejer allen tives ſicht mit d hier glück⸗ von r des angen unter geben hatte, dzum Ein⸗ te ſein ſeiner über⸗ en ihr ck des⸗ Herdes. mpfte, efähr⸗ lebhaft Nangel Grenze euriges konnte. h wird, öhnlich zu ge⸗ Miſtreß ß plau⸗ ellſchaft 285 bei ſich, und ſo war ihre Unterhaltung nur auf innere Quellen beſchränkt. Godolphin's Geiſt hatte ſich von jeher zu Ideen geneigt, die zu verfeinert und ſubtil ſelbſt für ge⸗ bildete Perſonen waren. Wenn Conſtanze den Ton ſeines Charakters kaum gehörig auffaſſen konnte, ſo läßt ſich leicht denken, daß er für Lucilla vollends ein Geheimniß war. Dies vielleicht erhöhte ihre Liebe, doch das Bewußſein davon ſtimmte die ſeine herab. Er fühlte, daß diejenigen von ſeinen Fähigkeiten, die er für die edelſten hielt, nicht gewürdigt wurden. Zu⸗ weilen war er ärgerlich über Lucilla, daß ſie nur diejenigen Charakterzüge an ihm liebte, die er mit allen übrigen Menſchen gemein hatte. Sein ſpekula⸗ tives Hamletgemüth— wir wollen hier Goethe's An⸗ ſicht von Hamlet annehmen und eine gewiſſe Schwäche mit den edleren Zügen des fürſtlichen Träumers vereinen — mied beſtändig die wirkliche Welt und wendete ſich zu luftigen Schöpfungen. Er wußte die Gegenwart nicht zu ſchätzen. Hätte Godolphin Lucilla ſo geliebt, wie ſie es glaubte, ſo würden die Vorzüge ihres Cha⸗ rakters die Mängel deſſelben verdunkelt haben, aber ſeine Leidenſchaft war zu plötzlich entſtanden, um auf feſtem Grunde zu ruhen. Sie war aus der Kunde von Lurilla's Neigung entſtanden, nicht aber allmählig der natürlichen Regung ſeines eigenen Herzens entkeimt. Soll Liebe von Dauer ſein, ſo muß ſie zwiſchen dem Geſtändniß und der Beſitznahme viele Stadien durch⸗ wandern. Der Zweifel, die Scheu, der erſte Hände⸗ druck, der erſte Kuß— Alles ſollte eben ſo viele Bulwer, Godolphin. 19 286 Erinnerungsepochen abgeben. In Augenblicken ſpäterer Kälte oder Zwiſtigkeiten ſoll die Seele der geſättigten Gegenwart entfliehen und zu Millionen zärtlichen und erforſchenden Erinnerungen der Vergangenheit zurück⸗ kehren. Durch ſolche Erinnerungen verjüngt ſich die Liebe wieder. Welch eine Fuͤlle von ſchmelzenden Be⸗ trachtungen, welche zahlloſe Anhäufung von Zanber⸗ kräften, wodurch die Beſtändigkeit in Kraft erhalten, verwirkt jene Liebe, wo die Erinnerung erſt mit dem Beſitze beginnt! Und je zarter und ſinniger unſere Natur iſt, deſto mächtiger ſind jene Erinnerungen. Bilden ſie nicht den unendlichen Unterſchied zwiſchen der Liebe und der Intrigne? Alles, was jugendlich erſcheint, läßt uns entweder die köſtlichſten Gefühle empfinden oder zu⸗ rückrufen; deßhalb preiſen wir unter den Jahreszeiten beſonders den Frühling, und unter den Herzenser⸗ gießungen die Zeit der Liebeswerbung. So ſchön und zart— ſo phantaſtiſch und friſch in ihrer Zärtlichkeit Lueilla auch war, ſo fehlte es ihr, außer an Erziehung, auch im Charakter an gänz⸗ licher übereinſtimmung mit dem, was Godolphin's Ideal in dem von ihm hervorgerufenen Gebilde der Phan⸗ taſie war. Seine ruhige und tiefe Natur forderte ein Weſen, dem er nicht nur vertrauen, ſondern auf das er ſich durchaus verlaſſen konnte. So lag der ein Hauptreiz, der ihn für Conſtanzen eingenommen hatte, in der Milde und Gleichmäßigkeit ihrer Gemüthsart. Der durch ſich ſelbſt gebildete Geiſt Lucillens war in ſteter, für Godolphin ermüdender Aufregung— be⸗ ſtän ſein Gel maß viel ſtun daß oder wom er f Näh und zu e ande iterer tigten nund urück⸗ ſh die n Be⸗ auber⸗ halten, it dem „ deſto e nicht und der ßt uns der zu⸗ eszeiten zenser⸗ d friſch ehlte es n gänz⸗ *s Idel Phan⸗ erte ein auf das der eine en hatte, nüthsart. war in — 287 ſtändig jagten Thränen und Lächeln einander. Da ſie ſeinen Charakter nicht begriff, ſondern nur an den Geliebten dachte, ſo verlor ſie ſich in allerlei Muth⸗ maßungen und Argwohn, welches zu verbergen ſie viel zu offen und leidenſchaftlich war. Wenn ſie ihn ſundenlang betrachtet hatte, pflegte ſie zu weinen, daß er ſich von ſeinen Büchern nicht zu ihr wendete oder ſie nicht mit eben ſo ſehnendem Blicke ſuchte, womit ſie zu ihm hinüberſchaute. Ihre Furcht, wenn er fern war, ihre Innigkeit, wenn ſie ihn in ihrer Nähe wußte, waren die einzigen Elemente ihres Seins, und ſie fühlte ſich elend, weil ſie nicht Gleiches dafür zu empfangen glaubte. Sie konnte ſich von keiner andern Liebe einen Begriff machen als von der, die ſie fühlte, und täglich und ſtündlich bemerkte ſie, daß Godolphin keine ſolche Liebe zu ihr hegte. So ver⸗ bitterte ſie ſich das Leben durch den Gedanken, ihre Neigung unerwidert zu ſehen. „Du thuſt uns Beiden Unrecht,“ ſagte er als Antwort auf ihre unter Thränen ausgeſprochenen Beſchuldigungen;„denn unſer Geſchlecht liebt anders als das Deine.“ „Ach!“ entgegnete ſie,„ich fühle, daß die Liebe nicht verſchiedenartig iſt: es gibt nur eine Liebe, wenn ſie auch vielleicht viele Nachbildungen hat.“ Godolphin lächelte, indem er dachte, wie die un⸗ geſchulte Tochter der Natur, ohne es zu wiſſen, die glänzendſte Maxime ausgeſprochen hatte. Lucilla be⸗ merkte das Lächeln und ſogleich floſſen ihre Thränen. „Du ſpotteſt meiner.“ 288 „Du biſt eine kleine Thörin,“ ſagte Godolphin freundlich und küßte den Sturm hinweg. Dies war ſtets eine leichte Sache. Es lag nichts Unweibliches oder Mürriſches in Lucillens ungeregelten Stimmungen; ein freundliches Wort— eine herzliche Liebkoſung verſcheuchte dieſelben augenblicklich und ver wandelte ihre Bekümmerniß in Entzücken. Aber die, welche wiſſen, wie widerwärtig beſtändiges Wiederaus⸗ ſöhnen für einen nachdenkenden und gemächlichen Mann iſt, wie Godolphin, der wird die Pein beurtheilen können, die ſelbſt ihre Zärtlichkeit ihm verurſachte. Es liegt etwas Bemerkenswerthes in den Frauen, wenn ſie einmal den Zweck ihres Lebens erreicht haben — nämlich das plötzliche Innehalten der Impulſe ihres Genies!— Zufrieden, die große Magie des Lebens gefunden zu haben, blicken ſie nicht mehr, wie vorher, auf andere geringere Zwecke hin. Daher treffen wir ſo viele, die vor ihrer Verheirathung uns durch ihre Talente zur Bewunderung hinreißen, nach der Vermählung aber zu einer bloßen Maſchine werden. Wir wundern uns, daß wir je den Glanz eines Geiſtes fürchteten, indem wir ihn hochprieſen, der jetz nimmer die Grenzen des Hauſes und Herdes über⸗ ſchreiten zu wollen ſcheint. Das war der Fall der armen Lucilla. Ihre innere Raſtloſigkeit und ihr feuriges Gemüth hatten ehedem jeden Gegenſtand in ihrem Bereiche erfaßt— ſie hatte ſich ſelbſt in der Muſik und in der Zeichenkunſt unterrichtet, kein Buch war ihr in die Hände gekommen, ohne daß ſie ge⸗ ſucht, eine neue Idee aus demſelben hervorzuholen⸗ und klar eine nicht direr ein G erwit er ül Glüc Kind von lich nie ohne miſch Luft Liebl gen müt Verz olphin nichts egelten erzliche nd ver er die, deraus⸗ chlichen theilen achte. Frauen, thaben mpulſe gie des hr, wie r treffen s durch rach der werden. Geiſtes er jetz s über⸗ Fall det und ihr ſtand in in der in Buch ſie ge⸗ zuholen 289 Jetzt aber war ſie bei Godolphin, und jede andere Griſtesbeſchäftigung hatte keinen Reiz mehr für ſie; ihr verlangte nach nichts, als nach ſeiner Liebe; ſie wünſchte nichts mehr kennen zu lernen, als nur ſeinen Charakter. Gopolphin war der Kreis ihres Hoffens und ihr Herz der Mittelpunkt dieſes Kreiſes. Es iſt klar, daß dieſe Innigkeit ihr hinderlich war, ſich zu einer Lebensgefährtin geſchickt zu machen; ſie war nicht bemüht, ſich auszubilden, ſondern ihn zu ſtu⸗ diren. So lag in ihrer außerordentlichen Liebe noch ein Grund, warum dieſe Liebe nicht in gleichem Maße erwidert wurde. Aber Godolphin fühlte alle Verantwortlichkeit, die er übernommen, fühlte, wie ſo ganz und gar das Glück dieſes armen und einſamen Kindes— denn Kind war ſie an Charakter und faſt noch an Jahren— von ihm abhing. Er vermied daher ſo viel als mög⸗ lich ſeine gewohnte Selbſtſucht und gab ſelten oder nie Veranlaſſung zu jener Aufregung, in die ſie ſich, ohne es zu wiſſen, beſtändig verſetzte. Das balſa⸗ miſche und köſtliche Klima, die klare Heiterkeit der Auft, die majeſtätiſche Ruhe, womit die Natur die Lieblichkeit bekleidete, die ihre Wohnung umgab, tru⸗ gen zur Beſänftigung und Beruhigung ſeines Ge⸗ müthes bei. Auch hatte er Lucilla bewogen, ohne Verzweiflung ſeine gelegentliche doch nur kurze Ab⸗ weſenheit zu betrachten. Dann und wann brachte er zwei oder drei Wochen in Rom, Neapel oder Florenz zu. Er wußte nur zu wohl, wie nothwendig ſolche Zwiſchenzeiten der Abweſenheit zur Erhaltung der Liebe 290 ſind, um jene Sättigung zu vermeiden, die uns in der Gewohnheit beſchleicht. So hatte er ſeine kleinen Ausflüge als eine Nothwendigkeit, wiewohl jedesmal unter dem Vorwande von Geſchäften erzwungen Dies war eine Ausrede, die Luecilla nicht verſtehen und der ſie ſich nicht widerſetzen konnte, denn das Wort Geſchäft war ihr gleichbedeutend mit Schickſal — deſſen Rufe wir, wie gehäſſig er uns auch ſein möge, nicht ungehorſam ſein dürfen. Anfangs wer ſie freilich troſtlos über eine Abweſenheit von wenigen Tagen; aber als ſie ſah, wie herzlich ihr Geliebter zurückkehrte, mit welchem neuen Zauber er ihrer Rede oder ihrem Geſange lauſchte, geſtand ſie, daß ſelbſt ein Uebel Gutes enthalten könne. Nach und nach gewöhnte er ſie an längere Zwi⸗ ſchenzeiten, und Luecilla vertrieb ſich die langweilige Zeit mit tauſend kleinen Plänen und überraſchungen, womit Frauen den geliebten Wanderer nach einer Abweſenheit ſo gerne empfangen. Seine Abreiſe war ein Signal zu einer Veränderung im Hauſe, in Garten und in der Sommerlaube; und wenn ſie dieſer Beſchäftigungen überdrüſſig war, ſo konnte ſie ju immer noch an ihn ſchreiben, um Briefe von ihm ju erhalten. Tägliche Berauſchung! und der Männer Worte ſind geſchrieben ungleich freundlicher als ge⸗ ſprochen! Glücklicherweiſe konnte ſich Lucilla, ver⸗ möge ihrer früheren Gewohnheiten und der ſeltſamen Eigenſchaften ihres Geiſtes, der Einſamkeit hingeben und ohne geſelligen Umgang leben. Oft pflegte Godolphin zu ſagen, der nicht be⸗ uns in kleinen desmal ungen rſtehen nn das chickſal ich ſein gs war venigen eliebter er Rede ſui ere Zwi⸗ gweilige chungen, ich einer eiſe war uſe, im ſie dieſer te ſie ju ihm änner als ge⸗ lla, ver⸗ ſeltſamen hingeben nicht be⸗ 291 greifen konnte, wie Perſonen ohne Erziehung ſich nit ſich ſelber unterhalten können, und ihre Einſam⸗ keit und Abgeſchiedenheit bemitleidete:„Aber wie, Ln⸗ eilla, haſt Du dieſen langen Tag hinbringen können, den ich fern von Dir verlebte?“ Dann freute ſich Lueilla, ihm die Geſchichte jeder Stunde zu erzählen, dabei keines noch ſo unbedeuten⸗ den Umſtandes zu vergeſſen und ihm jeden Gedanken mitzutheilen, der ihr eingefallen war, und zwar mit ſo ernſter und würdevoller Genauigkeit, daß deutlich daraus hervorging, wie ſie wohl der Welt entbehren konnte. Auf ſolche Weiſe verlebten ſie etwas mehr als zwei Jahre, und dieſer Zeitraum war, ungeachtet der tödtlichen Langweile, vielleicht der glücklichſte in Godolphin's ganzem Leben; wenigſtens fand ſich wäh⸗ rend derſelben ſeine hochfliegende Phantaſie am we⸗ nigſten getäuſcht. Lueilla hatte eine Tochter gehabt, die aber wenige Wochen nach der Geburt geſtorben war. Sie weinte über die geknickte Blüte, war aber nicht untröſtlich; denn ſchon vor dem Verluſte derſelben hatte ſie ſich an den Gedanken gewöhnt, es könne keine Betrübniß, die Godolphin nicht traf, unheilbar ſein. Vielleicht empfand Godolphin mehr Schmerz über den Verluſt des Kindes. Männer von ſeinem Charakter beſchäftigen ſich gern damit, die Entwickelung der Seelenkräfte zu beobachten— ſie bringen dann ihre Erziehungschimären in An⸗ wendung. Glückliches Kind, welches einem ſolchen Erperimente entging! 292 Es war am Abend vor einem der kurzen Aus⸗ ſlüge Godolphin's, und er hatte diesmal die Abſicht, Nom zu beſuchen. Er hatte bis Sonnenuntergang am See verweilt, und Lueilla, die ungeduldig wurde, ging aus, ihn aufzuſuchen. Das Wetter war ſchwül geweſen, und jetzt hatte ſich der Abend in düſterer und athemloſer Ruhe niedergeſenkt. Die Pinien, dieſe düſtern Kinder des Waldes, die den helleren Zügen einer italieniſchen Landſchaft etwas Schwer⸗ müthiges und Finſteres verleihen, ſtanden unbewegt in der ſtillen Luft. Als ſie an den Rand des Sees kam, ruhten die Wogen düſter und lautlos; und zu⸗ weilen ſpielte das Waſſer an dem Kieſelgrunde des Ufers dahin, ſo daß es hohl und ſchauerlich klang, oder aus den Zweigen der Bäume ſcholl der verein⸗ zelte Ton eines befiederten Sängers; dann aber wurde Alles wieder zu einer athemloſen Atmoſphäre und zu einem ſchlummernden Schweigen. Am Ufer war eine Stelle, wo die Bäume einen Kreis bildeten und einige ungeheure Steintrümmer vom Grün unbedeckt dalagen— die einzige Stelle, die nicht mit der reichen und üppigen und dem milden Charakter derſelben harmonirte. Wollte ich eine phantaſtiſche Verg gleichung anwenden, ſo würde ich ſagen, daß ſie einer verlaſſenen und grauen Er⸗ innerung in der Mitte einer Laufbahn des Vergni⸗ gens glich. An dieſer Stelle ſtand jetzt Godolphin allein und blickte über das ſtille und purpurne Waſſer hin, welches vor ihm lag. Leichten Schrittes klomm Lucilla die rauhen Steine hinan, berührte Godolphin's geſt pro thür Dir inde Pun gehü „ich Licht Ans⸗ bſicht, rgang vurde, ſchwül iſterer inien, elleren chwer⸗ bewegt Sees nd zu⸗ de des klang, verein⸗ wurde und zu e einen ümmer Stelle, aft und Wollte würde en Er⸗ ergnü⸗ dolphin Waſſer klomm olphin's 293 Schulter und machte ihm ſcherzende Vorwürfe über ſein langes Ausbleiben. „Lucilla,“ ſagte er, als der Friede wieder her⸗ geſtellt war,„welchen Eindruck bringt dieſe öde und prophetiſche Pauſe in der Natur vor dem ſich auf⸗ thürmenden Ungewitter auf Dich hervor? Flößt ſie Dir Schwermuth, Nachdenken oder Furcht ein?“ „Ich ſehe meinen Stern,“ antwortete Lucilla, indem ſie auf einen fernen und einſam leuchtenden Punkt deutete, der wie in eine See von Wolken ein⸗ gehüllt war, die langſam und ſchwarz daherwogte— „ich ſehe meinen Stern, und denke mehr an das kleine Licht deſſelben als an die ihn umgebende Dunkelheit.“ „Aber er wird bald von Wolken umhüllt ſein,“ verſetzte Godolphin, indem er den Aberglauben be⸗ lächelte, den Lueilla von ihrem Vater geerbt hatte. „Die Wolken ziehen vorüber, aber der Stern hleibt.“ „Du biſt ſangniniſcher Natur, meine Lueilla!“— Lneilla ſeufzte. „Warum dieſer Seufzer, Theuerſte?“ „Weil ich bedenke, wie wenig uns ſelbſt die ken⸗ nen, die uns am meiſten lieben! Ich äußere meine Unruhe und Bekümmerniß niemals. Es gibt Stun⸗ den, wo Du mich für keine große Anhängerin der Foffnung halten würdeſt!“ „Und was hätteſt Du, arme Unbefangene, denn zu fürchten?“ „Haſt Du nie die Möglichkeit gefühlt, daß Du mich weniger als jetzt lieben könnteſt?“ 294 „Niemals!“ Lucilla erhob ihre großen forſchenden Augen und ſah ihm feſt ins Geſicht, doch in ſeinen ruhigen Zügen und auf ſeiner heitern Stirn ſah ſie keinen Grund, weder zu guter noch zu ſchlimmer Vorahnung. Sie wendete ſich ab. „Ich kann mir nicht denken, Lucilla,“ ſagte Go⸗ dolphin,„daß Du je Deine Gedanken, wie wild die⸗ ſelben auch umherſchweifen mögen, dem Zukünftigen zuwendeſt. Blickſt Du je über einen Zeitraum von zehn oder zwanzig Jahren hinaus?“ „Nein. Aber ein Jahr kann die ganze Geſchichte meiner Zukunft enthalten.“ Während ſie ſprach, zogen ſich die Wolken um den Stern zuſammen, auf den Lueilla hingedeutet hatte. Das Gewitter war nahe; ſie fühlten die An⸗ näherung deſſelben und wendeten ſich nach Hauſe. Es liegt etwas ungewöhnlich Schauerliches in den Gewittern, die jene lieblichen, paradieſiſchen Gegen⸗ den heimſuchen. Das Seltene ſolcher heftigen Ver⸗ änderungen in der Stimmung der Natur dient dazu, uns wie durch eine Vorbedentung zu erſchrecken. Es gleicht einer plötzlichen Betrübniß mitten im Glück — oder einer Wunde von der Hand eines Geliebten. Denn der Streich, auf den wir nicht vorbereite ſind, bringt uns eher zur Troſtloſigkeit als zum Wi⸗ derſtande. Als ſie ihre Wohnung erreichten, begannen ſchwer Regentropfen zu fallen. Sie ſtanden einige Minuten am Fenſter und beobachteten das Zucken der Bliße übe eille und blei bei nah Sch das Luei dem zu i legt und higen keinen nung. e Go⸗ ld die⸗ ftigen n von ſchichte en um edeutet ie An⸗ iuſe. in den Gegen⸗ n Ver⸗ t dazu, n. Es Glück liebten. bereitet um Wi⸗ ſchwer Minuten r Bliß 295 über den ſchwarzen wogenden Waſſern des Sees. Lu⸗ eilla, die ſtets von den Naturerſcheinungen ſeltſam und geheimnißvoll ergriffen wurde, klammerte ſich bleich und faſt zitternd an Godolphin, doch ſelbſt bei ihrer Furcht lag Entzücken für ſie darin, ihm nahe zu ſein, in deſſen Liebe allein, wie ſie glaubte, Schutz für ſie vorhanden ſei. O! welche Wonne liegt für das Weib in dem Gedanken ihrer Abhängigkeit! Arme Lucilla! Dieſer Abend war der letzte, den ſie je mit dem zubrachte, den ſie von ganzem Herzen verehrte. Godolphin blieb länger auf als Lucilla; als er zu ihr ins Zimmer trat, hatte das Gewitter ſich ge⸗ legt und er fand die Geliebte am offenen Fenſter, wie ſie zu dem jetzt heitern Himmel aufblickte. Fern in tiefer Nachtſtille ruhten die Waſſer des Sees, die wieder zum Schweigen gebracht waren, und ſpiegelten die feierlichen und unergründlichen Sterne ab. Im Hintergrunde erſtreckte ſich jene Hügelkette, deren bloßer Name zahlloſe Erinnerungen erweckt— ihre blauen und unklaren Gipfel verſchmolzen mit dem Himmel, und über einer der höchſten Höhen ſtand der eben aufgegangene Mond, verſilberte die Föhren am Abhange und warf tiefer hinab einen langen und ſanfteren Lichtſtrahl auf die Fluten des Sees. Godolphin näherte ſich ihr, ohne es ſelber zu wiſſen, mit ſtillem, geräuſchloſem Schritte. Es liegt eine Art von Verehrung in der Stille der Natur, wie wenn aus dem athemloſen Herzen der Dinge ein Gebet oder eine Verehrung zum Allvater emporſteigt. Beide blickten ſchweigend hinaus und gaben ſich 296 verſchiedenen Gedanken hin. Endlich ſprach Lucilla in ſanftem Tone:„Sage mir, hältſt Du es wirklich nicht mit meines Vaters Glauben? Sind die Sterne völlig ſtumm? Iſt keine Wahrheit in ihren Bewe⸗ wegungen— kein Gold in ihrem Glanze?“ „Meine Lueilla, Vernunft und Erfahrung ſagen uns, daß die Aſtrologen ſich einem weſenloſen Traum hingeben.“ „Vernunft! mag ſein!— Erfahrung— wie? trieb Deines Vaters tödtliche Krankheit Dich nicht in eben jener Zeit von uns, als mein Vater Deine Abreiſe und die Urſache derſelben vorherſagte? Ich war damals noch ein Kind; doch werde ich nie die Bläſſe Deiner Wangen vergeſſen, als mein Vater feine Prophezeihung ausſprach.“ „Auch ich war damals faſt noch ein Kind, Lueilla.“ „Aber jene Prophezeihung traf ein?“ „Es war ſo; doch wie Vieles ſprach Volktman aus, was ſich nicht beſtätigte? Die wahre Wiſſen⸗ ſchaft weiß nichts von Zufälligkeiten und Ungewiß⸗ heiten.“ „Und mein Vater,“ ſagte Lucilla, ohne auf ſeine Antwort zu achten,„prophezeihte ſtets, daß Dein Ge⸗ ſchick mit dem meinigen verwoben ſei.“ „Und dieſe Prophezeihung beſtimmte Dich viel⸗ leicht zu Deinen Handlungen. Du würdeſt mich viel⸗ leicht nie geliebt haben, wenn Deine Gedanken nicht durch die Weiſſagung auf mich gelenkt wären.“ „O nein, ich dachte an Dich, ehe ich die Pro⸗ phezeihung hörte.“ flüſte mach ab. je z war unger Aucil umhe vlätſ Geda Einſe mal Reiz das Inter die S ſo ge hätte. deren Gott jede 2 neilla rklich terne Bewe⸗ ſagen raum wie? nicht Deine Ich nie die Vater eilla.“ ktman iſſen⸗ gewiß⸗ f ſeine in Ge⸗ hviel⸗ ch viel⸗ n nicht . e Pro⸗ 297 „Aber Dein Vater, Theuerſte, prophezeihte mir Hinderniſſe und Täuſchungen in der Liebe— hatte er nicht Unrecht? Bin ich nicht geſegnet durch Dich?“ Lucilla warf ſich in die Arme ihres Geliebten und üſterte, ihn küſſend:„O, wenn ich Dich glücklich machen könnte!“ Am nächſten Tage reiste Godolphin nach Rom ab. Lucilla war beim Abſchiede von ihm troſtloſer als je zuvor. Der Winter nahte jetzt heran, das Wetter war kalt und unfreundlich. Jenes Jahr war überhaupt ungewöhnlichregnicht und ſtürmiſch, und wenn der Wind Lucilla's einſame— jetzt vollends einſame Wohnung umheulte und die ſchweren Regentropfen in den See vlätſcherten, da ſchauderte ſie vor ihren eigenen trüben Gedanken zurück, und fürchtete das Duſter und die Einſamkeit der immer längeren Nächte. Zum erſten⸗ mal ſeit ihrer Vereinigung mit Godolphin wendete ſie ſich der Geſellſchaft der Bücher zu— aber mit troſtloſen Empfindungen. Werke aller Art waren im Hauſe, doch der frühere Reiz war den Büchern für ſie entſchwunden. Wenn das Buch nicht von Liebe händelte, ſo hatte es kein Intereſſe— handelte es von Liebe, ſo ſchien ihr die Schilderung matt und falſch. Keiner hat die Liebe ſo geſchildert, daß ſie einem Andern völlig genügt hätte. Einigen iſt die Schilderung zu üppig, An⸗ deren zu alltäglich; gleich andern Göttern hat der Gott der Liebe nicht Seinesgleichen auf Erden, und iede Welle, die der Stern der Leivenſchaft beſtrahlt, 298 bricht ſeinen Glanz in verſchiedenen Schattirungen des Lichtes. Als ſie eines Tages gedankenlos einige Bücher durchblätterte, die Godolphin in einem abgeſonderten Schranke aufgeſtellt hatte, und von denen ſie hoffte, es möchten in dem einen oder dem andern, wie dies bisweilen der Fall war, ſich Bemerkungen von ſeiner Feder finden, erſchrack ſie ein wenig, als ſie mehrere Bände bemerkte, die, wie ſie ſich erinnerte, ihrem Vater gehört hatten. Govolphin hatte ſie nach Volkt⸗ man's Tode gekauft und ſie ſowohl als Reliquien ſeines verſtorbenen Freundes, als auch wie Proben von der ſeltſamen Verirrung des menſchlichen Geiſtes aufbe⸗ wahrt. Wenige von dieſen Werken konnte Lucilla verſtehen, denn ſie waren größtentheils in andern Sprachen ge⸗ ſchrieben als den beiden, die ſie verſtand. Aber ſi fand unter ihnen Handſchriften, ſorgfältig von der Hand ihres Vaters geſchrieben und verziert— einige von den Hauptwerken über die eitleren Wiſſenſchaften, die überhaupt nur handſchriftlich vorhanden ſind. Sie konnte einige derſelben mit Hülfe ihres Gedächtniſſes entziffern, indem ſie ſich die Zeichen und Hieroglyphen vorſtellte, die ihr Vater ihr oft erklärt hatte; ja, die ſie bei ſeinen Berechnungen ihm oft hatte copiren müſſen. Da ſie ſtets einen unerwogenen und unbe⸗ zweifelten Glauben an die Macht der Geſtirne gehegt W hatte, ſo intereſſirte es ſie jetzt, von den Myſterien derſelben zu leſen. Ihr Vater, der vielleicht insgehein gehofft hatte, ſeinen Namen der Dankbarkeit eine Herz gedrü künft Ther men die ſe als d den„ und e Grün und! T verhä tigun und A und i führli Zeit wiſſen liebt, dern ungen Bücher derten hoffte, ie dies ſeiner nehrere ihrem Volkt⸗ ſeines on det aufbe⸗ rſtehen, hen ge⸗ lber ſie on der —einige ſchaftun, nd. Sie chtniſſes glyphen ja, dir copiren d unbe⸗ e gehegt yſterien isgehein eit eine 299 lünftigen Hermes zu überliefern, hatte viele zerſtreute Theorien Anderer und viele von ſeinen eigenen Dog⸗ men in dieſen Handſchriften ſyſtematiſch aufgeſtellt. über dieſe Schriften nun, da ſie einfacher und faßlicher waren als die verwickelten und myſtiſchen Unterſuchungen in den gedruckten Werken, ſann Lucilla beſonders nach, und es gereichte ihr durchaus nicht zum Kummer, neue Gründe für ihre ungeregelte Verehrung der Geſtirne und der Himmelserſcheinungen zu finden. Dennoch bildeten dieſe verwirrenden Forſchungen verhältnißmäßig nur einen kleinen Theil der Beſchäf⸗ tigung ihrer Gedanken. An Godolphin zu ſchreiben und Briefe von ihm zu leſen war ihr nöthiger als je, und ihre Briefe an ihn ſprachen ſich inniger und aus⸗ führlicher über ihre Liebe aus, als es in der erſten Zeit ihrer Leidenſchaft geſchehen war. Möchteſt du wiſſen, ob das Weib, das du liebſt, dich noch immer liebt, ſo traue nicht ihren geſprochenen Worten, ſon⸗ dern prüfe in Abweſenheit ihre Briefe; ſieh, ob ſie, wie früher, bei Kleinigkeiten, aber bei Kleinigkeiten, die dich betreffen, verweilt. Dinge, die die Gleichgül⸗ tige vergißt, gehören zu den köſtlichſten Betrachtungen der Liebe. Aber Lucilla war mit den Briefen— ſo zahlreich dieſe auch waren— die ſie als Antwort erhielt, nicht zufrieden. Sie waren freundlich und liebevoll, aber es fehlte ihnen dennoch etwas.„Das Beſte am Schönen iſt das, was kein Bild darzuſtellen vermag.“ Was das Herz am meiſten fordert, kann nie durch Worte aus⸗ gedrückt werden. Redlichkeit— Patriotismus— Reli⸗ 300 gion— ſie haben für das ganze Leben ihre Heuchler gehabt— aber die Liebe geſtattet nur eine augen⸗ blickliche Heuchelei. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Gobolphin in Rom— Die Heilung eines kränkelnden Idealis⸗ mus— Seine Verlegenheit in Betreff Lucilla's— Das Be⸗ gegnen eines alten Freundes— Das Coloſſeum— Eine Ueberraſchung. Godolphin kam in Rom an— es war mit Eng⸗ ländern überfüllt. Unter ihnen waren einige, deren er ſich von England her mit Achtung erinnerte. Er war ſeiner langen Einſamkeit ein wenig überdrüſſig geworden und miſchte ſich jetzt mit Lebhaftigkeit unter die Geſellſchaft derer, die ihm den Hof machten. Noch immer war er für die Müßigen ein Gegenſtand hohen Intereſſes, und wenn man älter wird, kann man weniger der Aufmerkſamkeit entbehren. Es freute ihn, daß er noch für wichtig galt, und er koſtete die Süßigkeiten des geſelligen Umganges mit mehr Wohlgeſchmack a je. Seine Talente, die bisher in Dunkel begraben ge⸗ weſen und durch Lucilla's Geſellſchaft nicht waren angl⸗ regt worden, ſahen ſich jetzt zu ſteter Thätigkeit er⸗ muntert und durch Lob belohnt. Es hatte ihm wi vorher ſo ſüß geſchienen, zu glänzen, denn er war mit demſelben Vergnügen ſchon früher geſättigt worden⸗ Jetzt, nach langer Pauſe, ſprach ihn dieſes Vergnügen mehr als je an, denn es war ihm neu— die Eit⸗ keit hatte ihre ſcharfſichtige Wahrnehmung wieder z⸗ laut Phe ſein Reſi wirk ihm dung Geſt lings Gvet ſpam ſpam 6 ſeine Gefü euchler angen⸗ Idealis⸗ as Br⸗ Eine Eng⸗ „deren te. Er rdrüſſig it unter . Noch d hohen weniger daß er jigkeiten mack als aben gi⸗ en ange⸗ gleit er⸗ ihm nie er war worden⸗ rgnügen ieder er⸗ 301 laugt. Er gab ſich nicht mehr Traumbildern hin. Seine Phantaſie hatte er durch ſeine lange Einſamkeit und ſeine wilde Genoſſin genährt, und da er ſich in dem Reſultate ein wenig getäuſcht fühlte, ſo wurde die wirkliche Welt für ihn eine ſchönere Anſicht als ſie ihm geſchienen hatte, während die Welt der Einbil⸗ dung ihm bevölkert war. Nichts ſichert ſo ſehr die Geſundheit des Geiſtes, als wenn man ſeine Lieb⸗ lingsſchwäche ihrer eigenen Heilung überläßt. So ſagt Goethe über Werther:„Die Abfaſſung jenes über⸗ ſpannten Werkes ſicherte mein Gemüth vor über⸗ ſpannung.“ Godolphin dachte oft an Lucilla, aber mit dieſer ſeiner Erinnerung vereinte ſich, wenn anders das wahre Gefühl ſeines Herzens ihm je kund wurde, eine ge⸗ wiſſe peinigende und demüthigende Regung. Mit Lu⸗ eilla hatte er freilich ein romantiſches, aber auch etwas verweichlichtes Leben geführt, und er kam ſich jetzt,. umwogt von der munteren und erfriſchenden Strö⸗ mung der Welt, in ſeiner Romantik nicht wenig albern vor. Er hegte kein drängendes Verlangen, zu dem ſtillen See und den düſtern Pinien zurückzukehren— er fühlte, daß Lucilla nicht hinreichte, eine Welt um ihn zu bilden. Er hätte ſie mit nach Rom bringen und öffent⸗ licher als bisher mit ihr leben, kurz, ihre Geſellſchaft mit der mehr Erholung bietenden Zerſtreuung der Welt vereinigen mögen; doch in ſeiner delikaten Phantaſie ſtellten ſich dieſem Plane viele Hinderniſſe entgegen. So neu wie Lucilla für die Welt, ſo unbewandert in den Gebräuchen und Sitten derſelben, ſo ſeltſam und Bulwer, Godolphin. 20 302 indlich ſie in Allem war, bebte er vot dem Gedanken ſch zurück, ihre Uerfahrenheit den ihr drohenden Gefahren der auszuſetzen. Er wußte, daß ſeine Freunde ver Zurück⸗ nic haltung Lucilla's wenig Hochachtung ſchenken würden, gät und daß einer ſo Lieblichen und Argloſen von den tra ſchlaueſten und ſubtilſten Jüngern der Intrigue Schlin⸗— gen in Menge würden gelegt werden. Godolphin ſchätzte beſt vollkommen Lueilla's reines und inbrünſtiges Herz; die doch er wußte auch, daß das einzige Gegengift gegen des die Gefahr in der Welt die Kenntniß der Welt iſt. erw Doch in Lueilla war nichts, was zu der Vermuthung wür führen konnte, daß ſie je eine ſolche Kenntniß erlangen müt werde; ihr ganzes Weſen ſchien auf ihrer Unbekannt⸗ derg ſchaft mit der Natur Anderer zu beruhen; fügt man zu zu l dieſer Furcht und zu einem ſolchen unklaren Gefühl und Zartſinn eine gewiſſe Reue in ihm, ſo ſieht man ein, daß es ihm zuwider ſein mußte, ſein Verhältniß zu Lucilla den Angen der neugierigen und boshaften Well offen darzulegen. Umſtände und Lucilla's eigenwillige Sinnesart und unberechnende Liebe hatten weſentlich dazu hingewirkt, das arme Mädchen in ſeine Arme zu werfen, und edelmüthig hatte er ſich ſo lange uneigen⸗ nützig gezeigt, bis Leidenſchaft und Natur einer Ver⸗ ſuchung preisgegeben wurden, der Keiner, als nur ein Anhänger ernſterer Grundſätze als er, das Geſchöpf der Gemächlichkeit, es war, hätte widerſtehen können. Be⸗ trachten wir Godolphin aus dieſem Geſichtspunkte, blicken wir auf ſeine Erziehung, auf die Anlagen und die Ausbildung ſeines Geiſtes, ſowie auf die Gebräuche und die Schätzung der Welt, ſo dürfte über die Be⸗ anken ahren urück⸗ irden, n den nan zu hl und in ein, niß zu Welt willige ſentlich rme zu eigen⸗ r Ver⸗ mr ein öpf der n. Be⸗ blicken nd die räuche ie Be⸗ 303 ſchaffenheit ſeines Verhältniſſes zu Luecilla nicht beſon⸗ ders ſtrenge zu urtheilen ſein. Inzwiſchen will ich ihn nicht entſchuldigen; ja, er ſelbſt entſchuldigte ſich nie gänzlich vor ſeinem eigenen Herzen. Volktman's Bild trat ihm oft und ſtets vorwurfsvoll vor die Seele⸗ So lange er mit Lucilla an einem nur von Italienern Orte lebte, wo man ſo nachſichtig gegen ie Liebe iſt, und wo das Geflüſter der Schande weder 1. Mädchens Ohr erreichen, noch Godolphin's Reue erwecken konnte, erſchien ihre Lage Beiden nicht ent⸗ würdigend, und die Reinheit des mädchenhaften Ge⸗ müthes Lueilla's ließ nicht einmal einen Gedanken an dergleichen aufkommen. Doch ſie in die Offentlichkeit zu bringen— ſie bei ſeinen Landsleuten einzuführen — und zu fühlen, daß das edle, liebevolle Mädchen, welches jetzt von keiner Sünde wußte, von engliſchen Augen, im Prunken mit Laſter oder mit Gelde, als die Verlaſſenſte und Elendeſte ihres Geſchlechts würde betrachtet werden— dieſer Gedanke war ihm uner⸗ träglich, und eher, meinte er, könne er ſein Leben in Einſamkeit hinbringen, als jenes erdulden. Dieſes Gefühl brachte ihn aber in Betreff Lueilla's in große Verlegenheit, während ſich das Bild der Geliebten mit dem Gedanken an eine beſchwerliche Abgeſchloſſenheit und eine ewige Langeweile verband. Von dem Gedanken an Lucilla, der mit vielen widrigen Nebenideen vereint war, wendete ſich Godol⸗ phin mit Begierde den leichten Lebensgenüſſen zu— Genüſſen, die keine Sorge erfordern und ſich der Mühe des Nachdenkens überheben. 304 Unter den in Rom anweſenden Fremden gewährte keiner Godolphin größeres Vergnügen als ſein alter Freund Auguſt Saville. Verſchlimmerter Geſundheits⸗ zuſtand und beſonders ein Lungenleiden hatten den vollendeten Wüſtling zu einem wärmeren Klima ge⸗ trieben. Das Begegnen der beiden Freunde war höchſt charakteriſtiſch. Es war eine Abendgeſellſchaft in einem engliſchen Hauſe. Saville hatte dort einen Whifttiſch arrangirt. „Sehen Sie, Saville, dort iſt Ihr alter Freund Godolphin!“ rief der Wirth, der dem Spiele zuſah und die Gelegenheit abwartete, darein zu reden. „St!“ ſagte Saville,„lenken Sie ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit nicht eher auf mich, als bis ſich das Spiel entſchieden hat!“ Ungeachtet dieſer Kälte war Saville doch ſehr er⸗ freut, ſeinen ehemaligen Zögling zu treffen. Er zog ſich mit ihm in einen Winkel des Zimmers zurück und ſprach mit ihm vom Treiben der Welt. Godolphin lenkte das Geſpräch auf Lady Erpingham. „Ach!“ ſagte Saville,„aus Deiner Frage un noch mehr aus dem Tone Deiner Stimme erkenne ich, daß Du, obgleich Du ſie ſeit Jahren nicht geſehen, dennoch bei Deiner Empfindung— bei Deiner Schwäche beharrſt— ah! bah!“ „Pah!“ ſagte Godolphin;„ich bin ihr Rache, keine Liebe ſchuldig. Aber Erpingham— liebt ſie ihn! Er iſt ſchön?“ „Erpingham? Wie— hörteſt Du nicht?“ „Was denn?“ an we mi Tu vährte talter dheits⸗ n den na ge⸗ höchſt einem iſttiſch Freund zuſah en. ufmerk⸗ Spiel ehr er⸗ Er zog ück und dolphin ge und nne ich, geſehen, chwäche e, keine ihn 305 „O nichts; doch entſchuldige, ſie erwarten mich am Kartentiſche. Ich bliebe gern bei Dir, aber Du weißt, man ſoll nicht egviſtiſch ſein, und das Spiel müßte aufhören, wenn ich mich davon entfernte. Keine Tugend ohne Aufopferung— he?“ „Nur einen Augenblick. Was iſt's mit den Er⸗ pinghams? Sind ſie im Streit?“ „Streit— bah! Streit— nein. Ich kann wohl ſagen, ſie liebt ihn jetzt mehr als je.“ Und Saville hinkte zum Whiſttiſche. Godolphin blieb eine Zeitlang zerſtreut und ge⸗ dankenvoll ſtehen. Endlich, als er ſich entfernen wollte, blickte Saville, dem das Spiel nicht zuſagte, weil er kein Glück und keinen guten Mitſpieler hatte, zu ihm auf und winkte ihn zu ſich. „Godolphin, mein lieber Junge,“ ſagte er,„ich habe morgen eine Dame— eine Wittwe— eine reiche und hübſche Wittwe— zu begleiten, um die Löwen zu ſehen. Aus Barmherzigkeit, geh mit uns doder erwarte uns im Coloſſeum. Das klingt einladend— he? um zwei Uhr!“ Godolphin weigerte ſich anfangs, willigte aber endlich ein. Nicht umringt von der geringeren Glorie des modernen Roms, ſondern umgürtet von der mächtigen Einſamkeit der alten Stadt des Romulus, erhebt ſich das wundervollſte Monument in der Welt der kaiſer⸗ lichen Pracht— das flavianiſche Amphitheater, welches, wie man glaubt, durch die koloſſale Bildſäule des ſchlechteſten aller Kaiſer, ſeinen Namen Coloſſeum 306 erhielt, und obgleich es mit am wenigſten veredelnden Erinnerungen vereint iſt, dennoch die erhabenſten Ge⸗ danken anregt. Die am wenigſten veredelnden Erin⸗ nerungen, ſagte ich— denn was kann entwürdigender ſein, als die Beluſtigungen eines entwürdigten Volks, das Milde von ſeinen Thrannen forderte und thieriſche Wildheit bei ſeinen Schauſpielen zeigte? Vom Blute des wilden Thiers bis zu dem des chriſtlichen Märtyrers iſt Blut die alleinige Weihe dieſes Tempels der Künſte geweſen. Die Geſchichte der Vergangenheit brütet über dieſen mächtigen Bogen; aber das Gedächtniß kann keine Erinnerung auffinden, die der Stelle würdig wäre. Das Amphitheater wurde erſt erbaut, als die Geſchichte ein Verzeichniß der Laſter und Erniedri⸗ gung des Menſchengeſchlechts geworden war. Der Faun und die Dryade waren vom Erdboden entwichen kein holder Aberglaube, der Glaube der Grotte und des begrünten Hügels, verlieh dem Thun des Men⸗ ſchen einen zarten und nimmer ſterbenden Zauber. Auch vermochten die rauheren, aber erhabenen Tugen⸗ den des Heldenzeitalters nicht, der Sage des Bogens und der Säule irgend eine aufregende Erinnerung oder einen erhebenden Gedanken zu verleihen. Nicht mur die Glut der Phantaſie, ſondern auch die Größe der Seele war dahin; der alleinige Triumph, der dem Genie noch geblieben ſein mochte, war, auf ſeinen Blättern die düſtern Laſter zu verzeichnen, die die Annalen der Welt ausmachten. Tacitus iſt der Hiſt⸗ riker des Coloſſeums. Allein eben die Dunkelheit des Vergangenen verleiht den in jenem ungeheuren Ge⸗ für blit hal ſelk bog und ſchi Ber und lnden Ge⸗ Frin⸗ ender zolks, riſche Blute yrers nſte t über kann ürdig ls die iedri⸗ Der ichen; e und Men⸗ auber. ugen⸗ gen g oder t ner ße der r dem ſeinen ie die Hiſto⸗ eit des n Gl⸗ 307 bäude aufſteigenden Gedanken einen kühnen, wiewohl trauervollen Charakter. Ein Gefühl des Ungeheuren, wofür wir beim Anblick keine Worte finden können, das uns jedoch Gedanken zuführt, zu denen unſere höheren Fähigkeiten uns nicht leiten möchten, beſchleicht uns, während wir auf die Titanenreliquie gigantiſcher, für immer von der Erde entſchwundener Miſſethaten blicken. Und welche Stimmen ſchweben nicht bloß inner⸗ halb dieſes Schauplatzes, ſondern auch rings um den⸗ ſelben her auf den Fittigen der Luft? Jener Triumph⸗ bogen Conſtantins, mit ſeinen korinthiſchen Arkaden, und die in ſeinen marmornen Bogen eingehauene Ge⸗ ſchichte Trajan's, das dunkle und düſtere Grün des Berges Palatium, des Berges der Fabel, des Ruhms und der üppigkeit(der drei Epochen der Nationen), die Behauſung Saturn's, die Wohnung Cicero's, die Stätte des goldenen Hauſes Nero's! Blickt euch zu Füßen, blickt um euch her— das wehende Gras, die zerbrochene Säule— die Zeugen der Zeit und des Erd⸗ bebens! In jenem Contraſte zwiſchen der Größe und dem Verfall,— in der unbeſchreiblichen und ſchauerlichen Feierlichkeit, die von Erinnerungen an vergangene Jahrhunderte wimmelt, und von deren Verheerungen verdüſtert iſt, fühlt ihr das Weſen der Ewigkeit! In ſolche Betrachtungen vertieft, ſchritt Go⸗ dolphin allein durch das umfangreiche Amphitheater, am Tage nach ſeinem Zuſammentreffen mit Saville. Um die von Letzterem beſtimmte Stunde ſtieg Godol⸗ phin die hölzerne Treppe hinan, welche den Fremden 308 den Wundern oberhalb der Arena zuführt. An einem der Bogen, die über die ſtillen Pinien hinſchauen, welche fern in der Mittagsſonne ſchlummerten, ſah er nun eine Dame in tiefer Trauer, welche Saville an⸗ zureden ſchien. Er trat zu ihnen, die Dame wendete ſich, und er erblickte das blaſſe und trauervolle, doch immer noch ſo glorreiche Antlitz Conſtanzens! Für Godolphin war dies Begegnen unerwartet; die Dame war jedoch auf daſſelbe vorbereitet. Ihre Wangen überflog ein liebliches Roth, ihre Stimme wurde unhörbar. Godolphin's Bewegung dagegen war mächtiger und weniger bezwingbar; heftiges Zittern ergriff ihn; er ſchnappte nach Athem; das Wieder⸗ erſcheinen einer Geſtorbenen würde ihn minder erſchüt⸗ tert haben. In dieſer ungeheuren Ruine— an einer Stelle, wo mehr als an jeder andern auf Erden der Menſch die Unbedeutendheit eines individuellen Lebens oder die Flüchtigkeit der Jahre fühlt, war er plötzlich demjenigen Weſen begegnet, durch welches ſein ganzes Daſein ſeine Färbung erhalten hatte. Es erinnerte ihn auf einmal an die große Epoche ſeines Lebens und an die gänzliche Un⸗ bedeutendheit deſſelben. Dieſe mögen indeß eher uns alz ihm zufließen. Das Nachdenken war für ihn in jenem Augenblick ein unerträglicher Blitz, der plötzlich auf ihn eindrang und ihn dann wieder in Dunkelheit ließ. Er klammerte ſich an eine Ruine, um ſich aufrecht zu halten. Conſtanze ſchien durch eine ſo allgewaltige Regung geruͤhrt und überraſcht zu werden, und in der gewohnten Heuchelei, worin die Frauen erzogen wer verl neinem ſchauen, ſah er ille an⸗ wendete le, doch wartet; . Ihre Stimme gen war Zittern Wieder⸗ erſchüt⸗ r Stelle, enſch die oder die mjenigen ſein ſeine inmal au liche Un⸗ r uns alz in jenem tzlich auf heit ließ. aufrecht gewaltige und in erzogen 309 werden, und durch die ſie ihre eigentlichen Gefühle zu verbergen und die äußern lernen, die ſie nicht hegen, kam ſie ſich und ihm zu Hülfe. „Es ſind viele Jahre, ſeit wir uns nicht ſahen, Herr Godolphin,“ ſagte ſie in gefaßtem aber ſanftem Tone. „Jahre!“ wiederholte Godolphin, indem er ſich ihr langſamen und ſchwankenden Schrittes näherte.„Jahre! Sie haben ſie nicht gezählt!“ Saville hatte ſich bei Govolphin's Ankunft einige Schritte zurückgezogen und mit ſardoniſchem aber gleich⸗ gültigem Lächeln die Prüfung der Schwäche ſeines Freundes beobachtet. Jetzt trat er zu Godolphin und ſagte:„Du mußt mir verzeihen, lieber Godolphin, daß ich Dich nicht früher von Lady Erpingham's An⸗ kunft in Rom benachrichtigte. Aber das Entzücken iſt vielleicht größer, wenn es plötzlich iſt.“ Das Wort Erpingham durchzuckte unangenehm Godolphin's Adern; es brachte ihn einigermaßen zu ſich ſelber. Er verbeugte ſich tief und flüſterte einige ceremonielle Worte, und während er noch ſprach, kamen einige Nachzügler an, die zu Lady Erpingham's Geſellſchaft gehörten. Zum Glück für die Faſſung Beider wurden die ehemaligen Liebenden von einander getrennt. Aber immer, wenn Conſtanze ihren Blick zu Godolphin wendete, ſah ſie jene großen, forſchenden, ſchwermüthigen Augen, deren Macht ſie ſich ſehr wohl erinnerte, unbeweglich auf ſich gerichtet, als wollte er auf ihrer Wange die Geſchichte der Jahre leſen, die ihre Schönheiten für einen Andern gereift hatten. — 310 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Unterredung zwiſchen Godolphin und Saville— Gewiſſe Er⸗ eigniſſe werden erklärt— Savilleis Vertheidigung eines ſchlechten Herzens— Godolphin's verworrene Empfindungen für Lady Erpingham. „Guter Gott! Conſtanze Vernon iſt alſo wieder frei?“. „Und wußteſt Du es in der That nicht? Dein Aufenthaltsort am See muß eine wahre Einſiedelei geweſen ſein. Lord Erpingham ſtarb ſchon vor ſieben Monaten.“ „Träume ich?“ murmelte Godolphin, als er im Zimmer ſeines Freundes raſch auf⸗ und abging. Saville, der auf einem Sopha ausgeſtreckt lag, miſchte Schnupftabak auf einem vor ihm ſtehenden Tiſchchen. Nichts iſt ſo trauervoll beluſtigend im L⸗ ben, als zu ſehen, wenn für uns hochwichtige Er⸗ eigniſſe von unſern Freunden als Kleinigkeiten be⸗ trachtet werden. „Aber,“ ſagte Saville, ohne außzublicken,„Du ſcheinſt gar nicht neugierig, zu erfahren, wie und wo er ſtarb? Du mußt wiſſen, daß Erpingham zwei herrſchende Leidenſchaften hatte— Pferde und Muſik⸗ Als er nach Italien ging, erwartete er natürlich, die letztere befriedigen zu können, dachte aber nichts für die erſtere erwarten zu können. Er füllte daher das Schiff mit Vierfüßlern an und wollte am zweiten Tage nach ſeiner Landung die Langeweile unter einem ihm fremden Klima durch einen leichten Ritt verſcheuchen⸗ Er Der von derſ es ſein zu e eine bezo lich Tra men rei ſtorb * ewiſſe Er⸗ s ſchlechten für Lady o wieder 2 Dein inſiedelei or ſieben ls er im ng. reckt lag, ſtehenden d im Le⸗ tige Er⸗ eiten he⸗ en,„Du e und wo am zwei id Muſik. rlich, die nichts für aher das iten Tage nem ihn ſcheuchen 311 Er ſtürzte und wurde ſprachlos nach Hauſe gebracht. Der Verluſt der Sprache war für ſeine Bekannten von keiner großen Wichtigkeit; doch er ſtarb noch in derſelben Nacht, und der Verluſt ſeines Lebens war es— denn er pflegte köſtliche Mahlzeiten zu geben — ah— bah!“ Und Saville labte ſich an dem Dufte ſeiner friſchen Miſchung. Saville hatte eine angenehme Art, eine Geſchichte zu erzählen, beſonders, wenn ſich dieſelbe auf den Tod eines Freundes oder ſonſt einen angenehmen Vorfall bezog.„Die arme Lady Erpingham war außerordent⸗ lich ergriffen, und ich verdenke es ihr nicht, denn die Trauerkleider ſtehen ihr nicht ſonderlich. In langſa⸗ men Tagereiſen kam ſie hieher, damit die glor⸗ reichen Todten ihr die Erinnerung an den Ver⸗ ſtorbenen verſcheuchen möchten.“ „Ihr Herz hat ſich nicht verbeſſert, Saville?“ „Herz! Was iſt das? Aha, ein Ding, womit die Stubenmädchen ſich herumtragen und es für Jo⸗ hann, den Bedienten, brechen. Herz! mein lieber Junge, Du biſt ein Salbader geworden und wendeſt Worte ohne Bedeutung an.“ Godolphin war nicht vorbereitet auf eine Unter⸗ redung dieſer Art, und Saville fuhr in etwas ern⸗ ſterem Tone fort:„Jedermann ſchwatzt von der Welt, Govolphin! Die Welt! ſie führt Jedem eine ver⸗ ſchiedene Bedeutung zu, je nach der Natur jenes Kreiſes, der ſeine Welt bildet. Aber wir Alle ſtimmen in einem Dinge überein— in der Weltlichkeit der Welt. Keine Welt iſt an Liebe ſo leer, wie die unſrige— die 312 abgeſchliffene, höfiſche, vornehme Welt: je höher die Luft, deſto verderblicher für die Vegetation. Unſer⸗ Bezauberung, alle unſere Verblendung hängt von einer gewiſſen Spötterei ab; ein ſubtiler und feiner Hohn über alle Perſonen und alle Dinge ausgeſpro⸗ chen, bildet das Weſen unſerer Converſation. Urtheile, ob ſolcher Ton dem Ernſte der Neigungen entſpricht, Irgend ein armer Hund unter uns heirathet und der pöbelhafte Haushalt verdirbt den Verfeinertſten. Ge⸗ wohnheit feſſelt ihn an ſein garſtiges Weib und an ſeine ſchreienden Kinder; er wird liebevoll und kommt aus der Mode. Wir Hageſtolzen aber, lieber Gr⸗ dolphin, haben Niemand, der für uns ſorgt, und Todesfälle, die ſich ereignen, ungleich dem Zerreißen der Bande Verheiratheter, haben nichts mit unſerer häuslichen Bequemlichkeit zu ſchaffen. Wir vermiſſen Niemand, um unſern Thee zu bereiten oder uns Appetitspillen vor dem Mittageſſen zu reichen. Unſer Verluſte ſind nicht an Vertraulichkeit oder Häuslich⸗ leit geknüpft. Wir zucken die Achſeln und damit Vaſta! So, aus Mangel an Kummer und Mühe und Ver⸗ druß werden wir, um mich eines Wortes zu bedienen, welches Dir behagen wird— werden wir hartherzig Wir gefrieren in die Philoſophie hinein, und ſin wir dann nicht weiſe, wenn wir ein Leben der A⸗ ſonderung und Gleichgültigkeit führen?“ Godolphin, in Nachdenken verſenkt, hörte kaun, was der Wüſtling ſprach. Saville hatte es in ſeinen Alleinleben ſo weit gebracht, daß er gern mit ſch ſelber ſprach. ſo v mit unſe das ihm wele luſti mer näch Wir Neit erhei loſig rufe Ung ab, gab der höher die Unſere ingt von nd feinet usgeſpro⸗ Urtheile, entſpricht. t und der tſten. Ge⸗ b und an nd komnt ieber Go⸗ ogt, und Zerreißen it unſeret vermiſſen oder uns n. Unſere Häuslich⸗ nit Vaſta! und Vet⸗ bedienen, artherzig! und ſind n der A⸗ örte kaum, in ſeinen n mit ſich 313 „Ja, weiſe!“ fuhr er fort;„denn dieſe Welt iſt ſo voll Selbſtſucht, daß der, welcher ihr nicht huldigt, mit Nachtheilen aller Art zu kämpfen hat. Auch macht unſer Kaltſinn uns nicht ſchlechter. Wenn wir über das Unglück eines Menſchen ſpötteln, ſo ſpötteln wir ihm nicht ins Geſicht. Warum nicht aus dem Böſen, welches Unglück iſt, etwas Gutes ziehen, welches Be⸗ luſtigung iſt? Drei Männer werden in dieſem Zim⸗ mer durch einen Scherz erheitert, der über einen im nächſten Zimmer geſchehenen Beinbruch gemacht wird. Wird der Beinbruch dadurch ſchlimmer als er iſt? Nein, aber die drei Männer ſind durch den Scherz erheitert worden. Iſt jener Scherz nun eine Gott⸗ loſigkeit? Keineswegs, er iſt eine Wohlthat. Doch rufen Einige:„Ei, dieſe Eure Geringſchätzung gegen unglücksfälle ſtumpft Euren Willen zum Beiſtande ab, auch wenn Ihr die Macht dazu habt.“ Hülfe! gab es je einen ärgeren Wahn? Was können wir bei der Unzahl menſchlicher Unglücksfälle helfen? Eben ſo gut könnte man einen Tropfen aus dem Oeean ſchöpfen und ſchreien:„Ha! wir haben das Meer verringert!“ Was iſt all unſer öffentliches Wohlthun— was ſind unſere heſten Anſtalten? Wie Wenige von der Menge erhalten am Ende Hülfe— wrirkliche fortwirkende Hülfe? Die Menſchen ſterben, leiden, verhungern dennoch eben ſo bald und eben ſo zahlreich; dieſe öffent⸗ lichen Anſtalten ſind nichts anderes als Stangen, worauf das öffentliche Gewiſſen ſich zur Ruhe nieder⸗ läßt. Nein, mein lieber Junge, Alles, was ich in der Welt ſehe, ruft mir zu: Sorge für Dich ſelbſt! 314 Dies iſt die wahre Moral des Lebens; wer ſich daran hält, kommt vorwärts, gedeiht und wird fett; wer nicht darnach lebt, kommt zu uns, um Geld zu bor⸗ gen, wenn er ein Gentleman iſt; oder er verfällt der Armenanſtalt, wenn er zum Pöbel gehört. Ich halte mich daran, lieber Godolphin; ich habe mich mein Lebenlang daran gehalten und bin höchlich zu⸗ frieden— Zufriedenheit aber iſt das Aushängeſchild der Tugend— ah— bah!“ Ja, Conſtanze war Wittwe. Die Hand derjenigen, die Perey Godolphin ſo leidenſchaftlich geliebt hatte, und derjenigen, deren Stimme ihm noch jetzt das Innerſte durchzitterte und dort ein Echo erweckte, das Jahre lang geſchlummert hatte, war frei und ſtand zu ſeiner Verfügung. Welche Menge von Regungen wurde durch dieſen Gedanken erzeugt! Gleich einer Göttin war ſie ihm erſchienen und hatte ihm eine neue Welt erſchloſſen!„Und ihr Blick,“ dachte er,„war ſo freundlich, ihre Stimme ſo voll milder Verheißung, ihre Aufregung ſo ſichtbar. Sie liebt mich noch. Soll ich zu ihren Füßen eilen? Soll ich Hoffnung von ihr erflehen? Undo! welch ein Glück!— Aber Lueilla!“ Die Erinnerung war freilich eine Schranke, die ſich jeder Ausſicht auf Hoffnung und Freude entgegen⸗ ſtellte, die durch Conſtanzens Bild in ihm rege wurde. Konnte er ſelbſt um ſeiner erſten Liebe willen die⸗ jenige verlaſſen, die Aſeinetwegen Alles verlaſſen hatie die nur in ſeiner Liebe zu ihm athmete? Sogar die Kälte, womit er, wie er jetzt fühlte, des armen Mit⸗ chens Herzlichkeit aufgenommen hatte, wies ihn ur ich daran ett; wer d zu bor⸗ verfällt zrt. Ich abe mich hlich zu⸗ ingeſchild rjenigen, bt hatte, jetzt das ckte, das und ſtand Regungen er Göttin teue Welt „war ſo rheißung, och. Soll g von ihr Lueilla!“ anke, die entgegen⸗ ge wurde. illen die⸗ ſſen hatte, Sogar die nen Mid⸗ s ihn nur 315 um ſo lebhafter auf die Pflichten hin, die er ihr ſchuldig war. War er nicht durch Ehe an ſie gebun⸗ den, ſo erwog er doch mit Großmuth, und eigentlich nur aus Gerechtigkeit, wie ſie freilich in der Welt ſelten iſt, daß das Band zwiſchen ihm und ihr ein heiliges ſei, welches nur der Tod löſen könne. Nun aber war es eben dieſes Band, welches ihn verhin⸗ derte, den Traum ſeines früheren Lebens erfüllt zu ſehen. In dieſe Ideen verſunken, ließ Godolphin den Weltmann reden, ohne die ihm dargeſtellten Bilder in ſich aufzunehmen, bis der Name Erpingham ihn wieder zur Aufmerkſamkeit aufforderte. „Du gehſt dieſen Abend zu ihr,“ ſagte Saville; „das haſt Du mir zu danken; denn ich fragte Dich darnach, ſo daß ſie es hören mußte, um ſie zu nö⸗ thigen, Dich einzuladen. Sie ſieht nur ihre vertraute⸗ ſten Freunde bei ſich— Dich, mich und Lady Charlotte Deerham. Wittwen ſcheuen ſich in ihrer erſten Be⸗ trübniß, Bekanntſchaften zu machen, doch weiß ich's immer ſo einzuleiten, daß ich Zutritt bei ihnen er⸗ halte— der Spott iſt heilſam für einige Wunden.“ „Ja,“ ſagte Godolphin lächelnd,„Ihre freund⸗ liche Stimmung macht, daß ſie an Ihre Theilnahme glauben.“ „Du haſt es getroffen. Aber,“ fuhr Saville fort „denkſt Du, Madame werde geneigt ſein, ſich wieder zu verheirathen, oder wirſt Du es ſelber wagen? Erpingham hat ihr beinahe ſein ganzes Vermögen hinterlaſſen.“ 316 Argerlich und ungeduldig über Saville's Ton ſtand Godolphin auf.„Unter uns,“ ſagte Saville, indem er ihm Lebewohl ſagte,„ich denke nicht, daß ſie wieder heirathet. Lady Erpingham hält viel auf Macht und Freiheit; ſelbſt der junge Godolphin— der nicht mehr ſo hübſch iſt, wie früher— wird dieſe Eroberung ſchwierig finden.“ „Pah!“ murmelte Godolphin, als er ihn verließ. Aber Saville's letzte Worte hatten ein neues Gefühl in ſeiner Bruſt erweckt. Es war alſo möglich, ja ſehr wahrſcheinlich, daß er ſich den beſtandenen Kampf hätte erſparen können, und daß ihm keine Wahl zwi⸗ ſchen Lueilla und Conſtanze geſtattet war.„Auf jeben Fall,“ ſagte er faſt laut,„will ich doch ſehen, ob dieſe Vermuthung wahr iſt. Wenn Conſtanze in der Erinnerung an unſere frühere Liebe und im Gefühl des jahrelangen Schmerzes, den ihr Ehrgeiz mir ver⸗ urſacht hat, geneigt ſcheint, mir jene Genugthuunz zu gewähren, die in ihrer Macht ſteht, dann, dann wird es noch zu einem ſolchen Opfer Zeit ſein.“ Die ſoeialen Beziehungen des Geſchlechtes machen oft die Männer böſe— aber noch öfter ſchwach. ( God ſie, 1 lichke gleich heit könne dabei Tod vong nehme verſag Frau ſchied Geſch geſon Haſſe fühl i 6 Ton Saville, ht, daß viel auf hin ird dieſe verließ. Gefühl lich, ja Kampf ahl zwi⸗ luf jeden hen, ob e in der Gefühl mir vet⸗ gthuunz in, dann ſein.“ s machen wach. Siebenunddreißigſtes Käpitel. Ein Abend bei Conſtanzen. Conſtanzens Herz war in ihren Augen, als ſie Godolphin an jenem Abend erblickte. Freilich war ſie, wie Saville bemerkt hatte, aus gewöhnlicher Höf⸗ lichkeit genöthigt geweſen, ihn einzuladen, und ob⸗ gleich dieſes Zuſammentreffen mit einiger Verlegen⸗ heit verbunden war, ſo wird doch jeder leicht denken können, daß Conſtanze mehr Vergnügen als Schmerz dabei empfand. Sie war durch Lord Erpingham's Tod tief erſchüttert worden. Sie waren zwar nicht von gleichgeſtimmtem Gemüthe geweſen, doch die Vor⸗ nehmen haben einen Vortheil, der den niederen Klaſſen verſagt iſt. Bei den Erſteren dürfen ſich Mann und Frau nicht durch beſtändige Nähe ermüden; ver⸗ ſchiedene Zimmer, verſchiedene Stunden, verſchiedene Geſchäfte erlauben ihnen, das Leben größtentheils geſondert zuzubringen, ſo daß keine Möglichkeit zum Haſſe vorhanden und Gleichgültigkeit das kälteſte Ge⸗ fühl iſt, welches zwiſchen ihnen entſtehen kann. Noch in der Blüte ihrer Jugend und auf dem Höhenpunkte ihrer Schönheit, war Conſtanze jetzt unabhängig. Sie war im Beſitze des Reichthums und Ranges, der ihr nach ihren früheren Anſichten für unerläßlich gegolten hatte, und nun im Stande, dieſen Beſitz mit dem zu theilen, den ſie dazu be⸗ ſtimmen mochte. Bei dieſem Gedanken wendete ſich natürlich ihr Herz zu Godolphin zurück, und als ſie Bulwer, Godolphin. 2¹ 318 nun, obgleich verſtohlen, in ſein Geſicht blickte, wäh⸗ rend er in einiger Entfernung von ihr ſaß und ſeiner⸗ ſeits ebenfalls in ihrem Geſichte Zeichen der Erin⸗ nerung an Vergangenes ſuchte, wurde ſie tief gerührt von der Veränderung, welche, wie gering ſie auch Andern erſcheinen mochte, die Jahre auf ihn her⸗ vorgebracht hatten; und als ſie nun der Erſchütterung gedachte, die er bei ſeinem Zuſammentreffen mit ihr gezeigt hatte, gab ſie ihr Herz ganz und gar der Milde hin, indem ſie ſich ſelber den Vorwurf machte, Du biſt die Urſache dieſer Veränderung! Alle Glut, alle Inbrunſt ſeines damals noch nicht befeſtigten Gemüths, die, als ſie ihn zum letztenmal geſehen, aus ſeinen Augen und Mienen geredet, war auf im⸗ mer dahin. An die Stelle ſeiner ſonſtigen ſo glän⸗ zenden Unterhaltungsgabe und der Lebhaftigkeit ii ſeinen Mienen und Geberden war eine ruhige, gleich⸗ mäßige und ſchwermüthige Faſſung getreten. Seine Stirn zeigte Furchen des Denkens, und ſein nach den Schläfen hin dünner gewordenes Haar bedeckte nicht mehr durch ſeine Fülle die Bläſſe ſeiner Stirn. Endlich wurde die Unterhaltung allgemein und Con⸗ ſtanze und Godolphin mit in dieſelbe gezogen. „Es iſt unmöglich,“ ſagte Godolphin, das Leben in einem ſüdlichen Klima mit dem in unſern käilt⸗ ren Ländern zu vergleichen. Es herrſcht dort ein⸗ Indolenz, ein Sichgehenlaſſen, eine philoſophiſche Sorg⸗ loſigkeit, die dadurch erzeugt wird, daß wir unter milderer Sonne und abgeſondert von dem Ehrgeite und den Zwecken unſerer Landsleute leben, wotnch wir den, Es als: ſanft uns mach dem erſtic zur gung, ſtellt. „wäh⸗ ſeiner⸗ Erin⸗ gerührt ſie auch hu her⸗ itterung mit ihr gar der machte, e Glut, feſtigten geſehen, auf im⸗ ſo glän⸗ igkeit i „gleich⸗ Seine ein nach bedeckte er Stirn. ind Con⸗ en. as Leben rn kälte⸗ ort eine che Sorg⸗ vir unter Ehrgeiz wodurch 319 wir wenigſtens in eine Gemüthsſtimmung geſetzt wer⸗ den, die uns auf immer von der Heimath ſcheidet. Es iſt, dls umtönte uns eine fortwährende Muſik— als umringte uns ein Leben verſchiedener Art— ein ſanftes, läſſiges, wollüſtig romantiſches Gefühl, das uns zur Handlung— ja faſt zur Bewegung unfähig macht. Weit entfernt, daß ein Aufenthalt in Italien dem Wachsthum unſeres Ehrgeizes günſtig ſein ſollte, erſtickt und zerſtört er faſt den Keim deſſelben.“ „In der That, er macht uns zu nichts als zur Liebe fähig,“ ſagte Saville;„eine Beſchäfti⸗ gung, die uns den Thoren unſeres Geſchlechtes gleich⸗ ſtellt.“ „Thoren können nicht lieben,“ ſagte Lady Charlotte. „Um Verzeihung, Liebe und Thorheit ſind in mehr als einer Sprache gleichbedentend,“ antwortete Saville. „In der That,“ ſagte Godolphin,„die Liebe, wovon Sie Beide reden, iſt nicht des Streites werth.“ „Was iſt denn Liebe?“ fragte Saville. „Die erſte Liebe,“ rief Lady Charlotte;„nicht ſo, Herr Godolphin?“ Gobolphin wechſelte die Farbe und ſeine Augen begegneten Conſtanzens Blicken. Sie ſeufzte auch und blickte nieder. Godolphin ſchwieg. „Nun, Herr Godolphin, antworten Sie mir,“ ſagte Lady Charlotte;„ich appellire an Sie!“ „Nun,“ ſagte Godolphin, indem er bemüht war, mit Faſſung zu reden,„die erſte Liebe hat vor der andern den Vorzug, daß ſie ſich gewöhnlich getäuſcht ſieht und durch Sehnſucht ſtets lebendig erhalten wird.“ F. 32⁰ . Der Ton ſeiner Stimme drang in Conſtanzens Herz und ſie ſprach während des ganzen Abends nur ſelten, und wenn dies geſchah, mit ſichtllcher An⸗ ſtrengung. Achtunddreißigſtes Kapitel. Conſtanzens unverminderte Liebe für Gobolphin— Ihre Ru 6 und Hoffnung— Das Capitol— Godolphin's und Conſtan⸗ zens verſchiedene Gefühle beim Anblick deſſelben— Conſtan zens zarte Ausdrücke. Alles! was Conſtanze von Andern über Godol⸗ phin's Lebensweiſe hörte, ſeit ſie von ihm getrennt geweſen, erhöhte nur ihr längſt genährtes Intereſſ an ſeinem Schickſal. Sein einſames Leben, ſeine lange Entfernung von Städten, die ſo betrachtet wurde, als bringe er ſein Leben in völliger und dunkler Eit⸗ ſamkeit hin— denn die Genoſſin ſeiner Einſamkeit und ber Ort derſelben war nie bekannt geworden— dachte ſich Conſtanze im Verein mit der ſtillen Me⸗ lancholie ſeines Weſens, mit ſeinen halb vorwurfsvollen Blicken und mit der Aufregung, die er in der U⸗ terhaltung ausgeſprochen Und ſie mußte ſich als urſache dieſes zweckloſen und ungenügenden Lebens betrachten. Mit bitterm Schmerz erinnerte ſie ſich ſeiner frühern Worte:„Meine Zukunft iſt in Ihren Händen.“ Und ſie verglich ſeine lebhafte Thatkraſt — ſeinen eultivirten Geiſt— ſeine hohen Talente mit tem Leben, welches ſie alle ſo eitel für Andere und ſo u nige, Weil Glüc an 2 Stol ſich a grunt Kinde von i deren keit 1 Quell giebig wenig es ſich macht zu la Vetra hochhe iſtanzeus ends nur her Au⸗ * Ihre Riu Conſtan⸗ Conſtan⸗ r Godvl⸗ getrennt Intereſſe ine lange t wurde, ikler Ein⸗ inſamktit orden— llen Me⸗ urfsvollen der U⸗ ſich al en Lebens te ſie ſich in Ihren Thatkraft alente mit ndere und 321 ſo unvortheilhaft für ihn ſelber gemacht hatte. We⸗ nige, ſehr Wenige wiſſen, wie mächtig in eines Weibes Herzen das Gefühl iſt, die Macht über das Glück eines Andern in Händen zu haben. Selber an Abhängigkeit gewöhnt, iſt es für eines Weibes Stolz die lieblichſte Nahrung, eines Andern Glück von ſich abhängig zu machen. Hierin liegt ein Haupt⸗ grund der Liebe zu ihren Kindern; ſie würden die Kinder weit weniger lieben, wenn ſie nicht abhängig von ihrer Fürſorge wären. Und die Jahre, durch deren Verlauf die junge Gräfin mit der Nichtig⸗ keit der Welt bekannt geworden war, hatten die Quelle ihrer Herzensneigungen in dem Maße er⸗ giebiger gemacht, als die ihres Ehrgeizes mehr oder weniger dadurch verſiegten. Sie konnte und wollte es ſich nicht verhehlen, daß Godolphin ſie noch liebte, ſie ſah die Stunde voraus, wo er es ihr geſtehen und es ihr erlaubt ſein werde, ihn für alle die Veküm⸗ merniß zu entſchädigen, die ſie ihm durch ihre frühere Weigerung bereitet hatte Auch fühlte ſie, daß es ein edles und entzückendes Werk ſein würde, wenn ſie einen ſo trefflichen Geiſt zu allgemein nützlicher Thä⸗ tigkeit anſpornte. Bei dieſer Hoffnung wurden ihre ſelbſtſüchtigeren Entwürfe, ihre politiſchen Pläne und ihr Trachten nach Herrſchaft über diejenigen, welche ſie demüthigen wollte, keineswegs vergeſſen; doch machten dieſe, um Conſtanzen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, den bei weitem geringeren Theil ihrer Betrachtungen aus. Ihre Hoffnungen waren meiſtens hochherziger Art.—„Ich ſchlug Dich aus,“ pachte ſie, 322 „als ich arm und abhängig war— jetzt, da ich in Beſitze von Rang und Reichthum bin, will ich ſi freudig auf Dein Geheiß hingeben.“ Aber Godolphin, als ob er nicht um dieſe ihre günſtige Stimmung wiſſe, blieb bei ſeiner Zurückhal⸗ tung. Im Gegentheil, ſeine frühere Zerſtreutheit, ſein⸗ frühere Aufregung hatten ſich zu entfernter und kühler Selbſtbeherrſchung herabgeſtimmt. Sie ſahen einander oft, doch vermied er jede nähere oder weniger allge⸗ meine Mittheilung. Sie ſah indeß, daß ſie ſtets von ſeinem Blicke geſucht wurde, und wenn er ſie au⸗ redete, das Beben ſeiner Stimme der Ruhe ſeines Weſens widerſprach. Zuweilen konnte auch ein Wort oder eine Berührung von ihr ſeine ſchlecht verhehlten Regungen verrathen— ſeine Lippen ſchienen dam im Begriff zu ſein, ihren und der Vergangenhei Triumph einzugeſtehen; doch ſie wurden wie durch eite heftige Anſtrengung wieder verſiegelt, und nicht ſelten ging Godolphin haſtig fort, als wagte er nicht, ſeiner Selbſtbeherrſchung länger zu vertrauen. Kurz, Co⸗ ſtanze bemerkte, daß eine ſeltſame Verlegenheit, deren urſache ſie nicht errathen konnte, ihn gefeſſelt hiel und daß ſein Benehmen durch irgend einen gehei⸗ men Beweggrund geregelt wurde, der aus umſtänen herfloß, die nicht zwiſchen ihnen Beiden obgewaltet hatten, denn es war klar, daß er wegen der früheren Zurückweiſung keinen Groll gegen ſie hegte; vielmeh hatte er durch Blicke und Worte verrathen, daß er ihr mehr als verziehen habt. Lady Charlotte Derr⸗ ham hatte von Saville von ihrer früheren Neigung a ich im U ich ſi ieſe ihre urückhal⸗ meit, ſeine nd kühler einander zer allge⸗ ſtets von r ſie au⸗ the ſeines ein Wort verhehlten nen dann zangenheit durch eine icht ſelten cht, ſeiner urz, Con⸗ eit, deren ſſelt hielt ten gehei⸗ Umſtänden obgewaltet r früheren vielmeht n, daß i otte Derr⸗ Neigung 32³ gehört: ſie war eine Weltdame und hielt es für ge⸗ wöhnliche Delikateſſe, beiden jede Gelegenheit zu ge⸗ währen, jene Neigung zu erneuern. Sie entfernte ſich daher ſtets aus Conſtanzens unmittelbarer Nähe, ſobald Godolphin kam, ſo daß ſie häufig allein waren. Dies war aber eine Gefahr, die Godolphin bisher vermieden hatte. Eines Tages aber wirkte das Schick⸗ ſal der Klugheit entgegen und es erfolgte eine Unter⸗ redung, die Conſtanze ſehr verlegen machte und Go⸗ dolphin's Entſchloſſenheit auf eine ſchwere Probe ſtellte. Sie gingen zuſammen auf das Capitol, deſſen Höhe vielleicht den impoſanteſten Anblick gewährt. Es war ein Anblick, der ſich vorzugsweiſe dazu eignete, auf das ehrgeizige und geſchäftige Gemüth der jungen Gräfin zu wirken. „Glauben Sie,“ ſägte ſie zu Godolphin, der neben ihr ſtand,„daß Jemand lebt, der die zahlloſen Mo⸗ numente ewigen Ruhmes überblicken könnte, ohne mit Seufzen an das Abgedroſchene unſeres gewöhnlichen Lebens zu denken, oder ohne zu glühen, ſich aus ſolcher Alltäglichkeit zu erheben?“ „Nun,“ ſagte Godolphin,„Ihnen mag der Au⸗ blick Begeiſterung gewähren, Andern iſt er eine War⸗ nung. Der Triumphbogen und die Ruine, die Sie erblicken, reden von Veränderungen, die noch beredter ſind als der Ruhm. Blicken Sie die Stelle an, wo einſt der Tempel des Romulus ſtand— dort ſteht die kleine Kirche eines obſeuren Heiligen. Gerade unter Ihnen erhebt ſich der tarpejiſche Felſen; wir können ihn nicht ſehen, weil eine Maſſe elender Häuſer ihn 324 uns verbirgt. An der uralten Ebene des Marsfeldes zeigen ſich uns zahlloſe Thürme einer neuen Religion und die Paläſte eines modernen Geſchlechts! In deren Mitte erblicken Sie die Triumphſäulen des Trajan und Mareus Antoninus; womit aber ſind ihre Gipfel geziert?— mit den Bildniſſen Sanet Peters und Sanct Pauls! Dieſer Anblick von Umwälzungen flößt Ihnen Liebe zum Ruhm ein, mir aber beweist er die Nichtigkeit des Ruhmes. Mir dünkt, es ſchwebe über dem Orte ein unwiderſtehliches, zermalmendes Gefühl von dem kleinlichen und verrinnenden Leben unſerer eifrigſten und einſichtsvollſten Handlungen!“ „So ſind Sie noch immer todt für Alles,“ ſagte Conſtanze mit einem halben Seufzer,„außer für den Genuß des gegenwärtigen Augenblicks?“ „Nein,“ verſetzte Godolphin in leiſem und beben⸗ dem Tone,„ich bin nicht todt für die Sehnſucht der Vergangenheit!“ Conſtanze erröthete; Godolphin aber, als fühlte er ſchon zu viel geſagt zu haben, ſetzte haſtig hinzu: „Richten wir den Blick auf jene Olivenhaine; dort Fern vom unedlen Kampf der tollen Menge!“ waren die Sommerwohnungen der glänzendſten und ausdauerndſten Geiſter Roms. Hieher zogen ſich Höraz und Mäcenas zurück; dort ſtreifte Brutus ſeinen rau⸗ heren Sinn von ſich ab; dort gab ſich der unerklär⸗ liche und hochſinnige Auguſtus jenen anmuthigen Er⸗ holungen— jenen Huldigungen des Witzes, der Poeſie und der Weisheit hin, um derentwillen wir ſo un⸗ gern1 heren rechtig Vorwt hinzu; daß e milder Unthät anſehe keit er! „N von V hen! unſere deſto f Sei al ausfind dern findig O, w ſtanze Geiſte Leben Sie n 325 gern und ſo zurückhaltend den Miſſethaten ſeiner frü⸗ heren und der Heuchelei ſeiner ſpäteren Jahre Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. Hier iſt wieder ein Vorwurf für Ihren Ehrgeiz,“ ſetzte Godolphin lächelnd hinzu;„ſein Ehrgeiz machte Auguſtus verhaßt, nur daß er denſelben bisweilen vergaß, macht, daß wir milder von ihm denken.“ „Und,“ ſagte Conſtanze,„und möchten Sie alſo Unthätigkeit als das glücklichſte Leben für einen Mann anſehen, der ſich durch Talente über die Gewöhnlich⸗ keit erhebt?“ „Nein, er wende ſeine Talente zur Entdeckung von Vergnügungen an, nicht zum Suchen nach Mü⸗ hen! Je größer unſere Talente, deſto ſchärfer iſt unſere Auffaſſungsgabe; je ſchärfer dieſe letztere iſt, deſto fähiger ſind wir zum Genuſſe des Vergnügens. Sei alſo das Vergnügen unſer Zweck. Machen wir ausfindig, was am beſten geeignet iſt, unſern beſon⸗ dern Geſchmack zu befriedigen, und wenn wir es aus⸗ findig gemacht, ſo mögen wir ſtreben, es zu erringen.“ „Pfui über Sie! es iſt ein ſelbſtſüchtiges, unedles Syſtem,“ ſagte Conſtanze.„Sie lächeln— ich mag mich vielleicht unphiloſophiſch ausgedrückt haben, ich läugne es nicht. Geben Sie mir lieber eine Stunde des Ruhms als ein Leben der üppigen Unthätigkeit. O, wenn Sie doch, Herr Godolphin,“ fügte Con⸗ ſtanze wärmer hinzu,„o, wenn Sie, mit ſo hohem Geiſte ausgerüſtet, mit allen Waffen und Kräften des Lebens— zu einer würdigen Schätzung— verzeihen Sie mir— des Nutzens aller Anſtrengung gelangen 326 könnten! Gewiß, gewiß, Sie müſſen empfänglich für den Aufruf ſein, den zu dieſer Epoche der Welt Ihr Vaterland, das Menſchengeſchlecht an alle, beſonders au die ergehen läßt, die Ihre Vorzüge und Kräfte beſitzen. Können wir nur einen Zoll unter die Ober⸗ fläche der Geſellſchaft blicken, ohne zu bemerken, daß uns große Ereigniſſe bevorſtehen? Wollen Sie die voraneilen laſſen, die Ihnen untergeordnet ſind, und unthätig daſitzen, während jene den Preis gewinnen? Wollen Sie keine Rolle in dem glänzenden Drama übernehmen, das hinter dem dunklen Vorhange des Schickſals vorbereitet iſt und die Welt zu Zuſchauern haben wird? O, wie erfreulich, wie wonnevoll würde es für mich ſein, könnte ich einen Mann, wie Sie, für die große Sache des ehrenvollen Strebens ge⸗ winnen!“ Eine Sekunde funkelten Godolphin's Augen und ſeine bleiche Wange erglühte— aber die vorüber⸗ gehende Regung entſchwand, als er antwortete:„Hätte vor acht Jahren Conſtanze Vernon ſo zu mir geſpro⸗ chen, ſo hätte ihr Wunſch mich nach ihrem Willen bilden können. Jetzt aber,“ und er kämpfte mit ſeiner Bewegung und wendete ſein Geſicht ab—„jetzt iſt es zu ſpät!“ Conſtanze war tief ergriffen. Sie ſußt⸗ ſanft ſeinen Arm und ſagte in ſanftem, entſchuldigendem Tone; „Nein, Perey, nicht zu ſpät!“ In dieſem Augenblick und ehe Godolphin erwi⸗ dern konnte, kamen Saville und Lady Charlotte Deer⸗ ham zu ihnen. lich für elt Ihr ſonders Kräfte e Ober⸗ en, daß Sie die nd, und vinnen? Dramg inge des ſchauern U würde wie Sie, ens ge⸗ gen und vorüber⸗ „Hätte geſpro⸗ n Willen nit ſeiner jetzt iſ nft ſeinen m Tone hin erui⸗ otte Deer⸗ Neununddreißigſtes Kapitel. Lucilla's Brief— Die Wirkung deſſelben auf Godolphin. Die im letzten Kapitel berichtete kurze Unterredung mußte Godolphin zeigen, wie gefährlich es um ſeine Treue gegen Lucilla ſtand. Nie zuvor— ſelbſt nicht in der jungen Zeit erſter Leidenſchaft war Conſtanze ihm ſo lieblich und der Liebe würdig erſchienen. Ihr Weſen war jetzt ungleich ſanfter und weniger zuruͤck⸗ haltend, als es in einer Zeit ſein mußte, wo ſie be⸗ ſchloſſen hatte, weder ſeiner Huldigung noch ihrem eigenen Herzen Gehör zu geben. So war der eigent⸗ liche Fehler in Conſtanzens Charakter, wodurch Go⸗ dolphin's Stolz zurückgeſchreckt oder ſein Gefühl verletzt worden war, jetzt gleichſam auf immer verſchwun⸗ den. Ein milderer Geiſt hatte ſich auf ihre unüber⸗ treffliche Schönheit geſenkt, und die Veränderung war von der Art, die Perey Godolphin beſonders ſchätzte. Und die Welt, für die ſie zu ſehr eingenommen ge⸗ weſen war, ſchien dennoch den natürlichen Seelen⸗ adel Conſtanzens eher erhöht und belebt, als ihn zu der Stufe des Gewöhnlichen hinabgedrückt zu haben. Wenn ſie ſprach, ſo war er, auch wenn er mit ihren Außerungen nicht übereinſtimmte, von ihren hohen und kühnen Anſichten entzückt. Er liebte ihren Unwillen gegen alles Niedrige und Gemeine— ihre glühende Vorliebe für alles Kühne und Erhabene. Nimmer wurde das Geiſtige ſeiner Liebe zu ihr dadurch ent⸗ kräftet, daß von Conſtanzens Lippen irgend eine klein⸗ 328 liche oder unwürd ge Außerung d es Zornes oder Ver⸗ langens kam; Vieles an ihr war irrig, Alles aber— ſelbſt ihr S— großartig und hochherzig. Und die Jahre, die er von ihr getrennt gelebt, hatten ihn nur fühlen Charakter, und wie unmöglich es war, jemals Ihres⸗ gleichen anzutreffen. Alle Geſinnungen, Fähigkeiten und Regungen, die bei ſeiner Neigung zu Lueilla ſchlummernd geblieben waren, wurden in demſelben Augenblick lebhaft aufgeregt, als er in Conſtanzens Nähe kam. Conſtanze vermochte nicht wenig über ihn — denn ſie forderte und erhielt auch die ganze Herr⸗ ſchaft über ſeine Seele! Und gegen dieſe Herrſchaft ſollte er jetzt ankämpfen. Als er ſo von tauſend ein⸗ ander widerſtrebenden Neigungen ſich ergriffen fühlen mußte, wurde ihm plötzlich ein Brief von Lucilla über⸗ reicht, deſſen Inhalt folgender war: „Dein letzter Brief, mein Geliebter, war ſo kurz und flüchtig, daß es mir nicht die gewöhnliche Mühe koſtete, ihn auswendig zu lernen; auch war ich, um die Wahrheit zu ſagen, nicht ſo eifrig dabei wie früher, alle Deine Worte meinem Gedächtniß einzuprägen. Warum, weiß ich nicht, und mag es auch nicht unter⸗ ſuchen— aber ſeit wir uns von einander trennten, liegt etwas Kaltes in Deinen Briefen— ſie weiſen mein Herz an ſich ſelbſt zurück. Ich reiße das Siegel Deiner Briefe ſo haſtig auf, daß Du lächeln würdeſt, wenn Du es ſäheſt. Bemerke ich dann die wenigen Worte, von denen ich diele Tage lang zehren ſoll, ſo wird mir das Herz ſchwer, ich fühle mich getäuſcht gelehrt, wie trefflich, wie ſelten ihr meht Furc mein Man bildet weile Ver⸗ — Und hatten en ihr Ihres⸗ keiten ueilla ſelben anzens er ihn Hert⸗ rſchaft d ein⸗ fühlen über⸗ ſo kurz Mühe ch, um früher, rägen. unter⸗ ennten, weiſen Siegel vürdeſt, venigen oll, ſo etäuſcht 329 und lege den Brief aus der Hand. Dann ſchelte ich mich ſelber und ſage:„Wenigſtens ſind es freund⸗ liche, wenn auch wenige Worte!“ Und nun buchſtabire ich ſie mir nach einander vor, um nicht zu ſchnell über meinen einzigen Troſt hinwegzueilen. Ach! ehe ich an das Ende komme, kann ich durch die Thränen nicht mehr ſehen; denn meine Liebe zu Dir, ſo überſchwäng⸗ lich, ſo voll Leben, ſcheint bei jeder Zeile zu erſtarren. Dann ſinke ich ermattet hin und wünſche zu ſterben. O Gott, wenn die Zeit bereits gekommen wäre, die ich ſtets ſo ſehr gefürchtet habe, wenn Du mich nicht mehr liebteſt!— Und wie verſtändig iſt eine ſolche Furcht! Denn was bin ich Dir? Wie oft klagſt Du, daß ich Dich nicht verſtehe— wie oft äußerſt Du, daß in Deiner Natur ſo Vieles liege, was zu er⸗ lernen ich unwürdig bin! Iſt dem ſo, wie natürlich iſt es da, zu fürchten, Du möchteſt Andere finden, von denen Du Dir einbildeſt, daß ſie mehr mit Dir übereinſtimmen; und muß dann die Entfernung von mir Dich nicht noch lebhafter an meine Mängel er⸗ innern? „Und doch iſt mir, als hätte ich klar in Deiner Seele geleſen; mich dünkt, meine Liebe, die ſtets Dir olgt, ſtets Dich überwacht, ſtets Deine Wünſche er⸗ for rſcht„müſſe in jedes Geheimniß Deines Herzens eingedrungen ſein, nur daß es mir an Worten fehlt mein Gefühl auszubrücken, und Du legſt mir dann Mangel an Gefühl zur Laſt! Ich weiß, wie unge⸗ bildet, wie einfältig ich Dir erſcheinen muß, und zu⸗ weilen— in der letzten Zeit ſehr oft— mache ich 330 mir Vorwürfe, daß ich nicht eifriger bemüht war, mich dazu tüchtig zu machen, Dir eine Lebensgefährtin zu ſein. Mich dünkt, wenn ich dieſelben Mittel hätte, die Andere haben, ſo würde ich mir eben ſo leicht die Fähigkeit aneignen, meine Gedanken auszudrücken, und meine Gedanken würdeſt Du nimmer tadeln können, denn ich weiß, daß ſie von einer Liebe zu Dir erfüllt ſind, die in keiner Andern, auch nicht in der Weiſe⸗ ſten und Glänzendſten vollkommener ſein kann. In⸗ zwiſchen habe ich während Deiner Abweſenheit geſucht, meinem Mangel abzuhelfen; ich habe in alle die Bücher geblickt, die Du gern laſeſt, und glaube jetzt eben die Ideen angenommen zu haben, die Dir gefielen und mit denen ich, wie Du meinteſt, mich nicht würde befreunden können. Wie ſehr haſt Du Dich hierin geirrt. Aus den Zeichen, die Du am Rande Deiner Bücher machteſt, habe ich diejenigen Stellen erkannt, mit denen Du Dich vorzugsweiſe beſchäftigteſt, und ich weiß, daß ich ſie verſtand, ja, daß ich ſie noch klarer und lebhafter verſtehe als ſie ausgedrückt ſind — daß ſie früher keine Sprache zu haben ſchienen— daß mir ſcheint, ich habe erſt jetzt die Sprache ge⸗ lernt. Auch habe ich mir neue Lieder eingeübt, die Du gewiß gern hören wirſt, wenn Du zurückkehrſt; auch trieb ich fleißig Muſik und bin überzeugt, daß Du Dich nicht ſo ſehr, wie das letztemal, als Du hier wareſt, bei mir langweilen wirſt. „Und wann werde ich Dich wiederſehen?— Ver⸗ zeihe mir, wenn ich Dich zur Rückkehr auffordere. Du biſt länger als gewöhnlich ausgeblieben, aber dar⸗ auf ſon hatt geli Nie Ein imm Herz lebte ſinnt Ster Him künde nur v t war, fährtin hätte, icht die en, und können, erfüllt Weiſe⸗ n. In⸗ geſucht, Biücher tzt eben gefielen twürde h hierin Deiner erkannt, eſt, und ſie noch ückt ſind ienen— rache ge⸗ „ die Du rſt; auch daß Du Du hier — Ver⸗ ffordere. aber dar⸗ 331 auf würde ich nicht achten, nicht die Anzahl der Tage, ſondern die Empfindungen, die ich während jener Tage hatte, ſind es, welche machen, daß ich mich nach Deiner geliebten Stimme, nach Deinem holden Anblick ſehne. Nie fühlte ich mich ſo verlaſſen, ſo gänzlich elend. Eine geheime Stimme flüſtert mir zu, daß wir auf immer getrennt ſind. Ich kann den Ahnungen meines Herzens nicht widerſtehen. Als mein armer Vater noch lebte, konnte ich, Kind wie ich war, nicht jene Ge⸗ ſinnungen hegen, die uns, wie er ſagte, von den Sternen eingeflößt würden. Ich vermochte nicht in den Himmelslichtern die Vorboten der Furcht und die Ver⸗ künder böſer Nachrichten zu ſehen. Sie erſchienen mir nur voll Heiterkeit und Lieblichkeit und voll Verheißung dauernder Liebe! Und ſo oft ich zu ihnen aufblickte, dachte ich an Dich und Dein Bild, welches, wie Du weißt, mir von Kindheit an vorſchwebte, erglänzte, von unbeſchreiblichem und dennoch nie ſchwermüthigem Zauber. Aber jetzt, obgleich ich Dich um ſo inniger liebe, kann ich meine Gedanken an Dich nicht von einer gewiſſen Traurigkeit befreien! So betrachte ich, ſeit Du von mir entfernt biſt, jetzt jede Nacht den ſillen Himmel und befreunde mich mit jedem Stern, den ich erblicke. Ich frage ihn nach Dir und möchte wiſſen, ob Du, wenn Du ihn erblickſt, im Geringſten an mich denkſt! Ach! ich blicke viel lieber den Himmel als die Erde an, denn die Bäume und das Waſſer und die Hügel um mich her kannſt Du ja jetzt nicht betrachten; allein der Himmel, den ich anblicke, wölbt ſich auch über Dir, und dieſer, unſer gemeinſamer 332 Gefährte, ſcheint uns gewiſſermaßen zu vereinigen. Ich habe über die Wiſſenſchaft meines Vaters nachgedacht und ſie zu erlernen verſucht— lächle nicht, denn Deine Abweſenheit hat mich für den Aberglauben empfäng⸗ lich gemacht. „Aber ſage mir, Theuerſter, ſage mir— o, wann wirſt Du zurückkehren? Kehre nur dies Einemal, wenn auch nur auf einen Tag zurück, und ich will nie mehr in Dich dringen. Unſtät, wie Du biſt, ſollſt Du volle Freiheit für's Leben haben. Doch kann ich Dir nicht ſagen, wie traurig und ſchwermüthig ich geworden bin, und wie jeder Stundenſchlag mir wie eine Todten⸗ glocke erſchallt! Kehre zurück zu Deiner armen Aucilla — wenn auch nur, um zu ſehen, was Freude iſt! Komm— ich weiß, Du wirſt es thun! Sollte Dich aber etwas zurückhalten, was ich nichd ahnen kaut, ſo beſtimme, wenn möglich, die Stunde Deiner Rüd⸗ kehr und laß den Brief, der mir dieſe Kunde bringt, lang und freundlich und voll von Dir ſein, wie Deite Briefe es ſonſt waren. Ich weiß, ich langweile Dich aber ich kann nicht anders. Ich bin ſchwach, niedet⸗ geſchlagen und habe nur noch Muth genug, um fir Deine Rückkehr zu beten.“ „Du haſt geſiegt— Du haſt geſiegt, Luecilla!“ ſagte Godolphin, als er dieſen phantaſtiſchen und vbt⸗ wurfsvollen Brief küßte und dann in ſeinen Buſen ſteckte;„und ich— ich will lieber ſelber elend ſein, als daß Du es werdeſt!“ Sein Herz warf ihm ſelbſt dieſen letzten Gedanken vor. Konnte dieſe reine und innige Liebe Lurillas den gen⸗ von ging errei düſte halb ſam Gew eilte er je Eger hatte ein trübe eu. Ich gedacht Deine pfäng⸗ „wann l, wenn ie mehr Du volle ir nicht eworden Todten⸗ Lucilla de iſt! lte Dich en kant, er Rüc⸗ e bringt, ie Deite eile Dich , nieder⸗ um fir Lucilla!“ und vot⸗ en Buſen end ſein, Gedanken Lucillas 333 denn wirklich ein Unglück für ihn ſein oder ein Opfer genannt werden? Von dieſem Gedanken gequält und von Unruhe gejagt, eilte Godolphin in's Freie— ging durch die Stadt, durch das Sebaſtiansthor und erreichte die Appia Via, und erblickte das einſame, düſtere Haus des verſtorbenen Volktman. Er hatte halb unbewußt den Weg dorthin eingeſchlagen, gleich⸗ ſam als ſollte dadurch ſein Vorſatz befeſtigt und ſein Gewiſſen im rechten Gleiſe erhalten werden. Von hier eilte er weiter und blieb nicht eher ſtehen, als bis er jenen lieblichen, zauberhaften Ort, das Thal der Egeria erreichte, wo er Lucilla an dem Tage erblickt hatte, wo er zuerſt ihre Liebe erfahren. Es lag jetzt ein Düſter über der Scene, denn das Wetter war trübe und der Himmel bewölkt. Die Vögel waren ſtill und die Luft ſchwer und drückend. Er trat in jene Grotte, welche der Schauplatz der lieblichſten Liebes⸗ geſchichte war, die je im ſanften Süden erzählt worden iſt. Er rief ſich die leidenſchaftlichen und glühenden Regungen zurück) die er, als er zum letztenmal dort geweſen, für Lucilla empfunden und irrthümlich als Liebe gedeutet hatte. Wie ſo ganz anders erſchien ihm jetzt der Ort! Damals hatte derſelbe in ihm die lieblichſten Empfindungen erregt, jetzt ſchien er ihm die Schwäche vorzuwerfen, welcher er ſich ſchuldig fühlte. Die zertrümmerte Statue des Flußgottes— das troſtloſe Schweigen, womit das Waſſer ver lieb⸗ lichen Quelle ihren melancholiſchen Lauf fortſetzte, Alles hier ſchien beredt zu ſein, doch nicht von Liebe, ſon⸗ dern von der zerſtörten Hoffnung und der ſchauerlichen Buſwer, Godolphin. 22 334 Ode, die jener Liebe folgten! Die liebliche Pflanze, das Frauenhaar, welche die Seiten der Grotte be⸗ kleidet, und ſich vom Waſſer des Quells nährt, ſchien ein Sinnbild getäuſchter Liebe zu ſein— einer Liebe, wie von jetzt an Lucillens ſein mochte— einer Liebe, die ſchweigend an dem einſt dem Entzücken geweihten Orte ſchmachtet und ſich mit Thränen ſättigt. In dem Alterthum des Ortes ſelber lag etwas, was der menſch⸗ lichen Leidenſchaft Hohn ſprach; vierundzwanzig Jahr⸗ hunderte waren ſeit dem Urſprunge der Erzählung verfloſſen, durch die der Ort geheiligt wurde— und die Erzählung ſelber war eine Fabel! Was war ein vereinzeltes Atom in dieſer ungeheuren Anhäufung des Sandes der Zeit! Was war unter den Millionen, den Myriaden, die um dieſe verlaſſenene Stelle geliebt und der Liebe vergeſſen hatten, die kurze Leidenſchaft eines Sterblichen, die ſchon bei ihrem Entſtehen erloſch! So verſchieden moraliſirt das Herz, je nachdem die Leidenſchaft den Tert dazu liefert. Ehe Godolphin nach Hauſe zurückkehrte, hatte er ſeinen Entſchluß gefaßt. Auf den nächſten Tag hatte er Conſtanzen verſprochen, ſie nach Tivoli zu begleiten; er beſchloß dann von ihr Abſchied zu nehmen und am folgenden Tage zu Lucilla zurückzukehren. Unter bittern Vorwürfen erinnerte er ſich, in dreimal ſo langer Zeit als gewöhnlich, nicht an ſie geſchrieben zu haben; er fühlte, daß in dem Augenblicke, wo ſie die Worte geſchrieben, die jetzt an ſeinem Herzen ruhten, ſie mit unausſprechlicher Innigkeit und namenloſer Angſt ſeine lauen Zuſicherungen danernder Liebe erwartete, und daß wor wür ſten volli lichk und ten C Woec ſeine Lucil lanze, e be⸗ ſchien Liebe, Liebe, eihten ndem tenſch⸗ Jahr⸗ ihlung — und ar ein ng des n, den bt und t eines rloſch! em die atte er g hatte gleiten; und am bittern er Zeit ben; er Worte ſie mit ſt ſeine e, und 335 vaß der Brief, mit dem er den ihrigen jetzt zu beant⸗ worten hätte, der erſte ſein könnte, der ihr wohlthun würde. In dieſem Briefe aber wollte er ſie wenig⸗ ſtens nicht täuſchen. Er ſchrieb endlich und mit dem vollen Erguß einer durch Reue wieder erweckten Zärt⸗ lichkeit. Er berichtete ihr ſeine unverzügliche Rückkehr und zwang ſich ſogar bei derſelben mit einem erheuchel⸗ ten Entzücken zu verweilen. Zum erſtenmal ſeit mehreren Wochen fühlte er ſich zufrieden mit ſich ſelbſt, als er ſeinen Brief verſiegelte. Es iſt aber zweifelhaft, ob Lucilla je dieſen Brief erhielt. Vierzigſtes Kapitel. Livoli— Die Höhle der Syrene— Das Geſtändniß. Die tödtliche Campagna entlang, auf einem lang⸗ weiligen und verlaſſenen Wege, durch eine Reihe von niedrigen und ſchmutzigen Häuſern ſchreitet man dahin und erblickt dann Tivoli! „Sehen Sie!“ rief Conſtanze mit Entzücken, indem ſie auf den rauſchenden Waſſerfall deutete, der über verſchlungene Bäume und Felsklippen herunterdonnerte. Erſtaunt über Godolphin's Schweigen, der ſonſt von einer herrlichen Landſchaft ſo lebhaft hingeriſſen zu werden pflegte, wendete ſie ſich haſtig um, und die ganze Flut ihrer Gefühle wurde angeregt, als ſie die troſtloſeſte Niedergeſchlagenheit auf ſeinem Geſichte geſchrieben erblickte. „Wie,“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, indem 336 ſie ein ſcherzendes Lächeln affektirte,„wie ſeltſam iſt dies! Sonſt entging Ihnen kaum ein alltäglicher grüner Fleck mit einem alten Baume oder ein gewöhn⸗ licher Bach, über den ſich eine Weide neigte. Sie forderten, daß man Ihr Entzücken theile, mit Ihnen das Maleriſche bewundere— und jetzt, da eine der göti⸗ lichſten Scenen der Erde vor uns liegt, da ſelbſt Lady Charlotte von Wonnegefühl überfließt und Herr Saville über den Anblick ſich ſelber vergißt, ſind Sie in Schweigen und Erſtarrung verſunken? Geben Sie den Grund an— wenn er nicht allzu ſeltſam iſt!“ „Er iſt hier!“ ſagte Godolphin trauernd, indem er ſeine Hand auf's Herz drückte. Conſtanze wendete ſich ab; ſie ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, er deute auf frühere Ereigniſſe hin und verzweifele daher an der Zukunft. Sie bezog ſeine Traurigkeit auf ſich und wußte, daß ſie dieſelbe würde entfernen können. Durchdrungen von dieſem Gedanken und durch die Schönheit des Morgens erheitert und durch die Wunderpracht der Natur, ließ ſie allen Zauber ihrer Unterhaltungsgabe walten. Und als ihr ſtrah⸗ lender Geiſt jeden Gegenſtand erhellte, über den er ſich verbreitete, vergaß und fühlte Godolphin wechſels⸗ weiſe die Größe des Opfers, welches er zu bringen im Begriffe war. Jeder aber kennt das Gefühl, wo⸗ durch, wenn wir unglücklich ſind, unſer äußeres Weſen von der Wildheit unſerer inneren Verzweiflung gleichſam durchleuchtet wird— jene Achtloſigkeit, die der Rauſch unſeres Kummers iſt. Allmählig kam Godolphin von ſeiner Verſchloſſen⸗ hei erw Ge anl Nat trat Beg zeig ſteil bend das rühr kleid ſam iſt äglicher ewöhn⸗ e Si nen das er gött⸗ bſt Lady Saville Sie in Sie den 4 indem ſich mit hin und og ſeine be würde Hedanken tert und nZauber hr ſtrah⸗ r den er wechſels⸗ bringen ühl, wo⸗ es Weſen gleichſam er Rauſch ſchloſſen⸗ 337 heit ab. Er ſchien an Conſtanzens Enthuſtasmus zu erwarmen; erwiederholte die Bemerkungen ſeiner ſchönen Gefährtin, gab denſelben neue Richtungen und ver⸗ anlaßte ſie zu neuen Ergießungen über das Schöne der Natur. Sein mit den Schätzen des Alterthums ver⸗ trauter Geiſt verknüpfte irgend eine längſt vergangene Begebenheit mit jedem Gegenſtande, der ſich ihnen zeigte. Der Waſſerfall, die Ruine, die Höhle— das ſteile mit Olivenbäumen bekränzte Ufer— der ſchwe⸗ bende Tempel— der Cypreſſen dunkles Grün und das Brauſen des wilden Fluſſes Anio— Alles be⸗ rührte er mit dem Zauberſtabe der Vergangenheit— kleidete es in die Glorie der Geſchichte und der Legende — und bedeckte es von Zeit zu Zeit mit den Blüten der ewigen Pveſie, die noch jetzt trauernd um ihre Kinder, unter den Weinbergen und Waſſerfällen des alten Tibur wandelt. Und während Conſtanze ihm zuhörte, verſank ſie in Wonnegefühl, bis ſie, ohne es zu wiſſen, ſelber ſchweigſam wurde und ſich ohne Rückhalt dem ſtolzeſten Genuſſe der Liebe— dem Stolze auf den geliebten Gegenſtande hingab. Noch nie war ihr das ſeltene und umfaſſende Genie Godolphin's der Bewunderung ſo werth erſchienen, und als er aufhörte zu reden, war ihr, als wäre plötzlich eine Lücke in der Schöpfung entſtanden. Godolphin und die junge Gräfin waren der kleinen Geſellſchaft um mehrere Schritte vovraus und ſie nahmen jetzt ihren Weg zu der Syrenenhöhle. Der Weg, der zu dieſer merkwürdigen Stelle führt, iſt beſtändig ſo ſchlüpfrig, daß, um feſten Fuß zu behalten, man ſich 338 an den Büſchen feſthalten muß, die an den Seiten des Abhanges wachſen. „Wir wollen unſern Führer entlaſſen,“ ſagte Go⸗ dolphin.„Ich kenne jeden Fußbreit des Weges und bin überzeugt, Sie theilen meinen Widerwillen gegen dieſe abgedroſchenen Andeuter und ſtarren Wegweiſer der Bewunderung. Wir wollen ihn der Lady Charlotte und Saville überlaſſen; erlauben Sie mir, Sie in die Höhle zu führen.“ Conſtanze gab bereitwillig ihre Zuſtimmung, und man ging weiter. Saville, dem der ſchwierige un gefährliche Pfad durchaus nicht gefiel, machte bald Halt und wußte die Lady zu bewegen, daſſelbe zu thun, denn dieſe fand Gefallen an dem Witze ihres Begleiters, wenn er über das Maleriſche in den Land⸗ ſchaften ſprach.—„Und überdies,“ ſagte ſie,„hahe ich die Höhle ſchon früher geſehen.“ So harrten Beide der Rückkehr der kühneren Gräfin und ihres Führer. Ohne das Zurückbleiben ihrer Freunde zu bemerken, da ſie bei der Aufmerkſamkeit, die jeder Schritt et⸗ forderte, niemals hinter ſich blickte, ſetzte Conſtanze ihren Weg fort. Und wie herrlich erſchien ihr dieſer rauhe Pfad, als jeden Augenblick Godolphin's Sorg⸗ falt— Godolphin's unterſtützende Hand nöthig war, und er dagegen, begeiſtert, erglüht durch ihre Nähe, durch die Milde in ihrem Weſen, durch die Innigkeit ihrer Aufmerkſamkeit— doch nein, nein, noch war Lucilla nicht vergeſſen! Und jetzt ſtanden ſie in der Höhle der Syrene Von dieſer Stelle allein kann man jenen furchtbaren füll zu des in phi ga un he ihr Be Seiten agte Go⸗ eges und en gegen gegweiſer Charlotte Sie in die ung, un erige und chte bald ſſelbe u zitze ihres den Land⸗ ſie,„habe rten Beide 3 Führers. bemerken, Schritt e⸗ Conſtanze ihr dieſer in's Sorg⸗ öthig war, ihre Nähe, Innigkeit noch wat er Syn⸗ furchtharen 339 Waſſerfall erblicken, der gleich dem Kommen eines Gottes zur Erde niederbraust! Die Felswände um ſie her trieften— der Waſſerſturz fiel zu ihren Füßen nieder. Herab, unter immerwährendem Donner, ſtürmte das betäubende Element, oben Schaum, unten Dunkel⸗ heit— dort der Fall, hier der Abgrund. Keine Pauſe eines Augenblicks in der Wuth, keines Augenblickes Stille in dem Gebrüll— fort bis zum letzten Strahle der Sonne— ſollen der Fluch des Herabſtürzens und die Seele der unausſprechlichen Kraft auf dieſen Waſſern haften! Ein Dämon, bis in alle Ewigkeit gequält, der ſeine ſchauerliche Wohnung mit der ruheloſen und überirdiſchen Stimme ſeiner Wuth und Verzweiflung erfüllt, iſt der einzige Typus, wodurch der Geiſt des Cataracts kann bezeichnet werden. Und dort— inmitten dieſer ſchauerlichen und furchtbaren Ewigkeit des Kampfes und der Macht— ſtanden zwei Weſen, deren augenblickliches Daſein von der herrſchenden Leidenſchaſt der Menſchheit er⸗ füllt war. Und dieſe Leidenſchaft war dort dennoch hörbar; die äußere Natur vermochte nicht, die innere zu bewältigen. Selbſt unter den eiſigen Schauern des Schaumes, unter welchem einem Andern das Blut in den Adern hätte gefrieren mögen, fühlte Godol⸗ phin die Glut ſeines Herzens. Conſtanze aber war ganz und gar in einem Wirbel und Chaos von Schauder und Bewunderung verloren, ſo daß ſie kein Wort hervorbringen konnte. Indeſſen lag es in der Natur ihres wunderlichen Geliebten, nur durch vollkommenes Bewußtſein ſeiner Kräfte und Leidenſchaften unter. 340 den ſelteneren und wilderen Aufregungen des Lebens ſich erweckt zu fühlen. Eine wilde Bewegung bemäch⸗ tigte ſich jetzt ſeiner— ein Anflug von jener ſtür⸗ miſchen Ueberſpanntheit des Geiſtes, die zu einem denkwürdigen und beſtrittenen Spruche veranlaßte:— „Wenn Du am Rande eines Abgrundes mit Deiner Geliebten ſtandeſt, fühlteſt Du je das Verlangen, Dich mit ihr in die Tiefe zu ſtürzen?— Wenn das iſt, ſo haſt Du geliebt!“— Allerdings iſt der Spruch überſpannt, allein es gibt Zeiten, in denen auch die j Liebe überſpannt iſt. Und jetzt, und ohne es zu wiſſen, hing Conſtanze immer feſter an Godolphin. Erſt wurde ſie von ſeiner Hand, dann von ſeinem Arme gehalten, und endlich zog er ſie durch einen unwider⸗ ſtehlichen, ſinnebetäubenden Antrieb an ſeine Bruſt und flüſterte mit einer Stimme, die Conſtanze ſelbſt durch den Donner des Rieſengewäſſers hindurch vernahm: 3„Hier, hier meine frühe— meine einzige Geliebte, fühle ich wider meinen Willen, daß ich Dich noch nie zuvor ſo innig, ſo inbrüſtig liebte, wie jetzt!“ Einundvierzigſtes Kapitel. Lucilla— Die Einſamkeit— Der Zauber— Der Traum und der Entſchluß. Während die oben erwähnten, für Luecilla ſo un⸗ heilvollen Ereigniſſe in Rom geſchahen, hielt ſie mit ihrem leidenſchaftlichen und ruheloſen Herzen einen ſchmerzlichen Verkehr an den Ufern des Sees, deſſen ruhi welc hatt ertre hera Lebe hatte haft Stin dolp Verg die f regel einzi loſen Zwei Lebens bemäch⸗ er ſtür⸗ einem ßte:— Deiner rlangen, zenn das Spruch auch die wiſſen, n. Erſt m Arme unwider⸗ ruſt und bſt durch ernam: Geliebte, ich nech jetzt!“ Lraum und a ſo un⸗ lt ſie mit en einen s, deſſen 341 ruhiger Silberſpiegel demſelben Gemüthe Hohn ſprach, welchen er in glücklicheren Augenblicken geglichen hatte. Sie hatte jetzt die ſchwere Laſt des Winters ertragen und der frühe und ſanfte Frühling nahte heran— glättete die Oberfläche des Waſſers und rief Leben in die keimenden Aſte der Bäume. Bisher hatte dieſe Jahreszeit einen geheimnißvollen und leb⸗ haften Reiz für Lucilla gehabt— jetzt waren alle Stimmen deſſelben verſtummt. Der Briefe, die Go⸗ dolphin an ſie geſchrieben, waren ſo wenige und im Vergleiche mit den früheren ſo gezwungen, daß ſie, die für jeden Impuls empfänglich war, und unge⸗ regelt durch beſtimmte Grundſätze der Hoffnung, ihre einzige Erleichterung in einer thränenvollen und geiſt⸗ loſen Niedergeſchlagenheit, ſo wie in Parorxismen des Zweifels, der Eiferſucht und der Verzweiflung fand. Es iſt die alltäglichſte Erſcheinung von der Welt, daß, wenn wir einmal anfingen einer Perſon Unrecht zu thun, wir, angetrieben durch eine gewiſſe Ver⸗ vroſſenheit, womit das Gewiſſen das Andenken an den beleidigten Gegenſtand verbindet, in dieſem Unrecht immer weiter gehen. Und ſo fühlte Godolphin, im Kampfe mit der Ruͤckkehr zu ſeiner früheren und nie vergeſſenen Liebe, eine Abneigung, die er nur ſelten erfolgreich zu überwinden vermochte, den Heuchler gegen Lucilla zu ſpielen. Seine Reue ſelbſt machte ihn ungütig gegen ſie; der Gedanke, daß er oft hätte ſchreiben ſollen, machte, daß er ſelten ſchrieb, daß er Lucilla's innige Liebesergüſſe hätte erwidern ſollen, veranlaßte, daß er ſich in dieſer Erwiderung, ohne 342 es zu wollen, linkiſch und unbeholfen zeigte. Diez Alles iſt uns ſehr natürlich und begreiflich; doch A⸗ eilla ſuchte tauſend Myſterien auf und gab ſich ihnen hin, denn ſie ſchienen ihr unendlich wahrſcheinlicher als irgend eine Muthmaßung der Wirklichkeit es ihr hätte ſein können. Inzwiſchen ſetzte ſie um ſo eifriger jene nichtigen Forſchungen fort, womit ſie ſich noch die Zeit ver⸗ trieb und die ihrer Phantaſie zuſagten. Bei einer ſo trügeriſchen und unerſprießlichen Wiſſenſchaft kan es zum Glück wenig darauf an, ob die Schülerin mit Erfolg in derſelben arbeitete oder nicht; indeß g⸗ währte es ihr einen beruhigenden Troſt, zum z mament hinaufzublicken und eine Muthmaßung aus der Sprache der Geſtirne herzuleiten. Vor Allen dachte Lucilla dabei, eben weil ſie in die Zukunft 1 blicken ſtrebte, an ihren Geliebten. Doch ein Tag verging nach dem andern und es kam kein Brief oder einer, der ſchlimmer als keiner war; und endlich wurde Lucilla über alle Beſchreibung ungeduldig, en nervöſes Fieber bemächtigte ſich ihrer, und in ihn unausſprechlichen Verlaſſenheit wurde ſie von jenen unvertilgbaren Gefühle der Reizbarkeit ergriffen, wel ches, wie ich gehört, jener Raſerei vvrauszugehen pflegt, die durch getrennte Gefangenſchaft häufig be Gefangenen erzeugt wird. An dem Tage, wo ſie den oben mitgetheilten grif an Godolphin ſchrieb, war dieſe ſchmerzliche Nervem⸗ aufregung höher als je geſtiegen. Es verlangte ſ. irgend wohin zu fliehen; einigemal fiel es ihr ſogn ein, ſo nur Wu ſo! obg ſolc wäh kräf deß Bri und Erft ſchu dahe emp . Dies doch A⸗ ch ihnen einlichet it es iht nichtigen Zeit ver⸗ Zei einet haft kan lerin mit indeß ge⸗ zum Fir⸗ jung at Allen kunft zu ein Tuz rief ode d endlich ildig, in ihrn on jenen ffen, wel⸗ uszugehen äuſig bei lten guif e Nerven⸗ angte ſ. ihr ſog 343 ein, ſie könne leicht nach Rom kommen, und eben ſo ſchnell wie ihr Brief dort ſein. Obgleich wir nur in jenem Brief andeuteten, daß Lucilla ihren Wunſch ausgeſprochen, Godolphin möge zurückkehren, ſo hatte ſie doch daſſelbe in allen ſpäteren Briefen, obgleich ſchüchterner, gethan. Aber dieſe hatten keinen ſolchen Eindruck auf Godolphin gemacht, noch auch, während er mit ſeiner Gefahr ſcherzte, denſelben kräftigen Entſchluß hervorgerufen. Lucilla konnte in⸗ deß nicht hoffen, daß der Erfolg ihres gegenwärtigen Briefes größer als der ihrer früheren ſein werde, und auf jeden Fall erwartete ſie keine unmittelbare Erfüllung ihrer Bitten. Sie erwartete einige Ent⸗ ſchuldigungen und einigen Aufſchub. Wir können uns daher nicht wundern, daß ſie einen lebhaften Wunſch empfand, ihrem Briefe nach Rom zu folgen; und obgleich ſie früher daran verhindert worden war und den Gedanken aus Furcht vor Godolphin's Mißfallen nicht ausführte, ſo verließ ſie ſich doch hinlänglich auf die Milde ſeines Charakters, um ſich überzeugt zu halten, daß das Mißfallen nicht lange währen werde. Dennoch war der Schritt kühn und Lueilla liebte innig genug, um ſchüchtern zu ſein, und über⸗ dies machte ihre Unerfahrenheit, daß ſie die Reiſe als ein viel furchtbareres Unternehmen anſah, als ſie wirklich war. Indem ſie hierüber mit ſich zu Rathe ging, ſuchte ſie ihren gewöhnlichen Zufluchtsort auf und blätterte nachläſſig in den Büchern, die ſie in der letzten Zeit ſo eifrig ſtudirt hatte. Als ſie endlich eins aufſchlug, 344 welches ſie bisher noch nicht in Händen gehabt hatte, fiel ein Papier heraus. Sie hob es auf, es war das Papier mit der Figur, von der ihr Vater ihr geſagt, daß ſie die Macht habe, prophetiſche Träume über Umſtände oder Perſonen hervorzubringen, wo⸗ von der daran Glaubende etwas zu erfahren wünſche. Als ſie das Bild erblickte, fiel ihr ſogleich ihre ganze Unterredung mit Folktman über den Gegenſtand ein, und ſie beſchloß in derſelben Nacht die Wirkſamkeit des Zaubers zu prüfen, woran er mit ſo großem Vertrauen geglaubt hatte. Von dieſer Täuſchung er⸗ füllt, wünſchte ſie jetzt die Nacht herbei. Sie blicke wiederholt das Bild an, deſſen Seltſamkeit ihr n⸗ türlich einen feſten Glauben an die Wirkſamkeit ein⸗ flößte. Als nun die Schatten des Abends ſich nieder⸗ ſenkten und die Stunde der Prüfung herannahte, fühlte ſie einen wunderbaren Schauder durch ihre Aderm rieſeln. Endlich kam die Nacht und Lueilla ging in ihre Kammer. 5 Die Stunde war überaus heiter und die Sterne warfen ihr Licht durch das Fenſter mit einem Scheine, der ihr weiſſagend und vorbedeutungsvoll erſchien. Barfuß und im leichten Nachtgewande ſchritt ſie zit⸗ ternd über die Schwelle. Sie blieb einen Augenblick am Fenſter ſtehen und blickte hinaus in die ruhige Nacht; und als ſie ſo daſtand, hätte ich, wäre ich Maler geweſen, meine ganze Jugend dazu anwenden mögen, ihr Bild zu malen. Halb im Lichte— halb im Schatten— ließ ihre leichte Vekleidung den Un⸗ riß und etwas von ihrem Halſe und Buſen ſeche deren übertt ihren erſchit gleich Halſe war r wohl gericht ſo ju Ingen Zweife Hoffen Lippen Es lag ihrer und m nichts t hatte, es war ter ihr Träume n, wo⸗ vünſche. e ganze nd ein, kſamkeit großem ung er⸗ e blickte ihr na⸗ keit ein⸗ niedet⸗ , fühlte e Adern ging in Sterne Scheine, erſchien. ſie zit⸗ ugenblic e ruhige wäre ich nwenden — halb den Um⸗ n ſehen, 345 deren Rundung und Fülle und Farbe nimmer ſind übertroffen worden. Sie hielt die Arme leicht über ihren Buſen gekreuzt und ihr langes üppiges Haar erſchien um ſo dunkler im Halbdunkel und fiel, wenn gleich nicht aufgelöst, von der Stirn üppig bis zum Halſe herab. Ihre Stellung in jenem Augenblick war ruhig und ſchien andächtig zu ſein, was ſie auch wohl wirklich war. Ihr Geſicht war himmelwärts gerichtet und nach Rom hin. Aber jenes Geſicht war ſo jung, ſo kindlich, ſo beſcheiden, und doch wurden Ingend und Schüchternheit noch erhöht durch den Zweifel, den übernatürlichen Schrecken, das überirdiſche Hoffen, die auf ihrer Stirn, in ihren halbgeöffneten Lippen und ihrem entflammten Auge ſichtbar waren. Es lag eine Erhabenheit in ihrer Einſamkeit, in ihrer Jugend und in ihrem eitlen, innig gehegten Aberglauben, der nichts weiter war, als ein Geiſt, heraufbeſchworen aus den Tiefen einer unergründlichen und mächtigen Liebe. Und in der Ferne hörte man nichts weiter als die Brandung des See's am Ufer — ſonſt keinen Ton! Und nun, unter den unbeweg⸗ lichen Pinien drang ein Silberſchimmer herüber, als der Mond heraufſtieg und in ſeinem Lichte die Lieb⸗ lichkeit und das Erhabene der ganzen Scene noch erhöhte. Lueilla wendete ſich vom Fenſter, kniete nieder und ſchrieb mit bebender Hand auf die Zauberfigur ein einziges Wort— den Namen Godolphin. Dann legte ſie die Zeichnung unter ihr Kopfkiſſen und der Zauber war vollendet. Der Aſtrolog hatte freilich 346 geſagt, daß das Gemüth nothwendig bei dem Zauber mitwirken müſſe; doch wird man ſich leicht vorſtellen können, daß Lueilla keiner Mahnung bedurfte, um im Geiſte durchaus mit derjenigen Viſion beſchäftigt zu ſein, die ſie erwartete. Und es würde ſeltſam geweſen ſein, wenn bei ihrer innigen Neigung zu Godolphin, ſich ſein Bild nicht auch ohne Zauber in ihren Träumen dargeſtellt hätte. Es war ihr, als ſei es heller Mittag, als ſäße ſie allein in dem Hauſe, welches ſie gegenwärtig be⸗ wohnte, und als weine ſie bitterlich. Plötzlich hört ſie Gydolphin's Stimme; ſie eilt ihm lebhaft ent⸗ gegen, aber ſobald ſie die Schwelle überſchritten hat, verwandelt ſich Alles um ſie her und ſie iſt allein in einer ungeheuren, ungebahnten Wüſte. Da war kein Baum, kein Waſſer, Alles war öde, einſam und un⸗ belebt. Aber was am ſeltſamſten ſchien, war der Umſtand, daß an dem hellen und klaren Hinmel weder Sonne noch Sterne zu ſehen waren; das Licht ſchien feſt und ſtarr zu ſein— es war kein Leben darin. Und es ſchien ihr, als bewege ſie ſich unwillkürlich ſie ſich nach Ruhe, aber ihre Glieder gehorchten ihrem Willen nicht und eine Macht, über die ſie keine Ge⸗ walt hatte, trieb ſie weiter. Und nun hörten Stummheit und Tod in der Seene auf. Aus dem Sande, wie aus den Einge⸗ weiden der widerſtrebenden Erde, krochen einzelne ekel⸗ hafte und kriechende Geſtalten; widerwärtige Töne weiter auf der Einöde, und von Zeit zu Zeit ſehnte einem i drangen, bald als ſcheußliches Geſpött, balb als kläg liches dichter ſtrengu ſie ſtreb lauter die ſie anzubli ihr rin ſie verl ſtand ſi allmähli und Oh die anfa Nun Zauber rſtellen te, u chäftigt ſeltſam ing zu Zauber ils ſäße tig be⸗ ich hört aft ent⸗ ten hat, llein in var kein und un⸗ var der Himmel as Licht en darin. illkürlich it ſehnte en ihrem eine Ge⸗ in der Einge ne ekel⸗ ge Töne 347 liches Flehen in ihr Ohr. Die Schreckbilder wurden dichter um ſie her. Durch Schreck wurde ſie zur An⸗ ſrengung getrieben, ſie eilte ſchneller und ſchneller; ſie ſtrebte zu entrinnen, doch je eifriger ſie floh, deſto lauter wurden die Schreckenstöne, deſto furchtbarer die ſie verfolgenden Geſtalten— Scheußlichkeiten, die anzublicken ihre reine Seele ſchauderte, ſtellten ſich ihr ringsum dar— da war kein Zufluchtsort, keine ſie verbergende Höhle. Ermüdet und verzweifelnd ſtand ſie ſtill; dann aber ſchienen Geſtalten und Töne allmählig ihr Widerwärtiges zu verlieren; ihre Augen und Ohren gewöhnten ſich nach und nach an ſie, und die anfangs Feinde geſchienen, wurden ihre Genoſſen. Nun verwandelte ſich die Wildniß; ſie ſtand an einem ihr fremden Orte und vor ſich erblickte ſie Godolphin, der ſie mit innigen, trauervollen Augen anſah. Aber er ſchien viel älter zu ſein, als er war, und tiefe Furchen der Sorge hatten ſich in ſein Geſicht gegraben. Und über ihnen hing eine bewe⸗ gungsloſe bleifarbene Wolke und aus der Wolke ſtreckte ſich eine gigantiſche Hand, die mit ſchattenartigem und unbeweglichem Finger auf eine Gegend der Erde deutete, die in dichte Finſterniß eingehüllt war. Während ſie mit angeſtrengtem Auge die Finſterniß der poſchauerlich bezeichneten Stätte zu durchdringen ſtrebte, als klig⸗ tie dicht unter ihr zu ſein ſchienen; und ſie hörte, war es ihr, als verſchwinde Godolphin und als werde ſie von plötzlicher, finſterer aber nicht ſtiller Nacht umgeben— denn ſie hörte ein Rauſchen wie von tielen Winden und das Brauſen erzürnter Waſſer, 348 wie die Bäume ächzend ſich beugten und ſie fühlt das eiſige Rauſchen der Stürme. Unter dieſem mäch⸗ tigen Getöſe hörte ſie deutlich die Hufſchläge eines Pferdes, und dann ertönte ein wilder Schrei, in den der Wuth der Elemente der noch ſchauerlichere Zeuge der menſchlichen Verzweiflung. Dem Schrei folgt⸗ ein noch lauteres Rauſchen der Waſſer, ein noch ent⸗ ſetzlicheres Brauſen der Winde, und dann befreiten ihre Qual und ihr Entſetzen ſie aus den Banden des Schlafes— ſie erwachte. Es war beinahe heller Tag; doch die Heiterkeit des ſpäten Abends war vergangen; der Regen fil in Strömen nieder und das Haus erbebte von de Wuth des heftigen Sturmes. Dieſe Veränderung in der Natur hatte wahrſcheinlich Einfluß auf den teren Theil ihres Traumes. Aber Lueilla dachte an keine natürliche Löſung der ſchrecklichen Viſion. Iht Aberglaube wurde durch den lebhaften Eindruck be ſtätigt, den der Traum auf ihr Gemüth hervorgebracht hatte. Tauſend unausſprechliche Befürchtungen, meh für Godolphin als ſie ſelber— oder wenn für ſi ſelber, doch nur in Verbindung mit ihm— übten ein unwiderſtehliche Herrſchaft über ihre Gedanken. Sie konnte es nicht ertragen, in dem dunkeln und erſchüt ternden Bangen zu beharren; ihr früher gehegte Vorſatz wurde zum feſten Entſchluſſe. Sie wollte ſo⸗ gleich nach Rom und Godolphin beſuchen. Sie ſtan auf, weckte ihre Dienerin und führte an vn Tage ihren Entſchluß aus. ſie Godolphin's Stimme erkannte. Jetzt kam noch zu 3 den v Zimm der ſi erſtau war d deſſen, Se gegant ihr zur Entzüc hervor ie fühlte m mäch⸗ ge eines in den noch zu re Zeuge ei folgte woch ent⸗ befreiten nden des Heiterkeit egen fiel von der erung in den lez⸗ achte on. Iht druck be⸗ rgebracht en, meht n für ſi ibten ein ken. Sit d erſchit gehegte vollte ſo⸗ Sie ſtam demſelben 349 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Freude und Verzweiflung. Es ging gegen Abend, als Lucilla einige Sekun⸗ den vor der Thür ſtehen blieb, die zu Godolphin's gimmer führte. Endlich faßte ſie Muth. Der Diener, der ſie einließ, war Godolphin's Liebling. Er war erſtaunt und ſehr erfreut, ſie zu ſehen, denn Lucilla war der Abgott Aller, die ſie kannten, nur nicht deſſen, für den ſie einzig lebte. Sein Herr, ſagte er, ſei auf eine kurze Zeit aus⸗ gegangen, doch am folgenden Tage hätten ſie alle zu ihr zurückkehren wollen. Lucilla erröthete vor lebhaftem Entzücken, zu hören, daß ihr Brief eine Wirkung hervorgebracht habe, wie ſie ſie ſo bald nicht erwartet hatte. Sie trat in Godolphin's Zimmer, wo ſich aller⸗ dings Zeichen einer bevorſtehenden Abreiſe zu erkennen gaben. Halbgepackte Koffer lagen am Boden; rings umher zeigte ſich die Verwirrung, woran der leiden⸗ ſchaftliche Reiſende ſo großes Vergnügen findet. Lu⸗ cilla ſetzte ſich nieder und harrte ſehnſüchtig und be⸗ bend ihres Geliebten. Ihre Kammerjungfer, die mit ihr gekommen war und mehr an irdiſche Dinge dachte, verließ ſie auf ihren Befehl. Sie konnte nicht lange ruhen; unruhig ging ſie in dem langen Zimmer um⸗ her, welches nur halb möblirt war, wie es in einem italieniſchen Palazo gewöhnlich iſt. Endlich fiel ihr Blick auf einen offenen Brief, der auf einem Schreib⸗ tiſche im Winkel lag. Sie überblickte ihn mechaniſch Bulwer, Godolphin. 23 350 — gewiſſe Worte feſſelten plötzlich ihre Auſmerkſam⸗ keit. Waren dieſe Worte— Worte der Leidenſchaft — an ſie gerichtet? Wenn nicht— o Himmel! an wen denn? Sie folgte, wie immer, dem Antriebe des Augenblicks und las, wie folgt: „Conſtanze!— Indem ich dieſes Wort nieder ſchreibe, wie viele Erinnerungen dringen auf mich ein!— Seit wie vielen Jahren iſt dieſer Name mei⸗ nem Herzen ein Talisman geweſen, der die Regungen deſſelben nach Gefallen weckt! Du biſt das erſte Weik, das ich je wahrhaft liebte: Du verwarfſt mich un dennoch konnte ich nicht von Dir laſſen. Du wundeß das Weib eines Andern— doch meine Liebe fiel nich; von Dir ab. Deine Hand ſchrieb die Geſchichte mein Lebens nach der Zeit, wo wir einander begegneten — meine Gewohnheiten— meine Gedanken— Alet nahm von Dir ſeine Färbung an! Und nun, 6 ſtanze, biſt Du frei, und ich liebe Dich glühender als je! Und Du— ja, Du würdeſt mich jetzt nicht verwerfen; Du biſt weiſer geworden und lernteſt den Werth eines Herzens kennen. Und doch wird daſſelb⸗ Schickſal, welches uns bisher trennte, uns auch je trennen; alle Hinderniſſe ſind beſeitigt, nur eins ni — und dieſes eine ſollſt Du hören und darüber„ theilen. „Als wir uns vor Jahren trennten, Conſtanh⸗ unterwarf ich mich nicht geduldig der glühenden E⸗ innerung, die Du mir hinterließeſt, ich ſuchte De Bild zu verdunkeln und Dich zu vergeſſen, indem 5 mich Andern weihte. Darf ich erſt ſagen, daß 6 Dein den a Neig hend nicht glühe eigniſ liebte. und( es no aber Gelüb ich ihr welche mir h ſie zu Rufes den ja diq Alles. elend nerkſam⸗ denſchaft mel! an triebe des t nieder⸗ auf mich ame mei⸗ Regungen ſte Weib, mich un u wurdeſ fiel nicht te mein gegneten — Alls un, Cu glühender jetzt nicht ernteſt dn rd daſſelb auch jet eins nich arüber un Conſtanſ enden Ge uchte Di indem ih n, daß i 351 Deiner nur um ſo mehr gedenken mußte? Aber unter den andern und minder würdigen Gegenſtänden meiner Neigungen war Eine, die ich vielleicht eben ſo glü⸗ hend möchte geliebt haben, wie Dich, wenn ich Dich nicht zuerſt geſehen hätte; und in dem erſten Er⸗ glühen der Aufregung und der Hitze plötzlicher Er⸗ eigniſſe bildete ich mir ein, daß ich ſie wirklich ſo liebte. Sie war eine Waiſe, ein Kind an Jahren und Erfahrung, und ich war ihr Alles— und bin es noch. Sie iſt nicht mein durch das Band der Kirche, aber ich habe ihr ein eben ſo heiliges und bindendes Gelübde abgelegt. Soll ich mein Wort brechen? Soll ich ihr Vertrauen täuſchen? Soll ich ein Herz brechen, welches ſtets mein geweſen iſt— und zärtlicher an mir hing als das Deine? Soll ich, der ich ſchwur, ſie zu beſchützen— ich, der ich ſie bereits ihres guten Rufes und ihrer Verwandten beraubte, ihr jetzt noch den Vater, den Bruder, den Geliebten, den Gatten, ja die Welt rauben?— Denn ich bin ihr dies Alles. Nimmer! nimmer! Ich werde lebenslänglich elend ſein, denn ich werde wiſſen, daß Du, o Con⸗ ſtanze, frei biſt, und die Meinige ſein könnteſt!— Doch ſie, nein, ſie ſoll nimmer ahnen, was ſie mich koſtete. Ich bin ſchon kalt, bin ſchon undankbar ge⸗ gen ſie geweſen— ich will dies wieder gut machen. Mein Herz mag bei dem Verſuche brechen, doch ihr ſoll ihr heiliges Recht werden. Du, Conſtanze, im Stolze Deines hohen Ranges, Deines kräſtigen Gei⸗ ſtes Deiner ſtrengen Tugend, die durch die hundert Schranken der Weltſitte eingeengt iſt, kannſt vielleicht 52 nicht faſſen, wie rein und innigliebend das Herz dieſes; haben armen Mädchens iſt! Sie iſt nicht eine von denen, Band die Reichthümer aufhäufen und uns dann verlaſſen auf Meine Liebe iſt aller Reichthum, den ſie kennt. Fir Wart den Verluſt meiner Liebe kann ihr die Erde weder Dir 1 Tröſtung noch Erſatz bieten; und ſelbſt des Himmels Waru gedenkt ſie nimmer anders als deeſein Dria wo brauſe ſie ebenfalls mit mir und auf ewig vereint ſein wirt. an me Indem ich vies ſchreibe, weilt ſie fern und einſct jener und denkt nur an denjenigen, deſſen Seele, unin nicht heftiger Qual ringend, von der Liebe zu einer Anden„E erfüllt iſt. Meine Briefe an die Vereinſamte ſin, Dir ni obgleich ſie ihren alleinigen Troſt ausmachen, bishe nit G kalt und ſpärlich geweſen; ich weiß, daß ich ihr in; ſtanze, tiefſter Seele weh that— ich ſtelle mir ihre Einſan⸗ keit, ihre Betrübniß, ihre freundloſe Ingend, ihm mein S glühenden Geiſt vor, der, nicht durch hohe Bildug; ßen le geläutert, nur einem Ge n nachhängt und ut eines 1 darin ſich nährt. Ehe Du dieſen Brief erhältſt, wer Vegri 3 ich auf dem Wege zu ihr ſein. Nimmer wieder wil; michz ich mich der Verſuchung ausſetzen, die ich zu beſtehm verwar hatte. Ich bin kein eitler Mann, ich täuſche mich nict obglei — = 8 ich bilde mir nicht ein, ich beleidige Dich nicht de ner L durch, daß ich glaube, Du werdeſt meinen Verliß; allein lange und ſchwer empfinden. Ich habe Dich ungleih; ten Ho mehr geliebt als Du und Du haſt zahll lß über n Mittel und Wege zu den glänzendſten Hoffnunge mir je und ihrer vollen Erfüllung. Du liebſt die Welt, un Kaun die Welt liegt Dir zu Füßen. Und indem Du je licher meiner gedenkſt, magſt Du Urſache zum Unwillenz ich ſe rz dieſes tdenen, erlaſſen. int. Für e weder Himmels tes, wo ein wird. einſan, e ueter r Ander mte ſint, n, bisher ch ihr in Einſam⸗ nd, ihren Bildun und m ſt, werd⸗ ieder wil u beſtehen mich nich, nicht de⸗ en Verliß h unglei ſt zahlloſ offnungen Welt, un n Du je nwillen 353 haben glauben. Warum weilte ich im Bewußtſein, ein Band geknüpft zu haben, durch welches alles Hoffen auf Dich mir unterſagt wurde, in Deiner Nähe? Warum ließ ich durch Blick und Miene und Wort Dir überhaupt merken, daß ich Dich noch liebe? Warum vergaß ich mich geſtern, als wir allein am hrauſenden Waſſer ſtanden? Warum ſchloß ich Dich an meine Bruſt? Warum ſprach ich die Verſicherung jener Liebe aus, die zum Hohn wird, wenn ich ſie nicht feierlich beſtätige? „So wirſt Du fragen; und wenn die Antwort Dir nicht genügt, ſo wird Dein Stolz mein Andenken mit Groll kleiden. Sei es ſo; aber höre mich! Con⸗ ſtanze, als ich in meiner Jugendblüte, zur Zeit, wo das Wachs noch weich, der Baum noch biegſam war, mein Herz und mein ferneres Lebensloos Dir zu Fü⸗ ßen legte, und als Du dann, nach den Vorſchriften eines weltlichen und kalten Ehrgeizes(bemäntle den Begriff, wie Du willſt, er bleibt dennoch derſelbe!) mich zurück in die Wüſte des Lebens ſtießeſt, mich⸗ verwarfſt, mich aufgabſt— glaubſt Du, daß damals obgleich ich Dich noch liebte, ſich nicht Groll zu mei⸗ ner Liebe miſchte? Wir trafen wieder zuſammen; allein wie viele Jahre vergendeten Daſeins, verdüſter⸗ ten Hoffens und unterdrückten Gefühls waren ſeitdem über mein Haupt gezogen! Und durch wen wurden mir jene Jahre ſo ſchaurig bezeichnet? Durch Dich! Kaun es Dich alſo Wunder nehmen, wenn menſch⸗ licher Stolz nach menſchlicher Rache trachtete? Ja, ich ſehnte mich ebenfalls nach einer Art von Triumph 354 — ich trachtete zu erproben, ob ich von Dir ver⸗ geſſen ſei, ob das Herz ebenfalls an jener Wunde leide, die es mir geſchlagen. War dies nicht natür⸗ lich? Frage Dich und tadle mich, wenn Du kannſt. Allmählig aber— als ich eine Schönheit anblickte, einer Stimme lauſchte, die jetzt ungleich milder als zuvor klang— als ich fühlte, Du würdeſt mir Erſiz nicht verſagen, da erſtarb jenes Rachegefühl, und nach und nach lösten ſich alle meine Regungen in eine einzige— in unbezwungene, unbezwingbare Liebe auf Und kannſt Du mich tadeln, wenn ich nun, Ver⸗ räther an mir ſelber, wie an Dir, an dieſem Ort verweilte? Wenn ich viele Kämpfe zu beſtehen hatte, ehe ich mich zu dem Opfer entſchließen konnte, wel⸗ gerecht zu ſein. Kannſt Du mich ſchelten, wenn ich nicht zu allen Zeiten meine Worte und Blicke zu be⸗ herrſchen wußte? Ja, ſelbſt bei unſerm letzten Bei⸗ ſammenſein, als der Gedanke mich faſt zum Wahn⸗ ſinn brachte, daß wir uns bald auf immer trennen ſollten— als wir allein daſtanden— als kein Auge nahe war— als Du mit lieblicher Schüchternheit an mir hingeſt— als Dein Athem meine Wange be⸗ rührte— als Dein Herz an dem meinen ſchlug— als meine Hand die berührte, die für mich die ganz Welt war— als mein Arm jene kösſtliche, göttlich Geſtalt umſpannte— o Himmel! kannſt Du nich tadeln— kannſt Du Dich wundern, wenn ich auße mir war— wenn ich Gewiſſen, Vernunft und Als vergaß— wenn ich nur dachte— fühlte— lebte— ches ich jetzt bringe? Ach! es hat mich viel gekoſtt, für d mit ſtreng „ jenen Umar Wie 1 ich jet täuſch Nacht und t wenn laß m ſichern zeihe muß nen. ir ver⸗ Wunde natür⸗ kannſt. nblickte, lder als ir Erſatz ind nach in eine iebe auf n, Ver⸗ em Orie en hatte, ite, wel⸗ lgekoſtet. wenn ich cke zu be⸗ ten Bei⸗ n Waht⸗ r trennen kein Auge ichternheit; Wange be⸗ ſchlug— die gange „göttliche Du mich ich auße und Alls — lebte— für den Augenblick? Nein, Du wirſt Mitleid haben mit der Schwachheit meiner Natur und mich nicht ſrenger richten. „Und warum wollteſt Du mich der Erinnerung an jenen kurzen Augenblick berauben— an jene wilde Umarmung? Wie oft werde ich derſelben gedenken! Vie oft, wenn der leichte Schritt derjenigen, zu welcher ich jetzt zurückkehre, an mir hingleitet, werde ich mich täuſchen und ihn für den Deinen halten. Wenn ich Nachts ihren Athem fühle, werde ich nicht aufſchrecken und träumen, er komme von Deinen Lippen? Und wenn ich ihre unbewußte Liebkoſung erwidere— ſo laß mich glauben, daß Du es biſt, die mir die Ver⸗ ſcherungen unausſprechlicher Liebe zuflüſtert!— Ver⸗ zeihe mir, Conſtanze, meine noch immer angebetete Conſtanze, die ich nie wiederſehen werde— verzeihe mir dieſe wilden Worte— dieſe augenblickliche Schwäche. Lebe wohl! Was auch aus mir werden möge, Gott gebe Dir ſeinen reichſten Segen! „Noch ein Wort— nein, ich will dieſen Brief noch nicht ſchließen! Du erinnerſt Dich, daß Du mir vor Jahren eine Blume ſchenkteſt. Ich habe die Blätter bis heute aufbewahrt, aber ich will keiner Thorheit mehr nachhängen, die Dich jetzt kränken und mich mei⸗ ner ſelbſt unwürdig machen würde. Ich will Dir die Blätter zurückſenden; mögen ſie für mich wie ein Sinn⸗ bild früherer Tage reden! Ich muß jetzt ſchließen, denn ich vermag wahrlich nicht mehr zu ſchreiben. Ich muß ins Freie, um meine Faſſung wieder zu gewin⸗ nen. Und o! möge ſie, zu der ich morgen zurück⸗ 356 kehren, deren argloſes Herz ich, durch Verſuchung ermahnt, ungleich eifriger als bisher, überwachen, lenken und beſchirmen will— o, möge ſie nie er⸗ fahren, was es mich gekoſtet hat, ſie nicht zu ver⸗ laſſen und treulos an ihr zu werden.“ Lucilla las jedes Wort dieſes Briefes! Durchauz unmöglich iſt es für die Sprache, die Angſt, die hoff⸗ nungsloſe, unvertilgbare Verzweiflung zu ſchildern, die ſich in das Herz des armen Mädchens ſenkte, alz ſie zu Ende geleſen hatte. Alles, was das Leben ihr an Frieden und Freude gewähren konnte, war auf immer verſchwunden! Als ſie die letzten Worte ge⸗ leſen, beugte ſie ihr Haupt ſchweigend über das Blatt und es war ihr, als wenn ein Felſen auf ihrem Herzen liege, der es zu Staub zermalmen wollte. Hätte der Brief nur einen einzigen unfreundlichen oder tadelnden Ausdruck enthalten, ſo hätte ſie darin einigen Troſt finden können, wie kläglich derſelbe auch hätte ſein mögen; doch dieſe grauſame Zärtlichkeit— dieſe bi⸗ tere Großmuth!— Ehe ſie dieſen Brief geleſen, wie freudig, wie athemlos hatte ſie ſich geſehnt, in die Arme ihres Geliebten zu ſtürzen! Es ſcheint unglaublich, daß in wenigen Minuten ein ganzes Daſein verdüſtert wer⸗ den kann, ohne daß ihm auch nur ein Schimmer von Hoffnung übrig bleibt! Sie wurde durch Schritte im Nebenzimmer aus ihrer Betäubung erweckt; nicht um die Welt hätte ſie Godolphin jetzt begegnen mögen. Sie ſteckte den unheilvollen Brief in den Buſen, ſchrieb dann in ſehr beutli pier Conſt Nam was hatte, unben O wende gerich Mant menſch einer Stadt, kelt. ſuchung wachen, nie er⸗ zu ver⸗ urchauz ie hof⸗ hildern, kte, alz eben ihr var auf orte ge⸗ s Blatt Herzen ätte der delnden en Troſt itte ſein ieſe bit⸗ ig, wie ne ihres daß in ert wer⸗ chimmer mer aus elt hätte ckte den nin ſehr 357 deutlichen Buchſtaben ihren Namen auf ein Blatt Pa⸗ pier und legte es an die Stelle, wo der Brief an Conſtanze gelegen hatte. Richtig ſchloß ſie, daß dieſer Name allein hinreichend ſein werde, ihm Alles zu ſagen, was ſie nicht ausſprechen konnte. Als ſie dies gethan hatte, ſtand ſie auf, verließ das Zimmer und ſchlich unbemerkt auf die Straße. Ohne zu wiſſen oder zu beachten, wohin ſie ſich wendete, eilte ſie weiter, ihre Augen auf den Boden gerichtet und Geſicht und Geſtalt in einen langen Mantel gehüllt. Die Straßen Roms ſind nicht ſo menſchenreich wie die unſern; auch herrſcht dort, in einer ſo vielen erhabenen Gegenſtänden geweihten Stadt, nicht jene raſtloſe und pöbelhafte Neugier, die das engliſche Publikum quält. Jeder lebt dort in ſich ſelber, nicht in ſeinem Nachbar— Gleichgültigkeit iſt der vorherrſchende Zug des römiſchen Lebens. Lucilla eilte daher ungehindert und unbeachtet durch die Straßen, bis ſie endlich erſchöpft, doch ohne ſich ihres Thuns und ihrer Umgebung bewußt zu ſein, auf eine von den zerſtreuten Trümmern alten Stolzes hinſank, deren Rom ſo viele aufzuweiſen hat. Der Ort war ſtill und einſam und wurde von dem Schatten eines dicht neben ihr ſich erhebenden Palaſtes verdun⸗ kelt. Sie ſetzte ſich nieder, bedeckte ihr Geſicht, welches ſich auf ihre Bruſt niederſenkte, und bemühte ſich, ihre Gedanken zu ſammeln. Da erklangen die Töne einer Guitarre und die Straße daher kam eine Gruppe umherziehender Muſikanten, die dem modernen Italien noch etwas von dem früheren poetiſchen Charakter ver⸗ 358 leihen. Sie ſtanden vor einem kleinen Hauſe ſiill, trat und als Lucilla aufblickte, ſah ſie die Geſtalt eines wo e jungen Mädchens, die, als verabredetes Zeichen, ein an Co Licht ins Fenſter ſtellte und ſich dann entfernte. Der Lucill Liebhaber, der die Muſikanten begleitete und nicht von in die hohem Range zu ſein ſchien, ſtand indeſſen mit ent⸗ daſtan blößtem Kopfe unten, und in ſeinem aufgeſchlagenen und i Blicke lag eine Innigkeit, eine Achtung, die in Lu⸗ zu ſa eilla's Gemüth alle ſchonungsloſe BVitterkeit des Ge⸗ ſchrift genſatzes und der Erinnerung wieder rege machten. Paro i Und nun begann die Serenade. Das Lied war un⸗ ſeine ausſprechlich lieblich und rührend, und die Worte hatten mm ſi jene unbeſtimmte Melancholie, die von der Zärtlic⸗ wandt keit, wenn auch nicht von der Leidenſchaft der Liebhe von i unzertrennlich iſt. Lucilla horchte unwillkürlich und ſich ſe nach und nach übte der Zauber ſeine Wirkung. Die Spur Schwere und Verwirrung ihres Geiſtes wich allgemach, folgte und als der Geſang geendet war, wendete ſie ſich ah tdie Lu und brach in Thränen aus.„Glückliches, glückliches Mädchen,“ murmelte ſie,„ſie wird geliebt!“ Hier wollen wir den Vorhang vor Lueilla fallen hö laſſen. Oft, o Leſer, wirſt du dich dieſes Bildes e⸗ nit ſ innern— oft wirſt du ſie vor dir ſehen— allein und gebrochenen Herzens— weinend in den dämmernden gllein Straßen Roms! . Dreiundvierzigſtes Kapitel. Liebe ſtark wie der Tod und nicht weniger bitter. Als Godolphin nach Hauſe zurückkehrte, war die Thür offen, wie Lueilla ſie gelaſſen hatte, und er ſe ſtill, t eines en, ein e. Der icht von nit ent⸗ Nagenen in Au⸗ des Ge⸗ nachten. var un⸗ te hatten Zärtlich⸗ er Liebe lich und ig. Die Ugemach, eſich lückliche 4 la fallen ildes er⸗ llein und mernden * ter. „war die „ und er trat ſogleich in ſein Zimmer. Er eilte zu dem Tiſche, wo er in der Zerſtreuung des Augenblicks den Brief an Conſtanze zurückgelaſſen hatte. Das Papier, worauf Lucilla ihren Namen geſchrieben hatte, fiel ihm allein in die Angen. Während er noch erſtaunt und betäubt daſtand, trat ſein Diener mit Lucilla's Mädchen herein und in wenigen Augenblicken erfuhr er Alles, was ſie zu ſagen hatten; das übrige erklärte Lucilla's Hand⸗ ſchrift vollkommen. Er begriff Alles und in einem Parvrismus der Beſtürzung und der Reue ſchickte er ſeine Diener nach allen Seiten aus und eilte ſelber⸗ um ſie aufzuſuchen. Er ging in das Haus ihrer Ver⸗ wandten; ſie hatten ſie nicht geſehen und auch nichts von ihr gehört. Es war jetzt Nacht und es ſtellten ſich ſeinem Suchen viele Hinderniſſe in den Weg. Keine Spur war zu finden, und wenn er einer Beſchreibung folgte, die ihm ähnlich ſchien, fand er eine Perſon, die Lucilla ſehr ungleich war! Bei Tagesanbruch kehrte er nach vergeblichem Suchen in ſeine Wohnung zurück; und ſein einziger Troſt war, von ihrer Dienerin zu hören, daß ſie eine Summe Geldes bei ſich habe, wo⸗ mit ſie ſich, wie er wußte, in Italien überall Auf⸗ merkſamkeit und Sicherheit erkaufen konnte. Doch allein, bei Nacht auf den Straßen— ſo gänzlich un⸗ bekannt mit der Welt, wie ſie war— ſo jung und liebenswürdig— es ſchauderte ihn, ſein Athem ſtockte bei dem Gedanken. Sollte ſie ſich ein Leid anthun? Dieſe ſchreckliche Frage drängte ſich ihm auf; er konnte ſich nicht von ihr frei machen— er erbebte, als er ſich ihres leidenſchaftlichen Temperaments erinnerte, 360 und wenn er an den Ton und die Worte in ſeinem Vriefe an Conſtanze dachte, ſo fühlte er, welcher Dolchſtoß jeder Satz für ſie müſſe geweſen ſein. Und ſelbſt ſeine lebhafte Phantaſie konnte nicht die Tiefe ihrer verwundeten Gefühle ergründen. Er kehrte nur nach Hauſe zurück, um ſogleich wieder auszugehen. Jetzt wendete er ſich an die Polizei, und dieſe thä⸗ tigſten und wachſamſten Agenten in Rom, die ſtets bereit ſind, alles mit Fleiß zu unternehmen, mußten ſie doch gewiß entdecken. Dennoch aber kam der Mittag— der Abend heran und noch immer keine Nachricht. Als er wieder nach Hauſe zurückkehrte, in der ſchwachen Hoffnung, daß dort eine Nachricht ſeiner warte, eilte ihm ſein Diener mit einem Briefe entgegen— er war von Lucilla, Und da er ihrer würdig iſt, ſo will ich ihn hier dem Leſer mittheilen: „Ich habe Deinen Brief an eine Andere geleſen! Sind nicht dieſe Worte hinreichend, Dir Alles zu ſagen? Alles? nein! Du kannſt nimmer, nimmer ſagen, wie gebrochen und zerknickt mein Herz iſt. Warum?— Weil Du ein Mann biſt und nie geliebt haſt, wie ich liebe. Jg, Godolphin, ich wußte, daß ich kein Weib ſei, die Du lieben konnteſt. Ich bin ein armes, un⸗ wiſſendes, ungeſchultes Mädchen und habe nichts in meinem Herzen als eine Welt der Liebe, die ich nie ganz ausſprechen konnte. Du ſagteſt, ich könne Dich nicht begreifen— ach! wie viel war— wie viel iß in meiner Natur— in meinen Gefühlen, was ſtets für Dich unergründlich war und ſein wird! ſchen Godo die,7 die n umn weſen aber Herz Wäre wir d wiede wenn könne noch: kunft nicht mein ander Dich ſchen war Nach ſchlaf ſeinem welcher n. Und e Tiefe rte nur ugehen. eſe thä⸗ ie ſtets mußten id heran der nach ng, daß Diener Lucilla. hier dem geleſen! ſagen? en, wie um?— wie ich in Weib tes, un⸗ ichts in e ich nie ne Dich viel iſt en, was ird! 361 „Aber an alledem liegt nichts— das Band zwi⸗ ſchen uns iſt auf ewig zerriſſen. Geh, theurer, theurer Godolphin! verbinde Dich mit jener Glücklicheren— die, wie es ſcheint, ſo viel mehr Deinesgleichen iſt, als die niedrige und ungebildete Lucilla. Traure nicht um mich; Du biſt gütig, ſehr gütig gegen mich ge⸗ weſen. Du haſt mir die Hoffnung genommen, mir aber Stolz dafür gegeben— der Schlag, der mein Herz zerquetſchte, hat meinem Geiſte Kraft gegeben. Wären Du und ich allein auf der Erde, ſo müßten wir dennoch getrennt ſein; ich könnte nimmer, nimmer wieder mit Dir leben; meine Welt iſt nicht die Deine; wenn die Verbindung unſerer Herzen getrennt iſt, was können wir noch mit einander gemein haben? Den⸗ noch wäre es etwas, wenn Du mir nicht mit der Zu⸗ kunft auch die Vergangenheit geraubt hätteſt: ich habe nicht einmal das Recht zurückzublicken! Denn während mein Herz ſich Dir ganz hingab— während ich keinen andern Gedanken, keinen andern Traum hatte als nur Dich— während ich an Deinen Augen, Deinen Wün⸗ ſchen hing und Deine Gedanken zu errathen bemüht war— während ich die Tage mit Dir hinbrachte und Nachts mein Buſen Dein Pfühl war, und ich nicht ſchlafen konnte in der Wonne, Dich mir ſo nahe zu wiſſen— da war Dein Herz fern von mir, Deine Gedanken mir entfremdet; ich war Dir nur eine Be⸗ ſchwerde, eine Laſt, wovon Du erlöst zu ſein ſeufzteſt! Kann ich alſo je auf die Stunden zurückblicken, die wir mit einander verlebten? Die ganze Geſchichte der Vergangenheit iſt nur eine Fülle von Schmach und 362 Bitterkeit für mich. Und doch kann ich Dich nicht tadeln— es wäre ſchon etwas, wenn ich es könnte: in dem Maße, wie Du mich nicht liebteſt, wareſt Du gütig und großmüthig, und Gott wird Dich für Deine Freundlichkeit gegen eine arme Waiſe ſegnen. ₰c hatte nie die Betrübniß, ein rauhes Wort, einen drr⸗ henden Blick von Dir zu erhalten. Denke ich an di getrübte Vergangenheit, ſo kann ich nur Wehmuth empfinden über den Zartſinn, der nicht aus Liebe entſprang. „Geh, Godolphin, ich wiederhole die Bitte in alle Demuth und Aufrichtigkeit. Geh zu ihr, die Du liel⸗ teſt, vielleicht eben ſo ſehr wie ich Dich; geh, un in Deinem Glück werde ich endlich ſelber etwas Glüt empfinden. Wir trennen uns auf immer, aber es iſt kein Hader zwiſchen uns; kein Vorwurf, den Eins dem Andern machen kann. Wenn ich geſündigt habe, ſo habe ich gegen den Himmel geſündigt, nicht gegen Dich; und Du— ſelbſt gegen den Himmel war mein, nur mein alle Schuld— alle Voreiligkeit— alle Unbe⸗ ſonnenheit! Du willſt in Dein Vaterland zurückkehren injenes ſtolze England, worüber ich Dich ſo oftb⸗ fragte, und welches mir ſelbſt nach Deinen Antworte als ein ſo kaltes, ſo troſtloſes, der Liebe ſo feindlich geſinntes Land erſchien. Dort wirſt Du in Deinen neuen Bunde neue Gegenſtände kennen lernen, wir zu geſchäftig, zu glücklich ſein, um Deine Gedanken wieder auf mich zu richten. Zu glücklich? Nein!ich wollte, ich könnte es mir ſo denken; doch habe ich, pyn der Du glaubſt, ſie könne nicht mit Dir ih einſti daß i keit f Duſ vergn iſt, 1 Leben einen thöric nicht Kloſte mir n würde ich nicht könnte: areſt Du ür Deine en. Ich nen dre⸗ h an die Wehmuth us Liebe e in alle Du lieb⸗ geh, un vas Glüc ber es iſ en Einet igt hab, icht gegen war mein, alle Unbe⸗ rückkehren ſo oft be⸗ Antworten o feindlich n Deinen nen, wirſt Gedanken ſein! ich habe i, Dir übe⸗ 363 einſtimmen, wenigſtens ſo weit in Dein Herz geblickt, daß ich fürchten muß, Du werdeſt nie die Glückſelig⸗ keit finden, nach der Du trachteſt. Du forderſt zu viel. Du ſtrebſt nach dem Unmöglichen und mußt alſo miß⸗ vergnügt über die Wirklichkeit ſein. Was mir begegnet iſt, wird meiner Nebenbuhlerin— wird Dir Dein Lebenlang begegnen müſſen. Dein Weſen iſt in der einen Welt, Deine Seele in der andern. Ach! wie thöricht bin ich, als ſuchte ich in Deiner Natur und nicht in den Umſtänden den Schlag, der uns trennt. „Ich will zum Schluſſe eilen. Ich habe in dieſem Klvſter Zuflucht gefunden; ſuche mich nicht auf, folge mir nicht, ich flehe Dich an, ich beſchwöre Dich! es würde doch zwecklos ſein; der Schleier iſt bereits zwi⸗ ſchen Deine Welt und mich gezogen, und es bleibt nichts weiter übrig, als einander in Milde und Freund⸗ lichkeit Lebewohl zu ſagen. Lebe alſo wohl! mir iſt, als ſei ich jetzt bei Dir; mir iſt, als blieſe ich Dein langes Haar von Deiner Stirn und drückte auf Deine ſchöne Schläfe einen Schweſterkuß— dieſes Wort iſt mir wenigſtens erlaubt. Als wir beim letzten Abſchied in der grauen Morgendämmerung bei einander ſtanden, als ich damals in Kummer und Thränen mein Ge⸗ ſicht an Deinem Buſen barg und ohne Ahnung deſſen, was kommen würde, Dir meine Verſicherungen ewiger Liebe und Treue zuflüſterte— als Du Dich dreimal von mir losriſſeſt und jedesmal wieder zu mir zurück⸗ kehrteſt, und als ich dann durch den troſtloſen Nebel Dir nachblickte und mir ſtundenlang einbildete, Deine Abſchiedsworte klingen mir noch im Ohr— ſo rufe 6 364* ich Dir jetzt, doch mit ganz verſchiedenen Gefühlen, nochmals zu: Lebe wohl— Lebe wohl auf ewig!“ Vierundvierzigſtes Kapitel. Godolphin. „Nein, Signor, ſie will Sie nicht ſehen!“ „Sie haben ihr doch meinen Brief gegeben— jenen Ring?“ „Ja, und ſie weigert ſich dennoch.“ „Weigert ſich?— Und iſt das ihre ganze Ant⸗ wort? Keine Zeile an mich— um die Weigerunz zu mildern?“ „Signor, ich habe Ihnen Alles geſagt.“ „Grauſam, hartherzig! Sollte es mir beſſer er⸗ gehen, wenn ich wiederkäme?“ „Das Kloſter iſt zu beſtimmten Zeiten Fremden offen, Signor; doch was die junge Signora betriff, ſo halte ich mich nach ihrem Weſen überzengt, daß Ihre Beſuche vergebens ſein werden.“ „Ja— ja, ich verſtehe Sie, Madame, Sie wollen ſie gänzlich dieſer böſen Welt entziehen— ihre G⸗ vanken nicht durch menſchliche Freundſchaft ſtören laſſen. Guter Himmel! und kann ſie, ſo jung, ſo glühend, daran denken, den Schleier zu nehmen?“ „Sie denkt nicht daran,“ ſagte die Nonne kalt „ſie hat nicht die Abſicht, lange hier zu bleiben.“ „Verwenden Sie ſich für mich, ich bitte Sie!“ rief Godolphin lebhaft;„geben Sie ſie mir zuic; laſſer Ihr 2 ſeinet zurüc der E Entſe und z als e nicht, ſters mehr gefort ſie ſic einma . 365 fühlen, laſſen Sie mich nur einmal mit ihr ſprechen, ich will ewig!“ Ihr Kloſter reichlich bedenken und—“ „Signor, guten Tag.“ Niedergeſchlagen, ſchwermüthig und doch bei all ſeinem Kummer ergrimmt, kehrte Godolphin nach Rom zurück. Lueilla's Brief machte ſein Herz bluten, wie von der Spitze eines abgebrochenen Pfeils; doch die finſtere 1. Entſchloſſenheit, womit ſie ſich weigerte, ihn zu ſehen ben und zu ſprechen, erſchien ſeinem männlichen Stolze als eine harte und fühlloſe Beleidigung. Er wußte nicht, daß die arme Lucilla an dem Fenſter des Klo⸗ ize Ant⸗ ſters verſtohlen auf ihn niedergeblickt und daß ſie ihm eigerung mehr um ſeinetwillen als um ihrer ſelbſt willen die geforderte Unterredung verweigert hatte; indeß konnte ſie ſich die Wonne nicht verſagen, ihn wenigſtens noch eſſer er⸗ einmal zu ſehen. Er erreichte Rom; auf ſeinem Tiſche fand er ein Fremden Billet von Lady Charlotte Deerham, die ihm ſchrieb, betriff, ſie habe von ſeiner Abſicht, Rom zu verlaſſen, ge⸗ ugt, daß hört, und ihn bat, den Abſchiedsabend bei ihr zuzu⸗ bringen.„Lady Erpingham wird auch bei mir ſein,“ ie wolln ſo ſchloß das Billet. ihre Ge⸗ Dies führte ihn auf einen neuen Gedankengang. ren laſſen. Lueilla's Flucht hatte jeden andern Gedanken aus Go⸗ glühend, dolphin's Gemüthe verbannt. Wir haben geſehen, wie ſein Brief an Conſtanze in unrechte Hände gerieth, nne kalh und er hatte keinen andern geſchrieben. Wie ſeltſam eiben.“ mußte ſein Benehmen nach der Scene in der Grotte te Sie!“ der Syrene Conſtanzen erſcheinen! Keine Entſchuldi⸗ ir zurüc gung auf der einen, keine Erklärung auf der andern Bulwer, Godolphin. 2 366 Seite. Und welche Erklärung ſollte er jetzt geben? Die frühere Erklärung war jetzt nicht mehr nöthig, denn Redlichkeit und Gerechtigkeit forderten nicht mehr, das ihn erwartende Glück— die Liebe ſeiner früh⸗ verehrten Conſtanze zu fliehen. Aber konnte er mit ſeinem über ein zerriſſenes Band blutenden Herzen ein neues Band ſchließen? Aufgeregt, ruhelos, voll von Selbſtvorwürfen, verwirrt und unentſchloſſen konnte er die Gedanken nicht ertragen, die Antworten auf tauſend Fragen forderten; er entfloh ſeinem freuden⸗ loſen Zimmer und eilte mit fieberhaftem Pulſe und glühenden Schläfen zu Lady Charlotte Deerham. „Guter Gott! wie krank ſehen Sie aus, Herr Godolphin!“ rief die Wirthin unwillkürlich. „Krank!— Ha! ha! nie war mir wohler; aber ich bin eben von einer weiten Reiſe zurückgekehrt und habe ſeit drei Tagen und drei Nächten weder gegeſſen noch geſchlafen. Ich!— Ha! ha! nein, ich bin nicht krank!“ Und mit fieberhaftem Blicke ſtarrte er um ſich. Lady Charlotte fuhr ſchaudernd zurück. Godolphin fühlte, wie eine kühle, ſanfte Hand ſich auf die ſeine legte; er wendete ſich um und Conſtanzens Geſicht neigte ſich ängſtlich und mitleidig zu ihm. Wie er⸗ ſtarrt ſtand er einen Augenblick da, ergriff die Hand, drückte ſie an ſeine Lippen— an ſein Herz und brach plötzlich in Thränen aus. Dieſer Parorismus rettete ihm das Leben, denn Tagelang nachher lag er be⸗ wußtlos. — Die( 2 Conſ ihrer die( wurd währ kniet ihre ihre über beter Savi denke „ lang in d wiede tracht daß i dauu nach? Lucill Prop eben? nöthig, mehr, früh⸗ er mit Herzen s, voll konnte en auf reuden⸗ lſſe und am. „Herr r; abet in nicht um ſich. dolphin rettete er be⸗ 367 Fünfundvierzigſtes Kapitel⸗ Die Erklärung— Die herannahende Vermählung— Itſt der Idealiſt jetzt zufrieden? Als Godolphin allmählig genas und Tag für Tag Conſtanzens Nähe, ihre ſanften Töne und milden Blicke ihren ehemaligen Zauber auf ihn ausübten, mußten die Ereigniſſe wohl ihrem Ziele zueilen. Wochenlang wurde die Höhle der Syrene mit keiner Silbe er⸗ wähnt; aber als Godolphin endlich derſelben gedachte, kniete er im nächſten Augenblick neben Conſtanzen und ihre weiche Hand überließ ſich der ſeinigen, während ihre ſtolze Wange die Glut einer Sechzehnjährigen übergoß. „So biſt Du alſo endlich der angenommene An⸗ beter Conſtanzens, Gräfin von Erpingham,“ ſagte Saville.„Wann wird die Vermählung ſein?“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete Godolphin nach⸗ denkend. „Nun, ich beneide Dich faſt! Du wirſt ſechs Wochen lang ungeheuer glücklich ſein, und das iſt ſchon etwas in dieſer unangenehmen Welt. Doch ſöhne ich mich wieder mit mir ſelber aus, während ich Dich ſo be⸗ trachte. Du ſcheinſt mir nicht ſo glücklich zu ſein, daß ich, Auguſt Saville, Dich länger, als meine Ver⸗ dauung währt, beneiden könnte. Worüber ſinnſt Du nach?“ „über nichts,“ verſetzte Govolphin zerſtreut— Lueilla's Worte laſteten auf ſeinem Herzen gleich einer Prophezeihung, die ihrer Erfüllung nahe iſt:„Es 368 komme was will, Du wirſt nie das Glück finden, wornach Du ſtrebſt: Du forderſt zu viel!“ In dem Augenblick trat Lady Erpingham's Page mit einem Briefe von Conſtanzen und einem Blumen⸗ ſtrauß herein. Niemand ſchrieb nur halb ſo ſchön, ſo geiſtreich wie Conſtanze, und für Percy war der Wiz mit Zärtlichkeit gemiſcht. „Nein, ſagte er, indem er ſeine Lippen in den Blumen verbarg;„nein, ich verſcheuche die böſe Vor⸗ bedeutung von mir; mit Dir muß ich glücklich ſein!“ Aber das Gewiſſen, noch unbeſchwichtigt, flüſterte— Lueilla! Die Vermählung ſollte in Rom ſtattfinden. Der Tag war feſtgeſetzt, und in Folge des Ranges und der Schönheit, ſowie des Anſehens Conſtanzens, machte die Nachricht unter allen in Italien befindlichen Eng⸗ ländern kein geringes Aufſehen. Natürlich gab es da⸗ über vielerlei Geſchwätz, und manches davon kam natürlich Conſtanzen zu Ohren. Es hieß, ſie hätte eine wunderliche Wahl getroffen— es wäre eine ſeſt⸗ ſame Schwäche von einer ſo ſtolzen und ſo glänzeib geſtellten Dame, nicht höher hinauf als zu einem keines⸗ wegs bemittelten und eigentlich unbedeutenden Edel⸗ mann zu blicken. Freilich wäre er hübſch, beſäße auch einige Talente; doch hätte er ſich niemals in irgen etwas ausgezeichnet und würde ſich auch nie in irgend etwas auszeichnen! Conſtanze wurde nicht durch die niedrige Anklag⸗ nicht durch das erbärmliche Hohnlächeln, aber durh mit wor ſtan mit bera mac zu Glück erſt zu 's Page Blumen⸗ chön, ſo der Witz in den öſe Vor⸗ ch ſein!“ iſterte— enn Det nges und machte hen Eng⸗ b es dat⸗ von kan ſie hätte eine ſeſt⸗ glänzeid em keinet⸗ den Edel⸗ ſäße auch in irgend in irgend e Anklag⸗ ber durh 369 die auf Godolphin bezüglichen Worte, er habe ſich nie durch etwas ausgezeichnet und werde ſich auch nie auszeichnen, beunruhigt und verletzt. Sie fühlte, daß ſie nicht nach Rang, Reichthum und Macht zu ſtreben hatte, dieſe beſaß ſie ſchon; aber ſie fühlte auch, wie eine edlere Eitelkeit in ihr verlangte, daß der Mann ihrer reiferen und zweiten Wahl keineswegs dem Rufe nach zu jener Menge gehören dürfe, über den ſein Genie ihn in der That ſo bedeutend erhob. Sie hielt es zu ihrem künftigen Glücke für nothwendig, daß Godolphin's Ehrgeiz erwache, daß Godolphin ihren Eifer für jene Zwecke, von denen ſie fühlte, daß ſie ihr immer theuer bleiben würden, mit ihr theile. „Ich liebe Rom!“ ſagte ſie eines Tages leiden⸗ ſchaftlich, als ſie, von Godolphin begleitet, den Vatikan verließ;„ich fühle, wie ſich meine Seele in dieſen Ruinen erweitert. Anderswo in Italien lebt man in der Gegenwart, aber hier in der Vergangenheit.“ „Sage nicht, daß dieſes Leben beſſer iſt, theure Conſtanze; können wir die Gegenwart übergehen?“ Conſtanze erröthete und dankte ihrem Geliebten mit einem Blicke, der ihm ſagte, daß er verſtanden worden ſei. „Dennoch,“ ſagte ſie, indem ſie zu dem Gegen⸗ ſtande zurückkehrte,„wer kann die Luft athmen, die mit Ruhm erfüllt iſt, und ſich nicht zur Nacheiferung berauſchen? Ach, Percy!“ „Ach Conſtanze! und was möchteſt Du aus mir machen? Iſt der Ruhm nicht genug, Dein Geliebter zu ſein?“ 370 „Laß die Welt ebenſo ſtolz auf meine Wahl ſein, wie ich es bin.“ Godolphin zog die Stirn in Falten; er durch⸗ ſchaute in dieſen Worten Conſtanzens geheime Meinung. Von Kindheit an gewöhnt, als Abgott behandelt zu werden, es ihn, daß er ſich anſtrengen ſolle, um ſelbſt Conſtanzens würdig zu werden, und in der nicht unrichtigen Anſicht, er hätte ein Bündniß ge⸗ ſchloſſen, das über ſeine gerechten Anſprüche hinaus⸗ ginge, hielt er nur um ſo hartnäckiger an ſeinen eigenen Anforderungen feſt. So alſo zog er die Stirn in Falten und wendete ſich ſchweigend ab. Conſtanze ſeufzte; ſie ſah ein, daß ſie dieſen Punkt nicht wieder berühren dürfe. Aber nach einer Pauſe kam Godolphin ſelber darauf zurück. „Conſtanze,“ſagte er in leiſem aber feſtem Tom, „wir müſſen einander verſtehen. Sie ſind mir Alles in der Welt: Ruhm und Ehre, Stand und Glück. Bin das Alles auch Ihnen? Wenn irgend ein Gedanke J m Herzen zuflüſtert, Sie hätten Ihrem Ehrgeiz beſſer dienen können— Sie haben Unrecht gethan, der Liebe und nur der Liebe allein nachzugeben — dann Conſtanze, gehen Sie nicht weiter, es iſt noch nicht zu ſpät.“ „Verdiene ich dies, Percy?“ „Sie laſſen zuweilen Worte fallen,“ antwortete Godolphin,„welche anzudenten ſcheinen, als den uken Sie, die Welt werde t Ihrer Wahl unzufrieden ſein und als ſei einige Anſtrengung von meiner Seit nöthig, um Ihre Würde aufrecht zu erhalten. Con⸗ 5) mä hl ſein, durch⸗ einung. idelt zu n ſolle, in der niß ge⸗ hinaus⸗ ſeinen e Stirn onſtanze wieder dolphin Tone, r Alles Glück. end ein Ihrem Unrecht zugeben es iſt wortete denken frieden r Seite Con⸗ 371 ſtanze, darf ich Ihnen erſt ſagen, daß ich den Staub verehre, über den Sie dahinwandeln? Aber ich beſitze einen Stolz, eine Selbſtachtung, die ſich nicht beugen laſſen; wenn Sie dies wirklich denken oder fühlen, ſo will ich mich nicht herablaſſen, ſelbſt von Ihnen Glück zu empfangen— wir wollen uns trennen.“ Conſtanze ſah, wie ſeine Lippen bleich wurden und bebten, als er ſprach; ihr Herz that ihr weh, ihr Stolz verſchwand; ſie ſank an ſeine Schulter und ver⸗ gaß ſelbſt ihren Ehrgeiz; ja, während ſie innerlich über ſeine Empfindlichkeit murrte, fühlte ſie, wie die⸗ ſelbe einen Adel enthielt, den ſie hochſchätzen mußte. Sie ſtrebte ihre weltlichen Regungen für die Zukunft zu unterdrücken und zu hoffen, Godolphin müſſe, ſeinen Anſichten zum Trotz, ſich endlich aufgeregt fühlen, und wenn ſie hieran bald verzweifelte, ſagte ihr Herz ihr doch, daß ſeine Nähe ihr werther als alles Andere geworden war. Ja, ſie hemmte ihren eigenen Enthu⸗ ſiasmus, ihre eigene Verehrung des Ruhmes, weil ſie dann um ſo eher mit ſeinen Anſichten übereinſtimmte; ſo wunderbar und unmerklich hatte die Liebe endlich das ſtolze Streben und die hohe Seele der Tochter John Vernon's gebeugt. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Die Hochzeit— Der Unfall— Ausſichten für die Zukunft. Der Morgen, wo Conſtanze und Godolphin ver⸗ mählt werden ſollten, war endlich erſchienen; man ——— 372 hatte beſtimmt, gleich nach der Trauung nach Florenz abzureiſen, und Conſtanze war mit ihrer Toilette be⸗ ſchäftigt, als ihr Mädchen ihr einen großen Blumen⸗ ſtrauß brachte. „Von Percy— von Herrn Godolphin, nicht wahr?“ fragte ſie, dieſelben annehmend. „Nein, Mylady; ein junges Frauenzimmer gab ſie mir auf der Straße und bat mich in ſehr hübſchem Engliſch, Ihrer Herrlichkeit dieſelben zu geben, und als ich ihr Geld anbot, wollte ſie nichts annehmen, Mylady.“ „Die Italiener ſind ein höfliches Volk,“ ver⸗ ſetzte Conſtanze und ſteckte die Blumen an ihren Buſen. Als Godolphin nach der Trauung ſeine Gattin in den Wagen hob, drängte ſich ein junges in einen großen Mantel gehülltes Frauenzimmer heran. Gy⸗ dolphin ſprach in demſelben Augenblick mit einem Diener und gleich darauf hatte das Frauenzimmer ſich wieder in dem Gedränge verloren, welches den Wagen umringte. Doch vorher hörte Conſtanze ihr Gemurmel in bewunderndem und doch kummervollem Tone:„Schön— o wie ſchön!— Weh mir!“ „Sahſt Du das junge Mädchen mit den wunder⸗ ſchönen Augen?“ fragte Conſtanze, als der Wagen fortrollte. „Welches Mädchen? Ich ſah nur Dich!“ „Horch! Lärm neben dem Wagen.“ Godolphin blickte hinaus; die Menge ſchien ſich um eine Perſon verſammelt zu haben. „Es wurde nur ein junges Faauenzimmer ohn⸗ verſe ſphä „ich thun mit Leide Erde getr ſind wal ken We Florenz ette be⸗ lumen⸗ wahr?“ ner gab übſchem en, und nehmen, „“ vet⸗ Buſen. Gattin in einen n. Go⸗ t einem zimmet wunder⸗ Wagen 373 mächtig, Herr!“ ſagte der Diener, der hinten ſaß. „Sie fiel gerade vor den Pferden nieder, aber ſie ſprangen auf die Seite und verletzten ſie nicht.“ „Das iſt ein Glück!“ ſagte Godolphin, ſich wie⸗ der zu ſeiner jungen Gattin ſetzend.„Fahrt ſchneller weiter.“ In Florenz erzählte Godolphin Conſtanzen Lu⸗ eilla's Geſchichte, und Conſtanze theilte einigermaßen die Gefühle, womit er ſie erzählte. „Ich ließ eine Geldſumme in den Händen der äbtiſſin zurück,“ ſagte er,„die gänzlich zu Lucilla's Verfügung ſtehen ſollte, ſie möchte nun im Kloſter bleiben oder nicht, und dieſe wird ihr ſtets Unab⸗ hängigkeit ſichern. Aber ich muß geſtehen, ich möchte gerne noch einmal das Kloſter beſuchen, um zu hören, wozu ſie ſich entſchieden hat.“ „Du würdeſt wohl daran thun, lieber Percy,“ verſetzte Conſtanze, die ſich in ihrer hohen Sternen⸗ ſphäre keinen Begriff von Eiferſucht machen konnte; „ich denke in der That, Du könnteſt nicht weniger thun.“ und Godolphin bedeckte jene großmüthigen Lippen mit den ſüßen Küſſen, in denen Achtung ſich mit Leidenſchaft zu miſchen begann. Was gleicht auf Erden der erſten friſchen Vereinigung zweier lange getrennten Herzen, die jetzt miteinander verbunden ſind! Welche Sympathie auch zwiſchen Liebenden ob⸗ walten möge, wie ſehr ſie auch glauben, einander kennen gelernt zu haben, dennoch bleibt ihnen eine Welt zu lernen übrig, ſo lange nicht das Ehebünd⸗ 374 niß alle jene entzückenden Vertraulichkeiten, jenen ſüßen und heiligen Umgang herbeiführt, der kein geſondertes Intereſſe, keinen ungetheilten Gedanken mehr zuläßt! Eins aber gibt es, wodurch der Umgang junger Ver⸗ ehelichten von dem junger Liebenden ſich unterſcheidet. Erſtere ſprechen von der Zukunft— Letztere von der Vergangenheit, indem dieſe über ihre Zukunft noch in Ungewißheit ſind und fühlen, daß ihre Pläne noch nicht eins und untheilbar genannt werden können. Wird nun durch Geſpräche über die Zukunft auch die Zärtlichkeit der Liebe ein wenig herabgeſtimmt, ſo erhöhen ſie doch den Genuß unendlich. Godolphin und Conſtanze ſaßen neben einander am ſilberhellen Arno; ihre Hände ruhten in einander und ſie gaben ſich der Betrachtung ihres künftigen Glückes hin.„Und welche Lebensweiſe würdeſt Du jetzt vorziehen, lieber Percy?“ „Ich habe jetzt keine Pläne mehr, Conſtanze. Seit ich Dich erlangt habe, bin ich ſtumpfſinnig ge⸗ worden und habe das Träumen aufgegeben. Aber laß mich ſehen, ein Haus in England— Du liebſt ja England— zehn bis zwanzig Meilen von dem großen Babel entfernt: Bücher, Gemälde, Statuen und alte Bäume, die uns an unſere normanniſchen Vorfahren erinnern, die ſie gepflanzt; vor allen Din⸗ gen einen plätſchernden, klaren und ſonnigen Bach, der durch ſie dahinfließt— wild auf der entgegen⸗ geſetzten Seite, halb verſteckt unter dem Farnkraut, über welches die Dohlen dahinfliegen. Ein Vorrecht der Excentrieität, welches uns geſtattet, geſellig oder einſ ſei wir dem ſüßen ndertes uläßt! r Ver⸗ cheidet. n der ft noch ne noch können. uch die mt, ſo inander inander inftigen eſt Du nſtanze. nig ge⸗ Aber 375 einſam zu leben, wie es uns beliebt, und unſer Haus ſei ſo voll von Gäſten, daß, wenn wir ſie alle fliehen, wir doch keinen von ihnen beleidigen.“ „Nun, fahre fort,“ ſagte Conſtanze. „Ich bin zu Ende.“ „Zu Ende?“ „Ja, meine ſchöne Unerſättliche! Was möchteſt Du mehr wünſchen?“ „Ei, Du ſprichſt nur von einem Landleben, wel⸗ ches nur für drei Monate im Jahr ausreicht.“ „Nun, dann Italien für die andern neun,“ ent⸗ gegnete Godolphin. „Ah, Perch! ſoll Vergnügen, bloßes alltägliches Vergnügen, Dein einziger Lebenszweck ſein?“ „Gewiß.“ „Und Thätigkeit, Unternehmungen— ſind die nichts?“ Godolphin ſchwieg und warf in der Zerſtreuung Kieſelſteine ins Waſſer. Dies erinnerte Conſtanze, wie ſie ihn zuerſt in ſeinen väterlichen Hainen ge⸗ ſchen hatte, und ſie ſeufzte, als ſie jetzt eine Stirne anblickte, von der eine verweichlichte und träume⸗ riſche Lebensweiſe den früheren ritterlichen und ernſten Ausdruck gänzlich verwiſcht hatte. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Nachrichten von Lucilla. Godolphin war eines Morgens im Vegriff, nach dem Kloſter zu reiſen, wohin Lucilla ſich geflüchtet 376 hatte, als ihm ein Brief von der Abtiſſin jenes Klo⸗ ſters gebracht wurde, der über Rom gekommen war. Lucilla hatte ihren Zufluchtsort verlaſſen und ſich drei Tage vor Godolphin's Verheirathung aus demſelben entfernt; wohin aber, wußte die Abtiſſin nicht, ver⸗ muthete indeß, daß ſie ſich in Rom aufhalte. Es war ein Brief eingeſchloſſen, den Lucilla für ihn z⸗ rückgelaſſen, der, kurz und charakteriſtiſch, ſo lautete: „Ich kann hier nicht länger bleiben; mein Geiſt will ſich nicht in die Ruhe fügen; dieſe Unthätigkeit bringt mich faſt zum Wahnſinn. überdies muß ich Deine Gattin ſehen. Ich werde nach Rom gehen — Zeugin Deiner Vermählung ſein und dann— ach! was dann? Gib, v Godolphin, gib mir das jugendliche reine Herz zurück, das ich beſaß, ehe ich Dich liebte! Damals konnte ich mich an allem er⸗ freuen— aber jetzt? Doch ich will nicht klagen, es iſt meiner unwürdig. Ich, die Tochter der Sterm, bin kein liebekrankes und nervenſchwaches Geſchöpf eitlen Bedauerns; mein Stolz iſt endlich erwacht und ich fühle wenigſtens die Unabhängigkeit allein zu ſein. Wild und unſtät ſoll mein künftiges Leben ſein; jenes Loos, welches mir die Hoffnung verſagt, hat mich auch über jede Furcht erhoben. Die Liebe macht uns ganz zum Weibe. Die Liebe wich von mir, und etwas Rauhes und etwas Kühnes, was Deinem Geſchlechte angehört, hat ſich dagegen meiner be⸗ mächtigt. „Du haſt mir Geld zurückgelaſſen— ich danke Dir— ich danke Dir— ich danke Dir; mein Herz möch Du Wen o P liebe Hell todt werd Lebe es n nahe pen ich f es Klo⸗ en war. ſich drei mſelben ht, ver⸗ te. Es ihn zu⸗ lautete: in Geiſt hätigkeit muß ich m gehen ann— mir das ehe ich llem er⸗ gen, es Sterne, zu ſein. nz jenes at mich acht uns eiem iner be⸗ ir, und 377 möchte brechen, während ich dies ſchreibe. Konnteſt Du ſo niedrig von mir denken?— Pfui, Mann! Wenn mein Kind— unſer Kind noch lebte(und o Perey, ſie hatte Deine Augen!), ſo würde ich es lieber Zoll für Zoll verhungern laſſen, als einen Heller von Deiner Gabe annehmen! Aber ſie iſt todt— Gott ſei Dank! Fürchte nichts für mich, ich werde nicht verhungern; dieſe Hände können mein Leben erhalten. Gott ſegne Dich— geliebt, wie Du es noch immer biſt! Wenn ich nach Jahren mein Ende nahen fühle, will ich mich in Deine Heimath ſchlep⸗ pen und noch einmal in Dein Geſicht blicken, ehe ich ſterbe!“ Godolphin war niedergeſunken und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. Conſtanze hob den Brief auf.„Ja— lies ihn nur!“ ſagte er mit dumpfer Stimme. Sie that es, und als ſie ihn beendet hatte, benetzte die ſtolze Conſtanze, von einem ähnlichen Gefühle ergriffen, den Brief mit ihren Thränen. Dies gefiel— dies rührte— dies tröſtete Godolphin mehr als die ausführlichſten Troſtworte es vermocht hätten. „Armes Mädchen!“ ſagte Conſtanze weinend,„das darf nicht geſchehen; ſie darf nicht in der weiten Welt ihrer Verzweiflung überleſſen bleiben. Laß uns nach Rom gehen und ſie aufſuchen. Ich will ſie über⸗ reden, das anzunehmen, was ſie von Dir nicht an⸗ nehmen will.“ Godolphin drückte die Hand ſeiner Gattin aber ſchwieg. Sie gingen noch an demſelben Tage nach 378 Rom. Lueilla aber war nach Livorno gereist und an Bord eines Schiffes gegangen; welches zu einer der nordiſchen Küſten Europa's ſegelte. Vielleicht wollte ſie in die Heimath ihres Vaters. Und mit dieſer Hoffnung verſuchten ſie ſich einſtweilen zu tröſten, da ihnen jede andere fehlte. Achtundvierzigſtes Kapitel. Zwei Perſonen, die auf immer verbunden ſind, entdecken, daß kein Band eine Vereinigung der Gemüther hervorbringen kann. Wochen vergingen, und es ſchien, als habe ſich Godolphin über Lucilla's Mißgeſchick beruhigt. Es lag nicht in ſeinem ruhigen und brütenden Weſen, viele Regung zu zeigen; aber oft, und ſelbſt in Con⸗ ſtanzens Gegenwart, hing eine Wolke auf ſeiner Stirn, und die Anfälle von Zerſtreutheit, die er von jeher gezeigt hatte, waren jetzt häufiger als je an ihm zu bemerken. Conſtanze, die ſeit Jahren an die emſigſten und innigſten Aufmerkſamkeiten gewöhnt war, fing jetzt an, da ſie allein mit Godolphin lebte, dieſelben zu vermiſſen; denn dieſer konnte ein leiden⸗ ſchaftlicher und romantiſcher, doch kein beſonders zu⸗ vorkommender Liebender ſein. Er hatte keinen Sinn für die Kleinlichkeiten des Lebens. Freilich haben wenige Ehemänner dieſen Sinn; auch iſt er den Ehe⸗ männern im Allgemeinen nicht nothwendig. Conſtanze war aber kein gewöhnliches Weib; ſie liebte herzlich, aber auch ihrer Natur gemäß— wie ein ſtolzes, Rück ſtolze dolph eilte, zurüc ten 3 Conſt er zu daß ir ihn h zu ſto deuten Liebe nicht heimn größte und an ter der wollte dieſer ten, da ken, daß nkann. abe ſich t. Es die er als je ren an nlebte, leiden⸗ ſtolzes, ſeiner. 379 Rückſichten forderndes Weib lieben muß. Ihr ſonſt ſtolzer Schritt wurde furchtſam und wachſam für Go⸗ dolphin; ſie war ſtets die Erſte, die ihm entgegen⸗ eilte, wenn er von ſeinen einſamen Spaziergängen zurückkehrte. Er lächelte ſie dann mit ſeiner gewohn⸗ ten Freundlichkeit, doch nicht ſo dankbar an, wie Conſtanze es von ihm forderte. In der That war er zu ſehr an Lueilla's feurige Liebe gewöhnt, als daß irgend ein Beweis von Zärtlichkeit bei Conſtanzen ihn hätte überraſchen können. So fühlte Conſtanze, zu ſtolz, um eine Klage zu äußern oder nur anzu⸗ deuten, ſich beſtändig verletzt, und hielt daher ihre Liebe verborgener, obgleich ſie ihren Gatten dennoch nicht minder liebte. O, über die verwünſchte Ge⸗ heimnißthuerei der Weiber, wvbutch ſie ſich ſelber den größten Nachtheil bereiten! Godolphin hatte ebenfalls über Täuſchungen zu klagen. In Conſtanzens Charakter lag etwas ſo Kla⸗ res, ſo Geiſtiges, daß man zu Zeiten wünſchte, an ihr irgend eine menſchliche Schwäche, irgend einen milden, warmen Irrthum als einen Ruhepunkt wahrzunehmen. Blendend und rein wie der Schnee, ſchmerzte ihr Anblick beſtändig in den Augen. Während ihrer erſten Ehe hatte ſie ihren Geiſt im höchſten Grade ausgebildet. Wenige Frauen kamen ihr an Vorzügen gleich— man konnte ſie eine Gelehrte nennen. Ihre Unter⸗ haltung floß ſtets in derſelben klaren, blumigen Strö⸗ mung. In ihrem Charakter war kein Zug, keine Neigung, worüber ein ſinnlicher Menſch je hätte lächeln können. Ihr Herz war gänzlich Godolphin's 380 Eigenthum; ihr Gemüth edel, mitfühlend, erhaben; ihre Perſon unvergleichlich in der Majeſtät ihrer An⸗ muth. Das Alles aber gehörte Godolphin, und doch fehlte immer das ewige Etwas. „Ich habe Dir Deinen Hut gebracht, Perch,“ ſagte Conſtanze,„Du vergißt, daß der Thau fällt und daß Dein Kopf unbedeckt iſt.“ „Danke Dir,“ ſagte Perch milde, obgleich Con⸗ ſtanze meinte, der Ton hätte wärmer ſein dürfen. „Wie ſchön iſt dieſe Stunde! Blicke hinüber, wie die Sonnenſtrahlen noch an jenen unſterblichen Höhen haften. Sieh jenen einſamen grauen Thurm auf der fernen Ebene— umher die Pinien— höre ihr Seufzen! Das ſind in der That Seenen der Dryaden und Faunen. Dies ſind Scenen, wo unſer ganzes Weſen in Liebe zerſchmelzen könnte. Ach! die Natir beſtimmte uns nie für die öden und finſtern Kreiſe, die wir ſelber uns ziehen. Blicke umher, Conſtanze, wie auf jedem Blatt ihres herrlichen Buches der ein⸗ zige Spruch geſchrieben ſteht:„Liebet und ſeid glück⸗ lich!“ Du antworteſt nicht, Du biſt kalt für dieſe Gedanken.“ „Sie flüſtern mir zu viel von dem Epieuräer und ſeinen Roſenblättern,“ antwortete Conſtanze li⸗ chelnd.„Beſſer gefällt mir jener finſtere alte Thurm, der Kunde von ruhmvollen Kämpfen und hochherzigen Thaten gibt, als jene milde Landſchaft, worin die jetzige Entwürdigung des Südens enthalten iſt.“ „Du und Deine Engländer,“ ſagte Godolphin etwas bitter,„Ihr ſchwatzt von der Entwürdigung meir mich ſich i gung dem Endli ſelber dies i Du grauſe obſche Betru brand: klagſt, und m ſchöne nöchte lichem kühl g ſchrieb, Bul rhaben; rer An⸗ nd doch Perch,“ au fällt ch Con⸗ dürfen. er, wie n Höhen auf der öre ihr Dryaden ganzes e Natur Kreiſe, onſtanze, der ein⸗ eid glüc⸗ für dieſe pienräer tanze li⸗ eThurn, hherzigen orin die iſt.“ zodolphin ürdigung 351 meiner armen Italiener in einem Gewäſch, welches mich faſt raſend macht.(Conſtanze wurde roth und biß ſich in die Lippen.) Entwürdigung! warum Entwürdi⸗ gung? Sie freuen ſich ihres Daſeins; ſie leiten aus dem Leben die eigentliche Moral ab; ſie fühlen ihre Endlichkeit, folgen den allgemeinen Neigungen der⸗ ſelben, ſind leichtherzig, zufrieden und ſterben! Sei dies immerhin Entwürdigung.— Aber womit möchteſt Du dieſelbe vertauſchen? Mit der harten, kalten, grauſamen Strafbarkeit des alten Roms? mit ver abſcheulichen Heuchelei, der geheimen Vosheit, dem Betruge und Morde, die das republikaniſche Venedig brandmarkten? Die Tage des Ruhmes, die Du be⸗ klagſt, ſind die Tage der ſchwärzeſten Verbrechen, und man ſchaudert, wenn man von dem liest, was ſchöne Moraliſtinnen für Italien zurück erſeufzen möchten.“ „Du biſt zu ſtrenge,“ ſagte Conſtanze in ſchmerz⸗ lichem Tone. „Verzeihe mir; Theuerſte, Du biſt aber auch oft ſrenge gegen meine Empfindungen.“ Conſtanze ſchwieg; der Zauber des Sonnenuntet⸗ gangs war vorüber; ſie kehrten gedankenvoll und etwas kühl gegen einander nach Hauſe zurück. Am folgenden Tage, wo es zu ſehr regnete, um ausgehen zu können, ſagte Godolphin, nachdem er lange ſchweigend und ſinnend dageſeſſen, zu Con⸗ ſanzen, die emſig an ihre politiſchen Freunde Briefe ſchrieb, worin ſie Italien und die Liebe nicht erwähnte, Bulwer, Godolphin. 25 382 aber über vas geſchäftige Englano und veſſen endloſe Politik ſich verbreitete. „Willſt Du mir etwas vorleſen, Conſtanze? Ich bin heute ſo niedergeſchlagen! Das Wetter iſt Schuld daran!“ Conſtanze legte ihre Briefe auf die Seite und nahm eines von den vielen Büchern, die auf dem Tiſche lagen. Es war ein Band von einem der be⸗ liebteſten engliſchen Dichter. „Ich haſſe die Pveſie,“ ſagte Godolphin nach⸗ läſſig. „Hier iſt Macchiavell's Geſchichte des Fürſten von Lucca,“ ſagte Conſtanze lebhaft. „Ja, das Buch lies, und erkenne, wie verächt⸗ lich der Ehrgeiz iſt,“ entgegnete Godolphin. Conſtanze las, erglühte aber für das, wobei Go⸗ dolphin höhniſch die Lippe verzog. Der Gegenſtand erweckte ihn indeß aus ſeiner Apathie und ſogleich begann er mit all der Beredſamkeit, die er aufbieten konnte, wenn er einmal angeregt war, die Lehrſitze ſeiner eigenthümlichen Philoſophie zu vertheidigen. Conſtanze hörte ihm zu und wurde hingeriſſen; ſie ſtimmte nicht der Denkweiſe bei, aber ſie wurde von dem Genie entzückt, welches er zeigte. „Ha!“ ſagte ſie mit Enthuſiasmus,„warum ſoll⸗ ten dieſe glänzenden Worte ſo geſprochen und auf immer verloren ſein? Warum willſt Du ſie nicht drucken, oder in jenem Rednerſaale erſchallen laſſe, der Dich glorreich und Deine Worte unſterblich machen würde?“ Ha loſ Flu der! dem Drr auch den— wir ſo Lebe unb berü Aber Nach ſam ung eudloſe e? Ich Schuld ite und uf dem der be⸗ n nach⸗ ſten von verächt⸗ bei Go⸗ genſtand ſogleich ufbieten Lehrſitze heidigen. iſſen; ſie urde von rum ſoll⸗ und auf ſie nicht n laſſen, h machen 353 „Vortrefflich!“ ſagte Godoſphin lachend;„das Haus der Gemeinen würde ſich ſehr lebhaft für Phi⸗ loſophie intereſſiren!“ Dennoch hatte Conſtanze im Ganzen Recht. Der Fluch eines Lebens des Vergnügens iſt ſein Wi⸗ derwille gegen nützliche Thätigkeit. Man rede von dem Genie, das zermalmt und verdüſtert unter dem Druck der Armuth ſeufzt. Reichthum und Rang haben auch ihre ſtummen Miltons und unberühmten Hamp⸗ dens. Ach! wie viele hohe und echte Weisheit treffen wir unter den Kleinigkeitskrämern der Welt an; wie ſo Vieles, was auf den ernſteren Mittelwegen des Lebens Ruhm würde erworben haben, verwittert unbeachtet in der Stickluft der höheren Stände! Hier berühren ſich die beiden Extreme— die Zerſtörung geiſtiger Anlagen. Godolphin war eins von den vielen Beiſpielen, welche beweiſen, welchen üblen Einfluß eine indolente Ariſtokratie ſelbſt auf ihre Günſtlinge ausübt. Neunundvier zigſtes Kapitel. Rücktehr nach London— Die ewige Natur der vereitelten Hoff⸗ nung— Fanny Millinger— Abendeſſen in ihrem Hauſe. Es war in der Mitte des Frühlings und gegen Abend, als unſere Reiſenden in London ankamen. Nach einer längeren Abweſenheit fühlt man eine ſelt⸗ ſame Bewegung, wenn man zu dem Tumult einer ungeheuren Stadt zurückkehrt. Dieſes Getöſe, dieſes ieſer Reichthum— Zeie rkehrs— haben eine unb ewalt über uns, na i Sde und majeſtätiſche 6 hinter uns ließen. Conſtanze le dem Fenſter des Wagens, als derſelbe durch die Straßen rollte. „O, wenn ich doch ein glühend. „Und warum?“ fragte Godolphin e „Betrachte dieſen großen Schauplatz allgemeinen Ehrgeizes und erkenne das Warum. V und mannigfaltige Laufbahn ſteht jedem Bürger dieſer en der Ehrſucht und eiblich aufregende die verhältnißmäßige des Feſtlandes ite ſich unruhig aus Mann wäre!“ rief ſie ch eine ſtolze freien Stadt offen! Sieh, ſieh dort— das alte ehr⸗ würdige Parlamentshaus, noch immer beredt an hohen Erinnerungen.“ „Und dicht daueben das Grab,“ ſagte Godolphin ſpöttiſch. „Ja, aber das Conſtanze lebhaft, „Die Opfer ihrer Größe.“ Es trat eine Pauſe ein; endlich ſagte Conſtanze: „Und fühlſt Du keine Aufregung, Perchy, bei dem Geſumm und Gewüh!— bei den Lichtern, dem Pomp Deiner Geburtsſtadt?“ „Ja, ich bin auf dem Markte, wo alle Ge käuflich ſind.“ „Pfui!“ Godolphin hüllte ſich in ſeinen das Wagenfenſter. b großer Mär r!“ ſagie Mantel und ſchloß ſchten Oſtwinde!“ La von wer W dieſ hin die Cab nur ſiasn ſch w 8 von God nickt⸗ zur t und gende näßige landes g aus traßen ief ſie meinen e ſtolze dieſer te ehr⸗ hohen olphin ſagte iſtanze: ei em Pomp Genüſſe d ſchloß vinde!“ 385 Sehr wahr— ſie ſind in der That der Fluch des Landes! Der Wagen hielt vor dem ſtattlichen Eingange von Erpingham⸗Houſe an. Godolphin fühlte ſich ein wenig gedemüthigt, durch ein Weib eine ſo glänzende Wohnung bekommen zu haben; aber Conſtanze, die dieſes Gefühl nicht erwartete, eilte die breite Treppe hinauf und ſagte, indem ſie auf eine Thür deutete, die zu ihrem Boudoir führte:„In jenem Zimmer ſind Cabinette gebildet und geſtürzt worden.“ Godolphin lachte; er erkannte in dieſer Bemerkung nur die Eitelkeit der Prahlerei, weil er ihren Enthu⸗ ſiasmus nicht theilte. Dies aber war Conſtanzens ſchwache Seite— ihr dunkles Auge ſprühte. Nichts iſt einem Manne langweiliger als jene Art von unbehaglicher Ruhe, die auf eine Reiſe folgt. Godolphin nahm ſeinen Hut, ſtreckte ſich gähnend, nickte Conſtanzen zu und ſchritt zur Thür. Sie waren zur Zeit in ihrem Ankleidezimmer. „Wie, Percy, Du willſt doch jetzt nicht ausgehen?“ „Gewiß, meine Liebe!“ „Wohin denn, um des Himmels willen?“ „In White's Caffeehaus, um Neues über die Oper und das Ballet zu hören.“ „Ich habe eben befohlen, Lichter zu bringen, um Dir das Haus zu zeigen!“ ſagte Conſtanze getäuſcht und halb vorwurfsvoll. „Dank, Conſtanze! feuchte Zimmer und Oſtwinde zuſammen ſind mir zu viel. Ja Haus! was kann denn in Euren engliſchen Geſellſchaftsſälen zu ſehen 386 ſein, nachdem man die Marmorpaläſte Italiens geſehen hat? Kann ich etwas für Dich beſorgen?“ ℳ Nichts!“ ſagte Conſtanze und ſank mit Thränen in den Augen in ihren Stuhl zurück. Godolphin be⸗ merkte ſie nicht; ihm mißfiel der kalte Ton, womit ſie geantwortet hatte, er machte die Thür zu und murmelte bei ſich ſelber:„Gab es je e ſo unde⸗ likate Prahlerei?“ „Und ſo,“ ſagte Conſtanze mit Vitterkeit,„kehre ich nach England zurück, freundlos, ungeliebt, einſam in meinen Plänen und in meinem Herzen, wie ich vorher auch war. Erwache, meine Seele! Du biſt meine einzige Stärke, meine einzige Stütze. Wie ſchwach war ich, dieſen Mann zu lieben, ungeachtet nun wohlan, noch bin ich nicht ſo tief geſunken, um zu bedauern.“ Mit dieſen Worten trocknete ſie ihre Thränen und wendete ſich mit ſtarker Anſtrengung von ſanfteren Gedanken ab. Den Kopf auf die Hand geſtützt, den Blick geſenkt, gab ſie ſich ernſteren Betrachtungen hin, die ihr Wiedereintritt in den Kreis ihres alten Ehr⸗ geizes in ihr erregte. Inzwiſchen ging Godolphin in den damaligen erſten Club in St. James⸗Street. Dort war eine Gruppe verſammelt, als Godolphin eintrat. Man begrüßte ihn lebhaft. „Sei gegrüßt, alter Kerl,“ ſagte Einer.„Waht⸗ lich, Godolphin, ich freue mich, Dich zu ſehen,“ rief ein Anderer.„So haſt Du alſo Lady Erpinghem erobert!— Der glückliche Kerl!“ flüſterte ein Dritter geſc Bal brac die k zu ſ Kla der ſeine Caff ſich den jung kleint inner ſehen ränen n be⸗ womit und unde⸗ „kehre einſam vie ich biſt Wie geachtet ſunken, nen und nfteren tzt, den zen hin, en Ehr⸗ n erſten Gruppe begrüßte —— n,“ rief pinghan Dritter. Wahr⸗ 387 Godolphin, deſſen Eitelkeit ſich burch dieſen Empfang geſchmeichelt fühlte, brachte den Abend in dem Club zu. Bald wurde eine Gewohnheit daraus— Godolphin brachte viele ſeiner Abende im Club zu. Conſtanze, die bei ihren Bekannten Beſuche zu machen hatte, war zu ſtolz, um ſich zu beklagen. Vielleicht hätten auch Klagen die Sache nicht beſſer gemacht; aber ein Wort der Zärtlichkeit ober ein einziger Blick des Sehnens nach ſeiner Geſellſchaft, würden ihn bewogen haben, White's Caffeehaus auf immer aufzugeben! Godolphin ärgerte ſich heimlich über denſelben Gleichmuth Conſtanzens, den er früher beinahe überſchätzt hatte. „O, Godolphin,“ flüſterte ihm eines Abends ein junger Lord zu,„wir ſpeiſen dieſen Abend bei der kleinen Schauſpielerin— bei der Millinger. Du er⸗ innerſt Dich ihrer doch noch? Du warſt ja ihr alter Günſtling— in aller Unſchuld natürlich. Lady Er⸗ pingham darf nicht eiferſüchtig ſein.“— Eiferſüchtig! Conſtanze eiferſüchtig auf Fanny Millinger!—„Alles in der Unſchuld. Komm, ich fahre Dich zu ihr; mein Cabriolet hält vor der Thür.“ „Immer beſſer als eine Vorleſung über den Ehr⸗ geiz.“ dachte Godolphin und begleitete ihn. Godolphin's Freund war ein lebhafter junger Edelmann, von jener gutherzigen, leichten und argloſen Gemüthsart, die einem gebildeten, empfänglichen und indolenten Manne oft beſſer zuſagt als Genoſſen von höherer Bildung es können, weil er nicht nöthig hat, in der Genoſſen⸗ ſchaft ſein eigentliches Weſen aufzugeben. Lord Falconer ſchwatzte, als ſie durch die glänzenden Straßen fuhren, 388 über tauſend Dinge, wovon Godolphin ſo viel anhörte als ihm beliebte, und Faleoner's Alter und Weſen war von der Art, die leicht eines Zuhörers entbehren kann. Sie kamen in einer kleinen Villa zu Brompton an, die von einem Garten umgeben war. In der einen Ecke ſtand eine Laube und Alles war außerordent⸗ lich zierlich. Das Haus war erſt eben weiß ange⸗ ſtrichen worden, die Fenſter von feinem Glaſe mit Rahmen von Mahagoniholz— nur hie und da war um des Geſchmackes willen ein gothiſches Fenſter an⸗ gebracht und durch ein Fenſter im untern Stock ſah man Lichter, rothes Seidenzeug, vergoldete Stühle und alle Arten von dahin gehörendem Schmuck— Ludwig der Vierzehnte in einer Nußſchale! Der Leſer wird jetzt das Haus ſo genau kennen, als ob er ſelbſt darin gewohnt hätte. Damen von Fanny Millingers Geiſtesrichtung haben ſtets dieſelbe Art von Wohnung. Es iſt erſtaunenswerth, welche Ahnlichkeitdes Geſchmack ſie beſitzen, und junge Männer nennen es ebenfalli Geſchmack und ahmen die Mode in ihrem eigenen kleinen Tusculum in Chapel⸗Street nach. Als die beiden Beſuchenden durch einen vier Fuß breiten und acht Fuß langen Gang und ein ooales Treibhaus mit einem Flußgott in der Mitte gegangen waren, ſtanden ſie vor Fanny Millinger. Godolphin hatte nicht wenig Neugierde empfun⸗ den, das hübſche, offene und lachende Geſicht wieder zu ſehen, das ſo freundlich in ſeine Knabenzeit ge⸗ blickt hatte, und ſein Geiſt eilte zu jenem Sommer⸗ ————— aber gan ſpar Una aus als Ver rund Anm mit Weſe ungle man und 1 als ſi befra imen chörte Weſen ehren mpton n der rdent⸗ ange⸗ ſe mit a war er an⸗ ck ſah Stühle uck— r Leſer r ſelbſt lingers hnung. chmacks enfalls tigenen er Fuß ovales gangen mpfun⸗ wieder eit ge⸗ ommer⸗ 389 abend zurück, wo er, der junge Abenteurer, mit ſo ganz andern Pulsſchlägen als jetzt, in ſeiner Ab⸗ ſpannung, und einem vom Stolze der ihm ſo neuen Unabhängigkeit hochklopfendem Herzen ſich zuerſt hin⸗ aus in die Welt begab. Er fuhr unwillkürlich zurück, als er jetzt die Schauſpielerin erblickte: ſie hatte das Verſprechen ihrer Jugend gehalten und war voll und rund geworden. Sie war theatraliſch, doch nicht ohne Anmuth gekleidet; ihre ſchönen Hände und Arme waren mit Juwelen geſchmückt, und jenes unbeſchreibliche Weſen, welches die Schauſpielerin verräth, war jetzt ungleich mehr als früher zu merken; immer aber ſah man ſie frei, frohſinnig und leichtherzig, wie ſonſt, und noch immer hatte ihre Stimme ihren Silberklang, als ſie Falconer begrüßte und ihn über ſeinen Freund befragte. Godolphin ließ ſeinen Mantel fallen und im nächſten Augenblick warf ſich die Schauſpielerin mit einem theatraliſchen und doch natürlichen Schrei in ſeine Arme. „O! aber ich vergeſſe,“ ſagte ſie ſogleich mit einer ſcherzhaft ehrerbietigen Verbeugung, Sie ſind ja ver⸗ heirathet; da iſt's zu Ende mit Kuchen und Bier. Ach! wie jange ſahen wir einander nicht; und doch habe ich Sie nie vergeſſen, obgleich das Rollenlernen unſer Einem das ganze Gedächtniß in Anſpruch nimmt. Ach! Ihr Haar— es war ſo ſchön!— es hat die Hälfte ſeiner Locken verloren und iſt viel dünner ge⸗ worden. Ich ſollte das nicht ſagen, allein ich rede ſtets die Wahrheit, und bei Ihrem Anblick erwärmt ſich mir das Herz ſo ſehr, daß alle meine Gedanken aufthauen.“ 390 „Nun,“ ſagte Lord Falconer, der unterdeſſen mit einem eben nicht hübſchen Schoßhunde geſpielt hatte, „werden Sie endlich auch an mich denken?“ „An Sie denkt man nur, wenn Sie ſprechen, und dann thut man es nur um— nach der Uhr zu ſehen.“ „Schon gut, Fanny, ſchon gut! Wird Windſor bald hier ſein? Ich glaubte ihn ſchon hier zu ſehen. Sagen Sie mir, mögen Sie ihn denn wirklich leiden?“ „Leiden mag ich ihn über die Maßen— das iſt das rechte Wort für ihn, ſo wie für euch Alle. Würde jedoch Liebe in den Strom des Lebens ge⸗ worfen, ſo würde mein kleines Fahrzeug bald um⸗ ſchlagen. Auch bleibt mir bei dem endloſen Umkleiden und Spielen und allem gravitätiſchen Lebensverkehr keine Zeit zur Liebe. Und wie habe ich mich gebeſſert, Godolphin! Fragen Sie nur Falconer, ob ich nicht wie ein Engel ſinge, obgleich meine Stimme kaum ſtark genug iſt, um einen Kartentiſch herumzukommen; doch auf dem Theater lernt man aller Vorzüge ent⸗ behren. Es iſt ein ſeltſames Ding um dieſe erdichtete Eriſtenz neben der wirklichen. Wir leben wie in einer Bezauberung, Percy, und genießen das, was die Dichter ſchildern.“ Der träumeriſche Godolphin wurde von dieſer Be⸗ merkung überraſcht. Es wunderte ihn auch, zu ſehen, wie ſehr Fanny dieſelbe geblieben war. Ein Leben der Dann trat Tom Windſor ein, ein Irländer von Heiterkeit hatte ſie nicht verdorben. fünfundvierzig Jahren, der ſeinen Landsleuten in Allen unäh runzl hatte fröhl Leben gewv de D John lerinr T unde Wein warr doten und( wiede en mit hatte, rechen, hr zu indſor ſehen. iden?“ das iſt Alle. ns ge⸗ ld um⸗ nkleiden verkehr ebeſſert, ch nicht e kaum mmen; ge ent⸗ dichtete in einer vas die eſer Be⸗ u ſehen, ben der wer von in Allem 391 unähnlich war, nur nicht im Witz. Klein, hager und runzlich, aber bis an die Ohren voll Weltkenntniß, hatte er ſtets einen Scherz auf der Zunge; reich, fröhlich und allgemein beliebt, hatte er ſein bischen Leben vollauf genoſſen, ohne dabei zum Schurken geworden zu ſein. Dann kam der hübſche Franzoſe de Damville, dann ein junger Spieler Namens St. John, und endlich vervollſtändigten zwei Schauſpie⸗ lerinnen die Geſellſchaft. Das Abendeſſen war wie das Haus, ſehr hübſch und entſprach dem Geſchmack des Ortes; die beſten Weine, vortreffliche Speiſen— die Schauſpielerin war reich geworden. Witz, Lärm, gute Laune. Anek⸗ doten gingen nebſt dem Champagner im Kreiſe herum und Godolphin wurde verjüngt und bildete ſich ein, wieder ein Jünger des Vergnügens zu ſein. Fünfzigſtes Kapitel. Govolphin's Selbſtgeſpräch— Er wird vergnügungsſüchtig unb ein Beſchützer der Künſte— Ein neuer Charakter wird geſchil⸗ dert; denn ſo wie wir fortſchreiten, ſei es nun im Leben oder in der Darſtellung deſſelben, werden die Charakterzüge immer ſchwächer und unklarer als im erſten Theile unſerer Laufbahn. „Ja,“ ſagte Godolphin am nächſten Morgen, als er allein bei ſeinem Frühſtück mit ſich ſelber ſprach — allein, denn die Tagseintheilung der raſtloſen Conſtanze war nicht die des lururiöſen und nachläſſi⸗ gen Godolphin, und ſie war ſchon im Wagen, ja, vielleicht ſchon im eifrigen Geſpräch mit einer intri⸗ 392 guirenden Geſandtin—„ja, ich habe zwei Lebens⸗ epochen zurückgelegt, zuerſt war mein Lieblingsſtudium die Poeſie— dann die Philoſophie— die erſte war die der Romantik, die zweite die der Betrachtung. Jetzt, in mein Vaterland zu gekehrt, noch jung und häuslich eingerichtet, erheben ſich vor mir neue Zwecke; nicht jener gemeine und beſchwerliche Ehrgeiz, der uns das Leben zur Qual macht, und dem Conſtanze ſich hingibt, ſondern ein lebhafteres und wärmeres Daſein iſt's als das, wovon ich früher getränmt. Lurus und Vergnügen ſollen mir jetzt das ſein, was ehemals Einſamkeit und Nachdenken waren. Ich bin zu lange einſam geweſen, ich will lernen geſellig zu ſein.“ Dieſem Entſchluſſe treu, kehrte Godolphin mit Begierde zu den Genüſſen der Welt zurück; man ſchmeichelte ihm und er ſchmeichelte der vornehmen Ge⸗ ſellſchaft wieder. Seit Jahren war Erpingham⸗Houſe gern beſucht worden, wie viel lieber beſuchte man es jetzt, da der jetzige Beſitzer deſſelben noch größere Verfeinerungen in ſeine Zirkel einzuführen wußte Durch eine zarte und richtige Auffaſſung der ſchönen Künſte hatte ſich Godolphin von jeher ausgezeichnet. Jetzt nahm er den Eifer eines Sammlers an, wie er ſich bei begüterten Kunſtliebhabern zu finden pflegt. Aus ſeinem geliebten Italien ließ er die ſchönſten Statuen bringen— ſeine Schränke wurden mit Gem⸗ men gefüllt— ſeine Wände waren mit den ſchönſten Gemälden geſchmückt— das prunkende und unpaſſende Mobiliar in Erpingham⸗Houſe wich einem vollkomm⸗ neren und klaſſiſchen Geſchmack. Derſelbe Eigenſinn, den „ er in auch nach daſſel G ringer ſchma zur P es ſie gerütt edles kenner ſchleud tiſchen ſie doe würde, nämlic Anhän ſich hö ſie ſich rhöhte e die Ar ſchmüch Lebens⸗ ſtudium ſte war chtung. ng und Zwecke; der uns nze ſich Daſein us und ehemals u lange ein.“ hin mit ; man nen Ge⸗ ⸗Houſe man es größere wußte? ſchönen zeichnet. „wie er pflegt. chönſten it Gem⸗ chönſten paſſende llkomm⸗ inn, den 393 er in Herzensangelegenheiten gezeigt hatte, bezeichnete auch ſein neues Treiben; er zeigte denſelben Durſt nach dem Idealen, dieſelbe Verehrung des Schönen, daſſelbe Streben nach dem Vollkommenen. Es lag nicht in Conſtanzens Natur, dieſem ge⸗ ringeren Ehrgeiz in ſich Raum zu geben; ihr Ge⸗ ſchmack war rein, aber nicht kritiſch; ſie ließ ſich nicht zur Philoſophie der Einzelnheiten herab. Doch freute es ſie zu ſehen, daß Godolphin zur Thätigkeit auf⸗ gerüttelt war, und obgleich ſie es beſeufzte, daß ſein edles Genie ſich in den Geringfügigkeiten des Kunſt⸗ kenners zerſplitterte, obgleich ſie insgeheim das Ver⸗ ſchleudern ihres Reichthums beklagte, der dem poli⸗ tiſchen Ehrgeiz ſo viele Vortheile gewährte, ſo trat ſie doch Godolphin's Grillen nicht in den Weg, da ſie wußte, wie ein einziger Einſpruch in ſeine Wünſche in Bezug auf Geldausgaben ihn an das erinnert haben würde, woran ſie wollte, daß er niemals denken möchte, nämlich daran, daß die Mittel zu ſeinen verſchwen⸗ deriſchen Ausgaben von ihr herrührten. Conſtanze hoffte, ſein einmal erwachter Geiſt würde bald des Anhänfens von Spielereien überdrüſſig werden und ſich höheren Zwecken zuwenden. Inzwiſchen verſenkte ſie ſich ſelber in die Complotte ihrer Partei und die ehrgeizigen Intriguen. Erpingham⸗Houſe, berühmt ſchon durch die Schön⸗ heit ſeiner Königin und die politiſchen Geſellſchaften, erhöhte jetzt ſeinen Ruhm durch die Kunſtſchätze und die Anmuth und den Witz, womit Godolphin es ſchmückte. Unter der Menge ſeiner Gäſte befand ſich 394 einer, der von den Beſitzern des Hauſes beſonderz ausgezeichnet wurde— Stainford Radelyffe. Er war noch lange nicht dreißig und doch ſchon ein bedeuten⸗ der Mann. Auf der Schule und Univerſität hatte er ſich ausgezeichnet und jetzt zeichnete er ſich in der Welt der Wiſſenſchaften aus. Unter einem ruhigen, kalten und milden Außern barg er den entſchloſſenſten un raſtloſeſten Ehrgeiz, der die vorherrſchende Thätigkeit ſeines Geiſtes war. An kleine Gegenſtände zer ſplitterte er ſeine Energie nicht, denn er ging wenig in all⸗ gemeine Geſellſchaft und ſuchte in ſeinen Studien be⸗ ſonders nach ſolchen Gegenſtänden, d die den Geiſt zu ſtärken vermögen. Er war ein ſcharfer Denker, ein genauer Financier, ein Richter über die Spitzfindig⸗ keiten der Moral und der Geſetzgebung; denn zu ſeiner Büchergelehrſamkeit kam eine ſcharfe Menſchenkenntniß, und wenn er von Zeit zu Zeit unter die Menſchen kam, ſo ſuchte er diejenigen von ihnen aus, die ſich in den Studien, die er ſelber trieb, hervorgethan hatten, um nach ihren Anſichten die ſeinigen zu berichtigen. Nichts Schwankendes oder Unentſchloſſenes war in ihm; ſein Thun ging beſtändig aus Berechnung hervor und hatte ſtets einen Zweck; und ſchien es den Ober⸗ flächlichen, als lenkte er von derjenigen Straße g, die ſie würden eingeſchlagen haben, ſo that er es mur, um auf dem ſicherſten und kürzeſten Wege zu ſeinen Ziele zu gelangen. Indeß war ſein Ehrgeiz nicht der bloße gemeine Durſt nach Fortkommen in der Welt es lag ihm wenig an einem kümmerlichen Amte, oder an einer armſeligen Machthaberei, worin ſogenanm emp finde für auf richt Belo Freu ihn ſei. geſag er ſie denn Wich ſonders Er war deuten⸗ hatte et er Welt „kalten ten und hätigkeit plitterte in all⸗ dien be⸗ Geiſt zu ker, ein itzfindig⸗ zu ſeiner enntniß, Menſchen die ſich n hatten, richtigen. war in ig hervor en Ober⸗ raße ah, r es nun, u ſeinen nicht der er Welt; nte, oder genann * 395 emporſtrebende junge Männer ihren reichſten Lohn zu finden pflegen. Sein Blick erſchaute Gegenſtände, die für alle Andern in Dunkel gehüllt waren, und nur auf ſolche umfaſſende und hervorragende Gegenſtände richtete er ſein Augenmerk. Kleine und vorübergehende Belohnungen galten ihm für nichts; ſo hatte er keine Freude an den kleinlichen Ehren, um derentwillen man ihn beneidete, und auf die man glaubte, daß er ſtolz ſei. Stets beſchäftigt und gedankenvoll gab er, wie geſagt, ſich ſelten in die fröhliche Welt; und befand er ſich darin, ſo ſuchte er nicht in ihr zu glänzen, denn Geringfügigkeiten nehmen eben ſo ſehr als Wichtigkeiten den ganzen Menſchen in Anſpruch. Es fehlte ihm weder an Witz, noch an Abgeſchliffenheit, allein er wendete ſeine Kräfte zu ernſt an große Zwecke, als daß er bei kleineren ſich nicht zu Zeiten unbeholfen gezeigt hätte. Fühlte er ſich indeß irgendwo heimiſch oder aufgeregt, ſo fehlte es ihm nicht an Unterhaltungsgabe. In dieſem jungen, düſtern, ernſt brütenden Manne lag etwas, was Conſtanze auf den erſten Blick einnahm; ſie glaubte in ihm ein ihr gleiches Weſen zu ſehen, und Radeliffe's unternehmender Geiſt ergötzte ſich an der Genoſſenſchaft mit dem ihrigen. Beider politiſche Anſichten kamen überein und Beider Zwecke waren einander nicht ſehr ungleich. Ihr ge⸗ meinſchaftlicher Ehrgeiz aber verſah ſie mit einer Fülle von Stoff und Planen. Radelyffe war Conſtanzens Gaſt; bald aber gewann auch Godolphin den jungen Politiker lieb, obgleich er bei ſeinen Anſichten die Achſeln zuckte. In ſeiner Jugend war Godolphin Tory 396 geweſen und war jetzt, wenn er überhanpt etwas war, noch Tory. Eine ſolche politiſche Anſicht war viel⸗ leicht das natürliche Reſultat ſeiner philoſophiſchen überzeugung. Conſtanze, aus Grundſatz den Whigs und in der Wirklichkeit den Ultraliberalen zugethan, verlieh noch immer ihrem Hauſe ihren politiſchen Cha⸗ rakter; und der bequeme Godolphin hielt die Politik für die kleinlichſte aller Kleinigkeiten, die ein Mann ſehr wohl der Gebieterin ſeines Hauſes überlaſſen könne. Man kann ſich daher leicht vorſtellen, wie be⸗ haglich Godolphin ſich an den Wetsheitslehren Rad⸗ elyffe's und an den Declamationen Conſtanzens beluſtigte. „Das iſt eine gefährliche, ränkevolle Frau,“ ſagte die Herzogin von M. zu ihrem hohen Gemahl, als Conſtanze ſie eines Vormittags beſucht hatte. „Unſinn! Frauen ſind niemals gefährlich.“ Einundfünfzigſtes Kapitel. Godolphin's Lebensweiſe— Einfluß der Meinung und des Lächerlichen auf die Gemüther der privilegirten Stände— Lady Erpingham's Freundſchaft mit Georg dem Vierten— Seine Lebensweiſe. Godolphin's jetzige Lebensweiſe war natürlich eine ſolche, wie ſie ein ſehr reicher und geiſtreicher Mann zu führen pflegt— üppig, aber verfeinert. Er war zu dem Alter gekommen, wo die Pyeſie des Herzens immer mehr ſchwindet. Geld ſtand ihm faſt zur un⸗ beſchränkten Verfügung; er hatte durchaus keinen Be⸗ weggrund zu Anſtrengungen, und er ſuchte jetzt in Vet lang Ehr ente den wurt ihm ließ. wird eines Aus endli der durch hören s war, r viel⸗ hiſchen Whigs gethan, n Cha⸗ Politik Mann erlaſſen vie be⸗ Rad⸗ uſtigte. ſagte hl, als . und des — Lady — Seine ich eine Mann Er war Herzens zur un⸗ nen Be⸗ ietzt in 397 Vetgnügen das, was er früher von der Romantik vet⸗ langt hatte. Indem er, wie wir bereits ſahen, jeden Ehrgeiz verachtete, konnten ſeine Fähigkeiten und Ta⸗ „ente ſich in keinem andern Kreiſe, als dem bewegen, den die vornehme Welt darbot; und nach und nach wurde dieſe Welt, ihr Beifall und Rückſich tsnahme ihm wichtiger, als ſeine Philoſophie es ſich träumen ließ. In welchem Kreiſe wir auch leben mögen, ſtets wird, ob früher oder ſpäter, die öffentliche Meinung eines ſolchen Kreiſes einen Einfluß über uns erlangen⸗ Aus dieſem Grunde werden auch die ſtärkſten Geiſter endlich durch das Vergnügen frivol. Der Rechtsanwalt, der Volksvertreter, der Gelehrte, alle werben allmählig durch das Urtheil desjenigen Kreiſes, dem ſie ange⸗ hören, gebildet und umgeformt. Noch mehr iſt dies der Fall mit den Müßiggängern der großen Welt, deren Hauptgegenſtand der Geſpräche beſtändig ſie ſelber ſind. In der letztgenannten Klaſſe iſt das Lächerliche eine ungleich ſtrengere und furchtbarere Gottheit, als ſie es unter denen ſein kann, die ſich ernſteren Lebens⸗ beſchäftigungen widmen, und indem ſie beſtändig die Furcht, ihr zu verfallen, rege erhält, nöthigt ſie jeden, der in jenem Kreiſe lebt, zu eintöuigerer und regel⸗ mäßigerer Fügſamkeit in das Urtheil der Andevn. Das Lächerlichmachen erſtickt alle Euergie, auf welche es wirkt. Sobald eines Mannes Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft ſich befeſtigt hat, ſobald er zu einem gewiſſen Alter gelangt iſt, wagt er ſich an keine intellektuelle Unternehmung, wodupch die allgemeine Hochachtung oder Beliebtheit, deren er geniaßt, auf ingend eine Bulwer, Godolphin 26 398 Weiſe benachtheiligt werden könnte. Er wagt kein Durchfallen im Parlament, keine ſcharfe Kritik in der Literatur; nicht wagt er es, ſich neue Neider zu er⸗ wecken, und da, wo er jetzt gefällige Untergeordnete e vorfindet, ſich aufgebrachte Nebenbuhler hervorzurufen. 5 Die berühmteſten Autoren, die geachtetſten Parlamenits⸗ mitglieder betrachteten Govolphin jetzt als einen Mann von Witz und Geiſt, als einen Mann, deſſen Haus, ſ deſſen Reichthum ihm einen Einfluß verſchafften, wie e Wenige ſich deſſen erfreuen. Weßhalb alle dieſe Achtung durch beleidigende Vergleichung aufs Spiel ſetzen? in 5 Warum aus der erſten Reihe heraustreten, um höchſt 3 wahrſcheinlich Gefahr zu laufen, in die zweite Reihe zurückgedrängt zu werden? derſe Dieſes Motiv, welches insgeheim die Hälfte der hrd Ariſtokratie regiert— die geiſtreichere Hälfte, näm⸗ ſn lich die mißtrauiſche und geachtete, die den Stumpf⸗ ſinnigen und Eitlen eine verachtete und unbeneidenz⸗ werthe Berühmtheit überläßt, verlieh Godolphns nicht philoſophiſcher Gleichgültigkeit gegen den Ehrgeiz nene Stärke. Vielleicht, wäre dieſe Stellung weniger glän⸗ zend geweſen, oder hätte er bei ſeiner früheren Nei⸗ gung zur Einſamkeit beharrt, die die Jugend als bie kie beſte Nährerin ihrer Träume liebt, ſo möchte er jetz, da er ein Alter erlangt hatte, wo der Ehrgeiz, frü⸗ her oft ſtumm, gewöhnlich beginnt ſich hörbar zu machen, zu einer entſchloſſenern und aufſtrebenderen Gemüthsrichtung erwacht ſein. Doch ſo, wie es war, umgeben und geſchmeichelt von allen den Freuden⸗ die gewöhnlich die Belohnung ſind, zu der die An⸗ t kein in der zu er⸗ rdnete rufen. nents⸗ Mann Haus, n, wie chtung ſetzen? höchſ Reihe fte der „näm⸗ tumpf⸗ eidens⸗ lphin's eiz neue er glän⸗ en Nei⸗ als die er jetzt iz, fri⸗ bar zu enderen es war, Freuden⸗ die An⸗ 399 ſtrengung aufblickt, hätte ſelbſt ein ehrgeiziger Mann ſeine Natur vergeſſen können. Keine Wunde ſeiner Eitelkeit, kein Gefühl, daß er nicht hoch genng geſchätzt werde— jener große Sporn für ſtolze Gemüther— regte ihn zu jenen Anſtrengungen an, die wir unternehmen, um die Verleumdung Lügen zu ſtrafen. Er war der„Spiegel der Mode,“ zu⸗ gleich beliebt und bewundert, und ſein Glück, die berühmte, reiche und ſchöne Gräfin von Erpingham zu heirathen, wurde, wie ſtets bei glücklichem Erfolge der Fall iſt, als ein Beweis des Genies und als ein Zeichen ſeiner Verdienſte betrachtet. Gewiß war es wahr, daß eine geheime und bei⸗ derſeitige Täuſchung das glänzende Lvos des Gatten und der Gattin trübte. Godolphin forderte von Con⸗ ſtanzen mehr Sanftmuth, mehr Fügſamkeit als ihrer Natur eigen war, und Conſtanze andererſeits hörte nicht auf innerlich zu beklagen, daß ſie bei Godol⸗ phin keine Sympathie für ihre Zwecke und kein Ge⸗ fühl für ihren Enthuſiasmus finde. Da wenig über⸗ einſtimmendes in ihrem Streben war, da er für das Vergnügen und ſie für den Ehrgeiz lebte, ſo konnte keine übereinſtimmung in ihrem Umgange ſein. Sie liebten einander aber dennoch; ſie liebten einander mit Wärme; ſie hatten nie Streit miteinander, denn Conſtanzens Temperament war milde und Godolphin's Gemüthsart edel; aber keins glaubte, daß viel Liebe auf der andern Seite, und Beide ſuchten anderswo den Umgang und jene Zwecke, die zu Hauſe nicht gemein⸗ ſchaftlich waren. 400 Conſtanze galt außerorventlich viel bei dem regie⸗ renden Könige; ſie wurde beſtändig zu den engeren Kreiſen zu Windſor eingeladen. Godolphin, der das Gefühl, gelangweilt zu werden, als das größte übel auf der Welt betrachtete, konnte ſeinen Geſchmack und ſeine Weiſe nicht zu irgend einer regelmäßigen und genauen Lebensordnung herabſtimmen, wie ausge⸗ zeichnet der Kreis auch ſein mochte, der ihm Lange weile machte. Kein Mann war ſo ſehr geeignet, einen Hof zu zieren, doch keiner weniger, den Hof⸗ mann zu ſpielen. Er bewunderte die Weiſe des Mo⸗ narchen, er huldigte dem klaren Verſtande deſſelben; gewohnt aber, der Geſellſchaft Geſetze vorzuſchreiben, war er zu ſtolz, dergleichen von einem Andern zu em⸗ pfungen— ein gewöhnlicher Fall unter denen, di durch Recht, nicht in Folge von Duldung mit den Großen leben. Sein Stolz ließ ihn fürchten, für einen Schmarvtzer gehalten zu werden, und zu rittet⸗ lich, um nicht ſtrenge loyal zu ſein, war er zu hoch⸗ fahrend, um unterthänig ſein zu können. Wirklich war er durchaus das, was ein großer Ariſtokrat genaunt wird— ein Zuſtand, der durchaus von dein eins Nachtreters eines Höheren verſchieden iſt; und um mit Erfolg ein Hofmann zu ſein, wurde Godolphin nicht weniger durch den ihm inwohnenden Stolz, als durch die philoſophiſche Richtung verhindert, die er ſich an⸗ geeignet hatte. Anfangs war der König erträglich höflich gegen Ladh Erpingham's Gemahl; doch beſaß er Scharfblick genug um zu bemerken, daß er von dieſem nicht nach Ve diet kön ſcht und Ga zu ſich Ehr Unte zu 9 ritt nich pin Ein drü ins tha Th Mi eing tete ver Ich tregie⸗ engeren der das te übel ack und en n ausge⸗ Lange⸗ eeignet, en Hof⸗ es Mo⸗ ſſelben; hreiben, zu em⸗ ten, die mit den ten, für u ritter⸗ zu hoch⸗ lich war genaunt in eine um mit hin nicht als durch ſich an⸗ gen Ladh ck genng ach Ver 401 dienſt bewundert werde. Bei der erſten Außerung von königlicher Kälte verſchwur Godolphin, froh eine Ent⸗ ſchuldigung zu haben, auf immer Schloß und Pavillon und ließ Conſtanzen allein die Ehre der königlichen Gaſtfreundſchaft. Die Welt mochte geneigt ſein, Arges zu denken; doch Conſtanzens Schönheit hatte das an ſich, was einer unſerer Dichter den Engeln zuſchreibt — ſie feſſelte das Herz, hielt aber die Sinne in Ehrfurcht. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Unterredung zwiſchen Godolphin und Radelyffe— Die Verſchie⸗ denheiten des Ehrgeizes. „Ich weiß nicht,“ ſagte Godolphin eines Tages zu Radelyffe, als er mit ihm durch die grünen Alleen ritt, wovon die Hauptſtadt umgeben iſt,„ich weiß nicht, was ich dieſen Abend anfangen ſoll. Lady Er⸗ pingham iſt nach Windſor gegangen, ich habe keine Einladung zum Mittageſſen und bin der Bälle über⸗ vrüſſig. Wollen wir zuſammen ſpeiſen und dann ruhig ins Theater gehen, wie wir es wohl vor zehn Jahren thaten?“ „Nichts könnte mir erwünſchter ſein— und das Theater— finden Sie noch jetzt Geſchmack daran? Mich dünkt, früher waren Sie leidenſchaftlich dafür eingenommen.“ „Es iſt mir noch immer ziemlich lieb,“ antwor⸗ tete Godolphin;„aber die Täuſchung hat ihren Glanz verloren. Ich bin trübſelig und wähleriſch geworden. Ich fordere ein vollendetes Spiel— ein treffliches 402 Stück. Ein kleiner Fehler— eine geringe Abweichung von der Natur— raubt mir meinen Genuß an dem Ganzen.“ „Derſelbe Fehler begegnet Ihnen bei allen Din⸗ gen,“ ſagte Radelyffe halb lächelnd. „Recht,“ ſagte Godolphin gähnend;„aber haben Sie meinen neuen Canova geſehen.“ „Nein, ich kümmere mich nicht um Statuen und verſtehe nichts von den ſchönen Künſten.“ „Welch ein Bekenntniß!“ „Ja, es iſt ein ſeltenes Bekenntniß, doch vermuthe ich, daß die Künſte, gleich den Trüffeln und Oliven, einen erlernten Geſchmack veranlaſſen. Die Leute ſchwatzen ſich in die Bewunderung hinein, wo ſie an⸗ fangs nur Gleichgültigkeit empfanden. Wie können aber Sie, Godolphin, mit ihren Talenten, Ihr Leben an ſolche Spielereien verſplittern?“ „Eine ſehr höfliche Frage,“ verſetzte Godolphin ungeduldig.„Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich Ihre Lebenszwecke für Spielereien halte. Ihre Planmachereien, Ihre Ehrenbezeigungen, Ihr Zei⸗ tungslob, Ihre Stellen im Miniſterium, alle jene Dinge, die durch ein in Complotten entwürdigtes männliches Alter erkauft werden— ſie halte ich für Spielereien. Nein, Radelyffe, gönnen Sie mir den hellen Funken heiteren Daſeins, und laſſen Sie mich, bevor die Jahre der Krankheit und des Alters ein⸗ treten, wenigſtens genießen. Darin liegt Weisheit, Ihr Glaube iſt— doch ich will nicht Ihre rauhe Außerung nachahmen!“ und Godolphin lachte. nie ſen ber Zei die an. ichung n dem n Din⸗ haben en und ermuthe Oliven, Leute ſie an⸗ können r Lehen dolphin ſagen, . Ihre hr Zei⸗ lle jene ürdigtes ich für mir den ie mich, ers ein⸗ geisheit. e rauhe 403 „Gewiß thun Sie Ihr Möglichſtes, um zu ge⸗ nießen,“ ſagte Radelyffe.„Sie leben gut, Sie ſchmau⸗ ſen lecker, Ihr Haus iſt prächtig, Ihre Villa bezau⸗ bernd. Lady Erpingham iſt die ſchönſte Frau ihrer Zeit, und, als vb dies noch nicht genug wäre, nimmt die Hälfte der Damen Londons willig Ihre Huldigung an. Dennoch ſind Sie nicht glücklich.“ „Nun, wer iſt es denn auch?“ rief Godolphin in kräftigem Tone. „Ich bins,“ ſagte Radelyffe trocken. „Sie?— Hm!“ „Sie zweifeln an meinem Wort?“ „Dazu habe ich kein Recht. Aber ſind Sie nicht ehrgeizig? Und führt der Ehrgeiz nicht Angſt, Sorge und Arger mit ſich, wenns ihm mißlingt, und Täuſchung, wenns ihm glückt? Beweist nicht vas bloße Wort Ehrgeiz das Verlangen, etwas zu ſein, was man nicht iſt— hinreichend, daß man mit dem, was man iſt, ſich nicht zufrieden fühlt?“ „Sie ſprechen vom gemeinen Ehrgeiz,“ entgegnete Radelyffe. „Ei, Sie erhabener Weiſer! und welche Art von Ehrgeiz iſt denn der Ihre?“ „Kein ſolcher, wie Sie meinen. Sie ſprechen vom Ehrgeiz um des Ichs willen; mein Ehrgeiz iſt ein Ehrgeiz um Anderer willen. Vor einigen Jahren ſetzte ich mir das zum Lebenszwecke, was ich für das Wohl meiner Mitmenſchen hielt. Sie lächeln? Nun, ich gebe meine Träume nicht für Tugenden aus; allein Philanthropie wurde mein Steckenpferd, wie Bildſäulen * 404 das Ihrige ſind. Zur Erreichung meines Zweckes be⸗ darf es, wie ich ſehe, großer Vevänderungen, und für dieſe arbeite ich. Inzwiſchen bin ich nicht blind für den Ruhm; vielmehr trachte ich, ihn zu erlangen; doch würde er mir nut gefallen, wenn er aus gewiſſen Ouellen käme. Es mangelt mir an der überzeugunz, daß ich das vollführen werde, was ich bezwecke, und ich ſehne mich nach jenem Ruhme, der aus vem fort⸗ währenden Danke der Menſchen entſteht, nicht aber nach dem, der ein Erzengniß ihres vorübergehenden Beifalles iſt. Auch bin ich eitel, ſehr eitel; Eitelkeit war vor einigen Jahren die vorherrſchendſte Neigung in mir. Ich mache nicht Anſpruch, dieſe Schwäche zu beſiegen, wohl aber ſie nach meinen Abſichten zu lenken. Ich bin eitel genug, um den Wunſch zu hegen, zu glänzen, doch muß der Glanz ſolchen Thaten entſtrömen, die ich für wirklich werthvoll erachte,“ „Gut, gut,“ ſagte Godolphin, der ſich wider ſeinen Willen für das Geſagte intereſſirte,„aber eine Art von Ehrgeiz gleicht der andern, in ſo fern ſie beſtändige Anſtrengungen und Demüthigungen et⸗ fordert.“ „Nicht ſo,“ antwortete Radelyffe,„weil, wein ein Mann für das ſtrebt, was er für einen lobens⸗ werthen Zweck anſieht, der Reinheit ſeiner Abſichtei ihn über ein Mißlingen tröſtet; während der ſelbſt⸗ ſüchtige Mann bei ſeinem Mißlingen keinen Tryſt hat, von der äußern Welt gedemüthigt wird utt von keiner inneren Welt weiß, wo er Troſt finden könnte.“ täãu Du und daß gan den eint kes be⸗ un blind angen; ewiſſen ugung, e, und n fort⸗ taber henden itelkeit eigung hwäche ten zu ſch zu Thaten hte.“ wider „aber o fern en et wenn obens⸗ ſichten ſelbſt⸗ Troſt d und finden 405 „O Menſch!“ ſagte Godolphin faſt bitter,„wie täuſcheſt du dich doch ewig ſelber! Hier hegt man Durſt nach Macht und nennt es Menſchenliebe.“ „Glauben Sie mir,“ ſagte Radelyffe ſo ernſt und mit ſo tiefer Bedeutung in ſeinen klaren Augen, daß Godolphin in ſeiner Zweifelſucht zu wanken be⸗ gann—„glauben Sie mir, wenn es auch verſchie⸗ dene Leidenſchaften ſind, ſo können Sie doch ver⸗ eint werden.“ Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Fanny hinter den Couliſſen— Erinnerungen der Jugend— Das Abendeſſen bei Fanny Millinger— Geſpräch über tauſend Gegenſtände, ebenſo leicht als wahr— Fanny's Lied. Es wurde„Pizarro“ gegeben und Fanny Millinger ſpielte die Cora. Godolphin und Radelyffe gingen hinter die Couliſſen. „Ach!“ ſagte Fanny, als ſie in ihrer weißen peruaniſchen Kleidung daſtand und erwartete, bis ſie wieder auftreten mußte—„ach, Godolphin! dies er⸗ innert mich an alte Zeiten. Wie viele Jahre ſind verfloſſen, ſeit Sie Vergnügen an dieſer Nachäffung des Lebens fanden! wohl erinnere ich mich noch Ihres ſin⸗ nenden Blickes und ihrer gedankenvollen Stirne, die Sie von jener Loge aus auf mich richteten; und auch Sie werden ſich erinnern, wie hübſch Sie nach dem Schau⸗ ſpiel über die öde gewordene Bühne moraliſirten? Auch warteten Sie zuweilen hier auf mich, um mich 406 nach Hauſe zu begleiten. Ja, dieſe Zeiten ſind vorüber!“ „Ja, Fanny, wir ſind ſeitdem neue Welten von Gefühlen durchwandert. Könnte das Leben jetzt für uns ſein, was es damals war, ſo möchten wir ein⸗ ander von neuem lieben; aber ſagen Sie mir, Fanny, find Sie nicht durch Lebenserfahrung klüger gewor⸗ den? Suchen Sie nicht die Gegenwart um ſo mehr zu genießen— die Früchte der Zeit vom Aſte zu pflücken, ehe ſie überreif werden? Ich thue es. Ich verträumte meine Jugend und bin bemüht, mein Mannesalter zu genießen.“ „Dann,“ entgegnete Fanny mit jener Raſchheit, womit die Frauen in Herzensſachen alle unſere Philo⸗ ſohpie ſchlagen—„dann kann ich prophezeihen, daß Sie, ſeit wir einander nicht geſehen, Jemand geliebt oder verloren haben. Die Sehnſucht, die den regen Geiſt zur Träumerei ſtimmt, verſetzt den Träumer in raſche Thätigkeit, ſei es nun in Geſchäften oder im Vergnügen. „Richtig,“ ſagte Radelyffe, über deſſen ſtrenge Stirn eine Wolke zog. „Richtig,“ ſagte Godolphin gedankenvoll, und Lueilla's Bild trat vor ſein rächendes Gewiſſen.„Rich⸗ tig,“ wiederholte er, indem er ſich mit ſich ſelber redend abwendete,„und dieſe Worte einer eitlen Zunge haben mich einige von den Motiven meiner jetzigen Handlungsweiſe gelehrt. Doch fort mit dem Nach⸗ denken! ich habe beſchloſſen, es abzuſchwören. Meine hübſche Cora!“ ſagte er laut, als er ſich wieder zu ſind von t für ein⸗ anny, ewor⸗ mehr ücken, äumte zalter chheit, Philv⸗ „daß geliebt regen umer oder renge und Rich⸗ ſelber Bunge tzigen Mach⸗ Meine er zu 407 der Schanſpielerin wendete,„Sie ſind eine wahre Stacl in ihrer Weisheit; doch wir wollen nicht weiſe ſein; es iſt die ſchlimmſte unſerer Thorheiten. Werden Sie uns nicht heute eine Ihrer entzückenden Abend⸗ geſellſchaften geben?“ „Ei gewiß, Ihr Freund wird auch kommen. Er war einſt der Heiterſte unter den Heitern; Jahre und Ruhmſucht haben ihn freilich ein wenig ver⸗ ändert.“ „Radelyffe heiter! Pah!“ ſagte Godolphin erſtaunt. „Ja, Sie mögen ſich wohl darüber wundern,“ ſagte Fanny ſchlau;„aber beobachten Sie nur ſein Lächeln— es gibt Zeugniß von früheren Tagen.“ Als Godolphin ſich zu dem Freunde wendete, umſchwebte ſeine ſchmalen Lippen ein ſo heiteres und freudevolles Lächeln, daß der ganze Charakter des Mannes verſchwunden zu ſein ſchien; aber während er ihn anblickte, verſchwand das Lächeln und Rad⸗ elyffe lehnte ernſthaft die Einladung ab. Cora war jetzt anf der Bühne; ein donnernder geifallruf erſchütterte das Haus. „Wie herrlich ſie ſpielt!“ ſagte Radelyffe mit Wärme. „Ja,“ antwortete Godolphin, der mit unterſchla⸗ genen Armen ruhig zuſah,„aber welche Lehre über das menſchliche Herz gibt uns ein gutes Spiel! Beob⸗ achten Sie das glänzende Auge— die wallende Bruſt — den Ausdruck der Leidenſchaft— die ergreifende Stimme— die Zuſchauer in Thränen! Des Weibes ganze Seele ſcheint in ihrem Kinde zu ſein! Nichts 408 da! Sie fühlt in ihrem Innern nicht mehr als vie Bretter fühlen, auf denen wir ſtehen. Wahrſcheinlich denkt ſie an unſere heitere Abendgeſellſchaft, und doch wird ſie fragen, wenn ſie von der Bühne kommt: Spielte ich nicht gut?“ „Ei,“ ſagte Radelyffe,„ſie wird doch fühlen, wäh⸗ rend ſie das Gefühl darſtellt.“ „O nein; ſchon vor Jahren ſagte ſie mir, die ganze Kunſt des Spiels ſei Blendwerk, und Blend⸗ werk— Blendwerk— Blendwerk iſt ſie auf der Bühne wie in der Welt. Mit der edlen Redekunſt— edel fürwahr!— iſt es ebenſo; Philoſophie, Poeſie— Alles, Alles Heuchelei!„Der Teufel hole den Voll⸗ mond!“ ſagte Byron zu mir, als wir ihn einſt zu Venedig anblickten,„er verurſacht mir immer Fieber⸗ ſchauder; aber ich habe ihn in meinen Gedichten hübſch geſchildert, nicht wahr, Godolphin?“ „Aber—“ wollte Radelyffe beginnen. „Kein Aber,“ fiel Godolphin mit der ſcherzenden Hartnäckigkeit ein, der er ſo viel Anmuth zu verleihen wußte;„Sie ſind jünger als ich, wenn Sie ſo lange gelebt haben werden wie ich, mögen Sie ein Recht haben, meinem Syſtem zu widerſprechen— aber nicht eher.“ Godolphin ging zum Abendeſſen bei der Schau⸗ ſpielerin. Fanny's Leben war, wie Godolphin's, dem Vergnügen gewidmet. Sie verſchwendete, im Verhält⸗ niß zu ihren Mitteln, eben ſo viel als Godolphin; nur fehlte ihr ſein Geſchmack und feiner Sinn. Groß⸗ müthig und freigebig wie alle ihres Standes— ja, wie war liche liche evne zuri Mo wov gute „Ch con ſund hinti Sav das ſchen könn durch Färb ſaiſck deln, liche ichen ſprue führt s die inlich doch mmt: wäh⸗ , die Blend⸗ Bühne — edel ſie— Voll⸗ nſt zu ieber⸗ hübſch zenden leihen lange Recht nicht lphin; Groß⸗ ja 409 wie alle Perſonen, die ihr Geld leicht verdienen— war ſie milde gegen Alle und lurnriös in ihrem häus⸗ lichen Leben. Bei dem Abendeſſen waren vier männ⸗ liche Gäſte zugegen— Godolphin, Saville, Lord Fal⸗ coner und Windſor! Es war im Frühſommer, die Vorhänge waren zurückgeſchlagen, die Fenſter halb geöffnet und das Mondlicht ſchlummerte auf dem kleinen Raſenplatze, wovon das Haus umgeben war. Die Gäſte waren guter Laune.„Fülle mir dies Glas!“ rief Godolphin, „Champagner iſt das Getränk der Jugend; ich will con amore zu ihr zurückkehren. Fanny, gib eine Ge⸗ ſundheit an!— welches ſoll ſie ſein?“ „Hoffnung bis zum hohen Alter und Erinnerung hinterdrein,“ ſagte Fanny lächelnd. „Pah! ſchon wieder Theaterpoſſen, Fanny?“ murrte Saville, der einen großen Schirm zwiſchen ſich und das Fenſter geſtellt hatte;„keine Empfindſamkeit zwi⸗ ſchen Freunden.“ „Pfui, Saville,“ ſagte Godolphin;„ebenſowohl könnten Sie ſagen, keine Muſik als im Opernhauſe; durch hübſche Wortſpiele erhält die Unterhaltung ihre Färbung. Aber ihr Wüſtlinge ſeit ſo verdammt pro⸗ ſaiſch und wollt, daß wir die Bahn des Laſters wan⸗ deln, ohne eine einzige Blume am Wege.“ „Laſter!“ rief Saville;„Pfui über Eure abſcheu⸗ lichen Benennungen! In Deiner Geſellſchaft verlor ich meinen guten Ruf, und nun fordern ſie Richter⸗ ſpruch gegen den armen Teufel, der von ihnen ver⸗ führt wurde.“ 41⁰ „Hm!“ rief Godolphin heiter;„Sie erinnern mich an den Rath, den ein ſpaniſcher Hidalgo einem Diener gab: Stets wähle Dir einen Herrn, der ein gutes Gedächtniß hat, denn wenn er Dich nicht bezahlt, ſo wird er ſich wenigſtens daran erinnern, daß er Dir ſchuldig iſt.— In Zukunft will ich nur mit denen umgehen, die, wenn ſie genug ausgeſchweift haben, ſich der guten Rathſchläge erinnern, die ich ihnen vor⸗ her gegeben.“ „Inzwiſchen,“ ſagte die hübſche Fanny, die ihren ſchelmiſchen kleinen Mund halb voll Hühnerbraten hatte,„werde ich nicht vergeſſen, daß Herr Saville ſeinen Wein ohne Trinkſprüche verſchluckt— weil ſie nur unnöthige Zögerung herbeiführen.“ „Der Wein,“ ſagte Windſor,„iſt der gerade Ge⸗ genſatz der Liebe. Alte Zecher können nicht früh genug zur Flaſche kommen und alte Liebhaber haben immer Trinkſprüche im Munde.“ „Sehen Sie, was Sie ſich zugezogen haben, Sa⸗ ville, da Sie auf mich ſticheln wollten,“ ſagte Godol⸗ phin.„Nun, wir wollen es wieder gut machen; der Trinkſpruch entzweite uns, das Glas mag uns ver⸗ ſöhnen— Champagner?“ „Ja, Alles, ſelbſt Champagner, wenn man nicht anders Frieden haben kann,“ ſagte Saville mit einer Miene erzwungener Geduld, indem er ſeinen ſcharfen Zügen eine Miene ſtiller Ruhe gab.„Ihr Witzköpfe ſeid ſo beißend. Ja, Champagner, wenn Du willſt. Liebe Fanny,“ und Saville machte ein ſaures Geſicht, als er das kaum gekoſtete Glas niederſetzte,„ſchnell einer tire 5 * die G keine pagn arme Savi Grol dolph Savi verſch Geſel Welt. Taub Greer Kopf ſagte leman der E abſchn geht. hungh einen verdan „( Lord ihm d n mich Diener gutes bezahlt, daß er t denen haben, en vor⸗ e ihren rbraten Saville weil ſie ade Ge⸗ h genug immer n Sa⸗ Godol⸗ en; der ns ver⸗ ßitzköpfe willſt. ihm der Wein in den Kopf zu ſteigen begann. 41¹¹ einen andern Scherz; ich finde jetzt, daß Deine Sa⸗ tire mir wenigſtens beſſer mundet als Dein Wein.“ Fanny war ſehr geſchäftig; darin unterſcheidet ſich die Schauſpielerin von der vornehmen Dame— es iſt keine Ruhe in ihr.„Schnell eine andere Flaſche Cham⸗ pagner— was kann mit dieſer geſchehen ſein?“ Die arme Fanny war wie auf der Folter. Dies freute Saville, denn er rächte ſtets einen Scherz durch eine Grobheit. „O nein, unſer Freund ſcherzt nur,“ ſagte Go⸗ dolphin.„Ihr Champagner iſt köſtlich, Fanny. Nun, Saville, und wo iſt der junge Greenhough? Er iſt verſchwunden. Das Gerücht ſagt, er habe ſich in Ihrer Geſellſchaft ruinirt und könne nicht wieder aufkommen.“ „Das Gerücht iſt das ärgſte Klatſchmauk von der Welt. Wenn man ihm glaubt, ſo verſchwinden alle Tauben von meinen Feldern. Aber ernſthaft geſprochen, Greenhough iſt fort— nach Amerika— ſteckte über Kopf und Ohren in Schulden— Ehrenſchulden. Nun,“ ſagte Saville ſehr langſam,„iſt zwiſchen dem Gent⸗ leman und dem Emporkömmling der Unterſchied, daß der Erſtere, wenn Alles verloren iſt, ſich die Kehle abſchneidet, der Letztere aber ſeinen Gläubigern durch⸗ geht. Ich war in der That ſehr ärgerlich über Green⸗ hough, daß er ſich nicht die Kehle abſchnitt. Für einen jungen Mann unter meinem Schutze war das verdammt undankbar.“ „Er blieb Ihnen doch nicht viel ſchuldig?“ fragte Lord Falconer, der jetzt zum erſtenmal ſprach, als 412 Saville ſah ihn ſtarr ant „Lord Falconer, eine Priſe Schnupftabak. Das iſt eine ſehr glückliche Frage vvn Ihnen. Ja, ſie haben große Weltkenntniß. Er war in der That ſehr in meiner Schuld. Ich führte den gemeinen Kerl in di Welt ein, und er iſt mir alle die Tauſende ſchuldig die er in guter Geſellſchaft zu verlieren die Ehre hatte!“ „Weißt Du, Percy,“ fuhr Saville fort,„weißt Du ſchon, daß mein armer Freund Jasmin todt iſt! Er ſtarb bei einer köſtlichen Whiſtpartie. Er hatte gerade noch Zeit, vier Honneurs anzumelden, und dam trumpfte ihn der Tod ab. Es war ein ſchwerer Schlaz für mich; er war der zweitbeſte Spieler bei Grahams Dieſe plötzlichen Todesfälle ſind ſchrecklich— beſon⸗ ders wenn man ein ſo gutes Spiel in der Hand hat.“ „Sehr kränkend, in der That,“ ſagte Lord Fi coner, der eben das Whiſtſpiel gelernt hatte. „Es iſt drollig,“ ſagte Saville,„wie oft die letzti Worte eines Monſchen mit ſeinem Lebenübereinſtimmen ſie gleichen der Moral einer Fabel. Den beſten Beweit davon, der mir bekannt iſt, lieferte Lord Cheſterſiel' der ſeine ſchöne Seele mit jener erhabenen und ut⸗ nachahmlichen Sentenz aushauchte:„Geben Sie Dartel einen Stuhl!““ „Capital!“ rief Lord Faleoner.„Saville, ein Spi Erarté!“ Wie der Löwe im Tower den Schvvßhund aublit; ſo ſah Saville Lord Fakevner mit mitleidiger Verach⸗ tung an. „Herzlich gern,“ ſagte Savills enblich;„doch nein ſtät gen Lach ein übe ſchn ſehr dem ſie ſang . Das ſie haben ſehr in l in dit ſchuldig ehatte!“ „„weift todt iſt! Er hatte und dam er Schlah Grahams — beſot⸗ nd hat.“ Lörd Fil⸗ e. un die letzt nſtimten en Bereit heſterfieli nund u⸗ ie Dartil ein Spil id anblickt er Verach⸗ „doch nei 413 — wir haben vom Tode geſprochen— ſolche Gegen⸗ ſtände erwecken das Gewiſſen eines Menſchen.“ „O Nacht!“ rief Godolphin, theatraliſch aufſprin⸗ gend,„Du biſt da zum Geſange, zum Mondlicht und Lachen— aber zum Lachen eines Weibes! Fanny, ein Lied— das hübſche Lied, das Du mir vor Jahren über Stadtliebe und leichtes Leben ſangeſt.“ Fanny, die, ſeit Saville den Champagner getadelt, ſchmollend dageſeſſen— denn ſie hielt nach ihrer Weiſe ſehr auf guten Ton— lächelte jetzt wieder, und in⸗ dem der Mond auf ihr ſchlaues Geſicht ſchien, ſetzte ſie ſich an das Pianoforte, blickte Godolphin an und ſang folgendes Lied: Glaub' mir, die Liebe iſt nicht da, In Wöſten zu verweilen; Laß Alter ſich und Jugend gleich In Sonn' und Schatten theilen. Am Bache ſchlummert Amor ein, Liebt keine ſtillen Plätze— Nimmt er zum Scherz den Hirtenſtab, Sind Grazien ſeine Schätze. Verlaß die ſtolze Stadt, mein Freund, Gönn' Heil'gen ihre Zellen. Nichts über ein geſellig Glas, Den Gram wirf in die Wellen. Sieh nur die feierliche See, Wohin die Ströme eilen— Und ſind gleich ſchwarz die Wogen bald, Laß noch den Glanz drauf weilen. Nicht binde ich an Eins mein Herz, In Ruhe zu erkranken; Drum ſort in friſchem Lebensmuth, Nur Freundſchaft ſoll nicht wanken. Bulwer, Godolphin. S . 4¹4 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Conſtanzens Laufbahn— Wahrer Zuſtand ihrer Gefühle für Godolphin— Raſche Folge politiſcher Ereigniſſe— Canning's Adminiſtration— Die katholiſche Frage— Lord Grey's Rede — Canning's Tod. Während Godolphin in ähnlichen Scenen, die mit mehr verfeinerten und gebildeten Zerſtreuungen abwech⸗ ſelten, ſein Leben hinbrachte, wurde Conſtanze immer mächtiger als eine der Zierden einer großen politiſchen Partei. Wenige Frauen in England miſchten ſich je thätiger vder mit größerer Gewandtheit in die Politih als Lady Erpingham. Ihre Freunde waren freilich nicht im Miniſterium; doch ſie ſah die Zeit raſch her⸗ annahen, wo ihre Anſichten die Oberhand gewinnen würden. Das Plänemachen des politiſchen Ehrgeizes war ihr lieb geworden, und in jedem andern Lande hätte ſie eine Verſchwörung bewirken, ja in älteret Zeit ſich zur Königin erheben können— ſo aber wer ſie nur ein ſtolzes, mißvergnügtes Weib. Sie wußte auch, daß dies Alles war, was ſie ſein konnte— Alles, was ihrem Geſchlechte geſtattet wurde— dennoch aber rang ſie nicht weniger nach der Ausführung ihrer Zwecke. Das Schickſal ihres Vaters mahnte ſie ſtetz — ihr Verſprechen an ſeinem Sterbebette erhob ſich noch immer oft und feierlich vor ihr; die Demütht⸗ gungen, die ſie früher erlitten hatte, die Huldigungen, die ihr ſpäter waren dargebracht worden, nährten in ihrem ſtolzen Gemüthe den Unwillen, den ſie gegen die ihr verhaßte Partei und gegen die mächtige Klaſſe hegte, welche dieſelbe bildete. Das Syſtem der Mode, da du M thi die Di ruh hat daß war in ſchä hegt wur efühle für Canning's rey's Rede „die mit abwech⸗ ze immer olitiſchen n ſich je e Politik, freilich raſch her⸗ gewinnen Ehrgeizes rn Lande n älterer aber war Sie wußt⸗ onnte— dennoch ung ihrer e ſie ſtetz erhob ſich Demüthi⸗ digungen, ährten in ſie gegen ige Klaſſe der Mode, — 415 das ſie zu beſtärken ſo wefentlich geholfen hatte, und durch welches ſie urſprünglich eine Feſtſtellung der Meinung beabſichtigte, ſo daß weder Rang noch Reich⸗ thum dabei in Anſchlag kommen ſollten, ſah ſie durch die Unhaltbarkeit der Anhänger deſſeiben zu gemeinem Duͤnkel herabgewürdigt, der noch ärger war als der ruhige Stumpfſinn, den ſie zu verdrängen verſucht hatte. Dennoch tröſtete ſie ſich mit dem Gedanken, daß durch jenes Syſtem der e zu heilſamen Um⸗ wandlungen geoffnet war. Durch eine gewiſſe Täuſchung in ihrer Ehe mit Godylphin und durch den gering⸗ ſchätzenden Groll, den ſie gegen die Vergnügungen hegte, durch welche der Gemahl von ihr weggelockt wurde, ſteigerte ſich in Conſtanzen der Widerwille gegen die Sitten einer frivolen Geſellſchaft und ſtärkten und concentrirten ſich ihre Talente für politiſche In⸗ trigue. Ihr Gemüth wurde nach und nach männlicher; ihr Auge brannte in ernſterem Feuer, ihr tieblichet Mund war minder verſchwenderiſch mit ſeinem Lächeln, und die Würde, die ſie von jeher gezeigt hatte, wurde ſtarrer und gebieteriſcher. Dieſe Veränderung diente nicht dazu, Godolphin⸗ ſeiner Gattin zu nähern. Godolphin, ſo empfänglich für Kälte, ſo verfeinert und überſpannt in ſeinen Anforderungen, glaubte feſt, daß Conſtanze ihn nicht mehr liebe und das mit ihm geſchlöſſene Bündniß bereue. Sein Stolz war gegen ſie bewaffnet, und eifriger ſuchte er Secenen auf, wo für den bewunderten, ritterlichen, witzigen Godolphin Alles nur Lächeln und Sonnenſchein war. 8 . 416 Dazu nagte noch ein aut derer Bitterkeit an ſeinem Herzen. Er hatte zum Ankauf einiger berühmten Kunſtwerke eine große Geld⸗ ſumme aufzunehmen gewünſcht, was nur mit aus⸗ vrücklicher Zuſtimmung Conſtanzens geſchehen konnte Als er dieſer ſeine Abſicht eröffnete, gab ſie ihm zwar keine Weigerung zu erkennen, zögerte aber, ſchien verlegen, und er hielt ſie für unzufrieden. Seine Delikateſſe wurde dadurch gereizt, und er berührte den Punkt nicht wieder, ärgerte ſich jedoch im Stillen über Conſtanzens Zurückhaltung ieſer Sache. Nichts vergißt der Stolze weniger als eine Zurückweiſung in Geldangelegenheiten. Doch bemerkte Govolphin ſpäter, wie ſehr er in dieſem Punkte ſeiner Gattin Unrecht gethan. Während nun Beiden ſo die Zeit verflog, fühlten r n wären ſie ſie ein inneres Sehnen zu einan auf eine wüſte Inſel verſetzt worden— hätten ſie Muße und Gelegenheit zu freiem feſſelloſen Umgang und Gedankenaustauſch gehabt, ſo würden ſie beider⸗ ſeits ſich verwundert haben, noch immer herzlich geliebt zu werden, und einander theurer als in der wärmſten Stunde früherer Anhänglichkeit geweſen ſein. Geſtatten jedoch Eheleute in einem hei geſchäftvollen Leben erſt, daß eine anſcheinende Gleichgültigkeit ſich zwiſchen ihnen einſchleicht, ſo wird dieſe in tanſend Fällen kaum einmal wieder entfernt. Wie um ſo mehr mußte dies aber bei einem ſo wähleriſchen Gatten wie Godolphin, und bei einer ſo ſtolzen Gemahlin, wie Conſtanze, ſtattfinden. Zum Glück aber beſaßen Beide, wie ſchon erwähnt, ein treffliches Gemüth; ſie zankten er Umſtand mit beſon⸗ it beſon⸗ itte zum e Geld⸗ nit aus⸗ n konnte. ihm zwar r, ſchien Seine ührte den illen über Nichts eiſung in in ſpäter, tgethan. fühlten wären ſie hätten ſie Umgang ie beider⸗ ich geliebt wärmſten Geſtatten häftvollen igkeit ſich n tauſend n ſo mehr atten wie hlin, wie en Beide, ſie zankten niemals miteinander, ihre Gleichgültigkeit lag nur auf der Oberfläche— und der Welt erſchienen ſie als ein liebendes Ehepaar. Inzwiſchen bezeichnete, wie Conſtanze es vorher⸗ geſagt hatte, die politiſche Geſchichte des Landes ſich mit einer fortwährenden Hinneigung zu liberalen Mei⸗ nungen. Canning war jetzt im Amte, die katholiſche Frage ſchwebte auf Aller Lippen; jene an und für ſich ſo ariſtokratiſche Maßregel, die einen ſo ſtarken Beweis liefert, wie weſentlich ariſtokratiſch die geiſtige Beſchaffenheit der oberen Volksklaſſen war; jene Frage, die, wenn man ſie abgeſondert betrachtet, für die Wohlfahrt eines großen Reiches als ganz eigentlich unwichtig erſcheint— ſie war dennoch der erſte ſchwere Streich, der um der Meinung willen gegen die Ver⸗ folgung geführt wurde, und aus dieſem Lichte hatte Conſtanze dieſelbe ſtets betrachtet. Ohne Zweifel wäre Volkswohl das Hauptintereſſe der Geſetzgebung geweſen, eine ſolide und große Reform im Criminalcoder hätte lautere und weit unmittelbarere Aufmerkſamkeit erfor⸗ dert, als das Recht der Katholiken, einen Sitz im Parlamente einzunehmen; allein das Eine war für die Kleinen, die Andere für die Großen, und bei Zänkereien unter ſich öffnet die Ariſtokratie ſtets dem Volke eine Breſche. In Erpingham⸗Honſe war eine glänzende Ver⸗ ſammlung. Sie beſtand aus den Parteihäuptern, unter dieſen aber herrſchte Spaltung. Einige traten geheim Canning's Adminiſtration bei, Andere hatten es öffentlich gethan, und noch Andere verharrten in 41 hartnäckiger und neidiſcher Oppoſitivn. Zu den L Letz⸗ teren gehörte Conſtanze. „Nun, Lady Erpingham,“ ſagte Lord Paul Plympton, ein junger Edeln lige Geſchichte geſchrieben hatte, und von dem man daher glaubte, daß er im Parlament ſein Glück machen werde—„nun, ich kann nicht umhin, zu den⸗ ken, daß Sie zu ſtrenge gegen Canning ſind; er iſt geniß ſehr iberal in ſeinen Anſichten.“ „Ließ er je ein Geſetz zum Wohl der arbeitenden Klaſſen durchgehen? Nein, Lord Paul, für die Pairs iſt er Whig, für die Landleute Tory. Mit gleichem Eifer verſicht er die katholiſche Frage und das Blut⸗ bad zu Mancheſter?“ „Sie werden doch,“ rief Lord Paul, einen Un⸗ terſchied zwiſchen der gerechten Liberalität, die für das Eigenthum und die Intelligenz ſorgt, und der gefährlichen Liberalität machen, die einer unwiſſen⸗ den Menge den Zügel ſchießen laſſen würde?“ „Aber,“ ſagte Herr Benſon, ein ſehr kräftiges Mitglied des Unterhauſes,„wahre Politiker müſſen ſich nach den Umſtänden richten. Wenn auch Can⸗ ning nicht ganz ſo iſt, wie wir ihn wünſchen möchten, ſo müſſen wir ihn doch unterſtützen. Ich bekenne, daß ich großmüthig ſein will: ich ſtrebe nicht nach Amt und Macht; aber Canning iſt von Feinden um⸗ ringt, die auch zugleich Feinde des Volks ſind: aus dieſem Grunde will ich ihn auch unterſtützen.“ „Bravo, Benſon!“ rief Lord Paul. ß Benſon!“ wiederholten zwei oder drei ann, der eine langwei⸗ ni den Letz⸗ d Paul langwei⸗ em man n Glück zu den⸗ d; er iſt beitenden ie Pairs gleichem as Blut⸗ inen Un⸗ die für und der imwiſſen⸗ 2. kräftiges r müſſen uch Can⸗ möchten, bekenne, icht nach nden um⸗ ind: aus oder drei 419 Herren, die eine Gelegenheit abgewartet hatten, ſich zu erklären;„das nenne ich hübſch.“ „Männlich!“ „Redlich!“ „Uneigennützig, bei Gott!“ Hier trat plötzlich der Herzog von Aspindale herein. „Ah, Lady Erpingham, Sie hätten dieſen Abend im Par⸗ lamentshauſe ſein ſollen: welch eine Rede! Canning iſt anf immer geſtürzt.“ „Rede! von wem?“ „Von Lord Grey— ſchrecklich. Es war die Rache eines in eine Stunde concentrirten Lebens. Er hat das Miniſterium furchtbar erſchüttert.“ „Hm!“ ſagte Benſon aufſtehend;„ich gehe zu Brooks, um mehr zu hören.“ „Ich auch,“ ſagte Lord Paul. Als Benſon am nächſten Tage eine Petition ein⸗ reichte, ſpielte er in Ausdrücken hohen Lobes auf die meiſterhafte Rede eines edlen Grafen an, die er am Abend zuvor gehalten, und Lord Plympton ſagte: „Sie war in der That ohne ihresgleichen?“ „Das nenne ich hübſch!“ „Männlich!“ „Redlich!“ „Uneigennützig, bei Gott!“ und Canning ſtarb; ſeine edle Seele ließ das Feld der Politik in tauſend kleinliche Parteien zerſplittert zurück. Von der Zeit ſeines Todes an ſind die beiden großen Heere, in die die Ringer nach Macht ſich theilten, niemals wieder zu ihrer früheren Stärke gelangt. Die 420 Scheidelinie, die er durch ſeine Politik hatte verwi⸗ ſchen wollen, wurde es noch mehr durch ſeinen Nach⸗ folger, den Herzog von Wellington; und wären durch die Reformfrage die Nachzügler auf beiden Sei⸗ ten nicht abermals um ein beſtimmtes Panier ver⸗ ſammelt worden, ſo würden Whig und Tory unter den vielen genauen Theilungen und Schattirungen des Unterſchiedes, auf immer die beiden beſtimmten Farben ihrer getrennten Parteien verloren haben. Canning ſtarb und die Räder der politiſchen In⸗ trigue drehten ſich jetzt mit verdoppelter Kraft. Die raſche Folge der kurzdauernden Adminiſtrationen, die Muße eines mehrjährigen Friedens, der Druck der Staatsſchulden, die Schriften der Philoſophen, Alles regte unmerklich aber doch raſch die allgemeine Stim⸗ mung an, die ihre Kriſis in der Reformbill fand. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Tod Georgs des Vierten— Die politiſche Stellung der Par⸗ teien und der Lady Erpingham. Der Tod Georgs des Vierten war die Gebmt eines neuen Zeitalters. Während der letzten Lebens⸗ jahre jenes Monarchen hatte ſich ein ſtiller Geiſt auf das Land geſenkt und ſich ſogar in die Mauern ſeiner Abgeſchiedenheit geſchlichen. Es iſt nicht zu läugnen, daß die verſchiedenen Ausgaben ſeiner Regierung— die nicht mehr durch die jugendliche Anmuth des Prinzen, nicht mehr durch die militäriſchen Triumphe des Volks verdeckt wurden— mehr als theoretiſche Spe geſt Frei letzte Peri Men Ludn einen ten g war dern ſeine den verwi⸗ Nach⸗ wären en Sei⸗ er ver⸗ y unter irungen immten aben. hen In⸗ ft. Die len, die ruck der n, Alles e Stim⸗ U fand. der Par⸗ Geburt Lebens⸗ eiſt auf n ſeiner äugnen, rung— uth des riumphe oretiſche 421 Spekulationen zu dem Wunſche nach politiſcher Um⸗ geſtaltung hingewirkt hatten. Der kürzeſte Weg zur Freiheit geht durch ausgeleerte Kaſſen! Conſtanze war viel zu Windſor, während der letzten Krankheit des Königs, einer der traurigſten Perioden, die man je in einem Palaſte kannte. Die Memoirenſchreiber der Regierung des prachtliebenden Ludwig des Vierzehnten werden am Beſten dem Leſer einen Begriff von den letzten Tagen Georgs des Vier⸗ ten geben können. Denn gleich jenem großen Könige war er an ſich ſelber der Repräſentant einer beſon⸗ dern Periode und behielt viel von den Gewohnheiten ſeiner Jugend und viel von der daran ſich knüpfen⸗ den perſönlichen Beliebtheit während des traurigen Abnehmens ſeiner Tage bei. Es war trübſelig, den, ver eine ſo erhabene und ritterliche Laufbahn zurückge⸗ legt hatte, ſo ſein Leben verhauchen zu ſehen, und es wurde das Düſter dieſes Augenblicks keineswegs durch das öftere Durchblitzen einer ſchönen urſprünglichen Natur in der Krankheit und Gebrechlichkeit erhellt. Georg der Vierte ſtarb, ſein Bruder beſtieg den Thron und die engliſche Welt begann freier zu athmen, um ſich zu ſchauen und zu fühlen, daß die längſt herannahende Umwandlung würde eintreten müſſen. Die franzöſiſche Revolution, das neue Parlament, Lord Brougham's Wiedereintritt für Yorkſhire und Hume's für Middleſex, der Ausbruch erſtaunten Un⸗ willens über Wellington's denkwürdige Worte gegen die Reform, Alles verrieth das Reifen eines neuen Zeitalters. Das Whig⸗Miniſterium eonſtituirte ſich 422 mitten unter den Mißvergnügten in der City, des Argwohns unter den Volksfreunden und der Aufre⸗ gung und Empörung in den Provinzen. Convulſionen gab es nach außen, Unruhen im Innern. Conſtanzens Stellung bei dieſen Wechſelfällen war ſeltſam genug; ihr vertrauter Umgang mit dem ver⸗ ſtorbenen Könige war keine Empfehlung bei dem Whig⸗Gouvernement ſeines Nachfolgers. Ihre Macht hatte, wie es der Macht der Modepartei ſtets in unruhigen Zeiten geht, einen Stoß erlitten, und da Conſtanze in der letzten Zeit ein wenig von dem Haupteorps der Whigs geſchieden geweſen war, ſo theilte ſie nicht ſogleich ihr Steigen, und konnte nicht ſogleich An⸗ ſpruch darauf machen, zu ihren Verbündeten zu ge⸗ hören. Sie verharrte daher in ſchweigender Ferne, Ihre Zirkel waren glänzend und zahlreich beſucht, wie immer; aber die kleinen complottirenden Zuſan⸗ menkünfte politiſcher Intriguanten hatten aufgehört. Geheimnißvoll deutete ſie auf die Nothwendigkeit des Pauſirens hin, um zu ſehen, welche Reform die neuen Miniſter anempfehlen und welche Staatsökonomie ſi bewirken würden. Die Tories, beſonders die Ge⸗ mäßigten derſelben, fingen an, ſich ihr zu nähern, und die von ihrem Triumphe berauſchten Whigs, zu geſchäftig, um an Frauenzimmer zu denken, begannen ſie zu vernachläſſigen. Dieſer letzte Umſtand war fir Conſtanze empfindlich! doch betrachtete ſie ihn mehr mit Hohn als mit Unwillen. Durch die Zeit war ihr geheimer Widerwille gegen alle ariſtokratiſchen Satzungen befeſtigt worden, und indem ſie eher auf das, was was war, demo Belo derſe trale 2 und ſich d frühe Geor Lord nahe, , des Aufre⸗ lſionen len war em ver⸗ ei em Macht ruhigen onſtanze pteorps ſie nicht ich An⸗ zu ge⸗ Ferne. beſucht, Zuſam⸗ fgehört. keit des ie neuen omie ſie die Ge⸗ nähern, higs, zu begannen war für hn mehr Zeit war kratiſchen auf das, 423 was die Whigs geweſen waren, als auf das blickte, was aus ihnen, durch die Zeit bedrängt, geworden war, betrachtete ſie ſie nur ſo, als ſpielten ſie mit demokratiſchen Rechenpfennigen um ariſtokratiſcher Belohnungen willen. Sie vergalt die Vernachläſſigung derſelben mit Verachtung, und die ſchweigſame Neu⸗ trale wurde bald als eine geheime Feindin hetrachtet. Aber Conſtanze war Weib genug, ſich gekränkt und verletzt durch das zu fühlen, was zu verachten ſie ſich den Schein gab. Kein Hofamt war ihr von ihren früheren Freunden angeboten worden. Die Vertraute Georg des Vierten hatte aufgehört, die Vertraute des Lord Grey zu ſein. Dem zweifelhaften Zeitpunkte nahe, wo die Schönheit, wenn auch noch einnehmend, doch nicht mehr ihres Zaubers gewiß iſt, fühlte ſie den Verfall ihres perſönlichen Einfluſſes als eine per⸗ ſönliche Beleivigung; und ſo gereizt, verwundet und beunruhigt auf der Mitte ihrer Laufbahn, war Con⸗ ſtanze mehr als je empfindlich für die beſondern Ver⸗ vrießlichkeiten, die weiblicher Ehrgeiz zu erwarten hat, ſo daß ſie öfter als vorher ſich ſeufzend den Erinne⸗ rungen an jene eheliche Liebe hingab, die ſie auf immer verloren zu haben glaubte. Mit dem mehr äußerlichen und ſichtbaren Sturme der Politik miſchte ſich, wie dies ſtets geſchieht, eine geheime Flut mehr theoretiſcher und abgeſchloſſener Meinungen. Während die praktiſchen Politiker ihre augenblicklichen Rollen ſpielten, verbreiteten Plan⸗ macher und Spekulanten nach allen Richtungen ihre Lehren, von denen ſie ſich ganz ehrlich einbildeten, 424 ſie würden zu unſterblichen Zwecken führen. Conſtanze begann, ſich mit einiger Neugier dieſen Marktſchreiern oder Weiſen zuzuwenden. Die ſcharfſichtige Gräfin hörte ihr Geſchwätz an, erwog ihre Gründe und ſann über ihre Hoffnungen nach. Aber ſie hatte zu ſehr auf der Oberfläche der wirklichen Welt gelebt, ihre Denkweiſe war zu weſentlich weltlich, um durch Lehr⸗ ſätze umgewandelt zu werden, ſo auffallend auch ihre endlichen Schlüſſe waren. Sie wendete ſich noch ein⸗ mal zu ſich ſelber zurück und harrte in gedankenvollet Stille des Fortſchritts der Dinge— nur zu ſehr von der Nichtigkeit aller überzengt. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Der Wüſtling— Neuigkeiten— Eine Wahrſagerin. Inzwiſchen trieb der geſchmeichelte Godolphin auf der ſonnigen Flut ſeines Glücks hinunter. Er verkehrte vorzugsweiſe mit einer Geſellſchaft epieuräiſcher Müßig⸗ gänger, die er ſich aus den Witzigſten und Gemüth⸗ lichſten der vornehmen Welt London's ausgeſucht hatte Ein Dietator der Schaubühnen— ein Gönner der Oper— das Orakel in der Muſik— der Spiegel aller Aufwand machenden Gaſtmahlsgeber das war es, wozu ſein natürliches Genie und ſeine ehedem ſo träumeriſche Gemüthsſtimmung ſich herabgelaſſen hat⸗ ten! Fortwährende Zerſtreuung ließ ihm jedoch kein Zeit, Betrachtungen anzuſtellen, und er glanbte(iel leich glüc der, Wie raſch ſchei Lauf geſta und der ſ 6 i, deſſel keit 1 die ſe Fann mich doch h Ich einen Das keiner dolph onſtanze chreiern Gräfin nd ſann zu ſehr t, eihre ch Lehr⸗ uch ihre och ein⸗ kenvoller ſehr von l. erin. phin auf verkehrte rMüßig⸗ Gemüth⸗ ucht hatte. önner det iegel aller s war es, hedem ſo laſſen hal⸗ doch keine ubte Ciel⸗ 425 leicht nicht mit Unrecht), der beſte Weg, das be⸗ glückende Gleichgewicht des Herzens zu bewahren, ſei der, die Empfänglichkeit des letzteren abzuſtumpfen. Wie die eckigſten Gebilde, wenn ſie in ſteten und raſchen Umſchwung gebracht werden, völlig rund er⸗ ſcheinen, ſo verliert unſer Leben, ſobald es in eine Laufbahn gebracht worden iſt, die keinen Stillſtand geſtattet, ebenfalls ſeine Kanten, und gleitet in glatter und gerundeter Leichtigkeit unter falſchem Schein dahin, der ſymmetriſcher als die Wahrheit iſt. Eines Tages beſuchte Godolphin Saville, der jetzt alt, abgezehrt und dem Grabe zueilend, noch am Rande deſſelben die wenigen Blumen brach und mit Bitter⸗ keit über ſeine eigene Hinfälligkeit ſcherzte. Er traf die Schauſpielerin bei ihm, die ebenfalls den Mann des Vergnügens beſuchte. Sie ſaß am Fenſter und ſchwatzte mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit, während ſie ihre Aufmerkſamkeit theilte und an einer Geldbörſe trickte. „Der Himmel weiß,“ ſagte Saville,„was alle dieſe Zeiten hervorbringen werden. Bei der Schnellig⸗ keit der Begebenheiten ſchwindelt mir der Kopf— Fanny, reiche mir meine Schnupftabaksdoſe. Nun, mich dünkt, meine letzte Stunde iſt nicht mehr fern; doch hoffe ich wenigſtens wie ein Gentleman zu ſterben. Ich habe großen Widerwillen vor dem Gedanken, in einen Bürgersmann hinein revolutionirt zu werden. Das iſt die einzige Art von Revolution, wovon ich keinen Begriff habe. Was ſagſt Du zu Allem, Go⸗ dolphin? Jeder wird jetzt Politiker, der junge Sun⸗ 426 verland mit broratner Weſte fährt jeden Tag um vier Uhr in ſeinem Kabriolet zum Parlamentshauſe ſpeist kaltes Rindfleiſch bei Bellamy und ſpricht von nichts weiter als von Sir Robert verdammt ſchöner Rede! Revolution! wahrlich, die Revolution iſt ſchon da. Revolutionen verändern nur das Außere der Ge⸗ ſellſchaft; iſt dieſelbe nicht in den letzten ſechs Mo⸗ naten hinlänglich verändert worben 2 Pah! ich glaube, Du biſt auch ein wenig von der Sucht angeſteckt.“ O nein! ſo lange ich lebe, will i5 die gemeine abſch „— Anſtrengung des Ehrgeizes ren. Mögen An⸗ dere den Staat regieren oder ruiniren——gieich dem d die Guillotine in Ganz Herzog von Lauzon, währen meine Auſtern un gebracht wurde, will ich nur an meinen Champagner denken.“ „Eine treffliche Anſicht „mag die Welt in Trümmer gehen, man bringe mit meinen Zwieback! Das iſt Godolphin's Wahlſpruch“ „Es iſt des Lebens Wa „Ja— eines Gentleman.“ „Still, Fanny! keine Satire von Dir, d tragiſche Schauſpielerin biſt! lärmenden Zänkereien in Fanny lächelnd; = nicht einmal eine es liegt bei dieſen Profeſſion etwas erhaben Ma er Nationen erſchüttern nicht in anderes Leben gekleidet. ſphäre der d Poeſie umgibt euch. Ihr gleicht de d Menſchen lebten, nur bei Nacht ſichtbar waren u ihre phantaſtiſchen Poſſen unter den ſie umringenden Leidenſchaften— des den Feen, die unter ß Kummers, des Verbrechens, des Geiz ſpiel ange E uff! mit d tung daß 2 alber dem herw hinei ſchaft „ Neue den T ſechzi ſoll ie kümm das ſtändi um vier auſe— icht von t ſchöner iſt ſchon der Ge⸗ h glaube, igeſteckt.“ gemeine zgen An⸗ leich dem in Gang ſtern und lächelnd; ringe mit euch* hlſpruch⸗ r da D iſt! Abe in Deine ie Stürne ihr ſeid in ſphäre der „die unter waren und mringenden echens, des 427 Geizes, der Liebe, der Wuth, des Luxus, des Hungers ſpielen, die zuſammen den gröberen Erdbewohnern angehören. Du biſt zu beneiden, Fanny.“ „O nein; denn ich werde alt.“ „Alt!“ rief Saville.„Ach! rede mir nicht davon! uff!— uff! verdammter Huſten! Doch zum Henker mit der Politik, ſie bringt ſtets unangenehme Betrach⸗ tungen hervor. Es iſt mir lieb, mein alter Zögling, daß Du bei Deiner glorreichen Verachtung gegen dieſe albernen Nachtreter beharrſt, die gleich Inſekten in dem ungeheuren Strome der Ereigniſſe keuchend um⸗ herwaten, um darin zu ertrinken, nachdem ſie kaum hineingekommen—“ „Oder gleich Fiſchen, denn ihre eigenen Leiden⸗ ſchaften verſchlingen ſie,“ ſagte Godolphin. „Etwas Neues!“ rief Saville;„etwas wirklich Neues. Schneide mit Deiner Scheere alle Politik aus den Times, Fanny, und lies mir das übrige vor.“ Fanny gehorchte. „Feuer in Marylebone!“ „Das iſt nichts Neues!— übergeh das.“ „Brief von einem Radikalen.“ „Unſinn! Was ſonſt?“ „Auswanderung!— Nicht weniger als achtund⸗ ſechig—“ „Halt ein! um der Barmherzigkeit willen! Was ſoll ich mich, der ich aus der Welt muß, um Leute be⸗ kümmern, die aus dem Lande gehen? Gib Godolphin das Papier, liebes Kind, der weiß, was einen ver⸗ ſtändigen Mann intereſſirt.“ 428 „Verkauf von Lord Lyſart's Weinen.“ „Vortrefflich!“ rief Saville,„das nenne ich Neues — das iſt intereſſant!“ Fanny's hübſche Hände kehrten wieder zu ihrer Strickerei zurück. Als die Weine beſprochen waren, wurde folgender Paragraph vorgeleſen:„Man liest in den Zeitungen eine thörichte Geſchichte von Lord Grey und ſeiner Viſion— die letztere befindet ſich nur in den einfältigen Köpfen der Erfinder der Geſchichte, und der Geiſt iſt vermuthlich die Erſcheinung des alten Sarum. Beiläufig geſagt, macht eine berühmte Wahr⸗ ſagerin vder Prophetin jetzt großes Aufſehen in London⸗ Sie kommt gerade zur rechten Zeit, um das Durt⸗ gehen der Reformbill zu prophezeihen, ohne fürchten zu dürfen, für eine Betrügerin gehalten zu werden“ „Ei ja,“ ſagte Saville,„ich höre Wunderdinge von dieſer Zauberin. Sie träumt und wahrſagt mt der ſeltſamſten Genauigkeit, und alle alten beiderlei Geſchlechts eilen in Miethskutſchen zu ihr un machen ſich heute zu Thoren, um morgen weiſe zu ſe. Haſt Du ſie geſehen, Fanny?“ „Ja,“ verſetzte die Schauſpielerin;„ſie hat mith in der That erſchreckt. Ihr Geſicht iſt ſo ausdruck⸗ voll, ihr Blick ſo wild, und in ihrer Redeweiſe liegtſo viel Schwärmeriſches, daß ſie mich wider meinen Willen mit ſich fortriß. Glauben Sie an Aſtrologie, Perch „Früher wohl,“ antwortete der Gefragte mit einen halben Seufzer.„Zieht dieſe Seherin denn die Aſtro⸗ logie dem Kartenlegen vor? Das Letztere iſt doch eine bequemere Art, das Publikum zu täuſchen.“ ſage „Si ſteht vern ein oder täuſ dieſe reier went h Neues zu ihrer waren, an liest Lerd ch nur in weſchichte, des alten te Wahr⸗ n London. s Durch⸗ e fürchten werden.“ nderdinge rſagt mit n Weiber n ihr und ſe zu ſein. hat mich ausdruck⸗ iſe liegt ſo nen Willen „Perch!“ mit einem ſchen⸗ 4²9 „Ei, dieſes Frauenzimmer iſt keine gemeine Wahr⸗ ſagerin, das verſichere ich Ihnen,“ entgegnete Fanny. „Sie hat viel mit dem Magnetismus zu ſchaffen, be⸗ ſteht auf Mitwirkung unſerer Einbildungskraft, und verwirft alle Marktſchreiereien; kurz, ſie hat entweder ein neues Mittel, die Zukunft zu enthüllen, entdeckt, oder irgend eine vergeſſene Weiſe, das Publikum zu täuſchen, wieder aufgefunden. Gehen Sie doch in dieſen Tagen einmal zu ihr, Godolphin.“ „Ich weiß nicht, mir behagen dergleichen Betrüge⸗ reien nicht,“ antwortete Godolphin, indem er ſich ab⸗ wendete und ſchweigend in eine düſtere Träumereiverſank. Sie benundfünfzigſtes Kapitel. Der Aberglaube und ſeine wunderbare Wirkungen. In London war wirklich eine Perſon erſchienen, die während der letzten zwei Jahre auf dem Feſtlande großes Aufſehen durch die ſeltſamſte Kühnheit erregt, womit ſie die wildeſten Lehren und das vermeinte Eintreffen ihrer Weiſſagungen behauptete. Sie bekannte ſich zum Glauben an alle Lehrſätze, die der Morgen⸗ röthe der modernen Philoſophie vorangingen, und die fremdartige und lebhafte aber düſtere Beredſamkeit ihrer Worte verlieh den Theorien Nachdruck, die, während Viele ſie nicht verſtanden, deſto lockender für Wenige waren. Niemand kannte ihr Vaterland, ob⸗ gleich man glaubte, daß ſie aus dem nördlichen Europa ſtamme. Ihre Lebensweiſe war zurückgezogen, ihre Bulwer, Godolphin. 28 430 Gewohnheiten excentriſch; ſie ſuchte keinen Umgang, war ſchön, beſaß aber nicht jene irdiſche Schönheit, die der Mann zu bewundern pflegt; wenigſtens zeigte ſie ſich erhaben über den Kreis menſchlicher Leiden⸗ ſchaften. In der That war die ſeltſame Liehbur— unter dieſem Namen war die Prophetin bekannt und ſie hatte vor demſelben den franzöſiſchen Titel Madame angenommen— keine Betrügerin, ſondern ihr Treiben hatte im Fanatismus ſeinen Grund. Die Saiten ihres Gehirns waren verletzt und gaben nur einen unvoll⸗ kommenen Ton an. Sie war wahnſinnig, doch in ihrem Wahnſinn war eine gewiſſe Methode, ein kalter, übernatürlicher und furchtbarer Geiſt wohnte in ihr und ſprach von ihren Lippen, und vor der Stimme deſſelben erbebte ſie ſelber, ſo daß ſie von ihren eigenen Orakeln mehr als ihre Zuſchauer ergriffen wurde. In Wien und Paris war ihr Ruf groß, ja furcht⸗ bar geweſen. Die angeſehenſten Männer in jenen Hauptſtädten hatten ſie befragt und von ihren Aus⸗ ſprüchen mit einer gewiſſen Verehrung geſprochen; ihr Wahnſinn erſchütterte ſie, doch ſie verkannten die urſache. überdies hatte ſie in ihrem Grundſatze Recht: ſie wirkte auf die Phantaſie und die Phantaſie war es, durch welche die Ausſprüche ſich beſtätigten. Jeder⸗ mann weiß, welche ſchwarzen Dinge durch unſere eigenen phantaſtiſchen überzeugungen geſchehen können; der Glaube ſichert den Wundern ihre Erfüllung. Es träumt Einem, daß er zu einer beſtimmten Stunde ſterben wird; die Stunde kommt und der Traum wird beſtätigt. Die mächtigſten Zauber ſind weniger mächtig mgang, hönheit, s zeigte Leiden⸗ — int und Nadame Treiben en ihres unvoll⸗ doch in kalter, in ihr Stimme eigenen urde. furcht⸗ njenen n Aus⸗ rochen; iten die Recht: ſie war Jeder⸗ eigenen n; der g. Es Stunde m wird mächtig 431 als die Phantaſie. Macbeth wurde ein Mörder, nicht weil die Heren es prophezeiht hatten, ſondern weil ihre Prophezeihung den Gedanken an den Mord in ihm erregte. Und dieſe Triebfeder kannte die Prophetin ſehr wohl: ſie wendete ſich an jene Eigenſchaft, die den Thoren und den Weiſen gemein iſt, und auf dieſen fruchtbaren Boden ſäete ſie ihre Weiſſagungen. In London gibt es ſtets Leute, die allem Neuen nachlaufen, und Madame Liehbur erlangte ſogleich einen großen Ruf. Ich ſelbſt habe einen Miniſter aus ihrem Hauſe kommen ſehen, der ſein Geſicht in den Mantel gehüllt hatte, und einer der kälteſten Weiſen geſteht, ſie habe ihm Dinge geſagt, die ſie nicht durch menſchliche Mittel könne entdeckt haben. Nichts als Täuſchung! Aber welches Zeitalter iſt frei davon? Das Geſchlecht des neunzehnten Jahrhunderts rühmt ſich ſeiner Aufklärung, und rennt doch ebenſo hinter jeder Thorheit her, wie ihre Vorfahren im achten Jahrhundert mögen gethan haben. Was ſind die Prophezeihungen St. Simon's anders als eine Art von Zauberei? Warum glauben ſie mehr an das äußere als an das innere Wunder? Es waren nur wenige Perſonen bei Lady Erping⸗ ham, und als Radelyffe eintrat, war Madame Liehbur der Gegenſtand der allgemeinen Unterredung. So viele Anekdoten wurden erzählt, ſo vieles Falſche wurde mit dem gemiſcht, was wahr zu ſein ſchien, daß Lady Erpingham's Neugier erregt wurde und ſie beſchloß, bei erſter Gelegenheit die moderne Caſſandra zu he⸗ 432 ſuchen. Godolphin ſaß von den Redenden entfernt und ſpielte ruhig Ecarté. Conſtanze blickte von Zeit zu Zeit ſein Geſicht an, und als ſie ſich endlich mit einem Seufzer von ihm wendete, bemerkte ſie, wie Radelyffe's ſcharfer und forſchender Blick auf ſie ge⸗ richtet war, und die ſtolze Gräfin erröthete, obgleich ſie kaum wußte warum. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Die Herrſchaft der Zeit und der Liebe— Die ſtolze Conſtanze wird ſchwach und demüthig— Eine Prüfung. 6 Um dieſe Zeit begann Lady Erpingham's zarte Conſtitution die Wirkungen jener Lebensweiſe zu ſpüren, die, zugleich müßig und geſchäftig, die erſchöpfendſte von allen iſt. Sie litt nicht an eigentlicher Krankheit; ſie war frei von wirklichem Schmerz; aber Abends hatte ſie ſtets ein Fieber und es folgte eine Mattigkeit am nächſten Tage. Sie war ſchwermüthig und nieder⸗ geſchlagen; Thränen traten ihr ohne Veranlaſſung in die Augen; ſie erſchrack bei jedem plötzlichen Geräuſch; ſie hatte ein Nervenleiden— ſchreckliche Krankheit, die eine neue Lebensepoche andeutet, und die das Zei⸗ chen iſt, daß die Jugend im Begriff iſt, uns zu ver⸗ laſſen! Zur Zeit der Kränklichkeit fühlen wir unſere wahre Abhängigkeit von Andern, beſonders wenn die Krank⸗ heit nicht ſo gefährlich iſt, daß unſere Umgebung durch Scham zur Aufmerkſamkeit bewogen wird, wenn Sorge unt pat ſie Lux qua übe Bil ben dov wür ſie, tete Loo geſſ Du bah dige ſchli nur den! Con Ehr Dei Du den auf fernt Zeit mit wie e ge⸗ gleich nſtanze zarte üren, fendſte kheit; lbends tigkeit lieder⸗ ing in äuſch; nkheit, s Zei⸗ u ver⸗ wahre erank⸗ durch Sorge 4³3 und Pflege und Wachſamkeit die Reſultate jener Sym⸗ pathie ſind, welche nur wahre und innige Liebe fühlt. Dieſer Gedanke bemächtigte ſich Conſtanzens, als ſie eines Morgens allein in der Stimmung daſaß, wo Bücher nicht unterhalten, Muſik nicht beſänftigen und Luxus nicht erfreuen können— die Stimmung einer qualvollen Erinnerung und einer muthloſen Geſtalt. über ihr am Kamin ihres Lieblingszimmers hing jenes Bild ihres Vaters, welches wir ſchon früher beſchrie⸗ ben haben. Conſtanze hatte es ſchon längſt von Wen⸗ dover⸗Caſtle nach London bringen laſſen, denn ſie wünſchte es häufig vor Augen zu haben.„Ach!“ dachte ſie, indem ſie die ſtolze und lebensvolle Stirn betrach⸗ tete, die ſich zu ihr neigte,„ach! wie ähnlich war Dein Loos dem meinen, obgleich in verſchiedener Sphäre — unvergoltene Anſtrengung, verletzte Neigung, ver⸗ geſſene Opfer. Mein Lvos iſt faſt noch ärger, denn Du hatteſt auf Deiner lebhaften und herrlichen Lauf⸗ bahn wenigſtens fortdauernde Aufregung und beſtän⸗ dige Triumphe. Aber ich, ein Weib, durch mein Ge⸗ ſchlecht vom Kampfe und Siege ausgeſchloſſen, habe nur die undankbare Aufgabe, die Belohnungen zu er⸗ denken, die Andere erhalten ſollen— das ärmliche Complot, die klägliche Intrigne, die Arbeit ohne Ehre, die Erniedrigung ohne Rache; doch ich habe in Deiner Sache gewirkt, mein Vater, und Du, wenn Du mein Herz ſehen könnteſt, würdeſt mich bemitlei⸗ den und billigen.“ Als Conſtanze ihre Augen abwendete, fielen ſie auf einen gegenüberhängenden Spiegel, der ihre noch e b 434 immer erhabene, aber halb entſchwundene Schönheit darſtellte— die hohle Wange, das niedergeſchlagene Auge, jene Linien und Furchen, die von dem Fort⸗ ſchritt der Jahre erzählen! Es gibt gewiſſe Augen⸗ blicke, wo die Zeit, die wir vergeſſen hatten, ihren Fortſchritt plötzlich unſern Augen ſichtbar macht; wo die Veränderungen, die wir bisher nicht bemerkten, uns rauh und plötzlich anſtarren, ſo daß es uns faſt vorkommt, als ſeien dieſe Linien und Furchen in einer einzigen Stunde entſtanden, ſo unbemerkt waren ſie uns vorher. Und ein ſolcher Augenblick war dieſer für die ſchöne Conſtanze; ſie erſchrack über ihr Spie⸗ gelbild und wendete ſich unwillkürlich von dem nicht ſchmeichelnden Spiegel ab. Neben ihr auf dem Tiſche lag ein Medaillon, welches ihr Godolphin kurz vor ihrer Verheirathung geſchenkt, und welches eine Haar⸗ locke von ihm enthielt. Es war ſehr einfach, und die Einfachheit erſchien noch auffallender wegen der koſt⸗ baren und modernen Juwelen, die um daſſelbe zer⸗ ſtreut lagen. Als ſie es anblickte, eilte ihr Herz zu dem Tage zurück, wo er ihr ewige Liebe zugeflüſtert und es ihr um den Hals gehängt.„Ach, glückliche Tage! ich wollte ſie könnten zurückkehren!“ ſeufzte die verlaſſene Planmacherin, nahm das Medaillon, küßte es; wurde durch die zahlloſen Frinnerungen an die Vergangenheit erweicht und weinte ſchweigend.„Und doch,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, indem ſie ihre Thränen trocknete,„und doch iſt dieſe Schwäche meiner unwürdig. Einſam, traurig, krank, gebrochen an Geiſt und Körper, kommt er nicht in meine Nähe; ich weit mit Wie bleil lichk die Sta plöt ſpät beza tige in! ehrt geze glär Par wo doch hatt und dan müt Die nur pol ren önheit agene Fort⸗ ugen⸗ ihren ; wo erkten, ns faſt einer ren ſie dieſer Spie⸗ tnicht Tiſche rz vor Haar⸗ und die r koſt⸗ be zer⸗ er ze flüſtert ückliche ſeufzte aillon, gen an „Und e ihre meiner en an Nähe; 435 ich bin nichts für ihn noch für ſonſt Jemand in der weiten Welt. Mein Herz, mein Herz, ſöhne dich mit deinem Schickſal aus!— was du von deiner Wiege an geweſen biſt, ſollſt du mir bis ans Grab bleiben. Nicht einmal iſt es mir vergöunt, mit Zärt⸗ lichkeit auf ein Kind zu blicken— eine Leere iſt mir die Zukunft!“ Conſtanze ſchwankte zwiſchen dieſen Gedanken, als Stainford Radelyffe, für den ſie ſtets zu Hauſe war, plötzlich gemeldet wurde. Die Zeit, die früher oder ſpäter die Beharrlichkeit, obwohl in trügeriſcher Münze, bezahlt, machte, daß Radelyffe in allem Ernſt künf⸗ tige Auszeichnungen erwartete. Hoch war ſein Name in der Schätzung ſeines Vaterlandes geſtiegen, ihn ehrten die Vielen wie die Wenigen; er war ein aus⸗ gezeichneter Mann geworden, dem man allgemein die glänzendſte Zukunft verhieß. Freilich war er noch nicht Parlamentsmitglied, alſo noch nicht in der Laufbahn, wo der Engländer ſich Ruhm zu erwerben pflegt— doch war er es bloß deßhalb nicht, weil er verſchmäht hatte, unter dem Schutz eines Patrons einzutreten, und ſeine politiſchen Kenntniſſe, die Tiefe ſeiner Ge⸗ danken und ſein ernſtes, ſtrenges und ehrgeiziges Ge⸗ müth wurde nicht weniger geſchätzt und anerkannt. Die Freundſchaft zwiſchen ihm und Conſtanzen hatte nur um ſo mehr zugenommen, beſonders weil die politiſchen Geſinnungen Beider ziemlich dieſelben wa⸗ ren, obgleich aus verſchiedenen Urſachen entſtanden — bei ihr aus Leidenſchaft, bei ihm aus Nachdenken. gonſtanze wendete haſtig ihr Geſicht ab und trock⸗ 436 nete ihre Thränen, als Radelyffe ſich näherte. Dann beſchäftigte ſie ſich mit den Papieren, die auf ihrem Schreibtiſche zerſtreut lagen, um ihr Geſicht zu ver⸗ bergen, und ſagte mit erzwungener Heiterkeit:„Es iſt mir lieb, daß Sie kommen, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich habe eben Briefe geleſen, die vor ſo langer Zeit geſchrieben wurden, daß ich genöthigt bin, mich zu erinnern, wie bald ich aufhören werde, jung zu ſein. Es iſt keine angenehme Betrachtung, am wenigſten für ein Weib!“ „Es ſteht mir kein Compliment zu Gebot, wie Sie leicht denken können,“ antwortete Radelyffe;„aber Lady Erpingham verdient Tadel, die Möglichkeit an⸗ gedeutet zu haben, daß ſie je weniger reizend ſein könnte, als ſie es jetzt iſt. Darum will ich ſchweigen.“ „Ach,“ ſagte Conſtanze ernſt,„wie wenig bleißt unſerem Geſchlechte außer den Triumphen der Jugend und Schönheit übrig! wie ſehr, ja wie gänzlich iſt in anderen und höheren Dingen unſer Ehrgeiz ein⸗ geengt und gefeſſelt! Der menſchliche Geiſt muß ſein Ziel haben; wie kann Euer Geſchlecht uns alſo tadeln, daß wir leichtfertig ſind, wenn die Geſellſchaft uns keine andere Zwecke als die ver Leichtfertigkeit geſtattet?“ „Und iſt die Liebe leichtfertig?“ ſagte Radelyffe; „iſt die Herrſchaft des Herzens nichts?“ „Ja!“ antwortete Conſtanze mit Energie;„denn die Herrſchaft dauert niemals lange. Wir ſind Skla⸗ vinnen der Herrſchaft, die wir gründen wollen; wir wünſchen geliebt zu werden und lieben ſelber nur zu ſehr. Wir ſetzen unſer Alles— unſere Gedanken, un⸗ ſere unſe wir Lebe ligt! nich fühl Aug röth elyff kürl eini ſtehe ihn ſind raul beri zu t ich nich der bede ein Lip ohn hete die Dann ihrem u ver⸗ „Es Zeit zu vor ſo igt bin, jung am t, wie ;„aber keit an⸗ nd ſein eigen.“ g bleibt Jugend zlich iſt iz ein⸗ muß ſein tadeln, aft uns attet?“ delyffe; „denn d Slkla⸗ n; wir nur zu n, un⸗ 437 ſere Hoffnungen, unſere Regungen— alle Schätze unſeres Herzens auf einmal aufs Spiel, und wenn wir uns von den Täuſchungen und den Sorgen des Lebens zurückziehen möchten, ſo finden wir das Hei⸗ ligthum vor uns geſchloſſen— wir lieben und werden nicht mehr geliebt!“ Conſtanze hatte ſich bei der Lebhaftigkeit des Ge⸗ fühls, welches ſie ausſprach, abgewendet, und ihre Angen, die noch naß von Thränen waren, ihre ge⸗ röthete Wange, ihre bebenden Lippen rührten Rad⸗ elyffe's Herz mehr als ihre Worte. Er ſtand unwill⸗ kürlich auf; ſeine Aufregung war merklich; er ging einige Schritte auf Conſtanze zu, blieb dann wieder ſtehen und murmelte einige undeutliche Worte. „Nein,“ ſagte Conſlanze traurig und ohne auf ihn zu achten,„es iſt vergebens, daß wir ehrgeizig ſind. Wir tänſchen uns nur ſelber; wir ſind nicht rauh und ſtreng genug für die Leidenſchaft. Man berühre nur unſere Neigungen und wir werden ſogleich zu dem Gefühl unſerer Schwäche zurückgebracht, und ich— ich wollte ich wäre ein armes Landmädchen und nicht was ich bin!“ Bei dieſen Worten ſank die ſtolze Conſtanze, von der Bitterkeit ihrer Gefühle überwältigt, nieder und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. War Radelyffe ein Mann, der dies unbewegt anſehen, der dieſe ſchönen Lippen über Mangel an Liebe klagen hören konnte, ohne die Liebe zu bekennen, die in ſeinem Herzen glü⸗ hete? Lange hatte er entſchloſſen und geheim gegen die Leivenſchaft für Conſtanzen angekämpft, die ſein 4 1 438 häufiger Umgang mit ihr und ſein Bewußtſein ge⸗ nährt, daß ſie die einzige ihres Geſchlechts ſei, die für ihn paſſe— und jetzt weinte dieſes ſtolze Weib einſam, vernachläſſigt und traurig, in ſeiner Gegen⸗ wart über ihr liebeleeres Lvos, und noch immer lag er nicht zu ihren Füßen, er ſprach nicht, regte ſich nicht, aber ſein Athem ſtockte und ſein Geſicht war todtenblaß. Er überwand ſich. Alles in Radelyffe ge⸗ horchte dem Abgott, den er verehrte, ſelbſt in Con⸗ ſtanzens Gegenwart; Alles in ihm war erhaben und edel, wenn gleich glühend und feurig. Sein Scharf⸗ ſinn geſtattete ihm keine Selbſttäuſchungen und er hätte lieber ſeinen Kopf auf den Block gelegt, als nur ein Wort von jener Liebe ausgeſprochen, die, wie er wußte, ſobald er ſie bekannt, Conſtanzens und ſeiner ſelbſt unwürdig werden mußte. Es trat eine Pauſe ein. Lady Erpingham, he⸗ ſchämt und verwirrt über ihre Schwäche, faßte ſich langſam und ſchweigend. Endlich ſprach Radelyffe; ſeine Stimme, die anfangs zitternd und undeutlich war, wurde nach und nach klar und lebhaft. „Nie,“ ſagte er,„werde ich das Vertrauen ver⸗ geſſen, welches Sie in meine Freundſchaft ſetzen, in⸗ dem Sie mich zum Zeugen Ihrer Regungen machen; ich bin im Begriffe, daſſelbe zu Mdienen. Vergeſſen Sie nicht, theure Freundin— erlauben Sie mir, Sie ſo zu nennen— vergeſſen Sie nicht, daß das Leben zu kurz iſt zu Mißverſtändniſſen, wobei das Glück im Spiele iſt. Sie glauben, daß Govolphin die teigung nicht erwidert, die Sie zu ihm hegen— nehmen Sie es m daß e berüh dazu. leichtſ doch C athem dieſes und e Ruhe Ihner zeihen Natu Sie d Sie i wenn Belol Erpi verla Conſte phin's 2 ſchwi ein ge⸗ ei, die e Weib Gegen⸗ ner lag gte ſich cht war yffe ge⸗ in Con⸗ ben und Scharf⸗ und er egt, eal en, die, ſtanzens am, he⸗ ßite ſich delyffe; deutlich ten ver⸗ tzen, in⸗ machen; ergeſſen tir, Sie s Leben hlück im keigung en Sie 439 es mir nicht übel, liebe Lady Erpingham; ich fühle, daß es undelikat von mir iſt, dieſen Gegenſtand zu berühren; aber meine Achtung für Sie ermuthigt mich dazu. Ich kenne Godolphin's Herz; wenn er auch leichtſinnig und nachläſſig erſcheint, ſo liebt er Sie doch ſo innig wie immer.“ Conſtanze, gedemüthigt wie ſie war, horchte in athemloſem Schweigen; ihre Wange erglühete, und dieſes Erröthen war für Radelyffe zugleich eine Qugl und eine Belohnung. „In dieſem Augenblick,“ fuhr er mit erzwungener Ruhe fort—„in dieſem Augenblick vermuthet er in Ihnen dieſelbe Kälte, die Sie an ihm beklagen. Ver⸗ zeihen Sie mir, Lady Erpingham— Godolphin's Natur iſt unſtät, geheimnißvoll und vielfordernd. Haben Sie dieſelbe gehörig beobachtet und ſtudirt? Beobachten Sie ihn wohl, ſuchen Sie ihn zu beſänftigen, und wenn ſeine Liebe Sie belohnen kann, ſo werden Sie Velohnung erhalten. Gott ſegne Sie, theuerſte Lady Erpingham.“ Im nächſten Augenblick hatte Radelyffe das Zimmer verlaſſen. Neunundfünfzigſtes Kapitel⸗ Conſtanze macht eine Entdeckung, die ſie rührt und über Godol⸗ phin's Natur aufklärt— Ein Ereigniß im Privatleben, das nicht ohne Intereffe iſt. Wenn Conſtanze es ſich, oder pielmehr ihren ge⸗ ſchwächten Nerven und ihrer wankenden Geſundheit 440 zum bittern Vorwurf machte, daß ſie einem Andern und noch dazu einem Manne verrathen habe, wie ſehr ihr Glück von dem Herzen ihres Gatten abhängig ſei, wenn ſich ihr Gewiſſen ſogleich über das Verſehen beunruhigte, einem Manne ihren häuslichen Kummer entdeckt zu haben, ſo konnte ſie andererſeits das leh⸗ hafteſte Entzücken nicht unterdrücken, wenn. ſich jener Worte erinnerte, die ihr ſo feierlich verſicherten, daß Godolphin ſie noch liebe. Sie hegte große 2 Achtun vor Radelyffe's Scharfſicht und Aufrichtigkei it, und wußte, daß er weder ſie täuſchen noch ſich würde tän⸗ ſchen laſſen; auch erinnerte ſie ſich ſeines Rathes. Hatte ſie ſich denn wirklich mit hinlänglicher Geſchicklichkeit in Godolphin's Natur zurecht zu finben geſucht? Selber vernachläſſigt, hatte ſie ihn nicht auch vernachlé iſigt Sie legte ſich dieſe Frage vor und wurde nicht müde, ihre frühere Handlungsweiſe zu unterſuchen. Daß Rad⸗ elyffe, der ſtrenge und kalte Radel irgend wärmete Gefühle für ſie hege, als Freundſchaft, fiel ihr keinen Augenblick ein; dieſer Verdacht allein würde ihn auf immer aus ihrer Nähe verbannt haben. Und obgleich es eine Zeit gegeben hatte, wo Radelyffe in ſeiner blühenden und friſchen Jngend nicht ohne jene Künſt war, das andere Geſchlecht zu gewinnen, ſo würden doch alle jene Künſte, 6 verhundertfacht, ihm bei der reinen, wenn gleich in ihrer Liebe getänſchten Gatiin nichts geholfen Ft ſin wenn ein anderes Gefühl von Recht und Unrecht, als das war, welghes er hegte, ihm geſtattet hätte, ſolche Ver führungshittel anzu⸗ wenden. So war das von ihm gebrachte P ehet * fung mußte V für et war, ſeiner Tag willen eigent Hatte den A das il hatten Bildn Antlit herabz Ur und 2 Zimm und fi Ander wie ſehr ngig ſei, Verſehen Kummet das leb⸗ Achtung eit, und irde täu⸗ es. Hatte icklichkeit 7 Selber läſigt ht müde, daß Rad⸗ wärmere r keinen ihn auf obgleich n ſeiner e Künſte würden ebei der Gattin s Gefühl r hegte, l anzu⸗ fer ehet 441 das eines Impulſes als das irgend eines Triumphes, den der Impuls ihm ſpäter hätte erringen können. Mannigfach, ſanft und lieblich waren jetzt die Er⸗ innerungen Conſtanzens. Ihr Herz wendete ſich zu ihrer früheren Liebe im Schatten der Haine von Wendover, zu dem erſten Geſtändniſſe des ſchwärmeriſchen Jüng⸗ lings zurück, als er am Altar ihrer Schönheit einen Geiſt, ein Genie, ein Herz darbot, worin ſie ein Glück hätte finden mögen, das ſie jetzt, unter der Indolenz ſeiner Lebensweiſe und unter der Erſchlaf⸗ fung getäuſchter Hoffnung, vor der Zeit erſterben ſehen mußte. War Godolphin jetzt ſo taub gegen das, was ſie für edlere Lebensthätigkeit hielt, weil es aufregender war, mußte ſie ſich da nicht ſelbſt als Miturſache ſeiner Gleichgültigkeit anſehen? Hatte es nicht einen Tag gegeben, wo er gelobt, um ſeiner Verbindung willen mit ihr, zu arbeiten, ſich abzumüden, ſeinen eigentlichen Charakter ganz und gar zu verläugnen? Hatte ſie überhaupt Recht gehabt, indem ſie ſo ſtreng den Worten ihres ſterbenden Vaters und dem Gelübde, das ihr Stolz und ihres Herzens Bitterkeit geleiſtet hatten, nächlebte? Sie blickte um Antwort zu dem Bildniſſe ihres Vaters auf— das kühne und beredte Autlitz ſchien zum erſtenmal kalt und ſtumm auf ſie herabzuſchauen. Unter ſolchen Betrachtungen vergingen die Stunden, und Mitternacht kam heran, ohne daß Conſtanze ihr Zimmer verlaſſen hatte. Sie rief ihre Kammerfrau und fragte, yb Godolphin zu Hauſe wäre. Er war ————— 442 vor etwa einer Stunde heimgekommen, hatte über Müdigkeit geklagt und ſich zur Ruhe begeben. Con⸗ vit ſtanze entließ die Dienerin und ſchlich in ihres Ge⸗ mahls Zimmer. Godolphin ſchlief bereits, ſeine Wange ruhte auf ſeinem Arm und ſein Haar fiel wild über eine Stirn, die ſich unter dem Einfluſſe ſeiner Träume( runzelte. Conſtanze ſtellte leiſe das Licht hin, ſetzte ſich neben ihn und überwachte einen Schlummer, de, Pauſ wenn er ſich plötzlich auf ihn geſenkt hatte, darum„ nicht weniger unruhig war. Endlich murmelte Godoh verſet phin:„Ja, Lucilla, ja; Dir iſt Rache zu Theil ge⸗. 3 worden. Ich habe Dich nicht vergeſſen— nicht ver⸗ geſſen, daß ich Dich verrieth, Dich verließ! Aber wr daß es meine Schuld? Nein, nein! Dennoch habe ich nihht E minder verſucht, es zu vergeſſen. Dieſes armſel ſeines Umhertreiben— dieſe erkältenden Luſtbarkeiten— jag ſ thrän ich ihnen nicht um Deinetwillen nach? Und jetzt kommſt 5 Du— Du— O Gott!— Schone meiner!“„wer Conſtanze fuhr betroffen und entſetzt zurück. Dis hegteſ gab Aufſchluß über Godolphin's zerſtreute Lebensweiſ 6 3 und Vergnügungsſucht. Hatte er wirklich geſucht, k Dun 3 Stacheln ſeines Gewiſſens abzuſtumpfen? Und auſut 5 3 ihn mit der Vergangenheit auszuſöhnen, hatte ſie ihn allein gelaſſen im Kampfe mit bittern Gedanken 3 Unruhe, wo er die Innigkeit der Verlorenen mit dem Deine Kaltſinn der Errungenen verglich? Conſtanze ſchlich im wieder ihr Zimmer zurück, um mit ihrem Herzen zu verkehren. „Lieber Perey,“ ſagte ſie am andern Tage zu ihn,„C als er gleichgültig in ihr Boudvir trat, ehe et a⸗ phin ritt,„ich habe Dich um etwas zu bitten.“ ufm atte über en. Con⸗ ihres Ge⸗ ne Wange wild über r Träume hin, ſetzte imer, der, e, dar lte Godol⸗ Theil ge⸗ nicht ve⸗ Aber wer e ich nicht armſelize — tzt kommſt er! rück. Dies ebensweiſ eſucht, die Ind anſitt tte ſie ihn danken er en mit den e ſchlichin verkehren. tge zu ihn, he et al⸗ 443 „Wer verſagte der Lady Erpingham jemals eine Bitte?“ „Du gewiß niemals, aber meine Bitte iſt ſehr groß.“ „Sie iſt gewährt.“ „Laß uns den Sommer in der Provinz verleben.“ Godolphin's Stirn runzelte ſich. „Zu Wendover⸗Caſtle?“ fragte er nach einer Pauſe. „Wir waren ſeit unſerer Vermählung nicht dort,“ verſetzte Conſtanze ausweichend. „Hm— wie Du willſt.“ „Es iſt der Ort, an welchem Du mir zuerſt ſagteſt, daß Du mich liebteſt!“ Der Ton ſeines Weibes ſchlug die richtige Saite ſeines Herzens an; er blickte auf und ſah ſeiner Gattin thränenvolle Augen, wie ſie an ihm hafteten. „Wie, Conſtanze!“ ſagte Godolphin ſehr gerührt; „wer hätte gedacht, daß Du ſo theure Erinnerungen hegteſt?“ „Ach! wann werde ich es vergeſſen? Damals liebteſt Du mich.“ „Und wurde abgewieſen.“ „Still! aber ich glaube jetzt, daß ich Unrecht that.“ „Nein, Conſtanze, aber Unrecht thateſt Du an Deinem eigenen Glück, daß Du die Abweiſung nicht wiederholteſt.“ „Perey!“ „Conſtanze!“ Und in dem Tone, womit Godol⸗ phin ihren Namen ſprach, glaubte Conſtanze etwas Aufmunterndes zu vernehmen, warf ſich in des Gatten ——— 444 Arme und flüſterte:„Habe ich gefehlt, ſo vergib mir; laß uns einander ſein, was wir früher waren.“ Worte, wie dieſe, von den Lippen eines Weibes, der ſo zarte Bitte, ſo weibliches Sehnen durchaus nicht gewöhnlich waren, gewannen ſogleich Godolphin's ganzes Herz. Er ſchloß die Gattin in ſeine Arme, küßte ſie leidenſchaftlich und ſagte leiſe:„Sei immer ſo, Conſtanze, und Du wirſt mir theurer ſein als je.“ Sechzigſtes Kapitel. Die Reformbill— Ein ſehr kurzes Kapitel. Die Ausſöhnung war nicht von ſo kurzer Dauer, wie dergleichen Dinge oft zu ſein pflegen. Ein chineſi⸗ ſches Sprüchwort ſagt:„Wie nahe ſind zwei Herzen einander, wenn kein Trug zwiſchen ihnen iſt!“ und als das Mißverſtändniß ihrer gegenſeitigen Empfin⸗ dungen entfernt war, erkannten Beide ſogleich ihre gegenſeitige Liebe. Indem Conſtanze ſich ihren früheren Stolz vorwarf, vereinte ſie mit ihrem Benehmen gegen ihren Gatten eine zarte, ja demüthige Milde, die ihn um ſo ſicherer anzog, als ſie das war, was er an ſeiner Gattin gewünſcht hatte. Um dieſe Zeit brachte Lord John Ruſſell die Par⸗ laments⸗Reformbill ein. Lady Erpingham war an jenem denkwürdigen Abend im Hauſe der Gemeinen zugegßen, und gleich allen übrigen gingen ihre Empfindungen in Verwunderung über. Sie eilte nach Hauſe; ſie eilte in Godolphin's Studirzimmer. Seinen Kopf auf die Hand geſtützt, war dieſer ſeltſame Mann in der MWit berü In Con raſch oder er fr Du! erlebt ſtem, welche nung erklär rchaus lphin's Arme, immer als je.“ Dauer, nchineſi⸗ i Herzen t!“ Und Empfin⸗ eich ihre früheren en gegen „ die ihn s er an die Par⸗ an jenen 445 Mitte von Begebenheiten, die das Geſchick Guropa's berührten, in die Spitzfindigkeiten Spinvza's vertieft In dem offenen Vertrauen neubelebter Liebe legte ihm Conſtanze die Hand auf die Schulter und theilte ihm raſch die Nachricht mit, die ganz England in Schrecken oder in Entzücken ſetzen ſollte. „Wird dies Dich freuen, liebe E Conſtanze?“ ſagte er freundlich;„es iſt ein Schlag für die Partei, ki Du haſſeſt und mit der ich ſympathiſire— oder— „Wollte der Himmel, mein Vater hätte dieſen S erlebt!“ fiel Conſtanze leidenſchaftlich ein.„Dieſes Sy⸗ ſtem, dieſes Patron⸗ und Nominalſyſtem war es ja, welches ihn zermalmte, entwürdigte und tödtete. Und jett werde ich dieſes Syſtem vernichtet ſehen!“ „So will meine Conſtanze alſo im Ernſt zu den Whigs übergehen?“ „Ja, weil ich dort Wahrheit und das Volk finden werde!“ Godolphin lachte ein wenig über die franzöſiſche übertreibung der Rede, und Conſtanze verzieh es ihm. Die ſchönen Damen London's waren in ihrer Mei⸗ nung von den Verdienſten der Bill getheilt; Conſtanze erklärte ſich zuerſt für dieſelbe. Sie war eine wich⸗ tige Bundesgenoſſin— wenigſtens ſo wichtig, wie ein Weib es ſein kann. Ein heiterer Geiſt zeigte ſich in ihrem Auge; ihr Schritt wurde leichter, ihre Stimme heiterer. Dies war die glücklichſte Zeit ihres Lebens— ſie fühlte ſich begluͤckt in der Erneuerung ihrer Liebe, in dem herannahenden Triumphe ihres Haßſes. Bulwer, Godolphin. 29 446 Einundſechzigſtes Kapitel. Selbſtgeſpräch der Wahrſagerin— Ein epiſodiſches Geheimniß, als Typus ſo vleler Dinge im Leben, die ſich nicht erklären laſſen— Willkürliche Abweichungen von unſerer gewöhnlichen Laufbahn. In Leiceſter⸗Square ſteht ein dunkles, altes Haus, welches ich ſo eben beſuchte, um mich lebhafter an vas phantaſtiſche und unglückliche Weſen zu erinnern, welches eine Zeitlang die altmodiſchen und düſtern Zimmer deſſelben bewohnte. In jenem Hauſe logirte zu der Zeit, wovon ich rede, die geheimnißvolle Liehbur. Es war Mittag und ſie ſaß allein in ihrem Zimmer, welches verdunkelt war, um die Sonnenſtrahlen auszuſchließen. Nichtz war in dem großen melancholiſchen Gemache, was ihre trügeriſche Kunſt im geringſten andenkete. Auf dem Tiſche lagen einige deutſche Bücher, die neuere Poeſie enthielten und nichts von den veralteten Lehr⸗ ſätzen jenes Volkes. Die Enthuſiaſtin war allein, die Hand unter ihr Kinn geſtützt und die Augen in di⸗ Leere gerichtet, ſchien ſie ſchweigend den Gedanken zu nähren, die in einem Gehirne hin- und herzogen, welches ſeit Jahren ſeinen zuverläſſigen Führer ver⸗ loren hatte und mit einem verödeten Hauſe konnte verglichen werden, deſſen Beſitzer geſtorben, und worit Geiſter, die nicht dieſem Leben angehören, ihre ſchauen⸗ liche und verlaſſene Wohnung aufgeſchlagen habet. und nie entſprach ein Geſicht beſſer dem Charaktet, ven dieſes ſeltſame Weib angenommen hatts. Voll Seele dun die delkt habe über ware und kung Den angel keit nicht ſinni der ſe erinn kleine ihre bei i zende Geſich ſchen chelns Züge ihre( ſtimm aber dunkl Geſich Haus, fter an rinnern, düſtern von ich ttag und erdunkelt Nichts he, was te. Auf e neuere ten Lehr⸗ lein, die e komnte nd worit ſchauet⸗ Volles, 447 dunkelbraunes Haar war über einer Stirn geſcheitelt, die mit ihren breiten und vollen Schläfen dem Schä⸗ delkundigen das große übergewicht würde verrathen haben, welches das Träumeriſche und Phantaſtiſche über die ſtrengeren Fähigkeiten ausübten. Ihre Augen waren dunkel und lebhaft, zeigten aber jenen irrenden und ſchimmernden Blick, der eine ſo mächtige Wir⸗ kung auf den Beſchauer hervorbringt, weil er ein Denken andeutet, das nicht der gewöhnlichen Welt angehört, und weil er jenes Bangen, jene Traurig⸗ keit und jenen Schauer einflößt, den nur Wenige⸗ nicht empfinden, wenn ſie in das Antlitz des Irr⸗ ſinnigen blicken. Ihre Züge waren noch edel und von der ſchönen griechiſchen Symmetrie, die an die Sibylle erinnerten; aber ihre Wangen waren hohl und nur ein kleiner rother Fleck zeigte ſich auf ihrer Marmorbläſſe; ihre Lippen aber waren voll und geröthet und zeigten bei ihrem ungewiſſen Mienenſpiel ſehr weiße glän⸗ zende Zähne, die, während ſie die Schönheit des Geſichts vollendeten, mit einem gewiſſen furchtbaren Effekt die Glut ihrer Angen und den unklaren, myſti⸗ ſchen Ausdruck ihres plötzlichen und freudeloſen Lä⸗ chelns verſtärkten. Man„konnte ſehen, wenn ihre Züge, wie jetzt, in augenblicklicher Ruhe waren, wie ihre Geſundheit zerſtört und es ihr wohl nicht be⸗ ſtimmt ſei, lange auf der Welt zu wandern, wo die Seele ſchon längſt nicht mehr ihre Heimath gefunden, aber ſobald ſie ſprach, wurde das Roth ihrer Wangen dunkler und der lebhafte und ſchnelle Wechſel ihrer Geſichtszüge täuſchte das Ange und verbarg die Ver⸗ 448 heerungen, die der nagende Wurm im Innern an⸗ gerichtet hatte. „Ja,“ ſagte ſie, indem ſie endlich das Schweigen brach und in engliſcher Sprache, aber in etwas fremd⸗ artigem Accent mit ſich ſelber redete,„ja, ich bin in ſeiner Stadt, wenige Schritte von ſeinem Hauſe; habe ihn geſehen, habe ihn gehört. Nacht für Nacht — im Regen und unter ſtürmiſchen Winden bin ich um ſeine Wohnung gewandert- Ach! und ich hätte meine Stimme erheben und ihm eine Warnung, eine Weiſſagung zurufen können, die ihn wie des Erzengels Poſaune aus dem Schlafe hätte wecken in en! Aber ich erſtickte den Ruf in meiner Seele und deckte die Viſion mit tiefem Schweigen. O Gott! was habe ich geſehen, empfunden und erfahren, ſeit er mich zuletzt ſah! Aber wir werden einander wiederſehen, und ehe das Jahr noch ſeine Runde vollendet hat, werde ich die Berührung ſeiner Lippen e pfinden und ſterben! Sterben! welche Ruhe, welche Wonne in dieſem Worte! Die glühende Laſt dieſer furchtbaren Erkenntniß, die ich auf mich gehäuft habe, wird dann von mir abgewälzt— keine Frinnerung mehr— Ver⸗ gangenheit, Gegenwart und Zukunft ſind ausgeſchi⸗ den und ein langer Schlaf voll glänzender Träume unter einem einlullenden Himmel und eine ſilberhell Stimme und ſeine Nähe!“ Die Thür ging auf und ein ſchwarzes Mädchen von etwa zehn Jahren in dem Koſtüme ihres mohri⸗ ſchen Stammes meldete die Ankunft eines Beſuchen⸗ den. Das Eeſicht der Madame Liehbur veränderte ſich ru an⸗ hweigen remd⸗ ich bin Hauſe; rNacht bin ich ch hätte g, eine rzengels n Aber eckte die as habe er mich derſehen, idet hat, nden und onne in chtbaren ir dann — Ver⸗ usgeſchie⸗ Träume berhelle Mädchen s mohri⸗ Beſuchen⸗ zderte ſich 449 ſogleich und i6 in den Ausdruck kalter und gefaßter Ruhe über; ſie befahl, den Fremden hereinzulaſſen und weyfe trat ins Zimmer. verkennſt mich und meine Kunſt,“ ſugte die hrſagerin;„ich befaſſe mich nicht mit den Ränken und nder Weltlichgeſinnten; ich zeige die Wahr⸗ heit, ich ſiebe ſie nicht.“ „Pah!“ ſagt⸗ ef ungeduldig;„dieſes Ge⸗ wäſch kann mich nicht tänſchen. Du zeigſt Deine Ge⸗ ſchicktichkeit für fordere Dich auf, ſie mir zu zeigen und Deine Belohnung zu beſtimmen. Laß uns nach der Weiſe dieſer Welt reden und die an⸗ dere denen überlaſſen, die betrogen ſein wollen.“ ſelbſt auch Kummer erfahren,“ ſagte die Wahrſagerin ſinnend,„und daher ſollteſt Du Andere ſanfter beurtheilen. Willſt Du meine Kunſt an Dir ſelber erproben, ehe Du ſie für Andere in Anſpruch nimmſt?“ „Ja, wenn Du die Todten in meinen Träumen erſcheinen laſſen kannſt.“ „Das kann ich!“ verſetzte die Wahrſagerin ſtrenge. Radelyffe lachte bitter. Fort mit dieſem Geſchwätz; oder wenn Du mich überzeugen willſt, ſo rufe ſo⸗ gleich den Geiſt herauf, den ich zu ſehen wünſche!“ „Und glaubſt Du, eitler Mann,“ verſetzte die Liehbur mit Stolz,„ich mache Anſpruch auf die Macht, wovon Du redeſt? Ja, ich kann Dir die Todten vor Angen ſtellen, doch mußt Du auf Dich ſelber wirken.“ „Poſſen! Was willſt Du damit ſagen?“ „Doch Du 45⁰ „Willſt Du drei Tage faſten und drei Nächte Dich des Schlafes enthalten und mich dann wieder beſuchen?“ „Nein, ſchöne Täuſcherin; eine ſolche Vorberei⸗ tung iſt zu ſtark für einen Anfänger. Drei Tage ohne Speiſen und drei Nächte ohne Schlaf! Da wollteſt Du mich wohl ſelber aus dem Grabe rufen!“ „Und kannſt Du,“ ſagte die Wahrſagerin mit großer Würde,„kannſt Du hoffen, daß Du einer Offenbarung aus einer höheren Welt würdig ſein würdeſt— daß für Dich die Schlüſſel des Grabes ihren furchtbaren Schatz aufſchließen und die Todten ins Leben zurückkehren ſollen, wenn Du Bedenke trägſt, Dein Fleiſch zu kaſteien und die irdiſche Feſſeln zu löſen, die den Geiſt belaſten und binden! Ich ſage Dir, nur wenn die Seele ſich vom Körpn freimacht, kann ihr innerer und reinerer Sinn erwachen und das volle Bewußtſein der unſichtbaren und gött⸗ lichen Dinge, die ſie umgeben, ſich auf ihre Krift ſenken.“ „Und was,“ ſagte Radelyffe, mehr durch da Geſicht und die Stimme, als durch die Worte de Wahrſagerin erſchüttert,„was würdeſt Du denn thun, wenn ich wirklich dieſe Bußübung vollendete?“ „Bis zur höchſten Reizbarkeit, ja bis zum Schme und zur Qual die nackten Nerven jener großen Mt erwecken, die Du Phantaſie nennſt— jene Mach, die über Träume und Viſionen herrſcht, die um Liede begeiſtert und im Herzen der Melodien let vie den Magier des Morgenlandes und die pythiſchn — St De Ge ver die den wü me unt und fühl Da Leil allle ſonf wie kehr der Nächte wieder orberei ige ohne wollteſt 4 erin mit du einer rdig ſein Grabes e Todten Bedenken irdiſchen binden m Körper erwachen und gött⸗ re Krift durch do Worte de ennthen te?“ n Schmen ßen Maqt ne Macht die zun dien lebt pythiſchn 451 Stimmen begeiſterte— die in den Stürmen und dem Donner der wilden Länder den Glauben an einen Gott erzengte und den Samen zu menſchlicher Gottes⸗ verehrung ſäete; jene gewaltig herrſchende Geiſteskraft, die für die geiſtigen Dinge das iſt, was die Gottheit dem Weltall— die Schöpferin des All. Erwecken würde ich, ſage ich, jene Macht aus ihrem Schlum⸗ mer im Herzen, wo ſie mit gefalteten Fittichen ruht und nur von Zeit zu Zeit einige Lebensregung zeigt; und durch jene Macht würdeſt Du dann ſehen und fühlen und erkennen, und durch dieſe allein nur Dein Daſein haben. So würdeſt Du ſein, als wäre Dein Leib nicht mehr Dein, als wäreſt Du ſchon allgeiſtig, alllebend. So würdeſt Du im Leben das ſchauen, was ſonſt erſt nach dem Tode ſichtbar wird; und ſo können, wie nach dieſem Erdenleben, Seele mit Seele ver⸗ kehren und die Vergangenheit zurückrufen und vor der Zeit hinabſchiffen auf den dunklen Fluten des Zu⸗ künftigen. Ein kurzes und leicht entſchwindendes Vor⸗ recht, aber theuer erkauft. Sei weiſe und bezweifle es; ſei glücklich und verwirf es!“ Radelyffe wurde wider ſeinen Willen von der Neu⸗ heit der Sprache und der tiefen Trauer ergriffen, womit die Wahrſagerin den letzten Satz geſprochen hatte. „Und wie,“ ſagte er nach einer Pauſe,„wie und durch welche Macht erweckſt Du jene Fähigkeit der Phantaſie?“ „Frage nicht eher als bis die Zeit der Prüfung da iſt,“ antwortete die Liehbur. „Aber kannſt Du dieſe Kraft in Allen wecken— auch in dem Fühlloſen und Unidealiſchen?“ „Nein! denn ſie werden die nothwendige Prüfung nicht beſtehen können. überhaupt können Wenige, außer denen, welchen das Geſchick große Rollen im Lebensdrama zutheilt, je zu dem Punkte gelangen, wo ich ihnen die Zukunft zu enthüllen vermag.“ „Meinſt Du, daß Deine vorzüglichſten Anhänger den Großen der Erde angehören? Verzeihe mir, ich glaube, der meiſte Aberglaube wird bei den Un⸗ wiſſendſten und Niedrigſten gefunden.“ „Ja, aber ſie wollen nur von dem wiſſen, was auf ihre Leichtgläubigkeit Eindruck macht, ohne Zeit und Genuß aufzuvpfern. Der Kühne, der Entſchloſ⸗ ſene, der Planvolle, deſſen Geiſt auf hohe Zwecke und Träume gerichtet iſt— der iſt es allein, der den Zauber des Augenblicks verachtet, der begierig iſt, die ferne Zukunft zu durchdringen, der weiß, wie ſeine bisherige Laufbahn nicht durch ſein Genie oder ſeine Natur, ſondern durch irgend ein ſeltſames Zuſam⸗ mentreffen von Ereigniſſen, durch irgend ein geheim⸗ nißvolles Wirken des Geſchicks erhellt wurde. Die Großen ſind ſtets glücklich und ſuchen daher beſonders die Beſchlüſſe des Schickſals zu erforſchen.“ So groß iſt der Einfluß, den die Schwärmerei ſtets über den Menſchen ausübt, daß ſelbſt der ruhige und ſcharfſinnige Radelyffe, der mit der tiefſten Ver⸗ achtung gegen die Anmaßung der Wahrſagerin und zum Theil mit dem Wunſche eingetreten war, Stoff zu finden, eine Thorheit des Tages lächerlich machen zu k zu u ſagte ſo der unter E Klim — w übrig haben zu ent geſtat verkü iſt, J filde j in eit n fung nige, im gen, . inger , ich Un⸗ was Zeit 4⁵53 zu können, und zum Theil in der Abſicht, ſcharf zu unterſuchen, wie es ſeinem eigentlichen Weſen zu⸗ ſagte— bei ſich zu überlegen begann, ob er ſeiner ſo mächtig erregten Neugierde nachgeben und ſich der von der Wahrſagerin geforderten Vorbereitung unterziehen ſolle. 3 Die Wahrſagerin fuhr fort:„Die Sterne, das Klima und der Mondwechſel haben Macht über uns — warum nicht? Haben ſie nicht Einfluß auf das übrige in der Natur? Aber wir vermögen ihre er⸗ habenern und verborgenern Geheimniſſe nur dadurch zu enthüllen, daß wir vollen Flügelſchwung dem Geiſte geſtatten, der uns zuerſt ihre elementariſche Natur verkündete, und der, wenn er der Erdenfeſſeln ledig iſt, Raum in Fülle haben wird, die glänzenden Ge⸗ filde jener Geheimniſſe zu durchwandeln. Wiſſe denn in einem Worte, daß Phantaſie und Seele Eins und ein Untheilbares ſind; auf dieſer Wahrheit be⸗ ruht meine Lehre.“ „Und wenn ich Deinen Vorſchriften folge, was forderſt Du dann weiter?“ „Nicht eher, als bis Du Dich verbindlich machſt es zu erfüllen, werde ich Dir mehr ſagen.“ „Ich mache mich verbindlich!“ „Und ſchwörſt?“ „Ich ſchwöre!“ Die Wahrſagerin ſtand auf— und— 454 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Das gewöhnliche Leben geht in ein jeltſames über. Am Abend nach der zuletzt erwähnten Unterredung trat Conſtanze in Godolphin's Zimmer und fand ihn bleich, aufgeregt und faſt bewußtlos an die Wand gelehnt.„Gütiger Gott, Du biſt krank!“ rief ſie, und ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken. Er blickte ſie lange und forſchend an; ſein Athen ging ſchwer, bis er ſich endlich langſam zu erholen ſchien, ſich ſetzte und Conſtanze bat, ein Gleiches zu thun. Nach einer Pauſe ergriff er ſeiner Gattin Hand und ſagte:„Höre mich an, Conſtanze. Meine Geſundheit iſt im Abnehmen, fürchte ich. Mich mar⸗ tern ſchreckliche Viſionen; irgend ein magiſcher Ein⸗ fluß ängſtigt mich. Schon ſeit mehreren Nächten überfällt mich, ehe ich einſchlafe, ein kalter Schauder, mein Haar ſträubt ſich, meine Zähne klappern, ein unerklärliches Entſetzen ergreift mich, mein Blut ſcheint zu einer feſten Maſſe zu werden, ſo ſtock es. Ich ſtrenge mich an, zu reden, zu ſchreien, aber die Zunge iſt mir ſchwer; ich fühle, daß ich keine Gewalt mehr über mich habe. Plötzlich und in ſoh⸗ cher Angſt falle ich in tiefen Schlaf; dann kommen mir wilde und ſeltſame Träume, in denen ſtets Volkt⸗ man's Tochter die Hauptrolle ſpielt; allein ſie zeigt ein verwandeltes, ruhiges, unausſprechlich ruhige Antlitz und blickt mich mit Augen an, die mir in die Seele brennen. Der Tranm ſchwindet und gegen Mot Arit ich Trät jetzt die im Trat ände kann dieſe heim einig nur r. redung nd ihn Wand “ rief n. Er Athem erholen iches zu Gattin WMeine ch mar⸗ er Ein⸗ Nächten chauder, ch keine kommen s Volkt⸗ ruhiges d gegen in ſol⸗ ſie zeigt ir in die 455 Morgen erwache ich erſchöpft und matt. Ich habe Arzte zu Rathe gezogen, Arzueien eingenommen, aber ich kann mich weder von der Angſt noch von den Träumen befreien. Und eben jetzt, Conſtanze, eben jetzt— Du ſiehſt das Fenſter nach dem Park offen, die Gartenthür unverſchloſſen— ich blicke hin, und im blaſſen Mondlicht ſehe ich das Antlitz meines Traumbildes— das Antlitz Lucilla's; doch wie ver⸗ ändert! Barmherziger Himmel! iſt es Wahn oder kann Lucilla lebend in England weilen? Und ſind dieſe Viſivnen, dieſe Schreckniſſe ein Theil jener ge⸗ heimnißvollen Sympathie, die uns von jeher ver⸗ einigte, und von der Volktman weiſſagte, ſie würde nur mit unſerem Leben aufhören?“ Godolphin's Gemüthsregungen waren ſelten äu⸗ ßerlich ſichtbar, jetzt aber zeigten ſie ſich ſo deutlich und lebhaft, daß Conſtanze nicht ſo viel Muth faſſen konnte, ihn zu beruhigen. Sie ſelber war ſo beun⸗ ruhigt und beklommen und blickte furchtſam durch vas Fenſter, als müßte die Erſcheinung, von der ihr Gatte geſprochen, ſich noch zeigen. Draußen aber war Alles ſtill; kein Blättchen regte ſich auf den Bäumen, keine Menſchengeſtalt ließ ſich wahrnehmen. Conſtanze wendete ſich wieder zu Godolphin, küßte ihm den Schweiß von der Stirn und drückte ſeine Wange an ihren Buſen. „Mir ahnet,“ ſprach er weiter,„als müßte in Kurzem etwas Schreckliches geſchehen. Mir iſt, als ſtände ich an einer Kriſis meines Lebens, und als müßte ich aus der hellen und fühlbaren Welt in 456 Wolkenregionen des Dunkels hinabſteigen. Conſtanze, mich ſchrecken und verwirren bange Gedanken üher mein vergangenes Leben. Ich habe bisher alles Ar⸗ beiten, allen Ehrgeiz abgeſchworen und der Zukunft gleichſam geſpottet; meine Hand pflückte Roſenblätter, die jetzt verwelkt daliegen. Die Jugend weicht von mir— das Alter ſchleicht zu mir heran. O, wie ganz anders würde es mir nahen, wenn ich meine Zeit beſſer angewendet hätte! Doch weg mit dieſem Geſchwätz! Meine Nerven ſind erſchlafft, und ich rede Unſinn. Reiche mir Deinen Arm, Conſtanze, wir wollen in den Saal gehen und Muſikanten kommen laſſen.“ Und dieſe ganze Nacht hindurch wachte Conſtanze an Godolphin's Bette und beobachtete in ſtummem Schrecken die Zuckungen, den Schaum auf ſeinen Lippen und das Geſchrei, welches er ausſtieß. Sie wurde aber dafür belohnt, denn als der Tag anbrach, und Govolphin ihren zärtlichen und thränenvollen Blick bemerkte, warf er ſich an ihre Bruſt und bat Gott, ſie für ihre Liebe zu ſegnen! Dreiundſechzigſtes Kapitel. Unterredung zwiſchen Conſtanze und der Prophetin. Ein ſeltſamer Verdacht war in Conſtanzen auf⸗ geſtiegen, und um Godolphin's willen beſchloß ſie, die Sache näher zu unterſuchen. Sie hüllte ihre ſtattliche Geſtalt in einen Mantel, ſetzte einen großen, ſie e nung k Mäd farbe hervr ercen ten, inden Täuſ Auf durch ihr d zimme ten, erhiel macht mächt licher erſt a „ Liehb leiſen ſchlech oder terin Ding V räfi ſtanze, müber es Ar⸗ zukunft lätter, ht von , wie meine dieſem ch rede e, wir ommen nſtanze ummem ſeinen Sie nbrach, nvollen ind bat in. en auf⸗ loß ſie, lte ihre großen, 45⁵7 ſie entſtellenden Hut auf und begab ſich in die Woh⸗ nung der Madame Liehbur. Die Mohrin öffnete der Gräfin die Thür. Des Mädchens ſeltſame Kleidung, ihre afrikaniſche Haut⸗ farbe und ihre durch lange, flimmernde Ohrgehänge hervorgehobenen Züge brachten, indem ſie zu dem excentriſchen Rufe der Gebieterin ſich gar wohl ſchick⸗ ten, ein Lächeln auf die Lippen der Lady Erpingham, indem ſie das, was ſie ſah, für einen Theil der Täuſchungen hielt, welche die Wahrſagerin anwendete. Auf der Dame Fragen antwortete die Schwarze nur durch ein verſtändliches Zeichen, indem ſie winkte, ihr die Treppe hinauf zu folgen. Dort im Vor⸗ zimmer mußte Lady Erpingham einige Minuten war⸗ ten, ehe ſie Eintritt in Madame Liehbur's Zimmer erhielt. Die perſönliche Schönheit der Zeichendeuterin machte auf die überraſchte Lady Erpingham einen mächtigen Eindruck. Sie neigte ſich mit unwillkür⸗ licher Hochachtung vor der Liehbur, und nahm dann erſt auf dem S Platz, der ihr angedeutet wurde. „Und was führt Dich hieher, Dame?“ fragte die Liehbur in der fremdartig klingenden Muſik ihrer leiſen Stimme.„Möchteſt Du das, was unſer Ge⸗ ſchlecht ſo hoch über den Werth ſchätzt, gewinnen, oder haſt Du es verloren? Willſt Du zu der Deu⸗ terin der Träume und der Prieſterin der künftigen Dinge von Liebe reden?“ Während die Liehbur ſo ſprach, beobachtete die räfin durch ihren Schleier das ſchöne Geſicht, wel⸗ 45⁵8 ches ſie vor ſich ſah, und verglich es mit der Be⸗ ſchreibung, die Godolphin ihr von der Tochter des Bildhauers gegeben, und ihre Vermuthung wurde beſtärkt.“ „Ich ſuche nicht das, was Du erwähnſt,“ ſagte Conſtanze.„Doch möchte ich Dich wohl über die Zukunft befragen, wenn gleich ohne beſtimmten Zweck. Wir alle ſuchen in die dunkeln Falten der Zukunft zu blicken, die unſern Angen verborgen ſind und über welche Du Dir die Herrſchaft anmaßeſt.“ „Deine Stimme iſt ſanft, aber gebieteriſch,“ ſagte die Zeichendeuterin,„und Dein Ausſehen iſt ſtattlich, als wäreſt Du am Hofe geboren. Erhebe Deinen Schleier, damit ich Dein Geſicht ſehe und aus den Linien deſſelben erkenne, welches Schickſal Dein Charakter für Dich beſtimmt hat.“ „Ach!“ antwortete Conſtanze,„das Leben ver⸗ räth wenig durch äußere Zeichen. Wenn Du keine höhere Kunſt beſitzeſt, als aus den Linien und Zügen unſerer Geſichter wahrzuſagen, ſo werde ich noch nicht an Deine Macht glauben.“ „Die Stirn, die Lippe und das Auge und der Ausdruck aller zuſammen,“ antwortete die Liehbur, „ſind nicht ſo lügenhaft, wie Du meinſt.“ „Dann will ich nach dieſen Zeichen Dein eigenes Geſchick erklären, wie Du das meine erklären wollteſt.“ Die Sibylle erſchrack und machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand; doch Conſtanze fuhr fort „Ungeachtet Deiner blonden Haare biſt Du doch unter einem ſüdlichen Himmelsſtrich geboren; Du wurdeſ in d« Du dem 3 zurüc ihre Fremt dem 2 unglü mels ob D ein R 9 W unter Conſte Ton der N man's E Lippet los z1 eilung erhob zu wi ihre nes„ am ſelbſt er Be⸗ er des wurde ſagie ber die Zweck. Zukunft id über eriſch,“ hen iſt Erhebe he und Schickſal en ver⸗ u keine Zügen ch nicht ind der Liehbur, eigenes ollteſt.“ eduldige hr fort ch unter wurdeſt 459 in den Täuſchungen erzogen, die Du jetzt ausübſt; Du wurdeſt geliebt und verlaſſen; Du biſt jetzt in lande Deines Geliebten. Iſt es nicht ſo? — Bin ich nicht auch ein Orakel?“ Die geheimnißvolle Liehbur ſank in ihren Stuhl zurück; ihre Lippen öffneten ſich und wurden bleich— ihre Hände falteten ſich— ihre Augen waren auf die Fremde gerichtet. „Wer biſt Du?“ rief ſie endlich in durchdringen⸗ dem Tone;„wer von meinem Geſchlechte kennt meine unglückliche Geſchichte? Rede, rede!— Um des Him⸗ mels willen, rede! ſage mir mehr! überzeuge mich, ob Du mein Geheimniß nur errathen, oder ob Du ein Recht haſt, es zu wiſſen!“, „Verließ Dein Vater nicht ſein kälteres Land, um unter dem blauen Himmel Roms zu wohnen?“ fuhr Conſtanze fort, indem ſie den hohen und romantiſchen Ton derjenigen annahm, die ſie anredete;„und iſt der Name Percy Godolphin den Ohren Lueilla Volkt⸗ man's nicht noch bekannt?“ Ein lauter, langgehaltener Schrei kam von den Lippen der Wahrſagerin und ſie ſank ſogleich bewußt⸗ los zu Boden. Sehr beunruhigt und ihre Ueber⸗ eilung bereuend, eilte Conſtanze ihr zu Hülfe. Sie erhob das arme Geſchöpf, welches ſie ſelber, ohne es zu wiſſen, einſt ſo tief verletzt, vom Boden, ſie löste ihre Kleidung und bemerkte, daß ſie ein elfenbeiner⸗ nes Halsband mit ſeltſamen Figuren und Symbolen am Halſe trug. Dieſer Beweis, daß die Wahrſagerin ſelbſt getäuſcht war, während ſie Andere täuſchte, ührte 460 die Gräfin tief. Inzwiſchen eilte auf das Geſchrei die Mohrin herbei, die, beſorgt über den hülfloſen Zu⸗ ſtand ihrer Herrin, gegen Conſtanze in einer frem⸗ den Sprache, wie es ſchien, eine Flut von Ver⸗ wünſchungen und Wehklagen ausſprach. Sie ergrif dabei Conſtanzens Hand, ſchleuderte ſie unwillig wie⸗ der von ſich, ſtreichelte die aſchfarbigen Wangen Lu⸗ cilla's und winkte der Lady, ſich zu entfernen; allein die an Gehorſam wenig gewöhnte Conſtanze blieb in ihrer Stellung neben der Ohnmächtigen. Nach kur⸗ zer Zeit kehrte dieſe zum Leben zurück. Die Gräfin hatte, als ſie Lucilla zu Hülfe eilke, ihren Schleier zurückgeworfen, und der Blick Lueilla' fiel nun auf jene majeſtätiſche Schönheit, die, wenn man ſie einmal ſah, ſich auf immer einprägte. Un⸗ freiwillig ſchloß Lucilla die Augen und ſeufzte hör⸗ bar; dann, indem ſie allen ihren Muth zuſammen⸗ raffte, entriß ſie ihre Hand den beiden Händen Con⸗ ſtanzens und befahl der Mohrin, ſich zu entfernen. „So iſt es alſo Godolphin's Gattin,“ ſagte Lu⸗ cilla hierauf nach einer Panſe,„die hieher kam, um die gefallene, die entwürdigte Lueilla zu ſehen? Und doch,“ fuhr ſie mit geſenkter Stimme im Tone un⸗ beſchreiblicher Wehmuth fort—„und doch habe ich wie Du an ſeinem Buſen geruht und bin wie Du ihm theuer und werth geweſen! Geh, ſtolze Dame, geh! überlaßt mich meiner Einſamkeit, meinem Elend, meinem Wahnſinn. Geh!“ „Theure Lucilla,“ gwerſetzte Conſtanze freundlich und faßte nochmals die Hand der Gebeugten,„ſtoße mich The müt! geſch Du dieſe Dir und dolpl ſelbſt zu m wach richt nicht liebe ſtanze als o war würd würd Unre nicht rei die n Zu⸗ frem⸗ Ver⸗ ergriff ig wie⸗ en Lu⸗ allein lieb in ch kur⸗ e eilte, urilla's wenn e. Un⸗ te hör⸗ mmen⸗ n Con⸗ tfernen. gte Lu⸗ m, um 12 Und ne un⸗ abe ich wie Du Dame, Flend, eundlich 461 mich nicht von Dir. Lange ſchon fühlte ich die innigſte Theilnahme für Dein edles, wenn auch verirrtes Ge⸗ müth— hatte Mitleid mit Deinem ſchweren Miß⸗ geſchick. Betrachte mich als Deine Freundin; ja, wenn Du willſt, als Deine Schweſter. Laß Dich bewegen, dieſes ſeltſame und unſtäte Leben aufzugeben; wähle Dir eine heimathliche Wohnung; ich bin ſehr reich und jeder Deiner Wünſche ſoll erfüllt werden. Go⸗ dolphin ſoll von Dir nicht mehr wiſſen, als Du ſelbſt es willſt; es wäre denn, daß Du, um die Reue zu mildern, die das Andenken an Dich ſtets in ihm wach erhält, durch Deine eigene Hand ihm die Nach⸗ richt geben wollteſt, Du ſeieſt wohl und widerrufeſt nicht die ihm früher gewährte Verzeihung. Komm, liebe Lucilla,“ und die edelmüthige, hochherzige Con⸗ ſtanze hielt das arme Mädchen umfaßt, das jetzt weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte,„komm, gewähre mir die innige Freude, mir zu ſagen, ich könne irgend etwas zu Deinem ferneren Wohlergehen beitragen. Ich war Urheberin all Deines Elends; denn ohne mich würde Godolphin auf immer der Deine geblieben ſein. würde wahrſcheinlich durch Ehe das Dir zugefügte Unrecht gut gemacht haben; ohne mich würdeſt Du nicht als eine Ausgeſtoßene dieſe ungaſtliche Erde durchwandert haben. Laß mich wenigſtens in Etwas Dein Leiden mildern. Rede zu mir, Lucilla.“ „Ja, ich will zu Dir reden,“ ſagte die arme Lu⸗ eilla, indem ſie ſich auf die Erde warf und mit dank⸗ barer Wärme die Kniee ihrer ſanften Tröſterin um⸗ klammerte,„denn ſeit vielen langen Jahren hörte ich Bulwer, Godolphin⸗ 3⁰ 462 nicht die Stimme des Wohlwollens zu meinem Ohr dringen. Unter fremden Geſichtern und rauhen Stim⸗ men habe ich mein Leben zubringen müſſen, und wenn ich aus den Träumen meiner Jugend den Lauf dieſes Lebens weiſſagend entwickelte, welches Du, obgleich ſehr mit Unrecht verdammſt, ſo geſchah es, damit ich allein und unabhängig, gefürchtet und nicht verachtet daſtehen möchte. Und jetzt redeſt Du— Du, die ich bewundere und beneide, und mehr verehre als irgend ein Weib auf Erden, denn er liebt ja Dich und achtet Dich ſeiner würdig— Du redeſt zu mir, wie eine Schweſter es thun würde, und— und—.“ Hier wurde Lueilla's Rede durch Schluchzen unterbrochen, und Conſtanze, faſt ebenſo ſehr ergriffen und ver⸗ gebens bemüht, ſie aufzurichten, kniete zu ihr nieder und ſuchte ſie durch Liebkoſungen zu beſänftigen, wäh⸗ rend ſie ſelber weinte. Dies war ein ſchöner Augenblick im Leben der erhabenen Conſtanze; nie erſchien ſie edler als jetzt, da ſie ſich ſo neben dem Opfer der Liebe ihres Ge⸗ mahls demüthigte und dem gebrochenen Herzen der Armen Troſt und Pflege und Obdach und eine Zu⸗ kunft voll Ehre und Freuden verhieß. Doch dieſer Traum konnte nicht auf längere Zeit das beunruhigte und irrende Gehirn Lueilla's einlullen. Und als ſie ſich einigermaßen gefaßt hatte, ſtand ſie auf, warf ihr wild um die Schläfen hängendes Haar zurück und ſagte in ruhigem und trauerndem Tone: „Deine Güte kommt zu ſpät. Ich bin dem Tode nahe— ſehr nahe. Alles, was mir in der Welt ge⸗ bliel die ſchur und in 2 ſich ſchun nann wurd ihner glühe iſt m mein Poeſi mein mein genie Ohr Stim⸗ wenn dieſes bgleich nit ich rachtet die ich irgend achtet ie eine Hier rochen, id ver⸗ nieder „wäh⸗ en der s jetzt, es Ge⸗ zen der ne Zu⸗ dieſer ruhigte als ſie „ warf ick und n Tode elt ge⸗ 463 blieben iſt, ſind dieſe Träume, dieſe Zaubermacht, die Du mir nehmen willſt, indem Du ſie eine Täu⸗ ſchung nennſt. O, blicke mich nicht ſo vorwurfsvoll und verwundert an. Weißt Du nicht, wie Menſchen in Armuth, Krankheit und Verzweiflung aller Art ſich einem innern ſchaffenden Geiſte— einer mit Täu⸗ ſchungen bevölkerten Welt hingaben und ſie Poeſie nannten? und daß dieſe innere Welt ihnen theurer wurde als alles Andere, was Reichthum und Pomp ihnen hätte gewähren können. So,“ fuhr Lucilla mit glühender und phantaſtiſcher Begeiſterung fort,„ſo iſt mir mein ſchöpferiſcher Geiſt eine eingebildete Welt, meine Gabe der Weiſſagung das, was Andern die Poeſie ſein mag. Ich kann mich in der Wahrheit meines Glaubens irren; auch gibt es Stunden, wo mein Gehirn kalt iſt und meine Geſtalt der Ruhe genießt, und dann ſitze ich allein, denke über meine Vergangenheit nach und fühle mein Vertrauen er⸗ ſchüttert, meine Glut gedämpft; doch die Gedanken ſolcher Stunden tröſten mich nicht, ſo daß ich mich von Neuem Zauber⸗ und Traumgebilden hingebe, die mich meinem lebendigen Selbſt entrücken. O, Dame, wie ſchön und lieblich und erhaben Du auch ſein magſt, es kann eine Zeit kommen, wo ſelbſt Raſerei Dir als eine Erleichterung erſcheinen kann! Denn wenn die Nacht,“ und hier leuchteten die Augen der Enthu⸗ ſiaſtin noch ſtrahlender als vorher,„wenn die Nacht uns umgibt und Friede auf Erden herrſcht und die Kinder der Welt ſchlummern, gewährt es eine wilde Luſt, allein zu ſein und zu wachen und zu vergeſſen, daß 464 wir leben und elend find. Die Sterne reden dann zu uns mit wunderſamer und aufregender Stimme; ſie erzählen uns von dem Geſchicke der Menſchen und vom Untergange der Königreiche, und prophezeihen entfernte Begebenheiten, wie ſie es den alten Chaldäern lehrten. Und die Winde, die hin und herfahren, wie ſie wollen, gebieten uns, mit ihnen zu wandern und die Geſänge der mitternächtlichen Geiſter zu hören; denn Du mußt wiſſen,“ flüſterte ſie lächelnd, indem ſie den Arm der erſchrocken zurückbebenden Conſtanze faßte, die jetzt einſah, wie hoffnungslos jeder Troſt war—„Du mußt wiſſen, daß dieſe Welt zwei Gat⸗ tungen von Weſen, die leben und eine Seele haben, überlaſſen worden iſt; die eine Gattung iſt körperlich und erfaßbar, wie wir es ſind; die andere iſt glor⸗ reicher und daher unſerem ſtumpfen Blicke unſichtbar — obgleich ich ſie dennoch geſehen habe.— Schauet⸗ liche, feierliche Schatten, ſelbſt in ihrer Luſt. Die Nacht iſt ihre Lebenszeit, ſo wie die unſere der Tag; ſie wandeln in den Mondſtrahlen und werden auf den Fittichen der Winde getragen. Und mit ihnen unb durch ihre Gedanken enthebe ich mich dem, was ich bin und was ich war. O, Dame, wollteſt Du mir dieſen Troſt nehmen?“ „Aber,“ ſagte Conſtanze, deren Muth durch die Milde belebt wurde, die Lueilla's Irrſinn jetzt an⸗ nahm, und verſuchte ſie nur zu beruhigen, ohne ihr zu widerſprechen,„aber auf dem Lande, Lucilla, in irgend einem einſamen, ſtillen Winkel, könnteſt Du Dich ja allen dieſen Traumgebilden hingeben, ohne mit Sorgen und voll dem an man mäc mich tetes die — nich ann zu ne; ſie en und hezeihen aldäern en, wie ern und hören; indem onſtanze e Troſt vei Gat⸗ haben, örperlich iſt glor⸗ nſichtbar Schauer⸗ ſt. Die e Tag auf den nen und was ich Du mit durch die jetzt an⸗ ne ihr zu in irgend Dich ja t Sorgen 4 b5 und Unzuverläſſigkeit zu kämpfen; ohne dieſes gefahr⸗ volle Wanderleben zu führen, das Dich zu Zeiten dem Verdruſſe, der Beleidigung und dem Mißbehagen an Dir ſelber preisgeben muß.“ „Du irrſt, Dame,“ ſagte Luecilla ſtolz;„Nie⸗ mand kennt mich, der mich nicht fürchtet. Ich bin mächtig und liebe meine Macht— denn ſie tröſtet mich. Ohne ſie, was wuͤrde ich ſein?— Ein verach⸗ tetes, verlaſſenes, elendes Weib. Nein! die Macht⸗ die ich beſitze, der Menſchen Inneres zu erſchüttern — wäre es auch Trug, müßte ich auch über ſie lachen, nicht ſie bemitleiden— dieſe Macht ſöhnte mich mit mir und der Vergangenheit aus. Auch bin ich nicht arm,“ ſetzte Lucilla hinzu, der, wie es Geiſteskranken eigen iſt, ein ärgerlicher Verdacht aufſtieg;„ich be⸗ darf keiner mildthätigen Unterſtützung. Ich weiß mich zu ernähren; ja, ich könnte reich ſein, wenn ich wollte!“ „Und,“ ſagte Conſtanze, die einſah, daß ſie für jetzt ihre wohlwollenden Abſichten aufſchieben müſſe, „und Godolphin— verzeihſt Du ihm noch immer?“ Bei dieſem Namen war es, als ob ein plötzlicher Zauber das fieberhafte Herz der armen Wahnſinnigen durchſchauderte. Ihr Kopf ſenkte ſich, eine ſanfte Röthe verbreitete ſich über ihre hohlen Wangen, ihre Arme ſanken matt an ihr nieder; ſie erzitterte heftig, ſank nach einer Pauſe wieder in ihren Stuhl zurück und bedeckte ihr Geſicht mit ihren Händen.„Ach!“ ſagte ſie ſanft,„dieſer Name verſetzt mich in meine jungen Tage, wo ich keine andere Macht forderte, als die, 466 welche die Liebe mir über ein einziges Herz gab— er verſetzt mich zurück an den blauen italieniſchen See, zu den rauſchenden Pinien, in unſere einſame Woh⸗ nung und an das ferne Grab meines Kindes. Sage mir,“ rief ſie wieder auffahrend,„hat er nicht kürz⸗ lich von mir geſprochen? Hat er mich nicht in ſeinen Träumen geſehen? Bin ich ſeiner Seele nicht nahe geweſen, als der durch Schlaf gefeſſelte Leib uns nicht mehr trennte, und ich mich in der ſtillen Stunde an ſeinem Anblick labte? Sage mir, hat er Dir nicht bekannt, daß Lucilla ihm erſchienen iſt? Sage es mir, und wenn ich irre, ſo iſt mein Zauber nichts, meine Macht eitel und ich das hülfloſe Geſchöpf, wofür Du mich hältſt!“ Ungeachtet ihrer Vernunft und ihrem feſten Sinne ſchauderte Conſtanze bei dieſen geheimnißvollen Wor⸗ ten, denn ſie erinnerte ſich, was Perey ihr am Aben zuvor von ſeinen Träumen geſagt, und an die Auf⸗ regung, die ſie ſelber, als ſie an ſeinem Bette ge⸗ wacht, an ihm wahrgenommen hatte. Sie ſchwieg und Lucilla betrachtete ihr Geſicht mit einem gewiſſen Triumphe. „Meine Kunſt iſt alſo doch nicht ſo eitel, wie Du meinteſt. Doch ſtill!— Am letzten Abend ſah ich ihn, nicht im Geiſte, ſondern leiblich, von Angeſicht zu Angeſicht; denn ich wandere zu Zeiten um ſeine Woh⸗ nung— ach! einſt war ſeine Wohnung auch die meine! — Er ſah mich und der Schreck ergriff ihn, denn in dieſen verwelkten Zügen konnte er die lebende Lu⸗ cilla nicht wieber erkennen. Aber geh zu ihm— Du, b— er n See, e Woh⸗ Sage ht kürz⸗ nſeinen ht nahe ns nicht inde an ir nicht age es nichts, ,wofür 1Sinne n Wor⸗ Abend ie Auf⸗ ette ge⸗ ſchwieg zewiſſen wie Du ich ihn, ſicht zu e Woh⸗ meine! denn in de Lu⸗ — Du, 467 ſein Weib— geh zu ihm und ſage ihm— nein, ſage ihm nichts von mir. Er darf mich nicht aufſuchen; wir dürfen nicht mit einander reden; denn v 1“— und Lucilla's Geſicht zeigte einen ſo traurigen, ſo überirdiſch traurigen Ausdruck, daß keine Worte ihn ſchildern, kein Herz ihn faſſen konnte—„wenn wir Beide einander wiederſehen, mit einander reden— wenn ich wieder ſeine Hand berühre, wenn wieder ſein balſamiſcher Athem mich anhaucht, dann iſt meine letzte Stunde da— und Gefahr— drohende, tödt⸗ liche Gefahr wird dann auch an ihn ſich anklammern!“ Während ſie ſo ſprach, ſchloß ſie ihre Augen, als ob ſie vor einer ſchauerlichen Viſion zurückbebte, und Conſtanze ſah ſich furchtſam um, als erwarte ſie eine Erſcheinung. Hierauf ging Lueilla ſchweigend durch das Zimmer und winkte der Gräfin, ihr zu folgen. Sie that es, und ſie traten in ein anderes Zimmer. Vor einer Niſche hing ein ſchwarzer Vorhang, welchen Lueilla langſam zurückzog, und Conſtanze wendete ihre Augen von einem blendenden Lichtſcheine ab, der ihnen entgegenſtrahlte. Als ſie wieder hinſah, erblickte ſie eine gläſerne Uhrſcheibe, die mit verſchiedenen ſelt⸗ ſamen Hieroglyphen und ſchön gearbeiteten Figuren von Engeln verziert war. Um dieſelbe aber ſtanden viele Sterne und die Planeten in ihrer Ordnung. Sie waren durch irgend eine chemiſche Vorrichtung von innen erleuchtet, ſo daß ſie ſich wie in hellem, ſtrah⸗ lendem Silberlichte darſtellten! Conſtanze bemerkte, daß der Zeiger und auch die Sterne ſich drehten, obgleich dies in getreunter Vewegung geſchah; voch Alles ging 468 ſo langſam, daß man den Fortſchritt kaum bemerken konnte. Während die verwunderte Conſtanze dieſes ſelt⸗ ſame Werk betrachtete, zeigte Lucilla auf einen Stern, der heller als alle übrigen flimmerte, und unter dem⸗ ſelben war ein anderer, mattſchimmernder Stern, der, wenn man ihn genau beobachtete, einen regelloſen und ungleich ſchnelleren Lauf, als ſeine Mitſterne zurück⸗ zulegen ſchien. „Der lichte Stern,“ ſprach Lueilla,„iſt der ſei⸗ nige, und dieſer verglimmende iſt das Sinnbild meines Daſeins. In dem Laufe, den beide zurückzulegen haben, müſſen ſie zuletzt einander begegnen, und thun ſie das, ſo iſt der Mechanismus des ganzen Getriebes zum Stocken gebracht— ſo regt ſich der Scheibenzeiger nicht mehr. Täglich zeigt dies Getriebe mir das allmählige Fortſchreiten zum Ziele an, und ſo zähle ich die Tage meines Geſchicks, und erkenne ſo beinahe bis auf eine Sekunde den Zeitpunkt, der mich mit meinem Vater im Himmel vereinigen wird.— Und jetzt,“ fuhr Lu⸗ cilla fort, als ſie den Vorhang fallen ließ, die Hand der Gräfin faßte und ſie wieder in das Vorzimmer führte—„jetzt lebe wohl! Bu ſuchteſt mich auf und thateſt es, wie ich recht wohl erkenne, aus freund⸗ lichen und edlen Beweggründen. Doch werden wir Beide einander nimmer wiederſehen. Sage Deinem Gatten nicht, daß Du mich ſahſt; bald, ach! nur zu bald wird er Kunde von mir erhalten. Gern ſehe ich ihn befreit von jenem Bangen und jener Gefahr“— ſetzte ſie mit todtenhleichen Wangen hinzu;„allein das Schick⸗ ſal! iſt g Geſt Lebe eing reich aufr geſſe hört 2 in de Seite beſtü aus nen. Zimn emerken es ſelt⸗ Stern, er dem⸗ n, der, ſen und zurück⸗ der ſei⸗ meines haben, ſie das, es zum er nicht mählige e Hand zimmer uf und Gatten zu bald ich ihn 469 ſal will es ſo und nicht anders. Was geſchrieben iſt, iſt geſchrieben, und wer will Gottes Spruch in den Geſtirnen auslöſchen, die ſein geheiligtes Buch ſind? Lebe wohl! Hohe Gedanken ſind auf Deiner Stirn eingeprägt— mögen ſie Dir zum Wohlergehen ge⸗ reichen, oder, wenn es Dir mißlingt, Dich tröſten und aufrecht erhalten. Lebe wohl! Ich habe noch nicht ver⸗ geſſen, dankbar zu ſein, und habe noch nicht aufge⸗ hört zu beten.“ Bei dieſen Worten küßte Lucilla die Hand, die ſie in der ihrigen hielt, wendete ſich haſtig, ſchlüpfte in das Seitengemach, ſchloß es hinter ſich und überließ es der beſtürzten Gräfin, ſich voll Erſtaunen und Verwunderung aus dieſer düſtern und troſtloſen Behauſung zu entfer⸗ nen. Wankenden Schrittes entwich Lady Erpingham dem gimmer; unten an der Treppe harrte ihrer die kleine Mohrin. Conſtanzens aufgeregter Phantaſie erſchien die junge Afrikanerin, mit ihrem blitzenden Blick und dem Grinſen ihrer Perlenzähne, wie ein elfenhaftes, überirdiſches Weſen. Die Gräfin eilte ihrem Wagen zu, den ſie an der Straßenecke hatte warten laſſen, und war nicht wenig froh, als ſie denſelben erreichte. In die üppigen Kiſſen deſſelben hingeſunken, fühlte ſie ſich erſchöpft von dieſem ſeltſamen und ſchauer⸗ lichen Zwiſchenakte in dem Epos des gewöhnlichen Lebens, als hätte ſie an jener bewältigenden Begeiſte⸗ rung Theil genommen, und indem ſie nun hinaus auf die Gaſſen und das Alltagsgewühl blickte, fragte ſie ſich faſt zweifelhaft, ob ſie denn wirklich die ihr jüngſt geſehenen Dinge erlebt habe oder nicht. Vierundſechzigſtes Kapitel. Lucilla's Flucht— Lady Erpingham's Beſtürzung— Eine Ve inderung geht mit Godolphin's Gemüth vor— Sein Geſpric mit Radelyffe— Allgemeine Wahl— Godolphin wird Parlamentsmitglied. Kein menſchliches Herz wurde je von reineren un edleren Gefühlen bewegt, als das Herz der königlichen Conſtanze, ſobald es ſich frei von der in ihr lodernden politiſchen Fieberglut fühlte, durch welche für den Augenblick die milderen und heilſameren Impulſe ihrer Seele gehemmt wurden. Noch an demſelben Abend ließ ſie den berühmteſten Arzt London's zu ſich rufen — jenen hochgebildeten, geiſtreichen Mann, der fi die Krankheiten der Geſellſchaftszimmer geboren z ſein ſcheint, der zugleich aber bei ſeinem ſo gebildetn Weſen eine genaue und tiefe Kenntniß der Zuſtände jener unglücklichen Leute der Mode beſitzt. Ich rer hier nur verhältnißweiſe von genauer und tiefer Kennt⸗ niß, denn poſitive pathologiſche Kenntniß iſt keinen Arzte neuerer Zeit und eiviliſirter Länder wirklich eigen Keiner heilt uns, das Höchſte in der Kunſt beſteht darin, daß der Arzt nicht tövtet! Conſtanze ließ alſo dieſen Arzt konmen, und ſetzte ihn von dem unglüc⸗ lichen Zuſtande Lucilla's, ſo wie von dem Wunſche in Kenntniß, den ſie ſelber in Betreff der Heilung jener armen Unglücklichen hegte. Der Arzt verſprach, dieſe zu beſuchen; that es auch am Nachmittag, allein Lueilla war— fort! Seltſam, ſtarrſinnig und ge⸗ heimnißvoll, war ſie gleich einem Traumbilde gekommen hatt Nie entf Flue ſie Kör fron lich ſich und ein2 von C nicht entſe Luci inni in G Eine Ver⸗ n Geſprich wird eren und niglichen lodernden für den ulſe ihrer en Abend ſich rufen „der fir boren zu gebildeten Zuſtände Ich rede er Kennt⸗ ſt keinen lich eigen. ſt beſteht ließ alſo unglüc⸗ Wunſche Heilung verſprach, ig, allein und ge⸗ ekommen, 474 hatte gewarnt, erſchreckt, und war wieder verſchwunden. Niemand wußte, wohin ſie mit ihrer ſchwarzen Dienerin entflohen war. Conſtanze wurde durch die Nachricht von dieſer Flucht in hohem Grade bekümmert; denn ſchon hatte ſie Luftſchlöſſer gebaut, wie Lucilla, an Geiſt und Körper geneſen, ruhigen Herzens ſich einer ſtillen und frommen Büßung hingeben, und ihre Lebenstage fried⸗ lich verleben würde. Inzwiſchen tröſtete die Gräfin ſich mit der Hoffnung, Lucilla würde an ſie ſchreiben und ſie mit ihrem Aufenthalt bekannt machen; doch ein Tag nach dem andern verging, ohne daß ein Brief von der armen Lucilla ankam. Conſtanze fühlte, daß ihre wohlwollenden Abſichten nicht erfüllt werden ſollten, und konnte ſich nun nicht entſchließen, ob ſie Godolphin ihre Unterredung mit Lucilla mittheilen ſollte oder nicht. Sie kannte die innige, krankhafte und ſchmerzliche Theilnahme, welche in Godolphin durch das Andenken an jenes phantaſtiſche und träumeriſche Mädchen erweckt worden war und zitterte vor den Gefühlen, die ſie rege machen möchte, wenn ſie auch nur ein ſchwaches Bild von dem geiſtigen Zuſtande der Irmſten entwürfe, und deren Leben er ſo unglücklich gemacht hatte. Endlich wurde ſie mit ſich einig, wenigſtens ſo lange ihre Zuſammenkunft mit Lucilla geheim zu halten, bis ihr jede Hoffnung, Lueilla wieder aufzufinden, entſchwunden ſein würde. Sie wurde in dieſem Entſchluſſe dadurch beſtärkt, daß ſie bemerkte, wie Godolphin's Gemüthslage ſeit der jüngſt erfolgten Aufregung wieder ruhiger geworden, 472 ſo daß er vielleicht angefangen, die Erſcheinung Lucillas vor ſeinem Fenſter für Täuſchung einer erhitzten Pha⸗ taſie zu halten. Seine Nächte brachten ihm wieder Schlaf und hielten qualvolle Träume von ihm fern, ſo daß ſogar die kältere und mit weniger Einbildungt⸗ kraft begabte Conſtanze ſich kaum des Gedankens er⸗ wehren konnte, es hätte, als Lucilla nahe war, zwiſchen derſelben und Godolphin eine geheime Sympathie oh⸗ gewaltet, durch welche ihm jene nächtlichen Tränme erzeugt worden wären, die nun, je weiter Lueilla ſich von ihm entfernt, um ſo bleicher geworden, um endlich ganz zu verſchwinden. Um dieſe Zeit bemerkte man eine große Ver⸗ änderung in Godolphin's Lebensweiſe, die ſich nach und nach auch ſeiner Denkart mittheilte. Zerſtrenung hörte auf, lockend für ihn zu ſein, der leichte Witz ſeiner Paraſiten fiel ihm unangenehm ins Ohr; die Pracht hatte ihren Glanz für ihn verloren, und der frühere, wähleriſche Durſt nach dem Idealen, der ihn in den beſſeren Zwecken des Lebens getäuſcht hatte, machte, daß die ſchimmernden Vergnügungen allen Reiz fir ihn verloren. Die Veränderung war natürlich und die Urſachen derſelben ſind nicht ſchwer zu ergründen. Godolphin war nämlich zu einem Alter gelangt, wo der Charakter jedes Mannes großem Wechſel unterworfen iſt; er war in die Kriſis getreten, wo unſer Geſchick eine nene Wendung nimmt und unſer moraliſcher Tod oder unſer⸗ moraliſche Wiedergeburt durch das ſtille Schwanken, durch die feierliche Entſcheidung der Stunde beſiegelt wirt find in 1 ſow geiſt ein lang Con die Seh ding Frei Ver gatt entſ Lucilla' en Phan⸗ n wieder hm fern, bildungs⸗ nkens er⸗ zwiſchen athie oh⸗ Träume ueilla ſich m endlich Ver⸗ ſich nach rſtreuunz itz ſeiner ie Pracht frühere, n in den „machte, Reiz fiür Urſachen odolphin Charakter t; er war eine neue er unſere chwanken, beſiegelt 473 wird. Auf der Grenze des mittlern Alters angekommen, findet eine äußere Umgeſtaltung des ganzen Syſtems in uns ſtatt, es zeigen ſich unerwartete Symptome, ſowohl in unſerm körperlichen als auch in unſerm geiſtigen Weſen. In dieſer kritiſchen Periode erweckte ein Zufall, ein geringfügiger Umſtand Godolphin's lange unterdrückte aber nie ganz erſtickte Liebe zu Conſtanzen wieder. Die Herrſchaft der Leidenſchaft, die Magie holder Uebereinſtimmung, das unvertilgbare Sehnen, das ſelbſt des Beſitzes ſpottet, waren aller⸗ dings auf immer dahin; allein eine ſanfte und milde Freundſchaft, wie ſie in keiner andern menſchlichen Verbindung ſich zeigt, und wie ſie nur zwiſchen Ehe⸗ gatten denkbar iſt, war ſo plötzlich in ihren Herzen entſtanden, daß es ſchien, als wäre es durch ein Wunder geſchehen. Und die Erfahrung jener Jahre hatte Go⸗ dolphin gelehrt, wie ſchwach und weſenlos alle früher geſchloſſenen Verbindungen waren. Es ſetzte ihn in Verwunderung, als er nun allein mit Conſtanzen um⸗ ging, als dieſe ihm in ihrer Zärtlichkeit die Vergangen⸗ heit zurückrief, die Gegenwart durch ihre Geiſtesfülle erheiterte und ſeine Phantaſie ihm dabei noch immer eine anmuthige Zukunft vorſpiegelte, daß er ſo lange Zeit gegen die Segnungen eines Umganges hatte ſein können, die ihn jetzt ſo glücklich machten. Freilich er⸗ kannte er die eigentliche Urſache davon nicht, die nur darin beſtand, das die Neigungen und Gefühle Beider, abgeſtumpft durch jene Täuſchung, die ein Kind der Erfahrung iſt, ſich jetzt mehr gegenſeitig in ein⸗ ander fügten und für einander wirken wollten; daß 474 Conſtanze williger die Schildevungen ihres Gemahls eines idealen und falſchen Epieuräismus horchte, und daß Godolphin nicht mehr ſpöttiſch, ſondern mit Freundlichkeit die feurigen politiſchen Entwürfe, die weltlichen Pläne und die peinlichen Erinnerungen det intriguenreichen Conſtanze belächelte. Zum Glück für ſie war die Zeit auch von der Art, daß Männer, die ſich nie vorher mit Politik beſchäftigten, jetzt durch den mächtigen Einfluß gewaltiger Parteikämpfe auf⸗ geregt und mit in den Strudel der Tagesbegebenheiten gezogen wurden und keiner neutral blieb. Jede Coterie wiederhallte vom politiſchen Kriegsgeſchrei; an jeder Mittagstafel wurden von der Suppe bis zum Caffee die Verdienſte der Reformbill beſprochen; wohin ſich Godolphin auch wendete, überall beſtürmte ihn die Reform, ſo daß er endlich in die allgemeine Geſinnung einſtimmte, wie fremd und lächerlich ſie ihm auch an⸗ fangs geweſen war. „Warum,“ ſagte er eines Tages ſinnend zu Rad⸗ elyffe, den er im alten Green⸗Park traf— denn ſeit der erwähnten Unterredung zwiſchen Radelyffe und Con⸗ ſtanze ſah man jenen nur ſelten in Erpingham⸗Hvuſe, „warum ſollte ich nicht einen unverſuchten Verſuch; wagen? Warum ſollte ich nicht gleich Andern eben ſowohl ein ernſteres als leichteres Leben führen? Ich geſtehe, wenn ich auf die Jahre zurückblicke, die ich in England verlebte, erkenne ich, wie irrig meine Schlüſſe waren. Ich entwarf einen Plan— ich be⸗ folgte ihn unabänderlich. Ich lebte mir ſelber, meinem Vergnügen; ich verſammelte Witz, Schönheit, ja Weis⸗ heit Krei und erwa den Ausl durch und Aufre mich der n ringe elyffe Gemahls hte, und ern mit fe, die ngen der lück für ner, die tzt durch pfe auf⸗ enheiten e Coterie an jeder n Caffee ohin ſich ihn die eſinnung auch an⸗ zu Rad⸗ denn ſeit und Con⸗ n⸗Houſe, Verſuch ern eben en? Ich die ich g meine ich be⸗ meinem ja Weis⸗ 475 heit um mich. Ich war der Schöpfer eines magiſchen Kreiſes, aber für Magier ſelber war der Zauber matt und unedel. Kurz, ich habe geträumt und bin jetzt erwacht. Doch welcher Lebenslauf ſoll dieſen erſetzen, den ich zu verlaſſen gedenke? Soll ich nochmals ins Ausland gehen und irgend einen unbereisten Erdwinkel durchforſchen? Soll ich mich aufs Land zurückziehen und Bücher ſchreiben, und ſo meinen Geiſt von der Aufregung befreien, die ihn belaſtet? Oder ſoll ich mich mit meinen Zeitgenoſſen in den großen Schlund der wirklichen Begebenheiten ſtürzen und kämpfen und ringen?— Oder— Du biſt ein weiſer Mann, Rad⸗ elyffe, rathe mir!“— „Ach!“ antwortete Radelyffe,„was hilft es Einem zu rathen, glücklich zu ſein, der außer ſich keinen Zweck hat? Entweder Enthuſiasmus oder völlige me⸗ chaniſche Kälte iſt nöthig, um den Menſchen mit den Sorgen und Kränkungen des Lebens auszuſöhnen. Du mußt nichts fühlen, oder Du mußt für Andere füh⸗ len. Vereine Dich mit irgend einem großen Zwecke; ſieh Dein Ziel deutlich vor Dir; klimme muthig hin⸗ auf; hoffe inbrünſtig auf den Triumph deſſelben, und Du ſegelſt dann majeſtätiſch dahin, wie in einem Schiffe, ohne den Wind und die Woge zu fürchten, die dem einzelnen Streben allerdings gefährlich ſind. Die großen und allgemeinen Zwecke machen, daß wir leicht über unſere geringeren perſönlichen Unfälle da⸗ hingleiten. um glücklich zu ſein, mein theurer Godol⸗ phin, muß man ſich ſelbſt vergeſſen. Dein verfeinertes und poetiſches Streben nagt an Deiner Zufriedenheit. 476 Lerne Menſchenliebe— ſie iſt das einzige Heilmitte einer krankhaften Natur.“ Godolphin wurde von dieſer Antwort Radelyffe um ſo lebhafter ergriffen, als er unbedingten Glauben an die ungeheuchelte Aufrichtigkeit und berechnende Klug⸗ heit ſeines Rathgebers hegte. Er blickte Radelyffe feſt inz Geſicht und erwiderte nach einer Pauſe von einigen Ar⸗ genblicken langſam:„Ich glaube, am Ende haſt Du Recht, und ich habe in wenigen kurzen Sätzen das Geheimniß eines mißvergnügten Lebens kennen gelernt.“ Godolphin würde ſich öfter mit Radelyffe unter⸗ redet haben, doch die Umſtände trennten ſie bald. Dis Parlament wurde aufgelöst! Welch ein hiſtoriſche⸗ Ereigniß liegt in dieſen Worten! In dem Augenblit wo der König in dieſe Maßregel willigte, wurde einen gewöhnlichen Verſtande die ganze Reihe folgender E⸗ eigniſſe klar, wie ein Spiegel. Als das Parlamen in der Hitze der Volksbegeiſterung war aufgelöst wor⸗ den, mußte es ſich natürlich aus einer großen Mehr⸗ zahl von Anhängern der Reform von Neuem bilden Conſtanze überſah mit einem einzigen Blicke di Lanze Reihe von Folgen, die von dem Ereigniſſe au⸗ gingen; ſie ſah es und war entzückt. Der ihr ver⸗ haßten Partei war auf immer eine Glorie genommen Ihr Vater war bereits gerächt. Sie hörte ſein Hohn⸗ lachen aus den Tiefen ſeines vergeſſenen Grabes! London wurde ſogleich leer. In ganz England gingen Wahlen vor. Godolphin blieb faſt allein. Zum erſtenmal beſchlich ihn ein Gefühl der Kleinheit, von Unbedeutendheit, welches ſeine eitle Natur verwundet In wur glär teur müt fühl tiget ſo dem Antt daß das dem eilmittel delyffe Glauben de Klug⸗ e feſt inz igen Au⸗ haſt Du ätzen das gelernt.“ fe unter⸗ ald. Das iſtoriſche ugenblic rde einen ender Er⸗ zarlament löst wor⸗ en Mehr⸗ m bilden. Blicke die niſſe aus⸗ ihr ven enommen ein Hohn⸗ rabes! England ein. Zum heit, von erwundetz 477 In dieſen großen Kämpfen war er nichts. Der be⸗ wunderte— der geſuchte— der geiſtreiche— der glänzende Godolphin ſank unter den gemeinſten Aben⸗ teurer, unter den gröbſten Prahler— ja, der de⸗ müthigſte freie Mann, der ſeinen Antheil am Staat fühlte, ſtimmte in das Geſchrei und half in dem mäch⸗ tigen Kampfe zwiſchen dem Alten und Neuen, der ſo entſchloſſen begonnen hatte. Dieſes Gefühl gab dem in Godolphin geweckten neuen Streben einen Antrieb, und mit lebhafter Freude bemerkte Conſtanze, vaß er jetzt mit Theilnahme ihren Plänen lauſchte und das Feld der Politik mit neugierigem und forſchen⸗ dem Blicke prüfte. Doch ſollte ſie bald eine Täuſchung erfahren, die ihrer Freude gleich kam. Obgleich Godolphin bis dahin keinen Antheil an dem politiſchen Parteiintereſſe genommen hatte, ſo waren ſeine Geſinnungen, ſeine Anſichten und Vorurtheile nichts weniger als demo⸗ kratiſch, und als er wirklich anfing, die Bedeutungen der gewichtigen Frage, wovon England bewegt wurde, zu unterſuchen, kam er bald zu Schlüſſen, die ein dauerndes Mißverſtändniß zwiſchen ihm und Conſtanze herbeizuführen drohten. „Du wünſcheſt, daß ich ins Parlament trete, liebe Conſtanze,“ ſagte er mit ſeinem gewohnten ruhigen Lächeln;„dies Erperiment würde aber unſerer Wie⸗ dervereinigung höchſt gefährlich ſein, denn ich müßte gegen Deine vielbeliebte Bill ſtimmen.“ „Du!“ rief Conſtanze lebhaft.„Iſt es möglich, daß Du mit der Furcht einer ſelbſiſüchtigen Oligarchie Bulwer, Godolphin. 3¹ 478 ſympathiſiren könnteſt? Wer hätte mehr Recht, ſeine Repräſentanten zu wählen, als das Volk ſelbſt?“ „Liebe Conſtanze,“ erwiderte Godolphin,„meine ganze Theorie der Regierung iſt ariſtokratiſch. Das Volk hätte Recht, Repräſentanten zu wählen? Eben ſo gut könnteſt Du ſagen, es ſei befugt, ſich Könige oder Richter, oder Geiſtliche und Erzbiſchöfe zu wählen! Das Volk mag das abſtrakte und urſprüngliche Recht haben, alle dieſe zu wählen und ſie jedes Jahr zu wechſeln. Aber in allen Staaten verpfändet das Volk ſeine urſprünglichen Rechte dem einen wahren und praktiſchen Rechte, gut regiert zu werden. Für das Wohl des Staats dürfte es nicht zuträglicher ſein, wenn das Volk(das heißt die Majorität, der Pöbeh alle Mitglieder des Unterhauſes zu wählen hätte, al wenn ihm die Wahl ſeiner Geiſtlichen überlaſſen wäre Das Einzige, was wir zu erwägen haben, iſt, wer⸗ den ſie dadurch beſſer regiert werden?“ „Gewiß,“ ſagte Conſtanze. „Gewiß?— Ich bezweifle es. Ich ſehe nur ein größeres Gleichgewicht der Parteien darin. Wenn die Parteien aber in völligem Gleichgewichte ſtehen, ſo zittern die Staaten. In einem gut regierten Staat⸗ ſollte eine Macht obwalten, die, nicht unbeachtet, doch mit Nachdruck, die verſchiedenen Operationen der Re⸗ gierung ſelbſt leitet. In freien Ländern alſo ſollt eine Partei ein genügendes übergewicht über die an⸗ dere haben, hat ſie das nicht, ſo werden alle Staats⸗ maßregeln verkrüppelt, verzögert oder verrenkt werden, und der Staat liegt krank darnieder, während die Arzt reich nicht Whi das haus Part zwiſe die„ det f große 6G rend angre men! thut denn , ſeine ſt?“ „meine Das Eben Könige vählen! e Recht s Jahr det das wahren n. Für her ſein, Pöbeh) tte, als en wäre. ſt, wer⸗ nur ein Penn die hen, ſo Staate et, doch der Re⸗ ſo ſollt die an⸗ Staats⸗ werden, rend die 479 Arzte ſich über die Heilmittel zanken, die ihm zu reichen ſind. Aus Deiner Bill magſt Du abnehmen, nicht, daß die Tories vernichtet, ſondern daß die Whigs und die Radikalen verſtärkt wurden— daß das Oberhaus nicht zermalmt, ſondern daß das Unter⸗ haus in einen Kampf mit jenem gerieth. Daher Parteikämpfe über unbedeutende Worte— Zwiſte zwiſchen den beiden Häuſern über Strohhalme. Ihr, die Ihr Fortſchritte und Regſamkeit wünſchet, wer⸗ det finden, daß den wahren Angelegenheiten dieſes großen künſtlichen Reiches, ſein Handel— Verkehr — Colonien— innere Geſetzgebung ſtillſtehen, wäh⸗ rend die Whigs und Tories einander mit Wortſpielen angreifen. Nein— ich würde gegen Eure Bill ſtim⸗ men! ich bin nicht für Volksregierungen, obgleich ich freie Staaten liebe. Alle Vortheile der Demokratie ſcheinen mir mehr als aufgewogen zu werden durch die Opfer des Friedens und der Ruhe, der Behag⸗ lichkeit und der Anmuth, der Würde und der Wohl⸗ thätigkeitszwecke des Lebens; Opfer, die in Demo⸗ kratien gewöhnlich unvermeidlich werden. Wenn es der Zweck der Menſchen iſt, glücklich zu leben, nicht gegen einander zu ringen— nicht Geld am Markte zu machen, nicht einander vor den Handelsgerichten Spitz⸗ buben zu nennen— wer wäre da nicht lieber ein Deutſcher als ein Amerikaner? Ich muß geſtehen, es thut mir leid, anderer Meinung zu ſein als Du— denn— doch es liegt nichts daran—“ „Denn— was wollteſt Du ſagen?“ „Nun, da Du es denn wiſſen mußt, ich beginne ich allen Deinen Anſichten, allen Deinen Zwecken und 480 Antheil an dieſen Fragen zu nehmen und Aufregung iſt anſteckend. Auch wenn ein Mann ſein Vaterland in Gefahr weiß, iſt Unthätigkeit keine Philoſophie, ſondern eine Art von Vatermord. Wenn ich aber an den täglichen, ſtündlichen Schmerz denke, den ich Dir, meine innig geliebte Conſtanze, bereiten würde, wem Plänen entgegenſtrebte und wirkte, die durch Deinei Vaters Geſchick und durch Deine früheren Verbindun⸗ gen Dir als Pflicht erſcheinen, ſo möchte ein ſolcher Patriotismus über meine Kräfte ſein. Laß uns dieſen Strudel zu entfliehen ſuchen und zu irgend einen Winkel des Landes abſegeln, wo wir lieblichere Tön als das Gebrüll der Demokratie vernehmen.“ Conſtanze ſeufzte und geſtattete, daß Godolphi ſich ſchweigend entfernte. Aber ihr edles Herz wurd durch ſeine Großmuth gerührt. Sie bereute jetzt, j gewünſcht zu haben, Godolphin möge ſeine Aufmert ſamkeit auf vie Politik lenken. Sie wunderte ſich daß ſie ſo unvorſichtig hatte ſein können. Eines Abend als er in gedankenvollem und ſchwermüthigem, füſ mürriſchem Schweigen am offenen Fenſter ſaß, ſtan Conſtanze nach heftigem Kampfe mit ſich ſelber an und fiel ihm um den Hals. „Verzeihe mir, Perey,“ ſagte ſie, indem ſie ihn Thränen nicht unterdrücken konnte— verzeihe mir— es iſt vorüber— ich habe kein Recht zu fordern daß Du, der Du mir ſo ſehr überlegen biſt, mi geopfert werden ſollſt— meinen Vorurtheilen, wi Du ſie wohl nennen magſt. Darf Dein Weib Di veru rer biſt Dich verg Treu zur ſie a nicht benü ſtänd der 2 fregung aterland oſophie, aber an ich Dir, e, wenn cken und Deinet rbindun⸗ in ſolcher ns dieſen d einen e Tn 4 odolphi erz wurd e jetzt, Aufmer derte ſich s Abend gem, füt ſaß, ſtan ſelber a em ſie ihn ihe mir— u fordern biſt, m heilen, wi Weib Dit 481 verurtheilen, ruhmlos zu ſein? Nein— nein— theu⸗ rer Godolphin— erfülle Deine Beſtimmung— Du biſt zu hohen Zwecken geboren. Sei thätig— zeichne Dich aus— und ich fordere nichts weiter!“ John Vernon, in dieſem Augenblick wurdeſt Du vergeſſen. Wer unter den Todten kann auch ſtets auf Treue hoffen, wenn Liebe zu dem Lebenden das Weib zur Verrätherin macht!— „Geliebte Conſtanze,“ ſagte Godolphin, indem er ſie an ſein Herz drückte—„geliebte Conſtanze, denke nicht, daß ich ſo edle, aber haſtig ausgeſprochene Worte benützen werde! Es iſt noch Zeit genug an Mißver⸗ ſtändniſſe zwiſchen uns zu denken. Jetzt laß uns nur der Wonne unſerer erneuten Liebe, der Heiligkeit un⸗ ſeres neuen Bündniſſes leben, wodurch wir zu einem Weſen geworden ſind. Dieſe mir ſo ungewohnte Raſt⸗ loſigkeit wird wohl vorübergehen— laß uns nur eine Weile warten. Uberdies hat Sparta manchen würdigen Sohn. Laß uns noch ein Jahr, einen lieblichen Som⸗ mer von dem Privatleben genießen, wovon wir ſo viel haben entfliehen laſſen, und dann wollen wir ſehen, ob die rauhen Wirklichkeiten des Ehrgeizes eines Zugeſtändniſſes oder eines Streites werth ſind. Laß uns aufs Land gehen— morgen, wenn Du willſt.“ Und als Conſtanze im Begriff war zu antworten, verſiegelte er ihre Lippen mit einem Kuſſe. Aber Lady Erpingham gehörte nicht zu denen, die in dem ſchwanken, was ſie für ihre Pflicht halten. Sie brachte die Nacht in ernſtem Verkehr mit ſich ſelber zu; ſie ſah Alles, was ſie wagte— Alles, 482 worauf ſie verzichtete: ſie wurde ſogar von Bedenk⸗ lichkeiten wegen des ſeltſamen Eides gequält, wodurch 2 ſie faſt zum Manne geworden war. Dennoch aber ode fühlte ſie, daß ſie nichts entſchuldigen werde, wenn Kri ſie zugebe, daß jener hochbegabte und regſame Geiſt, begt der jetzt aus ſeinem Schlummer erwacht war, in ſeine wid träge und weibiſche Ruhe zurückverſinke. Sie ſchob eine unter verſchiedenen Vorwänden die Abreiſe aus London vhit auf. Sie ging am nächſten Tage aus, wendete ihren gan Einfluß an und bald darauf erhielt Godolphin ein ihm Schreiben, worin ihm berichtet wurde, daß er in ge⸗ die, höriger Form zum Parlamentsmitgliede der Grafſchaft eine N. erwählt worden ſei. Ich will nicht ſagen, was ſam er bei dieſer Nachricht empfand. Vielleicht— ſo ſelt⸗ wiet ſam iſt das ſtolze Herz des Mannes— fühlte er ſich i beſchämt, daß Conſtanze es ihm ſo zuvorgethan hatte. Fünfundſechzigſtes Kapitel. Neue Ausſichten— Auguſt Saville's Sterbebette. 8 Dieſes Ereigniß hätte eine neue Epoche in Perch Godolphin's Leben bezeichnen können, wäre dieſem Leben eine größere Länge beſtimmt geweſen; und doch war ſein Ehrgeiz ſo lange durch die Eigenthümlic keit ſeines Nachdenkens unterdrückt und polirt wor⸗ den, und ſein ruhiger und gleichgültiger Geiſt ſo wenig zu den hitzigen Kämpfen und der nächt⸗ lichen Kriegführung der parlamentariſchen Politik geeignet, daß es nicht wahrſcheinlich iſt, er würde Bedenk⸗ durch h aber wenn Geiſt, n ſeine e ſchob London e ihren hin ein in ge⸗ afſchaft „ was ſo ſelt⸗ er ſich hatte. Perch dieſem id doch ümlich⸗ t wor⸗ eiſt ſo nächt⸗ Politik würde 483 je eine beſtändige und dauernde Auszeichnung in der Laufbahn gewonnen haben, die entweder Stumpfſinn oder Enthuſiasmus erfordert, um den wiederholten Kränkungen und fehlgeſchlagenen Erwartungen zu begegnen, die dem glänzendſten Anfänger beſtändig widerfahren. So wie die Sache ſtand, brachte ſie eine Reihe ernſter und feierlicher Gedanken in Godol⸗ phin's Bruſt hervor. Er ſann viel über ſein ver⸗ gangenes Leben nach und das Nachdenken genügte ihm nicht. Es war ihm, wie einem von jenen Leuten, die, wie die Phyſiologie erzählt, ſeit Jahren in einer Verzückung geweſen; und jetzt, da er lang⸗ ſam erwachte, ſpürte er das Regen und Drängen wiedererwachter aber verwirrter Empfindungen. Viel⸗ leicht hatte die Natur Godolphin zum Dichter beſtimmt, denn mit Ausnahme der Liebe zum Ruhme waren alle pvetiſchen Charakterzüge in ihm zur Reife gediehen, und über ſeinem ganzen vergangenen Daſein hatte das Düſter unausgeſprochenen poetiſchen Gefühles geſchwebt. Dadurch war ſeine Seele für das Thätige erſtorben und in das Land der Träume verſetzt, da⸗ durch war ihm jenes ſchwankende und ruheloſe Miß⸗ behagen an dem Wirklichen und der Durſt nach dem Iealen eingeflößt; dadurch war er wähleriſch in der Liebe, unbefriedigt im Vergnügen, prachtliebend im Luxus geworden, und er ſuchte und verachtete alle Dinge in einem Athem. Vielleicht gibt es Viele dieſer Art, die nie ihren poetiſchen Negungen Luft machten, obgleich ſie die Natur des Dichters beſaßen; die die Traumwelt durchwanderten, ohne den Zauberſtah zu 484 entdecken, der in dem düſtern Gemache ihres Geiſtes verborgen war, und vermöge deſſen ſie den Gebilden ihrer Träume Geſtalt und Weſen hätten verleihen können. Ach! welches Daſein kann weniger ausge⸗ füllt ſein, als das eines Menſchen, der die Seele eines Dichters, aber nicht ſeine Geſchicklichkeit beſitzt? dem die Empfänglichkeit und das Sehnen, nicht aber die Tröſtung und die Belohnung zu Theil wurde? Doch wenn dieſe Wolke traumgleicher Gefühle ſo lange über Godolphin's Haupte geſchwebt hatte, ſo begann ſie jetzt ſich zu zertheilen, eine klarere und dentlichere Anſicht der großen Zwecke des Lebens lag vor ihm und er fühlte, daß er halb betäubt und halb paſſiv an der großen Kriſis ſeines Geſchickes ſtehe. Der Tag zu der Abreiſe nach Wendover war jetz beſtimmt, als Godolphin zu dem todtkranken Saville gerufen wurde. Er fand den Epicuräer dem Tode nahe, doch vollkommen ſeiner Sinne mächtig. Die Scene um ihn her war ein Sinnbild ſeines ganzen Lebens: außer Godolphin war kein Freund zugegen. Saville hatte einige Dutzend natürlicher Kinder— wo waren ſie? Er hatte ſie ihrem Schickſal über⸗ laſſen; er wußte nichts von ihrem Aufenthalt und ſie nichts von ſeinem nahen Tode. Einſam in ſeiner Selbſtſucht ſollte er die kleine Seele eines Mannes von gutem Ton aushauchen! Aber ich muß Saville die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß, wenn es ihm an Leidtragenden fehlte, die uns durch Naturbande anzugehören pflegen, er deren nicht be⸗ durfte. Sein Ausgang aus dem Leben hatte nichts Win Trop war! er m drückt löſche fernet Arzt der K ſernet und ſ Stunt Sie Zuſta geben zu, d Geiſtes ebilden rleihen ausge⸗ Seele beſitzt? eaer rde? ühle ſo tte, ſo r und ns lag d halb ſtehe. ar jetzt Saville 1 Tode Die ganzen ugegen. der— über⸗ und ſie ſeiner Nannes Saville „ daß, durch cht be⸗ nichts 485 Winſelndes, der Champagner war bis auf den letzten Tropfen geleert, und gleich dem wahren Trinkkumpan war der Tod im Begriff, das leere Glas zu zerbrechen. „Nun, mein Freund,“ ſagte Saville matt, indem er mit ſeinen ſchwachen Fingern Godolphin's Hand vrückte.„Das Spiel iſt zu Ende, die Lichter er⸗ löſchen, und bald wird auch der letzte Gaſt ſich ent⸗ fernen und Alles wird dunkel ſein.“ Hier trat der Arzt mit einem Linderungstrank an das Bett. Ehe der Kranke denſelben ſchlürfte, heftete er ſeinen glä⸗ ſernen, aber noch immer ſchlauen Blick auf den Arzt und ſprach:„Guter Herr, ſagen Sie mir, wie viele Stunden Sie noch den Athem in mir feſthalten können.“ Der Arzt blickte auf Godolphin. „Ich verſtehe,“ fuhr Saville fort,„Sie ſcheuen ſich, es zu ſagen. Aber ſcheu muß man niemals ſein. Iſt man's nach ſeinem zwanzigſten Jahre, ſo kann's gar nicht entſchuldigt werden“ Zudem machen Sie dadurch meinen Nerven ein ſchlechtes Compliment; ein Welt⸗ mann iſt auf jegliches Ereigniß vorbereitet. Wiſſen Sie, Herr, nur ein Bürgersmann oder dergleichen kann überraſcht werden. Wie viele Stunden alſo habe ich noch zu leben?“ „Nicht viele, Herr, fürchte ich. Vielleicht bis Tagesanbruch.“ „Bis zum Anbruch meines letzten Tages, wollen Sie ſagen,“ entgegenete Saville ſo trocken, als der Zuſtand ſeiner Kehle es ihm geſtattete.„Schon gut! geben Sie mir den Trank und laſſen Sie es nicht zu, daß ich ſchlafe. Ich will mich um keine Minute 486 betrügen laſſen. So, ſo! mir iſt beſſer. Sie können gehen, Doctor. Mein Hündchen ſoll aufs Bett kom⸗ men.— So, mein Thierchen! Na, ſtill mußt liegen! Und nun, Godolphin, ein paar Worte zum Lebewohl. Ich hatte Dich ſtets herzlich lieb; Du weißt, Du warſt mein Schützling, und biſt gut eingeſchlagen; haſt Dich nicht durch pöbelhafte, bürgerliche Leiden⸗ ſchaften vom Wege ableiten laſſen; haſt Macht über die Macht ſelber gehabt, haſt kein Amt verwaltet, haſt aber der Mode gelebt. Du ſchloſſeſt die größte Heirath in England, indem Du klüglich nicht Con⸗ ſtanze Vernon, ſondern höchſt weiſe Lady Erpinghan heiratheteſt- Du biſt das Oberhaupt der feinen Welt, haſt einen trefflichen Geſchmack und verthuſt Deinen Reichthum, wie ſichs gehört. Dies Alles muß Dir zu einem reinen Gewiſſen verholfen haben, welches ein wunderbarer Troſt iſt! Stets halte Dein Gewiſen rein, es iſt ein großer Segen auf dem Sterbebette— es iſt ein großer Segen für mich in dieſer Stunde, denn ich habe meine Rolle mit Anſtand geſpielt— he? Ich habe das Leben genoſſen, in ſo fern ein ſo dummes Ding, wie das Leben iſt, genoſſen werden kann; ich habe geliebt, geſpielt, getrunken, habe aber dabei nie meinen guten Ruf als Gentleman eingebüßt. Dem Himmel ſei Dank, ich empfinde in dieſer Hin⸗ ſicht keine Reue! Folge meinem Beiſpiel bis aus Ende, und Du wrirſt ebenſo leicht ſterben, wie ich. Ich hinterlaſſe Dir mein Tagebuch und meine Cor⸗ reſpondenz; Du kannſt ſie drucken laſſen oder auch verbrennen, wenn Du willſt. Sie ſind voll unter⸗ halte Ruhr dem Nach es iſt begra vons daß i bricht mit zu tr ſterbe Falles N ten w röchel ſtarb benen Milli häufit vermö zu bel dem E ſpielh geſtor am B coſtün Juwel gegen können tt kom⸗ liegen! bewohl. t, Du chlagen; Leiden⸗ cht über rwaltet, größte ht Con⸗ inghm n Welt, Deinen muß Dir welches Jewiſſen bette— Stunde, ielt— nein ſo werden abe aber gebüßt. er Hin⸗ bis ans wie ich. ſe Cor⸗ er auch unter⸗ 487 haltender Anekdoten; doch ich mache mir aus dem Ruhme nichts, wie Du weißt, beſonders nicht aus dem Nachruhme. Thue daher mit meinem kleinen Nachlaſſe, was Du willſt. Sorge für meinen Hund, es iſt ein gutes Geſchöpf, und laß mich in der Stille begraben. Nichts von ſchlechtem Geſchmack— nichts von Prunk— nichts von Grabſchrift. Es freut mich, daß ich ſterbe, ehe die verdammte Revolution aus⸗ bricht, die bevorſteht. Ich habe nicht Luſt, Wein mit einem Parlamentsmitgliede für Holborn Bars zu trinken. Ich bin ein Typus eines Syſtems: ich ſterbe vor dem Syſtem: mein Tod iſt der Herold des Falles deſſelben.“ Nach dieſen mit Unterbrechungen geſprochenen Wor⸗ ten wendete Saville ſein Geſicht um; ſein Athem wurde röchelnd, er ſank in einen bewußtloſen Schlummer und ſtarb nach einer Stunde ſo ruhig wie ein Kind. Das erſte lebende Geſicht am Bette des Geſtor⸗ benen, welches Godolphin erblickte, war das Fanny Millinger's. Sie hatte Saville in der letzten Zeit häufig beſucht, denn ihr Geplauder ergötzte ihn und vermöge ihrer Gutherzigkeit war ſie gern bereit, jeven zu beluſtigen. Sie war zugleich mit Godolphin zu dem Sterbenden gerufen worden, war aber im Schau⸗ ſpielhauſe geweſen und kam erſt, als Saville ſchon geſtorben war. Schweigend und ergriffen ſtand ſie am Bette Godolphin gegenüber. Sie hatte ihr Theater⸗ coſtüme nicht erſt abgelegt und Flittergold und falſche Juwelen ſchimmerten ihrem ehemaligen Liebhaber ent⸗ gegen. Welch ein Siunbild des eben erloſchenen Le⸗ 488 bens! Welch eine Satire auf die marktſchreieriſchen Verkünſtelungen deſſelben! Bald darauf trat ſie zu Godolphin, der ſich in das untere verlaſſene Zimmer zurückgezogen hatte. Sie legte ihre Hand in die ſeine, und ihre Thränen— denn ſie weinte leicht— floſſen reichlich die Wangen hinunter und wuſchen das Roth ab, wodurch nur un⸗ vollkommen die Runzeln verborgen wurden, die die Zeit in jene Wangen gegraben, die Godolphin früher ſo ſchön und glatt geſehen hatte. „Armer Saville,“ ſagte ſie ſtotternd;„er ſtarb ohne Schmerz. Ach! er hatte das beſte Gemüth von der Welt.“ Godolphin ſaß am Schreibtiſche des Verſtorbenen und beſchattete ſeine Stirn mit der Hand, welche die Schauſpielerin losgelaſſen. „Fanny,“ ſagte er nach einer Pauſe mit Bitter⸗ keit,„die Welt iſt in der That eine Bühne. Sie hat einen großen Schauſpieler verloren, obgleich er nur eine kleine Rolle ſpielte.“ Godolphin fühlte ſich zu dieſen Worten genöthigt — doch waren ſie in keiner unfreundlichen Beder⸗ tung gemeint— denn auch er hatte Thränen in den Augen. „Ach!“ ſagte ſie,„das Theater hat uns in un⸗ ſerer Jugend viele Dinge gelehrt, die uns die Welt in der That nicht beſſer lehren konnte.“ „Das Leben weicht von dem Schauſpiel nur darin ab,“ ſagte Godolphin nach einer Pauſe,„daß es keinen Plan hat— Alles iſt ſchwankend, unklar und un⸗ zuſan ohne T an di Die R Sor e 2 ger in begän riſchen ſich in e. Sie — zangen ur un⸗ die die früher r ſtarb th von rbenen lche die Bitter⸗ . Sie leich er nöthigt Bedeu⸗ in den in un⸗ e Welt i darin s keinen nd un⸗ 489 zuſammenhängend— bis endlich der Vorhang fällt, ohne daß das Geheimniß gelöst iſt.“ Dies waren die letzten Worte, die Godolphin je an die Schauſpielerin richtete. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Die Reiſe und die Ueberraſchung— Ein Spaziergang an einem Sommerabend— Die Sterne und die Naturerinnerungen. Dieſes Ereigniß hielt Godolphin einige Tage län⸗ ger in der Stadt zurück. Er war bei Saville's Leichen⸗ begängniß zugegen und wohnte der Teſtamentseröff⸗ nung bei. Wie im Leben hatte Saville den Dürftigen nie die helfende Hand gereicht. Wie er ſich im Leben nur zu den Reichen geſellte, hinterließ er auch nur den Reichen ſein Vermögen. Der reiche Godolphin war ſein Haupterbe; kein Wort war von ſeinen unehe⸗ lichen Kindern erwähnt, nicht angeordnet worden, ſeine armen Verwandten ausfindig zu machen. Hierin, ſo wie in der Formel des Teſtaments folgte er durch⸗ aus den Gebräuchen der vornehmen Welt. Raſche Pferde entführten Conſtanze und Godolphin der einſamen Stadt. Hell war der Sommerhimmel und grün waren die lachenden Felder, die zu beiden Seiten des Weges lagen. Die Natur war wach und geſchäftig. Welch ein lieblicher Gegenſatz zu den Scenen der Kunſt, die ſie hinter ſich ließen! Conſtanze war lebhaft bemüht, ihren Gemahl zu erheitern, und es 490 glückte ihr. Nie, ſeit dem erſten Monate ihrer Ehe, hatten Beide ſich mit geringerer Zurückhaltung, mit innigerer Liebe zu einander, ſo wie jetzt unterhalten, nur, daß ſie in jenem Monate mehr von der Zukunft, jetzt mehr von der Vergangenheit ſprachen. Oft äußer⸗ ten ſie ihre Reue über die gegen einander gezeigten Fehler und wünſchten ſich unter Händedrücken Glück zu ihrer jetzigen Wiedervereinigung. Sie geſtanden zu, daß ſo Vieles, von der Liebe Unabhängiges, ſie getänſcht hatte, und da ſie von der Liebe nicht mehr ſo viel forderten, ſo fühlten ſie erſt die wahre Be⸗ deutung derſelben. Ach! wie viele Jahre vergenden wir Alle mit dem Suchen nach Glückſeligkeit, ohne je die Natur derſelben zu erforſchen. Wir gleichen einem Menſchen, der Bücher aller Nationen ſammelt, und indem er die Sprachen nicht verſteht, ſich wun⸗ dert, daß ihr Inhalt ihm nicht gefällt. Immer aber drängte ſich ein dunkles Bild vor Conſtanzens inneren Blick— die einſame und geheimniß⸗ volle Lucilla mit dem zerrütteten Gehirn und dem zer⸗ ſchellten Lebensglück wurde ſelbſt in ihrer Freude nicht vergeſſen. Zuweilen ſtieg ihr auf jener kurzen Reiſe die Erzählung ihres Geſpräches mit jenem unglück⸗ lichen Weſen auf die Lippen; doch wenn ſie dann das wieder von Freude ſtrahlende Geſicht Godolphin's anblickte, wie ſie es ſeit Jahren nicht geſehen hatte, konnte ſie den Gedanken nicht ertragen, es von Schmerz verdüſtert zu erblicken, den eine ſolche Mittheilung ihm verurſachen mußte. Alle ihre Bemühungen, Lu⸗ eilla aufzufinden, waren vergebens geweſen; doch ſie fühlte jene Er Godolp hielt ſi getränk das tre zeigen dolphin der W herunte bis zu ſenden ſelben geſchmi den, a ten hir heerden herüber Weſen Baumg verliehe ſtillen 1 ben pa war ru Wonne Glückſel dürfte, Ehe, mit alten, kunft, ußer⸗ eigten Glück anden s, ſie mehr e Be⸗ euden ohne eichen melt, wun⸗ vor mniß⸗ nzer⸗ nicht Reiſe glůc⸗ dann hin's hatte, hmerz ilung „Lu⸗ ch ſie 491 fühlte ſich beſtändig von der bangen Ahnung gepeingt, jene Entdeckung könnte jeden Angenblick, und zwar in Godolphin's Gegenwart, gemacht werden. Aengſtlich hielt ſie vor jedem Wirthshauſe an, wo die Pferde getränkt oder gewechſelt wurden, denn ſie fürchtete, das trauervolle, ernſte Geſicht Lucilla's möchte ſich zeigen und den Seelenfrieden zerſtören, in dem Go⸗ dolphin jetzt ſchwelgte. Es war gegen Abend, als der Wagen langſam eine lange und ſteile Anhöhe herunterkam. Die Sonne hatte noch eine Stunde bis zu ihrem Untergange, und rechts von unſern Rei⸗ ſenden fielen die milden und ſchrägen Strahlen der⸗ ſelben auf reiche, üppige, mit dem Grün des Innius geſchmückte Felder, die von Zäunen durchſchnitten wur⸗ den, an denen die Ulme und die Eiche ihre Schat⸗ ten hinwarfen. Auf freier Trift weideten Schaf⸗ heerden, und von fern drang das Geblöck der Lämmer herüber. Kein Hirte, überhaupt kein menſchliches Weſen war zu ſehen; doch zwiſchen den dichteren Baumgruppen blickten friedliche Hütten hervor und verlichen der ländlichen Heiterkeit des Ortes jenen ſtillen und friedlichen Anblick, der allein für denſel⸗ ben paßte. Conſtanzens ſonſt ſo geſchäftiges Herz war ruhig und Godolphin's Seele, die ſich in die Wonne der Stunde verſenkt hatte, empfand jene Glückſeligkeit, die man der himmliſchen vergleichen dürfte, wenn ſie die Stunde überleben könnte. „Liebe Conſtanze,“ flüſterte er,„warum ſollten wir, da wir doch endlich zu dieſen Schauplätzen zu⸗ rückkehren, ſie jemals wieder verlaſſen? Hier wollen 492 wir unſere Jugend noch einmal durchleben!“ Conſtanze ſeufzte, doch mit Frende, und drückte Godolphin's Hand an ihre Lippen. Jetzt erreichten ſie die Höhe, und eine plötzliche Röthe verbreitete ſich über Godolphin's Wange. „Wahrlich, ich erinnere mich dieſer Ausſicht,“ ſagte er;„dort drüben iſt das Thal. Wir ſind nicht auf dem Wege nach Schloß Wendover; dies iſt ja meines Vaters Haus!— Daſſelbe und doch nicht daſſelbe!“ Ja! unten, vom Abendlicht beſchienen, lag das Häuschen, wo Godolphin ſeine Kindheit verlebt hatle Dort der luſtig rieſelnde Bach, der mit Farnkraut be⸗ wachſene Raſen mit ſeinen alterthümlichen Bäumen aber die Ruinen? Der alte Bogen und der verfallen Thurm waren freilich noch da, aber neue Bogen, nen Thürmchen hatten ſich erhoben und waren ſo geſchich mit dem Ganzen vereint, daß Godolphin das Has ſeiner Väter wieder hergeſtellt glaubte— freilich nicht in der früheren umfangreichen und ſchwerfälligen Größe, aber dennoch an Geſtalt und Umriß ſo, daß es woh dem ſtolzen Geiſte ſeines vorletzten Beſitzers würt genügt haben. Godolphin's Blick richtete ſich fragen auf Conſtanze. „Es hätte mehr ſeinem alten Umfange entſprechen gebaut werden ſollen,“ ſagte ſie;„doch da hätte m unſere halbe Lebenszeit daran bauen müſſen.“ „Aber dies muß ja ein Werk von mehren Jahre geweſen ſein.“ „Das war es.“ „Und Dein Werk, Conſtanze?“ Einn lung „ arme rend Jahre Du i die ic dies 1 nicht blickte hin, nſtanze s Hand lötzliche ge. agte icht auf meines ſſelbe!“ lag das bt hatle. raut be⸗ äumen erfallen en, ne geſchict Hats ich nicht nGrößt, es wohl s würd fragen ſprechen ätte man 4 n Jahren 493 „Für Dich.“ „Und deßhalb zögerteſt Du, als ich Dich um Deine Einwilligung fragte, das Geld zum Ankauf der Samm⸗ lung des Lord N. aufzunehmen?“ „Ja— habe ich Deine Verzeihung?“ „Theuerſte Conſtanze,“ ſagte Godolphin, ſe um⸗ armend,„wie ſehr habe ich Dir Unrecht gethan! Wäh⸗ rend jener Jahre unſerer Entfremdung— während jener Jahre, wo ich Dich für gleichgültig hielt, bereiteteſt Du in der Stille dieſe edle Rache für die Beleidigung, die ich Dir angethan. Warum, v warum erfuhr ich dies nicht früher? Warum erſparteſt Du uns Veiden nicht unſer langes Mißverſtändniß?“ „Theuerſter Perey, ich war zu tadeln; aber ich blickte ſtets auf die Stunde wie auf ein Perznüet hin, deſſen ich mich nicht berauben konnte. Ich bildete mir ſtets ein, daß, wenn dieſes Werk vollendet ſein würde und Du es ſehen könnteſt, Du fühlen müßteſt, wie Du ſtets in meinen Gedanken die erſte Stelle ein⸗ nahmſt, und daß Du um deßwillen mir ſo manchen Fehler verzeihen würdeſt. Ich wußte, daß ich den in— nigſten Wunſch Deines Vaters erfüllte, wußte, daß Du, ohne Dir deſſen deutlich bewußt zu ſein, jenen Wunſch theilteſt. Mir F es nur leid, daß er ſo un⸗ vollkommen erfüllt wurde. „Aber wie,“ fuhr Godolphin fort, indem er das neue Gebäude anblickte, deſſen Eingange ſie ſich jetzt näherten,„wie kam es, daß ich nicht von anderer Seite davon hörte?“ „Doch, Percy; erinnerſt Du Dich nicht, wie Nacht⸗ Bulwer, Godolphin. 32 bar Dartmour Dir zu den Verbeſſerungen Deiner Be⸗ ſitzung Glück wünſchte? Du aber hielteſt ſeine Worte für Spott und wendeteſt dem armen Sauire den Rücken.“ Sie fuhren jetzt in das Thor, über dem ſich Go⸗ dolphin's Wappen befand, und waren in wenigen Minuten in den wieder hergeſtellten Hallen der Priorei Nichts hätte Conſtanze ſo rühren und ihr ſo ſchmei⸗ cheln können als Godolphin's überraſchung. Dies er⸗ ſchütterte ihn weit mehr als Conſtanzens Na keit in ihren politiſchen Anſichten, die ein ſo Opfer für ſie geweſen war; denn Godolphin's frühere Armuth hatte jenen Ahnenſiolz in ihm erweckt, den nur der Arme mit Anmuth zeigt, und obgleich zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem Vater keine Bande der Innig⸗ keit obgewaltet, ſo hatte doch Godolphin es oft mit der ihm eigenen Gutherzigkeit bedauert, daß ſein Vater es nicht erlebte, wieder zum Wohlſtande zu gelangen, und dadurch wenigſtens einen Theil ſeiner Wünſche erfüllt zu ſehen. Er dankte Conſtanzen nicht mit vielen Worten, aber ſeine Blicke verriethen Alles, was er empfand, und Conſtanze fühlte ſich reichlich belohnt. Obgleich der neue Theil des Gebäudes nicht ſehr umfangreich ſein konnte, ſo zeigte doch jedes Zimmer jene großartigen Verhältniſſe, die Godolphin's Ge⸗ ſchmack an Pracht entſprachen, indem ſie mit den alten Ruinen harmonirten. Conſtanze hatte ihren Takt ge⸗ zeigt, indem ſie die Ruinen ſelber gelaſſen, wie ſie waren, ſie aber künſtlich mit dem neuen Anbau in Verbindung geſetzt, ſo daß dadurch eine Wirkung war hervorgr⸗ bracht worden, die viele, weit glänzendere, gothiſche giebig⸗ laſſen mich, D Mond dolphi — ſie melnde blume. Flut. ſo un Die F ſchaute herab See, Welt konnte Weltk pfinde und i konnte Natur weiht Blatt, den zwi⸗ nig⸗ ft mit 5 Vater ngen, 495 Gebäuve nicht gewähren. Gotolphin vurchwanderte mit Entzücken das Ganze und labte ſich an dem Geſchmack und dem richtigen Urtheil, die ſich überall zeigten. „Wie und wo lernteſt Du alle dieſe Einzelheiten?“ ſagte er, betroffen von der genauen übereinſtimmung mit dem Alterthum. „Freilich mußte ich die Ausführung Andern über⸗ laſſen,“ antwortete Conſtanze;„doch überzeugte ich mich, ob ſie die genügende Kenntniß dazu beſaßen.“ Der Abend war ſehr lieblich und ſie wanderten im Monblicht über jene Raſenfläche, wo Conſtanze Go⸗ dolphin zuerſt geſehen hatte. Sie ſtanden an dem Bache — ſie verweilten an derſelben Stelle! Auf dem mur⸗ melnden Buſen der Wellen wiegte ſich manche Waſſer⸗ blume. Die Luft war duftig, Fiſche ſpielten in der Flut. Es war eine Scene, wie der Dichter ſie uns ſo unnachahmlich im Sommernachtstraum beſchreibt. Die Fledermaus umkreiste die Bäume; die Sterne ſchauten mit ihren ſanften, unbeſchreiblichen Augen herab auf Godolphin, wie ehedem am italieniſchen See, als er mit ihr umherſtreifte, deren alleinige Welt er geworden war. Nein, weder jetzt noch je konnte Godolphin zu den flimmernden, geheimnißvollen Weltkörpern hinaufblicken, ohne den Schmerz zu em⸗ pfinden, der ihn an Lucilla erinnerte! Zwiſchen ihr und ihm waltete ein Bündniß, welches nichts löſen konnte. Alles, was wir je liebten, hat etwas in der Natur, was beſonders der Erinnerung deſſelben ge⸗ weiht iſt; eine beſondere Blume, ein Lufthauch, ein Blatt, ein Ton! Denn welche Liebe wäre ohne eine 456 Ideenverbindung, welche die elektriſche Kette berührt, die uns bindet! Aber die flimmernden, feierlichen Sterne waren ganz beſondere Erinnerungszeichen an Volktman's phan⸗ taſtiſche Tochter, und ihr Licht war mit dem einen Bilde in Godolphin's Bruſt ſo innig verwoben, daß ſelbſt ihre Milde in ſeinen Angen etwas Furchtbares und Drohendes, obgleich nicht wie im Zorne, ſondern wie in der Traurigkeit an ſich hatte. Siebenundſechzigſtes Kapitel. Volllommene Erneuerung der Liebe— Glück erregt Furcht und im Heute ſchreitet ſchon das Morgen daher. O erſte Liebe! wohl ſang der heitere Sänger Frankreichs, daß wir immer und immer zu Dir zurück⸗ kehren. Gleichwie die Erde zu ihrem Frühling zurüc⸗ kehrt, um wieder zu grünen, ſo wenden wir uns wieder zu dem Leben des Lebens und vergeſſen der Jahres⸗ zeiten, die dazwiſchen vorüberrollten! Lag nun in Beider Gemüth ein Vorgefühl, daß ihr gegenwärtiger Zuſtand nicht lange währen ſollte— fühlten ſie in der tiefen Ruhe, deren ſie genoſſen, das Herannahen eines Sturmes, oder nicht— ſo viel iſt gewiß, daß Godolphin und Conſtanze während ihres kurzen Auf⸗ enthaltes in der Priorei mehr als Neuvermählte denn als Gatten lebten, die Jahre lang die Eheſtandskelte geſchleppt hatten. Ihre abgeſchloſſene Einſamkeit, ihre völlige Ungeſtörtheit, ihr jetziges, ſo ganz anders als früher ſich geſtaltendes Leben erneuerte alle Wonne des Zi eigen doch g trübteſ redete laſen, Luft d außer die Br ihr Oh eingelu wirklic Veider einande Co wollen ihn kei undeutl ihrem von ſei ihre K den zu lichſten kunft, die Stu wilde, etwas erten! liebten! dunklen hrt, aren han⸗ einen daß bares dern ht und änger urück⸗ urück⸗ vieder 497 des Zuſammenlebens, die der erſten Jugend der Liebe eigen iſt. Wohl hätte dies nicht lange währen können, doch geſtattete ihnen das Geſchick den reinſten unge⸗ trübteſten Genuß dieſes Glückes. Alles um ſie her redete zu ihnen von der erſten Zeit ihrer Liebe. Sie laſen, ſie wandelten, ſie dachten mit einander; die Luſt des Orts war berauſchend für ſie; die Welt außer ihnen war bewegt, ſie aber fühlten das nicht; die Brandung der großen Tiefe traf nur murmelnd ihr Ohr; der Ehrgeiz Conſtanzens war in Schlummer eingelullt; Godolphin's idealiſche Träume waren ver⸗ wirklicht worden. Die Zeit hatte die Jugendſchöne Beider verwiſcht, ſie aber bemerkten es nicht; ſie waren einander immer noch jugendlich, immer noch ſchön. Conſtanze hing innig an ihrem Geliebten— wir wollen ihm noch dieſen Namen geben! Sie konnte ihn keinen Augenblick entbehren: eine ſchwankende, undeutliche Furcht bemächtigte ſich ihrer. Oft in ihrem Schlummer ſtreckte ſie die Arme aus, um ſich von ſeiner Nähe zu überzeugen. All ihr Stolz, all ihre Kälte ſchienen wie durch einen Zauber entſchwun⸗ den zu ſein; ſie liebte mit der glühendſten, zärt⸗ lichſten Liebe. Wohnt in uns ein BVeherrſcher der Zu⸗ kunft, ein halbgefühlter Geiſt der Prophezeihung, wenn die Stunde des Unheils ſich uns nähert— das große, wilde, unabwendbare Unheil des Lebens? Lag nicht etwas übernatürliches in dieſer Wärme ihrer erneu⸗ erten Leidenſchaft? Bebten ſie nicht, während ſie liebten? Sie ſtanden an einem Punkte, um den die dunklen Fluten ſich langſam ſammelten; ſie klammer⸗ 498 ten ſich an die Stunde, denn umher ſenkte ſich die Ewigkeit herab. Eines Abends laſtete dieſes Ahnen ſchwer auf Conſtanzen. Sie drückte Godolphin's Hand und warf ſich, als dieſer den Druck erwiderte, in ſeine Arme und brach in Thränen aus. Godolphin wurde un⸗ ruhig; er bedeckte ihre Wange mit Küſſen und fragte nach der Urſache ihrer Aufregung. „Sie hat keine Urſache,“ antwortete Conſtanze, die ſich wieder faßte, mit bebender Stimme,„nur fühle ich die Unmöglichkeit einer langen Dauer unſeres Glückes, deſſen übermaß mich ſchaudern macht!“ Während ſie ſprach, erhob ſich der Wind und ſauste trauernd durch die breiten Blätter des Kaſta⸗ nienbaumes, unter dem ſie ſtanden. Die heitere Stille des Abends war entſchwunden, ein unſtäter, ſchwer⸗ müthiger Geiſt ſchien losgelaſſen zu ſein, und die unter unſerm Himmel ſo häufig und plötzlich eintre⸗ tende Veränderung machte ſich unangenehm bemerkbar. Godolphin ſchwieg einige Augenblicke, denn er glaubte ein ähnliches Gefühl zu empfinden. „Und iſt es denn wirklich ſo?“ ſagte er endlich; „zibt es für uns denn wirklich kein dauerndes Glück hienieden? Soll der Kummer ſtets dem Vergnügen folgen? Sollen wir niemals ſagen, der Hafen iſt erreicht, und ſicher ſein? Nun, theure Conſtanze,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich jener Glut überließ, die ſich ſeiner ſelbſt in Augenblicken tiefſter Nieder⸗ geſchlagenheit zu bemächtigen pflegte—„laß uns keinen ſo düſtern Glauben hegen; es gibt keine Er⸗ fahrun folgen gender die un ſie ni Tod k c „C dennen gleich ind k iſt es Gewol welche leidenſ der Z theile uns d Tod t beiden einer Wie beſchle nicht. Furcht V auf ſe dort h tigte Godo! 499 fahrung des Zukünftigen; eine Stunde grenzt an die folgende und Vergangenes iſt nicht Vorbild des fol⸗ genden. Wir haben in einander jene Welt gefunden, die unſern Blicken lange verborgen war; wir können ſie nicht wieder aus den Augen verlieren: nur der Tod kann uns trennen!“ „Ja, der Tod!“ ſagte Conſtanze ſchandernd. Erbebe nicht bei dem Wort, theure Conſtanze, denn wir ſind noch im Mittaß unſeres Lebens; warum, gleich den Agyptern die Leiche an die Feſttafel ſetzen? Und kommt dann der Tod, indem wir ſo lieben, ſo iſt es beſſer als Zeit und Veränderung— beſſer als Gewohnheit, die erſchlafft— beſſer als das Alter, welches den Menſchen erkältet. O!“ fuhr Godolphin leidenſchaftlich fort,„o! wenn dieſe ſchmale Erdſcholle der Zeit nur ein Ruheplätzchen in dem großen Erb⸗ theile der Unf erblichkeit wäre, warum ſollten wir uns da durch ſo ſchwankende Worte wie Leben und Tod täuſchen? Worin liegt der Unterſchied zwiſchen beiden? Höchſtens im Auftreten und Abtreten von einer Bühne zur andern in unſerer weiten Laufbahn. Wie viele Scenen mögen uns noch übrig ſein! Wir beſchleunigen nur unſere Reiſe, wir beſchließen ſie nicht. Laß uns dies glauben, Conſtanze, und alle Furcht vor einer Trennung von uns werfen.“ Während er ſprach, waren Conſtanzens Blicke auf ſein Geſicht gerichtet, und die tiefe Ruhe, die dort herrſchte, ſenkte ſich in ihre Seele und beſänf⸗ tigte ihre Unruhe. Gleich allen Idealiſten mußte Godolphin den Gedanken an Unſterblichkeit oft er⸗ 500 wogen haben, doch äußerte er denſelben ſo ſelten, daß Conſtanze ihn nie vorher davon hatte reden hören. Sie kehrten ins Haus zurück, und noch ſind die Seiten des Buches bezeichnet, worin ſie laſen, als Godolphin's melodiſche Töne in Conſtanzens Herz drangen. Kann ſie dieſelben je wieder aufſchlagen? Achtundſechzigſtes Kapitel. Letzte Unterredung zwiſchen Godolphin und Conſtanze— Seine Gedanken und einſamer Spazlergang unter den Scenen ſeiner Jugend— Der Brief— Die Abreiſe. Sie hatten ſich allen Beſuchenden verläugnen laſſen, die ſie ſelbſt bis an die Priorei verfolgen wollten; endlich aber hielten ſie es für nöthig, einen Tag der Ausübung allgemeiner Gaſtlichkeit für ihre Nachbarn zu beſtimmen. So wurbe ein großes Feſt in der Privrei angeordnet, das als Feier der Wahl Go⸗ dolphin's zum Parlamentsmitgliede gelten ſollte. Der Abend dieſes Feſtes war der nächſtfolgende. Mit großer Abneigung ſahen ſie dieſer Störung ihrer Einſamkeit entgegen, und ſie lachten, obgleich nicht von Herzen, über die ernſthafte Langeweile, die es ihnen verurſachte, einen Ball zu geben, ihnen, deren jahrelange Beſchäftigung in faſt nichts Anderem als im Ballgeben beſtanden hatte. Der Tag war beſonders ſtill und trübe; die Sonne konnte die ſchwere Gewitterluft nicht durchdringen, und als es Abend wurde, bemerkte man die unver⸗ kennbaren Anzeichen eines Unwetters. c zu un allgem auch Natur zornig „C Regen ſtanze „C in gle phiren hier g in ſelt Freign ſtanze, und ſi Gaſtle eine iner nen gen nen ihre t in Go⸗ Der Mit hrer icht ees eren als nne gen, ver⸗ 501 „Ich fürchte, wir werden kein günſtiges Wetter zu unſerm Feſte haben,“ ſagte Godolphin,„doch eine allgemeine Wahl ſtärkt des Volkes Nerven; was ſind auch die kleinen Reibungen und Tumulte in der Natur, die kaum eine Stunde anhalten, gegen die zornigen und dauernden Leidenſchaften der Menſchen 2* „Eine tiefe philoſophiſche Folgerung von einer Regennacht hergeleitet, theurer Perey,“ ſagte Con⸗ ſtanze lächelnd. „Gleich unſerm Freund C.,“ verſetzte Godolphin in gleicher Stimmung,„kann ich darüber philo ſo⸗ phiren, wie man die Handſchuhe anzieht.“— Und hier ging ihre Unterhaltung in einen Ton über, der in ſeltſamem Gegenſatze zu den nahe bevorſtehenden Ereigniſſen ſtand. Die Zeit verging dabei, bis Con⸗ ſtanze, erſchreckt über die ſpäte Stunde, aufſprang und ſich erinnerte, daß ſie an ihren Putztiſch müſſe. „Trage dieſe, Thenerſte,“ ſagte Godolphin, indem er eine Roſe aus einem Blumenglaſe vor dem Fenſter nahm,„zum Andenken an jenen Ball in Wendover⸗ Caſtle, der, wenn er gleich bitter genug für mich war, dennoch ſo manche liebliche Erinnerung in mir er⸗ weckt.“ Conſtanze ſteckte die Blume an ihren Buſen; die Blätter waren friſch und lieblich, wie ihre Aus⸗ ſichten in die Zukunft. Er küßte ihr die Stirne als ſie ſich trennten— ſie ſahen einander nicht wieder. Als Godolphin allein war, wendete er ſich zum Fenſter. Die Ausſicht lockte ihn hinaus unter die Blumen, die die Raſenplätze einfaßten, welche ſich hinab zu den hohen, regungslos daſtehenden Bäumen 502 hinzogen, wovon die Ebene eingeſchlofſen war. Die Pauſe in der Natur, die einem Ungewitter vorher⸗ geht, hatte ſtets etwas beſonders Anziehendes für ſeinen Geiſt und unwillkürlich ſchlenderte er vom Hauſe fort in dem träumenden und halbentwickelten Nachdenken, welches ſeiner Natur eigen war. Mechaniſch ging er weiter, bis er den ſtillen See erreichte, der ſich in der Mitte des verödeten Parks befand. Dort ſtand er ſtill und betrachtete bewußtlos die düſtern Schatten, welche die Vogen der Priorei und die hohen Bäume umherwarfen. Die Fläche des Waſſers war ſpiegelhell und unbewegt, die Vögel waren zur Ruhe gegangen; kein Geräuſch außer dem Rieſeln des Baches, der den See mit Waſſer füllte, und zu welchem er mit Con⸗ ſtanzen am erſten Abend ſeiner Rückkehr gewandert war, unterbrach die allgemeine Stille. Jene Stimme war niemals ſtumm— jener lebendige Bach ranſchte über ſein felſiges Bett dahin und nimmer verſtummte ſeine klagende Muſik. Das Rauſchen eines klaren Stromes iſt die Seele der Landſchaft, die keinen Schlaf, keine Pauſe kennt, ewig fortwirkt— das Leben, die Urſache des Lebens von Allem umher. Der große Körper der Natur mag ruhig ſein, aber der Geiſt der Waſſer ruht keinen Augenblick. Wie die Seele der Landſchaft, ſo iſt auch die Seele des Menſchen — in unſerm tiefſten Schlummer wirkt ſie fort und gleitet ſchlummerlos in ihren beſtimmten Kanälen fort. Mit langſamen Schritten und untergeſchlagenen Armen ging Godolphin weiter. Die wohlbekannten Seenen ſeiner Kindheit lagen vor ihm. Das wilbde Gri tauſ von eine Bat den war Kna die danl nun 1 iä tren hebe Die rher⸗ einen fort nken, ng er ch in ſtand atten, äume elhell ngen; er den Con⸗ andert timme mſchte ummte klaren Schlaf, n, die große Geiſt Seele enſchen rt und n fort. agenen annten wilde 503 Grün des Farnkrauts, der unebene Boben mit ſeinen tauſend kleinen Hügeln und Thälern, die tiefe Schlucht, von Schlingkraut überwachſen und dunkel wie die Höhle eines Zauberers; die überbleibſel manches ſtattlichen Baumganges, wo das zarte Grün der Linde ſich neben ven breiten Blättern des Kaſtanienbaumes zeigte, Alles war ihm bekannt und heimiſch. Verſe, die er als Knabe gemacht und längſt vergeſſen, traten ihm vor die Erinnerung und erzählten ihm von wilden Ge⸗ danken, unbefriedigten Träumen und getänſchten Hoff⸗ nungen. „Aber endlich bin ich glücklich,“ ſagte er laut; „ja, glücklich. Ich habe jene Brücke des Lebens über⸗ ſchritten, die uns von den Thorheiten der Jugend trennt, und beſſere Ausſichten, edlere Wünſche er⸗ heben ſich vor mir. Welch eine Welt der Weisheit liegt in dem einen Worte, welches Radelyffe ausſprach: „Menſchenliebe iſt die einzige Heilung des Idealismus.“ Wenn wir für Andere leben, kommen wir davon ab, Wunder für uns ſelber zu verlangen. Welche Pflicht habe ich bis dahin erfüllt? Ich entſagte dem Ehrgeiz als unweiſe, und damit habe ich der Weisheit ſelber entſagt. Ich lebte für das Vergnügen— ich lebte ein Leben der Täuſchung. Ohne fehlerhafte Neigungen bin ich in hundert Fehler verfallen. Ich war nicht thätig ſelbſtſüchtig, aber dennoch immer ſelbſtſüchtig. Ich nährte hohe Gedanken— aber zu welchem Zweck? Poet im Herzen und Wollüſtling im Leben! Wenn mein Intereſſe mit dem eines Andern in Berührung kam, ſo hätte ich wohl das meine aufgevpfert; doch 504 nimmer fragte ich, ob nicht mein ganzes Daſein ein Krieg mit dem allgemeinen Intereſſe ſei. Zu gedan⸗ kenvoll, um ohne ein leitendes Lebensprinzip zu ſein, war das eine Prinzip, welches ich annahm, ein ein⸗ ziger Irrthum. Ich habe Alles gekoſtet, was die Phantaſie dem irdiſchen Beſitze gewähren kann— Jugend, Geſundheit, Freiheit, Wiſſenſchaften, Liebe, üppigkeit und Pracht. Das Weih war meine erſte Leidenſchaft— und um welches Weib habe ich ver⸗ gebens geworben? Ich bildete mir ein, von Con⸗ ſtanzens Athemzuge hinge meine ganze Laufbahn ab — Conſtanze liebte mich und wies mich zurück. Ich ſchrieb meine Irrthümer dieſer Zurückweiſung zu; Conſtanze wurde mein— wie habe ich meine Irr⸗ thümer wieder gut gemacht? Eine ſchwankende, un⸗ klare, uneingeſtandene Reue hat mich im Andenken an Lueilla verfolgt; warum machte ich das Unrecht nicht an Andern gut? Was iſt unthätige Reue weiter als ein großer moraliſcher Irrthum? Eine nicht zu ſühnende Sünde kann nur durch eine an Andern ge⸗ übte Tugend wieder gut gemacht werden. Und war ich in meiner Handlungsweiſe gegen Lueilla zu tadeln? Warum quält mich das Gewiſſen ſo bei dem Namen? Floh ich ſie nicht? War ſie es nicht ſelber, die unſere Vereinigung erzwang? Achtete und ehrte ich ſie nicht, hatte ich nicht mehr Nachſicht mit ihr als je mit Conſtanzen in unſerm verheiratheten Leben? Entſchloß ich mich nicht, ſelbſt Conſtanzen um Lucilla's willen zu entſagen? Wer verhinderte jenes Opfer— wer verließ mich— wer wählte getrenntes Leben?— Lue Abe ſolle woh meit der meir ich denn und welc o! e Weſ uner c — umhe ein dan⸗ ſein, ein⸗ die — iebe, erſte ver⸗ Con⸗ n ab Ich zu; Irr⸗ un⸗ enken recht eiter ht zu n.ge⸗ war deln? men nſere nicht, mit chloß illen wer 2 505 Lucilla ſelber. Nein, ſo weit iſt meine Sünde leicht. Aber hätte ich nicht Alles verlaſſen und ihr folgen ſollen, um ſie zu entdecken und ſie vor Mangel oder wohl gar vor Verbrechen zu ſchützen? Ach, das war meine Sünde und die Sünde meiner Natur; die Sünde der Kinder der Welt— paſſive Sünde. Ich konnte mein Glück aufopfern, aber nicht meine Indolenz; ich war nicht unedel, ich war träge. Aber iſt es denn zu ſpät? Kann ich nicht noch jetzt Lucilla ſuchen und finden, und von meiner Seele die Laſt wälzen, welche die Erinnerung an ſie mir aufbürdet? Denn o ein einziger Gedanke der Reue, der ſich mit einem Weſen verknüpft, das uns liebte, iſt dem Gewiſſen unerträglicher als das ſchwerſte aller Verbrechen!“ In ſolche Gedanken vertieft, ſtreifte Godolphin umher, bis die hereinbrechende Nacht ihn an ſein Haus und an das dort zu gebende Feſt mahnte. Er ging ſeinem Zimmer zu. Mehrere Gäſte waren ſchon eingetroffen. Godolphin kleidete ſich noch um, als ein Diener anklopfte und ihm ein Schreiben übergab. „Leg's auf den Tiſch,“ ſagte er zu dem Diener, „es wird irgend ein Abſagebrief ſein.“ „Herr, ein Burſche brachte den Brief von S'“ her“— und er nannte ein twa eine Stunde ent⸗ fernt liegendes Dorf.„Er ſagte, er hätte auf Ant⸗ wort zu warten und ſo ſchnell als möglich zu reiten.“ Mit einiger Ungeduld nahm Godolphin das Schrei⸗ ben; aber kaum erblickte er die Aufſchrift, ſo wurden ſeine Wangen und Lippen todtenbleich; ſein Herz wollte ſtillſtehen; ihm war, als ſtockten alle Lebenspulſe. 566 Mit größter Anſtrengung erholte er ſich, öffnete vas Schreiben und las: „Percy Godolphin, die Stunde iſt da— noch einmal werden wir einander ſehen. Ich rufe Dich, theurer Geliebter, zu dieſer Zuſammenkunft an mein Sterbebett. Komm!“ Lucilla Volktman.“ „Beunruhige die Gräfin nicht,“ ſagte Godolphin ſehr leiſe und ruhig zu ſeinem Diener.„Führe mein Pferd vor das Hinterthor und ſchicke den überbrin⸗ ger dieſes Briefes zu mir herauf.“ Der Bote, ein rauher, etwa achtzehnjähriger Bauerburſche, trat ein. „Du brachteſt dieſen Brief?“ „Ja, Euer Gnaden.“ „Von wem?“ „Nun von einer fremden Frauensperſon, die im Wirthshauſe drüben auf den Tod liegt. Sie wird's nicht lange mehr treiben, Herr.“ Godolphin rang krampfhaft die Hände. „Und wie lange iſt ſie ſchon dort?“ „Sie kam erſt vor zwei Stunden im Wagen an, Herr, und war ſo krank, daß wir ſogleich zum Dor⸗ tor ſchickten. Er ſagt aber, ſie könne die Nacht nicht überleben.“ Godolphin ging einige Minuten auf und ab, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Der Knabe ſtand an der Thür, zupfte an ſeinem Hut, wunderte ſich und gaffte mit einfältigen Blicken um ſich. „Kam ſie allein?“ „ mit d „ aber men? nen, in ſo „C und l und g R tertho das ſe und f zeigte Ruine O — melte ſich i des R Stam Wort diener Gedäg Brief . 507 das„Wie, Euer Gnaden?“ „War Niemand bei ihr?“ och 1„O ja warze; ſie war es, die mich ich, mit dem B nein„Das J aber wäre es nicht beſſer, wenn Sie den Wagen näh⸗ . men? Es ſieht ſehr dunkel aus und muß bald reg⸗ hin nen, Herr, und die Furth zwiſchen hier und S. iſt in ſo dunkler Nacht gefährlich zu paſſiren.“ nein rin⸗„Still!“ rief Godolphin mit funkelnden Augen und leiſem, krampfhaftem Lachen.„Soll ich bequem iger und gemächlich zu ihrem Sterbebette fahren?“ Raſch ſchritt er die Treppe hinunter und zum Hin⸗ terthor, wo der Reitknecht ſein ungeduldiges Pferd— das ſchnellſte in ſeinen Ställen— hielt. Das trübe und flackernde Licht, welches ein anderer Diener hielt,. e im zeigte den ſchwarzen Himmel und einen Theil der finſtern ird's Ruinen des alten Gebäudes. Ohne ſich ſeiner Umgebung bewußt zu ſein, mur⸗ melte Godolphin fortwährend bei ſich ſelber und ſchwang ſich in den Sattel. Feuer ſprühte unter den Hufen an, des Roſſes und ſo ſagte der Letzte eines ritterlichen Doc⸗ Stammes ſeinen väterlichen Hallen Lebewohl. Die nicht Worte, die er geſprochen, und deren ſein Lieblings⸗ diener ſich noch ſpäter erinnerte und abergläubiſch im Gedächtniſſe behielt, waren die Worte aus Lucilla's Briefe:„Die Stunde iſt da!“ ohne 508 Letztes Kapitel. Schauerliches Wiederſehen— Das Ungewitter— Die Kataſtrophe. Auf dem ärmlichen Bette in dem Gaſthauſe im Dorfe lag die gebrochene Geſtalt der Tochter des Aſtrologen. Der Wundarzt des Ortes ſaß, obgleich abgehärtet in ſeinem Beruf, erſchreckt und beſtürzt durch die wilden Worte und das gräßliche Geſchrei, welches das ſterbende Weib ausſtieß, neben dem Bette. Die Worte wurden freilich in einer dem Arzte frem⸗ den Sprache geſprochen, in einer Sprache, die ge⸗ wöhnlich geeignet iſt, Schrecken einzuflößen, in der Sprache der Liebe, der Poeſie und Muſik— in der Sprache des lieblichen Süden: Aber mit jener Stimme ausgeſprochen, wo die Leidenſchaften der Seele noch mit der zunehmenden Schwäche des Körpers rangen, tönte ſie rauh und furchtbar; und die verwirrten Locken der Leidenden— das irre Feuer ihrer einge⸗ ſunkenen Augen— die verdrehten Bewegungen der dünnen, durchſichtigen Arme, gaben den unbekannten Worten einen ſchauerlichen Ausdruck und verriethen die dunkle Macht des Fieberwahns der Unglücklichen. Ein mattes Licht auf dem rohen Tiſche dem Bette gegenüber erhellte das Dunkel in dem elenden Zimmer, und durch die Fenſter ſah man das erſte Zucken der BVlitze des heraufziehenden Gewitters. An der anders Seite des Bettes ſaß ſtumm, wachſam und thränenlos die Mohrin, Lucilla's einzige Gefährtin.— Ihre Angen waren liebevoll und bang auf die Leidende gerichtet; lauſche ſaß ſie das U hören brächte Pl Krank ſo ſtill nicht d würde Kamp Minut eine fi verbrei dann „Horc Di in hor ſie noc Augen vor de es kan dolphit Leiden wältig trank fühlte Küſſe Jugen loſe n Br Die uſe im er des bgleich eſtürzt eſchrei, Bette. frem⸗ die ge⸗ in der in der timme le noch rangen, wirrten einge⸗ en der annten riethen lichen. Bette immer, andern inenlos Augen richtet; 509 lauſchend mit aller Schärfe der Sinne ihres Volkes, ſaß ſie da, ob ſie durch das Geheul des Sturmes und das Umherrennen im Hauſe die erſehnten Hufſchläge hören möchte, die Kunde von Godolphin's Ankunft brächten. Plötzlich, gleichſam durch den Paroxismus ihrer Krankheit erſchöpft, verſtummte Lucilla und lag nun ſo ſtill und regungslos, daß ſelbſt der Arzt, wenn er nicht den matten Pulsſchlag der Kranken gefühlt hätte, würde geglaubt haben, ſie hätte bereits ihren letzten Kampf überſtanden. Die Erſtarrung hielt einige Minuten an, dann richtete ſich Lucilla auf, während eine friſche Lebensröthe über ihre hohlen Wangen ſich verbreitete, legte ihren Finger an die Lippen, lächelte dann und ſprach mit leiſer aber deutlicher Stimme: „Horch! er kommt!“ Die Mohrin ſchlich zur Thür, öffnete ſie und ſtand in horchender Stellung da, denn bis jetzt hatte ſogar ſie noch keinen Hufſchlag vernommen; doch im nächſten Augenblick hörte ſie ihn und dann hielt der Reiter vor der Thür des Hauſes an. Das Pferd ſchnob— es kamen Schritte die Treppe herauf— Perey Go⸗ dolphin war im Zimmer— am Bette— die arme Leidende lag in ſeinen Armen. Beſänftigt und über⸗ wältigt gab ſich Lucilla dieſer Liebkoſung hin: ſie trank das Schluchzen ſeiner gebrochenen Stimme; ſie fühlte noch wie in glücklicheren Tagen den Zauber ſeiner Küſſe in ihrem Herzen brennen. Ein Augenblick der Jugend, der Liebe, der Hoffnung brach in jene troſt⸗ loſe und ſchauerliche Stunde hinein, und ſchweigend Bwuler, Godolphin. 33 3 5¹⁰ und kaum ihrer Thränen ſich bewußt, ſtürzten dieſelben aus ihren ſchmerzenden Augen und wuſchen gleichſam die Laſt und die Todesqual von ihrem Herzen. Die Mohrin ging durchs Zimmer, legte ihre Hand auf die Schulter des Arztes und deutete auf die Thür. Lucilla und Godolphin waren allein. „O!“ ſagte er, als er endlich ſeine Sprache wieder⸗ fand,„ſehen wir uns ſo wieder? Aber ſage nicht, daß Du ſterben wirſt, Lueilla! Habe Erbarmen mit Deinem Verführer, Deinem—“ Hier konnte er nicht weiter ſprechen; er ſank neben ihr nieder, bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und ſchluchzte bitterlich. Lucilla's lichter Augenblick war vorüber, die wahn⸗ ſinnige Verzückung kehrte zurück, obgleich in milber und feierlicher Geſtalt. „Tadle Dich nicht,“ ſagte ſie lebhaft;„die reue⸗ loſen Sterne ſind die einzigen Verführer; ſo hell und lieblich, wie ſie einſt erſchienen, als ſie mir eine Ver⸗ einigung zwiſchen Dir und mir prophezeihten, konnte ich nicht träumen, daß ihre ſtille und ſchimmernde Lehre ſo finſtere und ſchauerliche Wahrheiten enthalten könne. O Perch! ſeit wir uns trennten, iſt die Erde nicht wie ſonſt für mich geweſen: das Natürliche hat mein Leben verlaſſen, der wilde und unſtäte Geiſt iſt in meine Bruſt eingetreten, hat mein Gehirn erfüllt, meine Gedanken in Beſitz genommen und jede Trieb⸗ feder meines Weſens in Bewegung geſetzt: die Sonne und die Luft, das grüne Gras, die Friſche und die Glorie der Welt ſind mit einem Nehel bedeckt, worin Erir fühlt und mich Aber lben ſam Jand hür. eder⸗ icht, mit eben und ahn⸗ tilder reue⸗ l und Ver⸗ onnte ernde alten Erde e hat iſt iſt füllt, rieb⸗ onne d die worin — 511 ſich nur düſtere Schauergeſtalten zeigen. Aber Du, mein Geliebter, an deſſen Bruſt ich ſo liebliche Träume geträumt, warſt nicht zu tadeln. Nein! die Macht⸗ die uns zerdrückt, können wir nicht anklagen: der Himmel iſt außer dem Bereiche unſeres Vorwurfs; er lächelt über unſere Qual; er gebietet den Jahreszeiten über unſern gebrochenen Herzen unbewegt und ohne Theilnahme fortzurollen. Und welches iſt mein Lebens⸗ lauf geweſen ſeit Deinem letzten Kuß auf dieſen ſter⸗ benden Lippen? Godolphin—“ und hier machte ſich Lucilla von ihm los und erbebte wie von einer bittern Erinnerung—„dieſe Lippen haben andere Küſſe ge⸗ fühlt und dieſe Ohren unheilige Worte eingeſogen, und wilde Luſt und noch wildere Leidenſchaft haben mich lachen machen über dem Grabmal meiner Seele. Aber ich bin ein armes Geſchöpf; arm, arm— wahn⸗ witzig, Perch— wahnwitzig, ſagt man mir!“ Dann fuhr Lucilla mit dem plötzlichen Wechſel fort, der ſolchen Kranken eigen iſt—„Ich ſah Deine Gattin, Perey, als Du mit ihr aus Rom abreisteſt, und die Räder Deines hochzeitlichen Wagens gingen über mich hin, denn ich warf mich in den Weg⸗ aber ſie verletzten mich nicht: die Geiſter droben ordneten es anders an und ich wanverte durch die Welt; aber Du ſollſt nicht wiſſen,“ fügte Lucilla mit ſchauerlich leichtfertigem Lachen fort,„wohin oder mit wem, denn wir müſſen Heimlichkeiten haben, mein Liebſter, wie Du wohl einſehen wirſt; und ich war bemüht, Dich zu vergeſſen und mein Gehirn wurde zerrüttet bei der Anſtrengung. Ich fühlte, wie mein Körper hinwelkte und man ſagte mir, daß mein Ende nahe ſei und ich entſchloß mich, nach England zu gehen und meinen erſten Geliebten wiederzuſehen: ſo kam ich und ſah Dich; Godolphin, und ich bemerkte an den Furchen Deiner Stirn und an dem ſinnenden Ausdruck Deines Auges, daß Dein ſtolzes Loos Dir keine Zufriedenheit gebracht. Und dann kam eine ſtattliche Geſtalt zu mir und ich erkannte ſie als die, um deretwillen Du mich verlaſſen: ſie ſagte mir, wie Du, ich ſolle leben und die Vergangen⸗ heit vergeſſen. Hohn! Hohn! Aber mein Herz iſt ſo ſtolz, wie das ihre, Perey, und ich wollte keine Güte von einer triumphirenden Nebenbuhlerin annehmen, und ich entfloh, was liegt daran wohin? Aber höre, Perch, höre; mein Leiden hatte mich weiſe gemacht in der Wiſſenſchaft, die nicht von dieſer Erde iſt, und ich wußte, daß Du und ich einander noch einmal wiederſehen müßten, und daß es in dieſer Stunde geſchehen müßte, und ich berechnete Minute nach Minute, mit wilder Freude, den Tag, der dieſes Wieder⸗ ſehen und meinen Tod herbeiführen ſollte!“ Dann erhob ſie ihre Stimme zu wildem Geſchrei:„Hüte Dich, Perch!— das Rauſchen des Waſſers iſt in meinem Ohr— ich, höre den Sturz, das letzte Röcheln! — Hüte Dich!— Auch Deine letzte Stunde iſt nahe!“ Als Lueilla dieſe Worte ausgeſprochen hatte, ſank ſie wieder in den früheren Parorismus ihres Wahn⸗ ſinns zurück. Ein Schrei folgte dem andern, ſie ſchien Niemand zu kennen, auch Godolphin nicht. Mit Zuckungen und Qualen ſchien ſich die Seele von dem Kö Mi die in! an erbl auf ſie! unb der Gei mich, ebten phin, und Dein Und annte ſie ngen⸗ iſt ſo Güte hmen, höre, macht „ und inmal tunde nach zieder⸗ Dann „Hüte iſt in zcheln! ide iſt , ſank Wahn⸗ ſchien Mit n dem 513 Körper loszuringen. Die Stunden vergingen Mitternacht kam— in dem Zimmer hörte man deutlich die Glocke ſchlagen. „Still!“ rief Lucilla auffahrend.„Still!“ Und in dem Augenblick trennten ſich die ſchweren Wolken an einer Stelle, und durch das Fenſter des Zimmers erblickte man hoch droben einen einſamen Stern. „Dein Stern, Godolphin!“ ſchrie ſie, indem ſie auf den einſamen hellen Punkte deutete;„er ruft Dich — lebe wohl, nicht auf lange!“ Die Mohrin ſtürzte mit lautem Schrei auf ſie zu, ſie legte die Hände auf Lucilla's Buſen; das Herz war unbewegt, der Athem ſtand ſtill, das Feuer war aus der Aſche verſchwunden: jener ſeltſame, überirdiſche Geiſt war vielleicht unter den Sternen, nach deren Geheimniſſen er ſich ſo vergebens geſehnt hatte. Der ſchwarze Regen goß in Strömen nieder, und fern von den Bergen konnte man das Rauſchen an⸗ geſchwollener Bäche hören, als ſie ſich in den Schvoß des Thales ergoſſen. Die düſtere Wolkenmaſſe brach ſich, zog einzeln und niedrig über den Himmel dahin, und ließ von Zeit zu Zeit einen Stern durchblicken, den aber die Dunkelheit ſogleich wieder verſchlang. Am Rande des Horizontes blitzte es heftig, doch in langen Zwiſchenräumen; die Bäume bogen ſich und ſtöhnten unter dem Regen und Sturm, und gerade über dem geſenkten Haupte eines einſamen Reiters brach der Donner los, den er bei ſeiner innern Auf⸗ regung kaum hörte. 5¹4 Neben einem Fluſſe, den der Regen bereits an⸗ geſchwellt hatte, war ein Zigeunerlager, und als einige von der gebräunten Bande, die vielleicht die Rückkehr ihrer Genoſſen von irgend einem Raubzuge erwarte⸗ ten, ſich über das flackernde Feuer beugten, welches ſie angezündet hatten, bemerkten ſie den Reiter, der ſich raſch dem Strome näherte. „Seht mir den Kerl,“ rief einer von der Bande, „es iſt derſelbe, der in der Dämmerung weiter oben durch die Furth ritt. Er hat einen kürzeren Weg ein⸗ geſchlagen, der Wagehals! und wird weiter hinauf müſſen, wenn er die Furth erreichen will. Hübſches Wetter zum Spazierenreiten!“ „Seht!“ ſagte ein altes Weib,„wenn wir das Bittere des Windes und Regens koſten, behagt es mir, dergleichen zu ſehen; es iſt nur eine Meile bis zur Furth. Ich wollte es wären zwanzig.“ „Halloh!“ rief der Erſtere;„der Narr geht ins Waſſer. Er wird erſaufen wie eine Ratte; das ufer iſt zu ſteil und rauh vrüben, daß Mann oder Pferd dort ans Land kommen könnten. Halloh!“ Und in dem peinlichen Gefühl, welches auch der Hartherzigſte empfindet, wenn er einen Andern in drohender Ge⸗ fahr erblickt, eilte der Zigeuner in die Sturmnacht hinaus und rief dem Reiſenden zu, anzuhalten. Einen Augenblick fuhr Godolphin's Roß vor dem rauſchen⸗ den Waſſer zurück; tiefe Dunkelheit lag auf dem Strome und der Reiter ſah nicht die Höhe des jen⸗ ſeitigen Ufers. Der Ruf des Zigeuners ſchallte ihm im Ohr gleich dem Geſchrei der Geſtorbenen, die er an⸗ ige ehr rte⸗ ches der nde, oben ein⸗ nauf ſches das tes e bis t ins ufer Pferd ud in zigſte Ge⸗ nnacht Einen ſchen⸗ f dem s jen⸗ te ihm die er 5¹5⁵ verlaſſen hatte: er ſetzte ſeinem wiverſtrebenden Pferde die Sporen in die Seiten und war im Strome. „Zündet die Fackeln an!“ rief der Zigeuner und in wenigen Augenblicken war das Ufer von mehren Kienfackeln beleuchtet, die aber bald vom Regen er⸗ loſchen; doch bemerkten ſie bei dem augenblicklichen Lichte, wie das edle Thier fortſchwamm und wie Gy⸗ dolphin, der ſeinen Irrthum bemerkte, daſſelbe zu der Furth hinlenkte. Mehr konnten ſie nicht ſehen, riefen aber Godolphin zu, an den Ort zurückzukehren, wo er ſich hineingeſtürzt, und einige Minuten ſpäter hörten ſie, wie das Pferd einige Schritte weiter oberhalb an dem ſteilen und hohen ufer hinaufarbeitete und die Aſte zerbrach, die das ufer bekleideten. In demſelben Augenblick glaubten ſie auch zu vernehmen, wie etwas Schweres ins Waſſer fiel; doch dachten ſie, es ſei eine Erdſcholle oder ein Stein geweſen und kehrten in der Meinung zu ihrem Zelte zurück, der Reiter ſei glücklich der Gefahr entronnen, in die er ſich geſtürzt. In der⸗ ſelben Nacht kam Godolphin's Roß vor dem Thore der Priorei an, wo Conſtanze unruhig, bleich und athemlos dem Ungewitter ausgeſetzt ſtand und die Rück⸗ kehr Godolphin's oder der nach ihm ausgeſendeten Boten erwartete. Bei Tagesanbruch wurde ſeine Leiche am ufer bei der Furth gefunden, und eine Quetſchwunde an der Schläfe ließ vermuthen, daß er beim Hinanklimmen einen Schlag von einem überhängenden Baumzweige erhalten, der ihn ins Waſſer geſtürzt. 516 Prief von Conſtanze, Grüfin von Erpingham, an*** Im Auguſt 1832. „Ich habe das Werk geleſen, welches Sie nach den Ihrer Sorgfalt übergebenen Papieren und nach Ihrer genauen Kenntniß der behandelten Perſonen ge⸗ ſchrieben haben— Sie haben in vielen Punkten meine Wünſche mit ſehr glücklichem Erfolge erfüllt. Einer⸗ ſeits habe ich das Verlangen gehegt, daß der Welt eine Geſchichte möchte übergeben werden, woraus ſich ſo tiefe und, wie ich feſt glaube, ſo heilſame Lehren ableiten laſſen; andererſeits habe ich gewünſcht, daß ſie ſo eingekleidet ſein möchte, daß die wahren Per⸗ ſonen in dem Drama auf immer ein Geheimniß bleiben müſſen. Beides haben Sie erreicht. Ich halte es für unmöglich, daß Jemand das Buch leſen kann, ohne die Wahrheit der Moral lebhaft zu empfinden, die es enthält, und ohne an tauſend untrüglichen Zeichen zu erkennen, daß ſie wirklich und nicht erdichtet iſt. Dennoch haben Sie durch einige unbedeutende Ver⸗ änderungen und Zuſätze jene Verheimlichung der Na⸗ men und Perſonen möglich gemacht, die man nicht weniger den Lebenden als der Erinnerung der Todten ſchuldig iſt. „So weit danke ich Ihnen von Herzen; doch in einer Hinſicht haben Sie gänzlich gefehlt. Sie haben dem edlen Charakter, den Sie unter dem Namen Go⸗ volphin ſchildern wollten, keine Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen; Sie haben ſein Bild mit einem rauhen und granſamen Pinſel gemalt; Sie haben ſich ſo aus⸗ n— 2. nach nach en ge⸗ meine Einer⸗ Welt ts ſich Lehren t, daß Per⸗ bleiben es für „ohne n, die Zeichen et iſt. e Ver⸗ er Na⸗ n nicht Todten doch in haben en Go⸗ wider⸗ rauhen ſo aus⸗ 517 führlich über die wenigen Schwächen verbreitet, die er vielleicht an ſich haben mochte, bis vieſelben zum Vordergrunde des Bildes wurden, und ſeine lebhafte Großmuth, ſein hohes Ehrgefühl, ſeinen glänzenden Verſtand, die außerordentlichen Schätze ſeines Geiſtes haben Sie im Schatten gelaſſen. O Gott! daß einem ſolchen Weſen ein ſolches Geſchick mußte beſtimmt ſein! Und in der Blüte des Lebens, gerade als ſein Geiſt zu dem Bewußtſein ſeiner Kräfte und ihrer geſetzmäßigen Zwecke erwacht war! Welch eine unheilvolle Fügung ver Umſtände mußte es ſein, die ſiebenunddreißig Jahre lang einen Geiſt von ſo hohem Range, ein Herz von ſo zärtlichen Regungen durch das Treiben und die Zer⸗ ſtreuungen eines Lebens verleiten konnte, die nur für Weſen geeignet ſind, die er verachtete! Aber über dieſen Gegenſtand kann ich nicht ſchreiben. Ich muß die Feder niederlegen; morgen will ich verſuchen, ob ich weiter ſchreiben kann. „Nun alſo, ich ſage, Sie haben ihm keine Ge⸗ rechtigkeit angethan. Ich bitte Sie, dieſen Charakter umzuformen und der Erinnerung an einen Mann, den Niemand ſah, ohne ihn zu bewundern, und Niemand kannte, ohne ihn zu lieben, ihr Recht widerfahren zu laſſen. „Wie ſchmeichelhaft iſt dagegen mein Bild— der eitlen, ränkevollen, ſtolzen, unweiblichen Nährerin bitterer Gedanken und finſterer Pläne! Ich bin gewiß, daß man mich nicht darin erkennt, und daher will ich Sie nicht bitten, mich in der armen, unliebenswür⸗ digen Wahrheit darzuſtellen. Aber während ich mit 5¹8 Qual und Scham empfinde, daß Sie jene ſcheinbare Vernachläſſigung eines Dahingeſchiedenen richtig ge⸗ ſchildert haben, die aus dem Stolze entſprang, der ſich vernachläſſigt glaubte, ſo haben Sie doch nicht genug— nicht den millionſten Theil von der wahren Liebe geſagt, die ich ſtets für ihn hegte, und dies iſt der einzige milde und ausſöhnende Theil meiner Natur. Aber wer kann wiſſen, wer kann beſchreiben was ein Anderer fühlt? Ich ſelber wußte nicht, was ich fühlte, bis der Tod es mich lehrte. „Seit ich das Buch geleſen habe, verfolgt mich beſtändig ein Gedanke— die Seltſamkeit, daß ich ſeinen Verluſt überleben konnte, daß die ſtarren Fibern meines Herzens nicht längſt gebrochen ſind, daß ich lebe und in der großen Welt lebe! Aber nicht wie Eine von dieſer Welt, und dieſes Bewußtſein hält mich aufrecht auf der öden, unfruchtbaren Lebensbahn. Von jetzt auf immer ausgeſchloſſen von allen zarteren Gefühlen meines Geſchlechts; ohne Mutter, ohne Gat⸗ ten, Kind oder Freund; ungeliebt und ohne Liebe halte ich mich durch den Glauben aufrecht, daß ich das Wenige vollführte, was mein Geſchlecht zu der großen Umwandlung mitwirken konnte, die jetzt in der Welt ihre Fortſchritte macht. Mich ſtärkt die Zuverſicht, daß früher oder ſpäter eine Zeit kommen muß, wo jene großen Ungleichheiten im Leben, die nicht bloß mir, ſondern auch Allem was ich liebte und bewun⸗ derte, ſo verhängnißvoll waren, die den Großen herz⸗ los, den Niedern knechtiſch, das Genie entweder zum Feinde der Menſchheit oder zum Opfer ſeiner ſelbſt ma unt erk alle gür ich, ſten zen nac nac bare ge der hren dies einer iben was mich ich bern ß ich wie hält an. teren Gat⸗ halte das oßen Welt ſicht. „wo bloß wun⸗ herz⸗ zum ſelbſt nicht 5¹9 machen, durch welche der energiſche Vorſatz erſchlafft und edle Geſinnungen erſtickt werden, die das Herz erkälten, die Geiſtesfähigkeiten feſſeln und nur der allgemeinen Entwickelung des Mittelmäßigen und Lauen günſtig ſind, daß jene ungeheuren Ungleichheiten, ſage ich, wenn auch nicht auf immer verwiſcht, doch wenig⸗ ſtens zu genialeren und unverkümmerten Elementen der Geſellſchaft herabgeſtimmt werden. Ach! mit ſchmer⸗ zendem Auge ſehen wir uns nach dem einzigen Troſte, nach der einzigen Beſchäftigung des Herzens um— nach Einſamkeit im Hauſe und Erinnerung am Herde.“ ——